3 3 —— * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———,——— auf 1 Monat: 4 Wer.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„ 3„..„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — G. P. N. James Romanſe, in deutſchen Uebertragungen herausgegeben. von F. Notter und G. Pfizer. 0 Go Zweihundertſechsunddreißigſtes bis zweihun⸗ derteinundvierzigſtes Bändchen. — Stuttgart. Verlag der J. B. Metzlerſchen Buchhandlung. 1852. —+ — 7 „„ 7 Henry Smeaton. Eine Jakobiten⸗Geſchichte aus der Regierungszeit Georgs I. Von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen. Rechtmäßige Ausgabe. Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1852. Erſtes Kapitel. Neben dem großen See in der Mitte des St. James⸗ Square—— „Erlauben Sie, es iſt kein großer See auf St. James⸗ Square. Er iſt vielmehr recht klein.“ Ja, aber zu der Zeit, von der ich rede, nämlich im Jahr 1715, war es ein großer See, und wenn der Leſer mir erlauben will fortzufahren, ſo ſoll er alles Weitere davon hören. Alſo neben dem großen See auf St. James⸗Square, im Anſchauen der Künſte des Springbrunnens(dieſer fror ſpäter in eine große häßliche Statue zuſammen) und der Beluſtigungen eines munteren Kinderpärchens vertieft, das aus einem der benachbarten Häuſer— ich glaube, es war Lord Bathurſt's— gekommen war und in einer kleinen Gondel auf dem Waſſer herumruderte— ſtand ein Mann von etlichen ſechs⸗ bis ſiebenundzwanzig Jahren in einem Anzuge, der ſeinen Stand höͤchſt unbeſtimmt ließ, obgleich die Unterſcheidungsmerkmale im Koſtüme damals ziemlich genau beobachtet wurden. Seine Kleidung, von nüchterner Farbe, war hoͤchſt einfach, aber ſehr gut. Beſondere Sorg⸗ James, Henry Smeaton. 1 falt ſchien darauf verwendet, um Alles zu vermeiden, was im Geringſten auffallen oder die Aufmerkſamkeit erregen konnte, ſo daß ſich leichter ſagen ließ, was der Beſitzer dieſer Tracht nicht war, als was er etwa ſeyn mochte. Er war kein presbyterianiſcher Geiſtlicher, obgleich Schnitt und Farbe ſeines Rockes einen zu dieſem Glauben hätte führen können; denn er trug ein Schwert. Dieſes ſelbe Zeichen bewies, daß er kein Handwerker war, aber es über⸗ zeugte nicht ebenſo genau, ob er nicht vielleicht ein Krämer ſey, denn mehr als ein Ladenhüter damaliger Zeit pflegte ſich dieß auszeichnende Merkmal höherer Klaſſen anzumaßen, wenn er hinter ſeinem Zahltiſche hervorkam und in einem Stadttheil, wo er unbekannt war, ſpazieren ging. Hätte der Fremde in der That dieſem Schmetterlingsgeſchlechte angehört, ſo wäre der übrige Theil ſeines Anzugs mit ſeinem angenommenen Range mehr in Uebereinſtimmung erſchienen. Er war kein Hofmann, denn wo waren Gold, Spitzen und Stickerei? Er war kein Arzt, denn dazu fehlte ihm der rothe Roguelaure und der Stock mit dem goldenen Knopfe— und wer konnte es wagen, ohne ſolche Beigaben ſich Doktor ſchelten zu laſſen? Der Fremde ſchien geritten zu ſeyn, denn er trug große Stiefeln, und Hut und Rock waren ziemlich beſtaubt. In jeder andern Rückſicht war er eine höchſt unbeſtimmbare Art von Perſönlichkeit, und dennoch ſah man von drei Kinds⸗ mädchen, welche hinter einander vorüberkamen, um die Kin⸗ der, wie man's nennt, an die Luft zu führen— als ob in London überhaupt ſo etwas wie Luft zu finden wäre!— 3 nicht weuiger als zwei ihre Köpfe umwenden, um noch einen Blick auf ſein Antlitz zu richten; ja eine blieb ſogar bei den Pfoſten, welche das Waſſer einzäunen, ſtehen, und während ſie ſich ſtellte als ob ſie dieſe Gegenſtände wie er betrachte, ließ ſie einen ſchüchternen Seitenblick zu ihm herüberſchweifen, wie zum Zeichen, daß ſie gegen eine freund⸗ liche Anſprache nichts einzuwenden hätte. Der hartherzige junge Mann nahm jedoch keine Notiz von dieſem Winke, und ſie ging weiter, ihn in ihrem In⸗ neren einen Thoren ſcheltend, was er jedoch durchaus nicht war. Der Squgre war eben ſeit mehreren Minuten leer, länger vielleicht, als er es heutzutage jemals iſt, oder auch damals zu ſeyn pflegte; die Sache war nämlich, daß faſt alle Hausbeſitzer dieſes Squares, die älteren Mitglieder ihrer Familien und eine beträchtliche Anzahl ihrer Diener nach Weſtminſter hinabgegangen waren, um die öffentliche An⸗ klage gegen Lord Bolingbroke und den Carl von Orford mit⸗ anzuhören. Zwar ſah man von Zeit zu Zeit einen Lakai von einer Thüre zur andern wandeln, oder einen Koch, mit der Nachtmütze auf dem Kopf, einer Schürze vor ſich und einem Meſſer an der Seite, die Freitreppe eines Eckhauſes hinaufſteigen und ſich dort mit ungeduldiger Miene um⸗ ſchauen, wie wenn der Fiſch nicht angekommen ſei, oder der Metzger es an Pünktlichkeit habe fehlen laſſen. Sonſt wa⸗ ren die einzigen Perſonen, die ſich auf dem Square zeigten, der Fremde, welcher die Kinder betrachtete, dieſe Kinder in ihrem Boot und ein ältlicher Herr, der unter dem Namen 1* eines Hofmeiſters zu ihrer Bewachung herausgekommen war, aber in ſeinem Gartenſtuhle über den Blättern eines Buches, welches auserleſene Fragmente von Heſiod und Pindar enthielt, ſeine Schützlinge nebſt Bolingbroke und Orford und alles Andere auf der Welt vergeſſen hatte. Die Sonne ſchien hell und warm auf den Square herab; das rauchige Fluidum, welches die Londoner fälſch⸗ licher Weiſe für Luft halten, mäßigte das Licht und verlieh den umgebenden Gegenſtänden einen ſanften dunſtigen An⸗ ſtrich, der dem ganzen St. James⸗Square das Ausſehen eines höchſt vergnüglichen Platzes mittheilte, wenn man erwog, daß er einen Theil der Vorſtädte einer großen Metropolis bildete. Es war durchaus nichts Auffallendes, wenn ein Mann einige Minuten hier ſtehen blieb, um ſich umzuſchauen und an dieſem Anblicke zu ergötzen, beſonders wenn er durch eine der finſteren Gaſſen gekommen war, in welchen der Handel ſein geſchäftiges Treiben im Herzen von London führt, denn der Kontraſt war dann allerdings ſehr groß. Aber der Fremde ſtand ſchon mehr als einige Minuten: eine ganze Viertelſtunde verſtrich, ohne daß er ſeine Stellung veränderte, bis endlich ein ſonderbarer, phantaſtiſch aus⸗ ſehender Mann, mit einer großen Maſſe von Bändern an den Knien, in einer Kleidung von ſehr ſchreienden Farben, neben ihn trat und in leiſem Tone mit ihm zu ſprechen begann. Der neue Ankömmling hatte einige Entſchuldigung für ſich, wenn er ſeine Perſon aufzuputzen verſuchte; denn ehr⸗ 5 lich geſagt, dieſe hatte ſo etwas ſehr nöthig. Er war kurz, wahrſcheinlich nicht über fünf Fuß vier Zoll groß; aber er erſetzte den Abmangel durch ſeine Breite, beſonders über die Hüften, welche zu ihrer anſtändigen Bedeckung des vollen Maßes einer holländiſchen Pluderhoſe bedurft hätten, und der verſtorbene König William III. geſegneten Angedenkens hätte ihn wohl mit jener Gunſt betrachten können, welche er ſeinen Landsleuten ſo freigebig geſchenkt haben ſoll, obwohl unſer Freund nicht gerade perſönlich von den Küſten von Holland herkam, wenn er auch ganz wie ein Holländer aus⸗ ſah. Seine Geſichtszüge waren breit und keineswegs von der zarteſten Symmetrie, die Naſe war urſprünglich etwas krumm in ſein Geſicht eingeſetzt geweſen und ihre Schieſe wurde noch erſichtlicher durch allerlei Warzen, Knoten und Auswüchſe, womit in der That ſein ganzes Geſicht reichlich verſehen war. Seine Augen jedoch waren gute, große, offene, luſtige blaue Augen, und die ganze Perſon, wenn auch allerdings ſo häßlich, als man's nur irgendwo zu ſehen hoffen konnte, hatte doch trotz der ungeheuren Ramillies⸗ perrüke, womit er ſeine angeborene Häßlichkeit hoͤchſt glück⸗ lich vermehrt hatte, etwas höchſt Gewinnendes in ihrem Aeußern— ſo ſonderbar dieß auch klingen mag. Der Mann kam von der Seite von Charing Croß mit einem watſchelnden, etwas gravitätiſchen Schritte heran⸗ geſtapft und näherte ſich dem Fremden, welcher auf dem Square geſtanden, indem er ihn in dem Tone eines vertrau⸗ ten Bekannten anredete. „Es iſt ausgemacht, Meiſter Smeaton,“ ſagte er leiſe; „ſie haben es mit großer Majorität durchgeſetzt. Es würde Euch wohlgethan haben, wenn Ihr dabei geweſen wäret; noch nie habe ich ſolche Haltung geſehen.“ „Es wäre Wahnſinn von mir geweſen, wenn ich hin⸗ gegangen wäre,“ erwiederte der Andere.„Wer brachte die Anklage vor?“ „Hm, das kommt darauf an, welche Anklage Ihr meint,“ gab ſein Gefährte zur Antwort.„Walpole ſprach gegen Bolingbroke, die eine Hand in der Rocktaſche und die andere volle fünf Minuten von ſich geſtreckt, gerade wie meine Nymphe mit dem Blumenkorb. Ich hätte darauf ſchwören können, daß ſie im Bleiabguſſe vor mir ſtehe.“ „Wird wenig nützen, Bolingbroke anzuklagen,“ be⸗ merkte der junge Mann, welcher mit Smeaton angeredet worden war.„Er iſt ſicher genug, verlaßt Euch darauf; aber ich habe nicht an ihn gedacht. Bolingbroke mit all' ſeinen Fähigkeiten iſt jeder Partei nutzlos, für die meiſten ſogar verderblich. Er hat es dahin gebracht, durch ſeinen Mangel an Grundſätzen eine Berühmtheit zu erlangen, die ihn für die meiſten Menſchen zu einem Gegenſtande des Zweifels und der Furcht macht.“ „Grundſätze, mein theurer Sir!“ meinte der Andere mit leiſem Kichern.„Was nützt aber auch ein Grundſatz? Iſt er ja doch nur ein hartnäckiges Feſthalten an einmal an⸗ genommenen Anſichten, nachdem ſich die Umſtände geändert haben, welche ſie überhaupt von Werth machten. Grund⸗ ſatz iſt ein Pfad, der, auf beiden Seiten mit Steinmauern eingefaßt, keinen Raum bietet, um mit einem Wagen umzu⸗ 7 wenden. Grundſatz iſt eine jener kalten harten ſteinernen Statuen, welche, einmal zerbrochen, für immer am Ende ſind, nicht wie meine lieben bleiernen Gottheiten, die ich, wenn ihnen auch etwas Uebles paſſiren ſollte, in den Schmelztigel werfen und in neuer Geſtalt zu Tage foͤrdern kann. Nein, nein; in der Moral wie in der Kunſt lobe ich mir biegſame Materien, welche heute einen Jupiter und morgen einen tanzenden Faun, jetzt eine Juno und dann die Königin der Liebe darſtellen. Grundſatz— wahrhaftig! wer hat ſeit der geſegneten Reſtauration jemals von Grund⸗ ſätzen vernommen?“ Der junge Mann lächelte nachdenklich und fragte dann plötzlich: „Was iſt's aber mit Oxford? Ging das eben ſo leicht durch?“ 1 „O ja, wo möglich noch leichter,“ erwiederte ſein Be⸗ gleiter.„Die Hunde ſind immer hitziger, wenn ſie das Wild vor Augen haben. Lord Coningsby ſprach ſehr gut, mit hohem Pathos und großartiger Miene. Ihr Götter und Göttinnen! wie hat er den edlen Earl verläſtert! Jetzt, wenn überhaupt jemals, muß er ſich erklären.“ „Iſt es irgend von Nutzen, wenn er ſich erklärt?“ fragte Smeaton.„Mancher erklärt ſich, wenn es zu ſpät iſt. Zwölf Monate früher hätte er etwas damit ausge⸗ richtet; jetzt iſt ihm die goldene Gelegenheit durch die Finger geſchlüpft, und er iſt machtlos. Ich halte ihn jedoch für einen gründlichen klugen Kopf, wenn er nicht jenen Wankel⸗ muth beſäße, der ſo oft für große Kapacitaͤten ein Stein 8 des Anſtoßes wird.— Ich habe große Luſt, nach Frankreich zurückzukehren, Van Nooſt; mein Auftrag will mir nicht gefalleu.“ „Beibt noch eine Weile,“ mahnte der Andere.„Kommt nur mit mir, und Ihr ſollt bald ſehen, ob Orford ſo macht⸗ los iſt, wie Ihr glaubt. Ihr ſollt mit eigenen Augen und Ohren poſitive Beweiſe ſammeln. Kann er nur erſt zum Sprechen und Handeln gebracht werden, ſo kann es ihm nicht an Macht fehlen. Ich ſage Euch,“ fuhr er in leiſerem Tone fort.„volle drei Fünftel von ganz England ſind feſte Jakobiten, und unter den Whigs würde von Marlborough und Sunderland bis herab zu Townley und Chudleigh im⸗ mer der dritte Mann den Hut in die Höhe werfen und aus⸗ rufen:„Lang lebe König Jakob!“ wenn ſie ihn nur auf gedeihlichem Wege vor ſich ſähen. Das ganze gemeine Volk iſt nur eines Sinnes.“ „Pah, die wetterwendiſchen Gemeinen!“ meinte Smea⸗ ton nachſinnend, indem er ſeinen Arm in den ſeines Gefähr⸗ ten ſchob.„Wohin wollt Ihr mich denn führen?“ „Nur hinab auf den Hahnenkampfplatz, um Orford aus dem Hauſe zurückkommen zu ſehen,“ erwiederte Van Nooſt. „War er dort?“ fragte Smeaton in ziemlich ver⸗ wundertem Tone. 6 „Ja,“ gab ſein Begleiter zur Antwort.„Er kam frühzeitig in's Parlament, im Falle die Bill ſogleich vor⸗ gebracht werden ſollte, und da ſaß er ſo kühl, wie eine Gießkanne. Jetzt muß er aber wohl auf dem Rückwege. 9 ſeyn, da ſeine Anklage votirt und ein Komitee zum Aufſetzen der Artikel bezeichnet iſt.“ „Er zeigt wenigſtens Feſtigkeit unter ſo gefahrvollen Umſtänden,“ bemerkte Smeaton.„Vielleicht iſt er auch ge⸗ neigt, endlich einmal Kraft zu beweiſen.“ Unter ſolchen Reden hatten ſie Pall Mall betreten, das damals einen ganz andern Anblick darbot als heutzu⸗ tage oder auch ein halbes Jahrhundert früher. Da ſah man nicht länger jene doppelten Baumreihen auf der einen und einzeln ſtehende Häuſer mit zerſtreuten Gärten auf der andern Seite; die Gebäude waren jedoch immer noch un⸗ regelmäßig und hier und dort ſah man ein offenes Stück Feld mit einigen ſchlanken Pappeln zwiſchen fürſtlichen Woh⸗ nungen, wie Marlborough⸗ oder Schomberg⸗Houſe und dann wieder dazwiſchen ein gemeines Wirthshaus wie den Zucker⸗ leib oder Richards⸗Taverne ſich einſchieben. Da Pall Mall dazumal ein Lieblingswohnplatz für alle die Hauptſtadt beſuchenden Fremden war, ſo ſah man den Fahrweg ziemlich angefüllt; zahlreiche Sänften zo⸗ gen vorüber, worin ſich einzelne Gentlemen zu Beſuchen oder in die Chokoladehäuſer tragen ließen. Der Fußpfad, bei naſſem Wetter wegen ſeines Schmutzes berüchtigt, war jetzt völlig trocken, und die Sänftenträger, die mitten durch die Straße dahintrabten, ſtöberten dichte Staubwolken auf, welche für die Augen höͤchſt läſtig waren. Dieſer Umſtand mochte wohl die Urſache ſeyn, warum ſich Van Nooſt's Begleiter beim Betreten dieſer Straße den Hut tiefer über die Stirn drückte und— zum Mißbehagen 40 des Andern, der mit ſeinen gezierten Tritten kaum nach⸗ kam— ſeinen Schritt beſchleunigte. Ein ferner Ruf ſchien jedoch den Beinen des guten Van Nooſt's Flügel zu ver⸗ leihen. „Kommt hieher,“ rief er leiſe,„hier quer herüber; ſonſt kommen wir zu ſpät. Er tritt eben aus dem Hauſe. Ich kenne das Bellen dieſer ſchmutzigen Schnautzen ſehr genau.“ Mit dieſen Worten huſchte er auf die andere Seite der Straße und trat zur Ueberraſchung ſeines Begleiters in einen dumpfigen Apothekerladen, der ſich durch das Zei⸗ chen eines goldenen Mörſers und Stöpſels als ſolcher an⸗ kündigte. „Guten Morgen, Mr. Gingle,“ ſagte er zu einem Manne, der ein Ding von unbegreiflichem Geruche in einem ſehr großen Mörſer abwog;„wollt Ihr uns nicht einen Augenblick durch Euer Hinterpförtchen in den Park paſſiren laſſen? Mein Freund und ich möchten den Grafen von Orford aus dem Parlamentshauſe kommen ſehen.“ „Geht nur, geht nur, Van Nooſt,“ erwiederte der Apotheker in ſeinen Mörſer nießend und kaum die Augen erhebend.„Ihr kennt den Weg; aber laßt die Thüre nicht offen.“ Mit dieſer Erlaubniß eilten die beiden Gefährten durch ein Hinterſtübchen in einen kleinen Hinterhof und von da durch einen Thorweg in der Mauer in einen ſchmalen Gang, der ſie über einige Stufen in die Maillebahn des Parkes leitete. Sobald ſie zwiſchen den Backſteinmanern hervortraten, 11 ließ ſich die brüllende Stimme der Menge abermals lauter und näher vernehmen, und durch den Park eilend ſtiegen ſie eine ſchmale Ausgangstreppe aufwärts, deren Thüre unter den beiden früheren Regierungen immer feſt geſchloſſen ge⸗ halten, jetzt aber als Eingang von den Spring⸗Gardens in der Regel offen gelaſſen wurde. Von da dutrch zahlloſe ſchmale Gäßchen zwiſchen niederen Bierhäuſern, hie und da aber auch ſchöneren Gebäuden gings über den ſogenannten Cromwell's Hof, und ſtebetraten ſofort jene Welt von Kaffee⸗ häuſern und Tavernen, welche dazumal den unter dem Namen Charing Croß bekannten Raum einnahmen. Wagen rollen jetzt über den Boden, der in jenen Tagen mit zahlreichen Wohnungen bedeckt war; aber die Straße ſelbſt war da⸗ mals nicht weniger bevölkert als heutzutage, denn die ewig hin und her wogende Menge war in einen engen Raum zu⸗ ſammengedrängt und an jenem Tage beſonders waren die Maſſen ſo groß, daß kaum irgend Jemand längs der Straße fortzukommen vermochte. In dem Augenblick da die beiden Wanderer, deren wir bis jetzt ſpezieller erwähnten, die ſchon vorhandene Men⸗ ſchenmaſſe vermehrten, war eine Art drängender Bewegung in die Menge gekommen, indem durch das Vorrücken eines enormen Haufens auf dem Mittel⸗ oder Fahrweg der Straße die Einen in der Richtung von Haymarket, Andere gegen die Häuſer dahinter zurückgedrängt wurden, während man in der Mitte hoch über den Ocean von Köpfen her⸗ vorragend einen großen plumpen, aber reich verzierten Wagen, von vier mächtigen Roſſen gezogen, ſehen konnte. Hüte wurden in der Luft geſchwenkt, Taſchentücher wehten aus manchem Fenſter, und man hörte mehrere tanſend Stim⸗ men zumal aufjauchzen, daß„das Himmelsgewölbe davon erbebte“. Die Einen ſchrien Dieß, die Andern Das. Der Sinn des Ganzen war aber der Gleiche. Der Eine brüllte: „Orford für immer!“ ein Anderer:„die Hochkirche, die Hochkirche und Sacheverel!“ Wieder ein Anderer:„Nieder mit den Whigs.“— Dann hörte man auch den Ruf:„Or⸗ mond, der Herzog von Ormond für immer und fort mit den hannöver'ſchen Ratten.“ Nicht zufrieden damit, ihre eigenen zeitweiſen Anſichten auf ſolche Weiſe an den Tag zu legen, beſtanden die gröb⸗ ſten Lümmel in der Maſſe auch noch darauf, daß alle Vor⸗ übergehenden ein Zeichen gleichen Beifalls geben ſollten, und wer irgend damit zögerte, ſtand in Gefahr roh behandelt zu werden. „Herunter mit dem Hut und ſchreit: Orford für im⸗ mer!“ brüllte ein Burſche in Matroſenkleidung, als die Menge ſich dem Punkte näherte, wo Van Nooſt und Smea⸗ ton ſtanden. Der Letztere gehorchte der Aufforderung nicht, ſon⸗ dern behielt den Hut auf und ſchwieg. Van Nooſt dagegen ſchwenkte ſeinen Hut und ſchien bereitwillig, worauf der Matroſe vorüberzog, mit ſeinen Kameraden plärrend und renommirend und den Wagen des Grafen von Orford auf deſſen langſamem Vorſchreiten begleitend. Die Menge der achtbaren Perſonen, die ſich zu beiden Seiten der Straße geſammelt hatten, begann ſich jetzt zu 13 zerſtreuen, und Van Nooſt drehte ſich um, zum Weitergehen ſich anſchickend, als ihn plötzlich ein derbes Tätſcheln auf die Schulter zum Stillſtehen und Umſchauen veranlaßte. Iin ſelben Augenblick wurde er von einer ruhigen klaren Stimme in etwas ſarkaſtiſchem Tone bei ſeinem Namen angeredet. „Nun, mein guter Freund Van Nooſt,“ begann dieſer Dritte,„Ihr habt heute laut für Harley geſchrien, was ſehr edelmüthig iſt, da er wenig Ausſicht hat, dieſe Schuld bezahlen zu können.“ „Schon bezahlt, mein guter Lord,“ erwiederte Van Nooſt, keineswegs außer Faſſung ſich umdrehend und einen dünnen einfach gekleideten Mann von mittlerem Alter an⸗ redend.„Er kaufte von mir erſt vor einem Jahr zwei Nymphen und zwei Milchmädchen— Lebensgröße: die Milchmädchen mit Eimern auf dem Kopfe, die Nymphen mit Füllhörnern in der Hand, nichs zu ſagen von einem klei⸗ nen ſchwarzen Knaben mit einem Delphin, den er auf einen Springbrunnen ſetzen ließ. So bin ich doch gewiß verbun⸗ den zu rufen: Lang lebe der Earl von Orford! Wollten Euer Lordſchaft mich in derſelben Weiſe protegiren und Ihr ſolltet einmal in Noth gerathen, daß Ihr dadurch den Beifall der Menge gewännet, ſo würde ich auch meinen Hut in die Höhe werfen und mit den Beſten von ihnen brüllen: Lang lebe der Earl von Stair!“ „Nun ja,“ meinte der Earl lächelnd,„Ihr müßt nur wohl beachten, was Ihr thut, mein guter Freund. Es hat zwar ſchon manches Buchhändlers Glück gemacht, wenn er wegen eines Libells ausgepeitſcht wurde; aber ich denke, wegen „Aufruhrs nach Newgate geſchickt zu werden, könnte einem Fabrikanten von Bleifiguren nicht eben zu großem Nutzen gereichen.“ „Ich that's nur gezwungen, edler Lord,“ verſetzte Van Nooſt in gleichgültigem Tone.„Es iſt bei mir Grundſatz, mich nie mit dem Pöbel zu zanken, denn ich bin ein eigen⸗ thümlich Stück Bildwerk, das nicht ſo leicht wie eine meiner eigenen Figuren auszubeſſern iſt, und ich glaube, kein König der Erde würde mich zuſammenflicken helfen, wenn ich durch meinen Widerſtand gegen den raſenden Haufen Kopf oder Beine abgeſchlagen bekäme. Hättet Ihr an meiner Stelle nicht das Gleiche gethan?“ „Nein,“ erwiederte der Earl, der aus irgend einem Grunde das Geſpräch zu verlängern Willens ſchien.„Ich hätte es ebenſo wie dieſer würdige Gentleman neben Euch gemacht: den Hut aufbehalten und ſtill geſchwiegen. Ueber⸗ dies ſind Eure Geſinnungen wohl bekannt, mein guter Freund, obgleich man hätte glauben ſollen, daß der Sohn des luſtigen alten Van Nooſt, der mit König William her⸗ überkam, nicht einen ſo großen Vorrath jakobitiſcher Erbitte⸗ rung erben würde.“ „s war meiner Mutter Eigenthum, in das ich ein⸗ trat,“ entgegnete Van Nooſt lachend;„mein Vater war zwar ein Holländer, meine Mutter aber eine ächte Englän⸗ derin, Betty Hall mit Namen. Mein Vater— der gute Mann— miſchte ſich nie in Politik; meine Mutter dagegen war eine eifrige und höchſt kluge Tory, denn ſie ſchrie jedes⸗ mal ſo oft etwas dabei zu gewinnen war, und hielt das 2. 15 Maul, wenn ihr das Schreien nichts nützte.— Wie kommt es aber, daß Eure Lordſchaft ſich zu Fuß unter dieſem Poöbel befindet?“ fuhr er fort, indem er ſich anſchickte, als ob er an dem Carl vorüberwollte, der ihm gerade im Wege ſtand. „Seyd Ihr nicht unten im Hauſe geweſen, um dieſe luſtigen Dinge mit anzuſehen?“ „Ich nicht,“ verſicherte der Graf von Stair.„Mein Amt iſt es, Intriguen zu verhindern und nicht, mich in ſolche zu miſchen.“ „Ein harter Hieb auf Eure Freunde, Mylord,“ meinte Van Nooſt, ſich tief verbeugend und den Hut abziehend. „Bob Walpole würde Euch, glaub' ich, nicht dafür danken.“ Während dieſes kurzen Zwiſchengeſprächs hatte der Carl von Stair ſein Auge mehr als einmal mit ruhigem forſchendem Blicke auf Van Nooſt's Begleiter geheftet. Die⸗ ſer aber hatte ohne alles Aufſehen und ohne den geringſten Anſchein von Zwang ſein Geſicht abgewendet gehalten, bis Van Nooſt's Vordringen ihn nöthigte, an dem Earl vorüber⸗ zugehen, der jetzt nur auf einen Augenblick die volle An⸗ ſicht ſeines Antlitzes gewann. Die Beiden gingen ſofort weiter, und ſobald ſie fünf bis ſechs Schritte entfernt waren, winkte Lord Stair einem Manne, der unter der Thüre der Rummer⸗Taverne ſtand. „Folgt den beiden Perſonen, mit denen ich geſprochen habe,“ flüſterte er dem Manne zu, der alſobald herbeirannte; „ſeht wohin ſie gehen und bewacht ſie eine Weile, wenn ſie ſich bald trennen ſollten. Dann kommt und meldet mir's.“ Ohne ein Wort der Erwiederung huſchte der Mann weg und erreichte bald die beiden Wanderer Van Nooſt und Smeaton. Er hielt ſich eine gewiſſe Strecke hinter ihnen, ſpürte ihnen hinter den Straßenecken nach, indem er bald über den Weg lief, um ſie von der entgegengeſetzten Seite zu beobachten, bald an ihnen vorübereilte und dann ſtehen blieb, um irgend einen Gegenſtand zu betrachten, der ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln ſchien. Je mehr ſich die Menge in den Straßen verlor, deſto ſchwieriger wurde die Ausfüh⸗ rung ſeines Amtes, und ſeine Manoͤver waren alsbald ent⸗ deckt von einem flinken Auge, das über ihnen wachte. „Da iſt ein Mann, der uns verfolgt, Van Nooſt,“ be⸗ merkte Smeaton leiſe, eben als ſie Piecadilly betraten.„Er hat uns nachgeſpürt ſeitdem wir Charing Croß verließen.“ „Er bewacht Euch, nicht mich,“ gab Van Nooſt lachend zur Antwort.„Mein Charakter und Aufenthalt ſind zu wohl bekannt, um eines Bewachens zu bedürfen. Da ſeht was es heißt, eines wohlbegründeten Rufes zu genießen. Ihr dürft übrigens nicht nach Hauſe gehen, denn das könnte gefährlich werden. Kommt in meine arme Wohnung— ich will Euch ein Mittageſſen vorſetzen, wie ich es eben zu liefern vermag; nach Einbruch der Finſterniß werd' ich Euch dann durch die Hinterpforte hinauslaſſen. Mittlerweile können wir uns darüber beſprechen, was zunächſt mit Orford anzufangen iſt.“. Der Andere gab keine Antwort, ſondern wanderte mit ſeinem Gefährten weiter. Sie wendeten ſich geradeswegs Piccadilly entlang, welches damals noch häufig Reading Road(die Leſeſtraße) genannt wurde. Oben gegen Hay⸗ 17 market hin hatte Piccadilly ſo ziemlich das Ausſehen einer Straße, obwohl die Mehrzahl der erſten Häuſer aus Gaſt⸗ höfen beſtand, welche zur Aufnahme der in London anlan⸗ genden Fremden errichtet waren. Je weiter man übrigens in weſtlicher Richtung vordrang, deſto mehr ſah man das Land über die Stadt vorwiegen, und Piccadilly ſah ſo ziem⸗ lich aus wie die Vorſtadt, welche den Namen Kenſington Gore führte. Rechter Hand beſonders ſtanden viele glän⸗ zende Wohnhäuſer, einen ländlichen Anſtrich affektirend, und⸗ von großen Gärten umringt; ſie begannen, glaube ich, mit den Wohnſitzen von Sir John Clarges und Lady Stan⸗ hope, dann kam Queensbury Houſe, Burlington Houſe und Sir Thomas Bond's Wohnung(durch ſie wurde theilweiſe die wohlbekannte Bondſtreet geführt); dann folgte Barkeley Houſe mit ſeinen prächtigen Gärten und mehrere andere mit einer Pracht und einem Lurus erbaut und verziert, der heutzutage die Mittel der Meiſten nur nicht gerade der Wohlhabendſten unſerer Landsleute überſteigen würde. Jenſeits dieſer glänzenden Wohnſitze gelangten unſere beiden Wanderer auf ihrem Wege gegen den Hyde⸗Park zu einer ganz andern Klaſſe von Häuſern, nicht in fortlau⸗ fenden Reihen erbaut, obwohl hie und da zwei bis drei ſchon damals ihre Schulter wie zu gegenſeitiger Unterſtützung an einander zu lehnen begannen. Zwiſchen den Gebäuden ſtan⸗ den noch Garten und ſogar Felder, und die Häuſer ſelbſt er⸗ hoben ſich ſelten über den Rang untergeordneter Handwerkers⸗ wohnungen oder geringer Kneipen und Fuhrmannswirths⸗ haͤuſer, welch' letztere in zahlloſer Menge und unter Zeichen James. Henry Smeaton. 2 —— — vorwiegten, die ſich ſpäter in den Namen der Straßen ver⸗ ewigten, wie z. B. Halbmond, ſchwarzes Roß⸗ Krone, weißes Roß, Hund und Ente u. ſ. w. Um ihre Eingänge und auf den davorſtehenden Bänken ſah man eine Maſſe Leute verſammelt, Alle plaudernd und debattirend und insgemein Politik beſprechend, denn der Engländer iſt ſeit vielen Jahrhunderten mehr ein politiſiren⸗ des als ein politiſches Thier geweſen, das ſich zwar von Allen, die ſeine ſchwachen Seiten kennen, gar leicht zu jedem Plane verleiten läßt, dafuͤr aber doch eine wunderbar hohe Meinung von ſeiner eigenen Fähigkeit beſitzt und feſt über⸗ zeugt iſt, daß er zur Leitung und Regierung von Staaten ganz beſonders tauge. Die Namen Harley, Ormond, Bo⸗ lingbroke, Walpole, Coningsby, Cowper drangen einem bei jedem Schritte in die Ohren; doch wandelte Smeaton mit ſeinem Begleiter, anſcheinend ohne Notiz davon zu nehmen, weiter, immer noch beobachtet von dem Manne, der ihnen auf die Ferſe geſetzt worden war, und der ſich auf der andern Seite des Wegs unter dem Schatten der Bäume fortſchlich. Etwa hundert Schritte jenſeits der Baumgruppe, welche das Waſſerbecken umringt, aber auf der andern Seite von Reading Road gelangten ſie an ein Haus, das mit ſeinem gepflaſterten Vorhofe etwas zurückſtehend, über die obere Hälfte der untern und die untere Hälfte der oberen Fenſter ein ungeheures Stück bemalter Leinwand mit einer Maſſe von ſonderbar ausſehenden Geräthen, untermiſcht mit Män⸗ ner⸗ und Frauen⸗Geſtalten, die einen im Zuſtande der Nackt⸗ heit, die andern nach der ſteifen kapriciöſen Tagesmode ge⸗ 19 kleidet— ausgebreitet hatte, während darunter eine Auf⸗ ſchrift verkündete, daß Jakob Harris Springbrunnen von jeder Art, Größe und Zeichnung, ferner Stühle und Garten⸗ bänke, Tempelruinen und Sommerhäuſer konſtruire, reparire und in Ordnung halte, auch verſchiedene andere Zeichnungen zur Ausſchmückung von Parken, Nutz⸗ und Vergnügungs⸗ gärten feil biete. Die Aufzählung ſeiner Talente war lange und ſehr genau; Van Nooſt ſchien ſie jedoch gar ge⸗ ring zu achten, denn als er vorüberkam und ſeine Augen auf die Ueberſchrift warf, ſagte er mit einer Art Grunzen: „Ha, wegen ſeiner Statuen muß er doch zu mir kom⸗ men. Das kann er doch nicht.“ Etliche drei⸗ bis vierhundert Schritte weiter ſah man das Land immer mehr die Oberhand über die Stadt ge⸗ winnen, und dort ſtand nicht ferne von der Stelle, wo jetzt Apsley⸗Houſe hervortritt, eine kleine zweiſtockige Wohnung, von der Heerſtraße zurückweichend, mit einem Garten von etwa einem Viertelmorgen Ausdehnung vor ſich. Dieſer Garten war geziert mit verſchiedenen Fruchtbäumen, wie der Miſpel, der Maulbeer⸗ und dem Gräber liebenden Holder⸗ baum, der wegen ſeines Weines berüchtigt iſt; ſein Haupt⸗ ſchmuck beſtand aber in einem ganzen Heere lebensgroßer Figuren, welche gar nicht ungeſchickt in Blei gegoſſen waren. Man hätte glauben können, eine lebendige Volksmenge habe den Garten in Beſitz genommen, wenn nicht das wider⸗ ſprechende Koſtüme der Figuren ſelber ihre wahre Beſchaffen⸗ heit angezeigt hätte. Faſt alle waren nämlich ſprechend wie das Leben bemalt: da ſah man Soldaten mit Feuer⸗ 2* 20 gewehren, die ſte zum Schuſſe bereit auf den Zuſchauer angelegt hatten; Milchmädchen und Landdirnen mit Körben auf dem Kopfe, ihre langen Schürzen und Unterröcke durch die Taſchenlöcher geſchlungen; Mähder, welche ihre Sicheln wetzten, darunter das alte Sinnbild der Zeit; knieende Neger als Poſtamente für Sonnenuhren, ſehr ſchwarz und ſchön, wie der theure Waſhington Irving in ſeiner Negerkosmo⸗ gonie angibt; ferner zarte Nymphen, ſo nackt, wie ſie aus der Mutter Leibe gekommen, und viele andere Figuren ohne Zahl. Der Garten war durch einen ländlichen Zaun mit einem ſchmalen Pförtchen in der Mitte von der Heerſtraße abgeſchloſſen; vor dieſer Pforte blieb Van Nooſt ſtehen, oͤffnete ſie und ließ ſeinen Begleiter eintreten. Sobald Smeaton den Garten betreten hatte, blieb der Bildhauer(denn ſo müſſen wir ihn wohl nennen) ſtehen und ſchaute ſich um. Er ſah alsbald den Mann, der ihnen ge⸗ folgt war, an der entgegengeſetzten Seite des Weges auf⸗ gepflanzt, und ſein Pförtchen ſorgfältig verriegelnd folgte Van Nooſt ſeinem Gefährten durch ſeinen Hain von bleier⸗ nen Figuren, indem er mit der gemiſchten Vorliebe des Vaters und Künſtlers auf die mannigfaltigen Vorzüge ſeiner Produkte aufmerkſam machte. Er kannte in dieſem Punkte keine Beſcheidenheit, denn das war in der That eine Eigenſchaft, die ihn in keiner Hinſicht ſonderlich verlegen machte, und Prariteles hat wohl kaum von den unſterblichen Marmor⸗ und Elfenbeinwerken ſeiner Hand mit ſolcher Hoch⸗ ſchätzung geſprochen, wie hier Jakob Van Nooſt ſeine eigenen Produkte anrühmte. 21 „Seht jenen Apollo,“ rief er, auf eine Abbildung des belvederiſchen Gottes deutend.„Ihr ſeht, ich habe das Feuer und den Geiſt wohl getroffen, und was die Grazie betrifft, ſo meine ich wohl ſagen zu dürfen, daß die kleine Erhöhung, die ich dem linken Arme gegeben, weſentlich zur Vermehrung der Anmuth und Würde beiträgt.“ Smeaton wanderte jedoch mit einer Eilfertigkeit weiter, welche für ſeinen Begleiter nicht ſonderlich ſchmeichelhaft ſchien. Doch war Van Nooſt ein gutmüthiger Burſche; et zuckte blos die Achſeln, eilte ſeinem Gefährten nach, ſo daß er vor dieſem das alte grüne Hauspförtchen erreichte, das er vor ihm aufſtieß und zu gleicher Zeit auf die Thüre eines kleinen Beſuchzimmers deutete, zu deſſen ſauber gewaſchenem und niedlich geſandeltem Flur eine einzige Stufe hinabführte. Dann ſchloß und verriegelte er die Hausthüre, hing ſeinen Hut an einen Nagel dahinter, ſtellte im Wohnzimmer einen Stuhl vor ſeinen Gaſt und ſagte mit tiefer Verbeugung: „Hier ſeyd Ihr ſicher, Mylord, und werdet bis zur Abenddämmerung am beſten hier bleiben. Ach, Euer edler Vater ſaß oft in jenem Stuhl, ſein ſchlechtes Holländiſch gegen meines Vaters ſchlechtes Eugliſch austauſchend und ſeine ſchönen Modelle prüfend, um ſich ſolche, die er zu be⸗ ſttzen wünſchte, darnnter auszuwählen.“ Zweites Kapitel. Wir wollen uns jetzt für eine Weile auf einen weit entfernten Schauplatz und in eine etwas frühere Periode 22 des Jahres zurückverſetzen, denn bei meinem heftigen Wider⸗ willen gegen alle ſteifen Regeln kann ich mich nicht einmal entſchließen, mich an den ſehr guten Rath des Grafen Anton Hamilton zu binden:„Mon ami, toujours commencez par le commencement“— worin er ſich von Horaz und von einer großen Zahl wunderbarer Männer des Alterthums unterſchied. An der Weſtküſte von England, in einem der ſchönſten Theile dieſes ſchönen Landſtriches, iſt ein Punkt, den ich be⸗ ſchreiben muß⸗ nicht allein zum Vortheil Derer, die vielleicht davon profitiren können, oder ſolcher, welche gerne jeden Ort, von dem ſie leſen, mit einem andern, den ſie ſich durch Erinnerung oder Phantaſie vorſtellen, zu identificiren lieben, ſondern weil ſich viele von den Hauptereigniſſen meiner Erzählung eben in der Mitte dieſes Schauplatzes zutrugen. Wer die Seeküſte von Devonſhire kennt, wird wohl ohne Mühe an gewiſſen Unterſcheidungszeichen die Lokalität er⸗ kennen. Der Ort, den ich meine, iſt eine kleine Bai, ſo ziemlich in Geſtalt eines Hufeiſens geformt und tief ins Land ein⸗ ſchneidend. Gebildet wird ſie auf der Südweſtſeite durch ein hohes Haideland, das die Bucht vor den vorherrſchenden Winden ſchützt. Dieſes Vorgebirge fällt bis auf die äußerſte Spitze in einer ſchroffen Klippe von kaltem grauem Steine ab, welcher, zwiſchen ſechs⸗ bis neunhundert Fuß Höhe wech⸗ ſelnd, rauh und zerriſſen und anſcheinend pfadlos ausſieht; keck wäre der Mann, der dieſe Spitze zu erklimmen verſuchte, noch kecker aber, wer von der Höhe oben herabſteigen wollte. 23 Das Vorgebirge heißt Ale Head;“ ihm gegenüber auf der andern Seite der Bai liegt ein zweites Vorgebirge, zwar nicht ſo ſteil oder abſchüſſig, aber immer noch hoch und zackig genug, welches den Namen Ale Down““ führt. Es läuft nicht ſo weit in die See hinaus wie jenes; denn der allgemeine Zug der Küſte geht hier in ziemlich ſchiefem Winkel gegen Oſten. So auf drei Seiten von ſehr hohem Lande eingefaßt und nur in einer Richtung eine ziemlich enge Oeffnung bietend, ſind die Waſſer dieſer Bai den größeren Theil des Jahres hindurch ſo ſtill und ruhig, wie ein Traum des Himmels; aber ſie ſind auch ſehr tief, denn die Klippen ragen noch weit unter die niedrige Waſſerfläche hinab. Wenn ich von den Höhen oben hinahſchaute, ſah ich die See unter meinen Füßen ſpiegelglatt und blau wie einen Saphir vor mir liegen; ein Kriegsſchiff von hundert Kanonen könnte in dieſer Bai auf Piſtolenſchußweite von Ale⸗Head's Klippen vor Anker gehen. Zwiſchen dem höheren und dem niedereren Vorgebirge läuft eine tiefe Schlucht. Ich kann ſie kein Thal nennen, denn die Abhänge ſind zu ſteil und die Aushöhlung zu eng, um dieſen Namen zuzulaſſen. Durch dieſe Schlucht fließt ein ſtarker tiefer Strom ſchönen klaren Waſſers über ein felſiges Bette, eine große Maſſe Sand mit ſich führend, und da, wo die Schlucht in die Bai ausmündet, einen ebenen trockenen Landungsplatz bildend. Die kleine Bai ſelbſt iſt keineswegs geräumig, indem ſie vom Fuße des Felſens auf der einen * Zu deutſch:„Ale Haupt“. **„Ale Niederung“. 24 bis zur Baſts des Hügels auf der andern Seite nicht über zweihundert Schritte lang und vielleicht vierzig Schritte breit iſt. Durch ihre Mitte fließt der Strom in die See hinaus, und zweimal des Tags kommt der Ocean dieſem ſeinem Vaſallen entgegen, den größeren Theil der Sandbank weithin bedeckend. Man konnte damals und kann es noch jetzt— wenig⸗ ſtens habe ich es nie anders geſehen— etliche fünf bis ſechs Boote am Ufer aufgeſtapelt ſehen; dies iſt das erſte Zeichen, das den Wanderer beim Eintritte in die Bai von der See aus benachrichtigt, daß dieſer wilde und einſame Schauplatz menſchliche Wohnungen in der Nähe hat. So iſt es auch wirklich; auf beiden Seiten des Flüßchens, etwa hundert Schritte von der Mündung aufwärts beginnend, ſind bis auf eine Viertelmeile weiter oben in der Schlucht zahlreiche Fiſcherhütten zwiſchen die ſteile Hügelſeite der einen und die tiefe Strombank der andern Seite hineingebaut. An mehreren Punkten der Schlucht ſieht man kleine Brücken über den Fluß geworfen; bald iſt's nur ein Baumſtamm, auf der oberen Seite abgeflacht, bald ein übelgerathener Bogen aus rauhbehauenen Steinen. Ich brauche kaum zu ſagen, daß dieſe Brücken nur für Fußgäͤnger beſtimmt ſind⸗ denn ich glaube, daß ſich Roſſe, Karren oder Wagen noch nie ſo weit das Thal herabgewagt haben. Das nächſte Merkmal menſchlichen Lebens, das man außer jenen Booten beim Eintritte in die Bai gewahr wird, iſt das Ende der niedrigſten dieſer Fiſcherhütten, das durch die Oeffnung des Thales herausguckt; rudert man eine 25 gute Strecke weiter, ſo wird man auf der Seite des Hügels gegen Südweſt, wenn man die Augen in jener Richtung er⸗ hebt, die Kamine und Giebel eines großen alten Herrenhauſes bemerken, das ſich über einen Wald erhebt, der das Thal in beträchtlicher Ausdehnung und großer Ueppigkeit faſt bis an das Ufer herab bedeckt, wie denn die Vegetation in dieſem begünſtigten Klima vor der Seeluft keineswegs zurücktritt, ja nicht weit von da ſieht man ſogar die Bäume ihre Aeſte bis in die Wellen tauchen. Dagegen meidet das Buſchwerk klugerweiſe die ſchneidenden Winde auf dem Gipfel des Hügels, ſo daß die hohe Spitze von Ale Head ſo kahl wie der Rücken einer Schildkröte und faſt ebenſo braun ausſieht. Wir müſſen die Herrenwohnung etwas genauer unter⸗ ſuchen. Nehmen wir an, wir ſeyen an der Seite des Stromes gelandet, haben die trockene Sandbank durch⸗ ſchnitten und die kleine Schlucht betreten, während leichte Wölkchen raſch über unſerem Haupte hinſchwebten und die blaue Bai, die grauen Klippen und die braunen Haiden oben mit Lichtern betüpfelten, ähnlich den ſüßen vorüberziehenden Hoffnungen, welche im Entſchweben die harten ſtrengen Ge⸗ ſichtszüge dieſes Erdenlebens erhellen. O ihr heiteren Bilder der Phantaſte! Könnte man euch nun für eine Stunde erfaſſen und feſthalten— wie viel glücklicher, wie viel beſſer wäre der Menſch, und wie wäre das Leben ſo ganz anders! Aber ihr ſeyd aus Luft geboren und uns auf dieſem ſtürmiſchen Schauplatze nur deßhalb geſchenkt, um Sonnenſchein über den Wolken thront. das traurige wetterzerſchlagene Herz zu verſichern, daß noch Wandeln wir von den Fiſcherhütten den ſehr engen Fußpfad entlang, ſo kommen wir zu einer Stelle, wo die Straße breiter wird, aber nicht mehr auf beiden Seiten des Stromes weiter geht; ſie ſteigt hier aufwärts, das Thal wird weniger tief aber breiter; die linke oder ſüdweſtliche Seite iſt mit Wald bedeckt, die rechte ſteigt ſcharf nach oben und iſt mit kurzem grünem Raſen bekleidet. Plötzlich, eine halbe Meile von der Bai, zweigt ſich ein Weg links ab, während der, welchen wir ſeither am Flußufer verfolgten, ſich erweitert und zur guten wohlerhaltenen Fahrſtraße wird. Wir müſſen den Weg linker Hand einſchlagen, der in ſpitzem Winkel von dem ſeither verfolgten Pfade ausgehend gerade ſo ausſteht, als ob ſeine äußerſte Spitze oder ſein Terminus— wie wir es jetzt mit einer Sprachkorruption nennen würden— auf dem höchſten und fernſten Punkte des Vorgebirges Ale Head verlaufen müſſe. Doch beruhige Dich, theurer Wanderer! mein Pfad hegt keine ſo ehrgeizigen Abſichten, ſondern ſteigt nur eine Weile etwas ſcharf bergan und ſchwenkt dann mit ſehr leichter Steigung nach oben gegen die See, indem er ſich durch den Wald windet, bis er mit einer ſcharfen Biegung nach der Rechten zwiſchen zwei Thorflügeln von gehämmertem Eiſenwerk durchgeht, welche auf ſteinernen Säulen ruhend oben mit großen runden Ku⸗ geln geſchmückt ſind. Dann kommen zwei bis drei kleine Lichtungen in einer ſanften Mulde des Hügels und endlich das alte Herrenhaus, das auf einem etwas höheren Punkte ſteht. 27 Wie ſoll ich dieſes Herrenhaus beſchreiben? Es bildet eine Maſſe von zahlloſen Giebeln, Mauern und Fenſtern, erbaut unter der Regierung der Königin Eliſabeth, unter Jakob vergrößert, während der Revolution dem Verfalle überlaſſen und unter Karl II. hergeſtellt und neu dekorirt. Es iſt ganz aus dem grauen Steine des Landes erbaut, aber die Seeluft und die Nähe der Wälder haben es vielfach ſchattirt, ſo daß es nicht ſowohl dem Antlitz eines ehrwür⸗ digen Greiſes, der ſein Leben in Ruhe und Frieden zuge⸗ bracht, ſondern eher dem wettergepeitſchten Geſicht eines alten Matroſen ähnlich ſteht, das die Winde und Stürme gefärbt und bronzirt haben. Im Innern wird die Wohnung von vielen Zimmern und Gängen durchſchnitten; Treppen ziehen abwärts, an⸗ ſcheinend nur um auf anderer Seite wieder hinanzuſteigen, und man trifft fortwährend Thüren und neue Zimmer, wo Niemand ſolche erwartet hatte. Viele dieſer Zimmer ſind ſehr hübſch— hoch, geräumig und wohl proportionirt, und wenn man auch geſtehen muß, daß ſie noch heller und ein⸗ ladender wären, wenn man ſie nicht durchgängig mit Wall⸗ nuß⸗ oder ſchwarzem Eichenholz getäfelt hätte, ſo macht doch auch dieſes dunkle geſchnitzte Getäfel einen feinen eigen⸗ thümlichen Eindruck, und wenn ſich die Sonne hereinſtiehlt und das Ganze erhellt, iſt es nicht anders, als ob man das holde Lächeln auf dem Antlitze des Alters vor ſich ſähe. In einem dieſer weiten ſchoͤnen Zimmer im erſten Stock an einem Frühlingstage des Jahres ſtebzehnhundertundfünf⸗ zehn ſaß ein Mädchen von etwa achtzehn Jahren in der 28 Tracht einer hochgeborenen Dame jener Zeit. Ich brauche dieſe Tracht nicht zu beſchreiben und will es auch lieber unterlaſſen, denn es war das ſteifſte und häßlichſte Koſtüm, das noch jemals von dem launiſchen Geſchmacke des Menſchen erfunden wurde. Der Charakter eines Zeitraums entfaltet ſich immer in der Tracht der Generation, und was ließ ſich da von der trockenen Galanterie aus Ludwig XIV. ſpäteren Tagen und der ſteifen Etikette Georgs I. Beſſeres erwarten? Nichtsdeſtoweniger hätten auch die härteſten unbiegſamſten Gewänder, worein man dieſe ſchöne Geſtalt zwingen konnte, ihre wilde Anmuth niemals unterdrücken, noch ihre freien leichten Bewegungen hemmen können. Ihre Zofe beklagte ſich immer, daß ſie mehr Schnürbänder als jede andere Dame im Lande zerreiße, und es iſt ſichere Thatſache, daß ihr Haar weit öfter als ſie ſelber wünſchte oder ſogar inne wurde, ſich aus den Kämmen und Netzen loszuwickeln und den zierlichen Gewinden des Rauches ähnlich im Winde zu flattern wußte. Wie das zuging, konnte ſie nicht ſagen, und ſie gab ſich auch nicht viele Mühe, es zu unterſuchen, denn ihr Geiſt ſchweifte gar oft zu anderen Dingen über, zuweilen mit der emſigen Luſt eines Kindes, das dem Schmetterlinge nachjagt, zuweilen mit ſtetem unermüdlichem Nachdenken, wie ein Wanderer auf langer Reiſe. Um ihrem guten Geſchmacke Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich noch ſagen, daß ſie die widrige Mode ihrer Zeit verabſcheute. Gar oft blieb ſte vor Vandyke's Portraits, von denen mehrere im Hauſe waren, oder vor anderen noch älteren Gemälden betrachtend ſtehen, und fragte dann, 29 welch' merkwürdiger Prozeß den Geiſt des Menſchen irre⸗ geführt und ihn veranlaßt habe, die fließenden ſchönen Ge⸗ wänder zu verlaſſen, um ſo harte und häßliche Formen an⸗ zunehmen. Doch ſelbſt bei der damaligen Mode gab es eine Zufluchtszeit, welche dem Menſchen einen Theil des Tages hindurch den ſonſtigen ſteifen Zwang erſparte; dies geſchah mittelſt der Schlafröcke, wie die Damen ſie nannten. Der Ausdruck war zwar ziemlich unrichtig gewählt, denn das Wort Schlafrock bedeutete blos eine leichte bequeme Mor⸗ genkleidung, in welcher man oft die frühen Stunden des Ta⸗ ges zubrachte, ehe man ſich zum Spaziergange oder zur Tafel ankleidete: ſie wurde angelegt, ſobald man Morgens aufſtand und gegen die Gewänder vertauſcht, in denen man die Nacht wirklich zugebracht hatte; ja zuweilen pflegte man ſogar in dieſen Schlafröcken auszugehen, ehe die conventio⸗ nelle Stunde des öffentlichen Auftretens geſchlagen hatte. Die junge Dame, welche ich dem Leſer vorgeſtellt habe, ſaß an einem Tiſche etwas außer dem Bereiche der Son⸗ nenſtrahlen, welche durchs Fenſter ſchienen und den Boden mit zitternden Arabesken bemalten; aber ihre Augen konn⸗ ten den blauen Himmel und die wandelnden Wolken errei⸗ chen, wie ſie mit ſtummer Eile auf den Flügeln des Windes dahingetragen wurden. Es war ſehr ſtill und ruhig in dem weiten hohen Gemache; man konnte die Vögel draußen ſin⸗ gen hören, die geſchäftigen kleinen Fliegen— dieſe wunder⸗ barſten Zeugen von der mechaniſchen Weisheit des Schöpfers — ſummten um die Fenſter, und oben auf der Treppe ließ eine Uhr ihr ſchwaches Ticken vernehmen. Dies war aber — auch Alles, was das Ohr erreichte, und dieſes Wenige ſchien das Schweigen nur noch mehr zu dämpfen. Die Dame ſprach nicht, rührte ſich nicht, ſondern ſaß mit dem Ellbogen auf den Tiſch gelehnt, die roſenrothe Wange auf der weißen Hand ruhend, die befranzten Vorhänge ihrer Augen aufgeſchlagen und die ſanften, glänzenden, nußbrau⸗ nen Augenſterne gegen den tiefen ſonnebeglänzten Himmel erhoben. Ein Buch lag auf dem Tiſche, aber ſie las nicht darin; eine Mandoline ſtand in der Ecke— ſie berührte ſie nicht: ihre Gedanken waren ſehr geſchäftig und ihr Herz war bei ihren Gedanken. Gleichwohl hatten die Bilder, die Fragen und Antwor⸗ ten, welche ſich ihrem Geiſte darboten, nichts mit jenen Ge⸗ meinplätzen zu ſchaffen, welche einer, der ſie nicht kannte, bei ihr hätte ſuchen können. Sie ſtand in der heiteren, hoff⸗ nungsvollen Zeit des Lebens, in jenem Frühling des Da⸗ ſeyns, wo der ſich öffnende Buſen der Roſe mit der Biene buhlt. Dennoch dachte ſie nicht an Liebe. Sie kannte ſte kaum dem Namen nach, keineswegs aber durch Empfindung, ſo ſehr auch das junge Herz nach Dem verlangt, was der einzige Mangel in Edensgarten war, als Adam zuerſt ge⸗ formt wurde. Auch war es nicht das muntere Ballſpiel, der Spaziergang oder einer jener modiſchen Beluſtigungen des Tages, was ſie beſchäftigte, denn ſie waren ihr ebenſo unbe⸗ kannt wie die Liebe; wohl aber ſtanden Räthſel vor ihrer Seele, welche ſchon manchen betagten Philoſophen verwirrt haben, wenn ſie auch nicht auf ſehr philoſophiſchem Wege verfolgt wurden. Wild und fremdartig fliegen ſie auf, gleich 31 den phantaſtiſchen Formen der Wolken, und ſie jagte ihnen in Gedanken emſig nach, wie das Kind die entſchwindenden Schatten verfolgt, welche ſeiner Eile ſpotten. „Was bin ich?“ fragte ſie ſich;„aus welch fremdar⸗ tigen Elementen zuſammengeſetzt! Körper und Geiſt, Leib und Seele! Was iſt das? Iſt der Körper des Geiſtes Sklave oder ſein Gefangenwärter— iſt er Herr oder Diener? Ich kann nichts bemerken, als was er mir zu bemerken erlaubt. Er vermittelt meinen ganzen Verkehr mit belebten und leb⸗ loſen Dingen; da herrſcht und triumphirt er, da iſt er der Tyrann, der Gefangenwärter. Aber ich kann meine Augen ſchließen, und der Geiſt, gleichſam befreit von der harten Feſſel, kann ſich weit in den hellen blauen Himmel auf⸗ ſchwingen und ihn befragen, was ſich zwiſchen mir und ihm befindet. Iſt es denkbar, daß das Menſchengeſchlecht der große Ruhepunkt in Gottes Schöpfung, und daß zwiſchen uns und Ihm nur eine weite unbevölkerte ſeelenloſe Leere wäre? Oder iſt jener weite Luftraum, ſind die Sterne, der Himmel, das Univerſum mit Weſen, die ich nicht ſehe, be⸗ völkert, ſchweben ihre Geiſter in jenen Wolken, welche gleich elfenbeinernen Wagen durch die Lüfte rollen? Gibt es Ge⸗ ſchöpfe des Lichts und der Freude, welche bald in den Son⸗ nenſtrahlen tanzen, bald unter den grünen Blättern des Wal⸗ des ruhen? Wenn dies der Fall iſt— ſollte es zwiſchen mir und ihnen keine Mittel der Mittheilung geben? Sollte dieſer Koͤrper die Schranke ſeyn zwiſchen dem Geiſte, den ich in ihm fühle und dem Heere von Geiſtern, die ihn um⸗ geben? Sonderbares, ſonderbares Daſeyn! was biſt du — was bin ich?“ So ſchweifte ihr Geiſt in emſigen ſcharfſinnigen, aber ungeleiteten und unbefriedigten Forſchungen. All die gro⸗ ßen Probleme des menſchlichen Daſeyns ſchienen ihre Phan⸗ taſie zu bedrängen und eine Antwort von dem zu verlangen, der keine zu geben vermag. Das waren für ein Mädchen von achtzehn Jahren be⸗ fremdende Gedanken; aber vielleicht weniger unnatürlich für einen raſchen, lebhaften Geiſt unter den Umſtänden, wie ſie hier vorlagen. Das Herz hatte keine Beſchäftigung, und doch konnte die Einbildungskraft unmöglich müßig bleiben. Es waren freilich befremdende Gedanken, aber ſo war nun einmal Emmelinen's Nachdenken. Sie war ohne Geſellſchaft, hatte Niemand um ſich, den ſie Freund oder Freundin nennen konnte; die armen Fi⸗ ſcherleute in dem Dorfe Ale waren ihre nächſten Nachbarn: im Hauſe war kein Menſch, mit dem ſie ihre Gedanken hätte austauſchen können. So war es ſeit vielen Jahren gewe⸗ ſen, und ihr Geiſt, ſoweit er auch zurückſchweifte, vermochte ihr immer nur denſelben Zuſtand darzuſtellen. 1 Weit, weit weg in der fernen Vergangenheit zeigten ſich zwar vor dem Auge der Erinnerung phantomähnliche Bilder — füße und liebliche Bilder, aber ſchwach und unbeſtimmt, Weſen, die ſie liebten, Geſtalten, die ſich mit Zrtlichkeit über ſte beugten, Stimmen, die ſogar in der Erinnerung muſt⸗ kaliſch klangen: allein ſie ſah ſie nur wie durch ein Glas, ſie konnte ihnen nicht näher kommen, konnte ihre Spur nicht 33 beutlicher verfolgen. Es war wie der Anblick eines fernen Landes von der See aus geſehen, lieblich zu ſchauen aber nicht zu erreichen, weil die Wogen zwiſchen dem Zuſchauer und ſeinem Ziele fließen.. Nach dieſem erſten Eindrucke und einem darauf folgen⸗ den Zeitraume der Dunkelheit, worin nichts zu erkennen war, kam die Geſtalt eines ehrwürdigen alten Mannes, des ar⸗ men Geiſtlichen der Gemeinde, deſſen ſie ſich recht wohl er⸗ innerte. Er hatte ſie Vieles gelehrt, und es hatte geſchie⸗ nen, als ob er ſie mit beſonderer Liebe und Zärtlichkeit be⸗ trachte; er hatte ſie im Denken unterrichtet und ihr Freude am Nachgrübeln, am Leſen und am Nachſinnen über das Geleſene beigebracht; denn die mehr ſpielenden Theile einer Frauenerziehung, wie man ſie nennen könnte, hatte ſie nie⸗ mals erhalten. Zwar hatte man ihr aus den benachbarten Städten Lehrer herbeigeſchafft; aber das waren nur pedan⸗ tiſche, ſchwerfallige, materielle Inſtruktoren— der Einzige, der ſie wirklich unterrichtet hatte, war jener alte Geiſtliche. Er war nun aber dahin gegangen und ſie fand ſich ohne Führer, denn der Paſtor, der ihm folgte, war ein fetter, jo⸗ vialer Lebemann, der das Materielle mehr als das Geiſtige liebte, und deſſen Wochenpredigt eine ſchwerere Laſt auf die Schultern ſeines Geiſtes wälzte, als er zu tragen fähig war. Er ſuchte ſich weder Kenntniſſe zu erwerben noch ſolche mit⸗ zutheilzn, wenn nicht etwa darüber, wo guter Wein geſchenkt, wo guter Punſch gebraut oder wo und um welche Stunde der ſaftige Braten geröſtet wurde. Ich habe geſagt, der alte Geiſtliche habe ſie Vieles James. Henry Smeaton. 3 34 gelehrt; aber es gab doch Eines, worüber er ihr nichts ge⸗ ſagt hatte, nämlich ihr eigenes Schickſal und die Geſchichte ihres Hauſes. Er hatte es ſorgfältig vermieden, und wenn auch vielleicht ungerne, ſo doch mit Abſicht die Thatſachen der Vergangenheit ihrem Gedächtniſſe entſchwinden laſſen. Oft hatte ſie nachgefragt, war aber immer mit Ernſt zu⸗ rückgewieſen worden, und es waren ſo manche Umſtände dazu getreten, welche ſie ſchon in dem Alter von vierzehn Jahren (ſoviel zählte ſie damals, als er ſtarb) auf den Glauben brachten, daß er ſich durch ein Verſprechen verbindlich ge⸗ macht habe, jede derartige Unterweiſung zu unterlaſſen. Sie vermuthete ſogar manchmal, dieſes Schweigen über ihre Geſchichte ſey ein Theil eines Vertrags, ſey gewiſſermaßen die Bedingung geweſen, unter welcher er ſie habe beſuchen und unterrichten dürfen. Mit wem war aber jener Vertrag geſchloſſen? Ver⸗ muthlich mit jenem ſchwärzlichen Manne, der jetzt eben wie zur Reiſe geſtiefelt und geſpornt auf der Terraſſe unten ſpa⸗ ziert und ſeine Roſſe erwartet. Er hat nichts beſonders Auffallendes in ſeinem Aeußern; ſein Geſicht iſt nicht ab⸗ ſtoßend, ſeine Züge nicht übel gebildet, nur ſeine Augen ſte⸗ hen vielleicht etwas zu nahe beiſammen und die Augäpfel ſind zu klein, wie wenn ſie beſtändig von einem Uebermaß des Lichtes zuſammengekneift würden. Er iſt von mittlerer Größe, breitſchulterig, aber nicht korpulent, und mag etwa fünfzig Jahre zählen. Miene und Weſen ſind die eines Gentlemans, ſeine Tracht reich und koſtbar; er iſt im Gan⸗ zen ein gut ausſehender Mann in mittleren Jahren, nur mit. 35 einem gewiſſen Anſtriche übergroßer Schlauheit, der die Leute wohl warnen könnte, im Verkehren mit ihm auf der Hut zu ſeyn. So iſt Sir John Newark, der Beſitzer des Herrenhauſes von Ale und deſſen Ländereien. Emmeline konnte ſich nicht erinnern, wenn ſie ihn zuerſt geſehen hatte. Ihr Gedächtniß reichte nicht ſo weit zurück, aber ſie wußte, daß ſie nicht ſein Kind war. Sie wußte es nicht nur— ſie fühlte es auch, und er ſelbſt nannte ſich immer ihren Vormund. Darunter verſtand er keineswegs ihren Tyrannen, denn er war freundlich gegen ſie, ſo freund⸗ lich ein Mann von kaltem, berechnendem, ſelbſtſüchtigem We⸗ ſen es nur ſeyn konnte. Auch war er kein ganz unerfreu⸗ licher Geſellſchafter; zwar beſaß er nicht den geringſten Funken von Einbildungskraft, wie denn die Phantaſie bei ihm ein Vogel ohne Flügel war— zwar konnte er ſchon das bloſe Vorhandenſeyn von Phantaſie bei Anderen und noch viel weniger einen jener großmüthigen unwillkührlichen Im⸗ pulſe des Herzens begreifen; aber er hatte ſich doch in manchen Dingen einen guten Vorrath von Wiſſen geſammelt, wußte angenehm zu unterhalten und hatte einen großen Theil der Welt geſehen. Emmelinens Charakter verſtand er ganz und gar nicht; aber wie geſagt, er war freundlich und ſogar nachſichtig ge⸗ gen ſie. Sie hatte ihre eigenen Pferde und Diener, durfte durch Wälder und über Hügel zu den Fiſcherhütten hinab und ſogar in die benachbarten Städte ſtreifen. Der einzige Zwang, den er ihr auferlegte, war der Art, wie die dama⸗ ligen Sitten der Geſellſchaft ihn rechtfertigten, ja wohl ge⸗ 3* 36 radezu verlangten. Sie durfte kein Haus beſuchen ohne die Begleitung einer ältlichen Frau, die er ihr beigegeben hatte, und welche die Rolle einer Duenna mit viel Geſchick und Umſicht ſpielte. So oft ſie nach dem kleinen Städtchen Seaford ging, geſchah es immer in zahlreicher Begleitung; überhaupt war ſie niemals ohne Beobachter, als während ſie ſich im Park oder Herrenhauſe von Ale aufhielt: dort fand ſie volle Freiheit und wußte ſie auch zu genießen. Man darf nicht glauben, daß ſie Sir John's Aufſichts⸗ maßregeln ſehr hart fand; ſie wußte, daß ſie in gewiſſem Grade durch die Sitte geboten waren und er hatte für jede Verordnung ſeine guten Gründe anzugeben. Er pflegte des Abends, wenn ſie allein ſaßen, oftmals mit ihr über ſolche Dinge zu reden; beſonders waren es zwei bis drei Punkte, die er ihr feſt einzuprägen ſuchte, und welche am Ende Zwei⸗ fel und Nachfragen(denn Argwohn darf ich es nicht nennen) bei ihr veranlaßten. Er hatte eine große Abneigung gegen Ausländer— welcher Klaſſe ſie auch angehören mochten, und ſo oft auch nur Fiſcher oder Schmuggler von der fran⸗ zöſiſchen Küſte das Dörfchen Ale beſuchten, was zuweilen der Fall war, verbot er Emmelinen auf's Strengſte, irgend welchen Verkehr mit ihnen zu pflegen; ſie mußte ſich dann innerhalb der Parkmauern halten und durfte nichts von ihren Händen annehmen, auch wenn es als Geſchenk überſchickt wurde. 4 „Du haſt keine Freude an Flitter oder Spitzen, Em⸗ meline,“ pflegte er zu ſagen,„das weiß ich recht wohl; Du könnteſt es aber für unhöflich halten, eine kleine Gabe zu⸗ 37 rückzuweiſen, wenn ſie mit der dieſen Männern eigenen Grazie angeboten wird. Da erinnere Dich nur immer, daß ſolche Dinge nie ohne Abſicht, und zwar meiſt in ſchlimmer Abſicht ausgeboten werden.“ Anfänglich als ſie noch ſehr jung war, horchte ſie mit unbedingter Verehrung auf ſolche Lehren; als ſie aber älter wurde und Vieles las, da begann ſie erſt zu zweifeln, ob es nicht Vorurtheile von ihm ſeyen, und dann als er immer wieder auf daſſelbe Thema zurückkam, fing ſie an zu glau⸗ ben, er müſſe hiezu einen Beweggrund haben, den er nicht äußern mochte, denn aus ſeinem Verfahren mit Anderen hatte ſie bereits entdeckt, daß erſelten ohne perſönliche Ab⸗ ſicht ſprach oder handelte. Wir vergeſſen nur zu oft, daß wir die Kinder ebenſo gut unſern Charakter, wie andere Dinge lehren, und daß jeder Tag eine Lektion iſt. Eines Abends während vielleicht ſolche Gedanken ihren Geiſt beſchäftigten, äußerte ſie in nachdenklichem Tone, ſie möchte wohl fremde Länder und deren Bewohner ſehen. Sein Auffahren bei dieſen Worten beunruhigte ſie; er gab übrigens damals keine Antwort, blieb jedoch den ganzen Abend in tiefe düſtere Träumereien verſunken. Den Abend darauf kam er ſelbſt auf den Gegenſtand zurück und ſprach mit ihr in ernſtem aber freundlichem Tone, offenbar nach einem zuvor entworfenen Plane. Es ſchien, als habe er ſich entſchloſſen, auf einen Gegenſtand einzu⸗ gehen, den er lieber vermieden hätte; jedes Wort, das er dabei äußerte, ſchien zuvor auf's Genaueſte abgewogen zu ſeyn. „Du ſagteſt mir geſtern Abend, Du moͤchteſt gerne fremde Länder beſuchen, Emmeline,“ begann er.„Du weißt nicht, was Du wünſcheſt, mein Kind, denn das wäre geradezu Dein Untergang.“ „Dann will ich es nicht länger wünſchen„“ antwortete ſie mit heiterem Blicke, dem aber ein augenblicklicher Schau⸗ der folgte als ſie fortfuhr:„doch wußte ich nicht und hatte nie davon gehört, daß die Fremdlinge ſo gottlos oder ihre Länder ſo ſchlimm ſeyen. Ich hatte im Gegentheil von mancher hohen und edlen That unter ihnen geleſen, und dachte ſie mir ſo ziemlich wie die Engländer, nur eine an⸗ dere Sprache redend.“ „O weit entfernt, Emmeline— viel tiefer ſtehend,“ gab Sir John Newark zur Antwort;„wenn dies übrigens Alles wäre, ſo wollte ich mich nicht darob bekümmern und würde Dich gerne an einen luſtigen ausländiſchen Hof füh⸗ ren, um Dich den Unterſchied ſelbſt beurtheilen zu laſſen.“ „Ich habe bis jetzt keine Höfe geſehen und wünſche nur wenig, ſie zu ſehen,“ bemerkte Emmeline. „Du ſollſt es bald,“ ſagte ihr Vormund,„denn es iſt nothwendig, daß jede Frau, welche für eine höhere Lebens⸗ ſphäre beſtimmt i*ſt, ſich erſt an Höfen umſieht. Um übri⸗ gens wieder auf das Geſagte zurückzukommen: der Beſuch fremder Länder könnte— ja müßte ſogar unvermeidlich Dein Untergang werden. Es wird nicht mehr lange an⸗ ſtehen, und jedenfalls wenn Du heiratheſt— werde ich Dir die ganze Geſchichte Deiner Familie erzählen. Dies jetzt zu thun, wäre unpaſſend; aber ſoviel darf ich Dir wohl 39 ſagen, daß jenſeits der See hartnäckige Feinde Deines Na⸗ mens leben, deren theuerſter, ſehnlichſter Wunſch erfüllt würde, wenn ſie Dich nur in ihre Gewalt bringen könnten.“ „Was würden ſie mit mir anfangen?“ fragte Emme⸗ line einfältig. Die Frage ſchien ihn in Verlegenheit zu ſetzen, und er ſchwieg eine Weile in düſterem Nachſinnen. „Ich kann Dir's nicht ſagen,“ erwiederte er;„ich weiß nur, daß ſie Viele durch ihre Plane ruinirt haben. Du biſt die Letzte, deren Untergang ihnen noch übrig bleibt. Sie könnten ſich allerdings,“ fügte er in überlegendem Tone bei,„ſte könnten ſich allerdings in Anbetracht Deiner Ju⸗ gend und Unſchuld damit begnügen, Dich in ein Kloſter einzuſchließen, aus dem Du nie wieder an's Tageslicht kämeſt.“ „Das wäre ſchlimmer als der Tod,“ rief Emmeline. „Ihr Zweck würde durch dieſes Mittel ſo gut wie durch andere erreicht,“ fuhr Newark fort, ſcheinbar ohne auf ſie zu hören,„und es iſt dies vermuthlich der Weg, den ſie ein⸗ ſchlagen würden, wenn ſie Alles ſo ſicher und unwiderruflich einrichten könnten, daß für Dich keine Möglichkeit, je wieder in der Welt zu erſcheinen, übrig bliebe. Könnten ſie Dich „zu dieſem lebendigen Tode verurtheilen, ſo würden ſie ſich wohl damit begnügen.“ Emmeline ſchauderte und betrachtete ihn mit einem Blicke der Furcht. „Meine einzige Sorge iſt für Dich, theures Kind,“ .fuhr er in ſeiner Rede fort.„So lange ich lebe, werde ich Dich ſchützen und vertheidigen. Biſt Du einmal verhei⸗ rathet, ſo wird Dein Gatte— wer er auch ſey— daſſelbe thun. Bis dahin aber laß Dich warnen, meine Emmeline. Meide alle Perſonen von jenſeits der See, ſo wie Du Peſt⸗ kranke fliehen würdeſt, denn es gibt keine Liſt oder Gewalt⸗ that, zu der Deine Feinde nicht ihre Zuflucht nähmen, wenn ſie einen Erfolg davon erwarten könnten. Bis jetzt habe ich Dich bewacht und werde es auch ferner thun; aber Du biſt nunmehr alt genug, um eigene Vorſichtsmaßregeln um Deiner ſelbſt willen zu ergreifen. Ich habe Dich vor der Gefahr gewarnt; behalte meine Worte immer im Gedächt⸗ niß und ſuche ihr, ſoviel Du nur immer kannſt, auszu⸗ weichen.“ Emmeline gab keine Antwort, ſondern. blieb mit nie⸗ dergeſchlagenen Augen und geſenkter Stirne wie in ernſtem Nachdenken ſitzen, bis er in etwas ſcharfem Tone fragte: „Hörſt Du mich, Emmeline? Ich ſagte, ſuche dieſer Gefahr durch alle Mittel auszuweichen.“ „Ich will, ich will gewiß,“ rief Emmeline die Hände faltend, bis ſie im nächſten Augenblicke in Thränen aus⸗ brach und aus dem Zimmer rannte. „Es hat mehr gewirkt als ich erwartete; aber es iſt ganz gut ſo“— alſo lautete die einzige Bemerkung, die ihr Vormund bei ſich ſelber anſtellte. 3 Groß in der That war die Wirkung, denn ſie gebar in Emmelinens Seele die erſte Angſt, welche ſie jemals kennen gelernt hatte. Sie hatte bis jetzt nicht gewußt, daß ſie einen Feind auf Erden habe. Jedes menſchliche Weſen 41 ſchien ſie zu lieben, Alle waren freundlich gegen ſie geweſen; ſogar der rohe, ſtumpfe, trübſinnige Sohn ihres Vormunds, ein Junge von etwa ſiebzehn Jahren, dem es ziemlich ſtark am Verſtande fehlte, hatte ſich lieb und ſanft gegen ſie gezeigt, und wenn er zu Hauſe war(was ſelten vorkam, da er in der Hoff⸗ nung, ſeinen trüben und ſchwachen Geiſt zuſtärken und zu erhei⸗ tern, in einer Londoner Schule erzogen wurde), ſo konnte Emmeline Alles mit ihm anfangen. Er ſaß dann neben ihr, indem er ſich mit Vorliebe einen Schemel zu ihren Füßen wählte, hörte auf Alles, was ſie ſagte, gab ihr auch wieder Antwort, und ſein Geiſt ſchien ſich an dem Lichte des ihrigen etwas zu erhellen. Alle hatten freundlich und gütig gegen ſie geſchienen, und jetzt erfuhr ſie, daß ſie einen Feind habe— einen Feind von der düſterſten, unverſöhnlichſten Gattung— einen Feind ohne Urſache. Das war ihr ſchrecklich, und gerade die Unbeſtimmtheit der Nachricht, die ſie empfangen, die düſteren Winke, welche die Leidenſchaften, die Gefahr und die Perſon nur mehr beſchatteten, ver⸗ größerten ihren Schrecken. Umſonſt ſuchte ſie ihr Herz gegen alle Beſorgniſſe zu ſtählen oder die Dinge umher zu prüfen, um zu entdecken, wo ihr eine wirkliche Gefahr drohe, und welcher Art dieſe ſey; ihr Geiſt war wie Einer, der da ſchüchtern im Dunkeln wandelt und die Blicke um ſich wirft, nur um für das Auge der Phantaſie Gegenſtände des Schreckens zu entdecken. Alles, was ſie wußte, war, daß ſie einen finſteren, geheimnißvollen, boshaften Feind habe; das war aber vollkommen genug, um ſie zu deprimiren, zu erſchrecken und aufzuregen. 42 Das Herz der Jugend beſitzt jedoch eine beſchwich⸗ tigende Kraft, welche nicht leicht fehl geht, und die Wir⸗ kung jener Worte, obwohl noch immer fortdauernd, wurde in den nächſten zwei bis drei Monaten, welche ſeit jener Stunde verſtrichen waren, bedeutend ermäßigt. Sie hatte ſich zu ihren Gedanken und Träumen geflüchtet, hatte mehr als früher geleſen, mehr geträumt— ich meine wachend— und hatte Troſt in ſolchen Beſchäftigungen gefunden. Sie beſchränkte ſich übrigens mehr auf den Park, ſchien gerne mehr Leute um ſich zu verſammeln, wenn ſie deſſen Mauern überſchritt und blieb ungeheißen zwei volle Tage zu Hauſe, als ſie erfuhr, daß ein fremder Kutter in der Ale⸗Bai vor Anker liege. Ihr Vormund bemerkte dies Alles und ſchien wohl da⸗ mit zufrieden; als er jetzt in Geſchäften, welche nach der gedankenvollen Miene, die er zwei Tage vor ſeiner Abreiſe mit ſich herumgetragen hatte, von Wichtigkeit zu ſeyn ſchie⸗ nen— nach London aufbrach, verließ er ſie in der Ueber⸗ zeugung, daß die Beſorgniſſe, die er ihr eingeflößt, während ſeiner Abweſenheit die Rolle von Schutzwächtern ganz wohl erfüllen würden. Als ſie ſo daſaß und nach dem Himmel emporſchaute, da wußte Emmeline nicht, daß er wirklich zum Aufbruche bereit ſey, denn er war kein Freund vom Abſchiednehmen und ſagte ihr ſelten Lebewohl, wenn er aus⸗ zog. Einige Minuten ſpäter vernahm ſie jedoch den Klang von Pferdehufen, und als ſte au's Fenſter eilte, ſah ſie Sir John Newark im Begriffe aufzuſteigen, mit zwei bis drei Dienern um ihn her, während ein Mann zu Fuß ein Pack⸗ . 43 pferd am Zügel hielt. Ihr Vormund erhob ſeine Augen zum Fenſter, ſobald er im Sattel ſaß, und Emmeline winkte ihm mit der Hand ihr Lebewohl zu. Er nickte blos mit dem Kopfe und ritt davon, indem er ſie als Herrin des Hauſes und ſcheinbar auch ihrer eigenen Handlungen zurückließ. Drittes Kapitel. Nachdem wir einen Augenblick ſtillgeſtanden, um ne⸗ benher eine andere Geſchichte zu erzählen, müſſen wir nun in das kleine Beſuchzimmer Van Nooſt's, des Bleiſtatuen⸗ fabrikanten, zurückkehren und dabei annehmen, daß eine bis zwei Stunden verſtrichen ſind ſeit wir ihn und ſeine Ge⸗ fährten verlaſſen haben. Van Nooſt war unterdeſſen in ſeinem ganzen Hauſe herumgewatſchelt, voll Eifer, ſeinem Beſuche jede Art von Aufmerkſamkeit und Gaſtfreundſchaft zu erweiſen; er hatte einen flinken Koch zur Konferenz in ſeine Werkſtatt berufen, hatte einen Arbeiter und zwei bis drei Jungen, die ihm in ſeinem Geſchäfte behülflich waren⸗ mit leiſen Weiſungen und Inſtruktionen durch die Hinter⸗ thüre des Hauſes zu einer Fouragirung— wie man es eigentlich nennen könnte— auf den Mayfair⸗ und She⸗ pherdsmarket“ geſchickt. Wohlgemerkt, dieſer Mayfair be⸗ ſtand damals noch aus bloſen Feldern, auf welchen der Markt bis in die letzten Jahre gehalten worden war; in *ꝗ„Mai⸗ und Schäfermarkt.“ 44 ſeiner unmittelbaren Nachbarſchaft befand ſich eine Anzahl von Wirthshäuſern, Tavernen und Speiſewirthſchaften, deren Eine die wohlberühmte mit dem Schild des Hundes und der Ente war. Allen ergriffenen Vorſichtsmaßregeln zum Trotze hielt es der gute Van Nooſt dennoch für paſſend, ſich im Voraus wegen der Kargheit und Dürftigkeit des einzigen Mahles zu entſchuldigen, das er ſeinem ausgezeichneten Gaſte würde vorſetzen können; doch Smeaton erwiederte mit heiterem Lachen, ſeine Hand auf Van Nooſt's Schulter legend: „Ich würde ja den Namen eines Kriegers kaum ver⸗ dienen, mein guter Freund, wenn ich nicht das Fleiſch von Pferden und todten Katzen in einer belagerten Feſtung als vortrefflich zu ſchätzen wüßte, und in letzterem Lichte müſſen wir doch wohl Euer Haus betrachten, nachdem Ihr Euch die Mühe genommen, die Thüre zu verriegeln. Was Ihr mir immer vorſetzen könnt, wird mir ſehr willkommen ſeyn, denn ehrlich geſtanden, ich hatte dieſen Morgen ſo viel zu thun, daß ich noch nicht gefrühſtückt habe.“ Als jedoch das Mahl auf den Tiſch geſtellt wurde, zeigte es ſich vollkommen geeignet, Van Nooſt's verun⸗ glimpfende Entſchuldigungen Lügen zu ſtrafen. Es war nicht allein reichlich, ſondern auch höchſt ſchmackhaft, ob⸗ wohl in den Gerichten der anererbte Geruch holländiſcher Kochkunſt vorſtach, der ſie im Allgemeinen für engliſche Gaumen nicht ſehr empfehlenswerth gemacht hätte. Wein führte Van Nooſt keinen, aber das Bier war ſehr gut, und nach dem Eſſen holte der ehrenwerthe Wirth aus einem 45 Schenktiſch in der Ecke eine große ſchwarze Flaſche mit einem Halſe wie ein Kranich und einem Leibe wie der einer Gans herbei, die er ſeinem Gaſte mit der Verſicherung auf⸗ nöthigte, daß ſie mit ächtem altholländiſchem Zimmtwaſſer gefüllt ſey, deſſen Gleichen nicht in ganz England gefunden werde. Da das Getränk jedoch ſehr ſtark war und Smeaton ſich lieber einen kühlen Kopf bewahren wollte, ſo lehnte er es ab und überließ es Van Nooſt, ſich allein an dieſem va⸗ terländiſchen Spiritus zu ergötzen. Nachdem das Mahl vorüber war, ſchaute Smeaton durch das niedere Fenſter und ließ ſeine Blicke auf der Straße vor dem Hauſe auf⸗ und abſchweifen, bis er endlich gegen Van Nooſt bemerkte: „Der Mann iſt nicht mehr da; ich denke, jetzt könnte ich ebenſogut weiter gehen.“ 1 „O verlaßt Euch drauf, Mylord, er lauert noch irgend⸗ wo in der Nähe,“ meinte Van Nooſt.„Laßt Euch bitten, Euch nicht vor Einbruch der Nacht auf die Straße zu wagen. Sie werden Euch ganz gewiß bis an Euer Haus nachſpüren, und dann dürfte das Erſte, was Euch morgen Früh begrüßt, eine Vorladung in den Tower ſeyn.“ Smeaton ſchien jedoch keine große Beſorgniß wegen eines ſolchen Ausganges zu hegen, indem er bemerkte, daß bei ihm gar kein Vorwand zu ſo gewaltſamen Schritten vorhanden ſey. „Freilich wäre es mir nicht lieb, wenn ſie meinen Aufenthaltsort entdeckten, denn ſie könnten dadurch meine ferneren Schritte verwickeln,“ fügte er bei.—„Ich denke, 46 ich will lieber ſogleich nach Frankreich zurückkehren, Van Nooſt,“ ſchloß er nachdenkl ch. „Doch nicht, ehe Ihr Lord Orford geſehen habt?“ meinte der Andere mit einem Blicke der Ueberraſchung. „Vielleicht nicht,“ gab Smeaton zur Antwort;„das kann jedoch heute Nacht geſchehen. Der Brief, den ich bei mir trage, wird mir zu jeder Stunde Zutritt verſchaffen, ohne bei ihm oder irgend einer andern Perſon einen Arg⸗ wohn wegen meines eigentlichen Auftrages zu erwecken.“ „Und ſelbſt dann, mein guter Lord,“ bemerkte Van Nooſt—„wenn Ihr mir nämlich erlauben wolltet, meinen ergebenen Rath zu äußern— ſolltet Ihr noch eine Weile warten. Nicht in London, nicht in London, wohl aber in einem ruhigen Orte auf dem Lande, wo Ihr nicht bekannt wäret und dennoch Alles, was vorgeht, erfahren und für jeden Fall parat ſeyn könntet. Ich bin freilich nur ein ärm⸗ licher Statuenmacher, mit den Armen Apollo's und den Knöcheln der Venus beſſer bekannt, als mit den Gliedmaßen der Politik; aber gleichwohl glaube ich, daß es beſſer iſt, an Ort und Stelle zu ſeyn, beſonders wenn keine wirkliche Ge⸗ fahr droht. Jedenfalls wäret Ihr beſſer im Stande, die Geſinnung des Volkes und die Ausſichten für eine Erhebung zu beurtheilen.“ „Die Geſinnung des Volkes habe ich bereits kennen gelernt,“ erwiederte Smeaton mit bedeutungsvollem Lä⸗ cheln—„ich meine des Londoner Volkes. Von den Land⸗ edelleuten möchte ich allerdings etwas mehr erfahren, ob⸗ wohl ich ihren Verſtand mehr als ihre Wünſche, ihre Umſicht 47 eher als ihre Ergebenheit bezweifle. Was die Bevölkerung dieſer Stadt betrifft, ſo würde derſelbe Pöbel, den wir heute ein Hoch auf Oxford brüllen hörten, in drei Monaten eben ſo luſtig ſeiner Hinrichtung zujubeln.“ „Ach ja, das Volk iſt immer wankelmüthig— ich weiß es wohl,“ klagte Van Nooſt.„Die Zeit kann kommen, wo ſogar bleierne Statuen aus der Mode gerathen“— indem er ſchon bei dem bloſen Gedanken an eine ſolche Kataſtrophe tief aufſeufzte. In dieſem Augenblicke ſchien etwas auf der Straße Smeatons Blick zu feſſeln, während er in der Nähe des Fenſters ſtand und hinausſchaute; ſeine Züge geriethen in Spannung, ſeine Stirne runzelte ſich, die Augen blitzten, die Lippen krümmten ſich und die Nüſtern waren voll Kampf⸗ luſt aufgeblaſen. Gleich drauf riß er das Schiebfenſter auf, ſprang in den Garten, eilte durch dieſen in vollem Laufe (wobei er zwei bleierne Krieger und eine Waldnymphe um⸗ ſtürzte), ſetzte über den ländlichen Zaun und ſtand auf der Straße. „Wie könnt Ihr Euch herausnehmen, dieſen Knaben ſo grauſam zu ſchlagen, Sir?“ rief er ungeſtüm, einen Mann am Kragen faſſend, der ſoeben mit einem furchtbaren Schlage einen jungen Menſchen in feiner Kleidung nieder⸗ geworfen hatte, ſo daß dieſer noch immer wie betäubt am Boden lag. Smeaton ſchüttelte den Mann heftig, und Letzterer erwiederte in grobem, unverſchämtem Tone, indem er ſich frei zu machen ſuchte: 48 „Warum hat er mein Bein getroffen und meine Strümpfe beſchmutzt?“ „Bloſer Zufall,“ gab Smeaton zur Antwort.„Er kam die Straße herauf, ſein Stöckchen um ſich ſchwingend und berührte Euch blos zufällig. Steht ruhig! Ihr ſollt nicht eher gehen, bis ich weiß, wer Euer Gebieter iſt. Der Knabe blutet ja.“ „Ich werde nicht ſtehen bleiben,“ trotzte der Mann. „Nehmt Eure Hand weg oder ich werde Euch ebenſo wie ihn bedienen.“ In demſelben Augenblicke faßte er auch nach Smeatons Kehle und machte den Verſuch, ihm ein Bein zu ſtellen. Aber ſein Gegner war jünger, behender und nicht weniger ſtark wie er, wenn auch ſeine Geſtalt wegen der Symmetrie ihres Baues dem Auge viel ſchmächtiger erſchien. Es folgte ein Ringen, das aber nur eine Minute dauerte, worauf der Läufer— denn ein ſolcher war Smeatons Gegner— auf ſeinem Rücken im Staube lag. Der Knabe hatte ſich unterdeſſen halb aufgerichtet, und die Hände in kindiſcher Freude zuſammenſchlagend, rief er: „So iſt's recht, ſo iſt's recht!“ Ein kleiner Haufe hatte ſich um die Kämpfenden ver⸗ ſammelt; allein Smeaton bemerkte in jenem Augenblicke nichts als ſeinen Widerpart und fragte ihn noch einmal in ſtrengem Tone: „Wer iſt Euer Gebieter?“ 49 Der Mann ſchwieg, aber einer der Nebenſtehenden gab für ihn Antwort: „Er iſt einer von den Leuten des Grafen von Stair; ſeht Ihr nicht ſeine Farben?“ „Ja, ich gehöre zur Dienerſchaft des Earls von Stair,“ grollte der Läufer ſich erhebend,„und er wird es Euch entgelten laſſen, was Ihr gethan habt. Es ſind ſchon Augen auf Euch gerichtet, Meiſter.“ „Er ſoll Euch züchtigen oder die Handlung auf ſich ſelber nehmen,“ verſetzte Smeaton. Im ſelben Augenblicke zupfte ihn Van Nooſt am Aermel und flüſterte: „Kommt lieber herein, Sir, kommt lieber herein. Das iſt ein ſchlimmer Handel.“ „Kommt, junger Herr,“ rief Smeaton, ſeine Hand freundlich auf des Knaben Arm legend;„kommt herein mit. uns und laßt ſehen, ob er Euch ſchwer verletzt hat.“ Der Knabe folgte mechaniſch, Van Nooſt verſchloß das Gartenthor, das er geöffnet hatte; der Lakai zog brummend ab, während zwei bis drei Kinder hinter ihm herliefen, ſich jedoch in vorſichtiger Entfernung hielten, und das Häuſchen Zuſchauer ſich allmälig zerſtreute. Sobald ſie ſich im Hauſe befanden, machten ſich Smea⸗ ton und Van Nooſt an des Knaben Wunde, welche dieſer im Fallen am Kopfe davon getragen hatte. Sie war glück⸗ licherweiſe weder groß noch bedeutend, und man verſuchte zuerſt das Bluten zu ſtillen, wobei Smeaton den Jungen über Allerlei ausfragte, worauf dieſer mit Antworten erwie⸗ James. Henry Smeaton. 3 derte, die weder widerſinnig, noch ungehörig, aber ziemlich ſonderbar und ungewöhnlich waren. Shakſpeare würde ſie wahrſcheinlich„ſimple Antworten“ genannt haben, denn das Wort ſimpel hatte damals noch nicht die eingeſchränkte Bedeutung wie jetzt; gleichwohl lag zuweilen ein Anſtrich von Schlauheit in ſeinen Erwiederungen, der keineswegs einen Halbverſtändigen zu verkünden ſchien. Er gebrauchte allerdings Ausdrücke, welche theils kindiſch klangen, theils denen, die an ſeine Redeweiſe nicht gewöhnt waren, nicht ganz verſtändlich vorkamen; oft aber war ſeine Rede ſogar poetiſch oder beſſer geſagt bilderreich. Seinen Kopf nannte er unveränderlich ſeinen„Wackler“; von dem Boden, auf den er gefallen, ſprach er als der„Mutter Erde“; die Fauſt des Mannes, die ihn niedergeſchlagen, nannte er ſei⸗ nen„Plumpſack“ und den Schlag ſelbſt einen„Donner“. Den Schmerz ertrug er gelaſſen und ſchien ſich wenig aus dem Unfalle zu machen, während er zu gleicher Zeit gegen Smeaton eine enthuſiaſtiſche und für den erwieſenen Dienſt jedenfalls übermäßige Dankbarkeit wegen ſeines Auftretens überhaupt und beſonders dafür an den Tag legte, daß er ihn an dem Grobian, der ihn niedergeworfen, gerächt hatte. „Ja, ja,“ ſagte er mit geſpanntem Blicke in Smea⸗ tons Geſicht ſchauend,„es war ganz gut, den Kolterer zu lehren, daß er nicht zu lang iſt, um auch an der Mutter Erde zu liegen.“ Nach wenigen Minuten ſchien er ſich ganz erholt zu haben, und Van Nooſt reichte ihm trotz Smeatons Mißbil⸗ ligung einen Schluck von ſeinem holländiſchen Zimmtwaſſer, 51 das des Knaben gute Laune wunderbar ſchnell wieder her⸗ ſtellte. Bei all Dem zeigte er ſich ſehr preſſirt, um wieder fort⸗ zukommen, und ſeine Gefährten hatten keine beſondere Luſt, ihn zurückzuhalten, ſobald ſie fanden, daß er nicht ernſtlich verletzt war. Van Nooſt begleitete ihn an die Garten⸗ thüre und bemerkte bei ſeiner Rückkehr, daß ſein Gaſt in tiefes Nachſinnen gerathen war, das er ſogar nach ſeinem Eintritte noch eine Weile fortſetzte. „Ich bin jetzt entſchloſſen, Van Nooſt,“ ſagte Smeaton endlich.„Es gibt Umſtände, wo es ebenſo gut iſt, den Ochſen bei den Hörnern zu faſſen. Es iſt offenbar, daß Euer guter Freund, der Earl von Stair, mich erkannt hat. Wir haben zwar in unſerem Leben noch nie ein Wort ge⸗ wechſelt, aber er hat mich ſchon mehr als einmal geſehen. Ich mag nicht Verſteckens mit ihm ſpielen, ſondern will heute Nacht zu ihm gehen und verlangen, daß er dieſen Mann wegen der begangenen Beſchimpfung entlaſſe.“ Van Nooſt ſah ganz erſtaunt, ja ſogar entſetzt aus. „Aber mein theurer Lord,“ rief er,„bedenkt doch um's Himmelswillen, was Ihr thut. Handelte es ſich um die Einnahme einer Stadt oder um die Rettung eines Reiches, ſo mochte es allerdings der Mühe werth ſeyn, ſich in ein höͤlzernes Pferd zu ſtecken und wie vor Alters die griechiſchen Gentlemen ſich in des Löwen Rachen rollen zu laſſen; ſo aber muß ich ſagen, daß die Beſtrafung eines bloſen Läu⸗ fers kein ſolches Riſiko werth iſt. Bedenkt doch Eure Poli⸗ tik, edler Lord.“ 1 4 8 52 „Es iſt die beſte Politik, die ich befolge, Van Nooſt,“ entgegnete Smeaton.„Ich habe nichts zu fürchten als höchſtens etwas Unbequemlichkeit in Folge einer Entdeckung; die Entdeckung ſelbſt iſt aber bereits gemacht, und alle Ge⸗ fahr, die daraus folgen kann, muß dennoch erfolgen und läßt ſich theilweiſe vielleicht durch Kühnheit vermeiden.— Aber ſeht doch nach, wer draußen an der Glocke zieht.“ Van Nooſt rannte augenblicklich an's Fenſter und ſchaute gegen das Gartenpförtchen, wo eine große dort auf⸗ gehängte Glocke ſoeben heftig angezogen worden war. „Es iſt der Knabe und ein Gentleman mit zwei Die⸗ nern,“ ſagte er;„was ſoll ich thun?“ „O laßt ſie ein auf alle Fälle,“ rief Smeaton in hei⸗ terem, gleichgültigem Tone.„Jetzt, da ich entſchloſſen bin, die Verſtellung abzuwerfen, kann ich ebenſo gut ein Lever halten.“ Nicht ohne ſehr ſichtbares Widerſtreben rief der wür⸗ dige Bildhauer einen ſeiner Arbeiter und hieß ihn das Gar⸗ tenthor öffnen, um die Fremden einzulaſſen. Er that dies nicht ſelber, denn es überfiel ihn zuweilen plötzlich ein Ge⸗ fühl ſeiner Wichtigkeit, wo er es denn für nöthig erachtete, ſeine Würde aufrecht zu erhalten. Der Knabe und der Gentleman, der ihn begleitete, wurden alsbald in den Gar⸗ ten eingelaſſen; ſie hießen die beiden Diener am Thore blei⸗ ben und wanderten nach dem Hauſe, wo ſte unangekündigt in Van Nooſts Beſuchzimmer eintraten. „Der iſt's, der iſt's,“ rief der Knabe auf Smeaton deutend, welcher bis zu ihrem Eintritte ſitzen gebliehen war⸗ 5³ worauf der Begleiter des Knaben, ein wohlgekleideter Gentleman in mittleren Jahren, vortrat und ihm die Hand mit den Worten hinhielt: „Ich habe Euch ſehr zu danken, Sir, für die groß⸗ müthige Hülfeleiſtung, die Ihr meinem Sohne erwieſen.“ „Es thut mir leid, daß meine Hülfe nicht früher in Thätigkeit gerufen wurde, ſonſt hätte ich ihm einen ſehr ſchweren Schlag erſparen können,“ erwiederte Smeaton lächelnd, indem er die dargebotene Hand ergriff.„Ich er⸗ wartete nicht im Geringſten, daß ein großer kräftiger Mann wie jener daran denken könnte, einen jungen Gentleman in Eures Sohnes Alter wegen einer Beleidigung niederzu⸗ ſchlagen, welche offenbar blos zufällig war.“ „Es iſt eine leidige Gewohnheit unſerer großen Her⸗ ren, ſolche Raufbolde und Eiſenfreſſer in ihrem Dienſte zu halten,“ bemerkte der Andere.„Der Earl von Stair ſoll aber davon hören; er ſoll erfahren, daß wenn wir auch unter einem fremden Könige ſtehen, deſſen Kreaturen die Rechte und Gefühle eines Engländers mit etwas mehr Schonung behandeln müſſen.“ „Ich kenne den Lord Stair nur dem Gerüchte nach,“ erwiederte Smeaton;„nach Allem, was ich höre, kann ich aber kaum glauben, daß er ein ſo ſchimpfliches Beneymen bei einem ſeiner Diener dulden wird, und ich werde ganz gewiß von ihm verlangen, daß er dieſen Mann wegen ſei⸗ ner Unverſchämtheit gegen mich aus ſeinen Dienſten ent⸗ laſſe.“ „Ich werde darauf beſtehen,“ behauptete der Andere. „Wenn er auch Sir John Newark's Namen vielleicht noch nie vernommen hat, ſo ſind doch meine Beſitzungen und meine Stellung im Lande der Art, daß ich nicht ungeſtraft in der Perſon meines Sohnes beſchimpft werden darf.“ „Ich werde nicht mit Drohungen wider ihn auftreten, Sir John,“ bemerkte Smeaton mit feinem Lächeln,„ich werde vielmehr mit Lord Stair wie ein Gentleman mit ſei⸗ nes Gleichen verhandeln, und meine Forderung dahin ſtel⸗ len, daß er den Mann entläßt als Einen, der ſeinem Dienſte Schande macht. Ich denke nicht, daß er es abſchlägt; Ihr ſelbſt werdet natürlich in Eurer eigenen Sache nach Gut⸗ dünken handeln.— Jetzt aber laßt uns von erfreulicheren Gegenſtänden reden,“ fuhr er fort, dem Knaben die Hand reichend.„Als ich für Euch auftrat, mein junger Freund, da wußte ich nicht, daß ich dem Sohne eines Mannes diene, an den ich einen Brief von einem ſeiner vertrauteſten Freunde zu überliefern habe.“ Der Knabe faßte ſeine Hand und ſchüttelte ſie kräftig, indem er ausrief: „Das freut mich— das freut mich! Ich wußte ge⸗ wiß, mein Vater würde Euch lieb haben. Ihr habt den Kolterer ſchön zu Falle gebracht; ich hörte alle ſeine Kno⸗ chen krachen und dröhnen, als er niederſtürzte. Ich hätte ihm gerne einen Puff verſetzt; aber wißt Ihr, das wäre nicht nobel geweſen, nachdem er einmal darniederlag.“ „Darf ich wohl fragen, mit wem ich das Vergnügen habe zu reden?“ erkundigte ſich Sir John Newark, der ſei⸗ nen Gefährten nicht ohne Neugier betrachtet hatte. 3 5⁵ „Ich heiße Oberſt Henry Smeaton,“ erwiederte dieſer Gentleman;„zwar wird mein militäriſcher Rang vermuth⸗ lich in dieſem Lande nicht anerkannt werden, da er in Dien⸗ ſten des Hauſes Oeſterreich erworben wurde.“ Sir John Newark ſchüttelte ihm herzlich die Hand mit der Miene und Wärme eines alten Freundes. „Ich bin ſehr erfreut, Euch zu ſehen, Oberſt Smea⸗ ton,“ bemerkte er.„Ich habe bereits einen Brief em⸗ pfangen, der mich benachrichtigt, daß Ihr mich wahrſchein⸗ lich in meiner armen Behauſung aufſuchen würdet— von Lord Bolingbroke,“ ſetzte er bei, indem ſeine Stimme zum Flüſtern herabſank. „Der Brief, den ich habe, kommt vom Herzog von Ormond,“ erwiederte in kälterem Tone Smeaton, für den der Name Bolingbroke keine ſonderlichen Reize zu haben ſchien.„Wollt Ihr mir ſagen, wo ich die Ehre haben werde, denſelben abzuliefern, da ich ihn in dieſem Augen⸗ blicke nicht bei mir habe?“ „Ich hoffe nirgends als in meinem armen Herrenhauſe zu Ale,“ verſetzte Sir John.„Das iſt ein Vergnügen, auf das ich mich ſchon gefreut habe; ich ſtand eben im Be⸗ griff, dorthin zurückzueilen, um Euch bei Eurer Ankunft zu treffen. Mein Sohn kam mir aus ſeiner Schule entgegen, um morgen mit mir heimzukehren, als er auf obige Weiſe beleidigt wurde. Aber Du haſt mir, glaub' ich, erzählt, mein theurer Richard, daß dieſer andere Herr gleichfalls ſehr gütig gegen Dich war.“ Mit ſolchen Worten wendete er ſich gegen Van Nooſt, — ⁴j 56 der während dieſer Unterredung in der Nähe des Fenſters geſtanden hatte. „O ja,“ antwortete der Knabe.„Er gab mir einen lieblichen Trank ein und hätſchelte mich prächtig auf die Beine. Aber der Andere— der hat den dicken Grobian der Länge nach auf's Pflaſter geſtreckt.“ „Wollt Ihr nicht Platz nehmen, Sir John, und mir geſtatten, Euch ein Glas von dem lieblichen Tranke, wie Euer Sohn ihn nennt, zu reichen, der ihm ſo gut gethan hat?“ bemerkte Van Nooſt, dem Ritter einen Stuhl an⸗ bietend. „Nun, ich weiß nicht, wie man ihn nennt,“ verſetzte der Knabe; vich weiß nur, daß er ſchmeckte, als ob man Pfefferkuchen tränke— heiß und ſüß und dabei von ſehr lieblichem Geruch.“ 4 „Holländiſches Zimmtwaſſer— ich wollte wetten,“ verſetzte Sir John Newark, indem er ſich lachend niederließ. „Wir ſind in meinem Hauſe nicht ſehr an ſolche Dinge ge⸗ wöhnt, und ſo konnte er allerdings nicht wiſſen, was es war. Ich habe den Geſchmack davon beinahe vergeſſen; aber ich weiß, daß es ein ſehr guter Trank iſt, und ich habe durchaus nichts dagegen, Sir, Euren Vorrath zu verſuchen“ Nun muß der Leſer wiſſen, daß der größere Theil der engliſchen Nation damals von einer Krankheit ergriffen war, von der ſie ſogar noch jetzt nicht ganz frei iſt, obgleich neuer⸗ dings ein großer Arzt unter uns aufgetreten iſt, der ſich aus⸗ ſchließlich mit dieſer Kur beſchäftigte. Die Krankheit, die ich meine, iſt das Schnapstrinken, wovon eine Zeitlang 57 nicht allein die niederen, ſondern auch manche der hoͤheren Klaſſen heimgeſucht wurden. So war es denn an Sir John Newark keineswegs etwas Ungewöhnliches, wenn er ſich ſogar vor Tiſche zu einem Glaſe ſehr ſtarken Liqueurs verſtand; aber dieſer würdige Gentleman war bei Allem, was er that, nicht ohne ſeine eigenthümlichen Beweggründe, und wußte oft oder ſuchte ſie wenigſtens hinter einer Miene offenherziger liebenswürdiger Geradheit zu verſtecken. Für jetzt ſchien er an nichts als an Van Nooſtstrefflichen Liqueur zu denken, indem er ihm aufmerkſam zuſah, wie er die obener⸗ wähnte langhalſige Flaſche nebſt einem ausnehmend dünnen vergoldeten Weinglaſe auf ſchlankem leichtgeſchnitztem Fuße aus ſeinem Schenktiſche in der Ecke herbeiholte. „Das ſchäumt ja wie Rahm,“ bemerkte Sir John, als ſein Wirth den Hals der Flaſche über das Glas hielt. „Ja, das iſt keines von Eurem giftigen Gebräu, wie man es hier, aus alter Weinhefe oder verdorbenem Zucker bereitet, in den Läden der Lichterzieher und Barbiere ver⸗ kauft,“ bemerkte Van Nooſt noch immer zugießend;„nichts von Eurem Aqua mirabilis oder Aqua salis, kein Peſt⸗ oder Kolikwaſſer, ſondern ächter holländiſcher Zimmettrank, von meinem guten Vater in eigener Schiffsladung eingeführt. Verſucht ihn nur, Sir John, ich bin gewiß, er wird Euch im Herzen munden.“ Sir John trank und pries und trank von Neuem; dann bemerkte er gegen Smeaton, der unterdeſſen mit ſeinem Sohne geſprochen: „Ihr auf dem Feſtlande ſollt arge Trinker ſeyn, 58 Oberſt Smeaton, und würdet uns Engländer wohl bei jeder Wette zu Boden trinken.“ „In den Ländern, wo ich mich vornämlich aufgehal⸗ ten— keineswegs,“ verſetzte Smeaton;„ich meine Spa⸗ nien und einige der öſtreichiſchen Staaten. Zwar habe ich von ſchrecklichen Orgien unter den franzöſiſchen Ofſtzieren in Spanien vernommen; doch kenne ich nur wenig von Frankreich und den Franzoſen, da ich nur ein oder zweimal und zwar ſehr eilig ihr Land paſſirt habe.“ „Seyd Ihr auf Euren Reiſen jemals mit einem Gentle⸗ man Namens Sommerville— Richard Sommerville, zu⸗ ſammengetroffen?“ fragte Sir John Newark in ſorgloſem Tone. „Nein, daß ich nicht wüßte,“ erwiederte Smeaton kopf⸗ ſchüttelnd;„in welchem Lande wohnt er?“ „Das kann ich nicht genau ſagen,“ entgegnete Sir John Newark;„er iſt zwar ein entfernter Verwandter von mir, aber wir haben ſeit vielen Jahren nur wenig Verkehr mit einander gepflogen. Frankreich oder Lothringen war, glaub' ich, das letzte Land, wo man von ihm gehört hat.“ „Ich meine, mich doch zu erinnern, zu Nancy den Na⸗ men gehört zu haben,“ bemerkte Smeaton in nachdenklichem Tone.„Es hieß, er ſey ausgezogen, um ſein Glück unter den Spaniern in der neuen Welt zu ſuchen. Sommerville, ja, ja, ſo hieß der Name allerdings.“ .„O das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ meinte Sir John Newark.„Ich glaube, ein Gerücht ſolcher Abſicht iſt auch 59 mir zu Ohren gekommen. Ihr ſelbſt ſeyd nie in jenen golde⸗ nen Ländern geweſen?“ „Niemals,“ verſicherte Smeaton.„Die Reiſe iſt etwas weit, und da ich mit dem, was ich habe, wohl zufrie⸗ den bin, ſo fühle ich keine Luſt, mich um des bloſen Erwerbes willen aus aller Civiliſation zu verbannen.“ „Ich möchte das Land wohl ſehen, wo Gold wächst,“ fiel Sir John Newarks Sohn ein, ſeinen neuen Freund Smeaton mit geſpanntem Blicke betrachtend.„Wenn ich ein Lord im Goldlande wäre, würde ich Euch einen ganzen Baun ſchenken.“ „Dank Euch, mein theurer Junge,“ verſetzte Smeaton lächelnd;„ich fürchte nur, es würde mich keine geringe Mühe koſten, die Früchte jenes Baumes zu eſſen.“ „Ei Goldäpfel— es wären ja Goldäpfel,“ rief der Knabe, vor Freude über dieſen Gedanken die Hände zuſam⸗ menſchlagend.„Ich wollte, ich hätte jetzt einige; aber ſie ſind noch nicht reif.“ Das Geſpräch nahm jetzt eine andere Wendung. Sir John Newark wurde in der That luſtig und guter Dinge, drang von Neuem in Smeaton mit der Einladung nach ſeinem Hauſe zu Ale und wollte nicht eher gehen, bis er das bedingungsweiſe Verſprechen von ihm erlangt hatte, daß er, falls er ſich überhaupt einige Zeit in England auf⸗ halte, zu ihm kommen und vierzehn Tage bei ihm zubringen wolle. Er ſchüttelte ſeinem neuen Freunde beim Scheiden mit auffallender Wärme die Hand; aber in dem Händedruck des Knaben lag dennoch eine Herzlichkeit, welche Smeaton weit beſſer gefiel. „Ihr ſollt und müßt zu uns kommen,“ flüſterte ihm der Knabe ins Ohr;„dann will ich Euch alle Gebüſche und Pfade zwiſchen den Felſen und über die Klippen zeigen, wo außer den Seemöven und dem Fiſchadler Niemand als ich hindringt. Der alte Jones Skinner, der Schmuggler, hat dort den Hals gebrochen, und ſeitdem fürchten ſich die Leute; Ihr aber fürchtet Euch gewiß vor nichts.“ „Ich denke nicht,“ verſetzte Smeaton, und ſo trennte man ſich. Sobald ſie fort waren, ließ ſich Van Nooſt, der ſich für ſeine ſonſtige Schwatzhaftigkeit auffallend ſtumm und ſchweig⸗ ſam verhalten hatte, über Sir John Newarks Charakter folgendermaßen vernehmen: „Nehmt Euch mit ihm in Acht, Mylord,“ ſagte er. „Man darf ihm nicht trauen, und laßt ihn nur ums Him⸗ mels willen Euren wirklichen Namen nicht wiſſen. Erſt war er Dies, dann war er Das, wie er's gerade ſeinen eigenen Intereſſen für dienlich hielt. Unter des alten Königs Re⸗ gierung ſtand er einſt ſehr gut mit Sunderland und auch mit dem Herzog von Shrewsbury, drauf machte er dem Herzog von Marlborough den Hof und nun iſt er einer von Bolingbroke's Anhängern. Ich weiß nicht, ob er ein guter Feind iſt oder nicht; aber ſo viel bin ich ſicher, daß er kein guter Freund iſt. Dabei iſt er verſchmitzt, mächtig ver⸗ ſchmitzt, und hat es— nicht durch die feinſten Mittel, wie 61 es heißt— dahin gebracht, ſich großen Reichthum und weite Ländereien zu erwerben.“ „Ich werde auf der Hut ſeyn, Van Nooſt,“ verſicherte Smeaton ruhig;„aber jetzt, denk ich, könnt' ich gehen. Von meiner Unterredung mit Lord Stair wird jedenfalls Vieles abhängen. Er hat mich ſicherlich erkannt— nichts ent⸗ geht ſeinem ſcharfen Auge— und ich will bald ſehen, ob dieſes Erkennen mir gefährlich werden dürfte. Iſt dieß der Fall, ſo will ich bleiben und der Gefahr hier begegnen— wo nicht, ſo will ich eine Zeit lang nach Ale Menor gehen und den Gang der Ereigniſſe dort ruhig abwarten.“ Van Nooſt rümpfte die Schultern und ſchüttelte den Kopf. „Nun ja, mein guter Lord,“ ſagte er;„Ihr müßt freilich Euren eigenen Weg gehen und Euren Kopf in des Löwen Rachen ſtecken, wenn Ihr's für paſſend haltet; jedenfalls iſt es ein unerfreulicher Ort, um ſeinen Wackler darin zu begraben, und wäre ich an Eurer Stelle, ſo würde ich's gewiß nicht verſuchen.“ „Ich halte die Beſtie nicht für ſo gefährlich,“ lachte Smeaton;„doch wir werden ja ſehen. Und nun, mein guter Freund, will ich aufbrechen, denn die Schatten des Abends beginnen ſchon herabzuſinken.“ „Noch nicht, Mylord, noch nicht,“ jammerte Van Nooſt, der über Smeatons Beſchluß offenbar ſehr beunruhigt war. „Es iſt nur eine Wolke über den Himmel gezogen, und ich moͤchte gar gerne, daß Ihr Euch noch etwas länger bedäch⸗ tet. Ich könnte wohl ganz gut dem Lord Stair Trotz bie⸗ 62 ten und ſo unverſchämt mit ihm reden, wie wenn ich ſeines Gleichen wäre, denn erſtlich kann er nichts gegen mich be⸗ weiſen, als daß ich einen König mehr als einen andern liebe, und zweitens bin ich zu gering und machtlos um gefährlich zu ſeyn: der Mann, der es mit einem Bären, einem Wolf oder gar einem Löwen aufnimmt, wird oft einem Käfer oder Wurme aus dem Wege treten. Aber mit Eurer Lordſchaft iſt der Fall ganz anders: Ihr würdet ſchon einen ſchönen Fiſchzug abgeben, und ſie ſcheinen jetzt eben darauf erpicht, große Fiſche zu fangen.“ „Das iſt auch ganz klug von ihnen,“ ſcherzte Smeaton: „ein großer Fiſch iſt immer beſſer als ein kleiner.“ „Falſch, falſch, mein theurer Lord,“ rief Van Nooſt. „Schmellfiſche für mein Geld; nur ſind ſie ſo theuer— einen Schilling das Schock— daß ich ſie nicht kaufen kann.“ „Aber mein guter Freund,“ verſetzte Smeaton,„Ihr ſeyd in großem Irrthum über meine Stellung und Abſich⸗ ten, obgleich ich mir alle Mühe gab, ſie Euch zu erklären.“ „Ach, mir iſt mein Blei ins Hirn gedrungen,“ klagte Van Nooſt ſeufzend,„und wenn einmal eine Idee drin ſteckt, ſo wird ſie ſo ſteif wie ein Flußgott auf einem Springbrun⸗ nen und muß eingeſchmolzen und neu gegoſſen werden, bevor ſie eine andere Geſtalt annimmt. Aber Eure Lordſchaft wollte ſagen—— „Nur das Eine, mein guter Freund,“ verſetzte Smea⸗ ton ernſthafter,„daß ich nicht hieher komme, um eine Re⸗ bellion im Lande zu erregen, ſondern einfach blos deßhalb, um mich auf den Wunſch eines ſehr theuren Freundes von 63 den wirklichen Geſinnungen des Landes und beſonders von denen ſeiner leitenden Häupter zu überzeugen. Bis jetzt habe ich mit Niemand als mit Euch verkehrt, da mein Zweck einfach dahin geht, mit eigenen Augen zu ſehen, mit eigenen Ohren zu hören und einigen, die mir theuer ſind, das Reſul⸗ tat meiner Beobachtungen mitzutheilen. So habe ich, ob⸗ wohl gleich meiner ganzen Familie ein erklärter Freund meines legitimen Fürſten, bis jetzt noch keine Veranlaſſung gegeben, um mich als einen Rebellen gegen die beſtehende Gewalt zu behandeln. Die Faktion, welche jetzt das Land beherrſcht, kann ſich an keines meiner Worte, an keine mei⸗ ner Handlungen halten. Mein Vater wurde allerdings ge⸗ ächtet und verbannt; aber dieß iſt bei mir nicht der Fall, und ich habe ein Recht, mein Geburtsland nach Belieben zu betreten.“ Van Nooſt war offenbar noch nicht überzeugt und ſuchte ſeinen Gefährten mit Gegenbeweifen ſo lange aufzu⸗ halten, bis die Sonne wirklich untergegangen war. Dann allerdings erhob ſich Smeaton und ſagte: „Jetzt muß ich in der That gehen, Van Nooſt; aber ich werde Euch morgen früh beſuchen, und wir wollen dann weiter davon reden.“ „Ich will die Hinterthüre öffnen,“ bemerkte Van Nooſt etwas ängſtlich,„und Eure Lordſchaft durch den Garten auf das Feld hinauslaſſen. Die erſte Biegung rechts führt Euch geradeswegs auf den Hund und die Ente, und dann könnt Ihr Euren Weg nicht verfehlen.“ „Nein, nein, Van Nooſt,“ verſetzte Smeaton,„die 64 offene gerade Straße, wenn's Euch beliebt, mein Freund.— Ihr müßtet Euch nur darob fürchten, daß man mich aus Eurem Hauſe kommen ſieht. Ich meines Theils bin dieſe Vermummungen müde.“ „Verhüte der Himmel, daß ich mich fürchtete, edler Lord,“ verſicherte Van Nooſt eifrig.„Ich würde mit Eurer Lordſchaft vor den Staatsrath ſelber treten, wenn Ihr ſo wolltet, und in der That werde ich Euch beſſer ein Stück Wegs begleiten.“ Smeaton lehnte jedoch dieſes Anerbieten ab, und nach⸗ dem die Hausthüre und das Gartenpförtchen aufgeſchloſſen war, trat er auf die Straße und wendete ſich durch Picca⸗ dilly in die St. James' Street zurück. Van Nooſt ſchaute ihm eine Weile mit ernſtem Kopfſchütteln nach und machte ſich dann, nachdem er die Gartenthüre verſchloſſen, im Zwie⸗ licht hinter die durch Smeaton umgeworfenen Bleifiguren, um ſie wieder mühſam auf die Beine zu richten. Viertes Kapitel. Es iſt auffallend, wie oft die wichtigſten Geſchaͤfte an den unbedeutendſten Orten verrichtet werden. Die Ge⸗ ſchicke der Welt und die am weiteſten vorbereitete Erleuch⸗ tung des menſchlichen Geiſtes ſind beide aus zwei der klein⸗ ſten und ſchmutzigſten Gäßchen von London— aus der Downing Street und Paternoſter Row— hervorgegangen. John Dalrymple, Earl von Stair, einer der ausgezeichnet⸗ 65 ſten Männer ſeiner Zeit und ſpäter als Geſandter am fran⸗ zoͤſiſchen Hofe durch die ungemeine Pracht ſeiner Equipage und Tafel berühmt, wohnte um jene Zeit in einem kleinen gemietheten Hauſe auf dem Golden Square. Nichtsdeſto⸗ weniger war er von dem damaligen hellſichtigen Whig⸗ miniſterium bereits zu hohen Aemtern bezeichnet, und Smeaton vermochte ſeine Wohnung zwar ohne Schwierig⸗ keit, aber erſt nach zweimaliger Nachfrage zu entdecken. Er blieb vor der Thüre ſtehen und ſchaute zweifelhaft empor, denn der Name des Earls von Stair war ſo geläufig in dem Munde der Leute und ſeine Livreen in der Nachbarſchaft ſo bekannt, daß der junge Reiſende einen prachtvollen Palaſt, geeignet zur Aufnahme eines zahlreichen Gefolges, zu finden erwartet hatte. Uebergehen wir ſeine Ueberraſchung und ſeine Nach⸗ fragen und treten wir lieber in das Zimmer des edlen Gra⸗ fen in dem Augenblicke, da Smeaton ſich ſeiner Schwelle näherte. Er ſaß in einem großen Armſtuhl mit ſenkrechter Lehne, einen runden geſchnitzten Eichentiſch zu ſeiner Linken und eine dicke einzelne Wachskerze, welche durch einen fächer⸗ artigen grünſeidenen Lichtſchirm, der gleichzeitig in dem Leuch⸗ ter ſteckte, beſchattet war— dicht neben ſeinem Ellbogen⸗ So blieb das ſcharfe durchdringende aber edle Antlitz des Grafen vollkommen im Schatten, während das helle Licht auf einen großen Pack alter Papiere auf dem Tiſche und auf einen Brief, den er in der Hand hielt, ſtrömte. Dem eng⸗ liſchen Hiſtoriker wegen ſeines vollendeten Scharfblicks beſ⸗ ſer als Diplomat und Staatsmann denn als General bez Fames. Henry Smegton. 5 kannt, dürfte es einige Verwunderung erregen, wenn ich anführe, daß das Papier, das er mit einem angenehmen Lächeln ſeines Geſichtes prüfte, einen rohen Plan der Schlacht von Oudenarde mit vielen Anmerkungen, Zahlen und genauen Details von ſeiner eigenen Hand darunter ge⸗ ſchrieben enthielt. Er hatte ihn aufgezeichnet, als er da⸗ mals mit der Nachricht dieſes großen Sieges, zu deſſen Er⸗ langung er nicht wenig beigetragen⸗ als Kourier nach Eng⸗ land geſchickt worden war, um ſogleich mit allen Einzelhei⸗ ten bei der Hand zu ſeyn, falls er von dem Miniſterium darüber befragt würde. Das Papier war ihm damals nicht von Nutzen geweſen; jetzt aber erregte ſein Anblick freudige Empfindungen— das Gedächtniß von Glück und Triumph⸗ vielleicht die Erinnerung junger glänzender Hoffnungen und großer Entwürfe, jedenfalls die Gedanken und Gefühle frühe⸗ rer glücklicherer Jahre. Ein erfriſchender Odem weht ewig aus den Gefilden der Jugend, und wenn wir eine Mahnung an jene ehemaligen Tage leſen, ſo iſt es nicht anders, als ob wir jenem Odem ein Fenſter in uns öffneten. Wohl mag ſich Trauer darein miſchen, wohl mag jener Odem das Läu⸗ ten der Trauerglocke über Alle, die da hingeſchieden, auf ſei⸗ nen Flügeln mit ſich bringen: er iſt doch immer friſch und füß und für die Geſundheit des Herzens wohlthätig. Der Lord legte das Papier nieder und nahm ein ande⸗ res, das er einen Augenblick unterſuchte und bei Seite ſchob. Hiebei ſtieß er an jenen Haufen von alten Briefen, daß ſie übereinanderſtelen und ſeine Hand auf Geradewohl an ein anderes Dokument gerieth. Kaum hatte er es jedoch be⸗ 2* 67 trachtet, als er es wieder ſanft und mit einer Art Schauder auf den Tiſch legte und in tiefes Nachdenken verſank. Während deſſen öffnete ein alter geſetzter Diener die Thüre und trat ins Zimmer, ohne daß der Graf ihn be⸗ merkte. „Da unten iſt ein Gentleman, Mylord,“ meldete der Mann mit ſtarkem ſchottiſchem Aecent. Der Graf beachtete es nicht, ſondern verharrte genau in derſelben Stellung, die Augen auf den Boden geheftet. „Ich bitte Eure Lordſchaft um Verzeihung,“ wieder⸗ holte der Diener,„aber da unten iſt ein Gentleman, der Euch zu ſprechen wünſcht und ſich durchaus nicht abwei⸗ ſen läßt.“ Lord Stair fuhr aus ſeiner Träumerei auf und hieß den Mann ſeine Meldung wiederholen, was dieſer mit dem Beifügen that: „Er hieß mich Eurer Lordſchaft dieſe Karte übergeben.“ Der Earl nahm ſie und ſchaute erſt nach dem Namen, ehe er antwortete; dann kam ein leichter, ganz leichter Aus⸗ druck von Ueberraſchung über ſein Geſicht und er befahl mit ruhigem Kopfnicken: „Stellt einen Stuhl dort gegenüber und führt den Herrn herauf.“ Der Mann that wie ihm befohlen war, und eine Mi⸗ nute ſpäter trat Smeaton ins Zimmer. Lord Stair erhob ſich mit einer Verbeugung, deutete auf den Stuhl gegen⸗ über und ſagte: „Bitte, nehmt Platz, Oberſt Smeaton.“ 5 8 68 Sein Beſuch ließ ſich mit leichter Anmuth in dem Stuhle nieder, ſein Schwert zu ſich heranziehend, ſo daß der Griff deſſelben an ſeinem Knie ruhte. Der alte Diener entfernte ſich und ſchloß die Thür. „Ich habe mich zu Euch eingedrängt, Mylord,“ begann Smeaton alsbald,„um über einen ziemlich unerfreulichen Gegenſtand mit Euch zu reden. Ich muß mir daher Eure Geduld für einen Augenblick erbitten, bis ich Euch alle Um⸗ ſtände erzählt habe.“ Lord Stair hörte ſchweigend zu und nickte blos mit dem Kopfe, worauf Smeaton das gewaltthätige Benehmen jenes gräflichen Läufers gegen den jungen Richard Newark und ſeine ſpätere Unverſchämtheit gegen ihn ſelber des Nä⸗ heren erzählte und ihm verſicherte, daß er der ganzen Affaire von Anfang an beigewohnt und daß der Knabe durch nichts Anderes Veranlaſſung zu jener Brutalität gegeben, als in⸗ dem er mit ſeinem Stocke, den er im Weitergehen um ſich ſchwang, des Mannes Bein zufällig berührt habe. Noch immer horchte Lord Stair in tiefem Stillſchwei⸗ gen, die Erzählung weder durch eine Bemerkung noch durch eine Frage unterbrechend. Als Smeaton vollſtändig zu Ende war und in Erwartung einer Antwort ſchwieg, fragte der Lord endlich in ziemlich trockenem Tone: „Und was wünſcht Ihr nun, daß ich in dieſem Falle thun ſoll, Oberſt Smeaton?“ „Ich hegte zu Eurem Charakter das Vertrauen, My⸗ lord,“ erwiederte Smeaton,„daß die einfache Schilderung der Thatſachen genügen wuͤrde, um Euch zu dem was noͤthig 69 waͤre zu veranlaſſen. Da ihr jedoch fragt was ich wünſche, daß geſchehe, ſo kann ich blos antworten— den Mann aus Euren Dienſten zu entlaſſen.“ „Er iſt ein brauchbarer Burſche,“ bemerkte Lord Stair mit feinem Lächeln.„Nun nennt mir auch Eure Alterna⸗ tive, Oberſt Smeaton.“ „Ei nein, mein guter Lord,“ erwiederte Smeaton gleichfalls lächelnd;„ich bin nicht ganz ſo ſtreitſüchtig um gleich mit einer harten Alternative bewaffnet aufzutreten. Ich zweifle keinen Augenblick, daß Eure Lordſchaft thun wird was recht iſt, ohne ſich überhaupt um irgend welche Alternative zu bekümmern.“ „Sehr wohl,“ bemerkte Lord Stair mit größerer Of⸗ fenheit;„ich will mir die Sache überlegen. Jetzt laßt uns aber von wichtigeren Dingen als dem bloßen Schickſale eines Lakais reden.— Ihr ſcheint überraſcht; aber ich meine, das Schickſal eines jungen Edelmannes, der ſich, wie ich fürchte, in eine gefährliche Lage verſetzt hat.“* Smeaton ſchwieg eine Weile, denn es lag eine Freund⸗ lichkeit des Tons wie des Blicks in dem Weſen des Lords Stair, als er nunmehr auf den erwarteten Gegenſtand zu ſprechen kam, wie er nicht darauf vorbereitet war. Nach ganz kurzer Ueberlegung antwortete er jedoch mit gewohnter Aufrichtigkeit: „Wenn Eure Lordſchaft auf mich anſpielt, ſo muß ich ſagen, daß ich meine Lage keineswegs für gefährlich halte.“ „Warum dann unter erdichtetem Namen in England auftreten?“ fragte der Earl. 70 „Dafür mag es viele genügende Urſachen geben, mein edler Lord, ohne daß Furcht einen Antheil an der Sache hätte,“ entgegnete Smeaton.„Ich kann ja arm und ſtolz ſeyn, wie man dieß Euren und meinen Vorfahren als Regel nachſagt und— ehrlich geſtanden— die Armuth iſt wirk⸗ lich eine der Urſachen, warum ich mich entſchloſſen habe, keinerlei Rang in dieſem Lande zu beanſpruchen. Ein un⸗ bekannter Fremdling ohne alle Prätenſion kann thun wie ihm beliebt, während ſichs für einen engliſchen Edelmann nicht geziemen würde, ſich in einer kleinen Wohnung über zwei Treppen einzulogiren.“ „In Gerard⸗Street, Soho,“ ergänzte der Earl ſchmun⸗ zelnd.„Iſt übrigens eine ganz gute Straße; ſchon früher haben große Männer dort gewohnt.“ Hier ſchwieg er eine Weile nachſinnend, als ob er überlegte, wie er fortfahren wollte, und ſagte dann ploͤtzlich:„wißt Ihr, daß Euer Vater und ich einſt intime Freunde waren und daß nie etwas geſchah, was unſere gegenſeitige Achtung verminderte, ſo ſehr wir auch zum unglück in politiſchen Anſichten ausein⸗ anderliefen.“ „Ich habe meinen verſtorbenen Vater immer mit großer Achtung und Ehrfurcht von Eurer Lordſchaft reden hören,“ erwiederte Smeaton.„Einer näheren Freundſchaft mit Euch hat er aber nie erwähnt; ja ich wußte nicht einmal, daß Ihr ihm perſönlich bekannt waret.“ „O ja,“ verſetzte Lord Stair mit ſehr auffallender eigen⸗ thümlicher Betonung.„In den dunkleren Tagen meines Lebens waren wir ſehr vertraut zuſammen. Es gibt Um⸗ 71 ſtände, Mylord, Umſtände tiefen Schmerzes und Kummers⸗ welche die Menſchen oft zufällig mit weit ſtärkeren Banden verknüpfen, als ſie ſich je unter Freuden und Vergnügun⸗ gen verbunden hätten. Aber ich ſehe, Ihr ſeyd nicht in meine Geſchichte eingeweiht.“ Er ſchwieg und verſank in düſtere Träumerei, worin ihn Smeaton mehrere Minuten lang ohne Unterbrechung gewähren ließ, bis endlich der junge Oberſt auf den früheren: Gegenſtand zurückkam, vielleicht um ſeine Aufmerkſamkeit von Gedanken abzulenken, welche höchſt peinlich zu ſeyn ſchienen. „Ich kann Eure Lordſchaft mit aller Aufrichtigkeit ver⸗ ſichern, daß ich von keiner Gefahr weiß, der ich mich durch meine Ankunft in England, ja nicht einmal durch mein Er⸗ ſcheinen in dem Hauſe des Lords Stair ausſetze. Ich häbe nämlich weder Briefe noch Papiere oder Botſchaften bei mir, welche der beſtehenden Regierung einen gerechten Vor⸗ wand gegen mich bieten konnten.“ 2 Lord Stair raffte ſich aus ſeiner Träumerei auf und, erwiederte in verändertem Tone: „Auch ohne alle Briefe, Papiere oder Botſchaften können Eure Abſichten und Eure Handlungen Euch in ſehr gefährliche Lagen verſetzen. Ich ſuche gewiß nicht in Cure Geheimniſſe einzudringen, wenn Ihr welche habt, Mylord; ich möchte Euch nur zu Eurem eigenen Beſten erinnern, daß England gerade im jetzigen Zeitpunkte für Perſonen mit Anſichten wie Eure Familie ſie immer gehegt und wie Ihr ſelbſt ſie ohne Zweifel hegen werdet— ein ſehr gefährlicher 7² Aufenthalt iſt. Laßt mich Euch erklären, in welcher Hinſicht ich ihn für gefahrvoll halte. Nicht allein daß die Augen der Regierung mit aller Schaͤrfe auf jede verdächtige Perſon gerichtet ſind, nicht allein daß die Miniſter auf allen Punk⸗ ten vorbereitet ſind, um jeden Inſurrektionsverſuch niederzu⸗ ſchlagen, nicht allein daß ſie bereit ſind, die Verantwortlich⸗ keit auch für ungeſetzliche Maßregeln auf ſich zu nehmen, um Verhältniſſen zu begegnen, welche die Geſetze nicht vor⸗ geſehen haben— obſchon dies Alles Eure Lage gefährlich genug machen muß: ſo gibt es auch noch andere Plane und Perſonen, welche für Euch noch bedenklicher ſind. Ich ſpreche von jenen blinden bethörten Männern, welche die vergebliche Hoffnung nähren, die beſtehende Regierung des Landes über den Haufen zu werfen und die Ordnung der Thronfolge, wie ſte durch Parlamentsakte geregelt iſt, durch Gewalt abzu⸗ ändern.“ Er hatte ſeither in ruhiger aber etwas ſtrenger Weiſe geſprochen, nahm nun aber einen milderen Ton an und fuhr alſo fort: 5 „Dieſe Menſchen, indem ſie ſich ſelbſt betrügen, ſind immer bereit auch Andere zu betrügen, ja ſie ſuchen ſogar durch jegliche Liſt, durch ſcheinbare Beweiſe, falſche Darſtel⸗ lungen, durch liſtig erſonnene Entfaltung einer nicht beſte⸗ henden Macht und durch Manöver, welche zu zahlreich ſind, als daß ich ſie alle aufzählen könnte— die Unvorſichtigen oder Uebelberichteten zu dem Glauben zu verleiten, daß ihre völlig unausführbaren Plane des Erfolges gewiß ſeyen. Als alter Freund Eures Vaters warne ich Euch vor ſolchen 7³ Dingen, Mylord, und— offen geſagt— nichts würde mich mehr freuen, als wenn ich morgen erführe, daß Ihr Euch nach dem Feſtlande eingeſchifft habt.“ „Das, fürchte ich, iſt unmöglich,“ erwiederte Smeaton, „denn ich habe Geſchäfte zu beſorgen, welche mich eine kurze Zeit aufhalten— Geſchäfte,“ fuhr er fort, als er einen ei⸗ genthümlichen Ausdruck in Lord Stair's Antlitz auftauchen ſah,„welche mit Politik und Faktionen in keinerlei Verbin⸗ ung ſtehen.“ „Ich denke, Ihr würdet nicht ſo ſprechen, wenn Ihr irgend welchen Rückhalt hättet,“ entgegnete der Earl und verſiel dann wieder in ſeine Grübeleien, worin ſein Begleiter ihn nicht ſtörte.„Ich wünſche,“ fuhr er in freundlichem Tone fort, ſobald er mit ſeiner Erwägung zu Ende war,„ich wünſche, Ihr erlaubtet mir als Freund mit Euch zu ver⸗ handeln und Euch einige vertrauliche Fragen vorzulegen, welche für einen Fremden ungehörig wären.“ „Thut das, Mylord,“ bat Smeaton.„Alles, was mich allein betrifft, darauf werde ich Euch keine Antwort ver⸗ weigern. Nur muß ich Euch bitten, das oben erwähnte Geſchäft nicht zu berühren, das ich für einen Freund unter⸗ nommen habe und das eine reine Privatſache betrifft, wie ich Euch mit meinem Ehrenworte verſichern kann.“ „Ich werde mich nicht darein mengen,“ beſchwichtigte Lord Stair,„und meine Fragen werden ganz einfach ſeyn. — Wie lange beabſichtigt Ihr im Lande zu bleiben?“ „Vermuthlich nicht über drei Monate,“ erwiederte Smeaton. 74 „Etwas lang,“ meinte der Earl nachdenklich.„Nun, wenn es denn ſeyn muß, ſo können wir's nicht än⸗ dern.— Wollt Ihr dieſe ganze Zeit in London zu⸗ bringen?“ „Gewiß nicht,“ verſicherte Stair.„Ich werde Lon⸗ don wahrſcheinlich in zwei bis drei Tagen verlaſſen, da ich eine Einladung von Sir John Newark, ihn auf Ale Manor in Devonſhire zu beſuchen, angenommen habe.“ „Mit einem Briefe von Bolingbroke,“ bemerkte Lord Stair trocken;„wir haben davon gehört.“ „Diesmal ſeyd Ihr falſch berichtet,“ erklärte Smeaton mit feinem Lächeln.„Ich habe keinen Brief von Boling⸗ broke und bin ihm kaum perſönlich bekannt. Es ſcheint, er hat mir die Ehre erwieſen, an Sir John Newark zu ſchrei⸗ ben: aber ich kann unmöglich verantwortlich ſeyn für das, was er in jenem Briefe etwa zu ſagen beliebte. Das ein⸗ zige Empfehlungsſchreiben, das ich für Sir John bei mir trage, iſt ein freundlicher Brief von dem Herzog von Or⸗ mond, der mir ihn gab, weil er wußte, daß ich in jenem Theile des Landes Nachforſchungen anzuſtellen hatte und glaubte, der Brief könnte mir hiebei von Nutzen ſeyn; aber er hat weder direkt noch indirekt irgend eine Beziehung zur Politik.“ „Er iſt in den Händen der Regierung, wird Euch je⸗ doch zurückgeſtellt werden,“ ſagte Lord Stair in ruhigem Tone.„Ihr ſcheint überraſcht— ſo hört: Eure Ankunft zu Dover war ſchon ſeit drei Tagen bekannt und erregte ei⸗ nigen Verdacht, Die Annahme eines fremden Namens, 75 Eure Konferenzen mit Van Nooſt, dem armen Narren, ver⸗ mehrten dieſen Argwohn, und als ich Euch mit jenem Manne auf der Straße ſah, ſchickte ich Euch einen Spion nach, um zu ſehen, wohin Ihr ginget, denn ich hatte ſchon damals die Abſicht, mit Euch zu reden, um Euch ſo manche Wider⸗ wärtigkeit wenn nicht gar Gefahr zu erſparen. Ihr bliebt jedoch ſo lange bei dem Bleifigurenmanne, daß unterdeſſen von anderer Seite Maßregeln gegen Euch ergriffen wurden, die ich gerne vermieden geſehen hätte.“ „Wollt Ihr damit ſagen, daß meine perſönliche Frei⸗ heit bedroht iſt?“ fragte Smeaton. „Nein, nicht das,“ verſetzte Lord Stair;„man hat aber in Eurer Wohnung Nachſuchung gehalten.— Kennt Ihr dieſen Sir John Newark näher?“ „Wenig oder gar nicht,“ verſicherte Smeaton.„Ich höre, daß er eine politiſche Wetterfahne iſt— das iſt aber Alles, was ich weiß.“ Der Earl beſann ſich abermals. „Ich glaube,“ ſagte er nach kurzer Pauſe,„daß das Haus des Sir John Newark für einen Gentleman in Eurer Lage eben ſo ſicher, wie jedes andere iſt. Er gehört zu je⸗ nen Männern, welche ſich nach dem Sprichworte nicht leicht um ihr eigen Brod und Butter zanken. Er iſt zwar kühner in Worten als in Thaten, aber der Regierung nicht ſonder⸗ lich verdächtig, da er von ſo vielen Seiten gefaßt werden kann. Er läßt ſich immer durch Selbſtſucht binden, durch Furcht zurückhalten; damit meine ich nicht gerade Feigheit, denn perſönlich iſt er tapfer genug; aber die Furcht, einen 76 Acker Landes oder ein Hundert Guineen zu verlieren, würde ihn veranlaſſen, ſogar dem Teufel oder dem Großtürken Treue zu ſchwören. Sein Wohnſitz iſt für Euch ſo ſicher, wie jeder, den ich kenne. Aber ſeyd gegen jede Verlockung auf Eurer Hut, denn im Weſten wimmelt es von unruhigen Köpfen, welche, wenn ich nicht irre, über kurz oder lang eine ſchwere Hand auf ihre Häupter herabziehen werden. Ich hatte in der That geglaubt, Ihr ginget nach dem Norden, und das wäre gefährlicher geweſen.“ „Ich fühle mich nur wenig verſucht nach dem Norden zu gehen, mein guter Lord,“ erwiederte der jüngere Gent⸗ leman.„Es wäre mir nur ein peinlicher Anblick, wenn ich ſehen müßte, wie meine Familiengüter in den Händen An⸗ derer ſind und wie unſer einſt glänzendes Beſitzthum nun⸗ mehr Leute bereichert, welche mir ſelbſt Eure Lordſchaft er⸗ lauben wird, Verräther zu nennen.“ „Ich werde Euch nicht tadeln, wenn Ihr das thut, denn Euer Vater hat allerdings von nahen und theuern Freunden, wie ſie ſich nannten, großes Unrecht erfahren. Wenn ich mich recht erinnere,“ fuhr Stair fort,„ſo beſitzt Eure Mutter Ländereien im Weſten. Vorausgeſetzt, daß ſie nicht konfiszirt wurden, ſo kann ich die Beweggründe Eu⸗ rer Reiſe begreifen.“ „Sie wurden bei der allgemeinen Beſchlagnahme aller⸗ dings vergeſſen,“ erklärte Smeaton,„und unſere Pächter waren zum Glück treu und ehrlich genug, um ihres Gebie⸗ ters Unglück nicht benützen zu wollen. Sie ſind jetzt Alles, was uns noch übrig iſt. Aber ſelbſt in ſo geringfügiger — 77 * Sache mag ich Cure Lordſchaft nicht tauſchen, noch wiſſent⸗ lich zugeben, daß Ihr Euch ſelbet täuſchet,“ fuhr er fort. „Ich gehe nicht in den Weſten, um jenes kleine Beſitzthum zu beſuchen, und werde es vorausſichtlich nie mehr betreten! Ich gehe blos, um ein Geſchäft für einen Freund zu beſorgen.“ „Iſt er ein königlicher?“ fragte Lord Stair mit ſcharfem Blicke. „Nein,“ gab Smeaton lachend zur Antwort;„er hat durchaus nichts mit dem Königthum zu ſchaffen. Mein Freund iſt ein Kaufmann, der aber mit keinerlei Schmuggel⸗ waare, nicht einmal mit den zarten Spitzen der Verrä⸗ therei handelt—“ ſetzte er in luſtigem Tone hinzu.„Ich habe Eurer Lordſchaft verſichert, daß mein Geſchäft mit Sachen der Politik und Staatskunſt durchaus nichts zu ſchaffen hat. Ich habe Euch heute Nacht für ſo manche Güte zu danken: ich muß Euch bitten, noch eine weitere hinzuzufügen— nämlich die, daß Ihr mir glaubet.“ „Das thue ich auch,“ rief der Earl warm werdend. „Wer gewöhnt iſt, nach großem Maßſtab mit den Menſchen zu verkehren, wird ſie ebenſo gut aus ihren Geſichtszügen als nach ihren Worten beurtheilen. Ich erinnere mich noch recht gut, wie Euer Vater und ich in tiefer Abgeſchieden⸗ heit bei einem braven Geiſtlichen in Ayrſhire ſtudirten und wie wir beim Studium des Thucydides, trotz unſerer Kennt⸗ niß des Griechiſchen, nichts aus dem Hiſtoriker zu machen wußten, bis ſich Euer Vater aus Edinburgh eine Copie des Werkes mit zahlreichen lateiniſchen Randgloſſen ver⸗ ſchaffte. Da wurde uns in einem Augenblicke Alles klar, 78 und wir fanden, wie oft wir uns in unſeren Erklärungen getäuſcht hatten. So diente uns die eine fremde Sprache zur Erklärung der anderen, und ich habe ſeitdem oft Gele⸗ genheit gehabt zu bedenken, wie die Züge in eines Menſchen Antlitz die Noten ſind, welche uns der große Commentator Natur zum richtigen Verſtändniß ſeiner Worte gegeben hat. Ich glaube Euch aufrichtig und denke Euch verſichern zu können, daß Ihr während der drei Monate, die Ihr zu blei⸗ ben beabſichtigt, nicht beläſtigt werden ſollt, vorausgeſetzt, daß Ihr Euch verbindlich macht, jede Einmiſchung in die Politik des Landes zu vermeiden.“ „Ich danke Eurer Lordſchaft von Herzen und nehme die Bedingungen gerne an,“ verſicherte Smeaton, und fuhr dann plötzlich zu einem andern Gegenſtande übergehend, fort, „ich wußte nicht, daß Eure Lordſchaft mit meinem Vater ſtudirt hat. Er war als zweiter Sohn anfänglich zum Ad⸗ vokaten beſtimmt.“ „Auch ich war ein zweiter Sohn,“ erklärte Lord Stair in leiſem Tone, während der Ausdruck ſeiner Miene zur tiefſten Melancholie überging.„Auch ich war ein zweiter Sohn, aber nicht damals, nicht damals. Dieſe fatale Hand hatte ſchon ihre That verrichtet.“ Smeaton konnte die Ueberraſchung, die er bei der plötzlichen Aenderung in Blick, Ton und Weſen, wie bei den befremdenden Worten des Lords empfand, unmöglich ganz aus ſeinem Geſichte verbannen, und der Earl, deſſen Blicke auf ihn geheftet waren, ſagte: „„Meine Geſchichte iſt Euch nicht bekannt. Es iſt — 79 eine traurige Geſchichte; aber ich zwinge mich oft ſie zu er⸗ zählen, und gerade Euer Kommen heute Nacht hat für mich etwas Befremdendes. Eben in dem Augenblicke, da Ihr eintratet, hatte ich dieſen Brief in der Hand— das Rück⸗ berufungsſchreiben von langer und ungerechter Verbannung aus dem Schooße meiner Familie. Eures Vaters Güte und Unterſtützung während jener langen finſteren Jahre ver⸗ danke ich ſehr viel, und ich kann Euch wohl erzählen, wie ſich das Alles zutrug.“ Smeaton verſicherte ihn mit einigen Gemeinplätzen ſeiner Theilnahme, denn es gibt Zeiten, wo nichts als ein Gemeinplatz paſſend erſcheint. Der Earl hörte ihn jedoch nicht, ſondern ſtarrte mit gerunzelter Stirn und hohlem Blicke in die Leere. „Ich habe jetzt Alles vor mir,“ ſagte er endlich in leiſem bebendem Tone—„jene dunkle gräßliche Scene und ihre furchtbaren Folgen. Es gibt Dinge, die ſich ſogar dem kindlichen Gemüthe mit unverlöſchlichen Spuren ein⸗ brennen, und obſchon lange Jahre der Geſchäftigkeit, ob auch Leidenſchaften, Wünſche, Hoffnungen, Freuden, Hand⸗ lungen und Gefühle ſich in der Zwiſchenzeit ſo dicht um mich gedrängt haben, daß man hätte glauben ſollen, ſte hätten eine undurchdringliche Wolke zwiſchen Gegenwart und Ver⸗ gangenheit aufrichten müſſen, ſo ſteht ſie doch da— jene furchtbare Stunde— ſo deutlich und lebendig, wie ſie da⸗ mals gleich einem Blitzſtrahl über mir hereinbrach. Dieſe Hand, junger Mann, hat meinem älteren Bruder das Le⸗ ben genommen— nicht abſichtlich, wohl gemerkt— nicht 80 mit Vorausſicht noch unter der raſchen Eingebung einer plöͤtz⸗ lichen Leidenſchaft. Wir waren Knaben zuſammen und liebten uns von Herzen. Gott weiß es, ich beneidete ihn nicht um ſeine ältere Geburt— ich wußte oder fühlte kaum deren Vortheile. Es war Alles im Scherz; ich wußte nicht, daß die Flinte geladen war. Noch einen Augenblick zuvor hatte er ſie mir ſelbſt gegeben. Gott allein weiß, wie es⸗ kam, daß ich nicht ſelbſt das Opfer wurde und daß er nicht übrig blieb, um mich zu betrauern. Denkt Euch mein Ent⸗ ſetzen, als das Gewehr losging und mein Bruder als blu⸗ tende Leiche vor meinen Füßen niederſank! Das war der erſte lähmende Trank der Bitterkeit, womit meines Lebens Schaale gefüllt werden ſollte! Als ich aber ſtatt Troſt in meinem Schmerze, ſtatt Hülfe von der erdrückenden Laſt, welche auf mir lag, zu finden, als ich da die Entdeckung machen mußte, daß jenes furchtbare Unglück mir als Ver⸗ brechen angerechnet wurde, als ich trotz aller Beweiſe der Zeugen, daß es ein bloſer Zufall geweſen, und daß mein Kummer und Entſetzen vor aller Augen deutlich geweſen, als ich da wie ein Geächteter aus dem Schooße meiner Fa⸗ milie geſtoßen, als ich in die Fremde verbannt und gleich einem Verbrecher behandelt wurde, der nur durch einen Rechtskniff der verdienten Strafe entgangen und mit der Schande, mit dem Vorwurf und Brandmal für immer fort⸗ leben ſollte— da o, es iſt unmöglich, meine damaligen Empfindungen zu beſchreiben! Anfänglich war Alles ein Chaos von Trübſal; allmälig weckte das Bewußtſeyn des erlittenen Unrechts einen harten, bitteren, ühelwollenden 81 Geiſt des Widerſpruchs, der mir aber wenigſtens in ſofern nützte, als er mich zum Tragen der Laſt befähigte. Und jetzt zu meiner Rettung, meinem Segen fand ich zwei Freunde, welche meinen Gedanken eine beſſere Richtung ga⸗ ben, welche die Hoffnung in meiner Bruſt auferweckten und ſelbſt das Gedächtniß der Vergangenheit ſänftigten. Der erſte war der Geiſtliche, unter deſſen Schutz ich geſtellt wurde, ein weiſer guter Mann, der ſich, unbefleckt durch die Laſter oder Thorheiten des Tages, in ſeiner niederen Sphäre be⸗ wegte. Der Andere war Euer edler Vater, ein Knabe, etliche Jahre älter als ich, der ſeine Studien unter demſel⸗ ben Erzieher verfolgte. O wie lieblich jene Tage vor mein Gedächtniß treten, wo mein Herz ſich zuerſt für Freundlich⸗ keit öffnete und ich, beladen mit einer Qual, wie man ſie nur im männlichen Alter kennen lernt, ihm alle meine Ge⸗ danken erzählte und mich wie ein Kind an ſeiner Bruſt aus⸗ weinte! Wie ſüß klingen mir noch ſeine Rathſchläge und Ermahnungen! Wie mild, wie freundlich wußte er meinen Zorn zu beſänftigen! Wie weiſe lehrte er mich, zum Troſte für meine Trübſal auf höhere und edlere Grundſätze als das bloſe finſtere Bewußtſeyn erlittenen Unrechts mich zu ſtützen! Wie verſtand er meine Reizbarkeit zu mildern und mich von meinem Kummer abzulenken! Mein junger Freund, ſo et⸗ was vergißt ſich nie, und wenn der Trank auch bitter war, der meinen knabenhaften Lippen aufgenöthigt wurde, ſo hatte er auch ſeine Süße, an die ich mich gerne erinnere. Es ſind jetzt nahezu dreißig Jahre— vielleicht mehr, denn Euer Vater heirathete ſehr frühzeitig— und ich habe ihn James. Henry Smeaton 6 8² ſeither nie mehr geſehen; aber ich vergeſſe keinen Zug in ſeinem Geſichte, keinen Ton ſeiner Stimme, keineo Aus druck in ſeiner Miene, und Ihr, mein Freund, ſeht ihm ſehr ähnlich.“ Indem er ſo ſprach, bot er Smeaton die Hand hin⸗ über und fuhr dann fort: „Ihr werdet jetzt die Urſache der Theilnahme einſehen, die ich an Eurem Schickſale nehme. Dieſe Theilnahme wird ſich nie vermindern, wird immer zu Euren Gunſten thätig ſeyn, ſo oft meine Pflicht gegen das Land meiner Geburt, den Souverain, dem ich diene, mir ſolches erlau⸗ hen. Dieſen Vorbehalt muß ich machen, denn es iſt eine Regel, die ich immer befolgt habe, in meine Handlungen als öffentlicher Charakter niemals ein perſönliches Gefühl ſich einmengen zu laſſen. Ich hoffe zu Eurem eigenen Takt und richtigen Gefühl, daß Ihr Euch vor jeder Lage bewah⸗ ren werdet, wo Eure Intereſſen meinen Pflichten widerſtrei⸗ ten würden.