—= — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oflmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 f———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für be ſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Peſer um Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. heusſinozor Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 6 d — — L 7 — 4 4 — Erſtes Kapitel. Unter allen mühſam arbeitenden Kreaturen der Erde iſt keine ihren Nachbarn dienſtbarer als der Mond. Er leuchtet Liebhabern wie Dieben, erhält den Wächterhund aufmerk⸗ ſam, iſt die unerſchöpfliche Quelle aller Poeten und Roman⸗ ſchreiber, leiſtet den Almanachfabrikanten erſtaunliche Hülfe, hat mit dem Wetter, mit Ebbe und Flut, mit der Ernte— kurz mit Jedermanns Brei zu ſchaffen, und übt mehr oder weniger auf Aller Gehirn ſeinen Einfluß aus. Er iſt ein bezauberndes Geſchöpf in allen ſeinen verſchiedenen Phaſen; ſeine Wandelbarkeit entſpringt nicht aus Laune; vielmehr bleibt er ſtandhaft mitten unter ſeinen Veränderungen. Ich will einen Mond haben, mögt Ihr ſagen, was Ihr wollt, mein lieber Präbendiarius, und er ſoll mehr oder minder jede Seite in dieſem Buche regieren. Gegen Südoſten ſchaute ein ſanfter Abhang mit einem ganz ſchmalen Bächlein, das zu ſeinen Füßen floß. Auf der gegenüberliegenden Seite hob ſich ein anderer Hügel, der dem erſtgenannten ſo ähnlich wie möglich ſah, und nur die entgegengeſetzte Richtung verfolgte. Titian, Vandyke und andere Maler haben ſich darin gefallen, das nämliche Geſicht James, Der Waidmann. 1 2 auf einem und demſelben Bilde in zwei bis drei Stellungen zu wiederholen; auch dieſe beiden Abhänge ſahen gerade ſo aus, wie die beiden Profile des gleichen Geſichtes. Jeder hatte ſeine kleinen zerſtreuten Baumgruppen, jeder hie und da eine zerzauste und verfallene Hecke, jeder hatte auch ge⸗ gen ſeinen nördlichen Ausläufer eine niedere Kalkbank, durch welche ſich in jenen guten alten Zeiten, wo die Ströme ſich zuerſt gegen die See zur Wanderſchaft aufmachten, und ähn⸗ lich wie andere bekannte Pilger ihren Weg trotz aller Hin⸗ derniſſe auf höchſt unceremoniöſe Weiſe fortſetzten— der obgenannte Fluß durchgedrängt zu haben ſchien. Es war etwa Nachts halb eilf Uhr, als der Mond mit hellem aber wechſelndem Glanze dieſe beiden Abhänge be⸗ leuchtete, während von Zeit zu Zeit eine leichte flockige Wolke, gleich einem Stück Eiderdunen vom Winde daher⸗ getragen, ſeine hellen Strahlen verdüſterte und einen vor⸗ übergehenden Schatten auf die Scene unten warf. Eine halbe Stunde früher war das leuchtende Antlitz der ſüßen Nachtkönigin durch einen ſchwärzeren Vorhang verhüllt ge⸗ weſen, der ſich nach Sonnenuntergang dicht über den Hori⸗ zont gelagert hatte; je höher aber der Mond emporſtieg, deſto mehr wurden jene finſteren Dünſte mitwogenden weißen Streifen vermiſcht, und ſeine Strahlen ſchienen ſie allmälig aufzuſaugen. 1 Man könnte fragen, ob jene beiden Wieſenhänge mit ihren Baumgruppen, ihren zerriſſenen Heckenreihen und dem dazwiſchen fließenden kleinen Bache Alles war, was das Mondlicht beleuchtete, Hier fäme es darauf an, wo das 3 Auge des Zuſchauers placirt war. In der Nähe der un⸗ teren durch die Neigung des Bodens gebildeten Thalhälfte war ſonſt nichts zu gewahren; ging man aber halbwegs den Gipfel hinan, ſo ſah man die Scene zu beiden Seiten ge⸗ waltig verändert. Je höher das Auge des Beſchauers zu ſtehen kam, deſto mehr ſah man jenſeits der Kalkufer gegen Norden, zwiſchen denen das Flüßchen daherkam, ganz links von Oſt nach Weſt eine große graue, undeutliche Maſſe ſich ausdehnen, deren gerundete Linien neben einigen nebligen Klüften, welche im Mondlicht eine bläulich weiße Farbe an⸗ nahmen, den Boden als einen uralten Forſt bezeichneten, der von dem zuerſt erwähnten Punkte wohl zwei bis drei Meilen entfernt gelegen haben mochte. Das Mondlicht entfaltete jedoch auch noch andere Ge⸗ genſtände, denn während jene ſanften Wolken in ihrem ra⸗ ſchen Fluge ſein Licht dämpften und helle Streifen oder graue Schatten auf den Boden warfen, ſah man hie und da, deiendas an dem ſüdweſtlichen Abhange, einen glänzenden Fleck hell aufleuchten und die Mondſtrahlen zurückwerfen, und ein näherer Blick zeigte entblößte Schwerter, Bruſt⸗ harniſche und Helme, wobei bald hier bald dort der ſchein⸗ bare Aufwurf unter der zunehmenden Helle die Geſtalt eines Noſſes oder eines menſchlichen Weſens annahm, das ruhig auf dem grünen Raſen lag oder hinter einer Hecke, einem alten Hagedorn regungslos niedergeworfen war. Schliefen ſie wohl dort in jener thauigen Nacht? Ja ſie ſchliefen jenen Schlaf, der weder Sturm noch Thau, noch das Schmettern der Trompete fürchtet, den der Donner nicht 1 4 ſtört, und aus welchem nur die letzte Poſaune den Schläfer erwecken wird. Von Sonnenuntergang bis zu jener Stunde hatte ſich kein lebendes Weſen— es wäre denn Fuchs oder Wolf— auf dem Schauplatze gerührt. Die Schlacht war vorüber, die Verfolger zurückgerufen, die Verwundeten entfernt; die Beerdigung der Todten, wenn man ſich überhaupt darum bekümmerte, war auf einen andern Tag verſchoben, und all' die wilden und ſchlimmen Leidenſchaften, wie ſie durch den Bürgerkrieg erweckt werden, hatten ſich ſchon vor der er⸗ wähnten Stunde zum Schlafen niedergelegt. Sogar der Menſchengeier, welcher den kriegführenden Armeen auf der Ferſe folgt, um ſich von der Beute der Todten zu nähren, hatte ſich auf dieſem Felde geſättigt und überließ die reichen Waffen und das Pferdezeug denjenigen, die es am andern Morgen abholen wollten. Die wilderen und ſchlimmeren Leidenſchaften ſchliefen wie geſagt; aber es gab auch zartere Regungen, welche wachten, und auf jenem feierlichen und traurigen Schau⸗ platze der nur von dem Lichte des Mondes erhellt und von dem ſtöhnenden Nachtwind bewegt war, ſah man eine halbe Stunde vor Mitternacht vier bis fünf Perſonen umherwan⸗ deln. Oft beugten ſie ſich auf ihrer Wanderung hier und dort nieder, um einen Gegenſtand zu betrachten; zuweilen ſah man eine von ihnen niederknien, und zweimal drehten ſie einen Leichnam um, der mit dem Antlitze vorwärts ge⸗ fallen war. Wohl länger als eine Stunde wanderten ſie alſo fort und blieben nur zu Zeiten ſtehen, um ſich mit ein⸗ 5 ander zu beſprechen und dann ihre Wanderſchaft von Neuem anzutreten. Ich weiß nicht recht, ob ich ſie eine Nachſu⸗ chung nennen ſoll, denn wenn ſie etwas ſuchten, ſo ſchienen ſie es jedenfalls nicht zu finden, obgleich ſie kaum einen Quadratſchuh auf dem ganzen Felde ununterſucht ließen. Es war faſt ein Uhr Morgens geworden, als ſie mit langſamem Schritt ihren Rückweg über den Hügel antraten, und im nächſten Augenblicke hörte man den Klang von ei⸗ ligen Pferdehufen die Stille unterbrechen. Bei der Laut⸗ loſigkeit der ganzen Umgebung konnte man jenen Klang bei⸗ nahe zehn Minuten verfolgen, bis Alles wieder ſtill und ein⸗ ſam wie zuvor wurde. Zweites Kapitel. Jahre waren verſtrichen— lange Jahre, ſeit die in dem vorangegangenen Kapitel geſchilderte kleine Scene ſtattge⸗ habt hatte. Die Häupter, welche damals in dem ſtolzen Lockenſchmucke der Jugend geprangt hatten, waren ergraut, das mittlere Alter näherte ſich dem Greiſe, und Kinder wa⸗ ren unterdeſſen zu Männern geworden. Es war Abend. Die Sonne war etwa vor zwei Stun⸗ den untergegangen, und in einem großen, behaglich ein⸗ gerichteten Zimmer wurden Lichter angezündet. Die ge⸗ wölbte Decke des Gemaches war an den Thüren und den beiden Fenſtern mit unzähligen Figuren reich verziert, und das abgeblaßte Steinwerk, das ſie umgab, die Pfeilerbündel 6 auf den Seiten die Kreuzrahmen, welche die Fenſter ſchie⸗ den, die breiten Spitzbogen verkündeten jenen Architek⸗ turſtyl, der als der früheſte engliſche bekannt iſt. Die Tiſche, die Stühle und der Schenktiſch in der Ecke waren alle von altem, dunkelgefärbtem, reichverziertem Eichenholz, der Bo⸗ den war mit Binſen bedeckt, über welche in der Mitte ein Stück Tapeten ausgebreitet war. Auch das Mauerwerk der Wände zwiſchen den Pfeilern war mit Tapeten verhängt, welche auf der einen Seite die Belagerung von Troja, auf der andern die Geſchichte Davids und Goliaths, auf der dritten die Liebe des Mars und der Venus darſtellten, welche, wenn auch für unſre reizbare Einbildungskraft etwas zu lü⸗ ſtern, in jenen Tagen den keuſchen Bewohnerinnen eines Non⸗ nenkloſters keineswegs anſtößig vorkam. Die vierte Seite des Zimmers war nicht tapezirt, denn dort ragte das rieſig weite und offene Kamin mit einem brennenden Scheiterhau⸗ fen auf dem Herde; in dem offenen Raume über dem Bogen ſah man ein uraltes Bild der Madonna mit dem Kinde, die Häupter von Beiden mit einer goldenen Glorie umgeben, während die milden Augen der Jungfrau die etwas über⸗ reichen Reize der Liebesgöttin auf der anderen Seite firirten. Dieſe Beſchreibung mag genügen. Der Leſer kann ſich das Wohnzimmer einer Aebtiſſin gegen das Ende des fünf⸗ zehnten Jahrhunderts leicht vorſtellen, und es wäre zu er⸗ müdend, das mannigfaltige Allerlei ſeines Inhalts näher detailliren zu wollen. Nur möge ſich Jeder hüten, daraus, daß ſo ungöttliche Perſonen wie Mars und Venus in das Privatgemach der armen Aebtiſſin von Atherſton Zutritt 7 fanden, einen falſchen Begriff von dieſer ſelbſt ſich zu bilden. Sie hatte die Bilder ſchon vorgefunden, als ſie Aebtiſſin des Kloſters wurde, und betrachtete ſie und ihre Liebesgeſchichte wie jedes andere Stickereiſtück. Wäre es ihr je zu Sinn gekommen, daß ihr Vorhandenſeyn etwas Unſchickliches an ſich habe, ſo hätte ſie ſte vermuthlich entfernt, obwohl ſie vier bis fünf Mark hätte daran wenden müſſen, um eine paſ⸗ ſendere Tapete dagegen einzuhandeln. Nicht daß ſie im Ge⸗ ringſten ſteif, ſtreng oder rigorös geweſen wäre, denn ſie war die luſtigſte kleine Aebtiſſin von der Welt; allein ſie wußte mit einem großen Frohſinn des Herzens die höchſte Unſchuld und Einfalt zu vereinen, welche mit geſundem Verſtande und ziemlicher Schlauheit vollkommen verträglich waren. Schon ſehr frühe in ein Kloſter eingeſperrt, keinem der Wechſelfälle des Lebens ausgeſetzt, und unbekannt mit den verderbenden Lehren der Welt, war ihr Frohſinn geſchont, ihre Einfalt ungeſchwächt und die natürliche Schärfe ihres Verſtandes noch nicht abgenützt, obwohl hie und da ein Roſtfleck auf der Klinge ſich finden mochte. Sie war ohne ihre eigene Einwilligung weder mit noch gegen ihre Wünſche in's Kloſter gegangen. Sie hatte ſich dabei ganz gleich⸗ gültig verhalten, und da ſie nie Gelegenheit gehabt hatte, eine andere Lebensſtellung zu erproben, ſo war ſie nicht un⸗ zufrieden mit ihrem Looſe und bemitleidete eher diejenigen, welche in einer ihr unbekannten Welt zu wohnen genöthigt waren. Da übrigens das Mitleid mit ihrem Berufe nichts zu ſchaffen hatte, und die Kaſteiung in den Katalog ihrer Pflichten niemals aufgenommen worden war, ſo ſah ſie keine 8 Sünde daran und konnte nichts Uebles darin finden, wenn ſie ihr Leben ſo glücklich und behaglich wie möglich geſtal⸗ tete. Ihre Vorgängerin hatte etwas mehr in dieſem Punkte gethan, und war dem Skandal nicht ganz entgangen; un⸗ ſere Aebtiſſin dagegen war von ganz anderem Charakter, erfüllte ihre Berufspflichten ſehr pünktlich, vermied Alles, was ſie für ein Unrecht hielt oder als ſolches erkannte, und während ſie von ihren Nonnen die Erfüllung aller vorge⸗ ſchriebenen Pflichten verlangte, bemühte ſie ſich, ihnen durch wandelloſe Güte, Freundlichkeit und Frohſinn ihre Abge⸗ ſchiedenheit angenehm zu machen. Wenn ſie je einen Fehler hatte, ſo war es vielleicht eine allzu große Vorliebe für die guten Dinge dieſes Lebens. Forellen liebte ſie ungemein, war auch einem mäßigen Glas Gascognerwein nicht abgeneigt, beſonders wenn er von recht feiner Qualität war. Wildpret konnte ſie wohl ertragen und ein wohlgemäſtetes Rebhuhn war ihr durchaus nicht zuwider, obwohl ſie letzterer Gattung der großen Aehnlich⸗ keit mit ihr ſelber willen lieber hätte entſagen ſollen. Alle dieſe Dinge und noch viele andere Leckereien boten die weiten Beſitzungen des Kloſters in reicher Fülle; auch der Strom, der am Kloſter vorüberfloß und die drei großen Fiſchteiche, die auf der Wieſe oben lagen, lieferten ihren wohlbemeſſenen Beitrag. Der Vorrath für die Feſttage war in der That ſo reichlich, daß die Aebtiſſin mit ihren Nonnen jeden kom⸗ menden Freitag mit großer Freude herannahen ſahen, weil es ihnen einen Vorwand gewährte, um noch mehr Fiſche als gewöhnlich zu eſſen. Zwar ſpeisten ſie an den übrigen 9 Wochentagen nichts weniger als dürftig, denn was Forſt und Flur nur immer gewährten, das ſtand ihnen in vollem Maße zu Gebot. Ein zufriedener Sinn ſieht immer Sonnenſchein um ſich, und die gute Aebtiſſin hätte ſich mit weniger als ſie beſaß begnügen können; jeder kleine Ueberfluß, der ihr zufiel, mochte wohl dazu dienen, ihr Herz fröhlich und ihre Zunge geläufig zu machen, und ſo ſaß ſie denn, die Füße auf einen Schemel geſtützt, nahe genug am Feuer, um mehr als nö⸗ thig warm zu haben, aber immer noch nicht nahe genug, um jenes köſtliche Prickeln zu empfinden, wie die Glut eines guten trockenen Holzes es verurſacht, bis wir kaum mehr wiſſen, ob wir es angenehm oder peinlich nennen ſollen. In ihrer Hand hielt ſie ein Buch— ein wirkliches gedrucktes Buch, eine Seltenheit in jenen Tagen, die ſie als einen wahren Schatz betrachten konnte. Während des Leſens machte ſie ihre Bemerkungen gegen zwei junge Mädchen, welche mit hohen Stickrahmen neben ihr ſaßen und die em⸗ ſige Nadel aus⸗ und einzogen. Ich habe ſie junge Mädchen genannt, nicht allein um ſie von alten zu unterſcheiden— wiewohl auch das nöthig ſeyn dürfte, ſondern auch um anzudeuten, daß ſie kaum das Alter der Jungfrau erreicht hatten. Die älteſte zählte nicht viel über neunzehn, die andere war etliche vierzehn bis fünf⸗ zehn Monate jünger. Beide waren ſchön, und es beſtand ein gewiſſer Grad von Aehnlichkeit zwiſchen ihnen, obwohl die Züge der älteren klarer, vielleicht ſchöner geſchnitten waren, und das Gepräge größerer Gedankentiefe, vielleicht 10 auch größerer Charakterſtärke an ſich trugen. Aber auch die Andere war höchſt reizend, mit jener geiſtvollen Belebtheit, jenem beſtändigen Spiele wechſelnden Ausdruckes„das ſo bezaubernd iſt. Schon ihre Jugendlichkeit hatte einen ei⸗ genen Reiz, denn in ihrem Blicke zögerte noch ein Strahl von Kindlichkeit, beſonders wenn er Ueberraſchung oder Freude ausdrückte; dagegen verriethen die Züge ihres Ge⸗ ſichts wie die Umriſſe ihrer Geſtalt ſchon ganz die Jungfrau, und zwar bei ihr vielleicht mehr wie bei der Anderen. Daß ſie nicht der Schweſterſchaft angehörten, ging ſchon aus ihrer Kleidung hervor, welche ebenſo bewies, daß ſie nicht die ausgeſprochene Abſicht zum Eintritt in's Kloſter hatten, denn ſie war in Form und Stoff durchaus weltlich, und bei aller Einfachheit ſehr reich. Da ſie ſich in Geſell⸗ ſchaft einer nahen Anverwandten befanden, ſo waren ihre Häupter nicht mit dem myſteriöſen Kopfputze belaſtet, deſ⸗ ſen Dimenſtonen nicht lange vorher zu ſolcher Rieſengröße angewachſen waren, daß man Thüren erweitern und Fenſter⸗ ſimſe erhöhen mußte, um eine Dame mit Bequemlichkeit durchzulaſſen. Jede von Beiden trug einen leichten Schleier, der über das glänzend ſchwarze Haar auf den Rücken hinab⸗ hing und nöthigenfalls über das Geſicht gezogen werden konnte; er war jedoch ſehr verſchieden von dem Schleier der Nonne oder ſelbſt von dem der Novize. „Ich verſichere Euch, meine theuren Kinder,“ erklärte die ältere Dame,„dieſe neue Erfindung des Bücherdrucks mag ſehr geſcheidt ſeyn und iſt es auch gewiß; aber ſie macht die Bücher mäͤchtig ſchwer zu leſen, wenn ſte erſt fertig ſind. 11 Ich konnte weit beſſer mit der Kanzleiſchrift zu Stande kom⸗ men, wenn ſie von einem guten Schreiber, wie die zu Win⸗ cheſter und Salisbury, verfaßt war.“ Das jüngere Mädchen ſchaute empor und antwortete mit luſtigem Lachen: „Die armen Leute verlangen auch gar nicht, daß Ihr ihre Bücher leicht leſet, liebſte Tante und Mutter. Sie behaupten blos, ſie können in einem Tage mehr Kopien von einem Buche fertigen, als ein Schreiber in einem Jahr zu Stande brächte, ſo daß Ihr für drei bis vier Schilling ein⸗ kauft, was Euch als Manuſcript drei bis vier Kronen koſten würde.“ „Ja das iſt noch das Schlimmſte, mein Kind,“ erwie⸗ derte die ältere Lady kopfſchüttelnd.„Die Bücher werden nunmehr in die Hände von allerlei gemeinen Leuten gelan⸗ gen und ſicherlich eine Welt von Unheil anſtiften. Da iſt aber nicht mehr zu helfen, meine Kinder; wir müſſen den Teufel und die Welt gewähren laſſen, denn wenn man ſogar ein Geſetz erließe, daß Keiner unter dem Range eines Lords allerwenigſtens das Leſen und Schreiben erlernen dürfe, ſo würde das die Andern nur noch erpichter darauf machen. Ich meine übrigens, man ſollte dieſer Erfindung Einhalt thun, denn ſie wird gewiß eine Welt von Unheil anſtiften.“ „Ich hoffe nicht,“ verſetzte die andere junge Dame;„denn es wird ihnen nie gelingen, die Bücher ſo wohlfeil zu ma⸗ chen, daß die niederen Klaſſen ſie zu leſen bekommen. Ich muß ſagen, ich hätte ſchon oft gerne ein Buch geleſen, wenn ich nichts Anderes zu thun hatte. Es iſt zuweilen ein großer Troſt, theuerſte Tante, beſonders wenn man ſchwer⸗ müthig iſt.“ „Ja, das iſt's, Kind,“ ſagte die Aebtiſſin;„ich kenne das recht gut. Ich weiß nicht, was ich nach der Schlacht von Barnet angefangen hätte, wenn ich nicht meinen armen alten Chaucer gehabt hätte. Mein Großvater konnte ſich ſeiner noch recht wohl vom Hofe Johanns von Gent her erin⸗ nern, und er ſchenkte mir das luſtige Buch, als ich nicht viel älter war wie ihr. Wahrhaftig, ich muß es wieder leſen, wenn ihr Beide, meine Kinder, mich verlaßt, denn meine Abende werden ohne euch recht trübſelig werden. Ich werde Schweſter Brigitte bitten, an Winterabenden zu mir zu kommen, und ihre Stickerei bei mir vorzunehmen; wenn ich ſie aber bei meinem kleinen Abendeſſen behielte, ſo weiß ich gewiß, daß ihr Geſicht mir den Wein ſauer machte.“ „Vielleicht gehen wir gar nicht,“ meinte die jüngere Dame.„Habt Ihr was Näheres darüber gehört?“ „Da haben wir's,“ rief die Aebtiſſin;„ſie kann es kaum erwarten, in die gottloſe Welt zu ziehen, wie der Vogel im Käfig ſich ſehnt, in die freie Luft hinauszufliegen.“ „Allerdings freue ich mich darauf,“ rief das leichtſinnige. Mädchen;„o wie will ich meine Schwingen gebrauchen!“ Die Aebtiſſin betrachtete ſie mit einem Blicke zärtlicher, faſt melancholiſcher Theilnahme und erwiederte: .„Es liegen Leimruthen darauf, mein Kind. Du ver⸗ gißſt, daß Du verheirathet biſt.“ „Ei nein, nicht verheirathet,“ rief die Andere mit pur⸗ purrothem Geſichte.„Verlobt, aber nicht verheirathet. 13 Ich wollte, ich wäre es, denn der Gedanke erſchreckt mich, und dann wäre das Schlimmſte vorüber.“ „Du weißt nicht, was Du wünſcheſt,“ entgegnete die Aebtiſſin kopfſchüttelnd.„Ich wette Tauſend gegen Eins, Du würdeſt ebenſo bald wieder wünſchen, unverheirathet zu ſeyn; dann wäre es aber zu ſpät. Die Ehe iſt ein Hals⸗ band, das Du nicht mehr abſchütteln kannſt, wenn Du es angelegt haſt, und Niemand kann ſagen, wie ſehr es einen klemmt, bis man es verſucht hat. Ich danke es meinen glücklichen Geſtirnen, daß ſie Euren guten Großvater dazu beſtimmten, mich in dieſes Kloſter zu ſtecken, denn ſo oft ich auf meinem kleinen Maulthiere ausreite, um nach der Päch⸗ ter Angelegenheiten zu fragen, und gelegentlich einen Seiten⸗ blick auf unſere guten Forſtleute und die Haſenjagd zu werfen, muß ich die zuſammengekoppelten Hunde bedauern, welche an der Kette zerren, die ſie nicht zerreißen können, und ich danke dann meinem guten Glück, daß es mich mit Niemand unter eine Koppel geſteckt hat.“ Die beiden Mädchen brachen in helles Lachen aus, denn keine von ihnen fühlte in ſich den Beruf zum klöſterlichen Leben, und die jüngere erwiederte, indem ſie die Redeſigur ihrer Tante weiter verfolgte: „Ich möchte behaupten, daß die Hunde einem Ehepaar ganz ähnlich ſehen, theuerſte Tante und Mutter; aber ich glaube ebenſo, wenn man ſie fragte, ob ſie lieber an einen Gefährten gefeſſelt in das grüne Feld hinaus ziehen, oder einſam im Zwinger zurück bleiben wollten— ſie würden ihren Nacken der Koppel entgegenſtrecken.“ 14 „Ei Du boshaftes Ding— nennſt Du dieſes Kloſter einen Zwinger?“ fragte die Aebtiſſin, gutmüthig mit dem Finger drohend.„Was ſolche Mädchen für Gedanken haben! Doch es iſt ebenſo gut wie es iſt; da Du einmal für die Welt und ihre Eitelkeiten beſtimmt biſt, ſo iſt es ein Glück, daß Du Geſchmack daran findeſt, und ich hoffe, Dein Gatte — da Du nun einmal einen haben mußt— wird Dich nicht öfter als einmal in der Woche prügeln, und das am Samſtag, um Dich für den kommenden Sonntag deſto frömmer zu ſtimmen. Iſt er ein recht wild ausſehender Mann?“ „Der Herr ſey mit Euch, theuerſte Tante,“ gab die junge Lady zur Antwort;„ich habe ihn nicht mehr geſehen, ſeit ich aus dem Wickelkiſſen entlaſſen wurde.“ „Damals trug er ein trübfarbiges getüpfeltes Wams mit hellem Mantel auf den Schultern, und ein kleines Baret auf dem Kopf, nicht größer als meine Handfläche,“ lachte die andere junge Dame.„Er konnte noch nicht zehn Jahre zählen und ſah aus wie der kleine Page eines vor⸗ nehmen Mannes. Ich kann mich ſeiner noch recht wohl erinnern, denn ich war ſchon ſieben Jahre alt, und hielt es für eine rechte Schande, daß meine Baſe Jola mit fünf einen Mann geſchenkt erhielt, während ich mit ſieben noch keinen hatte.“ „Geſchenkt erhielt!“ lachte die Aebtiſſin. 3 „Nun ja,“ erwiederte die junge Dame;„ich betrachtete das Ding wie eine Art Puppe oder Spielzeug.“ „Haſt auch gar nicht ſo Unrecht, meine Liebe,“ gab die Aebtiſſin zur Antwort;„Du mußt Dich nur in Acht nehmen, 15 daß Du ihm nicht die Naſe an der Wand einſchlägſt; ſonſt würdeſt Du bald enidecken, worin der Unterſchied liegt.“ „Ach Gott, ich habe Puppen genug gehabt und hätte dieſe eine wohl entbehren können,“ erwiederte das jüngere Mädchen;„aber was ſeyn ſoll, muß ſeyn, und es hilft alſo nichts, weiter darüber zu grübeln.— Glaubt Ihrnicht, theure Mutter,“ fuhr ſie nach einer durch einen Seufzer unter⸗ brochenen Pauſe fort,„daß es beſſer wäre, wenn man die Leute ihre Männer und Weiber ſelbſt ausſuchen ließe?“ „Gerechter Himmel!“ rief die Aebtiſſin,„was hat das Mädchen für Einfälle! Das würde wohl eine hübſche Aus⸗ wahl geben. Da könnte es geſchehen, daß eines Lords Tochter den roſenwangigen Sohn eines Franklins nähme, und daß Erben von Baronien ſich mit Milchmädchen ver⸗ heiratheten.“ „Ich glaube es nicht,“ meinte die junge Lady.„Jedes würde wählen, wie es durch ſeine Erziehung belehrt worden, und es wäre mehr Ausſicht vorhanden, daß ſie ſich nach der Trauung auch wirklich liebten.“ „Unſinn, Unſinn, Jola,“ rief ihre Tante.„Was weißt Du von Liebe— oder was verſtehe ich von der Sache? Liebe, die nach der Hochzeit kommt, iſt am dauerhafteſten, denn ſie iſt wohl wie alle andern Pflanzen nur eine gewiſſe Zeit lebend und dann abſterbend, ſo daß ſie um ſo eher endet, je früher ſie beginnt.“ „Ich möchte, daß meine Liebe einem jener Bäume des Parkes ähnlich wäre, die immer ſtärker und kräftiger empor⸗ wachſen, je älter ſie werden— ja ich möchte, daß ſie mich 16 überlebte,“ bemerkte die junge Dame, nachdenklich zu Boden ſchauend. „Dann mußt Du ſie im Feenlande aufſuchen, meine Liebe,“ erwiederte die Aebtiſſin.„In dieſer ſündvollen Welt wirſt Du ſie nicht finden.“ Indem ſie noch ſprach, hörte man die große Abteiglocke, die nicht ferne von dem Wohnzimmer der Aebtiſſin hing, laut und tief erſchallen, ſo daß ihr Klang, der zu dieſer Stunde der Nacht höchſt ungewohnt war, die gute alte Aebtiſſin betroffen machte. „Heilige Jungfrau!“ rief ſie— es war dieß der einzige Ausruf, den ſie jemals ſich erlaubte—„wer kann wohl zwei Stunden nach der Abendglocke hier einſprechen?“ Mit größerer Lebhaftigkeit als ihre plumpe Figur zu verſprechen ſchien zur Thüre rennend, rief ſie:„Schweſter Magdalena! Schweſter Magdalena! Man ſoll ja nicht das Thor öffnen; ſie ſollen nur durch das Gitter hinausſprechen.“ 4 „Es iſt nur Boyd, der Waidmann, Lady,“ gab eine Nonne zur Antwort, welche vom Ende eines kurzen Ganges in den Hof hinabſchaute. „Was kann er um dieſe Stunde wollen?“ meinte die Aebliſſin.„Konnte er nicht vor Sonnenuntergang kommen? Führt ihn durch die kleine Thüre in das Sprechzimmer. Ich will im Augenblicke zu ihm kommen.“ Mit dieſen Worten kehrte die gute Lady in ihr eigenes Zimmer zurück und erholte ſich von ihrer Aufregung, indem ſie ſich eine Weile in ihrem großen Stuhle niederließ, und nachdem ſie ihre Verwunderung darüber, daß der Waidmann 17 die Abtei ſo ſpät beſuchte, mehr als einmal wiederholt hatte, hieß ſie ihre beiden Nichten ihr folgen, und verließ das Zimmer durch eine andere Thüre, als ſte vorhin hinaus⸗ gegangen war, indem ſie mit ſtattlichen Schritten längs eines kurzen Ganges nach dem öffentlichen Sprechzimmer der Abtei voranging. Dieſes war ein großes hübſches Gemach, mit ſchön ge⸗ ſchnitztem Eichenholz ganz ausgetäfelt und durch ein roth und blau bemaltes reich vergoldetes Eiſengitter der Länge nach in zwei Theile geſchieden. Die Beſuche von der einen Seite konnten mit denen auf der andern frei converſtren und ihnen ſogar die Hand reichen: nur hinderten die Eiſenbarren jeden weiteren Verkehr und bildeten einen Abgrund wie bei dem reichen Manne im Evangelium. Auf der Seite des Kloſters wurde ein Wandleuchter angezündet, und als Jola und ihre Baſe Konſtanze der Aebtiſſin in das Zimmer folg⸗ ten, ſahen ſie auf der anderen Seite des Gitters die Geſtalt eines hohen kräftig gebauten Mannes in mittleren Jahren, der, die Arme über der breiten Bruſt gekreuzt, mit ziemlich düſterer Miene vor ihnen ſtand. Er mochte wohl etwas überraſcht ſeyn, daß er mit der Lady Aebtiſſin durch das Gitter des allgemeinen Sprechzimmers verkehren ſollte, denn die gute Dame war ſonſt in ihren Begriffen des Dekorums nicht ſo ſtreng, daß ſie ihn oder jeden andern von den Die⸗ nern und Beamten der Abtei, ſey es im Hofe oder in ihrem eigenen Privatzimmer, von ihrer Gegenwart ausgeſchloſſen hätte, und der Waidmann mochte wohl denken, es habe nicht James. Der Waidmann. 2 viel zu bedeuten, ob ſein Beſuch bei Nacht oder bei Tag abgeſtattet werde. 3 „Nun, John Boyd,“ begann die Aebtiſſin,„was in's Himmels Namen bringt Ihr uns ſo ſpät in der Nacht? Mutter Maria! ich glaubte ſchon, es ſey eine von den Räuberbanden, welche die Abtei wieder ausplündern wolle, wie ſie letzten Martini vor einem Jahr thaten. Wir können nicht jedesmal einen ſo geſegneten Glücksfall erwarten, wie damals als der gute Sir Martin Rideout unſern armen Dienſtmannen zu Hilfe eilte; ohne ihn hätte unſer Vogt Peter ſicherlich eine armſelige Vertheidigung geliefert.“ „Er hat ohnehin eine elende Rolle geſpielt,“ erwiederte der Waidmann in ſpöttiſchem Tone,„denn er war nirgends zu finden, und ich mußte ihn erſt aus der Butterkammer ziehen, damit er ſich an die Spitze unſerer Mannen ſtellte. Ich höre jedoch nichts mehr von Räubern, Lady, es wären denn die Männer zu Coleshill und König Richards Poſten, welche je zwanzig Meilen auseinander an allen Heerſtraßen aufgepflanzt ſind, um nach Heinrich von Richmond zu ſpähen.“ „Poſten?“ fragte die Aebtiſſin;„Poſten ſind auf die Heerſtraße gepflanzt? Was verſteht Ihr unter Poſten?“ „Ei nun, Lady Mutter,“ gab der Waidmann zur Ant⸗ wort,„Männer zu Pferd, mit ſcharfen Sporen und ſtarken Roſſen, um Dickon, unſerem jetzigen König, Nachrichten von Harry, unſerem künftigen Herrſcher, zu bringen, falls er irgendwo an der Küſte landen ſollte.“ „Hilf Himmel!“ rief die Aebtiſſin;„alſo abermals Krieg, abermals Krieg! Werden ſich die Menſchen nie zue —— 19 frieden geben, ohne Gottes Ebenbild in ihren Mitgeſchöpfen zu entſtellen und ſelbſt die ſchönſten Werke ihrer eigenen Hand zu zerſtören und niederzubrennen?“ „Ich fürchte— nein,“ gab der Waidmann zur Antwort, die breite Streitaxt umdrehend, die in ſeinem Ledergürtel ſteckte.—„Kleine wie große Kinder haben Freude an Johannis⸗ feuern; die Natur und der Teufel haben den Menſchen als Beute zwiſchen ſich geſetzt. Ich kam jedoch hieher, Ma⸗ dame, um Euch zu melden, daß die hölzerne Brücke im Forſt einer Ausbeſſerung dringend bedarf. Sie würde kaum Euer Maulthier tragen, Lady, wenn auch nur Ihr und Euer Falke auf ſeinem Rücken ſäßet, viel weniger ein Streitroß mit einem gewappneten Reiter. Ich komme ſo ſpät, weil ich heute Morgen bis Tamworth ging, um die Reiſigwellen zu verkaufen, und erſt nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehrte. Unterwegs entdeckte ich den Zuſtand der Brücke, und da ich für beſſer hielt, gleich morgen früh damit zu beginnen, ſo war ich ſo kühn, noch heute Nacht bei Euch vorzuſprechen, damit nicht morgen ein Wanderer, der zu Markt oder in die Kirche reitet, in den Fluß ſtürzt und hinterher ſagt, die Aebtiſſin hätte ihre Wege ausbeſſern ſollen“— indem er ſeinen eigenen Witz belachte. Während er ſprach hatten ihn die beiden jungen Damen, denen er keineswegs fremd war, mit auffallender Aufmerk⸗ ſamkeit betrachtet. Er war wie geſagt ein hochgewachſener noch immer ſehr kräftiger Mann, obwohl er das fünfzigſte Lebensjahr überſchritten zu haben ſchien. Seine Schultern waren ſehr breit, ſeine Arme lang und muskulös; ſein Köͤr⸗ 2* 20 per war jedoch klein im Verhältniß zu den Gliedmaßen, ebenſo der Kopf im Vergleich mit der Höhe der ganzen Ge⸗ ſtalt. Seine Stirne war ausnehmend breit und hoch; oben auf dem Scheitel war ſein Haupt kahl, während dichtes Lockenhaar über Schläfen und Nacken herabſiel. Wie ſeine Geſichtsfarbe urſprünglich geweſen, ließ ſich nicht mehr unterſcheiden, denn die weißen Brauen und Haupthaare wie die ſonnverbrannte und wettergepeitſchte Farbe der Haut gaben hiefür kein deutliches Zeichen. Seine Zähne waren noch immer gut, ſeine Augen groß und hell, die Züge edel, obwohl die breite Stirne mit tiefen Furchen durchzogen war, die ihn— abgeſehen von ſeiner übrigen Erſcheinung— weit älter erſcheinen ließen, als er in Wirklichkeit war. Seine Kleidung war die gewöhnliche Waidmannstracht da⸗ maliger Zeit, wie ſie faſt Jedermann bekannt iſt— der dicke ſteife Lederkoller, den kein abgebrochener Zweig oder ſpitziger Dorn zu durchdringen vermochte, Beinkleider von ungegerb⸗ tem Fell und Stiefel von ſtarkem ſchwarzem Leder, die ihm bis über die Kniee reichten. Um die Hüften trug er über dem Rock einen breiten vorn mit einer Meſſingbuckel be⸗ feſtigten Gurt, in welchem die Geräthe ſeines Berufes ſteckten, nämlich eine breite Art, deren Handhabung nicht gewöhnliche Körperkraft erforderte, mit der Schneide nach oben, gleich einem Schwerte unter den linken Arm geſteckt; ein mächtiges Beil, hinten mit einem breiten maſſiven Eiſen⸗ ſtück verſehen, das auch als Hammer dienen konnte, und ein gewöhnliches Waidmannsmeſſer, deſſen Klinge ſchier acht⸗ zehn Zoll in der Länge maß. Sein Haupt war gewöhnlich — *r 21 mit einer runden Tuchkappe bedeckt, deren Rand er jetzt aus Ehrerbietung vor der Lady Aebtiſſin in der Hand hielt. Der Ausdruck ſeines Geſichts, wenn auch ziemlich ſtreng und traurig, war gleichwohl ſehr angenehm, wenn er nicht gerade bewegt war. Sobald er lachte— und ſein Lachen war keineswegs ſelten, aber immer laut und herzlich— ſpielte eiin außergewöhnlich bitterer Spott um ſeine Lippen und Nüſtern, der ſeiner Fröhlichkeit jeden Anſtrich von Glück benahm. „Ei nun, Ihr hättet die Brücke ausbeſſern können, ohne mich erſt zu fragen,“ meinte die Aebtiſſin als Erwiederung auf ſeinen Bericht.„Es gehört ja zu dem Amte des Ober⸗ waidmanns, und die Koſten würden jederzeit genehmigt. Wenn Ihr alſo nicht mehr als das zu ſagen hattet, mochtet Ihr ebenſo gut eine andere Stunde wählen, mein ehrlicher Boyd.“ 4 „Ich muß Eure Gnade anrufen, Lady,“ ſagte der Waid⸗ mann;„ich hatte immer lieber mit Euch als mit Eurem Vogte zu ſchaffen. Habe ich Befehl von Euch, ſo kümmre ich mich den Teufel um ihn; ſobald ich aber etwas auf eigene Fauſt unternehme, darf ich ſicher ſeyn, daß er mich bekrittelt. Ich habe übrigens noch mehr zu melden. Wir haben ein paar Dutzend wilde Enten und einen Hecht von dreißig Pfund in dem großen Teiche gefangen; auch bringe ich zwei Rohrdommeln, drei Reiher und einen Faſan mit einem Rücken wie Gold. Aus dem Taubenſchlag in dem nördlichen Walde ließ ich ein Dutzend Tauben ſchlachten und— 8 22 „Heilige Maria! iſt der Mann toll 2“ rief die Aebtiſſin. „Man ſollte glauben, wir gingen der Einweihung eines Erzbiſchofes entgegen.“ 9 „Auch zwanzig junge Kaninchen habe ich zur Hand, ſo fett wie Dächſe,“ fuhr der Waidmann fort, ohne ihre Unter⸗ brechung zu beachten.„Wenn ich Euch gut zu Rathe bin, Lady, ſo laßt Ihr heute Nacht noch einige Kapaunen ab⸗ ſchlachten.“ Die gute Aebtiſſin war ganz verwirrt, und brach in lautes Lachen aus. „Ich glaube, der Mann hat einen Stich,“ ſagte ſie; doch ihre älteſte Nichte zupfte ſie am Aermel und flüſterte: „Er hat etwas auf dem Herzen, verlaß Dich drauf. Vielleicht mag er ſich vor mir und Jola nicht ausſprechen.“ Die Aebtiſſin ſchwieg eine Weile, wie wenn ſie dieſe Andeutung überlegte, und fragte endlich: „Habt Ihr mir noch mehr zu ſagen, ehrlicher Waid⸗ mann?“ „O ja, in Hülle und Fülle, wenn ich die rechte Zeit dazu finde,“ antwortete dieſer. „Auf mein Wort! Ihr ſcheint eine Fiſch⸗ und Vogelzeit gefunden zu haben,“ erwiederte die Aebtiſſin, auf ſeinen Ausdruck erechte Zeir anſpielend. Wir dürfen nicht ver⸗ geſſen, daß ſie in ihrer Einſamkeit nur wenig Gelegenheit zur Ergötzung fand und müſſen ihr darum vergeben.„Wollt Ihr allein mit mir reden?“ fuhr ſie in ernſterem Tone fort. „Ja, Lady,“ gab der Mann zur Antwort.„Drei Paar * d 23 Ohren haben in der Regel drei Mäuler, die dazu gehören, und das iſt um zwei zu viel.“ „Dann will ich das meinige aus dem Wege ſchaffen, luſtiger Boyd,“ ſagte Jola, mit freundlichem Kopfnicken ſich nach der Thüre wendend.„Ich mag mit keinerlei Geheim⸗ niſſen zu thun haben. Der Himmel behüte mich, daß ich nie ein eigenes habe, denn ich würde es doch nie bewahren.“ Der Waidmann ſchaute ihr mit Lächeln nach, indem er leiſe wie vor ſich hin murmelte: „Und doch glaube ich, ſie würde anderer Leute Geheim⸗ niſſe beſſer als die Meiſten bewahren.“ Er wartete bis Konſtanze ihrer Baſe aus dem Zimmer gefolgt war und ſetzte dann ſeine Rede gegen die Aebtiſſin alſo fort:„Ihr werdet vor morgen Abend um dieſe Zeit Beſuche in der Abtei haben, Lady.“ „Ei, das nenne ich Neuigkeiten, mein guter Mann,“ verſetzte die Aebtiſſin.„Darum alſo habt Ihr ſo große Vorbereitungen gemacht. Es muß ein Earl oder wenigſtens ein Herzog, wenn nicht gar König Richard ſelber ſeyn.— Ach Gott! daß ich Einem ſeines Stammes den Namen des Koͤnigs geben muß. Mich dünkt übrigens, Ihr hättet mir das ohne ſolche Geheimthuerei ſagen können.— Wer mögen die Gäſte ſeyn?“ „Ganz einfache aber wohlangeſehene Edelleute, My⸗ lady,“ gab der Waidmann zur Antwort.„Zuerſt und vor Allem iſt da der junge Lord Chartley, ein junger Edelmann mit ebenſo vielen Vorzügen wie eines Roßhändlers Füllen, ein Baron von uraltem Geſchlecht und tüchtiger Handegen. 24 Er kann leſen und ſchreiben und dankt ſeinem Gott dafür, macht Verſe wenn er verliebt iſt— was jeden Tag in der Woche einmal geſchieht— und um Allem die Krone aufzu⸗ ſetzen, iſt er für dieſe harten Zeiten ausnehmend reich.“ „Ihr ſcheint zu ſeinem Privatkabinet zu gehören, ehr⸗ licher Boyd,“ ſagte die Aebtiſſin,„daß Ihr ihn ſo genau ſchildert.“ „Ich ſchildere ihn nur wie ſeine eigenen Diener ihn mir geſchildert haben,“ entgegnete der Waidmann. „Sagt mir, hat er nicht in der Schlacht von Barnet für die rothe Roſe gefochten?“ erkundigte ſich die Aebtiſſin. „Ei ja, und er wurde dort ſchwer verwundet. Er ſoll ſchon deßhalb herzlich willkommen ſeyn.“ „Ja, Lord Chartley focht zu Barnet,“ beſtätigte der Waidmann,„und wenn er dafür, daß er für die Sache Lancaſter brav gefochten und geduldet hat, ſo hohe Ehre verdient, dürft Ihr ihn allerdings gaſtlich aufnehmen, denn der arme Mann focht daſelbſt bis er getödtet wurde. Dieſer Jüngling iſt ſein Neffe und hatte noch keine Gelegenheit, in England zu fechten, da es ſeit ſeinen Knabenjahren keine Schlachten daſelbſt gegeben hat. Im Herzen iſt er ohne Zweifel ein Lancaſtrier, obgleich König Edward ihn unter die Vormundſchaft eines Yorkiſten ſtellte. Mit ihm kommt Sir Edward Hungerford, der zu jenen luſtigen, leichtſinnigen Edelleuten gehören ſoll, welche, in gefährlichen, wechſel⸗ vollen Zeiten aufgewachſen, dadurch, daß ſie Alles um ſich her in Stücke zerfallen ſehen, zuletzt zu der Anſicht gelangen, daß nichts in der Welt— nicht einmal die Wahrheit— — 25 ſolid und dauerhaft ſey. Ihr müßt ihn eben hinnehmen, wie er iſt; ein Bischen Meineid und äußerſte Treuloſigkeit, ein behender Witz, ein kühnes Herz und raſtloſe Unheil⸗ ſtifterei, ein Paar hängende Aermel, welche im Gehen den Boden fegen, ein Waffenrock mit Goldſtickerei nebſt einer wohlgeſpickten Börſe haben ſchon Manchen vor ihm zum feinen Edelmanne gemacht, und ich wette, er iſt nicht ſchlim⸗ mer als die Mehrzahl ſeiner Nachbarn. Mit dieſen Beiden kommt Sir Charles Weinants, gleichfalls ein recht ehren⸗ werther Gentleman.“ „Halt, halt— erzählt mir mehr von ihm,“ rief die Aebtiſſin.„Was iſt er? mich dünkt, ich habe den Namen ſchon früher mit Ehren erwähnen hören. Wer und was iſt er?“ 1 „Ein Tellerlecker vom Hofe, Lady,“ gab der Waidmann zur Antwort.„Einer der auf niederen Leitern hoch empor ſteigt, der ſich aber nicht wie der Adler oder die Lerche mit einem Male aufſchwingt, ſondern durch Löcher und auf Um⸗ wegen in die Gunſt einſtiehlt. Er iſt wunderbar vorſichtig in Allem was er thut, wagt nie eine kühne Behauptung, ſondern ſticht einen Feind oder dient einem Freund nur durch ſachte Eingebereien. O ja, auch er hat ſeine Freundſchaften: man darf ſich zwar nicht viel darauf verlaſſen: doch ſind ſie oft nützlich, ſo daß ſelbſt brave Leute ſeiner Mitwirkung be⸗ dürfen. Alles was er thut geſchieht wie auf Unterwaſſer, das die Dinge, welche in die See hinauszuſchwimmen ſchei⸗ nen, ganz ſachte wieder an's Ufer bringt. Still, ruhig und voll Selbſtbeherrſchung, iſt er jederzeit bei der Hand und 26 mit heiterem Frohſinn, anſcheinend dem Ausfluſſe eines auf⸗ richtigen Herzens, weiß er ſich ſtumm ſeinen Weg zu bahnen und das Ohr großer Herren zu gewinnen, die ſich nichts davon träumen laſſen, daß ihre Gunſt nach fremdem Willen gelenkt wird. Er iſt jetzt ein alter Mann; aber ich erinnere mich ſeiner, als er zu St. Albans noch ein Knabe war. Er ſtand damals ſehr in Gunſten bei dem großen Lord Clifford, der König Henry auf ihn aufmerkſam machte. Seitdem hat er ſich bei den Edwards, bei den Richards und Buckinghams ſtets in gleicher Gnade erhalten und iſt jetzt ein eifriger An⸗ hänger Yorks. Als was er ſterben wird, das kann nur der Himmel und die Zeit uns lehren.“ „Lieber Gott! daß es ſolche Dinge auf der Welt geben muß!“ rief die Aebtiſſin.„Was bringt aber alle dieſe Leute hierher? Ich kenne Keinen von ihnen, und wenn ſie blos um den Reliquienſchein zu beſuchen kommen, ſo habe ich nicht nöthig ſie zu beherbergen, noch braucht Ihr ein Geheimniß aus ihrem Beſuche zu machen. Ich haſſe Ge⸗ heimniſſe, mein guter Sohn, ſeitdem ich geleſen, daß dieſes Wort der armen Sünderin von Babylon auf der Stirne geſchrieben ſteht.“ „Ich brauche kein Geheimniß vor Euch zu haben, Lady,“ antwortete der Waidmann mit ziemlich unehrerbietigem Lachen.„Jene Männer bringen ein großes Gefolge mit ſich, und darunter ſteckt auch ein ehrwürdiger Mönch im Kapuzinerkittel und Sandalen; ich meine übrigens, die Mitra ſchon auf ſeinem geſchorenen Haupte geſehen zu haben, ob⸗ wohl ſicherlich weder Mitra noch Kaputze ihn vor dem 27 Henkerbeile bewahren würden, wenn der gute König Richard ihn erwiſchen könnte. Warum und weßhalb er kommt, kann ich Euch nicht ſagen; ich hörte blos, daß ihre Schritte hier⸗ her gerichtet ſeyen, und daß die Diener darauf rechneten, das Kloſterbier ſich tüchtig ſchmecken zu laſſen. Wenn jener Mönch unter Eurem Dache weilt, ſo werdet Ihr einen Mann bei Euch haben, deſſen Leben wegen ſeiner ſtandhaften Anhänglichkeit an die Sache Lancaſters in großer Gefahr ſchwebt.“ „Dann ſoll er hier Schutz und Obdach finden,“ ver⸗ ſicherte die Aebtiſſin in keckem Tone.„Dies iſt eine ge⸗ weihte Stätte, und ich mag nicht glauben, daß Richard— ſo bös und unternehmend er auch iſt— die Rechte der Kirche zu verletzen wagen würde.“ „Richard hat zweierlei Waffen, Madame, beide gleich ſcharf— ſein Schwert und ſeine Liſt,“ verſetzte Boyd. „Glaubt mir: was er einmal vorhat, das wird er auch ausführen, ſogar die Verletzung Eures Heiligthums, wenn es auch nicht mit ſeiner eigenen Hand oder unter ſeinem Namen geſchieht. Ihr wurdet ſchon einmal von einer Räuberbande beſucht, die ſich wenig um die heilige Kirche kümmerte; es kann wohl geſchehen, daß eine zweite Euch heimſucht, aus ganz andern Männern zuſammengeſetzt, mit denen der König zärtlich verfahren würde, wenn ſie ihm gute Dienſte leiſteten.“ „Dann wollen wir unſere Mannen aufrufen und unſere Rechte und Privilegien vertheidigen,“ meinte die Aebtiſſin. „Die Mannen könnten überwältigt werden,“ verſetzte — 28 der Waidmann kopfſchüttelnd.„Es ſtrolchen gar Viele hier herum, die ſich alsbald zuſammen thäten, wenn ſie den Schrein der heiligen Clara auszuplündern hoffen könnten, beſonders wenn der König ihnen die Sicherheit ihres Nackens garantirte und ihnen noch fernere Belohnung verſpräche.“ „Was iſt dann aber zu thun?“ rief die Aebtiſſin in ziemlicher Beſtürzung.„Ich kann und will einem geweihten Biſchoff, der noch überdies um ſeines rechtmäßigen Königs⸗ ſtammes willen Verfolgung erduldet hat— die Zuflucht in meinem Hauſe nicht verweigern.“ „Das verhüte der Himmel!“ erwiederte der Waidmann warmherzig;„wenn Ihr aber eines einfachen Mannes Rath hören wollet, Lady, ſo könnte ich Euch wohl einen Weg zeigen, um den Biſchof und die Abtei gleichermaßen zu retten.“ „Sprecht nur, ſprecht,“ rief die Lady eifrig.„Euer Rath iſt immer ſcharfſinnig. Was meint Ihr, daß ich thun ſoll?“ „Solltet Ihr je einen Mann in Eurem Heiligthume haben, der bei dem Könige ſo verhaßt iſt, daß Ihr einen raſchen Ueberfall zu deſſen Ergreifung erwarten müßtet, ſolltet Ihr Euch plötzlich von einer Bande angefallen ſehen, der Ihr nicht widerſtehen könnet, ſo ſendet mir Euren Schutz⸗ befohlenen durch Jemand, der alle Wege genau weiß, und ich will ihn bergen, wo Niemand ihn auffinden ſoll,“ ver⸗ ſicherte der Waidmann.„Rüſtet Euch zur Gegenwehr; aber vermeidet den Widerſtand ſo lange Ihr könnt. Unter⸗ handelt mit Euren Gegnern: ſagt ihnen, Ihr wüßtet wohl, daß ſie nicht zur bloſen Plünderung einer geweihten Stätte herbeikämen, ſondern daß ſie einen des Hochverraths beſchul⸗ digten Mann ſuchen, der neulich im Kloſter eingeſprochen. Verſichert ſie, daß Ihr ihn weggeſchickt(was Ihr dann in voller Wahrheit ſagen könnt) und laßt ihnen anbieten, daß Ihr drei bis vier von ihnen einlaſſen wollt, um nach Be⸗ lieben auf ihn zu fahnden. Ich glaube, wenn ſie insgeheim durch einen Höheren aufgehetzt ſind, werden ſie keine Gewalt⸗ that wagen, falls ſie gewiß ſind, daß auch ein glücklicher Erfolg ihnen keine Verzeihung für ihre That verbürgt.“ Die Aebtiſſin ſchwieg und ſchien noch zu ſchwanken, worauf der Waidmann nach kurzer Pauſe fortfuhr: „Folgt meinem Rathe, Lady: ich ſpreche nicht ohne Ueberlegung. Gar manche Neuigkeit gelangt auf dieſem oder jenem Wege zu mir in den Forſt, von der in der Stadt niemals geſprochen wird. Bald kommt ein Bote, der bei dem Waidmann anhält um mit ihm zu plaudern und, von ſeinem Geheimniſſe belaſtet, es theilweiſe da ausſchwatzt, wo er glaubt, daß es nie gegen ihn zeugen könne. Ein andermal fragt ein Wanderer nach dem Wege und plaudert mit ſeinem Führer, der ihn auf die rechte Straße weist. Jeder Fuhrmann, der ſeine Ladung Holz bei mir abholt, bringt mir irgend eine Nachricht aus der Stadt. Ich bin gut unterrichtet, Lady: Ihr dürft mir's glauben.“ „Das iſt es nicht, das iſt es nicht,“ äußerte die Aebtiſſin etwas verdrießlich.„Ich beſann mich nur darüber, wen ich als Begleiter und wie ich ihn ausſchicken könne. Wenn ſie die Abtei ganz einſchließen— wie ſoll ich ihn hinaus⸗ bringen?“ „Ihr habt dann immer noch den unterirdiſchen Gang 30 nach der St. Magdalenenzelle,“ rieth der Waidmann.„Um die Abtei einzuſchließen, müßten ſie ihre Leute zwiſchen die Häuſer des Weilers poſtiren, und die Zelle liegt weit abſeits davon.“ „Allerdings; aber um jenen Weg weiß Niemand als Ihr, ich und Schweſter Brigitte,“ verſetzte die Aebtiſſin. „Ich könnte ihr freilich trauen, ſo übellaunig und wider⸗ wärtig ſie auch iſt; aber ſie iſt ſeit zehn Jahren nicht über die Kloſtermauern hinaus gekommen und der Weg in Eure Hütte iſt ihr unbekannt. Ich hoffe der Weg zum Himmel wird ihr vertrauter ſeyn,“ ſchloß die Dame lachend. „Es wäre leicht, Jemand anders über den Weg nach der Zelle zu inſtruiren,“ meinte der Waidmann.„Der Gang iſt vollkommen eben, ſobald die Steinthüre offen iſt.“ „Freilich, freilich,“ fuhr die Aebtiſſin fort;„Ihr vergeßt aber, mein guter Freund, daß es unſerem Geſetze wider⸗ ſtreitet, außer der Vorſteherin und der älteſten Nonne jenen geheimen Ausgang irgend einer von der Schweſterſchaft zu verrathen. Heilige Maria! ich weiß nicht, warum dieſe Negel gemacht wurde; aber ſie beſteht nun einmal ſeit Bi⸗ ſchof Godſhaw's Beſuch anno 1361.“ „Er erfuhr vermuthlich, daß die jungen Nonnen gerne in den grünen Wald hinaus trippelten, um mit den Nacht⸗ feyen zu luſtwandeln,“ antwortete der Waidmann mit ſeinem gewohnten kurzen Lachen.„Jedenfalls iſt Euch nicht ver⸗ boten, es Jemand außer der Schweſterſchaft mitzutheilen, ſonſt hättet Ihr mir's nicht anvertraut.“ „Ei nein, das folgt noch nicht daraus,“ meinte die 31 Aebtiſſin.„Der oberſte Waidmann iſt immer eingeweiht, da die Zelle des armen Eremiten unter ſeiner Obhut ſteht. Ich erinnere mich jedoch nicht, gelobt zu haben daß ich das Geheimniß keinem Laien anvertrauen wolle. Das Ver⸗ ſprechen bezog ſich blos auf die Schweſtern.— Wen könnte ich aber ſenden?“ „Die junge Dame, die eben erſt hier geweſen,“ äußerte der Waidmann.„Sie kennt jeden Schritt und Tritt im Walde, wenigſtens bis zu meiner Hütte, faſt ebenſo gut wie ich, denn gar oft ſah ich ſie darin umherwandern und wilde Blumen pflücken, ohne daß ſie daran dachte, daß ein fremdes Auge auf ihr ruhte.“ „Jola?— Nein, nein, das geht nicht an,“ meinte die Aebtiſſin.„Ihre Stellung erlaubt ihr nicht, in die Nacht hinaus zu wandern und Fremdlinge durch den wilden Wald zu geleiten; ſie iſt meine Nichte und eines Grafen Tochter.“ „Vornehmere Leute als ſie haben ſchon ebenſoviel ge⸗ than,“ verſetzte der Waidmann;„ich hätte jedoch nicht ge⸗ glaubt, daß die Aebtiſſin der heiligen Clara zu Atherſton dem Biſchofe Morton von Ely die Hülfe ſogar ihrer Nichte verſagen würde.“ „Dem Biſchof von Ely!“ rief die Lady.„Ihm Hülfe verſagen!— Nein, nein, Boyd. Und wäre es meine Tochter und Schweſter, und koſtete es mich Leib, Leben oder Vermögen, ſo ſollte er Hülfe in der Noth von mir haben. Ich habe ihn ſeit zwölf Jahren nicht mehr geſehen; aber er ſoll ſinden, daß ich ihn nicht vergeſſen habe. Sagt nichts 32 weiter, guter Mann; ich will meine Nichte ſenden, und ſie ſoll ſtolz ſeyn auf ihre Aufgabe.“ „Das habe ich mir gedacht,“ verſetzte der Waidmann; „doch hört noch ein Wort. Ihr ſolltet dem guten Lord und Biſchof ſeine Gefahr mittheilen, ſobald Ihr ihn insgeheim ſprechen könnt, und dann die erſte Stunde nach Sonnenun⸗ tergang benützen, um ihn unvermerkt aus der Abtei zu brin⸗ gen, denn ehrlich geſtanden, ich zweifle ſehr an der Treue jenes Charles Weinants; ich weiß nicht, was er bei Män⸗ nern von Lancaſter thut, wenn er nicht glaubt, die Flut neige ſich wieder zu Gunſten jenes Hauſes, dem ſie ſo lange ungetreu geweſen.“ Sie hatten zwar Alles beſprochen, was wirklich zu ſa⸗ gen war; aber dennoch ſetzte die Aebtiſſin das Geſpräch mit dem Waidmann noch eine Viertelſtunde fort, und als ſie ihn entließ und in ihr eigenes behagliches Stübchen zurückkehrte, hörte man die treffliche Dame vor ſich hinmurmeln: „Er iſt ein kluger Mann, dieſer John Boyd; zuweilen rauh wie ein Bär, aber nicht ohne Witz. Ich glaube, dieſe Waidmänner ſind immer abgefeimte Burſche. Sie hauſen in dem grünen Dickicht und betrachten Alles, was in der Welt vorgeht als bloſe Zuſchauer, bis ſie das Treiben die⸗ ſer Erde beſſer beurtheilen lernen, als die ſo ſich ſelbſt dabei betheiligen. Sie können ausſchauen und ſehen und ſich ebenſo⸗ wenig wie wir einmiſchen, während wir armen Nonnen von jedem Einblicke wie vom häiden Eingreifen ausgeſchloſſem ſind. 44 33³ Drittes Kapitel. Unter gewiſſen Umſtänden, unter gewiſſen Bedingungen gibt es wenig ſchönere Dinge auf der Welt, als einen Mond⸗ ſcheinſpaziergang durch einen wilden Forſt. Es darf aber keiner jener dichten jungfräulichen Urwälder ſeyn, wie man ſie in manchen Theilen der neuen Welt findet, wo die Baum⸗ wildniß gleich einem ſchwarzen Vorhange auf allen Seiten emporſtarrt und jede Ausſicht verſperrt, und faſt das Tages⸗ licht vom Antlitz der Erde ausſchließt. Da war ein Wald m Altengland zu der Zeit, von der ich ſchreibe, ein ganz anderes Ding. Er hatte wohl ſchlanke Bäume und viele, die an manchen Stellen auch dicht beiſammenſtanden; an an⸗ deren hatte aber die Art des emſigen Holzhauers und das ſtumme aber noch unaufhaltſamere Wirken der Zeit weite Flächen geöffnet, wo nichts als kurzes Unterholz, verkrüp⸗ pelte Eichen, Buchen und Eſchen an der Stelle der längſt verſchwundenen Waldmonarchen zu ſehen waren, ähnlich den zwerghaften Anſtrengungen moderner Geſchlechter, welche mitten unter den Ruinen jener gigantiſchen Reiche auftau⸗ chen, deren hinterlaſſene Denkmäler der Macht der Zeiten noch immer Trotz bieten. Ich habe in der That noch nie eine weite Waldfläche alten Forſtlandes geſehen, bedeckt mit Geſtrüpp und hie und da einem halbverwilderten Baum, der ſich großartig über ſeine Umgebung erhebt, ohne daß meine Fantaſie weit hinweg i in jene Fabelländer ſchweifte, wo die Wunder der Welt entſtanden und vergingen— das Land der James. Der Waidmann. 3 34 Pharaonen, der Aſſyrer und Meder, ja auch das der Römer — jene Länder, worin die Größe und der Genius des ein⸗ zigen mächtigen europäiſchen Reiches ſich noch wunderbarer entfaltete als ſogar in der Kaiſerſtadt— dem Lande von Balbek und Palmyra. Des Arabers Hütte unter den Rui⸗ nen des Sonnentempels iſt ein paſſender Typus des moder⸗ nen Menſchen im Gegenſatz zu den entſchwundenen Geſchlech⸗ tern. Das Römerreich wurde allerdings durch dieſelben Stämme zerſtört, von denen wir abſtammen; es war aber blos noch der todte Leichnam des Behemoth, der von den Ameiſen aufgefreſſen wurde. Dem ſey übrigens wie ihm wolle— eine engliſche Wald⸗ landſchaft iſt ſehr ſchön beim Mondſchein, beſonders wenn die Luft durch einen leichten Froſt geklärt iſt, wie dies der Fall war, als der Waidmann nach dem Beſuche in der Ab⸗ tei den Rückweg nach ſeiner Hütte einſchlug. Der Weg war als eine der Heerſtraßen des Landes breit und offen, auch ſandig genug und nicht ſo glatt und eben, wie er wohl hätte ſeyn können; aber er genügte jedenfalls ſeinem Zwecke und die Leute nannten ihn damals eine gute Straße. Da ſah man eine alte Eiche von achtzehn bis zwanzig Fuß Um⸗ fang— einen Urbewohner, der wohl noch den edlen un⸗ glücklichen Harold erblickt haben mochte— ihre langen Gliedmaßen über den wüſten Torfraſen zu ihren Füßen wie über den gelben von den Pferdehufen zertretenen Straßen⸗ ſtreif ausbreiten. An anderen Stellen konnte das Auge über eine weite, dürftig bedeckte Waldfläche hinſchweifen, wo hier und dort ein ſchlanker Baum aufſchoß und ſeinen „ 3⁵ breiten Schatten über das weißglitzernde Buſchwerk warf. Ein ungewiſſes, geheimnißvolles Düſter hing trotz dem hellen Mondſchimmer über den Vertiefungen und Schluchten des Waldes, nur der ſchwache bläuliche Nebel ließ das for⸗ ſchende Auge nicht bis in die Tiefen der Thäler eindringen. Linker Hand ſenkte ſich der Boden in ſanfter Neigung, wäh⸗ rend er zur Rechten etwas ſchroffer anſtieg; wenn man in letzterer Richtung durch die blätterloſen Bäume guckte, ſo ſah man hie und da viereckige Thürme und Mauern in ſcharfen, beſtimmten Umriſſen von den runderen Formen des Waldes ſich abzeichnen. Darüber hin breitete ſich das tiefblaue Fir⸗ mament, an dem der Vollmond in einem Lichtmeere dahin ſegelte, während gegen Norden und Weſten manch' heller Stern, noch nicht verdeckt durch die Strahlen des glänzenden Tagsgeſtirnes, flimmerte. Mit feſtem, langſamem Schritte ſchlenderte der Waid⸗ mann ſeinen Weg dahin, indem er mehr aus Gewohnheit, wie es ſchien, als zu beſonderem Zwecke von Zeit zu Zeit ſtill hielt und ſich umſchaute. Er ſchien eifrig mit Gedanken beſchäftigt, und ſelbſt wenn er ſtillſtand und ſein Auge um⸗ herſchweifen ließ, ſchien ſein Geiſt bei anderen Dingen zu weilen, denn mehreremal hörte man ihn einige Worte vor ſich hinmurmeln, welche mit ſeiner Umgebung nichts zu ſchaffen hatten.„O, Mary, Mary!“ ſagte er, und ſchloß dann mit einem:„Ach! ach!“ In ſeinem Tone lag tiefe Melancholie. Sanft und leiſe klangen ſeine Worte, und ein Seufzer folgte als Echo der Erinnerung an längſt entſchwundene Freuden. 3* „* 36 Abermals ging er ſeines Weges weiter; die Straße wurde jetzt etwas enger, bis endlich die hohen, zu beiden Seiten ſich zuſammendrängenden Bäume das Licht des Mon⸗ des ausſchloßen, wenn ſeine Strahlen ſich nicht hie und da durch die blattloſen Aeſte durchſtahlen und den froſtigen Ra⸗ ſen betüpfelten. Während er durch eine der dunkelſten Partien des Waldes ziemlich weit links von der Straße ſchritt, hörte er den Klang von Pferdehufen vom Gipfel des Hügels eilends herabkom⸗ men. Ohne jedoch ſeinen Schritt oder Blick zu verändern, ging der ſtattliche Waidmann weiter, indem er dem abge⸗ meſſenen Trabe des raſch herannahenden Reiters nur wenig. Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien. Näher und näher kam der Klang, bis er endlich plötzlich verſtummte, als Roß und Reiter den Fußgänger erreicht hatten, und eine Stimme ausrief: „Wer geht da?“ „Gut Freund,“ erwiederte der Waidmann.„Wer Ihr auch ſeyd— Ihr müßt ſcharfe Ohren haben.“ „Scharfe Augen und ſcharfe Ohren,“ verſetzte der Rei⸗ tersmann.„Haltet an und ſagt uns, wer Ihr ſeyd, der da unter den Zweigen herumkriecht.“ „Herumkriecht!“ wiederholte der Waidmann, auf die freie Straße heraustretend und ſich vor dem Reiter auf⸗ pflanzend.„Ich will Euch bald ſagen, wer ich bin und Euch beweiſen, wen Ihr vor Euch habt, Meiſter, wenn ich erſt weiß, wer dieſe Frage an mich ſtellt. Da es einmal dahin gekommen, ſo befehle ich Euch, ſteht ſtill und erklärt mir, 37 wer Ihr ſeyd, der ſo ſpät durch den Wald reitet. Ihr ſeyd keiner von König Richards Poſten, ſonſt würdet Ihr mich kennen;“ und zu gleicher Zeit legte er ſeine Hand an des Mannes Zügel. „Ihr ſeyd ein Lügner,“ ſchimpfte der Reitersmann. „Ich bin allerdings einer von König Richards Poſten und komme aus Schottland mit wichtigen Nachrichten und Brie⸗ fen von der Prinzeſſin Gräfin von Arran. Laßt meinen Zügel fahren und ſagt, was Ihr ſeyd, ſonſt will ich Euch, beim Donner! durchbläuen, wie Ihr noch ſelten durchge⸗ bläut worden ſeyd.“ „Ha! ſprecht Ihr ſo?“ rief der Waidmann, noch immer den Zügel feſthaltend.„Ich muß genügendere Auskunft von Euch haben, ehe ich Euch paſſiren laſſe. Was das Durchbläuen betrifft, ſo könnte ich Dich mit einer grünen Weide und einem kurzen Strick dasjenige verſuchen laſſen, was Du ſeit Deinen Knabenjahren nicht mehr verkoſtet haſt.“ „So, ſo,“ meinte der Mann;„Du biſt ohne Zweifel ein Räuber. Dieſe Wälder ſollen davon wimmeln; Du ſollſt aber an mir einen zäheren Biſſen finden, als er Dir oft zwiſchen die Zähne fällt.— Da, nimm das für Deine Mühe!“ Bei dieſen Worten zog er plötzlich ſein Schwert aus der Scheide und führte einen raſchen, wüthenden Streich nach des Waidmanns Kopfe. Sein Gegner war jedoch auf der Hut; er ſprang auf die Seite und entging dadurch der Klinge. Der Andere ſpornte ſein Roß alsbald vorwärts;; aber noch ehe er vorüber konnte, hatte der Waidmann ſeine 38 Art aus dem Gürtel gezogen, und verſetzte dem Reiters⸗ mann mit dem vollen Schwunge ſeines Armes einen Hieb auf den Hinterkopf, der dieſen alsbald aus dem Sattel warf. Er hatte nicht die Schneide, ſondern die Rückſeite ſeiner Art gebraucht; doch die Wirkung ſchien gleich verhängniß⸗ voll, denn der regungsloſe Reiter gab keinen Laut von ſich, und ſein zügelloſes Roß ſprengte eine Strecke den Pfad hin⸗ ab, blieb dann eine Weile ſtehen und trabte wieder ruhig zu ſeinem Herrn zurück. Der Waidmann hatte ſich mittlerweile dem ausgeſtreck⸗ ten Boten genähert, indem er vor ſich hinmurmelte: „Ha, Lump! ich kenne Dich wohl, wenn Du mich gleich vergeſſen haſt. Du jämmerlicher Diener der Verrätherei und Undankbarkeit, Du käuflicher Söldling! ich hätte Dir ſogar um Deines Herrn willen nichts zu Leid gethan, wenn Du mich nicht zuerſt angefallen hätteſt.— Mich dünkt, er iſt todt,“ fuhr er fort, den Körper mit dem Fuße umdre⸗ hend.„Ich traf Dich härter als ich dachte; aber es iſt gut, ſo wie es iſt. Dein Tod hätte Dich von keiner taug⸗ licheren Hand treffen können— es wäre denn die des Hen⸗ kers.— Ich will jedoch ſehen, was Du bei Dir haſt; es könnten in der That Nachrichten von Werth ſeyn, wenn Du ein einzigesmal in Deinem Leben eine Zunge gefunden haſt, welche die Wahrheit ſprach. Ich mags jedoch nicht glau⸗ ben, denn die Nachricht war zu ſicher, die Geſchichte zu traurig, um falſch zu ſeyn.“ Er blieb eine Weile vor dem Leichnam ſtehen und be⸗ trachtete ihn ſchweigend, aber ohne das geringſte Zeichen 39 von Kummer oder Gewiſſensbiſſen. Man lebte damals in blutigen, barbariſchen Zeiten, wo ſich die Menſchen auch nach beendigter Schlacht mit kaltem Blute erſchlugen, wo der Bruder nicht des Bruders ſchonte und der Jugendge⸗ noſſe ſeinen Dolch in das Blut des Spielkameraden tauchte. Das Menſchenleben wurde wie in allen barbariſchen Geſell⸗ ſchaftszuſtänden für nichts geachtet, und die Menſchen be⸗ ſannen ſich ſo wenig, das Blut eines Mitgeſchöpfes zu ver⸗ gießen, als ſie ihr eigenes nicht ſparten. Und doch muß es immer etwas Furchtbares ſeyn, einem Andern das Leben zu nehmen, jenes Licht auszulöſchen, das wir nicht mehr anzünden können, und jene fatale Schranke zwiſchen Tod und Leben aufzurichten, welche jede thörichte oder finſtere That, jede Sünde, jedes Verbrechen unwiderruflich macht, keine Gelegenheit zur Buße, keine Hoffnung auf Reue übrig läßt, und den irrenden, belaſteten Geiſt vor Gottes Thron beruft, ohne daß auch nur einer der ſchwarzen Gedanken⸗ ſtriche, welche gegen ihn zeugen, ausgelöſcht wäre. Schwer in der That muß die Beleidigung, tief muß das Unrecht ſeyn, das keinen Gram im Herzen des Moͤrders zurückläßt. Der Waidmann ſchien übrigens nichts der Art zu em⸗ pfinden. Er betrachtete den Todten, wie geſagt, eine Weile; aber es geſchah, wie er die ganze Umgebung betrachtete, ohne eine Veränderung in ſeinen Mienen, worauf er ſich daran machte, mit ruhiger, geduldiger Hand den ganzen Anzug des Fremden durchzuſtöbern. Er fand unter ande⸗ ren Dingen eine mit Gold wohlgeſpickte Börſe— ſo we⸗ nigſtens ſchien ihr Gewicht anzudenten— die er aber als⸗ 40 bald wieder zurückſchob. Auch einige Papiere fanden ſich, und dieſe behielt er; aber nicht zufrieden damit, fing er nicht ohne Mühe das Pferd ein, unterſuchte den Sattel, löste die Gurten und entdeckte zwiſchen Leder und Schabracke eine geheime Taſche, aus der er noch weitere Papiere nahm. Auch dieſe behielt er und ſteckte ſie in ſeine Waidtaſche. Alles Andere, einige Koſtbarkeiten, eine Riechbüchſe, etliche große, ſonderbar geſtaltete Schlüſſel und ſonſtige Neben⸗ ſachen verwahrte er ſorgfältig da, wo er ſie gefunden hatte. Dann ergriff er des Todten Hand, hob ſie in die Höhe und ließ ſie wieder fallen, wie wenn er ſich überzeugen wollte, daß das Leben erloſchen war, worauf er den Leichnam alſo anredete: „Ja, Du biſt wirklich todt! In meinem Herzen regt ſich etwas, daß ich Dich ſogar jetzt noch ſpornen ſollte— doch nein, nein; es iſt ja nur der Erdenkloß; der Dämon iſt entflohen.“ 4 Mit dieſen Worten nahm er ſeine Art, die er eine Weile niedergelegt hatte, brachte den Sattel des Pferdes wieder in Ordnung, befeſtigte die Gurte und löste den Zügel. So⸗ bald dies geſchehen war, trat er von Neuem ſeine Wanderung mit demſelben ruhigen, ſteten Schritte an, mit dem er vor dieſem Abenteuer ſeiner Hütte zugeſchlendert war. Auf der Stelle, die er verlaſſen hatte, herrſchte wohl länger als eine Stunde vollkommene Ruhe und Stille. Der Mond erreichte ſeinen Höhepunkt, wanderte etwas gegen Weſten und goß ſeine Strahlen unter die Zweige der Bäume, wo zuvor noch Dunkel geweſen war. Der Leichnam lag noch 41 immer auf der Straße; das Roß rupfte daneben an dem Waldgras, indem es zuweilen ſeinen Fuß in den Zügel ver⸗ wickelte und einmal ſogar auf die Knie ſank, als es ſich da⸗ von loszumachen verſuchte. Nach Verfluß dieſer Stunde ſah man den Waidmann in demſelben ruhigen Schritte wie zuvor den Hügel herab⸗ kommen. Als er ſich der Stelle näherte, hielt er ſtill und ſchaute ſich um; dann trat er neben den Todten, ſchob einige von den Papieren in deſſen Taſche und ſagte mit einer Art bittern Lächelns, das ſich in dem Mondlichte wild und fremd⸗ artig ausnahm: „Dein Kommen und Gehen iſt zwar vorüber; doch kön⸗ nen Andere dieſe Fetzen an ihren Beſtimmungsort bringen. Ha, Du achſelträgeriſcher Böſewicht! Du ſtarbſt mitten in einer Deiner ſchwärzeſten Thaten, bevor ſie noch vollendet war. Ein Bote der Taube, warſt Du nur der Helfershel⸗ fer des Falken, der auf dieſe Beute lauerte und ſie in alle Schreckniſſe der Schuld und Treuloſigkeit hineingejagt hätte. Moͤge Gott Dir verzeihen, Du boͤſer Mann! Und—“ Da ließen ſich abermals nahende Pferdetritte verneh⸗ men; diesmal hörte man aber auch lautes Geſpräch und geräuſchvolles Lachen ſich einmiſchen. „Einige von des Königs Reitern,“ ſagte der Waidmann und trat mit leiſem Schritte unter die Bäume, wo er bald darauf im Dickicht verſchwand. Im nächſten Augenblicke ſah man zwei Männer unter lautem Lachen den Hügel herabreiten. 3 „Das ſind erfreuliche Zeitungen, die Du bringſt, Jago,“ 42 ſagte der Eine zum Andern.„Mein Nath iſt, ſtatt ſie auf dem nächſten Poſten abzugeben, wie Du Hansnarr thun wollteſt, wollen wir lieber auf dem Seitenwege nach der Abtei einbiegen und unſere guten Nachrichten ſelbſt über⸗ bringen. Meiner Seel! daß Richmond ſich wieder nach Frankreich gezogen hat, kann jedem von uns fünfzig Gold⸗ ſtücke eintragen.“ „Unſere Befehle lauteten aber ſtreng, und wir hätten keine Entſchuldigung,“ gab der Andere zur Antwort.— „Hilf Himmel! was gibt's denn da? Ein Betrunkener oder Todter liegt auf der Straße. Dort unter dem Baume ſteht auch ſein Pferd.“ „Schau nach Deiner Waffe, Jago,“ mahnte ſein Ka⸗ merad.„Bei meinem Leben! da iſt ja Malcolm Bower, der erſt vor drei Stunden ſtolz wie ein Papagei an uns vorüber⸗ zog.— Ich wette einen Krug Kanarienſekt, daß er im Walde auf Räuber geſtoßen und ermordet worden iſt.⸗ „Wohl moöglich,“ meinte der Andere, ſein Schwert in der Scheide lockernd.„Iſt dies der Fall, ſo wird König Richard lieber den Wald niederbrennen, ehe er ſie ungefun⸗ den ließe, denn dieſer Burſche gilt gar viel bei Denen, die er jetzt bedient.“ „Da, halt einmal mein Pferd,“ rief der Zweite;„ich will abſteigen und nachſehen.“ Sofort ſtellte er ſich über den Leichnam und machte ſich an deſſen Unterſuchung, indem ſeine Bemerkungen in abgebrochenen Sätzen laut wurden. „Ja, ja,“ fuhr er fort,„er iſt's wirklich. Halt, halt, er kann wohl nicht ermordet worden ſeyn, denn hier ſteckt die 43 Boͤrſe und zwar wohlgefüllt in ſeiner Taſche— auch Pa⸗ piere und, meiner Seel! eine ſilberne Büchſe mit Süßig⸗ keiten. Schau nur her, ſein Roß muß ihn abgeworfen ha⸗ ben, und da hat er den Hals gebrochen. Hier am Hinter⸗ ſchädel iſt eine Beule ſo weich wie ein Norfolker Pudding. — Was ſollen wir mit ihm anfangen?“ Sie hielten nun eine kurze Berathung, was ſie mit dem Leichnam beginnen wollten, bis ſie endlich dahin überein⸗ kamen, daß ſie das Pferd einfangen, den Todten darüberle⸗ gen und ſo in den nächſten Weiler bringen wollten. Dies geſchah denn auch ohne große Mühe, und die ganze Umge⸗ bung wurde wieder wild und ſtumm und einſam wie zuvor. Viertes Kapitel. Ich muß den Leſer nunmehr in eine Scene einführen, wie ſie damals in England ſehr gewöhnlich war, jetzt aber wohl vergeblich geſucht würde, obwohl eine zahlreiche Volks⸗ klaſſe ſehr geneigt wäre, einige von den Sitten damaliger Zeit wiederkehren zu laſſen. Um einen kleinen Dorfraſen, der wie gewöhnlich ſeinen Weiher— den luſtigen Tummelplatz der Gänſe und Enten — zwei bis drei große Baumgruppen und in der Mitte ſeine zwei Kreuzſtraßen hatte, ſah man mehrere Gebäude, ſehr verſchieden an Größe und Ausſehen, errichtet. Faſt drei Seiten des Raſens waren mit bloſen Hütten oder Schuppen umſchloſſen, die Wände von Lehm, mit hohen Strohdächern, 44 die Fenſter ſo klein, daß ſte nur wenig Licht in eine Woh⸗ nung einließen, welche an Werkeltagen während der Arbeits⸗ ſtunden nur ſelten etwas von ihren emſigen Bewohnern zu ſehen bekam. Zwiſchen dieſen ſtanden zwei geräumige, reich verzierte, ſteinerne Häuſer, mit Glasfenſtern verſehen; auch ſie waren noch klein, trugen aber alle Zeichen des damaligen Kirchenſtyls an ſich, obwohl ſie weder Kapelle noch Kirche, ſondern blos die Wohnungen einiger weltlicher Prieſter mit einem kleinen Gefolge von Chorknaben waren, die ſich nicht in der benachbarten Abtei aufhalten durften. Auf der vier⸗ ten Seite des Raſens, wo der Boden beträchtlich anſtieg, dehnte ſich eine rieſenhohe Mauer, in der Mitte von einem ſchönen alten Portale durchbrochen, das zu beiden Seiten von zinnengekrönten Thürmen eingefaßt war. Mauer und Portal waren ſo hoch, daß man von der Mitte des Raſens aus von den dahinter liegenden Gebäuden nichts gewahren konnte; nur von der Seite gegenüber ſah man die Thürme und Zinnen des Kloſters ſelber über die Einfaſſung herüber⸗ gucken. Folgte man dem Laufe der Mauer zur Linken, ſo kam man an der Hütte des Schweinhirten vorüber an eine klei⸗ nere Thüre— wir hätten ſie Ausfallpforte genannt, wenn der Platz eine Veſte geweſen wäre— von welcher ein Pfad ins Thal hinablief, das von einem Fluſſe durchſtrömt war; unten in der Tiefe bog der kleine Fußpfad ſcharf rechts und ſtieg wieder gegen einen alten dichten Wald hinan, auf deſſen Gipfel ein kleiner gothiſcher Bau mit einem ſteinernen Kreuz in der Front auftauchte. Die Entfernung von der Abtei bis zu der St. Magdalenenzelle(wie der Bau genannt wurde) war in gerader Linie nicht ſehr beträchtlich; allein der Pfad wand ſich in ſo ſtarken Bogen um den ſteilen Hü⸗ gel und durch eine tiefe Schlucht, durch welche bei Regen⸗ wetter ein ſtarker Gießbach floß, daß ſeine Länge nicht viel weniger als dreiviertel Meilen betrug. Die oben erwähnte kleine Thüre in der Kloſtermauer war ſtark und wohlverwahrt mit Gucklöchern zu beiden Sei⸗ ten, daß Bogenſchützen im Nothfalle daraus ſchießen konn⸗ ten. Auch oberhalb der Thüre war eine halbkreisförmige Oeffnung, in welcher eine rieſengroße Glocke hing, die nach damaliger Sitte in früheren Jahren getauft worden, nun aber— wie auch ihr Taufname lauten mochte— unter dem Landvolke als das„Kindlein der heiligen Clara“ bekannt war. Ob dieſe Heilige— wer ſie auch immer geweſen ſeyn mag— bei ihren Lebzeiten ein Kindlein hatte oder nicht, iſt mir unbekannt und nur ſo viel gewiß, daß die guten Nonnen über den Namen, den man der Glocke gegeben, ſehr erbost waren, wie wenn der Umſtand, daß man ihrer Patronin ein Kindlein zuſchrieb, für jede von ihnen ein perſönlicher Schimpf wäre.. Dieſe Glocke wurde nur bei beſonderen Veranlaſſungen gebraucht, da der gewöhnliche Zugang zum Kloͤſter durch die Hauptpforte führte; wenn dagegen bei Nacht irgendwo Gefahr drohte, wenn einer der Landleute nach Sonnenunter⸗ gang plötzlich erkrankte, wenn eine der Hütten des Weilers Feuer fing(was keineswegs ſelten geſchah), überhaupt wenn ſich während der Stunden der Dunkelheit etwas Wichtiges 46 ereignete, dann wendeten ſich die guten Leute der Nachbar⸗ ſchaft an das Kindlein der heiligen Clara, deſſen laute Stimme bald eine der untergeordneten Schweſtern herbei⸗ rief, um ſich nach der Veranlaſſung zu erkundigen. Den Pfad zur Magdalenenzelle links laſſend, konnte man von dieſem Thorwege aus die ganze Ausdehnung der Mauern umkreiſen, welche nicht weniger als fünf bis ſechs Morgen einſchloßen, ohne jedoch bis zu dem großen Portal auf eine weitere Pforte zu ſtoßen. Die Mauern ſelbſt waren aus⸗ nehmend dick und hatten oben auf einer Art Plattform einen Rundgang. Es hätte in der That Kanonen bedurft, um irgendwo eine Breſche zu öffnen; dagegen war die Streit⸗ macht, welche die guten Nonnen zu ihrer Hülfe aufbieten konnten, zu ſchwach, um die Mauern bei ihrer großen Aus⸗ dehnung gegen das Erſteigen zu ſchützen. Rückwärts von dem Hauptportale lag ein großer Hof, auf drei Seiten von Wohngebäuden umgeben. Rechts war das ſogenannte„Gaſthaus“, wo nach der Sitte des Tages in kleinen ganz erträglich ausgeſtatteten Stübchen eine be⸗ trächtliche Anzahl von Perſonen aufgenommen werden konnte. Eine weite Speiſehalle gewährte Raum zur Verköſtigung der vielen Beſuche, welche von Zeit zu Zeit die Gaſtlichkeit der Abtei in Anſpruch nahmen. Die Seite gegenüber war den Offizinen für die Laienſchweſtern und Kloſterdiener ge⸗ widmet; den Raum in der Front des Hauptthores nahm die Kapelle ein, deren einer Theil dem Publikum geöffnet war, während der andere, durch ein reichgearbeitetes Steingitter geſchieden, den Nonnen ſelber vorbehalten blieb. Ein ſchma⸗ — 47 ler, durch eine Eiſenpforte geſchloſſener, ſteinener Gang lief zwiſchen den Offizinen und der Kapelle und reichte von der Rückſeite der erſteren längs der nordweſtlichen Mauer bis an den kleinen ſchon erwähnten Thorweg, während auf der an⸗ dern Seite eine offene Thüre und Treppe nach dem im vor⸗ angegangenen Kapitel genannten Sprechzimmer führte, wo Freunde oder Verwandte durch das Gitter, das die Stube in zwei Theile ſchied, mit den Nonnen ſich unterhalten durf⸗ ten. Hinter der Kapelle lag ein zweiter rings umſchloſſener Hof und jenſeits deſſelben ſah man den Haupttheil des gan⸗ zen Baues. Alle dieſe Anordnungen mochten wohl die Abſicht ha⸗ ben— und hatten ſie auch wirklich— die Schweſterſchaft von jedem unmittelbaren Verkehr mit Männern abzuſchlie⸗ ßen; doch gehörte der Orden, dem dieſes Kloſter geweiht war, nicht zu den ſehr ſtrengen und zwar ſo wenig, daß die Schweſterſchaft zwanzig bis dreißig Jahre früher dem Skan⸗ dal nicht ganz entronnen war. Durch ihr kluges Benehmen hatte jedoch die jetzige Aebtiſſin, deren Herrſchaft feſt und doch mild war, den Läſterzungen jede fernere Veranlaſſung benommen; dabei nahm ſie übrigens keinen Anſtand, ihren Nonnen jede unſchuldige Freiheit, wie das Ausgehen zu Sechs oder Sieben, ein paarmal im Jahre zu geſtatten und ihre eigene Freiheit im Handeln ſogar ſo weit auszudehnen, daß ſie unter Tags jeden der Kloſterbeamten— ob nun Laie oder Kleriker— mit dem ſie zu ſprechen wünſchte, ſelbſt in das Innere des Gebäudes zuließ und von einigen Dienern begleitet auf ihrem Maulthiere zur Inſpizirung der ver⸗ ſchiedenen Abteiländereien oder zum Beſuche einer der be⸗ nachbarten Städte ausritt. Dieſe richtige Mitte zwiſchen äußerſter Strenge und ungeziemender Ausgelaſſenheit ſicherte ſie vor allen böſen Zungen, ſo daß das Kloſter damals in hoher Achtung ſtand. Den Tag nach des Waidmanns Beſuche finden wir gegen ein Uhr etliche zwanzig bis dreißig Perſonen auf dem grünen Raſen vor dem Hauptportale verſammelt. Es war dies jedoch keine wohlgekleidete glänzende Verſammlung, keine Zuſammenkunft von vornehmen, reichen Lords, vielmehr eine buntſcheckige Bande, bei welcher Fetzen und Lumpen die Hauptrolle ſpielten. Der ariſtokratiſcheſte unter dem Haufen ſchien ein wandernder Pfeifer; derſelbe trug eine ſonderbar geſtaltete Mütze auf dem Kopfe, die beinahe dem Fuß eines alten Strumpfes ähnlich ſah, an den Enden aber beckenartig auslief, hatte einen guten, groben, braunen Tuchrock auf dem Rücken und Hoſen an den Beinen, die, wenn auch nicht neu, doch ohne Löcher waren. Seinen Dudelſack hielt er dicht unter dem Arm, da er die frommen Ohren der Nonnen nicht mit den Tönen ſeiner luſtigen Minſtrelſchaft zu regaliren wagte, wobei er jedoch ſich und ſeinen Gefährten verſprach, nach Vertheilung der täglichen Spende, zu deren Empfange ſie eben hergekommen waren, ihre Herzen mit einer Melodei zu erfreuen. Sie durften nicht lange warten, denn bald zeigte ſich eine der älteren Schweſtern, gefolgt von zwei derben Die⸗ nerinnen in grauen Röcken und weißen Hauben und Schleiern, jede mit einem ungeheuern Korb voll großer Brodſtuͤcke und 49 herzhafter Fleiſchſchnitten. Der Inhalt dieſer Körbe wurde mit großer Unparteilichkeit vertheilt und mit wenigen Wor⸗ ten geiſtlichen Rathes oder Vorwurfs oder auch des Troſtes gewürzt. So hieß es z. B.: „Da, Hodge, nimm das und brumme nicht wieder, wie Du geſtern gethan haſt. Ein zufriedenes Herz macht die Nahrung heilſam; und Ihr, Margery Dolſon, ich wundere mich, wie Ihr Euch nicht ſchämen möget, mit dieſen Euren geſunden kräftigen Händen von der Mildthätigkeit der Abtei zu leben.“ „Ach, theuerſte Mutter,“ jammerte die angeredete Per⸗ ſon in weinerlichem Tone,„ſo geht es mir doch immer. Jeder urtheilt nur nach dem Schein. Ich bin am ganzen Leibe waſſerſüchtig, und da ſagen die Leute, ich ſey ſpickfett. Ich könnte ebenſowenig wie eine Andere in Taglohn gehen, als ich den Kloſterthurm aufzuheben und wegzutragen ver⸗ moͤchte.“ Die gute Nonne ſchüttelte den Kopf und wendete ſich zu einer dritten Perſon. „Ach, Jackſon, wenn Ihr nur Eure abſcheuliche Trunk⸗ ſucht aufgeben wolltet, ſo brauchtet Ihr nie zum Almoſen hierher zu kommen. Zwei Stunden Arbeit täglich würden Euch ebenſoviel Nahrung eintragen, als Ihr hier in einer Woche erhaltet.— Ei„Jeannette Martin, Du armes Ding,“ fuhr ſie an eine Frau gewendet fort, die ihren alten Rock mit einigen ſchwarzen Fetzen herausgeputzt hatte,„es wäre nicht nöthig, Dir die Gabe zu verabreichen, da die Lady Aebtiſſin Dir von Zeit zu Zeit das Deinige ſchicken James, Der Waidmann, 4 will; da aber heute für Alle genug Vorrath vorhanden iſt, ſo nimm dies für Dich und Deine Kleinen. Ich denke, ſie werden es gewiß eſſen.“ Die Frau ſchüttelte melancholiſch den Kopf und erwie⸗ derte blos: 1 „Sie haben ſeit geſtern Nacht keinen Biſſen angerührt, Schweſter Alice.“ „Nun, faſſe nur Muth, faſſe Muth,“ tröſtete die Nonne in freundlichem Tone;„man kann nicht wiſſen, was ge⸗ ſchehen wird. Wir Alle bedauern Dich und Deine armen Kinder, und auch für Deinen guten Mann, der nicht mehr iſt, beten wir jede Nacht und jeden Morgen.— Ruhe ſey mit ſeiner Aſche!“ „Gottes Segen über Euch, Schweſter Alice und über das Haus,“ erwiederte die arme Wittwe, worauf ſich die Nonne zu dem herumziehenden Muſtkanten wendete. „So, ſo, Sam der Pfeifer iſt von Tamworth zurück. Ich hoffe, Bruder, Ihr habt Euch Eures Verſprechens erinnert und Euch während des ganzen Marktes nicht be⸗ trunken.“ „Nicht ein einziges Mal,“ verſicherte der Pfeifer zuver⸗ ſichtlich, indem er im nächſten Augenblicke mit einem pfiffi⸗ gen Seitenblicke über die Schulter fortfuhr:„Das Ale war ſo dünn, daß ein ganzes Faß voll nicht einmal ein ſaugen⸗ des Lämmchen bedapst hätte. Mein Verdienſt bei der Sache iſt alſo nicht groß, denn meine wohltemporirten Noten hät⸗ ten alles Bier in der Stadt ausgetrunken, ohne ſchwindlig zu werden. Nichtsdeſtoweniger war ich mäßig, ſehr mäßig und trank mit gebührender Vorſicht, ſintemalen das Getraͤnke doch nur zur Würze einer Schweinbrühe taugte. Ich wette, ſie haben wenig Gewinn aus ihren Fäſſern abgezapft, und ich hoffe, daß der, ſo das Bier braute, eine ebenſo ſchänd⸗ liche Cholik davon trug, wie ich ſie ſeither hatte.“ „Nun gut, jedes von Euch geht jetzt, ſowie es bedient iſt, in die Butterkammer; dort ſollt ihr ein Horn Ale erhal⸗ ten, das Euch keine Cholik verurſacht, wenn's Euch auch nicht betrunken machen wird,“ befahl die gute Schweſter, und dann dem Pfeifer winkend, fragte ſie in neugierigem Tone:„Was für Neuigkeiten hat's zu Tamworth gegeben, Sam Pfeifer? Ich glaube, es gibt dort immer etwas zu ſehen.“ „Gott ſegne Euer heiliges Antlitz,“ antwortete der Pfeifer;„diesmal hat's gar wenig gegeben. Erſt als die Meſſe vorüber war, kamen einige luſtige Edelleute, die ſich ſicherlich nach König Richard umſchauten, und ein prächtiges Gefolge kam mit ihnen. Wenn's aber der König war, den ſie ſuchten, dann haben ſie ihn nicht gefunden, denn er iſt mit ſeiner guten Königin nach Nottingham gezogen.“ „Wer war es denn? wer war es?“ erkundigte ſich die Nonne, welche von jener den Eingeſperrten ſo natürlichen Neugierde den gebührenden Antheil empfangen hatte.„Wa⸗ ren ſie wirklich ſo glänzend? wie viele hatten ſie in ihrem Gefolge?“ „Ei, zuerſt und vor Allen, Lady, war da der junge Earl von Chartley,“ erzählte der Pfeifer mit wichtiger Miene und dem Tone der Geheimthuerei.„Meiner Seel! der 4* 52 luſtigſte und hübſcheſte Edelmann, den mein Auge noch je⸗ mals erblickte. Ich ſah ihn vor die Herbergsthüre reiten und mit dem Gaſtwirthe ſprechen. Wahrhaftig, jedes zweite Wort war ein Scherz. Was der einen Witz hat, und wie er ihm von den Lippen fließt! Es ging Alles Schlag auf Schlag von Anfang bis zu Ende. Seine Kleidung hätte einem Prinzen Ehre gemacht, ſo ſchön und prächtig ſaß ſie ihm am Leibe. Sein Baret war nach burgundiſcher Mode ausgezackt und ſah aus wie eine tuchene Schloß⸗ zinne; eine große weiße Feder reichte ihm bis auf die linke Schulter.“ „O Eitelkeit, o Eitelkeit!“ rief die Nonne.„Wie dieſe jungen Leute den Himmel mit ihren Eitelkeiten verſpotten! Was weiter, guter Bruder?“ „Hm, da ſind noch die Aermel ſeines Gewandes,“ fuhr der Pfeifer fort;„was die für einen Zweck hatten, weiß ich nicht zu ſagen, wenn er ſich nicht die Naſe damit ſchnäuzen wollte; ſie waren ſo lang und ſo ſchwer mit Zobelpelz be⸗ ſetzt, daß ich glaubte, ſein Pferd müſſe jeden Augenblick den Fuß darauf ſetzen. So was geſchah jedoch nicht; er ſah zwar etwas ſtaubig aus, ſchien aber dennoch friſch genug.“ „Schon gut,“ meinte die Nonne.„Kommt zur Sache und erzählt uns nichts mehr von ſolcher Kleiderpracht.“ „Meiner Treu! es war doch Manches daran, um das Ihr Euch bekümmern würdet,“ verſetzte der Pfeifer.„Ich weiß übrigens nicht, was Ihr unter der Sache' verſteht.“ „Wer waren die Anderen? Denn Ihr ſagtet ja, es ſeyen Viele geweſen,“ fragte die Nonne hitzig. „Das waren ſie auch, das waren ſie auch,“ verſicherte der wandernde Muſikant.„Da war Sir Edward Hunger⸗ ford, ein ſtattlicher Höfling, nicht ſo hübſch wie der Andere, aber eben ſo prächtig gekleidet; dann kam Sir Charles Weinants, ein höchſt ehrwürdiger, feingebildeter Edelmann mit grauen Haaren. Ei, da wir gerade von ehrwürdig re⸗ den— ein gottesfürchtiger Mönch in grauer Kutte und ge⸗ ſchorenem Kopf war auch darunter.“ „Das ſpricht zu Ehren der jungen Lords,“ bemerkte die Nonne.„Sie können keine ſo eitlen Fante ſeyn, wie Ihr ſie darſtellt, wenn ſie in Begleitung eines heiligen Mannes reiſen.“ „Ei, verhüte der Himmel, daß ich eitle Fante aus ihnen machen ſollte!“ erwiederte der Pfeifer.„Ich halte ſie für ernſthafte nüchterne Edelleute, denn außer dem Mönch hat⸗ ten ſie noch einen ſchwarzen Sklaven bei ſich, das heißt nicht ganz ſchwarz, denn ich habe ſchon ſchwärzere geſehen, wohl aber einen braungelben Mohren mit ſilbernen Armbändern und einem Turban auf dem Kopfe.“ „Wie ſoll das beweiſen, daß ſie ernſte, nüchterne Edel⸗ leute ſind?“ fragte die Nonne. „Weil ich glaube, daß ſie im gelobten Lande geweſen ſeyn müſſen, um ihn aufzugabeln,“ gab der Pfeifer zur Antwort.„Was ihnen aber mehr als alles Andere zur Ehre gereicht— ſie lieben die Minſtrels, denn der junge Lord an ihrer Spitze ſchenkte mir einen Yorker Groſchen, was mehr iſt, als ich auf der ganzen Meſſe eingenommen hatte.“ „Minſtrels!“ rief die Nonne mit wegwerfendem Kopf⸗ ſchütteln.„Ja, wie! nennſt Du Dich einen Minſtrel?“ Ehe jedoch ihr Geſellſchafter eine Antwort geben konnte, ſah man drei Männer in den kleinen von Häuſern umſchloſ⸗ ſenen Dorfzirkel reiten und dem großen Portale der Abtei ſich nähern. Der eine von ihnen ſchien nach Kleidung und Aufzug der oberſte Diener in dem Hauſe eines vornehmen Mannes zu ſeyn. Der Zweite war ein gewöhnlicher Reit⸗ knecht; der Dritte aber, ganz anderer Art, war ein Mann von faſt rieſiger Geſtalt in orientaliſchem Koſtüm, womit ſeine braune Geſichtsfarbe, die ſcharfgeſchnittenen Züge und die großen pechſchwarzen Augen in vollkommenem Einklange ſtanden. Er trug einen krummen Säbel an der Seite, einen kurzen Speer von Zuckerrohr in der Hand, und die Weiſe, wie er auf ſeinem ſchönen Rappen ſaß, hätte ihn auf den erſten Blick als Eingebornen eines fremden Landes be⸗ zeichnet. Er war prächtig gekleidet, wie dies gewöhnlich bei orientaliſchen Sklaven der Fall war, von denen ſogar damals nicht Wenige in Europa gefunden wurden; denn war auch das wahnſinnige Fieber der Kreuzzüge vorüber, ſo wurden doch noch Manche von Zeit zu Zeit von dieſer Krankheit befallen, wie wir denn hören, daß gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts zwiſchen zwei⸗ bis dreimal⸗ hunderttauſend Perſonen in der ausgeſprochenen Abſicht, die Ungläubigen zu bekriegen, in Rom ſich verſammelt hatten. Sie waren ohne Anführer, unternahmen nur wenig und vollbrachten noch weniger; wenn aber einer der Edelleute, die ſich bei ſo unbeſonnenen Unternehmungen betheiligten, 5⁵ zwei bis drei mahomedaniſche Sklaven mit nach Hauſe bringen konnte, ſo glaubte er eine große That vollbracht zu haben und den Namen eines Kreuzfahrers wohl zu ver⸗ dienen. Für die gute Nonne, die ſo etwas noch nie geſehen hatte, galt ſchon die bloſe Annäherung eines Anhängers von Ma⸗ homed für eine Blasphemie, und bei dem Anblick des Moh⸗ ren einen Schritt zurücktretend, bekreuzte ſie ſich in ihrer Frömmigkeit und murmelte ein:„Sancta Clara, ora pro nobis!“ Dieſer Spruch ſchien ſie zu tröſten und zu ermu⸗ thigen, denn ſie behauptete jetzt ihre Stelle, trotzdem daß der Mohr mit ſeinen Begleitern dicht zu ihr heranritt— ja ſie muſterte ſogar ſeine Kleidung mit kritiſchem Blicke und mußte die gelbe Seide, woraus ſein Mantel beſtand, in ihrem Innern für den ſchönſten Stoff erklären, den ſie noch je geſehen hatte. Der Schrecken einer Unterredung mit dem Ungläubigen blieb ihr jedoch erſpart, denn der ſie anredete war jener gut ausſehende ältliche Mann, der wie einer der oberſten Diener einer vornehmen Familie gekleidet war. Mit geziemendem Anſtand vom Pferde ſteigend, überreichte er ihr einen Brief an die Lady Aebtiſſin und bat ihn unverzüglich abzuliefern, da er hier auf Antwort warten wolle. Die Nonne lud ihn ein, in den Hof zu treten und in dem Gaſthauſe einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen, indem ſie die ganze Zeit über den Mohren anſchielte und zweifelhaft zu ſeyn ſchien, ob ſie ihn in die Einladung einſchließen ſolle. Der Haushofmeiſter oder was er ſonſt ſeyn mochte lehnte 56 es jedoch mit der Verſicherung ab, daß er, ſobald er Ant⸗ wort darüber erhalten, ob die Lady Aebtiſſin ſeinem Lord die erbetene Gaſtfreundſchaft gewähren wolle— unverzüglich umkehren müſſe, worauf die Nonne ſelber den Brief hinein⸗ trug, indem ſie das Amt der Thürſteherin auf ſich nahm. Bald wurde die mündliche Antwort ertheilt, daß Lord“ Chartley und ſeine Freunde ganz willkommen ſeyen, worauf die Diener auf derſelben Straße, die ſte gekommen waren, zurückkehrten. Köche und Mägde wurden alsbald in Be⸗ wegung geſetzt und all die Leckerbiſſen, die der Waidmann überſchickt hatte, wurden eiligſt für die Gaſttafel in zarte Gerichte umgewandelt. Eine Scene wie heute war ſeit dem Beſuche des Bi⸗ ſchofs in der Kloſterküche nicht mehr vorgekommen. Allein Stunde um Stunde verſtrich, ohne daß die erwartete Ge⸗ ſellſchaft anlangte, bis die Köche zu fürchten begannen, daß das Nachteſſen verderben würde, und die Bettler, die ſich in der Hoffnung auf Almoſen vor dem Thore verſammelt hat⸗ ten, des langen Wartens müde, einer nach dem andern ſich zerſtreuten. Erſt als die Sonne untergegangen und der ganze Himmel ſich grau überzogen hatte, vernahm man eine ferne Trompete, und der Sakriſtan der Kapelle entdeckte von einem der höͤchſten Thürme eine dunkle undeutliche Maſſe, die wie Männer und Pferde ausſah und ſachte den Abhang des Hügels heraufkam. 57 Fünftes Kapitel. Groß war die Verwunderung der guten Nonnen, warum wohl die Aebtiſſin zum Empfange eines jungen Edelmannes und ſeiner Begleiter, von denen Keiner— ſo viel ſie wuß⸗ ten— eine hervorragende Rolle im Staate ſpielte, ſo glän⸗ zende Vorkehrungen getroffen hatte. Wäre es ein Biſchof, ein gefürſteter Abt, ja ſogar nur ein Diakon geweſen, ſo hätten ſie eine ſo prachtvolle Aufnahme begreifen können. Ein Prinz oder Herzog wäre ihrer würdig geweſen; aber wer war denn Lord Chartley? welchen Anſpruch hatte er an die Abtei? 3 Waren ſie ſchon über das, was vor der Ankunft der Gäſte in der Küche vorging, überraſcht— und ſie entdeckten Alle früher oder ſpäter, was dort vorgenommen wurde— machten ſie ſchon ihre Bemerkungen über die Anſtalten zur Speiſung von vierzig Perſonen in der Fremdenhalle, wäh⸗ rend die Aebtiſſin ſelbſt mit der alten ſtocktauben Priorin die vornehmſten Gäſte in einem Nebenzimmer beherbergen wollte: wie hoch ſtieg ihre Verwunderung, als ſie auf die Nachricht von der Annäherung des Zuges die Lady mit ihren beiden Nichten und ihrem gewoͤhnlichen Staatsgefolge in den Hof treten und faſt gegenüber dem Haupteingange der Kapelle warten ſahen, um die Gäſte in aller Form zu empfangen. Vielerlei Bemerkungen wurden darüber gemacht, gar Man⸗ ches hatten ſie ſich in die Ohren zu flüſtern; aber die Aeb⸗ tiſſin verharrte bei ihrem Vorhaben, obwohl wir geſtehen müſſen, daß aus der Aufregung ihres Weſens, wie aus 58 dem an ihr ungewohnten Wechſel der Farbe ein gewiſſer Grad von Verwirrung ganz deutlich an ihr hervorleuchtete. Sie durfte nicht lange im Hofe ſtehen, bis der erſte Rei⸗ tersmann durch's Portal ſprengte und der junge Lord Chart⸗ ley— denn er war es— ohne Reitknechte oder Stalljungen abzuwarten, aus dem Sattel ſprang, worauf er mit leichter graziöſer Miene, das Baret in der Hand, auf ſie zutrat, um der Superiorin des Kloſters ſeinen Reſpekt zu bezeugen. Ja noch mehr: mit einer feinen Galanterie, wie ſie vielleicht beſſer für den Hof als für das Kloſter paßte, drückte er ſeine Lippen auf die Hand der Aebtiſſin und ſah ganz darnach aus, als ob er dieſe nämlichen Lippen recht gerne mit den Wangen der beiden ſchönen Mädchen in ihrer Begleitung bekannt gemacht hätte. „Tauſend Dank, theuerſte Lady, für Euren freundlichen Willkomm,“ begann er.„Ich muß um Verzeihung bitten, daß ich Euch ſo lange hingehalten; wir wurden unterwegs durch ein Geſchäft verhindert. Erlaubt mir, Euch meine Freunde vorzuſtellen: Sir Charles Weinants, ein weiſer und kluger Unterhändler, tief in die geheimen Myſterien der Höfe eingeweiht und höͤchſt vorſichtig in allen Dingen. Ver⸗ traut ihm ja kein Geheimniß,“ fuhr er lachend fort,„denn wenn er ſie auch nicht verräth, ſo wird er ſie doch benützen, wie ſeine hohe Politik ihm gebietet. Da iſt ferner Sir Edward Hungerford, die Krone aller Vollkommenheit, der Eroberer aller Herzen; das Gewebe ſeiner Artigkeit iſt das allerfeinſte, und er iſt allen Damen, die kein Gelübde abge⸗ legt haben, höchſt gefährlich. Hier mein Freund Sir Wil⸗ 59 liam Arden, deſſen Charakter Ihr nicht nach ſeinen eigenen Worten beurtheilen dürft, deſſen Blicke rauher als ſeine Abſichten und deſſen Worte härter als ſein Herz ſind.“ „Und ſein Herz härter als Euer Kopf,“ bemerkte der kaum erwähnte Edelmann, der eben erſt vom Pferde geſtie⸗ gen war.„Wahrhaftig! ich muß mich nur wundern, gnä⸗ digſte Aebtiſſin, wie Ihr einen ſo rappelköpfigen jungen Lord in Eure Thore einlaſſen möget. Ich thäte es nicht, wenn ich an Eurer Stelle wäre; es würde ihm ganz gut thun, wenn er noch zwanzig Meilen weiter reiten müßte, ehe er ſein Abendeſſen bekäme.“ „Ei nein,“ meinte Sir Edward Hungerford.„Ich habe noch nie etwas Gutes daran gefunden, wenn Einer ohne Nachteſſen fortreiten mußte, beſonders wenn er ſo ſchöne Geſichter und glänzende Augen hinter ſich ließ,“ indem er nach einem kurzen Seitenblicke auf die Aebtiſſin ſeine Blicke mit bedeutungsvollem Ausdrucke auf den Mienen ihrer bei⸗ den Begleiterinnen ſpielen ließ. „Friede, Friede, meine Kinder!“ gebot die ältere Dame. „Ihr dürft nicht vergeſſen, wo Ihr ſeyd und welche Ohren Euch zuhören. Hier iſt kein Hof oder Halle oder ſonſtiger Beluſtigungsort. Stellt alſo Eure feinen Reden ein und bedenkt, daß dies die Abtei der heiligen Clara von Ather⸗ ſton iſt.“ „Ja, er würde alsbald eine Zechhöhle daraus machen,“ bemerkte Sir William Arden in barſchem Tone.„Ihr habt jedoch den Prieſter vergeſſen, Mylord; Ihr ſolltet alle ehr⸗ würdigen Perſonen alsbald mit einander bekannt machen.“ 60 „Ganz richtig,“ rief Lord Chartley.„Hier, meine theure Lady, iſt ein höchſt ehrwürdiger Freund von mir, Vater William mit Namen, der lange in fremden Ländern gelebt hat. Laßt ihn Eurer beſondern Güte und Sorgfalt empfohlen ſeyn, denn er hat eine ſchwache Geſundheit und wird Eure Gaſtfreundſchaft über Nacht beanſpruchen, wäh⸗ rend wir leider genöthigt ſind, beim Mondlichte weiter zu reiten.“ Er legte beſondern Nachdruck auf ſeine Worte und die Aebtiſſin richtete ihre Augen auf das Geſicht des Mönches, der ſie mit ruhigem, feſtem Blicke betrachtete. Ein einziger Blick genügte, denn ſie wendete alsbald ihre Augen wieder ab und hieß den Prieſter in allgemeinen Ausdrücken will⸗ kommen. Darauf erklärte ſie Lord Chartley und ſeinen Be⸗ gleitern, daß ſie ihr Mahl, da ſie ſo ſpät gekommen, bis nach der in einer halben Stunde ſtattfindenden Komplete verſchieben müßten; der Gottesdienſt in der Kapelle, zu dem ſie die ganze Geſellſchaft einlud, würde ungefähr zehn Mi⸗ nuten wegnehmen, und mittlerweile ſeyen ſie an die Laien⸗ beamten des Kloſters verwieſen, die für ihre bequeme Unter⸗ kunft Sorge tragen würden. Nach der Komplete werde ſie die ihr vorgeſtellten Edelleute zum Abendeſſen in dem klei⸗ nen Sprechzimmer empfangen, während das übrige Gefolge in der Halle geſpeist werde. Nach dieſer Erklärung wollte ſie ſich zurückziehen; allein Lord Chartley folgte ihr einige Schritte und ſagte ihr einige leiſe Worte, auf die ſie erwiederte: „Allerdings, mein Sohn. In fünf Minuten werdet Ihr 61 mich am Gitter finden— jener Gang zur Linken führt dahin.“ „Da haben wir's,“ rief Sir Edward Hungerford, der ſeines Freundes Vorgehen bemerkt hatte.„Chartley fragt ſie bereits, ob ſie nicht von den zwei ſchönen Mädchen eine entbehren könne, um ihn auf ſeinem Mondſcheinritte nach Leiceſter zu tröſten. So kappert er einem immer den Markt weg. Bei meinem Leben! er ſollte uns armen Rittern doch auch eine Ausſicht laſſen.“ „Ihr würdet die ſchönſte Ausſicht von der Welt mit Eurer Fopperei vergenden,“ bemerkte Sir William Arden, ein ſtark gebauter Mann mit dunklem Geſicht von etwa vierzig Jahren.„Der Handel iſt jedenfalls raſch abge⸗ macht, denn dort kommt er ſchon wieder.“ Der junge Edelmann, der wieder zu den Anderen ge⸗ ſtoßen war, folgte einigen Kloſterdienern nach den ihnen an⸗ gewieſenen Zimmern, wo ſie Waſſerkannen und Handtücher bereit fanden, um ſich zum Abendeſſen bereit zu machen. Wenige Minuten ſpäter ging der junge Chartley über den Hof und verfügte ſich nach dem Gitter im Sprechzim⸗ mer. Es war noch Niemand anweſend und er betrachtete die große Glocke, ungewiß, ob er ſie anziehen ſollte oder nicht. Ehe er ſich jedoch entſchieden hatte, kam auf der an⸗ dern Seite ein Licht zum Vorſchein, und die Aebtiſſin erſchien unter dem Vortritt einer kerzentragenden Nonne, welche alsbald wieder verſchwand, ſo wie ſie das Licht niedergeſetzt hatte. „Kord Chartley war nicht der Mann, der bei jedem 62 Schritte, den er vorhatte, zu zoͤgern oder zu ſtolpern gewohnt war; aber diesmal zauderte er doch eine Weile, und da auch die Aebtiſſin unſchlüſſig war, ſo ſchien das Geſpräch nicht ſo bald beginnen zu wollen. Das Schweigen dauerte in der That ſo lange, daß der junge Lord endlich zu fühlen begann, wie es etwas lächerlich wurde, und er begann deßhalb in luſtiges Lachen ausbrechend: „Verzeiht meine Fröhlichkeit, Lady, denn es kommt mir ſehr abgeſchmackt vor, daß ich wie ein Schulknabe daſtehe und mich beſinne, obgleich der Gegenſtand, den ich zu be⸗ ſprechen wünſche, ein ernſthafter iſt. Ich hoffte beinahe, Ihr würdet mir zu Hülfe kommen, denn es kam mir vor, als ob Eure Augen einen Blick des Erkennens ausgedrückt hät⸗ ten, während ich Euch unten einen meiner Begleiter vor⸗ ſtellte.“ „Ei, mein Sohn, es war an Euch zu reden,“ erwiederte die Aebtiſſin;„ich konnte nicht wiſſen, ob Ihr ſelbſt Kennt⸗ niß davon hattet, was Ihr thatet.“ „So habt Ihr Euch ſeiner erinnert?“ rief Lord Chart⸗ ley.„Das iſt ganz gut, denn damit iſt ein Theil der Schwierigkeit und zwar der größte gehoben. Ihr wißt, daß ſeine Freiheit, wenn nicht ſein Leben in Gefahr ſchwebt, falls er entdeckt wird. Gleichwohl iſt es nothwendig, daß er ſich hier in der Nachbarſchaft womöglich einige Tage auf⸗ hält, und er hat mich angewieſen, Euch zu fragen, ob Ihr ihm aus alter Freundſchaft Schutz und nöthigenfalls einen Verſteck gewähren wollet.“ „Sagt ihm, Mylord, ſogar auf Gefahr meines Lebens ſolle er ihn haben,“ erklärte die Aebtiſſin;„dabei muß er jedoch wiſſen, welchen Grad von Sicherheit ich ihm gewäh⸗ ren kann. Die Kloſtermauern ſind zwar ſolid und ſtark; aber wir haben leider im Falle der Noth nur wenige Leute zur Vertheidigung aufzurufen, und ich habe die Nachricht erhalten, daß König Richards Leute emſig auf ihn Jagd machen. Sollten ſie ihn hier aufſpüren, ſo könnten ſie Ge⸗ walt anwenden, der ich keinen Widerſtand entgegenzuſetzen vermag.“ „Wenn Ihr gezwungen werdet, ihn auszuliefern, dann ſeyd Ihr alles Tadels überhoben, theure Lady,“ erwiederte Lord Chartley.„Der Gewalt kann man nur mit Gewalt begegnen, und man darf Niemand ſchmähen, wenn er der Nothwendigkeit weicht, gerade wie die muthigſte Dogge vor einem Löwen den Schwanz einzieht.“ 3 „Ei nein, ſo iſt's nicht ganz,“ meinte die Aebtiſſin. „Wir armen Frauen wiſſen, daß die Liſt oftmals die Stärke zu Schanden macht, und ich glaube für ſeine Sicherheit garantiren zu können, ſogar wenn die Thore forcirt und die Kloſtergebäude durchſucht würden. Wir haben hier einen Ausgang, den außer mir und zwei Anderen ſonſt Niemand kennt oder zu entdecken vermag. Auf ihm kann ich ihn mit⸗ ten in den Wald führen, wo es einer ganzen Armee oder eines Rudels von Hunden bedürfte, um ihn aufzufinden. Führer und Helfershelfer kann ich ihm verſchaffen, und ich hoffe die Bemühungen ſeiner Verfolger vereiteln zu können, wenn es auch nicht ohne Angſt abgehen mag. Bitte, ſagt ihm das Alles, damit er überlege und wähle, was er thun will.“ * 64 „Lieber Gott! er hat keine andere Wahl, als hier zu bleiben oder nach Leiceſter zu gehen und dort dem Löwen in den Rachen zu laufen. Er hat Muth genug in einer guten Sache, wovon Ihr Euch überzeugen könntet, wenn Ihr wüßtet, unter welchen Gefahren er ſeither gereist iſt.“ „Ei ja, Mylord, das möchte ich gerne erfahren,“ be⸗ merkte die Nonne.„In Zeiten und Umſtänden wie dieſe muß man vorſichtig— ſehr vorſichtig ſeyn, und ich hätte ſogar gegen Euch nicht erwähnt, daß ich ihn erkannt habe, wenn Ihr nicht davon angefangen hättet. Zuerſt ſagt mir, ob Eure Begleiter wiſſen, wer mit ihnen reist.“ „Nicht ein Einziger,“ verſicherte der junge Lord,„es wäre denn der ſubtile Sir Charles Weinants, und der thut, als ob er nichts ſähe. Er iſt mir allerdings verdächtig, und wenn meine Vermuthung richtig iſt, ſo haben er und der Biſchof während unſerer ganzen Reiſe ein hohes Spiel gegen einander geſpielt. Könnt Ihr unſerm Freunde nur auf drei Tage Sicherheit gewähren, ſo hat er das Spiel ge⸗ wonnen.“ „Gott gebe es!“ rief die Aebtiſſin.„Mit Hülfe der heiligen Jungfrau hoffe ich, daß es uns gelingen wird; ich fürchte jedoch, mein edler Sohn, daß wir durch das, was wir heute thun, den Zorn jenes Richard von Glouceſter auf uns ziehen können.“ „Ich fürchte nicht, ich fürchte nicht, theure Lady,“ be⸗ ſchwichtigte der junge Lord.„Wenn ich und meine Beglei⸗ ter nebſt unſerm ganzen Gefolge hier bleiben wollten, ſo könnte das allerdings Verdacht erregen; aber Niemand kann 6⁵ wiſſen, daß wir den guten Prieſter hier über Nacht laſſen, ſo daß die Verfolgung, auch wenn Zweifel entſtanden ſind, uns eher nach dem nächſten Nachtquartier folgen als ſich gegen das Kloſter wenden wird. Das iſt auch der Grund, warum ich noch heute Nacht wegreite, denn glaubt mir, ich moͤchte die Feindſeligkeit lieber von Euch ablenken als auf Euer Haupt heften. Ich hoffe jedoch, es hat keine Gefahr; als wir Tamworth verließen, ſchien Alles ruhig und fried⸗ lich— nirgends Bewaffnete, nirgends ein Anſchein von Verdacht oder Argwohn.“ „Weiß nicht, mein Sohn, weiß doch nicht,“ meinte die Aebtiſſin.„Ich wurde geſtern Nacht auf Eure Ankunft vorbereitet und dabei gewarnt, daß Gefahr folgen könnte.“ „In der That!“ rief Lord Chartley mit großer Ueber⸗ raſchung.„Das iſt eine befremdende Nachricht. Darf ich fragen, wer ſie Euch hinterbracht hat?“ „Einer dem ich vollkommen vertrauen kann,“ gab die Lady zur Antwort;„er iſt zwar nur ein Mann von unter⸗ geordneter Stellung, nämlich kein Anderer als unſer oberſter Waidmann, John Boyd. Ich weiß nicht, wie er's einrichtet, aber er erfährt Alles was in der Umgegend vorgeht, und er theilte mir mit, nicht allein daß Ihr hierher unterwegs ſeyd, ſondern auch daß Ihr einen Mann bei Euch habet, dem ich Zuflucht zu gewähren und für deſſen Sicherheit zu ſorgen ich aufgefordert werden würde. Er iſt es, deſſen Führung und Obhut ich den Biſchof im Nothfalle anvertrauen muß.“ „Pſch!“ mahnte Lord Chartley ſich umſchauend;„laßt uns keinen Namen nennen. Man heißt mich zwar raſch James. Der Waidmann. 5 66 und unbeſonnen, leichtſinnig und ſorglos; wo aber eines Freundes Sicherheit auf dem Spiele ſteht, da muß ich be⸗ hutſamer ſeyn als ich für mich ſelber wäre. Verzeiht mir, wenn ich frage, ob Ihr jenes guten Mannes auch ganz ſicher ſeyd.“ Die Aebtiſſin gab ihm jede denkbare Garantie, indem ſte ihm all' jene ſtarken Beweggründe zum Vertrauen gegen den Waidmann aufzählte, welche in ihren Augen wie wohl in denen der meiſten Frauen entſcheidend genug waren, ihren jungen aber erfahrenern Geſellſchafter jedoch nicht zu befrie⸗ digen ſchienen. Er erkundigte ſich nachdenklich, wo der Waid⸗ mann wohne, fragte dann, wie lange er ſchon im Dienſte des Kloſters ſtehe, und ſeine Nachforſchungen waren noch nicht zu Ende, als die Glocke zur Komplete läutete und die Aebtiſſin in die Kapelle rief. Als Lord Chartley wieder in den Hof hinabſtieg, fand er Sir Charles Weinants und den Prieſter vor der Kapelle auf und ab gehend; ſie ſprachen nicht mit einander, denn der Letztere ſchien ziemlich ſchweigſam und düſter. Mit ihm wünſchte der junge Edelmann ſehnlichſt zu ſprechen; allein er hielt es für gefährlich, ſeine Konferenz mit der Aebtiſſin irgendwie mit dem Prieſter in Verbindung zu bringen, in⸗ dem er ihn unmittelbar nach ihr anredete, und ſo wendete er ſich an Sir Charles Weinants mit dem Rufe: „Nun, Weinants, laßt uns in die Kapelle gehen. Es iſt ganz finſter, und ich ſehne mich nach dem Abendeſſen, um uns für unſern nächtlichen Ritt zu ſtärken.“ Der Prieſter ſprach kein Wort, ſondern folgte den beiden 67 Andern in die Kapelle, aus der ihnen das Flimmern der Kerzen und die ſüßen Töne des Geſanges entgegen ſtrömten. „Auch ich bin hungrig,“ bemerkte Weinants,„und ſtimme darin mit Euch ein, mein guter Lord, daß ein gutes Abend⸗ eſſen eine höchſt nöthige Vorbereitung für einen langen Ritt iſt. Ich hoffe, ſie werden's mit ihrem Singen kurz machen, denn, meiner Treu! ſogar der Weg von Tamworth hierher war eine gute Medizin für eine ſchlechte Verdauung. Ihr braucht Euch nicht nach den Andern umzuſehen; ſie warten alle ſehnſüchtig auf dieſes Gebet vor Tiſche. Nur Euer Ungläubiger macht eine Ausnahme, denn der ſtand vorhin im Stalle und hatte ſeine Arme um ſeines Pferdes Hals geſchlungen. Es ſollte mich nicht wundern, wenn die Beſtie eine verkleidete Prinzeſſin wäre, die von einem freundlichen Magier in dieſe Geſtalt verzaubert wurde, um ſeine Ge⸗ fangenſchaft theilen zu können.“ „Das wahrſcheinlichſte Ding von der Welt!“ erwiederte Chartley;„wäre ich an ſeiner Stelle, ſo würde ich ohne Zweifel eine Geliebte vorziehen, welche weniger Haar im Geſicht hätte. Doch kommt, laßt uns unſern Scherz be⸗ enden, denn hier ſtehen wir vor der Kapelle, und unſer ehr⸗ würdiger Freund könnte ſich vielleicht über Euch ſkandaliſiren.“ Mit dieſen Worten traten ſie in die Kapelle und ſtellten ſich neben einen der Pfeiler, während der Gottesdienſt vor ſich ging. So zahlreich auch die Ceremonien der römiſchen Kirche ſind, ſo haben ſie wenigſtens alle den Vortheil der Kürze, und die Beſucher der Abtei wurden diesmal ſogar noch we⸗ 5* 68 niger lange aufgehalten als die Aebtiſſin prophezeit hatte. Sobald die letzten Klänge des Geſangs verſtummt waren, verſchwand ſie mit ihren Nonnen hinter der vergitterten Gallerie, und jetzt zum erſten Male benachrichtigte ſie ihre Nichten, daß ſie Beide beim Abendeſſen ihrer vornehmen Gäſte erwarte. „Bitte, bitte, theuerſte Tante, entſchuldigt mich,“ rief Jola, während Konſtanze ſich ganz ruhig in die Sache fand. „Tauſendmal lieber wollte ich allein in der Büßerzelle ſpei⸗ ſen, als mit all' dieſen Männern zu Nacht eſſen. Sie haben mich heute ſchon einmal in Todesangſt verſetzt, beſonders jener luſtige prunkhafte Jüngling, welchen der junge Graf Hungerford nannte.“ „Es muß ſeyn, Jola,“ erwiederte ihre Tante.„Ich habe meine Gründe; ſteh' alſo ab von Deinem Unſinn, Kind. Was die Männer betrifft,“ fuhr ſie in heitererem Tone fort, „ſo wirſt Du bei längerer Angewöhnung bald finden, daß ſie keine ſo gar wilden wüthenden Beſtien ſind wie ſie aus⸗ ſehen. Es geht mit ihnen wie mit Bulldoggen: ſie ſind nur gefährlich für ſolche die ſich vor ihnen fürchten. Be⸗ handle ſie nur keck und laſſe ſie tüchtig ablaufen, dann wer⸗ den ſie bald ſchweifwedelnd vor Deinen Füßen kriechen. Ein Mann iſt ein höchſt verächtliches Geſchöpf, mein theures Kind, wenn Du nur Alles wüßteſt. Du ſollſt jedoch neben dem Prieſter— zwiſchen ihm und dem jungen Lord— ſitzen; dadurch wirſt Du dem Andern ausweichen, der nur einer jener faden Höflinge iſt, derer ich mich noch aus meiner Jugend erinnere— ein Weſen, das ein geiſtreiches Weib zu 69 todt drücken könnte, wie man eine Weſpe mit dem Falken⸗ handſchuh zermalmt. Konſtanze fürchtet ſich gewiß nicht vor ihm.“ „Ich moͤchte lieber nicht in ſeiner Nähe ſitzen,“ verſetzte dieſe gelaſſen.„Seine Parfümerien machen mich krank, und man iſt nicht gerne der nächſte Nachbar einer Zibetkatze. Laßt mich lieber den barſchen alten Ritter unterhalten, Tante. Seine rauhen Reden klingen meinem Ohre weit angenehmer als all' das ſüße Geſchwätz des Andern.“ „Daß Du ihn ja nicht in's Geſicht alt nennſt, Konſtanze,“ ermahnte ihre Tante,„ſonſt werden ſeine Reden gewiß rauh genug ausfallen. Ich glaube kaum, daß er vierzig iſt, Kind, und kein Mann hält ſich für alt, ehe er ſeine Siebzig auf dem Rücken hat; dann freilich fängt er an zu glauben, daß er alt wird und beſſer ein neues Leben anfangen ſollte.“ Die beiden Mädchen lachten laut und ſaßen wenige Minuten ſpäter, wie verabredet worden, an der reich beſetzten Tafel, welche ihre Tante für die vornehmen Gäſte hatte ſerviren laſſen. Bei der Feſtlichkeit ſelbſt will ich nicht verweilen. Der Leſer weiß ja, welch' reiche Vorräthe der würdige Waidmann herbeigeſchafft hatte, und würde nur wenig erbaut ſeyn, wenn er erführe, wie ſonderbar die verſchiedenen Gerichte aufgetiſcht, oder mit welchen menfvürdigen Saucen ſie ge⸗ würzt waren. Nach der damaligen Sitte des Tages dauerte das Mahl ſehr lange, und das Geſpräch war heiterer und lebendiger als man es zwiſchen ſolchen Kloſtermauern als Regel voraus⸗ 4 70 ſetzen ſollte. Anfangs ging es freilich etwas ſteif her; aber der junge Edelmann, der neben der Aebtiſſin ſaß, war ſo voll froher ſorgloſer glücklicher Laune, daß er die Zurück⸗ haltung friſcher Bekanntſchaft bald überwand, ſo daß Allen zu Muthe wurde, als ob ſie ſich ſchon lange gekannt hätten. Dies war bei der älteren Dame leichter zu bewirken als bei Jola, die auf ſeiner andern Seite ſaß; aber auch ſie konnte dem Strome nicht lange widerſtehen: ihre Schüchternheit— die natürliche Frucht ihrer Zurückgezogenheit von der Welt— wich allmälig vor ſeinem muntern Tone, bis ſie ſelbſt luſtig mit ihm lachte und plauderte und unbewußt all' die friſchen Gedanken eines frohen heiteren Herzens gleich den Waſſern einer Quelle dahinſtrömen ließ. Sie ſchwieg mit tiefem Erröthen, ſobald ſie entdeckte, daß dies der Fall war, worauf ihr Geſellſchafter den Kopf nach ihr neigend— denn das Geſpräch war in dieſem Augenblicke laut und allgemein— mit freundlichem anmuthigem Lächeln zu ihr ſagte: „Ei nein, ſchließt das Körbchen nicht ſchon wieder! die Juwelen ſind wohl werth, geſehen zu werden.“ „Ich weiß nicht, was Ihr meint, Mylord,“ erwiederte ſie, noch tiefer als zuvor erröthend. „Ich meine,“ fuhr er fort,„nach Eurem Blick und dem plötzlichen Schweigen z jeßen, habt Ihr eben entdeckt, daß Ihr Eures denen e theilweiſe— obwohl nur mit einer Ritze— vor dem Auge eines Fremden geöffnet habt, und ich möchte gerne, daß Ihr ſie nicht wieder mit dem Schlüſſel kalter Förmlichkeit verſchlöſſet. Mit Einem Wort: laßt uns fortfahren, wie wenn Ihr die Entdeckung „ * 71 gar nicht gemacht hättet; zieht Euch nicht in Euch ſelbſt zurück, als ob Ihr Eure wahre Natur nicht herauslaſſen dürftet, aus Furcht ſie könnte ſich erkälten.“ Ein unwillkürliches Lächeln kam auf Jola's Lippen, und nach kurzer Pauſe antwortete ſie freimüthig: „Wohlan, ich will auch nicht. Ohnehin kann ich ja nur auf kurze Zeit Luft ſchöpfen.“ In dieſem Augenblicke ſchien das allgemeine Geſpräch zu ſtocken, und Lord Chartley ſah die Augen der Aebtiſſin auf ſich geheftet. „Es ſchmeckt vortrefflich, zur Paſtete verarbeitet,“ ſagte er kaut;„ich haſſe übrigens Paſteten aller Art, und wäre es auch nur, weil ſie ihren guten Inhalt hinter einer dicken Kruſte verbergen. Gleichwohl ſchmeckt es vortrefflich.“ „Was?“ fragte die Aebtiſſin. „Ein Eichhörnchen,“ erwiederte Lord Chartley.„O es giöt nichts Beſſeres als ſo einen luſtigen kletternden Nuß⸗ knacker, der von Aſt zu Aſt hüpft, den Thau des Himmels trinkt, ſich durch die freie Luft ſchwingt und von den oberſten Früchten nährt, deren Schale er erſt aufknacken muß um zum Kern zu gelangen. Ich verſichere Euch, es ſchmeckt vortrefflich in einer Paſtete.— Iſt's nicht ſo, Hungerford?“ „Ausnehmend gut,“ gab der Ritter von der andern Seite der Tafel zur Antwort;„ein junger Pfau iſt aber noch beſſer.“ In dieſer Art wurde das Geſpräch fortgeſetzt und Jola fand — ehrlich geſtanden— großes Ergötzen an der Sache. Sie vergaß jedoch nicht, dem Moͤnche zu ihrer Rechten freundliche 72 Aufmerkſamkeit zu erweiſen, und er ſeiner Seits ſchien durch ihr Benehmen erfreut und angezogen. Er ſprach nur wenig; aber was er ſagte war treffend und wirkungsvoll. Jola bemerkte übrigens, daß er kaum einen Biſſen anrührte, während die Andern die für ſie zubereiteten Leckerbiſſen ſich höchlich behagen ließen, und ſie drang deßhalb freundlich in ihn, daß er doch mehr Speiſe zu ſich nehmen möchte. „Ich bin ſehr müde, meine Tochter,“ ſagte er laut,„und fühle mich heute Nacht unwohl. Je weniger ich deßhalb zu mir nehme— deſto beſſer.“ Lord Chartley faßte alsbald dieſe Worte auf. „Ei, guter Vater,“ ſagte er,„wäre es da nicht beſſer, wenn Ihr Euch vor unſerem Ritte in Eurem Zimmer ein wenig ausruhtet? Ich habe den ganzen Abend bemerkt, daß Ihr leidend ausſahet.“ „Vielleicht wäre es beſſer,“ antwortete der Mönch, ſich erhebend;„ich will Euch jedoch in Eurem Vergnügen nicht verkürzen. Ich werde den Weg in meine Wohnung ſchon finden und will mich dort eine Weile niederlegen.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. Ein ganz leiſes Lächeln ſpielte um die Lippen des Sir Charles Weinants. Es verſchwand zwar augenblicklich wieder; aber es war bemerkt worden, und da er der vor⸗ ſichtigſte Mann von der Welt war, ſo fühlte er, daß dieſes Lächeln eine Indiskretion geweſen, und um es zu bemänteln, fragte er in luſtigem aber nicht auffallendem Tone: „Ei, was iſt denn mit dem Mönche? Ihr habt ihn durch Euer raſches Reiten marode gemacht, mein trefflicher 73 . Lord. Der arme Mann iſt wohl nicht an den Rücken eines Harttrabers gewöhnt, und wir haben die letzten zehn Meilen in weniger als einer Stunde zurückgelegt.“ „Er ſcheint in der That ſehr abgemattet,“ erwiederte Chartley;„ich glaube jedoch, die geſtrige Reiſe mehr wie die heutige hat ihn ſo ſehr ermüdet. Wir ritten volle vierzig Meilen, ehe wir mit Euch zuſammentrafen, und nachher noch fünf bis ſechs. Ihr wißt, Weinants, ich denke nie an ſolche Dinge, ſonſt hätte ich größeres Mitleid gehabt.“ Hier ſtockte die Unterhaltung abermals, und nachdem man noch eine halbe Stunde länger bei Tiſche geſeſſen, er⸗ hob ſich die ganze Geſellſchaft, und Lord Chartley verab⸗ ſchiedete ſich von der Aebtiſſin mit den Worten: „Ich hoffe, mein armer Freund, Vater William, wird jetzt wohl genug ſeyn, um weiter zu reiſen.“ „Könnt Ihr ihn nicht hier laſſen, mein Sohn?“ fragte die Aebtiſſin.„Er ſoll wohl gepflegt und gerne beherbergt werden.“ „O nein, nein,“ ervwiederte der junge Edelmann.„Er iſt jetzt wohl rüſtig genug, und ich muß auf mein eigenes väterliches Schloß eilen, theure Lady, da ich im Begriffe ſtehe, zum erſtenmale einen regelmäßigen Haushalt daſelbſt einzurichten. Ich muß ihn deßhalb wo möglich mitnehmen, da ein Almoſenier das erſte und Haupterforderniß iſt.— So lebt denn wohl und nehmt meinen beſten Dank für Eure Gaſtfreundſchaft. Ich will die beſprochene Sache nicht ver⸗ geſſen und nach meiner Ankunft alsbald dafür ſorgen.“ 74 Sechstes Kapitel. Auf dem Kloſterraſen vor den Mauern erklang die Trompete; beim Lichte der Fackeln und Laternen ſtieg der junge Lord mit ſeinen Begleitern im Hofe vor der Kapelle zu Pferde und ritt hinaus zu ſeinem Gefolge, nachdem er dem Kloͤſter einige reiche Geſchenke vermacht hatte. Der Himmel war zwar nicht unbewölkt, denn große ſchwere Dunſtmaſſen wälzten ſich über den ſüdlichen Horizont, und die Nacht war weit wärmer als die vorangegangene, woraus die Wetterkundigen auf Regen ſchloßen; der Mond ſchien jedoch hell und klar, ſo daß auf dem kleinen Raſen ſchier Tageshelle herrſchte. So wenig auch der junge Lord Chartley ein Freund von Thaten der Dunkelheit war, ſo hätte er doch die Strahlen des ſchönen Planeten diesmal vielleicht nicht ganz ſo hell gewünſcht. Auf alle Fälle ſchien er ſehr preſſirt und wollte die Reiſe ohne ſehr genaue Be⸗ ſichtigung ſeines Gefolges fortſetzen, denn er rief alsbald: „Allons, Arden; vorwärts Weinants! Laßt uns einen muntern Galopp anſchlagen. Wir werden heute Nacht gut ſchlafen.“ Allein Sir Charles Weinants' Auge muſterte das Häuf⸗ lein beim Mondlicht genauer als das ſeines Gefährten, und er fragte laut: „Ei, wo iſt denn der Mönch?“ „Er iſt zu unwohl, um heute Nacht zu reiten; er wird morgen nachfolgen,“ erwiederte Lord Chartley in gleich⸗ gültigem Tone, und ſeinem Roſſe die Sporen einſetzend 75 ſprengte er an, doch nicht ohne zu bemerken, wie Sir Charles Weinants einem ſeiner eigenen Diener ein höchſt auffallen⸗ des Zeichen gab. Der Ritter legte ſeinen Finger an die Lippen, deutete mit dem Daumen nach der Abtei und ſtreckte dann zwei Finger derſelben Hand in die Höhe. Kaum war dies geſchehen, als er ſeinen Zügel anzog und ſeinem Ge⸗ fährten folgte, anſcheinend unbewußt, daß er beobachtet wor⸗ den war. Einige Minuten lang ſchien der junge Lord unruhig; ſchweigend und mit häufigen ſcharfen Seitenblicken nach denen die hinter ihm kamen ritt er dahin; doch bald gewann er ſeinen Gleichmuth— faſt möcht ich ſagen ſeinen Froh⸗ ſinn— wieder, denn er lachte und plauderte luſtig mit ſeiner Umgebung, beſonders als ſie einen Stich der Straße er⸗ reichten, wo dieſe im Walde einen ſo ſteilen Hügel hinan⸗ ſtieg, daß der Schritt der Pferde nothwendig verkürzt werden mußte. Sir Charles Weinants ſeiner Seits ſtimmte mit ruhiger feingebildeter Munterkeit ein und ſchien vollkommen offen und unverlegen. Der Inhalt ihres Geſpräches war zwar kein ſehr heiterer, denn ſie kamen bald auf die Entdeckung eines Leichnams zu ſprechen, der die Nacht zuvor— wie man vermuthete, durch einen Sturz vom Pferde getödtet— an dieſer ſelben Straße gefunden worden. Die Nachricht ſelbſt hatten ſie in der Abtei vernommen, wo der Getödtete noch jetzt lag. Allein der leichtſinnige oberflächliche Menſch läßt ſelten einen Unfall, der ſeinen Nachbarn begegnet, einen tiefen oder bleibenden Eindruck auf ſich ſelbſt machen, und es war wirklich zum 76 Staunen, wie ſich dieſe Edelleute über das Schickſal des Todten luſtig machten. „Da ſeht, Weinants, was es heißt: Eile mit Weile,“ ſagte Lord Chartley.„Der Burſche hat ohne Zweifel ein Miethpferd geritten; er glaubte wohl, daſſelbe bergauf bergab ſo viel er wollte ſtrapatziren zu können, und da hat ihn dann das arme Thier abgeworfen, um ſeiner unerfreu⸗ lichen Bürde los zu werden.“ „Da hat es ganz Recht gehabt, möcht' ich behaupten,“ bemerkte der barſche Sir William Arden. „Ei, wie könnt Ihr das wiſſen, Arden?“ fragte Sir Eduard Hungerford, der ſein eigenes Roß als bewährter Reiter äußerſt vorſichtig behandelte.„So viel wir wiſſen, kann er ſo tugendhaft wie ein Einſiedler geweſen ſeyn.“ „Der beſte Mann, der jemals lebte, verdient jeden Augen⸗ blick den Hals zu brechen, wenn nicht noch Schlimmeres,“ behauptete Arden,„und es gab noch nie einen königlichen Kurier— das ſoll ja der Burſche geweſen ſeyn— der nicht von dem Augenblicke, da er die Lidree anlegte, den Pranger verdiente—'s iſt nichts als lauter Gewürm. Ich wollte, ich dürfte einmal den Hof ſäubern: da ſolltet Ihr gar wenig Ohren oder Naſen im Bezirk des Palaſtes umherwandeln ſehen, und was dieſe Kuriere betrifft, die würde ich auf ein Pferd ſetzen, und durch Zwiſchenpoſten von Station zu Station etliche zwei⸗ bis dreitauſend Meilen peitſchen laſſen, bis ſie vor Hunger und Ermüdung todt zu Boden ſielen.— Wahrhaftig, das thät' ich: weder Speiſe noch Trank, weder Schlaf noch Ruhe ſollten ſie haben, bis ſie kaput wären.“ 77 Lord Chartley lachte, denn er kannte ſeinen Freund recht wohl, und Sir Charles Weinants fragte: „Ei, was thun denn dieſe armen Teufel, um ſo hohen Unwillen zu verdienen, Arden?“ „Was ſie thun?“ rief der Andere.„Fragt lieber, was ſie nicht thun. Sind ſie nicht die Miniaturtyrannen jedes Gaſthofes wie jedes Dorfes? Halten ſie ſich durch die teuf⸗ liſche Livree, die ſie tragen, nicht für berechtigt, jeden Wirth und Pächter auszuplündern, Wein und Bier gratis zu ſau⸗ fen, ihre Töchter zu küſſen, ihre Weiber zu verführen, und ihre Pferde todt zu hetzen, weil ſie in des Königs Dienſte ſtehen? Der Henker hole das ganze Pack! Wir haben in unſerem ganzen Kriminalkoder keine Strafe, die nicht zu gut für ſie wäre.“ „Still, ſtill, Arden,“ rief Lord Chartley, abermals la⸗ chend.„Nehmt Euch in Acht, ſonſt wird es Weinants dem Könige ſagen, und es wird Euch dann als Hochverrath angerechnet.“ „Wie ſo, wie ſo?“ fragte Sir William Arden auffah⸗ rend, denn der bloſe Name Hochverrath war keine Kleinig⸗ keit in jenen Tagen, wo das Henkerbeil ſelten lange polirt blieb, bis es wieder mit Menſchenblut gefärbt wurde. E „Nun, kennt Ihr nicht das alte Sprüchwort: Wi er Herr, ſo der Diener'?“ fragte Chartley.„Wenn Ihr des Königs Kuriere alſo ſchmäht, ſo ſchmäht Ihr den König ſelber. Das ſcheint mir auf alle Faͤlle vorbedachter Ver⸗ rath.— Was meint Ihr, Hungerford?“ „Ganz richtig,“ erklärte der Gefragte mit herzhaftem 78 Gähnen.„Aber auch ich haſſe alle Kuriere; ſie ſind höchſt unſchmackhafte Geſellen, überreichen ihre Schreiben mit heißen Händen und ſchleppen Einem einen ſchändlichen Ge⸗ ruch nach Pferdefleiſch und Sohlenleder in's Zimmer. Ich laſſe Alle, die zu mir kommen, eine Stunde lang im kalten Vorzimmer warten, damit ſie ſich vorher lüften und abkühlen.“ Lord Chartley ſchien alle Perſonen ſeiner Umgebung mit wahrem Ergötzen zu ſtudiren, hielt aber offenbar Augen und Ohren fortwährend wachſam, denn nachdem ſie ein paar Meilen durch den Wald geritten waren und eine ſchat⸗ tige Stelle erreicht hatten, wo die Strahlen des Mondes nicht durchdrangen, ſah man ihn plützlich ſein Pferd anhal⸗ ten mit dem Rufe: „Es hat Einer unſer Häuflein verlaſſen.— Horch! wer reitet da weg?“ „Meiner Treu! ich weiß es nicht,“ erklärte Sir Char⸗ les Weinants. „Ich höre Niemand,“ erklärte Hungerford. „Man vernimmt Pferdegetrappel— das iſt kein Zwei⸗ fel,“ ſchrie Sir William Arden. 3 „Hört mich, ihr Herren! Hat Einer Jemand zurückge⸗ ſchickt?“ fragte der junge Baron in ſtrengem Tone. Ein allgemeines Nein war die Antwort. „Beim Himmel! dann will ich ihn herausfinden,“ rief Chartley.„Reitet zu, ihr Herren, reitet zu— ich will ihn bald einholen.“ „Laßt mich mit Euch reiten, mein guter Lord,“ ſagte Sir William Arden. 4 79 „Nein, nein, ich will ihn ſchon finden und allein mit ihm fertig werden,“ erklärte der junge Lord, und ſein Roß herumwerfend fuhr er fort:„Ihr könnt mich zu Hinckley erwarten, wenn Ihr wollt.“ Mit dieſen Worten ſprengte er hitzig die Straße hinab, die nach dem Kloſter führte. Die Zurückgebliebenen hielten eine Weile ſtill, voll Verwunderung über die Raſchheit und Sonderbarkeit ſeines Gebahrens. „In des Glückes Namen! Warum nimmt er nicht Je⸗ mand mit ſich?“ rief Sir Eduard Hungerford. „Jeder muß ſeine Angelegenheit am beſten verſtehen,“ gab Arden barſch zur Antwort. „Still, ſtill!“ mahnte Sir Charles Weinants.„Laßt hören, welchen Weg er einſchlägt.“ Die Straße durch den Wald theilte ſich etwa zweihun⸗ dert Schritte hinter ihnen in zwei Nebenwege: der zur Lin⸗ ken, den ſie hergekommen, führte direkt nach dem Kloſter und ſeinem kleinen Weiler; der zur Rechten leitete in ziem⸗ lich ſtarkem Bogen nach dem kleinen Städtchen Atherſton. Sobald Sir Charles Weinants ausgeredet hatte, konnte man Lord Chartley's Roß ganz deutlich in wüthender Eile dahin ſprengen und gleich darauf die Richtung zur Rechten einſchlagen horen. Das Häuflein der Reiter hielt noch im⸗ mer ſtill und horchte, bis aus den Klängen der Pferdehufe ſo viel deutlich wurde, daß der junge Edelmann die Straße nach Atherſton eingeſchlagen hatte. Sir Charles Wei⸗ nants ſchopfte tief Athem und ſagte in beruhigtem Tone: 2 80 „Wohlan, laßt uns weiter reiten. Wir köͤnnen ihn zu Hinckley erwarten; er iſt ohne Zweifel wohl geborgen.“ Sir William Arden ſchien zu zögern, und Lord Chart⸗ ley's Haushofmeiſter äußerte in zweifelndem Tone: „Ich meine, wir ſollten auf Mylord warten.“ „Ihr hörtet, was er ſelber ſagte,“ erwiederte Sir Charles Weinants.„Uns bleibt nichts übrig, als lang⸗ ſam weiter zu ziehen und ihn zu Hinckley zu erwarten, wenn er uns nicht unterwegs einholt.“ So wurde es endlich beſchloſſen, und die Reiter zogen im Schritte in der eingeſchlagenen Richtung weiter. Stunde um Stunde verſtrich, ohne daß der junge Lord ſie einholte, indem ſie hie und da einige Minuten ſtill hiel⸗ ten, ob man etwas von Pferden herankommen höre, und dann ihre Reiſe weiter fortſetzten, bis ſie endlich Hinckley erreichten. Sie ritten eben in dem Augenblicke, da die Kärrner von Aſhby de la Zouche nach Nordhampton mit ihren Packpferden ſich einzuſtellen pflegten— in den Hof der Herberge, und bald war der Wirth nebſt ſeinen Knechten und dem ganzen Hausgeſinde mit zahlreichen Laternen um ſie verſammelt. „Halt!“ rief Sir William Arden, als die Diener eben abſtiegen und die Roſſe ihrer Gebieter in die Ställe führen wollten,„wir wollen doch ſehen, wer fehlt.“ „Iſt nicht noͤthig,“ meinte Sir Charles Weinants. „Wir werden es ohne Zweifel bald genug erfahren.“ Allein der gute Ritter, der ein tüchtiger Kriegsmann und einer der beſten Feldſoldaten ſeiner Zeit war, blieb 81 hartnäckig bei ſeinem Vorſatze und ließ die Hofthore ſo wie die Thüren der Herberge und der Stallungen wohl verſchließen. Die Diener mußten ſodann in abgeſonderten Gruppen auf⸗ marſchiren, das Gefolge jedes Herrn in beſonderem Häuf⸗ lein, worauf die Hausknechte mit ihren Laternen jedem Einzelnen ins Geſicht leuchteten. „Von Euren Leuten fehlt Einer, Sir Charles Wei⸗ nants,“ ſagte er endlich.„Er muß es geweſen ſeyn, der davonritt und die Andern im Walde verließ.“ „Um ſo dummer oder ſchurkiſcher von ihm,“ gab Wei⸗ nants kaltblütig zur Antwort.„Er ſoll für ſeine Mühe beſtraft werden und ſeinen Lohn verlieren. Wenn ich mich übrigens nicht irre, ſo fehlt noch ein Zweiter. Wo iſt Lord Chartley's Mohr? Ich habe ihn ſeit längerer Zeit nicht geſehen und kann ihn auch jetzt nirgends entdecken.“ „Er blieb im Walde zurück, Sir Charles,“ meldete ei⸗ ner der Diener,„um nach dem edlen Lord zu ſehen. Er ſagte: Gehe wer da will— ich bleibe hier.“ „Vielleicht iſt mein Burſche in derſelben Abſicht zurück⸗ geblieben,“ bemerkte Sir Charles Weinants. „Nein, Sir,“ erwiederte ein Anderer von der Diener⸗ ſchaft, der dem Sir William Arden angehörte.„Er ver⸗ ließ uns einige Minuten vor Lord Chartley, während wir noch durch den Wald ritten.“ „Nun gut, ihr Herren, ich werde hier bleiben, bis mein Freund kommt,“ erklärte Arden in markirtem Tone,„denn dieſe Geſchichte will mir gar nicht gefallen.“ „Und ich werde bleiben, weil ich für einen Tag weit ge⸗ James, Der Waidmann, 6 82² nug geritten bin und die Herberge ziemlich behaglich aus⸗ ſteht,“ verſicherte Sir Edward Hungerford. „Ich werde weiter reiten, ſobald meine Pferde gefüttert und getränkt ſind, da wichtige Geſchäfte mich nach Leiceſter rufen,“ erklärte Sir Charles Weinants in kaltem, entſchloſ⸗ ſenem Tone. Sein Entſchluß ſchien Arden gar nicht zu munden, denn dieſer ſirirte ihn eine Weile unter ſeinen gerunzelten Brauen, und ging dann einigemal im Hof auf und ab, ohne die Stallthüren öffnen zu laſſen. Weinants nahm jedoch dieſes Geſchäft ſelbſt auf ſich. Seine Pferde erhielten ihr Futter und verzehrten es in gie⸗ riger Haſt, worauf Sir Charles eben als die Fuhrleute anlangten aus dem Gaſthofe abritt, nachdem er ſich in den höflichſten, artigſten Ausdrücken von ſeinen Gefährten ver⸗ abſchiedet hatte. Sir William Arden ließ ihn— allerdings höchſt ungern — ziehen; ſobald er fort war, wendete er ſich zu Sir Eduard Hungerford mit den Worten: „Ich könnte ihm die Haut lebendig vom Balge ziehen, dem kaltblütigen Zwiſchenträger! Ich möchte wohl wiſſen, was aus Lord Chartley geworden iſt.“ „Ho, der iſt gewiß nur deßhalb zurückgeritten, um jener hübſchen Maid im Kloſter noch einige Worte zu ſagen,“ verſetzte Sir Eduard Hungerford im Tone affektirten Er⸗ ſtaunens.„Es ſollte mich nicht wundern, wenn ich ihn in einer halben Stunde mit der kleinen Hexe hinter ſich auf dem Kiſſen anſprengen ſähe.“ 83 „Pah! Ihr ſeyd ein Narr,“ ſchloß Arden und wendete ſich nach der Herberge. Siebentes Kapitel. Die Nacht war dunkel, und die Hütte ſah(wenigſtens im Innern) düſter genug aus. Die breiten Holzläden, welche Wind und Wetter ausſchloſſen, bedeckten die Oeffnungen, welche als Fenſter dienten, und weder Lampe noch Kerze, nicht einmal ein gewöhnlicher Harzſpahn erhellte das In⸗ nere. Doch war es nur ein Halbdunkel, was in dem erſten Zimmer herrſchte, das man beim Eintritt vom Walde her erreichte, denn ein großes Feuer brannte auf dem Herde und ein tüchtiger Holzklotz war eben erſt zugelegt worden. Die trockenen nicht abgehauenen Schößlinge und verwelkten Blätter, die noch immer an dem verwitterten Baumſtamme hingen, hatten zuerſt Feuer gefangen, und ihre Flamme zuckte in launiſchem Schimmer an den Wänden, deren gan⸗ zen Inhalt dem Auge entfaltend. Das Zimmer war groß und weit geräumiger, als man ſie damals ſogar in viel vornehmeren Wohnungen antraf, denn der oberſte Waidmann hatte bei gewiſſen Veranlaſſun⸗ gen eine große Zahl ſeiner Forſtleute unter dieſem Dache zu verſammeln. Ganze Hirſche wurden oft hereingeſchleppt, um ausgebrochen, abgewaidet— wie man es nannte— und für die Küche hergerichtet zu werden, ehe ſie den zarteren Handen im Kloſter überantwortet wurden. Des Waidmanns 6* 84 Wohnung war überdies in jenen Tagen das gewöhnliche Gaſthäus aller Wanderer und Pilgrime, und die guten Aeb⸗ tiſſinnen ließen immer recht gerne die Rechnungen paſſiren, welche der Förſter zuweilen für die Verköſtigung von Frem⸗ den und Landſtreichern auf ihrem Gebiete einzureichen hatte. Verglichen mit einer Armenhütte der jetzigen Zeit war die des Waidmanns zwar groß aber höͤchſt erbärmlich zu nennen; hielt man ſie jedoch neben die Schuppen der damali⸗ gen Bauerſchaft, ſo war ſie allerdings eine glänzende Woh⸗ nung. Die Wände waren wie bei einem Blockhauſe aus großen Baumſtämmen gebildet, die ſich in verſchiedenen Richtungen kreuzten und unterſtützten, ſo daß ſie nach Außen wie nach Innen einen nicht unangenehmen Anblick darboten. Die Zwiſchenräume waren mit Erde, vermiſcht mit kleinen Kieſeln und dickem Lehm, ausgefüllt; der Boden beſtand aus feſtgeklopfter, gehärteter Erde, war aber trotz aller Sorg⸗ falt von vielerlei Unebenheiten unterbrochen. Getäfel hatte das Zimmer keines, wie man ſich leicht denken kann; man ſah nur an der Decke ſchwere, rauh zubehauene Sparren, zwiſchen denen das Dach auf der Innenſeite durchguckte. Eine Scheidewand mit einer plumpen Thüre trennte das Gebäude etwa auf ein Drittheil ſeiner Länge, war aber nicht höher als die übrigen Deckenwände, d. h. etwa ſieben bis acht Fuß hoch, ſo daß unmittelbar unter dem Dache ein freier Durchzug für Luft, Ratten oder Mäuſe von einem Ende bis zum andern reichte, während der untere Theil des Baues in mehrere Gemächer geſchieden war. Das maſ⸗ ſivſte und ſolideſte Stück Architektur im Baue war das Ka⸗ min mit ungeheuer breitem Herd und vorſpringendem Man⸗ tel. Es beſtand aus denſelben zubehauenen Steinen, aus denen das Kloſter erbaut war, und mußte, ehe die Hütte er⸗ richtet worden— denn das Kamin wurde zuerſt erbaut— wie ein Obelisk mitten im Walde ausgeſehen haben. Wir haben zwar in unſerer Zeit jene Art von Gebäuden großentheils aufgegeben, und unſere Häuſer ſind allerdings wärmer und luftdichter als die damaligen; allein der Plan, nach welchem jene großen Holzſchuppen mit ihren nach Außen und Innen ſichtbaren Balken errichtet waren, hatte allerdings ſeine eigenthümlichen Bequemlichkeiten. So z. B. waren Nägel und Haken, Bretter und Geſimſe leicht an den Wänden zu befeſtigen, ohne daß man fürchten mußte, den Gypsanwurf herunterzuſchlagen oder die Malerei zu beſchädigen. Ich weiß in der That nicht, wie der Waid⸗ mann ohne dieſe Bequemlichkeit ausgekommen wäre, denn die Wände waren wenigſtens auf drei Seiten mit Haken und Nägeln vollgeſpickt, an denen alle Arten von Werkzeugen ſeines Berufes, nebſt einer Maſſe von ſonſtigen Habſelig⸗ keiten herumhingen. Da waren Aexte, Beile, Meſſer, Sä⸗ gen, Keile, Klöpfel, Hämmer und Spitzeiſen, lange Bogen, Armbrüſte, Pfeilbündel, Bärenſpeere, Netze, zwei bis drei langzinkige Gabeln, einige am Rande ſägenartig gekerbt, wie Neptuns Dreizack, offenbar zu dem Zwecke gearbeitet, um den widerwilligen Aal aus ſeinem angeborenen Schlamme herauszuholen. Nebendem ſah man verſchiedene Gewänder, wie ſie ein Waidmann tragen mochte, Lederkoller, ſchwere Stiefel, ein Tuchwamms, offenbar für Feſttage, Handſchuhe, 86 aus dem dickſten Hirſchfelle verarbeitet, und eine Kappe aus doppeltem gepreßtem Leder, faſt wie eine Sturmhaube geſtal⸗ tet, bei der es eines ſcharfen Schwertes und eines ſtarken Arms bedurft hätte, um ſie zu durchhauen. Neben dieſen Schutz⸗ waffen und Gewändern, welche wohl mehr für den Wald als für den Krieg beſtimmt waren, fand man aber auch die übliche Pickelhaube, den Bruſt⸗ und Rückenharniſch eines gewöhnlichen feudalen Bogenſchützen damaliger Zeit, denn jeder Waidmann war verpflichtet, dem Kloſter im Nothfalle eine gewiſſe Zeit lang in Waffen zu dienen. An dem oberen Gebälk hing zugleich ein höchſt behag⸗ licher Wintervorrath, verſchiedene fette Schinken, eine Halb⸗ ſeite von einem gedörrten und eingeſalzenen Damhirſch und mehrere Reihen großer Würſte wurden auf die approbirteſte Weiſe im Kamin geräuchert. Außerdem ſah man Bündel von getrockneten Kräutern nebſt etlichen marinirten Fiſchen, um der Linſenſuppe und den Eiern an Feſttagen als Würze zu dienen. Zwiſchen den großen Kaminflügeln auf einem plumpen Holzſtuhle, die Füße auf einen der eiſernen Hundsköpfe des Kaminroſtes geſtützt, ſaß der Waidmann und hatte die Arme über der Bruſt gekreuzt. Sein Rücken lehnte gegen die Kaminmauer; ſeine Augen waren auf das praſſelnde Feuer geheftet, wie wenn er ſich in einer jener nachdenklichen Stim⸗ mungen befände, wo Fantaſie und Auge thätig ſind und in der glühenden Aſche Schlöſſer, Thürme, Landſchaften und Geſichter erblicken, während der Geiſt, von der Außenwelt abgewendet, in der ſtillen Heimlichkeit des Herzens mit 1 87 Dingen von tieferem und perſönlicherem Intereſſe beſchäf⸗ tigt iſt. Neben ihm ſaß ein großer Wolfshund, ſo wie man ſie nicht häufig in England trifft, an Geſtalt einem rieſigen Windſpiele ähnlich, mit ſcheckigen, ſchieferfarbigen Haaren bedeckt, die beſonders um Kopf und Pratzen dick mit Grau beſprengt waren. Seine langen mageren Kinnladen ruhten auf des Waidmanns Knie, und er heftete ſeine beobachten⸗ den Augen bald auf das Feuer, anſcheinend, um es zu be⸗ wachen und über ſein Weſen nachzuſinnen, bald hob er ſie mit ſchläfrigem aber anhänglichem Blicke zu ſeines Herren Antlitz empor, wie wenn er gerne geſprochen und ihn ge⸗ fragt hätte:„was ſollen wir jetzt zunächſt vornehmen?“ Längere Zeit bekam das arme Thier nicht einen einzigen Blick von ſeinem Gebieter, denn dieſer hatte andere Dinge zu überlegen; endlich aber legte der gute Mann ſeine Hand auf den ſcheckigen Kopf und ſagte: „Treu und ehrlich und der Einzige dieſes Charakters.“ Er verſank hierauf wieder in ſein Nachdenken, bis ſich der Hund endlich erhob und mit langſamen ſtattlichen Schritten der Thüre zuging, wo er die Schnauze unterſchob und die äußere Luft zu beſchnuppern ſchien. Der Waidmann hob den Kopf in die Höhe und lauſchte: das einzige Ge⸗ räuſch, das man vernahm, war ein fernes Pferdegetrappel, und mit wohlzufriedenem Blicke zu dem Feuer ſich zurück⸗ wendend, murmelte der Waidmann: „Gut— er kommt dieſen Weg.“ Er rührte ſich nicht auf ſeinem Stuhle und ſchien der 88 Sache nicht viel Aufmerkſamkeit zu ſchenken, bis die raſchen Hufſchläge des Pferdes plötzlich zu verſtummen oder nach anderer Richtung ſich zu wenden ſchienen. „Das iſt auffallend,“ ſagte er jetzt aufſchauend.„Er kann doch ſeinen Weg nicht verfehlt haben, nachdem er ihn vorher zweimal gefunden hat.“ Er horchte aufmerkſam; doch kein vernehmbarer Laut traf ſein Ohr, und es war der Hund, welcher zuerſt entdeckte, daß ein Fremdling ſich nahe. Ein leiſes Knurren und dann ein wildes ſcharfes Bellen war das Zeichen, das er gab, ſo⸗ bald ſein Ohr einen fremden Schritt erhaſchte, und ſein Herr rief ihn alsbald mit den Worten zu ſich: „Hierher, Ban, hierher. Leg dich, Burſche, leg dich!“ worauf ſich das gehorſame Thier augenblicklich ſeiner ganzen Länge nach neben dem Feuer ausſtreckte. Der Waidmann horchte nun in großer Spannung und unterſchied endlich den Schritt eines Herannahenden, zuwei⸗ len mit leiſen Pferdetritten untermiſcht, da das Hufeiſen von Zeit zu Zeit auf einen Kieſel in dem Raſengrunde trat, ſonſt aber auf dem weichen Boden kein Geräuſch verurſachte. — Nichtsdeſtoweniger blieb der Waidmann ſtillſitzen, bis der Lärm lauter und lauter wurde und plötzlich verſtummte, als ob der Wanderer auf dem kleinen Raſen Halt gemacht hätte. Dieſer Raſen dehnte ſich vergleichungsweiſe offen und frei von Bäumen etwa dreiviertel Morgen weit vor dem Hauſe aus und hatte nur hier und dort eine einſame Buche, die den größeren Theil des Raumes überſchattete. Unterholz war hier keines vorhanden; die ſchmale Waldſtraße durch⸗ „ 89 ſchnitt den Raſen in der Richtung gegen das ferne Städt⸗ chen und erweiterte ſich dem Hauſe des Waidmanns faſt gegenüber in eine Art von weiter Sandſpur. Sobald der Klang der Pferdetritte verſtummte, öffnete der urſprüngliche Bewohner die Thüre der Hütte und rief: „Halt, wer da?“ Die Antwort lautete wie gewöhnlich: „Gut Freund.“ Bevor jedoch der Waidmann ihm Glauben oder Zutritt geſtattete, verlangte er noch weitere Erklärungen, indem er fragte: „Heutzutag gibt ſich Jedermann als Freund an, wäh⸗ rend er doch oft ein Feind iſt. Sagt alſo: was für ein Freund und woher?“ Der Gaſt band jedoch ohne fernere Antwort ſein Roß an einen großen Eiſenhaken, der an einem der Außenbalken hervorragte, und ging dann gerade auf den Waidmann zu, der noch immer unter der Thüre ſtand. Dieſer firirte ihn ſcharf, als er näher kam, ſchien aber jetzt beſſer befriedigt, denn er trat einige Schritte zurück, um ihm den Zutritt zu gönnen. Der Fremde näherte ſich mit keckem freiem Schritte, trat ohne Umſtände in die Hütte und ſetzte ſich beim Feuer nieder. „Jetzt laßt uns ein wenig plaudern, mein Freund,“ be⸗ gann er, an den Waidmann ſich wendend;„aber erſt ſchließt die Thüre.“ Der Andere that wie er geheißen war, und betrachtete dann mit feinem Lächeln den Fremdling von Kopf bis zu 90 Füßen. Nachdem er ſeine Betrachtung geendet, ſchob er ſeinen eigenen Stuhl in einige Entfernung und ſetzte ſich mit dem Rufe:„Wohlan,“ während der große Hund, nach⸗ dem er ruhig des Fremden Stiefel beſchnüffelt, den Kopf auf ſeines Herren Knie legte und ihm in's Geſicht ſchaute. „Ihr ſeyd ohne Zweifel ein gaſtlicher Mann,“ ſagte der Fremde,„und werdet mir hoffentlich auf ein paar Stunden Obdach gewähren. Ich bin ſcharf geritten, wie Ihr ſehen könnt.“ „Aber nicht weit oder lang nach dem Abendeſſen,“ meinte der Waidmann:„doch was verlangt Ihr von mir, Mylord?“ „Ihr ſcheint mich zu kennen,“ erwiederte Lord Chart⸗ ley,„und ſeyd in der That ein ſehr unterrichteter Mann, wenn ich Alles glauben darf.— Seyd Ihr hier allein?“ „Ja, wir ſind Mann gegen Mann,“ gab der Waidmann lachend zur Antwort. „Steckt Niemand hinter jener Thüre?“ fragte Lord Chartley. 1 „Nichts Weſenhafteres als der Wind,“ entgegnete der Andere.„Davon habe ich zuweilen allerdings zuviel.“ „Sagt mir, woher kennt Ihr mich?“ forſchte Lord Chartley. „Ich habe nicht geſagt, daß ich Euch kenne,“ antwor⸗ tete der Waidmann.„Sind Eure Seiden⸗ und Sammt⸗ ſtoffe, Eure vergoldeten Sporen, das Kleinod auf Eurem Baret, nicht zu gedenken des goldenen Sankt Barnabas und Eures gewundenen Schwertgriffes— ſind ſie nicht hin⸗ reichend, um Euch als Lord zu bezeichnen? Doch Herr, 94 Herr! was kümmere ich mich um einen Lord? Ich kenne Euch übrigens und will Euch erzählen, in wiefern dies wun⸗ derbar iſt. Ich war geſtern in Tamworth und ſah einen äußerſt prächtig gekleideten Mann auf einem Roſſe, das ſeine volle dreihundert Angelus gekoſtet haben muß, mit et⸗ lichen vierzig bis fünfzig ſtattlich gekleideten Dienern; ich fragte natürlich einen der pfiffigen Leute des Ortes, wer der ſtattliche Mann auf dem feinen Roſſe ſey, und er nannte mir ihn als den jungen Lord Chartley. War das nicht überraſchend?“ „Nicht ſonderlich,“ erwiederte Lord Chartley lachend; „was aber ſpäter kam, war wunderbarer— nämlich wie dieſer pfiffige Mann erfahren haben ſoll, daß der junge Lord Chartley heute Nacht in dem Kloſter der heiligen Clara zu Atherſton zu Nacht ſpeiſen werde.“ „Allerdings,“ meinte der Waidmann in demſelben iro⸗ niſchen Tone,„beſonders da Lord Chartley ſeine Abſicht in luſtigem Tone gegen Sir Eduard Hungerford erwähnte, dieſer die Sache dem Sir Charles Weinants und Letzterer ſeinem Diener Dick Hagger erzählte, der ſie pflichtſchuldigſt dem Waidmann Boyd mittheilte und ſich bei ihm erkundigte, ob in der Abtei wirklich hübſche Mädchen zu ſehen ſeyen, oder ob der gute Lord blos einen ſchlechten Witz mache.“ „Der gute Lord war bei all ſeiner Mühe ein großer Narr,“ ſagte Lord Chartley nachdenklich,„und auch das nicht ſo ſehr wie es ſcheint, denn es war nothwendig, einem ſpionirenden Eſel einen Grund für die Reiſe anzu⸗ geben.“ 92² „Nehmt Euch in Acht, mein guter Lord,“ mahnte der Waidmann mit wichtigem Kopfnicken,„nehmt Euch in Acht, daß Ihr in dem ſpionirenden Eſel nicht einen bos⸗ haften Eſel entdecket. Dieſe Beſtien treffen zuweilen ſehr hart, wenn ſie ausſchlagen, und man kann nie wiſſen, wann's ihnen einfällt.“ „O das iſt ein zahmer Narr,“ meinte der Edelmann. „Den fürchte ich nicht; es gibt Andere, die ich mehr fürchte.“ „Und Keinen zu viel,“ erwiederte der Waidmann,„ob⸗ wohl Ihr Euch vor dieſem zu wenig ſcheuet.“ Lord Chartley verharrte einige Augenblicke in ſtummem Nachſinnen. Dann plötzlich ſein Haupt erhebend, ſchaute er dem Waidmann voll in's Geſicht und ſagte: „Kommt, kommt, mein Freund; wir müſſen offener mit einander reden. Wenn es wahr iſt, was die Aebtiſſin mir ſagte, ſo ſolltet Ihr wiſſen, daß wir keinen Scherz vorhaben.“ „Meiner Treu! ich ſcherze auch nicht, Mylord,“ ent⸗ gegnete der Waidmann.„Ich ſpreche in ſo nüchternem Ernſte, wie er mir in dieſer luſtigen Welt, wo Alles ſo leicht iſt, daß Nichts ein tiefes Nachdenken verdient— nur je zu Gebot ſteht. Es gab ja hier eine Zeit— und ich erinnere mich ihrer recht wohl— wo ernſthafte alte Graubärte es für einen Mord gehalten hätten, wenn man einem Menſchen ohne Kampf oder Verhör das Leben genommen hätte. Jetzt fallen die Häupter gleich Wallnüſſen um die gelbe Herbſtzeit, und man kümmert ſich nicht mehr darum, als ob es Kürbiſe wären. Dann entſinne ich mich auch wieder der Zeit, wo ein Mann ſeinem Weibe vertraute und ſie ihn nicht 93 verrieth, wo er einem Freund ſeine Börſe leihen konnte, ohne daß ihm dieſer als Bezahlung der Schuld die Kehle abſchnitt. Gelahrte Herren ſangen damals geiſtliche Lieder und keine weltlichen Balladen, und ſogar ein Höfling pflegte zuweilen die Wahrheit zu ſagen. Das iſt ſchon lange her; jetzt aber, wo man auf Leben, Treue und Wahrheit nicht länger als fünf Minuten über die Gegenwart hinaus rechnen kann— wie ſoll Einer da irgend eine Sache ſonderlich ernſt⸗ haft nehmen? Es iſt nichts mehr in der Welt übrig, was auch nur zwei Gedanken werth wäre.“ „Mich dünkt, doch,“ gab Lord Chartley zur Antwort; „Ihr habt übrigens angedeutet, was mich hierher brachte. Wenn Treue und Wahrheit von ſo kurzer Dauer ſind, wie Ihr behauptet, Meiſter Waidmann— wie wollt Ihr da, daß die Aebtiſſin oder ich oder ein Dritter, den ich für jetzt nicht nennen will, Euch in einer Sache vertrauen, wo ſein Leben, ja noch mehr als ſein Leben in Gefahr ſchwebt.“ „Es iſt eine bittere Nothwendigkeit, daß Ihr mir ver⸗ trauet, weil kein Anderer vorhanden iſt, auf den Ihr Euch verlaſſen könnet,“ antwortete der Waidmann in gleichgülti⸗ gem Tone.„Die Aebtiſſin wird mir vielleicht trauen, weil ſie mich kennt; Ihr, weil es zu ſpät iſt um andere Mittel zu erſinnen, und Euer Anonymus, weil er's nicht hindern kann.“ „Ich wüßte nicht, daß es zu ſpät wäre,“ meinte Lord Chartley.