“ Smeaton gab auf die letzten Worte des Earls keine Erwiederung, ſondern fragte in einem Tone wahrer Em⸗ pfindung: „Wie hat jene traurige Geſchichte geendet?“ „Vielleicht zu meinem Vortheil,“ verſetzte Lord Stair. „Meine Ruhe, meinen Seelenfrieden habe ich wieder ge⸗ wonnen, meine leichtherzige Fröhlichkeit nie mehr. Mein eigenes Gewiſſen ſprach mich von jedem Fehler— nur nicht dem kindiſcher Unvorſichtigkeit, los, obwohl der Gedanke, ei⸗ nem Bruder das Leben ge⸗ ommen zu haben, als dunkle . 83³ Wolke zurückblieb, welche das allzu hitzige Feuer meiner Jugend mäßigte. Ich verlegte mich alles Ernſtes auf die Wiſſenſchaft. Während Andere träumten, lernte ich denken, ſuchte im Studium anderer Menſchen Zerſtreuung vor mir ſelbſt und erwarb mir in den Jahren des Knaben den Sinn des Mannes. Der Strom mochte freilich klein ſeyn, denn er war noch nicht durch Erfahrung geſchwellt; aber er wurde durch die Felſen und Abgründe, die ihn umringten, von ſei⸗ nem natürlichen Kanale abgelenkt. Endlich gelang es den Vorſtellungen meines guten Lehrers über den Fortſchritt, den ich mir abgerungen, ſeinem übertriebenen Lobe meiner Fähigkeiten, meines Temperaments und Charakters, wie ſeinen milden chriſtlichen Ermahnungen gegen die mir erwie⸗ ſene Ungerechtigkeit— ihre Wirkung zu äußern, und nach Verfluß mehrerer Jahre wurde ich zu meiner Familie zurück⸗ berufen. Mit einem Gefühle der Angſt und Beſorgniß kehrte ich heim; und ſie war nicht ohne Urſache, denn hatte man mir auch dem Namen nach verziehen, ſo konnte ich doch in allen Geſichtern leſen, aus jedem Tone konnte ich ver⸗ nehmen, daß man meine That nicht vergeſſen hatte, ſondern daß die erkältende Erinnerung jenes traurigen Zufalles fortbeſtand und jede warme Zuneigung zu mir auslöſchte. Bald bot ſich mir eine Gelegenheit, einer ſo eiſigen Umge⸗ bung zu entrinnen: ich ergriff ſie mit Freuden und trat in die Armee Das Leben hatte für mich nur geringen Werth — weit geringer als für die meiſten meiner Kameraden; meine früheren Studien gewährten mir manche Vortheile über ſte, und ich wurde, was ich jetzt bin, nachdem ich meinem 6 2 8⁴ Vater vor Jahren bei ſeinem plötzlichen und etwas geheim⸗ nißvollen Tode in ſeinen Ehren und Beſitzungen nachfolgte. Reichthum, Macht und einigen Antheil am Ruhme darf ich jetzt mein nennen; aber ich kann Euch ſagen, Mylord, das Alles würd' ich opfern, ohne Murren würde ich in Dunkel⸗ heit, ja ſogar Armuth zurücktreten und den niedrigen Beruf eines mühevollen unbekannten Arbeiters in jedem, auch dem obskurſten Gewerbe verfolgen, wenn ich dafür die Vergan⸗ genheit ausrotten, wenn ich nur einen Athemzug gewinnen könnte, um die dunkle Wolke, die über meiner Erinne⸗ rung hängt, fortzutreiben, wenn ich meine Hand von dem Flecken des unſchuldig vergoſſenen Bruderblutes rein waſchen könnte.“ Indem er ſo ſprach, verhüllte Lord Stair ſeine Augen mit den Händen und dann folgte eine lange ſtumme Pauſe. Smeaton wußte ſie nicht anders zu unterbrechen, als indem er ſich zum Scheiden erhob; dieſe Bewegung erweckte augen⸗ blicklich des Earls Aufmerkſamkeit. „Geht nicht fort,“ ſagte er,„geht nicht fort. Ihr müßt bleiben und mit mir zu Nacht fpeiſen. Wir haben andere Dinge zu bedenken. Ich möchte gerne etwas thun, was Euch von Nutzen wäre oder im Falle der Noth nützlich ſeyn könnte, denn mein innerer Sinn ſieht unruhige Zeiten herannahen; aber ich muß erſt überlegen, was ſich ausfüh⸗ ren läßt.“. „Ich danke Euch von ganzem Herzen, mein theurer Lord,“ verſetzte Smeaton;„aber ich verſichere Euch ebenſo aufrichtig, daß ich nicht im Sinne habe, mich in unruhige 85 Zeiten zu miſchen, noch an unruhigen Auftritten Theil zu nehmen.“ „Im Sinne habe!“ wiederholte der Earl mit mattem Lächeln.„Wie Vieles greift in unſer Leben ein in einer Weiſe, wie wir's nie im Sinne hatten! Die Umſtände ma⸗ chen den Menſchen weit öfter als der Menſch die Umſtände geſtaltet. Moͤge ſich Keiner auch nur auf den morgenden Tag für ſeine Handlungen verbindlich machen, denn wir können mit gutem Gexviſſen verſichern, daß er nicht weiß, wie jene Handlungen ſeyn werden. Es iſt immer gut, auf Alles gefaßt zu ſeyn.“ Er ſtand auf und zog die Glocke, und als der Diener erſchien, befahl er: „Das Abendeſſen zur gewöhnlichen Stunde; dieſer Herr wird mit mir ſpeiſen.“ Und die Unterredung wieder aufnehmend, gab er ihr ſofort eine andere Richtung, indem er von vielen allgemei⸗ nen Gegenſtänden ſprach und allmälig ſeine gewohnte Weiſe wieder an ahm. „Und nun, mein junger Freund,“ ſagte er endlich, „um zu dem Gegenſtande Eures Kommens zurückzukehren— was iſt es mit dieſer Geſchichte zwiſchen meinem Läufer Thomas Hardy und dem jungen Newark, des ſparſamen Sir John’s Sohne?“ „Ich hoffe aufrichtig, daß Eure Lordſchaft ihn ent⸗ laſſen wird,“ er viederte Smeaton in ernſtem Tone;„nicht um mich zufrieden zu ſtellen— nein, noch auch um den un⸗ geſchlachten Bengel ſelbſt zu beſtrafen, ſondern um den Ruf 86 und die Ehre meines edlen Freundes, des Earls von Stair, zu ſchonen. Wenn Eure Lordſchaft nur die Bemerkungen der Menge über die Unverſchämtheit der adeligen Diener und beſonders dieſes Mannes, der als der Eurige erkannt wurde, gehört hätte.— Ihr würdet einſehen, daß hier nicht blos ein ſcheinbarer Vorwand zur Verhüllung perſönlichen Grolles vorwaltet. Für das was er mir ge⸗ than hat, habe ich den Burſchen auf der Stelle geſtraft; aber die Menge hat nach dieſer ſeiner Herausforderung Euren Namen nicht allzuzart behandelt.“ „Das ließe ſich leicht verſchlucken,“ meinte Lord Stair mit ziemlich hochmüthigem Nasrümpfen; vaber er iſt ein ungeſchlachter Burſche, wie Ihr geſagt habt. Er hat übri⸗ gens breite Schultern und feſte Glieder, bahnt ſich ſeinen Weg durch die Menge und hat nicht mehr Furcht als Scham⸗ gefühl. Euer Recht ſoll Euch jedoch widerfahren. Ich brauche nicht zu ſagen, daß er mir noch vor Eurer Ankunft ſeine Geſchichte erzählte; aber ich entdeckte ſeine Lügen ſelbſt nach ſeiner eigenen Verſion, ſchalt ihn für das was er ge⸗ than hatte, und ließ ihn wiſſen, daß ich erſt fernere Nach⸗ richten abwarten wolle, ehe ich mich wegen ſeiner entſchei⸗ den werde. Er hat zwar viele Uebung, aber ſehr wenig Geſchick im Lügen. Er ſoll entlaſſen werden, ohne daß wir ein weiteres Wort darüber verlieren. Die Sache iſt ab⸗ gemacht und hier wird eben unſer Nachteſſen angekündigt. Wir wollen alles Unerfreuliche vergeſſen, und ich will ver⸗ ſuchen vor meinem Aufbruche noch einen friedlichen Abend zu genießen. Ihr habt natürlich gehört, daß ich nach Schott⸗ *† 87 land abgehe, um dort das Oberkommando zu uͤbernehmen⸗ bis Argyle verwendet werden kann. Dann wird wohl Frank⸗ reich meine Beſtimmung werden.“ Mit dieſen Worten ging er nach einem Zimmer zu ebe⸗ ner Erde voran, wo das Nachteſſen ſervirt war, und Smea⸗ ton verlebte ſeinen Abend ganz anders als er ſich am Mor⸗ gen gedacht hatte. Was ſie früher beſprochen hatten, wurde nicht mehr berührt, nur allgemeine Gegenſtände kamen aufs Tapet, und die einzige Anſpielung auf ihr beiderſeitiges Schickſal, welche Lord Stair machte, war ein Verſprechen von ſeiner Seite, ſeinem Gaſte am folgenden Tage einen Brief für einen Gentleman im Weſten ſchicken zu wollen, der ihm im Falle der Noth dienlich ſeyn dürfte.. „Ihr könnt ihn abgeben oder nicht, wie Ihr's für paſ⸗ ſend haltet,“ bemerkte der Earl;„auf alle Fälle wird er be⸗ weiſen, daß ich Euch als meinen Freund betrachte, und es iſt wohl nicht zu kühn, wenn ich annehme, daß Euch dies, im Falle ſich Unruhen im Lande erheben, gegen Verdacht und Beläſtigung ſchützen wird.“ Smeaton dankte ihm herzlich und ſo trennten ſie ſich. Der Oberſt blieb noch drei Tage in London: aber ich will von ſeinen ferneren Schritten in der großen Stadt nicht eher ſprechen, bis ich ſie ſpäter ſo vollſtändig als ihre ge⸗ ringe Wichtigkeit verdient zu ſchildern haben werde. X 88 Fünftes Kapitel. Es war ein heller heiterer Morgen und die Landſchaft von Ale hätte ſich in ihrem ſchönſten Glanze gezeigt, wenn auch nur ein Wölkchen am Himmel geweſen wäre, um das Bild mit beweglichem Licht und Schatten zu beleben. Aber der Himmel war ohne eine Spur von Wolken, und die Sonne ſchien in voller Mittagshitze über die regungsloſe Waſſer⸗ fläche, über die braunen hochgegipfelten Hügel und die tiefen Schluchten der Bai. Die Bäume ſtanden in vollſter und reichſter Belaubung, keine Spur von Straßenſtaub oder Koth beſchmutzte die reinen grünen Blätter, und unter ihrem Dache mochte man noch kühlen Schatten und reine er⸗ friſchende Luft finden, welche leiſe von der See hereinwehte. Auf einem Hügel über der Straße, welche von dem Herrenhauſe und Dorfe von Ale nach der nächſten Stadt führte, ſtand eine Gruppe von zehn bis zwoͤlf Buchen, einige verwittert und ausgehöhlt, ſo daß faſt nichts als die Rinde und zwei bis drei lange Aeſte übrig blieben, die noch immer ſelbſt in ihrem hohen Alter die grüne Livree der Jugend trugen; andere im kräftigen Frühlingsalter waren zu rund und regelmäßig um ſehr maleriſch zu ſeyn, während einer oder zwei dieſer Bäume jenes Stadium des Halbverfalles zeigten, das dieſer Baumgattung ſo fantaſtiſche Formen verleiht.. Unter einem derſelben, der der Straße zunächſt ſtand und höchſtens fünfzig Schritte von derſelben entfernt war, ſaß Emmeline Newark. In der Stellung, die ſie ſich ge⸗ 89 wählt hatte, war ſie von der Sonne abgewendet und fühlte doch jedes Lüftchen, das von der See herüber wehend von der Alebai die tiefe Schlucht heraufzog und dem Laufe des Stromes folgend wie aus Muthwillen unter den Buchen zu verweilen und um den bewaldeten Hügel zu kreiſen ſchien. Emmeline hatte ein Buch in der Hand; ich weiß nicht ge⸗ rade welches, es mag Pope oder Addiſon oder irgend einer jener Sterne geweſen ſeyn, welche um die damalige Zeit auf⸗ oder untergingen— kümmere dich lieber nichts um dieſe gemiſchte Metapher, theurer Kritiker. Das Mädchen hatte wieder ſeine gedankenvolle Laune und das Buch lag unbe⸗ achtet auf ihren Knien, während ſie ſich leicht auf eine Seite geneigt mit der Schulter an die glatte Rinde der Buche lehnte und ihre Blicke unter den dichten Zweigen nach den Hügeln gegenüber und dem blauen Himmel darüber auf⸗ ſchauten und ihre ganze Geſtalt mehr liegend als ſitzend einen ausnehmend anmuthigen Anblick darbot. Die Sonne ſtand nahezu im Mittag und ihr Glanz wäre für das Auge überwältigend geweſen, wenn nicht das kühle Kolorit der umgebenden Landſchaft— die grünen Bäume, die braunen Hügel und die grauen Felſen ihre Strahlen eingeſaugt oder für das Auge erweicht und geſänf⸗ tigt zurückgegeben hätten. Emmeline hatte ſchon einige Zeit dageſeſſen ohne ein anderes lebendiges Weſen zu gewahren als höchſtens einen großen Raubvogel, der ſich in ungeheuren Kreiſen hoch über ihrem Haupte drehte. Jetzt aber kam ein Reitersmann in der Tracht eines Dieners, ein zweites Pferd am Zaume 90 führend, langſam die Straße daher gezogen; er ſchien ſie nicht zu bemerken und ſchlug den Weg nach dem alten Her⸗ renhauſe ein. Sie ſchaute ihm mit jener Anwandlung von Neugierde nach, wie ſie durch ein einſames Leben faſt immer erzeugt wird; ſie konnte ihn auf der Straße verfolgen bis er ſich im Walde verlor; währenddem hoͤrte man einen Fuß⸗ tritt unterhalb der Bäume vorüberſchreiten, als ob er einen ſehr ſteilen Pfad von dem Dörfchen herauf käme. „Es iſt Richard,“ dachte ſie, unter den Zweigen her⸗ vorguckend.„Armer Junge! er hat ſich im letzten Jahre nicht ſehr zu ſeinem Vortheil verändert; ich fürchte, er wird ſein Leben lang Kind bleiben.“ Jetzt wendete ſie ſich wieder zu ihrem Buche und be⸗ gann zu leſen. Mit einem Male wurde das Blatt etwas verdunkelt und ſie ſchaute auf und meinte;„es müſſen Wol⸗ ken heraufziehen.“ Doch der Himmel war klar und hell, wenn ſie auch die Sonne ſelbſt nicht ſehen konnte. Sie las weiter, aber das Blatt wurde immer dunkler, bis ſie nur noch mit Mühe die Worte zu unterſcheiden vermochte. „Ein Gewitterſturm muß wohl heranziehen,“ dachte ſie, ſchloß das Buch und erhob ſich um nach Hauſe zu gehen. Als ſie aber unter den Aeſten der alten Buche hervortrat, war am ganzen Himmel kein Wölkchen zu gewahren. Das Firmament war vollkommen klar, nur das Licht hatte ſich bis zum ſchwächſten Dämmerſcheine vermindert, der übri⸗ gens weder der Morgen⸗ noch der Abendbeleuchtung im ge⸗ ringſten ähnlich ſah. Da war weder im Oſten noch im Weſten jenes roſige Glühen, jene goldene Färbung zu ge⸗ 91 wahren; ein düſterer grauer Schatten hatte ſich über die Erde ausgebreitet. Emmeline konnte ſogar hie und da einen Stern in der tiefen Bläue ſchwach hervorſchimmern ſehen, wie wenn die Nacht hereingebrochen wäre, während ein ſchwarzer Schatten die Stelle der Sonne einnahm und nur am Rande einen ſchmalen Lichtbogen übrig ließ. Eine plötzliche inſtinktartige Anwandlung von Schrecken ergriff ſie, ehe die Vernunft Zeit gewann, ſich bei ihr zu äußern. Sie wußte nicht, was ſie fürchtete, und doch kam ihr dieſe plötzliche Dunkelheit, dieſes plötzliche Erlöſchen des großen Himmelslichtes höchſt grauenhaft vor. Ihr Herz pochte und ihr Athem ſtockte. „Es iſt eine Sonnenfinſterniß,“ ſagte ſie ſich im näch⸗ ſten Augenblicke.„Wie fremdartig und wunderbar! Es iſt kein Wunder, daß die Leute früher ſolche Erſcheinungen als Vorboten betrachteten. Ich ſelbſt könnte unter dieſem ſchwar⸗ zen Himmel am hellen Mittag beinahe abergläubiſch werden. Die Sonne nimmt jetzt die Geſtalt eines leuchtenden Rin⸗ ges an, der eine ſchwarze Kugel in der Mitte trägt.“ Sie blieb ſtehen, um das Schauſpiel zu betrachten, und wirre ſonderbare Gedanken zogen durch ihre Seele, ihre ganze Aufmerkſamkeit beſchäftigend. Sie ſah nicht, daß von dem Rande des Waldes hinter und über ihr, wo dieſer eine Art Vorſprung auf dem Hügel bildete und nur eine Strecke des ſanfteſten Raſens von etwa zweihundert Schrit⸗ ten übrig ließ, welche einzig von jenem Hügel mit der Bir⸗ kengruppe zwiſchen ihm und der Straße unterbrochen wur⸗ den— ſie ſah nicht, daß ſich erſt eine und dann eine zweite 92²2 Geſtalt ſachte herbeiſchlich und dann mit verſtohlenen Schrit⸗ ten über das weiche Gras gegen ſie herankroch, während die Buchen ſie beſtändig vor dem Mädchen verſteckten. Die Tageshelle war kaum groß genug, um ſie die Bewegungen dieſer Beiden bemerken zu laſſen, auch wenn die Bäume nicht eine Art Blätterſchirm gebildet hätten. So kam es, daß die Beiden ihr gänzlich verborgen blieben, und daß ſie nicht früher bemerkte, wie ſie nicht mehr allein auf dem Hügel war, als bis ſie deren Schritte in ihrer unmittelbaren Nähe vernahm. Bei dem Geräuſche ihrer Tritte fuhr ſie zuſammen und drehte ſich um; da ſah ſie zwei Fremdlinge mit geſchwärzten Geſichtern vor ſich ſtehen. Sie wäre gerne nach Hauſe gerannt, aber im ſelben Augenblicke faßte ſte Einer am Arm und der Andere bei der Schulter. „Pardie, nous Pavons!“ rief der eine von Beiden. Der Andere ſagte nichts, ſondern ſuchte ſte in der dem Hauſe entgegengeſetzten Richtung weiter zu ziehen. Alle Warnungen, die ſie empfangen hatte, traten ihr jetzt mit einem Male vor's Gedächtniß. Alle Schrecken, welche ihr Vormund ihr eingeflößt, bemächtigten ſich ihrer mit voller Gewalt, und ohne ſich mit Fragen oder Vorſtel⸗ lungen aufzuhalten, ſchrie ſie laut nach Hülfe, während die beiden Männer ſie trotz ihres Widerſtrebens den Pfad hinan drängten, den ſie ſelbſt eingeſchlagen hatten. „Man kanns nicht hören,“ ſagte der Eine zum Andern auf Franzöſiſch;„der Wind bläst von der andern Seite. Dieſe Sonnenfinſterniß war ein recht glücklicher Zufall.“ Emmeline ſchrie immer noch, und der Eine, der bis jetzt 9³ nicht geſprochen, legte ihr die Hand auf den Mund, um ihr Schreien zu dämpfen, indem er ihr zu gleicher Zeit auf Franzöſiſch allerlei Ermahnungen und Verſprechungen zu⸗ flüſterte, damit ſie ruhig mitkomme— was ſie jedoch weder hörte noch verſtand. Sie wußte ihre Lippen frei zu machen und ſchrie aber⸗ und abermals, bis ſie— o geſegneter Laut!— das Klappern von Pferdehufen auf der Straße vernahm. „Es iſt mein Vormund,“ dachte ſie und ließ abermals einen langen durchdringenden Schrei vernehmen. Er drang dem Reiter auf der Straße zu Ohren. Sein Noß anhaltend ſah er bei dem jetzt wieder ſtärker werdenden Lichte, wie zwei Männer eine Frau den Hügel hinaufſchlepp⸗ ten. Zwiſchen der Straße und dem Raſen oben lag ein ſteiler Rain; aber der Reiter bohrte ſeinem Pferde die Sporen in die Seite, und mit wildem Sprunge ſetzte das ſchöne gewaltige Thier über das Hinderniß und erreichte mit Windeseile den oberen Abhang; dann wie zum Wett⸗ laufe ausgreifend trug ihn das Roß in wenigen Sekunden an Emmelinens Seite und ſogar noch etwas darüber hin⸗ aus, bevor der Reiter ſeinem Laufe Einhalt thun konnte. Der letztere Umſtand war günſtig, denn dadurch kam der Reiter zwiſchen die Räuber und den Wald und konnte auch im Vorüberraſen bemerken, daß die beiden Burſche entſchloſſen waren, ſich ſeiner Einmiſchung zu widerſetzen. Sobald ſie nämlich bemerkten, daß der Frembling allein war, zogen Beide vom Leder und der Eine ſagte leiſe zum Andern auf Franzöſiſch: 94 „Halte ihn auf, wäͤhrend ich ſie fortſchaffe. Dreihun⸗ dert Schritte weiter— und wir ſind auf Anrufweite von un⸗ ſerer Bootsmannſchaft.“ Allein der Fremde war nicht ſo leicht abzuſchütteln. Sein Roß ſchwenkte raſch herum, ſein Schwert war im Augenblick aus der Scheide, und im nächſten Moment fiel er über die beiden Schelme her, von denen ſich Emmeline mit aller Anſtrengung zu befreien ſuchte. Als ob er ihren Plan ahnte, ließ er den Einen, der die Dame losge⸗ laſſen und ſich ihm mit dem Schwert in der Hand genähert hatte, vorläufig unbeachtet, indem nur ſein Pferd eine Schwenkung machte, um ſeinem Hiebe auszuweichen; da⸗ gegen drang er mächtig auf den Andern ein, der noch im⸗ mer das arme Mädchen in ſeiner ſtarken Fauſt hielt, ſo daß er gezwungen wurde, ſich zur Vertheidigung umzuwenden. Der Befreier war übrigens genöthigt, ein vorſichtiges Spiel zu ſpielen, denn der Andere kam jetzt hinter ihm her und ſchien ihn vom Pferde ſtoßen zu wollen. Aber in jeder mi⸗ litäriſchen Uebung wohl erfahren, obwohl das Thier, das er ritt, nie in der Reitſchule abgerichtet worden, lenkte er ſein Roß in größter Leichtigkeit mit Hand und Ferſe, indem er es bald auf dieſen bald auf jenen anſprengte, dort einen Hieb parirte, hier einen austheilte, und den Einen, der die junge Dame noch immer am Arme hielt, zwang, ſeine Beute loszulaſſen und an ſeine eigene Vertheidigung zu denken. Im ſelben Augenblicke ließ ſich das laute tiefe Bellen eines mächtigen Hundes vernehmen und ein kurzer Blick zeigte dem Gentleman zu Pferde einen ungeheuern Hetzhund 95⁵ und hinter ihm in raſchem Laufe eine menſchliche Geſtalt, beide von dem tiefer gelegenen Walde, worin ſich die Straße zu verlieren ſchien, über den Hügel gegen ſie heran rennend. Auch Emmeline machte dieſelbe Entdeckung, und ein⸗ mal befreit, ſprang ſie dem neuen Ankömmlinge entgegen, hatte aber noch keine zwanzig Schritte gemacht, als ſie von Kampf und Schrecken erſchöpft auf dem Raſen nie⸗ derſank. „Lauf, lauf, Matthes!“ rief der Mann, welcher Em⸗ meline vorhin losgelaſſen hatte, noch immer auf Franzöſiſch, indem er mit einem jener furchtbaren läſterlichen Flüche, woran ſeine Landesſprache ſo reich iſt, beifügte:„ſie iſt uns entgangen! Durch den Wald und auf dem Pfade rund um den Hügel! Ich will Dir den Weg die Klippe hinab zeigen.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich mit ſeinem Gefähr⸗ ten zur Flucht, wobei er ſich aber mit hartnäckiger Vorſicht zurückzog, alle zehn bis zwölf Schritte anhaltend und in voller Bereitſchaft zur Vertheidigung ſich umwendend. Der Fremde ſchien jedoch keineswegs geneigt, ihn zu verfolgen. Sein Zweck war erreicht: die Dame war aus den Händen der beiden Spitzbuben befreit; die näheren Um⸗ ſtände kannte er nicht, und nachdem er ſich einen Augenblick verweilt hatte, um ſich zu überzeugen, ob die Schufte nicht Miene machten, zurückzukehren, ſprang er vom Pferde und näherte ſich dem armen Mädchen, das ſich jetzt mit dem Kopfe erhob und matt auf den Arm ſiützte. 96 „Ich hoffe, Ihr habt keinen Schaden genommen, Ma⸗ dame,“ rief der Fremde.„Fürchtet Euch nicht. Die Schufte ſind entflohen und werden wohl nicht ſobald zurück⸗ kehren. Auf alle Fälle habe ich den Einen ſo gezeichnet, daß wir ihn künftig wohl wieder erkennen werden.“ „Ach ich danke, ich danke Euch! Wie viel bin ich Euch ſchuldig, Sir!“ war Alles, was Emmeline zu äußern vermochte. Zu gleicher Zeit ſprang der große Hetzhund auf den Fremden los, wie wenn er ihn an der Kehle packen wollte; aber mit jenem eigenthümlichen, wunderbaren Inſtinkte, womit Hunde von edler Race den Freund vom Feinde un⸗ terſcheiden, blieb er plötzlich, wie wenn er noch nicht ganz beruhigt wäre, in vollem Laufe ſtehen, mit ſcheuem, vor⸗ ſichtigem Blicke und geſenkten Ohren ſich abwendend und der Dame ſich nähernd, deren Hand er leckte, indem er ihr mit ſeinen großen glänzenden Augen in's Geſicht ſchaute. „Laßt mich Euch helfen, Euch aufzurichten,“ bemerkte der Fremde, Emmeline ſeine Hand bietend;„hier kommt Jemand, unter deſſen Schutze Ihr ohne Zweifel ganz ſicher ſeyn werdet.— Ha, mein junger Freund Richard Newark! Ihr ſeyd uns gerade im glücklichen Momente zu Hülfe ge⸗ kommen.“ Der junge Menſch faßt ſeine Hand und ſchüttelte ſie herzlich, indem er rief: „Was gibt's, was gibt's denn? Ich hörte Emmelinen kreiſchen, ſah Euch mit zwei Männern fechten und einen von ihnen gerade auf die Stirne treffen. Ei, was Ihr heute 97 für einen luſtigen Rock anhabt! in London waret Ihr braun gekleidet.“ „Ohne dieſes Gentlemans Beiſtand waͤre ich— Gott weiß wohin— geſchleppt worden,“ ſagte Emmeline ſich er⸗ hebend;„wahrſcheinlich über die See, denn ſie ſprachen von einem Boote.“ „Ja, ja, er iſt immer bei der Hand, um den Leuten zu helfen, wenn ſie in Noth ſind,“ erklärte der Junge mit einem zärtlichen Blicke auf Smeaton.„Dies iſt der Gentle⸗ man, Enmeline, der jenen großen Läufer, der mich nieder⸗ ſchlug, zu Brei zuſammendroſch. Es gibt Leute, die nun einmal das Glück dazu haben; ich möchte auch ſolche Tha⸗ ten verrichten, aber ich komme immer zu ſpät. Ich wollte ihm entgegengehen, denn ſein Diener war erſt vor einigen Minuten mit dem Gepäck angelangt; ich dachte jedoch, er würde auf der Straße daherkommen, ſonſt wäre ich zeitig auf dem Hügel geweſen. Auch hatte die Beſtie, der Brian, einen Haſen aufgejagt und ich ſetzte mich nieder und zankte mit ihm, indem ich ihn fragte, ob ſich's für ein vornehmes Thier wie er ſchicke, ſo kleinem ärmlichem Wilde nachzu⸗ rennen. Er war viel zu beſchämt über ſich ſelbſt, um eine Antwort zu geben; er erhob nur ſeine große haarige Schnauze und wedelte mit dem Schweif, als wollte er ſagen: ſprich nicht weiter von der Sache.— Dich wegge⸗ ſchleppt, Emmeline,“ fuhr er in ſeiner unzuſammenhängen⸗ den Weiſe fort.„Wo konnten ſie Dich hinſchleppen wol⸗ len? Sie haben Dir doch nichts zu Leide gethan— oder doch?“ James. Henry Smeaton. 7 98 „Meine Gelenke haben ſie gepreßt, daß ſte ganz gewiß ſchwarz und blau ausſehen werden,“ erklärte Emmeline ein⸗ fach.„Laßt uns jedoch lieber nach Hauſe eilen,“ fuhr ſie fort,„denn es könnten ihrer noch mehr kommen“— und auf Richards Arm ſich ſtützend fügte ſie mit graziöſer Ver⸗ beugung gegen Smeaton bei:„mein Vormund, Sir John Newark, wird Euch ſehr dankbar ſeyn, Sir, wie ich ſelbſt es bin, denn ohne Eure Beherztheit und Güte wäre wahr⸗ ſcheinlich trotz all ſeiner Vorſicht ein Anſchlag gelungen, vor dem er mich oft gewarnt hat.“ „Ich fühle mich dadurch, daß ich Euch einen Dienſt erwieſen, mehr als genügend belohnt,“ erwiederte Smeaton in ziemlich gleichgültigem Tone und verſank dann in ein tiefes Nachſinnen, das nur durch den jungen Newark unter⸗ brochen wurde, der mit lautem Lachen ausrief: „Ich wollte lieber einen Tag lang im Sonnenbrande als Gräber arbeiten, als Euer Roß dort oben auf dem Hü⸗ gel einfangen. Es wird noch vor morgen Früh Exeter erreichen. Da wir gerade von der Sonne reden— haſt Du je etwas ſo Spaßiges geſehen, Emmeline, als wie vorhin der große leuchtende Gentleman ausſah, nicht anders als ob er an einer Indigeſtion erkrankt wäre? Er iſt noch nicht viel beſſer und ſchaut ſchwarz genug in die Welt hinein, obgleich er jetzt auf die eine Seite des Kopfes einen Spitzhut von Licht aufgeſetzt hat. Die alte Barbara ſagt mir, man nenne es eine Sonnenfinſterniß, und das ſey etwas ganz Merkwürdiges. Sie ſah eine ganz ähnliche unter der Re⸗ gierung König William's geſegneten Angedenkens, und da 99 ſeyen alle Vögel zur Rüſte gegangen und die Schweine hät⸗ ten ihre Rüſſel in's Stroh geſteckt. Mir kommt die Sache eher unangenehm als merkwürdig vor; aber ſieh! er hat ſein Pferd eingefangen. Er wird Jeden und Jede ein⸗ fangen— vielleicht auch Dich, mein hübſches Voͤgelchen, ehe er von dannen geht.“ Ein leichtes Errothen zeigte ſich auf Emmelinen's Geſicht. „Wie Deine Gedanken wieder umherſchweifen, Ri⸗ chard!“ ſchalt ſie.„Du hätteſt ihm helfen ſollen, mein Junge.“ „So, hätte ich?“ rief der Knabe auffahrend;„dann thut mir's leid, daß ich's nicht gethan habe, denn ich möchte ihm gerne bei Allem behülflich ſeyn— er iſt gar ein feiner Burſche. Aber ich weiß nie, was ich thun ſoll, Emmeline, und darum mußt Du mir's ſagen, während er hier iſt.“ „Dein Vater erwartet ihn?“ fragte Emmeline.„Er hat noch nie ein Wort davon geſprochen.“ „Erwartet ihn ſo ſicher wie den Chriſttag,“ behaup⸗ tete der Junge;„aber als ein weiſer Mann, der er iſt, hielt er ſein Maul, da er wohl weiß, daß die Erwartung, wie eine ſchlechte Schwertklinge, leicht in der Mitte abbricht, wenn man ſich am meiſten auf ſie verläßt.“ „Das kommt nicht aus Dir ſelbſt, Dick,“ bemerkte Emmeline lächelnd.„Das haſt Du irgendwo entlehnt.“ „Geſtohlen, theure Emmy,“ erwiederte Richard la⸗ chend—„gemaust von einem Schauſpieler in einer Spitzen⸗ jacke, der letztes Jahr zu Putney mit einer mächtigen 7 A8 100 Perrücke in einer Scheune herumſtolzirte und ſich ſelbſt Ihrer Majeſtät Diener nannte. Aber dort kommt Oberſt Smea⸗ ton mit ſeinem Pferde im Schlepptau, wie die Fiſcher zu ſagen pflegen. O wie gerne würde ich Oberſt werden! Ich moͤchte wiſſen, ob ich jemals ein Oberſt ſeyn werde.“ Nooch ehe die junge Dame antworten konnte, hatte Smeaton die beiden jungen Leute erreicht und wandelte jetzt neben ihnen nach dem Herrenhauſe. Er hatte ſein nach⸗ denkliches Weſen abgeſchüttelt und unterhielt ſich in leichtem munterem Tone mit ſeinen beiden jungen Begleitern, indem er Emmelinen von Zeit zu Zeit über den ſchmählichen An⸗ griff, den man gegen ſie verſucht hatte, ausfragte und ſich zu überzeugen ſuchte, ob ſie etwas von den betheiligten Per⸗ ſonen oder von deren Beweggründen wiſſe. Sie war jedoch genöthigt, ihm ihre Unkenntniß einzugeſtehen, indem ſie blos erzählte, ihr Vormund habe ſie öfter vor der Möglich⸗ keit eines ſolchen Verſuches gewarnt, ſey aber nie in nähere Erklärungen eingegangen. Die Reihe des Nachdenklichwerdens ſchien jetzt an Ri⸗ chard Newark gekommen zu ſeyn, und ſie hatten das Haus beinahe erreicht, als er endlich die Lippen offnete: „Ich habe bei mir überlegt, Smeaton,“ ſagte er auf⸗ ſchauend und das Reſultat ſeines Nachſinnens auskramend, „ob wir nicht alle Diener verſammeln und jene Menſchen⸗ diebe einzufangen ſuchen ſollten.“ „Ich fürchte, ſie ſind ſchon läͤngſt außer unſerem Be⸗ reich,“ gab Smeaton ernſthaft zur Antwort. „O gewiß nicht,“ rief der Knabe;„ſie können nur am 101 Fluſſe hinabgehen und da werden wir ſie an der Mündung anhalten. Sie ſchlugen den Pfad nach dem Gipfel von Ale⸗Head ein, und wenn ſie nicht Flügel haben, ſo kommen ſie dort nicht hinunter. Ich will den Schweißhund los⸗ laſſen und ihnen auf die Ferſe hetzen; der wird ſie in einer Minute auffinden.“ „Nein, thu's nicht, Richard,“ bat Emmeline.„Du mußt das Haus nicht ohne Vertheidigung laſſen, denn Nie⸗ mand kann wiſſen, wie viele ihrer ſeyn mögen.“ Auch Smeaton mochte den Knaben in ſeinem Vor⸗ ſchlage nicht ermuntern; er ſah ernſt und nachdenklich aus, und die Sache ſchien von ſelbſt einzuſchlafen. Die drei Wanderer erreichten Ale⸗Manor und Emmeline ging nach dem kleineren Beſuchzimmer voran, wo ſich Sir John Ne⸗ wark des Morgens aufzuhalten pflegte. Während ſie ſich mit ſchüchterner Anmuth der mancher⸗ lei Pflichten der Gaſtfreundſchaft gegen Smeaton entledigte, ſchlüpfte Richard leiſe aus dem Zimmer, eilte in den großen Schloßhof und rannte auf einen ungeheuren Schweißhund los, der neben der Stallthüre angebunden lag. Die Beſtie ſprang auf die Hinterbeine und zerrte an der Kette, um ihren jungen Gebieter zu liebkoſen, der ohne Umſtände im Schmutze niederkniend den mächtigen Hals des Thieres, das ihn im ganzen Geſichte beleckte, mit einem Arme umſchlang, während er mit dem andern die Kette von dem Halsbande loszumachen ſuchte. „Bindet doch den Hund nicht los, Mr. Richard,“ rief 1⁰² ein Reitknecht aus dem Stalle;„er wird Jemand beißen, wenn Ihr nicht Acht habt.“ „Das will ich ja gerade, Bill,“ erwiederte der Junge. „Komm Du mit mir. Es haben zwei Mäͤnner Emmy zu ent⸗ führen geſucht, und Brian, der nur mit den Augen jagt, iſt nichts nutz geweſen.“ „Haben ſie denn das Fräulein gefangen?“ rief der Mann herausſtürzend. „Nein, nein. Oberſt Smeaton kam herbei und hat ihnen die Wackler eingeſchlagen,“ erzählte Richard.„Aber ich möchte ſie gerne abfangen; deßhalb hab' ich die drei— nämlich das Fräulein, den Oberſt und den Hund— im Hauſe zurückgelaſſen und will mir den alten Bellmouth hier zur Hülfe holen. Komm Du mit, Bill, und eile Dich: wir wollen den Hund auf ſie hetzen— wenn er ſie dann in Stücke reißt, ſo iſt es ſeine Schuld und die ihre, aber nicht die meine.“ Während er ſo ſprach, eilte er zum Thore hinaus und der Hund ſprang in mächtigen Sätzen voran. Der Stall⸗ knecht erwiſchte einen tüchtigen Stock und folgte, indem er ſeinen jungen Herrn unaufhörlich ausfragte, ohne eine ge⸗ nügende Antwort zu erhalten. Auf dem kürzeſten Wege theils durch den Wald, theils über den Abhang des Hügels erreichte der junge Richard ſehr bald die Stelle, wo er Em⸗ meline geſehen hatte, als er zuerſt durch ihr Schreien allar⸗ mirt worden war. Hier drückte er des Hundes Schnauze mit beiden Händen zur Erde und rief: „Such, Bellmouth, ſuch!“ 1⁰³3 Das rieſige Thier ſchnuffelte eine Weile rings umher, während man keinen anderen Laut als das Schnobern ſeiner Nüſtern auf dem Boden vernahm, bis ihn der Junge einige Schritte weiter aufwärts lockte, indem er ſeinen Ruf:„ſuch, Bellmouth, ſuch!“ fortwährend wiederholte. Der Hund gehorchte, die Schnauze unaufhörlich am Boden haltend— endlich mit lautem Bellen ſprang er ge⸗ nau in derſelben Richtung vorwärts, welche die Manner ein⸗ geſchlagen hatten. Nichard Newark und der Stallknecht folgten ſo ſchnell ihre Beine ſie zu tragen vermochten, den Hund mit lautem Zurufe ermunternd; der aber, ohne ſich im Geringſten zu irren, rannte voran, nur von Zeit zu Zeit gleichſam als Signal für ſie Laut gebend. Er jagte gerades Wegs durch den Vorſprung des Waldes über den braunen Hügel jenſeits in ſchnurgerader Linie aufwärts gegen den Gipfel von Ale⸗Head. Sobald die beiden Verfolger den Wald hinter ſich hatten, wurden ſie ſeiner wieder anſichtig⸗ wie er bolzgerade auf die Felſen losrannte, und der Diener bemerkte: „Jetzt werden wir ſie erwiſchen, Mr. Richard, oder der Hund jagt ſie in die See hinunter.“ Gleich darauf verſchwand Bellmouth, denn der Gipfel von Ale⸗Head, ehe er in das ſenkrechte Felsgebirge abfällt, das ſo drohend über die Waſſer hinausragt, kappt ſich gleichſam zu einer leichten Erhebung des Bodens ab, deren Raſen ſich bis an den Rand der Klippe hinabſenkt, ſo daß der Theil, der zwiſchen jenem hoͤchſten Punkte und dem Ab⸗ 1⁰⁴ grunde lag, von dem Standpunkte der Verfolger aus nicht geſehen werden konnte. Als die Beiden den Gipfel erreichten, war der Hund verſchwunden; etwas weiter unten vernahmen ſie aber ein lautes Bellen, und Richard Newark lief an den Rand der Klippe vor, während der Diener mit dem Rufe:„um Got⸗ teswillen! Mr. Richard, nehmt Euch in Acht!“ mit größerer Vorſicht nachfolgte. Sobald ſie den vorderen Rand erreichten, konnten ſie mit einem Blicke den Vorgang überſehen. Auf einer Stelle des Felſens dicht über dem Waſſer, von wo ein ausnehmend ſchmaler Pfad auslief, der, unregel⸗ mäßig, zerriſſen, mit loſen Steinen bedeckt und von Spalten unterbrochen, von oben wie von unten geſehen gleich unzu⸗ gänglich ſchien— ſtand der große Schweißhund und bellte mit einer Wuth, worein ſich eine Art ſchrillen Weinens der Enttäuſchung zu miſchen ſchien, während man etwa eine halbe Meile von da ein kleines Boot einem Kutter zuru⸗ dern ſah, der einige Meilen von der Küſte entfernt in der See lag. Richard Newark hatte am Rande der Klippe plötzlich Halt gemacht und war vollkommen ſtumm geblieben; der Diener aber rief ſobald er herankam: „Sie ſind auf und davon, Sir! wir kommen zu ſpät.“ „Ja,“ ſagte der Junge in nachdenklichem Tone;„ſie müſſen den Ort wohl gekannt haben, Bill. Ich glaubte nicht, daß außer mir und dem jungen Jemmie Harriſon, des Fiſchers Sohn, noch ein anderer Menſch in England den 10⁵ Pfad da hinab kenne. Es iſt nicht das erſtemal, daß ſie hier waren. Hieher, Bellmouth! nimm deine Füße in Acht, alter Knabe!'s iſt das erſtemal, daß du jemals da oben warſt und doch haſt du keine Karte gehabt.“ Es dauerte eine Zeitlang, bis er das Thier bewegen konnte, ſeine Stellung unten auf dem Felſen zu verlaſſen und zu ihm empor zu klettern. Vielleicht, daß der Hund bei der großen Entfernung die Stimme von oben nicht ver⸗ nahm; ſicher aber ſah er ſeinen jungen Gebieter auf ihn herabſchauen, denn von Zeit zu Zeit hob er ſeinen Kopf mit zornigem Heulen zu ihm empor, wie wenn er ihm anzeigen wollte, daß ihnen die eigentliche Beute entronnen war. Endlich begann er empor zu klettern; nicht ohne Mühe und offenbare Furcht— denn ſeine Schritte waren langſam und unſicher— legte er den Weg nach dem Gipfel des Abgrun⸗ des zurück und ſchüttelte ſich oben mit großer Genugthuung, indem er in Richards Antlitz emporſchaute. Der Knabe tätſchelte ihn auf den Kopf, ſprach aber nichts und machte ſich ſchweigend auf den Heimweg. Sechstes Kapitel. Vom Reitknecht zum Stalljungen, vom Stalljungen zur Köchin, von Mädchen zu Mädchen und von Mann zu Mann bis zur Haushälterin und dem alten Mundſchenken herab wanderte die Erzählung, bis jeder Burſche und jede 106 Maid, ſogar die älteſte Schachtel in der Familie erfahren hatte, daß zwei Männer Emmelinen entführt und nur durch die zeitige Ankunft und ritterliche Kühnheit des Oberſten Henry Smeaton, eines mit Sir John und Meiſter Richard wohlbekannten Gentlemans, verhindert worden ſeyen, ſie auf ein in der Nähe der Küſte liegendes Schiff zu ſchleppen. Die Geſchichte erlitt auf ihrer Wanderung allerdings vieler⸗ lei Variationen; ſie wurde verbeſſert und verſchönert und gewann bei jedem Schritte, wie die Theaterzettel beſagen, „neue Scenerie, neue Koſtüms und Dekorationen“. Auch die Art und Weiſe, wie ſie erzählt wurde, gab, wie gewöhn⸗ lich, zu der größten Konfuſion Veranlaſſung, ja eines der Mädchen ließ ſogar in ſeinem Berichte an die Haushälterin — ſey es nun aus eigener Ideenverwirrung oder aus unge⸗ nauer Sprachweiſe— den Hatzhund Brian eine für ſolche Beſtien höchſt ungewöhnliche und wichtige Rolle ſpielen. „Eben in dieſem Augenblicke kam Brian herbeige⸗ ſtürzt,“ erzählte ſie,„und mit dem Schwert in der Hand hieb er dem einen der Beiden eine tüchtige Schmarre über die Stirne.“ „Gerechter Himmel!“ rief die Haushälterin, über dieſe befremdende Erſcheinung nicht wenig überraſcht und beun⸗ ruhigt;„wie kam Brian zu einem Schwerte?“ „Ja ſo, potz Wetter, ich meinte den Gentleman,“ ver⸗ beſſerte das Mädchen.„Er hieb den Mann über den Kopf, als eben der Hund herbeikam.“ 3 Wir können uns jedoch nicht bei all dieſen Variationen aufhalten. Sie waren zahlreich und nicht unintereſſant; 107 allein wir haben andere Dinge vor uns. So genüge denn zu wiſſen, wie Alle in der Thatſache übereinſtimmten, daß Emmeline angegriffen und befreit worden war, daß Junker Richard und Bill, der Stallknecht, mit Bellmouth, dem Schweißhund, die Räuber bis auf den Gipfel von Ale⸗Head verfolgt, daß aber Letztere ihr Boot bereits beſtiegen hatten und in die See geſtochen waren. Einer der Diener, der ſchon lange in der Familie gelebt und Sir John Newarks Neugierde erprobt hatte, womit dieſer Alles, was während ſeiner Abweſenheit zu Hauſe vorging, ſobald wie möglich zu erfahren wünſchte, ein ruhiger gedankenvoller Geheim⸗ nißkrämer von einem Menſchen— machte ſich ungeſäumt auf den Weg, ſobald er alle Thatſachen geſammelt hatte, wohlwiſſend, daß ſein Gebieter in Kurzem von dem benach⸗ barten Städtchen, wohin er am Morgen gegangen, zurück⸗ kehren würde. Er begegnete ihm ſogar früher als er er⸗ wartet hatte, nicht über anderthalb Meilen vom Hauſe entfernt. Sir John war offenbar ängſtlich und in großer Haſt, denn er ließ ſein eigenes Roß wie die ſeiner Begleiter, etwa drei oder vier an der Zahl, ſogar die Höhe hinan in ſcharfem Trabe vorwärts eilen. Der Mann wagte jedoch, ihm Einhalt zu thun, und die erſten Worte des Ritters waren: „Das Fräulein— Emmeline? Man hat ein fremdes Segel an der Küſte geſehen.“ „Ja, Sir John,“ erwiederte der Mann.„Sie hätten ſie diesmal beinahe entführt, Euer Gnaden. Zwei der Männer packten ſie gar nicht weit vom Hauſe; da kam aber ein Gentleman, der Euch beſuchen wollte— ein gewiſſer Oberſt Seaton oder Smeaton oder etwas der Art— hörte ihr Schreien auf der Straße, galoppirte herbei und befreite ſie. Es heißt, er habe einem der Leute einen furchtbaren Hieb über den Kopf verſetzt; ſo wenigſtens erzählt Junker Richard, denn er eilte gleichfalls zur Hülfe herbei und ſah den Kampf mit an, da jene Burſche die Sache nicht ohne hitziges Handgemenge aufgaben.“ „Gott ſey Dank, ſie iſt gerettet!“ ſagte Sir John Newark, und mochten auch die Beweggründe zu dieſem frommen Ausrufe noch ſo gemiſchter Art ſeyn, ſo ſchien er ſich jedenfalls aufrichtig über die Nachricht zu freuen. Sein Roß zu noch ſchnellerem Laufe als zuvor an⸗ treibend, jagte er mit großer Geſchwindigkeit nach Hauſe, ſprang wie ein junger Mann vom Pferde und eilte in das kleine Beſuchzimmer, woher er mehrere Stimmen vernom⸗ men hatte. Die Geſellſchaft drinnen war in luſtigem Plaudern und Lachen begriffen; doch die Aufregung und Aengſtlich⸗ keit in Sir Johns Miene bewies ihnen alsbald, daß die Er⸗ eigniſſe, welche ſie ſelbſt uͤber der angenehmen Unterhaltung faſt vergeſſen hatten, ihm zu Ohren gekommen waren, und Emmeline konnte nicht umhin, ihm für die tiefe zärtliche Theilnahme, die er an ihrer Errettung zu nehmen ſchien, innerlich ihren Dank zu zollen. Er ſchüttelte Smeaton herzlich die Hand und begann: „Ihr habt mir einen unſchätzbaren Dienſt erwieſen, Oberſt Smeaton, und die Schuld noch vermehrt, die Ihr 1⁰9 durch die tapfere Vertheidigung meines Sohnes auf mich geladen. Auch erhielt ich die Nachricht aus London, daß Lord Stair auf Euer Verlangen den Flegel, der meinen Knaben geſchlagen, aus ſeinen Dienſten entlaſſen hat. So ſcheint es beinahe, daß Ihr nicht allein unſer guter Engel, ſondern auch ein ſehr mächtiger Engel ſeyd.“ „Ihr beſchämt mich förmlich, mein theurer Sir,“ er⸗ wiederte Smeaton lachend.„Ich habe nicht mehr Ver⸗ dienſt bei der Sache als Einer, der vom Glücke begünſtigt eine Börſe aufliest und ſie ihrem rechtmäßigen Beſitzer zu⸗ rückſtellt. Was Lord Stair betrifft, ſo machte ich es zur Ehrenſache, ihn ſogleich aufzuſuchen, und ſein eigener Sinn für Gerechtigkeit veranlaßte ihn, auf meine wahrheitsge⸗ mäße und durch mein Ehrenwort bekräftigte Darſtellung des Vorfalls jenen Mann zu entlaſſen, ohne daß es von meiner Seite einer Drohung oder eines Zwangsmittels be⸗ durft hätte. Der Earl muß in früheren Jahren ein ver⸗ trauter Freund meines verſtorbenen Vaters geweſen ſeyn, und dieſer Umſtand mag ihn wohl einigermaßen zum Nach⸗ geben bewogen haben. Dieſe ſchöne Dame wird hoffentlich jeder ferneren Gefahr entgehen— welches auch immer die Urſache des wider ſie verſuchten Angriffes geweſen ſeyn mag, und wir haben ſoeben überlegt, welches die beſten Schutzmittel für ſie ſeyn möchten, ohne ſie einer Gefangen⸗ ſchaft zu unterwerfen, zu der ſie ſich fremden Unrechtes hal⸗ ber zu verurtheilen geneigt ſcheint. Euer Sohn ſchlug vor, ſie, wohin ſie auch gehe, durch eine Leibwache von einigen Bullenbeißern begleiten zu laſſen; ich behaupte aber, er ſelbſt 1¹⁰ wenigſtens ſollte immer einer ihrer Begleiter ſeyn, und nachdem er einmal die Schule verlaſſen, zweifle ich nicht, daß Ihr ihn in ſo gerechter Sache mit einem Schwerte be⸗ waffnen werdet.“ Smeaton ſagte dieß Alles in ſcherzendem Tone; aber Sir John Newark blieb dabei ziemlich ernſthaft. .„Ich fürchte, Richard würde ein Schwert nicht zu handhaben verſtehen,“ bemerkte er.„Er hat das Fechten noch nicht gelernt.“ „So laßt mich die Ehre haben, es ihn zu lehren,“ verſetzte Smeaton.„Ich wollte wetten, daß ich in einer Woche in der Kunſt des Hiebes wie des Stoßes wie in jeder anderen Waffe einen tüchtigen Fechter aus ihm machen würde. Ich habe in meinem Regimente jederzeit für den beſten Meiſter in dieſen Uebungen gegolten.“ Sir John war offenbar ſehr erfreut und der Knabe kannte ſich kaum vor Entzücken. „Ich hoffe, er ſoll die Wohlthat Eurer gütigen Auf⸗ ſicht für länger als eine Woche genießen,“ erwiederte der Hausherr;„es iſt allerdings räthlich, daß er ſeine Couſine begleite, ſo oft ſie ſich etwas weiter von Hauſe entfernt. Aber Ihr ſelbſt, Oberſt Smeaton, habt doch gewiß nicht den weiten Weg von London hieher gemacht, um blos eine Woche bei uns auf dem Lande zuzubringen?“ „O nein,“ gab Smeaton zur Antwort.„Ich werde wohl ſechs Wochen in dieſem Theile des Landes verweilen; aber ich kann doch Eure Gaſtfreundſchaft nicht für ſo lange in Anſpruch nehmen.“ 111 „Wenn Ihr unſer Haus nur einen Tag früher ver⸗ laßt,“ betheuerte Sir John in warmem Eifer,„ſo könnten wir nicht anders denken, als daß Ihr unſere Gaſtlichkeit für ſehr kalt oder unſer Haus für ſehr langweilig haltet.“ Seine Einladung war ſo aufrichtig und er drang ſo herzlich in Smeaton, daß dieſer ſie ohne weitere Zögerung annahm und das Geſpräch wieder auf den jungen Richard Newark brachte, indem er den Vortheil hervorhob, den es beſonders bei dem ziemlich unruhigen Zuſtande des Landes für ihn haben müſſe, wenn er ſich frühzeitig auf die mannig⸗ faltigen männlichen Uebungen verlege. „Sie wären gewiß nicht nur ihm, ſondern auch Euch, Sir John, von großem Nutzen,“ bemerkte er.„Als ich durch Dorcheſter kam, ſah ich, wie man zwei Magiſtratsper⸗ ſonen der Stadt auf offenem Markte unter den Brunnen ſtellte und faſt zum Ertrinken vollpumpte, weil ſie nicht in das allgemeine Geſchrei: Hochkirche und Sacheverel für immer!' einſtimmen mochten. Ihre feigen Diener liefen davon und überließen ſie ihrem Schickſal, und ich ſelbſt fühlte mich nicht berufen, mich einzumiſchen; aber ich bin überzeugt, daß ein einziger Mann, der Schwert und Roß nur einigermaßen zu lenken verſtand, den ganzen Haufen auseinandergejagt und den beiden würdigen Herren die Taufe erſpart hätte.“. „Iſt ihnen für ihre Dickköpfigkeit ganz Recht ge⸗ ſchehen, und ich kann leicht errathen, daß Ihr nicht Luſt hattet, Euch einzumiſchen,“ meinte Sir John Newark lachend.„Eure Bemerkungen ſind aber darum nicht we⸗ niger richtig, Oberſt Smeaton, und ich will morgen nach Arminſter ſchicken, um für Richard einen guten, leichten Degen holen zu laſſen; meine eigenen ſind alle zu ſchwer für ihn.“ „Mit Eurer Erlaubniß will ich ihn mit einer ſehr zweckmäßigen Waffe verſehen, welche nebendem ſo leicht iſt, wie er ſie nur immer wünſchen kann,“ erbot ſich Smeaton. „Sie wurde für den verſtorbenen Herzog von Burgund an⸗ gefertigt, als er ungefähr in Eures Sohnes Alter war, und fiel durch Zufall in meine Hände. Sie befindet ſich bei meinem übrigen Gepäck, das heute Abend oder morgen Früh ankommen wird. Ihr ſollt ihm die weniger tödtlichen Waffen, als da ſind: Masken nebſt Hau⸗ und Stoßrap⸗ pieren anſchaffen, denn wir müſſen das alte Sprichwort beachten und dürfen nicht mit ſcharfen Werk eugen ſpielen.“ „Ha Richard, jetzt biſt Du ja auf dem Gipfel Deines Ehrgeizes— nicht wahr?“ rief Emmeline zu dem Jungen gewendet, während ſein Vater ſich bei Smeaton bedankte; „ich glaube nur, theurer Knabe, es wird Dir gehen, wie Anderen: der Ehrgeiz von heute wird nicht der CEhrgeiz von morgen ſeyn, denn wie die Poeten uns erzählen, gleicht die ſteile Höhe der Ehrſucht jenen Gebirgen, die ſich in den Wolken verlieren; wenn wir an ihnen hinanklim⸗ men, ſo glauben wir uns nie hoch genug, als bis wir uns über der Erde befinden. Aber was haſt Du nur, Richard? Du ſiehſt ja ganz traurig!“ „Ich weiß nicht, wie es kommt, theure Emmy; aber große Güte ſcheint mich faſt immer traurig zu machen,“ 113 erwiederte Richard leiſe.„Wenn ich immer um jenen Mann wäre, ſo würde ich, glaub' ich, ſelbſt bald zum Manne werden. Aber ich fürchte, das wird nimmer ge⸗ ſchehen,“ ſetzte er ſeufzend bei.„Ich fühle mich ſo viel jünger als ſonſtige Knaben meines Alters, und ich kann das Erlernte nie in meinen Kopf kriegen wie andere. Mein Wackler muß ein Loch haben, Emmy, daß die Gedanken ebenſo ſchnell wieder ausfliegen als ſie hereinkommen. Er iſt nicht beſſer als ein altes Taubenhaus.“ „Pſch, pſch! Das mußt Du nicht glauben,“ meinte Emmeline.„Du wirſt ganz gut lernen, Richard, wenn Du nur aufpaſſen und etwas weniger achtlos ſeyn willſt.“ „Ich kann nicht aufpaſſen,“ ſagte der Knabe.„Ich konnte es nie und bin übrigens weniger achtlos als Du glaubſt, Emmeline.“ Mit dieſen Worten verließ er ſie und trat zu Smeaton, der am nächſten Fenſter mit ſeinem Vater plauderte. „Wann werde ich den Degen bekommen?“ fragte er mit all' der haſtigen Ungeduld eines Kindes, ſeine Hand auf des Oberſts Arm legend. „Heute Abend oder morgen Früh,“ erwiederte Smea⸗ ton lächelnd;„ehe Ihr ihn aber tragt, müßt Ihr ihn erſt gebrauchen lernen. Sobald Ihr drei regelrechte Ausfälle pariren könnt, ſeyd Ihr auch im Stande, das Schwert zu tragen.“ Der Knabe ſchien zufrieden und verließ das Zimmer. Das Geſpräch zwiſchen dem Hausherrn, Emmelinen und Smeaton wendete ſich ſofort einige Minuten lang zu an⸗ James. Henry Smegton. deren Gegenſtänden, wie der Sonnenfinſterniß, der ſchönen Umgegend und dem aufgeregten Zuſtande des Landes; all⸗ mälig kam man aber immer wieder auf den befremdenden Angriff zurück, der gegen Emmeline verſucht worden war. Sir John befragte ſie und Smeaton über das Ausſehen und den Wuchs der Männer, was ſie geſprochen hätten und ob ſie die Räuber lange, bevor ſie den Angriff verſuchten, ge⸗ ſehen habe. Ueber ihr Ausſehen vermochte Emmeline nur wenig Auskunft zu geben; Smeaton aber beſchrieb ſie näher mit den Worten: „Der Eine war faſt von meiner Größe und es fiel mir auf, daß ich ihn früher irgendwo— vielleicht in Frankreich oder Spanien— geſehen haben müſſe; er hatte ſich jedoch geſchickt vermummt, ſeine Haare oder eine Perücke tief über's Geſicht gezogen und eine ungeheure Kravatte vor⸗ gebunden. Ich denke, er wird ſich jetzt nicht mehr ſo leicht verkleiden, denn mein Schwert konnte ihn zwar blos mit der Spitze erreichen, hat aber ſeine Stirne dennoch tief genug getroffen, da ich es auf dem Knochen krachen hörte.“ Emmeline ſchauderte und Smeaton fuhr fort: „Verzeiht mir, theures Fräulein, wenn ich von ſo ſchauderhaften Dingen vor Euch rede; aber glaubt mir, was ich that, war nothwendig, denn ſte ſchienen ein paar verzweifelte Spitzbuben, entſchloſſen ihre Beute nicht ohne Blut aufzugeben. Sie werden ihren Verſuch hoffentlich nicht wiederholen.“ „Ich denke, das werden ſie bleiben laſſen,“ bemerkte 115 Sir John Newark nachdenklich;„ſie haben ihre Lektion be⸗ kommen. Gut unterrichtet müſſen ſie aber geweſen ſeyn, denn wären die Fiſcher zu Hauſe geweſen, ſo würden ſie nicht zu landen gewagt haben. So aber war die ganze Einwohnerſchaft abweſend, und der Wind war auch nicht dazu gemacht, um ſie ſobald zurückzubringen, auch wenn die Erſcheinung eines fremden Schiffes Verdacht erregt hätte. Ich erfuhr ihre Ankunft heute Morgen, als ich zehn bis zwölf Meilen von hier entfernt war, und eilte ſo raſch ich konnte heimwärts. „So hattet Ihr demnach Grund zur Beſorgniß?“ fragte Smeaton. „O nein, das nicht gerade,“ erwiederte Sir John nicht ohne Verlegenheit, indem er alsbald beifügte:„Laßt mich Euch jetzt die Gemächer zeigen, die für Euch hergerichtet ſind, Oberſt Smeaton. Es iſt Alles vorbereitet wie ich weiß, wenn ich gleich, eine Enttäuſchung fürchtend, meiner ſchönen Mürndel nicht Hoffnung auf ein ſo großes Vergnügen machen wollte, ſo lange ſie noch deſſelben beraubt werden konnte.“ Mit dieſer höflichen Rede ging er voran, indem er Emmelinen, nicht ganz befriedigt, ihrem Nachſinnen überließ. Die Unaufrichtigkeit hat etwas an ſich, was ſich immer von ſelbſt verräth. Ich weiß nicht, worin dieſe Falſchheit liegt, welche uns zeigt, daß unter einem anſchei⸗ nend ruhigen und klaren Redeſtrom ein ganz anderer Sinn verborgen liegt. So iſt es aber immer geweſen, und wer ge⸗ nugſame Welterfahrung beſitzt, wird ſich nicht leicht üͤber 8* 116 die Aufrichtigkeit oder Falſchheit der Perſonen, mit denen er in Berührung kommt, täuſchen laſſen. Ihre Abſicht mag zwar verborgen, ihre Gedanken, Leidenſchaften, Beweg⸗ gründe, ihre Wünſche und Plane mögen ihm alle räthſelhaft bleiben: was er aber ſieht, iſt, daß Oberfläche und Tiefe nicht ein und daſſelbe verſchließen. Im vorliegenden Falle muß ich jedoch zur Belehrung des Leſers beifügen, daß Sir John Newark's Worte und Benehmen gegen Smeaton in vieler Hinſicht aufrichtig ge⸗ meint waren. Er ſchien wahrhaft erfreut, ihn als Gaſt zu Ale Manor zu ſehen, war ihm für die Befreiung Emmeli⸗ nens wie für die Vertheidigung ſeines Sohnes aufrichtig dankbar und wünſchte ohne Uebertreibung, daß er eine Zeit lang bei ihm bleiben möchte; aber dennoch blieb noch Man⸗ ches verborgen, und Smeaton, der Letzteres bemerkte, zwei⸗ felte in gewiſſem Grade auch an allem Anderen. Auf alle Fälle ſagte er ſich: „Das iſt kein aufrichtiger Mann. Es iſt klar, daß man mir in London die Wahrheit über ihn ſagte.“ Für Smeatons Behaglichkeit waren alle Anordnungen mit größter Sorgfalt und Aufmerkſamkeit getroffen; zwei Zimmer waren für ihn in Ale Manor hergerichtet, denn das Haus hatte überflüſſigen Raum für ſeine Bewohner. Das gute altmodiſche Geräthe, ſchwerfällig aber anſtändig, war friſch abgeſtäubt und geordnet, die Fenſter geöffnet und friſche Luft und Sonnenſchein eingelaſſen, ſo daß das Ganze ein heiteres freudiges Ausſehen gewann. Das äußere Zim⸗ mer war als eine Art Salon hergerichtet; das innere ent⸗ 117 hielt ein ungeheures vierfüßiges Bett mit blauſammtnen Vorhängen, und das wenige Gepäck, das Smeaton mit ſeinem Diener vorausgeſchickt, war bereits im erſten Zim⸗ mer untergebracht und zu ſeinem Gebrauch aufgeſtellt. Eine Handglocke ſtand auf dem Tiſche und Sir John be⸗ merkte, als er ihn in ſein Gemach führte: „„Ich muß leider geſtehen, daß in dieſem Theile des Hauſes keine Glocken auf dem Gange angebracht ſind; Euer Diener wohnt jedoch auf der anderen Seite des Hofes, ſo daß Ihr nur das Fenſter zu öffnen braucht, um ihn zu jeder Zeit durch jenes Inſtrument auf dem Tiſche herbeizurufen.“ Mit dieſen Worten verließ er ihn, indem er ihm noch die nahe Speiſeſtunde bezeichnete, und Smeaton ſetzte ſich in einem der breiten bequemen Armſtühle nieder, um ſich, noch ehe er ſeine Reiſekleider wechſelte, dem Nachſinnen über ſeine jetzige Lage und Ausſichten zu überlaſſen. Ohne mich mit Analyſtrung ſeiner Gedanken zu be⸗ faſſen, will ich ihn lieber gleich in das Speiſezimmer gelei⸗ ten. Ebenſo wenig will ich bei einem engliſchen Mittag⸗ eſſen der guten alten Zeit verweilen, ſo merkwürdig es auch in mancher Beziehung ſeyn mag. Es genüge zu erfahren, daß es ganz angenehm verlief, und daß Smeatons feine Manieren und reiche Unterhaltungsgabe aus Emmelinens Seele bald jede Anwandlung von Zwang entfernte, wie die Neuheit der Bekanntſchaft ſie erzeugen mochte. Sobald das Eſſen vorüber war, entfernte ſie ſich; Richard Newark folgte ihrem Beiſpiel, denn der Tag war noch lange nicht zu Ende und ſeine raſtloſen Gewohnheiten ließen ihn ſelten 118 lange an einem Orte verweilen. Sir John Newark wollte ſeinen Gaſt nach der Sitte des Tages zum Weintrinken nöthigen; allein Smeaton kündigte ihm alsbald an, daß er große Mäßigung gewöhnt ſey, indem er bemerkte, die Schule, in welcher er aufgezogen worden, würde ihn wohl ſchwerlich befähigen, mit Engländern im Flaſchenſtreite als Wettkämpfer aufzutreten. Auch hatte er bemerkt, daß Sir John Newark über Tiſch bei aller anſcheinenden Offen⸗ heit ſeiner Unterhaltung allerlei Fragen über fremde Län⸗ der und Smeatons eigene Abenteuer hatte einfließen laſſen, welche, wie er nicht anders denken konnte, einen beſonderen Zweck haben mußten. Er blieb deßhalb einigermaßen auf ſeiner Hut, fand aber bald, daß ſein Gefährte mehr wußte, als er ſich gedacht hatte. Die nächſten fünf Minuten nach Aufſtellung des Nach⸗ tiſches war einer oder der andere der Diener von Zeit zu Zeit hereingekommen, um mehr Wein auf das Buffet zu ſtellen und dieſe oder jene Platte wegzunehmen; als jedoch der Letzte ſich entfernt hatte und die Thüre endlich verſchloſ⸗ ſen ſchien, lehnte ſich Sir John Newark in ſeinen Stuhl zu⸗ rück und ſagte mit ganz eigenem Lächeln: „Nun, mein theurer Lord, werden wir uns mehr mit Bequemlichkeit beſprechen können, obwohl es für mich beſſer ſeyn dürfte, wenn ich Euch auch ferner als Oberſt Smeaton und nicht als den Earl von Eskdale behandle.“ Was er auch immer empfinden mochte— Smeaton . ließ nicht den leiſeſten Anſtrich der Ueberraſchung auf ſeinen Zügen hervortreten. Sobald er vernahm, daß Bolingbroke 119 ſeinem jetzigen Wirthe ſeinen eigentlichen Namen mitgetheilt hatte, kam er auch zu dem Schluſſe, daß Sir John Newark neben vielem Wahren wahrſcheinlich auch manches Falſche über ihn gehört haben werde. Es lag ihm jedoch nicht ſon⸗ derlich daran, etwaige falſche Nachrichten, welche Newark über ihn erhalten, zu berichtigen, denn er wünſchte aus ver⸗ ſchiedenen Gründen des Ritters Anſichten über ihn ſelbſt ſo vag und unbeſtimmt als möglich zu laſſen und wußte recht wohl, daß Leute von großer Liſt und Schlauheit durch Nichts mehr verwirrt und verlegen werden, als durch ein halbes Wiſſen, das noch ſchlimmer iſt, als völlige Unkenntniß, da es den Boden nicht rein läßt. So war er denn entſchloſſen ſeinerſeits durchaus nichts zu erzählen oder aufzuklären, ſondern Sir John ſeinen eigenen Weg verfolgen und ihn annehmen zu laſſen, was er nur immer ſich einzubilden be⸗ lieben mochte. „Es dürfte vielleicht beſſer ſeyn, Sir John,“ ſagte Smeaton nach augenblicklicher Erwägung,„meinen Titel ſowohl unter uns als vor den Leuten zu vermeiden. Der Name Oberſt Smeaton gewährt mir gerade ſo viel Würde, als ich für jetzt in dieſem Lande anzunehmen wünſche.“ „Lord Bolingbroke benachrichtigt mich und ich habe es mit großem Bedauern erfahren, daß Mylady zur Zeit ſeines Schreibens ſehr unwohl war,“ fuhr Sir John Newark nach einer Pauſe fort, ſobald er über die Art ſeines Angriffs mit ſich im Reinen war. „Das war ſie allerdings als ich ſie verließ,“ verſetzte Smeaton.„Meine letzten Briefe melden mir jedoch, daß 12⁰ ſte ſich viel beſſer befindet, ſonſt hätte ich natürlich nicht gewagt, meinen Aufenthalt in dieſem Lande zu verlängern.“ Der Leſer wolle bemerken, daß Smeaton bei dem erſten Worte des obigen Satzes einen Augenblick zögerte. Die erſte Wendung die ihm auf die Lippen kam— war— meine Mutter; aber er änderte ſie aus irgend welchem Grunde und ſagte blos— ſie— indem er nach kurzer Pauſe fortfuhr: „Was ſagte Lord Bolingbroke über ihr Befinden?“ Sir John Newark zog einen Brief aus der Taſche und las wie folgt: „Die Gräfin von Eskdale iſt ſehr krank und faſt dem Tode nahe geweſen, ſonſt wäre ſie ohne Zweifel gleichfalls nach England gekommen, denn ihre Familie hat mehrere Güter zu reklamiren und andere Angelegenheiten zu ordnen, welche ihre Anweſenheit erfordert hätten. Sie war jedoch zu krank zur Abreiſe und es iſt vielleicht ebenſo gut, daß ſie nicht gekommen iſt, da ſolches ſeine Schritte nur beläſtigt hätte.“ Smeaton hörte ganz ruhig zu, während Newark ihm den Inhalt des Briefes vorlas und bemerkte dann ziemlich trocken, der edle Lord habe mehr Theilnahme für ſeine An⸗ gelegenheiten bewieſen, als er ſich gedacht hätte. 3„Ich habe ſeitdem neuere Briefe erhalten,“ fügte er bei,„und bin ſo glücklich, verſichern zu können, daß jede Gefahr vorüber iſt.“ „Dann glaubt Ihr wohl,“ fragte Sir John Newark, „daß Mylady vorausſichtlich herüberkommen wird?“ 121 „Gewiß nicht,“ entgegnete Smeaton.„Ohne mei⸗ nen Schutz und mein Geleite würde ſie eine ſolche Reiſe nicht unternehmen.“ Was auch immer für Sir John Newark Befriedigen⸗ des in dieſem Geſpräche liegen und in welchem Grade es ihn perſönlich berühren mochte— ſoviel iſt gewiß, daß es beträchtliche Wirkung auf ihn hatte. Er ſchien von dieſem Augenblicke an freier und offener in ſeinem ganzen Weſen, vertrauensvoller gegen ſeinen Gaſt und noch mehr als früher auf deſſen verlängerten Aufenthalt erpicht. War er früher die Höflichkeit und Artigkeit ſelbſt geweſen, ſo zeigte er ſich jetzt warmherzig und mit ſeiner Zärtlichkeit wahrhaft zu⸗ dringlich. Ich brauche nicht weiter zu erwähnen, was ſich noch ferner in dieſer Nacht ereignete. Wirth wie Gaſt blieben mäßig im Trinken, und ſtatt— wie dies nur zu ſehr die Sitte damaliger Zeit war— Flaſche auf Flaſche auszu⸗ leeren, ſchloß das Mittageſſen mit einem Spaziergange in der heiteren Abendluft, der durch den Park und die Nach⸗ karſchaft angeſtellt wurde. Emmeline war in dem Augenblick, da ſie aufbrachen, nicht zu finden, Richard ſchweifte Gott weiß wo umher, und Sir John Newark gab ſich viele und nicht erfolgloſe Mühe, mit ſeinem jungen Gaſte angenehme Geſpräche über gleich⸗ gültige Gegenſtände anzuknüpfen. Er ſelbſt ſchien von dem ganzen Weſen und der Unterhaltungsgabe des Earls ent⸗ zückt zu ſeyn, und hatte noch vor Bettgehen einen Augen⸗ blick gefunden, um Emmelinen zu erklären, daß Oberſt 122 Smeaton einer der charmanteſten und ausgezeichnetſten Männer der Welt ſey, indem er lachend beifügte: „Du mußt Dich aber nicht in ihn verlieben, Kind, denn er iſt ein verheiratheter Mann.“ Nichts hätte Emmelinen größeren Troſt gewähren kön⸗ nen, als eben dieſe Nachricht, denn ſie befand ſich gerade in dem Alter, wo das Herz des Weibes von einer inſtinkt⸗ artigen Neigung getrieben wird, die zu fliehen, welche zur Verfolgung geneigt ſeyn könnten, in jenem Alter, wo die Furcht vor den neuen noch unentwickelten Empfindungen, welche dieſes Herz bald in Beſitz nehmen ſollen, das Mäd⸗ chen ſcheu und furchtſam vor Allem zurückbeben läßt, was ſeine Empfindungen erwecken könnte. Nur in der früheſten Jugendreife kann das Weib zu ſich ſagen, wie Emmeline jetzt über Smeaton ſagen zu können glaubte: dda iſt keine Gefahr vorhanden, ſo bald in Liebe zu ihm zu verſinken.. Es iſt mit der Liebe wie mit allen großen Dingen: ſie er⸗ füllt uns mit Grauen, wenn wir ſie das erſte Mal von Weitem ſehen, bis ſie uns durch Gewohnheit und nähere Bekanntſchaft vertrauter wird. In vollkommener Abgeſchiedenheit auferzogen, ohne eine paſſende Gefährtin, mit der ſie ſich unterhalten konnte, ohne eine Bekannte ihres eigenen Alters, unvertraut mit jenen Empfindungen, welche Harmonie zwiſchen zwei Seelen herbeiführen, oft, wie ich oben gezeigt habe, durch ihre eige⸗ nen Gedanken verwirrt und voller Sehnſucht, ſie irgendwo zu äußern, war ſie bereit— ich möchte nicht ſagen, begierig, weil bei ihr von keinem Vorbedachte die Rede war— mit 123 dem argloſen Sinne der Jugend ihr volles Vertrauen Jedem zu ſchenken, der es auf würdige Weiſe zu ſuchen ſchien. Sir John Newark konnte keine paſſende Geſellſchaft für ſie genannt werden. Er war zwar nicht ohne Fähig⸗ keiten und Unterhaltungsgabe; aber all' ſeine Gedanken waren ſo ganz anders als die ihren. Er war durchaus ein Mann der Wirklichkeit, und wenn er überhaupt einen Funken von Einbildungskraft beſaß, ſo war es höchſtens das Erſinnen von Intriguen zur Förderung ſeines eigenen Ehrgeizes und Intereſſes, worauf er jene Gabe anzuwenden ſich hätte träumen laſſen. Auch hatte er Etwas an ſich— ſie wußte nicht recht was— vielleicht gerade dieſen Unterſchied in Charakter und Gedanken, dieſen Mangel an Harmonie zwi⸗ ſchen ihrer beiderſeitigen Gemüthsſtimmung— aber er hatte wirklich Etwas an ſich, was ihr Vertrauen zurückſcheuchte. Ganz anders war es mit Smeaton. Selbſt in ſeinem Blicke ſchien ihr ein höchſt gewinnender Ausdruck zu liegen; in ſeinen klaren nußbraunen Augen nicht ohne Feuer und Schärfe ſchien eine hohe edle Seele zu leuchten, und ſein ganzes Weſen wie ſeine Haltung bot jenes Gemiſch ritter⸗ licher Tugenden, wie es in früheren Tagen die Partei der Cavaliere in der Regel ausgezeichnet hatte, mit einem leiſen Anſtrich ihrer freien ſorgloſen Fröhlichkeit, doch ohne eine Spur ihrer unbekümmerten Sittenloſigkeit. Er hatte Augenblicke, wo er, wie wir ſchon geſehen haben, auch ruhig ernſt und nachdenklich ſeyn konnte; aber im Allgemeinen war der Ton ſeiner Unterhaltung munter und ſogar ſcher⸗ zend, doch ohne eine Spur von Satyre oder Perſiflage, dem Hauptfehler ſeiner Zeit. Bei aller Würde, die er zu Zeiten entwickelte, war niemals Hochmuth in ſeinem Be⸗ nehmen zu erkennen. Er machte Einem den Eindruck eines Mannes, der voll Selbſtvertrauen und mit ſeiner eigenen Stellung zufrieden, in allen Dingen an ein raſches Entſchei⸗ den und von Jugend auf an ein anſtändiges, anmuthiges Auftreten unter allen Umſtänden gewöhnt, nie an ſich ſelbſt oder ſein eigenes Benehmen denkt, was dem Auftreten eines Menſchen immer eine edle Eleganz verleiht. Es war durch⸗ aus unſtudirt, und als die ſchöne Emmeline ſich in dieſer Nacht zur Ruhe legte, mußte ſie ſich allerdings ſagen, Smeaton ſey einer der hübſcheſten und angenehmſten Män⸗ ner, die ſie noch jemals geſehen hatte, während in ihrem Herzen bereits die Ueberzeugung lauerte, daß unter allen Weſen dieſer Welt, denen ſie ihre Gedanken frei eröffnen könnte, ein ſolcher Mann der Erſte wäre. Gleichwohl ſchlief ſie bald ein und ſchlief geſund, ohne daß ſie im Geringſten geſtört wurde. Sie war auch nicht ein Bischen in ihn verliebt, und wenn auch gegen Morgen ein Traum ihr Kiſſen beſuchte, der ſie ſehr aufregte und an dem ſie mit klopfendem Herzen erwachte, ſo war es nur die Erinnerung, welche mit ganz leichten Variatio⸗ nen die Scene des vorangegangenen Tages wiederholte, wo ſte von Räubern gefangen und durch Smeaton befreit wor⸗ den war. Derſelbe Gang der Empfindungen— vielleicht noch etwas zunehmend an Stärke— währte bei ihr die nächſten 12⁵ drei Tage fort. Sie wurde natürlich mit ihres Vormunds Gaſte vertrauter, verlor die Schüchternheit und Zurückhal⸗ tung erſter Bekanntſchaft, lachte und plauderte ungenirt mit ihm und ſah oder glaubte wenigſtens tiefer in ſeinen Cha⸗ rakter und ſeine Geſinnung zu blicken; Alles was ſie ſah diente nur dazu, den erſten Eindruck bei ihr zu verſtärken. Aber während dieſer drei Tage war ſie keinen Augenblick mit ihm allein: Sir John Newark war immer anweſend, und ſeine Gegenwart— was eigentlich merkwürdig war, aber ſo war es nun einmal— hemmte jeden freien ver⸗ trauensvollen Verkehr, in welcher Geſellſchaft er ſich auch befinden mochte. Der Menſch hat ſeinen Inſtinkt ſo gut wie das unvernünftige Thier, und es ſchien ein ſolcher In⸗ ſtinkt zu ſeyn, der die Leute empfinden ließ, daß man Sir John Newark nicht trauen dürfe. Den Tag nach Smeatons Ankunft ritt die ganze Geſellſchaft in ein benachbartes Städtchen, um für den Unterricht, welchen Smeaton dem jungen Richard zu ge⸗ ben verſprochen hatte, alles Nöthige einzukaufen. Der luſtige Ritt, die friſche Luft und die augenblickliche Muße— dieß Alles machte die Partie höchſt angenehm; und der Mor⸗ gen verſtrich ſehr vergnügt, obgleich in dem Städtchen nicht wenig Lärm und Aufregung herrſchte, verurſacht durch die Gefangennehmung eines Mannes, der die Geſundheit König Jakobs III. getrunken hatte— ein Vergehen, das die wür⸗ digen Magiſtratsherrn für eine verrätheriſche Handlung er⸗ klärten. Dieſe Auslegung des Geſetzes ſchien dem Volke gar nicht zu gefallen, ſo daß mehr als Einer den Verſuch machte, den Gefangenen zu befreien; aber in andern Thei⸗ len des Landes waren die Behörden noch etwas weiter ge⸗ gangen und hatten Einen ſogar dafür vor Gerichte geſtellt, weil er auf König Georgs Geſundheit öffentlich zu trinken ſich weigerte. Es iſt merkwürdig, wie oft die tyranniſchſten Handlungen jede Bewegung zum Beſten der Freiheit beglei⸗ tet haben! 1 Als die Partie nach Ale Manor zurückkehrte, fand man den Reſt von Smeaton's Bagage angelangt, und da Letzterer dem Knaben ſeine Begierde an den Augen abſah, ſo eilte er in das Zimmer, wo das Gepäck aufgeſtellt wor⸗ den, und nahm aus einem langen Koffer einen ſehr hübſchen fein und leicht gearbeiteten Degen, mit einem reich in Sil⸗ ber und Gold gefaßten Handgriff. Er brachte ihn in den kleinen Salon, wo Richard Newark, ſeine Abſicht ahnend, ſeiner wartete, und überreichte ihm die Waffe als Geſchenk, indem er zwar ſcherzend, aber nicht ohne ernſte Bedeutung in ſeinen Worten bemerkte: „Hier, mein junger Freund, überreiche ich Euch ein Schwert, das einſt einem großen Fürſten gehörte; ich muß jedoch ein Verſprechen von Euch verlangen, wie es vor Alters von den Rittern gefordert wurde, daß Ihr es nur zur Ver⸗ theidigung einer Sache ziehen wollt, die Ihr für rechtmäßig und billig haltet, denn verlaßt Euch darauf, ſobald Ihr es zu anderen Zwecken gebraucht, wird die Klinge, obwohl vom feinſten Stahl und von der allerbeſten Arbeit, unter Eurer Hand entzweibrechen.“ 127 Der Knabe faßte ſeine Hand und küßte ſie, worauf Smeaton in leichterem Tone fortfuhr: „Morgen ſollt Ihr Eure erſte Lektion im Gebrauche dieſes Degens erhalten.“ „O laßt mich Euch zuſehen,“ rief Emmeline eifrig. „Ei nein, das muß ich Euch abſchlagen,“ gab Smea⸗ ton zur Antwort.„Man iſt bei den erſten Verſuchen im⸗ mer ſehr linkiſch, und Euer junger Vetter darf ſich erſt dann vor Euch produziren, wenn er ein Bischen Meiſter in der Fechtkunſt iſt.— Habe ich nicht Recht, Sir John?“ „Vollkommen, vollkommen,“ erwiederte der Gefragte. „Du mußt Dich damit begnügen, Emmeline, daß Du das Stampfen mit anhörſt und darfſt Gott danken, wenn das alte Haus nicht darüber einſtürzt, denn ich kann Dich ver⸗ ſichern, ein ſolches Assaut d'armes iſt kein Spaß in einer friedlichen Wohnung.“ Die Lektion wurde gegeben und Richard Newark zeigte ſich allerdings linkiſch genug; aber er war ſtolz und ver⸗ gnügt, und der Reſt des zweiten Tages wurde mit Spazier⸗ ritten in der Umgegend zugebracht. Der dritte verſtrich ſo ziemlich in dieſer Weiſe ohne bemerkenswerthes Ereigniß; die Vorgänge des vierten aber verlangen eine etwas ge⸗ nauere Schilderung, und ſo will ich ſie für das nächſte Ka⸗ pitel aufſparen. 1 Eine alte normänniſche Kirche, in der früheſten Periode Siebentes Kapitel. dieſes ſchönen nur etwas ſchwerfälligen Styles erbaut, ſteht etwa fünf Meilen von Ale Head und Bay auf dem Abhange eines ſanften von vielen anderen Höhen umringten Hügels. Es iſt ein großer Bau für die jetzige Bevölkerung des an⸗ liegenden Landes, wenn man nach dem Ausſehen der un⸗ mittelbaren Umgegend urtheilen darf. Der Hügel bildet einen Theil einer langen Reihe von Dünen, ungetheilt durch Hecken oder Einfaſſungen und mit kurzem trockenem Raſen bedeckt, ganz in der Art, wie wir es früher bei Ale Head getroffen haben. Soweit das Auge reicht, iſt nirgends ein Strauch zu entdecken; nur zwei alte Eibenbäume ſtehen dicht vor der Kirche, wahrſcheinlich noch von Sachſenhänden ge⸗ pflanzt, lange b evor der erſte Stein zu dem jetzigen Gebäude Sie ſtehen ſo dicht vor der Kirche, daß die langen Zweige des einen an dem Geſimſe eines der tiefen Rundbogenfenſter anſtreifen und bei ſtürmiſchem Wetter die Einfaſſung der Scheiben einſtoßen würden, wenn ſie nicht fleißig unter Gartenmeſſer oder Scheere gehalten würden. Ein Theil des Hügels wurde noch zum Begräbnißplatze her⸗ eingezogen und iſt mit einer niederen Mauer mit einem ein⸗ zigen Eingange umringt, letzterer mit einem Scheindache auf hohen Pfoſten bedeckt. Durch dieſes Thor paſſiren aus und ein, wer jemals dieſen geweihten Boden betritt— das Kind zur Taufe, die Hochzeitspartie zum Altare, die Ge⸗ meinde zum Gottesdienſt, der Leichnam zu ſeinem Grabe. 129 Etwa drei⸗ bis vierhundert Schritte unterhalb der Kirche in der Tiefe des kleinen Thales, das von einem Bäch⸗ lein des reinſten klarſten Waſſers durchſtrömt wird, finden ſich vier bis fünf Häuschen oder beſſer geſagt Hütten, aus dem grauen Steine der Umgegend erbaut und meiſt mit Strohdächern bedeckt; nur ein einziges hat zwei Stockwerke nebſt einem Ziegeldache. Sie alle haben ihre Gärtchen vor ſich und ſind in ziemlich guter Ordnung gehalten; wenn man jedoch den kleinen Weiler von den Dünen oben betrachtet und ihn auf dem grünen ungetheilten Raſen ſo grau dalie⸗ gen ſieht, ſo bietet er einen troſtloſen verödeten Anblick, wie wenn er von der übrigen Welt in ihrem Vorrücken zu⸗ rückgelaſſen worden wäre, um in der ringsum ſich ausbrei⸗ tenden Wüſte auszuruhen. Außer jenen beiden alten Eiben iſt nirgends ein Baum größer als ein Johannisbeerbuſch in der ganzen Einöde zu gewahren. Auch von Häuſern iſt ſonſt Nichts zu ſehen, wohin man auch blicken mag, denn die weiten Dünen dienen blos zur Schafweide und tragen überhaupt einen Anſtrich von Ent⸗ völkerung an ſich, daß man in manchen von den Vertiefun⸗ gen glauben könnte, man ſtehe ganz allein auf der Erde, nachdem eben die allgemeine Sündflut ſich verlaufen habe. Ich weiß nicht, ob nicht dieſer Schauplatz einſamer erſcheint, wenn der Himmel ganz mit grauen Wolken bedeckt iſt, oder wenn die helle Sonne von klarem, unverduſtertem Himmel herableuchtet. Wenn jedoch die melodiſche Glocke am Sonntagmorgen von dem alten erbleichten Thurme herabläutet, ſcheint die James. Henry Smeaton. 9 Einöde zu neuem Leben zu erwachen und über die Hügel kommt allerlei Volk herbeigeſtrömt— bald ein einzelner Mann oder eine Frau, bald eine Gruppe von zwei oder drei Perſonen, hier eine Familie, Alt und Jung, Kindheit und Reife, dort ein Häufchen Kinder, die im Weitergehen ihr neckendes Spiel treiben. Die Seene iſt ganz verändert und bietet einen höchſt lieblichen Anblick dar. Auch im Innern der Kirche finden ſich Erinnerungen an frühere Tage, welche zu beweiſen ſcheinen, daß die Nach⸗ barſchaft nicht immer ſo ſehr wie heutzutage entvölkert war. Die Grabſteine im Kirchhof ſind freilich nicht zahlreich und dicht gedrängt, und man kann mit Bequemlichkeit, ohne zu ſtolpern, über die kleinen Erdhügel wandern, wo die ſterb⸗ lichen Ueberreſte des Landvolks ausruhen. In der Kirche jedoch ſind an den Wänden und ſogar in die Pfeiler einge⸗ laſſen viele ſchwarze oder weiße Marmortafeln zu ſehen, zur Erinnerung an Tugenden und Vorzüge, an Liebe und Trauer, welche ſonſt kein anderes Denkzeichen hinterlaſſen haben. Auch in den Seitenſchiffen und auf der Kanzel (denn die Kirche iſt ſo ziemlich in dem Style einer Kathedrale erbaut) finden ſich viele ſchöne Denkmale aus verſchiedenen Zeitaltern: der ſtahlbekleidete Krieger mit Schwert und Sporen, der Pilger aus dem gelobten Lande, ſogar ein Abt mit der Mitra, Richter und Staatsmänner, Kriegsleute ſpäterer Zeit und ſogar das Grabmal einer jugendlichen Prinzeſſin ſind hier verſammelt, während das alte gemalte Fenſter am öſtlichen Ende— das einzige, das noch übrig iſt— ſeine brillanten Farben auf die mit ehernen Inſchriften 131 und Bildern geſchmückten Marmortafeln wirft und das Pfla⸗ ſter, auf dem man wandelt, mit heiteren Bildern bemalt. Viele ſind der Namen, welche in verſchiedenen Theilen der Kirche auftauchen, aber häuſtzger als alle andern findet ſich allenthalben, wohin das Auge blicken mag, der Name Newark. Zwiſchen den Kreuzfahrern entdeckt man Statuen, unter denen dieſer Name in altgothiſchen Zügen geſchrieben ſteht. Auf einer ſchwarzen Marmorfigur in der Nähe des Taufſteins iſt eine gute Darſtellung der ſchweren Waffen⸗ rüſtung aus den Tagen Heinrichs VIII., darüber ein ſeide⸗ nes Banner, an dem ſich wegen des auf ihm lagernden Staubes und Moders weder die urſprüngliche Farbe noch die Embleme unterſcheiden laſſen. Noch näher am Com⸗ muniontiſche ſteht das Monument eines anderen Newark, friſcher als die übrigen, während die in neueren Schrift⸗ zügen und ſchlechtem Latein abgefaßte Inſchrift bezeugt, daß die Geſtalt einen tapferen Krieger des Namens Newark, darſtellt, der in wackerem Kampfe für ſeinen König auf dem Schlachtfelde von Naſeby gefallen. Er iſt allerdings nicht in dem klaſſiſchen Koſtüme dargeſtellt, mit büffelledernem Koller, weiten Stiefeln, das Ende einer Spitzenhalsbinde auf ſeiner Bruſt fein ausgemeißelt. Die Geſichtszüge ſind nicht mehr zu unterſcheiden, denn nachdem das Monument errichtet worden— und es erforderte Kühnheit in jenen Tagen ein ſolches zu errichten— nahmen Cromwells Sol⸗ daten die Kirche in Beſitz und verſtümmelten dieſe und manche andere Statuen mit Hämmern oder Schwertknäufen. Die Familie Newark mußte wohl aus lauter ſtandhaften Roya⸗ 9* 13² liſten beſtanden haben, denn dicht daneben iſt auf einer Tafel eine Inſchrift zum Andenken an den Bruder jenes Kriegs⸗ mannes zu leſen, welche, unter der Regierung Karls II. errichtet, den Leſer belehrt, daß jener während der Verban⸗ nung in der Umgebung ſeines Königs geſtorben. Am Morgen des vierten Tages nach Smeaton's An⸗ kunft in Ale Manor ſah man an eine Seite der Kirche eine Leiter angelehnt; auf einer der hohen Sproſſen ſtand ein alter Mann mit einer Art Sichel in der Hand, womit er die Zweige des Eibenbaumes, welche, wie geſagt, dem Fenſter zu nahe kamen, nach Bedarf abſtutzte. Er war weit im Leben vorgerückt; ſein abgeworfener Rock lag am Fuße der Leiter. Er trug noch eine Weſte mit wollenen Aermeln; auch ſein dünner und eingeſchrumpfter unterer Menſch war warm gekleidet, und ſeinem Anzuge nach zu ſchließen ſchien es ihm wohl zu gehen im Leben. Er hatte einen ſchönen Kahlkopf mit ſpärlichen weißen Haaren um die Schläfe; ſeine Stirne war aber mit Furchen und Runzeln bedeckt, und ein gewiſſer ſarkaſtiſcher Ausdruck ſpielte um ſeinen Mund, der nicht von der angenehmſten Form war. Sonſt waren ſeine Züge nicht übel, doch wußte man nicht recht, wenn man ſein Geſicht betrachtete, ob man es einnehmend oder abſtoßend finden ſollte. Während er noch mit ſeinem Mähden beſchäftigt war, wurde die Einſamkeit der Scene durch das Herantraben ei⸗ nes Pferdes geſtört, das unten vor der Thüre eines Hauſes ſtehen blieb, über welcher ein großer Buſch hervorragte, waͤhrend darunter folgende Inſchrift zu leſen war: 13³ Das Newark Wappen. Guhte Better und Kohſt vor Mann und Rhoſſ. Das⸗Thier, das vor der Thüre dieſes höchſt ländlichen Gaſthofes aufmarſchirte, war gewiß, was der ehrenwerthe Gaſtwirth ein„Rhoſſ“ nennen mochte; eigentlich aber ſah es weit mehr einer Tonne auf vier Beinen und zwar mit ſehr kurzen Beinen ähnlich. Es war in der That ein kleiner, kurzer, engbrüſtiger Klepper, ſo fett wie möglich, und ſein Fett ſchien von höchſt dauerhafter Art zu ſeyn, denn trotz⸗ dem, daß der Staub, der es bedeckte und die Kothſpritzer an ſeinen Beinen eine weite Reiſe anzuzeigen ſchienen, hatte es doch durch den langen Athmungsprozeß nicht im Gering⸗ ſten von ſeiner Maſſe verloren. Es war aalglatt und gut genährt, und als ſein Gebieter auf die kleine Schenke zu⸗ ging, ſtreckte es die Naſe in den Wind, wie wenn es den nächſten Vorübergehenden fragen wollte, ob hier wohl Bett und Eſſen, ſo wie die Inſchrift es verſprach, zu haben ſeyu werde. Der Reiter war ein kurzer Fettwanſt, ſeinem Thiere nicht unähnlich, nur in heiterere Farben gekleidet; denn wäh⸗ rend der Pony ſich mit einem grauen Röcklein begnügte, war der, der ihn ritt, einem Joſeph gleich in einen vielfarbigen Anzug gehüllt. Der alte Mann auf der Leiter hörte das Pferdegetrap⸗ pel auf der Straße und ſchaute ſich darnach um, indem er ſo lange von ſeiner Arbeit ausruhte. Der Anblick eines Fremden an dieſem Orte ſchien ihm kein Vergnügen zu 134 machen. Er war unempfindlich für ſolche Dinge, preßte nur die Kinnbacken feſt übereinander und murmelte etwas vor ſich hin. Ein Knabe und gleich darauf ein altes Weib traten aus dem Hauſe; der Fremde ſtieg ab, nahm ſeine Satteltaſchen von dem Rücken des Pony und trat in die be⸗ ſcheidene Behauſung. Der Knabe zog das Thier nach der Rückſeite des Hauſes, und der alte Mann machte ſich wie⸗ der an ſeine Arbeit. Wenn er übrigens glaubte, er würde heute Morgen ungeſtört fortmachen können, ſo war er im Irrthum, denn ſchon nach fünf Minuten kam der Fremde auf das Thor des Kirchhofs zugeſchritten, näherte ſich dem Fuße der Leiter und ſchaute dran empor. Der Andere nahm keine andere Notiz von ihm, als daß er den Arm weit ausſtreckte und mit größerer Kraft als man ihm hätte zutrauen ſollen, einen ungewöͤhnlich dicken Eibenaſt abhieb, der im Herabfallen dem fremden Gaſte den Hut vom Kopfe ſchlug. „Ha, ha, Aſche zu Aſche, Staub zu Staub!“ mur⸗ melte der alte Mann, während ein leichtes Lächeln ſeine Mundwinkel kräuſelte. Der Andere hob ſeinen Hut auf, bürſtete den Staub mit dem Rockärmel ab, und ohne irgend eine Bemerkung über den Unfall, erhob er ſeine Stimme und rief: „Ich wünſchte, daß Ihr herunterkämet, Todtengräber, und mich in die Kirche führtet.“ 3 „Was läßt Euch glauben, daß ich der Todtengräber bin?“ fragte der alte Mann verdrüßlich.„Ich habe ja Euch oder Euresgleichen noch nie begraben.“ 135 „Nein, aber Ihr ſeht ganz aus, wie die alte Mutter Zeit,“ antwortete der Andere lachend,„und ſie begräbt alle Menſchen.“ „Dann ſolltet Ihr mich am Schopfe nehmen,“ ant⸗ wortete der Todtengräber, den dieſer Scherz etwas zu er⸗ weichen ſchien;„Ihr werdet aber keinen an mir finden— Alſo ſeyd Ihr geſchlagen, Meiſter. Ich bin übrigens der Todtengräber; was wollt Ihr aber in der Kirche?“ „Ich höre, Ihr habt etliche feine Statuen drin, und die möcht' ich gerne ſehen,“ verſetzte der Fremde. Allein der alte Mann war noch nicht befriedigt. „Ci, was verſteht denn Ihr von Statuen?“ fragte er, die runde, fette, ganz unſtatuenartige Geſtalt des An⸗ dern mit ziemlich verächtlichen Blicken betrachtend. „Mehr als Ihr, alter Knabe, wenn Ihr gleich Euer ganzes Leben vielleicht unter ihnen zugebracht habt,“ be⸗ merkte der Beſuch,„denn ich habe all' mein Leben lang Statuen gemacht, und Ihr dürft mir's glauben, es gibt keinen beſſeren Weg, ein Ding kennen zu lernen, als wenn man es macht.“ „Das kömmt auf die Arbeit an,“ meinte der Küſter, indem er ſich anſchickte, die Leiter herabzuſteigen.„Ich habe all' mein Lebtage Gräber gemacht und kenne ſie doch nicht ſo gut wie Viele, die dort unten begraben liegen.— Ich will Euch übrigens hineinführen,“ ſetzte er in verſöhn⸗ licherem Tone hinzu,„denn es ſind feine Monumente darin, feinere als man ſie auf hundert Meilen in der Runde vor⸗ 136 findet, und wenn Ihr etwas von ſolchen Dingen verſteht, ſo werdet Ihr mir Recht geben.“ Sobald er den Boden erreicht hatte, hob er ſeinen Rock auf, ſtierte in den Taſchen, bis er einen großen Schlüſſel⸗ bund zum Vorſchein brachte, und wanderte dann um die Ecke bis zu der Thüre, welche er oͤffnete. Der Fremde trat ein, und ſein Führer folgte mit gekrümmtem Rücken und etwas ſteifem Gange. Er hatte denſelben cyniſchen Ausdruck in ſeinem Geſichte wie früher; aber der erſte Ausruf des Frem⸗ den ſchien ihm zu gefallen, denn der ganze Stolz ſeiner Na⸗ tur— und jeder Menſch hat ſeinen Stolz— concentrirte ſich in ſeiner Kirche und deren Inhalt. „Ah, das ſieht etwas gleich!“ rief unſer guter Freund Van Nooſt;„ich habe auf einem Ritte von hundert fünfzig Meilen nichts Aehnliches geſehen.“ 1 „Das will ich wohl glauben,“ meinte der Küſter.„Seyd Ihr dieſen ganz weiten Weg gekommen, um meine Kirche zu ſehen?“ „Nein,“ erwiederte Van Nooſt, welcher ziemlich geſchickt in ausweichenden Antworten war;„aber ich bin ſehr froh, ſie jetzt zu ſehen.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſeine Wanderung fort und begann die verſchiedenen Monumente mit kritiſchen Augen zu prüfen. „Ei, die Barbaren haben alle Naſen abgeſchlagen!“ rief er nach kurzem Blicke auf eines von den Gräbern. „Warum habt Ihr das geduldet?“ „Weil ich es nicht hindern konnte,“ gab der Küſter 137 mit drolligem Kichern zur Antwort;„ich war noch ein Knabe und ſie waren ſtarke Männer als es geſchah, und doch zähle ich nächſtes Martini meine Siebzig.“ „O Cromwell, du Teufel Cromwell mit deinen gottes⸗ läſterlichen Thoren!“ rief Van Nooſt.„Sie hatten nicht mehr Geſchmack noch Verſtand als unſere Schweine auf Smiethfield.“ „Das iſt wahr— das iſt wahr,“ rief der alte Todten⸗ gräber lachend.„Ich erinnere mich ihrer noch ganz genau, denn ich war noch ein Schuljunge, als der alte Noll ſtarb⸗ und ich hörte ihn einmal predigen. Mochte ihn verſtehen wer da konnte: mir ſchien er Nichts als Unſinn zu predigen; ſo fing ich an zu greinen, und einer ſeiner Soldaten gab mir mit ſeinem Gewehre einen Puff in die Seite, der mir bei⸗ nahe die Rippen einbrach.“ 1 „Dann habt Ihr allerdings Urſache, Euch ſeiner— und zwar nicht mit Vorliebe— zu erinnern,“ verſetzte Van Nooſt.„Wir leben jetzt in beſſeren Zeiten, Meiſter Küſter.“ „Weiß nicht,“ brummte der Alte.„Wir haben einen Ausländer zum König, und das iſt ſo ſchlimm wie ein Pro⸗ tektor— wenigſtens ſoviel ich glaube. Aber ich verſtehe nicht viel von ſolchen Dingen,“ fuhr er fort, während ein Ausdruck verſchmitzter Vorſicht auf ſeinem Geſichte aufleuch⸗ tete.„König Georg mag ein ganz guter Mann und han⸗ növeriſche Ratten mögen eben ſo gut wie jedes andere Ge⸗ thier ſeyn, ſoviel ich weiß.“ Van Nooſt lachte laut auf und erwiederte mit bezeich⸗ nendem Kopfnicken: „Es könnte wohl bald dieſer Tage ein Rattenfänger unter ſie fahren; doch geht mich das ebenſo wenig an, wie Euch. Gerechter Himmel! was dieſe Monumente voller Schmutz ſind! Und das Kupfer iſt ja zur Hälfte aus dem Marmor verſchwunden.“ „Ja, ſie haben's genommen und Pfennige daraus ge⸗ ſchlagen,“ erklärte der Küſter;„was den Schmutz betrifft— wie kann ein alter Mann gleich mir ſolche Dinge ſauber halten? Ich weiß nicht einmal, wie ich ſie ordentlich rei⸗ nigen ſoll, und fürchte ſie zu verderben.“ 1 „Das will ich Euch ſagen, alter Knabe,“ verſprach Van Nooſt;„ich werde einige Tage hier bleiben und Euch dabei helfen. Ich verſtehe das ganz genau, und wenn ich Zeit habe und etwas Thonerde bekommen kann, ſo will ich Euch ein bleiernes Haupt modelliren und jenem Cherub in der Ecke aufſetzen Ihr wißt, Meiſter Küſter, ein Che⸗ rub ohne Kopf iſt Nichts, weil er keinen Leib hat.“ „Ihr wollt zwei bis drei Tage hier bleiben?“ wieder⸗ holte der Küſter.„Nun das iſt ſpaßhaft! Ich habe noch nie einen Menſchen eine Minute länger hier verweilen ſehen, als er gerade mußte. Vielleicht ſeyd Ihr in dieſen Landes⸗ theil herübergekommen, um Nachforſchungen anzuſtellen?“ „Nein, nein,“ gab Van Nooſt zur Antwort;„ich liebe die Nachforſchungen nicht und gehe ihnen immer aus dem Wege.“. Der Küſter legte den Finger an ſeine kahle Stirne und rieb ſie eine Weile langſam, indem er das Wort„ha, ha,“ 1 139 mehr als einmal wiederholte, bis Van Nooſt in ſeinem ge⸗ wohnten ſorgloſen Tone fortfuhr: „Das iſt eben der Grund, warum ich hieher kam, Mei⸗ ſter Küſter. Man hatte eben wichtige Nachforſchungen an⸗ geſtellt, die mich beleidigten, und ich verließ London in ei⸗ nem Anfalle von Entrüſtung.“ „Hal ich verſtehe,“ wiederholte der Küſter.„Ihr werdet hier ſicher genug ſeyn, Meiſter, ihr werdet Strand⸗ pfeifer in Menge und hie und da auch eine Seemöve ſehen. Ich habe ſogar zu meiner Zeit ein Reh gekannt, das hier herum an den waldigen Punkten wechſelte; doch Männer und Weiber ſind hier zu Lande die ſeltenſten Vögel.“ Und ſeine alte Hand Van Nooſt vertraut auf die Schulter legend, ſetzte er lachend bei:„ſeit vierzig Jahren hat ſich kein Amt⸗ mann in dieſen Gegenden blicken laſſen— das kann ich Euch bezeugen.“— „Ich fürchte keine Amtmänner!“ rief Van Nooſt in ſpaß⸗ haft tragiſchem Tone.„Küſter, ich bin ganz gut daran in der Welt, zahle meine Steuern und Abgaben und ſchulde Niemand einen Kreuzer, obgleich, nebenbei bemerkt, gar Viele mir ſchulden und nie bezahlen werden. Nein, nein, Küſter,'s iſt nicht der Mangel an jenem ſchmutzigen Golde, warum man mich vielleicht aufſucht; viel eher we⸗ gen jener dünnen, ätheriſchen Eſſenzen, genannt Meinun⸗ gen, welche mit der Tyrannie der Zeiten nicht überein⸗ ſtimmen.“ 8 Der Küſter kicherte, denn er hatte viel Sinn für das Lächerliche, und Van Nooſt's Bombaſt ergötzte ihn nichtwenig. u7 140 „Ja, ja,“ ſagte er lachend und huſtend,„wie Mancher muß wegen der Unvorſichtigkeit ſeiner Zunge den Kopf mit⸗ telſt der Ferſen retten! Ich wollte wetten, Ihr habt in London ſo lange König Jakob's Lob geſungen, bis Euch die Furcht, König Georg könnte Euch am Kragen faſſen, zu Tod erſchreckte. Aber Ihr ſeyd hier ganz ſicher, Mann, vollkommen ſicher. Gerichtsdiener und Schergen ſind hier ſo ſelten wie Amtleute, und ſie werden Euch nicht leicht in dieſen Hügeln aufſpüren, auch wenn ein Preis auf Euren Kopf geſetzt wäre.“ „Es iſt aber kein Preis auf meinen Kopf geſetzt,“ ſchrie Van Nooſt, den ſchon bei dem bloſen Gedanken eine Art Nervenzittern zu befallen drohte.„Sie könnten mir Nichts zu Leide thun, auch wenn ſie mich arretirten: ich liebe nur meine Freiheit, Meiſter Todtengräber, und würde mich zu Tode grämen, wenn ich in eine Gefangenen⸗Zelle einge⸗ pfercht würde.“. „Es würde eine ziemliche Zeit brauchen, bis Ihr zu einem mäßigen Umfange zuſammenſchwändet,“ erwiederte der Küſter in nachdenklichem Tone.„Ich habe in meinem Leben gar manches Grab gegraben und ich erinnere mich blos eines einzigen, das für Euch gepaßt hätte. Ihr ſeyd ſo fett da hinten herum.“ „Ich habe kein Verbrechen begangen,“ fuhr Van Nooſt fort, ängſtlich bemüht ſeinen Gefährten von dem Gedanken abzubringen, als ob er einen Verräther beherberge.„Ich ſage Euch, ich habe kein Verbrechen begangen, und unſer 141 geſegnetes engliſches Geſetz erlaubt ja wohl, daß man von Verrath reden kann, wenn man es auch nicht thun darf.“ „Ja, die Zunge, ja, die Zunge!“ rief der Küſter.„Sie hat Euch in Gefahr gebracht, das ſehe ich jetzt deutlich. Sie iſt ein unruhiges Glied, wie ſchon die Bibel ſagt: aber hier werdet Ihr ganz ſicher ſeyn. Sollte ich Euch zu be⸗ erdigen haben, ſo müßte ich für die Breite des Grabs eine Krone weiter kriegen. Als der fette Pfarrer vor etwa dreißig Jahren ſtarb, bekam ich es auch, obgleich die Erben ſagten, ſie mögen nicht gerne für ſein Fett bezahlen. Aber horch! Da kommen ja noch mehr Reiter— Alles an Einem Tage! Meiſter, mir iſt, als ob ſie Euch ſcharf auf den Ferſen wären.“ Der arme Van Nooſt verlor plötzlich ſeine roſige Farbe, denn kein Menſch liebte weniger den Gedanken des Mär⸗ tyrerthums, als gerade er. „Um's Himmelswillen, mein guter Freund,“ rief er, als der Küſter durch eine Ritze der Kirchthüre guckte, welche halb offen geblieben war,„um's Himmels willen, könnt Ihr mich nicht irgendwo verſtecken, wo ſie mich nicht finden würden? Laßt mich in die Sakriſtei treten!“ Der Küſter beäugelte ihn mit ſeinem ruhigen, alten, eyniſchen Lächeln. „Wie doch dieſe fetten Leute in das Leben verliebt ſind!“ bemerkte er.„In die Sakriſtei! Da würden ſie Euch im Augenblicke auffinden. Hier, alter Narr, geht da hinunter in die Gewölbe, da werden ſie nicht nachſehen, ich will d'rauf wetten.“ 14² Bei dieſen Worten ſchloß er ein kleines Pförtchen in einem ſchattigen Winkel zwiſchen zwei Pfeilern auf, und von Furcht getrieben, eilte Van Nooſt ohne ein weiteres Wort hinein, indem er es dem Zufall überließ, ob der alte Mann an ein Herauslaſſen bei ihm denken werde. Er ſah eine Treppenflucht vor ſich und floh hinunter, als der Klang des Schlüſſels, der ſich im Schloſſe drehte, neue Furcht in einer Seele weckte und ihn eine Weile zum Stehen und Horchen bewog. Anfänglich war Nichts als das langſame Schlürfen des alten Küſters auf dem Pflaſter der Kirche zu vernehmen, während dieſer ſich nach dem Haupteingang zurückwendete; dann aber hörte man draußen eine laute männliche Stimme einigen entfernten Begleitern zurufen: „Führt ſie da draußen herum, bis wir zurückkommen. Die Luft weht ſogar im Hochſommer ſcharf auf dieſen Hügeln.“ Im nächſten Augenblicke antwortete eine zweite Stimme: „Ich liebe dieſe freie, friſche Luft. Sie kommt mir vor, wie die Freiheit ſelber.“ „Freiheit,“ erwiederte der Erſtere.„Habt Ihr je den Mangel an Freiheit empfunden?“ „Für Gerichtsſchergen ſind das wunderbar zarte Stim⸗ men,“ dachte Van Nooſt aufhorchend. Aber auf jene Frage folgte keine Antwort oder wurde durch das Huſten des alten Küſters übertönt, und als dieſes etwas aufgehört hatte, hörte man die zweite Stimme ſagen: 143 „Wir wollen die Kirche beſehen, guter Meiſter Mat⸗ toks.“ Van Nooſt zitterte für die Sicherheit ſeines Verſteckes; aber er wurde gleich darauf ſeiner Angſt entledigt, denn die⸗ ſelbe Stimme fuhr alſo fort: „Ihr müßt uns deshalb alle Monumente zeigen und davon erzählen, ſo viel Ihr wiſſet, denn dieſer Gentleman wird ſich nicht blos mit halben Nachrichten zufrieden geben, ich kann's Euch verſichern.“ „ Das will ich, Mylady,“ gab der alte Mann zur Ant⸗ wort—„das heißt Alles, was ich weiß, denn ich mag nie von Dingen reden, die ich blos vermuthe.“ „Mylady,“ wiederholte Van Nooſt.„Ho, ho, ſo iſt das eine Geſellſchaft, welche die Kirche beſucht, und ich bin hier wie eine Ratte in der Mausfalle eingeſchloſſen, wäh⸗ rend ich ſie weit beſſer hätte unterhalten können, als jene alte Mumie, die ſo lange mit Leichnamen verkehrt hat, bis ſie ſelbſt einem Todten ähnlich ſah. Ich habe nicht übel Luſt um Auslaß zu pochen; ſie werden gar ſehr eines beſſe⸗ ren Cicerone bedürfen.“ Vorſicht gewann jedoch bei ihm den Sieg über Eitel⸗ keit, und nach kurzer Erwägung begann er die Stufen hinabzuſtolpern, um nachzuſehen, was die Gewölbe ent⸗ halten mochten. Anfänglich ſchien der Ort finſter genug, als er jedoch unten anlangte, fand er, daß er kein Grabge⸗ wölbe in der gewöhnlichen Bedeutung des Wortes, ſondern eine Krypte oder unterirdiſche Kirche von viel früherem Bau⸗ ſtyle als der Oberbau vor ſich hatte. Niedere Bogenfenſter, mindeſtens zu zwei Drittheilen ihrer Höhe mit Erde be⸗ worfen, ließen gerade noch ſo viel Licht ein, daß die um⸗ gebenden Gegenſtände halbwegs ſichtbar waren. Monu⸗ mente und Schnitzwerke waren in verſchiedenen Richtungen zu erkennen, und mit der ächten Begeiſterung eines Alter⸗ thumsforſchers hatte Van Nooſt die Vorgänge oben gar bald in der Unterſuchung deſſen, was ihn umgab, vergeſſen. Achtes Kapitel. Wir müſſen hier zu einer früheren Stunde des Tages, von dem wir ſoeben geſprochen, zurückkehren. Das Früh⸗ ſtück zu Ale Manor war im Speiſeſaale ſervirt und bot eine merkwürdige Zuſammenſtellung der älteren und neueren Gebräuche des engliſchen Volkes. Fiſche, Fleiſch und ver⸗ ſchiedene ſüße Speiſen waren auf der Tafel ausgebreitet; ein großer ſilberner Deckelkrug, der an der Frühſtückstafel der Königin Eliſabeth als Alebehälter hätte dienen können, ſtand auf einem Seitentiſche, und in einer Flaſche ſah man guten Bordeauxwein für Solche aufgeſtellt, welche den Ge⸗ bräuchen ihrer entfernten Ahnen anhiengen. Aber auch das modernere Frühſtück von Kaffee und Chokolade war für zar⸗ tere Gaumen nicht vergeſſen. Sir John Newark befand ſich in der gnädigſten Laune; ſein Sohn Richard war voller Luſt und Leben, und zuletzt trat Emmeline ein heiter und blühend vom ſüßen Schlummer, wie eine verſchämte Roſe, die vom Morgenthaue getränkt worden. Smeaton hätte ſie 14³ gerne recht lange betrachtet; aber er verſagte ſich dieſen Genuß, und das Frühſtück ging ſeinen fröhlichen heiteren Gang, als einer der Diener eintrat, um Sir John Newark zu benachrichtigen, daß ein Bote einen Brief von Exeter für ihn gebracht habe. Das Schreiben wurde gebracht und der Hausherr öffnete und las es mit einer Miene ernſten und ängſtlichen Nachdenkens; dann winkte er dem Boten, der auf eine Antwort zu warten ſchien, und ſagte: „Laßt Euch einige Erfriſchung geben und meldet dann Seiner Ehrwürden, daß ich nicht ermangeln werde, bis zwei Uhr bei ihm einzutreffen.“ Der Mann verbeugte ſich und verließ das Zimmer. Sir John, noch immer mit dem Briefe in der Hand an Smeaton ſich wendend, bemerkte mit etwas affektirtem Lachen:— „Das iſt eine ſonderbare Geſchichte!“ Und ſeine Augen auf das Blatt heftend, las er laut: „Hochachtbarer Sir!— Nachdem wir Meldung em⸗ pfangen, daß allerlei Uebles ſinnende Perſonen in aufrühri⸗ ſchen Abſichten im Lande umherreiſen, Einige als erklärte Verräther bezeichnet, Andere verſchiedener Verbrechen an⸗ geklagt und vor der Gerechtigkeit fliehend; da ferner allge⸗ mein bekannt iſt, daß in verſchiedenen Theilen des Landes und beſonders an einzelnen Punkten dieſer Grafſchaft Devon ernſtliche Unruhen erregt worden ſind, entgegen dem Frieden unſeres Herrn, des Königs, und gefährlich für den Beſtand und die Verfaſſung dieſes Landes, wie ſie durch das Geſetz James. Henry Smegton. 10 beſtimmt worden— ſo wird Euch hiemit kundgegeben, daß ein beſonderes Meeting der Friedensrichter dieſer Abthei⸗ lung der Grafſchaft Devon aufgefordert iſt, ſich morgen den —— des Monats Juli im Jahre unſeres Herrn 1715 in dieſer unſerer Stadt Exeter zu verſammeln, und Ihr ſeyd hiemit eingeladen und aufgefordert, alle anderen Geſchäfte bei Seite zu legen und beſagtem Meeting anzuwohnen, um über die beſten Mittel zur Erhaltung des Friedens obenge⸗ nannter Grafſchaft wie zur Vereitlung der Abſichten auf⸗ rühriſcher und übelgeſinnter Leute zu berathen. (Gez.) u. ſ. w. Er ſchwieg eine Weile, nachdem er den Brief geleſen hatte, und fuhr dann lächelnd fort: „Sie müſſen durch irgend welchen Umſtand in Furcht gerathen ſeyn? Ich hoffe, daß keiner unſerer Freunde ihnen Urſache zum Verdachte gegeben hat.“ 3 „Wenn Ihr dabei auf mich anſpielt,“ gab Smeaton mit freimüthigem Lächeln zur Antwort—„ich habe nichts der Art gethan, das kann ich Euch verſichern, Sir John, und hege ſo wenig Beſorgniß in der Sache, daß ich gar Nichts dagegen habe, Euch, wenn Ihr wollt, nach Exeter zu begleiten, falls Ihr Euch verbunden haltet, einer ſo ſon⸗ derbaren Aufforderung zu gehorchen.“ „O gewiß, ich muß gehen,“ verſetzte der Ritter;„Ihr thut jedoch beſſer, hier zu bleiben. Ich werde ruhiger ſeyn, wenn ich meine ſchöne Mündel hier unter Eurer Obhut und 147 Fürſorge geborgen weiß, denn ich muß einige der Diener mit mir nehmen.“ Er ſprach nicht ohne Bedachtſamkeit; aber er war ge⸗ nöthigt, ſich raſch zu entſcheiden, da er einen ſehr langen Ritt vor ſich hatte, und er um jeden Preis— was er auch innerlich empfinden mochte— jeden Anſchein der Abneigung gegen die beſtehende Regierung vermeiden wollte. So ver⸗ gingen etwa Dreiviertel Stunden in geſchäftiger Vorberei⸗ tung; Sir John fand aber dennoch mitten in all dem Lärm Gelegenheit, ſeinem Sohne mehr als einmal aufzutragen, daß er ſorgfältig über Emmelinen wache und wo moͤglich keinen Augenblick von ihrer Seite gehe. Richard verſprach es, in der vollen Abſicht, es auch zu halten, und die ganze Geſellſchaft ſtand auf der Terraſſe beiſammen, um Sir John abreiten zu ſehen. Sie verfolgten ihn mit den Blicken längs der Straße, bis er ſich im Walde verlor, und Richard mit einem kindiſchen Sprung über die Hecke in luſtigem Tone aus⸗ rief:„Jetzt, was wollen wir beginnen.“ Smeaton lächelte, als er bemerkte, daß ſelbſt der ein⸗ fältige Knabe, dieſes ziemlich verzogene Schooßkind, Sir John Newarks Gegenwart als einen Zwang empfinde. In⸗ dem er ſich jedoch mehr an Emmelinen als an Richard wen⸗ dete, verſetzte er: „Ihr verſpracht mir dieſer Tage, mir eine ſchoͤne alte Kirche in der Nachbarſchaft mit hübſchen Monumenten zu zeigen. Können wir ſie nicht heute zum Ziele eines Mor⸗ genrittes machen?“ Emmeline willigte gerne ein und ſagte, ſie wolle ſich 10*. 148 alsbald zu dem Ausfluge bereit machen; allein Richard ſchien keine Freude daran zu haben, und ſobald ſie ſich zur Aus⸗ führung ihrer Abſicht entfernt hatte, ſteckte er die Hände in die Taſche und ſagte: „Ich gehe nicht. Ich haſſe alte Kirchen, wie auch alte Monumente. Was Teufels ſoll es nützen, einen Hau⸗ fen übereinander geworfener Steine anzuglotzen? Ich will fiſchen gehen. Ich denke, Ihr ſeyd alt genug, um auf Emmelinen Acht zu haben; aber Ihr ſolltet lieber einige Leute mit Euch nehmen, denn mein Alter iſt immer in einer ſchrecklichen Angſt, daß Einer ſein Vögelchen aus dem Käfig laſſen könnte. Arme Emmeline! ich wundere mich, wie ſie's ſo ruhig erträgt. Ich könnt' es nicht, das weiß ich, wenn ich wie ſie ſo feſt mit einem Strick am Beine angebunden wäre.“ Smeaton ermuthigte den Knaben nicht, mit ihnen zu kommen, ſondern begnügte ſich mit der Antwort: „Ich will auf die junge Dame Acht haben und garan⸗ tire, daß ſie ſicher zurückkehren wird. Ich will meinen ei⸗ genen Diener mitnehmen, und einer oder zwei von Euren Leuten werden unſere Partie ſtark genug machen, ſelbſt wenn das Land unruhiger wäre, als ich es in Wirklichkeit glauben kann.“ „Dann will ich gleich hinablaufen und mir ein Boot nehmen,“ rief Richard Newark, und bevor Smeaton ein weiteres Wort beifügen konnte, raste der Junge in weiten Sätzen wie ein großer Hund den Hügel hinab. Smeaton verfügte ſich alsbald in die Stallung hinab⸗ —n 149 um wegen der Pferde und der ſonſtigen kleinen Vorbereitun⸗ gen für den beabſichtigten Ausflug ſeine Weiſungen zu er⸗ theilen, und nachdem er ſofort die großen Reitſtiefel dama⸗ liger Zeit angelegt, kehrte er auf die Terraſſe zurück, um Emmelinen zu erwarten. Es dauerte nicht lange, bis ſie munter lächelnd und glücklich in der Hoffnung auf einen vergnügten Ausflug zu ihm ſtieß. Sie ſchaute ſich nach Richard um und fragte, wo er ſey; als aber Smeaton ihr erzählte, daß er ſeine Begleitung abgelehnt habe, kam ein ernſter Ausdruck der Sorge und Unentſchloſſenheit über ihre Züge. „Sir John Newark ſieht es nicht gerne, wenn ich ohne die Begleitung der alten Haushälterin weit vom Hauſe oder in eine Stadt gehe,“ bemerkte ſie nach augenblicklicher Pauſe. „Wir gehen aber in eine Kirche und das iſt keine Stadt; für diesmal müßt Ihr mich die Rolle der alten Frau ſpielen laſſen,“ gab ihr Begleiter lachend zur Antwort. Ein Scherz gibt oft den Ausſchlag, wo Beweisgründe fehlſchlagen würden. Die Pferde wurden vorgeführt, Smea⸗ ton hob ſeine ſchöne Begleiterin in den Sattel, und fort ging es in ruhigem gleichmäßigem Schritte, während drei von den Dienern nachfolgten. Smeaton war ein vortrefflicher graziöſer Reiter und liebte es ſehr, von Zeit zu Zeit das erhebende Gefühl eines wilden Galopps über den grünen Raſen zu genießen; dies⸗ mal ſchien er jedoch aus irgend welchem Grunde nicht ge⸗ neigt, die Pferde aus ihrem ruhigen Paßgange zu bringen. Die ſteinige Straße hinab ging's im Schritt, und erſt als 150 ſte am Ausgang des Waldes links auf die Dünen einbogen, wurde der Schritt ein wenig beſchleunigt. Smeaton war übrigens ein guter Taktiker und hatte ſeine Gründe für das, was er that. Emmeline wußte jedoch nicht, daß dies der Fall war und wurde etwas ungeduldig. „Sollen wir uns nicht in Galopp ſetzen,“ fragte ſie endlich nach kurzem unzuſammenhängendem Geſpräche über gleichgültige Gegenſtände. Smeaton gab alsbald in ruhigem Tone zur Antwort: „Man kann nicht galoppiren und zu gleicher Zeit ruhig nachdenken.“ „Nachdenken!“ wiederholte Emmeline munter.„Was hättet Ihr nachzudenken, Oberſt Smeaton? Nachdenken iſt das verderblichſte Ding auf der Welt, und welcher Gent⸗ leman hätte ein Recht nachzudenken, während er eine Dame an ſeiner Seite hat.“ „Es iſt mir unmsglich nicht in Gedanken und zwar in tiefe Gedanken zu verſinken, wenn ich Euch an meiner Seite habe,“ war Smeatons leiſe Antwort. Emmeline fuhr zuſammen.— Das klang ja faſt wie ein Kompliment, und Smeaton war doch kein Komplimenten⸗ ſchneider, wie ſie mit Vergnügen bemerkt hatte. „Warum nicht? Haltet Ihr mich für ein ſolches Räth⸗ ſel?“ erwiederte ſie in demſelben leichten Tone, nachdem ſie einen forſchenden Blick auf ihn geworfen hatte. „Nicht Ihr, wohl aber Euer Schickſal und Eure Ge⸗ ſchichte ſind mir ein Räthſel,“ erwiederte Smeaton ernſt⸗ haft, und fuhr nach kurzem Schweigen fort:„was Euch 151 betrifft, theure Lady, Euer Charakter iſt ſo rein und klar wie ein Diamant, den wir allerdings nicht ſogleich durch⸗ ſchauen können, weil er zu viel Licht in ſich birgt; aber Eure Geſchichte, die Umſtände, in denen Ihr Euch befindet, Euer Schickſal bilden für mich ein Räthſel, das wohl jeden Mann von Herz und Gefühl nachdenklich machen könnte.“ „Er ſprach ſehr leiſe, aber jedes ſeiner Worte drang klar und deutlich in Emmelinen's Ohren, augenblicklich jede Hei⸗ terkeit verbannend. „Es iſt ein Räthſel, das ich nicht zu löſen vermag,“ gab ſie zur Antwort.„Ich habe es ſchon tauſend Mal— aber immer vergeblich verſucht. Wohin auch meine Blicke ſich wenden— überall iſt Dunkelheit, und müde, meinen Blick in die leere Finſterniß zu heften, habe ich es aufgege⸗ ben und mich mit dem Wiſſen deſſen begnügt, das vielleicht Alles iſt, was die meiſten Menſchen von ſich ſelber wiſſen— der einfachen Thatſache nämlich, daß ich bin. Was iſt es aber, das Euch um meinetwillen beunruhigt? Was habt Ihr geſehen und bemerkt, das Euch glauben machte, als ob ein Geheimniß obwalte?“ „Vieles,“ erwiederte er;„ſchon die Umſtände, unter denen ich Euch zuerſt ſah— der Verſuch Euch gewaltſam dem Schooße Eurer Familie und Curer Freunde zu ent⸗ reißen— die fortwährende fieberiſche Angſt, welche Sir John Newark um Euretwillen blicken läßt— ſein Wider⸗ wille dagegen, Euch mit irgend Jemand außer ſeinem eige⸗ nen Hauſe Verkehr pflegen zu ſehen.“ „Hat er dieſen Widerwillen?“ rief Emmeline eifrig. 15² „Ich glaub' es nicht— und doch vielleicht habt Ihr Necht,“ ſetzte ſie ernſt hinzu.„Ich entſinne mich— viel⸗ leicht mögt Ihr Recht haben. Ich erinnere mich, daß ich außer mit den Leuten im Hauſe und dem guten jetzt verſtor⸗ benen Doktor Boothe ſonſt mit Niemand allein verkehren durfte. Es iſt auffallend! Ich will vor Euch nicht zu verbergen ſuchen, daß wirklich ſelbſt für mich ein Geheim⸗ niß vorwaltet.“ „Und Ihr habt verſucht, es ohne Beiſtand zu löſen?“ forſchte Smeaton. „O wie oft,“ ſagte ſte.„O was wollt ich geben, um zu erfahren, wer meine Eltern wären— was ich ſelber bin— welches die Urſache all' dieſer Aengſtlichkeit um mei⸗ netwillen iſt! Ich habe es verſucht— aber vergeblich.“ „Vielleicht kann ich Euch behülflich ſeyn,“ ſagte Smea⸗ ton leiſer als zuvor.„Nein, fahrt nicht auf und ſchaut Euch nicht um. Dieſe Männer hinter uns dürfen nicht ſehen, daß etwas Ungewöhnliches in unſerem Geſpräche liegt. Jetzt, wenn Ihr wollt, laßt uns einen Galopp anſchlagen. Ich habe es gewagt, einen Gegenſtand vor Euch zu eröffnen, wozu ich ſeit dem erſten Augenblicke meiner Ankunft umſonſt eine Gelegenheit geſucht habe. Wir müſſen dieſe Gelegen⸗ heit ergreifen, wo wir ſie finden. Nun ſchüttelt Eure Zü⸗ gel, theures Fräulein: ſtellt Eurem Zelter den Kopf und laßt uns dieſe Gedanken für einen Augenblick von uns wer⸗ fen: ſie werden noch vor Beendigung unſeres Rittes zurück⸗ kehren.“ „Ich werde ſie nicht abſchütteln, ſo viel ich auch 1⁵³ galoppiren mag,“ meinte Emmeline.„Uebrigens laßt nns nur drauflosreiten.“ Und ihr Pferdchen leicht mit der Reit⸗ gerte berührend, eilte ſie einige Sätze ihrem Begleiter voran. Smeaton war jedoch im Augenblick wieder an ihrer Seite, und als ſie ihre Blicke wieder auf ihn richtete, wäh⸗ rend er in feſter, ruhiger Leichtigkeit regungslos im Sattel ſaß, als ob er mit dem edlen Thiere zuſammengewachſen wäre, da konnte ſie ſich des Gedankens nich erwehren, daß er der hübſcheſte Mann ſey, den ſie bis jetzt in ihrem Leben geſehen habe— und ſo war es auch in der That. Für Smeaton war ſie ein Gegenſtand großer Theil⸗ nahme— ja ich muß beifügen, auch großer Bewunderung. Die ausnehmende Schönheit ihres Geſichtes wie ihrer Ge⸗ ſtalt wurde in dieſem Augenblick nicht allein durch die Reit⸗ kleidung, die ihre Figur im ſchönſten Lichte zeigte, ſondern auch durch die äußerſt graziöſen Stellungen, welche das Rei⸗ ten mit ſich brachte, wie durch die Aufregung ihres Gemüths in Folge des eben gehabten Geſpräches, das ihre Augen mit Licht und Feuer füllte— ungemein erhöht. Beider Blicke begegneten ſich, und mit jener ploͤtzlichen Sympathie, welche gleichartige Charaktere befähigt in einem Augenblick in dem anverwandten Herzen zu leſen, ſchien jedes die Empfindun⸗ gen des Anderen zu errathen. Emmelinens Wange röthete ſich, als ob ſie über einem Fehler ertappt worden wäre, und Smeaton ſenkte ſeine Blicke mit nachdenklichem Ausdrucke und machte eine gleichgültige Bemerkung über die Landſchaft. So ritten ſie wenige Minuten in demſelben raſchen 154 Schritte dahin, die Diener noch weiter als ſie zuvor gewe⸗ ſen hinter ſich laſſend, bis Emmeline den Zügel anzog und ſagte: „Ich habe für heute genug. Ihr werdet mich ein launiſches Mädchen nennen, Oberſt Smeaton: erſt wollte ich einen Galopp, als Ihr ihn nicht wünſchtet, und nun bin ich ſeiner müde, ſobald ich ihn erlangt habe. Aber in Wahrheit wünſchte ich, daß Ihr in der angefangenen Rede weiter fort⸗ führet. Ich kann in dieſem Zuſtande der Verwunderung und des Geheimniſſes unmöglich raſch zureiten. Ihr ſagt, Ihr könnt mir in Aufklärung all' der zahlreichen Räthſel meines Lebens behülflich ſeyn. Ihr ſagt, Ihr habet Euch ſeit Eurer An⸗ weſenheit in Ale danach geſehnt, mit mir über dieſen Ge⸗ genſtand zu ſprechen. Ihr müßt ſehr ſcharfe Augen be⸗ ſitzen, und Sir John Newark muß Euch damals, als er Euch in London ſah, etwas von mir geſagt haben.“ „Keines von beiden, theure Lady,“ gab Smeaton zur Antwort, indem er ſich umſchaute, um zu ſehen, wie weit die Diener entfernt wären.„Ich hätte Nichts bemerkt, was meine Aufmerkſamkeit erregen konnte, wenn ich nicht zuvor ſchon Kenntniß gehabt hätte, und Sir John Newark hätte mich gewiß nicht in ſein Haus eingelaſſen, wenn er gewußt hätte, daß ich irgend welche Kunde über Euch beſitze.“ „So beſitzt Ihr denn wirklich ſolche Kunde?“ rief Em⸗ meline haſtig. „Ihr ſeyd ſchon ſeit mehreren Jahren ein Gegenſtand des Intereſſes für mich geweſen, theures Fräulein,“ ant⸗ wortete ihr Begleiter.„Dies ſcheint Euch wohl ſonderbar; 15⁵ aber noch ſonderbarer wird es Euch vorkommen, wenn ich Euch ſage, daß ich dieſen Theil von England wahrſcheinlich gar nicht beſucht hätte, wenn Ihr nicht geweſen wäret. Doch ſagt mir: könnt Ihr ſehr verſchwiegen ſeyn? gar Vie⸗ les hängt von Eurer Klugheit und Geheimhaltung ab. Wenn ich Euch Dinge erzähle, welche ſorgfältig vor Euch geheim gehalten wurden, ſo müßt Ihr Eure Lippen wie Eure Blicke nachdrücklich bewachen. Ihr müßt in Allem, was Euer eigen Loos betrifft, ſo unwiſſend wie immer er⸗ ſcheinen; die liebliche Offenheit— dieſen vollen Erguß Eu⸗ res Herzens müßt Ihr zurückhalten und die harte Lektion erlernen, welche die Welt früher oder ſpäter allen Menſchen aufdrängt, nämlich ſeine Gedanken und Gefühle zu verber⸗ gen— kurz die Schätze des Herzens und des Gemüths vor den Augen Derer, welche uns Unrecht thun moͤchten, zu verſchließen.— Koͤnnt Ihr das?“ „Ich will es verſuchen,“ lautete Emmelinens ernſte Antwort;„obwohl ich nicht weiß, wie es mir gelingen wird, da ich hierin noch nie auf die Probe geſtellt wurde. Ich habe keine Erfahrung in der Kunſt des Verhehlens, und doch“— fuhr ſie fort—„war ich nicht ganz ſo offen, wie Ihr Euch einbildet. Ich kann nicht ſagen— warum, aber mein guter Vormund, ſo freundlich und ſorgſam er auch für mich iſt, hat etwas an ſich, das mich zurückhält, ihm Alles, was ich denke zu erzählen, ihm meine Wünſche und Gedan⸗ ken in wichtigen Dingen mitzutheilen. Jede gewöhnliche Gunſt, jede ſonſtige Freude könnte ich von ihm verlangen, ohne eine Weigerung von ihm zu fürchten; aber gerade die 156 Fragen, die ich ſo gerne ſtellen möchte, darf ich nicht vor⸗ bringen, eben die Gedanken, die am ſtärkſten und mächtig⸗ ſten in meinem Gehirne hauſen, wage ich nicht vor ihm zu äußern.“ „Das iſt ein Inſtinkt,“ behauptete Smeaton.„Ihr müßt übrigens verſuchen, die Vorſicht, worauf ich oben an⸗ geſpielt, Euch zu erwerben, und es iſt vielleicht beſſer, wenn ich Euch für jetzt nicht mehr ſage, bis Ihr Eurer ſelbſt ſiche⸗ rer ſeyd.“ „O nein, nein,“ bat Emmeline.„Haltet mich nicht länger in Erwartung. Ich will gewiß recht vorſichtig ſeyn.“ „Wohlan, ſo laßt mich erſt einige Fragen an Euch richten,“ fuhr ihr Begleiter fort;„ſprecht aber leiſe, denn unſere Leute kommen näher und keine Vorſicht kann zu groß ſeyn. Könnt Ihr Euch eines Umſtandes aus Euren frühe⸗ ren Jahren erinnern?“ Emmeline ſchüttelte den Kopf. „Nur ſehr wenig,“ erwiederte ſie,„und auch dieſes Wenige nur vag und undeutlich. Die Dinge ſchweben zwar vor meiner Erinnerung: aber ſie ſehen aus wie die Schiffe, die ich ſchon bei dickem Nebel über die See ſegeln ſah. Ich gewahre wohl einen dunſtigen Umriß, eine ſonderbare ſchlecht begränzte Form auf kurze Augenblicke vorüberſchweben; dann verliert ſie ſich wieder im Nebel und ich ſehe Nichts mehr.“ „Laßt uns verſuchen, ob wir dieſe Bilder nicht deut⸗ licher geſtalten können,“ bemerkte Smeaton.„Erinnert Ihr Euch jemals an andern Orten fern von dieſen Schauplätzen V gelebt zu haben?“ 1⁵57 „Nein,“ erklärte Emmeline alsbald.„Das alte Haus und der Wald, der Weiler, der Strom, Ale Head und die glänzende Bay gehören zu meinen früheſten Erinnerungen. Ich glaube nicht, daß ich anderswo gelebt habe, denn ich entſinne mich noch unbedeutender Umſtände, welche ſich im Herrenhauſe ereigneten, als ich noch ein ganz kleines Kind geweſen ſeyn muß. So weiß ich noch, wie ich in einem Zimmer, das man die Ammenſtube nannte, über einer zer⸗ brochenen Puppe bitterlich weinte. Ich muß damals noch ſehr jung geweſen ſeyn, und weiter geht mein Gedächtniß nicht zuruͤck.“ Smeaton beſann ſich. „Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß Ihr Recht habt,“ ſagte er.„Ich weiß nicht, daß Ihr jemals anderswo gelebt hät⸗ tet; aber Ihr müßt zu Ale Manor andere Leute als ſeine jetzigen Bewohner um Euch gehabt haben?“ „O ja,“ rief Emmeline,„deſſen bin ich ganz ſicher. Denn manche derartige Bilder ſuchen mich heim und beun⸗ ruhigen mich gleich Traumgeſtalten.“ „Erinnert Ihr Euch einer Dame,“ fragte ihr Beglei⸗ ter,„hoch und anmuthig gewachſen, mit eigenthümlichem ſüßem Lächeln und einer weichen Silberſtimme?“ Emmeline ſchaute nachdenklich zu Boden. „Ja,“ ſagte ſie endlich,„ich glaube ſo; und ſie war ſehr zärtlich gegen mich, wenn ich mich recht entſinne. Halt! ja, jetzt erinnere ich mich ihrer ganz gut. Ihr habt ſie vor meine Augen zurückgerufen. Sie führte mich an der Hand auf die Terraſſe heraus, um die Soldaten abziehen 158 zu ſehen. O ja— ich erinnere mich jetzt alles Deſſen ganz genau.“ „Und wer ſtand an der Spitze jener Soldaten?“ fragte Smeaton. „Ich kann mich nicht entſinnen,“ erwiederte die Dame, in die Luft hinausſtarrend. „War's nicht ein großer, dunkler, edel ausſehender Mann, mit einem breiten Hut und einer Feder darauf?“ forſchte Smeaton. „Nein, nein,“ rief Emmeline.„Er ſtand an meiner Seite; er nahm mich auf ſeine Arme und küßte mich, ehe er zu Pferde ſtieg. Wie ſonderbar, daß ich dies Alles bis jetzt vergeſſen haben ſoll!“ „Vielleicht nicht ſo ſonderbar als Ihr glaubt,“ warf Smeaton ein.„Ein einziges Wort pflegt oft eine lange Reihe von Erinnerungen anzuregen, welche ſeit Jahren in uns geſchlummert haben. Die Ideenverbindung beſitzt eine wunderbare Macht. Wie der Wind eine Saite an der Aeolsharfe berührt, kann auch ſie alle Harmonien des Her⸗ zens vibriren machen. Erinnert Ihr Euch wohl noch mehr aus jenen Zeiten?“ „Nicht deutlich,“ gab Emmeline zur Antwort;„aber Ihr habt ſo Vieles in mir aufgeweckt, daß mein Gedächtniß mich ohne Zweifel noch manchen Pfad der Vergangenheit zurückführen wird. Ich ſehe in der That, Ihr müßt von mir und den Meinigen Vieles wiſſen. Ich bitte Euch, Oberſt Smeaton, erzählt mir noch mehr.“ „Ich moͤchte vorerſt lieber Euer eigenes Gedächtniß wirken laſſen,“ entgegnete er,„indem ich es auf die rechte Bahn bringe und es dann die Spur verfolgen laſſe, ſtatt Euch ſogleich eine Kunde aufzudringen, welche Euch wie eine Erinnerung vorkommen wird, nachdem ſie eine Weile in Eurer Seele geſchlummert hat.— Aber dort, wenn ich mich nicht irre, haben wir die Kirche vor uns. Ich habe Euer Anbieten, ſie mir zu weiſen, nicht ohne Grund ſo eifrig aufgegriffen, theures Fräulein. Ich wollte Euch gewiſſe Monumente da drinnen bezeichnen und Euch bitten, ſie beſonders in's Auge zu faſſen, denn ſie können Euch über Vieles aufklären.“ „O, ich habe ſie ſchon Stunden lang betrachtet, ohne ihnen irgend eine Kunde zu entlocken,“ antwortete Emme⸗ line. „Vielleicht, daß Ihr jetzt glücklicher ſeyd,“ meinte Smeaton.„Auf alle Fälle, ſo oft ich meine Hand auf eines der Monumente lege, merkt es Euch genau. Sollten wir allein ſeyn, ſo könnte ich Euch vielleicht einen Commentar dazu geben; iſt aber irgend Jemand bei uns und wir dür⸗ fen keinen beſonderen Wunſch blicken laſſen, unſere Bemer⸗ kungen insgeheim anzuſtellen, ſo will ich blos meine Hand auf das Grabmal legen, das Ihr Cuch notiren ſollt, und will Euch deſſen Aufſchrift vorleſen.“ „Ja, ſind ſie Euch denn ſchon bekannt?“ fragte Em⸗ meline.„Seyd Ihr früher ſchon hier geweſen?“ „Niemals,“ gab Smeaton lächelnd zur Antwort;„die Worte auf den Grabmälern werden mir zu ſicheren Führern dienen. Doch wir ſind zur Stelle; ich will jetzt unſeren Dienern rufen, damit ſie die Pferde halten.“ Und die Hand erhebend, winkte er den Dienern hinter ſich, welche eben in dem Augenblick, als ſie das Kirchhof⸗ pförtchen erreichten, zu ihnen ſtießen. Emmeline und Smeaton waren Beide beim Abſteigen ſehr nachdenklich, und wanderten ſchweigend gegen den Haupteingang. In dem Augenblick, da ſie ihn erreichten, wandte ſich Smeaton nach den Männern um, welche noch bei der Pferdegruppe ſtanden, und rief ihnen zu: „Führt ſie da draußen herum, bis wir zurückkommen. Die Luft weht ſogar im Hochſommer ſcharf auf dieſen Hügeln.“ Das übrige Geſpräch zwiſchen ihm, Emmelinen und dem alten Küſter beim erſten Eintritt in die Kirche haben wir bereits an der Seite des guten Van Nooſt behorcht, und Smeaton wanderte mit ſeiner Begleiterin durch das Schiff der Kirche, mit wunderbarer Geduld den weitläufigen Erklärungen des alten Mannes zuhörend. Dieſer zeigte ihnen das Grabmal Sir Reginalds von Newark, der mit Richard I. in's gelobte Land gezogen war, und erzählte ihnen, welch' tapfere Thaten er in der Schlacht verrichtet und wie er in ſein Vaterland zurückgekehrt ſey, um daſelbſt an den im Krieg gegen die Sarazenen empfan⸗ genen Wunden zu ſterben. Man kann ſich denken, daß es hiebei manchen Bock ſetzte, und daß er Könige, Ereigniſſe und Länder auf die traurigſte Weiſe unter einander brachte; allein Smeaton korrigirte ihn nicht und legte ſeine Hand — 164 nicht auf das Grabmal. Dann kamen ſie an eine große Mar⸗ morplatte, worauf eine Figur in langen Gewändern mit einer Mitra auf dem Haupte und einem Roſenkranz an der Seite ausgemeißelt war, während jeder Zug des Geſichts ſich verwiſcht hatte. „Dieſes,“ erklärte der Alte,„war das Bild des Wil⸗ liam von Newark, Biſchofs von Exeter, welcher in dieſer Kirche begraben ſeyn wollte, weil ſie auf den Ländereien ſei⸗ ner Familie ſtand.“ Auch hier ging Smeaton ohne Frage oder Bemerkung vorüber. Ein Grabmal nach dem andern folgte, und der Küſter begann ſeinen Beſuch ſchon für ausnehmend langwei⸗ lig zu halten, als ſie in die Nähe des Kommuniontiſches, dem Monumente des tapferen Kriegers, der bei Naſeby ge⸗ fallen, gegenüber zu ſtehen kamen. Dieſes ſchien den Fremden mehr zu intereſſiren, denn er legte ſeine Hand auf den Marmor und ſagte: „Wie Schade, daß ſie dieſe ſchöne Statue ſo brutal entſtellt haben!“ Der alte Küſter begann ſeine gewöhnliche Geſchichte; er erzählte, wie die Kirche von Cromwells Soldaten einge⸗ nommen worden und wie dieſe einen Stall aus dem Schiffe gemacht hätten. Zahllos waren die Schmähungen, die er über ſie ergehen ließ, und Smeaton warf mehrere Fragen ein, welche dem Alten bei ſeiner Erzählung wunderbar wei⸗ ter halfen. Der Oberſt näherte ſich ſodann der Wand der Kirche und deutete auf eine Tafel, welche den Tod eines andern Igmes. Henry Smegton. 11 162 Familienmitglieds in fremdem Lande anzeigte; er fragte den alten Mann, nachdem er die Inſchrift geleſen, ob die Linie dort ausgeſtorben ſey. „Ei bewahre, Sir,“ verſetzte der Küſter.„Nach der glücklichen Reſtauration kehrte der Sohn dieſes wackern Kriegers mit dem Könige zurück. Er war von ſeinem Oheim, welcher zu Breda ſtarb, ins Ausland mitgenommen worden. Sein Monument ſteht dort.“ Hier führte er ſie nach einem dunkleren Theile der Kirche und zeigte ihnen ein Grabmal mit einer knieenden Figur, welche ein Schwert in der Hand hatte. Die Auf⸗ ſchrift auf der Marmortafel darunter war ganz kurz und lautete alſo: „Zum Gedächtniſſe Algernons, des Barons Newark von Newark Caſtle und Ale Manor, Ritters, geſtorben am zweiten Tage des Monats Juli 1690, iſt dieſes Monument errichtet als Zeugniß der Liebe und Verehrung von ſeiner Wittwe und ſeinem Sohne.“ „Das war der Tag nach der Schlacht von Boyne,“ bemerkte Smeaton. Der alte Küſter nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe. „Ja, Sir, ſo war es. Ich erinnere mich noch wohl; als ſie den Leichnam von Irland zurückbrachten, gruben dieſe alten Hände das Grab für den edelſten Lord und den beſten Mann, der jemals gelebt hatte. Es geſchah aber Alles ganz im Stillen, denn die Leute waren in großer Furcht deſſen, was zunächſt geſchehen würde, und das Monument wurde erſt zwei Jahre ſpaͤter errichtet.“ — 163 Smeaton legte die Hand darauf mit den Worten: „Es iſt ſchön in ſeiner Einfachheit. Was wurde aus dem Sohne, deſſen hier erwähnt iſt.“ „Ich weiß nicht, Sir,“ brach der Mann kurz ab und wandte ſich dann gegen einen andern Theil der Kirche, in⸗ dem er mit den Zähnen mummelte, wie wenn er etwas vor ſich hinflüſterte. Emmeline ſchaute mit forſchendem Blicke in Smeatons Geſicht; aber ſeine einzige Bemerkung beſtand darin, daß er ſie bei der Hand nahm und weiter führte. Mag ſeyn, daß er ſie hiebei ſanft drückte; doch ſprach er nichts bis ſie den alten Mann wieder erreichten, den er in gleichgültigem Tone fragte: „Iſt nicht ein Gewölbe oder eine Krypte unter dieſer Kirche? Nach der Höhe des Pflaſters ſollte man es wohl glauben.“ „O ja,“ bemerkte Emmeline, ſtatt des Küſters ant⸗ wortend.„Da unten iſt eine ſchöne Krypte.“ „Ja, aber ich habe die Schlüſſel nicht bei mir, Mylady,“ erwiederte der alte Mann. „Ei, er ſteckt ja in der Thüre, Mattols,“ entgegnete Emmeline.„Ich habe ihn im Vorbeigehen geſehen.“ Der alte Küſter lachte laut auf. „Das iſt wahr, Mylady,“ ſagte er;„aber ich habe einen Vogel drin— das iſt die Wahrheit. Deßhalb mochte ich die Thüre lieber nicht öffnen, wenn ich's verhin⸗ dern könnte. Nicht daß ich glaubte, Ihr oder der Gentle⸗ 8 41* 164 man hier würde ausſchwatzen, denn es könnte Euch ja nichts nützen und dem armen Burſchen könnte es ſchaden.“ „O ſeyd verſichert, wir werden nicht ausſchwatzen,“ beſchwichtigte Smeaton.„Die Krypte müſſen wir aber ſehen, mein guter Mann, denn für mich iſt ſie einer der intereſſan⸗ teſten Theile einer Kirche.“ „Wohlan, Sir, wenn ich muß, muß ich eben und kann Euch nicht zurückhalten, wenn Ihr durchaus gehen wollt,“ war des Todtengräbers Antwort.„Vergeßt aber nicht, wie Ihr verſprochen, Nichts davon zu ſagen, daß ihr dort irgend Jemand geſehen habt.“ „Wir wollen ſo verſchwiegen ſeyn wie ein Beichtvater,“ verſicherte Smeaton luſtig;„doch zuerſt möchte ich einen Blick in Eure Negiſterbücher werfen. Können wir nicht das Innere der Sakriſtei ſehen.“ Der alte Mann ſchaute ihm eine Weile ernſthaft ins Geſicht und erwiederte dann kalt und abſtoßend: „Das Innere der Sakriſtei könnt Ihr ſehen, wenn Ihr wollt; aber die Bücher ſind nicht drin. Sie werden von dem Pfarrer immer unter Schloß und Riegel gehalten.“ „Befinden ſie ſich in ſeinem Hauſe?“ fragte Smeaton. „Ich glaube nicht,“ meinte der alte Mann;„Alles was ich weiß, iſt, daß ſie nicht in der Kirche ſind. Wenn Ihr ein Certifikat daraus haben wollt, müßt Ihr Euch an den Pfarrer wenden.“ 1 „Gut, ſo laßt uns nach der Krypte gehen,“ ſchloß Smeaton.„Meint Ihr, wir können da unten wohl deut⸗ lich ſehen?“ ** 165 „Eure Augen ſind jünger als die meinen und ich kann es,“ antwortete der Küſter verdrüßlich und ging, die Thüre zu öffnen. „Ich glaube, Ihr ſeyd ebenſowohl Küſter wie Todten⸗ gräber,“ bemerkte Smeaton im Vorbeigehen. „Ich bin nicht förmlich als Küſter angeſtellt und be⸗ kleide beide Aemter auf den ausdrücklichen Wunſch und Willen Sir John Newarks,“ erwiederte der Mann. Es lag etwas höchſt Bezeichnendes in ſeinem Ton und Weſen, als er dieſe Worte ſprach: Smeaton lächelte jedoch blos und ging vorüber, indem er Emmelinen die Hand bot, um ſie die Stufen hinabzuführen. Nach wenigen Sekunden waren ſie unten, und beide ſchauten ſich mit wohl erklärlicher Neugier um, begierig, wen wohl der alte Küſter in der Krypte eingeſchloſſen hätte. Im nächſten Augenblicke hörte man Smeaton in luſtiges Lachen ausbrechen. „Ei, mein guter Freund Van Nooſt— ſeyd Ihr's?“ rief er.„Sagt mir doch in Fortunas Namen, was hat Euch in dieſen Theil des Landes gebracht?“ „Ach, edler Herr,“ rief Van Nooſt in kläglichem Tone, „was habt Ihr mir vor wenigen Minuten eine Angſt ein⸗ gejagt! Nicht Fortuna, wohl aber das Gegentheil hat mich hieher gebracht. Habt Ihr nicht gehoͤrt, daß der Carl von Orford in den Tower geſetzt wurde, und daß ſie jetzt alle ſeine Freunde und Anhänger aufſuchen, um ſie in Newgate einzuſperren?“ 3 „In der That— nein,“ erwiederte Smeaton.„Da ich mich nicht viel darum kümmere, ſo habe ich nur wenig 166 davon vernommen; aber ich glaube, Ihr fürchtet Euch ohne Urſache, mein guter Freund, denn verlaßt Euch drauf, die Falken, die jetzt auf der Jagd ſind, ſuchen höher fliegendes Wild, als Ihr ſeyd.