„Ihr habt das Kerbholz nicht ſo vollſtändig in Eurer Hand, Freund, daß Ihr die Rechnung machen könntet, ohne auch auf die andere Seite zu ſehen. Mit einem Wort: ich habe einen guten Vorwand benützt, um meine Freunde 94 und Diener zu verlaſſen und mich zu überzeugen, ob ich einige Garantie dafür erhalten kann, um Euch in einer ſo hochwichtigen Sache, wie ſie Euch vielleicht bald zufällt, mein Vertrauen zu ſchenken.“ „Die beſte aller Garantien für die Treue eines Menſchen iſt die Gewißheit, daß er durch Wortbrüchigkeit nichts ge⸗ winnen kann,“ antwortete der Waidmann.„Um alſo offen zu reden: ich wußte geſtern, daß der gute alte Vater Morton, Biſchof von Ely, in Mönchstracht zu Tamworth hauste. Heute weiß ich, daß er im Kloſter logirt. Hätte es mir geſtern oder heute beliebt, ſo hätte ich von König Richards Banden aus Coleshill ſo viele herbringen können, daß Seine Ehrwürden bald in den Tower transportirt worden wäre, und ich die Belohnung— wenn eine ſolche zu gewinnen iſt— davongetragen hätte. Es iſt alſo um kein Haar wahrſcheinlicher, daß ich ihn heute verrathen werde, wenn er jetzt unter dieſem Dache ſtünde, als es geſtern in Tamworth oder heute in Atherſton der Fall war.“ „Was Ihr da ſagt, iſt nicht ohne Wahrheit,“ verſetzte Lord Chartley,„und ich glaube, das Beſte wird ſeyn, wenn man eine gute Dogge den Boden auf ihre eigene Art be⸗ haupten läßt. Ich möchte aber gerne wiſſen, wie Ihr er⸗ fuhret, daß eine ſolche Perſon bei mir war.“ „Was hat das mit der Sache zu ſchaffen?“ fragte der Waidmann.„Ihr könnt es als ausgemacht annehmen. Ihr ſeht, ich bin wohl unterrichtet. Was liegt Euch daran, wie dies geſchah?“ „Weil es etwas verdäͤchtig iſt, daß Ihr von einer Snchs 95⁵ benachrichtigt wurdet, die auf Euren Beruf oder Eure Stellung keinen Bezug hat, während andere liſtige und wachſame Männer nicht dahinter kamen,“ gab Lord Chart⸗ ley kurz angebunden zur Antwort. „Ich wurde nicht benachrichtigt,“ verſicherte der Waid⸗ mann.„Jedes Ding iſt ganz einfach, wenn man ihm nur ſcharf in’s Geſicht ſieht. Ich ſah den Biſchof abſteigen, erkannte ihn und begriff ſogleich die ganze Affaire. Er hat ſich in früheren langverſtrichenen Jahren gegen eine mir theure Perſon gütig gezeigt, und ich vergeſſe nie ein Geſicht — das iſt Alles. Ihr habt mir jetzt tüchtig mit Eurem Ver⸗ höre zugeſetzt, mein guter Lord; laßt nun auch mich einige nicht minder wichtige Fragen an Euch ſtellen. Unter wel⸗ chem Vorwand habt Ihr Eure„Freunde und Diener ver⸗ laſſen?“ „Meiner Treue! Ihr wißt ſo viel, daß Ihr das wohl auch wiſſen ſolltet,“ erwiederte Lord Chartley.„Da ich Euch jedoch in wichtigeren Dingen vertrauen muß, ſo kann ich Euch ebenſo gut auch dieſes mittheilen. Ich hege einiges Mißtrauen gegen einen Mann unſerer Geſellſchaft, der erſt jenſeits Tamworth zu uns ſtieß und uns ſeitdem beharrlich anklebte.“ Wahrſcheinlich wie ein naſſer Stiefel einem geſchwol⸗ lenen Knöchel anklebt, wenn Ihr den Schurken Weinants meint,“ erläuterte der Waidmann. „Der iſt's, den ich meine,“ gab Lord Chartley zur Ant⸗ wort;„doch um auf Eure Erzählung zurückzukommen.“ Und er berichtete Alles, was ſich heute Nacht im Walde 8 96 zugetragen hatte.„Ich verfolgte den Mann nicht, wie ich vorgegeben,“ fuhr er fort,„weil ich das als nutzlos erkannte. Er hatte einen zu großen Vorſprung gewonnen; und über⸗ dies— was ſollte ich mit ihm anfangen, wenn ich ihn ein⸗ geholt hätte? Ich beſitze keine Gewalt über Sir Charles Weinants Diener, und er brauchte blos den Namen ſeines Herrn zu nennen und ſich auf deſſen Befehle zu berufen, ſo war meine Autorität zu Ende. Da aber die gute Aebtiſſin voller Vertrauen war, daß ſie unſerem Freunde mit Eurer Hilfe Sicherheit gewähren könne, ſogar wenn das Kloſter durchſucht würde, ſo kam ich hierher, um mich durch Eure eigenen Worte davon zu überzeugen.“ Während der junge Edelmann noch ſprach, hatte ſich der Waidmann mit geſpanntem eifrigem Blicke erhoben und ihn fortwährend betrachtet, ohne ihn jedoch zu unterbrechen, bis er zu Ende war. „Da muß nachgeſehen werden,“ ſagte er endlich;„es iſt keine Zeit zu verlieren. Seyd Ihr gewiß, daß Eure treff⸗ lichen Freunde weiter gezogen ſind?“ „So erſuchte ich ſie wenigſtens,“ erklärte der Andere. „Sie erſucht?“ wiederholte der Waidmann.„Wir müſſen beſſere Sicherheit haben, als bloſes Erſuchen,“ und ein Horn von der Wand nehmend, trat er unter die Thüre und blies zwei Noten doppelt wiederholt. „Wir werden bald Nachrichten haben,“ ſagte er, in die Hütte zurückkehrend.„Ich habe meine Wildhuter an ver⸗ ſchiedenen Punkten als Schildwachen aufgeſtellt, denn unſere hieſigen Spitzbuben lieben das Wildpret ebenſo gut wie ihre 97 Nachbarn und kümmern ſich wenig darum, ob es in oder außer der Jahreszeit geſchoſſen wird.“ „Ihr ſeyd alſo erſter Wildhüter wie oberſter Waid⸗ mann?“ erkundigte ſich Lord Chartley. „Ja, Mylord,“ gab der Andere zur Antwort.„Wir haben hier keine ſo feine Unterſcheidung oder Gradation und bringen allerhand Gewerbe wie Waidmann, Wildmeiſter, Hüter und Forſtwart unter einander. Es iſt hier nicht wie in einem königlichen Forſt oder gräflichen Park, wo Nie⸗ mand aus ſeinem Wege herauszutreten wagt.— Dieſer Sir Charles Weinants,“ fuhr er in nachſinnendem Tone fort— ver iſt alſo jenſeits Tamworth zu Euch geſtoßen. Da iſt es nur auffallend, daß er Euch nicht früher verrathen hat.“ *„Er ſchien nicht zu wiſſen, daß es etwas zu verrathen gab,“ erwiederte der junge Lord;„mit der unſchuldigſten unbefangenſten Miene plauderte er mit Sir Eduard Hunger⸗ ford über Spitzen und Wämſer, über die Eigenſchaften des ſpaniſchen Leders, über Frauen und Wohlgerüche, mit Arden über Pferde, Waffenrüſtungen, Kanonen und ähnliche Dinge, mit mir über Schafe, Poeſie und Politik, über die paſſende Einrichtung einer alten Halle oder die Veranſtaltung eines großen Weihnachtsfeſtes.“ „Er wußte ſeinen Mann gut auszuwählen,“ meinte der Waidmann mit ſpöttiſchem Lächeln. „So ſcheint es,“ erwiederte der junge Lord ziemlich ſtreng;„auch durfte er, wenn er meinen Freund in meiner Geſellſchaft verrieth, gewiß ſeyn, daß ich ihm die Kehle ab⸗ geſchnitten hätte, ohne erſt des Koͤnigs Erlaubniß abzu⸗ James. Der Waidmann. 7 98 warten, ſelbſt wenn er alle Könige der Chriſtenheit zu Beſchützern gehabt hätte.“ „Das mochte ihn allerdings zur Vorſicht mahnen,“ ver⸗ ſetzte der Waidmann.„Wir dürfen ihn jedoch unſere Be⸗ rathung nicht anhören laſſen und müſſen uns überzeugen, daß er und die Seinen wie auch Eure Leute weiter geritten ſind.“ „Wie können wir das erfahren?“ fragte Chartley. „Wir werden es alsbald hören,“ meinte der Waidmann. Zwei Minuten ſpäter ging die Thüre auf, und ein Mann in Jägertracht ſteckte ſeinen runden Lockenkopf zur Thüre herein und fragte: „Was wollt Ihr, Meiſter Boyd?“ „Wie geht es oben?“ fragte der Waidmann. „Alles gut,“ meldete der Jäger. „Auf der Straße?“ forſchte Boyd;„auf der Hinckley⸗ ſtraße.“ „Die Geſellſchaft aus dem Kloſter iſt ſo eben bis auf Drei vorübergezogen,“ erzählte der Mann.„Einer ritt zuerſt weg und ſchlug, wie Tim Herries ſagt, den Weg nach Coleshill ein. Der Andere folgte fünf Minuten ſpäter und kam hierher.“ „Wer war der Dritte?“ forſchte Lord Chartley haſtig. Der Mann gab einen Augenblick lang keine Antwort, ſondern ſchaute nur auf den Waidmann, der ihm zunickte, worauf der Mann erwiederte: „'s war der braune Mohr. Er ſteht da droben an der Straße im Angeſichte dieſer Thüre.“ 99 „Laßt ihn in Ruhe, laßt ihn in Ruhe!“ befahl der Waidmann.„Könnt Ihr ihm trauen, mein guter Lord?“ „Beſſer als einem König, einem Miniſter oder Lieb⸗ haber,“ erklärte Chartley.„Wenn es jemals außer bei einem Wächterhunde ächte Treue gegeben hat, ſo liegt ſie unter ſeiner braunen Haut vergraben.“ „Nach Coleshill?“ wiederholte der Waidmann nach⸗ denklich und ſein Horn in der Hand umdrehend, wie wenn er es neugierig unterſuchte.„Zehn Meilen auf dem nächſten Wege. Wir werden bald mehr hören, doch gewiß nicht vor drei Stunden.— Geht weiter, Dick, und ſtellt zwei bis drei Männer auf die Coleshillſtraße etwa eine halbe Meile jen⸗ ſeits der Abtei. Einer ſoll auf einen Baum klettern, und wenn er eine Bande herannahen ſieht, ſo ſoll er dreimal auf ſeinem Horne blaſen und zwar ſo lange, bis er Antwort erhält. Sobald Ihr ihn blaſen hört, lauft Ihr ſelbſt nach der Abtei und laßt Sankt Clara's Knäblein laut erſchallen. Sagt der Thürſteherin, ſie ſolle der Lady Aebtiſſin melden, daß Feinde herannahen, und daß ſte ſich unverzüglich vor⸗ ſehen ſolle. Dann ſammelt Ihr hier ſo viele Leute Ihr zuſammenbringen könnt, denn es könnte wohl etwas für uns zu thun geben. Fort mit Euch!— Und nun, mein guter Lord,“ fuhr er fort, ſo bald der Mann die Thüre geſchloſſen hatte,„muß ich mein Abendeſſen einnehmen; wollt Ihr mein Gaſt ſeyn, ſo ſteht Euch Waidmannskoſt zu Dienſten.“ „Ich habe bereits geſpeist,“ erklärte Lord Chartley; „mich dünkt, Ihr ſeyd für einen Forſtmann ſpät daran. Sie ſind ſonſt immer gleich bei der Hand mit ihren Mahlzeiten.“ 7* 10⁰ „Auch ich will mit der meinigen nicht zögern, da heute noch kein Biſſen über meine Lippen gekommen,“ erklärte der Waidmann.„Ich pflege vor Mitternacht nie etwas anzu⸗ rühren. Ich bin wie ein Jagdhund, der täglich nur eine Mahlzeit haben darf, wenn er ſein Amt gut verrichten ſoll.“ „Für einen Mann in Eurer Lage ſind Eure Gewohn⸗ heiten wie Eure Sprache ziemlich auffallend,“ meinte Lord Chartley. „O, was meine Sprache betrifft,“ ſagte der Waidmann: „ich habe Höfe geſehen und bin fein gebildet. Ich war mehrere Jahre Lakay bei einem vornehmen Manne; die Eiferſucht anderer Lakayen ſchadete meinem Vorrücken, und um mich vor Schlimmerem zu bewahren, lief ich weg und hielt mich an Wälder und Wilde; ich kann jedoch im Noth⸗ falle ebenſo zärtlich ſchwänzeln wie eine Kammerzofe, und bin ſo voller Artigkeiten wie der Affe einer Königin. Ich bin wie eine Wittwe von Sechzig, wie ein Pfarrer in roſti⸗ gem Schwarzrock ohne Pfarre: ich habe meine Sorgen ge⸗ habt und meine beſten Tage verlebt, was mich zu Zeiten melancholiſch macht; wenn's aber in meinen Kram taugt, ſo habe ich meine Artigkeit und die ausgewählten Worte, die man an Höfen unwillkürlich aufliest, noch nicht ver⸗ geſſen.“ Dies Alles ſagte er in bitterem höhniſchem Tone, wie wenn er ſich über die gerühmten Vorzüge luſtig mache, und Lord Chartley bemerkte: „Wahrhaftig, ich glaube, Euer letzter Beruf iſt ehrlicher als Euer erſter, mein guter Freund. Macht Euch jedoch —— — 10¹1 hinter Euer Abendeſſen und erzählt mir mittlerweile in ehr⸗ lichem Engliſch, was Ihr wohl glaubt, daß aus all' dieſen Dingen werden wird.“ Der Waidmann nahm eine große Schüſſel von einem Seitenbrette und goß daraus Milch in einen Eiſentopf. Dieſen hing er an einem über der Flamme baumelnden Haken über's Feuer, und als die Milch zu ſieden begann, ſchüttete er eine Handvoll Hafermehl darein und rührte es zugleich ſo lang um, bis es ein ziemlich dicker Brei geworden war. Dann nahm er das Gericht vom Feuer und ſtellte es auf den Tiſch, indem er den Reſt der Milch kalt zugoß. Man darf jedoch nicht glauben, daß er ſich all' dieſe Zeit über ſchweigend verhielt. Im Gegentheil: in kurzen abge⸗ brochenen Sätzen antwortete er auf des jungen Edelmannes Frage wie folgt: „Was daraus werden wird? Hm, Richards Banden werden in einer oder zwei Stunden vor der Abtei ſtehen und jeden Winkel derſelben durchſuchen, ſie vielleicht gar in Brand ſtecken oder was ihnen ſonſt zu thun beliebt.“ „Das werden ſie kaum wagen, ſollt' ich meinen,“ ſagte Lord Chartley;„die Abtei ſoll das Vorrecht eines Aſyles haben, und wenn König Richard eine Eigenſchaft auf Erden beſitzt, deren er ſich mit Recht rühmen darf, ſo iſt es die Strenge, mit der er die geſetzloſe Willkür unterdrückt, die ſich in dieſen Zeiten langen und wilden Haders erzeugt hat.“ „Ja, geſetzloſe Willkür an Anderen,“ meinte der Waid⸗ mann;„aber Verbrechen, in unſerem eigenen Intereſſe be⸗ gangen, werden in den Augen von Tyrannen zu leichten 10² Fehlgriffen. Der Mann, der einen Räuber oder Todtſchläger beſtraft, belohnt einen Mord, der um des Koͤnigs willen begangen wurde. Hat man den fürſtlichen Buckingham neulich etwa nach den Geſetzen beſtraft oder durch Seines⸗ gleichen gerichtet? Nein, nein: des Königs Wort war Bürg⸗ ſchaft genug für ſeinen Tod und wäre es ebenſo gut für die Plünderung der Abtei. Es gibt nur eine Rückſicht, die das Kloſter retten könnte. Der König möchte gerne für religiös gelten; er hat bisher das Heiligthum geachtet, ſo lange es ebenſo gut die Zwecke eines Gefängniſſes wie eines Zu⸗ fluchtsortes erfüllte; aber er iſt ebenſo liſtig wie entſchloſſen und wird ſchon Mittel finden, um ſeinen Antheil an der ihm Gewinn bringenden That zu verbergen. Schaut her, mein guter Lord; ſetzt den Fall, eine Bande von Plünderern greife die Abtei an, wie dies vor nicht gar langer Zeit ge⸗ ſchah; da könnte ein gefährlicher Biſchof dem König wohl in die Hände fallen, ohne daß der Monarch die That ein⸗ geſtände.“ „Aber ſeine Offtziere wirden, erkannt werden,“ erwiederte Lord Chartley. „Ja, wenn die That von regulären Truppen unter edlen Führern ausgeführt würde,“ entgegnete der Waidmann; „dieſe Banden zu Coleshill ſind aber bloſe Söldlinge, auf das erſte Gerücht, daß der Earl von Richmond herüber⸗ komme, in aller Eile zuſammengerafft. Seit jener Zeit weiß der König nicht, was er mit ihnen anfangen ſoll, und ſo liegen ſie hier herum in freien Quartieren, und fallen dem Volke zur Laſt— lauter Leute, die man leicht des⸗ —˖——Q——.OQ—·Q——: 103 avouiren kann. Es wird geſchehen, wie ich geſagt habe, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen. Iſt der Biſchof jetzt im Kloſter, ſo wird es hart hergehen: ſie werden jedenfalls nach ihm ſuchen, und wenn die Aebtiſſin klug iſt und meinem Rathe folgt, ſo wird ſie ihn mir herſchicken, und ich will für ſeine Sicherheit ſorgen.“ „Aber wo und wie?“ fragte Lord Chartley.„Dieſer Forſt iſt nicht ſo ausgedehnt, daß Ihr ihn vor einer genauen Durchſuchung verbergen könntet.“ Der Waidmann betrachtete ihn lächelnd und erwiederte: „Wir vertrauen ſeine Geheimniſſe nicht Jedermann; ſie ſind verwickelter als Ihr glaubt. Es gibt da tauſend Stellen, wo er verſteckt werden könnte, des alten Kaſtells auf dem Hügel gar nicht zu gedenken. Es war eine Veſte der Familie Morley und wurde unter dem vierten Heinrich während der Bürgerkriege eingenommen und zerſtört; die Ländereien kamen an das Kloſter. Das Schloß hat noch manche Zimmer und Hallen, wo ſelbſt die feinſte Spürnaſe unter des Königs Jagdhunden in Verlegenheit käme, wenn ſie einen Flüchtling herausriechen ſollte. Man könnte faſt ebenſo gut eine Ratte durch die Krypte einer alten Kirche verfolgen, als einen dort Verborgenen aufſpüren. Das iſt nur ein Ort; es gibt aber noch ein Dutzend andere, und es hängt von dem Augenblicke ab, wohin ich ihn zu führen be⸗ ſchließe. Darauf könnt Ihr Euch jedenfalls verlaſſen: ſteht er erſt außer den Kloſtermauern und unter meiner Obhut, ſo iſt er geborgen.“ „Das wollen wir hoffen,“ erwiederte der junge Edel⸗ 104 mann.„An Eurem guten Willen, Euren redlichen Abſich⸗ ten zweifle ich nicht; aber unſer Schickſal liegt nicht in unſerer, ſondern in des Himmels Hand, mein guter Freund. Wir müſſen eben thun, was wir können, und das Uebrige dem Willen Gottes überlaſſen, der Alles nach ſeinem Wohl⸗ gefallen anordnet und unſere Wünſche und Plane oft ver⸗ eitelt, wogegen wir ſeine trefflichen Abſichten nicht vorher⸗ ſehen können. Während Ihr Euer Abendeſſen einnehmt— für einen ſtarken Mann iſt es ziemlich armſelig— will ich hinausgehen und meinem ehrlichen Araber Ibn Ayoub ſagen, daß ich ſicher und wohlbehalten bin, ſonſt bleibt er hier als Wache ſtehen, bis ich oder die Sonne zum Vorſchein kommt, nachdem er mich hier einmal entdeckt hat.“ „Da hat er auch ganz Recht,“ antwortete der Waid⸗ mann.„Es iſt merkwürdig, wie dieſe Heiden oft ſo treu ſind. Bringt ihn hierher und laßt ihn ſein und Euer Roß in dem Schuppen hinter der Hütte einſtellen. Er wird den Weg ſchon finden, wenn er links herumgeht.“ Achtes Kapitel. Laßt uns jetzt eine Weile in die Kloſtermauern zurück⸗ kehren und ſehen, was dort paſſirte. Der Aufbruch der Gäſte hatte wenigſtens bei einigen der ſchönen Bewoh⸗ nerinnen jenes Gefühl von Leere hinterlaſſen, wie es be⸗ ſonders bei Solchen, deren gewoͤhnlicher Lebenslauf ſo ſtill 10⁵ und langweilig iſt, einer Periode ungewohnter Heiterkeit zu folgen pflegt. Jola empfand, daß das Kloſter ihr jetzt noch troſtloſer als früher vorkommen werde, und als ſie mit ihrer Baſe Konſtanze in dem kleinen Wohnzimmer ihrer Tante vor Bettgehen noch einige Minuten über die Ereigniſſe des Tages plauderte, konnte ſich ihr frohes Herz nicht enthalten, ihre ebenſo natürlichen als unſchuldigen Empfindungen vor der etwas ernſteren und beſonneneren Freundin auszuſchütten. „Wahrhaftig, theure Konſtanze,“ ſagte ſie,„ich wollte, ſie ließen uns von ſo heiteren Scenen, ſo luſtigen Augen⸗ blicken nie etwas ſehen, wenn es einem in der nächſten Minute nur wieder entriſſen werden ſoll. Wie ſchwerfällig wird die nächſte Woche verſtreichen, bis wir all' dieſe wogen⸗ den Federn, dieſe Sammt⸗ und Seidenſtoffe, die goldenen Stickereien, die feinen Reden und ergötzlichen Witze ver⸗ geſſen haben!“ „ECi, ich hoffe, Jola, Du haſt nicht allzuviel feine Reden angehört,“ erwiederte ihre Baſe mit ruhigem Lächeln,„denn ich ſah wohl, wie Jemand ſeinen Kopf tief zu Dir neigte und ſeine Worte mehr flüſternd als ſprechend auskramte, denen ein gewiſſes kleines Ohr ganz aufmerkſam zugewendet war.“ 2 „O ich hatte den charmanteſten Geſellſchafter, den ich noch je geſehen,“ antwortete Jola,„ganz geeignet, um mir auf einem langen Ritte durch den Wald als Begleiter zu dienen, ebenſo ſorglos, ebenſo luſtig und aufgeräumt wie ich ſelbſt, der mich eben ſo bald vergeſſen wird, wie ich ihn ver⸗ 106 geſſen werde, ſo daß Keinem von Beiden ein Leid erwächst.— Wie war der Deinige, Konſtanze? Er ſchien ſo brummig wie eine große Kirchenglocke und ebenſo ernſthaft als die Geſtalt des Moſes, wie er die Tafeln zerſchlägt.“ „Für einen Mann war er gut genug,“ verſetzte Kon⸗ ſtanze.„Er hätte jünger und in ſeinen Worten artiger ſeyn können, denn ſein Haar war grau geſprengelt, und er ſchimpfte auf Gott und die Welt von dem König auf ſeinem Throne bis zum Stalljungen, der ſein Pferd ſattelte. Gleich⸗ wohl war er ein Edelmann und gegen mich recht artig; ich glaube ſogar, theure Jola, ſein Herz iſt nicht ſo hart wie ſeine Worte, denn ich habe einmal in einem alten Buche geleſen, daß harte Reden oft mit milden Thaten Hand in Hand gehen.“ „Aha, ſprichſt Du ſo, liebe Konſtanze?“ rief Jola;„da dünkt mich, Du habeſt dieſem Sir William Arden ziemlich ſcharf in's Herz geguckt. Nun, nun, Du biſt frei und kannſt lieben, wen Du willſt. Ich bin wie ein armer an die Stange gefeſſelter Papagei, auf den jeder Bogenſchütze ſeinen Pfeil anlegen darf, während ich nichts thun kann als ſtillſitzen und ausharren.— Ich möchte oft wiſſen, was dieſer Lord Ful⸗ mer— mein künftiger Gatte, ſo Gott will!— für ein Mann ſeyn mag. Ich hoffe, er iſt kein ſauertöpfiſcher Menſch mit ſchwarzem Barte, auch darf er nicht ſchielen und keine hohe Schulter haben, wie der König, und ſeine beiden Augen müſſen von einer Farbe ſeyn, denn ich haſſe die Glasaugen ſchon an Pferden, und an einem Ehemanne wären ſie noch ſchlimmer, wenn nicht etwa das eine ganz blind wäre, was —,— 107 allerdings einen Troſt abgaͤbe, da man ſich dann auf ſeine blinde Seite ſtellen könnte.“ „Wie Deine kleine Zunge wieder davonläuft,“ lächelte ihre Baſe.„Sie iſt wie ein Schooßhündchen, das man eben erſt auf's Feld hinaus läßt und das aus purem Muthwillen hin und her galoppirt.“ „Ei, ich will nun einmal luſtig ſeyn, was auch geſchehen möge,“ war Jola's heitere Antwort.„Es iſt die beſte Ma⸗ nier, um ſeinem Schickſale zu trotzen, Konſtanze. Sey Du ſo geſetzt und ernſthaft wie eine Katze vor dem Feuer, oder ſo traurig und feierlich wie der Epheu an einem alten Thurme: ich will luſtig ſeyn wie die Lerche im Fluge und heiter wie eine Stechpalme an Weihnachten, wenn ſie bei hohen Feſtlichkeiten einen Eberkopf ziert.“ Und ſo ſang ſie mit klarer melodiſcher Stimme, deren Klang von Luſt und Jubel überſtrömte, einige Strophen einer alten damals ſehr bekannten Ballade: Nein, Epheu, nein: Es ſoll nicht ſeyn. Dem Holder, dem gebührt der Kranz, Denn ſo will's Sitte fein. Holder ſchön iſt anzuſchaun Wohl in Hall' und Zelte; Epheu ſteht in Wintersgrau'n Draußen in der Kälte. Nein, Epheu, nein u. ſ. w. Holder und ſein froh Gelag Tanzen, lachen, ſpringen; Epheu ach! den ganzen Tag Weint er, ſtatt zu ſingen! Nein, Epheu, nein u. ſ. w. 108 Sieh den Holder! Beeren dran, Roth wie rothe Roſen. Für die Reh' der Jägersmann Hat ſie auserkoſen. Nein, Epheu, nein u. ſ. w. Sieh den Epheu! Beeren dran Schwarz wie dunkle Schlehe. Eule kommt, der Jammermann, Krächzt ihr trübes Wehe! Nein, Epheu, nein u. ſ. w. Mittlerweile war die Aebtiſſin ſelbſt nicht unthätig ge⸗ weſen, denn obgleich die Nacht raſch dahinſchwand, obwohl die gewohnte Ruheſtunde längſt vorüber war und die Non⸗ nen insgeſammt ſich in ihre Zellen entfernt hatten, ſo mußte die würdige Dame, ehe ſie ſich ſelbſt in ihr eigenes behag⸗ liches Stübchen zurückzog, noch mehrere von den Abteibe⸗ amten einen nach dem andern in dem großen Sprechzimmer abfertigen. Im Verkehr mit dieſen verſchiedenen Perſön⸗ lichkeiten entwickelte die würdige Frau trotz ihrer geringen Weltkenntniß nicht unbedeutende Geſchicklichkeit und diplo⸗ matiſche Schlauheit. Ihre Lage war in der That ſehr heikler Art, denn ſie hatte ſich gegen Ereigniſſe zu rüſten, die ſie den Andern nicht deutlich erklären durfte, hatte Be⸗ fehle zu geben, welche ohne ſolche Erklärung ſehr natürliche Ueberraſchung erregen mußten. Sie hatte ſich jedoch ihre Geſchichte ſchon zum Voraus zurechtgelegt und äußerte ſich gegen jeden der verſchiedenen Beamten auf andere Weiſe, wie eben die Bekanntſchaft mit ihren Charakteren es ihr als das Zweckmäßigſte anrieth. Den Thürſteher der großen —-—:2V·;:— 109 Halle, einem vierſchrötigen alten Manne, der einſt Soldat geweſen und Feldzüge erlebt hatte, ſagte ſie in kühnem Tone gerade heraus: „Ueberlaßt die Loge der Obhut Eures Knaben, Giles, und geht ſogleich in den Weiler hinab zu allen Pächtern und Pfründnern in der nächſten Nähe. Sagt ihnen, daß von Außen Gefahr drohe, und daß ſie ſich mit ihren Waffen parat halten müſſen, um herbeizueilen, ſobald ſie die große Glocke läuten hören. Heißt ſie einige Jungen mit derſelben Nach⸗ richt zu den etwas weiter weg wohnenden Vaſallen aus⸗ ſchicken; dann kommt hieher, denn wir werden Eurer be⸗ dürfen.“ Der Mann entfernte ſich ohne Erwiederung, ſtatt aller Antwort ſich nur mit dem Kopfe verneigend. Der Kloſtervogt, der von Rechtswegen vor dem Thür⸗ ſteher hätte kommen ſollen, der aber dadurch, daß er ſich etliche von den auf der Abendtafel zurückgebliebenen Lecker⸗ biſſen zugeeignet hatte, aufgehalten worden war, erſchien unter den Letzten. Gegen ihn nahm die Aebtiſſin eine ganz andere Miene an. „Wohlan, Meiſter Vogt,“ begann ſie mit munterem freundlichem Lächeln,„habt Ihr wohl ſchon von den Ban⸗ den zu Coleshill gehört?“ „Schlimme Affaire, Lady, ſchlimme Affaire,“ erwiederte der Vogt, ſeine Augen gen Himmel aufſchlagend.„Ich habe erfahren, daß einige von ihnen geſtern Nacht dem Jo⸗ ſeph Sarton die beſte Kuh geſtohlen und vor ſeinen Augen aufgefreſſen haben, indem ſie kaum die Haut abzogen.“ „Das beweist jedenfalls, daß ſte ſehr hungrig ſind,“ ver⸗ ſetzte die Aebtiſſin lachend. „Ja, Lady, da iſt nicht zu ſpaſſen, das kann ich Euch ſagen,“ erwiederte der Vogt.„Es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie über kurz oder lang über die Kloſtergüter herfielen, und ſo viel ich weiß, haben wir kein übriges Vieh im Stalle. Man kann nicht wiſſen, was ſolche Höllenbraten nicht noch Alles anfangen.“ „Sehr richtig bemerkt,“ gab die Aebtiſſin zur Antwort; „deßhalb hielte ich für beſſer, mein Sohn, wenn Ihr die nächſten zwei bis drei Nächte in der Loge ſchliefet, denn wir könnten Eurer vielleicht bedürfen.“ „O es iſt nicht zu fürchten, daß es ſo weit mit ihnen kommen wird,“ antwortete der Vogt, der keineswegs Luſt hatte, ſeinen Kopf in eine gefährliche Lage zu bringen. „Nichtsdeſtoweniger wünſche ich, daß Ihr bleibet,“ wie⸗ derholte die Aebtiſſin;„in Zeiten der Noth iſt es gut, wenn man einen Rathgeber in der Nähe hat.“ „Ei, da iſt ja der Mönch, gnädigſte Mutter,“ erwiederte der Vogt noch immer widerſtrebend;„der Mönch, den die jungen Lords im Kloſter zurückgelaſſen haben. Er wird Euch gerne Rath und Beiſtand gewähren.“ „Ja, geiſtlichen Rath und himmliſchen Beiſtand,“ erwie⸗ derte die Aebtiſſin; das iſt's aber nicht, was ich jetzt brauche. Ihr bleibt alſo wie geſagt hier und vergeßt nicht, daß ich dießmal, falls es etwas gäbe, eine keckere Haltung von Euch erwarte, als da die Räuber neulich einbrachen. Man be⸗ ſchuldigte Euch damals, daß Ihr Angſt habet.— Ihr könnt 111 übrigens den Möonch jetzt zu mir ſchicken, wenn er wohl ge⸗ nug iſt, um zu kommen; ich will ſehen, welchen Rath ich von ihm erlangen kann.“ „Wohl genug!“ rief der Vogt;„o, der iſt wohl auf! Ich wette, dem fehlt nichts. Iſt er ja doch mit zurückge⸗ worfener Kaputze im großen Hofe vor der Kapelle wie ein Waſſerhuhn auf einer naſſen Wieſe auf⸗ und abgewandelt, daß ſein Glatzkopf im Mondſchimmer leuchtete.“ Dieſe Worte wurden nur theilweiſe laut geſprochen; den andern Theil murmelte er vor ſich hin, während er das Zimmer in ſehr mürriſcher Laune verließ. Er wagte es nicht, den erhaltenen Befehlen den Gehorſam zu verſagen, denn die gute Aebtiſſin war dafür bekannt, daß ſie keine Vernachläſſigung ihrer Gebote duldete. Uebrigens werden Frauen niemals oder höchſt ſelten ihren Untergebenen den⸗ ſelben Reſpekt einflößen wie Männer, und der Kloſtervogt nahm keinen Anſtand, ſich mit ihr herumzuſtreiten, während er ſich tief verbeugt und ſchweigend gehorcht hätte, wenn die Befehle von Einem des ſtärkeren Geſchlechtes ausge⸗ gangen wären. Wie dem aber auch ſeyn mochte: kaum waren drei Mi⸗ nuten verſtrichen, bis der Mönch ins Sprechzimmer trat und die Thüre ſorgfältig hinter ſich abſchloß. Seine Kon⸗ ferenz mit der Aebtiſſin dauerte faſt eine volle Stunde und ihre letzten Worte lauteten: „Vergeßt alſo nicht, ehrwürdiger Vater, daß Ihr Euch in die Kapelle verfüget und in der Nähe des Hochaltars auf⸗ ſtellet, ſobald die Glocke läutet. Ihr könnt Euern Weg vor 112 Euch ſehen, denn es brennt immer eine Lampe in der St. Clarakapelle. Schließt die Hauptpforte hinter Euch zu; ich will von unſerer Gallerie aus zu Euch kommen.“ Der Biſchof neigte ſein Haupt und entfernte ſich, und die Aebtiſſin, von der Fatigue und Aufregung des Tages er⸗ müdet, war froh auch ihrerſeits zu Bette gehen zu können. Das ganze Kloſter lag in voller Ruhe, die Nonnen waren längſt ſchlafen gegangen, und ſelbſt die beiden Nichten der Aebtiſſin hatten ihre Augen ſchon längere Zeit in dem ſüßen, glücklichen Schlummer der Jugend geſchloſſen. Bald war auch die Aebtiſſin in Schlaf verſunken, denn ſie erinnerte ſich nur einmal in ihrem Leben ſo lange auf ge⸗ weſen zu ſeyn, als König Edward, der wollüſtige Vorfahr des jetzt regierenden Monarchen, das Kloſter auf einem ſei⸗ ner Züge beſucht hatte. Still und tief war ihr Schlummer; ſie merkte nichts von den vorüberziehenden Stunden und hörte nicht einmal die Kloſteruhr ſchlagen, obgleich der Glockenthurm ihrer Zelle gerade gegenüberſtand. Ja ſogar St. Clara's Knäb⸗ lein hörte ſie nicht ertönen, als dieſes kurz vor zwei Uhr ſcharf und wiederholt angezogen wurde. Wenige Minuten ſpäter klopfte es jedoch an ihrer Zimmerthüre, und als keine Antwort erfolgte, trat eine Laienſchweſter mit einer Lampe in der Hand ein, um ihre Oberin ziemlich plötzlich aufzu⸗ wecken. „Verzeiht, gnädigſte Mutter, verzeiht,“ ſagte ſie;„ich muß Euch wecken, denn Dick, der Unterförſter, iſt ſo eben angelangt, um Euch von Boyd, dem Oberwaidmann, zu 11³ melden, daß Feinde nahen, und daß Ihr Euch lieber alsbald vorſehen möchtet. Er ſagte, es ſey keine Zeit zu verlieren, denn ſie hätten bereits die Biegung bei der rothen Brücke kaum anderthalb Meilen von hier paſſirt, und wir— o Jam⸗ mer und Elend! ſind ganz unvorbereitet.“ „Nicht ſo unvorbereitet wie Ihr meint, Schweſter Grace,“ erwiederte die Aebtiſſin, ſich alsbald erhebend und ihr Gewand umwerfend.„Lauft zu dem Thürſteher und ſagt ihm, er ſoll die große Glocke mit aller Macht anziehen und das Hofthor für die Pächter und die Leute des Weilers öffnen, vor den Räubern aber wohlverſchloſſen halten. So⸗ bald Ihr dieſe Botſchaft ausgerichtet, eilt Ihr auf den Glockenthurm; der Mond muß noch am Himmel ſeyn—“ „Iſt ſchon hinunter, iſt ſchon hinunter,“ erwiederte die Nonne in großem Jammer. „Dann zündet das Becken an,“ befahl die Aebtiſſin. „Das wird Helle genug geben, um die Räuber näher kom⸗ men zu ſehen. Sobald Ihr bemerkt, daß eine Bande wie reguläre Soldaten daherzieht, läutet Ihr die kleine Glocke zur Benachrichtigung für den Thürſteher; beobachtet dann noch einige Minuten, was ſie vornehmen, und meldet es mir. Bleibt nur ruhig und achtſam, und laßt Euren Ver⸗ ſtand nicht durch die Angſt verjagen.“ Die Nonne beeilte ſich zu gehorchen, und eine Minute ſpäter hörte man die laute ſonore Allarmglocke des Kloſters mit ihrem dumpfen, gewaltigen Bimbam fern und nah über den Forſt hinſchallen. Nachdem ſie ihren Auftrag beim Thürſteher ausgerichtet, James. Der Waidmann. 8 114 eilte die arme Nonne mit der Lampe in der Hand die zahl⸗ loſen Stufen des Leuchtthurms hinan, indem ſie trotz der muthigen Worte ihrer Oberin an allen Gliedern zitterte. Auf der dicken ſteinernen Plattform des Thurmes fand ſie einen ungeheuren Haufen von Reiſigbündeln mit Pech unter⸗ miſcht zurecht gelegt: daneben lag ein Haufen friſches Holz, um nöthigenfalls darauf geworfen zu werden, nebſt einem großen Oelkrug und eiſernem Löffel, um die aufſteigende Flamme zu vergrößern. Zu allem Glück war die Nacht ruhig wie der Schlaf, und nicht ein Windhauch bewegte die Lüfte, ſonſt wäre der armen Schweſter in ihrer Angſt und Verwirrung die Lampe ſicherlich ausgeblaſen worden. Sie hatte ſie ohnehin ſchon bei dem erſten Verſuche, den Haufen anzuzünden, ſchier mit⸗ ten zwiſchen die Bündel fallen laſſen; im nächſten Augen⸗ blicke ſah ſie jedoch die dünnen trockenen Zweige, welche daruntergelegt waren, Feuer fangen, aufpraſſeln und faſt wieder ausgehen, bis das Feuer unter einer dicken Rauch⸗ wolke emporſtieg und das dickere Holz oben anleckte. Das Pech entzündete ſich, der ganze Haufen ging an und eine große faſt ſechzehn bis ſiebzehn Fuß hohe Flammenſäule ſtieg in die Lüfte, über die ganze Umgegend einen rothen, unglückweiſſagenden Schimmer verbreitend. Die Häuſer auf dem kleinen Raſen wurden alsbald deut⸗ lich ſichtbar wie die der Prieſter und Chorknaben nebſt den Hüt⸗ ten der Bauern und Taglöhner, und ihre Blicke in der Rich⸗ tung von Coleshill auf das Thal jenſeits heftend, ſah die Laienſchweſter in der Niederung dicht am Rande des Waldes 115 nicht ganz eine halbe Meile vom Kloſter entfernt, eine dunkle Maſſe, anſcheinend aus Reitern beſtehend, daher⸗ kommen. Zu gleicher Zeit erblickte ſie jedoch ein Schauſpiel, das ihr beſſere Hoffnung einflößte. Nicht allein aus den Hütten auf dem Raſen ſah ſie Männer auf das große Portal des Kloſters zueilen; auch auf den drei Straßen, die ihr Auge beherrſchte, bemerkte ſie achtzehn bis zwanzig Geſtalten, theils zu Fuß, theils zu Roß, welche in voller Eile daher⸗ rannten oder galoppirten. Sie kamen alle einzeln und von einander getrennt; aber die Flamme des Beckens leuchtete auf Stahlhauben, Panzer und Lanzenſpitzen, und ſie konnte leicht erkennen, daß die Pächter und Vaſallen, im Voraus gewarnt und durch den Klang der großen Glocke allarmirt, zum ſchuldigen Kriegsdienſte herbeieilten. Als ſie ſich wieder nach der auf der Coleshillerſtraße anrückenden Maſſe umſchaute, bemerkte ſte, daß die Spitze der Truppe Halt gemacht hatte, und ſie ſchloß ganz richtig, daß die Führer, durch das plötzliche Anzünden des Beckens und durch das Läuten überraſcht, zur Berathung angehalten hatten. Einen Augenblick lang hoffte ſte, ſie würden ſich durch die gute Bereitſchaft, in der ſie das Kloſter trafen, einſchüch⸗ tern laſſen und von ihrem Vorhaben abſtehen; allein gleich darauf begann die Truppe ſich wieder vorwärts zu bewegen, und der empfangenen Befehle ſich erinnernd, läutete ſie eine kleinere neben dem Becken hängende Glocke, indem ſie die 8* 116 Blicke fortwährend auf die im Thal vorrückende Abtheilung geheftet hielt. Langſam und vorſichtig rückte die Truppe näher, ver⸗ ſchwand eine Weile hinter den Häuſern des Weilers, kam dann wieder auf dem kleinen Raſen zum Vorſchein, und trennte ſich hier in drei Häuflein, deren eines ſich vor dem Hauptthore aufpflanzte, während die andern, zwiſchen den Hütten und den Kloſtermauern hingleitend, letztere rechts und links umgingen, in der offenbaren Abſicht, das ganze Gebäude einzuſchließen und jeden Ausgang zu verſperren. Die arme Nonne glaubte ſogar, ſie ſuchen ſchon einen günſtigen Punkt zum Angriff, und mit den leiſe gemurmel⸗ ten Worten:„Die gebenedeite Jungfrau möge ſich unſerer erbarmen und alle Heiligen uns beſchützen! Wir werden ja nicht Leute genug haben, um unſre Mauern zu decken“— eilte ſie hinunter, um ihrer Oberin Bericht zu erſtatten; allein die Aebtiſſin war nicht mehr zu finden. Neuntes Kapitel. In einer kleinen Zelle, genau von denſelben Verhält⸗ niſſen wie die der Nonnen, nur etwas reicher geſchmückt und eingerichtet, lag ein ſehr ſchönes Mädchen in geſundem Schlafe. Ein leichtes Netzhäubchen umſchloß das reiche Lockenhaar oder ſuchte es wenigſtens zu umſchließen, denn eine lange Ringellocke hatte ſich unter jenen Banden hervor⸗ geſtohlen und ſiel über einen elfenbeinernen Nacken. Die 117 Augen, die ſchönen, leuchtenden, ſprechenden Augen, die Dolmetſcher der Seele, waren geſchloſſen, und die langen ſchwarzen Lider ruhten auf ihrer Wange; aber die zarten, ſchönen Geſichtszüge boten gleichwohl in ihrer lieblichen Ruhe ein Bild, ſo ſchön wie nur je ein ſterbliches Auge es geſehen. Auf dem Betttuche lag die zarte Hand und der gerundete Arm; der weiße Aermel ihres Nachtjäckchens war aufgegangen und faſt bis zum Ellbogen zurückgeſtreift. Man hätte darauf geſchworen, man habe Hand und Arm irgend einer wunderbaren Statue vor Augen, wenn nicht die zarten roſigen Fingerſpitzen und eine kleine blaue Ader, in welcher der Strom eines jungen glücklichen Lebens pulſirte, dieſes Leben als etwas Wirkliches verrathen hätte. Das dumpfe, ſchwere Läuten der großen Glocke erweckte ſie nicht, obgleich der Klang offenbar ihr Ohr erreichte und einen unbeſtimmten Eindruck auf ihr Gemüth machte, denn die kleinen Roſenlippen ihres Mundes öffneten ſich und ließen eine Perlenreihe von Zähnen gewahren, und man hörte ſie einige Laute murmeln, unter denen man nur das einzige Wort— Frühmette'— unterſchied. Im nächſten Augenblicke wurde jedoch ihr Schlummer unterbrochen, denn die Aebtiſſin ſtand mit der Lampe neben ihr und rüttelte ſie mit dem Rufe:„Jola, Jola!“ an der Schulter. Das ſchöne Mädchen fuhr auf und ſtarrte ihrer Tante wirr in's Geſicht, bis ſie das dumpfe Läuten der großen Glocke und allerlei andere Laute vernahm, welche ihr an⸗ deuteten, daß ungewohnte Ereigniſſe eingetreten ſeyn mußten. 118 „Geſchwind, Jola,“ rief die Aebtiſſin;„ſteh auf und kleide Dich an. Ich habe ein Geſchäft für Dich, das Du eilends verrichten mußt, mein Kind. Spute Dich! Küm⸗ mere Dich nicht um Deine Toilette; laß Deine Haare nur im Netz. Verliere keinen Augenblick, denn es handelt ſich hier um Leben oder Tod.“ „Was gibt's denn, theure Lady Mutter?“ fragte Jola, welche ihre Sinne zu ſammeln verſuchte. „Du mußt einen Verfolgten, dem ſeine Haͤſcher ſogar bis hieher nachſetzten, an einen ſichern Ort geleiten,“ er⸗ wiederte die Aebtiſſin.„Horch auf, mein Kind, und ant⸗ worte nicht! Der Moͤnch, den Du geſtern Nacht ſaheſt, iſt ein vornehmer, heiliger Mann, der von einem Uſurpator von König ungerecht verfolgt wird. Daß er hier ſeine Zu⸗ flucht genommen, iſt entdeckt worden; das Kloſter iſt von einer Macht bedroht, der wir nicht widerſtehen können. Es würde durchſucht, das Aſyl würde verletzt und der gute Mann vom Altare weggeriſſen und in den Kerker, vielleicht gar zum Tode geſchleppt werden, wenn ich nicht das Mittel beſäße, ihn außerhalb der Mauern jeder Gefahr aus dem Bereiche zu bringen. Du mußt ſeine Führerin ſeyn, Jola, denn ich darf das Geheimniß vor keiner der Schwe⸗ ſtern enthüllen, und wenn Konſtanze den Schleier nehmen ſollte, wie vorgeſchlagen wurde, ſo darf ſie es ebenſowenig erfahren.“ „Konſtanze wird nicht den Schleier nehmen, theure Tante,“ erwiederte Jola ruhig;„ich bin jedoch ganz bereit, Euren Willen zu vollziehen und mit allen meinen Kräften 119 behülflich zu ſeyn. Kann denn aber der gute Mann den Weg nicht allein ſinden, wenn man ihm denſelben ſagt, denn ich bin damit ebenſo unbekannt wie er?“ „Den Weg durch den Gang könnte er leicht genug fin⸗ den,“ verſetzte die Aebtiſſin;„aber nicht den durch den Wald⸗ nachdem er den Gang verlaſſen.“ „O da kann ich ihn führen, ſo gut wie Boyds großer Hund Ban,“ antwortete das luſtige Mädchen;„aber wohin ſoll ich ihn geleiten, theure Tante?“ „Zuerſt in die St. Magdalenenzelle,“ erklärte die ältere Dame,„und von dort auf Waldwegen nach Boyds Hütte. Wenn Du ſtark an der Thüre zerrſt, die das Ende des Ganges verſchließt, wirſt Du finden, daß ſich auf der Rück⸗ ſeite des Schreins eine Tafel öffnet; Du mußt ſie aber offen laſſen, bis Du zurückkommſt, denn, einmal geſchloſſen, wirſt Du nicht im Stande ſeyn, ſie von Außen zu öffnen. Schlage dann den Waldpfad gegen Oſten ein, ſo wirſt Du höchſt wahrſcheinlich auf Boyd ſtoßen, denn er wird Dich erwarten; wo nicht, ſo gehe direkt nach ſeinem Hauſe und kehre dann ſogleich zurück. Ich will Dich in die Kapelle zurückführen, ſobald die Männer fort ſind.— Nun, Kind, biſt Du fertig?“ „Im Augenblick, liebſte Tante, im Augenblick,“ gab Jola zur Antwort.„Wo iſt meine Haube? Ich kann dieſe Halskrauſe nicht ſchließen.“ „Laß mich's verſuchen,“ rief die Aebtiſſin; allein ihre zitternden Hände wollten nicht damit zu Stande kommen, und Jola brachte es endlich ſelbſt zuwege.„Da iſt Deine Haube, Kind,“ rief ihre Tante,„Jetzt komm'— komm 120 geſchwind. Wir werden ſie vor den Thoren haben, ehe Du fort biſt.“ So raſch wie möglich voran eilend, führte ſie ihre ſchöne Nichte durch mehrere lange gewölbte Kloſtergänge und von da durch ihren eigenen beſonderen Eingang in die Kapelle. Die Thüre nach der Nonnengallerie war geſchloſſen; aber die Aebtiſſin öffnete ſie alsbald mit einem der Schlüſſel an ihrem Bunde, und an das Galleriegitter vortretend, ſchaute ſie erſt in den Chor hinab, ehe ſie hinunter zu ſteigen wagte. Alles war ruhig und ſtill. Das aus dem Schrein der heiligen Clara flimmernde Licht verbreitete durch das ganze Schiff genügende Helle: nirgend war eine menſchliche Ge⸗ ſtalt zu ſehen, nirgends ein Laut zu vernehmen außer dem Brummen der großen Glocke, deren laute Schwingungen das ganze umliegende Land zum Beiſtand aufriefen. Nur durch die reichverzierten Fenſter brachen flüchtige Schimmer eines vielfarbigen Lichtes, wenn zwiſchen der Kapelle und dem Portale Laternen und Fackeln über den Hof getragen wur⸗ den; ein⸗ oder zweimal hörte man auch den Klang von Stimmen, unter denen die Aebtiſſin die des Thürſtehers unterſchied, der ſich mit den herbeieilenden Bauern beſprach. „Ich kann ihn nicht ſehen,“ flüſterte die Aebtiſſin, nach⸗ dem ſie einige Augenblicke in den Chor der Kirche hinabge⸗ ſchaut hatte.„Es wird doch kein Mißverſtändniß obwalten.“ Jola trat einen Schritt vor und legte ihr Geſicht an's Gitter. „Er kann hinter jenem Pfeiler ſtehen,“ meinte ſie.„Ja, ja, ſeht Ihr's nicht, theure Tante? Das Licht aus dem 121 Schrein wirft den Schatten einer menſchenähnlichen Geſtalt auf das Pflaſter.“ „Laß uns hinuntergehen, laß uns hinuntergehen,“ ant⸗ wortete die Aebtiſſin.„Iſt er nicht dort, ſo iſt es ſonſt Niemand, und wir brauchen uns nicht zu fürchten.“ Hiemit öffnete ſie die nach dem tieferen Theil der Kapelle führende Thüre und ſtieg die Wendeltreppe hinab, welche in einer der großen Säulen angebracht war, die ſowohl dem Dach des Gebäudes wie der oberen Gallerie als Stütze dienten. Jola's leichter Fuß ſchwebte faſt ohne Geräuſch über das Pflaſter des Schiffes, als ſie ſich gegen den Hoch⸗ altar wendeten; dagegen bewirkte der weniger elaſtiſche Tritt der Aebtiſſin in ihren flachgeſohlten Sandalen, daß hinter dem Pfeiler eine Geſtalt in der Mönchskaputze vortrat. Der alte Mann erwartete ihre Ankunft in ruhiger und nicht ungraziöſer Haltung, und als das Licht aus der Lampe der Aebtiſſin ſein Antlitz beleuchtete, war keine Spur von Furcht oder Erſchütterung darauf zu bemerken. „Ich habe Eurem Wunſche gemäß die Thüre geſchloſſen, Schweſter,“ begann er;„ich fürchtete aber beinahe, einen Mißgriff begangen zu haben, als ich Euch nicht kommen ſah, denn ich bin hier ſeit dem Augenblicke, da die Glocke anzuſchlagen begann.“ „Ich hatte erſt Eure Führerin, meine Nichte, zu wecken, ehrwürdiger und theurer Lord,“ gab die Aebtiſſin zur Ant⸗ wort;„nun aber laßt uns eilen, denn keine Zeit iſt zu ver⸗ lieren. Ich bin in Angſt um Eure Sicherheit: zu bleiben 122 wäre Untergang, und doch iſt auch die Flucht nicht ohne Gefahr.“ „So war's auch bei der Flucht von Brecknock,“ erwie⸗ derte der Biſchof ruhig.„Ich bin bereit, meine Schweſter; geht nur voran.— Alſo Ihr ſollt meine Führerin ſeyn, ſchönes Kind?“ fuhr er fort, während ſie der Aebtiſſin folg⸗ ten.„Habt Ihr keine Furcht?“ „Nein, Vater,“ verſetzte Jola gleichmüthig.„Gott wird mich hoffentlich beſchützen, und ich glaube, es wird hier mehr Gefahr geben als im Walde.“ Sie waren mittlerweile um den Hochaltar herum durch eine Thüre des Gitters getreten, das den Chor von der Kapelle der Patronin trennte. Ihnen entgegen ſchaute ein breiter flacher Pfeiler, gleich dieſem ganzen Theil des Ge⸗ bäudes bis zur halben Höhe mit altem, an manchen Stellen mit rohen Skulpturen geſchmücktem Eichengetäfel bedeckt. Dieſes drehte ſich vermöge eines ganz einfachen Mechanis⸗ mus in einigen in der Mauerecke verſteckten Angeln. Es koſtete die Aebtiſſin einige Mühe, um unter all den Drachen⸗, Affen⸗, Cherubims⸗ und Teufelsköpfen, womit das Holzwerk zwar reich aber grotesk verziert war, denjenigen zu ent⸗ decken, der als eine Art Handhabe diente. Als ſie jedoch den rechten aufgefunden hatte, ſah man den ganzen unteren Theil des Getäfels ſich leicht herumdrehen, wodurch vorn im Pfeiler eine Thüre ſich öffnete. Sie war nur eng und niedrig, ſo daß nur Eines nach dem Andern und zwar mit gebücktem Haupte durch konnte; auch war ſie in jenem Augenblicke verſchloſſen; aber die Aebtiſſin nahm den Schlüſſel 123 aus ihrem Gürtel, und der Biſchof öffnete die Thüre leicht mit eigenen Händen. „Und nun möge Euch Gott auf Eurem Wege geleiten, Vater,“ rief die Aebtiſſin,„denn ich darf nicht weiter gehen. Die kleine Glocke läutet zum Zeichen, daß dieſe Schurken in Sicht gekommen ſind. Da nimm die Lampe mit, Jola; der Gang iſt lang und finſter.“ „Des Himmels Segen ſey mit Euch, Schweſter,“ ſagte der Biſchof,„und möge Euch Gott vor allen übeln Folgen Eurer chriſtlichen Barmherzigkeit gegen mich bewahren. Reichlich habt Ihr das Bischen Freundſchaft bezahlt, die ich einſt Eurem Bruder in längſt vergangenen Zeiten er⸗ wieſen, ſo daß die Schuld der Dankbarkeit jetzt auf mir liegt.“ „Ich beſchwöre Euch, theurer Lord— ſputet Euch!“ rief die Aebtiſſin, und als der Prälat und ſeine ſchöne Führerin durch das Pförtchen traten, fanden ſie ſich in einem kleinen gewölbten Gemache, an deſſen einem Ende ein langer dunk⸗ ler Gang ſie angähnte. Kaum waren ſie eingetreten, als ſich die Thüre hinter ihnen ſchloß, worauf ſie das Getäfel vor derſelben wieder an ſeine alte Stelle zurückrollen hörten. Jola ging durch den Gang voran, und der Biſchof folgte ſchweigend und mit langſamerem Schritte, nachdem er ſich eine Weile in dem gewoͤlbten Gemache umgeſehen hatte. Nach etwa fünfzehn bis ſechzehn Schritten gelangten ſie an eine ſchmale Treppen⸗ flucht; Jola eilte mit leichten Schritten hinab, indem ſie die Lampe auf den Boden hielt, bis der Biſchof unten war. Mit väterlichem Lächeln betrachtete er die Schönheit ihres Ge⸗ 124 ſichts und ihrer Geſtalt, wie ſie ſo die Lampe über ihr Haupt emporhebend daſtand, und das Licht ihre reine Stirne und ihre anmuthigen Glieder beleuchtete. „Du heißt alſo Jola, meine ſchöne Tochter, und biſt die Nichte unſerer guten Schweſter, der Aebtiſſin?“ fragte der Biſchof, als er wieder neben ihr ſtand.„Welcher ihrer Brüder iſt Dein Vater?“ „Sie hat nur noch Einen am Leben, Mylord,“ erwiederte Jola.„Mein Vater iſt nicht mehr.“ „Dann mußt Du die Tochter von Richard St. Leger Lord Calverly ſeyn,“ ſagte der Biſchof;„ich habe ihn wohl gekannt.“ „So iſt es, Mylord,“ beſtätigte Jola;„ich glaube ge⸗ hört zu haben, daß Eure Lordſchaft ihm einſt das Leben rettete. Wenn ich meine Tante ſoeben richtig verſtanden habe und Ihr wirklich der Biſchof von Ely ſeyd, ſo erinnere ich mich, wie mein Oheim, der jetzige Lord Calverly, er⸗ zählte, daß der Biſchof von Ely ſeinem Bruder zu der Zeit, da die rothe Roſe vom Stamme gebrochen wurde, das Leben gerettet habe.“ „Ich war damals noch nicht Biſchof von Ely, Tochter, ſondern blos Robert Morton, einer von König Eduards Geheimräthen, der ſich aber nicht mit Politik oder Partei⸗ ſtreitigkeiten befaßte und einzig nur die blutige Strenge eines Bürgerkriegs dadurch zu mildern ſuchte, daß ich der Menſchen Herzen im geeigneten Augenblicke zur Gnade rührte,“ erklärte der Prälat.„Vielleicht wird einſt die Zeit kommen, wo man ſich wundern wird, daß ich, der ſonſt dem 125 König Heinrich treu gedient, nach ſeinem Tode des Koͤnigs großem Gegner ebenſo treu diente; aber ich habe meine Bahn zuvor wohl erwogen und fühle mein Gewiſſen frei in der Sache. Ich fragte mich, wie ich wohl den Menſchen aller Parteien und meinem Lande am meiſten nützen könne, und ich darf kecklich ſagen, mein Kind, daß ich dadurch, daß ich die aufgehobene Hand der Rache zurückhielt, der Krone von England mehr Unterthanen— lauter brave, ehrliche, von Parteieifer verleitete Menſchen— rettete, als von irgend einem jener mächtigen Edelleute, die ſich in jenen furchtbaren Kriegen auf die eine oder andere Seite ſtellten— erſchlagen wurden. Ich habe nie meine Partei gewechſelt, Tochter, denn ich habe nie eine Partei gehabt, und jetzt verfolgt mich der Haß des regierenden Königs, weil er recht wohl weiß, daß ich meine Stimme gegen das Unrecht, das er ſeines Bruders Kindern zufügte, erheben würde.“ Einem mit weltlichen Angelegenheiten wohlvertrauten Beobachter würde ſchon das bloſe Faktum, daß der gute Biſchof in einem ſolchen Augenblicke und gegen eine ſolche Begleiterin ſich in entſchuldigende Erläuterungen einließ, als genügender Beweis gegolten haben, wie er ſelbſt von der völligen Vorwurfsloſigkeit ſeines Benehmens nicht ganz überzeugt ſey, denn wir pflegen unſere Rüſtung immer da anzulegen, wo wir uns ſchwach wiſſen. Jola war jedoch zu jung und voller Einfalt, um Zweifel oder Argwohn zu hegen; ſte ſah in ihm blos den guten freundlichen Prälaten, der ſich in Zeiten innerlichen Streites für ihres Vaters Leben ver⸗ wendet hatte. Voller Freude über die ihr auferlegte Auf⸗ 126 gabe wanderte ſie neben ihm her, wahrend das alſo begon⸗ nene Geſpräch in etwas leichterem Tone fortgeſetzt wurde. Der Biſchof befragte ſie über ihre Stellung, ihre Zukunft, ihre Hoffnungen und Wünſche und ſchien ſeine eigene gefähr⸗ liche Lage im Geſpräche mit ihr zu vergeſſen. Er war in der That ein ſehr furchtloſer Mann, nicht von jenem raſchen, kühnen, unternehmenden Muthe, wohl aber von jener ſtillen, ruhigen Beharrlichkeit beſeelt, welche nur bei ſtarker Hoffnung und feſtem Gottvertrauen beſtehen kann. Er hatte ſeine Fehler wie alle Menſchen; aber er vereinigte auch viele Tugenden, und man konnte in einem Zeitalter, wo nur Wenige religiös waren, von ihm rühmen, daß er die Wahrheiten des Chriſtenthums empfand und die Religion nicht in bloſe Formen verlegte. Ein einziges Mal wurde ihr Geſpräch durch Pferdetritte unterbrochen, welche unmittelbar über ihnen den Boden be⸗ rührten, und Jola fuhr zuſammen, indem ſie mit einem Ausdrucke der Furcht empor ſchaute. „Sie werden nicht durchbrechen, mein Kind,“ ſagte der Prälat lächelnd, ſeine Augen zu dem ſoliden Gemäuer er⸗ hebend.„Glaube mir, der Bogen hier iſt dick und ſtark; nach dieſen Klängen vermuthe ich jedoch, daß wir bereits über die Kloſtermauern hinaus ſind.“ „Ich weiß nicht,“ antwortete Jola,„denn ich bin nie zuvor hier geweſen. Die Lady Aebtiſſin ſagte mir, dieſer Gang werde uns zu der St. Magdalenenzelle hinausführen, und von da kenne ich den Weg ganz gut.“ „Wie weit iſt es bis dahin?“ fragte der Biſchof, 127 „O ſehr weit,“ verſetzte das ſchöͤne Mädchen neben ihm; „faſt eine Meile.“ Sdiee dachte nur an die Entfernung des gewöhnlichen Pfades, der(wie oben geſagt wurde) verſchiedene Biegungen machte, um der Schlucht und dem Bächlein auszuweichen; allein der Gang, den ſie nunmehr verfolgten, verkürzte jene Strecke faſt um die Hälfte, da er durch die eben hinterlegten Stufen unter alle jene Hinderniſſe verſenkt war. Zwar lag das Flußbett ſelbſt etwas tiefer als der Obertheil des ge⸗ wölbten Ganges; derſelbe war aber nichtsdeſtoweniger in gerader Richtung fortgeführt und ſo verkittet worden, daß er für das Waſſer undurchdringlich wurde, während man oben zur Verdeckung des Mauerwerks Steine und Felsſtücke aufgehäuft hatte, welche einen kleinen Waſſerfall in dem Strome bildeten. Als ſie daher jene Stelle erreichten, hörte man das Rauſchen und Murmeln des Waſſerfalls, und ihre glänzenden Augen zu dem Prälaten erhebend, bemerkte Jola: „Wir müſſen, glaub' ich, unter dem Fluſſe durchkommen.“ „Es iſt nicht unwahrſcheinlich, Tochter,“ erwiederte der Biſchof.„In anderen Ländern, die Dir höchſt wahrſchein⸗ lich unbekannt ſind, habe ich rieſige Bauten dieſer Art ge⸗ ſehen, welche ganze Flüſſe von Hügel zu Hügel auf hohen Bögen leiteten, unter denen die geſchäftige Welt frei durch⸗ paſſirte, während der Strom über ihren Häuptern dahinfloß.“ „Ich habe von ſolchen Dingen gehört,“ verſetzte Jola; „und o, wie ſehne ich mich, jene Länder zu ſehen und von all' Dem zu träumen, was große Menſchen in früheren Tagen gethan haben! Es iſt doch eigen, daß ſolche Künſte nicht bis 128 zu uns gelangt ſind. Hier zu Lande ſehen wir nichts als das rieſige Kaſtell mit ſeinen drohenden Thürmen, die ſtatt⸗ liche Kirche mit ihren Spitzen und Zinnen, die höͤlzerne Hütte des Landmanns oder die beſcheidene Wohnung des Franklins.“ Der Biſchof lächelte. „Du biſt noch wenig in Städten geweſen, mein Kind,“ verſetzte er;„Deine Bemerkung iſt übrigens ganz richtig. Es iſt auffallend, daß die Künſte anderer Zeitalter nicht auf uns übergegangen ſind, denn man ſollte glauben, wenn irgend etwas auf Erden von Dauer iſt, ſo müſſe es jene Kenntniß und Geſchicklichkeit ſeyn, welche die Erhebung, den Schutz und die Bequemlichkeit des Menſchengeſchlechts zum Ziele hat, beſonders wenn die Wunder, die ſie vollbracht und die Monumente, die ſie errichtet haben, noch immer, wenn auch in Ruinen, vor unſern Augen ſtehen. Aber Ge⸗ burt, Leben, Tod und Vergehen bilden das Loos der Natio⸗ nen wie der Menſchen, ganzer Syſteme wie einzelner Krea⸗ turen, und nicht nur die Erben der körperlichen Form, ſondern auch die Erzeugniſſe des Menſchengeiſtes werden davon betroffen. Gleichwie wir jedoch in der Reihenfolge der Geſchlechter die Zahl der Bevölkerung trotz einzelner Pe⸗ rioden der Zerſtörung und Verwüſtung ſtets zunehmen ſehen, gleichwie diejenigen, welche geboren werden und ſterben, eine größere Anzahl als ſie ſelbſt ſind, hinterlaſſen, ſo wird wahr⸗ ſcheinlich dem Verluſte der Künſte, der Wiſſenſchaften, ja ſogar der Thatkraft einer einzelnen Nation oder Epoche bei dem ſie abloͤſenden Volke oder Zeitraume die Erzeugung 129 neuer Künſte und Wiſſenſchaften und einer zahlreicher ver⸗ tretenen, wenn nicht gar energiſcheren Thatkraft folgen. Auch ſie haben wieder ihre Kindheit, ihre Reife, ihren Ver⸗ fall, und ſo, meine Tochter, befindet ſich unſere jetzige Ge⸗ ſellſchaft vielleicht noch in ihrer Kindheit— ich glaube ſogar wirklich, daß es ſo iſt.“ Jola betrachtete ihn voll Ueberraſchung und Verwirrung, denn er hatte ihren Geiſt über ſeinen Horizont hinaus ge⸗ führt, und der gute Praͤlat las ganz richtig in ihrer Miene, als er fortfuhr: „Du biſt über dieſe Schlüſſe überraſcht, weil Du nicht daran gewöhnt biſt; ich glaube jedoch, die Leute da oben würden noch mehr überraſcht ſeyn, wenn ſie wüßten, daß ich in demſelben Augenblicke, da ſie mich aufſuchen, um mich zu vernichten, ganz ruhig unter ihren Füßen hinwandle und mit einem ſchönen jungen Weſen wie Du philoſophire.“ Er lächelte bei dieſen Worten und ließ dann ſeine Augen in nachdenklicher Stimmung zu Boden ſinken, während aber immer noch jenes hohe geiſtige Lächeln auf ſeinen Lippen ſchwebte, wie wenn er die Grübeleien ſeines eigenen Geiſtes mitten unter den ſonderbaren Umſtänden, womit das Schick⸗ ſal ihn umringt hatte, nicht ohne Ergötzen betrachtete. Gleich darauf begann der Gang auf rohen Stufen bergan zu ſteigen, indem die breiten flachen Steine, womit er gepflaſtert war, ſich nur einer über den andern erhob, wo⸗ durch der Pfad ziemlich rauh und ſchwierig wurde. Dies dauerte jedoch nicht lange, und der Biſchof bemerkte, die Augen erhebend: James. Der Waidmann. 9 1³⁰ „Dort ſcheint eine Thüre vor uns zu liegen. Haſt Du den Schlüſſel, meine Tochter?“ 1 „Sie wird ſich öffnen, wenn man hart darauf drückt,“ erwiederte Jola.„Ich glaube jedoch kaum, daß wir die Zelle ſchon erreicht haben, der Weg iſt mir ſo kurz vorge⸗ kommen.“ Es war jedoch wirklich ſo, und der Thüre ſich nähernd, ſuchte ſie dieſelbe aufzuſtoßen. Sie widerſtand jedoch ihren Anſtrengungen, bis der Biſchof ihr half. Nun ſchob ſich die Thure zurück, und ſie offen haltend forderte er Jola auf, in die nun vor ihnen liegende Zelle hinaus zu treten. Es war ein niedriges gothiſches Gewölbe, das ſich gegen den Hügel hin in einen mit Eiſen vergitterten Bogen öffnete und auf der einen Seite einen kleinen Altar und Reliquien⸗ ſchrein hatte. Der Biſchof folgte ſeiner ſchönen Führerin in dieſe kleine Kapelle; allein Jola hatte die Weiſung ihrer Tante in Be⸗ treff jener Thüre vergeſſen: der Biſchof ließ ſie im Heraus⸗ treten ſeiner Hand entſchlüpfen und ſie ſchloß ſich wieder, ohne in dem alten Holzwerke der Wände eine Spur ihres Daſeyns zurückzulaſſen. Hätte Jola daran gedacht, wie ſchwer ihr die Rückkehr werden würde, ſo hätte ſie ſich wohl ohne Zweifel geängſtigt, und das plötzliche Zuklappen der Thüre hätte ihr wahrſcheinlich die Warnung ihrer Tante in's Gedächtniß zurückgerufen, wenn ſich ihr nicht unmittel⸗ bar beim Eintritt in die Kapelle ein Anblick dargeboten hätte, der alsbald ihre ganze Aufmerkſamkeit beſchäftigte. Durch den oben erwähnten niederen Bogen ſah man die —— — 131 Mauern und Thürme der Abtei durch die Flamme des Beckens und durch einen rothen rauchigen Schimmer er⸗ leuchtet, der von Fackeln herzurühren ſchien, die ſich in dem großen Hofe zwiſchen der Kapelle und dem Portal wie auf dem kleinen Raſen vor dem Hauptthore hin und her beweg⸗ ten. Der Raſen ſelbſt war durch des Prieſters Haus und die Hütten theilweiſe verdeckt; doch ſah man unter den Mauern nördlich und weſtlich von dem Gebäude verſchiedene Reitergruppen, und das Ohr konnte deutlich die lauten Töne von Menſchenſtimmen, die einander anriefen, unterſcheiden, denn die große Glocke war mittlerweile verſtummt, und das Murmeln von Stimmen aus der Abtei herüber wurde durch keinen andern Laut unterbrochen. Jola folgte einem natürlichen Antriebe, als ſte mit leiſem Schreckensrufe ihre ſchönen Hände faltete; der Biſchof ſchaute jedoch mit ruhigem Blick eine Weile zu und ſagte dann: „Wir wollen lieber weiter eilen, mein Kind. Löſch! Deine Lampe aus— da ſtelle ſie nieder. Wir dürfen uns nicht weiter zeigen, als wir nicht gerade verhindern können, damit kein Auge ſich hier zu uns her wendet.“ „Wir müſſen durch das Gitter,“ bemerkte Jola, durch des Prälaten Worte wieder in die Gegenwart zurückgerufen. „Es iſt kein anderer Ausweg; wenn wir uns jedoch raſch nach der Rückſeite des Gebäudes wenden, ſo wird uns Nie⸗ mand ſehen.“ „Laßt uns Eins nach dem Andern gehen,“ meinte der Biſchof.„Man muß jede Vorſicht gebrauchen, obwohl das 9 8 Licht nicht ſtark genug iſt, um uns Denen auf der andern Seite des Thals bemerklich zu machen.“ „Wendet Euch nur ſcharf zur Rechten,“ ſagte Jola, dem Prälaten des Eiſengitter öffnend. Sobald er durch war, folgte ſie ihm nach der Rückſeite der Zelle.„Jetzt da hinaus, da hinaus,“ fuhr ſie haſtig fort, ängſtlich bemüht, ihn einer Gefahr zu entreißen, deren drohender Anblick ſie hier zum erſtenmale zu frappiren ſchien. So führte ſie ihn denn mit raſchem Schritte voraneilend auf einen der Waldpfade, indem ſie mit ihrem kurzen froh⸗ herzigen Lachen bemerkte: „Sie werden uns hier nicht ſo leicht entdecken. Ich könnte ſie in einem ſolchen Labyrinthe herumführen, daß ſie nicht mehr wüßten, wo ſie den Ausweg finden ſollen.“ „Du ſcheinſt den Forſt genau zu kennen, Tochter,“ ſagte der Biſchof in gutmüthigem Tone.„Faſt fürchte ich, Du biſt lieber in den Wäldern umher geſchweift, als daß Du in der Abtei der heiligen Clara trockene Lektionen auswendig lernteſt.“. Er ſprach in munterem, freundlichen Tone und ohne allen Vorwurf; allein Jola erröthete doch ein wenig, als ſie erwiederte: „Allerdings. Meine liebe Tante iſt nicht ſehr ſtreng gegen mich geweſen, und jeden Tag, ſo oft die Sonne ſcheinte und der Himmel blau war, durfte ich bald mit meiner Die⸗ nerin Alice bald allein, heute zu Fuß, morgen auf dem Maulthier, hinausſchweifen, zuweilen dem Waidmann oder einem Pächter eine Botſchaft überbringen, zuweilen auch zu 133 bloſem Müßiggange luſtwandeln. Und doch war es nie bloſer Müßiggang, Mylord, denn ich weiß nicht wie es zugeht, aber unter dieſen alten Bäumen, auf dem Gipfel des Hügels, wo ich alle Wälder, Flüſſe und Felder in ſchönem lieblichem Ueberblicke zu meinen Füßen überſchaue, kommt es mir immer vor, als ob ſich mein Herz weit leichter als unter dem Gewölbe der Kapelle und zwiſchen ihren ſchlanken Steinſäulen zum Himmel aufſchwinge. Ich ſitze dann zu⸗ weilen unter einer breiten Eiche, betrachte ihre rieſigen Gliedmaßen, vergleiche ſie mit der wilden Anemone, die an ihrem Fuße wächst und verliere mich in Nachdenken über die unerſchöpfliche Mannigfaltigkeit, die ich vor mir ſehe. Doch horch! jene Stimmen werden ſehr laut. Sie können uns doch wohl nicht näher kommen?“ „Du biſt tapfer in der Entfernung, Tochter,“ ſagte der Biſchof ruhig.„Fürchte Dich übrigens nicht; ſie ſprechen nur etwas lauter.“ „Ci nein, ich bin nicht feigherzig,“ verantwortete ſich Jola,„und wenn ſie näher kämen, würdet Ihr ſchon ſehen, daß ich den Kopf nicht verliere.“ Faſt während ſie noch ſprach, hörte man eine Stimme nicht ſehr laut ein— Halt! werda? rufen, und Jola legte betroffen ihre Hand auf des Biſchofs Arm, wie wenn ſie ihn zurückhalten wollte. „Ich glaube, es iſt Boyd, der Waidmann,“ flüſterte ſie. „Schlüpft hinter jenen großen Baum, und ich will gehen und nachſehen.“ „Halt! werda?“ wiederholte die Stimme etwas lauter. „Wer fragt?“ erwiederte Jola, einige Schritte vor⸗ tretend. „Seyd Ihr es, Lady Jola?“ verſetzte die Stimme, ſobald man den Ton einer Frau unterſchied. „Ja,“ antwortete Jola.„Iſt es Boyd, welcher ſpricht?“ „Derſelbe,“ gab der Waidmann zur Antwort.„Habt Ihr ihn mitgebracht? wo iſt er? iſt er geborgen?“ „Er iſt hier, er iſt hier,“ verſetzte Jola.„Vater, dies iſt Boyd, der Waidmann, dem Ihr vollkommen vertrauen könnt.“ „Ach Lady, Lady,“ murmelte der Waidmann ſich nähernd, „wo iſt der Mann, dem man vollkommen vertrauen könnte?“ Jola und der Prälat traten ihm näher und ſahen ihn auf einer kleinen Lichtung in dem Winkel zweier Pfade ſtehen, welche beide mehr oder weniger gerade nach der St. Magdalenenzelle führten. Die Stelle war nur ſchwach erhellt; aber des Waidmanns hohe mächtige Geſtalt war nicht zu verkennen, und nachdem ihm Jola die Obhut über den Flüchtling anvertraut hatte, wendete ſie ſich zu dem Prälaten mit den Worten: „Nun will ich ſo raſch wie möglich zurückkehren, Vater.“ „Halte einen Augenblick, mein Kind,“ erwiederte der Biſchof.„Möge der Allmächtige Dich ſegnen und beſchützen, und Dich in Sicherheit zu allem Frieden führen!“ indem er ihr ſeine Hand voll Zärtlichkeit auf's Haupt legte. „Geht nicht zu raſch im’s Kloſter, Lady,“ mahnte der Waidmann,„ſondern bleibt in dem kleinen gewölbten Ge⸗ mache am Ende des Ganges bis Ihr die Frühmette in der — 13⁵ Kapelle ſingen hört. Die Räuber werden erſt bis dahin den Ort geräumt haben. Solltet Ihr die Meſſe oder Prime nicht hören, ſo dürft Ihr annehmen, daß ſie noch im Beſitze des Kloſters ſind. In dieſem Falle wendet Ihr Euch beſſer nach meiner Hütte, theure Lady— Ihr wißt, ich werde ſchon für Euch ſorgen.“ „O das weiß ich wohl, Boyd,“ erwiederte Jola.„Gute Nacht, gute Nacht— ſorgt vor Allem für die Sicherheit dieſes ehrwürdigen Vaters.“ „Ja, das wird wenigſtens zwei gute Stunden weg⸗ nehmen, ſonſt würde ich ſelbſt mit Euch zurückgehen, theure Lady; ich denke jedoch, Ihr ſeyd auch allein ſicher genug,“ entgegnete der Waidmann. „Ich habe keine Furcht,“ antwortete Jola und trippelte leichten Schrittes auf dem Pfade gegen die Zelle zurück. Dieſer Pfad führte längs der Anhöhe gerade am Wald⸗ rande hin, wo die Bäume nur dünn und das Unterholz dürftig war, ſo daß der Lärm aus der Abtei dem ſchönen Mädchen im Weitergehen fortwährend zu Ohren drang. Sie glaubte etwas näher ſogar Pferdetritte zu vernehmen, wie wenn ſie die Straße durch den Wald herauf zögen. Zu gleicher Zeit kam es ihr vor, wie wenn ſich ein rötherer Schimmer, ein helleres Licht über den Horizont verbreite und den kleinen Fußpfad vor ihr beleuchte.„Sie müſſen mehr Holz in dem Becken aufgethürmt haben,“ dachte ſie, während ſie jetzt doch einige Angſt zu verſpüren begann. Raſch weiter eilend erreichte ſie endlich die Stelle, wo 136 der Pfad um die Rückſeite der Zelle heruͤmführte, und als ſte ſich behende um das kleine Gebaͤude wendete, ſah ſie abermals das Kloſter, nebſt der ſanften Anhöhe auf der es ſtand, vor ſich liegen. Wie groß war aber ihr Schreck und ihre Ueberraſchung, als ſie das Licht des Beckens erloſchen, dagegen von dem kleinen Raſen und ſeinen in Flammen ſtehenden Häuſern einen helleren aber furchtbareren Gluth⸗ ſchimmer aufſteigen ſah. Einige der hölzernen Hütten waren bereits niedergebrannt; die noch kniſternden Balken und Sparren lagen auf dem Boden aufgehäuft, indem ſie gleich rieſigen⸗Freudenfeuern ganze Wolken von Funken in die flimmernde Feuergluth aufſteigen ließen. Durch dieſe Gluth erkannte man jetzt zahlreiche dunkle Geſtalten, die ſich theils zu Pferd theils zu Fuß auf dem Raſen hin⸗ und herbewegten. Aus dem Hauſe der Prieſter und Chorknaben ſah man eine hohe Flammenſäule bald hell und klar, bald durch eine Wolke von Rauch und Funken verdunkelt, zum Himmel emporſteigen; das Kloſter ſelbſt ſtand noch nicht in Flammen, und erhob ſich dunkel und feierlich mitten aus dem Flammenmeere, während hier und dort auf Mauern und Zinnen ein Licht auftauchte. Der erſte Anblick erſchreckte ſie mächtig; ſie hielt ſich jedoch nicht mit Zuſchauen auf, ſondern trat in die Kapelle und ſchloß das Eiſengitter, wie zu ihrem Schutze. Dann aber blieb ſie ſtehen und betrachtete die Flammen eine Weile, bis ſie ſich fragte, was ſie thun ſollte. „Ich will zurückkehren,“ ſagte ſie ſich nach kurzem Nach⸗ denken.„In einem ſolchen Augenblicke mag ich nicht ferne — 137 von meiner armen Tante ſeyn,“ und ſie wendete ſich, um die Thüre nach dem Gange zu ſuchen. Jetzt zum Erſtenmale bemerkte ſie, daß ſie geſchloſſen war und erinnerte ſich der Warnung der Aebtiſſin, ſie offen zu laſſen. Der Augenblick war gekommen, wo ſie wirk⸗ lichen Schrecken empfand, und jenes Verlangen nach Schutz und Hülfe, jenes Bedürfniß einer feſten Stütze, das die meiſten Frauen in der Stunde der Gefahr verſpüren, machte ſich auf ſchreckliche Weiſe fühlbar. „Was wird aus mir werden? Wo ſoll ich hingehen? Was ſoll ich thun“? murmelte ſie ängſtlich und warf immer wieder beſorgte Blicke nach den auf der anderen Seite der Schlucht brennenden Gebäuden.„Ich will nach Boyd's Hauſe gehen,“ ſagte ſte endlich;„dort kann ich Schutz finden.“ Da ſiel ihr plötzlich ein, was er über die Zeit geſagt hatte, die er bedürfen würde, um für des Biſchofs Rettung Sorge zu tragen.„Ich werde dort jedenfalls ſicherer ſeyn als hier; ich will es verſuchen“— ſo ſchloß ſie ihre Be⸗ trachtung und ſchlüpfte ohne weiteres Zögern auf den alten Pfad zurück. Jola erfuhr jetzt vielleicht zum Erſtenmale in ihrem Leben was Furcht heißt und wie die Fantaſie durch Angſt aufgeregt wird. Der Anblick der brennenden Gebäude hatte ihre Nerven erſchüttert. Sie ſchlich ſo verſtohlen weiter, wie wenn ſie hinter jedem Baume einen Feind gefürchtet hätte. Auch glaubte ſie im Weitergehen ganz in ihrer Nähe Laute zu vernehmen und ſuchte ſich dann zu überreden, es 138 ſey nur das Wehen des Windes in den Bäumen geweſen; dann fühlte ſie ſich wieder überzeugt, daß Jemand in ihrer Nähe ſeyn müſſe. Sie beſchleunigte ihren Schritt, um einen Pfad zu erreichen, der plötzlich rechts abbog; als ſie aber wirklich dahin gelangte, ſah ſie eine Geſtalt vor ſich ſtehen, deren Umriſſe ſie nicht deutlich unterſcheiden konnte; ſie ſchien hoch und dünn und ganz weiß gekleidet, wie ſich der Volks⸗ glaube ein Geſpenſt zu denken pflegt. Voll Schrecken wich ſie zurück und wäre gerne geflohen; aber gerade vor ihr ſtand eine zweite Geſtalt, und als ſie ſich abermals zur Flucht umwendete, rief eine Stimme: „Lady, Lady, wohin wollt Ihr? haltet einen Augenblick — haltet! es iſt ein Freund.“ Sie meinte die Stimme zu kennen; als aber der Fremde ſich näherte, wich ſie zurück und fragte: „Wer iſt es? wer iſt es?“ „Lord Chartley,“ hieß es.„Halt, halt! Ihr lauft ja der Gefahr entgegen.“ Die letzten Worte waren nutzlos, denn bevor ſie noch geſprochen waren, hatte Jola nicht nur angehalten, ſon⸗ dern war ihm mit einem Freudenſprunge entgegengeeilt. Zehntes Kapitel. Des Menſchen Schickſal oder vielmehr das Schickſal des ganzen Menſchengeſchlechtes iſt nur ein Tuchgewebe, eingeſpannt in die Rahme der Umſtände, worin eine unſicht⸗ 4 139 bare Hand beſtändig das Weberſchiffchen rührt, die Fäden mögen endlos und manche gar weit von anderen entfernt ſeyn, einige in der Mitte, andere am Selband— Alle aber vom Einſchlage feſtgehalten, der ſie nicht losläßt, bis das Stück fertig iſt. Wann wird das geſchehen? Das weiß nur der Himmel; aber gewiß nicht vor der Welt Ende. Wir müſſen nunmehr mit des Leſers Erlaubniß den Fa⸗ den von Jola's Geſchichte verlaſſen und den der Aebtiſſin da wieder aufnehmen, wo wir ihn zuletzt fallen ließen. Sobald ſie die Thüre verſchloſſen und das bergende Ge⸗ täfel davor geſchoben hatte, ſtieg die Aebtiſſin wieder zu der Nonnengallerie in der Kapelle und trat von da in den Haupttheil des Gebäudes. Man kann ſich denken, daß ſie allenthalben die äußerſte Angſt und Verwirrung antraf, denn der Lärm der großen Glocke und die verſchiedenen Stimmen die ſich rings um die Mauern erhoben, hatten mittlerweile alle Nonnen auf ihren Pritſchen aufgeweckt, und mit Be⸗ ſtürzung in den Mienen ſah man ſie bald hier⸗, bald dorthin eilen und allerlei ſuchen, ohne daß ſie ſo recht wußten— was. Die Aebtiſſin war zwar ſelbſt nicht wenig in Unruhe und konnte unmöglich vorherſehen, wie Alles enden werde; aber dennoch hätte ſie bei ihrer angebornen Heiterkeit über die grotesken Unfälle, welche die Furcht erzeugte, faſt hell auflachen können, und da ſie mehr Feſtigkeit und Charakter⸗ ſtärke als das ganze Kloſter zuſammen beſaß, ſo begann ſie alsbald die Ordnung einigermaßen wieder herzuſtellen. „Geht ſogleich in die Kapelle,“ befahl ſie jeder Nonne, der ſie begegnete,„verſammelt dort die ganze Schweſter⸗ 140 ſchaft und ſorgt, daß Keine vergeſſen wird. Ich werde als⸗ bald zu Euch ſtoßen.“ Dieſer Befehl mußte oft wiederholt werden, denn bei jedem Schritt ſtieß ſie auf Dieſe oder Jene, und bei mehreren mußte ſie ihn zwei⸗ bis dreimal rekapituliren, bis ſie ihn in ihrer Todesangſt begriffen. Endlich trat die Aebtiſſin um den Chor der Kapelle her⸗ um in den großen Hof, und fand zu ihrer Freude und Ge⸗ nugthuung eine viel größere Anzahl von Männern zu ihrer Vertheidigung aufmarſchirt, als ſie erwartet hatte, denn der Waidmann war während des heutigen Morgens nicht unthätig geweſen und hatte viel mehr Landleute auf das Signal der Glocke vorbereitet, als der Thürhüter mit ſeiner Stimme hätte erreichen können. Auch vier von den untergeordneten Forſtleuten in ihren ledernen Kollern und Eiſenhauben hatten irgendwie ihren Weg in das Kloſter gefunden, jeder auf der Schulter eine Waffe tragend, wie man ſie zwiſchen dieſen Mauern noch nie geſehen hatte. Es war dieß eine Art kleiner Kanonen, auf ein roh konſtruirtes Geſtell befeſtigt, aus denen man Kugeln von zwei bis drei Unzen ſchoß. Sie hatten kein Schloß, noch irgend eine Vorrichtung, um das Feuer mit einer Bewegung an's Zündloch zu bringen; dagegen trug jeder Schütze eine Lunte um den Arm gebunden, welche einer von ihnen eben in dieſem Augenblicke an des Thürhüters Laterne anzündete. „Was iſt das? was iſt das?“ rief die Aebtiſſin;„es ſieht aus wie ein kleines Falkonet.“ „'s iſt ein Handgeſchütz, Lady,“ ſagte der Förſter.„Ei⸗ — 141 nige unſerer Leute haben ſie aus Burgund mitgebracht und Boyd ſchickt dieſe vier. Beim Feuern heben wir ſie auf unſere Schultern, und während einer hinter uns zielt, bren⸗ nen wir ab.“* Die Aebteſſin war ſehr verwundert, denn die Erfindung war ihr noch ganz neu, und ſo plump das Ding auch aus⸗ ſah, ſo ſchien es ihr doch für die Kriegskunſt eine wunder⸗ bare Entdeckung. Im Vertrauen auf deren Stärke wurde ſie ſogar ganz kriegeriſch geſinnt und rief laut nach dem Vogte, um die Vertheidigungsmittel mit demſelben zu be⸗ rathſchlagen. Dieſer war jedoch nicht zu finden, und der Thürſteher benachrichtigte ſie grinſend, er ſey in die Butter⸗ kammer gegangen im Glauben, dort müſſe der Hauptpunkt des Angriffes ſeyn. „Bringt ihn ſogleich daher,“ rief die Aebtiſſin;„bringt ihn an den Ohren her, wenn er nicht anders kommen will. Mittlerweile ſagt mir: wie viele Männer haben wir hier?“ „Dreiunddreißig, Mylady,“ erwiederte der alte Thür⸗ ſteher, während einige Leute davon eilten, um den Vogt her⸗ beizuſchleppen;„dreiunddreißig, jene Kanonenſchützen unge⸗ rechnet. Ich denke, wir können den Platz bis morgen früh * Die erſte Nachricht, die von dem Luntenſchloß oder der eigentlichen Arkebuſe vorkommt, finde ich in einem Haushaltungs⸗ berichte des Herzogs von Burgund vom Jahr 1474; doch wurden ſolche kleine Kanonen in Frankreich unter dem Namen caulverines à la main ſchon lange zuvor gebraucht. Auf alten Miniaturen ſieht man ſie auf der Schulter des einen Schützen ruhend, wäh⸗ rend ein Anderer hinter ihm zielt und der Erſte auf Kommando die Lunte anlegt. 142 ſchon halten, und dann haben wir die ganze Umgegend zur Hülfe für uns. Wenn ich Euch jedoch gut zum Rathe bin, ſo laßt Ihr den Vogt in einer Zelle einſperren; ſeine Feig⸗ heit könnte die Leute anſtecken. Wäre er nur halb ſo tapfer wie Ihr, Mylady!“ „Wohlan, dann müßt Ihr kommandiren, Thürſteher,“ erwiederte die Aebtiſſin.„Laßt einige Leute mit Bogen und Armbrüſten oben auf's Portal ſteigen, während andere auf den Mauern ringsum Wache halten, damit ſie nirgends ohne unſer Wiſſen Leitern anlegen. Die vier Männer mit den Handkanonen laßt für jetzt vor der Kapellenpforte auf⸗ marſchiren. Sie können dort recht wohl gegen das Thor feuern, wenn der Feind es einbrechen ſollte.“ Der Thürſteher wollte eben Gegenvorſtellungen machen und ihr bedeuten, daß die Handkanonen beſſer auf den Mauern poſtirt würden, als der unglückſelige Vogt vor die Aebtiſſin geſchleppt wurde. Sein Geſicht war ſo bleich, ſeine Augen ſo hohl, daß ſein bloſer Anblick ihn ſchon ver⸗ dammte; auch roch er ſtark nach Wein, woraus man deutlich ſah, daß er aus anderen Quellen als aus ſeinem eigenen Herzen hatte Muth ſchöpfen wollen. „Feigling!“ ſchalt die Aebtiſſin, ſobald ſie ſeiner anſich⸗ tig wurde;„ſchämt Ihr Euch nicht, daß Weiber Euch ein Exempel in Vertheidigung unſerer Kirchenrechte geben, wäh⸗ rend Ihr Euch von Eurer Pflicht wegſtehlt?— Führt ihn fort,“ befahl ſte, als er einige leere Entſchuldigungen herzu⸗ ſtottern verſuchte—„führt ihn ſogleich fort und ſperrt ihn in die erſte Zelle linker Hand. Fort mit ihm, damit ſeine 143 Feigheit nicht anſteckend wird!— Horch! ſie ſind auf dem Raſen. Da ertönt eine Trompete. Ich will an das Fenſter über dem Thore treten und mit ihnen ſprechen. Die Männer ſollen nicht früher ſchießen, bis ich es be⸗ fehle.“ Zwei bis drei aus ihrer Umgebung, beſonders der Prie⸗ ſter und der erſte Chorſänger beſchworen ſie, ihr Vorhaben zu unterlaſſen; allein die Aebtiſſin beſtand nicht allein auf ihrem Entſchluſſe, ſondern erſuchte ſogar die Andern, ſie zu begleiten, und zwar in einem Tone, der keine Weigerung zuließ. So ging ſie denn mit einer Würde in ihrer Miene, wie man ſie hinter ihrer kleinen plumpen Figur nicht geſucht hätte, die Treppe in dem linken Portalthurme hinauf und präſentirte ſich an dem Gitterfenſter über dem Thore. Der dem Kloſter zunächſt gelegene Theil des Raſens war jetzt mit Bewaffneten, vornämlich Reitern bedeckt; einige waren ſchon abgeſtiegen und näherten ſich dem Thore. Eine Gruppe von ſechs bis ſteben— offenbar die Anführer — ſah man etwas weiter zur Linken, und einer von ihnen erhob eben in jenem Augenblick ſeine Stimme gegen einen auf der Mauer auftauchenden bewaffneten Landmann. Die Aebtiſſin machte jedoch dieſer Unterredung gleich im Be⸗ ginne ein Ende, indem ſie in jenem ſchrillen hohen Tone, der ſich auf weit größere Entfernung vernehmbar macht, als eine lautere aber tiefere Stimme— die Fragen ſtellte: „Was wollt Ihr hier, Meiſter? Wie kommt Ihr in Waffen hierher vor das Kloſter der heiligen Clara? Heißt jene Leute von dem Thore zurücktreten, ſonſt werde ich ſo⸗ 144 gleich Befehl geben, daß die Soldaten abfeuern und die Ka⸗ nonen losſchießen.“ „Kanonen!“ rief einer der Führer lachend.„Meiner Seel! der Platz ſcheint eher eine Feſtung, als ein Kloſter.“ „So werdet Ihr's zu Eurem Schaden finden, unhöf⸗ licher Kerl, wenn Ihr hier zu plündern verſuchen ſolltet,“ rief die Aebtiſſin.„Heißt ſie zurücktreten, ſag' ich, oder die Folgen mögen über Euer Haupt kommen!“ „Halt da, bleibt zurück!“ rief der Führer, der zuvor ge⸗ ſprochen hatte, und ſein eigenes Pferd unter das Fenſter treibend, wo die Aebtiſſin ſtand, ſchaute er empor und ſagte: „ſie wollten blos die Glocke läuten. Seyd Ihr die Lady Aebtiſſin?“ „Was braucht man ſechs Leute, um die Glocke zu ziehen?“ rief die Lady.„Wenn Ihr zu ſo kleiner Arbeit ſo viele Hände bedürft, ſo werdet Ihr weit mehr Arme brau⸗ chen als Ihr hiehergebracht habt, um die Thore aufzu⸗ bringen. Ich bin die Lady Aebtiſſin und befehle Euch, geht von dannen und laßt mich und meine Kinder in Frieden, ſonſt ſoll Euch der Bannfluch nebſt der größeren und kleine⸗ ren Erkommunikation treffen. Ich weiß nicht, ob Ihr der⸗ ſelbe ſeyd, der uns neulich zu plündern kam; ſeyd Ihr es wirklich, ſo ſollt Ihr uns beſſer gerüſtet finden als damals, wo es Euch gleichwohl theuer genug zu ſtehen kam.“ „Hört mich, hört mich, gute Lady“, ſagte der Reiters⸗ mann,„denn wenn Ihr mich nicht hört, könnt Ihr mich auch nicht verſtehen, und eine Weiberzunge ſt zuweilen ſchlimmer als eine Kanone.“ 5 — 145 „Ihr werdet den Donner der Kirche noch ſchlimmer fin⸗ den,“ rief die Lady. „Davor iſt uns nicht bange,“ gab der Reiter zur Ant⸗ wort,„denn wir kommen nicht, um zu plündern oder Ge⸗ waltthätigkeiten zu begehen, wenn wir nicht dazu gezwun⸗ gen werden.“ „Pardieu! was ſoll das unſinnige Geſchnatter?“ fluchte ein Anderer, der von hinten herbeigeritten kam.„Brecht die Thore auf, Sir John. Wenn Ihr's nicht thut, ſo thu ich's, ſonſt führen ſie den Mann fort, und beim Himmel! wenn ſie das thun, ſo zünde ich ihnen das Neſt über dem Kopfe an!“ „Ruhig, ruhig!“ rief der Erſte.„Sie können ihn nicht fortführen, denn unſere Leute ſind rings um die Mauern aufgeſtellt.— Hört mich einen Augenblick, Lady. Wir ha⸗ ben ſichere Kunde, daß ein als Möͤnch verkleideter Mann geſtern Nacht ſeine Zuflucht hieher genommen hat. Ihn müſſen wir herauskriegen, und wenn Ihr ihn ausliefert, ſo wollen wir friedlich von dannen reiten und Euch in Ruhe laſſen— wo nicht, ſo müſſen wir mit Gewalt eindringen und ihn aufgreifen. Es thäte uns leid, einen Curer Leute verwunden oder irgend welchen Schaden anrichten zu müſſen; aber Ihr wißt, wenn eine Feſte mit Sturm genommen wird, ſo ſind die Soldaten meiſterlos, und die Verantwortung käme dann auf Euer Haupt. Wir müſſen ihn um jeden Preis herauskriegen.“ „Wißt Ihr nicht, daß dies ein Aſyl iſt,“ rief die Aebtiſ⸗ ſin,„und daß Jeder in dieſen Mauern ſicher iſt, ſogar wenn ee Vatermord oder Hochverrath begangen hätte?“ James. Der Waidmann. 10 „Ja, er hat aber kein Verbrechen verſchuldet, wodurch er ein Aſyl verdiente,“ erwiederte der Andere.„Er iſt nur ein Deſerteur von ſeiner rechtmäßigen Fahne, und wir wollen ihn heraus haben, ob dies nun ein Aſyl iſt oder nicht.“ „In den Mauern der heiligen Clara weilt kein ſolcher Mann,“ erklärte die Aebtiſſin.„Ich bebaupte nur die Pri⸗ vilegien des Kloſters, weil ſie nun einmal deſſen Privilegien ſind, erkläre Euch aber gleichzeitig, daß kein Aſylflüchtiger irgend welcher Art ſich hier befindet.“ „Höll und Teufel!“ donnerte der heftigere der beiden Führer.„Wollt Ihr etwa läugnen, daß ein als Mönch verkleideter Mann heute Abend hier erſchien und mit denen, die ihn herbrachten, nicht wieder abzog? Auf mit den Tho⸗ ren! ſie hält uns nur für Narren!“ 3 „Haltet noch einen Augenblick, ehe es zum Kampfe kommt,“ bat die Aebtiſſin, und auch der andere Führer rief: „Halt, halt! was wollt Ihr ſagen, Lady? Denn ſo laſſen wir uns nicht abſpeiſen.“ „Ich ſage,“ wiederholte die Aebtiſſin,„daß die Ver⸗ dammniß, die Ihr herausfordert, eines Tags auf Eure Häupter niederfallen wird, wenn Ihr auf dieſer Bahn nicht inne haltet. Ueberdies ſage ich Euch, daß kein ſolcher Mann hier iſt, überhaupt Niemand außer den Pächtern und den Beamten der Abtei. Ein Mönch kam allerdings heute Abend mit einer edlen Geſellſchaft von Gäſten. Er zog nicht mit ihnen ab, entfernte ſich aber ſpäter und iſt nicht mehr hier.— Hört mich zu Ende! Um Blutvergießen zu ver⸗ hüten, will ich Euch die Mittel gewähren, Euch ſelbſt zu 147 überzeugen, indem ich zu gleicher Zeit gegen die von Euch begangene Handlung proteſtire und mir mein Recht vorbe⸗ halte, Euch ſpäter zur Strafe zu ziehen, wo Ihr dann meine Erlaubniß nicht als Entſchuldigung anführen dürft.“ „Das wollen wir ſchon verantworten,“ rief einer der Anderen in keckem Tone.„Oeffnet die Thore, öffnet die Thore: wir brauchen keine Entſchuldigung für das was wir thun.“. „Halt!“ rief die Aebtiſſin;„ich öffne meine Thore nicht vor Eurer ganzen gottloſen Bande. Eurer Sechs mögen eintreten, wenn ſie wollen, und jeden Winkel der Abtei von einem Ende bis zum andern durchſuchen. Ihr werdet dann bald ſehen, daß es mir nicht an Vertheidigungsmitteln ge⸗ bricht, wenn ich ſie gebrauchen will. Nehmt Ihr dieſe Bedingungen an, ſo heißt alle Uebrigen auf die andere Seite des Raſens zurückweichen— wo nicht, ſo werde ich die Armbruſtſchützen und Kanoniere losfeuern laſſen.“ „Es müſſen unſerer Zehne ſeyn, ſonſt werden wir mit der Durchſuchung nicht fertig,“ meinte der Führer, welcher zu⸗ erſt geſprochen hatte. „Wohlan, ſo ſey es denn!“ erwiederte die Aebtiſſin. „Wir haben dann nur um ſo mehr Geißeln zum Aufhängen, wenn Die da draußen eine Verrätherei gegen uns verſuchen wollen.“ „Ihr ſeyd ſpaßhaft, Lady,“ ſagte der Führer.„Sind wir einverſtanden?“. „Ja,“ erklärte die Dame.„Heißt Eure Leute zurück⸗ weichen— ganz auf die andere Seite; dann mögen Zehn 10* 148— vortreten, und ich will herabkommen und Befehl geben, daß ſie eingelaſſen werden.“ Sie wartete, bis ſie die Bande nach dem hinteren Theil des Raſens hatte zurückweichen ſehen; dann ſtieg ſie herab und gab ihre Befehle mit großer Klarheit und Geiſtesgegen⸗ wart, indem ſie ihre Anordnungen ſo traf, daß ihre kleine Streitmacht ſich am vortheilhafteſten ausnahm; der Thür⸗ hüter als Oberkommandant mußte mit jedem Häuflein der Häſcher zwei bis drei ſtarke Männer ausſenden und dabei auf die Bande draußen ein wachſames Auge richten, um ſich zu überzeugen, daß ſie dem Thore nicht wieder näher kamen. Dann zog ſie ſich in die Kapelle zurück, wo ſie ſämmt⸗ liche Nonnen, gleich einem Bienenſchwarme, um den Hoch⸗ altar verſammelt traf. Nachdem ſie dieſelben ſo gut ſie konnte beruhigt hatte, ſtellte ſie ſich an das Fenſter, das die der Schweſterſchaft zugewieſene Gallerie erhellte und ſchaute durch den geöffneten Flügel auf den Hof hinaus. Die zehn Bewaffneten, denen ſie Einlaß gewährt hatte, traten mittlerweile Einer nach dem Andern durch das Gitter, und ſie ſah nicht ohne Befriedigung, daß deren Mienen, beim Fackellichte geſehen, über die große Anzahl der Ver⸗ theidiger nicht geringe Ueberraſchung verriethen. Der erſte Theil des Gebäudes, den ſie durchſuchen woll⸗ ten, war die Kapelle, und die Aebtiſſin eilte hinab und trat ihnen am Hochaltar in der Mitte ihrer Nonnen entgegen. Keine Unhöflichkeit wurde von den Fremden begangen, denn die Beſatzung draußen mit ihren geladenen Handkanonen und etlichen fünfzehn bis ſechszehn Schützen mit ſtählernen 149 Armbrüſten in der Hand hatte den Eindringlingen einen heilſamen Reſpekt eingeflößt. Die Kapelle wurde jedoch allenthalben durchſucht, und als die Soldaten wieder ab⸗ zogen und die Thüre abermals verſchloſſen hatten, nahm die Aebtiſſin ihre Stellung wieder am Fenſter, während ihr Herz trotz ihrer kühnen Außenſeite dem Abzuge der Bande ziemlich ängſtlich entgegen pochte. Sie ſah, wie die Gebäude zu beiden Seiten des Hofes ſcharf durchſucht wurden, wie ſich dann die Soldaten in drei Partien theilten und vor ihren Augen verſchwanden. Sie horchte auf deren Stimmen und konnte ſie noch einen Theil des Weges rings um das große Viereck verfolgen; dann wurde Alles wieder ſtill, und ſie glaubte, ſie hätten ſich nach den entlegenſten Theilen des Gebäudes, vielleicht ſogar nach dem Garten gewendet, um ihn ſeiner ganzen Ausdehnung nach zu durchſtreifen, und jedem Flüchtling die Möglichkeit des Entkommens abzuſchneiden. Ein paar Minuten lang herrſchte völlige Stille; nur vom Hofe her hörte man das leiſe Gemurmel der Kloſter⸗ mannſchaft, bis ſich einige Töne vernehmen ließen, welche die Aebtiſſin beunruhigten und erſchreckten, denn nach einem Krachen wie wenn eine Thüre eingeſprengt worden wäre, konnte ſie deutlich den Ruf vernehmen: „Hier iſt er, hier iſt er! wir haben ihn.“ Lautes Murmeln vieler Stimmen folgte, und zitternd vor Angſt erwartete ſie den Ausgang, bis ſie zu ihrem großen Troſte und ſogar Ergoͤtzen den ganzen Haufen der Zehne und in ihrer Mitte den feigherzigen Vogt daherkommen ſah, 150 während mehrere von den Kloſterleuten mit boshaftem ſpöt⸗ tiſchem Blicke hinterdrein folgten. „Bei meinem Leben! bei meiner Seele! bei allen hohen Heiligen! ich ſpreche die Wahrheit,“ rief der unglückliche Vogt.„He da, Giles, Thürſteher! ſagt ihnen, wer ich bin, Mann.— Er kann's Euch ſagen— er kann's Euch ſagen.“ „Wahrhaftig, Ihr irret Euch, wenn Ihr mich Thür⸗ ſteher nennt,“ ſagte der Angeredete.„Ich weiß nichts von Euch. Ihr irret Euch in mir, guter Sir. Ich bin der Vogt des Kloſters.“ „Da habt Ihr's,“ ſagte einer der Anführer der Sol⸗ daten.„'s iſt Alles umſonſt, mein guter Lord, kommt nur mit— da führt ihn hinaus.“ Die Aebtiſſin konnte das Lachen nicht unterdrücken, ob⸗ wohl ſie große Luſt hatte dazwiſchen zu treten und den armen Vogt als ſpezielles Eigenthum des Kloſters zurückzufordern. Ehe ſie ſich jedoch hiezu entſchließen konnte, hatte der Mann bereits das Thor überſchritten, während ein Theil der Nach⸗ ſuchenden im Hofe zurückblieb und ein anderer ſich umwen⸗ dete und die Nachſuchung fortſetzte, bis kein Loch oder Winkel der Abtei undurchſucht geblieben war. Mittlerweile ließ ſich vom Raſen her lautes Schimpfen und Fluchen vernehmen; Befehle und Kommandoworte wur⸗ den laut, und der Thürſteher eilte endlich dicht an das Gitter mit dem Rufe: „Auf die Wälle! ſpannt Eure Armbrüſte! was haben ſie denn vor?— Ihr Kanoniere, bleibt da unten ſtehen!— 151 Ihr dürft nicht paſſiren, Sir, Ihr dürft nicht paſſiren, bis wir wiſſen, was das Alles bedeutet,“ fuhr er den Haupt⸗ führer anredend fort, der nunmehr von dem abgelegeneren Theil des Gebäudes mit drei Begleitern in den Hof eilte. „Ich weiß ebenſowenig wie Ihr, was es gibt, guter Mann,“ erwiederte dieſer;„wenn Ihr mich aber hinaus laßt, ſo will ich es bald ſehen.“ „Sie nähern ſich dem Thore, Sir,“ rief der Thürſteher. „Schießt nur, wenn ſte zu nahe kommen, meine Burſche!— Ihr ſeyd ſcheint's ein Ritter, Sir, und wir wollen Euch als Geißel für die Sicherheit des Kloſters zurückbehalten.“ „Ich kann ja doch nicht dafür verantwortlich ſeyn, wenn Ihr mich nicht hinaus laßt,“ erwiederte der Andere;„wenn Ihr es thut, ſo verpfände ich Euch mein Ritterwort als Edelmann und Chriſt, daß alle Truppen abmarſchiren und die Abtei unbeläſtigt laſſen ſollen.“ Dies ſagte er voller Haſt und Eifer, offenbar von Un⸗ ruhe bewegt; doch der alte Thürſteher war noch nicht zu⸗ frieden, ſondern erwiederte: „Da gebt es ſchriftlich und ſetzt Euren Namen drunter. Hier iſt Feder und Tinte und das Fremdenbuch iſt in der Loge. Der Offtzier trat eilig ein und that wie man verlangt hatte, denn die vier drohend ausſehenden Hand⸗ kanonen waren auf ihn und ſeine Begleiter gerichtet, und jeder Kanonier hatte eine brennende Lunte in der Hand, um ſie unverzüglich loszufeuern. „Da habt Ihr's,“ ſagte der Ritter, ſobald er ge⸗ ſchrieben hatte. 1⁵² Der Portier betrachtete ſich die Handſchrift. Ob er leſen konnte oder nicht, will ich nicht verbürgen; nachdem er ſich aber ſo gut er konnte von der Richtigkeit überzeugt hatte, öffnete er vorſichtig das Fallgatter und ließ die Ein⸗ gedrungenen Einen nach dem Andern hinaus. Der Kommandirende eilte mit raſchen Schritten voran und traf allerdings nicht ſo frühzeitig ein, wie er wohl hätte wünſchen können. „Was gibt es?“ rief er;„was gibt es?“ „Mort Dieu!“ rief der zweite Befehlshaber;„wir ſind getäuſcht worden, Sir John, dieſer Mann iſt gar nicht der Biſchof. Hier iſt einer unſerer eigenen Leute, der ihn kennt, und der ſagt, er ſey wirklich der Kloſtervogt.“ „Das bin ich auch,“ jammerte der elende Feigling; „hättet Ihr mich zu Worte kommen laſſen, ſo hätte ich's Euch ſchon lange geſagt.“ „Er behauptet, der Mönch ſey noch vor einer Stunde da geweſen,“ tobte der zweite Befehlshaber;„ſie müſſen ihn entweder in dieſe Häuſer oder in den Wald hinausge⸗ ſchafft haben, während wir das Thal heraufzogen.“ „Durchſucht die Häuſer,“ befahl der Oberkommandant, „und ſchickt einen Trupp die Straße nach dem Wald hinauf.“ „Iſt ſchon geſchehen, iſt ſchon geſchehen,“ fluchte der Andere.„Die Leute ſind wüthend, denn ſie werden allen Antheil an der Belohnung verlieren.— Beim Satan und allen ſeinen Teufeln!“ fuhr er fort,„ich glaube, ſie haben die Häuſer angezündet.“ 153 „Das wird eine ernſthafte Rechnung abgeben,“ brummte der Kommandirende ängſtlich.„Ruft die Leute ab und ſucht dem Feuer Einhalt zu thun“— indem er ſo raſch wie möglich Alles verſuchte, um das angerichtete Uebel zu heilen. Allein es gibt Zeiten— wie Jeder wiſſen muß, der ſchon rohe Menſchen unter ſeinen Befehlen hatte— wo dieſe völlig unlenkſam werden. Dies war auch hier der Fall: die irreguläre zuchtloſe Schaar, welche jetzt die Abtei umringte, ſteckte alle Gebäude auf der rechten Seite des Raſens in Brand, ohne den erhaltenen Befehlen, den Vor⸗ ſtellungen, ja ſogar den Drohungen ihrer Kommandirenden im Geringſten zu gehorchen. Auch die andere Häuſerreihe wäre demſelben Schickſale wohl nicht entronnen, ja ſogar die Abtei wäre ohne Zweifel angegriffen worden, wenn nicht der Offizier als letztes Auskunftsmittel die Trompeter hätte blaſen und die geſammte Truppe aufmarſchiren laſſen, um zur Durchſnchung des Waldes auf der dahin führenden Straße abzumarſchiren. Die Nachzügler folgten, ſobald ſie ſahen, daß die Haupt⸗ truppe ſie verlaſſen hatte, und außer drei bis vier beharr⸗ lichen Dieben, welche die Plünderung in dem Hauſe des Prieſters vollenden wollten, marſchirte die ganze Streitmacht langſam die Anhöhe aufwärts, bis unter den erſten Bäumen des Waldes zum Halten geblaſen wurde. Dort wählte der kommandirende Offzier zwanzig Männer aus ſeiner Bande und ritt zu dem Raſen vor der Abtei zurück. Die Uebrigen 154 machten Halt wo ſie ſtanden und fragten ſich untereinander, was dies wohl zu bedeuten habe. Er gab übrigens auch bei ſeiner Rückkehr keine Erklärung; am nächſten Morgen bei Tagesanbruch fand man jedoch vor einer der unverbrannten Hütten drei Leichen, welche an Pfählen, die man in's Dach geſteckt hatte, aufgehängt waren. Eilftes Kapitel. „O wie froh bin ich!“ rief Jola in ſo munterem ver⸗ trauensvollem Tone, daß Chartley's Herz davor erbebte. Das Vertrauen, die Zuverſicht, die man in uns ſetzt, hat etwas wunderbar Gewinnendes an ſich. Sogar der Mann— der wilde, blutige, alles verſchlingende Mann— wird dem geheiligten Vertrauen kaum widerſtehen können. Wir ſchonen und lieben die Vögel, die Thiere, die uns ver⸗ trauen und uns durch heitere Zuthulichkeit dieſes Vertrauen beweiſen. Das Nothkehlchen hüpft auf dem Fenſterſims, und wir füttern es mit den Krumen von unſerem Tiſche, und— um vom Kleinſten zum Größten überzugehen— man lehrt uns ja, daß Gott, wenn wir ihm nur vertrauen, uns ebenſo füttern wird, wie wir den Vogel füttern. Wie geſagt, das Vertrauen hat etwas ſehr Gewinnendes an ſich, und wenn auch Lord Chartley das ſchöne Antlitz Jola's nicht deutlich unterſcheiden konnte, ſo kam ſie ihm doch in jenem Augenblicke weit reizender vor, als da ſie in der Abtei neben ihm geſeſſen hatte. — —— — ——— 155 „Theure Lady,“ ſagte er leiſe ihre Hand ergreifend, „es freut mich, daß Ihr über dieſes Zuſammentreffen froh ſeyd; glaubt mir, auch ich bin herzlich erfreut, Euch hier zu treſfen, obwohl ich dies nicht erwarten konnte. Ich habe unſern Freund, den Waidmann, und ihn, von dem Ihr wißt, eben erſt geſehen. Sie ſind wohlgeborgen jenſeits der Straße; ich konnte mich jedoch nicht beruhigen, als ich ver⸗ nahm, daß Ihr allein zurückgegangen ſeyd: ich mußte Euch folgen, um mich d von Eurer Sicherheit zu überzeugen. Wa⸗ rum ſeyd Ihr—“ „Aber wer 7 dort— wer iſt dort oben?“ fragte Jola, mit der linken Hand nach der Stelle deutend, wo ſie eine zweite Geſtalt hatte ſtehen ſehen, indem ſie ihre Rechte dem jungen Edelmanne nicht entzog, ſondern ſich im Gegentheil noch dichter an ihn drängte. „Fürchtet nichts,“ erwiederte Chartley;„es iſt nur mein treuer Sklave. Ich habe ihn dort aufgeſtellt, um Euch zu benachrichtigen, daß auf jenem Pfade Gefahr drohe, wäh⸗ rend ich durch die Bäume kroch, um Euch ſicher nach der Zelle zu geleiten. Warum ſeyd Ihr zurückgekehrt? Fürch⸗ tet Ihr Euch, allein den Gang zu durchſchreiten?“ „Nein, nein,“ gab Jola zur Antwort;„die Thüre iſt aber leider verſchloſſen und kann von dieſer Seite nicht ge⸗ öffnet werden.“ „Das trifft ſich unglücklich!“ rief Lord Chartley.„Was iſt da zu thun?— wo wollt Ihr die Nacht zubringen?“ „O ich fürchte mich nicht mehr, ſeit Ihr bei mir ſeyd,“ verſicherte das Mädchen in offenem heiterem Tone,„Ich 156 will ſogleich des guten Waidmanns Hütte aufſuchen, wenn Ihr mich gütigſt bis dahin begleiten wollt; dort werde ich ganz ſicher ſeyn.“ „Das wäre allerdings eine erfreuliche Aufgabe,“ erwie⸗ derte ihr junger Begleiter;„allein weder Ihr noch ich, theure Lady, können die Hütte ohne Gefahr erreichen, und Ihr dürft ſolcher Gefahr nicht ausgeſetzt werden. Schon zieht ein Trupp von dieſen Leuten auf der Straße, und nach der Trompete, die ich ſo eben vernommen habe, zu ſchließen — werden andere bald nachfolgen. Es ſcheint, ſie haben das Entkommen unſeres guten Freundes entdeckt und ver⸗ folgen ihn in dieſer Richtung. Ueberdies wird der Waid⸗ mann erſt nach einigen Stunden in ſeine Wohnung zurück⸗ kehren. Ich ſah ihn kaum zuvor über die Straße ziehen, als die Spitze der Soldaten den Hügel herauf kam, und nachdem ich ſie eine Weile beobachtet und bemerkt hatte, daß ſie mehrere Patrouillen vorwärts ſchickten, eilte ich voll Be⸗ ſorgniß für Euch hierher.“ „Ihr ſeyd ſehr gütig,“ ſagte Jola leiſe in ſüßem aber traurigem Tone.„Was ich jetzt anfangen ſoll, weiß ich nicht. Ich muß wohl die Nacht im Walde zubringen, wie die armen Kinder, von denen man uns erzählt. Hätte ich nur wärmere Gewänder mitgebracht, denn es iſt in der That nichts weniger als warm, und ich zittere ſchon jetzt vor Furcht und Kälte.— Was wird nun aus mir werden!“ „Ei, der Kälte läßt ſich bald abhelfen,“ gab der junge Edelmann zur Antwort.„Dieſer Pelzüberrock könnte kei⸗ nem ſchöneren Zwecke, keiner hübſcheren Maid dienen, ob⸗ 157 gleich er eigentlich zwei ſo leichte Feengeſtalten umſchließen könnte.— Nein, nein, ich beſtehe darauf,“ fuhr er fort, als er ſie in das warme Gewand einhüllte;„und was die Furcht betrifft, theure Lady, da braucht Ihr nicht zu zittern. Ich will Euch mit meinem Leben vertheidigen und mich nicht eher von Euch trennen, bis ich Euch wohlbehalten hinter den Kloſtermauern oder wenigſtens unter dem Schutze Eurer guten Tante ſehe. Ueberdies habe ich im Nothfalle an dem ſtarken Arme meines guten Arabers eine kräftige Hülfe zur Hand. Wehe dem Räuber, der der Schneide ſeines Säbels begegnet! Nichtsdeſtoweniger müſſen wir irgendwo einen Zufluchtsort für die Nacht auffinden, und wäre es auch nur eine grüne Laube, wo Ihr ſchlafen könnt, während ich als Eure Schildwache Euch beſchütze.“ „Es wäre beſſer, einen ſichereren Verſteck zu ſuchen, wo dieſe Leute uns nicht finden können,“ antwortete Jola.„Da iſt die ſogenannte Prinz Edwardshöhle— ich weiß nicht, warum ſie ſo heißt; ſie liegt aber auf der andern Seite der Straße.“ „Der Waidmann ſprach von einem alten Kaſtell auf dem Hügel,“ meinte der junge Edelmann.„Den Wart⸗ thurm ſah ich von unten auftauchen, kann aber nicht mehr ſagen, in welcher Richtung es liegt.“ „O, den Weg dahin kann ich gut finden,“ rief Jola heiter.„Ich kenne jeden Pfad nach dem Schloſſe und faſt jeden Stein an dem alten Gebäude. Es liegt auf dieſer Seite des Hügels, iſt aber über eine Meile entfernt. „Dann laßt uns dorthin wandern, wenn Ihr den Weg zu finden wißt,“ erwiederte Chartley.„Sollten wir ver⸗ folgt werden, ſo können wir dort Verſteckens ſpielen oder im ſchlimmſten Falle einen Thurm oder eine Treppe ſo lange abſperren, bis Hülfe naht. Wäre ich gewiß, daß ein Offi⸗ zier oder ein Mann von Ruf dieſe Banden anführt, ſo würde ich mich nicht um Euch ängſtigen; allein eine ſo ſchöne Blume darf nicht den rohen Händen der geſetzloſen Soldateska überlaſſen werden.“ Jola bemerkte oder wollte wenigſtens dieſe letzten Worte nicht bemerken. Ueberhaupt iſt es ſelten, wenn eine Phraſe mehrere Sätze enthält, daß mehr als einer beſondere Beach⸗ tung findet. Sie hielt ſich wenigſtens an das was er über die alte Burg geſagt hatte und antwortete: „O dort können wir ein Jahr lang Verſteckens mit ihnen ſpielen, wenn wir die Burg nur erſt ſicher erreichen; ich glaube jedoch, Euch auf einem Pfade dahin führen zu können, von dem ſie ſich gewiß nicht träumen laſſen, denn er ſcheint ſich immer weiter von ſeinem Ziele zu entfernen, je näher er ihm in Wirklichkeit kommt.“ „Darin ähnelt er dem Witze der Frauen, theure Lady,“ bemerkte Lord Chartley lachend;„ich hab' es ſchon oft er⸗ lebt, daß der auf den merkwürdigſten Wegen in luſtigen mäandriſchen Biegungen ſein Ziel erreichte. Kommt übri⸗ gens. Ein Verſuch zum Durchſtreifen des Waldes wird wenigſtens heute Nacht wohl nicht von ihnen zu fürchten ſeyn, wenn ſie auch alle Ausgänge zu bewachen ſich mühen ſollten. Wir werden ſchon ſicher durchkommen, wenn wir die Heerſtraßen vermeiden.“ 159 „O unſer Pfad ſoll ganz krumm, eng und dunkel ſeyn gleich der Politik des Mannes,“ antwortete Jola mit einer leichten Anwandlung von Rachſucht.„Da ſeht, hier geht's hinauf; nehmt auch Euren Mohren mit.“ „So ſtützt Euch auf meinen Arm,“ ſagte Chartley, ihr den ſeinigen reichend.„Ihr werdet auf dieſer langen Wan⸗ derung wohl einiger Stütze bedürfen.“ „Sie wird ſeyn wie die Wanderung des Lebens, wo wir zuweilen den ſchmalen Pfad einſam und ohne Stütze betreten müſſen, zuweilen aber uns gegenſeitig helfen und führen können,“ gab Jola zur Antwort. So trat ſie ihren Weg mit ihm an, indem ſie ſich in nachdenklicher Stimmung leicht auf ſeinen Arm ſtützte. Chartley ſprach einige Worte mit Ibn Ayoub und hieß ihn auf wenige Schritte hinter ihnen folgen und alle Laute etwaiger Verfolgung mit ſcharfem Ohre bewachen. So wandelten er und ſeine ſchöne Gefährtin wohl fünf Minuten ſchweigend ihres Weges, bis Jola endlich ihr Nachſinnen mit dem plötzlichen Rufe unterbrach: „Hilf, Himmel! was würde meine arme Tante denken, wenn ſie wüßte, daß ich hier allein mit Euch umherwandere, Mylord.“ Lord Chartley glaubte in dieſen Worten eine gewiſſe Anwandlung von Furcht und Zweifel zu bemerken, die er nur höchſt natürlich finden konnte, gleichwohl aber gerne entfernt hätte. 8 „Ich meine, ſie würde froh ſeyn, daß Ihr durch ſonder⸗ baren Zufall mit einem Manne zuſammengetroffen, dem 160 Ihr und ſie vollkommen zutrauen darf, daß er Euch gegen jedes Uebel beſchützen und vertheidigen wird,“ erwiederte er. „Ihr wiſſet hoffentlich, daß ein Solcher neben Euch geht?“ „O ja,“ gab ſie zur Antwort, indem ſie in ſein Geſicht emporſchaute, obgleich ſie es nicht ſehen konnte.„Glaubt ja nicht, daß ich mich vor Euch fürchte, Mylord, denn mir iſt, als hätte ich Euch ſchon viele Jahre gekannt, und obwohl es heißt, man dürfe keinen Mann allzu raſch beurtheilen, ſo bin ich dennoch überzeugt, Ihr würdet mir nicht um alle Güter der Welt weder ſelbſt ein Unrecht thun noch von An⸗ deren anthun laſſen. Meine Tante jedoch würde wohl arg⸗ wöhniſcher ſeyn, denn ſie hat ſonderbare und wie ich hoffe nicht die wahren Anſichten von der Welt.“ Chartley ſchwieg einige Augenblicke und brach dann in luſtiges Lachen aus. „Es wäre leicht zu ſagen, was ich eben ſagen wollte: vertraut mir und beargwöhnt alle anderen Männer,“ er⸗ wiederte er endlich;„ich will jedoch lieber nichts der Art ſagen, denn ich kann Euch weder mit Recht erklären, warum Ihr Andere beargwöhnen ſollt, noch Euch einen guten Grund dafür angeben, weßhalb Ihr mir vertrauen dürft. Mein Glück in der Sache iſt das, daß Ihr keine Wahl habt: ver⸗ trauen müßt Ihr mir nun einmal, ſüße Maid, ob Ihr nun wollt oder nicht; aber glaubt mir,“ fuhr er fort, da er ein gewiſſes Beſtreben, ihm ihren Arm zu entziehen, zu bemerken glaubte:„glaubt mir, daß dieſes Vertrauen gut angebracht iſt und nie mißbraucht werden ſoll. Nun will ich aber keine weiteren Betheurungen machen; ich höre abermals Trom⸗ 161 petenſchmettern— es kommt aber aus größerer Entfernung als früher.“ „Es kommt den Hügel herab,“ verſicherte Jola.„Sie haben einen Vorſprung vor uns; aber wir werden ſie den⸗ noch überbieten, denn die Mehrheit wird, wie ich höre, immer von einigen Wenigen überwunden. Freilich weiß ich, ehr⸗ lich geſtanden, noch nichts vom Leben und wiederhole ſolche weiſen Sprichwörter nur wie alte Ammenlieder, ohne gewiß zu ſeyn, ob ſie in der richtigen Tonart ſind oder nicht.— O Prüderie!“ fuhr ſie luſtig fort:„was würden die lieben Nonnen und beſonders Schweſter Brigitte ſagen, wenn ſie mich ſo mit einem jungen Lord im finſteren Walde plaudern hörten, während in ihrer Nähe ſo nüchterner trauriger Ernſt aufgeſpielt wird? Auch Ihr findet es vielleicht auffallend; ich bin jedoch ſo wenig geübt, meine Gedanken zu verbergen, daß mir die Thorheit immer auf die Lippen ſtürzt, ehe mein langſamer Witz ſich aufmachen kann, um ihr Einhalt zu thun.“ „Ei nein, das glaub' ich nicht,“ meinte Lord Chartley, „denn meiner Treu! der Fall iſt ganz der meinige. Haben wir überdies beim Abendeſſen nicht den Handel abgeſchloſ⸗ ſen, daß das Köoͤrbchen nicht zugemacht, ſondern alle Juwe⸗ len des Herzens unverſchleiert gelaſſen werden ſollen?“ „Wahr,“ gab ſie zur Antwort.„Es war ein unbeſon⸗ nenes Verſprechen, muß aber, wie ich vermuthe, gleich allen Gelübden gehalten werden. Wäre es auch nicht geleiſtet worden, ſo müßte man doch, wie ich fürchte, das gleiche Verfahren einſchlagen, denn der Schlüſſel jenes Körbchens, James. Der Waidmann. 11 16² von dem Ihr ſprecht, iſt— wenn man ſeiner bedarf— nur ſelten zu finden, und das Schloß iſt ziemlich roſtig, weil es immer offen ſteht.— Glaubt übrigens nicht, ich würde vor allen Menſchen ſo handeln oder ſprechen; denn hättet Ihr wie der einzige junge Mann, den ich zweimal vor Euch ſelbſt geſehen, von meinen ſchönen Augen oder ſcharmanten Fin⸗ gern, hättet Ihr gleich jenem Freunde, der bei Euch war, mit ſo zierlichen Komplimenten über ſchöne glänzende Augen um Euch geworfen— Komplimenten, welche Jede aufleſen könnte, wenn ſie's der Mühe werth hielte, ſo wäre ich ſo ernſt und ſchweigſam wie die taube Kanoniſſin geworden oder wäre, ſo raſch meine Füße mich zu tragen vermochten, davon gelaufen. Ihr ſprachet jedoch zwar munter, aber doch von beſſeren Dingen und ſchienet mir wohl zu wiſſen, was einem Ritter und Edelmann gegen eine Frau oder Lady geziemt, und drum, mein guter Lord, vertraue ich Euch wie einem Freund, und ſpreche mit Euch wie mit einem Bruder.“ Welcher Art auch Lord Chartley's Empfindungen ſeyn mochten— ob er nun Luſt hatte, in dem kalten Verhältniſſe eines Freundes und Bruders zu bleiben oder ob in ſeinem Herzen Gefühle wärmerer Art gegen die ſchöne Gefährtin aufwuchſen: er wußte jedenfalls, daß brüderliche Zunei⸗ gung beim Angriffe gegen die Citadelle eines Frauenherzens häufig als die beſte und dienlichſte Tranſchee dient; er dankte alſo Jola anmuthig für ihr Vertrauen und verſuchte durch⸗ aus nichts, was die Schüchternheit einer noch neuen Be⸗ kanntſchaft hätte erſchrecken können. Sein Charakter war vielleicht gerade dazu gemacht, 163 ſich weit raſcher als die meiſten Männer Vertrauen zu er⸗ werben; heiter, fröhlich, tapfer, anſcheinend gedankenlos, in Wirklichkeit aber umſichtig und wohl überlegt, leichther⸗ zig in Folge ſtarker körperlicher Geſundheit, aus Selbſtver⸗ trauen, günſtigem Glücksſtern wie durch die Eingebung eines hoͤffenden, ſanguiniſchen Herzens— ſchien man bei ihm aus der Handlung ſogleich klar und deutlich auf das Motiv, aus den Worten auf die Regungen, denen ſie entſprungen, ſchließen zu können. Da war nichts von jener nebelhaften wohlbewölkten Politik, nichts von jener obſkuren Zwielichts⸗ kunſt, welche ſicher ſeyn darf, Argwohn zu erregen und An⸗ dere zur Behutſamkeit aufzufordern; Alles bei ihm war offen, frank und frei; man konnte ihn ſogar für unbeſonnener hal⸗ ten als er wirklich war, ja ſogar für rückſichtslos, während er ſich gerade als das Gegentheil zeigte; jedenfalls ahnte Keiner auch nur halb die tiefe Empfindung, die in ſeinem Herzen ſchlummerte oder den kühlen obwohl raſch beſonne⸗ nen Kopf, der ihm zu Gebot ſtand. Wir ſind leicht geneigt zu glauben, wenn ein Mann ſo⸗ gar in Fällen, wo es keiner Haſt bedarf, raſch und entſchie⸗ den handelt, er müſſe unklug und ohne gehörige Ueberlegung handeln. Wir ſagen:„wir hätten uns Zeit genommen, zum Nachdenken.“ Aber das Nachdenken iſt bei verſchiedenen Leuten ein ganz verſchiedenes Ding: bei dem Einen iſt es der Karrengaul, der ſich mit ſeiner ſchweren Laſt langſam von einem Punkte der Straße zum anderen fortbewegt; bei Anderen iſt es der flinke Renner, der wie der Pfeil vom Bo⸗ gen auf ſein Ziel losſchießt. Der Pfad und die Entfernung 11* 164 bleiben dieſelben, werden aber nur in dem einen Falle weit raſcher als in dem anderen hinterlegt. Ohne Zweifel war der Renner das wahre Sinnbild von Chartley's Geiſte. Er würde ſich ſchäumend gebäumt ha⸗ ben, wenn man ihn zu dem langſamen Schritte, wie viele Andere ihn vorziehen, verdammen wollte, und hätte man ihn zu ſachtem Gange gezwungen, um mit Anderen gleichen Schritt zu halten, ſo würde er eben wie ein ächtes Race⸗ pferd kurbettirt und ſeine Ungeduld durch tauſend wilde Sprünge bewieſen haben. Für alle gewöhnlichen Veranlaſſungen genügt es an ei⸗ nem kurzen Muſter eines Geſpräches, und ich brauche alſo blos zu ſagen, daß der junge Edelmann und ſeine ſchöne Begleiterin, auf acht bis zehn Schritte gefolgt von dem Araber, unter leichtem, heiterem Geplauder ihre Wande⸗ rung durch den Wald fortſetzten. Es mag auffallend er⸗ ſcheinen, daß ſie ſo bald ihre Furcht verloren und über an⸗ dere Dinge ſich beſprechen konnten, während ſie noch von Gefahren umringt waren; allein es war eine Eigenheit ihres beiderſeitigen Charakters, daß ſie nur wenig und ganz vorübergehend für ein Ding wie die Furcht zugänglich wa⸗ ren. Hoffnung war in Beider Herzen vorherrſchend, und Hoffnung iſt allerdings das Hauptelement des Muthes. An Gefahr dachten ſie nur, ſo lange ſie wirklich vorhanden war, und ihre Fantaſie mochte lieber Blumen pflücken als ſich nach Dornen umſchauen. Sie hielten allerdings von Zeit zu Zeit und lauſchten, um ſich zu überzeugen, daß keine Feinde in der Nähe waren, 165 und als Jola durch eines jener Engniſſe voranzugehen hatte, wo ſie nicht neben einander wandeln konnten, ſchaute ſie zu⸗ weilen zurück, um gewiß zu ſeyn, daß Chartley ihr nahe war; ſobald ſie aber wieder zuſammengingen, begann auch wieder ihr munteres Geplauder, ja oft gar Gelächter, wie⸗ wohl Jola für ihre gute Tante und Baſe nicht ganz ohne Beſorgniß war, die ſich ſogar durch Chartley's Verſicherung, wie das Abbrennen der Häuſer auf dem Raſen der ſtärkſte Beweis dafür ſey, daß Richards Banden nicht in das Klo⸗ ſter eingedrungen wären— nicht ganz beruhigen ließ. „Ueberdies,“ ſagte er,„bin ich vollkommen überzeugt, daß die Befehlshaber dieſer Leute, ſo lange ſie die Truppen unter ihren eigenen Augen haben, in einem geweihten Hauſe keine Gewaltthätigkeit von ihnen dulden werden, denn der König ſelbſt iſt fromm wie wir Alle wiſſen, und wenn er auch einer Aſylverletzung zu ſeinem eigenen Nutzen durch die Finger ſehen würde, ſo dürfte er doch jede nutzloſe hie⸗ bei begangene Unbill ſchwer beſtrafen.“ Dieſe Gründe waren für Jola allerdings tröſtlich, ſo daß die noch immer zögernden Beſorgniſſe nur wie flüchtige Schatten eine kurze Weile ihren Geiſt umnebelten und bald verſchwanden, wie leichte Wolken an einem Sommertage über das Antlitz der Sonne fliegen. So wandelten ſie denn durch die Zweige des Waldes auf den in das dichte Unterholz gehauenen Pfaden, die noch immer von den braunen Blättern des vorangegangenen Jahres beſchattet waren. Der Thau, der ſeit der vergan⸗ genen Nacht vorgeherrſcht hatte, war ſogar in des Waldes 8 466 Tiefen eingedrungen, und das Gras war mit ungefrorenen Tropfen bedeckt, ſo daß es faſt ebenſo weiß wie bei einem wirklichen Froſte ausſah. Dies war beſonders auf der er⸗ ſten Hügelſtufe— wie man es nennen könnte— der Fall; doch begann der Pfad bald bergan zu ſteigen, indem er ſich erſt ſanft um den Abhang herum wand und dann zu größe⸗ rer Breite ſich ausweitend unter einigen hohen Felsbänken hinlief, welche etwas zu ſteil waren, um ſich in gerader Li⸗ nie überwinden zu laſſen. Hier hätten ſie bei Tageslicht manch ſchöne Ausſicht auf die Abtei mit ihrer niederen Um⸗ gebung haben können, und ſelbſt im Dunkel der Nacht konnte man mit Hülfe des ſchwachen Lichtes, das die rau⸗ chenden Hüttentrümmer auf dem Raſen verbreiteten, die düſteren Maſſen des alten Gebäudes unterſcheiden, die ſich über die ganze Umgegend erhoben. „Ihr ſeht, die Abtei iſt gerettet,“ ſagte Chartley leiſe; „das Feuer iſt eben am Ausgehen. Nirgends läßt ſich ein Laut vernehmen. Vielleicht haben ſich dieſe Truppen zu⸗ rückgezogen.“ 4 „Das könnten wir bald ſehen, wenn wir uns weſtwärts wendeten, denn dort iſt eine kleine Bergſpize, welche die Straße weithin beherrſcht,“ bemerkte Jola. Chartley mochte nicht ſonderlich Luſt zum Rekognoseiren haben, denn ehrlich geſtanden, er mochte ſich nicht ſobald von ſeiner ſchönen Begleiterin trennen, da er ſich unterdeſ⸗ ſen zu der keineswegs unangenehmen Aufgabe entſchloſſen hatte, den Reſt der Nacht in dem alten Schloſſe mit ihr zuzubringen. Die Sache war ſo abenteuerlich und hatte — 167 jenen Anſtrich von Romantik an ſich, der den meiſten jungen Leuten ſo wohl gefällt. Nichtsdeſtoweniger hielt er es für paſſender, ihrer Andeutung zu folgen, wenn ſie gleich zur Folge haben konnte, daß er Jola nach der Abtei zurückbrin⸗ gen und für ſeine Perſon nach Hinckley weiter ziehen mußte. Sie ſchlugen alſo die von ihr angedeutete Richtung ein und gelangten nach etwa hundert und fünfzig Schritten zu einem Punkte, wo ein kleiner Quell von der Höhe herabſtürzte, deſſen Waſſer, ehe ſie die Straße überſchritten, in einem klaren, ſchmalen Teiche ſich ſammelte. Es war eine ſchöne Scenerie und in der ſchönſten Lage. Die zackige Felsklippe, von der das Waſſer herabſtrömte, war anzuſehen wie ein Vater, der, über die Quelle gebeugt, ſeinem Kind in die Augen ſchaut und ſein eigenes Bild zu⸗ rückgeſtrahlt ſteht. Die Sterne ſpiegelten ſich in dem Wei⸗ her, und eine zierliche Birke, die daneben wuchs, neigte ihr Haupt, um von den Waſſern zu trinken. „Hier will ich mich auf dieſen Stein niederſetzen, wo ich früher ſchon oft geſaßen, wenn Ihr auf dieſem ſchmalen Pfade zu jener Stelle hinaufeilen wollt, von wo ein großer Theil der Straße ſich überſehen läßt,“ bemerkte Jola.„Da aber, wo der Pfad endet, müßt Ihr Halt machen; bleibt aber nicht lange aus, denn ich werde mich ſonſt ängſtigen. Ich weiß nicht, ob Ihr in dieſer dunkeln Nacht etwas auf der Straße unterſcheiden werdet; der Sand iſt jedenfalls hell von Farbe, ſo daß man alles Dunkle, was ſich darauf bewegt, wohl wird bemerken können.“ „Ich will den Araber bei Euch laſſen,“ ſagte Chartley. 168 „Ihr könnt ihm vollkommen vertrauen.— Bleibe hier bei der Lady, Ibn Ayoub,“ fuhr er fort,„und beſchütze ſie, wie Du das Grab des Propheten beſchützen würdeſt.“ Der Mann faltete die Arme über der Bruſt und blieb in der Entfernung von drei bis vier Schritten genau ia der⸗ ſelben Stellung, während ſein Herr mit leichten Schritten den Pfad hinan eilte. Jola ſetzte ſich neben die Quelle und ſchaute auf die durchſichtige Waſſerfläche, aus der ihre ei⸗ gene Schattengeſtalt ihr entgegenblickte. Welches mochten damals ihre Gedanken ſeyn? Vielleicht überlegte auch ſie die Möglichkeit, daß alle Hinderniſſe ihrer Rückkehr nach dem Kloſter weggeräumt würden, daß ſte ſich dann von ihrem jungen freundlichen Begleiter tren⸗ nen müſſe und ihn vielleicht nie wieder ſehen werde. Dieſer Gedanke erfüllte ſie einigermaßen mit Reue: ſie wünſchte beinahe, daß ſie Chartley nicht vorgeſchlagen hätte, ſich nach den Truppen auf der Straße umzuſehen, und dann zürnte ſie wieder mit ſich ſelbſt, daß ſie ſolche Empfinduug nährte. Sie überlegte ſodann, wie ſie die Nacht in der Burgruine mit ihm zubringen wollte, und ſie betrachtete allerdings dieſe Ausſicht nicht von demſelben Standpunkte wie er. Sie empfand eine gewiſſe Unruhe— ſie wußte nicht vor was, ein gewiſſes Zweifeln und Schwanken. Sie dachte, es könnte ſehr ſonderbar, ja ſogar unrecht heraus⸗ kommen. So lange ihr keine andere Wahl übrig geweſen, war ihr kein ſolcher Gedanke gekommen; jetzt aber fühlte ſie ſich mächtig dadurch beunruhigt. Sie konnte nicht läugnen, daß es ſehr angenehm wäre, ſeine Geſellſchaft noch länger 169 zu genießen— nämlich mit Freunden und Genoſſen um ſie; aber allein am abgelegenen Orte, fern von dem Auge der Welt— jenem Auge, das zwar als Feſſel, aber auch als Schranke, als Zwang, aber auch als Rechtfertigung wirkt — da geſtaltete ſich die Sache ganz anders. Gleichwohl— ſo ſonderbar iſt des Menſchen Natur! war es ihr ein wahrer Troſt, als ſie einen Augenblick ſpäter von der Straße herauf Trompetenſchall und lauten Kom⸗ mandoruf ertoͤnen hörte. Vielleicht fürchtete ſie die baldige Trennung von Chartley noch mehr als die Ausſicht, eine Nacht in dem alten Schloſſe mit ihm zubringen zu müſſen. Das gute Mädchen! ſie konnte es nicht verhindern: es war ja nicht ihr Fehler. Die Natur lehrte ſie, ſich an den an⸗ zuklammern, der ſie beſchützt hatte, und das zu lieben, das wie der erſte Sonnenſtrahl des wiederkehrenden Sommers in die trübe Winternacht ihres langweiligen Daſeyns herein⸗ gebrochen war. Gleich darauf ließ ſich der Schritt des wiederkehrenden Chartley vernehmen; er eilte den Abhang herab und ſagte: „Sie ſind noch immer auf der Straße und ſchicken ſich überdies an, den Wald mit Patrouillen zu umringen, wahr⸗ ſcheinlich in der Abſicht, ihn morgen auf das Genaueſte zu durchſuchen. Laßt uns alſo weiter gehen, ſüße Jola, und unſeren Zufluchtsort aufſuchen, denn wir haben keine andere Wahl übrig; ſie werden vielleicht noch heute Nacht einige ihrer Abtheilungen auf dieſen breiteren Pfaden vorſchicken. Ich moͤchte nicht gerne mit ihnen in Colliſion kommen, wenn ich's verhindern kann.— Kommt, laßt mich Eure Schritte unterſtützen,“ indem er ihren Arm abermals in den ſeinigen ſchlang. „Ich hatte gehofft,“ antwortete Jola— die kleine Heuchlerin!„daß Alle fort wären, und daß Euch heute Nacht jede weitere Mühe um meinetwillen erſpart würde.“ „Mühe!“ rief Chartley lachend.„Ich weiß nicht, was Ihr empfindet, theure Lady; aber ich kann in dieſem nächt⸗ lichen Abenteuer wahrhaftig keinen ſo großen Unſtern er⸗ blicken. Ich beklage natürlich, daß Ihr überhaupt beunru⸗ higt oder gepeinigt werden mußtet; gleichwohl hat es etwas ſehr Angenehmens, einige Stunden in ſo lieblicher Geſell⸗ ſchaft zu verleben, und die Gelegenheit, Euch zu ſchützen und Euch beizuſtehen, meine Gefühle, meine Gedanken und Sympathien, wenn auch nur ſo kurze Zeit, mit den Eurigen zu verweben, iſt mir in hohem Grade willkommen. Wie auch unſer ſpäteres Loos ſich geſtalten möge, Lady Jola, ſo werden wir Beide dieſer Nacht als eines jener Höhepunkte im Leben gedenken, welche ihre Häupter aus dem Oceane der Vergangenheit emporrecken und in dem Lichte der Er⸗ innerung weithin ſchimmern.“ „Ich muß ihm von mir und meinem Schickſale erzäh⸗ len,“ dachte Jola; allein Chartley verfolgte den Gegen⸗ ſtand nicht weiter, und auf den früheren Pfad zurücklenkend, begannen ſie von Neuem nach dem Kaſtell emporzuſteigen, indem ſie ſich unter den Bäumen durchwanden, welche hier weiter auseinander ſtanden und weniger mit Unterholz unter⸗ miſcht waren. Wie raſch geſchieht es doch, daß die Wildniß ſich der 171 Kultur bemächtigt, wenn Letzterer die Hand des Menſchen abgeht! In früheren Jahren— man zählte ſeitdem noch kein Jahrhundert— war der freie Waldhügel, auf dem die Burg ſtand, mit feinem, glattgeſchorenem Raſen bedeckt geweſen und weder Baum noch Strauch hätte den nahenden Feind vor den Speeren der Beſatzung geſchützt. Vom Hauptthore war ein gewundener Pfad ausgegangen, der bis zu dem Rande des benachbarten Forſtes reichte und bei je⸗ der Biegung im Bereiche der Zinnen oder Schießſcharten des Schloſſes lag. Jetzt waren die Bäume an dem ganzen Abhange ſo dicht wie überall im Walde über die Straße und die ganze Umgebung emporgewachſen, und da, wo einſt das Gefolge des Burgherrn zu Pferde auf und ab geſprengt, war nur noch ein Fußpfad übrig geblieben. Die ſelbſtge⸗ ſäten Eichen waren zwar klein und dünn; aber es ſtanden auch rieſige Eſchen, große ſchöne Ulmen und Buchen darun⸗ ter, denen Niemand einen ſo jungen Urſprung zugetraut hätte. Zahlreiche Birken— die Jungfrauen des Waldes' — miſchten ihre ſchlanken Silberſtämme mit den kräftigeren männlicheren Waldbäumen, und die geflügelten Samen der Eſche hatten ſich hier und dort auf den Mauern feſtgeſetzt, wo nur immer ein herabgefallener Stein einen leeren Raum in dem Mörtel gelaſſen hatte; ſie waren jetzt zu zierlichen Federbüſchen aufgewachſen, welche die alten Zinnen be⸗ ſäumten und ſogar den ſchlanken Thurm krönten, ſo daß das Schloß im Frühſommer, wo die Blätter grün ſind, in der Entfernung kaum vom Walde zu unterſcheiden war. Jola und Chartley wanderten auf dem oben erwähnten 172 ſchmalen Pfade weiter, bis ſie endlich unter dem alten Bo⸗ gen des Thorthurmes ſtanden. Einer der flankirenden Thürme war eingeſtürzt und füllte den Burggraben, ſo einen weit ſichereren Pfad gewährend als die Zugbrücke, welche theilweiſe— ich weiß nicht ob durch Alter oder Krieg— abgebrochen, nur einen unſoliden Uebergang gewährte. Ci⸗ ner ihrer langen Balken nebſt zwei bis drei Planken hingen zwar noch an der ſchweren Kette, an welcher man früher die Brücke aufzuziehen pflegte; allein ſo oft auch Jola frü⸗ her hinübergegangen war, ſo fürchtete ſie doch in der Dun⸗ kelheit auf der Brücke auszugleiten oder über einen der Steine zu ſtolpern, wenn ſie den Weg über den gefallenen Thurm einſchlüge. Chartley errieth alsbald den Grund ihres Zögerns; er ging ein Stück weit auf der Zugbrücke voran und bot ihr die Hand mit den Worten: „Haltet Euch nur feſt an mich; die Brücke iſt ganz ſicher.“. Jola folgte alsbald, und der Araber that desgleichen; als ſie aber das große Thor erreichten, blieb die Lady aber⸗ mals ſtehen. „Es iſt ſo finſter,“ ſagte ſie,„daß ich fürchte, wir wer⸗ den unſern Weg durch das Gebäude nicht finden, ohne al⸗ lerlei Unfälle zu riskiren, denn viele von den Stufen ſind abgebrochen und die Mauertrümmer verſperren die Durch⸗ gänge, obwohl einige von den Zimmern im Wartthurm faſt ſo wohl erhalten ſind, als wären ſie eben erſt bewohnt ge⸗ weſen.— Wie lang mag es wohl noch bis zu Tagesan⸗ bruch ſeyn?“. 173 „Ich habe die Glocke zur Hora noch nicht läuten hören,“ erwiederte Chartley,„und ſo wird es vermuthlich noch drei bis vier Stunden anſtehen, bis wir das Tagesgeſtirn er⸗ blicken werden. Vielleicht gelingt es uns irgendwo im Hofe, ein Feuer anzuzünden; die hohen Bäume und Mauern würden es vor den Augen derer auf der Straße gewiß verdecken.“ „Laßt uns erſt unſern Weg nach dem großen Hofe ſu⸗ chen,“ ſagte Jola.„Es liegt genug trockenes Holz herum, wenn wir nur erſt ein Licht hätten.“ „Das läßt ſich ſchon erlangen, vielleicht auch etwas, was die Stelle einer Fackel oder Kerze vertritt,“ bemerkte Lord Chartley, und mit ſeinem Araber einige Worte ſpre⸗ chend, welche Jola nicht verſtand, ging er mit ausgeſtreck⸗ ten Händen wie ein Blinder voran, um den eingeſchlagenen Pfad zu betaſten, denn war die Nacht außen ſchon dunkel, ſo wurde die Finſterniß durch den Schatten des Bogens noch verdoppelt. Hatte man erſt den Thorweg hinter ſich, ſo kam einem der große Hof vergleichungsweiſe ganz hell vor. In der Mitte erhob ſich der gewaltige Wartthurm, der mit drohen⸗ der Miene auf die Umgebung herabſchaute; an ihn ſtieß eine uralte Steinmaſſe früherer Wohngebäude, welche jetzt ebenſo ſchweigſam und verlaſſen war, wie die ganze übrige Burg. Chartley und Jola waren jetzt allein, denn der Araber hatte ſie verlaſſen. Gleichwohl kannte ſie und wollte ſie keine Furcht kennen, denn ſie hatte großes Vertrauen zu ihrem Begleiter, und das Vertrauen des Weibes iſt von ſehr um⸗ 174 fangreichem Gehalte. Er mißbrauchte es auch nicht— Schande Dem, der es thut! ſondern führte ſie ruhig nach der in den Thurm führenden Treppe und ließ ſie auf den zerfallenen Stufen niederſitzen, indem er neben ihr ſtehend von ſolchen Gegenſtänden plauderte, die keine Aufregung oder nur eine ganz leichte verurſachen konnten, wobei er ihr mittheilte, daß er den Sklaven ausgeſchickt habe, um Ma⸗ terialien zum Feueranzünden zu ſuchen. Von all jenen Ereigniſſen, welche faſt immer einem auf ein wüſtes Eiland verſchlagenen Paare begegnen, traf ſie nicht Eines. Sie hatten nicht jene Hülfsmittel bei der Hand, womit wandernde Seefahrer in der Regel verſehen ſind. Es fand ſich keine Harzfichte, um die Stelle einer Fackel zu vertreten, und nach der Rückkehr des Arabers blieb den Flüchtlingen nichts Anderes übrig, als nach der älteſten und bewährteſten Methode— nämlich mit Stahl und Feuer⸗ ſtein— ein Feuer anzumachen. Dies ging jedoch leichter von ſtatten als man hätte erwarten ſollen: des jungen Rit⸗ ters Dolch erſetzte den Stahl, und Kieſelſteine gab's in der Nachbarſchaft genug. Die alten braunen Blätter und die jungen, wohlgetrockneten Schößlinge fingen bald Feuer, und in wenigen Minuten verbreitete ſich der luſtige Schim⸗ mer der Flamme in dem alten Schloßhofe, und ſchon ſein bloſer Anblick richtete Jola's Muth wieder auf. 4 „Ach, jetzt können wir behaglich hier ausruhen,“ meinte die junge Dame ſich umſchauend;„aber die Helle iſt nicht hinreichend, um in das Innere der Halle zu blicken.“ „Ihr könnt hier aber immer noch nicht ſchlafen, ſüße 4 175 Jola,“ verſetzte ihr Begleiter.„Ich will mit dem Sklaven hineingehen und ein Feuer in der Halle anzünden, wenn Ihr hier unterdeſſen die Flamme ſchüren wollt.“ „Ei nein, ich brauche gar nicht zu ſchlafen,“ erwiederte ſie und hielt ihn ſanft am Arme zurück.„Laßt uns hier nie⸗ derſitzen. Seht, da iſt eine Steinbank von Epheu überragt. Wir können die Nacht mit Geſchichtenerzählen zubringen; und zuerſt müßt Ihr mir mittheilen, wie Ihr zu Fuß in den Wald hierher kamt, während ich Euch nach Leiceſter auf⸗ gebrochen glaubte.“ Lord Chartley befriedigte ſie leicht in dieſem Punkte; er ſetzte ſich ſo nahe wie möglich neben ſie auf die Stein⸗ bank, betrachtete von Zeit zu Zeit bei dem Scheine des Feuers ihr ſchönes Geſicht und erzählte ihr Alles, was ſeit ſeinem Aufbruche von der Abtei vorgefallen war. „Zu Fuß bin ich deshalb,“ ſagte er,„weil Euer guter Freund, der Waidmann, für's Beſte hielt, wenn ich und mein Araber unſere Roſſe in ſeiner Hütte ließen, um kei⸗ nerlei Aufmerkſamkeit zu erregen. Ich hoffe nur, daß ſie von jenen Edlen, welche jetzt den Wald bewachen, alldort nicht aufgefunden werden, denn es wäre gefährlich, wenn ſie als mein Eigenthum erkannt würden.“ Das iſt allerdings ſehr zu beſorgen,“ erwiederte Jola ät gſtlich.„Was würdet Ihr thun, wenn ſolches der Fall wäre?“ „Ich würde mich herausziehen ſo gut ich kann,“ ant⸗ wortete Chartley.„Ich pflege nie vorher zu überlegen, theure Lady, denn ich habe noch immer bemerkt, daß wer 176 leichtmüthig und ſorglos durch die Welt geht, am weiteſten kommt. Die Verhältniſſe des Augenblicks beſtimmen mein Benehmen, und da ich keine anderen Bande habe, die mich feſſeln, als die der Ehre und Wahrheit, keine ehrgeizigen Entwürfe, welche auszuführen oder zu vereiteln wären, keine Thaten, deren ich mich zu ſchämen brauchte, ſo hege ich nie Furcht vor der Zukunft und brauche auch nie Plane für ſpä⸗ tere Thaten zu ſchmieden.“ „Glücklich ſind Die, die, wie Ihr ſagt, durch keine Bande gefeſſelt ſind,“ bemerkte Jola ſeufzend. Ihre Antwort war ganz natürlich und entſprang aus dem, was in ihrem eigenen Herzen vorging. Eine Stimme hatte ihr zugeflüſtert, daß es beſſer wäre, ihrem Begleiter zu erzählen, daß ihr eigenes Geſchick an einen Anderen ge⸗ feſſelt ſey, und daß ſie noch als Kind durch ihre Verwand⸗ ten mit einer ihr wenig bekannten Perſon verlobt worden. Der Gedanke, ihn von ihrem Schickſal zu unterrichten, führte ſie jedoch darauf, über dieſes Schickſal ſelbſt nachzu⸗ denken— daher rührte der Seufzer und die Antwort, die ſie gab. Kaum hatte ſie dieſelbe jedoch laut werden laſſen, als ſie empfand, daß die Aufgabe, ihm, wie ſie vorhatte, den Umſtand zu erzählen, dadurch nur ſchwieriger, ja faſt un⸗ möglich geworden war. Die Worte, die ſie eben geſprochen, der Seufzer, mit dem ſie ſie begleitet hatte, drückte zu deut⸗ lich das Bedauern aus, das ſie wirklich empfand, und ſie dachte, es wäre unweiblich und wenig ſittſam, wenn ſie ihm die Ouelle dieſes Bedauerns erklären und ihm die Na⸗ tur des Bandes, das ſie drückte, deutlich machen wollte. 177 Ihre Worte waren indeſſen nicht unbeachtet geblieben; nur legte ſie Chartley unrichtig aus und drängte ſie in hei⸗ terem Tone um nähere Erklärung. „Ei, Ihr habt doch keine Bande, die Ihr bedauern müßtet,“ erwiederte er.„Eure gute Tante, die Aebtiſſin, ſagte mir ſelbſt, daß Ihr nicht zum Kloſterleben beſtimmt ſeyd. Wenn Ihr wilklich den Schleier nähmet, ſo geſchähe es nur aus einer Fantaſie Eures eigenen Herzens, gegen welche anzukämpfen die Pflicht jedes Ritters und Edel⸗ mannes iſt. Pfui, pfui! laßt die, welche die Welt erprobt und bitter erfunden haben, die, welchen der Himmel Schön⸗ heit, Anmuth, Gemüth und freundliche Geſinnung verſagt hat, die ſich über Sorgen grämen oder ſchlimme Thaten bereuen— ſie Alle laßt die Schatten des Kloſters aufſu⸗ chen; aber begrabt darin nicht ſolche Reize der Geſtalt, des Gemüthes und Herzens, wie Ihr ſie beſitzt, und welche der Himmel zur Hoffnung, zum Segen und Troſte eines Anderen beſtimmt hat. Ich will und darf das nicht dulden.“ Er ſprach ſo warm und eifrig, ſeine Augen leuchteten ſo feurig, daß Jola herzlich froh war, daß der Araber in der Nähe ſtand, um friſches Holz auf das Feuer zu thürmen. Sie wußte nicht, was ſie antworten ſollte, ſagte aber endlich: „Ich bin zwar nicht für's Kloſter beſtimmt; es kann aber noch andere Feſſeln geben, welche ebenſo feſt wie das Gelübde des Schleiers binden.“ „Ihr ſeyd doch nicht verheirathet,“ rief Chartley auf⸗ fahrend und fügte dann mit frohherzigem Lachen bei:„nein, James. Der Waidmann, 12 8 178 nein; Ihr habt mir ja ſelbſt erzählt, daß Ihr außer mir nur noch einen jungen Mann zweimal in Eurem Leben ge⸗ ſehen habet.“ „Nein, verheirathet nicht—“ verſetzte Jola in leiſem, traurigem Tone, die Augen niederſchlagend. Ihre weitere Antwort wurde jedoch unterbrochen, denn der Araber erhob plötzlich ſeinen Finger mit warnender Gebärde und flüſterte: „Ich höre Schritte nahen.“ „Laßt uns in die alte Halle treten,“ meinte Chartley, ſich erhebend und einen Feuerbrand aus dem Holzſtoße zie⸗ hend.„Das wird uns wenigſtens einigermaßen leuchten. Bleibe Du unter dem Thorbogen ſtehen, Ibn Ayoub, bis ich zurückkehre. Ich werde ſogleich wieder kommen; laß aber Niemand paſſiren.“ Der Araber zog ein langes, ſcharfgeſpitztes Meſſer aus dem Gürtel mit den Worten:„ich will ſchon dafür ſorgen,“ während der junge Lord und Jola durch den Eingang des Wartthurmes in das Innere des Gebäudes eilten. Zwölftes Kapitel. In einem kleinen aber reich und ſchön verzierten und glänzend ausgeſtatteten gothiſchen Gemache ſaß ein Edel⸗ mann in der erſten Blüthe des Lebens an einem mit man⸗ cherlei Papieren bedeckten Tiſche. Seine Kleidung war pomphaft; aber das Auge ruhte kaum einen Augenblick auf ſeinem glänzenden Anzug, bein es lag etwas in ſeinem Ge⸗ 179 ſichte, was alsbald die ganze Aufmerkſamkeit auf dieſes heftete. Die Züge waren zart und ſchön, die Augen dun⸗ kel, ſcharf und ausdrucksvoll; die Lippen etwas dünn und wie es ſchien in der Regel zuſammengepreßt; wenn ſie ſich theilten, kam eine Reihe ſchneeweißer Zähne zum Vorſchein. Das lange dunkelbraune Haar war fein und glänzend wie Seide und umſchloß in anmuthigen Locken eine hohe, breite und majeſtätiſche Stirne, welche in der Form vollendet ſchön geweſen wäre, wenn nicht Natur oder Gewohnheit finſtere Runzeln darauf gezogen hätte, während einige lange Fur⸗ chen, die Spuren tiefen Nachdenkens, die breite Fläche kreuzten, welche das Alter noch nicht zu berühren Zeit ge⸗ habt hatte. Er ſtand in der erſten Blüthe des Lebens, denn er hatte noch nicht dreiunddreißig Jahre geſehen, und von ſeiner körperlichen wie geiſtigen Thatkraft war noch nichts verloren gegangen; ſeine Geſtalt ſchien jedoch nicht auf große Körperkraft zu deuten, denn er war etwas unter mitt⸗ lerer Größe und ſeine Gliedmaßen ſchienen zart und ſchmäch⸗ tig. Die eine Schulter war etwas höher als die andere, doch nicht ſo, daß es ihn auffallend mißgeſtaltet hätte; auch der linke Arm ſah etwas dünner aus wie der rechte. Dieſe Mängel waren durch keine Kunſt verſteckt, und doch hätte er überall für einen ausnehmend gut ausſehenden Mann gelten können, wenn nicht ein gewiſſer Ausdruck wilder trotziger Leidenſchaft, der zuweilen in ſeine Züge kam und ſich mit dem in der Regel ſcharfen und ſpöttiſchen Blicke auf⸗ fallend miſchte— ihn entſtellt hätte. Auch jetzt, da er eben einen Brief las, lag dieſer Ausdruck auf ſeinem Geſichte; 12* 180 er ſchwand jedoch bald vorüber, und er ſagte mit bitterem Lächeln(er ſprach nämlich mit ſich ſelber, denn es war ſonſt Niemand im Zimmer): „Nicht wiſſen? Wir wollen es ihn bald wiſſen laſſen! Wir wollen dieſer Verrätherei das Herz ausreißen,“ indem er haſtig einige Worte auf die Rückſeite des Briefes ſchrieb, den er geleſen hatte. Er machte nun eine Pauſe, den Finger an ſeine Schläfe legend und einige Minuten lang tief nachſinnend. „Nein,“ ſagte er endlich,„nein! es muß überſehen werden. Wenn ſie ihn in der Abtei einfangen, ſo ſoll dem Jungen ſein Fehler hingehen. Er hat nur als Lockvogel gedient und ohne es zu wiſſen gute Dienſte geleiſtet; wir wollen den Vogel nicht tödten, der uns das Wild herbeilockt, wenn er ſich auch nicht träumen läßt, daß er ſeine Gefährten verräth, ja ſich vielleicht einbildet, er diene ihnen und nicht uns. Ich habe gehört, daß zwiſchen dem Biſchoff und ſeinem Vater Freundſchaft beſtand, und wir dürfen gerade jetzt keine Freunde entfremden.— Freunde!“ fuhr er mit bitterem Hohne fort.„Was ſind Freunde? ich kenne nur einen, auf den man immer zählen kann, und er wohnt hier—“ indem er zu gleicher Zeit ſeine Hand bedeutungsvoll auf die eigene breite Stirne legte. Er nahm dann wieder die Feder, ſtrich die eben geſchrie⸗ benen Worte aus und ſchob das Papier bei Seite. Kaum hatte er ſeinen Blick auf ein anderes Schreiben geworfen, als er die Hände zuſammenſchlug und ausrief: „He da, ihr draußen!“ 18¹ Ein Diener kam augenblicklich zum Vorſchein, und der Köͤnig(denn es war Richard ſelber) fragte: „Habt Ihr mir nicht erzählt, daß dieſer Mann, John Radnor, durch einen Sturz vom Pferde getödtet worden?“ „Ja, Sire,“ antwortete der Diener,„ſo melden die Poſten, welche Euer Gnaden die Nachricht brachten, daß des Earls von Richmond Flotte zerſtreut ſey. Er wurde auf der Straße todt getroffen, während er Boörſe und Pa⸗ piere wohlverwahrt bei ſich trug, ſo daß er nicht wohl durch Diebe erſchlagen ſeyn konnte.“ „Ich hoffe, von ſolchem Geſindel iſt nur noch wenig im Lande übrig,“ bemerkte Richard.„Ich habe ſchon Manches gethan um den geſetzloſen Geiſt niederzuſchlagen, der ſich in Folge langer Wirren und innerer Streitigkeiten in dieſem Lande erzeugt hat, und ich will den letzten Funken davon ausrotten, noch ehe ich meine Laufbahn ſchließe. Beim Himmel! der Name Dieb ſoll im Lande unbekannt werden, wenn ich lange genug das Leben behalte.— Um den Mann thut mir's leid,“ fuhr er nachſinnend fort.„Er war ein dienſtfertiger Burſche, deſſen Geſchicklichkeit wir Inſtruktionen anvertrauen konnten, die etwas ſchwierig niederzuſchreiben waren, ohne daß man ihn gerade zum Geſandten machte.— Sendet mir Sir John Thoresby,“ ſchloß er;„und ſobald Sir Charles Weinants anlangt, wird er bei mir vorgelaſſen.“ Der Diener entfernte ſich mit tiefer Verbeugung, und der König beſchäftigte ſich abermals mit den Papieren, bis die Thüre ſich offnete und ein ſchwarz gekleideter Herr in's Zimmer trat. 182 „Laßt dieſe Briefe beantworten, Sir John,“ befahl der König, ihm einige Schreiben zuſchiebend,„und gebt Befehl, daß für die Prinzeſſin Gräfin von Arran Quartier und Her⸗ berge zu York vorbereitet werde. Sendet auch durch einen zuverläſſigen Geheimboten einen Brief an den König, ihren Bruder, und meldet ihm mit freundlichem Gruße von Uns, daß das geheime Schreiben, das Uns mit den Briefen der Gräfin zukam, von Uns empfangen wurde. Sagt ihm, er möge ſich beruhigen, denn die Sache ſey ganz ſicher; ſie möge ſuchen wo ſie wolle— ihr Forſchen werde fruchtlos bleiben, ſo daß ſie ſicher kommen kann.— Habt Ihr die Königin geſehen?“ „Ich bin eben erſt in der Halle an ihr vorübergekommen, Ener Gnaden,“ erwiederte der Gentleman;„ſie fragte, ob von Middleham keine Nachrichten angelangt ſeyen. Sie ſchien über des Prinzen Krankheit ſehr beunruhigt.“ „O's iſt nichts,'s iſt nichts,“ antwortete der König. „Es wird bald vorübergehen. Kinder ſind in einem Tage geſund und krank. Die nächſte Poſt wird uns die Nachricht bringen, daß er beſſer iſt; aber die Frauen ſind immer voller Aengſte. Auffallend iſt es aber doch, daß wir heute noch nichts vernommen haben. Ich will gehen und ſie beſuchen, während Ihr hier ſchreibet;“ und mit leiſem Schritt und nachdenklicher Miene verließ er das Zimmer. Am Ende eines kurzen Ganges öffnete Richard eine Thüre, die ihn in eine große alte Halle führte, in deren einem Theile mehrere junge Damen von vornehmer Familie ſaßen und emſig mit Stickereien beſchäftigt waren. An 183 einem der hohen Spiitzbogenfenſter mit einem Blicke raſt⸗ loſer Aengſtlichkeit auf den Hof hinunterſchauend, ſtand die ſchöne und unglückliche Tochter des Grafen von Warwick, ſein jüngſtes und geliebteſtes Kind, das er mit der prophe⸗ tiſchen Ahnung der Vaterliebe umſonſt vor der Nachſtellung des Mannes zu bergen geſucht hatte, der ſeine Augen nie auf einen Gegenſtand heftete, ohne ihn früher oder ſpäter zu gewinnen. Sie war nach der Mode jener Zeit reich ge⸗ kleidet, und ihre ſchlanke Geſtalt, ihr ſchönes Antlitz zeigte noch manche Spuren jener zarten weiblichen Schönheit, welche ſie einſt ſo ſehr ausgezeichnet hatte.. Sobald ſie ihres Gatten Schritt vernahm, drehte ſie ſich raſch mit ſchüchtern forſchendem Blicke um. Richard war jedoch in einer ſeiner milderen Stimmungen; der Gegen⸗ ſtand ſeiner und ihrer Gedanken war einer gemeinſamer Zärtlichkeit; er näherte ſich ihr freundlich, nahm ſie in ſeine Arme und ſagte: „Ich habe nichts gehört, Anna; wirf übrigens dieſe Beſorgniß von Dir. Ich hoffe, es iſt nichts als eine jener Kinderkrankheiten, welche wie Frühlingsſchauer kommen und gehen.“ Der Königin drangen die Thränen in die Augen, aus ſehr verſchiedenen Quellen entſpringend. Die Beſorgniß für ihr Kind, ihres Gatten Zärtlichkeit, das Gefühl ihrer eigenen hinſchwindenden Geſundheit, die Erinnerung an frühere Jahre— dies Alles bewegte ihr Herz, und ſie fürchtete dabei⸗ ihre Erregung möchte den Geiſt der Ungeduld in Richards Bruſt wecken. 184 Es war diesmal nicht der Fall, denn ſie noch näher an ſich drückend, ſagte er: „Wohl, wohl, trockne Deine Thränen, Liebe. Wenn wir heute nicht beſſere Nachrichten erhalten, ſo ſollſt Du nach Middleham gehen und ich will Dich begleiten.“ „Danke, mein gnädiger Herr und Gebieter, danke,“ erwiederte die Königin.„Es iſt vielleicht nur eine ſchwache Weiberfurcht für den Einziggebornen, was mich ſo deprimirt, denn ich empfinde heute eine Art Grauen, wie wenn ein dunkles Verhängniß ſich nahe.“ „Und Du gibſt ihm nach, Du gibſt ihm nach,“ ſagte Nichard mit leichtem Anſtriche von Ungeduld.„Dafür haben wir ſonſt gute Nachrichten. Dieſer unbeſonnene verbannte Graf von Richmond, von dem Du ohne Zweifel gehört haſt, mußte ſeine bretagniſchen Schiffe— welche ihm geliehen zu haben der gute kindiſche Herzog jetzt bitterlich bereut— von einem heftigen Sturme zerſtreut und zerſchellt ſehen; er ſelbſt wurde nach St. Malo zurückgeſchleudert. Ich habe jedoch bereits dieſem leichten Vogel einige Leimruthen ge⸗ legt, welche ſeine Füße feſſeln werden, und er wird bald die Reiſe nach England raſcher, wenn auch nicht ſo glückver⸗ ſprechend, finden, als er ſie für ſich ſelbſt zu unternehmen verſucht hat.— Wie nun, Lovel? Du ſiehſt ja ganz grimmig und gefährlich aus, wie wenn Du und Deine Bekanntſchaft die Mienen ausgetauſcht hätten.“ „Ich gräme mich, der Ueberbringer ſchlimmer Bot⸗ ſchaften ſeyn zu müſſen,“ erwiederte Lord Lovel, an den dieſe Worte gerichtet waren und der den Augenblick zuvor das 185⁵ Zimmer betreten hatte.„Ich wußte nicht, daß Eure Gnaden ſich hier befinden und wollte eben in Euer Kloſet eilen.“ „Aber die Nachricht, die Nachricht,“ rief Richard haſtig. „Schlimme Botſchaften werden doppelt gewichtig durch lan⸗ ges Zögern. Heraus damit, Mann! Iſt ein neuer Auf⸗ ſtand im Weſten ausgebrochen? iſt Richmond gelandet?— ſprecht, ſprecht ſogleich!“ „Ich möchte Euer Gnaden lieber um einige Minuten geheimer Audienz bitten,“ erwiederte Lord Lovel in leiſem, ſehr traurigem Tone, zu gleicher Zeit einen Blick auf die Koͤnigin werfend. Ihre Augen waren auf ſein Antlitz ge⸗ heftet, und ſie verſtand deſſen Ausdruck auf den erſten Blick. „Mein Knabe,“ rief ſie.„Er iſt ſchlimm, er iſt hoff⸗ nungslos— ich ſehe es hier— ich ſehe es hier,“ indem ſie mit der Hand auf ſein Geſicht deutete. Richard betrachtete ihn in tiefem todtähnlichem Schwei⸗ gen, während die Stirne über ſeinen ſchönen ſcharfen Augen ſich runzelte und die dünne bleiche Lippe vor Furcht bebte. Es hatte etwas Furchtbares, die Spuren ſo tiefer unge⸗ wohnter Erſchütterung auf dieſem mächtigen gebietenden Antlitze wahrzunehmen, und Lovel fürchtete ſich beinahe weiter fortzufahren. Richard verſuchte zu ſprechen; aber zum erſten Male in ſeinem Leben fand ſeine Stimme keine Worte, und Alles was er herausbrachte war ein heftiges Zeichen für ſeinen Liebling, daß er weiter reden ſolle. „Ach, Sire,“ ſagte Lovel im Tone unverſtellter Be⸗ kümmerniß,„Eure ſchlimmſten Beſorgniſſe ſind, es thut mir leid, es ſagen zu müſſen——„ 186 „Nein, nein,“ rief Richard mit gebrochener Stimme, ſeinen Arm mit einer Gewalt anfaſſend, wie wenn er ſeine Finger in deſſen Fleiſch eingraben wollte.„Nein, nein, nicht das Schlimmſte— nicht das Schlimmſte!— Er iſt ſehr krank, wolltet Ihr ſagen— die Aerzte geben keine Hoff⸗ nung— aber wir werden weiſere, geſchicktere Doktoren finden! Es gibt gar kräftige Kräuter— ja, ja, es gibt, es gibt— nein, nicht todt, nicht todt— nein, nicht todt, nicht todt!— O Jeſus!“ Und er ſank der Länge nach zu Boden. Die unglückliche Königin ſtand mit gefalteten Händen, die Augen zu Boden geheftet, ohne eine Spur von Farbe auf Lippen oder Wangen. Sie rührte ſich nicht, ſie ſprach, ſte weinte nicht; ſte gab keinen Laut von ſich, ſondern ſtand ſtumm wie eine Statue, als ob die Worte ihre Ohren er⸗ reicht und all' die furchtbaren Schrecken des Augenblicks ſich in ihrem Herzen concentrirt hätten. Die Stickrahmen wurden unterdeſſen bei Seite geworfen; ihre Damen verſammelten ſich um ſie und zogen ſie ſachte zu ihrem Staatsſeſſel, in den ſie ſich widerſtandslos niederſetzen ließ; hier blieb ſie genau wie ſie ſich niedergelaſſen hatte mit zu Boden geſchlagenen Blicken und regungsloſen Lippen. Lovel hob zu gleicher Zeit den König vom Boden auf und rief laut nach Beiſtand. Diener eilten herbei, unter ihnen der Bote von Middleham, der die Nachricht vom Tode des jungen Prinzen überbracht hatte und von Lord Lovel vor der Thüre gelaſſen worden war, als er es übernommen hatte, die Trauerbotſchaft dem königlichen Paare mitzutheilen. 