— Was brachte Euch aber auf den Gedanken, dieſen Theil der Welt aufzuſuchen?“ „Ei, ich kenne ihn von Alters her als einen einſamen abgelegenen Landſtrich,“ ſagte Van Nooſt.„Ueberdieß wußte ich, daß Ihr hier herum ſeyd, und ich dachte, Ihr würdet mich im Falle der Noth nicht ohne Hilfe laſſen.“ „Wie kann ich das?“ fragte Smeaton.„Ich habe keinen Einfluß bei dieſen Leuten. Doch kommt einen Augen⸗ blick bei Seite und laßt hören. Wenn ich Euch helfen kann, ſoll es gerne geſchehen.“ Mit dieſen Worten führte er ihn auf die andere Seite der Krypte, wo er ſich einen Augenblick leiſe mit dem Bild⸗ hauer beſprach und endlich mit den Worten ſchloß: „Gut, thut wie Ihr wollt. Wenn Ihr Euch hier für geborgen haltet, ſo bleibt; im Falle der Gefahr könnt Ihr nach Keanton gehen, wo Ihr ganz ſicher ſeyn werdet. Gebt nur den Leuten die Parole, die Ihr habt, und ſie werden für Euch Sorge tragen.“ „Was für ein ſchönes Geſchöpf das iſt!“ rief Van Nooſt, deſſen Augen ſich ſeit den letzten paar Minuten auf Emmelinen geheftet hatten.„Mein Gott, was würde ſie ein koſtbares Milchmädchen abgeben⸗ wenn man ſie in Blei abgöſſe!“ „Ich glaube, noch beſſer eine Grazie,“ erwiederte Smea⸗ 467 ton lächelnd.„Aber vergeßt nicht: geht nach Keanton, wenn Ihr wollt.“ Mit dieſer Erwiederuug trat er wieder zu Emmelinen und dem alten Küſter. Die letzten Worte waren laut geſprochen worden und erreichten die Ohren der beiden Zuhörer. Der alte Mann murmelte das Wort Keanton vor ſich hin und kratzte ſich am Kopfe. Die junge Dame richtete ihre Augen raſch auf Smeaton, ohne aber für jetzt eine Bemerkung zu äußern. Dann wendete ſich die Geſellſchaft von Van Nooſt gefolgt zu den einzelnen Gegenſtänden in der Krypte, und der wür⸗ dige Bleikünſtler erleuchtete ſie von Zeit zu Zeit mit ſeinen Anſichten über die verſchiedenen Monumente. Ihr Geſpräch würde jedoch für den Leſer nicht ſehr unterhaltend werden, und was die Denkmäler ſelbſt betrifft, ſo ſchien ſogar für Smeaton nur ein einziges bemerkenswerth, nämlich ein kleines Täfelchen, das in den untern Theil einer Wand ein⸗ gefügt war und folgende Worte als Aufſchrift trug: „Zu dem Gedächtniß von Edward und Henry Newark, Söhne von Henry Algernon, drittem Baron Newark. Sie ſtarben in der Kindheit.“ Datum war keines angegeben und das Monument ſchien vergleichungsweiſe noch neu. Zwar lag Staub auf dem Marmor, der die Buchſtaben verdunkelte und in beſänf⸗ tigenden Schimmer hüllte, wie die Zeit mit der Erinnerung des Kummers das Gleiche thut; aber der reine weiße Stein hatte noch nicht die gelbe Färbung des Alters und Verfalls angenommen. 168 „Dieſe Tafel kann noch nicht lange eingeſetzt ſeyn,“ meinte Smeaton, ſie mit der Hand berührend. „Den Tag nach nächſter Michaelismeſſe werden es ſechszehn Jahre, Sir,“ erklärte der alte Küſter und ſchwieg, nicht geneigt, wie es ſchien, in weitere Einzelnheiten über die ſpäteren Zweige der Newark'ſchen Familie einzugehen. Smeaton ſtellte keine weitere Fragen, ſondern ſchüttelte Van Nooſt die Hand, gab dem alten Manne ein Geldſtück, das deſſen Erwartung zu übertreffen ſchien, verließ die Kirche und ſtieg mit Emmelinen wieder zu Pferd. Die Dame und ihr Begleiter ritten einige Augenblicke ſchweigend weiter; endlich aber ſagte Smeaton leiſe und ſein Haupt vorbeugend: „Begreift Ihr jetzt, was Ihr geſehen habt?“ Emmeline ſchüttelte ernſthaft ihr Köpfchen und er⸗ wiederte: „Mir iſt, als habe ich das Gemälde einer nie beſuchten Stadt geſehen. Da ſind wohl Häuſer, Straßen und öffent⸗ liche Plätze; aber wenn wir nicht einen Führer oder eine Karte haben, ſo wiſſen wir nicht, was ſie bedeuten. Die Monumente habe ich ſchon geſehen, die Namen auf ihnen früher gehört; ich weiß aber nicht, für oder von wem ſie er⸗ richtet wurden.“ Smeaton ſchwieg und betrachtete ſie ernſthaft, wie wenn er fortzufahren zögerte. „Theures Fräulein,“ ſagte er endlich,„ich muß Euch oder vielmehr Eurer eigenen Verſchwiegenheit durchaus ver⸗ trauen, denn Ihr oder vielmehr Euer künftiges Schickſal 169 werden fortan von Eurer Klugheit oder Unklugheit abhän⸗ gen. Laßt Euch nochmals erinnern, daß Euer eigenes Glück wie die Möglichkeit, fernere Kunde zu erlangen, lediglich darauf beruht, ob Ihr vor Jedermann verhehlet, daß Ihr überhaupt irgend etwas erfahren habt. Ich glaube übrigens, Euer Geiſt iſt ſtark genug, Emmeline, um Eure Worte und ſelbſt Eure Blicke zu beherrſchen, nachdem Ihr wißt, daß ſo viel für Euch auf dem Spiele ſteht.“ Es war das erſte Mal, daß er ſie Emmeline nannte— vielleicht bevor noch die Länge der Bekanntſchaft ihn hiezu berechtigte; aber es klang ihrem Ohre ſehr angenehm, und in der That hatte der heutige Ritt, wie die höchſt intereſ⸗ ſanten Materien, welche zwiſchen ihnen beſprochen worden waren, die beiden Leutchen näher zuſammengebracht, als wenn ſie viele Monden bekannt geweſen wären. „Ich will gewiß klug und vorſichtig ſeyn,“ verſicherte ſie.„Es hieße ja Eure Güte ſchlecht belohnen, wenn ich Eure Warnung auch nur einen Augenblick vernachläſſigte.“ „Wohlan,“ erklärte Smeaton.„Ihr habt ſo eben das Denkmal Eures Ahnherrn, der bei Naſeby gefallen, das ſeines Sohnes, Eures Großvaters, der den Tag nach der Schlacht bei Boyne geſtorben und eine Tafel zum Gedächt⸗ niß von Eures Großvaters Bruder, des Vaters von Sir John Newark geſehen.“ „Und mein Vater?— mein Vater?“ „Von ihm ſpäter,“ erwiederte Smeaton.„Für einen Tag iſt das ſicherlich genug; doch kann ich noch beiſetzen, daß das kleine Täfelchen in der Krypte, das wir zuletzt ge⸗ 170 ſehen haben, den Tod Eurer beiden jungen Brüder anzeigt. Sie waren alter als Ihr und kamen frühzeitig um. Ich habe Euch ſo Vieles erzählt, theuerſte Lady, um mir Euer Vertrauen zu gewinnen, denn ich werde Euch noch in vielen Dingen um dieſes Zutrauen zu bitten haben und muß gleich von Anfang eine große Gunſt von Euch verlangen, nämlich die, mir jede Gelegenheit zu gewähren— ja ſogar Gelegen⸗ heiten zu erſinnen, um insgeheim mit Euch zu ſprechen. Ich habe noch Vieles zu ſagen, ja wohl gar Vieles zu thun und ich kann deutlich vorausſehen, daß Sir John Newark unſere Konferenzen nicht unbewacht laſſen wird, wenn er es ver⸗ hindern kann. Koͤnnt Ihr mir vertrauen, Emmeline?“ „O ja, ich glaube, ich kann— nein, ich weiß gewiß, ich kann,“ gab ſie zur Antwort;„ich weiß nur nicht, wie ich es angehen ſoll, denn ich bin an ſolche Dinge nicht ge⸗ wöhnt. Ich danke Euch ſehr für das, was Ihr mir geſagt habt; aber ich muß— in der That, ich muß noch mehr wiſſen. Ich bin mir nicht mehr ſo ganz ein Räthſel wie früher; aber immer noch liegt eine Wolke über einer Partie meiner Lebensgeſchichte, welche entfernt werden muß, wenn ich auch am Ende vermuthlich finden werde, daß man überall in dieſer Welt auf Räthſel ſtößt. Wißt Ihr, daß ſogar Ihr anfanget, mir räthſelhaft zu werden?“ „Wie ſo?“ rief Smeaton ihr offen ins Geſicht ſchauend, während ſie ihm lächelnd in die Augen blickte. „Ich will's Euch ſagen,“ erwiederte ſie.„Ihr hießet jenen Mann in der Krypte nach Keanton gehen, wenn er wollte, wie wenn Ihr deſſen Beſitzer wäret. Nun habe ich immer gehört, daß Keanton das Eigenthum der Gräfin von Eskdale iſt— derſelben Gräfin, welche die Verbannung mit ihrem Gatten theilte.“ „Dieſes Räthſel läßt ſich leicht erklären,“ erwiederte Smeaton.„Ich bin ihr Sohn. Gebe der Himmel, daß ich nicht bald der wirkliche Gebieter von Keanton werde! aber ich fürchte es ſehr, denn meine Mutter iſt recht krank geweſen. Da ich von Euch viel Vertrauen verlange, ſo darf ich Euch das meinige in keiner Beziehung verſagen, und darum habe ich Euch dieſes Faktum ohne Weiteres ein⸗ geſtanden, theures Fräulein; Ihr müßt es jedoch vor Sir John Newark verbergen, denn er ſelbſt weiß zwar das Ge⸗ heimniß, aber wenn er erführe, daß ich es Euch enthüllt habe, ſo könnte ihn dies ahnen laſſen, daß ich Euch noch mehr enthüllte, und das ſollten wir wo möglich vermeiden.“ Emmeline beſann ſich eine Weile mit niedergeſchlage⸗ nen Blicken, und dann die Augen erhebend fuhr ſie fort: „So iſt Euer Name nicht eigentlich Smeaton?“ „Ci bewahre; ich heiße Eskdale,“ erwiederte er.„Laßt Euch die Sache erklären. Es iſt in neuerer Zeit unter den vielen Verbannten, welche durch die Rebellionen und Revo⸗ lutionen aus dem Lande vertrieben wurden, keineswegs un⸗ gewöhnlich, beim Eintritt in die Dienſte fremder Staaten einen anderen Namen anzunehmen. So trug ich in der öſtreichiſchen Armee während der Kriege in Spanien und Italien den Namen Henry Smeaton, avancirte unter dieſem Namen und behielt ihn bis zu meines Vaters Tode, d. h. bis vor etwas mehr als einem Jahre bei. Ich habe mein 172 auf dieſen Namen ausgeſtelltes Patent nebſt vielen Briefen und Papieren bei mir, worin ich immer nur Oberſt Henry Smeaton heiße, ſo daß der Titel nicht blos für die jetzige Gelegenheit angenommen wurde. Doch ſeht— dort kommt uns, glaub' ich, Euer junger Vetter entgegen; ſeine Fiſch⸗ partie ſcheint bald zu Ende gegangen zu ſeyn. „Armer Knabe!“ verſetzte Emmeline.„Er iſt ſo flüchtig in ſeinem Weſen, daß er nichts lange verfolgen kann. Ich glaube, er iſt nicht ſo ganz ohne Fähigkeiten, wie es ſcheint, denn zuweilen ſind ſeine Einfälle ganz geſund und voller Phantaſie; aber es fehlt ihm an der Kraft, ſeine Aufmerkſamkeit zu firiren. Hieran gebricht es ihm völlig, und das iſt das Geheimniß ſeiner großen Geiſtesſchwäche.“ Richard Newark ſtieß gleich darauf zu ihnen und rief ſchon von weitem in munterem Tone:. „Ich bin froh, daß ich Euch vor meines Vaters An⸗ kunft getroffen habe, denn kaum hatte ich eine Stunde ge⸗ fiſcht, als mir zu meinem Schrecken ſein Gebot einfiel, Dich, Emmy, nicht zu verlaſſen. So nahm ich ein Pferd und . galoppirte durch die ganze Umgegend, jede Minute erwar⸗ tend, ihn mit Euch zurückreiten zu ſehen. Schweige alſo hübſch ſtill, Emmy, und laß ihn nicht wiſſen, daß ich über⸗ haupt fort geweſen bin.“ Jedes Privatgeſpräch zwiſchen Emmelinen und Smeaton hatte nunmehr ein Ende, denn des Knaben Gegenwart mußte ihnen natürlich einen Zwang auflegen, und Beider Gedanken hafteten bei den intereſſanten Gegenſtänden, von denen ſie kaum zuvor geſprochen hatten. Dies währte ſo fort, bis 173 ſie das Herrenhaus erreichten. Sir John Newark war noch nicht zurückgekehrt, und es ſollte noch ziemliche Zeit ver⸗ ſtreichen, bis er wieder anf dem Schauplatze auftrat. . Neuntes Kapitel. Emmeline hatte ſich zurückgezogen, um ihre Kleidung zu wechſeln, Richard war fort, Gott weiß— wohin, und nachdem Smeaton einige Minuten in der Halle verweilt hatte, anſcheinend mit der Unterſuchung der alten Waffen⸗ rüſtungen beſchäftigt, welche ſeit den Tagen der Eliſabeth daſelbſt gehängt hatten, in Wirklichkeit aber ſie nur mit dem äußeren Auge gewahrend, wiewohl er ſich mechaniſch von der einen zur andern bewegte, ging er zuletzt die Treppe hinauf und verfügte ſich in die beiden Zimmer, die ihm, wie oben geſagt wurde, zu ſeinem Gebrauche angewieſen waren. Wir müſſen ihm den Vorhang von der Bruſt ziehen und einen Blick hinein werfen, nicht gerade um dort Ge⸗ danken für Gedanken zu verfolgen— denn wer vermöchte dies, wenn er in ſein eigenes Herz ſchaute?— ſondern um das, was in ſeinem Innern vorging, mit einigen Streif⸗ lichtern zu beleuchten. „Das fügt ſich unglücklich,“ ſagte er zu ſich ſelbſt„und ich muß ſolchen Gefühlen widerſtehen.— Doch warum! Hierauf habe ich keine Antwort. Sie iſt ſehr, ſehr ſchön und glänzend, voll Sanftheit und Anmuth, unbefleckt durch 174 dieſe böſe garſtige Welt, in der wir leben. Warum ſollte ich zweifeln oder zögern? Weil meine eigenen Gefühle mich überraſchen und ich mich mehr durch Empfindungen als durch Vernunft geleitet ſehe? Aber was vermag die hochgerühmte Vernunft in ſolchen Dingen für uns zu thun? Weit öf⸗ ter leitet ſie uns irre, als daß ſie uns den rechten Pfad zeigte. Ich will den Dingen ihren Lauf laſſen. Iſt es ja doch nur mein eigenes Glück, das ich gefährde, und ich kann Emmelinen nicht dienen, wie ich wünſchte— ja nicht ein⸗ mal mein Verſprechen in vollem Maße halten, ohne es zu gefährden. Ich will es riskiren; vielleicht daß dieſe An⸗ wandlungen vorüber gehen. Wie habe ich mich damals zu Valencia in jene Spanierin, der armen Cura Nichte, ſo toll verliebt gewähnt, und das Ganze endete doch in Widerwillen. So wird es zwar hier kaum werden; denn damals waren es nur ſchwimmende ſchwarze Augen, eine warme ſonnige Wange, feine Taille und ein niedlicher Fuß, mit Leidenſchaft in allen Adern, aber weder Seele noch Gemüth. Nein, nein! Hier iſt's ganz anders— aber auch das kann vorüber⸗ gehen. Wenn ich viel an ſie gedacht— wenn ich, ſeitdem ich ſie kenne, faſt Tag und Nacht von ihr geträumt habe, ſo iſt das ſehr natürlich, ohne daß Liebe etwas damit zu ſchaffen hätte. Ihr merkwürdiges Schickſal, das Unrecht, das man ihr gethan hat, das noch größere, das man, fürchte ich, gegen ſie beabſichtigt, der eifrige Wunſch, ſie aus dieſer Gefangenſchaft zu befreien und ihren Sinn für ihre eigene Geſchichte zu öffnen, die Schwierigkeit, dies zu vollbringen — dies Alles kann recht wohl ein von Liebe unabhängiges 175 Intereſſe in mir geweckt haben. In der That, ſie iſt ſehr ſchön und höchſt bezaubernd; es liegt etwas ſo Einnehmen⸗ des in ihrem halb zärtlichen halb muthwilligen Lächeln, und die Natur hat gewiß in ihrer glücklichſten Laune noch nie eine Geſtalt von vollendeterem Ebenmaße geſchaffen. Mir pocht das Herz, ſo oft ich ſie betrachte, wie ſie den höchſten Triumph der Kunſt des Bildhauers ſo weit übertrifft und ſo voll Reiz und Anmuth ſteckt, welche weder des Bild⸗ hauers Meißel noch des Malers Pinſel jemals zu porträ⸗ tiren vermöchten.— Horch! ſie ſingt eine wohlbekannte Romanze aus meinen jungen Tagen. Ihr Zimmer muß ganz nahe ſeyn, da man die Töne ſo deutlich vernimmt.“ „Reifes Jahr, reifes Jahr, Der Winter— ach! kommt dar, Mit Froſt, mit Schnee und mit Winden. Wenn die Zweige ſind ſo kahl, Und Stürme brauſen überall, Und eiſ'ge Ketten unſre Flüſſe binden.“ Hier endete der Geſang und mit ihm die leiſe Beglei⸗ tung einer Laute oder Mandoline. Es ſchien nur ein kurzer Ausbruch jenes Geiſtes der Muſik, der faſt in jedem jugend⸗ lichen Herzen lebt, und Smeaton ſagte zu ſich ſelber:. „Ich will die nächſte Strophe ſingen. Vielleicht iſt ſie ihr unbekannt.“ Und mit einem weichen vollen Tenor ſetzte er den Ge⸗ ſang alſo fort: „Doch vom Frühling ich gerne ſinge, Wenn er mit grüngeſtickter Schwinge Von Süden her durch die Länder fährt; Blumen ſtreuend auf Winters Wegen, Alles verjüngend mit ſeinem Segen, Wenn weinende Augen er lächeln lehrt.“ Er lauſchte eine Weile; aber Alles blieb ſtumm, und die Thüre ſeines Zimmers öffnend, ging er wieder in den Salon hinab. Unmittelbar hinter ihm kam Emmeline mit heiterem offenem Lächeln in ihren Zügen, indem ſie ihm beim Eintritt entgegenrief: „Ihr habt geſungen— und zwar eines meiner lieben alten Ammenlieder.“ „Ihr habt es unvollendet gelaſſen,“ verſetzte Smeaton, „und da es auch einer meiner lieben alten Ammengeſänge iſt, ſo fühlte ich mich aufgefordert, zu ſeiner Ehre die letzte Strophe beizufügen— wenigſtens die letzte, deren ich mich erinnere, denn ich glaube, das Lied hat noch mehr Verſe.“ „O ja,“ erwiederte Emmeline;„ich will Euch einmal Abends alle Verſe ſingen, obwohl Sir John Newark die Muſik nicht ſonderlich leiden kann. Liebt Ihr ſie?“ „Ich weiß gar nicht, was das Leben ohne ſie wäre,“ entgegnete Smeaton.„Das meinige hätte ohne ſie viele ſeiner glücklichſten Stunden entbehrt.“ „Und liebt Eure Frau die Muſik? Singt ſie oft, hat ſie eine gute Stimme?“ rief Emmeline, Frage auf Frage häufend, noch ehe ihr Gefährte antworten konnte, bis ein luſtiges Lächeln auf Smeatons Lippen ihr endlich ein Ziel ſetzte. 4 „Meine Frau! theures Fräulein,“ erwiederte er halb lachend.„Meine Frau! ich hoffe ſie wird ſingen, wenn ich 177 einmal ſo glücklich bin, eine zu haben; bis auf dieſe Stunde bin ich aber noch unvermählt.“ Emmeline ſah erſtaunt, ja faſt erſchrocken aus. Sie ſchaute ihm eine Weile ins Geſicht und ſagte dann leiſe und zögernd: „Sir John Newark ſagte mir, Ihr ſeyet verheirathet.“ „Wirklich?“ fragte Smeaton lächelnd und nicht ohne Erſtaunen.„Aha, ich erinnere mich,“ fuhr er nach einer Weile fort;„wir ſprachen neulich von Lady Eskdale. Er muß, ſcheint es, meine Mutter in meine Gattin verwandelt haben, was offenbar dem Geſetze aller Länder widerſpricht. Ich entſinne mich auch, daß er ſehr mit der Sache in mich drang, und ich gab ihm ganz kurze Antworten, da ich über meine und meiner Mutter Angelegenheiten nicht in nähere Details eingehen mochte. Ich bildete mir ein, er wünſche zu entdecken, was wir mit Keanton anzufangen gedächten; aber er iſt dabei in einen gewaltigen Irrthum gerathen, denn ich kann Euch verſichern, theures Fräulein, ich bin noch un⸗ verheirathet.“ Emmeline war bewegt, ſie wußte nicht— warum und⸗ fragte ſich auch nicht— weßhalb. Sie fühlte nur, daß ihr Herz raſcher als gewoͤhnlich poche, daß in einem Augenblick ein Wechſel über ihre Gedanken und Gefühle gekommen zu ſeyn ſchien, daß in ihren Beziehungen zu dem neuen Freunde Alles verändert war. Das kam ihr ſehr fremdartig vor; es verwirrte ſie und ſchien ſie ſogar zu beunruhigen. Mit eilender Behendigkeit überlief ihre Erinnerung Alles, was zwiſchen ihr und Smeaton vorgegangen war, wie wenn James. Henry Smeaton, 12 178 ſie ſich überzeugen wollte, ob ſie in dem irrigen Glauben, in dem ſie geſchwebt hatte, keinen Verſtoß gegen ihn began⸗ gen habe. Sie erinnerte ſich, daß er ſie zweimal„Emme⸗ line“ genannt hatte, und mehr als einmal entſann ſie ſich, wie ein Blick der Bewunderung in ſeinen Mienen aufge⸗ taucht war, wenn ſich ſeine Blicke auf ſie richteten— einer Bewunderung, deren bloſes Andenken die Röthe auf ihren Wangen erhöhte. Sie war ſehr jung und höchſt unerfah⸗ ren. Die Entdeckung, welche ſie hier machte, erfüllte ſie mit mancherlei Regungen, welche ſie nicht zu zergliedern oder zu prüfen verſuchte, die aber bei aller Aufregung nichts weniger als peinlich waren. Sie ſchwieg jedoch ſo lange in ihre Gedanken begraben, daß Smeaton ſich etwas ſchmerzlich davon berührt fühlte. „Sie iſt blos deßhalb ſo offen und heiter gegen mich geweſen, weil ſie mich verheirathet glaubte,“ dachte er,„und alle die Zeichen aufdämmernder Beachtung, welche ich in ihren Worten und Blicken zu entdecken glaubte, waren nur eein Irrthum, den ich begangen.“ Des Menſchen Herz iſt ein dunkles höchſt verwickeltes Räthſel— ſo haben Salomo und mit ihm gar viele Andere verſichert und auch ich muß es wohl glauben. Es gibt nichts, was die Liebe mehr anſpornt als ein kleines Hinder⸗ niß, und Smeaton, der einige Augenblicke früher noch ge⸗ zweifelt hatte, ob er überhaupt verliebt ſey und ob er irgend eetwas ſagen oder thun dürfe, um ihre Neigung zu gewin⸗ nen— Smeaton war jetzt nicht im Geringſten zweifelhaft in 179 der Sache. Er hielt ſich nicht lange mit Erwägungen auf, ſondern nahm ihre Hand und ſprach: „Emmeline! Ihr wurdet durch Sir. Johns Darſtellung getäuſcht: kann dies aber irgend einen Unterſchied in Eurem Vertrauen und Eurer Rückſicht für mich begründen? Wollt Ihr mir jetzt, da Ihr mich unverheirathet wißt, nicht ebenſo vertrauen, Euch nicht ebenſo gut auf mich verlaſſen, wie Ihr ſo gerne gethan hättet, wenn die Erzählung, die Ihr vernommen, wahr geweſen wäre?“ Sie verſuchte nicht, ihm ihre Hand zu entziehen, ſon⸗ dern hob nur ihre ſchoͤnen Augen zu ihm empor und fragte naiv: „Darf ich denn?“ „Warum nicht?“ rief er.„Koͤnnte ich mehr ein Ehren⸗ mann ſeyn, wenn ich ein Weib hätte? Könnte es mich be⸗ gieriger machen, Euch zu dienen, Euch aus einer peinlichen ſchwierigen und gefährlichen Lage zu befreien? Könntet Ihr ſicherer ſeyn, als wenn Ihr meinem Worte als Edel⸗ mann und Chriſt vertraut, daß ich alle meine Kräfte zu Eurem Dienſte und einzig zur Förderung Eures Glückes aufbieten werde?“ „Nein, ach nein,“ antwortete Emmeline auf dieſe haſti⸗ gen Fragen. „Würde es uns nicht eher Schwierigkeiten in den Weg werfen?“ fuhr er eben ſo leidenſchaftlich fort.„Könnte es nicht taufend Verlegenheiten hervorrufen, während Ihr ſie jetzt— wenn ſich je ſolche erheben— mit wenigen kurzen Worten entfernen könnt.“ 12* 180 Die Bedeutung dieſes letzten Theils ſeiner Rede ſchien klar genug, und ſpäter kam ſie ihr auch ins Gedächtniß zurück; für jetzt aber, verwirrt durch den Andrang neuer fremdartiger Gefühle und Gedanken, die ſich mit jedem Augenblicke nur mehr zu verwickeln ſchienen, erwiederte ſie blos: „Ich habe ſo wenig Erfahrung— weiß ſo wenig, was ich thun, ja ſogar was ich denken ſoll, daß—“ Sie hielt inne, unfähig, ihre Rede zu ſchließen; als ſie jedoch einen Ausdruck von Schmerz in ſeinen Zügen bemerkte, legte ſie ihre Hand ſanft auf die ſeine und fuhr fort: „Ich möchte Euch nicht betrüben— nicht um die ganze Welt möchte ich das. Ich habe das höchſte Vertrauen, die größte Zuverſicht zu Euch und will es offen beweiſen. Aber fügt noch zu all Eurer Güte das Eine: ſagt mir wahr und aufrichtig, wie ich handeln, was ich thun ſoll, und ich will es thun. Führt mich, leitet mich, edler Freund, denn ich fühle, daß ich Niemand als Euch habe, deſſen Leitung ich mich anvertrauen könnte.“ Die Thränen ſchoßen ihr in die Augen, als ſie ſo ſprach, und mit einem Blicke, der ſie nicht beunruhigen oder erregen konnte, beugte Smeaton ſein Haupt und drückte ſeine Lippen auf ihre Hand. „Ich will Euer Führer ſeyn, theure Emmeline,“ ſagte Smeaton;„und ſo wolle Gott mir gnädig ſeyn, als ich bei dieſer Führung Euer eigenes Glück, Eure eigene Sicherheit edem anderen Ziele vorziehe.“ Emmeline ſchlug ihre thränenden Blicke zu ihm empor, 181 und ſeine Worte und dieſer antwortende Blick knüpften zwi⸗ ſchen ihnen ein Band für's ganze Leben. Es gibt Inſtinkte, welche weit ſtärker, klarer und rich⸗ tiger als jeder Schluß der Vernunft, jede Folgerung der Erfahrung reden. Die ſchlauen, liſtigen abgenützten Welt⸗ menſchen thun wohl daran, ihnen nicht zu vertrauen, denn die beiden erſtgenannten Menſchenklaſſen ſind von der Natur zu ihrem Schutze und ihrer Leitung mit anderen Eigenſchaf⸗ ten begabt und entbehren in der Regel dieſer Inſtinkte, ſo wie dem Löwen die Hörner, dem Elephanten die Klauen verſagt wurden— ſie ſind in ihrer Art gut ausgeſtattet und bedürfen keiner weiteren Hülfe; die abgenützten Weltkinder, wenn ſie jemals ſolche Inſtinkte beſaßen, haben ſie jedenfalls frühzeitig abgetragen und ihre Spuren verwiſcht. Für die Argloſen und Unerfahrenen ſind ſie ein ſicherer und oft der einzige Führer und Beſchützer. Daſſelbe inſtinktartige Gefühl der Furcht und des Zweifels, das Emmelinen vor ihrem Vormund zurückbeben hieß, alles Vertrauen zu ihm hemmte und jede Neigung zu⸗ rückhielt, trieb ihr Herz Smeatons Freundſchaft— vielleicht dürfte ich ihm einen zärtlicheren Namen geben— entgegen, ſo daß ſie ſich ſehnte, alle ihre Empfindungen und Gedanken vor ihm auszuſchütten. Der Sturm dieſer neuen Empfin⸗ dungen hielt ſie jedoch für den Augenblick noch zurück und ſie erwiederte blos: „Ach, was iſt es ein Glück, einen Freund zu beſitzen, dem wir vollkommen vertrauen können!“ Das war ein ſeliger Augenblick für Smeaton. Er 182 war für die Liebe, die in ſeinem Herzen aufkeimte, wie die ſanften Strahlen der heiteren Morgenſonne, wenn ſie die aufbrechende Roſe lehren, ſich in all ihrer vollen Lieblichkeit zu entfalten, und er betrachtete ſie mit einem Blicke der Liebe, der nicht mißverſtanden werden konnte. Der Worte bedurfte es kaum, und dennoch bebten Worte auf ſeinen Lip⸗ pen, welche nicht wieder ungeſagt werden konnten. Plötzlich zuckte Emmeline zuſammen und entzog ihm ihre Hand. Sie hatten ſich während dieſer ganzen Scene allein geglaubt— aber dem war nicht ſo. Die Fenſter waren halb offen, um die würzige Luft einzulaſſen, und wenn ſie auch nicht wie moderne Fenſter bis zum Boden hinabreichten, ſo ragten ſie doch höchſtens ein paar Fuß über die Terraſſe draußen. Seit den letzten zwei bis drei Minu⸗ ten hatte man eine Geſtalt in der Ecke des weſtlichſten Fen⸗ ſters ſtehen und hinter dem Geſimſe halb verborgen herein⸗ ſchauen ſehen. Sie bewegte ſich jetzt gegen den Hauptein⸗ gang, und der Schatten, den ſie über den Boden des Zim⸗ mers warf, weckte Emmeline mit einer Anwandlung von Furcht aus ihren wonnigen Träumen. „Was gibts?“ rief Smeaton, durch ihr plötzliches Erſchrecken überraſcht. „Da draußen ging Jemand vor dem Fenſter vorüber,“ erwiederte Emmeline, während glühende Röthe ihre Wange überzog. „War es Sir John Newark?“ fragte Smeaton, in⸗ dem eine Wolke über ſeine Stirne zog.„In dieſem Falle — 183 muß eine vollſtändige Erklärung erfolgen, noch ehe ſie wünſchenswerth iſt.“ „Ich glaube nicht,“ verſetzte Emmeline;„der Schatten ſiel mir zuerſt auf, und ehe ich deutlich ſehen konnte, war die Geſtalt verſchwunden; ich glaube jedoch, daß es Ri⸗ chard war.“ Smeaton beſann ſich eine Weile und ſagte dann: „Natürlich wird er ſeinem Vater erzählen, was er geſehen oder gehört haben mag, und wir müſſen demgemäß unſeren Entſchluß faſſen, Emmeline.“ „Ich glaube nicht, daß er das thun wird,“ verſetzte Emmeline haſtig, ſchwieg aber dann und fuhr langſamer fort, als ob ſie nicht recht wüßte, wie ſie das, was ſie ſagen wollte, ohne eine Verletzung des Zartgefühls vorbringen ſollte:„Ich glaube, es gibt nur ſehr wenige Perſonen hier, welche meinem Vormund, ohne daß er darum fragte, irgend etwas anvertrauen mögen. Wie das kommt— das weiß ich in der That nicht, denn er iſt meiſt ſehr freundlich gegen Alle; aber ſie ſcheinen ihn zu fürchten und wollen nicht gerne ſagen, was ſie denken, um kein Unheil anzurichten. Einige von den Dienern— aber auch ihrer ſind nicht viele— be⸗ richten ihm freilich Alles, was unter ihren Augen vorgeht; aber ich für meine Perſon habe nie gewagt, über irgend Etwas frei mit ihm zu redeu, und ich glaube, Richard iſt's ebenſo zu Muthe.— Horch! da kommt ſein Schritt durch die große Halle. Er muß es geweſen ſeyn, der durch das Fenſter ſchaute. Armer Knabe! er wird nie etwas wieder⸗ holen, was er als peinlich für mich betrachten könnte; aber 184 ich darf nicht von ihm verlangen, daß er irgend etwas vor ſeinem Vater verhehle.“ „Gewiß nicht,“ erklärte Smeaton freimüthig.„Laßt die Dinge ihren Lauf nehmen; nur überzeugt Euch ſobald wie möglich, was er wirklich thun wird, und unterdeſſen laßt Euch beſchwören, theure Emmeline, jede Zurückhaltung gegen mich von Euch zu werfen. Es iſt für Euch und Euer künftiges Geſchick nöthig und ich fühle auch, für mich und mein Glück iſt es unentbehrlich, daß Ihr mir jede mögliche Gelegenheit gewähret, um insgeheim mit Euch zu ſprechen und Euch meinen Rath zu geben. Zwar wird es mir zu⸗ kommen, die Gelegenheiten aufzuſuchen; aber Ihr müßt mir helfen, ſie zu benützen. In den nächſten zwei bis drei Wochen muß ſich Vieles entſcheiden, und von dieſer Ent⸗ ſcheidung wird Euer ganzes künftiges Leben und auch das meine— ja,“ fuhr er leiſer fort,„auch das meine wird da⸗ von abhängen.“ Noch ehe ſie antworten konnte, öffnete ſich die Thüre und Richard Newark trat mit langſamem, bedächtigem Schritte, nicht wie ſonſt mit ſeinem leichten, ungeregelten Gange, ins Zimmer. Emmeline trat einen Schritt zurück: Smeaton aber blieb, ohne die geringſte Veränderung in Blick oder Weſen, genau auf derſelben Stelle ſtehen, während der Knabe durch das Zimmer ging und wie in Gedanken und kaum bewußt, daß irgend Jemand gegenwärtig ſey, den Schluß eines al⸗ ten Liedes vor ſich hinſummte. —-— 18⁵ „Nun Richard,“ fragte Smeaton,„wo ſeyd Ihr herum⸗ gewandert?“ „Ich war die letzten fünf Minuten auf der Terraſſe,“ lautete die einfache Antwort des Jungen. „Das weiß ich,“ verſetzte Smeaton.„Wir ſahen Euren Schatten auf dem Boden.“ „In der That!“ rief Richard Newark, offenbar etwas überraſcht.„Ich glaubte, Ihr ſehet mich nicht; doch dieſer verkehrte Knorren zwiſchen meinen Schultern, erfüllt mit allen Arten von Dingen, wie ſie nie in anderer Leute Köpfe gerathen, verräth mich immer, wohin ich auch gehe. Nun gleichviel! Was geht's mich an, wenn Nachtigallen vor einem Falkenneſte niederſitzen und ſingen? Das kann mir gleichgültig ſeyn, und ich kann es ſo gut für mich behalten, wie Leute, welche älter und beſſer ſind als ich. Nur be⸗ wahrt Euch vor der Schlinge, edler Oberſt! Schon manche Schnepfe hat ihren Hals in das Garn gebracht.“ Emmeline und ihr Liebhaber(denn ſo darf ich ihn jetzt wohl nennen) betrachteten ſich eine Weile, als wären ſie ungewiß, was ſie thun ſollten, bis das ſchöne Mädchen auf ihren Vetter zueilte und ihre Hand mit ungeſtümer Grazie auf ſeinen Arm legte. „Liebſt Du mich nicht, Richard?“ fragte ſie.„Haſt Du mir nicht geſagt, daß Du mich auch als Bruder nicht inniger lieben könnteſt?“ 3 Das ganze Weſen des Knaben war in einem Augen⸗ blicke verändert. „Das thue ich, Emmeline,“ rief er, ihre Hand erfaſ⸗ ſend und Smeaton die andere entgegenſtreckend.„Ich liebe euch Beide und will thun, was ich kann, um Euch zu dienen. Vertraut mir nur und fürchtet Euch nicht, ich will Mittel finden, um Euch in der Noth zu helfen. Ich weiß, daß mein Gehirn etwas überzwerch iſt; aber das iſt nicht mein Fehler, und es iſt ſchon auch etwas Witz darin, wenn er gleich in allerhand Winkeln zerſtreut liegt. Um Deinetwillen, Em⸗ meline, und auch wegen Euch, Smeaton, will ich ihn auf⸗ ſtöbern und verſuchen, ob ich ihn nicht nützlich machen kann. Jedenfalls will ich Euch nichts zu Leid thun, wenn ich Euch auch nicht helfen kann.“ „Vergeßt das niemals, Richard,“ bemerkte Smeaton ernſthaft. Der Knabe nickte bedeutungsvoll mit dem Kopfe und fuhr dann mit lautem Lachen fort: „Und jetzt will ich erſt recht toll ſeyn, um zu verhehlen, was in mir vorgeht. Ich kann Dir übrigens ſagen, theu⸗ res Mädchen, daß ich Dir vorhin bereits einen Dienſt erwie⸗ ſen habe, denn hätte ich nicht am Fenſter geſtanden, ſo wäre Jemand anders gekommen.“ „Wer?“ rief Emmeline mit ängſtlichem Blicke. „Die alte Mrs. Culpepper kam auf ihrem Abendſpa⸗ ziergange mit ihren verſtohlenen Schritten wie eine Katze an einem thauigen Morgen über den Raſen dahergeſchlichen,“ erzählte der Junge lachend.„Sie ging dieſes Wegs; als ſie mich aber an dem Fenſterrahmen lehnen ſah, kroch ſie weiter, um in einer andern Richtung davon zu ſtreichen. Sie „pewacht Dich immer, ſo lange ſte um Dich herumſchnurrt, 187 ſchärfer als Du glaubſt, und ich kann Dir ſagen, es iſt beſ⸗ ſer, mich um Dich zu haben, als ſie.“ „Das bin ich überzeugt, Richard,“ gab Emmeline zur Antwort.„Was Du da ſagſt, überraſcht und ärgert mich. Ich wußte nicht, daß ich noch einer Bewachung bedurfte. Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich nie ein Unrecht wünſche und ſuche, ſondern nur ſo glücklich zu ſeyn ſtrebe, wie es Gott gefallen wird, mich zu machen.“ „Nicht mehr will auch die Heidelerche, Emmy, und doch ſperrt man ſie in ein eiſernes Käfig und gibt ihr nur ein Stück Raſen, um ſie zu erinnern, wie fröhlich ſie wäͤre, wenn ſie ihre freien Flügel ausbreiten und ſich in die Lüfte aufſchwingen dürfte.“ In dieſem Gleichniſſe lag etwas, was Emmelinen im innerſten Herzen berührte; ihre Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nen und ſie verließ eiligſt das Zimmer, Smeaton und Ri⸗ chard Newark beiſammen zurücklaſſend. Zehntes Kapitel. Sir John Newark ritt gegen Erxeter. Anfänglich gings in raſchem Trabe, denn die Gedanken, mit denen er auf⸗ brach, waren nicht ganz frei von Unruhe: er ließ Emmeline, Richard und Smeaton nicht gerne beiſammen. Nicht daß er irgend eine beſtimmte Urſache für das widrige Gefühl in ſeiner Bruſt gehabt hätte; allein es ging ihm, wie den mei⸗ ſten Menſchen ſeines Charakters: ſein ganzes Leben war 188 von einem unaufhörlichen Gefühle der Unſicherheit durch⸗ drungen— im Ganzen gerechnet, ein harter Preis, den ſolche Leute früher oder ſpäter für jeden durch Liſt, Doppel⸗ züngigkeit oder Betrug errungenen Vortheil in kleinen Ab⸗ ſchlagsſummen bezahlen müſſen. Sie fühlen ſich niemals ſicher, fürchten beſtändig Verluſt und Entdeckung; das Haus, das ſie erbauten, iſt auf Sand gegründet, und ſie wiſſen das recht wohl. Eine ewig gegenwärtige Furcht, ein dunkles Bewußtſeyn, daß das Schwert an einem Haare über ihrem Haupte hängt, lebt in ihnen. Sie können den Gedanken in Wein erſäufen, können die dünne, leiſe Stimme in Schwelgerei und tobender Luſtigkeit übertönen, durch Ge⸗ ſang und Gelächter können ſie jene Laute von ihren Ohren fern zu halten ſuchen; allein der Gedanke ſpricht dennoch vor dem geheimen Tribunale ihres Herzens— immer und ewig ſpricht er, verklagend, drohend und verdammend. Es gab natürlich Zeiten, wo dieſes Gefühl der Un⸗ ſicherheit ſtärker war, als ſonſt. Es war ihm nie wohl, wenn Emmeline mit Jemand anders als ſeinen eigenen Kreaturen allein zurückblieb, und in Smeatons Charakter und Benehmen lag etwas, was ihn ahnen ließ, daß er für unehrliche Abſichten, ſobald er ſie erführe, ein ſehr gefähr⸗ licher Gegner werden könne. Er beruhigte ſich jedoch eini⸗ germaßen in dem Glauben an ſeine Unwiſſenheit, indem er ſich ſagte: „Es iſt offenbar, daß er von dieſen Leuten nur vom Hörenſagen weiß; überdies kann er aus all' Dem, was er hier geſehen, keinen Argwohn ſchöpfen. Er gewahrt nichts 189 als Güte und Zärtlichkeit. Ich behandle ſie wie eine Toch⸗ ter— eine geliebte Tochter. Nein, nein, er kann nichts ahnen. Zwar hab' ich einen Lichtſtrahl in ſeine Augen kommen ſehen, als er ſte betrachtete— ein ſanftes, zärt⸗ liches Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen, das für eine ſo kurze Bekanntſchaft auffallend iſt; doch iſt es vielleicht na⸗ türlich, denn ſie iſt in der That ſehr hübſch, und er iſt ja verheirathet, ſo daß nichts Arges daran ſeyn kann. Aber ſetze den Fall, ſein Weib ſtürbe? Nun dann muß ich ihm eben mein Haus verſchließen— das iſt Alles; gewaltſam kann er nicht eindringen, wenn ich ihn nicht einlaſſe. Viel⸗ leicht wäre etwas mit dieſem ſeinem Gute Keanton zu ma⸗ chen, wenn man ihn nur etwas mehr gegen die Regierung verwickeln könnte; er würde ſich dann für ein Beſitzthum, das aller Wahrſcheinlichkeit nach der Krone anheim fallen müßte, gerne mit einer kleinen Summe von einem Freunde begnü⸗ gen. Es iſt eine ſchöne Herrſchaft, welche jährlich volle Dreitauſend, und wenn ich nicht irre, ſogar die Baronie in ihrem Beſitztitel trägt. Dieſe Unruhen müſſen manches Gute erzeugen, wenn man nur wüßte, wie man ſie benützen ſollte.“ Dieſer Gedankengang führte ihn weiter und von dem Gegenſtande ſeiner Befürchtungen gänzlich hinweg. Er war bis jetzt ſehr ſtark geritten, um bald zurückzukehren; jetzt mäßigte er ſeinen Schritt und begann die Bedeutung der Zeiten, die Lage der jetzigen Regierung und beſonders den Zuſtand desjenigen Theiles der Grafſchaft, welchen er bewohnte— hedächtig zn überlegen. Er gehörte zu jenen 190 Leuten— und ſie bilden eine ziemlich zahlreiche Klaſſe— welche ſehr geſchickt im Trüben zu fiſchen verſtehen; er war gar nicht abgeneigt, die Waſſer noch mehr zu trüben, um noch weitere Fiſche zu fangen, wobei er ſich alle erdenkliche Mühe gab, nicht ſelbſt allzutief hineinzufallen. Er wußte ſo gut wie jeder Agitator neuerer Zeit, wie man ſich gerade noch auf der rechten Seite des Geſetzes halten muß, wie man nur angibt, ohne zu handeln, wie man räth, ohne Vor⸗ ſchläge zu machen, wie man Zwietracht als Ueberredungs⸗ mittel wirken läßt— kurz wie man Rebellionen aufregen kann, ohne Rebell zu ſeyn, wie man eines Verräthers Rolle ſpielen muß, ohne ſich der Strafe des Verräthers auszu⸗ ſetzen. Er beſaß überdies jene große. Geſchicklichkeit, welche darin beſteht, die Leute, denen man offen opponirt, glau⸗ ben zu machen, daß man durch Gunſtbezeugungen ſich zu deren Unterſtützung veranlaſſen ließe— mit einem Worte: ſich um hohen Preis zu verkaufen und dem Käufer die Summe durch Ermüdung abzupreſſen, d. h. nicht gerade einen beſtimmten Lohn auszuſetzen oder zu beanſpruchen, aber ihn wenigſtens deutlich durchblicken zu laſſen. Sie iſt die nützlichſte aller Künſte in dieſer käuflichen Welt, in der wir wohnen, und ich kenne Leute, welche ſolche Streiche üben und dennoch eine nie erröthende Stirn und eine ſtolze Haltung ſich bewahren, als ob die Ehren und Belohnungen, die ſie erlangen, dem Verdienſte und nicht vielmehr der Nothwendigkeit gewährt worden wären. In ſeinen heftigſten Tiraden gegen einen Miniſter oder gegen eine Regierung konnte Sir John immer noch einige gün⸗ „— 191 ſtige Worte einfließen laſſen zum Beweis, daß er nicht hoff⸗ nungslos feindſelig ſey; er konnte einen Theil ihrer Maß⸗ regeln loben, während er andere wieder verwarf, konnte ſich über gewiſſe Züge ihrer Politik noch unentſchieden ſtellen und ſich den Schein geben, als ob er die Beweggründe gut und nur die Mittel verwerflich fände. Er konnte ein Mitglied eines Miniſteriums, das er ſchon im Fallen ſah, auf's Korn nehmen und es mit dem giftigſten Grolle ver⸗ folgen, um alle ſchlimmen Handlungen ſeiner Kollegen ihm aufzubürden, wenn ſie ſich nach ſeinem Falle herbeiließen, ſeine eigene Unterſtützung zu erkaufen. Er machte hierin keine beſondere Ausnahme, denn wir ſehen ſolche Leute alle Tage, und ſie rechnen ſich immer un⸗ ter die unabhängigen Männer. Gerade das Uebermaß ihrer Verſtellung gewinnt ihnen bei einigem Geſchick in den Au⸗ gen Solcher, die nicht tief im menſchlichen Herzen leſen, den Ruf der Gewiſſenhaftigkeit: man glaubt dann, ſie opfern ihre Freunde ihrer Ueberzeugung und ändern dieſe Ueber⸗ zeugung nach ihrem Urtheil. In der That, ſie ſind die klugen Männer ihrer Generation! „Dieſe Dynaſtie wird Beſtand haben,“ ſagte Sir John Newark zu ſich ſelbſt.„Ja ſie wird Beſtand haben. Sie hat vielleicht nicht die Zuneigung der Nation— und ohne Zweifel beſitzt ſie dieſe nicht; aber die Leidenſchaften und Vorurtheile, ja auch der geſunde, nüchterne Sinn der Eng⸗ länder ſind für ſte. Liebe iſt eine tolle Leidenſchaft, welche nimmermehr förderlich wird— Vorurtheil eine eigenſinnige Beſtie, die ſich nach Belieben leiten läßt, bis man ſie zuletzt 192 in den Stall zurückführt. Den Jakobiten fehlt es zwar nicht an Eifer.— Eifer! der Himmel bewahre uns vor Eifer! er iſt wie eine ſteigende Rakete, welche Niemand zu lenken vermag. Die Whigs haben etwas Beſſeres als Ei⸗ fer, nämlich Feſtigkeit, Konſequenz, Einheit, geſunden Ver⸗ ſtand, Energie. Ueberdies führen ſie die Worte, welche früher oder ſpäter die Maſſen lenken— Freiheit, Geſetzlich⸗ keit, Privilegien, und zwar nicht Rechte und Privilegien der Wenigen, ſondern der Menge. Die Andern beſitzen nichts als Eifer— helf uns der Himmel! und Muth— ja auch Muth! aber mit ihm glücklicherweiſe auch ſeine gewöhnli⸗ chen Beigaben, wilde Unbeſonnenheit, ochſenköpfige Hart⸗ näckigkeit und ein ganzes Heer all' jener glänzenden Eigen⸗ ſchaften, welche früher oder ſpäter eine Partei dem Untergang entgegenführen. Nichtsdeſtoweniger muß ich für jetzt noch einigermaßen den Jakobiten ſpielen— mit Vorſicht— wohlgemerkt, mit Vorſicht. Ich muß dem Volke einige Winke— auch meinen jakobitiſchen Freunden unter dem Ma⸗ giſtrat einige Ermuthigung geben, damit die rüſtige That⸗ kraft der Whigs ſie nicht erſchrecke; aber nicht ohne viele rettende Klauſeln und allerlei Rückhalt.“ Unter ſolchen Gedanken ritt er weiter und erreichte nach wenigen Stunden die gute alte Stadt Exeter, er ſelbſt wohl beſtaubt und Pferde und Diener nicht wenig ermüdet. Auf dem freien Platze vor der Kathedrale war viel Volk verſammelt, denn das Gemach, wo die Magiſtrats⸗ perſonen ſich verſammeln ſollten, war nicht weit entfernt, und das Gerücht ihres Meetings hatte ſich am heutigen 193 Markttage durch die Stadt verbreitet und nicht geringe Auf⸗ regung hervorgerufen. Sir John Newark war in Ereter wohl bekannt und ſehr populär— die meiſten Schurken ſind es. Sein Name wurde alsbald unter dem Volke genannt; man verſammelte ſich um ihn, drängte ſich um ſein Roß, grüßte ihn von allen Seiten und ſtellte vielerlei Fragen. „Der Lärm drang bis zu einigen ſeiner Kollegen, die ſich in den benachbarten Gaſthöfen verſammelt hatten; ſie ka⸗ men heraus, um zu ſehen was da vorgehe. Die große Maſſe des verſammelten Pöbels war entſchieden jakobitiſch geſinnt; die Friedensrichter dagegen, welche den Ritter nicht aus den Augen ließen, gehörten der entgegengeſetzten Faktion an. Newark wußte ſich jedoch geſchickt zwiſchen beiden Par⸗ teien zu bewegen: zu den Nächſtſtehenden in der Menge, die er kannte, ſprach er nur wenige, aber ſehr entflammende Worte, und als das Volk ihn aufrief, laut zu ihnen zu re⸗ den, haranguirte er ſie einige Minuten lang vom Pferde herunter in einer Sprache, welche mehr andeutete, als ſie wirklich beſagte. Er erſuchte ſie, ſich friedlich, geordnet und ruhig zu verhalten und keine Ruheſtörungen zu veranlaſſen; aber er ſchilderte ihnen auch in glühenden Farben und mit viel oratoriſchem Aufwand die Unruhen, welche in anderen Theilen des Landes ausgebrochen, erzählte ihnen, wie die Leute zu Dorcheſter ihre Obrigkeiten beim Verleſen einer Regierungsproklamation inſultirt und unter dem Brunnen vollgepumpt, wie ſie an einem anderen Orte die großmäch⸗ tige Perſon— höchſt unpaſſend Churfürſt von Hannover genannt— in efligie verbrannt, wie ſie in einer Stadt James. Henry Smeaton. 13 194 einen Theil der bewaffneten Macht vertrieben und den Major in einer anderen gezwungen hätten, gegen ſeinen Willen auf König Jakobs Geſundheit zu trinken. Bei all' Dem erſuchte er ſie aber, ſich ſolcher unziemlichen Demonſtrationen der Volksgeſinnung zu enthalten, und verſicherte ſie, wie er nicht zweifle, ja wie er hoffe und vertraue, daß ſie zuletzt Alles erlangen würden, was ſie rechtlich verlangen könnten, ohne zu Gewaltthat oder Geſetzesbruch ihre Zuflucht zu nehmen. Seine Rede war nur kurz, ſeine Worte aber gut ge⸗ wählt, ſo daß ihn nach Beendigung derſelben eine große Zahl Volks unter lautem Zuruf vor ſeinen Gaſthof beglei⸗ tete. Schon die Wahl dieſes Letzteren bezeichnete ihn als einen Anhänger der Partei, der er für jetzt anzugehören be⸗ ſchloſſen hatte. Er führte den Namen„Krone und Scep⸗ ter“ und war die Jakobitenherberge. Hier hatte er jedoch blos ſoviel Zeit, um vor der Stunde des Meetings die nö⸗ thigſte Erfriſchung zu ſich zu nehmen, worauf er, Roſſe und Diener zurücklaſſend, ſich in das Zimmer verfügte, wo die Magiſtratsperſonen jetzt in Schaaren zuſammenſtrömten. Daſſelbe bot den gewöhnlichen Anblick ſolcher Verſamm⸗ lungen in bewegten Zeiten, wo Perſonen von den allerent⸗ gegengeſetzteſten Anſichten zuſammenkamen, um Maßregeln auszuführen, in Betreff derer die wenigſten von ihnen über⸗ einſtimmen. Die jakobitiſche Partei war hier bei Weitem die wenigſt zahlreiche; aber ſie war noch mehr durch Man⸗ gel an Einheit in ihren Planen als durch den Abgang in numeriſcher Stärke geſchwächt. Einige waren für kühne, kräftige Demonſtration, Andere für feſte, ruhige Mäßigung. 195 Dieſe ſtimmten für ein Täuſchen und Temporiſtren, Jene dafür, daß man die Verſtellung abwerfe und ſeine Grund⸗ ſätze, wenn auch nicht ſeine Plane, offen eingeſtehe. Sir John Newark ſtellte ſich alsbald auf ihre Seite, während er jeden Einzelnen von ihnen mit der herzlichſten Verachtung betrachtete. Gleichwohl ſchüttelte er ihnen herzlich die Hand, lieh Jedem, der ihm zuflüſterte, ein eifriges Ohr, und hatte für Alle einige kurze nichtsſagende Worte der Erwiederung. Die Whigpartei dagegen war über Plan und Abſicht vollkommen eins; ſie fühlte ihre Stärke und vertraute auf ſie; aber dennoch verurſachte Sir John Newark's Eintritt ſogar unter ihnen einige Unruhe. Sie hatten eine gewiſſe Furcht vor ihm— nicht vor ſeiner Macht, ſeinen wirklichen Talenten, ſeiner Beherztheit oder Thatkraft, wohl aber vor ſeiner Feinheit, denn dieſe kann bis zu einem Punkte ge⸗ trieben werden, wo ſie in der That bedenklich wird. Cr hatte ſich den Ruf eines Mannes erworben, welcher niemals ver⸗ gab, ſich nie durch Hinderniſſe oder Widerſtand von ſeinem Ziele ablenken ließ, und ſeine Abſichten durch unſichtbare Mittel, welche ſich nicht bekämpfen ließen, zu erreichen ſuchte. Alles was er ſagte oder that war für ſeine Umgebung ein Gegenſtand des Zweifels und Geheimniſſes; ſeine Offenheit war ebenſo verdächtig wie ſeine Zurückhaltung. Man wußte, daß auch ſeine kühnſten Erklärungen zu Gunſten einer Sache doch niemals ſeiner Unterſtützung gewiß machten, und daß ſein entſchloſſenſter Widerſtand gegen eine Partei keine Ga⸗ rantie dafür gewährte, daß er nicht am nächſten Tage zu ihr 43* 197 Menſchenverſtand in gewiſſen Regionen das ungewöͤhnlichſte aller Dinge iſt. Er iſt ſchätzbarer, als jede andere Eigen⸗ ſchaft, und ſehr ſchätzbare Dinge ſind in der Regel rar. Die Ereigniſſe bei gegenwärtiger Veranlaſſung nah⸗ men etwa folgenden Verlauf. Der vorſitzende Friedens⸗ richter, ein wortreicher engbrüſtiger Mann, mit einer Selbſt⸗ zufriedenheit der Miene und einem Umfang des Magens, welche beim Publikum immer großes Gewicht haben, hielt eine lange Rede über Dinge, die er nicht im Geringſten verſtand, verlas etliche Briefe des Staatsſekretärs und an⸗ derer hoher Perſonen, deren Sinn er beim Vorleſen beinahe verwiſchte, und denen er ſeine Bemerkungen über das von dem Miniſter anempfohlene Verfahren beifügte, das aber in der That ein ganz anderes war, als er es auffaßte. Nun erhob ſich ein wüthender Jakobite, ſchimpfte über die beſte⸗ hende Ordnung der Dinge, ſchmähte die Regierung, ſprach davon, wie das Land von den Fremden aufgezehrt werde, und fragte, wie ſich wohl erwarten laſſe, daß man unter ſolchen Umſtänden, aufgefreſſen von hannör eriſchen Ratten, zur Vertheidigung eines Standes der Dinge thätig ſeyn werde, den das ganze Land nur eine Zeitlang ertrage. Ein Redner nach dem andern folgte. Von den vernünftigeren Whigs ſprachen nur wenige, zeigten aber großentheils viele Mäßigung; ein Plan nach dem andern wurde vorgeſchlagen; aber nichts wurde entſchieden, nichts ſchien entſchieden wer⸗ den zu wollen. Jetzt als er ſah, daß die Zeit verſtrich, und daß die Verſammlung bald zur Rückkehr drängen werde, erhob ſich 196 übertrat. Ueberdies war bekannt, daß ſeine meiſten Feinde und nicht wenige ſeiner Freunde durch dieſes oder jenes Mittel ruinirt worden waren. Feindſelige Kritiker werden vielleicht ſagen, ich habe dieſen Charakter übertrieben, während ein freundlicher Be⸗ urtheiler ihn am Ende gar für ein Porträt erklärt. Wenn eine Schuld daran iſt, ſo will ich mich gegen den Letzteren als ſchuldig erklären. Es iſt ein Porträt, aber jedenfalls das eines Mannes aus jenen Zeiten, von denen ich ſchreibe, nicht etwa eines unſerer Zeitgenoſſen. Wenn ſogar in unſeren Tagen eine Verſammlung von Landobrigkeiten in allen ihren Schritten ungeregelt und erfolglos ausfällt— und als Mitglied dieſes ehrenwerthen Körpers kann ich bezeugen, daß dies der Fall iſt— wenn in einer Zeit, wo Handwerker kompetente Richter über Ge⸗ ſetzgebung und Leute, die weder leſen noch ſchreiben können, die Leiter der Anſichten gebildeter Männer abgeben, wenn wir in einer ſolchen Zeit ſehen, daß viele öffentliche Ver⸗ ſammlungen zur Berathung wichtiger nationeller Fragen ein höchſt konfuſes und zuweilen gewaltthätiges Benehmen bei ihren Berathungen an den Tag legen: was ließ ſich da zu Anfang des vorigen Jahrhunderts erwarten, wo Bildung und Gelehrſamkeit, wenn nicht gar Verſtand und Talent ſich nur auf Wenige beſchränkte? Freilich hatte man Bei⸗ ſpiele, daß ein ſtarker angeborener Verſtand bei Einzelnen Wunder wirkte, und ſolche Fälle waren vielleicht zahlreicher als heutzutage. Denn Niemand kann jetzt wohl um ſich ſchauen, ohne zuzugeben, daß in unſeren Tagen gewöhnlicher 198 Sir John Newark und redete die Herren an, indem er ſich dachte, daß nach ihm nicht leicht noch Einer ſprechen werde. Er begann: „Sir, ich glaube, meine Loyalität wird von Niemand beargwöhnt—“ Ein Gemurmel erhob ſich unter den Whigs, und er wußte dieſes augenblicklich zu benutzen, „Ich beabſichtige nicht im Geringſten zu läugnen,“ fuhr er fort,„daß ich für meine Perſon der alten königlichen Leinie dieſes Reiches feſt anhänge. Ich habe dieſes Faktum von jeher erklärt und habe in mancher Hinſicht dadurch ge⸗ litten; das kann aber ſicherlich nicht als eine Beſchuldigung meiner Loyalität gelten, da ich mich jederzeit bereitwillig zeigte, den Geſetzen zu gehorchen und ſie aufrecht zu erhal⸗ ten. Ich befinde mich in derſelben Lage, wie viele von den Herren auf jener Seite des Zimmers, deren Anhänglichkeit an das Haus Stuart zwar ſtark, deren Ergebenheit für die Geſetze des Königreichs aber noch ſtärker ſind. Die Regie⸗ rung König Williams und der Königin Mary habe ich mit meinen ſchwachen Kräften unterſtützt, weil ich glaubte, daß die Rechte und Freiheiten der Engländer ſolches von mir verlangten; aber ich bin nicht geneigt und ich glaube, keiner der hier Anweſenden wird geneigt ſeyn, dieſe Rechte und Freiheiten durch einen Monarchen mehr als durch den an⸗ dern verletzt zu ſehen. Soweit ich nun die Abſicht der Re⸗ gierung, oder beſſer geſagt, einiger unbeſonnener, irregelei⸗ teter Männer, welche ſich unberechtigt— wie ich überzeugt bin— der Aufgabe vermeſſen, die Abſichten der Regierung 199 zu erklären— ſoweit ich alſo dieſe Abſichten mir entziffern kann, dürften ſie darauf hinauslaufen, die Obrigkeiten der Grafſchaft Devon aufzufordern, daß ſie Maßregeln zur Beſchwichtigung eingebildeter Störungen und zur Ergrei⸗ fung von Perſonen anwenden, welche ruhig in Geſchäften von einem Orte zum andern wandern mögen, denn vom Gegentheil wurde uns noch nichts bewieſen. Solche Maß⸗ regeln würden uns zu einer Nation von Häſchern und Spio⸗ nen machen, würden alle perſönliche wie politiſche Freiheit umſtürzen und Argwohn und Mißtrauen zwiſchen den näch⸗ ſten Nachbarn ausſtreuen, ſo daß in dieſen Königreichen un⸗ vermeidlich ein Deſpotismus begründet werden müßte, wie er in keinem der Kontinentalſtaaten bedrückender gefunden werden könnte. Hiegegen will und muß ich proteſtiren, ſelbſt wenn ich ganz allein ſtünde, während ich zu gleicher Zeit meine volle Bereitwilligkeit erkläre, jedes in meiner Macht lie⸗ gende konſtitutionelle Mittel zu Erhaltung des Landfriedens, zur Wahrung von Recht und Geſetz aufzuwenden. Laßt Euch nicht durch eitle Gerüchte und leere Befürchtungen hinreißen. Welche Beweiſe haben wir, daß überhaupt die Abſicht be⸗ ſteht, den Frieden des Reiches zu ſtören oder die herrſchende Regierung umzuwerfen? Welche Anzeichen ſolcher Dinge wurden angeführt? Ei nun, nicht mehr noch weniger als das Geſchrei des Londoner Pöbels um den Wagen des Earls von Orford, den ich, ſo lange er nicht überwieſen und durch ſeine Peers verurtheilt iſt, einen höchſt achtbaren und intel⸗ ligenten Edelmann zu nennen mich erkühnen werde. Einige betrunkene Lehrlinge und Kohlenträger, weit eher werth, 200 durch Gemeindebüttel zurechtgewieſen und mit Peitſchen ge⸗ ſtrichen zu werden, als daß man ihnen geregelte Truppen entgegenſtellt und ſie durch militäriſche Erekution züchtigt — ſie haben dieſen Lärm verurſacht. Man hat einige thö⸗ richte und ſchädliche Magiſtratsperſonen in eine Pferde⸗ ſchwemme getaucht, weil ſie von der Menge wahrſcheinlich mehr wegen ihrer Dummheit und Ungerechtigkeit, als wegen ihres hitzköpfigen Eifers bei gegenwärtiger Veranlaſſung verabſcheut und verachtet waren— und dieſen Eifer, meine Herrn, wollen wir ihn nachahmen, um dieſelbe Verachtung und vielleicht die gleiche Buße mit ihnen zu theilen?“ „Das wären die einzigen Zeichen?“ rief einer der Unvorſichtigeren unter den Anweſenden whiggiſchen Gentle⸗ men.„Was ſagt Ihr dazu, wenn an der Küſte von Frank⸗ xeich zu Gunſten des Prätendenten Schiffe armirt werden, wie dies in dem verleſenen Schreiben des Staatsſekretärs ſtatuirt iſt?“ „Das iſt ein Fall, den unſer Geſandter am Hofe Frank⸗ reichs, nicht aber eine Verſammlung von Friedensrichtern zu entſcheiden hat,“ erwiederte Sir John Newark mit vie⸗ lem Geſchick.„Ueberdies— was haben wir mit Staats⸗ ſekretärsbriefen zu ſchaffen? Iſt ein Staatsſekretär König, Lords und Gemeine in einer Perſon, und kann ſein Mandat ſich über das Geſetz des Landes ſtellen? Alles was ihm zukommt, iſt, uns zu Eifer und Thätigkeit in Ausübung der⸗ jenigen Funktionen zu ermahnen, welche uns durch die Kon⸗ ſtitution anvertraut wurden. Das Armiren von Schiffen an der Küſte von Frankreich— was hat das mit friedlichen 201 Reiſenden zu ſchaffen, welche ſich in der Grafſchaft Devon von einer Stadt zur anderen begeben?“ „Aber der Sekretär ſagt, es ſeyen verdächtige Perſo⸗ nen,“ erwiederte der vorige Sprecher. „Verdächtig!— für wen?“ fragte Sir John Newark. „Erſt muß ein vernünftiger Grund zum Verdacht erwieſen werden, ehe wir uns mit dem Falle befaſſen. Dieſer Herr Sekvetär kann ja überhaupt argwöhniſcher Natur ſeyn; er kann mich— Euch— jeden von uns beargwöhnen. Es ware aber gewiß ein kecker Streich, einen Mann blos auf eines Sekretärs Verdacht hin aufzugreifen; ich für meine Perſon werde auf einen bloſen Verdacht hin gegen Niemand einen Verhaftsbefehl erlaſſen; ich will erſt die Gründe zum Verdacht erwieſen haben.“ „Mit ſeinen eigenen Verwandten iſt er nicht ſo gewiſ⸗ ſenhaft verfahren,“ bemerkte einer der Anweſenden zu einem anderen, und ein Dritter äußerte laut: „Wir wiſſen blos, Sir John, daß drei bis vier Per⸗ ſonen, welche Niemand kennt, erſt kürzlich gewiſſe Theile der Grafſchaft paſſirt und ihren Weg gegen Ale Head, wenn nicht gar gegen Ale Manor Houſe genommen haben. Ein fremdes Schiff wurde an der Küſte geſehen, und es iſt er⸗ wieſen, daß es landete und einige Perſonen in nächſter Nähe Eurer Wohnung wegnahm.“ „Ich moͤchte den hochzuverehrenden Ritter befragen, ob nicht eben jetzt eine verdächtige Perſon in ſeinem Hauſe ſich aufhält,“ ſchrie ein Anderer in lautem Tone. Noch weitere folgten dieſem Beiſpiele, denn ſobald ſich bei ſolchen Ver⸗ 20² anlaſſungen auch nur Einer findet, der einen Angriff gegen einen Einzelnen ausführt, wird man immer Mehrere folgen ſehen. Sir John Newark war vielleicht durch dieſes ſcharfe Verhör etwas ſtutzig geworden; aber er ſah, daß die An⸗ ſpielung auf das Schiff ihm einen Vortheil einräumte, und mit der Hand Ruhe gebietend, rief er:. „Einer nach dem Andern, meine Herrn, Einer nach dem Andern, wenn ich bitten darf. Ihr beginnt ziemlich perſönlich zu werden in Sachen, welche von aller Perſön⸗ lichkeit frei betrachtet werden ſollten; aber ich bin bereit, Jedem ſeine Antwort zu geben.“ 3 „Die beſte Antwort auf ſolche Beſchuldigungen iſt das Schwert,“ bemerkte ein alter hitzköpfiger Kavalier, deſſen Gehirn der Schnee von ſechzig Jahren noch nicht abgekühlt hatte.. „Pah, pah!“ ſagte Sir John Newark.„Ich wieder⸗ hole, daß ich bereit bin, jede Frage abgeſondert zu beant⸗ worten; aber Ihr dürft mich nicht mit zu vielen Reden auf einmal überwältigen. So hört denn für's Erſte: Wenn verdächtige Perſonen zu Land gegen Ale Manor gereist ſind, ſo weiß ich nichts von ihnen, habe nichts von ihnen gehört.“ „Zu Land! zu Land!“ ſpottete einer von der Gegen⸗ partei mit verächtlichem Lachen. „Wartet nur eine Weile,“ erwiederte Sir John Ne⸗ wark höhniſch.„Zweitens habe ich zu erwiedern, daß ich wohl weiß, wie ein fremdes Fahrzeug an der Küſte erſchien, wie es landete und etliche Menſchen mitnahm.“ „Sagt uns, ob ſie Alle mitgenommen wurden, Sir 203 John,“ rief einer ſeiner Gegner von der anderen Seite des Zimmers. „Wenn der Gentleman, welcher ſo eben geſprochen, beweiſen kann, daß einer von ihnen zurückblieb, und wenn er ihn mir vorführen kann, ſo will ich ihm auf der Stelle hun⸗ dert Guineen bezahlen, was etwas mehr als die Belohnung eines gewöhnlichen Diebsfängers ausmacht,“ erwiederte der Ritter.„Wozu ſoll ich mich aber mit einem dickköpfigen Schreier herumſtreiten, der nicht einmal einen Satz bis zu Ende hören kann? Ich ſage, Ihr Herren: ich weiß, daß ein ſolches Schiff an der Küſte erſchien, daß es einige Männer landete und wieder mit ſich nahm. Ich weiß es recht gut, denn es geſchah auf meine Koſten. Das Schiff kam— in welcher Abſicht iſt mir unbekannt. Es landete einige Män⸗ ner, deren einzige That, wenn nicht einziger Zweck, darin beſtand, meine junge Mündel Emmeline zu beſchimpfen und einen Verſuch zu ihrer Entführung zu machen; als ihnen dies nicht gelang, rannten ſie davon ſo ſchnell ſie konnten und ſchifften ſich wieder ein, von meinem Sohn mit Dienern und Hunden verfolgt, wie wenn ſie Raubthiere geweſen wä⸗ ren. Ich war ſelbſt von Hauſe abweſend in dem Städtchen Arminſter; ſobald ich aber erfuhr, daß ein fremdes Segel an der Küſte ſich habe blicken laſſen, eilte ich in voller Haſt zurück und fand, daß alle Maßregeln, die ich ſelbſt zu er⸗ greifen gewünſcht hatte, in meiner Abweſenheit ergriffen worden waren. Nun will ich fragen, ob einer von Euch, der ſich den Loyalſten in dieſem Zimmer zu nennen wagt, mein Benehmen in dieſer Sache tadeln kann? Ich wiederhole, 204 daß ich Jedem von Euch, der einen jener Gelandeten mir ausliefern wird, ſo daß ich ihn für die Beleidigung, die er meiner Mündel und durch ſie auch mir angethan, züchtigen kann— auf der Stelle ein volles Hundert Guineen aus⸗ zahlen will.“ In dieſem Augenblicke erhob ſich ein dunkler ernſt aus⸗ ſehender ältlicher Mann in ſchnupftabakfarbigem Rocke, der bis jetzt ruhig in einer Zimmerecke geſeſſen hatte, und ſagte, eben als ſich Sir John Newark dazu gratulirte, daß Smeatons Aufenthalt in ſeinem Hauſe noch nicht erwähnt worden war: „Der hochzuverehrende Ritter hat die Frage noch nicht beantwortet, ob ſich in dieſem Augenblick eine verdächtige Perſon zu Ale Manor aufhält oder nicht.“ „Niemand, der mir im Geringſten verdächtig wäre,“ erwiederte Sir John Newark, wohl einſehend, daß er ſich doch noch mit dem Gegenſtande befaſſen müſſe.„Zwar iſt ein fremder Gentleman in meinem Hauſe; aber er iſt der⸗ ſelbe, der meine junge Mündel aus den Händen jener Räu⸗ ber errettete und einen derſelben ſchwer verwundete; über⸗ dies iſt ſein ganzes Benehmen, ſoweit es mir bekannt, über allen Verdacht erhaben. Ihr ſeyd, wie alle Welt weiß, ein tapferer Mann, General: aber den Tapferſten von Euch möchte ich ſehen, der meinem Gaſte, Oberſt Henry Smea⸗ ton, ins Geſicht ſagte, daß er ihn wegen irgend Etwas be⸗ argwöhne. Mich dünkt, er würde bald eine Antwort haben, die ihn zeitlebens— wenn er es nämlich lange überdauerte — zufrieden ſtellen würde.“ „Mag ſeyn,“ verſetzte der Andere kaltblütig;„gewiſſe 205⁵ Fragen werden jedoch beſſer mit der Feder als mit dem Schwerte entſchieden, Sir John. Ich habe zwar das Fech⸗ ten noch nicht aufgegeben und hoffe, für die Sache meines Vaterlandes noch immer das Schwert ziehen zu dürfen; aber in einem Privatſtreit über öffentliche Angelegenheiten würde ich es ganz gewiß nicht thun. Ihr ſagt, jener Gentle⸗ man heiße Oberſt Henry Smeaton. Ich möchte wiſſen, ob er nie einen anderen Namen trägt.“ „Nur unter dieſem kenne ich ihn,“ verſicherte Sir John Newark mit leichter Neigung des Kopfes und ohne den ge⸗ ringſten Wechſel der Geſichtsfarbe, denn roth wurde er nie⸗ mals, wenn er auch zuweilen etwas erblaßte. „Dann wurden wir vermuthlich falſch berichtet,“ ent⸗ gegnete der Andere, deſſen Stimme allen Laͤrm im Saal be⸗ ſchwichtigt zu haben ſchien.„Es wurde uns geſagt, Sir John, daß der Earl von Eskdale ſich zu Ale Manor auf⸗ halte. Darf man wohl fragen, wer Euch dieſen Gentleman zuerſt als Oberſt Henry Smeaton vorſtellte?“ „Ich hoffe, ich ſtehe nicht vor meinem Unterſuchungs⸗ richter!“ erwiederte der Gefragte ziemlich gereizt, aber ent⸗ ſchloſſen, der Frage auszuweichen.„Ich habe jedoch nichts dagegen, Euch zu antworten, General, und wenn Ihrs für paſſend haltet, ſo könnt Ihr Euch meine Antwort vielleicht zu ſpäterem Gebrauche gegen mich notiren.“ Dieß ſagte er mit höhniſchem Lächeln, das aber nicht die mindeſte Wirkung auf den Angeredeten äußerte, der ihm vielmehr mit feſtem Blicke ins. Geſicht ſchaute, bis Newark alſo fortfuhr: 206 „Ihr fragtet mich, glaube ich, wer meinen Beſuch zu⸗ erſt als Oberſt Henry Smeaton bei mir einführte. Meine Erwiederung ſoll ſehr einfach und ſogar noch deutlicher als Eure Frage ſeyn. Das erſte Mal da ich ihn ſah, ſtellte er ſich mir ſelbſt als Oberſt Henry Smeaton vor. Das ge⸗ ſchah vor mehreren Wochen in London, und ich lud ihn auf der Stelle zu mir nach Ale Manor ein. Ich wollte Euer Staunen erregen, ihr Herren, und ich ſehe, daß es mir ge⸗ lungen iſt; nun aber muß ich dieſe angenehme Empfindung zerſtreuen. Meine erſte Bekanntſchaft mit dieſem Herrn ergab ſich dadurch, daß er meinen Sohn gegen einen groben Angriff von Seiten eines der Diener des Earls von Stair vertheidigte und den Grobian, der meinen Knaben nieder⸗ geſchlagen, züchtigte. Ich war dem Beſchützer und Rächer meines Sohnes dankbar und lud ihn in mein Haus; aber ich habe ſeither noch mehr Urſache zur Dankbarkeit bekom⸗ men. Nicht zufrieden, den Mann auf der Stelle zu beſtra⸗ fen, verfügte ſich Oberſt Smeaton noch in derſelben Nacht zum Earl von Stair, mit dem er wohl bekannt iſt, und drang darauf, daß jener Mann augenblicklich entlaſſen werde. Aus Freundſchaft für ihn willigte der Earl bereitwillig ein, und mit jener ächten Würde und Ehrenhaftigkeit, die ihn ſo ſehr zieren, ſchrieb er mir einen Brief, den ich hier bei mir trage, um für das, was ſein Läufer gethan um Ent⸗ ſchuldigung zu bitten und mich von dem Reſultate zu be⸗ nachrichtigen. Ich denke, ihr müßt Lord Stairs Handſchrift wohl kennen, General— hier iſt der Brief.“ Mit dieſen Worten ſtreckte er ihm die Hand mit dem 207 Briefe entgegen und der alte Offtzier, einen Schritt vortre⸗ tend, nahm das Schreiben und verlas es laut, Sein In⸗ halt war folgender: „Sir— in Erwiederung Eures heute Morgen empfan⸗ genen Schreibens beehre ich mich, Euch zu benachrichtigen, daß das Benehmen meines geweſenen Dieners Thomas Hardy, über das Ihr Euch beklagt, mir von meinem Freunde Oberſt Henry Smeaton, der mich geſtern Nacht beſuchte, nach ſeinem vollen Umfange berichtet wurde. Da er dem ganzen Vorfalle als Zeuge anwohnte und ich vermöge mei⸗ ner perſönlichen Kenntniſſe ſeines Charakters und alter Be⸗ kanntſchaft mit ſeiner Familie alle Urſache habe ihn für einen Mann von vollkommener Ehrenhaftigkeit und Redlichkeit zu halten, ſo entließ ich den Läufer auf der Stelle und beeile mich, Euch mein Bedauern darüber auszudrücken, daß einer meiner Diener eine ſo ſchimpfliche Handlung begehen mußte. Ich hoffe, daß der junge Herr, den er mißhandelt, keine ernſte Verletzung erlitten, und daß mein Freund Oberſt Smeaton, wenn er von dem Beſuche, den er Euch, wie ich höre, auf Eurem Landhauſe abzuſtatten beabſichtigt, zurückkehrt, mir gute Nachrichten über Eures Sohnes Geſundheit über⸗ bringen wird. Ich habe die Ehre zu ſeyn, Sir, Euer gehorſamſter ergebenſter Diener „Stair.“ „Unzweifelhaft Lord Stair's Handſchrift,“ erklärte der 209 So ſprechend verließ er das Zimmer mit etlichen dreißig bis fünfunddreißig der übrigen Herren. Eine geräuſchvolle Unterredung folgte jetzt unter den Zu⸗ rückgebliebenen; die ganze Verſammlung ſchien anzuneh⸗ men, daß das Geſchäft des Tages vorüber ſey, und löste ſich in kleine Gruppen zu Fünfen oder Sechſen. In mehreren derſelben wurde der Name Sir John Newark's nicht auf's Glimpflichſte behandelt und ſein Benehmen überhaupt mit ſehr wenig Zurückhaltung kritiſirt; aber die Meiſten ſtimm⸗ ten darin überein, die Unklugheit derer, welche zuerſt den Angriff wider ihn begonnen, auf's Schärfſte zu tadeln. „Strange hätte nicht ſo heftig ſeyn ſollen,“ ſagte Einer. „Perry hätte ihn beſſer nicht beſchuldigt wie er gethan hat,“ bemerkte ein Anderer. „Dem iſt ſchwer beizukommen,“ erklärte ein Dritter. „Er läßt ſich nie fangen und iſt immer bereit, mehr Hohn und Bitterkeit heimzugeben als er einnimmt.“ „Er weiß oft das, was ihn in Verlegenheit bringen ſollte, zu ſeinem Vortheile zu wenden,“ verſetzte ein Vierter. „Der muß ein Hartkopf oder ein abgefeimter Burſche ſeyn, der ſich mit ihm einzulaſſen verſucht. Das beſte Mittel iſt, ihn ruhig ausreden zu laſſen und dann nicht die geringſte Notiz von ihm zu nehmen; da es ihm jedoch gelungen iſt, unſer heutiges Geſchäft abzubrechen, ſo werden wir uns am beſten auf den Heimweg machen.“ So ſiel der Eine nach dem Andern ab, bis das Be⸗ rathungszimmer beinahe leer war z nur ein kleines Häufchen James. Henry Smeaton, 14 208 alte Offizier laut und fuhr gegen einen Nebenſtehenden ge⸗ wendet fort:„wir müſſen falſch berichtet worden ſeyn.“ „Ei, wollt Ihr uns nicht ſagen, Sir John Newark,“ rief einer der Friedensrichter,„ob dieſer Oberſt Henry Smeaton gegenwärtig der einzige Beſuch in Eurem Hauſe iſt.“ 1 „Nein, das iſt zu arg!“ rief Sir John Newark mit wohl angenommener Entrüſtung.„Glaubt Ihr etwa, Sir, ich werde mich in einer ſolchen Sache mit Wortſpielen ab⸗ geben? Außer meiner eigenen Familie und meiner Diener⸗ ſchaft befindet ſich Niemand in meinem Hauſe, als dieſer Oberſt Smeaton und ſein Lakai— ein roher ganz ordinärer Menſch, den man ebenſogut für einen Erzengel als für einen Edelmann halten könnte. Solche beleidigende Ver⸗ dächtigungen loyaler und erprobter Männer ſind es gerade, wodurch Ihr und Eures Gleichen ſo häufig die größte Ab⸗ neigung veranlaßt. Das ſoll zwar bei mir nicht der Fall ſeyn; nachdem ich jedoch meine Anſicht über Euer Verfahren ausgeſprochen und die beleidigenden Zweifel, die Ihr, wie es ſcheint, über mich zu hegen beliebtet, zurückgewieſen habe, werde ich eine zweckloſe Verſammlung verlaſſen, welche kein günſtiges Reſultat erzielen und nur den einen Erfolg haben kann, das Volk zu erzürnen und thörichte Obrigkeiten zu verleiten, daß ſie unter dem ſchalen Vorwande des Dienſt⸗ eifers die Grenzen ihrer Pflicht überſchreiten. Allen Denen, welche gleich mir denken, moͤchte ich rathen, meinem Beiſpiele zu folgen, denn ich glaube, das bloſe Faktum dieſes Meetings wird ſchon großen Schaden im Lande verurſachen.“ fuhr faſt noch dreiviertel Stunden nach dem Abgang der Uebrigen in leiſem, aber eifrigem Geſpräche fort, darunter der alte Offizier, deſſen wir oben gedachten, der Oberrichter der Grafſchaft und zwei bis drei Herren von Gewicht und Klugheit. „Das iſt gewiß der beſte Plan,“ ſagte der Oberrichter; „er hat für jetzt ſeine gewohnte Vorſicht abgeworfen, und ich bin bereit, meinen Theil an der Verantwortung auf mich zu nehmen.“ Der General ſchüttelte den Kopf. „Er vergißt ſelten ſeiner Vorſicht,“ bemerkte er;„aber ich fürchte die Verantwortung nicht, und es iſt vielleicht das Beſte, was wir thun können. Die Regierung wird uns durchhelfen, auch wenn wir ihre Autorität in dieſem Falle etwas über Gebühr ausdehnen.“ Mit dieſer Bemerkung löste ſich das Meeting auf, und die kleine Gruppe der Zurückgebliebenen trennte ſich. 7 Eilftes Kapitel. Die im letzten Kapitel erzählten Ereigniſſe hatten etwa zwei Stunden Zeit weggenommen, ſo geringen Raum ſie auch in ihrer Widerholung ausfüllen mögen. So war es vier Uhr oder etwas drüber geworden, bis Sir John Ne⸗ wark voller Ungeduld ſo bald wie möglich nach Manor Houſe zurückzukehren die Thüre ſeines Gaſthofs erreichte. Wie wir geſehen haben, waren ihm Viele von der Partie, ☛ 211 der er ſich für jetzt angeſchloſſen, von dem Verſammlungs⸗ orte weg gefolgt; Einige davon ſtiegen zu Pferd und ritten wieder aufs Land, Andere zerſtreuten ſich rechts und links, ſobald ſie auf der Straße waren, gingen dieſen oder jenen Weg und nur Wenige begleiteten Sir John Newark ſogar nur auf kurze Strecke. Er war nämlich gar nicht beliebt und Niemand traute ihm; Alle waren gerne bereit, ſich ſeine Hülfe zu Nutze zu machen, Alle bewunderten das Geſchick und die Behendigkeit, womit er eines Feindes und zuweilen wohl gar eines Freundes Mißgriff zu benützen wußte; aber ſicher fühlte ſich Keiner in ſeinem näheren Umgange. Nur ein alter geſchwätziger Ritter— ein Sir James Mount— hegte keine Furcht vor ihm. In ſeinen klatſch⸗ ſüchtigen Egoismus eingehüllt, dachte er nur ſelten an den Charakter und die Handlungen ſeiner Genoſſen, ſchwatzte luſtig mit Jedem, der ihm nahe kam, zuweilen recht thöricht, zuweilen auch nicht ſo übel, und war immer mit einer ſchar⸗ fen Erwiederung bei der Hand, die er ſelber belachte, um den Chor richtig zu leiten. Er ſteckte voller Anekdoten und war als großer Neuig⸗ keitskrämer von den meiſten Edelleuten in der Runde geduldet und ſogar geſucht, obwohl er ſie jedesmal gräulich lang⸗ weilte, bis ſie ihn ſteif betrunken gemacht hatten. Dieſer würdige Baronet blieb bis zu dem Gaſthof, wo er, wie es ſchien, ſelbſt eingeſtellt hatte, an Sir John Newarks Seite. „Ihr habt ihnen das Maul geſtopft, Sir John— habts ihnen geſtopft,“ ſagte er beim Heraustreten aus dem 14* 21² Verſammlungszimmer.„Dieſer ſpitzige Mr. Seely bekam eins auf die Finger— auf die Finger— auf die Finger. Das Püppchen! ſeine Gelenke werden ihn wohl ſchmerzen. Es iſt doch drollig, daß ich nicht zum öffentlichen Sprecher tauge— Sprecher tauge— Sprecher tauge, da ich doch im Geſpräche, denk' ich, fließend genug— fließend genug— fließend genug rede.“ Sir John Newark gab keine Antwort, auch war keine nöthig, denn Sir James Mount ſchwieg nur einen Augen⸗ blick um Athem zu ſchöpfen(er war nämlich mit ſonderbar tanzendem Schritte ziemlich raſch einhergegangen) und be⸗ gann darauf alsbald von Neuem: „Beſſere Zeiten kommen, Sir John, beſſere Zeiten kommen, glaub' ich, und der König wird wieder in ſein Ei⸗ genthum gelangen. Ihr habt gewiß einige Neuigkeiten von jenſeits des Waſſers— jenſeits des Waſſers— jenſeits des Waſſers?“ Diesmal antwortete Newark, denn auf der Straße wimmelte es von Leuten, und Sir James Unterhaltung be⸗ gann etwas gefährlich zu werden. „Die letzte Neuigkeit,“ erwiederte er,„die ich über⸗ haupt vernommen, Sir James, war die, daß Ihr das alte Haus zu Mount Place faſt ganz niedergeriſſen und an ſeiner Stelle einen ſehr glänzenden Herrenſitz erbauen werdet.“ „Ja, ja, ja,“ antwortete der Andere, auf ſeinen Zehen⸗ ſpitzen neben dem Begleiter hertrippelnd:„diruit— diruit — diruit— aedificat mutat quadrata rotundis— rotun- 213 dis— rotundis. Nicht gerade das ganze Haus, nur die Flügel— nur die Flügel— nur die Flügel.“ „So, Ihr ſetzt Euch neue Flügel an, Sir James,“ bemerkte Newark;„da werden die Leute ſagen: Ihr verlegt Euch auf's Fliegen.“ „Nur um höher zu ſteigen— um höher zu ſteigen— höher zu ſteigen,“ verſetzte Mount. „Höher, höher, höher!“ wiederholte Sir John Ne⸗ wark mit eyniſchem Lächeln;„ganz wie die Haidelerche. Doch Ihr ſeyd zum Steigen“ geboren, und ſo iſt es ganz na⸗ türlich.“ „Wahr, wahr, wahr!“ antwortete ſein Gefährte la⸗ chend, über den ſehr lahmen Witz höchlich ergötzt.„Wie die Haidelerche— zum Steigen geboren— hübſch, ſehr hübſch!“ und er zog ſeine Brieftaſche heraus und ſchrieb es auf, indem er fortwährend mit wunderbarer Ausdauer vor ſich hinplapperte.„Zum Steigen geboren!“ wiederholte er dreimal,„gleich der Haidelerche: da muß ich Flügel haben, Sir John, wißt Ihr— muß Flügel haben— muß Flügel haben.— Werden wir zuſammenſpeiſen? Ich habe mich einer ſehr wichtigen— wichtigen— wichtigen Sache zu entledigen.“ „Ich fürchte, ich kann nicht Halt machen, um Euer Feuer zu empfangen,“ erklärte Sir John Newark.„Ihr * Hier iſt im Engliſchen ein Wortſpiel, das ſich im Deut⸗ ſchen nicht geben ließ. Sir James Familienname„Mount“ be⸗ deutet nämlich auch—„Steigen“. D. U, 214 wißt, ich habe einen Gaſt zu Ale Manor und muß heimkeh⸗ ren, um ihn zu unterhalten.“ „Ei, das iſt's gerade— das iſt's gerade— das iſt's gerade—“ ſagte der alte Ritter.„Iſt er der Lord Eskdale oder nicht— oder nicht— oder nicht?“ Sie hatten eben in dieſem Augenblicke das große Bo⸗ genthor des Gaſthofes erreicht, und Sir John rief laut nach ſeinen Roſſen, ohne die Frage zu beantworten. Er war je⸗ doch für heute zur Enttäuſchung und zu Sir James Mount,s Geſellſchaft verurtheilt, denn einer ſeiner Diener trat mit der Meldung vor, ſte hätten ſo eben entdeckt, daß eines der Pferde ein Eiſen verloren habe, und daß des Baronets eige⸗ nes Thier ganz lahm ſcheine. Sir John Newark war ärger⸗ lich; aber ohne ſich nach der Mode des Tages in Flüche und Schwüre zu ergießen, befahl er nur in bedächtigem gemäßig⸗ tem Tone, das eine Roß beſchlagen und das andere durch den Thierarzt unterſuchen zu laſſen. Sir James Mount klammerte ſich alsbald an den Diener, empfahl ihm ſeinen eigenen Thierarzt, mit der ſpeziellen Weiſung, wo er zu finden ſey, äußerte ſeine Anſicht über die Urſache dieſer Lahm⸗ heit, ohne das Pferd geſehen zu haben und empfahl auf's Dringendſte, ein Pflaſter aus Seife und geſottenen Rüben, jeden Theil ſeiner Rede wenigſtens dreimal und wohl auch öfter wiederholend. Während dies vor ſich ging, überlegte Sir John Ne⸗ wark, was er zunächſt thun ſollte. Es war unter allen Umſtänden ſehr ſchwer, ſich von Sir James Mount los zu machen, und wenn er in Betracht zog, daß ihm dieſer Ver⸗ 215 ſuch nicht ſo leicht gelingen und er ohnehin noch längere Zeit zu verweilen genöthigt ſeyn würde, ſo entſchloß er ſich, lieber ihn auf ſein eigenes Zimmer zum Eſſen einzuladen, indem er ſich ſagte: „Auf alle Fälle werde ich von ihm alle Neuigkeiten, welche im Lande vorgehen, erfahren und ihn wenigſtens auf anderthalb Stunden verhindern, mit ſeiner Zunge Unheil anzutichten.“ Sir James war über den Vorſchlag entzückt, und trotz dem, daß das Mittageſſen für die damaligen Gewohnheiten auf eine ſpäte Stunde ſiel, ſo war es doch leicht herbeizu⸗ ſchaffen, da die große Anzahl von Gäſten, welche die Stadt im Laufe des Tages beſucht, große Thätigkeit in dem Gaſt⸗ hofe hervorgerufen hatte. Sobald das Eſſen in dem kleinen Salon, in den man ſie gewieſen, aufgetragen war, entließ Sir John Newark, der durch den unaufhaltſamen Redefluß ſeines Begleiters in fortwährender Irritation erhalten wurde, den aufwartenden Kellner, indem er, ſobald der Mann abgetreten, gegen den würdigen Sir James mit bedeutungsvollem Nicken bemerkte: „Wir werden wohl beſſer allein ſeyn, wenn wir wich⸗ tige Gegenſtände zu beſprechen haben.“ „Wahr, wahr, wahr,“ verſetzte der Andere.„In ſol⸗ chen Dingen bin ich immer vorſichtig— vorſichtig— vor⸗ ſichtig. Ich weiß zu ſchweigen— zu ſchweigen— zu ſchweigen— Newark. Niemand kann im Falle der Noth ein Geheimniß beſſer bewahren als ich. Ich dachte eben in dieſem Augenblick— Augenblick— Augenblick an Lord 216 Eskdale; aber ſo lange der Mann im Zimmer war, blieb ich mäuschenſtill— mäuschenſtill— mäuschenſtill.“ Sir John Newark war unterdeſſen über ſein Verfah⸗ ren, im Falle Eskdale's Name wieder auf's Tapet käme, mit ſich in's Reine gelangt, und erwiederte alsbald auf Sir James Worte: 4 „Ah, der Earl von Eskdale! Könnt Ihr mir irgend Etwas über ihn ſagen? Er P itif in Jahren ziemlich vorge⸗ rückt ſeyn.“ „Pah, pah! Ihr denkt an den Vater,“ verſetzte Sir James.„Er ſtarb vergangenes Jahr noch ganz jung, nicht fünfzig, glaub ich— glaub ich— glaub ich— wißt Ihr, er heirathete ſehr früh und hinterließ einen Sohn— kenne ſte Alle ganz gut— Lady Eskdale iſt eine alte Freundin von mir.“ „Iſt das die junge oder die alte Lady Eskdale?“ fragte Sir John Newark, erkannte aber alsbald, daß er ſich etwas verrathen hatte, und um das Verſehen zu maskiren, fuhr er fort:„ich vermuthe, der junge Lord iſt verheirathet.“ „Verheirathet— verheirathet— verheirathet!— O nein, er iſt nicht verheirathet, wenigſtens war er's vor einem Monat noch nicht. Ich war ein wenig über'm Waſ⸗ ſer in Geſchäften— Geſchäften— Geſchäften. Ich konnte die alte Lady nicht ſehen, weil ſie ſehr krank zu Bette— zu Bette— zu Bette lag; ich erkundigte mich aber nach allen Umſtänden der Familie und fand, daß ſie beſſer als die mei⸗ ſten Anderen daran waren wegen ihres Keantoner Gutes— Gutes— Gutes.“ 217 Sir John Newark fühlte ſich nicht wenig verwirrt und beunruhigt bei dieſen Worten ſeines ehrenwerthen Beglei⸗ ters und verſank in tiefe Gedanken, ſo daß er, als Letzterer ſchwieg, nur um die Lücke auszufüllen mechaniſch wieder⸗ holte: „Ja, ja, dieſes Keanton.“ „Wißt Ihr,“ fuhr Sir James in ſeiner gewohnten Raſtloſtgkeit fort,„es wurde nie konfiscirt, weil es auf ſie übertragen iſt. Es hieß, ſie habe ihrem Gatten den Bei⸗ tritt zu unſeren Freunden abgerathen. Das war nicht wahr; aber es rettete doch ihr Beſitzthum, das irgendwie — irgendwie— irgendwie an ſie kam, und ſie haben Sorge getragen, es in aller Stille beizubehalten. Die Pächter zahlen ihre Zinſen an einen Agenten— Agenten— Agen⸗ ten, und man ſpricht ſo wenig wie möglich von der Sache, denn obgleich Shrewsbury ihrer aus Großmuth ſchonte und Marlborough, weil er etwas davon trug, ſo möchte ich doch behaupten, daß Andere gewiß dieſes Keanton gerne ein⸗ ſteckten, welches beſſer iſt, als ein Pfenniglaib— Pfennig⸗ laib— Pfenniglaib.“ „Wenn aber die alte Lady ſterben ſollte, würde das Beſitzthum vermuthlich an die Krone fallen,“ äußerte Sir John Newark mit erneutem Intereſſe an der Sache. „O nein, Theuerſter, o nein,“ verſicherte Sir James. „Der junge Mann war noch ein bloſer Knabe, als der Vater verurtheilt wurde, und da ſie ſich bei der verſtorbenen Köni⸗ gin zu inſtnuiren wußten, ſo erlangten ſie einen beſondern Gna⸗ denakt zu ſeinen Gunſten, Es iſt das nicht allgemein bekannt; aber es iſt wahr— wahr— wahr; ich kann es Euch ver⸗ ſichern. So behält er demnach Recht nach beiden Seiten des Hauſes; kommt König Jakob wieder glücklich auf den Thron, ſo bekommt er die ſchottiſchen Beſitzungen und dieſes dazu; weiß ſich dagegen der Churfürſt zu behaupten und Eskdale verhält ſich ruhig, ſo iſt auf alle Fälle Keanton gerettet.“ „Es iſt ein ſchönes Beſitzthum, das ſich noch verbeſſern ließe,“ äußerte Sir John Newark. „Ja, ja, ja,“ beſtätigte der andere Ritter.„Ich kenne es wohl; es iſt kaum zehn Meilen von mir entfernt; kenne jeden Zoll davon— ſehr guter Boden— nur zu hüge⸗ lig— mit Wald überſetzt; aber ſehr gute Pächter— ſammt und ſonders ſtrenge Royaliſten; wir könnten ſie im Noth⸗ falle Alle aufbieten. Aber iſt es denn nicht der junge Lord, der in Eurem Hauſe iſt?“ 3 „Ich kenne ihn blos als Oberſt Smeaton,“ ſagte Sir John Newark bedächtig, denn die erhaltene Nachricht ver⸗ anlaßte ein Schwanken in ſeinen Vorſätzen.„Ihr hörtet ja, was Lord Stair von ihm ſagte. Gleichwohl hat er ganz das Weſen und die Manieren eines Edelmannes; aber ich ſollte doch meinen, Lord Stair würde nicht—“ „Das iſt nichts— nichts— nichts,“ fiel Mount ein. „Vielleicht ein bloſer Nom de guerre; ich errinnere mich, daß er ſich einen derartigen Namen beilegte, als er unter den öſterreichiſchen Truppen in Spanien und Italien diente. Das iſt nichts, Lord Stair iſt ein pfiffiger verſchwiegener Mann und wird nichts über ſeine eigenen Freunde aus⸗ 219 ſchwatzen, ein ſo verzweifelter Whig er auch ſeyn mag— dazu iſt er viel zu klug. Ich möchte gerne dieſen jungen Mann ſehen; ich wollte Euch im Augenblicke ſagen, wer er iſt— wer er iſt— wer er iſt.“ Da Sir John über ſein Verfahren noch nicht ganz mit ſich übereingekommen war, ſo ließ er dieſen ſehr deut⸗ lichen Wink unbeachtet, und Sir James erhielt keine Einladung nach Ale Manor. Erſterer fühlte ſich jedoch durch das, was er vernommen, nur noch mehr zu eiliger Abreiſe getrieben, und nachdem er noch einige Minuten mit Eſſen, Trinken und Plaudern zugebracht, rief er nach ſeinem ober⸗ ſten Reitknecht und erkundigte ſich nach der Ausſage des Pferdearztes. Dieſe lautete ungünſtig: es hieß, das Thier würde noch zwei bis drei Tage unbrauchbar ſeyn. Newark beurlaubte ſich deßhalb ſogleich von Sir James Mount und wollte ein neues Pferd kaufen, um alsbald nach Ale Manor aufzubrechen. Bis alles Nöthige beſorgt, bis die Pferde geſattelt und alle Vorbereitungen getroffen waren, wurde es beinahe Sieben, und der Ritter war ſchon darauf gefaßt, ſeine Reiſe erſt nach Einbruch der Nacht vollenden zu können. Er hatte jedoch ſelbſt für die damaligen ziemlich gefährlichen Zeiten ein genügendes Gefolge bei ſich, und noch hatte er die Stadt Ereter nicht ganz im Rücken, als er bemerkte, daß er noch weitere Geſellſchaft bekommen ſollte. Sir James Mount nämlich kam mit zwei Dienern in voller Haſt die Straße herabgeſprengt und holte Newark zu deſſen nicht geringem Verdruß etwa hundert Schritte jenſeits des alten Thores ein. „Ich will bis zur Aleton⸗Kirche mit Euch reiten,“ ſagte Sir James;„ſie liegt blos fünf Meilen von meinem Wege ab— Wege ab— Wege ab; und wir können unter⸗ wegs zuſammen plaudern. Ich muß Euch was ins Ohr flüſtern— kommt näher, neigt den Kopf zu mir. Wißt Ihr,“ fuhr er wiſpernd fort,„daß eine Reiterabtheilung unter Kapitain Smallpiece mit dem Friedensrichter Beſt ſo eben die Stadt verlaſſen und gerade vor uns auf der Straße reitet, als ob ſie nach Eurem oder meinem— meinem— meinem Hauſe unterwegs wäre? Wir ſollten ſie lieber von den Hügeln aus rekognosciren und ſehen, welchen Weg ſie einſchlagen; es wäre nicht angenehm, zu Hauſe zu ſeyn, wenn ein ſolcher Beſuch eintrifft.“ „Gewiß nicht,“ erwiederte Sir John Newark, obgleich er— offen geſprochen— ganz anders dachte, als er hier ſagte. Er hatte ſeine eigenen Anſichten von der Sache und ritt in Gedanken verſunken an der Seite ſeines ſchwatzhaften Gefährten weiter. „Sie ſind nach Ale gegangen, um nach meinem jungen Gaſte zu ſehen,“ dachte er.„Wird er gefangen, ſo geſchieht ihm gerade Recht dafür, daß er mich wegen ſeiner Heirath täuſchte; auch könnte ihn dies— nur etwas zu früh— auf die Bahn treiben, die ich ihn gerne einſchlagen ſähe. Wenn ich nur ein Mittel finden könnte, um ihm einen Wink zu geben, daß er ſich für kurze Zeit entferne, ehe die Solda⸗ ten zu Ale anlangen! Der Haufen wird mich nicht paſſiren laſſen, und wenn ich mit all dieſen Leuten über die Hügel ziehe, ſo werden wir entdeckt. Dieſer plappernde alte Eſel⸗ 221 der ſich nicht mit ſeinen Dummheiten begnügt, wenn er ſie nicht wenigſtens dreimal wiederholt hat, würde jeden Anſchlag, mit dem er zu ſchaffen hätte, ruiniren. Es iſt beſſer, wenn ich ihm nachzugeben ſcheine und ſeinen Rath in Betreff des Rekognoscirens befolge. Sie müſſen doch irgend⸗ wo anhalten, um ihre Pferde zu tränken, und dann köͤnnen wir vielleicht an ihnen vorbeikommen.“ Unter ſolchen Gedanken ritt er den Abhang des vor ihm liegenden Hügels hinan und ſah bald darauf die Reiter⸗ abtheilung durch das Thal unten ſich durchwinden. Mit jedem Schritt und Tritt der Umgegend wohl bekannt, ver⸗ mochte er ihnen zwiſchen den grünen Hecken und Seiten⸗ pfaden ungeſehen zu folgen und ſie fortwährend ſcharf zu beobachten, während Sir James Mount einen unaufhör⸗ lichen Strom eitlen Geſchwätzes vor ihm auskramte, das ihn langweilte, ohne jedoch ſeine Aufmerkſamkeit von dem Hauptziele abzulenken. Die Truppe rückte weit langſamer vor, als es zu Ne⸗ warks Wünſchen paſſen mochte; endlich begann ſie jedoch die ſteilen kahlen Dünen, welche an der Grenze zwiſchen Devon⸗ ſhire und Dorſet längs der Seeküſte ſich ausdehnen— hin⸗ anzuklimmen. Die Manöver der Rekognoscirungspartie wurden jetzt bedeutend ſchwieriger, denn wenn die Straße auch oft zwiſchen tiefen Hangen eingeſchnitten war, ſo lief ſie doch meiſt an derzkahlen Seite des Hügels hin, und der würdige Sir James wurde immer unlenkſamer. Er hatte nicht das geringſte Mißtrauen in ſeine eigenen Kräfte und hatte im Augenblick das Kommando einer Armee übernom⸗ 222 men, obgleich er noch nie in ſeinem Leben eine Kanone hatte abfeuern hören. Er wollte ſich der kaltblütigeren Vorſicht ſeines Gefährten durchaus nicht unterwerfen, der ruhig durch die Hohlwege zu ſchlüpfen ſuchte, wenn die Soldaten die offenere Gegend vor ihnen durchzogen, und über die weiten Dünen weggaloppiren wollte, ſobald die Kriegsleute durch einen Einſchnitt oder eine Vertiefung der Straße verborgen waren. Gegen ſolche Schwierigkeiten ſo gut er konnte an⸗ kämpfend, gelangte Sir John Newark mit ſeinen Begleitern vor die kleine Kirche von Aleton mit ihren am Fuße zer⸗ ſtreuten Weilern, als eben die untergehende Sonne einen dünnen Schleier purpurnen Lichtes über das breite nackte Antlitz des Hügels ausgoß. Die Soldaten hatten mittler⸗ weile die einzelnen Häuſer des Dörſchens erreicht, und zur Ueberraſchung aller derer, die ſie beobachteten, ſah man ſie nicht allein abzäumen, ſondern auch abſatteln, wie wenn ſie die ganze Nacht hier zu verweilen gedächten. Sir James Mount war voller Vermuthungen über ihre etwaigen Abſichten; Newarks Entſchluß war jedoch bald gefaßt, und er rief: „Ei was, ich kann ſie nicht die ganze Nacht bewachen und will mich auch nicht auf einem Seitenwege in mein eigenes Haus einſchleichen. Wenn Ihr meinen Rath an⸗ nehmen wollt, Sir James, ſo reitet auf dem kürzeſten Wege über die Hügel. Ich will gradaus gehen und mit ihnen reden.“ Er gewahrte ein gewiſſes Zögern in dem Geſichte ſei⸗ 223 nes Begleiters, und um der Sache ein Ende zu machen ſetzte er bei: „Ich für meinen Theil habe nichts zu fürchten; wohl aber könnte jene Reiſe übers Waſſer— wie Ihr ſie nennt — ein unerfreuliches Ergebniß für Euch haben. Wir könn⸗ ten Euch gerade jetzt nicht wohl entbehren.“ „Nein, das darf nicht ſeyn— darf nicht ſeyn— darf nicht ſeyn. Ich denke— denke— denke, ich werde wohl beſſer gehen. Ihr haltet ſie mit Plaudern zurück, Sir John, waͤhrend ich über die Hügel galoppire: ſie können mich nicht verfolgen, da ſie abgeſattelt haben. Doch bei meinem Leben! ſie greifen ſchon wieder nach den Sätteln. Gott befohlen— Gott befohlen!“ Und Sir James eilte davon ſo ſchnell er konnte, wäh⸗ rend ſein Begleiter langſam auf den Weiler zuritt. Nicht weit vor den Häuſern winkte der Baronet einem der Diener, auf den er ſich am meiſten verlaſſen zu können glaubte und ſagte leiſe: „Es iſt wahrſcheinlich, daß ich hier einige Zeit verwei⸗ len werde. Sucht Ihr, ſobald es ganz dunkel wird, fort zu kommen; reitet nach Haus und meldet Oberſt Smeaton in meinem Namen, daß ich es für beſſer hielte, wenn er für einige Stunden abweſend wäre. Sagt der alten Mrs. Cul⸗ pepper, ſie ſoll ihn gut verſtecken, und wenn man nach ihm fragt, ſo ſagt nur, er ſey auf einige Tage fortgegangen. Der Diener nickte ruhig mit dem Kopfe, und Sir John ritt weiter. Vor der Thüre der kleinen Herberge war eine Gruppe 2* 224 von fünf bis ſechs Soldaten verſammelt, welche dem Ale ſchon tüchtig zugeſprochen hatten. „Hollah, ihr Leute, was hat Euch in dieſen Theil der Welt gebracht?“ rief der Ritter abſteigend;„wir werden hier ſelten mit einem ſolchen Anblick traktirt.“ „Weiß nicht, Sir,“ gab einer der Männer höflich zur Antwort.„Kapitän Smallpiece iſt drinnen, um ſich mit dem Richter durch ein Gläschen zu ſtärken.“ „Macht Ihr einen langen Halt?“ fragte Sir John Newark in ſorgloſem Tone.„Ich werde mich freuen, Eure Begleitung zu haben, wenn Ihr meinen Weg geht.“ „Anderthalb Stunden, Sir, um die Pferde füttern und ausruhen zu laſſen,“ verſetzte der Mann, und nachdem ſich Sir John Newark ſoweit von dem Thatbeſtande über⸗ zeugt hatte, trat er in die Schenke und ging geradeswegs in das einzige vorhandene Gaſtzimmer. Der Richter und der Kapitän, da ſie keinen Wein hat⸗ ten auftreiben können, ſtritten ſich eben anſcheinend zu ihrer vollen Befriedigung um den Inhalt einer kleinen Punſch⸗ bowle, als Sir John Newark's unerwartetes Auftreten ſie in ihren Ovationen ſtörte. „Ei, Sir John!“ rief der Juſtizbeamte;„wir glaub⸗ ten, Ihr müßtet jetzt wieder zu Ale Manor ſeyn.“ „Ihr habt Euch geirrt, ihr Herren,“ bemerkte Sir John Newark trocken.„Ich hatte Geſchäfte, die mich zu Ereter zurückhielten. Darf ich aber fragen, was dieſes ganze militäriſche Schauſpiel zu bedeuten hat, das unſer Land aus ſeiner Ruhe aufſcheucht?— Heda, Kellner, bringt mir 225 etwas Punſch; meine Pferde ſind ſo ermüdet, daß ich ſie nicht weiter bringe, und ſo kann ich mich ebenſo gut dieſer ehrenwerthen Geſellſchaft— wenn ſie nämlich nichts dage⸗ gen hat— anſchließen.“ Der Richter ſchaute auf den Kapitän und der Kapitän auf den Richter, bis endlich Letzterer erwiederte: „Ci, die Wahrheit iſt, Sir John, wir wollten Euch eben einen Beſuch zu Ale Manor abſtatten, und da wir glücklicherweiſe hier mit Euch zuſammentreffen, ſo hoffen wir, daß wir auch unterwegs das Vergnügen Eurer Geſell⸗ ſchaft genießen werden.“ „Das hängt von den Umſtänden ab, ihr Herren,“ be⸗ merkte der Andere völlig ruhig.„Wenn Ihr Geſchäfte mit mir habt, ſo laſſen ſie ſich vielleicht ebenſo gut hier als in meinem Hauſe abmachen.“ „Nicht ganz,“ gab Richter Beſt zur Antwort.„Die Sache iſt die: der Oberrichter und mehrere unſerer Kollegen ſind in Betreff jenes Dieners des Oberſten Henry Smeaton nicht ganz im Reinen; ſie glauben, Ihr könntet getäuſcht worden ſeyn, Sir John. Es iſt ſehr leicht, wie Ihr wißt, ein rohes, gemeines Weſen anzunehmen, und da ſie ſehr genaue Nachricht erhalten haben, daß der Earl von Eskdale, der, wie wir alle wiſſen, unter König Williams Regierung verurtheilt wurde, ſeinen Weg nach Eurem Hauſe einge⸗ ſchlagen habe, ſo glauben ſie, dieſer Diener könnte der Mann ſeyn und wollen ihn deßhalb auf dieſen Verdacht hin aufgreifen laſſen.“ Sir John Newark lachte laut. James. Henry Smeaton. 15 226 „Und da bedarf's eines ganzen Trupps Soldaten, um einen einzelnen Lakai zu arretiren?“ fragte er. „Ei, Euer Fiſchervolk im Dorfe gilt für ziemlich meu⸗ teriſch und im Falle des Widerſtandes, wißt Ihr—“ „Ihr werdet doch nicht glauben, Sir, daß ich der ge⸗ ſetzlichen Autorität widerſtreben oder einen derartigen Wider⸗ ſtand unterſtützen würde?“ unterbrach ihn Sir John Ne⸗ wark.„Wenn aber jenes Hexenneſt ſo gar wichtig iſt, ſo hättet Ihr drauf losreiten ſollen, ohne hier zum Punſch⸗ trinken anzuhalten.“ „Wir hatten nebendem hier ein kleines Geſchäft,“ er⸗ klärte der Richter, der ſich nicht wenig vor Newark ſcheute; „hoffentlich hat uns unſer Aufenthalt wenigſtens das Ver⸗ gnügen Eurer Begleitung verſchafft.“ „Fällt mir nicht ein, Sir,“ entgegnete Newark in ſcharfem Tone.„Ich werde gewiß nicht mit Euch gehen, um meinen Gaſt, einen Gentleman und intimen Freund des Lords Stair, unter dem Vorwande, daß ſein Diener der Earl von Eskdale ſey, beſchimpfen zu ſehen. Ihr mögt hingehen, wenn's Euch beliebt; ich meinestheils werde hier bleiben, bis dieſes unerfreuliche Geſchäft vorüber iſt. Aber laßt Euch warnen, daß Ihr's geſetzlich vollbringt; denn ich werde ſcharf nachſehen, darauf dürft Ihr Euch verlaſſen.“ Während er noch ſprach, ſah er einen Mann mit einer Lederſchürze und ſchmutzigem Geſicht eine Punſchbowle in der einen und eine Talgkerze in der andern Hand eintreten, denn die Nacht war mittlerweile raſch eingebrochen. Sir John Newarks Augen ruhten eine Weile auf ihm, und eine 227 Anwandlung von Zweifel und Verwirrung bemächtigte ſich ſeiner, wie wir ſie alle empfinden, wenn wir ein Geſicht vor uns ſehen, das uns zwar bekannt iſt, ohne daß wir ihm ei⸗ nen Namen zu geben wüßten. Mit einem Male tauchte jedoch jene Scene in dem Bildhauershauſe zu London vor ſeiner Erinnerung auf, und die runde, drollige nie zu ver⸗ geſſende Geſtalt Van Nooſts ſtand in einer Bekleidung vor ihm, welche zum Theil einem Kellner, zum Theil einem Grobſchmiede anzugehören ſchien. Ein einziger Blick des Erkennens flog von dem Geſichte des Einen zu dem des Andern; aber kein Wort wurde darüber geſprochen. Van Nooſt ſetzte das Licht und die Bowle auf den Tiſch, ging dann in das Schenkſtübchen zurück, um Glas und Löffel herbeizuholen, und watſchelte aus dem Zimmer, die Thüre hinter ſich ſchließend. Zwölftes Kapitel. Von dem lärmenden Auftritte zwiſchen den Friedens⸗ richtern zu Exeter und den ziemlich widrigen Ereigniſſen, welche Sir John Newark auf dem Rückwege betroſſen hat⸗ ten, müſſen wir zu dem ruhigeren Stillleben zu Ale Manor Houſe zurückkehren. Emmelinens Abweſenheit von Smeaton und ihrem jungen Vetter dauerte nicht lange; ſie kam ſchüchtern errö⸗ thend und in all' der Aufregung friſcher und ſtarker Gefühle, wurde aber bald ruhiger. Gemäß den vom Hausherrn bei . 15 228 ſeiner Abreiſe hinterlaſſenen Weiſungen wurde das Mittag⸗ eſſen zur gewohnten Stunde aufgetragen, und als es vor⸗ über war, machten ſich alle drei auf den Spaziergang, um den langen Sommerabend auf dieſe Weiſe zu beſchließen. Nachdem man zwei⸗ bis dreimal die Terraſſe auf⸗ und abgegangen war, ſetzte ſich Richard Newark auf einen der großen Markſteine, welche die Scheidelinie zwiſchen dem Kies⸗ grunde und dem Raſen bezeichneten, von wo er zwei Fronten des Hauſes überſah, und dort verweilte er über eine Stunde, trotz ſeines ſorgloſen Pfeifens anſcheinend in tiefen Gedan⸗ ken verloren. Emmeline und Smeaton gingen Seit an Seite mit einander auf und nieder, und ihr Geſpräch wurde ſo leiſe geführt, daß es von den Fenſtern im Hauſe nicht gehört werden konnte. Hätte ein mit den äußern Weiſen und Symptomen des ſüßen Wahnſinns wohlvertrautes Auge ſte beobachtet, ſo hätte es an den zärtlichen Blicken, an dem plötzlichen Wechſel des Ausdrucks, an Smeatons geſenktem Haupte und Emmelinens wankendem, aufgeregtem Gange, wie an ihrem öfteren freudigen Aufſchauen nach ihres Be⸗ gleiters Geſichte, errathen können, daß er von Liebe ſprach und ſie nicht ungerne ihm zuhörte. So war es in der That. Er führte ſie Schritt für Schritt und Wort für Wort immer weiter, er ſelbſt geleitet durch die in ſeinem Herzen wachſende Leidenſchaft. Beide ſagten Alles, was ſie nur irgend ſagen konnten, und noch war der Spaziergang nicht halb zu Ende, als ſie ſich nicht allein in Herz und Liebe, ſondern auch mit Worten und Gelübden gegenſeitig verpflichtet hatten. Das ging etwas * 229 raſch— nicht wahr? allein wie ich dem Leſer ſchon früher oft genug begreiflich zu machen geſucht habe, es gibt kein zweites Ding wie die Zeit. Der Verlauf der Ereigniſſe bildet das, was wir Zeit nennen; die Umdrehung der Erde um ihre Are— der Tag— iſt das Maß, das wir in unſe⸗ rer Laune gewählt haben, um den vorüberſtreifenden Strom zu meſſen; aber wie ungeſchickt iſt dieſes Maß, um den Werth des Gemeſſenen auszudrücken? Es kommt mir ge⸗ rade vor, wie wenn wir eine Elle Goldbrokat und eine Elle Sackleinwand um denſelben Preis verkaufen ſollten: die Ereigniſſe des einen Tages ſind denen eines anderen nicht ähnlicher, als dieſe beiden Gewebe. Gedanken und Gefühle ſind gleichfalls Ereigniſſe— Ereigniſſe des Geiſtes und der Seele, und mit ihnen gemeſſen— wie lange hatte Smea⸗ ton Emmelinen ſchon gekannt! Die letzten vierundzwanzig Stunden waren für Beide eine ganze Lebenszeit geweſen, und nachdem wir ſo den großen Mißgriff in Betreff der Zeit gehoben, können wir nicht wohl ſagen, daß ſie ſich plötzlich verliebt hätten. An der kleinen, eben geſchilderten Scene— die beiden Liebenden vor dem Hauſe auf⸗ und abwandelnd, zuweilen unter den grünen Bäumen, aber öfter auf dem weichen Ra⸗ ſen vor der Terraſſe, der pfeifende Richard auf ſeinem Mark⸗ ſteine ſitzend, der Himmel in der Abendbeleuchtung ſtrahlend, während über dem Weſten die purpurnen Draperien des Sonnenunterganges herabſanken— war ein Ding beſon⸗ ders bemerkenswerth, nämlich die wunderbare Geduld des Knaben. Er, ſo leichtſinnig, ſo flüchtig, ſo voll ungeſtü⸗ 230 mer Rührigkeit, ſaß die ganze Zeit regungslos da. Die Sache iſt ſchwer zu erklären und ich kann blos ſagen, daß er es ohne Vorbedacht in aller Seeleneinfalt that. Mochte ſein Geiſt auch nicht ganz hell und klar ſeyn, mochte er auch einiger⸗ maßen von der rechten Bahn abweichen— ſein Herz we⸗ nigſtens ging pfeilgerade auf ſein Ziel los. Er fühlte, daß Emmeline mit Smeaton und dieſer mit ihr gerne allein ſeyn möchten, und da er ſie Beide vermöge eines Inſtinkts, mit dem der Verſtand nichts zu ſchaffen hatte, aufrichtig liebte, ſo überließ er ſie nicht allein ſich ſelbſt, ſondern machte auch, daß ſie nicht unterbrochen wurden, und wachte geduldig mit einer Liebe, ähnlich der eines getreuen Hundes. Endlich erhob er ſich und trat raſchen Schrittes zu den beiden Liebenden. Er hatte Jemand um die andere Ecke des Hauſes kommen ſehen und ſagte lachend: „Da iſt die alte Mrs. Culpepper wieder auf dem Strich, Emmy; nimm Dich in Acht, hübſches Täubchen, nimm Dich in Acht. Die Schritte dieſer Katze ſind ſehr verſtohlen.“ Emmeline, noch heiterer wie er, aber ebenſo naiv, gab zur Antwort: „Ich fürchte ſie nicht, Dick— ich fürchte jetzt nichts mehr.“ 3 O welch' eine Welt von Enthüllung lag in dieſem ein⸗ zigen Wörtchen— jetzt! Es ſprach von gänzlich geän⸗ derten Gefühlen, von neu entſproſſener Hoffnung, von Glau⸗ ben und Vertrauen, von der Auflöſung ihres ganzen Weſens 231 in dem Weſen eines Anderen, von der unbegraͤnzten Zuver⸗ ſicht, womit das Herz des Weibes auf Liebe baut. Richard Newark bemerkte es nicht; Smeaton aber fühlte es und war ſehr glücklich, denn er erſah hieraus, wie vollſtändig ſie ſein eigen geworden. Sie ſetzten ihren Spa⸗ ziergang fort und ſahen die Geſtalt der alten Frau ruhig in einiger Entfernung vorübergleiten; ſie beachteten ſie nicht und fuüͤhren fort in leichterem Tone und von gleichgültigeren Dingen zu reden, während der Geiſt, der in ihrem Herzen lebte, ihren Worten und Gedanken Leben und Energie ver⸗ lieh und Töne aus ihnen hervorlockte, von denen Jedes wußte, daß ſie mehr bedeuteten, als die Worte ausdrückten. Für ſie gab es heute keine Ermüdung. Die Sonne ſank allmälig am Himmel abwärts, berührte den Rand des Ho⸗ rizontes, ſenkte ſich noch tiefer und verſchwand; Purpur, Gold und Grau leuchteten eines nach dem andern an dem weſtlichen Himmel und machten ſofort der Dunkelheit Platz. Die Sterne funkelten hell und klar, nicht groß, aber ſehr glänzend, und dann begann der Mond mit ſeinem Lichte im Oſten aufzudämmern und ſchickte ſich an, den Diamantduft des Himmels vor ſeinem Pfade in der Höhe wegzufegen. Emmeline und Smeaton luſtwandelten noch immer und ſprachen von allen möglichen Dingen, zumal wie ihre Ge⸗ danken umherſchweiften, zu den Sternen emporſchießend, auf Feenflügeln der unterſinkenden Sonne nachziehend, den purpurnen, goldgeſäumten Abendduft in phantaſtiſche For⸗ men verwebend und des Himmels Wolken in roſige Kränze verflechtend. Aladdins Palaſterbauer— ſo flinke Geiſter 232 ſie waren— arbeiteten nicht ſo raſch und prächtig, wie hier der Genius der Liebe. Doch horch! dort hört man den Klang entfernter Pferde⸗ hufe in großer Eile die Straße daherkommen, und die drei Spaziergänger ziehen ſich raſch in das Haus zurück. Eben waren die Lichter angezündet, die Fenſter ge⸗ ſchloſſen und die Drei ruhig in dem kleineren Salon verſam⸗ melt, während zwei von ihnen jede Spur der Erregung, welche in ihren Herzen entſtanden war, aus Blick und We⸗ ſen zu verbannen ſuchten, als ſich ein Tritt in der Marmor⸗ halle draußen vernehmen ließ und ein Diener Sir John Newarks, gefolgt von der alten Haushälterin, eintrat. Der Mann war ſtaubig von ſeinem Ritt und große Haſt lag in ſeinen Zügen, als er dicht an Smeaton herantrat, um nicht zu laut ſprechen zu müſſen. „Sir John hat mich geſchickt, Sir,“ ſagte er,„um Euch zu melden, daß Gefahr unterwegs iſt; er läßt Euch bitten, ihr für kurze Zeit aus dem Wege zu gehen. Mrs. Cul⸗ pepper werde Euch einen Ort zeigen, wo Niemand Euch fin⸗ den kann, und Ihr thätet am beſten, ihn raſch aufzuſuchen.“ Smeaton betrachtete ihn mit ziemlicher Ueberraſchung, aber ohne ſonderliche Aufregung. „Was gibt's denn, mein guter Freund?“ fragte er. „Ich habe nichts zu fürchten, das ich wüßte. Ich kann in der That nicht einſehen, was ein Verſteck mir nützen kann, denn ich habe kein Vergehen begangen und wüßte nicht, daß irgend Jemand mir übel wollen könnte. Was hat denn Euren Herrn ſo beunruhigt?“ 233 „Ich weiß es in der That nicht, Sir,“ erwiederte der Mann;„ich hoͤrte nur, ſie hätten ein ſehr ſtürmiſches Mee⸗ ting zu Ereter gehabt und eine Abtheilung Reiter ſey am Abend gegen Ale Manor ausgeſchickt worden. Wir folgten ihnen dicht auf den Ferſen und bewachten ſie auf dem gan⸗ zen Wege bis Aleton. Dort blieb Sir John zurück, ver⸗ muthlich, um ſie ſo lange wie möglich aufzuhalten, während ich zu Eurer Warnung hieher eilte.“ Smeaton lachte trotz der Angſt, die er in Emmelinens Geſichte ausgedrückt ſah. „Mein guter Freund Sir John verkennt ganz und gar meine Lage,“ erklärte er;„ich habe weder von Reiterabthei⸗ lungen noch von allen Obrigkeiten der Welt das Geringſte zu fürchten. Sie mögen mich vielleicht allerhand Placke⸗ reien unterwerfen; aber das iſt Alles, was ſte thun können, und ich halte es ebenſowenig für nöthig, als meiner würdig, mich zu verſtecken. Würde ich entdeckt, was wahrſcheinlich der Fall wäre, ſo würde gerade der Umſtand, daß ich mich verſteckt, weiteren Verdacht rechtfertigen und ganz wie Schuldbewußtſeyn ausſehen.“ „Vielleicht, Sir,“ begann da die alte Haushälterin in jenem ruhigen, umgänglichen Tone, der dieſem Schlage von Leuten ſo eigen iſt,„daß Sir John ſolches mehr um ſeinet⸗ als um Euretwillen verlangt. Er kann ja zu Erxeter ge⸗ läugnet haben, daß ein Gentlemen Eures Namens hier iſt.“ Smeaton ſchaute ihr voll ins Geſicht, da ihn bedünken wollte, daß ſie der Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe ihres Gebieters kein großes Kompliment mache und er ſich aus 234 ihren Zügen gerne überzeugt hätte, ob nicht ein verborgener Beweggrund zu dem angerathenen Verfahren vorhanden ſey, den ſie nicht zu erkläͤren für gut fand. Aber dieſes Geſicht war wie ein unbeſchriebenes Papier— glatt, ruhig und ohne Ausdruck, und da Smeaton ſolchergeſtalt nichts daraus zu machen wußte, ſo erwiederte er: „Das ändert die Frage weſentlich, denn ich vermuthe, daß Ihr ohne Vorwiſſen nicht alſo reden würdet, gute Frau. Unter ſolchen Umſtänden iſt es für mich das Beſte, mein Roß zu beſteigen und auf eine Zeitlang wegzureiten. Be⸗ gegne ich einigen dieſer Leute, ſo mögen ſie mich abfaſſen, wenn ſie wollen; ich möchte aber um keinen Preis wie eine Ratte in ihrem Loche lauernd entdeckt werden.“ Emmeline ſah ihn traurig, ja faſt vorwurfsvoll an, wie wenn ſie gerne gefragt hätte: „Wollt Ihr mich ſo früh verlaſſen und Eure Sicher⸗ heit dabei gefährden?“ „Von Entdeckung iſt ganz und gar nicht die Rede, Sir,“ bemerkte die alte Haushälterin ruhig.„Ich könnte Euch in des Prieſters Zimmer unterbringen, wo Henry Garnet, welcher ſpäter gehenkt, erſäuft und geviertheilt wurde, vor etwa einem Jahrhundert ſechs volle Wochen un⸗ entdeckt gehaust haben ſoll. Von da führt ein geheimer Weg aus dem Hauſe, ſo daß Ihr, wenn Ihr auch die Thüre oben öffnen hörtet, durch den Wald nach Ale und von da in einem Schifferboote nach Frankreich flüchten könntet. Sir John würde im Nothfalle ſchon dafür ſorgen, daß Ihr den Veg offen und das Boot parat fändet.“ 235 Smeaton änderte ſeinen Sinn im Augenblicke, denn die Worte der Frau erweckten bei ihm Betrachtungen, welche ſte wohl ſchwerlich ahnen oder kennen mochte. Er war noch immer derſelben Meinung, daß es für ſeine eigene Sicherheit am beſten wäre, wenn er der Unter⸗ ſuchung mit Kühnheit Trotz böte und Denen„die nach ihm ausgeſandt waren, mit Entſchloſſenheit entgegenträte, denn er wußte wohl, daß er von einem geradherzigen Auftreten nichts zu fürchten hatte; aber er erwog zu gleicher Zeit, daß er hiedurch ſeinen Aufenthalt in demſelben Hauſe mit Emmeline verkürzen könnte und ſah überdies voraus, daß eine Zeit kommen dürfte, wo die Kenntniß eines ſolchen ge⸗ heimen Einganges im Herrenhauſe zu Ale in mehr als einer Hinſicht von Nutzen ſeyn möchte. Dieſe Gedanken zogen ihm in einem Augenblicke durch den Sinn, und Emmeline wie Richard Newark fanden Zeit, ihm ihrerſeits durch ihr Zureden zuzuſetzen. „Ich beſchwöre Euch, laßt Euch leiten, Oberſt Smea⸗ ton,“ rief die junge Dame, die Gefühle ihres Herzens vor den Augen der Haushälterin ſo gut wie möglich zu verbergen ſuchend.„Verlaßt Euch darauf, mein Vormund hat guten Grund zu ſeinem Rathe.“ „O zeigt es mir, zeigt es mir, Mrs. Culpepper,“ rief Richard Newark, auf das vorhin erwähnte Zimmer und den geheimen Gang anſpielend. „Ich darf nicht, Mr. Richard,“ erwiederte die alte Frau in vertraulichem Tone.„Es iſt ein Geheimniß, das man nicht einem ſolchen Schwindelkopfe wie Euch anver⸗ 236 trauen darf. Ihr und Miß Emmeline müßt Beide zurück⸗ bleiben, wenn der Gentleman in den Rath einwilligt, was er, wie ich glaube, thun ſollte.“ „Wohlan, ſchönes Fräulein,“ erklärte Smeaton, Em⸗ melinen anredend,„da Ihr es wünſcht, ſo will ich ſogar ge⸗ gen mein beſſeres Urtheil einwilligen. Vielleicht, daß Sir John Newark im Ganzen doch beſſer unterrichtet iſt als wir wiſſen, und da ich ihn für einen ſehr klugen, liſtigen und mir wohl geneigten Mann halte, ſo will ich ſeinem Rathe folgen. Ich will Euch und Richard eine beſondere Bot⸗ ſchaft für ihn hinterlaſſen. Ich werde Euch im Augenblicke folgen, Mrs. Culpepper—“ indem er in leiſerem Tone hinzu⸗ ſetzte:„ſchickt den Mann weg und wartet einen Augenblick draußen; ich werde ſogleich bei Euch ſeyn.“ Sie antwortete nur mit einem tiefen Knixe und ent⸗ fernte ſich aus dem Zimmer, die Thüre hinter ſich ſchließend. „Jetzt, Richard, müßt Ihr zu entdecken ſuchen, welchen Weg ſie mich führt, und wenn Ihr's entdeckt habt, müßt Ihr's unſerer theuren Emmeline ſagen,“ fuhr Smeaton flüſternd fort.„Wo auch die Thüre jenes Zimmers ſeyn mag, ich werde mich von Zeit zu Zeit davor aufhalten und ſobald ich eine bekannte Stimme höre, werde ich Euch an⸗ deuten, wo Ihr leicht die Thüre finden könnt.“ „Ich will's ſchon ſinden, ich will's ſchon finden,“ ant⸗ wortete der Knabe lachend.„Ich will jeden Schritt, den die alte Katze in den nächſten drei Tagen thut, ſo liſtig be⸗ wachen, wie ſie nur je uns Alle bewacht hat. Sie muß Euch doch Nahrung bringen.“ 237 „Ich hoffe ſo,“ verſetzte Smeaton lächelnd;„aber ſeyd vorſichtig— und nun lebt wohl!“ Er fand Mrs. Culpepper gerade ſo nahe vor der Thüre, als die Beſcheidenheit erlaubte; wenn ſie übrigens gehorcht hatte, ſo hatte ſie ſich getäuſcht: denn die Unterredung im Salon konnte nicht gehört werden. „Nun, Sir,“ begann ſie mit leiſer Stimme,„tretet leicht auf, damit man unſere Schritte nicht hört. Hieher, wenn's beliebt, Sir.“ Sie führte ihn durch die Halle die große Treppe nach dem oberen Gange hinauf an den Thüren ſeiner eigenen Gemächer und denen Emmelinens vorüber; dann ging es über eine kleine Treppe von fünf bis ſechs Stufen nach einem großen altmodiſchen Zimmer, das im Style der Königin Cliſabeth ausgeſtattet war. Auf einer Seite ſtand ein rie⸗ ſengroßes Bett mit grünen Sammtvorhängen und Bett⸗ himmel, auf jeder Ecke mit einem Federbüſchel, wie an ei⸗ nem Katafalke verſehen; ihm gegenüber lagen die tief ein⸗ geſchnittenen Fenſter mit einer Art ſchwarzer Eichenbank dazwiſchen. Viele große Gemälde hingen im Zimmer um⸗ her, von denen aber keines bis auf den Boden reichte; linker Hand ſtand noch ein ungeheurer Kamin, der ſo viel Raum einnahm, daß hier unmöglich ein weiterer Ausgang ver⸗ borgen ſeyn konnte. Die Thüre, durch welche ſie eintraten, lag in der Mitte der vierten Wand, und das Wandgetäfel ſchien ſolid und ſchwerfällig. „Ihr würdet wohl ſchwerlich den Weg herein finden, 238 Sir, wenn ich ihn Euch nicht zeigte,“ bemerkte die alte Frau, die Thüre ſchließend. „Eine kurze Unterſuchung würde ihn vielleicht doch entdecken,“ meinte Smeaton.„Ich bin in Ländern gewe⸗ ſen, Madame, wo ſolche geheime Verſtecke keineswegs ſel⸗ ten ſind.“ „Ich denke, ich könnte es darauf ankommen laſſen, Sir,“ lächelte ſie. „Am Ende iſt er hier,“ verſetzte Smeaton, der ſchwar⸗ zen Eichenbank ſich nähernd und die Gemälderahme dar⸗ über an verſchiedenen Stellen berührend.„Dieſe Wände ſind dick genug, um ein kleines Zimmer faſſen zu koͤnnen.“ Die Alte ſchmunzelte, und er fuhr fort ſtärker auf die Rahme zu drücken, bis er zu fühlen glaubte, wie ſie etwas nachgab. Endlich hörte er das Klingen einer Feder, die Rahme, auf einer Angel ſich drehend, trat auf der einen Seite langſam vor und zeigte ein Zimmer oder Kloſet von etwa fünf Fuß Breite und zehn bis zwölf Fuß Länge, das einen Schritt über den Boden vorragte. „Ei das iſt merkwürdig,“ rief Mrs. Culpepper.„Das hab' ich nie zuvor geſehen— es muß eine Blende ſeyn.“ „So iſt das nicht der Ort?“ fragte Smeaton. „O nein, Sir, darin würdet Ihr erſticken,“ verſetzte die Haushälterin.„Des Prieſters Zimmer iſt ſo groß wie dieſes; aber das iſt ein guter Wink, um etwaige Nachforſcher irre zu führen. Schließt es zu, Sir, und ich will Euch das andere zeigen. Wollt Ihr die Güte haben, das Bett hier zurückzuſchieben— denn es iſt gar ſchwer.“ 239 „Ich will es verſuchen,“ meinte Smeaton;„ich bin zwar ziemlich ſtark, zweifle aber doch, daß ich's im Stande ſeyn werde. Wir ſehen heutzutage wenig ſo maſſive Geräthe.“ Mit dieſen Worten faßte er einen der ſchweren Bett⸗ pfoſten und ſuchte an der mächtigen Bettſtelle zu rücken. Sie rührte ſich nicht von der Stelle, während die alte Haus⸗ hälterin mit dem Licht in der Hand oben zu Häupten des Bettes ſtand und ſeine fruchtloſen Verſuche belächelte. Smea⸗ ton beobachtete ihr Geſicht und den eigenthümlichen Aus⸗ druck der darauf lag; er ſah auch, daß ſie ihre rechte Hand auf den Pfoſten oben am Bette lehnte. Er näherte ſich jetzt und ſagte mit luſtigem Lachen: „Ich denke, ich habe Euer Geheimniß;“ als er aber die Sammtvorhänge da, wo ihre Hand ruhte, zurückſchob, konnte er nur eine von zwei ungeheuren Eiſenſchrauben wahrnehmen, welche das Bett anſcheinend unverrückbar an die Wand dahinter befeſtigten. Er machte noch einen Ver⸗ ſuch, um es von der Stelle zu rücken— aber umſonſt, bis er die Sache mit den lachenden Worten aufgab: „Ich muß mich eben Eurer Führung überlaſſen, Ma⸗ dame.“ „Ei, ich dachte, Ihr müßtet ſtärker ſeyn als ich,“ ver⸗ ſetzte die alte Frau;„doch laßt mich's verſuchen.“ Und die Hand leicht auf den oberen Pfoſten legend, ließ ſie das rieſige Bett ohne alle Anſtrengung wie eine ſchwere Thüre um ſeine Rollen ſich drehen, während es auf der einen Seite immer noch an die Wand befeſtigt, auf der 240 andern aber ganz frei davon blieb. Der geſtreifte Sammt⸗ vorhang auf der Rückſeite des Bettes war immer noch an der Wand feſtgeblieben; aber man konnte jetzt leicht wahr⸗ nehmen, daß er eine Thüre verſteckte, die ſich ohne Mühe öffnete. Smeaton ſchob ſie zurück und ſchaute in ein großes bequemes Zimmer. Aber er war nicht der Mann, um ſich an einem Orte einzuſchließen, wo er nicht auch die Mittel zum Ausgange kannte, und er überlief mit raſchem Blicke die Mauer und die Rückſeite des Bettes, als die alte Frau bemerkte: „Ihr ſeht, Sir, das Ding da, das wie eine große Bettſchraube ausſieht, iſt eigentlich ein Thürhaken, der in den Pfoſten läuft und an einer Feder feſthält. Um in's Zimmer zu gelangen, dürft Ihr nur die Platte auf dem Pfoſten drücken, durch welchen der Haken geht und zugleich die Schraube aufziehen. Ohne dieſen Kunſtgriff wird keine Macht der Erde es von der Stelle bringen; ſobald Ihr es aber thut, ſchiebt ſich das Bett von ſelbſt etwas vorwärts, der Haken hängt ſich aus und Ihr könnt es mit Leichtigkeit wegrollen.“ „Das iſt der Weg hinein,“ verſetzte Smeaton,„jetzt zeigt mir aber auch den Weg hinaus, gute Frau. Wie kann ich das Bett losmachen, nachdem Ihr es einmal zurückge⸗ rollt habt?“ „Das geht noch leichter als das⸗ Andere,“ erwiederte die Alte.„Schaut hier: dieſe Eiſenſtange, wie eine Schraube geformt, geht ganz durch den Balken; ſie iſt mit einer langen 241 Handhabe auf der andern Seite verſehen und an einem Drehpunkt befeſtigt. Ihr braucht blos die Handhabe nieder⸗ zudrücken, ſo wird der Haken ausſpringen und das Bett wird ſich einen oder zwei Zoll weit bewegen, ſo daß es ſich nicht wieder feſtſtellen kann. Es iſt irgendwo da drinnen ein Holzblock— eine Art von Roſt— den Ihr unter die Handhabe ſchieben könnt; dann kann ſie Niemand von außen losmachen, ohne das Ganze in Stücke zu reißen. Ich komme jedes Jahr viermal hieher, um nachzuſehen, ob Alles in Ordnung iſt und ſich leicht bewegt. Doch wir dürfen uns nicht mit Plaudern aufhalten; ich will Euch den Weg zei⸗ gen, Sir.“ Hiemit ſchritt ſte über das Einfaßbrett, das unter der Thüröffnung offen da lag. „Ihr ſeht, Sir,“ fuhr ſie fort, auf eine Anzahl kleiner, theils runder, theils viereckiger Gucklocher auf einer Seite des Zimmers deutend,„Ihr werdet Luft und Licht genug haben und es iſt auch nicht zu fürchten, daß Jemand Euer Licht ſehe, ſelbſt wenn Ihr ein Johannisfeuer anzünden wolltet, denn dieſe Löcher ſind auf der einen Seite durch das Geſims rings um Miß Emmelinens Fenſter und auf der andern durch das gleiche Gemäuer an den Fenſtern des Zimmers, das wir ſo eben verlaſſen, verſteckt. Sobald Alles ſicher iſt, will ich Euch von Eurem Zimmer etwas zum Nachteſſen und was Ihr ſonſt bedürfet, bringen; Ihr ſelbſt ſolltet aber lieber nicht heraustreten, bis ich komme und es Euch ſage, denn ich weiß nicht, wie Ihr das Bett James. Henry Smeaton, 16 242 wieder zurückziehen wolltet, wenn Ihr zum Rückzuge ge⸗ zwungen würdet.“ „Dann zeigt mir den andern Weg hinaus, von dem Ihr früher geſprochen habt,“ ſagte Smeaton.„Ich liebe derlei Rattenfallen nicht, und Geſchichten von ſolchen Ge⸗ heimzimmern ſind im Lande genug im Umlauf, ſo daß mehr Leute den Weg hier herein kennen dürften, als Ihr vielleicht glaubt“ Ein Ausdruck des Zögerns kam hier in der guten Mrs. Culpepper Geſicht, der aber augenblicklich ihrer gewohnten glatten Miene Platz machte. „So was iſt nicht zu fürchten, Sir,“ verſicherte ſie. „Außer mir und Sir John weiß Niemand von dieſem Zim⸗ mer. Ich will jetzt lieber gehen und unten Alles in Ord⸗ nung bringen; den andern Weg kann ich Euch zeigen, wenn ich Euer Abendeſſen bringe.“ „Nein in der That, meine gute Frau, Ihr müßt ihn mir jetzt weiſen, ſonſt werde ich ſicherlich nicht hier bleiben,“ erklärte Smeaton in entſchloſſenem Tone.„Dieſes Stück Mechanik könnte in Unordnung gerathen, ich könnte Leute ein⸗ brechen hören, und tauſend Dinge kkönnten ſich ereignen, um meine Entdeckung hier unvermeidlich zu machen, wenn ich den anderen Weg nicht wüßte, und ich mag mich hier nicht abfangen laſſen. Ihr müßt ihn alſo gefälligſt jetzt zeigen.“ „O ſehr wohl, Sir, ſehr wohl,“ erwiederte die Haus⸗ hälterin;„er iſt ſehr leicht zu finden. Seyd ſo gut und folgt mir.“ 243 Durch eine Thüre links der Gucklöcher führte ſie ihn über einen Gang, der in die Mauer zwiſchen der oberen und unteren Fenſterreihe merkwürdig hineingebaut war. Sobald ſie, wie Smeaton glaubte, an den Fenſtern von Emmelinens Zimmer vorüber waren, kam eine ſehr enge Treppenflucht und dann ein zweiter Gang. Eine aberma⸗ lige Treppe, ſteil aber breiter als die vorige, führte zu einem nicht ſehr ausgedehnten Backſteingewölbe, das urſprünglich ein Keller geweſen zu ſeyn ſchien; von hier lief ein langer, offenbar unterirdiſcher Gang in ſanfter Neigung abwärts, bis eine Steinthüre, worin ein Schlüſſelloch, das Ganze abſchloß. „Der Schlüſſel liegt immer hier, Sir,“ bemerkte Mrs. Culpepper, auf eine kleine Niſche deutend;„aber ich muß Euch noch ſagen, daß wenn Ihr die Thüre öffnet, dicht vor Euch ein Brunnen liegt, den Ihr, um hinauszukommen, überſchreiten müßt, ſonſt würdet Ihr ertrinken. Es iſt ein alter Brunnen mit einem Bogen drüber, deſſen Waſſer für kranke Augen gut ſeyn ſoll, ſo daß die Leute des Morgens oft herkommen und ſich davon holen. Wenn Ihr auf die⸗ ſer Seite der Thüre ſteht, könnt Ihr Alles hören, was ſie ſagen, während ſte am Brunnen plaudern. Der Pfad rech⸗ ter Hand führt durch den Wald auf der Rückſeite des Dorfes bis zur Bai, der links läuft wieder auf die Terraſſe vor der Front des Hauſes zurück; letzteres iſt wohl eine Viertelmeile von hier entfernt, und Pferde können keine hieher kommen, denn der Hügel iſt zu ſteil.“ Smeaton verſprach ſich zwar keine große Unterhaltung 46* 244 von dem Anhören des Geplauders der Fiſcherfrauen und ihrer Töchteer, folgte aber ſeiner Führerin ruhig zu dem oberen Zimmer zurück. Sie ließ dort ihr Licht ſtehen, ging durch die Oeffnung, ſchloß die Thüre, und er konnte ſie noch das Bett zurückrollen und die Krappe in die Feder einſpringen hören. Dreizehntes Kapitel. Es gibt Augenblicke im Leben eines Jeden, wo eine plötzliche unerwartete Veränderung uns durch eine lärmende aufregende Scene führt, wo wir uns unter unvorhergeſe⸗ henen Bedingungen zu raſchem Handeln entſcheiden müſſen, und uns dann verläßt, um in Schweigen und Einſamkeit über das eben Geſchehene nachzudenken. Die Wirkung iſt eine ſonderbare, wie alle Menſchen, die das reifere Leben er⸗ reichten, empfunden haben müſſen: unſern eigenen Gedanken überlaſſen, überſchauen wir die eben abgelaufenen, geſchäf⸗ tigen Momente, ungewiß, ob Vernunft oder bloſer Drang uns geleitet, und noch ungewiſſer, ob Drang oder Vernunft uns recht geleitet hat. Oft iſt die Antwort— ja, oft— nein, und in letzterem Falle wird der Menſch mit jener großen Geſchicklichkeit in der Kunſt ſeine eigenen Fehler und Thor⸗ heiten vor ſeinen Augen zu verhüllen ſich damit begnügen, daß er die Achſeln zuckt und ſagt: „Ich hab' es am beſten gemeint“— nur zu oft ver⸗ geſſend, wie von dem Fehler, den er alſo bemänteln moͤchte, 245 das Meiſte jener üblen Gewohnheit— die Vernunft nicht! zur ewig gegenwärtigen und bereiten Führerin zu machen — zuzuſchreiben iſt. Uebe ſie täglich, gebrauche ſie bei jeder Gelegenheit, und ſie wird auf den erſten Aufruf erſcheinen. Vernachläſſige ſie dagegen nur eine Stunde, und ſie ſchlum⸗ mert ein und bedarf Zeit zum Aufwachen. Eine Binſen⸗ wahrheit— nicht wahr? Aber iſt Einer unter uns, der ſich ihrer ſo oft erinnerte, wie er ſollte??“— Als Smeaton in dem Prieſterzimmer allein ſtand, be⸗ gann er ſich ſelbſt zu fragen, ob er weiſe gehandelt habe, indem er ſich in dieſen Verſteck einſchließen ließ, und er mußte ſich eingeſtehen, daß die Liebe zu Emmelinen und der Gedanke, die Mittel des Zutritts zu ihr auch unter gewiſſen unſicheren und noch fern liegenden Fällen ſich zu verſchaffen — zur Feſtſetzung ſeines Entſchluſſes mehr beigetragen hat⸗ ten als die Erwägung ſeiner eigenen Sicherheit oder ſeines eigenen Namens und Charakters. Er ſah, daß er nicht in Uebereinſtimmung mit der Vernunft gehandelt hatte; aber auch er— denn er war kein Ausbund von Vollkommenheit — behandelte den Irrthum nur leicht, indem er ſich ſagte: „Nun,'s iſt einmal geſchehen und kann nicht ungeſche⸗ hen gemacht werden. Laßt uns ſoviel Nutzen daraus ziehen, wie wir können. Immerhin gibt es einen Ausweg aus dieſem Zimmer, und das iſt ein Troſt; aber ich will ihn jetzt genauer unterſuchen. Ich ſah zwar den Schlüſſel daliegen, überzeugte mich aber nicht, ob er auch paßt, und er ſchien ziemlich roſtig.“ In ſolchen Gedanken nahm er das Licht vom Tiſche 246 und wanderte raſch durch den Gang, den die alte Frau ihn geführt hatte. .„Sie war eine Thörin, daß ſie zögerte, mir den Weg zu weiſen,“ dachte er;„der war ja gar nicht zu verfehlen.“ Am Ende des unteren Ganges fand er den Schlüſſel in der kleinen Niſche liegend und wollte ihn eben in's Schloß ſtecken, als er einen Schritt zu vernehmen glaubte, ohne anfänglich unterſcheiden zu können, ob er von dem Gange hinter ihm oder von dem Abhange des Hügels vor der Thüre herkomme. Er drehte ſich, um zu ſchauen und zu horchen, und jetzt vernahm er deutlich jenen Schritt offen⸗ bar ganz nahe bei ihm, aber auf der Außenſeite. Im näch⸗ ſten Augenblicke hörte man eine Stimme in mürriſchem Tone und ſtarkem Devonſhirer Accent ſagen: 3 „Ich ſehe nicht ein, wozu das nützen ſoll, uns hieher zu ſchicken. In dieſem Walde könnten ſie uns ja zu Iwan⸗ zig entwiſchen, ohne daß wir's merkten.“ „Kümmere Dich nicht darum, Jim; thue Deine Pflicht und parire der Ordre,“ erwiederte eine zweite Stimme.„Laß andere Leute bedenken, wozu etwas nützt. Ich bin über⸗ zeugt, Du würdeſt's doch nicht von ſelber finden, wenn Du dafür zehn Schritte von Deines Roſſes Rücken abbleiben müßteſt. Da gehe etwas tiefer hinab; ich will mich hier, wo der Pfad ſich wendet, als Schildwache aufſtellen.“ „Oho!“ dachte Smeaton bei ſich ſelbſt,„die Nach⸗ ſuchung hat begonnen. Da will ich hier doch ein Bischen warten: kommt Jemand die Treppe herab und durch den Gang, ſo muß ich ihn ja bald hören, und ich denke, mit 247 den beiden Burſchen da draußen könnte man leicht fertig werden.“ Er ſtellte ſofort das Licht in die Niſche, wo der Schlüſ⸗ ſel gelegen hatte, brachte den Griff ſeines Schwertes etwas weiter nach vorne und ſteckte den Schlüſſel ſachte in das Schloß. So verſtrichen einige Minuten in vollkommenem Schweigen, während die Männer draußen entweder völlig ſtill ſtanden, oder am Rande der Quelle ſaßen; bald aber erfaßte Smeatons ſcharfes Gehör den Klang entfernter Fußtritte, welche offenbar— aber nicht auf dem Gange, in dem er ſich befand— näher und näher kamen. „Bin doch begierig, wer dieſer neue Beſuch ſeyn mag!“ dachte Smeaton und beugte den Kopf, um noch aufmerkſa⸗ mer zu lauſchen. Der Schritt kam immer näher bis dicht vor die Thüre, hinter welcher er ſtand; dann folgte der laute Anruf:„Halt!“ und er vernahm ein Geräuſch wie einen Sprung und eine kurze Balgerei. „Uff, uff! erwürgt mich nur nicht!“ rief eine ehrliche, runde, luſtige Stimme.„Mann, bedenkt doch nur, daß ich mit Gottes Segen und dem Beiſtande von Kapaunen und gebrannten Waſſern ganz apoplektiſch bin. Wenn Ihr meine Halsbinde auf dieſe Weiſe zuſchnürt, werdet Ihr nichts als einen todten Bildhauer davontragen, und das iſt ſo ſchlimm wie ein todter Löwe.“ Die letzten Worte beſtätigten, was der Ton der Stimme dem horchenden Smeaton zuvor ſchon angedeutet hatte, daß nämlich ſein guter Freund Van Nooſt die Perſon war, welche den Philiſtern in die Hände gefallen, und da er aus dem heutigen Morgengeſpräche ſchloß, daß der arme Bild⸗ hauer mehr Urſache als er ſelbſt hatte, ſich vor den Nach⸗ ſtellungen der Juſtiz zu fürchten, ſo empfand er ernſtliche Sorge um den Armen. „Löwe oder wie Ihr Euch ſonſt nennen möget,“ herrſchte ihm der Kriegsmann zu—„Ihr müßt mit mir. Kommt, kommt und ſträubt Euch nicht, ſonſt breche ich Euch den Hals, Meiſter. Beim Donner! man ſagt, ſo fett wie ein Lord', und wenn der ein Lord iſt, ſo gehört er jedenfalls zu den fetten.“ „Uff, uff!“ ächzte Van Nooſt;„ich ſag' Euch, Ihr wer⸗ det mich erwürgen, wenn Ihr auf dieſe Weiſe an mir zerrt.“ Smeaton konnte es nicht länger aushalten: der Drang, dem armen Bleifigurenfabrikanten zu helfen, war zu ſtark, und er mußte ihm nachgeben. Der Schlüſſel war im Au⸗ genblicke umgedreht und die Thüre zurückgezogen, während das Licht in der Niſche vollkommen verſteckt blieb. Ein ſchwacher Schimmer des aufgegangenen Mondes ließ ihn die Waſſer des Brunnens etwa drei Fuß vor ſich mit einem kleinen Pfade jenſeits, wie auch den Kriegsmann, der den armen Van Nooſt weiter ſchleppte— erkennen. Smeaton war im Augenblick jenſeits des Brunnens; der Mann, der ein Geräuſch hörte, drehte den Kopf; aber noch ehe er ſehen konnte, woher es kam oder wer ſein Angreifer war, zwang ihn ein Schlag von Smeatons geballter Fauſt, den Bild⸗ hauer loszulaſſen, und ein zweiter warf ihn zwiſchen die Bäume und Büſche den Hügel hinab, noch ehe er ſein Schwert gebrauchen konnte. — 249 „Geſchwind! kommt mit mir!