187 Es dauerte lange, bis Richard zu ſich ſelbſt gebracht werden konnte, und dann ſaß er, wo man ihn niedergelegt hatte, rieb ſich die Stirne mit der Hand und murmelte nur abgebrochene Phraſen vor ſich hin. Endlich ſah er empor und ſchaute mit neugierigem wildem Ausdrucke um ſich; ſeine Miene barg noch immer die alten Spuren von Liſt und Verſchlagenheit; aber eine Anwandlung von Wahnſinn zeigte ſich in ſeinen Zügen; er lachte laut und erhob ſich aus ſeinem Stuhle mit dem Rufe: „Ei, das iſt gut! ei das iſt mächtig gut! Wir marſchiren morgen mit zehntauſend Mann nach York und dann nach Middleham.— Auch Kanonen wollen wir mitnehmen, ja auch Kanonen, falls der Uſurpator ſich weigern ſollte, den Knaben herauszugeben. Ei, er iſt ja der Sohn eines Königs, ein Prinz— ein Prinz, ich ſage Dir's, Lovel, Du Hund— ha ha hal das war ein luſtiger Reim— Die Katze, die Ratte, und Lovel der Hund, Beherrſchen ganz England unter dem Schund. Wir haben aber den Poeten hübſch belohnt. Könige müſſen ſich immer freigebig gegen Dichter beweiſen. Der gute Sir John Collingburn— er ließ ſich wenig davon träumen, daß er für die Katze gehängt, für die Ratte erſäuft und für Lovel den Hund geviertheilt werden würde— ha ha ha! das iſt ſehr gut!“ In dieſem Augenblick bewegte auch die Königin die Lippen, und ihre Augen zum Himmel erhebend begann ſie mit ſehr wohlklingender Stimme eine ſanfte klagende Weiſe anzuſtimmen. 188 Das Schloß ſtand an eines Hügels Seit', Heiho, heiho! Da kam der Froſt in der Sommerzeit, Der Wind und der Schnee, heiho! Ein Knabe ſchaute zum Fenſter heraus, Heiho, heiho! Sein Geſicht war wie eines Engels kraus, Wie die Veilchen wachſen, heiho! Der Schnee— er fiel auf ſein goldenes Haar, Heiho, heiho! Der Wind hat getroffen die Blüthenſchaar, Die Blumen hat er verweht, heiho! „Ich denke ich will zu Bette gehen, Ladies. Es wird finſter: nur iſt dieſes Nachtgewand etwas ſteif und kalt; ich glaube, es iſt mit Blut befeuchtet—— Blut, Blut, Blut! ja es iſt Blut!“ Hier ſtieß ſte einen lauten Schrei aus. Lord Lovel ſtand ganz verwirrt bei dieſem tief betrüben⸗ den Auftritt; er bemerkte nicht, daß während der König ſprach, eine andere nicht zum gewohnten Haushalte gehörige Perſon ins Zimmer getreten war. Sir Charles Weinants zupfte ihn aber jetzt am Aermel und ſagte mit leiſer Stimme:. „Ich ſollte unverzüglich mit dem Könige ſprechen; er ſcheint aber nicht im tauglichſten Zuſtande, Mylord. Was hat das Alles zu bedeuten?“ * Ueber die ſchreckliche an Wahnſinn gränzende Wirkung, welche der Tod des Prinzen Edward von Wales auf Richard III. äußerte, ſiehe die Geſchichte der Croyland⸗Abtei. 189 „Pſch, pſch,“ flüſterte Lovel;„geht in's Kloſet; ich will kommen und mit Euch reden, denn ich habe volle Inſtruk⸗ tionen. Der König iſt von der Trauerbotſchaft aus Middle⸗ ham angegriffen; er wird bald beſſer ſeyn. Ich will in einer Minute zu Euch kommen; Euer Geſchäft wird keinen Aufſchub vertragen.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich wieder zu dem Könige; Sir Charles Weinants ging mit leiſem ruhigem Schritte durch die Halle und erreichte über den kurzen oben erwähnten Gang des Königs Kloſet. Dort traf er Sir John Thoresby emſig ſchreibend; Letzterer hob nur einen Augenblick das Haupt mit kurzem Kopfnicken und nahm dann ſeine Arbeit wieder auf. Sir Charles Weinants, umſichtig in Allem, trat an's Fenſter und ſchaute hinaus, denn auf dem Tiſche lagen, wie ich früher geſagt habe, gar mancherlei Briefe und Papiere, und er wußte daß es gefährlich war, wenn man auch nur ſein Auge auf König Richards Geheimniſſen weilen ließ. Mit ausdauernder Geduld harrte er am Fenſter, ohne ein Wort mit Sir John Thoresby zu ſprechen oder auch nur den Kopf umzuwenden, bis Lovel nach Verfluß von etwa zehn Minuten in's Zimmer trat und den Sekretär auf wenige Augenblicke entließ. 6 „Nun, Sir Charles,“ begann des Königs Günſtling. „Seine Gnaden befinden ſich Gott ſey Dank etwas beſſer und werden bald ganz wohl ſeyn. Wir haben den König überredet, ſich zur Ader zu laſſen, denn ſein Geiſt iſt zu ſehr niedergedrückt. Der Tod des jungen Prinzen iſt ein ſchwerer 190 Schlag und wird manche Veränderungen im Reiche veran⸗ laſſen. Ihr habt des Königs Brief empfangen?“ „Ja wohl, mein guter Lord,“ erwiederte Sir Charles; „aber nicht das Schreiben, das ihm hätte folgen ſollen, um mich zu benachrichtigen, ob der Herzog von Bretagne mich in dieſem Auftrage empfangen werde oder nicht.“ „Wie kommt das?“ rief Lord Lovel.„Wir ſchickten es nach York, weil wir Euch dort zu finden glaubten—“ indem er ſeine Hand nachdenklich an die Stirne legte.„In ſeinem letzten erſt heute Morgen empfangenen Briefe verſichert mich Ratcliff, er habe es durch einen zuverläſſigen Boten, der von Schottland aus zum König unterwegs war, an Euch nach Tamworth geſendet. Da hätte es Euch ſchon vor mehreren Tagen zukommen müſſen, denn Ratcliff glaubte uns zu Conventry, und ſein Brief an mich hat einen Umweg gemacht.“ „Das Schreiben hat mich nicht erreicht, Mylord,“ ver⸗ ſicherte Sir Charles Weinants,„und ich habe doch meinen Namen und Rang überall, wohin ich kam, bekannt gemacht, und auch meine Diener ſcharf aufpaſſen laſſen, damit eine Nachricht vom Hofe mich ja nicht verfehle.“ „Das muß unterſucht werden,“ verſetzte Lovel;„unter⸗ deſſen müßt Ihr aber Eure Abreiſe beſchleunigen, denn ich habe die Antwort aus der Bretagne geleſen, und Ihr werdet einen ganz günſtigen Empfang finden. Monſieur Landais iſt ganz für uns gewonnen, und es bedarf nichts weiter, als daß des Königs Berſprechungen durch einen Abgeſandten beſtätigt und Beweiſe ſeines guten Willens gegen den Her⸗ 8 191 zog gegeben werden. Ihr müßt noch heute Nacht aufbrechen. Ich hoffe, daß Seine Gnaden ſich mittlerweile ſoweit erholt haben wird, um Euch ſelbſt zu ſehen und Euch ſeine letzten Inſtruktionen zu ertheilen, denn er iſt nicht der Mann, der ſich lange von einer ſolchen Bürde überwältigen ließe.“ Dieſe Worte ſchienen einen Abſchluß des Geſpräches zu bezwecken, Sir Charles Weinants blieb aber gleichwohl nachſinnend ſtehen. Endlich ſchaute er lächelnd in Lovels Geſicht und ſagte: „Ich liebe immer einen guten Erfolg bei meinen Sen⸗ dungen davon zu tragen, und mich dünkt, dieſer junge Wind⸗ beutel von Earl möchte erſchrecken, wenn er meine Ankunft erführe. Wäͤre es da nicht beſſer, im tiefſten Geheimniß hinzugehen?“ „Nein, das wäre kaum möglich,“ gab Lovel zur Antwort. „Wir haben ſchon an die Sache gedacht. Ihr müßt als eine Art Flüchtling auftreten. Schon iſt das Gerücht ausge⸗ ſtreut, als ob Ihr vom Könige beargwöͤhnt werdet; man wird Maßregeln ergreifen, um dieſen Glauben zu beſtärken, und während Ihr die Vollmacht eines Geſandten und das Geld für Landais mitnehmt, müßt Ihr den Hof plötzlich bei Nacht verlaſſen und mit kleinem Gefolge Zuflucht in der Bretagne zu ſuchen ſcheinen. Die Nachricht Eurer Ungnade iſt Euch vorangegangen; der gute Monſieur Landais iſt je⸗ doch von der Wahrheit unterrichtet und ganz für Euern Empfang vorbereitet.“ Sir Charles Weinants war mit dieſer Anordnung gar nicht ſehr zufrieden; aber er war vorſichtig— ſehr vorſichtig und hielt es nicht für paſſend, Einwendungen zu machen. Jedenfalls wußte er aber, daß es nichts ſchaden könne, wenn er einen Anſpruch begründe, wo früher keiner vorhanden ge⸗ weſen, denn es war ihm wohl bekannt, daß vornehme Herren immer gar bereit ſind, einen Anſpruch abzuleugnen, ob er nun wirklich exiſtiren möge oder nicht. Er bemerkte deshalb ganz ruhig: „Ich werde mich natürlich dem Willen des Königs ohne Murren unterwerfen, mein guter Lord; aber es iſt für einen Geſandten ein höchſt unerfreulicher Ruf, wenn er als Flücht⸗ ling und Verräther auftreten ſoll, und ich hoffe, Seine Gna⸗ den wird ſich erinnern, daß ich dieſe Rolle einzig nur aus Gehorſam gegen ſeine Befehle auf mich nehme.“ „Ihr ſollt nicht vergeſſen werden, Sir Charles,“ ver⸗ ſicherte Lovel, welcher, wenn er ihn auch nicht äußerte, doch genau denſelben Grundſatz befolgte, der ſpäter von einem wei ſichtigen aber nichts weniger als hochherzigen Manne mit kecken Worten dahin ausgeſprochen wurde, daß man ſich den Weg zu hohen Würden am beſten anbahne, indem man ſich Unwürdigkeiten unterwerfe. Der König wird niemals Diejenigen vernachläſſigen,“ ſagte er,„die ſich in ſeinem Dienſte in peinliche Lagen verſetzen.— Und nun, Sir Char⸗ les, ſputet Euch, ſputet Euch— aber ganz unvermerkt; vergeßt nicht, daß Eure Vorbereitungen die eines Flüchlings ſeyn müſſen. Ihr wißt, der Geſandte wird erſt hintennach kommen. Habt Ihr erſt Harry von Richmond in Euren Klauen, ſo ſoll der Glanz Eures Gefolges das Andenken „ Richards Verſuch, ſich durch Beſtechung Landais“, Miniſters 193 der jetzigen Dürftigkeit verwiſchen.— Horch! das iſt des Königs Stimme; ſein Schritt kommt hierher. Wartet ihn nicht ab und nehmt keine Notiz von ihm. Der Barbier iſt wahrſcheinlich da, um ihm zur Ader zu laſſen.“ Im nächſten Augenblicke trat Richard in das Kloſet, und Sir Charles Weinants ging mit tiefem reſpektvollem Bück⸗ ling an ihm vorüber. Der König nahm keine weitere Notiz von ihm, als daß er ſeinen Geſandten mit ſchlauem, forſchen⸗ dem Seitenblicke unter den gerunzelten Brauen betrachtete; dann ſetzte er ſich in einen Stuhl, ließ ſich von zwei Per⸗ ſonen, die ihm in's Zimmer gefolgt waren, den Aermel ſeines Kollers ausziehen, indem der hinter dem Kammerdiener ſtehende Chirurg dieſen ausdrücklich anwies ihm den linken Arm, als den zunächſt am Herzen befindlichen, zu reichen. Dieſe ganze Zeit über ſprach Richard kein Wort, ſondern ſaß mit gerunzelter Stirne und mit den dunkeln nachdenk⸗ lichen Augen in's Leere hinausſtarrend, bis das ſchwarzrothe Blut aus der geöffneten Ader zu fließen begann; dann rich⸗ tete er ſeinen Blick auf den Blutſtrom und ſchien ihn neu⸗ gierig zu bewachen. Endlich fuhr er mit der rechten Hand nach der Stirne und ſagte: „Mir iſt beſſer— öffnet das Fenſter und laßt mich Luft ſchöpfen!“ Der Diener beeilte ſich augenblicklich ſeinem Befehle zu gehorchen. Der Barbier ließ das Blut noch eine kurze Weile fließen und verband ſodann des Königs Arm. des Herzogs von Bretagne, der Perſon Richmonds zu bemäch⸗ tigen, iſt zu wohl bekannt, um weiterer Ausführung zu bedürfen. James. Der Waidmann. 13 „Mir iſt beſſer,“ wiederholte Richard,„mir iſt beſſer,“ und die Hände ausſtreckend fuhr er in gebieteriſchem Tone fort:„verlaßt mich— verlaßt mich Alle! Ich bin beſſer— ich will allein ſeyn.“ Die Anweſenden brachen eiligſt auf, und ſobald ſie fort waren, verhüllte Richard, der eiſenköpfige, erbarmungsloſe Richard, ſeine Augen mit den Händen und weinte. Es iſt immer ein furchtbarer Anblick, einen Mann weinen zu ſehen: was müßte es aber erſt geweſen ſeyn, einem ſol⸗ chen Herzen, wie Richards, Thränen abgedrungen zu ſehen! Dreizehntes Kapitel. Laßt uns die Geſchichte des Waidmanns wieder auf⸗ nehmen, nachdem er und der Biſchof von Ely den Lord Chart⸗ ley verlaſſen hatten. Sie zogen eiligſt über die Straße, wobei ſie den Klang nahender Pferdetritte und das Sprechen von Menſchenſtimmen vernahmen. Keiner von Beiden äußerte eine Sylbe, und der Prälat wollte haſtig auf einen Punkt zuſchreiten, wo er bei der ſchwachen Helle eine Fortſetzung des eben verlaſſenen Pfades zu gewahren glaubte, als der Waidmann ihn am Arm ergriff und ihn auf einem Seiten⸗ wege aufwärts der Straße nach einer Stelle führte, wo ſich die Büſche ſo dicht zeigten, daß ſie keinen Durchgang zu ge⸗ währen ſchienen. Boyd ſchlug jedoch mit ſeinem kräftigen Arme die Zweige zurück und ſchleppte Morton förmlich vor⸗ wärts, ſo daß der gute Biſchof eine Zeitlang glaubte, ſie 195 würden gar keinen Pfad mehr finden, ſo dick und ſchwierig ſchien das Geſtrüpp. Es dauerte jedoch keine fünfzig Schritte, bis Morton, zwar ziemlich zerkratzt von den Dornſträuchern, die ſich bei jedem Schritte an Fuß und Beine anklammerten, in einen offeneren Theil des Waldes gelangte, wo der Boden mit dichtem Farrenkraut bedeckt war, woraus hier und dort ein alter Hagedorn oder die buſchigen Schößlinge einer längſt gefällten Eiche oder Buche hervorragten. „s iſt ein rauher Pfad,“ bemerkte der Waidmann leiſe, indem er des Prälaten Arm losließ. „So ſind alle Pfade des Lebens, mein Sohn,“ gab der Biſchof zur Antwort. „Und die rauheſten ſind oft am ſicherſten,“ meinte Boyd. „Ich weiß das aus Erfahrung. Glatte Pfade endigen leicht an Abgründen.“ In dieſem Augenblicke fuhr etwas vor ihnen aus dem Farrenkraute auf und man hörte ein ſtarkes Raſcheln in dem benachbarten Unterholz. Der Biſchof trat betroffen zurück; doch Boyd bemerkte lachend: "'s iſt nur ein Rehbock, Mylord; wenn er ſeinen Weg zu den Soldaten findet, ſo wird es heute Nacht noch allerlei Jagden geben. Fürchtet Euch nicht; für Eure Sicherheit ſteh ich ein, wenn auch nicht für die ſeinige.“ „Ich fürchte mich nicht,“ verſicherte der Prälat.„Ich weiß überhaupt nur wenig von Furcht; doch iſt Euch ohne Zweifel bekannt, mein Sohn, daß der Geiſt nicht immer diejenige Herrſchaft über den Körper beſitzt, um den blos animaliſchen Impuls zu verdrängen, der uns vor Gefahren 13 ⁸ zurückſchrecken läßt, welchen die kalte Ueberlegung furchtlos begegnet.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete der Waidmann.„So lange das Leben glücklich iſt, mag es ſo ſeyn; mit dem Verluſte alles deſſen, was das Daſeyn werthvoll macht, verliert jedoch ſelbſt der Körper ſeine Empfindlichkeit für alle Zeichen von Gefahr. Hoffnung, Furcht, Angſt und der Kampf mit den Uebeln des Lebens machen uns vor der bloſen Berührung aller äußeren Dinge gleichſam erbeben; wenn aber Furcht und Hoffnung erſtorben ſind, wenn man an ſein eigenes Daſeyn gar nicht mehr denkt oder dafür ſorgt, ſo iſt es wunderbar, wie dieſes blinde Roß, der Körper, von dem raſtloſen Wanderer— dem Geiſte— geritten, achtlos da⸗ hintraben lernt, ohne vor dem, was ihm am Wege in die Augen glänzt, zurückzuſcheuen.— Doch kommt weiter, mein guter Lord, denn ich muß Euch zuerſt in meine Hütte führen und Euch dann einige Meilen auf Eurer Reiſe weiter ſenden.“ Mit dieſen Worten ging er voran, und der gute Biſchof folgte in allerlei Gedanken durch die offenere Lichtung, denn er wurde, ehrlich geſtanden, von verſchiedenen Neigungen nach entgegengeſetzten Richtungen gezogen. Selbſterhaltung war natürlich ein Hauptgegenſtand, der ihn veranlaßte, ein alsbaldiges Entkommen zu wünſchen; aber ihm lag auch noch ein anderes Ziel am Herzen, das ihn zum Bleiben verpflichtet hätte. Er war nicht der Mann, der ſich durch die Erwägung ſeiner bloſen perſönlichen Sicherheit zum Aufgeben einer vermeintlichen Pflicht verleiten ließ; allein er kannte bis jetzt noch nicht die Gefahren und die ſonſtigen 197 Möglichkeiten, und er entſchloß ſich endlich nach längerer Ueberlegung, als einziges Mittel fernere Weiſung zu erhal⸗ ten, ſich an den Waidmann zu wenden. Dieſer zog jedoch immer rüſtig voran, und es koſtete den Prälaten zwei bis drei raſche Schritte, um ihn ſo weit einzuholen, daß er in jenem leiſen Tone, den er unter den obwaltenden Umſtänden für nothwendig erachtete, mit ihm reden konnte. „Ihr glaubt alſo für meine Sicherheit garantiren zu können?“ begann er. „Ohne allen Zweifel,“ lautete des Waidmanns lakoniſche Antwort. „Aber vermuthlich nur bei augenblicklicher Flucht?“ forſchte der Prälat. „Wenn Ihr vor Tagesanbruch flieht,“ verſetzte Boyd. „Ich ſage Euch aber,“ fuhr der Biſchof fort,„ein wich⸗ tiger Zweck, den ich im Auge habe, macht es abſolut noth⸗ wendig, daß ich hier noch wenige Tage in unmittelbarer Nachbarſchaft weile. Haltet Ihr es da für möglich, daß ich hier verborgen bleibe, bis ich die geſuchte Nachricht er⸗ halte? Bedenkt, ich achte nicht auf etwas Gefahr, wenn nur mein Zweck erreicht wird.“ „Das nenne ich brav,“ antwortete Boyd;„es iſt aber ſchwer, für einen andern Mann den Werth ſeines eigenen Lebens genau auf der Wagſchale zu meſſen. Wenn ich wüßte was Ihr ſuchet, ſo könnte ich es beſſer beurtheilen. Ich will Euch nur ſo viel ſagen: das Riſiko hier zu bleiben wäre ſehr groß, aber doch nicht größer, als ein Mann von Muth zu hohen edlen Zwecken es auf ſich nehmen könnte.“ „Dann will ich bleiben,“ erwiederte der Biſchof in feſtem Tone.„Mein Zweck iſt ein großer und, ich glaube, ein ge⸗ rechter und heiliger, wogegen das Leben nicht in die Wag⸗ ſchale gelegt werden darf.“ „Ich wollte, daß ich ihn wüßte,“ bemerkte der Waid⸗ mann,„denn mich dünkt, ich könnte Euch beweiſen, daß ſich durch Euer Gehen mehr gewinnen läßt als durch Euer Bleiben. Davon übrigens ſpäter: laßt ſehen, ob ich Eure Abſicht errathen kann.“ „Das iſt nicht möglich,“ erwiederte der Biſchof kopf⸗ ſchüttelnd.„Ihr ſeyd zwar ſchlau und ſcharfblickend, wie ich ſehe; aber ohne Benachrichtigung durch Andere könntet Ihr meinen Plan auf keinen Fall entdecken.“ „Ich kann ja beſſere Nachrichten haben als Ihr glaubt,“ meinte Boyd;„auf alle Fälle müßt Ihr mir ehrlich ſagen, wenn ich es recht treffe. Ihr wurdet einſt von Heinrich dem Sechsten geehrt und befördert; das Haus Lancaſter zählte zu Euren erſten Beſchützern.“ „Richtig,“ entgegnete der Biſchof ausweichend,„rich⸗ tig—“ „Das Haus Lancaſter ſiel, und nach des Koͤnigs Tode bliebt Ihr auch unter der entgegengeſetzten Partei im Amte,“ fuhr der Waidmann fort.„Ich tadle Euch nicht, denn die Sache Lancaſters ſchien hoffnungslos.“ „Nein, hoͤrt mich an,“ erwiederte der Biſchof in lauterem Tone, als er ſeither gewagt hatte.„Ihr redet da ziemlich abſprechend, und ich muß mich erklären.“ „Ich rede die lautere Wahrheit,“ erwiederte der Waid⸗ · 199 mann.„In dieſer Stunde der Nacht und unter dieſen grauen Büſchen ſtehen wir gleich; ſonſt heißt es allerdings: Morton Lord Biſchof von Ely und Boyd der Waidmann.— Wie geſagt, ich tadle Euch nicht— was bedarf es alſo weiterer Erklärungen?“ „Doch, doch,“ gab der Biſchof zur Antwort.„Ich hatte meine Gründe, um ſo zu handeln wie ich gethan habe, und zwar Gründe, welche für mein eigenes Gewiſſen voll⸗ kommen hinreichend waren. Ihr ſagtet vorhin, die Sache Lancaſters war gefallen und hoffnungslos gefallen. Alle Anſtrengungen zu deren Gunſten konnien nur weiteres Blut⸗ vergießen verurſachen und den verheerenden Bürgerkrieg ver⸗ längern. Indem ich dem Eroberer nachgab, indem ich ihm den Rath eines mit Staatsaffairen nicht unvertrauten Chriſten ertheilte, glaubte ich und glaube ich noch, daß ich mehr Gutes leiſten konnte und leiſtete, als wenn ich mich aus dem Staatsrathe des Landesregenten zurückgezogen und mich mit Denen verbunden hätte, welche ihn vom Throne zu ſtoßen ſtrebten. An Sachen, wo York und Lancaſter gegen einander ſtanden, habe ich mich nie betheiligt, denn es bildete einen Theil meines Vertrags mit Edward, daß ich nicht zu Handlungen oder Berathungen gegen eine Familie, der ich einſt gedient hatte— beigezogen werden durfte; gleichwohl vermochte ich auf meine beſcheidene Weiſe manches Gute zu ſtiften, indem ich die Leidenſchaften der wüthenden Menſchen und den Grimm des Parteigezänks mäßigte.“ „Ihr verſtreitet Euch da gegen eine Anklage, Mylord, die ich gar nicht vorgebracht habe,“ entgegnete der Waid⸗ * 200 mann.„Ich tadle Euch nicht— es fiel mir nie ein Euch tadeln zu wollen. Doch hört mich an! Ihr wurdet anhäng⸗ lich an einen Fürſten, der Euch höchlich begünſtigte— einen Mann von mancherlei hohen Vorzügen, aber auch ebenſo vielen und großen Laſtern: tapfer, feingeartet, einnehmend und gutgelaunt; eitel, unaufrichtig, ſittenlos und grauſam; ein vollendeter General, ein kurzſichtiger Staatsmann, ein ſchlechter König, ein herzloſer Verwandter, ein Mann von der angenehmſten Unterhaltungsgabe und ergebener Freund. Ihr liebtet ihn und noch mehr ſeine Kinder und wolltet zu deren Ermordung nicht Eure Zuſtimmung geben.“ „Ei nein, nicht zu deren Ermordung,“ rief der Biſchof; „Niemand wagte von ihrem Tode zu reden. Sogar jetzt wiſſen wir nicht, ob ſie wirklich todt ſind; doch glaube ich es. Hättet Ihr geſagt, ich wollte nicht darein willigen, daß ſie ihrer Rechte beraubt würden, ſo hättet Ihr richtig ge⸗ ſprochen.“ „Das kommt auf Daſſelbe heraus,“ meinte der Waid⸗ mann;„abgeſetzte Prinzen leben nicht lange, wenn ſie viele Freunde in dem Reiche haben, das ſie verloren. Ihr wur⸗ det in den Tower geſetzt und ſpäter Buckinghams Bewachung übergeben, fandet aber Mittel um Euren Gefangenwärter zu Eurem Freunde zu machen, indem Ihr ſehr geſchickt einen Augenblick der Enttäuſchung wähltet, um ihn für Eure Plane umzuſtimmen. Ich weiß das blos vom Hören⸗ ſagen; es hieß damals, Ihr Beide hättet einen Plan ge⸗ ſchmiedet, um aus dem Stamme, dem Ihr zuerſt gedient, einen König zu wählen und ihn mit der Erbin Eures zweiten 201 Herrn zu vermählen. Es war ein guter, wohlerſonnener Plan, würdig eines großen Staatsmannes und eines chriſt⸗ lichen Prälaten, denn nur ſo durftet Ihr hoffen, für immer einen Streit zu beenden, welcher England ſeit einem halben Jahrhundert verheert hat. Allein der unbeſonnene Bucking⸗ ham verlor Alles gleich beim erſten Verſuche. Der Plan ſoll wie ich höre noch immer beſtehen, obgleich einer ſeiner großen Entwerfer nicht mehr am Leben iſt. Der andere wandelt hier neben mir und iſt nach kurzem Exile insgeheim in ſein Vaterland zurückgekehrt. Die Frage iſt nur: wozu? Iſt es Geld, ſind es Waffen oder Freunde, was er ſucht? Er wartet noch immer auf gewiſſe Nachrichten, trotzdem daß ſogar ſein Leben auf dem Spiele ſteht! Hat er vielleicht von gewiſſen Intriguen zum Umſturz aller ſeiner Plane ge⸗ höͤrt, welche gegenwärtig in der Bretagne geſponnen wer⸗ den, wo man eben den Erben, von welchem der ganze Erfolg abhängt, verrathen will? Hat er von geheimen Unterhand⸗ lungen zwiſchen dem Uſurpator und einem ſchwachköpfigen Herzog oder ſeinem verkäuflichen Miniſter vernommen? Wünſcht er Gewißheit über dieſe Dinge zu erlangen, und iſt er entſchloſſen ſein Leben gegen die Möglichkei zu wagen, daß er dieſe Wahrheit entdeckt?“ Hier ſchwieg der Waidmann in Erwartung einer Ant⸗ wort, und der Biſchof, welcher in tiefen Gedanken— nicht ſowohl über die vorgelegten Fragen und die eingeſtreute Erzählung(denn dies Alles war bald überlegt) als über den Charakter ſeines Begleiters verſunken geweſen— erwiederte alsbald: 202 „Ihr ſeyd ein außergewöhnlicher Mann, Sir; Ihr er⸗ rathet nicht blos— Ihr müßt Eure Sache gewiß wiſſen.“ „Allerdings,“ erwiederte der Waidmann;„ich ſpreche wohlberechnet. Wer in der ſtillen Zurückgezogenheit einer niederen Stellung, entfernt von ſeinen Nebenmenſchen, einen Ueberblick über deren Thaten beibehält, kann oft durch Ent⸗ deckung von Dingen, die den Augen der bei der Scene Be⸗ theiligten verborgen ſind, die Beweggründe der Thaten und deren Reſultat beurtheilen, während die Betheiligten ſie theilweiſe gar nicht kennen und theilweiſe nicht bemerken. Ich ſtand einſt auf einem hohen Hügel, während eine Schlacht zu meinen Füßen raste, und hätte ich den Kampf mit dieſem Ueberblicke über das Ganze lenken können, ich wäre im Stande geweſen, jeder der beiden Armeen zum Siege zu verhelfen. So iſt es auch mit einem Manne, der von dem wirren Kampfe des menſchlichen Lebens entfernt iſt, ſein Auge aber über die Leidenſchaften, die Vorurtheile und Eitelkeiten emporrichtet, welche auf dem weiten Weltplane, wo der Kampf vor ſich geht, faſt jedes Menſchen Geſichts⸗ kreis mehr oder weniger unterbrechen. Ihr habt übrigens meine Frage noch nicht beantwortet: habe ich richtig ge⸗ rathen oder nicht?“ Der Biſchof ſchwieg eine Weile, bis er endlich erwiederte: „Warum ſoll ich nicht reden? Mein Leben iſt in Eurer Hand. Etwas Wichtigeres als ich bereits gethan, kann ich Euch nicht anvertrauen.— Ihr habt Recht: ich habe von dieſen Machinationen gehört und habe Pläne erſonnen, um ſie zu vereiteln oder wenigſtens zu entdecken. Mein getreuer 203 Diener, Gefährte und Freund, der mich auf allen meinen Wanderungen begleitete, iſt eben jetzt mit Sir Charles Weinants fortgezogen, denn dieſer iſt der Mann, der mit mancher geheimen Unterhandlung zwiſchen England und der Bretagne betraut iſt. Er, mein Diener, wird verkleidet zurückkehren und mich in der Abtei aufſuchen; ginge ich ehe er anlangt, ſo könnte ich keine beſtimmten Nachrichten mit⸗ nehmen.“ „Ihr müßt vor ſeiner Ankunft abgehen,“ verſetzte der Waidmann,„ſonſt dürfte ſich's treffen, daß Ihr gar nicht fortkämet; Ihr ſollt jedoch nicht ohne Beute davonziehen.— Jetzt laßt uns ſtumm und vorſichtig weiter wandeln, denn wir nähern uns jetzt gefährlicherem Boben.“ Dieſer Wink ging bei dem Biſchof nicht verloren, denn dieſer, ſo kühn und entſchloſſen wir ihn auch ſchon geſehen haben, hielt es gleichwohl nicht für nöthig, das Leben wie ein werthloſes Ding in die Schanze zu ſchlagen. Während ihrer ſeitherigen Unterredung hatten ſie jenen oben erwähn⸗ ten offeneren Waldraum durchkreuzt und näherten ſich einem dichten Gebüſche, wo knorriges Unterholz den ganzen Zwiſchen⸗ raum zwiſchen den größeren Bäumen ausfüllte. In der Dunkelheit der Nacht kam es dem Biſchof vor, als ob es rein unmöglich wäre, das dicht verwachſene und verſchlungene Geſtrüpp zu durchdringen, das ſich vor ſeinen Augen an einem Abhange des Hügels hinanzog; aber der Waidmann ging gerades Weges darauf los, bis er endlich an einem Punkte ſtehen blieb, wo keine Spur von einem Eingange vorhanden ſchien. 204 „Wir nähern uns jetzt einem der breiteren Waldwege,“ flüſterte er;„der kleine Pfad, den ich Euch führen will, läuft mehr als eine Meile nur hundert Schritt daneben her. Wir müſſen uns deßhalb ganz ſtumm verhalten und ſo leiſe wie möglich auftreten.“ „Wenn wir uns durch all' dieſes Geſtrüpp durchzuarbei⸗ ten haben,“ antwortete der Biſchof in demſelben Tone,„ſo wird das Geräuſch augenblicklich unſere Richtung verrathen.“ „Fürchtet nichts,“ entgegnete Boyd;„folgt mir nur ganz verſtohlen auf der Ferſe. Ich weiß wohl, daß Anführer in der Regel ſchlecht nachzufolgen verſtehen; diesmal aber muß es ſo ſeyn.“ Mit dieſen Worten ſchob er eine der jungen Eſchen bei Seite und hielt ſie mit ſeinem kräftigen Arme zurück, bis der Biſchof vorüber war. Drei Schritte genügten, um ſie durch den dicken Schirm an den Ausgang eines ſchmalen, nicht über drei Fuß breiten aber vollkommen ebenen und offenen Pfades zu bringen. Er war ſo gerade wie eine Bogenſehne, wahrſcheinlich zum Zwecke der Jagd durch den Wald gehauen, denn jeder Pfeil oder Bolzen, der hier abge⸗ ſchoſſen wurde, konnte nicht verfehlen jeden Gegenſtand von einiger Größe, wie etwa Hirſch oder Reh, auf Schußweite zu treffen. Der Biſchof konnte dies freilich nicht Alles wahr⸗ nehmen, denn die Zweige hingen dicht über ſeinem Haupte und waren nur auf beiden Seiten aufgeräumt; er folgte ſachte und vorſichtig dem Waidmanne auf der Ferſe, indem er den Fuß nur mit jener Art ſchüchternen Zögerns nieder⸗ ſetzte, wie es Jedermann mehr oder weniger empfindet, 20⁵ wenn er ſich wie er in die äußerſte Dunkelheit verſetzt ſieht. Still und verſtohlen ſchlich der Waidmann weiter und ſchien ſeinen Weg in der dunkeln Nacht ebenſo gut wie am hellen Tage zu erkennen. Endlich, nachdem ſie(wie es ſeinem Begleiter vorkam) weit mehr als eine Meile zurückgelegt hatten, hielt er vor einer Stelle an, wo der Pfad vor einem zweiten Dickicht plötzlich aufhörte. Da in der ringsum herrſchenden Dunkelheit ein Zeichen nicht ausgereicht hätte, um ſeine Abſicht deutlich zu machen, ſo flüſterte der Waid⸗ mann ſeinem Begleiter zu, er möge eine Weile ſtehen bleiben, während er ſelbſt rekognoscire, um ſich zu vergewiſſern, ob die große Straße offen ſey. Dann drang er durch die Büſche weiter, und einen Augenblick ſpäter hörte der Biſchof das Anſchlagen eines Hundes und drauf die Stimme des Waid⸗ manns, der jenem zurief: 1 „Leg dich, Ban, leg dich. Suche, mein Junge, ſuche. Iſt ein fremder Fuß in der Nähe?“ Eine kurze Pauſe folgte, und dann hörte der Prälat ein leiſes Knurren ganz nahe bei der Stelle, wo er ſich ſelbſt aufgepflanzt hatte. „Nein, das iſt ein Freund,“ ſagte der Waidmann in leiſem Tone.„Komm herein, Ban! komm her, du guter Hund.“ Und abermals hörte der Biſchof die derbe kräftige Geſtalt ſeines Begleiters ſich durch das Buſchwerk durchdrängen, bis Boyd wiederum neben dem guten Prälaten ſtand. „Alles iſt ſicher,“ ſagte er,„und Ihr müßt Euch jetzt 206 hier durchzwängen, ſelbſt auf die Gefahr Euren Rock zu zerreißen. Kümmert Euch nicht darum, denn Ihr dürft ohnehin in dieſem Anzuge nicht weiter reiſen.“ Mit dieſen Worten ging er voran, und nach einem ziem⸗ lich ſchwierigen Kampfe mit den Zweigen und dünnen Ge⸗ ſchoſſen der Eſchenbäume, woraus das Dickicht beſtand, be⸗ fand ſich der Biſchof mitten auf einem kleinen offenen Raume, der von der Heerſtraße durchſchnitten wurde und auf der andern Seite des Waidmanns Hütte zeigte. Die Thüre ſtand offen und ein ſchwacher Schimmer wie von einem halb erloſchenen Feuer drang daraus hervor, die hohe ſehnige Geſtalt des Waidmanns und die ſcharfen Umriſſe ſeines rieſigen Hundes beleuchtend. Bald hatte die Hütte die beiden Wanderer aufgenommen; Boyd ſchloß und verriegelte die Thüre, und auf die Schwelle deutend ſagte er zu dem Hunde:„leg dich, Ban! wache!“ worauf ſich das gehorſame Thier augenblicklich quer über den Weg ſtreckte und mit aufgerichtetem Kopfe und geſpitzten Ohren mit der Schnautze gegen den Eingang ſchnupperte, wie wenn es auf den Klang nahender Fußtritte lauſche. „Nun laßt uns nicht zögern, mein guter Lord und ehr⸗ würdiger Vater,“ begann Boyd.„Ihr müßt Euer Gewand abwerfen und dieſen gemeinen Fuhrmannskittel anziehen; die Tonſur müßt Ihr mit dieſem Bauernhute bedecken und Euch entſchließen, eine Ladung Holz auf dem Wege nach Lietchfield zu führen. Unterwegs werden Leute zu Euch ſtoßen, die Euch ſicher an die Küſte geleiten werden, und Ihr ſollt einen Mann bei Euch haben, der das Eures Be⸗ . 207 rufes und Namens unwürdige Amt, das Ihr der Sicherheit halber zu begleiten ſcheinen müßt, in Wirklichkeit ausfüllt. Die Kleider will ich Euch im Augenblick herbeiholen; zuerſt aber muß ich Euch dieſen Brief einhändigen, den Ihr mit größter Sorgfalt verſtecken und dem Earl von Richmond um jeden Preis zu überliefern trachten müßt. Wie er in meine Hände fiel, iſt gleichgültig; Ihr werdet aber beim Durchleſen ſinden, daß er eben jene Kunde, wegen deren Ihr hier warten wolltet, vollſtändig enthält.— Halt, ich will Euch ein Licht geben,“ indem er das Feuer zur Flamme anblaſend eine Lampe daran anzündete. „Ha, von Landais ſelber,“ rief der Biſchof, den Brief leſend,„mit dem Verſprechen, den Earl und alle ſeine Be⸗ gleiter zu arretiren, ſobald Richards Geſandter angelangt iſt und das Geld ausbezahlt hat!— Das Geld ausbezahlt! was mag das bedeuten?“ „Könnt Ihr's nicht errathen, guter Vater?“ fragte der Waidmann.„In dieſer unſerer guten Welt gibt es ja einen Preis für Alles und Jedes. Wir handeln mit Allem was wir haben oder beſitzen. Der Eine verkauft ſeine Baronie, der Andere ſeine Ehre; dieſer ſein Gewiſſen, jener ſeine Seele. Bald erlangt Einer Macht für ſich ſelbſt und verſchachert deren Gebrauch, bald erwirbt Einer Ruhm und treibt mit dieſem Handel, wie es Andere mit ihrer Geſchick⸗ lichkeit oder Gelehrſamkeit thun. Es gibt auch gar vielerlei Preiſe, und die Münze, womit die Menſchen bezahlt werden, iſt gar verſchieden. Eine Königskrone iſt der Lohn, den die Einen, ein hohes Amt der, den die Andern verlangen; der 208 Krummſtab oder die dreifache Krone ködert Dieſen, das Lächeln einer ſchönen Dame Jenen; die ſchmutzige Seele verlangt blos Geld, und dieſer Landais, dieſer bretagniſche Bauer, zum Miniſter und Lenker eines ſchwachköpfigen Fürſten herangewachſen, verkauft ſeine und des Herzogs Ehre um hartes Gold. Ha ha ha! er hat ganz Recht, denn von all' den Dingen, die zur Erkaufung ſolcher Bequemlich⸗ keiten dienen, iſt das Gold der einzige ſolide und dauerhafte Beſitz. Was iſt Ehre, Ruhm, Macht oder ſelbſt ein Frauen⸗ lächeln— was anders als der leere, vorübergehende, einge⸗ bildete Traum einer Stunde! Gold, Gold, Mylord Biſchof, dauerhaftes, unverwüſtliches, ewig werthvolles Gold iſt der einzige taugliche Lohn, wenn Ehre, Achtbarkeit, Gefühl und Charakter verkauft werden ſollen. Bei meinem Leben! das iſt meine Ueberzeugung!— Doch hier iſt der Brief: über⸗ reicht ihn dem Herzog; zeigt ihm die Schlingen, die ihm gelegt werden; er möge ſie durchbrechen, ehe ſie ſich über ihm ſchließen.“ „Das iſt in der That wichtig,“ äußerte der Biſchof, der den Brief aufmerkſam geleſen hatte.„Das Schreiben ſoll in die Hände des Earls gelangen, ſobald es möglich ſeyn wird es ihm zu überliefern. Laßt mich jedoch noch eine Frage ſtellen: wer, ſoll ich dem Earl ſagen, wer hat ihm dieſe höchſt werthvolle Kunde verſchafft und zugeſendet? Denn ich kann unmöglich glauben, daß Ihr wirklich ſeyd, was Ihr zu ſeyn ſcheinet.“ „Nichts auf der Welt iſt ſo wie es ſcheint— nein, nichts auf der Welt,“ erwiederte der Waidmann.„Dieſe 209 Erde iſt der Schauplatz unwirklicher Dinge. Ihr hättet Euch übrigens im Kloſter überzeugen können, daß Boyd der Waidmann ein getreuer Diener der guten Aebtiſſin und der Nonnen der heiligen Clara iſt und es ſchon ſo lange war, daß ſie großes Vertrauen zu ihm haben. Sagt übrigens dem Earl von Richmond,“ fuhr er in etwas verändertem Tone fort,„Ihr habet das Schreiben von einem Manne erhalten, der ſpäter vielleicht ſeinen Lohn einfordern wird, denn wir ſind Alle käuflich. Jener Lohn ſoll weder in Gold und Ländereien noch in Ehren oder Titeln beſtehen; wenn der ihm bevorſtehende Kampf jedoch vorüber und, wie ich erwarte, glücklich beendigt ſeyn wird, dann dürfte wohl Boyd der Waidmann eine Gabe fordern, und es ſoll nur eine einzige ſeyn.— Jetzt will ich Euch aber Eure Vermummung bringen.“ Hiemit trat er durch die Thüre in die Hinterſtube und verſchwand auf einige Augenblicke, bis er mit verſchiedenen Kleidungsſtücken bepackt zurückkehrte. Der Biſchof lächelte, als er ſie anlegte, und als der Fuhrmannskittel das Mönchs⸗ gewand erſetzt und der Bauernhut die Stelle der Kaputze eingenommen hatte, war die Vermummung vollſtändig zu nennen. „Ihr müßt auch Eure Sandalen ablegen, Mylord,“ ſagte der Waidmann,„und das iſt der ſchwierigſte Theil der ganzen Aufgabe, denn mein Fuß iſt faſt doppelt ſo groß wie der Eurige, ſo daß meine Stiefel nur ſchlecht für Euch paſſen werden.“ „O da weiß ich ſchon Rath,“ antwortete der Biſchof; James. Der Waidmann. 14 210 „ich ſtecke den Fuß mit ſammt den Sandalen hinein, dann werde ich die Stiefel ſchon ausfüllen.“ Der Waidmann lachte; doch ſchien der Plan gut und wurde angenommen. „Hier iſt ein kleiner venetianiſcher Spiegel,“ bemerkte der Waidmann.„Nun betrachtet Euch einmal, mein guter Lord. Ich will nicht fragen, ob Euer beſter Freund Euch erkennen würde, denn gute Freunde ſind immer vergeßlich; aber ſagt mir: würde Euer bitterſter Feind Euch erkennen, ſo treu auch das Gedächtniß des Haſſes iſt?“ „Ich glaube kaum,“ gab der Biſchof über ſein eigenes Ausſehen lächelnd zur Antwort;„aber ich fürchte gleichwohl, wenn wir im Walde auf jene Leute ſtießen und angehalten würden, könnten ſie mich an der Tonſur erkennen.“ „Wir werden Niemand begegnen,“ verſicherte Boyd. „Jetzt folgt mir; ſteckt aber erſt dieſes Beil in Euren Gürtel, das Euch als Zeichen Eures neuen Gewerbes wie als Schutzwaffe dienen kann.“ Der Waidmann führte nun ſeinen Gefährten durch die Thüre in eine zweite große Hinterſtube. Nachdem er die Thure verriegelt, nahm er ſeinen Weg durch einen mit Holz⸗ bündeln halb angefüllten Schuppen; von da durch einen auf drei Seiten vom Walde eingehegten Obſtgarten ging es nach einem kleinen Gemüsland, das an ſeinem hinteren Ende durch einen Zaun von rauh behauenem Eichenholz abge⸗ ſchloſſen war. Sowie der Biſchof dem Zaune näher kam, ſah er ſich am Rande eines ſehr ſteilen Abhanges, an deſſen Fuße er 2141 das Schimmern eines Stromes wahrnehmen konnte. Mit der Warnung„ daß er auf ſeine Tritte wohl Acht haben ſolle, führte ihn der Waidmann eine Reihe von ſteilen in den Abhang eingehauenen Stufen zu einem ſchmalen Pfade hinab, der neben dem Waſſer herlief. Die Schlucht, die das Waſſer ſich offenbar ſelbſt ausgehöhlt hatte, und welche von waldigen, zwanzig bis vierzig Fuß hohen Ufern flankirt Auf dieſem Punkte ſtand eine Brücke, über welche eine der Straßen vom Kloſter her führte; der Nebenpfad, wel⸗ chen der Waidmann und ſein Begleiter verfolgten, lief je⸗ doch entlang des Fluſſes unter der Brücke fort, und Boyd verfolgte ihn noch zwei⸗ bis dreihundert Schritte weiter, mann einige Minuten lang eine leiſe Unterredung, und dann zu dem andern ſich wendend ſagte er: „Ihr verſteht Eure Befehle, David. Hier iſt der Mann, der mit Euch gehen wird.— Jetzt, Mylord,“ fuhr er flü⸗ ſternd fort,„ſteigt lieber vorn auf den Wagen. Ich muß Euch hier verlaſſen, denn ich habe noch für die Sicherheit anderer Perſonen zu ſorgen.“ . 14 8 212 „Ich hoffe, meine ſchöne Führerin aus dem Kloſter iſt auf dem Rückweg von keiner Gefahr betroffen worden,“ entgegnete der Biſchof leiſe.„Es wäre mir ein bitterer Gedanke, wenn ihr für ihre Barmherzigkeit gegen mich ein Uebel zugeſtoßen wäre.“ „Ich hoffe nicht,“ verſetzte der Waidmann;„ich ſehe jedoch, daß ſie nicht nach der Abtei zurückkehren konnte und anderswo Zuflucht genommen haben muß. Es haben Au⸗ gen über ihr gewacht, von denen ſie nichts wußte, und im Nothfall war ſchon Hülfe zur Hand. Ich muß jedoch ge⸗ heen und für dieſes Alles Sorge tragen, denn ein ſchönes Mädchen wie ſie darf einem luſtigen jungen Lord nicht allzu lange anvertraut werden. Er ſcheint zwar ein guter Junge; iſt aber wild und unbeſonnen genug.“ „O, ihm dürft Ihr vollkommen vertrauen„“ verſicherte der Prälat.„Ich will für ihn einſtehen, denn er wurde unter meinen eigenen Augen auferzogen, und ich kenne jeden Winkel ſeines Herzens. Seine Raſchheit iſt nur angenom⸗ menes Weſen, ſeine frohſinnige Heiterkeit nur der Abglanz eines Geiſtes, der durch keine finſteren Gedanken und Er⸗ innerungen verdüſtert wird. Wenn er bei ihr iſt, ſo iſt ſie gut aufgehoben, denn er wird ihr weder ſelbſt etwas zu Leid thun noch zu Leid thun laſſen.“ „Gleichwohl muß ich für die Sicherheit von Beiden ſor⸗ gen,“ erwiederte der Waidmann;„und ſomit lebt wohl. Der Friede möge Euch geleiten.— Halt, laßt mich Euch hinaufhelfen.“ Mit dieſen Worten half er dem Biſchof vorn auf den 213 Karren ſteigen, worauf ein Klatſchen der Fuhrmannspeitſche das Geſpann langſam in Bewegung ſetzte. Vierzehntes Kapitel. Der leichte Feuerbrand, welchen Chartley in der Hand trug, erloſch beinahe, bis er und Jola durch den tiefen Thorweg in die große Halle gelangten; dort fanden ſie je⸗ doch weit mehr Helle als ſie erwartet hatten, denn das Feuer im Hofe warf einen hellen Schimmer durch die beiden großen Fenſter und diente gewiſſermaßen zur Erhellung des Inneren. Es war eine jener weiten alten Hallen, von de⸗ nen wir nur noch wenige übrig haben, obgleich dazumal kein großer Freiherrnſitz ohne eine ſolche getroffen wurde. Manche waren freilich noch geräumiger als die, von der ich rede; aber wenige zeigten einen kühneren Bogenſchwung als die gewölbte Decke, welche den jungen Edelmann und ſeine Be⸗ gleiterin nunmehr bedeckte— zur Schau trug. Sie war von der Zeit verſchont geblieben, und der Ruin hatte noch nicht ſeine Hand an ſie gelegt, ſo daß das Auge durch das reichgeſchnitzte obere Gebälk ſchweifen konnte, ohne eine Ritze in dem Schiefer zu bemerken, der das Ganze bedeckte. Keine Säulen oder ſonſtigen Hemmniſſe ſtörten den Blick von einem Ende bis zum andern, und Chartley konnte bei dem flackernden Feuerſcheine an dem entgegengeſetzten Ende der Halle zwei Thüren bemerken, die ſich zur Rechten und Linken öffneten. Zu der rechter Hand führten zwei bis drei 214 ſteinerne Stufen, und da er ſich erinnerte, daß Jola ſich einer genauen Kenntniß des Gebäudes gerühmt hatte, ſo fragte er alsbald, ob ſie ihm ſagen könne, wohin jener Aus⸗ gang führe. „Zu dem großen viereckigen Thurme,“ war ihre Ant⸗ wort;„eine Wendeltreppe geht durch das kleine Thürm⸗ chen, das Ihr neben dem Wartthurme bemerken konntet. Sie iſt ſehr eng, aber ganz gut und wohlerhalten.“ „Wenn die Thüre noch vorhanden und feſt iſt, ſo gibt dies einen ganz guten Verſteck,“ meinte Chartley,„denn die Mündung einer engen Wendeltreppe iſt gar leicht zu ver⸗ theidigen.“ „Ich glaube, die Thüre iſt dort,“ verſetzte Jola;„doch können wir es bald ſehen.“ „Allerdings, ſüße Jola, Dank dem Feuer da draußen,“ antwortete Chartley neben ihr hergehend, wobei aber ſein Fuß gegen etwas auf dem Boden ſtieß, was raſſelnd nach der andern Seite der Halle rollte.„Ei, was iſt das?“ rief er ſtillſtehend.„Da hat Jemand vor Kurzem ein Feuer angezündet. Bei meinem Leben! Hier iſt auch eine noch nicht lange erloſchene Lampe; auf alle Fälle iſt Oel darin.“ „O das iſt ſchon lange her,“ bemerkte Jola;„es war an Weihnachten, ich erinnere mich noch ganz gut. Die Nonnen kommen jedes Jahr am Weihnachtsmorgen hier herauf, denn es wird noch immer alljährlich eine Meſſe in der Kapelle geleſen, und das letztemal ließ Schweſter Bri⸗ gitte ihre Lampe zurück, die ſie zum Anzünden der Kerzen auf dem Altare mitgebracht hat. Sie kann uns jetzt recht 215 gute Dienſte leiſten, und ich ſehe nicht ein, warum wir hier nicht auch ein Feuer anzünden ſollen, denn ſie thun das je⸗ des Jahr an Weihnachten und wärmen eine Flaſche Mal⸗ vaſier für den Prieſter, der die Meſſe liest.“ „Ich wollte beim Himmel, daß wir eine Flaſche Mal⸗ vaſier zu wärmen hätten,“ meinte Lord Chartley lachend. „In einer kalten Nacht, in einer bedenklichen Stunde kenne ich kaum etwas Beſſeres. Es iſt doch auffallend, ſüße Jola, daß ein ſo geiſtiges Ding wie die Hoffnung von we⸗ nigen Tropfen Traubenſaft abhängen, daß ſie ſteigen oder fallen, heller oder ſchwächer leuchten ſoll, je nachdem man jene Tropfen beſitzt oder nicht.“ „Bei Maͤnnern mag dies ſo ſeyn,“ gab Jola zur Ant⸗ wort;„bei Frauen aber iſt es glaub' ich anders. Bei mir flammt die Hoffnung nie heller empor, als wenn ich an ei⸗ nem ſchönen, klaren Sommermorgen die Vögel ſingen höre; dann ſcheint mir aus den ſüßen Tönen, aus dem frohen An⸗ blicke eine Welt von Verſprechen entgegenzutönen, welche niemals lügt.“ „O ja, aber der Malvaſier iſt auch nicht zu verachten, beſonders wenn kein Sommermorgen da iſt, wenn kein an⸗ derer Vogel als höchſtens die Nachteule um uns flötet und ſelbſt Jola's Augen nicht Licht genug gewähren, um Einem dieſe große, plumpe Thüre zu zeigen, deren Angeln ziemlich eingeroſtet ſcheinen,“ gab Chartley fröhlich zur Antwort. Mit dieſen Worten ſchwang er, mit dem Fuß auf der zweiten Stufe ſtehend, die ſchwere Thüre vor⸗ und rückwärts, deren Knarren die alte Halle zu erſchüttern ſchien. 216 „Kommt,“ fuhr er fort,„ich will Schweſter Brigittens Lampe am Feuer anzünden und ſehen, was der gute Ibn Ayoub treibt. Seine Wache muß nicht geſtört worden ſeyn, ſonſt hätten ſeine arabiſchen Kehllaute ihren Weg bereits in die Halle gefunden und uns ſo rauh wie dieſe roſtige Angel ihr Liedchen vorgekrächzt. Bleibt Ihr bei dieſer Thüre ſte⸗ hen, bis ich zurückkehre, und vergeßt nicht, wenn Ihr draußen einen Kampf vernehmt, ſo eilt Ihr hinauf und ſchließt die Thüre hinter Euch. Ich bin durch meine Ritterpflicht ver⸗ bunden, Euch ſicher und wohlbehalten in die Abtei zurückzu⸗ führen; wenn ich alſo getödtet werde, ſo müßt Ihr die Auf⸗ gabe zur Wahrung meines Rufes ſelbſt auf Euch nehmen.“ „Getödtet! o ſprecht doch nicht von ſo Etwas!“ rief Jola.„Ich beſchwöre Euch, edler Lord, wagt doch nicht Euer Leben in einer ſolchen Sache.“ „Um Euch zu dienen und zu beſchützen, ſüßes Mädchen, würde ich mehr als das Leben wagen, wenn ich etwas An⸗ deres als dieſes Leben zu verlieren hätte,“ betheuerte Chart⸗ ley.„Eines Mannes Leben hat heutzutage nur wenig Werth, denn man hat ſo wenig Gewähr, ob es von einer Stunde auf die andere fortdaure, daß ich jeden Morgen beim Aufſtehen verſucht bin, meinen Kopf in die Höhe zu recken, um zu ſehen, ob er noch auf den Schultern ſteht. Bucking⸗ ham und Haſtings, Vaugham, Grey und viele hundert An⸗ dere hätten beſſer gethan, auf dem Schlachtfelde oder bei Vertheidigung einer ſchönen Dame zu ſterben, als das Beil des Henkers abzuwarten. Ich hoffe, wenn mein Stündlein kommt, wird es mich mit dem Schwert in der Hand über⸗ — — 217 fallen— das iſt die einzige Todesart, der ich bis jetzt ruhig in's Auge zu ſehen mich entſchließen konnte. Ich bin wohl ein elender Feigling, denn der Gedanke an ein Krankenbett, an ein ſiebriſches Kiſſen, an lamentirende Freunde und den ernſthaften Doktor mit dem Arzneiglaſe in der Hand, er⸗ ſchreckt mich unbeſchreiblich. Das Henkerbeil iſt nicht viel beſſer, denn es hat in der Regel ſeine langweiligen Vorläu⸗ fer von Prozeſſen, Verdammung, gaffenden Maulaffen, Schaffot und Henkerblock. In der Schlacht dagegen oder in der Turnierſchranke, Lanze gegen Lanze, Streich gegen Streich für unſerer Dame Ehre, bei ſchmetternden Trom⸗ peten und Siegesrufen, auf dem mannhaften Renner, fliegt unſer Geiſt triumphirend durch die Wunden des Fleiſches und ſchwingt ſich auf den Flügeln des Ruhms zur Glorie empor.“ Jola ſeufzte, ſie wußte nicht warum; die Begeiſterung ihres Begleiters ſteckte ſie an, und ſie fühlte bei ſeinen ho⸗ hen Worten einen Schauder durch ihre Adern rinnen, der ſie beinahe vor den Empfindungen zurückſcheuen ließ, die ſich an ihr Herz heranſchlichen. „Es gelingt Euch nicht, mich tapfer zu machen,“ ſagte ſie,„und drum will ich lieber mit Euch unter den Thor⸗ bogen zurückkehren, denn ich würde mich ängſtigen, wenn ich Euch aus den Augen verlöre.“ „O ich will ganz gerne immer unter Euren Augen le⸗ ben,“ verſicherte Chartley.„Wer Euch gewinnen will, muß erſt über meine Leiche ſchreiten.“ Jola fuhr zuſammen, denn man darf nicht glauben, daß 218 ſie oder irgend Jemand in damaliger Zeit ohne Aberglauben war, und ſie las in ſeinen Worten eine Art von Doppelſinn, der ihr beinahe die Kraft einer Prophezeiung zu haben ſchien. Sie folgte ihm dicht auf den Ferſen und blieb nicht eher ſtehen, bis ſie den Schloßhof wieder im Geſicht hatte, wo der Araber noch immer ruhig neben dem Feuer ſtand, das er mit neuem Holzvorrath genährt hatte. „Iſt Niemand gekommen?“ fragte Chartley.„Haſt Du die Schritte wieder gehört?“ „Ich habe die Schritte gehört; aber Niemand iſt ge⸗ kommen,“ gab der Araber zur Antwort.„Sie ſcheinen rings im Hofe umzuwandeln; aber das Auge ſieht keinen Wanderer.'s iſt höchſt wahrſcheinlich ein Afrit, der dies alte Schloß bewacht; vielleicht ſind Schätze darin vergraben.“ „Allerdings iſt ein Schatz hier verborgen,“ ſprach der junge Edelmann vor ſich hin, an Jola denkend.„Was die Afrits betrifft— die kommen nie über die See herüber, mein guter Ibn Ayoub. Da jedoch unſere Garniſon nicht ſtark genug iſt, um alle Mauern zu bemannen, oder alle Thore zu bewachen, ſo wollen wir uns in die große Halle zurückziehen, unſer Feuer dort anzünden und die Thüre ſchließen, obgleich wir die Zugbrücke nicht aufzuziehen ver⸗ mögen. Bring ſo viel Aſche als Du herbeizuſchleppen ver⸗ magſt, ohne Dir die Kleider zu verbrennen, auch eine La⸗ dung Holz, wovon dort in der Ecke ein großer Vorrath zu liegen ſcheint.“ „'s iſt ein altes in Stücke gegangenes Thor,“ bemerkte 219 der Araber;„es wird bald brennen, denn es iſt ſo trocken wie Kameeldung.“ Chartley wartete und horchte, während ſein Sklave die eben erhaltene Aufgabe vollzog; dann kehrte er zu Jola zu⸗ rück, nachdem er die Lampe angezündet hatte und ſagte: „Ich kann keinen Laut vernehmen. Es war wohl nur Einbildung von dem guten Ibn Ayoub, obwohl ſein Gehör ſonſt ſo ſcharf iſt, wie das eines Pagen im Feenmährchen. So ſpürte er mich heute Nacht nach dem bloſen Klang der Pferdetritte mit eben ſolcher Sicherheit im Forſte auf, wie ein Hund das Wild durch den Geruch entdeckt.— Heitert Euch doch auf, füße Jola, ſonſt werden wir Beide in dieſem alten Neſte trübſinnig und träumeriſch werden. Wir haben zwar keinen Malvaſter; aber wir haben beſſeren Wein als er je aus der Traube rann oder in eine Flaſche geſperrt wurde— den Wein des Herzens, theure Lady, des Herzens, das ſich keiner Schuld bewußt iſt, den heitern Frohſinn, die glück⸗ liche Zufriedenheit mit der Gegenwart, das furchtloſe Ver⸗ trauen auf die Zukunft. Wir werden nur kurze Zeit bei⸗ ſammen ſeyn; ſo laßt uns die fliehenden Augenblicke recht heiter genießen, denn für mich werden ſie nur allzu raſch dahinfliegen. Kommt, wir wollen uns einmal in der Halle umſchauen und ſehen, was ſie enthält“— indem er die Lampe hoch über ſein Haupt emporhielt und ſich umſah, ohne aber das Gemach in ſeiner ganzen weiten Ausdehnung überblicken zu können. 4 „O es gibt nichts mehr da,“ verſicherte Jola.„Es iſt ſchon lange lange her, daß die Halle ihres ganzen Inhaltes 220 beraubt wurde. In den oberen Gemächern ſteht noch aller⸗ lei Gerümpel, das die Plünderer vermuthlich nicht der Mühe werth hielten, herunterzuſchleppen— Stühle und Seſſel und ein rieſiges Bett, das in der Stube, worin es ſteht, ge⸗ zimmert worden ſeyn ſoll, ſo daß es nicht durch die Thüre herausgeht.“ „Kommt, das wollen wir einmal anſehen,“ rief Chart⸗ ley.„Das Sitzen auf dieſen kalten Steinen taugt nicht für ſo zarte Gliedmaßen; vielleicht finden wir etwas, das wir herunterbringen können. Erſt muß aber der Araber das Feuer hier anzünden, und dann wollen wir verſuchen, die große Thüre zu verſperren.“ Beide Geſchäfte wurden ohne große Schwierigkeit voll⸗ zogen, denn auf zwei breiten Holzſcheitern wußte der Ara⸗ ber ſo viele Kohlen herbeizuſchleppen, daß ſehr bald ein großes Feuer auf dem breiten Herde der alten Halle flackerte, und das gewichtige Thor, das zwar einige große Löcher hatte und bei dem Verſuche es in ſeinen Angeln zu drehen ganz verzweifelt knarrte— denn dieſes Drehen war ein Vor⸗ gang, den es wahrſcheinlich ſeit länger als einem halben Jahrhundert nicht mehr durchgemacht hatte— ließ ſich gleichwohl ziemlich leicht handhaben, und der ſchwere Rie⸗ gel wurde in die tiefe Höhlung gezwängt, die in dem Stein⸗ werke für ihn angebracht war. Als der junge Lord, nachdem er dem Araber bei ſeiner Arbeit geholfen, ſich wieder umdrehte, bot die Halle ſchon einen recht erheiternden Anblick. Der Scheiterhaufen auf dem Herde hatte alsbald Feuer gefaßt, und mit dem Rauche, 221 der in das weite Kamin emporſtieg, miſchten ſich dicke, manch⸗ fach gefärbte Flammenſäulen, die über die alten Stein⸗ mauern und auf die gemalten Fenſterſcheiben, wo Ritter, Prieſter, Engel und Apoſtel in ſonderbarer Verwirrung un⸗ ter einander gruppirt waren— einen warmen, flackernden Schimmer warfen. In dem hellen Scheine des Feuers auf der andern Seite des Herdes ſtand die ſchöne Geſtalt Jola's, gehüllt in des Earls Ueberwurf, der die zarten Umriſſe ihrer Figur verhüllte, ohne ſie ganz zu verbergen. Die langen pelzverbrämten Aermel, die auf dem Boden ſchleiften, ſchie⸗ nen eine Art Schleppe hinter ihr zu bilden, während der ſchöne Nacken und die Schultern aus dem pelzbeſetzten, nur leicht über der Bruſt befeſtigten Halskragen hervorſchauten, und das ſchöne, ausdrucksvolle Geſicht, nach den beiden Männern gewendet, welche eben die Thüre ſchloßen, bald in hellem Strahle leuchtete, bald in unbeſtimmten Schatten geſtellt war, je nachdem die Flamme ſich hob oder ſenkte. Chartley betrachtete ſie und meinte, einen ſo ſchönen Anblick habe er noch nie gehabt; in ſeiner Bruſt regten ſich Empfindungen, die er ſich keineswegszu bemeiſtern bemühte. Er war jung, frei, voll Vertrauen und glücklicher Zuver⸗ ſicht in die Zukunft und ſagte zu ſich ſelbſt: „Warum nicht? Durchſchweife die Welt ſo weit Du willſt: kannſt Du etwas Lieblicheres finden als ſie iſt, ſanfter, ſüßer, reicher an edlen Empfindungen und heiteren Gedan⸗ ken, als ſie ſcheint? Beim Heirathen ſteht unſer Loos doch immer auf dem Würfel, deſſen Fallen unſicher iſt.— Wa⸗ rum nicht?— nur jetzt nicht, jetzt nicht,“ fuhr er fort, in⸗ 222 dem ſeine ritterliche Artigkeit ihn ganz richtig leitete;„ich muß warten bis ſie frei von Gefahr iſt: dann, wenn ſie wie⸗ der in der Mitte ihrer Freunde geborgen ſteht— dann muß ich ſie aufſuchen. Jetzt darf ich ſie nicht erſchrecken oder be⸗ ängſtigen.“ Sein Entſchluß war zwar ganz gut und auch feſt; aber es wurde ihm ſchwer, die Empfindungen, die in ſeinem Her⸗ zen wogten, nicht in gewiſſem Grade in ſein Betragen über⸗ gehen zu laſſen. Er hielt ſte auch nicht in ſolcher Abhän⸗ gigkeit. Er hätte es ſehr gerne gehabt, wenn ſie ſich neben ihn geſetzt, wenn er den Arm um ſie geſchlungen, wenn ihr ſchönes Haupt an ſeiner Bruſt geruht und ſie der ſo nöthi⸗ gen Ruhe gepflegt hätte. Er hätte es gerne geſehen. wenn er mit ihrer Hand in der ſeinigen vor dem offenen Herde geſtanden, wenn ihr Auge die Geſichter und Land⸗ ſchaften im Feuer betrachtet und ihr Mund von Liebe ge⸗ ſprochen, von glücklichen Tagen geträumt ſtätte. Er that übrigens nichts der Art; aber in ſeinem Benehmen, in ſei⸗ nem Tone lag zuweilen eine Sanftmuth und Zärtlichkeit, welche Jola's junges, friſches Herz durchbebte und für ſie ſelbſt, wie für ihn, Beſorgniſſe in ihr weckte und ſie wohl mächtig erſchüttert hätte, wenn nicht ſein heiterer, ſprühen⸗ der Geiſt in der drolligen Unterhaltung ſich von Zeit zu Zeit Luft gemacht und alle ernſteren Gedanken auf ſeinen Schwin⸗ gen entführt hätte.. „Nun kommt,“ ſagte er, die Lampe aufnehmend, nach⸗ dem er eine Weile neben ihr gezögert hatte,„laßt uns nach den oberen Gemächern gehen und ſehen, ob wir irgend einen 5 223 Stuhl finden koͤnnen, der ſich heruntertragen laͤßt. Ihr ſeyd gar lange gewandert und geſtanden, und dieſe ſchönen, klei⸗ nen Füße werden arg müde werden, wenn wir nicht ein Mittel entdecken, um ſie ausruhen zu laſſen. Ich möchte lieber hundert Meilen wandern, als nur eine Stunde ſte⸗ hen. Ich habe immer gedacht, ein Vogel müſſe ein trau⸗ riges Leben führen, wenn er nicht gerade fliegt, denn ſo den ganzen Tag mit ſeinen dünnen Ständern auf einem kahlen Zweige ſtehen und nichts thun als ſeine Federn putzen— iſt doch gar zu langweilig.“ „Und ſeine Lieder ſingen,“ meinte Jola, ihm folgend. „Darin muß er ſeinen Troſt finden.“ Chartley ging voran und leuchtete ihr auf ihrem Wege; die engen und ausgenutzten Treppenſtufen gewährten ihm bald einen erwünſchten Vorwand, um ſie an der Hand zu nehmen und hinaufzuführen. Nachdem er dieſe einmal er⸗ faßt hatte, war es nicht leicht ſie wieder loszulaſſen, und da er ſie weder zu feſt noch zu loſe hielt, ſo ſchien kein Grund vorhanden ſie ihm zu entziehen, ſo daß ſie noch in der ſei⸗ nen ruhte, auch nachdem ſie die Treppe oben erreicht und einen flach gewölbten ſteinernen Gang und ein großes alt⸗ modiſches Gemach betreten hatten, das den früheren Be⸗ ſitzern des Schloſſes wahrſcheinlich als Staatsſchlafzimmer gedient hatte. Dort ſtand noch die große Bettſtelle, deren Jola erwähnt hatte, wahrſcheinlich aus Edwards III. Regierung herſtam⸗ mend, aus ſchwarzem, wie es ſchien aus Ebenholz, gebil⸗ det, reich geſchnitzt und in den tieferen Partien mit Elfen⸗ 224 bein ausgelegt. Die reichen Vorhänge, mit denen es einſt verziert geweſen, waren alle heruntergeriſſen und ſammt dem Bettzeuge verſchleppt; das ganze Werk war jedoch ſo künſt⸗ lich zuſammengefügt, daß man kein Mittel ſah, es von der Stelle zu bringen, ohne es in Stücke zu brechen, und es iſt wahrſcheinlich, daß die rohen Soldaten, welche das Schloß geplündert, keine Luſt gehabt hatten, ſich mit ſo ſchwerer Beute zu beladen. Auf dem Boden ſah man noch die Spu⸗ ren, wo drei Rollbetten geſtanden hatten, von denen keines mehr übrig war. Der einzige Stuhl, den ſie vor ſich ſa⸗ hen, war ein großer Armſeſſel, aus denſelben Materialien wie das Bett, mit einem Schemel, von welchem die frühere Stickerei abgeriſſen war. „Der iſt recht,“ rief Chartley.„Der Stuhl muß einmal heraufgekommen ſeyn und kann alſo auch die Treppe hinabwandern. Wir ſtellen ihn dann neben das Feuer, und er ſoll meiner Maikönigin als Thronſeſſel dienen, während ich mich auf den Schemel zu Euren Füßen ſetze, und Ibn Ayoub nach ſeiner Gewohnheit auf dem trockenen Herde nie⸗ derkauert. Ihr müßt mir aber jetzt die Lampe tragen, ſonſt werde ich den Burſchen nicht hinunterbringen;“ indem er Jola das Licht reichte und den Stuhl auf ſeinen ſtarken Ar⸗ men emporhob.„Er iſt ſo ſchwer wie Eiſen,“ ſagte er; naber er ſoll hinunter, und wenn er aus Diamant gemacht wäre.“ 3 Indem er ſprach, ließ ſich im Zimmer ein ganz unge⸗ wöͤhnlicher Laut wie ein ſchwaches Stöhnen ſo klar und deutlich vernehmen, daß ſie unmöglich glauben konnten, 225 ihre Ohren haͤtten ſie getäuſcht. Jola fuhr zuſammen und hätte ſchier die Lampe fallen laſſen, während Chartley den Stuhl niederſetzte und ſeine Hand an's Schwert legte. „Es iſt wohl eine Thüre, die ſich in ihren roſtigen An⸗ geln dreht,“ ſagte er, nachdem er eine Weile gelauſcht hatte. „Der Wind wird ſie wohl vor⸗ und rückwärts bewegen.“ Mit dieſer Bemerkung nahm er den Stuhl wieder auf und trug ihn auf den Gang, während Jola, ängſtlich um ſich ſchauend, mit dem Lichte voranging. Sie wurden jedoch nicht ferner geſtört, und Chartley brachte endlich den ſchweren Seſſel nicht ohne Mühe die enge Treppe hinab. Der Araber ſtand in der Mitte der Halle und ſchaute nach der Thüre, den entbloͤßten Säbel in der Hand. „Was gibt's, Sohn von Ayoub?“ fragte Chartley. „Was haſt Du vernommen?“ „Schritte und Stöhnen,“ gab der Araber zur Antwort, während ſeine dunkeln Augen in dem Scheine des Feuers leuchteten. „Pah,'s iſt nichts als eine roſtige Angel und die Tritte von Ratten oder Mardern, die bei dem langanhaltenden Winterwetter hier ihre Zuflucht ſuchen müſſen,“ meinte Chartley.—„Setzt Euch hierher, füße Jola; ſtellt Eure Füße an's Feuer und träumet von heiteren Dingen, wäh⸗ rend ich noch einmal hinaufgehe und den Schemel hole.“ Bei dieſen Worten nahm er ihr die Lampe aus der Hand und ſtieg abermals hinauf. Er blieb nicht lange aus; aber dennoch horchte Jola ängſtlich auf ſeine wiederkehrenden James. Der Waidmann. 15 226 Schritte. Sie fühlte ſich ſicher, während er ſich in ihrer Nähe befand, war aber voller Angſt, ſobald er fort war. Chartley ſtand bald wieder neben ihr, ſetzte ſich dicht vor ihren Füßen auf den Schemel, und auf den Arm des Stuhles ſich lehnend, ſchaute er mit heiterem Lächeln zu ihrem Antlitze empor. „So, jetzt haben wir's bequem,“ ſagte er.„ZJetzt kön⸗ nen wir die übrigen Stunden der Nacht ganz heiter hier verleben, und wenn Ihr einſchlummert, ſüße Lola, ſo wird Euer Köpfchen nur auf Chartley's Schulter fallen, wo es ſo ſicher, wenn auch nicht ſo weich wie auf Euren Kiſſen im Kloſter ruhen mag. Da ſetz' Dich in die Kaminecke, Ibn Ayoub, ſonſt wird Dein ſüdländiſches Blut in dieſer kalten nördlichen Nacht erfrieren. Denke nicht weiter an Stoͤhnen und Fußtritte— das ſind nur Ausgeburten der Fantaſie. Es iſt wunderbar,“ fuhr er zu Jola gewendet fort,„welch tolle Bilder der Aberglaube erzeugt; ja es iſt ebenſo traurig als wunderbar, wenn man die ſchauderhaften Grauſamkeiten bedenkt, welche vernünftige Menſchen im Glauben an Hiſto⸗ rien begehen, wofür man einen Knaben auspeitſchen ſollte. Als ich vor einigen Jahren in Flandern war, wurde ein ar⸗ mes Weib auf offenem Markte lebendig verbrannt, und was, glaubt Ihr, war das Verbrechen, deſſen ſie beſchuldigt wurde?“ „Das weiß ich nicht,“ meinte Jola;„es muß aber in der That ein furchtbares Verbrechen geweſen ſeyn, um eine ſo ſchreckliche Strafe nach ſich zu ziehen.“ „Die Geſchichte iſt einfach dieſe,“ erzählte Chartley. 227 „In einer der flandriſchen Städte lebte eine arme Frau, die ſich durch Näharbeiten ihr Brod verdiente. Zu ihren Kun⸗ den gehörte auch das Weib des Vogtes der ſchwarzen Mönche jener Stadt; als ſie aber ihre Arbeit fertig hatte, weigerte ſich der Vogt und ſein Weib den verſprochenen Lohn aus⸗ zuzahlen, und da ſie arm und ganz ohne Mittel war, ſo drang ſie natürlich auf ihr Geld. Es wurde ihr ſtandhaft verweigert, und ſie wendete ſich nun an den Geiſtlichen ihres Geburtsortes um Rath und Beiſtand. Der Zufall wollte jedoch, daß der gute Mann mit dem Kloſtervogt in einen Prozeß verwickelt war, und wie auch ſein Rath an die arme Frau beſchaffen geweſen ſeyn mag— ihre Konferenz ſollte Beiden zum Unheil ausſchlagen. Die Frau ſchickte ihre Tochter, um wenigſtens einen Theil ihrer Gebühr zu ver⸗ langen, wenn ſie auch nicht das Ganze erhalten konnte. Das arme Mädchen langte in dem Augenblicke an, da der Vogt mit ſeiner Familie bei Tiſche ſaß: ſie ſtand eine Weile ne⸗ ben der Tafel und flehte umſonſt um Bezahlung. Etliche Tage ſpäter erkrankte eines von der Familie und ſtarb. Die Krankheit muß anſteckend geweſen ſeyn, denn noch ehe ſie ihre Verheerungen einſtellte, war der Vogt und noch zwei Andere todt. Der Reſt der Familie ſetzte ſich nun in den Kopf, die arme Frau, ihre Tochter und den Geiſtlichen we⸗ gen Hexerei anzuklagen; es fanden ſich Narren und Spitz⸗ buben genug, welche glaubten und erzählten, der Geiſtliche habe auf Veranlaſſung der armen Nähterin eine Kröte ge⸗ tauft und ihr das heilige Sakrament verabreicht; die Kröte, in vier Stücke geſchnitten, ſey von der Tochter unter den 15* 228 Tiſch geworfen worden, an dem der Vogt ſpeiste, und auf dieſe heilloſe Anklage wurde das arme Geſchöpf in's Ge⸗ fängniß geworfen, auf die Folter gelegt und ſpäter zu Aſche verbrannt.“ Jola ſchauderte. „Das iſt entſetzlich,“ ſagte ſie,„und man kann kaum glauben, daß in der Bruſt menſchlicher Weſen ſolche Grau⸗ ſamkeit exiſtiren kann.“ „Oder ſolche Thorheit,“ bemerkte Chartley,„welche glaubt, daß eine getaufte und geviertheilte Kröte drei un⸗ ſchuldige Weſen zum Tod behexen konnte. Wenn es Zau⸗ ber und Amulette gibt, ſo müſſen ſie durch andere Mittel als ſolche bewirkt werden.“ „Zweifelt Ihr denn, daß es ſolche Dinge gebe?“ fragte Jola.„Wir leſen ja beſtändig davon.“ „Ach, ſchöne Jola,“ gab Chartley zur Antwort,„wir leſen und hören von manchen Dingen, welche gleich leeren Träumen dahinſchwinden, wenn wir ſie auf dem Prüfſteine der Vernunft und Religion probiren. Denken wir nur einen Augenblick an die Güte und Majeſtät des Allmächtigen und fragen wir uns, ob es wahrſcheinlich, ob es möglich ſey, daß Gott ſolche Dinge dulde, ſo werden wir in unſerem ei⸗ genen Herzen eine Antwort finden, welche alle derartige Ein⸗ bildungen verſcheucht.“ Jola wurde nachdenklich, und Chartley, das ernſte Thema, das er eingeführt hatte, belachend, wollte eben zu einem leichteren Gegenſtande überſpringen, als der Araber ſich 229 plötzlich von ſeinem Sitze erhob und mit ſeinem Finger die Geberde des Lauſchens machte. „Ich höre nicht weit von hier ſich etwas bewegen,“ ſagte er.„Horch! Ihr werdet es auch hören.“ Indem er noch ſprach, ließ ſich ein ſonderbares Winſeln und dann ein dumpfes Stöhnen vernehmen, und Chartley rief aufſpringend: „Das iſt in der That höchſt auffallend.“ Die Toͤne verſtummten faſt augenblicklich; aber eine Art langgezogenen Seufzers ſchien ihnen zu folgen, und dann kam ein ſchweres Praſſeln, wie wenn ein Theil der Mauer eingefallen wäre. „Was es auch ſey,“ rief Chartley;„es iſt da draußen im Hofe. Ich will gehen und nachſehen.“ „Nein, nein, ich beſchwöre Euch, theurer Lord, ſtürzt Euch nicht nutzlos in Gefahr,“ rief Jola, ſich an ſeinen Arm feſtklammernd.„Laßt uns in die oberen Zimmer gehen und dort zu den Fenſtern hinausſchauen, da dieſe zu hoch ſind.“ „Halt, mit dem Stuhle hier kann ich ſie erreichen,“ ver⸗ ſetzte Chartley, und den ſchweren Seſſel unter das Fenſter ſtellend, deſſen Sims ihm wenige Zoll über die Augen ging, ſtieg er hinauf und ſchaute ſchweigend hinaus, während Jola dicht zu ihm heranſchlich und ihre Augen auf ſein Geſicht heftete. Nachdem er eine Weile hinausgeſchaut hatte, bot ihr Chartley die Hand und ſagte: „Steigt zu mir herauf, ſüße Jola, und ſeht, was es gibt. Fürchtet Euch nicht; es hat keine Gefahr.“ 230 Jola reichte ihm ihre Hand, und ihren feinen Fuß auf den Sitz neben ihm ſtellend, hob ſie ſich auf die Zehen, bis ihre Augen über den Fenſterſims wegſchauten. Ihr erſter Impuls, als ſie durch die kleine trübe Scheibe in den zertrümmerten Hof hinausſah, wäre ein Schrei des Schreckens und der Ueberraſchung geweſen, wenn ſie ihn nicht unterdrückt hätte, denn Furcht war diesmal ihre erſte Empfindung. Das Feuer, das ſie mit ihrem Begleiter faſt erloſchen verlaſſen hatte, war wieder angezündet und mit friſchem Holze unterhalten worden, ſo daß eine Flam⸗ menſäule von mehr als Manneshöhe daraus hervorbrach. Was aber das ſchöne Mädchen mehr als alles Andere er⸗ ſchreckte, war eine dunkle, ſchwarz ausſehende Geſtalt, welche in der Stellung, wie man ſie oft bei Affen gewahr wird, zwiſchen Feuer und Fenſter kauerte und die Hände nach der Flamme ausſtreckte, um ſich daran zu erwärmen. Der Anzug, ſoweit er ſich ſehr undeutlich unterſcheiden ließ(denn ſein Rücken, der ihnen zugekehrt war, lag in tiefem Schatten) ſchien fremdartig und ſonderbar, und an der linken Seite ſeines Hauptes ſtarrte ein langes, dünnes Ding, wie ein Horn geſtaltet, in die Höhe. Chartley fuhr fort, dieſe Erſchei⸗ nung ſchweigend zu betrachten; für Jola genügte jedoch ein einziger Blick, denn ſie ſprang herunter, bedeckte ihr Geſicht mit den Händen und ſagte in leiſem, ſchreckenvollem Tone: „Ach, kommt herunter, kommt herunter!“ 231 Fünfzehntes Kapitel. Zu Jola's und wohl nicht weniger zu Ihn Ayoubs Ueberraſchung— wiewohl dieſer mit ächt muhamedaniſcher Ernſthaftigkeit ſeiner Verwunderung keine Stimme lieh— brach Chartley in ein tolles Gelächter aus. „Gerechter Himmel! was gibt's denn?“ fragte Jola aufſchauend, während Chartley im ſelben Augenblicke noch immer lachend vom Stuhle herabſprang. „Verzeiht mir, theure Jola,“ bat er, ihre kleine Hand ergreifend und küſſend;„habt Ihr den Teufel jemals auf dem Dudelſacke ſpielen ſehen?“. „Ich habe den Teufel überhaupt noch nicht geſehen,“ erwiederte Jola mit verwirrten Blicken;„ich begreife jedoch nicht, was Ihr meint.“ „Ich meine, ſüße Freundin, der da draußen iſt offenbar ein Pfeifer, und wenn ich mich nicht ſehr irre, ſo iſt es ein Mann, den ich erſt heute und auch geſtern zu Tamworth geſehen. Er ſchien ein luſtiger, köſtlich gelaunter Burſche, den ſie Sam den Pfeifer nannten; er war die Seele des ganzen Jahrmarktes, ehrlich und harmlos, wenn man nach ſeinem Geſichte ſchließen darf, welches andeutet, daß er Nie⸗ mands Feind iſt und höchſtens ſich ſelbſt im Wege ſteht. Er wollte ſonderbarer Weiſe weder Wein noch Bier trinken, ob⸗ wohl ich ihm Beides anbot und ſein Geſicht manchen frühe⸗ ren Trunk verrieth. Halt eine Weile; ich will hinausgehen und nach ihm ſehen. Iſt er der Mann, den ich meine, ſo 232 will ich ihn hereinbringen, denn auf alle Fälle haben wir dann einen Pfeifer von unſerer Partei.“ „Seyd Ihr aber auch ſicher, daß es ohne Gefahr ge⸗ ſchieht?“ fragte Jola ängſtlich, ihn am Arme zurückhal⸗ tend. „O, er wird uns nicht verrathen,“ rief Chartley,„und überdies können wir ihn hier behalten, ſo lange wir wollen.“ „Wenn ſich aber herausſtellte, daß es der— der— ein ſchlimmes Weſen wäre?“ fuhr Jola zögernd fort. Chartley lachte abermals, und ſeinen Arm nur auf eine kurze Weile ſanft um ſie legend, ſagte er: „Fürchtet nichts, Jola. Mit dieſen engelgleichen Au⸗ gen neben mir, wollte ich es übernehmen, Euch gegen alle ſchlimmen Geiſter der ganzen Welt zu beſchützen.“ Jola ſenkte die Augenlider über ihre glänzenden Sterne, und eine Röthe gleich dem purpurnen Lichte der Abendſonne breitete ſich über ihre Wangen. Chartley zog augenblicklich ſeinen Arm zurück, und ſein„Fürchtet nichts!“ wiederho⸗ lend, öffnete er die Thüre und verließ die Halle. Draußen ließen ſich nur wenige Worte vernehmen; ei⸗ nen Augenblick ſpäter trat er wieder ein, gefolgt von dem Pfeifer Sam, der ſein geliebtes Inſtrument noch immer unter dem Arme hielt. Die Schritte des guten Menſchen waren nicht ganz ſicher, und offenbar war es keine natürliche Schwäche, was ſein Wanken verurſachte. Sein Auge war jedoch hell und klar, und ſeine luſtige Stimme ſchien von dem genoſſenen Getränke nicht im mindeſten erſtickt. „Wünſch Euch guten Abend, Lords und Ladies, fröhli⸗ 233 A chen, guten Abend,“ begann er beim Eintritte mit tiefem Bückling, indem er zu gleicher Zeit ſeinem Dudelſacke ein jämmerliches Quicken erpreßte.„Wünſch Euch guten Abend, ſchwarzer Herr Mohr. Ich dachte nicht, daß ich Euer ſchö⸗ nes ſchwarzes Geſicht ſo bald wieder ſehen würde. Wünſch Euch guten Abend, ſchönſte der Damen. Wenn man Euch und ſeine ſchwarze Lordſchaft hier beiſammen ſieht, ſo könnte man ſich auf der Grenze der Ober⸗ und Unterwelt wähnen, wo auf der einen Seite die Engel und auf der andern die Teufel ſtehen.“ „Das gilt wohl mir, du Schlingel,“ rief Chartley, in⸗ dem er ihn gutmüthig ſchüttelte. „Gnade, Gnade, edler Sir,“ ſchrie der Pfeifer in jäm⸗ merlichem Tone.„Schüttelt mich nicht, denn meine Beine ſind heute Nacht nicht aus Eiſen, und mein Magen iſt ſo voll wie mein Dudelſack, wenn er aufgeblaſen wird.“ „Aber Dein Magen iſt mit etwas Stärkerem als bloſer Luft gefüllt, wenn ich mich nicht irre,“ meinte Chartley lachend.„Komm her, Burſche, und erzähle uns, wie es kommt, daß Du geſtern durchaus nichts trinken wollteſt und heute Nacht faſt ganz betrunken biſt.“ „Darin liegt kein Widerſpruch,“ verſetzte der Mann; „wenn ich auch kein Getränk annehme, ſo kann das Getränk doch mich einnehmen, und wenn ein Mann vom Trunke ein⸗ genommen iſt, ſo liegt der Fehler am Trunke und nicht an ihm.“ „Ei, wenn der Fehler am Getränk und das Getränk in ihm liegt, ſo iſt der Fehler auch in ihm,“ bemerkte Chartley, 234 „denn gelehrte Doktoren ſagen, ein Ding, das ein anderes faſſe, enthalte auch Alles, was dieſes enthält.“ „Ja,“ erwiederte der Pfeifer, der, gleich den meiſten ſei⸗ ner Klaſſe auf ſolche logiſche Ueberrumplungen ſehr erpicht war,„wenn der Fehler am Getränk liegt und das Getränk in ihm iſt, ſo kann der Fehler nicht an ihm liegen, denn das Ding, welches enthält, kann nicht in dem enthaltenen Dinge ſeyn. Die Sache iſt jedoch die, mein guter Lord: ich hatte der Schweſter Alice im Kloſter das Verſprechen gegeben, mich auf dem Jahrmarkte zu Tamworth nicht zu betrinken; ich habe mein Wort glorreich gehalten und mich hernach ebenſo glorreich betrunken.“ Während dieſes Zwiegeſprächs war Jola ſchweigend und höchſt verwundert über das was ſie hörte daneben ge⸗ ſtanden, denn für ſie war das ein ganz neuer Auftritt, den ſie in ihrer Einfalt und Unbekanntſchaft mit der Welt kaum begreifen konnte. Auf den Streifzügen, welche ihre gute Tante ihr oft und gerne erlaubte, hatte ſie freilich hie und da einen Betrunkenen geſehen, denn Trunkenheit iſt leider ein Laſter, das keinem beſonderen Zeitalter angehört; der luſtige, ſorgloſe Weintrinker— ein Menſch von dem eigen⸗ thümlichen Charakter des guten Pfeifers, der für ſeine Sün⸗ den immer eine Entſchuldigung parat hat, womit er ſich vor ſich ſelbſt rechtfertigt— war ihr aber noch nicht vor die Augen gekommen. Chartley rückte nach wenigen weiteren Worten ihren Stuhl wieder an's Feuer, ſetzte ſich wie zuvor auf den Sche⸗ mel neben ſie, und während der Araber ſeinen Sitz wieder 235 einnahm, deutete er auf die andere Seite und ſagte zum Pfeifer: „Da ſetzt Euch nieder und erzählt uns, was Ihr heute Nacht im Walde geſehen habt.“ „Meiner Seel! nichts hab' ich geſehen,“ antwortete Sam,„denn die Nacht iſt finſter, und auch in mir war's ziemlich dunkel. Nachdem ich heute im Kloſter meine Mor⸗ gengabe geholt, um der guten Schweſter Alice zu beweiſen, daß ich mein Wort gehalten und ganz nüchtern war, ging ich in die erſte beſte Schenke und kaufte mir mit all den Gro⸗ ſchen, die ich auf dem Jahrmarkte geſammelt hatte, eine Kanne geringen Weins und um einen Pfennig Zucker. Eu⸗ rer Lordſchaft Groſchen leiſtete mir wunderbare Hülfe. Um jedoch nicht gezwungen zu werden, mein Eigenthum mit ir⸗ gend Jemand zu theilen, ſchleppte ich meinen Wein hier her⸗ auf, begrub mich in dem Thorwege des kleinen Thurmes und ſchlürfte an meiner Kanne, bis ich einſchlief. Als ich erwachte, war es ſtockfinſtere Nacht, aber in meiner Weinkanne war noch ein Reſtchen übrig, und ich machte mich abermals da⸗ ran, um Muth zu ſchöpfen und die Kälte abzuhalten. Als ich mich umſchaute, ſah ich, daß Jemand ein Feuer im Hofe angezündet hatte; ich kroch veshalb rings an der Mauer herum, um zu ſehen wer es war. Ich dachte, der Teufel könnte es gethan haben, und betete deshalb meine Ave und Paternoſter, denn es heißt, er laſſe unter allen Menſchen das beſte Feuer in ſeinem Hauſe unterhalten.“ Lord Chartley richtete einen luſtigen, bedeutungsvollen Blick auf Jola, der dieſe auch ihrerſeits lächeln machte. 4 236 „Endlich,“ fuhr der Pfeifer fort,„da ich Niemand ge⸗ wahr wurde, wagte ich mich in den Hof hinab um mich zu wärmen, als plötzlich Eure Lordſchaft herbeikam und mich gefangen nahm. Vermuthlich haben meine vertrakten Pfeifen mich verrathen, denn gleich geſchwätzigen Weibern plaudern ſie immer, wo ſie nicht ſollen, wenn ich nicht vorher allen Wind aus dem Sacke blaſe. Ich fürchte mich ſonſt nicht ſonderlich vor Räubern, Plünderern, Nachzüglern oder ſolchen Leuten, denn einem Pfeifer thut Niemand etwas zu Leide. Man kann einer Katze nicht mehr als das Fell und einem Pfeifer ſonſt nichts als ſeine Pfeifen nehmen; das Eine wie das Andere nützt nichts bei Leuten, die nicht damit umzu⸗ gehen verſtehen.“ Chartley beſann ſich eine Weile und ſagte dann leiſe zu ſeiner ſchönen Gefährtin: 3 „Meint Ihr nicht, theure Lady, daß wir dieſen luſtigen Spaßvogel benützen könnten, um unſere Lage Denen kund zu thun, die uns Nachricht und im Nothfall auch Hülfe zu⸗ kommen laſſen könnten. Es iſt zwar ſehr ſüß,“ fuhr er in zärtlichem Tone fort,„hier an Eurer Seite zu ſitzen und die langen Stunden der Nacht mit einem ſo ſchönen und ſanften Weſen zuzubringen; ich darf jedoch über meinem eigenen Glücke Eurer Bequemlichkeit nicht vergeſſen. Ihr habt eine ängſtliche ermüdende Nacht verlebt; je bälder ich Euch Euren Freunden, der Ruhe und Erholung, wieder geben kann, deſto beſſer. Ich muß einen andern ruhigeren und heitereren Moment wählen,“ ſetzte er mit fliegenden Worten hinzu, „um etwas mehr von mir ſelbſt zu reden. Ich denke, wir 237 könnten dieſen Mann benützen, um unten anzuzeigen, wo wir ſind, denn er wird von den Soldaten nicht angehalten werden——“ „O ja,“ rief Jola,„laßt ihn ſo raſch wie möglich nach der Abtei gehen. Meine Tante wird in arger Angſt um mich ſchweben.“ „Ich fürchte, das waͤre gefährlich,“ meinte Chartley. „Lieber mag er zu dem Waidmanne gehen, ihm ſagen, wo wir ſind, und bitten, daß er uns Rath und Weiſung zuſchicke und der Aebtiſſin womöglich mittheile, daß Ihr ganz ſicher ſeyd. Das wäre, glaube ich, der beſte Plan, den wir be⸗ folgen könnten.“ „Das mag wohl ſeyn,“ antwortete Jola und fügte dann in leiſerem Tone bei:„wenn Ihr nämlich dieſem Manne auch wirklich vertrauen könnt— er ſcheint ein Trunkenbold und Wüſtling.“ „Ihr müßt ihn nicht allzu hart beurtheilen,“ erwiederte Chartley.„Die meiſten Menſchen, beſonders von ſeiner Klaſſe, haben ihre eigenthümlichen Laſter; von dieſen Laſtern aber dürft Ihr nicht auf anderweitige Fehler ſchließen, ſo ſonderbar dies auch erſcheinen mag. Es gibt ſogar Fehler, welche faſt immer mit gewiſſen beſſeren Eigenſchaften ge⸗ paart ſind, und ſoweit ich die Welt kenne, bin ich geneigt zu glauben, daß dieſes Mannes Treue zuverläſſiger ſeyn dürfte als die manches ſcheinheiligen Mönchs oder glattzüngigen, anſtandsvollen Krämers.“ „Iſt er aber auch in tauglichem Zuſtande?“ fragte Jola. „Mir kommt er kaum nüchtern vor.“ „O tauglich genug,“ meinte Chartley.„Bei Trinkern von Profeſſion bedarf es immer einer Portion Wein, um ihre Sinne zu ſchärfen. Er verleiht ihnen einen Witz, der den Verſtand gewöhnlicher Menſchen überbietet, und er wird im Walde vorausſichtlich nichts weiter zu trinken finden, wenn er ſich nicht etwa an reines Quellwaſſer hält.— Hör' einmal, guter Meiſter Pfeifer: ſage mir, wie viel Vorſicht in dieſem Deinem Dickkopf übrig geblieben iſt.“ „O vollkommen genug um meinen Kopf nicht gegen einen Pfoſten anzurennen oder einen Anderen in die Patſche zu führen, mein guter Lord,“ gab der Pfeifer zur Antwort. „Bin ich nicht die kleine Thurmtreppe in den Hof herabge⸗ geſtiegen, wo jede von den kleineren Stufen ſo wacklig und gebrechlich iſt, wie die Sproſſen an der Leiter des Chrgeizes?“ „Und mich dünkt, man kann ſich auf Dich verlaſſen,“ meinte Chartley in nachſinnendem Tone. „Allerdings, ſonſt hätte ich manchen Krug guten Weins vergeblich getrunken,“ erwiederte der Pfeifer. „Sag an: wie ſoll Dich das zuverläſſig machen?“ forſchte der junge Lord. „Weil der Wein geſund und ehrlich war, Mylord, und jetzt in jede meiner Poren eingedrungen ſeyn muß, ſo daß auch ich geſund und ehrlich ſeyn ſollte,“ erklärte der Pfeifers⸗ mann.„Ueberdies wurde er mehr als zur Hälfte insgeheim getrunken, und ſo wird auch dieſe Heimlichkeit einen Theil meiner Kompoſition bilden.“ „Wohlan, ich will Dir vertrauen,“ bemerkte Chartley⸗ 239 „und wenn Du einen goldenen Angelus verdienen willſt, ſo ſollſt Du die Gelegenheit dazu haben.“ „Ich will mich nicht lange über die Frage herumſtreiten,“ erklärte Sam aufſpringend.„Ich bin jederzeit bereit zu einem Pilgergange und verehre weit lieber einen goldenen Angelus als einen gemalten Heiligen. Laßt ſehen: ſechs Krüge, das Stück zu einem Schilling und zwei Pence— bei meiner armen Seele! ein goldener Angelus gibt ja Getränk für eine ganze Woche!“ „Haltet ein mit Euren Berechnungen,“ rief Chartley; „gewinnt Euch erſt den Angelus, und dann verwendet ihn wie ein vernünftiger Menſch.“ „So wird er noch mein Schutzengel werden,“ meinte der Pfeifer lachend und mit den Augen zwinkernd.„Wie aber läßt ſich dieſe himmliſche Münze gewinnen, Mylord?“ „Horcht auf und Ihr ſollt's erfahren,“ erwiederte der junge Edelmann;„ſeyd aber jetzt ernſthaft, denn es handelt ſich um eine Sache von Wichtigkeit. Kennt Ihr Boyd, den oberſten Waidmann der Abtei?“ „Kenne ich etwa die große Eiche von Aſhton?“ rief Sam;„kenne ich den alten Thurm von Tamworth? kenne ich irgend etwas, was die Leute, die die Nachbarſchaft be⸗ ſuchen, jeden Tag vor ſich ſehen? Boyd hat mir je zuweilen ein Frühſtück und obendrein eine Tracht Prügel gegeben, ſo daß mein Rücken unter der Schwere ſeines Stockes ſeufzte. Das Frühſtück war eine wahre Wohlthat, denn es rettete meinen Jungen, der jetzt mit dem Marquis von Dorſet über der See iſt, vom Hungertode, als er im Walde Mount Sorel 240 verborgen war. O ja, wir Alle kennen Boyd als die böſeſte Zunge, die gröbſte Hand, das klarſte Auge und das beſte Herz im Lande.“ „Wohlan,“ fuhr Chartley fort,„ich wünſche, daß Ihr ihn aufſuchet und ihm von mir meldet, daß ich hier im alten Kaſtelle bin und eine ihm wohlbekannte Dame bei mir habe. Meinen Namen habt Ihr vermuthlich von den Troßbuben erfahren, da Ihr michſo oft Mylord titulirtet; wer die Dame iſt, wird er errathen, wenn Ihr ihm ſagt, daß ſie wohlbe⸗ halten bei mir iſt, daß wir aber nicht ohne weitere Benach⸗ richtigung aufzubrechen wagen, ſolange dieſe Soldaten den Wald bewachen. Er möge die Freunde der Lady benach⸗ richtigen, daß ſie in Sicherheit iſt, vor Allem aber uns Hülfe und Kunde zukommen laſſen, wenn er kann.“ „Soldaten ſollen den Wald bewachen?“ wiederholte der Pfeifer im Tone der Ueberraſchung. „Ja freilich,“ antwortete Chartley.„Ihr habt wie ein Siebenſchläfer unbewußt geſchlummert, mein Freund, wäh⸗ rend rings um Euch her große Ereigniſſe vor ſich gingen. Die Hälfte der Häuſer auf dem Kloſterraſen iſt niederge⸗ brannt, und auf allen Hauptſtraßen des Waldes ſtehen Kriegerbanden. Laßt Ihr Euch dadurch erſchrecken?“ „O nicht ein Bischen,“ rief der Pfeifer.„Wie ſollte mich das erſchrecken? Sie könnten höchſtens den Saumagen unter meinem Arm oder meinen eigenen einſchlagen, und weder der eine noch der andere iſt werth, daß man ein Meſſer darum wetzte. Sie werden mir nichts zu Leid thun, denn all' dieſe Dreckpatſcher, dieſe fluchenden, läſternden, Schaafe 241 ſtehlenden, Maͤdchen küſſenden Reitersleute ſehen den Minſtrel gerne, und wenn ich ihnen auf der Heerſtraße nahe komme, will ich meine Pfeifen ſchreien laſſen, damit ſte wiſſen wer ich bin. Das wird auch dem alten Boyd, wenn er, wie dies wahrſcheinlich iſt, durch den Wald wandert, als Signal dienen, denn wie ein Geiſt pflegt er mehr bei Nacht als bei Tage umzugehen.— Die Hälfte der Häuſer auf dem Kloſter⸗ raſen niedergebrannt! Das klingt ernſthaft. Bei meinen Pfeifen! Das wird wohl Manchem den Hals koſten.“ „Hoffentlich,“ gab Chartley zur Antwort.„Jetzt müßt Ihr aber aufbrechen, mein guter Mann, und wenn Ihr mich nach überbrachter Botſchaft wiederſeht, ſo dürft Ihr einen goldenen Angelus von mir fordern; ſagt Ihr aber irgend Jemand außer Boyd ein Sterbenswörtchen, ſo ſollt Ihr eine ganz andere Bezahlung erhalten, ſobald ich Euch wie⸗ der treffe.“ Der Pfeifer lachte; mit einem Drucke ſeines Arms auf den Dudelſack ließ er ſeine Pfeifen auf höchſt komiſche Weiſe quicken, und die Halle mit weit feſterem Schritte verlaſſend als er ſie betreten hatte, ſchlug er den Weg durch den Wald ein, der ſchon in mancher warmen Sommernacht ſeine Hei⸗ math geweſen war. Die meiſten Pfade waren ihm wohlbekannt, und ſo be⸗ trat er eine der breiteren Bahnen, welche gerades Wegs nach der Heerſtraße führte, die den Forſt in zwei ungleiche Hälften theilte. Nachdem er etwa eine halbe Meile ge⸗ wandert war, hörte er mehrere Stimmen zuſammenſprechen und blieb eine Weile ſtehen, um zu überlegen. Fames. Der Waidmann. 16 242 „Ich will mich recht betrunken ſtellen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Trunkenheit iſt oft ein ebenſo guter Mantel wie Heuchelei. Die Menſchen machen ihre Gewänder aus dem Felle von Thieren, und die glatteſten ſind nicht immer die dickſten.— Alſo weiter.“ Und einen wankenden unſicheren Schritt annehmend blies er die Pfeife ſeines Dudelſacks und ließ eine luſtige, wilde Melodie ertönen, welche an ſich ganz hübſch geklungen hätte, wenn ſie nicht fortwährend von dem dumpfen Brummen des Inſtruments begleitet geweſen wäre. „Halt, wer geht da?“ rief eine Stimme, als er einige Minuten ſpäͤter auf die Heerſtraße hervörtrat, und alsbald ſah er zwei Berittene neben ſich ſtehen. „Sam der Pfeifer, Sam der Pfeifer,“ gab er in be⸗ trunkener Betonung zur Antwort.—„Und wer ſeyd Ihr, luſtige Jungen? wozu ſperrt Ihr des Konigs Heerſtraße? Wollt Ihr nachſehen, ob irgend Jemand ſeine Börſe hat fallen laſſen? In dieſem Falle rufe ich Halbpart, denn beim heiligen Dominik! die meinige iſt ganz leer. Wahrhaftig, wenn Euch ein fetter Prieſter in's Garn laufen ſollte, ſo wollte ich lieber vorher als nachher ſein Maulthier ſeyn.“ „Wie ſo, Du Spitzbube?“ fragte einer der Männer. „Ei, ich meine, er würde nachher leichter reiten,“ erwie⸗ derte Sam. 3„Ha, ſagſt Du ſo, Du Schurke?“ ſchrie einer der Män⸗ ner, mit der Hand zum Hiebe ausholend, während der an⸗ dere mit den Worten einfiel: 243 „Ci nein, das iſt Sam der Pfeifer. Er hat Narren⸗ freiheit und meint's nicht böſe. Ueberdies iſt er betrunken.“ „Komm, ſage mir, Du Schlingel, wohin Du im Walde gewandert biſt?“ rief der Erſte. „Ho, der Himmel mag's wiſſen— wohin Wein und Schickſal mich geführt haben,“ gab der Pfeifer zur Antwort. „Ich habe die halbe Zeit geſchlafen; ſeit ich erwachte, bin ich in der Kühle herumgeſchlendert, um meinen Kopf aufzu⸗ klären und die Dünſte des Tamworthmarktes auszutreiben, denn ich ſpürte meine Kniee ſchwächer als ſie ſeyn ſollten; auch empfand ich eine gewiſſe feierliche Schwerköpfigkeit, wie ſie der Pfarrer von Afhton verſpüren muß, nachdem er eine ſeiner Predigten niedergeſchrieben hat oder ſeine Ge⸗ meinde, wenn ſie ſein Geſalbader anhörte.“ Die beiden Soldaten lachten, und der trotzigere der Bei⸗ den fragte: „Biſt Du irgend Jemand im Walde begegnet?“ „Nicht eher als bis ich Cure Ehrwürden traf,“ erwiederte der Pfeifer.„Ich wüßte auch nicht, was man anderes hier thun ſollte als einen Dufel ausſchlafen, ſeinen Weg ver⸗ lieren oder eine Böoͤrſe aufleſen.— Letzteres iſt freilich eine Seltenheit geworden, ſeitdem die Kriege zu Ende gegangen. In früheren Zeiten konnte man Börſen gleich Heidelbeeren von jedem Strauche abzupfen. Das war als ich ſelbſt noch Soldat war; aber jener vermaledeite Pikenſtoß, den ich zu Barnet davontrug, verkrüppelte mein Kreuzgelenk auf Lebens⸗ lang und gab mir einen unſicheren Gang, ſo daß die arm⸗ ſeligen Narren mir nachſagen, ich ſey betrunken, obgleich 16* 244 die ganze Welt weiß, daß ich wie ein Einſtedler lebe, Kräͤuter und Wurzeln eſſe, wenn ich kein Fleiſch bekommen kann, und pures Waſſer trinke, wenn weder Wein noch Bier aufzu⸗ treiben iſt. Wünſch' Euch guten Morgen, Meiſters.— Welche Zeit iſt's denn am Tage?“ „Nacht, Du betrunkener Tölpel,“ erwiederte einer der Männer.„'s iſt jetzt um die Frühmette; doch ſeyd Ihr auch ſicher, ob Ihr nicht einen Mann im Mönchsrocke geſehen habt? Wenn Ihr mich anlügt, ſollen Eure Ohren für den nächſten Monat nicht ſicher ſtehen.“ „Einen Mann im Moͤnchsrocke?“ wiederholte der Pfeifer ſchluchzend;„ei freilich hab' ich den geſehen.“ „Wann? wo?“ riefen die Soldaten haſtig. „Ei geſtern Morgen in Tamworth,“ gab der Pfeifer zur Antwort, worauf ihn einer der Männer mit einem derben Fauſtſchlage und nicht ſehr empfehlenswerthem Lebewohl ſeines Weges weiter gehen hieß. Der Pfeifer ſpielte ſeine Rolle zum Verwundern gut und humpelte die Straße hinab, wobei er zwei anderen Patrouillen begegnete, die ihn ebenſo wie die früheren an⸗ hielten und nur etwas kürzer ausfragten, als ſie erfuhren, daß er ſchon früher examinirt worden war. Zuletzt ſetzte er ſich neben der Straße nieder, wie wenn ſeine Beine ihn nicht weiter tragen wollten, ſobald die letzte Patrouille vorüber war, und wartete bis ſie ſich eine kleine Strecke entfernt hatte, worauf er ſich alsbald in den Wald vertiefte und ſich zu einem der Seitenpfade durchdrängte. Hier hielt er ſtill, um zu überlegen, indem er zu ſich ſelbſt ſagte:* 245 „Wie ſoll ich mich Boyd vernehmbar machen, wenn er etwa herumſtreift? Ich will geradeswegs nach ſeinem Hauſe gehen; nur iſt dieſer Wald für alle Fremden wie eine Haſen⸗ falle, und ich kann aus dem einen Loche herausgucken, wäh⸗ rend er in ein anderes hineinſchaut, wenn ich nicht ſeinen Ohren einen Boten zuſende, der mir zu beiden Seiten wenig⸗ ſtens einige hundert Schritte voranläuft. Mit den Pfeifen darf ich's nicht wieder probiren; ich will aber das Rufen des Reh's nachmachen. Wenn er das zu dieſer Jahrszeit vernimmt, ſo wird er gewiß herbeikommen und nachſehen, was es gibt.“ Mit dieſen Gedanken ſteckte er die Finger auf eigen⸗ thümliche Weiſe in den Mund, und es gelang ihm, den Schrei des Reh's in gewiſſen Perioden des Jahres auf höchſt täuſchende Weiſe nachzuahmen, und er wiederholte im Weiter⸗ gehen dieſe Laute von Zeit zu Zeit, bis er endlich in dem benachbarten Unterholze ein Raſcheln vernahm. „Das iſt entweder ein Bock, der wie ein Galan von Neunzehn zu allen Stunden und Jahreszeiten die Cour macht, und ich werde in der nächſten Minute ſeine Hörner im Magen verſpüren,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„oder es iſt Boyd oder einer ſeiner Leute, und ich habe das Ziel getroffen. Auf die Hörner muß ich's nun ſchon ankommen laſſen.“ „Wer geht da?“ rief im nächſten Augenblick eine leiſe Stimme. „Sam der Pfeifer,“ gab unſer guter Freund zur Ant⸗ wort;„er guckt nach Jemand, den er nicht finden kann.“ Gleich darauf brach die hohe mächtige Geſtalt des 246 Waidmanns durch die Büſche und ſtand vor dem Spiel⸗ manne. „Aha, Sam,“ ſagte Boyd;„was ſuchſt Du, Du be⸗ trunkener Hund?“ „Euch ſuche ich, Meiſter Boyd,“ antwortete Sam in ganz anderem Tone, als er ihn gegen die Soldaten ange⸗ nommen hatte.„Ich habe Nachrichten für Euch.“ „So? wie mögen die lauten?“ fragte Boyd mit der äußerſten Gleichgültigkeit;„vermuthlich ein Geträtſch vom Tamworther Jahrmarkte. Der Vogt hat ſein Weib ge⸗ prügelt oder des Krämers Tochter iſt mit dem ſchmucken Lehrling durchgegangen; ich habe übrigens heute Nacht andere Dinge zu überlegen, Meiſter Sam. Habt Ihr ge⸗ hört, daß die rohen Banden von Coleshill die Häuſer auf dem Kloſterraſen abgebrannt haben?“ „Ja, ich habe es gehört,“ antwortete Sam;„auch in dem alten Kaſtelle oben hat es ein großes Feuer gegeben.“ Der Waidmann fuhr betroffen zuſammen. „In dem alten Kaſtell! was meint Ihr damit?“ rief er. „Wer ſoll das alte Kaſtell niederbrennen?“ „Ich habe nicht geſagt, es ſey abgebrannt worden,“ entgegnete der Spielmann.„Ich ſagte blos, es habe ein großes Feuer daſelbſt gegeben, und bei der kalten Nacht und der guten Geſellſchaft war es zudem recht behaglich.“ „Sprecht Euch aus, Mann! was meint Ihr?“ fragte der Waidmann ſtreng.„Jetzt iſt nicht Zeit zu Narretheien.“ „Ich glaube nicht,“ meinte der Pfeifer;„die lautere Wahrheit iſt: ich wurde von einem gewiſſen jungen Lord 247 befehligt Euch zu melden, daß eine gewiſſe junge Lady dort oben bei ihm und ſeinem ſchwarzen Mohren wohl geborgen ſey, und daß ſie ſich fürchten, ohne vorherigen Rath oder Benachrichtigung das Kaſtell zu verlaſſen, ſo lange der Wald von den Soldaten bewacht ſey; Beides erwarten ſie von Euch, und überdies ſollt Ihr ihre Freunde wiſſen laſſen, daß ſie in Sicherheit ſey. So, jetzt hab' ich meine Botſchaft ausgerichtet, beſſer als je eine Botſchaft überbracht wurde, denn ich habe ſie Wort für Wort gegeben, und Ihr könnt jetzt daraus machen was Ihr wollt.“ 1 „Da oben, die ganze Nacht mit ihm allein!“ rief der Waidmann in nicht ſehr beifälligem Tone.„Ich glaube übrigens, man darf ihm vertrauen; doch wollte ich lieber, es wäre nicht. Wie wird es dem Andern zu Muth ſeyn, wenn er davon hört?— Doch gleichviel: ich kann's nicht hindern; es läßt ſich nicht anders helfen.“ „O ja, ich meine doch,“ meinte der Spielmann;„wenn Ihr ihnen einen Krug Wein oder gutes ſtarkes Bier hinauf⸗ bringen könntet, ſo wäre ihnen das nicht unlieb, denn wenn ich recht weiß, bleibt ihnen nichts übrig um ihren Leib zu ſtärken, ihren Muth aufrecht zu halten oder ſich die Zeit zu vertreiben, als daß ſie ſich etwa die Cour machen, und ohne Speiſe und Trank iſt das ein kaltes Geſchäft.“ „Da hör’ Einer einmal dieſen Thoren, wie er den Nagel auf den Kopf trifft!“ ſagte der Waidmann.—„Ich will ſelber hinaufgehen.“ „Sie werden's Euch nicht danken, wenn Ihr mit leeren Händen kommt,“ bemerkte der Pfeifer.„Nehmt mich lieber 248 mit, um Euch den Weg zu zeigen, denn ſeit Ihr den Wald zuletzt geſehen, hat er ſich gewaltig verändert: an der Heer⸗ ſtraße ſtehen lebendige Bäume, die ſich hin und her bewegen und die Pfade verſchließen.“ „Ich verſtehe Dich, Pfeifer,“ erwiederte der Waidmann. „Du biſt ein pfiffiger Schlingel mit Deinen Räthſeln. So komm denn mit: ich will es verſuchen, Dich zum erſtenmale in Deinem Leben nützlich zu machen.“ „Ich— nicht nützlich?“ rief der Spielmann, während der Waidmann auf dem Pfade zur Rechten weiter ging. „Ich bin ja der nützlichſte Mann im ganzen Hundert. Was wäre eine Hochzeit oder Taufe ohne mich? Wie manchen Zank haben meine Pfeifen beſchwichtigt? Wie oft habe ich zwiſchen Mann und Weib Friede geſtiftet, indem ich ihr ſchrilles Gepolter mit meinen noch ſchrilleren Noten und dem tiefen Brummbaſſe übertönte? Geht, geht, Ihr könntet mich nimmermehr entbehren. Da hör' einer— nützlich! Wo wollt Ihr denn aber hin? das iſt nicht der Weg nach dem Kaſtell.“. „Ich will Deinen weiſen Rath befolgen, der ſonſt keinen Groſchen werth iſt,“ erklärte der Waidmann.„Wir können eben ſo gut einige Lebensmittel mitnehmen, und deshalb wie aus anderen Gründen muß ich zuerſt an meiner Hütte vorüber gehen.— Jetzt aber halt's Maul, Mann, denn ich muß meine Gedanken beiſammen behalten.“. Mit dieſer Mahnung ſchritt er voran, und der Spiel⸗ mann folgte, bis ſie die breitere Straße bei der Hütte er⸗ reichten und den kleinen Raſen zu Geſicht bekamen. 249 „Pſch, pſch,“ ſagte der Pfeifer.„Dort ſteht Jemand vor der Thüre. Es kann einer von den Soldaten ſeyn, welche die Häuſer angezündet haben.“ „Dann will ich ihm mit meiner Axt den Schädel ſpalten,“ gab der Waidmann in unbeſorgtem Tone zur Antwort. „'s iſt übrigens blos David. Geht nur in's Haus: ich habe einige Worte mit ihm zu reden.“ Hiemit näherte er ſich dem Manne und flüſterte mit ihm einige Worte, von denen der Pfeifer, ſo ſcharf er auch auf⸗ horchte, nur folgende unterſcheiden konnte. „Um halb fünf, ſo zahlreich Ihr könnt und wohlbewaff⸗ net,“ ſchloß der Waidmann. „Beim alten Kaſtell?“ fragte der Mann. „Ja, unter dem Thorbogen,“ antwortete der Waidmann. „Bis dahin wird der Morgen grauen. Streitet Euch nicht mit den Soldaten, wenn Ihr's verhindern könnet. Sagt nur, Ihr thut Eure befohlene Arbeit; aber dabei müßt Ihr ſtandhaft bleiben. Doch halt! wenn ich mir's überlege, ſo iſt es wohl beſſer, wenn Ihr Euch auf dem Hügel vor dem Schloſſe im Walde verſammelt, beſonders wenn die Soldaten Euch folgen. Dort könnt Ihr damit beginnen, daß Ihr die jungen Baͤume, die wir bezeichneten, umhaut; ſobald Ihr mein Horn vernehmet, eilt Ihr nach dem Thore. Jetzt fort und ſucht ſo Viele wie möglich aufzutreiben; ver⸗ geßt aber nicht, Adam ſogleich auf ſeinem Pony in's Kloſter zu ſenden.“ Der Mann gab keine Antwort, ſondern eilte in eigen⸗ thümlich behendem aber leichtem Schritte von dannen, und 250 Boyd trat in die Hütte, wo er den Pfeifer ganz nahe bei der Thüre antraf. Er hatte nicht übel Luſt ihn zu fragen, warum er nicht eingetreten ſey, da er überzeugt war, daß der Mann nur um zu horchen gezögert hatte. Er ſah jedoch ſeinen großen Schweißhund Ban vor ihm ſtehen; er brummte nicht und ſuchte den Eindringling nicht anzupacken, ſondern betrachtete ihn nur mit äußerſt trotziger und furchtbarer Miene, wo⸗ durch er ſelbſt dem unerſchrockenſten waffenloſen Manne hätte imponiren können. Sobald der Hund ſeines Herrn anſichtig wurde, ließ er den geſtreckten Schweif und die ge⸗ ſpitzten Ohren ſinken, und der Waidmann ſagte: „Jetzt, Sam, kommt mit; dann wollen wir uns alsbald mit Lebensmitteln beladen. Da, ſchlingt dieſe große Fla⸗ ſche unter Euern rechten Arm, um Eurem Dudelſack das Gleichgewicht zu halten, und nehmt dieſen Brodlaib auf den Rücken. Ich will das Uebrige tragen; nur muß ich meine rechte Hand frei laſſen, um im Nothfall meine Waffe ge⸗ brauchen zu können.“ „Wie ſoll ich aber meine Waffe handhaben, wenn Ihr mich alſo belaſtet?“ fragte der Spielmann, indem er ſeine Pfeifen quicken ließ. „Je weniger ſie ſich rühren, deſto beſſer,“ gab der Waid⸗ mann zur Antwort. „Das Gleiche ſage ich von allen Waffen,“ verſetzte Sam.„Doch kommt nur, legt den Laib auf und laßt uns gehen.“ Bald waren ſie mit ihren Anordnungen fertig und eilen⸗ 251 den Schrittes erreichten ſte abermals den Rand der Heer⸗ ſtraße und blieben dort unter den Bäumen ſtehen, um die Vorgänge beim Feinde zu beobachten. Noch immer wurde von dieſem dieſelbe Wachſamkeit beobachtet, was der Waid⸗ mann mit Lächeln bemerkte. „Sie meinen, die Perſon, die ſte ſuchen, müſſe dort ihre Zuflucht genommen haben,“ ſagte er flüſternd zu ſeinem Begleiter,„weil ſie weder am Weiler, noch auf der un⸗ tern Straße vorüber konnte, ohne ihnen in die Hände zu fallen; wenn ſie jedoch ihre Poſten ſo weit auseinander halten, ſo wollte ich hundert Mann, einen nach dem an⸗ dern, durchbringen. Ich will vorangehen; Ihr könnt nach⸗ folgen.“ Er wartete bis das nächſte Reiterpaar langſam vorüber⸗ gezogen war; dann ging er mit leiſem Schritte über die Straße und wartete am anderen Rande auf ſeinen Be⸗ gleiter. Dieſer aber hatte ſich durch ſein Verlangen nach der großen Flaſche, die unter ſeinem Arme hing, beinahe in eine gefährliche Lage gebracht. Er hatte nämlich mit Dau⸗ men und Zeigefinger den Kork aus dem Halſe gezogen, was einen ſo lauten Knall verurſachte, daß zwei von den Sol⸗ daten ſtill hielten und zu der Stelle zurückkehrten. Sein Dudelſack rettete ihn jedoch auch dießmal, denn indem er tüchtig darauf drückte und mit den Fingern über die Pfeife fuhr, brachte er eine Melodie zuwege, die nur mit dem Miauen zweier Kater zu vergleichen war, und einer der Soldaten rief laut: „'s iſt abermals der betrunkene Pfeifer. Hor einmal auf 25² G mit deinem Gequik, Du Schlingel! ſonſt werde ich Dir die Hirnſchale einſchlagen.“ Das Brummen der Pfeife verſtummte alsbald, und kaum waren die beiden Männer vorübergezogen, als der Spielmann über die Straße ſetzte und ſich zu ſeinem Ge⸗ fährten geſellte. Der Reſt des Weges wurde raſch zurück⸗ gelegt und etwas vor fünf Uhr näherte ſich der Waidmann den Thoren des alten Kaſtells. Dort blieb er ſtehen und wendete ſich nach kurzem Beſinnen an ſeinen Gefährten mit den Worten: „Es wäre für uns von großem Vortheil, mein guter Freund Sam, wenn wir von den Bewegungen dieſer Ban⸗ den Nachricht bekommen könnten.“ „Das will ich auf mich nehmen,“ erklärte der Pfeifer, den der Erfolg kühn gemacht hatte.„Ihr ſollt von jeder Aenderung in ihrem Tanze benachrichtigt werden. Erſt müßt Ihr mir aber etwas geben, Meiſter Boyd, um meine Zunge zu netzen.“ „Ja, ja,“ ſtimmte der Waidmann bei;„ſetzt nur die Flaſche an die Lippen! aber trinkt mit Maß— hört Ihr? Kommt, ich will meine Hand daran legen und Euch Einhalt thun, denn Ihr müßt Anderen auch noch etwas übrig laſſen und nicht zuviel für Euch nehmen.“ Der Spielmann that einen tiefen Zug und ſetzte nicht eher ab, als bis ihm ſein Begleiter die Flaſche vom Munde riß. Dann folgte eine Berathung, wie er ſich in den ver⸗ ſchiedenen Fällen, die ihm zuſtoßen konnten, zu verhalten habe. Es wurde ausgemacht, wenn der Pfeifer eine halbe Stunde nach Tagesanbruch nicht zurückkehrte, ſo ſollten die 253 im Schloſſe annehmen, er ſey von der Soldateska zurückge⸗ halten worden; wenn er unverfolgt wieder käme und keine Bewegung von Wichtigkeit bemerkt hätte, ſollte er eine langſame ruhige Weiſe auf ſeinem Inſtrumente ſpielen, wo⸗ gegen er einen raſchen lauten Marſch anſtimmen ſollte, wenn die Soldaten auf ſeiner Ferſe wären und Gefahr im Anzug ſey. Nachdem man alſo übereingekommen, machte er ſich an ſeinen Auftrag, und über die gebrechlichen Trümmer der Brücke ſchreitend, trat der Waidmann in den großen Hof, wo noch die Kohlen des Feuers wie die Augen eines wilden Thieres durch das Dickicht in der Aſche glühten. Boyd näherte ſich der Hallenthüre und horchte, da er nicht wußte, was etwa ſeit dem Abgange des wandernden Muſtikanten vorgefallen ſeyn konnte. Alles blieb ſtumm, und das Haupt niederbeugend, ſchaute er durch eine der Spalten, welche bei der früheren Belage⸗ rung gewaltſam in die Thüre gehauen worden waren— in das Innere der Halle. Die Drei ſaßen noch faſt in derſelben Stellung, wie der Pfeifer ſie verlaſſen hatte; der Araber auf dem Boden, ne⸗ ben dem Feuer niedergekauert, das er eben erſt mit friſchem Holze verſehen zu haben ſchien, während ſein braunes Ge⸗ ſicht auf der dunkeln Hand ruhte. Chartley ſaß auf dem Schemel, die Füße nach dem Feuer ausgeſtreckt und mit der linken Seite an den Arm des Seſſels ſich anlehnend. In dem Stuhle ruhte Jola wie zuvor, nur waren jetzt ihre Augen geſchloſſen; ihre Hand lag auf Chartley's Arm, ihr 254 Haupt auf ſeiner Schulter, während der balſamiſche Athem der vor Ermüdung und Aufregung Eingeſchlummerten ſeine Wange fächelte. Sechszehntes Kapitel. Ich habe im Verlaufe dieſes Werkes mehrerer Straßen erwähnt, deren Richtung von Denen, welche mit der Lokalität der heutigen einigermaßen bekannt ſind, leicht begriffen werden wird. Für Diejenigen, denen ſolche Bekanntſchaft abgeht, muß ich jedoch einige Worte der Erklärung beifügen. Die eine, die zwiſchen den Häuſern auf der Weſtſeite über den Kloſterraſen führte, ſenkte ſich den Abhang hinab, auf deſſen Gipfel die Gebäude ſtanden, durchſchnitt ſodann den tieferen Theil des Waldes, um ſich geradeswegs durch die Mitte des Forſtes an dem höheren Hügel hinaufzuziehen. Am Fuße des Abhanges, gerade unterhalb des Kloſters und nur etwa eine Viertelmeile davon entfernt, mündete eine zweite Straße ein, welche in dem tieferen Grunde von dem Weiler Coleshill daher kommend, das Thal und den Strom faſt eine Meile oberhalb der Abtei erreichte und allen Krüm⸗ mungen des Flüßchens folgte, bis ſie an der eben bezeich⸗ neten Stelle mit der erſtgenannten zuſammentraf.. An dem Kreuzpunkte dieſer beiden Straßen hatte Sir John Godscroft, nachdem er ſeine Leute rings im Walde vertheilt, ſein zeitweiliges Hauptquartier aufgeſchlagen, und ließ zur Erlangung der gewünſchten Botſchaft ſolche Maßregeln ergreifen, wie er ſie für nöthig erachtete. Zwei Boten wurden in voller Eile nach verſchiedenen Richtungen abgeſchickt, und jeder Landmann, welcher aufzutreiben war, wie auch der Kloſtervogt, der mehr als einem Verhör unter⸗ worfen wurde, ward auf's Strengſte ausgefragt. Die Ausſage des Vogtes war beſonders werthvoll, nicht ſowohl weil ſie aus Angſt wie aus Rache auf's Genaueſte und Be⸗ reitwilligſte gegeben ward, als weil ſie über jeden Theil des Kloſters, ſo weit es dem Feiglinge ſelber bekannt war, die vollkommenſte und detaillirteſte Einſicht gewährte. Sir John Godscroft überzeugte ſich hieraus zur Genüge, erſtlich, daß kein Theil der Abtei, wo ein Menſch verborgen ſeyn konnte, der Durchſuchung entgangen war, und zweitens, daß der Flüchtling ſich in dem Theil des Waldes, der beim Auf⸗ ſteigen zum Hügel rechts von der Straße lag, verſteckt ha⸗ ben mußte. In dieſer Ueberzeugung ließ er in dem Wald einen Pa⸗ trouillenkordon, wie er glaubte, ſo dicht aufſtellen, daß Nie⸗ mand unbemerkt durchkommen konnte; dann hüllte er ſich in ſeinen Mantel, nahm ſeinen Sattel zum Kiſſen und über⸗ ließ ſich dem Schlummer. Zweimal erwachte er während der Nacht, ſtieg zu Roß und ſprengte in raſchem Schritte die ganze Poſtenlinie entlang, indem er die Leute jedesmal an ihre Pflicht mahnte und ſie erinnerte, daß für die Ge⸗ fangennehmung des Biſchofs von Ely eine Belohnung von tauſend Mark ausgeſetzt ſey. „Bleibt nur wachſam bis zum Morgen,“ ſagte er; ndann wollen wir den Wald durchſtreifen. In we⸗ 256 nigen hundert Morgen, wie hier, iſt es unmöglich zu ent⸗ rinnen.“ Es war noch eine Stunde bis zu Tagesanbruch, als er ſich abermals zu Boden ſtreckte; doch hatte er kaum über eine halbe Stunde geſchlafen, als er durch die Rückkehr eines ſeiner Boten aufgeweckt wurde. „Auf, in den Sattel, Sir John, auf, in den Sattel!“ rief der Mann;„Sir William Catesby folgt mir auf den Ferſen mit vollen fünfhundert Speeren. Er ſtieg augen⸗ blicklich zu Pferde, ſobald er Eure Botſchaft erhielt, und ſeine Leute ſagen, er habe einen Verhaftsbefehl von der eigenen Hand des Königs zur Arretirung des Biſchofs und mehrerer anderer Perſonen.“ Godscroft ſchaute bei dieſer Botſchaft ziemlich grimmig drein, da er ſich vielleicht dachte, die erwartete Belohnung könnte ihm leicht durch einen Anderen weggeſchnappt wer⸗ den. Was er unter ſolchen Umſtänden gethan hätte, wenn ihm Zeit zur Ueberlegung übrig geweſen wäre, vermag ich nicht zu ſagen, denn noch ehe er die Nachwirkung des Schlummers von ſich abgeſchüttelt hatte, ſah man die Spitze von Catesby's Truppen auf dem Raſen zum Vorſchein kom⸗ men, und Richard's liſtiger heuchleriſcher Miniſter ſprang neben ihm zu Boden. Catesby nahm Sir John Godscroft bei der Hand, und da er vermuthlich errieth, welchen Eindruck ſeine Ankunft verurſachen mochte, ſo begann er in lautem freimüthigem Tone: „Ihr habt mit Euren wackeren Begleitern dem König —— 257 einen guten Dienſt erwieſen, Sir John, der nicht ſo leicht vergeſſen werden wird. Glaubt nicht, daß ich komme, um Euch Euren Lohn wegzuſchnappen oder ihn mit Euch zu theilen; ich erſcheine blos als loyaler Unterthan und rüſti⸗ ger Kriegsmann, um ohne jegliche Belohnung meiner Pflicht gegen meinen Fürſten und mein Land nachzukommen. Wir müſſen dieſen Verräther vor morgen Mittag in Händen haben.“ „Das werden wir auch ohne Zweifel, Sir William,“ verſicherte der Andere, während viele von den Soldaten her⸗ umſtanden und zuhorchten.„Mit den Streitkräften, die Ihr herbeigebracht habt, können wir den Wald durch die eine Abtheilung umſtellen, während die andere ihn durchſtreift.“ „Ich muß ein beträchtliches Korps zur Verfolgung von Lord Chartley's Häuflein nach Hinckley detachiren,“ be⸗ merkte Catesby,„denn ich habe Befehl, Jedermann zu er⸗ greifen, der auf irgend eine Weiſe zum Entkommen dieſes anerkannten Verräthers, des Biſchofs von Ely, beige⸗ tragen hat.“ „Dann, meine ich, müßtet Ihr vor Allen die Aebtiſſin von St. Clara arretiren, denn ſie hat ihn jedenfalls beher⸗ bergt und ſeine Flucht begünſtigt, ſeitdem der junge Lord ihn daſelbſt zurückgelaſſen,“ verſetzte Godseroft. „Wie viele Leute hat Chartley bei ſich?“ erkundigte ſich Catesby, ohne wie es ſchien, den Wink in Betreff der Aeb⸗ tiſſin zu beachten. „An die fünfzig Mann,“ gab Godscroft zur Antwort James. Der Waidmann. 17 258 und fuhr dann, auf die Hauptſache zurückkommend, fort: „wollt Ihr nicht lieber zuerſt die Abtei beſetzen?“ „Nein, nein,“ gab Catesby zur Antwort;„wir dürfen das Aſyl nicht verletzen noch die Privilegien der Kirche an⸗ rühren,“ indem er Godscrofts Arm ergriff, und leiſe bei⸗ fügte:„was haben dieſe niedergebrannten Häuſer auf dem Raſen zu bedeuten? Ich hoffe, Eure Leute werden es doch nicht gethan haben.“ „Freilich haben ſte's gethan, ganz gegen meine eigenen Befehle,“ lautete des Anderen Antwort.„Ich habe mehrere von ihnen für ihre Mühe aufhängen laſſen.“ „Das muß dem König verſchwiegen bleiben,“ bemerkte Catesby nachdenklich.„Jedenfalls, Sir John, müſſen wir den Biſchof und dieſen jungen Lord Chartley haben, der offenbar um Morton's Beſuch in England wußte, was eine Mißachtung der Anklage auf Hochverrath begründet, für welche Krankheit des Henkers Beil das einzige mir bekannte Heilmittel iſt.“ Nachdem er dieſe bitteren Worte in ſcherzendem Tone geaͤußert, kehrte er zu der Spitze ſeiner Truppe zurück und ertheilte einige Befehle, worauf augenblicklich ein Haufe von achtundvierzig bis fünfzig Mann auf derſelben Straße, welche Chartley und ſeine Gefährten die Nacht zuvor einge⸗ ſchlagen, in voller Eile davonſprengten. Bald hatte Catesbry ſeine übrigen Anordnungen ge⸗ troffen, denn um Sir John Godscroft und deſſen Leute nicht um ihren Preis zu betrügen, reſervirte er den regularen Soldaten die einfache Aufgabe, den Wald zu bewachen, 259 während dieſer durch Godscroft's Bande abpatrouillirt würde. Vor Tagesanbruch ließen ſich jedoch nur einige einleitende Vorkehrungen treffen, und die beiden Anführer verbrachten die übrige Zeit, indem ſie im Geſpräche über die ſie intereſſirenden Ereigniſſe auf⸗ und abwandelten. „Hätten wir's nur ein paar Stunden früher gewußt,“ meinte Sir John Godscroft,„ſo hätten wir den Biſchof in der Abtei abgefangen. Wir haben weder beim Aufbrechen noch unterwegs einen Augenblick verloren, denn wir waren noch keine fünf Minuten aus dem Sattel, als Sir Charles' Bote anlangte. Ich wundere mich, daß er ihn nicht früher ſchickte, denn ſein Diener meldete mir, er ſey mehr als einen vollen Tag in des Biſchofs Geſellſchaft geweſen und habe ihn von Anfang an erkannt.“ „Er konnte nicht anders,“ berichtigte Catesby.„Er ſchrieb ſogleich an den König und an mich; aber es wurde allerſeits als beſſer anerkannt, wenn Weinants ihm folgte, bis er irgendwo für die Nacht untergebracht wäre, denn hätten wir ihn geſtern Morgen in Tamworth aufgreifen wollen, wo wir es doch nicht früh genug erfuhren, um ihn im Bette abzufaſſen, ſo wäre er uns unter dem Wirrwarre des Jahrmarktes ſicher entronnen. Ihn unterwegs aufzu⸗ greifen, wäre ſchwierig geweſen, da Chartley's Haufe ziem⸗ lich ſtark iſt und der geringſte Widerſtand von ihrer Seite ihm Zeit zur Flucht gegeben hätte. Nein, nein, Weinants iſt wunderbar verſchlagen und vorſichtig; er berechnete ganz richtig, daß dieſer verrätheriſche Prälat entweder unter irgend einem Vorwande hier zurückbleiben würde, während die 47* 260 Uebrigen nach Hinckley aufbrächen, oder daß er mit ihnen nach Hinckley zöge, wo er ohne Mühe abgefaßt werden konnte.— Kommt's Euch nicht vor, als ob der Himmel etwas grauer würde?“ „Mich dünkt ſo,“ beſtätigte der Andere. „Wohlan, ſo laßt uns an unſer Werk ſchreiten,“ gebot Catesby.„Ihr müßt Eure Leute abſteigen und überall, wo ein Pfad einmündet, zwei bis drei eindringen laſſen, um ihn der ganzen Länge nach zu verfolgen, bis ſie irgendwo in der Mitte des Waldes zuſammenſtoßen.— Habt Ihr irgend Jemand, der genau mit dem Forſte bekannt iſt?“ „Nur wenige,“ berichtete der Gefragte.„Ich habe je⸗ doch von der anderen Straße aus die Thürme eines alten Schloſſes etwa in der Mitte von dieſem Theile des Waldes über die Bäume hervorragen ſehen; dorthin können Alle ihre Schritte lenken—“ „Ja und auch das Schloß durchſuchen,“ meinte Catesby. „Verlaßt Euch drauf, er hat einen vertrauten Führer bei ſich. Die Ruine gäbe einen guten Zufluchtsort.“ „Wenn wir ihn nicht beim erſten Abſuchen entdecken,“ verſetzte der Andere,„ſo können wir ſpäter den Wald in einzelnen Partien durchſtreifen und jedes Dickicht wie bei der Hirſchjagd ausſtöbern.“ „Fort, fort!“ befahl Catesby;„es wird wohl Tag wer⸗ den, bevor wir angefangen haben.“ 261 Siebenzehntes Kapitel. Das Oeffnen der Hallenthüre ſtörte Jola aus ihrem Schlummer auf, und als ſie entdeckte, wo ihr Haupt geruht hatte, drang tiefe warme Röthe auf ihre ſchönen Wangen. Die Lampe brannte zwar nur noch düſter, aber Geſicht und Geſtalt des Waidmanns wurde von Denen in der Halle ſo⸗ gleich erkannt, und ein Ausdruck der Freude leuchtete auf Aller Mienen. Alsbald wurde er mit einer Menge Fragen be⸗ ſtürmt, die er nicht alle beantworten konnte; er erzählte ſo viel er wußte, und ein Theil ſeiner Botſchaft war Chartley und Jola jedenfalls willkommen, nämlich der, daß der Biſchof entronnen ſey.. „Da habt Ihr etwas um Euch zu erfriſchen, ihr junges Volk,“ fuhr er fort, indem er das mitgebrachte Brod und den Wein niederſetzte.„Ich hatte geglaubt, Lady, Ihr ſeyed mittlerweile wohlbehalten hinter den Kloſtermauern, und ich wollte, dem wäre ſo geweſen.“ „Ich nicht minder,“ gab Jola zur Antwort, wiewohl ihr Herz in dieſem Augenblick vielleicht nicht ſo unbedingt ein⸗ ſtimmen mochte;„es war aber nicht möglich, Boyd, denn auf meinem Rückweg fand ich die Zellenthüre verſchloſſen— vermuthlich hat ſie der Biſchof aus ſeiner Hand gleiten laſſen — und ich konnte nicht in's Kloſter zurück, ohne mitten durch die Bewaffneten zu müſſen. Als ich ſofort in Eurer Hütte Schutz und Beiſtand ſuchen wollte, traf ich dieſen edlen Lord, der mich benachrichtigte, daß Soldaten auf der Straße wären——“ 26² „Und ſich ohne Zweifel als ein angenehmerer Beſchützer erwies, wie ſo ein alter Waidmann ſeyn mag,“ ergänzte Boyd mit ſpöttiſchem Lächeln. Jola erröthete abermals, erwiederte aber offenherzig: „Allerdings ein edler, gütiger, großherziger Beſchützer, dem ich ewig dankbar ſeyn werde.“ „In einem Gewitterſturm kann man nicht lange wählen, mein guter Freund, ob man in einem Palaſte oder unter einer Hutte Zuflucht ſuchen will,“ bemerkte Chartley in ſeinem gewohnten heiteren Tone.„Das nächſte Aſyl iſt da das beſte, und ſo kümmerte ſich auch dieſe ſchöne Dame ohne Zweifel blutwenig darum, ob es ein Lord oder Waidmann war, der ihr zu Hülfe kam, wenn ſie nur im Nothfall Hülfe zur Hand hatte. Nun laßt uns aber überlegen, was wir thun müſſen: bald wird der Morgen hereinbrechen, und wir müſſen uns über irgend einen Plan entſcheiden.“ „Welchen ſchlagt Ihr vor?“ fragte Boyd. „Ich weiß nicht,“ gab Chartley zur Antwort.„Mir fällt nichts ein, als daß ich dieſe Dame bei der Hand nehme und ſie gerades Wegs durch dieſe Söldnerſchaaren zu der Abtei zurückgeleite. Ich denke, ſie können wohl ſchwerlich beweiſen, daß eines von uns Beiden ein Biſchof iſt.“ Der Waidmann wurde nachdenklich und ſagte, indem er auf die mitgebrachten Vorräthe deutete: „Eßt und trinkt, eßt und trinkt; Ihr könnt Euch dabei immerhin nebenher beſinnen. Sie können allerdings nicht beweiſen, daß eines von Euch Beiden der Biſchof ſey— ich wollte, Ihr wäͤret etwas dergleichen— aber ſie werden viel⸗ 263 leicht beweiſen, daß ihr Beide dem Biſchof geholfen habt, und daraus läßt ſich ohne Zweifel nach des Konigs Prokla⸗ mation ein Hochverrath herauswickeln.'s iſt eine verteufelte Geſchichte,“ fuhr er fort;„wenn Ihr übrigens eine Weile wartet, ſo wird uns der Pfeifer Nachrichten bringen. Die beſten Spione in der Welt ſind Pfeifer, Pferdedoktors und Bettelmönche; die Nachricht, die er bringt, kann Euch viel⸗ leicht die Mühe eines Entſchluſſes erſparen.“ „Damit iſt immer Etwas gewonnen,“ erwiederte Chart⸗ ley,„denn einen Entſchluß zu faſſen iſt oft das Schwerſte, was wir zu thun haben. Ich glaube jedoch immer noch, daß mein Plan im Ganzen der beſte iſt, denn ſie können wider mich nur wenig und gegen dieſes ſüße Fräulein gar nichts beweiſen; ſie können nur vermuthen, daß ich ſie von einem Beſuche oder Ausfluge, mit dem ſie nichts zu ſchaffen haben, in die Abtei zurückgeleite.“ „Ha!“ rief der Waidmann in ſtrengem Tone,„Du wirſt doch ihren Namen und guten Ruf nicht auf's Spiel ſetzen wollen, junger Lord? Von einem Beſuche! Wie— in die⸗ ſem Aufzuge, ohne Haube, Schleier oder Mantel— zu Fuß und ohne Dienerinnen? Nein, nein. Wenn ſie angehalten und ausgefragt würde, ſo müßte ſie die Wahrheit ſagen, denn ſelbſt Gefangenſchaft oder der Verluſt des Lebens ſelber (wenn ſo etwas denkbar wäre) würde weit leichter wiegen⸗ als ein Flecken auf ihrem Namen.“ „Und wer würde in meiner Gegenwart eine ſolche An⸗ deutung zu äußern wagen?“ rief Chartley mit blitzenden Augen.„Beim Himmel! Wer ſich ſo Etwas erkühnte, dem 264 wollte ich das Wort mit meinem Schwert die Kehle hinab⸗ würgen.“ „Da ſehe Einer den Hitzkopf!“ meinte der Waidmann lachend.„Wenn ſie es auch in Eurer Gegenwart nicht äußerten, ſo könnten ſie es hinter Eurem Rücken thun, was ebenſo ſchlimm wäre. Sie könnten ſagen— und wie wolltet Ihr das läugnen?— dieſe Dame ſey mit Euch außerhalb der Abtei ohne Grund, Urſache oder Entſchuldigung umher⸗ geſchwärmt. Nein! nein— das geht nicht! Lord Chartley kann nicht zweihundert Männer bekämpfen oder in Schrecken ſetzen, und Ihr dürft Euch drauf verlaſſen, daß ſie für Alles was ſie thun einen Grund haben, oder in Ermanglung deſſelben ſich einen ſchaffen. Es iſt ein rechtes Unglück, daß ich nicht früher um die Sache wußte, ſonſt hätte ich Mittel gefunden, in die Abtei zu ſenden und die Zellenthüre öffnen zu laſſen; jetzt iſt's freilich zu ſpät, und auf alle Fälle müſſen wir fernere Nachrichten abwarten. Fürchtet Euch nicht, Fräulein, fürchtet Euch nicht: wir werden ſchon Mittel finden, denn deren gibts hier viele, wenn auch nicht gerade in ſolcher Menge, wie die Eicheln an den Bäumen.“ „Ich fürchte mich nicht,“ gab Jola zur Antwort.„Ich glaube nicht, daß der König mich dafür, daß ich den Biſchof in den Wald geführt habe— tödten würde.“ „Aber er könnte Euch hindern, daß Ihr den Mann Eures Herzens heirathet,“ bemerkte der Waidmann mit grimmigem Lächeln. Jola errothete noch tiefer, verſetzte aber in kühnem Tone: 265 „Ich habe keinen Mann meines Herzens, Boyd, und drum könnte er mich auch nicht ſolcherweiſe züchtigen.“ Chartley's Auge heftete ſich bei des Waidmanns Worten alsbald mit geſpanntem forſchendem Blicke auf Jola's Ge⸗ ſicht; ihre freimüthige Antwort ſchien ihn jedoch zu beruhi⸗ gen, und er ſagte in luſtigem Tone: „Gleichwohl dürfen wir Nichts riskiren, wenn das Riſiko Euch trifft, theures Fräͤulein. Ihr ſcheint mir zu Denen zu gehören, welche jede Schnur— auch wenn ſie von Gold oder Seide wäre— nur ſchwer ertragen würde, und wir dürfen Richard, ſo lange wir's verhindern können, keinen Vorwand geben, um Euch eine ſolche anzulegen.“ „Wir Frauen ſind geboren, um Bande irgend welcher Art zu tragen, edler Lord,“ verſetzte Jola,„und unglücklich iſt das Weib, das ſich nicht darein finden kann. Ich hoffe jedoch, Ihr werdet Eure eigene Sicherheit bedenken, ohne Euch um die meinige zu bekümmern.“ „Ich— keineswegs!“ verſicherte Chartley in entſchloſſe⸗ nem Tone.„Ich will Euch in die Abtei zurückgeleiten und unverſehrt den Händen Eurer Freunde überliefern, was auch daraus entſtehen mͤge— das heißt ſo ferne ich dies zu thun vermag. Man kann mir das Leben oder die Freiheit neh⸗ men: aber Niemand wird über mich vermögen, daß ich mein Wort breche oder meine Pflicht verſäume.“ „Wohlan,“ bemerkte der Waidmann,„laßt uns nicht weiter daran denken. Kommt, guter Freund,“ fuhr er an den Araber ſich wendend fort,„nehmt ein Stückchen Brod; da iſt auch Salz; Ihr dürfet vermuthlich auch von der 266 Flaſche koſten, denn Ihr könnt ja deren Inhalt nicht aus⸗ plaudern.“ Er ſtreckte ſich ſofort neben dem Feuer auf den Boden, ſtützte das Haupt auf die Hand und ſchien einzuſchlafen, während Jola und Chartley in leiſem Tone fortplauderten. Aber wenn auch ſeine Augen ſich ſchloſſen, ſo geſchah dies nicht im Schlummer, und nachdem etwas über eine Stunde verſtrichen war, ſah man ihn und den Araber zumal auf⸗ ſpringen, indem der Waidmann ausrief:„Horch, da kommt unſer Bote! Kommt, Mylord, laßt uns ihm entgegengehen: Euer Ungläubiger mag hier bleiben und das Fräulein be⸗ ſchützen.“ Chartley folgte alsbald und der Waidmann ſchritt eilends über den Hof, blieb aber plötzlich unter dem alten Thorbogen ſtehen, legte ſeine Hand auf Lord Chartley's Arm und fragte in leiſem, ernſthaftem Tone: „Iſt Euch bekannt, Mylord, daß Lady Jola St. Leger mit Lord Arnold Fulmer verlobt iſt?“ Chartley ſtarrte ihn ſchweigend an; ſeine Stirne war gerunzelt und ſeine Lippe zitterte. Er konnte oder er wollte Nichts erwiedern, und der Waidmann fuhr alſo fort: „Ich bedaure, daß Ihr es nicht wußtet; man hätte Euch Das früher ſagen ſollen.“ „Allerdings,“ erwiederte Chartley, und fuhr dann nach einer Pauſe fort:„Doch gleichviel— ſie iſt nicht zu tadeln. Mehr als einmal ſah ich Etwas auf ihren Lippen ſchweben, wie wenn ſie es ausſprechen wollte, aber nicht zu äußern 267 wagte. Hätte ich ihr geſagt, was in meinem Herzen vor⸗ ging, ſo hätte ſie gewiß geſprochen.“ „Höchſt wahrſcheinlich,“ erwiederte der Waidmann,„denn ihr Herz iſt ſehr bald zu durchſchauen. Es iſt wie ein klarer Born, wo man alle Bläschen— ihre Geſtalt, ihre Farbe— bis auf den Grund verfolgen kann; wenn irgend Etwas ſie verdunkelt, ſo iſt es nur ein leichtes Kräuſeln der Welle, von einem vorüberziehenden Lufthauche veranlaßt.“ „Und dennoch ſagte ſie kaum vorhin, daß ſie Nichts von Liebe wiſſe,“ bemerkte Chartley. „Auch Das iſt wahr,“ verſicherte der Waidmann.„Von Kindesbeinen an verlobt— wie kann ſie da den Mann lieben, deſſen ſie ſich nicht einmal erinnert?“ „Nun, gleichviel,“ gab Chartley zur Antwort;„dieſer Traum des Glückes wird vorübergehen, und es iſt ſchon etwas werth, daß ich ihr gedient, daß ich ſie beſchützt und getröſtet habe. Horch, der Mann nähert ſich mit einem trüben, feierlichen Trauermarſche, wie wenn wir Alle noch heute erſchlagen und begraben werden würden. Wenn ich mich nicht irre, ſo dämmert auch da drüben im Oſten der Morgen herauf. Laßt uns weiter gehen und den melancho⸗ liſchen Dudelſack des Pfeifers zum Schweigen bringen.“ „Das iſt blos ein Signal, daß Niemand ihm folgt,“ er⸗ wiederte der Waidmann, ihn zurückhaltend.„Wir wollen lieber hier bleiben, ſonſt könnten wir ihn auf einem der Kreuzwege verfehlen; ich will pfeifen um ihm anzuzeigen, daß wir ihn hören; dann wird er vielleicht ſtehen bleiben.“ Der hartmäulige Pfeifer dudelte jedoch fort, bis er 268 vor das Thor gelangte, wo Chartley und der Waidmann ihm entgegen gingen. „Was bringt Ihr für Nachrichten?“ fragten Beide in eifrigem Tone. „Schlimme Nachrichten,“ gab der Pfeifer kopfſchüttelnd zur Antwort.„Erſtlich ſchuldet Ihr mir einen goldenen Angelus, Mylord.“ „Hier ſind zwei,“ erwiederte Chartley hitzig.„Jetzt aber weiter.“ „Wohlan, der Reſt iſt bald erzählt,“ verſicherte Sam. „Der Spitzbube Catesby iſt mit fünfhundert Reitern her⸗ beigekommen und hat ihrer fünfzig nach Hinckley abgeſchickt, um Eure Lordſchaft noch während der Nacht im Bett zu arretiren. Mit den Uebrigen hat er den Wald hier um⸗ ſtellt, während der gute Sir John Godscroft jeden Winkel, jede Schlucht des Waldes, das alte Kaſtell, kurz Alles durchſucht, um den Biſchof und Diejenigen zu entdecken, die ihm bei ſeiner Flucht aus der Abtei behülflich geweſen ſeyn mögen. Sie werden jeden Stein umdrehen— darauf könnt Ihr Euch verlaſſen, und ſie ſchwören bei ihrem Barte, daß Jeder, der ſeine Hand dabei im Spiele hatte, ein ſchänd⸗ licher Verräther ſey, der Rad und Galgen verdiene.“ „Da ſind wir allerdings in der Klemme,“ rief Chartley; „denn wenn vierhundert und fünfzig Mann den Wald be⸗ wachen und ihrer zweihundert ihn durchſuchen, ſo iſt nur wenig Ausſicht zum Entrinnen. Es iſt mir nicht um mich ſelbſt, Waidmann; wenn Ihr nur das Fräulein ohne Schaden oder üble Deutung retten könnet.“ 269 „Bei meinem Leben! Das iſt's gerade was mich am meiſten in Verlegenheit bringt,“ verſicherte Boyd.„Hülfe iſt wohl zur Hand, denn ich habe ſchon dafür geſorgt; auch Eure Leute werden bald zurück ſeyn, da ich nach ihnen ge⸗ ſchickt habe; aber wir beſitzen immerhin keine Streitmacht, die es mit einer ſolchen Anzahl aufnehmen könnte.“ „Ach was!“ meinte Chartley.„Gebt mir nur zehn Mann, und ich will ihre Linie durchbrechen und wenigſtens das Fraͤulein in's Kloſter zurückbringen. Mein eigenes Schickſal mag ausfallen wie es will— darum kümmere ich mich nur wenig.“ „Zehn Männer könnt Ihr haben,“ verſicherte der Waid⸗ mann;„ſagt mir aber erſt, mein guter Lord, was Ihr zu thun beabſichtigt.“ „Ich will alsbald nach der nächſten Kloſterpforte auf⸗ brechen,“ verſetzte Chartley.„Des Feindes Linie um den Wald kann nur dünn ſeyn und iſt vielleicht auf jener Seite am ſchwächſten. Setzt den Fall, daß wir auf Catesby's Leute ſtoßen, was am wahrſcheinlichſten iſt, ſo können wir ihnen ſo lange die Spitze bieten, bis das Fräulein die Kloſter⸗ pforten ſicher erreicht hat.“ „Es wäre beſſer, wenn ein Theil von uns des Königs Leute beſchäftigte, während zwei bis drei unſerer Vaſallen das Fräulein durch die Schlucht nach der kleinen Pforte ge⸗ leiteten,“ meinte Boyd, nachdem er ſich eine Weile beſonnen hatte.„Ich ſehe keinen andern Ausweg vor uns; doch dürft Ihr nicht vergeſſen, mein guter Lord, daß man Euch jedenfalls überwältigen und gefangen nehmen wird.“ 270 „Was liegt daran?“ rief Chartley.„Wollten wir ſelbſt nach einem bloſen Rechenexempel handeln, ſo iſt es immer beſſer, nur einen und nicht zwei zu verlieren. Hier würden wir Beide eingefangen; dort können wir wenigſtens Jola's Entkommen ſichern. Laßt uns keine weitere Zeit mit Plaudern verlieren. Wie können wir Eure Leute ver⸗ ſammeln?“ Der Waidmann ließ ſeine Augen über den Rand des Hügels ſchweifen, auf dem ſie ſtanden, und erwiederte: „Ihr könnt ſie ſogleich haben.“ Er ſetzte ſofort ſein Horn an die Lippen und blies eine leiſe eigenthümliche Weiſe, worauf man im nächſten Augen⸗ blicke mehrere Männer hinter den Bäumen und Büſchen, die den Abhang bedeckten, vortreten und zu ihnen herauf eilen ſah.. „Wir dürfen keine Zeit verlieren,“ ſagte der Waidmann; „wir müſſen mit aller Eile vorwärts, ſonſt beginnen ſie unten die Streife, und wir werden abgeſchnitten. Führt Ihr die Lady heraus, während ich mit den Leuten rede.“ Chartley wandte ſich zum Gehen, blieb aber plötzlich ſtehen und ſagte: „Erinnert Euch, mein guter Freund: ich verlaſſe mich ganz auf Euch, daß Ihr das Fräulein ſicher in die Abtei geleitet, während ich die Söldlinge beſchäftige. Denket keinen Augenblick an meine Sicherheit, ſondern nehmt die zuverläſſigſten Leute mit Euch und führt die Dame alsbald von dannen. Ich hätte ſie gerne ſelbſt zurückgeleitet; doch darf es nicht ſeyn, und der Traum iſt zu Ende.“ 271 Der Waidmann betrachtete ihn mit wohlzufriedenem Lächeln, das ſeiner ſtrengen Miene einen ſanften, heiteren Anſtrich verlieh, und Chartley eilte in das Kaſtell zurück, ohne ſeine ferneren Worte abzuwarten. „Da geht ein ächter Edelmann,“ murmelte der Waid⸗ mann und trat dann alsbald ſeinen Leuten entgegen. „Wie viele Maͤnner haſt Du zuſammengebracht, David?“ ſo redete er den Erſten an, der ſich auf dem Hügel zeigte. „Wir ſind unſerer Zwölf,“ erwiederte dieſer;„Drei fehlen und wurden vermuthlich von den Soldaten angehalten. Die Meiſten von uns ſchlüpften ungeſehen durch; die Uebri⸗ gen wurden an verſchiedenen Punkten auf die Nennung ihres Berufs durchgelaſſen.“ Eine kurze Berathung folgte, welche kaum vorüber war, als Chartley mit Jola zum Vorſchein kam. Ihr Antlitz war bleich, und ſie war offenbar unruhig und bewegt, be⸗ herrſchte ſich aber doch ſo weit, daß ihre Furcht oder Unent⸗ ſchloſſenheit ſich in keiner Weiſe in das Vorgehen der Anderen miſchen durfte. Feſt an Chartley's Arm ſich anklammernd, wäaͤhrend der Waidmann und einer ſeiner Leute dicht hinter ihr gingen und die Uebrigen in zwei Häuflein getheilt theils voraus⸗ zogen theils nachfolgten, ſtieg ſie auf einem der ſchmalſten Pfade den kleinen Hügel hinab, auf welchem das Kaſtell ſtand. Von da ging's über einen etwas breiteren Pfad, der an der obenerwähnten Felsbank und Quelle vorüberzog, und dann vertieften ſie ſich in den dickeren Theil des Waldes. Kaum hatten ſie dieſes gethan, als ſich zu ihrer Rechten 272 der Klang eines Hornes vernehmbar machte und Chartley, den Kopf nach dem Waidmann umdrehend, in leiſem Tone bemerkte: „Die Jagd hat begonnen.“ „Still, ſtill,“ mahnte der Waidmann.„Horcht wohl auf, ihr da vorne, und haltet bei Zeiten!“ Nun ging's etwas langſamer ein paar hundert Schritte weiter, bis die beiden Männer an der Spitze der kleinen Kolonne plötzlich ſtill hielten, indem der Eine ſeine Hand als Signal für die Nachfolgenden in die Höhe ſtreckte. Die Sonne war noch nicht aufgegangen; doch hatte ſich das graue Morgenlicht über den ganzen Horizont ausge⸗ breitet, und obwohl der Pfad durch das dichte Gebüſch zu beiden Seiten wie durch die mannigfach verſchlungenen Baumäſte ziemlich düſter war, ſo konnten doch die Bewegun⸗ gen jedes Einzelnen des kleinen Häufleins deutlich unter⸗ ſchieden werden. Alle blieben ſogleich ſtehen und eine Todten⸗ ſtille folgte, welche gleich darauf von lauten Stimmen und Fußtritten unterbrochen wurde, die ſich nur wenige Schritte vor ihnen vernehmen ließen. Der Waidmann legte den Finger an die Lippen und lauſchte; auf ſeinem Geſicht lag jedoch ein Lächeln, das Jola Muth einflößte, trotzdem daß jene Töne ſich raſch zu nähern ſchienen. Sie wurden unmittelbar darauf ſo deutlich ver⸗ nehmbar, daß es ſchien als ob ein Raum von kaum fünf bis ſechs Schritten zwiſchen den Flüchtlingen und den Verfolgern liege. Jola klammerte ſich feſter an Chartley's Arm und ſchaute zu ihm empor, als wollte ſie fragen, was jetzt wohl 273 kommen werde; er wagte jedoch kaum durch einen Blick ſte zu tröſten, während die fremden Stimmen und Tritte immer näher kamen. 3 3 „Hier iſt's ſo dick wie ein Heuhaufen,“ hörte man Einen zu ſeinem anſcheinend dicht neben ihm gehenden Kameraden ſagen. „Und wir ſollen eine Stecknadel in dieſem Heuhaufen auffinden,“ bemerkte der Andere.„Er kann ganz leicht da drinnen ſtecken, ohne daß wir ihn bei tagelangem Suchen auffänden.“ „Wenn wir ihn aber entdecken, ſo erhalten wir auch eine gute Belohnung,“ meinte der Erſte. „O zähle nicht darauf; Du könnteſt Dich ſonſt ver⸗ rechnen,“ verſetzte ſein Kamerad in höhniſchem Tone.„Im beſten Falle beträgt der ganze Lohn nur tauſend Mark. Sir John nimmt davon zwei Zehntel, der Kapitän ein drittes, die anderen Anführer zwei weitere Zehntel, ſo daß für unſere Zweihundert nur fünfhundert Mark übrig bleiben, ſelbſt wenn Catesby und ſeine Leute aus dem Spiele bleiben; Du darfſt Dich aber darauf verlaſſen, daß ſie gleichfalls ihren Antheil erhalten, ſo daß keine zehn Schilling auf den Mann kommen.“ „Was Du einen Kopf zum Rechnen haſt!“ verſetzte der Andere;„doch geh' jetzt weiter. Ich möchte nur in's Teufels Namen wiſſen, wohin wir ziehen. Kannſt Du das Kaſtell ſehen?“ „O nein,“ erwiederte der Gefragte;„wir müſſen aber Fames, Der Waidmann, 18 274 auf alle Fäͤlle dieſen Pfad bis an ſeinen Ausgang verfolgen. Dort drüben tönt das Horn, das uns leiten ſoll.“ Hier ſchienen ſie ihren Weg weiter fortzuſetzen. „Jetzt vorwärts,“ ſagte der Waidmann leiſe, und ſo gelangten ſie mit eilenden Schritten unter einen großen⸗ Hollunderbuſch, welcher die Mündung des kleinen von ihnen betretenen Fußpfades vor eben jenem Wege verdeckte, den die Söldlinge eingeſchlagen hatten. Dieſen geradezu durch⸗ ſchneidend gelangten ſie in einen lichteren offeneren Theil der Waldung, wo das Schloß zuweilen ſichtbar wurde, ſo daß man ſie von oben ohne Mühe hätte ſehen können; doch war dieſer Theil nicht ſehr ausgedehnt, und die Gefahr ging bald vorüber. 3 „Jetzt weiß ich, wo wir ſind,“ bemerkte Jola flüſternd; „wir ſtehen dicht vor der Zelle.“ „Pſch! pſch!“ gebot der Waidmann; aber der unglück⸗ liche Pfeifer, der den Zug beſchloß, ſtolperte über eine Baum⸗ wurzel, ſo daß ſeine Pfeifen ein trauriges Grunzen ver⸗ nehmen ließen. Der Waidmann drehte ſich um und drohte ihm mit der Fauſt, während der ganze Haufe Halt machte um zu horchen. Kein Laut ließ ſich vernehmen, und einen ſanften Abhang zur Rechten hinunter ſteigend näherten ſie ſich der Stelle, wo der Forſt am weiteſten in das Thal vorſprang. „Ich will vorausgehen und eine Weile rekognosciren,“ ſagte endlich der Waidmann leiſe zu Chartley.„Als ob das Unglück es alſo wollte, habe ich letzten Herbſt das Unterholz am Nande abhauen laſſen, damit die Wilddiebe nicht laͤnger hier herumlauern können; ich dachte freilich nicht daran, daß ich es ſelbſt noch nöthig haben würde,“ und von Baum zu Baum, von Buſch zu Buſch weiter kriechend, gewann er endlich einen Ueberblick über die ganze vordere Seite des Waldes, die dem Kloſterhügel gerade gegenüber lag. Es war kein erfreulicher Anblick, der ihn hier empfing, denn kaum hundertundfünfzig Schritte von dieſer Stelle waren Berittene aufgepflanzt, welche jeden Theil des Forſtes beobachteten. Die rechte Schulter an einen Baum lehnend, während er ſich mit der linken an einen dicken Hollunder⸗ ſtrauch ſtützte, blieb er etwas über eine Minute ſtehen, um das Vorhaben der Soldaten ſorgfältig zu beobachten. Sie rührten ſich nicht von der Stelle, wo ſie aufgepflanzt worden waren; der zwiſchen den Bäumen des Waldes ſich hinſchlängelnde Pfad, den er ſeither eingeſchlagen hatte, lief eine kleine Strecke weit zwiſchen zwei Abhängen hin, bis er kaum hundertundfünfzig Schritte von dem kleinen Ausfall⸗ thore in der Kloſtermauer, über welchem die profaner Weiſe als Knäblein der heiligen Clara getaufte Glocke hing— die Thalſohle erreichte. Boyd erkannte alsbald aus der weit gedehnten Auf⸗ ſtellung der Poſten, daß ihr ganzes Häuflein recht wohl den Eingang des zwiſchen den beiden Abhängen hinziehenden Pfades erreichen mochte, noch ehe mehr als zwei von den Kriegsknechten ſie einholen konnten; war dies erreicht, ſo wmar wenigſtens Jola gerettet. 1 Nachdem der Waidmann ſeine Betrachtung in aller 18* 276 Muße beendigt hatte, kehrte er eben ſo verſtohlen wie vor⸗ hin zu ſeinem Häuflein zurück, wobei er ſogar noch größere Vorſicht gebrauchte und ſich faſt bis auf die Knie bückte, damit ſein Kopf nicht über die Büſche hervorragte. Sobald er die Anderen erreichte, ſagte er mehr in befehlendem als in erklärendem Tone: „Nun ſuchen Alle ſo geſchwind wie möglich den Pfad zu gewinnen; Robin geht bis an die Schlucht voran. Dann folgt ihr mir, wohin ich gehe, und ſucht mich gegen jeden Angriff zu decken; alle Uebrigen machen an der Mündung des Pfades Halt und vertheidigen dieſe gegen alle Verfolger. Jetzt raſch vorwärts!“ Der ganze Haufe brach alsbald auf(nur der Pfeifer blieb im Dickicht des Waldes zurück), indem dieſelbe Ord⸗ nung, wie ſie ſeither beobachtet worden, auch jetzt befolgt wurde. Jola wurde mitten in dem Häuflein mit klopfendem Herzen und ganz betäubten Sinnen fortgeriſſen; ſie ſchaute ſich jedoch immer von Zeit zu Zeit um und überflog mit raſchem Blicke den Auftritt, welcher nunmehr folgte. Sie ſah, wie die Reitersleute den Forſt bewachten, ohne daß das Häuflein, das ſie geleitete, deren Aufmerkſamkeit früher zu erregen ſchien, als bis ſie den Rand des Waldlandes beinahe erreicht hatte. Dann allerdings ſpornten die beiden Kriegs⸗ leute mit lautem Rufe ihre Pferde vorwärts, und ſie fühlte ſich alsbald von den Armen des Waidmannes aufgehoben, der ſie mit ungemeiner Geſchwindigkeit den Hügel hinab trug, bis ſie die Schlucht zwiſchen beiden Anhöhen erreichte. Jola ſchaute über Boyds Schultern rückwärts, und das 277 Letzte, was ſie gewahr wurde, war, wie das Häuflein der Forſtleute die Mündung des Pfades beſetzte, während drei bis vier bewaffnete Reiter gegen ſie herangaloppirten und Chart⸗ ley mit gezogenem Schwerte und den Araber dicht neben ſich ſeinen Gefährten etwas vorausging, wie wenn er den Sol⸗ daten bei ihrem erſten Anfalle begegnen wollte. Bald ſtanden dieſe vor ihm, und mit ſchmerzlichem Schauder ſchloß ſie die Augen. Als ſie wieder aufſchaute, verbarg der Hügel die Scene vor ihren Blicken, und im nächſten Momente hörte ſie, wie Jemand die Abteiglocke ſcharf anzog. Achtzehntes Kapitel. „Zurück da, ihr Leute!“ rief Chartley, als die beiden erſten Soldaten gegen ihn heranritten;„zurück, oder die Gefahr komme über eure eigenen Köpfe.“ Der Vorderſte von den Verfolgern ſetzte ſein Horn an die Lippen und blies eine laute Fanfare, indem er zu gleicher Zeit ſein Roß parirte. „Ergebt Euch, ergebt Euch!“ rief er, zu dem jungen Edelmanne ſich umwendend;„Euer Widerſtand iſt vergeb⸗ lich. Wir haben Leute genug, um euch Alle einzufangen, auch wenn ihr zehnmal ſtärker wäret.“ „So ruft euren Offtzier,“ befahl Chartley;„ich ergebe mich an keinen Gemeinen.“ „Ja, damit unterdeſſen die Andern entrinnen,“ rief der 278 Krieger;„beim Donner! das ſoll nicht geſchehen! Umringt ſie! Raſch über den Hügel und ſchneidet ſie vom Kloſter ab,“ fuhr er mit ſeiner lauteſten Stimme fort, um ſich ſeinen herbeigaloppirenden Kameraden verſtändlich zu machen. Allein dieſe hörten oder verſtanden ſeinen Ruf nicht und ſprengten gegen Chartley und ſeine Gefährten, die ſie eben in dem Augenblick erreichten, als Jola vor die Ausfallpforte des Kloſters gelangte. „Weicht zurück, Sir!“ donnerte der junge Edelmann; „hört mich an. Ich widerſetze mich nicht der rechtmäßigen Obrigkeit; aber bloſen Wegelagerern werde ich bis zum letzten Athemzuge widerſtehen. Zeigt mir einen Verhafts⸗ befehl— bringt mir einen Offizier, und ich will mich als⸗ bald an ihn ergeben, aber nicht an Leute, die ich nicht kenne. Ihr könnt euch ſelbſt überzeugen, daß nur eine Dame unter dem Schutze zweier Forſtleute nach dem Kloſter weiter ge⸗ zogen iſt—“ „Das Fräulein hat die Thore ganz ſicher erreicht, edler Sir,“ rief ihm einer von Boyds Leuten über die Schulter zu. „Gott ſey Dank!“ antwortete Chartley. „Wir ſuchen nicht nach Weibern,“ verſetzte der Soldat; „es ſind aber zwei Mäͤnner dabei, und wir wollen wiſſen, wer ſie ſind.“ „Sie kommen zurück, ſie kommen zurück!“ rief einer der Leute von rückwärts. Die Soldaten bemerkten dies im ſelben Augenblicke; aber ihre Anzahl wurde nunmehr ſo ſtark(denn ein Reiter nach dem andern kam herbeigeſprengt), daß ſie einen Angriff 279 gegen den kleinen von Chartley vertheidigten Paß zu beab⸗ ſichtigen ſchienen; einige von ihnen ritten ſogar auf die Höhe, um ſein Häuflein in der Flanke zu nehmen. „Merkt wohl auf, ihr Leute!“ rief der junge Edelmann, ſeine Stimme mit voller Macht erhebend;„geſchieht auch nur ein Streich, ſo mögen die Folgen über eure Häupter kommen. Ich weigere mich nicht, mich an einen der könig⸗ lichen Offiziere zu ergeben; aber als Peer von England überliefere ich mein Schwert an keinen gemeinen Soldaten, und wenn ihr mich angreift, ſo werde ich mich bis auf's Aeußerſte vertheidigen.“ 1 „Halt, halt!“ rief einer von den Leuten, der einige Ge⸗ walt über die Uebrigen zu beſitzen ſchien.„Hole Einer Sir William Catesby; er iſt auf der Straße gerade dort um die Ecke.“ „Ich glaube, dort kommt er,“ rief ein Anderer von den Soldaten, auf eine ſtarke Abtheilung deutend, welche in raſchem Schritte längs des kleinen Stromes herabritt. „Nein, nein,“ rief der Andere.„Ich weiß nicht, wer Jene ſind. Allons, ſpornt Euer Pferd und eilt zu Sir William. Das können Kameraden ſeyn, die nicht für uns taugen. Catesby iſt, wie geſagt, dort hinter der Ecke des Waldes.“ Der Mann ſprengte in voller Haſt davon, und die Sol⸗ daten ſchloßen einen etwas engeren Kreis um das kleine Häuflein in der Mündung des Paſſes, während ihrer Zwei rechts und links entſendet wurden, um dem Waidmann und ſeinem Begleiter, falls ſie entrinnen wollten, den Rückweg abzuſchneiden, 280 Boyd kam jedoch ganz langſam und ruhig gegen die Gruppe herangeſchritten, indem er ſeine Blicke nach allen Seiten ſchweifen ließ und die ſeitherigen Vorgänge beobach⸗ tete, bis er endlich zwiſchen den beiden Höhen herabſteigend die offenere Landſchaft aus den Augen verlor und nur noch Lord Chartley, ſeine eigenen Leute und die Abtheilung vorne ge⸗ wahren konnte. Noch ein paar Schritte, und er ſtand neben dem jungen Edelmanne. Lächelnd betrachtete er den Kreis der Soldaten vor der Mündung des Pfades, und ſagte endlich: „Was wollen denn dieſe Herren?— Dort ſind Eure Freunde und Diener, Mylord, von Hinckley dahergekommen; wenn Ihr alſo Luſt habt, ein Thermopylä aus dem Pfade zu machen, ſo mögt Ihr es immerhin thun.“ „O nein, mein ſehr gelehrter Waidmann,“ gab Chartley zur Antwort.„Wollte Gott, daß die Zeit zu Ende wäre, wo die Engländer das Blut ihrer eigenen Landsleute ver⸗ gießen. Ueberdies könnte ich kein Thermopylä daraus machen, denn die einzigen Orientalen am Platze ſind auf meiner Seite,“ indem er nach dem guten Araber hinüberſchaute, der ſich mit gekreuzten Armen anſcheinend ganz gleichgültig gegen Alles was vorging, aber jederzeit bereit auf das Ge⸗ heiß ſeines Gebieters dreinzuſchlagen— die Sache betrachtete. Während dieſe kurze Unterredung vor ſich ging, kam die Truppe, die man zur Rechten heranziehen ſah, näher und immer näher, und gleichzeitig erſchien ein Anführer, von acht bis zehn Begleitern gefolgt, in leichtem Galopp über den grünen Hügel und von der Straße dahergeſprengt, welche 281 dem Kloſterraſen gegenuͤber in den Wald einbog. Die beiden Abtheilungen erreichten faſt gleichzeitig das Ende des Pfades, nur war Catesby ein wenig voraus, und ſein ſcharfes, ver⸗ ſchmitztes, lächelndes Geſicht ließ trotz ſeiner gewohnten Selbſtbeherrſchung eine gewiſſe Unruhe gewahren, als er ein ſo ſtarkes, ſeinen Befehlen nicht untergeordnetes Korps bemerkte. „Was gibt es, mein guter Lord?“ rief Sir William Arden, ſeinen Freund Chartley anredend, bevor Catesby zum Sprechen kam.„Wir haben ſonderbarer Weiſe Kunde von Eurer Gefahr erhalten und ſind ſogleich zu Eurer Hilfe aufgebrochen.“ „Ich habe meinem Diener befohlen, Euch einen pelzbe⸗ ſetzten Schlafrock und eine Flaſche Maithaueſſenz zu bringen,“ ſchrie Sir Edward Hungerford mit ſorgloſem Lachen,„denn ich dachte mir, Ihr müßtet Euch in dieſer Waldbehauſung tüchtig erkältet und der Nachtfroſt müſſe Eurer Geſichtsfarbe übel mitgeſpielt haben.— Was mag aber der großherzige Sir William Catesby im Schilde führen, daß er zu dieſer frühen Morgenſtunde herumgaloppirt? Hütet Euch vor Rheumatismen, Sir William, hütet Euch vor Rheumatis⸗ men! Wißt Ihr nicht, daß die Morgenluft den Augen ſchadet und die Leute engbrüſtig macht?“ „Jetzt iſt keine Zeit zu ſcherzen, ihr Herren,“ erklärte Catesby.„Seyd ihr gekommen, um euch der königlichen Gewalt zu widerſetzen? In dieſem Falle bedarf es eines einzigen Trompetenſtoßes, um euch mit ſiebenhundert Mann zu umringen.