“ rief Smeaton, Van Nooſt's Hand ergreifend und ihn mit ſich ziehend.„Springt — aber einen guten Sprung!“ Die letzteren Worte ſagte er, nachdem er ſelbſt über den Brunnen geſetzt hatte und ſchon im Gange ſtand, wäh⸗ rend er noch immer Van Nooſt's Hand über dem Waſſer feſthielt. Dem armen Bildhauer ſchien jedoch ein Theil ſeines Blei's in das Hintertheil gerathen zu ſeyn, denn er machte zwar eine große Anſtrengung, um ſeinem Führer zu folgen, fiel aber doch um einige Zoll zu kurz und wäre wahrſcheinlich ertrunken, wenn Smeaton ihn nicht feſtgehal⸗ ten hätte. Dieſer zog ihn köpflings in den Gang herein und verſchloß ruhig die Thüre. „Pſch!“ flüſterte er, als er ſah, daß Van Nooſt ſpre⸗ chen wollte.„Pſch, pſch! verhaltet Euch ganz ſtill!“ „Jim, Jim,“ ſchrie der Soldat draußen;„ſchau nach den Burſchen. Sie kommen Deinen Weg— halte ſie an — ſchieß ſie nieder, wenn ſie nicht ſtehen wollen.“ So ſprechend krabbelte er wieder den Pfad herauf, wobei er einen großen Stein loslöste, der in das Thal hin⸗ abrollte. Ob nun der andere Soldat dieſen Stein für ei⸗ nen fliehenden Feind nahm oder nicht, weiß ich nicht zu ſa⸗ gen; man hörte ihn nur gleich darauf ein lautes„Halt!“ rufen und im nächſten Augenblicke eine Piſtole abſchießen. Smeaton lächelte und flüſterte ſeinem Gefährten zu: „Alles iſt ſicher; aber verhaltet Euch mäuschenſtill.“ Jetzt hörte man viele Fußtritte von oben kommen, da einige der Begleiter der unten Stehenden, durch den Schuß 250. allarmirt, herabeilten; es folgte große Verwirtung und ein lebhaftes Geſchnatter von Stimmen, wovon die beiden im Gange Geborgenen nur einzelne Fragmente, etwa in fol⸗ gender Weiſe vernahmen: „Was gibt's, was gibt's?“ „Hieher, kommt hieher. Sie gingen da hinunter. Ich hatte ihn ſchon am Kragen gefaßt, aber ein Anderer kam herbei und ſchlug mich nieder.“ „Wen hattet Ihr gepackt?“ „Sie hatten eine Blendlaterne bei ſich, denn das Licht blitzte heraus und blendete meine Augen. Wenn Ihr Euch nicht ſputet, ſo werden ſie entwiſchen. Sie liefen gerades⸗ wegs zur Bai hinab.“ Viele andere Rufe, Fragen und Antworten miſchten ſich ein, bis zwei oder drei von den Soldaten dem Zurufe desjenigen, der die Piſtole abgefeuert, antwortend den Pfad hinabeilten und unter ſeiner Führung theils zwiſchen der Rückſeite der Häuſer und dem ſteilen Hügel, theils das kleine Bächlein entlang rannten und ſo den ganzen Lauf des Tha⸗ les durchſtöberten, bis ſie das weiche, weiße Sandufer der Bai erreichten.. Die Scene war ſchön und ruhig. Der Mond ſchien glänzend auf die geſchützten Waſſer der Bai, in gekräuſel⸗ tes Silber ſie verwandelnd, während ſich Ale Head ſchwarz und ſchattig wie eine rieſige Mauer um die Südweſtſeite lagerte und die gegenüberliegende Spitze von Ale Down jetzt eben von dem Strahle des Mondlichtes erhellt wurde. Es war ein Anblick, der einen Liebhaber maleriſcher Scenen 251 oder eines der unglücklichen Kinder der Phantaſie zum Stille⸗ ſtehen und Träumen hätte veranlaſſen können. Die Sol⸗ daten hatten jedoch keine ſolchen Gedanken; ein einziger Gegenſtand zog ihre ganze Aufmerkſamkeit auf ſich— ein Fiſcherboot nämlich, welches ruhig aus der kleinen Mündung der Bai herausruderte und einen winzigen Fleck der leuch⸗ tenden See verdunkelte. Sie zogen daraus ihre eigenen Schlüſſe, welche gleich den meiſten haſtigen Schlüſſen aus ungenügenden Vorlagen gänzlich falſch waren. Das Boot war nur mit Fiſchers⸗ leuten gefüllt, und wenn die Verfolger ſich Zeit zum Erwä⸗ gen gelaſſen hätten, ſo würden ſie begriffen haben, daß zwi⸗ ſchen dem Abfeuern des Schuſſes oben und dem Augenblicke, da ſie die Bai erreichten, nicht ſo viel Zeit verſtrichen war, daß irgend Jemand das Boot hätte abſtoßen und zu dem Eingange der Bai hätte rudern können. Sie ſchloßen je⸗ doch in ihrem Sinne, daß die Perſonen, denen ſie nach⸗ forſchten, ihr Entkommen auf dieſe Weiſe bewirkt hatten, und Einer unter ihnen ſagte zu den Andern: „Nun, die ſind fort, das iſt klar, und es⸗wäre umſonſt ihnen folgen zu wollen; denn ſelbſt wenn wir die Boote loskriegten, ſo verſtehe ich nicht mehr davon als ein Eſel von einem Pulverhorn. Weißt Du's vielleicht, Symes?“ „Nicht mehr wie Ihr, Korporal,“ erwiederte der An⸗ dere.„Wir wollen lieber nach dem Hauſe zurück und es dem Richter melden.“ „Sage dem Kapitän, Symes, ſage dem Kapitän,“ korrigirte der Korporal.„Das iſt's, was wir thun müſſen. 2⁵² Wir wiſſen nichts von Richtern; die Juſtiz hat nicht mehr mit uns zu ſchaffen als mein Hut mit einem Schlüſſelbund. Wir ſtehen unter unſerem Kapitän, Symes, und ihm will ich jetzt Rapport machen. Kommt mit, ihr Leute.“ 3 Während all' dieſe Ereigniſſe auf dem Abhange des Hügels und in dem Gange zunächſt dem Brunnen vor ſich gegangen waren, hatten mittlerweile in Ale Manor Houſe ſelbſt andere Vorgänge ſtattgefunden, welche ich kurz berich⸗ ten muß. Richard Newark war Smeatons und Mrs. Culpepper ru⸗ hig nachgeſchlichen, ſo weit er es wagen konnte, und hatte jedenfalls die Richtung entdeckt, welche ſie eingeſchlagen hatten. Emmeline war auf die Terraſſe geeilt und hatte die Fenſter oben beobachtet, woraus ſie weitere Kunde über den Weg zog, den ſie das Licht wandern ſah. Sie bemerkte es in der That ganz deutlich durch die ihrem Zimmer zunächſt liegenden Fenſter, und dort ſchien es eine Weile ſtill zu ſte⸗ hen. Ein ferner Laut war jedoch die Urſache, daß ſie plötzlich in's Haus zurückkehrte und die Thüren zu verſchließen be⸗ fahl. Dies war kaum geſchehen, als die alte Haushälterin zurückkehrte und in ihrer ruhigen, geräuſchloſen Weiſe von Diener zu Diener gehend, Jedem auftrug, falls nach Oberſt Smeaton gefragt würde, zu ſagen, daß er für heute nach Arminſter geritten ſey. Nun kam eine erwartungsvolle Pauſe; ſie dauerte je⸗ doch nicht ſehr lange, denn nach Verlauf von fünf bis ſechs Minuten verkündete das Pferdegetrappel auf der Terraſſe die Annäherung der Truppen. Allerhand Befehle wurden 253 mit lauter Stimme gegeben, und dann hörte man die große Thorglocke anziehen. „Oeffnet die Thüre nicht,“ ſagte Richard Newark zu einem der Diener, der durch die Halle gehen wollte,„laßt mich nachſehen, wer die Leute ſind.“ Und eines der Fenſter des Salons halb öffnend, rief er hinaus:„Was wollt Ihr, Meiſters? Glaubt Ihr, wir hielten hier einen Pferdemarkt, daß Ihr ſo viele Thiere zum Verkauf mitbringt?“ „In des Königs Namen öffnet die Thüre den königli⸗ chen Truppen,“ befahl der kommandirende Offizier, der ge⸗ rade ſo viel Punſch zu ſich genommen hatte, als mit dem richtigen Gleichmaße ſeines Verſtandes verträglich war. „Wir haben dieſes Haus zu durchſuchen.“ „Das ſollt Ihr nicht, und ob Ihr auch zweimal ſo groß wäret,“ erwiederte der Knabe keck,„ohne ein geſetz⸗ liches Recht dazu zu haben. Wißt Ihr, daß dies das Haus Sir John Newarks, Friedensrichters in hieſiger Graf⸗ ſchaft, iſt.“ „O laß ſie ein, Richard,“ ſagte Emmeline;„Du kannſt ſie doch nicht aufhalten.“ Im ſelben Augenblick ſah man den Richter Beſt zu Fuß dem Fenſter ſich nähern. „Laßt Eure Leute die Thüre öffnen, Junker Richard,“ hub er an.„Mein Name iſt Beſt; Ihr habt mich bei Eu⸗ rem Vater geſehen und müßt wiſſen, daß auch ich Friedens⸗ richter bin. Sir John iſt von unſerm Kommen unterrichtet und macht keine Einwendung dagegen.“ „Ah, das iſt ein anderer Fall, ehrwürdiger Meiſter 254 Beſt,“ erwiederte der Knabe.„Oeffnet die Thüre, ihr Leute, und laßt den großen Magiſtratsherrn ein.“ Und ein Licht vom Tiſche nehmend, trat er in die Halle und verbeugte ſich tief in ſpöttiſcher Ehrerbietung, als der Richter mit zwei bis drei Soldaten eintrat. „Was iſt Euer Wille und Verlangen, und wen ſucht Ihr, ehrwürdiger Herr?“ fragte der Knabe, deſſen Witz ſich durch die Uebung zu ſchärfen ſchien.„Was mich ſelbſt betrifft— ich bin ganz harmlos. Ich hörte einſt ein altes Weib mich einen Schwachkopf nennen, und meine Amme hieß mich immer nur ihr Lämmchen, ſo daß ich, wenn anders die Juſtiz nicht ein Wolf iſt, von ihren Fängen nichts zu fürchten habe. In der That iſt dieſe meine Wiſſensbüchſe ſo leer, daß nicht Stoff genug darin iſt, um einen Verrath — und wäre es auch nur gegen eines Pächters Obſtgarten — daraus zu ſchmieden, und was gar Raub oder Mord an⸗ langt, ſo iſt ſo was wahrhaftig nie in meinen Wackler ge⸗ kommen— Vogelneſter und Makrelen in der Bai natürlich ausgenommen.“ „Ihr ſeyd ein luſtiger Burſche, Junker Richard,“ er⸗ wiederte der Friedensrichter;„der Zweck unſeres Hieher⸗ kommens iſt aber eine gewiſſe Perſon, geltend und gehalten für den Diener eines gewiſſen Oberſt Henry Smeaton, auf⸗ zuſuchen. Wenn er uns ſogleich vorgeführt wird, wollen wir Euch keine weitere Mühe machen— wo nicht, ſo müſſen wir das Haus durchſuchen, denn wir ſind glaubhaft unter⸗ richtet, daß jener Mann in der Verkleidung eines Dieners kein Anderer als der Earl von Eskdale, ein bekannter 25⁵ Anhänger des Prätendenten, iſt. Er kann unmöglich ent⸗ wiſchen, denn das Haus iſt umſtellt. Ihr thut alſo beſſer, ihn alsbald vorzuführen. Da ich jedoch Alles mit Artigkeit zu vollführen wünſche, ſo mögt Ihr meine Worte lieber dem Oberſt Smeaton mittheilen, welcher einem beleidigenden Verdachte entrinnen wird, wenn er ſeinen Gefährten frei herausgibt.“ „Oberſt Smeaton iſt heute Nachmittag nach Armin⸗ ſter gegangen,“ ſagte einer der Diener vortretend„„und wird heute Nacht nicht zurückkommen; ſein Diener war aber kaum vor einer Minute in der Halle und brachte alle Mägde zum Lachen durch ſeine ſpaßigen Geſchichten.“ „Ja, ja, glaub's gern,“ meinte der Richter;„wir ha⸗ ben gehört, daß er eine ſpaßhafte Perſon ſey. Das beſtä⸗ tigt nur unſere Nachricht. Seyd ſo gut, ihn hieher zu be⸗ ſcheiden, und bedenkt, wie Ihr zugegeben habt, daß er noch vor einer Minute im Hauſe war.“ „Allerdings gab ich's zu,“ entgegnete der Mann ver⸗ drießlich;„ich zweifle auch nicht, daß er in weniger als einer Minute hier in der Halle ſeyn wird.“ Mit dieſen Worten ging er fort, etwas von einem „Narrenpack“ vor ſich hin murmelnd, was der Richter nicht hoͤrte oder nicht hören mochte. Dieſer wendete ſich bedäch⸗ tig nach der Thür des kleineren Salons und bemerkte in ſei⸗ nem gewohnten ſanften, höflichen Tone: „Vielleicht erlaubt Ihr mir, Junker Richard, meinen Gefangenen in dieſem Zimmer zu verhören. Wir haben einen langen Ritt gehabt, und ein Sitz in einem Stuhle 256 wäre mir erfreulicher als im Sattel zu bleiben oder auf meinen Beinen zu ſtehen.“ „Ja, ſie ſcheinen ſchwach genug,“ meinte der Knabe; „Ihr ſollt übrigens volle Erlaubniß und Licenz haben, ganz nach Belieben, ſo lang wie eine Henne zu ſitzen und zu ſe⸗ hen, was Ihr aushecken könnt— ohne Zweifel eine Brut von Unſinn!“ murmelte er vor ſich hin, während er dem Richter in das Zimmer folgte. Hier erhob er ſeine Stimme abermals und ſagte:„da iſt der Friedensrichter Beſt, Emmy, gekommen, um nach Henry Smeatons Diener zu ſehen, den er beſchuldigt, ein Anhänger der drei Könige von Brentford zu ſeyn und Hochverrath gegen die weiſen Männer von Gotham zu ſpinnen. Er will ihn hier verhören, und wir werden ohne Zweifel einen ſeltenen Spaß haben. Bleibe nur hier und ſieh, wie Salomons Sprüchwörter angewen⸗ det werden.“ Emmeline zog jedoch vor, mit einer Verneigung gegen den Richter, dem Zimmer zu entrinnen; denn ſo ſehr ſie auch wünſchte, Alles was vorging mit anzuhören, ſo fürchtete ſie doch, daß ihre Unruhe und Aengſtlichkeit zu deutlich her⸗ vortreten möchte. Mr. Beſt, der Friedensrichter, ſah zwar deutlich ge⸗ nug, daß Richard Newark ſich über ihn luſtig machte; da jedoch der Knabe in der Grafſchaft allgemein als ein Schwach⸗ kopf angeſehen wurde, ſo begnügte er ſich mit den Worten: „armer Junge!“ und ſetzte ſich feierlich an den Tiſch. „Der Burſche kommt nicht, wie es ſcheint,“ bemerkte Kapitän Smallpiece, der mit etlichen Soldaten in das 257 Zimmer gefolgt war.„Ich will lieber das Haus durch⸗ ſuchen, Euer Ehrwürden.“ „Nein, nein, nein!“ rief der Richter;„geduldet Euch ein wenig, Smallpiece. Einer von Euch habe die Güte, meinen Schreiber zu rufen.“ „Hier bin ich, Sir;“ rief ein kleines Männchen von hinten, und faſt im ſelben Augenblicke trat Smeatons Diener in's Zimmer. Auf ſeinem Geſichte lag ein ſonderbarer, eigen⸗ thümlich lauernder Ausdruck, welcher zu zeigen ſchien, daß er auf alle Fälle keine Beſorgniß für den Ausgang hegte. Ihm folgte der Diener, der mit dem Richter in der Halle geſprochen, nebſt etlichen andern Domeſtiken, und Beſt, ſeine Augen mit wichtiger Miene auf das Geſicht des Eintreten⸗ den heftend, fragte: „Sagt mir doch, wer ſeyd Ihr, Sir?“ „Oberſt Smeatons Diener,“ gab dieſer mit ſtarkem Cockney⸗Aecent“ zur Antwort.„Man ſagte mir, Ihr verlangtet nach mir.“ „Seyd Ihr ſein einziger Diener?“ fragte der Rich⸗ ter, über des Mannes Ausſehen nicht wenig verdutzt. „Er könnte keinen Beſſeren haben,“ verſicherte der Burſche,„und wenn ich gleich der Einzige bin, ſo bin ich doch ſo gut wie Zwei, denn ich ſtriegle die Pferde und be⸗ kammerdienere den Herrn.“ „Oho,“ rief da der Richter;„jetzt kommen wir zur Sache. Mich dünkt, ein gewöhnlicher Lakai würde nicht ein ſolches Betragen gegen einen Grafſchaftsrichter annehmen, *„Cockney“ nennt man das Londoner Stadtkind. D. U. James. Henry Smeaton. 17 258 der im Namen des Königs handelt. Die Vermummung nützt Euch nichts, Mylord; wir wiſſen Alles und ſind ganz genau über Euch berichtet.“ „Lord! Lord! Ich— ein Lord?“ lachte der Mann; „wer hätte gedacht, daß ich noch ein Lord werden würde! Ich, der ich in einem Dachkämmerchen an der Ecke der Feſſel⸗ gaſſe geboren und von den Dämpfen des Seifenbreis gemä⸗ ſtet wurde— meine Mutter war nämlich eine Waſchfrau, Euer Ehrwürden— ein ehrliches Weib bei all' dem, und ich ſoll noch ein Lord werden! Nun die Transferirungen in dieſer verkehrten Welt ſind wunderbar, das darf ich wohl ſagen. Hat Euer Ehrwürden mein Patent vielleicht in je⸗ nem kleinen Buche? Wenn Ihr's habt, ſo will ich all' mein Leben lang ein Lord bleiben— Ihr könnt mich hän⸗ gen, wenn ich's nicht thue— und eine Penſion vom König erlangen, um meine Würde aufrecht zu erhalten.“ „Fünf Fuß eilf ein halb Zoll,“ las der Richter aus einem Papier, das er aus ſeinem Taſchenbuche genommen und maß dann mit den Augen die Geſtalt des Mannes. „Hol's der Teufel! er ſcheint nicht ganz ſo groß zu ſeyn.“ „Fünf Fuß, drei Zoll ohne meine Schuhe,“ verſetzte der Burſche ſpitzig;„aber vielleicht werde ich noch wachſen, denn ich zähle erſt einunddreißig und werde ja jetzt ein Peer des Königreichs. Ich ſehe nicht ein, warum ich nicht noch jede Größe erreichen könnte, nachdem ich jetzt Titel und Recht erlangt habe, meinen Kopf hoͤher zu tragen, als ich es je im Sinne hatte. Die Demuth hat mich bis jetzt ſo kurz gehalten.“ 259 „Kommt, kommt, Sir,“ ſagte der Friedensrichter in einem argen Zuſtande des Zweifels und der Unentſchloſſen⸗ heit.„Wenn Ihr der Earl von Eskdale ſeyd, ſo thätet Ihr beſſer, es lieber gleich zu geſtehen; und mögt Ihr's nun ſeyn oder nicht, ſo behandelt wenigſtens den Gerichtshof mit Achtung.“ „Der Earl von Eskdale!“ rief die alte Mrs. Culpep⸗ per, welche mit der anderen Dienerſchaft in's Zimmer getreten war, und fuhr dann fort, nachdem die Ueberra⸗ ſchung bewirkt hatte, was ſonſt wenigen Dingen bei ihr gelang— nämlich ſie ihre Behutſamkeit vergeſſen zu laſſen: „nein, ich kann dafür garantiren, daß er nicht jenem Blute angehört. Der Earl von Eskdale muß ja ein alter Grau⸗ kopf ſeyn.“ „O, jener Earl iſt todt,“ verſetzte der Richter;„wir ſprachen hier von dem jungen Earl, gute Frau,— Mrs. Culpepper, glaube ich. Ich hoffe, Ihr ſeyd wohl, Mrs. Culpepper— aber miſcht Euch nicht in dieſe Affairen; denn ich glaube nicht, daß Ihr etwas davon wiſſen könnt.“ „Wie könnt Ihr was wiſſen, Beſte?“ ſchmähte der Diener, ſich mit ſpaßhafter Entrüſtung ſcharf nach ihr um⸗ wendend.„Ich bitt' Euch, werft mich nicht aus meiner Würde— ich kann noch ein Peer oder ein Prinz werden, und das geht Euch nichts an.“ „So einen ſah ich noch nie,“ bemerkte die alte Frau ſarkaſtiſch;„aber das kann ich behaupten, daß Ihr Keiner von der Familie Eskdale ſeyd, denn ſie waren lauter große, hübſche Männer und Frauen, und Ihr ſeht ihnen gerade 17* 260 ſo gut ähnlich wie etwa ein Bettlersköter einem Pürſch⸗ hunde.“ „Nur höflich, ich ſag's Euch, höflich!“ ſpottete der Mann.„Ihr ſeht, ſo hohe Stellung iſt nicht ohne Unbe⸗ quemlichkeit; wenn mir aber Euer Ehrwürden nur wenig⸗ ſtens den Peer ausziehen wollte, ſo würde ich jeden anderen Titel, den's Euch beliebt, annehmen. Namen ſind mir ganz gleichgültig und Ihr könntet mich meinethalben Lord Feſſelgaſſe oder Earl von Newgate nennen.“ „Ihr könntet bald ein beſſeres Recht zu beiden Titeln erhalten als Ihr erwartet,“ brummte Kapitän Smallpiece, der ſich nur ſchwer überzeugen ließ. Allein der Richter, deſſen Verſtand etwas klarer, wenn auch nicht ganz hellſehend war, fing mittlerweile an, über den wirklichen Stand des Inquirirten gar wunderbare Zweifel zu hegen. „Sagt mir doch, Sir,“ hub er wieder an,„wenn Ihr wirklich Oberſt Smeatons Diener und kein Anderer ſeyd— wann und wo ſeyd Ihr in jenes Gentlemans Dienſte ge⸗ treten?“ „In Lonnon Stadt, am fünften Tage des verfloſſenen Juni, etwa um halb vier Uhr Abends,“ gab der Mann trocken zur Antwort.„Gott ſey Dank! ich habe eine gute Erziehung, wenn man die Schule erwägt, in der ich auf⸗ wuchs, auch bin ich ſehr g'ordnet in meinen Gewohnheiten, was ich meiner theuren hingeſchiedenen Mutter verdanke, die ihre Waſchbücher ſehr pünktlich führte und ihre Hände jedesmal abtrocknete, ſobald ſie ſie aus dem Zuber brachte. Die arme Frau pflegte zu ſagen, ſie könne jederzeit mit 261 reinen Händen an den Hof gehen; das kann auch ich, denn ſeht nur, ich halte mir hier immer ein kleines Taſchenbuch, worin ich eintrage, wann ich in einen Dienſt trete, wann ich ihn verlaſſe, und das laſſe ich mir von meinen gütigen Ge⸗ bietern unterſchreiben. Einige von ihnen ſprechen freilich nicht ſo gut von mir, wie ich's verdiene; doch können ſie mir im Ganzen nicht viel Schlimmes nachſagen. Hier iſt das Buch— Ihr könnt es anſehen.“ „Laßt ſehen, laßt ſehen,“ wiederholte der Richter, in⸗ dem er das Buch nahm und die verſchiedenen Charakter⸗ ſchilderungen las, welche dem Manne von den einzelnen Herren, bei welchen er gedient, zu Theil geworden waren. Eine davon lautete: „Hiemit wird bezeugt, daß Thomas Higham eilf Mo⸗ nate und drei Tage ine meinen Dienſten ſtand— ein ge⸗ ſcheidter Burſche, aber ein boshafter Spitzbube— paſſabel ehrlich und nicht dem Trunk ergeben. Ich entließ ihn we⸗ gen ſeiner Unverſchämtheit. Henry Sackville, Schatzkämmerer in Ihrer Majeſtät Haushalt.“ So lautete das erſte Zeugniß; ihm folgten viele an⸗ dere, faſt alle deſſelben Inhalts, welche über Meiſter Tho⸗ mas Highams Lebenszeit vom ſechszehnten Jahr bis zu dem Augenblick, da er hier vor dem Friedensrichter ſtand, volle Rechenſchaft ablegten. 262 „Hier muß ein Mißverſtändniß obwalten,“ meinte Mr. Beſt, den Kapitän Smallpiece zu ſich winkend und ihm die Papiere vorweiſend. In dieſem Augenblick hörte man den Knall von Feuerwaffen durch das Fenſter hereinſchallen, das Richard Newark offen gelaſſen hatte, und der Friedensrichter rief:„Horch! was iſt das 2 3 „Einem der Thoren iſt vermuthlich eine Piſtole durch Zufall losgegangen,“ meinte der militäriſche Befehlshaber. „Als ächte Thoren müſſen ſie auch immer eine Narrheit be⸗ gehen.“ Nach dieſem Orakelſpruche machte er ſich mit etwas unſtätem Blicke an die Unterſuchung der vor ihm liegenden Zeugniſſe. Er gehörte zu jenen Männern, welche ſelbſt in ihren nüchternſten Augenblicken(und er war jetzt nicht nüch⸗ tern) jenen gewiſſen Schleier über dem Blicke ihres Geiſtes haben, der ſie verhindert, außer dem unmittelbar Vorlie⸗ genden noch irgend etwas Anderes zu bemerken. Erblät⸗ terte unbehülflich in den Zeugniſſen herum, indem er von Zeit zu Zeit wiederholte: „Nun, ich ſehe nicht ein, was dies damit zu ſchaffen hat. In der That, ich ſehe es nicht ein; Tom Higham kann ganz wohl ein boshafter Burſche ſeyn; aber wer iſt Tom Higham?— das möcht' ich wiſſen. Ihr könnt nicht ſagen, daß dieſer Tom Higham iſt.“ „Aber es iſt ganz klar, daß er nicht der Lord Eskdale ſeyn kann,“ erwiederte der Richter,„denn Se. Lordſchaft iſt ſechs Fuß groß und dieſer Mann nur fünf Fuß vier Zoll. Ich bin überzeugt, daß hier ein Mißverſtändniß vorliegt. 263 Unſere Information ſagt zwar entſchieden, man habe den Earl dieſen Weg ziehen ſehen; allein wir haben keinen Be⸗ weis, daß er in dieſes Haus gekommen.“ „Dann thun wir auf alle Fälle beſſer, nachzuſuchen,“ behauptete der Offtzier. Der Gerichtsbeamte war jedoch anderer Meinung. Er glaubte, in Beleidigung Sir John Newarks, vor dem er ſich nicht wenig ſcheute, gerade weit genug gegangen zu ſeyn; er ſah gar mancherlei Mittel vor ſich, wodurch der würdige Ritter ihn quälen, wenn nicht gar ihm weh' thun konnte, und wußte, daß Newark ſich nicht im Geringſten be⸗ denken würde, ſie gegen ihn zu gebrauchen. Es erfolgte ein ziemlich ſcharfer Wortwechſel, der Richard Newark nicht minder als Smeatons Diener höchlich ergötzte, welch Letzterer, nachdem der Streit einige Minuten ange⸗ dauert, mit ſeinem gewohnten boshaften Hohnlächeln ſich einmiſchte. „Wollen Eure Ehrwürden mir nicht ſagen, ob ich über⸗ haupt ein Lord werden ſoll oder nicht? Ich bin dazu völlig bereit, wenn Ihr's wünſchet.“ „Haltet's Maul, Burſche,“ gebot der Richter Beſt. „Ihr unterbrecht mich in meiner Erklärung gegen den Ka⸗ pitän Smallpiece, daß es unrecht, unhöflich und vielleicht ungeſetzlich wäre, ohne die beſtimmte Nachweiſung, daß ſich wirklich eine verurtheilte Perſon hier befindet, Sir John Newarks Haus zu durchſuchen. All' unſer Verdacht war auf Euch geheftet, und wenn er ſich als grundlos erweist, 264 ſo hat mein Amt in dieſem Falle ein Ende. Wenn freilich Kapitän Smallpiece es auf ſich nehmen will——“ Noch ehe er ſeinen Satz vollenden konnte, ſah man einen der Korporale des Regiments mit den Leuten, die mit ihm an der Bai unten geweſen waren, eintreten, ſich durch die vor der Thüre verſammelte Menge durchdrängen und mit militäriſchem Gruße vor ſeinem kommandirenden Offizier aufmarſchiren. „Nun was zum Teuſel wollt Ihr denn, Korporal? Ich hieß Euch doch außen Wache halten.“ „Ich habe zu rapportiren, daß ſie fort ſind, Sir,“ meldete der Mann.„Wir konnten ſie nicht eher einholen, bis ſie ein Boot beſtiegen hatten und auf und davon waren.“ „Wer, wer, wer?“ rief der Friedensrichter.„Wen meint Ihr mit Euren— ſte’?“ „Nun vermuthlich den Earl und ſeinen Diener, Euer Ehrwürden,“ verſetzte der Korporal.„Ich erwiſchte den Einen beim Kragen; da kam aber ein Anderer, blitzte mir das Licht einer Blendlaterne in die Augen und ſchleuderte mich köpflings den Hügel hinab, bevor ich noch vom Leder ziehen konnte. Zu gutem Glück ließen mich die Burſche nicht ganz hinabſtürzen. Sie rannten zuſammen den Wald hinunter und kamen an Iim vorbei, der ſeine Piſtole auf ſie abfeuerte.“ „Ja, das that ich,“ beſtätigte ein Mann hinter ihm. „Sie rannten alſo an's Waſſer hinab,“ fuhr der Kor⸗ poral fort,„und bevor wir ſie einholen konnten, waren ſie in ein Boot geſprungen und in die See hinausgerudert.“ 265 „Da, da haben wir's,“ jammerte Mr. Beſt.„Ich ſagt' es Euch ja, wie es kommen würde.“ Und dabei blickte er dem Kapitän Smallpiece gerade in's Geſicht, wie wenn dieſer Offizier an dem ganzen Un⸗ heile ſchuld wäre. „Mit nichten,“ erwiederte der Kapitän;„nichts der Art habt Ihr geſagt. Habt Ihr ja doch wie alle Uebrigen blind darauf geſchworen, daß dieſer Lakai der verkleidete Earl ſey, und daß Ihr ihn hier wie der Falke den Hecken⸗ ſperling überfallen würdet.“ „Wolltet Ihr aber nicht ohne den geringſten Grund zu einem Vorwande das Haus durchſuchen?“ fragte der Beamte. Der Offtzier wendete ſich jedoch mit einem Blicke halb⸗ trunkener Verachtung von ihm ab, indem er an ſeinen Kor⸗ poral die Frage richtete: „Was für eine Art von Leuten waren ſie denn, Kor⸗ poral?“ „Der eine war kurz und fett und trug viele Bänder an ſich,“ berichtete der Gefragte;„der Andere war groß und jung wie es ſchien, ſo weit ich dies wahrnehmen konnte.“ „Der Earl und ſein Diener— ohne Zweifel,“ behaup⸗ tete der Friedensrichter. „So vermuth' ich,“ brummte der Kapitän Smallpiece im Tone der Enttäuſchung.„Was iſt jetzt zu thun? Soll ich nachſuchen?“ „Nachſuchen!“ fragte der Richter.„Nachſuchen— wenn ſie einmal in See geſtochen! Wir haben keinen Be⸗ weis, daß ſie überhaupt im Hauſe waren; höchſt wahr⸗ 266 ſcheinlich haben ſie ſich all die Zeit in einer der Hütten auf⸗ gehalten. Was zu thun iſt? Ei ſobald wie möglich mit Euren Leuten abzumarſchiren, dann wollen wir ſehen, wie wir die Sache mit Sir John Newark beilegen. Er wird es ſobald nicht vergeſſen, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen. Ich verlange, Sir, daß Ihr Eure Leute abmarſchiren laſſet.“ „O ſehr wohl,“ ſchrie der Kapitän ganz erbost;„das ſoll ſchneller gethan ſeyn, als Euch vielleicht lieb iſt. Allons — blast zum Aufſitzen!“ Mit dieſem Befehle wendete er ſich zur Thüre. „Könntet Ihr mich nicht mit einem Glaſe Wein er⸗ Junker Richard?“ ſagte der Richter in einſchmei⸗ quicken, en, und das iſt trockene chelndem Tone.„Wir ſind weit geritt Arbeit.“ „Nicht einen Tropfen,“ erwiederte der Junge in keckem Tone.„Ihr ſeyd in eines Narren Auftrag gekommen und könnt Euch trocken davon trollen. Ich kann Euch nur ſa⸗ gen, Mr. Beſt⸗“ ſetzte er lachend hinzu,„Ihr werdet alles Witzes in Eurem Wackler bedürfen, um die Rechnung mit meinem Vater abzumachen, und es wäre Unrecht von mir, wenn ich auch nur ein Jota von ſeiner Liſte ſtriche, indem ich Euch Wein vorſetzte. Ihr habt heute Nacht ſchon ge⸗ nug getrunken, ſollte ich meinen, und auf alle Fälle bekommt Ihr hier nichts.“ Die Dienerſchaft lachte, und Richter Beſt wanderte aus dem Zimmer, indem er ſich viele Muͤhe gab, eine würde⸗ volle Miene anzunehmen, was aber gar nicht gelingen 267 wollte, während ſein Schreiber wie ein begoſſener Pudel hinter ihm drein zottelte. „Da, da,“ ſchrie Richard Newark, in die Halle und bis an den Fuß der Treppe ſpringend,„ſchließt alle Thüren und Fenſter. Emmy, Emmy, komm herunter; die Narren ſind alle fort!“ Vierzehntes Kapitel. Nachdem ich ſchon einmal die Scene in ein und dem⸗ ſelben Kapitel gewechſelt hatte, hielt ich es für's Beſte, eines jener Fragmente, in welche die Autorslaune einen Roman einzutheilen uns verleitet, zuvor zu beendigen, ehe ich zu Henry Smeaton und ſeinem Begleiter in den gehei⸗ men Gang zurückkehre. Wir müſſen nunmehr die Geſell⸗ ſchaft im Herrenhauſe verlaſſen und uns abermals an den Rand des Brunnens verſetzen, wo bald, nachdem Smeaton ſeine letzten Worte geſprochen, das Vorrücken der Soldaten gegen die Meeresbucht ganz deutlich unterſchieden werden konnte, ſo daß der Pfad draußen einſam und ſchweigend da⸗ zuliegen ſchien. „Sie ſind fort, guter Freund,“ ſagte Smeaton end⸗ lich, noch immer flüſternd, falls etwa ein Nachzügler noch zurück wäre.„Sie ſind fort; aber wir müſſen noch immer ſehr vorſichtig ſeyn, wenn wir der Gefahr entrinnen wollen. In Fortuna's Namen— was brachte Euch hier herüber, Van Nooſt? Wenn ich Euch nicht heute Morgen geſehen 268 und Eure Stimme vorhin nicht erkannt hätte, ſo ſtecktet Ihr jetzt in den Händen der Philiſter, mein guter Freund.“ „Dank, großer Simſon, Dank!“ rief Van Nooſt. „Die nächſte Figur, die ich modellire— wenn ich überhaupt noch modelliren werde— ſoll der hebräiſche Rieſe ſeyn mit ſeines Freundes Kinnbacken in der Hand. Ich bitte Eure Lordſchaft um Verzeihung, wenn ich ſcherze; es iſt aber von Alters her eine üble Gewohnheit von mir und ich werde wohl bis zum letzten Athemzuge ſcherzen. Ihr fragtet mich, wie ich hieher komme? Bei meiner armen Seele! ich weiß gar nicht, wo ich bin. Wenn Ihr jedoch meint, was mich nach Ale Manor gebracht habe, ſo kann ich Euch blos ſagen: es war der Eifer— Eifer, der wie ein ſchlechter Jägersmann den guten Hund— Vorſicht— immer überrennt.“ „Still!— ſprecht nicht ſo laut,“ mahnte Smeaton; „ſagt mir aber leiſe, welchen Weg Euer Eifer Euch dies⸗ mal führte.“ „Meiner Treu!“ erwiederte Van Nooſt,„es war der Weg, um Euch zu dienen, wie ich glaubte. Die Wahrheit iſt die: ſeit Ihr heute Morgen fortgingt bis zur Abend⸗ dämmerung half ich dem guten alten Küſter Mattoks die Monumente in der Kirche ſäubern, indem wir uns gegen⸗ ſeitig über unſere Witze luſtig machten. Ich entlehnte eine Grobſchmiedsſchürze, ſetzte mir eine Papiermütze auf und ſtülpte meinen Rock in die Höhe, um ihn ſauber zu erhalten — CEure Lordſchaft hätten mich nicht erkannt; ich ſah ganz aus wie ein Taglöhner. Eben als wir unſere Arbeit ver⸗ laſſen wollen, was ſehe ich da zu meinem Schrecken und . 269 meiner Beſtürzung— einen Trupp Reiter den Hügel herab⸗ kommen. Es war keine Zeit mehr, meinen Pony zu beſtei⸗ gen, noch Hände und Geſicht abzuwaſchen, um zu entkom⸗ men. Ihr kennt jene Seite des Hügels: ſie iſt ſo kahl und rund wie eines Neugeborenen Wange; mir blieb alſo nichts übrig als in der Kleidung, die ich anhatte und die mich hin⸗ länglich verſtellte, in die Schenke hinabzugehen und die gu⸗ ten Leute dort zu überreden, daß ſie mich für einen Kellner paſſiren ließen. Nun denn, die Soldaten kamen herbei, nahmen allen Hafer im Dörfchen für ihre Pferde, ſchrien in ächtem Dragonerſtyl nach Bier und ſetzten ſich vor die Thür, um zu ſaufen, während ihr Kapitän und ein gewiſſer Friedensrichter, der bei ihnen war, in gebieteriſchem Tone Punſch verlangten. Den Punſch habe ich ihnen ſtark genug gemacht; ich zahlte eine zweite Flaſche Rhum aus meiner eigenen Taſche, um's Ihren Ehren einzutränken. Hätte ich nur gedurft, ich hätte das ganze Regiment bewirthet. Eine Minute ſpäter kam Sir John Newark und verlangte gleich⸗ falls nach Punſch. Scharfe Worte wurden zwiſchen ihm und den Anderen gewechſelt und als ich ihm ſeine Bowle hineintrug, da erfuhr ich mit einemmale aus Dem, was ſie ſagten, daß nicht Euer armer, demüthiger Diener, ſondern Eure Lordſchaft von dieſen Leuten geſucht wurde. Ich be⸗ rieth die Sache eine Minute lang bei mir ſelbſt; der Eifer ſagte:'geh und warne den edlen Lord. Vorſicht ſagte: nimm dich in Acht, daß du nicht ſelbſt gefangen wirſt, Van Nooſt. Schere dich den Teufel um die Vorſicht,, rief der Eifer. Es iſt ganz finſter; die Soldaten ſind am Trinken; der 270 Pony ſteht hinter dem Hauſe; vor dir haſt du ein gut; Stück Raſen, der ſeinen Hufſchlag ſchweigſam machen wird; auf, in den Sattel, Van Nooſt, und fort! Thue wie du willſt, daß Andere dir thun ſollen, Mann! So hörte ich auf den letzten Sprecher und brach auf. Chrlich geſtanden, kannte ich meinen Weg gar nicht genau, und ich vermuthe, daß ich ſtatt fünf Meilen deren fünfzehn getrabt bin. Aber ich erreichte doch wenigſtens mein Ziel, band meinen Ponny unter eine Baumgruppe abſeits von hier, und ſtrich um das Haus, um einen geheimen Eingang zu finden, als ich zu bemerken anfing, daß andere Leute in geraderer Richtung als ich ſelbſt gekommen waren. Ich hörte Roſſe und Stim⸗ men, ſah Männer und Lichter, und mein Verſtand gerieth vor lauter Furcht in ſolchen Wirrwarr, daß ich nicht aus⸗ findig machen konnte, wo ich war. Ich lief den einen Pfad hinauf, den andern hinunter, und wußte nicht, welchen Weg ich einſchlagen ſollte, bis mich endlich ein Burſche an der Kehle packte und halb erwürgte. Während er mich fort⸗ ſchleppte, hörte ich auf ſeinen Wangen plötzlich ein Klat⸗ ſchen wie den dumpfen Fall eines Bleiklumpens in den Hoch⸗ ofen; dann kam ein zweiter Puff etwas härter als wenn er von dem Fächer einer Dame gekommen wäre, und fortrollte der Burſche den Hügel hinab. Im ſelben Augenblick packte mich Jemand am Kopfe, zog mich durch eine Pferdſchwemme wie ich glaube, denn meine Füße ſind ganz naß, und hier bin ich nun Euer Lordſchaft ganz ergebener Diener; aber wo— wer kann das ſagen?“ „Für jetzt an einem ſicheren Orte, Van Nooſt,“ 271 verſetzte der junge Edelmann;„ich werde für Eure Sicher⸗ heit ſorgen, ſo gut ich kann.— Horch! ich glaube ſie wieder vorüberkommen zu hören“ Er näherte ſich der Thüre und legte ſein Ohr dicht daran, um zu horchen. Gleich darauf kamen die Männer von der Bai zurück, indem wenigſtens einige unter lebhaftem Geplauder den früheren Pfad einſchlugen. Smeaton lauſchte in tiefer Aufmerkſamkeit; allein Van Nooſt raſchelte fort⸗ während trotz einer ungeduldigen Gebärde ſeines Begleiters, der, ſobald die Soldaten vorüber waren, ſich mit der ſchar⸗ fen Frage nach ihm umwendete: „Was habt Ihr mit dem Schlüſſel zu ſchaffen? Ihr werdet noch die Wächter aufſtören.“ „Nein, nein,“ erklärte Van Nooſt;„ich nehme blos ein Modell. Ich führe ausdrücklich zu dieſem Zweck immer etwas Kitt in der Taſche.“ „Das iſt nicht recht,“ bemerkte Smeaton ſcharf.„Hal⸗ tet ein, Sir, haltet ein. Ihr habt nichts mit dem Schlüſſel zu ſchaffen.“ „O ſehr wohl, Mylord,“ verſetzte der Modellirer, den Kitt vom Schlüſſel ablöſend und ihn ſorgfältig in ſein Ta⸗ ſchentuch hüllend, das er in die Hoſentaſche ſteckte.'s iſt ein kurios geſtalteter Schlüſſel und ich möchte gern ein Mo⸗ dell davon haben— uralt, aus Konig Eduard's oder der Eliſabeth Zeiten, ſollte man meinen.“ Smeaton gab keine Antwort, ſondern wendete ſein Ohr wieder nach der Thüre und einige Minuten lang blieb 272 Alles ſtumm; dann hörte man oben das Schmettern einer Trompete. .„SIch denke, ſie ſind fort oder ſtehen im Begriff zu ge⸗ hen,“ bemerkte der junge Edelmann.„Ich meine, das Trappeln abmarſchirender Pferde unterſcheiden zu können. Horcht einmal, Van Nooſt.“ „O ja. Gott ſey für Alles gelobt!“ äußerte Van Nooſt, nachdem er eine Weile gelauſcht hatte.„Die Land⸗ ſtreicher ſind fort. Laßt uns aus dieſer Höhle hinaus.“ „Halt einen Augenblick,“ gebot Smeaton;„erſt müſ⸗ ſen wir weitere Nachricht haben. Wartet hier nur kurze Zeit; ich will hinaufgehen und mich erkundigen. Sie wer⸗ den mich nicht lange ohne Nachricht laſſen, wenn die Män⸗ ner wirklich fort ſind.“ So ſprechend, nahm er das Licht, wie es ſchien zu Van Nooſts nicht geringer Beſtürzung. 3 „Aber, Mylord, Mylord,“ jammerte dieſer,„ich werde nicht im Stande ſeyn, etwas zu ſehen, wenn Ihr das Licht fortnehmt.“ „Wie— fürchtet Ihr Euch im Dunkeln?“ fragte Smeaton lachend.„Nun wohl, Ihr ſollt das Licht behal⸗ ten. Leuchtet mir nur bis zum Fuß der erſten Treppen⸗ flucht, und dann bleibt mir hübſch unten, was Ihr auch hören möget. Solltet Ihr Euch überzeugen, daß einige dieſer Leute zurückgeblieben ſind, um den Ort zu durchſuchen, ſo könnt Ihr im Nothfalle durch dieſe Thüre entrinnen; nur vergeßt nicht, daß ſie ſich über einen Brunnen öffnet, und wenn Ihr nicht leichter darüber hinwegſpringt als Ihr 273 vorhin gethan, ſo werdet Ihr gleich einer Eurer eigenen Bleifiguren unterſinken und ertrinken, denn das Waſſer iſt tief und der Brunnen ganz angefüllt.“ „Ihr vergeßt, Mylord, daß Ihr mich köpflings voran⸗ zogt und ich nicht wußte, wo es hinging. Ich kann ſprin⸗ gen ſo gut wie Einer, wenn ich freien Raum vor mir habe; aber man fühlt immer ein gewiſſes Zittern, wenn man in eine ſchwarze Mündung hineinſpringen ſoll.“ „Ja, ja; nehmt nur das Licht und leuchtet mir,“ ſagte der junge Edelmann. Er wandelte raſch voran und erreichte den Fuß der er⸗ ſten Treppenflucht, wo er Van Nooſt zurückließ und zu des Prieſters Zimmer hinanſtieg, um in der Finſterniß auf wei⸗ tere Botſchaft zu warten. Während er ſo daſtand und ei⸗ nige Minuten vergeblich auf irgend einen Laut im anſtoßen⸗ den Zimmer horchte, hatte er Zeit, ſich ſelbſt zu fragen, ob er auch Recht gethan habe, Van Nooſt in dieſen geheimen Theil von Sir John Newark's Hauſe zu bringen. Er mußte ſich ſagen, daß er kein Recht hiezu hatte. „Und doch,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„iſt es ja in Wirk⸗ lichkeit gar nicht ſein Haus.“ Dieſer Grund befriedigte ihn jedoch nicht ganz und er beſchloß, ſobald er die Nachbarſchaft von den Soldaten ge⸗ räumt fände, den guten Bildhauer auf demſelben Wege fortzuſchicken, den er hereingekommen war, ſo daß er von den Geheimniſſen des Ortes ſo wenig wie möglich ſehen konnte. Schon wurde er ungeduldig über das bedrückende James, Henry Smeaton. 18 274 Schweigen und fühlte ſich halb und halb geneigt, die Thüre zu öffnen und hinauszuſchauen, als er in unbedeutender Ferne einige Töne vernahm. Eine Thüre wurde geöffnet, zugemacht und verriegelt, dann hörte man das große Bett auf ſeinen Rollen ſich drehen. Im nächſten Augenblicke drang ein Lichtſtrahl herein und die gute Mrs. Culpepper erſchien mit einer Kerze in der Hand. Ihr Geſicht zeigte größere Spuren von Aufregung als ſie ſonſt bei gewöhnlichen Ver⸗ anlaſſungen zur Schau trug, und Smeaton begann ſchon zu fürchten, daß er ſich zu früh ſicher geglaubt habe, bis die erſten Worte der alten Frau ſeine Unruhe in dieſer Hin⸗ ſicht verſcheuchten. „Sie ſind fort, Sir, ſie ſind fort,“ ſagte ſie beim Ein⸗ treten und ſtellte mit zitternden Händen den Leuchter auf den Tiſch. „Es thut mir leid, daß Ihr um meinetwillen ſolche Angſt erlitten, Mrs. Culpepper,“ begann Smeaton in freundlichem Tone;„ich kann Euch nur meine frühere Ver⸗ ſicherung wiederholen, daß ich für mich nichts zu fürchten hatte.“ Die alte Dame ſchien kaum auf ihn zu hören, und dieſe große Aufregung bei einer ſonſt ſo ruhigen und geſetzten Perſon ließ Smeatons Phantaſie ſchon Arges für Emme⸗ line fürchten. „Ich glaub' es gerne, Sir— ich glaub' es gerne,“ ſagte ſie in haſtigem aber bebendem Tone.„Sie ſuchten nach dem Earl von Eskdale und Euer Name iſt Smeaton; und doch,“ fuhr ſie ihm in's Geſicht ſchauend fort,„und doch— wollt Ihr ſo gütig ſeyn, Sir, mich Euer Handge⸗ lenk ſehen zu laſſen.“ „Ich habe nichts dagegen,“ verſetzte Smeaton nicht wenig überraſcht.„Was kann aber mein Handgelenk mit dieſer Sache zu ſchaffen haben?“ „Ich will's Euch ſogleich ſagen, Sir, ich will's Euch ſogleich ſagen,“ erwiederte die alte Frau.„Euer rechtes Handgelenk, wenn ich bitten darf.“ Smeaton ſchlug ſeinen Rockärmel zurück, ſo weit es gehen wollte, löste die Knöpfe, die ihn über den Manſchet⸗ ten zuſammenhielten, und entblößte ſeinen Arm. Die alte Frau ergriff ſeine Hand, hielt ſeinen Arm nahe an die Kerze und beugte ſich mit dem Kopfe darüber. Eine breite, unregelmäßige Schramme zeigte ſich zwei bis drei Zoll über der Hand. Der junge Edelmann hatte ſie oft bemerkt, ohne ſich aber erinnern zu können, wie ſie dahin gekommen war, und jetzt fühlte er zu ſeiner großen Ueberraſchung, wie aus den Augen der alten Frau heiße Tropfen darauf niederſtelen. Gleich darauf küßte ſie die⸗ ſelbe mit ganz ungewöhnlicher Haſt und rief dann, wäh⸗ rend ſie mit Thränen auf den Wangen zu ſeinem Geſicht emporſchaute:— „O ja, Henry; o ja, Mylord! jetzt kenn' ich Euch. Dieſe Schramme koſtete mich die bitterſten Stunden, die ich je in meinem Leben kennen lernte.“ „Bitte, erklärt Euch,“ ſagte Smeaton.„Ich ver⸗ ſtehe kein Wort von dem, was Ihr meint und weiß ebenſo wenig, wie die Schramme hieher gekommen.“ 18 ³ 276 „Ich will— ich will,“ ſchluchzte ſie, ihre Augen ab⸗ wiſchend.„Oft ſeyd Ihr auf dieſen alten Knien geſeſſen, oft habt Ihr Eure Aermchen um dieſen alten Nacken ge⸗ ſchlungen. Ich war Eure Amme, Mylord, von der Zeit, da Ihr der Mutterbruſt entwöhnt worden, bis Ihr fünf Jahre alt waret; Ihr waret mein Ammenkind, mein Püpp⸗ chen, mein Liebling. Es ſchien als ob Gott Euch geſendet habe, um mich für den Verluſt meines eigenen Kindes zu tröſten, und ich liebte Euch wie nur wenige Mütter ein Kind geliebt haben.“ „Ich erinnere mich meiner Amme Nanny recht wohl,“ erklärte Smeaton;„könnt Ihr das ſeyn?“ „Freilich, freilich! Nanny Culpepper— des armen Sergeants Culpepper Weib, der ſpäter getödtet wurde,“ gab ſie zur Antwort.„Aber laßt Euch von dieſer Schramme erzählen, Henry. Ihr waret mit vier Jahren ein lieber, wilder Bube, und ich ließ Euch einmal nur eine Minute lang allein im Zimmer, wo ein Feuer brannte. Im Spie⸗ len ſtolpertet Ihr über etwas und fielet mit Eurem Arm auf das brennende Holz. Ich hörte Euch ſchreien und rannte haſtig herbei; da fand ich Euch über das Handgelenke ganz verbrannt. Ich wagte nicht, es Mylord oder Mylady zu ſagen, denn ich wußte, ſie würden mir ſehr darüber zürnen, daß ich Euch verlaſſen hatte, und doch dachte ich mir's eine ſchwere Aufgabe, Euch zu beſchwichtigen; aber ſobald ich Euch ſagte, wenn Ihr Lärm machtet und man das Vorge⸗ fallene erführe, würde Nanny weggeſchickt werden und Ihr würdet ſie nie wieder ſehen, trocknetet Ihr Eure Augen und 277 hörtet auf zu ſchreien. Das hab' ich noch nie an einem Kinde geſehen. Und ſo ſchmerzhaft die Wunde auch war und ſo wenig Geſchick ich beſaß, ſo ließt Ihr ſie mich doch verbinden und ſie heilen, ſo gut ich's vermochte, ohne Euch jemals anmerken zu laſſen, daß Ihr Schmerzen littet. Das Glück begünſtigte mich, ſonſt hätte ich es nicht ſo lange ver⸗ bergen können, denn es waren damals unruhige Zeiten: Mylord hielt ſich viel auswärts und großentheils zu London auf; auch Mylady, für ſeine Sicherheit beſorgt, war häufig fort, und die Wunde heilte vollkommen, ehe ſie etwas be⸗ meikten. Dann fragte mich Mylord allerdings ſcharf aus; ich gab eine barſche Antwort, und er hätte mich auf der Stelle entlaſſen, denn er war ein gar ſtolzer Mann und hatte gerade vielen Kummer zu leiden; allein Mylady trat für mich in’s Mittel und ich wurde beibehalten, bis er über die See zu fliehen genöthigt wurde. Als ſte auf dem Punkte ſtand, zu ihm zu ſtoßen, ſchrieb er ihr, welche Diener ſie be⸗ gleiten ſollten. Ich war abſichtlich ausgelaſſen, denn ich weiß, daß er mich nicht vergeſſen hatte. Wie Ihr da ge⸗ ſchrien als Ihr mich verließt— das werde ich nie ver⸗ geſſen. Ach Sir, Ihr wißt nicht, welch' tiefe Wurzeln die Gefühle unſerer Herzen in jenen frühen Jahren ſchlagen. Wenn Ihr auch Eure arme Amme nicht vergeſſen habt, ſo iſt Euch doch viel von dem, was damals vorging, entfallen; aber da iſt auch nicht Eines— nein, nicht einer Eurer Blicke, kein Wörtchen von Eurem holden Geplauder, deſſen ich mich nicht bis auf den heutigen Tag erinnerte. Ich liebe 278 Miß Emmelinen ſehr, obgleich ſie es nicht weiß; aber ich kann Niemand wieder ſo lieben, wie ich Euch liebte.“ „Ich weiß recht gut, daß auch ich Euch ſehr lieb hatte,“ verſicherte Smeaton,„denn die Erinnerung an meine arme Amme iſt das Einzige, deſſen ich aus jenen Tagen gedenken kann.“ „O ich weiß, ich weiß, Ihr hattet mich lieb,“ wieder⸗ holte ſie.„Aber ach, ſagt mir, Mylord, was meint Ihr, wenn Ihr ſagt, Ihr ſeyet ſicher? Euer Vater wurde ge⸗ brandmarkt, wie ſie's nennen, und das berührte ſeine ganze Familie. Wie könnt Ihr alſo ſicher ſeyn? Es ſind doch grauſame Geſetze, welche das unmündige Kind für den Feh⸗ ler ſeines Vaters beſtrafen.“ „Beruhigt Euch, Nanny,“ erwiederte Smeaton in gütigem Tone.„Die Anklage wurde ausdrücklich, was mich und meine Mutter angeht, umgeſtoßen. Meine Mut⸗ ter hatte gute Freunde an den Höfen William's und Anna's; Ihr wißt, ſie iſt eine kluge, thätige und hochverſtändige Frau und ergriff jedes Mittel, um ihrem Sohne Sicherheit und Auskommen zu gewähren. Es iſt wahr, ich könnte durch den Verdacht der Regierung viel Widerwärtigkeit erfahren — meine Plane und Abſichten, welche mein Glück nahe berühren könnten, könnten verzögert und ihre Ausführung noch ſchwieriger werden als ſie ſchon iſt, wenn ich entdeckt würde; ſonſt aber habe ich nichts zu fürchten.“ „Ich glaube zu verſtehen,“ ſagte die alte Frau.„Weiß, Sir John Newark, wer Ihr ſeyd?“ „Ja,“ erwiederte Smeaton.„Es wurde ihm höchſt 279 unkluger Weiſe von einem Manne enthüllt, der ſich eigent⸗ lich gar nicht in die Sache zu miſchen hatte.“ „Das iſt auffallend— ſehr auffallend,“ meinte die Haushälterin nachdenklich.„Ihr ſeyd nicht verheirathet — oder doch, Mylord?“ „Nein,“ gab Smeaton zur Antwort;„ich habe jedoch guten Grund zu glauben, daß er mich dafür hält.“ „Aha, ich ſehe,“ verſetzte die Alte.„Jetzt verſtehe ich's. Ihr dürft ihn um keinen Preis wiſſen laſſen, daß ich Euch erkannt habe. Er iſt pfiffig und ſchlau: hütet Euch vor ihm— hütet Euch vor ihm! denn er verfolgt ſeine Abſichten ohne Furcht, ohne Schwanken oder Gewiſſens⸗ biſſe, und Wenige kennen jene Abſichten, bis es zu ſpät iſt, ſie zu hintertreiben. Er iſt mir ein guter und freundlicher Gebieter, weil ich Alles thue, was er mich heißt und er nicht glaubt, daß er eben ſo ſcharf bewacht werden kann, wie er Andere beobachtet, und daß ein armſeliges Geſchöpf wie ich alle ſeine Plane zu nichte machen kann.— Nun, nun, wir werden ſehen— aber hütet Euch vor ihm!“ „Ich will,“ verſicherte Smeaton,„und ich bin ſchon jetzt gegen ihn auf meiner Hut. Er weiß nicht, daß mir ſo Vieles von ſeiner Geſchichte und ſeinem Charakter be⸗ kannt iſt.“ „Er würde Euch nicht in dieſem Hauſe dulden, wenn er es wüßte,“ verſetzte die alte Frau.„Ihr könnt übrigens jetzt in aller Sicherheit herauskommen, denn die Leute ſind alle fort und haben ſich durch einen eigenen Bock, den ſie geſchoſſen, in den Kopf ſetzen laſſen, als ob Ihr in einem 280 Boote in die See geſtochen wäret und mit Euch ein fetter Mann, welchen Einer der Soldaten ſchon am Kragen ge⸗ packt zu haben behauptet.“ Smeaton lachte. „Ich denke, ich kann einen Theil ihres Mißverſtänd⸗ niſſes erklären, und in der That, ich wollte Euch in einer ſchwierigen Sache um Rath fragen.“ Er erzählte ihr ſofort Alles, was mit Van Nooſt und den Soldaten vorgefallen war, ſoweit er es wußte; als er ihr aber ſagte, daß der gute Bildhauer noch jetzt unten warte, ſchüttelte ſte ernſthaft den Kopf und meinte: „Er darf hier um keinen Preis geſehen werden. Schickt ihn fort, Henry; ſchickt ihn fort, Mylord—“ „Nein, nein,“ bat Smeaton,„heißt mich immer Henry, wenn wir allein ſind; ſonſt nennt mich in Worten und Ge⸗ danken Oberſt Smeaton. Die Sache ſetzt mich übrigens in Verlegenheit. Ich fürchte, der arme Burſche wird ſich verirren und kann dann in Unheil gerathen; denn ich kenne die Straße nach Keanton ſelbſt nicht genau und kann ſie ihm, glaub' ich, nicht ſo beſchreiben, daß er ſie aufzufinden vermöchte.“ „Ihr führt ihn durch die Thüre über den Brunnen,“ rief Mrs. Culpepper;„ich ſchicke dann einen Knaben auf den Pfad, und der ſoll ihn ſo weit führen, daß er ſich nicht mehr verirren kann. Sir John darfnie erfahren, daß er hier geweſen, und hört noch: ſobald Sir John zurückkommt, wird er Euch Euer Ehrenwort abverlangen, daß Ihr das Ge⸗ heimniß dieſes Ortes Niemand verrathen wollet; wenn Ihr 281 es alſo Jemand zu ſagen wünſchet— und wenn ich recht ſehe, ſo werdet Ihr es wohl wünſchen— ſo thut es, ehe er zurückkommt.“ Smeaton ſchwieg in Gedanken und ſagte dann wie mit ſich ſelber redend: „Iſt es wohl Unrecht, einen ſchlimmen Mann mit ſei⸗ nen eigenen Waffen zu ſchlagen?“ „Nein, nein,“ rief die alte Frau,„gewiß nicht. Ich habe es die letzten zwoͤlf Jahre ſo gemacht und habe ihn auf dieſe Art beſtegt. Ihr ſeyd noch zweifelhaft?— Ich habe keinen Zweifel, und wenn Ihr wüßtet, was ich weiß, ſo würdet Ihr wohl auch keinen haben. Doch kümmert Euch nicht darum— es ſoll für Euch gethan werden. Wenn Ihr Skrupel habt, ſo behaltet ſie: Emmeline ſoll es erfah⸗ ren, ohne daß Ihr es ihr ſagt. Ich habe ſchon oft daran gedacht, ihr das Geheimniß mitzutheilen, da ſte ein Recht darauf hat; ich hielt es nur für zu gefährlich, denn wenn er ein einzigesmal ſähe, daß das geringſte Einverſtändniß zwi⸗ ſchen ihr und mir beſtünde, ſo wäre ich keine Stunde mehr hier und dann wäre Alles verloren. Für jetzt ſchafft dieſen Mann fort und dann kommt zurück. Sagt ihm, er ſoll auf dieſem Pfade warten, bis ein Knabe zu ihm kommt und das Wort Keanton ausſpricht— dem ſoll er folgen. Ich will Eure Rückkehr hier erwarten und will morgen Mittel finden, um länger mit Euch zu plaudern.“ 28² Fünfzehntes Kapitel. Ich weiß in der That nicht, ob nicht das phlegmatiſche Temperament, wie mam's nennt, für den Beſitzer das glück⸗ lichſte iſt. Die Leute rufen ſo gerne:„gebt uns nur hohe Freuden, wenn ſie auch von tiefen Schmerzen begleitet ſind.“ Hoffende Menſchheit! Du ſchätzeſt nur ſelten die kommen⸗ den Schmerzen nach ihrem wahren Werthe, überſchätzeſt dagegen immer die Freuden— bis ſie vorüber ſind. Zwei große Philoſophenſchulen— wenn nicht mehr— die Stoi⸗ ker und die chineſiſchen Mandarinen haben richtiger geur⸗ theilt und immer das geringere Uebel vorgezogen— ich bin nicht ganz ſicher⸗ ob nicht die Epikuräer und noch viele an⸗ dere Sekten gleichfalls hieher gehören. Ob ein ehrbarer fetter Bonze, der ſich die Zehen von ſeinem vierzehnten oder fünfzehnten Weibe kitzeln läßt, ohne eine Spur von hoher⸗ ſentimentaler Freude zu erwarten, aber auch ohne die ge⸗ ringſte Furcht vor tiefer Seelenqual, nicht in einem wün⸗ ſchenswertheren Zuſtande ſich befindet als Galilei in ſeinem Kerker— das will ich nicht zu entſcheiden wagen; aber Eines iſt ſicher, daß es in dieſer mit Elend erfüllten Welt, wo tauſende von Schmerzen hereinſtrömen, ſobald wir ei⸗ nem hohen Genuſſe die Thüre öffnen, keine ſchlimme Poli⸗ tik verräth, wenn man nur wenige Eingänge in ſeinem Hauſe hat und ſie ſo ſelten wie möglich öffnet. Ein phlegmatiſches Temperament hat ſicherlich den Vortheil, daß es der Gnade des Feindes nur wenige an⸗ greifbare Punkte bietet, und man hält die Holländer in der 5 283 Regel für die phlegmatiſcheſten unter den meiſten Nationen; das war aber mit Van Nooſt gewiß nicht der Fall. Sey es nun, daß er durch Verpflanzung mehr den Charakter einer Senſitive als eines Kohlkopfs bekommen, oder daß das nor⸗ männiſche oder ſächſiſche Blut, das er von ſeiner Mutter geerbt, den friesländiſchen Theil ſeiner Compoſition, wie er ihn vom Vater bekommen, überwog: ſoviel iſt gewiß, daß er trotz der nationellen Breite ſeines unteren Menſchen und der faßähnlichen Rundung ſeiner ganzen Geſtalt von ſehr erregbarem und beweglichem Weſen war. Sein Geiſt war der geſchäftigſte, feurigſte kleine Spiritus, der nur jemals in einem ſchwerfälligen Körper brannte, und er zürnte und polterte nicht wenig, während Smeatons langer Abweſen⸗ heit, obwohl er eine Kerze zu ſeiner Beleuchtung und den erſehnten Schlüſſel zur Ausarbeitung vor ſich hatte. Drei⸗ mal ging er im Gange auf und ab; dreimal maß er die Größe des Schlüſſellochs; viermal nahm er einen Abdruck des Schlüſſels, und als er endlich von den oberen Zimmern einen Schritt herabkommen hörte, da befand er ſich in ei⸗ nem wahren Parorismus, ob die nahende Perſon keine an⸗ dere als die gewünſchte ſeyn möchte. Ob er nun auf eine behagliche Nachtherberge in dem Herrenhauſe zu Ale gerechnet oder ob ſeine Phantaſie Ge⸗ fahren heraufbeſchwor, welche nicht auf dem Wege vor ihm lagen, oder ob ſein langer Abendritt zuſammengenommen mit dem heutigen Morgenausflug den Theil ſeines Weſens, der auf den Sattel drückte, etwas ermüdet und gequetſcht hatte: ich weiß nur ſoviel, daß er die Ankündigung, er müſſe 284 noch zwölf Meilen weiter nach Keanton reiten, mit ziemlich bedauernder Miene aufnahm, und mit weniger als der ver⸗ ſprochenen Rüſtigkeit über den kleinen Brunnen ſprang. Smeaton ſetzte zuerſt hinüber, um ihm den Weg zu zei⸗ gen und ihm herauszuhelfen, falls er hineinfiele, und dies gab dem armen Statuarius wenigſtens einiges Vertrauen; aber er erſuchte gleichwohl ſeinen edlen Begleiter, auch nachdem ſie Beide den kleinen Pfad ſicher erreicht hatten, er möchte ſo lange bei ihm bleiben, bis ſein junger Führer ankäme. Erſt als Smeaton einwilligte, wurde er bedeutend ruhiger und hörte kaum auf die mehr als einmal wiederholten Weiſun⸗ gen, welche Smeaton ihm über ſein Verhalten zu Keanton gab, ſo ſehr war er mit Betrachtung des kleinen Brunnens und ſeiner Umgebung beſchäftigt. Der Mond war mittlerweile höher geſtiegen— ſo hoch, daß er gerade noch den Rand der Waſſer mit einem Silber⸗ ſtreifen beſäumte; aber ſeine bleichen Strahlen beleuchteten noch deutlich den ſchmalen gothiſchen Bogen des Mauerwerks, der gleichſam in das Antlitz des Felſens eingelaſſen war. Der tiefe Teich oder Brunnen am Fuße der Anhöhe empfing ſeine klare, heilſame Quelle von einer Stelle, welche etwa zehn bis zwölf Fuß über ſeiner Oberfläche lag. Das durch die halbgeöffnete Thüre ſchimmernde Licht zeigte das Innere der kleinen Höhle mit ihrem feuchten Boden und einem Theile des jenſeits liegenden Ganges, und das Auge konnte auf der ſteinernen Thüre ſelber wahrnehmen, wie geſchickt der Maurer die Außenſeite in Vierecke abgetheilt hatte, ſo daß ſie wie ein Stück ſoliden Gemäuers ausſah. Die 285 Ausdünſtungen der Quelle hatten die Wirkung vervollſtän⸗ digt und den Felſen mit mancherlei Farben von Grün, Roth⸗ und Gelb überkleidet. „Ich ſehe nicht, wie man die Thüre von Außen öffnen könnte,“ bemerkte Van Nooſt, nachdem er ſie eine Weile betrachtet.„Der Brunnen liegt ſo verteufelt ungeſchickt im Wege, obwohl ich die Stelle, wo das Schlüſſelloch ſeyn muß, deutlich genug wahrnehme.“ „Ich möchte Euch rathen, es nicht zu verſuchen, Van Nooſt,“ ſagte Smeaton lächelnd.„Eure Beine ſind nicht lang genug, um drüber zu reichen. Ich denke, die meinigen würden ſchon ausreichen.“ „Ach, edler Lord, ich habe mich nicht ſelbſt modellirt,“ erwiederte der Statuenfabrikant.„Wahrhaftig, wenn wir das ſelber könnten, da würden wir je nach dem Geſchmacke der Menſchen gar merkwürdige Veränderungen bemerken. Die kurzen Stumpen, nicht höher als eine Balluſtrade, wür⸗ den zu lauter Apollo's und mancher langbeinige Antinous zum unbeholfenen Vulkane werden. Ich bin im Geiſte ſo lang gewachſen wie Ihr an den Gliedern und könnte über Berge ſetzen, wenn— wenn—“ „Wenn der Körper nicht ſchwerer als der Geiſt wäre,“ fiel der junge Earl freundlich ein, denn er ſah, daß der gute Mann ſich etwas ereiferte.„Es iſt nicht Euer Fehler, wenn die Natur Euch in die Breite zog, ſtatt Euch in die Höhe aufſchießen zu laſſen. Manche Steine werden zur Kuppel, andere zur Säule verarbeitet; aber es bleibt ihnen keine Wahl, und Jeder thäte beſſer, ſich mit ſeiner Lage zufrieden zu geben. Ihr habt übrigens einen Vortheil vor mir voraus: Ihr könnt die Figuren anderer Menſchen in eine beſſere Form gießen als das Glück ſie Euch ſelber gab, was ich nicht vermag.“ „Das wäre in Eurem Falle ſehr ſchwer, Mylord,“ erwiederte Van Nooſt geſchmeichelt.„Ich warte nur auf ruhige Zeiten, um Eure Lordſchaft in der Statue eines tan⸗ zenden Faunes darzuſtellen.“ „Verſchont mich damit! verſchont mich damit!“ rief Smeaton lachend.„Der Faun hatte in alten Zeiten keinen ſonderlichen Ruf, ſo wenig wie die Tänzer heutzutage, und meiner Treu! ich moͤchte in keiner von beiden Geſtalten vor dem Publikum erſcheinen. Mich dünkt übrigens, der Knabe, der Euch führen ſoll, bleibt lange aus, und ich wünſchte ſehr, wieder in das Haus zurückzukehren.“ „Ja, das kann ich mir denken,“ erwiederte Van Nooſt, „wenn nämlich die hübſche Lady, die heute Morgen bei Cuch war, darin wohnt. Wißt Ihr auch, mein edler Lord, daß Ihr Cure Augen bewachen müßt, wenn Ihr nicht wollt, daß alle Dorfbewohner über Eure zarten Empfindungen ihre Bemerkungen machen? Der alte Küſter Mattocks zum Beiſpiel ſagte ſogleich, was Ihr für ein hübſches Paar gä⸗ bet, und ſprach beſtändig von nichts Anderem als von Hoch⸗ zeit, wiewohl er einzig nur daran dachte, Euch Beide zu beerdigen.“. „Es wäre ja Schade, wenn man ihnen Einhalt thäte,“ antwortete Smeaton.„Ich kann mir denken, daß ſie wenig zu ſprechen haben, und da iſt eine Hochzeit oder ein Leichen⸗ 287 begängniß eine wahre Gottesgabe für die Klatſchbaſen des Ortes. Nun aber, mein guter Van Nooſt, bedenkt, daß Ihr Euch zu Keanton ſehr vorſichtig benehmen müßt, ſonſt könnt Ihr in Unannehmlichkeiten gerathen. Haltet Euch ſoviel wie möglich von den Augen der Leute entfernt und zeigt Euch nicht zuviel an gefährlichen Orten.“ „Aber mein Gott, Mylord, was ſoll ich denn thun?“ rief Van Nooſt.„Ihr wißt, ich beſitze einen thätigen, un⸗ ruhigen Geiſt, und wenn ich meinen Genius nicht an Blei ausüben darf, ſo werde ich ihn wahrſcheinlich auf etwas Anderes richten. Wahrhaftig, ich muß mich wieder ein Bischen hinter mein altes Gewerbe machen, und wär' es auch nur, indem ich zum Ergötzen der Pächterskinder bleierne Figuren von Soldaten und Milchmädchen Hand in Hand darſtelle.“ „Von dieſer Ausübung Eures Genius hab' ich nicht geſprochen,“ erwiederte Smeaton.„Bleiſiguren könnt Ihr machen, ſo viel Ihr wollt, mein Freund. Sie werden Euch gewiß einen Keſſel ſo groß wie den einer Hexe auftreiben, und in dem alten Schloßhofe könnt Ihr Euch einen Schup⸗ pen aufſchlagen. Meidet nur die Politik, Van Nooſt, haltet Eure Hand rein vom Verräthertopf. Ihr habt, wie mir ſcheint, Euer Fett bereits in Gefahr geſetzt, mein guter Freund: darum haltet Euch ruhig, bis die Gefahr vorüber iſt. Hier kommt der Knabe, glaub' ich.“ Es war, wie er vermuthete, und obwohl der Knabe nach ſeiner beſchränkten Inſtruktion nur eine Perſon zu finden erwartet hatte, ſo daß er etwas in Verlegenheit war, 288 als er deren zwei antraf, ſo war doch Van Nooſt bald unter ſeine Führung geſtellt, und während Smeaton in das Haus zurückkehrte, um noch eine Weile länger des ſüßen Verkehrs mit Enmelinen zu genießen, watſchelte der würdige Sta⸗ tuarius nach ſeinem Pony, den er unter einem Baume an⸗ gebunden zurückgelaſſen hatte. Er war leicht gefunden, denn ſein Herr hatte ihn in ziemlicher Entfernung gelaſſen, ſo daß er den Augen der Soldaten entgangen war; allein das Thier war von den Anſtrengungen des Tages ermüdet, und verſtand ſich gerne dazu, den langſamen Schritt einzu⸗ ſchlagen, wie es der Bequemlichkeit des jungen Führers behagte. Der Weg kam Van Nooſt wie alle Wege im Dunkeln endlos lang vor; doch war die Entfernung in Wirklichkeit keineswegs ſehr bedeutend, und der Knabe, der unterwegs ganz offen mit dem Statuenmacher geplaudert, deutete zu⸗ letzt zwiſchen zwei hohen Heckenreihen auf den Eingang ei⸗ ner Straße und hieß Van Nooſt ihr nur folgen, da ſie ihn nach Keanton Houſe führen würde. „Ihr habt ſteben Thore zu öffnen,“ ſagte der Knabe, „und etwa eine halbe Meile über den Raſen zu reiten. Den Weg könnt Ihr nicht verfehlen, denn er iſt ganz gerade.“ Van Nooſt brachte es aber dennoch dahin, daß er den Weg verfehlte, denn bis er den Raſen erreichte, war der Mond untergegangen, die Spuren der Straße verſchwanden, und ſtatt gerade ſeiner Naſe nachzugehen, wendete er ſich etwas links, was ihn von ſeinem Ziele abführte. Bald ſah er ſich jedoch von der Sommerſonne begünſtigt, erſt 289 indem ſie ihm in dem grauen Zwielicht des frühen Morgens zeigte, daß er irre gegangen war, und dann indem ſie ihn bei größerer Helle in den Stand ſetzte, ſich zurecht zu finden. Er mußte ſich faſt eine Meile zurückwenden, denn der Weg führte ganz über den glatten, grünen Raſen, der die ſanften Wellenlinien der Gegend bedeckte, ohne ein Anzeichen eines Pfades als hie und da die Spuren von Karrenrädern oder von Pferdehufen, welche in den weichen Boden eingedrückt waren. Der Anblick einiger ſchöner, alter Bäume, die ſich in der Entfernung von etwa einer Meile über den Rand einer Schlucht erhoben und aus deren Grün einige Kamine und ſcharf geſpitzte Giebel und Dächer emporragten, brachten Van Nooſt in die rechte Richtung. Die Sonne war eben aufgegangen, als der Statua⸗ rius, unter den Ulmen und Eichen auftauchend, vor das Ge⸗ bäude gelangte. Es war ein ſchöner, alter, unregelmäßiger Backſteinbau, einem alterthümlichen franzöſiſchen Schloſſe nicht unähnlich, mit ſchlanken Maſſen von unſtyliſirter Bau⸗ art, kleinen, ſehr regellos vertheilten Fenſtern und einer ziemlich überſlüſſigen Menge von Thüren. Graue und gelbe Flechten und grünes Moos bedeckten die Mauern und Dach⸗ rinnen; der Epheu ſchlängelte ſich an vielen der viereckigen thurmähnlichen Theilen empor, und über den Rand der nie⸗ dereren Dächer ſah man den Hauslauch herabhängen. Zehn bis zwölf hohe Ulmen, mit Krähenneſtern bedeckt, bezeichne⸗ ten an der einen Ecke des Gebäudes den Punkt, wo die vor der Hauptfagade hinlaufende Esplanade ihren Anfang nahm. Auf der Seite, welche Van Nooſt zunächſt lag, ſah James. Henry Smeaton. 19 290 man einen großen Pachthof von einer niederen Mauer um⸗ ringt und dicht mit Stroh beſtreut, wo eine Anzahl von Kü⸗ hen ausruhte und reichen Vorrath an Milch, Butter und Käs verſprach. Der früh aufſtehende gravitätiſche Hahn ſtolzirte in ſeiner bunten Livree auf dem Hofe, während die meiſt ſchwarzen und grauen Damen ſeines Serails auf Futter ausgingen. Auf einem Teiche in einer Ecke ſah man zahlreiche Enten, und gackernd und die Hälſe duckend und ſtreckend kam ein Trupp Gänſe dahergewatſchelt, um die Morgenluft zu genießen und das grüne Gras auf den Hü⸗ geln abzurupfen. Von menſchlichen Weſen war nichts zu ſehen; der Menſch fehlte in dem Gemälde, und Van Nooſt ließ ſein Auge von Fenſter zu Fenſter ſchweifen, um ir⸗ gendwo ein Zeichen des Lebens zu entdecken— aber ver⸗ geblich. „Das muß Keanton ſeyn,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„es ſieht gerade ſo aus. Für Landleute ſcheinen ſie aber hier ziem⸗ lich ſpät aufzuſtehen. Wären ſie geſtern Nacht auf dem Ridotto, in dem Waſſertheater oder bei den Italienern ge⸗ weſen, dann dürften ſie wohl noch im Bett faullenzen; hier aber, wo ſie nichts zu thun haben, als ſich mit Sonnenun⸗ tergang zum Schlafen niederzulegen, könnten ſie recht wohl auch mit der Sonne aufſtehen, ſollt' ich meinen.— Horch!“ Die Töne, welche ſeine Aufmerkſamkeit erregten, nah⸗ men zu an Stärke, und um die Ecke des Hühnerhofes kam ein junger Bauernburſche luſtig pfeifend in ſeinem gelben Wamms und breiten Hute. Bei dieſem fröhlichen Anblick war alle Müdigkeit und Schläfrigkeit Van Nooſt's vergeſſen, und 291 auf ſeinen Pony lospeitſchend, ritt er dem Burſchen entge⸗ gen und fragte ihn, ob noch Niemand im Hauſe auf ſey. „Ich kann's nicht ſagen,“ erwiederte der Junge mit ſtarkem Devonſhirer Accent.„Meiſter Thompſon auf dem Hofe iſt auf.“ Während er ſprach, betrachtete er Van Nooſt ſehr aufmerkſam, und es lag ein ſchlauer, ruhig forſchender Blick in ſeinem Auge, der mit ſeinem vorigen luſtigen und gedan⸗ kenloſen Ausſehen, mit dem er pfeifend daher gekommen— durchaus nicht harmonirte. Dieſer Blick war nicht allein pfiffig, ſondern argwöhniſch, und Van Nooſt ſagte zu ſich ſelbſt: „Ei, ei, dieſe Pächter ſind alle wohldreſſirt, um ihres Gebieters Intereſſen nicht durch Unvorſichtigkeit zu gefähr⸗ den. Ich will wetten, daß man nicht wenig Mühe haben wird, von dieſem guten Burſchen eine offene, gerade Ant⸗ wort zu erhalten. Ich will's einmal verſuchen.“ „So, der Pächter heißt alſo Meiſter Thompſon,“ ſagte er laut.„Ein recht guter Name. Sagt einmal, wie heißt denn Ihr, mein Junge?“ „Und Ihr?“ fragte der junge Mann, ihm kerzengerade in's Geſicht ſchauend. 3 „Das iſt nicht die Frage,“ antwortete Van Nooſt. „Ich fragte, wie Ihr heißet!“ „Ei, das iſt ebenſo wenig die Frage,“ erwiederte der Burſche;„wenn Ihr übrigens der Gentleman ſeyd, der von Exeter kommt, ſo ſolltet Ihr meinen Namen wiſſen.“ „Ich bin nicht in Exeter geweſen,“ erwiederte Van 19* 292 Nooſt,„und auch wenn ich dort geweſen wäre, ſo ſehe ich nicht ein, wie ich Euren Namen wiſſen ſollte, da ich Euer Geſicht noch nie geſehen habe. Wenn Ihr ihn auf Eurer Stirn geſchrieben trüget, wie eine gewiſſe alte babyloniſche Dame, ſo könnte man eher etwas davon wiſſen.“ „Allerdings,“ verſetzte der Junge;„dann könnte ich auch den Eurigen leſen. Ich liebe es nicht ſonderlich, Fragen zu beantworten, Meiſter; wenn Ihr alſo von Exreter mit mir ſprechen wollt, ſo rückt einmal mit der Sprache heraus. Ballimoree!“ „Ballimoree!“ rief Van Nooſt überraſcht.„Was Teufels hat Ballimoree zu bedeuten?“ „Es bedeutet— guten Morgen, Meiſter,“ ſagte der junge Mann mit pfiffigem Kopfſchütteln und ging weiter, ohne eine fernere Frage abzuwarten. „Ballimoree! Ballimoree!“ wiederholte Van Nooſt bei ſich ſelbſt.„Was Henkers meint er nur mit ſeinem Ballimoree?“ Er ſchaute dem jungen Manne noch einige Minuten nach, und wendete dann den Kopf ſeines Pony's, um zu ſehen, ob er wohl das erwähnte Pächterhaus entdecken könne. Das war nichts weniger als ſchwer, denn kaum hatte er den Hühnerhof hinter ſich, als es mit vielen Häuschen und Hütten in einer kleinen wilden Schlucht zur Rechten ſicht⸗ bar wurde. Vor der Thüre des Pachthauſes traf er einen vier⸗ ſchrötigen, ältlichen Mann von ſehr offenem, freimüthigem Geſicht, die Hände in der Taſche, wie es der Gebrauch bei 293 engliſchen Pächtern vorſchreibt. Van Nooſt ritt gerades Wegs auf ihn zu und überlegte unterwegs, wie er ihn an⸗ reden und ihm ſeine Wünſche bekannt machen ſollte. „Der edle Lord ſagte, ich ſollte entweder nach Meiſter Jennings oder Meiſter Thompſon fragen,“ dachte er;„aber von Ballimoree hat er kein Wort geſagt. Ich ſollte ſie benachrichtigen, daß ich von der Flußſpitze komme und ſie bitten, daß ſie mir Schutz, Nahrung und Obdach ge⸗ währen. Das ſollte ich zu Jennings ſagen; vielleicht daß die Loſung bei Meiſter Thompſon Ballimoree lautet.— Laßt's uns verſuchen.“ Somit ritt er bis zu dem Zaun vor dem Pachthauſe und rief mit lauter Stimme: „Ich glaube, Euer Name iſt Thompſon, Sir. Balli⸗ moree!“ „Mein Name iſt Thompſon, Sir, aber nicht Balli⸗ moree,“ antwortete der Pächter.„Was iſt Ballimoree?“ „Bei meinem Leben! ich weiß es nicht,“ gab Van Nooſt offen zur Antwort;„ein junger Burſche, dem ich da oben beim Hauſe begegnete, ſagte Ballimoree zu mir und erklärte, es bedeute guten Morgen.“ „Er hat ſeinen Spaß mit Euch getrieben, Sir,“ er⸗ wiederte der Mann.„Er iſt ſo ein Stück von einem Ere⸗ terburſchen— dieſer Dick Peerly, und ſie ſind Alle aufge⸗ legte Spaßvögel.— Sagt, was habt Ihr mit mir zu ſchaffen?“ „Ich ſoll Euch ſagen, Mr. Thompſon, daß ich von der Flußſpitze komme,“ erwiederte Van Nooſt, beſonderen 294 Nachdruck auf das letzte Wort legend⸗„und da ich mich nach Ruhe und Erholung ſehne, ſo möchtet Ihr oder Mr. Jen⸗ nings mir auf eine Zeit lang Schutz, Nahrung und Obdach gewähren.“ Des Mannes ganzes Weſen änderte ſich im Augen⸗ blicke. „Ihr ſeyd ganz willkommen, Sir,“ ſagte er.„Es wird beſſer ſeyn, wenn Ihr mit Meiſter Jennings ſprecht; mitt⸗ lerweile kommt aber nur herein und nehmt ein Frühſtück. Die Kühe werden im Augenblicke gemolken; wenn Ihr aber Ale und Schinken vorzieht, ſo haben wir auch dieſes ſo gut,. wie irgendwo im Lande.— Ballimoree! was konnte er mit Ballimoree meinen? Bitte, tretet ein, Sir— tretet ein. Gebt mir den Zügel Eures Pferdes; ich will es ſchon ver⸗ ſorgen laſſen. Ein hübſcher Pony, bei meinem Leben! nur ſcheint er für einmal genug zu haben.“ „Ach, das arme Thier iſt ebenſo ermüdet wie ſein Herr,“ erwiederte Van Nooſt auf das Haus zugehend.„Er hat freilich ſo wenig wie ich auf einen ſo langen Ritt gerechnet.“ Der Pächter deutete auf ein Zimmer links vom Ein⸗ gange des Hauſes, führte den Pony nach der Rückſeite und kehrte nach wenigen Augenblicken mit einer roſigen, ſtrotzen⸗ den Bauernmagd, welche die Materialien zu einem herz⸗ haften Frühſtück herbeitrug, zu ſeinem Gaſte zurück. Das Wort Ballimoree ſchien ihn ebenſo ſehr oder noch mehr wie Van Nooſt zu verwirren, und er murmelte es immer noch vor ſich hin, ſogar während die Magd im Zimmer war. So⸗ bald ſie es verlaſſen und er ſeinen Gaſt zum Zugreifen ein⸗ 29⁵ geladen hatte, kehrte er offen zu dem Gegenſtande zu⸗ rück.— „Sagt mir doch, Sir,“ fragte er,„was für ein Burſche war es, der jenes Ballimoree zu Euch ſagte? Ich ſah Niemand als Dick Peerly nach jener Richtung hinauf⸗ gehen.“ „O, es war ein Burſche von neunzehn bis zwanzig Jahren mit lockigen Flachshaaren und Augen, welche ziem⸗ lich eng zuſammenſtehen,“ erwiederte Van Nooſt.„Er kam anfänglich pfeifend wie ein luſtiger, unſchuldiger Guckindie⸗ welt dahergeſchritten; als er jedoch zu ſprechen anfing, da ſah er liſtig genug aus.“ „Ja, er iſt ein verteufelter Kerl mit ſeinem Pfeifen,“ ſagte der Pächter.„Es muß Dick Peerly ſeyn, und pfiffig iſt er allerdings. Der Burſche gefällt mir nur halb, und wäre es nicht meinem Vetter Sam zu Gefallen, ſo hätte ich ihn gar nicht auf den Hof genommen. Ich will ihn fragen, was er mit ſeinem Ballimoree meint.“ „O es war wahrſcheinlich blos ein ſchlechter Witz,“ be⸗ merkte Van Nooſt, und ſo blieb die Geſchichte eine Zeit lang beruhen. Kurz darauf wurde Meiſter Jennings aus dem großen Hauſe herbeigeholt, wo er, wie es ſchien, das Amt eines Kaſtellans verſah. Er war ein ernſter, alter Mann in brauner Kleidung, ſehr artig und höflich gegen Van Nooſt, ſobald ihm dieſer die Worte geſagt hatte, welche er an ihn zu richten angewieſen worden. Er und Pächter Thompſon erkundigten ſich angelegentlich nach ihrem jungen Lord und 296 bezeugten große Freude, als ſie erfuhren, daß er ſich in der Nachbarſchaft befinde. „Ich meine, er könnte recht gut zurückkehren und offen Beſitz ergreifen, Sir,“ ſagte Meiſter Jenniugs,„obgleich es eben jetzt ziemlich ſchlimm ausſieht. Ich habe jedoch von Leuten, die es wiſſen können, erfahren, daß er nicht in Ge⸗ fahr iſt. Jedenfalls iſt das nicht unſere Sache, und wir werden natürlich nichts davon ſagen, daß ſeine Anweſenheit im Lande uns bekannt iſt. Kommt lieber mit mir in das große Haus; da wollen wir Euch bald ein Bett herrichten, falls Ihr nach Eurem langen Ritte niederzuliegen wünſchet. Alles, was wir zu Eurer Bequemlichkeit thun können, ſoll gewiß geſchehen.“ „Ich brauche nichts als etwas Lehm, einen großen Keſſel und Blei, ſo viel ſich auftreiben läßt,“ erwiederte der Statuarius;„dann will ich Euch ein paar ſchnurrige Ge⸗ ſchichten weiſen.“ „Alles, was Ihr braucht, Sir, ſollt Ihr alsbald ha⸗ ben,“ ſagte Mr. Jennings;„das Blei wird freilich etwas ſchwer zu beſchaffen ſeyn, denn ich glaube kaum, daß hier herum viel Vorrath ſeyn wird. Wenn's beliebt, will ich Euch den Weg zeigen, Sir.“ „Fort mit Euch, guter Meiſter Jennings,“ rief Van Nooſt mit theatraliſcher Miene, ſoweit die Steifheit ſeines Hinterquartiers ihm eine ſolche anzunehmen erlaubte, und wanderte nach dem Herrenhauſe, nachdem er ſich bei ſeinem Wirthe vom Pachthofe für ſeine höfliche Gaſtlichkeit bedankt hatte. —— 297 „Ballimoree!“ ſagte Pachter Thompſon.„Ich möchte wiſſen, was Teufels er damit meinen konnte.— Das muß ich ausfindig machen.“ Sechszehntes Kapitel. Der Bericht, welchen Richard Newark Emmelinen und Smeaton nach des Letzteren Rückkehr gab, enthielt nichts, was der Leſer nicht ſchon wüßte; aber er erzählte ſeine Ge⸗ ſchichte mit vielem Humor und ſogar nicht ohne Witz, ſo daß Smeaton darüber lachen mußte, und auch Emmeline lä⸗ chelte, obwohl Erſterer dabei Vieles zu überlegen und Letz⸗ tere manchen Grund zur Beängſtigung darin fand. Es war nun offenbar, daß Smeaton, ſobald er ſeinen wirklichen Rang und Namen annahm, durch den Eifer der Devonſſhirer Behörden allerlei Beläſtigungen und Unbequem⸗ lichkeiten, wenn nicht gar Schlimmerem ausgeſetzt ſeyn würde, und nach längerem Nachdenken beſchloß er, an Lord Stair zu ſchreiben, ihm ſeine Lage zu erklären und ihn zu bitten, daß er ihm die Schwierigkeiten, womit er umringt war, wegräumen helfe. „Ich bin entſchloſſen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„keinen Antheil an den thörichten Kämpfen zu nehmen, welche in dieſem Lande ausbrechen zu wollen ſcheinen, und welche, wie ich überzeugt bin, nur mit dem Untergange derer, die ſie beſchleunigen, endigen können. Allerdings betrachte ich das Köoͤnigsgeſchlecht der Stuarte als rechtmäßige Regenten 298 dieſes Landes und wünſchte, daß die verſtorbene Königin lange genug gelebt hätte, um ihren Bruder ruhig auf dem Throne ſeiner Vorfahren zu reſtauriren. Allein die Natio⸗ nen haben ſo gut ihre Rechte wie die Monarchen, und es iſt mir etwas mehr als zweifelhaft, ob die große Maſſe der vernünftigeren hieſigen Bevölkerung der Rückkehr ihrer alten Könige nicht ſehr abgeneigt iſt. Ich will mich nicht bei die⸗ ſer Sache betheiligen.“ 3 Nichard Newark hatte nicht nur ſeine Geſchichte zu er⸗ zählen, ſondern auch etliche Fragen zu ſtellen, was er wie gewoͤhnlich ganz nnvermittelt that. „Ei, Oberſt,“ ſagte er nach längerem Geſpräch,„jetzt erzählt uns auch von dem Prieſterzimmer.“ „Ich fürchte, ich darf nicht, mein junger Freund,“ er⸗ wiederte Smeaton.„Es iſt eines Anderen Geheimniß, das mir nur zu meinem Beſten mitgetheilt wurde und das ich nicht verrathen darf.“. „So, Ihr wollt mir nicht trauen,“ ſagte Richard in traurigem Tone.„Ich wundere mich, wie es Leute geben kann, die mir nicht trauen: ich kann doch ſo treu und erge⸗ ben ſeyn wie nur Einer.“ „In der That, ich würde Euch gewiß Alles anvertrauen, was blos mich angeht,“ verſicherte Smeaton;„dieſes Ge⸗ heimniß darf ich aber weder Cuch noch dieſer theuren Lady mittheilen.“ „Wohlan, ſo will ich Euch auf die Probe ſtellen,“ er⸗ klärte Richard.„Seyd Ihr der Earl von Eskdale oder ſeyd Ihr es nicht?“ 299 „Ich bin's,“ erwiederte Smeaton alsbald.„Ich ver⸗ traue es Euch ohne das geringſte Bedenken, Richard, bitte Euch übrigens, die Sache nicht laut werden zu laſſen, bis ich Maßregeln zu meiner Sicherheit getroffen habe.“ „Ich wußte es gewiß,“ rief Richard;„ich wußte es ganz gewiß. Arme Reiteroberſten haben keine ſo ſchönen Schwerter zu verſchenken, und überdies hat ein Lord, wie ich glaube, ein gewiſſes Etwas an ſich, das ihn von andern Menſchen unterſcheidet. Zwar habt Ihr wohl nicht zwei Köpfe noch vier Arme oder acht Beine; aber ein Unterſchied muß doch wohl ſeyn; denn bald nachdem Ihr hierher kamt, ſagte ich bei mir ſelbſt: dieſer Mann iſt ganz anders wie die Uebrigen.“ Emmeline ſchaute lächelnd in Smeaton’s Geſicht, während ihr Vetter ſprach, wie wenn ſie gerne geſagt hätte: „So dachte auch ich.“ Sie ſagte es jedoch nicht, und Richard rannte in ſeiner ungeſtümen Weiſe aus dem Zimmer, um zu ſehen, was all' die Diener daraus machten— wie er es nannte. Während ſeiner Abweſenheit, welche nicht viele Mi⸗ nuten dauerte, wurden zwiſchen den Liebenden natürlich Worte gegenſeitiger Zärtlichkeit gewechſelt; aber neben ihrer jungen Neigung hatten ſie auch noch andere Dinge zu beſprechen, und Smeaton theilte Emmelinen Alles mit, was zwiſchen ihm und der alten Mrs. Culpepper ausgemacht worden war, indem er ihr ſeine Ueberzeugung erklärte, daß ſie ſich ganz auf die Alte verlaſſen könne. 300 Der Abend verſtrich noch länger als eine Stunde ganz ruhig, bis man das Trampeln von Pferden und Sir John Newark's Stimme vernahm. Er hatte das Haus ſchon meh⸗ rere Minuten betreten und kam noch immer nicht in den kleinen Salon, und zu Smeatons Ueberraſchung gingen ihm weder Emmeline noch Richard Newark entgegen. Sie kann⸗ ten eben ihn und ſeine Weiſe beſſer als Smeaton. Der Zwiſchenraum wurde durch eine Unterredung mit Mrs. Culpepper ausgefüllt, welche Unterredung ſo ziemlich einem Verhöre ähnlich ſah; doch die Antworten, die er erhielt, waren offenbar befriedigend, ſo daß er mit freundlicher und halb lachender Miene in den Salon trat. Alle Ereigniſſe des Abends wurden beſprochen; er gab ſeine eigene Verſion von dem, was zu Ereter und Aleton vorgefallen war, erkun⸗ digte ſich auf's Genaueſte nach den Zwiſchenfällen, welche während ſeiner Abweſenheit im Herrenhauſe flattgefunden hatten und ſchloß mit den Worten: „Nun, Oberſt, das nenne ich ein glückliches Ertrinnen aus einer Affaire, welche ziemlich unerfreulich hätte werden können, und der Irrthum dieſer Leute, welche den Earl von Eskdala entflohen glauben, während er gar nicht vor ihnen geflohen iſt, wird Euch für einige Zeit Ruhe gewähren und Euch hoffentlich jede weitere Beläſtigung erſparen.“ Während dieſer Worte deutete er mit ſeinen Augen auf Emmelinen und Richard, gleichſam zum Zeichen, daß er in ihrer Gegenwart lieber in keine weiteren Einzelnheiten ein⸗ gehe; und Smeaton befolgte ſehr bereitwillig ſeinen Wink, 301 denn— ehrlich geſtanden— er hatte mehr Vertrauen zu Richard's Freundſchaft als zu ſeiner Umſicht. Als die beiden jüngeren Glieder der Familie ſich für die Nacht verabſchiedet hatten, blieb Smeaton noch einige Minuten zurück, um Sir John Gelegenheit zu geben, ſich weiter zu erklären; allein dieſer hielt es nicht für nöthig, noch weiter über die Ereigniſſe dieſes Tages zu ſprechen, und bemerkte blos in ſorgloſem unverfänglichem Tone: „Ich höre, Eure Gattin iſt ganz wieder hergeſtellt, und Ihr werdet ſie vermuthlich bald erwarten dürfen.“ „Ihr ſeyd in einem Irrthume befangen, mein theurer Sir,“erwiederte Smeaton alsbald.„Ich bin ganz unbeweibt.“ „Ei, ich dachte, erſt vorgeſtern ſey von Eurer Gattin zwiſchen uns geſprochen worden,“ rief Sir John Newark, indem er mit großer Kunſt eine Miene ungläubiger Ueber⸗ raſchung affektirte. „Bitt' um Verzeihung, Sir John,“ entgegnete Smea⸗ ton;„Ihr fragtet nach Lady Eskdale, und ich erwiederte, ſie ſey beſſer; der Name Weib wurde aber nie zwiſchen uns erwähnt. Ich ſprach in der That nur von meiner Mutter Krankheit, und da ſie die einzige Gräfin von Eskdale iſt, ſo mußte ich natürlich annehmen, daß Eure Worte ſich auf ſie be⸗ zogen. Ich bin noch Junggeſelle, wie ich Euch verſichern kann.“ „Ei, Mylord, eine glückliche Stellung,“ bemerkte Sir John.„Verhüte der Himmel, daß ich Euch der Bigamie beſchuldige oder Euch ein einziges Weib aufſattle, wenn Ihr noch keines habt! Da Ihr aber noch unbeweibt ſeyd, ſo würde ich Euch rathen, mit Keanton loszuſchlagen, denn ich 30² kann deutlich ſehen, daß unruhige Zeiten herankommen, und obgleich es Euch gelungen iſt, das Gut ſo lange im Beſitz zu behalten, ſo fürchte ich ſehr, Ihr würdet es nicht länger halten können, wenn etwaige Störungen im Lande ausbrächen.“ „Ich hoffe, das wird nicht der Fall ſeyn,“ verſetzte Smeaton,„obgleich ich natürlich gegen den Verkauf des Gutes nichts einzuwenden hätte, wenn er ſich um einen ſchönen Preis bewerkſtelligen ließe. Und doch haften Erinne⸗ rungen an dieſen unſern alten Ahnenſitzen, deren Einflüſſen wir unſer Herz nicht entziehen können. So iſt mir z. B. gar nichts von dieſem Keanton bekannt, obgleich ich daſelbſt ge⸗ boren wurde: nicht ein Stock oder ein Stein iſt mir erinner⸗ lich; ich habe nur ſehr ſelten davon ſprechen hören, und dann höchſtens, um mich über Dinge zu unterrichten, die mir bei einem unerwarteten Wechſel der Umſtände von Nutzen ſeyn könnten. Nichtsdeſtoweniger iſt des Menſchen ſchwaches Herz ſo ſtark durch die feine Kette der Gedankenverbindung ge⸗ feſſelt, Sir John, daß es mir die tiefſte Qual verurſachen würde, wenn ich die Uebertragungsurkunde an Andere unter⸗ zeichnen müßte— den einen Fall natürlich ausgenommen, wenn ich es mir oder meiner Mutter ohne ſolche Belohnung entriſſen ſähe, wie ſie ihren alten Tagen Glück und Behag⸗ lichkeit zu ſichern vermöchte.“ „Ich fürchte, das Letztere dürfte bald der Fall ſeyn,“ verſetzte Sir John mit ernſtem Kopfſchütteln.„Nach Allem, was ich heute geſehen und gehört habe, glaube ich, daß nicht viele Monate verſtreichen werben, ehe wir Ruhe⸗ ſtörungen erleben, welche der gewinnenden Partei nütz⸗ 303 lich, der großen Maſſe der engliſchen Gentry aber höchſt verderblich werden müſſen. Ich meinestheils beabſich⸗ tige unverzüglich meine geſammten Ländereien auf meinen Sohn zu übertragen, ſo daß er derſelben nicht beraubt werden kann, wenn er nicht etwa eine Rolle ſpielt, welche ſchon ſeine Jugend ihm unmöglich macht— mit einem Wort: ſie ſollen nicht mehr mir, ſondern ihm gehören, ſo zweifel⸗ haft bin ich über die Zukunft.— Was Keanton betrifft,“ fuhr er mit leichtem, faſt gleichgültigem Tone fort,„ſo zweifle ich nicht, daß Manche ſeiner Nachbarn ſich bereit finden ließen, einen annehmbaren Preis dafür zu bezahlen. Ich ſelbſt wäre gerne erbötig, Euch eine Summe dafür an⸗ zubieten, wenn jene ebengenannten Rückſichten mich nicht ver⸗ hinderten. Ich habe immer einen gewiſſen Geldfond in Re⸗ ſerve; aber der kann mir im Falle eines Umſchlagens ſelbſt nöthig werden und reicht jedenfalls nicht hin, um ein Gut wie Keanton nach ſeinem vollen Werthe zu bezahlen. Wenn Ihr oder Eure Lady Mutter übrigens zu irgend einer Zeit gegen Verpfändung eine Summe zu augenblickli⸗ chen Zwecken zu erheben wünſchet, ſo gebietet nur über mich, denn es ſoll mir Freude machen, Euch meine Freund⸗ ſchaft durch etwas Beſſeres als bloſe Worte beweiſen zu können.“ Smeaton machte eine höfliche aber werthloſe Erwiede⸗ rung, und Sir John fuhr fort: „Ich ſpreche natürlich blos von dem Falle, daß Ihr das Gut nicht ganz verkaufen wollt, denn wie ich ſchon be⸗ merkt habe, gibt es in unſerer Nachbarſchaft manche wohl⸗ 304 habende Landedelleute, welche recht froh wären, es zu kaufen — unter Anderen Sir James Mount, ein trefflicher alter Herr, der ſonſt als ein Mann von großen Fähigkeiten be⸗ trachtet wird. An ſeinem Genie zweifle ich einigermaßen; an ſeiner hohen Ehrenhaftigkeit und ſeinen redlichen Abſichten durchaus nicht. Er ſprach erſt heute Morgen mit mir über Euch und Keanton. Sobald bekannt wurde, daß der Arg⸗ wohn der Behörden gegen Euch gerichtet ſey, und daß ſie Euch in meinem Hauſe wohnhaft glaubten, fragte er mich insge⸗ heim, ob das wirklich der Fall ſey. Natürlich verrieth ich Euer Geheimniß nicht einmal ihm; er fuhr dann fort, von Kean⸗ ton zu ſprechen, und mir ſchien, als ob er immer auf dieſen Beſitz begierig geweſen wäre.“ „Er kannte meinen Vater und meine Mutter in früheren Jahren,“ erklärte Smeaton.„Ich habe ſeiner oft erwähnen gehört; ja ich glaube ihn ſogar geſehen zu haben, bin aber deſſen nicht ganz ſicher.“ „Er wünſcht ſehr, Euch zu ſehen,“ bemerkte Sir John, „und wenn Ihr das Gut zu verkaufen Luſt habt, ſo wäre er, glaube ich, ein bereitwilliger Käufer. Es that mir leid, den guten alten Mann täuſchen zu müſſen, denn er zeigte ſich ſo beeifert, ſeines alten Freundes Sohn zu begrüßen, daß ich es wohl hätte über's Herz bringen können, ihn heute Abend mitzunehmen, wenn ich nicht anderer Leute anvertraute Ge⸗ heimniſſe eben ſo heilig wie ihre mir übergebene Börſe hielte — ein Ding, das ich unberührt zurückzugeben mich ver⸗ bunden erachte.“ Nun wußte Sir John Newark recht gut, daß der gute 30⁵ Sir James Mount in Wirklichkeit über keinen Heller zu ver⸗ fügen, und daß ſeine Bauwuth und Aenderungsluſt ihn bereits zur Verpfändung ſeines Gutes genöthigt hatten. Da Smea⸗ ton jedoch von dieſen Umſtänden nichts wußte, ſo hätte die Andeutung keinen Verdacht bei ihm erregt, wäre ſie nicht von der Betheurung reiner Abſichten und ehrbaren Verfah⸗ rens begleitet geweſen, was, wie er wußte, in Sir John Newarks Leben nicht eben das unterſcheidende Merkmal aus⸗ machte. „Ich will mir's überlegen, Sir John,“ ſagte er;„was Sir James Mount's Wiſſen um mein Hierſeyn betrifft, ſo ſehe ich wirklich nicht ein, warum die Geheimhaltung ſo ſehr nothwendig ſeyn ſollte, wie Ihr zu glauben ſcheint. Ich habe Euch bereits erklärt, daß ich im Grunde nichts zu fürchten habe, als vielleicht eine kleine Beläſtigung durch ſtupiden Amtseifer; ich denke übrigens, ich werde in wenigen Tagen auch in dieſer Beziehung jede Gefahr entfernt haben, denn es iſt meine Abſicht, morgen an Lord Stair zu ſchreiben und ihn zu bitten, daß er ſeinen Einfluß dahin verwende, um mich in den Stand zu ſetzen, ſo lang ich es für paſſend erachte, in dieſem Lande zu verweilen, natürlich unter der klaren Bedingung, daß mein Hierſeyn der Dynaſtie, welcher er dient, in keiner Weiſe verderblich werden darf. Auf alle Fälle bitte ich Euch, Sir John, laßt Euch durch meinen hie⸗ ſigen Aufenthalt keinen Augenblick veranlaſſen, ſolche Gäſte, die Ihr ſonſt gerne empfangen hättet, auszuſchließen, denn ich kann durchaus nicht zugeben, daß Eure Gaſtfreundſchaft gegen mich Euch einen ſolchen Zwang auferlege und bedaure James. Henry Smeaton. 20 306 nur, daß ſie bereits ſo große Störung in Eurem Haushalte veranlaßt hat. Und nun mit vielem Danke gute Nacht.“ Sir John ſchüttelte ihm warmherzig die Hand und ſie trennten ſich— Smeaton, um ſich auf ſein Zimmer zu ver⸗ fügen und dort(wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll) mehr an Emmelinen als an irgend etwas Anderes zu denken— Sir John, um ſeine Plane unter der neuen Geſtalt, die ſie ge⸗ wonnen hatten, zu überlegen. Daß Smeaton ſich ſo gar nichts um eine Entdeckung kümmerte, war dem Ritter gar nicht erfreulich, denn er hätte ſeinen jungen Gaſt gerne mehr in Verlegenheit geſehen, und er war gar nicht mit der Ausſicht einverſtanden, daß Letz⸗ terem die noch übrigen Schwierigkeiten aus dem Wege ge⸗ räumt werden ſollten. „Ich muß dieſe Epiſtel an Lord Stair im Auge be⸗ halten,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Das geht nicht an, daß Eskdale ſeinen Fuß ganz aus der Leimruthe zurückzieht. Mitllerweile läßt ſich vielleicht die Unvorſichtigkeit jenes thörichten alten Mannes, des Sir James Mount, zu irgend Etwas benützen. Da mein Gaſt durchaus nichts dagegen hat, ihn zu ſehen, ſo werden ſich die Beiden leicht in ſolche Beziehungen ſetzen laſſen, daß einige von Sir James Thor⸗ heiten auch auf den jungen Earl zurückfallen. Wenn der alte Narr den Biſſen wegen Keanton's aufſchnappt, ſo kann ich das Geld gegen Verpfändung der beiden Güter vor⸗ ſtrecken. Thut er es nicht, ſo kann er wenigſtens Verlegen⸗ heiten heraufbeſchwoͤren helfen, daß mein junger Vogel gerne ein Beſitzthum los wird, das nur eine Laſt für ihn ſeyn kann. 307 Nur dieſes ſein Junggeſellenthum iſt eine heilloſe Geſchichte. Wenn Emmeline aus dem Wege wäre, dann könnte Alles gut gehen; aber das läßt ſich nicht ausführen, und ich muß mich eben zu Haus ſicher ſtellen.“ Und bis zur Hallthüre gehend, rief er einem der Die⸗ ner und befahl, die Haushälterin zu ihm zu ſchicken. Siebenzehntes Kapitel. Die Ereigniſſe, welche unmittelbar auf die im letzten Kapitel erzählten folgten, muß ich etwas raſch übergehen, da ſie nichts enthielten, was den Leſer im Einzelnen ſonder⸗ lich intereſſiren würde. Smeatons Brief an den Grafen von Stair wurde geſchrieben und abgeſchickt, und es genüge zu wiſſen, daß er ſeine Beſtimmung niemals erreichte. Unter dem Vorwande großer Artigkeit und Aufmerk⸗ ſamkeit verlor Sir John Newark ſeinen jungen Gaſt kaum einen Augenblick aus dem Geſicht, indem er ihn nur über die Zeit allein ließ, wenn er Richard den verſprochenen Fechtunterricht ertheilte. Smeaton fand ſo keine Gelegen⸗ heit, insgeheim mit Emmelinen zu ſprechen, und die Gefühle, deren ſie ſich nunmehr bewußt waren, machten ſie vor An⸗ deren weit zurückhaltender, als ſie früher geweſen, ehe dieſe Gefühle ihnen bekannt geworden. Der Zwang wurde Bei⸗ den ſehr läſtig und mit jedem Tage unerträglicher, bis Smeaton mit der der Jugend eigenthümlichen Ungeduld 20* 308 (denn dieſe kann ja nie ihre Zeit erwarten) ſich zu jeder Un⸗ beſonnenheit geneigt fühlte, nur um einem ſo läſtigen Zu⸗ ſtande der Dinge ein Ende zu machen. Richard gewährte ihm am dritten Tage einige Erleich⸗ terung, denn während ſie ſich in einer der alten Hallen bei verſchloſſenen Thüren übten, benützte der Burſche eine augen⸗ blickliche Pauſe der Ruhe und ſagte: „Ei, Oberſt, Ihr ſprecht zwar mit mir nicht davon; aber ich weiß recht gut, was in Eurem Pockler vorgeht.“ „Was nennt Ihr meinen Pockler, Richard?“ fragte Smeaton lächelnd. „O, andere Leute nennen es„Herz',“ gab Richard zur Antwort;„nur liegt in jenem Worte keine Bedeutung und Pockler iſt dagegen ſehr bezeichnend; was ich aber ſagen wollte: ich weiß recht gut, daß Ihr all die Zeit nur von- unſerer lieben kleinen Emmeline träumt. Mein Vater trägt Sorge, daß Ihr ihr nicht Honig in's Ohr flüſtert. Wenn Ihr ihr alſo wieder etwas zu ſagen habt, ſo ſagt es lieber mir, und ich will es ſtatt Eurer ausrichten, da ich doch jeden Tag mit ihr ſpazieren geſchickt werde wie Schock, der Schooß⸗ hund. Ich kann ebenſogut von Euch als von etwas Anderem mit ihr reden, denn ſie denkt immer an Euch und verfällt in ſo tiefe Studien, daß, wenn Ihr ſie fragt, wie viel Uhr es iſt⸗ ſie euch in's Geſicht ſchaut und ſagt: Donnerſtag, glaub ich.“ „Ich wollte beim Himmel, ich könnte eine halbe Stunde allein mit ihr reden,“ bemerkte Smeaton. „Ja, das geht nicht,“ erwiederte Richard Newark, „und ich darf Euch nicht helfen, denn wenn mein Vater nur 309 einmal dahinter käme, ſo gäbe es einen Südweſtſturm und Alles wäre zu Ende. Wenn Ihr mir aber ſagen wollt, was Ihr ſie wiſſen zu laſſen wünſchet, ſo will ich's ihr bei meiner Ehre Wort für Wort wiederholen.“ Smeaton hatte großen Widerwillen gegen Vertraute, obwohl dieſe in den Ländern, in denen er ſich zumeiſt aufge⸗ halten, wie in den damaligen Romanen und Schauſpielen faſt unentbehrliche Beigaben zu jeder Liebesgeſchichte waren. Seine Liebe zu Emmelinen war viel zu rein und zart, als daß er den Gedanken ertragen konnte, ſeine Gefühle gegen ſie irgend Jemand anzuvertrauen. Es blieb ihm je⸗ doch nichts Anderes übrig, und ſo ſchickte er ihr durch ihren Vetter manche Botſchaft, in Worten zwar vorſichtig abge⸗ faßt, aber die Gefühle ſeines Herzens doch einigermaßen ausdrückend. An demſelbigen Tage, da obiges Geſpräch ſtattfand, erſchien etwas nach der Mittagsſtunde eine luſtige Ka⸗ valkade vor dem Hauſe. Sir John Newark ſtellte ſich anfänglich etwas überraſcht und ſogar beunruhigt, als er aber plötzlich bemerkte, daß es Sir James Mount war, überließ er es ſeinem jungen Gaſte, ob er bei dem Beſuche dieſes würdigen Gentlemans anweſend ſeyn wolle oder nicht. Smeaton willigte ohne das mindeſte Zögern ein, den⸗ ſelben zu empfangen und erkannte im erſten Augenblicke, da Sir James eintrat, eine Perſon an ihm, die er an dem klei⸗ nen Hofe der verbannten Stuarts in Lothringen, obwohl nur wenige Minuten, geſehen hatte. Der würdige Beamte ging alsbald auf ihn zu, nahm ihn reſpektvoll bei der Hand 310 und gratulirte ihm zu ſeiner Rückkehr nach England, zwar ohne ihn mit ſeinem wirklichen Titel anzureden(denn Sir James bildete ſich nicht wenig auf ſeine Klugheit ein), aber doch mit Zeichen der Ehrerbietung, wie ſie der alte Tory⸗ höfling niemand Geringerem als einem Lord zu erweiſen pflegte. Auch ſeine Sprache war ſo umſchweifend und wieder⸗ holend, daß auch der ſcharfſichtigſte Spion, wenn er mit ſeinem eigenthümlichen Style unbekannt war, nur ſchwer herausgebracht hätte, was um's Himmels willen er meinte, denn in allen ſchwierigen Fällen mehr um ſeinen Gegen⸗ ſtand herumflatternd als ihn ausſprechend, mußte er für alle nicht eingeweihten Ohren gänzlich unverſtändlich werden. „Ich bin wahrhaft entzückt— entzückt— entzückt,“ ſagte er,„Euch in dem Lande zu ſehen, Sir, das als Euer Vaterland— Vaterland— Vaterland betrachtet werden darf, und wenn auch die Gewohnheit zur zweiten Natur wird, was zuweilen beſſer— beſſer— beſſer iſt, als das erſte— warum, wenn die zweiten Gedanken die beſten ſind, ſollte die Natur— Natur— Natur nicht in derſelben Lage ſich befinden? Ihr mögt andere Länder— andere Länder— andere Länder mehr als Euren angebornen— angebornen— angebornen Boden betrachten; nichtsdeſtoweniger dürfen wir uns Glück wünſchen, unſerem Lande eine ausgezeichnete Perſon— Perſon— Perſon wieder geſchenkt zu ſehen, welche gleich einem geliehenen Edelſtein— geliehenen Edel⸗ ſtein eine fremde Krone— Krone— Krone ſchmückte.“ Smeaton war nicht wenig verwundert, erwiederte aber höflich, daß er ſich ausnehmend freue, einen Herrn vor ſich 311 zu ſehen, den er als einen alten Freund ſeiner Familie kenne, und das Geſpräch ging etwa eine halbe Stunde ſo fort, ſo leicht als es bei der kirchthurmrenneriſchen Redeweiſe des würdigen Friedensrichters möglich war. Sir John Newark nahm nur geringen aber nicht unwichtigen Antheil an der unterhaltung, indem er hie und da einige Worte einwarf, um Sir James Mount in diejenige Richtung zu lenken, die er ihm zu geben wünſchte. Auf ſeine Veranlaſſung(obwohl dieſe Veranlaſſung nicht deutlich hervortrat) wurde nicht allein das Thema wegen Keanton's aufs Tapet gebracht, ſon⸗ dern Sir James auch verleitet, ſich über die Vortheile dieſes Beſitzthums, über ſeine Nähe bei ſeinem eigenen Gute, die reizende Lage des Schloſſes und die großen Verbeſſerungen, die ſich durch einen daſelbſt wohnenden Beſitzer ausführen ließen— des Langen und Breiten zu ergehen. „Der würdige Ritter ſcheint wirklich ſehr auf deſſen Ankauf erpicht,“ dachte Smeaton lächelnd,„und bei dem Zuſtande der Dinge hier kann man nicht wiſſen, ob es nicht beſſer wäre, ihm dieſen Gefallen zu thun.“ Zunächſt kam eine herzliche Einladung nach Mount Place, unterſtützt durch folgende Worte: „Ich hoffe, Ihr werdet Euch nicht im Geringſten fürch⸗ ten, Sir, mir die Ehre— die Ehre— die Ehre zu erweiſen und meinen Beſuch zu erwiedern, denn ich bin ſehr ver⸗ ſchwiegen— ſehr verſchwiegen— ſehr verſchwiegen. Mein Haus ſoll Euch zu Gefallen die nächſten drei Wochen— drei Wochen ganz einſam— einſam— einſam gehalten werden. Eure treffliche Lady Mutter— Mutter— Mutter 312 würde Euch ſelbſt meiner Verſchwiegenheit verſichern, und falls Ihr einen kleinen Beſuch in Keanton abzuſtatten wün⸗ ſchet— wünſchet— wünſchet, ſo könnt Ihr es in aller Heimlichkeit in einer halben Stunde ausführen— ausfüh⸗ ren— ausführen. Die Straße iſt ganz abgelegen, führt nur durch ſchweigſame Hecken— ſchweigſame Hecken; da gibt es keine lauernden Spitzbuben von Thoms; Alles ſtill und behaglich, kein Dorf oder Weiler am Wege, und Ihr könnt ohne alles Riſiko ſehen— was vorgeht— was vor⸗ geht— was vorgeht.“ Smeaton erklärte, daß ſeine gütigen Freunde mehr Be⸗ ſorgniſſe für ſeine Sicherheit hegten als er ſelbſt, da er über⸗ zeugt ſey, daß er außer einer kurzen vorübergehenden Be⸗ läſtigung eigentlich gar nichts zu befürchten habe. „Auch dieſe Beläſtigung werde ich in wenigen Tagen nicht mehr zu fürchten haben,“ ſetzte er bei;„es wird mir alſo das größte Vergnügen machen, Sir James Mount vor meiner Abreiſe aus Devonſhire aufzuwarten.“ „Vorſicht und Sorgfalt, edler Sir— Vorſicht und Sorgfalt— Vorſicht und Sorgfalt ſind unter allen Umſtän⸗ den— Umſtänden höchlich anzuempfehlen,“ bemerkte der ehrenwerthe Gentleman.„Wir können nie ſagen, was mor⸗ gen— morgen— morgen werden wird, und drum iſt's beſſer zu überlegen, was wir heute vornehmen.“ „Sehr richtig bemerkt,“ erwiederte Smeaton mit Lä⸗ cheln, und mit dieſem Aphorismus noch friſch auf den Lippen, verabſchiedete ſich Sir James Mount in der vollen Ueber⸗ zeugung, daß er einen ſehr günſtigen Eindruck gemacht habe. 313 Emmeline hatte dieſer ganzen Unterredung angewohnt, ohne aber bei Sir James Mount die geringſte Beachtung zu finden, denn dieſer war mit dem wichtigen ihm anver⸗ trauten Geheimniſſe zu ſehr beſchäftigt, als daß er für jetzt an etwas Anderes denken konnte. Der höflichen Sitte da⸗ maliger Zeit gemäß begleitete Sir John Newark ſeinen Be⸗ ſuch, bis er wieder zu Pferde geſtiegen war, und Smeaton näherte ſich ſeiner ſchönen Gefährtin alsbald mit einer luſti⸗ gen Bemerkung über die Eigenheiten des alten Mannes. Emmeline hielt jedoch den Finger in die Höhe, wie wenn ſie ſeine Aufmerkſamkeit auf ihre Worte lenken wollte und flüſterte: „Ich wünſchte, ich könnte mit Euch reden! o ich wünſchte, ich könnte mit Euch reden! Die gute Mrs. Culpepper kam heute Morgen eine Stunde zu mir an's Bett. Sie iſt freund⸗ lich gegen mich geſinnt und nicht eine Spionin, wie Richard glaubt. Ich habe Euch Vieles zu erzählen. Pſch! er kommt zurück! er kommt zurück!“ Smeaton entfernte ſich ein wenig von ihr; aber Emme⸗ line konnte nicht alles Feuer aus ihren Blicken verbannen, und das Auge Sir John Newark's ruhte auf ihrem Ge⸗ ſichte, ſobald er wieder in's Zimmer trat. Wenn er übrigens etwas bemerkte, ſo nahm er für jetzt keine Notiz davon, ſon⸗ dern ſagte nur in heiterem Tone: „Komm, Emmeline, laß uns an dieſem luſtigen Tage ausreiten. Wollt Ihr uns begleiten, Oberſt Smeaton?“ „Von ganzem Herzen!“ erwiederte der junge Edel⸗ mann;„ich muß mich nur anders anziehen.“ 314 „Ich gleichfalls,“ ſagte Emmeline. „Wohlan, gehen wir an die Toilette,“ rief Sir John. „Ich will unterdeſſen die Pferde beſtellen. Es bedarf eines tüchtigen Galopps, um die Laſt der Worte, w elche der wür⸗ dige Sir James Mount ſo raſch über uns thürmt, wieder abzuſchütteln. Sputet Euch, Oberſt Smeaton! die Pferde werden nicht lange auf ſich warten laſſen.“ Sobald ſie fort waren, eilte Sir John Newark nach dem von der Dienerſchaft bewohnten Theile des Hauſes, und unterwegs die Pferde beſtellend, trat er in das Zimmer der Haushälterin. Mrs. Culpepper war emſig mit einem Haushaltungs⸗ buche beſchäftigt, erhob ſich aber beim Eintreten ihres Ge⸗ bieters und legte die Feder nieder. Sir John Newark be⸗ trachtete ſie eine Weile ſchweigend mit nicht ſehr freund⸗ lichem Blicke; allein die alte Frau ertrug ihn mit vollkom⸗ mener Ruhe, da ſie den Mann, mit dem ſie es zu thun hatte, recht wohl kannte. „Ich habe etwas bemerkt, was mir nicht gefällt,“ ſagte Sir John, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß die Thüre wohl verſchloſſen war; hier hielt er jedoch inne und ſchlug die Blicke zu Boden, als ob er überlegte, was er zunächſt ſagen wollte. „Was mag das ſeyn, Sir?“ fragte die alte Frau, nach⸗ dem ſie eine Weile gewartet hatte.„Ich hoffe doch, mein Benehmen hat Euch nicht mißfallen?“ „Nein,“ ſagte ihr Gebieter,„nein. Ich dachte, Ihr wür⸗ det wohl Acht haben, und doch lag eben vorhin, als ich zu 31⁵ ihr und dieſem jungen Manne zurückkehrte, ein Blick des Ein⸗ verſtändniſſes auf Emmelinens Zügen, der einen Zweifel bei mir erweckte.“ „In der That!“ rief Mrs. Culpepper.„Was konnte ihn veranlaſſen? Hatten ſie lange zuſammen geſprochen?“ „Nur einen Augenblick,“ erwiederte Sir John Ne⸗ wark,„und ich hörte ihn lachen, als ich eben das Zimmer verließ.“ „Dann verlaßt Euch drauf, daß es nichts gegeben, was zu fürchten wäre,“ verſetzte Mrs. Culpepper.„Man lacht nicht, wenn man ſich Geheimniſſe erzählt. Glaubt Ihr, er habe über etwas gelacht, was Ihr gethan oder geſagt hattet? denn dann konnte das Fräulein wohl einen Blick des Einverſtändniſſes verrathen, wenn ſie glaubte, Ihr könntet meinen, ſie habe an etwas, was Euch kränkte, Antheil ge⸗ nommen.“ Der Schlag war glücklich abgewendet, und ihr Gebie⸗ ter antwortete nach kurzem Nachſinnen: „So mag es ſeyn. Nicht daß er mich auslachte, ſon⸗ dern vermuthlich den alten Mann, Sir James Mount.“ „Der alte Narr!“ murmelte Mrs. Culpepper zwiſchen den Zähnen.„Den möͤchte ich ſo wenig wie möglich in mei⸗ nem Hauſe haben, wenn ich eines hätte; man darf ſicher ſeyn, daß er ein Unheil anrichtet, ſobald er ſich in anderer Leute Angelegenheiten miſcht.“ Ein finſteres Lächeln kam über Sir John Newark's Miene, und er dachte— obgleich er es nicht äußerte: „Das iſt's gerade, was ich wünſche.“ 316 Es gibt kein Werkzeug, das ſich in eines Schurken Händen zuweilen ſo nützlich erweist, wie der harmloſe Un⸗ heilſtifter, welcher ehrlichen Leuten gefährlich wird, und wenn auch Sir James Mount's Neugier und Schwatzhaf⸗ tigkeit ſeinem liſtigen Nachbar gewöhnlich höchſt läſtig und zuweilen ſogar unbequem war, ſo hatten ſie ſich doch ſchon oft für Sir John Newark's Plane und Abſichten höchſt för⸗ derlich gezeigt. Letzterer war voller Vertrauen zu ſeinen eigenen Fähigkeiten und ſeiner Kenntniß der Welt und der Menſchen, und er ſcheute ſich nicht im Geringſten, ihn über⸗ all, wo es nöthig war, Andere in Verlegenheit zu bringen, als Werkzeug zu verwenden. Er ſchien übrigens über die Worte ſeiner guten Haushälterin nachzuſinnen; doch kehrte ſein Geiſt bald zu dem früheren Gegenſtande ſeiner Gedan⸗ ken zurück, und er ſagte mit ſtrengerer Miene: „Ich hoffe, Ihr habt nicht in der Aufſicht nachgelaſſen, die ich Euch auferlegte, Culpepper. Man wird zuweilen im Laufe der Zeit nachläſſig in ſolchen Aufträgen, und wenn ich finden ſollte, daß ſolches der Fall iſt, ſo müßte ich fri⸗ ſchere Kräfte zu ſolchen Zwecken verwenden. Hütet Euch alſo.“ „Ich glaube nicht, daß Ihr Urſache habt, mich zu ta⸗ deln, Sir John,“ entgegnete Mrs. Culpepper in ihrem ge⸗ wohnten ruhigen Tone.„Ich habe genau Alles gethan, was ich zu thun verſprach. Ich habe nie eine Bewachung auf mich genommen, ſo lange Ihr im Hauſe waret; ſobald Ihr jedoch abweſend ſeyd oder ich mit ihr aus Euren Blicken mich entferne, darf ich wohl verſichern, daß ſie 317 kaum einen Schritt thut oder ein Wörtchen äußert, was Euch unbekannt bliebe. Wenn zwiſchen ihr und dieſem Gentleman ein Einverſtändniß beſteht, ſo iſt es Euer Fehler und nicht der meine, denn erſtlich habt Ihr ihn hieher ge⸗ bracht und zweitens vielleicht nicht genugſam beobachtet, was unter Euren eigenen Augen vorging.“ „Ihr irrt Euch, Weib,“ entgegnete Sir John ſcharf „Ich wache mit einer Sorgfalt, von der Ihr Euch nicht träumen laßt. Wann habe ich je zu wachen verſäumt?“ „Während der vier bis fünf erſten Tage ſeiner Anwe⸗ ſenheit,“ gab Mrs. Culpepper zur Antwort, indem ſie einen Einmachtopf auf eines der Bretter hinter ihr ſtellte, ohne im Mindeſten ihre Faſſung zu verlieren.„Am zweiten oder dritten Tag war er im Salon eine Stunde lang mit ihr al⸗ lein, während Ihr mit Martin, dem Roßkamm, über einige Pferde ſprachet, die Ihr kaufen wolltet—“ „Und über andere wichtigere Dinge,“ bemerkte Sir John bedeutungsvoll. „Davon iſt mir nichts bekannt,“ verſetzte die Haushäl⸗ terin.„Ich weiß nur, daß ſie dort beiſammen waren; doch glaube ich nicht, daß bis jetzt ein Uebel daraus entſtanden iſt, denn aus den Worten und Handlungen, die ich gehört und bemerkt habe, moͤchte ich ſchließen, daß ſie nur wenig zuſammengeſprochen haben. Ich wußte es ſo einzurichten, daß ich ihre Unterredung dreimal unterbrach, obgleich ich mich eigentlich nicht darein zu miſchen hatte, da Ihr im Hauſe waret. Ich wundere mich in der That, daß er nicht behert iſt, denn ſie iſt das hübſcheſte Weſen, das man nur 318 ſehen kann; vermuthlich hat er in fremden Ländern, wo er ſich, wie Ihr ſagt, aufgehalten, viele feiner gekleidete Schön⸗ heiten geſehen, und wenn er ſelbſt arm iſt, ſo wird er wohl Geld brauchen, was er hier vorausſichtlich nicht bekommt, da er in der That nicht ſagen kann, daß es jemals eine Aus⸗ ſicht dazu gäbe. Solche ausländiſche Militärs verlieben ſich nicht leicht in Damen ohne Vermögen— nein, nein, das iſt nicht wahrſcheinlich.“ Sie ſchüttelte ernſthaft mit dem Kopfe, während ſie dieſe Worte in moraliſirendem Tone von ſich gab, und Sir John lächelte wieder, als er ſeinen Argwohn vor den Be⸗ weisgründen der alten Frau weichen fühlte. „Es iſt viel Wahres an dem, was Ihr ſagt, meine gute Frau,“ bemerkte er;„doch erinnert Euch ja, daß keine Vorſicht zu groß ſeyn kann. Ich hatte meine eigenen Gründe, um dieſen Gentleman hieherzubringen; nur habe ich mich in einer Hinſicht getäuſcht und habe mich ſelbſt täuſchen helfen. Man ſagte mir, er ſey verheirathet— wenigſtens gab man mir ſo zu verſtehen; nun höre ich aber, daß er es nicht iſt, und wenn ich auch nicht glaube, daß er in der Lage oder in der Stimmung iſt, um eine ſolche Thorheit zu begehen und ein vermögenloſes Mädchen zu heirathen, wenn er es beſſer haben kann, ſo will ich doch nicht die geringſte Sorgfalt ver⸗ nachläſſigt wiſſen und mich überzeugen, daß ihm keine Ge⸗ legenheit bleibt, ihr Ohr mit Liebesgeſchwätz zu erfüllen. Ich habe Euch ſchon geſagt, daß Emmeline meinen Richard heirathen muß— das iſt für mich und für Beide noth⸗ wendig.“ 319 „Ganz wohl, Sir John,“ antwortete die Haushälterin trocken.„Ich habe kein Intereſſe an der Sache.“ „Ich will Euch ein Intereſſe geben,“ ſagte Sir John, ſeinen Finger auf Mrs. Culpepper's Arm legend.„Paßt auf: ich verſpreche Euch bei meiner Ehre, daß ich Euch an dem Tage von Richards Vermählung mit Emmelinen hun⸗ dert baare Guineen auszahlen will.“ „Ha, jetzt gebt Ihr mir ein Intereſſe,“ rief die Haus⸗ hälterin mit freudigerer Miene;„aber Ihr werdet es ſchwer finden, Sir John, es dahin zu bringen; Junker Richard iſt ſo jung— zwei Jahre jünger als Lady Emmeline— und dann wißt Ihr auch, daß er eigentlich noch jünger iſt als ſeine Jahre. Zwar möchte ich behaupten, daß das junge Fräulein ihn lieb genug hat, um ihn zu heirathen, und wenn er ſich nur erſt in ſie verliebt, wie er es mit der Zeit wohl thun wird— denn wenn Ihr ſie immer zuſammen eingeſperrt haltet, was können ſte Anderes thun?— ſo wird ſie ihn noch lieber gewinnen. Was dieſen Gentleman hier betrifft, ſo glaube ich nicht, daß etwas daran iſt— ich müßte es ja doch geſehen haben. Sie können mich nicht irreführen, wenn ſie auch Euch zu verblenden vermöchten.“ „Wie kommt es, daß Eure Augen ſo viel ſchärfer ſind als die meinen?“ fragte Sir John höhniſch.„Ich möͤchte wohl Euer Geheimniß wiſſen, wenn dem ſo wäre.“ „Wie es kommt?“ wiederholte die Haushälterin.„Erſt⸗ lich weil ich ein Weib bin, und dann weil für Euch viel auf dem Spiele ſteht. Die Männer verſtehen nichts von ſol⸗ chen Dingen, und wenn ihnen auch ein Argwohn kommt, ſo 320 heften ſie ihn allemal auf die falſche Perſon; ſteht vollends viel auf dem Spiele, ſo ſind ſie entweder ganz blind oder ſehen jedenfalls krumm. Ich habe nicht umſonſt ſechszig Jahre in der Welt gelebt, Sir John, und verſtehe mich recht gut auf Männer wie auf Frauen.“ Dabei ſchüttelte ſie ihren Kopf wie ein Orakel. Das Selbſtvertrauen kann zwar Anderen zuweilen ſeht läſtig fallen; allein es hat doch etwas ſehr Eindringliches an ſich. Wenn der damit Behaftete auch nur einige Talente beſitzt, ſo darf er ſicher darauf zählen, ſie in den Augen der Andern zu verdoppeln, während ſein Selbſtvertrauen ſie in ſeinen eigenen verdreifacht, und ſo iſt doch wenigſtens Etwas gewonnen. Sogar ein Narr iſt durch dieſes Selbſtvertrauen nicht ſchlimmer daran, denn wenn es auch ſonſt nichts be⸗ wirkt, ſo dient es doch dazu, ſeine Thorheit vor den Augen beſcheidenerer Narren zu verbergen. Sir John Newark kannte Mrs. Culpepper als faſt ebenſo ſcharfblickend wie ſie ſich ſelbſt darſtellte, und auf ihre eigene Darlegung hin nahm er den Reſt als bewieſen an. So verließ er ſie denn mit dem erneuten Auftrage, nicht allein während ſeiner Abweſenheit, ſondern auch wenn er im Hauſe wäre, Alles was vorgehe zu beobachten, und die alte Dame nahm ihr Rechenbuch wieder zur Hand, in⸗ dem ſie vor ſich hinmurmelte: „Der Schurke! meint der, mit hundert Guineen könne er Alles ausrichten!“ 321 Achtzehntes Kapitel. Mehrere Tage vergingen, und die Zeit verſtrich, welche auf Smeaton’s Brief an Lord Stair eine Antwort aus Lon⸗ don hätte bringen ſollen. Aber die Antwort blieb aus, und in der Gegend liefen geſchäftige Gerüchte um von gefähr⸗ lichen Vorgängen im Norden von England und in Schott⸗ land. In der unmittelbaren Nachbarſchaft von Ale Manor ſchien übrigens die öffentliche Stimmung ruhiger und un⸗ bewegter. Einige von den Behörden waren in jene ſorg⸗ loſe Gleichgültigkeit zurückgeſunken, aus der nur die Nach⸗ richt großer Gefahren ſie erweckt hatte; Männer von feſterem und konſequenterem Charakter verhielten ſich ſtille, weil ſie ſich auf jedes Ereigniß vorbereitet wußten, und Andere von kühnerem, liſtigerem und thätigerem Gemüthe waren emſig und mit ebenſo viel Entſchloſſenheit als Vorſicht mit den Maßregeln beſchäftigt, welche ſie zuvor ſchon zu ergreifen beſchloſſen hatten. Im Inneren von Ale Manor Houſe verſtrichen die Tage faſt ohne ferneres Ereigniß. Emmeline und Smeaton ſahen Beide, daß ſie bewacht waren, und legten ihren Handlungen, Worten und Blicken den größten Zwang auf, der ſich mit einem höflichen und freundlichen Begegnen nur irgend ver⸗ trug. Mrs. Culpepper ſchlich geräuſchlos wie immer um⸗ her, war bald hier und bald dort zu ſehen, wo Niemand ſie erwartete, und überzeugte durch ihr ruhiges, geſetztes We⸗ ſen ſogar Sir John Newark, daß ſie ſeinen Befehlen blind⸗ lings gehorchte. James. Henry Smeaton. 21 322 Richard Newark war der Einzige, der das Zuſammen⸗ leben mit manchen Scenen erheiterte. Es geſchah von Zeit zu Zeit, daß er in ſeiner raſchen, ungeſtümen Weiſe und in ſeiner bilderreichen aber nicht ſehr gewählten Sprache, die wohlverſteckten Empfindungen der Liebenden ſo nahe be⸗ rührte, daß er Beide ängſtigte, und dann munter auf ein anderes Thema überſpringend, ſie unbeſchädigt wieder ver⸗ ließ. Auch ſeinen Vater erhielt er in Angſt, denn ſeine ſorgloſe„faſt ganz unbekümmerte Laune ſchien mehr als je bei ihm zurückgekehrt zu ſeyn. So paſſirte es ihm, daß er weit draußen in der Bai aus einem Boot in's Waſſer ſtürzte und beinahe ertrunken wäre, da Niemand mit ihm im Na⸗ chen war, wenn er nicht das Schwimmen ſo zeitig erlernt und ſo fortwährend geübt hätte, daß es ihm faſt ſo gut wie das Gehen zur andern Natur geworden war. Ebenſo ſprengte er eine Vogelflinte, indem er ſie in einem Augen⸗ blicke der Vergeßlichkeit mit einer doppelten Ladung voll⸗ pfropfte; doch kam er ohne Schaden davon und klagte nur über ſeine zerſplitterte Flinte. Es läßt ſich nicht annehmen, daß der Zwang, dem ſie ſich unterwerfen mußten, für Smeaton und Emmelinen an⸗ ders denn hoͤchſt peinlich war. Sie ſahen nicht, wie er je⸗ mals ein Ende nehmen wuͤrde. Es war natürlich, daß der männliche Liebhaber dieſen Zuſtand der Dinge mit größerer Ungeduld trug als die Dame, denn die Frauen beſitzen ſogar in früher Jugend ſchon eine Art von Vorauswiſſen, daß ſie ihr Theil ohne Murren ertragen müſſen. Smeaton fühlte ſich beinahe verſucht, allen Zwang von ſich zu werfen und 323 ein Verfahren einzuſchlagen, das, wie er wohl fühlte, nur unbeſonnen und ſogar gefährlich genannt werden konnte. Nur wer es erfahren hat, weiß, wie unerträglich es iſt, fort⸗ während mit einem geliebten Gegenſtande zuſammen zu ſeyn, ohne eine Gelegenheit zu haben, ſogar nur durch ein geflüſtertes Wort oder einen Liebesblick die Gefühle mitzu⸗ theilen, die ſich im Herzen regen. Wie dieſer Zuſtand geendet hätte und ob Smeaton bei längerer Fortdauer zu irgend einer Unbeſonnenheit verleitet worden wäre oder nicht— kann ich unmöglich ſagen, denn ſo gut er auch durch Widerwärtigkeit, durch Schwierigkeiten und Gefahren geſchult worden war und ſo ſehr er durch ſeine männliche Ruhe den meiſten Dingen des gewöhnlichen Lebens gewachſen ſchien, ſo war er doch von Natur unge⸗ ſtüm, und die Empfindungen, die er nunmehr in ſich nährte, waren ſo ſtark und neu, daß er ſie nicht der Herrſchaft zu unterwerfen vermochte, die er ſich durch die Erfahrung der Vergangenheit erworben hatte. Dieſer Zuſtand ſollte übrigens nicht lange dauern, denn am vierten Tage nach Sir James Mount's Beſuche wäh⸗ rend er ſehr frühe am Morgen in ſeinem Zimmer ſaß, um den glänzenden Sonnenaufgang zu genießen und ſich den Gedanken zu überlaſſen, womit Liebende die Morgenſtunden zu beleben pflegen, vernahm er ein leiſes Klopfen an ſeiner Thüre. Kein Laut hatte zuvor die im ganzen Hauſe herr⸗ ſchende Stille geſtört; keine Hausmagd hatte ihren Kübel über die Gänge gerutſcht, kein alter frühaufſtehender Die⸗ ner die Thüre geöffnet oder die Fenſter aufgeriegelt, und 21* 324 ohne es zu wagen, ein lautes Herein zu rufen, ſtand Smeaton auf, um ſich mit eigenen Augen zu überzeugen, wer dieſer frühe Beſuch ſeyn möge. „Er fand die gute Mrs. Culpepper ſelber im Gange draußen ſtehen; ſobald ſie ſah, daß er angekleidet war, trat ſie ſchweigend mit ihrem geräuſchloſen Schritte ein und ſchloß die Thüre ruhig hinter ſich ab. „Ich habe ſchon einige Zeit gewünſcht, mit Euch zu ſprechen, Sir,“ ſagte ſie;„allein Sir John Newark iſt ganz Auge, und ich darf ihn nicht merken laſſen, daß ich irgend etwas von Euch weiß, wenn ich nicht Alles verderben will. Ich dachte jedoch, die alte Nanny dürfe wohl einmal kommen und ihren Knaben ſogar im Schlafzimmer beſuchen, und ſo bin ich heute frühzeitig aufgeſtanden. Es laufen ſonderbare Geſchichten im Lande um, Sir: es heißt, im Norden ſtehe das Volk bereits unter den Waffen. O, Harry, habe nichts mit ihnen zu ſchaffen, denn dieſe Sache wird nicht glücken, darauf darfſt Du Dich verlaſſen. Mehr als die Hälfte der Gentry und die meiſten Leute des Mittelſtandes ſind da⸗ gegen.“ 3 „Ich habe nicht die leiſeſte Abſicht, mich bei dieſen unbeſonnenen Bewegungen zu betheiligen, meine theure Nanny,“ verſicherte Smeaton.„Ich bin ebenſo gut wie Ihr von deren Hoffnungsloſigkeit überzeugt.“ „Aber ich fürchte, Sir John,“ ſagte die alte Frau; „ihn fürchte ich ſehr. Er iſt gerade der Mann, um ſich von allen Gefahren entfernt zu halten und andere Leute darein zu hetzen, um zu ſehen, was er von der Beute an ſich reißen kann. Ich wollte zum Himmel, Ihr wäret fort, ſo erfreulich mir auch Euer Anblick iſt. Ich wünſchte, Ihr wäret wieder in Frankreich. Könnt Ihr nicht gehen und Euch dort ruhig verhalten?“ Smeaton ſchüttelte den Kopf mit ſchwachem und faſt melancholiſchem Lächeln. „Ich kann jetzt nicht gehen, Nanny,“ ſagte er—„das iſt unmöglich. Die Bande, die mich nun an dieſes Land feſſeln, ſind ſchwerer zu brechen als Alles was mich an an⸗ dere Länder knüpft.“ „Könnt Ihr ſie nicht mit Euch nehmen?“ forſchte die alte Frau in leiſem Tone.„Hört, was ich für Euch erſon⸗ nen habe. Ihr liebt ſie; ich weiß, Ihr liebt ſie und ſie liebt Euch. Nehmt ſie mit, heirathet ſie unter Mylady's Augen und mit ihrer Genehmigung; haltet Euch vollkommen ruhig, was auch in England vorgehen mag, und wenn Alles wieder geordnet iſt, dann fordert die Erlaubniß zur Rückkehr, nehmt Eure Rechte wieder auf, und während Ihr fort ſeyd, will ich dafür ſorgen, daß auch dieſes theure Kind ihre Rechte haben ſoll trotz aller Liſt des liſtigſten Mannes innerhalb der vier Meere.“ „Aber wie läßt ſich das einrichten?“ fragte Smeaton; „wird ſie auf einen ſo plötzlichen und unerwarteten Vorſchlag eingehen?“ „Habt Ihr ihr Nichts geſagt?“ erwiederte die Haus⸗ hälterin mit einem Blicke der Ueberraſchung.„Habt Ihr nicht Euer ganzes Herz vor ihr enthüllt? Ich dachte— ich meinte— ich war ſogar überzeugt, an dem Tage, da Ihr 326 ſo lange allein zuſammen waret, Ihr müßtet Alles geſagt haben, was zu ſagen nöthig war. Seyd Ihr ja doch außer dem Morgenritte noch am Abend über zwei Stunden auf der Terraſſe auf⸗ und abgewandelt, während Dick in einiger Ent⸗ fernung pfeifend auf einem Steine ſaß.“ „Sie weiß, daß ich ſie liebe, und ich hoffe, daß auch ſie mich liebt,“ verſetzte Smeaton;„aber es iſt ein ganz anderes Ding, mir ihre Hand für die Zukunft zu verſprechen oder auf ganz kurze Benachrichtigung hin mit mir in ein fremdes Land fliehen zu wollen. Der Zweck, die Beweggründe, ihre eigene Lage und Stellung hier, die Nothwendigkeit zu gehen, ſelbſt wenn ſie nicht ſogleich mein Weib werden will— dies Alles muß ihr erklärt werden, und ich habe nie Gelegenheit hiezu. Nicht einen einzigen Augenblick kann ich ſie unter Tags ohne Zeugen ſehen, und ich mag die Treppen ſo oft ich will— vielleicht öfter als klug iſt— auf⸗ und abgehen, um ihr im Vorbeigehen ein flüchtiges Wort zuzuflüſtern: nie gelingt es mir, ihr zu begegnen.“ 3 „Weil Ihr eine ganz andere Treppe betretet,“ bemerkte die alte Frau.„Ihr kommt jeden Tag dicht an ihr vorüber, nur iſt auf dieſer Seite keine Thüre offen. Laßt ſehen,“ fuhr ſie fort, ihre Hand auf die Augen drückend.„Ich denke, ich kann es für Euch einrichten; Ihr müßt aber ſehr vorſich⸗ tig ſeyn. Ihr kennt wohl jeden Winkel in Eurem Wohn⸗ zimmer nebenan, und müßt eine Thüre wie ein Kloſetpfört⸗ chen bemerkt haben, welche immer verſchloſſen iſt. Dort iſt ein Kloſet— ein bloſer Schlupfwinkel: ſie führt auf den Gang dicht neben dem Staatszimmer, hinter welchem des 327 Prieſters Zimmer liegt. Letzteres ſtößt an das von Emme⸗ linen und ſie kann von ihrem Zimmer aus auf jenen Gang kommen. Nachts, wenn Ihr zu Bette geht, werdet Ihr irgendwo— laßt ſehen, wo ich ihn hinlegen will— ja, das wird gehen— werdet Ihr auf dem oberen Brette dieſes Schenktiſches dort in der Ecke den Schlüſſel des Kloſettes finden, das auf den Gang führt. Morgen früh, noch ehe Jemand auf iſt, müßt Ihr aufſtehen und Euch durch das Kloſet in das Staatszimmer begeben; dort werdet Ihr Emmelinen treffen oder ſie wird ſich ſehr bald einfinden. Aber merkt Euch ja, daß Ihr nicht lange beiſammen bleibt und kein Geräuſch macht. Sprecht leiſe— tretet ſanft auf, und um keinen Preis öffnet den Weg in das Prieſterzimmer, denn das würde er ſicherlich hören, da er darunter ſchläft. Ihr müßt ſie dazu bringen, daß ſie ſich raſch entſchließt, denn die Wolken ſammeln ſich eilig über unſern Häuptern, und ich moͤchte gerne, daß ihr fort wäret.“. „Wenn ich nicht lange bei ihr bleiben darf,“ erwiederte Smeaton,„ſo werde ich ihr wahrſcheinlich nicht Alles auf einmal erklären können.“ „Dann muß ſie am andern Morgen noch einmal kom⸗ men,“ ſagte die alte Haushälterin;„denn Ihr dürft nicht lange beiſammen bleiben— eine halbe Stunde höchſtens— ſelbſt wenn Ihr um fünf Uhr aufſteht. Bedenkt, daß immer ſchon vor ſechs einige Leute im Haus auf ſind, und Niemand kann ſagen, wohin ſie kommen können. Es iſt hier ein gar merkwürdiger Haushalt, Sir, wo jeder Diener der Spion des andern und der Gebieter der Spion über Alle iſt. Es 328 bedarf geſchickter Leitung; aber ich weiß es ſo einzurichten, daß, indem ich ihm rapportire, was ich thue, die Andern oft nach meiner Weiſung handeln. Sie erzählen ihm, daß ich hier und dort umherlaure, wenn er fort iſt, daß ich in allen Zimmern und Gängen umherkomme, wie wenn ich die Ge⸗ bieterin des Hauſes wäre. Das iſt's gerade, was er will, und ob er auch zuweilen, wenn er mich in anderer Gegen⸗ wart umherkriechen ſieht, ſcharfe Worte ausſtößt, wie wenn er zornig wäre, ſo iſt dieß nur Verſtellung, auf die ſich Nie⸗ mand beſſer verſteht, als er. Ich erzähle ihm faſt Alles, was vorgeht; aber dieſes faſt verhüllt eben das, was ich zu verbergen wünſche. Ich thue ihm kein Unrecht, weil er kein Recht in dieſem Hauſe hat, und ich behalte immer die Mittel in der Hand, um ihm nach Belieben einen Schaber⸗ nak zu ſpielen. Wenn er es wüßte, ſo würde ich gar bald in dem tiefen Ziehbrunnen im Garten gefunden werden; aber er ſoll es nicht eher erfahren, als bis ich ſicher außer ſeinem Bereiche bin.“ „So darf ich mich denn darauf verlaſſen, daß ich Emme⸗ linen dort finden werde?“ rief Smeaton mit frohem Herzen. „Ja, ich glaube,“ verſetzte die Haushälterin in zweifel⸗ hafterem Tone, als ihm lieb war.„Sie wird ſich gewiß nicht weigern, zu gehen. Ich will ſie ſchon überreden, und die Liebe wird Partei für mich nehmen. O ja, ſie wird kommen: ich bin es überzeugt. Aber jetzt will ich gehen, und vor morgen Früh muß ich die Schlöſſer wohl einölen und den Schlüſſel für Euch legen.— Lebt wohl, mein theurer Junge: ſeyd auf Eurer Hut gegen Alles, was Sir John vorſchlägt, 329 denn Ihr könnt nie wiſſen, welche Liſt bei Allem, was er ſagt oder thut, zu Grunde liegen mag. Ich darf mich nicht mit Schilderung all der verſchie⸗ denen Empfindungen aufhalten, welche das Herz des jungen Edelmannes beſtürmten, nachdem die alte Haushälterin ihn verlaſſen hatte. Sie waren aufregend genug: obwohl ihre Worte wohl darauf berechnet geweſen, die Hoffnung baldiger Erfüllung ſeiner heißeſten Wünſche zu ermuthigen, ſo ver⸗ ſenkten ſie ihn doch den Tag über in gedankenvolle Träume⸗ reien, welche dem ſcharfen Auge Sir John Newark's nicht entgingen Smeaton ſah, daß ſeine Zerſtreutheit, ſeine ernſte, nachdenkliche Miene bemerkt wurde, und er lenkte den Ver⸗ dacht von der Bahn, die er vielleicht genommen hätte, ab, indem er ſeine Ueberraſchung darüber ausdrückte, daß er von Lord Stair noch keine Antwort erhalten hatte. Auch Emme⸗ line bemerkte die Aenderung in ſeinem Weſen, und war nicht wenig in Sorgen, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll; doch für ſie nahte die Aufklärung ſehr bald. Ich moͤchte dem Leſer gerne die Gefühle begreiflich machen— fürchte aber, daß ich's nicht im Stand ſeyn werde — mit denen ſie auf die Worte der alten Haushälterin horchte, als Mrs. Culpepper ſie in jener Nacht beſuchte. Ich fürchte, man möchte ſie— und wäre es auch nur in ganz geringem Grade— für unweiblich, keck oder heraus⸗ fordernd halten, wenn ich ſage, daß der Gedanke, Smeaton am andern Morgen insgeheim zu ſehen, keine andere Re⸗ gung als die der Freude bei ihr erzeugte, und doch war dem alſo. Emmelinen's Charakter war vorherrſchend weiblich in 33⁰ der ſchönſten edelſten Bedeutung dieſes Wortes. Der Ge⸗ danke einer heimlichen Zuſammenkunft mit ihrem Verlobten machte ihr ganzes Herz erbeben; er erſchütterte und über⸗ wältigte ſie beinahe— aber nur vor Freude. Ihre Erzie⸗ hung hatte ihr nichts von dem konventionellen Zwange der Frauen ihrer Geſellſchaftsklaſſe eingeprägt; ſie war zwar eingezwängt und niedergehalten worden, aber in anderer Weiſe. Sie wußte nicht und konnte nicht begreifen, daß in dieſem Zuſammentreffen mit dem Geliebten irgend etwas Unrechtes lag, irgend etwas, das ſich auch nur als ein Un⸗ recht auslegen ließ. Ihre Seele flog der ſeinigen entgegen, um ihm Alles zu erzählen, was ſie fühlte, und die aufge⸗ ſpeicherten Gedanken der letzten Woche in ſeine Bruſt aus⸗ zuſchütten. Sie hätte ebenſogut eine Lerche für tadelnswerth halten können, wenn ſie über dem Neſte ihres befiederten Genoſſen ihren heiteren Geſang in die Luft hinaustrillert, als daß ſie von dem Guten und Verſtändigen Tadel verdiente für das, was ſie zu thun vor hatte. Die Welt iſt voll konventioneller Feſſeln, welche ſich ſeit der Schöpfung immer vermehrt haben— das ſind aber die Feſſeln der Gefallenen. Adam und Eva fanden ſte, ſobald ſie die Frucht vom Baume der Erkenntniß des Guten und Böſen gekoſtet hatten, und die grünen Blätter, womit ſie ſich verhüllten, bildeten die erſte Verfälſchung in dieſer Welt. Aber die gute Emmeline war gewiſſermaßen wie Eva, ehe ſie ſich von der Schlange hatte berücken laſſen. Sie hatte jene Frucht noch nicht gekoſtet; ſie wußte nur wenig vom Böſen, ſie hatte kein Herz, um ſich das Uebel vorzu⸗ 331 ſtellen, und wie geſagt, der Gedanke, ihren Geliebten zu treffen und eine ſtille Stunde ruhigen Geſprächs mit ihm zu genießen— erregte ihr nichts als Bilder der Freude. Allerdings hatten einige undeutliche Worte, welche die alte Haushälterin vor ihrem Abgange über die kommende Unterredung und den Einfluß, den ſie vermuthlich auf ihr künftiges Geſchick haben würde, hatte fallen laſſen— ein gewiſſes Gefühl der Schüchternheit in ihr erregt; doch war es nicht bedeutend, und ſie war ſchon angekleidet, noch ehe Mrs. Culpepper am folgenden Morgen erſchien. Ihre Schüchternheit hatte unterdeſſen zugenommen, und ſie er⸗ ſuchte die alte Frau, mitzukommen und der Unterredung an⸗ zuwohnen; allein Mrs. Culpepper verſtand ſich beſſer auf Liebe und die Gefühle von Liebenden als Emmeline und wußte recht wohl, daß ſie bei deren Zuſammenkunft zu viel ſeyn würde. „Nein, mein theures Kind, nein,“ ſagte ſie.„Junge Herren, wenn ſie mit jungen Damen reden, die ſie lieben, mögen ſich nicht gerne von alten Frauen behorchen laſſen. Ich will auf dem Gange warten und Euch benachrichtigen, wenn es Zeit zu ſcheiden iſt; bei allem Andern aber ſeyd Ihr beſſer allein.“ In ihrem Herzen mochte Emmeline der alten Haushäl⸗ terin vielleicht Recht geben; jedenfalls unterwarf ſie ſich be⸗ reitwillig und folgte ihr mit ſchwankendem Schritte und etwas aufgeregter Miene nach dem Orte der Zuſammen⸗ kunft. Smeaton war ſchon vor ihr da und trug Sorge, die Thür zu verſchließen. 33² Ich will nicht dabei verweilen, was zwiſchen ihnen vor⸗ ging. Viele wichtige Dinge wurden vorgeſchlagen, berathen und feſtgeſetzt; Vieles war zu erzählen, zu erklären und an⸗ zuhören; aber nichts wurde ausgemacht und ſehr wenig be⸗ ſchloſſen. Wunderbar, wie ihnen die Zeit in Worten der Liebe und im Gefühle des Glückes verſtrich! ſie vergaßen die Zu⸗ kunft über der Gegenwart, und ſie wollten eben dem eigent⸗ lichen Zwecke ihrer Zuſammenkunft näher kommen, als die alte Haushälterin ſachte die Thüre öffnete und meldete, daß es Zeit zu ſcheiden ſey. Dann wurde haſtig das Verſprechen geflüſtert, daß man ſich am folgenden Morgen wieder treffen wolle, indem man ſich gegenſeitig gelobte, das nächſte Mal verſtändiger und vorſichtiger zu handeln und ſeine Zeit beſſer zu benützen. So trennten ſie ſich, und Emmeline, von dem berau⸗ ſchenden Vorſchmacke aufkeimender Liebe bewegt und ver⸗ wirrt, kehrte auf ihr Zimmer zurück, um ſich Träumen des Glückes hinzugeben. Ihr Haupt hatte an ſeiner Bruſſt ge⸗ ruht: ſeine Arme hatten ſie an ſein Herz gedrückt; ſeine Lippen waren den ihrigen begegnet. Das war Alles zum erſten Male, und dieſes erſte Mal bewirkt eine ereignißreiche Veränderung in des Weibes Herzen. Am andern Morgen trafen ſie ſich wieder, und obwohl ſtark verſucht, wie geſtern, waren ſie weiſe und erinnerten ſich, daß Vieles zu beſchließen war. Auch bei dieſer Unter⸗ redung will ich nicht länger, wie bei der vorangegangenen, verweilen. Der Leſer kann ſich leicht vorſtellen, welches die Empfindungen eines jungen, unſchuldigen, unerfahrenen 333 Mädchens ſeyn mußten, als ihr der Vorſchlag gemacht wurde, das Haus, in dem ſie auferzogen worden, den Schutz, an den ſie gewöhnt geweſen, zu verlaſſen, und mit einem Manne, den ſie zwar zärtlich liebte, aber erſt ſo kurz kannte, unter Schweigen und Geheimniß in ein fernes Land zu ziehen. Sie zweifelte nicht an ihm; ſie vertraute ihm gänzlich; ſie war feſt überzeugt, daß er ihr Vertrauen nicht mißbrauchen würde; ſie glaubte ihm ganz und gar, als er ihr erzählte, daß ſie ihm wie eine Schweſter ſeyn ſollte, bis ſie ſein Weib würde; aber ihr Herz ſank, ihre Glieder zitterten, und nur mit Mühe konnten ihre Lippen dazu vermocht werden, das Gelübde endlich auszuſprechen. Smeaton gab ſich alle Mühe, ſie zu beruhigen und zu tröſten. Erſteres dürfte vielleicht ſonderbar erſcheinen, und doch war es ein ſehr wirkſames Verfahren. Einem Gebrauche gemäß, den er in anderen Ländern geſehen hatte, verbanden ſie ſich gegenſeitig durch eine einfache Form der Verlobung. Die Hände in einander gelegt, gelobte er, für immer ihr zu gehören und ließ ſie daſſelbe Verſprechen gegen ihn wieder⸗ holen; dann riefen ſie Gott zum Zeugen ihres Schwures, worauf er einen kleinen Juwelenring— einen alten Schatz ſeines Hauſes— an ihren Finger ſteckte; nachdem er ihn eine Weile daran gelaſſen und die Hand, die ihn trug, ge⸗ küßt hatte, hieß er ſie das Ringlein an einem Bande um den Hals befeſtigen und immer auf dem Herzen tragen. Doch noch immer ſah er ſie bewegt, vielleicht dürfte ich ſagen—erſchreckt; aber er flüſterte ihr einige Worte in's Ohr, und alle Unentſchloſſenheit war zu Ende. Emmelinen's heitere 334 Blicke wurden noch heiterer, als ſie ſie mit einem Ausdrucke der Ueberraſchung und Freude auf ſein Geſicht heftete, und ihre Hände zuſammenſchlagend, rief ſie: .„Dann gehe ich ſicher und mit vollem Recht. Es iſt eine Pflicht, und ich fürchte mich nicht länger.“ „Du ſollſt morgen früh das Papier haben,“ verſprach Smeaton;„aber ſobald Du es geleſen haſt, mußt Du es ver⸗ nichten. Ich habe es verborgen, wo Niemand es finden konnte, ſelbſt als mein Gepäck in London durchſucht wurde; jetzt fühle ich mich übrigens gegen meine Braut verbunden, es Dir zu zeigen, damit Du Dich in Allem, was du thuſt, ge⸗ rechtfertigt fühleſt.“ Abermals mußten ſie ſcheiden; aber es blieb wenig mehr feſtzuſetzen, und das— meinten ſie— ließ ſich leicht bewerkſtelligen. Die Stunde, die Art und Weiſe, die Mittel zur Flucht waren noch auszumachen; aber Flucht war be⸗ ſchloſſen, und ſie trennten ſich voll Glückſeligkeit. Als ſich jedoch Emmeline in der Einſamkeit ihres eige⸗ nen Zimmers befand, als ihr Alles, was ſie verſprochen, Alles, was ſie zu erfüllen hatte, wie ein Traum vorkam— da fühlte ſie ſich tief bewegt. An Gefahren und Schwierig⸗ keiten dachte ſie nur wenig; aber die ſonderbare Neuheit ihrer Zukunft bewegte und beunruhigte ſie. Der bloſe Ge⸗ danke, die wilde, einſame Umgebung von Ale verlaſſen, vielleicht für immer verlaſſen zu müſſen, machte einen ſehr melancholiſchen Eindruck auf ihr Gemüth. Da war kein Fels oder Hügel, keine ragende Klippe, kein Einſchnitt der Küſte, kaum ein Baum in der ganzen Umgegend, der ihr nicht als ein vertrauter Freund bekannt war. Sie waren die Gefährten ihrer Jugend und Kindheit geweſen, ſie hatte mit ihnen weit mehr als mit menſchlichen Weſen Verkehr gepflogen, hatte ſie mit ihren Gedanken bevölkert; ſie hatten ſich durch die ſtarken Bande der Gewohnheit an ihr Herz geklammert, waren ihr in der Einſamkeit ihrer nachdenk⸗ lichen Stunden wie Brüder und Schweſtern geweſen, und bei der Abweſenheit anderer Gegenſtände der Neigung hatte ſie ſich an ſie gehängt, wie wenn ſie lebende Weſen geweſen wären. Die Liebe muß ſehr ſtark ſeyn, um alle dieſe Bande zu durchbrechen, bis das Herz mit keiner anderen Reue als der ſeiner vorübergehenden Trauer alles das aufgibt, an was wir uns ſeit Jahren gefeſſelt haben. Emmeline ſtand im Begriff, dieſe Gegenſtände, wie ſie glaubte, in wenigen Tagen zu verlaſſen, und es ließ ſich nicht erwarten, daß ſie ſolches ohne Bedauern thun ſollte; aber die Liebe hatte unterdeſſen die volle Oberherrſchaft er⸗ langt, und ſie wollte und konnte das gegebene Verſprechen nicht bereuen. Seine Erfüllung lag jedoch weit ferner als ſie ahnte, und noch war die Nacht nicht über den heutigen Tag hereingebrochen, als faſt alle Dinge um ſie her eine andere Beziehung gewonnen hatten. Neunzehntes Kapitel. Sir John Newark war in beſonders luſtiger, aufge⸗ räumter Laune, als ſein edler Gaſt zum Frühſtück herabkam. 336 Er machte ſogar einige Witze, was ſelten bei ihm vorkam⸗ und erging ſich, allerdings nicht ſehr tief, aber wenigſtens äußerlich wohl geziemend— des Weiteren über Staatsan⸗ gelegenheiten und Gegenſtände der Literatur. Nach beendig⸗ tem Male fragte er Smeaton, wann er nach Mount Place hinüberreiten wolle, und der junge Edelmann erwiederte: „In einem oder zwei Tagen.“ Sir John ſchien überraſcht und einigermaßen gekränkt. „Als wir geſtern von der Sache ſprachen, verſtand ich Eure Lordſchaft dahin, als ob Ihr heute gehen wolltet,“ ſagte er in kaltem Tone,„und da ich dafür hielt, daß Mount Place bei Eurem Beſuche am beſten von allen unerfreulichen Gäſten frei wäre, ſo ließ ich Sir James heute Morgen wiſſen, daß Ihr kommen würdet. Ich hätte mich allerdings lieber nicht einmiſchen ſollen, denn dienſtfertige Geſchäftig⸗ keit ſtiftet nur Unheil.“ „O das hat nichts zu ſagen,“ bemerkte Smeaton gut⸗ müthig, denn ſein Herz war durch das Glück für die Freude geöffnet.„Ich kann ebenſogut heute wie morgen hinüber⸗ reiten, und da Ihr den Boten abgeſchickt habt, ſo ſoll es heute geſchehen.“ „Bitte, laßt Euch ja nicht dadurch derangiren,“ meinte Sir John Newark, deſſen Höflichkeit jetzt zurückkehrte.„Ich fürchtete nur, den guten alten Mann zu kränken.“ „Nein, das darf nicht geſchehen,“ gab ſein Gaſt zur Antwort.„Ich will unverzüglich aufbrechen.“ „Ihr thätet vielleicht beſſer, noch ein Paar Stunden 337 zu warten, falls unſer Freund Vorbereitungen zu treffen hätte,“ bemerkte Sir John.“ „O nein,“ erwiederte Smeaton.„Ich will die Morgen⸗ frühe benützen. Je weniger Ceremonien bei ſolchen Gelegen⸗ heiten— deſto beſſer. Werde ich das Vergnügen Eurer Ge⸗ ſellſchaft haben?“ Sir John Newark ſchüttelte bedauernd den Kopf und ſagte: „Ich werde die nächſten zwei bis drei Stunden weniger angenehm zubringen. Es werden mehrere Perſonen in ſehr langweiligen Geſchäften zu mir kommen; wenn ſie mich je⸗ doch zeitig verlaſſen, ſo werde ich noch nach Mount Place nachkommen.— Und nun, mein theurer Lord, laßt mich auf einen Gegenſtand zurückkommen, deſſen ſchon früher zwiſchen uns gedacht wurde. Sir James Mount wird ohne Zweifel von dem Ankaufe von Keanton mit Euch ſprechen; iſt dieß der Fall, ſo werdet Ihr hören, was er ſagt und demgemãß entſcheiden. Sein Anerbieten iſt Euch entweder genehm oder nicht. Solltet Ihr ſeinen Vorſchlag ablehnen und dennoch Geld aufzunehmen ſuchen, ohne Euch von Eurem Eigen⸗ thume zu trennen, ſo ſtehen Euch von mir vierzigtauſend Pfund gegen Verpfändung zu Dienſten, wenn Ihr ſie anzu⸗ nehmen beliebet. Das Gut kann, wie ich glaube, eine ſolche Belaſtung vollkommen ertragen und bleibt dann immer noch Euer Eigenthum.“ Sie waren in dieſem Augenblicke allein auf der Terraſſe, und was jetzt zunächſt noch gekommen wäre, kann ich nicht ſagen, denn ihre Unterredung wurde durch Richard Newark Fames. Henry Smeaton. 22 338 unterbrochen, der mit der Frage herbeirannte, ob Smea⸗ ton ausreiten werde, da er ſich ſelbſt nach einem tüchtigen Galoppe ſehne. „Du kannſt heute nicht mit Oberſt Smeaton gehen, Richard,“ erklärte ſein Vater ernſthaft.„Er geht zu Sir James Mount, wo Deine Geſellſchaft nicht angenehm ſeyn könnte.“ Der Knabe warf einen ſcheuen Seitenblick auf ſeinen Vater und antwortete, indem er alsbald ſeinen leichtherzigen unbekümmerten Ton wieder annahm: „Dann will ich ihn wenigſtens ein Stück weit begleiten — das kann nichts ſchaden.“ Sir John Newark runzelte die Stirne; allein Richard blieb auf ſeinem Vorſatz, und Smeaton beim Arme faſſend, rief er: „Kommt, laßt uns gehen und dafür ſorgen, daß die Pferde geſattelt werden.“. Smeaton folgte ihm nach dem Stalle; er kehrte zwar von da für einige Minuten in's Haus zurück, um eine Aende⸗ rung in ſeinem Anzuge zu treffen, bekam aber ſeinen Wirth an dieſem Tage nicht mehr zu ſehen. In weniger als zwanzig Minuten ſaßen er und Richard Newark zu Pferde und ritten in der Richtung gegen Mount Place, gefolgt von dem eigenen Diener des jungen Edel⸗ mannes und einem von Newark' Dienerſchaft. Sie jagten in großer Eile dahin, und alle Paar Minuten konnte Smea⸗ ton den Knaben ſeine Augen mit einem gewiſſen forſchenden Blicke auf ſein Antlitz heften ſehen; er nahm jedoch keine 339 Notiz davon, ſondern überließ es ſeinem jungen Begleiter, ſeine Abſicht ſelbſt zu erklären, wenn er es für gut fände. „Bleibt nicht lange zu Mount Place, Oberſt,“ ſagte Richard, nachdem ſie eine halbe Meile geritten waren. „Mount Place iſt eine Rattenfalle.“ „Ich begreife nicht, was Ihr meint, Dick,“ erwiederte Smeaton;„ich glaube kaum, daß ich ſo leicht gefangen werde.“ „Was ich meine, iſt klar genug,“ fuhr der Junge fort. „Ich habe gehört, daß im Jahr zweiundneunzig eine ganze Verſammlung von Cdelleuten und ſpäter abermals einige Unglückliche zu Mount Place aufgegriffen wurden. Der alte Mann entwiſchte das eine Mal; ſpäter wurde er jedoch mit den Uebrigen abgefaßt und war faſt achtzehn Monate im Gefängniß. Entweder hatten die Advokaten gefunden, daß er kein Mann, ſondern ein Affe war und hängten ihn des⸗ halb nicht auf, oder ſie konnten nichts wider ihn beweiſen; ſo viel aber iſt gewiß, daß ſie zwei von den Anderen auf⸗ knüpften oder ſonſt etwas mit ihnen anfingen. Wenn ich Ihr wäre, würde ich mich nicht lange zu Mount Place aufhal⸗ ten, um nicht ungeſetzlichen Speck kauen zu müſſen.“ Smeaton lächelte und fragte zu gleicher Zeit in ernſt⸗ haftem Tone: „Habt Ihr eine beſondere Urſache zu Eurer Warnung, Richard?“ „Nein— nein,“ entgegnete der Junge etwas zögernd; nes ſind nur heute Morgen zwei Boten von Ale aufgebrochen — der eine nach Mount Place, der andere nach Erxeter. Ich 22* 340 habe es ſchon erlebt, daß Unglück eintrat, wenn Boten, be⸗ ſonders ſo frühzeitig, aufbrachen.“ Smeaton ſchwieg nachdenklich, ehe er fortfuhr: .„Ich will nicht lange bleiben; es iſt nur ein Staats⸗ beſuch.“ „Dann will ich jetzt einen anderen Weg einſchlagen,“ verſetzte Richard Newark;„vergeßt aber ja nicht, vor Tiſch zu Hauſe zu ſeyn, ſonſt würde ich glauben, ſie hätten Euch eingeſackt.“ „Fürchtet Nichts,“ erwiederte ſein Gefährte;„da aber Euer Vater offenbar Euer Mitgehen nicht wünſchte, ſo wer⸗ den wir, wie Ihr ſagtet, wohl beſſer unſere beſonderen Pfade einſchlagen.“ „Wie geht's mit Euch und Emmelinen?“ fragte Richard mit leiſerer Stimme und einem heiteren Blicke auf ſeinen Begleiter.„Traurige Geſchichte, mein edler Sir! die armen Tauben in ihren abgeſonderten Käfigen ſind gezwungen, ihr Girren einzuſtellen. O ſie werden am Ende genöthigt ſeyn, zu mir um Hülfe zu kommen.“ Und ſo wendete er ſein Roß mit luſtigem Lachen und galoppirte davon. Smeaton ſetzte ſeinen Weg fort, indem Sir John Ne⸗ wark's Diener, der ihn begleitete, ihm von Zeit zu Zeit die Richtung angab, und gelangte nach etwas weniger als einer Stunde in einen Theil der Umgegend, wo ſchnurgerade Hecken und wohlbebaute Felder die Nachbarſchaft eines Edelſitzes anzeigten. Endlich ſah man eine lange und ſchöne Ulmen⸗ allee, zwiſchen welcher die Straße ſanft anſtieg und wie es 341 ſchien in einem geraͤumigen Raſen endete, über welchem ein hübſches Haus auf einer hohen Terraſſe emporragte. „Das iſt Mount Place, Sir,“ ſagte Sir John Ne⸗ wark's Diener, und Smeaton ritt mit ſeinem eigenen Bur⸗ ſchen weiter, indem er dem Anderen bemerkte, daß er ſeiner Begleitung nicht weiter bedürfe. Seine alten militäriſchen Gewohnheiten ließen ihn auch auf Reiſen ſeine ganze Umgebung mit größerer Aufmerſam⸗ keit beobachten, als man ſie ſonſt unbedeutenderen Ge⸗ genſtänden zu ſchenken pflegt, und ſeine Augen wendeten ſich bald von dem Hauſe und den Schaffotpfählen, wodurch die beiden Flügel entſtellt wurden, auf eine Anzahl friſcher Pferdeſpuren, welche tief in den weichen Boden eingedrungen waren. Dieſe Spuren waren ſehr zahlreich, und es ſchien, als ob eine große Kavalkade erſt kürzlich hier nach dem Hauſe vorübergezogen ſey. Ohne ſeine Eile zu vermindern, ſchaute der junge Edel⸗ mann zur Rechten und Linken, um womöglich zu entdecken, ob dieſe Kavalkade aus einer disciplinirten Truppe beſtanden oder nicht; allein die Spuren der Pferdehufe waren ſo un⸗ regelmäßig, daß der Verdacht, der ihm anfänglich durch den Sinn gefahren, bald wieder verſchwand. Er konnte leicht bemerken, daß einige der Thiere im Trab, andere im Jagd⸗ galopp vorbeipaſſirt, daß die einen die Mitte der Straße ein⸗ gehalten, andere auf dem grünen Raſen unter den Bäumen dahingejagt waren. Er ſelbſt ritt in gutem Schritte weiter und näherte ſich bald dem vermeintlichen Raſen, der ſich nunmehr als ein 342 breiter Grashof oder Bowlinggreen auswies, welcher von niederen Mauern umringt und zu beiden Seiten bis zu der Terraſſe oben von der Straße umzogen war. Er konnte meh⸗ rexe Diener in prunkenden Livreen vor dem Haupteingange des Hauſes ſtehen ſehen; von Pferden war jedoch nichts zu gewahren, und vor das Haus trabend ſtieg er ab und fragte nach Sir James. „Er iſt oben, Sir, und erwartet Euch,“ erwiederte der würdige alte Graubart, an den er ſich wendete, und fuhr dann an Smeaton's Diener ſich adreſſirend fort:„führt die Pferde nur nach dem hinteren Hofe.“ „Nein, nein,“ fiel Smeaton alsbald ein.„Führt ſie hier auf der Terraſſe auf und ab; mein Aufenthalt kann nur ganz kurz dauern.“ Mit dieſen Worten folgte er dem Diener in's Haus, kam durch eine große Halle und ſtieg eine ſchöne alte Eichen⸗ treppe hinauf, wobei er oben viele Stimmen vernahm. Er ſetzte jedoch ohne Zögern ſeinen Weg fort, und gleich darauf wurde die Thüre eines großen Zimmers aufgeriſſen, wo er außer dem Hausherrn noch acht bis neun Perſonen verſam⸗ melt fand. Smeaton war durch die unerwartete Lage, in die er ſich verſetzt ſah, ſehr unangenehm berührt; allein ſeine Höf⸗ lichkeit verließ ihn nicht, und er begrüßte mit gutmüthiger Herzlichkeit den thörichten alten Sir Mount, der ihm ent⸗ gegenkam und ihn etwa folgendermaßen bewillkommte: „Mein Gott, edelſter Freund— edelſter Freund— edelſter Freund, ich erwartete Euch nicht ſo bald— nicht ſo 343 bald— nicht ganz ſo bald, ſonſt hätte ich Euch an der Thüre empfangen— empfangen— empfangen. Erlaubt, daß ich Euch Sir Harry Blake vorſtelle— Sir Harry, Oberſt Smea⸗ ton— Lord Talboys, Oberſt Smeaton.“ und ſo machte er im ganzen Zimmer die Runde, jeden Namen mit großer Zungenfertigkeit drei⸗ bis viermal wieder⸗ holend. Smeaton verbeugte ſich ringsum, zog ſich aber dann etwas ſteif zuxück, um jeden unerfreulichen Verkehr, der ihm drohen mochte, abzuſchneiden, und begann mit Sir James Mount ein Geſpräch über das Wetter und die ſchöne Umge⸗ bung ſeines Hauſes. Er konnte in den Mienen mehrerer der Anweſenden Blicke der Ueberraſchung und Ungeduld bemer⸗ ken; aber er fuhr in demſelben Tone fort und ließ ſeinem Wirthe keine Gelegenheit, dem Geſpräche eine andere Wen⸗ dung zu geben. Endlich ſprach jedoch ein vierſchrötiger Mann mit dunklem Geſichte mit den Worten dazwiſchen: „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Euch unterbreche, Sir James; allein es iſt hohe Zeit, daß wir die wichtigeren Zwecke unſeres Zuſammenkommens in Erwägung ziehen. Ich hoffe, Oberſt Smeaton, oder wie wir ihn ſonſt nennen ſollen, wird an unſeren Berathungen Theil nehmen.“ Smeaton benützte augenblicklich dieſe ihm gebotene Gelegenheit. „Ich muß in der That um Entſchuldigung bitten, daß ich mich in ſolchem Augenblicke eindrängte,“ begann er.„Ich erwartete Euch ganz allein zu finden, mein theurer Sir, und hätte ich gewußt, daß heute ein wichtiges Geſchäft hier 344 verhandelt werden ſoll, ſo hätte ich meine Aufwartung ein andermal gemacht. Ich will mich jetzt unverzüglich zurück⸗ ziehen, und hoffe das Vergnügen zu haben, Euch vor mei⸗ ner Abreiſe aus England nochmals zu ſehen.“ „Aber, mein theurer Sir, Ihr wißt nicht— Ihr wißt nicht— Ihr wißt nicht—“ rief Sir James.„Unſer Mee⸗ ting machte ſich ganz plötzlich— ganz plötzlich— ganz plötzlich. Die Nachricht, General Foſter ſey in Waffen für den König— für den König— für den König, und das Gerücht, Seine Majeſtät habe wirklich gelandet— ge⸗ landet—“ „Das ſind in der That ſehr ernſte Neuigkeiten, Sir James,“ fiel Smeaton ein, ſich immer mehr nach der Thüre zurückziehend;„da ich jedoch ſelbſt über dieſe Dinge nicht unterrichtet bin und keinen Auftrag irgend einer Art beſitze, ſo kann ich Euch weder Rath noch Beiſtand gewähren. Mein Beſuch war blos ein Staatsbeſuch als Erwiederung des Eurigen, und da ich Geſchäfte zu Keanton habe, ſo will ich mich hiemit beurlauben.“ Mit dieſen Worten und einer Verbeugung gegen die verſammelten Herren, welche nicht wenig beſtürzt ſchienen, verließ er das Zimmer und ſtieg die Treppe hinab, während Sir James Mount ihn mit einer Fluth von Entſchuldigun⸗ gen und Erklärungen, denen Smeaton nur ein taubes Ohr lieh, bis zu ſeinem Pferde verfolgte. Als einzige Antwort begnügte er ſich damit, daß er ſich nach dem nächſten Wege nach Keanton erkundigte, und nachdem er von einem der alten Diener des Hauſes die nöthige Auskunft erhalten(Sir 345 James war nämlich durch alles Vorgefallene viel zu konfus geworden, um noch eine deutliche Antwort herauszubringen), ritt er davon, nicht wenig erzürnt über die Stellung, worein man ihn verſetzt hatte. Er dachte mit vollem Rechte, daß die Perſonen, die er zu Mount Place geſehen hatte, auf die erſte Nachricht ſeines Kommens in aller Eile verſammelt worden waren, um ihn zur Theilnahme an den unbeſonnenen Planen, die ſich nun allmälig zu enthüllen begannen, zu veranlaſſen, und er er⸗ kannte deutlich, daß ſein wirklicher Rang und Name jedem der Anweſenden bekannt war, ſo gefliſſentlich auch der alte Friedensrichter ihn nur mit Oberſt Smeaton angeredet hatte. Allein noch andere und ſogar noch peinlichere Betrach⸗ tungen als die ſo ihn perſönlich berührten, beſchäftigten nun⸗ mehr ſeine Aufmerkſamkeit. Die Nachricht, daß ein tapfe⸗ rer, wenn auch nicht ſehr umſichtiger Offizier für eine ver⸗ zweifelte Sache die Waffen ergriffen und das Gerücht, daß ein unglücklicher Prinz, der ſeither nur für die Fehler ſeiner Ahnen gebüßt hatte, ſich tollköpfig in die Gefahren und Schwierigkeiten einer ſchlecht angelegten Inſurrektion ge⸗ gen die beſtehende Regierung geworfen habe— mußten ihn auf's Tiefſte betrüben. Durch Grundſatz oder Vorurtheil— wie der Leſer es nun nennen mag— war er ein Anhänger des verbannten Stuart'ſchen Hauſes; ſeine Vorfahren hatten zu ſeiner Vertheidigung ihr Blut vergoſſen und ihr Eigen⸗ thum eingebüßt; alle Traditionen ſeiner Familie waren zu Gunſten dieſer Sache, und vielleicht wäre Niemand bereit⸗ 346 williger geweſen, für ihre Wiedereinſetzung auf dem eng⸗ liſchen Throne ſein Schwert zu ziehen, wenn nicht in den letzten fünfundzwanzig Jahren gar Vieles geſchehen wäre, was jene erbliche Anhänglichkeit, welche ſeinem Vater den Untergang gebracht, gewaltig verminderte. Er hatte ſeine erſte Jugend an dem kleinen Hofe zu St. Germain verlebt, und Alles was er dort von den niedrigen Hofintriguen, von der ſchamloſen Undankbarkeit der Prinzen gegen einige ihrer beſten und treueſten Diener geſehen hatte, zuſammengehal⸗ ten mit der Liederlichkeit, der Schwäche, der Frivolität und der Gemeinheit der Hauptperſonen ihrer Umgebung— hatten ein Gefühl des Widerwillens in ihm erzeugt, das je⸗ den Eifer zu ihren Gunſten in ihm erlöſchte, wenn es auch ſeine Anſicht über die vermeintliche Gerechtigkeit ihrer Sache nicht zu ändern vermochte. Er fühlte mit Addiſon's Freund, dem Poeten Tickell, in deſſen Epiſtel an einen Gentleman zu Avignon— „Von James und Rom fühl' ich mein Herz ſich wenden, Und fürchte, Braunſchweig,'s wird bei dir wohl enden. Doch dein Rival macht deinen Theil dir ſtreitig, Und doppelt theilt die Bruſt der Streit, ſo leidig. James' Schickſal ſeh' ich und kann's nur beklagen, Und wünſcht', ich braucht' nach Braunſchweig nichts zu fragen; Zu James mich Leidenſchaft und Schwäche führen, Vernunft will mit dem Sieger triumphiren.“ Die letzten fünfundzwanzig Jahre, auf die ich oben an⸗ ſpielte, hatten große Geiſtesfortſchritte und eine Ausbreitung richtigerer Anſichten über die Weiſe der Regierung und die 347 Rechte des Volkes wie der Fürſten angebahnt. Smeaton hatte ſich in vielen Ländern unter die verſchiedenſten Stände gemiſcht, hatte Anſichten und Beweisgründe gehört, wie man ſie an den Höfen der Könige niemals ausſprach, und es war ihm unmöglich, in der Sache des Hauſes Stuart die⸗ ſelbe blinde Anhänglichkeit zu hegen, welche ſeinen Vater veranlaßt hatte, ſich ohne Murren jedem Verluſte zu unter⸗ ziehen und ſogar die Mißhandlung der Prinzen ohne Klage zu ertragen. Nichtsdeſtoweniger war ihm der Gedanke an all' das Unglück, das aus dem eben begonnenen Unternehmen erwachſen konnte, in hohem Grade ſchmerzlich, und ſein Ritt nach Keanton, dem Eigenthume ſeiner Mutter, war ein recht melancholiſcher. Wir müſſen ihn jedoch eine Weile verlaſſen und nach⸗ ſehen, was auf ſeine etwas übereilte Entfernung aus dem Hauſe des Sir James Mount folgte. Dieſer würdige Friedensrichter kehrte, voll Zorn und Verwirrung die Ach⸗ ſeln zuckend, aber vollkommen überzeugt, daß Alles, was er gethan hatte oder thun konnte, durchaus richtig paſſend und umſichtig war— zu ſeinen Gäſten zurück, und fand ſie in einem Zuſtande großer Aufregung. Sie Alle fielen ſogleich über ihn her und erklärten, daß er ſie insgeſammt irre ge⸗ führt habe. „Ei, dieſer Mann ſcheint ja ein ebenſo kalter Whig, wie nur jemals eine hannover ſche Ratte von Bremen aus über die See herüberſchwamm,“ rief der Eine. „Ihr machtet mir weiß,“ ſagte ein Anderer,„er komme 348 ausdrücklich zu dem Zwecke herüber, um ſich zu überzeugen, was wohl für die gute Sache geſchehen könne.“ „Ihr ludet mich heute Morgen ein, zur Berathung mit ihm zuſammenzutreffen,“ äußerte ein Dritter.„Ich habe Euer Billet noch hier in meiner Taſche.“ „Ich zweifle, ob er überhaupt der Earl von Eskdale iſt,“ bemerkte ein Vierter.„Einer von jener Familie würde ſich nicht ſo lauwarm zeigen.“ Sir James Mount hatte bis jetzt nur mit Grimaſſen und Achſelzucken geantwortet; jetzt aber fand er ſich auf ſichererem Terrain und erwiederte kühn: „Ei, ich kenne ihn, Sir Harry. Ich habe ihn ſelbſt zu Nancy— zu Nancy— zu Nancy geſehen. Es iſt kein Zweifel— kein Zweifel— kein Zweifel, daß er es iſt. Seine Kälte kann bloſe Vorſicht ſeyn. Er kam in der Er⸗ wartung, ſich mit mir allein zu berathen, und was meine Einladung an Euch betrifft, Ihr Herrn— Ihr Herrn— Ihr Herrn, ſo that ich's in der beſten Abſicht und einem guten Rathe folgend. Seht hier, was Sir John Newark ſchreibt.“ Und ein Billet aus der Taſche ziehend, las er wie folgt: „Mein hochzuverehrender trefflicher Freund! „Ich ſchreibe Euch dieſe wenigen Zeilen, um Euch an⸗ zukündigen, daß unſer Freund, der Oberſt, heute Morgen zu Euch kommen wird, um über das bewußte wichtige Geſchäft mit Euch zu reden. Er ſcheint voller Vertrauen in ſeine eigene Sicherheit und hat nichts dagegen, mit Anderen zu⸗ ſammenzutreffen— hierin, glaube ich, handelt er unbeſon⸗ 349 nen: jedenfalls würde ich an Eurer Stelle nur ganz ver⸗ traute Leute in meinem Hauſe behalten. Keanton liegt Euch ſo nahe, daß er höchſt wahrſcheinlich einen Abſtecher dahin machen wird, ehe er ſich ganz über ſein Vorhaben ent⸗ ſcheidet. Es iſt ein ſehr werthvolles Beſitzthum und müßte, wie ich glaube, bei einem Verkaufe eine hübſche Summe abwerfen.“ „Was er mit Keanton— mit Keanton— mit Kean⸗ ton meint, kann ich nicht errathen,“ ſagte Sir James. 3„Er nennt es blos als Vorwand,“ bemerkte einer von den Uebrigen,„und wenn ſein Brief in andere Hände fiele, ſo würde er ſchwören, derſelbe habe ſich nur auf eine gewoͤhnliche Geſchäftsſache bezogen. Ja, ja, Sir John Newark, Sir John Newark! wir kennen ihn Alle: man kann ſich nicht auf ihn verlaſſen.“ „Halt einen Augenblick,“ meinte Lord Talboys.„Der Brief läßt eine andere Deutung zu. Sir John ſagt aus⸗ drücklich, der Earl werde ſich über nichts entſcheiden, bis er zu Keanton geweſen. Darum konnten wir nicht erwarten, daß er ſich jetzt gegen uns eröffne. Dieſer Verkauf von Keanton kann auch wohl andeuten, daß er zuerſt ſehen will, welche Summen er zur Verfügung haben werde, um Leute anzuwerben. Ihr ſagt, er ſey ein ſehr berühmter Offtzier, Sir James?“ „Sehr ausgezeichnet— ſehr ausgezeichnet— ſehr aus⸗ gezeichnet,“ verſicherte der alte Gentleman. „Verbrennt den Brief auf alle Fälle,“ rieth jener 350 Mann mit dunklem Geſichte, der ſchlaueſte und entſchloſſenſte unter den Anweſenden.„Ich will mit dem Feuerſtein mei⸗ ner Piſtole Licht ſchlagen.“ „Nein, nein, nein,“ rief Sir James Mount.„Ich brauche ihn vielleicht, um ihn ſpäter vorzuzeigen— ſpäter vorzuzeigen. Ich erwarte noch andere Freunde; aber er kam ſo bald— er kam ſo bald— er kam ſo bald. Horch! ich höre ſie nahen.“ Faſt während er noch ſprach, ſtürzte einer der Diener mit einem Geſichte in's Zimmer, in welchem nur noch die Naſe roſig glühte. Sein Anblick erſchreckte alsbald den Herrn des Hauſes. „Was gibt's— was gibt's— was gibt's? rief er. „Ach, Euer Gnaden, da kommt ein Trupp Fußvolk halbwegs die Allee herauf,“ erwiederte der Mann,„und vier⸗ zig bis fünfzig Berittene haben eben nach der Rückſeite herum⸗ geſchwenkt. Ich weiß wahrhaftig nicht, wie ſie in den Park gelangt ſind.“ Die Verwirrung und Beſtürzung, welche nunmehr vor⸗ herrſchte, war über die Maßen. Der arme Sir James Mount war am Ende ſeines Witzes, wie das Sprichwort ſagt. Die Einen waren dafür, zu Pferd zu ſteigen und ſo raſch wie möglich zu entrinnen; Andere wollten einen Ver⸗ ſuch zur Vertheidigung des Hauſes wagen, und wieder An⸗ dere ſtanden bereits an der Zimmerthüre, um ſich wegzu⸗ ſchleichen, als Sir Harry Blake's Stimme ſich alſo ver⸗ nehmen ließ: „Halt, halt! Jeder bleibe am Platze! Es hat keine 35¹ Gefahr, wenn wir wie brave und kluge Männer handeln. Sollten dieſe Soldaten mit einem Argwohn hierher kom⸗ men, ſo brauchen wir blos zu ſagen, wir hätten uns als Friedensrichter und Landedelleute verſammelt, um über die Mittel zur Erhaltung des Friedens in unſerem Diſtrikte zu berathen, da uns ſehr düſtere Gerüchte über Aufſtände in verſchiedenen Theilen des Landes zu Ohren gekommen ſeyen. Niemand kann uns das Recht verweigern, uns in ſolcher Abſicht zu verſammeln; Niemand kann läugnen, daß ſolches nicht unſere Pflicht geweſen. Bringt ſogleich ein Licht,“ befahl er dem Diener.„Dem Anführer der Truppe— wer er auch ſey— dürft Ihr keinerlei Widerſtand leiſten. Aber nur ſchnell das Licht— das Wichtigſte iſt das Licht.“ Bei dieſen Worten zog er das Billet, das er von Sir James Mount erhalten, aus der Taſche und warf es nebſt einem anderen Papier in den Kamin. Alle Anweſenden folgten ſeinem Beiſpiel, und da das Licht nicht ſo raſch, wie ſie erwarteten, herbeikam, ſo wurde der Haufe mittelſt Pul⸗ vers und eines Flintenſteines angezündet und bis auf den letzten Papierfetzen verbrannt. Dies war keinen Augenblick zu früh geſchehen, denn noch glimmten die Funken in der Aſche, als der Oberſheriff der Grafſchaft eintrat, begleitet von jenem ältlichen Gene⸗ ral im braunen Anzug, der bei dem Meeting der Magi⸗ ſtratsperſonen zu Exeter eine ruhige aber wichtige Rolle ge⸗ ſpielt hatte. „Es thut mir leid, die Herren ſtören zu müſſen,“ ſagte der Graſſchaftsſheriff;„allein Ihr habt Euch heute Mor⸗ gen in etwas ungewöhnlicher Anzahl zu Zwecken verſammelt, welche eine Aufklärung verlangen.“ „Mich dünkt, ein Beamter von Eurer Klugheit und Erfahrung ſollte nicht viel der Aufklärung bedürfen, wenn — wie ich als gewiß vorausſetze— die düſteren Gerüchte über bewaffnete Aufſtände in verſchiedenen Theilen des Lan⸗ des, welche uns zu Ohren kamen, auch Euch erreicht haben,“ ſagte Sir Harry Blake.„Die Erklärung iſt jedoch leicht gegeben: wir verſammelten uns unter dieſen gefahrvollen Umſtänden, um Mittel zur Erhaltung des Friedens in die⸗ ſem Diſtrikte zu erſinnen, und Ihr werdet wohl nicht läug⸗ nen, Herr Oberrichter, daß unſere Pflicht dies von uns verlangte?“ „Ich wußte nicht, Sir Harry,“ erwiederte der Ange⸗ redete mit ruhigem Naſerümpfen,„daß Euer Eifer für den Frieden unſeres Herrn, des Königs, ſo warm iſt.“ „Warm genug, um einen ſtarken Geruch nach verbrann⸗ tem Papier zurückzulaſſen,“ bemerkte der General, auf den Kamin ſchauend.„Was für Papiere mögen hier wohl ver⸗ brannt worden ſeyn?“ „Einige aufrühreriſche Adreſſen,“ erwiederte der ſchnell beſonnene Sir Harrymit Lachen.„Wir dachten, die Flamme, die ſie hier verurſachten, möchte weniger gefährlich ſeyn als jede andere, welche ſie in dem Lande anfachen könnten.“ 3 „Ha!“ verſetzte der alte General.„Nichtsdeſtowe⸗ niger muß ich Euch auffordern, Eure Pflicht zu thun, Herr Oberrichter.“ 3⁵53 Dieſer ſchaute ſich unter den Verſammelten um und ſagte: „Ich glaube, jedes der hier anweſenden Geſichter zu kennen; wir rechneten jedoch auf das Vergnügen, einen Herrn hier zu treffen, der ſich nicht unter Euch befindet. Iſt der Earl von Eskdale hier geweſen, oder wird er er⸗ wartet?“ „Keiner dieſes Namens iſt hier geweſen,“ erwiederte einer der Herrn in keckem Tone, indem er mit einer Anwand⸗ lung von Bosheit beifügte:„ein Oberſt Smeaton war vor kurzer Zeit hier, verabſchiedete ſich aber wieder, weil er nichts von unſeren Vorgängen wiſſen wollte.“ „Aha, Oberſt Henry Smeaton,“ ſagte der Sheriff. „Das iſt der Rechte.“ Im ſelben Augenblicke that der General einen Schritt nach der Thüre. „Dann können wir ebenſo gut aufbrechen,“ meinte Sir Harry Blake; aber der Sheriff winkte mit der Hand, wäh⸗ rend ſein militäriſcher Begleiter das Zimmer verließ. „Verzeihung, meine Herrn,“ bemerkte der Richter. „Ich muß Euch Alle um das Vergnügen Eurer Begleitung nach Exeter erſuchen. Wir haben beſchworene Angaben, von denen Ihr Abſchriften haben ſollt. Hier ſind Verhafts⸗ befehle gegen fünf von Euch, welche ich leider werde aus⸗ führen müſſen; an die Uebrigen ſind Aufforderungen erlaſ⸗ ſen worden, ſich alsbald zu Creter zu ſtellen, und ſie werden wohl daran thun, ihnen unverzüglich zu gehorchen.“ James. Henry Smeaton. 23 354 Indem er noch ſprach, ſteckte der General ſeinen Kopf in's Zimmer und ſagte: „Ich muß nach Keanton, Herr Oberrichter, und einen Theil der Reiter mit mir nehmen. Ich habe von den Die⸗ nern die verlangte Auskunft erhalten und werde Euch auf dem Wege nach Erxeter einholen.“ „Trefft uns beim Silberkreuz, General,“ ſagte der Oberrichter;„ich werde Eures Rathes und Beiſtandes drin⸗ gend bedürfen. Bedenkt, wir haben noch vier anderen Freunden nachzuforſchen; es wird alſo am beſten ſeyn, wenn Ihr zu uns ſtoßt, ſobald Ihr Euch Eures Mannes verſichert habt.— Nun, Ihr Herren, ſeyd Ihr bereit und iſt es Eure Abſicht, in Frieden mitzukommen?“ „O gewiß,“ erwiederte Lord Talboys.„Wir kamen zuſammen, um den Frieden zu erhalten— Ihr offenbar, um ihn zu ſtören.“ „Alles ganz gut— ganz gut— ganz gut,“ ſagte Sir James Mount, der ſich mittlerweile etwas erholt hatte;„ich weiß nur nicht, was ich gethan habe, um ſolche Behandlung zu verdienen, und wenn ich nach Ereter komme, will ich eine Erklärung dafür haben— Erklärung dafür haben.“ „Die ſoll Euch hier zu Theil werden, mein theurer Sir,“ verſetzte der Oberrichter.„Ich denke, das iſt Eure Handſchrift— wo nicht, ſo iſt es jedenfalls eine ausneh⸗ mend gute Nachahmung. Der Brief iſt an Sir William Wyndham adreſſirt, und darin erzählt Ihr ihm, es ſey allet Grund vorhanden zu glauben, daß Koͤnig Jakob in Schott⸗ land gelandet. Nun wißt Ihr am beſten, wer König 3⁵⁵ Jakob iſt; das iſt aber eine Frage, welche die Regierung in Gemeinſchaft mit Euch zu erforſchen entſchloſſen iſt, und darum fürchte ich, Ihr werdet eine Reiſe nach London an⸗ treten müſſen.— Ich will nunmehr den Herren den Weg weiſen, und Ihr werdet mir hoffentlich folgen, ohne mich zu zwingen, Euch abholen zu laſſen.“ Mit dieſen Worten ging er die Treppe hinab, und die Verſammelten folgten ihm einer nach dem andern mit be⸗ kümmerten Blicken und muthloſen Erwartungen, indem ſie in der Halle auf zwei Reihen von Soldaten trafen. Keiner ſprach ein Wort; nur Sir Harry Blake flüſterte dem Lord Talboys in's Ohr: „Ich wollte eine Guinee gegen eine tombakene Schuh⸗ ſchnalle wetten, daß Newark hier die Hand im Spiele hat.“ Zwanzigſtes Kapitel⸗. Durch ſtille Hecken und ruhige einſame Pfade verfolgte Smeaton ſeinen Weg gegen Keanton. Im Näherkommen glaubte er die Gegenſtände rings um ihn her zu erkennen. Das mochte Phantaſie oder wirkliche Erinnerung ſeyn, denn er hatte den Ort oft beſchreiben hören, und zwei wohl aus⸗ geführte Anſichten des Hauſes und ſeiner Ungebung hingen immer in ſeiner Mutter Zimmer, ſo daß ein klarer, rau⸗ ſchender Bach, der die Straße durchſchnitt und eine alte Eichengruppe auf einem Hügel ihm ganz vertraut vorkamen, 23* 3⁵56 und ihm bewieſen, daß er ſich Keanton in raſchem Schritte näherte. Ehe er den alten Familienſitz betrat, hielt er für beſſer bei dem Hauſe des Pachters Thompſon vorzuſprechen und ſich über den Zuſtand der Dinge in der Nachbarſchaft zu er⸗ kundigen. Er traf jedoch Niemand als die derbe Bauern⸗ magd, welche ihn offenbar mit einigem Argwohn betrachtete und auf ſeine Fragen nur ganz kurze Antworten gab. Da hieß es: ſie wiſſe nicht, wo Mr. Thompſon ſey; ſie wiſſe auch nicht, ob Mr. Jennings oben im Hauſe ſey oder nicht; ihr Herr könne bald zurückkehren oder auch nicht, je nachdem ſich's treffe— das ſey immer ganz unſicher, beſonders um die Erntezeit. „Ei mein gutes Mädchen,“ ſagte Smeaton,„Ihr müßt jedenfalls zweierlei für mich thun. Erſt gebt mir ein Glas Milch, wenn Ihr eines habt, und dann ruft Jemand, der mir mehr ſagen kann.“ Er ſprach mit ſoldatiſcher Offenheit, und das Mädchen erwiederte lachend:— „Milch ſollt Ihr haben, ſo viel Ihr wollt, Sir, und ich will auch ſonſt Jemand rufen; ob ſie Euch aber mehr ſagen können oder nicht— das wird ſich zeigen.“ Hiemit ließ ſie ihn auf dem Gange ſtehen und eilte nach der Rückſeite des Hauſes, indem ſie in halbausgeſprochenen Sätzen die Frage bei ſich berieth, wen ſie herbeirufen ſolle. „Keinenfalls den Tom,“ ſagte ſie,„denn der würde gleich mit Allem herausplatzen, mit dem fetten Mann oben im Schloſſe und mit Allem. Ich will den Dick Peerly 357 rufen: aus dem iſt nichts herauszubringen— wenigſtens ich war's noch nicht im Stande.“ Nachdem ſie in der Speiſekammer eine Kanne Milch geholt, ſtieg ſie auf eine ſteinerne in die Hofmauer einge⸗ laſſene Treppe und ſchrie ſo laut ſie konnte nach Van Nooſts erſter Bekanntſchaft zu Keanton. „He da, Dick, Dick Peerly!“ rief ſie;„kommt hierher. Es wünſcht Euch Jemand zu ſprechen, Mann.“ Nachdem ſie dem Burſchen, der in dem Felde dahinter arbeitete, alſo gerufen, verfügte ſie ſich mit ver Milchkanne zu dem Fremden. Dick Peerly ſchlenderte auf ihr Geheiß pfeifend wie gewöhnlich gegen das Haus; ſobald er jedoch den Beſuch vor ſich ſah, hob er mit viel größerem Reſpekt als er ihn gegen Van Nooſt bewieſen, die Hand zur Begrüßung an die Stirne. „Könnt Ihr mir ſagen, mein Burſche, wo Pachter Thompſon iſt?“ fragte Smeaton. „Nein, das kann ich nicht, Sir,“ erwiederte der Burſche. „Er kann, ſo viel ich weiß, nach Ballimoree gegangen ſeyn.“ „Ballimoree!“ wiederholte Smeaton ihn anſchauend. „Wo iſt das 2“ „Ei, Dick, Ihr Narr, könnt Ihr dem Herrn nicht eine vernünftige Antwort geben?“ rief das Mädchen.„Es iſt nichts als Unſinn, Herr. Es gibt keinen Ort Namens Ballimoree.“ „Ich wollte nur ſagen, Sir, er könne, ſo viel ich weiß, irgendwo in der Welt ſeyn,“ erwiederte der junge Mann, 358 indem er Smeaton ſehr aufmerkſam beäugelte.„Hier kommt er jedoch die Straße herauf, wenn Ihr ihn durchaus ſehen wollt.“ Smeaton trank die Milch, ließ ſein Pferd bei ſeinem Diener zurück und ging dem guten Pächter entgegen, wäh⸗ rend das Mädchen und der Bauernburſche ihm die Straße hinab nachſchauten. Das Zuſammentreffen Thompſon’s mit ſeinem Gebieter geſchah in zu weiter Entfernung, als daß die beiden Zuſchauer die Worte hätten vernehmen kön⸗ nen; aber ſie ſahen wenigſtens, wie der Pächter alsbald ſein Haupt entblößte und mit dem Hut in der Hand ſtehen blieb, bis Smeaton ihm ein Zeichen gab, ihn wieder außzuſetzen. Ohne ſofort in des Pächters Haus zurückzukehren, wandelten ſie gegen die Herrenwohnung, während dem Diener durch ein Zeichen bedeutet wurde, daß er mit den Roſſen nachfol⸗ gen ſolle. Sie erreichten das große eiſerne Gitterthor und traten ein; der Diener folgte und verſchwand gleichfalls, und das Mädchen machte ſich wieder an ihre Arbeit, als man plötz⸗ lich ein Klappern von der Straße her vernahm und eine kleine Reiterabtheilung in voller Haſt daherſprengen ſah. Sobald Dick Peerly ſie gewahrte, eilte er ihnen entk⸗ gegen, legte ſeine Hand auf den Nacken des Renners, auf welchem ein ältlicher Mann in einfachem braunem Gewande ſaß, und ſprach das Wort: „Ballimoree.“ „Ja allerdings— Ballimoree,“ erwiederte der Ge⸗ 359 neral, ſeine Truppe zum Halten befehligend.„Seyd Ihr Dick Peerly?“ Der Spion(denn dieſes war er) nickte mit dem Kopf und ſagte leiſe: „Er iſt oben im Haus oder ich müßte mich total irren. Er kam erſt vor zehn Minuten; aber geht vorſichtig zu Werk, Sir, denn in dem alten Hauſe gibt es ſo viele Ein⸗ und Ausgänge, daß er Euch entwiſcht, wenn Ihr viel Lärm macht.“ „Kommt mit und führt uns,“ ſagte der General.„Wir wollen ganz behuiſam ſeyn.“ Die ganze Abtheilung ritt vorſichtig auf der Straße gegen das Herrenhaus; aber ihr Vorgehen war nicht unbe⸗ merkt geblieben. Die Bauernmagd, durch die Haſt, mit welcher der Burſche den Soldaten entgegeneilte, überraſcht und erſchreckt, lief in das Vorderzimmer des Pächterhauſes und bewachte ſie dort vom Fenſter aus. Welche Geſtalt ihr Argwohn auch annehmen mochte, ſo beſchloß ſie jedenfalls, daß ihr Herr in der Noth nicht ohne Hülfe ſeyn ſollte, und ihre Schürze über den Kopf werfend, rannte ſie zur Hinter⸗ thüre hinaus von Hütte zu Hütte und von Feld zu Feld, je⸗ dem Manne und jedem Burſchen, dem ſie begegnete, einige Worte zuflüſternd. Die Wirkung ihrer Worte war eine augenblickliche: ihre Zuhörer ſchienen ſämmtlich wüthend und überraſcht. Der Eine ergriff einen dicken Prügel, der Zweite einen Dreſchflegel, der Dritte eine Senſe; Einige eilten in die Hütten und holten alte Flinten, welche zum Verſcheuchen 360 der Vögel vom Kornfeld gebraucht wurden, und bald waren etliche achtzehn bis neunzehn Männer nebſt einer Anzahl Weiber und Knaben beiſammen, die ſich unter lauten Dro⸗ hungen gegen irgend Jemand, der wahrſcheinlich kein An⸗ derer als der verrätheriſche Meiſter Dick Peerly war, nach Pächter Thompſon's Haus hinauf zogen. Mittlerweile hatten, wie wir geſehen haben, Smeaton und der Pächter ihren Weg nach der Herrenwohnung ruhig fortgeſetzt und waren durch das große blos zugeklinkte Hof⸗ thor eingetreten. Eine große, alte, ſteinerne Halle war das erſte Gemach, das ſich ihnen darbot; ſie war übrigens leer und ebenſo ſämmtliche Zimmer zur Rechten und Linken. Aus der Ferne hörte man jedoch mehrere lachende und plaudernde Stimmen, und als ſicherſtes Mittel, um den Haushofmei⸗ ſter Jennings aufzufinden, führte der Pächter Thompſon ſeinen jungen Lord nach der großen Küche, in welcher eine ſtattliche roſige Dame hanthierte und die Mägde auszankte. Von ihr erfuhren ſie, daß ihr Gatte Jennings in dem kleinen Hofe draußen ſey und dem fetten fremden Manne bei ſeinen Narretheien helfe— wie ſie ſich auszudrücken beliebte. „Sie haben ſchon meinen beſten Löffel verdorben,“ ſagte ſie;„das iſt Alles, was ich weiß, und ich glaube, Jennings iſt ein ebenſo großer Narr wie der Andere, denn er ließ dieſem unſinnigen Bleiſchmelzen zulieb die beiden Knechte von ihrer Gartenarbeit abrufen. Wenn übrigens Mylord dies Alles ſo fortgehen laſſen will, ſo kann ich's nicht hindern, denk' ich.“ Smeaton lächelte, und Pächter Thompſon ging durch 361 viele leere Gänge und offene Thüren nach dem Hinterhofe voran. In dem kleinen gepflaſterten Raume, den ſie bald er⸗ reichten, war eine ſehr belebte Scene zu bemerken. Auf einem Dreifuße, wie er unter unſeren Freunden vom Zigeu⸗ nergeſchlechte ſtark im Gebrauche iſt, ſtand ein ungeheuer großer Topf oder Keſſel mit einem praſſelnden Reiſtgfeuer darunter. Zwei Männer, in der Tracht von Taglöhnern, ſchürten die Flamme mit friſchen Bündeln, und der Haus⸗ hofmeiſter Jennings, ein Mann über die Sechszig, ſtand als Zuſchauer daneben, während der präſidirende Feuerteufel— Van Nooſt ſelber— bis auf die Weſte entkleidet und dick mit Rauch und Schmutz überzogen ſich eifrig am Keſſel zu ſchaffen machte. Im erſten Augenblicke ſchien er die Annäherung des jungen Edelmannes und ſeines Begleiters nicht zu bemerken, ſo eifrig war er damit beſchäftigt, in den großen Topf zu gucken und mit einem ſchweren Löffel, den er in der Hand hielt, etwas darin umzurühren. Sobald er Smeaton er⸗ kannte, watſchelte er auf ihn zu und rief mit luſtigem Lachen: „Da bin ich, Mylord— da bin ich in Eurer Lordſchaft Dienſte mit meinem alten Gewerbe beſchäftigt!“ Zu gleicher Zeit winkte Pächter Thompſon dem Haus⸗ hofmeiſter und ſtellte ihn ſeinem jungen Gebieter vor. Smea⸗ ton ſprach einige freundliche Worte, welche von Jennings mit Ausdrücken des Reſpekts und der Anhänglichkeit erwie⸗ 362 dert wurden, worauf Smeaton ſich gegen Van Nooſt wen⸗ dete und fragte: „Wohlauf, mein guter Freund, was habt Ihr hier vor?“ „Kugeln gießen, Mylord— Kugeln gießen für die Zinnen,“ erwiederte Van Nooſt, zu ſeinem Keſſel zurückkeh⸗ rend.„'s iſt ja keine einzige mehr auf dem Hauſe geblie⸗ ben. Was iſt eine Zinne ohne Kugel? noch weniger als eine Kanone ohne Schuß!— Halloh! halloh! wer ſind die Herren dort drüben?“ Sein Ruf lenkte Smeatons Aufmerkſamkeit alsbald nach der Richtung, welche Van Nooſts Blicke andeuteten, und er gewahrte an jeder der drei Thüren, welche in den Hof führten, eine kleine Abtheilung abgeſeſſener Reiter, je⸗ den mit der Piſtole in der Hand. An der Spitze einer dieſer Abtheilungen ſtand der General in ſeinem einfachen brau⸗ nen Rocke. „Halt!“ gebot der alte Offizier ſeinen Leuten und ſchritt mit großer Ruhe allein und unbewaffnet auf die um den Keſſel ſtehende Gruppe zu. Ohne die mindeſte Zögerung oder Verwirrung trat ihm Smeaton einige Schritte entgegen, wohl wiſſend, daß er ſelbſt derjenige ſey, der nunmehr für die Anderen ſpre⸗ chen und denken müſſe. „Darf ich fragen,“ begann er höflich,„welcher Urſache wir das Vergnügen Eurer Geſellſchaft danken, Sir?“ „Einer ziemlich unerfreulichen Urſache,“ gab der Ge⸗ neral in mildem Tone zur Antwort.„Einer meiner Begleiter 363 da draußen hat einen Verhaftsbefehl gegen den Grafen Henry von Eskdale. Ich weiß nicht, ob ich die Ehre habe, mit dieſem Edelmanne zu reden.“ „Allerdings, Sir,“ erwiederte Smeaton.„Ich werde mich natürlich unterwerfen, obgleich dies ein ſehr unpaſſen⸗ des Verfahren iſt, das ich keineswegs erwartet habe. Der Carl von Stair verſicherte mich, daß ich nicht beläſtigt wer⸗ den würde.“ „Ich wußte nicht, daß er die Macht hätte, eine ſolche Verſicherung zu geben, Mylord,“ bemerkte der alte Offizier; „der Verhaftsbefehl geht übrigens von dem Oberrichter der Grafſchaft aus, und ich habe keine andere Wahl, als ihn ausführen zu laſſen, da ich angewieſen bin, ihm nach Kräf⸗ ten Hülfe und Beiſtand zu gewähren. Wenn Ihr jedoch verſichern könntet, daß Euch dieſe Zuſicherung ertheilt wor⸗ den, ſo zweifle ich nicht, daß dieſes großen Einfluß gehabt hätte; allein—“ Er ſchwieg, und Smeaton erwiederte augenblicklich: „Ich kann die Sache leicht beweiſen, Sir. Unter mei⸗ nem Gepäcke zu Ale Manor habe ich einen Brief von ſeiner Lordſchaft an General C——, den ich im Falle der Noth abliefern ſollte.“ 2 „Ich bin General C——, Mylord,“ ſagte der alte Offizier,„und werde mich ſehr glücklich ſchätzen, Seiner Lordſchaft Befehl zu empfangen.“ „Dann ſollt Ihr den Brief augenblicklich erhalten, wenn Ihr Euch die Mühe nehmen und mit mir nach Ale reiten wollt,“ fuhr Smeaton fort.„Ihr werdet daraus 364 erſehen, daß meine Anweſenheit in England der Regierung nicht allein bekannt und von ihr geduldet iſt, ſondern daß mein ganzes Gepäck mit ſämmtlichen Papieren zu London viſitirt wurde.“ „Das iſt ziemlich auffallend,“ bemerkte der alte Offi⸗ zier.„Davon hat man in dieſer Grafſchaft nichts gewußt. Gleichwohl fürchte ich, Mylord, es iſt meine Pflicht, Euch nach Exeter mitzunehmen, und ich habe in der That nicht Zeit, den weiten Umweg über Ale zu machen.“ „Ich glaube, Ihr ſeyd ein Bischen hart,“ erklärte Smeaton.„Darf ich fragen, ob ich auf bloßen Verdacht arretirt werde. oder auf eine wirkliche Anklage hin, welche es rechtfertigen könnte, wenn ich nicht allein ohne das zu meiner perſönlichen Bequemlichkeit noͤthige Gepäck, ſondern ſogar ohne die Mittel, welche einen ſolchen Verdacht als unbegründet erweiſen könnten, aus dieſem Hauſe in's Ge⸗ fängniß— wie ich vermuthe— geführt werde.“ „Ich wünſche keineswegs Euch hart zu begegnen, My⸗ lord,“ verſetzte der Andere, ſeine Uhr herausziehend;„da es noch nicht einmal zwei Uhr iſt, ſo kann ich vielleicht ſolche Anordnungen treffen, wie ſie zu Eurer Bequemlichkeit nöthig ſind. Ich muß Euch jetzt dem mit der Verhaftung beauf⸗ tragten Offtzier übergeben, werde ihm aber dabei ſagen, daß ich, wenn er es mit ſeiner Pflicht verträglich findet⸗ Euch über Ale zu führen, um dort das nöthige Gepäck und Eure Papiere mitzunehmen— durchaus nichts dagegen habe. Eure Lordſchaft fragte, ob Ihr auf bloſen Verdacht feſtgeſetzt werdet. Dies iſt in der That der Fall; nur fürchte 365 ich ſehr, daß das, was wir heute hier geſehen haben, den Grund zu einer ſehr ernſten Anklage abgeben wird.“ K Indem er ſo ſprach, deutete er mit der Hand auf den großen Keſſel, neben welchem Van Nooſt ſtand— ein Bild fetter Verzweiflung, und trotz der Hitze an allen Gliedern bebend. Smeaton konnte das Lachen nicht unterdrücken. „Was glaubt Ihr denn, daß ſie hier vorhaben, Ge⸗ neral?“ fragte er. „Kugeln gießen ohne Zweifel,“ erwiederte der alte Offizier.„Wir hörten das Geſtändniß im Herkommen von dieſes Mannes eigenen Lippen. Er ſprach ſogar von Ka⸗ nonen; davon iſt aber nichts am Platze zu ſehen. Der Zweck iſt jedoch vollkommen klar, und der Mann muß Eure Lordſchaft nach Exeter begleiten.“ Smeaton lachte ziemlich bitter. „Vorurtheil führt zu ſonderbaren Mißverſtändniſſen,“ bemerkte er.„Wenn Ihr den Mann befragen wollt, was er wirklich vorhatte, ſo wird er's Euch erzählen, und wenn's Euch beliebt, ſo will ich's Euch zum Voraus ſagen, damit Ihr beide Ausſagen vergleichen könnt.“ „Ich bin nicht hier, um ein Verhör anzuſtellen, My⸗ lord,“ erwiederte der alte Offizier.„Alle Erklärungen, die Ihr zu geben habt, werden beſſer für eine andere Behörde aufgeſpart. Ich habe einige ſeiner Worte und meine Leute haben noch andere vernommen. Das iſt Alles, was wir zu bezeugen haben, und ich denke, es iſt kein Zweifel, daß 366 wir hier einen Keſſel voll Blei vor uns haben. Auf alle Fälle will ich nachſehen.“ Somit ſchritt er auf das Feuer zu, und ſchaute in den großen Topf, indem er bemerkte: „Die Sache iſt ſonnenklar. Das iſt ſiedendes Blei, um Kugeln zu gießen.“ „Um nichts der Art zu gießen,“ rief Van Nooſt mit einer vor Furcht und Unwillen zitternden Stimme.„Ich habe keinen einzigen Kugelmodel im Beſitz, und habe noch nie in meinem Leben Kugeln gegoſſen. Das Blei wurde geſchmolzen, um auf die Zinnen und Ecken des Daches Glo⸗ ben zu ſchweißen.“ „Eine ſehr gute Entſchuldigung,“ bemerkte der alte Offizier trocken, die groteske Figur des Statuarius an⸗ ſtarrend.„Sagt mir doch, Sir: wie heißt denn Ihr?“ Van Nooſt zögerte mit ſeiner Antwort, und der alte General fuhr lächelnd fort: „Hat nichts zu bedeuten, denn welchen Namen Ihr auch tragen möget, ſo müſſen wir Euch nach Exeter mit⸗ nehmen, mein guter Freund.“ „Wohlan, mein Name iſt Van Nooſt,“ erklärte der Statuarius mit der Kühnheit der Verzweiflung, und in der Meinung, durch das Eingeſtändniß ſeines Gewerbes beſſe⸗ ren Glauben für ſeine Geſchichte erlangen zu konnen, fuhr er fort: „Van Nooſt, Statuarius und Gießer von Bleiſiguren, Gartendekorateur und ſo weiter und ſo weiter. Ich hatte die Ehre, für die gute Königin Anna manches Stück Arbeit 367 zu liefern, und ich erkläre, ſo wahr mir der Himmel helfe, daß ich nichts Anderes als runde Bälle für die Giebel gießen wollte, da die alten, wie Ihr ſeht, herabgefallen ſind.“ „Ich fürchte, die Bälle wären wohl zu anderen Zwecken verwendet worden, guter Meiſter Van Nooſt,“ ſagte Ge⸗ neral C——; pich bin übrigens ſehr froh, Euch getroffen zu haben, denn zu London wartet Eurer die Anklage, daß Ihr mit Seiner Majeſtät Feinden aufrühreriſche Korreſpon⸗ denz geführt habt.“ „Auf mein Wort, Sir,“ fiel Jennings ein, der hier zum erſtenmale das Wort ergriff,„der arme Mann that nichts Anderes, als was er ſagte. Ihr werdet Euch meiner wohl nicht erinnern; ich heiße jedoch Jennings und bin, glaub' ich, allenthalben als ein ruhiger, friedlicher Mann bekannt, der ſich niemals mit Politik oder überhaupt mit Dingen befaßt, die ihn nichts angehen. Auf alle Fälle wußte Mylord nichts von dem Gießen, denn er iſt erſt vor zwei Minuten angelangt, und ſeit der Zeit, da er noch Knabe war, iſt es heute das erſtemal, daß er ſich hier zeigte.“ „Ihr werdet am beſten Eure Regel, Euch nirgends einzumiſchen, auch bei dieſer Gelegenheit befolgen,“ ver⸗ ſetzte General C——;„Ihr könntet ſonſt Dinge ſagen, die ich lieber nicht hören möchte. Ich bin keineswegs ge⸗ neigt, hart zu verfahren, oder irgend Jemand unnöthiger⸗ weiſe der Pein der Gefangenſchaft zu unterwerfen, obwohl ich nicht ſicher bin, ob ich nicht nach dem ſtrengen Buch⸗ ſtaben der Pflicht alle hier Anweſenden in das Gefängniß nach Exeter ſchicken ſollte. Ich werde mich jedoch mit dem 368 edlen Lord und dieſem würdigen Statuarius begnügen, ge⸗ gen welche— unabhängig von dem jetzigen verdächtigen Vorgange— ſchon vorher Anklagen vorliegen. Auch dieſer Fall wird unterſucht werden müſſen, und wenn Ihr dann ein Zeugniß abzulegen habt, Meiſter Jennings, ſo wird man es in Empfang nehmen.— Korporal Miles, ruft den Kapitän Smallpiece herein.“ Sofort kreuzte er ſeine Arme über der Bruſt und blickte ernſthaft zu Boden, bis der Gerufene zum Vorſchein kam, worauf er, nach Smeaton und dem Bildhauer deutend, fortfuhr: „Dieſer Gentleman iſt der Earl von Eskdale und der andere— Meiſter Van Nooſt. Ich übergebe Euch Beide zur Bewachung, Kapitän Smallpiece; Ihr werdet die Güte haben, ſie nach Ereter zu eskortiren.“ „Da werde ich ihnen wohl die Arme binden müſſen?“ ſiel der unverſchämte Kriegsmann ein. „Ihr werdet ihnen keinerlei Schmach anthun, Sir⸗ ſondern Euch erinnern, daß Ihr ebenſo gut für ihre geeig⸗ nete Behandlung wie für deren ſichere Bewachung verant⸗ wortlich ſeyd. Seine Lordſchaft hat den Wunſch ausge⸗ drückt, einen Theil ſeines Gepäcks nebſt einigen zu ſeiner Vertheidigung nöthigen Papieren aus Ale Manor mitzu⸗ nehmen, und ich habe nichts dawider, wenn Ihr dorthin reitet, damit er das Verlangte mitnehme. Auf keinen Fall werdet Ihr ihn aber aus den Augen laſſen, und es wird am beſten ſeyn, wenn Ihr den Reſt von Seiner Lordſchaft Ge⸗ päck zu Ale Manor verſiegelt und mit eigener Hand alle 369 Papiere bezeichnet, welche er mitzunehmen für gut findet.— Das ſind Vorſichtsmaßregeln, Mylord, zu denen ich leider genöthigt bin, da mein Dienſt es alſo verlangt.“ Der junge Edelmann verbeugte ſich ſteif, und Kapitän Smallpiece fragte in weniger bullenbeißeriſchem Tone als gewöhnlich: „So geht Ihr demnach nicht mit uns, General?“ „Nein,“ erwiederte der alte Offizier.„Ich muß dem Oberrichter nachreiten. Guten Morgen, Mylord. Ich hoffe, Ihr werdet im Stande ſeyn, Euch von allen Ankla⸗ gen rein zu waſchen, und unterdeſſen werde ich mich glück⸗ lich ſchätzen, Mylord Stair's Brief— für den ich Euch eine Quittung zuſtellen werde— in Empfang zu nehmen und bei geeigneter Veranlaſſung vorzuweiſen.“ Mit dieſen Worten ſchritt er langſam aus dem Hofe, Smeaton und Van Nooſt der zarten Barmherzigkeit des Kapitäns Smallpiece überlaſſend, der ſeinen Reitern herbei⸗ winkte, um ihm ſeine Gefangenen fortſchaffen zu helfen. In jener Zeit der engliſchen Geſchichte, wäͤhrend des großeren Theils jenes Jahrhunderts, war der Zuſtand der engliſchen Armeen von demjenigen, wie wir ihn in unſeren Zeiten erlebt, gewaltig verſchieden. Mißbräuche, welche uns jetzt kaum glaublich erſcheinen— ſo ſchnell und voll⸗ ſtändig waren die Reformen der letzten Jahre— beſtanden damals in jedem Zweige des Dienſtes. Wenn wir hören, daß bloſe Knaben zu Oberſten und Generalen ernannt wur⸗ den und die Beſoldung und Gehalte des aktiven Dienſtes bezogen, wenn wir von Kammerdienern, von Eiſenfreſſern James. Henry Smeaton. 370 und noch entarteteren Perſonen leſen, welche durch den Ein⸗ fluß ſitten⸗ und gewiſſenloſer Beſchützer Offiziersſtellen in der Armee davontrugen, ſo ſind wir geneigt, das Alles für pure Erdichtung zu nehmen; aber leider war dies nicht der Fall. Solche Dinge kamen wirklich vor, und der Offi⸗ zierstiſch eines engliſchen Regiments bot eine ſonderbare Miſchung dar, wofür wir heutzutage keine Parallele beſitzen. Kapitän Smallpiece gehörte weder zu den Beſten noch zu den Schlimmſten derjenigen Klaſſen, aus welchen die brittiſche Armee beſtand. Er war der Sohn eines unbedeu⸗ tenden Strumpfhändlers zu Taunton, und da er als Knabe ausnehmend ſchwer zu lenken und zu unterrichten, auch dem Fluchen, Trinken und Vagabundiren ergeben geweſen⸗ ſo nahm ſein Vater einen geſetzteren Bruder an ſein Herz und in ſeinen Laden, und begnügte ſich damit, durch die Vermitt⸗ lung eines Edelmannes, der ihm viel Geld ſchuldete und nicht bezahlen mochte, für ſeinen alteſten Sohn eine An⸗ ſtellung in der Armee zu erlangen. Bei ſeinem erſten Eintritte in den Dienſt unter einen ſehr ſtrengen Zuchtmeiſter geſtellt, beſſerte ſich Kapitän Smallpiece ganz entſchieden; er verlor einige ſeiner ſchlimmen Gewohnheiten oder lernte ſie wenigſtens beherrſchen, erwarb ſich eine gewiſſe militäriſche Haltung und Manieren, und da er ſcharf und waghalſig, wenn auch etwas nachläſſig war, ſo gewann er ſich den Ruf eines tüchtigen Offiziers. Er war auch in der Schlacht geweſen, ohne davon zu laufen, und hatte eine Wunde im Dienſt davon getragen, ſo daß es ihm leicht gelang, ſich von der Infanterie in ein Kavallerieregi⸗ 371 ment verſetzen zu laſſen. Nichtsdeſtoweniger hatten ſeine Kameraden noch oft Gelegenheit, an die Wahrheit des alten Sprichwortes zu denken, wie ſchwer ſich aus einem Schweins⸗ ohr eine ſeidene Boͤrſe machen laſſe, und ſeinen Untergebenen mochte er ſicherlich nicht in dem allergünſtigſten Lichte er⸗ ſcheinen. Zu gleicher Zeit hegte er gewiſſe Anſichten über die Einkünfte und Accidenzien ſeiner Stellung, welche weit mehr nach dem ſöldneriſchen Landsknechte früherer Tage oder nach dem Diebsfänger oder Kerkermeiſter unſerer Zeit als nach dem modernen Krieger ſchmeckten. Er hatte keinen Be⸗ griff davon, wie man irgend Jemand die geringſte Unbequem⸗ lichkeit erſparen oder den mindeſten Gefallen erweiſen könne, ohne ſich dafür bezahlen zu laſſen, und er beſaß den glück⸗ lichen Kunſtgriff, die Leute ſeine Bedürfniſſe wiſſen zu laſſen, ohne geradezu Geld zu verlangen, was ihn einer Strafe hätte ausſetzen können. So ſonderbar dies auch lauten mag, ſo waͤren ſeine Winke von Niemand leichter als von Smeaton verſtanden worden, denn er hatte zu lange in fremden Armeen gedient, als daß er nicht daſſelbe Verfahren in noch größerem Ueber⸗ maße geſehen haben ſollte. Er ſchien alsbald auf den Charak⸗ ter des Mannes einzugehen, und ſeine eigenthümliche Lage raſch begreifend, entſchloß er ſich, jedes Zugeſtändniß, das ihm erlaubte, Emmelinen vor ſeiner Abführung nach Exeter oder vielleicht gar nach London noch einen Augenblick zu ſehen— reichlich zu bezahlen. „Ihr werdet mich vermuthlich mein eigenes Pferd reiten 24* 372 laſſen, welches draußen wartet,“ begann er, ſobald der Ge⸗ neral fort war. „Wenn Ihr für ſeine Pflege und Wartung bezahlt, My⸗ lord,“ erwiederte der Kapitän. „Natürlich, ich verſtehe das Alles,“ erklärte der junge Edelmann.„Ich habe ſelbſt manche Jahre gedient, mein guter Freund, und weiß, was bei ſolchen Gelegenheiten recht und billig iſt. Was für meine Bequemlichkeit gethan wird, muß natürlich auf meine eigenen Koſten geſchehen.“ Kapitän Smallpiece grüßte herablaſſend, denn er merkte alsbald, daß ihm die Verlegenheit fernerer Erklärungen er⸗ ſpart ſeyn würde. Doch hielt er für's Beſte, mit ſeinen For⸗ derungen lieber gleich keck hervorzutreten, um ſpäten Wider⸗ ſtand zu beſeitigen, und ſo bemerkte er, indem er ſich mit nachdenklicher Miene am Kopfe kratzte: „Was dieſen Umweg über Ale betrifft, ſo weiß ich bei meinem Leben nicht, was ich thun ſoll. Traun, Mylord, es macht neun Meilen Unterſchied, und das will bei einem lan⸗ gen Marſche ſchon was heißen. Ich glaube kaum, daß wir Exeter in dieſem Falle noch heute erreichen werden; dann muß ich Roß und Leute verköſtigen, und ich bezweifle, ob die Behörden mir das Geld hiefür genehmigen werden. Der General befahl mir nicht, es zu thun; er ſagte blos, ich dürfe.“ „Was ſo gut wie ein Befehl war,“ verſetzte der Carl, der ihn ruhig bis zu Ende angehört hatte.„Für Eure Ausla⸗ gen werde ich Euch ſchadlos halten, ob die Behoͤrden ſie Euch zugeſtehen oder nicht. Wir können das gleich an unſerem 373 erſten Haltpunkte abmachen, Kapitan; wenn wir aber nicht nach dem Herrenhauſe von Ale gehen, ſo werde ich nicht die Mittel haben, Euch zu entſchädigen, da ich, ein ſolches Aben⸗ teuer nicht erwartend, nicht eine Guinee in meiner Börſe führe.“ „Nun, ſo müſſen wir eben gehen,“ brummte der wür⸗ dige Offtzier,„das heißt, wenn Ihr glaubt, daß General C——'s Worte als Befehl gemeint waren.“ „O das waren ſie, das waren ſie,“ rief Van Nooſt, welcher ganz beſchmutzt, wie er war, in ſeinen knappen Rock und Weſte zu ſchlüpfen ſich abmühte. „Ich würde ſie als ſolchen nehmen, wenn ich an Eurer Stelle wäre,“ bemerkte Smeaton;„ich bin Soldat ſo gut wie Ihr, wenn Ihr Euch erinnern wollt.“ „Sehr wohl! ſo kommt, Mylord,“ verſetzte Kapitän Smallpiece, jeden der Gefangenen zweien ſeiner Leute zur Bewachung übergebend.„Bleibt ihnen vom Leib, Burſche! kein Privatgeſpräch mit Gefangenen!“ Dieſe Worte galten den Beiden, Jennings und Thomp⸗ ſon, welche ſich zur Verabſchiedung an ihren Lord drängten. Der Erſte ertrug es mit vieler Gelaſſenheit, und auch der Zweite trat zurück und machte keinen weitern Verſuch; aber ſeine Stimme war grimmig und voller Zorn, und er mur⸗ melte etwas vor ſich hin, faſt wie wenn er Kapitän Small⸗ piece mit einer tüchtigen Baſtonade bedrohte. „Halloh, was ſoll das heißen?“ rief Kapitaͤn Small⸗ diece, als ſie in den vordern Hof traten und durch das Eiſen⸗ gitter eine große Maſſe Landvolks bewaffnet und unbewaff⸗ 374 net mit ſehr drohenden Mienen vor ſich ſtehen fahen.„Spannt Eure Piſtolen, Ihr Leute, und ſteigt zu Pferde.“ „Halt, haltet eine Minute, mein guter Freund,“ rief der junge Edelmann, dem das Ausſehen der Dinge gar nicht gefallen wollte.„Thompſon, Jennings, geht, ſprecht mit jenen Leuten und heißt ſie weggehen. Ich bitte ausdrücklich, daß keine Gewaltthat geſchieht. Sie würde mir nur ſchaden und gar keinen Nutzen bringen, und ich befinde mich nicht in der geringſten Gefahr.“ „Ich werde des Königs Truppen nicht beſchimpfen laſſen,“ rief Kapitän Smallpiece in lautem Tone. „Ich hoffe, dazu iſt nicht die geringſte Ausſicht,“ ſagte der junge Edelmann.„Tretet vor, Thompſon, und führt ſie in den Weiler zurück.“ Der gute Pächter gehorchte, aber offenbar ſehr unwil⸗ lig, und als er ſich dem Eiſengitter näherte, um es zu öffnen, ſprang ihm Dick Peerly, der ſich im Hofe bei den Soldaten aufgehalten, nach und faßte ihn am Aermel, indem er ihm etwas zuflüſterte, was man da wo Smeaton ſtand nicht hören konnte. „Pack Dich zum Henker, Du Hund!“ rief der gute Pächter, ihn heftig von ſich ſtoßend.„Du ſollſt empfangen, was Du verdienſt, wenn ich Dich in fünf Minuten noch hier finde. Für jetzt habe ich andere Arbeit vor mir.“ Am Thore ſah man ihn eine Weile mit den Leuten ſprechen, und es wurde ihm offenbar ziemlich ſchwer, ſie zu überreden. Endlich ging er die Straße hinab, während der kleine Volkshaufe nachfolgte; nur Einige blieben etwas 5 375 länger zuruck, und Manche drehten ſich um, nachdem ſte ſich etwa hundertfünfzig Schritte vom Thore entfernt hatten, um dem Abmarſche der Soldaten zuzuſehen. Smeatons Pferd wurde ſodann von ſeinem eigenen Diener vorgeführt, und dieſer fragte im Aufſteigen: „Soll ich mitkommen, Sir?“ „Thu, wie Du willſt,“ erwiederte Smeaton.„Ich werde nicht lange im Gefängniſſe ſeyn. Vielleicht wäre es beſſer, wenn Du auf alle Fälle mit uns nach Ale Manor ritteſt.“ „Ah, Ihr unverſchämter Schlingel!“ rief Kapitän Smallpiece.„Ihr ſeyd der Schurke, der uns neulich zu Ale ſo für Narren hielt.“ „Hilf Himmel, edler Sir!“ erwiederte der Mann.„Ich habe Euch nicht für Narren gehalten— das wäre verlorne Mühe geweſen.“ Im ſelben Augenblick ließ er ſeines Lords Steigbügel fahren und ſuchte vor dem Arme des Kapitäns das Weite. Nach allerlei Fragen und mancher Mühe wurde auch der gute Van Nooſt mit ſehr bekümmerter Miene auf ſeinen fetten Pony geſetzt, und er und der junge Edelmann ritten faſt an der Spitze der Truppe mit einem Soldaten rechts und links aus den Thoren des Schloſſes. Smeatons Diener, Thomas Higham, ſchloß den Zug etwas rückwärts von der Nachwache, und ehe er das Dorf verließ, ſprengte er raſch nach dem Punkte, wo Pächter Thompſon mit einigen Leuten ſprach und ſagte ihnen wenige Worte, um ſodann ſeinem Herrn nachzu⸗ galoppiren.. Einundzwanzigſtes Kapitel. Das Leben des Menſchen gleicht dem der ganzen Ge⸗ ſellſchaft und verläuft in Epochen. Es gibt Perioden, wo der Stern des Glücks oder des Unglücks zu ſteigen oder zu fallen ſcheint; dann folgt eine lange Reihe heiterer oder finſte⸗ rer Tage, während deren keine Thorheit den Sonnen⸗ ſchein zu bewölken, keine Vorſicht den Sturm abzuwenden fähig ſcheint. Der Earl von Eskdale war am heutigen Tage zu Ent⸗ täuſchungen beſtimmt, als er nach einem langen ermüden⸗ den Ritte, der durch die Langſamkeit, mit welcher die Truppe vorrückte, beſonders fatigant wurde— das Herrenhaus zu Ale erreichte und unter ſtrenger Bewachung in ſeine eigenen Zimmer zugelaſſen wurde. Er erfuhr, daß Sir John Newark vor etwa einer Stunde ausgegangen war und Emmelinen und Richard mitſich genommen hatte. So blieb Smeaton nichts übrig, als die nöthigen Briefe, Geld und Kleidungsſtücke zuſammenzuraffen und den Kapitän Smallpiece auf der Straße nach Ereter zu begleiten. Die wilde, reizende Umgebung von Ale ſah ſchöner aus als jemals, obgleich der Tag nicht ſo vielverſprechend war, wie viele der vorhergegangenen geweſen. Der Himmel aller⸗ dings war faſt ganz blau, und die Luft wärmer, als ſie im Monat Juli geweſen; aber da und dort ſtiegen ſchwere Wol⸗ kenmaſſen am Horizonte empor, deutlich und langſam, gleich der fliegenden Laputa⸗Inſel, vor Gullivers Augen über den Zuſchauer dahin ſchwebend. Von Zeit zu Zeit hatten ſie im 377 Vorbeiziehen wenige große Tropfen niederfallen laſſen, und in den Nebelmaſſen gegen Südweſten ließen ſich ſonderbar geſtaltete, zuſammengeballte Dünſte erkennen, welche da, wo die Sonnenſtrahlen ſie trafen, eine blaßröthliche Farbe an⸗ nahmen. Als Smeaton aus ſeinem Zimmer herabkam, um wie⸗ der zu Pferde zu ſteigen, traf er in der Halle mehrere von den Dienern mit der alten Mrs. Culpepper an ihrer Spitze. Sie ſchien ſeine Gefangenſchaft mit ſtoiſcher Theilnahm⸗ loſigkeit zu beobachten, wie ſte(was er wohl wußte) nicht in ihrer Natur lag, und nahm keine weitere Notiz von ihm, als daß ſie vor dem Vorüberziehenden einen förmlichen Knir machte. Er begriff leicht ihre Beweggründe und ſagte blos: „Seyd ſo gut, Madame, und benachrichtigt Sir John Newark, daß ich in wenigen Tagen zurückzukehren hoffe. Er möge ſich um meinetwillen durchaus nicht beunruhigen, denn ich habe mich, wie er wohl weiß, nicht gegen die beſtehende Regierung vergangen und kann deßhalb in keiner Gefahr ſeyn.“ „Ich will's ihm ſagen, Sir,“ erwiederte Mrs. Cul⸗ pepper, und der junge Edelmann ſtieg auf und ritt von dannen.. Der Schritt, in welchem Kapitän Smallpiece vorzu⸗ rücken für gut fand, war, wie geſagt, der langſamſte, den man ſich denken konnte, und Smeaton erkannte deutlich, daß der Kapitän nicht beabſichtigte, Exeter noch heute Nacht zu erreichen; nur die Wolken, welche ſich ſchwer und düſter zu 378 ſammeln begannen, noch ehe ſie den Weiler und die Kirche von Aleton erreichten, veranlaßten ihn, ſeine Bewegung ein wenig zu beſchleunigen. Schon begann der Regen herabzu⸗ träufeln, als ſie an der kleinen Schenke vorbeikamen, und der Sergeant der Truppe, der auf ſehr vertrautem Fuße mit ſeinem kommandirenden Offizier zu ſtehen ſchien, ließ den Wink fallen, daß man Roß und Leute ebenſogut hier anhal⸗ ten und ſich erholen laſſen könne. „Nein, nein, Jack,“ erwiederte der Kapitän.„Wir müſſen noch etwas weiter, bis wir Norton Newchurch er⸗ reichen. Dort wollen wir bei der alten Mutter Gandy ein⸗ kehren: ſie braut den beſten Stoff, und ich bin ihr einen Be⸗ ſuch ſchuldig.“ Es dauerte nicht lange, ſo mochte er wohl bereuen, daß er weiter gezogen war, denn das drohende Ausſehen der Wolken ging bald in förmliche Thätlichkeit über. Donner, Blitze und Regengüſſe verfolgten die Truppe während der nächſten drei Meilen(ſo weit war es nämlich von Aleton bis Newchurch), und Alle waren durchnäßt bis auf die Haut, als die Truppe vor der Thüre der Herberge abſtieg— wenn man die lange, winklige Schenke, welche eher einem Halb⸗ dutzend zuſammengeſtoppelter Hütten ähnlich ſah, eine Her⸗ berge nennen konnte. Sobald Kapitän Smallpiece unter Dach war, zog er die Uhr heraus und entdeckte, daß er ſeinen Marſch mittler⸗ weile bis ſechs Uhr Abends hinausgezogen hatte. Das war's gerade, was er offenbar beabſichtigte, denn er erklärte plötz⸗ llch, daß es bei der Ermüdung von Roß und Leuten unmoͤg⸗ 379 lich ſeyn werde, Exeter noch heute Nacht zu erreichen. Er traf ſofort Anordnungen zur Unterbringung ſeiner Soldaten und verlangte ein beſonderes Zimmer für ſich und ſeine Ge⸗ fangenen, vor deſſen Thüre er denjenigen von ſeinen Rei⸗ tern aufſtellte, den er am wenigſten leiden konnte, ſo daß dieſer in triefenden Kleidern den luſtigen Dienſt der Schild⸗ wache verrichten mußte. „Nun, Mylord,“ begann er, ſobald die Thüre ge⸗ ſchloſſen worden,„womit wollt Ihr die Leute bewirthen? Beim Henker! ich werde herzlich froh ſeyn, etwas Warmes in meinen Magen zu bekommen, und den armen Teufeln iſt es gewiß eben ſo zu Muthe.“ „Wenn Ihr die Wirthin— Mutter Gandy, wie Ihr ſte nennt— hereinrufen wollt, ſo werde ich Erfriſchungen für uns beſtellen,“ erwiederte Smeaton lächelnd.„Was Eure Leute betrifft, ſo nehmt lieber dieſe zehn Guineen und laßt ſie mit dem, was Ihr für nöthig haltet, verſorgen.“ Der Kapitän beſann ſich keinen Augenblick, und als die Wirthin erſchien, beſtellte der junge Edelmann ein reichliches Mahl für ſich und ſeine Begleiter, und der würdige Offizier ließ ſeinen Leuten Erfriſchungen im Betrage von einem Vier⸗ tel des erhaltenen Lohnes verabreichen. „Laßt auf meine Rechnung ein Faß guten ſtarken Ale's für ſte anzapfen, Madame,“ ſagte der junge Earl, und mit tiefem Knire entfernte ſich die gute Frau, während Small⸗ piece mit gemeinem Lachen ausrief: „Zum Teufel! Ihr müßt ſie nicht betrunken machen, Mylord.“ 380 „Das habe ich gar nicht in Abſicht,“ verſetzte Smea⸗ ton,„und wenn ich es hätte, ſo würden ſie noch vor Morgen nüchtern werden.“ In einer Hinſicht war der junge Edelmann und Van Nooſt beſſer daran, als ihre kleine Eskorte, denn ſie hatten wenigſtens trockene Kleider zur Hand, deren Benützung ſie auch nicht verabſäumten, und der gute Van Nooſt ſchien in der That friſchen Muth aus ſeiner trockenen Jacke zu ſchöp⸗ fen. Ein gutes Abendeſſen— denn in jenen alten Zeiten konnte man noch die ſiebente Stunde als die des Abend⸗ mahles betrachten— ſtellte ſeine frühere Zuverſicht wieder her, und als Kapitän Smallpiece ſein ſauber gewaſchenes, kupferrothes Geſicht und ſeinen reinlichen Anzug bemerkte und ſeine ſchlechten Witze über ſeinen bleiernen Götterhim⸗ mel in der Reading⸗Road mit anhörte, konnte er kaum glau⸗ ben, daß dies derſelbe Mann ſey, den er zuerſt zu Keanton ge⸗ ſehen hatte. Er erklärte ihn für einen luſtigen, guten Burſchen, und dieſer Eindruck ſteigerte ſich noch bedeutend, als Van Nooſt die Bereitung des Punſches für die ganze Geſellſchaft übernahm, und ſein Gebräu ſich als das Köſtlichſte, was man noch jemals verſucht, herausſtellte. Erfindungsreich in Hilfsmitteln, ſobald ſein erſter pani⸗ ſcher Schreck vorüber war, finden wir den Bildhauer als⸗ bald mit dem Gedanken beſchäftigt, wie ſich ein Mittel zur Flucht für ihn und ſeinen Gefährten auffinden ließe, denn daß Smeaton gar nicht zu entfliehen wünſchte, davon ließ er ſich nichts träumen. Der erſte und einfachſte Plan, der ihm ein⸗ ſiel, war der, den Kapitän Smallpiece betrunken zu machen⸗ 381 denn der würdige Offizier trug ja ſeine Vorliebe für die Flaſche in großen Buchſtaben auf der Stirne geſchrieben. Allein unüberwindliche Hinderniſſe traten dazwiſchen. Der Punſch wurde im Zimmer gemacht und ſo konnte Small⸗ piece über die Verhältniſſe des Rums und Waſſers nicht ge⸗ täuſcht werden; überdies war der würdige Kapitän gegen ſich ſelbſt auf der Hut, und wenn er auch Anfangs tüchtig darauf lostrank, ſo fing er doch bald an, Einhalt zu thun. Eine Bowle war geleert, ohne daß man es den Zechern an⸗ merkte. Van Nooſt ſchickte ſich an, eine zweite zu brauen; allein Smeaton erklärte, er werde keinen mehr trinken, und auch Kapitän Smallpiece verſicherte: „Ich auch nicht.“ Der Bildhauer ließ ſich jedoch nicht ſtören und nahm einen Löffel voll mit den Worten: „Ich fürchte mich nicht. Mein Magen iſt ſtark und mein Gehirn nicht minder.“ „Nun, meinetwegen, noch ein Glas,“ ſagte der Kapi⸗ tän in reſignirtem Tone; zu dieſem zweiten Glaſe kam ein drittes, ein viertes, ein fünftes, wobei er bald Van Nooſt mittrinken ließ, bald ſeine Hand nach der Bowle ausſtreckte, und, ſich faſt unbewußt ſelbſt einſchenkte. Allein ſein Kopf war ein wohlgeeichtes Faß, auf welches das friſche Getränk keinerlei Eindruck machte; er wurde nur etwas lauter und geſprächiger, und in Ton und Manieren herriſcher denn zuvor. Jetzt dachte Van Nooſt, wenn ſich Smeatons Diener in's Zimmer berufen und die Schildwache von der Thüre 38² entfernen ließe, könnten ſie den würdigen Kapitän bald ſelbſt überwältigen und ihre Flucht durch das Parterrefenſter be⸗ werkſtelligen; aber der junge Edelmann wollte keinen ſeiner Winke verſtehen. Er brauchte ſeinen Diener nicht und wollte nicht nach ihm ſchicken, und Kapitän Smallpiece behielt immer noch die langen Beine unter dem Tiſch ausgeſtreckt und die Augen nach der Thüre gerichtet, ſo daß er jedesmal beim Oeffnen die Schildwache ſehen mußte. Auch ſchienen Van Nooſts Manöver ſeinen Argwohn zu erregen, denn als der Statuarius einmal aufſtand und ans Fenſter trat, rief er ſogleich: „Kommt, kommt, ſetzt Euch, fetter Herr. Was maro⸗ dirt Ihr da herum?“ „Ich wollte nur ſehen, ob es noch regnet,“ erwiederte Van Nooſt;„aber es iſt eine ganz ſchöne Nacht und der Mond kommt zwiſchen den weißen Wolkenſtreifen zum Vor⸗ ſchein.“ Kapitän Smallpicce fluchte auf den Mond und fragte, was er mit ihm zu ſchaffen habe. „Vielleicht könnte er Euch nach Exeter leuchten, wenn Ihr dahin reiten wolltet,“ ſagte der junge Edelmann ernſt⸗ haft.„Iſt dies Eure Abſicht oder nicht, Kapitän Small⸗ piece? denn ich meine, Eure Leute die Pferde vorführen zu hören.“ „Ei bewahre!“ rief der Kapitän, ohne ſich auf ſeinem Stuhle zu rühren;„wenn ſie es thun, ſo müſſen ſie ſie wie⸗ der in den Stall bringen. Ich gab meine Befehle, und wenn ſte dieſelben mißverſtehen, ſo iſt's ihre eigene Schuld.“ 4 383 Van Nooſt verhielt ſich ganz ſtill, denn dieſelben Töne, welche Smeaton vernommen, waren auch ihm zu Ohren gedrungen, und man hörte allerdings ein Geräuſch, als ob viele Füße vor dem Hauſe ſcharrten. Dann kam ein lauter Ausbruch des Gelächters und eine luſtige Stimme ließ ein ſpaßhaftes Lied vernehmen. Das Lachen verſtummte; drauf folgte ein lauteres Sprechen, endlich ein heftiges Ge⸗ zaͤnk und zuletzt ein lauter, verwirrter Lärm, wie wenn zwan⸗ zig bis dreißig Leute zumal zuſammenſchrieen.: „Einige von meinen Spitzbuben haben ſich betrunken und zanken ſich jetzt mit den Bauernlümmeln,“ brummte Kapitän Smallpiece.„Nun, ſie mögen's nur ausfechten; aber ſie ſollen ſich ſputen, ſonſt werde ich unter ſie fahren.“ Der Lärm vermehrte ſich ſtatt abzunehmen, und zu gleicher Zeit hörte man Jemand mit der Schildwache vor der Thüre ſprechen. „Was gibt's da draußen?“ donnerte Kapitän Small⸗ piece ohne aufzuſtehen. Aber faſt noch während er ſprach, hörte man eine Piſtole knallen; die Thüre wurde aufgeriſſen, die Schild⸗ wache Hals über Kopf in's Zimmer geſchleudert und viele Männer mit geſchwärzten Geſichtern und weißen Hemden über ihren Gewändern drangen ein. Mit furchtbarem Fluche aufſpringend, packte Kapitän Smallpiece den armen Van Nooſt bei'm Kragen und ſchrie: „Das iſt Dein Werk, und dafür will ich Dir das Ge⸗ hirn ausblaſen.“ Im ſelben Augenblicke hielt er dem unglücklichen Manne 384 eine große Reiterpiſtole vor den Kopf, und man hörte den Hahn bei'm Aufziehen einknacken. Die Wuth in ſeinem Geſicht und der wilde Trotz ſeiner Gebärde bewies, daß er ſeine Drohung auszuführen bereit war, und der nächſte Augenblick hätte den armen Statuarius einer ganz andern unſterblichkeit entgegengeſchickt als ſeine bleiernen Figuren für ihn zu bieten verſprachen. Aber ein furchtbarer Schlag von Smeatons ſtarkem Arme rettete Van Nooſt das Leben und ſtürzte den tapfern Kapitän zu Boden. Im Nieder⸗ fallen ging die Piſtole los und die Kugel ſchlug in die Wand, während er wüthend ausrief: 3 „He, Mylord, dafür ſollt Ihr hängen!“ Was nunmehr erfolgte, läßt ſich unmöglich genau be⸗ ſchreiben, denn immer mehr Leute ſtürzten von außen herein und warfen ſich auf den Offizier und die Schildwache; nach kurzem Handgemenge gelang es ihnen, die Beiden zu bin⸗ den, den Tiſch umzuwerfen, die Punſchbowle nebſt Gläſern zu zerbrechen und die Lichter auszulöſchen. Mitten in dieſer Verwirrung fühlte ſich Smeaton von einer Hand erfaßt, und eine Stimme flüſterte: „Kommt mit, kommt mit, und Ihr ſeyd gerettet.“ Er zögerte eine Weile, während eine Menge von Er⸗ wägungen durch ſeinen Sinn zog, die ihm den augenblickli⸗ chen Entſchluß erſchwerten. Da ſaßte ihn ein Zweiter gleichfalls am Arme, und ſo wurde er von Beiden durch die Thüre fortgeriſſen. „Hier hinaus, Mylord, hier hinaus!“ ſprach eine Stimme, die er zu erkennen glaubte. 385 Auf dem Gange herrſchte völlige Dunkelheit, und ſeine Führer ſchleppten ihn nicht durch das Zimmer, worin die Soldaten gezecht hatten. Die Thüre der Küche ſtand jedoch offen, und ihr Inneres bot im Vorbeigehen einen höͤchſt ſon⸗ derbaren Anblick. Zwei bis drei von den Reitern lagen offenbar ſchwer betrunken am Boden; Andere ſaßen auf Bänken oder Stühlen, die Arme feſt auf den Rücken gebun⸗ den; einige befanden ſich in einem Zuſtande ſchläfriger Trunkenheit, der ſie kaum bemerken ließ, was vorging; wie⸗ der Andere brüllten trotz ihrer Gefangenſchaft einen baccha⸗ naliſchen Geſang oder ſaßen in düſterem Ernſte, über die Art und Weiſe nachſinnend, wie ſie ſich hatten überfallen laſſen. Unter den Letzteren befand ſich der Sergeant Miles, welcher Smeaton einen Augenblick gewahr wurde und aus⸗ rief: „Ah, Mylord, ich kenne Euch wohl.“ Smeaton blieb ſtehen, als ob er etwas erwiedern wollte; doch die zwei Männer riſſen ihn gewaltſam weiter, und im nächſten Augenblicke ſtand er auf der Straße vor der Herberge. „Hier iſt Euer Pferd, Sir,“ ſagte die Stimme ſeines Dieners.„All' Eure Sachen ſind hinten im Mantelſack. Laßt uns ſo raſch wie möglich aufbrechen, dann werden die guten Leute ſchon ablaſſen. Raſch, Mylord! ich will Euch den Weg weiſen.“ Smeaton ſtieg ſchweigend zu Pferd, während viele „Roſſe und acht bis zehn Männer um ihn her ſchwirrten, James. Henry Smeaton. 25 386 ohne jedoch die geringſte Notiz von ihm zu nehmen. Sie ließen ihn ſeinem Diener nachreiten, ohne ſogar die Frage zu beantworten, die er an einen von ihnen richtete. Alles ging in tiefer Stille vor ſich, und in wenigen Minuten hatte der junge Edelmann den Kamm des Hügels erreicht und das Haus aus den Augen verloren. 4 Der Diener ritt voraus und überließ es ſeinem Herrn, ihm zu folgen; bald bog er von der Ereter⸗Heerſtraße, an welcher das Wirthshaus lag, gegen die Dünen ein, die ſich auf der einen Seite faſt bis Mount Place, auf der andern gegen Ale Manor ausdehnten. Ehe ich weiter gehe, dürfte es nöthig ſeyn, die verſchie⸗ denen Gedanken zu betrachten, welche Smeaton während der letzten paar Minuten durchkreuzten, da ſie ſein Benehmen großentheils beſtimmt hatten. Wir müſſen uns erinnern, daß er bei dem ganzen Vorgange völlig überraſcht worden war. Zwar ließ er ſich nicht leicht von einem Ereigniſſe unvorbereitet betreffen; aber diesmal war Alles ſo raſch verlaufen, daß der Inſtinkt ſtatt der Vernunft entſcheiden mußte. Dieſer war es, der den Kapitän Smallpiece nieder⸗ ſchlug, da er vollkommen überzeugt war, daß, wenn er ſich nicht einmiſchte, der nächſte Augenblick den armen Van Nooſt das Leben koſten würde, und er bedauerte ſehr, daß er zur Rettung des guten Statuarius alſo hatte handeln müſ⸗ ſen. Im nächſten Augenblicke überſah er auch alsbald die Folgen ſeiner That: er ſah, daß ſie ihn auf das Bedenk⸗ lichſte kompromittirte, und daß ein erfahrener Advokat durch geſchickte Beweiserpreſſung die Thatſache ſeiner Theilnahme 387 an dem Kampfe und ſeine Befreiung mit dem von ihm be⸗ ſtellten Bier, worin die Soldaten ſich betrunken hatten, und dann wieder mit dem wohlorganiſirten Plane zu ſeiner Be⸗ freiung, der, wie er nicht zweifelte, von ſeiner eigenen Päch⸗ terſchaft ausgeführt worden war— in Verbindung bringen würde. Zu dem Allem kam noch das Bleiſchmelzen zu Keanton und die Worte, welche Van Nooſt geſprochen und welche Gene⸗ ral C—— und deſſen Truppe nur theilweiſe gehört hatte. Die ganze Reihe obiger Zwiſchenfälle mußte in der That eine Kette von Beweisgründen bilden, welche nur zu dem einen Schluſſe führte, daß er trotz ſeines Verſprechens gegen Lord Stair thätige Maßregeln zur Beförderung des Aufſtandes gegen die Regierung ergriffen habe. Auch wußte er recht wohl, daß die erſten Gefangenen beim Ausbruche einer Rebellion nur ſelten Gnade, ja oft nicht einmal Ge⸗ rechtigkeit finden: die Gewaltſamkeit der Parteien verlangt ihre Opfer und es müſſen Erempel ſtatuirt werden, um die Wankenden durch Furcht abzuſchrecken. Wenn er die Mit⸗ tel zur Flucht verſäumte, ſo blieb ihm keine andere Ausſicht, als lange Einkerkerung oder der Tod auf dem Schaffot. Dann kam noch eine weitere Betrachtung, und ich muß es dem Leſer— je nachdem er alt oder jung, phlegmatiſch oder heißblütig iſt— überlaſſen zu beſtimmen, wie viel ſie zu ſeinem Entſchluſſe beigetragen haben mochte. Er dachte an Emmelinen, wie dieſe Ereigniſſe ſie berühren mochten, ja noch mehr— die Hoffnung und Erwartung zuckte durch ſeine Seele, daß er im Falle glücklicher Flucht im Stande ſeyn würde, ſeinen Plan, ſie in ein anderes Land zu entfüh⸗ 25* 388 ren und ihr Schickſal an das ſeinige zu ketten, auszuführen. Zu gleicher Zeit rechnete er mit der Zuverſicht der Jugend darauf, daß er ſich leicht von jeder verbrecheriſchen Theil⸗ nahme an den erlebten Vorgängen würde reinigen können, wenn ihm nur Zeit gewährt würde, die Thatſachen zu be⸗ weiſen, nachdem ſich die Gemüther der Menge wieder be⸗ ruhigt hätten. Solches waren die Beweggründe, nach denen er han⸗ delte. Ich will nicht ſagen, daß ſie ganz richtig waren, denn ich zeichne hier keinen vollenbeten Charakter. Sie ſchienen ihm vorläufig genügend, und ſein nächſter Gedanke war, wie ſich wohl ſeine jetzigen Umſtände am beſten benützen ließen. So ließ er in ſchweigendem Nachdenken ſeinen Diener faſt eine Meile dahinreiten, bis Letzterer ſich an ihn zurückwen⸗ dete und ſeinen Hut berührend meldete: „Dieſer Weg führt nach Aleton⸗Church und Ale, My⸗ lord, und jener nach Keanton. Ich dachte mir zwar, Ihr würdet lieber nach Ale gehen, nahm aber dennoch einen Um⸗ weg, um den Leuten auszuweichen; doch kann Eure Lord⸗ ſchaft nach Belieben handeln. Ihr ſeyd ſo ziemlich halb⸗ wegs zwiſchen beiden Orten, vielleicht etwas näher bei Keanton, nur glaube ich, daß Ale das Sicherſte ſeyn wird.“ „Warum glaubſt Du ſo?“ fragte Smeaton;„was ließ Dich vermuthen, daß ich Ale vorziehen werde?“ „Nun, Mylord,“ erwiederte der Burſche in ſeinem leichtfertigen Sichgehenlaſſen,„zu Ale könnt Ihr jederzeit ein Boot finden, das Euch um ein Halbdutzend Guineen an die franzöſiſche Küſte führt, und das Thal iſt ſo eng, daß 389 man Euch zeitig genug benachrichtigen kann, falls Leute zu Eurer Gefangennehmung herannahen. Was Eure zweite Frage betrifft, ſo habe ich noch immer bemerkt, daß Edel⸗ leute in Eurem Alter lieber in Häuſern wohnen, wo es hübſche junge Damen gibt, als da, wo ſich nichts als alte häßliche Weiber vorfinden. Die Motten fliegen nun einmal ins Licht, und junge Edelleute ſind ſehr beherzt.“ Smeaton lächelte, und der Mann blieb zurück, wie wenn er ihn voranreiten laſſen wollte, als ſein Gebieter ihm zurief: „Hierher, Higham, reite neben mir und erzähle mir, wie ſich dieſe ganze Geſchichte zugetragen.“ „Bei meinem Leben! ich weiß es nicht, Mylord,“ ver⸗ ſetzte der Mann.„Ich hatte keine Hand im Spiel, ſondern zog eben unſere Pferde aus dem Stalle und warf die Man⸗ telſäcke darüber. Ich that nichts weiter, als daß ich da⸗ mals, da ſie Euch aus Keanton abführten, dem vierſchrö⸗ tigen Pächter, der ſich ſo viel zu ſchaffen machte, ſagte, er folle die Leute für jetzt lieber ruhig erhalten; wenn er uns jedoch von der Spitze der Hügel durch einige Leute beobach⸗ ten laſſe, ſo werde er noch Mittel finden, bevor wir Exeter erreichten, Euch aus der Falle zu helfen.“ „Das thut mir leid,“ bemerkte Smeaton ziemlich ſtreng.„Du hätteſt das nicht ohne meinen Befehl thun ſollen. Dieſe armen Leute haben ſich jetzt zu einem Zwecke, den ich keineswegs wünſchte, ernſtlich gegen die Regierung vergangen, und ich ſelbſt bin dadurch in höchſt unerfreuliche 390 Umſtände verſetzt.— Glaubſt Du, daß der Eine oder der Andere von den Soldaten erkannt wurde?“ „O bei Leibe! Ich will Euch erzählen, wie ſich Alles zutrug, Mylord. Als ich hörte, daß Ihr ein ganzes Faß ſchäumenden Ale's für die Leute beſtellt, glaubte ich natür⸗ lich, Ihr wollet ſie betrunken machen. Es waren außer der Schildwache ihrer zehn Soldaten: ein Faß hält ſechsund⸗ dreißig Gallonen, macht alſo vierthalb Gallonen auf den Mann. Ich wiederhole, Mylord, ich konnte nicht anders denken, als daß Ihr die Truppe berauſcht haben wolltet, und ſo beſchloß ich nachzuhelfen und traktirte ſie gleich zum An⸗ fang mit einem Glas Branntwein. Gegen neun Uhr, als das Ale, durch den Branntwein verſtärkt, ſeine Wirkung that und die Leute zu drei Vierteln betrunken waren, traten drei Bauernburſche herein und verlangten ein Nöſſel per Mann. Die Soldaten begannen ſie aufzuziehen; die Burſche nahmen es aber wunderbar ruhig, denn ſie gaben's ihnen redlich heim, und es herrſchte allgemeines Lachen und Lär⸗ men. Dann kamen zwei weitere Bauernjungen, ſtarke, handfeſte Burſche, und auch ſie ſetzten ſich zum Plaudern nieder. Ein bis zwei Minuten ſpäter langten einige Be⸗ rittene vor dem Hauſe an und ließen die Wirthin hinaus⸗ rufen; drei von den Soldaten gingen hinter ihr her, und wir konnten vor der Thüre ein großes Schreien und Brüllen hören, und einer der halbtrunkenen Soldaten ſagte murriſch: ees ſind gewiß lauter Schmuggler aus Ale. Darüber ſing einer der Bauern Händel mit ihm an, und eben als es zu Schlägen kam, ſtürzte eine ganze Bande hochgewachſener, 391 herzhafter Burſche mit weißen Hemden und geſchwärzten Geſichtern herein. Sie ſielen wie lauter Sperber über die Soldaten her und banden ſie ohne viel Kampf Einen nach dem Andern ſo feſt, wie wenn es nach Tyburn ginge. Einige Gläſer wurden freilich zuſammengeſchlagen und ein paar Stühle umgeworfen; aber es ging Alles recht flink vor ſich, denn ich war keine zwei Minuten aus, während ich die Pferde herbeiholte, als vor meiner Rückkehr ſchon Alles been⸗ digt war.“ „Was bewog Dich denn aber, die Pferde aus dem Stalle zu ziehen?“ fragte Smeaton. „Als die ſchwarz angeſtrichenen Burſche hereinkamen, flüſterte mir einer der Landleute in's Ohr: bringt alsbald Eures Lords Pferd heraus und gebt es dem Manne, der die andern vor der Thüre hält.“— Aber wie geſagt, es war Alles fertig und vorüber, bis ich zurückkam, die Soldaten gebunden und mäuschenſtill, und einer der Leute ſagte mit verſtellter Stimme:— wo iſt Euer Lord? Das alte Weib will's nicht ſagen.— So führte ich ſte denn zu der Schild⸗ wache, indem ich ſelbſt voranging. Der Soldat ſprach einige Worte und fragte, was all der Lärm bedeute, und als ich ihn feſtzuhalten ſuchte, feuerte er ſeine Piſtole ab, und in dem Handgemenge ſtürzten wir Beide in's Zimmer. Das Uebrige iſt Eurer Lordſchaft bekannt.“ „Glaubſt Du, daß alle dieſe Männer von Krantom waren?“ forſchte ſein Gebieter. „Ich glaub's nicht, Mylord,“ erwiederte Higham. „Die ſchwarzen Burſche wenigſtens ſahen weit eher wie 392 Alemaͤnner aus, und ſie trugen ihre Haͤnde auswärts wie alle Seethiere. Nein, ich glaube, ſie kamen von Ale, ſtan⸗ den aber offenbar mit den Bauernlümmeln im Bunde, und ich ſah den luſtigen alten Pächter ſelber vor der Thüre— darauf könnte ich ſchwören.“ „Du darfſt das gegen Niemand verlauten laſſen,“ er⸗ mahnte Smeaton;„denn es thäte mir ſehr leid, wenn er durch dieſes unbeſonnene Unternehmen zu Schaden käme.“ „Im Ganzen konnten die Leute auch Schmuggler ſeyn, Mylord, welche erſt bei ihrer Ankunft einen Wink erhielten,“ erklärte der Diener;„ſie ſind immer bereit, ſich an jedem Auflauf zu betheiligen und die Soldaten durchzuklopfen. Ich kann nicht ſagen, wie es zuging, und erzähle Euch nur, was ich weiß.“ Die hier empfangene Nachricht war nicht der Art, daß Smeaton die Lage der Umſtände, falls ſie vor einen Ge⸗ richtshof gebracht würden, in günſtigerem Lichte betrachten konnte. Sein eigener Diener hatte mit dem Poͤbel an ſei⸗ ner Befreiung Theil genommen, hatte die Schildwache zu ergreifen und zu entwaffnen geſucht und bei der ganzen 3 Affaire eine vorwiegende Rolle geſpielt. Auch war er noch gar nicht überzeugt, ob der Burſche ihm Alles erzählt habe, ſo ſehr er auch in der beſten Abſicht gehandelt haben mochte. Es ſchien ihm unwahrſcheinlich, daß er ſein Pferd ſo ſchnell geſattelt haben konnte, ohne ſchon früher um den beabſich⸗ tigten Verſuch zu wiſſen; er hielt jedoch für beſſer, ihn nicht weiter auszufragen und ſetzte ſeinen Weg ſchweigend gegen Aleton⸗Church fort. 393 Der Umweg, den ſie eingeſchlagen hatten, machte die Strecke volle ſechs Meilen lang. Endlich begann das Ge⸗ bäude an dem Abhange des Hügels aufzutauchen, und man ſah die Ereter⸗Straße in das Dorf hinabſteigen. Der Mond ſchien ausnehmend hell nach dem Sturm, wenn auch noch zuweilen einige Wolken darüber hinzogen, und Smeaton bemerkte bei ſeinem Lichte eine Anzahl Fußgänger und Be⸗ rittener, welche dieſelbe Richtung wie er ſelbſt einſchlugen. Sie gingen ſo langſam und unbekümmert einher, daß er ſie kaum für dieſelben Perſonen halten konnte, welche erſt kürz⸗ lich ein ſo kühnes, waghalſiges Spiel geſpielt hatten, ob⸗ gleich die weißen Gewänder, womit die Mehrzahl bekleidet war, ſie als die nämlichen zu bezeichnen ſchienen. Er hielt übrigens für beſſer, ihnen auf alle Fälle aus⸗ zuweichen, und da er oberhalb der Kirche ritt, nahm er ſeine Richtung ſo, daß er das Gebäude zwiſchen ſich und die An⸗ dern bekam. Sein Zweck war jedoch noch nicht erreicht, als er eine Geſtalt ſich von den übrigen abſondern und den Hügel heraufklettern ſah, und an der kurzen, runden Figur erkannte er mit großer Freude eine ſtarke Aehnlichkeit mit dem guten Van Nooſt. „Dort ſind einige der Leute auf dem Rückwege nach Ale, wie Ihr ſeht, Mylord,“ bemerkte ſein Diener.„Es ſollte mich nicht wundern, wenn es im Ganzen blos Schmuggler waren.“ Smeaton war ſehr verwirrt. Nach den Worten des jungen Richard Newark, nach Sir Johns Eifer, mit dem er ihn heute nach Mount Place geſchickt, und nach Allem, was 394 ſich ſpaͤter ereignet hatte, war ihm ſchon mehr als einmal der Verdacht gekommen, ob ſein ehrenwerther Wirth ihn nicht in eine Falle gelockt habe. Aber wer außer Sir John Newark konnte dieſe Leute zu ſeiner Befreiung ausgeſchickt haben? „Wenn der dort Van Nooſt iſt, ſo werde ich's erfah⸗ ren,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, und abermals an den Diener ſich wendend, fragte er:„Sieht der dort drüben nicht ganz dem vierſchrötigen Manne ähnlich, der mit mir gefangen wurde? Ich hoffe ſo, denn ich war um ihn beſorgt.“ „O ja, Mylord, der liſt's,“ erwiederte der Burſche; „für den braucht Ihr aber nichts zu fürchten: er iſt zu fett, als daß ihm ein Leid paſſiren könnte; er iſt wie eines jener Dinge, die man auf der See Bojen nennt und welche immer wieder auf den Kopf ſtehen, ſo ſehr man ſie auch hin⸗ und herrütteln mag.“ „Ich muß jedenfalls mit ihm ſprechen,“ ſagte Smea⸗ ton.„Da halte mein Pferd; ich will ihm zu Fuß folgen. Wenn ich ihm nachritte, würde er davonlaufen.“ „Und aufplatzen,“ fügte Higham bei, ſeines Gebieters Pferd ergreifend. Van Nooſt hatte unterdeſſen den Hügel erklommen, die Kirchhofmauer erreicht und war durch das Thor eingetreten; als ſich jedoch Smeaton mit raſchem Schritte näherte, fand er daſſelbe zu ſeiner großen Ueberraſchung verſchloſſen und Van Nooſt war nirgends zu ſehen. Ohne ſich zu beſinnen, ſprang er über die niedere Mauer und rief ſeinen derben Freund beim Namen. 395 Anfänglich erfolgte keine Antwort; als er jedoch aber⸗ mals rief:„Van Nooſt, Van Nooſt, ich muß mit Euch re⸗ den,“ da ſah er hinter einem Strebepfeiler Kopf und Schul⸗ tern des Statuarius auftauchen, und dieſer trat vor, ſobald er den Rufenden erkannte. „Ach, mein theurer Lord,“ begann er,„ich bin ſo froh, Cuch in Freiheit zu ſehen, und auch meine eigene Befreiung freut mich nicht wenig. Kommt lieber da herein, wo ich hingehe. Ich bin todtmüde, ſo viel weiß ich, und Ihr ge⸗ wiß auch— dieſe verfluchten Satteltaſchen haben mich ſo ermüdet. Aber hier werden wir ganz ſicher ſeyn, und ich habe einen halben Laib Brod und eine lange Orforder Wurſt mitgebracht.“ „Wo wollt Ihr Euch denn verſtecken?“ fragte Smea⸗ ton.„Es wäre beſſer, wenn Ihr nach Ale mitginget, von wo wir leicht nach Frankreich gelangen können.“ „Ich wollte ſchon, wenn ich nur könnte; aber ich kann nicht,“ erwiederte der arme Mann.„Ich bin ſo gerüttelt und geſchüttelt und gepufft worden, daß ich auf keinem Fuß mehr ſtehen kann. Ich gehe nach. der Krypte hinunter: dort habe ich noch ein Stück von meiner alten Kerze übrig, womit ich die Geſpenſter abhalten kann, und da werde ich ganz ſicher ſeyn.“ „Wie wollt Ihr aber hineinkommen?“ erkundigte ſich Smeaton. Van Nooſt lachte. „Ci, Mylord,“ ſagte er,„Ihr wißt ja, ich habe eine Vorliebe für Schlüſſel. Ich behalte einen Schlüſſel nie lange in der Hand, ohne mir einen Abdruck davon zu ma⸗ chen. So fertigte ich mir einen Schlüſſel zu der Thüre jenes Verſteckes zu Ale; denn was Eure Lordſchaft auch ſagen mochte, ſo dachte ich, er könnte Euch doch eines Tages von Nutzen ſeyn, und ſobald ich nach Keanton kam, wurde dort aus einem alten Schlüſſel ein neuer gemacht.“ Smeaton ſchwieg eine Minute nachdenklich, bis er ſagte: „Gebt mir jenen Schlüſſel, Van Nooſt. Ich moͤchte ihn gerne haben, und jetzt merkt Euch, was ich Euch ſage. Ihr allein wiſſet, wie weit Ihr Euch gegen die Regierung vergangen habt. Ich gehe nach Ale, aber aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach nicht in das Herrenhaus: ich werde meinen Wohnſitz in einer der Hütten aufſchlagen, wenn ich dort ein Zimmer finden kann. Ich will ein Boot bereit halten laſ⸗ ſen, um mich im Nothfalle nach Frankreich zu führen, und wenn Ihr für gerathener haltet, dieſes Land zu verlaſſen, ſo könnt Ihr unterdeſſen hier ausruhen und morgen vor Tages⸗ anbruch zu Ale zu mir ſtoßen. Es wird vermuthlich einige Zeit verſtreichen, bis wir verfolgt werden, denſl die Soldaten werden ohne Zweifel zuerſt nach Exeter gehen.“ „Ich werde nicht ermangeln, mein theurer Lord— ich werde nicht ermangeln,“ erwiederte Van Nooſt;„und doch — wie kann ich nach Frankreich gehen? Es wird mir faſt das Herz brechen! Meine Statuen— wie kann ich all meine Statuen verlaſſen! Doch darf ich wohl ſagen, der Abſchied von ihnen hat ſchon ſtattgefunden. Doch laßt mich den Schlüſſel bolen, er iſt in der Satteltaſche neben der 397 kleinen Thüre. Ich wollte, ich hätte mich nie mit Politik befaßt!“ Indem er ſo ſprach, wendete er ſich nach der Kirche zu⸗ rück, begleitet von dem jungen Edelmanne, der ohne vielen Erfolg von ihm zu erfahren ſuchte, auf weſſen Befehl die Leute aus Ale zu der Befreiungspartie geſtoßen ſeyen. Sie waren Alle„entſetzlich ſchweigſam“ geweſen, wie Van Nooſt ſagte; als aber der Earl weiter fragte, ob ſie Sir John Newarks Namen erwähnt hätten, da rief der würdige Bild⸗ hauer ziemlich heftig: „Ja allerdings, Mylord— wenigſtens einer von ihnen, und ich glaube, Ihr thut weit beſſer daran, wenn Ihr nicht in das Herrenhaus zurückkehret. Ihrer zwei plauderten zu⸗ ſammen, und aus dem, was der Eine ſagte, entnahm ich, daß ohne dieſen Sir John nichts von all dieſen ſchlimmen Geſchichten paſſirt wäre. Sie ſagen, denſelben Streich habe er vor Euch ſchon Anderen geſpielt; er lege immer Fallen und ſpiele Komödie, nur beim Schmuggeln laſſe er's bleiben.“ „Dann iſt die Befreiung nicht auf ſeinen Befehl ge⸗ ſchehen?“ fragte Smeaton. „O keineswegs,“ gab Van Nooſt zur Antwort.„Ge⸗ ſtern um Mitternacht ſchickte er Boten nach Exeter mit Brie⸗ fen an den Oberrichter: das Uebrige könnt Ihr Euch ſelber denken.“ „Gebt mir den Schlüſſel, mein guter Freund,“ ſagte Smeaton, in deſſen Gehirn ſich vielerlei raſche Erwägungen über ſein künftiges Benehmen kreuzten.„Habt Ihr bei 398 Eurem letzten Hierſeyn die Bekanntſchaft des hieſigen Pfar⸗ rers gemacht?“ „Ja wohl, und ich bin hoch in ſeinen Gunſten geſtie⸗ gen,“ erwiederte der Statuarius.„Er iſt der beſte, fet⸗ teſte, luſtigſte Prieſter, der nur jemals auf zwei Beinen wackelte.“ 1 „Und denkt wohl mehr an die Dinge dieſer Welt, als an die der künftigen?“ fragte Smeaton. „Ja wahrhaftig,“ verſicherte der Andere.„Er hat mehr als nur einen Gott⸗ Ein Fäßchen Wein, ein Beu⸗ tel voll Guineen, ein Spanferkel oder eine Schnitte Wild⸗ pret ſind ihm lieber als alle Rubriken, ſo viel ich weiß.“ „Ich muß mir's überlegen,“ erklärte Smeaton in nach⸗ denklichem Tone, und obgleich der Statuarius nicht errathen konnte, ob er auf den Pfarrer oder das Schwein, den Beu⸗ tel oder das Weinfaß anſpielte, ſo mochte er doch nicht weiter fragen, ſondern holte den Schlüſſel aus ſeiner Sat⸗ . teltaſche. Nachdem Smeaton dieſen in Empfang genommen, ſagte er ihm Lebewohl und ritt ſeines Weges weiter. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Der Leſer wird ſich hoffentlich der Beſchreibung erin⸗ nern, welche ich früher von dem kleinen Fiſcherdorfe Ale und von dem Wege entworfen habe, in welchen die Straße, nach⸗ 399 dem ſie einen Zweig gegen das Herrenhaus von Ale ent⸗ ſendet, am Eingange des Dorfes einmündete und dort aus Mangel an Raum zwiſchen den tiefen Abhängen in einen engen Pfad verlief, der die Seeküſte in ſeiner urſprünglichen Breite wieder erreichte. Smeaton ritt— wiewohl offenbar mit Widerſtreben— an der Straßenbiegung gegen das Her⸗ renhaus vorüber, denn er hielt eine Weile an, ehe er ſich dazu entſchloß, und zog dann langſam von dannen. Fünf⸗ hundert Schritte weiter gelangte er zu dem Punkte, wo er abſteigen mußte; aber noch ehe er ihn ganz erreichte, ſah er zwei Männer unter dem Schatten des Abhanges hervor gerade in ſeinen Weg treten. Das Mondlicht ließ ihn er⸗ kennen, daß ſie die gewöhnliche Tracht der dortigen Fiſcher⸗ leute trugen, welche(wie ich dem gelehrten Leſer kaum zu ſagen brauche) von der heutigen Fiſchertracht weſentlich ver⸗ ſchieden und viel auffallender und maleriſcher war. Von dieſen Leuten beſorgte er keinen Widerſtand, ſelbſt wenn ſie nicht zu eben der Partei gehörten, die ihn befreit hatte, und er wurde bald in höflichem Tone mit den Worten be⸗ grüßt: „Gute Nacht, Sir. Ihr wißt, Ihr könnt hier nicht hinabreiten. Wir glaubten, es ſey einer von den Sol⸗ daten.“ Smeaton ſtieg ab und übergab ſein Pferd an ſeinen Diener; dann wandelte er eine Strecke mit den beiden Män⸗ nern voraus und erklärte ihnen ſeinen Wunſch, für einige Zeit ein Obdach und ſicheren Verſteck vor Jedermann im Dorfe zu erhalten. Ihre Antworten klangen Anfangs etwas unſicher, und der junge Edelmann begann zu glauben, die Gefahr, in der er ſtand und die ihn ſogar bis hieher verfolgen konnte, mache ihn für ſie zu einem unwillkommenen Gaſte; als er ihnen jedoch offen die Frage vorlegte, ob ſie ſich fürchteten, ihn aufzunehmen, da gab der Eine lachend zur Antwort: „Gott bewahre, Sir. Alle Soldaten in Exeter ſollten Euch nicht aus der Mitte der Alemänner herausreißen. Wenn ſie nicht Kanonen gegen uns aufführen, ſo vermögen ſie in dieſem Dorfe nichts auszurichten; wir würden ſie mit Handpiken hinausſchlagen. Davon iſt gar nicht die Rede: Ihr ſeyd uns ganz willkommen und wir wollen Alles für Euch thun; aber es heißt, Ihr ſeyd ein Lord, und da wäre das beſte Haus unſeres Dorfes nur eine ärmliche Höhle für Euresgleichen.“ „Ich bin Soldat, mein guter Freund,“ erklärte Smea⸗ ton,„und wenn ich Euch ſage, daß ich Monate lang auf dem bloßen Boden geſchlafen, ſo werdet Ihr leicht begreifen, daß eines Eurer Häuſer mir eben ſo lieb wie jeder Palaſt iſt. Alles, was ich bedarf, iſt Obdach und Verborgenheit für kurze Zeit.“ „Das ſollt Ihr haben, Sir,“ verſetzte der Andere, der um etwas älter war;„was das Verſteck betrifft, ſo haben wir viele Plätze, wo der Teufel ſelbſt Euch nicht auffände. Wir laſſen zuweilen die Zollbeamten kommen und Spaßes halber bei uns nachſuchen; aber deunoch wiſſen wir die ganze Umgegend mit Theebuh zu verſorgen, der weder dem Köoͤnig noch der Königin einen Zoll bezahlte.“ 401 „Nach dem, was ich geſtern Nacht geſehen,“ ſagte Smeaton,„müßt Ihr auch Pferde unter Euch haben, und meine beiden Thiere ſind mir in gewiſſem Grade eine Laſt, wenn ich ſie nicht irgendwo unterbringen kann.“ „Ihr müßt ſie auf den Dünen einſtellen,“ erwiederte der jüngere Mann,„denn Stallungen gibt's in Ale keine. Doch halt ein Bischen; ich denke, ich weiß ſchon ein Mittel. Pächter Tupper wird ſie gewiß aufnehmen, und er weiß zu ſchweigen. Wenn wir für uns Pferde brauchen, was nicht mehr als einmal im Monat geſchieht, ha, da entlehnen wir ſie bei unſeren Nachbarn. Den Tag nach dem Neumond paſſirt es manchem guten Pächter oder auch Gutsbeſitzer, daß er ſeine Pferde nicht ſonderlich zur Arbeit tauglich fin⸗ det; doch was kümmert er ſich darum? Von Zeit zu Zeit findet er ein Pfund Thee für ſeine Frau oder ein Bündel flämiſcher Strickwaaren für ſich ſelbſt vor ſeiner Thüre oder auf dem Fenſterſims liegen und dünkt ſich dann wohlbezahlt für die Nachtarbeit ſeiner Pferde. He da, Meiſter Higham — geht Ihr mit Eurem Herrn da hinunter; ich will die Pferde über die Dünen auf Tuppers Pachthof führen; aber nehmt erſt die Mantelſäcke herunter. Grayling, führt den Herrn lieber in Euer Haus, denn Ihr habt mehr Raum, und mein Weib hat erſt geſtern Morgen ein Knäblein gebo⸗ ren, ſo daß es ein hübſches Geſchrei daſelbſt gibt. Gott ſegne den Kleinen! er bläst eine Flöte trotz einer Boots⸗ mannspfeife.“ Mit dieſen Worten führte er die Roſſe fort, indem er ſeinen Gefährten bei dem jungen Edelmann und ſeinem James. Henry Smeaton. r während ſeines Aufenthaltes zu ten Fiſcherleuten des Dorfes ſehr Ehe ſie jedoch weiter Diener ließ, welch' Letztere Ale Manor mit all' den gu vertraut geworden zu ſeyn ſchien. gingen, hielt Smeaton für beſſer, augenblickliche Vorſichts⸗ maßregeln gegen Ueberraſchung zu treffen, und erkundigte ſich, ob man nicht einen Burſchen miethen könne, der die Straße bewache und von der Annäherung jedes militäriſchen Trupps zeitig Notiz gebe. Der alte Fiſcher Grayling lachte. „Mein Gott, Sir, Ihr kennt uns nicht,“ ſagte er. „Macht Euch nur ja keine Sorgen deßhalb: uns kommt kein Soldat oder wer es auch ſey bis auf drei Meilen nahe, ohne daß wir's erführen. Neulich als ſie Nachts in’s Herren⸗ ir ſchon Alle bereit, falls ſie uns be⸗ haus kamen, ſtanden wi ſucht hätten. Ihr müßt auch auf ſie vorbereitet geweſen ſeyn, wie es ſcheint, obwohl wir nicht wiſſen, wie Ihr ihnen aus dem Wege kamet. Ich hatte große Luſt, die Burſche, welche Euch an der Bay aufſuchten, dafür, daß ſie ihre Na⸗ ſen nach Ale hereinſtreckten, einen Tropfen Salzwaſſer ſchlucken zu laſſen, und einige unſerer Leute ließen ſich kaum davon abhalten; aber es hätte nur einen Lärm gemacht, und ſo ließ man es lieber bleiben. Jedenfalls könnt Ihr hier ſo ruhig verweilen, wie wenn Ihr hundert Meilen in der See draußen wäret; ſie werden Euch in Ale nicht ab⸗ fangen— dafür will ich einſtehen. So kommt nur mit, Sir.“ Nach wenigen Minuten wurde Smeaton und ſein Die⸗ ner in des Fiſchers Wohnung eingeführt, deren unteres 403 Stockwerk aus einem guten breiten Gange und je einem Zimmer zu beiden Seiten beſtehend, mit einer Maſſe von Artikeln vollgeſtopft war, welche zu des Mannes Gewerbe oder Geheimniß gehörten und zum Theil nicht den ange⸗ nehmſten Geruch verbreiteten. Eingeſalzene Fiſche, Segel, Netze, Fiſcherleinen, Spieren, Ruder, Bootshaken, Theer⸗ tonnen, Talgkerzen und vielerlei unbeſchreibliche Dinge wa⸗ ren in den Zimmern und auf dem Gange untergebracht und gaben, wie geſagt, einen mehr mächtigen als wohlriechenden Duft von ſich, der durch eine Rauchwolke, die aus dem Zim⸗ mer zur Linken hervordrang, noch beträchtlich vermehrt wurde. An des Feuers Wange(wie ſie es nannten) ſaß des alten Mannes altes Weib mit zwei bis drei jungen Del⸗ phinen, ihren Enkeln, welche ſo luſtig um ſie her ſpielten, wie wenn es heller Mittag geweſen wäre. Der Fiſcher ſtellte ihr ſeinen Gaſt vor und flüſterte ihr ein Wort in’s Ohr, worauf ſie alsbald eine ſteile kleine Treppe hinaufklapperte, welche ohne Schutzwehr oder Ge⸗ länder nicht auf den Gang, ſondern in die Mitte des Wohn⸗ zimmers, in welchem ſie ſaß, herablief. Der obere Boden enthielt beiläufig geſagt vier Zimmer und faßte faſt den doppelten Raum des unteren, was ſich nur dadurch erklären läßt, daß ſich das Haus gegen den ſteilen Abhang des Hü⸗ gels lehnte, der zwiſchen ſeinem Fuße und dem Bache nur achtundzwanzig Fuß ebenen Grundes übrig ließ. Da die gute Frau nicht ſogleich zurückkehrte, ſo ging ihr der Fiſcher ſelber nach und fand ſte gleich allen Frauen, wenn ſie von einem unerwarteten Gaſte beſucht 26* 40⁰⁴4 werden, in geräuſchvollem Säubern und Aufraͤumen be⸗ griffen. „Pah, pah,“ ſagte der alte Mann;„mach' Dir nicht ſo viel zu ſchaffen, Mutter. Er iſt ein ganz einfacher Herr und früher Soldat geweſen. Er muß auch das Hinter⸗ zimmer haben, denn dort iſt er am ſicherſten aufgehoben.“ „Geſetzt aber, Du willſt den Thee hinausſchaffen, Jack?“ meinte das alte Weib.„Das Bett ſteht ja gerade über der Verſenklucke.“ „Um ſo beſſer,“ verſetzte ihr Mann.„Er kann ſich vielleicht verbergen müſſen, ehe wir mit ihm fertig ſind. Cs iſt, glaub' ich, nicht das erſte Mal, Mutter, daß wir Je⸗ mand daſelbſt verſteckt haben, und ſo müſſen wir's auch jetzt machen, wenn die Noth es erfordert. Da ſtelle die Kiſte als Sitz an den Fuß des Bettes, hole den Tiſch aus der an⸗ dern Stube, dann wird Alles mächtig behaglich ausſehen. Wir müſſen ihm aber ein Nachteſſen aufſtellen, ehe er zu Bette geht, und ich will das Fäßchen anſtechen, das ich neu⸗ lich mitbrachte.“ „Ich hoffe, er wird für Alles, was er empfängt, bezah⸗ len, denn wir können die Sachen nicht umſonſt hergeben,“ bemerkte die alte Frau. „Ei was, ſey doch kein Narr,“ zankte ihr Mann. „Madame Culpepper wird ſchon dafür ſorgen, daß wir nicht zu Schaden kommen, und wir Alle verdanken ihr weit mehr, als uns dieſer Beſuch zu ſtehen kommt.“ Als ſie die Treppe wieder herab kamen, ſahen ſie 40⁵ Smeaton mit den Kindern ſpielen, welche ganz entzückt von ihm waren; ſein Diener war aber nicht mehr bei ihm. „Ich habe meinen Burſchen in das Haus hinaufge⸗ ſchickt,“ erklärte er.„Er kann dort wenigſtens für heute Nacht ohne Gefahr für ihn ſelbſt verweilen und mag mir vielleicht von Nutzen ſeyn.“ Der alte Mann ſchien betroffen und nicht ſehr erfreut. „Ihr müßt's am Beſten wiſſen, Sir,“ erwiederte er verdrießlich;„aber—“ „Aber was, mein guter Freund?“ forſchte Smeaton. „Ihr ſcheint nicht gerne zu ſehen, was ich gethan habe.“ „Ja ſeht, Sir, wenn er Sir John ſagt, daß Ihr hier ſeyd, ſo kann das eine ſchlimme Geſchichte geben,“ erwie⸗ derte Grayling.„Mag ſeyn, daß Ihr Sir John nicht ſo genau kennt, wie wir.“ „Ich glaube doch,“ erwiederte Smeaton lächelnd; „eben deßhalb habe ich meinen Burſchen angewieſen, nicht zu ſagen, wo ich bin, ſondern ſie blos wiſſen zu laſſen, daß ich befreit und fortgeritten ſey. Ich habe es ihm überlaſ⸗ ſen, ſeine Geſchichte nach eigenem Belieben zu erzählen; aber ich kann mich auf ihn verlaſſen, und Sir John wird gewiß nichts von der Hauptſache erfahren.“ „So, ſo; das iſt ſchon recht,“ verſetzte der Fiſcher mit heiterem Blicke.„Wenn er Mrs. Culpepper zuerſt ſieht, wird ſie ihm ſchon ſagen, was er thun ſoll.“ Smeaton ging plötzlich ein Licht auf wie eine Fackel. „Sagt, war es Mrs. Culpepper, die Euch zu meiner Befreiung ausſandte?“ fragte er. 406 Der alte Mann lachte. „Ihr ſeyd ganz und gar im Irrthum, Sir,“ erwiederte er;„von uns war keiner bei Eurer Befreiung; wir wiſſen gar nichts davon. Fragt jeden Mann im Dorfe, und er wird Euch das Nämliche ſagen. Da iſt heute Nacht nicht ein Einziger auch nur zweihundert Schritte vom Ort weg⸗ geweſen.“ Ein verſchmitztes Lächeln widerſprach dieſen Worten, und Smeaton, die Wahrheit begreifend, antwortete mit hel⸗ lem Lachen:* „Gleichwohl ſehe ich einen großen Streifen von Ruß oder ſonſt etwas Schwarzem an Eurer Wange herablaufen, Meiſter Grayling.“ „Den Teufel auch!“ rief der Mann aufſpringend. und mit dem Licht vor einen kleinen an der Wand hängenden Spiegel tretend.„He da, Mutter, gib mir ein kleines Wergbündel.“ Als er das Verlangte erhalten, rieb er ſeine wetter⸗ gebräunte Wange tüchtig ab und warf dann das Werg in’ Feuer. „Es iſt hier zu Lande Regel, Sir,“ fuhr er fort,„von Allem, was wir jenſeits des Kreuzweges thun, nie eine Sylbe zu erwähnen, und ſo werdet weder Ihr noch ſonſt Je⸗ mand irgend Etwas von uns herausbringen, ſo viel Ihr auch fragen möget. Sir John iſt ein liſtiger Herr und verſuchte es anfänglich mehr als einmal; aber er ſiel durch, denn wir Alle wiſſen, daß des Menſchen größter Feind ſeine eigene Zunge iſt. Ich wollte wetten, daß Ihr nicht einmal 407 dieſes kleine Kind hier zum Plaudern brächtet. Es wird Euch übrigens wohl bekannt ſeyn, daß Mrs. Culpepper einen Bruder und zwei Neffen zu Keanton verheirathet hat — brave, ſolide Männer, welche gleichfalls das Maul zu halten wiſſen, und das iſt Alles, was ich über die Sache ſagen werde. Und nun, Sir, wenn Euch ein Glas Gene⸗ ver und etwas gebratener Fiſch beliebt, ſo wollen wir uns an's Nachteſſen ſetzen.“. Smeaton erklärte, daß er bereits zu Nacht geſpeist habe, worauf der alte Mann eine friſche Kerze anzündete und ihn die Treppe hinauf in ſein Schlafzimmer führte. Sobald die Thüre verſchloſſen war, ſtellte er das Licht auf den Tiſch und ſagte: „Ihr werdet hier nicht ſehr behaglich, aber um ſo ſicherer wohnen, Sir, und ich will Euch ſagen, wie Ihr's einzurichten habt. Aber wohlgemerkt— ich begebe mich dadurch einigermaßen in Eure Gewalt; Ihr müßt alſo mein Geheimniß ebenſo gut bewahren, als ich das Eurige bewah⸗ ren werde. Dieſes Fenſter geht auf den Hügel hinaus— es kann aber Niemand von oben herabkommen; von ihm aus könnt Ihr den ganzen Weg bis zu dem ſogenannten Blindenmannsbrunnen überſehen. Jetzt ſchaut hierher; un⸗ ter dieſem Bett ſind drei von den Planken zum Aufheben eingerichtet; ſie drehen ſich um eine Angel, und Ihr dürft nur Euer Meſſer darunter ſtecken und ſie auflüpfen, wie ich jetzt thue. Seht, da iſt der Obertheil einer Leiter, welche in unſer Waarenhaus hinabgeht— ſo nennen wir es, ob⸗ gleich die alte Mutter Grayling es mein Verſteckloch titulirt. 408 Sobald Ihr Nachricht erhaltet, daß irgend Jemand ſich herannaht, habt Ihr nichts zu thun als hier hinabzuſteigen, die Falle hinter Euch zu ſchließen und den Riegel vorzu⸗ ſchieben. Durch die Spalten dringt Licht genug herein, ſo daß Ihr bei Tage ſehen könnt; nehmt aber ja keine Kerze mit und hütet Euch, daß Ihr nicht über die Ballen oder ſonſtigen Dinge purzelt.“ „Iſt das Loch in den Felſen eingehauen?“ fragte Smeaton. „O bei Leibe!“ verſetzte der Mann.„Ihr ſeht, es iſt nur die Ecke, gebildet durch den oberen Boden, der über das untere Stockwerk vorſpringt. Es ſieht von Außen gerade ſo aus wie das übrige Haus, und mag wohl ein Bischen in den Boden eingegraben ſeyn, denn es führen von unten zwei Stufen in's Freie. Das iſt aber vor meiner Zeit geſchehen.“ „Dann kann man alſo von unten hinaus kommen?“ examinirte Smeaton. „Allerdings,“ erwiederte der Mann.„Wie ſollten wir ſonſt unſere Güter hinein bringen? Ihr werdet bald die Thüre von Innen wahrnehmen, obwohl man ſie von Außen nicht ſehen kann, und falls man Euch nachſpürt und Ihr zur See hinab wollt, ſo iſt dies der beſte Weg. Ihr werdet immer ein Boot und einige Leute parat finden, welche hineinſpringen, und wir wollen Sorge tragen, daß Euch der Weg offen erhalten wird. Und ſomit— gute Nacht, Sir.“ „Haltet einen Augenblick,“ bat Smeaton.„Ich könnte in großer Haſt fort müſſen, ſo daß ich Euch weder für Eure Dienſte noch für meine Aufnahme belohnen könnte. Deß⸗ 409 halb moͤchte ich dies jetzt abmachen und auch den Miethlohn für ein Boot nach Frankreich im Voraus bezahlen.“ „Nein, nein, Sir,“ erwiederte der Mann.„Was das betrifft— da müßt Ihr mit meinem alten Weibe ſprechen: ſie iſt gleich bei der Hand, Geld anzunehmen. Gebt Ihr aber nicht zuviel, und was das Boot anlangt, ſo braucht Ihr nur die Leute zu bezahlen, die Euch fortführen. So iſt Alles in Ordnung. Was ich zu thun habe iſt, die Burſche in Bereitſchaft zu halten, wenn ich nicht ſelber mitgehe, was wahrſcheinlich iſt. Gute Nacht, Sir. Ihr werdet die alte Frau ſicherlich morgen ſehen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich und ſchloß die Thüre. Smeatou ſetzte ſich an den Tiſch und überließ ſich ſeinen Gedanken. Er brauchte nicht lange, bis er zu einem Entſchluſſe gelangte, und das Reſultat ſeiner Erwägungen läßt ſich aus einigen Worten beurtheilen, die er laut vor ſich hin⸗ ſprach, wie man gerne thut, wenn die Unentſchloſſenheit dem Nachſinnen Platz macht. „Er läßt ſich nur mit ſeinen eigenen Waffen bekämpfen,“ ſagte er.„Ich bin es ihr, mir ſelbſt und Anderen ſchuldig. Aber ſie muß womöglich die Meinige werden, ehe wir auf⸗ brechen. Die Noth muß dieſe Beſchleunigung rechtfertigen.“ Nachdem er abermals einige Minuten nachgeſonnen, näherte er ſich dem kleinen Fenſter, öffnete es und ſchaute hinaus. Die Entfernung von der Fenſterbank bis zum Bo⸗ den betrug nicht über fünf bis ſechs Fuß, und er ließ ſich deßhalb ruhig hinab und wandelte— bei der Steilheit des 4¹⁰ Hügels nicht ohne viele Mühe— auf dem kleinen Pfade fort, der zu dem Brunnen führte. Vor dieſem machte er Halt; er ſchritt darüber weg, ſo daß der rechte Fuß auf dem Rande gegenüber ruhte, und brachte Van Nooſts Schlüſſel an den Theil des rohen Ge⸗ mäuers, der, wie er glaubte, das Schlüſſelloch verſtecken mußte. Es machte ihm ziemliche Mühe, bis er es fand; endlich aber gelang es ihm. Van Nooſt war ein geſchickter Schloſſermeiſter, denn der Schlüſſel drehte ſich ſogar leichter als der, den er abmodellirt hatte, und nachdem Smeaton die Gewißheit erlangt hatte, daß er ſich zu jeder Zeit Zu⸗ tritt bei Emmelinen verſchaffen könne, verſchloß er die Thüre wieder und kehrte in ſein Stübchen in der Hütte zurück. Dort leerte er ſeine Satteltaſchen und brachte eine kleine runde Schachtel mit einigen Bogen Schreibpapier, Federn und einem Dintenfaſſe zum Vorſchein, wie ſie da⸗ mals gewöhnlich von Schreibern gebraucht wurden; dann ſetzte er ſich an den Tiſch und ſchrieb einen eilenden Brief an Lord Stair, in welchem er ihm die Lage, worein er verſetzt war, erklärte. „Es iſt jetzt über eine Woche, Mylord,“ ſagte er,„ſeit ich Euch bat, Euren Einfluß bei der Regierung dahin ver⸗ wenden zu wollen, daß mir die förmliche Anerkennung als engliſcher Unterthan ausgefertigt werde, indem ich mich er⸗ bot, mich jeder für ſolchen Fall geeigneten Förmlichkeit zu unterziehen. Ich verſicherte Euch, daß ich unverbrüchlich an dem Eunch ertheilten Verſprechen gehalten und mich in 41¹ keiner Geſtalt mit politiſchen Dingen befaßt habe, daß ich aber gleichwohl erfahren, wie man trotz der von Eurer Lord⸗ ſchaft empfangenen Zuſicherung Beſehle zu meiner Ver⸗ haftung erlaſſen habe. Seit ich den obigen Brief geſchrieben, der Euch, wie ich fürchte, nicht erreicht hat, habe ich allen Grund zu glauben, daß ein förmlicher Plan erſonnen wurde, um mich den der Regierung feindlich geſinnten Parteien in die Hände zu treiben. „Ich wurde heute Morgen durch Sir John Newark veranlaßt, nach einem Hauſe Namens Mount⸗Place zu reiten, um deſſen Beſitzer ſeinen Beſuch heimzugeben, und traf bei ihm eine Anzahl von Gentlemen, obgleich man mich hatte glauben laſſen, daß er allein ſeyn würde. Da ich als⸗ bald entdeckte, daß ſie Fragen von großem politiſchem Ge⸗ wichte beriethen, ſo verabſchiedete ich mich ſogleich, nachdem ich im Ganzen kaum zwei Minuten im Hauſe geweſen. Ich ritt ſofort nach meiner Mutter Beſitzthum zu Keanton, wo⸗ hin ich den Euch bekannten Van Nooſt vorausgeſchickt hatte, um ihn außer Gefahr zu bringen. Im Augenblicke meiner Ankunft amüſirte er ſich mit dem Gießen von Bleikugeln, um einige fehlende Globen, welche von den Zinnen des Hau⸗ ſes herabgeweht oder geſchlagen worden, zu erſetzen; noch war ich aber keine zehn Minuten zu Keanton geweſen, als das Haus von einer Abtheilung Soldaten in Beſitz genom⸗ men und ich nebſt Van Nooſt auf vorher erlaſſenen Ver⸗ haftsbefehl arretirt wurde; während General C——, das Treiben des armen Statuarius mißverſtehend, die weitere Klage beifügte, als ob er zum Zwecke des Bürgerkriegs 412 Kugeln gegoſſen habe. Wir wurden einem gewiſſen Kapitän Smallpiece und ſeiner Reiterabtheilung zur Bewachung übergeben und in eine Schenke geführt, wo der Offtzier, trotz meines ausgeſprochenen Wunſches, nach Ereter weiter zu gehen, zu übernachten beſchloß. „Meine Pächterſchaft hatte ſich ſchon vorher geneigt gezeigt, ſich meiner Gefangennehmung zu widerſetzen, und hier geſchah es denn, daß eine große Maſſe Menſchen ſich in das Wirthshaus drängte und die meiſt betrunkenen Sol⸗ daten überwältigte. Kapitän Smallpiece wollte in dem Handgemenge den armen Van Nooſt erſchießen, der ſich gar nicht an dem Kampfe betheiligt hatte, und um dem guten Manne das Leben zu retten, ſah ich mich genöthigt, den Offizier niederzuſchlagen. „Wohl erkennend, daß eine ſolche Kette von Umſtänden — wovon einige offenbar zufällig, andere aber abſichtlich zu dem Zwecke mich in die unbeſonnenen Plane Anderer zu verwickeln veranlaßt waren— eine ſehr gefährliche Baſis zur Anklage wider mich abgaben, und daß es höchſt bedenk⸗ lich war, in ſo unruhigen Zeiten als einer der Erſten pro⸗ zeſſirt zu werden, benützte ich die Gelegenheit, um zu ent⸗ fliehen, mit dem Entſchluſſe, unverzüglich an Eure Lord⸗ ſchaft zu ſchreiben— einem Entſchluſſe, welchen ich nun⸗ mehr ausführe. „Ich kann bei meiner Ehre als Edelmann und Soldat verſichern, daß jedes Wort meiner obigen Erzählung wahr iſt. Seit meinem Hierſeyn habe ich mit Niemand in poli⸗ tiſchen Dingen Verkehr gepflogen, habe an keinerlei Kom⸗ 413 plotten oder Ruheſtörungen Theil genommen; allein Eurer Lordſchaft Verſicherung, daß ich nicht beläſtigt werden ſollte, iſt von den hieſigen Behörden gröblich verletzt worden, als ob ſie gerade darauf ausgingen, mich den Mißvergnügten in die Arme zu treiben. Nichts ſoll mich jedoch hiezu ver⸗ anlaſſen, ſo lange ich es irgend vermeiden kann, und es iſt meine Abſicht, unverzüglich nach Frankreich zurückzukehren. Wenn ich jedoch durch eine thätliche Fortſetzung jener Ver⸗ folgung, der ich bereits ausgeſetzt wurde, daran verhindert werde und meinen ernſtlichen Wunſch mich ruhig zu ver⸗ halten und an den politiſchen Angelegenheiten keinen Antheil zu nehmen auf ſolche Weiſe vereitelt ſehe, ſo muß ich na⸗ türlich diejenigen Maßregeln treffen, die ich für meine Si⸗ cherheit für nöthig halte.“ Nachdem er noch über den eigentlichen Zweck ſeines Briefes einige Worte beigefügt und eine Abſchrift davon genommen, adreſſirte er denſelben an den Earl nach London. Sobald er hiemit fertig war, legte er ſich zur Ruhe nieder und ſchlief einige Stunden ſo ruhig, wie wenn der voran⸗ gegangene Tag ebenſo ſtill und ebenmäßig verſtrichen waͤre. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Im Herrenhauſe zu Ale brannten noch viele Lichter, als Thomas Higham ſich von der Rückſeite näherte. Das 414 große Hofthor hinten war jedoch verriegelt, und der Schweiß⸗ hund bellte laut und tief bei der Annäherung des Mannes; nachdem er aber geläutet und das Thier ihn unter dem Thore eine Weile angeſchnuppert hatte, verſtummte ſein heißeres Bellen, als es einen Freund erkannte. Higham wurde bald eingelaſſen und traf den Haushalt in großem Aufruhr wegen der Gerüchte, welche im Laufe des Abends zu Ale eingetroffen waren. Sehr verſchieden war der Anblick der einzelnen Diener, denen er begegnete, während er vor Sir John Newark ge⸗ führt wurde. Solche, die erſt kurze Zeit zu der Familie gehörten, waren voll Verwunderung und Beſtürzung über all' die Ereigniſſe, welche die Fama berichtet und vergrößert hatte, und nahmen keinen Anſtand, ihre Neugierde und Ue⸗ berraſchung an den Tag zu legen. Die älteren Diener, welche ihren Herrn und ſein Treiben beſſer kannten, ver⸗ hielten ſich ruhig und ſchweigſam, ohne ſich irgend auf Fragen einzulaſſen. Sie hatten bemerkt, daß Sir John Newark— obwohl er bei der Nachricht von ſeines Gaſtes Arretirung große Ueberraſchung affektirte— in Wirklichkeit nur wenig dadurch berührt worden war, und als Sir John das Gerücht von ſeiner Flucht vernahm, hatte des Ritters Geſicht einen Blick ärgerlicher Enttäuſchung gezeigt, der ihrer Beachtung nicht entging. Sie verſtanden ihn recht gut und wußten ſolche leichten Anzeichen wohl zurecht zu legen. Wir bedenken gar ſelten, daß wir für unſere Die⸗ ner ein beſtändiger Gegenſtand des Studiums ſind— gleich⸗ ſam ein Modell, das ſie in ihrem eigenen Sinne abzeichnen, 415 und daß ſie, die uns in jeder Lage des Lebens umgeben, volle Gelegenheit haben, die Skizze zu vervollſtändigen. Der Kellermeiſter führte Higham durch die große ſtei⸗ nerne Halle nach dem Zimmer, wo der Ritter gewöhnlich ſaß. Er fand ihn allein, denn er hatte Emmelinen und ſeinen Sohn weggeſchickt, um mit mehr Muße über ſein Verfahren nachzudenken. Seine Plane waren zum Theil mißlungen und bedurften der Nachbeſſerung. Gleich bei der erſten Nachricht von der Gefangennehmung des jungen Earls hatte er ſeine Abſicht verkündigt, in der Frühe des nächſten Morgens nach Exeter zu reiten, um zu ſehen, was er für ihn thun könne— das heißt ohne Verſtellung geſpro⸗ chen: um zu ſehen, was ſich in Beziehung auf Keanton für ihn ſelbſt thun laſſe. Im Kerker und in Gefahr, meinte Sir John, würde Smeaton um ſo leichter mit ſich handeln laſſen, und dann würde es wohl nicht ſchwer ſeyn, ſeine Feſ⸗ ſeln etwas feſter zu knüpfen. Ueberdies wardurch ſeine Arretirung ein weiterer Zweck erreicht. Die unbeſtimmten Beſorgniſſe wegen Emmeli⸗ nens, welche ſeit der Entdeckung, daß ſein Gaſt unvermählt war, des Ritters Gemüth in Beſitz genommen hatten, wa⸗ ren in neueſter Zeit faſt inſtinktartig gewachſen, und er freute ſich, ſeines Gaſtes los zu ſeyn. Bei aller Keckheit, wie wir ſie ſchon bei ihm geſehen haben, war Sir John Newark gleichwohl ein furchtſamer Mann. Das ſcheint eine Paradore, iſt aber dennoch wahr, und aͤhnliche Fälle ſind nicht ſelten. Sobald es das Ent⸗ werfen und Ausführen von Plänen zu ſeiner eigenen Ver⸗ größerung galt, war er allerdings kühn; aber er zeigte ſich furchtſam im Einernten der Früchte. Er hielt ſich nie für ſicher, dachte immer an Vorſichtsmaßregeln; das Bischen Einbildungskraft, das er beſaß, beſchäftigte ſich nur mit Gefahren und Schwierigkeiten, und auf den einen kecken Plan zur Erreichung eines beſonderen Zweckes folgte immer ein zweiter, um ſich des Erlangten auch recht zu verſichern. Es iſt merkwürdig, aber wahr, daß die meiſten grauſamen und viele von den unbeſonnenen Handlungen, wie man ſie auf den Blättern der Geſchichte findet, ihren Urſprung in der Feigheit hatten. Smeatons Entrinnen war ihm deßhalb doppelt unan⸗ genehm, und als er die große Hofglocke läuten hörte und ſich dachte, daß ſein edler Gaſt zurückkehren und in ſeinem Hauſe Obdach ſuchen könnte, machte er ſich augenblicklich daran, bei ſich ſelbſt eine ziemlich ſtürmiſche Berathung darüber zu halten, wie er ſich benehmen ſollte, um ſeinen doppelten Zweck zu erreichen. Der Eintritt des Dieners ſtatt des Herrn machte jedoch dieſen Erwägungen ein Ende, und er fragte ungeduldig: „Nun, nun— wo iſt Euer Lord?