“ 282 „Wir kommen nicht, um uns der rechtmäßigen Obrigkeit zu widerſetzen, ſondern blos um einem Freunde Hilfe zu leiſten, und dabei iſt es mir gleichgiltig, wem ich den Kopf ſpalte, wer mir mit dem ſeinigen in den Weg kommt,“ ent⸗ gegnete Sir William Arden. „Friede, Friede, Arden!“ rief Chartley.„Ich will ihm antworten.— Was wollt Ihr von mir, Sir William, und warum werde ich von Euren Leuten(wenn es wirklich die Euren ſind) angegriffen, während ich friedlich meines Weges ziehe?“. 5 „Pah, pah, Mylord,; ſtellt Euch nicht ſo unſchuldig,“ verſetzte Catesby.„Wo iſt der Biſchof? Wollt Ihr ihn herausgeben? oder wenn Ihr lieber wollt: wo iſt der Mönch, der geſtern von Tamworth mit Euch aufbrach?“ „Biſchof? Ich weiß nichts von Biſchöfen,“ gab Chartley lachend zur Antwort.„Iſt der Mönch ein Biſchof, ſo iſt es nicht mein Fehler, denn ich habe ihn nicht dazu gemacht. Ich fand ihn als Mönch und verließ ihn als ſolchen, da er krank im Kloſter zurückblieb.“ „Was thut Ihr dann hier, Mylord?“ fragte Catesby; „warum zögert Ihr im Walde, während alle Eure Gefaͤhrten weiter gezogen ſind?“ „Ich will Euch was ſagen, mein guter Sir William,“ erklärte der junge Edelmann:„wenn ich einmal über alle meine Handlungen Rechenſchaft ablegen ſoll, ſo dürft Ihr nicht mein Beichtvater werden; ich wünſche einen ehrwürdi⸗ geren Mann hiefür zu finden. Ihr habt übrigens meine. 283 Frage noch nicht beantwortet: warum ich von dieſen guten Gentlemen in Stahlwämſern bedroht werde.“ „Ihr ſollt alsbald eine Antwort haben,“ erwiederte Catesby, und über den Sattelknopf ſich beugend, beſprach er ſich eine Weile mit einem der Männer, welche zuerſt auf dem Platze geweſen und nunmehr neben ihm abgeſtiegen waren, worauf er ſein Haupt erhebend fortfuhr: „Vor wenigen Augenblicken haben drei Leute Euer Häuflein verlaſſen, Mylord; zwei davon ſollen zurückgekehrt ſeyn, der dritte wurde in's Kloſter aufgenommen. Wer war die Perſon?“ „Da müßt Ihr Die fragen, die ſie begleiteten,“ verſetzte Chartley.„Sie kennen ſie länger wie ich und können Euch beſſer Auskunft geben. Meine Bekanntſchaft mit ihr,“ fuhr er fort, als er ein bedeutungsvolles Lächeln um Sir Hunger⸗ fords Lippen ſpielen ſah,„meine Bekanntſchaft mit ihr war nur ſehr kurz und oberflächlich. Ich habe gehandelt, wie meine Pflicht gegen eine Dame es gebot, und habe ſonſt Nichts über dieſe Sache zu ſagen.“ „Wollt Ihr mich etwa glauben machen, es ſey ein Weib geweſen?“ begann Catesby von Neuem. „Allerdings, Meiſter,“ antwortete der Waidmann vor⸗ tretend und in rauhem Tone ihn anredend;„eigentlich war's aber eine Lady, wie der Lord ſagte. Sie wurde der Kloſterſitte gemäß von der Aebtiſſin nach der St. Magdalenenzelle dort auf den Hügel geſendet, und als ſie zurück wollte, fand ſie die Häuſer auf dem Raſen in Flammen und den ganzen Wald von Euren Soldaten umringt, Ich wollte, ich hätte 284 es zeitig genug erfahren, dann hätte ich ſie Euren plündern⸗ den Dieben zum Trotz zurückgebracht. Aber der König ſoll Alles erfahren, was Ihr gethan habt, und wenn ich zu Fuß nach Leiceſter wandern müßte, um es ihm zu erzählen.“ „Wenn's eine Lady war, ſo ſagt mir doch, mein Freund — wer war die Lady?“ fragte Sir Edward Hungerford mit boshaftem Lachen. „Was geht das Euch an?“ rief der Waidmann, ſich hitzig nach ihm umwendend.„Wenn's eine Lady war? Wahrhaftig! wenn ich Euch anſehe, möchte ich wohl ſagen: wenn Ihr ein Mann ſeyd, denn das iſt wohl noch zu be⸗ zweifeln, wogegen Niemand ihr Geſicht betrachten und dann noch fragen wird, ob ſie eine Lady ſey.“ Ein leiſes Kichern lief in die Runde, was Sir Edward Hungerfords glatte Wange noch röther färbte; allein Catesby unterredete ſich abermals leiſe mit dem neben ihm ſtehenden Manne und heftete ſeine dingen auf den Waidmann mit der Frage: „Wer ſeyd Ihr, mein guter Freund, daß Ihr Euch ſo vorandrängt.“ „Ich bin erſter Waidmann und Oberförſter des Kloſters,“ gab Boyd zur Antwort;„durch ein Patent König Edwards des Dritten bin ich ermächtigt, Jeden, den ich im Walde anders als auf der öffentlichen Heerſtraße umherſchweifen ſehe, anzuhalten und zurückzuweiſen, zu arretiren und einzu⸗ kerkern. Ich hätte dies ſchon früher gethan, wenn ich ſtark genug geweſen wäre, denn wir haben mehr Vagabunden im 4 Walde, als mir lieb iſt. Bald werde ich aber Leute genug 4 285⁵ hinter mir ſehen, denn ich habe die ganze Umgegend aufge⸗ boten. Solche Dinge, wie ſie ſich heute Nacht zutrugen, ſollen nicht ungeſtraft innerhalb unſeres Etters paſſiren dürfen“— indem er ſeine Arme über der breiten Bruſt kreuzte und Catesby feſt in's Geſicht ſchaute. „Bei meinem Leben! Ihr ſeyd kühn,“ rief Richards Günſtling.„Wißt Ihr, mit wem Ihr ſprecht?“ „Nein— ich kümmere mich auch nichts darum,“ ant⸗ wortete der Waidmann.„Ich werde Euch dem Könige ſchon ſchildern, und er wird nicht dulden, daß Ihr oder ein ſonſtiger Anführer ſeiner Söldlinge unſchuldigen Leuten die Häuſer niederbrennt und das Eigenthum der Kirche angreift.“ Catesby wurde nicht wenig verdutzt; denn er wußte, daß die Anklage, in ſolchen Ausdrücken vorgebracht, dem Könige nicht ſonderlich munden werde. „Ich habe keine Häuſer abgebrannt, Ihr Bengel,“ brummte er verächtlich. „Wenn's Eure Leute gethan haben, kommt es auf Eins heraus,“ gab der Waidmann zur Antwort.„Ihr gehört Alle zu einer Heerde, das iſt klar.“ „Soll ich den Schlingel niederſchlagen, Sir?“ fragte einer aus der wilden Soldateska. „Ich mochte wohl ſehen, wie Du das angreifſt,“ trotzte der Waidmann, ſeine furchtbare Streitart aus dem Gürtel ziehend; doch Catesby rief: „Halt, halt!“ und Chartley miſchte ſich ein mit den Worten: „Nun, Sir, eine Antwort auf meine Frage! Wir ver⸗ 286 geuden nur unſere Zeit und riskiren ernſtlichen Hader, wenn wir uns hier länger herumſtreiten. Für Euer Benehmen gegen Andere, für die Zerſtörung von Kircheneigenthum, für die Unbill, welche entweder auf Euren Befehl oder mit Eurer Genehmigung über unſchuldige Leute verhängt wurde, wer⸗ det Ihr anderswo verantwortlich gemacht werden: ich ver⸗ lange aber zu wiſſen, warum ich, ein Peer von England, in friedlichem Aufzuge, ohne Kriegswaffen, von Euren Soldaten verfolgt und— ich darf wohl ſagen— umringt wurde?“ „Dieſe Frage iſt bald beantwortet,“ erwiederte Catesby. „Ich könnte allerdings ſagen, daß Euch Niemand als eng⸗ liſchen Peer erkennen würde, wenn man Euch mit Forſtleuten und ähnlichem Volke unter Eurem Range zu Fuß umher⸗ wandern ſähe. Doch kurz und gut, Mylord: ich habe Be⸗ fehl, Eure Lordſchaft zu arretiren, weil Ihr einen anerkann⸗ ten Verräther unterſtützt habt. Wollt Ihr Euch der königlichen Autorität fügen, oder muß ich genügende Streit⸗ kräfte aufbieten, um Euren Gehorſam zu erzwingen?“ „Ich gehorche natürlich der Obrigkeit des Königs, und da ich Euch als Günſtling der Majeſtät kenne, Sir William, ſo verlange ich nicht einmal den Verhaftsbefehl zu ſehen,“ gab Chartley zur Antwort.„Ich hoffe jedoch, meine Diener werden mit mir nach Leiceſter reiten dürfen, wo ich den König um alsbaldige Erwägung meiner Sache angehen werde.“ „So ſey es, Mylord,“ verſetzte Catesby.„Wenn ich Cuch übrigens zu Eurem eigenen Beſten rathen darf, ſo bringt Ihr dem König nicht ſo viele Leute mit Livreeab⸗ 287 zeichen unter die Augen, denn Ihr wißt, welches Geſetz hier⸗ über erlaſſen wurde, und daß ſolche Machtentfaltung ſtrenge verboten iſt.“ „Meiner Treu!“ erwiederte Chartley lachend;„ich bin nicht der gedankenloſe Knabe, für den Ihr mich haltet, Sir William. Ich habe eine Licenz von König Edwards Hand für eben dieſe Abzeichen und Livreeen; ſie wurde nicht wider⸗ rufen und wird wohl auch jetzt für giltig erkannt werden.“ „Thut was Ihr wollt, Mylord,“ verſetzte Catesby;„ich habe Euch als Freund gerathen— ja noch mehr: wenn Ihr einen Edelmann finden könnt, der ſich dafür verbürgt, daß Ihr innerhalb dreier Tage in Leieeſter erſcheinen werdet, ſo will ich Eurer Lordſchaft Ehrenwort dafür in Empfang nehmen, daß Ihr Euch in jener Stadt dem Willen des Köͤnigs überantwortet. Ich wünſche keineswegs einem an⸗ geſehenen Edelmanne Schimpf anzuthun, wenn's ihm auch vielleicht einigermaßen an Vorſicht gebrechen mag.“ „Ich will ſein Bürge ſeyn,“ rief alsbald Sir William⸗ Arden.„Ich bin vielleicht ein Narr, daß ich mir die Mühe gebe, wie Jeder ein Narr iſt, der ſich für einen Anderen ver⸗ bürgt; allein der Junge wird ſein Wort nicht brechen, ob⸗ gleich für ihn wie für jeden Andern in dieſem guten König⸗ reiche England, wo ſeit dreißig Jahren Anklagen als Be⸗ weiſe aufgenommen wurden und werden, welches Haus auch auf dem Throne ſitzen mag— denn in dieſer Hinſicht haben wir Nichts durch den Wechſel gewonnen— Kniefeſſeln den beſten Bürgen abgaͤben.“ „Ihr ſolltet behutſamer ſeyn, Sir William,“ antwortet 288 Catesby mit grimmigem Lächeln.„Das Haus, das auf dem Throne ſitzt, iſt immer das beſte. Ich nehme jedoch Eure und Lord Chartley's Bürgſchaft an und kehre jetzt auf meinen Poſten zurück, indem ich als erwieſen betrachte, My⸗ lord, daß die Perſon, die bei Euch war, wirklich ein Weib geweſen, und daß ſogar in einem ſolchen Falle wie dieſer keine Lüge Eure Lippen beſudeln würde.“ „Ich bin kein Politiker, Sir William,“ erwiederte Chart⸗ ley ziemlich bitter,„und habe alſo keine Entſchuldigung für's Lügen. Die Perſon, welche ſo eben das Kloſter betrat, war eine Lady, anſcheinend noch nicht zwanzig Jahre alt, und ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß weder ihr Kinn einen Bart noch ihr Haupt die Tonſur getragen, ſo daß ſie ganz gewiß weder ein Mann, noch ein Mönch oder Biſchof iſt.“ „So wünſche ich Euch denn guten Morgen,“ ſchloß Catesby, und ſein Roß umwendend ritt er davon, gefolgt von den Soldaten, welche ihre Poſten vor dem Walde wieder einnahmen. „Da zieht ein Schurke,“ bemerkte der Waidmann laut, während Richards Günſtling den Hügel hinabtrabte.„Hätte er nicht zwei bis drei Männer zu Eurer Bewachung bedurft, ſo hätte wohl Euer Ehrenwort in den Augen dieſer Katze nur wenig gegolten.“ „Bei meinem Leben! Boyd, Ihr ſolltet Euch vor ihm in Acht nehmen,“ erwiederte Lord Chartley.„Er pflegt nicht leicht zu vergeben, und Ihr habt ziemlich deutlich mit ihm geſprochen.“ „Hm! Er iſt nicht der Einzige, der heute ſeine Meinung 289 geſagt hat,“ erklärte der Waidmann.„Ich hätte nicht ge⸗ glaubt, daß es am Hofe von England einen Lord gäbe, der einem Liebling des Königs ſolche Verachtung zu bezeugen wagte, wenn dieſer nicht etwa am Vorabende ſeines Sturzes ſtünde.“ „Hier läßt ſich nichts Aehnliches erwarten, denn er iſt ſeinem Herrn zu nützlich, als daß er ihn entbehren könnte,“ gab Chartley zur Antwort.„Jetzt muß ich aber mein Roß haben: zum Glück ſteht es dort drüben im Walde, ſo daß wir es wohl kriegen können, ohne daß ſie es ſu einen Biſchof halten.“ „Wer iſt denn dieſer Biſchof, den ſie ſuchen?⸗ fragte Sir William Arden, während er an Chartley's Seite auf einem ziemlichen Umwege zu Fuß nach des Waidmanns Hütte wanderte. „Der einzige Biſchof, deſſen Name geächtet worden, iſt Doktor Morton, Biſchof von Ely,“ gab Chartley eine direkte Erwiederung der Frage vermeidend, zur Antwort;„ich hoffe und glaube jedoch, daß er jetzt ihrem Bereiche ferne iſt. Gleichwohl ſolltet Ihr Euch in Acht nehmen, Boyd,“ fuhr er zu dem nachfolgenden Waidmann ſich umwendend fort, „und wenn Ihr den Biſchof im Walde treffet, ihm keine Hülfe gewähren; denn dieſe Menſchen werden Jeden auf das Strengſte heimſuchen, gegen den ſie eine Unterſtützung des Biſchofs beweiſen können.— Ich möchte übrigens wohl wiſſen, wie dieſe Verfolgung enden wird, denn ich habe ſelten eine ſo merkwürdige Jagd geſehen. Könnt Ihr mich's nicht nach Leiceſter wiſſen laſſen?“ James. Der Waidmann. 19 290 „Und auch ein paar Wörtchen über die ſüße Lady Jola beifügen?“ fuhr Sir Edward Hungerford leiſe fort.„Ihre ſchönen Augen haben mich die ganze Nacht verfolgt, gleich einem melodiſchen Geſange, der uns noch Tage lang in den Ohren tönt,“ ſetzte er bei, als Chartley ſich ziemlich hitzig gegen ihn umdrehte.. „Oder etwa wie eine Eſſenzflaſche, daß Einer noch Monate lang nachdem ſie geleert worden wie eine Zibetkatze ſtinkt,“ meinte der Waidmann. „Hole der Henker dieſe Zierpuppen!“ polterte Arden. „Ein junger Kater, der mit halb offenen Augen und aus⸗ geſpreizten Beinchen einhergeht, iſt mir erträglicher als eine dieſer Orangenblüthen vom Hofe mit ihren biſſigen Reden, die ſie für witzig halten,“ und indem er nicht ohne Geſchick die eigenthümliche Redeweiſe Hungerfords und ſeiner Ge⸗ ſinnungsgenoſſen nachahmte, fuhr er fort:„Wünſch' Euch guten Tag, mein edler Lord! Beim Himmel! Ein hübſcher, wohlerſonnener Anzug, nur daß die ausnehmend feine Ver⸗ brämung ein noch wunderbareres Gewand verdient hätte.— Puh! Ihr Miauen macht mich ganz krank, und wenn wir nicht bald einen Krieg bekommen, der dieſes Unkraut einiger⸗ maßen niedermäht, ſo wird das Land bald voller Neſſeln ſeyn.“— „Hütet Euch, daß ſie nicht ſtechen, Arden!“ mahnte Sir Edward Hungerford. Der andere Ritter betrachtete ihn von Kopf zu Fuß und folgte dann dem Lord Chartley, während ein leiſes Lächeln auf ſeinen Lippen ſchwebte. „ 291 Ohne auf ihrem Wege nach des Waidmanns Hütte auf ein Hinderniß zu ſtoßen, gelangte Chartley bald zu ſeinen Pferden, und nachdem er ſich noch eine Weile aufgehalten, um Boyd einige geheime Worte zuzuflüſtern, machte ſich der junge Edelmann bereit zum Aufſteigen. Zuvor ergriff er jedoch des Waidmanns Hand und ſchüttelte ſie herzhaft zu Hungerfords großer Berwunderung, worauf die ganze Ge⸗ ſellſchaft abermals den Weg gegen Hinckley einſchlug, wobei ſie am Rande des Waldes zahlreichen Patrouillen begegnete und laute Rufe und Hornſignale vernahm, welche Chartley nur mit einem Lächeln beantwortete. Nachdem ſie den Wald paſſirt und die offenere Gegend vor ſich hatten, blieb Sir Edward Hungerford etwas zurück, um ſich mit ſeinem eigens von ihm unterhaltenen Haus⸗ ſchneider über eine neue Sorte von Hoſen zu beſprechen, die er in Mode zu bringen beabſichtigte, während der von Natur ſehr wenig geſprächige Sir William Arden faſt ſchweigend neben Chartley herritt. Der junge Edelmann ſelber war jetzt ſehr ernſthaft. Die Aufregung war vorüber; Alles was heute Nacht vorgefallen, gehörte der Vergangenheit an, war ein in der Gallerie der Erinnerung aufgehängtes Gemälde, und er betrachtete die verſchiedenen Bilder, die es enthielt, wie man die Portraits verſtorbener Freunde betrachtet. Er ſah Jola, wie ſie in heiterer Zuverſicht im Kloſter neben ihm ſaß; er fühlte noch, wie ihre Hand in der Stunde der Gefahr in ſeinem Arm gezittert; ihre Wange ſchien abermals auf ſeiner Schulter zu ruhen, wie ſie es damals gethan hatte, als ſie müde und 19 4 292 erſchöpft vom Schlummer überwältigt worden war, und ihr balſamiſcher Odem ſchien noch einmal ſeine Wange zu fächeln. Die Zeit ſeit er ſie zum erſtenmal geſehen war nur ſehr kurz; aber er empfand dennoch, daß ſie für ihn nur allzulang geweſen, daß in dieſem kurzen Zeitraume Dinge geboren worden waren, welche nicht mehr ſterben— neue Empfindungen— der unſterbliche Ausfluß des Herzens— Kinder des Schickſals, die uns durch dieſes Erdenleben be⸗ gleiten und mit uns zur Unſterblichkeit ziehen. „Sie kann nicht die Meine werden,“ dachte er.„Sie iſt mit einem Anderen verlobt, den ſie nicht kennt— nicht liebt!“ O wie gerne hätte er jene Stunden zurückgerufen— wie gerne die Empfindungen ausgewiſcht, die ſie erzeugt hatten! Er beſchloß es zu verſuchen— an andere Dinge zu denken— zu vergeſſen und wieder zu ſeyn was er früher geweſen. Eitle Hoffnungen! Vergebliche Erwartungen! Er ſtrebte leider nach einer Unmöglichkeit! Keiner kann je wieder wer⸗ den, was er früher geweſen, denn jede Handlung des Lebens verändert den Menſchen— nimmt Etwas, gibt Etwas— und er bleibt ein Anderer, als er früher war. Er mag ſich ändern; aber zurückkehren kann er nicht. Was er war, iſt nur noch eine Erinnerung, und kann nie wieder zur Wirklich⸗ keit werden; dies gilt ganz beſonders von den leichten, ſorg⸗ loſen Herzen der Jugend. Pflückt eine reife Pflaume vom Baume, berührt ſie ſo ſachte ihr wollt— der Schmelz iſt weggewiſcht, und möget ihr auch alle Künſte verſuchen: ihr werdet ihn nie wieder herſtellen, werdet der Frucht ihre 293 frühere Farbe nie wiedergeben. Selig ſind jene ſprühenden vom Glück beſeelten Geiſter, welche vom Beginne ihres Lebens bis zu deſſen Schluſſe auf jedem Schritte vorwärts ſchauen können, ohne jemals neben dem ermüdenden Lebens⸗ pfade niederſitzen zu müſſen, voll Sehnſucht nach den ſchönen Gefilden, an denen ſie vorüberkamen und die ſie nie wieder erblicken werden! Neunzehntes Kapitel. Wolken rollen über den Himmel; große Regentropfen fallen nieder; Blitze zucken und der Donner rollt in der Höhe; Stürme und Finſterniſſe bekämpfen ſich oben, während Verödung und Untergang unten zu herrſchen ſcheinen. Sie haben ihre Stunde und gehen vorüber. Oft ziehen die Wolken nach einem entfernten Waldbache, der Himmel wird klar, die Sonne lächelt heiterer denn zuvor, die Wieſen⸗ flächen funkeln von diamantenen Regentropfen, die Erde iſt wieder friſch und die Vögel jubiliren. Es gibt aber auch andere Zeiten: der wilde Sturm iſt zwar vorüber, die ſtrö⸗ mende Sündflut hat ein Ende, die Fackel des Blitzes iſt ausgelöſcht und die zornige Stimme des Donners verſtummt; aber dennoch iſt eine ſchwere prophetiſche Wolke zurückge⸗ blieben, welche das heitere Antlitz des Himmels verhüllt und friſche Stürme für die Zukunft droht. So geht es auch mit dem menſchlichen Herzen. In der Frühlingszeit unſeres Lebens— in jenen frohen Jugend⸗ 294 jahren, wo die heiteren Strahlen des jubelnden Herzens mit den Stürmen und Wolken des Lebens um die Wette tanzen — ſchwindet der Sturm der Leidenſchaft oder des Kummers raſch dahin und der gewohnte Sonnenſchein des Herzens leuchtet wieder in neuem Glanze. Aber es kommt eine Zeit, wo der Sturm auf die abſteigende Reihe unſerer Jahre fällt— ich ſpreche übrigens nicht von bloſen Jahren, ſon⸗ dern von der eigentlichen Lebenskriſe jedes Menſchen; da kann der Geiſt den Schatten der Wolke nicht mehr von ſich abwerfen, ſelbſt wenn das Auge getrocknet, wenn der Blitz⸗ ſtrahl der Angſt oder der ſchreckenverbreitende Donner der Vergeltung vorläufig vorüber wäre. So war es mit Richard: ſein Sohn, ſein einziger Sohn, ſein Liebling war dahin; der Quell der Hoffnung und Er⸗ wartung aufgetrocknet. Für ihn und ſeine künftige Größe hatte er gearbeitet und gekämpft, gedacht und gerechnet, geſündigt und Gott wie Menſchen beleidigt; für ihn hatte er einen finſteren, furchtbaren Ruf erworben, ſeiner Mutter Namen befleckt, Verwandtſchaft und Vertrauen verletzt, das Erbe des Waiſen uſurpirt, jedes Band der Liebe und Natur abgeſtreift, hatte die Dankbarkeit mit Füſſen getreten und ſeine Hände in Blut gebadet. Sonderbar, daß die reinſte und ſeligſte aller menſchlichen Neigungen, wenn ſie mit den dunkleren und heftigeren Leidenſchaften unſerer Natur zu⸗ ſammentrifft, ſtatt deren Einfluß zu mildern, nur noch zu ärgeren Verbrechen angeregt wird und uns noch tiefer in überwältigende Schuld verſenkt, gerade wie die koſtbarſten Arzneien alsbald zu den gefährlichſten Giften werden, ſowie 29⁵ man ſie mit einer fremdartigen Materie chemiſch verbindet. Er war dahin— der Gegenſtand all' ſeiner zärtlichen Träume, ſeiner Tagesmühen und ſeiner nächtlichen Ge⸗ danken; die Hoffnungen, die er auf ſein Leben gebaut hatte, waren eingeſtürzt; das Band zwiſchen der Gegenwart and Zukunft war entzwei geriſſen. Er hatte die Qual erduldet— die furchtbare Qual, wenn ein ſtarkes Männerherz ſich von ſeinen feſteſten Banden, ſeinen theuerſten Erwartungen los⸗ reißen muß. Die Wirkung war furchtbar, grauenvoll ge⸗ weſen; ſie hatte eine Zeitlang ſeinen Verſtand von einem Throne entſetzt, wo er ſonſt eine faſt deſpotiſche Herrſchaft ausübte. Dieſer Jammer war jetzt überwunden; die Ver⸗ nunft hatte die Zügel wieder in Händen; der Sturm hatte in ſeinem Herzen ausgetobt und einen reinen aber nicht heiteren Himmel hinterlaſſen. O nein! trüb und ſchwer, bleiern und drohend war das Ausſehen der Gegenwart. Das reine Licht des Tages war erloſchen, um nie wieder für ihn aufzudämmern, und was noch von Helle übrig war, ſtammte nur von der trüben Fackel der Ehrſucht. Richard ſaß in der Königswohnung zu Leiceſter in dem⸗ ſelben Gemache, wo wir ihn früher geſehen haben. Neben ihm ſtand ein Herr, der mit leicht vorgeneigtem Haupte von einem langen Papierſtreifen einige Notizen über all' die verſchiedenen Botſchaften vorlas, welche im Laufe des heuti⸗ gen Tages eingegangen waren. „Was weiter?“ fragte der König in dumpfem faſt un⸗ achtſamem Tone. „Der Brief, den Euer Gnaden an Eure königliche 296 Schwägerin zu ſchreiben vorhatten,“ erwiederte der Se⸗ kretär. Richard fuhr zuſammen. „Ja, ja,“ ſagte er nachdenklich,„das muß geſchehen;“ und ſeine Schläfe ſanft mit den Fingern der Rechten reibend, ſchien er ſich ganz ſeinem Nachdenken zu überlaſſen. Nach kurzer Pauſe war es, als ob er die Gegenwart eines Frem⸗ den theilweiſe vergeſſen hätte, wenn man ihm ſo etwas nachſagen dürfte, und er murmelte Worte vor ſich hin, die er wohl nicht geäußert hätte, wenn er der Anweſenheit ſeines Sekretärs deutlich bewußt geweſen wäre. „Soll der Sohn von Clarence nachfolgen?“ fragte er ſich in düſterem, langgezogenem Tone.„Soll ich für ihn— um ihn zum König von England zu machen— all' dieſe Dinge vollbracht haben? Dieſes ſchöne Erbe, um deſſent⸗ willen ich gearbeitet und geſtrebt, gerechnet und gewünſcht, für das ich Tage lang gehandelt und meine Nächte durch⸗ wacht habe— ſoll es ihm zufallen?— Nein, nein! Und doch gibt es ein Schickſal, das unſere Politik überwältigt und unſere beſterſonnenen Plane über den Haufen wirft!— Bleibt Anna am Leben, ſo habe ich kein Kind mehr zu hoffen, und Alles geht an einen anderen Stamm— was nun?“ Hier ſchwieg er, von Neuem in tiefe Gedanken verloren. Wer vermoͤchte die geſchäftigen Negungen ſeines Geiſtes waͤhrend dieſer Träumerei zu entziffern? „Nein, nein!“ ſagte er endlich:„ſte war meine Jugend⸗ liebe, die Gefährtin meiner früheſten Sorgen und Freuden. Sie gehört zu jenen ſanftherzigen, gebrechlichen Weſen, 297 welche bei der erſten rauhen Berührung gleich dem mürben Sandſteine zuſammenbrechen. Ich bin aus Granit, den der Meiſel wohl angreift, dem aber die Säge nicht ſchadet— hart und ausdauernd. Wir müſſen die Sache abwarten: der Krebs nagt ſchon an der zarten Blüthe, und ſie wird bald genug abfallen! Mittlerweile iſt es gut, ſich vorzu⸗ bereiten.“ Er wendete ſich nun an den neben ihm Stehenden und fuhr fort:„Ich will eigenhändig jenen Brief ſchreiben. Haltet bis heute Abend ſechs Uhr einen Kurier in Bereit⸗ ſchaft.— Was weiter?“ „Der junge Lord Chartley erwartet Euer Gnaden Be⸗ fehle,“ meldete der Sekretär, und als er Richard abermals in Gedanken verſinken ſah, fügte er bei:„er iſt beſchuldigt, dem Biſchof Morton von Ely zur Flucht verholfen zu haben.“ „Ha!“ rief Richard mit zornigem Auffahren;„er ſoll——“ Doch plötzlich hielt er inne, legte ſeine Hand eine Weile an die Stirne und fuhr dann in ruhigerem Tone fort:„Nein, er iſt ein thörichter Knabe, und dieſer Mann war ſein Erzieher. Wir lieben die Führer und Leiter unſerer Jugend. Doch will ich mich ſeiner verſichern. Reicht mir jene Briefe— nein, nicht dieſe, ſondern das Paket zur Linken,“ und nachdem er das Verlangte empfangen hatte, prüfte er die Depeſchen ſorgfältig und ſagte dann:„was noch mehr?“ Der Sekretär ſchaute auf das Papier in ſeiner Hand und las: „Lord Arnold Calverly bittet um Eurer Hoheit gnädige Genehmigung zur Vollziehung der Heirath zwiſchen ſeiner Nichte, der Lady Jola St. Leger, mit Lord Fulmer. Er 298 bittet deshalb um Audienz bei Euer Gnaden und wartet, glaub' ich, ſchon unten in der großen Halle.“ Richard beſann ſich einige Augenblicke. „Er iſt ein treuer und ſtandhafter Freund,“ ſagte er endlich;„und doch— dieſer Lord Fulmer— ich liebe ihn nicht. Ich traue ihm nicht: er iſt ein Mann von hochſtrebender Einbildungskraft und ernſten Gedanken, der, vom Sturme der Leidenſchaft bewegt, ſeine eigenen, wie er glaubt— feinen— Anſichten hat. Ich kann dieſe erregbaren Menſchen nicht leiden; mir iſt der Mann der feſten kaltblütigen That, der ſich einen großen Zweck vor Augen ſetzt und ſich durch alle Hinderniſſe einen Weg zu ihm durchhaut— weit lieber. Die Erbſchaft iſt beträchtlich, ſeine eigene Macht bedeutend; vereinigt könnten ſie gefährlich werden. Wir müſſen tempo⸗ riſiren und zuſehen; es iſt weiſer, die Erwartung immer ge⸗ ſpannt zu erhalten. Haben wir Alles dahingegeben, ſo bleibt uns Nichts mehr zu verſchenken, und bei Sankt Paul! die Dankbarkeit iſt nur eine armſelige Feſſel, verglichen mit der Begierde.— Dieſen Lord Calverly muß ich jedoch ſprechen. Geht und führt ihn herein. Wir wollen das Uebrige ſpäter anhören.“ Der Sekretär entfernte ſich, und Richard behielt die Stirne auf die Hand geſtützt, bis die Thüre abermals auf⸗ ging und ein ſtattlicher älterer Herr eingelaſſen wurde, auf deſſen Geſichte zwar kein tiefer Verſtand, aber eine deſto größere Meinung von ſeiner eigenen Wichtigkeit ſich breit machte. Der König erhob ſich augenblicklich und nahm ihn bei der Hand. 299 „Willkommen, willkommen, mein edler Lord,“ begann er.„Ihr ſeyd in einem Augenblicke tiefen Grames und Kummers gekommen; aber Eure Gegenwart iſt mir nichts⸗ deſtoweniger erwünſcht, denn was kann uns größeren Troſt gewähren, als die Geſellſchaft eines treuen Freundes?“ Die Herzlichkeit, mit welcher er empfangen wurde, hätte jeden Andern, nur nicht Lord Calverly, überraſchen können, denn Richard war nichts weniger als herzlicher Natur und pflegte nur gegen ſeine eigentlichen Werkzeuge oder gegen Solche, die er zu betrügen oder zu vernichten vorhatte, gkößere Wärme an den Tag zu legen. Der würdige Lord war jedoch vollkommen überzeugt, daß er die höchſte Freund⸗ lichkeit und Rückſicht verdiene, und da er als ausgemacht annahm, daß der Monarch ihn wirklich mit Freuden empfange, ſo ſchickte er ſich an, ihn mit ſolchen Gemeinplätzen zu tröſten, wie dieſe Leute von geringem Verſtande ſie für Aus⸗ ſprüche der Weisheit halten. „Ach ja, mein gnädigſter König,“ hub er an,„Ihr habt in der That einen großen Verluſt erlitten. Aber Ihr wißt ja, Ihr theilt hier blos das gemeinſame Schickſal aller Menſchen, welches den König ebenſo gut wie den gemeinſten Bauer beherrſcht. Der Tod reſpektirt weder Jung noch Alt, weder Hoch noch Niedrig. Wir ſind ihm Alle unterworfen, und die er am früheſten dahinrafft, ſind vielleicht die Glück⸗ lichſten. Ich möchte Eurer Hoheit zu bedenken geben, welch' mühſames Leben es iſt, das der Menſch hienieden führt; und wie vielen Kümmerniſſen der junge Prinz— Gott ſey ſeiner Seele gnädig!— entronnen ſeyn mag. Eure 300 eigene Lebenserfahrung wird Euch dann für ſeinen Verluſt tröſten.“ „Wahr, ſehr wahr,“ erwiederte Richard mit ernſter, nach⸗ denklicher Miene.„Das iſt ächte Philoſophie, mein theurer Lord, wie Alles was jemals aus Eurem Munde kam. Man kann ſich aber doch des Bedauerns nicht enthalten, wenn auch nicht daß der arme Knabe den Leiden der Erde ent⸗ rückt wurde, ſo doch darüber, daß unſere eigene Nachfolge er⸗ loſchen, beſonders wenn eine Krone einen Theil des Erbes ausmachte.“ „Ei nein, Sire, darin urtheilt Ihr nicht ganz weiſe,“ entgegnete der alte Edelmann.„Verzeiht meine Kühnheit, wenn ich alſo rede. Warum ſollte man ſeine Beſitzthümer einem eigenen Kinde lieber als dem eines anderen Mannes zu vermachen wünſchen? Ich ſpreche hier in abstracto— wohl gemerkt, ich ſpreche in abstracto— denn wenn ein Mann eigene Kinder hat, ſo wird er natürlich lieber wollen, daß ſie ihm nachfolgen. Das iſt ganz natürlich. Hat er aber keine— warum ſollte er ſich Nachkommenſchaft wün⸗ ſchen? Seine Augen müſſen ſich ja doch ſchließen, bevor ſein Kind ihm nachfolgen kann, und er darf alſo die Freude, die ſein Kind dadurch erbt, nicht mehr mitanſehen.“ „Sehr wahr,“ verſicherte Richard,„ſehr wahr.“ „Ueberdies,“ fuhr Lord Calverly fort,„können wir nie⸗ mals wiſſen, ob unſere Kinder das was wir ihnen hinter⸗ laſſen, beſſer als die Kinder anderer Leute verwenden. Es iſt nur ein Vorurtheil, mein Herr und König, das uns Nach⸗ kommenſchaft wünſchen läßt, und ich bin ſogar geneigt zu 8 301 glauben, daß die Männer am glücklichſten ſind, welche nie⸗ mals Kinder gehabt haben.“ „Ja, wenn ſie ſolche Philoſophen ſind wie Ihr, My⸗ lord,“ antwortete Richard;„überdies könnt Ihr's am beſten beurtheilen, denn Ihr ſeyd ſelbſt kinderlos und doch in Eu⸗ rem Gott vergnügt.“ „Vollkommen, Eure Hoheit,“ verſicherte Lord Calverly. „Ich würde nicht mit einem Patriarchen tauſchen. Die Kin⸗ der und unſere Liebe zu ihnen verlocken uns oft zu gefähr⸗ lichen Schwächen, vor denen wir uns ſorgfältig hüten ſoll⸗ ten, wenn der Himmel ſie über uns verhängt. Ich bin gegen ſolche Schwächen immer wachſam— ſehr wachſam geweſen, Eure Hoheit. Sogar mit meiner Nichte, meines armen Bruders Tochter, welche noch als bloſes Kind meiner Leitung und Obhut überlaſſen blieb. Sobald ich fand, daß ich zu zärtlich gegen ſie wurde, daß ich zu ſorgſam gegen ſie war, wenn ſie ſich wohl befand, daß ich zu viel an ſie dachte, wenn ſie krank wurde, überſchickte ich ſie ſogleich meiner Schweſter, der Aebtiſſin der heiligen Clara. Die ſchwachen Frauenherzen werden durch ſolche ſanfte Regungen nicht an⸗ gegriffen, wogegen dieſe einem Philoſophen, einem Krieger, oder Staatsmanne gar übel anſtehen. Das iſt übrigens gerade der Gegenſtand, über den ich mit Eurer Hoheit zu ſprechen wünſchte.“ „Wie— über die Aebtiſſin der heiligen Clara?“ fragte Richard betroffen. „Von ihr ſpäter,“ erwiederte Lord Calverly;„zuerſt aber von meiner Nichte. Ich wünſche, Eure Hoheit um die 30² Erlaubniß zu bitten, zur Vollziehung der Heirath dieſer kleinen Jola mit meinem Freunde und dem Sohne meines Freundes— Lord Arthur Fulmer.“ „Die ſollt Ihr ſehr gerne haben,“ erwiederte Richard mit dem offenherzigſten Tone von der Welt.„Sie ſoll in der gehörigen Form aufgeſetzt und mit unſerer eigenen Un⸗ terſchrift verſehen werden. Kann ich einem ſo erprobten Freunde irgend etwas abſchlagen?— Gleichwohl möchte ich Euch erſuchen, mein theuerſter Lord, nicht allzuhaſtig vorzugehen,“ fuhr er mit bedeutungsvollem Kopfnicken fort. „Verſchiebt die Hochzeit mir zu Liebe; wir möchten ſelbſt mit unſerer Königin derſelben anwohnen, und überdies habe ich Abſichten— ich habe Abſichten—“ Er ſchwieg, indem er Lord Calverly mit bezauberndem Lächeln in's Geſicht ſchaute, und fuhr dann fort: „Wer weiß, welchen Namen Ihr zu unterzeichnen be⸗ rufen werdet, Mylord? Er könnte vielleicht nicht Cal⸗ verly lauten. Kronen ändern zuweilen ihre Form, und wir binden unſere Stirne nicht immer mit demſelben Bande. Verſchiebt es ein wenig, verſchiebt es ein wenig! Für jetzt ſind wir von trüben Gedanken gequält, und ich beſitze nicht Eure Philoſophie, um ſie zu bekämpfen. Auch habe ich viele wichtige Geſchäfte zu ordnen: die Thronfolge iſt feſtzu⸗ ſetzen, und wir werden aller unſerer weiſen Räthe zu ern⸗ ſteren Dingen als zu bloſen Hochzeiten und Luſtbarkeiten bedürfen. Verſchiebt es ein wenig, verſchiebt es ein wenig, mein wertheſter Freund.“ „Eure Hoheit iſt allzugnädig,“ erwiederte Lord Calverly 30⁰3 mit freudeſtrahlender Miene.„Eure Gebote ſind mir Geſetz; aber ich habe Euch noch einen zweiten Gegenſtand vorzu⸗ bringen, eine Sache, die Euren königlichen Thron und Euer Anſehen angeht.“ „In der That!“ rief Richard.„Was mag das ſeyn?“ „Jedermann weiß, mein königlicher Herr,“ begann der alte Edelmann in pathetiſchem Tone,„daß Eurer Hoheit fromme Ehrerbietung gegen die Kirche außer Frage ſteht, daß die Religion bei Euch nicht wie bei Anderen eine bloſe Sache des Lernens und Nachdenkens, ſondern gleichſam ein Theil, ein Prinzip Eures eigenen königlichen Weſens iſt. Meine Schweſter, die Aebtiſſin der heiligen Clara zu Ather⸗ ſton, deren Lebenswandel in ihrem hohen Amte das Lob aller Menſchen und beſonders das unſeres heiligen Vaters verdient und erhalten hat, trug mir auf, Eurer Hoheit die Thatſache zu berichten, daß das Kloſter— wohlgemerkt ein Nonnenkloſter, bewohnt von jungen und zarten Frauen, die ſich der Abgeſchiedenheit und dem Gebete gewidmet haben— letzten Mittwoch Nacht von einem rohen Soldatenhaufen unter dem Kommando eines gewiſſen Sir John Godscroft umringt wurde, und daß dieſer unter dem Vorwande, als ob er einen Deſerteur ſuche, trotz ihrer Warnung, daß der Ort ein geweihtes Aſyl ſey, auf dem Einlaſſe beſtand. Das ganze Gebäude wurde durchſucht, und damit nicht genug— wur⸗ den noch des Prieſters Wohnung und viele Hütten auf dem Raſen, den Kloſterdienern angehörig, bis auf den Grund niedergebrannt.“ Richards Stirne wurde finſter wie die Nacht; er preßte 304 die Zähne über einander, ſtand auf und ging im Zimmer auf und ab, indem er vor ſich hinmurmelte: „Das muß beſtraft werden— das muß beſtraft werden!“ „Denke ſich Eure Hoheit,“ ſo fuhr der hartnäckige Cal⸗ verly fort, indem er dem König Schritt für Schritt nach⸗ folgte,„denke ſich Eure Hoheit die Lage dieſer armen Non⸗ nen, welche von den rohen Männern mitten in der Nacht aus ihren Betten geſcheucht wurden.“ Ein grimmiges Lächeln ſpielte auf dem hübſchen Ge⸗ ſichte des Königs, und erwiederte: „Graue Röcke ſind bald angezogen, Mylord. Gleich⸗ wohl werde ich die Sache ſtrenge unterſuchen laſſen.— Halt! laßt ſehen!— Das Kloſter der heiligen Clara!“ Hier nahm er einige Papiere vom Tiſche, die er haſtig über⸗ lief und dann mit finſterem Stirnrunzeln ausrief:„So iſt's! Es war kein Deſerteur, den ſie ſuchten, ſondern ein Hochver⸗ räther; kein ärmlicher Fahnenflüchtling, wohl aber Morton, Biſchof von Ely, Buckinghams Anſtifter, Dorſets Rathge⸗ ber und Richmonds Freund und Vertrauter.“ 3 „Aber, mein Herr und König, die Abtei iſt ein geweih⸗ tes Aſyl,“ meinte Lord Calverly,„und—“ „Und wäre ſie Gottes Altar und hätte er die Hand daran gelegt— ich würde jenen Mann dennoch von ihm wegreißen,“ donnerte Richard, deſſen ganzes Geſicht jetzt vor Leidenſchaft kämpfte. 5 Gleich darauf warf er ſich in einen Stuhl und bedeckte ſeine Augen mit den Händen, während der ſteife alte Edel⸗ mann wie vom Donner gerührt vor ihm ſtand. Nachdem 305⁵ die Todtenſtille faſt eine Minute gedauert hatte, ſchaute der König wieder empor, und die Wolke war von ſeiner Stirne verſchwunden.„ „Die Sache hat mich aufgeregt, Mylord,“ ſagte er, „ſehr aufgeregt. Dieſer Mann, dieſer Morton, iſt mein Todfeind, ein Schmäher, ein Verläumder, der Aufwiegler jedes Komplottes in dieſem Reiche, und er iſt mir entronnen. Ohne Zweifel iſt Eure gute Schweſter nicht daran Schuld, und ſelbſt wenn dem ſo wäre, ſo haben dieſe Leute ihren Auftrag überſchritten. Ich dulde keine ſolche Gewaltthä⸗ tigkeit in meinem Lande: Reiche wie Arme, Starke wie Schwache ſollen wiſſen, daß das Schwert der Gerechtigkeit meinen Händen nicht umſonſt anvertraut iſt. Auch dulde ich nicht, daß mein Name und des Königs Dienſt als Vor⸗ wand zu ſo verbrecheriſchen Handlungen benützt wird. Es ſoll unterſucht werden, und die Gerechtigkeit ſoll ihren Lauf haben.“ Er ſchwieg und ſchlug die Augen zu Boden. Lord Cal⸗ verly, durch den Sturm, den er veranlaßt hatte, um ſeine ganze Haltung gebracht, wollte ſich eben nach der Thüre zurückziehen, als ihn Richard mit den Worten zurückrief: „Halt, halt: ich könnte Euch einen Auftrag zu geben haben, mein guter Lord. Ein ſehr vornehmer Edelmann, der am Hofe— ſo zu ſagen unter meinen Augen— erzogen wurde, hat es einigermaßen in ſeiner Pflicht verſehen. Wie weit dies ging, iſt mir noch nicht bekannt. Ich möchte nicht gerne hart mit ihm verfahren, denn er iſt jung und unbe⸗ ſonnen und erſt neulich aus fremden Landen gekommen, ſo James, Der Waidmann. 20 306 daß er die volle Tragweite ſeines Fehlers wohl nicht einmal kennt. Ich will ihn in Eurer Gegenwart examiniren und finde ich, daß er in boshafter Abſicht gehandelt hat, ſo wan⸗ dert er nach York und wird prozeſſirt; iſt es aber nur ein raſcher Jugendſtreich, den er begangen, ſo will ich ihn, ſo fehr er mich auch geärgert hat, unter Eure Vormundſchaft ſtellen, Mylord, indem ich Euch, ſo lange er bei Euch weilt, ein Drittheil ſeiner Einkünfte zuweiſe.“ Bei dieſen Worten ſtand er auf und rief einen der Die⸗ ner herein mit dem kurzen Befehle: „Man ſoll Lord Chartley hierher führen.“ „Ich hoffe, er wird ſich vor Eurer Hoheit rechtfertigen können,“ ſagte Lord Calverly, während der Diener des Königs Gebot vollzog.„Ich habe ihn als einen ungewöhn⸗ lich gelehrten und in allen ritterlichen Uebungen wohl er⸗ fahrenen Jüngling rühmen hören. Lieber Gott! ich habe ihm oft den Kopf getätſchelt, als er noch Knabe war, und s war ein ſchöner Lockenkopf, ſo weich und wollig, wie ei⸗ nes Wachtelhündchens. Ich ließ mir damals nicht träu⸗ men, daß er einſt mit Philoſophie angefüllt ſeyn würde.“ „Vielleicht iſt aus Euren Fingerſpitzen etwas davon in ſeine Hirnſchale geſchlüpft,“ bemerkte Richard mit leiſem Spotte, und einige Augenblicke ſpäter öffnete ſich die Thüre des Kabinets. Mit freiem, behendem Schritte, aber ziemlich ernſter Miene trat Lord Chartley vor den Konig und näherte ſich der Tafel, hinter welcher Richard ſtand. Der König fixirte ihn nicht mit ſtrengem, aber mit jenem feſten, aufmerkſamen 307 Blicke, den der Schuldbewußte ſo ſchwer erträgt. Chartley hielt ihn mit feſter Miene aus, und nachdem das Schwei⸗ gen eine volle Minute gedauert, ſagte Richard mit zuſam⸗ mengepreßter Lippe: „Ich habe nach Euch geſchickt, Mylord, weil ſchwere Anklagen wider Euch vorliegen.“ „Will Eure Hoheit ſie nennen?“ erwiederte der junge Edelmann.„Ich will ſie alsbald wahr und ohne Furcht beantworten.“ „So ſey es,“ antwortete Richard.„Die erſte lautet— und alle übrigen ſind ihr untergeordnet— Ihr ſeyd unſerer Proklamation zuwider einem anerkannten Hochverräther, dem Biſchofe Morton von Ely, behülflich geweſen, habet ihn als Mönch verkleidet in Euer Gefolge aufgenommen und von Tamworth nach dem St. Claren⸗Kloſter zu Ather⸗ ſton mit Euch geführt in der Abſicht, die Flucht des Euch wohlbekannten Verräthers auf ſolche Weiſe zu erleichtern. — Was ſagt Ihr dagegen? Iſt die Anklage richtig?“ „Theilweiſe— ja, mein Herr und König; theilweiſe aber auch falſch,“ erwiederte Chartley. „In wiefern unrichtig?“ forſchte Richard. „Darin, daß ich ihn als Verräther gekannt, und daß ich Eure königliche Proklamation geſehen und um ſie gewuß haben ſoll,“ entgegnete Chartley.„Ich habe ſie erſt ge⸗ ſtern zu Geſicht bekommen, und ebenſo wenig wußte oder glaubte ich, daß der Biſchof ein Hochverräther ſey. Ich möchte jedoch kein Wort äußern, das Euch täuſchen könnte: ich wußte allerdings, daß er Enrer Hoheit Ungnade ſich zu⸗ . 20* gezogen hatte; aber aus welchen Gründen— das war mir unbekannt.“ „Und Ihr halft ihm zur Flucht, trotzdem Ihr ſolches wußtet?“ fragte Richard in ſtrengem Tone. „Ja, Mylord,“ verſetzte Chartley;„wenn Ihr mir je⸗ doch nur wenige Worte geſtatten wollet, ſo kann ich wohl Einiges zu meiner Entſchuldigung anführen. Ich habe Euch früher mit Wiſſen oder Willen nie Urſache gegeben, meine Loyalität zu bezweifeln. Ich habe weder mit Euren per⸗ ſönlichen noch mit den Feinden Eures Reiches jemals Unter⸗ handlungen gepflogen und habe mich nie an Komplotten oder Verſchwörungen betheiligt. Dieſer Fall war aber ein ganz anderer. Ich fand den Freund, den Führer und Leh⸗ rer meiner Jugend, wie er vor der Gefahr floh, und mein erſter Gedanke war, ihm beizuſtehen. Ich weiß, mein Herr und König, daß ich mein Leben dadurch gefährdet habe; aber welcher Mann würde vor ſolcher Gefahr zurückſcheuen, wenn ſich's darum handelt, einen Vater zu retten? Und die⸗ ſen Mann betrachtete ich wie meinen zweiten Vater. Ich möchte Euch fragen, Sire, ob Ihr nicht hundertmal mehr gethan hättet, um den edlen Herzog von York zu befreien? — Ich liebte Morton ebenſo tief.“ Er berührte hier eine zarte Stelle— vielleicht die ein⸗ zige gefühlvolle Saite in Richards Herzen. In der Wüſte der Erinnerung gibt es ewig grüne Flecke— Oaſen in der Wildniß des Lebens, wie der Dichter ſie ſo ſchön genannt hat. Die brennende Sonne des Ehrgeizes kann ſie nicht ver⸗ ſengen, der nagende Froſt der Labſuct ſie nicht verwittern. 309 Der Palmbaum früher Jugendliebe beſchattet ſie für immer: die erfriſchende Quelle erſter Zärtlichkeit erhält ſie ewig grü⸗ nend. Die meiſten Menſchen haben nur wenige ſolche Stel⸗ len, wie denn alles Schöne und Glänzende nur ſelten iſt; aber es wird wohl kaum ein Herz geben, das von Natur ſo zerriſſen, durch irdiſche Leidenſchaft ſo ausgebrannt oder durch Indolenz ſo verdumpft wäre, daß es nicht wenigſtens einen dieſer Lichtflecken beſäße, der den Geiſt mit einem Traum⸗ bilde der ſüßen, ſtillen Jugendfreuden erfriſcht, wenn das Auge der Erinnerung darauf ruht. Das Andenken an ſeinen großen Vater und an die Liebe, die er zu ihm getragen hatte, war für Richard unter allen Schätzen der Vergangen⸗ heit das reinſte, vielleicht das einzig reine aller ſeiner Bil⸗ der, und Chartleys Anſpielung erweckte in ihm Empfindun⸗ gen, wie er ſie ſeit vielen langen Jahren nicht erlebt hatte. Sie waren zärtlich, tief— faſt zu tief, und von dem Spre⸗ cher ſich abwendend, ſtreckte er ſeine Hand aus mit einer Geberde, welche dieſem Stillſchweigen zu gebieten ſchien. „Verzeiht mir, Hoheit,“ ſagte Chartley und ſchwieg dann, als er ſah, welche Empfindungen er aufgeregt hatte. Richard blieb mehrere Minuten lang nachdenklich. Sein Geiſt war mit der Vergangenheit beſchäftigt; allein er be⸗ ſaß jene eigenthümliche Fähigkeit aller großen und entſchloſ⸗ ſenen Geiſter, nämlich die, vor den Eindrücken der Gegen⸗ wart alle andern von ſich abzuſchütteln. Er ſchaute empor, und es war deutlich zu ſehen, daß die Erſchütterung zu Ende war. Gleichwohl ſchien ſie nicht ohne Wirkung geblieben zu ſeyn, denn ſeine nächſten Worte wurden in weit milderem Tone geſprochen. „Ich will gerne glauben, Mylord,“ ſagte er,„daß Ihr unvorſichtig, aber ohne ſchlimme Abſichten gehandelt habt. Ich will Eurer Jugend und der Liebe zu jenem Manne et⸗ was zu Gute halten; aber Euer Vergehen darf gleichwohl nicht ganz ungerügt bleiben. Seyd Ihr Willens, Euch meiner Entſcheidung zu unterwerfen?“ „Ich muß wohl, mein Herr und König,“ erwiederte Chartley faſt in luſtigem Tone.„Ich bin in Eurer Hand, und ſie iſt eine ſtarke Hand.“ „Ci nein!“ gab der König zur Antwort.„Ihr habt noch eine andere Wahl, wenn ſie Euch beſſer gefällt: ich kann Euch vor den Richterſtuhl Eurer Peers ſtellen.“ „O bewahre!“ rief Chartley;„das wäre tauſendmal ſchlimmer. Mit einem Worte, Sire: ich kenne meine Ge⸗ fahr. Jugend, Freundſchaft, Unkenntniß wären kein Schutz vor der eigenſinnigen Strenge des Geſetzes. Ihr beſitzt die Macht, und ich glaube auch das Herz, um ſie zu mildern, und ſo will ich Euch meine Sache anheimſtellen.“ „Wohlan,“ ſagte Richard;„bei St. Paul! Ihr ſollt nicht Urſache haben, es zu bereuen. Da Ihr Euch dem Willen des Königs anheimgegeben habt, ſo wollen wir Euch bis zu fernerer Verfügung der Obhut dieſes edlen Lords überantworten, indem wir ihm für die Bewachung und Ver⸗ pflegung Eurer Perſon ein Drittheil Eurer Einkünfte an⸗ weiſen und ihn für Euer Verhalten verantwortlich machen. 311 Er wird wohl nicht hart mit Euch verfahren. Seyd Ihr damit zufrieden!“ „Wenn's nicht beſſer ſeyn kann— ja, Mylord,“ ver⸗ ſicherte Chartley.„Ich bin ebenſo gerne in den Händen dieſes edlen Herrn— Lords Calverly, wenn mein Gedächt⸗ niß mich nicht trügt— als in denen jedes Anderen. Stellt einem Vogel die Wahl, ob er ſich in ein goldenes Käfig einſperren oder den Kragen umdrehen laſſen will, und er wird ohne Zweifel den Kerker vorziehen; doch wird man kaum ſagen können, daß er zufrieden ſey, da er lieber ſeine Schwingen, ohnealle üble Abſicht, in Freiheit regen möchte.“ „Ich wünſche nicht, daß ſeine Gefangenſchaft eine ſehr ſtrenge ſey, Mylord,“ bemerkte Richard, an Lord Calverly ſich wendend.„Verſichert Euch ſeiner, wie Ihr's für nö⸗ thig haltet, aber ohne alle Härte, denn ſchon der Umſtand, daß er ſeine Gefahr ſo leicht nimmt, ſpricht dafür, daß er mehr aus ſorgloſer Unkenntniß als aus Bosheit gehandelt hat. Jetzt nehmt ihn mit Euch und verfahrt mit ihm, wie Ihr für paſſend findet.“ „Ja, ja, dieſe jungen Köpfe ſind noch zu hitzig für kalt⸗ blütiges Urtheil,“ meinte Lord Calverly, während ſie ſich nach der Thüre wendeten.„Es war mir immer wunderbar, wie Knaben zu Männern und dieſe jemals zum reifen Alter heranwachſen, denn nicht zufrieden mit den gewöhnlichen Gefahren des Lebens, ſind ſie fortwährend bemüht, ſich neue Fährniſſe zu ſchaffen.“ „Halt, halt,“ rief Richard.„Ich habe noch eine wei⸗ tere Frage an Euch zu richten, Lord Chartley. War es der Aebtiſſin zu Atherſton bekannt, daß Ihr dieſen aufwiegle⸗ riſchen Biſchof in ihr Kloſter brachtet? Ich höre, daß Ihr einen Boten vorausgeſandt habt.“ Das war eine ſehr kitzliche Frage; allein Chartley hielt ſich an die letzten Worte des Königs, ſo daß er der Gefahr auswich. „Mein Bote überbrachte einen Brief, Eure Hoheit, welchen Brief die Aebtiſſin ohne Zweifel noch beſitzt und Euch vorweiſen kann,“ gab er zur Antwort.„Ihr werdet daraus erſehen, daß ich ihr blos ankündigte, wie ich ihre Gaſtfreundſchaft für mich und einige Freunde in Anſpruch nehme. Den Biſchof ſtellte ich ihr als einen in meinem Gefolge reiſenden Mönch vor; auch war unter meinen Freun⸗ den oder Dienern kein Einziger, der um den wirklichen Rang unſeres Begleiters wußte. Es gibt ein ſehr altes Sprich⸗ wort, daß feine Federn feine Vögel machen, und ich glaube kaum, daß irgend Einer unter der Kaputze des Mönchs die Toga des Biſchofs erkannt hat.“ Richard lächelte im Gedanken an Sir Charles Weinants, nickte aber mit dem Kopfe zum Zeichen, daß die Audienz beendigt ſey, worauf ſich die beiden Edelleute zurückzogen. Zwanzigſtes Kapitel. Ich weiß nicht, ob die Architektur des Mittelalters— ich meine jene eigenthümliche Architektur, welche ſeit oder etwas vor der Regierung des Eroberers bis zum Ende Hein⸗ — bequemer als früher, wo die wenigen kleinen, engen und 313 richs VII. in verſchiedenen Abſtufungen in England beſtand — von der Zeit Eduards III. bis zu Richards Thronbeſtei⸗ gung im Vor⸗ oder Rückſchritte begriffen war. Jeder wird die Frage über die Verdienſte des Bauſtyls je nach ſeinem ſpeziellen Geſchmacke beurtheilen; Eines aber iſt gewiß, daß wenn auch die Wohnungen der unteren Klaſſen ſo ziemlich dieſelben geblieben waren, die häusliche Einrichtung der Adelsſitze ſich weſentlich verbeſſert hatte. Trotz der langen Periode des Bürgerkriegs, welche der Thronbeſteigung Hein⸗ richs VI. folgte, trotz fortwährender Kämpfe und häuſiger Ausmärſche hatte man ſich dennoch mehr daran gewöhnt, bei der Errichtung neuer Häuſer die Bequemlichkeit beſſer zu Rathe zu ziehen, und die Feudalburgen, obwohl immer noch feſte, zur Vertheidigung wohlgeeignete Schlöſſer, ent⸗ hielten jetzt ſchon Manches von dem Comfort unſerer mo⸗ dernen Häuſer. Vielleicht war gerade der Umſtand, daß der Kampf der großen Parteien die Stelle der Privatſtreitig⸗ keiten zwiſchen den großen Baronen unter einander und zwi⸗ ſchen einzelnen Verſchwörern und der Krone eingenommen hatte— hierauf nicht ohne Einfluß, denn in Folge dieſes Kampfes wurden große Städte weit häuſiger als einzelne Burgen angegriffen, und die Fälle, wo eine einzelne Adels⸗ veſte einer Belagerung unterworfen wurde, waren in dieſer Periode ſehr ſelten geworden. Wie dem auch ſeyn mochte, die Gemächer auf ſo einem vornehmen Edelmannsſitze, die Hallen, die Wohnzimmer, die Damenbondoirs waren jetzt weit heller, luftiger und 314 tiefen Fenſter ebenſo gut das Licht und die Luft wie die Ge⸗ ſchoſſe des Feindes ausgeſchloſſen hatten. Nicht allein in Klöſtern und Collegiengebäuden, ſondern ſogar in Privat⸗ wohnungen wurde hier und dort das Erkerfenſter angetroffen, das die Sonnenſtrahlen frei in die Halle dringen ließ und das zarte Gittergewebe ſeines Steinwerks auf dem Boden abſchattirte; etwas über den ſonſtigen Zimmerboden erho⸗ ben, mit Fenſterſitzen verſehen und durch zwei Stufen zu⸗ gänglich gemacht, gewährte es ein freundliches, ſonniges Sitzplätzchen für die älteren und jüngeren Mitglieder der Familie. Dieſer Art war eine der Fenſterniſchen in der unteren Halle des Chidlowſchloſſes; rings um die erhöhte Platt⸗ form in der Bucht, welche dieſe bildete, lief eine Bank oder Fenſterſitz von geſchnitztem Eichenholz mit loſen purpur⸗ rothen Sammtkiſſen bedeckt. Das Fenſter war offen, und weiche Luft und helles Licht ſtrömte ins Zimmer. Der Winter war auffallend lang und ſtrenge geweſen. Der Schnee hatte bis Ende März den Boden bedeckt, und ſelbſt dann noch folgte einem einzigen heiteren Tage, der die weiße Decke von der Erde ſog, oft mehr als eine Woche ſcharfen Froſtes, der während einiger der in den vorange⸗ gangenen Kapiteln erzählten Ereigniſſen in ſeiner vollen Strenge geherrſcht hatte. Jetzt aber war der Winter vor⸗ über; der Frühling begann mit jenem raſchen, plötzlichen Uebergange, wie er in nördlicheren Ländern oft eintritt und ſogar in England zuweilen vorkommt. Die Luft war, wie geſagt, weich und lieblich— der blaue Himmel kaum mit 315 einzelnen Dunſtflocken betüpfelt; die Vögel ſangen auf den Bäumen, deren lange zurückgehaltener Saft endlich in ro⸗ then Knospen hervorbrach, und Veilchen und Schneeglöck⸗ chen ſchienen mit der Primel und Anemone einen Wettlauf beginnen zu wollen, um das erſte Lächeln ihres ſüßen Va⸗ ters, des Frühlings, zu erhaſchen. Die kleinen Zwerg⸗ gebüſche ſchimmerten ſchon in dem friſchen Grün ihrer jun⸗ gen Blätter, und das Gaisblatt rührte ſich mächtig, um einen grünen Mantel über die nackten, braunen Glieder der ſchlanken Bäume zu werfen, an denen es emporgeklettert war. Der Ausblick aus dem Erkerfenſter ſiel auf eine jener ſchönen engliſchen Landſchaften, auf denen das Auge ſo gerne ruht, denn das Schloß lag auf einer Anhöhe, zu deren Füßen eine reiche, reizende Gegend in langen Wellenlinien von Wieſen und Wald wohl fünfzehn bis ſechzehn Meilen ſich ausbreitete, bis der anſteigende Boden zu hohen Hügeln ſich emporthürmte, welche in einem eigenthümlichen, gelben Lichte ſchimmerten, das ich außerhalb der Grenzen unſeres Eilandes noch nirgends angetroffen zu haben mich erinnere. An jenem Niſchenfenſter ſaßen zwei junge, ſchöne Mäd⸗ chen, mit denen der Leſer bereits bekannt iſt. Ihr Anzug war freilich ganz anders als damals, da ich ſie dem Leſer zum erſtenmale vorführte, denn das ſchlichte Kloſterge⸗ wand hatte dem glänzenden Hofkoſtüme damaliger Zeit Platz gemacht, und ihre Geſtalten, welche keines Schmuckes be⸗ durften, waren hinter Spitzen und Stickereien halbverſteckt. Jola's ſchönes Antlitz mit ſeinem heiteren, ſtrahlenden Ausdrucke, welcher in jedem Blicke Hoffnung und Freude zu verkünden ſchien, war immer noch zu erkennen, nur war es jetzt von einer ſorgenvollen Wolke beſchattet; neben ihm das nicht weniger ſchöne, obwohl etwas nachdenklichere Ge⸗ ſicht ihrer Baſe Konſtanze, deren tiefe gefühlvolle Augen über die ferne Landſchaft hinſchweiften, und in dem dünnen Sommernebel, der die Scene in ſeinen weichen Duft hüllte, nach einem Gegenſtande zu ſuchen ſchienen. Beide waren ſehr ſchweigſam und augenſcheinlich mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt. Einige Diener kamen durch die Halle; Andere machten ſich in ihr ſelbſt mit dieſem oder jenem Geräthe zu ſchaffen; wieder Andere traten ein um mit ihnen zu plaudern, und die beiden Mädchen richte⸗ ten von Zeit zu Zeit einen forſchenden Blick auf die Ab⸗ und Zugehenden, woraus hervorging, daß ſie in der Heimath ihrer Väter einigermaßen fremd geworden waren. Endlich ſahen ſie ſich allein in der Halle, und Konſtanze ſagte in leiſem Tone: „Ich wollte, theure Couſine, daß meine Tante käme; wir würden uns dann nicht ſo verlaſſen fühlen. Ich meine, unſer guter Herr Oheim hätte uns in der Abtei laſſen kön⸗ nen, bis er ſelbſt zu Hauſe war.“ „Da wäre das Schloß wohl nicht um Vieles freundlicher geworden,“ bemerkte Jola mit ſchwachem Lächeln,„denn es iſt ein gar trübſeliges Ding um die Weisheit, liebſte Kon⸗ ſtanze, wenigſtens wenn ſie immer der ſeinigen ähnlich iſt. Ich fürchte ſogar, meine gute luſtige Tante würde mir dieſen Ort gerade jetzt kaum anders als einſam erſcheinen laſſen. — Sie könnte mich allerdings etwas aufheitern; aber ich habe ſchreckliche Träume über die Zukunft gehabt, Konſtanze. Ich bemühe mich, nicht an ſie zu denken; aber ſie werden gewiß wieder kommen.“ Sie ſchwieg und ſchlug die Augen in ſchmerzlichem Nach⸗ denken nieder, worauf Konſtanze in ſanftem Tone erwiederte: „Was iſt Dir denn, Jola? Du pfeegteſt die Sache doch ſonſt nicht ſo ernſthaft zu nehmen!“ „Ach, ſie wird immer ſchlimmer, je näher ſie heranrückt,“ verſicherte Jola mit trübem Lächeln.„Ich komme mir vor, wie wenn ich als Sklavin verkauft wäre, Konſtanze. Der arme Sklave kann ſich nicht ſelber helfen, ſo wenig wie ich, und ſo laß uns lieber nicht weiter davon reden. Ich werde wohl bald meinen Käufer zu ſehen bekommen, und bin be⸗ gierig, wie er ausſieht. Kannſt Du Dich erinnern, ob er blond oder ſchwarz iſt?“ „Meiner Treu! ich weiß es nicht,“ gab Konſtanze zur Antwort.„Er iſt wohl kein völliger Neger, denn ich habe die Leute ſagen hören, es ſey ein hübſcher Knabe geweſen.“ „Ein hübſcher Knabe!“ rief Jola, die Augbrauen in die Höhe ziehend.„Behüte mich der Himmel! was ſoll aus mir werden, wenn ich einen hübſchen Knaben heirathen muß? Vermuthlich ein Kerlchen wie Sir Edward Hungerford, der Einem jämmerlichen Unſinn über Eſſenzen vorliſpelt und ſei⸗ nem Schneider die beſten Gedanken ſeines Kopfes widmet.“ „Ei nein! Warum willſt Du gerade ſolche Bilder heraufbeſchwören?“ ſchalt Konſtanze.„Du ſcheinſt ent⸗ ſchloſſen, ihn ohne Urſache unliebſam zu finden.“ „Ganz natürlich, liebſte Baſe,“ ſagte Jola.„Die Natur und das Vorrecht der Schweine bringt es mit ſich, daß man jeden Weg unliebſam findet, den man nur gezwungen geht. Es iſt freilich eine ſchlechte Politik— das gebe ich zu, und ich will verſuchen ſie abzuſchütteln und ihn ſo gut ich kann lieb zu haben. Die Zeit kommt raſch heran, wo ich muß, mag ich nun wollen oder nicht, denn ich glaube, der Eid, den ich ablegen ſoll, geht ja dahin, daß ich ihn lieben will. Es kommt mir ſehr hart vor, daß wir Frauen nicht ſelber wäh⸗ len dürfen, und dennoch einen Schwur leiſten müſſen, ohne zu wiſſen, ob wir ihn ⸗halten können oder nicht. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß die Ehe das ſchlimmſte von allen ſieben Sakramenten iſt; die letzte Oelung iſt nur ein Spaß dagegen. Wie kann ich wiſſen, ob ich ihn lieben werde? Ich glaub' es nicht einmal, und doch muß ich ſchwören, daß ich will.“ „Du machſt Dir die eigene Fantaſie zum Folterbette,“ bemerkte Konſtanze.„Warte wenigſteus, bis Du ihn ge⸗ ſehen haſt, Jola; es iſt ja immer noch möglich, daß Du den ächten Mann Deines Herzens in ihm findeſt.“ Jola fuhr zuſammen und ſchüttelte dann traurig das Haupt mit den Worten: „Meines Herzens? O nein!“ Konſtanze betrachtete ſie voll Ueberraſchung, und zum erſtenmal kam ihr eine Ahnung der wirklichen Sachlage. Sie ſprach jedoch kein Wort von ihren Zweifeln, ſondern be⸗ ſchloß, ihre Freundin mit jener regen ſorgſamen Liebe zu bewachen, wie ſie bei Mädchen, welche von Iugend an neben 8 einander aufgewachſen, ohne daß die Eiferſucht jemals ihren bittern Tropfen in den lieblichen Strom der Verwandtenliebe gemiſcht hat— nicht ſelten vorkommt. Sie änderte das Thema ihrer Unterhaltung, indem ſie auf einige Thürme in der Ferne deutete, und ſagte: „Ich möchte wohl wiſſen, was das für ein Schloß iſt.“ „Middleham, ſo viel ich weiß,“ gab Jola in zerſtreutem Tone zur Antwort.„Es liegt irgendwo hier herum— doch kann es auch nicht Middleham ſeyn, denn dieſes iſt zu ferne.“ „Auf der Straße, die wir dort den Hügel entlang ziehen ſehen, bewegt ſich Etwas,“ bemerkte Conſtanze.„Das iſt gewiß mein Oheim mit ſeinem Gefolge.“ „Nein, nein, Leiceſter liegt dort hinaus,“ meinte Jola. „Du kannſt Dich nie in der Gegend zurecht finden, liebe Baſe, und ich lerne ſie doch in einer Minute ſo leicht wie die Blätter eines Buches kennen. Es iſt gewiß irgend ein wil⸗ der Lord, der zur Falken⸗ oder Hirſchjagd ausreitet. O Himmel, wenn es nur nicht mein Falke iſt, der über mir kreist, bevor mein Onkel anlangt. Ich will lieber gar nicht hinſehen; ſie ſcheinen hierher zu kommen.“ Mit dieſen Worten wendete ſie ſich vom Fenſter weg und ſtieg die Stufen hinab, indem ſie ſich auf der unterſten niederſetzte und ihre Wange auf die Hand legte. Konſtanze beobachtete jedoch das nahende Häuflein, bis man deutlich ſehen konnte, daß die Herankommenden gerades Wegs auf das Schloß zuritten. Sie verloren ſich bald zwiſchen den Bäumen und Hecken, bald tauchten ſie wieder auf, und ſchienen dann jedesmal näher zu ſeyn. 220 Endlich richtete Konſtanze ihre Augen auf Jola und ſagte: „Sie kommen hierher, wer ſie auch ſeyn mögen; mein Oheim iſt aber nicht dabei. Es ſind im Ganzen blos fünf bis ſechs, und ſcheinen lauter junge Männer. Sollten wir uns nicht lieber auf unſer eigenes Zimmer verfügen?“ „Nein,“ gab Jola aufſpringend zur Antwort.„Ich will bleiben und ihnen in's Auge ſehen. Mir iſt, als ob ich wüßte wer da kommt. Du ſollſt ſehen, wie gut ich mich zu benehmen weiß, Konſtanze, ſo unbeſonnen Du mich nennſt, und ſo wenig Welterfahrung ich auch beſitze.“ „Im Ganzen ſind es vielleicht blos Fremde,“ meinte Konſtanze;„doch hier ſind ſie, denn ich höre das dumpfe Pferdegetrappel auf der Zugbrücke.“ Jola ſprang wieder mit leichtem Schritt die Stufen hinan und ſchlang ihren Arm in den ihrer Baſe. Beide Bewegungen waren ganz natürlich, denn wir lieben immer auf einem hohen Standpunkte zu ſtehen, wenn wir Perſonen begegnen, vor denen wir Furcht oder Zweifel hegen, und Jola fühlte das Bedürfniß nach Theilnahme, welche das bloſe Berühren eines befreundeten Armes ihr gewährte. Eine Pauſe folgte, während deren Konſtanze etwas zu ſagen und unverlegen auszuſehen ſuchte; allein ſie fand keine Worte, und ihre wie Jola's Blicke blieben auf die Thüre ge⸗ heftet. Endlich ging dieſe auf, und unter dem Vortritte eines der Schloßbeamten, der ſie jedoch nicht anmeldete, ſah man zwei Herren mit raſchen Schritten eintreten. Der Eine 321 wurde von den beiden ſchönen Mädchen in der Fenſterniſche ſogleich als Sir Edward Hungerford erkannt; der Andere war Beiden fremd. Er war ein ſchwarzhaariger, hübſch aus⸗ ſehender junger Mann von zwei⸗ bis dreiundzwanzig Jahren, etwas nach ausländiſcher Mode gekleidet, in welcher die Zu⸗ ſchauerinnen(wenn ſie anders mit ſolchen Dingen bekannt geweſen wären) alsbald die Mode des burgundiſchen Hofes erkannt hätten. Allein Jola's Auge blieb nicht auf ſeiner Kleidung haften; ſein Geſicht war es, was ſie muſterte, und Konſtanze fühlte, wie ein Schauder über ihre Baſe hinlief⸗ als dieſe ſich auf ihren Arm ſtützte. Dieſe Entdeckung that ihr ſehr leid, denn ſie ſah nichts Unangenehmes oder Ab⸗ ſtoßendes in Miene oder Haltung des Fremden. Sein Schritt war frei und anmuthig, ſeine Haltung würdevoll und edelmänniſch, ſein Blick wenn auch etwas hochmüthig, doch offen und freiherzig. Es war in der That ein Mann, der einem Frauenauge wohl gefallen konnte, und Konſtanze ſagte abermals zu ſich ſelbſt: „Da muß irgend eine andere Neigung vorherrſchen.“ Der Fremde näherte ſich gleichen Schrittes mit Sir Edward Hungerford; doch war es der Letztere, welcher zuerſt ſprach. „Erlaubt mir, theure Ladies,“ begann er,„daß ich den Ceremonienmeiſter mache, und euch Beiden meinen edlen Freund, Lord Arthur Fulmer, vorſtelle.“ Der Andere ſchien nicht zu hören, was er ſagte, ſondern ſtieg ohne Weiteres zu der Niſche empor, und faßte Jola's Hand mit den Worten:. Igmes. Der Waidmann. 21 322 „Das muß Lady Jola ſeyn.“ Mit einer Wange, bleich wie der Tod, und kaltem ſtar⸗ rem Blicke, aber mit feſter Stimme ohne Zittern gab das ſchöne Mädchen zur Antwort: „Mein Name iſt Jola, Mylord. Dies iſt meine Baſe, Konſtanze. Wir bedauern, daß mein Oheim nicht hier iſt⸗ um Euch gebührend zu empfangen.“ „Ich bringe Euch Botſchaften von Eurem Oheim, theure Lady,“ erwiederte Fulmer, ſie immer noch allein anredend. „Er ſandte mir heute in aller Frühe einen Boten mit der Meldung, daß er im Laufe des Abends mit einem luſtigen Gefolge von Gäſten auf Chidlow eintreffen werde; ich ſolle vorausreiten und Alles zu ſeiner Aufnahme vorbereiten. Er ſprach davon, daß er ſelbſt einen Diener vorausſchicken werde. Iſt keiner angelangt?“ „Nein, Mylord,“ erwiederte Jola;„wenigſtens keiner, gon dem wir gehört hätten. Da wir übrigens ſo lange in ſtrenger Abgeſchiedenheit gelebt haben, ſo ſind wir in meines Onkels Hauſe ohne Beſchäftigung oder Autorität gleichſam zu Fremdlingen geworden. Ich bitte Euch, die Vollmacht meines Oheims zu benützen, und alles Nöthige für ihn an⸗ zuordnen. Was uns betrifft, ſo wollen wir uns lieber zu⸗ Kückziehen.“ „Nein, nicht ſo bald,“ rief Fulmer eifrig.„Das iſt ein gar zu kurzes Wiederſehen.“ Auch Sir Edward Hungerford erſuchte die beiden Damen in ſüßem überredendem Tone, ſie nicht zu verlaſſen, ſondern ihnen bei der Herrichtung des Schloſſes zum Empfange der 323 unerwarteten Gäſte ihren guten Rath zu ertheilen. Allein Jola blieb feſt auf ihrem Vorſatze, und als Konſtanze ſah, daß ein längeres Bleiben ſie nur betrüben würde, ſo ver⸗ einigte ſie ihre Stimme mit der ihrer Baſe, und zog ſich auf Jola's Zimmer zurück, indem ſie die beiden Edelleute in der Halle ließen. Ihren Arm auf den von Konſtanzen geſtützt, wandelte Jola langſamen aber feſten Schrittes weiter, und erſt als ſie ſich der Thüre näherte, kam ihre Erſchütterung einiger⸗ matzen zum Vorſchein. Erſt jetzt merkte Konſtanze, wie ihre Schritte wankten, wie ihre ganze Geſtalt zitterte, und als ſie das Zimmer betraten, warf ſich Jola neben ihrem Bette auf die Kniee, barg ihr Antlitz in die Decken und weinte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Als Jola und ihre ſchöne Baſe ſich entfernt hatten, ſchaute Lord Fulmer mit nachdenklichem, zerſtreutem Blicke eine Weile durchs Fenſter; dann ſtieg er die Stufen herab und ging ein⸗ bis zweimal durch die Hallen. Endlich wen⸗ dete er ſich zu ſeinem Gefährten und rief: „Sie iſt in der That ſchön— nicht wahr, Hungerford?“ „Ausnehmend ſchön,“ beſtätigte der junge Ritter, nur, dünkt mich, dürfte die Oberlippe um's Kennen länger ſeyn. Sie würde Dir jedoch noch ſchöner vorkommen, wenn Du ſie ſäheſt wie ich ſie zuerſt ſah, mit einer Röthe auf den Wan⸗ gen, gleich der des Morgenhimmels. Ich weiß nicht wie es 21* kommt, aber ſie iſt heute ſo bleich wie eine jener Marmor⸗ ſtatuen, die wir zu Rom ſehen.“ „Aufregung!“ ſagte Fulmer nachdenklich.„Vielleicht war es Unrecht, ſie alſo zu überraſchen. Komm, Hunger⸗ ford, laß uns die Befehle ertheilen, mit denen ich beauftragt bin.“ Und zu der Thüre ſchreitend, rief er nach den Dienern. Die Befehle waren nicht ſo ſchwer zu ertheilen als aus⸗ zuführen, denn ſie verlangten alsbaldige Vorkehrungen zur Aufnahme von wenigſtens zwanzig geehrten Gäſten mit allen ihren Dienern; dieſe ſollten neben den gewöhnlichen Schloßbewohnern Raum finden, und außerdem ſollte zu un⸗ gewöhnlich ſpäter Stunde— nämlich um neun Uhr ein glänzendes Abendmahl bereit ſtehen. Specielle Weiſungen ergingen, um eines der zahlreichen Außengebäude, welche in den damaligen Veſten häufig getroffen wurden, zur Aufnahme Lord Chartley's und ſeines Gefolges einzurichten; auch ſollte ein Theil der ungeheuren Reihe von Stallungen, welche ſonderbarer Weiſe unmittelbar hinter der Kapelle lagen, ausſchließlich für ſeine Pferde vorbehalten werden. Sir Edward Hungerford lauſchte in höflichem Schwei⸗ gen, bis Fulmer ſich ſeines Auftrages gegen Lord Calverly's oberſten Hausbeamten entledigt hatte; doch konnte er den würdigen Mann nicht ziehen laſſen, ohne als Rath für den Oberkoch einige Worte über das Zubereiten von Schwanen beizufügen; auch ſey es durchaus nothwendig, ſogleich nach einem jungen Reiher vom letzten Jahre oder wenigſtens nach einer Rohrdommel ſuchen zu laſſen, da Reiherhennen nicht zu haben waren. 325 „In dieſer Entfernung von der See iſt an Schildkröten nicht zu denken, und die Eichhoͤrnchen ſind im Frühjahr zäh und mager; ich habe es aber ſchon erlebt, daß man die einen durch einen ausgewachſenen wohlgeſpickten Hecht erſetzte, während ein Kaninchen die Stelle des andern vertreten mag; ich fürchte nur, es iſt hiefür zu ſpät an der Zeit.“ Der Majordamus verbeugte ſich ehrerbietig, und Fulmer rief ſobald er fort war: „Komm, Hungerford; laß uns an dieſem ſonnigen Nach⸗ mittage auf den Wällen ſpazieren. Vielleicht, daß auch dieſe beiden ſchönen Mädchen herunterkommen, um friſche Luft zu ſchöpfen.“ „Halt, halt,“ meinte Sir Edward Hungerford.„Da will ich erſt meinen grünen Pelzüberwurf anziehen; wenn ſte den ſehen, wird er ſie vielleicht anlocken.“ „Pah!“ rief Fulmer.„Hältſt Du ſie für Bullochſen, von denen man ſagt, daß ſie einem Stück Tuch von beſonde⸗ rer Farbe nachlaufen?“ „Nein,“ erwiederte Hungerford, mit einer Anwandlung von Bosheit;„dieſer mein Ueberwurf iſt aber Stich für Stich das ächte Modell von Chartley's Rocke.“ „Was hat Chartley mit der Sache zu ſchaffen?“ fragte Fulmer, ihm voller Ueberraſchung gerade ins Geſicht ſchauend. „Ich bin im Augenblick angezogen,“ erwiederte Sir Edward, ohne ſeine Frage zu beantworten.„Ich haſſe dieſe braungelbe Farbe, obwohl ſie jetzt faſt allgemein getragen 326 wird; ſie paßt gar nicht zu meinem Teint. Es iſt gewiſſer⸗ maßen eine Eiferſuchtsfarbe, und ich will nichts mehr davon.“ Damit verſchwand er, und Lord Fulmer ging allein in der Halle auf und ab. „Ihr Gruß war äußerſt kalt,“ dachte er.„Vielleicht war das natürlich, und doch war er weniger erregt als eiskalt. Sie ſchien ſtandhaft genug, aber eiſig wie das Grab. Was kann der Menſch mit dieſem Chartley meinen? Nichts, nichts— bei ihm iſt Nichts von Bedeutung. Ich wollte, ihr Gruß wäre— beſonders in ſeiner Gegenwart— etwas wärmer geweſen. Er lächelte als er von Chartley ſprach.“ Er hatte nicht Zeit zu langen Erwägungen, denn ſehr bald traf ſein Freund wieder bei ihm ein, gekleidet in die extravaganteſte Mode ſeiner Zeit, indem die Aermel ſeines Ueberrocks, wenn ſie nicht gerade durch kleine Rubinenknöpfe in Knopflöchern von Golddraht an die Schultern befeſtigt waren, in buchſtäblichem Sinne auf dem Boden ſchleiften. Die beiden Edelleute verfügten ſich nun auf die Außenwälle, die ſie faſt in ihrer ganzen Ausdehnung umkreisten, wobei Hungerford von Zeit zu Zeit nach den Hauptgebäuden em⸗ porſchaute, in der Hoffuung, durch Erblicken eines freund⸗ lichen Geſichtes am Fenſter wenigſtens das entdecken zu kön⸗ nen, in welchem Theile des Schloſſes Konſtanze und ihre Baſe logirten. Er ſprach kein Wort mehr von Jola und Chartley, und Fulmer mochte nicht weiter nachforſchen, obwohl die paar zufälligen Worte, welche in Wirklichkeit ſo 327 viel wie Nichts bedeuteten, ſeinem Geiſte, ehrlich geſtanden, mehr als er wünſchte zu ſchaffen machten. Sir Edward Hungerford ſpazierte ſchweigend neben ſei⸗ nem Freunde her, ganz eingehüllt in den Gedanken an ſeine eigene glänzende Erſcheinung, und hätte vielleicht in der nächſten halben Stunde kein Wort geſprochen, wenn Fulmer nicht ſelbſt die Unterredung begonnen hätte. Natürlich ging er von einem ganz anderen Punkte aus, als er ſchließlich zu erreichen vorhatte. „Dieſes Schloß hat eine angenehme Lage und beherrſcht die ganze Umgegend,“ bemerkte er. „Ich muß ſagen, mir gefällt das Deinige beſſer,“ gab Sir Edward Hungerford zur Antwort.„Von Wäldern und höher gelegenen Hügeln geſchützt, haſt Du dort Nichts vom Nordwinde zu beſorgen. Hier mag es blaſen aus Oſt, Weſt, Nord oder Süd, ſo wird man jedem Zugwinde in die Hände laufen, und wenn Einer nicht eine Haut hat ſo zäh wie Roß⸗ leder, ſo wird er ſeinen Teint in vierzehn Tagen ruiniren.“ „Mir iſt dieſes lieber,“ verſetzte Fulmer.„Ich liebe eine freie Ausſicht, wo ich weithin ſchauen und ſehen kann, was von allen Seiten daherkommt, wo ich die Sonnenſtrah⸗ len in ihrer Wärme auffange, und zuweilen dem ſcharfen Winde ein Schnippchen ſchlage. Wären beide Schlöſſer mein, ſo würde ich dieſes zu meinem Wohnſitze wählen.“ „Nun, es wird bald Dir gehoren,“ meinte Sir Edward Hungerford,„denn Deine Hochzeit wird vermuthlich bald ſtattfinden, und dieſer alte Lord kann nicht mehr lange leben, denn er iſt von ſeiner Weisheit ganz aufgezehrt. Dann 328 kannſt Du wohnen wo Du am liebſten magſt. Jedermann hat ſeinen eigenen Geſchmack, Fulmer. Einigen, wie Du weißt, gefällt das Gelbbraun— ich dagegen haſſe dieſe Farbe. Dir mißfällt Deine eigene Burg, und Du ziehſt Chidlow vor— ich umgekehrt. Du hältſt ohne Zweifel Jola für die Schönere— ich bewundere die kleine Konſtanze mit ihrer gedankenvollen Stirne. „Weil Du nicht mehr Gedanken in Dir haſt, als in dem Saume eines Seidenwammſes Platz hätten,“ erwiederte Fulmer.„Ich glaube, daß Konſtanze viel zu ernſt für Dich wäre.“ „O, bei Leuten, die ihr gefallen, kann ſie recht luſtig ſeyn,“ bemerkte Hungerford mit ſelbſtzufriedenem Kopfnicken. „Das hübſche Mäulchen ſtrahlt oft von Lächeln— das kann ich Dich verſichern.“ „Ei, woher weißt denn Du das Alles, Hungerford?“ fragte Fulmer ſo gleichgültig, als er es nur über ſich zu ge⸗ winnen vermochte.„Du ſcheinſt ja mit dem Charakter dieſer Damen wunderbar genau bekannt zu ſeyn!“ „Ja wohl,“ verſicherte Sir Edward mit geheimnißvoller und doch lachender Miene.„Konſtanze und ich verlebten jenen nämlichen Abend neben einander, und an einem Abend läßt ſich gar Vieles lehren und lernen. „Welchen Abend?— Was meinſt Du damit?“ fragte Fulmer hitzig; allein ſein Gefährte lachte nur als er er⸗ wiederte: 4 „Ha, ha! Jetzt könnte ich Dich wohl eiferſüchtig ma⸗ chen— doch ſtill! Nichts mehr davon. Es naht Jemand, — 329 und ſchau nur: da kommt abermals ein Haufe geritten— dort über dem Hügel auf der Leiceſterſtraße.“ Die Perſon die ſich auf den Wällen näherte, war Lord Calverlys Haushofmeiſter, der ſich von dem jungen Lord, den er recht gut kannte, eine Auskunft erbitten wollte; während er mit Fulmer ſprach, warf ſich Sir Edward Hungerford neben einer der Schießſcharten in eine graziöſe Stellung und verſank in Gedanken. In Gedanken?— Er?— Ja, iheurer Leſer; denn er war in Wirklichkeit etwas anders, als er Dir ſeither erſchei⸗ nen mußte. Ich habe ihn bisher nur in gewiſſen Lagen geſchildert, und ſeine Worte und Handlungen dabei berichtet; wollteſt Du andere Menſchen in ihrem wirklichen Verkehre mit der Welt nur nach ſolchen partiellen Anſichten beurthei⸗ len, ſo würdeſt Du Dich gewaltig täuſchen, wenn Du nicht jene ſeltene Gabe des Inſtinktes beſäßeſt, welche Manche befähigt, durch all die verſchiedenen Schleier, worein die Menſchen ſich hüllen, auf ihren wirklichen Charakter durch⸗ zudringen, und ſie in ihrer Nacktheit zu ſchauen. Trotz ſei⸗ nes thörichten, läppiſchen, geckenhaften Weſens war Sir Edward Hungerford bei aller Frivolität ſeines Aeußern nicht ohne Verſtand. Ich will nicht gerade ſagen, ſeine Ge⸗ ſchmacksrichtung und ſein Streben ſey ganz und gar Ver⸗ ſtellung geweſen; denn er liebte wirklich einen feinen glän⸗ zenden Anzug, eine leckere Küche und ein glattes zierliches Benehmen. Auch war er über die Maßen eitel auf ſeine Perſon, und dieſe nicht zu laͤugnenden Verſtandesmängel bewieſen allerdings eine falſche Schätzung der irdiſchen 3³⁰ Dinge; man würde jedoch einen argen Fehler begehen, wenn man jeden Gecken für einen Narren nehmen wollte. Es heißt, Jedermann habe ſeine ſchwache Seite, und Geckenhaftigkeit zählt gewiß zu den allerſchwächſten; aber es können auch manche ſtarke dahinter verborgen liegen, und ſolches war bei dieſem jungen Ritter der Fall. Trotz all ſeiner Sorgfalt für ſeine ſchöne Außenſeite war er ein Mann von unbezweifeltem Muthe, zwar nicht händelſüchtig, denn er konnte einen Scherz oder gar einen Vorwurf mit großer Geduld anhören, wenn er nicht gerade zur Beleidigung wurde; dann aber war Niemand behender mit ſeinem Schwerte. Wer mit ihm anbinden wollte, war ſicher, ihn bereit zu finden, ohne daß er jene banditenartige Kampfluſt bewies, wodurch ſich Mancher ſehr mit Unrecht den Ruf großen Muthes erworben hat. Um ihn jedoch nicht beſſer erſcheinen zu laſſen, als er wirklich war, muß ich noch einige Worte über ſeinen Cha⸗ rakter ſagen. Obwohl er über jeden ihm vorgelegten Gegen⸗ ſtand tief und nicht ſelten richtig nachdenken konnte, ſo war er doch keineswegs ausgezeichnet durch ſeinen Verſtand. Sein Hauptfehler war eine falſche Beurtheilung Deſſen, was an dem Manne wirklich von Werth iſt, und dieſer Irr⸗ thum äußerte ſeinen Einfluß auf ſeine Schätzungsweiſe der eigenen wie auf die von fremden Eigenſchaften. Ob er einer eigenthümlichen aber keineswegs ungewöhnlichen Philoſophie folgte, indem er die Spielereien des Alltagslebens wegen ihres häufigen Vorkommens zum Glücke des Menſchen für wichtiger hielt, als die ſchwererwiegenden Eigenſchaften des — 331 Herzens und Gemüthes, oder ob die Spötterei des Hofes, an dem er auferzogen worden, ſeinen Geiſt gleichſam ange⸗ freſſen hatte, ſo daß er alle Dinge für gleichgültig hielt— weiß ich nicht; aber ſo viel iſt gewiß, daß er ſich auf den Schnitt eines Kollers, der viele Nachahmer fand, weit mehr zu Gute gethan hätte, als auf den weiſeſten Ausſpruch oder auf die tiefſte Reflerion die ihm jemals in den Sinn hätte kommen können. Dieſe Philoſophie oder was es ſonſt war, hatte jedoch ihre Uebel und Gefahren, denn er betrachtete die Moral aus demſelben verkehrten Geſichtspunkte wie alle anderen Materien, lachte über Hemmniſſe, welche anderen Menſchen heilig waren, und betrachtete jegliches Verfahren als vollkommen gleichgültig, weil alle Dinge ohne Unter⸗ ſchied hohl und eitel ſeyen. Den zarten Anſichten über Ehre wie den religiöſen Ceremonien unterwarf er ſich mit gutem Anſtand, blos weil es nicht der Mühe werth war, ſie zu be⸗ kämpfen, und wenn er einem Freund nicht Unrecht that, wenn er eine übernommene Sache nicht verrieth oder ſein verpfändetes Wort nicht verletzte, ſo geſchah es— ich will nicht ſagen zufällig— blos in Folge gewiſſer Jugendein⸗ drücke, die er jedoch alsbald verſpottet hätte, wenn Jemand ſte zu einem Princip hätte erheben wollen. Er beſtritt nie anderer Leute Anſichten, weil es ihm ganz einerlei war, ob ſie ſie hatten oder nicht, und das Einzige was er für würdig hielt, um fünf Minuten darüber nachzudenken— war die Zeichnung einer Spitze oder Stickerei, der Schnitt eines Mantels oder die Compoſition einer Eſſenz. Dieſe Dinge waren ihm allerdings von Wichtigkeit, weil er ſich auf ſeine Erfahrung in dieſem Punkte etwas zu Gute that, und weil andere Leute ſeiner Entſcheidung, der ſie wie einem Geſetze folgten, einen Werth beilegten. Alſo wie geſagt: er verſank in Gedanken, und ſein Geiſt verweilte natürlich bei den eben erlebten Vorfällen. „Wie ſich doch manche Leute mit eitlen Phantaſien plagen mögen!“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Da iſt zum Bei⸗ ſpiel mein guter Freund, der bald vor Eiferſucht auflodern würde, wenn er Alles wüßte, ohne zu erwägen, wie thöricht und unedelmänniſch es iſt, eiferſüchtig zu werden. Seit des guten Königs Edward Tagen iſt die Eiferſucht eine abge⸗ legte Mode, ein abgetragener Anzug, und ſteht ſo ſchlecht wie ein blaßgelbes Wamms zu einem carmoiſinrothen Mantel. Und doch würde dieſer Mann es tragen und ſich lächerlich machen, wie ein Türke mit fünfzig Weibern, wenn er auf ſie alle eiferſüchtig ſeyn wollte. Es wäre wohl recht ergötzlich, ihn in all den wundervollen Situationen einer ſolchen Leidenſchaft zu beobachten, bald ſich krümmend wie ein Bänkelſänger, und doch dabei grinſend um ſeinen Schmerz zu verbergen, bald mit zorniger Miene, mit gekreuzten Armen und donnerumwölkter Stirne allein ſpazierend, dann wieder eine luſtige ſcherzende Miene annehmend, und unter dem Scheine ſpaßhaften Frohſinnes rechts und links Hiebe austheilend und wartend, bis er den poſttiven Beweis bekäme, den er nie erhält, um irgend Einem die Kehle abzu⸗ ſchneiden. Aber ich will es nicht thun— es iſt nicht der Mühe werth; man hätte damit nur ſeine Mühe, und Nichts auf der Welt iſt ſolche Mühe werth als höchſtens ein Gericht — 333 Lampreten oder ein Paar neumodiſche Hoſen.— Sie kom⸗ men raſch näher,“ fuhr er laut fort, indem er über die Wälle hinausſchaute.„Bei meinem Leben! Ich glaube es iſt der alte pomphafte Lord, der da wie zur Falkenjagd im Galopp daherſprengt. Komm, Fulmer, komm, laß uns zum Thore hinabgehen. Der höchſt ehrenwerthe Peer Lord Arnold Calverly kommt dort mit zwei bis drei Dutzend Begleitern; er reitet ſo ſchnell, wie wenn König Richard hinter ihm wäre. Der Himmel laſſe nur des guten Edelmannes Pferd nicht ſtolpern, ſonſt würde es einen böſen Sturz geben.“ Mit dieſen Worten begann er eine der ſchmalen Treppen hinabzuſteigen, welche in ſolchen Schlöſſern, wie Chidlow, von den Zinnen in den Hof zu führen pflegten. Fulmer folgte mit raſchem Schritte; allein Hungerford's Worte hatten bereits Zweifel und Beſorgniſſe in ihm geweckt, die ſich nicht ſo leicht entfernen ließen. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Es war nur Schüchternheit, Mylord, nichts als Schüchternheit,“ ſagte Lord Calverly, während er ſich mit Fulmer in die Halle verfügte.„Glaubt meinem Worte: dieſe Schüchternheit iſt eine Eigenſchaft, welche jeder Mann an dem Weibe hochſchätzen ſollte. Verlaßt Euch darauf: ſie wollte Euch nicht beleidigen, ſondern zog ſich nur mit mädchenhafter Beſcheidenheit zurück, bis ihres Oheims Ge⸗ genwart die Zuſammenkunft ſanktionirte.“ 334 „Ich beklagte mich nicht, mein theurer Lord,“ erwiederte Fulmer, der jetzt zum Erſtenmal gewahr wurde, daß ſein Ton einige Gereiztheit verrathen, als er erzählte, wie bald Jola ihn verlaſſen hatte;„ich ſagte blos, daß das theure Mädchen nach ganz kurzem Wiederſehen ſich entfernte, und Ihr könnt Euch leicht denken, daß ein längeres Bleiben mir lieber geweſen wäre.“ „Ei nein, das iſt eine kindiſche Fantaſie,“ tadelte der alte Peer.„Wir ſollten ein aufgeſchobenes Glück immer dem gegenwärtigen Vergnügen vorziehen. Ihr Rückzug bewies Euch jene Seelenſtimmung, welche ſpäter Euer be⸗ ſtes Glück ausmachen wird; darum hättet Ihr Euch dar⸗ über freuen ſollen.“ Fulmer biß die Zähne über einander, denn er ertrug nur mit Ungeduld eine Lektion, auf welche er Nichts er⸗ wiedern mochte; der alte Lord fuhr aber gleich darauf alſo fort: „Ich danke Euch für Eure Emſtigkeit, mein theurer Lord. Ich ſehe, die Leute ſind alle eifrig mit Vorbereitun⸗ gen beſchäftigt. Mein edler Freund, Lord Chartley, wird alsbald hier ſeyn, denn es koſtete mich wahrlich einige Mühe, ihn zu überholen, und ich hätte es nicht gerne geſehen, wenn er eine Unordnung hier wahrgenommen hätte, da ſein eigener Haushalt der wohlgeordnetſte in ganz England ſeyn ſoll.“ Dieſe Worte ärgerten Fulmer noch weit mehr. Er fragte ſich— warum— und fand keine Antwort, denn die tiefen, feinen und verwickelten Regungen des Herzens wiſſen 33⁵ ſich immer nicht allein vor den Augen der Außenwelt, ſon⸗ dern auch vor denen des durch ſie Ergriffenen mehr oder weniger zu verbergen. Gleichwie das Schiff keine bleibende Spur in den ewig wechſelnden Gewäſſern zurückläßt, gleich⸗ wie der Pfeil eine ſpurloſe Bahn durch die Luft beſchreibt, ſo ziehen öfter Gefühle durch das menſchliche Herz, ohne den Weg, welchen ſie kamen und gingen, erkennen zu laſſen. Fulmer konnte nicht verhindern, daß ſich auf ſeiner Stirne eine Wolke zuſammenzog, welche Hungerford zwar wohl bemerkte, die aber von dem alten Lord Calverly, deſſen unerwartet frühe Ankunft den ganzen Haushalt des Schloſſes in Bewegung ſetzte, gänzlich unbeachtet blieb. Da waren Befehle zu geben, Zimmer anzuweiſen, neue Anſtalten zu treffen, alte Weiſungen aufzuheben, Diener, Begleiter und Gäſte hin⸗ und herzuhetzen, und der Lärm und die Verwir⸗ rung hatte keinen geringen Grad erreicht, als Jola und Konſtanze, der Aufforderung ihres Oheims gehorchend, zum Vorſchein kamen. Erſtere war noch ſehr bleich, und Fulmer's ſcharfes, aufmerkſames Auge entdeckte oder glaubte wenigſtens auf ihren ſchönen Wangen die Spuren von Thrä⸗ nen zu entdecken. Ihr mit ſich ſelbſt beſchäftigter Oheim merkte nichts von all Dem. Er hatte ſie faſt zwei Jahre nicht mehr ge⸗ ſehen und gewahrte keinerlei Veränderung in ihrem Aus⸗ ſehen. So viel er wußte, konnte ſie auch früher bleich ge⸗ weſen ſeyn, und er war ohnehin viel zu ſehr beſchäftigt, um ſolche Bagatellen, wie Bläſſe oder Thränen, auf den Wan⸗ gen zu beachten. Er begrüßte ſeine beiden Nichten, und hieß ſie weniger wortreich wie ſonſt zu Chidlow willkom⸗ men, fragte, warum ihre Tante, die Aebtiſſin, auf ſeine Aufforderung nicht mit ihnen gekommen, wartete aber keine Antwort ab, ſondern überließ ſie der Sorge Fulmer's und Hungerford's, denen ſich einige minder reiche und vornehme Edelleute, die ihn von Leiceſter herbegleitet, beigeſellt hat⸗ ten, und begann von Neuem ſeine ſchon zweimal gegebenen Befehle zu wiederholen, und ſeine Dienerſchaft mit allerlei ſehr widerſprechenden Weiſungen zu verwirren. Jola ſah ſich auf dieſe Art mit ihrer Baſe und ihres Oheims Gäſten in der Halle zurückgelaſſen, fand aber eini⸗ gen Troſt darin, daß derer ſo viele waren. Fulmer hätte gerne die Rolle des Liebhabers geſpielt und war hiefür auch gar nicht untauglich, denn ſein Herz war von Natur warm und ungeſtüm, und Jola's Schönheit und Anmuth hätte ſo⸗ gar in einer kälteren Bruſt die Flamme der Liebe entzünden können. Auch wollte es unſere wunderliche menſchliche Na⸗ tur, daß die Zweifel und Beſorgniſſe, welche in ſeiner Seele aufgeſtiegen waren— ihn nur noch begieriger machten, jede Kälte auf ihrer Seite zu überwinden, und er bemühte ſich mit ſanften Reden und leiſen Worten, ihr Ohr für ſich allein zu gewinnen. Das Reſultat war nicht günſtig. Jola lauſchte ruhig und kalt, und antwortete immer laut, mit Worten, welche alle Welt hören durfte. Sie that dies nicht in einer feſt⸗ gegründeten Abſicht, ſondern weil die Gefühle ihres Herzens, wie die Eindrücke, die ſeine Worte hervorbrachten, ſie dazu trieben. Sie verglich ſie fortwährend mit denen Chartley's, 1 6 * 337 und in ihrem Sinne wenigſtens fiel der Vergleich ungünſtig aus. Die freie offene Natur, die lebhaften halb ſorgloſen Antworten, der Mangel alles ſtudirten Weſens, das Durch⸗ leuchten eines Herzens, das gleich einem luſtigen Vogel ge⸗ gen ſeinen Willen gefangen ſchien— dies Alles, was ſie an Chartley angeregt, was ihr an ihm gefallen und ſie ge⸗ wonnen hatte, war in dem Geſpräche und in dem Beneh⸗ men Lord Fulmer's nicht zu finden. Zwiſchen ihnen Bei⸗ den gab es nur wenig gemeinſame Gegenſtände, und der einzige war gerade Der, vor dem ſtie voller Angſt zurück⸗ bebte. Er konnte ſich nur an die Gemeinplätze von Liebe und Bewunderung halten, und ſie waren keineswegs ge⸗ eignet, ſie zu gewinnen. Das war freilich ſein Unglück und nicht ſein Fehler; aber wir erſchweren häufig unſer Unglück durch unſere Fehler, und ſo ging es hier einigermaßen mit Fulmer. Er hatte ſich ihr Wiederſehen ſo ſchön geträumt und, wenig bekannt mit Frauenherzen, hatte er geglaubt, ihr würde es ebenſo gehen, ſte würde ihrer Vereinigung mit denſelben Hoffnungen entgegenſehen, ihr freies Herz würde dem ſeinigen entgegeneilen— und er war getäuſcht, ge⸗ kränkt und nicht wenig gereizt, da er es anders fand. Das Schlimmſte war, daß er am Ende dieſe Gefühle laut werden ließ, ſo daß Jola vor ſeinem ungeduldigen Blick und Ton noch kälter als zuvor zurückbebte. Es war eben in dieſem Augenblicke, als der alte Lord Calverly mit den lauten Worten zurückkehrte: „Unſere anderen Gäſte kommen; ſie ſtehen eben am Schloßthore. Jetzt, Konſtanze,“ fuhr er fort, denn Seine James, Der Waidmann. 22 338 Lordſchaft pflegten zuweilen einen plumpen Witz zu machen, „Konſtanze, wenn Du Dir einen reichen und vornehmen Ge⸗ mahl gewinnen willſt, ſo mußt Du jetzt Dein freundlichſtes Lächeln annehmen.“ „Wer mag es ſeyn, Mylord?“ fragte Konſtanze, welche ſo wenig wie Jola um die Namen der erwarteten Gäſte wußte. „Ei, ei, Du wirſt ſchon ſehen,“ ſagte Lord Calverly. „Hat der junge Lord es Dir nicht erzählt?“ „O nein!“ gab Konſtanze ruhig zur Antwort;„ich kann es übrigens geduldig abwarten, mein guter Lord. Die Zeit bringt alle Dinge an's Licht.“ Durch die offenen Fenſter drang das Klappern von Pferdehufen von dem Hofe herauf; dann hörte man Befehle ertheilen und viele Stimmen zuſammenſprechen. Unſer Ge⸗ dächtniß für Klänge hat etwas ſehr Auffallendes: wie lange, wie deutlich können wir uns jene unfaßbaren Ein⸗ drücke erinnern, welche geliebte oder gefürchtete Dinge auf luftigem Pfade zurücklaſſen! Wie genau vermögen wir ihre Spur zu verfolgen! Ein Ton, der einmal tiefe Regungen geweckt hat, bleibt unvergeſſen, und Jola's Herz zitterte, als ſie jene Töne vom Hofe herauf vernahm. In der Halle entſtand eine Pauſe von etlichen Minuten, während deren Niemand ſprach; dann folgten Tritte auf der kurzen breiten Haupttreppe, und dann ging die Thüre auf. Fulmer heftete ſeine Augen auf Jola's Geſicht; ſie merkte es nicht, denn ihr eigener Blick war vorwärts auf die Thüre gerichtet. Er ſah, wie ein helles Licht in ihren Augen auf⸗ 339 daͤmmerte, wie eine ſanfte warme Röthe über Stirn und Wangen ſich ausbreitete, wie ein holdes aber nur vorüber⸗ gehendes Lächeln um ihre ſchönen Lippen ſpielte, aber gleich darauf wieder erſtarb. Im nächſten Augenblicke war ſie wieder bleich und gefaßt wie zuvor, und als er den Kopf umwendete, ſah er Chartley herannahen. Die Wunde ſaß in ſeinem Herzen: ſein Argwohn, ſeine Zweifel, ſeine Beſorgniſſe waren beſtätigt. Und doch hatte er nichts Greifbares vor ſich, nichts was ihn berechtigte, anders zu reden oder zu handeln wie zuvor. Das war aber eben um ſo größere Qual, und er beſchloß, eine Gelegenheit zum Handeln oder Sprechen abzuwarten. Mittlerweile kam Chartley, von dem guten Sir Wil⸗ liam Arden gefolgt, mit raſchen Schritten näher. Er hatte ſich etwas verändert, ſeit Jola ihn geſehen hatte: er war ernſter, finſterer, auch ſeine Wange war bleich geworden, und auf ſeiner Stirne waren Sorgen und tiefe Gedanken eingeſchrieben. „Auch er hat gelitten,“ dachte Jola, und ihr Muth ſank mehr als jemals.„O hätte ich ihm doch lieber Alles er⸗ zählt!“ ſagte ſie in ihrem Herzen.„Aber wie konnte ich das? Ach, daß ich auch ihn unglücklich machen mußte!“ Chartley verrieth in ſeinem Weſen keinerlei Aufregung. Er war durch ſein Geſpräch mit Lord Calverly auf das Zu⸗ ſammentreffen mit Denen, die er hier fand, vorbekeitet wor⸗ den, und zuerſt den alten Edelmann anredend, ſagte er: „Ich löſe mein gegebenes Wort und übergebe mich Eurer Obhut, mein guter Lord, wie es des Königs Wille 22* 340 und das Verſprechen, das ich Euch heute Morgen beim Ab⸗ ſchied gab, erheiſcht.“ Dann zu Jola ſich wendend, nahm er ſie mit offener aber ernſter Miene bei der Hand und beugte ſein Haupt dar⸗ über mit den Worten: „Theure Lady, ich freue mich Euch wieder zu ſehen und hoffe, daß Ihr Euch ſeit jenem Abend, da wir uns begeg⸗ neten, wohl befunden habt.“ Mit einer gewiſſen Haſt— dem einzigen Zeichen von Erſchütterung, das er verrieth— grüßte er Konſtanzen faſt mit denſelben Worten, und erkundigte ſich ſofort in freund⸗ lichem aufrichtigem Tone nach ihrer Tante, der Aebtiſſin, indem er ſeine Hoffnung ausſprach, daß die Angſt und Un⸗ ruhe, die ſie in jener Nacht, da er ſie zuletzt geſehen, em⸗ pfunden haben müſſe— ihr nicht geſchadet haben werde. Er horchte aufmerkſam auf Konſtanzen's Antwort, konnte aber nicht verhindern, daß ſeine Augen eine Weile zu Jola's Geſicht zurückkehrten; er fuhr zuſammen und wendete ſich weg, indem er ſich im Kreiſe umſchaute, und ausrief: „Ah, Hungerford! Euch erwartete ich nicht zu treffen. Als Ihr mich zu Leiceſter verließet, meinte ich, Ihr ginget nach London, und glaubte Euch ſchon in ein ganzes Meer von grünem Genueſerſammt vertieft.“ „Ei nein, Ihr vergeßt, daß der Sommer herannaht,“ erwiederte Sir Edward Hungerford.„Niemand als ein Lordmajor oder Alderman könnte in den nächſten acht Mo⸗ naten Sammt zu tragen wagen.“ „Meiner Treu! Ich verſtehe mich nicht viel auf ſolche 341 Dinge,“ gab Chartley zur Antwort;„es iſt aber das ver⸗ nünftigſte Stück Schneiderei, das ich noch gehört habe, wenn es uns warme Kleidung für unſere Wintertracht und leichtere Gewänder für den Sommergebrauch gibt. Ich glaubte wahrhaftig, Ihr ſeyed in London.“ „Ich wäre es auch geweſen,“ antwortete der junge Rit⸗ ter,„wenn ich nicht durch einen zarten Brief meines Freun⸗ des Fulmer, deſſen Einladung ich nicht ablehnen konnte, aufgehalten worden wäre.“ „Laßt mich Euch mit einander bekannt machen, meine guten Lords,“ ſagte Lord Calverly, zwiſchen beide Edelleute tretend und ſie einander vorſtellend. Jeder verbeugte ſich mit ſteifer, vornehmer Miene; Chartley wartete einen Augen⸗ blick, ob Fulmer ihn anreden würde; als dieſer aber ſchwieg, drehte er ſich um, und da er Sir William Arden in lautem Geplauder mit Jola ſah, ſo nahm er ſeine Stelle neben Konſtanzen ein und ſprach abermals von der Nacht ihres erſten Begegnens. Der Eintritt des jungen Edelmannes und ſeiner Be⸗ gleiter hatte eine jener Pauſen veranlaßt, welche in der engliſchen Geſellſchaft ſehr gewöhnlich— ich möchte ſagen, ihr eigenthümlich— ſind. Unter den übrigen Ausländern kann ein Fremder eintreten, kann ſich zwiſchen den übrigen Gäſten verlieren, mit ſeinen Bekannten ſprechen, die ihm Fremden ignoriren, und ſich dieſer oder jener Perſon vor⸗ ſtellen laſſen, ohne das Treiben oder Vergnügen der An⸗ deren zu unterbrechen. Iſt er von ſehr hohem Range oder von beſonders ausgezeichnetem Charakter, ſo folgt ein leiſes 342 Murmeln, eine kaum bemerkbare Bewegung, einige Sekun⸗ den des Beobachtens— das iſt aber Alles, was ſein Er⸗ ſcheinen veranlaßt. Bei uns iſt es anders, und iſt das eben vor ſich gehende Geſpräch nicht ſehr unterhaltend, die begonnene Beluſtigung nicht ſehr anregend, ſo pflegt der Einführung einer bemerkenswerthen Perſon jedesmal eine lange Stille zu folgen, während deren der Fremde wohl bemerken kann, daß Jedermann ihn beobachtet und ſeine Be⸗ merkungen über ihn macht. Auch bei der vorliegenden Gelegenheit war dies in hohem Grade der Fall geweſen. In den erſten fünf Mi⸗ nuten hatte Niemand geſprochen als Chartley, Jola, Kon⸗ ſtanze, deren Oheim und Sir Edward Hungerford. End⸗ lich aber nahm jeder der zahlreichen Gäſte ſein Geſpräch mit dem Nachbar wieder auf, und während das geſchäftige Sum⸗ men wieder rings umher losging, fand Chartley beſſere Ge⸗ legenheit, Konſtanzen einige Worte zu ſagen, die er nicht gerne belauſchen laſſen mochte. „Ich bin hoch erfreut, theure Lady,“ begann er, ſobald er ſich den rechten Augenblick erſehen hatte,„Euch ſo wohl⸗ ausſehend zu finden. Ich wollte, ich könnte Eurer lieblichen Baſe daſſelbe nachſagen; ſie ſieht aber bleich, ängſtlich und gedankenvoll.“ Er ſchwieg, wie um eine Antwort abzuwarten; allein Konſtanze erwiederte blos: „Sie ſieht in der That nicht gut aus.“ „Ich fürchte,“ fuhr Chartley fort,„jene Schreckens⸗ nacht, die ſie im Walde verlebte, mit all der Angſt, die ſte 343 empfunden haben muß, war für ihre zarte Geſundheit zu viel. Ich ſuchte ſie zwar nach Kräften zu tröſten und zu beſchützen; allein meine Kraft war nur ſchwach, und ſie muß viel gelitten haben.“ „Ich glaube kaum, daß jene Angſt daran Schuld iſt,“ erwiederte Konſtanze.„Ihre Geſundheit war immer ſtark und ungeſchwächt“— hier ſchwieg ſie eine Weile aus Furcht, ſte könnte ſich verleiten laſſen mehr zu ſagen, als ſie be⸗ abſichtigte, worauf ſie beifügte:„aber ſte ſieht in der That übel aus. Sie ſpricht übrigens mit großer Dankbarkeit von der Güte, welche Ihr, Mylord, in jener Schreckens⸗ nacht, an die ich nie ohne Entſetzen denken werde— ihr be⸗ wieſen habt.“ „Dankbarkeit!“ wiederholte Chartley lächelnd:„Güte! Mein theuerſtes Fräulein, ſie muß ſich eine ſehr ungünſtige Meinung von den Männern gebildet haben, wenn ſie glaubte, es gebe auch nur Einen Edelmann, der nicht das Nämliche gethan hätte.“ „Wohl, aber es läßt ſich auf gar verſchiedene Weiſe thun, mein edler Lord, und ſie verſicherte mich, daß Ihr ſie nicht anders, als ein Bruder behandelt habt,“ gab Kon⸗ ſtanze zur Antwort. „Wollte Gott, ich hätte nur wie ein ſolcher empfunden!“ murmelte Chartley leiſe vor ſich hin. Die Worte waren kaum hörbar; aber das Ohr ſeiner Gefährtin erhaſchte ſie dennoch, und das ganze Geheimniß war ihr mit einem Male klar. Sie ſchlug die Augen in 344 ſchmerzlichen Gedanken nieder, aus denen ſie gleich darauf durch Chartley's Flüſtern geweckt wurde. „Wollt Ihr ihr eine Botſchaft von mir ausrichten, theuerſtes Fräulein? Denn ich werde vielleicht keine Ge⸗ legenheit haben, es ihr ſelbſt zu ſagen.“ „Was iſt es, Mylord?“ fragte Konſtanze ſchüchtern, während die Glut der Aufregung ihre Wangen bedeckte. „Blos Dieſes,“ verſetzte der junge Edelmann:„Sagt ihr, daß er, um deſſentwillen ſie ſo viel riskirt— ich meine den Biſchof von Ely— in Frankreich in Sicherheit iſt. Ich habe von ſicherer Hand Nachricht erhalten. Sagt ihr das, und füget bei, wenn die tiefſte Dankbarkeit und die aufrichtigſte Hochachtung ſie für Das, was ſie in jener Nacht unternahm, belohnen könne— ſo dürfe ſie ihrer ge⸗ wiß ſeyn.“ „Das will ich,“ erwiederte Konſtanze;„ich will Eure Worte genau wiederholen. Es kann nichts Uebles dar⸗ an ſeyn.“ Sie legte beſonderen Nachdruck auf letztere Worte, und Chartley ſchaute ihr in's Geſicht, wie wenn er deren Aus⸗ legung erfahren wollte. „Allerdings kann nichts Uebles daran ſeyn,“ wieder⸗ holte er,„und ebenſo gut könnt Ihr jeden Gedanken meiner Seele vor ihr wiederholen.“ Konſtanze wollte etwas erwiedern; als ſie aber auf⸗ ſchaute, ſah ſie die Augen ihres Oheims mit bedeutungs⸗ vollem Lächeln auf ſich geheftet, wie wenn er glaubte, daß ſte an Lord Chartley bereits eine Eroberung gemacht habe. 345 Das Geſpraͤch zwiſchen Beiden kam in's Stocken, und Lord Calverly, der auf ſte zuſchritt, erbot ſich gegen den jungen Edelmann, der halb ſein Gaſt und halb ſein Gefangener war, ihn in die Wohnung zu führen, die für ihn, für ſeinen Freund Sir William Arden und deren Diener zugerichtet worden war. Chartley folgte ſchweigend und fand, daß alles Erdenkliche geſchehen war, um ſeinen Aufenthalt zu Chidlow angenehm zu machen. Der alte Lord war lauter Güte und Höflichkeit. In ſeinem gewohnten pomphaften Tone entſchuldigte er ſich über die Dürftigkeit der Geräthe, obgleich dieſe in Wirklich⸗ keit ſehr glänzender Art waren. Er behauptete, das Bett ſey um die Haͤlfte zu klein, obgleich es wenigſtens für ſechs ausgewachſene Perſonen Raum genug geboten hätte. Die Federbüſchel auf den Bettpfoſten, die Bettvorhänge und Tapeten des Schlafzimmers erklärte er für altmodiſch und etwas abgeblaßt. Das Vorzimmer und das anſtoßende Gemach waren wohl gut, nur etwas eng, und er entſchul⸗ digte dies damit, daß dieſer Theil des Gebäudes zu den älteſten des Schloſſes gehöre, wie denn der Thurm von Wil⸗ liam dem Baſtard erbaut worden ſey. „Unſere normänniſchen Vorfahren dachten mehr an Schutzwehren, als an Bequemlichkeit,“ ſagte er;„in dem Hauptgebäude haben wir übrigens größere Gemächer, in denen Lord Chartley immer als geehrter Gaſt willkommen ſeyn wird. Und nun, mein theurer junger Lord,“ fuhr er fort,„bedaure ich zwar, gewiſſermaßen Euer Kerkermeiſter ſeyn zu müſſen; aber ich freue mich doch auch wieder, daß ich im Stande bin, Eure Gefangenſchaft oder— um es mit beſſerem Namen zu nennen— Eure Vormundſchaft zu er⸗ leichtern. Ich möchte ſie gerne ſo mild wie möglich ein⸗ richten, und obwohl ich dem König für Eure Perſon ver⸗ antwortlich bin, ſo möchte ich mich doch nur mit Riegeln und Barren von Worten und Feſſeln von Luft Eurer ver⸗ ſichern. Gelobt mir als Ritter und Edelmann, wie Ihr heute Morgen thatet, daß Ihr keinen Verſuch zur Flucht machen wollt, dann könnt Ihr herumſchweifen, wohin Ihr wollt. Ich mag keine Spione gegen Euch aufſtellen. Ihr möget dann denken, Ihr ſeyd ein Gaſt in meiner armen Behauſung, und alles Peinliche der Gefangenſchaft iſt vorüber. „Tauſend Dank, mein edler Freund,“ erwiederte Chart⸗ ley.„Mein Verſprechen gebe ich ſehr gerne; aber es wäre beſſer für uns Beide, wenn Eure Nachſicht, wie meine Ver⸗ bindlichkeit, eine Grenze hätte. Laßt es von einem Monat auf den andern gelten. Ich will mich am erſten jeden Mo⸗ nats als Euer Gefangener präſentiren, und Ihr könnt dann Eure gütige Erlaubniß nach Belieben erneuern oder nicht.“ „Angenommen, angenommen!“ rief Lord Calverly. „Das iſt eine vortreffliche Anordnung. Die Zimmer für Euern Freund Sir William Arden, einen ausnehmend gu⸗ ten und tapfern Ritter, der aber wohl mit Schlachtfeldern vertrauter iſt als mit Hallen oder Frauengemächern— liegen unmittelbar über, die Curer eigenen Diener unter Euch. Die Rollbetten im Vorzimmer ſind etwas klein, werden aber für zwei Eurer Leute wohl ausreichen.— Und 347 nun verlaſſe ich Euch mit der Erinnerung, daß unſer Abend⸗ mahl in einer Stunde auf dem Tiſche ſtehen wird.— Ha, da kommt Sir William Arden über den Hof, von meinem Vetter John geführt. Ich will ihm im Vorbeigehen die Stunde unſeres Abendeſſens nennen; er wird aber wohl nicht viele Zeit auf ſeinen Anzug verwenden.“ „Das macht: ſeine eigenen hohen Vorzüge ſind ſein beſter Anzug, wie er auch ſonſt gekleidet ſeyn mag,“ ver⸗ ſetzte Chartley.„Die Wolle des Schafs, die Eingeweide des Seidenwurms können in meinen Augen den Werth eines Mannes nur wenig vermehren; allein Arden's ſchlichter Anzug iſt Folge ſeiner eigenen Wahl und nicht der Noth⸗ wendigkeit,“ ſetzte er bei, da er nicht wollte, daß ſein bar⸗ ſcher Freund ſogar von einem Manne, der den Reichthum für einen hohen Vorzug erachtete, unterſchätzt würde.„Es iſt Euch ohne Zweifel bekannt, Mylord, daß er mit welt⸗ lichem Reichthum ebenſo gut, wie mit Vorzügen des Her⸗ zens geſegnet iſt.“ „Ei nein, das wußte ich nicht,“ verſicherte Lord Cal⸗ verly mit einem Blicke großer Theilnahme.„Ich glaubte, er gehöre nur zu den Rittern Eures Haushaltes.“ „Er iſt meiner Mutter Geſchwiſterkind,“ erklärte Chart⸗ ley,„und dies die Urſache ſeiner Anhänglichkeit an mich.“ „Nein, nein, Eure eigenen hohen Verdienſte ſind wohl ſchuld daran,“ ſchloß Lord Calverly mit einer leichten Ver⸗ beugung und entfernte ſich. Wenige Minuten ſpäter trat Sir William Arden mit gut gelaunter Miene in Chartley's Zimmer, 348 „Nun Knabe,“ rief er,„da biſt Du denn, ein Gefan⸗ gener. Schätze Dich glücklich, daß Du von des Bären Fängen nicht zerriſſen worden biſt. Meiner Seel! Er ver⸗ wundet tief, wo er hintrifft. Unſer Wirth, der alte Narr, hat mich im Hofe fünf Minuten lang mit einer Lobrede über Deine Verdienſte aufgehalten und war höchlich über⸗ raſcht, als ich ihm die einfache Wahrheit erzählte, nämlich daß Du ein thörichter tollköpfiger Knabe ſeyeſt, der wohl ein halb hundert ſolcher harten Lektionen, wie dieſe, be⸗ dürfen werde, bis ihm einige Körner geſunden Menſchen⸗ verſtandes eingetrichtert würden.“ Arden warf ſich bei dieſen Worten auf einen Fenſterſitz und ſchaute hinaus, nur wenig auf Chartley's kurze Ant⸗ wort achtend. Er ſelber ſchwieg mehrere Minuten lang, bis er plötzlich ſich umwendend ausrief: „Sage mir, Chartley, was iſt dem ſüßen Mädchen, dieſer Jola, begegnet? Sie, die ſo aufgeräumt war, iſt langweilig; ſie, die ſo luſtig ſeyn konnte, iſt traurig; ihre Wange, die wie Roſen blühte, iſt jetzt wie eine Lilie die ſich, von ſchweren Thautropfen niedergezogen, zwiſchen ihren grünen Blättern zur Erde neigt.“ „Ja, das weiß ich nicht,“ gab Chartley zur Antwort, indem er ſein Haupt auf die Hand ſtützte und ſeine Augen auf den Tiſch heftete. „So, was iſt's dann mit Dir, Mylord?“ fragte Sir William Arden weiter;„denn Dir geht's gerade ſo wie ihr. Du biſt traurig, wo Du luſtig, hiſt ſtumpf, wo Du witzig . 349 warſt, und ſtehſt mehr einer ausgepipsten Henne als einem roſigen Flederwiſche ähnlich.“ „Mich dünkt, meine jetzige Lage könnte das Alles ge⸗ nügend erklären,“ meinte Chartley. „Geht, geht— das iſt Nichts, Mylord,“ antwortete ſein Freund.„Ich habe Dich in weit ſchlimmerer Klemme geſehen, als wir damals von den braunen Burſchen in Tri⸗ polis gefangen wurden, und da warſt Du luſtig wie eine Lerche. Du thuſt beſſer, wenn Du Dich mit irgend Jemand berathſchlagſt. Sage mir mit einem Worte was es iſt. Haſt Du Dich in dieſes liebliche Fräulein verliebt, als Du die ganze Nacht mit ihr im Walde warſt? Die Verſuchung war allerdings groß. Sogar ich war bei Tiſche halb und halb geneigt, den alten Narren zu ſpielen, und der hübſchen Konſtanze ſüße Dinge in's Ohr zu flüſtern, nur um ſie für Ned Hungerford's leeres Geplapper zu entſchädigen.“ Chartley lehnte noch immer den Arm auf den Tiſch und blieb in Gedanken verſunken. Das war an ihm eine unge⸗ wohnte Stimmung, denn in der Regel machten ſich alle Herzensregungen alsbald bei ihm Luft; allein neue Leiden⸗ ſchaften erzeugen auch ein neues Verhalten. Zum Erſten⸗ male in ſeinem Leben fühlte er ſich geneigt, ſich über den Freund zu ärgern, der aus purer Freundſchaft ſeinen Hand⸗ lungen nachforſchte. Er fühlte jedoch, daß dies unrecht und thöricht ſey, und als ein höchſt unvollkommenes Geſchöpf verfiel er nach ganz kurzem Kampfe gerade in das entgegen⸗ geſetzte Ertrem. „Du biſt ein zu ſcharfer Eraminator, Arden,“ ſagte ey 350 mit einem Lachen, das etwas von ſeiner alten Munterkeit an ſich hatte;„aber ich will Deine Frage wie ein Mann beantworten. Ich glaube nicht, daß der Name Liebe auch nur ein einziges Mal während jener Nacht über meine Lip⸗ pen kam.“ „Aha,“ rief der barſche Ritter;„man braucht auch gar nicht von Liebe zu reden, um die Cour zu machen.“ „Mag ſeyn,“ gab Chartley zur Antwort;„wenn ich übrigens die Cour machte, geſchah es ohne Abſicht. Eines fühle ich nur zu gut, nämlich, daß ich lieben lernte, auch ohne die Cour zu machen, und das iſt weit ſchlimmer. Noch übler aber wäre es, Arden, wenn ich auch ſie lieben ge⸗ lehrt hätte.“ „Wie ſo?“ fragte Sir William Arden auffahrend. „Und doch kann ich's kaum glauben,“ fuhr Chartley, ſeinen eigenen Gedankengang verfolgend, fort:„Nein, nein, das wolle Gott verhüten! Dieſe Bläſſe, dieſe Traurigkeit kann tauſend andere Urſachen haben.“ „Wie iſt mir denn? Was meinſt Du damit?“ fragte Arden abermals.„Warum ſollteſt Du wünſchen, daß ſie Dich nicht liebe? Bedenke nur, junger Mann: Du kannſt die Liebe nicht wie eine beſchmutzte Jacke abſtreifen, wenn Du ſie einmal angelegt haſt; ein ächter Ehrenmann ſucht keine Liebe, die er nicht für immer tragen mag— wenig⸗ ſtens bis das Gewand von ſelber abfällt.“ „Du weißt es nicht; Du begreifſt's nicht,“ entgegnete Chartley ungeduldig.„Ich ſage Dir, das Fräulein iſt mit dieſem Lord Fulmer verloht— ſeit ihrer Kindheit förmlich 3⁵¹ verlobt, und es fehlt Nichts als die letzte Ceremonie der Kirche.“ „Und ſie ſagte Dir's nicht?“ fragte Arden.„Das war unrecht, ſehr unrecht.“. „Du ſelbſt biſt im Unrecht,“ erwiederte Chartley.„War⸗ um ſollte ſie mir's ſagen, da ich nie von Liebe zu ihr ſprach? Was mein Weſen ausdrückte, weiß ich nicht; geäußert habe ich kein Wort, das ihr einen Vorwand geben konnte, um mir ihre Privatangelegenheiten zu erzählen. Ich dachte, ich würde ſpäter Gelegenheit genug haben, um mich offen auszuſprechen, und bei ihrer damaligen Unruhe und Auf⸗ regung hätte ich nicht um die ganze Welt etwas thun oder ſagen mögen, was ihre Beklemmung vermehrt hätte. Seit jener Zeit habe ich erfahren, daß ſte noch als Kind mit Lord Fulmer verlobt wurde daß ſie aber ſeit ihrer Kindheit ſich nicht mehr geſehen haben, da er am burgundiſchen Hofe auf⸗ erzogen worden.“ „Der Teufel!“ fluchte Sir William Arden, im Zimmer auf und ab ſchreitend,„das iſt die unangenehmſte Geſchichte, mit der ich je zu ſchaffen hatte! Und Du noch obendrein genöthigt, in einem und demſelben Hauſe mit ihm zu woh⸗ nen! Um's Himmels willen— was willſt Du nur thun, mein theurer Junge?“ „Ich werde es machen, ſo gut ich kann,“ antwortete Chartley.„Es wäre vielleicht am Beſten, Arden, wenn ich wenigſtens den Schein meiner früheren Munterkeit an⸗ nähme. Im ſchlimmſten Falle wird ſie mich dann für leicht⸗ ſinnig halten, und wenn die Gefühle, die ſie mir eingeflößt 33² hat, in ihr ſelbſt rege ſind, ſo wird ſie bald zu dem Glauben gebracht werden, daß ich als ein Leichtfuß ihrer Liebe un⸗ würdig bin, und ſie wird dann das Opfer, das ſie bringen muß, um ſo weniger beklagen.“ „Ei bewahre, mein theurer Lord! Du mußt Dich nicht verſtellen,“ ſo lautete Sir William Arden's Mei⸗ nung.„Sey was Du willſt; nur ſcheine auch jederzeit was Du biſt! Der Henker hole die Leute, die in Masken ein⸗ hergehen! Der gerade Weg iſt immer der beſte. Ich will jedoch dieſe von der Reiſe beſchmutzten Kleider ablegen, und mir die Sache überlegen, während ich den Staub aus den Augen wiſche.— Bei unſerm Herrn und Heiland!“ fuhr er, zum Fenſter hinausſchauend, fort:„da kommt die Aeb⸗ tiſſin von Atherſton mit Gott weiß wie viel Leuten in den Hof gezogen. Das Schloß wird in der That über⸗ füllt, und ich werde wohl mein Zimmer mit ihr theilen müſſen. Nun, dem Himmel ſey Dank für das Alles! Sie iſt eine luſtige fette Seele und wird uns den Gram weg⸗ ſcherzen helfen.“ So ſprechend verließ er ſeinen Freund, der im Gan⸗ zen nicht unzufrieden war, daß er gezwungen worden, einen Mann zum Vertrauten zu machen, auf deſſen Ehre, Unbeſcholtenheit und geraden Verſtand er feſt vertrauen durfte. 8 353 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. In den Wäldern wandelte— oder beſſer geſagt hinkte— ein Mann in grober aber bequemer Kleidung und mit einer Art kretiſcher Mütze auf dem Kopfe. Er hatte ein luſtiges in Wein oder andere ſtarke Getränke einbalſamirtes Geſicht, und in dem ledernen Gürtel, der ſeinen braunen Rock feſt um die Hüfte band, ſteckte auf der einen Seite ein langes Meſſer, auf der andern das Mundſtück eines Dudelſacks; letzterer ſelbſt war leider dahin. Er ſchaute nach dem reinen blauen Himmel empor, zu den grünen Blättern, die eben an den Zweigen über ſeinem Haupte zum Vorſchein kamen; im Weitergehen ſang er ein Liedchen, denn ſeine Pfeifen waren ihm von Catesby's Sol⸗ daten zerſchlagen worden, und ſeine Kehle war das einzige muſikaliſche Inſtrument, das ihm übrig geblieben war. Lied. O Frühling, Frühlingsklingen! Sonn'ſchein auf dem Rücken und Thau auf den Schwingen. Du liebſter Vogel im ganzen Jahr! O wie lieb ich dich zu hören, Deine Knaben in frohen Chören, Wenn ſie ſingen. O ſelige, ſelige Zeiten! Wenn der Hagedorn platzt und das Gaisblatt klimmt, Und die Töchter des Maien Uns mit Glöckchen erfreuen Und Jubel verbreiten Nach allen Seiten! James, Der Waidmann. 354 O wonnige, wonnige Stunden, Frohen Jugendherzen in lieblichen Lauben! Wie wäre ich froh, Kehrte mein Frühling ſo;. Doch mein Jahr iſt— wo? An den Herbſt gebunden. Aber's kommt wohl ein Tag, Schöner weit als er jemals geleuchtet hienieden, Wenn auf Schwalbenſchwingen Frühling wird eindringen, Und mein Geiſt wird ſingen Ohne Schmerz und Plag. So ſang Sam der Pfeifer, während er mit ſeinen humpelnden aber ausgiebigen Schritten von der Heerſtraße zwiiſchen Atherſton und Hinckley den ſchmaleren Pfad durch den Wald hinabſtieg, der an der Hütte des Waidmanns vorüber an das Ufer des Fluſſes führte. Ihm war ein fröhliches Herz beſchieden, das das Glück ſuchte und fand, wo es immer zu treffen war, und das Unglück oder Mißge⸗ ſchick ſo leichtmüthig trug, wie nur irgend ein Menſch es tragen konnte. O es iſt ein großer Segen um ſo ein heiteres Temperament, das ſeinen eigenen Sonnenſchein in dieſer winterigen Welt verbreitet— geſegnet woher es auch immer kommen mag, aber am geſegnetſten dann, wenn das Bewußt⸗ ſeyn der Rechtſchaffenheit, ein ruhiges unbeflecktes Gewiſſen und reines Hoffen ſeine Quelle iſt! Ich kann nicht ſagen, daß dies gerade bei unſerem guten Freunde Sam der Fall war; doch beſaß er jedenfalls das wun⸗ derbare Vermoͤgen, alle vergangenen Schmerzen zu vergeſſen 35⁵ und ſeine Augen vor kommenden Gefahren zu verſchließen. Seiner Bedürfniſſe waren ſo wenig, daß er nicht leicht zu befürchten brauchte, ſie nicht befriedigen zu können, und wenn auch ſeine Wünſche etwas umfangreicher waren, ſo genügte doch der Rand eines Tellers oder einer Kanne, um ſie ſämmt⸗ lich zu umſchließen. Befürchtungen hegte er keine, denn die Sorgen hatte er längſt in den Wind gejagt, und indem er ſeine Freuden und ſeine Erforderniſſe in die engſten Grenzen zuſammendrängte, gelang es ihm, unter dem einzigen Packe, den er trug, gar wunderbar leicht durch die Welt zu kommen. Fremde Sorgen und Unglücksfälle, der Kampf von Nationen, Bürgerkriege, Vorzeichen oder Erſcheinungen, gewaltthätige und verbrecheriſche Handlungen dienten ihm ſo zu ſagen nur zur Beluſtigung, ohne daß ich damit der Gutherzigkeit des armen Sam im Geringſten zu nahe treten möchte, denn ich will damit nur ſagen, daß ſie ihm etwas zu plaudern gaben. Singen und Plaudern war aber Sams einziges Vergnügen, ſeitdem ein brutaler Kriegsknecht ſeinen Dudelſack entzwei⸗ geſchlagen hatte. Trinken war bei ihm ein nothwendiges Uebel, das er ſo ſchnell wie möglich abmachte, ſobald er die Mittel dazu fand. Er war eben jetzt von Hinckley dahergekommen, um bei dem Kloſtermüller, der neben der Brücke wohnte, den ganzen Pack von Neuigkeiten auszukramen den er während der letzten zwei bis drei Wochen in jenem Städtchen wie an andern Orten eingeſammelt hatte. Einen Theil davon hätte er gerne an Boyd den Waidmann verhandelt; aber er wagte nicht einmal an ſo etwas zu denken, da ſich Boyd von jeher 23* 356 als einen ebenſo großen Feind aller Plaudereien erwieſen hatte, als der Müller ein Freund davon war. Die Sommerſonne, die ſich diesmal einige Monate vor ihrer Zeit aufgemacht, hatte jedoch Boyd vor ſeine Thüre gelockt, und ſo ſah man ihn mit einem großen ſtarken Meſſer in der Hand und allerlei langen Eiben⸗ und ſonſtigen Holz⸗ ſtäben daſitzen und dieſe mit großer Geſchicklichkeit zu Pfeilen zurecht ſchnitzen. Es war wunderbar mit anzuſchauen, wie gerade, wie rund und eben er ſie ohne Zirkel oder Richtmaß mit ſeinem bloſen Meſſer zuwege brachte. Die Spitzen fehlten freilich noch; allein Boyd dachte bei ſich ſelbſt: „Ich will das nächſte Mal etliche ſechs bis acht Dutzend von Tamworth herübernehmen. Auf alle Fälle iſt es gut, ſich vorzuſehen.“ Während er ſo dachte, drang ihm der Schritt des auf der Straße daherkommenden Pfeifers zu Ohren, und er ſchaute empor. Sam wäre übrigens mit einem bloſen „Guten Morgen“ vorübergegangen, denn er hatte nicht ge⸗ ringen Reſpekt vor Meiſter Boyd, wenn der Waidmann ihn nicht ſelber in einem Tone angeredet hätte, der beinahe freundlich genannt werden konnte. „Ei, Sam— wie geht Dir's in der Welt? Du haſt einen neuen Rock und Hoſen davon getragen, wie ich ſehe.“ „Ja wohl, Dank den Goldſtücken des jungen Lords,“ gab Sam zur Antwort.„Er bezahlte mich gut und honnett, und ich faßte einen ſtarken Entſchluß und wollte das Geld lieber auf meinen Rücken als auf meinen Bauch verwenden.“ „Ah, da ſteht's noch nicht ſo ſchlimm mit Dir!“ rief 357 Boyd.„Was iſt aber aus Deinen Pfeifen geworden, Mann? Sie pflegten ſonſt immer unter Deinem Ellbogen und nicht im Gürtel zu ſtecken.“ „Jene ſchurkiſchen Soldaten haben meinen Dudelſack zerſchlagen,“ antwortete der Pfeifer,„und ich werde wohl wenigſtens durch drei Grafſchaften wandern müſſen, ehe ich wieder einen bekomme. Erſt heute Morgen habe ich gewiß einen Silbergroſchen eingebüßt, weil mir mein Inſtrument abging, denn zu Hinckley war luſtige Geſellſchaft, worunter einige Schottiſch redeten. Nun iſt bekannt, daß jeder Schotte die Sackpfeife liebt.“ „Aber nicht ſolche Pfeifen wie die Deinen,“ verſetzte Boyd.„Jene ſind von anderer Machart.— Wer waren jene Leute: haſt Du's erfahren?“ „Ich fragte nicht nach Namen,“ erwiederte Sam,„denn die Schotten laſſen ſich nicht gerne ausfragen. Es war eine ſehr anmuthige Dame unter ihnen— ſehr anmuthig und noch immer ſehr ſchön, obwohl der Frühling ihres Lebens vorüber iſt; die Leute nannten ſie Hoheit.“ Der Waidmann wurde nachdenklich und fragte weiter: „Waren es lauter Schotten?“ „Nein, einige waren Engländer— Kavaliere von des Königs Hoſe, wie ich glaube,“ gab Sam zur Antwort. „Sie ſprachen ſo gut Engliſch wie Ihr oder ich. Außer jener Dame waren noch andere vornehme Schotten dabei. Sie iſt gewiß eine Prinzeſſin— und welche engliſche Prin⸗ zeſſin koͤnnte ſie ſeyn?“ 358 „Waren Alle ſo bunt und prächtig gekleidet?“ forſchte Boyd in demſelben nachdenklichen Tone. „Einige wohl, Andere aber auch nicht,“ erzählte der Pfeifer;„die Lady ſelbſt trug ſich am einfachſten von Allen, mehr wie eine Nonne als wie eine Prinzeſſin. Ihr könnt ſie jedoch mit eigenen Augen ſehen, wenn Ihr wollt; denn wenn ſie ſich an die Zeit halten, um die ſie aufbrechen wollten, wie ſie ſagten, müſſen ſie in einer halben Stunde vorüberkommen. Sie gehen nach Atherſton, um dort im Kloſter zu beten, und Ihr dürft Euch nur an's Thor oder unter einen Baum neben der Straße ſtellen, um den ganzen Zug vorüberkommen zu ſehen.“ „Das will ich,“ erwiederte der Waidmann, und von ſeinem Sitze aufſpringend ſtülpte er den neben ihm liegen⸗ den Hut auf den Kopf und wollte eben aufbrechen, als ihm plötzlich etwas einzufallen ſchien, worauf er ſich wieder mit den Worten zu dem Pfeifer wendete: „Du biſt gewiß durſtig und hungrig, Sam. Komm herein; Du ſollſt einen Trunk Ale und ein Stück Schafkäs haben.“ Das war eine Einladung, die der Pfeifer niemals ausſchlug; denn ihm war Eſſen und Trinken jederzeit will⸗ kommen. Er folgte alſo und empfing dankbar was ihm angeboten wurde. Der Waidmann wartete ſeinen Dank nicht ab, ſondern entließ ihn mit faſt einem halben Laib Schwarzbrod und einem Käsklumpen ſo groß wie zwei Fäuſte, nachdem er ein mäßiges Quart Ale getrunken hatte. Indem er ſofort ſeinem rieſigen Hunde die Bewachung des 359 Hauſes überließ, entfernte er ſich und ging eilenden Schrittes nach der Straße, die der Pfeifer genannt hatte. Dort ſtellte er ſich unter denſelben Baum, unter dem er in einer für ihn ereignißreichen Nacht geſtanden, als er damals einen von des Königs Kurieren erſchlagen hatte.. Man hätte glauben ſollen, das Andenken an dieſe That hätte ihm peinlich ſeyn müſſen; allein es ſchien ihn nicht im Mindeſten zu bewegen. Ruhig betrachtete er die Stelle, wo der Mann geendet hatte; wäre nicht einſtweilen Regen ge⸗ fallen, ſo hätte man das Blut noch an den Steinen ſehen können; wenn jedoch überhaupt eine Veränderung in ſeiner Miene vor ſich ging, ſo war es höchſtens die, daß ſeine Stirne ſich erheiterte, und daß ein ſchwaches Lächeln über ſeine Lippen kam. „Es war die Hand der Gerechtigkeit,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Auffallend aber iſt es, daß keine Unterſuchung an⸗ geſtellt wurde. Ich ging in's Kloſter und berührte den Leichnam; allein er blutete nicht. Der lebloſe Koͤrper ſpürte die Hand des Rächers und mochte ihn nicht anklagen.“* Er wartete eine Weile, von Zeit zu Zeit die Straße hinaufſchauend und den Kopf vorneigend um zu horchen. Endlich vernahm er Pferdetritte langſam nahe kommen. * Er bezog ſich hier auf die abergläubiſche Anſicht, die nicht nur damals, ſondern noch lange Zeit ſpäter vorherrſchte, daß näm⸗ lich die Wunde eines Gemordeten, wenn der Mörder den Leichnam mit der Hand berühre, von Neuem zu bluten anfange. Noch iſt zu bemerken, daß dieſer Aberglaube ſogar an ſchottiſchen Gerichts⸗ höfen noch lange anerkannt wurde, nachdem er in England ſchon gänzlich erloſchen war. 360 Sie machten nur wenig Geräuſch, denn die Straße waͤr ſandig, wie ich früher irgendwo geſagt habe. Er ſchaute jetzt den Hügel aufwärts und ſah einen Zug von zwanzig bis fünfundzwanzig männlichen und weiblichen Perſonen in nicht ſehr geregelter Ordnung langſam herabkommen. Ohne nach dieſem erſten zufälligen Blicke länger zu warten, zog er ſich etwas abſeits von der Straße hinter die hohen Büſche zu⸗ rück, welche mit wenigen ſchlanken Bäumen untermiſcht den Wald ringsum einſäumten. Dort wo er ſehen konnte, ohne geſehen zu werden, blieb er ſtehen, kreuzte die Arme über der Bruſt und guckte aufmerkſam durch eine Oeffnung in dem jungen Blätterwerk, die ihm einen guten Ueberblick über einen beträchtlichen Theil der Straße gewährte. Etwa drei bis vier Minuten nachdem er ſeine Stellung eingenommen hatte, kam die Kavalkade allmälig zum Vor⸗ ſchein. An ihrer Spitze zog eine Dame auf einem ſchönen Grauſchimmel, den ſie mit Anmuth zu reiten verſtand. Die Schilderung, die der wandernde Muſikant von ihrem Aeußern entworfen, war, ſoweit er ſie gegeben, ganz genau. Die Dame war ſehr ſchön, mit äußerſt zarter weißer Geſichts⸗ farbe ohne alle Runzeln; ihr Haar, das nach einer in Eng⸗ land nicht üblichen Mode über die Stirne gelegt war, ſchien früher nußbraun geweſen zu ſeyn, war aber jetzt ziemlich mit Grau vermiſcht. Auch ihre Geſtalt war ausnehmend zierlich, nicht über Mittelgröße, hatte aber die eigenthümliche Zartheit der Jugend verloren und die Fülle eines reiferen Alters angenommen. Ihr Anzug war ausnehmend einfach und beſtand aus einem grauen Reitrock, einem Baret nebſt 361 Schleier, der auf ihre Schultern zurückgefallen war; in ihrem ganzen Weſen lag aber ein Anſtrich würdevoller An⸗ muth, der nicht zu verkennen war; auch der Ausdruck ihrer Geſichtszüge war würdig, aber ausnehmend ernſt— ernſt bis zur Melancholie. Eine Anzahl weit bunter ausſehender Perſonen folgte in Trachten, welche theilweiſe ausnehmend ſchön und ſogar glänzend waren; das Auge des Waidmanns heftete ſich jedoch— wie die meiſten anderen Leute gethan hätten— ausſchließlich auf die Dame; er ließ ſie keinen Moment aus den Augen und folgte ihr die Straße hinab, bis die Bäume ſte ſeinem Anblicke entzogen. Nachdem er ſofort eine Weile mit feſt zu Boden gehefteten Blicken ſtillgeſtanden hatte, warf er ſich in das lange Gras nieder und bedeckte ſein An⸗ geſicht mit den Händen. 4 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Tageshelle herrſchte in der Halle, denn Lord Calverly liebte den Glanz. Das Feſtmahl war ſo auserleſen, wie man es nur wünſchen konnte, und ſogar Sir Edward Hun⸗ gerfords kritiſcher Geſchmack fand Nichts auszuſetzen. Nur das Zuſammenreihen der Gäſte war nicht ganz der Art, wie es zu ihren Neigungen am beſten paßte. Es waren Viele darunter, mit denen wir wenig oder nichts zu ſchaffen haben und die vielleicht gerade ſo placirt waren, wie ſie ſich ſelber geſetzt hätten; mit Jola und Chartley aber war dies jedenfalls 4 362² nicht der Fall, denn ſie ſaß zwiſchen ihrem Oheim und Lord Fulmer, während Chartley etwas entfernt von ihr auf der andern Seite der Tafel untergebracht war. Ihr Verſtand mochte ſagen was er wollte: ihr Herz meinte immer wieder, ſie hätte ihn lieber in der Nähe gehabt. Ihr Ohr dürſtete nach den Klängen ſeiner Stimme; ihr Auge wanderte von Zeit zu Zeit auf einen Augenblick zu ſeinem Geſichte, zog ſich aber alsbald mit einem Impulſe, den ſie nicht beherrſchen konnte, wieder zurück. Sie war gar jung und unerfahren, und man muß ſie deshalb einigermaßen entſchuldigen. Sie wünſchte nur das Rechte zu thun und alles Unrecht zu ver⸗ meiden; allein das Herz war rebelliſch und wollte ſeinen eigenen Weg gehen. Auch Konſtanze hätte ſich einen andern Platz wünſchen können. Sir William Arden hatte es zwar ſo einzurichten gewußt, daß er zu ihrer Linken zu ſitzen kam, und mit dieſem Theil des Arrangements war ſie recht wohl zufrieden; aber Sir Edward Hungerford nahm die andere Seite ein, und es war kaum ein Menſch in der ganzen Halle, den ſie ihm nicht vorgezogen hätte. „Munter, munter, meine Freunde!“ ſagte der treffliche Lord Calverly, als er bemerkte, daß ſeine Gäſte aus irgend welchem Grunde nicht ganz ſo luſtig waren, wie ſie wohl hätten ſeyn können.„Laßt uns Alle fröhlich ſeyn, denn in dieſen unruhigen Zeiten kann man unmöglich ſagen, wenn man ſich mit freundlichen Geſichtern zum heitern Abendmahle niederſetzt, wann man ſich wiederſehen wird.“ „Bei Sankt Paul! Dieſes Thema iſt wohl darauf be⸗ 363 rechnet, um Heiterkeit hervorzurufen!“ bemerkte Sir William Arden leiſe zu Konſtanzen,„und ehrlich geſtanden, theures Fräulein— die Schloßhalle ſcheint kein ſo fröhlicher Ort wie das Refektorium in Eurem Kloſter.“ „Ich fange an zu glauben,“ verſetzte Konſtanze,„daß der ruhige Kloſterſchatten im Ganzen mehr Luſt und Heiter⸗ keit in ſich bergen mag als dieſe lachluſtige Welt.“ „Pah! Auf dieſem Glauben dürfen wir Euch nicht laſſen,“ meinte Sir William Arden.„Kann Euch Sir Edward Hungerford nicht vom Gegentheile überzeugen? Er hat es verſucht, wie ich glaube.“ Er ſagte dies blos flüſternd, und ſeine Worte riefen auf Konſtanzens Antlitz ein ſchwaches Lächeln aber kein Erröthen hervor, während ſie blos mit einem:„Pſch! pſch!“ ant⸗ wortete. „Nun denn, wenn es ihm nicht gelingt, ſo muß ich es verſuchen,“ fuhr Sir William fort;„dabei komme ich mir aber vor, wie wenn eine alte Waffenrüſtung in raſchem Tempo herumtanzt. Warum ſolltet Ihr aber nicht ſo gut wie Eure ſchöne Couſine glücklich ſeyn in dieſer Welt?“ „Iſt ſie glücklich?“ fragte Konſtanze ſeufzend. „Ja, das iſt freilich eine Frage, worüber ich meinen Zweifel habe,“ gab der gute Ritter zur Antwort;„doch für jetzt Nichts weiter davon, denn der Grünſpecht wendet ſich wieder nach Euch um. Ich wollte wetten, daß er ſich mit jenem hübſchen kleinen Ding zu ſeiner Rechten, das gerade ſo geiſtreich wie er ſelbſt zu ſeyn ſcheint, über nichts Anderes beſprochen hat, als wie der Zendel vor der Seide den Vor⸗ »* * 364 zug verdiene, und ſchwören wollte ich, daß ein halbſtündiges Geplauder ſie ganz bankerott machen würde, ſo daß ſie aus Mangel an Münze die Zahlung einſtellen müßten.“ „Es iſt merkwürdig heiß heute Abend, ſüße Lady Kon⸗ ſtanze,“ begann Sir Edward, an dieſe ſich wendend.„Meine Wange brennt, und ich muß wohl ſo roſig ausſehen wie eines Landrichters Diener.“ „Beſſer als weiß und gelb wie ein Talgklumpen,“ brummte Sir William Arden neben ihr.„Dieſe Leute mit ihrer zarten Haut machen mich noch toll; wie wenn ſie mein⸗ ten, um ein Höfling zu ſeyn, müſſe ein Mann ausſehen wie ein Milchgeſicht von Mädchen, das kaum der Ammenſtube entlaufen! Und dann müſſen ſie auch erröthen und die Luft ſchwül finden; aber ich weiß ſchon, wie man die rothe Roſe Eurer Wange verſcheucht.— Fallt lieber in Ohnmacht, Hungerford, fallt lieber ganz in Ohnmacht! dann ſeyd Ihr wieder ſo bleich wie gewöhnlich.“ „Haſt Du jemals einen ſo brummigen alten Sohn des Mars gehört, ſchöne Dame?“ fragte Sir Edward Hunger⸗ ford.„Er meint, Niemand könne fechten wie er, wenn er nicht fluche und ſchwöre, ein Geſicht wie Ebenholz und eine Haut wie ein Rhinoceros habe.“ „Ei, ich weiß, daß Du fechten kannſt wie ein Mann, Hungerford,“ antwortete Sir William Arden.„Um ſo mehr ſollteſt Du Dich ſchämen, daß Du ſchwätzeſt wie ein Weib und Dich kleideſt wie ein Quackſalber. Wollteſt Du im Feld eben ſo viele Sorgfalt auf Deine hübſche Perſon 36⁵ verwenden, wie Du es in der Halle thuſt, ſo wäreſt Du ein ſchlechterer Soldat als Du biſt.“ „Ritterlich geſprochen!“ erwiederte der Andere, und abermals an Konſtanzen ſich wendend, ſetzte er das Geſpräch mit ihr folgendermaßen fort: „In der Hauptſache iſt er nicht ſchlimm, dieſer würdige Mann. Wenn man ihn freilich reden hört, ſo könnte man ihn für einen von den Teufeln halten; aber es iſt blos Ge⸗ ſchwätz, theure Lady. Im Herzen iſt er ſo ſanft wie ein Lamm, wenn er nicht gerade im Feld ſteht— dann kämpft er natürlich ſeinen Kumpanen zulieb; aber eine feine Politur iſt bei ihm unmöglich. Seine Mutter muß wohl vergeſſen haben, ihn in ſeiner Jugend abzulecken, und ſo haben wir den Bären in ſeinem Naturzuſtande.“ Sir William Arden lachte, obgleich er der Gegenſtand dieſes Witzes war, und ſagte mit einem Blick auf Kon⸗ ſtanzen: „Das iſt ganz wahr, Fräulein, ſo wahr wie das, was ich von ihm ſagte. Wir verſtehen uns vortrefflich darauf, unſere gegenſeitigen Charaktere zu ſchildern. Ihr habt jetzt vernommen, wie Einer den Andern abzeichnete: jetzt ſagt, wer Euch am beſten gefällt.“ „Vortrefflich!“ rief Hungerford.„Das iſt ein Aner⸗ bieten von Herz und Hand.“ „Meinetwegen,“ antwortete Sir William Arden lachend. „Das iſt auf alle Fälle etwas Solides. Er kann nichts anbieten als einen Schatten im geſchlitzten Wammſe, eine bloſe Stimme und einen wandelnden Kleiderrechen. Was 366 Magerkeit betrifft, ſo iſt das Echo nichts neben ihm, und ich würde fürchten, daß das Schickſal des Nareiſſus ihm noch bevorſtehe, wenn er ſich nicht mehr als ſogar Narciſſus liebte und ſeine eigene hübſche Perſon gegen nichts Anderes — ſey es Schatten oder Materie— austauſchen würde. Er wird ſich niemals aus purem Gram in eine Blume oder in ein Bächlein verwandeln, wie jene jungen Herrn und Damen in alten Zeiten thaten.“ „Ich wäre ein großer Narr, wenn ich das thäte,“ er⸗ wiederte Hungerford;„wenn übrigens bei Euch das Schmel⸗ zen anfängt, dann wird die ganze Welt in Thau zerfließen, denn es iſt ſchwer zu ſagen, ob Euer Kopf oder Euer Herz das Härteſte an Euch iſt.“ „Ei, ihr Herren, Ihr braucht ja recht bittere Worte,“ ſagte die hübſche Dame auf der andern Seite Hungerfords. „Ich muß in der That an den guten Lord Calverly appel⸗ liren.“ „Ei, da laßt mich lieber an Euch appelliren,“ ſagte Hungerford in zärtlichem Tone, worauf er mit ihr zu plau⸗ dern fortfuhr, bis das Abendeſſen vorüber war, und das war es gerade, was ſie wollte. „Der Pfeil wäre abgeſchoſſen,“ ſagte Arden, ſein Ge⸗ ſpräch mit Konſtanzen in leiſerem Tone als zuvor wieder aufnehmend.„Ihr fragtet mich vorhin: iſſt ſie glücklich?“ Sie ſieht allerdings nicht danach aus. Ihre Lippen haben ſich kaum bewegt, ſeitdem wir uns zu Tiſche geſetzt haben; aber mich dünkt, jene Frage ließe ſich über Jeden in der NRunde ſtellen. Es iſt nicht das heitere Lächeln, was ein 367 glückliches Herz andeutet, und wenn Ihr an dieſen zwei Reihen von menſchlichen Weſen einem Jeden in die Bruſt ſchauen könntet, ſo zweifle ich ſehr, ob Ihr nicht überall eine geheime Sorge, einen Kummer fändet, der dem Lichte zu entfliehen ſucht.“ „Das heißt alſo: Jeder, der ſich unter die Welt miſcht, findet in ihr ſein Unglück— in der That ein hübſcher Be⸗ weis, um mich aus dem Kloſter zu locken!“ bemerkte Kon⸗ ſtanze.„Entweder Eure Galanterie oder Euer Witz iſt lahm geworden, Sir William, denn meines Wiſſens iſt im Kloſter mehr als ein glückliches Herz zu finden.“ „Gibt's dort nicht auch Masken?“ fragte der zähe Rit⸗ tersmann.„Wo nicht, ſo gibt es wenigſtens Schleier, ſchöne Konſtanze, und glaubt mir, früher oder ſpäter kommt Reue und Bedauern, Sehnſucht nach der Welt, auf die man verzichtet, nach den Früchten vom heiteren Baume der Er⸗ kenntniß, deſſen liebliche Beeren das Auge von Weitem an⸗ locken, obwohl jetzt keine Schlange mehr zwiſchen ſeinen Blättern verborgen iſt.“ „Betrachtet einmal meine gute Tante, die Aebtiſſin,“ gab die junge Dame zur Antwort.„Sie weiß Nichts von jener Reue, jener Sehnſucht, deren Ihr erwähntet; ſie iſt immer luſtig, heiter und zufrieden.“ „Ja, bei ihr iſt's auch ein ganz eigener Fall,“ meinte Arden.„Sie kann ausgehen, wann ſie will, und ſie iſt ein gar gutes Geſchöpf. Ihr Leben iſt ſo behaglich wie das einer Wittwe. Nein, nein: folgt meinem Rathe und denkt nicht an's Kloſter.“ 368 „Ei, was wollt Ihr denn, daß ich in dieſer weiten Welt thun ſoll?“ fragte Konſtanze halb heiter, halb traurig. „Natürlich heirathen und ein Duzend Engelsköpfchen kriegen, um Euch an ihren lieblichen Geſichtern zu erfreuen,“ erwiederte der gute Ritter.„Euch wird dann zu Muthe ſeyn, als ob Ihr den Himmel um Eure Knie hättet, und Ihr ſeyd dann am Ende dem Himmel über Eurem Haupte um kein Haar weniger nahe.“ „Setzt aber den Fall, daß Niemand mich haben will,“ gab Konſtanze lächelnd zur Antwort. „Verſucht es erſt mit allen jungen Burſchen und dann verſuchts mit mir,“ erwiederte Sir William kurz ange⸗ bunden, aber zu gleicher Zeit mit heiterem Lacben, was die Barſchheit ſeiner Worte milderte. „Nein, nein,“ meinte Konſtanze.„Eine Frau darf nicht ſelbſt anbinden. Man muß um mich werben und mich gewinnen.“ „Bei meinem Leben!“ murmelte Arden vor ſich hin, „wenn ich denken könnte, daß Ihr wolltet, ſo würde ich es, glaub' ich, verſuchen.“ Seine Worte drangen jedoch Kon⸗ ſtanzen nicht zu Ohren, und nach kurzer, nachdenklicher Pauſe ſagte der alte Ritter plötzlich:„das Ausſehen Eurer ſchönen Baſe will mir nicht gefallen.“ „Und doch iſt ſie ſo hübſch,“ äußerte Konſtanze. „Ja, mein Vetter Chartley auch,“ meinte der Ritter; „aber ſein Ausſehen gefällt mir ebenſo wenig.“ „O er iſt ganz munter,“ erwiederte Konſtanze.„Seht, er lacht eben.“ 369 „Habt Ihr je eine Haͤre geſehen?“ fragte Sir William. „Ja,“ verſicherte Konſtanze.„Was wollt Ihr damit?“ „Sie flattert über tiefen Moräſten und gefährlichen Stellen,“ antwortete der Ritter.„Laßt Euch durch Chart⸗ ley's Lachen nicht irre führen. Seht, wie er den Kopf aufrichtet, wie er ſeine Nüſtern ausdehnt und die Lippen aufwirft. Seyd verſichert, wenn er mit ſolchem Blicke lacht, hat er jedesmal etwas ſehr Bitteres im Herzen.“ „Es heißt, er ſey hier halb und halb ein Gefangener,“ bemerkte Konſtanze.„Das iſt genug, um ihn traurig zu ſtimmen.“ „Wollte Gott, das waͤre Alles!“ erwiederte Arden. „Doch laßt uns nicht weiter von ihm reden. Ich denke vor Allem an Eure ſchöne Baſe. Als ſie vor einigen Wochen im Kloſter mir gegenüberſaß, waren ihre Augen wie ſchim⸗ mernde Sterne, ihre Stirne war hell und klar, ihre Lippe ſpielte lächelnd mit jedem Gedanken. Ich moͤchte wohl wiſſen, was jene elfenbeinerne Stirne umwölkt hat, was jenen roſigen Bogen belaſtet und die ſchweren Augenlider auf ihre Wange herabdrückt.“ „Ich kann's nicht ſagen,“ gab Konſtanze mit einiger Zurückhaltung zur Antwort;„ich glaube, wenn man große Veränderungen herannahen ſieht, ſo mögen ſie das Herz wohl nochdenklich machen.“ „Nachdenklich, aber nicht kummervoll,“ bemerkte Ar⸗ den.„Ci, ei,“ fuhr er fort,„ich ſehe Euren Oheim auf ſeinem Stuhle ſich bewegen, als ob wir nicht lange neben einander bleiben ſollten. Laßt ſehen: als Ihr, ein kleines James., Der Waidmann, 24 370 lachelndes Kind, der Amme kaum noch bis an die Knie reich⸗ tet, ſtand ich ſchon in Waffen und theilte auf mehr als einem Schlachtfelde harte Streiche aus. Da iſt freilich ein mächtiger Unterſchied in unſerem Alter, vielleicht etliche vierundzwanzig Jahre— nein erſchreckt nicht: ich will nicht um Euch werben; aber mich dünkt, ein junges Ding wie Ihr dürfte in einen Mann, der dem Alter nach ſein Vater ſeyn könnte, wohl einiges Vertrauen ſetzen, und Alles was ich ſagen kann iſt, daß Ihr oder Eure ſchöne Baſe, wenn Ihr von einem nicht unerfahrenen Kopfe Rath, oder von ei⸗ nem Arme, der nicht gerade der ſchwächſte iſt, Hülfe bedür⸗ fet, Euch auf ein Herz verlaſſen könnt, das von jeher als treu gegen Freund und Feind, gegen Mann und Weib ge⸗ golten hat. So, mein theures Kind, jetzt habe ich mein Sprüchwort angebracht; es liegt jetzt an Euch, darnach zu handeln, wie Ihr für paſſend findet.“ Mit einer Stimme, die vor lauter Erſchütterung faſt zum Flüſtern herabgeſunken war, antwortete Conſtanze: „Ich bin Euch auf's Tiefſte zu Danke verbunden.“ Im nächſten Augenblick gehorchten die Damen einem ſchon damals vorherrſchenden ſchlechten Gebrauche und er⸗ „hoben ſich, um die Herren der ungehinderten Fortſetzung ih⸗ rer Schwelgerei zu überlaſſen. Wir müſſen hier in der Erzählung etwas zurückgehen, denn wir haben während des Mahles nur eine kleine Gruppe an der langen Tafel verfolgt. Wie war das Benehmen, was waren die Gedanken Lord Fulmers, während dies Alles vor ſich ging? Er ſaß neben Jola in einer wahren Seelen⸗ ———— angſt von Zweifel und Eiferſucht, und wohl wiſſend, daß ſeine Stimmung nicht dazu taugte, um einem Weiberherzen zu gefallen oder ſich einzuſchmeicheln, ſuchte er nach Kräf⸗ ten gegen ſie anzukämpfen. Er beſchloß jede Anſtrengung zu machen, um ſich ſelbſt zu bemeiſtern und ihre Liebe zu gewinnen; aber es iſt ſchwer, einen äußern Feind zu über⸗ wältigen, wenn im Innern ein Feind auf uns lauert, und ſchon der bloſe Verſuch machte ihn verwirrt. Wenn er ei⸗ nige Minuten ſchweigend da ſaß, ſo überlegte er, was er ſagen ſollte. Sprach er, ſo war es nicht der Ton, es waren nicht die Worte des Herzens, welche zum Vorſchein kamen; das Ganze war ſtudirt, und die Mühe, die es ihn koſtete, war viel zu erſichtlich. Er fühlte es wohl, konnte es aber nicht ändern, und Jola's Erwiederung trug in der Regel nicht dazu bei, ihn zu ermuntern oder ihm zu helfen. Sie war artig aber kalt, höflich aber nicht freundlich und dabei ſehr kurz; ſobald ſie geſprochen hatte, verſank ſie wieder in Gedanken. Es war klar, daß auch in ihrem Innern ſo gut wie in dem ſeinigen ein Kampf vor ſich ging, und der ein⸗ zige Unterſchied war der, daß ſie ihn nicht zu verbergen ſtrebte. Er ärgerte ſich über ſie wie über ſich ſelbſt: über ſte, weil ſie nicht wenigſtens einen Schein von Rückſicht an⸗ nahm, die ſie nicht empfand; über ſich ſelbſt, weil er wußte, daß ſein eigener Mangel an Selbſtbeherrſchung jeden Augen⸗ blick eine Leidenſchaft verrieth, die ihn ſogar unter Zweifeln und Enttäuſchung mehr und mehr beherrſchte. Dabei kämpfte er noch immer mit ſich ſelbſt und mühte ſich zu gefallen oder wenigſtens zu amüſiren— doch vergeblich: ſeine Worte 24* 372 waren kalt und förmlich, und Jola war enſthaft, zerſtreut und nachdenklich, ſo daß das Geſpräch nie länger als eine Mi⸗ nute dauerte. Endlich gab er es auf. Er mühte ſich nicht länger, ſondern gab den Gefühlen in ſeinem Innern nach, die ihn jedoch in ganz anderer Richtung weiter trieben, als dies bei Jola der Fall war. Sie ſah, hörte und merkte gar wenig von Dem, was an der Tafel vorging. In ihre eigenen Ge⸗ danken begraben, erwachte ſie nur von Zeit zu Zeit, um ih⸗ rem neben ihr ſitzenden Oheim oder der Aebtiſſin zu ant⸗ worten oder einen kurzen flüchtigen Blick auf Chartley's Geſicht zu heften. Fulmer im Gegentheil, von den Leidenſchaften in ſeinem Herzen angetrieben, beobachtete Alles mit ſcharfen Augen. „Ich will Alles wiſſen,“ dachte er.„Ich will Hungerford noch heute Nacht zwingen, mir Alles zu erzählen. Ich kann nicht länger in dieſer Qual leben, und finde ich es ſo, wie ich glaube, ſo ſoll mir dieſer Mann mit ſeinem beſten Herz⸗ blute dafür büßen. Welches Recht hatte er, mir die Liebe meiner verlobten Braut zu ſtehlen? Er muß gewußt ha⸗ ben, daß ſie meine Braut iſt, denn Jedermann weiß es. Ich will Gewißheit haben, und Hungerford ſoll mir ſeine Worte erklären, noch ehe er ſein Haupt auf's Kiſſen nieder⸗ legt.“ Er konnte ſich jedoch nicht damit begnügen, jene Erklärung abzuwarten, ſondern beobachtete, wie geſagt, ſo ſcharf wie möglich, wie weit das vermuthete Uebel bereits gediehen war. Dreimal ſah er Jola's Augen eine Weile zu Chartleys 373 Geſicht ſich wenden und dann ebenſo ſchnell zurückkehren. O was hätte er darum gegeben, wenn er in einem geheim⸗ nißvollen Spiegel ein Bild der Regungen hätte ſehen kön⸗ nen, die in ihrer Bruſt vor ſich gingen. Das erſte Mal, da ſie ſich nach ihm umſah, erröthete ſie, ſobald ſie ihre Au⸗ gen wieder zurückzog. Er konnte nicht ſagen warum, und er gab ſich alle Mühe die Urſache zu errathen. Geſchah es deßhalb, weil Chartley mit einer Andern ſprach und weil ſein Ton munter klang, oder weil ſie die Augen der Aebtiſ⸗ ſin auf ſich gerichtet ſah und aus Schuldbewußtſeyn errö⸗ thete? Das zweite Mal, da ſie in jener Richtung hinſchaute, kam ein leiſes, vorübergehendes Lächeln— der bloſe Schat⸗ ten eines Lächelns— auf ihre Lippen. War es, weil Chart⸗ ley in augenblicklicher Zerſtreutheit einen auffallenden Ver⸗ ſtoß beging, der ſeinen Nachbar lachen machte? Der nächſte Blick verſenkte ſie in tiefere Gedanken als früher, und es kam ihm vor, als ob ihre Augen in hellen Perlen ſchwam⸗ men; ſie ließ jedoch den tiefen Schleier ihrer langen, ſeidenen Lider über den glänzenden Tropfen herabfallen, ſo daß er nicht zum Vorſchein kam. Was war unterdeſſen an Chartley's Benehmen zu beob⸗ achten? Es war in mancher Hinſicht wie das von Jola, manchmal aber auch ganz anders. Er blickte oft nach der Stelle, wo ſie ſaß; aber ſein Blick war ruhiger, feſter und weniger ſchüchtern; ein⸗ oder zweimal war er ernſt geſpannt und voll tiefer Gedanken. Es lag kein Leichtſinn darin und Nichts von der Zuverſicht eines Mannes, der ſich geliebt weiß. Es war ein Blick faſt ſchmerzlicher Theilnahme, tief, zärtlich 374 und ernſt; einmal heftete er ſeine Augen auf Fulmer ſelber und betrachtete ihn lange trotz eines zornigen Ausdrucks, der auf dem Geſichte des jungen Lords auftauchte. Vollauf beſchäftigt mit dem, was in ſeinem eigenen Herzen vorging, ſah Chartley jenen ärgerlichen Blick nicht und ließ ſich nicht träumen, daß er durch ſeinen eigenen hervorgerufen worden. Er muſterte jeden Zug ſeines Geſichtes, als ob er irgend einen lebloſen Gegenſtand betrachte, der nicht bemerken oder begreifen könne, daß er einer Prüfung unterworfen werde. Und doch brachte jener Blick den armen Fulmer faſt außer ſich, und ſelbſt die Art, wie er zurückgezogen wurde, das Nachſinnen, das darauf folgte, das Zuſammenfahren und Wiederaufnehmen des Geſprächs mit ſeiner Umgebung— dies Alles reizte den jungen Mann immer mehr. Zum Glück verſtrich noch einige Zeit, bis die anweſen⸗ den Herren des Zwanges der Gegenwart von Damen ent⸗ hoben wurden, denn Fulmer hatte auf dieſe Art eine Friſt, um ſich zu ſammeln, und trotz ſeiner großen Gereiztheit ſich zu erinnern, was er Jola, ſich ſelbſt und ſeiner Würde ſchul⸗ dig war. Er beſchloß, ſeine Leidenſchaft zu zügeln, und hätte er ſeine Entſchlüſſe feſthalten können— was er nicht that, wie der Leſer ſehen wird— ſo wären ſie, wenn auch nicht ganz gut, doch immer weit beſſer geweſen, als die wil⸗ den Impulſe der Leidenſchaft. „Um ſie darf es nicht zum Streiten kommen,“ dachte er.„Ihr Name darf nicht in unſere Feindſeligkeit gemiſcht werden— dazu habe ich kein Recht. Es iſt leicht, ihn aus anderen Gründen herauszufordern; auch darf dies dem gu⸗ 375 ten alten Lord zu lieb nicht zu haſtig geſchehen. Ich will ihn ſtufenweiſe reizen, bis die eigentliche Beleidigung von ihm ausgeht; dann habe ich ein Recht, mir mit meinem Schwerte Genugthuung zu nehmen. Ich kann dies mit aller Höͤflichkeit thun und will es auch.“ Werden die Entſchlüſſe des Mannes in der Regel ſchon durch die Gewalt der Umſtände, wenn dieſe Dinge berühren, über die wir keine Herrſchaft beſitzen— eitel und fruchtlos, ſo iſt es noch trauriger zu denken, daß ſie noch öfter durch Leidenſchaften unwirkſam werden, wenn ſie ſich blos auf un⸗ ſer eigenes Benehmen beziehen, über das wir die Meiſter⸗ ſchaft nie verlieren ſollten. So geht es aber oft— faſt immer— beinahe hätt' ich geſagt, ewig. Auch bei Fulmer war es nicht anders. In der Hitze ſeines Temperaments ſchwanden ſeine Entſchlüſſe dahin wie ſchattige Morgenwolken. Noch waren keine fünf Minuten vorüber und ſchon war er in vollem Laufe, um Chartley zu reizen, wenn nicht gar zu inſultiren. Sein Entſchluß höf⸗ lich und gemäßigt zu ſeyn, ſchien vergeſſen, und ſein Ton war ſehr beleidigend. Die ruhige Gleichgültigkeit auf Chartley's Seite reizte ihn zwar noch mehr, vereitelte aber doch ſeine Abſicht. Sein Nebenbuhler(denn als ſolchen betrachtete er ihn jetzt) hörte jedes Wort, was er an ihn richtete, ruhig an, antworkete nur kurz und ſchien ſeine Ge⸗ danken ganz von ihm abzuziehen. Es war unmöglich, ihn in irgend ein gereiztes Geſpräch zu verwickeln, ſo kurz, ru⸗ hig und beſtimmt waren ſeine Antworten, und um endlich offenere Mittel der Beleidigung zu verſuchen, begann Ful⸗ 376 mer endlich die Urſache von Chartley's neulicher Ungnade zu berühren, da er ſich dachte, daß er ihn auf dieſe Art we⸗ nigſtens aus ſeiner Zurückhaltung herausreißen könnte. Hier aber ſiel ihm alsbald der alte Lord Calverly in die Rede. „Ei nein, mein edler Freund,“ ſagte er;„das ſind Ge⸗ genſtände, die man nur als bloſe Geſchäftsſache beſprechen darf; mich dünkt jedoch, daß es Zeit iſt, um ſich zur Ruhe zu begeben. Mylord Chartley, ich will Euch noch einmal nach Eurer Wohnung geleiten. Von Morgen an werdet Ihr wohl im Stande ſeyn, Euren Weg allein zu finden.“ Mit dieſen Worten erhob er ſich von der Tafel. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Jeder der Gäſte zog ſich auf ſein eigenes Zimmer zu⸗ rück, doch herrſchte längere Zeit beträchtlicher Lärm und 8 Bewegung im Schloſſe: Pagen und Diener eilten hin und her, um ihre Gebieter zu begleiten, die Schloßdienerſchaft trug die Gerichte aus der Halle, während die Küchenjungen die Teller ſäuberten und die Mundſchenken die Kannen rei⸗ nigten. Dieſe Geſchäfte waren jedoch bald abgemacht, und das ganze Schloß gelangte allmälig zu ſeiner Ruhe. Hie und da war noch ein Licht in einem Fenſter zu ſehen, und eine Lampe, welche die ganze Nacht in dem hohen Thurme brannte, diente gewiſſermaßen als Fackel für jeden Reiſen⸗ den, der in der Finſterniß wandelte, und zeigte ihm von Weitem, wo das Schloß Chidlow ſtand. 377 Die Wälle rings umher waren einſam und finſter, denn es beſtanden damals ſehr ſtrenge Geſetze gegen das Anſam⸗ meln von Beſatzungen in den befeſtigten Burgen des Adels, wie gegen das Ausſtellen von Wachpoſten innerhalb der alten Baronieveſten, wobei nur wenige Ausnahmen geſtattet waren. Richards Politik ſcheint derjenigen, wie ſie faſt zwei Jahrhunderte ſpäter von dem berühmten Richelieu in Frank⸗ reich befolgt wurde, ziemlich ähnlich geweſen zu ſeyn, denn er zielte offenbar darauf hin, die Macht des Adels zu bre⸗ chen, welche die großen Barone ſo oft zu furchtbaren Fein⸗ den der Krone gemacht hatte. Er lebte zwar nicht lange genug, um ſeinen Plan auszuführen oder ſeine Gebote durch⸗ zuſetzen; aber doch ſtand jene Proklamation in Kraft, welche dem Adel verbot, ſein Gefolge mit Abzeichen und Livreen zu verſehen, oder mit andern Worten, eine regelmäßige, bewaffnete Macht— unter gewiſſen Symbolen organiſirt und unabhängig von der Krone— aufrecht zu halten. Die⸗ ſes Geſetz wurde freilich von Vielen ganz offen verletzt; je⸗ des große Haus im Lande wimmelte von Bewaffneten, Livreen wurden in verſchiedenen Fällen beibehalten und zur Schau getragen, und manche Burg war ſo ſtreng bewacht, wie wenn ſie eine königliche Veſte geweſen wäre. Wer je⸗ doch bei Hofe Gunſt oder Beförderung ſuchte, befolgte ge⸗ wiſſenhaft des Königs Willen, und da Lord Calverly zu die⸗ ſen gehörte, ſo waren alle äußeren Zeichen militäriſcher Vorſicht aufgegeben. Der Oberkonſtabler war erſter Thür⸗ ſteher geworden und die Wächter nannte man jetzt des Thür⸗ ſtehers Leute. Das Hauptthor war jedoch noch immer 378 verſchloſſen und verriegelt: mit dem Glockenſchlage zehn wurde die Zugbrücke aufgezogen und das Fallgatter nieder⸗ gelaſſen, die Ausfallpforten wurden noch früher geſperrt; aber in jeder anderen Hinſicht wurden Vertheidigungsmaß⸗ regeln und vor Allem jede militäriſche Schauſtellung unter⸗ laſſen, und man gab ſich den Anſchein einer Sicherheit, welche eigentlich während Richards III. kurzer Regierungs⸗ zeit von Niemand in England empfunden wurde. So herrſchte denn eine halbe Stunde vor Mitternacht die tiefſte Ruhe auf dem Schloſſe Chidlow; man ſah zwar, daß innerhalb ſeiner Mauern und Thürme noch manche Wächter auf waren, aber die Mehrzahl der Gäſte lag in geſundem Schlafe, und die Andern ſchickten ſich faſt Alle zur Ruhe an. Es war noch ein Viertel bis Zwölf, als Lord Fulmer mit einer Lampe in der Hand aus ſeinem Schlafzimmer trat und durch den ausnehmend engen Gang ſchritt, der in daſ⸗ ſelbe führte. Unſere Vorfahren aus jener wie aus den früheren Zeiten hielten nicht viel darauf, breite Gänge oder Treppen für ihre Gäſte herzurichten. Die größeren und die kleineren Hallen, die Gallerie, wenn ein Schloß eine ſolche beſaß, verſchiedene namenloſe Zimmer, welche häufig mit dem poetiſchen Namen der Damenlaube bezeichnet wurden, damals aber allgemeiner unter dem Namen Frauengaden bekannt waren— kurz alle Staatszimmer waren geräumig, die Schlafgemächer aber ſämmtlich ausnehmend klein, und wo ſie zur Aufnahme ausgezeichneterer Gäſte in größerem — 379 Maßſtabe angelegt waren, da fand man die benachbarten Gänge in demſelben Verhältniſſe ſchmaler und enger. Ein ſolcher Gang war es denn, auf welchem der junge Edelmann mit langſamem, nachdenklichem Schritte hin⸗ wanderte. Er hatte Zeit zur Ueberlegung gehabt, und ſeine Leidenſchaft hatte ſich etwas abgekühlt; ſein Aerger hatte einen ernſteren, düſteren Charakter angenommen, war aber um nichts weniger hartnäckig.„Ich will Alles wiſſen,“ dachte er,„und dann urtheilen und handeln.“ Nach den erſten zehn bis fünfzehn Schritten ſcharf rechts einbiegend, durchkreuzte er eine Art großen Veſtibüls, das in einem der flankirenden Thürme die eine Hälfte des Raumes einnahm. Es hatte zwei Fenſter, durch deren eines der Mond in hellem Glanze hereinſchimmerte und das Stein⸗ pflaſter mit dem krauſen Bleigitter der Fenſterrahmen be⸗ tüpfelte. Er ging jedoch vorüber, und dann links ſich wen⸗ dend, blieb er vor einer Thüre ſtehen, die ihn in ein kleines Vorzimmer führte. Zwei bis drei kleine Betten von der Art, welche die Franzoſen lit de sangle nannten, ſtanden umher; ſie waren jedoch noch nicht beſetzt, denn die Bewoh⸗ ner, denen ſte zugedacht waren, beſtehend aus einem Pagen und zwei gewöhnlichen Dienern— ſaßen an einem kleinen Tiſche inmitten des Zimmers mit dem Würfelſpiel beſchäf⸗ tigt. Sie ſprangen alleſammt auf, als der junge Edelmann eintrat, und erwiederten auf ſeine Frage, ob Sir Edward ſich ſchon ſchlafen gelegt habe: „O nein, Mylord; er wird noch nicht ſo bald zu Bette gehen.“ 380 Der Page trat ſofort an die Thüre des inneren Zim⸗ mers und öffnete ſie mit der lauten Meldung: „Lord Fulmer, Sir.“ Als Fulmer in das Zimmer trat, während der Knabe die Tapete aufhob, fand er Sir Edward Hungerford mit einer anderen Perſon vor dem Tiſche ſtehend, auf welchem ein großes Stück violetfarbenen Sammts ausgebreitet lag, an welches der Schneider eben eine ungeheure Scheere an⸗ gelegt hatte. Der Eintritt des jungen Edelmannes machte Beide betroffen, und der erſte Ausruf Sir Edwards war: „Mein Gott! Ihr habt ſchief geſchnitten. Himmel und Erde! was ſollen wir jetzt anfangen? Es wird nicht mehr zum Beſetzen der Aermel reichen.“ „ Ich bitte Euer Ehrwürden um Verzeihung,“ erwiederte der Andere, ohne Lord Fulmer mehr zu beachten, als ſein Gebieter gethan hatte.„Es wird noch vollkommen aus⸗ reichen. Wenn ich es quer von der Ecke nach der Mitte zu ſchneide, wird noch gerade ſo viel übrig bleiben, als zum Be⸗ ſatze nöthig iſt.“ „Ich muß mit Dir ſprechen, Hungerford,“ ſagte der junge Edelmann.„Ich bitte Dich, ſchicke den Burſchen weg.“ „Warte eine Weile, warte eine Weile,“ verſetzte der Ritter.„Das iſt das wichtigſte Geſchäft im Leben, und Du kannſt Dir nicht denken, was es uns Mühe gekoſtet hat, bis wir's herausbrachten.— Jetzt ſchneidet zu, Meiſter Graine, und laßt ſehen, wie Ihr's einrichten wollt.“ „O ganz leicht,“ gab der Andere zur Antwort, und ſeine Scheere vorſichtig anlegend, ſchnitt er den Sammt gerade durch, theilte dann die eine Hälfte abermals und ſchnitt zwei lange Streifen daraus, indem er triumphirend auf das Ganze deutete und ſagte:„da, ehrenwerther Sir, ich ſagte Euch— „Ja, ja, ich ſehe, ich ſehe,“ erwiederte Hungerford in überlegendem Tone.„Eine große Frage iſt entſchieden. Nehmt nun die Geſchichte fort und vergeßt nicht, daß ich's bis morgen Abend brauche.“ Der Mann entfernte ſich mit tiefen Bücklingen, und jetzt zum erſten Male wendete ſich Sir Edward zu Lord Ful⸗ mer und lud ihn zum Sitzen ein mit den Worten: „Das war ein wichtiges Geſchäft, Fulmer, und Dein unkluger, plötzlicher Eintritt hätte nahezu Alles verdorben.“ „Ich wußte nicht, daß Du mit Sachen von lebensge⸗ fährlicher Wichtigkeit beſchäftigt warſt,“ erwiederte Fulmer bitter, indem er die Tapete in die Höhe hob, um zu ſehen, ob der Schneider die Thüre hinter ſich zugemacht habe.„Ich habe etwas weniger Wichtiges zu ſagen,“ fuhr er, ſich nie⸗ derſetzend, fort,„was aber für mich dennoch von einiger Bedeutung iſt.“ „Was iſt es, mein theurer Lord?“ fragte Hungerford, den Stuhl gegenüber einnehmend.„Ich kann mir nichts ſehr Wichtiges denken, verglichen mit dem Zuſchneiden eines Ueberrockes. Gleichwohl habe ich geſehen, daß Du unru⸗ hig oder— um mich deutlicher auszudrücken— daß Dir in Deiner Haut faſt ſo heiß war, wie einem armen Teufel von Lollarden, den ich einſt als Knabe auf einer Pechtonne verbrennen ſah. Er ſah gerade ſo unbehaglich aus, wenn man ſein Geſicht durch die Flammen gewahren konnte, wie Du heute Abend bei Tiſch. Ich wollte, Du könnteſt ſo gleichmüthig ſeyn wie ich, und den geringen Werth der Dinge einſehen, um derentwillen die Leute ſich beunruhigen und, wie es ſcheint, noch obendrein ärgern.“ „Ei, ich bin nicht im Geringſten ärgerlich,“ erwiederte Fulmer, welcher wirklich die Wahrheit zu ſagen glaubte. „Ich wünſche blos einige einfache Thatſachen zu erfahren, auf welche Du heute Morgen etwas geheimnißvoll anſpiel⸗ teſt. Du weißt, Hungerford,“ fuhr er, einen leichten, ſcher⸗ zenden Ton annehmend, fort, um ſeine bitteren Gefühle um ſo beſſer zu verbergen.„Du weißt, eine Heirath iſt eine Sache des Geſchickes; wenn aber ein Mann im Begriffe ſteht, ſein Loos an das einer ſchönen Dame zu knüpfen, ſo iſt es ebenſo gut, wenn man ihn mit allen früheren Vor⸗ gängen bekannt macht, damit er ſeine Maßregein darnach treffen kann.“ „Auf mein Wort, darin bin ich nicht Deiner Meinung,“ antwortete Hungerford lächelnd.„Kein Mann ſollte jemals etwas thun, was ihn unruhig machen kann. Kalte voll⸗ kommene Gleichgültigkeit gegen alle Dinge des Lebens iſt das einzige Mittel, um jenen größten Segen des Daſeyns— nämlich Ruhe zu erlangen. Haben wir einen Vorrath von Begeiſterung in uns, die wir auf irgend etwas verwenden müſſen, ſo iſt es weit beſſer, ſie auf Bagatellen zu verwen⸗ den, wie Du ſie nennſt, weil das Uebel leicht zu repariren iſt, wenn ein Unfall eintritt. Wäͤreſt Du zum Beiſpiel die 383 Veranlaſſung geweſen, daß Meiſter Graine bei Deinem Eintritte jenes Stück Sammt unwiederbringlich verdorben hätte, was mir als das größte Unglück in der Welt vorge⸗ kommen wäre, ſo hätte ich nur einen Berittenen nach Lon⸗ don oder York ſchicken dürfen, um ein anderes Stück zu ho⸗ len, und ſo wäre das Uebel kurirt geweſen. Schneidet Einer dagegen einem Andern den Hals ab oder macht ſich durch finſtere Blicke und kalte Worte bei ſeinem Weibe verhaßt, ſo kann er ſeinem Freunde nicht eine neue Kehle geben oder nach York ſchicken und eine neue Liebe holen laſſen.“ „Pah,“ rief Fulmer hitzig.„Ich wollte wahrhaftig, daß Du nur auf einen Augenblick ernſthaft würdeſt.“ „Ich bin vollkommen ernſthaft,“ verſicherte Hungerford. „Die einzige Frage iſt nur: wer beſitzt die beſte Philoſophie von uns Beiden— Du oder ich? Jeder kennt übrigens ſeine eigene Natur. Was willſt Du mich alſo fragen?“ „Nur dieſes,“ gab Fulmer zur Antwort.„Wie ſteht es um jene frühere Bekanntſchaft, auf die Du heute Mor⸗ gen hoͤhnend anſpielteſt, zwiſchen meiner Braut, Lady Jola St. Leger, und dieſem höchſt edlen und vortrefflichen Gentle⸗ man, dem Lord Chartley?“ „Höhnend, mein theurer Lord?“ rief Hungerford.„Da ſieh, was es heißt, ein fantaſtereiches Temperament zu be⸗ ſitzen! Ich höhnte nicht im Geringſten.“ „Nun denn zu der einfachen Frage,“ erwiederte Fulmer, ſeinen Aerger mit großer Anſtrengung zurückdrängend.„Was weißt Du von ihrer Bekanntſchaft?“ „Aeußerſt wenig, mein guter Lord,“ erwiederte Sir 384 Edward Hungerford, der ſich, ehrlich geſtanden, an dem heftigen Ungeſtüm ſeines Freundes nicht wenig ergötzte und nicht übel Luſt hatte, ihn blos zum Spaſſe noch weiter an⸗ zuſpornen, ſich aber doch an die ſtrikte Wahrheit hielt, da er wußte, daß die Affaire ſehr ernſte Folgen haben konnte, wenn er ſich auch nicht enthalten mochte, mit Fulmers Ungeduld ein wenig zu ſpielen.„So wiſſe denn,“ fuhr er fort,„daß etwa vor vierzehn Tagen— doch halt! laß ſehen. Es war am Montag——“ „Das Datum iſt gleichgültig,“ bemerkte Fulmer mür⸗ riſch.„Was ich wünſche, ſind blos Thatſachen.“ „So, nun denn,“ erzählte Hungerford weiter,„es war etwa vor vierzehn Tagen, als ich von London wegritt und in dem kleinen Gaſthofe zu Kimboltsn zufällig auf meinen guten Freund, den Lord Chartley, ſtieß. Die ganze Her⸗ berge war von ihm und ſeinen Leuten eingenommen; aber er bot mir freundlich ein Zimmer an, und reichte mir ein treffliches Abendeſſen, das von ſeinem eigenen Koche zube⸗ reitet war. Die Schnepfen waren ausgezeichnet, und es gab da ein Gericht Salmen, wie ich ſie niemals beſſer ge⸗ funden habe—“ „Nun ja— was weiter!“ drängte Fulmer ungeduldig. „Ei, ich hielt ihn für einen viel zu guten Reiſegefährten, um mich ſo leicht von ihm zu trennen,“ ſagte Hungerford. „Wir verlebten alſo den Abend in Geſprächen über Böh⸗ men, wo wir uns zuletzt getroffen hatten, und zogen ſaftige Vergleichungen zwiſchen der rohen Kochkunſt jenes Landes und unſerem guten Altengland. Da wir deſſelben Weges 385 zogen, ſo vereinigte ich mich mit ſeinem Gefolge, das ganz umſichtig geordnet war, ſintemalen er einen Koch bei ſich führte, um die Mahlzeit zu kochen, und ſogar einen Mönch, um ſie einzuſegnen. Wahrhaftig, es war eine vergnügte Reiſe, und ich kam mir vor, wie der reiche Mann im Evan⸗ gelium, der dem Lazarus die Krumen von ſeinem Tiſche vor⸗ wirft; denn ich trug Sorge, mich in Purpur und feine Lin⸗ nen zu kleiden, und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Endlich eines Abends, nachdem wir uns einige Zeit zu Tam⸗ worth aufgehalten, ſprachen wir zum Abendeſſen im Klo⸗ ſter der heiligen Clara ein— einem Nonnenkloſter, wie Du weißt—⸗ „Ja, ja, ich weiß das Alles,“ erwiederte Fulmer;„fahr nur fort.“ „O, ich hatte keine Luſt fortzufahren, als ich dort war, das kann ich Dich verſichern, mein guter Lord,“ verſetzte Hungerford lachend„„denn die luſtige kleine Aebtiſſin trak⸗ tirte uns vortrefflich im Fremdenrefektorium, und ſpeiste nicht allein ſelbſt mit uns, ſondern brachte auch eine ſtock⸗ taube Priorin und die beiden hübſchen Baſen— ihre Nich⸗ ten Jola und Konſtanze— mit. Lady Jola ſaß neben meinem edlen Freunde, und als galanter Edelmann that er ſein Beſtes, um ſie zu unterhalten, was ihm, wie ich glaube, auch gelang. Ich hätte mich wohl entſchließen können, im Kloſter zu übernachten; allein Chartley beſtand ausdrücklich auf der Weiterreiſe nach Hinckley, und ſo ritten wir nach dem Abendeſſen weiter. Der Moͤnch blieb unter dem Vor⸗ James. Der Waidmann, 25 geben eines Erkrankens zurück, und als wir etwa zwei Mei⸗ len im Walde zurückgelegt hatten, bemerkte Chartley plötz⸗ lich— wie er das machte, weiß ich nicht, denn es war ganz finſter unter den Bäumen— daß irgend Jemand den Zug verlaſſen hatte. Es zeigte ſich, daß es einer von Sir Char⸗ les Weinants' Leuten war, denn dieſer glatte Herr war auch bei uns und ſpielte den Verräther, wenn ich nicht irre. Chartley ſetzte ſeinem Pferde die Sporen ein, um den De⸗ ſerteur abzufangen, und hieß uns weiter reiten, da er uns ſchon einholen werde. Wir guten Leute thaten, wie er uns anwies; aber wir erreichten Hinckley vor ihm und wurden früh am nächſten Morgen durch die Nachricht, daß Seine Lordſchaft in Gefahr ſey und unſerer alsbaldigen Hülfe be⸗ dürfe— aus den Betten gerufen. Arden ſaß augenblick⸗ lich im Sattel, und fort ging es in buntem Gemiſche, in⸗ dem wir unterwegs weitere Nachrichten einzogen, bis wir in den Wald gelangten, der die Hügel oberhalb der Abtei bedeckt. Wir fanden dieſen voller Soldaten, die ein Stück des Waldes abſuchten— nach wem oder was, konnten wir nicht erfahren, und als wir endlich zwiſchen dem Wald und der Abtei durchritten, trafen wir Chartley, der mit ſeinem braunen Mohren und einem halben Dutzend Forſtleuten einen Paß zwiſchen zwei Hügeln gegen Catesby und eine große Zahl königlicher Soldaten behauptete.“ Hier ſchwieg er und rieb ſich die Schläfe, bis Lord Ful⸗ mer ausrief: „Nun, was weiter?“ 1 „Ja, das iſt Alles, was ich weiß,“ gab Hungerford zur 387 Antwort;„nur ſchien mir Chartley's Rock von dem naͤcht⸗ lichen Aufenthalte im Wald etwas beſchmutzt.“ „Da ſteckt noch mehr dahinter, Sir Edward Hunger⸗ ford,“ ſagte Fulmer in leiſem, ſtrengem, bitterem Tone. „Ich muß es wiſſen.“ „Es iſt vielleicht beſſer den Reſt zu erzählen,“ erwiederte der Ritter;„nur darfſt Du nicht vergeſſen, mein guter Lord, daß ich jetzt nur noch von dem ſpreche, was ich aus anderer Leute Munde zuſammenbrachte. Chartley hatte ſich natür⸗ lich nicht umſonſt dort aufgepflanzt und mit des Königs Truppen angebunden; ich erfuhr vielmehr, daß er nur deß⸗ halb Widerſtand leiſtete, um den Rückzug einer Dame in's Kloſter zu decken. Sie war in jener Nacht durch irgend einen Zufall im Walde geweſen und durch die Soldaten, die, wie es ſchien, dem guten alten Doktor Morton, Biſchof von Ely, nachſtellten— abgeſchnitten worden. Chartley hatte ſie getroffen und ſie voll Ritterlichkeit mitten durch die Leute eskortirt. Er ſprach von ihr mit tiefer Ehrerbietung — dieſe Gerechtigkeit muß ich ihm angedeihen laſſen, und ich hätte Dir überdies ſchon früher erzählen ſollen, daß jener nämliche Moͤnch, der, wie geſagt, unſer Mahl einſegnete, kein Anderer als der gute Biſchof ſelber war, und daß Chartley ſich bei Begünſtigung ſeiner Flucht vornämlich bethei⸗ ligte. So hatte er ein ganz perſönliches Intereſſe an der Sache.“ Fulmer drückte die Hand gegen ſeine Stirne und mur⸗ melte: „Die ganze Nacht mit ihm allein im Walde!“ 25* 388 „Ei nein, mein guter Lord, Du darfſt Dich nicht ſo be⸗ unruhigen,“ tröſtete Hungerford,„Chartley iſt ein Mann von ganz eigenthümlichen Anſichten und ohne Zweifel—“ „Pah!“ ſagte Lord Fulmer,„ich beunruhige mich nicht im Geringſten. Ohne Zweifel iſt er voll Höflichkeit und ein vollendeter Ehrenmann. Die ganze Nacht mit ihm im Walde!— Ich will draußen auf den Wällen in dem hellen Mondſcheine ſpazieren gehen.“ „Du ſollteſt das Mondlicht lieber vermeiden,“ bemerkte Hungerford ſorglos.„Halt, ich will einen Hut aufſetzen und Dich begleiten.“ „Ich bleibe lieber allein,“ gab Fulmer zur Antwort, nahm ſeine Lampe und verließ das Zimmer. Durch den engen Gang eilend, erreichte er bald jenes große offene Veſtibül, deſſen ich in einem der viereckigen Flankenthürme gedacht habe; dort hielt er an und blieb eine Weile mit zu Boden gehefteten Blicken in tiefen Gedanken ſtehen. 3 Nach kurzer Pauſe drang ihm ein Ton wie von ſingen⸗ den Stimmen zu Ohren. Anfänglich weckte er ihn nicht aus ſeiner Träumerei; allmälig ſchien er jedoch ſeine Sinne zu überſchleichen und ſeine Gedanken wenigſtens in gewiſſem Grade von dem Gegenſtande, der ſie noch eben beſchäftigt, abzurufen. Das Veſtibül hatte Sitze auf beiden Seiten, und ſeine Lampe auf einen derſelben niederſtellend, öffnete er das Fenſter, das gegen Südweſten hinausſchaute, und durch welches das Mondlicht hereinſtrömte. Die Muſik wurde jetzt deutlicher, obwohl ſte offenbar aus großer Ferne kam. 389 Sie klang ruhig, weich und feierlich— eine liebliche Melo⸗ die, nicht ſo reich und voll in der Harmonie, wie die Meſſen und Chorgeſänge der römiſchen Kirche, aber offenbar von religiöſem Charakter. Es ſchien eine Hymne, und nachdem er eine Weile zugehorcht hatte, ſagte Fulmer: „Das iſt ſonderbar! Was kann's bedeuten? Ich will hinaustreten und lauſchen. Es ſcheint dort drüben vom Walde herzukommen. Auf den Zinnen werde ich es beſſer hören.“ 3 Die ſchmale Wendeltreppe hinabſteigend, welche etwa zehn Schritte jenſeits ſeiner eigenen Zimmerthüre in den Gang einmündete, erreichte er den inneren und von da durch inen hohen Thorbogen den äußeren Hof, vor welchem die Wälle ſich ausdehnten. Auf den dortigen Stufen ſtieg er bis zur Mauey empor und wandelte auf ihr weiter, bis er eine Stelle erreicht hatte, welche gerade unterhalb des Fen⸗ ſters im viereckigen Thurm lag. Die Muſik war jetzt ver⸗ ſtummt und er lauſchte mehrere Minuten vergeblich, obwohl er noch immer ein Murmeln vieler Stimmen, welche zuſam⸗ menſprachen oder laſen zu hören glaubte. Die augenblickliche Aufregung der Neugier ging vorüber, und auf einer Steinbank ſich niederlaſſend, wo der Wärter ſich zu Zeiten auszuruhen pflegte, lehnte er ſeinen Arm auf die Brüſtung und kehrte zu ſeinen finſteren Gedanken zurück. Die ruhige feierliche Scene vor ſeinen Augen, die graue Landſchaft, die im Mondlichte weit ausgeſtreckt lag, die wo⸗ genden Linien von Thal und Hügel, die ſich in dem Helldunkel ſchwach abzeichneten, der leichte Nebel in den Vertiefungen, 390 eine hellſchimmernde Linie in der Ferne, wo die Strahlen des Mondes auf eine Waſſerſchichte trafen, die ſchlanken dunkeln Schloßthürme die ſich neben ihm erhoben, der blaue Himmel über ſeinem Haupte, gegen Südweſten in einem Silberglanze ſchwimmend, gegen Norden und Oſten mit juwelenähnlichen Sternen beſät, die regungsloſe Luft, die tiefe Stille ſchienen jedoch ſeine zornigen Gefühle zu beruhigen, wenn auch nicht zu beſänftigen oder zu verſcheuchen. Es gibt Dinge im Leben, die ſich gleich dem Froſte verhärten, während ſie zum Stillſtehen kommen. Das war nicht ganz bei ihm der Fall; aber die Wurzel der Bitterkeit ſaß doch in ſeinem Herzen. Er ſchwieg nachdenklich; aber noch waren nicht viele Minuten verſtrichen, als die Muſik von Neuem anhob, in feierlichen Cadenzen ſteigend und fallend. Es ſchien offen⸗ bar, als ob viele Stimmen einen heiligen Geſang anſtimm⸗ ten. Er drang zwar nur aus der Ferne und ohne artikulirte Laute an ſein Ohr; allein die Muſik iſt eine der ganzen Welt verſtändliche Sprache, welche ohne Worte aber beredter als alle Worte dem Herzen große Wahrheiten verkündigt. War er früher nicht beſänftigt worden, ſo wurde er es jetzt; war ſein Geiſt früher zu irdiſchen Leidenſchaften herabgezogen geweſen, ſo fühlte er ſich jetzt wenigſtens eine Zeit lang über ſich ſelbſt erhoben. Ich ſagte abſichtlich eine Zeitlang', denn Richard hatte ihn ganz richtig geſchildert. Er war ein Mann von wech⸗ ſelnden Launen, von Natur großherzig, hochſinnig und gut⸗ müthig, aber allen Leidenſchaften des Erdenkloſſes unter⸗ 391 worfen, ſo daß ein ewiger Krieg zwiſchen dem ſterblichen und unſterblichen Theile ſeines Weſens beſtand. Er dachte an Jola, an ihre Anmuth und Schönheit, an die Träume, welche ſein fantaſtiſches Herz ihm von ihr vorgezaubert hatte, und immer noch klang ihm mitten in dieſer feierlichen Scene jener regelloſe zitternde Geſang in den Ohren, der ſeine Gefühle über Selbſtſucht und alle weltlichen Lehren zu groß⸗ herzigen Empfindungen und edlem Streben emportrug. Er dachte, welch große, wenn auch melancholiſche Freude es ihm gewähren würde, ſie ſogar mit Aufopferung ſeiner eige⸗ nen Zufriedenheit glücklich zu machen. Eine Regung von Stolz mochte ſich wohl darein miſchen, denn auf dem Spie⸗ gel ſeiner Seele erſchien ihm Jola mit dem Bekenntniſſe, daß ſie ihn mißverſtanden, daß ſie bewundert hatte, wo ſie nicht lieben durfte; aber es war jedenfalls kein niedriger Stolz, und er fühlte ſich zufriedener und mehr mit ſich ſelbſt im Frieden. Seine Augen ſchweiften über die Landſchaft, und er erinnerte ſich, wie er ſie heute Morgen auf ſeinem Ritte nach dem Schloſſe im hellen Sonnenſcheine voll grünen Lebens und erfüllt von dem Geſange der Vögel geſehen hatte. Jetzt war Alles grau, ſtill und lautlos, und nur jene leiſe, echoartige Hymne ſchwamm durch die Luft, wie der Grabgeſang entſchlummerter Hoffnungen. Es ſchien ein Bild ſeines eigenen Schickſals, das kaum noch von frohen Erwartungen erhellt geweſen, und jetzt ganz kalt und finſter vor ihm da lag. Plötzlich ſah er auf dem grünen Abhange jenſeits der Zimmer eine Geſtalt— eine weißgekleidete Frauengeſtalt. 392 Mit ruhig gleitender Bewegung ſchritt ſie eilends dahin, und ehe er ſich von ſeiner Ueberraſchung erholt hatte, war ſie an der nächſten Waldecke hinter den erſten Bäumen verſchwun⸗ den. Ihm ſchien, als ob ſie Jola ähnlich ſehe, als ob ihre Bewegungen gerade ſo leicht, ſo elaſtiſch und anmuthig ſeyen wie die ſeiner Braut. Er wendete ſich gegen die Stelle, wo er wußte, daß ihr Zimmer lag, und ſchaute empor. Noch immer brannte ein Licht dort oben, und wie er näher hin⸗ ſchaute, ſah er eine weibliche Geſtalt am Fenſter vorüber⸗ ſchweben. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Wäre Lord Fulmer der Oberbefehlshaber einer belager⸗ ten Veſte geweſen, er hätte Thore und Ausfallpforten des Schloſſes nicht ſorgfältiger unterſuchen können, als er that, ſobald er von den Wällen hinabgeſtiegen war. Die Geſtalt, die er geſehen hatte, mußte offenbar aus dem Schloſſe ge⸗ kommen ſeyn; wie ihr dies aber gelungen war, konnte er nicht errathen. Jede Pforte war verſchloſſen und mit Ket⸗ ten und Bolzen verriegelt; der Thürſteher und ſeine Leute ſchnarchten alle in ihren Zellen, wovon er ſich durch den Augenſchein überzeugte. Der fette alte Thürhüter, den er aufgeweckt und von ſeiner Beobachtung benachrichtigt hatte, nahm die Sache nur leicht, und erklärte ſie halb ſchlafend, halb wachend, für unmöglich; es müſſe das Mondlicht auf dem Hügel oder ein weißblühender Dornbuſch geweſen ſeyn. 393 Als ihn aber Fulmer erinnerte, daß der Monat Mai noch ſehr ferne war, und ihm ſagte, er habe geſehen, wie ſich die Geſtalt eine Strecke weit bewegte, da erklärte der Mann ganz ruhig: „Dann muß es ein Geiſt geweſen ſeyn. Die gibt es hier herum in Menge,“ worauf er ſich wieder auf ſeinen Strohſack niederlegte und von Neuem drauf losſchnarchte, noch ehe der junge Edelmann die Loge verlaſſen hatte. Fulmer fühlte ſich beinahe geneigt, die letzte Vermuthung des Thürſtehers für richtig und die vernommene Muſik für eine überirdiſche Melodie zu halten. Es hat vielleicht in der ganzen Weltgeſchichte wenige abergläubiſchere Zeitalter gegeben, als diejenigen, die der Reformation unmittelbar vorhergingen. Das Werk der Verfinſterung des menſchlichen Geiſtes, durch welches allein die Irrthümer der römiſchen Kirche aufrecht erhalten werden können, hatte ſchon ſo viele Jahrhunderte gedauert, daß es nahezu den Gipfel der Voll⸗ kommenheit erreicht hatte; Luthers Vorgängerin— die Buchdruckerkunſt— hatte ihre Miſſion noch nicht erfüllt, und obwohl ſich hie und da wenige große Geiſter vorfanden, welche das Gewand des Aberglaubens, das die päbſtliche Kirche der Welt übergeworfen hatte, abſchüttelten, obwohl Wikleff und Johannes Huß dem römiſchen Stuhle den erſten furchtbaren Schlag verſetzt hatten, ſo arbeiteten doch deſſen Anhänger nur um ſo emſiger, um das Schattenreich, das er ſich errichtet, auf den Beinen zu halten. Neue Heilige wur⸗ den eben damals creirt und ihnen beſondere Feiertage zuge⸗ wieſen, und die Feſte der alten Heiligen ſollten in vielen 394 Fällen mit verdoppeltem Glanze gefeiert werden. In Eng⸗ land insbeſondere wurde jedes falſche abgöttiſche und ver⸗ abſcheuungswürdige Dogma nur um ſo ſtrenger und ſchärfer ausgeprägt, um Wikleffs Jünger zu verhindern, daß ſie nicht durch irgend eine ſprachliche Zweideutigkeit entſchlüpfen konnten. Es wurde feierlich erklärt, daß nicht der kleinſte Theil des heiligen Brodes nach der Einweihung noch Brod bleibe, daß jeder Tropfen des Kelches wirkliches Blut ſey. Pilgerfahrten, die Verehrung der Heiligen, die Anbetung des Kreuzes und der Reliquien wurden unter Androhung des Feuertodes geboten, und Alles was auf den Aberglauben hinwirken konnte, wurde ermuthigt und aufrecht gehalten. Da die große Maſſe des Volkes in den Lehren der Kirche ſo viel Uebernatürliches hinnehmen mußte, ſo war es kein Wunder, wenn Hoch und Niedrig noch ſonſt an vieles Ueber⸗ natürliche glaubte, beſonders wenn die Prieſter ſie noch darin ermunterten. Nichtsdeſtoweniger gehörte Fulmer keineswegs zu den abergläubiſcheſten Männern ſeines Standes. Das gelegent⸗ liche Erſcheinen von Geiſtern oder gar Teufeln zu bezweifeln, hätte er freilich nicht gewagt; aber zu glauben, daß er einen geſehen habe— das war etwas Andres, und da er nicht wußte, was er denken oder welche Löſung er dem Räthſel geben ſollte, ſo zog er ſich in ſein Zimmer zurück und legte ſich zur Ruhe nieder. Der Schlaf floh jedoch ſeine Augenlider noch mehrere Stunden lang; gleichwohl ſtand er frühzeitig auf, weckte ſeine Diener im Vorzimmer und ließ ſich ankleiden. Dann 395 ſchaute er eine Weile zum Fenſter hinaus, fuhr aber plötzlich mit flammender Wange zurück, als er Etwas an ſeinen Au⸗ gen vorüberkommen ſah, und ging hinaus. Er eilte raſch durch die Höfe gegen die Umfaſſungs⸗ mauer; am Fuße der Treppenſtufe blieb er jedoch eine Weile nachdenklich ſtehen und ſtieg dann mit langſamerem Schritte und ruhigerer Miene zu der Zinne empor. — Etwa fünfzig Schritte vor ihm kam Chartley, der Mann den er ſuchte, mit gekreuzten Armen und nachdenklich zu Boden gehefteten Blicken auf ihn zugegangen. Sie befan⸗ den ſich jetzt Beide allein auf dem Walle, und Fulmer dachte, eine beſſere Gelegenheit als dieſe könne er nicht finden, um ihm zu ſagen, was er zu ſagen vorhatte. Seine Stimmung war jedoch ſeit der geſtrigen Nacht eine andere geworden, und er redete Lord Chartley anfänglich ganz höflich an. „Guten Morgen, Mylord,“ begann er.„Der Sommer kommt auf den Flügeln der Schwalbe dahergezogen,“ indem er ſich umwendete, um mit ſeinem Begleiter zurückzuwandeln. „Es iſt in der That ſehr warm,“ antwortete Chartley ſanft;„die Luft ſcheint hier mild und gemäßigt.“ Hier ſtockte die Unterhaltung eine Weile, denn Lord Fulmer gab keine Antwort und ging ſchweigend nebenher, bis ſie die Ecke des Walles nahezu erreicht hatten. Ein Kampf ging in ſeinem Innern vor ſich— ein Kampf um Ruhe, denn er fühlte, wie ſeine Aufregung zunahm. End⸗ lich ſagte er jedoch: „Ich höre, Mylord, daß Ihr mit Lady Jola St. 396 Leger wohl bekannt ſeyd, und ihr vor einiger Zeit einen Dienſt erwieſen habt.“ „War nicht von großer Bedeutung,“ erwiederte Chart⸗ ley—„ein Dienſt, wie jeder Edelmann ihn jeder Dame erweiſen würde.“ „Es iſt Euch vermuthlich bekannt, daß ſie mir als künf⸗ tige Gattin verlobt iſt,“ ſagte Lord Fulmer, ſeine Augen voll auf Chartley's Geſicht heftend. „Damals war es mir unbekannt,“ gab Chartley den Kopf hoch erhebend zur Antwort.„Jetzt weiß ich's.“ „Jene enge Verbindung,“ fuhr Fulmer fort,„gibt mir nicht allein ein Recht, ſondern macht es mir zur Pflicht, mein guter Lord, das Weſen jenes Dienſtes, den Ihr ihr er⸗ wieſen, näher zu erforſchen, damit ich“— ſetzte er mit ſar⸗ kaſtiſchem Lächeln bei—„meinen Dank danach bemeſſen kann.“ „Ich verlange keinen Dank,“ gab Chartley kalt zur Antwort.„Ueber das, was Eure Pflicht iſt, Mylord, bin ich nicht Richter. Euer Recht zu jener Nachforſchung fühle ich mich nicht berufen zu beurtheilen, und die Dame wird Euch ohne Zweifel ſo viel von der Sache mittheilen, als ſie für nöthig findet.“ Fulmer bemühte ſich, den Zorn niederzukämpfen, der in ſeiner Bruſt aufſtieg; aber es lag dennoch große Schärfe in ſeinem Tone, als er erwiederte: „Mein Recht zu jener Nachforſchung ſeyd Ihr allerdings berufen zu erwägen, mein guter Lord, denn ich will jene Nachforſchung bei Euch anſtellen.“ 397 „Dann verweigere ich Euch die Antwort,“ entgegnete Chartley.„Wenn ein Edelmann einer Dame irgend einen Dienſt erwieſen hat, ſo iſt es nicht ſeine Sache, davon zu reden. Sie mag es thun, wenn ſie es für paſſend findet; ihm aber geziemt dies nicht.“ „Wenn Ihr mir auf dieſem Wege nicht Rede ſtehet, Mylord, dann müßt Ihr's auf einem anderen,“ trotzte Fulmer mit übereinander gebiſſenen Zähnen, wie wenn er die hefti⸗ geren Worte die ihm auf die Lippen ſprangen zurückdrängen wollte. Chartley lachte. „Bei meinem Leben!“ rief er;„das iſt die ſonderbarſte Dankbarkeit die mir in dieſer wunderbaren Welt noch jemals begegnete! Da kommt ein Mann, um mir Dank zu ſagen, und fordert mich dann mit rauhen Worten zur Verantwor⸗ tung, weil ich ihm das Nähere nicht ſagen will! Was hat das Alles zu bedeuten, Mylord? Euer befremdendes Be⸗ nehmen verlangt jedenfalls eine Erklärung— weit mehr als das meinige, das von jeher ganz offen und einfach ge⸗ weſen.“ „O, wenn Ihr glaubt, daß es einer Erklärung bedarf,“ rief Lord Fulmer ſchnell beſonnen,„ſo bin ich gerne bereit, ſie in der angedeuteten Weiſe zu geben.“ „Iſt das eine würdige Antwort, Lord Fulmer?“ fragte Chartley.„Ihr ſcheint entſchloſſen, eine Urſache zum Streit mit mir zu finden und könnt keinen vernünftigeren Vorwand entdecken, als den, daß ich einſt einer Euch verlobten Dame einen geringfügigen Dienſt erwieſen.“ 398 „So iſt es,“ erklärte Fulmer trocken. „Wohlan, ſo hört meine Antwort,“ rief Chartley, ſein Haupt zurückwerfend;„ich will auf dieſem Boden nicht mit Euch kämpfen. Klagt mich offen an— beſchuldigt mich eines Unrechts, das ich Euch oder irgend einem Sterblichen — Mann oder Weib— gethan habe, und ich will mich ent⸗ weder rechtfertigen oder Eurem Schwerte mit meiner Perſon einſtehen; aber ich mag nicht den Namen einer Dame in Frage bringen, indem ich mit irgend einem Manne aus ſolchem Grunde, wie Ihr ihn vorbringt, hadere. Wenn Ihr ſonſt etwas wider mich zu ſagen habt, ſo ſagt es kühn heraus.“ „Habt Ihr nicht bereits Ihren Namen in Frage gebracht, als Ihr eine ganze Nacht mit ihr in den Wäldern von Atherſton zubrachtet?“ fragte Fulmer ſtrenge.„Habt Ihr ſie nicht in das Gerede leichtfertiger Zungen gebracht—“ „Halt, halt!“ rief Chartley.„Ich verſtehe Euch nicht ganz. Wollt Ihr damit ſagen, ich habe jemals leichtſinnig von jener Dame geſprochen— ich habe ihren Namen über⸗ haupt zum Gegenſtand meines Geſpräches gemacht?“ „Nein,“ entgegnete Fulmer ernſthaft;„das kann ich nicht ſagen; aber ich behaupte, daß Ihr dadurch, daß Ihr wie geſagt eine ganze Nacht in den Wäldern von Atherſton bei ihr geblieben— anderen Leuten Veranlaſſung zu Schwätzereien gegeben habt.“ Chartley lachte abermals. 5 „Er wollte wahrhaftig, daß ich ſie mitten im Walde ihrem Schickſale überlaſſen hätte!“ rief er;„oder hätte ich 399 ſie etwa Catesby's rohen Soldaten oder den ſolchen Söldlin⸗ gen Sir John Godscrofts in die Hände fallen laſſen ſollen, welche eben in dem Augenblicke, da ich ihr begegnete, in dem ſauberen Geſchäfte begriffen waren, die Wohnungen auf dem Kloſterraſen niederzubrennen? Bei St. Peter! Der Mann ſcheint eine merkwürdige Anſicht über die Höflichkeit gegen eine Dame zu beſitzen! Laßt Euch ſagen, Lord Ful⸗ mer, daß ſie, wenn ich ſie verlaſſen hätte, unter Leute hätte gerathen müſſen, welche ſie wohl etwas rauher als ich that, behandelt hätten.— Halt, halt, noch eine Weile! Ich bin noch nicht zu Ende. Ihr ſagt, ich habe den Leuten Veran⸗ laſſung gegeben, leichtfertig von ihr zu reden. Nennt mir den Namen deſſen, der es wagt, auch nur mit einem Worte ihren Namen und den meinen mit einer unreinen Anſpielung, ja auch nur im Scherze zuſammenzubringen, und er ſoll ſeine Worte ſelber hinunterwürgen, oder ich will ihn einen Tag vor ſeiner Zeit zum Teufel ſchicken.“ Fulmer ſchaute in mürriſchem Schweigen zu Boden. „Es kann Worte geben,“ ſagte er endlich,„welche abge⸗ ſehen von Ton und Weſen nur wenig andeuten, aber mit Kopfnicken, mit Lächeln und Augenzwinkern zuſammenge⸗ halten vollkommen hinreichen, um den reinſten Ruf zu be⸗ ſudeln. Mit einem Worte, Lord Chartley: ich will nicht, daß man ſage, die Frau, die ich zu meinem Weibe mache, habe eine ganze Nacht allein mit irgend einem lebenden Manne im wilden Walde zugebracht.“ „Dann macht ſie nicht zu Eurem Weibe,“ antwortete Chartley.„Das iſt leicht abgemacht.“ 400 „Es gibt noch einen andern Weg es abzumachen,“ er⸗ wiederte Lord Fulmer bitter,„indem ich jenem Manne, der Solches that, die Kehle abſchneide.“ „So, ſo, da will's hinaus?“ verſetzte Chartley, der nun⸗ mehr gleichfalls gegen ſeinen Willen zornig wurde.„Wenn dies der Fall iſt, Mylord, dann will ich Eure Hoffnung nicht täuſchen. Ich könnte als Gefangener Eure Herausforderung zurückweiſen; ich könnte ſie als auf keinen vernünftigen Gründen beruhend verweigern; aber ich will es nicht thun, und Ihr ſollt Genugthuung haben, wie Ihr ſie verlanget, denn kein Mann auf Erden ſoll ſagen, daß ich ihn gefürchtet habe. Das Alles aber, mein guter Lord, geſchieht nicht ohne Bedingung. Es ſoll überall vollſtändig bekannt wer⸗ den, wie und warum Ihr mich dazu gezwungen— welchen Hader Ihr mir angeheftet, und warum ich eingewilligt habe. Das Alles ſoll meinem eigenen guten Namen zulieb öffent⸗ lich bekannt und proklamirt werden. Ich habe ein Recht, Solches zu verlangen.“ „Aber der gute Ruf der Lady?“ rief Fulmer über die Bedingung beunruhigt. „Wer iſt es, der ihn anſchwärzt?“ fragte Chartley zor⸗ nig.„Nicht ich, ſondern Ihr, Lord Fulmer. Ich erkläre ſie für rein, für gut und wahrhaft gegen Euch, gegen mich und Jedermann; Ihr aber ſollt als ihr Verläumder daſtehen, wenn Ihr mir dieſen ungerechten Hader aufdrängt. Auf Cuch werfe ich die Verantwortlichkeit, und jetzt verlaſſe ich Euch.“ „Halt, Sir, halt,“ rief Fulmer faſt zur Wuth getrieben. 401 „Ihr habt mich Verläumder genannt, und Ihr ſollt mir für dieſes Wort Rede ſtehen, oder ich will Euch an jedem Hofe Europa's als Feigling brandmarken.“ „Mich dünkt, Ihr würdet nur Wenige finden, die das glaubten,“ erwiederte Chartley ſtolz.„Aber laßt Euch ſagen: wenn Ihr vor competenten Zeugen dieſen Ausdruck gegen mich zu gebrauchen wagt, ſo will ich Euch auf der Stelle züchtigen, wie Ihr's verdienet. Ihr denkt, Mylord, indem ihr mich hier privatim anfallet, könnet Ihr Eure Bosheit befriedigen und Eure eigene Schwäche verdecken, ja den Tadel vielleicht auf meinen Namen heften; aber Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, Ihr habet es mit einem ſchwach⸗ köpfigen, leichtfertigen Knaben, wie Ihr ſeyd, zu thun.“ Fulmer verlor alle Selbſtbeherrſchung, und dicht vor den Fenſtern des Schloſſes ſein Schwert ergreifend, rief er: „Zieht! Ich will's nicht länger tragen.“ Chartley war jedoch vergleichungsweiſe kaltblütig, wäh⸗ rend ſein Gegner von Leidenſchaft geblendet war, und mit einem Satze auf ihn losſpringend, ſtieß er die erhobene Spitze mit der Hand bei Seite, und wand ihm das Schwert aus der Fauſt, wobei er eine leichte Wunde davontrug. Dann ſeinen Gegner feſt umfaßt haltend, ſchleuderte er die Waffe von ſich und über die Schloßmauer hinab. „Schämt Euch, ſchämt Euch, Lord Fulmer,“ ſagte er nach augenblicklicher Pauſe.„Geht in's Schloß zurück, Sir, und wenn Ihr wirklich jene ehrenhaften Geſinnungen, jene etwas fantaſtiſchen und übertriebenen Anſichten beſitzt, die ich Euch zuſchreiben hörte, ſo überleget Cuer Benehmen am James. Der Waidmann. 26 40² heutigen Morgen; überleget den Zweifel und Argwohn— ungerecht, falſch und niedrig, wie er iſt— woraus jenes Benehmen entſtanden, und ſchämt Euch über Beides. Ich bin nicht leicht zur Eitelkeit geneigt; wenn ich jedoch mein eigenes Benehmen bei den Ereigniſſen prüfe, welche all dieſen Groll auf Eurer Seite veranlaßt haben, wenn ich es mit Eurem jetzigen Verhalten vergleiche, ſo fühle ich, daß ein unermeßlicher Unterſchied zwiſchen uns iſt, und um jener reizenden Dame willen bedaure ich, daß ſie durch ſolche Bande an einen ſolchen Mann gefeſſelt ſeyn muß.“ „Ihr habt den Vortheil, Mylord, Ihr habt den Vor⸗ theil,“ wiederholte Fulmer im Bullenbeißertone.„Es kann die Zeit kommen, wo er auf meiner Seite ſeyn wird.“ „Ich glaube nicht,“ gab Chartley mit ſeinem alten luſti⸗ gen Lachen zur Antwort;„denn es heißt, Gott ſchützte das Recht, und ich werde Euch nie Unrecht thun.“ Mit dieſen Worten drehte er ſich um, ſtieg die Stufen hinab, und ging in das Schloß zurück. Fulmer folgte langſam und mürriſch, die Augen zu Bo⸗ den geſchlagen, und nur von Zeit zu Zeit die Lippen be⸗ wegend. Der Vorfall war ihm um ſo bitterer, als er ſich bewußt war, daß er ihn ſelbſt verſchuldet hatte. Er mochte über Chartley zürnen; ſein Stolz mochte bitter gekränkt ſeyn, und er mochte alle Neigung verſpüren, den Tadel auf Andere zu wälzen; aber ein Faktum konnte er nicht über⸗ gehen, eine Wahrheit, welche gleich Anfangs ſeine Selbſt⸗ kritik herausforderte: er war allen ſeinen Entſchlüſſen un⸗ treu geworden, hatte der Leidenſchaft nachgegeben, während 5 403 er beſchloſſen hatte, ſich ruhig und kaltblütig zu zeigen; und dieſe Ueberzeugung brachte ihn vielleicht noch mehr dazu, ſein ganzes Verfahren zu bereuen. Auf alle Fälle ging er durch ſein Vorzimmer, ohne mit einem ſeiner Diener eine Sylbe zu reden, trat in ſein eigenes Gemach, und warf ſich dort in einen Stuhl nieder, um ſeine Handlungen die Muſte⸗ rung paſſiren zu laſſen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Laßt uns zum Schluſſe des geſtrigen Abendeſſens zurück⸗ kehren. Die Aebtiſſin und ihre beiden ſchönen Nichten zogen ſich mit einigen andern im Schloſſe verſammelten Damen anfänglich in eine kleine über dem Speiſeſaal gelegene Halle zurück, und trennten ſich dann nach kurzem Geſpräche in verſchiedene Gruppen, welche alle ihre beſonderen Schlaf⸗ zimmer aufſuchten. Jola, Konſtanze und ihre Tante ver⸗ fügten ſich, ehe ſie ſich für die Nacht trennten, in das Schlaf⸗ gemach der Erſteren, und ſetzten ſich nieder, um noch einige Minuten im ruhigen Tone zu verplaudern. „Du ſtehſt betrübt aus, mein theures Kind,“ begann die Aebtiſſin;„hat Dich irgend etwas geärgert?“ „Nein, liebe Tante, nicht mehr als ſonſt,“ antwortete Jola mit eerzwungenem Lachen.„Ich meine, ein Menſch könne wohl luſtig ſeyn, wenn er auch weiß, daß er nach Ver⸗ fluß eines Jahres gehängt werden ſoll; der Fall wird aber ein anderer am Tage vor der Hinrichtung.“ † 26* 404 „Das iſt ein rechtes Galgengleichniß, mein Kind,“ be⸗ merkte die Aebtiſſin.„Doch pfui! Jola, Du mußt ſolche Gedanken verbannen. Die Ehe iſt ein ehrbarer Stand, wenn auch nicht ſo heilig wie das Kloſterleben; ich zweifle auch nicht, daß ſie eine ſehr behagliche Stellung iſt, obgleich ich ſie niemals erprobte und jetzt auch nie mehr erproben werde“— indem ſie ihren eigenen Gedanken belächelte. „Nun, nun, mich dünkt, Du ſollteſt zufrieden ſeyn,“ fuhr ſie fort,„denn er iſt gewiß ein recht hübſcher, blühend⸗ ſchöner Mann.“ „Wirklich?“ ſagte Jola in gleichgültigem Tone.„Ich glaubte, er ſey ſchwarz.“ „Ja, Haar und Augen ſind wohl ſchwarz und ſeine Haut ziemlich bräunlich,“ erwiederte ihre Tante;„ich wollte nur ſagen, er ſehe recht gut und männlich aus. Ich kann jene ſchönen Männer mit nelkenrothen Wangen nicht hübſch fin⸗ den, obgleich ich auf Männerſchönheit nicht viel Acht habe— wie ſollte ich auch? Doch muß ich ſagen, für einen Gemahl iſt er ein ſo ſchöner junger Mann, wie ein Weib ſich ihn nur wählen möchte.“ „Ich muß ihn nun ſchon zum Gemahl haben, ob ich ihn wähle oder nicht,“ antwortete Jola,„und ſo kommt es auf Eins heraus, ob er hübſch oder häßlich iſt.“ Konſtanze beſann ſich eine Weile und ſagte dann in ruhigem Tone: „Ich glaube kaum, daß er ſo hübſch iſt wie Lord Chart⸗ ley,“ indem ſie bei dieſen Worten einen raſchen Blick auf ihrer Baſe Antliitz richtete.. 405 Jola wurde im Augenblicke hochroth, ſagte aber Nichts, und die Aebtiſſin rief in munterem Tone: „Ach, dieſe Welt, dieſe Welt! Ich ſehe ſchon, er wird uns Dein Herz ſtehlen, Konſtanze, und Du wirſt jetzt Nichts mehr von Schleier und Gelöbniſſen wiſſen wollen. Nun, thue wie Du willſt, mein Kind. Ich habe das Kloſterleben als ein ſehr glückliches erprobt— vielleicht weil ich keine Wahl hatte und mich ſo gut wie möglich darein finden wollte. Wenn Jola dem Rath ihrer Tante folgen möchte, ſo würde ſie die Ehe ebenſo betrachten und ſich gleichfalls ſo gut ſie kann darein finden.“ Mit dieſem ausnehmend guten Rathe erhob ſich die würdige Dame und verließ ihre beiden ſchönen Gefährtinnen. Kaum war ſie fort, als Konſtanze näher zu ihrer Baſe rückte und, ihre Hand auf Jola's legend, ihr zärtlich in's Geſicht ſchaute. 5 „Oeffne mir Dein Herz, Jola,“ ſagte ſe.„Du haſt mir Dein Vertrauen entzogen und Dein Herz muß eben⸗ falls mitgegangen ſeyn.“ Jola neigte ihre Stirn auf ihrer Baſe Schulter und weinte ohne weitere Erwiederung. „Nein, theure Baſe,“ fuhr Konſtanze fort,„wenn nicht um meinetwillen— wenn nicht um all' der Neigung, um einer Liebe willen, welche, unähnlich der Liebe der Welt, niemals welken oder altern wird— um Deiner ſelbſt willen ſchenke mir Dein Vertrauen wie in früheren Tagen. Nenne mir Deines Herzens Gefühle und Deiner Seele Gedanken, denn glaube mir, es gibt— wenn überhaupt— nur wenige 406 Lagen im Leben, wo gutgemeinter Rath nicht Troſt bringen wird.“ „Ich will, ich will, Konſtanze,“ ſagte Jola, ihre Thränen abwiſchend.„Dieſe thörichten Tropfen entſpringen nur aus augenblicklicher Schwäche, meine Konſtanze. Ich habe bis jetzt Schweres getragen und hart gekämpft. Es iſt Deine Güte, die mich erſchüttert.“ „Aber dann ſage mir,“ bat ihre Freundin,„erzähle mir, welcher Quelle Deine Thränen entſpringen, Jola. Ich ſehe, Du biſt unglücklich— elend. Ich möchte Dir gerne helfen oder Dich wenigſtens tröſten: aber ich weiß nicht— wie.“ „Was willſt Du wiſſen, theure Konſtanze?“ klagte Jola. „Du mußt es ja ſehen— ich liebe ihn nicht— kann ihn niemals lieben, und doch muß ich ihm in wenigen Tagen— ich weiß nicht wie bald— vor dem Altare ewige Liebe an⸗ geloben. Iſt 9 nicht ein hartes Loos, theure Konſtanze?“ „Es könnte noch ſchlimmer ſeyn,“ gab dieſe zur Antwort. „Noch ſchlimmer?“ fragte Jola überraſcht. „Wenn Du einen Anderen liebteſt,“ ſagte Konſtanze langſam und kummervoll. Abermals breitete ſich Purpurröthe über Jola's Stirne und Wangen, von einem warmen Thränenguſſe gefolgt, und Konſtanze ſchlang ihre Arme um ſie mit den Worten: „Nun habe ich Dein Geheimniß, theure Jola.— Das wäre vorüber. Laß uns frei über Alles reden. Zuerſt ver⸗ nimm einigen Troſt— wenn es auch nur ein Aufſchub iſt. Mein Oheim erzählte mir kaum vor dem Abendeſſen, er habe des Koͤnigs Einwilligung zu der Hochzeitsfeier nicht 407 erlangt; Richard bittet, daß ſie verſchoben werde, damit er mit der Königin anweſend ſeyn könne. Das mag wohl lange dauern, denn die arme Königin Anna ſoll über des Prinzen Tod wahnſinnig geworden ſeyn. Jedenfalls dauert es Monate, denn ſie können der Hochzeit nicht in Trauer⸗ kleidung anwohnen. Was aber am auffallendſten iſt: mein Oheim ſchien wohlzufrieden mit dem Aufſchub.“ Jola betrachtete ſie während dieſer Worte mit einem Blicke der Verwunderung, wie wenn die Botſchaft ſo uner⸗ wartet und ſogar für ihre Hoffnung ſo unglaublich klänge, daß ſie das Gehörte kaum begreifen könne. Im nächſten Augenblicke ſprang ſie jedoch auf und ſchlug die Hände in kindiſcher Freude zuſammen. „Ein Aufſchub!“ rief ſie.„Das iſt Alles— das iſt Alles— das iſt Troſt, das iſt Leben, das iſt Hoffnung!“ Und ihrer Freundin um den Hals fallend, weinte ſte aber⸗ mals und ſchluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Konſtanze ſuchte ſie zu beruhigen; aber ihre Worte ſchienen Jola gar nicht zu erreichen, denn als der Thränen⸗ ſtrom verſtegt war, ſprang ſie auf, ſchlug die Hände wieder zuſammen und rief mit demſelben freudeſtrahlenden Blick: „Monate, ſagſt Du? Ach! Augenblicke ſind ſchon ein Segen— wer kann ſagen, was Monate bringen mögen? Sie haben ja zuweilen ganze Reiche weggefegt. Jetzt haben wir Zeit zu denken, zu ſprechen und zu handeln. Früher hielt ich es für nutzlos, ſogar mit Dir, liebſte Konſtanze, Rath zu pflegen, denn was konnte der Rath nützen, wenn das Ereigniß mit ſo furchtbarer Schnelligkeit heraneilte? 6 Es kam mir vor, wie einer jener Schneeberge, welche, wie ich gehört habe, in den Alpen oft herabſtürzen und wo es ganz vergeblich iſt, zu fliehen, ſich zu bewegen oder nur zu denken, wenn man ſie gleich niederdonnern ſieht; denn ihr Kommen iſt zu reißend, ihre Ausdehnung zu groß, und es bleibt Einem nichts übrig als den Namen Gottes anzurufen und zu ſterben.“ „Gerechter Himmel! welch' ein Bild!“ rief Konſtanze; „haſt Du wirklich ſo ſehr gelitten, meine Jola?— Jetzt aber erzähle mir, was iſt zwiſchen Dir und Lord Chartley paſſtrt?“ „Nichts,“ erwiederte Jola, und ich muß hier bemerken, daß bei jedem Worte, das ſie äußerte, ihr Muth ſich mehr und mehr zu beleben ſchien, wie wenn nur die unerträgliche Laſt, die auf ihm lag, im Stande geweſen wäre, ihn nieder⸗ zuhalten, während er, ſobald dieſe entfernt war, ſich friſcher als jemals emporraffte.„Nichts als was ich Dir ſchon erzählt habe, theure Konſtanze. Ich hätte Dir um die ganze Welt keine Lüge ſagen mögen.“ „So wurde alſo Nichts geſprochen, was Dich glauben laſſen konnte, daß er Dich ebenſo liebt wie Du ihn?“ fragte Konſtanze. Jola erröthete ein wenig und blickte zu Boden; um ihre lächelnden Lippen ſchwebte jedoch ein ſchalkhafter bedeutungs⸗ voller Ausdruck, als ſie erwiederte: „Allerdings wurde Nichts geſprochen, theure Konſtanze, aber geguckt um ſo mehr. Weißt Du, wie der Ton, wie die Blicke die ganze Bedeutung kalter Worte verändern? 409 Ich hoffe— ich glaube— ich vertraue, daß ich nicht unge⸗ liebt geliebt habe. Du wirſt ſagen, dieſe Maͤnner ſind Betrüger und nirgends mehr als in ihren Blicken. Du wirſt mir vielleicht ſagen, Chartley ſey gerade heute Abend munter und froͤhlich geweſen und habe mit ſeinen Nachbarn gelacht und geplaudert, durchaus nicht wie ein getäuſchter Liebhaber. Aber er war im Herzen nicht fröhlich, Konſtanze. Ich gab wohl Acht und bemerkte Alles. Ich ſah, daß ſein Lachen erzwungen, ſeine Fröhlichkeit keine wirkliche war; ich bemerkte die plötzlichen Anfälle von Nachdenklichkeit, den düſteren Blick, der ſein Lachen unterbrach, den hochaufge⸗ worfenen Kopf und die gekrümmte Lippe, welche die Worte, die ſeine Zunge ſprach, Lügen ſtrafte.“ „Ach, daß Du ſo genau beobachten mußteſt!“ gab Kon⸗ ſtanze zur Antwort und ſetzte dann nach kurzem Nachdenken bei:„da wir übrigens Vertrauen zu einander haben müſſen, theure Jola, ſo darf ich Nichts vor Dir verhehlen, und ich glaube wirklich, daß es ſo iſt, wie Du ſagſt. Ja noch mehr: ich weiß noch einen Anderen, der ihn beſſer kennt als ich, und auch der glaubt ſo.“ „Wer? wer?“ fragte Jola haſtig. „Kein Anderer als der gute Sir William Arden,“ er⸗ wiederte Konſtanze, und erzählte ſofort ihrer Baſe das Ge⸗ ſpräch, das bei Tiſche zwiſchen ihr und ihrem Nachbar ſtatt⸗ gefunden hatte. „Ich ſah euch ſehr emſig zuſammenplaudern,“ erwiederte Jola lächelnd;„aber ich glaubte wahrhaftig, theure Kon⸗ ſtanze, ihr hättet ein beſſeres Thema zu beſprechen als gerade 410 Jola's und Chartley's Schickſal. Dem Himmel ſey Dank! ſo haben wir einen Zweiten im Komplott, der uns vielleicht in der Stunde der Noth ſtarke Hülfe leiſten kann.“ „Komplott!“ wiederholte Konſtanze mit einem Blick der Beſtürzung.„Was für ein Komplott haſt Du denn vor?“ „Jetzt iſt ſte vor Schreck ſchon aus dem Häuschen!“ lachte Jola ſo luſtig wie früher.„Gar kein Komplott, liebſte Baſe. Ich ſprach nur in meiner tollen Weiſe und gab ihm einen tollen Namen. Nur das Eine ſey verſichert, Konſtanze, daß ich, wenn es anders ein Entrinnen gibt— und was kann dieſer Aufſchub nicht Alles veranlaſſen— meine Hand dieſem Lord Fulmer nicht reichen werde— nein, und wenn ein Kloſter meine einzige Zuflucht wäre, was weiß Gott bei der Art, wie ich davon denke, ſchlimm genug ausfiele.“ „Bei der Art, wie Du davon denkſt!— Ich verſteh' nicht, was Du meinſt, Jola,“ ſagte ihre Baſe etwas über⸗ raſcht. Jola ſann eine Weile ernſtlich nach, ehe ſie ſprach, er⸗ wiederte aber endlich. „Ich bin vielleicht nicht ſo fromm wie Du, Konſtanze, und doch in manchen Dingen frommer. Das iſt für Dich ein zweites Räthſel; aber ich weiß, daß ein Kloſter nicht für mich taugen würde. Du wirſt ſagen, ich habe in dieſem erſten glücklich genug geſchienen; aber ich bin dennoch zu dem Glauben gelangt, daß die Klöſter keine wahrhaft guten er heiligen Einrichtungen ſind. Um die Gelübde abzu⸗ legen, die ich zu leiſten hätte, um in ein Kloſter zu treten 411 und dort nach allen Regeln und Vorſchriften zu leben, um all' jene Ceremonien mitzumachen und alle Gelöbniſſe zu wiederholen, müßte ich eine Heuchlerin ſeyn, Konſtanze. Aber dieſen Lord Fulmer zu heirathen, zu geloben, daß ich ihn lieben wolle, während ich einen Andern liebe, würde mich noch zu etwas Schlimmerem als zur Heuchlerin machen.“ Konſtanze betrachtete ſie mit ganz verwirrten Blicken, denn wenn auch ihre Worte nicht ſehr deutlich waren, ſo wurden doch Zweifel in ihr rege. „Ich weiß nicht, was ich von Deiner Sprache denken ſoll, Jola,“ gab ſie zur Antwort.„Heilige Männer, Väter der Kirche, Nachfolger der Apoſtel haben Klöſter gegründet und eingeſegnet. Mit ſolcher Weihe können ſie denn doch keine ſchlimmen Inſtitutionen ſeyn.“. Jola lachte und ſchien nicht Luſt zu haben, ſich mit der Sache zu befaſſen, denn ſie fragte plötzlich mit luſtigem Handſchwenken: „Würdeſt Du Dich jetzt, ſo wie Du daſitzſt, auf Lebens⸗ zeit in eines derſelben einſperren laſſen?“ „Das iſt keine ehrliche Frage,“ verſetzte Konſtanze mit lächelndem Erröthen.„Laß uns übrigens jetzt daran denken, Jola, wie Du Dein Benehmen zwiſchen dieſen beiden Män⸗ nern einrichten mußt. An den Einen biſt Du durch ein, wie es ſcheint, rechtskräftiges Gelöbniß gebunden, dem Du nicht zu entrinnen vermagſt, obgleich es zu einer Zeit einge⸗ gangen wurde, da Du weder Ja noch Nein ſagen konnteſt. An den Andern feſſeln Dich Bande der Liebe, welche, wie ich glaube, ſogar noch ſchwerer zu brechen ſind.“ 412 „Ganz wie ein Mathematiker geſprochen, liebe Couſine,“ verſetzte Jola in ihrem alten luſtigen Tone;„aber ich kann Dir kaum antworten. Ich muß mich bei Jemand Raths erholen, der mehr von den Wegen der Welt verſteht als Du oder ich.“ „Meinſt Du die Tante?“ äußerte Konſtanze.„Sie wird ſagen: da gibt es nur Eines zu thun— nämlich nach⸗ zugeben und ſich beſtmöglich darein zu finden.“ „Nein, nein, nicht an ſie will ich mich wenden,“ erklärte Jola.„Von der Welt, ihren Geſetzen und Regeln weiß ſie nur wenig— kaum mehr als wir ſelbſt, theure Konſtanze. Sie weiß mit Vögten und Forſtmännern umzugehen, verſteht Holz oder Waizen zu verkaufen, die Kloſtereinkünfte zu ſam⸗ meln, ſeine Ausgaben zu reguliren, die Nonnen weiſe wenn auch nicht ſtrenge zu leiten und die Andacht heiter zu machen, ohne ſie der Ehrfurcht zu berauben. Aber über dieſe Dinge hinaus gibt es noch einen weiten, weiten Kreis, von dem ſie nichts verſteht, ſo wenig wie ich, die nur weiß, daß er exiſtirt.“ „An wen kannſt Du Dich dann wenden?“ fragte Kon⸗ ſtanze. Jola erhob ſich und legte mit ernſtem Lächeln ihre Hände auf die ihrer Couſine. „Ich will mich an Einen wenden, der mich wohl berathen wird,“ ſagte ſie;„hierin muß ich Dir jedoch, ſo ungerne ich es auch thue, einen Theil meines Vertrauens vorenthalten, liebſte Konſtanze. Gehörte es mir allein, ſo ſollteſt Du es vollauf und alsbald beſitzen; aber es gibt noch einen Zweiten, 413 deſſen Zuverſicht ich nicht täuſchen darf. Sey überzeugt, daß, ſoweit Chartley und ich dabei betheiligt ſind, jedes Geheimniß meines Herzens, jede Handlung, die ich begehe, vorhabe oder erſinne, Dir alsbald erzählt werden ſoll. Du ſollſt in meine Bruſt ſchauen, wie wenn ſie Dein Eigen⸗ thum wäre.“ „Und dennoch wird ein unaufgehellter Fleck zurück⸗ bleiben?“ fragte Konſtanze vorwurfsvoll. „Nicht was mich betrifft,“ gab Jola zur Antwort.„Ich ſage Dir, ich werde mir Rath holen. Wie dieſer Rath ausfällt, ſollſt Du erfahren; wo ich ihn einhole und wer ihn ertheilt, darfſt Du nicht wiſſen. Das ſey die einzige Zurückhaltung auf meiner Seite.“ „Und Du willſt nichts vornehmen, ohne mit mir ge⸗ ſprochen zu haben?“ fragte Konſtanze ängſtlich. „Gewiß nicht,“ verſicherte Jola;„aber Du mußt mir dagegen verſprechen, Konſtanze, daß mein Vertrauen nie verletzt, daß Du Dich durch keinerlei anerzogene Anſichten von Pflicht oder Schicklichkeit oder was es ſonſt ſey— ja nicht einmal durch die Religion ſelbſt— verleiten laſſen wirſt, das was ich Dir erzählen werde jemals gegen Mann oder Frau zu verrathen.“ Konſtanze ſchien zu zögern, worauf Jola in feſtem aber traurigem Tone beiſetzte: „Du mußt mit's verſprechen, Konſtanze, ſonſt kann ich Dir's nicht anvertrauen. Mein Herz muß ſich vor Dir wie vor der übrigen Welt verhüllen, wenn ich nicht weiß, daß 5 414 meine Geheimniſſe bei Dir ebenſo ſicher wie bei mir gebor⸗ gen ſind. Willſt Du mir ohne irgend einen Rückhalt ver⸗ ſprechen und Dich dabei erinnern, daß ich keine Erwägung meines eigenen Beſten— wie man es nennt— als Vor⸗ wand für eine Verletzung Deines Gelöbniſſes gelten laſſen werde. Ich weiß, wenn Du Dein Verſprechen gegeben haſt, wirſt Du es auch halten.“ „Gewiß will ich,“ erwiederte Konſtanze und fuhr nach kurzem Nachſinnen fort:„und ich will Dir auch das Ver⸗ ſprechen geben, Jola. Wenn ich's nicht thäte, ſo könnteſt Du mir leicht Dein Vertrauen vorenthalten, und ich glaube, daß es beſſer für Dich iſt, wenn Du irgend Jemand haſt, an deſſen Liebe Du nicht zweifeln, mit dem Du Dich be⸗ rathen und auf den Du Dich verlaſſen kannſt. Bedenke, daß ich nicht weiß noch errathen kann, wer dieſer geheime Nathgeber iſt, noch wie er oder ſie Dir bis hieher gefolgt ſeyn können, um Dir ſo plötzlich ihren Rath zu ertheilen. Sicherlich wirſt Du doch Deiner Zofe nicht mehr als Deiner Couſine Vertrauen ſchenken!“ Jola brach in luſtiges Lachen aus. „Verhüte der Himmel!“ rief ſie mit der Hand abwehrend. „Ueberdies, was weiß ſie von der Welt? Suſannens höchſte Erfahrung reicht blos ſo weit, daß ſie weiß, wie des Kloſter⸗ gärtners Sohn, Harry Smith, ihr auf dem Tamworther Markte dunkelrothe Bänder einkaufte und ſie auf nächſte Faſtnacht zu heirathen verlangte. Nein, meine theure Kon⸗ ſtanze, mein ganzes Vertrauen ſollſt Du haben— das heißt, ſo weit es mir gehört. Nur das von Andern Anvertraute 415 muß ich Dir verſchweigen, und nun iſt Dein Verſprechen gegeben— nicht wahr? Voll und ohne Rückhalt?“ „Ja,“ gab Konſtanze zur Antwort.„Ich weiß, jene Lehre des geiſtigen Vorbehalts war Dir immer verhaßt und Du nannteſt ſie unchriſtlich und unaufrichtig. Auch ich liebe ſie nicht und werde nie danach handeln, obgleich ganz gute Menſchen behaupten, ſie ſey zuweilen nothwendig.“ „Pfui über ſie!“ rief Jola warmherzig.„Wer ſo etwas zu lehren vermag, kann auch jede andere Falſchheit predigen.— Nun aber, meine liebe, theure Couſtne, höre eine Bitte: willſt Du Deiner Jola helfen, dieſen Rathgeber aufzuſuchen?“ „Wie kann ich Dir helfen? Was ſoll ich thun?“ fragte Konſtanze. „Du brauchſt blos eine einſtündige Gefangenſchaft zu erdulden, brauchſt blos hier zu bleiben und zu warten, bis ich zurückkomme, und wenn Jemand vor der Thüre erſcheint, zu erklären: Ihr könnt nicht eintreten,“ erklärte Jola. „Das iſt leicht gethan,“ meinte ihre Baſe;„ich kann dabei eben ſo gut meine Abendgebete ſprechen wie in meinem eigenen Zimmer daneben.“ „Ganz ebenſo gut,“ verſicherte Jola lächelnd.„Jetzt muß ich mir aber den Weg ſäubern,“ und die Thüre in das Vorzimmer öffnend, ſagte ſie:„Höre, Suſanne: haben die Gäſte die Halle verlaſſen?“ „Ja, Lady,“ erwiederte das roſige Landmädchen, das auf ihre Aufforderung zum Vorſchein kam.„Sie ſind heute nicht lange ſitzen geblieben und haben ſich Alle ſeit längerer Zeit auf ihre Zimmer begeben.“ 416 „Wohlan, ich kann Dich auf eine Stunde entbehren,“ ſagte Jola und ſetzte lachend hinzu:„Ich weiß, daß Du gerne mit Jemand plaudern möchteſt. Sey aber vorſichtig, Suſanne, dann ſollſt Du bei meiner Hochzeit ein Geſchenk zu Deiner eigenen Ausſtattung erhalten.“ Das Mädchen erröthete und entfernte ſich mit geziertem Lächeln. „Und nun muß ich etwas über dieſe hellen Gewänder werfen,“ ſagte Jola, und einen der großen Schränke öffnend, welche von ihrer damaligen Verwendung noch lange Jahre nachher den Namen Armoirs— in manchen Theilen Euro⸗ pa's ſogar noch jetzt— beibehalten haben, zog ſie einen weißen Wollenmantel nebſt Kaputze hervor, die ſie über ihren ſonſtigen Anzug warf. „Wohin gehſt Du denn?“ fragte Koſtanze im Tone der Beängſtigung;„doch nicht über die Schloßmauern hinaus? Deine Wanderungen außerhalb des Kloſters haben mich gar manchmal erſchreckt; trotzdem, daß das helle Tageslicht Dir dabei leuchtete, jetzt aber machſt Du mir noch mehr Angſt.“ „Fürchte nicht und frage nicht,“ antwortete Jola;„ich werde im Falle der Noth nicht ohne Beſchützer ſeyn.“ „Ach, Jola, Jola, bedenke doch was Du thuſt!“ rief ihre Freundin, ſie bei der Hand zurückhaltend. „Ich habe es bedacht,“ antwortete die Lady.„Sieh, wie der Mond ſcheint, und horch: dort werde ich aufgefordert!“ Konſtanze ſchaute hinaus und lauſchte; gedämpft durch die verſchloſſenen Fenſterſcheiben vernahm ſie die nämliche Muſtik, welche Fulmer von einem andern Theil des Schloſſe 417 aus gehört hatte. Ihre Hand ſanft aus Konſtanzens los⸗ machend, ſchlüpfte Jola in das Vorzimmer und öffnete die auf den Gang führende Thüre. Sie kehrte gleich darauf wieder zurück mit den Worten: „Da draußen geht Jemand; ich muß ein wenig warten.“ Doch ehe noch zwei Minuten verſtrichen waren, trat ſie wieder hinaus und ſchloß die Thüre hinter ſich. Konſtanze blieb, wo ihre Couſine ſie verlaſſen hatte und horchte längere Zeit mit geſpannter Aufmerkſamkeit; doch Jola kehrte nicht zurück, und die Thüre verriegelnd warf ſich Konſtanze zu brünſtigem Gebete auf die Kniee nieder. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Wir müſſen einen Blick über's Waſſer werfen. „Welches Waſſer?“ wird der Leſer fragen:„das Waſſer der Zeit?“ Nein leider, das können wir nicht. Der geſpannte Blick mag ſich anſtrengen ſo viel er will und alle Gläſer zu Hilfe nehmen, welche der Scharfſinn des Menſchen erſinnen oder ſeine Anmaßung gebrauchen kann— jener weite Horizont wird nie einen deutlichen Gegenſtand gewahren laſſen. Eine Luftſpiegelung mag wohl die Bilder zeigen, welche über den Bereich des natürlichen Geſichtskreifes hinausliegen; aber im Ganzen iſt's doch nur ein verſchwimmendes Gemälde, wo Alles unſicher, wirr und undeutlich iſt. Nein, die Waſſer, die ich meine, ſind diejenigen, die zwi⸗ James. Der Waidmann. 27 3 418 2 ſchen den weißen Klippen von England und den Küſten von Frankreich fließen; ich überſpringe auch keinen Zeitab⸗ ſchnitt; denn Tag und Stunde waren die nämlichen, wie ich ſie kaum vorhin verlaſſen habe, und gerade um den vollkommeneren Synchronismus meiner Erzählung aufrecht zu erhalten, bin ich genöthigt, die Scene zu wechſeln und den Leſer wider ſeinen Willen mit mir nach Frankreich zu entführen. In einem kleinen, mit düſteren Tapeten und ſchwarzem Eichengetäfel verzierten Zimmer— letzteres höchſt eigen⸗ thümlich geſchnitzt in der Form von übereinandergethürmten Fünfecken, deren jedes in der Mitte einen kleinen vergoldeten Stern hatte— ſaß um die erſte Morgenſtunde ein ältlicher Mann von würdevollem aber ruhigem Ausſehen in der Tracht eines Biſchofs. Zunächſt der Thüre ſtanden zwei Geiſtliche mit einem Knaben von etwa vierzehn Jahren zwiſchen ihnen, Alle wie es ſchien zu einer Reiſe gerüſtet. „Und Du biſt ſicher, mein Sohn, daß Du jeden Schritt und Tritt des Weges kennſt?“ fragte der Biſchof auf Fran⸗ zöſiſch, ſeine Augen auf den Knaben heftend. „So genau wie ich die Schritte zu meiner Mutter Thüre kenne, Mylord,“ antwortete der Knabe. Der Biſchof ſchwieg nachdenklich und winkte einen der Geiſtlichen näher zu ſich her. Der gute Mann kam und neigte ſein Haupt, bis ſein Ohr in gleicher Höhe mit des Prälaten Lippen ſtand und rief als Antwort auf eine leiſe Frage, welche der Andere geſtellt zu haben ſchien: „O ich will für ihn bürgen, Mylord, denn in der Zeit 419 der letzten Kämpfe mit der Bretagne diente er als Bote zwiſchen den beiden Heeren, ohne daß er ſeine Treue auch nur ein einziges Mal gebrochen hätte.“ „Wohlan, ſo nehmt ihn für jetzt mit Euch,“ ſagte der Biſchof;„ich will den Brief ſogleich ſchreiben, denn es iſt keine Zeit zu verlieren. Behandelt ihn freundlich und füttert ihn gut vor ſeinem Abgang. Ich will ihn rufen, wenn ich ihn brauche.“ Die beiden Prieſter und der Knabe entfernten ſich; und der Biſchof verſank eine Zeit lang in Gedanken, ſobald er allein gelaſſen war. „Soweit wäre Alles ſicher,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Ich finde mich abermals an dieſen gaſtlichen Küſten von Frank⸗ reich, und mein Entkommen iſt nahezu ein Wunder zu nennen. Ich hoffe, daß diejenigen, die neben Gottes Hilfe meine freundlichen Beſchützer geweſen, kein Uebel betroffen hat. Wenn doch nur jenes liebe Kind ſicher in die Arme ihrer guten Tante, der Aebtiſſin, zurückgelangt iſt! Es iſt merk⸗ würdig, wie oft durch den anſcheinendſten Zufall eine unſern Nehenmenſchen erwieſene Güte in ſpäteren Jahren zum Seen für uns ſelber wird, ohne daß des Menſchen Dank⸗ barkeit einen großen Antheil dabei hätte, denn wie ſelten treffen wir etwas wie Dankbarkeit, beſonders unter den Hohen und Vornehmen? Oft auch ſind diejenigen, denen wir gedient haben, von hinnen gegangen und können keine Dankbarkeit beweiſen, auch wenn ſie wollten; aber die Wohl⸗ that wächst in ſpäteren Jahren empor, um uns wie ein Baum gegen den Sturm zu ſchützen. Wenig ließ ich mir 27* 420 träumen, als ich um St. Legers Leben bat und es nicht allein gegen alle Widerſacher durchſetzte, ſondern auch er⸗ langte, daß ſeine Ländereien nicht von der Krone konfiscirt, ſondern mit einem Vorbehalte für ihn ſelbſt ſeinem Bruder auf Lebensdauer übertragen wurden— wenig ließ ich mir träumen, daß ſeine Schweſter mich auf die Gefahr, alle weltlichen Güter zu verlieren, beherbergen und ſeine Tochter mir als Führerin zur ſicheren Flucht verhelfen würde.— Doch jetzt zu anderen Dingen,“ fuhr er fort, ein Blatt Pa⸗ pier zu ſich heranziehend.„Ich bitte Gott, daß dies zum Segen meines Landes ausfallen möge! Dankbarkeit brauche ich nicht in dieſem Falle; ich erwarte ſie nicht und werde ſie nicht erlangen. Sie liegt nicht in ſeiner Natur— genug, wenn er ſich nicht gegen mich umwendet und mich zerreißt! Gleichviel: es iſt Recht und ſoll geſchehen. Beſſer ein kalter, habſüchtiger Fürſt auf dem Throne als ein mörde⸗ riſcher Uſurpator. Dieſer Mann muß um ſeiner eigenen Intereſſen willen zum Wohle ſeines Volkes arbeiten, und eine Heirath mit der Erbin von York wird dann alle Spal⸗ tungen kuriren und die Wunden meines blutenden Vater⸗ landes heilen.“ Er ſchien gleichwohl noch immer zu zögern, denn obwohl er ein Blatt Papier und eine Feder ergriffen hatte, nahm er doch noch mehrere Minuten Anſtand zu ſchreiben. „Es muß geſchehen,“ ſagte er endlich, und der Brief war bald beendigt, nachdem er einmal begonnen hatte. „Ja,“ ſagte er, als er fertig war;„jetzt kann er handeln, wie er es für zuträglich hält. Iſt er weiſe und die Gelegen⸗ 421 heit ihm günſtig, ſo wird er kein Wort zu dieſem ſchwachen Herzog der Bretagne ſagen, ſelbſt wenn er ihn in einem ſeiner lichten Augenblicke träfe, ſondern wird alsbald nach Frankreich fliehen, wo Alles— Dank meinen Anſtrengungen! zu ſeiner freundlichen Aufnahme vorbereitet iſt. Wenn Rachſucht die Oberherrſchaft erlangt— und er hat keinen kleinen Antheil davon in ſeinem Weſen— dann wird er Peter Landais niederzuſchlagen ſuchen und gebunden in Richards Hände geliefert werden. Dann fahre wohl, Eng⸗ land! Halt, ich will noch einige Worte vorſichtigen Rathes beiſetzen, denn ich muß durchaus die von meinem guten Freunde, dem Waidmann, erhaltene Depeſche einſchließen, um ihn die Ausdehnung und die Beſchaffenheit ſeiner Ge⸗ fahr erkennen zu laſſen.“ Das Poſtſcript ſeines Briefes war bald geſchrieben, das Papier, das der Waidmann ihm gegeben hatte, eingeſchloſſen, der Brief mit Seide umwunden und geſiegelt; dann wurde der Knabe zurückgerufen und das Paket ihm übergeben. Vielerlei waren die Weiſungen, wie er die gefährliche De⸗ peſche verbergen ſolle, und der Junge, welcher ganz geſcheidt und behende ausſah, entfernte ſich mit einem Paket ge⸗ wöhnlicher Briefe, welche an den Marquis von Dorſet und einige andere engliſche Edelleute, damals am Hofe der Bretagne in Verbannung lebend, adreſſirt waren. Des Knaben Gewicht war nur leicht, das für ihn bereit gehaltene Roß ſtark und rüſtig, und er ſtieg ſofort im Hofe auf, um ſich auf ſeinen Weg zu machen, der ihn in voll⸗ kommener Sicherheit durch das Herz der Normandie führte. 422 Seez, Alengon wurde erreicht, und erſt jetzt begann die Ge⸗ fahr ſeines Unternehmens; allein alle Straßen waren ihm wohlbekannt, und nachdem er in einem kleinen Dorfe an den Grenzen der Normandie übernachtet hatte, erhob er ſich einige Stunden vor Tagesanbruch und gelangte auf engen Nebenpfaden unter dem Schutze der Finſterniß in das Herzogthum Bretagne. Es iſt ſelten, daß eine Reiſe(ſelbſt wenn ihr weit weniger Gefahren drohen als hier) ſo ganz ohne Schwierigkeit voll⸗ endet wird; aber der Bote ſtieß auf keine Hinderniſſe, bis er die Stadt Rennes erreichte, wo ſein Pferd unter dem Vor⸗ wande, ein ſo ſchönes Thier könne nicht wohl einem Jungen von ſeinem Ausſehen angehören, mehrere Stunden lang angehalten wurde. Die Briefe an den Marquis von Dorſet, die er zum Vorſchein brachte, erklärten jedoch hinlänglich, wie er in den Beſitz des Thieres gekommen, und ſo ſehr auch Landais' Officiere Luſt hatten, das Pferd für ſich oder ihren Gebieter in Beſchlag zu nehmen, ſo wagten ſie es doch nicht, denn es gehorte zu der Politik jenes verrätheriſchen Miniſters, daß er die engliſchen Verbannten durch anſcheinende Güte in Sicherheit einlullen wollte, bis er ſie Richards Händen überliefern konnte. Die Briefe wurden jedoch ſtreng unterſucht und waren augenſcheinlich geöffnet worden, als man ſie dem Knaben wieder zuſtellte; die geheimen Depeſchen, die er in ſeinem großen hölzernen Stiefel trug, waren jedoch unentdeckt geblieben. Der Inhalt der eröffneten Briefe diente nur dazu, Landais zu überzeugen, daß ſeine beabſichtigte Ver⸗ 423 rätherei den Freunden des Verbannten in England unbe⸗ kannt war. Von Rennes ging es in aller Eile nach Vannes, und der Knabe hinterlegte die mehr als zwanzig franzöſiſche Meilen betragende Entfernung faſt in einem Tage; er langte jedoch erſt bei Nacht an und mußte bis zum Morgen in einer kleinen Herberge der Vorſtadt am rechten Ufer des Marlefluſſes verweilen. Dort zog er jedoch wichtige Nachrichten ein. Er erfuhr, daß am Tage zuvor ein ſtarker Haufe Bogenſchützen die Stadt Vannes betreten, und daß der Earl von Richmond mit vielen ſeiner vornehmſten Freunde und Anhänger in der ſchönen alten auf einer kleinen Halbinſel der Nachbarſchaft gelegenen Abtei von St. Gildas Gaſtfreundſchaft geſucht hatte. Dorthin alſo nahm er am folgenden Morgen ſeinen Weg; er konnte jedoch den Hof des Kloſters erſt erreichen, als der Earl und ſeine Begleiter eben im Begriffe waren, zu einem Morgenausfluge zu Pferde zu ſteigen. Die verſchmitzten Augen des Knaben entdeckten unter den Anweſenden alsbald einige Nichtengländer, und mit dem ſcharfen geſunden Verſtande, um deſſentwillen er zu dieſer Sendung auserleſen worden, war er alsbald über ſein Ver⸗ fahren entſchloſſen. Den Earl von Richmond hatte er noch nie geſehen; da er aber bemerkte, daß alle Anderen gegen einen der Anweſenden, einen ſchmächtigen etwas abſtoßend ausſehenden Mann, große Ehrerbietung bewieſen, ſo ging er mit einem Briefe in der Hand auf ihn zu und fragte, ob er der Marquis von Dorſet ſey. 424 „Nein,“ antwortete Richmond mit dem Fuße ſchon im Steigbügel;„dort drüben ſteht er. Iſt dieſer Brief an ihn?“ „Ja, Mylord,“ erwiederte der Knabe;„ich habe noch mehrere andere aus England.“ „Haſt Du einen für mich, den Earl von Richmond?“ fragte der Andere, worauf der Knabe mit ganz leiſer Stimme zur Antwort gab: „Ich habe ein Wort an den Earl von Richmond, aber insgeheim.“ „Ueberliefere Deine Briefe und komm dann zu mir zu⸗ rück,“ ſagte Richmond eben ſo leiſe, und fuhr dann laut fort: „Hier iſt ein kleiner Kurier aus England, Mylords und Gentlemen, mit Briefen aus der Heimath für die meiſten von Euch; nur für mich hat er keinen. Nehmt und lest ſie; wir können unſeren Ausritt wohl um eine halbe Stunde verſchieben. Mittlerweile will ich den Knaben über die Neuigkeiten in unſerem Geburtslande ausfragen.— Hier, Bernard, halte mein Pferd. Reiche ihnen ihre Brieſe, Knabe, und dann komm mit mir.“ „Ei, der iſt ja eröffnet worden,“ ſchrie der Marquis von Dorſet, als er die Epiſtel betrachtete, die er aus des Knaben Händen empfing. „Ich weiß es wohl, edler Sir,“ gab der Knabe laut zur Antwort.„Alle meine Briefe wurden mir zu Rennes ab⸗ genommen, und als ich ſie wieder erhielt, konnte ich wohl bemerken, daß man ſie geleſen hatte.“ „Fort mit Dir, Du junger Köder,“ ſchrie einer der an⸗ weſenden Officiere Landais’'„Willſt Du behaupten, die 3 —,.,— Leute des Herzogs von Bretagne haben Deine Briefe ge⸗ öffnet? Wahrſcheinlich haſt Du ſie ſelber aufgemacht?“ „O nein, edler Sir,“ antwortete der Knabe„„denn ich kann leider nicht leſen.“ „Nun gut, komm nur mit,“ ſagte Richmond, als er ſah, daß die Edelleute um den Kurier verſammelt waren und das Pafet, das er in der Hand hielt, ergriffen hatten, aus dem ſte je nach der Aufſchrift die Briefe unter ſich vertheilten. „Hierher, mein Junge. Laßt den Knaben gefälligſt paſſiren, ehrwürdiger Vater,“ und durch eine kleine Thüre, unter welcher ein alter Mönch zum Vorſchein kam, in das Kloſter tretend, verfügte er ſich in ſein Schlafzimmer, während der Knabe ihm dicht auf der Ferſe folgte. „Nun ſprich: was haſt Du mir zu ſagen?“ rief er haſtig. Der Knabe ſchloß jedoch die Thüre hinter ſich zu, ehe er antwortete, und ſchob den Riegel vor. „Ich habe ein Paket für Euch, edler Lord,“ meldete er; „ich wurde jedoch angewieſen es insgeheim Euren eigenen Händen zu überliefern, und ſo habe ich es hier in meinem Stiefel vor Aller Augen verborgen gehalten.“ „So haben die Leute zu Rennes es nicht gefunden?“ fragte Richmond in ſcharfem Tone. „Niemand hat es ſeit dem Augenblick, da ich es empfing, zu Geſicht bekommen,“ verſicherte der Knabe—„das kann ich beſchwören, denn ich habe in meinen Stiefeln geſchlafen, und wenn ich ſie zur Erleichterung auszog, ſo habe ich ſie fortwährend im Auge behalten.“ Die Stiefel eines unbewaffneten Kuriers damaliger Zeit 426 waren von einer Beſchaffenheit, wie ſie jetzt, glaube ich, gänzlich außer Gebrauch gekommen iſt, wie man ſie aber in Frankreich noch bis zu Ende des letzten Krieges an Poſtillo⸗ nen ſehen konnte. Sie beſtanden aus einer inneren Hülle von Leder mit breiten und rauhgearbeiten Holzſtücken, welche ringsum mit Lederſtreifen feſt gebunden waren, um das Bein gegen jeden Stoß oder Unfall zu ſchützen. Aus dieſen ge⸗ wichtigen Anhängſeln hatte der Knabe, indem er noch ſprach, den Fuß herausgezogen, und als er jetzt die Holzſchichten vom Leder losband, öffnete er ein kleines Schiebfach in einem der Holzſtreifen und brachte das von Morton ihm anvertraute Paket zum Vorſchein. Richmond ergriff es haſtig; aber mit der ihm eigen⸗ thümlichen kalten Beobachtungsgabe prüfte er vor dem Eröffnen orgfältig die Seide und das Siegel, um ſich zu überzeugen, ob es nicht vorher durchſucht worden ſey. In dieſer Hinſicht befriedigt zerſchnitt er die Schnur, erbrach das Siegel und überlas den Inhalt. Seine Miene, die der Knabe während des Leſens mit aufmerkſamem Blicke beobach⸗ tete, verrieth keine Spur deſſen, was in ſeinem Innern vor⸗ ging; ſie blieb kakt, ruhig und verſchloſſen. Als er fertig war, beſann er ſich eine Weile ſchweigend, und ſagte dann mit einem Blicke auf den Knaben: „Du haſt Deine Sache gut gemacht. Da haſt Du Gold. Wäre ich reicher, ſo gäbe ich mehr. Jetzt ſage mir, wie es kommt, daß ſie zur Ueberbringung nicht unwichtiger Nachrichten einen ſo jungen Menſchen gewählt haben.“ „Weil ich jeden Zoll des Landes genau kenne,“ erwiederte 427 der Knabe,„weil ich in Kriegszeiten manche Briefe zwiſchen den Herren hin und her getragen, und weil meine Mutter und Pater Julian verſicherten, daß ich ehrlich ſey.“ „Gute Gründe,“ſagte Richmond;„Kenntniß, Erfahrung, Ehrlichkeit. Ich glaube, Du verdienſt dieſe Bezeichnung.— Iſt Dir das Land zwiſchen hier und Tours bekannt?“ „Ja wohl, ganz und gar,“ verſicherte der Knabe. „Und zwiſchen hier und Angers?“ erkundigte ſich Rich⸗ mond abermals. „Ebenſo gut wie das andere,“ gab der Knabe zur Antwort. „Wohlan,“ ſagte Nichmond, öffne die Thüre und rufe einen meiner Kammerdiener. Ich behalte Dich in meinen Dienſten, wenn Du frei biſt.“ „O ja, Mylord, ich bin frei und ſtehe bereit,“ verſetzte der Knabe, denn es lag Etwas in dem Weſen des künftigen Königs von England, was trotz all ſeiner Kälte, Strenge und Trockenheit dennoch Reſpekt einflößte, und auch des Knaben Charakter war eigenthümlicher Art. Wer zu be⸗ fehlen verſteht, wird immer Leute finden, die zu gehorchen bereit ſind, und die Anhänglichkeit, welche ſtrenge, ſtark⸗ müthige Männer ſich erwerben, iſt oft raſcher und in der Regel weit dauernder als die Zuneigung, die ſich der Sanfte und Schwachherzige gewinnt. Des Knaben Weſen war kurz und lakoniſch, und ſobald er ſeine Antwort gegeben hatte, trat er hinaus auf den Gang und ſuchte einen von des Grafen Dienern, mit dem er zu dieſem zurückkehrte. 428 „Tragt Sorge für dieſen Knaben,“ befahl Richmond, „und bringt ihn mir, ſobald ich zurückkehre. Behandelt ihn gut und reicht ihm was er nur immer bedarf, denn er hat mir Dienſte geleiſtet.“ Mit dieſen Worten trat er wieder in den Hof hinaus, indem er eine mürriſche und etwas unzufriedene Miene an⸗ nahm. Das Leſen ſeiner Briefe und ſeine Unterredung mit dem Knaben hatte kaum fünf Minuten gedauert, und einige von den engliſchen Edelleuten ſtudirten noch immer an den Epiſteln, die ſte im Hofe in Empfang genommen hatten. „Ihr habt's kurz abgemacht, Mylord,“ ſagte der Mar⸗ quis von Dorſet, ſeinen Brief in die Taſche ſteckend.„Was für Neuigkeiten brachte Euch der Knabe? Ich habe wenig oder keine.“ „Ich gar nichts,“ antwortete Richmond.„Der Knabe kommt blos von Rouen, wo der engliſche Bote angehal⸗ ten. Ich muß alſo abermals lange vierzehn Tage abwar⸗ ten, bis ich Nachrichten erhalte.— Ich höre jedoch mit Vergnügen aus Rennes, Mylord von Morlair,“ indem er einen der betagniſchen Edelleute anredete, die ihm mehr zur Bewachung als zur Begleitung beigegeben waren,„daß Euer edler Herzog vollkommen wieder hergeſtellt iſt und ſich nach Maine begeben hat, um ſich in der dortigen beſſeren Luft neu zu ſtärken.“ „Wirklich, Mylord? Das hab' ich noch nicht gehört,“ antwortete der angeredete Edelmann. „Es iſt trotz deſſenwahr,“ erwiederte Richmond.„Kommt, ihr Herrn, laßt uns zu Pferde ſteigen,“ und auf ſeinen Renner 429 ſich ſchwingend, ſprengte er davon, indem der ganze Zug ihm nachjagte. Während ſeines Rittes fuhr er fort, ganz offen und un⸗ verhohlen von der Wiedergeneſung des Herzogs von Bretagne zu ſprechen, indem er an die ihn begleitenden Bretonen ei⸗ nige ſeiner Beobachtungen richtete. „Ich fürchte,“ ſagte er endlich,„Seine Hoheit wird mich etwas läſſig finden, wenn ich nicht gehe, um dem Her⸗ zog zu ſeiner Geneſung zu gratuliren.“ Er bemerkte wie Morlair's Geſicht ſich bei dieſen Wor⸗ ten einigermaßen verfinſterte, und dieſer Edelmann wagte ſogar zu ſagen: „Vielleicht wäre es beſſer, Mylord Earl, wenn Ihr ei⸗ nen Boten vorausſchicktet und Eure Abſicht ankündigen ließet, denn Seine Hoheit hat, wie Ihr Euch erinnert—“ „Ich weiß, was Ihr ſagen wollt,“ erwiederte Rich⸗ mond, als Morlaix zögerte und ſchwieg.„Seine Hoheit hat mir Vannes zur Reſidenz angewieſen, und ich merke wohl, daß die Gefügigkeit in eines Prinzen Wünſche wich⸗ tiger iſt als eine bloſe Ceremonienſache. Ihr, Dorſet, ſeyd im gleichen Falle; aber zum Glücke können wir Beidem ge⸗ nügen, nämlich an dem uns beſtimmten Orte bleiben und dennoch unſere Freude über die Wiederherſtellung unſeres fürſtlichen Freundes bezeugen. Wir wollen einen Mann ſenden, der nicht wie wir an dieſen Ort feſtgebunden iſt, um unſere aufrichtigen Glückwünſche zu überbringen und um zu beweiſen, daß wir blos aus Reſpekt gegen ſeine Ge⸗ bote nicht ſelber kommen.“ 430 „Damit werdet Ihr allerdings allen Schwierigkeiten begegnen, Mylord,“ ſagte Morlair lächelnd,„und ohne Zwei⸗ fel,“ ſetzte er heuchleriſch hinzu,„werdet Ihr bald eine Ein⸗ ladung an den Hof erhalten, um die Eurer Stellung gebüh⸗ renden Ehren in Empfang zu nehmen.“ Richmonds Geſicht drückte keine Befriedigung aus über dieſe Antwort, und zu den übrigen engliſchen Verbannten ſich wendend, ſagte er blos: „Wir wollen heute nicht weit oder raſch reiten, Ihr Herren, da Ihr morgen Eure Pferde nöthiger brauchen wer⸗ det. Ich will Seiner Hoheit ein Schreiben zur Beklompli⸗ mentirung ſenden, das Ihr für mich überbringen und dabei mein Bedauern ausdrücken müßt, daß ich nicht mein eigener Bote ſeyn konnte. Wenn Ihr mir morgen die Ehre erwei⸗ ſen wollt, bei mir zu frühſtücken, Monſieur de Morlair— aber zu einer frühen Stunde, ſo wollen wir dieſe Herren abreiſen ſehen.“ Der Andere verbeugte ſich mit aller ſchuldigen Ehrer⸗ bietung und nicht geringer Befriedigung, denn er ſah vor⸗ aus, daß die Arretirung des Earls von Richmond und ſeine Ueberlieferung an Richards Emiſſäre, welche, wie er wußte, von Landais beabſichtigt wurde, während der Abweſenheit der Mehrzahl von des Earls Freunden und Dienern weit leichter auszuführen ſeyn würde, als dies geſchehen konnte, ſo lange ſie ſeine Perſon ſo eng umringten. Der Bretone bedurfte jedoch noch deutlicher Weiſungen, wie er verfahren ſollte, und kaum war er in das Kloſter von St. Gildas zu⸗ rückgekehrt, als er Briefe an Landais abſchickte, worin er 431 dieſen von der beabſichtigten Reiſe der Freunde Richmonds in Kenntniß ſetzte und um weitere Verhaltungsbefehle bat. Während Richmond alſo beſchäftigt war, wurde der junge Bote des Biſchofs von Ely abermals vor den Earl berufen. Richmond verſchloß und verriegelte die Thüre und ſagte dann, nachdem er den Knaben eine Weile aufmerkſam beobachtet hatte: „Was iſt Dir von dem Inhalte des Paketes bekannt, das Du mir überbracht haſt, Burſche?“ „Nichts, Mylord,“ erwiederte der Knabe. „Was vermutheſt Du davon?“ fragte Richmond, der den Jungen alsbald zu begreifen und von dieſem begriffen zu ſeyn ſchien. „Daß Eure Lordſchaft von irgend einer Seite in Gefahr ſchwebt,“ erwiederte der Andere. „Warum vermutheſt Du das?“ forſchte Richmond. „Weil man mich anwies, raſch und verſchwiegen zu han⸗ deln,“ antwortete der Knabe,„das Paket zu vernichten, wenn es in Gefahr käme mir weggenommen zu werden, und in dieſem Falle Mittel zu ſuchen, Euch wiſſen zu laſſen, daß Ihr gegen Feinde auf der Hut ſeyn ſollet. Ueberdies hörte ich geſtern Nacht, daß dreihundert Bogenſchützen am Mor⸗ gen in Vannes einmarſchirt ſeyen.“ „Ha!“ rief der Earl,„davon hab' ich noch nichts gehört. Sie verfahren raſch, wie es ſcheint. Wohlan, junger Mann — biſt Du bereit mir gut zu dienen?“ „Von Herzen bereit,“ verſicherte der Knabe. „Kannſt Du mich auf den kürzeſten und geheimſten Pfa⸗ 43²2 den von hier nach der Stadt Angers führen?“ fragte Rich⸗ mond. „Keiner beſſer als ich.“ „So ſey es; Du ſollſt mich führen; aber ſey ſtill und verſchwiegen,“ gebot Richmond.„Aeußere kein Wort von dem, was ich geſagt habe, ſelbſt gegen diejenigen, die meine theuerſten Freunde zu ſeyn ſcheinen. Ich muß einen Aus⸗ flug nach Angers machen, um mich dort mit Perſonen zu berathen, die ganz in meinem Intereſſe ſind; aber Niemand darf darum wiſſen. Das iſt Alles: halt, noch ein Wort,“ fuhr er nachdenklich fort.„Es wäre am beſten, wenn Nie⸗ mand Dein Hierſeyn bemerkte oder um unſere geheimen Konferenzen wüßte. Es ſcheint, daß die Nachricht, die Du von Rouen brachteſt, wichtig genug war, um Argwohn zu rechtfertigen. Ich will Dich nach Vannes ſchicken; dort bleibſt Du in der Vorſtadt im goldenen Delphin, darfſt aber ja nicht plaudern.“ „Ich plaudere ſelten, Mylord,“ verſicherte der Knabe. „Das hoffe und glaube ich, mein guter Junge,“ verſetzte Richmond;„aber es geſchieht zuweilen, daß Jungen wie Du, wenn ſie gegen Leute von höherer Stellung auch ganz ſchweigſam und vorſichtig ſind, gegen ihre Kameraden doch eine lärmende, geſchwätzige Zunge haben. Ich will jedoch nicht an Dir zweifeln, denn Du mußt erprobt worden ſeyn, ehe Morton Dir vertraute. Vergiß nur nicht, daß wenn Du jetzt nicht vorſichtig biſt, Du einen guten Herrn verlieren kannſt, der Dein Glück machen wird, wenn Du Dich deſſen würdig erweiſeſt.“ 433 „Ich will ihn nicht verlieren,“ betheuerte der Knabe. „Morgen Nacht will ich weiter mit Dir reden,“ ſagte Richmond.„Kennſt Du in der Nähe von Vannes einen Ort Namens Carnac?“ „Wo die großen Steine liegen?“ fragte der Junge.„Ich habe ſchon als achtjähriger Bube gar oft unter jenen Stei⸗ nen geſpielt.“ „Dann magſt Du mich morgen Abend um die Stunde des Sonnenunterganges mit einem Pferde daſelbſt treffen,“ erwiederte der Earl.„Begib Dich nur auf die Straße nach Nennes, umgehe die großen Fiſchteiche und warte zwiſchen der erſten und zweiten Steinreihe, bis ich anlange. Ich komme vielleicht etwas ſpät; aber warte nur.“ „Ich werde, Mylord,“ verſetzte der Knabe und verließ den Earl. Er hielt ſein Wort buchſtäblich, denn ob er auch mit den Leuten der kleinen Schenke, in welcher er abſtieg, ſcherzte, lachte und plauderte, ſo kam doch der Name des Earls von Richmond niemals über ſeine Lippen. Er ſprach von der weiten Reiſe, die er gemacht hatte, wie ſehr ermüdet ſein Roß ſey, und beklagte ſich ein wenig darüber, daß der Mar⸗ quis von Dorſet ihn für ſeine Dienſte nicht belohnt habe. „Ohne Zweifel biſt Du vorausbezahlt worden,“ ſagte der Gaſtwirth, mit dem er ſprach.„Du ſcheinſt ein pfiffi⸗ ger Burſche, der nicht ohne Bezahlung heimgeht.“ Der Junge lachte, ſagte aber nichts und beſtätigte ſo den Verdacht des Wirthes, daß er wohl mehr verlangt ha⸗ ben müſſe, als ihm gebühre. James. Der Waidmann, 28 434 Unter dem Vorwande, ſein Pferd bedürfe der Erholung, blieb er dieſen ganzen und den größeren Theil des nächſten Tages in der Schenke, ſprach immer davon, daß er nach Rouen zurückkehren wolle, bis er endlich gegen Abend ſeine Rechnung bezahlte und aufbrach. Der Gaſtwirth bemerkte bei ſeinem Abgange: „Seht, da geht ein rechter Taugenichts, der wohl tüch⸗ tig ausgeſchimpft werden wird, daß er ſich ſo lange aufge⸗ halten hat, aber gewiß irgend eine Ausrede bei der Hand hat.“ Der Knabe ritt langſam von dannen, und ſogar etwas weiter als Richmond ihn angewieſen hatte. Er kannte nämlich das Land beſſer als der Earl, und wußte die dorti⸗ gen Gebräuche, welche um jene Stunde an dem bezeichneten Rendezvous eine große Zahl von Landvolk vorüberführte, das zur Abendmeſſe in der St. Paternuskirche nach Vannes hereinzuziehen pflegte. Er umging alſo ganz den breiten Fiſchteich und näherte ſich dem großen Druidentempel von Carnac— vielleicht dem merkwürdigſten in der ganzen Welt, als eben die Sonne unterging. Er ſtieg ab und betrachtete ſich den heiteren Himmel mit ganz anderem Intereſſe, als er es wohl gehabt hätte, wenn ihm bekannt geweſen wäre, auf welcher Stelle er ſtand, denn er wußte freilich nichts von all den hiſtoriſchen Erinnerun⸗ gen, die ſich an dieſen Ort knüpften. Er hatte nie von Drui⸗ den oder Celten noch von einer andern Religion als der rö⸗ miſch⸗katholiſchen gehört; aber dennoch hatte dieſer Schau⸗ platz mit den tauſend und aber tauſend hohen Steinen, von denen damals noch die meiſten in ihren fünf merkwürdigen 43³⁵ Reihen aufrecht ſtanden, eine Art feierlicher Großartigkeit an ſich, während der roſige Abendhimmel zwiſchen ihnen durchſchimmerte, ſo daß ſein junges, wenn auch nicht ſehr fan⸗ taſtiſches Herz eine dem Grauen nahe kommende Empfin⸗ dung verſpürte. „Das iſt ein ſonderbarer Ort,“ dachte er.„Ich möchte wiſſen, was er bedeutet. Dieſe Steine müſſen doch von ir⸗ gend Jemand hier aufgeſtellt worden ſeyn. Vielleicht woll⸗ ten ſie hier vor langer langer Zeit eine Kirche erbauen; aber warum haben ſie dann die Steine ſo weit und alle auf einer Seite ausgebreitet— es kann wohl nicht für eine Kirche geweſen ſeyn. Jetzt ſind ſie Alle geſtorben und ver⸗ dorben, das iſt klar; nur die Steine bleiben,“ und dem durch dieſen Gegenſtand angeregten Gedankengange folgend, fuhr er fort:„ich möchte wiſſen, was aus mir werden wird. Es iſt recht drollig, daß man nie ſagen kann, was einem ſpäter begegnen wird. Jener Earl ſagte, er wolle mein Glück machen— worin mag dieſes wohl beſtehen?“ Die Sonne ſank allmälig hinunter, und es wurde ganz finſter; doch kurze Zeit nach dem bleichen Düſter zeigten die Wolken im Oſten, daß ein anderes Licht herannahe, und der Mond ſtieg am Horizonte empor und goß ſeinen Schimmer über die ganze Scene. Der Junge ſchaute ſich nicht ohne Schüchternheit um; er begann beinahe zu glauben, dieſer feierliche Ort könne von den Geiſtern der Verſtorbenen beſucht ſeyn. Alles blieb jedoch ruhig und ſtill, bis er endlich den Klang von Pferde⸗ hufen vernahm und hinauszugucken wagte. Die Reiter 28* 436 waren je doch noch nicht nahe genug, um ſie gewahren zu können, denn die Nacht war ſo ſtill, daß er ſie ſchon von Weitem gehört hatte. Endlich kamen ſie näher und näher; er ſtellte ſich neben ſein Pferd und ſchaute an der langen Steinlinie hinab, bis vier Reiter gerade auf ihn zuritten. „Steige auf und komme mit,“ gebot Richmonds Stimme, und der Knabe ſprang alsbald in den Sattel. Der Earl hatte nicht angehalten, als er jene Worte ge⸗ ſprochen hatte und war, ehe der Knabe im Sattel ſaß, ei⸗ nige hundert Schritte, wie es ſcheint, in falſcher Richtung geritten, denn er hörte alsbald eine leiſe Stimme, welche ſagte: „Den Weg zur Rechten, Mylord; er iſt ſicherer und kürzer.“ „Aber dies iſt die Straße nach La Roche Bernard,“ er⸗ wiederte Richmond ſich umwendend und ihn im Mondſcheine firirend. „Ihr dürft nicht über La Roche,“ erwiederte der Knabe, „ſondern über Redon und Nozay. Wir werden bei Redon über die Villaine kommen. Von dort an habt Ihr bis No⸗ zay nichts mehr, was Euch im Wege ſteht, weder Städte noch Schlöſſer, nichts als ſandige Pfade durch die Büſche. Das Schloß von Furette iſt das einzige: es wurde aber im letzten Kriege niedergebrannt und Niemand wohnt darin⸗ nen.“ „Spiele nicht den Falſchen,“ ſagte Richmond in drohen⸗ dem Tone, indem er aber gleichzeitig in der von dem Kna⸗ ben angedeuteten Richtung einbog.„Reite hier zwiſchen 437 mir und dieſem guten Lord,“ fuhr er fort.„Jetzt ſage mir, wie weit iſt es nach Angers auf dieſer Straße?“ „Etliche ſechsundzwanzig Meilen, Mylord,“ erwiederte der Burſche;„auf der anderen über dreißig.“ „Darin hat er Recht,“ ſagte der Marquis von Dorſet. „Und was werden wir jenſeits Nozay ſinden?“ fragte der Earl. „Nichts was Euch aufhält, Sir,“ ſagte der Knabe; „zwiſchen dort und Angers liegt das Dörfchen Condé, wo Ihr Eure Pferde füttern könnt; von da führt eine gute Straße nach Angers zwiſchen bloſen Weilern und zerſtreuten Höfen, bis Ihr die Stadt erreicht. Niemand wäre im Stande, Euch von Redon nach Nozay zu führen als ich ſelbſt— wenigſtens Niemand aus Vannes; von Nozay nach Angers dagegen könntet Ihr den Weg auch allein finden.“ „Du ſcheinſt ihn genau zu kennen,“ bemerkte Richmond. „Ich bin aus Nozay gebürtig,“ erklärte der Knabe. Hier hatte die Unterhaltung ein Ende, und ſie ritten eine Zeitlang in ſehr raſchem Schritte ſchweigend dahin, bis der Earl endlich ſagte: „Wir müſſen unſere Roſſe etwas ſchonen, ſonſt werden ſie es ſchwerlich aushalten. Sechsundzwanzig Meilen— glaubſt Du, wir werden ſie in einem Tage zurücklegen kön⸗ nen, Knabe?“ 4 „O ja, Mylord,“ erwiederte dieſer,„wenn Eure Thiere ſtark und willig ſind. Die Nacht iſt friſch und der Boden weich; zu Nozay können wir anhalten und die Pferde füttern, 438 und wenn uns Jemand verfolgt, ſo iſt Tauſend gegen Eins zu wetten, daß ſie die andere Straße einſchlagen.“ „Das iſt jedenfalls eine Empfehlung für Deinen Weg,“ ſagte Dorſet lachend;„der Boden iſt allerdings ganz weich, denn mir ſcheint, als ob wir einen Moraſt beträten.“ „So iſt es auch,“ gab der Knabe kaltblütig zur Ant⸗ wort.„Wir wollen lieber Einer hinter dem Andern rei⸗ ten; wenn ich mich dann verirre, ſo bin ich jedenfalls der Erſte, der dafür büßt.“ Mit dieſen Worten ritt er kühn und raſch drauf los, bis nach etwa einer halben Meile der ſchwammige Grund auf⸗ hörte und der Boden etwas anzuſteigen ſchien. Allmälig auf ſachten Höhenrücken ſich erhebend, erreichte die Straße, die ſie nunmehr verfolgten und die an ihrer ſandigen Farbe deutlich genug zu erkennen war, eine beträchtliche Erhebung über der Meeresfläche, und Richmond wollte eben bemerken, daß ſie jetzt wenigſtens acht Meilen von Vannes entfernt ſeyn müßten, als ein ferner Kanonendonner durch die Luft herüberdröhnte. „Was mag das bedeuten?“ rief Dorſet. „Daß ſie Euren Aufbruch entdeckt haben,“ verſetzte der Knabe lachend. „Schien es von Vannes zu kommen?“ fragte Rich⸗ mond.. „Ganz ſicher,“ gab der Knabe zur Antwort;„der Wind kommt aus jener Richtung. Wenn ſie nns aber jetzt ein⸗ holen, ſo iſt's unſer eigener Fehler.“ Kein weiteres Anzeichen einer Verfolgung kam ihnen 43³9 jedoch zu Ohren, wäͤhrend ſie ihren Weg fortſetzten, bis der Knabe endlich, mit der Hand nach vorne deutend, bemerkte: „Dort liegt Redon. Ihr könnt entweder durch die Stadt oder über die Furt gehen. Die Furt iſt am kürzeſten.“ „Und wahrſcheinlich auch am ſicherſten,“ meinte Rich⸗ mond. „Sie werden jene Kanone wohl gehört haben,“ äußerte der Burſche;„wenn ſie nur wüßten, was ſie bedeutet.“ „Dann laßt uns auf alle Fälle die Furt einſchlagen,“ ſagte Richmond, und einen ſchmalen Pfad zur Linken wäh⸗ lend, der etwas am Fluſſe hinaufzog, führte ſie der Knabe an die Ufer des Stromes und kam ſicher hinüber, obgleich das Waſſer den Pferden bis an den Gurt reichte. 3 Die Uebrigen folgten, und indem ſie über den Abhang des Hügels zogen, kamen ſie nach wenigen Meilen in einen wilden, einſamen Landſtrich, wo jede Spur einer Straße auszugehen ſchien, und wo nur Wälder und Büſche über eine weite Fläche von Triebſand ſich ausdehnten. Ihr Führer ritt jedoch ſchnurgerade weiter, ohne auch nur einmal anzu⸗ halten oder ſich zu beſinnen, indem er durch jenen nämlichen Inſtinkt, wie die Hunde und manche Arten von Tauben ihn beſitzen, zu ſeinem Geburtsorte zurückgeleitet zu werden ſchien. Die ganze Gegend war ſo finſter— denn der Mond war mittlerweile untergegangen— ſo wüſt und ſpurlos, daß Richmond endlich nicht ohne Aengſtlichkeit in ſeinem ſnengen Tone ausrief: 440 „Du biſt doch ſicher, daß Du die rechte Richtung ein⸗ hältſt, Burſche?“ „Ganz ſicher,“ erwiederte dieſer, und fort ging es nun durch eine weite Fläche von Büſchen, um die Ecke eines Ge⸗ hölzes, eine kleine Schlucht hinab, dann durch ein Bächlein, einen Abhang hinauf und wieder über eine Strecke noch wüſter als zuvor, wie wenn ſeit der letzten Anweſenheit des Knaben nicht ein einziger Baum gefällt oder kein neuer Buſch herangewachſen wäre. „Dort kommt der Morgen,“ ſagte er endlich.„Wir werden Nozay gerade mit Tages⸗Anbruch erreichen.“ „Mein Pferd wird recht froh darüber ſeyn,“ bemerkte Dorſet,„denn es fängt beinahe an lahm zu gehen. Es hat ſeit der letzten Stunde faſt bei jedem Schritte geſtolpert.“ „Das Futter wird es wieder friſch machen, und das können wir bald haben,“ erklärte der Junge.„Rechts dort drüben liegt Bohalard mit ſeiner Windmühle, die wie ein großer Rieſe über den Nebel hervorguckt, als ob ſie uns mit ihren mächtigen Armen einfangen wollte.“ Der Anblick der Windmühle, und daß der Knabe ſie als⸗ bald erkannte, diente ſehr zu Richmonds Beruhigung, denn er hatte ſich einiger Zweifel über die Zuverläſſigkeit ſeines jungen Führers nicht entſchlagen können, da das Land ſo wüſte und ſpurlos geweſen war, daß es ihm eine Unmöglich⸗ keit ſchien, ſich jedes Schrittes genau zu erinnern, und ein einziger Mißgriff in dieſer Dunkelheit unverbeſſerlich ſeyn mußte. Die nächſten Minuten beſchwichtigten ihn vollſtän⸗ dig, denn bei der zunehmenden Helle bemerkte er nicht weit 441 5 vor ſich einen Thurm auf einer Anhöhe, und etwas drüber hinaus aber tiefer liegend eine Kirchthurmſpitze. „Was iſt das für ein Thurm, Knabe?“ fragte er im Weiterreiten. „Er nennt ſich Beauvais, Mylord,“ erklärte dieſer,„und dort liegt die Kirche von Nozay.“ „Dann laßt uns etwas langſamer zureiten,“ ſagte Rich⸗ mond, und wie der Knabe prophezeit hatte, erreichten ſie das Städtchen gerade mit Sonnenaufgang. „Hier müßt Ihr anhalten,“ erklärte der Knabe, vor einem Hauſe ſtilleſtehend, das eine Herberge zweiter oder dritter Klaſſe zu ſeyn ſchien;„es iſt zwar nicht die beſte Schenfe, aber der Wirth iſt der ehrlichſte Mann,“ und mit den Fäuſten an dem großen Thore anpolternd, gelang es ihm bald, einige von den Bewohnern aus den Betten zu bringen. „So, Du biſt's, Pierre la Brouſſe?“ ſchrie der Gaſt⸗ wirth, welcher unter den Erſten war:„Und Du haſt mir gar einige Gäſte gebracht!“ „Wir müſſen ſogleich Nahrung für dieſe wie für die Pferde haben, Vater, denn ſie wollen noch vor Tiſch in An⸗ gers ſeyn,“ erwiederte der Knabe. „Das wird ihnen kaum gelingen,“ meinte der Wirth, mit einem Blick auf die Roſſe;„wir müſſen eben thun, was wir können. Kommt herein, ihr Herren, kommt herein. Jacques, ſorge für die Roſſe. Komm herein, Pierre.“ „Nein, ich muß auf den Kirchthurm ſteigen und ſehen, wer hinterdrein kommt,“ erklaͤrte der Junge,„denn Maitre 442 Landais iſt kein Freund von mir, und wenn ſeine Leute mich erwiſchen, ſo iſt mir der Hanfſtrick ſicher. Laßt alſo mein Pferd geſattelt, während es frißt. Die Herren können thun wie ſie wollen, denn ſie können jetzt ihren Weg allein finden; ich aber breche auf, ſobald ich Jemand über die Landes kommen ſehe.“ Letztere Worte ſprach er laut, und Richmond antwortete. „Nein, nein; wir gehen mit Dir, Knabe.“ „Halt, halt; mein Sohn ſoll auf den Kirchthurm ſtei⸗ gen,“ rief der Wirth.„Er iſt raſch und ſchnell beſonnen, und ſeine Augen ſind gut. Bleibe Du hier, Pierre, und denke auch Du an Dein Frühſtück.“ So wurde die Sache angeordnet: der Sohn des Gaſt⸗ wirths wurde als Schildwache auf die Thurmſpitze geſtellt, während die übrigen Reiſenden in der kleinen Schenke ein⸗ ſtellten, um ſich auszuruhen, ihre Pferde zu füttern, und ſich an dem dürftigen Mahle, das der Ort darbot, zu erquicken. Das Pferd des Marquis von Dorſet verſagte übrigens das Futter; durch Pierre's Vermittlung verſchaffte ſich jedoch dieſer Edelmann ein anderes ſehr hübſches Thier, und das Reitzeug des Erſteren wurde alsbald auf das friſche Roß gelegt. Die vier anderen Pferde nahmen ihr Futter ganz bereitwillig, und ſobald dieſe höchſt wichtige Sache abge⸗ macht war, trat Richmond mit ſeinen Begleitern in das Haus. Sie hatten bald einige Eier, etwas Fleiſch und Wein vor ſich ſtehen, und fanden gerade Zeit, um ein paſſables Mahl einzunehmen, aber auch nicht mehr, denn kaum waren ſie damit zu Ende, als des Gaſtwirths Sohn 443 mit der Meldung herbeigerannt kam, daß er in der Ent⸗ fernung von drei Meilen einen Trupp Reiter über die Landes herankommen ſehe. 8 „Wie viele ſind es?“ erkundigte ſich Richmond in ge⸗ faßtem Tone. „Sehr viele, Sir,“ verſetzte der junge Mann;„ich hielt mich aber nicht mit Zählen auf.“ „Wie mögen ſie uns aufgeſpürt haben?“ rief der Knabe. „Ich ſah etwas wie einen Hund vorauslaufen,“ erklärte der Sohn des Gaſtwirths.„Es war zu weit um genau zu ſehen, was es war; es mochte aber ein Schweißhund ſeyn.“ „Mein Hund— ich wollte hundert Angelus darauf wetten!“ ſagte Richmond leiſe.„Wir müſſen ſogleich zu Roß. Ritten ſie raſch?“ „Nein, ganz langſam,“ gab der junge Mann zur Ant⸗ wort, indem er den Fremden nach dem Hofe folgte. „Dem Himmel ſey Dank! ihre Pferde müſſen wohl ebenſo ermüdet ſeyn, wie die unſeren,“ ſagte Dorſet, indem er die Rechnung bezahlte, worauf die Flüchtlinge eiligſt zu Pferde ſtiegen. „Da iſt eine goldene Krone für Dich, junger Mann,“ ſagte Richmond zu des Gaſtwirths Sohne, bevor ſie auf⸗ brachen.„Wenn Du und Dein Vater es ſo einzurichten wiſſet, daß jene Nachfolgenden eine Stunde aufgehalten werden, ſo verſpreche ich als engliſcher Edelmann, daß zehn weitere auf irgend einem Wege Euch zugeſchickt werden ſol⸗ len. Wenn ich Angers ſicher erreiche, ſo mögt Ihr dort Euren Lohn bei mir abholen.— Nun, Ihr Herren, laßt uns 444 drauf losreiten, ſo raſch Sporen und Peitſche uns zu führen vermögen. Fort ging es, und die erſten zwanzig Meilen hielten ſich die Pferde ganz gut; gegen neun Uhr wurden jedoch die Spuren der Ermüdung immer deutlicher, und noch vor zehn Uhr erkannte man die Nothwendigkeit, ſich friſche Thiere zu verſchaffen. Man ſtieß jetzt öfter auf Wohnungen als früher; der Knabe Pierre kannte jeden Ort, wo man ein Pferd zu erhalten erwarten durfte, und ſo verſchaffte man ſich endlich die vier, die man bedurfte, indem man bald hier bald dort ein neues einhandelte. Es war keinen Augenblick zu früh, denn noch waren ſie etwa drei Meilen von Angers entfernt, als ein großer Schweißhund mit ſilbernem Hals⸗ bande zu dem Earl von Richmond herangehüpft kam, und an ſeinem Roſſe hinaufſprang. „Mein armer Taker!“ rief Richmond.„Ich fürchte, Du haſt mich unwiſſentlich verrathen.— Schaut rückwärts, ſchaut rückwärts,“ gebot er ſeinen Begleitern;„ſie müſſen jetzt nahe zur Hand ſeyn.“ Doch nirgends war etwas zu ſehen, denn der Hund war den Verfolgern vorangelaufen, die erſt nach einer Meile in Sicht kamen. Dann freilich ſah man ſie nicht weit hinter ihnen über einen Hügel herauf kommen, und von jetzt an wurde die Reiſe ein wahres Wettrennen. Die Verfolger hatten offenbar gleichfalls friſche Pferde gemiethet, oder vielmehr auf die Autorität des Herzogs der Bretagne neue Pferde genommen, wo ſie ſolche fanden, und ſie kamen den Flüchtlingen merklich näher. Man ſah ſte 445 bald in einer Schlucht ſich verlieren, da die Straße bald anſtieg und bald ſich ſenkte; dann kamen ſie wieder zum Vor⸗ ſchein, und jedesmal waren ſie, ein Stück näher. End⸗ lich ſah man die Mayenne im Thale ſich hinwinden, und dann die Thürme und Kirchenſpitzen über die Bäume auf⸗ tauchen. „Angers, Angers!“ rief der Knabe mit erneuerter Hoff⸗ nung. So ging es weiter, und als ſie die Thore der Stadt er⸗ reichten, waren die Reiter des Herzogs von Bretagne keine dreihundert Schritte hinter ihnen. Hier zogen beide Theile die Zügel an, und Richmond präſentirte der Thorwache ſeinen Geleitsbrief. Die Ver⸗ folger wagten nicht weiter zu dringen, denn ſie befanden ſich bereits innerhalb der franzöſiſchen Grenze, und der Graf ritt in die Stadt, körperlich ermüdet, aber in ſeinem Ge⸗ müthe beruhigt. Als Richmond, nunmehr in Sicherheit, ſeine Kleider im Gaſthofe ablegte und ſich zur Ruhe anſchickte, verweilte ſein Geiſt bei den Ereigniſſen der eben verfloſſenen achtund⸗ vierzig Stunden, und ſein letzter Gedanke, als er die Augen zum Schlummer ſchloß, war: „Es iſt merkwürdig, daß ich es einem Waidmanne in einem fernen Theile Englands verdanke, daß ich der Gefan⸗ genſchaft und dem ſicheren Tode entrann.“ Er hätte bei⸗ fügen dürfen:„Und daß England ihm einen König ver⸗ dankt;“ aber die kommende Zeit war noch dunkel vor den Augen des Carls, und er ſagte blos;„wenn ich jemals auf 446 den Thron von England gelange, wie manche Leute dieß für wahrſcheinlich halten, ſo gelobe ich der heiligen Jungfrau Maria, daß ich dieſen Mann auffinden und belohnen will!“ Neunundzwanzigſtes Kapitel. Auf die Thürſchnalle hörte man eine Hand ſich legen, denn in jenen einfachen Zeiten hatten die Thüren ſogar in den großen Häuſern noch ihre Drücker, theurer Leſer, und Konſtanze fragte: „Wer iſt draußen?“ „Oeffne, Konſtanze, öffne,“ bat Jola's Stimme. Ihre Baſe ließ ſie ſogleich ein, ſtreckte ihr die Arme ent⸗ gegen und drückte ſie an das Herz, wie wenn ſie die Ge⸗ fährtin ihrer Jugend für immer verloren geglaubt hätte. „Biſt Du geſtört worden, Konſtanze?“ fragte Jola, ihre Wange küſſend. „Nur durch Dein Mädchen Suſanne, etwa vor einer Viertelſtunde,“ erwiederte Konſtanze.„Ich hieß ſie in einer halben Stunde wieder kommen, und meinem Mädchen ſagen, daß ſie um meinetwillen nicht aufzubleiben brauche.“ „Ich habe Dich lange warten laſſen, theure Konſtanze,“ äußerte Jola;„ich konnte es aber nicht ändern, denn es gab Vieles zu beſprechen.“ „Und Du biſt weit geweſen,“ bemerkte Konſtanze, ſie mit forſchenden Blicken betrachtend,„denn Dein Mantel iſt ganz naß vom Thau und noch obendrein zerriſſen.“ 447 „Und meine Füße von den Sträuchern,“ antwortete Jola ſich niederſetzend und ihre zarten Füße und Knöchel entblößend.„Mein Pfad iſt faſt ſo rauh und dornig wie der der Welt geweſen, Konſtanze. Sieh nur, wie ſie mich zerkratzt haben.“ „Was hat er geſagt? welchen Rath haſt Du erhalten?“ fragte Konſtanze, die mit nicht ſehr großem Bedauern die Ritzen betrachtete, welche die reine weiße Haut ihrer Baſe geſtreift hatten. „Du bedauerſt mich nicht einmal,“ lachte Jola.„Du biſt ein grauſames Mädchen.“ „Wenn die Wunden der Welt nicht bedenklicher ſind, wie dieſe, dann wirſt Du kein großes Mitleid verdienen,“ antwortete Konſtanze.„Ich bin wegen ernſterer Dinge in Sorgen, Jola; Du biſt aber ſo leichtſinnig.“ „Nun, nun, ich will ja erzählen,“ beſchwichtigte Jola. „Laß mich nur dieſe Schlapper anziehen und etwas Athem holen, denn mein Herz hat mehr geklopft als nöthig war. Welchen Rath er gegeben hat— fragſt Du? Wie weißt Du denn, daß es überhaupt ein Mann war?— Nun, ich will's nur geſtehen: es war ein Mann, aber ein alter, Kon⸗ ſtanze; und jetzt will ich Dir auch erzählen, was er geſpro⸗ chen hat. Er ſagte, eine zwiſchen Kindern ausgemachte Heirath ſey nicht geſetzlich; das ſey eine verderbte und nicht zu rechtfertigende Sitte, denn um eine Heirath rechtskräftig zu machen, ſey eine vernünftige Zuſtimmung erforderlich, und ich ſey alſo gar nicht durch Handlungen gebunden, zu denen ich meine Zuſtimmung nicht gegeben— das ſeyen Sr 448 Handlungen Anderer und nicht die meinigen. Er ſagte überdies, die Religion verbiete mir geradezu, etwas zu ver⸗ ſprechen, was ich nicht halten könne.“ Konſtanze betrachtete ſie voll Ueberraſchung und Ver⸗ wunderung. Die Anſicht die ihr ſo plötzlich vor Augen ge⸗ ſtellt wurde, war ſo fremdartig, ſo neu, ſo allen empfangenen Sitten und Anſichten der Zeit widerſprechend, daß ihr an⸗ fänglich Alles ganz dunkel und neblig vorkam. „Das iſt in der That außergewöhnlich!“ rief ſie.„Außer⸗ gewöhnlich in der That! Wer mag es ſeyn, Jola, der alſo nicht allein den Anſichten der Welt überhaupt, ſondern auch denen der Rechtsgelehrten und Kirchenväter, welche von jeher ſolche Gelöbniſſe für bindend erachteten— Trotz zu bieten wagt?“ „Er ſagte, dem ſey nicht ſo,“ antwortete Jola.„Er führte mir viele Beiſpiele an, wo ſolche Gelöbniſſe beſonders zwiſchen Fürſten und vornehmen Edelleuten für nichtig er⸗ klärt wurden, wo die Kirche ſie als werthloſe Dinge behan⸗ delt, und Rechtsgelehrte ſie ohne alle Ehrerbietung über⸗ gangen haben: Ich könnte Dir jedoch noch viel außerge⸗ wöhnlichere Dinge erzählen, Konſtanze. Die Menſchen beginnen heutzutage mit ſcharfem forſchendem Blicke jene überkommenen Anſichten, von denen Du ſprachſt, zu prüfen und zu unterſuchen, ob ſie auf Recht und Billigkeit oder nur auf Aberglauben, Unwiſſenheit und Betrug gegründet ſind. Das Licht dringt durch die Finſterniß, und ein Tag bricht an, deſſen Morgen ich herandämmern ſehe, wenn ich auch den Mittag nicht mehr erleben werde.“ 2* 1 . — 449 „Das Alles iſt mir ganz unverſtändlich,“ rief Konſtanze. „Dein Verſtand muß von allem Erlebten erſchüttert worden ſeyn, theuerſte Jola— Du ſprichſt ſo ſonderbar, ſo un⸗ geſtüm.“ „Ei nein,“ verſicherte dieſe;„ich bin ſo ruhig wie Du, und jene Gedanken, die ich Dir auf Dein Verſprechen, kein Wort was ich Dir mittheile, zu enthüllen, anvertraue— habe ich ſchon lange in mir herumgetragen und werde im⸗ mer daran feſthalten.“ 4 „Ich habe nie einen Wink davon erhalten, habe nie eine Spur davon geahnt,“ erwiederte Konſtanze,„und doch ſind wir ſeit unſerer Kindheit wie Schweſtern gegen einander ge⸗ weſen!“ 3 „Haſt Du mich ſeit dem letzten Jahre jemals nieder⸗ knien ſehen, Konſtanze, um das Bild eines Heiligen oder das der Jungfrau, um Reliquien, Statuen oder Kruzifire zu verehren?“ fragte Jola in ernſtem und feierlichem Tone. Konſtanze fuhr mit der Hand an die Stirne und betrach⸗ tete ihre Baſe mit einem Blicke wirren Entſetzens. „Ich kann mich in der That nicht erinnern,“ ſagte ſie nach augenblicklichem Nachdenken;„doch hab' ich Dich Dei⸗ nen Roſenkranz beten ſehen; ich ſah, wie Du die Beichte hörteſt und die Abſolution empfingeſt.“ „Den Roſenkranz habe ich gebetet, Konſtanze,“ ſagte ihre Baſe;„bei jeder Perle habe ich ein Gebet geſprochen, aber zu Gott dem Vater, durch Chriſtus den Erlöſer, und ich habe immer um Weiſung auf den rechten Weg gebeten. Ich habe gebeichtet, weil kein Unrecht daran ſeyn kann, wenn James. Der Waidmann. 29 450 ich meine Sünden vor dem Ohre eines Prieſters ſo gut wie vor meinem Gotte bekenne; wenn er ſich herausgenommen, mich von Sünden zu abſolviren, welche Gott allein vergeben kann, ſo iſt es ſein Fehler und nicht der meinige. Ich habe den Nutzen der Sache nicht hoch angeſchlagen.“ Konſtanze fuhr zuſammen und rief: „Ich will gehen und für Dich beten, Jola. Ich will gehen und für Dich beten!“ „Halt noch eine Weile, theure Couſine, und dann will ich Dich gerne um Deine Fürbitten erſuchen,“ ſagte Jola; „aber Du mußt ſie an Gott allein und nicht an Märtyrer oder Heilige richten, liebe Konſtanze. Du wirſt fragen— warum? Ich will Dir's im Augenblicke zeigen. Gott ſelber hat es verboten. Schau her,“ indem ſie ein kleines, eng beſchriebenes Büchlein aus dem Buſen zog.„Hier iſt das Wort Gottes, Konſtanze,“ fuhr ſie fort,„das Buch, aus welchem Prieſter, Biſchöfe und Päbſte ihre Religion ab⸗ zuleiten vorgeben. Schau, welche Gebote hier ſtehen!“ Schüchtern und verſtohlen, als ob ſie etwas ſehr Un⸗ ſchickliches beginge, ſchaute Konſtanze über die Schulter ihrer Baſe auf das Blatt, welches Jola aufgeſchlagen hatte und las mit geſpannten, aufmerkſamen Blicken: „Sagt es ſo?“ fragte ſie endlich.„Sagt es wirklich ſo? Was kann das bedeuten, Jola? Warum ſollten ſie uns alſo betrügen?“ „Das kann ich nicht ſagen,“ erwiederte Jola;„ohne Zweifel in keiner guten Abſicht; doch das iſt gleichgültig. Mir genügt es zu wiſſen, daß ſie uns betrügen, und in einer 451 Sache, die mein Seelenheil betrifft, will ich mich nicht be⸗ trügen laſſen. Eben vorhin, ehe ich fortging, ſprachen wir von dem geiſtigen Vorbehalte, Konſtanze. Du gibſt zu— Du weißt, daß er nicht mehr noch weniger denn ein reiner Betrug iſt: er verſpricht ohne zu halten und kleidet eine Lüge in das Gewand der Wahrheit. Was folgt nicht Alles, aus dieſer Doppelzüngigkeit? Wer uns in einem Dinge betrügt und ein Gewerbe aus der Betrügerei macht— wird der uns nicht in Allem betrügen? Che ich dieſes Buch ſah, habe ich oft bei mir gedacht, wie ſonderbar es ſey, daß der Menſch die Gewalt habe, Sünden zu vergeben. Man lehrt uns, unſere Sünden ſtreiten wider Gott und Menſchen. Streiten ſie wider Menſchen, ſo iſt der, den wir beleidigt haben, der Einzige, der ſie vergeben kann; ſtreiten ſie wider Gott, ſo hat Gott allein dieſe Macht. Aber alle Sünden ſind wider Gott, denn ſie alle ſind eine Verletzung ſeines Geſetzes, und ſo kann nur er ſie vollſtändig vergeben.“) „Aber er kann dieſe Gewalt ſeinen Prieſtern übertragen,“ warf Konſtanze ein. „Wie! der allmächtige, allſehende Gott ſoll ſeine Macht übertragen, um ſchwache Sterbliche zu verblenden!“ rief Jola.„Seine Macht, zu vergeben, ſoll er einem betrun⸗ kenen, üppigen, ſündhaften Prieſter übertragen? Du kannſt ſagen: ein ſolcher Mann habe nicht dieſe Macht und die Abſolution von ihm ſey werthlos. Thuſt Du das, theure Couſine, ſo biſt Du ein Ketzer, denn man lehrt uns, daß ſie jedenfalls von Werth iſt. Welchen Begriff muß man aber 4 29* 452 von dem großen Durchforſcher aller Herzen haben, um zu glauben, daß er ſolcher Werkzeuge bedarf, daß er ſie wählt oder gebraucht! Da gibt dieſes Buch ein ganz anderes Bild von ihm. Gott iſt Gott; der Erlöſer— Menſch und Gott, der heilige Geiſt— Tröſter und Führer des Menſchen, von Gott geſandt. Es iſt kein anderer Vermittler zwiſchen Menſch und Gott als der Eine, welcher iſt Menſch und Gott, kein anderer Führer als der Geiſt, der vom Vater und Erlöſer ſtammt, keine andere Sühne als Chriſti Tod, kein anderes Opfer als das ſeine.“ „Ich bin ganz verwirrt,“ ſagte Konſtanze, ihr Haupt auf die Hände niederbeugend und ihre Augen nachdenklich bedeckend. Gleich darauf ſchaute ſie wieder empor und fragte:„warum verbietet uns dann der Klerus, dieſes Buch zu leſen, wenn es uns Gott alſo erkennen lehrt?“ „Weil es gerade dasjenige iſt, das ſie verdammt,“ er⸗ klärte Jola;„ſie behaupten, die Religion, die ſie lehren, ſey auf dieſes Buch gegründet, und ich finde eben hier das wiederholte Gebot Gottes, die Schrift zu erforſchen. Die Prieſter ſagen, ich dürfe ſie nicht erforſchen. Dann ſind entweder ſie nicht von Gott, weil ſie ihm widerſprechen, oder das Buch iſt nicht von Gvtt, da es ihnen widerſpricht. Nun finde ich aber in dieſem Buche unzählige Beweiſe, daß es von Gott ſtammt, und die Prieſter ſelbſt beſtätigen dies. Sie ſind alſo verurtheilt vor Jedem, der es öffnet, und da⸗ rum eben haben ſie es verſiegelt, damit der Menſch nicht leſe und erfahre, wer ſie ſind.“ „Und doch,“ ſiel Konſtanze ein,„wer war ſo eifrig wie 45³ Du bei der Rettung des guten Biſchofs von Ely— wer freute ſich ſo ſehr über ſein Entkommen?“ „Ich ſage nicht, daß es nicht gute Menſchen unter ihnen gebe, theure Konſtanze,“ erwiederte Jola,„denn ich glaube, daß es deren viele gibt; allein alle menſchlichen Weſen haben ihre Schwächen. Ich halte den Doktor Morton für einen guten Mann; aber er lehrt natürlich nichts als die Grund⸗ ſätze der Kirche, der er angehört— er wagt nichts Anderes zu lehren, denn wer ſollte es unternehmen, nicht allein dem Verluſte jedes weltlichen Gutes, ſondern ſogar dem Tode— einem furchtbaren Feuertode— ſich auszuſetzen, wenn er vielleicht glaubt, auf dem Wege derer, welche vor ihm ge⸗ gangen, ebenſo viel Gutes wie auf jedem anderen Pfade ſtiften zu können?“ „Aber die Wahrheit iſt ſchön,“ ſagte Konſtanze,„und kann ein guter Menſch Falſchheit lehren, wenn gerade das Lehrbuch ſeiner Religion ihm beweist, daß es Falſchheit iſt?“ „Hat er dieſes Buch jemals geleſen? Hat er es jemals ſtudirt?“ fragte Jola.„Hat er ſeine Blätter jemals ge⸗ nau erforſcht, ohne einen Commentar derer, die es verdrehen möchten, aufzuſuchen, indem er blos die Hülfe des heiligen Geiſtes anrief? Gar Viele mögen nicht allzu genau nach⸗ forſchen, wenn ihr ganzes Erdenglück davon abhängt, daß ſie ihre Augen verſchließen; gar Mancher iſt zu ſchüchtern, um bei ſeinem eigenen wenn auch noch ſo richtigen Urtheile zu verharren, wenn zahlreiche verderbte Beſchlüſſe wider ihn ſprechen.“ „Das Buch iſt aber vielleicht ſo dunkel und ſchwer zu 454 leſen, daß man es nicht ohne Erklärung verſtehen kann,“ bemerkte Konſtanze. „Es iſt ſo klar und einfach wie der wolkenloſe Himmel, ſo leicht wie die Worte, die wir an unſere unmündigen Klei⸗ nen richten,“ verſetzte Jola.„Es wurde ungelehrten Fi⸗ ſchern geoffenbart und von ihnen überliefert. Es macht Alles klar, was finſter war; es verſcheucht jede Wolke, je⸗ den Schatten. Es enthält nur ein Geheimniß, ſtatt der tauſende, die ſie uns lehren, und dieſes Geheimniß iſt er⸗ klärt, ſo daß wir es glauben müſſen, wenn wir es auch nicht begreifen.“ „Und was lehrt es uns dann?“ fragte Konſtanze. „Es lehrt uns, daß wir Gott allein verehren ſollen,“ antwortete Jola;„es lehrt uns, daß das Niederknien vor der Kreatur, vor Bildern und Statuen ein Götzendienſt und Beleidigung Gottes iſt. Es lehrt uns, daß kein anderer Mittler iſt als Chriſtus, und daß die Heiligen und Märiy⸗ rer das Amt haben, Gott zu preiſen und nicht— für Sterb⸗ liche in's Mittel zu treten. Es lehrt uns, daß Chriſtus die einzige Sühne, das einzige Opfer gebracht hat, das zur Buße von aller Welt Sünden nöthig war, daß dieſes Opfer vollſtändig und genügend erſchien, und daß es Gott ſeiner Glorie berauben heißt, wenn man von Anderen Verzeihung erwartet. Es lehrt uns, daß der Menſch von Gott allein Vergebung erhalten kann und durch ſeinen Glauben an Chriſtus erhalten wird. Es lehrt uns, daß der Menſch, wenn er das ganze Gebot Gottes bis auf das Kleinſte be⸗ obachtet, damit nicht mehr gethan hat, als er verpflichtet 4 45⁵ iſt, daß alſo ſeine guten Werke nicht die Macht haben, ihn von dem urſprünglichen Fluche zu erretten— wieviel we⸗ niger einem Anderen dadurch zur Rettung zu verhelfen! Es lehrt uns, theure Konſtanze, daß jeder Menſch der Reue bedarf— der tiefen, aufrichtigen, herzlichen Reue des Gei⸗ ſtes, wogegen, wenn man Schmerzen über ſeinen Körper verhängt, um für die vergangenen Uebel zu büßen, dies nichts Anderes heißt, als daß man ſich auf ein gebrochenes Rohr ſtützt, daß man auf ſeine eigene Stärke anmaßend iſt und die Wirkſamkeit von Gottes Gnade in Chriſto läugnet.“ Konſtanze horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit, bis ihre Baſe zu Ende war. „Ich möchte gerne jenes Buch leſen,“ ſagte ſie endlich in zögerndem Tone,„wenn die Prieſter es nicht immer ver⸗ boten hätten.“ „Gott ſpricht aber: Lies es!“ behauptete Jola.„Wer darf der Menſchen Gebote wider Gottes Worte ſetzen?“ „So willſt Du mir's leihen?“ fragte Konſtanze ſchüch⸗ tern. „O mit Freuden,“ erwiederte Jola;„aber nur unter einer Bedingung, theure Konſtanze. Ich habe Dich durch ein Verſprechen gebunden, daß Du von dem, was ich Dir ſage, nie etwas wiederholen wirſt. Du mußt mir jetzt noch weiter geloben, daß Du kein anderes Auge als das Deine in dieſes Büchlein ſchauen läßt. Verſchließe die Thüre, wenn Du es liest, und biſt Du fertig, ſo verſtecke es, wo Niemand es finden kann. Ich brauche Dir keinen Grund anzugeben, liebſte Freundin,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihr 456 den Arm um den Nacken ſchlang und ihr zaértlich in die Augen ſah;„aber Du darſſt nicht vergeſſen, daß mein Leben auf dem Spiele ſteht, daß die geringſte Unklug⸗ heit, die mindeſte Unvorſichtigkeit mich dem Feuer tode überantwortet, denn wer Gott als Gott verehrt, wird von ihnen für einen Ketzer gehalten. Wir ſind nicht be⸗ rufen, Lehrer oder Märtyrer zu werden. Man geſtattet uns vielleicht an unſerer Weiſe feſtzuhalten, ohne Andere zu beleidigen, ſo lange wir nicht Stock noch Stein anbeten; würde dagegen entdeckt, welches meine wahrhaften Gedan⸗ ken ſind, ſo würde ich vor den Richterſtuhl geſchleppt, wo man mich zur Erklärung zwänge. Ich würde auf meine Anſichten nicht verzichten, noch meinen Glauben läugnen, und mein unausbleibliches Loos wäre der Tod.“ „Gott verhüte!“ ſagte Konſtanze ernſtlich,„Gott ver⸗ hüte! Ich will gewiß behutſam ſeyn, Jola— behutſamer, als wenn mein eigenes Leben auf dem Spiele ſtände.“ „Ich weiß das, ſüße Schweſter,“ erwiederte Jola, das Buch in ihre Hände legend.„Lies es, Konſtanze, lies es und urtheile dann ſelbſt. Verſuche Alles, was Du jemals von Religion gehört und was nicht in dieſem Buche enthal⸗ ten iſt, von Deinem Geiſte abzuſchütteln; wenn Du das thuſt, ſo wird dieſes Buch Dich ebenſo gewiß richtig leiten, als eine ewige Wahrheit im Himmel iſt.“ Konſtanze nahm es und begab ſich auf ihr eigenes Zim⸗ mer, wo ſie ſich einige Augenblicke zum Nachdenken nieder⸗ ſetzte. Ihr erſter Gedanke richtete ſich jedoch nicht auf das Buch, ſondern auf Jola. 457 War das daſſelbe Geſchöpf, dachte ſie, das ſie von Kin⸗ desbeinen an als die liebliche, muntere, ſchalkhafte Jola ge⸗ kannt hatte? War ſie es, deren Herz ſie für das leichtſin⸗ nigſte auf der Welt zu halten pflegte, deren tiefſte Erwä⸗ gungen mit einem muthwilligen Scherze zu enden ſchienen? Anfänglich ſchien es ihr ſonderbar, faſt unmöglich; wenn ſie jedoch die Erinnerung zu Hülfe nahm, wenn ſie ſo mancher Umſtände der Vergangenheit, beſonders während der letzten zwei Jahre gedachte, ſo erkannte ſte wohl, daß es nicht län⸗ ger undenkbar war. Sie fühlte, daß ihr eigener, etwas langſamerer Geiſt, jene Tiefen der Gedanken vielleicht nicht erreichen würde, worein ſich Jola mit kühnem, furchtloſem Muthe vertiefte; ſie erinnerte ſich manch munterer Rede, mancher halben Erwiederung, die ihr blos wie Scherz vor⸗ gekommen war, die ſich aber bei näherer Erwägung voller Sinn und Verſtand erwies. „Ja,“ ſagte ſie endlich,„ich habe ſie geliebt, aber nicht genugſam geachtet; ich habe ſie wohl gekannt, aber nicht bis in die innerſte Tiefe. Sie iſt ganz wie ich ſie früher mir dachte, nur weit mehr. Nicht ſie hat mich getäuſcht, ſon⸗ dern ich ſelbſt; ſie verbarg mir nichts; aber mein Auge war zu trüb, um durch den leichten Schleier zu dringen, worein ihre glückliche Natur den ſtarken Geiſt gehüllt hat.— Es iſt merkwürdig, mit welchem Grauen ich dieſen kleinen Band anſehe!“ indem ſte ihn, der auf ihren Knien lag, betrach⸗ tete.„Es muß wohl ſeyn, weil ich ſo oft gehört habe, daß wir ihn nicht leſen ſollen: mein Urtheil iſt hier vor bloſen Verſicherungen zurückgewichen. Gleichwohl habe ich ge⸗ 458 hört, daß dieſelben Männer, die es mir verboten, es Gottes Wort nannten. Ich will es leſen— dieſes Wort; es muß ein Troſt und Segen ſeyn. Erſt aber will ich beten,“ in⸗ dem ſie niederkniete und anhub:„O heilige Clara, Geſeg⸗ nete—“ Hier hielt ſie plötzlich inne und beſann ſich eine Weile, noch immer knieend; ſie ſchien nicht recht zu wiſſen, wie ſie ihre Bitte einkleiden ſolle. Endlich beugte ſie das Haupt auf die Hände und wiederholte auf Engliſch das Gebet des Herrn, ohne etwas Weiteres beizufügen. Dann erhob ſie ſich von den Knien, öffnete das Buch, zog die Lampe näher zu ſich heran und begann zu leſen. Die Glocke ſchlug vier Uhr und fand ſie noch immer leſend. Dreißigſtes Kapitel. In der Halle des Chidlow⸗Schloſſes verſammelten ſich die Gäſte einer nach dem andern zu dem erſten Mahle des Tages, das damals(wie der Leſer wohl weiß) ein ſehr um⸗ fangreiches Gericht war. Die Vornehmen pflegten damals ſehr frühzeitig zu Mittag zu ſpeiſen, denn unter allen Aen⸗ derungen der Mode hat in Europa nichts ſo ſehr gewechſelt, wie die Stunde des Mittageſſens. Die arbeitenden Klaſſen aller Länder, welche Geſundheit und Bequemlichkeit allein zu Rathe zogen, haben nur wenig daran geändert. Es war alſo gegen zehn Uhr, als zwei bis drei von den Gäſten 459 in der Halle erſchienen. Dann kam der Schloßherr ſelbſt, mit ſeiner Schweſter der Aebtiſſin, am Arm: Sir William Arden und zwei bis drei andere Gäſte folgten; dann Lord Fulmer mit etlichen Anderen, dann Chartley, und dann Sir Edward Hungerford. Eine große Veränderung war in Lord Fulmers Ausſehen bemerkbar. Er war ruhig, aber ſehr ernſthaft, höflich und aufmerkſam gegen Alle, nur etwas zerſtreut in ſeinem We⸗ ſen und häufig in Gedanken verſinkend. Sogar gegen Chartley, deſſen Weſen ganz unverändert geblieben war, zeigte er ſich höflich, aber kalt, ſprach mehrere Mal über die Tafel zu ihm hinüber, gedachte aber mit keiner Sylbe ihres Zuſammentreffens am heutigen Morgen. Das Mahl ver⸗ ſtrich ſehr heiter für die meiſten der Anweſenden, und nach⸗ dem es vorüber war, zerſtreute ſich die Geſellſchaft, um den Freuden und Beſchäftigungen des Tages nachzuhängen. „Nun, ihr Herrn,“ ſagte Lord Calverly,„wer von Euch zu St. Hubertus Jüngern gehört, laſſe ſeine Roſſe ſatteln, denn der Monat Mai i*ſt zwar noch nicht gekom⸗ men, aber ich bin dennoch entſchloſſen, noch ehe der Tag vorüber iſt, einen Hirſch niederzurennen. Meine gute Schwe⸗ ſter hier iſt trotz ihrer heiligen Gelübde und frommen Be⸗ trachtungen eine große Freundin vom Falkenflug oder Hunde⸗ rennen, und wird uns auf ihrem Maulthiere begleiten. Hü⸗ tet Euch nur, daß ſte nicht uns Alle überholt, denn der beſte Berber in meinen Stallungen wird— den vollen Galopp ausgenommen— ihr Maulthier kaum überbieten.“ Auf dieſe Worte eilten faſt Alle aus dem Zimmer, und 460 in der augenblicklichen Verwirrung ſah man Lord Fulmer Chartley's Arm leicht berühren, indem er in leiſem Tone ſagte: „Bevor wir aufbrechen, Mylord, mochte ich Euch ins⸗ geheim ein paar Worte ſagen, wenn ich Euch um Gehoͤr bitten dürfte.“ „Ei ſicherlich!“ erwiederte Chartley.„Ich ſtehe zu Dienſt, Mylord, ſobald Ihr es für paſſend findet.“ „Dann will ich Euch in Euren Gemächern beſuchen, ſo⸗ bald ich geſtiefelt und geſpornt bin,“ antwortete Fulmer. Es dauerte keine fünf Minuten, nachdem Chartley ſein eigenes Zimmer erreicht hatte, als Fulmer zur Jagd gerü⸗ ſtet zu ihm trat. Wie gewöhnlich, wenn zwei Menſchen den feſten Entſchluß haben, einander die Hälſe zu brechen, wurde die formenreichſte Höflichkeit nicht unter ihnen verſäumt, und nachdem Fulmer Platz genommen hatte, lehnte er ſich über den Tiſch und ſagte: „Ich bin gekommen, Mylord Chartley, um über die Vergangenheit wie über die Zukunft mit Euch zu reden. Was die Vergangenheit betrifft, ſo hatte ich Zeit, nicht allein über das was heute Morgen zwiſchen uns vorfiel, ſondern auch über mein eigenes Benehmen gegen Euch nach⸗ zudenken, und ich nehme keinen Anſtand zu geſtehen, daß ich mein Unrecht einſehe.“ „Dann denkt nicht weiter daran, mein guter Lord,“ er⸗ wiederte Chartley, ihm offenherzig die Hand bietend; allein Lord Fulmer nahm ſie nicht, ſondern ſagte: 4 „Ich bin noch nicht zu Ende. Ich habe zugeſtanden, 461 daß ich Unrecht hatte, daß ich mich geſtern Nacht und heute unter dem Einfluſſe einer heftigen Leidenſchaft, welche jetzt vorüber iſt, unhöflich und unbeſonnen gegen Euch benahm. Ich bitte Euch dafür ab und erſuche Euch, meine Entſchul⸗ digung anzunehmen. Soviel von der Vergangenheit. Ich hoffe, ich werde mich nicht abermals vergeſſen; aber wir ſtehen nun einmal alſo: Ihr ſeyd mit meiner Verlobten bekannt geworden, habt Gelegenheit gehabt, ihr einen Dienſt zu erweiſen und habt ihn ohne Zweifel auf die höf⸗ lichſte und freundlichſte Art erwieſen. Ich will damit nicht ſagen, daß Ihr etwas Unrechtes gethan oder ſie mir abzu⸗ gewinnen verſucht habt, trotzdem Ihr wußtet, daß ſie mir zum Weibe verlobt iſt; aber unwiſſentlich vielleicht habt Ihr ſie lieben gelernt und mich um einen Antheil ihrer Liebe ge⸗ bracht. Läugnet es nicht, denn es iſt ſonnenklar.“ Er ſchwieg eine Weile, wie wenn dieſe Worte ihn ſehr bitter ankämen; Chartley verhielt ſich völlig ſtumm und behielt die Augen auf einen Fleck des Tiſches geheftet, als ob er erſt hören wollte, zu was dieſe Einleitung führen ſolle. 8. „Meiner Anſicht nach können zwei Männer nicht ein und daſſelbe Weib lieben und Beide am Leben bleiben,“ fuhr Fulmer ſeufzend fort.„Dieß iſt der Fall mit Euch und mir. Ich gebe zu, daß Ihr ebenſo viel Recht habt, ſie zu lieben als ich. Ich will die Sache ſo anſehen, als ob wir blos zwei Nebenbuhler um ein und dieſelbe Hand wären; aber ich ſage dennoch: es gibt nur einen Weg, um dieſer Nebenbuhlerſchaft ein Ende zu machen, denn ihre Treue iſt 462 mir bereits verlobt, und die Frage kann und darf alſo nicht ihrer Entſcheidung überlaſſen werden.“ „Ich verſtehe Eure Meinung, mein guter Lord,“ ſagte Chartley, als er den Anderen pauſiren ſah,„und glaube, daß Eure Anſicht unrichtig iſt—“ „Hört mich zu Ende,“ unterbrach ihn Fulmer;„ich habe nur noch wenige Worte zu ſagen. Meine Anſicht iſt unver⸗ änderlich, denn ſie gründet ſich auf meine eigene Natur. Ich kann nicht in Zweifel oder Eiferſucht leben, Lord Chartley; ich kann nicht leben, ungeliebt von derjenigen, die ich liebe. Ich wende mich daher an Eure Großmuth, damit Ihr mir für ein, wenn gleich unabſichtliches Unrecht ſolche Genug⸗ thuung gebet, wie ſie den reinen Namen der Jungfrau, welche entweder Euer oder mein Weib werden wird, in keiner Weiſe kompromittirt.“ „Bei meinem Leben!“ erwiederte Chartley in ſeinem gewohnten freimüthigen Tone,„ich glaube kaum, daß es der rechte Weg für mich wäre, um ſie zu gewinnen, wenn ich Euch die Kehle abſchnitte, noch auch für Euch, wenn's Euch bei mir gelänge.“ „Vielleicht nicht,“ erwiederte Lord Fulmer;„aber ſo muß es ſeyn, denn es iſt der einzige Weg, der uns noch offen ſteht.“ „Ich denke nicht,“ antwortete Chartley.„Wenn ich recht verſtehe, ſo iſt Lady Jola Euch förmlich und vollſtän⸗ dig verlobt. Ich will nicht läugnen, Lord Fulmer, daß dies eine ſchmerzliche Nachricht für michwar; aber ich kannte das Uebel als unverbeſſerlich und habe ſeit jenem Augen⸗ 463 blicke nicht im Traume daran gedacht, die Lady dazu ver⸗ mögen zu wollen, daß ſie ihrem Verlobten auch nur einen einzigen Gedanken entziehe. Der Himmel ſey mein Zeuge, daß ich ſie mit meinem Willen nie mehr geſehen hätte. Ich bin nicht freiwillig hier, Mylord, ſondern als Gefangener, und würde mich gerne anderswohin entfernen, um hier nicht länger Schmerz oder Unruhe zu veranlaſſen. Ich glaube nicht und habe nie geglaubt, daß Urſache zu ſolcher Unruhe vorhanden iſt. Lady Jola mag meine Liebe gewonnen ha⸗ ben; aber ich habe keine Veranlaſſung zu vermuthen, daß ich im geringſten Grade ihre Berückſichtigung erworben hätte. Kein Wort der Liebe wurde jemals zwiſchen uns ge⸗ tauſcht; eine Bewerbung von meiner Seite hat nie ſtattge⸗ funden, ſo wenig wie ein Bekenntniß von der ihrigen. Da Ihr jetzt einen höflicheren, offeneren Ton angenommen habt, als heute Morgen, ſo zögere ich nicht, Euch zu erzählen, wie wir uns zuerſt trafen, und Euch Alles zu erklären, was ſich erklären läßt, ohne uns gegenſeitig auf ſgefährliche Art aufzuregen. Es iſt Euch ohne Zweifel bekannt, daß ich dafür, daß ich meinem guten und verehrten Freunde, dem Biſchof von Ely, den ihm drohenden Gefahren entkommen half— des Königs Ungnade mir zugezogen habe. Er reiste verkleidet in meinem Gefolge, bis wir das St. Clarenklo⸗ ſter zu Atherſton erreichten, wo ein Diener mit wichtigen Nachrichten ihn treffen ſollte. Ich ſaß beim Abendeſſen zu⸗ nächſt der Lady Jola, trennte mich aber dort von ihr und ließ den guten Biſchof in der dortigen Fremdenwohnung. Da ich Urſache hatte zu vermuthen, daß Jemand— ein 464 Diener von Sir Charles Weinants— mein Gefolge ver⸗ laſſen hatte, um des Biſchofs Zufluchtsort an diejenigen zu verrathen, die ihn gerne gefangen genommen hätten, ſo drehte ich im Walde um und hieß meine Gefährten weiter reiten. Verſchiedene Ereigniſſe hielten mich während der ganzen Nacht im Walde zurück.“ „Aber wie kam ſie gleichfalls in den Wald?“ fragte Fulmer ernſthaft, denn Chartley's offenes Weſen war bei ihm nicht ohne Wirkung geblieben. „Ich muß eine Weile überlegen, ob ich dieſe Frage ohne einen Wortbruch gegen Andere beantworten kann,“ entgeg⸗ nete Chartley.—„Ja ich kann. Lady Jola war es, welche den Biſchof aus der Abtei geleitete, als dieſe von des Kö⸗ nigs Soldaten umringt und angegriffen wurde, und hiebei eben wurde ihr der Rückweg abgeſchnitten.“ „Aber wie konnte dieſe Aufgabe ihr zufallen?“ forſchte Fulmer abermals. „Das, mein guter Lord, kann ich Euch kaum erklären,“ verſetzte Chartley,„denn um Euch die Wahrheit und die reine Wahrheit zu ſagen— ich weiß es ſelbſt nicht. Es exiſtirt eine geheime Verbindung zwiſchen dem Kloſter und dem Wald.— Halt! ich entſinne mich; ich habe den Biſchof ſa⸗ gen hören, daß er vor vielen Jahren dem verſtorbenen Lord Calverly das Leben rettete, indem er ſeine Pardonnirung bewirkte, als dieſer in einer der damaligen Schlachten ge⸗ fangen wurde. Das iſt höchſt wahrſcheinlich der Grund, warum die Lady jene Aufgabe erhielt und warum ſie ſie über⸗ nahm.“ -———:— 465 Fulmer verharrte in düſterem Nachſinnen. „Mag ſeyn,“ ſagte er endlich;„aber mich dünkt, es müſſen doch wärmere Worte als bloſe Höflichkeit angewen⸗ det worden ſeyn, um ein ſo junges und unerfahrenes Mäd⸗ chen eine ganze Nacht hindurch mit einem luſtigen Edel⸗ manne wie Ihr allein im Walde zurückzuhalten.“ „Wärmere Dinge, wenn's Eurer Lordſchaft gefällt,“ rief Chartley unwillig,„denn bei dem Herrn, der da lebt! das Ding, das ſie zurückhielt, war der Anblick der Häuſer, die auf dem Kloſterraſen niederbrannten. Das war warm genug. Schämt Euch, Lord Fulmer! Seyd Ihr denn nur mit Leuten umgegangen, die Euch lehrten, daß es bei Frauen keine Tugend und keine Ehre bei Männern gäbe? Doch laßt mich der Dame Gerechtigkeit erweiſen: ſie war nicht allein mit mir. Mein arabiſcher Diener war die ganze Zeit um uns, folgte uns auf der Ferſe und ſaß mit uns in der alten Schloßhalle; ich glaube nicht, daß zehn Worte geſprochen wurden, die er nicht hörte. Da Ihr aber alſo gelaunt ſeyd, mein guter Lord, ſo will ich Eure Hoff⸗ nung nicht täuſchen. Ich habe die Sache lang genug er⸗ tragen: ſey's denn, wie Ihr ſagtet. Wartet nur einige Tage, bis Euer Benehmen von geſtern Nacht den Leuten aus dem Gedächtniſſe kommt; dann will ich Euch Urſache genug zum Hader geben, ohne daß der Name der Lady da⸗ bei betheiligt wäre. Wir wollen dann unſere Differenzen vor den Augen der Welt ſchlichten, ſobald ich nicht länger als Gefangener hier in Obhut bin— hier nehmt meine Hand darauf.“ James, Der Waidmann. 30 466 Fulmer nahm ſie und hielt ſie mit einem Gefühle rach⸗ füchtiger Freude feſt, das er kaum zu verbergen vermochte. „Für jetzt ſind wir alſo Freunde, mein guter Lord,“ ſagte er.„Ich will Sorge tragen, daß nichts in meinem Beneh⸗ men unſer Geheimniß verrathen ſoll, während ich Euer Be⸗ lieben abwarte.“ „Wie Ihr wollt,“ antwortete Chartley.„Nehmt jeden Schein an, den Ihr wollt: ich trage kein Viſir. Doch hört, da unten ſtampfen die Roſſe im Hofe, und dort kommt Sir William Arden eben recht, um mit uns zu gehen.“ „Ja, was wollt Ihr denn?“ fragte Sir William Ar⸗ den, den Einen wie den Andern mit forſchendem Blicke be⸗ trachtend. „Jagen,“ erwiederte Chartley.„Gehſt Du nicht mit?“ „O ja,“ antwortete der Ritter.„Es iſt zwar noch ziemlich früh im Jahre; aber ich vermuthe, daß Lord Cal⸗ verly's Böcke immer fett ſind, und ſo laßt uns denn zu Pferde ſteigen.“ Sie erreichten bald den Schloßhof und fanden Alles zu ihrem Ausfluge bereit. Die Aebtiſſin ſaß bereits auf ihrem Maulthier, Sir Edward Hungerford ſchon im Sattel, und in offenbarer Bewunderung ſeiner ſchönen Verhältniſſe an ſeinem zierlichen Bein und Unterſchenkel hinabſchauend; Lord Calverly neben ſeinem Pferde und Jäger und Reitknechte in großer Anzahl. Jola und Konſtanze hatten nicht mit ausziehen wollen und ſtanden jetzt beiſammen, um den Aufbruch der Geſell⸗ ſchaft mit anzuſehen. Sir William Arden zoͤgerte noch eine 467 Weile bei Konſtanzen, während die Uebrigen zu Pferde ſtiegen. Der Morgen war ſchön, die Witterung deutlich auf dem thauigen Boden; ein fetter, vereinzelter Bock war in einem etwa zwei Meilen entfernten Gebüſche aufgeſpürt worden; er wurde bald entdeckt und die Hunde auf ſeine Ferſe gehetzt. Er nahm ſeine Flucht quer durch die Jagd nach einigen an⸗ deren etwa vier bis fünf Meilen entfernten Gehölzen, und es war ein ſchöner Anblick, wenn man das edle Thier über das offene Land hinſtreichen ſah, die Hunde mit lautem Bel⸗ len hinterdrein und die Truppe der luſtigen Lords und Lady's ihnen folgend. Chartley wurde bald von der Begeiſterung der Jagd angeſteckt und galoppirte hinterher, bald mit Lord Calverly, bald mit Arden und zuweilen mit Lord Fulmer redend. Gegen Letzteren war er höflich und ungenirt und ließ nicht die leiſeſte Verlegenheit aufkommen, obgleich er die Augen ſeines älteren Freundes mit argwöhniſchem Aus⸗ drucke auf ſich geheftet ſah, ſo oft er ſich mit ſeinem Riva⸗ len in ein Geſpräch einließ. Als der Bock erlegt und die Morgenjagd beendigt war, ergriff Sir William Arden die erſte Gelegenheit, um zu ſeinem jungen Freunde zu reiten und ihn in leiſem Tone alſo anzureden: „Ich hoffe, Mylord, Du wirſt nicht den Narren ſpielen wollen.“ „Nicht mehr denn gewöhnlich, Arden,“ erwiederte Chart⸗ ley.„Habe ich etwa durch irgend ein Zeichen verrathen, daß die Krankheit im Steigen iſt?“ „Nicht daß ich wüßte,“ erklärte Sir William Arden; 30* 468 „ich habe nur im Wegreiten jenes holde kleine Mädchen etwas von Händeln zwiſchen Dir und jenem jungen Lord ſagen hören, was ich nicht recht verſtand.“ „O nein,“ verſetzte Chartley.„Ich will mich nicht mit ihm ſtreiten, und wir haben ſeit heute Früh keinen wei⸗ teren Zwiſt gehabt; nur wenige höfliche Worte ſind ſeitdem gefallen— doch davon ſpäter. Wer kommt aber dort in ſolcher Eile herangeſprengt? Er ſcheint einen Wappenrock zu tragen.“ „Ci, wie ſoll ich das wiſſen?“ fragte Sir William Ar⸗ den faſt hitzig;„wenn es ein Herold iſt, ſo kommt er hoffent⸗ lich nicht, um Lord Calverly in des Königs Namen heraus⸗ zufordern.“ Faſt während er noch ſprach, kam ein glänzend gekleide⸗ ter Kurier herbeigeritten und fragte laut nach Lord Fulmer. „Der bin ich!“ verſetzte der junge Edelmann.„Was wollt Ihr von mir, Meiſter Kurier.“ „Blos Euch Seiner Majeſtät Befehle überbringen,“ ſagte der Kurier;„Ihr ſollt ohne Aufſchub in York, wo er jetzt reſidirt, zu ihm ſtoßen. Da Eure Lordſchaft nicht in dem Schloſſe zu finden war, ſo ritt ich weiter, um Euch aufzuſuchen, weil des Königs Befehle ſehr dringend waren und ich jetzt mit Euch zurückkehren muß.“ Lord Fulmers Geſicht verfinſterte ſich. 4 „Soll ich es ſo verſtehen, daß ich als Gefangener mit Euch ziehe?“ fragte er. „Nicht im Geringſten, Mylord,“ erwiederte der Offi⸗ zier.„Ich glaube, es geſchieht nur, um Euch wegen ver⸗ 469 ſchiedener Angelegenheiten um NRath zu fragen, weshalb der König Euch rufen läßt. Er befahl mir jedoch auf's Strengſte, Euch aufzufinden, wo Ihr nur immer zu treffen ſeyn möget, und in Eurer Lordſchaft Gefolge nach York zurückzukehren.“ „Wohlan denn, nach York, wenn es durchaus ſeyn muß,“ ſagte Lord Fulmer mit ſehr mißvergnügter Miene.„Ich hätte freilich gewünſcht, der Befehl wäre zu einer andern Zeit gekommen. Vielleicht wäre es beſſer, wenn ich voraus ritte,“ fuhr er an Lord Calverly ſich wendend fort,„um meine Leute auf dieſe unerwartete Reiſe vorzubereiten.“ „Wohl möglich, mein theurer Lord,“ erwiederte der alte Peer.„Wir ſollten in dieſer Welt die Zeit und das Glück immer am Schopfe nehmen, ſonſt werden wir ſte nie er⸗ haſchen, wenn ſie gerade vor uns hergehen. Ich weiß, daß der König Euch auf's Höchſte zu ehren vor hat,“ ſetzte er in leiſem Tone bei;„ſo ſputet Euch alſo, und beweist ihm Euern Eifer und Bereitwilligkeit. Es gibt Nichts, was einem Könige ſo ſehr gefällt, als wenn er ſchleunigen Ge⸗ horſam gegen ſeine Befehle wahrnimmt.“ „Ich möchte gerne ein paar Worte mit Euch reden, ehe ich gehe, mein edler Lord,“ fagte Fulmer in demſelben leiſen Tone; allein der alte Edelmann machte ein Zeichen der Ungeduld und ſprach laut: „Keine Zeit dazu, keine Zeit dazu. Ihr werdet ſpäte⸗ ſtens in ein paar Tagen zurück ſeyn.“ „Dann muß ich ſchreiben,“ antwortete der junge Mann flüſternd und fügte in lauterem Tone hinzu:„lebt wohl, Ihr Herrn und Damen, die Ihr wohl vor meiner Rückkehr 470 abgezogen ſeyn werdet. Mylord Chartley, ich will Euch nicht Lebewohl ſagen, da ich Euch ohne Zweifel noch eine Zeitlang hier treffen werde.“ 4 „Meiner Treu!l ich fürchte ſo,“ antwortete Chartley lachend.„Seine Gnaden der Koͤnig, wenn er einmal ſeine Fauſt in unſerem Nacken hat, iſt wohlbekannt dafür, daß er uns nicht losläßt, ſo lange noch ein Kopf oben iſt; ich harre ſeines Willens in aller Demuth und hoffe, Ihr werdet mir gute Zeitungen bringen und Eure beſte Beredſamkeit zu meiner Befreiung aufbieten.