“ „In der That, Sir, das weiß ich nicht,“ erwiederte der Burſche, der von dem jungen Earl nur unbeſtimmte Wei⸗ ſungen erhalten hatte, und ſich deßhalb berechtigt glaubte, nach ſeinem Belieben zu lügen.„Ich wußte nicht, daß ich ihn hier nicht finden würde, man ſagt mir aber, er ſey nicht gekommen, und er nahm allerdings ſeinen Weg nach Kean⸗ ton. Vielleicht iſt es beſſer, wenn ich ihn dort aufſuche,“ 417 Sir John beſann ſich erſt, ehe er erwiederte: „So iſt denn dieſes Gerücht wahr, daß er befreit wurde?“ Higham nickte und ergänzte dieſes ſtumme Zeichen der Bejahung mit den Worten: „Eine ſtarke Bande von Landleuten hat es bewerkſtel⸗ ligt. Die meiſten Soldaten waren betrunken und augen⸗ blicklich überwältigt. Ich hatte keine Hand im Spiel.“ Sir John ſtützte ſein Haupt auf die Hand und über⸗ legte. „Ihr wißt alſo wirklich nicht, wo er iſt?“ forſchte er nochmals. „Nein, in der That, ich kann's nicht ſagen, Sir John,“ antwortete Higham.„Vermuthlich zu Keanton bei ſeinen Pächtern verſteckt.“. „Nicht unwahrſcheinlich,“ meinte der Ritter.„Ich denke, Ihr werdet beſſer nicht ſogleich aufbrechen. Wartet hier heute Nacht und laßt Euch einige Erfriſchungen rei⸗ chen. Morgen wird Euer Lord vielleicht nach Euch ſchicken — wo nicht, ſo ſollt Ihr ihm eine Botſchaft von mir über⸗ bringen, wenn Ihr ihn aufſucht.“ „Wäre es nicht beſſer, wenn er hierher käme, Sir?“ fragte Higham, immer bereit, Andere, mit denen er in Be⸗ rührung kam, auf die Probe zu ſtellen.„Ich meine, an dieſem abgelegenen Orte wäre er ſicherer als irgendwo.“ „Um keinen Preis, um keinen Preis,“ rief der Ritter, diesmal in der gelegten Falle gefangen.„ Natürlich,“ fuhr er nach kurzem Nachſinnen fort,„wird ſich der Verdacht auf James. Henry Smeaton. 27 418 dieſes Schloß richten, weil man meine Freundſchaft für Eu⸗ ren Lord kennt. Das Haus wird wahrſcheinlich mehr als einmal durchſucht werden, und ſeine eigene Sicherheit ver⸗ langt, daß er die Nachbarſchaft meidet. Seine Pächter zu Keanton können ihn vermuthlich auf eine Weile verſtecken, und ſobald die Verfolgung etwas nachgelaſſen, wird er am beſten die Grafſchaft, wenn nicht gar das Königreich ver⸗ laſſen. Ich ſpreche hier gegen meine eigenen Wünſche und Abſichten,“ fuhr er fort, als er einen Ausdruck in des Mannes Geſichte bemerkte, den er nicht deutlich verſtand. „Nichts würde mir mehr Vergnügen machen, als Euren Gebieter zu ſehen und ihm jeden denkbaren Beiſtand zu gewähren; ihn aber zum Hierherkommen zu überreden, hieße ihn in's Verderben führen. Wenn ich wüßte, wo er zu finden iſt, ſo würde ich ihn beſuchen, denn ich habe per⸗ ſönlich nichts in der Sache zu fürchten, mein guter Freund — was Ihr auch denken möget.“ „Natürlich, natürlich,“ gab Higham zur Antwort; „ich denke überhaupt gar nichts, Sir. Ich moͤchte übrigens behaupten, daß ich ſehr bald erfahren werde, wo Mylord zu ſinden iſt, denn als ich ihn zuletzt ſah, hieß er mich nach Ale Manor kommen, und ſobald ich etwas erfahre, will ich es Euer Gnaden wiſſen laſſen.“ „Thut das— thut das,“ verſetzte Sir John Newark; „jetzt geht und laßt Euch zu eſſen geben. Ihr werdet wohl nach dieſem ſchlimmen Tagewerk hungrig ſeyn.“ „Trotz einem Fuchsjäger,“ verſicherte Higham und wen⸗ dete ſich nach der Thüre; allein Sir John glaubte, er könne 419 dem Gemälde der Gefahr, das er entworfen, ebenſo gut noch einen oder zwei Striche beifügen, und eben als der Mann das Zimmer verließ, rief er ihm nach: „Sagt meinen Leuten, wenn heute Nacht eine Streif⸗ partie das Haus zu durchſuchen komme, ſo ſollen ſie die Thüre nicht eher öffnen, bis ſie meinen Befehl dazu haben.“ „Werde nicht ermangeln, Sir,“ erwiederte Higham, und die Thüre ſchließend, verfügte er ſich durch die Gänge nach dem Theil des Hauſes, wo die Dienerſchaft wohnte, indem er zu ſich ſagte:„jetzt zu der alten Haushälterin. Ich wundere mich, wie Mylord dieſer ſchlauen, alten Knauſerin trauen mag; ich muß jedoch ſeinem Geheiße gehorchen. Sie wird wohl irgendwie ein doppeltes Spiel ſpielen— das iſt klar; ob aber mit Mylord und dem jungen Fräulein, oder mit Sr. Gnaden Sir John— kann ich nicht ſagen.“ An der guten Mrs. Culpepper Thüre ſachte anklopfend, trat er ein, und die Spannung, mit der ſie ihn betrachtete, bewies ihm alsbald, daß ſein Beſuch nicht ganz unerwartet kam. Sie gab ihm ein Zeichen, die Thüre zu ſchließen und ſagte dann plötzlich: „Habt Ihr Nachrichten von Eurem Gebieter? Iſt er in Sicherheit?“ „Ja, Ma'am— ganz ſicher,“ erwiederte der Diener. „Er hieß mich Euch ſagen—“ „Pſch,“ unterbrach ihn die alte Frau, den Finger auf die Lippen legend.„Jetzt nicht! geht und laßt Euch in der Bedientenhalle Erfriſchungen geben. Es ſind blos noch zwei bis drei von den Leuten auf, Thut nur, als ob Ihr 27* 420 auf Eurem Stuhle einſchliefet; dann werden ſie Euch bald verlaſſen, und ich will kommen, ſobald ich verſichert bin, daß Alles ruhig iſt. Halt, ich will Euer Abendeſſen be⸗ ſtellen.“ Und dicht auf ihn zutretend, fragte ſie nur mit Flüſtern:„wo iſt Euer Lord?“ „Hier im Dorfe Ale,“ erwiederte Higham ebenſo leiſe, und die Thüre öffnend, trat die alte Haushälterin hinaus. Im nämlichen Augenblicke ging Sir John Newark ſelbſt über den Gang, wie wenn er ſich nach ſeinem Schlaf⸗ zimmer verfügte, und ohne ſich einen Augenblick zu beſin⸗ nen, rief Mrs. Culpepper mit lauter Stimme und in ziem⸗ lich ſcharfem Tone: „Bitte, Sir John, ſoll dieſer Mann ſo ſpät in der Nacht noch ein Abendeſſen bekommen?“ „Gewiß,“ erwiederte ihr Gebieter.„Er hat einen ſehr ermüdenden Tag gehabt, und es iſt nicht ſein Fehler, daß er ſo ſpät daran iſt.“ „So kommt denn mit, Burſche,“ keifte die Haushäl⸗ terin, nach der Bedientenhalle vorangehend, wo ſie ihm in kaltem, befehlshaberiſchem Tone ein Abendeſſen beſtellte und ihn ſofort verließ. Higham ſpielte ſeine Rolle ganz gut: er aß und trank und nickte ein, trank dann noch einen Becher Ale und ſchien alsbald einzuſchlummern. Die drei Diener, die noch auf waren, entfernten ſich einer nach dem andern und ließen ihn mit einer Küchenlampe auf dem Tiſche zurück, um ihnen nachzufolgen, ſobald ihm belieben würde aufzuwachen. So blieb er noch über eine halbe Stunde ungeſtört und war bei⸗ 421 nahe wirklich eingeſchlafen, als Mrs. Culpepper wieder er⸗ ſchien und die Thüre behutſam hinter ſich ſchloß. „Nun, was ſagt Euer Lord?“ fragte ſie, ſehr leiſe redend. „Er hieß mich Euch mittheilen, Ma'am,“ erwiederte der Diener,„daß er ganz wohl und in Sicherheit iſt: er bittet Euch, diejenigen Perſonen, die ſich angſtigen könnten, davon zu benachrichtigen.“ Die alte Haushälterin nickte langſam mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß ſie ihn verſtand, und fragte dann: „Was weiter?“ „Ei, nichts weiter, als daß er im Hauſe eines Fiſchers, Namens Grayling, hier in Ale iſt,“ gab Higham zur Ant⸗ wort;„er hoffe trotz alles Vorgefallenen im Stande zu ſeyn, ſein Vorhaben mit Eurer Unterſtützung auszuführen.“ Abermals nickte Mrs. Culpepper mit dem Kopfe und fragte blos: „Iſt das Alles?“ „Ich ſollte Euch auch fragen, Ma'am, ob es ſicher für ihn wäre, ſich hieher zu wagen,“ berichtete der Diener;„denn er wünſcht ſehr, mit Euch und noch Jemand zu reden: Na⸗ men nannte er keinen— vielleicht meint er Junker Richard.“ „Vollkommen ſicher, wenn er insgeheim kommen kann; höchſt gefährlich aber, wenn er geſehen würde,“ verſetzte Mrs. Culpepper.„Doch halt: bei Grayling iſt er auf zwei bis drei Tage vollkommen ſicher. Jetzt merkt Euch, was Ihr thun müßt. Steht morgen Früh vor Tagesan⸗ bruch auf; ſchleicht ſachte zu ihm in die Hütte hinab und 422 meldet ihm, was ich ſage— er wird mich ſchon verſtehen. Meldet ihm, die Mittel, um insgeheim hereinzukommen, werde er morgen Nacht erhalten. Ich kann für jetzt den Schlüſſel nicht bekommen. Sobald Ihr Eure Botſchaſt überliefert habt, kommt Ihr zurück und vergeßt ja nicht, die Thüren gerade ſo hinter Euch zu verſchließen, wie Ihr ſie vorher gefunden habt. Auch hütet Euch, daß Ihr kein Geräuſch macht.“ 5 „Wenn ich morgen in der Früh gehen muß, ſo bleib' ich lieber wo ich bin,“ bemerkte der Mann.„Ich will den Rand der Trinkkanne unter meinen Kopf ſchieben; dann wird mich mein Einnicken von Zeit zu Zeit aufwecken.“ „Bringt ſie nicht zu oft an die Lippen,“ ermahnte Mrs. Culpepper ernſthaft,„denn Eures Gebieters Glück und Sicherheit hängen nunmehr von Eurer Sorgfalt ab.“ „O Gott, ich bin an ſolche Dinge gewöhnt, Ma'am, und könnte einen Monat lang mit einer Flaſche Brannt⸗ wein vor meiner Naſe ſitzen, ohne einen Tropfen anzurüh⸗ ren, wenn ich am Ende noch ein Geſchäft vorhätte,“ be⸗ hauptete Higham. „Eure Belohnung wird Euch nicht entgehen, wenn Ihr treu ſeyd,“ bemerkte die alte Frau;„und ſomit— gute Nacht.“ Sobald ſie fort war, murmelte Higham vor ſich hin: „Sie iſt auf der rechten Seite, glaub' ich. Sie muß eine wunderbar liſtige alte Hexe ſeyn.“ Mit dieſer Erwägung kreuzte er die Arme über den Kiſch, legte ſeinen Kopf darauf, und war in wenigen Mi⸗ 423 nuten feſt eingeſchlafen. So oft die Hausuhr ſchlug, ſchaute er auf und zählte; um vier Uhr ſchüttelte er ſeine Schlaͤf⸗ rigkeit von ſich, that einen herzhaften Zug aus der Flaſche und ſchlich dann behutſam aus der Dienerhalle. Er hatte die Wahl unter drei Thüren zu ſeinem Aus⸗ tritte. Die der großen Halle hatte jedoch, ſoviel er wußte, die ſehr ſchlechte Gewohnheit, in den Angeln zu krachen; die in den Hof führte zu dem Schweißhund, und wenn er ſich auch vor dem Biſſe des Thieres nicht fürchtete, ſo ſcheute er doch deſſen Bellen. Da war aber auch noch ein drittes Pförtchen, das in einen kleineren Hof führte, und wie es ſchien, ausdrücklich für die männliche und weibliche Diener⸗ ſchaft der Familie beſtimmt war; durch dieſen bequemen Ausgang entfernte ſich Higham mit wenig Schwierigkeit und ohne Geräuſch. Nichts ſtörte ihn auf ſeinem Wege nach dem Dorfe, und an den Lichtern, die er in verſchiedenen Hütten bemerkte, erkannte er, daß mehrere ihrer Bewohner auf waren und ſich zu ihren geſetzlichen oder ungeſetzlichen Geſchäften an⸗ ſchickten. Auch in des alten Graylings Hauſe brannte ein Licht und durch das Fenſter ſchauend, das keine Läden aber viele Eiſenſtäbe hatte, ſah er den alten Mann mit einer kurzen Pfeife im Mund das Feuer in der Küche anzünden. Higham klopfte an's Fenſter und brachte den Fiſcher bald vor die Thüre; bei einem Manne, der wie er an ge⸗ fährliche Unternehmungen gewöhnt war, bedurfte es nur weniger Erklärungen. Der junge Earl war bald aufgeweckt, und Higham 424 meldete ſeine Botſchaft. Sie verſenkte Smeaton in tiefe Gedanken, welche aber nicht lange dauerten. Die erſte Ein⸗ gebung iſt immer die beſte und hat ſo lange bei uns die Oberhand, bis ſie mit den Jahren ihre Stärke verliert. Ich fürchte, ſie war diesmal bei Smeaton ſehr mächtig, denn ſo raſch wie möglich aufſtehend und ſich ankleidend, ſagte er zu dem Manne: „Du mußt zurückkehren. Suche Mrs. Culpepper ſo⸗ bald wie möglich zu ſprechen und ſage ihr, daß ſie mich in des Prieſters Zimmer finden wird. Sage ihr, ich ſey über⸗ zeugt, daß ich unbemerkt unter den Bäumen zurückkehren könne; wir wollen unſere Plane lieber raſch zu Ende brin⸗ gen, da Alles jetzt auf Eile beruhe. Wenn ſie heute Mor⸗ gen nicht kommen kann, ſo will ich auf die Nacht wieder dort ſeyn. Vorerſt aber gehſt Du mit mir und ſchließeſt dieſe Thüre.“ Der Diener gehorchte ziemlich überraſcht; ſeine Ueber⸗ raſchung ſtieg aber, als er ſeinen Herrn aus dem Fenſter ſteigen ſah, wie er dies die Nacht zuvor gethan hatte. Da er ein gut Theil kürzer war, ſo machte es ihm ziemliche Mühe ihm zu folgen; doch mit Smeatons Beiſtand gelang es ihm endlich, und er erreichte wohlbehalten den Boden. „Jetzt geh' mir voran,“ befahl der Earl,„und wenn Du auf Perſonen ſtößeſt, welche dieſen Weg daher kommen, ſo ſprich mit ihnen in lautem Tone. Halte Dich ganz grad⸗ aus auf dieſem Pfade.“ „O Sir, ich kenne ihn recht wohl,“ erwiederte der 4²⁵ Burſche.„Ich bin ſeit unſerem Hierſeyn gar oft hier herab⸗ gekommen.“ „Still,“ ſagte Smeaton.„Fort, fort und verhalte Dich ſchweigend.“ Er that wie ihm befohlen war und wandelte gegen Ale Manor, während die Dunkelheit der Nacht dem Zwielichte raſch Platz machte. Von Zeit zu Zeit warf er einen ver⸗ ſtohlenen Blick hinter ſich, um zu ſehen, wohin ſein Gebie⸗ ter gehe; plötzlich aber, als er ſich umblickte, war der junge Cdelmann verſchwunden, und ich brauche dem Leſer nicht erſt zu erklären, welchen Weg er eingeſchlagen hatte. Sobald die ſteinerne Thüre jenſeits des Brunnens wie⸗ der geſchloſſen war, fand ſich Smeaton in der dichteſten Fin⸗ ſterniß; er tappte jedoch mit den Handen weiter und erreichte die aufwärts führenden Stufen, wo ihm bald Licht und Luft entgegenkam. Länger als eine Viertelſtunde näherte ſich keine menſchliche Seele, und Smeaton wurde ungeduldig über die Zögerung. Die Momente, von denen ſo viel ab⸗ hing, verſtrichen eilig, und noch war kein Fortſchritt gemacht. „Die Sonne muß aufgegangen ſeyn,“ dachte er,„und Emmeline iſt vielleicht ſchon wach. Es iſt auffallend, daß ich nichts von meiner alten Amme höre. Vielleicht hat mein toller Burſche ſeinen Auftrag vergeſſen oder die Gele⸗ genheit verſäumt, oder ſonſt einen Bock geſchoſſen. Wenn es überhaupt geſchehen ſoll, muß ich ſogleich mit ihr reden, denn bald wird der ganze Haushalt auf ſeyn.“ Unter ſolchen Gedanken überwältigte die Ungeduld alle anderen Erwägungen, und er näherte ſich der Thüre, welche 426 in das Staatsſchlafzimmer jenſeits führte. Die verborgene Wand zurückzuſchieben, machte ihm wenig Schwierigkeit, und ſo geräuſchlos wie möglich trat er aus ſeinem Verſteck hervor. Das Zimmer war leer. Er blieb eine Weile ſtehen, um auf einen Schritt zu horchen, öffnete dann ſachte die Thüre und trat auf den Gang. Niemand war da; aber Emmelinens Zimmerthüre lag dicht daneben, und er glaubte Jemand darin ſich bewegen zu hören. Die Verſuchung war zu groß, um ihr widerſtehen zu können, und er pochte leiſe an die Thüre. Anfänglich erfolgte keine Antwort, denn ſie hatte ſein Klopfen nicht gehört; doch abermals wurde innen ein Laut wie das leiſe Oeffnen eines Fenſters vernehmbar, und er wiederholte ſein Klopfen. Gleich darauf vernahm er einen leichten Schritt zunächſt der Thüre, und dieſe ging auf. Ueberraſchung war der erſte Ausdruck in Emmelinens ſchönem Geſichte; er ging aber bald in Freude über, und in ihrem ungehemmten Entzücken alles Andere vergeſſend, warf ſie ſich an ſeine Bruſt und weinte. Smeaton drückte ſie an ſein Herz und küßte ſie zärtlich, indem er ſie ſchweigend uach dem Staatszimmer zog; allein Emmeline flüſterte: „Nein— komm' hier herein; da biſt Du ſicherer. Das iſt mein eigenes Wohnzimmer: Niemand wird hierher kommen.“ Und ſie führte ihn in jenes große luftige Zimmer, in welchem wir ſie dem eſer beim erſten Mal vorgeführt haben. 427 Unmöglich wäre es, die kurze Unterredung, welche nunmehr folgte, bis in's Einzelne ſchildern zu wollen— ſo Vieles war zu ſagen, ſo Vielerlei zu beſprechen, ſo manche Worte der Liebe und Zaͤrtlichkeit auszutauſchen. Emme⸗ line ſchüttete ihr ganzes Herz aus: nachdem ſie einmal die⸗ ſes Herz verſchenkt und ihre Liebe eingeſtanden hatte, kannte ſie keinen Grund— konnte gar nicht begreifen, daß es einen Grund geben könne, um dem Geliebten irgend Etwas, was in ihrem Inneren vorging, zu verhehlen. Sie ſprach von all' Dem, was ſie ſeit dem Augenblicke, da ſie ſeine Gefan⸗ gennehmung erfahren, erduldet hatte, von all dem Kummer, der Angſt und den ſchlafloſen Gedanken. Sie ſprach auch von ihrer Freude, ihn ſicher und frei vor ſich zu ſehen; aber die Stimme des Glücks iſt ſtill und leiſe, und Smeaton hatte die Hälfte ihrer Empfindungen an ihren Augen abzuleſen. Da nur ſehr wenige Zeit übrig war, ſo erzählte er ihr ſo eilig wie möglich, was er vorhatte. Er erklärte, daß ſeine Abſicht, alsbald nach Frankreich zurückzukehren, unver⸗ ändert ſey, wenn ſie noch einwillige, mit ihm zu gehen, hielt es aber für weit beſſer, wenn ſie ihm vor ihrer Abreiſe die Hand am Altare reichte, denn er zweifle kaum, daß er es ſo anordnen könne, daß die Ceremonie gebührend und unwiderruflich vollzogen würde. Sie erwiederte alsbald ohne Zögern oder Widerſtreben: „Was Du mir ſagſt, Henry, will ich thun, und es iſt weit beſſer, wenn ich als Dein Weib mitgehe. Ich bin ſchon jetzt die Deine, und wenn auch zuweilen ſeit meinem Verſprechen, mit Dir zu gehen, Gefühle des Zweifels— 428. faſt dürfte ich ſagen, des Selbſtvorwurfs— über mich ge⸗ kommen ſind, daß ich ſo freudig einwillige, den Beſchützer meiner Kindheit zu verlaſſen, ſo ſind dieſe Gefühle jetzt alle vorüber. Sein Benehmen gegen Dich, ſein Verrath an Dir würde alle Zweifel entfernen. Alles wurde mir geſtern Nacht erklärt, und ich habe noch nie von ſchwärzerer Bos⸗ heit gehört. Auch gegen mich hat er ſich ſehr übel betra⸗ gen und gegen meine Eltern noch ſchlimmer. Was ich für Güte und Beſchirmung hielt, war in Wirklichkeit nichts als Schlauheit und Einkerkerung, und ich habe alles Recht, den Mann zu verlaſſen, der kein Recht beſitzt, mich zurückzu⸗ halten. Horch!“ Ihr Ausruf wurde durch einen Laut an dem Schloſſe der Thüre veranlaßt. Im nächſten Augenblicke ging dieſe auf und Mrs. Culpepper trat ein. Sie zeigte keine Ueber⸗ raſchung, aber große Aufregung, und ohne die Thüre zu ſchließen, winkte ſte Smeaton, indem ſie leiſe ſagte: „„Das iſt Wahnſinn, Henry. Wahrhaftig, Ihr müßt im Augenblicke fliehen, Mylord. Ihr könnt auf die Nacht zurückkehren; aber verlaßt dann das Prieſterzimmer nicht eher, bis ich Euch klopfe. Kommt, Mylord, kommt; Sir John regt ſich bereits in ſeinem Zimmer.“ Noch eine Umarmung— und Smeaton und Emmeline trennten ſich. Den Finger emporhaltend, um Schweigen zu gebieten, führte Mrs. Culpepper den jungen Edelmann zu dem Prieſterzimmer zurück und ſchloß die Oeffnung hinter ihm. Sie kehrte dann ſogleich nach Emmelinens Gemache um, und ſagte, ſobald ſie die Thüre geſchloſſen: 429 „Eilt in Euer Schlafzimmer, theures Fräulein, und antwortet mir laut durch die Thüre.“ Emmeline that, was die Alte verlangte, und die Haushälterin ſtellte verſchiedene Fragen über ihre Nacht⸗ ruhe und andere gewöhnliche Dinge, auf die ſie ziemlich verwunderte Antworten erhielt. Aber die alte Frau war ſchlau, denn ſie ſprach noch mit Emmelinen, als Sir John Newark an die Thür klopfte und rief: 3 „Mit wem ſprichſt Du, Emmeline?“ Mrs. Culpepper öffnete augenblicklich die Thüre und erwiederte: „Ich bin es, Sir John.“ Ihre Stimme war ſo ruhig und unbewegt, ihr Weſen ſo glatt und gravitätiſch wie immer;z aber Sir John Ne⸗ wark winkte ihr aus dem Zimmer und ſagte leiſe: „Ich horte ein Geraͤuſch, wie wenn der Eingang zum Prieſterzimmer vor⸗ und rückwärts gerollt worden wäre.“ „Ja, Sir John,“ beſtätigte die Alte.„Nach Eurem eigenen Befehle ſehe ich häufig nach, ob er ſich leicht öffnet und ſchließt. Ich gehe immer in der Früh oder ganz ſpät; heute aber meinte ich, das junge Fräulein in ihrem Zimmer ſich rühren zu hören, und ich wollte mich erkundigen, wa⸗ rum ſie ſo früh aufgeſtanden ſeyn mochte.“ Sir John Newark ſchwieg eine Minute lang, betrach⸗ tete aber die Haushälterin ruhig unter ſeinen Augbrauen, und ſie ſah alsbald, daß er ſie beargwöhnte. Sie war je⸗ doch zu ſehr daran gewoͤhnt, ſeinem Argwohn zu begegnen und ihn zu vereiteln, um ſich hierüber zu beunruhigen, 430 obwohl ſie aus verſchiedenen Gründen nicht ohne Beſorgniß war, als er endlich ſagte: „Ich bin ſeit zwei bis drei Jahren nicht in jenem Prieſterzimmer geweſen. Ich möchte mich wohl einmal wieder darin umſehen.“ 3 „Sehr wohl, Sir,“ erwiederte Mrs. Culpepper, in⸗ dem ſie innerlich beifügte:„Gott gebe, daß der theure Junge fort iſt!“ Sir John Newark trat mit einer gewiſſen Haſt in das Staatszimmer, zum Beweis, wie wenig er befriedigt war; allein das alte Sprichwort: Eile mit Weile' bewahrheitete ſich auch bei ihm. Er verfügte ſich ſogleich oben an das Bett, um es zurückzurollen; aber er hatte entweder den Kunſtgriff vergeſſen oder in der Eile die Sache falſch ange⸗ griffen, ſo daß er nach einigen vergeblichen Anſtrengungen genöthigt war, ſich an Mrs. Culpepper zu wenden, welche, um allen Verdacht zu vermeiden, den Eingang auf's erſte Mal öffnete. Sir John Newark trat augenblicklich ein, warf einen raſchen Blick durch's Zimmer und näherte ſich dann der Thüre, welche zu den unteren Gängen führte. In der Dunkelheit, von der er ſich umringt fand, blieb er am Aus⸗ gange der paar erſten Stufen ſtehen und ſagte ziemlich hitzig: „Bringt mir ein Licht.“ Die alte Haushälterin entfernte ſich, um zu gehorchen, und während ihrer Abweſenheit, welche ſo kurz wie möglich dauerte, blieb ihr Gebieter mit geſenktem Kopf und geſpitzten 1 431 Ohren lautlos ſtehen. Sobald er das Licht hatte, ging er, von Mrs. Culpepper gefolgt, raſch weiter und hielt nicht eher an, als bis er die Steinthüre, welche auf den Hügel hinausführte, erreichte. Er legte die Hand auf's Schloß; aber es war zu, und die Kerze an die kleine Seitenniſche haltend, ſchaute er hinein. Der Schlüſſel lag an ſeinem Platze, und er zog ſich befriedigt zurück. —— Vierundzwanzigſtes Kapitel. Es wurde neun Uhr, bis Sir John Newark in das Zimmer trat, wo die Vorbereitungen zum Frühſtück ge⸗ troffen waren. Er traf ſeinen Sohn Richard am Fenſter in munterem Geſpräche mit Emmelinen, welche ihm mit fro⸗ her, lächelnder Miene erwiederte. Bei ſeinen Abſichten in Betreff Emmelinens und ſeines Sohnes hätte man glauben ſollen, ein ſolcher Anblick wäre ihm erfreulich geweſen: allein der Argwohn— dieſer Vergifter alles Friedens— wollte es anders. Emmelinens ausnehmende Aengſtlichkeit am Tage zuvor, nachdem die Nachricht von Smeaton's Ge⸗ fangennehmung eingetroffen, war ſeinem Auge nicht ent⸗ gangen, obgleich ſie hart mit ſich gekämpft hatte, um die in ihrem Buſen tobenden Empfindungen zu verbergen, und jetzt ſchien ſie ſo heiter und vergnügt, daß er zu ſich ſelber ſagte: „Sie muß wohl Nachrichten haben.“ Er beſchloß, ſie ſorgfältig zu bewachen; aber zum Glück 43²2 für Emmelinen war dieſe noch von ebenſo ſtarken, nur ganz verſchiedenartigen Regungen wie am Tage zuvor bewegt. Sie waren freudiger, hoffnungsvoller, aber vielleicht noch ergreifender, und ſie verſank während des Frühſtücks mehrere Male in tiefe Gedanken. Der Argwohn iſt immer ſchwankend, und Sir John begann zu zweifeln, ob er wohl recht geurtheilt habe oder nicht. Auch ſein Sohn trug dazu bei, die Beſorgniß, die ſich ſeiner bemächtigt hatte, zu verſcheuchen, indem er um die Mitte des Frühſtücks mit ſeinem gewohnten wilden La⸗ chen bemerkte:. „Eben als Ihr eintratet, Vater, erzählte ich Emmeli⸗ nen, daß wir dieſen Oberſt Lord bald wieder hier haben würden. Große Fiſche liegen immer am ſelben Strande.“ „Weiß doch nicht, Dick,“ erwiederte ſein Vater ernſt⸗ haft.„Ich halte es ſogar für ſehr unwahrſcheinlich, daß Du ihn je wieder ſehen wirſt. Wenn er klug iſt, wird er ſich unverzüglich nach Frankreich verfügen; ſonſt könnte es ihm paſſiren, daß er eines ſchönen Morgens ſeinen Kopf auf dem Schaffot ließe.“ Richard lachte. „Ei, da thät' er doch weit beſſer, ihn vor ſich her über die See zu rollen,“ rief er.„Einen koſtbaren Fangball müßte er abgeben.“.. Emmelinen überlief ein leichter Schauder, und Sir John ließ das Geſpräch fallen bis das Mahl zu Ende war, wor⸗ auf er wieder anhub: „Des Earls Diener iſt hier, wie Du wohl wiſſen 433 wirſt, Dick; er bringt aber keine Nachrichten von ſeinem Herrn und glaubt, er müſſe zu Keanton ſeyn.“ „O ich weiß, daß Higham hier iſt,“ antwortete der Knabe,„denn ich hatte ein langes Geſpräch mit ihm, ehe Ihr nach ihm ſchicktet. Er erzählte mir die ganze Be⸗ freiungsgeſchichte. Herr Gott! das muß ein Spaß geweſen ſeyn, all' dieſe plumpen Soldaten gebunden und wie Häringe in einer Tonne die Kreuz und die Quer daliegen zu ſehen! Ich wollte, ich wäre dabei geweſen. Wie gerne hätte ich dem armen Smeaton geholfen und jenem langen Kapitän das Wamms ausgeklopft! Higham ſagt, ſein Herr habe ihn zu Boden geſchlagen, wie er damals den großen Bullenbeißer des Lords Stair niederdonnerte, und er behauptet, von der Erſchütterung ſeines Falles ſeyen die Punſchbowlen einen Fuß in die Höhe geſprungen.“ „Ci, Dick,“ bemerkte ſein Vater,„der Diener ſpricht davon, über die Dünen gegen Keanton zu reiten und nach ſeinem Lord zu ſehen. Da Du weißt, daß ich nichts lieber thäte, als dieſem edlen Gentleman Beiſtand leiſten, ſo wol⸗ len wir dieſen Mann halbwegs gegen Keanton begleiten. Findet er dann ſeinen Gebieter, ſo können wir eine Ver⸗ bindung mit ihm einrichten und ihm vielleicht Hülfe ge⸗ währen.“ Er ſchwieg eine Weile und wendete ſich dann an Em⸗ melinen. „Ich fürchte, Du kannſt nicht mit uns gehen, mein theures Kind,“ bemerkte er.„Mädchenhafte Schüchternheit verbietet Dir, zur Aufſuchung eines jungen Kavaliers durch Fames. Henry Smeaton, 28 43³⁴ die Umgegend zu ſtreifen. Auch glaube ich, Du wirſt wäh⸗ rend unſerer Abweſenheit am Beſten zu Hauſe bleiben, denn Militärpatrouillen werden ohne Zweifel die Gegend in ver⸗ ſchiedenen Richtungen durchſtreifen, und ſie ſind nicht die höflichſten und gebildetſten.“ „Ich habe gar keine Luſt auszugehen,“ verſicherte Em⸗ meline einfach.„Ich bin müde von all der Angſt des geſtri⸗ gen Tages.“ Sir John Newark, ſein Sohn und Smeatons Diener ſaßen bald zu Pferde und brachen ohne weiteren Begleiter auf, indem ſie ſich vom Thore des Herrenhauſes an ſcharf links wandten und am Rande der Waldungen hinzogen, bis ſie beinahe die Spitze von Ale Head erreichten. Von dort nahmen ſie ihren Weg über die Dünen, während etwa eine Viertelmeile zu ihrer Linken die hohen Klippen aus der See hervorragten; ſo ging es abwechslungsweiſe die braunen Hügel hinan und in die grünen einſamen Schluchten hinab, welche ſich fünfzehn bis ſechzehn Meilen längs der Küſte ausdehnen. Etwa ſieben Meilen von Ale Manor gelangten ſie an eine jener Vertiefungen, welche mehr das Ausſehen eines regelmäßigen Thales annahm und von einem hellen, ſchönen Flüßchen, das dem Meere zueilte, durchſchnitten war. Hier machten ſie Halt; Higham erhielt die Weiſung, voran zu reiten, während die beiden Anderen langſam folgten und Sir John beifügte: „Wir wollen etwa eine halbe Meile vorwärts von Keanton warten. Sagt Eurem Lord, wir ſeyen dort, und 43⁵ wenn er es für gerathen halte, ſo möge er herauskommen und mit uns reden— wo nicht, ſo bringt uns wenigſtens Nachrichten von ihm; aber wagt Euch nur ſehr behutſam in's Dorf, falls die guten Leute zu Keanton den Philiſtern in die Hände gefallen ſeyn ſollten.“ Higham nickte mit dem Kopfe und ritt weiter. Sir John Newark, der im Anfange der Reiſe ſehr ſchweigſam geweſen war, begann jetzt ein eifriges Geſpräch mit ſeinem Sohne, auf das ich vorläufig nicht näher einzu⸗ gehen brauche, da ich ſpäter darauf zurückkommen werde. Es genüge zu wiſſen, daß der Vater ſehr ernſt und wie es ſchien nicht ohne Eindruck ſprach, und daß der Sohn, nach⸗ dem er anfänglich mit Aufmerkſamkeit und Ueberraſchung zugehört und ſpäter ſeine wandernden Gedanken auf ſeines Vaters Worte zu richten verſucht hatte, ſein gewohntes We⸗ ſen bald wieder annahm und luſtig in den Tag hinein lachte und plauderte, indem er mehr um den Gegenſtand herum⸗ flatterte, als bei ihm zu verweilen ſchien. Nachdem ſie die Stelle erreicht hatten, welche zum Haltpunkte beſtimmt worden war, verweilten Sir John und ſein junger Begleiter faſt dreiviertel Stunden voller Erwar⸗ tung, indem Richard bald ab⸗ und bald wieder aufſtieg, Kie⸗ ſel in den Bach warf und allerlei Zeichen von Ungeduld ver⸗ rieth. Sir John betrachtete ihn mit feinem Lächeln, und Higham kam endlich zum Vorſchein, indem er ruhig und un⸗ bekümmert gegen ſie herantrabte. „Er iſt nicht da, Sir John,“ meldete der Burſche;„ſo ſagen wenigſtens alle die Leute; aber ſie ſind heute Morgen 28* 436 mächtig wortkarg. Eines iſt ſicher: ſie haben von Denen zu Exeter nichts gehört, und ich habe als ziemlich gewiß herausgebracht, daß Mylord nicht ſehr weit von hier iſt und daß ſie darum wiſſen.“ „Ei, wie habt Ihr das ausfindig gemacht?“ fragte Sir John Newark. „Hm, einer von den Leuten begann von einem Fremden zu erzählen, der geſtern ſpät in der Nacht zu Blackland's ge⸗ kommen; aber ſein Weib ſtopfte ihm alsbald das Maul, und als ich fragte, wo und was dieſe Blackland's ſeyen, gab er mir eine ausweichende Antwort. Ich vermuthe, es muß ein benachbarter Pachthof ſeyn.“ „Ja wohl, fünf Meilen von hier,“ erwiederte Sir John augenblicklich—„ein wilder, einſamer Ort, von der ganzen Nachbarſchaft abgeſchloſſen und zur Zuflucht für einen Flücht⸗ ling ſehr gut geeignet. Wir wollen lieber dort vorbeirei⸗ ten. Ihr wißt gewiß, daß keine Soldaten im Dorfe ſind?“ 1„Nicht ein Einziger, Sir,“ gab Higham zur Antwort; „überdies haben ſie vom Dorfe Ausgucker auf die Spitze des Hügels geſtellt.“ „Wohlan, wir wollen jenen Weg einſchlagen; er iſt ohnehin der kürzeſte,“ ſagte der Ritter.—„Komm, Richard.“ „Ich glaube, ich will lieber umkehren,“ meinte dieſer; „ich bin das Zeug müde. Da gehe ich beſſer heim und plaudere mit Emmy.“ „Sey nicht zu raſch, Dick,“ mahnte ſein Vater, den Finger lächelnd emporhaltend.„Bedenke: Eile mit Weile! 43⁷ Du ſcheuchſt ja auch keinen Vogel, wenn Du ihn in's Netz treiben willſt.“ „O, ich will nicht raſch ſeyn,“ rief der Knabe lachend, wendete ſein Pferd und galoppirte ruhig von dannen. Er war noch nicht zwei Meilen geritten, als er in tiefe Gedanken verſank, den Fuß aus den Steigbügeln zog, die Zügel auf den Hals ſeines Pferdes fallen ließ und länger als eine halbe Stunde nur im Schritte weiter zog. Dann aber plötzlich ſich ermannend, pfiff er ein luſtiges Liedchen, ſetzte ſein Thier wieder in raſcheren Schritt und ſprengte nach dem Herrenhauſe. Es war bei Richard ſehr gewoͤhnlich, daß er nach einem Ritte im Stalle blieb, bis er ſein Roß hatte abſatteln und abreiben ſehen; diesmal aber übergab er ſein Thier alsbald den Händen des Stallknechts und ſchlenderte über den Hof, bis er zu einer Stelle gelangte, wo ein großer iriſcher Adler an eine ſchwere Stange gefeſſelt war. Der Vogel war wild und unbezähmbar; aber Richard näherte ſich ohne Furcht und faßte das Schloß an ſeinem Bein. Kaum hatte er dies gethan, als das Thier mehr als einmal mit dem Schnabel nach ihm hieb; doch er fuhr unbekümmert fort, bis er die Kette von ſeinem Beine losgemacht und das Thier mit einem heftigen Stoße von der Stange geſchleudert hatte. Der Vogel breitete alsbald ſeine Schwingen aus und ſtieg in die Lüfte. Richard Newark lachte laut, und ohne weiter nach ihm zu ſehen, wiſchte er einige Blutstropfen von ſeiner Stirne und ging in's Haus. Er verfolgte ſeinen Weg ruhig durch 438 die Gänge, guckte in den kleineren und in den großen Salon, und die Treppe hinaufſteigend, wandelte er vor die Thüre von Emmelinen's Wohnzimmer. Dort blieb er eine Weile ſtehen, und vor ſich hinmurmelnd:„was bin ich doch für ein Narr! aber ich wußte das ſchon lange“— öffnete er die Thüre ohne zu klopfen und trat ein. Emmeline ſaß in der Nähe des Fenſters und ſchaute auf die Wälder unten; aber bei dem Nahen ihres Vetters wendete ſie ſich alsbald um und rief erſchrocken: „Was gibt es Richard? was iſt geſchehen? Das Blut ſtrömt Dir ja über's Geſicht?“ „Nichts iſt geſchehen, theure Emmy,“ erwiederte Ri⸗ chard.„Ein Freund hat mich für einen Feind gehalten, was gar oft in dieſer Welt vorkommt, und hat mich in den Schädel gepickt. Komm her und ſetz' Dich zu mir; ich will Dir die ganze Geſchichte erzählen, obwohl nichts daran iſt, was ſich der Mühe des Anhörens lohnt. Setz' Dich hieher, Emmy,“ fuhr er fort, abermals das Blut ab⸗ wiſchend.„Da ſetz' Dich in dieſen Stuhl, und ich will auf den Schemel zu Deinen Füßen niederſitzen, wie ich zu thun pflegte, ehe man mich in die Schule ſchickte, um zu ſehen, welcher Theil meines Gehirns geſund ſey.“ „Aber was haſt Du denn gethan, Richard?“ fragte Emmeline, ſich zu ihm ſetzend, wie er verlangt hatte. „Nichts, als einem Adler die Freiheit gegeben,“ ver⸗ ſetzte der Knabe,„und er biß mich, während ich ſeinen Fuß losmachte.“ 4³9 „Ach, das hätteſt Du nicht thun ſollen, Dick,“ rief ſeine ſchöne Gefährtin.„Dein Vater wird zornig werden.“ „Warum?“ forſchte der Knabe.„Der Vogel gehört mir: er hat ihn mir geſchenkt, und ich hatte ein Recht, nach Belieben mit ihm zu verfahren. Ei, weißt Du auch, Emmy,“ fuhr er nach einer Weile fort,„wir haben nichts von Smeaton gehört und einen recht langweiligen Ritt ha⸗ ben wir gehabt. Ich ließ deßhalb meinen Aeddi allein wei⸗ ter traben und kehrte um.“ Emmeline ſchwieg, denn ſie wollte überhaupt nicht über ihren Liebhaber mit ihm reden; allein Richard fuhr in ſei⸗ nem zerſtreuten Tone fort: „Ja, er war langweilig genug, und während wir Tom Higham's Rückkehr abwarteten, hielt mein Vater ein ernſt⸗ haftes Geſpräch mit mir, wie er es nennt. Ich haſſe ernſt⸗ hafte Geſpräche, Emmy.“ „Aber Du ſollteſt immer darauf achten, was Dein Va⸗ ter Dir ſagt, überhaupt auf Alles, was er zu Dir ſpricht, wenn es recht iſt,“ bemerkte Emmeline. Die letzten Worte ſprach ſie leiſer und erſt nach kür⸗ zerer Pauſe. „Sehr wahr,“ verſetzte Richard halb lachend.„Was Du ſagſt, iſt immer wahr, Emmy; aber das Schlimmſte an der Sache jiſt: mein Vater und ich können uns nie darüber verſtehen, was das Rechte iſt— ich glaube, die weiche Stelle in meinem Gehirn verhindert es. Ich ſehe immer die eine Seite und er die andere, wie es in dem alten Ge⸗ ſchichtenbuch heißt; und wenn die eine Seite ſchwarz und 440 die andere weiß iſt, ſo können wir mit unſerer Anſicht nie⸗ mals zuſammentreffen. Weißt Du, was er mir heute er⸗ zählte?“ „Nein— ich kann mir's nicht denken,“ gab Emmeline zur Antwort. „Hm, er ſagte mir“— hier ſchaute Richard zu Boden und ſprach in zerſtreutem Tone—„er ſagte mir, er habe die Abſicht, daß wir Beide uns heirathen; das müſſe ge⸗ ſchehen, denn das Schickſal und das Vermögen von uns Beiden hänge davon ab.“ Emmeline zitterte heftig, und da Richards Schulter auf ihrem Arme lehnte, ſo merkte er wohl, welchen Sturm ſeine Worte bei ihr hervorriefen. Gleich darauf fühlte Em⸗ meline, wie er ſeine Hand ſanft auf die ihrige legte, und ſie fragte leiſe: „Was ſagteſt Du zu ihm, Richard?“ „Nichts, was eigentlich darauf paßte,“ erwiederte Ri⸗ chard,„denn meine Gedanken rannten und galoppirten in die Wette gleich Jägern beim Waldhalloh. Ich lachte und plauderte, wie wenn ich ganz glücklich geweſen wäre, aber ich dachte dabei immerwährend, Emmeline. Erſtens dachte ich(was mir früher nie einfiel) welch' ein Glück es wäre, Dich zu heirathen— wie Du aus mir Alles machen könn⸗ teſt, was Du nur wollteſt— wie ich ein ganz anderes We⸗ ſen würde, wenn Du mein Weib wäreſt— wie zärtlich ich Dich lieben wollte— wie ich dich jetzt ſchon liebe— und viele andere närriſche Dinge. Nein, zittre nicht, theure 441 Emmy! Du brauchſt Dich vor Deinem armen Dick nicht zu fürchten.“ „Ich fürchte mich nicht, Dick,“ antwortete Emmeline, die Hand, die er auf die ihrige gelegt hatte, drückend, „denn ich weiß recht wohl, daß— welche Fehler auch Dein Kopf haben mag— Dein Herz ganz ohne Fehl iſt.“ „Ach, das gute Mädchen!“ rief Richard Newark. „Nun ſieh, ich dachte noch an vieles Andere. Nachdem all' dieſe thörichten Dinge mit mir davon galoppirt waren, dachte ich, ich möchte Dich nicht um die ganze Welt heira⸗ then, auch nicht, wenn alle Könige und Königinnen der Erde mich dazu zwingen wollten.“ „Wirklich, Richard!“ verſetzte Emmeline mit feinem Lächeln.„Du hatteſt ohne Zweifel gute Gründe?“ „Allerdings hatte ich,“ erwiederte der Knabe.„Erſt⸗ lich weiß ich, daß ich Deiner nicht würdig bin und nicht für Dich tauge. Dann weiß ich, daß Du mich nicht möchteſt, daß Du einen Andern liebſt und daß Du, wenn man Dich zur Heirath mit mir zwänge, immer an ihn denken und ihn, aber nicht mich lieben würdeſt. Ich wäre dann Dein Ker⸗ kermeiſter und nicht Dein Gatte und das würde auch mich elend machen, denn ich würde wie der Sperber hinter der Lerche immer hinter Deinen Gedanken herfliegen, um zu Fben⸗ ob Du nicht die ganze Zeit an Deinen Liebhaber ſenkeſt. Du weißt, daß Du ihn liebſt, Emmy: Du liebſt ihn ſehr warm, ſehr zärtlich, und ich wundere mich nicht über Dich.“ Die roſige Farbe, die ſich über ihr Antlitz, über Stirn 442 und Nacken ausbreitete, waͤre ſchon hinlängliche Antwort geweſen; aber ſie ſagte in leiſem, doch deutlichem Tone: „Ja, das thu ich.“ Es entſtand eine kurze Pauſe, bis Richard ſeine Rede alſo wieder aufnahm: „Welch ein Thor wäre ich, Emmeline— ein größerer Thor als ich ſchon bin, und das will viel heißen— wenn ich meinen Witz durch den Unſinn, Dich zu heirathen oder Smea⸗ ton Dir aus dem Kopfe zu bringen, Wolle zupfen laſſen wollte! Aber, Emmy,“ fuhr er in zärtlichem Tone fort, „Du wirſt mich ſpäter doch ein Bischen, ſo wie Du immer thatſt— wie eine gütige Freundin— wie eine Schweſter lieb haben?“ „Ganz gewiß will ich, Richard,“ rief Emmeline ernſt⸗ haft,„und ich werde Dich für Dein heutiges Benehmen nur um ſo lieber gewinnen. Jetzt verſteh' ich, was Du mit dem Freilaſſen des Adlers meinteſt; Du möchteſt Smeaton gerne von allen Schwierigkeiten befreien, wenn Du könnteſt.“ .„Nein, theure Emmy,“ verſetzte Richard;„ſo hab' ich's nicht gerade gemeint. Ich weiß eigentlich nicht, ob ich irgend etwas dabei meinte; als ich aber heimwärts ritt und daran dachte, wie glücklich Du wäreſt, wenn man Dich thun ließe, was Dir beliebte, da wünſchte ich Dir dazu zu ver⸗ helfen, Dich ganz frei zu machen; und wie ich da den armen Adler im Hofe ſah, da dachte ich, wie glücklich er wäre, wenn er ſich wieder nach ſeinem freien Willen in die Lüfte aufſchwingen könnte, und dann kam mir der Gedanke, was mein Vater wohl ſagen würde, wenn ich den Vogel los⸗ 443 machte, und ich antwortete mir ſelbſt, daß ich ein Recht habe— daß der Vogel mein ſey— daß er mir gegeben worden, und daſſelbe Recht hatteſt auch u— und drum beſchloß ich, Euch Beide frei zu machen. Ich weiß nicht, wie es kam, aber mir ſchien eine Aehnlichkeit zwiſchen ſei⸗ nem Schickſal und dem Deinigen zu beſtehen; nur als er mit den Schwingen flatterte und nach mir hieb, weil ich ihn loskettete, da ſagte ich mir, Emmeline wird es beſſer ma⸗ chen, und ſo thut ſie auch jetzt.“ „In der That— das thut ſie, Richard,“ verſicherte Emmeline,„und ſie wird Dich nie für einen Feind halten.“ „Aber weißt Du, Emmeline,“ fuhr ihr Vetter fort, „daß ich den ſonderbaren Einfall habe, es würde für uns Beide beſſer ſeyn, wenn wir uns ein Bischen verſtellten? Ich vermuthe nämlich, daß mein Vater wegen Deiner und Smeatons einigen Verdacht hat.“ „Ich fürchte, ich bin eine ſchlechte Heuchlerin,“ ver⸗ ſetzte Emmeline unvorſichtig.„Ich muß allerdings beſor⸗ gen, daß Sir John einſieht, wie ich mich in der letzten Zeit gegen ihn verſtellt habe.“ Richard fragte jedoch nicht in welcher Hinſicht, ſondern ſchweifte wie gewohnlich achtlos weiter. „O wir heucheln Alle mehr als wir wiſſen,“ ſagte er. „Ich zum Beiſpiel dachte nie daran, meinen Vater in ir⸗ gend etwas täuſchen zu wollen, und doch vermag ich ihm nie Alles zu ſagen, was ich denke— mag nun der Grund in ihm oder in mir liegen. Ich kann nie mein Herz vor ihm ausſchütten, wie ich es vor Dir thue. Wenn ich am ſehn⸗ 444 lichſten wünſche, ihm Alles zu ſagen und ihm begreiflich zu machen, was in meinem Innern vorgeht, ſo kommt irgend ein Teufel(wie ich glaube) und hält mich zurück, ſo daß ich mit nichtsſagenden Antworten um mich werfe, die er ſich ſo oder ſo, wie's ihm gerade beliebt, auslegen kann. Ich meine jedoch nicht, daß wir geradezu heucheln ſollen, denn da wir uns Beide lieb haben, ſo iſt es keine Heuchelei, wenn wir auch ſo ſcheinen. Ich möchte nur, daß Du glücklich aus⸗ ſäheſt, wenn ich bei Dir bin, und ich will mir alle Mühe geben, daß Du es biſt, denn ich will von Smeaton mit Dir reden, will Plane und Komplotte über ihn zuſammen⸗ ſchmieden und luſtige Dinge aller Art ausführen.“ „Da kann nichts Böſes daran ſeyn, Richard,“ meinte Emmeline in ernſterem Tone, als ihr junger Vetter erwar⸗ tet hatte, denn ohne es zu wiſſen, bemühte er ſich, ihr Herz von allen ſchweren Gedanken zu zerſtreuen. Allein Emme⸗ line war— offen geſtanden— etwas in Verlegenheit, wie ſie ſich gegen ihn verhalten ſollte. In ſeinem ganzen Be⸗ nehmen lag ſo viele Aufrichtigkeit und offenherzige Güte, daß ihr Herz ihr Vorwürfe machte, weil ſie ihm nicht Alles erzählte, was ſie wußte und beabſichtigte. Sie bedachte jedoch, daß die Geheimniſſe in ihrem Herzen nicht ganz ihr Eigenthum ſeyen, daß ſie nur ein getheiltes Recht über ſie habe, und ſie ſchwieg— ſo ſchmerzlich es ihr auch ſiel. Richard fuhr fort mit ihr zu plaudern, ſogar als er ſeinen Vater zurückkehren hörte, und als er ſie verließ und die Treppe hinabging, nahm er eine heitere, luſtige Miene an, obwohl er mehr zum Nachdenken geneigt war als viel⸗ leicht je zuvor in ſeinem Leben. „Nun, Dick,“ rief ſein Vater, als er ihm begegnete, „wo biſt Du all dieſe Zeit geweſen?“ „Ich bin ſeit meiner Rückkehr immer bei Emmelinen geſeſſen,“ erwiederte der Knabe,„und wir haben von allen möglichen Dingen geplaudert. Sie iſt in der That ein liebes Mädchen.“ „Aber was haſt Du denn da an der Stirne?“ fragte ſein Vater.„Iſt Dein Roß geſtürzt?“ „O nein,“ lachte Richard;„es war nur das dumme Vieh von einem Adler. Ich war es müde, ihn auf ſeiner Stange trauern zu ſehen, und ſo wollte ich ihn los machen, da biß er mich in den Kopf.“ „Ci Du thörichter Knabe! Du haſt ihn doch nicht losgelaſſen?“ rief Sir John. „O ja, ich that's, und er biß mich für meine Mühe,“ gab Richard zur Antwort.„Aber Emmeline hat mich nicht gebiſſen, was ich ihr auch ſagen mochte, und ſo mache ich mir nichts daraus. Ich werde gewiß nicht unter den Pan⸗ toffel kommen, Vater.“ Und mit luſtigem Lachen ging er ſeines Weges weiter. Sir John Newark war wohl zufrieden mit dem, was er gethan hatte. „Die Weiber ſind ein ſonderbares Volk,“ ſagte er. „Wer weiß, ob dieſes Knaben wilde, ſprühende, leichther⸗ zige Gedankenloſtgkeit— ſo ähnlich ſeiner ſchwachen Mutter — in des Mäͤdchens Augen nicht ein anziehenderes Metall 446 ſeyn mag als nüchterne, geſundere Vernunft? Auf alle Fälle wird er einen Riegel und Hüter für ſie abgeben, und ſetzen wir auch den Fall, ihre Phantaſie habe ſich in der Geſell⸗ ſchaft dieſes jungen Earls zu Liebesgedanken entzündet, ſo kann es Richards Liebe nur förderlich ſeyn, wenn ſie ſich nach Smeatons Abgange auf etwas Nöthigeres ſtützen muß. Ich habe ſolche Dinge ſchon erlebt— es wird ſchon gehen. Ich bin froh, daß ich mit dem Knaben geſprochen und ihm meine Abſichten erklärt habe.“ Sir John Newark glaubte noch mehr Grund zur Selbſt⸗ beglückwünſchung zu haben, als er wenige Stunden ſpäter eine peremptoriſche Aufforderung erhielt, am folgenden Tage vor den Behörden von Exeter zu erſcheinen. Er beſann ſich eine Weile, ehe er ſeine Antwort gab, beſchloß aber endlich, einen kühnen Ton anzunehmen, und den Boten hereinrufend, ſagte er ihm, er ſolle diejenigen, die ihn geſchickt haben, benachrichtigen, daß er(Sir John) mit aller Bereitwillig⸗ keit kommen werde, wenn man ihm noch vor Mittag die Zu⸗ ſicherung ertheile, daß ſein Haus nicht wieder wie früher ei⸗ ner Gewaltthat und ſeine Familie keiner Beläſtigung oder Beſchimpfung unterworfen werde. „In dieſem Briefe iſt auf einen Verdacht hingedeutet, als ob ſich der Earl von Eskdale in dieſem Hauſe oder deſ⸗ ſen Nachbarſchaft aufhalte,“ ſagte er.„Meldet dem Ober⸗ richter, der das Amt des Lord⸗Lieutenants auf ſich zu neh⸗ men ſcheint, daß nach den Proben von Loyalität, wie ich ſie erſt kürzlich gegeben, ein ſolcher Verdacht nicht auffommen ſollte; ehe Ihr aber von hinnen geht und während Euer 447 Pferd gefüttert wird, beſtehe ich darauf, daß Ihr Euch durch Nachſuchung oder Vernehmung der Diener und durch Nachforſchung im Dorfe vergewiſſert, ob irgend ein Grund zu ſolchem Zweifel vorhanden iſt. Ueberzeugt Euch nur vollſtändig und berichtet dann demgemäß erſt mir und dann denen, die Euch ausgeſchickt haben. Ich werde morgen um eilf Uhr nach Aleton aufbrechen und will von dort nach Ere⸗ ter kommen, wenn man mir die volle und geeignete Zuſiche⸗ rung entgegenſchickt, daß ich bei meiner Rückkehr nicht wie⸗ der erfahren muß, mein Haus ſey abermals von einer Abthei⸗ lung Soldaten beſucht worden, während man mich in die Ferne lockte.“ Der Bote, der ein Mann von höherer Stellung und Einſicht war, benützte die ihm ertheilte Erlaubniß und ſam⸗ melte, wie er glaubte, die vollkommene Gewißheit, daß wenigſtens im Herrenhauſe zu Ale Niemand wußte, wo der Earl von Eskdale ſey. Auch das Dorf beſuchte er; aber dort bekam er nur grobe und nichtsſagende Antworten und wurde mehr als einmal abgeſchreckt, ſeine Nachforſchungen weiter fortzuſetzen. Dieſe Beſorgniſſe mochten wohl dazu beitragen, daß er ſich leichter überzeugt fühlte, als er es ſonſt wohl geweſen wäre; aber er gelangte jedenfalls zu dem Schluſſe, daß das rauhhaarige Fiſchervolk nichts von der Sache wiſſe und ſich nicht gerne durch Dinge ſtören laſſe, die ſie nichts angingen. Vor ſeinem Abgange ſprach er Sir John Newark abermals, und berichtete ihm das Reſul⸗ tat ſeiner Nachforſchungen. Sir John war ſehr gnädig; 448 denn dieſes Reſultat war für ihn ſo befriedigend als es nur irgend ſeyn konnte. „Nein, nein,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Er iſt offenbar bei Blackland's, obgleich ſie es nicht eingeſtehen wollten— es müßte nur der Mann, der, wie ſie ſagen, gegen Ermouth ging, der Earl geweſen ſeyn.“ Er entließ den Boten mit einer Belohnung, wie dies in jenen käuflichen Zeiten nicht ungewöhnlich war und ſchlief diesmal ruhiger als die Nacht zuvor, indem er einzig wünſchte, mit dem jungen Earl noch einige Tage Verkehr pflegen zu können, um ſeinen beabſichtigten Griff auf Keanton auszu⸗ führen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Es war gegen neun Uhr Abends, als ſich zwei Fuß⸗ gänger dem kleinen Weiler Aleton näherten. Der Eine ging etwas voran, wie wenn er rekognoseiren wollte; aber in dem Orte war Alles ſtill und ruhig, und ſelbſt die kleine Schenke war verſchloſſen, da ſie in jenem entlegenen Di⸗ ſtrikte nicht an ſpäte Beſuche gewöhnt waren. Man ſah zwar von Innen noch Licht durch die Ritzen der plumpen Fenſterläden durchſchimmern, und es iſt wahrſcheinlich, daß die Thürklinke dem Drucke eines verſpäteten Reiſenden nach⸗ gegeben hätte; aber ſonſt war von Außen kein Zeichen eines thätigen Lebens zu gewahren. Die beiden Perſonen, von denen wir geſprochen, gingen 449 jedoch an der Thüre der Herberge vorüber und näherten ſich einem Hauſe— der einzigen Wohnung, welche neben erſte⸗ rer dieſen Namen verdiente— das etwas weiter oben an der Straße nach Exeter lag. Vor der Thüre angelangt, klopfte der kleinere der beiden Reiſenden mit der Hand; da aber auf dieſen Ruf keine Antwort erfolgte, ſo mußte er, wenn auch noch ſo ungerne, Lärm machen, und faßte nach einem Eiſendrahte, der nebſt einer eiſernen Handhabe an ſeinem Ende neben der Thüre hing. Auf ſein ſachtes An⸗ ziehen hörte man alsbald ein Klingeln und dann die Stimme einer Frau, welche auf dem Gange näher kommend zu Je⸗ mand im inneren Zimmer ſagte: „Es wird wohl nichts Anderes ſeyn, als daß der alte Drayton geſtorben iſt; da werden ſie wegen des Begräbniſ⸗ ſes mit Euch reden wollen.“„ Im nächſten Augenblicke ging die Thüre auf, und Van Nooſt(denn er war der Beſucher) fragte, ob Paſtor Thickett zu Hauſe ſey. „Ei freilich, Meiſter Smith,“ verſetzte die Dienerin (denn ſchon damals nannten ſich die Leute Jack Smith', wenn ſie inkognito bleiben wollten);„er wird ſich ſehr freuen, Euch zu ſehen. Er konnte ſich gar nicht denken, was aus Euch geworden ſey. Iſt dieſer Gentleman Euer Freund?“ Van Nooſt nickte mit dem Kopfe und trat mit Smea⸗ ton in's Haus. Das Mädchen verriegelte die Thüre und führte ſie dann in des Paſtors Studirzimmer, wo ſie Seine Ehrwürden an ſeinem gewöhnlichen Abendgenuſſe antrafen. James. Henry Smeaton. 29 450 Auf dem Tiſche ſtand eine einzige brennende Kerze; aber das Stübchen war gärzlich finſter, denn eine dichte Wolke Rauchtabaks wogte im Inneren. Auf dem leeren Kamin⸗ roſte lag die Pfeife, aus welcher dieſer Rauch aufgeſtiegen war, und dicht neben dem Paſtor ſah man eine ſchlanke Flaſche mit irgend einem geiſtigen Getränk, Teller und Meſſer nebſt einer Zitrone und einer Zuckerdoſe. Zwiſchen ihm und dem Leuchter lag jedoch ein offenes griechiſches Buch in altem zerriſſenem Einband, denn Paſtor Thickett war trotz mancher ſonſtiger Fehler ein gelehrter Mann. Von Perſon war er noch fetter als Van Nooſt, nur von einer ganz anderen Art von Fettigkeit. Seine Gliedmaßen waren breit, ſchienen aber beinahe losgetrennt oder im be⸗ ſten Falle durch die lare Oberhaut, die ſie einhüllte, nur ſehr locker zuſammengehalten. Sein Bauch war gewaltig und vorragend, ſo daß ſogar unter dem Chorrocke— denn er trug gewöhnlich ſeine kanoniſchen Gewänder— eine rieſige ſchwarze Halbkugel herausguckte. Sein Geſicht— muß man geſtehen— war ziemlich gemein; bei einem großen Ohr und großen Lippen begnügte er ſich nicht mit einem großen Kinn, ſondern hatte deren zwei. Uebrigens lag in ſeinen grauen, wäſſerigen Augen eine gute Portion Ver⸗ ſchmitztheit und eine gewiſſe Liſt, und ſein ganzes Geſicht leuchtete von der heiterſten, fröhlichſten Laune, ſobald er des Statuarius anſichtig wurde. „Ha mein würdiger Freund!“ rief er, mit größerer Beweglichkeit aufſpringend, als man hätte erwarten ſollen, und Van Nooſt's Hand freundlich ergreifend.„Wo ſeyd 451 Ihr ſo lange geweſen? Ich glaubte bei'm Jupiter! die Philiſter ſeyen über Euch gekommen. Wie ſteht's mit den Erzbildern? wie mit den Monumenten? wie mit den Auf⸗ ſchriften? Bei'm Jupiter! ich glaubte, Ihr hättet Euer Werk halb vollendet verlaſſen, und von mir aus hätte es lange ungethan bleiben können, denn Marmor und Meſſing ſcheuern gehört nicht zu meinem Berufe. Ich liebe meine Heerde treu genug; hab' ich ſie aber einmal unter dem Bo⸗ den, ſo bin ich auch mit ihr fertig— Ha, wer iſt dieſer Gentleman?“ „Ein Freund von mir,“ erwiederte Van Nooſt,„wel⸗ cher gekommen iſt, um mit Euer Ehrwürden über ein klei⸗ nes Geſchäftchen zu reden.“ „Er iſt willkommen,“ rief der luſtige Paſtor.„Ihr ſeyd willkommen, Sir. Wir wollen ſogleich von Geſchäften reden; erſt aber eine Bowle Punſch und friſche Pfeifen.— Betiy— Betty!“ Smeaton ſuchte ihm begreiflich zu machen, daß er be⸗ eilt ſey und ſich nicht aufhalten könne; allein Paſtor Thickett wollte keinen Korb annehmen. „Ich will meinen Weg gehen,“ ſchrie er lachend;„bei'm Jupiter! ich will diesmal meinen Weg gehen. Das nächſte Mal ſollt Ihr Euren Willen haben, darauf geb' ich mein heiliges Ehrenwort.“ „Wirklich?“ rief Smeaton. „Ganz gewiß,“ erwiederte der Paſtor;„Ihr müßtet nur das Zehentſchwein verlangen, das heute Morgen ge⸗ bracht wurde— das bleibt ausgenommen.“ 29* 45² Gläſer und Pfeifen wurden gebracht, friſches heißes Waſſer aufgeſtellt, und das Punſchbrauen begann; ſobald aber die Thüre wieder zu war, dachte Smeaton, er könne ebenſo gut ſogleich mit dem Zwecke ſeines Beſuches heraus⸗ rücken. „Das Zehentſchwein ſoll Euch allerdings vorbehalten bleiben,“ begann er,„denn ich hoffe im Stande zu ſeyn, Euer Ehrwürden Schweinevorrath eher zu vermehren als zu vermindern.“ „So ſo, in der That!“ rief der Paſtor, eine Zitrone mit einer Klamme auspreſſend.„Ich glaube, ich weiß ſchon, wo Ihr hinaus wollt. Heute Morgen vom Fuhr⸗ mann hörte ich all' die ſauberen Nachrichten— wie ſie in Northumberland aufgeſtanden ſind, in Schottland den Kö⸗ nig proklamirt haben und all' das Uebrige. Nun meinet⸗ halben; ich gehöre nicht zu den Kombattanten; aber mein Gebet ſoll der König haben, und Smith hier kann Euch ſagen, daß ich meine Gemeinde mit guten Lehren berichtet habe. Da iſt nicht Einer unter ihnen, der nicht bei ſeinem Bier, oder wenn er von der anderen Seite der Hügel kommt, bei ſeinem Cider ſagte: tes lebe der über dem Waſſer!“ „Ei nein, mein hochzuverehrender Freund, Ihr ſeyd hier im Irrthum,“ erwiederte Smeaton.„Mein Geſchäft iſt ein ganz perſönliches. Ich wünſchte, daß Ihr die Trauungsceremonie an mir und einer jungen Dame voll⸗ zöget.“ „Das will ich, mein Junge, das will ich,“ rief der Pfarrer hocherfreut.„Das iſt diejenige Funktion, die ich 45³3 am liebſten verrichte, denn es gibt im Eingang immer et⸗ was Luſtiges zu ſagen und am Ende jedesmal was Gutes zu eſſen.“ „Ich fürchte, in dieſem Falle machet Ihr die Rechnung ohne den Wirth,“ bemerkte Smeaton ernſthaft;„denn es wird kein Hochzeitsfeſt abgeben.“ „Thut nichts, thut nichts!“ entgegnete der Pfarrer. „Es bleibt immer ein gewiſſer Spaß bei der Ehe. Ich will Euch ſo feſt zuſammenkoppeln, daß Ihr nicht ſo bald aus⸗ einander kommen ſollt. Gebt mir die Namen; dann will ich gleich nächſten Sonntag das Aufgebot verkünden.“ „Wir wollen nicht, daß ein Aufgebot ſtattfinde,“ er⸗ klärte Smeaton. „Beſſer und immer beſſer!“ ſchrie Paſtor Thickett. „Dazu müßt Ihr eine Licenz haben, und das gibt eine Tarxe in meine Taſche.“ „So ſeyd Ihr geiſtlicher Bevollmächtigter?“ fragte ſein Gefährte.„Das würde eine große Schwierigkeit be⸗ ſeitigen.“ „Nein, nicht gerade Bevollmächtigter,“ erwiederte der Andere, ſein Punſchbrauen aufſteckend, da das Geſpräch immer mehr Intereſſe für ihn gewann.„Ich bin ein Be⸗ ſonderer', das heißt, junger Herr, ich habe hier unter dem Dekanat und Kapitel von Ereter eine beſondere kirchliche Jurisdiktion. Ich kann Licenzen bewilligen und Teſtamente dem Kanon gemäß prüfen, denn laßt Euch ſagen, ich bin ebenſo gut Doktor der Rechte wie der Theologie.— Nun Gott ſey für Alles das gedankt!“ fuhr er fort;„das iſt das 454 erſte Mal, daß ich als Beſonderer' aufzutreten habe— wenigſtens zu meinem eigenen Profit.“ Die Geiſtesſtimmung, in der er ſich befand, ſchien für Smeatons Abſichten beſonders günſtig; als ihm aber der junge Edelmann mit einiger Vorſicht erklärte, was ſein ei⸗ gentlicher Zweck ſey, da ſah der würdige Pfarrherr doch ziem⸗ lich erſchrocken aus. Sir John Newarks Name wurde zwar nicht erwähnt; allein er gelangte irgendwie doch zu dem Schluſſe, daß Emmeline die betreffende Dame ſeyn müſſe, und Smeaton widerſprach ihm nicht. Er wackelte ſehr be⸗ denklich mit dem Kopfe, drehte ſeine fetten Daumen einige Minuten lang um einander und ſchüttelte dann den Kopf abermals. Van Nooſt kam übrigens als Reſerve, indem er mit Recht annahm, daß der erſte Eindruck der Furcht unter dem Einfluſſe des Glaſes ſchon verſchwinden würde. „Kommt, Paſtor,“ rief er;„denkt auch ein Bischen an den Punſch— er wird ja kalt.“ „So iſt's, bei'm Jupiter!“ rief der Pfarrer, den Punſch ausſchopfend.„Da nehmt ein Glas, Sir. Er wird uns Beiden den Muth aufrecht erhalten, denn das iſt eine ſchlimme Affaire.“ „Keineswegs,“ erwiederte Smeaton lachend.„Es iſt ganz recht und in Ordnung. Geheimhaltung verlangen wir nur deßhalb, um die Einmiſchung von Perſonen zu ver⸗ hindern, welche kein Recht ſich einzumengen haben.“ „Aber Sir John Newark iſt doch ihr Vormund?“ be⸗ merkte der Pfarrer, ſeinen Punſch verſuchend. 455 „O nein,“ erwiederte der junge Edelmann;„er iſt ebenſo wenig ihr Vormund wie Ihr?“ „Ihr müßt jedenfalls die Einwilligung eines Vor⸗ munds haben,“ ſagte Pfarrer Thickett;„das weiß ich, weil ich ihr Geburtsregiſter hier habe“— indem er auf eine große Schublade in einer Ecke des Zimmers deutete. „In der That!“ rief Smeaton.„Wollt Ihr die Güte haben, mir eine Abſchrift davon zu geben? Ich glaubte, Sir John Newark behalte die Regiſter zu Ale, und wolle ſie Euch nicht ausliefern.“ „Der?“ erwiederte ſein ehrwürdiger Geſellſchafter. „Den Henker kümmere ich mich um Sir John Newark! Der knickerige Hund hat mich ſeit drei Jahren nicht zu Tiſche geladen und ſucht mich überdies an meinen Gebühren zu verkürzen. Er will keine Zehenten von Münze und Küm⸗ mel bezahlen— denkt Euch nur! Als ich daher das letzte Mal mit den Regiſtern zu ſchaffen hatte, nahm ich ſie mit. Er hatte ſie damals vier Jahre gehabt, und das war um vier Jahre zu viel. Ihr ſollt eine Abſchrift haben; es wird ihm zwar nicht lieb ſeyn, und wenn ich Euch kopulire, ſo wird es eine grauenhafte Exploſion geben.“ Er ſchloß ſeine Rede mit einem tüchtigen Schluck Punſch, und Smeaton bemerkte: „Ich hoffe, in dieſem Falle wird es kein ⸗Wenn ge⸗ ben, mein guter Sir. Ihr verſpracht, wenn ich Euch Eu⸗ ren Willen thue, wollet Ihr mir auch den meinigen laſſen.“ „Das that ich freilich, das that ich,“ rief der Prieſter mit poſſirlichem Lachen;„aber bei meinem Leben! Ihr 456 müßt mir noch mehr ſagen: erſtlich davon, daß ſie nicht voll⸗ jährig iſt. Das iſt der Teufel! da Ihr nicht die Einwilli⸗ gung eines Vormundes für Euch habt.“ „Ei, da irrt Ihr Euch, mein ehrenwerther Freund,“ verſetzte Smeaton.„Habt die Güte, dieſes Blatt durch⸗ zuleſeu.“ Bei dieſen Worten legte er in die Hand des Geiſtlichen ein Blatt Papier, auf welchem in ſchöner, kecker Handſchrift zwei bis drei Zeilen geſchrieben ſtanden. .„Ha! was iſt das?“ rief der Geiſtliche.„So iſt Die⸗ ſer ihr geſetzlicher Vormund— nicht?“ „Ich bin bereit, es zu beſchwören,“ erklärte Smeaton, „und unſer guter Freund hier, den Ihr kennt, wird be⸗ zeugen—“ „O ich will Alles bezeugen, was Ihr wollt,“ fiel Van Nooſt ein, ſeinen Punſch austrinkend und das leere Glas hinhaltend.„Da, Pfarrer, ſchenkt wieder ein und macht keine weiteren Einwürfe: Ihr ſeyd ja ein ſo trefflicher Geiſtlicher. Ihr wißt, Ihr werdet am Ende doch nachge⸗ ben; wir wollen ſchon Mittel finden, Euch zu erweichen.“ „Geſetzt aber, ich gebe nicht nach?“ fragte Doktor Thickett mit einem Blicke auf Smeaton.„Was wollt Ihr dann thun?“ „Dann bleibt mir nur eine Wahl,“ erwiederte Smea⸗ ton ernſthaft.„Wenn Ihr Euch weigert, ſo gehe ich nach Ale zurück und nehme, durch dieſes Papier hiezu bevoll⸗ mächtigt, wie Ihr geſehen habt, die Dame noch heute Nacht, ſobald der Mond aufgeht, mit mir nach Frankreich.“ 457 „Wie!— unvermählt?“ rief der Prieſter mit wohlan⸗ genommenem Blicke des Schreckens.„Das darf nicht ſeyn — das darf nicht ſeyn. Ich muß Cuch trauen, bei'm Ju⸗ piter! um Skandal zu vermeiden.“ „Allerdings,“ verſetzte Smeaton lächelnd.„Das iſt auch in Wirklichkeit meine Abſicht. Wir können uns trauen laſſen, ſobald wir Nancy erreichen; aber ich denke, es wäre in jeder Hinſicht beſſer, wenn die Ceremonie vor unſerem Aufbruche vollzogen würde.“ „O gewiß, gewiß,“ beſtätigte Doktor Thickett.„Laßt mich noch einmal nach dieſem Papiere ſehen; ich muß mich nothwendig überzeugen, wie die Sache ſteht.“ Den Punſch von ſich wegſchiebend, prüfte er das Pa⸗ pier ſorgfältig und ſagte endlich, die Augen aufſchlagend: „Ihr ſeyd alſo der Earl von Eskdale?“ „Kein Anderer— das kann ich Euch verſichern,“ ſtimmte Van Nooſt ein;„und da wir aus einem Teig nicht mehrere Menſchen kneten können, wie wir Statuen modelli⸗ ren, ſo will ich dafür ſtehen, daß keine Kopie von ihm eriſtirt.“ Der Prieſter erwog übrigens in tiefen Gedanken den Inhalt des Papiers. „Hier iſt nicht geradezu geſagt, Ihr ſollet ſie heira⸗ then,“ bemerkte er endlich;„da aber das junge Fräulein angewieſen wird, in vollem Vertrauen zu Eurem ehren⸗ haften, unbeſcholtenen Charakter, Alles, was Ihr ſie heißt, zu thun, ſo müſſen wir wohl annehmen, daß auch jene Ein⸗ willigung darunter verſtanden iſt.— Wohlan, das wäͤre 458 abgemacht. Jetzt fragt ſich's nur noch: wie wollen wir's einrichten? Um Sir John Newark kümmere ich mich gar nichts; nur glaube ich, Ihr werdet es ſchwer finden, mit ihm fertig zu werden. Wie wollt Ihr ſie in der Stunde zwiſchen acht und zwölf Uhr aus dem Herrenhauſe und hier herauf in die Kirche ſchmuggeln?“ „Ich fürchte, daß die Kirche nicht der Ort ſeyn darf,“ erwiederte Smeaton;„und auch die Stunde wird wohl eine andere ſeyn müſſen.“ „Aber, mein guter Lord, mein guter Lord,“ rief Pfar⸗ rer Thickett—„der Canon! Ihr vergeßt den Canon— Canon hundert und vier. Ich würde beſtraft und Ihr würdet beſtraft nach der Akte über heimliche Heirathen.“ „Welche gleichwohl jeden Tag ſtattfinden,“ ſetzte Smea⸗ lon bei. „Ja, ja, von Heckenprieſtern, von Maifairpfarrern und Fleetpredigern, aber nicht von einem wirklichen Doc- tor Theologiae. Bedenkt nur, ich könnte auf ſechs Mo⸗ nate von meinem Amte ſuſpendirt werden, und ich bin nicht einmal ſicher, ob ſie nicht auch meine Einkünfte an⸗ rühren würden. Was das Amt betrifft— der Henker ſoll's holen! ich mach' mir nicht viel daraus. Ich wünſche mir ſchon lange einen Ausflug nach London, und das würde mir einen Feiertag dazu geben.“ „Sagt einmal, wie hoch mag ſich Euer Verluſt in Geld belaufen, falls Ihr ſuſpendirt würdet?“ fragte Smeaton. „Hm, nahezu auf fünfzig gute Pfund,“ erwiederte der Paſtor;„und das heißt eine große Summe riskiren.“ 459 „Allerdings,“ verſetzte der junge Edelmann;„aber es gibt ein Mittel, um Euch gegen ſolches Riſiko zu ſichern, mein ehrwürdiger Freund. Setzt einmal den Fall, daß ich Euch, ſobald Ihr die Trauungsceremonie beendigt habt, dieſes kleine Röllchen von hundert goldenen Guineen mit dem Wappen der verſtorbenen Königin in die Hand drückte — dann wäret Ihr doch wohl ſicher? Ueberdies braucht die Heirath hier zu Lande nicht ſogleich publicirt zu werden, und wenn dieß auch wäre, ſo glaube ich, daß Niemand als der geſetzliche Vormund der Dame eine Anklage wider Euch verfolgen könnte.“ „Das ändert die Sache weſentlich,“ ſagte Thickett mit äußerſt komiſchem Augenzwinkern.„Ich denke, da muß ich nachgeben.“ „Gut,“ erwiederte Smeaton.„Ich ſehe, wir verſte⸗ hen uns. Ihr kennt vielleicht nicht alle Privilegien Eurer beſonderen Jurisdiktion; aber unter allen Umſtänden müßt Ihr in einem Falle wie dieſer, nachdem die einzige wirk⸗ liche und weſentliche Schwierigkeit— die Einwilligung von Seiten des Vormunds der Dame— beſeitigt iſt, jeden an⸗ deren techniſchen Einwurf, der vermuthlich gar nie beachtet wird, mit guter Miene verſchlucken.“ 3 „Ach Mylord, Ihr habt ſo ein gewinnendes Weſen an Euch,“ lächelte Doktor Thickett;„aber Ihr habt noch keinen Tropfen von Eurem Punſche getrunken.“ Und mit reſignirtem Seufzer füllte er ſich ein weiteres Glas bis zum Rande. Die weiteren Anordnungen waren bald beendigt. Es 460 wurde ausgemacht, daß der würdige Doktor in der folgenden Nacht faſt um dieſelbe Stunde in das Dorf Ale hinabwan⸗ dern und ſich dort ganz zu Smeatons Verfügung ſtellen ſollte. Emmelinens Geburtsſchein wurde ſodann vorge⸗ ſucht und abgeſchrieben, und nachdem ihn Smeaton für ſeine kleine Mühe reichlich belohnt hatte, trat er mit Van Nooſt den Rückweg nach Ale an. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Wichtige Geſchäfte kamen in ganzen Maſſen über die Behörden der weſtlichen Grafſchaften von England, denn obwohl die Parteien ſich ziemlich ausglichen und die promp⸗ ten, kräftigen, wohlberechneten Maßregeln der Whigs— wenn ſie zuweilen auch etwas unkonſtitutionell waren— die Tories oder Jakobiten einſchüchterten und einen offenen Aus⸗ bruch niederhielten, ſo hatte man doch poſitive Nachrichten von einer Unzahl kleinerer und vereinzelter Komplotte, welche nur Zeit und Gelegenheit bedurften, um ſich zu vereinigen und gemeinſam zu operiren, wenn auch die Anzeichen einer völlig organiſirten und weit verbreiteten Verſchwörung noch nicht vorlagen. Exeter ſelbſt war nur wenig berührt; aber faſt in allen andern Theilen von Devonſhire, in Dorſetſhite, Somerſetſhire und Glouceſterſhire wurden nächtliche Zu⸗ ſammenkünfte gehalten, an denen einige der einflußreichſten Perſonen der Grafſchaft Theil nahmen, und die ſehr geringe 461 zu Exeter einquartierte Truppenmaſſe war für den in den be⸗ nachbarten Landestheilen ihnen zufallenden Dienſt, völlig unzureichend. Die Ankunft des Kapitäns Smallpiece und der nicht ſonderlich genaue Bericht, den er von dem Ueberfalle ſeiner Abtheilung und der Befreiung der Gefangenen erſtattete— erzeugte bei den lärmenderen und heftigeren unter den Ma⸗ giſtratsperſonen einen Ausbruch des Zorns und der Enttäu⸗ ſchung, während ſogar die klugeren nicht wenig beunruhigt wurden. Man ſprach von nichts Anderem als wie man eine größere Truppenmaſſe zum Durchſtreifen des Landes und zur Wiederbeifahung des jungen Earls von Eskdale und ſeines Begleiters ausſenden müſſe; auch wurden Proklama⸗ tionen vorgeſchlagen, welche für ſeine Gefangennehmung einen hohen Lohn ausſetzten. Noch zu guter Zeit gewannen jedoch die Rathſchläge der Klügeren die Oberhand. Sie ſtellten ihren Kollegen vor, daß die Truppen in verſchiedenen anderen Richtungen vollauf zu thun hätten, daß durch die Entſendung einer großen Truppenmaſſe in den vergleichungsweiſe abgelegenen und dürftig bevölkerten Diſtrikt in der Nachbarſchaft von Ale und Keanton die wichtigeren Theile der Grafſchaft den Bewegungen der Mißvergnügten offen gelaſſen und manche Verräther, deren man ſich gerne verſichern möchte, den Hän⸗ den der Juſtiz entrinnen würden, während die Detaſchirung einer kleinen Truppenmacht nur eine Colliſion mit dem ab⸗ geneigten Landvolk, das ſich vermuthlich bei den erſten Zei⸗ chen entſchiedener Feindſeligkeit in großen Maſſen wider ſie 46² anſammeln würde— hervorrufen müßte. Kapitän Small⸗ piece hatte auf das Beſtimmteſte behauptet, daß die Her⸗ berge von vierzig bis fünfzig Männern überfallen worden, und obgleich er vor Begierde brannte, an ihnen Rache zu nehmen, ſo verlangte er doch eine wirkſame Streitmacht um ſich zu haben, und legte deshalb großen Nachdruck auf die Wahrſcheinlichkeit, daß die Zahl ſeiner Gegner ſich ver⸗ mehren würde. General C—— machte darauf aufmerkſam, daß wohl einige Uebertreibung mit unterlaufen möchte; aber er ſtellte den eifrigſten unter den Richtern gleichwohl vor, daß es beſſer wäre, die Gährung in dieſem Diſtrikte ſich legen zu laſſen und die Rebellion ohne Blutvergießen in der Wiege zu erſticken, indem man alle verdächtigen Perſonen von Ein⸗ fluß, deren man ſich leicht und raſch bemächtigen könne, un⸗ verzüglich einſtecke. „Nehmt mein Wort darauf,“ ſagte er,„wenn dieſe armen, verleiteten Burſche finden, daß Niemand da iſt, der ſie führt oder unterſtützt, ſo werden ſie ihre gewohnten Be⸗ ſchäftigungen wieder aufnehmen, und dann können die An⸗ führer eingezogen und beſtraft werden, wenn man es für nöthig erachtet. Der junge Earl wird unterdeſſen entweder ſelbſt kommen und ſeine Unterwerfung anbieten oder ſich abermals über die See flüchten, und Letzteres wäre gar nicht ſo übel. Ihr müßt bedenken, ihr Herren, daß Ihr auf eine Angabe, deren Werth Ihr ſelbſt am beſten kennt, ziemlich ſcharf gegen ihn verfahren ſeyd; wenn auch die Re⸗ gierung für noͤthig hielt, ſich aller verdächtigen Perſonen zu 463 verſichern, um ſie am Unheilſtiften zu verhindern, ſo wün⸗ ſchen Seine Majeſtät oder deren Miniſter keineswegs, die Kerker mit Gefangenen vollzuſtopfen, oder Leute, welche nicht wirklich mit den Waffen in der Hand ergriffen werden, als Verräther zu behandeln.“ Dieſe letzten Worte, welche als Vorwurf genommen wurden, erzeugten nicht wenig Mißvergnügen, und ein är⸗ gerlicher Geiſt des Widerſtrebens machte ſich fühlbar. Keiner von den Friedensrichtern wollte ſich jedoch in die eigentli⸗ chen Bewegungen der Truppen einmiſchen; aber ſie beſtan⸗ den auf einer Proklamation, welche für die Beifahung des Earls von Eskdale eine Belohnung ausſetzte, und eine Nach⸗ richt, welche im Laufe dieſes Abends nach Ereter gelangte, bewirkte, daß die Herren ſich mächtig viel auf ihren Scharf⸗ blick zu gut thaten. Es waren nämlich vier Männer je zwei und zwei in jeder Richtung ausgeſchickt worden, um die Proklamation an die Thüren der Wohnhäuſer und Pachthöfe anzukleben, und ſie hatten von ihrer Tour auf dem Lande die Nachricht mitgebracht, daß ein fremder Bote gegen Ermouth gezogen und auf dem Hofe der Blackland's eingeſprochen habe, wo er ſich beſonders darnach erkundigte, ob der Earl von Esk⸗ dale zu Keanton ſey, und ſich dann den Weg nach Ale Ma⸗ nor weiſen ließ, ohne jedoch dieſe Richtung einzuſchlagen. Dieſe Botſchaft war kaum zu Exeter angelangt, als von Ermouth die Nachricht eintraf, daß dieſer fremde Bote in der Stadt erſchienen ſey, mit verſchiedenen mißvergnügten Perſonen Verkehr gepflogen, daß er ſein durch harte An⸗ 464 ſtrengungen ganz zu Schanden gerittenes Pferd verkauft und ein anderes dafür eingehandelt habe, mit welchem er über die Dünen gegen Dorſetſhire aufgebrochen ſey. Bei'm Anhören dieſer Botſchaft nahm General C—— eine Priſe Schnupftabak und bemerkte kaltblütig: „Dann werden wir vermuthlich bald ein Mehreres hören. Er wird nicht uneingefangen nach Colyford ge⸗ langen.“ So leicht auch der alte General die Sache zu nehmen ſchien, ſo betrachtete er doch die Reiſe dieſes Boten nicht für ſo ganz unwichtig. Die Perſonen und die Orte, die er be⸗ ſuchte, bewieſen hinlänglich den Zweck ſeines Kommens, und es ließ ſich mit Recht annehmen, daß ſich durch ſeine Arreti⸗ rung vielfache Auskunft über die Geſinnungen und Abſichten zahlreicher Perſonen erlangen ließe. Der alte Offizier blieb ſo ruhig wie früher, war aber ſehr thätig. Er wußte und begriff recht gut, daß die Arretirung eines einzelnen Frem⸗ den, eines bloſen Ueberbringers von Briefen und Botſchaf⸗ ten, eine ganz andere und viel leichtere Aufgabe ſey, als die Gefangennehmung eines Edelmannes inmitten einer Pächterſchaft, welche eine feudale— faſt möͤchte ich ſagen elanhafte— Anhänglichkeit an ſein Haus hegte. Noch am ſelben Abend ſah man zahlreiche Kuriere, be⸗ waffnet aber in Civilkleidung, von Ereter aufbrechen. Dieſe Maßregel blieb nicht ohne Erfolg. Der Fremde wurde von einem der Ausgeſendeten auf der Grenze von Dorſetſhire betroffen. Es war ein handfeſter Burſche und wohlbewaffnet, und der Kurier redete ihn ruhig an. Der 465 Fremde zeigte ſich jedoch ſehr wenig geſprächig und äußerſt begierig, jeder Geſellſchaft los zu werden; allein der Andere folgte ihm auf der Ferſe und verließ ihn nicht mehr bis es ihm gelang, fremden Beiſtand zu ſeiner Arretirung zu er⸗ langen. Er wurde dann ſogleich abgefaßt und nach Ereter transportirt, wo man bei'm Nachſuchen eine große Anzahl Briefe bei ihm fand, viele in gar wohlbekannter Handſchrift und alle mit der gleichlautenden Adreſſe: An den im Na⸗ men Seiner Majeſtät kommandirenden Obergeneral.'’ Sie wurden ſämmtlich ohne Umſtände erbrochen und geleſen, und der Mann ſelbſt einem langen Verhöre unterworfen, das noch weit mehr enthüllte und all die zweideutigen Ausdrücke in den verſchiedenen Schreiben deutlicher machte. Das Verfahren der Behörden zu Ereter nahm nun eine ganz andere Richtung: man ließ Perſonen entwiſchen oder nach Belieben handeln, deren Feſtſetzung früher als Hauptzweck betrachtet worden, wogegen wider Individuen, welche ſeither vernachläſſigt oder unverdächtigt geblieben— unverzügliche Maßregeln ergriffen wurden. Truppen wur⸗ den von den verſchiedenſten Seiten herbeigerufen und in den entgegengeſetzteſten Richtungen entſendet, und viele von den guten Kannegießern der Hauptſtadt, als ſie dieſe Manöver erfuhren, deren Urſachen ſie nicht verſtanden, tadelten auf's Strengſte das ſchwankende Benehmen der Bevölkerung von Creter, und prophezeiten einen allgemeinen Aufſtand im Weſten.. Für ein langweiliges Kapitel iſt das vorliegende groß genug. Die Folgen all' dieſer Maßnahmen werden ſpäter James, Henry Smegton, 30 466 deutlich werden, und wir wollen uns unterdeſſen zu Dingen von perſönlicherem Intereſſe wenden. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Das lange Thal zwiſchen dem Hafen von Ale und Aleton gerade herauf blies ein heftiger Sturmwind; die Nacht war finſter und wolkig; der Himmel wenn nicht fort⸗ während mit ſchwarzen Dünſten bedeckt, war doch ſo häufig von ihnen verhüllt, daß man nur auf kurze Augenblicke ei⸗ nen Stern durchſchimmern ſah. Weiter und immer weiter eilten die Wolken in wirren Maſſen über das Firmament, gleich den Gedanken der Menſchenbruſt in Augenblicken plötzlicher Beſtürzung. Ein handfeſter Mann, innerlich und äußerlich wohl verwahrt, kämpfte ſtandhaft gegen den Sturm, während er das Thal herabſchritt. Vielerlei Hinderniſſe waren ihm heute vorbehalten: ſeine Halsbinde wurde ihm beinahe vom Leibe geriſſen; ſeine langen ſchwarzen Gewänder flatterten gleich Flaggen im Winde, und mehr als einmal wurde ihm ſein Dreiſpitz vom Kopfe geblaſen und vom Sturmwind auf der Straße dahin getragen. Nachdem er ihn endlich zum dritten Male mit ziemlich ungeiſtlichem Fluche einge⸗ fangen hatte, band er ihn mit ſeinem Taſchentuche am Kopfe feſt, und verfolgte ſeinen Weg mit größerer Sicherheit. 5r fühlte ſich freilich oft halb erdroſſelt; aber er brauchte ih 1 467 nicht wie früher durch das beſtändige Nachjagen nach ſeinem Hute die Entfernung doppelt zurückzulegen. Puſtend und keuchend und manchen Fluch über diejenigen ausſtoßend, die ihn in einer ſolchen Nacht zu einer ſolchen Reiſe veranlaßt hatten, ſetzte er ſeinen Weg fort, einzig durch den Gedanken an jene hundert Guineen als Lohn für all' ſeine Mühe auf⸗ recht erhalten. Etwa eine Meile von Aleton begegnete er auf der Straße einem Manne, der ihn zu kennen ſchien, denn er ſagte:„gute Nacht, Herr Pfarrer,“ und ging weiter; am Eingange des Dorfes kam ihm jedoch unſer guter Freund Van Nooſt entgegen, der ihm zuflüſterte: „Iſt das nicht eine Unglücksnacht?“ „Ja, beim Jupiter!“ gab Paſtor Thickett zur Ant⸗ wort.„Ich möchte wiſſen, was die Leute nur denken mö⸗ gen, um ſolche Nächte zu ihrer Trauung zu wählen.“ „Wer in einer ſolchen Nacht auf die See geht, muß noch weniger denken,“ meinte Van Nooſt.„Um die ganze Welt möchte ich das nicht: lieber bliebe ich am Ufer und ließe mir den Kopf abſchneiden.“ Der Paſtor lachte blos, und bald ſtanden ſie vor Gray⸗ lings Thüre, welche ſich bereitwillig vor ihnen öffnete. Der Doktor war für ſeinen langen Spaziergang in dieſer ſtür⸗ miſchen Nacht leicht getröſtet, denn in Graylings Hütte wartete ſeiner ein reichliches Mahl, und Smeaton trug Sorge, daß es ihm an nichts fehlte. Der alte Fiſcher ſelbſt war in ziemlich brummiger, verdrießlicher Laune und trat mehr als einmal vor die Thüre, wo er mehrere Minuten 30* 468 wartete und dann zurückkehrte. Der arme Van Nooſt ſaß neben dem Herd, die Augen feſt auf die Flamme gerichtet und unfähig, ſogar durch gebrannte Waſſer ſich zu ermun⸗ tern. Von Zeit zu Zeit ſpitzte er ſein Ohr und lauſchte, wenn die Bleifenſter der Hütte bei dem Sturme, der den Strom heraufbrach, raſſelten und bebten. Er war zwar ge⸗ gen die Kinder ſo freundlich und gutmüthig wie immer; aber es geſchah offenbar nur mit einer peinlichen Anſtren⸗ gung, daß ſich der kleine Statuarius zwang, dieſelben zu beachten. Auch Smeaton war ernſt und nachdenklich. Der Ge⸗ danke, Emmelinen in einer ſolchen Nacht der Wuth des auf⸗ geregten Oceans in einem offenen Boote auszuſetzen, war ihm unerträglich. Wäre er allein geweſen, und hätte er einen beſonderen Zweck gehabt, ſo hätte er ſich keinen Au⸗ genblick beſonnen; allein wir empfinden häufig Beſorgniſſe für Andere, die wir für uns ſelbſt nicht kennen, und ſelbſt wenn er Emmelinen vor dem kalten Winde und der ſprühen⸗ den Springfluth hätte bergen können, ſo mochte er nicht daran denken, ein ihm ſo koſtbares Leben auf dieſer ſtürmi⸗ ſchen See gefährden zu wollen. Aber der weitere Gedanke, ihre Abreiſe auch nur um wenige Stunden zu verſchieben⸗ war ihm nicht weniger bedrückend, denn er wußte recht wohl, wie Vieles zwiſchen dem Becher und den Lippen ſich ein⸗ ſchleichen kann. Er hatte eine Art ängſtlicher Ahnung vor morgen, und er hoffte und wollte ſich halb überreden, daß der Wind mit dem Vorrücken der Nacht nachlaſſen werde. Gegen 10 Uhr kehrte jedoch der alte Grayling nach 469 kurzer Abweſenheit zurück und brachte ſeinen Neffen und einen andern Mann mit. „Hilft Alles nichts, Mylord,“ ſagte der jüngere Gray⸗ ling.„Die Bay geht mit jeder Minute höher, und es ſieht da drüben im Weſten ſo trüb aus, daß vor morgen Mittag keine Ausſicht zum Nachlaſſen vorhanden iſt. Heute Nacht aufzubrechen, iſt rein unmöglich. Wir könnten wohl ein Boot zur Bay hinausbringen; aber es würde jenſeits von Alehead keine fünf Minuten am Leben bleiben. Ich habe noch ſelten eine ſolche See wie jetzt am Cobſtone her⸗ einſtürzen ſehen; denn ſeht, Mylord, der Wind weht aus Südſüdweſt—“ Doch Smeaton unterbrach ihn mit den Worten: „Ich will Eurem Rathe folgen, mein guter Freund. Eine Erklärung hilft nichts; ich würde Euch doch nicht ver⸗ ſtehen. An meinem eigenen Leben liegt mir nichts; wo aber Andere betheiligt ſind, da muß ich vorſichtig ſeyn.“ „Auch wir machen uns nicht viel aus unſerem Leben, Mylord,“ erklärte der Fiſcher;„aber ich glaube, Ihr wür⸗ det wohl ſchwerlich einen von uns dazu bringen, heute Nacht mit Euch aufzubrechen, beſonders wenn eine Lady in dem Boote mitfahren ſoll.“ „Dann werd' ich vermuthlich morgen herabkommen ſollen?“ flüſterte Paſtor Thickett dem jungen Edelmanne zu, neben welchem er ſaß. „Nein, nein, mein ehrwürdiger Freund,“ erwiederte Smeaton.„Euer Amt kann im Orkane ebenſo gut wie im ruhigſten Wetter vollzogen werden, und in wenigen 470 Minuten wollen wir nach dem Orte aufbrechen, wo Euer Beiſtand nöthig ſeyn wird. Wir müſſen nur erſt die Hütte ſäubern und Nachricht haben, daß Alles ſicher iſt.“ „Ja, ja,“ verſetzte der Pfarrer.„Verſichert Euch deſſen.“ Nachdem der jüngere Grayling einige Minuten mit ſeinem Oheim geſprochen, entfernte er ſich wieder mit ſei⸗ nem Begleiter, und bald darauf wurden die Kinder zu Bett geſchickt. Smeaton ſchaute ängſtlich auf ſeine Uhr und dann auf die Thüre, indem er ſagte: „Ich glaube, jetzt kommt mein Diener.“ Aber er täuſchte ſich, denn es langte nur ein Mann an, der für Smeaton ein Ueberbringer ſchlimmer Botſchaften war. Der neue Ankömmling war ein derber Bauersmann von der beſſern Klaſſe, der ſich umſchaute, dem alten Gray⸗ ling und deſſen Weibe, die er Onkel und Tante nannte, die Hand ſchüttelte, und dann den Hut abnehmend dem jungen Edelmanne ſich näherte und ihm ein Schreiben überreichte. „Dieſes, Mylord, iſt von meinem Vetter, dem Pachter Thompſon,“ ſagte er.„Ich nahm es auf mich, es herüber zu bringen, denn wir haben entdeckt, daß man einigen un⸗ ſerer Leute nicht trauen darf.“ Smeaton brach den Brief auf und las deſſen Inhalt mit geſpanntem und nicht wenig aufgeregtem Blicke. „Was ſoll das Alles bereuten?“ rief er endlich.„Ich kann es nicht begreifen.“ „Ja,'s iſt Alles wahr, Mylord,“ verſetzte der junge Mann, ſich flüſternd zu ihm neigend.„Ich ſah es und las 471 es ſelbſt, auf die Mauern von Keanton geheftet: auf Eurer Lordſchaft Kopf iſt ein Preis geſetzt, darüber das königliche Wappen und Gott ſegne den König! am Schluſſe. Es hat die guten Männer unter uns ganz toll gemacht.“ „Das iſt es nicht, wovon ich überhaupt ſßreche, mein guter Freund,“ erwiederte Smeaton.„Die hier erwähnte Proklamation ließ ſich vielleicht erwarten, obwohl ich ſagen muß, daß ich ein ſolches Verfahren nach den Verſicherun⸗ gen, die mir ertheilt wurden, keineswegs zu rechtfertigen finde. Was ich jedoch meine, ſind dieſe letzten Worte.“ Und das Papier an's Licht haltend, las er: „Eurer Lordſchaft Befehle gemäß habe ich die Päch⸗— terſchaft ſondirt und finde faſt alle Männer unter Vierzig bereit, Euch in allen Dingen zu gehorchen. Einige dar⸗ unter ſind zwar unbewaffnet; aber etwa zwanzig ſind voll⸗ ſtändig gerüſtet und parat, auf die kürzeſte Weiſung zu Pferde zu ſteigen, ſobald Eure Lordſchaft anlangt. Die Uebrigen können Euch in ein paar Tagen je zwei und zwei nachfolgen, ſobald die Waffen von Ermouth anlangen.“ Hier hielt er im Leſen inne und ſchaute dem jungen Manne in's Geſicht, als ob er eine Erklärung fordere. „Nun, Mylord,“ verſetzte dieſer;„ich verſtehe Euch nicht.“ „Und ich kann dieſe Botſchaft nicht begreifen,“ erklärte Smeaton.„Ich ſchickte keine Befehle, um die Pächter zu ſondiren oder Mannſchaft auszuheben.“ 472 „Solche Befehle kamen allerdings, Mylord, nicht durch Euren eigenen Diener, ſondern durch eine Perſon, welche ganz genau mit Euch bekannt ſchien,“ verſetzte der junge Mann. „Das iſt ein ſchändlicher Betrug,“ ſagte Smeaton nachdenklich.„Jedenfalls bleibt hier und erfriſcht Euch ein wenig, mein guter Freund, während ich einen Brief an Euren Vetter ſchreibe. Sagt ihm, ich laſſe ihm für ſeinen Eifer danken; aber meinen Gedanken ſtehe nichts ferner, als eine Erhebung oder Bewaffnung der Pächterſchaft zu autoriſiren. Ich hoffe übrigens, dies Alles iſt ſo vorſichtig geſchehen, daß Ihr nicht die Aufmerkſamkeit der Behörden auf Euch gelenkt habt.“— „Wir Alle kamen auf dem Raſen vor dem Hofthore zu Pferde zuſammen,“ erklärte der junge Mann lachend und die Achſeln zuckend;„ich wüßte jedoch nicht, daß uns Jemand geſehen hätte.“ Smeaton überlegte ernſthaft und erwiederte ſodann: „Wenn mir's möglich iſt, ſo will ich morgen vor Ta⸗ gesanbruch hinüberreiten.— Halt, ich will ſchreiben.“ Somit eilte er in ſein Zimmer hinauf und ſchrieb ei⸗ nige Worte in demſelben Sinne, wie er ſie vorhin geäußert hatte. Bei'm Herabkommen fand er den jungen Mann zum Aufbruche bereit. Auch Paſtor Thickett zeigte ſich unge⸗ duldig, um in ſeine eigene Wohnung zurückzukehren, denn es war jetzt eilf Uhr vorüber, und mit einem langen win⸗ digen Spaziergange vor ſich kam ihm jeder weitere Auf⸗ ſchub höchſt unerwünſcht. Smeaton ſehnte ſich offenbar 473 ebenſo ſehr nach dem Aufbruch; aber noch mußte eine Vier⸗ telſtunde verſtreichen, bis Higham endlich zum Vorſchein kam. Mit ſeinem ſpaßigen, boshaften Blicke trat er in die Hütte, vermuthlich Niemand als den alten Fiſcher in dem unteren Zimmer erwartend; ſobald er jedoch ſeinen Lord gewahr wurde, ſagte er reſpektvoll: „Sie ſind Alle zu Bett gegangen, Mylord, und wer⸗ den wohl bald behaglich eingedost ſeyn, denn Sir John und die Hälfte ſeiner Diener ſind heute ſcharf geritten und die Uebrigen haben tüchtig getrunken, was ſo ziemlich auf daſ⸗ ſelbe herauskommt.“ „Wohlan, mein ehrenwerther Freund,“ ſagte Smea⸗ ton ſich erhebend,„wir wollen gehen, wenn's Euch gefällig iſt. Van Nooſt, Ihr müßt mitkommen. Higham, Du gehſt auf zwei Schritte bis zu der Stelle voraus, wo der kleine Pfad die Fahrſtraße nach dem Hauſe verläßt. Dort machſt Du Halt und überzeugſt Dich, daß Niemand jenen Weg herabkommt, ohne daß Du uns auf irgend eine Weiſe benachrichtigſt.“ „Verſtehe ſchon,“ meinte der Burſche.„Brumme, zanke, plärre, pfeife, ſchreie oder thue ſonſt etwas! Ich verſtehe— ich will's ſchon einrichten, Mylord!“ Mit dieſen Worten verließ er die Hütte, und Smeaton mit dem ehrenwerthen Doktor folgte. Der junge Edelmann führte ſeinen Begleiter zwiſchen den beiden nächſten Hütten durch und bat Van Nooſt, ein Stückchen voranzugehen. „Ich habe noch eine Frage an Euch zu richten, Doktor 474 Thickett,“ begann er dann leiſe,„nämlich die Trauung, die Ihr zu vollziehen im Begriffe ſtehet, wird trotz des Mangels einiger unbedeutender Förmlichkeiten eine ächte vollſtändige Trauung ſeyn— nicht wahr?“ „Vollkommen, vollkommen,“ verſicherte der Geiſtliche. „Sie können mich ſuſpendiren, aber Eure Ehe können ſie nicht auflöſen. Nach dem Statut über heimliche Trauung können ſie Euch beſtrafen; aber die Heirath können ſie nicht unwirkſam machen. Die Heirath kommt mir vor wie eine derbe Tracht Prügel; wer ſie einmal auf dem Buckel hat, kann ſie nicht wieder abſchütteln.“ „Und nun, mein guter Freund,“ fuhr Smeaton nach einer Pauſe fort,„müßt Ihr mir, glaub' ich, erlauben, Euch ein Tuch über die Augen zu binden.“ „Pah, pah! wozu ſoll das?“ rief der Doktor lachend. „Ich weiß ebenſo gut wie Ihr, wohin Ihr mich führt. Ich wäre nicht ſo ruhig mitgegangen, wenn ich geglaubt hätte, daß Ihr mich anders als durch ein Hinterpförtchen in des Löwen Höhle führtet. Das Prieſterzimmer und deſſen Ein⸗ und Ausgang iſt ſeit jenen puritaniſchen Zeiten, wo mancher ehrliche Geiſtliche genöthigt wurde, ſich vor dem Genfer⸗ käppchen, vor Schwert und Bandolier zu flüchten, als Tra⸗ dition im Pfarrhauſe bekannt geweſen. Früher lag immer ein Schlüſſel in der Kirche oben; aber mein Vorgänger war thöricht genug, ihn an Sir John abzuliefern. Wie Ihr hinter die Sache kamt, kann ich freilich nicht entdecken.“ Smeaton hielt nicht für nöthig, es ihm zu erklären, ſondern führte den Pfarrer weiter und traf Van Nooſt an dem Brunnen vor der geöffneten Thüre. Doktor Thickett wurde nicht ohne Mühe über das Waſſer gehoben, und nach⸗ dem die Thüre wieder verſchloſſen war, wurde Licht gemacht und eine Lampe angezündet. „Jetzt tretet vorſichtig auf,“ ſagte Smeaton, mit dem Lichte in der Hand vorangehend. Das Prieſterzimmer war noch leer als ſie eintraten, und den erhaltenen Verſprechungen vertrauend, mochte der junge Edelmann ſich nicht weiter wagen. „Ich glaube, das iſt früher eine Kapelle geweſen,“ bemerkte Doktor Thickett, ſich rings im Zimmer umſchauend. „In den Kirchenbüchern iſt eine Notiz darüber enthalten. Hier muß der Kommuniontiſch geſtanden haben,“ fuhr er fort, nach der einen Seite deutend. Smeaton hob den Finger in die Höhe, um Stillſchwei⸗ gen zu gebieten, und einige Minuten ſpäter vernahm man einen leiſen Ton an dem fernen Ende des Zimmers, da wo es an das nächſte anſtieß. Vorſichtig und ſo geräuſchlos wie möglich wurde das Staatsbett in dem anderen Ge⸗ mache zurückgeſchoben und die dahinter verborgene Thüre ging auf. Aller Augen waren nach jener Seite gerichtet, und in der Bruſt eines Jeden pochte einige Aufregung, wenn nicht gar Furchtſamkeit. Das Licht ſchimmerte auf die Geſtalt der alten Haushälterin, welche mit Emmelinen an der Hand ruhig näher kam. Das arme Mädchen zitterte heftig, mehr vor Erſchütterung als Angſt, und ihr Geſicht war ſehr bleich; aber Smeaton trat alsbald auf ſie zu und nahm ſie 476 bei der Hand, indem er ihr einige zärtliche Worte zuflüſterte, welche die warme Röthe alsbald in ihre Wangen zurückrief und ihre Blicke ſogleich auf ſein Antlitz zog. Sobald ſie ſich im Zimmer befanden, war Mrs. Cul⸗ pepper ſtehen geblieben, und ängſtlich zu ihrem Pflegeſohn aufſchauend, flüſterte ſie: „Welch grauenvolle Nacht iſt heute, Mylord! Alles ſteht bereit; aber—“ „Es iſt ganz unmöglich,“ fiel Smeaton ein,„dieſes theure Mädchen in ſolchem Sturme der See auszuſetzen; da jedoch dieſer würdige Geiſtliche hierher gekommen iſt, um die Trauung zu vollziehen, ſo wird die Ceremonie beſſer heute Nacht ſtattfinden, und ich hoffe, daß ſich der Wind vor morgen gelegt haben wird. Was meinſt Du, theuerſte Emmeline?“ „O gewiß,“ erwiederte dieſe.„Ich werde mich viel glücklicher— viel ſicherer in Allem, was ich thue und was ich mit Recht thue— fühlen, wenn ich Dein Weib bin. Ueberdies könnten ſich ja neue Schwierigkeiten erheben.“ „Ihr habt Recht, theures junges Fräulein, Ihr habt Recht,“ ſagte Mrs. Culpepper.„Iſt er einmal mit Euch verheirathet, ſo hat er ein Recht, Euch zu ſich zu fordern, wo er Eunch auch finden mag, ein Recht, Euch gegen jede Unbill, die man Euch zufügen möchte, zu beſchützen. Ueber⸗ dieß iſt er verbunden, um Euretwillen ſich fortan in Acht zu nehmen.“ Der junge Edelmann richtete einen lächelnden, glück⸗ 477 lichen Blick auf ſeine ſchöne Braut und führte ſie dann vor Doktor Thickett, neben welchem Van Nooſt ſtand. Der derbe Prieſter hätte gerne etwas Spaßhaftes ge⸗ ſagt; allein Emmelinens ſchüchterner Blick und Smeatons würdevolle Haltung drängten ihm das Wort im Munde zu⸗ rück, und er begnügte ſich mit der Frage: „Dies Alles geſchieht mit Eurer Einwilligung und reiflicher Ueberlegung, Miß Emmeline?“ „Vollkommen,“ erwiederte ſie, ohne ihre Augen zu dem Geiſtlichen aufzuſchlagen, den ſie ganz wohl kannte, aber nicht recht leiden konnte. „Wohlan, ſo haben wir nichts zu thun als anzufan⸗ gen,“ bemerkte Doktor Thickett, und ſein Buch aufſchlagend, las er die ganze Trauungslithurgie von Anfang bis zu Ende, ohne ihnen ein Wort zu erſparen. Als er fertig war, fuhr er fort: „Das wäre denn abgethan und feſtgebunden. Sie können dieſen Knoten nicht mehr löſen, ſo viel ſie auch daran zerren mögen.“ „Gott ſey Dank!“ rief Smeaton, Emmelinens Hand in der ſeinigen drückend.„Aber wir müſſen Jedes ein Cer⸗ tifikat haben, daß dieſer theure Knoten geſchlungen iſt, Doktor Thickett.“ „Ich will es einregiſtriren, ſobald ich nach Hauſe komme,“ erklärte der Prieſter.„Ich konnte das ſchwere große Buch nicht mit mir ſchleppen.“ „Natürlich,“ beſtätigte der junge Earl;„wir wollen aber Jedes ein Certifikat von Eurer Hand und von den 478 anweſenden Zeugen unterſchrieben, daß die Trauung ſtatt⸗ gefunden hat. Van Nooſt, Ihr habt ein Dintenfaß bei Euch— nicht wahr?“ „Alles bereit, Alles bereit,“ rief Van Nooſt.„Hier iſt Dinte, Feder, Papier und ein Tiſch: ſo ſchreibt denn drauf los, Doktor.“ „Auch recht. Ich kam zwar um zu leſen und nicht um zu ſchreiben; aber ich kann auch dieſes verrichten,“ meinte der Pfarrer, ſich an den Tiſch ſetzend und mit breiter, ſchnör⸗ keliger Hand ſein Dokument aufſetzend.„Hier, Mylord, dieſes iſt für Euch; das, Mylady, iſt das Eure. Und nun — dies iſt nach unvordenklichen Privilegien meine erſte Taxe und Belohnung,“ fuhr ev fort, ſeine großen Lippen auf Emmelinens Wange preſſend. Sie ſchauderte zurück, unfähig ihren Widerwillen zu bekämpfen; aber er lachte blos, und zu Smeaton ſich wen⸗ dend, empfing er von ihm den vollen Lohn, der ihm ver⸗ ſprochen worden. „Und nun will ich lieber nach Hauſe gehen,“ ſagte er laut.„Meine Rolle in der Sache iſt zu Ende.“ .„Zeigt ihm den Weg, Van Nooſt,“ bat Smeaton. „Ich will Euch ſehr bald in Graylings Hütte treffen.“ Der Statuarius gehorchte bereitwillig und führte den fetten Pfarrer von dannen, indem er ihm mit Mrs. Cul⸗ peppers Licht leuchtete. Emmeline hatte ſich ſehr ſtandhaft gehalten; ſie hatte klar und deutlich geantwortet, als ſie die unwiderruflichen Gelübde auf ſich nahm, welche ſie an den Geliebten knüpftenz 479 man darf aber nicht glauben, daß ſie nicht tiefe Erſchütterung fühlte. Jede zitternde Regung hatte ſie empfunden; jede weit ausgeſponnene Gedankenverbindung hatte ſich ihr dar⸗ geſtellt; alle Hoffnungen, alle Aengſte, alle heiteren Träume, alle düſteren Ahnungen, Alles, was Wirklichkeit und Phan⸗ taſie ihr in dem Augenblicke vormalte, da ſich ein junges und unſchuldiges Herz dem Einen, dem es Vertrauen und Liebe geſchenkt hatte, verlobte— war ihr in jenen we⸗ nigen kurzen Minuten durch Kopf und Herz gezogen. Aber ſie hatte ſich aufrecht erhalten; ſie hatte nach dem erſten Eintritte in's Zimmer ganz ruhig geſchienen. Liebe und feſte Entſchloſſenheit hatten ihr die Kraft verliehen, um jede Aufregung zu überwinden, bis das Wort geſprochen, das Gelübde gethan und ſie für immer die Seinige war. Dann freilich kamen die gemiſchten Regungen zumal über ſie mit dem überwältigenden Gefühle, daß die große Veränderung vollzogen ſey, daß ſie nicht mehr ſich ſelbſt, ſondern ihm ge⸗ höre, daß ihr Schickſal nicht länger ein einſames ſey, ſon⸗ dern daß ſie mit ihm, den ſie liebte, ein's geworden, und hätte ſich ſein Arm nicht um ſie geſchlungen, ſo wäre ſie da, wo ſie ſtand, zu Boden geſunken. Die alte Haushälterin verließ ſte, um auf dem Gange zu horchen, obgleich ſie keine Störung fürchtete. Emmeli⸗ nen und ihrem jungen Gatten kam die Pauſe nur wie ein Augenblick vor, obwohl eine volle Stunde verſtrichen war, als die Alte mit ängſtlicher, verſtörter Miene zurückkehrte. „Ich höre Pferdegetrappel, Mylord,“ ſagte ſie.„Raſch, macht Euch davon! Ich weiß nicht, was es ſeyn mag;z aber 480 es iſt jedenfalls auffallend bei dieſer Stunde der Nacht. Bald wird man auf ſeyn, denn die Töne kommen von der Straße zunächſt dem Hauſe. Raſch, Mylord, raſch! auf und davon!“ „Horch, horch!“ rief Emmeline,„ich höre lautes, zor⸗ niges Reden. O Henry, geh' um's Himmels willen, geh'!“ Ein kurzer Moment des Nachdenkens— noch eine Um⸗ armung— und Smeaton war fort. Emmelinefolgte der alten Haushälterin aus dem Zimmer, und der geheime Eingang wurde ſo geräuſchlos wie möglich verſchloſſen. Das ſchöne Mädchen, die Braut, die Gattin zog ſich auf ihr einſames Zimmer zurück, während der Liebhaber und Gemahl den Weg nach ſeinem Zufluchtsorte einſchlug. Wann werden ſie ſich wieder begegnen? Wer kann dies jemals ſagen, wenn er ſich bei'm Scheiden dieſe Frage vorlegt? Achtundzwanzigſtes Kapitel. Dieſe Nacht ſollte kein Schlummer die Augen des jungen Earls von Eskdale heimſuchen. Er zog ſeinen Weg durch die Gänge nach der ſteinernen Thüre neben dem Brun⸗ nen, öffnete dieſe ſorgfältig und ſchaute ſich um. Niemand war zu ſehen, und die Töne, durch die ſie eben beunruhigt worden, waren verſtummt. Die Thüre verſchließend, eilte er nach Graylings Hütte zurück, ſetzte ſich zu dem alten Manne, der noch beim Fe 481 auf war und fragte, ob er einen Lärm gehört habe. Allein jene Töne waren nicht bis in's Dorf herabgedrungen, und nachdem ſie eine halbe Stunde gewartet, ging der alte Mann hinaus, um Nachrichten einzuziehen. Als er wieder zurückkehrte, brachte er den Diener Tho⸗ mas Higham mit ſich, deſſen Erklärung in ſo weit befriedi⸗ gend lautete, als ſie Smeaton bewies oder ihn wenigſtens glauben machte, daß für jetzt keine neue Gefahr zu fürchten ſey. Die lauten Worte, welche der Liebhaber und ſeine ſchoͤne Braut vernommen hatten, waren zwiſchen dem Diener und einem Boten aus Exeter gewechſelt und durch Higham ſelbſt hervorgerufen worden, weil dieſer ſeinem Herrn zeitige War⸗ nung davon geben wollte, daß der Haushalt wahrſcheinlich bald aufgeſtöbert werden würde. „Ihr ſeht, Mylord, die Sache iſt die,“ ſagte er:„Sir John ritt heute Morgen einen guten Theil des Wegs nach Ereter, wohin er, wie ich glaube, in Euren Angelegenheiten berufen worden war. Er wollte aber nicht den ganzen Weg machen, weil er verlangt hatte, man ſolle ihm die Verſiche⸗ rung entgegenſchicken, daß ſein Haus während ſeiner Ab⸗ weſenheit nicht in Beſitz genommen würde. Er traf jedoch auf keinen Boten; der Burſche ſagt, er ſey aufgehalten worden und habe nicht vor Nacht kommen können. Ich moͤchte be⸗ haupten, daß er ſich betrank und die ganze Sache vergaß; ich fing jedoch Streit mit ihm an, um Euch bei Zeiten zu benachrichtigen.“ „Es war alſo blos der Bote, mit dem Du geſprochen 2 ℳ James. Henry Smeaton. 31 482 erkundigte ſich Smeaton.„Weißt Du, welche Antwort er Sir John überbrachte?“ „O ja,“ gab Higham zur Antwort.„In ſeinem Zorne brachte ich's aus ihm heraus. Er ſagte, wir ſeyen Alle gleich unverſchämt, Sir John und ſeine Diener(er hielt mich nämlich für einen derſelben), und die Behörden zu Erxeter wollten Niemand eine ſolche Zuſicherung erthei⸗ len, bis Sir John ſein Benehmen aufgeklärt habe.“ „Iſt er fort?“ forſchte ſein Gebieter. „Ja wohl, Mylord,“ verſetzte Higham.„Ich hielt mich im Walde verborgen, bis ich ihn zurückreiten hörte, und dann wollte ich eben hierher kommen, als ich auf den alten Stockfiſch hier ſtieß.“. „Dann will ich ſogleich nach Keanton aufbrechen,“ meinte Smeaton,„wenn Du mir Dein Pferd aus dem Stalle herbeibringen kannſt.“ „Ja, es iſt aber nur das Packpferd, Mylord, zwar ſtark wie ein Löwe, aber auch langſam wie ein Bär,“ ver⸗ ſetzte Higham. Dorfes und bleibe dort, bis ich zurückkomme, damit ſie glauben, Du reiteſt es ſelber.“ Der Diener eilte davon; das Noß war bald herbeige⸗ bracht und gegen zwei Uhr Morgens war Smeaton unter⸗ wegs nach Keanton. Bei ſeiner Ankunft fand er zwar die meiſten Leute in „Thut nichts,“ meinte ſein Herr.„Es würde zu lange anſtehen, um eines der anderen vom Pachthofe herbei⸗ zuholen. Führe es ſo raſch wie möglich an das Ende des 483 dem Dörſchen im Schlafe; aber zwei bis drei der vornehm⸗ ſten Pächter hatten ſich in Thompſons Hauſe verſammelt, um ſeine Ankunft abzuwarten. Er wurde mit tiefſtem Re⸗ ſpekte empfangen; aber gleichwohl gewahrte er an den Männern einen düſteren, mißvergnügten Ausdruck, der ihm einen Schlüſſel zu ihren Gefühlen in die Hand gab. Sie ſagten, die Botſchaft, die ſie in ſeinem Namen empfangen hätten, habe ſie ſo vollſtändig irre geführt, daß alle Anſtal⸗ ten zum Ergreifen der Waffen ohne viele Verſtellung oder Geheimhaltung getroffen worden ſeyen. 1 „Wenn wir noch länger zögern, Mylord,“ erklärte kühn einer der Männer,„ſo werden Die zu Exeter, welche ihre Spione unter uns haben, nicht ermangeln, wenn wir's am wenigſten erwarten, über uns herzufallen, und dann transportirt man uns alleſammt in's Gefängniß. Niemand zweifelte, Mylord, daß der Befehl von Euch komme, denn das Einzige, was uns überraſchte, war, daß Ihr ihn nicht ſchon längſt gegeben hattet. Wir ſind Alle bereit, unter dem Kommando Eurer Lordſchaft unſer Blut für unſern rechten König zu vergießen, wie Euer guter Vater ſtets bei der Hand war, das Schwert in einer gerechten Sache zu ziehen; aber wir möchten nicht gerne den Reſt unſeres Le⸗ bens im Kerker zubringen, ohne einen Schlag zu thun, mag er nun recht oder unrecht ſeyn.“ Smeaton ärgerte ſich nicht wenig, denn er hatte keine Zeit, um lange Erklärungen über ſeine Beweggründe zu geben oder den würdigen Mannern umher zu beweiſen, wie hoffnungslos die Bahn war, die ſie zu verfolgen geneigt 31* 484 ſchienen. Er ſagte ihnen jedoch kurz und deutlich, daß er der von der jakobitiſchen Partei ſo oft wiederholten Verſiche⸗ rung, die Mehrheit des engliſchen Volkes ſehne ſich nach— der Rückkehr der Stuarts, nicht den geringſten Glauben ſchenke. Er habe ſich ſelbſt überzeugt, wie er ſagte, daß dieſes nicht der Fall war, und er ſetzte noch bei, was ſie ſehr zu überraſchen ſchien, daß das Volk allenthalben bei Ver⸗ gebung der Krone auch ein Wort drein zu reden habe. Wir müſſen uns erinnern, daß das göttliche Recht der Könige in jener Zeit nur ſelten bezweifelt wurde, daß da, wo es wie hier in England nicht allein bezweifelt, ſondern ſogar bei Seite geſetzt war— die neue Lehre von den Volksrechten nur bei einer Partei Eingang gefunden, und daß dieſe Partei ſich in ſofern ſelbſt zweifelhaft über ihre Stellung gezeigt hatte, daß ſie ein Mitglied derſelben Fa⸗ milie, deren Haupt ſie zurückwies, zum Herrſcher wählte. Die Leute, mit denen es Smeaton zu thun hatte, wa⸗ ren unter ſeinen Vorfahren im Glauben an dieſes göttliche Recht, das ihnen von Kindheit an faſt wie ein Theil ihrer Religion eingeprägt war, auferzogen worden, und man darf ſich daher nicht wundern, wenn ſie über die Maßen erſtaun⸗ ten, als ſie ihren jungen Lord Lehren verkündigen hörten, die ihnen kaum anders denn verrätheriſch vorkamen. Sit konnten übrigens ſeine Beweisgründe weit beſſer verſtehen, als er ihnen zu erklären fortfuhr, daß die Ausſichten für das Gelingen eines Aufſtandes ſogar im Norden von Groß⸗ britannien zur Zeit noch ausnehmend gering ſeyen, und daß keinerlei Möglichkeit vorliege, daß eine Empoͤrung im Weſten 485 von England auch nur einen einzigen Tag überdaure. Er zeigte ihnen, daß aus den Nachrichten, die ſie ſelber be⸗ ſaßen, deutlich hervorging, wie überall die vornehmſten Häupter der jakobitiſchen Partei in Devonſhire und Somer⸗ ſetſhire auf Befehl der Regierung feſtgeſetzt worden waren, und wie keine hinlängliche Streitmacht ausgehoben werden konnte, um den Truppen, welche gegen den Prätendenten zu fechten bereit waren, Widerſtand zu leiſten. „Ja, Mylord,“ erwiederte der Pächter, welcher zuvor geſprochen;„aber wir könnten unſeren Weg quer durch das Land nehmen, um unſeren Freunden im Norden zu helfen, und das werde ich wenigſtens thun, nachdem ich mich nun einmal entſchloſſen habe.“ Der Mann ſprach in feſtem, halsſtarrigem Tone, und mehrere der Anweſenden ſchienen ſehr geneigt, ſeinem Bei⸗ ſpiele zu folgen, obwohl ſie nur wenig ſprachen. So verſtrich die Zeit in einſtündiger, fruchtloſer Bera⸗ thung, und der junge Edelmann mußte an die Rückkehr in ſeinen Zufluchtsort denken. Er konnte deßhalb ſeine Umge⸗ bung blos bitten, ehe ſie einen Entſchluß ausführten, der ſie in Gefahren ſtürzen könne, welche ſie noch nicht gehörig er⸗ wogen hätten, ſich wohl und reiflich zu beſinnen. Mit dieſem Rathe verließ er ſie, und wie dies bei ſol⸗ chen Gelegenheiten gewöhnlich geht, ſo wurde ſein Beneh⸗ men der Gegenſtand vielſeitigen Tadels, ſobald er fort war. Die Einen nannten ihn wankelmüthig, Andere unter den Hitzköpfen thaten gar als ob ſie an ſeinem Muthe zwei⸗ felten, und wieder Andere wußten ſich nicht zu erklären, f 3 4 486 was nur an ihm ſeyn möge, bis Einer in ſcherzender Weiſe auf das hübſche Fräulein zu Ale Manor als der wahrſchein⸗ lichen Urſache ſeines Zoͤgerns und Widerſtrebens hindeutete. Wie gewöhnlich, ſobald ſich eine wahrſcheinliche Löſung für eine ſchwierige Frage darbietet, griff Jeder den hier ausge⸗ ſprochenen Gedanken auf; die arme Emmeline wurde als eine Art Cleopatra betrachtet, welche ihren Mark Anton in Liebesnetzen gefangen hielt, und die guten Pächter über⸗ legten ſchon ernſthaft, ob es kein Mittel gebe, um ihren jungen Lord gewaltſam aus dieſer Verſtrickung zu befreien. Smeaton ritt unterdeſſen nach Ale zurück; aber wie dies immer paſſirt, wenn Eile nöthig wird, ſo trat auch ihm mehr als ein Hinderniß in den Weg. Der Sturm hatte zwar etwas nachgelaſſen, wehte aber immer noch heftig, und des jungen Edelmannes Roß ſchnaufte und keuchte den Hi⸗ gel hinan, als ob ſeine Lungen ungeſund wären. Dieſer Umſtand allein hätte jedoch höchſtens eine Viertelſtunde Aufenthalt verurſacht, wenn nicht bald darauf ein weit be⸗ denklicheres Hinderniß eingetreten wäre. Das Thier verlor nämlich ein Eiſen; an ein Erſetzen war im Augenblicke nicht zu denken, und es war unmöglich, auch nur mit einiger Eile mit ihm weiter zu kommen. Aergerlich und verdießlich ſetzte der junge Edelmann gleichwohl ſeinen Weg fort, obgleich der Tag herandäm⸗ merte und die Sonne aufging, während er noch volle ſeche Meilen vom Dorfe Ale entfernt war. Zwei Wege lagen vor ihm: entweder kühn darauf loszureiten und ein Zuſammen⸗ treffen mit den Leuten, denen er auszuweichen wünſchte, 3u 487 riskiren, oder ſich bis zum Einbruche der Nacht in einer von den Schluchten zu verbergen und bei den Hirten und Schä⸗ fern, welche ihr Vieh auf den Dünen waideten, in die Koſt zu gehen. Allein ein Gefühl der Raſtloſigkeit war über ihn ge⸗ kommen, nicht allein in Folge der eben ſtattgehabten Unter⸗ redung, ſondern auch im Bewußtſeyn der mannigfachen Gefahren ſeiner Stellung und der ſchwierigen Lage, in der er ſich befand, und er hatte ſchon beſchloſſen, um jeden Preis vorzudringen, als er einen Menſchen zu Fuß bemerkte, der ihn offenbar von dem Gipfel eines der benachbarten Hügel beobachtete. Sobald der Mann des unten Reitenden an⸗ ſichtig wurde, rannte er ſo raſch wie möglich auf ihn zu. Der junge Earl ſchloß daraus, man wolle ihn von der Straße nach Ale abſchneiden. „Mit Einem wenigſtens kann ich es aufnehmen,“ dachte er, und trieb ſein Pferd raſcher voran, obgleich dieſes jetzt ſehr lahm ging. Allein der auf dem Hügel rannte ſehr ſchnell und kam ihm bei einer Biegung ſeines Pfades zuvor, als Smeaton zu ſeiner Ueberraſchung Geſicht und Geſtalt ſeines Dieners Higham erkannte, der die Hand empor hielt, um ihn vor weiterem Vordringen zu warnen, und ihn erſuchte, um kei⸗ nen Preis weiter zu reiten. „Ihr könnt nicht in's Dorf, Mylord,“ bemerkte er, „als indem Ihr am Herrenhauſe vorüber kommt, und die⸗ ſes iſt in dem Beſitze der Soldaten von Erxeter. Sie haben Sir John heute Morgen aus dem Bette geholt und wollen 488 ihn als Gefangenen nach Exeter fortführen. Er ſpricht in hohem Tone, ſieht aber ſehr deprimirt aus, und ſo hielt ich für's Beſte, davon zu laufen, um Euch zu benachrichtigen und mich ſelbſt außer Gefahr zu bringen.“ „Sir John Newark!“ rief Smeaton in äußerſtem Er⸗ ſtaunen, denn der Charakter des Ritters war ihm in keiner Weiſe ein Geheimniß, trotz all der Mühe, welche Newark ſich gegeben, um ſeine wirklichen Plane und Abſichten zu verſtecken.„Biſt Du auch gewiß, Higham, daß ich nicht das eigentliche Ziel der Nachforſchung bin, und daß Sir John nur deßhalb arretirt wurde, weil er mich ſo lange in ſeinem Hauſe verſteckt hielt? Oder ſoll er gar als eine Art Geiſel für meine Aufſpürung gelten?“ „Gott bewahre, Mylord!“ erwiederte Higham.„Sir John Newark iſt eingeſalzen wegen Sir John Newark's eigenen Thaten. Er hat ſeit vielen langen Jahren mit je⸗ der Regierung kokettirt und Komödie geſpielt und ſich ein koſtbares Vermögen dadurch erworben— ſo ſagen wenig⸗ ſtens die Leute hier zu Lande. Er hat Die in London glau⸗ ben gemacht, er ſey in Devonſhire viel mächtiger als er wirklich iſt, und wenn er dann etwas wollte, ſo ſtellte er ſich, als ob er zu der anderen Partei überginge, und erhielt jedesmal, was er verlangte. Wenn er zum Beiſpiel nach Keanton dürſtete und in den Whigs die Sieger des Tages vorausſähe, würde er gern den Hochkirchlichen ſpielen und vorgeben, als ob er mit Eurer Lordſchaft komplottire, nur um Cuch zu verrathen und ſich für das Aufgeben dieſer Ab: ſicht beſtechen zu laſſen. Aber ſolche Leute werden am Ende ——— 489 auch abgefangen. Er kann ein ſolches Spiel nicht durch⸗ ſpielen, ohne manchmal einen Mißgriff zu begehen, und die hieſigen Behörden ſind verzweifelt ſcharf. Ich war im Hauſe, als die Soldaten anlangten, und es verlautete unter ihnen, Sir John ſey angeklagt wegen eines bei einem Boten auf⸗ gefundenen Briefes, worin er etwas zu weit gegangen war. Eure Lordſchaft meint, ſie hätten nach Euch geſucht?— Sie fragten gar nicht nach Euch, und obwohl ſie das Haus ganz ruhig in Beſitz nahmen, ſo waren ſie doch zu klug, um im Dorfe eine Nachſuchung anzuſtellen. Sie wären bald genug hinausgeprügelt worden. Sie verlangten blos nach Sir John, und ihn haben ſie gefangen und in den Sack geſteckt. Nichtsdeſtoweniger halte ich für beſſer, wenn Ihr ihnen aus dem Wege bleibet, bis ſie fort ſind und ihren Gefangenen mitgenommen haben, denn es iſt ſehr wahrſchein⸗ lich, daß ſie Euch gleichfalls einſtecken würden, wenn ſie Euch fänden. Sobald ſie fort ſind, habt Ihr gewonnen Spiel in der Hand, denn zu Ale verhindert Euch dann Nie⸗ mand, zu thun, was Euch beliebt, und ich kann vom Gipfel von Alehead beobachten, wenn ſie die Straße hin⸗ aufziehen.“ Highams Worte klangen Smeaton wie die Stimme der Hoffnung und verſprachen ihm heitere Ausſichten, die ſich erreichen oder auch nicht erreichen ließen; wenn jedoch früher ein Zweifel bei ihm obgewaltet, ob er weiter gehen ſolle oder nicht, ſo war dieſer mit einemmale gelöst. Seinen Weg nach Ale fortſetzen zu wollen, ſo lange ſich die Sol⸗ daten im Herrenhauſe aufhielten, wäre Wahnſinn geweſen, 490 und er beſchloß deßhalb, ſogleich ſich etwas in die Schluchten zurückzuziehen und ſeinen Diener auf die Höhe oberhalb Alehead hinaufzuſchicken, von wo ein beträchtlicher Theil der Straße ſichtbar war, welche die Soldaten einzuſchlagen hatten. Er ſuchte ſich demnach einen Punkt, von wo er ſeinen Diener im Auge behalten konnte, während dieſer die Straße bewachte, und mit ſeinem Herrn eine Reihe von Telegraphen⸗ ſignalen ausmachte, um dem Earl ſeine Wahrnehmungen von der Höhe mitzutheilen, ohne daß dieſer hinaufzuſteigen brauchte. Allein der Mann hatte noch keine zehn Minuten auf dem höchſten Punkte der Küſte geſtanden, als er ſeinen rechten Arm in der Richtung der Ereterſtraße ausſtreckend anzeigte, daß die Militäreskorte mit ihrem Gefangenen auf⸗ gebrochen ſey. Der junge Edelmann wartete einige Minuten, bis ſie ihnen ganz aus dem Geſichte wären, und ritt dann ſachte auf dem weichen Raſen weiter, weil dieſer für den unbeſchla⸗ genen Huf ſeines Pferdes am zweckmäßigſten war. Kaum hatte er jedoch ſeine Stelle geändert, als Higham abermals herabeilte und ihn benachrichtigte, daß er lieber noch ein Bischen warten möge, denn die Mehrzahl der Soldaten ſen allerdings verſchwunden, aber zwei derſelben befänden ſich noch weit im Rücken der Truppe und könnten die Uebrigen im Augenblicke zurückrufen. „Sir John iſt entſchloſſen, ſich's recht bequem zu ma⸗ chen,“ bemerkte Higham,„denn er hat ſeine große ſechs⸗ ſpännige Kutſche mit einem berittenen Diener an jedem 491 Rade vorführen laſſen. Sie ſieht wahrhaftig gerade ſo aus, wie die Lordmajors Kutſche und geht ebenſo langſam; aber ſte wird jedenfalls ſeinen Zweck erfüllen und es ihm immer⸗ hin behaglich machen, während ſeine Wächter dadurch auf⸗ gehalten werden.“ „Glaubſt Du denn, daß er auf Flucht ſinnt?“ fragte der junge Earl. „Dem mag ſeyn wie ihm will, Mylord,“ erwiederte Higham.„Wenn er übrigens hofft, daß irgend Jemand ihm helfen werde, ſo irrt er ſich gewaltig, denn die Fiſchers⸗ leute rühren keinen Finger für ihn, und das Bauernvolk liebt ihn ebenſo wenig, ſo viel ich erfahren kann. Er iſt ein ſauer⸗ töpfiſcher, hochmüthiger Burſche und wird nicht viele Freunde in der Welt finden; er denkt aber vielleicht durch einen Kunſt⸗ griff zu entrinnen, und wenn er dann zu des Prinzen Armee ſtͤßt, ſo wäre dies der erſte feſte Entſchluß, den er jemals in ſeinem Leben faßte— aber das wird er nicht thun. Er wird am Ende feſt an der regierenden Gewalt halten, dar⸗ auf könnt Ihr Euch verlaſſen, denn Sir John iſt ſein eigener Souverän, und Niemand verfährt deſpotiſcher mit ihm, als ſein eigenes Intereſſe.“ Smeaton beſann ſich eine Weile und machte ſich dann langſam auf den Weg, ſeinen Diener eine Strecke voran⸗ ſchickend, um zu ſehen, ob die Umgegend geſäubert ſey. Kein Hinderniß bot ſich ihnen dar: die Kavalkade war verſchwunden; die Umgebung von Ale Manor war völlig einſam, und nicht einmal eine Heerde oder ein Taglöhner ließ ſich blicken. Da wo die Straße nach dem Herrenhauſe 49² in den Wald einbog, ſtieg der junge Earl vom Pferde und ging in das Dorf hinab, von wo der Lärm eines lauten Geſpräches den Hügel heraufdrang. Er fand den größeren Theil der Einwohnerſchaft— Männer, Weiber und ſogar Kinder— in einem der kleinen Gärten verſammelt, welche mit großen flachen Steinen ein⸗ gefaßt, hier und dort zwiſchen den Hütten lagen. Alles ſchien in einem Zuſtande großer Aufregung; aber es war offenbar nicht die Aufregung des Zorns, denn die Einen lachten, während die Andern in nichts weniger als traurigem Tone plauderten. Sobald die Außenſtehenden unter der Menge Smeaton herannahen ſahen, ſchwenkte ein vierſchrötiger Burſche den Hut und rief hurrah, und Glückwünſche regneten auf ihn von allen Seiten, während er unter ſie trat. „Ha, Mylord, wir waren einigermaßen in Angſt um Euch,“ ſagte der alte Grayling, ſeine Hand ohne Umſtände mit ſeiner großen breiten, harten Fauſt faſſend;„aber es dauerte nicht lange, denn wir ſandten Leute aus, um dafür zu ſorgen, daß ſie Eurer nicht habhaft würden.“ „Vielleicht weiß er nicht, daß die Soldaten hier ge⸗ weſen ſind, Onkel,“ meinte der jüngere Grayling. „Nein, nicht hier, Dick, nicht hier,“ entgegnete der ſtolze, alte Mann.„Sie wagten nicht, ihre Naſen hier hereinzuſtrecken, und wenn ſie auch fünfmal ſo ſtark geweſen wären. Im Hauſe oben mochten ſie thun, was ihnen be⸗ liebte— das ging uns nichts an. Aber ſie ſind jetzt fort — — 493 und haben einen langen Marſch nach Exeter, ſo daß für ei⸗ nen bis zwei Tage Alles ſicher iſt.“ „Dann kann ich vermuthlich ungenirt nach dem Herren⸗ hauſe gehen,“ bemerkte der junge Edelmann.„Ich wünſchte, das Nähere von dieſer ganzen Sache zu erfahren.“ „O ſicher genug,“ erwiederte der alte Mann mit be⸗ deutungsvollem Lachen;„ſicherer glaub' ich als da Ihr ganz nach Eurer Behaglichkeit daſelbſt wohntet, Mylord. Ein böſer Freund iſt ſchlimmer als ein böſer Feind.“ „Aber wollt Ihr nicht etwas zu eſſen haben, Sir?“ fragte dann Grayling.„Ich will Euch im Augenblick et⸗ was zubereiten.“ Smeaton dankte jedoch und wendete ſeine Schritte auf dem kürzeſten Pfade nach dem Herrenhauſe, indem er natür⸗ lich mit großer. Freude bedachte, daß Sir John Newarks Arretirung ihm viele Hinderniſſe aus dem Wege räumte. Bitter ſollte er getäuſcht werden, wie dies gar oft der Fall iſt, wenn wir unſere Hoffnungen ohne volle Kenntniß der Umſtände gewähren laſſen! Er fand in der Nähe des Hauſes Alles ſtill und ruhig; nur im Stalle hörte er im Näherkommen einige Diener zu⸗ ſammen plaudern, und ſein Auge ſchweifte nach den oberen Fenſtern, ob Emmeline nicht an einem derſelben ſtehe. Aber Niemand war zu ſehen, und er hob die Klinke der großen Thüre, um wie gewöhnlich einzutreten. Die Thüre war jedoch verſchloſſen und er mußte an der Glocke läuten und mehrere Minuten warten, bis er eingelaſſen wurde.. Der Diener, welcher endlich zum Vorſchein kam, war 494 einer von den jüngeren Leuten, und vielleicht nicht ohne Heuchelei eine bedauernde Miene annehmend, ſchickte er ſich eben an, den jungen Edelmann von dem traurigen Ereig⸗ niſſe, das kaum erſt ſtattgehabt, zu benachrichtigen, als Mrs. Culpepper ſelbſt in die Halle ſchlich und mit tiefem Knire ſagte: „Wenn Ihr in den Salon treten wollt, Mylord, will ich Euch Alles genau erzählen.“ Smeaton folgte ihr nicht ohne Aengſtlichkeit, denn auf ihrem Geſichte lag ein unheilverkündendes Düſter, wie er ſich nicht denken konnte, daß die bloſe Arretirung Sir John Newarks es ſo leicht veranlaſſen konnte. „Ihr habt gehört, was ſich zugetragen hat?“ begann ſie, ſobald die Thüre hinter ihr zufiel. „Daß Sir John Newark gefangen. genommen und nach Exeter gebracht wurde,“ erwiederte Smeaton. „Nach London— nach London,“ erwiederte Mrs. Culpepper.„Es heißt, er werde in Ereter nicht einmal verhört, ſondern ſogleich nach Newgate oder in den Tower geſchickt werden. Er hat lange doppeltes Spiel mit ihnen getrieben, und nun haben ſie bei einem Kurier einen Brief von ihm an den Earl von Mar gefunden, den ſie nach den Erläuterungen des Boten als vollſtändigen Hochverrath aus⸗ legen. Aber das iſt nicht das Schlimmſte an der Sache: er hat Lady Emmeline ganz gegen ihren Willen mitgenom⸗ men. Wir wußten nicht, was wir anfangen— ob wir ihre Vermählung geradezu geſtehen oder ſie noch geheim halten ſollten. Hätten wir geſagt, daß ſie mit Euch verheirathet 495 ſey, ſo hätten wir die Sache nur noch ſchlimmer gemacht; nun aber, muß ich bekennen, ſteht mir der Verſtand ſtill.“ Das war ein furchtbarer Schlag für Smeaton— ein Schlag, auf den er niemals gerechnet hatte, und jetzt erſt boten ſich ihm Schwierigkeiten von allen Seiten. Wollte er ſich ſo lange in dieſem Theile des Landes aufhalten, bis Nachrichten von London angelangt wären, ſo durfte er ſicher darauf zählen, arretirt und zu Exeter gefangen ge⸗ halten zu werden, während auf der anderen Seite die von den Fiſchersleuten empfangene Botſchaft ihm bewies, daß jede Straße zwiſchen Devonſhire und der Hauptſtadt ſtreng gehütet und bewacht war, ſo daß es ihm nahezu unmöglich ſchien, in dieſer Richtung unentdeckt weiter zu kommen. Gleichwohl ging ſein erſter Gedanke dahin, wenigſtens den Verſuch zu wagen, und die einzige Frage war die, wie es ſich mit Sicherheit thun laſſe. Er wußte kein Mittel zu erſinnen: aber die gute Mrs. Culpepper kam ihm mit einem Plane zu Hülfe, welcher ausführbar ſchien. „Die ganze Strecke zu Land zurückzulegen— dazu iſt keine Hoffnung,“ bemerkte ſie;„die Bootsleute werden Euch jedoch leicht hinausführen und an einem ruhigen Theil der Küſte in der Nähe von Abbotsbury oder Weymouth an's Land ſetzen, von wo Ihr unter einem anderen Namen leicht nach London gelangen könnt, und ich weiß nicht, ob London. nicht den beſten Verſteck im ganzen Lande abgäbe.“ Auch Smeatons Neigung führte ihn auf dieſen Weg. Die Hoffnung— die unauslöſchliche Hoffnung— regte ſich in ſeiner Bruſt und ſagte ihm, daß ſich in der Haupiſtadt 496 gar Vieles thun ließe, was er durch Briefe vergeblich ver⸗ ſuchen würde. Er dachte, er würde Lord Stair ſehen kön⸗ nen; auf ſeine Ehrenhaftigkeit, auf ſeine Großmuth wollte er ſich verlaſſen. Er wollte ihm ſein Benehmen erklären und jenem Edelmanne die Zuſicherungen zurückrufen, die er noch nicht gar lange von ihm erhalten hatte. War er erſt von den Gefahren befreit, welche ihn jetzt umringten, dann konnte er mit Sicherheit für ſich Emmeline, ſeine ſchöne Gattin, zurückfordern und die Kunſtgriffe offener Feinde und vorgeblicher Freunde gleichermaßen zu nichte machen. „Ich will ſogleich aufbrechen,“ erklärte er, nachdem er ſich nur wenige Minuten beſonnen hatte.„Euer Plan iſt der beſte, meine theure Nanny, und ich will keine Zeit mit deſſen Ausführung verlieren. Ich habe wenigſtens einen guten Freund zu London, der den Willen und die Macht be⸗ ſitzt, mir Gerechtigkeit erweiſen zu laſſen.“ „Nehmt erſt einige Erfriſchungen zu Euch, ehe Ihr weiter geht,“ bat die Haushälterin im Tone alter Zuneigung. „Ihr ſeyd von all' den ſchlimmen Nachrichten ganz blaß geworden und ſeht bekümmert und angegriffen aus.“ „Es iſt auch kein Wunder, Nanny,“ erwiederte der junge CEarl, ſeine Hand freundlich auf ihren Arm legend. „Wäre es auch nichts Anderes als der Verluſt meiner theu⸗ ren Emmeline, zehn Stunden nachdem ſie die meinige ge⸗ worden, ſo waͤre dies ſicherlich hinreichend, um mich zu be⸗ kümmern und aufzuregen. Ich bedarf jedoch keiner Er⸗ friſchung, und werde mich nicht eher zufrieden geben, als bis ich unterwegs bin.“ 497 „Ei nein, wartet noch ein Bischen,“ mahnte die alte Haushälterin.„Ich kann das Boot ſogleich beſtellen, während Ihr etwas Nahrung zu Euch nehmt, und überdies wird Richard gewiß ſehr gerne mit Euch gehen, ſobald er zurückkommt.“ „Iſt er nicht mit ſeinem Vater gegangen?“ rief Smea⸗ ton in großer Ueberraſchung. „O nein, Mylord,“ erzählte die Haushälterin.„Er war damals nicht hier. Er iſt ſeit heute Morgen fünf Uhr abweſend und zu einem ſeiner wilden Ausflüge ausgeritten. Wir Alle glaubten, er habe Euch zu Keanton aufſuchen wollen.“ „Ich bin ihm nicht begegnet,“ ſagte Smeaton;„ohne i i folgen wollen. Zwar uge mit mir geht.“ „Erzählt ihm lieber Alles, Mylord,“ bemerkte Mrs. Culpepper.„Ihr dürft Euch auf ſein Wort verlaſſen, wann er Geheimhaltung verſpricht, denn ſo verwirrt er jetzt auch iſt, ſo gab ihm Gott urſprünglich doch guten Verſtand und ein treffliches Herz. Horch! das muß ſein Pferd ſeyn. Ja, ja, er ruft nach einem Stallknecht. Er muß gehört haben, was vorgefallen iſt, denn das iſt nicht ſeine gewöhn⸗ liche Art zu ſprechen. Halt— ich will Euch Beiden etwas Wein und Speiſen hole wie Ihr. Kaum hatte ſie das Zimmer verlaſſen, als Richard Newark eintrat; ſeine Art James. Henry Smeaton, n; er wird es ebenſo nöthig haben, zu ſprechen wie ſeine Haltung 32 498 war gänzlich— ja faſt wunderbar— verändert, als er mit erhitztem Geſicht und Augen, die von wildem Feuer flamm⸗ ten, ausrief: „Ha, Eskdale, Ihr habt wohl die Nachricht vernom⸗ men! Sie haben meinen Vater fortgeführt, was ich immer erwartete; aber auch Emmeline, und das habe ich nicht erwartet, denn ſie miſchte ſich in nichts, während er überall die Hand im Spiele hatte. Nun ſagt, was habt Ihr jetzt im Sinne? Ich weiß, was ich thun will, wenn Kette und Kragen es mir erlauben.“ „Ich will alsbald ein Boot nehmen, in der Nähe von Weymouth, wo wir nicht bekannt ſind, landen und von da unſere Reiſe nach London unter angenommenem Namen fort⸗ ſetzen,“ erklärte Smeaton.„Ich nehme als ausgemacht an, daß Ihr Eurem Vater zu folgen wünſcht, und wenn Ihr mich begleiten wollt, ſo wird mich's freuen, obgleich Ihr nicht genöthigt ſeyd dies zu thun, da Ihr ohne Zweifel frei paſſiren könntet. Was mich betrifft, ſo iſt der vorge⸗ ſchlagene Plan das einzige Mittel, um anders denn als Ge⸗ fangener die Hauptſtadt zu erreichen. Aber Ihr müßt Euch ſogleich entſchließen, Richard.“ „Was wollt Ihr nur in der Hauptſtadt?“ fragte Ri⸗ chard Newark.„Was habt Ihr in jenem großen häßlichen Gemengſel von Schmutz, Backſteinhäuſern und Kohlendampf zu ſchaffen?“ „Ich habe dort viele und wichtige Geſchäfte,“ gab Smeaton zur Antwort.„Lord Stair gab mir ſein Wort, daß ich eine Zeitlang ſicher und unbefragt in dieſem Lande — — 499 verweilen dürfe, wenn ich mich in keiner Weiſe in die Poli⸗ tik menge. Ich habe dies nicht gethan, und doch wißt Ihr, wie man gegen mich verfahren iſt.“ Nichard Newark lachte und ſchüttelte den Kopf mit nachdenklicher, zerſtreuter Miene: „Ich darf nicht ſagen, was ich gerne ſagen moͤchte,“ bemerkte er—„nein nein, ich darf nicht. Es iſt doch ko⸗ miſch, wie unſer Schickſal oft durch einen einzigen Menſchen beſtimmt wird! Man hat Euch übel mitgeſpielt, Smeaton.“ „Allerdings, ich weiß es wohl,“ verſetzte dieſer;„ich habe zwei Briefe an Lord Stair geſchrieben und auf keinen derſelben eine Antwort erhalten. Er iſt ein Ehrenmann, der ſein gegebenes Wort nicht verläugnen wird, und ich muß nach London gehen, um deſſen Erfüllung zu verlangen.“ „Nein, das müßt Ihr nicht, und zwar aus zweierlei Gründen— ganz guten Gründen, was Ihr auch denken möget,“ verſetzte Richard.„Erſtlich könnt Ihr nicht und zweitens würde es Euch nichts nützen, wenn Ihr auch könn⸗ tet. Hört mich— hört mich an. Ein Kriegsſchiff liegt vor der Mündung der Bay, abgeſchickt, um, wie ich höre, die Küſte zu bewachen und jedes Boot zu durchſuchen. Das iſt, was das Können betrifft— jetzt an das Nützen. Lord Stair iſt nicht in London: er kommandirt die Truppen in Schottland, und wenn Ihr ihn ſprechen wollt, edler Lord, ſo müßt Ihr nach dem Norden aufbrechen.— Wo iſt die ſliegende Poſt, welche geſtern anlangte?