“ „Das will ich auf meine Ehre,“ verſicherte Fulmer ernſtlich und wendete dann den Kopf ſeines Pferdes, um davon zu reiten. Einunddreißigſtes Kapitel. Es gibt nichts was dem Menſchen die Tugend, wenn nicht die Frömmigkeit, beſſer einprägen könnte, als das Studium der Geſchichte, nicht dadurch, daß ſie zeigt, daß der Ausgang böſer Thaten die Strafe für den Uebelthäter mit ſich führt, denn ſolches iſt wenigſtens in dieſer Welt häufig nicht der Fall, wenn wir nicht etwa die Seelenleiden, welche das Bewußtſeyn der Schlechtigkeit verurſachen muß, in Rechnung ziehen, ſondern indem ſie die Eitelkeit menſch⸗ licher Wünſche, die Nichtigkeit menſchlicher Anſtrengungen, wenn ſie auf ein anderes Ziel als auf das unvergängliche Glück im Himmel gerichtet ſind— im ſtärkſten Lichte dar⸗ ſtellt. Wir ſehen gar oft, wie der Mann, welcher lügt und 471 trügt, welcher die Armen ſchindet, die Unachtſamen über⸗ vortheilt und die Vertrauensvollen täuſcht— jenen nichts⸗ würdigen Goldſtaub davon trägt, der ſchon ſo viel Elend in der Welt angeſtiftet hat. Wir ſehen den großartigeren Schurken, welcher komplottirt und kämpft und überwältigt und triumphirt, welcher fruchtbare Länder verheert und das Blut von Tauſenden vergießt— wir ſehen ihn Macht er⸗ langen, jenes Phantom, welches Staatsmänner, Prieſter und Könige in Meere von Trug, Falſchheit und Blut ge⸗ führt hat. Wir ſehen ſie alle gleich leeren Schatten vor⸗ überſchleichen, mitten in Streben oder Trug, in Erfolg oder Täuſchung, in Glück oder Mißgeſchick dahin geriſſen, noch ehe der Becher der Freude verſchmeckt, noch ehe ihre An⸗ ſtrengung durch den Genuß gekrönt iſt. Wenige Zeilen der Geſchichte, ein kurzes Wort des Lobs oder Tadels— und das Blatt ſchlägt um und Alles iſt vorüber. Nur die mäch⸗ tigen und die guten Dinge bleiben, und die Geiſter Derer, welche ſie erſtrebt, haben ſich hoch aufgeſchwungen. Richard wandelte in der Gallerie ſeines Schloſſes zu York, die Arme über der Bruſt gekreuzt, die Augen auf den Boden geheftet, in ſeinen geſchäftigen Gedanken die zer⸗ riſſenen Fäden der Politik wieder anknüpfend— ein Mann, vielleicht ſo groß wie ein ſchlechter Menſch nur jemals ſeyn kann. Er war mächtig als Krieger, großartig als Politiker, faſt erhaben in der Weitſichtigkeit ſeiner hohen Entwürfe. Er hatte ſein Leben lang faſt gegen alle Widerwärtigkeiten angekämpft und hatte jedes Spiel gewonnen. Er hatte es erlebt, wie Diejenigen, die ihm im Lichte ſtanden, weggefegt 472 wurden; er hatte ein Hinderniß nach dem andern zu entfernen gewußt, hatte alle Feinde ſeine Hauſes niedergeſchlagen oder niederſchlagen helfen, hatte allen perſönlichen Gegnern das Schweigen des Todes oder die Ketten der Verbannung auf⸗ gelegt, und oft war es ihm gelungen, den weit gefährlicheren Kampf mit den Leidenſchaften und Gefühlen ſeines eigenen Herzens zu beſtehen, denn weil er ehrgeizig war und alle Dinge ſeiner Ehrſucht unterordnete, haben wir noch kein Recht zu ſchließen, daß ſein Herz aller ſanften und freundlichen Empfindungen entbehrte. Ehrgeiz war ſein Götze, dem das Herz ſeine Kinder opfern mußte. Indem er ſo hinwandelte, trat ein ſchwarzgekleideter Mann mit einem Sammtharet auf dem Kopfe, das er beim Anblicke des Königs alsbald abnahm, in die Gallerie. Sein Schritt weckte Richard aus ſeinen Träumen; er ſchaute auf und rief: „Hal wie ſteht'’s mit der Königin?“ „Ich muß leider ſagen: nicht beſſer, Euer Gnaden,“ er⸗ wiederte der Arzt. „Und wenn nicht beſſer, ſo iſt ſie ſchlimmer, weil einen Tag näher am Grabe,“ verſetzte Richard nachdenklich. „Dieſe Tage, dieſe Tage— ſie ſind nur die ſieberiſchen Pulsſchläge der großen Krankheit, die uns am Ende Alle erwürgt. Nicht beſſer? Worin beſteht denn ihr Leiden?“ „Es iſt ein ſchmerzliches Hinſiechen, Sire, das mehr vom Geiſte als vom Blute ausgeht,“ erklärte der Doktor. „Es hat ſie verzehrt, ſeitdem des Prinzen Tod ihr ſo raſch angekündigt wurde, was ein Gerinnen der Säfte veranlaßt 473 haben kann, ſo daß ſie zum Erhalten des Lebens nicht mehr tauglich ſind. Ich muß leider ſagen, die Gefahr iſt ſehr ernſtlich, wenn Ihre Gnaden nicht vermocht werden kann, mehr Nahrung zu ſich zu nehmen und dieſe ſchwarze Melan⸗ cholie von ſich zu werfen.“ „Wie lange mag es dauern?“ fragte Richard ernſthaft. „Nicht ſehr lange,“ berichtete der Arzt;„die Kunſt mag wohl Einiges thun, um zu verbeſſern und auszugleichen; eine Heilung aber iſt unmöglich, wenn die Lady nicht ihre eigenen Kräfte aufbietet, um dieſe düſtere Muthloſigkeit zu überwinden.“ „Gut,“ ſagte Richard und neigte zu gleicher Zeit ſein Haupt als Zeichen, daß der Arzt entlaſſen war. „Es iſt merkwürdig,“ dachte er, ſobald er wieder allein war.„Noch vor Kurzem hätte ich dieſe Botſchaft mit Seufzen angehört. Anna liegt im Sterben, das iſt klar. Wie ſchön, wie lieblich und ſchön habe ich ſie in der Erinne⸗ rung! aber ſchwach, ſehr ſchwach. Die weißen und rothen Roſen hätten ihre Wange ſchmücken mögen; aber ſie hätte ſie nicht im Ehebette verzweigen ſollen. Ich liebte ſie— ja ich liebte ſie ſehr— ich liebe ſie noch, obgleich ihre Schwäche mich ärgert. Doch England muß einen Erben haben; die Krone darf bei meinem Tode nicht ein Fangball ſeyn, der zwiſchen John de la Pole und Harry von Rich⸗ mond hin und her geſchleudert wird. Bei meinem Tode! ich möchte wiſſen, wann der eintreten wird? Ja, wer das wüßte! Da hängt die Wolke; kein Auge kann ſie durch⸗ dringen. Wenden wir uns auch wie wir wollen: der ſchwarze 474 dicke Schleier des Schickſals umgibt uns, keine Hand ver⸗ mag ihn zu lüften, und wir müſſen immer weiter, bis wir ihn berühren. Es iſt vielleicht gut ſo. Aber wenn man wüßte, wann die Todesſtunde ſchlagen wird— wie Vieles könnte man thun, wie Vieles ließen wir ungeſchehen. Müh⸗ ſame Plane, große Unternehmungen, Entwürfe, welche lange lange Jahre zum Reifen bedürfen— würden alle bei Seite gelegt, und unſere Thatkraft bliebe auf die Zeit kon⸗ zentrirt, welche unſer iſt. Wir wirken im Dunkeln und die Hälfte unſeres Werkes iſt vergeblich. Nun, nun, die Zeit wird's lehren, und unſere Mühe darf nicht unvollkommen ſeyn, da wir den Ausgang nicht kennen. Und doch— mit dieſem ewig ſchlagfertigen Schickſal, das mich angähnt, darf ich nichts aufſchieben. Anna iſt im Sterben— das iſt klar. Wäre dem nicht ſo, ſo hätte ich ſie vielleicht von mir thun müſſen. Rom iſt eine nachſichtige Mutter, und das Opfer einiger Dutzend Lollarden nebſt einigen kleinen Gold⸗ haufen hätten wohl Gnade für eine Eheſcheidung gefunden. Aber ſie ſtirbt, und ſo iſt wenigſtens Dieſes erſpart. Meines Bruders Tochter muß ihre Nachfolgerin werden. Ich will mich ſogleich zu Rom um den Diſpens verwenden. Und die Lady? Doch da iſt nichts zu fürchten; ſie iſt bereit und willfährig genug. Sie wird gewiß Kinder kriegen; ſie müſſte denn Vater und Mutter Lügen ſtrafen. Himmel! welche Nachkommenſchaft haben ſie aufzuweiſen, während ich nur einen Sohn hatte! Wer geht da draußen?“ „Ich bin's, Sire,“ erwiederte Sir Richard Ratcliffe, an der Thüre erſcheinend. 475 „Aha, Rateliffe! Kommt nur herein,“ ſagte der König. „Die Königin iſt ſehr krank, Rateliffe; ihre Aerzte ſagen— im Sterben.“ „Euer Gnaden muß des Himmels Willen in Geduld tragen,“ erwiederte der Höfling. „Das werde ich,“ antwortete Richard;„aber wir müſſen die Ereigniſſe vorherſehen, Rateliffe. Die Königin liegt im Sterben: die Leute werden ſagen, ich habe ſie vergiftet— glaubt Ihr nicht, Ratecliffe?“ „Es liegt wenig daran, was die Leute ſagen, Sire,“ erwiederte der Andere,„da wir ja wohl wiſſen, daß die Hälfte ihres Geſchwätzes falſch iſt.“ „Mehr als die Hälfte,“ antwortete Richard.„Laßt Einen nur hübſch fromm ſeyn und einige Thaten der Mild⸗ herzigkeit verrichten, bis er ſeinen Namen zur Trompete für die Menge gemacht hat, dann mag er ſchwelgeriſch, falſch, geizig und verrätheriſch ſeyn, wenn er will: er wird ſeinen Namen dennoch von den Leuten bis zum Himmel erhoben ſehen. Dagegen laßt einen Anderen aus großen Abſichten eine zweifelhafte Handlung begehen, wenn ſie auch durch den endlichen Zweck vielleicht gerechtfertigt iſt, und die ganze Welt wird ihn verfolgen und ihn gleich Hunden anbellen, bis ſie ihn niedergerannt hat. Jeder Zufall der ihn be⸗ günſtigt, jedes Ereigniß, jedes gelegentliche Glück, das er benützt, wird ſeiner Abſicht, ſeinem Willen zugeſchrieben werden. Niemand wird ſterben, den er etwa entfernt ge⸗ wünſcht hätte, ohne daß die Leute ſagen, er habe ihn ver⸗ giftet; kein Feind wird unter dem Schwerte der Gerechtig⸗ 476 keit fallen, den er nicht ermordete; da wird nie eine Wahr⸗ heit zu ſeinen Gunſten geſprochen werden, ohne daß man eine Falſchheit darin findet, und ſeine beſten Thaten, ſeine höchſten Abſichten werden von der niedrigen Menge ernied⸗ rigt werden. Nun gleichviel: wir müſſen unſerer Bahn ge⸗ treu bleiben. So lange ich den Kommandoſtab führe, will ich regieren, und dieſe aufrühreriſchen Edlen ſollen finden, daß ſie noch immer einen Meiſter haben, ſo ſehr ſie mich auch verunglimpfen mögen. O wenn der Himmel mir nur Leben verleiht, ſo will ich ihre Macht ſo brechen und ihren Einfluß untergraben, daß die gemeinen Packeſel der Städte, die Krämer, die ſich um ihren ſchmutzigen Gewinn abmühen, auf den Adelskrönlein herumſtampfen ſollen— ja nur der Name jener Macht ſoll ihnen übrig bleiben, die ſie ſo lange mißbraucht haben. Aber ich muß meinem Hauſe den Thron ſichern. Die Königin iſt im Sterben, Ratcliffe— ich muß Erben haben, Mann— Erben!“ Ratecliffe lächelte bedeutungsvoll, erwiederte aber nichts, denn es war etwas gefährlich bei Richard, ſeine Abſichten zu verkennen, während man ſie zu errathen ſchien. Der König verharrte eine Weile in ſeinem Nachſinnen und fragte dann in verändertem Tone: „Wer iſt im Schloſſe?“ Ratecliffe betrachtete ihn etwas überraſcht, denn dieſe Frage war nicht ſo beſtimmt, wie ſonſt, und Richard fuhr fort: „Ich hörte, daß die Prinzeſſin Marie von Schottland geſtern Nacht anlangte. Ich ſchickte auch nach Lord Ful⸗ 477 mer. Ich will nicht haben, daß dieſe Heirath vor ſich gehe, bis ich ganz ſicher bin; ſie mögen ſich hüten, wenn ſie mir ungehorſam zu ſeyn wagen.“ „Er iſt noch nicht eingetroffen, Sire,“ antwortete Ratcliffe; „er hat aber auch kaum Zeit gehabt. Die Prinzeſſin kam ge⸗ ſtern Nacht. Es ſcheint, ſie reiste zur See nach London, und iſt ſeitdem Euer Gnaden hieher gefolgt. Sie iſt eben vom Beſuche der Königin in ihre Gemächer zurückgekehrt.“ „Ha, iſt ſie dort geweſen?“ rief Richard.„Das wäre beſſer unterblieben; doch ich will ſelbſt nach ihr ſehen. Laßt Jemand vorausgehen und ihr anmelden, daß ich Ihrer Ho⸗ heit aufwarten will. Wir müſſen dieſe Heirath zwiſchen dem Herzog von Rothſay und meiner Nichte Anna eilig ab⸗ ſchließen. Dann, Heinrich von Richmond, haſt Du eine Hand verloren, und eine ſchottiſche Hand iſt hart, wie wir zuweilen gefunden haben.— Geht, guter Rateliffe, geht ſelbſt zu ihr.“ Rateliffe entfernte ſich unverzüglich, und Richard folgte ihm, nachdem er ſich noch einige Minuten beſonnen hatte. Er fand vor der Thüre des Zimmers, wohin er ſeine Schritte lenkte, zwei Diener nebſt ſeinem anhänglichen, nur etwas gewiſſenloſen Freunde und Rathgeber Ratcliffe, der ſeine Botſchaft ausgerichtet und die Prinzeſſin wieder verlaſſen hatte. Die Thüre wurde alsbald geöffnet und einer der Diener rief in lautem Tone:„der König!“ Richard trat in ruhigem, anmuthigem Schritte ein und war überhaupt dem Manne, als welchen die verkehrten Behauptungen ſeiner Feinde ihn hingeſtellt haben, ſo unähnlich wie moͤglich. 478 Im fernen Ende des Zimmers hinter zwei bis drei jun⸗ gen Dienerinnen, welche um ſie ſtanden, ſaß eine Dame, an⸗ ſcheinend von ſechs⸗ bis ſiebenunddreißig Jahren— viel⸗ leicht älter, doch ſchien ſie nicht mehr zu zählen— deren Schönheit die Hand der Zeit kaum angerührt hatte. Der Ausdruck ihres Geſichtes war ſanft und melancholiſch; aber er hatte doch etwas Hohes und Gebietendes an ſich. Ihre Kleidung war ganz einfach, ohne Schmuck irgend einer Art, die Farbe düſter, wenn auch nicht gerade die der Trauer. Beim Eintritte des Köoͤnigs erhob ſie ſich und ging ihm ei⸗ nen Schritt entgegen, während Richard raſcher auf ſie zu⸗ eilte, ihre Hand voll Artigkeit ergriff und ſeine Lippen dar⸗ auf drückte, worauf er ſie wieder zu ihrem Stuhle zurück⸗ führte. Die Damen ihres Gefolges beeilten ſich, für den König von England einen Sitz herbeizutragen; er blieb jedoch eine Weile neben der Prinzeſſin ſtehen, indem er ſich nach ihrer Geſundheit und ihrer Reiſe erkundigte. Sie antwortete kurz aber höflich, ſie ſey lieber zur See gereist, als zu Land über die Grenze gezogen, wo es auf beiden Seiten von unruhi⸗ gen, geſetzloſen Menſchen wimmle. „Ich bin gekommen, mein Herr und König,“ fuhr ſie fort,„mit voller Macht, um die Bedingungen des zwiſchen Eurer Gnaden und meinem geliebten Bruder für die Hei⸗ rath meines Neffen und Eurer Nichte bereits eingeleiteten Vertrages zu unterhandeln und abzuſchließen. Es mag Euch ſonderbar vorkommen, daß er eine Frau zum Geſand⸗ ten waͤhlte; ich erbat mir jedoch dieſes Amt, wie Ihr wißt, 479 und da Ihr meine Abſichten durch den Wink in Eurem Briefe gütigſt unterſtütztet, ſo war er's zufrieden, mich damit zu betrauen.“ „Als Ritter und Edelmann konnte ich nicht weniger thun, als jenen Wink geben, nachdem ich Eure Wünſche kannte,“ erwiederte Richard.„Chrlich geſtanden, theure Lady, ſcheute ich mich aber beinahe, ihnen nachzugeben. Es iſt nichts Neues, wenn Prinzeſſinnen Unterhandlungen füh⸗ ren und Staaten lenken, und nach meiner ganzen Erfahrung muß ich ſagen, der Kopf muß ſtark, das Herz muß ent⸗ ſchloſſen ſeyn, das ihrer Beredſamkeit, ihrer Sanftmuth und Schönheit widerſtehen ſoll. Ich fürchte mich immer, mit einer Lady als Diplomatin zu thun zu haben; allein ich konnte mich nicht weigern, nachdem Ihr mir Eure Befehle auferlegt hattet.“ „Gleichwohl fürchte ich,“ ſagte Maria,„daß jene Be⸗ fehle— wie Ihr ſie nennt— meinem Bruder oder ſeinen Miniſtern irgendwie kund gegeben wurden, denn ich höre, daß vor meiner Abreiſe mehrere Boten nach England abgeſchickt wurden, und den Tag vor meinem Aufbruche ſoll ein alter Diener von mir, John Radnor, den ich immer für treu hielt und den Euer Gnaden recht wohl kannten, mit Briefen oder Botſchaften, wie es hieß, die mir verſchwiegen blieben, nach England abgeſendet worden ſeyn, ohne daß ich ihn wieder geſehen habe.“ „Ich ebenſo wenig,“ ſagte Richard ernſthaft;„wenn wir allein ſind, wollen wir mehr davon reden.“ „Das ſind lauter getreue Freunde,“ ſagte die Prinzeſſin, 480 ſich unter den jungen Damen ihrer Umgebung umſchauend, fuhr jedoch fort, als ſie ein leiſes Lächeln auf Richmonds Lippen bemerkte:„wenn Euer Gnaden Geheimniſſe zu be⸗ ſprechen hat, ſo ſollen ſie gehen. Verlaßt uns, Mädchen!“ Der König und die Prinzeſſin blieben völlig ſtumm, bis das Zimmer geräumt war, worauf Richard alſo anhub: „Wir Hochgeſtellten wiſſen niemals, theure Lady, welche Menſchen wirklich treue Freunde ſind, bis wir ſie lange und in verſchiedener Weiſe erprobt haben. Ihr ſagtet eben vor⸗ hin, Ihr habet dieſen John Radnor für Euren treu ergebe⸗ nen Diener gehalten. Das überraſcht mich nicht,“ fuhr er im Tone der Galanterie, doch nicht ganz ohne Spott, fort, „denn ich betrachtete ihn immer als den meinigen, und wer mein treuer Diener iſt, muß auch der Eure ſeyn.“ Die Prinzeſſin betrachtete ihn eine Weile mit einem Blicke der Ueberraſchung; dann ſchlug ſie die Augen nieder und ſagte: „Ich glaube Eure Hoheit zu verſtehen. War er ein Spion?“ „Nein, das iſt ein zu harter Ausdruck,“ gab Richard zur Antwort.„Er war nicht gerade Spion. Bauern und Franklins pflegen einem vornehmen Manne in ihrer Nach⸗ barſchaft Geſchenke oder Gaben von unbedeutendem Werthe zu überbringen, in der angenehmen Ueberzeugung, daß ſie dafür etwas Werthvolleres, als ſie überbracht, empfangen werden. So machte es John Radnor mit ſeinen Nachrich⸗ ten: wenn er etwas erfuhr, was vorausſichtlich gut bezahlt wurde, ſo überbrachte er es Dem, der wahrſcheinlich am 481 beſten dafür zahlte. Doch laßt uns nicht weiter von ihm re⸗ den, denn ſein geſchwätziger Mund iſt jetzt in der dumpfen Erde eingeſchloſſen. Er wurde auf jener nämlichen Reiſe, von der Ihr ſprachet, durch Zufall getödtet; ſeine Briefe wurden aber durch einige meiner Poſten überbracht, welche dicht hinter ihm herkamen. Alle Pakete, die Ihr mir im letzten Jahre überſendet, haben mich, glaube ich, ſicher er⸗ reicht— die, welche Radnor brachte, waren behutſam be⸗ fingert, die, welche von anderen Händen kamen, theils un⸗ berührt, theils mit größerer Geſchicklichkeit von Neuem verſtegelt. Ich habe jedoch Eure Befehle buchſtäblich voll⸗ zogen, ohne die Empfehlungen Anderer abzuwarten, von denen ſie zuweilen begleitet waren. Aber ich muß leider ſagen, daß mein Bemühen erfolglos blieb; ich habe viel⸗ fältige Nachforſchungen angeſtellt, aber nicht die geringſte Spur war außzufinden.“ Die Prinzeſſin ſchlug die Augen nieder und zerdrückte eine helle Thräne zwiſchen ihren dunklen Wimpern. „Nichtsdeſtoweniger,“ gab ſie nach kurzem Schweigen zur Antwort,„will ich die Nachforſchung ſelbſt fortſetzen, obwohl ich Euer Gnaden Eifer und Güte nicht im Gering⸗ ſten bezweifle. Es iſt kaum möglich, daß ſeine Waffenge⸗ fährten den Ort, wo ein ſo ausgezeichneter Mann liegt, nicht wenigſtens an einem Steine erkennen ſollten.“ „Er war in der That die Blüthe der Höflichkeit und der Stolz der Ritterſchaft,“ erklärte Richard.„Ich kann mich des guten Earls noch wohl erinnern, als er eben nach Dänemark aufbrach, um Eures Bruders Braut zu holen, James. Der Waidmann. 31 482 und ſelten habe ich einen Mann geſehen, der ſo würdig ge⸗ weſen wäre, in langer Erinnerung zu leben oder von dem Herzen ſeiner Wittwe mit ſo getreuem Grame betrauert zu werden, wie Euer edler Gatte, der Earl von Arran. Wüßte ich, wo er begraben liegt, ſo würde ich ihm ſelbſt ein Er⸗ innerungsdenkmal errichten, obgleich er auf Seiten der Feinde meines Hauſes geſtanden hat.“ Während er ſich über ihren todten Gatten in ſolchen Lobſprüchen ergoß, waren die Augen der Prinzeſſin, einer Gräfin von Arran, von Thränen übergefloſſen, und ſie ant⸗ wortete, ſobald er zu Ende war: „Das wäre in der That großmüthig, und ich bitte Euch, mir dieſelbe Großmuth dadurch zu beweiſen, daß Ihr mir bei Fortſetzung meiner Nachforſchung behülflich ſeyd.“ „Mit allen meinen Kräften will ich Euch helfen,“ ver⸗ ſicherte Nichard,„obwohl ich von der Nutzloſigkeit überzeugt bin. Laßt mich übrigens fragen: was veranlaßt Euch zu dem Glauben, daß er noch am Leben iſt?“ „Ach, ich glaube es nicht,“ erwiederte die Prinzeſſin; „es iſt weniger als ein Glauben— nur ein Zweifel, eine letzte Hoffnung. Hätte ich ſeinen Leichnam geſehen, ich hätte vielleicht etwas Aehnliches empfunden; ich hätte ge⸗ glaubt, noch Wärme im Herzen zu entdecken, und hätte ver⸗ ſucht, das Leben in ſeinen Wohnſitz zurückzuführen, wenn es auch ganz erloſchen war. So iſt Frauenliebe, Mylord. Ihr werdet aber fragen, was dieſe ſchwache Hoffnung ge⸗ nährt hat, nachdem zwölf lange Jahre vergangen ſind und ich authentiſche Nachrichten erhalten habe, daß er in dem 483 letzten Scharmützel des Krieges ſeinen Tod gefunden. Jener Mann, John Radnor, bekräftigte durch einen Eid, daß er ihn todt auf dem Schlachtfeld geſehen habe; die übrigen Begleiter beſtätigten gewiſſermaßen dieſe Geſchichte, waren aber ihrer Sache nicht ſo ganz ſicher. Mein Bruder und ſein ganzer Hof gaben ſich den Anſchein, als ob ſte deren Wahrheit glaubten und keinen Zweifel dagegen hegten. Aber wenn ſie ſo vollkommen davon überzeugt waren— warum drangen ſie dann ſo eifrig auf eine Scheidung am römiſchen Hofe— auf eine Eheſcheidung von einem todten Manne, während ſie mich mit einem Anderen verheirathen wollten? Da müſſen ſie doch zum wenigſten gezweifelt haben. So kam es, daß ſie mich ſelber zweifeln lehrten, und ehe ich dem Gebote meines Königs nachgebe, muß ich ſelber ſehen und nachforſchen. Ich verlange blos, daß ich ihn lebend oder wenigſtens die Stelle ſeines Begräbniſſes finden darf. Sein Ausſehen, ſeine Rüſtung muß demjenigen, der den Leichnam fand, ſogleich bewieſen haben, daß er kein gewöhnlicher Mann war und nicht mit der gemeinen Heerde auf der Stelle, wo er fiel, begraben werden durfte.“ Riichard ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Ach, Lady, Ihr wißt nicht, was ein Schlachtfeld iſt. Die Hiebe und blutigen Wunden, das Trampeln der flie⸗ henden Menge und der Pferdehufe entſtellen oft alle Ge⸗ ſichtsüüge und laſſen dem Leichnam keine Aehnlichkeit mit dem Lebenden. Was die Waffen betrifft, ſo wird ein Schlacht⸗ feld immer von gemeinen Haufen menſchlicher Geier um⸗ 4 31* 484 ſchwärmt, welche den Todten alsbald berauben, ſowie die Flut des Kampfes zur Ebbe zurückgekehrt iſt.“ „Aber es war ja ein bloſes Scharmützel,“ erwiederte die Prinzeſſin. „Ich weiß, ich weiß,“ ſagte Richard.„Er zog mit wenigen Fähnlein Lancaſtriſcher Reiter quer durch das Land, um Margarethen zu Tewksbary zu treffen, als er von Sir Walter Gray mit überlegenen Streitkräften angefallen wurde. Aber glaubt Ihr denn, wenn er am Leben geblie⸗ ben wäre, daß er Euch keine Nachrichten, keine Botſchaften, keine Briefe zugeſchickt hätte?“ „Wenn er keine abgeſchickt hätte, ſo wäre dieß aller⸗ dings auffallend,“ erwiederte die Lady;„aber Ihr wißt nicht, Mylord, wie ich bewacht und beobachtet wurde. So weiß ich, daß man einige von meinen Briefen aus Däne⸗ mark förmlich zurückhielt, und bis auf die letzten zwei Jahre war ich faſt wie eine Gefangene. Ja noch mehr: ſie ſollen, um mich für ihre Wünſche fügſam zu machen, unter vielen anderen politiſchen Streichen ſogar ein Gerücht ausgeſprengt haben, als ob ich mit dem Grafen von Hamilton vermählt ſey. Das Alles hat meine Zweifel erregt, und wenn ich auch der Hoffnung nicht geradezu nachgeben kann, ſo ſehe ich doch deutlich, daß ſie ſelbſt von Arran's Tode nicht ganz überzeugt ſind.“ „Wohlan, Lady, mein beſter Beiſtand iſt Euch gewiß⸗“ verſicherte Richard.„Sämmtliche Grafſchaftsſheriffe nebſt ihren Beamten ſollen befehligt werden, Euch beizuſtehen und die Nachforſchung für ſich ſelbſt zu verfolgen; an Kloͤſter 485 und Abteien werdet Ihr wohl keiner Empfehlung bedür⸗ fen?“ „Ich danke, mein gnädigſter Fürſt,“ erwiederte die Dame, und Richard antwortete mit einer Miene wirklicher Herzlichkeit: „Es bedarf keines Dankes, wo das Vergnügen, das ich empfing, weit größer iſt, als das ich gab. Ich wollte nur, daß ich Euch beſſer helfen könnte!— Ich höre, Ihr habt meine arme, unglückliche Königin geſehen,“ fuhr er, auf ein anderes Thema übergehend, fort.„Sie iſt recht krank, die arme Anna! und die Aerzte geben nur ſehr wenig Hoffnung.“ „Sie ſieht in der That recht krank aus,“ beſtätigte die Prinzeſſin;„doch hoffe ich, daß ſie durch Sorgfalt und ge⸗ ſchickte Pflege wiederhergeſtellt werden kann.“ Richard ſchüttelte den Kopf und verſank in Gedanken, oder ſchien wenigſtens alſo. „Ihr Herz hat eine unheilbare Wunde empfangen,“ gab er endlich mit Seufzen zur Antwort.„Des Mannes Na⸗ tur widerſteht ſolchen Dingen, während die des Weibes nachgibt. Sie war immer eine zarte Blume, und dieſer letzte Sturm hat ſie niedergeworfen. Unſer ſchöner Knabe, unſer Edward, unſer Einziggeborener ſollte uns ſo plötzlich und auf ſo ſchreckliche Weiſe entriſſen werden! Es war ge⸗ nug, wahrlich es war genug, um ein ſo zärtliches Herz, wie das ihrige, zu brechen, und ich darf mich leider keiner Hoff⸗ nung hingeben, Lady. Doch dieſes Geſpräch macht mich zu weich,“ fuhr er fort;„ich bin jetzt nicht im Stande, Dinge von dringender Wichtigkeit zu verhandeln. Heute Abend, 486 Lady, heute Abend wollen wir uns über die Heirath Eures Neffen mit meiner Nichte beſprechen: für jetzt kann ich nur an meinen todten Knaben und an mein ſterbendes Weib den⸗ ken. Lebt wohl alſo, lebt wohl für jetzt. Ach die Aermſte! es iſt zu hart auf ſie gefallen!“ Und mit einem plötzlichen Wegwenden verließ er das Zimmer und murmelte Worte vor ſich hin, wie wenn er einzig mit dem Schickſale ſeines Weibes und dem Verluſte ſeines Sohnes beſchäftigt wäre. Sobald er jedoch die Thüre geſchloſſen hatte, nahm er den Arm Ratcliffe's, der noch draußen wartete, und führte ihn über den Corridor, indem er ſich leiſe mit ihm beſprach. „Wir müſſen dieſes Geſchäft, dieſe Heirath eiligſt ab⸗ machen, Rateliffe,“ ſagte er—„ich meine die Heirath; ich will, daß Ihr ſelber gehet.“ „Ich bin im Augenblicke bereit, Sire,“ antwortete Rat⸗ eliffe.„Sagt mir nur, wohin ich gehen ſoll, und in einer halben Stunde ſoll mein Fuß im Steigbügel ſtehen.“ „Wohin?“ rief Richard im Tone der Ueberraſchung. „Ei, natürlich an den Wittwenſitz nach Weſtminſter. Ihr müßt mit unſerer guten Schwägerin Eliſabethe von Wood⸗ ville, der verwittweten Königin, unterhandeln und ſie über⸗ reden, daß ſie ihre Töchter meiner ſicheren Obhut überant⸗ wortet.“ „Das wäre ſchwer, ſehr ſchwer, Siee,“ erwiederte Rat⸗ eliffe. „Nichts weniger als das,“ meinte Richard.„Seyd nur freigebig mit Verſprechungen und ſaget, ich wolle ihre 487 Toͤchter an die Edelſten im Reiche verheirathen. Sagt ihr, nachdem mein eigenes Kind geſtorben, ſeyen meines Bru⸗ ders Kinder für mich Gegenſtände der Liebe und Sorgfalt und nicht mehr der Furcht geworden. Sichert ihnen reich⸗ liche Penſionen zu und ebenſo der Königin, ihrer Mutter. Sagt ihr, ihre Verwandten ſollen gut behandelt und in ihre Ländereien und Ehrenſtellen wieder eingeſetzt werden, und flüſtert meiner ſchönen Nichte Eliſabeth in's Ohr, daß Ri⸗ chard, wenn er frei wäre— wie er es bald werden kann— ſte auf den Thron von England erheben würde. Verſteht Ihr mich, Ratcliffe?“ „Ja wohl, ganz gut, mein gnädiger Herr,“ verſetzte Rateliffe.„An Eifer hat mir's nie gefehlt; und wenn er etwas ausrichten kann, ſo ſollen die Prinzeſſinnen in zehn Tagen in Eurer Gnaden Händen ſeyn.“ „Eifer! Du haſt mehr als Eifer, Rateliffe,“ rief Ri⸗ chard.„Eifer iſt das muthige Roß, das uns in voller Eile dahinträgt; Witz iſt die Hand, die es leitet. Warum ſiehſt Du ſo nachdenklich, Mann?“ „Ich dachte blos, Sire, daß es gut wäre, wenn Ihr Boten an den Pabſt abſchicktet,“ antwortete Rateliffe.„Um Eure Nichte zu ehelichen, müßt Ihr einen Diſpens haben. Rom hat kein Mitleid mit der Ungeduld der Liebenden und nur wenig Rückſicht für Staatserforderniſſe. Es wäre gut, die Dinge alsbald mit jenem langſamen Hofe einzuleiten, ſonſt werden wir Einwürfe und im Anfange ſogar Weige⸗ rungen erhalten.“ „Weigerungen!“ wiederholte Richard mit bitterem 488 Lächeln.„Es gibt noch immer Lollarden in England, Rat⸗ eliffe, und bei St. Paul! wenn der Pabſt ſchwankt oder zögert, ſo ſoll ſeine dreifache Krone ihren glänzendſten Edel⸗ ſtein veclieren. Wir ſind ein frommer Sohn der Kirche, mein Freund, aber wir müſſen gleichwohl zärtlich gegen un⸗ ſere Unterthanen verfahren. Beſuche den Biſchof von Lon⸗ don, wenn Du dort biſt, und ſage ihm, er ſolle alle Ketzer⸗ prozeſſe und Feuerſtrafen einſtellen. Sage ihm, daß poli⸗ tiſche Gründe uns wenigſtens für jetzt zur Toleranz zwin⸗ gen, und gib ihm zu verſtehen, daß wir ein Geſetz zur Er⸗ leichterung der Gewiſſen zu erlaſſen beabſichtigen.“ „Er wird die Nachricht nach Rom ſchicken, Sire,“ ſagte Rateliffe etwas zögernd. „Laß ihn nur,“ antwortete Richard mit bedeutungs⸗ vollem Lächeln;„das iſt's gerade, was ich will. Ich muß etwas haben, was ich aufgeben kann, damit Roms Forde⸗ rungen nicht allzu unvernünftig werden. Ein wenig Furcht iſt ganz heilſam. Suche ihn alſo auf und lege ihm die Sache nahe, wie ich geſagt habe, kräftig genug um Be⸗ ſorgniß, aber nicht ſo ſtark um Beleidigung zu erregen. Mit der Königin und ihrer Tochter mußt Du aber zuerſt unter⸗ handeln. Laß ſie nur erſt aus ihrem Aſyle hervortreten und mein Weib nicht länger zwiſchen uns ſtehen, und ich mache mir nichts aus päbſtlichen Diſpenſen und verlache die rö⸗ miſchen Donner. Du haſt Deine Weiſungen— jetzt fort!“ Mit dieſen Worten wendete er ſich gegen die Thüre ſeines Kabinettes, vor welcher mehrere Perſonen ſeiner war⸗ teten. 8 Beobachten war,„dieſer junge Mann iſt verdrießlich. Mein 489 „Lord Fulmer iſt angelangt, Euer Gnaden, und harrt unten im grünen Zimmer,“ meldete einer von den Dienern. „Führt ihn herauf,“ befahl Richard,„und merkt Euch, wenn Nachrichten von der Küſte anlangen, ſo werden die Boten alsbald eingelaſſen.“ Hiemit trat er in ſein Kabinet. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Richard hatte ſich niedergeſetzt und ein Papier vom Tiſche genommen, das er aufmerkſam durchlas, als Lord Fulmer eintrat. Er legte den Brief ſogleich nieder und empfing den jungen Edelmann auf die ſchmeichelhafteſte Weiſe. „Das iſt in der That freundlich, Mylord,“ ſagte er, ihm die Hand entgegenſtreckend.„Ich hätte nicht gedacht, daß die Reiſe ſo raſch abgemacht werden könnte. Es beweist mir, daß Ihr des Königs Dienſt als vorwiegend betrachtet, wenn Ihr Eure Liebſte auf die erſte Benachrichtigung ſo ei⸗ lig verlaſſen könnt, um Eurem Könige Beiſtand zu leihen.“ Ohne es zu wiſſen, berührte hier der Monarch eine zarte Saite, wie der Leſer wohl weiß, und Fulmer empfand es recht ſchmerzlich. Eine Wolke kam auf ſeine Stirne, und er erwiederte ziemlich kalt, daß er immer bereit ſey, dem Könige zu dienen. „So, ſo,“ dachte Richard, der ein großer Meiſter im 490 Bote iſt vermuthlich gerade zur rechten Zeit angelangt. Wir müſſen der Sache einen Damm entgegenſetzen.“ „Das hören wir mit Freuden, Mylord,“ ſagte er laut in etwas ſtolzem, königlichem Tone,„denn während wir, wie Ihr wißt, die Widerſtrebenden und Widerwilligen mit ſtarker Hand zu beugen verſtehen, ſind wir immer bereit, Solche, die uns treu und eifrig dienen, mit Ehren und Be⸗ lohnungen zu überſchütten.“ „Der einzige Lohn, den ich wünſche, Euer Guaden, iſt Eure gnädige Erlaubniß zur alsbaldigen Vollziehung mei⸗ ner Vermählung mit Lady Jola St. Leger,“ erwiederte Fulmer.„Ich und meine Familie ſind dem Hauſe York ſtets treue Diener geweſen; wir haben unſere Partei nie⸗ mals gewechſelt, und Ihr wißt, daß ich Euer Gnaden per⸗ ſönlich anhänglich bin. Ich hoffe alſo, daß ich Eure Er⸗ laubniß erhalten werde.“ „Ja und noch weit mehr,“ verſicherte Richard.„Ich hege Abſichten gegen Euch und meinen guten Lord Calverly, deren ich nicht weiter zu erwähnen brauche; aber ſie werden Früchte tragen— ſie werden Früchte tragen,“ ſetzte er mit bezeichnendem Kopfnicken bei.„Sobald dieſe Expedition vorüber iſt, zu der ich Euch ausſenden möchte— ich meine nach Dorſetſhire, um die dortige Küſte auf einige Tage zu bewachen und den ſtörrigen Geiſt des dortigen Volkes nieder⸗ zuhalten, ſoll Eure Hochzeit ſtattfinden.“ „Koͤnnte ich ſie nicht vollziehen, während ich dorthin ab⸗ gehe, Sire?“ fragte Fulmer mit ungeduldigem Tone.„Ich brauche ohnehin ein paar Tage zur Vorbereitung, und es 8 491 bedarf nur noch der letzten Kirchenceremonien. Des guten Willens von Lord Calverly bin ich verſichert, und ſobald ſie mein eigen iſt, will ich unverzüglich aufbrechen.“ „Wie!“ rief Richard:„hat Euch Lord Calverly nicht geſagt, daß wir Eurer Hochzeit ſelbſt anwohnen wollen? Er verhehlte es Euch wohl, um Euch eine angenehme Ueber⸗ raſchung zu bereiten. Nein, nein, dieſes Geſchäft dul⸗ det keinen Aufſchub; dieſe ſtörrigen Bauern müſſen nieder⸗ geſchlagen werden, bevor ihr Mißvergnügen gefährlich wird, und Ihr müßt ſogleich aufbrechen.“ „Darf ich offen mit Euer Gnaden reden?“ fragte Fulmer. Richard nickte ernſthaft mit dem Kopfe, und der Andere fuhr in ziemlich gekränktem Tone fort: „Indem ich eben jetzt in Euer Gnaden Dienſte Chidlow⸗ ſchloß verließ, habe ich einen ziemlich gefährlichen Neben⸗ buhler bei meiner Braut zurückgelaſſen.“ „Einen Nebenbuhler!“ ſagte Richard.„Wer mag das ſeyn? Ich dachte doch, ſie ſey Euch verlobt.“ „So iſt es, Sire,“ antwortete Fulmer:„aber wir wiſ⸗ ſen Alle, daß manche Menſchen ſolche Verlöbniſſe gegen die Macht der Liebe nicht für rechtskräftig erachten.“ „Mein Bruder Edward dachte alſo,“ verſetzte Richard mit ſpöttiſchem Aufwerfen der Lippe.„Sagt doch: wer mag dieſer Nebenbuhler ſeyn?“ „Kein Anderer als Lord Chartley,“ gab Fulmer zur Antwort,„den Euer Gnaden dem Onkel der Dame in Ver⸗ wahrung gegeben haben.“ 492 „Was! abermals jener luſtige Junge““ rief Richard lachend.„Meiner Seel! er begegnet uns auf jedem Schritte. Aber wir wollen darauf Acht haben— ſeyd nur ganz ruhig — wir wollen darauf Acht haben. Dient uns nur treu und redlich, und die Hand jener Dame ſoll Euch werden, wer ſich auch immer entgegenſtellen mag.“ „Ihre Hand wäre mir von geringem Werthe, mein gnä⸗ diger Herr und König, wenn ihr Herz einem Anderen ge⸗ hörte,“ äußerte Fulmer in kühnem Tone. „Ihr Herz!“ wiederholte Richard mit jenem leiſen, kal⸗ ten, ertödtenden Lachen, das für ein enthuſiaſtiſches Gemüth ſo peinlich iſt;„nun, nun, ſeyd nur ruhig: dieſer Herzens⸗ angler, dieſer Chartley, ſoll in ein paar Wochen an einen an⸗ dern Ort gebracht werden.“ Fulmer wollte eben vor ſich hinmurmeln:„in ein paar Wochen!“ als die Thüre des Kabinets aufging und ein Herr in beſtaubtem Anzuge eintrat. „Man hieß mich hereinkommen, Sire,“ begann er in barſchem Tone,„obwohl die Nachricht, die ich überbringe, eine ſchlechte Erwiederung auf einen gnädigen Willkomm iſt. Der Earl von Orford iſt mit einigen andern Edelleuten von Rufe aus dem Schloſſe Ham ausgebrochen und hat den Weg nach der Bretagne eingeſchlagen.“ Richard lächelte, und da er ſah, daß der Bote noch mehr zu ſagen hatte, ſo ſetzte er bei: „Fahrt fort.“ „Es iſt blos ein Gerücht,“ erzählte der Andere;„aber als ich in Dover war, brachte man die Nachricht, Sir John 493 Fortescue, einer Eurer Offiziere zu Calais, ſey mit zwölf jungen Edelleuten von gutem Hauſe in derſelben Richtung aufgebrochen.“ „Ha!“ rief Richard in ſtrengerem Tone.„Iſt das ſo weit verbreitet? Doch gleichviel,“ fuhr er alsbald wieder fort, indem das Lächeln auf ſeine Lippen zurückkehrte.„Ich habe die Weſpe in meinem Handſchuh; ſie kann nicht ſtechen, ſondern blos ſterben.“ „Auch in Kent ging es ſehr ſtürmiſch her, als ich durchreiste,“ berichtete der unfeine Bote. Richard beſann ſich eine Weile und ſagte dann: „Es find keine tröſtlichen Nachrichten, Sir Arthur; nichts deſtoweniger ſeyd Ihr willkommen. Habt Ihr noch ſonſt etwas zu vermelden?“ „Nein, mein Lehensherr,“ erwiederte der alte Ritter; „was ich zu ſagen hatte, lautet ſchlimm genug; doch bin ich kaum drei Meilen von York an einem zierlichen jungen Edelmanne auf müdem Roſſe vorübergekommen. Ich habe ihn früher in John Hutton's Gefolge geſehen, und er er⸗ zählte mir, er ſey von einem Orte Namens Lyme in Dorſet, wohin er in einem Fiſcherboote gekommen, hierher Kurier geritten, um Euer Gnaden Botſchaften aus der Bretagne zu überbringen.“ Dieſe Nachricht ſchien Richard mehr als alle übrigen zu frappiren, und er rief unverzüglich: „Ha! ruft mir einen Reitknecht her.“ Der Befehl wurde alsbald vollzogen, und als der Mann erſchien, fragte ihn der König mit geſpanntem Blicke: 494 „Iſt irgend Jemand aus der Bretagne angelangt?“ „Nicht daß ich wüßte, Sire,“ erwiederte der Mann;„ſo eben aber iſt Einer in den Hof geritten.“ „Bringt ihn her, augenblicklich,“ befahl Richard, indem er ſich an den Tiſch ſetzte und vor Ungeduld an ſeinen Händen nagte. „Darf ich ein Wort zu ſagen wagen, Sire?“ fragte Lord Fulmer. „Nein, Sir, nein,“ rief Richard heftig, mit der Hand Stillſchweigen gebietend, und dann ſein bitteres Nachdenken wieder aufnehmend. Wenige Minuten ſpäter wurde ein junger Edelmann, ſtaubbedeckt, bleich und augenſcheinlich vor Ermüdung faſt umſinkend, in das Kabinet geführt, und der König fragte, ihn mit den Augen firirend: „Welche Neuigkeiten?— Ihr ſeyd Sir John Hutton's Neffe, wenn ich mich nicht irre.“ „Der Nänliche, mein Lehensherr,“ erwiederte der junge Mann in ſchwachem Tone.„Ich wollte, mein Oheim wäre noch in der Bretagne geweſen; er würde wohl beſſer gewacht haben.“ „Sprecht, ſprecht,“ befahl der König ſo ruhig, als er es über ſich zu gewinnen vermochte.„Ein Unglück iſt vorge⸗ fallen— ſagt, was hat es Schlimmes gegeben?“ „Der Earl von Richmond iſt aus Vannes entronnen, mein gnädiger Gebieter,“ erwiederte der junge Mann.„Er wurde von ſeinem eigenen Hunde aufgeſpürt und mit aller 495 Eile verfolgt, erreichte aber die Thore von Angers, als des Herzogs Leute ihm ſchon auf den Ferſen waren.“ Richard ſaß eine Weile wie vom Donner gerührt; dann aber ſich trotzig zu Fulmer wendend, rief er: „Iſt das eine Zeit, um von Hochzeiten zu reden? Zu Pferd, Lord Fulmer und fort; Eure Inſtruktionen ſollen in einer Stunde parat ſeyn. Seyd ein treuer Diener Eures Königs, und die ſchönſte Dame im ganzen Lande ſoll Euch gehören; Ihr dürft ſie nur verlangen. Fehlt Ihr aber in Treue, ſo will ich ſie einem Anderen geben, ſo wahr ich lebe. Beim Himmel! wir wollen von allen Menſchen Geißeln nehmen, denn es iſt zu wenig Treue auf Erden! Die Hand der Lady für den beſten Krieger! Bis dahin will ich ſie ſicher verwahrt halten. Fort, laßt mich nichts weiter hören!“ Fulmer wagte nicht, die Empfindungen auszuſprechen, welche dieſe Worte in ihm hervorriefen, ſondern eilte mit brennender Wange und Stirne aus dem Zimmer, während Richard, das Haupt auf die Hand ſtützend, ein⸗ oder zweimal vor ſich hinmurmelte: „'s iſt Zeit, unſere Rüſtung umzuſchnallen.“ Die beiden Edelleute, welche die Nachricht überbracht, die ihn ſo ſehr erſchüttert hatte, ſtanden wohl fünf Minuten lang vor ihm, ohne im Geringſten beachtet zu werden, ob⸗ wohl der Eine ſich vor Ermüdung kaum aufrecht zu erhalten vermochte, und Beide über die zerſtreute ungewohnte Laune des Königs nicht wenig beunruhigt waren. Ueber ſein Geſicht zogen tauſend Schatten der Erregung, während er alſo 496 nachſann; bald biß er ſich auf die Lippen, und heftete ſein ſcharfes Auge zu Boden, bald runzelte er die Stirn und ſeine Lippe bebte, bald hob er die Augen nach dem geſchnitzten und bemalten Getäfel mit einer Art leeren Blickes, aus welchem jeder Ausdruck verbannt war, und als er zuletzt dieſen Anfall von Nachdenken mit einem lauten Lachen be⸗ ſchloß, da fürchteten ſeine beiden Zuſchauer, ſein mächtiger Geiſt möchte von der eben erfahrenen Enttäuſchung erſchüt⸗ tert worden ſeyn. Sie ſuchten zwar alle Zeichen der Ver⸗ wunderung zu unterdrücken; aber er ſchien in ihren Gedan⸗ ken zu leſen, ſobald ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf die un⸗ mittelbaren Tagesgeſchäfte gerichtet war. „Es iſt merkwürdig, Sir Arthur,“ ſagte er,„wie die Dinge, welche, in der Wuth und Enttäuſchung betrachtet, wie in einem Nebel zu rieſigen Uebeln anwachſen, nach kurzem, ruhigem Nachdenken zu ihrer eigenen, zwerghaften Wirklichkeit zuſammenſchrumpfen. So hielt ich kaum vor einigen Minuten das Entrinnen des Earls von Richmond aus der Bretagne und ſeine Aufnahme in Frankreich für ein mächtig großes Unglück, des Grafen von Orford Flucht aus Ham für einen ominöſen Unfall. Jetzt aber erregt es nur meine Lachluſt, wenn ich bedenke, wie ich der Dame von Derby Betteljungen nach ſeinem bretoniſchen Armenhauſe zurückpeitſchen würde, wenn er ſeinen Fuß in dieſes König⸗ reich von England zu ſetzen wagte. Beim heiligen St. Paull ich wollte ihm ſicheres Geleite über die ſchmale See geben, und ihm nicht ein Galiote entgegenſtellen, nur um den Spaß zu haben, ihn wie einen Müßiggänger in die 497 Schule heimzujagen, wenn nicht unſer Reich ſchon zu lange geblutet hätte, und mir das Leben jedes meiner Unterthanen theuer wäre. Wer iſt dieſer Nichmond? wo ſteht ſein Name in Waffen? Auf welchem Schlachtfelde hat er ſich Ruhm erworben? wo lernte er die Kunſt des Krieges? Und ein ſolcher Mann will daher kommen und mit mir um eine Krone kämpfen, deſſen Wiege ein Panzer, deſſen Ammen⸗ ſtube ein blutiges Schlachtfeld, deſſen Schulen Hexham, Barnet und Tewksbury, und deſſen Lehrmeiſter York, Salis⸗ bury, Warwick und Edward waren! Wo ſind ſeine Gene⸗ rale? Wird Dorſet— der ſchwache, wankelmüthige, jämmer⸗ liche Dorſet— den Vortrab führen und die Schlacht an⸗ ordnen? Mich dünkt, die Sache iſt nur zum Lachen geeignet, und ich muß mich ſelbſt ausſpotten, daß ich die Bewegungen dieſes Tudorknaben auch nur ein einziges Mal mit ängſt⸗ lichem Blicke beobachten konnte.— Sagt, mein guter Freund, ſind alle die flüchtigen Lord's mit ihm nach Frank⸗ reich gezogen? Doch Ihr ſeyd ermüdet; ſetzt Euch auf dieſen Stuhl— nein, nein, der König will es. Jetzt gebt mir Antwort.“ 8 „Nein, mein gnädiger Lehensherr,“ erwiederte der junge John Hutton.„Er hat ihnen Allen ein Schnippchen ge⸗ ſchlagen, wie ich höre, und ſie an des Herzogs Hof geſchickt, um dieſem zu ſeiner Geneſung Glück zu wünſchen. Nach⸗ dem er alſo durch Aufopferung ſeiner Freunde den Arg⸗ wohn eingelullt hatte, floh er mit nur vier Begleitern von dannen.“ James. Der Waidmann. 32 498 „Iſt denn der gute Herzog wieder wohl?“ fragte Ri⸗ chard, indem ſeine Stirn ſich abermals leicht zuſammenzog. „Wie lauten die Nachrichten von Meiſter Landais.“ „Ich höre, er ſey ganz wohl, Sire, und in hohen Gun⸗ ſten bei ſeinem Herrn,“ erwiederte der junge Mann.„Ich hielt mich jedoch nicht damit auf, alle Vorgänge zu erfahren, denn ich dachte, Euer Gnaden ſey ſchlecht bedient worden, nahm alsbald ein Fiſcherboot und eilte zu Euch hierher. Ich habe mich ſeitdem noch nicht zur Ruhe niedergelegt, denn wenn auch üble Nachrichten einen Boten nie willkom⸗ men machen, ſo dachte ich doch, Eurer Hoheit durch zeitige Mittheilung gut zu dienen, und meinte, wenn dem wirklich ſo wäre, ſo würde mir Euer Zorn leichter fallen als Euer Dank für beſſere Nachrichten.“ „Ihr habt wohl— Ihr habt ſehr wohl daran gethan, junger Mann, und ſollt nicht unbelohnt bleiben,“ verſetzte Richard ernſthaft.„Weinants wurde übertölpelt, wie es allzuvorſichtigen Leuten oft paſſirt.— Jetzt geht und erholt Euch; vergeßt nicht, Euren Platz am Tiſche unſerer vertrau⸗ teſten Diener einzunehmen, bis ich Euch beſſer placiren kann.“ Der junge Mann verbeugte ſich mit dankbarem Blicke und ging. „Seyd auch Ihr übermüdet, Sir Arthur?“ ſo wendete ſich Richard jetzt an den Anderen. „Ich?— o nein, mein Herr und König; ich bin abge⸗ härtet,“ gah der alte Ritter zur Antwort.„Mein alter „ 499 Leib wurde mit harten Schlägen ſo feſt zuſammengeſtampft, daß er nicht ſo leicht kracht.“ „Wohl, wir wollen Euch den heutigen Tag zur Ruhe gönnen,“ ſagte Richard;„dann müßt Ihr nach Kent zurück, und das ſtörrige Volk zu beruhigen ſuchen. Meine Briefe und Befehle ſollen Euch eingehändigt werden.'s iſt Schade, daß dort kein Hanf wäͤchst; doch werdet Ihr zu Dartford Stricke vorfinden— Ihr verſteht mich.“ Sobald Richard abermals allein war, ſchritt er mehrere Minuten in großer Aufregung im Zimmer auf und ab. „Nichts mehr von Verluſten!“ ſagte er endlich,„nichts mehr von Verluſten! Ich darf ſie nicht von mir abfallen laſſen. Dieſe Heirath muß raſch vor ſich gehen, um noch einmal die Lücken im Hauſe York zu heilen; ſie ſollen nicht mit Tudor⸗ lehm geflickt werden. Wir müſſen Alles behalten und noch mehr gewinnen. Dieſer junge Lord Fulmer— ich bin in meiner Haſt etwas ſtreng mit ihm verfahren; ich muß ihn vor ſeinem Abgange beſchwichtigen. Aber ſeine ſchöne Geißel will ich für ſeine Treue aufbewahren. Chartley— er bringt große Macht und Reichthum, und viele Freunde: eer muß gewonnen werden. Vielleicht iſt dieſe Erbin auch für ihn eine paſſende Lockſpeiſe, und dann mögen ſie nur in des Königs Dienſt um ſie wetteifern. Auf alle Fälle kann ich jeden der beiden Voͤgel in die Falle zurücklocken, ſo lange ich dieſen hͤbſchen Koͤder in meiner eigenen Hand habe.“ ———/M 32* 50⁰ Dreiunddreißigſtes Kapitel. Es war wie eine Wolke die am Sommerhimmel vorüber⸗ zieht. Es war, wie wenn ein müder Wanderer die ſchwere Laſt, die er getragen, neben der Straße niederlegt, und ſeine befreiten Glieder zu einer Ruhepauſe ausſtreckt. Solcher Art war die Wirkung von Lord Fulmers Abreiſe von Chid⸗ low. Jola's leichtes ſtürmiſches Herz ſchnellte unter der Laſt empor; ihr heitere Laune, ihr glücklicher Frohſinn kehrte wieder; das Lächeln trat zurück auf ihre Lippen, und obwohl die Roſe länger brauchte, um ſich wieder auf ihrer Wange auszubreiten, ſo ſah man doch ſchon nach einer ſüßen Nacht⸗ ruhe einen Theil der Blüthe wiederkehren. Konſtanze war nie ſehr luſtig, aber ſie war heiter. Chartley fühlte, daß eine Quelle beſtändiger Aufregung und Reizbarkeit entfernt ſey, und mit dem glücklichen Leichtſinne der Jugend ſchickte er ſich an, die gegenwärtige Stunde zu genießen, ohne ſich um das Umſchlagen des Glücks in der nächſten zu bekümmern. Sogar die Aebtiſſin, welche von dem, was in den Herzen ihrer Umgebung vorging, nur we⸗ nig oder eigentlich nichts wußte— ſchien die Erleichterung mitzuſpüren; ſie lachte und plauderte in der luſtigſten Laune, beſonders mit Chartley, der für ſie ein Gegenſtand hoher Bewunderung war. Der hellſehende Sir William Arden, welcher wohl erkannt hatte, daß Chartley und ſein Neben⸗ buhler nicht lange ohne Gefahr des Blutvergießens in der⸗ ſelben Wohnung hauſen konnten, fühlte ſeine Beſorgniſſe ſchwinden, und Sir Edward Hungerford bemerkte: 50¹ „Wahrhaftig, ich bin froh, daß Fulmer fort iſt, denn er war ſchon merkwürdig trotzig geworden— und trug ſo übel paſſende Wämſer. Es war peinlich, ſein Blau und Gelb mit anzuſehen; man mußte unwillkürlich an einen fremd⸗ artigen Vogel denken.“ Nur der gute pomphafte Schloßherr blieb unverändert, und ging voll weiſer Sprüche und moderner Beiſpiele in höchſter Gravität herum, indem er über Alles was er ſah auf die abgedroſchenſte Weiſe räſonnirte und eigentlich nur Vorleſungen und keine Geſpräche hielt. Früh am Morgen des Tages nach Fulmer's Abreiſe verabſchiedeten ſich alle diejenigen Gäſte, die nur auf we⸗ nige Tage eingeladen waren, und verließen das Schloß. Die Aebtiſſin wollte am folgenden Morgen in ihr Kloſter zurück⸗ kehren, und Lord Calverly entwarf allerlei Plane, um die trübe Zeit luſtig hinzubringen, als ein Kurier mit Briefen von des Königs Grafſchafts⸗Lieutenant anlangte. „Meiner Treu!“ ſagte Calverly;„das iſt ein wahres Unglück, denn es ſtört alle meine Plane. Dieſer edle Lord bedarf meiner unmittelbaren Gegenwart, um ſich über die beſten und bewährteſten Mittel zur Erhaltung des Friedens und der Ruhe in der Grafſchaft zu berathen. Er weiß, daß ich einige Erfahrung in ſolchen Dingen beſitze, und wenn mein Urtheil auch nicht das beſte iſt, ſo ſetzt er doch Ver⸗ trauen darein. Er ſagt, es ſeyen ſonderbare Geſchich en im Umlauf von nächtlichen Zuſammenkünften des Landvolks, denen Fremde aus weiter Ferne anwohnen ſollen. Gott verhüte nur, daß neue Wirren heranziehen! Ich muß als⸗ 50² bald zu Pferd ſteigen. Ich werde noch vor Nacht zurück⸗ kehren, und mittlerweile, meine Lords und Ladies, müßt Ihr Euch eben amüſiren ſo gut es geht. Ihr habt Fiſche im Strome, Hirſche im Park, habt Schachbrett, Würfel und andere Spiele in der kleinen Halle, Muſikinſtrumente in der Gallerie, Lauten, Cithern und ſo weiter, ſo daß es Euch nicht an Mitteln zur Unterhaltung gebricht, wofern Ihr ſie ſuchen wollt. Wenn Ihr Euch langweilt, kann ich Euch nicht helfen, denn Ihr wißt, Mylord Chartley, der Ruf der Pflicht iſt gebieteriſch, und die Höflichkeit, welche keinem anderen Gebote weicht, muß ihm nachgeben.“ Sie langweilten ſich nicht; wie ſoll ich aber das Hin⸗ ſchwinden jener Stunden beſchreiben? Für Chartley und Jola war es ein langer Zug aus dem Becher der Freude. Tranken ſie etwa zu tief? ich fürchte beinahe. Chartley beſchloß, in allen Dingen klug zu handeln, ruhig, gefaßt und auf ſeiner Hut zu ſeyn, dabei aber ſich höflich und artig zu erweiſen, wie er es gegen jede Dame, für die er ſich auch nicht intereſſirte, ſeyn würde. Jola beſchloß, in ihrem Weſen weder kalt noch warm gegen ihn zu ſeyn, ihn weder zu ermuthigen noch zurückzuweiſen, weder aufzuſuchen noch zu vermeiden, ſich durch ſein Benehmen leiten zu laſſen, ihre Gefühle zu beherrſchen und ihr Herz zu beruhigen. O dieſe Entſchlüſſe, dieſe Entſchlüſſe! Wie pochte das Herz, das ſo ruhig ſeyn wollte, als ihr Oheim wegritt, und ſie ſich mit dem Geliebten allein ſah, um die Stunden faſt ganz nach Belieben mit ihm zu verleben! Der Himmel weiß, wie ſie ihr hinflogen. Chartley war oft um ſie; er 503 verſchloß ſich nicht in ſeinem Zimmer; er ritt weder zur Jagd aus, noch machte er einſame nachdenkliche Spazier⸗ gänge. Anfänglich unterhielt er ſich mit ihr, wie er bei ihrem erſten Zuſammentreffen in der Abtei gethan hatte, luſtig und aufgeräumt, indem eine Ader von Nachdenken ſeine Fröhlichkeit durchzog, und ein Anſtrich des Gefühls das Ganze mäßigte. Aber ſte blieben zuweilen ganz allein, und allmälig begannen ſie die Bilder der Vergangenheit heraufzu⸗ rufen, von früheren Scenen und Vorfällen zu plaudern, von Worten, welche während der langen abenteureriſchen Nacht, die ſie im Forſte verlebt hatten— geſprochen worden waren. Das war gefährlicher Boden; ſie fühlten, wie er unter ihnen ſchwankte, und dennoch wollten ſie ihn nicht verlaſſen. Ihre Herzen bebten beim Sprechen. Mit dem Auge der Erinne⸗ rung ſah Jola den Lord wieder zu ihren Füßen ſitzen, und er fühlte hinwieder ihren Odem ſeine Wange fächeln, wäh⸗ rend ihr Haupt im Schlummer auf ſeine Schulter ſank. O wie ſolche verrätheriſchen Bilder die Thore des Her⸗ zens jedem Feinde eröffnen, welcher einzudringen verlangt! Näher und näher kamen ſie den Gegenſtänden, denen ſie auszuweichen beſchloſſen hatten, und ſchon ſprachen ſie davon in Umſchweifen und zweideutigen Phraſen. Ihre Worte drückten zwar ihre Gedanken nicht ganz aus; aber der Ton und die Blicke thaten es, und die Sonne hatte kaum ihre halbe Tagesreiſe am Horizonte vollzogen, als Jola und Chartley ſo gut als ob ſie ſich's tauſendmal geſtanden und gelobt hätten, um ihre gegenſeitige Liebe wußten. Sie war allerdings ſehr aufgeregt, aber vielleicht doch 504 noch weniger wie er, und um zu ſehen, wie dies kam, müſſen wir eine Weile in Beider Herzen ſchauen. Jola fühlte, daß ſie kein Unrecht thue, wenn ſie ihn liebte, daß das Band, das ſie an Lord Fulmer knüpfte, gänzlich nichtig und ungültig ſey, daß Kinderheirathen, denen jene gegenſeitige vernünf⸗ tige Zuſtimmung abging, auf welche jeder Kontrakt baſtrt ſeyn muß— aller geſetzlichen Begründung entbehren, und daß ſte alſo vom Geſichtspunkte der Moral wie der Religion ebenſo frei ſey, wie wenn ihre Verwandten gar nie ein ſo unbilliges Verſprechen in ihrem Namen gegeben hätten. Mag ſeyn, daß ſie ſich leicht überzeugen ließ; mag ſeyn, daß ihre Liebe für den Einen und ihr Widerwille gegen den An⸗ dern den Weg zu ſolcher Ueberzeugung gebahnt hatten; aber ſte war jedenfalls überzeugt, und kein Bewußtſeyn von Un⸗ recht laſtete auf den Bewegungen ihrer Seele. Sie mochte der Zukunft mit Furcht entgegenſehen, mochte die kommen⸗ den Tage wie ein ſtürmiſches Weltmeer betrachten, durch das ſie keinen Pfad zu erkennen und jenſeits deſſen ſie kein Ufer zu gewahren vermochte; ſte mochte zittern, ob die Wo⸗ gen ſie nicht überwältigen würden: aber ſie hatte Vertrauen zu dem Schutze des Himmels, und wußte, daß ſie nichts that, um ihn einzubüßen. Anders bei Chartley: für ihn hatte nicht allein die Zu⸗ kunft, ſondern auch die Gegenwart ihre Finſterniſſe. Er wußte nicht genau, in welcher Lage ſie ſich befand; er wußte nicht, ob die Ceremonien der Kirche, welche damals oft zwi⸗ ſchen bloſen Kindern vollzogen und dann als ein Sakrament betrachtet wurden, das zur Vervollſtändigung nur noch einer 505 ſpäteren Einſegnung bedurfte— zwiſchen ihr und Lord Fulmer ſtattgefunden hatten oder nicht. Seine Vernunft konnte ihn allerdings lehren, daß ſolche Trauungen, wo we⸗ der Herz noch Verſtand um Rath gefragt wurden, ſchon an ſich ſündhaft und gefährlich ſind; aber er war doch noch nicht ſo weit gelangt, daß er ſie als gänzlich unwirkſam betrach⸗ tete. Er war im ſtreng katholiſchen Glauben auferzogen; dieſer war die einzige Religion, die in ſeinem Vaterlande geduldet ward, und obwohl er ſich nicht verhehlen konnte, daß ſich in die Kirche, der er angehörte, große Mißbräuche eingeſchlichen hatten, und daß manche der gröbſten dieſer Mißbräuche zur Begründung von noch gefährlicheren Dog⸗ men als ſie ſelbſt— benützt worden waren, ſo hatte er doch noch keinen von Wickleff's Jüngern getroffen, hatte die Ketzereien, die Götzendienereien und Anmaßungen der römi⸗ ſchen Kirche nicht eher angreifen und noch viel weniger er⸗ klären gehört, als bis er auf ſeinem Rückwege aus dem Orient durch Böhmen kam, und dort in einer kleinen Straßenherberge mit einigen Schülern des Huß zuſammen⸗ traf. Dort hatte er es frei ausſprechen hören, denn die Lehren, welche das Conſtanzer Coneil nicht zu unterdrücken vermochte, wurden ferne von den großen Städten weit küh⸗ ner ausgeſprochen, und Chartley vernahm Worte, welche ſeinen Glauben an die Unfehlbarkeit Rom's erſchütterten und ihn zu dem Entſchluſſe brachten, in ſpäterer Zeit ſelbſt nachzuforſchen und zu urtheilen. Dieß war jedoch noch nicht geſchehen, und während er dem Drängen ſeines Herzens nachgab, fühlte er ſich ſchüchtern und unſicher in ſeinem 506 eigenen Benehmen. Wäre dies nicht der Fall geweſen, ſo hätte ſich wohl die Leidenſchaft in ſeiner Bruſt in offenen, unverhüllten Worten Luft gemacht. Gefahren und Schwie⸗ rigkeiten hätte er für nichts geachtet, und in dem Bewußt⸗ ſeyn, daß er wieder geliebt wurde, hätte er alle Hinderniſſe überſprungen. So aber zweifelte er, wie geſagt, und ließ ſeine Liebe mehr nur durchſchimmern, als daß er ſie offen erklärte.. Die Aebtiſſin ſaß in dem einen Ende der Halle am Stick⸗ rahmen, während Jola und Chartley in dem Erkerfenſter beiſammen ſtanden, und Sir William Arden, das rechte Knie über's linke gelegt und das Haupt vorgebeugt, die Minia⸗ turen in einem reichverzierten Manuſcripte von Monſtrelet muſterte und ſeine Augen nur von Zeit zu Zeit mit nach⸗ denklichem Blicke zu Chartley und Jola aufſchlug und ſich dachte— wenn denn die Wahrheit geſagt ſeyn muß— daß Konſtanze doch etwas lange ausbleibe. Das glühende Abendroth brach in vollem Glanze durch das Fenſter, an dem die Liebenden ſtanden, und wurde durch das Steinwerk ge⸗ rade auf ſie concentrirt, ſo daß ſie Beide, ſo ſchön und ſo voller Anmuth, in dieſer goldenen Strahlenglorie wie zwei alte Heiligenbilder ausſahen. In dieſem Augenblicke trat Konſtanze mit leichtem Schritt und ungewöhnlich heiterem Blicke in die Halle. Auch ſie hatte geleſen und hatte gefunden, was ſie ſuchte— nämlich Wahrheit, welche ihr eigenes Herz erfüllte und jeden Zweifel und Schatten daraus verſcheuchte. Sie ſchaute im Vorüber⸗ 507 gehen zu dem Fenſter empor, und ſagte in leiſem, weichem Tone: 4 „Welch ſchöner Abend! Der Sonnenuntergang muß ſich auf den Wällen ganz reizend ausnehmen.“ „In der That, das muß er!“ rief Jola.„Laßt uns hinaus gehen und ihn genießen. Willſt Du mitkommen, theure Lady Mutter?“ fuhr ſie fort, ihre Stimme erhebend, bis ſie das Ohr der Aebtiſſin erreichte. „Nein, theures Kind, nein,“ erwiederte dieſe;„ich muß dieſen Katzenkopf fertig machen. Noch nie in meinem Leben ſah ich ein ſo widerborſtiges Thierchen,“ ſagte ſie mit luſti⸗ gem Lachen.„Wie ich mich auch anſtelle, ſo kann ich ihren Batt nicht hineinbringen. Mache ich ihn ſchwarz, ſo ſieht er aus wie ein Tintenkleks, und mach' ich ihn weiß, ſo iſt er nicht anders wie ein Tropfen Milch. Geht nur, meine Kinder, geht nur; Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge und ähnliche Dinge thun ſo jungen Leuten ganz gut. Ver⸗ giß nicht, Deinen Roſenkranz zu beten, Jola, während ſie untergeht, denn Niemand kann wiſſen, was ſie beim Auf⸗ gehen Alles beleuchten wird.“ Ohne andere Kopfbedeckung als wie ſie ſie im Hauſe trugen, zogen die beiden Mädchen mit Chartley hinaus, während Sir William aufſtand und ihnen folgte. Wie die Partie ſich abtheilte, das wird der Leſer wohl kaum noch fragen. Es iſt eine gar hübſche Zahl um dieſe Vier; ſie läßt nicht viele Abwechslung zu, ſondern iſt in den meiſten Fällen von ſelbſt vollkommen. 3 Glückliche Jola! wie fröhlich ſie neben Chartley auf 508 jenen nämlichen Wällen umherwandelte, die ſie einige Abende früher mit bleicher Wange, mit ängſtlichem Blick und faſt verzweifelndem Herzen betreten hatte! Jetzt war die ganze Landſchaft ſchön und glänzend: auf der einen Seite das purpurne Glühen des Abends, auf der andern das bleiche Roth des Oſtens, das bei der Annäherung der Nacht immer ſchwächer wurde, während die goldenen Hügel ringsum ſich ſelbſt in die Strahlen der ſcheidenden Sonne kleideten. Als ob ſie ihnen Raum laſſen wollten, um ſich Alles zu ſagen, was ſo ſüß und doch ſo gefährlich zu ſagen war, blieben Sir William Arden und Konſtanze eine Weile zurück, ſtanden oöͤfter ſtill, und ſetzten ſich einigemal nieder, bis Jola und Chartley, nachdem ſie die ganze Bruſtwehr umkreist hatten, wieder zu ihnen zurückkehrten. Und was that nun Sir William Arden? Ich glaube wahrhaftig, er machte auf ſeine ihm eigene Weiſe die Cour, denn über Konſtanzens ſchöne Wange ſah man hie und da mitten in ihrem Lächeln ob ſeiner barſchen freien Redeweiſe eine ſchwache Röthe flattern, wie wenn ſie empfände, daß in ſeinen wärmeren Ausdrücken eine Anſpielung auf ſie ſelber liege. Chartley und Jola kamen an ihnen vorüber, beide Par⸗ tien waren aber ſo voll von ihren eigenen Gedanken, daß ſie einander nicht bemerkten. „Es war in der That eine Nacht, deren ich wenigſtens ewig gedenken werde,“ ſagte Chartley—„eine Nacht voll neuer, tiefer und erſchütternder Empſindungen, wie man ſie nur einmal in ſeinem ganzen Leben durchfühlt. Auch Ihr 509 werdet ſie wohl nie vergeſſen. Sagte ich Euch nicht, ſie ſey einer jener Gipfel der Zeiten, die ihre Häupter über die Wüſte der Vergangenheit emporſtrecken und gleich einer Bergſpitze ſichtbar bleiben, bis der Menſch am Ende ſeiner Reiſe ſteht?“ „Sie iſt in der That unvergeßlich,“ beſtätigte Jola und ſenkte ihre Blicke nachdenklich zu Boden. „Sonderbare Worte ſprachet Ihr in jener Nacht,“ fuhr Chartley fort—„Worte, die mir damals wie die räthſel⸗ haften Figuren auf egyptiſchen Steinen vorkamen, von denen ich Nichts zu entziffern vermochte. Jetzt habe ich leider den Schlüſſel dazu erhalten.“ „Was für Worte?“ fragte Jola.„Welche meiner Worte können ſogar in der Erinnerung einen traurigen Ton hervor⸗ rufen?“ indem ſie mit einer Miene zu ihm emporſchaute, auf welcher die Empfindung ihres Herzens nur allzudeutlich geſchrieben ſtand. „Ihr ſprachet Worte, die mir ſeitdem immer in den Ohren geklungen haben,“ erwiederte Chartley:„Glücklich ſind Diejenigen, die durch keine Bande gefeſſelt ſind? Ich weiß jetzt, welche Bande Ihr meintet,“ fuhr er faſt heftig fort.„O, daß ich ſie zerreißen und in die Winde zerſtreuen könnte!“ „Chartley!“ rief Jola, einen Augenblick ſtille ſtehend, und dann ihren Spaziergang ſogleich wieder antretend. „Vergebt mir!“ ſprach Chartley.„Ich weiß, ich habe Unrecht. Ich weiß, es iſt ſehr unrecht, zu empfinden wie ich 510 empfinde, und es iſt noch ſchlimmer, es auszuſprechen. Ver⸗ gebt mir!“ „Da iſt Nichts zu vergeben,“ erwiederte Jola in ganz leiſem Tone.„Ihr habt nichts Unrechtes gethan, das ich wüßte.“ „O ja, allerdings,“ erklärte Chartley.„Ich habe Euch durch meine ſtürmiſchen Worte erſchüttert und beunruhigt. Ihr zittert ja jetzt noch.“ V „Jeder Windhauch bewegt eine ſchwache Gerte,“ ant⸗ wortete Jola;„wenn ich zittere, Chartley, ſo geſchieht es nicht deßhalb wie Ihr glaubt; aber ich wiederhole: Ihr habt nichts Unrechtes gethan— das iſt meine Ueberzeugung.“ „Wie? Auch nicht dadurch, daß ich dem Weibe eines Anderen meine Liebe geſtand?“ fragte Chartley. „Ich, ich— ſein Weib!“ rief Jola auffahrend.„Nein, nein— das bin ich nicht— werde es nie ſeyn. Es wäre Sünde, wenn ich zu lieben gelobte, wo ich nicht lieben kann, wenn ich verſpräche, was ich nicht halten darf;“ und ihre Augen zu Boden heftend, faltete ſie ihre Hände zuſammen und ging ſchweigend neben ihm her. „So iſt alſo der Segen der Kirche über Euren Bund noch nicht ausgeſprochen worden?“ fragte Chartley nach augenblicklichem Nachdenken. Sie ſchwieg faſt eine Minute, ehe ſie antwortete, und unbeſchreiblich war der mannigfaltige Wechſel des Aus⸗ drucks, den ihr ſchönes Antlitz während dieſes kurzen Zeit⸗ raums wiederſpiegelte. Endlich ſchaute ſie mit einem jener hellen ſonnigen Blicke empor, in denen ſich ein glückliches * ———— Gemüth, triumphirend über alle finſteren Gedanken oder Erinnerungen, auszuſprechen ſcheint; aber es hingen auch Thränen in ihren Augen. 4 „Vernehmt wie die Sache ſteht,“ ſagte ſie.„Bis ich hieher kam, hatte ich ſelbſt nur wenig Kenntniß davon; das Ganze aber iſt dieſes: es exiſtirt allerdings ein trockenes Pergament, das eine gewiſſe Jola St. Leger mit einem ſicheren Lord Arnold Fulmer verlobt. Unterzeichnet iſt es mit dem Namen Calverly, Talbot, Bouchier, Savage und anderen Peers und Edelleuten, welche über die beiden er⸗ wähnten Perſonen als Vormünder geſetzt waren oder ſonſt Intereſſe an ihnen nahmen. Darüber ſtehen zwei Kreuze, ziemlich krumm, kritzlich und unſcheinbar, denn ich glaube wahrhaftig, unſere kleinen Hände mußten beim Niederſchrei⸗ ben geführt werden— ſte bedeuten, wie nebenan von Schrei⸗ berhand bezeugt iſt, die Unterſchriften von Lord Arnold Fulmer und Jola St. Leger. Das iſt Alles, Lord Chartley.“ „Dann ſeyd Ihr mein!“ rief Chartley in leiſem, tiefem, bebendem Tone;„dann ſeyd Ihr mein. Sprecht mir nicht von Hinderniſſen; haltet mich nicht für allzukühn. Jola würde nie geſprochen haben, wie ſie gethan hat, wenn ihr Herz nicht bereit geweſen wäre, ein Ja auszuſprechen; und was die Hinderniſſe betrifft— die will ich wie eine Flamme verſchlingen.“.. Jola zitterte jetzt heftiger als zuvor. „Pſch, pſch!“ ſagte ſie.„Sprecht nicht ſo ſtürmiſch; Ihr verſchreckt mich, Chartley. Ich muß Euch erſuchen, nicht unbeſonnen zu handeln. Für jetzt dürft Ihr gegen 512 Niemand ein Wort äußern. Ich muß Euch erſuchen, ich muß bitten— und noch mehr“(fuhr ſie in ihrem früheren heiteren Tone fort)„ich muß befehlen, daß Ihr Euch nicht im Geringſten einmiſchet. Ihr ſeyd mein Diener— nicht wahr? Wohlan, Diener, ich gebiete Euch, Euch nicht bei der Sache zu betheiligen. Fürchtet Nichts, Chartley: ſo leichtſinnig ich ſcheine, ſo luſtig ich bin, ſo ſanft ich gegen Alle ſeyn möchte, kann ich doch feſt ſeyn wie Eiſen, wo ich ſo gewiß wie hier überzeugt bin, daß das Recht auf meiner Seite iſt. Ich kann ihn nicht lieben; ich werde ihn nicht heirathen; aber die Weigerung muß von meinen eigenen Lippen kommen, und darf nicht von einem Anderen ausge⸗ ſprochen werden.“ „Aber ſie können Mittel finden, um Euren Willen zu zwingen,“ ſagte Chartley:„wenn Ihr nicht eine Stütze habt— und dieſe Stütze muß auf einem ſtarken Arme, einem muthigen Herzen und gewaltigen Hilfsmitteln be⸗ ruhen.“ „Sollte jemals die Zeit kommen, wo ich deren bedarf, ſo ſollt Ihr es augenblicklich erfahren,“ erklärte Jola. „Sie könnten Euch aber in ein Kloſter ſtecken,“ meinte Chartley.„Das, glaube ich, läge in ihrer Macht; wenigſtens habe ich mehrere Beiſpiele gehört, wo ſolches geſchah.“ „Sie würden's bei mir ſchwer finden,“ erwiederte Jola. „In ein Gefängniß könnten ſie mich ſtecken— das iſt wahr; aber Gelübde gegen mein Gewiſſen werde ich weder einem ſterblichen Menſchen noch dem Altare leiſten. Eines können ſie vielleicht thun, denn davon verſtehe ich nur wenig: ſte 513 können mir dieſe weiten Ländereien und das reiche Erbe ent⸗ ziehen, das mein Vater beſaß und verwirkte. Ich gelte für deren Erbin; aber mein Oheim kann ſie mir ohne Zweifel vorenthalten, wenn ich mich hartnäckig ſeinem Willen wider⸗ ſetze.“. „Das iſt nicht werth, daß man daran denkt,“ antwortete Chartley.„Reichthum hat allerdings ſeinen Werth, meine Jola; aber er iſt noch kein Glück, ſondern nur ein kleines Incredienz deſſelben. Laßt uns von wichtigeren Dingen reden. Ich kann nicht anders als beſorgen, daß Ihr zu viel auf Eure Stärke, Euren Muth und Eure Macht des Wider⸗ ſtandes rechnet; überlaßt die Sache mir, und ich will in ganz kurzer Zeit den gordiſchen Knoten aller Schwierigkeiten loͤſen. Ich habe einen Plan vor Augen, welcher kaum fehl⸗ ſchlagen kann.“ „Möchtet Ihr den Knoten wie jener Macedonier mit Eu⸗ rem Schwerte löſen?“ fragte Jola, ihn mit bedeutungs⸗ vollem Blicke betrachtend.„Nein, Chartley— das darf nicht ſeyn. Wenn Ihr mich liebt, wie Ihr ſagt, ſo werdet Ihr es nicht verſuchen, werdet vielmehr mir und meinem Verſprechen vertrauen, daß ich Euch im Augenblicke der Noth alsbald rufen werde, ſo wie jener Augenblick kommt.“ „Aber ich könnte abweſend ſeyn; Ihr könntet nicht die Mittel haben, mich zu rufen,“ warf Chartley ein. „O ich habe Mittel und Boten, von denen Ihr nichts wißt,“ gab Jola fröhlich zur Antwort.„Feen, welche gleich Schwalben mit meinen Botſchaften zu Euch fliegen; Elfen des grünen Waldes, die Euch für mich durch die dunkelſten James. Der Waidmann⸗ 33 Gaänge aufſpüren werden. Ich ſpreche im Ernſt, Chartley. Was würdet Ihr denken, wenn ich Euch ſagte, daß ich ſogar mitten in der Nacht durch die verriegelten und verſchloſſenen Thore aus dieſem Schloſſe kommen kann, während die Schlüſſel neben dem ſchwerfälligen Thürhüter liegen und alle Wärter in ihren Betten ſchnarchen; daß ich auf Hügeln und Wieſen umherſchweifen kann, wie wenn dieſe Burg keine Mauern hätte— ja daß ich es ſogar ſchon gethan habe?“ „Dann ſeyd Ihr ſelber eine Fee, wie ich es ſchon früher halb und halb geglaubt habe,“ verſetzte Chartley.„Aber ich habe Euer Verſprechen, Euer feierliches Verſprechen, daß Nichts Euch jemals zu dieſer verabſcheuten Heirath zwingen wird, und daß Ihr nach mir ſenden oder mich wiſſen laſſen werdet, ſobald meine Hilfe nöthig iſt— auch daß Ihr es nicht allzulange aufſchiebt?“ „Ja, das gelobe ich,“ antwortete ſie feierlich.„Ich glaube, Ihr würdet es nicht ſchwer finden, mich abermals durch den grünen Forſt zu geleiten, wie Ihr es in jener ewig denkwürdigen Nacht gethan habt, und ſollte dies wieder nöthig werden, Chartley, ſo will ich Eurer Ehre ebenſo un⸗ bedingt vertrauen, wie ich es früher that, denn Jola wird ſich ganz Eurer Gnade anheimgeben. Aber ich muß Ver⸗ ſprechen gegen Verſprechen, Gelübde gegen Gelübde haben: Ihr müßt mich verſichern, daß Ihr Euch ruhig verhalten und die ganze Entſcheidung mir überlaſſen wollt, was Ihr auch ſehen, was Ihr auch immer hören möget.“ „Dann muß ich mich wohl in meinen langweiligen Thurm einſchließen, und mich ſelbſt zum Gefangenen machen, 515 wenn jener Jüngling zurückkehrt,“ gab Chartley zur Ant⸗ wort. Jola lächelte und ſagte in leiſem Tone: „Es könnte vielleicht beſſer kommen, wenn Chartley ſich nicht ſelbſt beherrſchen kann. Zum Glück iſt keine Ausſicht vorhanden, daß ich in den nächſten Wochen oder Monaten in dieſer traurigen Sache gedrängt werde, da ich von Kon⸗ ſtanzen erfuhr, daß der König ſeine augenblickliche Zuſtim⸗ mung verweigert hat, wofür der Himmel ihn ſegnen möge, wie ich beinahe ſagen möchte.“ „Das iſt in der That eine frohe Nachricht,“ antwortete Chartley;„und doch möͤchte ich lieber, Jola, daß es bald zum Kampfe käme, wenn es überhaupt dazu kommen muß, denn Nichts iſt ſo peinlich, wie Unſicherheit.“ „Darin ſind ſich alle Männer ähnlich, wie ich ſehe,“ er⸗ wiederte Jola;„wir Frauen lieben es, den ſchlimmen Tag hinauszuſchieben.“ 3 „Es mag in dieſem Falle allerdings ebenſo gut ſeyn,“ entgegnete Chartley.„Denn es gibt uns Zeit zur Vor⸗ bereitung, und damit will ich alsbald beginnen.“ „Vorbereitung— für was?“ fragte Jola etwas über⸗ raſcht. „Für Alles, was uns begegnen kann,“ erwiederte Chart⸗ ley;„auf Eines aber müſſen wir Beide vorbereitet ſeyn, ſüße Jola— zur Flucht, ja zur Flucht in ferne Länder, Liebe, denn glaube nicht, wenn wir unſer Schickſal gegen die Zuſtimmung Deiner Familie trotz dieſes Kontraktes und ohne des Königs Erlaubniß durch die theuerſten und heilig⸗ 33* 516 ſten Bande zu verknüpfen wagen, daß dieſes Land hinfort ſicher für uns ſeyn wird. Richard iſt im Stande, einen Verrath in ſolcher Handlung zu entdecken, und Deinen Gat⸗ ten enthaupten zu laſſen, wenn er Dich nicht von Deinem Gatten trennen kann. Meine Vorbereitung muß alſo darin beſtehen, daß ich uns nicht allein eine Zuflucht in der Fremde, ſondern auch die nöthigen Mittel ſichere, um uns vor Armuth oder Abhängigkeit zu bewahren. Das läßt ſich leicht aus⸗ führen, Jola. Wirſt Du es aber bedauern? Wirſt Du davor zurückbeben, mit Chartley einige Jahre an fremder Küſte zu verleben und dieſes ſchöne Land und alle Erinne⸗ rung an die Heimath hinter Dir zu laſſen?“ „Nein, o nein; ich werde niemals bereuen, niemals zu⸗ rückbeben,“ verſicherte ſie.„Meine Heimath iſt da, wo mein Herz weilt.“ Sie ſchwieg, und ſanfte Purpurröthe breitete ſich über ihre Wange, da ſie fühlte, wie viel ihre Worte ausſprachen. Ihre Augen ſenkten ſich vor dem warmen, zärtlichen und dankbaren Blicke, der auf ſie geheftet war; im nächſten Augenblicke fragte ſie jedoch mit ihrer leiſen, weichen Stimme:„Wirſt Du nie bereuen, Chartley? Wirſt Du nie glauben, für Jola's Hand einen zu theuren Preis bezahlt zu haben, wenn die Erinnerung Dich zu Deinem Geburtslande, zu Rang, Reichthum, Ehrgeiz und Allem was Du für ſie opferſt zurückführt?“ „Niemals,“ antwortete Chartley;„und ſollte es mich auch Alles koſten und uns nur eine Hütte und karge Nah⸗ rung übrig laſſen, ſo würde ich jetzt nicht zoͤgern noch ſpäter bereuen. Ich tauſche nur Schlacke gegen einen Juwel von —— 517 unſchätzbarem Werthe, und ich werde ihn immer hochſchaͤtzen, wie ich jetzt thue.“ Beide ſchwiegen mehrere Minuten lang, und als ſie um die nordweſtliche Ecke der Mauer einbogen, ſahen ſie die Sonne in vollem Glanze zwiſchen leichten Wölkchen untek⸗ gehen und Konſtanze und Arden auf ſich zukommen. Jola bemerkte, daß der Schritt ihrer Freundin ſeiner frühern Sicherheit entbehrte, und als ihr Auge ſich auf deren Ge⸗ ſicht heftete, kam ein Röthe auf Konſtanzens Wangen. „Dort taucht die Sonne unter und Euer Oheim auf, Lady,“ ſagte Sir William Arden in luſtigem Tone, mit der Hand nach der durch den Park ziehenden Straße deutend, auf der man mehrere Reiter herannahen ſah;„bald werden wir das Licht ſeines Antlitzes erkennen, obwohl der Stern dort untergeht.“ „Laßt uns heimkehren,“ rief Jola haſtig;„wir ſind vielleicht ſchon zu lange ausgeblieben; aber der Abend war ſo ſchön.“ „Und die Unterhaltung ſo ſüß,“ flüſterte Arden gegen Konſtanze;„ſo ſollte die Phraſe für Chartley wie für mich ſchließen, wenn ich eine höſiſche Ader in meinem Weſen hätte. Ich will's ſtudiren, theure Lady, ich will's ſtudiren und den Roſt abreiben, der ſich zwiſchen meiner Haut und meiner Rüſtung angeſammelt hat.“ 1„Nein, bleibt immer wie Ihr ſeyd,“ antwortete Kon⸗ anze. 518 Vierunddreißigſtes Kapitel. Ein zweiter, ein dritter Tag verſtrich: der Sonnenſchein miſchte ſich mit Schatten, wie dies im Menſchenleben immer der Fall iſt; aber es gab wenigſtens keine finſteren Wolken. Chartley und Jola konnten oft viele Stunden lang keinen einzigen Augenblick zu heimlichem Geſpräche erhaſchen; dann wurde aber wieder eine ganze ſüße Stunde dem großen Liebesgegner— der Welt— abgerungen. Lord Calverly merkte nicht oder ſchien nicht zu bemerken, daß eine Aende⸗ rung vor ſich gegangen war, und die Aebtiſſin reiste wieder zu ihren Nonnen ab, ebenſo unwiſſend über Jola's Herzens⸗ geheimniſſe wie ſie gekommen war. So verſtrich der zweite Tag, als gegen Einbruch der Nacht die ganze Schloßgeſellſchaft von ihrem Abendritte zurückkehrte, und in den großen Hof trat. Der Thürſteher wagte nicht, ſeines Herrn Roß anzuhalten, als dieſer im Thorwege an ihm vorüberkam; aber er folgte ihm raſchen Schrittes in den Hof, und meldete laut: „Lord Fulmer iſt zurückgekehrt, Mylord, und wünſcht augenblicklich mit Eurer Lordſchaft zu ſprechen. Er iſt in der kleinen Halle.“ 5 Der alte Edelmann ſtieg vom Pferde, überließ Jola und Konſtanze der Obhut der Uebrigen, und eilte die vielen Treppen hinan, die zu der Hallenpforte führten. Chartley's Wange wurde flammenroth, ſobald er des Thürſtehers Worte vernahm; da er aber eben Jola beim 519 Abſteigen behilflich war, ſo ſagte ſie in leiſem, aber ernſt⸗ lichem Tone: „In Euren Thurm, Chartley, bis Ihr Euch beherrſchen könnt; ich bitte, ich beſchwöre Euch— ſo wahr Ihr mich liebet.“ Chartley beugte ſein Haupt zum Zeichen der Zuſtim⸗ mung, und ohne zu bedenken, daß Lord Fulmer nicht wiſſen konnte, was Alles ſeit ſeiner Abreiſe zwiſchen Jola und ihm vorgegangen war, tröſtete er ſich mit dem Gedanken: „Wenn dieſer Lord noch ebenſo geſinnt iſt, wie er ſeit⸗ her war, ſo wird er mich bald auf meinem Zimmer auf⸗ ſuchen.“ In dieſem Gedanken wendete er ſich nach ſeinen eigenen Gemächern, während Jola, Konſtanze und Sir William Arden den Haupttheil des Gebäudes betraten. Letzterer blieb in der großen Halle zurück, als er Jola den Arm ihrer Couſine ergreifen und ihr etwas in's Ohr flüſtern ſah, waͤhrend die beiden ſchönen Mädchen die Treppe hinanſtiegen. Jola hatte zu ihrer Baſe geſagt: „Komm mit mir, Konſtanze. Eine Stimme in meinem Herzen ſagt mir, daß die Stunde der Prüfung herannaht. Laß mich ihr ſogleich begegnen, ehe mein Geiſt vor ſchlim⸗ men Ahnungen muthlos wird; aber ich muß Jemand haben, an den ich mich lehne, theure Couſine: ſey Du meine Stütze!“ So gingen ſie weiter, bis ſie die Thüre der kleinen Halle erreichten, und es war nicht das Hinanklimmen der vielen Treppenſtufen, was Jola's Athem beklemmte, ſondern das 520 Klopfen ihres aͤngſtlichen Herzens. Sie öffnete jedoch ohne Zögern die Thüre und trat ein. Ihr Oheim und Lord Fulmer ſtanden etwas rechts vom Eingang in ernſtem Geſpräck beiſammen, und Lord Cal⸗ verly zog ſich beim Eintritte der Mädchen gegen das Erker⸗ fenſter zurück, indem er zu ſeinem Begleiter ſagte: „Kommt hierher, kommt hierher.“ Jola wollte jedoch nicht vom Platze weichen; ſte ging zwar nach dem andern Ende der Halle, blieb aber im Zim⸗ mer. Sie heftete einen geſpannten, ängſtlichen Blick auf ihren Oheim und Lord Fulmer, und flüſterte Konſtanzen in's Ohr: „Ich wußte es wohl— ſieh nur, wie eifrig ſie zuſam⸗ men ſprechen.“ Die Unterredung dauerte ſo lange, daß die Spannung ſehr peinlich wurde; endlich aber drehten ſich Beide gegen die Damen um, und Lord Fulmer ſagte laut: „Auf meine Ehre! Kein Wort ſoll ohne Eure Einwilli⸗ gung geſprochen werden;“ dann trat er mit raſchem Schritte näher, während Lord Calverly blos erwiederte: „So ſey es denn.“ Jola betrachtete Beide in dem Halbdunkel(denn die Sonne war mittlerweile untergegangen) und ihre Hand faßte krampfhaft nach Konſtanzens Arm. „Nun möge Gott mir beiſtehen!“ murmelte ſie. „Jola, meine theure Nichte,“ begann Lord Calverly im Näherkommen,„ich habe Dir eine Mittheilung zu machen, die Dich etwas überraſchen wird; Du haſt jedoch eine Er⸗ 521 ziehung erhalten, die Dich gewiß lehren wird, Dich jeder Zeit ohne Murren zu unterwerfen. Dieſer edle Lord hier hat mich ſo eben von einigen Umſtänden benachrichtigt, die es abſolut nothwendig macheny daß Du ihm mit Umgehung aller Präliminarien unverzüglich Deine Hand reicheſt, wie es das längſt beſtehende Verlöbniß verlangt.“ Jola ſchnappte nach Athem und verſuchte zu antworten; aber die Stimme verſagte ihr, und Lord Calverly fuhr fort: „Es iſt allerdings etwas plötzlich und übereilt; aber er muß morgen mit Tagesanbruch nach Dorſet aufbrechen, und drum muß die Heirathsceremonie heute Nacht vollzogen wer⸗ den. Der Prieſter wird um zehn Uhr in der Kapelle bereit ſeyn und—“ „Unmöglich!“ rief Jola in feſtem, faſt unwilligem Tone, denn das war noch ſchlimmer als ſie erwartet hatte, und ihr Zorn war jetzt rege.„Wie? Nur zwei Stunden Vorbe⸗ reitung für den wichtigſten Schritt im ganzen Leben einer Frau! Glaubt dieſer edle Lord, ſich durch ſolch' unſchick⸗ liche Haſt, durch ſolch rohe Verhöhnung aller Gefühle mei⸗ nes Herzens Neigung zu erwerben oder Achtung zu ge⸗ winnen?“. „Welcher Gefühle?“ fragte Lord Calverly hitzig.„Ich ſehe, Mylord, es i*ſt wie Ihr dachtet. Hört Ihr, Lady, ich bin kein Mann, der mit ſich ſpaſſen läßt. Ich weiß mei⸗ nen eigenen Haushalt wohl zu beherrſchen, und ſo Gott will, werde ich auch mit Euch fertig werden. Ich habe noch nie einen Ungehorſam geduldet, und Ihr ſollt nicht die Erſte ſeyn. Geht und trefft Eure Vorbereitungen. He da, ihr 522 da draußen!“ fuhr er nach der Thüre ſich wendend fort und ſagte, als ein Diener herbeigelaufen kam:„Bringt Lichter her. Wo iſt Lord Chartley?“ „Nach ſeinen eigenen Gemächern gegangen, Mylord,“ meldete der Mann. „Stellt eine Wache vor ſeine Thüre,“ befahl Lord Cal⸗ verly.„Seine eigenen Diener mögen aus⸗ und einpaſſiren; er ſelbſt aber nicht.“ Und abermals an Jola ſich wendend, ſagte er in zorni⸗ gem Tone: „Sieh doch! die Gefühle Deines Herzens! Wir fangen an, ſie zu verſtehen, Nichte. Was haben die Gefühle Dei⸗ nes Herzens mit einem bereits unterzeichneten und geſiegel⸗ ten Chegelöbniſſe zu ſchaffen?“ „Alles,“ erwiederte Jola,„inſofern es von ihnen ab⸗ hängt, ob ich einen Kontrakt erfüllen will oder nicht, der ohne meine Zuſtimmung eingegangen wurde und deßhalb für mich nicht bindend ſeyn kann.“ „Baarer Unſinn!“ donnerte Lord Calverly;„Du weißt nichts von den Landesgeſetzen, Du gelehrtes Dämchen. Wahrhaftig, wir werden uns wohl bald ſolche Backfiſche aus einer Nonnenſchule zu Oberrichtern wählen! Der Kon⸗ trakt wurde von Deinen Vormündern zu Deinem Beſteu eingegangen und hat für Dich Geſetzeskraft.“ „Dann mag er ſich an's Geſetz wenden, um ihn durch⸗ zuſetzen,“ erklärte Jola,„denn mit meinem Willen ſoll er nie erfüllt werden.“ „Ci, ei, liebſter Oheim, Ihr verfahrt zu hart mit ihr,“ 523 ſagte Konſtanze.„Denkt nur, welche Ueberraſchung es ſeyn muß, nachdem Ihr mir ſelbſt erzählt habt, daß der Koöͤnig ſeine Einwilligung zur Heirath noch nicht gegeben, und daß ſie ein oder zwei Monate verſchoben werden müſſe, bis er und die Königin ihr anwohnen können. Natürlich muß ſie ſich über dieſe plötzliche Aenderung verwundern, denn ich erzählte ihr haarklein, was Ihr mir geſagt hattet.“ „War um ſo thoͤrichter, Du Weibsbild,“ antwortete ihr Oheim, der bei dem erſten Widerſtande, den er jemals bei einem Weſen begegnete, das er in gänzlicher Abhängigkeit von ſich glaubte, über alle Maßen erbost war.„Die Um⸗ ſtände haben ſich geändert, und wir müſſen jetzt des Königs Zuſtimmung und ſolche Nebenſachen übergehen. Sie iſt eine ungehorſame Hexe und ſoll noch heute Nacht ihren Zorn vor meinem Willen beugen, oder ich müßte nicht Calverly heißen. Fort auf Euer Zimmer, Madame, und ſetzt Euch ſobald wie möglich in Bereitſchaft. Ihr habtzwei Stunden Be⸗ denkzeit, um Euch ſo gut Ihr könnt zum Gehorſam zu ent⸗ ſchließen, ſonſt ſollt Ihr finden, daß ich Euch zwingen werde.“ Lord Fulmer war während dieſes Geſpräches, das ſo raſch verlaufen war, daß es kaum eine Unterbrechung zu⸗ ließ, in keinem ſehr beneidenswerthen Gemüthszuſtande und mit keineswegs ruhigen oder würdevollen Blicken dageſtan⸗ den. Er hatte ſich ſelbſt für ſtrenger und feſter gehalten als er wirklich war, und jetzt begann er zu ſchwanken und zu bereuen. „Halt, halt, Mylord,“ rief er.„Jola, laßt Euch er⸗ fuchen— theure Lady, laßt Euch bitten—“ 524 „Schweigt, Mylord,“ antwortete Jola mit kaltem, zu⸗ rückſtoßendem Blicke.„Ihr habt Eure Sache auf den Fuß geſtellt, der ihr gebührt— nämlich auf Gewalt. Mein edler Oheim, von Euch gedrängt, hat die urſprünglichen Gefühle Eures Herzens ausgeſprochen; kein Hintergedanke kann Euch jetzt mehr helfen. Ihr Beide könnt mich vor den Altar ſchleppen, könnt eine leere Ceremonie vollziehen laſſen, mei⸗ ner Verweigerung der Gelübde nur ein taubes Ohr ſchenken und jede Gewaltthat begehen, die Euch beliebt: aber zu Eu⸗ rem Weibe könnt Ihr mich nicht machen, denn das hängt von mir ſelbſt ab, und die Worte, die mich dazu machen würden, ſollen von dieſen Lippen niemals zu Gunſten ei⸗ nes Mannes ausgeſprochen werden, den ich nie liebte und den ich jetzt verachte.“ „Das iſt Alles umſonſt,“ ſchrie Lord Calverly, deſſen Wuth ſich nur noch ſteigerte.„Streitet nicht mit ihr, My⸗ lord; ſie wird ihre Pflicht kennen lernen, wenn ſie Euer Weib iſt. Noch heute Nacht mit dem Glockenſchlage zehn ſoll die Ceremonie in der Schloßkapelle vollzogen werden, ob ſie will oder nicht, und iſt das Sakrameut erſt ausgeſprochen, ſo iſt der Bund unauflöslich. Mein Kaplan ſoll es voll⸗ ziehen: er wird ſich nicht ſcheuen, meinen Befehlen zu ge⸗ horchen, wenn ich ihm den Kontrakt vorweiſe.— Fort, auf Dein Zimmer, ungehorſames Weibsbild, und mache Dich bereit zu thun, was Du nicht verweigern kannſt.“ Mit langſamen Schritten und noch immer auf den Arm ihrer Couſine ſich lehnend, verließ Jola die Halle, ſtieg ei⸗ nige Stufen neben der Hallenthüre empor, ging durch den —— 5²⁵ langen Corridor, der dieſen Theil des Schloſſes umkreiste, und trat dann in den Gang, der zu ihrem eigenen Zimmer führte. Konſtanze wunderte ſich, daß ſie nicht zitterte; allein Jola's Schritt war feſt und elaſtiſch, nur etwas lang⸗ ſam. Sie öffnete die Thüre des Vorzimmers und ſchaute hin⸗ ein; aber Niemand war drinnen, und es war dunkel und leer. „Was willſt Du thun, theure Jola?“ fragte Koſtanze. „Wie kann ich Dir helfen?“ „Nur dadurch, daß Du mir eine Stunde zu ruhiger Ueberlegung gewährſt, theure Konſtanze,“ erwiederte Jola. „Halte mein Mädchen Suſanne entfernt. Sage ihr, ich brauche in der nächſten Stunde noch keine Lichter und wolle mich blos beſinnen.“ „Aber was willſt Du thun?“ fragte Konſtanze. „Ihn nicht heirathen,“ erklärte Jola;„nein, und wenn er auch eines Kaiſers Krone mir zu Füßen zu legen häͤtte. Meint er, das ſey der Weg, um eines Weibes Herz zu ge⸗ winnen? Verlaß mich, verlaß mich, theure Konſtanze! Komm in einer Stunde wieder; bis dahin wird mein Ent⸗ ſchluß gefaßt ſeyn— und ausgeführt,“ murmelte ſie leiſe vor ſich hin als Konſtanze ſich traurig wegwendete und die Thüre ſchloß. Langſam und nachdenklich ſchlenderte Konſtanze nach der kleineren Halle zurück, mehr als einmal ſtille ſtehend, wie wenn ſie einen Plan bei ſich überlegte. Als ſie eintrat, waren die Wandleuchter angezündet und ihr Oheim und Lord Fulmer ſtanden etwas abſeits unter einem derſelben, noch immer in lautem, eifrigem Geſpräche begriffen. 526 „Unſinn, Unſinn,“ ſchrie Lord Calverly.„Das iſt jetzt meine Sache. Sie— ſich meinen Befehlen widerſetzen? Das ſoll ſie beſſer lernen“— und bei Konſtanzens Anblick ſeine Stimme erhebend, wie wenn er nicht ſchon laut genug geſprochen hätte, rief er:„Wo haſt Du die kleine Rebellin gelaſſen, Konſtanze?“ „Auf ihrem Zimmer,“ antwortete Konſtanze mit trau rigem Tone. „Du wäreſt beſſer bei ihr geblieben,“ ſagte ihr Oheim. „Sie ſchickte mich fort, Mylord, und verſchmähte jeden Troſt,“ erklärte Konſtanze. „So, ſo, laß ſie nur ſchmollen,“ antwortete der alte Edelmann;„darum kümmern wir uns nichts, wenn ſie nur gehorcht. Der Sturm wird ſich ſchon von ſelber aufklären, Mylord: habt keine Sorgen,“ worauf er ſein Geſpräch mit Fulmer wieder aufnahm. Mittlerweile ſchlich Konſtanze aus der Nebenthüre in ein kleines Stübchen, wo die Mägde des Schloſſes am Abend zu arbeiten pflegten. Sie fand dort ihr eigenes Mädchen, aber nicht Jola's Dienerin; nachdem ſie Erſtere zum Aus⸗ richten von Jola's Auftrag abgeſendet, ging ſie durch die unteren Gänge des Hauſes und trat in die große Halle un⸗ ten. Dieſe war jetzt hell erleuchtet, und ſie fand Sir William Arden noch immer mit gekreuzten Armen und langſamen Schritten darin auf⸗ und abgehend. — „Ich bin recht froh, daß ich Euch gefunden habe,“ ſagte Konſtanze, mit vertrauensvollem Blicke auf ihn zugehend. „Ich habe Euch etwas zu erzählen.“ 1 . 527 „Ich dachte mir's, theure Lady,“ erwiederte der Ritter; „ich dachte mir's, ſobald ich die Rückkehr dieſes jungen Lords erfuhr, und deßhalb wartete ich hier, um zu ſehen, ob ich wohl helfen köune. Was gibt es? Zwei bis drei Männer kamen vor wenigen Minuten herein und nahmen einige Par⸗ tiſanen von der Wand— was mag das bedeuten?“ „Daß ſie eine Wache vor Lord Chartley's Thüre geſtellt haben, und daß mein Oheim ſchwört, er wolle Jola zwingen, daß ſie heute Abend um zehn Uhr Lord Fulmer ihre Hand reiche.“ „Eine Wache vor Chartley's Thüre?“ rief Arden.„Da muß allerdings etwas geſchehen. Wir müſſen uns berathen, theure Lady; aber laßt uns ein heimlicheres Plätzchen dazu aufſuchen. Ihr fürchtet Euch doch nicht, mit mir zu gehen?“ „O nein,“ antwortete Konſtanze, ihm die Hand rei⸗ chend;„Ihr habt mich ja neulich um Vertrauen gebeten. Kommt auf den Gang hinter der Halle; dort gehen, glaube ich, nur Wenige vorüber, und wir koͤnnen uns frei beſprechen.“ Mit dieſen Worten führte ſie ihn durch n hntene Ende des hochgewölbten Gemaches und von da durch eine niedere Thüre in einen ſchmalen, engen Gang, wo eine einzelne Lampe brannte. Beide blieben neben der Thüre ſtehen, und Konſtanze ſagte: „Was iſt zu thun? Ihr verſpracht mir überall zu hel⸗ fen, wenn Ihr könntet. Jetzt iſt der Augenblick gekommen, mein edler Freund.“ „Und ich will auch helfen,“ verſicherte Arden offenherzig, „und wenn es mich mein beſtes Herzblut koſtete. Aber laßt 528 mich Alles wiſſen: ich will Euch nach der Reihe ausfragen, meine ſüße Zeugin. Ihr ſagt, ſie haben eine Wache vor Chartley's Thüre geſtellt und erklären, ſie wollen Jola zwin⸗ gen, daß ſie heute Nacht um zehn Uhr dieſen mürriſchen Buben heirathe. Da müſſen ſie wohl Alles entdeckt haben, was wir zwiſchen ihr und Chartley vermutheten— iſt's nicht ſo?“ „Ich kann mir's nicht anders denken,“ antwortete Kon⸗ ſtanze. „Wo iſt Eure ſchöne Couſine?“ fragte Arden. „Auf ihrem Zimmer,“ erwiederte Konſtanze,„aus dem mein Oheim ſie zu der bezeichneten Stunde vor den Altar zu ſchleppen und ſie zu zwingen droht, einen Mann⸗ den ſie verabſcheut, zu ehelichen.“ „Das iſt früher wohl vorgekommen,“ ſagte Arden mit übereinander gebiſſenen Zähnen.„Was beabſichtigt Eure Couſine zu thun?“ „Ich weiß es nicht,“ gab die Gefragte zur Antwort. „Sie ſchickte mich fort, um ungeſtört nachdenken zu können. Sie wird ſich bis zum letzten Augenblicke ſträuben— das bin ich überzeugt, und ſie wird auch Kraft haben es durchzu⸗ führen, denn ihr Muth iſt weit größer, als ich mir jemals gedacht hätte.“ „Glaubt Ihr, der Kaplan werde die Ceremonie voll⸗ ziehen, wenn ſie ſich weigert?“ fragte Arden in überlegen⸗ dem Tone. „Ich fürchte ſo,“ gab Konſtanze zur Antwort.„Er iſt eine bloſe Kreatur meines Oheims, fett, biegſam und 529 geſchmeidig, wie Ihr geſehen habt; er hält ein Stück Wild⸗ pret, einen Kapaun und Gascognerwein weit höher als den Dienſt der Kirche oder das Gewiſſen ſeiner Beichtkinder.“ „Dann müſſen wir ſuchen, Eurer Couſine bei ihrem Widerſtand einige Unterſtützung zu gewähren,“ bemerkte Ar⸗ den ernſthaft.„Es muß geſchehen, denn ſte ſoll nicht ge⸗ opfert werden, und wenn ich dieſem Lord Fulmer mit eigener Hand den Kopf ſpalten müßte. Aber gefährlich iſt es, bei meinem Leben! denn wenn der König ſeine Zuſtimmung ge⸗ geben hat und wir gewaltſam ihr entgegentreten, ſo wird der wilde Bär über uns herfahren, und er iſt eine greuliche Beſtie.“ „Aber er hat ſeine Zuſtimmung nicht ertheilt,“ erklärte Konſtanze eifrig.„Das gab mein Onkel zu und ſagte, ſie würden es ohne dieſe durchſetzen. Auch ſchloß ich aus ei⸗ nigen Worten, daß die Heirath nach ihrem Vollzuge verbor⸗ gen bleiben ſoll.“ „So, ſo— nun dann iſt's ganz leicht,“ gab Arden zur ntwort.„Dann nehmen wir des Königs Partei! Sonſt zu fliehen, wie die Damen in alten Zeiten gethan haben, wenn die Geſchichten der irrenden Nitter wahr ſind.— Bei meinem Leben! das wäre kein ſo übler Plan.“. „Ei nein,“ ſagte Konſtanze;„ſprecht ernſthaft, Arden, denn mein Herz iſt jetzt ganz von der armen Jola erfüllt.“ „Aber ein kleines Winkelchen gehört noch mir,“ bemerkte James, Der Waidmann, 34 530⁰ Arden und fuhr dann ernſthafter fort:„Nun, nun, dieſer Heirath will ich ſchon ein Ziel ſetzen— fürchtet Nichts. Wir müſſen jedoch bald beginnen, denn in der Kapelle Streit an⸗ zufangen, geht nicht an.“ „Es wird doch kein Blutvergießen geben,“ rief Konſtanze mit einem Blicke des Schreckens. „O nein, ich hoffe nicht,“ tröſtete Arden.„Was ſonſt Geheimhaltung verlangt, wird bald aufgegeben, wenn man findet, daß es doch zur Oeffentlichkeit gelangen muß. Des Königs Name wird ohne Zweifel genügen; doch müſſen wir Mittel ergreifen, um jedem Widerſtande zuvorzukommen. Wißt Ihr, wie viele Leute im Schloſſe ſich befinden?“ „Es waren ihrer fünfunddreißig, wie mein Mädchen mir ſagte,“ gab Konſtanze zur Antwort;„drei davon, die von der Abtei mit uns kamen und zehn von meines Oheims Leuten mußten meine Tante wohlbewaffnet heimgeleiten und ſind noch nicht zurückgekehrt. Einige ſind auch blos Köche und Küchenjungen.“ „Wir ſind unſerer zehn, und das iſt ganz genug,“ meinte Arden nachdenklich.„Wir müſſen jedoch unſere Zu⸗ flucht zur Liſt nehmen, um uns zu verſichern, daß ein raſcher Widerſtand nicht zu Gewaltthätigkeiten führt. Ueberlaßt es mir, theure Konſtanze, überlaßt es mir. Ihr geht auf Euer Stübchen, ſprecht Euer Gebet, und wenn Eure Stunde abgelaufen iſt, ſo geht Ihr zu Eurer hübſchen Baſe und ſagt ihr, der alte William Arden habe erklärt, ſie ſolle ge⸗ gen ihren Willen an Niemand verheirathet werden; ſie ſoll alſo nur feſten, guten Muthes ſeyn und ſich nicht fürchten.“ 531 „Soll ich nicht lieber gleich jetzt gehen und es ihr mit⸗ theilen?“ warf Konſtanze ein, da ſie ihre Baſe gerne von aller Angſt erleichtert hätte. „Wie, kleiner Kriegsmann, den Befehlen Eures Gene⸗ rales nicht gehorchen?“ rief Arden lachend.„Nein, nein, wir können für jetzt Nichts thun, bis die Zeit herannaht, denn Ihr wollt vermuthlich nicht, daß ich Eurem Oheim ſage, die Kunbe ſey mir von Euch zugekommen. Ich muß erſt die Anzeichen zu einer Hochzeit wahrnehmen, bevor ich zu deren Verhinderung einſchreiten kann. Aber gebt Euch nur zufrieden. Alles ſoll vorbereitet werden, und daß Ihr ja nicht durch einen Ausbruch Eurer Freude verrathet, daß wir Maßregeln zu ihrer Befreiung beſchloſſen haben. Nun lebt wohl, theure Konſtanze. Ihr und Jola müßt Euch ganz ruhig verhalten, bis all der Wirrwarr angeht, denn harte Worte wird es wohl ſetzen, wenn nichts Härteres nach⸗ folgt, was Gott verhüte!“ „O ich beſchwöre Euch, laßt's nicht zu Gewaltthätig⸗ keiten kommen,“ bat Konſtanze flehentlich. „Nein, nein, es ſoll nicht ſo weit kommen,“ erwiederte Arden;„wenn ſie uns nicht angreifen— wir werden ſie nicht anfallen.— Aber die Frauen bleiben jedenfalls beſſer aus dem Wege,“ indem er ihr die Hand küßte,„denn Ihr wißt, Konſtanze, ſie ſchreien Zeter und das gibt Lärmen.“ Mit ſchwachem Lächeln verließ ihn Konſtanze. Arden kehrte nach der Halle zurück und begann dort wieder ſeinen Spaziergang, bis endlich Lord Calverly herabkam und beim Erblicken ſeines Gaſtes plöͤtzlich ſtehen blieb. Gleich darauf 34 4 27 53² rief er jedoch einem Diener und gab ihm einige leiſe Befehle, während Arden am andern Ende der Halle umdrehte und auf ſeiner Wanderung dem Orte ſich näherte, wo er ſtand. „Es iſt heute ein lieblicher Tag geweſen und verſpricht eine ſchöne Nacht zu geben, Mylord,“ begann der Ritter im gewöhnlichen Konverſationston.„Ich denke, ich werde noch einen Gang auf den Zinnen machen, meinen Schlaftrunk nehmen und mich zu Bett begeben, denn ich bin heute früh⸗ zeitig aufgeſtanden.“ „Ich wollte, ich könnte Euch auf Eurem Gange Geſell⸗ ſchaft leiſten,“ erwiederte Lord Calverly mit höflicher Heuche⸗ lei.„Nichts iſt angenehmer als eine warme Sommernacht im Mondſchein; allein ich habe noch langweilige Geſchäfte zu beſorgen, und Ihr wißt, Sir William, Geſchäfte gehen dem Vergnügen vor.“ „Ganz billig und weiſe, Mylord, wie Alles, was Eure Lordſchaft ſagt,“ erwiederte Arden.„Somit gute Nacht. Moͤge ein glücklicher Erfolg alle ehrenhaften Geſchäfte be⸗ gleiten, und der Schlummer dann Erholung bringen.“ Mit dieſen Worten drehte er ſich um und verließ die Halle, während der alte Edelmann einige ſeiner Diener laut beim Namen rief. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Der Leſer darf nicht vergeſſen, daß ein Schloß in dama⸗ ligen Zeiten, wenn gleich vom Höhenpunkte feudaler Be⸗ 533 ſatzungen und beſtändiger Kriegsbereitſchaft herabgeſunken, doch immer noch ein ganz anderes Ding war, als ein modernes Stadt⸗ oder Landhaus. Grosvenor Square gibt keinen Begriff davon, und keiner unſerer jetzigen Landſitze, nicht einmal mit Parkmauern, Logen und Eiſenthoren, kann uns die Sache deutlicher machen. Sir William Arden hatte eine beträchtliche Zahl von runden Steinhaufen zu umge⸗ hen, bevor er ſich unter den Thorbogen neben des Thürſte⸗ hers Behauſung befand. Der Mann hatte ſo eben Jemand aus⸗ oder eingelaſſen, denn er ſtand vor dem Gitter mit den Schlüſſeln in der Hand und ſchaute gegen Weſten, obgleich jede Spur des Sonnen⸗ unterganges verſchwunden war. Arden richtete ſeine Augen gegen Süden, wo Chartley's Thurm lag; aber dieſer war vom Thore aus nicht ſichtbar, und über dieſen Punkt beruhigt, wendete ſich der gute Ritter an den Thürſteher und ſagte ohne jede einleitende Erklärung und ohne die Perſon, von der er ſprach, näher zu bezeichnen: „Er iſt zum Hauſe des Kaplans unten am Hügel ge⸗ gangen— nicht wahr?“ „Ja, ehrbarer Sir,“ erwiederte der Thürſteher.„Aber meiner Seel! diesmal rechnet Mylord vielleicht ohne den Wirth, denn der gute Prieſter denkt heute Nacht nicht an Hochzeiten, Taufen oder Begräbniſſe, und er iſt ganz der Mann, um ſo etwas zu vergeſſen, wenn er ſich eine tüchtige Portion Ale oder Bordeaur einlegt, die alle anderen Gedan⸗ ken bei ihm ausſchließt.“ „O er wird ſchon ſo nüchtern ſeyn, um die Heirath ab⸗ 53⁴ zuſchließen, da er ſie ja nicht ſelbſt vollziehen muß,“ meinte Arden.„Ha, ha, ha!“ Der Thürſteher lachte gleichfalls aus vollem Halſe und ſagte: „Jack ſprach eine Minute bei mir ein, um mir ſeinen Auftrag zu erzählen, und ich mußte wohl lachen, wenn ich bedachte, wie plötzlich die Sache zuletzt reif geworden.“ Indem er ſprach, hing er den rieſigen Schlüſſelbund neben der Thüre auf, indem er ſeine ſchweren Schlüſſel mit den Worten anredete: „Nun, ihr ſeyd roſtig genug, um euch nicht weiter an⸗ zuſtrengen. Niemand wird für heute in's Schloß zu drin⸗ gen verſuchen.“ „Es wäre ein ſchwer Stück Arbeit,“ gab Arden zur Ant⸗ wort.„Wer waren aber die Leute, die ich ſo eilig den Hügel herauf reiten ſah?“ „Der Himmel mag's wiſſen,“ erwiederte der Thürhüter; „es waren nur ihrer zwei, und wir werden bald ſehen, was ſte wollen, wenn ſie hierher kommen. Es thut den Burſchen ganz gut, wenn man ſie eine Weile warten läßt, und ſo, ehrwürdiger Sir, will ich mit Eurer Erlaubniß mein Abend⸗ eſſen beſchließen.“ Sir William Arden blieb noch immer neben dem Thore ſte⸗ hen, und einige Minnten ſpäter ließ ſich draußen ein Horn ver⸗ nehmen. Der Thürhüter kroch abermals aus ſeiner Zelle und fragte durch das kleine Eiſengitter, wer hier Einlaß begehre. „Wir müſſen Mylord Chartley unverzüglich in höͤchſt wichtigen Geſchäften ſprechen,“ erklärte der Mann, „Wer und was ſeyd Ihr?“ fragte der Thürſteher,„und wer iſt jenes alte, weißgekleidete Weib hoch zu Roſſe? Wir laſſen hier keine Hexen ein.“ Dieſe Worte waren an einen Mann in gewöhnlicher Dienerlivree mit einem Abzeichen am Arme gerichtet; der Thürſteher deutete jedoch bei den letzten Worten auf die Ge⸗ ſtalt des guten Ibn Ayoub, der während dieſer Vorgänge, in ſeine weißen, leichentuchähnlichen Gewänder gehüllt, wie eine Marmorſtatue zu Pferde ſaß, ſo daß wenig oder nichts von Geſicht oder Perſon zu erkennen war. „Ich bin des Lords Sklave,“ klang des Arabers Stimme unter den Falten der Kaputze hervor, welche ſein Haupt ver⸗ hüllte!„dieſer iſt mein Kamerad— was Ihr in dieſem Lande der Giaurs einen Diener nennt. Oeffnet und laßt uns durch.“ „Der Befehl lautete, man ſoll ſeine Diener paſſiren laſſen,“ brummte der Thürſteher nachſinnend und ſich zu gleicher Zeit halb gegen Sir William Arden umwendend, wie wenn er deſſen Rath einholte. „Ja, laßt ſie nur ein, laßt ſie nuͤr ein,“ ſagte der Rit⸗ ter.„Natürlich muß er ſeine Diener um ſich haben.— Daran iſt nichts Unrechtes.“ Der Mann ſchob alsbald die Riegel und Bolzen zurück und ließ die beiden Diener ein, welche ſich tief verbeugten, als ſie den Vetter ihres Gebieters unter dem Thorbogen ſte⸗ hen ſahen. Arden wendete ſich um und ging mit ihnen wei⸗ ter, indem er ſie nach den Stallungen wies. „Behalte Deine Nachrichten für Dich, wie ſie auch lauten 536 moͤgen, ſonſt könnteſt Du Unheil anrichten,“ ſagte er leiſe zu Ibn Ayoub.„Doch halt, ich will auf Euch warten, bis Ihr wieder aus dem Stalle kommt.“ Während die beiden Männer ihre Pferde unterbrachten, muſterte Sir William Arden die niedere Reihe von Gebäu⸗ den, die auf dem Schloſſe Chidlow als Stallungen oder— wie ſie zuweilen genannt wurden— Ecury benützt wurden. Es war ein ſehr ausgedehntes, aber niedriges Gebäude, das gerade unter der Bruſtwehr lag; die kleinen, hoch oben ange⸗ brachten Fenſter, waren mit ſtarken Eiſenſtäben verwahrt, und es gab keinen anderen Aus⸗ oder Eingang, als durch das große Mittelthor und die zwei kleineren Seitenpforten, die an den äußerſten Enden, aber auf derſelben Front lagen. „Komm hieher, Ibn Ayoub,“ ſagte der Ritter, ſobald der Araber zum Vorſchein kam.„Ich will Dir den Weg zu Deines Herrn Wohnung weiſen. Gehe ſogleich zu ihm und bitte ihn, daß er zu mir in mein Zimmer herabkomme, um über einige wichtige Geſchäfte mit mir zu ſprechen. Sage ihm, wenn er unterwegs auf Hinderniſſe ſtoße, ſo ſoll er ſich nicht widerſetzen, ſondern ruhig umkehren; ich wolle dann zu ihm kommen. Du wirſt auf der Treppe an drei Mäͤnnern mit Partiſanen vorüberkommen, welche bei dem guten Lord Wache halten; ſie werden ihn vielleicht nicht herauslaſſen.“ „Dann will ich mein Meſſer in ſie bohren,“ ſchwur Ibn Ayoub. „Gemach, gemach, Du wilder Sohn von Ismael. Das darf nicht geſchehen; Du mußt nur ruhig beobachten, was 537 vorgeht, und wenn Dein Gebieter wieder in ſeinem Zimmer iſt, zu mir herabkommen; aber ſage ihm, er werde mich bald bei ſich ſehen.“ So lauteten des guten Ritters letzte Befehle an den Araber, der ſodann die Thurmtreppe emporſtieg, worauf man alsbald einige ſcharfe Worte ſprechen hörte. Sir William Arden lauſchte und trat ſodann in ſeine eigenen Gemächer, welche(wie ich irgendwo erwähnte) in dem un⸗ teren Stocke lagen. Zwei ſeiner Diener warteten im Vor⸗ zimmer, mit dem uralten Knöchelſpiele beſchäftigt. Ein Wort ihres Gebieters ſchickte den Einen alsbald von dannen, und als er nach fünf Minuten zurückkehrte, brachte er vier von Chartley's Leuten mit ſich. Faſt im ſelben Augenblicke trat Ihn Ayoub mit rollenden Augen in's Zimmer und meldete: „Sie wollen ihn nicht paſſiren laſſen.“ „Thut nichts, mein Freund,“ erwiederte Arden.„Bleibe nur hier bei dieſen guten Leuten bis zu meiner Rückkehr, und dann haltet Euch mit allen Waffen bereit, die Ihr aufzu⸗ treiben vermöget.“ Der Araber lächelte vergnügt, als er von Waffen ſpre⸗ chen hörte, und entblößte ſeinen muskulöſen Arm bis zum Ellbogen. Nach Verlauf von etwa fünf Minuten kehrte der Ritter zurück und befahl in ruhigem, gleichmüthigem Tone, daß drei von Chartley's Dienern zu ihrem Gebieter hinauf⸗ gehen ſollten, worauf er ſich mit folgenden Worten zu den Uebrigen wendete: „Nun, meine guten Burſche, möchte ich Euch begreiflich 538 machen, was ich von Euch verlange. Vor Allem befehle ich Euch, die erhaltene Ordre in Nichts zu überſchreiten. Auf der Treppe ſtehen drei Männer, um meinen Freund und Vetter Lord Chartley zu bewachen. Das widerſpricht den Befehlen des Königs wie dem ausdrücklichen Uebereinkom⸗ men zwiſchen Lord Chartley und Lord Calverly. Ich bin daher Willens, jene drei Männer abzufaſſen und in dem oberen Zimmer, das gegen den Wall hinausgeht, einzuſper⸗ ren, wo ich ſie laſſen werde, ſo lange mir gut dünkt. Es darf nicht zu Blutvergießen oder Gewaltthätigkeiten kommen, und nur ſo viel darf geſchehen als nöthig iſt, um ſie in jenes Zimmer zu nöthigen. Merke Dir, Ibn Ayoub: die Haupt⸗ ſache iſt, daß jeder Lärm vermieden werde, der noch Andere herbeilocken könnte. Vergeßt nicht, daß Ihr mir in Allem den pünktlichſten Gehorſam erweiſet. Jetzt ſpringe Einer auf dieſen Tiſch und klopfe mit ſeinem Schwert zweimal wi⸗ der die Decke.“ Der Eine von den Männern gehorchte und mit dem Rufe:„Folgt mir!“ verließ Arden das Zimmer und ging bis an den Fuß der Treppe. Langſam ſtieg er einige Stufen empor, bis oben der Klang von Stimmen hörbar wurde. „Ihr könnt nicht paſſtren, Mylord,“ hörte man Einen ſagen;„wir haben ſtrengen Befehl.“ „Und mein Befehl lautet, daß Ihr mir aus dem Wege geht,“ gebot Chartley;„wo nicht— ſo kommen die Folgen über Euch. Kurz und gut— wollt Ihr weichen?“ „Es iſt unmöglich, Mylord, Ihr dürft nicht paſſiren,“ erwiederte die Stimme in lauterem, ſtrengerem Tone. 539 Im ſelben Augenblicke eilte Arden die Treppe hinauf, gefolgt von ſeinen Gefährten, indem er ausrief: „Bleibe zurück, Ibn Ayoub. Vergeßt nicht, was ich geſagt habe: keine Gewaltthat!“ Als er den kleinen Vorplatz vor Chartley's Thüre er⸗ reichte, fand er drei von Lord Calverly's Dienern mit Par⸗ tiſanen in der Hand, wie ſie ſich eben dem Vorſchreiten des jungen Edelmannes und ſeiner beiden Diener, welche heraus⸗ zutreten entſchloſſen ſchienen, lebhaft widerſetzten. Nun war unter allen denkbaren Waffen die alte Parti⸗ ſane gerade diejenige, welche in einem engen Raume am un⸗ tauglichſten und unlenkſamſten war. Sie hätte allerdings mit Vortheil benützt werden können, um Arden den Zugang zur Treppe zu verwehren, allein die Diener waren emſig mit Lord Chartley beſchäftigt, der ſich mit ihnen auf demſelben Boden befand, wo ſie nicht Raum hatten, um ihre Waffen zu verkürzen, ſo daß ſie ihre Spitzen gegen ſeine Bruſt an⸗ ſetzen konnten. Einer von ihnen ſchaute allerdings rückwärts, als ihm der Klang nahender Tritte in's Ohr ſchallte: aber wollten ſie ſich umwenden, um Sir William Arden und ſeine Leute nicht heraufzulaſſen, ſo ſetzten ſie ſich eben dadurch dem Angriffe Chartley's und ſeiner beiden Diener aus. So zwiſchen Scylla und Charibdis eingezwängt, wurden ſie im Augenblicke überwältigt und entwaffnet. Einer von ihnen that jetzt die Aeußerung, daß ſie Lord Chartley keineswegs beleidigen, ſondern lieber paſſiren laſ⸗ ſen wollten; allein ſie wurden in tiefem Schweigen in ein kleines Zimmer getrieben, deſſen Fenſter auf den Wall und 540 nicht auf den Hof hinausgingen, wo alſo nicht leicht Jemand von der Dienerſchaft vorüberkommen mochte. Dort wurde die Thüre ohne weitere Erklärung geſchloſſen und verriegelt, und Chartley und ſein Freund ſchauten ſich jetzt lachend in's Geſicht. „Wenn Du nun meinem Rathe folgen willſt,“ ſagte Sir William, ſeinen Vetter anredend,„ſo bleibſt Du ganz ruhig hier, ohne Dich weiter einzumiſchen. Drei von ihnen haben wir nunmehr geborgen; wir müſſen aber noch fünf bis ſechs haben, bis wir ſtark genug ſind, um als geſchloſſe⸗ ner Haufen mit ihnen anzubinden.“ „Vorwärts, vorwärts!“ rief Chartley laut.„Ich ſollte wie ein Singvogel im Käfig bleiben, während Du meine Arbeit für mich verrichteſt?“ „Hoͤre mich, höre mich, Chartley,“ gebot Sir William; „ſey kein Narr!“ und ihn in eine Ecke des Ganges ziehend, ſagte er mit leiſer Stimme:„Bedenke, daß der König die Sache ſpäter erfahren kann. Ich habe alles Recht aufzu⸗ treten, denn ich handle in des Königs Namen, indem ich eine Heirath verhindere, zu der er ſeine Zuſtimmung nicht gege⸗ ben hat; mit Dir iſt es aber ein ganz anderer Fall, da Du für jetzt noch ein Gefangener biſt.“ „Predige wem Du willſt, mein theurer Arden,“ rief Chartley;„ich bin nicht dazu gemacht um ſtill zu ſitzen, während andere Männer handeln. Ich will jedoch ſehr vor⸗ ſichtig ſeyn— das verſpreche ich Dir, denn aus vielerlei Gründen möchte ich mich mit dem guten Lord Calverly nicht überwerfen, ſo lange ich es verhindern kann, und waͤhrend Du mit ihm unterhandelſt, will ich draußen als Dein Bie⸗ ner warten, bis ich höre, daß Du mich brauchſt. Mittler⸗ weile muß ich Dir aber helfen, noch etliche dieſer Ratten in die Falle zu ſtecken, und ſo laß uns die koſtbaren Augen⸗ blicke nicht verlieren. Wo willſt Du beginnen? Mit dem Thürſteher?“ „Nein, nein,“ gab Arden zur Antwort.„Wir müſſen erſt den Prieſter und den, der ihn holte, hereinlaſſen, ſonſt würde ſogleich Allarm entſtehen. Ueberdies muß ich den Prieſter ſprechen. Nimm alſo lieber dieſe Leute und ſperre in die Ställe, was Du von Dienern vorfindeſt. Es müſſen jetzt mehrere von ihnen in den Stallungen ſeyn, um der Pferde ihrer Herren nach dem Ausritte zu warten, denn ich will darauf ſchwören, daß ſie vorher Alle zu Nacht geſpeist haben. Vergiß nicht, daß drei Thore vorhanden ſind; Du haſt Nichts zu thun als jedes derſelben abzuſchließen, dann haſt Du ſie in der Rattenfalle, wie Du ſagteſt. Ich will unter⸗ deſſen den Reſt unſerer Leute verſammeln und dort zu Dir ſtoßen, nachdem ich den Prieſter geſprochen und den Schließer mit ſoviel Leuten als ich erhaſchen kann verſorgt habe.“ Nach dieſem kurz entworfenen Plane wurde gehandelt: Chartley und ſeine Leute ſperrten ohne die geringſte Schwie⸗ rigkeit zwei von Lord Calverly's und drei von Lord Fulmers Reitknechten in die Stallungen, ohne daß die Gefangenen anfänglich nur ahnten, daß ſte eingeſchloſſen waren. In der Zwiſchenzeit ging Arden allein durch diejenigen Theile des Schloſſes, wo die Dienerſchaft in der Regel beiſammen war und trieb noch zwei bis drei von Chartley's Leuten auf, 542² welche nicht zum Voraus aufgeboten worden waren; einen derſelben ſchickte er ab, um die übrigen in aller Stille in den Hof zu rufen, und verfügte ſich ſodann nach des Thür⸗ ſtehers Wohnung, indem zwei ſeiner Leute in geringerer Entfernung ihm folgten. Als er den Hof gegen den Thorweg hin durchkreuzte, fand er, daß er eben recht gekommen war, denn der Prieſter hatte ſich beeilt, um Lord Calverly's Aufforderung mit ehr⸗ erbietigem Eifer zu gehorchen, und befand ſich ſchon halb⸗ wegs zwiſchen dem Wartthurm und der großen Hallenpforte. Arden hielt ihn jedoch mit den Worten an: „Ah guten Abend, Vater; ich bin froh Euch hier zu ſehen, denn ich möchte Euch gerne eine Gewiſſensfrage vor⸗ legen.“ „Heilige Maria! ich kann jetzt nicht ſtehen bleiben, mein Sohn,“ rief der Prieſter;„denn ich wurde von meinem guten Lord in aller Haſt herbeigerufen.“ „Wie! Iſt er krank? Liegt er im Sterben? wollt Ihr ihm die Beichte abnehmen?“ rief Arden mit verſtellter Be⸗ ſorgniß. „Nein, nein,“ rief der würdige Mann ungeduldig;„es handelt ſich nur um die Trauung der Lady Jola mit Lord Fulmer. Sie ſoll um zehn Uhr vor ſich gehen, und die Stunde rückt raſch heran.“ „O nein, nein,“ verſicherte Arden;„es iſt noch nicht halb zehn Uhr, und Ihr müßt mir meine Zweifel löſen, ehe Ihr von dannen gehet,“ 543 „So ſprecht nur raſch,“ rief der Prieſter hitzig.„Ihr ſolltet Euch aber paſſendere Zeiten wählen.“ „Ich habe nur das Eine,“ erklärte Arden lächelnd. „Wenn Einer einen Anderen im Begriffe ſieht, etwas Un⸗ rechtes zu thun, das noch weit größere Gefahren für ihn ſelber bringen kann— iſt es da eine Sünde, wenn man ihn ſogar mit Gewalt zurückhält?“ „Sünde!“ rief der Prieſter mit nicht ſehr würdigem Fluche, wie er damals gäng und gäbe war, den ich aber hier nicht zulaſſen darf;„Sünde!— keineswegs, wohl aber ein gutes Werk. Jetzt laßt mich nur paſſiren.“ Arden machte ihm Platz, und ging lachend nach dem Thore weiter, wo er den Thürhüter eben in ſeine Wohnung treten ſah, und einen der Diener, der bei ihm geſeſſen hatte, gute Nacht ſagen hörte. „Ei, Ihr habt ja die Thore nicht verſchloſſen, Thürhüter — oder doch?“ rief Arden ſich vor der Logenpforte aufpflan⸗ zend, ſo daß keiner von Beiden heraus konnte. „Ei freilich, ehrwürdiger Sir,“ verſicherte der Mann. „Aber der Prieſter muß ja wieder hinaus,“ meinte Arden. „Der? O nein,“ ſchrie der Schließer lachend, wobei der andere Diener einſtimmte.„Wenn er ſein Amt ver⸗ richtet hat, wird er ſich trotz einem Fiedler betrinken, und auf einem der Feldbetten ausſchlafen. Es ſollte mich nicht wundern, wenn er bei mir um ein Unterkommen anklopfte; er ſoll es jedoch nicht erhalten.“ 544 Indem er ſprach, hing er die Schlüſſel bedaͤchtig an einen Nagel, dicht neben der Thüre. „Das ſind große Schlüſſel,“ bemerkte Sir William, ſie zur Ueberraſchung des Mannes herunternehmend, und ſeine Aufmerkſamkeit auf den einen heftend, hinter dem er den der Logenpforte vermuthete. „Ja allerdings, Sir,“ antwortete der Thürſteher etwas grob.„Seyd ſo gut und gebt ſte her, ich laſſe ſie ſonſt nie aus den Händen.“ „Zurück, Schlingel! Wollt Ihr ſte mir aus der Hand reißen,“ donnerte Arden, ihn heftig zurückſtoßend, indem er im nächſten Augenblicke die Thüre an ihrer derben, krummen Schnalle zurückzog, und den Schlüſſel in's Loch ſteckte. Es war jedoch nicht der rechte, und es koſtete ihn nicht geringe Mühe, die Thüre gegen die vereinten Anſtrengungen der beiden Eingeſperrten zuzuhalten, bis er denjenigen gefunden hatte, der in's Schlüſſelloch paßte. Chartley's Leute waren jedoch auf den weiten Reiſen mit ihrem Gebieter an Thätigkeit und Wachſamkeit gewöhnt worden, und als die Beiden, welche Sir William Arden folgten, den Lärm vorne hörten und das Licht in der Lo⸗ genthüre gänzlich erlöſchen ſahen, ſprangen ſie ihrem Ritter zu Hilfe. Die Thuüre war alsbald verſchloſſen, und Arden ſchrie durch's Schlüſſelloch: „Ich werde Euch hier ein paar Stunden einſperren, Ihr grober Bengel, der Ihr die Schlüſſel mir aus der Hand reißen wolltet.“ 545 Man hoͤrte den Mann von Innen herausbellen und re⸗ monſtriren; aber ohne ihm die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken— eilte Sir William nach den Stallungen zurück, indem er die Schlüſſel in dem Thorwege des Eingangsthur⸗ mes hängen ließ. In dem Stallhofe, wie er genannt wurde, fand er Chartley ſelbſt mit acht Begleitern, und jetzt folgte eine kurze Berathung darüber, was man zunächſt thun wollte. „Wie Viele haſt Du im Stalle unter Schloß und Rie⸗ gel?“ fragte Arden. „Wenigſtens fünf,“ erwiederte Chartley.“ „Gut; fünf weitere ſtecken in Deiner Wohnung und im Thorſtübchen— das macht im Ganzen zehn,“ bemerkte Ar⸗ den.„Rechnen wir fünf als Köche und Troßbuben ab, ſo ſind wir ihnen an Zahl überlegen und im Gebrauche der Waffen jedenfalls weit gewandter. Jetzt laß uns weiter gehen. Halt: dieſer Burſche mag zuvor nach der Küche paſſiren.“ „Sollten wir nicht lieber in die große Halle eintreten?“ bemerkte Chartley, ſobald einer von den Dienern des Hau⸗ ſes die andere Seite des Hofes erreicht hatte.„Wir können uns dort jedes der Anweſenden verſichern.“ „Nein, nein,“ ſagte Arden.„Ueberlaß mir die ganze Anordnung. Ich habe verſprochen, daß es nicht zum Blut⸗ vergießen kommen ſoll, und ich brauche nicht einmal unſere Stärke zu zeigen, ſo lange es nicht nöthig iſt. Wir müſſen durch die Hinterpforte eintreten, und uns dann weſtlich nach der kleinen Halle wenden. Dadurch ſchneiden wir ſie von James. Der Waidmann. 35 546 der Kapelle ab, und während Du dann im Vorzimmer war⸗ teſt, um im Falle der Noth parat zu ſeyn, will ich hinein⸗ gehen und mit den guten Lords ein Wörtchen ſprechen.“ „Aber ſetze den Fall, daß ſie bereits in die Kapelle gegangen ſind,“ meinte Chartley.„Ich ſehe Licht am Fenſter.“ „Dann müſſen wir ihnen folgen,“ antwortete Arden. „Vor allen Dingen, mein beſter Lord, mußt Du trachten, Dich nicht bei der Affaire blicken zu laſſen, ſo lange Du es ver⸗ hindern kannſt. Bedenke, Du könnteſt Dich beim König in große Gefahr bringen, wogegen ich es ſo einrichten werde, daß Dickon höchſtens von mir ſagen wird, ich ſey in ſeinem Dienſte etwas zu eifrig geweſen. Auf alle Fälle darfſt Du nicht eher zum Vorſchein kommen, bis Du einen wirklichen Streit vernimmſt.“ „Gut, gut,“ antwortete Chartley;„das wenigſtens will ich verſprechen.— Jetzt weiter, denn wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Der ganze Haufe näherte ſich nun behutſam einer der vielen kleinen Pforten, welche aus den Hauptgebäuden des Schloſſes in die ringsum liegenden Höfe führten, und fand vor ſich eine Treppe, welche ſonderbarer Weiſe breiter und leichter zu erſteigen war, als diejenigen die mit den beiden Haupteingängen in Verbindung ſtanden. So ſachte wie möglich auf den ſteinernen Stufen auftretend, erreichten ſie bald einen breiten Vorplatz, wo auf der einen Seite ein langer Gang auslief, der, durch eine offene Steinbrüſtung von der Treppe geſchieden, theilweiſe über dieſe ſetzte, wãh⸗ 547 rend nach der andern Seite eine Thüre mittelſt zehn Stufen zum Eingang in die Kapelle hinabführte; zwiſchen dieſen beiden lag noch eine weitere Thüre, die ſich in ein kleines, die obere Halle flankirendes Vazzimmer öffnete. Sir William Arden hob die Klinke der Vorzimmerthüre und öffnete ſie ſachte; worauf man alsbald Lord Calverly's Stimme in lautem, zornigem Tone ausrufen hörte: „Packt Euch, Fräulein, und heißt ſie augenblicklich herab⸗ kommen, ſonſt werde ich ſie ſelber holen. Macht mir nicht weiß, Ihr könnet weder Antwort noch Einlaß erhalten. Wenn ich komme, werde ich mir ſchon einen Weg zu bahnen wiſſen.“ „Aber es iſt noch nicht zehn Uhr, Mylord,“ ſagte Kon⸗ ſtanzens liebliche Stimme.„Ihr ſagtet, Ihr wollet ihr bis zehn Uhr Bedenkzeit geben.“ „Was liegt an fünf Minuten?“ rief der alte Lord in demſelben ſcharfen Tone.„Doch wir wollen uns an den Buchſtaben halten, und ſolches auch von ihr verlangen. So magſt Du ihr denn verkünden„Maäͤdchen, wenn ſie mit dem letzten Glockenſchlage zehn nicht in dieſer Halle ſey, ſo werde ich ſie abholen und mit der Fauſt vor den Altar ſchleppen.“ Sir William Arden hatte bei den erſten Tönen der Sprechenden den ihm Nachfolgenden zurückgewinkt, ſo daß der ganze Haufe theils auf, theils oben an der Treppe Halt gemacht hatte. Im nächſten Augenblicke ging die Thüre des Vorzimmers auf, und Konſtanze kam mit langſamem Schritte zum Vorſchein. Sie fuhr zuſammen, als ſie Ar⸗ den und die Uebrigen vor ſich ſah, wo ſte ſie am wenigſten 35* erwartet hatte; aber der Ritter legte ruhig den Finger an die Lippen, und deutete nach dem Corridor. Konſtanze machte eine ſtumme Geberde, wie wenn ſie ihn vor Ge⸗ waltthätigkeit warnte, unde ging dann raſchen Schrittes weiter. Arden trat nicht ſogleich in das Vorzimmer, ſondern wartete bis Konſtanzens leichte Fußtritte verhallt waren; dann gab er ſeinen Begleitern noch weitere Weiſungen, flü⸗ ſterte Chartley ein Wort der Warnung in's Ohr, und ging ſofort durch das Vorzimmer gerades Wegs in die Halle. Bei ſeinem Eintritte ſah er Lord Calverly auf der einen und Lord Fulmer auf der andern Seite des langen Zimmers auf⸗ und niedergehen. Beider Mienen waren ernſt und trutzig, und ſie ſchienen mit einander oder mit dem, was um ſie her vorging, nicht ſonderlich zufrieden. Beide waren ſehr be⸗ troffen, als ſie Sir William Arden zu Geſicht bekamen, und Lord Calverly redete ihn in einem Tone bitterer Höflichkeit an, indem er zu gleicher Zeit dicht auf ihn zutrat. „Ich hatte geglaubt, Sir William, Ihr ſeyed ſchon zur Ruhe gegangen, und wünſchte Euch ſüßen Schlummer,“ ſagte er.„Erlaubt mir die Bemerkung, daß ich und Lord Fulmer für jetzt mit höchſt wichtigen perſönlichen Angelegen⸗ heiten beſchäftigt ſind.“ „Meiner Treu! Mylord,“ erwiederte Sir William Ar⸗ den in heiterem Tone,„ich vernahm unten, daß luſtige Dinge im Schloſſe vor ſich gehen ſollen, und ich wünſche an den Feſtlichkeiten meines geehrten Wirthes Theil zu nehmen,“ 549 „Ich weiß nicht was Ihr meint, Sir,“ entgegnete Lord Calverly, ihn kalt anſtarrend; aber Fulmer näherte ſich dem Ritter alsbald mit den Worten: „In Eurem Tone liegt eine Bedeutung, Sir, welche eine Erklärung verlangt. Mir ſcheint, Ihr ſeyd entſchloſſen, uns in einem Augenblicke, da wir allein zu ſeyn verlangen, Eure ungewünſchte Geſellſchaft aufzudrängen.“ „So iſt es, mein guter Lord,“ erwiederte Arden;„ich bin genau in dieſer höchſt unerfreulichen Lage. Ihr werdet einſehen, wie unangenehm ſie mir ſeyn muß, und darum hoffe ich, Ihr werdet ſie mir ſo leicht wie möglich machen.“ „Ei, zum Teufel! was hat das Alles zu bedeuten?“ rief Lord Calverly. „Wenn es Euch ſo peinlich iſt— was bringt Euch dann hieher?“ herrſchte Fulmer in ſtrengem Tone. „Das will ich Euch ſagen, junger Mann,“ gab Arden zur Antwort.„Ich habe erfahren, daß dieſer gute Lord die Abſicht hat, Euch die Hand—— „Von wem, von wem?“ rief Lord Calverly. „Unter Anderen von einem ausnehmend fetten Prieſter,“ erwiederte Arden lächelnd.„Die Neuigkeit iſt übrigens im ganzen Schloſſe verbreitet, denn wenn Eure Lordſchaft Eure eigenen Geheimniſſe nicht beſſer zu verwahren vermag, ſo werden es Andere gewiß noch weniger thun.“ „Was geht das aber Euch an?“ rief Fulmer höhniſch. „Seyd Ihr ein Bewerber um der Lady Hand?“ „Für jetzt nicht,“ verſetzte Arden.„Doch ohne fernere Umſchweife, Mylords— die Sache iſt dieſe: Ich höͤre, daß 5⁵⁰0 dieſe Heirath gegen den Willen der Lady iſt, und daß Dro⸗ hungen ausgeſtoßen wurden, um Gewalt gegen ſie zu ge⸗ brauchen—“ „Aha, ſie hat ſich bei Euch beklagt— nicht wahr?“ ſagte Lord Calverly. „Nein, das hat ſie nicht,“ erklärte Arden;„da ich es jedoch durch Zufall erfuhr, und für Eure beiden Lordſchaften große Theilnahme empfinde, ſo wünſchte ich als Ritter und Edelmann von Ruf und Erfahrung Euch Vorſtellungen zu machen und Euch zu zeigen, welche Schmach und Gefahr Ihr durch ſolches Verfahren das eines Chriſtenmenſchen und engliſchen Edelmannes gleich unwürdig iſt— auf Euren guten Namen bringet.“ Er ſprach ſo ruhig, und in ſo überlegtem, eindringlichem Tone, daß weder Fulmer noch Lord Calverly Anfangs ver⸗ mutheten, als ob er etwas Weiteres denn bloſe Vorſtellun⸗ gen beabſichtige. Sogar dieſes ſchien ihnen ſehr kühn, und Fulmer entgegnete: „Wir begreifen recht wohl, von wem Ihr aufgehetzt wurdet, Sir William, und ich wundere mich nur, daß der Anſtifter nicht ſelber zum Vorſchein kommt.“ „Dafür habe ich geſorgt, mein junger Freund,“ erklärte Lord Calverly.„Ich bin kein Mann, der eine Vorſichts⸗ maßregel vernachläſſigt. Ich glaube, einige Erfahrung im Verkehr mit den Menſchen zu beſitzen, und ich kann wohl vorherſehen, was aller Wahrſcheinlichkeit nach vorfallen wird. Man fängt mich nicht ſo leicht im Schlafe. Und nun, Sir William Arden, möge Ein Wort Euch genügen, 551 Ich bin nicht geneigt, es gegen einen Gaſt an Höflichkeit oder Artigkeit fehlen zu laſſen; aber ich muß bitten, daß Ihr mir die Leitung meiner Angelegenheiten ohne Eure Gegenwart oder Euren Rath überlaſſet.“ Er ſchloß mit einer tiefen Verbeugung, und Arden ſchwieg eine Weile, als ob er wartete, ob er noch etwas bei⸗ fügen würde, worauf der alte Edelmann, der ſeinen Zorn bis jetzt nur mit Mühe bezähmt hatte, in nichts weniger als kaltblütigem Tone fortfuhr: „Ich möchte es nicht an Höflichkeit verſehen; aber wenn Ihr nicht gehet, ſo muß ich Euch entfernen laſſen.“ „Ich habe nur noch wenig zu ſagen,“ erwiederte Arden mit unerſchütterlicher Kaltblütigkeit, welche mit ſeinem hef⸗ tigen Ungeſtüm bei geringeren Anläſſen auffallend kontra⸗ ſtirte;„dieſes Wenige iſt aber wichtig.— Dieſe Heirath darf nicht vor ſich gehen.“ „Und ich ſage: ſie muß!“ ſchrie Lord Calverly, indem er ſich mit furchtbarem Fluche vermaß, ſie durchführen zu wollen, und dann zu der auf die Treppe führenden Thüre tretend, mit lauter Stimme hinausrief:„He da! Zwei von euch ſollen hereinkommen; hier iſt ein unangenehmer Menſch, welcher entfernt werden muß.“ Augenblicklich hörte man Schritte heraufeilen, und Ar⸗ den zog ſich langſam und ruhig, aber mit einem Lächeln in ſeinen Mienen nach der Thüre zurück, durch die er eingetreten war. „Mein guter Lord,“ ſagte er,„Ihr wißt nicht was Ihr thut,“ und die Thüre des Vorzimmers öffnend, rief er laut; 5⁵² „Meine Freunde, ich brauche einige von Euch. Zwei blei⸗ ben oben an der Treppe ſtehen und behaupten ſie gegen alle Angreifenden.“ „Exgreift ihn und führt ihn auf ſeine Zimmer,“ befahl Lord Calverly gleichzeitig zweien ſeiner herbeigeeilten Die⸗ ner; als er ſich aber umdrehte und die vielen Bewaffne⸗ ten eindringen ſah, ſtand er wie verſteinert, und Arden flü⸗ ſterte einem ſeiner Leute zu:„Beſetze jene Thüre,“ indem er auf die gegenüberliegende Hallenpforte deutete. Der Mann, zu dem er ſprach, ſtürzte mit zwei anderen vorwärts, und hatte die Mitte der Halle erreicht, bevor die Schloßdiener den Vorgang zu begreifen ſchienen. „Beſetzt die Thüre, beſetzt die Thüre!“ rief Lord Fulmer, und beide Schloßdiener machten ſich alsbald auf. Es war ein Wettlauf, welche der beiden Partien ſie zuerſt erreichen würde, und keine gewann den Sieg, denn eben als der erſte von Calverly's Dienern ſeine Hand nach der halboffenen Thüre ausſtreckte, verſetzte ihm ein kräftiger Arm einen Schlag auf die Schläfe, daß er zurücktaumelte und der Länge nach zu Boden ſiel. Im nächſten Augenblick wurde die Thüre geſchloſſen und verriegelt, und Sir William Arden blieb Herr beider Eingänge. „Ich bitte Eure Lordſchaften um Verzeihung,“ ſagte er,„wenn ich etwas entſchiedene Maßregeln ergreife, um mir geneigtes Gehör zu verſchaffen, das Ihr mir, wie es ſcheint, ſonſt nicht gewähren wollet.“ „ Sollen wir uns etwda als Gefangene betrachten, Sir?“ rief der alte Edelmann beſtürzt und verwirrt.„In dieſem 5⁵³ Falle muß ich gegen ſolche Gewaltthat an den Thron appel⸗ liren.“ „Wenn Ihr oder Lord Fulmer ſolches zu thun wagt, ſo thut es immerhin,“ erklärte Arden kaltblütig.„Auch ich, Mylord, bin ein kluger Mann, ſo gut wie Ihr, und man, fängt mich nicht ſo leicht im Schlafe. Ich ſagte, dieſe Hei⸗ rath dürfe nicht vor ſich gehen, und nun frage ich Euch Beide, Mylords, ob Ihr des Königs Zuſtimmung zu dieſem Vor⸗ haben beſitzet— mit Einem Worte, ob es nicht Eure Ab⸗ ſicht war, in dieſer Sache in direktem Gegenſatze gegen ſeine Autorität zu handeln?“ Fulmer ſchaute zu Boden, und biß ſich in die Lippen; Lord Calverly fragte aber trotzig: „Wer hat Euch das geſagt, Sir? Ich proteſtire gegen jede ſolche Einmiſchung.“ „Wer mir's geſagt hat, iſt gleichgültig,“ erwiederte Arden.„Es mag Euch genügen, daß ich wohl vorbereitet bin, das was ich thue zu rechtfertigen. Nach dem, was ich geſagt habe, werdet Ihr nicht wagen, Mylord, zu der Hand⸗ lung zu ſchreiten, die Ihr zu begehen im Begriffe ſtandet— einer Handlung, welche Euch und Lord Fulmer nur zu lan⸗ ger Gefangenſchaft, wenn nicht zu etwas Schlimmerem, ge⸗ führt hätte. Wenn Ihr Eurer unbeſonnenen Abſicht gänz⸗ lich entſaget, wenn Ihr mir Euer Wort verpfändet, daß Ihr keinen Verſuch zur Durchſetzung dieſer Trauung machen wollet, bis des Königs volle Zuſtimmung erlangt iſt, wenn dieſer edle Lord ſich verbindlich macht, unverzüglich die Sen⸗ dung anzutreten, mit der er vom Könige beauftragt iſt, dann 1 554 will ich Euch das Kommando in Eurem eigenen Hauſe zu⸗ rückgeben, das ich in Seiner Gnaden Dienſte in Beſitz zu nehmen gezwungen war. Ueberdies mache ich mich verbind⸗ lich, dem König den beabſichtigten Ungehorſam zu verſchwei⸗ ogen, den ich noch zeitig zu vereiteln vermochte— wo nicht, ſo iſt es meine peinliche Pflicht, Euch Beide unter Arreſt zu ſetzen und in eigener Perſon nach York zu eskortiren.“ Es wäre ſchwer, die Empfindungen zu beſchreiben, welche dieſe Worte, und der kalte ruhige Ton, in welchem ſie aus⸗ geſprochen wurden— bei den beiden Zuhörern hervorriefen. Lord Calverly war beſtürzt und eingeſchüchtert, denn leich allen eitlen, prahleriſchen Menſchen ließ er ſich ſehr leicht von Schwierigkeiten und Gefahren zurückſchrecken. Man brauchte nur ſeine Eitelkeit gehörig zu demüthigen, um ſie höchſt un⸗ terwürfig und geduldig zu machen, ſo leidenſchaftlich und ſtreitſüchtig ſte auch bei geringeren Kränkungen war. Sich plötzlich in ſeinem eigenen Hauſe aller Gewalt beraubt, und mit gebieteriſchen Vorwürfen von einem Gaſte überhäuft zu ſehen, der ſich bei ſeinen Anmaßungen auf Richards gefürch⸗ teten Namen berief— war vollkommen hinreichend, um ihn zum Schweigen zu bringen, ſo ſehr auch ſein Zorn in ihn tobte und kämpfte. Lord Fulmer ſeiner Seits hatte Arden's Worte nicht allein in mürriſchem Schweigen, ſondern mit großer Ueber⸗ raſchung angehört. Er wußte wohl, daß er ſich durch ſeine Leidenſchaft in eine höchſt gefährliche Lage hatte hineinreißen laſſen, und daß der Ungehorſam, den er begehen wollte— wenn er zu Richards Ohren gelangte— voransſichtlich den 5⁵⁵ Untergang aller ſeiner Hoffnungen und lange Gefangenſchaft zur Folge haben würde. Wie Sir William Arden ſo baldige Nachrichten von den ihm auferlegten Befehlen erhalten, konnte er nicht errathen, da er gänzlich vergaß, daß die Nothwendigkeit ſeiner Abreiſe am folgenden Morgen in Konſtanzens Anweſenheit gegen Jola erwähnt worden war. Zu gleicher Zeit fühlte er, daß Widerſtand vergeblich und längeres Bleiben nur ſein Untergang wäre. Seine einzige Hoffnung war deßhalb die, der jetzigen Gefahr zu entrinnen, indem er erwartete, daß eines der vielen wechſelnden Tages⸗ ereigniſſe ihm beſſere Gelegenheit oder auf alle Fälle in Zu⸗ kunft die Mittel zur Rache gewähren würde. Nachdem Lord Calverly ſeines Aergers und ſeiner Ueber⸗ raſchung einigermaßen Herr geworden, war er nur noch darauf bedacht, wie er ſich ſo würdig wie möglich aus der Affaire ziehen wollte, und er hatte eben zu erwiedern be⸗ gonnen:„Wohlan, Sir, wenn ich denn ein Gefangener in meinem eigenen Hauſe bin, ſo bleibt mir Nichts übrig, als mich zu unterwerfen,“ als ſich draußen Konſtanzens Stimme in eifrigem Geſpräche mit einer zweiten Perſon vernehmen ließ. Gleich darauf ſah man ſie mit bleichem Geſichte und angſterfülltem Blicke eintreten, indem ſie ausrief: „Ich muß Euch leider vermelden, Mylord, daß meine Couſine nirgends zu finden iſt. Nachdem wir eine Zeit lang an ihrer Thüre geklopft, ſahen ich und ihr Mädchen Suſanne den Schlüſſel zufällig auf dem Tiſche des Vorzimmers liegen; wir gebrauchten ihn, aber blos um ihr Zimmer leer zu finden.“ 556 „Himmel und Erde!“ rief Lord Calverly;„das iſt zu viel. Wo kann das thörichte Kind ſich verſteckt haben? Aus dem Schloſſe konnte ſie nicht, denn die Thore wurden alle bei Sonnenuntergang verſchloſſen. Laßt uns ſogleich nach⸗ ſuchen.“ „Ja, laßt uns ſuchen,“ rief Lord Fulmer mit ſehr angſt⸗ licher Miene.„Ich würde es mir nie vergeben, wenn ein Unglück paſſirt wäre.“ Sir William Arden war nicht wenig beunruhigt; aber es fiel ihm auf, daß Konſtanzens Geſicht bei aller Aengſt⸗ lichkeit doch weit weniger Schrecken verrieth, als man hätte erwarten können. „Ja, ſo gehu's, edler Lord,“ ſagte er;„wir bedauern immer ſchlimme Handlungen, wenn es zu ſpät iſt. Ehe ich jedoch einem von Euch Beiden dieſe Halle zu verlaſſen er⸗ laube, müſſen wir uns zuvor verſtändigen. Wollt Ihr die erwähnten Bedingungen annehmen?“ „Gewiß,“ erwiederte Lord Calverly;„ich muß ſogleich nach dieſem armen Kinde ſuchen.“ „Und Ihr, Lord Fulmer?“ fragte Arden. „Ich unterwerfe mich,“ erwiederte dieſer, ſein Haupt ſenkend. „Dann befehle ich Euch, alsbald zu Pferde zu ſteigen,“ gebot Arden;„ich werde die Ehre haben Euch nach den Stallungen zu begleiten, ſonſt würdet Ihr vielleicht weder Roſſe noch Leute zu Eurem Dienſte frei finden.“ „Das iſt hart,“ meinte Fulmer. „Es geht, fürcht' ich, nicht anders,“ erwiederte Arden⸗ 557: „Entſchuldigt mich einen Augenblick, Mylords, während ich mit der Wache draußen rede;“ indem er den Schildwachen an der Thüre gebot:„Ihr laßt außer der Lady Niemand aus der Halle, bis ich zurückkehre.“ Er blieb nicht lange aus; aber zahlreich waren die Fra⸗ gen, welche in der Zwiſchenzeit auf Konſtanzen eindrangen, und dieſe beantwortete eben eine derſelben, als Sir William wieder in's Zimmer trat. „Ich habe nicht die geringſte Ahnung, mein theurer Oheim,“ ſagte ſie;„ſie hat mir ihre Abſicht nicht mitgetheilt, und ich erwartete nicht anders, da ich nach Ablauf der Stunde, während welcher ſie allein zu ſeyn wünſchte— zurückkehrte, als ſie in ihrem Zimmer vorzufinden.“. Arden ſchien die Worte nicht zu beachten, obgleich er ſie wohl hörte; er benachrichtigte vielmehr Lord Fulmer, daß er ihn zu begleiten bereit ſey, und ſchickte ſich an, vorauszu⸗ gehen. In dieſem Augenblicke bemerkte einer von Lord Calver⸗ ly's Dienern, der mit den übrigen nothgedrungen in der Halle geblieben war, in finſterem mürriſchem Tone: „Da läutet Jemand die große Glocke am Thore; ich höre ſie ſchon zum dritten Male läuten. Der alte Schließer muß wohl ſchlafen, daß er nicht öffnet.“ „Er kann nicht wohl— ich habe die Schlüſſel,“ be⸗ merkte Sir William Arden.„Gehe Du,“ fuhr er mit einem ſeiner eigenen Leute ſprechend fort;„öffne das Gatter; Du darfſt aber höchſtens zwei bis drei einlaſſen.“ Lord Calverly wollte augenſcheinlich etwas ſagen; allein der ergraute Kriegsmann gab dem Manne einen Wink ſich zu entfernen, und dieſer gehorchte alsbald, da er keine an⸗ dere Autorität als die ſeines eigenen Gebieters kannte. Während ſeiner Abweſenheit, welche zwei bis drei Mi⸗ nuten dauerte, verharrte die ganze Verſammlung in pein⸗ lichem Schweigen. Lord Calverly richtete zwar ein leiſes Wort an Fulmer, bekam aber keine Antwort; auch ſuchte Jemand die Thüre der großen Halle von der Haupttreppe aus zu öffnen, fand ſie jedoch verſchloſſen und bewacht. Kon⸗ ſtanzens Augen ſuchten Ardens Geſicht; aber keines von Beiden ſprach. Endlich kehrte der Diener zurück— aber nicht allein: dicht auf ſeinen Ferſen kam ein Mann in der Tracht eines gewöhnlichen Hofkuriers, der ſich etwas überraſcht in der Runde der Anweſenden umſchaute. „Welcher iſt Sir William Arden?“ fragte er zur nicht geringen Beſtürzung Fulmer's wie des alten Lords. „Das bin ich,“ erwiederte Arden, mit erleichtertem Herzen vortretend, denn trotz ſeines Entſchluſſes, das einmal Unter⸗ nommene unter allen Umſtänden durchzuführen, hatte er doch einigermaßen gefürchtet, ſein urſprünglicher Plan moͤchte durch das Erſcheinen des königlichen Boten einigermaßen geſtört werden. Der Kurier händigte ihm alsbald einen mit dem großen Siegel verſehenen Brief ein, welchen Arden mit wunder⸗ barer Selbſtbeherrſchung als etwas ganz Gewöhnliches in Empfang nahm. „Mit Eurer Erlaubniß, Mylord's,“ ſagte er, einem der Wandleuchter ſich nähernd, indem er den Brief öffnete und las. Das Couvert ſchien zwei weitere Briefe zu enthalten, und nachdem er den ſeinigen durchgeleſen hatte, wendete er ſich gegen Lord Calverly, und übergab ihm den einen derſelben mit den Worten: „Ich vermuthe, Mylord, er wird den Befehl enthalten, daß die Obhut über meinen Vetter, Lord Chartley, mir ſelbſt übertragen iſt.“ Die Epiſtel des alten Edelmannes enthielt jedoch noch mehr, und während er las, wurde ſein Geſicht ſehr bleich. „Nun, Sir, will ich Euch zu Eurem Roſſe geleiten, und dann unverzüglich die Befehle Seiner Gnaden des Königs vollziehen,“ ſagte Arden, Lord Fulmer anredend. „In aller heiligen Namen! mein theures Kind,“ rief Lord Calverly, ſobald Arden und Fulmer das Zimmer ver⸗ laſſen hatten;„was iſt zu thun, wenn wir Deine Couſine nicht auffinden?“ „Ja, das weiß ich nicht,“ antwortete Konſtanze;„ich hoffe jedoch, wir werden ſie ſicher und wohlbehalten finden, oder auf alle Fälle von ihr hören, wenn ſie anderswo ihre Zuflucht genommen haben ſollte. Mitten in dieſer Ver⸗ wirrung iſt es ſehr möglich, daß ſie unbemerkt aus dem Schloſſe entſchlüpft iſt.“ Es ſchien, daß Konſtanze ihre Troſtmittel nicht gut wählte, denn ihre Worte hatten eine nichts weniger als be⸗ ruhigende Wirkung auf ihren Oheim, der zwei bis drei Mi⸗ nuten lang in einem Zuſtande großer Aufregung unter An⸗ rufung der Jungfrau und aller Heiligen— Ergüſſen der 560 Ungeduld mehr als der Frömmigkeit, wie man glauben mochte— im Zimmer auf und ab ging. Enllich kehrte er zu ſeiner Nichte zurück, die in der Mitte des Saales ſtehen geblieben war, und flüſterte: „Wir müſſen ſie finden, wir müſſen ſie finden, Konſtanze. Das iſt der unglückſeligſte Streich von allen. Du weißt nicht was in dieſem Briefe ſteht,“ indem er mit dem Finger darauf klopfte.„Der König beſiehlt mir hier, ſie unverzüg⸗ lich in das Kloſter zurückzuſenden; er mache meine gute Schweſter, die Aebtiſſin, für ihre ſichere Aufbewahrung ver⸗ antwortlich, bis er über die Heirath ſelber entſcheiden könne. Er muß eine Ahnung von der unbeſonnenen Abſicht dieſes tollköpfigen Jungen gehabt haben.“ „Das iſt in der That ein Unglück,“ antwortete Konſtanze nachdenklich. „Unglück!“ wiederholte ihr Oheim.„Es iſt mein Unter⸗ gang, Kind, denn ich riskire nicht allein Gefangenſchaft, ſondern auch Konfiskation. Ich kann des Königs Befehle nicht vollziehen, und ihm nicht erklären, warum ich ſie nicht vollziehe, ohne ihm alle Vorfälle dieſer Nacht zu erzählen. Ich ſage Dir, es iſt mein Untergang. Komm, tritt bei Seite — dieſer Schuft von einem Kurier ſcheint uns zu behorchen.“ „Theilt lieber Sir William Arden Eure Noth mit,“ erwiederte Konſtanze, ſobald ſie ſich nach dem hinteren Ende der Halle verfügt hatten.„Sein Weſen iſt zwar rauh und barſch; aber ich bin überzeugt, daß er ein gutes Herz hat.“ „Laß uns erſt alle Winkel nach ihr durchſuchen,“ meinte ihr Oheim;„vielleicht finden wir ſie doch noch im Schloſſe, 561 Ich wollte, der Ritter kehrte zurück. Wie lange er nur aus⸗ bleibt! Horch!“ fuhr er nach einigen Minuten fort,„aus dem Hofe kommt der Klang von Pferdetritten. Gott ſey Dank! Fulmer iſt fort. Bei meinem Leben! ich bin froh, daß ich ihn los bin, denn er hätte mich beinahe zu Etwas über⸗ redet, was mein Untergang hätte werden können.“ Es dauerte nicht lange, bis Arden zurückkehrte, und nachdem er ſeinen eigenen Leuten einige leiſe Befehle gege⸗ ben hatte, näherte er ſich Lord Calverly und bot ihm die Hand mit den Worten: „Ich beſchwöre Euch, mein guter Lord, alle ärgerlichen Gefühle zwiſchen uns ſchwinden zu laſſen. Glaubt mir, ich habe Euch aus großer Gefahr errettet, in die Ihr Euch aus Rückſicht für den jungen, eben abgegangenen Edelmann, ganz entgegen den Geboten Eurer eigenen Weisheit und Erfah⸗ rung, hineinreden ließet.“ Lord Calverly nahm ſeine Hand und ſchüttelte ſie herzlich. „Das iſt ganz richtig, Sir William, das iſt ganz rich⸗ tig,“ ſagte er.„Die Sache wollte mir nie gefallen, und es hielt ſchwer mich zu überreden; nachdem ich mich aber einmal entſchloſſen hatte, konnte ich mir natürlich nicht von einem bloſen Kinde trotzen laſſen. Ich bitte, laßt uns jetzt nach ihr ſuchen. Ich bin weiß Gott bereit genug, dem Kö⸗ nige in Allem zu gehorchen,“ fügte er in lautem, für das Ohr des Boten berechnetem Tone bei. „Wohlan, wir wollen ihr ſogleich nachforſchen,“ erwie⸗ derte Arden.„Erſt aber laßt uns das Haus in ſeinen frü⸗ heren Stand ſtellen.“ James. Der Waidmann. 1 36 56²2 Chartley's und Ardens Leute wurden wieder an ihre früheren Geſchäfte geſchickt; Lord Calverly's Diener durften die Halle verlaſſen; des Königs Kurier wurde mit Erfri⸗ ſchungen verſorgt, und die Nachforſchung wurde begonnen, nachdem Chartley auf den Rath ſeines Vetters zu Hülfe gerufen worden war. Jeder Winkel, jede Ecke des aus⸗ gedehnten Gebändes wurde durchſtöbert; allein Jola war nirgends zu finden. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Die Nachſuchung war zu Ende, und war, wie geſagt, ohne Reſultat geblieben. Lord Calverly befand ſich in ei⸗ nem Zuſtande unbeſchreiblicher Geiſtesverwirrung. Des Königs Befehlen gehorchen und Jola abermals dem St. Clarenkloſter zu Atherſton übergeben, konnte er nicht. Ri⸗ chard die Urſache ſeines Ungehorſams erklären, hieß nur ſich ſelbſt eines noch ſchwereren Vergehens anklagen. Eine wahre oder falſche Entſchuldigung für ſein Benehmen zu er⸗ ſinnen, verſtand er nicht, und ſein ganzes Beſtreben ſchien darauf gerichtet, die Flüchtige zu verfolgen und einzuholen, wo ſie auch immer Zuflucht gefunden haben mochte. Mehrere von den Dienern wurden ausgefragt, um Auf⸗ ſchlüſſe über das einzuhaltende Verfahren zu erlangen; aber keiner vermochte einen Schlüſſel an die Hand zu geben. Ihr Kammermädchen Suſanne war ebenſo betrübt und ängſtlich wie die Uebrigen. Der Thürſteher erklärte, er habe jedes 563 Pförtchen verſchloſſen gehabt, ehe er durch Sir William Ar⸗ den in ſeiner Behauſung eingeſperrt worden ſey. Anfäng⸗ lich war der alte Lord geneigt zu glauben, Jola habe den Umſtand, daß die Schlüſſel in der Thüre ſtecken geblieben waren, benützt, um zu entfliehen, während Arden ſich mit ihm in der Halle herumgeſtritten hatte. Dagegen erklärte der Schließer, die Schlüſſel ſeyen nicht von dem Platze ge⸗ kommen, bis man des Königs Boten eingelaſſen habe, und der Mann, der mit ihm eingeſperrt worden, beſtätigte dieſe Angabe. Sie ſagten, ſie haben voller Angſt gewacht, und hätten das Wegnehmen der Schlüſſel hören müſſen, wenn ſo etwas vorgekommen wäre. Auch Sir Williams Diener, der den königlichen Kurier eingelaſſen hatte, behauptete, er habe die Thore verſchloſſen und zugeriegelt gefunden. Suſanne verſicherte, ſie habe ſich faſt dreiviertel Stunden vor dem Augenblick, da ihre Gebieterin vermißt wurde, in deren Vorzimmer aufgehalten, und ſämmtliche Diener erklärten auf's Beſtimmteſte, ſie hätten weder die Lady wahrgenom⸗ men noch irgend eine vermummte Geſtalt, hinter der man ſie hätte vermuthen können, aus dem Schloſſe paſſiren ſehen. „Vor morgen Frühe läßt ſich jedenfalls nichts Weiteres thun,“ erklärte Sir William Arden,„und drum, mein gu⸗ ter Lord, will ich Euch für heute gute Nacht ſagen. Laßt uns mit unſerem Kiſſen Berathung pflegen.“ Sein Rath wurde befolgt. Chartley begleitete ſeinen Freund, und wunderbarer Weiſe war weniger Aengſtlichkeit in ſeinen Zügen wahrzunehmen, als der Vorfall hätte recht⸗ fertigen können. Arden wußte vor ſeinem Abgange Kon⸗ — 36* 564 ſtanzen einige geheime Worte zuzuflüſtern; doch dieſe ſchüt⸗ telte den Kopf und erwiederte: „Ich weiß in der That gar Nichts und kann Euch keine Mittheilung machen; gleichwohl bin ich geneigt zu glauben, daß unſere theure Jola nicht in Gefahr iſt, wo ſie auch ſeyn mag. Sie pflegte von jeher weit und breit herumzuſchwei⸗ fen, wohin ich mich niemals gewagt hätte, und ich bin überzeugt, ſie iſt in Sicherheit. Bitte, ſaget das Lord Chartley,“— indem ſie ihre Stimme bei den letzten Wor⸗ ten zu leiſem Flüſtern dämpfte. 1 Wenige Minuten ſpäter ſaßen Chartley und ſein Freund im Zimmer des Erſteren beiſammen, und Arden firirte ihn mit forſchendem und doch lächelndem Blicke: „Iſt Dir etwas von dieſem Entwiſchen bekannt, Signor Chartley?“ begann er endlich.„Du ſcheinſt mir über das unerklärliche Verſchwinden Deiner Liebſten nicht ſo herzzer⸗ riſſen und von Furcht betroffen, wie man wohl erwarten dürfte.“ „Nichtsdeſtoweniger bin ich ängſtlich,“ erwiederte Chart⸗ ley,„denn ich weiß ſo wenig wie die Uebrigen, wo ſie iſt, noch was aus ihr geworden. Zu gleicher Zeit habe ich je⸗ doch den Troſt zu glauben, daß ihre Flucht ſchon lange zu⸗ vor für den Fall der Noth eingeleitet geweſen ſeyn muß, denn ſie rühmte ſich gegen mich, daß ſie gleich einem Geiſte durch die Mauern dieſes Schloſſes zu entwiſchen vermöge. Ich ſchließe daraus, daß wir alle Urſache haben, ſie in Sicherheit zu glauben, und ehrlich geſtanden, würde ich es nicht ſehr bedauern, daß ſie ſich der Gewalt ihres trefflichen, — 56⁵ weiſen Oheims entzogen hat, wenn ich nicht hier in Gewahr⸗ ſam und unfähig wäre, nach meinen Wünſchen zu handeln.“ „Was würdeſt Du thun, wenn man Dich aus den Klauen des alten Earls erlöste?“ fragte Arden ſchmunzelnd. „Ich würde mit Tagesanbruch aufbrechen, um ſie zu ſuchen,“ erklärte Chartley—„morgen Früh mit Tages⸗ anbruch.“ „Und hätteſt Du ſie gefunden?“ fragte Arden. Chartley lächelte und blickte eine Weile nachdenklich auf den Tiſch, bis er endlich zur Antwort gab: „Glaubſt Du nicht, Arden, wenn Jemand unterwegs eine ausnehmend ſchöne Blume neben ſeinem Pfade wachſen ſähe, er würde ſie nicht lieber ſogleich pflücken, ohne die Wiederkehr abzuwarten, damit ſie in der Zwiſchenzeit nicht verwelke oder gepflückt werde? Man würde auch einige Schrammen nicht achten, um zu ihr zu gelangen.“ „Geh, geh mir mit Deinen Metaphern,“ ſagte Arden; „Du weißt, ich bin für alle phantaſtiſchen Dinge vernagelt, mein guter Lord. So ſage mir lieber gerade heraus, was Du thun würdeſt?“ „Wohlan,“ antwortete Chartley,„wenn ich ſie fände, wie Du vermutheſt, wäre ich wohl ſtark verſucht, ſte auf den Rücken eines tüchtigen Maulthiers oder leichtfüßigen Ber⸗ berroſſes einzuladen, um mit mir eine Pilgerfahrt nach ei⸗ nigen berühmten Reliquienſtätten in der Bretagne oder Frankreich anzutreten.“ „Wo Hymen vermuthlich Eurer wartete,“ lachte Ar⸗ den.„Ei, Chartley, Du biſt im Ganzen ein rechter Heide. 1 566 Aber Du vergißt, daß ſolche Dinge gefährlich ſeyn könnten. Wenn Du zurückkämeſt, geriethe Dein Kopf in eine ſehr wacklige Verfaſſung, oder im beſten Falle müßte ſich Deine heiße Vorliebe für ein herumſchweifendes Leben auf die vier Wände eines kleinen Zimmers beſchränken.“ „Ich könnte ausbleiben, bis die Köpfe den Leuten ſiche⸗ rer auf den Schultern ſäßen und die Freiheit nicht länger der Spielball einer Tyrannenlaune wäre,“ erwiederte Chart⸗ ley ernſthafter als gewöhnlich.„Dieſer Zuſtand der Dinge kann nicht ewig andauern, Arden; die Welt bekommt ihn ſatt, und ſchon ſind ſonderbare Gerüchte im Umlauf. Unſere arme Koͤnigin Anna iſt krank, und man vermuthet, ſie werde nicht mehr geneſen. Das wird auch nur Wenigen gelin⸗ gen bei einer Behandlung, wie ſie ihr widerfahren mag, und Richard, heißt es, ſehne ſich ſehr nach Erben.“ „So, ſo,“ rief Arden;„pfeift der Wind daher? Ei, ich dächte, ein Chartley würde nie gegen das Haus York ſein Schwert ziehen.“ „Ganz gewiß nicht, ſo lange die geſetzlichen Erben jenes Hauſes auf dem Throne ſitzen,“ verſicherte Chartley.„Es gibt aber eine Möglichkeit, Arden, daß zwei Ströme ſich vermiſchen, daß zwei Parteien, welche lange Zeit in bluti⸗ gen Reihen als Nebenbuhler einander gegenüberſtanden, ein Band der Kameradſchaft finden und ſich zu dem Zwecke ver⸗ einigen, um den, der Beide beleidigt und geſchlachtet hat, vom Throne zu ſtürzen.“ „Ich habe einen Vogel davon pfeifen hören,“ meinte Arden nachdenklich.„Die rechtmäßige Erbin von York iſt V 567 Eliſabeth von York, und wäre es möglich, daß Harry von Richmond die rothe Roſe auf den Stamm der weißen pfropfen könnte, ſo gibt es außer Dir noch Manchen, der mit Freu⸗ den eine Lanze zu ſeiner Unterſtützung einlegen würde.“ Chartley betrachtete ihn eine Weile nachdenklich und gab dann zur Antwort: „Er hat es geſchworen, Arden, in der Kathedrale zu Rennes. Ich weiß, ich kann Dir vertrauen, und ich ſage Dir, er hat es geſchworen. Auch die Königin Eliſabeth iſt einverſtanden, wie ich höre, und man wartet nur auf die günſtige Stunde.“ „Du haſt es von Richmond erfahren,“ rief Arden ouf⸗ fahrend.„Dein Araber brachte Dir Briefe von dem Earl.“ „Nein,“ erwiederte Chartley,„ich hörte es durch Or⸗ ford. Er ſteht ſchon in der Picardie in Waffen, und Ca⸗ lais thäte wohl daran, wenn es ſeine Thore feſt verriegelte.“ „Gut, gut,“ meinte Arden.„Krieg und Liebe— ˙s iſt merkwürdig, wie gut dieſe beiden unähnlichen Hunde zu⸗ ſammenjagen. Wir plauderten aber noch von Liebe, und ſieh, ſie läuft gerades Wegs dem Kriege nach. Alſo wenn Du frei wäreſt, würdeſt Du mit Deiner hübſchen, lieblichen Jola davonreiten und beſſere Zeiten abwarten, um einſtwei⸗ len vor Deiner Hütte Hühner zu ziehen und Rüben zu ſäen. Bei meinem Leben! ſo wie die Sachen ſtehen, ſehe ich kei⸗ nen Grund ein, warum Du es nicht thun ſollteſt.“) „Aber ich ſtehe ja unter Gewahrſam,“ entgegnete Chart⸗ ley.„Ich habe dieſem guten, alten Calverly mein Wort verpfändet.“ „O das iſt Alles zu Ende,“ erwiederte Arden lächelnd, einige Papiere aus der Taſche ziehend.„Ich habe Dich dieſe ganze Zeit in Unwiſſenheit gelaſſen, um Dir Deine Geheimniſſe abzulocken. So wiſſet denn, Mylord, daß Ihr von nun an in meiner und nicht in Lord Calverly's Obhut ſeyd. Hier iſt des Königs Brief an mich, und da iſt einer von Seinen großmüthigen Gnaden an Dich, wahrſcheinlich um Dir daſſelbe anzukündigen. Die Wahrheit iſt: ich glaube, dieſer hitzköpfige Lord Fulmer hat Richard in zu viele Geheimniſſe eingeweiht, und der König iſt entſchloſſen, den jungen Liebhaber an ſich zu feſſeln, indem er ſeine Trauung aufſchiebt, während er Dich zu gleicher Zeit von Jola trennt, um ſich zu verſichern, daß ſie nicht von einem Nebenbuhler gewonnen wird. Wie er darauf verfiel, mich zu Deinem Gefangenwärter zu beſtimmen, iſt ein Wunder.“ Wähend er alſo ſprach, hatte Chartley des Königs Brief geöffnet und ihn voller Spannung durchgeleſen. „Fehlgeſchoſſen, Arden, fehlgeſchoſſen!“ rief er mit freu⸗ digem Blicke,„und doch— in manchen Dingen haſt Du Recht. Lies, lies!“ Arden nahm den Brief und überlief deſſen Inhalt mit jenem eiligen Summen, das manche Worte deutlich verneh⸗ men läßt, während andere wieder verſchluckt werden. Hie und da fügte er eine eigene Bemerkung hinzu, wobei er ſich nicht immer der höoflichſten oder ehrerbietigſten Ausdrücke bediente, denn man lebte damals nicht in Zeiten großer Ver⸗ feinerung, und pflegte die Dinge, die wir jetzt in Wort und Schein einhüllen, beim rechten Namen zu nennen. 569 „Unſerem Getreuen und Vielgeliebten— hm, hm— ſo ſchrieb er auch an Buckingham— unſere Abſichten gegen Euch waren milder als das Exempel, das wir aufſtellen mußten, uns zu verrathen erlaubte'— ohne Zweifel, ſeine Abſichten ſind immer mild, aber ſeine Bedürfniſſe ſind gar zahlreich— den Geiſt unſerer Inſtruktionen in ſeiner Strenge etwas überſchritten— armer Lord Calverly! Mächtig ſtreng in der That, wenn er ſein Haus durch einen Gefangenen und eine Handvoll Gäſte bemeiſtern läßt!— Euch alſo der Obhut Eures Vetters Sir William Arden zu übergeben, der unſere Abſichten beſſer begreifen wird. Auch wollen wir hiemit unſer Wohlwollen gegen Euch noch nicht beſchließen, ſondern es noch je nach Euren Verdienſten und der Hülfe, die Ihr uns leiſtet, gerade in dem, was Ihr am meiſten wünſchet, erweitern— was meint der Heuchler damit? Er ſchlägt Dir noch den Kopf ab, ehe er zu Ende kommt— mittlerweile, da Ihr durch Unbeſonnenheit Euch Ungnade zugezogen, ſo ſuchet Euch jetzt durch Klugheit Euer Glück und Eures Herzens Wünſche zu ſichern, denn nachdem wir Eure Wünſche durch Euren Nebenbuhler und Feind erfahren, geben wir Euch einen Beweis Unſeres guten Willens, indem wir ſein Verlangen täuſchen in der Abſicht, Euch das Eure in Bälde zu gewähren, wenn Ihr ſolches verdienet. Indem wir Euch alſo dem Schutze Gottes, der gebenedeiten Jung⸗ frau und St. Pauls empfehlen’— welche lange Reihe von Heiligen!— eentbieten wir Euch u. ſ. w.“ Arden legte den Brief nieder und verſank in tiefes Nach⸗ denken. Chartley ſprach mit ihm; aber er ſchien ihn nicht 570 zu hören. Chartley betrachtete ihn und lachte in dem hoff⸗ nungsvollen Frohſinn der Jugend; allein Arden nahm keine Notiz davon. Chartley ſchüttelte ihn am Arm; doch ſein Vetter ſagte blos in hitzigem Tone: „Laß mich nachſinnen, Du thörichter Knabe! laß mich nachſinnen. Möchteſt Du Dich etwa an das Halsband eines Bären feſſeln; möchteſt Du Dich von ihm durch das Blut der Hunde ſchleppen laſſen, die man wohl bald gegen ihn loslaſſen wird, um ihn zu Tode zu hetzen?“ „Ich weiß nicht, was Du meinſt,“ rief der junge Edel⸗ mann;„biſt Du toll geworden, Arden?“ „Du biſt toll, wenn Du nicht die Abſicht dieſes Briefes einſiehſt,“ erwiederte Arden.„Hoffnung für Dich— Auf⸗ ſchub für Fulmer— Beides zu dem gleichen Zwecke, um Euch an ſich zu feſſeln. Er hält Euch Beiden einen Preis vor Augen, den Ihr durch einen Wetteifer in Gehorſam und Hülfeleiſtung gegen ihn erwerben ſollt. Willſt Du dieſe Bahn einſchlagen, Chartley? Willſt Du ſogar um Jola's Hand der eifrig bemühte Sklave deſſen werden, der die Kin⸗ der Deines königlichen Gebieters erſchlug, unſchuldige Kna⸗ ben ermordete und das Blut ſeines eigenen Hauſes vergoß? Durchſchaue doch dieſe kunſtreiche Politik— verſchließe Deine Augen nicht vor ſeinen Abſichten— berechne den Preis, den Du bezahlen müßteſt, wenn er Deine Bewerbung unter⸗ ſtützen ſollte— überlege genau, ob der Heuchler, wenn Alles gethan iſt, ſein Verſprechen auch halten wird, und dann wähle den Pfad, den Du einſchlagen willſt.“ „In dem Lichte habe ich es nicht geſehen,“ erwiederte 571 Chartley, der mit einem Male in eine ernſtere Stimmung verſank;„und doch mag es ſeyn, wie Du ſagſt.“ „Mag ſeyn? Es iſt ſo!“ erwiederte Arden.„Bei St. Peter! dieſe liebe Kleine hat ganz recht und weiſe ge⸗ handelt, daß ſie entfloh und ſich nicht zur Lockſpeiſe machen ließ, um ihm das Wild in's Netz zu jagen! Sie wußte freilich nichts davon: aber das thut nichts zur Sache. Es iſt gut, daß ſie fort iſt; Ihren thörichten Onkel müſſen wir jetzt an den Hof ſchicken, daß er ſeine Sünden bekennt und ſo gut er kann entſchuldigt. Es iſt der beſte Weg für ihn, das beſte Reſultat für uns, denn wir bedürfen vor Allem der Zeit.“ „Ja ich bedarf noch etwas mehr, Arden,“ erwiederte Chartley.„Ich bedarf Freiheit— Freiheit zu handeln wie ich will; dann iſt mein Plan bald gemacht. Beim Him⸗ mel! ich habe große Luſt, mich gegen meinen Kerkermeiſter zu erheben, ihn zu binden und ihn gewaltſam mit mir zu ſchleppen, ob er nun gerne gehen mag oder nicht.“ „Nein, Chartley, nein!“ antwortete Arden.„Ich will keinen Schein auf meine Handlungen werfen, den ſie nicht verdienen. Ich will nicht gezwungen zu thun ſcheinen, was ich offen und gutwillig zu thun mich ſcheue.“ „Was willſt Du denn aber thun? Wie willſt Du han⸗ deln?“ fragte Chartley etwas verwirrt. „Das iſt ein ſchwieriger Caſus,“ meinte Arden überle⸗ gend.„Ich darf nicht einen Auftrag annehmen und dann ſein Vertrauen verletzen; ich darf einen Treubruch nicht durch Zweideutigkeit verhüllen.“ 572 „Wenn Du aber das Hüteramt über mich ablehnſt, ſo werde ich ſicher ſtrengeren Händen überantwortet,“ bemerkte Chartley. „Ich will es nicht ablehnen,“ erklärte ſein Vetter.„Ich kenne dieſen König, und will das Amt für eine Zeitlang an⸗ nehmen; aber ich will ihm ſchreiben und erklären, daß ich es nur auf einen Monat übernehme, da ich noch nie auf die Länge mit Dir fertig geworden ſey— und der Himmel weiß⸗ daß das ganz wahr iſt. Soll es länger dauern, ſo verzichte ich darauf. Ich weiß wohl, wie es dann kommen wird; wenn er Dich ruhig und gelaſſen ſieht, läßt er Dich vielleicht ganz frei, indem er glaubt, durch die Hoffnung auf die Hand jener ſchönen Dame Dich in der Gewalt zu haben— wo nicht, ſo wird er mir nach Ablauf des Monats ſchreiben, ich ſolle Dich noch weiter in Verwahrung halten, und das thue ich keine Stunde länger. Mittlerweile haben wir Zeit zu allen Vorbereitungen, um das Fräulein aufzuſinden und die Mittel zur Flucht und zum Aufenthalte in der Fremde beizutreiben. Dann fort mit Dir, Chartley, und das Glück möge Euch Beide geleiten!“ Dieſes Arrangement wollte ſeinem ungeduldigen und hitzigeren Gefährten nicht ganz gefallen. „So höre doch, Arden,“ ſagte er:„es können ja weit früher ſchon Dinge eintreten, welche unſern augenblicklichen Entſchluß verlangen. Hier eilt Alles einem Ende entge⸗ gen, und ehe ein Monat vorüber iſt, kann ſich Vieles ereignen, was ein augenblickliches Handeln nothwendig macht.“ 573 „Ich glaube kaum,“ gab Arden bedachtſam zur Ant⸗ wort.„Der Fortgang großer Ereigniſſe iſt in der Regel nur langſam. Zuweilen paſſirt es wohl, daß ein Erdbeben kommt und Alles erſchüttert; aber häufiger gleichen die Ver⸗ anderungen der Welt eher den Jahreswechſeln— Frühling, Sommer, Herbſt und Winter— Wolken, Sonnenſchein, Wind, Regen, Donnerwetter, abermals Sonnenſchein und dann beginnt die Sache von Neuem.“ „Aber ich ſage Dir, Arden, Orford ſteht bereits in Waffen und marſchirt gegen Calais, um es dem Uſurpator abzunehmen,“ erklärte Chartley;„Richmond iſt von Frank⸗ reich Hülfe zugeſichert, und ſchon verſammeln ſich die Trup⸗ pen zu Rouen!“ „Regentropfen vor dem Sturm,“ antwortete Arden; „ehe Du aber etwas thun kannſt, mußt Du Deine ſüße Jola auffinden, mußt ihre Einwilligung zu Deinen Planen gewinnen und Deine Vorkehrungen zur Flucht treffen, und ich kann Dir ſagen, das wird ſchon einige Zeit wegnehmen.“ „Wenn wir ſie aber bald auffinden,“ fragte Chartley, „und überdies ſehen, daß ſie dem König vorausſichtlich in die Hände fällt und(wie Du ſelbſt ſagteſt) als Preis für den Dienſtfertigſten von ihm aufbewahrt wird?“ „Meiner Treu! dann mußt Du eben handeln, wie Du's am beſten findeſt,“ erklärte Arden.„Ich werde Dich und Ddeeine ſieben bis acht Diener in eigener Perſon und mit meinen drei Knappen bewachen. Richard kann nicht erwar⸗ ten, daß ich meinen Haushalt ihm zu Gefallen wegen einer Sache vermehre, die er mir ohne meinen Wunſch auferlegte. 574 Im Nothfalle mußt Du eben Deine eigenen Plane erſinnen und ausführen. Nur laß mich darum wiſſen, bis wenig⸗ ſtens der Monat vorüber iſt. Aber mich dünkt, mein guter Lord und Vetter, Deine Ungeduld verrechnet ſich etwas in der Zukunft; ein Monat iſt eine gar kurze Zeit für Alles, was ich erwähnt habe.“ „O ich will mich ſchon eilen,“ erwiederte Chartley. „Morgen brechen wir auf, um das ſchöne Mädchen zu ſu⸗ chen, und die Nachforſchung wird nicht eher aufgegeben, bis wir ſie gefunden haben. Du ſpedirſt dieſen alten Lord ſo⸗ bald wie möglich nach York, denn wenn er bliebe und ſie auffände, ſo gäbe es nur Streit und Schwierigkeiten.“ „Sieh, wie er ſchon den Ton des Kommandirenden an⸗ nimmt!“ rief Arden lachend;„aber wißt Ihr auch, Signor Chartley, daß ich an dieſem großen Schloſſe Chidlow einen Affen gefreſſen habe und es noch gar nicht verlaſſen mag? Es gibt noch andere Leute, denen ich dienen muß, als nur. Euch.“ „Wie ſo?“ fragte Chartley überraſcht.„Warum ſollteſt Du noch länger in Chidlow bleiben wollen?“ „Weil da ein allerliebſtes Mädchen mit ſanften Augen iſt, welche trotz ihrer nachdenklichen Stimmung ganz heiter lächelt, wenn ich mit ihr rede,“ erklärte Arden.„Mich dünkt, es wird nicht ſehr leicht ſeyn, mich von ihr loszu⸗ reißen.“ „Was— Konſtanze?“ rief Chartley.„Du, Arden, Du! Du denkſt an Liebe und Heirath! Ei, ich habe Dich ja ſchon ſeit zehn Jahren dem langweiligen Cölihat anheim⸗ 57⁵ gegeben. Du warſt ja gewohnt, ein Frauenauge nie ſo glänzend wie eine Speerſpitze zu finden, Dich nur in eine mailändiſche Waffenrüſtung zu verlieben, Dich an dem Don⸗ ner der Kanonen weit eher als an den Klängen der Laute zu erwärmen und das Trompetenſchmettern weit lieblicher zu finden, als alle Frauenreden. So lebt denn wohl, ihr Hoff⸗ nungen auf Deine Erbſchaft! O Jammer! welch glänzen⸗ des Vermögen entgeht mir, weil ich Dich nicht ſchärfer be⸗ wacht habe, denn nun werden wir bald ein Dutzend kleine Ardens mit runden Lockenköpfchen haben, die mit Deinen roſtigen Beinſchienen ſpielen und Dich Papa nennen.“ „Fahr nur fort; ich bin ſchußfeſt gegen alles Gelächter,“ antwortete Arden.„Laß Den lachen, welcher gewinnt. Ei⸗ nes wenigſtens bin ich verſichert: wenn ſie mir ihre Hand reicht, ſo geſchieht es mit freiem Willen und von ganzem Herzen. Von Ehrgeiz iſt da keine Rede, wo der Bräutigam ein einfacher Ritter iſt, und ſie nicht einmal weiß, ob er außer ihr ſelbſt einen einzigen Engel* in der Welt beſitzt. Aber ſage mir, Chartley, wo haſt Du Deine Augen gehabt?“ „In denen Jola's vermuthlich,“ gab Chartley zur Ant⸗ wort.„Ich ſah Dich allerdings neulich auf den Wällen bei ihr ſitzen und mit ihr plaudern; ich hörte Dich lachen und ſah ſie ſchmunzeln; aber ich glaubte wahrhaftig, es ſey die bloſe Gutmüthigkeit, die Dich mit Konſtanzen zurückbleiben laſſe, damit Jola und ich Gelegenheit fänden, unſere Herzen gegen einander auszuſchütten.“ „Nein, nein,“ antwortete Arden.„Ich bin zwar gut⸗ * Anſpielung auf die Tagesmünze„Angelus,“ 576 müthig und großherzig; aber in dieſem Falle war ich wie alle Welt gutmüthig— mit Abſicht. Zwar iſt ein großer Unterſchied zwiſchen ihren und meinen Jahren,“ fuhr er in ernſterem Tone fort—„etliche vierundzwanzig, ſo daß ich verwelken werde, während ſte noch immer blüht. Du hältſt ſie vielleicht für zu jung, Chartley, um mein Weib zu wer⸗ den; aber ich bin noch nicht alt genug, um ſie als Tochter zu adoptiren, und Eines oder das Andere ſoll ſie werden wenn ſie will, denn ich mag das theure Maͤdchen nicht der traurigen Wahl überlaſſen, entweder in's Kloſter zu gehen oder von dem Willen ihres thörichten Oheims abhängig zu bleiben.“ „Weit entfernt, ſie für Dein Weib zu jung zu hal⸗ ten, Arden,“ erwiederte Chartley, ſeinem Vetter zärtlich die Hand auf die Schulter legend—„weit entfernt, es unpaſ⸗ ſend an Dir zu finden, wenn Du ſie zum Weibe nimmſt, glaube ich vielmehr zuverſichtlich, daß Du mit ihr glücklich werden wirſt, wie Du es nie zuvor erlebt haſt. Ich habe wohl geſehen, wie das Gaisblatt in den Wäldern ſich zär t⸗ lich um die Bäume ſchlingt; es wählt in der Regel einen derben, kräftigen Stamm von reifem Wachsthum; an ihm windet es ſich empor und belaſtet ſeine ſtarken Aeſte mit ſei⸗ nen nektarträufelnden Blüthen. Zuweilen ſah ich es auch an einer leichten Weide emporklettern, bis beide ihre Blätter und Blüthen in einer dichten Maſſe vermengten; dann fehlte es ihnen aber an der feſten Stütze und ſie wurden von jedem Winde hin⸗ und hergeblaſen, bis ein rauher Sturm den ſchwachen Stammzerknickte oder entwurzelte und das Gais⸗ 577 blatt ſammt dem Gefährten, an dem es klammerte, zu Bo⸗ den warf.“ 3 „Nun, ich habe nicht Urſache, Einwendungen zu machen, wenn ſie es nicht thut,“ antwortete Arden.„Sie hat ſich um mein Herz gewunden— ich weiß nicht wie; aber ich habe ihr Nichts verhehlt. Sie kennt meinen Geburtstag ſo gut wie ich ſelbſt, und ſie ſagt, ſie kümmere ſich keinen Groſchen“— Chartley lächelte—„nein, nicht gerade einen Groſchen,“ fuhr Arden fort;„aber was ſie ſagte war dieſes: wenn man Jemand liebe, ſo frage das Herz nicht lange, ob er reich oder arm, alt oder jung ſey, denn wo ſolche Berech⸗ nung Platz finde, da ſey die Liebe nicht vorhanden. Bei meinem Leben! ich glaube, ſie hat wahr geſprochen, denn ich weiß, daß ich ſie zu lieben begann, ohne irgend eine Berech⸗ nung und ohne viel zu bedenken, was ich vorhatte.— Geht das gewöhnlich ſo, Chartley?“ „Ja wohl, genau ſo,“ antwortete ſein Vetter. „Wohlan, laß uns zu Bette gehen,“ ſagte Arden,„denn mit dem Hahnenſchrei werde ich dieſen alten Lord aufwecken und ihn, ſobald ich kann, gegen York abſenden.“ Siebenunddreißigſtes Kapitel. Ein wirklich gutes Drama zu ſchreiben, iſt ohne Zweifel eine weit ſchwierigere und ſeine Vollendung eine weit glor⸗ reichere Arbeit, als das Verfaſſen eines guten Romans: aber der Dramatiker hat gleichwohl mehrere weſentliche Vorlheile James. Der Waidmann. 37 578 vor dem Romanſchreiber voraus. Er darf in der Regel über alle langweiligen Einzelnheiten wegeilen, welche der Verfaſſer des Romans zu geben genöihigt iſt. Bei jenem ſind es allein die vorragenden Punkte, mit denen er's zu thun hat; die übrige Bürde wird der leichtfüßigen Fantaſie auf die Schulter geworfen, welche aus ihrem unerſchöpfli⸗ chen Vorrathe alsbald alles Weitere liefert, was zur Er⸗ gänzung der Geſchichte nöthig iſt, und zwar in weit reiche⸗ rem und glänzenderem Material, als Sprache oder Feder es zu liefern vermöchte. Muß man ſich dennoch auf Ereig⸗ niſſe beziehen, welche ferne von dem eigentlichen Schauplatze vor ſich gehen, ſo kann es in ſo kurzen Worten geſchehen als der Autor nur immer will, und die ganze Schilderung der herannahenden Gefahren, welche ſchon lange vorbereitet waren, wie die Wirkung auf denjenigen, an den die Erzäh⸗ lung gerichtet iſt, faßt ſich in den zwei kurzen Sätzen zu⸗ ſammen: Stanley: Richmond iſt auf der See. König Richard: Dort mög' er unterſinken, daß die See auf ihm! „ Der weißlebrige Ausreißer! Das iſt ganz genug, und obwohl ich die bewunderns⸗ würdigen Kritiker einwenden hörte, daß der einem Wort⸗ ſpiele ſich nähernde Witz in der zweiten Zeile unnatürlich ſey, wenn er einem Mann in den Mund gelegt werde, der — wie in dieſem Fall Richard— von ſtürmiſchen Leiden⸗ ſchaften bewegt werde, ſo muß man doch ein hoͤchſt armſeliger 579 Beobachter der Menſchennatur ſeyn, um nicht zu wiſſen, daß die heftige Leidenſchaft ſich gerade in ſolchen Witzen ausdrückt. Es iſt wie wenn die Energie der Leidenſchaft die gewöhnlichen Worte und Formen nicht kenne, ſo daß dieſe zu einer oft dunkeln, oft ausſchweifenden, zuweilen lächerli⸗ chen, immer aber witzigen Ausdrucksweiſe ihre Zuflucht nehme. Wie dem auch ſeyn mag, ſo muß ich den Lauf der Er⸗ eigniſſe, welche Shakeſpeare nur kurz zuſammenfaßte, etwas detaillirter abhandeln. Auch ich will mich kurz faſſen und in dieſem kleinen Kapitel nur eine Skizze derjenigen Vor⸗ fälle geben, welche einen Zeitraum von einigen Monaten einnahmen. Der Ermüdete ſchläft nicht immer geſund; und der Earl von Richmond hatte ſein Haupt kaum ſeit vier Stunden zu Angers zur Ruhe gelegt, als er ſchon wieder aus ſeinem Zimmer trat und in das große Wirthszimmer hinabſtieg, welches damals und noch viele Jahre ſpäter in jedem Gaſt⸗ hofe in Frankreich wie in England getroffen wurde. Bei ſeinem Eintritte fand er das Zimmer nur von einer einzigen Perſon beſetzt, denn die Stunde des Mittageſſens war vor⸗ über; jene Perſon kam ihm jedoch alsbald mit tiefem Bück⸗ ling entgegen. „Ha, Sir Chriſtoph Urswick,“ begann der Earl;„ich freue mich ſehr Euch zu ſehen. Der Paß, den Ihr vom franzöſiſchen Hofe für mich erlangtet, hat mir heute Mor⸗ gen an den Stadtthoren recht gute Dienſte geleiſtet. Meiner Seel! Die Verfolger waren mir ſchon dicht auf den Ferſen. Warum ſeyd Ihr aber nicht ſelbſt gekommen?“ 37* 580 „Weil ich um jene Zeit im Gefängniſſe von Nantes hätte ſeyn ſollen und Euch in Frankreich beſſere Dienſte leiſten konnte,“ erwiederte Urswick.„Am Hofe von Lan⸗ geais harren Eurer zahlreiche Freunde in geſpannter Er⸗ wartung, und Madame de Beanjeu, die Reichsregentin, iſt darauf vorbereitet, Euch Eurer Würde gemäß zu em⸗ pfangen.“ „So werde ich alſo erwartet?“ fragte Richmond. „Es wird gar Vieles vorausgeſehen, von dem man kaum ſagen kann, daß man es erwartet,“ gab Urswick zur Antwort;„alle wußten aber ſo viel, daß Ihr in Zeit von ei⸗ nem Monat Miiüsder in Frankreich oder in England ſeyn müßtet.“ Richmond ſchwieg nachdenklich und fragte dann: „Wie weit iſt es von hier nach Langeais?“ „Kaum zwanzig Meilen, Mylord,“ erwiederte der An⸗ dere;„ein leichter Nitt von zwei kurzen Tagen.“ „Und welches iſt jetzt der Zuſtand von Frankreich?“ er⸗ kundigte ſich Richmond, ſeinen ſcharfen, forſchenden Blick auf ihn heftend. „Noch immer voll trauriger Wirren,“ erzählte Urswick. „Der Streit um die Bewachung des Königs und die Re⸗ gentſchaft des Reiches dauert noch immer fort. Orleans, Dunois und der alte Konſtable auf der einen kämpfen erbit⸗ tert gegen Madame de Beaujeu, ihren Gemahl und den übri⸗ gen Hof auf der andern Seite; nichts als Kabalen, Zer⸗ würfniſſe und von Zeit zu Zeit Ausbrüche. Die Prinzeſſin beſitzt jedoch mehr Witz als das ganze ſonſtige Frankreich 581 zuſammengenommen, und ſie wird alle ihre Komplotte zer⸗ ſtören und ihre Intriguen zunichte machen. Gleichwohl iſt es ein arg verwirrter Zuſtand, und eine neue Empörung wird jeden Tag erwartet.“ „Dann können wir pauſtren und zu Angers ausruhen,“ ſagte Richmond bedächtig.„Habe ich viele Freunde am Hofe von Frankreich, ſo mußte ich auch viele an dem der Bretagne zurücklaſſen. Für ihre Sicherheit muß vor Allem geſorgt werden. Ich will an den guten Herzog ſchreiben, noch ehe ich einen Biſſen zu mir nehme. Seyd ſo gut und ſucht mir unterdeſſen einen zuverläſſigen Boten; wählt hiezu einen Franzoſen, denn für einen Anderen könnte es gefähr⸗ lich werden.“ 4 Gewohnt, ſeine Entſchlüſſe raſch auszuführen, richtete der Earl ſogleich einen Brief an den Herzog der Bretagne, erklärte ihm die Urſache ſeiner Flucht und erzählte dem ſchwachen aber liebenswürdigen Fürſten von der Schande, welche ſein Miniſter dadurch über ſeinen Namen gebracht hatte, daß er einen ſeiner Gaſtfreundſchaft vertrauenden Fremdling an deſſen Todfeind hatte ausliefern wollen. Er drang zwar nicht auf Landais' Beſtrafung; aber er bat we⸗ nigſtens, daß ſeine Freunde, die Genoſſen ſeiner Verban⸗ nung, zu ihm nach Frankreich kommen dürften. Dieſer Brief hatte ganz die Wirkung, wie er ſie nur wünſchen konnte. Den Engländern am bretoniſchen Hofe wurde volle Erlaubniß zu bleiben oder zu gehen eingeräumt, und die Wuth und Beſchämung des Herzogs über den Miß⸗ brauch ſeiner Gewalt von Seiten Landais', vereint mit den 582 heftigen Anklagen, welche die bretoniſchen Edelleute gegen jenen Emporkömmling vorbrachten— bewog den Prinzen, ihn dem Gerichte auszuliefern, indem er ſich ſelbſt das Recht„ der Begnadigung vorbehielt, falls Landais durch den Ge⸗ richtshof verurtheilt werden ſollte. Dieſer Letztere kam je⸗ doch in ſeiner Eilfertigkeit dem langſamen Herzoge zuvor: Landais wurde verurtheilt und aufgehängt, während die Unterſchrift zu ſeiner Begnadigung noch naß war. Drei Tage nach ſeiner Ankunft zu Angers brach der Earl von Richmond nach Langeais auf und erreichte in r Frühe des zweiten Tages die Thore jenes ſchönen alten Schloſſes, in deſſen großem Salon man noch immer die Reliefs zum Andenken an längſt vergangene Freudenfeſte und Aufzüge unter der Regierung des thätigen und unterneh⸗ menden Karls XIII. ſehen kann. Seine Aufnahme war freundlich und herzlich; aber, wie Urswick geſagt hatte, am Hofe von Frankreich herrſchte noch immer große Zwietracht, und es vergingen mehrere Wochen, bis der Earl von Ma⸗ dame de Beaujeu ein Verſprechen des Beiſtandes erhalten konnte. Dann machte ſie ſich allerdings verbindlich, ihm eine kleine, unbedeutende Streitmacht zu liefern, welche blos den Kern eines in England auszuhebenden Heeres bilden ſollte. Zweitauſend Mann war Alles, was Frankreich an⸗ 5 bot; aber Richmond entſchloß ſich mit dieſer ungenügenden Armee das Feld zu halten, und beſtimmte Rouen, wo er viele Freunde beſaß, als Sammelplatz für ſeine Truppen. Die Unterſtützung an Geld war nicht bedeutender als die n Menſchen, und die liſtige Regentin von Frankreich, deren — 583 ganze Abſicht und Erwartung offenbar nur dahin ging, den König Richard durch Erregung von Bürgerkrieg in England zu verhindern, daß er den Nachbarſtaat nicht mit ſeinen Anſprüchen dränge, legte ihm ſogar die harte Bedingung auf, daß er für die Bezahlung aller vorgeſchoſſenen Sum⸗ men Geißeln zurücklaſſen mußte. Sie hatte es jedoch mit einem noch verſchlageneren Po⸗ litiker zu thun als ſie ſelber war, und Richmond, der jene Forderung nicht ablehnen konnte, benützte ſie wenigſtens dazu, um ſich ſelbſt eines Mannes zu entledigen, deſſen Leichtſinn und Unfähigkeit ihn als Verbündeten nur wenig nützlich machte und deſſen Treue und Aufrichtigkeit etwas mehr als zweifelhaft waren. Dorſet ließ ſich leicht überre⸗ den, den Gefahren einer Unternehmung auszuweichen, deren Reſultat Niemand vorherſehen konnte, indem er mit einem anderen, dem Earl leicht entbehrlichen Edelmanne als Geißel in Paris zurückblieb, worauf Richmond nach Rouen auf⸗ brach, entſchloſſen mit allen Mitteln, die das Glück ihm darbot, um Leben oder Tod, um Thron oder Grab zu kämpfen. Eine Anzahl tapferer, engliſcher Edelleute ſchaarte ſich um den künftigen König; ſie waren aber faſt alle ohne Ge⸗ folge und nur ſpärlich mit Geld verſehen. Ihre ununter⸗ ſtützten Arme waren es alſo nicht allein, auf welche Rich⸗ mond ſeine Krone ſtützen konnte; und als er in die ſchöne alte Stadt Rouen einritt, ſah man einen Schatten von Muthloſigkeit über ſein nie ſehr heiteres und froͤhliches Ge⸗ ſicht mmen. Am Thore des für ihn bereit gehaltenen Hauſes; kam ihm jedoch der Knabe Pierre la Brouſſe ent⸗ 584 gegen, der zum Anmelden ſeiner Ankunft vorausgeſchickt worden war und ihm jetzt entgegenſprang, um ihm den Steigbügel zu halten. „Der gute Biſchof erwartet Euch drinnen, Mylord,“ meldete der Knabe eifrig, als Richmond abſtieg.„Er hat Nachrichten für Euch aus England,“— ſetzte er mit einem Blicke auf des Earls Miene hinzu—„gute Nachrichten, Mylord.“ „Du ſcheinſt ſehr in ſeinem Vertrauen zu ſtehen,“ ver⸗ ſetzte Richmond kalt.„Erzählt er Dir, ob ſeine Nachrichten gut oder ſchlimm lauten?“ „Sein Geſicht erzählt es,“ verſetzte der Knabe.„Ich beobachte die Geſichter der Leute.“ Richmond lächelte und ließ ſich von Pierre in das Zim⸗ mer führen, wo Morton ſaß. Der Prälat ſchien eine Weile das Oeffnen der Thüre nicht zu hören, ſondern verharrte in der Lektüre einiger auf dem Tiſche vor ihm liegender Papiere, während das Licht ſeiner Lampe von dem ſchwarzen Getäfel und der dunkeln Tapete faſt ganz verſchlungen wurde. Im nächſten Augenblicke ſchlug er jedoch ſeine Augen empor, als Richmond näher kam; er ſprang auf und rief: „Ich bitte um Verzeihung, mein Herr und Konig; ich hörte Euch nicht eintreten.“ 3 „König?“ wiederholte Richmond.„Ihr vergeßt, guter Vater; ich bin noch nicht König.“ „Werdet es aber in einem Monate ſeyn,“ erwiederte Morton, ſeine Hand auf die Papiere legend,„wenn unter zehn Worten, wie ſie hier in dieſen Briefen geſchrieben 585 ſtehen, auch nur ein einziges wahr iſt. Aber Ihr ſeyd müde und durſtig; laßt mich einige Erfriſchungen beſtellen, Kc⸗ rend das Abendeſſen zubereitet wird.“ „Ich bin müde der Enttäuſchungen und dürſte nach Hoff nung,“ erklärte Richmond.„Theilt mir Eure Zeitungen mit, bevor ich trinke oder ausruhe. Entferne Dich, Knabe,“ indem er ſich neben Mortons Stuhle niederſetzte. „Dieſer, Mylord, von dem ritterlichen Earl von Nort⸗ humberland,“ ſagte Morton, ihm einen Brief einhändigend. „Seht, welch' tröſtliche Verſicherungen er aus dem Norden bringt.“ Richmond las und ſah wohl zufrieden aus, ſprach aber nichts, worauf ihm Morton einen zweiten übergab, mit den Worten: „Dieſer von Sir Walter Herbert.“ „Der bringt geringen Troſt,“ bemerkte Richmond.„Er verſichert Euch, daß er ſich neutral halten wolle, welchen Schein er auch immer annehmen werde. Das lautet kalt, höchſt ehrwürdiger Vater.“ „In manchen Fällen iſt Neutralität beſſer als offene Gunſt,“ erwiederte Morton.„Herbert iſt Richards rechte Hand in Wales. Wenn ſeine Rechte ihm untreu wird, wird ſeine Linke ihn nur wenig nützen. Lest dieſes vor Rice ap Thomas.“ „Ha, das klingt erfreulicher,“ rief Richmond, deſſen Ge⸗ ſicht ſich aufheiterte.„Tauſend Mann! das iſt ja die Hälfte der Streitmacht, die wir mitbringen. Aber glaubt Ihr, ehrwürdiger Freund, daß er ſein Wort halten kann?“ 586 „Daß er den Willen hat, bezweifle ich nicht,“ erklärte der Biſchof von Ely,„und ſeine Macht müßte in der That ſehr verkürzt ſeyn, wenn er die verſprochene Zahl nicht ver⸗ doppelte.— Nun merkt auf, mein edler Prinz, was dieſer gute Kapitän Savage ſagt— ein renommirter Heerführer und ein Mann, deſſen bloſes Wort die Eidſchwüre Anderer weit aufwiegt. Hört nur: die Provinz Wales wartet auf ſeine Ankunft, wie die Wachenden auf die Morgendämmerung harren. Sie fühlt, daß er ihr Sohn iſt, und wird ihm den Willkomm einer Mutter bereiten. Tudor wird hier viele Verwandte treffen, mehr Freunde als Verwandte, mehr Soldaten als Freunde, mehr Diener als Alle, denn wer nicht Kraft genug hat, um ein Schwert zu ziehen, noch Ge⸗ walt, um eine Streitmacht aufzubringen, wird ihm dienen mit Herzen und Börſen, mit Gebeten und Mitteln. Laßt ihn nirgends landen als in Wales.“ „Und ſo ſage auch ich,“ rief Richmond,„mein erſter Schritt auf die brittiſche Küſte geſchehe im Lande meiner Väter. Aus meiner eigenen Heimath will ich aufbrechen um die Krone zu ſuchen, welche mein Recht iſt, und mit ſolchen Verſprechungen wie dieſe, mit einer Freundſchaft wie die Eurige, bei ſo guter Sache und mit einem ſo ſchlech⸗ ten Gegner, will ich des Sieges gewiß mit meiner kleinen Bande drauf losmarſchiren und die elende Hilfe des kargen Frankreichs beſchämen, indem ich glorreich obſiege, oder meine Gebeine zur Bezahlung der jämmerlichen Schuld zu⸗ rücklaſſe, die ſie dann in England abholen mögen. Nun, mein guter Lord und Biſchof, an unſere Vorbereitungen, ☛ —— 587 1 denn ich mag auf dieſem ungroßmüthigen Boden keinen Tag länger als nöthig verziehen.“— „Ei nein, mein edler Prinz, nehmt erſt einige Erfri⸗ ſchungen,“ ſagte Morton;„die eigentliche Stunde des Abendeſſens iſt längſt vorüber, und ich bezweifle ſehr, daß Ihr Euch unterwegs erquickt oder ausgeruht habt.“ „Das Abendeſſen— ha das hab ich vergeſſen,“ verſetzte Richmond;„nun wohl, ich denke, der Menſch muß ſpeiſen. So laßt uns denn ſoupiren und meine braven Gefährten dabei zu Hilfe rufen. Dann wollen wir unſere ſpäteren Maßregeln beſprechen, ihren Rath anhoͤren, und— unſern eigenen befolgen.“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Schluchten ſind zuweilen recht hübſche Dinge. Mit welchem Intereſſe verfolgt das Auge eine Schlucht im tiefen Walde; wie ſchweift es über die Lichtungen, merkt bald hier einen vorſtehenden Baum, bald dort einen Klumpen von Büſchen, das weiche Anſchwellen des Raſens, die ſachte Senkung einer Kluft! Die Fantaſie jagt dann durch den leeren Raum, füllt jede Lücke in der Linie mit einer Fort⸗ ſetzung aus ihrer eigenen Werkſtätte, ſieht die geträumte Waidmannshütte hinter dem maſſigen Laubwerk vorgucken, bevölkert den Hochwald mit braunem Wild, und läßt die Geſtalten von Knaben und Mädchen durch die manchfalti⸗ gen Lichter und Schatten hinwandeln. 588 Ich muß einen Durchblick in die Geſchichte Derjenigen werfen, auf die ſich das Hauptintereſſe der Erzählung con⸗ eentrirt hat, und kann nur wenige kurze Zeilen geben, um die Einbildungskraft des Leſers richtig zu leiten. Wir ver⸗ ließen ſie im Frühling des Jahres, während der Himmel noch weich aber warm war, während Regenſchauer ſich mit Sonnenſchein miſchten, während das Blatt in ſeiner grünen Kindheit am Zweige hing und die ganze Natur ſich erfreute, wie wenn ſie mit den ſüßen frühen Hoffnungen der Jugend erfüllt wäre. Jetzt war es Sommer, heißer Sommer; der Himmel voll goldenen Lichtes, die Wälder voll tiefen Schat⸗ tens; das Korn wurde gelb auf den Feldern, und das Vieh lag im heißen Mittag unter dem Schatten der Bäume, an ſeinem Futter kauend: der langerſehnte Sommer war ge⸗ kommen, und man ſtand eben in ſeinem vollen Genuſſe. Lord Calverly hatte den empfangenen Rath befolgt und ſich dem Könige präſentirt, um ſich ſo gut er konnte zu ent⸗ ſchuldigen. Er wagte freilich nicht, die ganze Wahrheit zu ſagen, und erzählte blos, ſeine Nichte ſey entflohen, ohne daß er wiſſe wohin, weil ſte das Verlöbniß mit Lord Fulmer nicht habe vollziehen wollen. Richard ahnte jedoch mehr als er laut werden ließ, verfuhr aber gelinde mit dem alten Lord, ohne Geldbuße, ohne Konfiscation oder gar Gefangen⸗ ſchaft zu verhängen. Er verlangte blos, daß der alte Edel⸗ mann fortwährend am Hofe bleibe, bis ſeine Nichte wieder zum Vorſchein käme, nachdem er ſich vorher überzeugt hatte, daß Lord Chartley weder um ihr Entwiſchen noch um ihren Zufluchtsort wußte. 589 Politik und Argwohn waren damals in des Königs Seele geſchäftig, denn ſeine zahlreichen Spione in Frankreich und der Bretagne hinterbrachten ihm allerhand Gerüchte, welche bewieſen, daß Stürme an ſeinem Himmel heraufzogen; auch deuteten unverkennbare Zeichen in ſeinem eigenen Lande auf das Mißvergnügen und die Abneigung unter dem Volke, während die Phantome ſchattenhafter Verſchwörungen vor ſeinen Augen über die Scene ſchwebten, und ihn jeden Men⸗ ſchen bezweifeln und beargwöhnen ließen. Die er am mei⸗ ſten fürchtete und denen er am wenigſten traute— ſie Alle behielt er unter ſeinen eigenen Augen am Hofe, da er glaubte, daß der Schrecken vor dem Henkerbeil ihm denjenigen Ge⸗ horſam ſichern werde, den er von der Liebe und dem Eifer ſeiner Untergebenen nicht erhalten konnte. Lord Fulmer blieb in Dorſetſhire als Kommandant eines kleinen Truppencorps, wurde aber durch die Gegenwart einer weit bedeutenderen Macht auf der Grenze zwiſchen Som⸗ merſet und Devon, befehligt von einem von Richards Ver⸗ † trauten, im Schach gehalten und zur Treue gezwungen. 5 Ohne ſeine Verſtellung jemals zu verabſäumen, that der König nie dergleichen, als ob er von dem Benehmen des jun⸗ gen Lords das Geringſte ahnte oder wüßte; vielmehr brachte 4 jeder Bote, der nach Dorſetſhire abging, neue Hoffnungen und Verſprechungen und vielfältige Ausdrücke des Bedauerns, daß Lady Jola St. Leger noch nicht aufgefunden worden ſey, weßhalb ſeine Hochzeit nothwendig aufgeſchoben werden müſſe. Man hätte vermuthen ſollen, daß Richard, wenn er in — 590 dieſem Falle ſolche Vorſichtsmaßregeln für nöthig hielt, noch größere Wachſamkeit gegen Lord Chartley beobachtet haben werde. Solches war jedoch nicht der Fall. Die Wider⸗ ſprüche in dem menſchlichen Gemüthe bilden einen Theil der Weltgeſchichte; allein es iſt ganz gewöhnlich, daß die eifer⸗ ſüchtigſten, wachſamſten und argwöhniſchſten Menſchen jeden Nanges, jeder Lebensſtellung, gerade denen, welche beſtimmt ſind, alle ihre Plane und Abſichten zu vereiteln, alle ihre Erwartungen zu täuſchen— das unbedingteſte Vertrauen ſchenken, und man darf ſich nicht wundern, wenn ſogar ein ſo ſcharfſüchtiger und vertrauenloſer Mann wie Richard in Betreff Chartley's oder Ardens keine Beſorgniß empfand, obwohl er Beiden verhaßt war, dagegen gegen Lord Cal⸗ verly und Fulmer ſich argwöhniſch zeigte, welche vielleicht in kleinen Dingen ſeinen Befehlen nicht gehorchen und ſeiner Autorität ihre Ehrerbietung verſagen mochten, dabei aber keinen Augenblick daran dachten, des Königs Partei zu ver⸗ laſſen, der ſie von Anfang angehangen hatten. Allein die Liſt ſchießt oft über ihr Ziel hinaus, erblickt oft einen entfernten Gegenſtand, und überſieht was unmittel⸗ bar zu ihren Füßen liegt. Es trafen vielerlei Umſtände zuſammen, welche Richard gegen Chartley ſorglos machten. Er betrachtete ihn als einen unbeſonnenen, achtloſen, leicht⸗ herzigen, jungen Mann, zu offen und freimüthig, um von ſelber Verſchwörer aufzuſuchen oder von ihnen aufgeſucht zu werden. Er war immer ein feſter Anhänger des Hauſes York geweſen, war von Jugend auf unter Richards eigener Vormundſchaft aufgewachſen, hatte den Haß gegen das Haus — 591 Lancaſter gleichſam geerbt, ſich mit dem neuen Adel(wie die Verwandten von Edward's Königen genannt wurden) nie eingelaſſen, und hatte ſogar während ſeiner Knabenjahre einen der aufgeſchoſſenen Günſtlinge Eliſabeths mit hoch⸗ müthiger Verachtung behandelt, was die Veranlaſſung ge⸗ weſen war, daß man ihn vom Hofe aus in's Ausland auf Reiſen geſchickt hatte. Dies Alles war von Richard nicht vergeſſen, und er argumentirte alſo: „Dieſer luſtige junge Lord wird weder mit Richmond noch mit Dorſet intriguiren, wenn er überhaupt intriguirt, und ſo lange die ſchöne Maid von St. Leger zu gewinnen iſt, habe ich ihn ſicher. Es iſt ganz gut, daß ſie ſich verſteckt hält, denn befände ſie ſich am Hofe oder in ihres Oheims Hauſe, ſo müßte ich mich zu frühe entſcheiden. Jener mür⸗ riſche, mißvergnügte Fulmer iſt mir verdächtig; dieſes leicht⸗ ſinnigen Jünglings bin ich aber ganz ſicher.“ Der Monat, während deſſen Sir William Arden ſich zu der Obhut über ſeinen edlen Vetter verſtanden hatte, ging vorüber. Richard hörte, wie ſie bald hier bald dorthin reis⸗ ten, von dieſem Dorfe zu jenem ſchwärmten, bald um Chid⸗ low bald um Atherſton patrouillirten und einmal zu Tam⸗ worth, dann wieder zu Leiceſter oder zu Hinckley übernachte⸗ ten, und er konnte hieraus leicht ſchließen, daß Chartley emſig nach Jola ſuche. Die Maſſe der ihn drängenden Ge⸗ ſchäfte ließ ihm nur wenig Zeit zu untergeordneten Dingen, und er ließ jenen Zeitraum verſtreichen ohne fernere Vor⸗ ſichtsmaßregeln zur Bewachung des jungen Lords zu treffen. Einige Tage ſpäter wurde er durch Catesby daran erinnert, 592 und der König überlegte ſich die Sache eine Weile, ſagte aber endlich in ziemlich zweifelhaftem Tone: „Neinz laſſen wir's gehen. Dieſes Mädchen muß jedoch aufgeſpürt werden, Catesby. Ich muß wiſſen wo ſie iſt, damit dieſer Jüngling den verborgenen Schatz nicht auf⸗ finde und ohne unſere Einwilligung wegſchnappe. Es muß ja wohl Leute geben, welche ihre Gewohnheiten und ihre Schliche kennen. Denen laßt nachforſchen, und mittlerweile ſchreibt mir einen Brief an Lord Chartley, und empfehlt ihm an, daß er Lady Jola mit allem Eifer ſuche und an den Hof bringe, wo er ganz nach ſeines Herzens Wünſchen belohnt werden ſoll. Aber merke Dir, Catesby, vergiß nicht beizu⸗ fügen— wenn der Dame Herz damit einverſtanden ſey. Dieſen jungen Narren muß man von Herzen vorſprechen, ſonſt glauben ſie's nicht. Ich denke, mit dreißig ſinken die Herzen im Preiſe— iſt's nicht ſo, Catesby?“ „Zuweilen ſchon früher, Sire,“ gab Catesby ernſthaft zur Antwort.„Ich werde jedoch Euer Geheiß befolgen, und glaube, daß Lady Konſtanze, ihre Baſe, diejenige Per⸗ ſon iſt, welche am eheſten weiß, wo der Köder verborgen liegt. Der alte Lord ſchickte ſie in das St. Claren Kloſter zurück; aber ich will einen Mann dorthin abſenden, der in Weiberverhören erfahren iſt, und Alles was ſie weiß, bald aus ihr herausbringen ſoll.“ „So ſey es,“ ſagte der König, und damit hatte die Unterredung ein Ende. 593 Neununddreißigſtes Kapitel. Es war im Monat Juli— in unſerem guten engliſchen Klima oft einem naſſen regneriſchen Monatz aber der Regen hatte ſich erſchöpft, und der Sonnenſchein war wieder hell und ſtrahlend zurückgekehrt. Die Welt ſah wieder friſch und ſchön, als ob ein neuer Frühling gekommen wäre, und heitere, liebliche Lüfte mäßigten die Hitze der Atmoſphäre; allein des Waidmanns Thüre war geſchloſſen und verriegelt, und mitten im Sommer brannte ein großes Feuer auf ſei⸗ nem Herde. Er hatte ſeinen Lederkoller abgeworfen, ſeinen mächtigen muskulöſen Arm entblößt, und ſtand mit einem ſchweren Hammer in der Hand neben dem Feuer, indem er von Zeit zu Zeit ein Eiſenſtück in der Aſche umdrehte. Er näherte ſich zuweilen einer Art beweglichen Amboſes in der Mitte des Fußbodens, und legte allerlei Eiſenplatten darauf zurecht, die mit Nietnägeln ſorgfältig befeſtigt waren, worunter aber einer fehlte. Das gluthrothe Eiſen aus dem Feuer nehmend, bohrte er es durch die beiden Löcher, wo der verlorene Nagel geſteckt hatte, und trieb das Ganze mit ſchweren Hammerſchlägen zuſammen, während ſein mächti⸗ ger Hund daneben ſtand und ſein Vorhaben mit neugierigen Blicken betrachtete. Die Eiſenplatten ſodann neben andere ihnen ähnliche legend, nahm er ein glänzendes, cannelirtes und mit goldenen Arabesken eingelegtes Bruſtſtück, und be⸗ trachtete es mit nachdenklichem, gramerfülltem Blicke. In dem harten Eiſen auf der rechten Seite war ein Loch von James. Der Waidmann. 38 594 drei Finger Breite, und das carmoiſinrothe Tuch das den Panzer einſäumte war ringsum mit tieferem Rothe befleckt. „Ach, Ban,“ ſagte der Waidmann mit ſeinem Hunde ſprechend,„das ſind die Löcher, welche das Leben ausſtrömen laſſen! Wie ſoll ich's wohl ausbeſſern? Ei was, ich laſſe es lieber wie es iſt— was ſollte ich mich auch drum küm⸗ mern? Es wäre eine glückliche Lanze, welche zum zweiten Mal denſelben Eingang fände,“ indem er das Bruſtſtück zu Boden warf. Der Hund drehte ſich brummend nach der Thüre; im nächſten Augenblick drückte Jemand auf die Schnalle und pochte um Einlaß. Haſtig aber ohne die geringſte Auf⸗ regung hob der Waidmann die verſchiedenen Wafefenſtücke vom Boden, trug ſie in das innere Zimmer und verſchloß die Thüre. Mittlerweile wiederholte ſich das Pochen zwei⸗ bis dreimal, und der Hund bellte laut. Der Waidmann zog die Riegel zurück und riß die Thüre plötzlich auf; aber draußen zeigte ſich weiter Niemand als Sam der Pfeifer. „Ei was habt Ihr gerade vorgehabt, Meiſter Boyd?“ hub dieſer an.„Ihr habt ſo laut drauf losgehämmert, daß ich mich nicht vernehmbar zu machen vermochte.“ „Ho, ich habe meine Geräthſchaften ausgebeſſert,“ er⸗ wiederte Boyd mit grimmigem Lächeln.„Was wollt Ihr aber, Sam? Bringt Ihr mir Nachrichten?“ „In Hülle und Fülle,“ antwortete der Pfeifer.„Zuerſt laßt mich meinen Sack ablegen, und reicht mir einen Schluck Bier— waͤre es auch nur dünnes Pfennigale, denn ich bin durſtig und mein Maul iſt voller Stauh,“ 59⁵ „Es iſt ſeit Tagesanbruch wohl oft voll anderer Dinge geweſen,“ behauptete der Waidmann;„aber das Bier ſollſt Du haben. Setze Dich nur dort vor die Thüre und ich will es Dir bringen.“ Der Pfeifer ließ ſich auf der rohen Bank vor der Thüre nieder, und während der Waidmann auf gaſtliche Gedanken nur gerichtet ſich entfernte, kam der Hund und legte ſeinen Kopf auf den Schooß des wandernden Muſikanten. Sam war jedoch ſo neugierig wie nur Einer ſeiner Klaſſe, und fühlte ein ſtarkes Verlangen zu ſehen, was der Waidmann eigentlich gethan hatte. Sobald er aber einen Verſuch machte, ſich zu erheben und ſich umzuſchauen, begann der Hund, ſo gut er ihn auch kannte, alsbald zu knurren und hielt ihn ſo bis zu Boyds Rückkehr auf ſeinem Sitze zurück, wie wenn er eine Schildwache geweſen wäre. „Nun denn— Deine Zeitungen,“ begann Boyd, als der Mann getrunken hatte. „Welche wollt Ihr zuerſt?“ fragte der Pfeifer.„Neuig⸗ keiten vom Hofe, aus dem Schloſſe oder aus dem Felde?“ „Gleichviel,“ meinte Boyd;„ſchüttle ſie nur aus dem Sacke, Sam, wie ſie gerade herauskommen.“ „Wohlan, alſo vom Hofe,“ ſagte Sam.„Er muß den Chrenplatz haben, wenn auch nur wenig Ehre daran iſt. Der König iſt mächtig zornig, weil er erfahren, daß der Carl von Richmond mit Heer und Flotte zum Einfall in England abgeſegelt iſt. Er ſoll gelacht haben, als man es ihm hin⸗ terbrachte, und wenn er lacht, iſt er allemal zornig.“ 38* 596 „Aber iſt Richmond auf der See?“ fragte der Waid⸗ mann.„Ich bezweifle es.“ „Ich wiederhole blos was die Leute mir ſagen,“ antwor⸗ tete Sam.„Es heißt, er ſey mit großer Macht in See ge⸗ ſtochen. Viele Leute weigern ſich, die Gnadengabe zu zahlen, und erklären ſie für eine geſetzwidrige Steuer. Das Alles macht Richard zornig, und er rast über Kleinigkeiten wie ein wüthender Bär, wenn die Hunde ihn bei der Schnauze gepackt haben.“ „Er wird bald einen Bärenführer nöthig haben, und er kann einen bekommen,“ meinte Boyd. „Die Leute ſagen, er ſey wahnſinnig, und ſein Gehirn ſey nie wieder richtig geworden, ſeit ſein Sohn zu Middle⸗ ham ſtarb. Der Königin Leichenbegängniß war jedoch ſo prächtig wie nur möglich, und Richard ſoll ein ganzes Becken voll geweint haben; aber es hat ſchon Mancher über einer rohen Zwiebel weit mehr gegreint und im Herzen doch Nichts empfunden.“ 4 „Nun ja, was geht das Alles mich an?“ fragte Boyd ungeduldig.„Die Königin iſt todt und begraben— Gott ſey ihrer Seele gnädig! Sie hatte nur wenig Ruhe hie⸗ nieden, ſeit ſie den Mörder ihres Gatten heirathete. Der König mochte ſie lieben oder nicht, mochte ſich um ſie grämen oder nicht— was ſoll das mir? Sie war nicht mein Weib,“ und auf die Bantk ſich niederſetzend, ſenkte er ſeine Augen nachdenklich zu Boden. „Nun denn, meine Hofneuigkeit iſt erzählt,“ ſagte Samz „jetzt zum Landgeſchwätze, Wißt Ihr, guter Meiſter Boyd, 597 daß Lord Chartley, mit dem Ihr und ich vor vielen Monaten zu thun hatten, als die Häuſer auf dem Kloſterraſen nieder⸗ gebrannt wurden, nach Tamworth zurückgekehrt iſt?“ „Ja, ich weiß es,“ erwiederte Boyd.„Er iſt dreimal hier geweſen, und wie eine Fliege um die Lampe herum⸗ geflogen.“ „'s iſt ein guter Junge,“ ſagte der Pfeifer.„Er ver⸗ ſprach mir einen goldnen Angelus, und gab mir zwei. Auch hat er ein recht liebevolles Gedächtniß für jene Nacht, denn ich bekomme ihn nie zu Geſicht, daß er mir nicht ein ſilber⸗ nes Andenken ſchenkt, ſo daß ich jetzt ganz reich bin, Meiſter Boyd. Da iſt ferner ſein guter Vetter Sir William Arden. Er ſchwärmt voll Zärtlichkeit hier herum und verlebt ſeine meiſte Zeit vor dem Kloſtergitter.“ „So, was thut er denn dort?“ fragte Boyd. „Ei er ſpricht ſtündlich mit Lady Konſtanze,“ antwortete der Pfeifer,„und es heißt allgemein, es werde eine Partie geben, obgleich er wohlgeſtrichen in Kriegen, wenn auch nicht in Jahren iſt. Auch er iſt ein guter Mann und freigebig mit Silbergroſchen; aber ſein Haar wird mitunter grau ge⸗ ſprenkelt, ſo daß er kein ſo guter Mann iſt, wie der junge Lord, deſſen Locken ganz braun ausſehen. O gib mir das Haar, ſo glänzend und fein, Die Zähne ſo weiß, die Haut ſo rein, Den Schritt ſo leicht und die Miene ſo frei Meiner lieben Margarethe vom Mai. Nein, nein; Chartley iſt mir lieber, und ich werde mir noch ein Vermögen durch ihn erwerben, wenn es ſo fort geht.'s 598 iſt das erſte Glück das mich überfiel, und ich will meine Mütze ſchon öffnen, um es aufzufangen.“ „Nun, wirſt Du denn Alles wieder mit Trinken hinaus⸗ rinnen laſſen?“ fragte Boyd.„Aber wie mag dieſes Glück an Dich kommen?“. „Ci, er hat mir verſprochen, mir einen ganzen Maas⸗ humpen mit Goldſtücken anzufüllen, wenn ich für ihn aus⸗ findig mache, wo die hübſche Maid haust, welche vor nicht langer Zeit eine ganze lange Nacht im Walde mit ihm durch⸗ wacht hat,“ ſagte der Pfeifer.„Sie heißen ſie Lady Jola. Ich weiß nicht, ob Euch eine ſolche Perſon bekannt iſt; aber er hat Hoch und Niedrig, Arm und Reich befragt und alle Arten von liſtigen Leuten angeſtellt, um zu erfahren, wo die Lady iſt, ſo daß er ſich endlich in purer Verzweiflung an einen Pfeifer wandte, und der Pfeifer iſt der Mann zu ſeinem Gelde, denn er hat ſie entdeckt.“ Der Waidmann fuhr bei dieſen Worten zuſammen, und ſich mit ſtrengem Blicke zu ihm wendend, rief er: „Und Du haſt es ihm erzählt?“ Der Pfeifer ſchwieg eine Weile und lachte dann. „Nein,“ ſagte er endlich;„ich hab's ihm noch nicht er⸗ zählt. Ich dachte, ich wollte zuerſt mit einem gewiſſen Manne ſprechen, der zuweilen ſeine eigenen närriſchen Ge⸗ danken hat, und der, wenn auch manchmal ein rauher Mann, in Zeiten von Gefahr oft gütig gegen mich geweſen iſt. Wenn ich mich in Etwas miſche, ſo frage ich immer gern, worein ich mich miſche, und obgleich ich nur ein armer Teufel bin, der ſelten von einem Tag auf den andern weiß wo er 599 Speiſe, oder— was noch wichtiger iſt— wo er zu trinken hernehmen ſoll, ſo möchte ich doch, ehrlich geſtanden, lieber einen Humpen voll Goldſtücken verlieren, als ein Unheil an⸗ richten, das ich nicht verbeſſern kann. Ich beſchloß alſo vor Allem und zuerſt, mit jenem Manne zu reden, der ein gut Stück von der Sache weiß, und was er verſteckt hat auch finden kann. Bin ich nicht weiſe?“ „Du biſt mehr als weiſe,“ ſagte der Waidmann, ihm ſeine ſtarke Hand auf die Schulter legend;„Du biſt gut, wie dieſe Welt nun einmal beſchaffen iſt.“ Der Waidmann ſchwieg eine Weile nachdenklich und fuhr dann fort: „Noch nicht: Du darfſt es ihm noch nicht erzählen. Sie muß noch eine Aufgabe vollenden, noch einen Auftritt durch⸗ machen, ehe es Tag werden darf. Sagteſt Du nicht, der Earl von Richmond ſey auf der See?“ „So erzählt man ſich's im Vertrauen,“ erwiederte der Andere;„Nachrichten von großen Vorbereitungen zu Har⸗ fleur, von Truppenverſammlungen zu Rouen haben den Hof erreicht und werden in der Stadt herumgetragen; es geht das Gerücht, der gute Earl ſey abgeſegelt, um in Dorſetſhire oder Devon zu landen.“ „Dann muß er auf einen Schlag ſiegen oder fallen,“ meinte der Waidmann;„da muß man ihn reiflich berathen. Doch die Erzählung iſt ohne Zweifel falſch; auf alle Fälle iſt es zu ſpät, ihn zurückzuhalten. Laß mich überlegen. Heute iſt der achtundzwanzigſte Juli— nicht wahr?“ 2 5⁰0 „Ja, ſo iſt's nach meinem Kalender,“ gab der Pfeifer zur Antwort. 4 Der Waidmann ſchien ihn jedoch nicht zu hören, und fuhr in demſelben Tone fort: „Es iſt ein denkwürdiger Tag— ja wohl ein denkwür⸗ diger Tag! Noch einmal in Waffen! Höre, mein Freund — willſt Du mein Bote ſeyn?“ „Wie? an den Earl von Richmond?“ ſchrie Sam auf⸗ fahrend. „Wer ſprach von dem Earl von Richmond, Du Narr?“ fragte Boyd in ſtrengem Tone.„Nein— an eine Dame.“ „O recht gerne,“ antwortete der Pfeifer,„beſonders wenn ich erwäge, wer die Dame iſt, denn ſie war immer gut und freundlich gegen mich.“ „Laß Deinen Witz nicht Deiner Kenntniß vorauslaufen, ſonſt wird er die Wahrheit hinter ſich laſſen,“ bemerkte der Waidmann.„Ich ſende Dich an eine Dame, die Du zwar geſehen, mit der Du aber noch nie geſprochen haſt—“ Hier brach er plötzlich ab, und ſchien ſeinen Geiſt zu an⸗ deren Dingen ſchweifen zu laſſen. „Wenn Richmond unter Segel gegangen iſt, ſo kann er bereits gelandet haben,“ ſagte er. Richard iſt unvorbereitet: er hat noch keine Truppenmacht im Feld, noch keine Aus⸗ hebung veranſtaltet, ſoviel ich weiß. Es muß ein Irrthum obwalten; aber es mag dennoch an der Zeit ſeyn.— Erinnerſt Du Dich einer Dame, welche vor einigen Wochen mit einem Gefolge von Mädchen und Reitknechten hier durch den Wald zog 2 — 601 „Ja wohl, ganz gut,“ gab der Pfeifer zur Antwort;„ſte betete vor dem Schrein der heiligen Clara, durchſtöberte die ganze Kirche, unterſuchte die Denkmäler, und las die Bücher, wo die Namen der Fremden eingetragen ſind; überdies gab ſie reiche Almoſen, an denen auch ich meinen Theil bekam. Von da zog ſie nach Atherſton, dann nach Tamworth, und nach vielen anderen Plätzen. Auch am Hofe iſt ſie ge⸗ weſen.“ „Und iſt jetzt nach Tewksbury gegangen,“ ergänzte der Waidmann.„Sie iſt es, an die ich Dich abſenden will.“ „Eine weite Reiſe, guter Meiſter Boyd, erwiederte der Pfeifer,„und Prinzeſſinnen ſind für mich zu hoch. Es heißt, ſie ſey eine Prinzeſſin. Schickt lieber einen Anderen, der be⸗ hender von Gliedern und ſanfter von Worten iſt, als ich.“ „Ich kann keinen entbehren,“ entgegnete der Waidmann, „und eben weil Du nicht tauglich biſt, ein Schwert zu ziehen oder eine Pike einzulegen, ſende ich Dich ab. Was die Schnelligkeit betrifft, ſo ſollſt Du die Mittel erhalten, um mit vier Beinen Deine eigene Lahmheit zu kuriren. Kannſt Du reiten?“ „Ein Schwert ziehen oder eine Pike einlegen!“ rief Sam.„Stehſt Du im Begriffe Krieg anzufangen, Waid⸗ mann.“ „Kann nicht die Abtei in ſo unruhigen Zeiten einer Vertheidigung bedürfen?“ fragte Boyd.„Weißt Du nicht, daß ich jetzt neben dem oberſten Waidmann auch das Amt des Vogtes begleite? Ich wiederhole— kannſt Du reiten?“ „O ja, in meinen jungen Tagen ritt ich die wildeſten 60² Roſſe,“ verſicherte der Mann.„Ich wollte, ich haͤtte jetzt ein wildes oder zahmes Thier, denn ich humple erbärmlich.“ „Wohlan, Du ſollſt eines haben,“ erklärte Boyd,„und wenn Deine Reiſe vorüber iſt, magſt Du's zum Lohne be⸗ halten. Aber wohl gemerkt, Du ſollſt mir auf Seele und Gewiſſen verſprechen, daß Du nichts als Waſſer trinken willſt, bis Du meine Botſchaft überliefert haſt—— „Das iſt ein harter Eidſchwur,“ meinte der Pfeifer. „Ich habe früher einmal einen ähnlichen geleiſtet, und mußte hernach vierzehn Tage lang mein Maß verdoppeln, um die verlorne Zeit wieder einzubringen.— Nun gut, ich will's verſprechen.“ „Das iſt noch nicht Alles,“ verſetzte Boyd.„Du ſollſt mir überdies geloben, daß Du über den, von welchem die Botſchaft kommt, kein Wort äußern, daß Du weder meinen Namen erwähnen, noch meine Perſon beſchreiben oder meine Wohnung nennen willſt. Du brauchſt die Dame blos auf⸗ zuſuchen und ihr zu ſagen: ſie könne das Schickſal desjenigen dem ſie ſo lange nachgeforſcht hat, noch immer erfahren, und Du wolleſt ſie zu einem Manne führen, der ihr jede ge⸗ wünſchte Auskunft zu ertheilen vermöge.“ „Und ſie hieher bringen?“ fragte Sam. „Nein,“ gab der Waidmann zur Antwort.„Erſt will ich mich aber verſichern, ob Du wirklich weißt, wo Lady Jola iſt. Erzähle mir, wie und wo Du ſie entdeckteſt. Zögere nicht, denn es muß erzählt werden.“ „O ich zögere nicht,“ verſicherte der Pfeifer;„denn Ihr waret auch dort, und ſo kann ich ihr nicht ſchaden. Eines — V 603 Nachts, als ich durch den Wald ging, der zwiſchen Atherſton und Alanſtoke liegt— Ihr kennt ihn recht gut; nicht das erſte Gehölz, ſondern den größeren Wald dahinter— ver⸗ nahm ich ein eigenthümliches Singen vieler Stimmen; da ich Muſik liebe, ſo kroch ich herzu, und ſah auf der kleinen Lichtung neben dem Bache, der in das Tamworthwaſſer läuft, etliche dreißig Perſonen, Männer und Frauen, welche recht lieblich ſangen. Ich weiß nicht genau, was es für Geſänge waren— jedenfalls nicht die Lieder der Kirche— aber ſie ſchienen rein und heilig, denn von Zeit zu Zeit prieſen ſie Gottes Namen und gaben ihm Glorie und Ehre. Sie beteten auch, aber auf Engliſch, und ich konnte mich nicht enthalten zu denken, es wäre wohl beſſer, wenn alle Leute im Lande es ebenſo machten, denn ich bin überzeugt, ſie wüßten dann beſſer, was ſie ſprechen, als wenn ſie lateiniſch beten. Obwohl man die Leute ohne Zweifel Lollarden nennen konnte, ſo geſiel mir ihr Meeting recht wohl. Als ſie auseinander gingen, ſah ich Lady Jola— denn ſie war auch dabei— zwiſchen zwei Männern von dannen gehen. Der Eine war von Eurer Größe, guter Meiſter Boyd; den Andern kannte ich an ſeinem langen weißen Barte: es war der gute alte Franklin, Elias Ames. Ein dritter Burſche folgte, vermuthlich um zu ſehen, ob Niemand ſie bewachte, und er ſchien mir dem Sohn des Kloſtergärtners wunderbar ahnlich zu ſehen. Ich täuſchte jedoch ſeine Wachſamkeit und folgte auf dem andern Pfade, bis ich Lady Jola und den guten alten Franklin in deſſen hübſches hölzernes Haus mit dem Gaisbhlatt über der Thüre treten ſah, während die 60⁰4 Uebrigen ihres Weges weiter gingen. Am nächſten Morgen, bald nach Tagesanbruch, ſah ich die Lady noch einmal zwi⸗ ſchen dem Gaisblatt durch das Fenſter gucken, wobei ſie mir noch weit lieblicher als jene Blüthen vorkam.“ „Wohlan,“ ſagte der Waidmann nach längerem Nach⸗ ſinnen;„gehe zu der oben erwähnten Dame, ſage ihr, was ich geſagt habe, aber nicht wer es ſagte, und führe ſie mit ſo wenig Gefolge als möglich zu jenem Hauſe. Dort ſoll ſie mehr erfahren.“ „Aber wie ſoll ich Zutritt bei ihr erlangen?“ fragte Sam.„Die Schlingel, ihre Kammerdiener, werden mich vom Kopf bis zu Füßen betrachten, und mich dann aus dem Zimmer jagen. Wie ſoll ein armer Pfeifer Audienz bei einer Prinzeſſin bekommen?“ „Die Mittel dazu ſollſt Du haben; warte nur eine Mi⸗ nute,“ antwortete Boyd, und zog ſich abermals in die Hütte zurück, wo er kurze Zeit verweilte. Als er zurückkehrte, hatte er ein beſchriebenes Papier in der Hand, und ſagte: „Da, trage das zu Sir William Stanleys Vogt zu Ather⸗ ſton. Er wird Dir behilflich ſeyn, Dich für die Reiſe aus⸗ zurüſten.“ „Ein Pferd—— glaubt ihm, las der Pfeifer.„Be⸗ deutet das, er ſoll einem Pferde glauben?“ „Nein,“ erwiederte der Waidmann ernſthaft—„Dir ſoll er glauben und Dir ein Pferd geben. Ich wußte nicht, daß Du leſen kannſt. Jetzt ſchau her,“ fuhr er fort, indem eer dem Manne ein großes goldenes Kreuz von der ſoge⸗ nannten griechiſchen Form übergab, das mit fünf Sardonix⸗ — ſteinen beſetzt war, und an zwei ſehr hübſch gearbeiteten Ketten hing, die in Schlangenköpfen endigten. Es ſchien von ſehr alterthümlicher Arbeit, war aber ſo prachtvoll, daß es die Bewunderung des armen Pfeifers in hohem Grade erregte. „Nun, höre auf zu glotzen!“ gebot der Waidmann; „nimm dieſes Kreuz, bewahre es ſorgfältig, wo Niemand es ſehen kann, damit Du nicht um ſeinetwillen beraubt und ermordet wirſt. Wenn Du mit dem Gefolge der Lady zu⸗ ſammentriffſt— Du findeſt ſie entweder in Tewksbury oder auf einem der benachbarten Dörfer— ſo verlange ihre erſte Kammerfrau zu ſprechen. Sage ihr, ſie ſoll das Kreuz zu ihrer Gebieterin tragen und fragen, ob ſie es kaufen will. Da haſt Du Geld zu Deiner Reiſe. Sie wird Dich wohl bald ſprechen, wenn ſie dieſes Kreuz geſehen hat.“ „Wenn ſie mich aber nicht ſprechen will— was dann?“ forſchte Sam. „Dann kehrſt Du zurück,“ erwiederte der Waidmann anſcheinend tief bewegt, und wollte ohne fernere Worte in ſeine Hütte zurückkehren, als ihm der Pfeifer laut nachrief: „Hört, hört einmal, Meiſter Boyd— noch eine Minute. Jeder Handel hat zwei Seiten, wie Ihr wißt: wenn ich Euer Geſchäft übernehme, dürft Ihr mir das meinige nicht verderben.“ „Das Deinige, Mann?“ rief der Waidmann, ſich ſcharf umwendend.„Welches iſt das Deine?“ „Wenn ich Euch recht verſtand,“ verſetzte Sam in unter⸗ würfigem Tone,„ſo ſagtet Ihr oder wolltet wenigſtens ſagen, das Geheimniß von dem Aufenthalte dieſer theuren Lady dürfe dem jungen Lord noch nicht erzählt werden, doch könne dieß ein andermal geſchehen. Nun merkt: ich muß der Erzähler ſeyn, denn ich habe die Entdeckung gemacht.“ „Ich verſtehe Dich,“ ſagte der Waidmann.„Fürchte Nichts; der Humpen voll Goldſtücken ſoll Dir nicht ent⸗ gehen— das iſt's doch, was Dich bekümmert; Niemand ſoll ihn Dir wegnehmen. Jetzt mach Dich raſch auf den Weg, denn die Zeit drängt, und es nahen Ereigniſſe, welche keinen Aufſchub zulaſſen.“ Vierzigſtes Kapitel. Hochſommertage dämmern frühzeitig, und ſogar unter denjenigen Volksklaſſen, welche nicht gewohnt ſind, den größeren Theil der Nacht unter Studien oder Vergnügungen zuzubringen, geſchieht es nur ſelten, daß die aufgehende Sonne viele Frühaufſteher vorfindet. Die Stunde, wo die Arbeiten des Kloſtergartens im Sommer begannen, war fünf Uhr; aber noch lange ehe jene Stunde geſchlagen hatte, ſah man an einem der erſten Auguſttage in einer der Hütten des Kloſterraſens eine Thüre ſich öffnen und einen derben gut⸗ ausſehenden jungen Mann zum Vorſchein kommen, indem er große Sorge trug, ſeinen Austritt ſo geräuſchlos wie möglich zu machen. Er ſchaute ſich in dem grauen Zwielichte um, denn die Luft war noch von den Schatten der Nacht verfinſtert. Jedes Fenſter hatte noch ſeine rohen Holzläden vor, und ey 607 machte ſich ſofort ohne Furcht auf den Weg. Sein Schritt war leicht, ſein Geſicht offen und gutmüthig, ſeine Kleider zwar ſehr grob, aber gut und reinlich, und bezeichneten ihn als einen Arbeiter der beſſeren Klaſſe. Bald hatte er den Raſen hinter ſich, und wandelte zwi⸗ ſchen den Häuſern, die zur Zeit des Brandes ſtehen geblieben, und zwiſchen denen, welche eben wieder im Aufbau begriffen waren, den Hügel hinab und erreichte das Flußufer, an welchem die Truppen bei ihrer damaligen Jagd auf Doktor Morton hinaufmarſchirt waren. Ohne die Straße gegen Coleshill weiter zu verfolgen, bog er ſcharf links auf einen Pfad ein, der zwiſchen der Abtei und einer Reihe hoher Weidenbäume, welche den Pfad vor dem Weiler verſteckten, über einige von einem kleinen Baͤchlein bewäſſerte Wieſen hinzog. Etwa eine halbe Meile davon entfernt lag ein Gehölz von etlichen vier⸗ bis fünfhundert Morgen Ausdeh⸗ nung; hinter demſelben, nur durch zwei bis drei wellenför⸗ mige Felder getrennt, ſah man einen weit ausgedehnten Wald, der aber noch nicht den Namen eines Forſtes ver⸗ diente. Nach dem Rande des letzteren richtete der junge Mann ſeine Schritte, noch immer dem kleinen Pfade folgend, welcher von dem geſchäftigen Schritte der Menſchen nur ſelten betreten ſchien, da die grünen, wenn auch etwas nie⸗ dergedrückten oder zertretenen Grashalme den Boden nirgends durchſchimmern ließen. Es war in der That eine wilde, einſame Landſchaft, mit gerade ſo viel Kultur, daß die Abgelegenheit nur noch fühl⸗ harer wurde. Der junge Mann ſchien jedoch alle Pfade 608 recht gut zu kennen, denn obwohl ſie ſich bald nach dieſer bald nach jener Seite verzweigten und zuweilen kaum zwi⸗ ſchen dem Graſe zu verfolgen waren, ging er doch ohne Schwanken oder Zögern feſten Schrittes weiter, bis er zu⸗ letzt nahe bei einer Stelle, wo ein hoher rother Pfoſten ſtand, den Wald betrat. Er hatte faſt noch eine Meile weiter zu gehen, nachdem er dieſen Punkt erreicht hatte, und ſein Weg führte ihn über manche einſame Lichtung und durch allerlei Bogengänge, bis er endlich eine hochkultivirte Stelle erreichte, welche dem Walde abgerungen zu ſeyn ſchien. Unmittelbar vor ihm, auf der anderen Seite dieſes angebauten Fleckes, ſtand ein niedliches einſtöckiges Haus aus Baumſtämmen erbaut, mit Glasfenſtern und ſogar zwei Kaminen— dazumal großen Raritäten. Die ganze Front war mit wildem üppig blü⸗ hendem Gaisblatt bedeckt, ſo daß Thüren und Fenſter nicht anders denn wie liebliche Lauben ausſahen. Durch viele Roſenbüſche, welche vor dem Hauſe ange⸗ pflanzt waren, mit leichtem Schritte ſich nähernd, pochte der junge Mann mit dem Thürklopfer herzhaft an die Thüre; einen Augenblick ſpäter ging ſie auf und er trat ein. Er hatte jedoch nicht bemerkt, daß man ihn auf ſeinem Pfade verfolgt hatte. Als er anfänglich das Haus auf dem Kloſterraſen verlies, tauchte ihm gegenüber, hinter der Ecke eines neuen Gebäudes, ein Geſicht auf, das von Farbe ganz ſchwarz und von einem Turban überragt war. Es verſchwand augenblicklich wieder; als aber der junge Mann an dem Strom hinabeilte, ſchlich eine faſt ganz weiß gekleidete 609 Geſtalt hinter den neuen Häuſern vor, und ſich faſt ganz zu Boden bückend in einer Stellung, wie europäiſche Gliedmaßen ſie kaum anzunehmen vermöchten, merkte ſich der ſchwarze Wächter mit ſcharfem flammendem Blicke den Weg, den der Jüngling einſchlug, ſchoß mit Blitzesſchnelle nieder, ſobald jener hinter den Weiden verſchwand, ſprang über eine niedere Hecke, ging gerades Wegs durch den klei⸗ nen Bach, obwohl er mehr als knietief war, und folgte deſſen Laufe das gegenüberliegende Ufer entlang. Als er ſich dem Ausgange der Weidenreihe bis auf etwa zehn Schritte genähert hatte, ſtand er ſtill und neigte das Haupt, um aufmerkſam zu lauſchen. „Ein Fußtritt drang ihm zu Ohren. Derſelbe ging über weichen grünen Raſen; aber er hörte ihn dennoch. Er ver⸗ hielt ſich einige Minuten vollkommen ſtill und regungslos; dann wadeteer abermals durch den Bach, kroch ſachte zwi⸗ ſchen den Weiden durch und ſchaute mit geſpanntem Blicke den Hügel hinan. Etwa fünfzig Schritte vor ihm war die Geſtalt des jungen Mannes zu ſehen, und der Schwarze bewachte ihn aus dieſem geſchüzten Winkel faſt bis an den Rand des Waldes. Sobald er verſchwand, ſchlich ſein Verfolger leiſe nach und eilte tief gebückt den Abhang hin⸗ auf, wo die Geſtalt ſich vor ſeinen Augen verloren hatte.. Der Boden bildete dort eine ſanfte Mulde, und als der Araber ſein Haupt emporreckte und um ſich ſchaute, war bis auf zweihundert Schritte vor ihm faſt Nichts als die grü⸗ nen Zweige des Waldes und drei ſchmale Pfade zu ſehen, die nur wenige Fuß von ſeinem Standpunkte auseinander James. Der Waidmann. 39 4 610 liefen und dann zwiſchen den Bäumen auf mehrere Punkte zuführten, die beträchtlich von einander entfernt waren. Der Araber kniete augenblicklich auf den Boden nieder und ſchien mit ſcharfem forſchendem Blicke das Gras auf dem Pfade zu unterſuchen; aßf Händen und Knien kroch er langſam bis zu dem Kreuzpunfte der drei Pfade. Dort hielt er ſtill, muſterte den zur Rechten, dann den zur Linken und endlich den mittleren, indem er in derſelben Stellung mehrere Schritte weiter kroch. Dann mit einem Male ſprang er auf und ſtürzte mit der Schnelligkeit des Hirſches in den Wald. Dort traf er Sandboden, und ſo viele verwickelte Seitenpfade auch rechts und links ablenkten, ſo leitete ihn doch eine lange Reihe von Fußſpuren auf den rechten Weg, bis er in demſelben Augenblicke, da der junge Mann in das Haus trat, den kleinen Pachthof erreichte. Der Araber trat alsbald zurück und verſteckte ſich zwi⸗ ſchen den verſchlungenen Büſchen, wo er leiſe und ſachte durch Abſtreifen der Zweige eine Oeffnung machte, ſo daß er die Thüre des Gebäudes voll im Geſicht hatte. Die Arme über die Bruſt gekreuzt kniete er nun nieder und hielt die Augen regungslos und kaum blinzelnd faſt zwanzig Minuten lang auf die Vorderſeite des Hauſes geheftet. Nach Ablauf die⸗ ſes Zeitraums ging die Thüre auf und der junge Mann trat wie es ſchien mit einem beſchriebenen Papiere in der Hand daraus hervor; hinter ihm ſah der Wächter ein ſchönes wohl⸗ bekanntes Antlitz. Die Thüre wurde alsbald wieder ge⸗ ſchloſſen und Ihn Ayoub bückte ſich nieder, bis er durch die Büſche ganz verdeckt war, Gleich darauf kam der Sohn 1 611 des Kloſtergärtners an dem Verſtecke des Arabers vorüber, und ſobald er Zeit genug gehabt hatte, um einen Vorſprung auf ſeinem Wege zu gewinnen, erhob ſich Ibn Ayoub und folgte ihm langſam. Etwa vier bis fünf Stunden ſpäter aſtNage ſaß Chart⸗ ley in der kleinen Stube einer Herberge, den Kopf auf die Hand geſtützt und die Augen düſter zu Boden geheftet. Das war nicht ſeine gewöhnliche Stimmung; aber Täuſchung auf Täuſchung wird auch das froheſte Herz ſchwer machen. Das Gewicht einer Feder wird nicht empfunden; aber viele zu⸗ ſammen können Einen doch niederbeugen. „Da kommt Arden,“ dachte er, als er unten den Klang von Pferdehufen vernahm.„Er iſt glücklich: Alles freut ſich und gibt ſeine Zuſtimmung, da ein ſchönes vermögen⸗ loſes Mädchen das Herz eines der reichſten und edelſten Män⸗ ner in England erobert hat, während ich, der ich mich um Geld oder Rang eben ſo wenig bekümmere wie er— elend ſeyn muß, weil dieſe liebliche Jola eine Erbin iſt. Fluch dieſem Reichthum! Ich wollte, es gäbe gar keinen; wir wären dann Alle glücklicher. Aber bin ich neidiſch? Das iſt nicht recht. Ach Gott! ich kanns nicht hindern. Er darf es aber jedenfalls nicht ſehen.— Nun, Arden, was für Neuigkeiten? Du haſt natürlich Konſtanzen geſehen. Hat ſie Nachrichten erhalten?“ „Ja, wie früher— einige Worte, die ſie auf ihrem Ti⸗ ſche fand,“ ſagte Arden.„Sage ihm, ich ſey ſicher und wohl, ſo lautete das Schreiben; heiße ihn guten Muthes ſeyn. Ich will mein Wort halten und nach ihm ſenden, ſo⸗ 39* 642 bald Gefahr droht. Das war Alles; aber es war ihre eigene Handſchrift. Mich dünkt, Chartley, wir ſollten dieſe hartnäckige Nachforſchung lieber aufgeben. Wenn Du ſie entdeckſt, kann das nicht auch andere Augen auf ihren Zufluchtsort lenken? Der König läßt uns ſcharf bewachen — das darfſt Du mir glauben.“ „Ich denke nicht,“ antwortete Chartley;„und überdies — wie ſoll ich beruhigt ſeyn, da ich nicht einmal weiß, in welcher Richtung ſie meiner Hülfe bedürfen mag, wenn ſte deren bedarf? Ein Mißverſtändniß könnte alle unſere Hoff⸗ nungen zertrümmern. O könnte ich ſie nur entdecken! meine Zunge würde bald Worte finden, um ſie zu augen⸗ blicklicher Flucht zu bereden; das iſt das einzige ſichere Mit⸗ tel— das einzige, das uns davor ſichert, daß ſie nicht zu dieſer vermaladeiten Heirath gezwungen und ich nicht ange⸗ trieben werde, dieſem Fulmer oder mir die Kehle abzu⸗ ſchneiden.— Ha, Ibn Ayoub; wo biſt Du den ganzen Tag geweſen?“ „In meines Lords Geſchäften,“ erklärte der Araber und ſchwieg dann, indem er ſich in der Ecke des Zimmers ruhig auf den Boden niederſetzte— eine Gewohnheit, welche er immer annahm, wenn er insgeheim mit ſeinem Herrn zu reden wünſchte. Dann war Nichts im Stande ihn zu offenem Sprechen zu bewegen, denn wenn gleich Sklave, hatte Ibn Ayoub doch ſeinen eigenen Willen und wußte ihn aus⸗ zuüben, und Chartley kannte es als ganz vergeblich, ihn zur Mittheilung ſeiner Nachrichten aufzufordern oder in Ardens Gegenwart darüber auszufragen. Der gute Ritter 613 zog ſich jedoch bald auf ſein eigenes Zimmer zurück, und Chartley, ſeine Augen auf den Araber heftend, der ſich mäuschenſtill verhielt, fragte was er gethan habe. „Geſucht, was verloren iſt,“ erwiederte der Sklave auf⸗ ſtehend und vor ſeinen Gebieter tretend. „Und haſt Du es gefunden?“ fragte Chartley mit klo⸗ pfendem Herzen, denn der Mann hatte eine ſo ernſte wichtige Miene an ſich, daß ſein Gebieter, der ihn jetzt ſeit drei bis vier Jahren kannte, auf das Bewußtſeyn eines glücklichen Erfolges ſchloß. „Ich habe, Mylord,“ erwiederte Ibn Ayoub.„Du haſt einſt Balſam in meine Wunden gegoſſen und kühles Waſſer an meine dürſtende Lippen gehalten; ich kann jetzt das Gleiche für Dich thun. Sie, die Du verloren haſt, iſt gefunden. Ich hörte Dich fragen, wie es möglich ſey, daß die Dame ihrer Baſe Briefe zuſende. Nach dem, was ich in dem Schloſſe des alten Mannes geſehen, errieth ich den gehei⸗ men Boten, ſpürte ihn auf und ſah das Geſicht der Dame. Jetzt kannſt Du hingehen, wann Du willſt.“ „Sah ſie Dich, Ihn Ayoub?“ fragte Chartley, in dem⸗ ſelben Athem beifügend:„was ſagte ſie?“ „Sie ſah mich nicht,“ erwiederte der Araber.„Ich war verſteckt vor ihren Blicken.“ Weitere Erklärungen folgten; wie es aber ſo oft im Le⸗ ben geht, wenn der erſte Schritt gemacht iſt: er bringt als⸗ bald Zweifel und Schwierigkeiten im Gefolge. Chartley war jedoch ungeſtüm und fühlte die Unmöglichkeit, ſich län⸗ ger zurückzuhalten. Der Araber konnte ihm zwar nicht den 614 Namen des Ortes nennen, wo Jola Zuflucht gefunden hatte, ihn auch nicht ſo beſchreiben, daß er ſelbſt deſſen genaue Lage hätte errathen können; aber er erbot ſich ſeinen Lord dahin zu führen, ſo bald es dieſem beliebe, indem er der Wahrheit gemäß verſicherte, er habe ſich jeden Schritt des Weges ſo genau gemerkt, daß er ſich unmöglich irren könne. „Wie weit?“ fragte Chartley. „Mit flinken Roſſen eine Stunde,“ gab der Mann zur Antwort. „Wohlan, morgen mit Tagesanbruch brechen wir auf,“ verſetzte ſein Gebieter.„Sage Niemand ein Wort, ſondern halte unſere Roſſe parat; wir wollen mit dem erſten Mor⸗ genſtrahle ausziehen.“ Dieſer Plan wurde ausgeführt, und während Arden noch ruhig in ſeinem Bette ſchlief, waren Chartley und der Ara⸗ ber bereits nach dem Hauſe des alten Franklins Elias Ames unterwegs. Mit der Sicherheit, mit der ein Hund das Wild aufſpürt, führte Ibn Ayoub ſeinen Gebieter auf dem Pfade, welchen des Gärtners Sohn am Tage zuvor verfolgt hatte, nur daß er den Fuß des kleinen Hügels, auf dem die Abtei ſtand, umging und die Wieſen durchkreuzte, um das Ende der Weidenreihe zu erreichen. Die ganze Reiſe dauerte kaum eine Stunde, und Chartley hatte endlich des Frank⸗ lins Haus und das angebaute Land in deſſen Umgebung vor Augen. „Dort,“ ſagte Iön Ayoub, mit der Hand darnach deu⸗ tend—„dort wohnt ſie.“ „Gut,“ ſagte Chartleh vom Pferde ſpringend.„Führe 615 die Roſſe unter die Bäume, wo ſie nicht geſehen werden können. Ich will das Zeichen geben, wenn ich herauskomme. Sie mag vielleicht zürnen,“ dachte er;„aber die Frauen kennen wohl nur wenig die heftige Ungeduld, welche ein treuer Liebhaber empfindet, bis er die Dame ſeines Herzens nach langer Abweſenheit wieder ſieht.“ Mit dieſen Worten ging er auf dem Pfade weiter und näherte ſich dem Hauſe. Die Fenſter waren alle mit höl⸗ zernen Läden geſchloſſen, und er umkreiste das ganze Haus, ohne ein Mittel zum Eintritte zu finden. „Es könnte ſie erſchrecken, wenn ich das Haus plötzlich wach riefe,“ dachte er, und zu dem Rande des Waldes zu⸗ rückkehrend, wartete er dort noch eine halbe Stunde länger. Dann ſah er den alten Mann und eine rüſtige Dienerin aus der Thüre treten und die Läden von den Fenſtern abnehmen; als dieß geſchehen war, wandelte der gute Franklin eine kleine Schlucht zur Rechten hinab, wie wenn er ſeine eigenen Tagesgeſchäfte überwachen wollte. Chartley wartete bis er fort war. Die Dienerin war unterdeſſen wieder ins Haus getreten; aber er hörte oder glaubte wenigſtens die Töne einer ſüßen wohlbekannten Stimme zu hören, welche die Magd beim Eintreten anredete. Er trat nunmehr vor das Haus, ſchwankte zwar eine Weile, ob er an die Thüre klopfen ſolle oder nicht, legte aber end⸗ lich die Hand auf den Drücker und öffnete ohne weitere Umſtände. Die Gänge im Hauſe bildeten ein Kreuz, welches das Gebäude in vier gleiche Theile ſchied. Vor ihm war Alles 616 leer, und er konnte durch eine Hinferthüre deutlich in einen kleinen Obſtgarten ſehen; linker Hand hörte er aber eine Frauenſtimme ſprechen und vernahm jetzt unwiderleglich, daß Jola's Stimme ihr Antwort gab. Nach jener Richtung ſich wendend, ging er den Gang hinauf und ſah die Dienerin aus einer Zimmerthüre treten. Sie ſchloß die Thüre ſo⸗ gleich hinter ſich, als ſie einen Mann auf dem Gange ge⸗ wahrte, und fragte batzig, was er wolle. „Ich wünſche mit der Lady in jenem Zimmer zu ſpre⸗ chen,“ erklärte Chartley.„Wenn ſie weiß, wer es iſt, wird ſte mich gewiß ſehen wollen.“ „Unſinn, Unſinn, junger Mann“, erwiederte die Frau. „Es iſt keine Lady da, und dort iſt nur eine Vorraths⸗ kammer.“ „Dann können Eure Vorräthe reden, gute Frau,“ er⸗ wiederte Chartley,„denn ich hörte eine mir recht wohl be⸗ kannte Stimme mit Euch ſprechen.“ „Geht fort, geht fort,“ erwiederte die Magd, die in dem dunklen Gange, in welchem Chartley ſtand, weder ſeine Klei⸗ dung ſehen, noch ſeinen Rang ahnen konnte.„Geht fort; ſonſt werd' ich die Leute hereinrufen, um Euch dazu zu zwingen.“ „Alle Männer in der Nachbarſchaft zuſammengenom⸗ men werden mich nicht zwingen,“ antwortete Chartley laut, „wenigſtens nicht, bis ich die Dame geſehen habe. Sagt Ihr, es ſey Lord Chartley; wenn ſie mich gehen heißt, dann gehe ich.“ Die Worte waren kaum über ſeine Lippen gekommen, als die Thüre, welche die Frau eben verlaſſen hatte, aufge⸗ riſſen wurde, ſo daß das Licht plötzlich auf den Gang ſtrömte. „Chartley, ſeyd Ihr es?“ fragte Jola herausſtürzend. „Ihr ſeyd in der That höchſt kühn; Ihr hättet nicht kom⸗ men ſollen.“ „Jetzt aber, da ich gekommen bin, werdet Ihr mich nicht gehen heißen,“ ſagte Chartley, ihre Hand ergreifend und küſſend. Es koſtete ihn vielen Zwang, ſeine Lippen von den ihrigen entfernt zu halten. „Ich kann Euch nicht ſogleich gehen heißen,“ antwortete Jola, die Augen niederſchlagend, während die Röthe auf ihre Wangen ſtieg;„aber Ihr müßt bald gehen und nicht wiederkommen, bis ich nach Euch ſende.“ „Das iſt hart,“ erwiederte Chartley;„aber jetzt, da ich weiß wo Ihr ſeyd, werde ich es nicht mehr ſo ſchwer empfin⸗ den, da ich wie Tauben um ihr Neſt in der Nachbarſchaft herumſchweifen und den Schatz meiner Liebe bewachen kann.“ „Ei, Chartley, Ihr ſeyd keine Taube,“ antwortete Jola lächelnd.„Oeffnet jene andere Thüre, Katharine, und guckt aus den Fenſtern, daß Niemand ſich nähert. Kommt her⸗ ein, Chartley,“ fuhr ſie fort, als die Magd die Thüre des gegenüberliegenden Zimmers öffnete.„Hier iſt meine kleine Zelle; kein großes Empfangzimmer, aber freundlich und lieblich.“ Der Boden von getrocknetem und hartgeklopftem Lehm, ein niedriges Dach, woran alle Balken ſichtbar, mit bloſem Gyps beworfene Wände, ein unpolirter Eichentiſch und höl⸗ zerne Stühle ließen Chartley das Zimmer nicht weniger 618 hell und freundlich finden, als Jola darin war. Sie ſelbſt war als bloſes Landmädchen gekleidet, ſo daß ſie— wenn Mantel und Haube, wie man ſie damals in den unteren Ständen trug, noch hinzukam— von einem weniger ſchar⸗ fen Beobachter wohl ſchwerlich erkannt worden wäre„ wenn ſte auch dem Freunde, der neben ihr ſaß, nicht weniger lieb⸗ lich vorkam. Es waren ſüße ſüße Augenblicke, welche die Beiden zu⸗ ſammen verlebten, und es wäre vielleicht nicht einmal edel gehandelt, wenn wir Alles, was ſie ſagten oder thaten, er⸗ zählen wollten. Jola geſtand, daß es ſehr ſüß ſey, ihn nach ſo langer Trennung und nach ſo viel überſtandener Angſt und Sorge wiederzuſehen; aber ſie wiederholte ihm gleichwohl ernſtlich, daß er nicht wiederkommen dürfe. „In wenigen Tagen muß Alles entſchieden ſeyn,“ ſagte ſte.„Es gehen Gerüchte durch's Land, Chartley, die ſo⸗ gar mir zu Ohren dringen, daß es einen friſchen Kampf um den Thron geben werde. Laßt uns die Augen des wach⸗ ſamen Königs nicht auf uns lenken, noch durch irgend eine unbeſonnene Handlung uns der Gefahr ausſetzen, daß wir ihm in die Hände fallen. Man ſagt mir, er habe überall ſeine Spione— ſogar hier, und ich bin keineswegs ſicher, ob er nicht bereits mehr entdeckt hat als uns lieb wäre. Eines aber iſt gewiß: wenn wir warten bis er ſelbſt auf dem Throne angegriffen wird, dann wird die Haſt und Ver⸗ wirrung, welche folgen muß, uns Gelegenheit genug geben, die wir jetzt nicht beſitzen. Dann, Chartley, will ich mein gegebenes Wort einlöſen; ſo bald ich den Augenblick weiß⸗ — 619 will ich ihn Dir kund geben und das Glück meines Lebens Deiner Ehre, Deiner Treue anvertrauen. Aber ſelbſt dann muß ich einige Bedingungen machen.“ Chartley wurde nachdenklich, und Jola dachte, das Wort Bedingungen ſey es, was ihn überraſche und nach⸗ denklich mache; allein dem war nicht ſo. „Dieſes Urtheil über die laufenden Ereigniſſe muß ihr eingegeben worden ſeyn,“ dachte er;„das kommt nicht von Jola ſelber.“ Weil ſie dachte, die Stipulationen, welche ſie machen wollte, würden nicht leicht abgeſchlagen werden, fuhr ſie unter dem obigen Eindrucke, aber in heiterem Tone, fort: „Meine Bedingungen ſind ſehr hart und mögen Euch wohl in Träumereien verſenken, edler Lord. So hört denn: wenn ich Euer Weib bin, darf ich nie gefragt werden, wa⸗ rum ich nicht zur Beichte gehe“— hier ſchaute ſie ihm lä⸗ chelnd in's Geſicht und fügte bei:„der Grund iſt: ich habe ſo viele und ſo grauenhafte Sünden auf mir liegen, daß ich mich ſcheue, ſie dem Prieſter zu beichten, weil ich vielleicht nicht im Stande oder nicht Willens wäre, ſeine Buße auf mich zu nehmen.“ „Du ſollſt ſie alle mir beichten, Liebſte,“ erwiederte Chartley lachend,„und ich will dem Himmel danken, wenn die Geheimniſſe Deines Herzens Niemand als Deinem Gat⸗ ten und Deinem Gott angehören.“ „Ci, Du biſt ein Ketzer, Chartley,“ rief Jola, ihn mit fröhlichem und bedeutungsvollem Blicke betrachtend.„So würden Dich die Leute nennen, wenn ſie dieſe Worte hörten. Ich denke vielleicht anders. Ueberdies ſollſt Du mich nicht zur Rechenſchaft ziehen, wenn ich einige andere Ceremonien unſerer religiöſen Pflichten— was man uns ſo lehrt— vernachläſſige.“ Jetzt ſchaute ſie ziemlich ſchüchtern zu ihm empor, wie wenn ſie nicht wüßte, wie weit ſie ſich wohl bei ihm wagen dürfe, und Chartley's Geſicht war auch wirklich ernſthafter geworden, als ſie es jemals geſehen hatte. Er drückte je⸗ doch ihre Hand zärtlich in der ſeinen und ſagte: „Theuerſte Jola, ich will ein⸗ für allemal geloben, daß ich mich nie in ſolche Dinge miſchen will. Deine Worte mögen mich überraſchen und mir unerwartet kommen; aber das verſpreche ich, daß ich mich in Nichts einmiſche, was Deinen religiöſen Glauben berührt, denn ich meine Dich zu verſtehen, obwohl ich nicht begreife, wie dieſes Alles ge⸗ kommen. Das Eine laß uns aber ſogleich unter uns ab⸗ machen, meine Jola: wenn Du die Wahrheit aufſuchſt, ſo laß mich mit Dir ſuchen; laß unſere Seelen gemeinſam auf daſſelbe große Ziel ſich rüſten, aber laß uns zu gleicher Zeit behutſam in allen dieſen Dingen verfahren, ſchon um un⸗ ſeres gegenſeitigen Beſten willen, denn zu dem Schluſſe bin ich bereits gelangt, daß die Tonangeber in geiſtigen Dingen das Licht vor uns verſchließen und den Weg mit Pechflammen, mit Strick und Schwert vor allen Denen ver⸗ ſperren möchten, welche nach Wahrheit ſtreben.“ Ein Blick reinſter, faſt engelhafter Freude war bei die⸗ ſen Worten über Jola's Miene gekommen, und ſie antwor⸗ tete in leiſem aber feierlichem Tone; —— 621 „Ich habe ſie gefunden, Chartley— jene Wahrheit, von der Du ſprichſt.“ „Wo?“ fragte Chartley eifrig. „Das will ich Dir ſagen, wenn einſt mein Gatte neben mir ſitzt und ich ihm, dem ich für immer verlobt und ange⸗ traut bin, alle Gedanken meines Herzens, das nie einem andern Sterblichen ſich aufſchließen wird, eröffnen kann,“ erwiederte ſie.„Deine Worte, Chartley, ſind mir ein wahrer Troſt und Segen geweſen. O Gott, ich danke Dir! Meine letzte Furcht und Beängſtigung iſt vorüber! Jetzt laß uns von anderen Dingen reden, denn Du mußt in der That gehen. Sage mir, wo Du die nächſten paar Tage Deinen Aufenthalt nehmen wirſt; dann brauche ich Dich nicht zu bewachen, denn ich war genöthigt, Dich ausſpio⸗ niren zu laſſen, um zu wiſſen, wo ich Dich im Nothfalle fin⸗ den würde.“ „Ich will mein Quartier in Atherſton aufſchlagen,“ gab Chartley zur Antwort.„Aber biſt Du denn eine kleine Königin, daß Du Spione und Boten über das ganze Land ausſenden kannſt, daß Schloßpforten vor Dir auffliegen und Deine Reiſen unſichtbar für menſchliche Augen ſich aus⸗ führen laſſen? Wie ging's nur in's Himmels Namen zu, daß Du aus dem Chidlowſchloſſe entrannſt, denn ich habe davon nicht weiter gehört, als daß Du am andern Tage die bloſe Verſicherung überſchickteſt, daß Du wohlgeborgen ſeyeſt.“ „Ich darf Dir nicht Alles ſagen,“ antwortete Jola ernſt⸗ haft—„wenigſtens jetzt noch nicht, Chartley;„aber ſosviel 622 darf ich Dir anvertrauen, ſo fremdartig es auch Deinen Ohren klingen mag, daß es viele, ſehr viele— ja Tauſende und aber Tauſende von Leuten in dieſem Lande gibt, alle durch die heiligſten Bande an einander geknüpft, welche durch lange und bittere Verfolgungen genöthigt wurden, geheime Verbindungsmittel unter ſich zu errichten und ſich in Zeiten der Noth gegenſeitig zu helfen und beizuſtehen. Man findet ſie an Hofen und auf Märkten, in Kirchen und Lagern; aber ſie ſind nur unter einander bekannt und auch das nicht im⸗ mer. Sie ſind gänzlich harmlos, friedlich und ohne Tadel, und doch wäre der Tod ihre Strafe für die bloſen Gedanken ihrer Seele, wenn ſie entdeckt würden. Ich ſage Dir, es ſind ſehr Viele, Chartley, und ſie wachſen täglich, ſchwei⸗ gend und insgeheim; aber die Zeit wird kommen— und es wird nicht mehr lange dauern— wo ihre Stimme laut und ſtark vernommen werden und Niemand es ihnen zu verweh⸗ ren wagen wird. Ihnen verdanke ich Vieles; aber jetzt müſſen wir in der That ſcheiden.“ Der Abſchied dauerte faſt eben ſo lange wie ihre Unter⸗ redung; er war zwar ſchmerzlich, aber Chartley zog doch mit glücklicherem Herzen von dannen, und Hoffnung und Erwartung leuchteten wieder ſo hell wie früher. Einundvierzigſtes Kapitel. In einem großen Zimmer des Kloſters der ſchwarzen Nonnen bei Tewksbury— es hatte eine gewölbte Decke und — 623 ein Fenſter am hinteren Ende— ſaß an einem kleinen Tiſche mit einem offenen Pergamentbuche vor ſich die Prinzeſſin Marie oder Margarethe von Schottland, denn ſie wird in der Geſchichte gelegentlich unter dieſen beiden Namen auf⸗ geführt. Sie prüfte emſig die Blätter des Buches, in wel⸗ chem viele Namen in verſchiedenfarbiger Dinte mit Neben⸗ bemerkungen am Rande eingetragen ſchienen. Auf der an⸗ deren Seite des Tiſches ſtand ein ältlicher Mann in Moͤnchs⸗ tracht, der, die Augen ruhig auf die Prinzeſſin gerichtet, ohne zu ſprechen ſtehen blieb und offenbar den Zweck ihrer Nach⸗ forſchung nicht zu begreifen ſchien. Endlich, nachdem ſie mit Augen und Finger die ganze Namenreihe auf jeder Seite durchlaufen und hie und da eine Weile innegehalten hatte, um die eingeſtreuten Bemer⸗ kungen zu leſen, ſchlug die Prinzeſſin ihre Blicke zu dem Geſichte des alten Mannes empor und ſagte: „Und wißt Ihr gewiß, guter Vater, daß dieſe alle Männer von Bedeutung waren, welche zu Tewksbury fielen?“ „Alle, welche hier begraben wurden,“ erwiederte der Mönch.„Es gab noch einige Andere, deren Namen Ihr finden werdet, wenn Ihr zwei Seiten überſchlaget; dieſe wurden weggetragen, um anderswo beigeſetzt zu werden. Es waren nicht Viele, denn ihre Freunde ſcheuten ſich, ihre Anſprüche an ſte geltend zu machen, um nicht in den ſoge⸗ nannten Hochverrath mit einbegriffen zu werden. So kam es, daß alle Nichtreklamirten hier beerdigt und die Uebrigen, wie geſagt, fortgeſchafft wurden.“ Marie wendete ſich zu dem erwähnten Blatte und fand 624 etliche zwölf bis vierzehn Namen, die wenigſtens für ſie ganz ohne Intereſſe waren. Sie ſchloß ſodann das Buch und gab es dem Monch mit den Worten: „Ich danke Euch ſehr, guter Vater. Da iſt etwas zum Beſten Eures Kloſters und um für die Gefallenen Seelen⸗ meſſen zu leſen.“ Der alte Mann ſegnete das Haupt der Geberin und wendete ſich langſam gegen den Ausgang des alten gewölb⸗ ten Gemaches, um ſich zu entfernen, wobei er an einem le⸗ bensluſtigen, freudeſtrahlenden Mädchen vorüberkam. Sie ſchritt mit leichten Tritten von der Thüre gegen den Stuhl der Prinzeſſin und ſah neben dem alten Manne in ſeinem nüchternen, grauen Rocke nicht anders aus, als wie der Frühling an der Seite des Winters; ſobald ſie die Lady er⸗ reicht hatte, ſagte ſie auf ein kleines Bäachen in ihrer Hand deutend: „Hier iſt ein merkwürdiges Ding, Eure Hoheit, das mir ſo eben von einem ganz ungewöhnlichen Menſchen ge⸗ zeigt wurde. Er wünſcht, Ihr moͤchtet es kaufen, und es iſt in der That nicht theuer. Noch nie habe ich etwas Schö⸗ neres geſehen.“ „Ich bin nicht in der Laune, um Spielereien einzukau⸗ en, Kind,“ erwiederte die Prinzeſſin.„Du magſt es je⸗ doch zeigen— nicht daß ich es kaufen werde, denn dazu iſt wenig Ausſicht vorhanden.“ Die junge Dame näherte ſich alsbald und legte ihr ein goldenes, mit Sardonirſteinen geſchmücktes Kreuz in die Hand, das Marie kaum betrachtete, bis ſie es in der Hand 625 hatte, da ihr Geiſt vermuthlich mit den kaum erlebten Vor⸗ gängen beſchäftigt war. Als ſie jedoch endlich die Augen darauf heftete, kam eine raſche, merkwürdige Veränderung über ihre Züge; ihre Wange erblaßte, ihre ſchönen Augen wurden ſtarr, wie wenn ſie aus ihren Höhlen treten woll⸗ ten, und mit einem leiſen Schrei des Schmerzes und der Ueberraſchung ſank ſie in ihren Stuhl zurück. „Gerechter Himmel! was gibt es, Lady,“ rief das Mäd⸗ chen.„Eure Hoheit iſt ohnmächtig. Laßt mich Hülfe her⸗ beirufen.“ Allein Marie bedeutete ihr mit der Hand zu ſchweigen, bedeckte ihre Augen eine Weile und beugte dann ihr Haupt über das Kreuz, das ſte aufmerkſam zu betrachten ſchien, wobei das neben ihr ſtehende Mädchen einen plötzlichen Thrä⸗ nenſtrom aus ihren Augen auf das Geſchmeide herabſtür⸗ zen ſah. Die Prinzeſſin wiſchte gleich darauf die Tropfen ab, und mit einer Miene höͤchſter Spannung zu ihrer Gefährtin ſich umwendend, fragte ſte: „Wo iſt der Mann? Bringt ihn augenblicklich her.“ Der Wechſel in ihren Geſichtszügen war ſo blitzſchnell eingetreten, daß das Mädchen eine Weile ganz beſtürzt da ſtand und dann auf eine ungeduldige Geberde der Prinzeſſin aus dem Zimmer eilte. Nach einigen Minuten kehrte ſie mit dem Pfeifer zu⸗ rück, der etwas beſſer wie gewöhnlich gekleidet war, aber noch immer die deutlichen Zeichen ſeines Standes, wenn nicht ſeines Berufes, an ſich trug. Die Prinzeſſin heftete ihre James, Der Waidmann, 40 626 Augen mit ſcharfem, durchdringendem Forſcherblicke auf ſein Geſicht, als wollte ſie in ſeiner Seele leſen, und gebot dann dem Mädchen, das ihn in's Zimmer begleitet hatte: „Entfernt Euch!“ Auch nachdem die Dienerin fort war, betrachtete Ma⸗ rie noch immer ſchweigend den vor ihr ſtehenden Mann. Es ſchien, als ob ſie, ehe ſie ſprach, aus ſeinem Ausſehen auf deſſen Weſen und Charakter ſchließen wollte. Endlich fragte ſte mit leiſer, zitternder, aber doch deutlicher Stimme: „Woher habt Ihr dieſes Kreuz?“ „Das darf ich nicht ſagen, Lady,“ erwiederte der Pfei⸗ fer.„Seyd Ihr die Prinzeſſin Marie von Schottland?“ „Ja,“ gab ſie zur Antwort.„Ihr dürft es nicht ſa⸗ gen?— Mein Gott, das müßt Ihr aber! Dieſes Kreuz gehört mir, und ich will wiſſen, wie Ihr in deſſen Beſitz kamet.“ „Wenn Ihr die Prinzeſſin Marie von Schottland ſeyd und dieſes Kreuz Euch gehört,“ erwiederte der Pfeifer, der jetzt ganz nüchtern war und alle ſeine Sinne beiſammen hatte,„ſo bin ich beauftragt, Euch zu ſagen, daß Ihr das Schickſal deſſen, den Ihr ſuchet, in der Nähe des St. Cla⸗ renkloſters zu Atherſton erfahren könnet. Das Kreuz möget Ihr ohne Bezahlung behalten, denn es wurde Euch in der That als Andenken überſchickt.“ „Es behalten,“ rief die Prinzeſſin, indem ſie es an ihr Herz drückte—„das will ich! Ich will mich nie mehr davon trennen. Bezahlung! da— reicht mir Eure Hand,“ und ihre Boͤrſe halb ausleerend, fuhr ſie fort:„Hättet Ihr 627 mir eine Königskrone überbracht— ſie ware mir nicht halb ſo koſtbar geweſen.“ Ihre Stirn auf die ſchönen Hände ſtützend, verſank ſie lange Zeit in tiefe Gedanken, die ſie vielleicht weit hinweg zu früheren Tagen, zu Scenen jugendlicher Freude und Wonne entführten, wo Hoffnung, Liebe und Unkenntniß des Uebels— dieſe Schutzengel des Jugendparadieſes— um ihren Pfad und um ihr Bett Wache hielten. Endlich ſchien ſie ſich den Träumen der Erinnerung zu entreißen; ſie ſchaute empor und ſagte in leiſem, ziemlich traurigem Tone: „St. Clarenkloſter von Atherſton? Ja, es war in der Nähe des Atherſton⸗Moores. Aber wie iſt das möglich? Ich habe geforſcht und unterſucht und mit meinen eigenen Augen geſehen, und nirgends war eine Spur zu treffen.“ „Ich kann Eurer Hoheit nicht ſagen, wie es möglich iſt,“ erwiederte der Bote;„denn ich weiß nur wenig von der Sache und die bloſe Vermuthung iſt oft ein ſchlechter Füh⸗ rer. Das aber kann ich: ich kann Euch zu einem Manne führen, der Euch alle gewünſchten Nachrichten geben wird.“ „Ha,“ rief die Prinzeſſin aufſpringend;„laßt uns gehen — laßt uns ſogleich gehen: ich will augenblicklich Befehle geben.“ „Das geht nicht, hohe Frau,“ antwortete der Pfeifer. „Mein Pferd muß ſich wahrhaftig einige Zeit ausruhen, und auch meine alten Knochen ſind müde, denn ich habe ei⸗ nen langen Ritt gehabt und nur wenig Nahrung genoſſen.“ „Ihr ſollt Erfriſchungen haben,“ ſagte die Prinzeſſin. „Ich möͤchte ſogar in meiner Ungeduld nicht hartherzig ſeyn; 3 40* 628 aber wir müſſen jedenfalls heute Nacht aufbrechen. Ich will mein Haupt nicht eher auf's Kiſſen legen, bis ich unter⸗ wegs bin. Jetzt aber ſagt mir, ehe ich Euch zur Stärkung und Erholung wegſchicke: wer iſt der Mann, zu dem Ihr mich führet?“ „Ja, das weiß ich nicht,“ erwiederte Sam.„Ich habe meine Botſchaft gegeben, wie ich ſie empfangen habe— mehr weiß ich nicht.“ „Das iſt ſehr auffallend und erregt meine Zweifel,“ rief Marie.„Ich weiß zwar keinen, dem ich Unrecht gethan habe oder der mir ſolches anzuthun wünſchen könnte; aber ich habe doch gefunden, daß die Menſchen ſich oft ohne Ur⸗ ſache, zuweilen ſogar ohne Zweck, Leid zufügen. Aber dieſes Kreuz, dieſes Kreuz! Ich will gehen, was auch immer dar⸗ aus werden möge! Das Krenz kann nicht lügen oder be⸗ trügen. Ich will gehen; aber Eines könnt Ihr mir auf alle Fälle ſagen: wohin wollt Ihr mich führen? Ihr müßt wenigſtens den Ort, wenn auch nicht die Perſon kennen.“ „O das kann und will ich Euch wohl ſagen,“ verſetzte Sam.„Ich führe Euch in das Haus eines armen, ehrli⸗ chen Franklins, der mitten in einem alten Walde ſein eige⸗ nes Land bebaut. Es iſt ein ruhiges, heimliches Plätzchen, halbwegs zwiſchen Atherſton und dem St. Clarenkloſter. Der Mann iſt ein guter, ehrlicher Greis von mehr als ſieb⸗ zig Jahren, der in großer Zurückgezogenheit lebt und ſich ſelten öfter als einmal in jedem Sommermonat auf dem Atherſtoner Markte ſehen läßt, wo er ſein Korn und ſeine 629 Schaafe verkauft und dann wieder heimkehrt, ohne viel Ver⸗ kehr mit anderen Leuten zu pflegen.“ „Siebzig Jahre alt,“ wiederholte die Prinzeſſin nach⸗ denklich.„Nein, das kann nicht ſeyn.“ „Aber es iſt ſo, Lady,“ erwiederte der Pfeifer, ihre Worte mißverſtehend,„denn ich kenne ihn ſchon über zwan⸗ zig Jahre und habe ſein Haar grau und dann ſchneeweiß werden ſehen.“ „Habt Ihr je von einem ſterbenden oder verwundeten Ritter gehört, der aus einem der letzten Kämpfe zwiſchen Lancaſter und York— ich meine um die Zeit der Schlacht von Tewksbury— dorthin gebracht wurde?“ „Nein,“ erwiederte Sam;„ich lag damals an einer zu Barnet empfangenen Pikenwunde krank und konnte viele Monate nicht ausgehen.“ „Und Ihr wißt mir nicht mehr zu erzählen?“ fragte die Prinzeſſin. „Nein, kein Wort weiter,“ antwortete er;„dort aber werdet Ihr die geſuchten Nachrichten erfahren, ſo gewiß als Ihr dieſes Kreuz in Eurer Hand ſehet.“ „Werde daraus was da wolle— ich gehe,“ erklärte die Prinzeſſin.„Welches iſt aber der ſicherſte Weg, denn man ſpricht hier ſtark von dem Gerüchte, daß der Graf von Richmond irgendwo an der Küſte gelandet habe, und daß von allen Seiten Truppen gegen ihn ziehen— da könnten wir angehalten werden.“ „O nein, in dieſem Theile des Landes iſt Alles ruhig,“ verſicherte der Andere,„und wir können leicht über Eveſham 630 und Coventry gehen. Ich habe unterwegs alle dieſe Nach⸗ richten erfahren. Der Graf ſoll allerdings in den fernen Theilen von Wales gelandet ſeyn; aber ſeine Streitmacht iſt ſehr gering und wird wohl kaum gegen Sir Walter Her⸗ bert, der dort kommandirt, Stand halten. Es iſt der bloſe Abſchaum jenes ewig ſiedenden Keſſels— genannt Frank⸗ reich, mit beſchmutzten und zerriſſenen Gewändern, mager und hungrig wie die Wölfe.“ „Vielleicht ſind ſie ebenſo wild wie dieſe,“ meinte die Prinzeſſin.„Doch gleichviel: ich will gehen, und wenn ſie auch mitten auf meinem Wege kämpften. Ihr und Euer Roß ſollen genügende Nahrung haben, guter Mann. Ich gebe Euch Zeit bis vier Uhr— das iſt genug zum Aus⸗ ruhen. Haltet Euch dann parat, und wenn Ihr mich recht führet, ſollt Ihr weitere Belohnung erhalten.“ Ihre Ungeduld eilte der Uhr voraus, ſo daß ſie ſchon ei⸗ nige Minuten vor vier mit ihrem Gefolge zu Pferde ſaß und nicht eher übernachtete, als bis ſie das Städtchen Eveſham erreicht hatten. Am nächſten Tage brachen ſie nach Coventry auf, und von da war es nur noch eine kurze Tagesreiſe bis Atherſton. Sie langten Abends an, und ſobald die Prin⸗ zeſſin den kleinen Gaſthof betreten hatte, wohin ihre Quar⸗ tiermacher vorausgegangen waren, ließ ſie ihren Führer rufen und ſagte ihm, daß ſie, da man noch zwei bis drei Stunden Tag vor ſich habe, in einer halben Stunde zum Aufbruch bereit ſeyn werde. „Der Ort kann nicht weit entfernt ſeyn,“ bemerkte ſie, „denn ich erinnere mich der Straße recht gut, und man 631 reitet von hier in weniger als zwei Stunden nach dem St. Clarenkloſter.“ „Wäre es nicht beſſer, bis morgen zu warten?“ fragte Sam mit zweifelhaftem Blicke.„Ihr werdet nahezu an⸗ derthalb Stunden bis zu jenem Orte brauchen und—— „Und was?“ fragte Marie, als ſie den Mann zögern und ſchweigen ſah. „Ich wollte nur ſagen, Ihr dürfet blos zwei Begleiter, die Euch die Pferde halten, mitnehmen,“ erwiederte Sam, „und es wäre wohl beſſer, bis morgen zu warten, denn ich höre, daß ſich Truppen in der Nähe eilig verſammeln und auf Nottingham marſchiren, ſo daß es beſſer wäre, bei Tageslicht zu reiten.“ Marie betrachtete ihn nicht ohne Argwohn, obwohl ge⸗ rade der Wunſch, bei Tageslicht zu reiſen, für die Chrlichkeit des Mannes zeugte. „Hat Euch das der Mann geſagt, mit dem ich Euch vor der Thüre ſprechen ſah?“ forſchte ſie. „Ja,“ erwiederte Sam.„Er erzählte mir, daß Trup⸗ pen nach allen Richtungen marſchiren.“ „Und warum darf ich blos zwei Männer mit mir neh⸗ men?“ fragte ſie. „Das weiß ich nicht— ich wurde eben ſo angewieſen,“ erklärte der Pfeifer.„Wenn Ihr Euch irgend fürchtet, ſo will ich in den Händen Eurer Leute zurückbleiben, während Ihr eintretet; ſie koönnen mir leicht ein Schwert durch den Leib rennen, wenn Euch ein Uebel zuſtößt. Ich ſage blos, es iſt beſſer am Morgen zu gehen, um nicht einer der 632 Räuberbanden in die Häͤnde zu fallen, welche die ſich ſam⸗ melnden Heere zu umſchwärmen pflegen. Ihr könnt übri⸗ gens thun, wie es Euch beliebt.“ Marie beſann ſich einige Augenblicke und erhob ſich dann mit den Worten: „Ich will alsbald gehen; ich kann nicht in dieſer Un⸗ gewißheit ſchweben. Laßt ſie die Pferde vorführen, ſobald ſte gefüttert ſind; wir wollen raſch zureiten und den Weg kurz machen.“ Von Atherſton verfolgte das Häuflein faſt eine halbe Meile lang die Heerſtraße, bis ſie ſich kurz nach dem Ueber⸗ gange über das Ankerflüßchen auf Nebenwegen von deſſen Ufern abwendeten und in eine Vertiefung gelangten, wo zwei Hügel, durch eine tiefe Schlucht getrennt, zuſammen⸗ ſtießen. Ein kleines Flüßchen zog in dem Thale, und auf dem Abhang gegenüber dehnte ſich gegen Nordweſten eine beträchtliche Maſſe von Waldland, über welchem man in einer Entfernung von fünf bis ſechs Meilen die zertrümmer⸗ ten Mauern und Thürme des alten Kaſtells in der Nähe der Clarenabtei emporragen ſah. Die Sonne war ſchon bis zum Horizont hinabgeſunken, und das Thal, durch das ſie ritten, lag im Schatten; aber der Himmel war ſchön und klar, das goldene Licht der untergehenden Sonne beleuchtete die hohe Ruine in der Ferne und die jungen Bäume auf dem Hügel, auf dem ſie ſtand. „Hier,“ bemerkte der Pfeifer, der Marie als Wegweiſer zur Seite ritt,„hier wurde das letzte Scharmützel des Krieges ausgefochten. Es war eines der allerblutigſten, denn es 63³3 wurde nur wenig Quartier gegeben, und manch' braver Sol⸗ dat, manch' edler Ritter iſt hier gefallen.“ „Ich weiß es wohl,“ ſagte Marie, deren Augen voller Thränen ſtanden.„Ich habe ſchon früher hier geweint. O, daß meine Augen jene grünen, graſigen Hügel durchdringen konnten, um zu ſehen, wer darunter ſchläft!“ „Sie wurden nicht Alle hier begraben,“ erklärte Sam in leiſem Tone.„Einige wurden in der Abtei und Andere zu Atherſton beerdigt— das waren nämlich die Ritter und Anführer. Nur die gemeinen Soldaten liegen hier.“ Marie ritt ſchweigend weiter, und mehr als einmal wiſchte ſie ſich die Thränen aus den Augen. Nach einer Meile erreichten ſie den Wald; doch war es von dieſer Seite weiter bis zum Hauſe des Franklins, und die letzte Viertel⸗ meile mußte im Zwielichte zurückgelegt werden. Endlich bekamen ſie das niedrige Haus mit ſeinem einzigen Stock⸗ werk und ſeiner wohlbebauten Umgebung zu Geſicht, und es war gerade noch ſo hell, daß ſie es unterſcheiden konnten. „Dort iſt das Haus,“ ſagte der Pfeifer leiſe, mit der Hand danach deutend.„Nun müßt Ihr allein weiter gehen, Lady; wenn Ihr die Thüre erreicht, klopft Ihr herzhaft mit der Hand, und man wird Euch einlaſſen. Verlangt nur das Fräulein zu ſehen.“ „Das Fräulein!“ rief Marie im Ton der Ueberraſchung. „Ja, das Fräulein,“ erwiederte ihr Führer.„Ich will hier bei den Pferden in den Händen Eurer Diener zurück⸗ bleiben. Dort werdet Ihr die Kunde erhalten, die Ihr ſo lange geſucht habt.“ 634 Die Prinzeſſin ſtieg ab, hieß ihre Diener warten und ging auf dem kleinen Pfade weiter. Sie konnten ſie dem Hauſe ſich nähern und mit der Hand an die Thüre pochen ſehen. Dieſe wurde alsbald geöffnet, und Marie verſchwand. Zweinndvierzigſtes Kapitel. Ein alter Mann mit langem weißem Barte präſentirte ſich vor der Prinzeſſin, Gräfin von Arran, faſt in demſelben Augenblicke, da ſie geklopft hatte; auf ihr Verlangen, das Fräulein zu ſehen, erwiederte er mit einem einfachen folgt mir und führte ſie entlang des Ganges. Ihr Herz pochte, ihr Gehirn ſchwindelte; ſie zitterte am ganzen Leibe, ging aber dennoch weiter, und nachdem ſie einige Stufen über⸗ ſchritten hatte, öffnete ihr Führer eine Thüre und hielt ſte offen bis ſie eingetreten war. Dann ſchloß er ſie und ent⸗ fernte ſich. Die Sonne war, wie geſagt, untergegangen; aber das helle Zwielicht brach noch durch die Fenſter, welche nach Weſten ſchauten und in der roſigen Färbung der untergehen⸗ den Sonne glühten. Das ganze Zimmer ſchwamm in einem gewiſſen duftigen Purpurſcheine, und die Gegenſtände, die es enthielt konnten noch deutlich unterſchieden werden, ob⸗ gleich ſie ſchon in unbeſtimmtem Schatten lagen. Nicht weit von einem der Fenſter mit dem hellen Hintergrunde hinter ſich, ſo daß die Züge ſich nicht mehr unterſcheiden ließen, gewahrte die Prinzeſſin die ſchöne Geſtalt eines Mädchens von etwa achtzehn bis neunzehn Jahren. Die Sonnen⸗ —-— 63⁵ ſtrahlen von hinten fielen auf den reichen Seidenſtoff ihres Gewandes und auf den Goldſaum ihres Mieders, woraus Marie deutlich entnehmen konnte, daß die Perſon vor ihr in die prachtvolle Hoftracht damaliger Zeit gekleidet war. Sie konnte im erſten Augenblick nicht mehr erkennen; als aber das Mädchen auf ſie zutrat, drehte ſich ihr Geſicht etwas gegen das Fenſter, und die ſchön gemeißelten Züge, im Profil geſehen, zeigten ihr alsbald, wie reizend ſte ſeyn mußten, wenn das Tageslicht ſie deutlicher erhellte. „Willkommen, Lady,“ ſagte Jola's ſüße Stimme, deren Wohlklang der Prinzeſſin wie ein zartes Saiteninſtrument in die Ohren drang, obgleich ein Zittern in ihrem Tone un⸗ verkennbar war.„Ihr ſeyd etwas früher gekommen als ich erwartete. Ich vermuthe nämlich, daß ich mit der Prin⸗ zeſſin Marie ſpreche.“ „Die bin ich, mein Kind,“ erwiederte die Dame, Jola's Hand ergreifend, welche dieſe halb und halb angeboten hatte. „Das iſt ein ſonderbares Zuſammentreffen, und Ihr zittert mehr als ich, obgleich man mir ſagte, daß ich von Euch Nach⸗ richten vernehmen würde, welche— wie auch immer ihr In⸗ hal beſchaffen ſeyn möge— mein Herz erſchüttern und be⸗ wegen müſſen.“ „Ich bin ſonſt nicht ſo ſchwach,“ ſagte Jola;„ich pflege nicht zu fürchten oder zu ſchwanken; aber in dieſem Augen⸗ blicke kann ichs nicht verhindern. Laßt uns eine Weile nie⸗ derſitzen und von anderen Dingen reden, bis dieſe Erſchütte⸗ rung vorübergeht.“ 5 „Sie wird durch Aufſchub nur noch größer werden, und 636 ich ſehne mich von Euren oder irgend welchen Lippen jene Kunde zu erfahren, welche mir wie ein Wort des Schickſals klingen wird. So ſprecht denn, theures Kind— ſprecht ſogleich und erzählt mir, was Ihr wißt.“ „Nein, Lady,“ ſagte Jola in ſehr ernſtem, faſt melan⸗ choliſchem Tone, der Prinzeſſin ihre Hand entziehend;„ich habe Fragen zu ſtellen ſo gut wie Ihr, und ſie müſſen beant⸗ wortet werden, ehe das Siegel von meinen Lippen ſich löst.“ „Ei das iſt grauſam,“ erwiederte die Prinzeſſin Marie, „mich noch mit Aufſchub zu quälen, nachdem der Anblick jenes Kreuzes— einer Liebesgabe Deſſen, den ich am meiſten liebte— nachdem die geheimnißvolle Reiſe und dieſes ſon⸗ derbare Zuſammentreffen meine Erwartungen— o daß ich ſagen dürfte: meine Hoffnungen!— aufs Höchſte geſpannt hat. In der That— das iſt grauſam.“ „Nein, nicht grauſam,“ antwortete Jola.„Könnten die Todten alle Handlungen der Lebenden ſehen— würden die Lebenden da wohl wagen, den Todten zu begegnen? Ich habe eine harte und peinliche Aufgabe zu löſen, und ich muß ſie löſen. Ja, theure Lady, ich möchte es mit aller Zart⸗ heit thun, denn ich habe peinliche Fragen zu ſtellen— Fra⸗ gen, welche(wenn mein Herz mich richtig belehrt) Euren Zorn und Unwillen ſo gut wie Schmerz und Kummer erre⸗ gen werden.“ „So ſprecht denn,“ ſagte Marie ungeduldig.„Laßt es uns raſch abmachen.“ „Wohlan, es muß ſeyn,“ erwiederte Jola.„Laßt mich vorausſchicken, daß ich die frühere Geſchichte, die Heirath der 637 Prinzeſſin Marie mit dem Earl von Arran, ihres Bruders Freund und Unterthan, daß ich den Umſtand wohl kenne, wie niedrige Feinde ſeine Abweſenheit in Dänemark, wo er in Dienſten ſeines Herrn war, zum Untergange ſeines Vaters und Oheims, zum Wegnehmen ſeiner Ländereien, zum Ver⸗ wirken ſeiner Ehrenſtellen und zur Befleckung ſeines Namens benützten— eines Namens, den die Stimme der Verläum⸗ dung bis dahin noch nie berührt hatte.“ Marie ſank auf einen Stuhl und bedeckte ihre Augen mit den Händen; Jola fuhr jedoch fort und ſchien ſo raſch wie möglich über die peinliche Aufgabe wegeilen zu wollen. „Auch die großmüthige Hingebung der Prinzeſſin iſt mir bekannt,“ ſagte ſie,„wie ſte verkleidet von ihres Bru⸗ ders Hofe floh, um ihren Gatten, der von ſeiner erfolgreichen Sendung mit der königlichen Braut ſeines Souverains zu⸗ rückkehrte— vor der Gefahr zu warnen; ich weiß, wie ſie in einem armſeligen Schooner ſeine Flotte aufſuchte und in Verbannung und Armuth mit ihm floh; ich weiß, daß ſie nach Jahren der Verbannung auf das trügeriſche Verſpre⸗ chen, ihre Bitte und Unterwerfung werde dem Geliebten ſeine Ländereien und Ehrenſtellen wiedergeben, allein in ihr Vaterland zurückkehrte. Bis hieher iſt Alles klar; nun aber kommt die Frage— verzeiht mir Lady,“ fuhr ſie fort, indem ſie Mariens Hand ergriff und küßte:„ich muß Euch Schmerz bereiten.“ „Sprecht, theures Kind, ſprecht,“ gebot die Prinzeſſin. „Es iſt Nichts in meinem ganzen Leben, was ich nicht hier oder wo es auch ſey zu erzaͤhlen bereit waͤre,“ „Nun denn,“ ſagte Jola ſeufzend:„hat die Prinzeſſin Marie, während ihr Gatte ſeiner Ritterpflicht hier auf eng⸗ liſchem Boden zum Vortheil eines Hauſes oblag, das ihm und den Seinen ein Freund geweſen— hat ſie in eine Che⸗ ſcheidung von dem einſt geliebten Gebieter gewilligt——“ „Nie, nie, niemals!“ rief die Prinzeſſin, von ihrem Stuhle aufſpringend—„weder mit Worten noch Thaten. „Wie! iſt dieſe ſchändliche Geſchichte bis hieher gedrungen? Es geſchah ohne mein Wiſſen, ohne meine Einwilligung, und als es geſchehen war, erhob ich meine Stimme und pro⸗ teſtirte ſchriftlich dagegen. Man ſagte mir, er ſey todt, ſey hier auf dem Atherſtonmoore gefallen wie er gelebt— in edlen Thaten und ritterlicher Selbſtaufopferung.“ „Und als ſie ſeinen Tod erfuhr,“ ſprach Jola mit einer Stimme, welche vor Aufregung zum leiſeſten Flüſtern herab⸗ geſunken war,„da heirathete die Prinzeſſin den Lord James Hamilton.“ „Das iſt falſch!“ rief Marie heftig, und dann Jola's Hand mitder ihrigen umſchließend fuhr ſie fort:„Sonderbares räthſelhaftes Mädchen! wie kommt es, daß Du, die Du ſo Vieles kennſt, nicht Alles weißt? Hamilton war freundlich: er ſuchte meinen edlen Gatten wie ein Bruder, ſprach zu ſeinen Gunſten mit dem König, erhob ſeine Stimme mit der meinigen, und als zuletzt die Nachricht ſeines Todes anlangte, da unterzeichnete mein Herr und Bruder in meinem Namen einen Heirathskontrakt zwiſchen ihm und mir und ſchenkte in ſeiner Gute dem Lord Hamiltom und der Prinzeſſin Marie ſeiner Gattin viele Ländereien und Herrſchaften, Sie legten 639 mir den Kontrakt vor: aber ich zerriß ihn und ſtreute ihn in die Winde— denn ich hatte meine Zweifel,“ fuhr ſie in lei⸗ ſem, nachſinnendem Tone fort. Ich ſah Kuriere von und nach England kommen und gehen, deren Botſchaften mir verhehlt wurden, und ich zweifelte— ich zweifle noch immer— daß er damals ſtarb. Jetzt bin ich von ſeinem Tode überzeugt, ſonſt hätten ſie mir nicht die Erlaubniß gegeben, die Stelle ſeines Begräbniſſes aufzuſuchen, denn ſeit jenem Tage, da ich den Kontrakt vor meines Bruders Augen zerriß, war ich zwar dem Namen nach frei, in der That aber eine Gefangene. Ich hatte nur einen getreuen Diener, auf den ich mich ver⸗ laſſen konnte; er betrog mich nur einmal, weil er ſelbſt be⸗ trogen wurde. Er erzählte mir, mein Gemahl ſey in Dänc⸗ mark geſtorben, und als wir aus ſicheren Nachrichten erfuhren, daß er hier in England für das Haus Lancaſter Krieg führe, da war der arme Mann mehr als ich ſelbſt vom Donner gerührt, denn ich hatte die Geſchichte nicht geglaubt. Ach! was klammert ſich das Herz an die Hoffnung— wie faßt es noch nach der verwelkten Blume, auch wenn die Wurzel ſchon verwittert iſt! Ich hoffte immer und immer noch bis ans Ende. Mit welchen Thränen habe ich mein Kiſſen gebadet, mit welchen Gebeten den Himmel beſtürmt! Trotz den Briefen, worin deutlich geſchrieben ſtand, daß er mit dem Schwerte in der Hand auf dem Atherſtonmoore gefallen ſey, wollte ich es dennoch nicht glauben, bis man mir endlich erſt vor wenigen Monaten ſagte, wenn ich wolle, könne ich gehen und ihn ſelbſt aufſuchen. Aber ach, theures Kind! jene Hoffnung, an die ich mich ſo zärtlich anklammerte, würde 640 mir zum Schrecken und Entſetzen werden, wenn ich glauben könnte, mein edler theurer Arran habe hier gelebt und ge⸗ zögert und doch an meiner Treue und Wahrheit gezweifelt. Ich weiß, was ſein edles Herz empfunden hätte; ich weiß⸗ wie dieſes theure großmüthige Herz zerriſſen worden wäre; ich kenne die finſtere Verzweiflung, in die er verſunken wäre. Aber es kann nicht ſeyn— ich will es nicht glauben. Er hätte geſchrieben, hätte zu mir geſchickt, hätte gewiß Mittel gefunden, um mich zu tröſten und zu beruhigen. Jetzt habe ich Alles beantwortet, und nun ſagt mir, ſagt mir, ich beſchwöre Euch— wie ſtarb mein Gemahl? Wo haben ſie ihn beige⸗ ſetzt? Aber Ihr weint ja, armes Kind!“ „Wartet nur einen Augenblick,“ bat Jola mit von Seufzern halb erſtickter Stimme;„ich werde mich ſogleich erholen; dann will ich Euch Alles erzählen.“ Und hiemit brach ſie auf und verließ plötzlich das Zimmer. Eilenden Schrittes flog ſte über den Gang und öffnete eine Thüre, aus welcher alsbald ein Lichtſtrahl hervor⸗ ſtrömte. Unter einem brennenden Wandleuchter, die Stirne auf den Armen ruhend und dieſe auf einen Tiſch geſtützt, ſaß ein hoher gewaltiger Mann in der Tracht eines vorneh⸗ men Edelmannes. Seine Gewänder waren zwar etwas alt⸗ modiſch aber reich und von gutem Geſchmacke. Er ſchien Jola's Schritte nicht zu hören, denn er rührte ſich nicht, oh⸗ wohl die Regungsloſigkeit ſeines Weſens durch das Heben und Senken der tief aufſeufzenden Bruſt unterbrochen wurde, Jola legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ſagte: — 641 „Blickt auf, blickt auf: der Sonnenſchein iſt wieder ge⸗ kommen.“ Er hob ſein Haupt plötzlich empor, und das Geſicht, das zum Vorſchein kam, gehörte Boyd, dem Waidmann. Mit jener ſtürmiſchen Anmuth, welche ſo reizend zu ſehen aber ſo ſchwer zu beſchreiben iſt, faßte Jola ſeine Hand und küßte ſie, während er ſie mit einem Blick des Zweifels und der Verwunderung betrachtete. „Es iſt Alles falſch,“ rief ſie,„Alles durchaus falſch! Sie iſt die Eure— iſt immer die Eure geweſen. Allem Truge, aller Unbill und Verfolgung zum Trotze iſt ſie immer noch die Eure— nur die Eure!“ „Falſch,“ rief Boyd.„Falſch? Wie kann es falſch ſeyn? Habe ich nicht mit meinen eigenen Augen von des Koͤnigs eigener Hand die Ankündigung der Heirath ſeiner Schweſter mit James Hamilton geſehen?“ „Er unterzeichnete den Kontrakt ohne ihre Einwilligung,“ erklärte Jola;„ſie zerriß ihn aber und weigerte ſich ihn zu ratifiziren.“ „Aber meine Briefe— meine unbeantworteten Briefe?“ forſchte Boyd. „Sie war bewacht und gehütet, von Spionen und Be⸗ trügern umringt,“ rief Jola eifrig.„Hört Alles was ich Euch zu erzählen habe. Vieles mag auch dann noch zu er⸗ klären übrig bleiben; aber glaubt mir, o glaubt mir: Alles wird ſich leicht und befriedigend aufklären.“ „Ich weiß, daß ein Verräther, jener John Radnor, er⸗ kauft wurde, um ihr kaum zehn Tage nachdem er mich ge⸗ Jan;3. Der Waidmann. 44 642 ſprochen— mich ſeinen ſtets gütigen und großmüthigen Herrn, deſſen Wohlbefinden ihm bekannt war— zu erzählen, daß ich todt ſey. Ich erhielt Proben von der Verrätherei des Schuftes und ich erſchlug ihn; aber ich kann nicht glauben, daß es viele Solche gibt. Hölliſche Feinde ſind ſie freilich geweſen, denn Qualen, wie nur die Verdammten ſie erleiden, haben ſie über mich verhängt, als ſie mich zu dem Glauben zwangen, daß meine Marie— mein ſchönes treues Weib— falſch an dem Geliebten handeln könne.“ „O, ſie war niemals falſch,“ betheuerte Jola;„ſie dach⸗ ten durch die Erzählung Eures Todes ſie zur Verzweiflung zu bringen; aber der Inſtinkt ächter Liebe lehrte ſie noch zweifeln, bis ſie mit eigenen Augen Euer Grab geſehen hätte.“ „Ich will zu Ihr gehen, ich will zu ihr gehen,“ rief der Earl von Arran aufſtehend. Schon that er einen Schritt nach der Thüre, als er ſtehen blieb und fragte:„Glaubt ſie mich immer noch todt?“ „Ja,“ erwiederte Jola;„aber ein Funken von Hoffnung glimmt noch immer.“ „Geht und facht ihn zur Flamme an,“ erwiederte der Earl;„ſachte, ſachte, Jola. Ich will den Aufſchub ertra⸗ gen; aber kommt, ſobald ſie nur immer mich ſehen kann. Handelt raſch, theures Mädchen; aber nicht übereilt.“ „Ich will behutſam ſeyn, ich will behutſam ſeyn,“ ver⸗ ſicherte Jola und kehrte eilig mit einem Lichte in der Hand in das Zimmer zurück, wo ſie die Prinzeſſin Marie zurück⸗ gelaſſen hatte. 643 „Du biſt lange ausgeweſen, mein Kind,“ ſagte die Prin⸗ zeſſin;„aber Dein junges Herz weiß Nichts von meiner Seelenangſt, und in dieſem ſchönen Geſichte liegt keine Her⸗ zenshärte.“ „Es würde falſch ſprechen, wenn es ſo etwas ausdrückte,“ erwiederte Jola.„Ich glaube, das Vermögen Freude zu wecken und neue Hoffnung anzufachen iſt das ſchönſte Vor⸗ recht das der Menſch vom Himmel erlangen konnte.— Und nun, ſetzt Euch, theure Lady; ich will mich hier zu Euren Füßen niederlaſſen und Euch eine Geſchichte erzählen, in welche die Antworten auf alle Eure Fragen mit manchem Troſte und Balſam für ein verwundetes zertretenes Herz verwoben ſeyn ſollen.“ „Engel!“ rief die Prinzeſſin, ſie an ſich ziehend und auf die Stirne küſſend;„Du ſiehſt aus und ſprichſt wie einer von des Himmels tröſtenden Geiſtern.“ „Hört denn,“ ſagte Jola.„Es ſind jetzt mehr als zehn Jahre, daß eine Abtheilung Lancaſtriſcher Lords, ge⸗ führt von dem tapferen Grafen von Arran als dem erfahren⸗ ſten unter der Truppe, durch dieſe Gegend eilten, um zu Königin Margarethens Truppenmacht zu Tewksbury zu ſtoßen. Die Siegesnachricht von Barnet hatte ſte zwar undeutlich erreicht; aber ſie eilten dennoch in der Richtung weiter, welche das Heer auf ſeinem Rückzuge eingeſchlagen hatte. Das Haupt⸗ korps der kleinen Truppe übernachtete auf dem Raſen vor dem St. Clarenkloſter. Ich kann mich ſeiner wohl noch er⸗ innern, obwohl ich damals ein achtjähriges Kind war, denn der Earl von Arran kam in die Abtei, und ich ſah ihn dort 41* 644 in ſeiner glänzenden Waffenrüſtung. Er kam mit mehreren Edelleuten hierher und wohnte über Nacht in dieſem Hauſe, denn er hatte erfahren, daß eine überlegene Truppenmacht in der Nähe von Atherſton bereit ſtehe, um ihn abzuſchneiden. Der alte Mann, den Ihr kaum vorhin geſehen, ſuchte ihn zum Rückzug zu überreden; allein ſein hoher Muth und ſeine Treue riſſen ihn hin, und am folgenden Tage traf er auf dem Moore mit dem Feinde zuſammen, und behauptete ſich faſt zwei Stunden gegen deſſen dreifache Uebermacht. Nach⸗ dem er bereits einen Pfeilſchuß in den Arm und eine Wunde in den Kopf erhalten hatte, wurde er zuletzt bei dem Ver⸗ ſuche durchzubrechen durch eine Lanze vom Pferde geworfen, welche ſeinen Panzer durchbohrte. Die Truppen flohen und der Tag war verloren.“ Jola's Stimme zitterte; Marie neigte ihr Haupt auf die Hände und weinte. „Tröſtet Euch,“ ſagte das junge Mädchen, die Hand der Prinzeſſin ergreifend und zu ihr emporſchauend.„Hört mich zu Ende, denn ich habe noch Troſt zu verkünden.“ „Ha,“ rief Marie, ihr Haupt plötzlich erhebend.„So wurde er nicht erſchlagen— wurde er nicht erſchlagen?“ „Hört mich zu Ende,“ bat Jola,„und hört mich ruhig an. Der alte Mann, den Ihr vorhin geſehen war ein An⸗ hänger des Hauſes Lancaſter geweſen. Er intereſſirte ſich für jenen edlen Lord, und als er die Flüchtlinge am Rande des Waldes vorüberjagen und die wilden Verfolger nach⸗ ſtürzen ſah, ſchlich er auf den Kampfplatz um zu ſehen, ob er den Verwundeten Hilfe leiſten könne. Er fand viele 645 Leute aus dem Kloſter, und etliche von den guten Schweſtern auf dem Felde. Tragbahren wurden gebracht, die Verwun⸗ deten weggeſchafft, die Sterbenden mit dem Troſte der Reli⸗ gion geſegnet; aber der Earl von Arran war nicht unter ihnen zu finden. Während der alte Mann ſeines Weges weiter zog, wanderten die Tragbahren langſam nach dem St. Clarenkloſter. Die damalige Aebtiſſin erkundigte ſich ängſtlich nach dem Grafen von Arran; aber man ſagte ihr, er ſey weder unter den Verwundeten noch unter den Sterben⸗ den oder Todten zu finden. Sie meinte, ſie müſſen ſich irren, denn ein Soldat, welcher an der Quelle angehalten hatte, um einen Schluck Waſſer zu trinken, hatte ihn von einem Speere durchbohrt fallen ſehen, und ſie ſchickte die Suchenden mit Fackeln aus(denn es war mittlerweile Nacht geworden) um abermals nach ihm zu ſehen. Sie ſuchten ihn vergeblich; aber der alte Franklin hatte auf dem Heim⸗ wege am Rande des Waldes in den Büſchen etwas glitzein ſehen. Bei näherem Umſchauen entdeckte er die Geſtalt eines Bewaffneten mit einer Lanzenſpitze in der Bruſt; der Schaft war abgebrochen.“ „O Gott! er lebte?“ rief die Prinzeſſin.„ „Ja,“ erwiederte Jola;„bitte, ſeyd ruhig, ſeyd ruhig und hört mich zu Ende. Ich will raſch zum Schluſſe eilen. Der alte Mann blieb bis zum Einbruche der Nacht bei ihm; dann nahm er einen Karren und führte ihn hieher, wo ein großer Theil von des Grafen Gepäck zurückgeblieben war. Man wagte nicht nach einem Arzte zu ſenden, denn die Ver⸗ folgung gegen das Haus Lancaſter wüthete heftig, und durch 646 das ganze Land raste der Mord. Der alte Mann zog ihm ſelbſt die Lanzenſpitze aus und ſtillte das Bluten mit ein⸗ fachen Mitteln, wie er ſie kannte. Drei Monate pflegte er den Verwundeten, wie der Vater ſein Kind; aber faſt ein ganzes Jahr blieb er ſchwach, und konnte ſich nicht rühren.“ „Lebt er noch, lebt er noch?“ rief die Prinzeſſin. „Könnt Ihr's ertragen?“ fragte Jola.„Er lebte lange, viele Jahre, aber er hörte Nachrichten, die ihm das Leben entleideten. Einſiedler oder Mönch mochte er nicht werden, denn er hatte andere Anſichten: ſo warf er Rang und Stel⸗ lung von ſich, legte ein niedriges Gewand an, und lebte, ein Diener der Abtei, wo ich meine ganze Jugend zubrachte, als bloſer Waidmann in einem benachbarten Forſte.“ „Doch nun, doch nun?“ fragte Marie.„Iſt er noch am Leben? O ſagt es mir, ſagt es mir!“ Indem ſie ſprach, ging die Thüre auf. Marie richtete ihre Augen mit verwirrtem Blicke empor, ſprang dann mit dem Jubelruf des Erkennens auf, und warf ſich an die Bruſt ihres Gatten. Dreiunndvierzigſtes Kapitel. Verwirrung und Aufregung durchzog England von einem Ende bis zum andern. Die Leute ſammelten ſich auf den Straßen und plauderten. Kuriere gingen von Haus zu Haus; der fette Bürgersmann klatſchte mit ſeinem Nachbar über die Tagesereigniſſe und machte ſich groß und wichtig⸗ 647 wenn er die Neuigkeiten zu Haus vor ſeiner beſſeren Haͤlfte auskramte. Auch das Landvolk war von eigenthümlichen Gefühlen bewegt: der Dorfraſen und die Bierſchenke hatten ihre Politiker; die gute Hausfrau fürchtete, man möchte ihren Bob zum Soldaten nehmen; die alten Männer und Weiber riefen ſich die Tage zurück, wo die Kämpfe zwiſchen York und Lancaſter ihren Höhepunkt erreicht hatten, und hofften, ſolche Zeiten ſollten nicht wiederkehren. Fern und nah verbreitete ſich die Nachricht, der Earl von Richmond habe an der wäliſchen Küſte gelandet und marſchire gegen London, um die Krone an ſich zu reißen. Von Schloß zu Schloß, von Stadt zu Stadt, von Hütte zu Hütte wälzte ſich das Gerücht immer weiter. Er war da— er ſtand wirklich auf engliſchem Boden; der lang erwartete Schlag war geſchehen, das längſt geahnte Unternehmen hatte begonnen. Geſchäftige Sendboten flüſterten in Aller Ohren, Rich⸗ mond ſey mit der Erbin des Hauſes York verlobt. Jetzt handelte es ſich nicht mehr um eine Frage zwiſchen York und Lancaſter; es war nicht mehr ein brudermörderiſcher Krieg zwiſchen den Abkömmlingen eines und deſſelben Ahn⸗ herrn, denn York und Lancaſter waren jetzt vereint, und die lange rivaliſtrenden Parteien nahmen ihre Stellung und entfalteten ihre Banner eines neben dem andern gegen einen Mann, der gegen Beide gleich feindſelig geſinnt war. Jede ſchlimme That, welche Richard begangen hatte, wurde— gewaltig übertrieben— in's Gedächtniß zurückgerufen. Lügenhafte Geſchichten wurden erſonnen, von denen manche 648 bis auf den heutigen Tag gekommen, um ſeinen Charakter anzuſchwärzen und ſeine Handlungsweiſe zu verdrehen. Seine Abſichten, ſeine Thaten, ſogar ſeine Perſon wurden entſtellt, und der Strom der öffentlichen Meinung ihm gänzlich abge⸗ wendet. Die Klugen, die Schüchternen und Unentſchloſſenen beriethen jedoch immer noch zuſammen, und ſchickten ſich an, eine temporiſirende Politik zu beobachten.. „Folgt meinem Rathe,“ ſagte ein alter Mann zu feinen Nachbarn,„und verhaltet Euch ganz ruhig; nehmt für Keinen Partei; laßt Lancaſter dem York und York dem Lancaſter die Kehle abſchneiden, oder Beide ſich zu Richards Unter⸗ gange verbinden— wir haben Nichts damit zu ſchaffen. Wir werden genug auszuſtehen haben, wer auch immer den Sieg davonträgt; beſſer aber, nur am Beutel zu leiden, als für eine Sache zu ſterben oder Wunden davon zu tragen, die uns gar wenig angeht. Uns iſt der eine König ſo gut wie der andere, und was die Frage über den Rechtspunkt betrifft, ſo ſind ja die Gelehrten nicht einmal einig darüber— wie ſollten wir ſie alſo entſcheiden? Verhaltet Euch ruhig und laßt ſie's untereinander ausfechten.“ Dies war ſo ziemlich die allgemeine Anſicht unter den niederen Volksklaſſen, und manche von den Vornehmeren ließen ſich durch dieſelben Erwägungen leiten.„Fechten wir für Richmond,“ dachten ſie,„ſo kann er eine Schlacht verlieren, und wir ſind Richards Gnade preisgegeben. Mar⸗ ſchiren wir im Gegentheil unter Richards Bannern, ſo kann er unterliegen, und Richmond hat unſer Schickſal in ſeinen Händen.“ 649 Der höhere Adel befolgte jedoch ein anderes Verfahren. Er begann Leute zu ſammeln und Vorbereitungen zum Kriege zu treffen, hielt aber ſo geheim wie möglich, zu wel⸗ cher Partei er halten werde. Er war in der Regel höchſt ſchweigſam über ſeine Abſichten, obwohl ausnehmend thätig und geſchäftig in ſeinen Anſtalten, und von Einem zum Andern wanderten fortwährend Mittheilungen, von denen man jedoch nichts Näheres entdeckte. Der Einzige im Reiche, welcher unthätig ſchien, war der König ſelber. Er, ſo kühn und energiſch in Feld und Lager, ſo liſtig und vorſichtig im Staatsrath, ſchien eine Zeit lang faſt Nichts vorzunehmen. Die erſte Nachricht von Richmonds Rüſtung hatte ihn ſchier raſend gemacht; als er aber erfuhr, daß der Earl mit blos dreitauſend Mann in Wilfordhafen gelandet ſey, da ſchien ſeine Wuth in Verachtung ſich umzu⸗ wandeln. Er behandelte ſeine Ankunft als bloſe Prahlerei, und ſchien die Entfaltung aller außergewöhnlichen Maß⸗ regeln gegen einen ſo jämmerlichen Angriff verachten zu wollen. „Sir Walter Herbert wird ihm ſchon Rede ſtehen,“ ſagte er, als einige ſeiner Höflinge von dem Einfalle ſprachen. „Herbert hat volle fünftauſend Mann— auserleſene Krie⸗ ger, welche unſeren Boden von dieſem franzöſiſchen Unkraute alsbald ſäubern werden— ich müßte mich ſonſt nicht auf's Jäten verſtehen. Wir werden bald Neuigkeiten von ihm hören.“ Er hörte allerdings Neuigkeiten; ſte lauteten aber dahin, daß Richmond ohne Widerſtand durch das Land marſchire, 650 daß Rice ap Thomas mit tauſend Mann zu ihm geſtoßen, daß Savage zu ihm übergegangen ſey, daß Herbert keine Anſtalten zum Widerſtande mache, daß Wales ſich eilig zu ſeinen Gunſten erhebe, daß Freunde und Vorräthe in ſeinem Lager zuſammenſtrömen, und daß er mit reißender Schnelle auf Shrewsbury losrücke. Jetzt fühlte Richard nicht allein die Nothwendigkeit kräftigen Handelns, ſondern ahnte ſogar ſeine Gefahr, und begann mit jener wilden ungeduldigen Haſt aufzutreten, welche ihn früher charakteriſirt hatte. Seine Boten eilten über das ganze Land, riefen Jeden in Waffen auf den er zählen konnte, und beorderten die Unzuverläſſigen ohne eine Stunde Aufſchub zu ihm nach Nottingham. Norfolk und Northumberland wurden in denſelben Ausdrücken aufgefor⸗ dert; während aber der Eine mit aller Haſt eifriger Anhäng⸗ lichkeit zu gehorchen eilte, unterließ der Andere alle Ver⸗ ſprechungen, veranſtaltete langſame Aushebungen, und mar⸗ ſchirte mit zögernden Schritten in eine ſolche Stellung, daß er nach Gutdünken handeln konnte, wenn der Augenblick zur That gekommen wäre. Catesby eilte mit Allem was er auftreiben konnte herbei; viele Andere trafen mit außer⸗ gewöhnlicher Behendigkeit ein, denn wenn ſich auch der Ab⸗ fall weit verbreitet hatte, ſo war er doch keineswegs allge⸗ mein, und manche von den Unzufriedenen waren nicht ge⸗ willt Richard vom Throne ſtürzen zu helfen. Die Armee wuchs täglich an Zahl, und als der König ſeine eigene Strei⸗ macht mit der Richmonds verglich, ſelbſt nachdem dieſer Shrewsbury erreicht und ſich durch den jungen Earl dieſes — —j4— 651 Namens und den Lord Talbot verſtärkt hatte, lachte er über alle Beſorgniſſe von Gefahr und ſchickte ſich an, ſich ſeinem Feinde in den Weg zu werfen, wohin dieſer auch immer ſich wenden mochte. Lord Calverly wurde ausgeſchickt um alle ſeine Vaſallen und Anhänger aufzubieten, und unter diejenigen, welchen Boten geſandt wurden, um ſie zu augen⸗ blicklicher Hilfeleiſtung für die Krone aufzufordern, gehört auch Fulmer und Chartley. Der Kurier, der zu dem Erſte⸗ ren gelangte, fand ihn in vollem Marſche aus Dorſetſhire, und brachte Richard folgende Antwort auf ſeine Aufforde⸗ rung: „Lord Fulmer bittet den König um Verzeihung, daß er ohne ſeinen Befehl aufgebrochen; nachdem er aber erfahren, daß der Earl von Richmond in Wales gelandet iſt, glaubte er nicht irre zu gehen, wenn er alsbald marſchirte, um dem Könige ſein Schwert und ſeine Truppen anzubieten.“ Als dieſe Worte berichtet wurden, war Richard eben von vielen Perſonen umgeben; gleich darauf höͤrte man ihn aber dem neben ihm ſtehenden Rateliffe zuflüſtern: „Dieſer Fulmer macht ſich wohl verdient. Er ſoll ſeine Braut haben; aber jetzt noch nicht— jetzt noch nicht. Wir müſſen erſt dieſen bretoniſchen Säugling, den jungen Rich⸗ mond, niederſchlagen; dann wollen wir luſtige Tage und Hochzeitsfeſtlichkeiten feiern. Die Maid muß an einen ſicheren Ort gebracht werden; wir wollen ſie nach York ſenden.“ „Eure Gnaden vergeſſen, daß ſie noch nicht im Kloſter iſt,“ erwiederte Rateliffe, der des Königs Worte als Befehl — aufnahm.„Sie muß ja erſt gefunden werden, ehe man ſie nach York ſchicken kann.“ Richard lächelte— eines jener finſteren Schlangenlächeln, worin ſich ein leichter Anſtrich von Verachtung mit einem Ausdrucke triumphirender Liſt vermiſchte. „Sie braucht nicht aufgefunden zu werden,“ antwortete er.„Was ſagte aber Lord Chartley zu unſerer Aufforde⸗ rung? Hat er keine Antwort gegeben?“ „Bei meinem erſten Worte rief er nach ſeinem Pferde, Sire,“ berichtete Ratcliffe.„Er ſagte, in vier Tagen ſollen ſeine Vaſallen im Felde ſtehen.“ „Stürmiſch wie immer!“ bemerkte Richard, verfiel aber dann in Nachdenken, und ſeine Stirne wurde ziemlich finſter. „Vier Tage!“ wiederholte er;„vier Tage. Das deutet auf Bereitſchaft. Er hat einen zweitägigen Marſch, ſo ſehr er ſich auch eilen mag. Seine Vaſallen ſollen im Felde ſtehen— ja aber für wen?— Sendet ihm einen zweiten Boten nach; entbietet ihn nach Broughton und laſſet ihn wohl bewachen.“ „Nach Broughton, Sire?“ fragte Rateliffe in zweifeln⸗ dem Tone. „Ja,“ antwortete Richard;„wir marſchiren morgen nach Leiceſter. Zu Broughton haben wir ihn zur Verfügung. Habt Ihr von Lord Stanley oder von ſeinem Bruder Sir William gehört?“ „Der iſt treu, glaubt mir, Sire,“ verſetzte Rateliffe. „Die letzte Nachricht lautete, er habe ſich auf Richmonds Vorrücken etwas gegen Lichſteld zurückgezogen, da er ſeit 653 dem Abfalle Sir George Talbot's und des Earls von Shrewsbury nicht Truppen genug entgegenzuſtellen hatte. Es heißt jedoch, ſein Bruder William marſchire ihm mit zweitauſend Mann entgegen, und ſie werden den Verräther angreifen, ſo bald ſie ihm begegnen.“ „Das darf nicht ſeyn,“ verſetzte Richard in ſtrengem, nachdenklichem Tone.„Gewinnen ſie die Schlacht, ſo erbt ein Unterthan die Ehre, welche der Krone gebührt; unter⸗ liegen ſie, ſo darf dieſer Gänſefalke ſeine Schwingen mit den Adlerfedern des Sieges befiedern, und Manche werden nach einer gewonnenen Schlacht ihm zuziehen, Manche von uns abfallen. Es gibt immer eine leichtſinnige wankelmüthige Menge, Rateliffe, welche unbekümmert um Recht oder Ver⸗ dienſt nur dem Erfolge nachflattert, wie die Wolken ſich um die aufgehende Sonne ſammeln, um ihre leeren Dünſte in den Strahlen zu vergolden, die ſie aufſaugen, noch ehe es Mittag wird.— Nein, nein! wir wollen nicht dulden, daß uns Einer dieſen Richmond aus der Hand reiße oder mit ihm anbinde und unterliege. Heißt ſie zurückweichen, ſowie er vorrückt, bis wir ihn mit unſerer königlichen Macht wie eine Ratte im Sturme überwältigen. Noch heute Nacht ſchickt einen Kurier ab, und mittlerweile bewacht mir wohl dieſen jungen Lord Strange; ſein Nacken iſt mir eine beſſere Sicherheit als ſeines guten Vaters Treue. Wir wollen der Armee morgen nach Leiceſter voraneilen; aber ſie darf nicht hinter uns liegen bleiben. Ein Marſchtag verloren, und Richmond könnte vorbeiſchlüpfen. Er darf St. Paul nicht erreichen!“ 654 Nach dieſen Worten wendete er ſich zu den übrigen Höf⸗ lingen und ſprach von anderen Dingen. Vierundvierzigſtes Kapitel. Die Sonne war ſeit einer Stunde untergegangen; der Mond ſtand noch nicht am Himmel, und der Forſt lag noch ganz im Dunkeln; aber viele Leute waren um des Waid⸗ manns Hütte verſammelt— Reiter, Gewappnete, auch ein Reitknecht mit einem ſchönen weißen Damenzelter an der Hand. Durch die Ritzen der Fenſterläden ſtrömte helles Licht, und der Auftritt im Inneren der Hütte war für einen ſolchen Ort höchſt ungewöhnlich. Dort ſtanden vier Per⸗ ſonen um einen Tiſch, auf welchem ein Pergament lag, und Jola und Chartley hatten es ſo eben unterzeichnet. Der Earl von Arran nahm die Feder und reichte ſie der Prin⸗ zeſſin, ſeiner Gemahlin, welche ihren Namen darunter ſetzte, worauf er ſelbſt den ſeinigen unterzeichnete. Zwei bis drei von den männlichen und den weiblichen Dienern unterſchrie⸗ ben gleichfalls als Zeugen des Dokumentes; dann legte der Waidmann(wenn wir ihn noch immer ſo nennen dürfen) Jola's Hand in die von Chartley und ſprach: „Da nehmt ſie, edler Lord, und bringt ſie ſo raſch wie möglich aus dem Bereiche der Gefahr. Eurer Ehre iſt ſie anvertraut, und ich glaube, daß ſie ſich weder in Eurer Ehre noch in Eurer Liebe jemals irren wird; gleichwohl bedenket, daß ſie nicht eher Euer Weib iſt, bis die religiöſen Ceremo⸗ 655 nien den Bund zwiſchen Euch geheiligt haben. Ich hoffe, wir werden uns Alle bald bei Denen zuſammenfinden, welche dieſe Dinge nach Recht und Gewiſſen beurtheilen ſollen, und ich verſpreche Euch dort zu beweiſen, daß der Kontrakt zwi⸗ ſchen dieſer Lady und Lord Fulmer gänzlich null und nichtig und daß der jetzige gut und geſetzlich iſt. Um aber ganz ſicher zu gehen— denn wir müſſen jeden einzelnen Tag in Rechnung ziehen— ſo übergebt dieſen Brief dem Earl von Richmond, wenn Ihr ihn trefft, und ſagt ihm, er komme von dem Waidmann, der ihm jene Botſchaft geſendet, welche ihn vor Gefangenſchaft und vielleicht vor dem Tode bewahrt hat. Nun, Gottes Segen über Euch, meine Kinder! Nein, laßt uns nicht Abſchied nehmen, theure Jola. Nehmt ſie, Chartley, nehmt ſie— und fort mit Euch!“ „Aber ſollte nicht Konſtanze hier zu uns ſtoßen?“ fragte Jola leiſe.„Ich dachte, ſie ſoll meine Begleiterin ſeyn.“ „Ich fürchte, das iſt fehlgeſchlagen,“ erklärte der Waid⸗ mann.„Die Kloſterpforten waren eine Stunde vor Son⸗ nenuntergang verſchloſſen, und ſogar einem meiner Leute wurde der Zutritt in den äußeren Hof verweigert; aber ich werde bald zu Euch ſtoßen und Euch Nachrichten bringen. Ich kann zwar keine große Streitmacht ausheben; aber ich will dennoch nicht verfehlen, dem edlen Earl mit allen ver⸗ fügbaren Männern und mit meiner eigenen Hand zu helfen. Das meldet ihm.“ Mit dieſen Worten führte er Jola zu der Thüre der Hütte, hob ſie mit ſeinen eigenen ſtarken Armen auf das Roß, und entfernte ſich dann mit abermaligem Segens⸗ 656 wunſche. Chartley ſchwang ſich leicht und glückſelig in den Sattel, und das ganze Häuflein ſprengte von dannen. Es beſtand neben dem Liebespaare aus etlichen zwanzig Män⸗ nern, und zog in raſchem Schritte durch den Wald, ſo ziem⸗ lich in derſelben Richtung, welche der Waidmann und der Biſchof von Ely verfolgt hatten, diesmal aber auf der Heer⸗ ſtraße und nicht auf dem ſchmalen Umwege, den der Prälat geführt worden war. Ich habe weder Raum noch Zeit, um bei Jola's damaligen Empfindungen zu verweilen— wenigſtens nicht um ſie bis ins Einzelne zu ſchildern. Sie waren ſonderbar und ihr ganz neu. Sie hatte früher der Gefahr, ſie hatte dem Zorne ohne Furcht getrotzt; aber ihre jetzigen Umſtände waren ganz anderer Art. Nicht nur daß ſie allein mit dem Manne ihrer Liebe in die weite Welt zog, wo Gefahren und wechſelnde Ereigniſſe ſie von allen Seiten wie ein Nebel umringten, durch welchen auch das ſchärfſte Auge keinen Lichtſtrahl ent⸗ decken konnte; ſie ließ auch alle früheren Bande hinter ſich, durchbrach alle früheren Gewohnheiten, und trat in einen ganz neuen Zuſtand des Daſeyns. Das Grab des Jugend⸗ lebens einer Frau iſt ihr Heirathskontrakt. War es Zweifel oder Zögern, was ſie erfüllte? O nein; ſie fürchtete zwar für die Zukunft; aber nur in einem Sinne: ſie glaubte, ſie wußte, ſie fühlte, daß ſie gut gewählt hatte, daß Chartley's Liebe nicht wechſeln, ſeine Zaͤrtlichkeit nicht altern werde, daß ihr Glück auf ihm beruhe und bei ihm ſo ſicher ſey, wie nur je ein Gebäude auf ſterblicher, vergänglicher Unterlage ſeyn konnte; aber ſie empfand auch, daß die Verkettung ihres 657 gemeinſamen Schickſals, wenn ſte die Freuden und das Gluck des Daſeyns verdoppelte, auch die Aengſte und Gefahren verdoppeln mußte. Sie war tief bewegt, aber nicht durch dieſe Erwägung, denn ihre Erſchütterung entſprang über⸗ haupt nicht aus einer Erwägung. Es war eine Ahnung— eine Ahnung dieſer wichtigen Aenderung, und wenn ſie auch nicht davor zitterte, ſo zog doch ein Beben durch ihr Herz, das dieſes beinahe ſtocken machte, ſo oft ſie an eine gewiſſe Veränderung und an Alles, was die lange weite Zukunft mit ſich bringen mochte, dachte. Anders bei Chartley. Wir Männer können ſolche Dinge nicht mit dieſer Intenſität empfinden, ja wir können ſie kaum begreifen. Seine Empfindungen waren alle freudiger Art: Hoffnung, heiße Leidenſchaft, befriedigte Liebe machten ſein Herz hoch aufſpringen und erfüllten es mit neuem Feuer und friſcher Thatkraft. Er wußte wohl, daß viele Gefahren ſie umlagerten, daß jede Stunde, jeder Augenblick ſeine Fährniß hatte, und daß zuletzt ein kurzer und furchtbarer Kampf folgen mußte, der vielleicht alle ſeine neugebornen Hoffnungen im Tode verlöſchen konnte. Aber der Gedanke an den Tod, der ihm nie ſehr furchtbar geweſen war, verlor merkwürdiger Weiſe eher noch einen Theil ſeiner Schrecken, als daß er durch dieſe neuen Bande, die ihn an's Daſeyn knüpften, vermehrt wurde. Wir begreifen gar wenig in dieſer unſerer kalten berechnenden Zeit— einer Zeit, welche man die Periode des Mangels aller Begeiſterung nennen könnte— wir begreifen, wie geſagt, nur wenig die Natur James. Der Waidmann. 42 658 einer ritterlichen Liebe. Ich darf mich nicht damit aufhalten, daß ich mich näher hierüber auslaſſe; es genüge zu wiſſen, daß es Chartley zu Muthe war, als ob der Umſtand, daß er Jola ſein eigen genannt— genügende Freude für ein menſchliches Daſeyn ſey, auch wenn er fallen ſollte, und daß es ein beneidens⸗ und nicht bedauernswerthes Schickſal wäre, wenn er große Thaten verrichten und liebend, geliebt und beweint mit hohem Ruhme ſterben dürfte. Gleichwohl hatte er eine ſchwache Ahnung deſſen, was in ihrer Bruſt vor ſich gehen mochte. Er fühlte, daß ſchon ihre jetzige Lage ſie aufregen mußte; er dachte ſich, daß ſchon die blos materielle Gefahr, die ſie umringte, ſie beunruhigen mochte, und er beeilte ſich, ſie ſo gut er konnte zu beruhigen und aufzuheitern. „Ich hoffe, theuerſte Jola,“ ſagte er,„daß ich Dich nach all der heutigen Aufregung durch dieſes ſchnelle Reiten nicht ermüden werde. Haben wir erſt Tamworth hinter uns, ſo werden wir ſicherer reiſen, denn alle meine Leute verſammeln ſich zu Fazely, und ich hoffe mich dort an der Spiitze von dreihundert Pferden zu ſehen.“ „Verweilſt Du Dich zu Tamworth?“ fragte Jola.„Ich habe gehört, daß Streifpartien von des Königs Truppen dort ſeyn ſollen.“ „Wir müſſen es von der Kreuzſtraße aus rechts laſſen,“ erwiederte Chartley.„Stanley ſoll ſich irgendwo in dieſer Richtung von Lichſield zurückziehen; doch ihn fürchte ich nicht. Wenn wir Lichſield in Sicherheit erreichen, ſo iſt alle Gefahr vorüber.— Reite nur einen Augenblick zu, Liebſte, während 8. — 659 ich mit den Leuten des Nachtrabs einige Worte rede; ich werde im Augenblick wieder an Deiner Seite ſeyn.“ Vielleicht hatte er, indem er alſo ſprach, etwas bemerkt, was ſeine Beſorgniß erregte, denn Chartley blieb zurück, und befahl zweien ſeiner Leute, ſich auf hundert Schritte Abſtand hinter den Uebrigen zu halten, und auf das geringſte Zeichen von Verfolgung alsbaldige Nachricht zu geben. Während er wieder zu Jola zurückkehrte, verweilte er einen Augenblick bei dem Araber. „Ibn Ayoub,“ ſagt er,„im Falle eines Angriffs über⸗ trage ich Dir die Obhut über den koſtbarſten Schatz den ich beſitze. Siehſt Du Zeichen eines Kampfes, ſo faſſe den Zügel der Lady und jage von dannen, wo eben die Straße frei iſt. Es müßten flinke Roſſe ſeyn, welche mit Deinem und dem ihrigen Schritt halten wollten. Ein Städtchen Namens Lichſield iſt der Ort, wo wir uns treffen müſſen; Du biſt ſchon einmal dort geweſen und vergißt nicht ſo leicht.“ „Warum ſollte der Emir fechten und der Sklave flie⸗ hen?“ fragte Ibn Ayoub;„doch ſey es, wie Du willſt.“ „Es muß ſo ſeyn,“ antwortete ſein Gebieter;„ſjetzt reite näher zu uns heran und gedenke meiner Worte.“ SHiemit ſprengte er an die Spitze und erneuerte ſein Ge⸗ ſpräch mit Jola in heiterem aber zärtlichem Tone. Theure Worte wurden geſprochen, freudige Hoffnungen berührt, welche den Weg gar ſehr abkürzten; ſie riefen ſich die Vergangenheit zurück, ſprachen von jener Nacht, da ſie ſich * zum erſten Male begegnet, von ihrem Aufenthalte im 42* 660 Walde, und in den hinreißenden Träumen der Erinnerung vergaß Jola theilweiſe ihrer jetzigen Aufregung; nur hie und da erwachte ſie plötzlich zu dem Gedanken, daß ſie jetzt wieder mit Chartley allein ſey, nicht um in wenigen Stun⸗ den zu den Freunden und⸗Gefährten ihrer Jugend zurück⸗ zukehren, ſondern um in einem oder höchſtens zwei kurzen Tagen ſein Weib zu werden, für ihn auf alles Andere zu verzichten, und ihr Daſeyn in das ſeinige zu verſenken. Das war ſehr ſüß aber auch grauenvoll, und neue Empfindungen quellten aus dem Borne ihres Herzens und überwältigten ſie beinahe. Schon waren ſie an der Straßenbiegung nach Tamworth vorüber und ritten gegen Fazely. Alle Gefahr eines An⸗ griffs von dieſer Seite ſchien vorbei, und Chartley's Unter⸗ haltung wurde heiterer und unbefangener, als plötzlich einer ſeiner Leute von hinten heranſprengte und meldete: „Hinter uns folgen einige Reiter, mein edler Lord. Es ſind nur ihrer drei, das weiß ich gewiß, denn ich ſprengte auf jenen kleinen Haidehügel, von wo ich die Straße faſt auf eine halbe Meile überſehen konnte. Ich hielt es jedoch für's Beſte, es Euch zu melden. „Vielleicht Spione,“ bemerkte Chartley in ruhigem Tone.„In dieſem Falle möchte ich ſie gerne abfangen und nach Fazely mitnehmen. Reite zu, theuerſte Jola; ich will zehn Männer mit mir nehmen, und ſehen, wer dieſe Herren ſind. Zu Fazely iſt Alles für Dich vorbereitet, und wir ſind jetzt außer Gefahr. Ich will Dir alsbald folgen. Ibn Ayoub, beſchütze die Lady.“ 661 „Chartley, Du wirſt mich doch nicht täuſchen?“ rief Jola.„Wenn Gefahr vorhanden iſt, ſo moͤchte ich ſie an Deiner Seite theilen.“ „Es iſt keine vorhanden, Liebe,“ verſicherte Chartley; „Du hörteſt ja, was der Mann ſagte. Ich weiß nichts Weiteres. Es ſind ihrer nur Drei; ſie können keinen An⸗ griff machen und kaum Widerſtand leiſten.“ Mit dieſen Worten wendete er ſein Roß, und die acht let ten Männer der Truppe mit ſich nehmend, eilte er zum Nachtrabe zurück. Er brauchte nicht weit zu reiten, denn kaum zweihundert Schritt hinter ihnen gewahrte er deutlich die Geſtalten dreier Berittenen, welche in raſchem Schritte die Straße daherkamen, indem der Eine vorausritt und die beiden Andern ihm folgten. Sobald er ſie unterſcheiden konnte, machte er mit ſeiner kleinen Truppe Halt, und als ſie näher kamen, rief er: „Halt! Wer kommt da?“ „Biſt Du es, Lord Chartley?“ fragte eine Stimme, welche dem jungen Edelmanne vertraut klang. „Es liegt nichts daran, wer ich bin,“ erwiederte er; „Ihr dürft nicht paſſiren, bis Ihr Euch erklärt.“ „Ich will nie etwas Anderes als einen trübfarbigen Tuchmantel und braune Hoſen tragen, wenn das nicht Chart⸗ ley's Stimme iſt,“ rief der Andere.„Ich bin Sir Edward Hungerford; kennt Ihr mich nicht?“ „Meiner Treu, Hungerford,“ erwiederte Chartley la⸗ chend;„wie ein Königsfiſcher“ biſt Du beſſer an Deinen * Eisvogel— alcedo. D. U. 662 Federn als an Deiner Stimme zu erkennen. Was führt Dich dieſes Weges?“ „Ich ſuche Dich, mein guter Lord,“ erwiederte Hunger⸗ ford heranreitend.„Ich war zu Atherſton um nach Dir zu fragen, und dann auf einem gewiſſen Raſen neben einem gewiſſen Kloſter, und ich fürchte, durch den Ritt auf dieſen Straßen in dieſem ſtaubigen Auguſtmonat habe ich ein Wamms von himmelblauer Seide vom neueſten zierlichſten Schnitte gänzlich verdorben. Ich wollte, Du könnteſt es betrachten, und doch iſt es jetzt wohl kaum mehr zum Anſehen. Ich konnte über Dich blos ſo viel in Erfahrung bringen, daß Du gegen Fazely geritten ſeyeſt, wo Du Deine Muſte⸗ rung abhalten wolleſt, und als ich zu der Brücke an der Coleshillſtraße gelangte, da vernahm ich den Klang von Pferdehufen und folgte.“ „Was willſt Du aber von mir?“ fragte Chartley; „worin beſteht Dein dringendes Geſchäft?“ „Das will ich Dir ſagen, wenn wir Fazely erreichen,“ erwiederte Hungerford.„Wir wollen lieber raſch zureiten, denn ich muß heute Nacht noch eine Antwort nach Tamworth zurückbringen.“ Sir Edward Hungerfords Geſellſchaft zu Fazely kam Chartley nichts weniger als erwünſcht, und er faßte deßhalb einen raſchen Entſchluß.. „Schönen Dank, Hungerford!“ ſagte er;„wir lehen in gefährlichen Zeiten, welche alle Ceremonien und Höflichkeiten abkürzen. Fazely iſt im Beſitze meiner luſtigen Leute; es 663 iſt ein offener unvertheidigter Ort, und ich werde Niemand als meine eigenen Leute einlaſſen.“ „Ei, Du hältſt mich doch nicht für einen Spion?“ rief Hungerford in beleidigtem Tone.„Eure Gaftlichkeit iſt ſehr karg, Mylord Chartley.“ „Wenn Du heute Nacht nach Tamworth zurückkehrſt, Hungerford, ſo iſt es nicht Gaſtlichkeit was Du ſuchſt,“ ant⸗ wortete Chartley.„Ich halte Dich allerdings weder für einen Spion noch für etwas Anderes als für den beſtgeklei⸗ deten Ehrenmann im Lande; aber ich halte es für eine Sache der Klugheit, in ſolchen Zeiten wie die jetzigen, die Anzahl und Aufſtellung meiner kleinen Truppenmacht Nie⸗ mand wiſſen zu laſſen, da man nicht ſagen kann, in welchen Reihen man ſich zunächſt wieder ſehen wird. Mit Einem Worte, mein zarter Freund: ich habe gehört, daß Du in letzter Zeit mit dem guten Lord Fulmer in Dorſetſhire zu⸗ ſammengeweſen; Lord Fulmer wird am Hofe ſehr bearg⸗ wöhnt— das kann ich Dir ſagen; ſeine Liebe zu mir ſteht vollends außer Zweifel. Wenn Du mich alſo zu Atherſton und ſonſtwo aufſuchteſt, ſo kannſt Du Deinen Auftrag hier ebenſo gut wie in Fazely anbringen“ „Aber Du kannſt hier ein Billet nicht ebenſo gut wie in Fazely leſen,“ erwiederte Hungerford,„und den Inhalt nicht herausriechen; ich ließ es noch überdieß parfümiren, ehe ich es übernahm, was er verſäumt hatte.“ „Wer iſt der— Er?“ fragte Chartley. „Natürlich mein edler Freund, Lord Fulmer,“ gab der luſtige Ritter zur Antwort. 664 „O dann kann ich Deinen Auftrag errathen,“ erwiederte Chartley;„laß uns hier abſteigen und bei Seite treten.— Mundy, halte mein Pferd.“ 6 Hiemit ſprang er zu Boden und trat mit Sir Edward Hungerford etwas abſeits von ſeinen Leuten. „Nun, mein guter Freund,“ ſagte er;„erkläre Dich in deutlichen Worten und ſo kurz als Deine höfiſche Natur es erlaubt.“ Der Auftrag, welchen Hungerford in etwas weitſchwei⸗ figen Ausdrücken und mit allerlei zierlichen Phraſen aus⸗ richtete war ganz wie Chartley ihn vermuthete, und er er⸗ wiederte alsbald: „Ich will ihn nicht täuſchen, Hungerford,— obwohl ich — ehrlich geſtanden— eine paſſendere Zeit hätte wünſchen können. Ich will ihn nicht täuſchen; aber als der Gefor⸗ derte will ich meine eigenen Bedingungen machen.“ „Das iſt Dein Recht,“ erklärte Hungerford;„wir können das Kartel in aller Ordnung aufſetzen und beiderſeitig unter⸗ zeichnen.“ „Nein, das können wir nicht,“ gab Chartley zur Ant⸗ wort;„die erſte meiner Bedingungen iſt, daß kein Kartel gemacht wird: wir haben keine Zeit zu ſolchen Narrheiten. Es ſind jetzt Ereigniſſe im Anzuge, vor denen alle perſoͤn⸗ lichen Streitigkeiten verſchwinden müſſen; ich könnte mich zwar weigern und unſern Streit auf eine ſpätere Zeit, wenn der Friede wieder hergeſtellt iſt— verſchieben; aber ich mag keinen Aufſchub ſuchen, wenn er keine andern Bedingungen verlangt, als ich ſie ihm ſogleich gewähren kann. Von prunk⸗ 665 vollen Liſten, von Zeugen und Kampfmarſchällen iſt alſo keine Rede; vielmehr will ich ihm Schwert gegen Schwert, Mann gegen Mann, meine bloße Bruſt gegen die ſeinige begegnen. Auch ſoll es allein geſchehen, denn es iſt nicht nöthig, daß Andere in unſern Streit gezogen werden. Es muß unver⸗ züglich geſchehen, denn ich habe nicht Zeit ſein Belieben ab⸗ zuwarten. Morgen mit dem Früheſten will ich allein auf dem Gipfel jenes kleinen Hügels erſcheinen, hinter welchem der Mond eben aufgeht, wenn jenes Silberlicht am Hori⸗ zonte die Wahrheit ſpricht. Dort können wir die ganze Um⸗ gegend überſehen, ſo daß ſein argwöhniſches Gemüth keinen Hinterhalt zu fürchten braucht. Ich will allein kommen und nur wie ich jetzt bin, mit Schwert und Dolch bewaffnet. Laß ihn ebenſo erſcheinen und er ſoll haben, was er ſucht. — So lauten meine Bedingungen; darauf gebe ich Dir meine Hand. Sey Du der Zeuge unſeres Kontraktes, und wenn Einer den Andern übervortheilt, ſo mußend die Schande auf ſeinem Namen bleiben.“ „Ich wills ihm ſagen, mein guter Lord,“ erwiederte Hungerford;„aber ich kann nicht verſprechen, ob er kommen wird, denn dieſe Bedingungen ſind ungewöhnlich. Es iſt ein ſchlechtes Fechten vor dem Frühſtück; man hat immer einen beſſeren Magen für ein herzhaftes Mahl als für eine Tracht Rippenſtöße.“ Wahrhaftig, wenn er keinen Magen hat für das Mahl das ich ihm anbiete, ſo ſoll er es aufgeben,“ antwortete Chartley.„Das iſt die einzige Zeit und Manier, wie er 666 ſein Gelüſte büßen kann. Du geſtehſt ſelbſt, daß ich ein Recht habe, die Bedingungen zu ſtellen.“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte Hungerford;„aber die Ma⸗ nier iſt höchſt ungewöhnlich und die Stunde wahrhaft troſt⸗ los. Wenn ich ein General wäre, ich ließe meine Leute nie anders, als nach dem Mittageſſen fechten. Ein Engländer wird wild bei der Verdauung, was von dem vielen harten Rindfleiſch herrührt, das er ißt, und ſollte immer in der Stunde zum Dreinſchlagen gebracht werden, wo er am trotzig⸗ ſten iſt. Da Du jedoch dieſe Laune haſt, ſo will ich ſie Lord Fulmer mittheilen; und nun, mein edler Lord, wirſt Du hoffentlich meine Handlung nicht unfreundlich aufnehmen, wenn ich Dir dieſes Billet überbringe, das ich in Deinen Händen zurücklaſſen will, obgleich ich deſſen Inhalt bereits erklärt habe.“ „Nicht im mindeſten,“ verſetzte Chartley.„Gleich vie⸗ len anderen Männern halte ich Dich für beſſer und weiſer, als Du Dich ſelber erſcheinen läßt.“ „Dank, edler Lord,“ verſetzte der Ritter, indem er ſich neben Chartley zu den Pferden verfügte;„ich habe Dir jedoch noch eine wichtige Sache mitzutheilen, die ich zu er⸗ wähnen vergaß, obwohl ich ſie ſeit mehreren Monaten in mir herumgetragen habe.“ „Nun, was war es?“ fragte Chartley ſtillſtehend. „In jener letzten Nacht auf Chidlow war Dein Wamms ſchief zugeknöpft,“ erwiederte Hungerford.„An Deiner Stelle würde ich meinem Kammerdiener aufs Strengſte be⸗ fehlen, daß er beim unterſten Loche anfängt und ſo nach oben 667 fortfährt, denn es macht einen eigenthümlichen unerfreu⸗ lichen Eindruck auf das Auge, einen Anzug in Unordnung zu ſehen, beſonders wenn Puffen und Schlitze, wenn Bänder und Schleifen oder andere regelmäßige Theile des Koſtümes außer Symmetrie ſtehen. Ich meines Theils kann mir nicht denken, daß eine ſchöne Dame auf einen ſolchen unpro⸗ portionirten Anzug mit liebendem Auge ſchauen kann.“ „Ich will Deinen weiſen Rath befolgen,“ erklärte Chart⸗ ley lachend;„und nun, gute Nacht, Hungerford. Später hoffe ich Dir einen vergnügteren Abend zu bereiten.“ So ſchieden die Beiden, und Chartley ſprengte Jola und ihren Begleitern in aller Eile nach. Sie hatten jedoch Fazely erreicht, ehe er ſie einholte, und der junge Lord traf ſeinen Haushofmeiſter, wie er Lady Jola mit aller gebühren⸗ den Ehrerbietung die Zimmer in dem großen Pächterhauſe zeigte, welche für ſie hergerichtet waren. Der Ort war keineswegs ein Palaſt; ſeine einfache Ein⸗ richtung war jedoch mit allerlei zierlichem Schmucke aufge⸗ putzt worden, ſeit Chartley's Bote am heutigen Abende an⸗ gelangt war. Blumenguirlanden hingen über den Thüren; auf dem Boden waren friſche Binſen geſtreut und Büſchel von Buchs über die Wandleuchter geſteckt. Auch in dem Dorfe war reges Leben wahrzunehmen; Gruppen von Bewaffneten ſah man umherſtehen, und aus dem gegenüberliegenden Bierhauſe drangen luſtige Klänge. Jola's Muth ſank jedoch nicht wenig, als ſte die vielen Zei⸗ chen eines nahenden Krieges gewahrte, obgleich Diejenigen, die ſich daran betheiligen und Glück und Leben in die Schanze 8 668 ſchlagen ſollten, die Sache ebenſo gedankenlos wie ein heite⸗ res Maifeſt zu behandeln ſchienen. Ein rüſtiges Bauern⸗ mädchen harrte ihrer als Dienerin; einige leichte Erfriſchun⸗ gen waren in der großen Stube ausgebreitet, und ſobald Chartley's Schritt und Stimme ſich vernehmen ließen, war jene augenblickliche Anwandlung von Furcht verſchwun⸗ den, und ſie fühlte, daß die erſten Gefahren überſtanden waren. Eine Stunde, eine kurze Stunde blieben ſie in ſüßem, träumeriſchem Geplauder beiſammen; dann führte ſie Chart⸗ ley nach ihrem Zimmer, wo auch für die Zofe ein Bett zu⸗ bereitet war. Mit ſanftem, freundlichem Lebewohl wünſchte er ihr gute Nacht, und daß ſie ſich für ihren morgigen Marſch recht erfriſchen möge; dann kehrte er zurück, um die Rap⸗ porte ſeiner Leute anzuhören und Weiſungen zu ertheilen. Die nächſte Stunde war eine äußerſt geſchäftige: Nach⸗ fragen, Befehle, Meldungen, die Prüfung der Muſterliſten und Rechnungen füllten die Zeit aus, worauf der junge Lord alle ſeine Leute zur Ruhe ſchickte und ſich zum Schreiben niederſetzte. Zwei bis drei Briefe waren bald beendigt— einer an Lord Stanley, einer an den Earl von Richmond und einer an Sir William Arden. Einige kurze zärtliche Zeilen an Jola faltete er zuſammen und ſteckte ſie zu ſich, worauf er noch einige Weiſungen auf einem Papier nieder⸗ ſchrieb, dieſes verſtegelte und auf der Rückſeite bemerkte: „Zu eröffnen und zu befolgen, wenn ich nicht bis acht Uhr zurückkehre— Chartley.“ Nun ſetzte er ſich nieder, ſtützte den Kopf auf die Hand 669 und überließ ſich ſeinen Gedanken. Zur Ruhe mochte er ſich nicht legen um nicht zu verſchlafen; die Stunden der Nacht ſchlichen an ihm vorüber, und er erhob ſich endlich und weckte ſeinen ſchläfrigen Haushofmeiſter, der nicht wenig erſchrack, als er ſeinen Lord neben ſeinem Bette ſah und kaum dazu gebracht werden konnte, ſeines Herrn Aufträge zu begreifen. „Da nehmt dieſe Befehle,“ befahl Chartley.„Legt ſie für heute Nacht unter Euer Kopfkiſſen und ſorgt, daß ſie morgen zu der bezeichneten Stunde vollſtreckt werden.“ „Das will ich, Mylord; ja, Mylord, das will ich,“ ver⸗ ſicherte der Mann, die Augen reibend. Chartley gab ihm das Papier, verſchaffte ſich einen Becher kalten Waſſers, den er zur Erfriſchung nach ſeiner ſchlafloſen Nacht austrank und verfügte ſich dann in den Stall. Dort ſattelte er eigenhän⸗ dig ſein Pferd, ſtieg auf und ritt von dannen. — Fünfundvierzigſtes Kapitel. Ich kenne keine körperliche Anſtrengung, welche ebenſo ſehr ermüdet wie die Seelenaufregung, ja die Ermüdung welche letztere verurſacht iſt ſehr oft der Art, daß ſie alle Ruhe verſchmäht. Der Geiſt in ſeiner Unſterblichkeit weicht nicht ſo leicht dem Schlummer, wie ſein dem Tode geweihter Ge⸗ fährte. Ueber eine Stunde verſtrich bis Jola einſchlum⸗ merte; dann war aber auch ihr Schlaf der ruhige erquickende Schlummer der Jugend und Unſchuld. Mochte ſie auch Be⸗ ſorgniſſe empfinden, von tiefen Regungen bewegt werden 670 und von Aengſten, Sorgen und Gefahren ſich umringt ſehen: ſie hatte keine böſe Handlung zu bereuen, keinen ſchlimmen Gedanken zu bekämpfen. Der Wurm, welcher nie ſtirbt, nagte nicht an ihrem Herzen; das Feuer, welches nie erliſcht, war ihr nicht ins Gehirn gedrungen: ſie ſchlummerte ſanft und ruhig, und das Tageslicht fand ſie noch immer ſchlum⸗ mernd. Auch das leichtherzige Landmädchen, das in dem kleinen Bette zu ihren Füßen lag, ſchlief in aller Ruhe; ſie hatte jedoch ihre gewohnte Stunde des Erwachens, und um dieſe Stunde erhob ſie ſich. Ihr Umhergehen im Zimmer weckte Jola, und als ſie hörte, wie viel es an der Zeit ſey, erklärte ſie, ſie wolle aufſtehen, ſo früh es auch war, um zum Aufbruche bereit zu ſeyn, ſobald Chartley dieſen anord⸗ nen mochte. Ihre Toilette war nahezu beendigt und das Mädchen hatte das Zimmer auf einige Minuten verlaſſen, als ſie plötzlich mit einem Blicke der Beſtürtzung zurückkam und meldete: „Ach, Lady, da draußen vor der Thüre ſteht jener fürch⸗ terliche ſchwarze Mann und will durchaus mit Euch ſprechen.“ Jola mochte nichts weiter hören, obgleich das Mädchen ihr eben erzählen wollte, daß das ganze Haus in Verwirrung ſey; ſie ſprang vielmehr nach der Thüre und riß ſie auf mit der Frage: „Was gibt es, Ibn Ayoub?“ „Gefahr gibt es, Lady,“ verſetzte der Araber.„Mylord hat mich beauftragt, im Falle eines Kampfes Euch nach Kichſield zu geleiten, und ein Kampf ſteht vor der Thüre.“ 571 „Aber wo iſt Euer Lord?“ fragte Jola mit heftiger Un⸗ ruhe in Ton und Blick. „Man weiß es nicht,“ erwiederte der Araber.„Er iſt heute Morgen allein ausgeritten, vermuthlich um einige Po⸗ ſten zu viſitiren oder nach den noch nicht angekommenen Leu⸗ ten zu ſehen. Er befahl mir geſtern, Euch vor jeder Gefahr ſicher nach Lichſield zu geleiten. Die Gefahr iſt da: Lord Stanley marſchirt mit ſtarker Truppenmacht gegen uns und unſere Leute parlamentiren mit den ſeinigen am Ausgange des Dorfes. Sie ſagen, ſie wollen bis zu unſers Lords Rückkehr Niemand einlaſſen, und Lord Stanley erklärt, er werde ſie dazu zwingen. Werft Euren Schleier über, Lady, und kommt herab. Euer Roß ſteht bereit und aus dem Pachthofe führt ein Weg auf die Felder.“ Jola ſchwankte eine Weile und fragte dann, dem Araber ernſthaft ins Geſicht ſchauend: „Sagte er, ich ſolle gehen?“ „Beim Barte des Propheten! das that er,“ betheuerte Ibn Ayoub. Im ſelben Augenblicke hörte man in nicht großer Ferne den Klang einer Trompete und zu gleicher Zeit die Stimme von Chartley's Haushofmeiſter, welcher die Treppe her⸗ aufſchrie: „Ruft Lady Jola, ruft Lady Jola! Sagt ihr, ſie ſoll zum andern Ende des Dorfes hinauseilen; ſie möge ſich aber ſputen und ja keine Zeit verlieren.“ Jola raffte ihren Hut vom Tiſche auf, und die übrigen kleinen Toiletteartikel, die man für ſie mitgebracht hatte, 572 zurücklaſſend eilte ſie die Treppe hinab. Unten war Alles voller Verwirrung, und ſie bemühte ſich vergeblich weitere Nachricht über Chartley zu erlangen. Die meiſten Leute hatten auf die erſte Nachricht der Gefahr das Haus ver⸗ laſſen, und nur der Pächter und ſeine Söhne nebſt dem Haus⸗ hofmeiſter, einem ältlichen etwas beſchränkten Manne, be⸗ fanden ſich im unteren Stockwerke. Letzterer drängte ſie ſehr zur Flucht, und in den Hof auf der Rückſeite des Hau⸗ ſes eilend, ſaß ſie bald auf dem flinken Roſſe, das ſie bis hie⸗ her getragen hatte. Ibn Ayoub ergriff den Zügel; einer der jungen Männer öffnete das Hauptthor, und zwei Minu⸗ ten ſpäter fand ſich Jola zwiſchen den Feldern und Hecken öſtlich von Fazely. Dieſe Hecken waren damals zahlreich und dicht belaubt, ſo daß ſie die Flüchtlinge vor Aller Augen verbargen, und der Araber trieb die Pferde faſt eine Stunde lang zu raſchem Schritte. 8 Anfänglich, als ſie eben aus dem Dorfe traten, hörte man viele laute Töne, darunter ein abermaliges Trompeten⸗ ſchmettern durch die Luft daherbrauſen. Allmälig wurden ſie ſchwächer je weiter ſie kamen, und bald athmete ihre ganze Umgebung nur noch die ſüße ruhige Stille eines frühen Sommermorgens. Man hörte nichts mehr als das Traben ihrer Pferde auf der Straße, das ferne Brüllen des Viehes und das Singen eines Vogels. Alles war friedlich, nur nicht das Herz der armen Jola, denn dieſes pochte unter mannigfaltiger Erſchütterung. „Laßt uns langſamer reiten, Ibn Ayoub,“ ſagte ſie. „Wir müſſen jetzt außer Gefahr ſeyn— wenigſtens außer — dieſer Gefahr. Laßt mich nachdenken, laßt mich nachdenken, denn in dieſem Schritte muß ich alle Gedanken hinter mir laſſen.“ „O jetzt hats keine Gefahr,“ meinte der Araber in ſei⸗ ner eigenthümlichen orientaliſchen Betonung; aber es wäre jedenfalls gut, Lichſield ſo bald wie möglich zu erreichen, denn dort wollte Mylord zu uns ſtoßen, wie er ſagte.“ „Seyd Ihr aber auch ſicher, daß wir auf dem Wege nach Lichfield ſind?“ fragte Jola.„Und ſeyd Ihr gewiß, daß der Lord dort zu uns ſtoßen kann? Himmel, was ſoll aus mir werden, wenn er nicht käme!“ „Gott iſt gut,“ ſprach der Araber, ſeine Hand ehrerbie⸗ tig auf die Bruſt legend,„und das Schickſal iſt unabwend⸗ bar. Dieſes iſt die Straße nach Lichſield— ſo verſtand ich ſie wenigſtens; doch jede Straße hat ein Ende, und wir werden bald ſehen. Laßt uns jedoch langſam reiten, denn ich vergaß, daß ihr kein Araber ſeyd.“ 4 Der Weg war jedoch länger als der gute Sklave dachte, und ſchien Jola wahrhaft endlos. Doͤrfer gab es dazu⸗ mal nur wenige im Lande, und viele der jetzigen Städchen waren damals Dörfer. Der Weg, den ſie eingeſchlagen war offenbar eine kleine Landſtraße, in der jetzigen trockenen Jahreszeit gut genug, aber wenig beſucht und durchaus ohne jene bequemen Anſtalten, welche den Reiſenden unſerer Zeit durch eine Aufſchrift auf hohen Pfoſten verkündigen, daß er ſich hierhin zur Rechten und dorthin zur Linken zu wenden habe. Die Hitze war ſehr groß und drückte auf Roſſe und Reiter, und der helle klare Sommerhimmel begann ſich all⸗ James. Der Waidmann. 43 674 mälig zu verfinſtern. Ein dünner Nebelſchleier zog über den Himmel, und als ob ſie aus ihm ſich bildeten, ſah man die gelb⸗ lichen Umriſſe lieblicher Wolken ſich zu tauſend ſonderbaren phantaſtiſchen Geſtalten zuſammenballen. Es wehte kein Wind, und doch bewegten ſie ſich, thürmten ſich allmälig über einander und ſchienen gleich den Titanen bei der Er⸗ ſtürmung des Himmels die eine über die andere empor⸗ zuklimmen. „Wir werden noch vor Nacht ein Gewitter haben, und Ihr ſcheint müde und ängſtlich, Lady“ bemerkte der Araber. „Aengſtlich bin ich, aber nicht wegen des Gewitters, Ibn Ayoub,“ erklärte Jola.„Ich ängſtige mich um Euren theuren Gebieter. Dieſe Beſorgniß und die Aufregung unſerer plötzlichen Abreiſe macht mich müde, wie ich glaube. Die Luft iſt aber auch furchtbar ſchwül, und mir iſt, als ob ich kaum noch athmen könnte—“ indem ſie den Halskragen aufknöpfte, der damals einen Theil der Damentoilette bildete. Der Araber lächelte. „Mir kommt ſie vor wie der Frühling, obwohl ſie in Eurem kalten Klima ohne Zweifel heiß ſcheint,“ ſagte er; „wir werden jedoch bald ein Haus finden, wo Ihr Erfriſchung und Ruhe auf einige Minuten haben könnt.“ „Wir wollen Nachrichten einziehen— das iſt von größe⸗ rem Gewicht,“ bemerkte Jola.„Ich kann recht gut bis Lichfield reiten; es hieß ja, es ſey nur ſechs Meilen von Fazely, und wir hätten es jetzt wohl ſchon ſehen ſollen, meine ich.“ „Es iſt wahr, wir ſind mehr als ſechs Meilen geritten,“ ſagte der Mann,„und doch ſcheint Alles noch öde. Doch nein, dort ſteht ein Haus; ich ſehe das Dach über den Hügel hervorgucken, und das muß das Thor ſeyn, das zu ihm führt.“ Hiemit ſchlugen ſie den kleinen Seitenpfad ein, den ſie durch zwei benachbarte Felder gegen Weſten ſich hinanwinden ſahen; als ſie die kleine Anhöhe erreichten, erblickten ſie das ſtattliche Haus eines Pächters oder Franklins mit den nied⸗ rigen Schuppen oder Scheunen, wie ſie damals in England üblich waren. „Geht Ihr voraus und ſprecht mit ihnen,“ ſagte Ibn Ayoub.„Meine Hautfarbe erſchreckt die Leute— wie wenn man ſich mit Milch abwaſchen müßte, um ein treues Herz, zu beſitzen.“ Er ſprach aus Erfahrung, und da ſie glaubte, daß er wohl Recht haben dürfte, ſo ritt Jola auf die Thüre zu und rief ein Mädchen an, das eben einen Milcheimer durch den Gang trug. Sie ſetzte den Eimer alsbald nieder und kam herausgelaufen, um mit der ſchönen Dame, die ihr rief, zu ſprechen; ſobald ihre Blicke jedoch an Jola vorüber auf Ibn Ayoubs Geſicht und Geſtalt fielen, rannte ſie kreiſchend in das Haus zurück. An ihrer Stelle erſchien eine ältere Frau mit offenem, gutmüthigen Geſicht, welcher Jola erklärte, daß ſie von Fazely gekommen ſeyen und nach Lichfield wollten, daß ſie aber aus der Entfernung, die ſie bereits zurückgelegt ohne die Stadt zu finden— entnähmen, daß ſie ſich wohl verirrt haben müßten. „Verirrt, ſchöne Dame? Ja freilich habt Ihr das,“ 43* 676 gab die gute Frau zur Antwort.„Ihr ſeyd nur noch vier Meilen vom Schloſſe Bromwich, und ich weiß nicht wie viel von Lichſield— vierzehn Meilen rechnen wir, und zwar gute, tüchtige Meilen, wie ich weiß. Ihr ſeht aber bleich und ermüdet aus— wollt Ihr nicht hereinkommen und ausruhen? Dieſes thörichte Ding hat ſich vor Eurem braunen Mohren entſetzt; aber ich will wetten, daß ſie bald mit ſeinen golde⸗ nen Armbändern ſpielen wird.“ Jola war bleich geworden bei der Nachricht, daß ſie von dem Orte ihrer Beſtimmung ſo weit entfernt war. Sie fürchtete auf einem ſo langen Ritte, wie er ihr jetzt bevor⸗ ſtand, einigen von den Streifpartien, welche das Land durch⸗ zogen, in die Hände zu fallen, und da ſie dachte, auf dem Pachthofe einige Weiſungen über ihren Weg erhalten zu können, ſo nahm ſie das Anerbieten der guten Frau an und ſtieg ab. Ibn Ayoub führte die Pferde in einen Stall hin⸗ ter dem Hauſe, und Jola ſaß bald in der Küche des Wohn⸗ hauſes mit Milch und Eiern vor ſich, während die gute Hausfrau ſie zum Eſſen nöthigte. Es liegt etwas in der zarten Anmuth des Benehmens, was ſelbſt die roheſten und unkultivirteſten Gemüther für ſich einnimmt, und die gute Pächtersfrau war keines von beiden. Von Charakter heiter und freundlich, hatte ſie von der Natur die beſte Art von Höflichkeit gelernt und hatte noch außerdem eine Erziehung erhalten, welche der ihrer meiſten Standesgefährten überlegen war. Sie konnte leſen und ſchreiben, und das war mehr als die Hälfte der über ihr ſtehenden Klaſſe von ſich rühmen durfte; ſie hatte vor ihrer 677 Verheirathung mit einem Pächter in Städten gewohnt, was ſie im Vergleich mit Anderen fein und artig gemacht hatte. Es war jedoch ihre Herzensgüte, womit Jola am Meiſten zu ſchaffen hatte, denn in ihrer Gaſtfreundſchaft lag ſo viel offenherzige Aufrichtigkeit, daß Jola ſich ermuthigt fühlte, ihr einiges Vertrauen zu ſchenken und ſie über ihr ferneres Thun und Laſſen um Rath zu fragen. Die Gelegenheit hiezu war bald gefunden, denn die gute Frau ſelbſt war nicht ohne jenen Antheil von Neugier, den man faſt allgemein bei Perſonen antrifft, welche ein ſehr ein⸗ ſames Leben führen, und ſie fragte gerade ſo viel als die Schicklichkeit nur immer erlaubte— unter Anderem, wie es komme, daß eine Dame wie Jola mit nur einem einzigen Beglei⸗ ter und noch dazu einem braunen Mohren nach Lichſteld gehe. „Ich hatte heute Morgen eine Maſſe Leute zu Beſchü⸗ tzern,“ erklärte Jola;„aber Fazely wurde von einer großen Truppenmacht bedroht, welche meine Begleiter für Feinde hielten, und man rieth mir, ſo raſch wie möglich mit dem guten Araber zu ſliehen, der ein treuer und ergebener Diener von——“ Jola ſtockte und wußte nicht, wie ſte den Satz beenden ſollte, ohne Nachfragen oder vielleicht gar Zweifel zu erregen, welche ſchwierig zu beantworten und unerfreulich zu erdulden ſeyn mochten. Die gute Frau erſparte ihr jedoch alle Mühe in der Sache. „Ei was, kümmert Euch nicht um Namen,“ ſagte ſie.„Bei jetziger Zeit brauchen die Reiſenden ihre Namen nicht zu nennen. Es kann Euer Gemahl, es kann Euer 678 Bruder ſeyn, den Ihr meinet; das iſt mir ganz einerlei. Alſo in Fazely ſind zweierlei Parteien? Ich hörte, daß vor drei bis vier Tagen ſich Truppen aus dem Weſten daſelbſt verſammelten, wußte aber nicht, daß noch andere dahin mar⸗ ſchirten. Iſt Euch bekannt, theure Lady— ei nehmt doch noch ein Ei, denn Ihr bedürft der Erfriſchung, wie ich ſehe — iſt Euch bekannt, daß der Earl von Richmond gegen⸗ wärtig mit all ſeinen Leuten in Lichſield haust?“ „Nein, das wußte ich nicht,“ gab Jola zur Antwort; „aber ich muß nichtsdeſtoweniger ſo raſch wie möglich dahin⸗ eilen, denn dort ſoll ich diejenigen treffen, die mir Schutz und Beiſtand gewähren ſollen, und was ich jetzt fürchte, iſt, daß ich unterwegs einer der geſetzloſen Soldatenbanden, welche im Lande umherſchweifen, begegnen könnte.“ „Ja, das iſt freilich zu fürchten, da Ihr ſo allein reitet. Schloß Bromwich lag voll von Sir William Stanley's Leuten; die meiſten ſind geſtern nach Atherſton gezogen— es heißt zweitauſend ſtattliche Männer, ſo ſchön man ſie nur zu ſehen verlangt, die eine Hälfte in voller Stahlrüſtung. Ich weiß nicht, ob welche zurückgelaſſen wurden; aber es iſt ſehr wahrſcheinlich, denn ſie haben in der Regel eine ſoge⸗ nannte Nachwache. Des Königs Truppen ziehen von Tam⸗ worth gegen Leiceſter; ſie ſollten geſtern aufbrechen; ich weiß aber nicht, ob ſie es thaten. Was das betriſſt, ſo ge⸗ hören Sir Williams Leute vermuthlich auch zu des Königs Truppen.“ Dieſe Nachricht diente nicht dazu, die arme Jola ſonder⸗ lich aufzuheitern, denn die Schwierigkeit, dieſem Kreiſe von 679 militäriſchen Operationen, welche rings um ſie her ſtatthatten, zu entrinnen, drängte ſich ihr immer gewaltſamer vor Augen, und ſie ſah eine Weile ſo troſtlos aus, daß das Mitleid der armen Frau rege wurde. „Ach armes Ding!“ ſagte ſie;„ich möchte wohl wiſſen, was ich für Euch thun kann. Ihr ſeyd zu jung und zu zart, um ſolchen Gefahren ausgeſetzt zu werden. Ich wollte dar⸗ auf wetten, daß Ihr noch ſelten Eute Glieder auf einem harten Bette ausgeſtreckt oder eine Hausmannskoſt wie die unſrige gekoſtet habt.“ „O ja, das habe ich oft,“ erwiederte Jola mit freund⸗ licherem Lächeln, als ſie es ſeit ihrem Eintritte ins Haus gezeigt hatte,„und ich war dabei immer ſehr glücklich.“ „Aber Ihr ſeyd doch eine Lady von Geburt?“ meinte die gute Frau mit zweifelndem Blicke. „O ja,“ erwiederte das ſchöne Mädchen—„ich bin lei⸗ der Gottes die Erbin eines vornehmen Hauſes, meine gute Frau.“ „Ei, warum leider Gottes?“ fragte das Pächterweib. „Weil Fliegen ſich ſammeln, wo es Honig gibt,“ ant⸗ wortete Jola.„Gar Mancher ſucht Reichthümer, der ſich wenig um Liebe kümmert.“ „Wahr, ſehr wahr,“ verſetzte die Andere ſeufzend;„ich wollte, ich könnte Euch helfen, theure Lady; aber ich weiß nicht— wie. Sie nahmen geſtern unſere ſämmtlichen Pferde und Karren, auch die Leute mit ſammt meinem Manne, um die Bagage von Sir Williams Truppen nach Atherſton zu führen. Wäre mein Mann zu Hauſe, der würde Euch 680 alsbald ſagen, was Ihr thun ſollt, denn ich verſichere Euch — der hat einen Kopf!“ „Laßt uns den Sklaven hereinrufen und mit ihm berath⸗ ſchlagen,“ meinte Jola.„Er iſt treu und ehrlich, und wir können ihm ganz vertrauen.“ Ibn Ayoub wurde alſo aufgeſucht und im Hofe gefun⸗ den, wo er ſchon ſolche Fortſchritte im Ueberwältigen der Vorurtheile der Pächterstochter gemacht hatte, daß ſie ihm mit eigenen Händen einen Topf mit Milch herbeitrug. Ob⸗ gleich er nur unvollkommen Engliſch ſprach und die Worte Anderer noch weniger verſtand, als ſie die ſeinigen, ſo wußte er doch durch ſeine Fragen der guten Pächtersfrau und Toch⸗ ter, welche ihm ins Zimmer gefolgt war, weit mehr Auf⸗ klärung zu entlocken, als Jola bis jetzt erlangt hatte. Das Mädchen erzählte ihnen, daß Leute aus Bromwich heute Morgen noch weitere Karren verlangt hätten, daß eine Bande von Sir William Stanley's Truppen mit Tagesanbruch in dem Städtchen angelangt ſey und gegen Mittag oder noch früher aufbrechen ſollte, ſobald ſte die gewünſchten Wagen auftreiben könnten. Des Pächters Weib erinnerte ſich, daß ein Theil derſelben wahrſcheinlich auf derſelben Straße vor⸗ überziehen würde, auf der ſte Jola gegen Lichfield hatte diri⸗ giren wollen. 3 „Können wir erfahren, wann ſte vorüber gezogen ſind?“ fragte Ibn Ayoub in ſeiner lakoniſchen Weiſe. „Dann könnten wir alsbald aufbrechen, ſowie der Weg geſäubert wäre,“ meinte Jola. „Das läßt ſich leicht machen,“ erklärte des Pächters 68¹ Gattin.„Die Straße iſt nicht ſehr weit entfernt, und wir haben ein Feld, von wo man ſie überſchaut.“ „Sendet den kleinen Kühjungen nach Conyers Gehölz auf die Viehwaide,“ rieth die Tochter;„dort ſieht er ſie alle vorbeipaſſiren, und ich wollte wetten, daß er hinuntergeht und mit einigen von den Bogenſchützen plaudert, ſo daß er Alles erfährt, was ſie thun und was ſie vorhaben.“ „Das iſt ein guter Rath,“ meinte Ibn Ayoub.„Laßt ihn aber nicht wiſſen, warum er verſchickt wird, damit er nicht ebenſo gut plaudere wie ausfrage.“ Dieſer Plan wurde ausgeführt. Dem Knaben wurde ſein Eſſen in die Hirtentaſche geſteckt, und er mußte das Vieh von ſeiner jetzigen Waide nach der Stelle treiben, welche die Straße überſchaute; es wurde ihm ſtreng aufge⸗ geben, falls Soldaten vorüberkämen und nachfragten, ob Karren oder Wägen auf dem Hofe zu finden ſeyen, ſo ſollte er ſagen— nein, ſie ſeyen nach Atherſton gezogen und noch nicht zurückgekommen. Sobhbald ſie vorüber ſeyen, ſollte er zurückkommen und es ihnen melden. Jola wollte bleiben, wo ſie war, bis man ſich überzeugt hätte, daß wenigſtens dieſe Truppe vorüber ſey, und als ſie ſich entſchuldigen wollte, daß ſie der Gaſtfreundſchaft der guten Frau ſo lange be⸗ ſchwerlich fallen müſſe, da lachte ihre Wirthin und ſagte: „Gott ſegne Dich, mein Kind! Du biſt willkommen und wenn es auch für einen Monat wäre. Wenn Du nur ſicher biſt, ſo kümmere ich mich nicht weiter. Komm, Jenny, das Buttermachen iſt an Dir, und ich habe Kuchen zu be⸗ reiten.“ 682 Alles, was offene Herzensgüte thun konnte, um ihrem ſchönen Gaſte den Aufenthalt behaglich zu machen, geſchah von der guten Hausfrau während der nächſten drei bis vier Stunden. Zu den peinlichſten Lebensperioden gehoͤren je⸗ doch diejenigen, wo Gedanken und Gefühle gegen einander um die Oberherrſchaft kämpfen, wo das Herz mit tiefen Regungen erfüllt iſt und die äußeren Dinge des Lebens von dem Gehirne gleichwohl Aufmerkſamkeit und Ueberlegung verlangen. So war jetzt Jola's Lage, während ſie darüber nachdachte, wie ſie ihren Weg nach Lichfield durch all die Schwierigkeiten und Gefahren, die ſie umringten, fortſetzen ſolle, während ihr Herz mit Beſorgniſſen um Chartley und um den Ausgang des Kampfes, den ſie zu Fazely ausge⸗ brochen glaubte, erfüllt war. Es ſchlug zwölf Uhr, es ſchlug eins, zwei, drei Uhr, und der Kühjunge kam nicht zurück. Endlich brach des Pächters Tochter ſelber auf, um nach ihm zu ſehen, da man ſich über ſein Ausbleiben etwas ängſtigte. Sie fand ihn, wie er eben einen kleinen Soldatentrupp bewachte, der vom Schloß Bromwich gegen Atherſton zog, und nachdem ſie die Straße ſo weit ſie nur konnte beobachtet hatte, kehrte ſie auf den Pachthof zurück, um ihren Rapport zu erſtatten. Es wurde jetzt ausgemacht, daß Jola und ihr Begleiter noch eine halbe Stunde verweilen ſollten, da das Mädchen viele Nachzügler auf der Straße wahrgenommen hatte, und während Ihn Ayoub die Pferde ſattelte, verſuchte die gute Frau, ſo viel ſie nur immer konnte, Jola eine genaue Be⸗ ſchreibung der vielerlei Pfade zu geben, die ſie zu verfolgen 683 hatte, um Lichfield auf dem wenigſt gefährlichen Wege zu erreichen. Jola richtete ihre ganze Aufmerkſamkeit auf dieſe Anweiſung, unterbrach aber die gute Frau in ihrer Schilde⸗ rung plötzlich mit den Worten: „O, die Stelle kenne ich wohl, wo die drei ſteinernen Stufen mit dem großen Kreuz darüber ſtehen. Die eine Straße führt nach dem St. Clarenkloſter von Atherſton, die andere nach Tamworth.“ „Und die ſchmale linker Hand gerades Wegs nach Lich⸗ field,“ erklärte die gute Frau.„Es iſt gleich weit nach al⸗ len drei Richtungen, genau ſieben und ein Achtel Meilen. Wolltet Ihr auf der Tamworthſtraße reiten, ſo hättet Ihr Fazely dicht zu Eurer Linken, da Ihr aber nach Lichfield wollt, ſo müßt Ihr es vier Meilen rechts laſſen.“ Die Roſſe wurden bald darauf vorgeführt, und man ver⸗ abſchiedete ſich. Die gute Pächtersfrau wollte keine Beloh⸗ nung für Jola's Verköſtigung annehmen. Eine kleine Broche, welche die Lady von ihrem Baret nahm und der Tochter ſchenkte, war mehr als hinreichend für alles Genoſſene, die Zärtlichkeit und Güte abgerechnet, welche nicht zu bezahlen waren. Die gute Frau ſchickte zihr einen mütterlichen Se⸗ gen nach, Jola winkte nochmals mit der Hand und machte ſich abermals auf die Reiſe. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Am Abend des neunzehnten Auguſt— es war gegen halb ſieben Uhr— ſah man durch den etwa drei Meilen 684 rechts von der geraden Linie zwiſchen Lichfield und Tam⸗ worth gelegenen Wald einen einſamen Herrn auf einem mächtigen Rappen dahinreiten. Es war kein erfreulicher Ritt, den er vorhatte, denn einer jener heftigen Gewitter⸗ ſtürme, welche den kurzen engliſchen Sommer ſo häufig unterbrechen, und welche damals weit heftiger und öfter vorkamen, als das Land noch beſſer als heut zu Tage be⸗ waldet war— hatte ſich mittlerweile aufgemacht, nachdem er den ganzen Morgen am Himmel gedroht hatte. Ich liebe es ſehr, ſolche Donnerwetter zu beſchreiben, da ich ſchon ſo manches Stunden lang in allen ſeinen Wechſeln beobachtet habe. Es liegt auch eine unendliche Mannig⸗ faltigkeit in dieſen Stürmen, ſo daß man ein Dutzend be⸗ ſchreiben könnte, ohne daß auch nur zwei ſich ähnlich ſähen; da ich es jedoch früher mehr als einmal gethan habe, ſo hätte ich von dieſem gewiß kein Wort geſprochen, wenn es nicht ein hiſtoriſcher Sturm geweſen wäre und mit einem nicht unintereſſanten Zwiſchenfall in der engliſchen Geſchichte in Verbindung geſtanden hätte. Ich ſage alſo nur ſo viel, daß der Donner unter den Bäumen des Waldes raſeelte, wie wenn eine ungeheure Steinmaſſe durch eine rieſige Ma⸗ ſchine mitten zwiſchen ſie geworfen würde. Es ſchien, die Erde in ihren Grundveſten zu erſchüttern, während der Blitz nach allen Seiten bald vorn, bald hinten, bald oben zwiſchen den Bäumen unter den grünen Blättern und Zweigen zuckte und alle dunklen Winkel des Forſtes auf einen Augenblick zu erhellen ſchien, wie wenn ſie plötzlich von tauſend Fackeln 685 erleuchtet würden, um ſie ſodann in noch ſchwärzere Schat⸗ ten als zuvor zu hüllen. Um das Brüllen des Donners, um das Zücken des Blitzes hätte ſich jener Wanderer nur wenig gekümmert; aber um die zunehmende Finſterniß, welche dem Untergang der Sonne voranzueilen ſchien und die Sündfluth, welche vom Himmel goß und ihn, ſein Pferd und ſeine Ausrüſtung durchnäßte— kümmerte er ſich allerdings. Hätte ein Wind geweht, ſo wäre der Regen geradezu blendend geweſen; ſo aber ſchüttete er ſchnurgerade gleichmäßig und unaufhörlich in ſolchen Strömen herab, daß man bei der abnehmenden Helle zwiſchen den unaufhörlichen dunkeln Tropfen und dem Dunſte, der von dem heißen Boden aufſtieg, unmöglich wei⸗ ter als bis auf hundert oder hundertundfünfzig Schritte auf der Straße zu ſehen vermochte. Der Wanderer wendete während des Reitens ſeinen Kopf bald rechts bald links, ſo oft eine Lichtung im Walde auftauchte; er ritt auch ganz langſam, wie wenn er nicht beeilt oder ſeines Weges unſicher wäre. Gleichwohl mur⸗ melte er im Weiterziehen allerhand Worte vor ſich hin. „Das trifft ſich höchſt unglücklich; vielleicht wäre es beſſer zurückzugehen, und doch könnte ich in dieſer blenden⸗ den Sündfluth meinen Weg abermals verlieren und Gott weiß wohin gerathen. Was werden ſie nur denken? Wollte der Himmel, ich hätte den Knaben mitgenommen! Er war zwar noch nie in ſeinem Leben an dieſem Orte, ſo wenig wie ich; aber er ſchien einen Inſtinkt im Ausfinden ſeines We⸗ ges zu beſitzen.“ 686 So ritt er etwa zehn Minuten weiter, bis er endlich freu⸗ dig ausrief: „Hier liegen einige gefällte Bäume! Da kann eine Waidmannswohnung oder eine Förſterhütte in der Nähe ſeyn. Ein Pferd, bei meinem Leben! und ein Weiberge⸗ wand unter jenem Schuppen.) Das Weib mit allen ſeinen Fehlern iſt immer ein Freund des Betrübten, eine Hülfe in der Noth,“ und ſein Roß von dem Pfade ablenkend, ſprengte er raſch über den etwas offeneren Raſen, indem er zwiſchen den gefällten Bäumen und Stumpen, womit der Boden be⸗ ſät war, geſchickt durchmanövrirte. Sein Weg war gegen einen kleinen, offenen Schuppen gerichtet, in den der Regen von einer Seite wüthend herein⸗ ſchlug; unmittelbar vor ihm, nur wenige Fuß von dem Schup⸗ pen entfernt, war eine tiefe rings mit Baumſtämmen um⸗ ringte Lache, die er nicht anders als durch Umgehen paſſi⸗ ren konnte. Gerade gegenüber unter dem theilweiſen Schutze, den der Schuppen gewährte, war die Geſtalt, die er von der Straße aus geſehen hatte, und dicht daneben ſtand das Pferd, ein ſchönes Thier von rein arabiſchem Blute, bedeckt mit glänzend vergoldeten Sammtſchabracken, welche von der herabſtrömenden Sündfluth ganz überſtrömt wurden. Alles was er von der Frau wahrnehmen konnte war, daß ſie leicht und zierlich von Geſtalt ausſah, denn ihr Baret war tief über das Haupt gezogen, und ſie ſtand in dem hinteren Ende des Schuppens, um dem Regen ſo gut wie möglich auszu⸗ weichen. Ihr Reitkleid deutete auf keine niedere Stellung, * 687 und der Fremdling redete ſie in einem Tone ritterlicher Ehr⸗ erbietung an. „Verzeiht mir, Lady, daß ich mich an Euch wende,“ begann er;„aber die Noth zwingt mich dazu; doch fürchte ich, da ich Euch ſelbſt hier Schutz ſuchen ſehe, daß meine Erkundigung fruchtlos ſeyn wird. Ich habe meinen Weg im Walde verloren und moͤchte gerne wiſſen, ob ich nahe bei Tamworth bin oder ob in der Nachbarſchaft ein Ort iſt, wo ich Obdach finden kann.“ „Ihr ſeyd weit von Tamworth,“ ſprach eine ſüße, wohl⸗ klingende Stimme,„wenigſtens fünf bis ſechs Meilen; was das Obdach betrifft, ſo habe ich eben einen Diener ausge⸗ ſchickt, um zu ſehen, ob in der Nähe ein beſſerer Ort als dieſer zu finden iſt— ich ſelbſt kenne keinen. Er wird un⸗ verzüglich zurückkommen, denn ich hieß ihn nicht allzuweit gehen.“ 1 Es mochte wohl etwas Furcht aus dem letzteren Theile ihrer Erwiederung ſprechen, denn obwohl die Kleidung des Fremden und ſein höfliches Benehmen auf hohen Rang deu⸗ teten, ſo war er doch immer ein Fremdling, und der Aus⸗ druck ſeiner Züge, wenn auch durch keine heftigen Leiden⸗ ſchaften markirt und kaum abſtoßend zu nennen, war, ehrlich geſtanden, nichts weniger als einnehmend. „Wenn Ihr mir erlauben wollt,“ ſagte er,„ſo will ich warten, bis Euer Diener zurückkehrt und einen Theil des Schuppens, der Euch bedeckt, beanſpruchen.“ 1 Er hörte nicht, was ſie antwortete, denn in dieſem Augenblicke zuckte ein heller Blitzſtrahl vorüber, daß ſie ihre 688 Augen mit der Hand bedeckte, und gleich darauf folgte ein furchtbarer Donnerſtreich, der jeden andern Laut übertönte. Noch ehe der raſſelnde Donner, der rings am ganzen Horizonte hinzurollen ſchien, verſtummt war, ſtand der Fremde neben ihr, ſtieg ab und band ſein Pferd etwas ent⸗ fernt von dem ihrigen an einen Pfahl, während Jola mit unverhüllten Blicken ſein Aeußeres aufmerkſam betrachtete. Er war ein Mann im Frühling des Lebens, hoch und gut⸗ gewachſen, aber ſpärlich von Geſtalt und etwas ſchmal von Geſicht. Die Züge waren gut, nur etwas ſtreng von Cha⸗ rakter, mit hoher, breiter Stirne und leichten Runzeln zwi⸗ ſchen den Brauen. Der ganze Ausdruck war ernſt und nachdenklich, mit leiſem Anſtriche von Schlauheit und einem kalten, forſchenden, berechnenden Auge. Der zweite Blick war jedoch befriedigender als der erſte, welchen Jola gethan hatte. Dieſer ernſte, ja ſogar ſtreng ausſehende Mann war ihr als Gefährte für den Augenblick weit lieber, als ihr einer der leichtſinnigen Schmetterlinge vom Hofe geweſen wäre. Nachdem er ſein Roß verſorgt hatte, nahm der Fremde den nach ausländiſcher Mode geformten Hut ab und ſchüttelte das Naß von dem breiten Rande und der Fe⸗ der; dann wendete er ſich an die Dame mit den Worten: „Ich fürchte, ich ſtöre Euch; aber Eure Güte wird mir gewiß verzeihen, und ich hoffe, wenn es in Eurer Macht liegt, mir Nachricht oder Weiſung zu ertheilen, ſo werdet Ihr es thun. Euer eigenes Herz wird Euch danken, denn es iſt in der That ein Werk der Barmherzigkeit, und ich werde Euch höchſt dankbar ſeyn.“ 689 „Ich weiß nicht, was Ihr bedürfet,“ erwiederte Jola; „Ihr ſprachet bis jetzt blos von Eurem Wunſche, das weit entlegene Tamworth zu erreichen. Wenn Ihr mir ſagen wollt, welche fernere Unterweiſung Ihr wünſchet, ſo will ich ſie gerne gewähren, obwohl ich nur wenig mit einiger Sicherheit behaupten kann.“ „Ein Geſchäft von Wichtigkeit führt mich nach Tam⸗ worth, und ich hätte ſogar ſchon früher dort ſeyn ſollen,“ gab er zur Antwort;„wir leben aber in gefährlichen Zei⸗ ten und das Land iſt in einem aufgeregten Zuſtande, ſo daß man bei jedem Schritte auf feindliche Truppen ſtoßen kann.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte Jola,„denn ich ſelbſt mochte gerne über dieſe beiden Linien von Gegnern hinauskom⸗ men. Wenn ich wüßte, welche Truppen Ihr zu fuͤrchten habt, ſo könnte ich Euch vielleicht Aufſchluß geben.“ Der Fremde lächelte. „Köͤnnt Ihr mir nicht in allgemeinen Ausdrücken ſagen, was Euch von beiden Armeen bekannt iſt; dann kann ich ſchon ſelbſt urtheilen.“ „Ihr ſcheut Euch, mir Eure Faktion zu nennen,“ ant⸗ wortete Jola;„darin thut Ihr mir Unrecht; denn glaubt mir, auch wenn Ihr König Richard ſelber wäret, würde ich Cuch nicht an einen Feind verrathen, ſo wenig wie den Earl von Richmond an König Richard. Vielleicht aber iſt es klug, daß Ihr Eurem eigenen Kopfe folgt.“ „So habe ich es immer gefunden,“ ſagte der Andere lachend.„Nicht daß ich an Euch zweifelte, theure Lady, denn Ihr ſeht nicht aus, als oh Ihr Einem etwas zu Leide Fames. Der Waidmann, 44 690 thätet; aber Ihr könnt mir, wie geſagt, im Allgemeinen erzählen.“ „Wohlan,“ ſagte Jola;„ich höre, daß der König mit einer großen Truppenmacht zu Leiceſter, der Earl von Rich⸗ mond zu Lichfield ſteht; Sir William Stanley brach geſtern auf ſeinem Marſch zum König von Atherſton auf, und Lord Stanley ſuchte heute Morgen durch Fazely— gerade zwi⸗ ſchen uns und Tamworth— durchzukommen; ob er paſſirte oder nicht, kann ich nicht ſagen.“ „Auf dem Rückzuge vor dem Heere des Earls von Rich⸗ mond,“ ſagte der Fremde nachdenklich.„Aber warum glaubt Ihr, daß er nicht paſſirte.“ „Weil andere Truppen im Dorfe waren,“ antwortete Jola,„etliche drei⸗ bis vierhundert Mann unter dem Lord Chartley.“ „So iſt Chartley zu Fazely?“ rief der Andere mit fro⸗ hem Blicke.„Wie weit liegt Fazely von hier, theure Lady?“ „Etliche drei bis vier Meilen, wie es heißt,“ erwiederte Jola;„aber ich weiß nicht, ob Lord Chartley jetzt dort iſt. Als ich heute Morgen aufbrach, begehrten Lord Stanley's Truppen Einlaß, den man ihnen verweigerte. Es ſchien, als ob ein Kampf folgen werde, und man hieß mich fliehen und in Lichfield Sicherheit ſuchen.“ „Jetzt weiß ich, wer Ihr ſeyd,“ ſagte der Fremde, ihre Hand ergreifend;„Lady Jola St. Leger— nicht wahr? Ich bin ein Freund Lord Chartley's, und er ſchrieb mir, daß er heute Nacht mit Euch in Lichfield eintreffen werde.“ 691 Jola errothete, ſte wußte kaum— warum, und als der Donner zu rollen aufgehört hatte, gab ſie zur Antwort: „Ihr habt richtig gerathen, Sir; aber ich wußte nicht, daß Lord Chartley irgend Jemand geſchrieben hatte. Darf ich Euren Namen nicht wiſſen?“ Der Fremde ſchwieg eine Weile nachdenklich und erwie⸗ derte dann: „Ihr werdet mich für unhöflich halten; aber gleich⸗ wohl, dünkt mich, iſt die von mir ausgeſprochene Regel die beſte. In meinem Falle kommt gar viel auf Klugheit an, und es iſt für mich beſſer, allzu vorſichtig als unbeſonnen zu ſeyn.“ 4 „Dann kenne ich auch Euch, mein guter Lord,“ verſetzte Jola, indem auf kurze Weile einer ihrer heiteren Blicke aufleuchtete und dann wie ein Meteor am nächtlichen Him⸗ mel wieder verſchwand.„Soll ich Euch ſagen, für wen ich Euch halte?“ „Nein,“ erwiederte der Fremde.„Das könnte mich nur noch unhöflicher machen, wenn ich auf Eure Vermu⸗ thung weder Ja noch Nein antwortete. Behandelt mich blos als einen Freund Chartley's, der ihm wohl will, als einen, der mit ihm in der gleichen Sache betheiligt iſt, deſ⸗ ſen Feinde ſeine Feinde ſind, und theilet mir Alles mit, was Ihr für mich als wiſſenswerth erachtet.“ „Ich bin gewiß, daß ich recht ahne,“ antwortete Jola, „obwohl es für mich ein Räthſel iſt, wie Ihr allein hieher kamt, ohne Begleitung und gewiß nicht ohne Gefahr.“ „Meiner Treu! Das iſt mir ſelbſt ein Räthſel,“ er⸗ 44* 692 wiederte der Andere;„aber ein ſimples und hoͤchſt thörichtes Räthſel. Die Wahrheit iſt: ich habe mich verirrt. Nun ſagt mir, glaubt Ihr nach dem was Ihr wißt, daß ich von hier ſicher nach Tamworth gelangen kann?“ „O nein, Mylord,“ erwiederte Jola.„Lord Stanley's Truppen ſind höchſt wahrſcheinlich im Beſitze von Fazely, denn ich fürchte ſehr, daß Lord Chartley's Leute bald über⸗ wältigt wurden.“ „Warum weigerte ſich denn aber Chartley, ihn paſſiren zu laſſen?“ fragte der Fremde.„Alles was Stanley ver⸗ langen konnte, war ja blos ein friedlicher Rückzug; ſo aber wurde er genöthigt, ſich den Durchzug um jeden Preis zu eröffnen, ſonſt hätte des Earls Armee ihn von dem Heere des Königs abgeſchnitten.“ „Lord Chartley war nicht dort,“ erklärte Jola.„Man ſagte mir, er ſey früh am Morgen ausgeritten und noch nicht zurückgekehrt. Ich kann Euch jedoch nur wenig von der Sache erzählen, denn er hatte Befehle hinterlaſſen, mich im Falle von Gefahr eiligſt fortzuſchaffen. Aber auch wenn Ihr Fazely paſſiren und Tamworth erreichen könnet, wäret Ihr in noch größerer Gefahr, denn Streifpartien von des Königs Truppen waren geſtern Abend ganz ſpät noch im Beſitze jenes Platzes.“ „Sie wurden weiter zurückgedrängt,“ erwiederte der Fremde mit bedeutungsvollem Blicke,„und auch Stanley iſt im Rückzug, wenn dieſe unglückliche Affaire ihn nicht auf⸗ gehalten hat. Aber es wäre jedenfalls gefährlich, den Durch⸗ zug zu verſuchen,“ fuhr er nachſinnend fort,„denn es geht 693 etwas Sonderbares hier vor, und ein einziger Irrthum könnte fatal ausfallen. Ich muß weitere Nachrichten haben, ehe ich handle.“ „Ich hoffe, wir werden bald welche erhalten,“ antwor⸗ tete Jola,„denn der Sklave wird ſicherlich nicht zurückkeh⸗ ren, ohne Kunde eingeſammelt zu haben, wenn ſie nur ir⸗ gend aufzutreiben war. Ich wollte, er käme, denn der Abend wird immer dunkler, wenn auch der Donner allmä⸗ lig nachläßt.“ „Fürchtet Euch nicht,“ tröſtete der Fremdling.„So weit ein einzelner Arm es vermag, will ich Euch beſchützen, Lady. Ich halte diejenige Eigenſchaft des Ritterthums für die größte und wichtigſte, ohne welche die Tapferkeit der blos thieriſche Muth des Urochſen iſt, welche uns lehrt, den Be⸗ leidigten zu rächen und den Schwachen zu beſchützen.“ „Ich hoffe, Ihr ſeyd noch zu höheren Dingen auserſe⸗ hen, Mylord, und ich möchte nicht, daß Ihr Euer Leben bei meiner Vertheidigung auf's Spiel ſetztet,“ erwiederte Jola.„Ich fürchte mich nur, in dieſer ſtürmiſchen, finſteren Nacht nach Lichſield zu reiten.“ „Reitet lieber gar nicht nach Lichfield,“ erwiederte der Unbekannte,„denn Lord Chartley's Plane müſſen ſich aus irgend welchem Grunde geändert haben. Er wußte geſtern noch nicht, daß der Earl von Richmond heute Nacht zu Tam⸗ worth ſeyn würde.“ „Ich bin ganz wie ein Soldat, edler Lord, und muß meiner Ordre pariren,“ erwiederte Jola mit ſchwachem Lä⸗ 694 cheln.„Doch horch! Ich höre Pferdetritte— mein getreuer Araber kommt, um mir Nachrichten zu bringen.“ „Gott gebe, daß ſie günſtig lauten!“ ſetzte ihr Gefährte bei, und gegen das andere Ende des Schuppens vortretend, rief er:„Himmel, was iſt das? Es ſieht ja in dieſem Zwie⸗ lichte aus wie ein Geſpenſt in einem Leichentuche.“ Im nächſten Augenblicke ſprengte Ibn Ayoub neben die Hütte und ſprang zu Boden, indem er ſeinem Roſſe den Zaum frei auf den Nacken legte. Er ſtarrte den Fremdling eine Weile an, indem ſeine ſchwarzen Augen Feuer ſprüh⸗ ten; dann wendete er ſich an Jola, legte die Hand auf ſein Haupt und ſagte: „Ich bin lange ausgeblieben, Lady; aber ich konnte es nicht ändern. Auf anderthalb Meilen iſt weder Haus noch Hütte zu finden, und der Himmel ließ fortwährend Ströme von Feuer und Waſſer herabſchütten.“ „Welche Nachrichten von Fazely, Ibn Ayoub, welche Nachrichten von Fazely?“ fragte Jola eifrig. Der Araber warf einen Blick auf den Fremdling, wor⸗ auf ſie beiſetzte: „Redet nur, Ihr könnt Euch frei ausſprechen. Dieſer Herr iſt ein Freund— ich kenne ihn.“ „Wohlan, Lady, ich bringe ſchlimme Nachrichten,“ antwortete der Araber.„Lord Stanley hat den Platz ein⸗ genommen und iſt nach Atherſton gegangen; ſeine Nachhut hält ihn aber noch beſetzt.“ „Iſt es zum Kampfe gekommen?“ fragte Jola in tiefem Schrecken. 695 „Nein,“ war des Arabers Antwort.„Sie unterhan⸗ delten, ſcheint es, mit Worten, und als ſie ſahen, daß jener Lord zweitauſend Mann und ſie nur dreihundert bei ſich hat⸗ ten, gaben ſie den Platz auf unter der Bedingung, daß man ihnen eine halbſtündige Friſt gewährte, um ſich zu wenden, wohin ſie wollten.“ „Aber Euer Lord, Euer Lord?“ forſchte Jola.„Habt Ihr keine Nachrichten von ihm?“ „Gott iſt gut: ich habe nichts von ihm gehört,“ erklärte Ibn Ayoub.„Die Hausfrau iſt ganz für König Richard, und wußte von nichts zu plaudern als was Lord Stanley that und wie Lord Fulmers Truppen aus Tamworth aus⸗ marſchirt und dem Könige entgegengezogen ſeyen und jetzt einige Meilen von einem Orte Namens Pondhead entfernt lägen.“ „Was ſollen wir jetzt thun?“ fragte Jola im Tone der Furcht und Beſtürzung.„Ich weiß nicht, wo Pondhead liegt, und es kann gerade auf unſerem Wege nach Lichfield ſich befinden.“ „Ihr ſolltet lieber nach jenem Hauſe kommen und Euch dort für die Nacht ausruhen,“ meinte Ibn Ayoub.„Die Frau hat ein Herz, wenn auch jetzt nicht auf dem rechten Flecke, und der Knabe, ihr Sohn, ſcheint ein guter Junge. Als ich ihr erzählte, daß eine Dame hier außen im Walde ſey, da verlangte ſie alsbald, ich ſolle Euch zu ihr bringen und bot Alles an, was ihr Haus nur gewähren mochte, ohne zu fragen, ob Ihr für den König oder für den Earl ſeyd. Ich ſagte ihr zwar ſpäter, Euer Oheim ſey am Hofe 696 und hoch in Gunſten; ich wollte keine Lüge ſagen, aber Das war die Wahrheit und konnte nicht ſchaden.“ „Im Gegentheil— nur nützen,“ ſagte der Fremdling, jetzt zum erſten Male an dem Geſpräche theilnehmend.„Ich fürchte, dieſer Sturm wird die ganze Nacht andauern, und Ihr müßt ein Obdach haben. Ich muß daſſelbe thun, denn ich darf mich nicht unbeſonnen nach Tamworth wagen, ehe ich mehr erfahre. Ich will Euch nun um eine Gunſt bitten: laßt mich als einer Eurer Diener mit Euch ziehen und laßt mich bei der guten Hausfrau als ſolchen gelten.“ „Ihr, Mylord— Ihr?“ rief Jola;„wollt Ihr Euch dorthin wagen?“ „Ja, wenn Ihr mich ſo weit begünſtigen und mich mit⸗ nehmen wollt,“ gab er gefaßt zur Antwort.„Ich kann die Güte vielleicht ſpäter erwiedern. Fürchtet Ihr übrigens, daß ich Gefahr über Euch bringen könnte, dann will ich nicht gehen.“ „O nein, das habe ich nicht gefürchtet, ſondern das große Riſiko, dem Ihr Euch ſelbſt ausſetzet,“ erwiederte Jola. „Ich denke, das Riſiko wird nicht ſo groß werden,“ ant⸗ wortete der Andere.„Mein Geſicht wird mich in dieſem Theile der Welt nicht verrathen! die Nacht iſt zu nahe, als daß ſo leicht Fremde einträfen, und die Ankündigung dieſes guten Mannes wird den Weg für uns ebnen. Ich kann ganz luſtig von dem guten Lord Calverly ſprechen, kann von Ri⸗ chards überwältigender Streitmacht und Richmonds kleiner Bande ſo ruhig und verächtlich reden, wie Lovell oder Ca⸗ 697 tesby, und keine Ahnung davon verrathen, daß Recht und Billigkeit und Gottes rächende Stärke einer gleiſenden Ar⸗ mee und einer Königskrone Trotz bieten können. Laßt uns aufbrechen. Ich kann meine Rolle ganz gut ſpielen; ver⸗ geßt nur Ihr nicht die Eure. Sprecht mit mir und kom⸗ mandirt mich wie einen Edelmann von Eures Oheims Haushalt und vor Allem vergeßt das Wort Mylord. Dieſe Nacht wenigſtens wollen wir unſere Kleider am Feuer trocknen— morgen iſt mein Ruheplatz vielleicht ein feuch⸗ terer.“ „Aber mit welchem Namen ſoll ich Euch anreden?“ fragte Jola. „Nennt mich Harry— Harry Vane,“ gab ihr Gefährte zur Antwort;„aber ich beſchwöre Euch, bedenket, daß Al⸗ les von Klugheit und Behutſamkeit abhängt, und wenn ich es in meinem ſchuldigen Dienſte verſehe, ſo ſcheltet mich tüchtig. Seyd heute Nacht ein wahrer Zankteufel gegen mich, wenn Ihr auch gegen meinen Freund Chartley ſanft wie eine Taube ſeyd.“ Nicht ohne viele Zweifel und Beſorgniſſe willigte Jola in dieſen Plan; ſie ſtieg zu Pferde und ritt mit dem Fremden durch den immer noch ſtrömenden Regen, wäh⸗ rend Ibn Ayoub als Wegweiſer voranzog. Noch vielerlei wurde unterwegs ausgemacht und der gute Araber zur Vor⸗ ſicht ermahnt, was bei ihm wahrlich nicht nöthig war. Sie erreichten die Thüre des Hauſes, wohin er ſie führte, nicht eher, als bis die Sonne vollſtändig untergegangen war; als ſie ſich aber gegen Weſten wendeten, ſahen ſie ein gol⸗ 698 denes Glühen am Rande des Horizontes, zum Zeichen, daß der Sturm ſich gebrochen hatte. Schüchtern öffnete Jola die Thüre des Hauſes, das für die damaligen Zeiten und für den Rang ſeiner Beſitzer ein großes genannt werden durfte; der Araber band einſtweilen die Zügel der Pferde um ſeinen Arm und der Fremde folgte einen Schritt hinter der Lady. Der Auftritt im Inneren beunruhigte ſie mehr als je⸗ mals, denn es war hier nicht wie in dem kleinen, ſtillen Pächterhauſe, das ſie am Morgen beſucht hatte. Die Auſ⸗ ſenthüre führte unmittelbar in die Küche, ein großes, düſte⸗ res, räucheriges Gemach; um einen Tiſch ſaßen drei bis vier handfeſte, mürriſche Landleute, mit einem etwas beſſer gekleideten hübſchen Jüngling, während zwei bis drei junge Mädchen mit verſchiedenen Hausarbeiten emſig be⸗ ſchäftigt waren und eine ſtattliche Frau mit aufgeſchürztem Rock mit eigenen Händen einen ſchweren Topf von dem Haken langte, an dem er über dem Feuer gebrodelt hatte. „He, Mutter, Mutter,“ rief der junge Mann, den Kopf umwendend,„da iſt die Lady, von der der braune Mann erzählte.“ „Ha,“ ſagte die gute Frau, den Topf niederſetzend und Jola mit einem Blicke der Verwunderung, entweder über ihre Schönheit oder über den Reichthum ihres Anzugs, be⸗ trachtend.„Ich wollte wetten, Ihr ſeyd nicht dazu ge⸗ macht, die Nacht in Wäldern und Gewittern zuzubringen.“ „Nein in der That,“ verſicherte Jola.„Einer meiner Diener ſagte mir, Ihr wolltet mir für die Nacht ein freund⸗ 699 liches Obdach gewähren, und ich will von Herzen gern für jede gebotene Bequemlichkeit bezahlen. Ich wollte nach Lichfield gehen, im Glauben, allen dieſen Scenen des Kampfes zu entrinnen; aber ich höre, es ſey zu ſpät, um dahin zu kommen.“ „Ja, das iſt's auch,“ gab ſdas rüſtige Weib zur Ant⸗ wort. „Cinen ſtolzeren Ton, einen ſtolzeren Ton,“ flüſterte ihr im ſelben Augenblicke der Fremdling in's Ohr. „Stellt mir einen Stuhl an's Feuer, Harry Vane,“ ſagte Jola mit ächt königlicher Geberde,„und dann ruft den Stlaven herein— er iſt naſſer wie wir.“ Der Fremdling beeilte ſich ihr zu gehorchen; die gute Hausfrau legte friſches Holz an's Feuer, half Jola Mantel und Schleier ablegen, und erwies ihr jede Aufmerkſamkeit. Der hochmüthigere Ton that ſeine Wirkung, denn es iſt eine traurige Wahrheit, daß Nichts in dieſer Welt zu er⸗ langen iſt— nicht einmal Reſpekt— ohne daß man es ge⸗ bieteriſch fordert.: Beſcheidenes Verdienſt! Ach Gott, wer ſucht darnach? und wird es nicht geſucht, ſo kann es nicht gefunden werden. Man ſollte eigentlich immer etwas größere Prätenſtonen machen, als man berechtigt iſt— nicht allzugroß, denn ſonſt ſtoßen wir unſern großen Käufer, die Welt, vor den Kopf— aber immer ſo viel, daß es einen Abſchlag verträgt. Die Welt wird dieſen Abſchlag immer machen, denn ſo iſt nun einmal Weltweisheit. Wie dem auch ſeyn mag— an freundlicher Gaſtlich⸗ keit gebrach es ihnen nicht. Das Beſte wurde aufgetiſcht 700 was das Haus uur irgend darbot; die Pferde wurden unter Ibn Ayoubs eigenen Augen gefüttert und gepflegt, denn ſie waren ihm wie Kinder, und die gute Frau und ihre Töchter beeiferten ſich für Jola's Bequemlichkeit zu ſorgen und trockene Kleider aus ihrem eigenen Vorrathe herbeizuſchaffen, wobei ſie ſich über deren Grobheit entſchuldigten und zu⸗ gaben, daß ſie für eine ſo vornehme Lady allerdings nicht taugten. Während Jola aus dem Zimmer abweſend war um ſich umzukleiden, unterhielt ſich der Sohn der Wirthin mit dem Fremden, und ſelbſt die Bauern warfen Fragen ein über die Bewegungen des Heeres und deren muthmaßliches Reſultat. Er ſpielte ſeine Rolle trefflich, und äußerte mit Achſelzucken, Niemand könne wiſſen, welches der Erfolg ſeyn werde; Richmonds Armee ſey allerdings nur eine jämmer⸗ liche Hand voll; aber ſie wachſe täglich, und wenn der König ihn nicht bald zur Schlacht zwinge, ſo dürften die beiden Heere ſich ſo ziemlich gleichkommen. Auch fügte er bei, man hege den Verdacht, daß einige von den großen Edel⸗ leuten dem König nicht ſehr zugethan ſeyen. „Warum bringt der Earl von Northumberland nicht ſeine Streitkräfte herbei?“ fragte er.„Es iſt wohl bekannt, daß er ſechs⸗ bis ſiebentauſend Mann in's Feld führen könnte, und er hat ſie auch verſammelt, zoͤgert aber entweder im Norden oder nähert ſich in ſo langſamen Märſchen, daß ein Dutzend Schlachten geſchlagen werden könnten, während er noch unterwegs iſt. Ich meines Theils halte es für beſſer, wenn Keiner allzueifrig iſt. Niemand kann ſagen, wer bei dieſem rauhen Kriegsſpiele gewinnen wird, und die unteren Klaſſen haben immer den Verluſt zu tragen. Halten wir zu der unglücklichen Seite, ſo haben wir Pfändungen und Geldbußen für unſere Mühe, und helfen wir dem Sieger, ſo ernten wir nur kalten Dank, wenn er ſein Schäflein im Trockenen hat. Ich will Nichts damit zu ſchaffen haben und war recht froh, als ich abgeſchickt wurde, um meine junge Lady nach Lichfield zu geleiten.“ Etwa anderthalb Stunden verſtrichen unter ſolchen un⸗ wichtigen Geſprächen, bis Jola ſich endlich zur Ruhe legte. Für den Fremden war ein Bett in dem unteren Zimmer hergerichtet, und Ibn Ayoub wurde eine Schlafſtelle in einer Stube über den Stallungen angeboten. Er wollte ſie jedoch nicht annehmen, ſondern holte etwas trockene Streu, warf ſie quer über Jola's Schwelle und legte ſich dort zur Ruhe nieder. Es mochte einen Kampf in ſeinem Inneren geben, ob ſie oder die Pferde den Vorzug verdienen; allein die Pflicht blieb ſiegreich. Die nächſten ſechs Stunden ruhte Jola, ohne aber viel zu ſchlafen, denn der Geiſt war geſchäftig, wenn auch der Leib ausruhte. Was auch immer der Glaube und das Ver⸗ trauen zu Gott bewirken mag, ſo wiſſen wir Alle, daß es Leiden zu erdulden gibt, wovor unſere ſterbliche Natur zu⸗ rückbebt, Uebel, welche das Herz von Thon zerreißen, und wenn es auch weiſer ſeyn mag, nicht früher von ihnen zu träumen, bis ſie da ſind, ſo will uns doch die zudringliche Erfahrung nicht in ſo heiterer fantaſtiſcher Sicherheit aus⸗ ruhen laſſen. Iſt die Einbildungskraft lebendig, ſo werden alle denkbaren, alle moͤglichen Uebel uns erſchrecken. Herrſcht 70² die Vernunft vor, ſo zählen wir dennoch die Zahl dieſer Feinde, um ihnen ſo gut wie möglich zu begegnen. Jola's Gedanken hingen die ganze lange Nacht über an Chartley. Wachend quälte ſie ſich mit Zweifeln und Be⸗ ſorgniſſen über ſeine Sicherheit; ſchlafend träumte ſie von ihm und ſah ihn gefangen oder todt. Es war eine wahre Erleichterung für ſie, als der Morgen heraufdämmerte, und ſte ſtand auf. Das Haus war bald in der ganzen lärmen⸗ den Geſchäftsthätigkeit des Landlebens, und man hörte Leute kommen und gehen noch lange bevor Jola ihr Zimmer ver⸗ laſſen hatte. Als ſie endlich hinabſtieg, fand ſte alle Männer zur Arbeit ausgezogen, und der erſte Gruß der guten Hausfrau lautete: „Ach, Lady, es war ein Glück, daß Ihr hier bliebet, ſonſt hättet Ihr gefangen werden können. Der Earl von Richmond und ſein Geſindel iſt in Tamworth und den um⸗ liegenden Ortſchaften, Fazely wimmelt von ſeinen Leuten, und Lord Stanley hat ſich nach Atherſton zurückgezogen. Wenn Ihr jedoch die Straße ziehet, die Ihr früher gereist ſeyd, ſo werdet Ihr jetzt ganz ſicher nach Lichfield gelangen, denn ſie marſchiren in guter Ordnung, wie es heißt, beſſer als unſere eigenen Leute es thun ſollen.“ „Wie viele ſind es?— Habt Ihr's vielleicht gehört?“ fragte Jola. „Faſt an die zwanzigtauſend Mann, heißt es,“ erwie⸗ derte die gute Frau;„aber man darf ſolchen Erzählungen nie Glauben ſchenken. Ich will Euch in einer Minute zu 703 Eurem Frühſtück verhelfen und Euch dann weiter ſenden, denn man kann nicht wiſſen, ob wir nicht über kurz oder lang einige der Rebellen hier haben werden.“ „Wo ſind meine Diener?“ fragte Jola.„Sie müſſen auch Speiſe haben.“ „O ſie werden ſchon kommen,“ meinte die Frau;„ſie ſehen nach den Pferden. Geh, Gretchen, und rufe ſte.“ Das Mahl war bald beendigt, die Roſſe wurden herbei⸗ geſchafft, und Jola zog die Börſe um für ihre Beherbergung zu zahlen. Hier ſchlug man es nicht aus, denn die Herrin des Hauſes war eine kluge, vorſichtige Perſon, welche keine Gelegenheit zum Geldeinnehmen verabſäumte. Unter vielen Segenswünſchen für eine glückliche Reiſe ritten ſie von dannen, vom hellſten, heiterſten Morgen be⸗ günſtigt. Sobald ſie die Heerſtraße erreicht hatten, hielt Jola ihr Pferd an und ſagte: „Reitet einige Schritte voraus, Ibn Ayoub.“ Dann an den Fremdling ſich wendend, fuhr ſie fort:„Ich weiß nicht, ob man ſich auf die Nachricht verlaſſen darf; aber die gute Frau ſagte mir ſo eben, daß des Earls von Richmond Armee zu Tamworth und den benachbarten Ortſchaften, ja ſogar zu Fazely ſtehe. König Richards Truppen hätten ſich ſämmt⸗ lich zurückgezogen. Wenn Ihr dieſem Gerüchte glauben könnt, ſo liegt der Weg jetzt offen vor Euch.“ „Ich ſah einen Bauer mit einer Holzladung aus dem Norden kommen,“ erwiederte der Fremdling.„Ich wagte jedoch nicht zu bleiben oder ihn auszufragen, denn der Mann firirte mich ſehr ſtark. Sey die Erzählung wahr oder falſch 70⁴ — es muß einmal riskirt werden: ich kann nicht länger ab⸗ weſend ſeyn. Euch, theure Lady, habe ich meinen aufrichtig⸗ ſten Dank zu ſagen, denn Ihr habt mir in ſehr gefährlicher Lage jede mögliche Hilfe geleiſtet.“ „Sprecht nicht davon, Mylord,“ erwiederte Jola;„aber noch ein Wort, ehe Ihr gehet. Ich bin in Betreff Chartley's voller Angſt und Beſorgniß; ich weiß nicht, was ihm zuge⸗ ſtoßen ſeyn mag, und beſchwöre Euch, wenn Ihr nach Eurer Ankunft in Tamworth Zeit findet, ſo erkundigt Euch nach ſeinem Schickſal, und ſolltet Ihr ihn in Noth oder Gefahr finden, ſo helft ihm mit allen Euren Kräften. Es würde meine ſchmerzlichen Gedanken ſehr beruhigen, wenn ich zu Lichfield Nachricht erhalten könnte.“ „Ich gelobe Euch auf mein Ritterwort, theure Lady,“ ſagte ihr Begleiter, näher zu ihr heranreitend und ihre Hand küſſend,„Nichts ſoll unterlaſſen werden, und ich will ihm mit meiner beſten Macht beiſtehen. Ich will Euch auch Nachrichten ſenden— und ſomit lebt wohl; Gottes Schutz ſey mit Euch!“ „Und mit Euch!“ ſagte Jola. So ſchieden ſie. * Dieſes merkwürdige Abenteuer des Earls von Richmond auf ſeinem Wege zwiſchen Lichfteld und Tamworth und die That⸗ ſache, daß er in einem Pächterhauſe übernachtete, ſind keine Er⸗ findungen des Romanſchreibers, ſondern hiſtoriſche Fakta. 70⁵ Siebenundvierzigſtes Kapitel. Du mußt mit mir umkehren, theurer Leſer, in Zeit und Raum mit mir umkehren, denn wir müſſen uns zu dem ge⸗ ſtrigen Morgen und zu der kleinen Hügelſpitze nicht weit von dem Punkte, wo die Straßen nach Tamworth und Fazely ſich trennen, zurückwenden, über welche damals ein brauner Raſen mit grünem Günſter, einigen Fleckchen bunten Haide⸗ krauts und hie und da einem rauhen zackigen Hagedorn von kränklichem Ausſehen ſich ausbreitete. Auf dem Gipfel des Hügels ſiehſt Du einen Berittenen; er ſchaut zuerſt emſig gegen Tamworth und dann nach der Sonne, welche eben über die fernen Abhänge heraufſteigt. Schau, dort kommen zwei bis drei Reiter auf der Straße von Tamworth daher! Alle bleiben ſtehen und wenden ſich um, bis auf Einen. Dieſer Eine kommt in feuriger Haſt daher, verläßt die Straße, galoppirt den Hügel hinauf und ſteht dem Anderen gegenüber. „Guten Morgen, Mylord Fulmer,“ begann Chartley. „Ich bin allein hier; Niemand weiß um mein Hierſeyn. Ihr habt auf der Straße Leute mit Euch gebracht.“ „Sie ſind nach Tamworth zurückgekehrt,“ erwiederte Lord Fulmer mit wilder Freude auf ſeiner Stirne.„Ich will keinen Vortheil, Lord Chartley: es iſt mir hinlängliche Genugthuung, Euch hier vor meiner Schwertſpitze zu haben, ohne daß ich Euch ſonſt noch zu beſtrafen ſuchte. Kommt, zieht, Mylord, und werft einen letzten Blick auf dieſe Erde, denn Ihr oder ich ſollt dieſen Platz nicht lebendig verlaſſen!“ James. Der Waidmann, 45 „Alſo zu Pferd,“ rief Chartley. zog ſein Schwert. Lord Fulmer drehte ſein Pferd ein wenig, um Boden zu gewinnen, und ſpornte es dann wüthend gegen ſeinen Gegner, indem ſein ſtarker Renner mit furchtbarem Ungeſtüm heran⸗ ſauste. Chartley ritt ein leichteres, weit behenderes Roß; er wußte, daß es dem Schock nicht widerſtehen würde, zog deßhalb den rechten Zügel an, und ſtieß ihm den linken Sporn in die Flanke. Das Roß machte alsbald eine Langade zur Rechten, und Lord Fulmer ſauste vorüber und zielte dabei einen Hieb nach Chartley's Kopfe. Der Andere parirte mit kaltblütigem Lächeln, drehte dann plötzlich um(er hatte dieſe Weiſe in anderen Ländern gelernt), begegnete ihm beim Wenden, und traf ihn mit dem Schwertknaufe dermaßen an der Kehle, daß er rücklings aus dem Sattel rollte. Sobald dieß geſchehen war, ſprang er zu Boden; aber Fulmer ſtand ſchon auf den Füßen, bereit ſeinen Gegner mit dem Schwert in der Hand anzufallen. „Ein jämmerlicher Kunſtreiterkniff,“ rief er,„eines Rit⸗ ters und Edelmannes unwürdig.“ „Ich möchte gern Dein Leben ſchonen, Knabe,“ rief Chartley etwas ärgerlich über dieſe beleidigende Worte. „Ich will es nicht Dir zu danken haben,“ erwiederte Fulmer, ihn mit dem Dolche in der einen, dem Schwert in der andern Hand voller Wuth angreifend. Der Kampf war jetzt etwas gleicher vertheilt, obwohl Chartley der Stärkere und der beſſere Fechter war. Allein er ließ manche Chance unbenützt— um uns eines üblichen „So ſey es,“ und er 707 Ausdruckes zu bedienen— weil er nicht wollte, daß die Leute ſagen ſollten, er habe Lord Fulmer erſchlagen, um deſſen verlobte Braut zu gewinnen. Mehrere Minuten hielt er ſich auf der Defenſive, und wartete auf eine Gelegenheit um ſeinen Widerpart zu verwunden oder zu entwaffnen. Aber ſelbſt ein ruhiges, geduldiges Gemüth— was Chartley keineswegs war— wird ſich bei einem ſolchen Streite er⸗ hitzen. Bald begann er die Streiche zu erwiedern, und der Kampf wurde immer wilder und heftiger; aber ſelbſt in ſei⸗ ner Hitze vergaß Chartley nicht ſeiner Geſchicklichkeit, wohl aber Fulmer. Eine Ueberzeugung, eine dunkle, furchtbare Ueberzeugung, welche die Eitelkeit ihm ſeither verhehlt hatte, daß er dem Manne, dem er gegenüberſtand, nicht gewachſen ſey, begann ſich in ſeinen Zorn zu miſchen. Die Hiebe, welche hageldicht auf ihn niederfielen, die Stöße, die er kaum zu pariren vermochte, verwirrten ſeinen Geiſt und blendeten ſein Auge; er wurde rings in der Runde und nach der Seite des Hügels zurückgetrieben, wo der Boden uneben war; plötzlich fühlte er ſeine Quart niedergeſchlagen, eine ſtarke Fauſt faßte nach ſeiner Kehle, und abermals ſah er ſich auf den Raſen niedergeworfen. Sein Schwert war verloren, die Hand, welche den Dolch hielt, unter dem Drucke des Gegners, und als er aufſchaute, ſah er die Klinge von Chartley's miséricorde hoch über ſeinem Haupte flammen. Chartley hielt eine Weile inne und ſein beſſeres Ich kam ihm zu Hilfe; die linke Fauſt des Gefallenen noch immer feſt⸗ haltend, während ſein Knie auf deſſen Bruſt ruhte, ſtrich er mit der Hand, welche den Dolch hielt, ſeine eigenen Haar⸗ 45* 708 locken aus der Stirne. In dieſem Augenblick hörte er einen Laut hinter ſich, den er früher in der Hitze des Kampfes nicht beachtet hatte, und im nächſten Augenblicke wurden ſeine Arme angefaßt. Im Aufſpringen den neuen Gegner von ſich abſchüttelnd, wendete er ſich zornig und unwillig um. Zehn bis zwölf Männer zu Roß und zu Fuß ſtanden umher, und mit einem wüthenden Blick auf Lord Fulmer, der ſich mittlerweile auf ſeine Kniee erhoben hatte, rief Chartley: „Feiger Verräther! iſt das Deine Treue?“ „Auf Ehre und Gewiſſen,“ betheuerte Lord Fulmer, ſeine Hand über die Augen deckend, wie wenn ſein Blick ver⸗ düſtert wäre,„ich habe keinen Theil daran. Dieſe gehören nicht zu meinen Leuten.“ „Was wollt Ihr, ihr Herrn?“ rief Chartley, als die Leute ſich abermals ihm näherten.„Bleibt zurück, denn ich laſſe nicht ſo leicht Hand an mich legen.“ „Halt, halt,“ rief einer der Berittenen vorſprengend. „Euer Name iſt Lord Chartley, oder ich müßte mich irren — nein, ich weiß es gewiß, denn ich habe Euch oft am Hofe geſehen. Ergebt Euch an des Königs Offtzier. Ich bin befehligt Euch zu ergreifen und auf den nächſten Poſten der königlichen Truppen zu führen. Wir haben Euch vom St. Clarenkloſter bis hieher verfolgt, und ſind, ſcheint es, gerade zu rechter Zeit gekommen. Wollt Ihr Euch ergeben, My⸗ lord, oder muß ich Gewalt brauchen?“ Widerſtand war vergeblich, und mit ſchwerem Herzen erwiederte Chartley: 709 „Ich füge mich natürlich in des Königs Willen. Was habe ich gethan, daß Seine Gnaden mich alſo behandeln läßt?“ „Der König wurde benachrichtigt, Mylord, daß Ihr Eure Leute geradeswegs dem Heere des Rebellen Richmond zuführet,“ erklärte der Offtzier. „Oder lieber gerades Wegs gegen die Streitkräfte des guten Lords Stanley, ſolltet Ihr ſagen. Bei meinem Leben! Es wird ſich gut ausnehmen, wenn man erfährt, daß der König diejenigen, welche ſeinen Feinden entgegen gehen, einkerkert, und dagegen ſolche ehrt, welche vor ihnen davon laufen.“ „Es ſind noch einige andere Geſchichten welche gegen Euch ſprechen, Sir,“ erwiederte der Offizier.„Von einem guten Manne, früher Vogt im St. Clarenkloſter, iſt Nach⸗ richt eingelaufen, welche beweist, daß Ihr Plane vorhattet, welche des Königs Willen widerſprechen. Wenn Ihr übri⸗ gens zu Stanley unterwegs waret, ſo könnt Ihr Euch in dieſer Sache bald von der Beſchuldigung reinigen, da ich Euch ſeinen Händen als den nächſten in dieſem Augenblicke überliefern werde. Bitte, ſteigt zu Pferd, Mylord. Hebe Einer ſein Schwert auf und reiche es mir.“ Während all dieſer Zeit war Lord Fulmer mit nieder⸗ geſchlagenen Augen und gekreuzten Armen dageſtanden; jetzt aber, wie von einem plötzlichen D Drange getrieben, ſtürzte er auf Chartley los und rief: „Auf Ehre und Gewiſſen! Ich hatte Nichts damit zu ſchaffen.“ 710 Chartley ſchwang ſich in den Sattel und ſagte mit einem Blicke der Verachtung: „Mein edler Lord! es iſt höchlich auffallend, daß ſie Tag, Stunde und Ort wußten, wo ſie, die Vielen, über mich, den Einzelnen, herfallen konnten. Wäre ich nicht hieher zum Rendez⸗vous mit Euch gezogen, ſo hätten ſie mich an der Spitze von gut dreihundert Speeren angetroffen, und hätten ſich wohl zweimal beſonnen, ehe ſie mir eine ſolche Geſchichte zu erzählen gewagt hätten.— Nun, Sir, wohin geht der Weg?— CEuer ergebener Diener!“ „Rechter Hand,“ ſagte der Offtzier, und der ganze Haufe ſchlug die Straße nach Atherſton ein. Chartley war nicht in geſprächiger Laune, ſondern ritt geſenkten Hauptes und mit einem Herzen voll bitterer Ent⸗ täuſchung langſam mit den Soldaten weiter, halb geneigt bei jeder Straßenbiegung ſeinem Pferde die Sporen einzu⸗ ſetzen, um zu ſehen, ob er nicht einen Vorſprung vor ſeinen Hütern gewinnen könne. Aber als ob ſie einen ſolchen Ver⸗ ſuch erwarteten, ritt immer einer der Soldaten zur Rechten und ein anderer zur Linken voraus, ſo oft ſich eine Gelegen⸗ heit zur Flucht darbot, und er ſah, daß mehrere von den Fußknechten, welche Bogenſchützen waren, ihre Bogen ge⸗ ſpannt und ihre Pfeile auf der Sehne hielten. Endlich hörte man Pferdegetrappel in raſchem Schritte hinterdrein kommen, und ein Haufe von etlichen zweihundert Mann— alle in glänzender Waffenrüſtung und ein Banner an ihrer Spitze— ritten in ſcharfem Trabe und in derſelben 711 Richtung wie ſie daher; ſie drehten nur die Köpfe, um die kleine Abtheilung, an der ſie vorüberzogen, zu betrachten. Der Offtzier, der neben Chartley ritt, rief jedoch alsbald mit lauter Stimme:„Lord Stanley, Lord Stanley!“ und ſprengte ihm nach. Chartley ſah ihn an der Spitze der an⸗ deren Truppe mit einem Edelmanne ſprechen, der nur mit Ungeduld zu warten und ihn anzuhören ſchien, denn ſeine Geberden waren ſcharf und haſtig, und er ritt bald wieder weiter. Der Offtzier kehrte unverzüglich zurück, hieß die Bogenſchützen ſo raſch ſie könnten nachfolgen und ſagte: „Nun, Mylord, müſſen wir nach Atherſton galoppiren.“ Er ſetzte ſofort ſeine Truppen in ein raſcheres Tempo und ritt dem größeren Reiterkorps nach, das ihnen voran⸗ gezogen war. „Hat Lord Stanley etwas über mich geäußert?“ fragte Chartley, als ſie die Andern beinahe eingeholt hatten. „Ja, Mylord,“ erwiederte der Offizier in grobem Tone. „Er ſagte, Eure Leute haben ſich heute Morgen dem Durch⸗ zuge ſeiner Truppen durch Fazely widerſetzt; er habe ſie aber hinausgetrieben und ziehen laſſen, denn— ob Freunde oder Feinde— ſey gleichgiltig geweſen, da es nur eine Hand voll war.“ „Es geſchah nicht auf meinen Befehl. Wäre ich dage⸗ weſen, es wäre nicht vorgekommen.“ „Das müßt Ihr ſelbſt erklären, Mylord,“ antwortete der Offizier.„Ich thue blos meine Schuldigkeit und das nicht gerne.“ Bei dem eiligen Schritte, den ſie einhielten, gelangten 71² ſie in ſehr kurzer Zeit nach Atherſton, wo Stanley eben vor der Thüre eines altmodiſchen Wirthshauſes, das damals dort ſtand und wo Chartley vor einigen Wochen gewohnt hatte, zu Boden ſprang, begrüßt von einer Anzahl Edelleu⸗ ten und Soldaten, von denen das kleine Städtchen bereits beſetzt war. Er ſprach eine Weile mit einigen derſelben, und trat dann in den Gaſthof mit den lauten Worten: „Das wird genügen— nur ſtellt eine Wache auf.“ Der Edelmann, den er angeredet, näherte ſich augen⸗ blicklich der Stelle, wo Chartley noch zu Pferde ſaß und ſagte: „Cure Lordſchaft muß mir folgen. Es thut mir leid, Euch eine Wache vor die Thüre ſtellen zu müſſen.“ „Kann ich Lord Stanley nicht ſprechen?“ fragte Chartley. „Für jetzt nicht, mein guter Lord,“ erwiederte der Edel⸗ mann.„Er iſt mit Geſchäften überhäuft. Der König mar⸗ ſchirt morgen von Leiceſter ab, und wir dürfen nicht dahinten bleiben.“ Chartley gab keine Antwort, ſondern folgte in bitterem Schweigen durch die Gruppen von müßigen Zuſchauern vor der Wirthshausthüre nach einem Zimmer im erſten Stocke, wo früher einige ſeiner Diener zu ſchlafen pflegten. Dort wurde er allein gelaſſen, die Thüre verſchloſſen und hinter ihm verriegelt. Gleich darauf hörte er den Tritt einer Schildwache und dann die Stimme eines Mannes der aus dem Fenſter zu einer Perſon auf der Straße hinunterſprach und ſagte; 71³3 „Eilt raſch zum König und meldet ihm, daß Ihr ihn ge⸗ fangen habt. Erſucht Seine Gnaden, mir Befehle zu ſchicken, was ich mit ihm thun ſoll, denn ich habe keine Inſtruktionen. Fügt noch hinzu, daß ich heute Nacht unſere Muſterrolle einſenden werde.“ Chartley überlegte was er vernommen hatte. Die Worte bezogen ſich offenbar auf ihn, und er fragte ſich, was das Reſultat der Sendung ſeyn werde. Das Schickſal von Gray, Vaughan, Haſtings, Rivers, Buckingham war ihm eine Warnung für das was ihm bevorſtehen mochte, nämlich kurze Beichte und raſcher Tod. All die freudigen Träume waren verſchwunden, die frohen leuchtenden Hoffnungen, welche die vergangene Nacht in ſeiner Bruſt tanzten, waren verſtummt. Wenn der Tod furchtbar iſt— wie viel fürch⸗ terlicher muß er ſeyn, wenn er ſeine eiſige Schranke zwiſchen uns und nahe geahnte Freuden ſetzt. Chartley wäre im Felde faſt ohne Bedauern geſtorben; aber der kalte ehrenloſe Tod unter dem Henkerbeile, dieſer unrühmliche, widerſtands⸗ loſe Fall— er war für ihn voller Schrecken. Er ſtählte jedoch ſeinen Geiſt, um das Kommende mit Würde zu er⸗ tragen, und meiſterte ſein eigenes Herz wohl manche lange Stunde. Minute ſchlich hinter Minute, der Schatten wan⸗ derte längs der Mauer, ein Gewitterſturm beſchloß den Tag und der Regen goß in Strömen. Chartley merkte nicht auf die Minuten, ſah nicht den Schatten, hörte kaum den Sturm, der draußen tobte— er dachte an Jola und fragte ſein Herz: „Was wird aus ihr werden?“ Man brachte ihm Nahrung; aber er berührte ſie kaum; man brachte Wein; aber er wußte, daß kein Troſt darin lag, und als die Sonne niederſank, kreuzte er die Arme über der Bruſt und ſchaute aus dem Fenſter, indem er zu ſich ſelber ſagte: 4 „Vielleicht iſt es die letzte, welche jemals für mich ſchei⸗ nen wird.“ Kurz darauf wurde ein Licht hereingebracht, und er fragte, ob er Papier, Feder und Dinte erhalten könne. Der Mann ging fort und ſagte, er wolle ſehen, kehrte aber nicht wieder. Die Nacht verſtrich. Es war kein Bett im Zimmer, und wenn ſich auch ſeine Augen einigemal auf wenige Mi⸗ nuten zum Schlummer ſchloſſen, ſo geſchah es nur, um plötzlich wieder vom Tiſche aufzufahren, über den er ſeine Arme gelehnt hatte. Der nächſte Morgen ging ſchön auf; mehrere Stunden lang erſchien Niemand in ſeiner Nähe. Endlich brachte man abermals Speiſe; doch der Mann, der ſie brachte, wollte oder konnte ſeine Fragen nicht beantworten, und der Tag verſtrich, unterbrochen durch Geräuſch und geſchäftiges Trei⸗ ben auf den Straßen, wie man es gewöhnlich in einem kleinen, mit Soldaten angefüllten Städtchen zu hören und zu ſehen bekommt.. Es war ein langer, ewig langer Tag, und Chartley's Muth ſank unter den ermüdendſten aller Plagen— nämlich unbeſchäftigter Einſamkeit. Endlich wurde der Himmel grau, und Nacht und Finſterniß kamen wieder. 715 Faſt eine Stunde verſtrich in gaͤnzlichem Stillſchweigen; das ganze Haus ſchien ſo ruhig, daß Chartley ſich kaum denken konnte, daß es noch immer von Lord Stanley und ſeinem Gefolge bewohnt ſey. Endlich vernahm er einen raſchen Schritt, das Ankufen der Schildwache vor der Thüre und dann die Loſung: die Krone.) Im nächſten Augenblicke ging die Thüre auf, und Lord Stanley ſelbſt trat ein. Zwiſchen ihm und Chartley herrſchte nur oberflächliche Bekanntſchaft. Seine Stirne war ängſtlich und nachdenk⸗ lich und nichts Gutes verkündend, wie es dem jungen Edel⸗ mann vorkam. „Ich bedaure, Mylord,“ begann er, die Thüre hinter ſich ſchließend,„daß es nicht in meiner Macht ſtand, Euch früher zu ſehen, und bedaure noch mehr, Euer Gefangen⸗ wärter ſeyn zu müſſen; aber mir bleibt keine Wahl, und es iſt vielleicht beſſer, daß Ihr in meine Hände und nicht in die eines Feindes gefallen ſeyd.“ „Weit beſſer,“ erwiederte Chartley höflich;„aber Ge⸗ fangenſchaft iſt jeder Zeit hart, und ich habe doch einen Paß von Eurer eigenen Hand, von einem gemeinſamen Freunde mir zugeſendet. Ich bitte Euch, dieſen Umſtand zu bedenken, und mich hier nicht auf meine Gefahr und zu großem Zeitverluſte hinzuhalten.“ Lord Stanley ſchien ſehr bewegt, ohne daß er den Grund erklären mochte, denn er ging mehrere Male ohne Erwie⸗ derung im Zimmer auf und ab, und Chartley fuhr fort; 7¹⁶ „Ich habe dieſes Paſſes und des Briefes, der ihn be⸗ gleitete, gegen Niemand erwähnt, um weder Euch, noch einer Sache, die mir ſehr am Herzen liegt, zu ſchaden.“ Stanley trat dicht zu ihm heran, legte ſeine Hand auf ſeinen Arm und erwiederte in tiefem Ernſte, aber in ſehr leiſem Tone: „Mein theurer Lord, ich geſtehe Euch offen, daß ich Euch in einer halben Stunde entwiſchen ließe, wenn die Ge⸗ fahr nur mich träfe; aber die Wahrheit iſt: meines Sohnes Leben ſteht auf dem Spiele. Der König hält ihn als Geißel am Hofe; er iſt nie einen Augenblick ohne Zeugen, und ſo wie ich in den gewagten Pfad, den ich zu betreten habe, einlenke, bin ich in einer Stunde kinderlos.— Aber ſagt mir, mein guter Lord, wie kam es, daß Eure Leute mir ge⸗ ſtern den Durchzug durch Fazely verwehrten?“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte Chartley.„Vielleicht ein thörichter Mißgriff, denn ich ſelbſt war nicht anweſend,“ und er fuhr fort ihm Alles zu erzählen, was ihm zugeſtoßen war, ſeitdem er Fazely verlaſſen hatte. „Das trifft ſich höchſt unglücklich,“ meinte Stanley; „aber ich muß bis zum letzten Augenblicke des Konigs Be⸗ fehlen entweder gehorchen, wie ſie auch lauten mögen, oder der Mörder meines eigenen Kindes werden. Selbſt wenn er mir geböte, Euch in noch ſtrengeren Gewahrſam zu ſetzen oder alsbald ihm zu überſchicken— was in der That der Untergang meiner Hoffnungen für Euch wäre— müßte ich dennoch gehorchen. Die bloſe Gefangenſchaft hier iſt kein großes Uebel; Eure Leute ſind unterdeſſen zu dem Carl von 717 Richmond geſtoßen, und wenn Ihr auch ohne Zweifel wün⸗ ſchen werdet, ſie ſelber anzuführen, ja, wenn Ihr auch Ruhm einbüßet, ſo entgeht Ihr mancher Gefahr und harten Schlägen.“ „Ja, mein guter Lord, es gibt noch andere Gefahren,“ verſetzte Chartley.„Wie— wenn Richard Euch beföhle, mich hinzurichten?“ „Ihr müßt erſt in aller Form prozeſſirt werden,“ ſagte Stanley. „Das wurde weder Buckingham, noch manchem Ande⸗ ren, die ich nennen könnte, bewilligt,“ gab der junge Edel⸗ mann zur Antwort. „Nun, Gott verhüt es!“ rief ſein Gefährte;„aber be⸗ denkt doch, Mylord, was eines Sohnes Leben für den Vater iſt; ſetzt Euch in meine Lage und fragt Euch, was ich thun kann. Horch!“ fuhr er fort,„da unten hört man Pferde⸗ tritte. Vielleicht iſt der Bote zurückgekehrt. Wir werden es bald erfahren.“ Eine ſtumme düſtere Pauſe folgte, während jeder von Beiden mit ängſtlich geſpannter Aufmerkſamkeit horchte. Sie horten einige Worte ſprechen, konnten aber ihren Sinn nicht unterſcheiden; dann kam ein Tritt auf der ziemlich ent⸗ fernten Treppe, und endlich ſchallte er den Gang herunter. Die Schildwache rief an, und eine rauhe laute Stimme verlangte Lord Stanley zu ſprechen, indem ſie beifügte: „Sie ſagen, er ſey hier oben.“ Stanley erhob ſich augenblicklich und trat hinaus, und Chartley konnte ihn in leiſem Tone fragen hören: 718 „Nun, was ſagt der König?“ „Wegen der Muſterrollen, Mylord, ſagt er, ſey es Zeit bis morgen Mittag,“ erwiederte dieſelbe rauhe Stimme; „was den Gefangenen betrifft, ſo ſprach er: ſchlagt ihm vor dem Frühſtück den Kopf ab; es ſind Beweiſe von Ver⸗ rath gegen ihn vorhanden“. Stanley murmelte etwas vor ſich hin, was Chartley nicht hörte, und dann kam eine Pauſe; endlich hörte man die Schritte ſich entfernen, und Lord Stanley kam nicht wieder zum Vorſchein. „Es iſt entſchieden,“ ſagte Chartley zu ſich ſelbſt.„Nun gut, der Tod kann nur einmal kommen— was liegt daran, ob vom Beil oder von der Lanzenſpitze? Aber ach, die arme Jola! Dieſes Zimmer iſt ſehr heiß; ich werde hier er⸗ ſticken und meine Mörder doch noch betrügen.“ So trat er an's Fenſter, riß es auf und ſchaute hin⸗ aus. Das Zimmer lag in beträchtlicher Höhe über der Straße, und ein Sprung oder Hinablaſſen wäre mit der Gefahr ein Bein oder den Hals zu brechen, verbunden geweſen. Nichts⸗ deſtoweniger hätte Chartley es verſucht; aber es war ein weit ernſtlicheres Hinderniß vorhanden. Zwei Schildwachen ſtanden vor der Thüre und gingen unter ſeinem Fenſter vor dem Hauſe auf und ab. Auch waren zahlreiche Gruppen in der engen Straße verſammelt, welche trotz der dunklen Nacht, welche zwar ſchön und ſternenhell, aber ganz mond⸗ los war, zuſammenplauderten. Eine Laterne kam von Zeit zu Zeit vorüber und Chartley konnte ſich leicht denken, daß 719 bis zum Morgen nur wenig Ruhe in Atherſton herrſchen würde.— Die Hoffnung auf Flucht war verſchwunden. Nach wenigen Minuten hörte man Pferdegetrappel in nicht großer Ferne. Es kam näher und näher, und Chart⸗ ley ſah die Geſtalten dreier Berittener vor dem Hauſe an⸗ ſprengen und dort den Zügel anziehen. Der Vorderſte fragte die Schildwache ohne abzuſteigen: „Iſt Lord Stanley hier einquartiert?“ „Ja,“ erwiederte der Mann;„er iſt aber glaub' ich zur Ruhe gegangen.“ „Sagt ihm, ich ſey ein Bote von ſeinem Bruder und bringe wichtige Nachrichten, welche ihm allein eingehändigt werden dürfen,“ ſagte der Andere. Indem er ſprach, begann er langſam abzuſteigen, und während einer ſeiner beiden Begleiter den Zügel ergriff, ſprang der zweite mit großer Behendigkeit herbei, um ihm den Steigbügel zu halten, indem er(wie es Chartley vor⸗ kam) für einen bloſen Boten eine außerordentliche Ehrerbie⸗ tung an den Tag legte. Die Schildwache vor der Thüre rief Jemand aus dem Hauſe, der ein Privatdiener Lord Stanley's zu ſeyn ſchien, und ſobald der Mann das Geſicht des Boten wahrgenommen hatte, ſagte er: „Tretet ein, Sir, tretet ein. Mylord wird Euch im Augenblicke empfangen.“ Der Fremde folgte ihm in's Haus, während ſeine Be⸗ gleiter ſein Pferd auf der Straße auf⸗ und abführten. Faſt eine halbe Stunde verſtrich, bis der Bote wieder 720 zum Vorſchein kam; dann ſchwang er ſich zu Pferde und ritt in raſchem Schritte davon. Wenige Minuten ſpäter wurden Chartley's ſchwarze Träumereien durch zwei Männer unterbrochen, welche ein Rollbett hereinbrachten, denn früher war keines im Zimmer geweſen. Der Eine war ein Diener des Gaſthofs, den der junge Lord von Geſicht wohl kannte und dem er Freundlich⸗ keit erwieſen hatte. Der Mann nahm jedoch nicht die ge⸗ ringſte Notiz von ihm, wie wenn er ihm ganz fremd wäre und mit den Worten:„Glück ändert Gunſt“ drehte ſich der junge Edelmann wieder zum Fenſter. Zwei Minuten genügten, um das Bett an ſeine Stelle zu ſchaffen; dann ſagte der Gaſthofsdiener zu dem anderen Manne: „Geht und holt die Decken und das Kiſſen; ſie ſind, glaube ich, am Ende des Ganges.“ Sobald der Andere fort und die Thüre verſchloſſen war, ſtürzte der Mann auf Lord Chartley zu und küßte ihm die Hand. „Tröſtet Euch, Mylord,“ ſagte er;„tröſtet Euch. Der Henker mag ſein Beil wetzen, aber nicht für Euch. Schaut unter das Kiſſen, wenn ich fort bin; haltet Euer Fenſter offen und wachet. Seyd aber nicht haſtig oder übereilt, ſon⸗ dern wartet bis Ihr ein Signal erhaltet.“ Und dann zu ſeinem Bette zurückkehrend, begann er die Kreuzpfoſten deſſelben etwas weiter auszuſtrecken. Eine oder zwei Minuten ſpäter kehrte der Andere mit Bettzeug beladen zurück, das bald in Ordnung gebracht war; doch eben als ſie ſich entfernen wollten, ſchien der Diener aus dem Gaſthofe eine Unordnung an dem Kiſſen zu ge⸗ wahren; er kehrte einen Augenblick zurück, um es zurechtzu⸗ legen, worauf die Beiden zuſammen das Zimmer verließen. Der Schlüſſel wurde umgedreht, der Riegel vorgeſchoben, und Chartley fuhr mit der Hand unter das Kiſſen, unter dem er ein geſiegeltes und zuſammengefaltetes Billet her⸗ vorzog. Es hatte keine Aufſchrift und lautete alſo: „Die Schildwachen am Thore werden um Mitternacht eingezogen werden. Aus Bettdecken und Tüchern wurden ſchon früher Stricke gedreht, und ein Grauſchimmel, deſſen Schnelligkeit Euch bekannt iſt, ſteht eine halbe Meile ab⸗ wärts der Straße. Wendet Euch rechts, ſobald Ihr unten ſeyd. Ehe Ihr geht, verbrennet aus Billigkeit den Paß und den Brief, der ihn begleitete, und wenn Ihr dieſe Wei⸗ ſungen verſtanden, ſo löſcht Euer Licht um eilf Uhr.“ „Woher kann der Brief kommen?“ fragte ſich Chartley. „Es iſt weder die Handſchrift noch der Styl eines Kellners — das iſt klar,“ und den Paß hervorziehend, verglich er beide Handſchriften mit einander. Eine große Aehnlichkeit war nicht zu verkennen. Chartley's Herz ſchwoll wieder hoch auf, und als er eben die beiden Papiere mit einander verglich, ſchlug die Glocke zehn Uhr.„Zwei Stunden!“ dachte er;„noch zwei lange Stunden!“ Wie langſam ſchien ihm das Vorſchreiten der Zeit James. Der Waidmann. 46 722 Aber ſie ging vorüber, und als er die eilfte Stunde nahe glaubte, hielt er den Paß über die Flamme der Lampe. Er fing Feuer und brannte; aber noch ehe er ganz verzehrt war, kam dem Gefangenen ein Zweifel— ein Argwohn. Das Papier war der einzige Anhaltspunkt, den er an Lord Stan⸗ ley hatte, denn er bewies, daß dieſer Edelmann ſtillſchwei⸗ gend in ſeinen Marſch zu dem Earl von Richmond einge⸗ willigt hatte, und Stanley hatte nicht gewagt, ihm das Papier gewaltſam abnehmen zu laſſen, um nicht ſein eigenes Geheimniß zu verrathen. Im nächſten Augenblicke kamen ihm jedoch edlere Gedanken.„Weg mit dir, beleidigender Argwohn!“ ſagte er, warf das Papier zu Boden, ließ es von der Flamme verzehren und zertrat dann die Funken mit den Füßen. Richmonds Brief, der den Paß begleitet hatte, theilte daſſelbe Schickſal, und dann wartete Chartley auf den Glockenſchlag Eilf. Er zögerte länger, als er gedacht hatte, und zuletzt begann er zu glauben, die Uhr ſey wohl gar ſtill geſtanden. Gleich darauf kam der Schlag des Hammers auf die Glocke, ein zweiter, ein dritter, ein vierter— die Glocke ſchlug aus, und er löſchte das Licht. Dann ſtellte er ſich an das Fenſter und wartete. Die Straße war jetzt beinahe verödet. In einem Hauſe gegenüber brannte noch ein Licht, wurde aber nach wenigen Minuten ausgelöſcht. Ein kleiner Trupp Soldaten zog in abgemeſſenen Schritten vorüber. Dann kam ein Betrun⸗ kener, ſchreiend und brüllend, bis ſeine Stimme in der Ferne ſich verlor. Tiefe Stille folgte; Chartley hätte die Schläge 723 ſeines eigenen Herzens zählen können. Dann kam ein Mann, der mit wohlklingender Stimme eine leiſe klägliche Melodie ſummte und ſein Schritt klang wie der eines Hin⸗ kenden. Jetzt folgte eine zweite längere Pauſe und Alles ward wieder ſtill. Endlich vernahm er in einem fernen Theile des Wirths⸗ hauſes ein kleines Geräuſch, welches bald verſtummte und einer lautloſen Stille Platz machte. Sie dauerte ſehr lange und Chartley, der die Stunde ſchon nahe glaubte, knüpfte die Betttücher zuſammen und befeſtigte das eine Ende an einen Wandhaken, der zum Aufhängen eines Leuchters ange⸗ bracht war. Er bot für das Gewicht eines ſtarken Mannes allerdings nur eine ſchwache Stütze; aber er dachte:„er wird wenigſtens die Schwere des Falles brechen.“ So bald dies geſchehen war, ſetzte er ſich wieder auf der Fenſterbank nieder und wartete. O die langſamen Minuten, wie ſie ſo bleiern dahin⸗ zogen! Endlich ſchlug die Glocke zwölf; aber die Schildwachen ſchritten noch immer auf und ab. Drei Minuten waren vielleicht verſtrichen, die ihm freilich weit länger vorkamen, als die Hauptthüre des Gaſthofes aufging und eine laute Stimme rief: „Die Wache iſt entlaſſen! Quartier Nr. 22. Mit Ta⸗ gesanbruch wieder aufziehen!“ Die Waffen raſſelten, und dann marſchirten die Sol⸗ daten Seit an Seite die Stadt hinauf. Er wartete bis ihr 46* 724 Trappen nicht mehr gehört wurde; dann legte er den Kopf an die Zimmerthüre und lauſchte. Draußen athmete Jemand, wie in tiefem Schlafe. Er näherte ſich ſachte dem Fenſter, zog das andere Ende des neugebildeten Strickes nach ſich, warf es über den Fenſter⸗ ſims und ſetzte ſich auf dieſen. Dann mit beiden Händen ſich feſthaltend, erreichte er einen der Knoten mit ſeinen Füßen und glitt eine Strecke abwärts. Erſt die eine und dann die andere Hand loslaſſend gelang es ihm, auch ſeine Füße frei zu machen, während der Haken immer noch feſt hielt. Gleich darauf erreichten ſeine Füße den Boden. In einem unteren Zimmer brannte ein Licht; aber Nie⸗ mand rührte ſich, und ſachte um die ganze Front des Hauſes herumgehend, beſchleunigte er bald ſeinen Schritt und er⸗ reichte faſt in vollem Laufe den Rand des Städtchens. Der Mond guckte eben über den Kamm des Hügels, und Chartley richtete den geſpannten Blick vorwärts. Unter einer Baumgruppe, etwa dreihundert Schritte vor ihm, er⸗ kannte er einen dunklen Gegenſtand. Es kam ihm vor wie ein Roß; im Nähertreten ſah er aber deren zwei, und er blieb eine Weile ſtehen. Gleich darauf hörte er jedoch ein lei⸗ ſes Pfeifen wie das Zwitſchern eines Vogels und er trat näher. Unter dem Schatten der Bäume fand er ſein eigenes Roß und daneben ein zweites; ein Mann hielt die Zügel von Beiden in der Hand. Mit einem wilden Freiheitsjubel ſprang Chartley, ohne einen Fuß in den Steigbügel zu ſetzen, auf den Rücken des edlen Thieres, das vor Freude wieherte, wie wenn es fühlte, daß ſein Herr wieder frei ſey. 725 Der junge Edelmann zog eben die Börſe und wollte den Pferdehalter belohnen, als eine Stimme, welche Chartley zu kennen ſchien, bemerkte: „Wartet, Mylord, wartet; ich gehe mit, um Euch zu führen. Ihr wollt doch nach Tamworth— nicht wahr?“ „Nach Lichſteld, nach Lichfield!“ rief Chartley und ſprengie auf der Straße dahin, die ihm recht wohl bekannt war. Der Mann folgte auf kurze Strecke hinter ihm, bis Atherſton hinter ihnen lag und die Wahrſcheinlichkeit der Verfolgung ſich immer mehr verminderte. Etwa vier Mei⸗ len jenſeits des Städtchens wurde Chartley von ſeinem Be⸗ gleiter eingeholt, der ſein Thier in Galopp geſetzt hatte, um das flinkere Roß des jungen Edelmannes zu erreichen. „Links, Mylord, links,“ ſagte er;„wenn Ihr durchaus nach Lichfield müßt, obwohl des Earls Armee in Tamworth lagert. Der kleine Seitenpfad erſpart uns anderthalb Meilen und wird jetzt nicht ſchlecht ſeyn.“ „Wer ſeyd Ihr?“ fragte Chartley, ſein Roß in einen ſchmalen Pfad einbiegend, den der Mann ihm andeutete. „Eure Stimme kommt mir bekannt vor.“ „Der arme Pfeifer Sam,“ erwiederte der Mann;„doch bin ich jetzt reich und bin kein Pfeifer mehr. Ihr werdet Euch wundern, wie man mich als Euren Führer aufgabelte; doch das iſt bald erklärt. Ich wurde von Einem, den Ihr wohl kennet, mit Nachrichten an Lord Stanley abgeſchickt und erfuhr dort, was Euch bevorſtand. Ich hätte Mittel gefunden Euch herauszubringen, wenn der Himmel es nicht dem guten Lord in den Sinn gelegt hätte, ſich ſelbſt für 726 Euch zu verwenden; da ich jedoch als ein verſchwiegener und zuverläſſiger Menſch empfohlen war und den guten Carl von Richmond ſelbſt eintreten ſah und Lord Stanley ſolches meldete, ſo mochte er es für gerathen halten, mich bei einer Sache zu verwenden, die mich nebenbei aus dem Wege brachte.“ „Der gute Earl von Richmond!“ rief Chartley.„Iſt er bei Lord Stanley geweſen?“ „Ja, heute Nacht,“ erwiederte der Andere,„mit blos zwei Reitknechten, was deutlich beweist, daß er ſein Spiel als ganz ſicher kennt.“ Chartley wurde nachdenklich, denn wenn auch außer dem Einen, der wohl am Meiſten hätte argwöhnen ſollen, nur Wenige daran zweifelten, daß zwiſchen Richmond und ſeinem Stiefvater ein geheimes Einverſtändniß beſtand, ſo hatte doch der junge Edelmann nicht geglaubt, daß ein ſo kühner Schritt, wie eine perſönliche Zuſammenkunft, von einem der Beiden gewagt werden würde. Es war noch dunkel, als Chartley zu Lichfield anlangte, und er brauchte über eine halbe Stunde, um die ſchläferigen Hausknechte aus ihren Betten zu jagen und in dem vor⸗ nehmſten Gaſthofe(denn es gab damals in jener guten Stadt deren zwei) ein Unterkommen zu finden. Ueber Jola und deren Leute vermochte er ſich keine Auskunft zu ver⸗ ſchaffen, denn in den letzten achtundvierzig Stunden waren ſo viele Perſonen ab⸗ und zugegangen, daß keine Beſchrei⸗ bung hinreichte, um die eine von der anderen zu unter⸗ ſcheiden. Nach der Verſicherung des einen der Hausknechte 727 wohnte keine andere Lady in dem Gaſthofe als die feite Kanoniſſin von Salisbury; die Truppen vollends hat⸗ ten alle die Stadt verlaſſen und waren nach Tamworth marſchirt. Mit dieſer dürftigen Nachricht mußte ſich Chartley be⸗ gnügen, und er gab ſofort Befehl, daß ſein guter Führer wohl verſorgt und er ſelbſt mit Sonnenaufgang geweckt werde. Dann warf er ſich auf's Bett nieder. Faſt zwei Nächte und zwei volle Tage hatte er kein Auge geſchloſſen, und trotz ſeiner tiefen Liebe und nicht geringen Angſt über⸗ wältigte ihn die Schläfrigkeit im Augenblicke; die vielen ge⸗ ſchäftigen Gedanken, die ihm durch den Kopf wirbelten, wur⸗ den konfus und undeutlich, und er ſchlief ein. Aus einem tiefen, ſchweren, todtenähnlichen Schlummer erwachte er plötzlich und ſchaute ſich um. Das Zimmer war hell vom Tageslichte erleuchtet; rühriges Leben ließ ſich draußen allenthalben vernehmen. Auf der Straße bot ein Mädchen Waſſerkreſſe aus; die Leute lachten und plauderten in dem Alltagslärmen der Welt, während ein knarrender Holzkarren langſam daher kam und ſeine klägliche Stimme vernehmen ließ. Chartley waroffenbar vergeſſen worden, und an die Thüre tretend rief er laut nach dem Kellner. Dieſer erklärte, er habe nicht gewußt, daß Jemand in dieſem Zimmer ſchlafe, theilte ihm aber mit, daß es näch⸗ ſtens zehn Uhr ſey, was gleich darauf durch den Schlag der Thurmuhr beſtätigt wurde. Auch er wußte keine andere Kunde zu ertheilen, als daß außer der fetten Kanoniſſin keine Dame im Hauſe ſich befinde, und Chartley brach 728 augenblicklich auf, um in dem anderen Gaſthofe nachzu⸗ fragen. Auch dort war ſein Bemühen vergeblich, und überall, wo er Auskunft zu erlangen hoffen konnte, blieb ſein An⸗ pochen erfolglos. Wir wiſſen Alle, wie viele Zeit über ſolchen Nachfor⸗ ſchungen hingeht, und Lichfield war damals voller Mönchs⸗ und Nonnenklöſter, an deren jedem Chartley anpochte. Nur in einem erhielt er eine Andeutung über den von der ſchönen Flüchtigen eingeſchlagenen Weg. Es war eine kleine Ge⸗ meinde gaſtlicher Nonnen, deren verwitterte Thürſteherin ihn benachrichtigte, daß drei Damen daſelbſt übernachtet hätten, und ſie glaube, daß eine derſelben von einem ſonderbar aus⸗ ſehenden braunen Manne begleitet geweſen. „Wir pflegen keine Männer zu beherbergen,“ ſagte ſie, „und ſo ging er anders wohin; die Lady nahmen wir jedoch auf, und ſie und der Diener(denn ſo etwas ſchien er zu ſeyn) brachen heute Morgen um zehn Uhr auf.“ Chartley erkundigte ſich eifrig, wohin ſie gegangen ſeyen, und die alte Schweſter erwiederte: „Nach Coventry, glaube ich. Die drei Damen ritten zuſammen nach Coventry, um dem Kriege aus dem Wege zu gehen, denn es hieß⸗ es werde heute eine Schlacht geben. — Habt Ihr auch ſo etwas gehört, junger Herr?“ Chartley erwiederte— nein; allein die Worte der guten Frau verſetzten ihn auf eine andere Gedankenfährte, und er eilte in den Gaſthof zurück. „Eine Schlacht— und ich nicht anweſend!“ dachte er, 729 ſein Haupt auf die Hand ſtützend.„Das darf nicht ſeyn. Richmond war übrigens geſtern Nacht zu Tamworth und Stanley zu Atherſton; ſie kann alſo kaum ausgefochten ſeyn, aber vor Nacht kann dies geſchehen. Es iſt jetzt nahezu vier Uhr, und in der Zeit, die noch bis zum Abend übrig iſt, wurde ſchon mancher Kampf gefochten und ge⸗ wonnen.“ So dachte er, als er plötzlich auffprang und laut hinausrief: „Kellner! Kellner! bringt mir etwas Brod und Wein. Man ſoll augenblicklich mein Pferd ſatteln und den Mann hereinrufen, der mit mir hieherkam.“ Wein und Brod wurde gebracht, und auch Sam ſtand bald vor dem jungen Lord. „Hier, guter Freund,“ ſagte Chartley, ihm etwas Gold gebend.„Du haſt mir diesmal und auch ſonſt treu ge⸗ dient, wie ich höre. Ich werde Dich noch beſſer belohnen, wenn ich das Leben behalte. Nun muß ich fort nach Tam⸗ worth, denn ich höre, daß es bald zur Schlacht kommen wird, wenn ſie nicht bereits geſchlagen iſt, und nicht um die ganze Welt möchte ich dabei fehlen.“ „Auch ich nicht, mein guter Lord,“ verſicherte Sam.„Ich habe immer gebetet, vor meinem Tode noch eine zweite Schlacht ſehen zu dürfen; doch jetzt habe ich eine gute Aus⸗ ſicht, die ich nicht verlieren will. Ich werde alſo mit Eurer Erlaubniß mit Euch reiten.“ „Sey es, wie Du willſt,“ erwiederte Chartley,„nur darfſt Du mich nicht aufhalten, denn ich breche auf, ſo wie ich meine Rechnung bezahlt habe.“ 73³⁰ Man kann jedoch einen Gaſthof nicht immer ſo früh als man wünſcht los werden, und damals ging Alles weit lang⸗ ſamer als heutzutage von Statten. Es gibt Nichts, woran der Fortſchritt der Geſellſchaft deutlicher erkennbar iſt, als die Leichtigkeit des Lebens und eben hievon war zu jener Zeit in Europa gar wenig zu verſpüren. Man brauchte oft einen vollen Monat zu einer Reiſe, die man jetzt in zwei Tagen zurücklegt, und bei jedem Schritte des Weges legte ſich irgend ein Hemmſchuh an die Räder des Fortſchrittes. Die Rechnung brauchte fünf Minuten bis ſie zuſammen⸗ ſummirt war, obwohl nur wenige Items aufgezählt wur⸗ den. Das Pferd war noch nicht parat, als man die Rech⸗ nung endlich abgemacht hatte, und ſo verſtrich noch mehr Zeit. Beide Hausknechte waren ausgegangen, um eine Prozeſſion der grauen Brüderſchaft mit anzuſehen, und Zaum und Gebiß war nirgends zu finden. So verging im Ganzen eine halbe Stunde, bis Chartley endlich fortkam und in poller Eile gegen Tamworth ſprengte. Das Städtchen ſchien ganz verlaſſen als er es erreichte. Die untergehende Sonne ſchien ruhig durch die einſamen Straßen; kein Karren, kein Wagen war zu ſehen, und ein Hund, der aus einem der Häuſer vorbrach und den Roſſen nachbellte, war das einzige Lebenszeichen im ganzen Orte. „Sie ſind ausmarſchirt, Sir,“ ſagte Sam, der dem Lord auf der Ferſe folgte,„und die guten Leute ſind ihnen nachgezogen, um die Jagd mit anzuſehen.“ „Dann iſt es noch nicht zur Schlacht gekommen,“ ant⸗ wortete Chartley;„wir müſſen jedoch ausfindig machen, 73¹1 welchen Weg ſie gezogen ſind. Dort unten auf der Straße ſteht ein Mann, der mit einigen Weibern plaudert. Reitet hinab und ſammelt Nachrichten, während ich in dem grü⸗ nen Drachen abſteige und Futter für die Pferde beſtelle.“ Ehe Sam zurückkehrte, erfuhr Chartley, daß Richmond mit ſeiner kleinen Armee gegen den Marktflecken Bosworth marſchirt ſey. „Er wird nicht ohne Kampf dahin gelangen,“ ſagte der ältliche Wirth, der auf Chartley's Anruf herausgekommen war,„denn König Richard ſteht bei der Abtei von Merrival. Gott ſchütze das Recht!“ „Habt Ihr vielleicht bei des Carls Armee die Banden des Lords Chartley geſehen, Herr Wirth?“ fragte Chartley ohne abzuſteigen. „Ei freilich, freilich,“ antwortete der Wirth.„Sie ſind mit Sir John Savage's Leuten vereinigt und marſchiren in der Nachhut.“ Chartley fragte nach deren Fahnen und Abzeichen, und der Mann gab durch ſeine alsbaldige Antwort zu erkennen, daß er in der Wirklichkeit nichts von ihnen wußte, worauf Chartley gegen Bosworth aufbrach, ſo bald die Pferde ge⸗ füttert waren. Im Weiterkommen begegnete der junge Edelmann zahl⸗ reichen Gruppen der Einwohnerſchaft von Tamworth, welche mit Einbruch der Nacht in das Städtchen zurückkehrten; bei ihnen ſammelte er genügende Nachrichten, um ſeinen Weg darnach zu nehmen. Die beiden Armeen ſollten ein⸗ ander gegenüberſtehen, und man rechnete am folgenden Tage 73² mit Beſtimmtheit auf eine Schlacht. Richard's Hauptquartier war in der Abtei von Merrival; Richmond dagegen hatte ſein Zelt auf offenem Felde aufgeſchlagen. Die Zahl der königlichen Armee wurde ſehr übertrieben, undviele von den Leuten zuckten die Achſeln, wenn ſie von Richmonds Streitmacht ſprachen, indem ſie ſeine Sache offenbar für hoffnungslos hielten. „Er hätte beſſer noch einige Tage gewartet,“ meinte ein ältlicher Mann, auf einem Karren ſitzend, der der Ar⸗ mee offenbar ihre Bagage nachgeführt hatte,„denn die Leute ſtrömten in Schaaren bei ihm zuſammen. Kämpft er jetzt, ſo wird er überwältigt, und wenn ich Euch wäre, junger Herr, ſo würde ich mich von fremdem Unſtern ferne halten.“ „Da würde ich ſelbſt jeglichen Unſtern verdienen,“ be⸗ merkte Chartley und ritt weiter. Die Nacht brach nunmehr herein; aber bald darauf be⸗ gann man ein eigenthümliches Geräuſch zu hören. An⸗ fänglich war es ein Murmeln, wie das der fernen See; dann ſchieden ſich lautere Töne von dem undeutlichen Sum⸗ men, ſo wie der junge Edelmann näher kam. Lautes Ge⸗ ſchrei, ſchallendes Gelächter und der Klang von Waffen ließ ſich vernehmen; zweimal hörte man das Schmettern einer Trompete, aber in größerer Entfernung, und Chartley merkte, daß er ſich der Nachhut von Richmonds Heere nähern müſſe. So klein auch die Streitmacht war, mit welcher der Earl in England gelandet und ſo unbedeutend ſie ſich auch noch jetzt zeigte, als er auf dem Felde von Bosworth ſein Lager aufſchlug, ſo hatte ſie doch nicht verfehlt, auf ihrem Hermarſche viele liederliche und halbgierige Müſſiggänger, und zwar in ungewöhnlich großer Anzahl, an ſich zu ziehen. Das Lager war von Schildwachen umſtellt; aber eine volle halbe Meile, ehe man ein Zelt erblicken konnte, kam Chart⸗ ley durch zahlloſe Gruppen von Männern und Weibern und ſelbſt Kindern aus Tamworth, Lichfield und ſogar Shrewsbury. Es wurde ihm nicht ſchwer, auch ohne Lo⸗ ſung durch die Schildwachenkette zu kommen, denn dieſe hielten, ehrlich geſtanden, keine ſehr ſtrenge Wache, und ſein Ausſehen allein war Paſſes genug. Faſt eine volle Stunde nach ſeinem Eintritte in das kleine Lager forſchte er um⸗ ſonſt nach ſeinen eigenen Leuten. Es war zu dunkel, um die Fahnen oder Wappen der verſchiedenen Führer zu er⸗ kennen, obwohl die Meiſten ein Banner oder Wimpel vor ihrem Zelte flattern hatten, und er zog an dem ganzen lin⸗ ken Flügel der Armee hinunter, ohne eine Auskunft erhalten zu können. Endlich erzählte ihm Einer, daß ein Haufe von Reitern, der zu Tamworth zu dem Earl geſtoßen, auf der äußerſten Rechten neben einem Moraſte gelagert ſey. „Dort, wo Ihr jene Feuer ſehet,“ ſagte der Mann;„denn ſie brachten keine Zelte mit und haben einem Baumgut⸗ beſitzer ſeine Apfelbaͤume umgehauen, um ſich warm zu machen.“ Dorthin lenkte Chartley ſein Roß und ritt ſcharf dar⸗ auf zu; allein am erſten Feuer, das er erreichte, fand er keine bekannten Geſichter, und die Leute nahmen wenig Notiz 734 von ihm. Als er ſich jedoch dem zweiten näherte, drehte einer der Leute den Kopf um, ſprang auf und rief mit lauter Stimme, indem er ſeine Stahlhaube in der Luft ſchwenkte: „Da iſt Mylord.“ 1 Augenblicklich ſammelte ſich der ganze Haufe unter ſtür⸗ miſchen Rufen und Glückwünſchen, und eine Minute ſpäter ſtand der Haushofmeiſter des jungen Lords, nebſt mehreren Führern ſeiner Bande, um ſein Pferd geſchaart. Chartley's erſte Nachforſchungen galten Jola; allein der Bericht des Haushofmeiſters überzeugte ihn, daß ſie von Ibn Ayoub allein begleitet ihren Weg nach Lichfield einge⸗ ſchlagen hatte. Es kam ihm allerdings auffallend vor, daß ſie nach Coventry gegangen war; aber er zweifelte nicht, daß ein ihm unbekanntes Ereigniß ſie zu dieſem Entſchluſſe vermocht haben werde. Der alte Mann fuhr fort ihm zu erklären, daß die Truppen, gehorſam den Weiſungen, welche ſein Lord ihm in einem Briefe hinterlaſſen, nachdem ſie von Lord Stanley aus Fazely vertrieben worden, ſich unverzüg⸗ lich mit den Streitkräften des Earls von Richmond ver⸗ einigt hätten. „Wir waren in ſchwerer Angſt um Euch, Mylord,“ fuhr er fort;„aber Gott ſey Dank, Ihr ſeyd jetzt ſicher. Ich wollte, man könnte von dem guten Sir William Arden das Gleiche ſagen.“ „Ha, habt Ihr Nachrichten über ihn?“ fragte Chartley. „Ach ja, Mylord, traurige Nachrichten,“ erwiederte der alte Mann.„Zwei Ueberläufer des Feindes, welche etwa vor einer Stunde eintrafen, erzählten mir, daß er unter⸗ ——————— 1 wegs abgefangen worden, wie er eben eine Nonne aus dem Kloſter geſtohlen; er und ſeine Leute hätten ſich gewehrt wie die Tiger, während ſie mit einer Dienerin entflohen ſey. Ich erklärte das für baaren Unſinn, denn Sir William war im⸗ mer ein ſehr nüchterner und umſichtiger Herr, etwas rauh von Zunge, aber von Herzen gut. Einer der Leute ſchwört jedoch, daß es wahr ſey und erklärt, er habe ſelber in des Königs Lager Wache vor ihm geſtanden, und morgen früh ſoll ihm zwiſchen beiden Heeren der Kopf abgehauen werden.“ „ Sind die Leute hier?“ fragte Chartley. „Ja, mein edler Lord,“ erwiederte der Andere. „Dann bringt ſie zu mir,“ gebot Chartley, und von ſeinem Pferde ſteigend, ſetzte er ſich neben dem Feuer nieder. Achtundoierzigſtes Kapitel. Shakeſpeare hat ſich geirrt. Der Morgen war hell und klar, die Sonne ſchien glänzend und kräftig und ſog leichten Nebel aus einem Sumpfe, der zwiſchen einem Theil von Richmonds Streitkräften und der weit beträchtlicheren Armee des Königs lag. Schon in aller Frühe war allen⸗ thalben geſchäftiges Treiben und Regen, und trotz der be⸗ deutenden Minderheit an Zahl herrſchte in Richmonds Ar⸗ mee eine ruhige, ſtandhafte Heiterkeit, was bei dem koͤnig⸗ lichen Heere keineswegs der Fall war. Dort wurde Jeder von ſeinem Nachbar mit Argwohn betrachtet, und es ging 736 das Gerücht, daß Emmiſſaͤre aus dem feindlichen Lager un⸗ ter den königlichen Truppen geſchäftig von Zelt zu Zelt wanderten, was durch die Knittelverſe, die an das Banner des Herzogs von Norfolk geheftet worden, wie durch ver⸗ ſchiedene andere Umſtände beſtätigt wurde, welche einige Augenblicke von ſich ſprechen machten und dann bald wieder vergeſſen wurden. Der Eindruck blieb jedoch und gewann immer mehr Stärke, daß große Abneigung unter den Füh⸗ rern herrſchte, und als Lord Stanley's Truppen auf dem einen und die ſeines Bruders auf dem andern Flügel er⸗ ſchienen, ohne ſich mehr als eine halbe Meile zu nähern, da ſchöpfte der Zweifel und Argwohn friſche Nahrung. Die Manöver auf beiden Seiten vor Beginn des Kam⸗ pfes waren einfach und wenig zahlreich. Eine krankhafte Lethargie ſchien Richard befallen zu haben, und obwohl er mit einer Krone auf dem Helme umherritt, wie wenn er die Gefahr ausdrücklich auf ſich ziehen wollte, ſo ließ er ſeine Leute meiſt ruhig ſtehen, bis der Tag beträchtlich vorge⸗ rückt war. Richmond ritt in eigener Perſon über das ganze Feld, begleitet von dem Earl von Orford, Sir William Brandon, Sir Gilbert Talbot und Sir John Savage, und ließ den Sumpf unterſuchen und ſeine Tiefe mit einer Lanze erpro⸗ ben. Dann wurde eine beträchtliche Schwenkung links vor⸗ genommen, mit leichtem Vorziehen des rechten Flügels, ſo daß das Ende der Schlachtlinie an den Rand des Moraſtes ſich ſtützte und die ganze Front eine nordweſtliche Richtung bekam. Man bemerkte, wie er läͤchelte, als er die Stellung 737 Lord Stanley's vor dem Moraſte und zu ſeiner Rechten ein⸗ ſah, wodurch dieſer das ganze offene Feld zwiſchen beiden Armeen beherrſchte; gleich darauf deutete der Earl von Ox⸗ ford auf ein zweites beträchtliches Truppenkorps, das Stan⸗ ley gerade gegenüber aufmarſchirt war, ſo daß der zwiſchen ven vier Linien eingeſchloſſene Raum einer Rennbahn in großem Maßſtabe ſehr ähnlich ſah. Richmond nickte mit dem Kopfe und ſagte blos:„das ſind Sir Williams Leute.“ Dann aber ſich umwendend, fragte er: „Welches ſind Lord Chartley's Truppen?“ „Hier, Mylord,“ rief ein Mann aus den Reihen. „Ich fürchte, der arme Chartley iſt nicht hier, um ſie ſelbſt anzuführen,“ ſagte der Earl von Oxford leiſe, indem er ſein Auge an der Linie hinablaufen ließ. „Er war geſtern Nacht hier,“ bemerkte Richmond,„und ſchickte mir einen ſonderbaren Brief, worin er ſagte, er werde heute Morgen zeitig bei mir eintreffen; aber er iſt nicht gekommen.“ „Mylord, der Feind rückt in zwei Linien vor,“ meldete ein anſprengender Reiter, und Richmond galoppirte nach dem Centrum ſeiner Linie zurück und hatte ſeine letzten An⸗ ordnungen bald getroffen. Seine Aufſtellung war der ſeines Gegners gewiſſermaßen ähnlich: auch ſeine Leute waren in zwei Linien geordnet, und hatten überdies den Vortheil des Bodens und den noch größeren für ſich, daß ſie die Sonne im Rücken hatten, während ihre blendenden Strahlen den Soldaten Richards gerade in's Geſicht ſchienen. James. Der Waidmann. 47 738 Der Earl von Orford kommandirte die erſte Linie, Rich⸗ mond ſelbſt die zweite, Talbot den einen und Sir John Sa⸗ vage den anderen Flügel; ſämmtliche Führer wußten, daß der Tod ihrer warte, wenn ſie gefangen würden. Bei allen ſogenannten Entſcheidungsſchlachten, welche nicht durch Scharmützel oder andere zufällige Umſtände, ſondern durch den feſten Entſchluß der beiden Parteien— Alles auf's Spiel zu ſetzen— hervorgerufen werden, entſteht in der Regel vor Beginn des Kampfes eine kurze Pauſe. Eine oder anderthalb Minuten, nachdem die Truppen bis inner⸗ halb Bogenſchußweite von einander gelangt waren, ſo daß jeder Theil die lange Reihe von Geſichtern unter den Stahl⸗ hauben der gegenüberſtehenden Bogenſchützen unterſcheiden konnte, entſtand eine Todtenſtille; die Trompeten hörten auf zu blaſen; jeder Bogenſchütze hatte Arm und Fuß ange⸗ ſpannt; die feurige Kavallerie parirte ihre Roſſe, und man hätte einen Regentropfen hören können, wenn er auf das trockene Gras gefallen wäre. Dann wurde auf Richards Seite ein Kommandoſtab in die Luft geſchleudert, und Jeder⸗ mann im Centrum der Vorderlinie zog ſeinen Bogenſtrang ans Ohr und ſchickte einen Pfeil in die Reihen des Gegners. Dieſer Hagel von Geſchoßen blieb nicht unerwiedert, denn noch dichter und behender, nur nicht ſo zahlreich, drangen die Schäfte von Richmonds kleinem Heere unter die feind⸗ lichen Truppen. Sie waren beſſer gezielt, denn die Augen ſeiner Leute waren nicht von dem Sonnenglanze geblendet, der dem Feinde gerade ins Geſicht ſtrahlte, und man ſah viele Leute des Gegners fallen, während ſtarke Verwirrung 739 ſich längs ſeiner Linie ausbreitete. Richmond ſaß hoch zu Roſſe auf dem Gipfel einer kleinen Anhöhe im Centrum der zweiten Linie, und konnte das ganze Schlachtfeld überſehen; als er die Unordnung in Richards Centrum gewahrte, ſagte er laut: „Hätten wir jetzt Leute genug zum Angriffe gegen jenen Punkt, ſo könnten wir den Tag ſogleich gewinnen.“ „Ihr und die Euren wären verloren, wenn Ihr es ver⸗ ſuchtet,“ ſprach eine tiefe Stimme neben ihm, und als der Earl ſich umſchaute, ſah er eine hohe Geſtalt auf einem mächtigen Rappen mit einer feingearbeiteten aber nicht allzugut polirten Rüſtung, der eine ſcharfe, derbe Lanze in der Hand führte, welche neben der weit vorragenden Spitze die Klinge einer Waidmannsart vorgeſteckt hatte und eine der gewöhnlichen Hellebarde ziemlich ähnliche Waffe bildete. Sein Pferd war gänzlich ohne Schutzwehr; ſelbſt der Sat⸗ tel war von gewöhnlichem Leder; aber der Fremde trug Ritterſporen, und um ſeinen Hals hing eine goldene Kette nebſt Stern. „Warum meint Ihr das, Herr Ritter?“ fragte Rich⸗ mond. „Schaut rechts,“ erwiederte der Unbekannte, und als der Earl ſeine Augen nach jener Richtung wendete, ſah er einen Reiter in voller Haſt auf das Centrum von Richards Linie losgaloppiren, wo ſich der König offenbar in eigener Perſon befand, während man das große von dem Herzog von Norfolk befehligte Reiterkorps zwiſchen dem Sumpf und Lord Stanley's Truppen hinabſchleichen ſah. 47* 740 Es war ein Moment der ängſtlichſten Spannung; doch im ſelben Augenblicke ſah man Chartley's Reitergeſchwa⸗ der in guter Ordnung zurückweichen, ſo daß ſie gegen die den Sumpf umgehende Straße Front machten, und Stan⸗ ley's ganze Truppenmacht ſchwenkte plötzlich rechts, ſo daß ſie ſich mit des Earls Linie vereinigte und den Her⸗ zog von Norfolk beinahe zwiſchen ſich und dem Sumpfe ein⸗ ſchloß. Richards Kavallerie machte augenblicklich⸗Halt und zog ſich in feſter Schlachtlinie zurück, gerade noch recht, um ſich vor gänzlichem Untergange zu bewahren. Einem Angriffe entging ſie jedoch nicht, und daß die beiden Frontlinien der Armeen gleichzeitig gegen einander anrückten, ſo tobte das Handgemenge nunmehr auf dem ganzen Schlachtfelde. In dieſem Augenblicke ſah man von hinten etwas links von der Stelle, wo der Earl von Richmond ſtand, einen jungen Ritter in glänzender Waffenrüſtung auf einem Grau⸗ ſchimmel daherreiten. Neben ihm war ein Mann, nicht mehr jung, aber noch in der Blüthe der Jahre, gänzlich unbewaffnet, ſogar ohne Schwert oder Dolch, und hinter Beiden zogen zehn Speere mit den Farben des Lords Chartley. Der junge Edelmann pauſirte eine Weile und überſchaute das Feld und den ſonderbar verwirrten Anblick, den eine Schlacht damals, wo Kanonen nur ſelten gebraucht wurden und keine Rauchwolken die Ausſicht verdunkelten, auf einer mehr als halb Meilen langen Linie darbot. Hier ſah man Reitergeſchwader in des Feindes Linie einbrechen, dort 741 ſchienen zwei Ritter zum Einzelnkampfe ſich zuſammenge⸗ funden zu haben, anderswo drang eine Fußkompagnie mit gehobenen Piken vorwärts, und wieder wo anders kämpften die Bogenſchützen mit ihren kurzen Schwertern Mann gegen Mann; Banner und Wimpel wehten im Winde, faatterten, ſtiegen und fielen; langes wiederholtes Trompetengeſchmet⸗ ter erklang zu den Angriffen und belebte die Soldaten zum Kampfe. — Es war ein wilder, ein trauriger, ein furchtbarer, aber aufregender Anblick, und Chartley's Geſicht, das unter dem offenen Viſir hervorſchaute, ſah aus wie das eines hitzigen Schlachtroſſes, das eben zu wüthendem Schocke anſprengt. 5 „Dort iſt der Earl, Chartley,“ ſagte Sir William Ar⸗ den.„Das iſt ſeine Standarte; der größere dort vorne muß es ſeyn.“. Chartley wendete alsbald ſein Roß und ritt zu Richmond heran. 4 „Ich erſcheine ſpät auf dem Schlachtfelde, Mylord,“ ſagte er;„aber ich will die verlorene Zeit einbringen. Ich mußte dieſen meinen edlen Freund Sir William Arden vom Henkerbeile retten. Ich bitte Euch, ihn bei Euch zu be⸗ halten; Ihr werdet ſeinen Rath gut finden, und er iſt un⸗ bewaffnet. Wohin ſoll ich mich wenden?“ „Lord Chartley vermuthlich,“ erwiederte Richmond. „Ein tapferer Krieger kommt nie zu ſpät, um glorreiche Verwendung zu finden. Dort gerade vor Euch ſteht Euer edler Freund, der Earl von Orford. Ich bitte Euch, eilt 742 ihm zu Hülfe; er iſt ſchwer bedrängt und von furchtbarer Uebermacht angegriffen.“ „Folgt mir,“ rief Chartley an ſeine Leute ſich wendend. Seinen Arm erhebend, ſtürzte er ſofort in das dickſte Ge⸗ wühl der Schlacht. So gering auch ſeine Hülfe war, ſo ließ ſich doch deren Wirkung bald erkennen. Der Boden, welcher verloren wor⸗ den, wurde alsbald wieder gewonnen und die erſte Linie von Richards Truppen auf das Centrum zurückgedrängt. Lord Orford's Banner rückte vor; aber eben in dieſem Au⸗ genblicke rief Sir William Brandon: „Richard kommt mit aller ſeiner Macht daher.“ „Dann dürfen wir nicht dahinten bleiben,“ erwiederte Richmond.„Vor mit dem Banner, Brandon! Haltet Eure Leute noch etwas zurück, meine Getreuen, bis Ihr Befehl erhaltet. Dann aber los gegen den Bären und werft ihn zu Boden, denn ich will entweder meine Gebeine auf dieſem Felde laſſen oder dieſen Tag gewinnen.“ So ſprechend, ſprengte er gegen eine Stelle, welche in dem ſeitherigen Kampfe leer gelaſſen worden war; wer oberhalb ſtand, konnte ſehen, wie ein Trupp von etlichen zwanzig bis dreißig Perſonen von feindlicher Seite ihnen eben dahin entgegenzog. Die Mehrzahl blieb jedoch zurück, wo die beiden Linien ſich noch Mann gegen Mann bekämpf⸗ ten, Einige am Gefechte Theil nehmend, Andere müßig dem Kommenden zuſchauend. Ein Mann übrigens mit zwei bis drei Pagen, die nebem ihm herliefen, brach wie der Blitz aus einer Wolke daraus — 743 hervor. Er war in eine prachtvolle Rüſtung gehüllt, ſein mächtiges Roß in Stahl gekleidet, und auf einem Helme unter der wogenden Feder erſchien die Königskrone von Eng⸗ land. Gerade auf Richmond ſchoß er los, einen Fußknecht auf ſeinem Wege niederrennend und mit eingelegter Lanze den ſanften Hügel hinanſprengend, ohne ſeines Roſſes Eile im Geringſten zu vermindern. „Mein, mein,“ rief Sir William Brandon.„Mein ſey die Krone!“ Und die Standarte einem Andern reichend, legte er ſeine Lanze ein und ſtürzte auf den König los. Aber Richards nie irrende Hand fehlte auch hier nicht; ſein Auge war nur zu ſcharf, denn gerade in die Kehle traf Richards Lanzenſpitze den Standartenträger und ſtürzte ihn todt auf den Plan, während des Ritters Lanze an des Kö⸗ nigs Panzer zerſplitterte. Auch Brandons Roß rollte zu Boden, und Richard ſetzte unter lautem Rufe mit ſeinem Renner darüber weg und ſpornte weiter. Ohne um Erlaubniß zu fragen, ſtürzte ihm jetzt Sir John Cheney entgegen. Sein Schickſal war jedoch nicht viel beſſer, denn wenn er auch nicht erſchlagen wurde, ſo rollte er doch im Augenblicke verwundet aus dem Sattel. In dieſem Augenblicke erwuchs jedoch Richard ein neuer Gegner, denn als er ſich raſch der Stelle näherte, wo Rich⸗ mond ſtand, ſprang der hochgewachſene Ritter, deſſen ich oben erwähnte, von ſeinem unbewaffneten Roſſe und warf ſich zu Fuß dem Könige in den Weg. Richard hemmte ſein Roß auf einen Augenblick bei dieſem unerwarteten Anblick und ſenkte ſeine Lanzenſpitze, um dieſen neuen Gegner in's 744 Geſicht zu treffen; allein der Ritter kam ihm zuvor und ver⸗ ſetzte ihm mit beiden Armen einen furchtbaren Schlag auf den Helm. Die Spangen riſſen los, der Helm und die Krone ſielen herunter, und ein dunkler Blutſtrom rann über das bleiche Geſicht, während der Getroffene einen Augenblick im Steigbügel hing. Das Roß jagte weiter; aber der König ſank bald zu Boden, und drei bis vier Fußknechte, welche herbeirannten, machten ihm mit ihren Dolchen den Garaus. Der mächtige Ritter lehnte ſich einen Augenblick auf den Arm ſeiner Streitart und ſchaute das Schlachtfeld auf und ab, und dann, als ob er Alles in jenem kurzen Blicke zuſammengefaßt hätte, rief er in lautem, ſtürmiſchem Tone: „Nun, Earl von Richmond, ſchaut nicht auf den Tod⸗ ten, ſondern eilt den Lebenden zu Hülfe. Sir William Stanley packt den Feind in der Flanke. Drauf mit der ganzen Macht, und der Tag iſt Euer— wo nicht, ſo kann er immer noch verloren gehen. Gib mir mein Roß, Knabe.“ Der Befehl wurde alsbald ertheilt; Richmonds ganze Macht bewegte ſich den Hügel hinab, und obwohl der Kampf noch etliche zwanzig Minuten ſich hinzog, ſo war er nicht länger zweifelhaft. In Richards Reihen herrſchte nichts als Verwirrung; aber Norfolk und viele andere Edelleute kämpften bis zuletzt und ſtarben, ohne einen Zollbreit zu weichen. Northumberland nahm keinen Antheil am Kampfe. Die Einen flohen bald, während Andere ſtehen blieben und ſich gefangen nehmen ließen. Richmonds Linie rückte immer gleichmäßig vor, bis Richards ganzes Heer theils auf dem 745 Felde von Bosworth erſchlagen lag, theils in voller Flucht über die Ebene hinjagte. Zwei Stunden nach dem Beginne des Kampfes blieſen die Trompeten Sammlung, und Richmonds Zelt wurde auf derſelben Stelle aufgeſchlagen, wo Richard am Anfange des Tages kommandirt hatte. Die Zeltvorhänge waren aufge⸗ zogen, und Ritter und Edelleute ſammelten ſich ringsum, während das Schlachtfeld durchſucht wurde, um die Zahl und Beſchaffenheit der Erſchlagenen auszukundſchaften. Trag⸗ bahren, aus haſtig übereinandergelegten Lanzen gebildet, ſah man über die Ebene ziehen, angefüllt mit den Verwun⸗ deten vom Schauplatze des Blutbads, während man auf entfernteren Punkten der Ebene manche Gruppen bemerkte, welche wahrſcheinlich mit weniger frommem Beginnen be⸗ ſchäftigt waren. Richmond ſtand jetzt zu Fuß und mit abgenommenem Helme in ſeinem Zelte und betrachtete mehrere Minuten ſchweigend die Scene vor ſeinen Augen. Wer vermöchte zu ſagen, was in jenem Augenblicke durch ſeine Seele zog? Wie oft übt der Strom des Sieges eine verſteinernde Wir⸗ kung auf das Herz! Bei ihm traf dies allerdings ein, aber 4 er war jetzt kaum erſt in dieſes Lethewaſſer getreten, das ſo oft alle edleren, großherzigeren Empfindungen der Seele in finſterem Vergeſſen ertränkt. Niemand wagte ſein Schweigen zu unterbrechen, denn Alle erkannten klar, daß ſtarke Gefühle in ſeinem Herzen ſich regten, bis endlich eine Stimme von Außen meldete: 746 „Lord Stanley,“ und viele andere dieſes„Stanley! Stan⸗ ley!“ laut wiederholten. 6 Richmond trat einen Schritt vorwärts, aber ehe er den Rand des Zeltes erreichen konnte, kam Stanley ſelber zum Vorſchein. Er trug in ſeinen Händen die königliche Krone, welche Richard auf ſeinem Helme geführt hatte, und ohne Schwert ging er gerade auf Richmond zu und ſetzte ſie ihm auf's Haupt. Dann kniete er nieder und rief laut: „Heil Dir, König von England! Lang lebe unſer ſou⸗ veräner Lord, König Heinrich VII.!“ Richmond umarmte ihn warmherzig, während lauter Jubel die Luft zerriß, und zwiſchen Beiden wurden einige Worte geflüſtert, welche kein Ohr vernahm. Henry trat ſofort mit der Krone auf dem Haupte vor, dankte den Um⸗ ſtehenden gnädig für ihre Hülfe und guten Dienſte, indem er einige Worte über das Glorreiche des Tages beifügte. „Ich vermiſſe übrigens Einen,“ fuhr er fort,„welchem doppelter Dank gebührt. Ich kann ihn nicht nennen, denn ich kenne ihn nicht. Aber ſeine Hand vertheidigte mein Le⸗ ben, als ſchon zwei tapfere Ritter von meines Gegners Fauſt gefallen waren, und er erſchlug den Uſurpator der Krone, die ich jetzt trage. Er hatte um ſeinen Hals Kette und Stern eines ausländiſchen Ordens und—“ „Er iſt ſchwer verwundet, Sire,“ ſagte Lord Chartley, welcher eben herbeigekommen war. Jene Sänfte, die Ihr dort ſehet, trägt ihn auf ſein eigenes Verlangen nach dem St. Clarenkloſter. Er erſuchte mich ernſtlich, Euer Gna⸗ den zu bitten, Ihr möchtet, wenn Eure Zeit es erlaubt, auf Eurem Marſche nur ganz kurz bei ihm einſprechen. Er iſt ein Mann von hoher und edler Geburt, einem königlichen Hauſe verwandt; aber ich darf nicht weiter ſagen. Das Uebrige wird er Euch ſelbſt erzählen, wenn er Eure Ankunft noch erlebt.“ „Edler Lord Chartley, auch Euch ſchulde ich großen Dank, und er ſoll in einer Münze bezahlt werden, die Ihr 747 recht wohl liebet,“ ſprach Henry.„Jener edle Ritter hat je⸗ doch meine Seele ganz in Beſitz genommen. Wie fieler? Ich ſah ihn noch gegen den Ausgang der Schlacht wohlbehalten und unter den Vorderſten.“ „Allerdings, Sire,“ erklärte Chartley;„er war vor Sir George Talbot und mir ſelber, als wir die letzten ver⸗ einten Truppen des Feindes zerſtreuten. Da aber wendete ſich eben am Rande des Hügels der junge Lord Fnlmer mit ſeinem Haufen und warf meinen edlen Freund mit ſeiner Lanze nieder, während dieſer vorne mit zwei Männern kämpfte.“ „Ihr rächtet ihn aber, Chartley,“ ſagte Sir George Talbot,„denn Ihr ſpießtet die junge Schlange auf Eure Lanzenſpitze, wie einen Aal auf dem Aalſpieße. Er wird keine Intriguen mehr gegen tapfere Ritter anſpinnen.“ „Weiß doch nicht,“ meinte Chartley.„Denn ich ſah ihn wieder zu Pferde ſteigen und zwiſchen zwei Dienern fort⸗ führen. Wenn aber Eure Gnaden den edlen Ritter, von dem Ihr ſprachet, beſuchen wollen, ſo will ich voraneilen und ihm die Botſchaft überbringen.“ „Ich werde nicht ermangeln,“ erwiederte Henry.„Es iſt, glaub ich, nur einige Meilen um, und ſobald ich hier ei⸗ nige Ordnung hergeſtellt habe, reite ich dahin, ehe ich nach Leiceſter aufbreche.“ Chartley dankte ihm und entfernte ſich. Der König wen⸗ dete ſich zu einem Pagen und flüſterte ihm einige kurze Worte in's Ohr, indem er laut beifügte:. „Alſo nach Tamworth in aller Eile. Sage, es müſſe ohne Aufſchub— ohne den mindeſten Aufenthalt geſchehen.“ 748 Neunundoierzigſtes Kapitel. In einem kleinen Stübchen der Fremdenbehauſung im Kloſter der heiligen Clara zu Atherſton lag die Geſtalt eines Verwundeten auf einem niederen Bette. Eine Dame ſaß weinend neben ſeinem Kiſſen, und die Aebtiſſin ſtand mit überſtrömenden Augen zu Häupten des Bettes, während der Prieſter mit einem Knaben in weißen Gewändern hinter ſich daneben ſtand. „Noch nicht, noch nicht, guter Vater,“ ſagte der Ver⸗ wundete;„ich bin noch ſehr ſtark— nur zu ſtark. Nein, weine nicht, Marie; Du haſt um mich ſchon Thränen genug in Deinem Leben vergoſſen, und ſo wünſchte ich mir immer zu ſterben. Mein Herz iſt froh und glücklich, theures Weib, und ich ſchaue voll Zuverſicht nach Oben. Ritterlich in meinem Harniſch bin ich meinem Schickſal begegnet, und werde jetzt durch die Liebe meiner Dame erfreut. Ich hoffe, Richmond wird kommen, bevor ich ſcheide, denn da meine Reiſe eine lange iſt, könnten wir uns auf viele Jahre nicht mehr treffen und ich möchte gerne Alles ſicher machen, da⸗ mit kein Schatten auf meine Abfahrt falle.“ „Lord Chartley erwartet ihn jeden Augenblick, mein edler Sohn,“ erwiederte die Aebtiſſin;„er harrt auf ſeine Ankunft unten am Thore. O hätte ich Euren Rang und die theuren Bande gekannt, die Euch an meinen armen Bruder St. Leger knüpften, während ich Euch blos für ei⸗ nen armen Waidmann hielt— Ihr hättet die Kloſterpächter insgeſammt für das Haus Lancaſter in den Kampf führen müſſen.“ „Der König!“ rief Chartley, die Thüre öffnend, und mit langſamem Schritte und theilnehmendem Blicke trat Henry ein und näherte ſich dem Bette des Sterbenden. „Wie kann ich Euch genugſam danken, Sir,“ ſagte er, „und wie das Schickſal eines ſolchen Ritters genugſam be⸗ klagen?“ —y —— —— — 749 „Beklagt es nicht, Sire,“ erwiederte der Andere, Henry feſt in's Geſicht ſchauend,„denn icch beklage es nicht. Auch bedarf ich nicht des Dankes: ich habe für die Seite gefoch⸗ ten, auf der ich in längſt vergangenen Jahren kämpfte und blutete. Ich bin es zufrieden, in den Waffen zu ſterben— ich wünſche es nicht beſſer. Aber ich habe Euch um eine Gabe zu bitten, nicht für das, was ich auf dieſem Schlacht⸗ felde gethan, ſondern für einen Dienſt, den ich Euch vor Monaten leiſtete, als Biſchof Morton dem Earl von Rich⸗ mond den Beweis eines Komplottes zutrug, das ihn den Händen ſeines grauſamen Feindes überliefern ſollte.“ „Ich erinnere mich wohl,“ erwiederte Henry;„aber er ſagte mir, er habe jene Beweiſe von einem armen Waid⸗ manne Namens Boyd.“ „Er ſagte Euch Wahrheit,“ verſetzte der Andere;„der Waidmann liegt vor Euch— kein Geringerer als Thomas Boyd, Earl von Arran.“ Henry ſchien betroffen, und ſein politiſcher Geiſt drang in die Zukunft; aber er erwiederte faſt ohne Pauſe: „Ich gelobte, jenem nämlichen Waidmann jegliche Gabe zu gewähren, welche nur immer in meiner Macht läge, und ich will meinen Schwur nicht brechen. Nennt Euer Ver⸗ langen, mein edler Freund.“ „Es iſt dieſes,“ antwortete der Earl:„daß Ihr mit Eurem königlichen Willen und Vorrecht mit Uebergehung jedes Hemmniſſes und Widerſtandes alsbald und ohne Auf⸗ ſchub eine Lady Namens Jola St. Leger mit dieſem jungen Lord, der eben hinter Euch ſteht, trauen laſſen wollet.“ „Aber,“ rief die Aebtiſſin,„es beſteht ein Kontrakt—“ „Schweigt, ſchweigt, gute Mutter,“ ſagte der Verwun⸗ dete;„ſolche Kontrakte müſſen in's Feuer geworfen werden. Es exiſtirt ein beſſerer zwiſchen ihr und Chartley.“ „Ei, aber mein Bruder, ihr Oheim, unterzeichnete in ihrem Namen den Kontrakt mit Lord Fulmer,“ verſetzte die Aebtiſſin. 750 „Ein beſſerer als ihr Oheim unterſchrieb den Kon⸗ trakt mit dieſem jungen Lord,“ erwiederte der ſterbende Lord. „Ihr Vater, ihr Vater, den dieſer Lord Fulmer erſchlug. Ja, wundert Euch nicht, Lady! Eures Bruders Tochter ſtarb während ſeiner traurigen Flucht, als ein dunkles Ver⸗ hängniß das Haus Lancaſter überwältigte. Auch mein un⸗ glücklicher Stamm war von Gefahren und ebenſo finſterem Elend betroffen, und jener großmüthige Freund nahm meine theure Tochter, um ſie und mich aus noch großeren Nöthen zu erretten, und ließ ſie für die ſeinige gelten. Vom Feinde erſchlagen, hatte er nicht Zeit, ſeinem ſchwächeren aber vom Glücke begünſtigteren Bruder oder Euch ſelbſt die Geſchichte zu erzählen; aber die Beweiſe ſind in meinen Händen. Habe ich ſie nicht hier vor mehr als zehn Jahren beſucht, und ſie durch mein geſchloſſenes Viſir betrachtet, damit die Thränen, die meine Wangen badeten, das Geheimniß nicht verrathen möchten? Habe ich ſie nicht ſeit jener Stunde, da ich für das Haus Lancaſter verwundet wurde, fortwährend bewacht? Doch hier ſind die Beweiſe, Mylord; nehmt ſie und ge⸗ währt mir die Bitte. Ich hätte ſie gerne vor meinem Tode vermählt geſehen; aber es kann nicht ſeyn, denn es geht raſch mit mir zu Ende; und nun laßt keine eitlen Klagen um den Todten ihre Verbindung auch nur für eine Stunde auſſchieben. Bewilligt Ihr die Bitte, Heinrich von Eng⸗ land?“ „Ja, und gerne,“ verſicherte Heinrich,„ſelbſt wenn die⸗ ſer Kontrakt guͤltig wäre, würde ich ihn lieber in die Winde ſtreuen, als das Kind mit dem Mörder ihres Vaters ver⸗ mählt ſehen. Aber er kann nicht gültig ſeyn, und ich will noch mehr thun, mein guter Lord. Mit dieſen Beweiſen in meiner Hand will ich alle Ceremonien umgehen. Ihr ſagtet eben vorhin, Ihr möchtet dieſe Verbindung noch vor Eurem Tode geſchloſſen ſehen. Wenn Ihr wirklich alſo wünſchet — wenn Euch das ein Troſt auf Eurem Schmerzenslager wäre, von welchem Ihr hoffentlich geneſen werdet— ſo laßt — 751 die Trauung ſogleich vor ſich gehen, und ich will ſie mit meiner Sanktion rechtfertigen. Meine erſte Handlung als König ſoll die ſeyn, daß ich einem Freunde, der mir treu gedient hat, Freude mache.“ „Ach, das kann nicht ſeyn,“ erwiederte der Earl von Ar⸗ ran.„Mein Kind iſt weit weg, zu Coventry, heißt es, und meine Laufbahn iſt bald zu Ende. Ich werde allerdings von dieſem Bette geneſen, aber zu unſterblicher Geſund⸗ heit, wie ich hoffe. Doch mein Kind werde ich nie wieder ſehen.“ Heftiges Schluchzen neben ſeinem Lager unterbrach ihn, und Mariens Hand ergreifend, ſagte er:* „Still, Marie, ſtill!— Mein Herr und König, Ihr waret im Begriff zu reden.“ „Ich wollte blos ſagen, daß das nicht ſo unmöglich ſeyn dürfte, wie Ihr glaubet,“ erwiederte Henry.„Ich hoffe, Euer Stündlein iſt noch weit entfernt; Eure Stimme iſt noch kräftig.“ „Weil mein Wille kräftig iſt; aber ich habe Euch rauh unterbrochen,“ ſagte der Earl. 3 „Wie dem auch ſeyn mag: wenn es Euch ſogar in dieſer Stunde Troſt gewährt, Euer Kind ſicher und wohlbehalten und durch einen Chebund mit einem Manne geſchützt zu ſe⸗ hen, der ſie mit ſtarkem Arme beſchirmen und treulich lieben wird(ſofern ich mich auf Menſchen verſtehe), ſo iſt das nicht unmöglich,“ erwiederte Henry.—„Wartet Alle hier eine Weile.“ 3 Er verließ das Zimmer und kehrte nach wenigen Mi⸗ nuten mit Jola an der Hand zurück. „Nun ruhig, mein guter Lord,“ ſagte er, als der Earl ſich raſch erhob, um Jola in ſeine Arme zu ſchließen;„ich ließ ſie geſtern von Lichſield nach Tamworth holen, da ich glaubte, dieſer gute Lord werde ſie dort treffen. Vor drei Stunden ſchickte ich ihr vom Schlachtfelde von Bosworth meinen Boten und befahl ihr, mich hier zu treffen in der 75² Abſicht, ſie alsbald mit meinem edlen Freunde zu vereinen. So war Eure Gabe gewährt, noch ehe Ihr ſie verlangtet, und Ihr müßt Euch eine andere ausbitten. Sie hat von Tamworth ein Brautfräulein mit ſich gebracht— Lady Konſtanze nannten ſie ſie, wie ich glaube.“ „Laßt es raſch geſchehen,“ bat der Earl von Arran in verändertem Tone, die ſchöne Geſtalt aus ſeinen Armen loslaſſend,„laßt es raſch geſchehen!“ Wenige Augenblicke verſtrichen unter Aufklärungen für Jola, und eine Zeitlang ſchlug ſie die Augen nieder und weinte. Aber der Earl wiederholte: „Laßt es raſch geſchehen! Verliere keine Zeit, Jola.“ Und ihre Augen trocknend, ſagte ſie in traurigem aber ſüßem Tone: „Ich will Euch bis zum letzten Augenblick gehorchen, mein Vater.“ Fünf Minuten ſpäter war eine Gruppe um das Bett des Sterbenden verſammelt. Die Prinzeſſin Marie hielt ſeine Hand in der ihrigen und lehnte ihr Haupt an ſeine Schulter. Jola's Hand lag in der von Chartley, und der Prieſter mit offenem Buche las eilig die bindenden Worte, während ein leiſes Ja ihm antwortete. Als er endete, ſagte der Verwundete mit ebenſo ſtarker Stimme wie immer Amen!’ und fuhr dann mit der Hand über die Augen. Dort blieb ſie liegen. Sie betrachteten ihn ängſtlich. Er rührte ſich nicht. Der Prieſter eilte zu ihm und hob ſeine Hand in die Höhe. Er ſchaute in das Geſicht eines Todten. —:e— Druck der J. B. Metzler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. ſſſiſfſſ 9 10 11 unnm ſnſnſſnſüſſſinſinſ 12 13 14 15 16 17