“ rief er zur Thüre hinaus.„Sie lag geſtern Nacht noch in dieſem Zimmer.“ 32* 8 5⁰⁰ Als Antwort auf ſein Rufen brachte ihm ein Diener eines der Tagesblätter, das unter anderen kurzen unbeglau⸗ bigten Nachrichten auch eine Stelle enthielt, worin erzählt war, daß der Earl von Stair an dem Morgen zuvor aufge⸗ brochen ſey, um das Kommando der Truppen in Schottland zu übernehmen; er ſollte die Rebellen im Schach halten, bis eine größere Armee zu ihrer Züchtigung verſammelt wäre. Smeaton ſchaute nach dem Datum der Zeitung, und da ſte durch einen Erpreſſen angelangt war, ſo war dieſes noch ganz friſch. „Wenn ich ſogleich aufbreche,“ ſagte er,„ſo kann ich ihn durch ſcharfes Reiten in Yorkſhire oder Northumberland einholen. Es heißt hier, er werde nächſten Montag in York eintreffen— das nenne ich in einem Auftrage von ſolcher Wichtigkeit langſam reiſen; doch ohne Zweifel hat er Verſtärkungen bei ſich. Ich will meine Pferde herbeordern und mich augenblicklich auf den Weg machen.“ „Da ſchließe ich mich Euch an, denn auch ich reiſe nach dem Norden,“ erklärte Richard Newark. „Wollt Ihr nicht Eurem Vater nacheilen?“ fragte der junge Earl in großer Ueberraſchung. „Nein,“ erwiederte der Knabe.„Ich könnte ihm doch nicht helfen, und er würde es nicht leiden, wenn ich auch könnte. Mein Vater iſt ſich ſelbſt genug, edler Lord— wenigſtens glaubt er ſo, und er dankt es Einem nie, wenn man ſich in ſeine Angelegenheiten miſcht, obgleich er ſich oft genug mit anderer Leute Affairen zu ſchaffen macht, ob ſie 501 es ihm danken mögen oder nicht.— Jetzt aber wollen wir uns parat machen. Ich weiß nicht, ob dieſe Leute Euer Gepäck mitgenommen haben. Das meinige wird bald beiſammen ſeyn. Der Himmel gebe mir Gelegenheit, das Schwert, das Ihr mir gabt, zu gebrauchen! Geht aber lieber erſt nach Keanton und nehmt Leute genug mit, um Euch den Weg zu bahnen, falls Hannover und Pulteney Euch anhalten wollten. Ich kann Euch nur ſagen, wenn Ihr nicht hingeht, ſo werden Eure Leute eigenmächtig aufbre⸗ chen und vielleicht mehr thun, als Ihr glaubt oder wünſchet. Ich war heute Morgen eine halbe Stunde nach Euch dort und kann nicht begreifen, wie ich Euch verfehlt habe.“ Smeaton gab einige Minuten lang keine Antwort, ſon⸗ dern verharrte in tiefem Nachſinnen. „So ſey es,“ ſagte er endlich.„Sobald Ihr fertig ſeyd, könnt Ihr mich am Ende des Dorfes treffen, Richard. Ich muß nach meinen Pferden ſchicken und will unterdeſſen meinen Diener anweiſen, daß er die hier zurückgelaſſene Bagage zuſammenpackt.“ „Ueberzeugt Euch erſt, ob ſie nicht fortgeſchleppt wurde,“ bemerkte der Knabe. „Ich hoffe, das iſt nicht geſchehen,“ antwortete Smea⸗ ton,„denn mein Geldvorrath geht auf die Neige, und es ſind Juwelen und andere werthvolle Dinge in jenen großen Koffern, welche auf alle Fälle ihr Geld werth ſind.“ „O, zu Keanton wird man Euch gewiß mit Geld ver⸗ ſehen,“ meinte Richard,„wenn Ihr ſie nur führen wollt, wohin ſie wünſchen.“ 50² „Ich fürchte, das iſt's gerade, wozu ich am wenigſten Luſt habe,“ erwiederte Smeaton.„Drum will ich hinauf⸗ gehen und nachſehen, damit ich gegen Keinen verbindlich zu werden brauche.“. Er fand ſein Gepäck, wo er es gelaſſen hatte und kehrte in den Salon zurück, wo er von Mrs. Culpeppers Erfri⸗ ſchungen zu ſich nahm und dann weiter eilte, um ſeine An⸗ ordnungen im Dorfe zu treffen. Im Laufe ſeines Geſpräches mit Richard Newark war es ihm mehr als einmal aufgefallen, daß eine merkwürdige Veränderung über den Jungen gekommen war: ſein Ton war raſch und entſchieden, ſein Blick ernſt, ja wohl gar traurig, ſelbſt wenn er lachte. Allein Smeaton hatte an zu vielerlei Dinge zu denken, um lange bei dieſer Verände⸗ rung zu verweilen, und ſo verwiſchte ſich dieſer Eindruck bald wieder. Die Haſt und Verwirrung einer eiligen Abreiſe wurde für Smeaton noch durch Manches vermehrt. Was er mit dem guten Van Nooſt anfangen ſollte, war nicht die ge⸗ ringſte ſeiner Erwägungen. Als ℳ Nachricht, daß Trup⸗ pen gegen Ale Manor heranrückten, das Dorf erreichte, hatte ſich der Statuarius alsbald— kein Menſch wußte wo— verſteckt; jetzt aber war er wieder auf der Bühne er⸗ ſchienen, und der junge Edelmann konnte den Gedanken nicht ertragen, ihn den Folgen ſeiner eigenen Unvorſichtigkeit hülf⸗ los zu überlaſſen. Das Erſcheinen eines Schiffes vor dem Hafen zu Ale, das die ganze Bevölkerung in einen Zuſtand der Aufregung verſetzt hatte, verhinderte Van Nooſt's 5⁰³ 8 Entkommen zur See und machte die Nothwendigkeit nur um ſo dringender, daß alle verdächtigen Perſonen unver⸗ züglich ihre Abreiſe beſchleunigten. Die Fiſchersleute glaub⸗ ten, die Schiffsboote könnten jeden Augenblick in den Hafen eindringen, und ſie ſchienen die Landung der Seeleute mit weit größeren Beſorgniſſen zu betrachten, als einen Angriff von Seiten der Soldaten. Sie zeigten zwar keine Luſt, ihre Freunde im Stiche zu laſſen, leiſteten ihnen aber zu gleicher Zeit eifrige Hülfe bei allen nöthigen Vorberei⸗ tungen, um ſie aus dem Bereiche dieſer neuen Gefahr zu bringen. Die Pferde wurden mit großer Behendigkeit in das Dorf gebracht; de Bagage wurde ohne Verzug gepackt und aufgeladen, und da Van Nooſts fetter Pony ſeinem zärt⸗ lichen Herrn für immer verloren gegangen, ſo verſchaffte man ihm einen derben Bauernklepper, auf deſſen breiten Rücken der kleine runde Mann wie ein Plumpudding auf einen Teller geſetzt wurde. Immer noch brachten die Schild⸗ wachen, welche am Strande der Bay und auf dem Gipfel von Alehead ausgeſtellt waren, keine Nachricht von beunru⸗ higenden Bewegungen am Borde des Schiffes, und die Flüchtlinge— beſtehend aus Smeaton und Richard Newark nebſt Van Nooſt und zwei Dienern— ritten in größter NRuhe gegen Keanton, wo ſie ohne ferneren Aufenthalt an⸗ langten. Dort muß ich ſie eine Zeitlang verlaſſen, um ihre Geſchichte ſpäter wieder aufzunehmen. — 504 Neunundzwanzigſtes Kapitel. Für die damalige Jahreszeit— man befand ſich nam⸗ lich Ausgangs Septembers— war es ein kalter, winteriger Tag, als eine Reiterabtheilung von etwa ſechzehn Pferden durch einen der abgelegenen Diſtrikte von Northumberland zog. Der Himmel war mit einem grauen Wolkenſchleier bedeckt, und der ſcharfe, eiſige Wind, der mit Schnee oder Hagel beladen ſchien, fegte über die bleichen Hügel und Moore. Northumberland war damals aus vielerlei lokalen Urſachen in Kultur und Bevölkerung hinter dem übrigen England weit zurückgeblieben. Von der Hauptſtadt von England wie von Schottland gleichermaßen entlegen und faſt ohne Verbindung mit dem übrigen Europa, wurde die Macht und Autorität der Regierung in dieſer großen noͤrd⸗ lichen Grafſchaft weniger als anderswo empfunden und an⸗ erkannt; die Einwohner hingen mit größerer Zähigkeit an ihren alten Anſichten und Gebräuchen; Neuigkeiten circu⸗ lirten weit langſamer, und die Leute ſtanden noch mehr un⸗ ter dem Einfluſſe der großen Grundbeſitzer als vielleicht in irgend einer anderen engliſchen Grafſchaft. So kam es, daß das obenerwähnte Reiterhäufchen, an deſſen Spitze der Leſer wohl ohne Zweifel den jungen Earl von Eskdale und Richard Newark vermuthet, nicht allein unbefragt durch einen Diſtrikt zog, wo die große Mehrheit des Volkes der Stuart'ſchen Sache anhing, ſondern ſogar in Dörfern und Städtchen mit großer Herzlichkeit aufgenom⸗ men wurde, ſobald man bemerkte, daß ſie keine Kriegsleute 5 — — 50⁵ vom Hauſe Hannover ſeyen. Der Northumberländer hat einen gewiſſen Grad nordiſcher Behutſamkeit an ſich; aber er iſt keineswegs ohne den fröhlichen engliſchen Sinn und einen geſunden derben Witz. Nur wenige Fragen über den Zweck und das Ziel ihrer Wanderung wurden an die Rei⸗ ſenden gerichtet; dafür gab es manche ſchlaue, ſcherzhafte Anſpielung auf die Sache des verbannten Königs, und jede Nachweiſung über die aufrühreriſchen Bewegungen in Schott⸗ land wie über die allgemeine Stimmung der Einwohner der Grafſchaft ſelber wurde ſehr bereitwillig gegeben. Die im Weſten verbreitete Nachricht, daß Forſter und Andere in Northumberland in Waffen ſtehen, erwies ſich als ſehr vor⸗ eilig, und Smeaton erfuhr jetzt, daß über die Schritte der Malcontenten wie der Regierung nur ſo viel gewiß ſey, daß gegen den Earl von Derwentwater und Forſter von Bam⸗ borough, Parlamentsmitglieder dieſer Grafſchaft, nebſt mehreren anderen Perſonen von weniger Bedeutung Ver⸗ haftsbefehle erlaſſen worden ſeyen, und daß der Earl und ſein Gefährte wie auch einige ihrer Freunde ſich ſtreng ver⸗ borgen hielten. Der junge Earl von Eskdale befand ſich in einer eigen⸗ thümlichen Lage; daß er darein verſetzt worden, daran waren Umſtände ſchuldig, welche damals noch viele andere Männer berührten und ſie gegen ihren Willen zu Handlungen und in eine Stellung trieben, wie ſie ſie anfänglich keineswegs be⸗ abſichtigt und ſogar ängſtlich zu vermeiden geſucht hatten. Es ließen ſich hundert Beiſpiele von Männern aus dem Adel und der Gentry anführen, welche aus dem blos abſtrakten 50⁰6 Gefühle der Loyalität und Anhänglichkeit gegen das ver⸗ bannte Stuart'ſche Haus ganz allmälig zu vollſtändiger und zuweilen faſt wüthender Begeiſterung für deren Sache, zu thätiger Theilnahme am Aufſtand und zu ihrer eigenen völ⸗ ligen Vernichtung verleitet wurden. Dies war nicht gerade der Fall mit Smeaton; aber wir müſſen geſtehen, daß ſeine Gefühle und Anſichten, noch ehe er Northumberland erreichte, ſich weſentlich geändert hatten. Der Eifer und die Begei⸗ ſterung ſeiner Umgebung mußten natürlich auf ihn ihren Einfluß ausüben. Wenige Menſchen— und ein junger Mann vielleicht gar nie— werden ſich nicht von dem Enthuſiasmus Anderer anſtecken laſſen, beſonders wenn keine Gegendoſis vorhanden iſt, und es läßt ſich nicht läugnen, daß der junge Edelmann das Benehmen der verbannten Prinzen mit günſtigeren Au⸗ gen betrachtete, ihre Fehler nachſichtiger entſchuldigte und ihre Sache für hoffnungsvoller anſah, als er damals gethan hatte, da wir ihn zum erſtenmale in London trafen. Was ihn noch überdies gegen das Haus Hannover höchlich er⸗ zürnte, war die Behandlung, welche er in Devonſſhire er⸗ fahren hatte, die offenbare Entſchloſſenheit der Lokalbehöͤr⸗ den, wenn nicht gar der Regierung, ihn trotz der von Lord Stair empfangenen ſtarken Verſicherungen zu verfolgen und zu beläſtigen und das verächtliche Stillſchweigen, womit die⸗ ſer Edelmann, wie es ſchien, ſeine Briefe behandelt hatte. Er meinte, einer wenigſtens von jenen Briefen müſſe den, für welchen beide beſtimmt waren, ſicher erreicht haben, ob⸗ wohl der zweite vielleicht noch nicht nach London gelangt 507⁷ ſeyn mochte, als der Earl aus der Hauptſtadt abgereist war. Warum hatte er unterlaſſen, ihm zu antworten? War er geneigt, ſein gegebenes Wort zu brechen oder deſſen Verletzung von Seiten Anderer zu dulden? Hatte er ſich durch falſche Gerüchte gegen ihn einnehmen laſſen? und war dies der Fall— hatte er ein Recht hiezu, ehe ihm ſtärkere Beweiſe vorgelegt waren, als ſeine Feinde— wie Smea⸗ ton ſich einbildete— ihm bis jetzt hatten liefern können? „Ich habe mein Wort buchſtäblich gehalten,“ ſagte der Edelmann zu ſich ſelbſt;„aber ſo kann ich es nicht länger ertragen. Wenn ſie mich zur Empörung treiben wollen, ſo iſt es nicht mein Fehler. Noch will ich einen Verſuch zur Aufklärung machen, und wenn er fehlſchlägt, ſo mögen ſie und ich die Folgen tragen.“ Ein Seufzer folgte dem Schluſſe dieſes Gedankengan⸗ ges, denn die kürzeſte Ueberlegung ſagte ihm, trotz mancher neuentzündeter Hoffnungen, auf welche Seite die üblen Fol⸗ gen des Verfahrens, zu dem er getrieben wurde, voraus⸗ ſichtlich fallen würden. Er hatte ſich allerdings weder mit Richard Newark noch mit den Pächtern und handfeſten Yeo⸗ men, die ihn ſeit Keanton begleitet hatten oder ihm gefolgt waren, in keiner Weiſe kompromittirt. Zwar ließ er ſie zu ſeinem Häuflein ſtoßen— denn er konnte ihnen dies kaum abſchlagen, nachdem ſie ſich um ſeinetwillen in eine gefähr⸗ liche Lage verſetzt hatten; aber er erklärte ihnen von Anfang an, daß er ſich gegen den Earl von Stair verbindlich gemacht habe, an keiner der ausgebrochenen politiſchen 508 Bewegungen Theil zu nehmen, ſo lange man ihn auf kurze Zeit ruhig in England verweilen laſſe. „Ich habe meinen Theil des Kontraktes gehalten,“ wiederholte er,„und ich bin übel behandelt worden; ehe ich ihn aber wirklich verletze, muß ich von dem Earl ſelbſt her⸗ ausbringen, was das gegen mich beobachtete Verfahren zu bedeuten hat. Vielleicht läßt ſich Alles auf beiden Sei⸗ ten auffklären, und wenn dies der Fall iſt, ſo werde ich feſt an meinem Worte halten und es Euch, meine guten Freunde, überlaſſen, die Bahn, welche Euch tauglich ſcheint, einzu⸗ ſchlagen.“ Einige der Leute nahmen dieſe Ankündigung ziemlich unwillig auf; Andere lächelten mit leichtherziger Verſchmitzt⸗ heit und meinten, ihr junger Lord würde ſeine Skrupel ſchon verlieren, wenn er ſich einmal an dem Herde der Inſurrek⸗ tion befände. Während des letzten Marſchtages war dem kleinen Häuflein mancher tolle, übertriebene Bericht über die Fort⸗ ſchritte der Inſurgentenmacht unter dem Earl von Mar und über Aufſtände in verſchiedenen anderen Theilen von Eng⸗ land zu Ohren gedrungen. Mar's Armee wurde dieſen Berichten zufolge bis zu dreißigtauſend Mann angeſchwellt; die vornehmſten Edelleute von Schottland waren insgeſammt zu ihm geſtoßen, die hochländiſchen Clane ſtrömten ihm in ganzen Scharen zu, die im Tiefland erhoben ſich in allen Richtungen; die Stadt Perth war durch einen Handſtreich eingenommen und an der Küſte von Fife ſollte den Inſur⸗ genten ein großes Waffen⸗ und Munitionsmagazin in die 509 Hände gefallen ſeyn. Von König Jakob ſelbſt hieß es, daß er mit einer Hülfsarmee unter dem Kommando des tapferen Herzogs von Berwick gelandet ſey; die Streitkräfte des Hauſes Hannover ſollten aus einer bloſen Handvoll Sol⸗ daten zu Stirling beſtehen, wo König Jakobs Legionen ſie auf allen Seiten umringt hätten. Kurz auf jakobitiſcher Seite wurden Zehn zu Hundert und Hunderte zu Tauſenden vervielfacht und jeder kleine Vortheil als großer Sieg aus⸗ poſaunt, während die Anzahl der Gegenpartei in demſelben Verhältniſſe herabgeſetzt und die großen Fähigkeiten ihrer Anführer überſehen oder nicht beachtet wurden. Smeaton ſelbſt nahm dieſe Gerüchte für nicht mehr als ſte werth waren und ſchenkte ihnen vielleicht nicht einmal gehörigen Glauben. Mar hatte allerdings Perth in Beſitz genommen, ſeine Streitkräfte hatten ſich bedeutend vermehrt, und der Herr v. Sinclair, einer ſeiner Offtziere, hatte einen kleinen Waffenvorrath zu Burntisland weggenommen; auch waren die Truppen der Regierung zu Stirling, was ihre Anzahl betrifft, gänzlich außer Stande, es mit einer regu⸗ lären Armee unter dem Kommando eines geſchickten und er⸗ fahrenen Führers aufzunehmen; allein Mar fehlte es ge⸗ rade an dieſen beiden Eigenſchaften gänzlich und ſeine Armee beſtand blos aus einem Haufen tapferer Männer ohne Dis⸗ ciplin und inneren Zuſammenhang. Auch das war wahr, daß Gencral Whetham, der bis Mitte September im Kom⸗ mando zu Stirling geblieben, nur wenig Fähigkeit bewieſen hatte, um ſo ernſten und gefährlichen Umſtänden, wie er ſie wider ſich hatte, zu begegnen; aber alle Vortheile an Zahl⸗ 510 Eifer und feurigem Muthe auf Seite der Jakobiten wurden durch die Unfähigkeit des Oberbefehlshabers und die Inſub⸗ ordination ſeiner Truppen mehr als ausgeglichen, während auf Seiten der Regierung zahlreiche Kolonnen wohldiscipli⸗ nirter Krieger und Offtziere von Muth, Erfahrung und Entſchloſſenheit auf den Kriegsſchauplatz eilten, um die Empörung, die man ſchon zu weit hatte gedeihen laſſen, mit einem gewaltigen Schlage niederzutreten. Vergeblich forſchte Smeaton nach Nachrichten von dem Earl von Stair, bis ihm ein Pächter an obenerwähntem Tage mit ziemlich finſterer Miene erzählte, daß zwei dem Earl von Stair angehörende Dragonerregimenter am Mor⸗ gen die Grenze paſſirt und einen ſchlimm ausſehenden Bur⸗ ſchen mit einer Anzahl von Lakaien hinter ſich an ihrer Spitze hätten, der kein Anderer als der Earl ſelbſt und ſeine Diener ſeyn könne. Dieſe Neuigkeit war ihm genügend, und unverzüglich eilte er bis zum Einbruche der Nacht weiter, im Vorgehen immer deutlichere Nachrichten über den Marſch dieſer Trup⸗ pen einſammelnd, bis er ſie nach ſeiner beſten Meinung nicht viel über einen Tagemarſch vor ſich glaubte. Der Ort, wo er Halt machen mußte, konnte kaum ein Weiler genannt werden; es war eine bloſe Gruppe von klei⸗ nen Pächterhäuſern, die in einem reichen Thale zwiſchen den Hügeln beiſammenſtanden. Kein Wirthshaus oder öffent⸗ licher Gaſthof war zu finden; doch die guten Paͤchter nah⸗ men die Reiſenden nicht allein willig in abgeſonderten Trüppchen auf, ſondern ſchienen einen ſolchen Beſuch 511 geradezu erwartet zu haben. Sie ließen es nicht an Win⸗ ken und Andeutungen fehlen zum Beweiſe, daß das Vor⸗, haben ihrer Gäſte ihnen bekannt ſey, und der würdige Nor⸗ thumbrier, in deſſen Hauſe Smeaton und Richard Newark mit ihren beiden Dienern einlogirt waren, flüſterte dem jungen Edelmanne in's Ohr, er würde wohl beſſer thun, den ganzen nächſten Tag ruhig bei ihm zu verweilen, da Lord Stair's Dragoner zu Wooler ſeyen und das Gerede unter ihnen gehe, daß ſie dort einen Raſttag machen wollten, ehe ſte weiter gegen Norden aufbrächen. Dieſe Neuigkeit war für den jungen Earl weniger un⸗ befriedigend als der Pächter ſich einbildete, und das Erſte, was er vornahm, war ein Brief an Lord Stair, welchen ſein Diener am nächſten Morgen in aller Früh überbringen ſollte. Er kehrte ſodann in das Zimmer zurück, wo er Ri⸗ chard Newark verlaſſen, und benachrichtigte ihn von dem, was er gethan hatte. Der Knabe lachte. „Dann werden wir hoͤchſt wahrſcheinlich den Philiſtern gar bald in die Hände fallen,“ meinte er.„Euer Wackler iſt ohne Zweifel weit beſſer als der meine, Eskdale; aber ich glaube kaum, daß der meinige einen ſolchen Plan zuſam⸗ mengebraut hätte, der jenem guten Lord Gelegenheit gibt, uns durch ein Streifkorps einziehen zu laſſen, gerade wie wenn er uns unterwegs aufgegabelt hätte. Zwanzig To⸗ ries und ein Earl an ihrer Spitze wären allerdings für je⸗ den hannoͤver'ſchen Fiſcher ein recht hübſcher Fang.“ „Ich war nicht ſo unklug, wie Ihr glaubt, Richard,“ 512 entgegnete ſein Freund.„Ich kann mich für meine Freunde ebenſo behutſam wie für mich ſelber zeigen. Ich habe Lord Stair kein Wort davon geſagt, daß irgend Jemand bei mir iſt, und habe ihm gemeldet, daß ich meinem Boten morgen zehn Meilen auf der Straße folgen werde, um ihm bei ſei⸗ ner Rückkehr zu begegnen, und daß ich mich gegen ſeine Zu⸗ ſicherung freien Aus⸗ und Eintrittes perſönlich in ſeinem Hauptquartiere ſtellen werde, damit unſer Benehmen ge⸗ genſeitig aufgeklärt werden könne. Ich will Euch durch meinen Boten Nachricht ſenden, wenn ich nicht ſelbſt zu Euch zurückkehre.“ „Und was ſoll ich thun?“ fragte Richard Newark mit ziemlich finſterem, muthloſem Blicke.„Da bin ich gleich einem Boot, das ohne Segel, Ruder oder Kompaß in die offene See geſetzt iſt.“ „Mein Rath— wenn Ihr ihm nämlich folgen wollt, Richard— iſt noch ganz derſelbe, wie ich ihn Euch ſchon mehr als einmal gegeben habe,“ erklärte ſein Freund,„näm⸗ lich ſo ſchnell wie möglich nach London zu Eurem Vater zu eilen. Dieſen Rath gebe ich Euch, weil ich glaube, daß der Weg der Pflicht Euch klar vorgezeichnet iſt, und daß Euer vereinzelter Arm der Sache, der Ihr ſo gerne dienen moͤch⸗ tet, von ſehr geringem Nutzen ſeyn würde. Ich habe nicht für recht oder paſſend gehalten, dieſen guten Männern von Keanton, die uns begleiten, die Bahn, die ſie nun einmat für ſich erwählt haben, abzurathen; aber bei Euch iſt der Fall ein ganz anderer. Ihr ſeyd jung und unerfahren und könnt vielleicht ſpäter den Schritt, den Ihr jetzt unternehmet, 513 bitter bereuen; ſie ſind älter, kennen und ſehen die Folgen von Allem, was ſie thun, und handeln nur im Einklange mit längſt gehegten Grundſätzen. Wollte ich meinen ei⸗ genen Neigungen— meinen angewöhnten Vorurtheilen, wie ich ſie nennen möchte— folgen, ſo würde ich ſie ohne Zweifel auf ihrem jetzigen Wege weiter führen; aber Euch würde ich dennoch denſelben Nath geben, den ich Euch jetzt ertheile.“ „Warum folgt Ihr aber nicht Euren eigenen Neigun⸗ gen?“ fragte Richard hitzig.„Ich will nicht glauben, daß Ihr ein Mann ſeyd, der etwas zu unternehmen zögert, blos weil er es für gefährlich hält. All' dieſe Leute vermuthen, Ihr wollet nicht zu des Königs Armee ſtoßen, weil Ihr keine große Hoffnung auf Erfolg habet.“ „Sie thun mir Unrecht,“ verſetzte Smeaton.„Ich legte ihnen, wie ich glaubte, eine richtige Anſicht der Wahr⸗ ſcheinlichkeiten vor Augen, weil ich ſie nicht blindlings han⸗ deln laſſen wollte, habe aber keine anderen Mittel gebraucht, um ihnen abzurathen. Ihr fragt mich, warum ich nicht meiner eigenen Neigung folge,“ fuhr er nachdenklich fort, „und ich weiß kaum, ob ich im Stande ſeyn werde, Euch meinen Beweggrund begreiflich zu machen.“ „Verſucht's, verſucht's,“ verſetzte Richard Newark. „Ich weiß wohl, mein Schädel iſt dick; wenn Ihr aber aan der rechten Stelle anklopft, werdet Ihr ſchon ein⸗ dringen.“ „Es iſt eine ſehr peinliche Lage, Richard, wenn die 3 Vernunft in Sachen von ſolcher Wichtigkeit, wie ſie jetzt ganz James. Henry Smeaton. 33 514 England bewegen, gegen die Vorurtheile, in denen man auferzogen wurde, Partei ergreift. Da war mein Vater glücklicher: er zweifelte keinen Augenblick, daß die Könige ihre Macht von Gottes Gnaden beſitzen; er dachte ſich nicht im Traume, daß das Volk von Rechtswegen bei der Wahl ſeiner Regenten eine Stimme hat. Seinem Grundſatze opferte er alle ſeine irdiſchen Güter und hätte ihm auch ſein Leben geopfert; Vernachläſſigung, Mißhandlung und Dop⸗ pelzüngigkeit auf Seiten der Prinzen, denen er diente, konn⸗ ten keine Aenderung in ſeinen Anſichten bewirken. Er lebte und ſtarb in denſelben, und während meiner früheſten Ju⸗ gend bekam ich keine anderen zu hören. Vor zehn Jahren hätte ich ganz ebenſo gedacht wie mein Vater, obwohl ich das Unrecht, das man ihm anthat, und die unverſchämte Gleichgültigkeit, womit man ihn behandelte— viel tiefer als er empfand. Ich verachtete zwar unſeren rechtmäßigen Souverän als Menſchen; aber ich wäre bereit geweſen, mein Blut für ihn als meinen König zu vergießen. Seit jener Zeit habe ich mich außerhalb der Atmoſphäre ſolcher Vor⸗ urtheile viel in der Welt umgetrieben, habe für mich ſelbſt denken und urtheilen gelernt und bin zu dem Schluſſe ge⸗ langt, daß gleichwie die Könige zum Wohle ihrer Völker regieren, ebenſo dem Volke eine Stimme bei ihrer Wahl zukommt, und daß die Könige in der That keine Rechte be⸗ ſitzen, die ſie nicht von ihren Unterthanen ableiten. Wenn ich mich nun überzeugen könnte, daß die Mehrheit des eng⸗ liſchen Volkes wirklich den Koͤnig Jakob zu ihrem Souverän wünſcht, oder wenn dieſes Volk auch nur gleich für und 515 wider ihn getheilt wäre, ſo würde ich nicht zoͤgern, mein Schwert für ſeine Sache zu ziehen, denn meine Vorurtheile ſind zwar geſchwächt, aber immer noch ſtark genug; allein ich bin nicht überzeugt, daß dieſes der Fall iſt, und Alles, was ich ſeither geſehen habe, führt mich nur zu dem ent⸗ gegengeſetzten Schluſſe. Dies iſt die eine Seite der Sache; aber es gibt noch eine zweite, welche bei mir ſogar noch mächtiger wirkt: ich verpflichtete mich gegen den Lord von Stair, daß ich mich drei Monate lang auf keine Weiſe in dieſen Kampf miſchen wolle.“ „Aber er hat Euch ſein Wort nicht gehalten,“ ſchrie Richard heftig.„Ihr könnt nicht durch einen Kontrakt ge⸗ bunden ſeyn, den er gebrochen hat.“ „Davon will ich mich eben überzeugen,“ erwiederte ſein Freund,„und das ſoll morgen geſchehen. Finde ich, daß er ſein Wort gegen mich wirklich verletzt hat oder durch Andere verletzen ließ, ſo werde ich mich natürlich für berech⸗ tigt halten, nach meinem Belieben zu handeln. Aber ich kann kaum glauben, daß dies der Fall iſt, denn ich habe ſeinen Charakter als Edelmann von jeher über jeden Ver⸗ dacht erhaben geachtet, und ich möchte ihm um keinen Preis durch eine unbeſonnene Handlung von meiner Seite das Recht geben, zu ſagen, ich habe das unautoriſirte Benehmen jener weſtlichen Behörden benützt, um mein gegebenes Wort zu brechen.“ Richard Newark verſank in tiefe Gedanken; aber er vermochte einen düſteren Eindruck nie lange zu verfolgen, und nach kurzer Pauſe brach er wieder in Lachen aus. 33 ⁴ 516 „Glaubt Ihr nicht,“ fragte er,„daß unſere theure Emmeline bei Eurer großen Vorſicht einigermaßen im Spiele iſt?“ „Keineswegs,“ erwiederte Smeaton nachdenklich:„ich glaube und hoffe— keineswegs, wiewohl ich keinen Anſtand nehme zu ſagen, Richard, daß ich um ihretwillen Alles thun würde, was meine Ehre nicht angriffe. Ja noch mehr—“ Hier ſchwieg er, denn er fühlte ſich ſtark verſucht, ſei⸗ nem jungen Gefährten zu erzählen, wie unauflöslich ſein eigenes Schickſal und das Emmelinens nunmehr verbunden ſey; aber in dem Augenblicke, da er die Worte ausſprechen wollte, zögerte er. Richard war ſo toll und unbeſonnen, es konnten ſo manche Ereigniſſe eintreten, welche die Bewah⸗ rung jenes Geheimniſſes wichtig machten, und es ſchienen ſo viele Möglichkeiten vorhanden, daß er ſich's in einer ſei⸗ ner gedankenloſen Stimmungen entſchlüpfen ließe, daß der Earl nach kurzer Ueberlegung beſchloß, die Sache wenigſtens für jetzt zu verſchweigen. „Nun— was mehr?“ rief Richard ungeduldig. „Ich habe die Frage ſchon hundertmal bei mir über⸗ legt,“ erklärté der Carl,„und obwohl ich Euch nicht zu ſa⸗ gen brauche, daß ich ſie zärtlich liebe, ſo glaube ich doch nicht, daß dieſe Liebe ſich in den Entſchluß, zu dem ich ge⸗ langte, eingemiſcht hat.“ „Nun gut,“ meinte Richard Newark, die Achſeln zuckend,„wenn wir in London einmarſchiren und König Jakob proklamiren, ſollt Ihr ſie haben— dann will ich die Braut weggeben. Einen hübſchen Vater werde ich 517 vorſtellen! Ich vermuthe, ich werde mir einen weißen Bart dazu beſtellen müſſen. Ihr handelt nach Eurem Belieben, und ich muß für mich ſelbſt beſchließen, da Ihr mich nicht dazu führen wollt, das Schwert, das Ihr mich gebrauchen lehrtet, zu ziehen. Ich will unſeres Königs Seite wählen und dabei bleiben. Ich bin es müde, die Leute zwiſchen beiden Parteien ſchwanken zu ſehen— meinen Vater aus Politik und Euch aus Gewiſſensbiſſen. Halt, halt, ich wollte Euch nicht beleidigen, edler Freund. Ich zweifle nicht, daß Ihr ganz Recht habt, und daß Euer Kopf zu etwas Beſſe⸗ rem gemacht wurde, als um ihn wider eine Mauer zu ren⸗ nen, was offenbar die Abſicht der Natur war, als ſie mich mit dieſem Wackler begabte! Jedenfalls werdet Ihr mir zugeben, daß ich, nachdem ich geſehen habe, was ich ſah, mit Fug und Recht ſagen darf: für mich taugt kein Achſel⸗ tragen’. Ich habe die Leute ſagen hören, mein Vater habe ein großes Vermögen dadurch erworben, daß er es bald mit dieſer bald mit jener Partei gehalten habe; da iſt es nur billig, daß ſein Sohn die Geſchichte wieder in Stücken ſchlägt, indem er ſich in Glück und Unglück feſt an die eine hält. Und nun werde ich zu Bett gehen. Träumt mir ja nicht von Emmeline, ſonſt werdet Ihr ſicherlich zu Lord Stair übergehen.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und verließ das Zim⸗ mer, und Smeaton blieb noch längere Zeit in Gedanken zurück. 518 Dreißigſtes Kapitel. Der Morgen war ſchön und hell; die Wolken des geſtrigen Tages waren zwar noch nicht ganz verſchwunden, hatten ſich aber in einzelne weiche, weiße Lämmerheerden getheilt, welche tief unter dem blauen Firmamente langſam dahin zogen und große Zwiſchenräume frei ließen, durch welche die Sonnenſtrahlen hereinbrachen und die braunen Moorgründe mit all dem Zauber der Herbſtbeleuchtung be⸗ malten. Ein leichter duftiger Nebel verhüllte die fernen Theile der Landſchaft, als Smeaton langſam über die ein⸗ ſamen Hügel ritt, welche in großen abgerundeten Maſſen auf der Grenzlinie von England und Schottland umherge⸗ ſtreut lagen. Der Wechſel von Licht und Schatten brachte ſo ſchöne und mannigfaltige Farben zu Tage, wie ſie der Delphin im Sterben zeigen ſoll. Die friſche, reine Luft, die reiche, wechſelnde, weitgedehnte Ausſicht— Alles ſchien Hoffnung, wenn nicht Glück zu athmen, und jenes ſonder⸗ bare räthſelhafte, jenes erhebende und triumphirende Ge⸗ fühl, dem ich keinen Namen zu geben vermag, das aber unſer Herz in Beſitz nimmt, wenn wir zum erſtenmale die geſchäftigen Stäͤtten der Menſchen verlaſſen, um uns in weiter Einſamkeit zu vergraben— kam mächtig über den jungen Carl, während er ſeine Blicke über die fernen Hügel und Thäler ſchweifen ließ. Keine Seele, kein lebendes We⸗ ſen war zu ſehen; nur ein großer Raubvogel ſchwebte lang⸗ ſam in weiten Kreiſen über ſeinem Haupte. Es war noch früher Morgen. 5¹9 Sein Diener war etwa eine halbe Stunde vorausge⸗ gangen; die Straße, welcher ſie Beide zu folgen hatten, war deutlich bezeichnet, und Smeaton war auf einen Ritt von etlichen zwölf bis dreizehn Meilen gefaßt, ehe er dem Boten auf ſeinem Rückwege begegnen könnte. Er überließ ſich ſeinen Gedanken, aber nicht jenem Ideenfluge, der in ſeinen Umſtänden vielleicht der natürlichſte ſcheinen mochte. Er ließ ſich nicht in eitle Spekulationen darüber ein, welche Antwort er wohl von dem Earl von Stair erhalten würde; er verweilte nicht bei dem Zuſtande der Parteien im Lande oder bei den Wahrſcheinlichkeiten auf Erfolg oder Nieder⸗ lage, wie ſie der Empörung bevorſtehen mochten. Auch bei den verſchiedenen Gerüchten des vorangegangenen Tages ver⸗ weilte er keinen Augenblick, noch ſuchte er ſich durch vernünf⸗ tiges Ueberlegen von jenen nicht gerade neuen aber wieder aufgefriſchten Eindrücken zu befreien, welche durch den Eifer und die Begeiſterung ſeiner neulichen Umgebung in ihm hervorgerufen worden waren. Seine Gedanken weilten bei Emmeline und bei Emmeline allein. Jenes wunderbare Ding— die Fantaſie— hatte ihr Bild faſt ebenſo deut⸗ lich und beſtimmt vor ihn hingezeichnet, wie wenn ihr ſchö⸗ nes Antlitz und ihre reizende Geſtalt vor ſeinen Augen ge⸗ ſchwebt hätte. Die braune Haide, die abgerundeten Hügel, die Sonnenſtreifen und fließenden Wolken, die friſche, ela⸗ ſtiſche Luft— ſie alle riefen ihm jenen Morgenritt nach der alten Kirche von Aleton in's Gedächtniß, und Emmeline war der Hauptgegenſtand von Allem, was die Erinnerung ihm vormalte. 520 Seine Gedanken und Gefühle waren jedoch beſonderer Art und ihm eigenthümlich. Ich glaube kaum, daß es zwei Momente in eines Menſchen Leben gibt, in denen er genau derſelbe iſt, ſo harmoniſch auch ſein Charakter im Allgemeinen beſchaffen ſeyn möge. Jahre, Monate, Tage, Ereigniſſe, Umſtände und Erfahrung machen hier einen Unterſchied. Die Veränderungen mögen ſehr unerwartet oder nur ſo allmäͤlig eintreten, daß ſie zu der Zeit, da ſie ſtattfinden, unmerkbar vorübergehen: ſobald wir eine län⸗ gere Periode firiren, werden wir ſie am Geiſte wie am Kor⸗ per deutlich und ſcharf bezeichnet finden. Zwiſchen den Empfindungen im vierzigſten und denen im zwanzigſten Jahre liegt ein ebenſo großer Unterſchied, wie zwiſchen Ge⸗ ſicht und Geſtalt des Mannes und des Knaben. Sey es nun zum Beſſeren oder zum Schlimmeren— ſie ändern ſich eben; ſie ſind Erzeugniſſe des Tages, welche gehen und nicht wiederkehren. Smeatons Liebe zu Emmelinen war tief, mächtig, enthuſtaſtiſch; aber es war die Liebe des Mannes und nicht des Knaben. Zehn Jahre früher wären ſeine Gedanken bei der Erinnerung an ſie ganz anders geweſen; aufregen⸗ der vielleicht, aber nicht ſo tief und ſtark. Er verweilte wie ein Liebhaber es wohl durfte bei der ſchönen Erinne⸗ rung an ihr Ausſehen, an das Ebenmaß ihrer Geſtalt, den Wohlklang ihrer Stimme, die unbewachte Grazie ihres Geiſtes, den warmherzigen Odem, der Alles, was ſie ſagte und that, durchdrang, und die Sehnſucht, ſie wieder an's Herz zu drücken, überkam ihn in mächtigem Drange. 521 Auch dachte er mit Schmerzen an ihre Geiſtesſtimmung, an die Trauer ihrer Seele, da ſie in demſelben Augenblicke, wo ihr Glück faſt ſicher ſchien, von ihm geriſſen und gegen ihren Willen weggeführt wurde; aber es geſchah nicht mit jenem ſtürmiſchen Ungeſtüm, der ihn wenige Jahre früher verleitet hätte, trotz aller Hinderniſſe zu ihr zu fliegen, ohne ein Mittel zu ergreifen, um die Schwierigkeiten auf ihrem Pfade wegzuräumen. Er war alt genug, um gegen ſeine Impulſe anzukämpfen und ſie in der Regel zu überwinden, wenn er ſte zu ſtürmiſch fand. So ritt er in wechſelnden Betrachtungen dahin, wäh⸗ rend die Erinnerung ihm ſüße und freundliche Bilder vor⸗ malte und peinliche Erwägungen die allzu heitere Ausſicht wieder verdüſterten. Er war noch nicht über acht Meilen gewandert, als er an dem Abhange des ihm gegenüberliegenden Hügels einen Mann raſch auf ſich zukommen ſah. Er konnte kaum glau⸗ ben, daß ſein Diener ſo bald zurückgekehrt ſey; doch die Geſtalt ſah ihm ſo ähnlich— ein kleiner Mann auf einem hohen Roſſe— daß er ihn trotz der dazwiſchenliegenden Ent⸗ fernung erkannte. Sie trafen ſich unten im Thale und Smeaton fragte haſtig: „Nun, was bringſt Du Neues? Haſt Du einen Brief für mich?“ „Ich habe Euren eigenen zurückgebracht, Mylord,“ er⸗ wiederte Higham, ſeinem Herrn das Schreiben im Näher⸗ reiten entgegenſtreckend;„eine andere Antwort war nicht zu erlangen.“ 4 „Keine Antwort!“ wiederholte Smeaton, den Brief in Empfang nehmend, der, wie er ſah, geöffnet worden war. „Was ſagte er oder was ließ er Dir erwiedern?“ „O er ſagte blutwenig,“ verſetzte der Mann,„und erwiedern ließ er mir gar nichts, denn er ſchien ganz in der Verfaſſung, ſelber zu reden, und zwar ziemlich ſcharf zu re⸗ den. Er brach den Brief auf, las ihn von Anfang bis zu Ende und gab ihn mir zurück mit den Worten: Reitet lieber zurück. Ich fragte, ob er nicht durch mich eine Antwort zurückſchicken wolle oder ob er überhaupt eine überſenden werde. Da ſagte er aber, es bedürfe keiner Antwort, und rief: Bringt ihn dem, der Euch ſchickte, zurück: das iſt meine einzige Antwort.“ Smeaton's Wange flammte und ſein Herz klopfte heftig. „Das iſt eine Beſchimpfung,“ murmelte er.„Das iſt Beſchimpfung neben der Beleidigung. Es wird der Tag kommen, wo ich ihn dafür zur Rechenſchaft ziehen werde.“ „Ich muß freilich zu ſeinen Gunſten ſagen, Mylord,“ fuhr Higham ſort,„daß es kein günſtiger Moment war, in dem ich ihn traf, denn er ſtand eben an der Spitze ſeiner Leute, welche auf der kleinen Wieſe zum Abmarſche geord⸗ net waren.“ „Das iſt keine Entſchuldigung,“ bemerkte Smeaton; „dieſelbe Anzahl Worte, derſelbe Athemzug, dieſelbe Zeit⸗ friſt hätten ebenſo gut zu einer ehrenvollen wie zu einer ſchimpflichen Erwiederung ausgereicht. Er hätte ja nur ſagen dürfen, er werde ſchreiben, ſobald er Muße habe, er — ———— 523 wolle mich ſprechen, wenn ich ihm folgen wolle, und ich dürfe ſolches mit Sicherheit wagen. Das hätte ihn nicht mehr Zeit gekoſtet.“ Mit dieſen Worten wendete er ſein Roß, während ſein Herz in Feuer brannte, und fragte ſich: „Soll ich's dabei bewenden laſſen, als Bettler um ein⸗ fache Gerechtigkeit zu ſuppliciren? Nein, nein,— die Sache iſt ſonnenklar. Sie haben beſchloſſen, jeden, den ſie irgend beargwöhnen, zur Empörung zu treiben. Sie ſa⸗ gen: wer nicht für uns iſt, iſt wider uns'. Sie haben ge⸗ gen mich ihren Theil erwählt— es iſt Zeit, daß ich gegen ſte den meinigen erwähle.“ Er war ſeither langſam vorangeritten; jetzt aber kehrte er im Galopp zurück, obgleich die raſche Bewegung nicht dazu beitrug, ſeine Gefühle zu beſänftigen. Das Pächter⸗ haus, in dem er übernachtet hatte, war leer von ſeinen Gä⸗ ſten. Richard Newark, deſſen Diener und alle Keantoner Männer waren aufgebrochen, hatten aber hinterlaſſen, wenn Smeaton zurückkomme und nach ihnen frage, werde er ſie bei den ſogenannten Waſſerfällen treffen. Der Earl befahl, augenblicklich das Packpferd zu richten, und erkundigte ſich unterdeſſen bei dem Pächter nach dem Wege, den die Seini⸗ gen eingeſchlagen hatten. „Ich will Euch führen, Sir,“ erwiederte der Mann. „Es geht etwas vor und mich juckt's, dabei zu ſeyn, denn ich moͤchte gerne einigen der Neweaſtler Bootsleuten heim⸗ zahlen, daß ſie mich neulich bei einem ihrer brutalen Aus⸗ brüche in den Tyne geworfen haben.“ 524 Smeaton nahm ſein Anerbieten gerne an, und nach einer halben Stunde etwa brachen ſie auf, der Earl allein vorausreitend, während der derbe Pächter im Geſpräche mit dem Diener Higham hinterdrein trabte. Sie nahmen ihren Weg durch einen angebauteren Theil der Grafſchaft, als Smeaton ſte heute morgen durchzogen hatte: bald aber wendeten ſie ſich wieder nach den Hügeln und der Pächter deutete auf ein Stück Feld zur Rechten mit den Worten: „Das iſt Plainſield, Mylord.“ Smeaton war jedoch mit ſeinen eigenen Gedanken be⸗ ſchäftigt und forſchte nicht weiter, da das Wort Plainfield für ihn nichts Beſonderes hatte.“ Wenige Minuten ſpäter begannen ſie über den grünen Raſen einen ziemlich ſteilen Hügel hinan zu reiten, und als ſie ſeitwärts ausbogen, um die Steilheit der Steige zu vermindern, da erblickte der junge Edelmann eine kleine Reiterabtheilung vor ſich, die ſich etwa eine Meile vor ihm verſammelt hatte. „Das ſind unſere Freunde, denk’ ich,“ ſogte er. „Ja, Mylord, die ſind's gewiß,“ erwiederte der Pächter. Die Worte ſchienen unbedeutſam genug; aber ſie wur⸗ den in bezeichnendem Tone geſprochen, und der Diener Tom Higham begleitete ſie mit leiſem Lachen. Eine Erhebung des Bodens machte die Andern in der nächſten Minute unſichtbar, und raſch zureitend, gelangte Smeaton bald auf den Gipfel der Höhe, von wo das Land auf mehrere Meilen zu überſehen war. * Plainfield war der Ort, wo der Earl von Derwentwater zuerſt offen Partei für die Empörung ergriff. 5²5 Der Anblick war äußerſt maleriſch. Der braune Huͤ⸗ gel ſenkte ſich ziemlich abſchüſſig gegen die ebenere Umge⸗ bung und war von einer Art Furche oder Schlucht durch⸗ ſchnitten, durch welche ein kleiner Bergſtrom hüpfte, hier und dort mit niederen Bäumen und Geſträuchen beſetzt, aber alle Augenblick dazwiſchen hervorſchimmernd und das Son⸗ nenlicht mit ſeinem Giſcht und Schaume auffangend. Halbwegs zwiſchen dem Gipfel des Hügels und dem Rande der Schlucht war eine Abtheilung von Reitern ver⸗ ſammelt, nicht mehr oder nicht einmal ſo viel, als man häufig zu den unſchuldigſten Veranlaſſungen verſammelt ſieht. In den heutigen Zeiten hätte man nicht anders ge⸗ glaubt, als die kleine Verſammlung beſtehe aus einer Jagd⸗ partie, oder zwei bis drei Dutzend Gentlemen ſeyen zuſam⸗ mengekommen, um ihre Schweißhunde zu hetzen. Neben dieſem mittleren Haufen ſah man noch zwei bis drei kleine Reitergruppen in verſchiedenen Graden von Schnelligkeit, je nach der Abſchüſſigkeit ihres Weges, von unten herauf⸗ kommen; aber auch mit Einrechnung dieſer letzteren mochte das Ganze recht wohl eine Jagdpartie bilden, nur daß keine Hunde zu ſehen waren. Mitten in der Hauptgruppe erkannte Smeaton's Auge auf den erſten Blick Richard Newark auf einem hohen ſchnee⸗ weißen Schimmel; er ritt raſch zu ihm und war bald an ſeiner Seite. Die Keantoner Pächter, welche dort verſam⸗ melt waren, begrüßten die Annäherung ihres jungen Lords mit einer Art halbunterdrückten Hurrahs, und Einer rief laut:— 5²6 „Gott ſegne Eure Lordſchaft! ich dachte mir wohl, Ihr würdet uns in der Zeit der Noth nicht verlaſſen.“ „Wie lauten die Nachrichten von Lord Stair?“ fragte Richard flüſternd. „Ich habe keine,“ erwiederte Smeaton bitter.„Er ſchickte meinen Brief eröffnet aber ohne Antwort zurück.“ „Dann muß ich irregeführt worden ſeyn,“ ſagte Ri⸗ chard Newark.„Ich dachte, andere Leute hätten Euch die Suppe eingebrockt, edler Freund. Jetzt iſt die Sache klar genug: der alte Hannoveraner will Euch nicht haben, auch wenn Ihr Euch anbietet.“ „Ich hatte nie die Abſicht, mich ihm zu ergeben,“ er⸗ klärte Smeaton.„Nichts würde mich je veranlaſſen, mein Schwert gegen einen Prinzen zu ziehen, der unter einem falſchen, lächerlichen Vorwande von der Nachfolge des Thro⸗ nes ausgeſchloſſen wurde. Wenn ſie mich aber zwingen wollen, mein Schwert für ihn zu ziehen, ſo kann ich's nicht ändern. Sie ſollen ihren Willen haben.— Wer ſind dieſe Leute?“ Und indem er ſprach, ließ er ſeinen Blick über den Reſt der Anweſenden hinſchweifen, welche, in verſchiedenen Häufchen verſammelt, ihn mit forſchenden Blicken be⸗ trachteten. chard.„Gemeinſame Sache macht raſche Bekanntſchaften. General Forſter, hier iſt mein Freund, der Earl von Esk⸗ dale— Lord Derwentwater, der Earl von Eskdale— Lord Widrington, der Earl von Eskdale.“ 5 4 „O Ihr ſollt ſie bald kennen lernen,“ erwiederte R⸗ 527 „Meiner Treu! wir haben mrhe Lords als Soldaten,“ ſagte der letztere Edelmann lachend,„und mehr ſtarke Arme und ſtandhafte Herzen als Kriegswaffen. Es iſt zu hoffen, daß uns in Kurzem Vorräthe zufließen werden.“ „Geht, geht, Mylord,“ ſagte Forſter;„Ihr ſolltet nicht der Erſte ſeyn, der ſich beklagt, da gerade Ihr die wenigſten Leute und den dürftigſten Vorrath gebracht habt.“ „Ei, ich hörte erſt geſtern Nacht von der Sache und glaubte, heute ſey nur eine vorläufige Zuſammenkunft,“ er⸗ wiederte Lord Widrington.„Wir werden ohne Zweifel Männer und Waffen genug haben, ſobald erſt bekannt iſt, daß wir in Waffen ſtehen.“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel,“ verſetzte der Earl von Derwentwater, ein junger, hübſcher Mann mit beſonders einnehmender Miene.„Ich freue mich, Eure Lordſchaft hier zu ſehen,“ fuhr er, Smeaton anredend, fort.„Eure Familie hat in der Sache, für die wir kämpfen, viel gelitten, und ich hoffe, Ihr ſollt durch den Erfolg unſeres Unter⸗ nehmens wieder zu dem Verlorenen kommen— ein Erfolg, der den eben erhaltenen Nachrichten zufolge außer Zweifel ſcheint.“ „Wirklich!“ rief Smeaton.„Darf ich fragen, was das für Neuigkeiten ſind?“ Derwentwater berichtete ihm in ziemlich warmer Sprache, und die Wangen vom eigenen Enthuſiasmus geröthet, die erſten theilweiſen Erfolge der Inſurgenten in Schottland. Der größere Theil der Botſchaft war nur eine Beſtätigung der Gerüchte, welche Smeaton ſchon den Tag zuvor gehört 528 hatte, daß der Graf von Mar Perth eingenommen, daß Waffen und Munition zu Burntisland erobert worden, daß die Armee König Jakobs des Dritten ſich täglich vergrößere, daß Geldmittel raſch herbeiſtrömen und daß Mar, während ſich die Truppen des Hauſes Hannover in höchſt kritiſcher Lage zu Stirling befanden, ſich zur Forcirung des Ueber⸗ gangs über den Forth anſchicke, während die weſtlichen Clane den Rücken von König Georgs Armee bedrohten. Es wurde beigefügt, daß eine große Zahl von wichtigen Städten und Landſtrichen ſich offen für das Haus Stuart erklärt habe, und daß König Jakob zu Aberdeen, Dunkeld, auf Schloß Gordon, zu Brechin, Montroſe, Dundee und Inverneß pro⸗ klamirt worden ſey, während ganz Galloway und Dumfries⸗ ſhire in den Flammen der Empörung ſtehen ſolle. Solche allgemeine Thatſachen ohne die kleinen Ne⸗ benumſtände, die ſie modificiren und zuweilen ihre ganze Tragweite beſtimmen, haben ſchon gar zu oft die fehlerhaf⸗ teſten Schlüſſe veranlaßt, und da Lord Derwentwater die Maſſe von ungünſtigen Verhältniſſen und Nachtheilen, un⸗ ter denen die Führer der Inſurrektion litten, nicht erzählte oder wahrſcheinlich nicht wußte, ſo wurde Smeaton natür⸗ lich verleitet, die Sache, die er nunmehr zu ergreifen be⸗ ſchloſſen hatte, mit weit hoffnungsvolleren Augen zu be⸗ trachten. Sein neuer Bekannter erwähnte eines wichtigen Fak⸗ tums, nämlich daß der Herzog von Argyle das Kommando der Truppen zu Stirling übernommen habe.„Aber bei all ſeiner Geſchicklichkeit wird er keine leichte Aufgabe vor ſich 529 finden, wenn er der Niederlage und wahrſcheinlicher Kapi⸗ tulation entgehen will,“ fügte er bei. Er irrte ſich nicht, denn hätte Mar auch nur die ge⸗ woͤhnlichſte militäriſche Kenntniß und Erfahrung beſeſſen, ſo iſt kein Zweifel, daß ſein tapferer Gegner zum Rückzug gezwungen worden wäre, wenn Rückzug überhaupt noch möͤglich war; aber weder Derwentwater noch Lord Eskdale waren perſönlich mit Mar bekannt und wußten nicht, daß er kein Soldat war, denn es kam ihnen nicht einen Augenblick in den Sinn, daß man eine ſo unbegreifliche Thorheit begehen und unter den bedenklichſten, gefahrvollſten Umſtänden einem Manne ohne alle militäriſche Kenntniſſe das Kommando einer ſchlecht disciplinirten Armee übertragen werde. Nichts⸗ deſtoweniger glaubte Smeaton aus Argyle's wohlbekannter Geſchicklichkeit, Muth und Feſtigkeit, wie aus der Entſchloſ⸗ ſenheit, die er durch perſönliche Uebernahme des Komman⸗ do's über die kleine Truppenmacht zu Stirling bewieſen hatte— ſoviel entnehmen zu müſſen, daß er entweder Um⸗ ſtände kenne oder auf Ereigniſſe rechne, von denen der jakobi⸗ tiſchen Partei in England nichts bekannt war. Jetzt war es übrigens zu ſpät, dachte er, um noch länger zu zoͤgern, ſelbſt wenn ſein Entſchluß von der Wahr⸗ ſcheinlichkeit des Erfolges abgehängt hätte, und er ſchloß ſich den Uebrigen zu einer haſtigen Berathung an, bei wel⸗ cher er in Folge ſeiner gänzlichen Unbekanntſchaft mit der Umgegend nur wenig Rath zu geben vermochte; dagegen ſtellte ſich bald heraus, daß er in militariſchen Dingen mehr Erfahrung beſaß, als jeder der Anweſenden. James. Henry Smeaton. 34 530 Herzlich froh, einen geſchickten Offizier unter ſich zu haben, ſchritten die verſammelten Edelleute zu einer Muſte⸗ rung ihrer kleinen Truppenmacht, die ſich um dieſe Zeit blos auf ſechzig bis ſiebzig Pferde belief. Waffen hatten ſie buchſtäblich keine, als die gewöhnlichen Galanteriedegen, welche damals in England Mode und im Felde von gar kei⸗ nem Nutzen waren, und hie und da ein Paar Piſtolen im Sattel. Es war offenbar eine ohne Vorausſicht oder Vor⸗ bereitung übereilte Empoͤrung. Jeder wußte übrigens da und dort Punkte anzugeben, wo ſich die Leute in großer Zahl unter König Jakobs Fahne verſammeln würden; allein Smeaton deutete darauf hin, daß das dringendſte Bedürfniß darin beſtand, die bereits Verſammelten zu bewaffnen. Der erſte Schlag, ſagte er⸗ ſollte da geſchehen, wo ihre Lokalkenntniß ſie einen Vorrath der nothigen Waffen vermuthen laſſe; allein Niemand wußte, wo außer Neweaſtle ein ſolcher exiſtire, und dieſen Punkt anzugreifen, waren ſie offenbar zu ſchwach. So wurde denn beſchloſſen, ſich durch friſche Scharen zu rekrutiren, bevor ſie noch nach Waffen ſuchten, und die in der Gegend am be⸗ kannteſten waren, ſchlugen vor, daß ſie nach Rothbury und Warkworth vordringen wollten, da ihnen in dieſer Richtung am wahrſcheinlichſten Rekruten zuſtrömen würden. Smeaton hatte nichts dawider einzuwenden, und nach⸗ dem die übereilte und nutzloſe Berathung mehrere Stunden Zeit weggenommen, zogen ſte wenigſtens einigermaßen in kriegeriſcher Ordnung von dem Orte des Meetings ab. Die northumbriſchen Edelleute und Gemeinen waren voll Hoffnung 531 und Begeiſterung; allein der junge Earl, der ſo ungerne zu ihnen geſtoßen, betrachtete die Sache von weniger ſangui⸗ niſchem Standpunkt, und die Aeußerungen ſeiner neuen Ge⸗ fährten gaben ihm keinen ſehr günſtigen Begriff von ihrer Fähigkeit, ein großes Unternehmen zu einem glücklichen Ausgange zu führen. — Einunddreißigſtes Kapitel. Wozu ſoll ich die erſten Schritte des kleinen Häufleins von Edelleuten ſchildern, das wir den Pfad der Empörung betreten ſehen? Wie ſie nach Rothbury und von da zu dem ein⸗ ſiedleriſchen Warkworth marſchirten z wie ſie Koͤnig Jakob III. überall, wohin ſie kamen, ausriefen, aber im Weiterziehen nur geringe Verſtaͤrkungen erhielten; wie ſich zu Morpeth ihre Zahl bis auf dreihundert Pferde vermehrte— das ſind lauter Thatſachen, welche Jederman bekannt ſind. Man kann ſich denken, ohne daß ich es näher beſchreibe, welche Enttäuſchung und Angſt es erregen mußte, als ſie mit jedem Tagemarſche nur ein paar Mann zu ſich ſtoßen ſahen, und wie ſie Nacht für Nacht ängſtliche Berathungen hielten, da ſie ſich immer noch zu jedem bedeutenderen Unternehmen zu ſchwach fanden. Jede Hoffnung eines erfolgreichen Angriffs auf New⸗ caſtle war bald verſchwunden und nur ein einziges Ereigniß erheiterte die düſtere Ausſicht in die Zukunft— die Ein⸗ nahme von Holy Jeland durch einen ihrer Anhänger, Lan⸗ 34* 53³² celot Errington, einen Gentleman aus alter, ſchon lange in der Nähe von Herham anſäßiger Familie. Gleich die nächſte Zeitung brachte übrigens die Nachricht, daß die Truppen von Berwick aus das kleine Fort wieder erobert hätten, und daß Errington verwundet und gefangen worden ſey. Das war eine bittere Enttäuſchung, denn bei ſo ge⸗ fahrvollen Unternehmungen ſind auch die geringſten Erfolge im Stande, die Hoffnungen hoch zu erheben und oft den Weg zu weiteren Vortheilen zu bahnen. Sie ſchmeichelten ſich, daß es nur einiger glücklicher Thaten bedürfe, um die benachbarte Gentry zu ihren Gunſten zu erheben, die Schüch⸗ ternen zu ermuthigen und die Wankenden zu befeſtigen. Der Unſtern, der dieſem erſten Hoffnungsſtrahle folgte, verlöſchte alle dieſe eitlen Hoffnungen, und an dem Abend, nachdem dieſe Botſchaft eingelaufen, kamen die vornehmſten An⸗ führer zu einer Berathung zuſammen. Es waren lauter kühne, hochherzige Männer, obwohl nur Wenige Geſchicklichkeit, Erfahrung und Klugheit zur Sache mitbrachten, und nicht ein Einziger wollte dem Plane Gehör ſchenken, den die innere Ueberzeugung einem Jeden als einzigen Pfad der Sicherheit vor Augen ſtellen mochte— nämlich das Unternehmen aufzugeben, ſich ſelbſt zu unter⸗ werfen und ihre Anhänger aus einander gehen zu laſſen. Aber was war zu thun? Alle ihre Erwartungen eines all⸗ gemeinen Aufſtandes waren am Ende; ſie hatten kein Fuß⸗ volk noch Waffen, um Infanterie damit auszurüſten; von verſchiedenen Seiten her, hieß es, waren Truppen wider ſie 5³³ im Anmarſch und Alles, was ſie ihnen entgegenzuſtellen hatten, waren— dreihundert Pferde! Mancher Plan wurde vorgeſchlagen, manches Aus⸗ kunftsmittel angegeben, bis endlich Smeaton, der, ſtumm und nachdenklich das Haupt auf die Hand geſtützt, der trau⸗ rigen Konferenz anwohnte— die Verſammelten alſo an⸗ redete: „Mir ſcheint, Mylords und Gentlemen, daß hier nur noch ein Ding möglich iſt. Mit ſo geringen Mitteln, wie ſie uns hier zu Gebot ſtehen, läßt ſich kein großer Zweck er⸗ reichen. Wir können nicht einmal eines jener unbedeuten⸗ den Unternehmen riskiren, welche durch ihr Gelingen dem Verlaufe ſolcher Bewegungen oft eine ganz neue Wendung geben. Wir müſſen mehr Leute haben, ehe wir irgend et⸗ was anfangen können.“ „Ja, ja, wo aber ſie herbringen, mein guter Lord?“ fragte Lord Widrington.„Das iſt die Frage, die uns Alle in Verlegenheit ſetzt.“ 3 „Hört mich an,“ erwiederte Smeaton in keckem Tone. „Wir haben ſichere Nachricht, daß gerade gegenüber der Gränze Lord Kenmure, der Earl von Nithsdale und andere Edelleute und Gentlemen in der Zahl von vier⸗ bis fünfhun⸗ dert(wie verſichert wird) verſammelt ſtehen. Sie haben ſchon einige wichtige Schritte unternommen und werden durch unſere kleine Macht verſtärkt, im Stande ſeyn, noch weit mehr auszuführen. Unſer eigenes Korps und das jener Cdelleute ſollte ſich ſo bald wie möglich vereinigen, was leicht geſchehen kann, indem wir uns entweder aus Northum⸗ berland zurückziehen und zu Kenmure ſtoßen, oder indem die⸗ ſer Edelmann zu unſerer Unterſtützung herbeirückt und uns dadurch erlaubt, an eine wichtigere Unternehmung zu den⸗ ken. Achthundert Männer vermögen im Norden von England wie im Süden von Schottland gar Manches auszuführen, woran dreihundert nicht denken dürfen, und meine Meinung iſt, wir ſollten morgen mit Tagesanbruch zur Vereinigung mit Viscount Kenmure abmarſchiren, der Inſurrektion im ſchottiſchen Tieflande dadurch Kraft und Nachdruck verleihen, die Truppen des Hauſes Hannover beſchäftigen und es dem Earl von Mar möglich machen, aus ſeiner vortheilhaften Stellung und der Zahl ſeiner Streitkräfte vollen Nutzen zu ziehen.“ Wie jeder andere Vorſchlag bei einem Meeting, wo keine wirkliche Subordination herrſcht, veranlaßte auch dieſer eine lange ungeordnete Berathung und eine Maſſe widerſtrei⸗ tender Anſichten. Jeder erkannte es als klug an, die beiden Ströme der Empörung zu vereinigen, aber Keiner war mit der Art und Weiſe dieſer Vereinigung einverſtanden. Die nationalen Vorurtheile und Antipathien, durch lange Gränz⸗ kriege erzeugt, waren noch keineswegs erloſchen, und wenn auch. Einige die Klugheit von Smeaton's Rathe— Nort⸗ humberland zu verlaſſen und ihre Operationen für jetzt auf den Süden von Schottland zu beſchränken— einſahen, ſo erklärten wieder Andere, wenn man einen ſolchen Rückzug verſuchte, werden viele ihrer Anhänger die Sache im Stiche laſſen, und einer der Herren erklärte geradezu ſeine Ueber⸗ 53⁵ zeugung dahin, daß ſie in dieſem Falle keine fünfzig Mäͤnner über die Gränze brächten. Dieſe Anſicht gewann die Oberhand, und es wurde be⸗ ſchloſſen, mit Lord Kenmure zu unterhandeln, damit er mit ſeinen Streitkräften in England einrücke. Die nächſte Frage war, wer ſollte den Unterhändler machen? Keiner der Anweſenden war mit dem ſchottiſchen Edelmanne perſönlich bekannt, und— ehrlich geſtanden— nur Wenige drängte es zu einer Aufgabe, bei der man ſehr natürlich eine abſchlägige Antwort erwarten durfte, denn Jeder erkannte es als höchſt unwahrſcheinlich, daß Kenmure ohne beſſere Verlockungsgründe, als man ſie ihm zu bieten hatte— die Gränze überſchreiten werde. Endlich nach⸗ dem verſchiedene Mitglieder der Verſammlung ihre Ent⸗ ſchuldigungen vorgebracht, warum ſie die Aufgabe ablehnten, erbot ſich der Earl von Eskdale als Freiwilliger zu dem Unternehmen. „Wenn Ihr mich mit dem Auftrage betraut, ſo will ich verſuchen, Lord Kenmure zum Anmarſche zu uns zu veranlaſſen, natürlich ohne ihm meine eigene Anſicht zu er⸗ klären, daß ich es nämlich für klüger hielte, wenn wir zu ihm ſtießen,“ erklärte Smeaton.„Sollte er mir dieſe Ein⸗ wendung machen, ſo weiß ich ihm allerdings keine Gründe dagegen anzuführen, und da wird es wohl am beſten ſeyn, wenn General Forſter ihm durch mich einen Brief überſchickt und ihm alle die Gründe auseinander ſetzt, welche ſeinen ei⸗ genen Beſchluß beſtimmt haben.“ Forſter zeigte jedoch keine Luſt zu ſchreiben und verſtand 536 ſich zuletzt nur dazu, dem jungen Earl ein Kreditiv mitzuge⸗ ben, zum Beweis, daß er von der ganzen Partie zur Unter⸗ handlung ermächtigt worden. Selbſt dieſes hätte er unter allerlei Vorwänden bis zum kommenden Morgen verſchoben, wenn Smeaton ihn nicht ziemlich ungeduldig mit den Wor⸗ ten unterbrochen hätte: „Es iſt keine Zeit zu verlieren, Sir. Die Entfer⸗ nung iſt beträchtlich, wenn Lord Kenmure's Streitkräfte, wie wir verſichert wurden, zu Moffat ſtehen. Wir ſelbſt ſind über dreißig Meilen von Wooler, und mag ich nun die Straße über Coldſtream oder direkt über Kelſo einſchlagen, ſo brauche ich jedenfalls allein zu meiner Reiſe faſt zwei volle Tage; dann kommt die Unterhandlung, die vielleicht langwieriger wird als wir uns einbilden, und endlich noch der Marſch der Truppen hierher. Ich werde alſo jedenfalls noch heute Nacht aufbrechen, und ich möchte Euch unter allen Umſtänden rathen, Euch auf Rothbury zurückzuziehen, wodurch Ihr unſeren Freunden aus dem Norden einiger⸗ maßen entgegenkommt, ſonſt könntet Ihr, im Falle einer Verzögerung, alle in Stücke gehauen werden, bevor ſie zu Eurer Unterſtützung eintreffen.“ „O wir werden uns natürlich nach Rothbury ziehen,“ ſagte Lord Derwentwater,„und die Kreditive können als⸗ bald ausgefertigt werden, ohne irgend Jemand ſonderlich zu beläſtigen. Wenn Ihr ſelbſt Willens ſeyd, ſo zeitig aufzu⸗ brechen, ſo darf wenigſtens von unſerer Seite Euch nichts zurückhalten.“ „In einer halben Stunde werde ich bereit ſeyn⸗“ V 537 verſicherte Smeaton aufſtehend,„und mittlerweile, hoffe ich, wird das Schreiben wohl aufgeſetzt werden können.“ Es dauerte jedoch eine volle Stunde, bis er zum Auf⸗ brechen kam, worauf ſich der junge Earl, trotz Van Nooſt's Bitten, ihn mitgehen zu laſſen, nur von ſeinem Diener be⸗ gleitet, auf den Weg machte. Der Tag war ſchon raſch auf der Neige, und noch wa⸗ ren nicht viele Minuten verſtrichen, als die Nacht ihn über⸗ fiel. Etwas mehr als drei Stunden brachten ihn mit er⸗ müdeten Pferden und in ziemlich geſpannter Stimmung nach Wooler, denn er empfand das ganze Gewicht der übernom⸗ menen Sendung, und die Truppenbewegungen in der Nach⸗ barſchaft von Berwick machten es nichts weniger als un⸗ wahrſcheinlich, daß er unterwegs angehalten werden würde. Er fand jedoch das Städtchen Wooler ruhig und ohne Soldaten, und da es noch nicht ſpät war, ſo konnte er ſich in der kleinen Herberge für ſich, ſeinen Diener und ſeine Roſſe leicht Erfriſchungen verſchaffen. Da es ihn drängte, die Gränze zu überſchreiten, jen⸗ ſeits deren die allgemeine Stimmung des Landvolks die Straßen für die Anhänger der jakobitiſchen Sache weit ſiche⸗ rer machte, gönnte er ſich nur anderthalb Stunden Ruhe und brach dann auf dem direkten Wege nach Kelſo auf, der trotz ſeiner Steile und rauhen Beſchaffenheit ſowohl an Kürze als an Sicherheit bedeutende Vortheile vor dem über Coldſtream darbot, denn er hatte zu Wooler erfahren, daß eine kleine Reiterabtheilung im Lauf des Morgens die letztgenannte Stadt beſetzt habe. Er mußte freilich etwas 538 langſam vorgehen, denn ſeine Pferde waren ſchon am frühen Tage benützt worden und die langweiligen zwanzig Meilen bis Kelſo nahmen mehrere Stunden in Anſpruch. Grabesſtille herrſchte bei ſeinem Eintritte in der gan⸗ zen Stadt, die Einwohner waren in tiefen Schlaf verſunken. An keinem Fenſter war ein Licht zu ſehen, und der junge Edelmann konnte nicht wiſſen, ob er nicht einen Löwen ſtatt eines Lammes wecke, falls er einen der guten Bürger aus dem Schlummer rufe. Unter dieſen Umſtänden beſchloß er, trotz der Ermüdung ſeines Pferdes, weiter zu reiten und an dem erſten Weiler oder Bauernhauſe, auf das er ſtieße, um Gaſtfreundſchaft anzuklopfen. Er rechnete jedoch ohne den Wirth, denn die Gegend zwiſchen Kelſo und Hawick war damals weit weniger be⸗ völkert als heutzutage, und nachdem er noch etwa zwei Meilen weiter geritten, war er froh, ſeine Roſſe auf einer grünen Wieſe in der Tiefe des Thales waiden zu laſſen, während er ſelbſt mit ſeinem Diener hinter einer lockeren Steinmauer Obdach ſuchte. Der Herbſtwind wehte ſcharf und kalt; aber die Thiere waren beſſer daran als ihre Herren, denn ſie fanden auf der Wieſe bald genügenden Mundvorrath, während ihre Reiter ohne Lebensmittel blieben. Tom Higham ſtöhnte in ſeinem Geiſte, als er in ſeinen Mantel gehüllt ſchauernd hinter der Mauer ſaß, und Smeaton ihn mehr als einmal vor ſich hinmurmeln hörte: „Ich bin ein mächtig großer Narr. Das iſt ſo klar wie Mondſchein.“ 539 Vielleicht dachte der junge Edelmann das Nämliche von ſich ſelber, nur ertrug er ſeine Lage geduldiger, und ſich ſo gut wie moͤglich vor dem ſchneidenden Winde ſchützend, ſuchte er einzuſchlummern, wie er es unter ähnlichen Umſtänden in anderen Ländern oft gethan hatte. In ſolchen ſinſteren einſamen Stunden, wenn das Ge⸗ müth am meiſten deprimirt und ein Handeln unmöglich iſt, geſchah es Smeaton am häufigſten, daß Emmelinens Bild vor ihm aufſtieg. Ihm war dann zu Muthe, wie bei dem Beſuche eines Engels, denn ob auch mancher ängſtliche, me⸗ lancholiſche Ideengang durch die Erinnerung an ſie und ihr Schickſal in ihm geweckt wurde, ſo lag doch etwas in den wachgerufenen Bildern, was ſein Gemüth beruhigte, ja ſo⸗ gar erheiterte. Ich glaube, es iſt eine Eigenſchaft der hohen, reinen Liebe, daß ſie ſtärkt und erhebt, wie widrig auch die Um⸗ ſtände ſeyn mögen. Die Bilder, welche nunmehr in ihm aufſtiegen, verbannten jeden Schlummer, und als das graue Tageslicht endlich im Oſten aufdämmerte, wachte er noch immer, während ſein Diener lange in tiefen Schlaf begra⸗ ben geweſen. Smeaton erhob ſich ſogleich, weckte den Burſchen und hieß ihn die Pferde einfangen und Sattel und Zaum wieder auflegen. „Ha!“ rief Tom Higham,„das wollen wir lieber thun, ehe Einer kommt und uns einfängt, denn die Beſtien haben ſich's auf Sawney's Koſten ſchmecken laſſen, und ein liſtiger Schotte iſt nicht der Mann, der uns zechfrei von hinnen läßt, wenn er uns erwiſcht.“ 540 „Das ſoll er nicht nöthig haben,“ erwiederte Smeaton, ein paar Schillinge aus ſeiner Börſe nehmend und oben auf der Steinmauer niederlegend.„Ich hoffe, er wird ſie ſchon finden— wo nicht, ſo iſt mein Gewiſſen frei.“ Das Einfangen der Pferde ging nicht ohne Mühe vor ſich, denn ſie wollten ihre behagliche Waide nicht gerne mit der ſteinigen Straße vertauſchen, und eben als der junge Edelmaun ſein eigenes Roß am Vorderſchopfe erwiſcht hatte, hörte er ſeinen Diener in kläglichen Lauten um Hülfe rufen. Indem er ſich umſchaute, ſah er den guten Meiſter Higham unter der Fauſt eines ſehr großen vierſchrötigen Mannes in Pächtertracht, und ſein Roß zu ihnen hinführend, erkundigte er ſich, was es gebe. „Ich verſtehe nicht, was er meint,“ ſchrie Tom Hig⸗ ham;„ich weiß nur, daß er davon ſpricht, als ob ich ihn ſpieße, oder er mich ſpießen wolle, obwohl der Teufel wiſſen mag, wie überhaupt ein Spieß zwiſchen uns kommt!“ Smeaton, dem die Landesſprache in Folge ſeiner Fa⸗ milienverbindungen geläufiger war, begriff bald ſoviel, daß der Pächter, der von dem Fenſter ſeines hart daneben gele⸗ genen Hauſes, das ihnen früher in der Dunkelheit entgan⸗ gen war, zwei Pferde auf ſeinem Felde geſehen hatte— in hohem Zorne herabgekommen war, um eine Frechheit zu⸗ rückzuweiſen, welche damals in jenem Landestheile allerdings ziemlich gewöhnlich war. „Mein guter Freund,“ erwiederte der junge Edelmann, „da wir weder den Weg genau kannten, noch ſonſtwo ein Ob⸗ dach zu finden wußten, ſo flüchteten wir uns heute Nacht 541 hieher, und ich hatte keineswegs die Abſicht, davon zu gehen, ohne für das Gras, das meine Pferde verzehrt haben, zu zahlen.“ „Das iſt's nicht,“ verſetzte der Mann bärbeißig;„wenn Ihr Obdach brauchtet, warum habt Ihr Euch dort nicht zur Fichte gewendet, oder unterm Fenſter Halloh geſchrien?“ „Weil ich nicht wußte, daß ein Fenſter in der Nähe war,“ entgegnete Smeaton lächelnd.„Von meiner Abſicht, Euch zu zahlen, könnt Ihr Euch ſelbſt überzeugen, denn ehe ich meinem Diener die Pferde einfangen half, legte ich dort auf die Mauer ein paar Schillinge, welche ich für das verſpeiste Gras als hinreichend betrachtete.“ Der vorſichtige Pachter ließ Highams Kragen fahren; ehe er ſich jedoch befriedigt erklärte, ging er geradeswegs auf die Mauer zu und nahm das Geld, das er alsbald entdeckte. Jetzt erhellte ſich ſein Geſicht, und der junge Earl ſagte zu ſich ſelbſt, mit etwas cyniſchem Lächeln: „Ich wünſchte, meines armen Vaters Landsleute gäben ihren ſüdlichen Nachbarn nicht ſoviel Urſache, ſie der Hab⸗ gier zu zeihen, was dieſe ſo gerne thun.“ Diesmal war er jedoch im Irrthum, denn der gute Pächter.ſtreckte ihm das Geld wieder hin, ſobald er näher kam, und ſagte: „Da nehmt das Silber. Es war nicht darum, daß ich mit dem winzigen Kerl ein Bischen harzelirte.“ Und nun begann er zu erklären, daß es ihn nur geärgert habe, daß die Pferde ohne ſeine Erlaubniß in das Feld gelaſſen worden ſeyen.„Da wird wohl Keiner leben,“ fuhr er fort, 54⁴² „der da ſagen könnte, daß ich ihm jemals für ihn ſelbſt oder ſein Beeſt einen Biſſen abgeſchlagen; aber Ihr hättet ein beſſeres Nachtquartier finden können, wenn Ihr nur ein Stück weiter getrabt wäret.“ Dagegen ließ er ſich's nicht nehmen, den beiden Wan⸗ derern in ſeinem winzigen Strohhäuschen’— wie er es nannte— das ſich aber als ein höchſt behaglicher Pachthof erwies, ein Frühſtück aufzutiſchen. Da weitere Erkundigung dasjenige war, wonach der Earl am meiſten verlangte, ſo nahm er die Einladung be⸗ reitwillig an, zur großen Freude und Befriedigung Tom Highams, der bald darauf ſein Pferd einfing und ſeinem Herrn und dem Pächter, welche von dem Feld aus die Straße hinauf wandelten, nachfolgte. Der Pächter war übrigens nicht leicht dazu zu bringen, von gefährlichen Dingen zu reden. Sobald man auf Poli⸗ tik oder den damaligen Stand der Parteien zu reden kam, ballte er ſich zuſammen wie ein Igel(um Tom Highams Vergleichung zu gebrauchen), und erſt als er entdeckte, daß ſein minder vorſichtiger Gaſt nach Moffat gehe, um dort den Viscount Kenmure zu ſprechen, fing er an auszupacken und freier, obwohl immer noch mit einer gewiſſen Vorſicht zu reden, wie wenn er noch nicht ganz überzeugt wäre, ob der engliſche Reiſende das Geheimniß ſeiner politiſchen Anſichten nicht aus ihm herauszulocken verſuchte. Er bekümmere ſich um den einen König ſo wenig als um den andern, ſagte er; nein, nicht einen Strohhalm! Er ſey ein friedfertiger Mann⸗ und ſie ſollen’s nur unter ſich ausfechten. Was aber den — 543 Viscount Keumure und ſeine Handvoll Leut' betreffe, ſa habe er ſagen hören, wolle es aber nicht verbürgen, denn er wiſſe nichts aus eigener Anſchauung, daß er gar nicht zu Moffat, ſondern in dem Städtchen Hawick ſey. Zu gleicher Zeit ſchien aus einigen leiſen Anzeichen hervorzugehen, daß er der Sache des Hauſes Stuart nicht abgeneigt war. Er gab ſich beſondere Mühe, Smeaton auf der Straße nach Hawick recht zu weiſen, und beſtand dar⸗ auf, die beiden Pferde mit einem ſolideren Futter zu ver⸗ koſtigen, als dem bloſen Graſe, das ſie ſich während der Nacht abgerupft hatten. Allmälig wurde er auch etwas mittheilſamer in ſeinen Neuigkeiten und benachrichtigte den jungen Edelmann, daß auf viele Meilen im Umkreiſe keine Streitmacht vorhanden ſey, die ſich dem Marſche der jako⸗ bitiſchen Truppen widerſetzen könnte. Er wollte auf dem Markte zu Kelſo gehört haben, daß Kenmure die guten Leute zu Dumfries vor einigen Tagen erſchreckt habe, daß er aber, die Bürger beſſer gerüſtet findend als er erwartete, ſich nach Langholm und von da nach Hawick zurückgezogen habe. Ueber die Anzahl von Kenmure's Truppen konnte oder wollte er nichts ausſagen; auf alle Fälle vernahm der junge Edelmann mit Befriedigung, daß ſeine Reiſe bedeu⸗ tend abgekürzt war, und nachdem er von dem herzhaften Frühſtücke des würdigen Pächters genoſſen hatte, ſtieg er zu Pferde und machte ſich wieder auf den Weg. Ein Ritt von wenigen Stunden brachte ihn nach Ha⸗ wick; aber er erfuhr, daß Kenmure nicht in dem dortigen Städtchen ſein Hauptquartier aufgeſchlagen, ſondern ein 544 wenige Meilen entferntes Dorf beſetzt habe, wo ſeine Ka⸗ vallerie, im Falle eines Angriffes, weniger ausgeſetzt war. Dorthin ſetzte der junge Edelmann, geführt von einem Bauernburſchen zu Fuß, ſeine Reiſe fort, denn die Weiſun⸗ gen, die er im Städtchen erhielt, waren viel zu verwirrt und umſtändlich, um ſie ſo leicht begreifen zu können. In Folge verſchiedener Hinderniſſe bekam er das Dorf erſt Nachmittags drei Uhr zu Geſicht, und auch da ließen ſich ſehr wenige Symptome einer zahlreichen Einquartierung wahrnehmen. Am Ende der langen Straße von regellos zerſtreuten Häuſern, welche das Dorf bildete, ſah man eine Schildwache— wenn man ſie ſo nennen durfte— mit ei⸗ nem Säbel an der Seite und einer Piſtole in der Hand, und vor der Thüre war hie und da eine Perſon in der Tracht eines Gentlemans, geſtiefelt und geſpornt, aber blos mit einem Schwerte bewaffnet, wahrzunehmen. Keine Vorſichtsmaßregel begegnete ſeinem Eintritt in's Dorf; die Schildwache wies ihn blos in das der Kirche zu⸗ nächſt gelegene Pfarrhaus, als er ſich nach Lord Kenmure erkundigte, und durch Haufen von Kehricht und Kohlſtän⸗ geln, welche vor jedem Hauſe aufgethürmt lagen und die Straße für jedes Räderfuhrwerk nahezu ungangbar machten, ſich durchwindend, gelangte er endlich an den Eingang der Wohnung, vor welcher eine Figur ſtand, welche mit der am Anfange des Dorfes aufgeſtellten Schildwache große Aehnlichkeit hatte. Das Erſcheinen von ein paar Reitern hatte einige Aufregung im Orte verurſacht, und zwei bis drei Koͤpfe guckten durch die Fenſter, als er vor das Haus —— 545 ſprengte; doch wurde er unverzüglich in das Zimmer ge⸗ führt, worin der Viscount ſaß, und überlieferte ihm das kurze Schreiben, das er von General Forſter zu überbringen hatte. Eine lange Berathung folgte, und der ſchottiſche Edel⸗ mann hatte im Laufe derſelben viele Fragen vorzubringen. Smeaton erzählte ihm die genaue Wahrheit in Betreff der Anzahl und Stellung der kleinen Inſurgentenmacht in Northumberland, indem er beifügte, wie ſie gehört hätten, daß Lord Kenmure's Truppen ſich auf fünfhundert Mann beliefen. „Ich wollte, ſo wäre es!“ erwiederte der Viscount mit ziemlich kaltem Lachen.„Wenn dies der Fall geweſen wäre, Mylord, dann würdet Ihr mich vermuthlich zu Dumfries getroffen haben. Nein— nein! Ich will ehrlich gegen Cuch verfahren, wie Ihr gegen mich verfahren ſeyd. Wenn Ihr eine Handvoll ſeyd, ſo ſind wir noch weniger, denn wir zählen nicht über die Hälfte der Streitmacht, welche General Forſter Eurer Ausſage zufolge bei ſich hat.“ „Dann iſt Eure alsbaldige Vereinigung um ſo drin⸗ gender,“ bemerkte der junge Earl. „Ja! Aber es wäre beſſer geweſen, wenn er zu mir gekommen wäre, ſtatt daß ich zu ihm kommen ſoll,“ ant⸗ wortete Kenmure.„Hier hätte ſich etwas ausrichten laſſen, während ich aus allen Euren Worten entnehme, mein edler Freund, daß auf der andern Seite der Gränze nicht viel anzufangen iſt; jeder Schritt, den ich in jener Richtung wage, entfernt mich immer mehr von meinen Hülfsquellen James, Henry Smeaton, 35 546 und von jeder Ausſicht auf Unterſtützung, die wir mit Recht aus dem Norden erwarten dürfen.“ „Ich fürchte, Mylord, zu ſolchen Einwürfen iſt es jetzt zu ſpät,“ bemerkte Smeaton.„Der Plan, den Ihr erwähnt, waͤre vielleicht der klügſte geweſen. Wir ha⸗ ben da zwei kleine Korps, welche für die gleiche Sache fechten, aber von einander getrennt ſind und ſich von beträchtlichen Maſſen feindlicher Truppen umringt ſehen. Wenn Ihr dieſen Zuſtand der Iſolirung mit fünfzig bis ſechzig Meilen Zwiſchenraum zwiſchen uns fortſetzt, ſo ſeyd Ihr jeden Augenblick der Gefahr unterworfen, einzeln ab⸗ geſchnitten zu werden, ohne einander unterſtützen zu können, ja wahrſcheinlich bevor Euer Sukkurs aus dem Norden an⸗ langt. Da möͤchte ich Euch doch bemerken, daß es für Euch viel beſſer wäre, wenn Ihr unverzüglich zu unſerem Korps nach Northumberland abmarſchiren würdet: dann habt Ihr eine Macht von beinahe fünfhundert Mann vereinigt, mit welcher Ihr dem Feinde Trotz bieten könnt, wenn ſie Euch auch keine große Unternehmung erlaubt, und ſollte es nach der Berathung mit General Forſter für nöthig erachtet werden, ſo könnt Ihr Euch hieher auf Eure Hülfsquellen zurück⸗ ziehen und jede gut gewählte Stellung behaupten, bis Ihr Verſtärkung erhaltet.“ „Gut, gut!“ erwiederte Lord Kenmure;„ich muß mich hier mit meinen Freunden berathen, ehe wir entſcheiden können; unterdeſſen muß ich aber für Eure Unterbringung über Nacht Sorge tragen. Wir haben das Pfarrhaus ſo voll gepfropft, als es nur immer anging, und ich fürchte, — — 547 Ihr werdet Euch mit einer armſeligen Herberge behelfen müſſen.— Sey Einer ſo gut, den Quartiermeiſter Calder⸗ wood herbeizuholen.“ Dieß geſchah, und nach kurzer Berathung zwiſchen Bei⸗ den wurde der junge Earl dem Quartiermeiſter überantwor⸗ tet und verließ das Pfarrhaus ziemlich zweifelhaft über den Ausgang der Berathung, welche nunmehr beginnen ſollte, um die einzige Behauſung aufzuſuchen, die man ihm anzuweiſen vermochte. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Die Dunkelheit war in raſchem Zunehmen begriffen, als der Earl von Eskdale, geführt vom Quartiermeiſter Calderwood, die kleine Straße des Dörſchens betrat. Sie fanden Tom Higham in dem angenehmen Geſchäft begriffen, einigen vor der Thüre verſammelten ſchottiſchen Mädchen, welche kaum verſtanden was er ſagte, und deren eigene Sprache ihm ebenſo unverſtändlich war, in ſtarkem Londoner Jargon Unſinn vorzuſchwatzen. Sein Herr winkte ihm, mit den Pferden zu folgen, und wurde bis an den äußeren Rand des Dorfes geführt, wo, ganz abgeſondert von dem übrigen Weiler, mitten in ihrem eigenen Garten oder Kohlſtück eine kleine ziemlich verfallene Hütte zum Vorſchein kam. „Das iſt der einzige Ort, den ich Eurer Lordſchaft anweiſen kann,“ ſagte Calderwood im Näherkommen,„und. ich fürchte, Ihr müßt ihn noch mit einem andern Gentleman 35* 548 theilen, der heute Nachmittag aus Frankreich anlangte. Es iſt übrigens Raum für Zwei; die Diener muß ich eben wo anders unterbringen.“ „Ich bin durchaus nicht heikel, Quartiermeiſter,“ er⸗ wiederte Smeaton;„ich bin zu ſehr an das Waffenleben ge⸗ wöhnt, um mir etwas daraus zu machen, unter dieſer Mauer zu ſchlafen, wenn es nöthig ſeyn ſollte.“ „Ha! Mylord, das höre ich mit Freuden,“ verſetzte Calderwood;„es fehlt unter uns ſehr an Männern von Erfahrung.“ Smeaton drängte ſich hier der alltägliche Gedanke auf, daß die Leute, je mehr es ihnen an Erfahrung gebricht, deſto weniger geneigt ſind, von fremder Erfahrung zu profitiren; aber er unterdrückte ſeine Antwort., und Calderwood öffnete die Thüre. Kein Gang, keine innere Thüre verſchloß das einzige Zimmer im untern Stockwerk gegen Außen, und Smeaton befand ſich beim Eintreten in einem großen von vier Per⸗ ſonen bewohnten Gemache. Die Eine trug die Tracht ei⸗ nes Dieners; zwei Andere ſchienen der Hausherr und ſeine Frau zu ſeyn, ein flachshaariger Mann und ein ſchwarzhaa⸗ riges Weib, im Alter von etwa vierzig Jahren; dieſe Drei waren, wie es ſchien, mit Bereitung des Abendmahles be⸗ ſchäftigt. Die vierte Perſon ſaß vor einem flackernden Feuer auf der Nordſeite der Hütte. Es war ein großer, derber und anſcheinend wohlgekleideter Mann; da aber der letzte Strahl des Tages im Erloſchen war, im Zimmer noch keine Kerzen brannten und eine beträchtliche Maſſe Rauch 549 darin wogte, ſo ließ ſich von der Figur am Kamine nur we⸗ nig entdecken. Mr. Calderwood ſprach einige Worte mit ihm, indem er ihm auseinanderſetzte, wie Lord Kenmure genöthigt ſey, einen zweiten Gentleman im Hauſe einzuquartieren. Der Fremde erhob ſich alsbald mit einem höflichen Ausdrucke der „Freude, und ging dem neuen Ankömmlinge entgegen, wäh⸗ rend die gute Hausfrau ein einziges Licht anzündete. Die Haltung des Fremden war leicht und würdevoll, ſeine Figur hübſch und ſein Geſicht, wenn auch nicht ganz ſchön oder einnehmend, ſo doch auffallend und bemerkens⸗ werth. Er hatte ganz die Miene eines Militärs, und ſein Stand oder ſeine Neigung ſchien durch eine tiefe, ziemlich friſche Narbe auf der Stirne angedeutet. Sobald er Smeaton ſah, wurde ſein Geſicht hochroth vor Freude oder einer andern Regung, und nachdem der junge Edelmann ihn eine Weile betrachtet, als ob er ihn halb erkenne und halb ſeinen eigenen Augen mißtraue, ſtreckte er ihm die Hand entgegen mit den Worten: „Das iſt ein unerwartetes Vergnügen!“ Der Fremdling nahm die dargebotene Hand und ſchüt⸗ telte ſte tüchtig mit eigenthümlichem, aber nicht herzlichem Blicke. Dann näherte er ſich raſch Smeatons Ohr und flüſterte: „Nennt mich Somerville! Ich heiße hier Somerville.“ Smeaton nickte ruhig mit dem Kopfe und erwiederte: „Ich glaubte Euch in weit entfernten Landen, Mr. Somerville. Wann ſeyd Ihr nach Europa zurückgekehrt?“ 550 „Vor etwa drei bis vier Monaten,“ verſetzte ſein Ge⸗ fährte.„Ich bin ſeither in Frankreich umhergewandelt.— Nun, gute Frau, wird mein Nachteſſen gar nicht mehr fertig? Kommt, rührt Euch, und legt noch etwas für die⸗ ſen Gentleman bei, der wohl ebenſo hungrig iſt, wie ich.“ In ſeinem Sprechen lag offenbar ein gewiſſer Zwang, den er vergeblich durch eine affektirte Leichtigkeit und Sorg⸗ loſigkeit zu verdecken ſtrebte, und ſobald er dieſe Beſchwö⸗ rung an die Frau des Hauſes gerichtet hatte, verfiel er wieder in Gedanken, ohne ihre brummige Antwort im Ge⸗ ringſten zu beachten. Auch Smeaton war nachdenklich, aber ohne ſeine Ruhe und Behaglichkeit zu verlieren; durch einige gutmüthige Worte veranlaßte er ihre Wirthin, daß ſie ſich etwas mehr beeilte, als ſie vorher gethan hatte. Ich könnte hier eine lange Schilderung all' der kleinen Ereigniſſe entwerfen, welche in der nächſten Stunde ſtatt⸗ fanden, und erzählen, wie Smeatons Diener und der Burſche des ſich ſo nennenden Somerville anderswo einquartiert wurden, wie eine barfüßige Bauerndirne mit aller Schoͤn⸗ heit der Jugend und Geſundheit, einer klaren Geſichtsfarbe und großen ſchwarzen Augen hereinkam, um einen Topf zu entlehnen, und nicht ohne manche galante Komplimente und einen halbwiderſtrebenden Kuß von Mr. Somerville entlaſ⸗ ſen wurde, und wie zwei hübſche Kinder aus einer benach⸗ barten Hütte in ſehr dürftiger Kleidung die fremden Gent⸗ lemen beim Einnehmen ihres Abendeſſens beobachteten. Allein ich muß all' dieſe kleinen Nebenſachen übergehen, und 551 den Leſer ſogleich in den Moment verſetzen, wo Smeaton und ſein Gefährte nach dem Schluſſe des Abendeſſens allein gelaſſen waren, nachdem Wirth und Wirthin ſich zu ihrer frühen Nachtruhe zurückgezogen und die beiden Gentlemen mit einem großen Kruge Whiskey und einem Keſſel heißen Waſſers über dem Feuer verlaſſen hatten. Mehr als einmal während des frühern Abendeſſens hatte Somerville hinter ſeinen dichten Augenbrauen einen kurzen Seitenblick auf ſeines Gefährten Antlitz gerichtet, ihn aber ſogleich zurückgezogen, ſobald er bemerkte, daß Smeatons Augen auf ihm ruhten. Er war oft in langes Nachſinnen vertieft, und es lag, wie geſagt, eine gewiſſe Unruhe auf ihm, welche ſeinem Kameraden nicht wenig auf⸗ fiel, denn als Smeaton vor etlichen Jahren eine oberfläch⸗ liche Bekanntſchaft mit ihm gepflogen, war Jener gerade wegen des leichtſinnigen, kecken Uebermuths berüchtigt geweſen, der damals von den Witzbolden aller Länder zur Schau getragen wurde. Sobald ſie jedoch allein waren, änderte Smeaton den Ton der Unterhaltung und ſagte: „Jetzt da wir ohne Zeugen ſind, können wir über in⸗ tereſſantere Dinge reden, Newark! Wann ſeyd Ihr aus Süd⸗ amerika zurückgekehrt? Ich hörte mit großer Ueberraſchung, als ich in Naney war, daß Ihr Kaufmann werden wolltet und einen nom de guerre angenommen hattet.“ „Ja, kaufmänniſcher Abenteurer!“ verſetzte der Andere, auf letzteres Wort beſonderen Nachdruck legend. „Es war mehr in letzterer als in erſterer Eigenſchaft, daß ich 5⁵² auszog, mein guter Lord! Ich bin, wie geſagt, ſeit drei Monaten zurück, nachdem ich meine Börſe in der neuen Welt mit einigen Dukaten vergoldet, den Don's zur Ader gelaſſen, wenn ſie wegen zu großer Hitze in Gefahr des Tollſtebers ſtanden, und mich in dem ſüßen Lächeln der oli⸗ venbraunen Donna's von Peru und Mexiko geſonnt hatte. Wie Alles in dieſer langweiligen Welt, ſo bekam ich auch dieſes ſatt, und da ich hoͤrte, daß bewegte Zeiten hier zu Lande herannahten, ſo dachte ich, ich könnte ebenſo gut zu⸗ rückkehren und eine Bagatelle— wie mein Leben und Ver⸗ mögen— auf das Spiel ſetzen, das hier vor ſich geht, in der Hoffnung, ſo oder anders einen Theil deſſen, was ich und die Meinen verloren haben, wieder zu gewinnen.“ „Habt Ihr Euren Oheim und Tante geſehen, als Ihr in Frankreich waret?“ fragte Smeaton, ſeine Augen feſt auf ihn heftend. „Nein!“ erwiederte der Andere in ſorgloſem Tone. „Mein Onkel, der gute Lord, iſt etwas ſchlimmer als kin⸗ diſch; denn ſeine Laune hat ebenſo ſehr wie Leib und Seele nachgelaſſen. Auch iſt er ein Kornhändler geworden, was ſich mit meinen Anſichten von Anſtand nicht zuſammenräumt, und da er meine hohen Eigenſchaften und Vorzüge doch nie zu ſchätzen wußte, ſo hielt ich es nicht der Mühe werth, ihn mit meiner Gegenwart zu beläſtigen.“ „Ich weiß, Ihr habt Euch nie verſtanden,“ bemerkte Smeaton,„und es iſt alſo nicht an mir, zu entſcheiden, wer Recht hatte!“ 5⁵³ „Das heißt: ich hatte Unrecht,“ ſagte der Andere lachend. Allein Smeaton fuhr fort, wie wenn er nicht unter⸗ brochen worden wäre: „Ihr laßt ihm keine Gerechtigkeit widerfahren, wenn Ihr ihn kindiſch nennt. Sein Geiſt iſt ſo hell und ſtark wie immer, und ſein Körper von den Jahren, die über ihn hin⸗ gegangen, nur wenig erſchüttert. Ich hatte alle Gelegen⸗ heit, dieß zu beurtheilen, da ich vor meiner Abreiſe nach England einige Wochen bei ihm und Lady Newark zuge⸗ bracht habe.“ „Ah! Iſt er ſo ſtark in Jugend und Muskeln?“ rief der Andere mit bitterem Lachen.„Der Himmel möge ihn — und zwar recht bald— unter ſeine Heiligen erheben!“ „Ei nein!“ erwiederte Smeaton.„Ich bin überzeugt, Newark, dieſer Wunſch iſt mehr auf Euren Lippen als in Eurem Herzen.“ „Wahrhaftig nicht! Bei'm——,“ ſchrie der Andere mit wildem Fluche;„dann würde ich auf alle Fälle Lord Newark. Ob ich die Ländereien ebenſo gut wie die Lordſchaft zurückbekäme, das müßte ich eben den Sternen überlaſſen, und ſie ſind immer gütiger gegen mich geweſen als er.“ „Ich glaube kaum, daß Ihr ihn jemals gebührend be⸗ urtheilt habt,“ bemerkte Smeaton ernſthaft.„Er war in früheren Jahren gewiß ſehr gütig gegen Euch und ſtreckte ſeine geringen Mittel, um Euch neben ſeinen beiden armen Söhnen eine treffliche Erziehung zu gewähren; aber—“ „Aber ich war, was alte Weiber einen wilden Buben 554 nennen— wolltet Ihr ſagen,“ rief der Fremde, der die Ge⸗ wohnheit angenommen zu haben ſchien, Andern in's Wort zu fallen.„Ich war allerdings wild und verſpottete die Lehren und Anſichten alter Schachteln beiderlei Geſchlechts, da mir die Lektionen junger Damen beſſer geſielen, zankte mich auch zuweilen mit Gentlemen und Kriegern, welche ketzeriſche Anſichten über meine Rechte und Freiheiten in gewiſſen Punkten hegten. Was war's aber im Ganzen? Ich war deßhalb um nichts ſchlimmer. Nein, nein, Eskdale! Mein Hauptunrecht war ſeine eigene Schwäche, Thorheit oder Verrätherei, womit er ſeine Tochter in den Händen jenes ſchurkiſchen John Newark ließ.“ „Wie konnte er es hindern?“ fragte Smeaton.„Sein Leben war keine Bohne werth, wenn er ſich nach England wagte, und er hatte Niemand auf dieſer Inſel, dem er die Aufgabe anvertrauen konnte, ſie aus der Gefangenſchaft, in der ſie gehalten wurde, zu befreien und in ihres Vaters Ob⸗ hut zurückzubringen. Glaubt mir, er hätte es gerne ge⸗ than, wenn er nur gekonnt hätte.“ „Warum verließ er ſich nicht auf mich,“ entgegnete der Andere heftig.„Ich hätte ſie befreit und ſicher nach Frank⸗ reich gebracht. Ich bot es ihm an— hatte ſchon Alles be⸗ reit; aber er wollte nichts davon hören.“ Er murmelte etwas vor ſich hin, was Smeaton nicht deutlich hörte, und fuhr dann laut fort: „Er ſtellte mich vor einem Dutzend Perſonen wie einen eiteln Prahlhans hin. Ich ſagte dem ſüßen John Newark, ich werde ihm das Mädchen entreißen und ihm in dem 5⁵⁵ Hauſe, wo er ſich ſo behaglich eingerichtet, den Hals ab⸗ ſchneiden. Ich will es auch thun, noch ehe ich mit ihm fertig bin.“ „Da müßt Ihr ihn erſt aus dem Tower bringen,“ er⸗ wiederte Smeaton;„denn dort iſt er jetzt ſicher einlogirt.“ „Ha!“ rief Newark laut lachend;„iſt der Fuchs ein⸗ geſackt?— Doch ſagt einmal,“ fuhr er in munterem Tone fort,„welche Nachrichten bringt Ihr aus jenem ſchönen weſtlichen Diſtrikt, den Ihr neulich beſucht haben ſollt? War Sir John recht blühend, als Ihr bei ihm waret, und was für Abenteuer habt Ihr erlebt?“ „Sir John war ganz wohl und ſcheinbar gedeihend,“ erwiederte Smeaton,„das heißt— bis zum Tage meines Aufbruchs; denn am Morgen deſſelben wurde er arretirt und, wie ich glaube, in den Tower geſchickt. Abenteuer erlebte ich nur wenige, und ſie ſind nicht der Rede werth.“ Er ſchwieg eine Weile, indem er ſich fragte, ob er wei⸗ ter erzählen ſollte; aber der Andere fuhr mit ſeinen Nach⸗ forſchungen fort: „Was macht die ſchöne Dame, die ſüße Miß Emme⸗ line? Iſt ſie ſo ſchön, wie man ſagt?“ „Sie iſt ſehr ſchön und ſehr liebenswürdig,“ gab Smea⸗ ton zur Antwort. „Und der Sohn, Sir John Newarks Sohn?“ fragte ſein Geſellſchafter.„Es heißt, ſein Vater wolle ihn mit Emmelinen verheirathen, in der Hoffnung, ſeinen Anſpruch auf die Beſitzungen unter allen Umſtänden zu ſichern und den Titel eines Barons Newark zu erlangen, welche Partei 5⁵⁶ auch am Ruder ſeyn möge. Habt Ihr irgend etwas davon gehört?“ „Nein,“ entgegnete Smeaton nachdenklich.„Nach dem Charakter des Mannes iſt ein ſolcher Plan allerdings nicht unwahrſcheinlich,“ fuhr er fort:„aber ich glaube nicht, daß er daran denken kann, ihn ſobald in Ausführung zu bringen. Richard Newark iſt ein bloſer Knabe, einige Jahre jünger als Emmeline ſelbſt. Als ich ihn zum erſtenmale in Lon⸗ don ſah, war er roh, wild und ſonderbar; aber er hat ſich in den ſtürmiſchen Zeiten, die wir durchlebt haben, in Ver⸗ ſtand und Manieren wunderbar gebeſſert. Er wird zwar immer excentriſch und ganz anders als ſonſtige Leute blei⸗ ben; aber es ſchlummern hohe, treffliche Eigenſchaften in dem Knaben, welche ihm meine ganze Liebe und Achtung erworben haben.“ „Iſt er bei ſeinem Vater in London?“ forſchte der Andere ruhig. „Nein,“ erwiederte Smeaton;„er kam mit mir nach Northumberland, um an dem Feldzuge der northumbriſchen Edelleute theilzunehmen, und wenn Lord Kenmure den Vor⸗ ſchlag zu einer Vereinigung beider Korps genehmigt, den ich ihm heute Abend überbracht habe, ſo werdet Ihr ihn in einigen Tagen zu ſehen bekommen. In dieſem Falle,“ fuhr er ernſthaft, faſt ſtreng fort,„muß ich Euch erſuchen, ihn mit aller Freundlichkeit zu behandeln und Euch zu erinnern, daß ſeines Vaters Fehler nicht die ſeinigen ſind, und daß er unter meinem Schutze ſteht.“ 5⁵7 Der Andere lachte, obwohl der Wink ihn nicht wenig ärgerte. „O natürlich,“ erwiederte er.„Euer hoher und mäch⸗ tiger Schutz, Lord Eskdale, wird gegen mich nicht von Nöthen ſeyn. Ich werde nicht mit einem Knaben Händel anfangen, noch ihm den Hals abſchneiden, weil der ſeines Vaters ſchon längſt hätte abgeſchnitten werden ſollen. Es bedurfte alſo gar keiner Drohung.“ „Ich habe keine Drohung ausgeſprochen, Newark,“ ſagte der Earl,„ſondern Euch blos Erwägungen vorge⸗ halten, welche Euch in den Stand ſetzen ſollen, Euer Tem⸗ verament zu zügeln, das ich von früher her als raſch und ungeſtüm kenne.“ „Ah recht gut,“ erwiederte Newark;„doch da iſt nichts zu fürchten. Ich bin gegenwärtig weiß Gott nicht händel⸗ ſüchtig, ſonſt wüßte ich gar manchen Mann, mit dem ich Streit anfinge, ohne mir einen Knaben hiezu auszuleſen.— Was iſt aber bei all' dieſem Wirrwarr und dieſer Konfuſion aus der ſchönen Emmeline ſelbſt geworden? Habt Ihr auch ſie mit Euch nach Northumberland gebracht?“ „O nein,“ entgegnete der junge Earl.„Sir John hat ſie mit nach London genommen.“ „Verflucht!“ murmelte der Andere.„Hätte er ſie zu Ale zurückgelaſſen,“ fügte er bei, nachdem er ſich mit ziem⸗ licher Anſtrengung zuſammengenommen—„was wäre leich⸗ ter geweſen als ſie nach Frankreich zu entführen.“ „Ja, er ließ ſie eben nicht zurück,“ entgegnete Smea⸗ ton ruhig.„Und nun, Newark, will ich mich in dem mir 558 angewieſenen Zimmer zur Ruhe niederlegen, denn ich bin ſcharf und weit geritten und habe die letzte Nacht unter ei⸗ ner Steinmauer zugebracht. Auch muß ich morgen bei. guter Zeit auf ſeyn, denn die edlen Lords hier müſſen zu einem zeitigen Entſchluſſe kommen, und dieſer Entſchluß muß dem General Forſter ſogleich mitgetheilt werden.“ „Wohlan, ich bleibe hier und will mein Glück mit der Flaſche verſuchen,“ bemerkte Newark.„Der Stoff hier, welcher derſelbe iſt, den ſie in Irland Usquebagh nennen, iſt zwar nicht viel beſſer als geſchmolzenes Feuer; aber ich fühle, daß mein Blut in dieſem verfluchten kalten Lande einer kleinen Erwärmung bedarf.“ „Euer Blut war immer hitzig genug,“ verſetzte Smea⸗ ton, auf den Anfang der Treppe zugehend,„und dieſer Spi⸗ ritus iſt für mich zu ſtark. Somit gute Nacht, Newark.“ Mit dieſen Worten begab er ſich zur Ruhe. Der Andere blieb noch über zwei Stunden auf, bis die Kerze nahezu heruntergebrannt war. Während der ganzen Zeit trank er nur wenig, ſondern war in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken und offenbar durch allerlei widerſtreitende Gefühle in Anſpruch genommen, denn das eine Mal lachte er laut auf, während er gleich darauf wild und trotzig ausſah. „Er hat mich nicht erkannt— das iſt klar,“ murmelte er.„Nicht einmal an dem Wahrzeichen, das er mir über die Stirne legte. Dieſe Schuld ſoll er mir bezahlen; aber jetzt noch nicht: ich kann warten, dann werden die Zinſen nur um ſo höher anwachſen.— Daraus läßt ſich was ma⸗ chen,“ murmelte er wieder nach langer Pauſe—„daraus 559 läßt ſich was machen. Laß ſehen: John im Gefängniß wegen Hochverraths; William heirathet die Erbin und dann — was dann? Nun dann diene ich dem Hauſe Hannover: eine leichte Wendung des Wetterhahns und Allees iſt in Ordnung, beſonders wenn man einige Nachrichten mitbrin⸗ gen könnte. Ein Newark auf der Seite Hannovers! Das ſcheint eine ſonderbare Phraſe; man wird dabei betroffen. Wie ſollte ich mich darum kümmern, für wen ich mein Schwert ziehe? Was haben die Stuarts für mich gethan? Ha! ha! ha! ohne Zweifel gibt's jetzt alle Hände voll, um mich in Faſſung zu erhalten.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und begab ſich gleich⸗ falls zur Ruhe. Der junge Earl war am folgenden Morgen vor Tages⸗ anbruch auf und angekleidet, und der Himmel war noch grau, als ein Bote von Lord Kenmure zu ihm kam und ihn in das Hauptquartier dieſes Edelmanns berief. Er fand Alles in lärmender Thätigkeit und konnte auf den erſten Blick wahrnehmen, daß ein Entſchluß gefaßt war. „Wir ſind ſo eben zu einem plötzlichen Beſchluſſe ge⸗ langt, Mylord,“ begann Kenmure bei Smeatons Eintreten. „Wir hören, daß Brigadier Macintoſh ſtatt nach Ueber⸗ ſchreitung des Frith of Forth ſogleich vorzurücken— gegen Edinburgh marſchirt iſt. Er ſchreibt uns jedoch, daß er in Kurzem mit ſeiner Infanterie zu uns ſtoßen will, wenn wir uns einige Tage im Süden behaupten und ein Korps Ka⸗ vallerie zuſammenbringen können. So haben wir denn be⸗ ſchloſſen, bis Rothbury vorzurücken, um unſere Vereinigung 560 mit General Forſter zu bewerkſtelligen. Dann wird es nöthig werden, uns wieder über die Gränze zurückzuziehen und Maßregeln zu ergreifen, um unſere Verbindung mit Macintoſh aufrecht zu erhalten. Wir werden Euch alſo auf Eurem Marſche begleiten, ſtatt Euch erſt nachzufolgen.“ Es dauerte keine Stunde bis die Truppe zu Pferde und unterwegs war; doch als der junge Earl ſie endlich auf⸗ marſchiren ſah, da war ihre Zahl und Ausrüſtung ſogar noch weit unter ſeiner beſcheidenen Erwartung. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Der Abend des heiterſten Tages, der in den letzten vier⸗ zehn Tagen geſchienen, glänzte noch am Himmel, als der Earl von Eskdale, begleitet von Mr. William Newark, unter dem Namen Somerville, und gefolgt von ihren beiden Die⸗ nern, in das Städtchen Rothbury einritt. Sie fanden den Ort in heiterer Geſchäftigkeit, da die Nachricht von Lord Kenmure's Vorrücken vor wenigen Stunden daſelbſt einge⸗ troffen war und unter den entmuthigten Edelleuten aus Northumberland die freudigſte Erwartung verbreitet hatte. Während Smeaton durch die kleine Straße dahinritt, wurde er mehr als ein halbdutzendmal angehalten und ausgefragt, wie weit die ſchottiſche Streitmacht noch entfernt ſey, und ſeine Antwort—„nur einen halben Tagemarſch“ ſchien allgemeine Befriedigung zu erregen. — 5641 Unter denen, die ihn am früheſten bewillkommten, war Van Nooſt, der, nachdem er ſeine Antwort auf die erſte Frage in Empfang genommen, neben des Earls Pferde her⸗ lief und ihm mit großem Stolz und Triumph erzählte, daß er das Amt des Ingenieurs und Waffenſchmieds über ſich genommen, unzählige Flinten und Piſtolen reparirt und polirt und etliche tauſend Kugeln für den Dienſt der Jakobi⸗ ten gegoſſen habe. „Auch Eurer Lordſchaft Quartier ſteht ganz bereit,“ rief er:„ich habe dafür Sorge getragen. Sämmtliche Männer aus Keanton ſind in jenen zwei weißen Häuſern zuſammenlogirt; in dem einen auf dieſer Seite iſt ein kapi⸗ tales Stübchen für Euch zunächſt Junker Richards Quar⸗ tiere. Nebenbei bemerkt,“ fuhr er fort,„ein Knabe von Ale Manor iſt mit einem großen Packet für Euch angelangt, das Euch ſchon vor ſechs Tagen hätte eingehändigt werden ſollen; allein der arme Junge hatte uns durch das ganze Land nachzujagen, und es iſt wunderbar, wie er dem Feinde entronnen, denn er war mitten unter General Carpenters Dragonern zu Neweaſtle und brachte uns Nachrichten von allen ſeinen Manövern.“ Nach wenigen Schritten erreichten ſie das von Van Nooſt bezeichnete Haus, und Richard Newark kam ſeinem edlen Freunde vor die Thüre entgegen. Er begrüßte ihn mit allen Zeichen des Jubels und der Freude, indem er von Zeit zu Zeit auf Smeatons Begleiter einen forſchenden, miß⸗ trauiſchen Blick richtete. Doch plauderte er wieder in ſeiner James. Henry Smeaton, 36 562 gewohnten Weiſe, während der Earl abſtieg und wegen der Diener und Pferde die nöthigen Weiſungen gab. „Alſo Ihr habt uns die Schotten gebracht, Eskdale?“ rief er.„Nun, jetzt iſt doch Hoffnung, daß es etwas zu thun gibt, denn all' dieſes Hin⸗ und Hermarſchiren iſt ein armſeliges Ding, und ich bin mir vorgekommen wie ein ver⸗ laufenes Schaf, das von dem Schäferhunde umhergejagt wird.— Der Mann höͤrt mich gar nicht: der ſchottiſche Wind muß ihm das Gehör ausgeblaſen haben. Ich ſage, Eskdale, ein großes Packet von Ale iſt für Euch angelangt, in Madame Culpeppers eigener Handſchrift an Euch über⸗ ſchrieben. Es juckte mich teufelmäßig, es aufzubrechen, denn ich ſehnte mich nach Nachrichten, und ich bin überzeugt, daß etliche für mich darin ſind. Aber das Sigel— ich mag nicht an einem Sigel herumfingern. Merkwürdig, daß ein kleines Stück rothes Wachs durch unſere Vorurtheile ſtärker wird als eine eiſerne Büchſe!“. Smeaton ſchüttelte ihm warmherzig die Hand und bat ſeinen Reiſegefährten zu folgen, indem er mit ſeinem jungen Freunde in's Haus trat. „Wen habt Ihr denn da mitgebracht?“ fragte Richard leiſe.„Sein Geſicht gefällt mir nicht.“ „Es iſt gleichwohl das Geſicht eines Eurer Verwand⸗ ten,“ erwiederte Smeaton.„Ich will ihn Euch vorſtellen, ſobald wir allein ſind; aber zeigt mir erſt das Packet: es muß Nachrichten von Wichtigkeit enthalten.“ Oben am erſten Treppenabſatze befanden ſich zwei gute Zimmer, deren eines zur Rechten für den jungen Edelmann 563 vorbehalten war, und hier fand er denn das erwaͤhnte Packet. Er brach es ſogleich auf und bemerkte, daß es zwei Briefe für ihn und zwei für Richard Newark enthielt. Letztere ſo⸗ gleich ſeinem jungen Freunde überliefernd, lud er Somer⸗ ville zum Sitzen ein, ehe er die Briefe mit ſeiner eigenen Adreſſe öffnete, obwohl der eine, von einer zarten zierlichen Frauenhand— ähnlicher der einer heutigen als einer da⸗ maligen Dame— zu koſtbar ſchien, um lange zurückgeſcho⸗ ben zu werden. Sobald er ſeinem Gaſte ſo viel Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, zog er ſich in's Fenſter zurück und erbrach haſtig das Sigel des eben erwähnten Briefes. Er täuſchte ſich nicht: Emmelinens Name ſtand am Ende des dicht überſchriebenen Blattes, und mit klopfendem Herzen überlas er ihre Worte, welche wohl einem erfahreneren Gemüthe oder einem we⸗ niger zärtlichen und hingebenden Herzen hätten angehören können. Doch Liebe und Zärtlichkeit waren in Allem zu erkennen, wie der Inhalt beweiſen wird. „Mein geliebter Gemahl! „Ich erhaſche einen Augenblick und eine Gelegenheit, um Dir zu ſchreiben, wohl wiſſend, was Du empfinden mußt, aber unbekannt mit dem, was Du thuſt. So begierig ich auch bin zu erfahren, wo Du biſt und was Du mir Alles über Deine Schritte zu erzählen haſt, ſo glaube ich doch, daß Du noch begieriger ſeyn wirſt, von Deiner Emmeline etwas zu erfahren. Ich bin in London in einem kleinen Logis in der Naͤhe des Towers, Tower Street Nr. 32, von 36* 564 den Dienern meines Vetters Sir John Newark umringt und wie er glaubt, von aller Verbindung mit anderen Per⸗ ſonen dadurch abgeſchnitten. Unter ihnen befindet ſich je⸗ doch einer, den unſere Freundin zu Ale Manor eingeſchmug⸗ gelt und mich noch zuvor verſichert hat, daß er nur mei⸗ nem Dienſte ergeben ſey. Er wird meinen Brief nach De⸗ vonſhire befördern. Die Zeit, die mir vergönnt wurde, iſt nur kurz. „Und nun— was ſoll ich Dir ſagen, mein theurer Gatte? Von Liebe und Dankbarkeit brauche ich nicht zu reden, brauche Dir nicht zu ſagen, wie mein ganzes Herz Dir angehört, und wie ernſtlich ich wünſche, daß Du ſelbſt hierher kommen und mich entweder vor dem Angeſichte der ganzen Welt als die Deinige beanſpruchen oder mich ins⸗ geheim fortnehmen möchteſt, um mein Leben in ſtiller Zu⸗ friedenheit und Abgeſchiedenheit mit Dir zuzubringen. Aber ich muß Dich erſuchen, Dich um keinen Preis in die Nähe dieſer Stadt zu wagen, wenn Du es nicht mit vollkommener Sicherheit thun kannſt, wegen Emmelinens keine Vorſichts⸗ maßregel zu opfern, keiner Gefahr Dich auszuſetzen, und vor Allem Dich weder durch Deine Zärtlichkeit für ſie, durch Deine Sehnſucht ſie zu ſehen, die Du gewiß empfinden wirſt, noch durch Deinen Unwillen über das erlittene Ver⸗ fahren verleiten zu laſſen, bei dem Kampfe um die Krone dieſer Reiche eine andere Rolle zu übernehmen, als Dein ruhiges und ſtets richtiges Urtheil ſie Dir anräth. Ich weiß zwar gewiß, daß Du es nicht thun wirſt; aber dennoch ſchreibe ich Dir dieſe Worte, weil ich fühle, daß es Dir ein 56⁵ Troſt ſeyn wird zu wiſſen, wie Emmeline keinen ſelbſtſüch⸗ tigen Wunſch hegt, den Du zu Deinem Schaden erfüllen müßteſt. Ziehe nur Deine eigene Ehre, Deine eigene Würde zu Rath. Denke an Emmelinen, liebe ſie für immer; aber laß keinen Gedanken an ſie, kein Gefühl für ſie Einfluß über Dich gewinnen unter Umſtänden, wo ſich's um Pflicht und Ehre handelt, wohl wiſſend, daß Deine Ehre ihr weit theurer iſt als ihr eigenes Glück oder ihr eigenes Leben. „O wie ſehne ich mich, Dich zu ſehen! wie ſehne ich mich, Dir, mein theurer Henry, Alles zu erzählen, was ich geduldet, was ich gedacht und empfunden habe— mein ganzes Herz, meine Seele vor dem Manne auszuſchütten, der ſie allein geſehen und erkannt hat. Laß übrigens meine Sehnſucht nicht den mindeſten Einfluß über Dich gewinnen. Handle, wie wenn ich nie exiſtirt hätte oder Dir immer un⸗ bekannt geblieben wäre; laß aber das Gedächtniß Deiner Emmeline wie das Miniaturbild einer Geliebten Deinem Herzen immer zunächſt ſtehen, und erinnere Dich, ſo oft Du ihrer gedenkſt, daß ſie Dich ſegnet, für Dich betet und den Himmel anfleht, damit er Dich führe, erhalte und auf jedem Wege, den Deine eigene Weisheit und Gottes Gnade Dich führen wird— behüten und begünſtigen möge. „Ich weiß nicht, wie ich meinen Brief ſchließen ſoll— die Worte, die ich zu ſchreiben habe, kommen mir ſo ſonder⸗ bar vor: und doch bin ich— ich fühle, ich weiß, daß ich bin Dein zärtliches, pflichtgetreues Weib Emmeline Eskdale.“ 566 Bei all' ſeiner warmen, tiefen Begeiſterung war Smea⸗ ton nicht von jenem ſanften, hinſchmelzenden Charakter, daß zärtliche Gefühle undwas man damals„Sentiment“ nannte — ihn ſo leicht zu Thränen rührte. Damals und faſt noch ein Jahrhundert ſpäter beſtand eine weinerliche Schule— wie ich's nennen möchte— welche überall, wo ſich etwas Rührendes darbot oder auffinden ließ, in Thränen ausbrach. Er gehörte nicht zu dieſer Schule und wußte kaum von ihrem Vorhandenſeyn; aber die Worte ſeiner theuren und ſchönen Emmeline befeuchteten dennoch ſeine Augen, und er wendete ſich nach dem Fenſter, damit Niemand ſeine Schwäche(wie er es anſah) gewahr werde. Das andere Schreiben enthielt nur wenige Zeilen von Mrs. Culpepper. Sie waren nicht ſehr wichtig und be⸗ nachrichtigten ihn blos, daß Sir John Newark in den Tower geſetzt ſey und ſeinen Prozeß erwarte, daß der eingeſchloſſene Brief nebſt den an Mr. Richard Newark adreſſirten Epiſteln von Lady Emmeline angelangt, und daß ſie ſelbſt(Mrs. Culpepper) höchſt begierig ſey, von ſeinen Thaten zu hören, indem ſie ihm zu gleicher Zeit den Knaben, der die Briefe überbrachte, als einen Burſchen bezeichnete, deſſen Verſtand und Charakter das vollſte Vertrauen rechtfertige. Mittlerweile hatte Richard Newark die zwei an ihn adreſſirten Briefe aufgeriſſen. Sie waren Beide von ſeines Vaters Hand und offenbar unter dem Eindrucke geſchrieben, daß ſie vor ihrer Ueberlieferung eröffnet und geleſen werden könnten. Der erſte war von Exeter datirt und enthielt nur folgende wenige Zeilen: 567 „Mein theurer Sohn! „Ich erſuche Dich, ſobald Du Dieſes erhaͤltſt, aufzu⸗ brechen und unverzüglich zu mir zu ſtoßen. Sollte ich Exe⸗ ter vor Deiner Ankunft verlaſſen haben, ſo wirſt Du leicht unterwegs erfahren können, wo ich bin. Folge raſch und ohne Zögern, ſo werth Dir die Liebe iſt Deines zärtlichen Vaters John Newark.“ Der zweite Brief war mehr im Detail und nicht in ſo mildem Tone gehalten. Er erzählte dem jungen Gentleman, daß ſein Vater als Gefangener im Tower wohne, daß ſeine Baſe Emmeline in der Nachbarſchaft logire und jede Gele⸗ genheit benütze, ihrem Oheim und Vormund zu dienen, und daß ſie in ihrer einſamen, verlaſſenen Lage des Schutzes und Beiſtandes bedürfe. Sir John fuhr dann fort— offen⸗ bar in der Abſicht, ſeine vollſtändige Unterwerfung und An⸗ hänglichkeit an die Regierung dadurch an den Tag zu legen — wie er mit großem Schmerze ein Gerücht vernommen habe, daß ſein Sohn an diejenigen ſich angeſchloſſen, welche die beſtehende Regierung umzuſtürzen und die Herrſchaft des Prätendenten zu begründen ſtreben, und er beſchwor ihn bei der Pflicht gegen ſeinen Vater, ſich von all' jenen un⸗ beſonnenen und unloyalen Perſonen zu trennen und augen⸗ blicklich nach London zu eilen, wo er ſeine Wohnung in dem für Emmeline gemietheten Hauſe nehmen ſolle. Richard Newark ſchloß das Leſen der Briefe mit ſeinem gewohnten wilden Lachen und richtete dann ſeinen Blick auf 568 Smeaton, der noch immer im Fenſter ſtand und ſeine Augen auf die von Emmelinen empfangenen Zeilen geheftet hielt. „Nun, edler Earl,“ rief der Knabe,„was habt Ihr für Neuigkeiten?“ Smeaton winkte ihn herbei und legte ihm mit plötz⸗ lichem Entſchluſſe Emmelinens Brief in die Hand. Richard Newark fuhr bei den erſten Worten zuſammen und ſeine Wange erbleichte; er las jedoch für den Augenblick nicht weiter, ſondern legte ſeinen Finger auf die Zeile— „Mein geliebter Gemahl!“ Er ſprach nichts, aber ſein Blick war eine Frage, und Smeaton antwortete: „So iſt's, Richard.“ Zu gleicher Zeit hob er ſachte ſeinen Finger mit einem Seitenblicke auf Somerville oder William Newark, welcher mit ſeinem Schwertgriffe ſpielte und Alles beobachtete, wäh⸗ rend er ſich ſtellte, als ob er nichts bemerke. Richard faßte Smeatons Hand und drückte ſie heftig, indem er leiſe ſagte: „Es thut mir leid, Euch in dieſe Sache verflochten zu haben. Ihr hättet Emmelinen folgen ſollen. Ihr könnt noch jetzt gehen.“ „Unmöglich, Richard,“ erwiederte Smeaton in ebenſo leiſem Tone;„aber Ihr könnt und müßt gehen. Meine Stellung, mein Alter, mein Name, meine Familie— Alles verbietet mir, dieſe Sache aufzugeben, nachdem ich ſie ein⸗ mal ergriffen habe. Dieſer Fall iſt aber nicht der Eurige: Emmeline bedarf Schutz, Hülfe und Beiſtand; Euch über⸗ gebe ich ſie im vollſten unbedingteſten Vertrauen, und ich 569 beſchwöre Euch, fliegt zu ihr und gewaͤhrt ihr die Hülfe, die ich ihr zu gewähren nicht verſuchen kann noch darf.“ „Nein, nein,“ rief Richard laut und mit Lachen— „nein, nein!“ und dann plötzlich abbrechend fuhr er fort: „aber Ihr verſprachet, mich einem Verwandten vorzuſtellen, edler Earl. Ich bitte, gewährt mir dieſe Gunſt. Ich bin gar arm an ſolchen Dingen: ich habe blos einen Vater und eine Couſine in meiner Börſe und bin gierig auf weiteren Reichthum.“ Smeaton ſteckte ſeine Briefe ein und ſtellte William Newark ſeinen jungen Freund vor, indem er Richard bat, ſich an den Quartiermeiſter zu wenden und ein gutes Quar⸗ tier für ihren Gaſt ausfindig zu machen. Richard ließ ſich von ſeinem Vetter die Hand ſchütteln, während er ihn immer noch wie ein ſcheues, wildes Roß bei der Annäherung eines ungeſchickten Reiters von der Seite anſchielte. Der Andere war jedoch voll Liebenswürdigkeit und Selbſtbeherrſchung, freute ſich ausnehmend, wie er ſagte, ſeinen jungen Vetter zu ſehen, ſprach mit Ausdrücken des Bedauerns von Sir Johns Einſperrung im Tower und verwünſchte den Zufall, der ihre Sache eines ſo ſtarken Ar⸗ mes und ſo geſcheidten Kopfes beraubte. Dann begann er von ſeinem Quartiere zu ſprechen, und Richard führte ihn fort, um ſich nach einem ſolchen umzuſehen. Die Miene, mit der er dies that, ſchien er ſelbſt für ſehr befriedigend zu halten; allein Smeaton, der den Knaben beſſer kannte, hielt ſie für alles Andere, nur für kein Zeichen freundſchaftlicher Geſinnung gegen ſeinen neu⸗ 570 gefundenen Bekannten. Des jungen Edelmannes Gedan⸗ ken waren übrigens mit anderen Dingen beſchäftigt, denn Emmelinens Brief erweckte manch freundliche, aber auch viele peinliche Bilder, und er überließ ſich länger als eine halbe Stunde der Erinnerung, ehe er ſeine Schritte nach dem Quartiere des Generals Forſter lenkte. Vierunddreißigſtes Kapitel. Wunderbar war es, wie raſch Somerville(wie er ſich nannte) allem Anſchein nach die gute Meinung ſeines jungen Vetters gewann. Sie wurden ganz vertraute Freunde. Richard machte ein ſehr behagliches Zimmer für ihn aus⸗ findig und ſetzte ſein luſtiges Geplauder über eine Stunde mit ihm fort, worauf er ihn mit dem Verſprechen verließ⸗ heute Nacht téte-à-téte mit ihm ſoupiren zu wollen, damit ſie ſich über Familienangelegenheiten beſprechen könnten. Das Quartier war nicht zu früh für William Newark beſtellt worden, denn kaum war eine Stunde verſtrichen, als eine Truppe von etwa ſiebzig Mann in das Städtchen ein⸗ zog, an ihrer Spitze ein Mann Namens Douglas, den der gute alte Mr. Robert Patten einen Gentleman nennt, der aber gleichwohl das alte und ehrenvolle Gewerbe eines Pferdediebs auf der Gränze betrieb. In dem Lärm und der Verwirrung, welche die Verſammlung eines Haufens von drei⸗ bis vierhundert Gentlemen(wie ſie ſich groͤßten⸗ 571 theils nannten) in dem kleinen Städtchen Rothbury ver⸗ urſachte, fanden Richard Newark und der Earl von Eskdale nur wenig Zeit zu weiterer Beſprechung. Sie trafen ſich nur einmal, und Smeaton hielt für paſſend, ſeinem jungen Freunde einen Wink über den Charakter ſeines Vetters zu geben. „Er war immer wild, unbeſonnen und ungemäßigt, da⸗ bei aber ſehr liſtig, ſo daß er für ſeine Thorheiten eigentlich keine Entſchuldigung hatte,“ bemerkte er.„Man kann nicht ſagen, daß er ſich aus bloſer Gedankenloſigkeit verfehlte, und ich glaube kaum, daß Euer Vater ihm überhaupt wohl⸗ geneigt iſt.“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte Richard;„ich liebe ihn ebenſo wenig. Der Hieb über ſeine Stirne will mir nicht gefallen: es iſt eine häßliche Schmarre, ganz ähnlich jenem Merkzeichen, das Ihr dem Burſchen auf Alehead mitgabt, als ſie unſere Emmy entführen wollten. Es iſt gar nicht übel, ſich einen Freund zu bezeichnen, damit wir ihn ſpäter wieder erkennen. Ich glaube, Eure Handſchrift auf jenes Burſchen Stirne iſt unverkennbar.“ „Ihr ſteckt mir da plötzlich ein Licht an,“ ſagte Smea⸗ ton ernſthaft,„und wenn Euer Argwohn begründet iſt, ſo glaube ich, daß man ihm mehr als je ausweichen muß.“ „Im Gegentheil, mein edler Freund: bewachen muß man ihn— bewachen,“ erwiederte Richard lachend.„Ich bin der beſte Wächter von der Welt. Ich erinnere mich, wie ich mit meiner Armbruſt drei Stunden lang ohne Hand oder Fuß zu rühren— ich glaube kaum, daß ich mit dem 572 Auge blinzelte— einem Haſen auflauerte, bis Herr Lampe auf den Hinterbeinen heraushüpfte, die Löffel aufgerichtet und den Bart ſchüttelnd, und ich mein Ziel traf. Die Leute nennen mich wild und thöricht; aber wachen kann ich immer und einer Sache auf die Spur kommen— und diesmal will ich wachen.“ Die letzten Worte ſprach er mit beſonderem Nachdruck und wendete ſich dann plötzlich weg, indem er ſich unter der kleinen Menge verlor, die ſich um die letzten Ankömmlinge verſammelt hatte. Es war Nacht, als ſich die beiden Vettern zu dem Abendeſſen niederſetzten, welches William Newark ſo gut und reichlich als die Umſtände nur irgend erlaubten, ver⸗ anſtaltet hatte. Er hatte ſogar— Gott weiß wie— zwei bis drei Flaſchen erträglichen Weins aufgetrieben, zeigte aber Anfangs keine Luſt viel zu trinken, und eröffnete das Geſpräch mit ganz anderen Gegenſtänden als ſie ihm eigentlich im Sinne lagen. „Unſere Anzahl vermehrt ſich zuſehends,“ begann er, ſobald die Diener die Speiſen auf den Tiſch geſtellt und ſich entfernt hatten.„Das war eine ſtarke Truppe, welche heute Morgen anlangte, und ich ſah eine ganze Maſſe Fuß⸗ volks die weiße Kokarde aufſtecken.“ „O ja,“ verſetzte Richard Newark,„die Reiter waren 5. ein tüchtiger Haufe: Räuber, Schafdiebe, Schmuggler, Viehmauſer— lauter angeſehene Leute in der Welt und wohlerfahren in ihrem Gewerbe. Nehmt aber Eure Börſe in Acht, lieber Vetter, wenn Ihr eine habt, denn das 573 Verwechſeln iſt gar leicht unter Leuten dieſer Klaſſe. Was die Infanterie betrifft— das ſind armſelige Menſchen, die nur zur Täuſchung zu uns geſtoßen ſind. Es iſt wunder⸗ bar, wie ſo viel mehr Eifer als Umſicht in dieſem Fußvolke ſteckt. Wenn die Soldaten nur dazu vorhanden wären, da⸗ mit man auf ſie ſchöſſe und nicht um wieder zu ſchießen, ſo hätten wir jetzt eines der beſtausgerüſteten Infanterieheere der Welt. Tauſende ſind ſchon herbeigekommen mit dem ſüßen Gebettel um Waffen, und obgleich man ſie täglich mit der Verſicherung wegſchickte, daß wir keine Waffen ab⸗ zugeben haben, ſo marſchiren ſie immer noch herbei, um ihre Dienſte anzubieten.“ 41 „Ich ſollte meinen, aus Euren weſtlichen Diſtrikten ließen ſich doch leicht Waffen herbeiſchaffen,“ bemerkte So⸗ merville.„Ihr ſeyd ſo nahe an der franzöſiſchen Küſte und habt ſo treffliche Landungsplätze.“ „Ale Bay zum Beiſpiel,“ ergänzte Richard mit ſchar⸗ fem Seitenblicke und hellem Lachen.„Ja, aber das Schlimmſte daran iſt, Vetter Bill, daß die Leute zu Ale immer Dieſes oder Jenes bewachen, und der müßte ein li⸗ ſtiger Fuchs ſeyn, der dort landen koͤnnte, ohne abgefangen zu werden. Mein Vater weiß das, ſonſt hätte er nicht ſo lange dort gelebt.“ „Ach der arme Mann! ſeine jetzige Wohnung würde er ſich wohl ſchwerlich gewählt haben,“ antwortete William Newark;„aber ich meine, er müßte doch etwas unruhig ſeyn, daß er unſere ſchöne Baſe Emily dort gelaſſen. Nehmt doch auch Wein, Richard.“ 574 „Emmeline, Emmeline,“ rief Richard, ſich etwas Wein eingießend,„nicht Emily; wie Ihr doch unwiſſend ſeyd! Aber er iſt keineswegs unruhig darüber, daß er ſie dort ge⸗ laſſen, weil er ſie mit ſich genommen hat.“ Und er lachte laut auf wie ein Narr. „Mit in den Tower genommen!“ wiederholte ſein Vet⸗ ter.„Ich wußte nicht, daß man eines Gefangenen Familie mit aufnehmen würde.“ „Ich auch nicht,“ erwiederte Richard;„ſie haben ſie auch nicht aufgenommen; ſie wohnt mit den Dienern und Leuten in der Nähe, und mein Vater nahm ſie mit, um ſie außer Gefahr zu bringen. Ich habe ihn oft ſagen höͤren, wenn er etwas hätte, was er recht heimlich und ſicher zu verbergen wünſchte, ſo würde er ſich London hiezu auser⸗ leſen. Nun gehoͤrt Emmeline allerdings in dieſe Kategorie, und Ihr ſeht, daß er ſeinem Grundſatze getreu handelt. O er hat einen Kopf— meint Ihr nicht? Dieſes hanno⸗ ver ſche Volk wird ihn nicht ſo leicht herunterbringen, wie ſie ſich denken, denn er weiß ihn ebenſo gut in Acht zu neh⸗ men wie ihn zu gebrauchen.“ „Ja allerdings,“ bekräftigte der Andere.„Und ſo wohnt das Fräulein in der Nähe des Towers— ſagtet Ihr nicht ſo?“ „Freilich, freilich,“ gab Richard in ziemlich ſpöttiſchem Tone zur Antwort.„Was geht das aber Euch an, mein Vetter? Es iſt ein weiter Weg von hier bis London. Wenn Ihr auch ein Fernrohr hättet, könntet Ihr ſie doch nicht ſehen.“ 575 „Das käme auf ſeine Stärke an,“ verſetzte William Newark;„freilich könnte ich es nicht gut richten, da ich nicht genau weiß, wo ſie wohnt. In welcher Straße lo⸗ girt ſie denn? Ich kenne London in- und auswendig.“ Dies ſagte er in leichtem, gleichgültigem Tone und glaubte, der Knabe würde Emmelinens Aufenthalt alsbald verrathen, da er keineswegs auf jene Schlauheit gefaßt war, welche ſo oft mit großer Einfalt gepaart iſt. „Der Himmel mag's wiſſen,“ erwiederte Dick.„Sie wohnt in irgend einer Straße, und die Straße hat auch ei⸗ nen Namen; aber wie der heißt, iſt ſeit dieſen ſechs Stun⸗ den meinem Wackler entfallen, und die Briefe habe ich pflichtſchuldigſt in's Feuer geworfen.“ „Ha! ſo habt Ihr Briefe gehabt— wirklich?“ rief ſein Vetter.„Von wem kamen ſie, und welche Neuigkeiten brachten ſie Euch?“ „Von meinem Vater kamen ſie,“ verſetzte Richard; „ſie brachten mir keine Neuigkeit, ſondern blos den Befehl, das Soldatenhandwerk aufzugeben und Angeſichts Dieſes nach London zu eilen.“ William Newark ſchwieg und überlegte eine Weile, waährend Richard ſein Geſicht mit ſcharfem, forſchendem Blicke, aber anſcheinend mit nicht größerer Theilnahme be⸗ trachtete, als ob er das Vorüberſtreifen eines Schattens an der Wand beobachtet hätte. Er ſah einen Wechſel im Ausdruck auf ſeines Vetters Mienen eintreten, und in der That war auch eine völlige Veränderung über deſ⸗ ſen Plane gekommen. Allein Richard ſprach nichts und 576 überließ es ruhig dem Anderen, ſeine eigene Abſichten zu enthüllen. „Wißt Ihr, Richard,“ begann William Newark end⸗ lich,„ich glaube, Euer Vater hat ganz Recht, wenn er Euch zu ſich nach London beruft, ſowohl um ſeinet⸗ wie um Euretwillen. Euer Verweilen hier unter den Waffen könnte ihm ſehr ſchaden und ſogar ſeinen Kopf auf's Schaffot bringen.“ „In der That!“ rief Richard.„Wie! um des Sohnes Fehler willen dem Vater den Kopf abſchneiden? Das heißt, glaube ich, die Ordnung der Nachfolge umkehren und iſt weder heraldiſch noch gerecht.“ „Paſſirt aber doch zuweilen,“ antwortete ſein Vetter, „denn die Leute werden natürlich ſagen, Ihr hättet Euch bei Eurer Jugend der Inſurrektion nicht angeſchloſſen, wenn Euer Vater Euch nicht darauf vorbereitet hätte. Wenn Ihr alſo Euren Vater liebt und ihm das Leben retten wollt, ſo thut Ihr lieber, was er Euch beſiehlt; faſt moͤcht ich ſagen, Ihr müßt es thun, wenn Ihr Euch ſelbſt lieb hat und an Eure eigene Lebensrettung denket.“ „Ich kümmere mich nicht viel um mein Leben,“ erklärte Dick,„habe aber ſo meine eigenen Anſichten über Ehre.“ „Hier iſt keine Ehre zu gewinnen,“ erwiederte der An⸗ dere.„Auch ich bin ein Mann von Ehre und würde jedem den Hals abſchneiden, der das Gegentheil behauptete; aber ich beabſichtige gleichwohl, dieſe Leute zu verlaſſen und zwar ſehr bald. Für Euch und mich, Dick, gibt es hier weder Ehre noch Nutzen oder Sicherheit zu gewinnen. Dieſen 577 Aufſtand wird nicht gelingen. Da ſind zwei Generale mit mächtigen Armeen von drei⸗ bis vierhundert Mann, und weder der Engländer noch der Schotte hat die geringſte Kenntniß von militäriſchen Dingen. Kenmure und Forſter ſind zwei ruhige Landedelleute, die in ihrem Leben noch nie eine Kanone abfeuern ſahen. Sie werden alle ihre Anhän⸗ ger in irgend eine gräuliche Patſche führen, wo Ihr nichts Anderes thun könnt, als Eure Hände den königlichen Trup⸗ pen entgegenſtrecken, die dann herbeikommen und ſie feſt binden. Hier iſt nichts als Schande, Ruin und Strafe ein⸗ zuernten. Wenn nur irgend eine Ausſicht wäre— wenn ihre eigene Thorheit, mit der ſie unfähige Landjunker zum Kommando von militäriſchen Operationen beriefen, die Sache nicht jeder Hoffnung beraubte— wenn wir nur dazu kämen, wie Männer zu fechten, ſtatt gleich Spatzen einge⸗ fangen zu werden, was ganz gewiß das Ende davon ſeyn wird— dann ließe ich mich durch keine Gefahr abſchrecken. Wie es aber jetzt ſteht, Dick, ſo ſage ich Euch offen, daß ich nach London abmarſchiren werde. Ihr könnt thun, wie es Euch beliebt.“— Seines Vetters Worte ſchienen Richard Newark kei⸗ neswegs zu munden, denn er ſaß einige Minuten düſter und ſchweigend da, die Augen auf den Tiſch geheftet und ſprach kein Wort, bis ſein Vetter lachend ausrief: „Kommt, Dick, trinkt etwas Wein— der wird Euch aufheitern.“ „Nein,“ verſetzte Richard, die Flaſche wegſchiebend, bis er mit über einander gebiſſenen Zähnen alſo fortfuhr: James. Henry Smeaton. 37 578 „wohlan, ich will gehen. Ich kann ihnen wenig nützen, und kann dort treu geſinnten Menſchen beſſere Dienſte lei⸗ ſten als hier. Ich will gehen, lieber Vetter. Wann ge⸗ denkt Ihr aufzubrechen?“ „Morgen früh,“ verſetzte William Newark.„Ich halte es nicht für nöthig, dem Kenmure oder Forſter zu ſagen, daß ich gewohnt ſey, unter Generalen zu dienen und mich nicht von Tölpeln kommandiren laſſen wolle. All' dieſe ſüßen Sachen kann ich ihnen hinterher ſchreiben.“ „Aber ich muß es Eskdale mittheilen,“ ſagte Richard Newark.„Ich kann ihn nicht ohne Erklärung verlaſſen.“ „Folgt meinem Rathe und ſagt kein Wort,“ ermahnte ſein Vetter.„Er wird Euch nur durch Beweisgründe, auf die Ihr nicht horchen ſolltet, zum Bleiben zu überreden ſuchen.“ „Er— o nein!“ rief Richard Newark verächtlich. „Sein Zureden beabſichtigt gerade das Gegentheil. Er hat nie aufgehört mich aufzufordern, meinem Vater nach Lon⸗ don zu folgen und auf Emmelinen Acht zu haben und ſo weiter. Ich will mir's jedoch überlegen!“ „Wirklich!“ rief William Newark, der das Benehmen des jungen Earls mit offenbarer Ueberraſchung zu erfahren ſchien, indem er ſich auf die Lippen biß, um ein Lächeln zu unterdrücken, während er dachte,„was doch dieſe Leute für Narren ſind! Ein einziger guter Kopf könnte es mit Tau⸗ ſenden von ihnen aufnehmen!“ Der Wahn iſt immer ein Zwillingsbruder der Liſt, und zwar derjenige, der die Geſchicklichkeit ſeines Gefährten am 579 häufigſten fruchtlos macht. William Newark irrte ſich in ſeinen Berechnungen über Richard Newarks Charakter, und wenn auch gewiſſe ſcharfe Wendungen in der Sprechweiſe ſeines jungen Verwandten hie und da eine Ahnung in ihm aufſteigen ließen, ſo konnte er ſich doch des Gedankens nicht entſchlagen, daß Richard nur ein excentriſcher aber biegſa⸗ mer Knabe ſey, den er bald um den Finger werde wickeln können, wenn er nur wolle. „Ich will ihn als Werkzeug gebrauchen,“ dachte er, „um meine eigenen Zwecke durchzuſetzen; aber ich muß mich beeilen So lange ſein ſchlauer Vater im Tower verweilt, iſt die Bühne für mich frei, und ich kann ſpielen, welche Rolle es mir beliebt; iſt er erſt einmal wieder heraus, dann habe ich einen Widerpart, der mir mehr als gewachſen iſt.“ Richard Newark wollte keinen Wein mehr trinken und erhob ſich bald darauf, um in ſein eigenes Quartier zurück⸗ zukehren. Er verſprach ſeinem Vetter, ſich am folgenden Morgen in der Früh zum Abreiten parat zu machen, mit dem vollen Entſchluſſe, ſein Wort zu halten. Sobald er vor der Thüre war, lachte er laut und murmelte: „Traun! was iſt es doch ein hübſches Ding, ein Narr geſcholten zu werden! Da zeigen einem die Menſchen alle ihre Pläne, weil ſie glauben, man verſtehe das Wiſſen der⸗ ſelben nicht zu benützen. Meiſter William, Ihr bedürft der Bewachung, und Ihr ſollt ſie haben! Ich will Euer Schatten ſeyn, bis ich Euch wieder ſicher jenſeits der See weiß. Ha, ha, der Thor glaubt, er könne Emmelinen erobern, nicht 37* 580 wiſſend, daß ſie ſchon eines Andern Weib iſt. Er ſoll ſich getäuſcht finden!“ 3 unter ſolchen Gedanken ſchlenderte er langſam nach ſeinem eigenen Quartiere, indem er die Frage bei ſich überlegte, ob er Smeaton etwas von ſeinen Abſichten ſagen ſolle. Es ſtand mehr im Einklang mit ſeinem Charakter, aufzubrechen, ohne irgend Jemand etwas mitzutheilen; aber ſein Herz war dennoch anhänglich und freundlich geſinnt, und als er an die Freude dachte, die es Emmelinen machen würde, wenn ſie einen Brief von ihrem Gatten erhielte, da war er alsbald entſchloſſen. Er fand den jungen Earl ruhig und allein in ſeinem Zimmer ſitzend, und es erfolgte eine lange Unterredung zwiſchen ihnen, bei welcher ich hier nicht verweilen will. Richard ſagte ſeinem Freunde allerdings nicht alle Beweg⸗ gründe, die ihn zu dem beabſichtigten Schritte veranlaßten; er erwähnte nicht einmal, daß William Newark ſein Reiſe⸗ gefährte ſeyn würde. Er hatte kein Geſchick in Erklärungen und fand es gar oft ſchwierig, ſich ſelbſt die Gründe ſeiner Handlungen zu erläutern, indem er es ſelten oder faſt nie verſuchte, ſie Anderen klar zu machen, und in dieſem Falle wäre er genöthigt geweſen, in weitläufe Details einzu⸗ gehen, vor welchen er ſich billig ſcheute. . Der Earl ſeinerſeits empfand eine ſchwer zu beſchrei⸗ bende Regung des Troſtes und der Dankbarkeit, als er Ri⸗ chards Entſchluß vernahm Den gutherzigen Knaben dent Gefahren entrückt zu ſehen, welche ein verzweifeltes Unter⸗ nehmen und eine hoffnungsloſe Sache erwarteten, wäre ſchon V — 581 an ſich ein Gegenſtand aufrichtiger Freude geweſen; aber zu wiſſen, daß Emmeline in ihrer gefahrvollen und unbehag⸗ lichen Umgebung den Troſt und Beiſland eines ſo zärtlichen treu und aufrichtig ergebenen Verwandten haben werde— erleichterte ihm ſehr die ſchwere Laſt auf ſeinem Herzen. Das Geſpräch kam natürlich auf ſeine Trauung mit Emmelinen, in Betreff welcher Richard offenbar ſehr neu⸗ gierig war, und Smeaton ſchilderte ihm in aller Kürze die ganze Geſchichte, indem er ſeines Vaters Namen ſo viel wie möglich ſchonte. Dann machte er ſich daran, Emmelinen zu ſchreiben und zwar ſo, daß jedem ſchlimmen Ausgange vorgebeugt war, falls der Brief in andere Hände fallen ſollte. Nachdem er damit fertig war, übergab er ihn ſei⸗ nem jungen Freunde und ſagte ihm gute Nacht, indem er nicht zweifelte, daß er ihn am folgenden Morgen noch ſehen würde. Die Fatigen, welche Smeaton die vier vorangegan⸗ genen Tage durchgemacht hatte, bewirkten, daß er ſeine gewöhnliche Ruhezeit um einige Minuten überſchritt, und ſo erfuhr er beim Aufſtehen mit Ueberraſchung, daß Richard ſeit mehr als einer Stunde aufgebrochen war. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Unter der jakobitiſchen Armee ſowohl im Süden wie im Norden befanden ſich Manche welche, die Zukunft nach der Gegenwart beurtheilend, aus der Anſtellung der unfähig⸗ 58²2 ſten Perſonen zu hohen Kommandoſtellen deutlich prophe⸗ zeiten, daß eine Kataſtrophe der furchtbarſten Art die In⸗ ſurrektion erwarte. Dieſe Kataſtrophe— ſo weit ſie das kleine im Süden verſammelte Truppenkorps betraf, nahte nunmehr mit ſehr raſchen Schritten. Ich mag die Einzelheiten aller während der nächſten paar Tage vorgefallenen Ereigniſſe nicht meiner eigenen Feder anvertrauen, will vielmehr lieber den Bericht eines Augenzeugen in abgekürztem und klarem Auszuge mitthei⸗ len. Mein Zeuge hatte an allen damaligen Gefahren theil⸗ genommen; durch zeitigen Widerruf und aufrichtiges un⸗ verhohlenes Zeugniß gegen ſeine Parteigenoſſen war es ihm aber am Ende gelungen, ſeinen eigenen Hals aus der Schlinge zu ziehen, in welche er die ihrigen treiben half. Bis zu der im letzten Kapitel angegebenen Zeit hatte General Forſter— wie er lächerlicherweiſe genannt wurde— und die ihn begleitenden Erelleute die ſanguiniſche Hoffnung gehegt, daß ſie nach ihrer Vereinigung mit Lord Kenmure im Stande ſeyn würden, die wichtige Stadt Neweaſtle am Tyne zu überfallen; noch war aber der Abend des achtzehn⸗ ten Oktobers nicht verſtrichen, als alle dieſe Erwartungen durch die Nachricht vereitelt wurden, daß General Car⸗ penter, ein Mann von großer Erfahrung und Entſchloſſen⸗ heit, ſich mit einem Regimente Fußvolk und drei Dragoner⸗ regimentern nach Neweaſtle geworfen habe. Das war eine Streitmacht, der ſie ſich unmöglich mit Erfolg widerſetzen konnten, und jetzt ſehnte man ſich in großer Angſt nach einer Vereinigung mit den ſchottiſchen Truppen. Dieſe 583 Vereinigung wurde am Morgen des neunzehnten in dem ſogenannten Rothbury⸗Forſt, einem offenen Stück Haidegrun⸗ des— unterbrochen durch die Ueberreſte eines ſonſt ausgedehn⸗ ten Waldes— bewerkſtelligt. Nicht gering war die Aufmerkſamkeit, mit der die bei⸗ den Truppenkorps bei ihrer Annäherung einander muſterten, und wenn ſich die Edelleute aus Northumberland durch die ſpärliche Anzahl von Kenmure's Truppen einigermaßen ge⸗ täuſcht fanden, ſo war dies bei den Schotten vielleicht noch mehr der Fall, als ſie ihre engliſchen Freunde ſo ſchlecht mit Pferden und Waffen verſehen ſahen. Lord Kenmure's kleine Truppenmacht, aus vier Schwadronen Reiterei be⸗ ſtehend, zeigte allerdings weit mehr das Ausſehen einer köni glichen Armee in verkleinertem Maßſtab als der unregel⸗ mäßige Haufe der Northumbrier. Mit guten ſtarken Sä⸗ beln bewaffnet und mit derben, kräftigen Pferden beritten, näherten ſie ſich mit klingenden Trompeten und entfalteten Fahnen; inmitten eines auserleſenen Häufleins von Edel⸗ leuten wurde die ſogenannte Standarte König Jakobs ge⸗ tragen, gebildet aus blauer, reichgeſtickter Seide mit dem Wappen von Schottland auf der einen und der Diſtel auf der andern Seite, während lange weiße Bandſtreifen von den Ecken herabflatterten, worauf gleichfalls in Gold die Worte geſtickt waren;„Für unſeren gekränkten König und das unterdrückte Land.“„Für unſer Leben und unſere Frei⸗ heiten.“ 3 3 Die ganze Streitmacht belief ſich bei ihrer jetzigen Vereinigung etwa auf ſechshundert Mann, und in dem 584 haſtig zuſammenberufenen Kriegsrath wurde beſchloſſen, unverzüglich nach Wooler abzumarſchiren, als Einleitung zu einem Rückzuge nach Schottland, der nunmehr unver⸗ meidlich geworden war. Es war in der That ſehr zu fürch⸗ ten, daß General Carpenter ſie dieſes Vorhaben nicht werde ausführen laſſen; aber zum Glück für ſie hatte die Nachricht, daß Brigadier Macintoſh mit einem großen Haufen Hoch⸗ länder den Frith of Forth paſſirt habe und in vollem An⸗ marſch nach dem Süden ſey, jenen ausgezeichneten Offtzier und Lord Kenmure gleichzeitig erreicht, und da Carpenter keine genauen Nachrichten über Macintoſh's Stärke oder Marſchrichtung zu erlangen vermochte, ſo hielt er es nicht für zuläſſig, einen ſo wichtigen Platz wie Neweaſtle ohne andere Vertheidigung als die ziemlich zweifelhafte Loyalität ſeiner Einwohner zu laſſen. Von Wooler marſchirte die Inſurgentenmacht geradeswegs nach Kelſo, indem ſie unter⸗ wegs alle Waffen und öffentlichen Gelder, deren ſie habhaft werden konnte, wegnahm und ſich zueignete. Gegen Mittag machten ſie Halt auf einem einſamen, nur wenige Meilen von der Stadt entfernten Moore, da ſte die Nachricht erhalten hatten, daß die Stadt von Sir Wil⸗ liam Bennet of Gruppet mit beträchtlicher Truppenmacht beſetzt worden, daß die Straßen verbarrikadirt und mehrere Kanonen aufgefahren ſeyen. Bald wurde jedoch entdeckt, daß Sir William Bennet, der nur von einem Haufen Milizen unterſtützt war, ſich vor ihrer Annäherung entſetzt und mit Aufgebung eines geringen Waffen⸗ und Munitionsvorrathes die Stadt verlaſſen hatte. Auch kam die weitere Nachricht, 58⁵ daß Mancintoſh mit ſeinen Hochländern ſich eilends von Dunſe her näherte, und es wurde deshalb beſchloſſen, ſo⸗ gleich nach Kelſo zu marſchiren, um ſich ſowohl mit ihren Freunden zu vereinigen als auch die von Bennet zurückge⸗ laſſenen Waffen in Beſitz zu nehmen. Die ſchottiſche Kavallerie paſſirte die Stadt ohne an⸗ zuhalten, um ihren hochländiſchen Freunden bis zur Ednam⸗ brücke entgegen zu gehen; die northumbriſchen Edelleute blieben jedoch zu Kelſo, das zum Hauptort des Rendezvous beſtimmt war. In der Erwartung, einen großen Munitions⸗ vorrath in der Stadt zu treffen, ſahen ſie ſich getäuſcht, denn man traf nichts als einige kleine aus Humecaſtle entnom⸗ mene Kanonen, eine unbedeutende Quantität Pulver und eine Anzahl guter brauchbarer Säbel, welche in der Kirche verſteckt worden waren und für die halbbewaffneten northum⸗ briſchen Truppen einen wahren Troſt abgaben. Kurze Zeit darauf marſchirte Macintoſh mit ſeinen Hochländern unter dem Spiele der Sackpfeifen in die Stadt, während der handfeſte alte Veteran, der ſie kommandirte, an ihrer Spitze einherzog. Die nun verſammelten Truppen beſtanden aus etlichen fünfzehnhundert Mann Infanterie und ſechshundert Reitern, und mancher gute Bürger zu Kelſo, der ſeine Anhänglichkeit an das Haus Stuart ſeither nicht zu geſtehen wagte, proklamirte jetzt laut ſeinen König Jakob, noch manche weitere Verwünſchung gegen die ſchäd⸗ lichen Maßregeln des Hauſes Hannover beifügend. „Keine Malztaxe, keine Union! keine Salztaxe!“ brüllten mehrere hundert Stimmen; aber die ehrenwerthen 586 Bürger beſchränkten ſich auf Worte, indem ſie ſich ſorgfältig von allen offenen Thaten entfernt hielten. Der folgende Tag, ein Sonntag, wurde der Andacht gewidmet, und am Montag marſchirten ſämmtliche Truppen auf dem Marktplatze auf, und König Jakob der Dritte wurde unter Ableſung eines mächtig langen Manifeſtes, das die Geduld auch des getreueſten Anhängers ermüden mußte, mit großer Feierlichkeit ausgerufen. Nicht zufrieden da⸗ mit, daß ſie mehr mit Worten als mit Waffen fochten, blieb die Inſurgentenmacht noch bis zum nächſten Donnerſtag müßig zu Kelſo liegen und vergeudete alſo die drei koſtbar⸗ ſten Tage, welche ihnen im ganzen Verlaufe der Inſurrek⸗ tion gewährt waren. General Carpenters Truppen waren entmuthigt und abgemattet; die der Inſurgenten waren ihm an Zahl überlegen, der ganze Süden von Schottland und jede Gelegenheit und Verlockung, um eine thätigere, energiſchere Bahn einzuſchlagen, lag ihnen offen. Aber Spaltung herrſchte in ihrem Kriegsrath Der Eine ſchlug vor, man ſollte den Tweed überſchreiten und Carpenters Macht kühn angreifen, ehe ſie ſich von langen unaufhörlichen Märſchen erholt hätte; ein Anderer beſtand darauf, daß man nach dem Weſten marſchire, um ſich mit den weſtlichen Clanen zu vereinigen und mit deren Hülfe Dumfries und Glasgow anzugreifen, wodurch die Armee des Herzogs von Argyle in Flanken und Rücken bedroht würde, während Mar ihn in der Front angriffe. Die eng⸗ liſchen Edelleute im Gegentheil verfochten eifrig einen plöͤtz⸗ lichen reißenden Einfall in England, indem ſie ihre Ueber⸗ 587 zeugung dahin erklärten, daß auf ihrem Marſche durch Lan⸗ caſhire ganze Maſſen ſich erheben und zu ihnen ſtoßen wür⸗ den, während Carpenter mit ſeinen ermüdeten, abgematte⸗ ten Truppen nicht im Stande ſeyn würde, ihnen zu folgen, oder wenn er es thäte— leicht geſchlagen werden könnte. Jeder Offizier von einiger Erfahrung widerſetzte ſich dieſem unſinnigen Plane; aber dennoch bekam er die Ober⸗ hand, und jeder Tag gewann dieſer Anſicht neue Anhänger aus der Zahl der Gedankenloſen und Unerfahrenen. Faſt ſcheint es, als ob man noch zu keinem Entſchluſſe gelangt war, als ſie am Donnerſtag den zweiundzwanzigſten Oktober nach Jedburgh marſchirten. Unentſchloſſenheit und allerlei Symptome des Schreckens machten ſich unterwegs unverkennbar geltend; zwei⸗ bis dreimal entſtand Allarm, als ob der Feind über ſie komme, und verurſachte große Verwirrung, welche in Heiterkeit endigte, als man entdeckte, daß einzelne Abtheilungen von ihren eigenen Truppen die Urſache aller ihrer Beſorgniſſe geweſen waren. Zu Jed⸗ burgh wurde zwei Tage Halt gemacht, und hier wurde der fatale Entſchluß zum Einrücken in England angenommen. Aber ein unerwartetes Hinderniß erhob ſich: die Hoch⸗ länder— wie man glaubt, auf den Rath des unter ihnen ſehr populären Earls von Wintoun— ſtellten ihre Waffen zuſammen und weigerten ſich geradezu, aus ihrem eigenen Lande abzumarſchiren. Nach langen Berathungen ließen ſie ſich überreden, wenigſtens bis Hawick vorzurücken, und Unentſchloſſenheit zeigte ſich abermals in dem Kriegsrathe der Führer. Die Anſicht der Klügeren war durch den 588 entſchloſſenen Widerſtand der Hochländer verſtärkt worden und ſetzte wenigſtens ſoviel durch, daß ein beträchtlicher Theil der Reiterei gegen Dumfries detaſchirt wurde, mit dem Verſprechen, daß die ganze Armee ihnen folgen werde. Kaum war jedoch dieſes Korps abgezogen, als aber⸗ mals eine Aenderung in ihrem Entſchluſſe eintrat. Die engliſchen Edelleute empfingen oder gaben wenigſtens vor, Depeſchen aus Lancaſhire empfangen zu haben, welche ihnen die Unterſtützung von zwanzigtauſend Mann zuſicher⸗ ten, und ſo wurde ein alsbaldiger Einmarſch in Eng⸗ land beſchloſſen. Die nach Ecclesfechan detaſchirte Ka⸗ vallerie wurde durch Boten zurückgerufen; aber die Haupt⸗ ſchwierigkeit war noch immer mit den Hochländern, welche ſich abermals entſchieden weigerten, die Grenze zu über⸗ ſchreiten. Ueberredungen, Bitten und ſogar Beſtechungen, wie es heißt, wurden bei den Führern wie bei der Mann⸗ ſchaft angewendet, und erwieſen ſich in ſoweit erfolgreich, daß ſich ein beträchtlicher Theil zum Einmarſche bereit er⸗ klärte. Mehr als fünfhundert blieben jedoch bei ihrem er⸗ ſten Entſchluſſe und verließen die Armee in kleinen Häufchen, indem ſie ſich weſtwärts in die Heimath zurückbegaben. Der andere ſtark verminderte Inſurgentenhaufen mar⸗ ſchirte über Langholm und Longtown nach Carlisle. Hier und dort einige Freiwillige aufleſend und von vielerlei Ge⸗ rüchten über feindliche in allen Richtungen ſie umſchwär⸗ mende Kavallerieabtheilungen verfolgt. Durch die Konfis⸗ kation der öffentlichen Einkünfte wurde an verſchiedenen Stellen Geld erhoben, deſſen man ſehr bedurfte; aber das Volk im Allgemeinen betrachtete das Vorrücken der Inſur⸗ genten mit Gleichgültigkeit, und längere Zeit wollten nir⸗ gends Zeichen von einer allgemeinen Erhebung zu Gunſten der Stuart'ſchen Sache auftauchen. Nachdem ſie die Grenze überſchritten, übernahm Forſter in Kraft einer von dem Earl von Mar empfangenen Beſtal⸗ lung das Oberkommando der ganzen Armee, und da er ganz richtig urtheilte, daß Carlisle trotz ſeiner ſchwachen Gar⸗ niſon für ſeine kleine Truppenmacht zu ſtark ſey, ſo mar⸗ ſchirte er auf Brampton und von da gegen Penrith, wo ihn ein unblutiger Triumph über einen ſich ihm in den Weg ſtellenden Menſchenhaufen erwartete. Lord Lonsdale, der Sache des Hauſes Hannover treu ergeben und trotz ſeiner großen Jugend ein Mann von Muth und Entſchloſſenheit, hatte nämlich einen beträchtlichen Theil der berittenen Miliz von Weſtmoreland und Lancaſhire verſammelt und ſie durch den Landſturm der Grafſchaft vermehrt. Er wurde durch den Biſchof von Carlisle eifrig unterſtützt, ſo daß die Anzahl der auf kurze Strecke nördlich von Penrith verſammelten Armee nicht weniger als vierzehntauſend Mann betrug. Dieſer undisciplinirte Haufen war auf einem kleinen Moore aufmarſchirt, welches die Inſurgentenarmee vor⸗ ausſichtlich paſſiren mußte; eine kurze Strecke vor der Front lag durchſchnittenes Terrain mit einigen waldigen Strichen. Die Nachricht ihres Vorhabens war bereits bis zu den In⸗ ſurgentenführern gedrungen; allein kampfgierig und wohl vorbereitet, marſchirten ſie entſchloſſen weiter. Es ſcheint, die Hochländer waren die erſten, welche 590 aus dem Gehölze vordrangen; ſie thaten es in guter Ord⸗ nung und ſtellten ſich ſogleich in Schlachtordnung. Die Kavallerie folgte; aber ſchon der bloſe Anblick einer an⸗ ſcheinend disciplinirten Armee genügte, um alles Vertrauen des Landſturms über den Haufen zu werfen; der Geiſt der Flucht ſteckte Alle an, die Waffen wurden weggeworfen, und die ganze Umgegend war bald von der fliehenden Menge be⸗ deckt. Lord Lonsdale, mit ſeinen eigenen Dienern allein gelaſſen, mußte in Appleby Caſtle Zuflucht ſuchen, und der Biſchof von Carlisle wurde von einem würdigen kriegslu⸗ ſtigen Kirchenmanne, der früher Vikar in ſeiner Diöceſe geweſen, auf ſeinem Wege nach Roſe Caſtle ſehr hitzig verfolgt. Die Flucht und gänzliche Zerſtreuung des Feindes gab den Inſurgenten große Ermuthigung, und die Beute des Schlachtfeldes verſah ſie mit manchen Artikeln, deren ſie ſehr bedurften. Waffen, Pferde und Pulver wurden in be⸗ trächtlichen Maſſen weggenommen, und ſiegestrunken betraten ſie noch am ſelben Tage Penrith in guter Ordnung. Sie wurden in der Stadt ſehr höflich aufgenommen, und weitere Vorräthe nebſt einer beträchtlichen Geldſumme wurden herbeigeſchafft. Nachdem ſie ſich einen Tag zu Penrith erholt hatten, rückten die Inſurgenten gegen Ap⸗ pleby, ohne jedoch auf die erwarteten Verſtärkungen zu ſtoßen. Im Gegentheil ſcheint es, als ob ſchon jetzt De⸗ ſertionen eingeriſſen ſeyen, denn die Leute hatten kein großes Zutrauen zu ihren Führern und zeigten nur wenig Gehor⸗ ſam, wenn nicht gerade in Augenblicken dringender Gefahr. V V V Von Appleby nach Kendal und von da nach Kirby Lons⸗ dale ging der Marſch ohne auf Widerſtand zu ſtoßen; aber weder aus Weſtmoreland noch aus Cumberland wollten die erſehnten Verſtärkungen eintreffen, bis ſie von letzterem Orte gegen Lancaſter vormarſchirten. Hier vereinigte ſich eine Anzahl der römiſch⸗katholiſchen Gentry mit ihnen, und ſte wurden aus Lancaſhire durch die weitere Nachricht er⸗ muthigt, daß die ganze Grafſchaft ebenſo bereitwillig ſey, ſich zu ihren Gunſten zu erheben. Mancheſter, damals ver⸗ gleichungsweiſe ein unbedeutendes Landſtädtchen, und nur wegen des unruhigen Geiſtes ſeiner Bewohner berüchtigt, erklärte ſich mit wenig Zurückhaltung für König Jakob und begann für ſeinen Dienſt Truppen auszuheben und zu be⸗ waffnen. Dagegen wäre Lancaſter beinahe der Stein des An⸗ ſtoßes auf ihrem Wege geworden, denn Oberſt Chartres und einige andere dem Hauſe Hannover ergebene Offtziere beeilten ſich, Maßregeln zu ſeiner Vertheidigung zu treffen, und machten ſogar den Vorſchlag, die Brücke in die Luft zu ſprengen. Die Beſorgniſſe und vielleicht die Abneigung unter der Mehrzahl der Einwohner vereitelten jedoch alle ihre Abſichten; die Inſurgenten marſchirten in die Stadt und bemächtigten ſich nicht allein der Waffen, der Munition und des Geldes, ſondern auch eines halben Duzends Ka⸗ nonen, die ſie in einem Schiffe fanden, das einer ſo fried⸗ fertigen Perſon wie einem Quäcker angehörte. Dieſe Geſchütze wurden alsbald auf Räder geſetzt, und während des Aufenthaltes der Inſurgenten, der vom ſiebten 592 bis neunten November dauerte, ſtießen fortwährend kleine Haufen von Edelleuten zu ihrem eigenen Unglück zu ihnen, um ſich an einem Unternehmen zu betheiligen, das jetzt raſch einem unglücklichen Ende entgegenging. Man muß jedoch ſagen, daß ſie ſelbſt viel zur Beſchleu⸗ nigung der Kataſtrophe beitrugen. Während des ganzen langen Marſches von Jedburgh bis Lancaſter hatten ſich die Häupter der Inſurrektion, wie man leicht denken kann, voll Eifer bemüht, über die Bewegungen der feindlichen Truppen Nachrichten einzuziehen. General Carpenters kleines Korps war dasjenige, das ſie vornämlich fürchteten, und es wird verſichert, daß Forſter weder Geld noch Mühe ſparte, um Kundſchaft darüber einzuziehen. Es war bekannt, daß Car⸗ penter die Inſurgentenmacht ſogleich verfolgt hatte, ſobald er deren Marſchrichtung erfuhr; aber es hieß, er ſey noch eine beträchtliche Strecke hinter ihnen, und ein gewiſſer Mr. Paul, ein anderer jakobitiſcher Geiſtlicher, der gleich⸗ falls den Prieſterrock ausgezogen und das Kriegsgewand umgeworfen hatte, brachte nach Lancaſter die ſichere Bot⸗ ſchaft, daß General Carpenter mit gänzlich ermüdeten Pferden und Leuten zu Barnards Caſtle in Durham ange⸗ langt ſey. Die anderen Lancaſhirer Edelleute, welche von Zeit zu Zeit eintrafen, verſicherten Forſter und ſeine Ge⸗ fährten, daß kein Theil von König Georgs Truppen auf vierzig Meilen herannahen könne, ohne daß ſie es zuvor erführen, und in einer ſchlimmen Stunde wurde beſchloſſen, noch längere Zeit zu Lancaſter als bloſer Raſtſtation zu verweilen, ſelbſt nachdem man ſich für den Plan entſchieden 593 hatte, in einen Diſtrikt vorzurücken, wo ein großer Zuwachs an Macht zu erwarten war. Dieſer Plan war nämlich folgender: man wollte direkt auf Mancheſter marſchiren, wo die Sache des Hauſes Stuart zahlreiche Anhänger zählte, wollte die Warringtonbrücke beſetzen und die Operationen bis Liverpool ausdehnen, deſſen man ſich leicht zu bemächtigen hoffte. Wie es heißt, war ſogar Befehl gegeben, alsbald vorzurücken; allein die Er⸗ oberung der Geſchütze und die Gerüchte vom Lande her machten ſie etwas gleichgültig, ſo daß ſie ſich von Montag den ſiebten bis Mittwoch den neunten November zu Lan⸗ caſter erholten, während die Truppen ihrer Gegner ſich enger und enger gegen ſie heranzogen. Der neunte November war ein ſehr naſſer, ſtürmiſcher Tag; aber der Marſch gegen Preſton wurde früh am Mor⸗ gen angetreten, und faſt ſcheint es, als ob allerlei ſchlimme Ahnungen über die vom Lande her eingetroffenen Botſchaf⸗ ten in ihnen aufgeſtiegen ſeyen. Gerüchte kurſirten in dem kleinen Korps, daß große Maſſen von König Georgs Trup⸗ pen ſich ſammelten, um ihrem Vorrücken ſich zu widerſetzen, und man empfand allgemein— aber zu ſpät— die Noth⸗ wendigkeit, eine Stellung zu nehmen, welche ſie in den Stand ſetzte, alle ihre Freunde aus den mittleren und weſt⸗ lichen Grafſchaften an ſich zu ziehen. Die Straßen waren ſchlecht und durch Regengüſſe faſt ungangbar gemacht; das Fußvolk zog ermüdet und ziemlich entmuthigt ſeines Weges, und ſelbſt die Kavallerie fand es ſchwer, auch nur in einiger Ordnung vorzurücken, James. Henry Smeaton. 38 594 So wurde in dem kleinen Städtchen Garſtang beſchloſſen, daß das Fußvolk über Nacht daſelbſt halten ſollte, während die Reiterei bis Preſton vordrang und eine kleine daſelbſt einquartierte Dragonerabtheilung vertrieb. Die Dragoner warteten nicht bis man ſie angriff, ſondern marſchirten bei der Annäherung der Inſurgenten ab; dieſe jubelten wie über einen erfochtenen Sieg, und ſchlugen ihr Quartier in der Stadt auf. Am folgenden Tage, Donnerſtag den zehnten November, war General Forſters geſammte Truppenmacht in Preſton verſammelt, König Jakob der Dritte ward un⸗ ter den gewöhnlichen Ceremonien ausgerufen und in der Kirche wurde für ſeinen Namen gebetet. Zu Preſton ergab ſich ein weiterer Aufenthalt. Keine Botſchaft von der Nähe des Feindes war eingetroffen, und ſtatt am Freitag Morgen gegen Mancheſter abzumarſchiren, wie man Anfangs beſchloſſen hatte, wurde ein Halt bis zum Samſtag beliebt. Während des ganzen Freitags er⸗ freuten ſich die Inſurgenten in Preſton im Gefühle der äußer⸗ ſten Sicherheit, und erſt als am Samſtag die Truppen un⸗ ter den Waffen ſtanden, erfuhr man den raſchen Anmarſch des Generals Wills gegen Preſton. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Es war am Abend des neunten Novembers, an wel⸗ chem die Kavallerie der Inſurgentenarmee in Preſton ein⸗ marſchirte, als eine Abtheilung, beſtehend aus drei Reitern, 595 eine jener ſchmalen, tiefen Schluchten verfolgte, von denen die⸗ ſer Landſtrich häufig durchſchnitten war. Die Kavallerie marſchirte in derſelben Richtung auf einer breiteren Straße zur Rechten, und einer der Reiter, von denen ich geſprochen, verlor keine Gelegenheit, ſondern ſtellte ſich auf jede Höhe, um ſowohl ihre Marſchrichtung zu entdecken als auch das Ausſehen des Landes zu rekognosciren. Wo immer die Ab⸗ hänge des Pfades ſich ſenkten und einen Weg nach der höher gelegenen Ebene ſehen ließen, wo nur ein Thor einen Aus⸗ gang rechts oder links eröffnete, da ſah man jenen Reiters⸗ mann ausbiegen und ſich umſchauen. Die beiden Anderen waren weniger wachſam und ſchienen ſich mit dem Schutze des Hohlwegs zu begnügen. Einer von ihnen war ein großer nicht ſehr gut ausſehender Mann, der ziemlich ſchlam⸗ pig und ſchlotterig zu Pferde ſaß; der Andere, fett und kurz, nicht der graziöſeſte Reiter von der Welt, zeigte we⸗ nigſtens eine höchſt umſichtige Anhänglichkeit an ſeinen Sattel. Der Regen goß in Stroͤmen herab, ſo daß der Schmutz den Pferden bis an die Feſſeln reichte; ein kalter, ſchneiden⸗ der Wind jagte den Reitern die halbgefrorenen Tropfen in Ohren und Nacken, trotzdem daß ſie gut mit Mänteln verſehen waren und die Krägen hoch oben feſt zuſammen⸗ geknüpft hatten. Für eine Reiſe war es ein ſo miſerabler Abend, wie man ihn nur immer ſich denken konnte; nichts deſtoweniger wußte der Letztere der Beiden im Hohlweg ge⸗ bliebenen Reiter ſeinen Gefährten in heiterer Laune zu er⸗ halten und theils durch ſeine Anekdoten, theils durch die Art, 38* 596 wie er ſie erzählte, ihm oftmals ein lautes Lachen zu ent⸗ locken. „Ja,“ bemerkte der Größere mit ſtarkem ſchottiſchem Aecent—„ja, Mr. Van Nooſt, Ihr ſeyd ohne Zweifel in Eurer Art ein ganz geſchickter Mann und könnt, wie Ihr mir ſagt, gar hübſche Götter und Göttinnen, Schäfer und Schäferinnen aus kaltem Blei modelliren; aber ich kann noch mehr als das.“ „Ich zweifle nicht, Mylord,“ verſetzte Van Nooſt, gleichwohl über den Gedanken nicht wenig kichernd.„Ihr ſeyd ein großer und ich ein gar unbedeutender Mann; übri⸗ gens würde ich mir nichts daraus machen, gegen Eure Lord⸗ ſchaft eine Wette darauf einzugehen, wer von uns Beiden die beſte Diana herausbringt.“ „Bleibt mir mit der vom Leib; Mann, bleibt mir vom Leib!“ ſagte Lord Wintoun lachend.„Haltet Euch an die Venus; da könnt Ihr mich ſchlagen. Mit den Dianas würde ich Euch obſtegen; denn ich würde ſie in kaltem Eiſen entwerfen, wie es für eine ſo hartherzige Göttin paßt. Blei iſt ein tauglicherer Stoff für eine Venus, denn wir Alle wiſſen, daß ſie hie und da in einer ſchmelzenden Stim⸗ mung war. Ich ſage Euch, Mann, wenn dieſe Burſche, die ſich ſelber Generale nennen und vom Kriege nicht mehr verſtehen als mein Klepper hier— mir nur eine Lederſchürze und einen Schmiedehammer geben wollten, ſo könnte ich ihnen beſſere Dienſte leiſten, als ich es je an der Spitze ei⸗ nes Regimentes im Stande ſeyn werde, denn in dem einen Falle könnte ich ihnen Piken zur Bewaffnung des gemeinen 597 Volkes verfertigen, während ich in dem anderen ein Regi⸗ ment, wie man es nennt, zu kommandiren habe, das jedem Anderen mehr gehorcht als mir.“ Van Nooſts Neugierde war erregt, aber nicht durch den wichtigſten Theil von Lord Wintouns Antwort. „Ei, Mylord,“ fragte er,„wie kam Eure Lordſchaft dazu, ein ſolches Gewerbe, wie das Pikenmachen, zu er⸗ lernen?“ „Durch natürliche Anlage und etwas Beobachtungs⸗ gabe,“ verſetzte der Earl.„Denkt Euch, mein zärtlich ge⸗ liebter Van Nooſt, ich hatte einmal große Luſt zu reiſen und wollte dabei mehr von der Welt ſehen, als andere Lords und Lady's, welche im Ganzen einem Bündel Pfeile ähn⸗ lich alle nach derſelben Länge geſchnitten und in derſelben Weiſe zugeſpitzt ſind. So legte ich meine Würde eine Zeit⸗ lang bei Seite, kleidete mich als Grobſchmidsjungen und nahm eine Stelle als Bälgenblaſer bei einem Meiſter dieſes räucherigen Handwerks.“ Van Nooſt brach in lautes Gelächter aus, indem er bemerkte: „Gewiß bekamt Ihr das bald ſatt, Mylord?“ „O nein,“ entgegnete Lord Wintoun.„Zwei ganze Jahre hämmerte ich Eiſen und trieb die Bälgen, aß Kürbis⸗ ſuppe, trank ſauren Wein und kochte mir mein eigenes Ome⸗ lette zum Sonntagsſchmauſe.“ Van Nooſt lachte abermals und meinte, da hätte er es lieber nicht mit ſeiner Lordſchaft Mahle halten mögen; allein Lord Wintoun fuhr fort: 1. 598 „Ja noch mehr: ich empfing manche Maulſchelle von des Grobſchmieds Tochter, mit einer Geduld, welche ſelbſt einen Hiob beſchämt hätte, und einſtmals wollte mich ſein Weib ſogar mit einem Beſen ſchlagen; aber ich nahm ein glührothes Hufeiſen und drohte ihre Unterröcke in Brand zu ſtecken, obwohl ſie, ehrlich geſtanden, zu kurz waren, um noch mit Anſtand eine weitere Verkürzung zu erlauben. Die gute Frau lachte, wie ſie denn eine luſtige Haut war und legte den Beſen nieder, während ich das Hufeiſen ablöſchte.“ „Vielleicht, daß die Tochter Euer Anziehungspunkt war,“ bemerkte Van Nooſt mit ſchlauem Blinzeln.„Gab ſte Euch nichts als Maulſchellen, mein edler Lord?“ „Wahrhaftig, ich bekam nichts Anderes,“ verſicherte Lord Wintoun;„was ihre Reize betraf, ſo waren die ihri⸗ gen mächtiger an Umfang als gefährlich durch ihre Intenſi⸗ tät. Sie war faſt ſo dick, wie ihr Vater, hatte zwar zwei große ſchwarze Augen, die aber nicht viel beſſer als eines waren, denn ſie ſchielten beide ſo ſcharf nach ihrer Naſe, daß es mir vorkam, wie ein Kreuzfeuer aus den Baſtionen einer Feſtung, und wenn ſie überhaupt etwas in der Entfernung ſah, ſo muß ſie es ſicherlich verkehrt geſehen haben. Dann vollends ihr Maul! Himmel und Erde— ihr Maul! Die bloſe Erinnerung macht mir Bauchgrimmen. War es ge⸗ ſchloſſen, ſo ſah es aus wie ein Hexenſchlitz— wie wir Schotten es nennen; ſtand es offen, ſo glaubte man den Eingang eines bodenloſen Abgrundes vor ſich zu ſehen. Sie hätte es gar nicht tragen können, wenn die Naſe ihm nicht das Gleichgewicht gehalten hätte.“ 4 T 2 599 Van Nooſt lachte wiederholt von ganzem Herzen und rief: „Ach die Liebe! die Freude! welches Glück muß Eure Lordſchaft in ihrer feinen Geſellſchaft genoſſen haben!“ „Meiner Treu! ich habe es ſchon ſchlimmer gehabt als damals, und ich fürchte, ich werde noch Schlimmeres er⸗ leben,“ bemerkte Lord Wintoun.„Ein Mann ohne Kopf iſt ſich ſelbſt und jedem Anderen unnütz, Meiſter Van Nooſt, und ich zweifle ſehr, ob ich noch lange einen ſolchen auf meinen Schultern tragen werde. Wie iſt's denn dem Eu⸗ rigen zu Muth? iſt er ſchon wacklig?“ „Zu Muth?— nicht ſonderlich, mein guter Lord,“ er⸗ wiederte Van Nooſt in kläglichem Tone.„Zuweilen kommt eine gewiſſe krankhafte Wallung über meinen Magen, wie wenn ich halbgekochtes Schweinefleiſch gegeſſen hätte. Aber hält Eure Lordſchaft die Sache wirklich für ſo ſchlimm?“ „So ſchlimm als nur möglich,“ antwortete Lord Win⸗ toun.„Nehmt mein Wort darauf, Van, Euer Fett wird bald ſo kalt und hart ſeyn wie das an Euren Bleifiguren, wenn Ihr nicht ſehr politiſch zu Werke geht.“ „Aber was meint Ihr, daß ich thun ſoll?“ fragte der arme Statuarius.„Ich meines Theils meine, die Dinge gehen gut genug.“ „Armer Wicht!“ rief Lord Wintoun.„Ihr habt ohne Zweifel Augen für die Köpfe Eurer Statuen, aber keine für Euren eigenen, wie es ſcheint. Dort kommt Euer Liebling, Lord Eskdale: fragt den. Warum glaubt Ihr, daß er durch das Land galoppirt, hier auf jenen Hügel und dort 600 8 über die Anhöhe ſprengt und ſein ermüdetes Roß bald durch ein Thor, bald über einen Zaun wie eine Katze durch's Fen⸗ ſter ſetzen läßt? Wißt Ihr das nicht? Ich will's Euch ſagen. Er guckt ſich um, ob er nicht durch all dieſen Regen des Feindes Truppen gewahren kann, welche, wie er weiß, über uns kommen werden, bevor drei Tage vorüber ſind. Er läßt ſich nicht wie Euer Forſter und Kenmure von der Einbildung bethören, daß man uns nach unſerem Belieben frei durch das Land werde marſchiren laſſen.— Nun, Esk⸗ dale, habt Ihr ſie geſehen?“ „Es iſt kaum möglich überhaupt zu ſehen,“ erwiederte der junge Earl,„und ich gewahre nichts als unſere eigenen Leute zur Rechten, und wie ich glaube den Kirchthurm ve von Preſton auf wenige Meilen vor uns.“ „Was meint Ihr denn, daß Carpenter thue?“ fragte Lord Wintoun. „Wahrhaftig, das weiß ich nicht,“ erwiederte Smea⸗ ton;„wahrſcheinlich marſchirt er uns nach, bis er uns im Netze zu haben glaubt, jeden Augenblick bereit, über uns herzufallen, ſobald er es rathſam findet. Wir werden uns jedoch tüchtig ſchlagen, wie ich nicht zweifle, denn die meiſten unſerer Edelleute haben ſtarke Herzen, wenn auch nicht ge⸗ rade ſtarke Köpfe. 4 „Ach ja, im Dachſtübchen iſt's gar leer,“ ſeufzte Lord Wintoun.„Sagt doch dieſem guten armen Manne, Esk⸗ dale, warum Ihr jedes Kommando in unſerer großen Ar⸗ mee abgelehnt habt.“ „Einfach deßhalb, weil ich keine Verantwortlichkeit — ⸗ 601 an einem Unternehmen haben wollte, das in Unglück und Schande zu endigen beſtimmt iſt,“ erklärte Smeaton.„Ei⸗ nem Offizier von Erfahrung hätte ich in jeder Eigenſchaft gedient, die er mir anzuweiſen beliebt hätte; allein Mr. Forſter mag zwar ein recht guter Landedelmann ſeyn— Soldat aber iſt er keiner, und es bedarf wahrlich ebenſo vie⸗ ler Geſchicklichkeit und Erfahrung, mein edler Freund, um eine Armee zu kommandiren, als um einen Holzlöffel aus⸗ zuſchneiden. Jeder, der dies ohne einige Uebung verſucht, wird ſich in die Finger ſchneiden und ſeine Arbeit verhun⸗ zen.“ „Warum verlaßt Ihr ſie dann nicht, mein guter Lord?“ forſchte Van Nooſt, deſſen Kehle ſchon von allerlei unerfreu⸗ lichen Erſtickungsanfällen heimgeſucht wurde.„Da iſt die⸗ ſer edle Earl von Wintoun, der mich dringend zu überreden ſucht, daß das Davonlaufen für mich beſſer wäre.“ „Wahrhaftig, Van Nooſt, ich glaube, er hat Recht,“ verſetzte Smeaton, indem er in halb ſcherzendem Tone lä⸗ chelnd beifügte:„Der Unterſchied zwiſchen Euch und uns iſt ſehr bedeutend, Van Nooſt. Ihr ſeyd gerade ſo breit wie wir Beide, und da, ſeht Ihr, lauft Ihr doppelte Ge⸗ fahr wegen der Flintenkugeln. Ueberdies wenn wir gefan⸗ gen werden, ſo können vornehme Leute wohl noch Freunde finden, die für ſie bitten; wer aber für Euch bitten ſollte, weiß ich wahrlich nicht— es müßte nur Cuer Koch und Eure Gartenſchäferinnen ſeyn. Doch im Ernſt geſprochen: ich glaube kaum, daß Ihr auch bei dem beſten Eifer von der Welt der Sache hier Vieles nützen könnt— Euch ſelbſt 60² jedenfalls gar nicht, und wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, ſo verlaßt uns, ergebt Euch dem nächſten Friedens⸗ richter, thut Buße für Eure Sünden und rettet Euren Leib vor Carpenters Schneidmeſſern oder Euren Nacken vor ei⸗ ner Hanfkravatte. Unſere Ehre hält uns hier zurück; aber Ihr habt nicht viel Ehre zu erwerben, wenn Ihr auch bei uns bleibt, und könnt unter dieſen Umſtänden nicht viel ver⸗ lieren, wenn Ihr uns verlaßt. Ich gebe Euch mein Wort darauf, daß ich, wenn ich nicht mit dem Earlstitel belaſtet wäre, dieſe Armee in dem Augenblicke verlaſſen hätte, als der wahnſinnige Entſchluß eines Einmarſches nach England gefaßt wurde. Ich bin nicht verbunden, unter Mondſüch⸗ tigen zu dienen; aber es würde der Sache einen zu ſchwe⸗ ren Schlag verſetzen, wenn zwei Edelleute ſte plötzlich auf⸗ geben wollten.“ „Das iſt's, was mich nach Langton zurückbrachte,“ erklärte Lord Wintoun,„denn ich war feſt entſchloſſen, lieber zu gehen als mich wie ein Schaf zur Schlachtbank führen zu laſſen, ohne daß mein Fell oder Fleiſch etwas nützen kann. Aber ich fragte mich, wie viele meinem Beiſpiele folgen würden, wenn ich abzöge, und dieſer Gedanke führte mich zurück.“ Die Vorſtellung— wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt zu werden— ſchien dem armen Van Nooſt gar nicht eingehen zu wollen, und er blieb während des ganzen übri⸗ gen Weges verſtort und ſchweigſam. Smeaton nahm ſein Quartier gemeinſam mit meh⸗ reren anderen Gentlemen, welche einen Theil des unter dem 603 Namen der edelmänniſchen Volontäͤrs bekannten kleinen Korps bildeten, das keinen beſonderen Kommandanten hatte und unter keinem eigenen Führer diente. Das Abendeſſen wurde haſtig bereitet, und die gewöhnlichen Unterhaltungs⸗ mittel, womit ſich Soldaten die ängſtlichen Gedanken zu vertreiben und die Gegenwart luſtig zu verleben pflegen, wurden auf's Tapet gebracht. Die Klaretflaſche— denn ſowohl zu Lancaſter als zu Preſton war guter Wein zu fin⸗ den— ging unter den höheren Klaſſen der Inſurgenten frei in die Runde, während ſich die Gemeinen der feurigen Hülfe des Branntweins theils pur, theils vermiſcht oder in Punſch verwandelt, bedienten.. Van Nooſt, der mit dem Earl von Eskdale an der⸗ ſelben langen Tafel ſaß, trank von ſeinem Lieblingsgetränke, dem Punſch, ſo viel, daß der junge Edelmann ſchon fürch⸗ tete, ſein heilſamer Schrecken möchte ſich verlieren, ſo daß er ſeinen Plan, das Inſurgentenheer zu verlaſſen und ſeine Unterwerfung anzubieten, aufgäbe; doch gegen den Schluß des Abends kam Van Nooſt zu ihm und flüſterte: „Ich werde morgen Früh abreiſen, mein guter Lord, und geradeswegs nach London gehen, ſo weit man mir ſol⸗ ches erlaubt. Hat Eure Lordſchaft irgend etwas zu ſchrei⸗ ben, was ich überbringen könnte?“ Smeaton war geneigt, die Gelegenheit alsbald zu be⸗ nützen; aber ein kurzes Nachdenken zeigte ihm, daß er, wenn er ſeinem ergebenen Freunde auch nur einen Brief mitgäbe, die Sicherheit des guten Mannes gefährden könnte, falls dieſer dem Feinde in die Hände ſiele. Er rief ihn 604 deßhalb bei Seite und trug ihm nur wenige Worte an Em⸗ melinen auf. Sie waren ebenſo traurig als karg, denn ſeine eigenen Erwartungen waren alle trüb und düſter, und er wünſchte nicht Hoffnungen zu erregen, welche, wie er ſicher glaubte, getäuſcht werden müßten. Sonſt gab er Van Nooſt nur noch einige Warnungen auf den Weg, indem er ernſtlich in ihn drang, daß er ſich freiwillig dem nächſten beſten Friedensrichter ausliefere, wenn er bei ſeiner Flucht durch das Land auf die geringſte Schwierigkeit ſtoße, daß er ſich unbedingt unterwerfe, zu gleicher Zeit aber alle Ausſagen vekmeide, welche entweder die Lage ſeiner früheren Genoſſen verrathen oder ſie für Gegenwart oder Zukunft irgend eines Vortheiles berauben könnte. Dann zog er ſich auf ſein Zimmer zurück, indem er ſagte, er ſey ermüdet und wolle ſich zur Ruhe begeben; allein die Ruhe, die er fand, wenn auch der Körper ſich da⸗ bei erholte, ließ doch ſeinen Geiſt nicht raſten. Er konnte die nächſten drei Stunden noch nicht einſchlafen, ſondern blieb regungslos neben dem Fenſter in tiefen Gedanken ſitzen. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Samſtags den zwoölften November ſah man am frühen Morgen die Straßen von Preſton von gewaltigem Lärm und Aufregung erfüllt. Offiziere und Edelleute ſah man hier und dort durcheinander rennen, und ſämmtliche Regi⸗ —— 60⁵ ments⸗ und Schwadronskommandanten(wie man die Führer der kleinen Abtheilungen nannte) wurden nach General For⸗ ſters Quartier im Gaſthof zur Biſchofsmütze zu einem Kriegsrathe entboten. Der Earl von Eskdale gehörte nicht unter dieſe; er hatte allen dringenden Aufforderungen zum Trotz jedes Kommando abgelehnt, denn ſeine militäriſche Geſchicklichkeit war ſogar von denen, welche während der Zeit des Handelns ſeinem Rathe nicht folgen wollten, voll⸗ ſtändig gewürdigt worden. Offen geſagt, war er ſogar noch nicht einmal auf, als dieſes rührige Treiben ſeinen Anfang nahm, denn wie wir im vorigen Kapitel gezeigt, hatte er den größeren Theil der Nacht ſchlaflos durchwacht, und als er ſich endlich zur Ruhe niederlegte, hatte ihn die Ermüdung in einen tiefen todtenähnlichen Schlummer verſenkt, aus welchem ihn all der Lärm der erwachenden Stadt nur ſchwer zu erwecken vermochte. Er hatte freilich in ſeinen wachenden Stunden gar manche bittere und pein⸗ liche Gedanken zu überwinden; aber dieſe Gedanken hatten nur wenig mit der Führung der Erpedition zu ſchaffen, in die er nun einmal verwickelt war, und über ihn wie über viele Andere, die ſich der unglückſeligen Unternehmung an⸗ geſchloſſen, war eine Art hoffnungsloſer Gleichgültigkeit ge⸗ kommen, die ihn nur wenig danach fragen ließ, was in dieſem Spiele der Thorheit und des Wahnſinns zunächſt noch aufgeführt werden ſollte. Gegen halb ſieben Uhr trat jedoch ſein Diener Higham mit ſchreckenbleichem Geſichte in ſein Schlafzimmer. Smea⸗ —,— erklärte Higham;„und das gerade iſt eines der Dinge, die ich bereuen und abbüßen möchte.“ „Schon recht,“ erwiederte Smeaton;„ich habe jetzt nicht Zeit, Dich Deine Sünden beichten zu hören. Ich muß gehen und nachſehen, was an Deiner Erzählung Wahres iſt. Was das Uebrige betrifft, mein guter Burſche, ſo ver⸗ zeihe ich Dir gerne jedes kleine bekannte oder unbekannte Vergehen, das Du gegen mich begangen haben magſt. Es iſt ſehr unwahrſcheinlich, daß wir Beide dieſes Tagewerk überleben, wenn die Dinge ſo ſtehen, wie Du ſagſt, und wer von uns auch von hinnen gerufen werde, ſo laßt uns jedenfalls verſöhnt ſcheiden. Ich vergebe Dir von ganzem Herzen jeden Fehler, den Du in Deinem Dienſte gegen mich begangen haſt, Higham.“ „Ach, Mylord!“ rief Higham mit reuevoller Miene, „wenn Ihr Alles wüßtet—“ Er brachte ſeinen Satz nicht zu Ende, denn in dieſem Augenblick brach Van Nooſt, ohne anzuklopfen, in des jun⸗ gen Edelmannes Zimmer, und Smeaton, begierig für des guten Mannes Sicherheit zu ſorgen, gab dem Diener ein Zeichen, ſie allein zu laſſen. „Habt Ihr die Neuigkeit gehört, Mylord, habt Ihr die Neuigkeit gehört?“ rief Van Nooſt in einem Zuſtande großer Aufregung, aber ohne ein Zeichen der Furcht.„Es heißt, General Wills werde in wenigen Stunden hier ſeyn.“ „So hab' ich gehört,“ erwiederte Smeaton;„aber ich hoffte, mein guter Freund, daß Ihr bis dahin ſchon weit von hier weg wäret.“ 606 ton war auf und ſchon halb angekleidet, und dem Manne ruhig in's Geſicht ſchauend ſagte er: „Nun, Higham, reich' mir mein Schwert. Nach Deiner jämmerlichen Leichenmiene muß ich vermuthen, daß die hannover'ſchen Truppen uns auf dem Halſe ſind.“ „Ach Mylord, Gott vergeb uns unſere Sünden!“ jammerte der Mann.„Diesmal wird's zum Fechten kom⸗ men, denn es heißt, General Wills marſchire mit zehntau⸗ ſend Mann gegen Preſton und könne ſchon vom Gipfel der Windmühle aus geſehen werden.“ „Ich hoffe, Du haſt gegen das Fechten nichts einzu⸗ wenden, Higham,“ ſagte ſein Lord.„Du biſt mit tapferen Worten immer voran geweſen, mein guter Freund, und ich werde jedenfalls erwarten, daß Du jetzt auch danach handelſt.“ „Ich will mein Beſtes thun, Mylord— ich will mein Beſtes thun,“ verſicherte der Diener;„aber ich möchte eben jetzt lieber nicht getödtet werden, wenn ich's verhindern könnte. Ich habe gar manches Unrecht begangen, wie ich fürchte, und ich moͤchte gerne noch Zeit zur Reue haben.“ „Dazu braucht es nicht lange,“ bemerkte Smeaton mit ſchwachem Lächeln, ſeine Toilette fortſetzend.„Gottes Gnade kann zu jeder Zeit Reue gewähren und ſie wirkſam machen. Ein kurzes Gebet, mein guter Freund, und ein feſter Entſchluß, es für die Zukunft beſſer zu machen— das iſt Alles, was ich Dir rathen möchte, und dann komme, um wie ein Mann auf der Seite, die Du gewählt haſt, zu fechten.“ „Ach, Mylord, ich habe auch Euch Uebles gethan,“ 608 „Ich bin froh, daß ich's nicht bin,“ erwiederte Van Nooſt, ſich vergnügt die Hände reibend,„denn ich habe ei⸗ nen Plan— und was für einen Plan! zur Vertheidigung des Platzes, wenn Eure Lordſchaft ihn nur General Forſter vorſchlagen wollte. Er kann gar nicht fehlſchlagen— iſt des Erfolges gewiß.“— Smeaton hatte nicht immer die beſte Meinung von Van Nooſts Planen; allein der Mann ſprach ſehr ernſthaft, und der junge Edelmann verſetzte lächelnd: „Wohlan, Van Nooſt, ſagt mir, was es iſt, und wenn es thunlich ſcheint, ſo will ich es dem Kommandirenden vor⸗ ſchlagen.“. „Hört nur, mein edler Lord,“ rief Van Nooſt—„es muß gelingen. General Wills nähert ſich von der Seite von Wigan mit einer überwältigenden Truppenmacht, in zwei Stunden, heißt es, werde er in der Stadt ſeyn. Wenn wir ſie räumen und davon laufen, wird er uns mit ſeiner Kavallerie ohne eine Minute Verzug verfolgen, ſo daß wir Alle in Stücke gehauen werden, noch ehe wir unſere Flucht bewerkſtelligt haben. Nun möchte ich aber Folgendes vor⸗ ſchlagen: wir wollen thun, als ob die Stadt vertheidigt würde, ſelbſt nachdem wir Alle fort ſind, denn wenn wir die Ribblebrücke beſetzen, ſo können wir ſie ſchon eine Weile aufhalten.“ „Jene Brücke wird natürlich um jeden Preis behauptet werden,“ bemerkte Smeaton;„wenn aber General Wills von Wigan heranmarſchirt, ſo werden wir jenen Weg nicht ohne Gefecht paſſiren können.“ 609 „Nein, mein guter Lord, nein,“ erwiederte Van Nooſt. „Mein Vorſchlag iſt nicht, in jener Richtung zu entfliehen. Natürlich wird das Rekognosciren der Brücke einige Zeit wegnehmen; während deſſen laſſen wir die Leute in die Stadt ſich zurückziehen und dem Hauptkorps folgen, das mittler⸗ weile die Fiſcherthor⸗Straße hinunter auf die Wieſen mar⸗ ſchiren muß. Ich habe die ganze Umgebung genau unter⸗ ſucht. Es führen zwei gute für Reiter wie Fußgänger ge⸗ eignete Furten über den Ribble— dann liegt die Straße nach Lancaſter uns offen, und wir haben wenigſtens eine Stadt, die wir vertheidigen oder einen Hafen, aus dem wir abſegeln können.“ „Ich zweifle ſehr, ob Ihr jene Straße noch offen fin⸗ den werdet, Van Nooſt,“ entgegnete der Earl,„obwohl der Beſitz jener Furten ohne Zweifel eine Hauptſache iſt; nur ſehe ich noch nicht ein, wie Ihr den General Wills glauben machen wollt, daß die Stadt noch vertheidigt ſey, nachdem wir ſie verlaſſen haben.“ „Gebt mir nur zwei Stunden Zeit,“ verſetzte Van Nooſt,„und ich will Euch Strohmänner machen, die un⸗ ſern Hochländern ſo ähnlich ſehen ſollen, daß Ihr darauf ſchwören würdet, Ihr ſehet ihre nackten Kniee.“ Smeaton begann zu lachen. „Wahrhaftig, mein guter Lord,“ fuhr Van Nooſt et⸗ was hitzig fort,„der Plan iſt ganz gut. Ich könnte fünfzig bis ſechzig ſolcher Männer fabriziren und ſie in ſchönen Gruppen am Ausgange der Straße aufſtellen. Der Ge⸗ neral würde nicht daran denken, ſeinen Angriff auf eine James. Henry Smeaton. 39 640 anſcheinend vertheidigte Stadt zu machen, ohne lange Vor⸗ bereitungen und eine geſchickte Vertheilung ſeiner Kräfte getroffen zu haben, und unterdeſſen könnten wir nach Lan⸗ caſter kommen.“ „Nein, nein, Van Nooſt,“ widerſprach Smeaton;„da ausgeſtopfte Männer keine Muskete abfeuern können, ſo würde ſich General Wills nicht lange täuſchen laſſen. Eure Idee in Betreff der Vertheidigung der Ribblebrücke und Euer Rath, die zwei Furten zu beſetzen, ſind beide ganz gut, und ich will ſie General Forſter als von Euch herrüh⸗ rend vortragen; mit den ſtrohernen Hochländern verſchont mich aber. Und nun, mein guter Freund, muß ich Euch nochmals ernſtlich zureden, daß Ihr dieſen Ort verlaſſet. Ich hoffte bereits, daß Ihr längſt fort wäret; glaubt mir, Van Nooſt, wer hier bleibt, iſt beſtimmt, entweder in Pre⸗ ſton zu ſterben oder gefangen zu werden. Hätten wir einen Mann von Erfahrung und militäriſcher Geſchicklichkeit zum Kommandanten, ſo könnten wir uns mit Glück ſchlagen oder mit Erfolg zurückziehen; ſo aber iſt keine Hoffnung zu Bei⸗ dem. Ihr ſeyd kein fechtender Mann, Van Nooſt; Ihr könnt hier keinen Ruhm einernten, und wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, ſo zögert keinen Augenblick, ſondern reitet aus der Stadt, ſo lange der Weg offen ſteht. Und nun— lebt wohl, mein guter Freund. Ich kann mich nicht länger aufhalten, denn ich muß mich überzeugen, was an den zu uns gelangten Gerüchten Wahres iſt.“ Bei dieſen Worten ſchuͤttelte er ſeinem Gefährten freund⸗ lich die Hand, und der arme Van Nooſt begleitete ihn mit 611 geſenktem Haupte und Thräͤnen in den Augen bis zur Haus⸗ thüre hinab. Der junge Edelmann nahm ſeinen Weg durch die Straßen nach dem Gaſthof zur Biſchofsmütze, unterwegs die Geſichter aller Vorüberkommenden beobachtend. Die Straßen waren ſehr voll, denn die Nachricht von General Wills Annäherung hatte ſich reißend ſchnell verbreitet, und hochländiſche Clansleute und Grenzräuber, Lancaſhirer Ka⸗ tholiken und Northumbriſche Edelleute drängten ſich alle hinaus, um weitere Kundſchaft vom Feinde einzuziehen oder ſich nach den Planen ihrer eigenen Führer zu erkundigen. Die, welchen Smeaton auf der Straße begegnete, ge⸗ hörten meiſt zu der unteren Klaſſe— den Gemeinen, wie man ſie nannte, und er bemerkte einen Ausdruck hartnäckiger Entſchloſſenheit in ihren Mienen, der ihm Gutes zu ver⸗ künden ſchien, denn er ſchloß daraus, daß ihr Widerſtand kräftig und ſtandhaft, wenn nicht erfolgreich ſeyn würde, ſo daß man vielleicht günſtige Bedingungen erlangen konnte, wenn auch kein Sieg zu erfechten war. Beim Eintritt in die Biſchofsmütze fand er jedoch auf dem Gange und in einem vorderen Parterrezimmer eine An⸗ zahl von Edelleuten, welche das Reſultat der Berathungen abwarten wollten, welche in einem oberen Gemache gehal⸗ ten wurden. Unter ihnen bemerkte er nichts weniger als jene muthigen Anzeichen, die er an den Gemeinen beobachtet hatte: es lag ein Ausdruck der Entmuthigung, des Zweifels, in manchen Fällen ſogar der Angſt in ihren Zügen, der ihm ſehr ſchmerzlich zu beobachten war, und der Einzige, der 39* 612 vollkommen gefaßt ſchien, war der Earl von Wintoun, der ſich an General Forſters Kriegsrathe nicht mehr betheiligen mochte. Das Schweigen unter einer ſolchen Menge Per⸗ ſonen war ſehr auffallend; nur Wenige ſprachen eine Sylbe, und auch wer den Mund zu öffnen wagte, erhob ſ eine Stimme nicht über ein Flüſtern. Der Earl von Wintoun ſelbſt ſaß auf einem alten Mahagonwſtuhle, ſpielte mit ſeinem Schwerte, das er zwiſchen den Beinen hielt und ſummte mit dem voll⸗ kommenſten Anſcheine von Gleichgültigkeit ein ſchottiſches Liedchen. „Nun, Eskdale,“ begann er, als der Andere ihm nahe kam,„habt Ihr die Neuigkeit vernommen? Es heißt, des Kurfürſten Leute marſchiren von Wigan heran, um uns anzugreifen.“ „Dann wird eintreten, was wir laͤngſt hätten erwarten können,“ erwiederte Smeaton in heiterem Tone—„einige gute herzhafte Schläͤge, und Gott ſchütze das Recht!“ „Amen!“ ſchloß der Earl.„Ich bin begierig, was ſie jetzt vorhaben; ſie deliberiren ſchon lange. Nun, im Ganzen iſt das ſchon in der Ordnung, denn während die Männer der Wiſſenſchaft ſogleich einſehen würden, daß nur ein Ding möglich iſt, hat unſer guter Freund Forſter das ganze Reich der Phantaſie zu durchlaufen, bevor er an einem Plane haften kann. Ohne Zweifel wird es etwas ganz Außerordentliches ſeyn, wenn er durch Zufall das Rechte trifft.“ „Ei nein, ich möchte behaupten, wir werden uns ganz gut halten,“ verſetzte der junge Edelmann.„Forſter iſt 613 ein tapferer Mann, und ich vermuthe ſtark, daß unüber⸗ windliche Entſchloſſenheit gerade dasjenige iſt, was uns hier mehr als alles Andere nützen kann. Natürlich werden die gewöhnlichen Vorſichtsmaßregeln getroffen werden, und mir ſcheint, als ob es hiezu keiner großen Generalsgewandtheit bedürfe.“ „Unſere Leute werden ſich bis auf den Tod herumſchla⸗ gen,“ ſagte ein junger Gentleman aus dem Hauſe Athol, der in der Nähe ſtand.„Wenn wir nur Köpfe unter uns hätten— an Herzen fehlt's uns nicht.“ Und dann mit finſterem Stirnrunzeln einen ſcharfen Blick durch's Zimmer werfend, fügte er in ſtrengem Tone bei:„aber ein Spielen oder Feigheit werden wir nicht dulden.“ „Ich hoffe, dazu iſt keine Ausſicht,“ verſetzte Smeaton kaltblütig.„Aber ich glaube, hier kommen die Offiziere herunter, Kapitän Murray.“ Auf der Treppe hörte man das Scharren vieler Fuß⸗ tritte; im nächſten Augenblicke ſchaute Forſter ſelber in's Zimmer, und als er Lord Wintoun und den jungen Earl von Eskdale gewahrte, trat er, von mehreren Andern ge⸗ folgt, auf ſie zu. Sein Blick war heiter und zuverſichtlich, und ſein Weſen gefaßt und höflich. „Wir hätten ſehr Eures Rathes bedurft, Mylords, und ich wünſchte aufrichtig, daß Ihr zuweilen an unſerem Kriegs⸗ rathe Theil nähmet,“ ſagte er.„Ihr habt ohne Zweifel das Gerücht vernommen, daß General Wills von Wigan heranrückt. Ich kann die Nachricht kaum glauben und ziehe jetzt mit einer kleinen Abtheilung aus, um mich zu über⸗ 614 zeugen, ob dem ſo iſt oder nicht. Wenn ſich's beſtätigt, ſo hoffe ich, daß wir eine gute Rechnung mit dieſem General abſchließen werden.“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte Smeaton ruhig.„Iſt es erlaubt zu fragen, ob Ihr bereits einen Plan zum Wider⸗ ſtande gefaßt habt?“ „Nicht ganz,“ erwiederte Forſter,„und ich werde jede Andeutung Eurer Erfahrung mit Freuden annehmen, My⸗ lord.“. „Ich zweifle nicht, Sir,“ verſetzte Smeaton,„daß Ihr alle erforderlichen Vorſichtsmaßregeln treffen und Euch zum Beiſpiel der Furten über den Ribble verſichern, auch die Ribblebrücke beſetzen werdet, welche mir bei meiner letzten Rekognoszirung ganz dazu gemacht ſchien, um raſch in eine ſehr ſtarke Vertheidigungsſtellung verwandelt zu werden.“ „So— wirklich!“ erwiederte Forſter.„Liegt ſie zu dieſen Zwecken nicht etwas zu entfernt von der Stadt?“ „Allerdings, wenn Ihr entſchloſſen ſeyd, Eure Verthei⸗ digung auf die Stadt zu beſchränken,“ erklärte der junge Edelmann;„aber die Anhöhe in ihrer Nähe, die vielen Hecken und Schluchten in der Nachbarſchaft und manche andere Vortheile gewähren hinter der Brücke eine vortreff⸗ liche Stellung für eine kleine, vornämlich aus Infanterie beſtehende und mit Geſchütz verſehene Armee, gegenüber ei⸗ ner Uebermacht, welche nur an Kavallerie ſtark iſt. Auf alle Fälle kann es nichts ſchaden, wenn man die Brücke als⸗ bald beſetzt, denn ſie ließe ſich mit einer bloſen Handvoll Leute mehrere Stunden lang vertheidigen.“ „Wahr, das iſt ganz wahr,“ erwiederte Forſter,„und es ſoll unverzüglich geſchehen. Oberſt Farquharſon von In⸗ vercauld, darf ich Euch bitten, dieſe Aufgabe zu überneh⸗ men und mit einer oder zwei Fußkompagnien die Ribble⸗ brücke zu beſetzen?“ Der tapfere Krieger, den er anredete, verließ das Zim⸗ mer faſt ohne ein Wort der Erwiederung, um dem empfan⸗ genen Befehle zu gehorchen, und nachdem ſich Forſter eine Weile beſonnen, ſagte er in lautem Tone: „Des Feindes Vorrücken auch nur einige Stunden auf⸗ zuhalten, iſt ſo gut wie ein Sieg, denn ohne allen Zweifel wird die Mehrzahl von des Kurfürſten Truppen zu der Ar⸗ mee ihres wirklichen Souveräns übergehen, wenn ſie nicht unverzüglich in die Schlacht geführt werden, ehe ſie Zeit zur Ueberlegung haben.“ Dies war offenbar nicht ohne Abſicht geſprochen, und es iſt wunderbar, an welch trügeriſchen Hoffnungen die Menſchen in verzweifelten Lagen ſich feſtklammern. So hatte ſich wirklich die Erwartung verbreitet, daß ſobald die beiden Heere einander gegenüber kämen, eine große Deſertion un⸗ ter König Georgs Trußpen ausbrechen würde. Nachdem Forſter noch einige Minuten verweilt hatte, verfügte er ſich nach der Thüre des Gaſthofes, wo ſeine Pferde bereits auf ihn warteten. Er nahm nur ſehr we⸗ nige Leute mit ſich, und unter all den anweſenden Gentle⸗ men ſiel ſeine ſonderbare Wahl auf den Geiſtlichen, Robert Patten, der in der Kriegsluſt, die ihn ergriffen, dieſen gan⸗ zen ereignißreichen Tag über die Rolle eines Adjutanten ſpielte. 616 Die Verſammlung in der Biſchofsmütze trennte ſich nicht alsbald nach ſeinem Aufbruche; nur wurde das Schwei⸗ gen, das in dem unteren Theile des Hauſes geherrſcht hatte, nunmehr von einem wirren, lärmenden Geſchnatter unter⸗ brochen, während Smeaton und der Earl von Wintoun ru⸗ hig mit einander aufbrachen. „Wir ſcheinen uns in ſehr thätigem aber nicht ſonder⸗ lich fleißigem Zuſtande zu befinden,“ bemerkte Lord Wintoun gegen ſeinen Begleiter in ruhigem, faſt ſpöttiſchem Tone:„Was beabſichtigt Ihr zu thun, Eskdale?“ „Ich werde mein Pferd beſtellen und aus der Stadt reiten, um mir den Zuſtand der Dinge mit eigenen Augen anzuſehen,“ erwiederte der junge Earl.„Sehr fleißig ſind wir allerdings nicht! Die Leute ſtehen müßig herum, wie wenn wir die Eröffnung eines Jahrmarktes und nicht einer Schlacht erwarteten.“ „Ein Schaf wird abgeſchlachtet, ob es ſich bäumt und ſtößt oder nicht,“ meinte Lord Wintonn,„und ſo iſt es viel⸗ leicht am beſten, ſich geduldig der Operation zu unterziehen. — Ihr wollt uns doch wohl nicht verlaſſen, Eskdale?“ „Nein, mein guter Lord, nein,“ erwiederte Smeaton. „Ich werde in Preſton zurück ſeyn, noch ehe ein Schuß ab⸗ gefeuert wird; aber ich muß ſagen, König Jakob hat uns hart behandelt, als er uns unter das Kommando eines ſo unfähigen Menſchen ſtellte.“ So ſprechend, wendete er ſich nach dem Gäßchen, das zu ſeinem eigenen Gaſthofe führte, und befahl mit lautem Rufe ſeinem Diener, daß er alsbald ſein Pferd vorführe. 617 „Ich wünſchte, Mylord,“ ſagte Higham mit ſehr ge⸗ dämpfter Stimme,„daß Ihr mich einige Minuten mit Cuch ſprechen ließet. Ich habe Euch Vieles zu ſagen.“ „Nachher, Higham, nachher,“ erwiederte Smeaton, „für jetzt habe ich keine Zeit, denn ich möchte mir dieſe Sache gerne mit eigenen Augen betrachten.“ Der Mann ſchien im Begriff, abermals zu ſprechen; aber ſein Gebieter machte mit der Hand eine ungeduldige Gebärde, und ſobald das Pferd herbeigebracht war, ſtieg er auf und ritt dason. Während er durch die engen Straßen und Gäßchen kam, welche damals aus der Stadt führten, vernahm er unter den allenthalben verſammelten Gruppen mehr als eine unerfreuliche Bemerkung. „Da geht wieder Einer,“ ſagte ein Hochländer. „Ich wundere mich, wie irgend Jemand bleiben mag, der gehen kann,“ bemerkte ein Zweiter. „Ja, ja, dieſer hohe Toryadel ſorgt für ſich ſelber,“ meinte ein Dritter. Aber Keiner verſuchte den jungen Edelmann aufzu⸗ halten, und er war ſehr gleichgültig gegen alle müßigen Bemerkungen. Jenſeits der unmittelbaren Umgebung der Stadt fand er das Land faſt ganz verödet. Die Strecke bis zur Ribble⸗ brücke, wohin er zuerſt ſeine Schritte lenkte, war etwas wei⸗ ter als er erwartete; aber von dem Gipfel einer kleinen An⸗ höhe zur Nechten ſah er den kleinen Haufen Hochländer gegen den Punkt marſchiren, deſſen Beſetzung er Forſtern an⸗ gerathen hatte, und als er ſich weiter umſchaute, gewahrte . 618 er auf mehrere Meilen vor ſich in der Richtung von Wigan of Lane eine Staubwolke, welche zu beweiſen ſchien, daß das Anrücken von General Wills Armee etwas mehr als ein bloſes Gerücht ſey. Zwei Minuten ſpäter ſah er einen einzelnen ganz ſchwarz gekleideten Reiter in der Richtung der Ribblebrücke hinſpren⸗ gen. Smeaton ritt ihm alsbald entgegen, und als er Mr. Patten erkannte, begrüßte er ihn mit der Frage: „Was gibt's Neues?“ „O ſie kommen, ſie kommen,“ erwiederte der Mann der Kirche mit kecker, zuverſichtlicher Miene,„und ich gehe eben, um Oberſtlieutenant Farquharſon zu ſagen, daß er ſich mit ſeinen Leuten von der Brücke in die Stadt zurück⸗ ziehe.“ „Um's Himmels Willen— aus welchem Grunde!“ fragte Smeaton.„Hat General Forſter ſeinen Plan gi⸗ macht oder nicht?“ V „O einen ganz vortrefflichen Plan hat er gemacht erwiederte der Geiſtliche mit pfiffiger Miene;„nur kanntt nicht ausgeführt werden, denn die obere Furt iſt nicht zu V finden. Der General, Mylord, hatte beſchloſſen, den Flui zu paſſiren und dem Feind in den Rücken oder auf alle Fäll in die Flanken zu fallen. Da dies aber nunmehr unmögli iſt, ſo will er Oberſt Farquharſon zurückziehen und die gane Vertheidigung auf die Stadt beſchränken.“ Smeaton betrachtete ihn mit einem Ausdrucke verächt licher Ueberraſchung, und ohne ein Wort zu ſagen, wendett er ſein Roß und ſprengte nach den Ufern des Fluſſes. 619 Achtunddreißigſtes Kapitel. Smeaton erreichte das Stromufer etwas oberhalb der Brücke, und mit ſcharfem, raſchem Ueberblicke überſchaute er die ganze ſichtbare Strecke. Er merkte ſich alsbald einen Punkt, wo ſich der Fluß vor einer ſanften Erhebung des Bodens weit ausdehnte:„dort muß eine Furt ſeyn;“ dachte er. Aber nicht zufrieden, ohne eine wirkliche Probe ange⸗ ſtellt zu haben, ritt er eilends bis zu der Stelle und trieb ſein Pferd durch das Waſſer und wieder zurück. Von hier zog er am Fluſſe hinauf bis zur Brücke, als er Van Nooſt auf einem hohen Roſſe in ſpitzem Winkel mit ſeiner eigenen Nichtung, wie es ſchien gegen Preſton, hinſteuern ſah. Der Statuarius ritt im ſchnellſten Schritte, und ſeine kurze, breite Figur wurde durch die herbe Bewegung ſeines Harttrabers furchtbar durchgeſchüttelt. Beine und Schul⸗ tern flogen bei jedem Stoße in die Höhe, und der zurückge⸗ bogene Kopf und Rücken, der ſich weit über den Sattelbug zurücklehnte, zeigte, wie arg er ſich in ſeiner Anſtrengung abmühte. Smeaton erhob laut ſeine Stimme, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen, und der Statuarius machte ei⸗ nen plötzlichen Satz in ſeinem Sattel, der ihn beinahe aus dem Gleichgewicht gebracht hätte, denn er war kein ſehr geſchickter Reiter; ſobald er aber bemerkte, wer es war, zog er hart an ſeinem rechten Zügel und trabte über das kleine Stück Feld zu ſeinem edlen Freunde heran. „Sie kommen, Mylord, ſie kommen!“ rief er in einer 620 Aufregung, welche augenſcheinlich nicht der erfreulichſten Art war.„Ich habe ſelbſt ihre Avantgarde geſehen. E⸗ iſt unmöglich an ihnen vorbeizukommen, und ich weiß nicht, was ich thun ſoll. Ich muß wohl nach Preſton zurück, auch wenn ſie mich einfangen und mir den Kopf abſchneiden, ſo daß mein Leib als eine Portion Rollſleiſch zurückbleibt.“ „Kommt nur mit mir,“ rief Smeaton;„ich will Euch einen Weg zeigen.“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, ritt er zu der entdeckten Furt.„Da hinüber, Van Nooſt,“ ſagte er, mit der Hand darauf deutend.„Schlagt die Straße links ein und macht dann einen Bogen weſtwärts bis—“ „Aber, Mylord, Mylord,“ unterbrach ihn Van Nooſt: „ſie ſagen, General Carpenter ſey zu Clitheron oder ganz in der Nähe.“ „Wenn Ihr Euch gut weſtlich haltet,“ bemerkte Smea⸗ ton,„ſo werdet Ihr nach Garſtang und Lancaſter gelangen. Aber ſputet Euch, mein guter Freund; keine Zeit iſt zu verlieren.“ „Ich werde es niemals ſinden,“ jammerte Van Nooſt mit kläglichem Kopfſchütteln.„Könnt Ihr nicht mitkom⸗ men, Mylord, und mir den Weg weiſen?“ Der junge Earl lächelte über die freundſchafiliche Lit ſeines armen Bekannten, ſagte aber mit Kopfſchütteln: „Nein, nein, Van Nooſt, ich muß nach Preſton zurück. Gedenkt der Botſchaft an meine theure Gattin, und ſagt ihr, wenn ſie mich nicht mehr ſieht, daß ich ſie bis zu meinet 621 letzten Stunde von ganzem Herzen liebe. Fort, fort, mein guter Freund! verliert keine weiteren Worte.“ Sobald er den guten Mann ſicher durch die Furt ge⸗ langen ſah, wendete er ſein Roß abermals nach der Brücke. Dort angekommen, ſah er, daß Farquharſon und ſeine Hoch⸗ länder dem erhaltenen Befehle gemäß deren Vertheidigung aufgegeben hatten. Er konnte eben noch ihre Tartans durch den Hohlweg ſich durchwinden ſehen; aber er pauſirte einen Augenblick, um ſich die Brücke zu betrachten, ehe er ihnen nachfolgte. Sie war lang, ſchmal, von feſten Steinmauern flankirt und jeder Fuß breit auf der Preſtoner Seite leicht zu vertheidigen.. Der junge Edelmann erkannte, daß hier ein großer Mißgriff begangen worden, und daß hier ihr eigentlicher Kampfplatz lag, da ein kleines irreguläres Korps wie das der Inſurgenten, geſchützt von Hecken und hohen Ufern und von Kanonen unterſtützt, ſelbſt gegen eine Uebermacht regu⸗ lärer Truppen einen Sieg hätte gewinnen können. Er ſeußzte, indem er ſich umwandte und dem abziehenden Häuflein nach⸗ ritt. Als er deſſen Spitze erreichte, verbeugte er ſich gegen den Kommandanten, den er oberflächlich kannte und ſagte: „Ihr ſeyd alſo von der Brücke zurückbeordert worden, Oberſt Farquharſon?“ „Freilich, mein guter Lord, und jetzt geht's in die Nattenfalle,“ erwiederte Farquharſon mit leichtſinnigem, gleichgültigem Lachen.„Wir werden übrigens unſern Rat⸗ tenfängern wenigſtens in die Finger beißen,“ ſagte er gleich darauf,„und das iſt wenigſtens einige Genugthuung.“ 622 „Aber eine armſelige,“ erwiederte Smeaton.„Ich hätte mich lieber an der Ribblebrücke auf ihren Nacken ge⸗ ſtürzt.“ Mit dieſen Worten ritt er weiter. Er fand Alles in lärmender Geſchäftigkeit, als er Pre⸗ ſton erreichte. Das Ausſehen des Platzes hatte ſich ſeit heute Morgen vollſtändig verändert: die Aufregung der Vorkeh⸗ rungen, die Ausſicht auf baldigen Kampf, die bloſe Be⸗ ſchäftigung von Geiſt und Körper hatte die Spannung und Energie allenthalben wieder hergeſtellt— nur nicht unter den höheren Offizieren, welche nunmehr die Unfähigkeit ihres Generals einſehend, keine ſehr ſanguiniſchen Hoffnungen für den Ausgang hegten. Die Einen, düſter und verſtimmt, beobachteten Alles, was vorging, gaben nur wenige Wei⸗ ſungen, ohne ſich ſelbſt an der Arbeit zu betheiligen; Andert blieben in trauriger Entmuthigung in den Gaſthöfen und Privathäuſern; wieder Andere, worunter der junge Carl von Derwentwater, arbeiteten fröhlich und emſig an der Errichtung von Barrikaden, worin man ſchon reißende Fort⸗ ſchritte gemacht hatte. Ihr Beiſpiel und ihre Blicke er⸗⸗ munterten und begeiſterten die Leute, und Smeaton war bald mitten unter ihnen und arbeitete aus Leibeskräften. Aber wenig Zeit war ihnen für die Zurüſtungen zur Vertheidigung geſtattet, und dieſes Wenige verdankten ſie blos dem Umſtande, daß General Wills es gar nicht füt möglich hielt, wie Forſter einen ſo wichtigen Punkt, wie die Brücke über den Ribble habe aufgeben können. Er zögerte mit dem Verſuche zum Uebergange; er ließ das ganze 623 benachbarte Terrain ſorgfältig rekognosciren, ganz darauf gefaßt, daß man die Hecken von Infanterie beſetzt finden würde, und ſo wurde ſein Marſch faſt um eine Stunde ver⸗ zoͤgert. Endlich ſah man jedoch von Sir Henry Haughton's hohem Hauſe aus die erſten Leute ſeiner kleinen Armee auf⸗ tauchen, aber jetzt befand man ſich auch in der Verfaſſung, um ſie zu empfangen. Vier Hauptbarrikaden waren errich⸗ tet worden und nebendem eine Anzahl kleinerer in verſchie⸗ denen Straßen; die Fenſter der Häuſer zu beiden Seiten nebſt den Gäßchen und Höfen waren mit Infanterie gar⸗ nirt, ſoweit die geringe Truppenmacht es erlaubte, und Alles deutete auf den Entſchluß, einen kühnen Widerſtand zu leiſten. Aber die Häupter der Inſurrektion hatten ſon⸗ derbar genug beſchloſſen, nur das eigentliche Herz der Stadt zu vertheidigen, ſo daß die Barrikaden nicht bis an den Eingang der Straßen vorgeſchoben waren, und mehrere enge Gäßchen dem Feinde Gelegenheit gaben, ganz unbe⸗ läſtigt wenigſtens theilweiſe in den Ort einzudringen. Bei der Rückkehr in die Stadt fand Smeaton die Barri⸗ kaden faſt zur Hälfte fertig. Dem Beiſpiele des Earls von Derwentwater folgend, legte er ſeinen Rock ab und wett⸗ eiferte mit den Uebrigen, um die eine Barrikade zu vollenden, welche in der Hauptſtraße etwas unterhalb der Kirche er⸗ richtet wurde. Während er jedoch einen Augenblick aus⸗ ruhte, konnte er ſich nicht enthalten, gegen den alten Bri⸗ gadier Macintoſh, der in der Nähe ſtand, ſeine Verwunderung 624 darüber auszudrücken, daß man die Barrikade nicht an das äußerſte Ende der Straße gegen Wigan verlegt hatte. „Wenn der Feind auch nur mit einiger Lebhaftigkeit vordringt,“ ſagte er,„ſo hat er in fünf Minuten ein volles Drittel der Stadt in ſeinen Händen.“ „Mein guter Lord,“ erwiederte der alte Offtzier ziem⸗ lich mürriſch,„auch wenn Ihr Recht hättet— was ich je⸗ doch nicht glaube— ſo wäre es jetzt zu ſpät, um die Sache zu verbeſſern. Um die äußerſten Enden der Straßen zu vertheidigen, bedürfte es bei den vielen ſchmalen Gäßchen und Zugängen einer dreimal ſo ſtarken Infanterie, als ich unter meinen Befehlen habe.“ „Dieſe Barrikade wenigſtens hätte dort an der Ecke jener anderen Straße, hundert Schritte weiter unten— ge⸗ rade dort beim Wirthshaus zum Widder, placirt werden ſollen,“ bemerkte Smeaton.„Sie würde dann beide Zu⸗ gänge beherrſchen, und könnte ebenſo wenig flankirt werden wie hier. Wenn der Feind jenes hohe Haus beſetzt, wird er uns ſchwer zu ſchaffen machen.“ „Ja freilich,“ verſetzte der alte Offizier,„junge Leute ſind immer klüger wie die Alten.“ Mit dieſer Erwiederung wendete er ſich ab und ver⸗ fügte ſich an das andere Ende der Barrikade. „Laßt ihn in Ruhe, Eskdale,“ ſagte Lord Derwent⸗ water.„Er iſt ſo hartmäulig wie ein altes Schwein und wird immer mürriſcher und eigenſinniger, je mehr die Ge⸗ fahren und Schwierigkeiten ſteigen.“ „Ich will ihn allerdings in Ruhe laſſen, mein aufer 625 Lord,“ erklärte der junge Edelmann;„aber ich halte es für eine Pflicht gegen mich ſelbſt wie gegen die Andern, Alles zu thun, was ich kann, um den begangenen Fehler zu ver⸗ beſſern. Haltet Ihr die Leute zur Arbeit an, und ich will dann in wenigen Minuten zurückkehren. Wenn man jenen großen Karren herunterſchaffen, umkehren und mit Steinen und Erde füllen könnte, würde er dort an der Ecke eine gute Vertheidigung abgeben.“ „Was wollt Ihr thun?“ fragte Lord Derwentwater, als er Smeaton ſeinen Rock anziehen und weggehen ſah. „Ich will Kapitän Hunter aufſuchen,“ erwiederte Smeaton.„Er iſt ein Mann von Liſt und Entſchloſſenheit und weiß ſich zu helfen; er wird mir ohne Zweifel einige ſeiner Schützen leihen, wenn er ſie entbehren kann, um jene Häuſer da unten zu beſetzen, ſowohl um ſie für uns zu be⸗ haupten als auch um dem Feind das Vorrücken in der Straße zu entleiden. Wo glaubt Ihr wohl, daß ich ihn finden werde?“ „Er iſt mit Miller und Douglas oben in der Liver⸗ poolſtraße,“ gab Lord Derwentwater zur Antwort.„Ich laſſe ihn auch in meinem Namen darum bitten; der Einfall iſt ganz gut.“ Während Smeaton wieder zu Pferde ſtieg und davon eilte, fuhr der andere Edelmann fort, ſeine Leute nicht nur durch ſeine eigene Thätigkeit zu ermuntern, ſondern auch durch das Austheilen ſeines ſämmtlichen Geldvorrathes zu beleben. In zehn Minuten kam Smeaton mit etlichen füͤnfzig James. Henry Smeaton. 40 626 Schützen zurück; Kapitän Hunter, der Grenzjäger, deſſen Banditengewohnheiten und Erfahrung ihn in Fällen der Noth zu einem höchſt nützlichen Helfershelfer gemacht hatten, zog ſelbſt an ihrer Spitze. Ohne ein Wort zu ſprechen, eilten ſie durch die Barrikade bis zur erſten Straßenbiegung hinab, wo ſie ſich in zwei Haufen theilten, deren einer die benachbarten Fenſter zu beiden Seiten beſetzte, während der andere, aus etwa zwanzig Mann beſtehend, durch die ſchma⸗ len Gäßchen, die auf's Feld hinausführten, bis in die Nähe des Einganges der Wiganer Heerſtraße vorrückte. Brigadier Macintoſh hatte unterdeſſen dieſe Operation mit gekreuzten Armen beobachtet; ſobald er aber die Leute die Mündung der Gaſſe betreten ſah, ſchickte er ihnen eine Ordonnanz nach, welche ſie augenblicklich zurückberief. Sie kehrten mit Hunter an der Spitze unwillig um; doch ließ man die in den Häuſern ruhig ſtehen, und ſie leiſteten den ganzen Tag über ſehr gute Dienſte. Im Verlaufe des Morgens, noch ehe der Angriff wirk⸗ lich begann, wurde der Kapitän Innes mit einem Haufen von etwa fünfzig Hochländern in das hohe Sir Henry Haughton gehörige Haus geworfen, welches der junge Earl von Eskdale bezeichnet hatte; aber ſie wurden faſt unmittelbar darauf wieder heimbeordert und das Haus ward ſeinem Schickſal überlaſſen. Es iſt nicht bekannt geworden, wer in der Haſt und der Verwirrung jenes unſeligen Tages den Befehl zu ihrem Vorrücken, noch wer den ihres Rück⸗ zuges gegeben. Die Geſchütze, deren die Inſurgenten ſich bemächtigt —— ——ʒy————— 627 hatten, wurden auf den verſchiedenen Barrikaden vertheilt; die Hauptſchwierigkeit war nur die, Kanoniere dafür zu finden, denn in der ganzen Armee gab es nur einen einzigen Mann, der in ſeinem ganzen Leben jemals eine Kanone ab⸗ gefeuert zu haben behauptete, und auch er hatte zu der Zeit, da die Geſchütze aufgefahren waren, eine ſolche Maſſe Branntweins zu ſich genommen, daß die Sicherheit ſeines Zielens ziemlich zweifelhaft wurde. In der Mitte der Stadt hatte man ein kleines Pulvermagazin errichtet und ein lahmer Menſch, der zu Fuß nicht viel auszurichten ver⸗ mochte, ſich aber ſonſt voll Eifer und Entſchloſſenheit zeigte, war angewieſen worden, den einzelnen Barrikaden ihren Vorrath zu Pferde zuzuführen. Sobald alle Anordnungen vollendet und die Infante⸗ riſten hinter den eilig aufgeworfenen Werken placirt waren, zogen die edelmänniſchen Volontärs— wie ſie ſich nannten — mit ihren Pferden in den Kirchhof zurück, um bei der er⸗ ſten günſtigen Gelegenheit einen Ausfall auf den Feind zu machen. General Forſter verlegte ſein Hauptquartier in die Biſchofsmütze; ſeine Pferde ſtanden vor der Thüre, um ihn überall hin zu tragen, wo ſeine Gegenwart nöthig wäre, und es wird jetzt von allen Seiten zugegeben, daß er an dieſem Tage keinen Mangel an Muth oder Thätigkeit ver⸗ ra then habe. Eine feierliche Pauſe folgte auf den Lärm, als Alles fertig war; das wirre Treiben erſtarb in der Stadt; das gelegentliche gedämpfte Zuſammenſprechen einzelner Grup⸗ pen, hie und da ein laut geſprochenes Kommandowort oder 40* 628 das Anrufen eines Offiziers gegen einen entfernten Kame⸗ raden waren die einzigen Laute, welche in den Straßen von Preſton zu vernehmen waren. Aus den Feldern und Pfa⸗ den jenſeits hörte man das Wirbeln der Trommeln und das Blaſen der Trompeten näher und immer näher herankommen, erſt nur von einem Punkte, dann in zwei bis drei Richtungen zumal— zum Zeichen, daß König Georgs Truppen den V V Außenrand der Stadt erreicht hatten und, ſich daſelbſt aus⸗ breitend, ſich zu einem allgemeinen Angriffe anſchickten. In ſchweigender, angſtvoller Spannung warteten die Inſurgenten auf das Erſcheinen der feindlichen Kolonnen⸗ ſpitzen. Feſten und finſteren Blickes ſchauten ſie über die Barrikaden, und kein Zeichen von Furcht oder Wankelmuth war zu entdecken; aber es war dennoch eine furchtbare Lage, ſo unthätig den Beginn eines Kampfes erwarten zu müſſen, bei dem ſich's— wie Alle wohl wußten— um Tod oder Leben handelte. Endlich kam aus dem Gäßchen, wo auf Smeatons Rath ein Theil von Hunter's Schützen poſtirt und wieder zurück⸗ gerufen worden, eine Frau mit einem Kind auf den Armen und einige Knaben in die Hauptſtraße vorgelaufen und floh dann in voller Haſt gegen Macintoſh's Barrikade. Man ließ ſie durch, während ſie mit dem athemloſen Rufe herein⸗ rannten: „Sie kommen ſchon die Gaſſe herauf, ſie kommen ſchon die Gaſſe herauf!“ Aber mehrere Minuten war nirgends ein Soldat zu 629 erblicken, und weder Trommeln noch Pfeifen ließen ſich ver⸗ nehmen. Endlich ſah man einen jungen Offtzier in voller Uni⸗ form und mit gezogenem Degen aus dem Gäßchen hervor⸗ treten, ſich ruhig mitten auf die Straße poſtiren und die Gaſſe auf⸗ und abſchauen. Im nächſten Augenblick flog das Kommando über die Barrikade, die Musketen wurden angelegt und die Salve donnerte die Straße hinab. Aber der junge Offizier ſtand noch immer mitten unter dem Zi⸗ ſchen der Kugeln und dem Knattern des Musketenfeuers ſo ruhig, wie wenn er ſich in einem Salon befunden hätte, bald die Barrikade betrachtend, bald ſeine Augen nach den Häu⸗ ſern zu beiden Seiten erhebend. „Bei meinem Leben! das iſt ein tapferer Burſche,“ rief Smeaton zu dem in der Nähe ſtehenden Earl von Carn⸗ wath hinüber.„Ich möchte wiſſen, wer der iſt.“ „Lord Foreſter iſt es,“ erwiederte der andere Edel⸗ mann.„Ich kenne ihn perſönlich. Er iſt Oberſtlieutenant in Preſton's Regiment, den alten Camerons. Ich wußte nicht, daß man ſie gegen uns führen würde. Wenn er ſich nicht in Acht nimmt, wird er niedergeſchoſſen werden, der arme Junge.“ Indem er noch ſprach, zog ſich der junge Offizier in das Gäßchen zurück, aber nur um an der Spitze ſeines Re⸗ giments zurückzukehren und einen Angriff auf der Straße zu machen; zu gleicher Zeit zeigte ſich eine kleine Dragoner⸗ Abtheilung als Unterſtützung für die Infanterie. Aber ein furchtbares Feuer wurde ſowohl von der Barikade wie von 630 den nebenſtehenden Häuſern gegen die Angreifenden eröffnet, was ihrem Vorrücken alsbald Einhalt that. Man ſah eine Anzahl der Camerons und mehrere von den Dragonern fallen. Lord Foreſter ließ ſeine Leute quer über die Straße aufmarſchiren, ſtellte die im erſten Augenblick geſtörte Ord⸗ nung wieder her und hieß ſeine Leute ein ſcharfes Feuer auf die Barrikade richten, während detaſchirte Abtheilungen ei⸗ nige von den Häuſern in Rücken und Flanken ſtürmten und Sir Henry Haughtons Wohnung in Beſitz nahmen, welche ſo unklugerweiſe unbeſetzt gelaſſen worden. Die Regierungstruppen machten zwar keine Fortſchritte in der Straße, blieben aber feſten Fußes vor der Barrikade ſtehen, und der betrunkene Kanonier wurde nunmehr befeh⸗ ligt, ſeine Geſchütze auf ſie zu richten und abzufeuern. Er richtete beide Kanonen, ehe er abſchoß; aber aus Haſt, Dummheit oder Trunkenheit war die Elevation der erſten ſo hoch genommen, daß die Kugel weit über die Köpfe der Soldaten hinflog und das Kamin eines niederen Hauſes zur Seite der Straße traf, daß es donnernd auf die Koͤpfe einiger von Honywood's Dragonern niederpolterte. Das andere Geſchütz war beſſer gerichtet, und die Kugel ſchlug gerade durch die Angriffskolonne, mehr als einen von den Feinden tödtend und verwundend. Man beeilte ſich mit aller Haſt, die beiden Geſchütze wieder zu laden, während von der Barrikade und den umliegenden Häuſern ein fort⸗ währendes ſcharfes Feuer auf die Camerons gerichtet wurde. Nichtsdeſtoweniger behauptete Lord Foreſter ſeine Stel⸗ lung; Haughton'’s Haus wurde mit Musketieren angefüllt; 631 mehrere andere Häuſer fielen nach hitzigem Kampfe, und von der Front donnerte ein unaufhörliches Feuer gegen die Inſurgenten auf der Barrikade. Endlich ſah man den jun⸗ gen Offtzier fallen; er erhob ſich jedoch alsbald wieder und fuhr fort, ſeine Befehle zu ertheilen, bald hier bald dorthin mit ſeinem Degen deutend, während einer ſeiner Leute ein Taſchentuch um ſein Bein knüpfte. „Ein Kavallerieangriff würde ſie aus der Stadt ja⸗ gen,“ bemerkte Smeaton gegen Lord Kenmure. „Wohlan, verſucht es, Gentlemen, verſucht es,“ ſagte General Forſter, der eben herbeigeritten war und mit Lord Derwentwater ſprach.„Steigt zu Roß und folgt mir. Wir wollen den Brigadier einen Weg für uns bahnen laſſen.“ Alle waren augenblicklich im Sattel und bewegten ſich in guter Ordnung die Straße hinab, während Forſter voranritt. Das Feuer der königlichen Truppen, das über die Barrikade hereinflog, ſtreckte einen oder zwei von den adeligen Freiwilligen und mehrere Pferde nieder. Sie nä⸗ herten ſich der Barrikade; aber dort machte Niemand Miene ſie hinauszulaſſen, und man ſah Forſter in heftigem Wort⸗ wechſel mit Brigadier Macintoſh, der ſich eben mit mürri⸗ ſcher, trotziger Miene wegwandte, als Smeaton die Stelle erreichte. Was vorher geſprochen worden, hatte keiner der anderen Gentlemen gehört; aber jetzt rief Forſter in lautem, zornigem Tone: „Sehr wohl, Sir, ſehr wohl. Gefällt es Gott, daß wir ſiegen, und daß Euer und mein Gebieter jemals zu ſeinem 63² Rechte gelangt, ſo werde ich Euch für Euer Benehmen vor ein Kriegsgericht ſtellen laſſen.“ Und dann zu den herangerittenen Edelleuten ſich wen⸗ dend, fuhr er fort: „Brigadier Macintoſh weigert ſich, uns dieſen Ausfall machen zu laſſen, Mylords. Wir wollen uns deßhalb lie⸗ ber wieder nach dem Kirchhofe zurückziehen, da es nicht nö⸗ thig iſt, daß wir uns hier erponiren, wenn wir doch nichts nützen können. Mylord Derwentwater, ich will nach einer der andern Barrikaden reiten und ſehen, ob es dort nichts zu thun gibt, denn ich fühle, daß dieſe Unthätigkeit einem Korps von eifrigen, tapferen Männern, welche Alle für Seine Majeſtät zu fechten brennen— ſehr peinlich ſeyn muß.“. So ſprechend ritt er weiter, und die anderen Edelleute zogen ſich langſam die Straße hinauf, während die Kugeln noch unter ſie hereinflogen, indem ſie ſich über den eben ſtatt⸗ gehabten Auftritt wie über das Benehmen ihrer Feinde in lachendem Tone beſprachen. „Ich hoffe, Macintoſh wird ſie die Barrikade nicht einnehmen laſſen,“ ſagte Lord Derwentwater, an Smeaton, als den Erfahrenſten unter ihnen, ſich wendend. „ Das iſt für jetzt nicht zu fürchten, Mylord,“ erwie⸗ derte der junge Earl.„Er hat handfeſte Männer genug um ſich, um alle ohne Kanonen Angreifenden, die ſie gegen ihn führen können, zurückzuſchlagen. Auch iſt er ein hals⸗ ſtarriger, entſchloſſener Burſche, und ſeine Ehre ſteht nun⸗ mehr auf dem Spiele, nachdem er Rath und Beiſtand aus⸗ 633 geſchlagen hat.— Wißt Ihr, wo Oberſt Orburgh iſt, My⸗ lord? ich habe ihn den ganzen Tag noch nicht geſehen.“ „In einem Bierhauſe beim Gebet,“ verſetzte Lord Derwentwater lachend.„So ſagt man mir wenigſtens. Als ich ihn heute Morgen ſah, betete er ſeinen Roſenkranz mit großer Andacht. Auch der gute Lord Widrington fehlt heute unter uns; aber der hat die Gicht, wie Ihr wißt.“ Eben als er noch ſprach, kam ein Infanteriſt mit der Meldung herbeigerannt: „Sie brauchen mehr Pulver bei der Barrikade, My⸗ lord. Habt Ihr welches im Kirchhof?“ „Keinen Löffel voll,“ erwiederte Lord Derwentwater, am Thore des Kirchhofs ſich umdrehend, während die Ku⸗ geln dichter und zudringlicher die Straße heraufſausten, als ob die Truppen unten verſtärkt worden wären, und ein Edel⸗ mann Namens Ferquſon mit furchtbar zerſchmettertem Knie vom Pferde geſchleudert wurde. „Ich will hinaufreiten und Euch ſogleich welches zu ſenden,“ ſagte Smeaton, fortgaloppirend. Das Feuern nahm immer mehr zu, ſo daß die Straße, welche beträchtlich bergan ſtieg, die oberhalb Paſſirenden weit mehr als ſogar die an der Barrikade dem Kugelregen ausſetzte. Der junge Earl kam jedoch unverletzt durch und erreichte ein ſchmales Höfchen, wo das Pulver in Säcken aufgethürmt lag; dort fand er den lahmen Mann, der zu Pferd mit einer beträchtlichen Ladung hinter ſich wartete, bis man ſeiner in irgend einer Richtung bedurfte. „Bei des Brigadiers Barrikade ſind ſie in großer 634 Pulvernoth, mein guter Freund,“ ſagte Smeaton;„aber wartet eine Weile, bis das Feuern nachläßt.“ Der Mann ſetzte jedoch ſein Pferd in Bewegung, wäh⸗ rend einer ſeiner Kameraden, der in der Nähe ſtand, ihm zurief: „Du wirſt ſicherlich erſchoſſen werden, Rob, wenn Du es jetzt nach der Barrikade zu bringen ſuchſt.“ „Ich weiß das,“ verſicherte der Andere kaltblütig. „Das kann ich nicht verhindern; da ſie es aber brauchen, ſo will ich es wenigſtens führen, ſo weit ich kann, wenn ich es auch nicht ganz bis zu ihnen bringe.“ Und ſo ritt er weiter. Smeaton wendete ſich aus dem kleinen Hofe und ſchaute ihm die Straße hinab nach. Er ſah ihn am Kirchhof vor⸗ über der Barrikade näher und näher kommen; als er aber noch fünfzig Schritte davon entfernt war, ſah er den armen Burſchen auf den Hals ſeines Pferdes vorſinken und krampf⸗ haft deſſen Mähne ergreifen. Im nächſten Augenblicke wäre er vom Sattel gefallen; aber bevor dies geſchah, wurde auch das Pferd von einer Kugel getroffen und Beide ſtürzten zuſammen nieder. Aus einem der benachbarten Häuſer rannten einige Leute herbei und hoben den armen Burſchen auf, während das Pulver von Anderen zu Fuß nach der Barrikade geſchleppt wurde. In dieſem Augenblick wurde jedoch Smeatons Auf⸗ merkſamkeit durch einen Lärm, der von einem anderen Stadt⸗ theile zu ihm drang, nach jener Richtung gezogen. Ein lauter Schrei wie ein Hurrah, mit dem Knallen von 63⁵ Musketen und Geſchützen vermiſcht, bewies, daß der Kampf auch dort wild entflammt war, und ſein Pferd nach jener Richtung lenkend, ritt er eilends dahin, wo die Toͤne her⸗ kamen, um zu ſehen, ob er dort etwas thun könne. Von ſeinem Ohr geleitet, ſprengte er eine lange ſchmale Gaſſe hinab, welche auf's Feld hinaus führte, und gelangte bald vor eine zweite Barrikade, wo Lord Charles Murray, ein Sohn des Herzogs von Athol, kommandirte. Dieſer junge Edelmann hatte früher unter der Königin Anna Re⸗ gierung eine Zeit lang als Kornet in einem Reiterregimente gedient, hatte aber im Beginne der Inſurrektion ſeine Stelle aufgegeben und erſchien nun an der Spitze ſeines Clans in die Tracht des Hochlands gekleidet und mit Blut und Rauch bedeckt. Das Feuern hatte für jetzt aufgehört; aber eine große Zahl Todter und Verwundeter lag ſowohl vor als hinter der Barrikade, und der junge Offtzier ſtützte ſich auf ſein Schwert und ſprach mit dem Geiſtlichen Patten, der neben ihm zu Pferde ſaß. „Ah, mein guter Lord,“ ſagte der junge Edelmann, ſo⸗ bald er den Earl von Eskdale bemerkte;„ich ſende eben Patten nach dem Kirchhof, um Hülfe zu holen. Wir ha⸗ ben hier eine ſcharfe Affaire gehabt, und es ſcheint, daß auch Ihr unten zum Handkuſſe gekommen ſeyd; wir haben aber das hannöver'ſche Geſindel für jetzt zurückgeſchlagen und können mit geringer Hülfe unſere Poſten bis zum Ein⸗ bruche der Nacht behaupten, welcher nicht mehr ſehr fern iſt, wie ich ſehe. Ihr ſeyd willkommen, wenn Ihr Euch uns anſchließen wollt. Dort nehmt eine Muskete aus den 636 Händen des armen Jack Murray, der eben einen derben Lon⸗ doner getödtet hatte, ehe er ſelbſt niedergeſchoſſen wurde. Ich hoffe, ſie wird in Euren Händen eben ſo glücklich ſeyn.“ „Ich hoffe ſo,“ rief Smeaton lachend, und ſprang vom Pferde.„Mr. Patten, wenn Ihr Leute herbeiſendet, ſo ſchickt auch meinen Diener mit, damit er mein Pferd halte.“ Der kampfluſtige Sohn der Kirche verſprach es nicht zu vergeſſen, und nach wenigen Minuten kam Higham her⸗ beigelaufen, noch lange ehe der erwartete Sukkurs erſchien. Der Angriff auf die Barrikade war mittlerweile er⸗ neuert worden, und beide Theile eröffneten ein wüthendes Feuer. Lord Charles Murray ſtand auf einem Steinhau⸗ fen und ertheilte ſeine Befehle ſo kaltblütig, als ob er außer aller Gefahr wäre; der Earl von Eskdale, der ſich an dem⸗ jenigen Theil der Barrikade befand, der ſchon theilweiſe zer⸗ ſtört war, ſuchte durch ſeine eigene Geſchicklichkeit und Er⸗ fahrung die Tölpelhaftigkeit des einzigen Kanoniers zu er⸗ gänzen, der ſich zur Bedienung der beiden dieſer Stellung zugewieſenen Geſchütze vorgefunden hatte. Sein Diener rannte mit einer Kühnheit und Behen⸗ digkeit herbei, welche ſeinen Herrn nicht wenig überraſchte, und als er den Befehl erhielt, nach dem Pferde zu ſchauen, das der Obhut eines Hochländers anvertraut worden war, begnügte er ſich damit, das Thier an die Hecken einer be⸗ nachbarten Scheune zu binden und eilte dann dicht neben ſeinem Herrn auf die Barrikade zurück, wo er eine Muskete auf den anrückenden Feind losſchoß. „Was haſt Du mit dem Pferde angefangen, Higham?“ 637 fragte Smeaton ziemlich ſcharf.„Ich befahl Dir doch, dar⸗ auf Acht zu haben.“ „Es iſt ganz ſicher und außer dem Bereiche des Feuers, Mylord,“ verſetzte der Mann.„Ich bitte Euch, laßt mich einen oder zwei Schüſſe auf dieſe Leute abfeuern. Sie tödte⸗ ten meinen Vater, als ich noch ein Kind war, und erſchoſſen ihn hinter ſeiner eigenen Hausthüre.“ „Von dieſen da wohl Keiner, Higham,“ bemerkte der Earl;„ſie ſcheinen ja bloſe Knaben. Aber thue, wie Du willſt, wenn nur das Pferd ſicher iſt. Nur komm' von der Barrikade herab; Du kannſt ebenſo wirkſam dahinter vor⸗ feuern.“. „Ach, mein guter Lord, wenn Ihr mich nur ein paar Worte mich Euch reden laſſen wolltet!“ flehte der Mann in ernſtem Tone.„Wenn wir ſie zurückgeſchlagen haben, ſo bitte ich, laßt mich mit Euch reden.“ „Gut, ſo ſey es,“ verſetzte ſein Herr, durch den Eifer des Mannes betroffen.„Aber komm' nur herunter, mein guter Burſche. Komm' herunter, ſag' ich!“ Faſt während er noch ſprach, wendete ſich Higham, um zu gehorchen; aber entweder trat er fehl oder das zuſam⸗ mengeſtoppelte Material der Barrikade wich unter ſeinen Füßen, denn er fiel plötzlich der Länge nach hinter die Bruſt⸗ wehr. Der junge Earl hatte nicht Zeit, um nachzuſehen, ob er verletzt war oder nicht, denn von ihren tapferen Offizie⸗ ren mit lautem Hurrah angeführt, drangen die Feinde zum Angriff vor, entſchloſſen, wie es ſchien, die Barrikade mit 638 Sturm zu nehmen. Das wohl gezielte und gut genährte Feuer der Hochländer und der beiden Geſchütze brachte ſie jedoch zum Stehen, noch ehe ſie auf hundert Schritte heran⸗ gekommen waren, und ſie wurden abermals in wilder Ver⸗ wirrung zurückgetrieben. Wenige Minuten ſpäter kam ein Haufen von fünfzig freiwilligen Edelleuten, um die ermüdeten Vertheidiger der Barrikade abzulöſen, und als ſich Smeaton nach ſeinem Diener umſah, war der arme Burſche nirgends zu entdecken. Nur ſehr wenig Zeit blieb ihm zur Nachforſchung oder Erholung übrig. Die Regierungstruppen wurden wieder eilig geſammelt und abermals vorgeführt; allein die Wir⸗ kung der Verſtärkung, die ſich ſowohl in der Energie der Ver⸗ theidiger als in der Heftigkeit des Feuers ausſprach, wurde den Offizieren der Angriffskolonne ſehr bald fühlbar. Ihre Leute wurden in kürzerer Zeit als früher zurückgeſchlagen und flo⸗ hen in größerer Verwirrung vor dem Kugelhagel, der auf ſie einſchlug. Die Nacht war im Anbrechen, und es war klar, daß die Barrikade durch die vor ihr verſammelte Trup⸗ penmacht nicht genommen werden konnte, ſo daß der Kom⸗ mandant der Angriffspartie ſeine Truppen langſam und wi⸗ derſtrebend zurückzog, als eben der Himmel ſich zu verdunkeln anfing. Eine Straßenecke verbarg großentheils ihre Be⸗ wegungen, und aus der Barrikade wurden einige Leute ab⸗ geſchickt, um ſich zu überzeugen, ob der Angriff wirklich auf⸗ gegeben ſey. Aber ſelbſt nachdem ſie mit der Meldung zurückkamen, daß die Regierungstruppen in vollem Rückzuge ſich befänden, 639 wurde zwiſchen den Offizieren und Edelleuten innerhalb der Barrikade eine haſtige, nutzloſe Unterredung über die Ereig⸗ niſſe des Tages gepflogen. Lord Charles Murray war faſt ganz unbekannt mit dem, was auf den übrigen Vertheidi⸗ gungspunkten vorgefallen war; aber es verbreitete ſich die erfreuliche Nachricht, daß der Feind auf allen Punkten zu⸗ rückgewieſen ſey, nur vor Brigadier Macintoſh's Barrikade habe er noch einige Haͤuſer beſetzt und unterhalte ein ſtarkes Feuer gegen Alle, welche dort zu paſſiren ſuchen. Auf dem blutigen Boden, wo ſie ſtanden, hörte man viele Worte und ſogar Jubel und Gelächter, aber nur wenig, was ein geord⸗ netes Geſpräch oder Rath genannt werden konnte. Dieſe glaubten das Eine als räthlich anempfehlen zu müſſen und Jene etwas Anderes, und Lord Charles Murray gab einige Befehle zur Deckung der Vertheidigungslinie, ohne ſonſt eine Meinung zu äußern. „Bei meiner Seele!“ ſagte er, Smeatons Arm ergrei⸗ fend und ſich wegwendend,„ich muß etwas Speiſe und Trank zu mir nehmen, Eskdale. Ich habe ſeit zwei Uhr hier ge⸗ fochten und meine Leute haben zwar Bier und Brannt⸗ wein genug gehabt, ich habe aber noch keinen Tropfen verſucht.“ Smeaton machte ſich mit ihm fort, indem er ſein Pferd losband und nebenher führte. Sobald die Andern es nicht nehe hören konnten, fragte ſein tapferer Gefährte in leiſem one: „Und was glaubt Ihr, daß jetzt am Beſten zu thun ſey?“ 4 640 „Gönnt den Leuten drei Stunden Ruhe und zieht Euch dann entweder durch die Wieſen auf Lancaſter zurück, oder greift General Wills in ſeinem Lager an,“ erwiederte der junge Earl.„Er iſt offenbar ein ſchlechter Kommandant, und ich glaube, wir könnten einen leichten Sieg erfechten, noch ehe er Verſtärkung erhält, oder einen ruhigen Rückzug nach einem beſſeren Vertheidigungsplatze bewerkſtelligen, denn dieſe Stadt iſt nicht zur Hälfte eingeſchloſſen.“ „Ich glaube, wir müſſen dem Befehle unſerer älteren Vorgeſetzten gehorchen,“ erwiederte Lord Charles.„Soviel iſt ſicher; wenn Wills ein ſchlechter General iſt, ſo iſt For⸗ ſter ein noch ſchlechterer. Jedenfalls bleib' ich hier wie ein ermüdetes Roß ſtehen, um erſt zu füttern wenn ich kann. Wollt Ihr mitkommen und zu Nacht eſſen?“ „Danke— nein,“ erwiederte der junge Earl;„ich muß nach meinem Diener ſehen; ich fürchte, der arme Burſche iſ verwundet.“ Mit dieſen Worten trennte er ſich von Lord Charles. Preſton bot einen merkwürdigen düſteren Anblick, als Smeaton nach dem oberen Stadttheile zurückkam. Das Feuern an den andern Barrikaden hatte aufgehört; aber immer noch hörte man von Zeit zu Zeit einen einzelnen Schuß oder eine ganze Salve aus den Häuſern in der Nähe von Macintoſh's Barrikade, wo beide Theile ſich feſtgeſetzt hat⸗ ten, und dort dauerte der Kampf die ganze Nacht hindurch fort. Die Läden und Wohnungen waren in allen Straßen geſchloſſen; die Einwohner hielten ſich ſorgfältig zu Hauſe, und man begegnete nur wenig Leuten höͤchſtens hie und da 641 einem Soldaten, der von einem Punkt zu einem andern eilte, einem Verwundeten, der ſich ſchmerzlich dahinſchleppte, um ärztliche Hülfe zu ſuchen, oder einem Todten oder Sterben⸗ den, der von drei bis vier Anderen weggetragen wurde. Aus verſchiedenen Theilen des äußeren Stadtrandes brach ein trüber Schimmer, der die leeren Straßen erhellte— zum Zeichen, daß die eine oder andere Partei einige Häuſer in den Vorſtädten angezündet hatte, und das ferne Trommeln und Trompeten von Außen miſchte ſeine wilden Klänge mit den Tönen der Sackpfeife, welche man von zweien der Bar⸗ rikaden vernahm. Die einzigen bedeutenderen Gruppen waren vor den Thüren verſchiedener Gaſthäuſer verſammelt, welche zum Unterhalte der Leute offen gehalten wurden, und dort ver⸗ nahm Smeaton die volle Beſtätigung der Thatſache, daß die Regierungstruppen, wie er vermuthete, auf allen Punkten zurückgeſchlagen waren. Ein Gefühl des Triumphs, von welchem er ſelbſt weit entfernt war, begeiſterte Alle, mit denen er ſprach, und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß wenn die Kommandanten die damalige Stimmung zu benützen verſtanden hätten, die Vertheidigung von Preſton ein ganz anderes Reſultat gehabt haben würde.. Nirgends vermochte Smeaton etwas von ſeinem Die⸗ ner zu hören, und nach langem fruchtloſem Suchen begab er ſich in ſein Quartier und warf ſich nach ſeinen Anſtrengungen zur Ruhe nieder. . James. Henry Smeaton. 41 64²2 Neununddreißigſtes Kapitel. Der Sonntag Morgen des dreizehnten Novembers dämmerte trüb und düſter herauf. Die Flammen der bren⸗ nenden Häuſer waren gelöſcht worden, ohne großen Scha⸗ den anzurichten, obwohl nicht unwahrſcheinlich iſt, daß Preſton— wenn ein Wind geweht hätte— in einen Aſchen⸗ haufen verwandelt worden wäre. Das Feuern aus den Häuſern dauerte in Zwiſchenräumen fort, und ein oder zwei Mal erſchienen Abtheilungen von König Georgs Truppen in den Straßen, zogen ſich aber alsbald vor dem ſcharfen Feuer zurück, das mehrere Soldaten und Offtziere tödtete oder verwundete. Die Inſurgenten brachten auch eine kleine Anzahl Gefangener ein, und unter den Gemeinen zeigte ſich hoher Muth und Entſchloſſenhait, obwohl die Offtziere nur wenig in ihre Siegeshoffnungen einſtimmten. Allerdings waren Letztere auch mehr im Stande, die wahre Lage der Dinge zu beurtheilen, denn die erſten Ge⸗ fangenen, welche an jenem Morgen gemacht wurden, brach⸗ ten die Nachricht, daß Truppenmaſſen von allen Seiten gegen Preſton heranziehen und daß General Carpenter mit drei Kavallerieregimentern die Nacht in dem kleinen nur zwölf Meilen entfernten Städtchen Clitheron zugebracht habe. Die nächſte Botſchaft verſicherte, daß man General Car⸗ penter ſchon vor ſich ſehen könne, und wenige Minuten ſpä⸗ ter entdeckten einige ihrer eigenen Leute von den höheren Gebäuden der Stadt aus, wie ſein Truppenkorps in raſchem Trabe herannahte. 8 Die Soldaten dürſteten nach Kampf und murrten laut über die Unthätigkeit ihrer Führer: aber dieſe rührten ſich nicht. Forſter, Lord Widrington, Oberſt Orburgh und einige Andere verharrten in geheimer Berathung in der Biſchofsmütze, und nachdem Smeaton von den im unteren Stockwerke jenes Gaſthofes verſammelten Gentlemen Alles erfahren hatte, was dieſe wußten, verließ er ſie und trat in die Kirche, wo er, ſo hoch er konnte, in den Thurm hinauf⸗ ſtieg, um die Bewegungen des Feindes draußen zu beob⸗ achten. Zwei bis drei Gentlemen waren ſchon vor ihm dort, und deuteten auf die neu angekommenen Kavallerie⸗ regimenter, welche auf dem rechten Flügel von General Will's Armee in ſchöner Ordnung aufmarſchirt waren. Smeaton ſagte nichts als:„ſie haben keine Kanonen, wie ich ſehe,“ und fuhr fort das Schauſpiel draußen mit ſehr wenig Befriedigung vom Thurme aus zu betrachten. Zwei Offiziere, gefolgt von einer kleinen Abtheilung Dra⸗ goner, ſah man in langſamem Schritte von dem Haupt⸗ korps wegreiten und die Stadt rings umkreiſen; bald konnte man ſie deutlich wahrnehmen, während ſie durch die offenen Felder und Wieſen zogen, bald waren ſie hinter Hecken und Bäumen verborgen. Von Zeit zu Zeit machten ſie Halt, und mehr als einmal wurde plötzlich eine Ordonnanz aus der Eskorte abgeſchickt und galoppirte zu einem der auf⸗ marſchirten Regimenter. Dann wurde alsbald eine kleine Abtheilung detaſchirt, und poſtirte ſich ruhig vorrückend die⸗ ſem oder jenem der Haupteingänge der Stadt gegenüber. Dem erfahrenen Auge Smeatons waren die hier 41* 644 beobachteten Vorgänge völlig klar. Er ſah, daß nunmehr ein umſichtigerer Heerführer als General Wills gegen die Inſurgenten in Preſton auftrat, daß General Carpenter alle Anordnungen ſeines Vorgängers abänderte, und daß die Stadt in ſehr kurzer Zeit vollſtändig eingeſchloſſen und jede Moglichkeit eines Entkommens abgeſchnitten ſeyn würde. Der Gedanke, für ſeine Perſon die Sache aufzugeben, war ihm nie in den Sinn gekommen. Er hatte höchſt un⸗ gerne an der Inſurrektion Theil genommen: aber nachdem er es einmal gethan, ſo betrachtete er ſich völlig als mit ihr identiftzirt. Gleichwohl konnte er nicht ohne Seufzer die Ausſicht— mit der ganzen Armee einen Rückzug anzutreten — entſchwinden ſehen. Verzweiflung erzeugt übrigens Gleichgültigkeit, und von dem Augenblicke, da er General Carpenters Bewegungen inne wurde, wußte er, daß Alles verloren war. Er ſummte ein luſtiges franzöſiſches Lied⸗ chen, als er die enge Thurmtreppe herabſtieg, und ſeine Miene war zwar nachdenklich, trug aber keine Spur der Muthloſigkeit. Einige von den Edelleuten ſammelten ſich vor dem Hauptthore des Kirchhofes und wollten wieder ihre alte Stellung in demſelben einnehmen; aber der junge Earl wendete ſich nach der kleinen Pforte links, in deren Nähe ſo eben ein luſtiger northumbriſcher Arzt Namens Alcock oder Walker(denn er hatte ein Alias) vorüber ritt, welcher der Armee am geſtrigen Tage als Oberchirurg gedient hatte. Smeaton eilte ihm nach und legte ſeine Hand an deſſen Zü⸗ gel, um ſich voll Eifer nach ſeinem Diener zu erkundigen. 645 Der Doktor ſchien ziemlich beeilt; ſobald aber der junge Edelmann des Gegenſtandes ſeiner Beſorgniß erwähnte, er⸗ wiederte er: „O ja, Mylord, ja; der arme Teufel iſt in den Unter⸗ leib geſchoſſen, und wenn er nicht einen Straußenmagen hat, ſo wird er ſein geſtriges Abendeſſen nicht leicht verdauen. A propos— da fällt mir ein, daß er Euch dringend zu ſpre⸗ chen wünſchte; aber ich wußte nicht, wo Ihr zu finden waret.“ Der Doktor ſchien ſehr begierig weiter zu kommen; allein Smeaton hielt ihn noch zurück und fragte, wo der arme Higham zu treffen ſey. Er erfuhr, daß der Burſche in ein benachbartes Haus zunächſt der Barrikade, wo er ge⸗ fallen, gebracht worden war. Dann erkundigte ſich der junge Edelmann noch weiter nach dem Zuſtande des Man⸗ nes; die Ungeduld des würdigen Doktors ließ ſich jedoch nicht länger zurückhalten, und ſeinen Kopf vorneigend, flüſterte er Smeaton in's Ohr: „Ich beſchwöͤre Euch, mein edler Lord, laßt mich fort. Ich habe mir überlegt, daß wir nunmehr, da Carpenter mit ſeinen Bullenbeißern angelangt iſt, hier doch nichts mehr leiſten können, und da ich das Terrain geſtern ziemlich genau rekognoszirte, ſo weiß ich, daß ich durch die Fiſcherthorſtraße hinaus über die Wieſen und durch die Furt entkommen kann. Folgt meinem Rathe und thut das Nämliche.“ Smeaton ſchüttelte den Kopf und ſagte lächelnd: „Sputet Euch, Doktor, ſputet Euch! Carpenter än⸗ * 646 dert alle Poſten, und in fünf Minuten ſteht er auf denſelben Wieſen, über welche Euer Pfad führt.“ So ſprechend, ließ er den Zügel fahren, und Doktor Alcock trabte von dannen. Ich muß noch beifügen, daß er gerade noch recht kam, denn er und zwei bis drei Andere kamen unter General Carpenter's Augen aus der Stadt und durch die Furt, da Letzterer es wahrſcheinlich nicht der Mühe werth hielt, ihnen Jemand von ſeiner Eskorte zur Verfol⸗ gung nachzuſenden. Smeaton ſchlug unterdeſſen raſchen Schrittes den Weg nach dem anderen Ende der Stadt ein, um ſeinen armen verwundeten Diener zu beſuchen; um aber dahin zu gelan⸗ gen, mußte er an der Thüre der Biſchofsmütze vorüber, und er gewahrte dort bald Symptome der Verwirrung und des Unwillens, welche ihn veranlaßten, eine Weile ſtehen zu bleiben. Die Gemeinen hatten mittlerweile insgeſammt ihre Poſten bei den Barrikaden wieder eingenommen, und auf dem Kirchhof war eine gute Anzahl der adeligen Frei⸗ willigen verſammelt; nur etliche dreißig bis vierzig Gentle⸗ men nicht vom höchſten Range ſtanden theils vor der Thüre, theils drängten ſie ſich in dem Gange des Gaſthofes. Alle ſprachen eifrig zuſammen, einige geſtikulirten heftig, und ein junger Mann Namens Murray(nicht Lord Charles Mur⸗ ray), der ſich mit Smeaton auf ziemlich innigen Fuß ge⸗ ſtellt, hatte Letztern kaum auf der Straße bemerkt, als er auf ihn zurannte und ihn am Arme faßte, indem er ihm in leiſem, aber ſtrengem und hitzigem Tone zuflüſterte: „Ich erſuche Euch, Mylord, kommt nur auf fünf 647 Minuten mit mir. Die Menſchen da drinnen wollen uns verrathen; ſie ſind dafür, daß wir uns dem Feinde über⸗ geben— demſelben Feinde, den wir geſtern auf allen Punk⸗ ten zurückſc=hlugen. Kommt mit mir, ich beſchwöre Euch. Ihr ſeyd ein Mann von Rang und auch von Erfahrung, ein Soldat, ein tapferer Mann— auf Euch müſſen ſie hören.“ „Sie haben mir nur wenig Gehör geſchenkt,“ erwie⸗ derte Smeaton,„ſonſt befänden wir uns nicht in unſerer jetzigen Lage; aber geht nur voran— ich will Euch folgen.“ Murray, deſſen Augen von Feuer ſtrahlten und deſſen ganzes Geſicht vor Aufregung arbeitete, ſtürzte alsbald wie⸗ der gegen die Menge und drängte ſich trotzig auf dem Gange durch. Smeaton folgte mit ernſter, gelaſſener Miene, mehr um zu erfahren was vorging, als weil er hoffte, daß ſeine Stimme gehört werden würde. Sein junger Bekannter erreichte die Treppe und ſtieg hinauf, immer drei Stufen zumal überſpringend, bis er vor die Thüre des Zimmers ge⸗ langte, vor welcher ein Mann mit gezogenem Säbel ſtand. „Ihr könnt nicht paſſiren, Sir,“ ſagte der Mann.„Die Offtziere halten Kriegsrath.“ „Wir müſſen auch bei dieſem Kriegsrathe ſeyn,“ don⸗ nerte Murray, riß ohne Weiteres die Thüre auf und trat ein, gefolgt von Smeaton, ohne daß die Schildwache Miene machte, ſich ihnen zu widerſetzen. Die Scene im Zimmer war ſchon ſtürmiſch genug, denn die ganze Verſammlung, aus etlichen zehn bis zwölf Per⸗ ſonen beſtehend, ſprach laut und heftig zuſammen. Oberſt Orburgh, Lord Widrington, ein Jeſuit Namens Pierre, 648 Sir James Anderton und einer oder zwei Andere ſtanden um General Forſter, nur durch eine kleine Tafel von einer zweiten Gruppe getrennt, welche mit großer Heftigkeit eine Frage mit ihnen zu verhandeln ſchien. „Sir,“ ſagte Forſter mit flammendem Geſicht, als Antwort auf eine ſo eben gegebene Erwiederung,„Ihr ſeyd beleidigend. Ich habe Euch die einfachen unverhohlenen Thatſachen vorgelegt. Wir haben keine andere Ausſicht vor uns, als indem wir den Erfolg des geſtrigen Tages be⸗ nützen, um eine günſtige Kapitulation zu erlangen.“ „Kapitulation! wer ſpricht von Kapitulation?“ rief der junge Murray, raſch vortretend. „Ich, Sir,“ erwiederte Forſter:„ich, durch König Ja⸗ kobs Beſtallung Obergeneral dieſer Armee. Wie ſind voll⸗ ſtändig von der Uebermacht umringt und unſer Pulvervor⸗ rath geht raſch zur Neige. Ich habe meine Perſon nicht geſchont, bin vor dem Feuer des Feindes nicht zurückgewi⸗ chen, kann aber das, was Noth thut, ebenſo gut beurtheilen wie jeder unbeſonnene Knabe in England, und ich wieder⸗ hole, die einzige Ausſicht— wenn wir nicht bis auf den letzten Mann abgeſchlachtet werden wollen— iſt, daß wir unſere Bedingungen zu machen ſuchen.“ „Was! mit fünfzehnhundert tapferen Männern, die ſich lieber ihren Weg durch einen Felſen bahnen, als daß ſie ſich ergeben!“ rief Murray ungeſtüm.„Ich will Euch was ſagen, General Forſter: die Soldaten— die braven ge⸗ meinen Soldaten— wollen nichts von Uebergabe hören. Auch ſind einige Gentlemen und Edelleute unter uns— 649 Männer von Muth— welche dieſes nicht erlauben. Hier ſteht der Earl von Eskdale— ein Mann von großer Erfah⸗ rung und ſo unparteiiſch wie nur Einer: der ſtimmt gewiß nicht für Uebergabe.“ „Gewiß nicht,“ erwiederte Smeaton;„denn ich moͤchte lieber mit dem Schwerte in der Hand und Stirn gegen Stirn mit meinem Gegner ſterben, als mein Haupt auf Tower Hill auf den Block legen, denn eine andere Wahl bleibt uns doch nicht.“ „Mylord, Ihr bekleidet hier kein Kommando,“ ſagte Forſter.„Ich bin durch des Königs Autorität komman⸗ dirender General dieſer Truppen, und ſo lange ich lebe, ſoll kein Anderer ſie kommandiren.“ „Ich ſtrebe nicht im Geringſten nach Eurem Kom⸗ mando,“ erklärte Smeaton;„ich gebe blos meine Meinung.“ Ehe er jedoch ſeinen Satz ſchließen konnte, ſiel Kapitän Murray mit dem lauten Rufe ein: „Das ſoll eines Verräthers Beſtallung vernichten, welche zu behaupten er unwürdig iſt!“ Und eine Piſtole aus dem Gürtel ziehend, legte er ſie auf Forſters Kopf an und zog am Drücker. Die Mündung wurde jedoch von irgend Jemand“ in die Höhe geſchlagen, als er eben im Losfeuern war, ſo daß die Kugel etwa zwei Fuß über dem Ziele in das Getäfel eindrang. Eine Scene unbeſchreiblicher Verwirrung folgte, wäh⸗ rend der leidenſchaftliche junge Mann arretirt und aus dem * Patten behauptet, er ſey derjenige geweſen, der Forſtern das Leben gerettet habe; das ſcheint jedoch zweifelhaft. 650 Zimmer entfernt wurde. Erſt nach mehreren Minuten ließ ſich die Ruhe wieder einigermaßen herſtellen, und dann wen⸗ dete ſich Smeaton zu General Forſter mit den Worten: „Ich beklage dieſes Ereigniß ausnehmend, General Forſter, hoffe aber, daß des jungen Mannes Ungeſtüm und verbrecheriſches Benehmen Eure Aufmerkſamkeit von der Vahrheit ſeiner Worte nicht ablenken wird. Ich bin über⸗ zeugt, Ihr werdet es unmöglich finden, die gemeinen Sol⸗ daten zur Uebergabe zu bereden, obgleich ſie dabei weniger riskiren werden als wir, und ich glaube, daß, wer ihnen ſo etwas vorſchlüge, ſeines Lebens nicht ſicher wäre.“ „Es iſt auch gar nicht die Rede von anderer Uebergabe, Mylord, als nur unter günſtigen Bedingungen,“ erwiederte Forſter ſcharf,„und wenn dieſe zu erlangen wären, ſo würde vermuthlich Niemand ſo thöricht ſeyn, ſie auszuſchlagen. Jedenfalls erlaubt mir, zu ſagen, daß der Rath, den Ihr uns während des ganzen Feldzugs vorenthalten habt, jetzt am Schluſſe auch nicht von Euch verlangt wird.“ „Mein Rath wurde im Anfang freiwillig angeboten,“ erwiederte Smeaton kaltblütig,„aber wie jeder andere ver⸗ nünftige Nath mit Verachtung behandelt, und hat ſich daher nie mehr vorgewagt, bis ſich's um meine eigene Ehre und mein Leben handelte. Ich gebe jetzt nicht allein meinen Rath, ſondern proteſtire in Gegenwart dieſer Gentlemen gegen jede Uebergabe, wenn nicht unſere Ehre dabei gewahrt iſt, und ſomit wünſche ich Euch guten Morgen.“ „Verlaßt Euch darauf, Mylord,“ erklärte Froſter in milderem Tone,„wenn wir überhaupt wegen Uebergabe 65¹1 unterhandeln, was noch nicht feſtgeſetzt iſt, ſo ſoll es blos auf ſolche Bedingungen geſchehen, wie ſie Allen befriedigend erſcheinen müſſen.“ Jedermann weiß, was es heißt, mit einem an Stärke überlegenen Gegner zu parlamentiren, und es wäre ſogar für die wenigen Leſer, welche mit den Ereigniſſen jenes fatalen Tages unbekannt ſeyn mögen, nur langweilig, wenn wir die Vorfälle der nächſten vierundzwanzig Stunden bis in's Ein⸗ zelne ſchildern wollten. Verwirrung, Haſt, Mißvergnügen und Beſtürzung be⸗ herrſchten die ganze Stadt. Es verbreitete ſich das Gerücht, daß man ſich ergeben wolle, und die Truppen ſtanden mehr als einmal im Begriff, über ihre Offiziere herzufallen und ſie über die Klinge ſpringen zu laſſen, wurden aber durch grobe und ſchamloſe Lügen beſchwichtigt. Man ſagte ihnen, General Wills habe einen Parlamentär geſchickt, der ehren⸗ volle Bedingungen anbiete und Leben und Freiheit für Alle zu garantiren verſpreche, und man verſicherte, daß das Hin⸗ und Hergehen des Oberſten Orburgh und mehrerer der könig⸗ lichen Offiziere zwiſchen Lager und Stadt ſich nur noch auf untergeordnete Punkte in der Kapitulation beziehe. Mittlerweile hatten die hinausgeſchickten Boten mit kühnen und ziemlich übertriebenen Forderungen begonnen; aber ihr Muth und ihre Feſtigkeit waren allmälig verſchwun⸗ den. General Carpenter und General Wills verweigerten auf's Strengſte jegliche Bedingung, und verſprachen nur ſo viel, daß die Inſurgentenmacht— wenn ſie ſich auf Gnade und Ungnade ergebe— wenigſtens nicht ſogleich über die 65² Klinge ſpringen werde. Andere Bedingungen, hieß es, wür⸗ den Rebellen mit den Waffen in der Hand nicht verwilligt. Nur eine kleine Conceſſion wurde ihnen eingeräumt, nämlich ein Waffenſtillſtand bis zum nächſten Morgen um ſieben Uhr, um den Offtzieren Zeit zu laſſen, die Gemeinen zur Ueber⸗ gabe zu überreden; dagegen wurden Geißeln dafür verlangt, daß keine weiteren Schutzwehren in der Stadt aufgeworfen würden, und daß man Niemand entwiſchen ließe. Eine Nacht der tiefſten Seelenangſt, der Confuſion, der Berathung, Ueberredung und ſtürmiſchen Gezänkes folgte; aber noch vor der feſtgeſetzten Stunde hatte ſich Verzweif⸗ lung faſt aller Herzen bemächtigt, obwohl noch immer zwei⸗ felhaft iſt, ob die hochländiſchen Truppen nicht bis zum letzten Augenblicke getäuſcht und auf dem Glauben gelaſſen wurden, als ob ſie ihre Waffen unter günſtigen Bedingungen nieder⸗ legten. Noch vor ſieben Uhr hatte der Lärm und die Ver⸗ wirrung einer finſteren, mißvergnügten Unterwerfung Platz gemacht; die Hochländer waren auf dem Marktplatze auf⸗ marſchirt; die vom Adel und der Gentry blieben in ihren verſchiedenen Quartieren, und mit Trommelwirbeln und Trompetenklang zogen die Generale Carpenter und Wills — der eine von der Mancheſter⸗, der andere von der Lan⸗ caſterſtraße her— an der Spitze ihrer Truppen in die Stadt. Es war ein Augenblick der tiefſten Beſorgniß, denn man hatte bis auf die letzte Minute keine Gewißheit, ob die Inſurrektionstruppen nicht noch auf dem Marktplatze in einem letzten verzweifelten Verſuche ihre Waffen gebrauchen würden. Allein ſie hatten kein Vertrauen zu ihren Offizieren, 653 kein Plan war zwiſchen ihnen verabredet, und von großen Kavallerie⸗ und Infanteriemaſſen umringt, hätte jeder Ver⸗ ſuch des Widerſtandes mehr ein Gemetzel als ein wirkliches Gefecht zur Folge gehabt. So legten ſie auf's Kommando⸗ wort ihre Waffen nieder und wurden kompagnieweiſe in die Kirche abgeführt, wo ſie viele Tage lang unter ſtrenger Be⸗ wachung gehalten wurden. Mehrere von den königlichen Offizieren wurden ſodann abgeſchickt, um den Offizieren und freiwilligen Adeligen, welche in den verſchiedenen Gaſthöfen und Privathäuſern unter Arreſt geſetzt waren, die Waffen abzunehmen, und ſo endete eine Empörung, welche mit Un⸗ beſonnenheit begonnen und ohne Geſchick oder auch nur die allergewöhnlichſte Umſicht durchgeführt worden war. An den der Uebergabe vorangegangenen Unterhand⸗ lungen hatte Smeaton keinen anderen Antheil genommen, als ich ihn oben erwähnt habe. Von der Biſchofsmütze hatte er ſich nach dem Hauſe gewendet, wo ſein Diener Thomas Higham lag, und hatte den armen Burſchen in ſchwachem, anſcheinend hoffnungsloſem Zuſtande getroffen. Der Wund⸗ arzt, der damals bei ihm war und eben erſt die Kugel aus⸗ gezogen hatte, wollte keine Unterredung mit ihm geſtatten, gab aber einige Hoffnung auf Geneſung, wenn er recht ruhig gehalten würde, und Smeaton hinterließ ihm eine kleine Geldſumme, um für alle benöthigten Bequemlichkeiten zu ſorgen, und ſchied mit dem Verſprechen, ihn wo möglich wieder zu beſuchen. Als gegen halb acht Uhr einer der königlichen Offtziere in des jungen Edelmannes Quartier trat, fand er ihn ruhig Briefe ſchreibend, während Degen und Piſtolen auf dem Tiſche vor ihm lagen. Er behandelte ſeinen Gefangenen mit vollkommener Artigkeit, nahm ſeine Waffen in Empfang und händigte ſie einer Ordonnanz hinter ihm ein, worauf er auf die Briefe deutend ſagte: „Ich fürchte, Mylord, dieſe können nicht paſſiren, ohne den kommandirenden Generalen zur Durchſicht übergeben zu werden.“ „Ich erwarte es auch nicht,“ erwiederte Smeaton, „glaube jedoch, daß ſie nichts dawider einzuwenden haben werden. Der eine iſt an meine Mutter, und ich wünſche ſehr, daß er ihr ſo bald wie moͤglich zugeſtellt wird, wenn ſie noch am Leben iſt. Der andere iſt an den Earl von Stair, und ich möchte Euch erſuchen, ihn dem General Carpenter einzu⸗ händigen; er wird daraus erſehen, daß er ſich auf Ange⸗ legenheiten bezieht, welche ſchon früher zwiſchen uns verhan⸗ delt wurden, und bei welchen ich hart behandelt worden zu ſeyn glaube. Ich wüßte nicht, daß dieſes Schreiben irgend einen Einfluß auf mein ſchließliches Schickſal haben könnte, und ich hoffe als Mann von Muth und Ehre auf dieſes Schickſal vorbereitet zu ſeyn; aber ich ſchreibe ihm, um mein ganzes Benehmen vollſtändig aufzuklären, damit kein Flecken auf meinem Charakter hafte und damit man daraus erſehe, daß ich mein gegebenes Wort nicht im Geringſten und in keiner Weiſe verletzt habe. Ich hoffe, daß der Earl von Stair im Stande ſeyn wird, ſein eigenes Benehmen als be⸗ friedigend zu erklären. Ich will ihn nicht anklagen; aber ein fatales Mißverſtändniß hat jedenfalls obgewaltet.“ 655 Der Offizier nahm die Briefe und verſprach, ſie den Händen des Generals Carpenter zu überliefern, indem er in freundlichem Tone beifügte: „Wenn ich für Eure Bequemlichkeit irgend etwas thun kann, Mylord, was ſich mit meiner Pflicht verträgt, ſo habt Ihr blos zu gebieten.“ „Nichts, das ich wüßte,“ verſetzte Smeaton;„ich mochte Euch nur bitten, Euren Einfluß dahin geltend zu machen, daß einem armen Diener von mir, der am Samſtag bei Lord Charles Murrays Barrikade ſchwer verwundet wurde, eine freundliche Behandlung erwieſen werde.“ „Ich werde ſelbſt für ſeine Pflege Sorge tragen,“ ver⸗ ſicherte der Offizier, und dann deſſen Namen und Wohnung notirend, fügte er bei:„ich will ſogleich nach ihm ſehen. Ich fürchte, ich muß Euch eine Schildwache vor die Thüre ſtellen, Mylord, bis anderweitig über Euch verfügt iſt; ich werde ſie jedoch anweiſen, auf Eure Bequemlichkeit ſo gut wie möglich Rückſicht zu nehmen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich und Smeaton blieb als Gefangener in ſeinem Zimmer allein. Vierzigſtes Kapitel. Ich muß mich nun zu anderen Schauplätzen und zu Perſonen zurückweßden, welche ich auf lange Zeit verlaſſen habe, um die Kette der den jungen Earl von Eskdale unmit⸗ telbar berührenden Ereigniſſe nicht abzubrechen. In einer der engen Straßen, die von Tower Hill aus⸗ gehen, ſteht ein Haus, etwas beſſer als ſeine Umgebung, aber immer noch klein und unbequem. Jahrhunderte früher war dieſe Straße der Verſammlungsort manches heiteren und galanten Höflings geweſen und auch zu der Zeit, von der ich rede, war ſie von einer achtbaren aber armen Klaſſe der Bevölkerung bewohnt. Hier war der Ort, wo Schiffs⸗ kapitäne, welche zwiſchen London und ausländiſchen Häfen Handel trieben, für die Zeit ihres Aufenthalts am Lande ein Unterkommen fanden. Das oben erwähnte Haus ent⸗ hielt die beſten dieſer Miethwohnungen und war durch die gütige Vermittlung des Gouverneurs vom Tower— eines braven, gutherzigen Mannes, wie ſein ganzes Benehmen gegen ſeine Gefangenen bewies— für Sir John Newark's Familie, unmittelbar nachdem Letzterer von den Gerichts⸗ boten aus Exeter ſeiner Obhut überantwortet ward, ge⸗ miethet worden. Ich muß noch bemerken, daß der ganze Haushalt ſich ſehr freundlich erwieſen und daß die gute Hausbeſitzerin, welcher das Glück zu Theil geworden, ihre geſammten Zimmer auf einmal zu vermiethen, ſich mit Freuden in ein benachbartes Dachſtübchen zurückgezogen hatte, um Emmelinen und deren Dienerſchaft Platz zu machen. Wie die ſchöne junge Gräfin von Eskdale ihre Zeit in dieſem kleinen dumpfigen Hauſe verlebt, mit welch traurigen Gedanken ſie ſich abgequält hatte, als ſie Tag für Tag Nachrichten aus dem Norden erhielt und vernahm, wie ihr Gatte an der Inſurrektion Theil genommen, wie die alte Mrs. Culpepper nach Verlauf von etwa ſechs Wochen ſich ————ÿ—ÿ—ꝛ—x——— mit ihr vereinigte, wie dieſe gute alte Dienerin die junge Lady in der herben Prüfung, welche ſie erduldete, mit wun⸗ derbarer Seelenſtärke ſtützte— will ich hier nicht im Einzel⸗ nen erklären. Emmeline ſaß allein in einem kleinen Stübchen zu ebener Erde mit ſchmalen und engen Fenſtern, welche, durch Kreuz und Schieber getheilt, nur wenig Licht einließen. Sie hatte Sir John Newark ihren täglichen Beſuch im Tower abgeſtattet und war von einer ſehr unbefriedigenden Zuſam⸗ menkunft heimgekehrt. Die politiſchen Gefangenen, welche während der Inſurrektion von 1715 und 1716 zu verſchie⸗ denen Zeiten eingebracht worden, wurden, wie alle Welt weiß, während der Zeit ihrer Gefangenſchaft mit einem Grade der Nachſicht— um nicht zu ſagen der Larheit— behandelt, welche mit der unnachgiebigen Strenge, wie man ſie am Ende gegen ſie zeigte, auffallend kontraſtirte; Leute, welche ihren Prozeß erwarteten und zu einem blutigen Tode beſtimmt waren, ließ man die Geſellſchaft ihrer Freunde faſt ohne Einſchränkung genießen— ja noch mehr, man ge⸗ ſtattete Spiele, Schwelgereien und Trinkgelage in denſelben finſtern Mauern, denen nur die Wände des Grabes folgen ſollten, und gewährte ihnen alle unſchuldigen oder laſter⸗ haften Mittel, deren ſie ſich bedienen mochten, um ſich die Zeit zu vertreiben und die grauenhaften Gedanken des her⸗ annahenden Urtheilsſpruches zu verbannen. Auch Sir John Newark waren alle dieſe Erleichte⸗ rungen eingeräumt worden, und er entbehrte in der That zu ſeiner Behaglichkeit nichts weiter als Freiheit; aber die James. Henry Smeaton. 42 658 Gefangenſchaft laſtete gleichwohl auf ihm und machte ihn reizbar und argwöhniſch. Jeder Gelegenheit zum Intriguiren beraubt zu ſeyn, müſſig daſitzen zu müſſen, während er glaubte, daß draußen die beſte Gelegenheit zu dem Spiele vorhanden ſey, worauf er ſich ſo gut verſtand, alle ſeine ent⸗ gegenkommenden Schritte von Seiten der Regierung mit einem kalten, unheilverkündenden Stillſchweigen beantwortet zu ſehen und zu wiſſen, daß die Miniſter Beweiſe höchſt ge⸗ fährlicher Intriguen, wenn auch vielleicht nicht des Hoch⸗ verrathes ſelbſt gegen ihn in Händen hatten— dies Alles trug dazu bei, ihn weit mehr als der Verluſt ſeiner perſön⸗ lichen Freiheit zu deprimiren und zu langweilen. Während der letzten Woche hatte er ſich zum erſten Male in ſeinem Leben barſch und zornig gegen Emmelinen gezeigt. Er beſtand darauf, daß ſie ſich jedesmal, ſo oft ſie das Haus auch zu ihren Beſuchen im Tower verließ, von zweien ſeiner Diener begleiten laſſen ſolle, und ſie entdeckte, daß einer oder der andere dieſer Männer täglich zu ſeinem Herrn berufen und über ihre ganze Lebensweiſe— wo ſie geweſen, wen ſie geſprochen, was ſie gethan habe— auf’s Genaueſte ausgefragt— kurz, daß ſie in London eben ſo bewacht wurde, wie ſie zu Ale Manor bewacht worden war. Es iſt vielleicht kein Wunder, wenn ſie ſich jetzt durch dieſes Spionirſyſtem mehr als früher beläſtigt fühlte, denn bis zur Ankunft der alten Haushälterin wurde es ſo ſtreng gehandhabt, daß ſie kaum eine Nachricht über die Ereigniſſe im Norden, von deren Wendung ihr ganzes Lebensglück ab⸗ hing, zu erlangen vermochte. 659 Das plötzliche und unerwartete Erſcheinen der guten Frau in ihrem Hauſe war ein großer Troſt für das arme Mädchen. Sie weinte nicht länger allein oder ſaß, die Augen auf das Kaminfeuer geheftet, in ihren Gedanken da, welche gleich finſteren ſchrecklichen Ahnungen herannahenden Unglückes in raſcher Reihenfolge ſich verdrängten. Die gute Mrs. Culpepper ſaß jetzt den größeren Theil des Tages bei ihr, wußte Nachrichten für ſie einzuziehen und plauderte mit ihr von dem Geliebten; ſchon ihre Geſellſchaft war ihr ein Troſt, wenn gleich die Haushälterin ſich in keiner frohen Stimmung befand, denn ihre eigenen Ahnungen wegen Smeatons waren trüb und düſter. Sie ließ ſie jedoch nicht laut werden; aber ihr ganzes Weſen und ihre Worte wa⸗ ren von Trauer gefärbt; ſelbſt das, was der armen Emme⸗ line das größte Entzücken gewährte, konnte ihr keinen Troſt geben. Etwa drei Wochen vor der Periode, vor welcher wir ſtehen, hatte die Lady von unbekannter Hand einen Brief mit der Unterſchrift ihres Gemahles erhalten. Es war der⸗ ſelbe, den Smeaton zu Rothbury an ſie geſchrieben und Richard Newark's Sorgfalt anvertraut hatte. Da jedoch ihres Vetters Name nicht erwähnt worden und er ſelbſt ſich nie gezeigt hatte, ſo wußte Emmeline nicht, durch wen er angelangt war, und ſie durchlas ihn Tag für Tag als den einzigen Troſt in ihrem einſamen Leben. Daß dieſer Brief das Gerücht, daß Smeaton den In⸗ ſurgenten im Norden wirklich beigetreten war, förmlich be⸗ ſtätigte, erregte in dem Herzen ſeiner alten Amme nur 42* —y— 660 noch trübere Beſorgniſſe für ſein Schickſal. Umſonſt hörte man Nachrichten anlangen, welche bei den guten Londonern keine geringe Beſtürzung erregten, daß nämlich die Rebellen einen kühnen und, wie es ſchien, erfolgreichen Einfall in England verſuchten; umſonſt hörte ſie von deren Vorrücken gegen Carlisle oder von der Zerſtreuung des großen Milizen⸗ korps auf dem Penrith Moor, von der Einnahme von Lan⸗ caſter durch die Inſurgenten, und daß Mancheſter zu deren Gunſten waffne.— Mrs. Culpepper ſchüttelte nur ſeufzend mit dem Kopfe: ſie hatte ſchon früher Empörung und Bür⸗ gerkrieg erlebt, und ihre Erwartungen waren insgeſammt traurig. An dem Morgen, von dem ich ſpreche, hatte ſie das Gerücht von den fatalen Ereigniſſen zu Preſton erreicht, und nach Emmelinens Beſuch bei Sir John Newark— bei wel⸗ cher Gelegenheit Mrs. Culpepper ſie begleitete— ging die alte Frau in die Stadt, um womsglich weitere Nachrichten einzuziehen. So ſaß denn Emmeline in jenem kleinen dü⸗ ſteren Stübchen allein, und ihre Gedanken waren ſehr fin⸗ ſter und kummervoll. Sie meditirte nach ihrer Gewohnheit über das menſchliche Leben und die ſonderbaren Wendungen des Schickſals; ſie fragte ſich, wer der Beherrſcher dieſer Welt und welches wohl ſein Wille ſey. Waren die Guten, die Weiſen und die Edelmüthigen nur zu Kummer und Un⸗ glück, waren die Liſtigen, die Herz⸗ und Gewiſſenloſen zu Glück und Triumph beſtimmt? War uns die Hoffnung nur verliehen, um getäuſcht zu werden? War die Fantaſie nur ein erſchwerender Fluch, um all' die Bitterkeit der Erde noch 661 bitterer zu machen? War die Empfänglichkeit für alles Schöͤne und Treffliche im Leben ihr nur deßhalb verliehen, um den Stachel der Widerwärtigkeit zu verſchärfen und das Schwert des Kummers noch tiefer einſchneidend zu machen? Sie konnte es kaum glauben, und doch wenn ſie ihr Auge zur Geſchichte wendete, wenn ſie ſogar nur das Wenige, was ihre geringe Erfahrung ſie lehrte, erwog, ſo konn te ſie kaum zweifeln, daß dieſes der Fall ſey, und die einzige Mo⸗ ral, die ſie aus dieſer Betrachtung ableiten konnte, war, daß der Gute ſeinen Lohn nicht hienieden empfange. Aber für das glühende Herz der Jugend iſt dies eine bedrückende und erkältende Ueberzeugung; es iſt eine harte Entmuthigung für den, der den mühſamen Lebensweg erſt antreten ſoll. Sie verlangt als Gegengewicht eine Innig⸗ keit des Glaubens und der Hoffnung, wie ſie die Jugend nur ſelten beſitzt; ſie iſt einer der Stäbe des Siebes, in welchem der Waizen von der Spreu geſondert wird. Emmeline richtete ihre Gedanken auf Gott und auf die andere Welt: dort, fühlte ſie wohl, war der Lohn und der Belohner; aber ihr Herz war dennoch ſehr betrübt, da ſie den Mehlthau auf allen Blüthen der Erde liegen ſah und fürchten mußte, daß keine jemals zur Frucht reifen werde. Während ſie ſo in trüben Gedanken nachſann, ſah ſie einen Mann die Straße heraufkommen, deſſen Geſtalt ihren Augen einigermaßen bekannt vorkam. Einen Augenblick ſpäter ging er wieder vorüber und ſchaute nach dem Hauſe empor. Jetzt erinnerte ſie ſich ſeines Geſichtes; es war bei ihr mit einer Scene und einem Augenblicke verknüpft, welche 66² ihr ewig unvergeßlich blieben— war unauflöslich verknüpft mit dem Andenken an den Geliebten, und einer plötzlichen Regung gehorchend, ſprang ſie an's Fenſter und öffnete es. „Er muß meinen Gemahl geſehen haben,“ dachte ſie. „Er muß mir Nachrichten, Botſchaften— vielleicht einen Brief bringen.“ Van Nooſt(denn er war es) blieb ſtehen, ſobald er das Fenſter öffnen hörte, ſchaute die Straße auf und ab, welche eben in jenem Augenblicke leer war, und kam dann näher. „Lady, Lady,“ rief er,„ich wünſche mit Euch zu ſpre⸗ chen. Ich bringe Euch eine Botſchaft von Einem, den Ihr kennt und liebt.“ „Sprecht nur, ſprecht nur geſchwind,“ ſagte Emme⸗ line, ihre Hände vor lauter Eifer zuſammenfaltend. „Ach, Lady, es iſt eine traurige Botſchaft— eine trau⸗ rige Geſchichte, und Ihr werdet ſie bald genug erfahren,“ erwiederte der gute Statuarius, dem die Thränen in die Augen ſtiegen. „Sprecht, Sir, ſprecht!“ rief Emmeline.„Was ſagte Mylord?“ „Er ſagte, theure Lady,“ gab Van Nooſt zur Ant⸗ wort,„er fürchte, daß für ihn und die Anderen nur wenig Hoffnung vorhanden ſey, einer Lage zu entrinnen, worein ſie ſehr gegen ſeinen Rath und ſeine Wünſche verſetzt wor⸗ den. Er beſchwöre Euch jedoch, was ihm auch immer be⸗ gegnen möge, Euch zu tröſten und Euer Vertrauen auf Gott zu ſetzen. Er wolle nicht ſchreiben, ſagte er, aus 663³ Furcht ſein Brief möchte in andere Hände fallen, denn ich ſelbſt entkam nur mit Mühe; aber er befahl mir, Euch zu verſichern, daß er Euch von ganzem Herzen bis zu ſeiner letzten Stunde liebe, was ihm auch ferner zuſtoßen möge.“ „Wo iſt er denn? was iſt aus ihm geworden?“ fragte Emmeline.„Sprecht doch, ſprecht doch.“ „Ich verließ ihn zu Preſton, Madame, umringt von des Königs Truppen und jeden Augenblick bereit, von ihrer Ueberzahl überwältigt zu werden,“ erwiederte Van Nooſt. „Er beſtand darauf, daß ich die Armee verlaſſe und meinen Frieden mit der Regierung mache; er ſelbſt aber blieb, ob⸗ wohl er der Gefahr vollſtändig bewußt war.“ „Zu Preſton!“ ſagte Emmeline nachdenklich.„Wie lange iſt es, ſeit Ihr ihn verlaſſen habt?“ „Heute iſt der neunte Morgen,“ entgegnete Van Nooſt. „Ich erreichte London vor drei Tagen und überlieferte mich der Regierung. Ich muß wohl ehrlich ausgeſehen haben oder am Ende konnten ſie meine Statuen nicht länger ent⸗ behren, denn nachdem man mich zwei Tage im Gefängniß gehalten und ſtreng examinirt hatte, ließen ſie mich in mein eigenes Haus zurückkehren unter der einzigen Bedingung, daß ich mich alle vierundzwanzig Stunden zweimal vor einem Gerichtsboten zeigen ſolle.“ „Neun Tage!“ rief Emmeline.„Das iſt eine lange Zeit. Iſt ſeitdem keine Nachricht von Preſton angelangt?“ Van Nooſt ſchaute zu Boden und ſein ehrliches roſiges Geſicht erblaßte vor Betrübniß. „Ihr habt Nachrichten,“ ſagte Emmeline leiſe.„Er⸗ 664 zaͤhlt mir, wie ſie lauten— ich beſchwoͤre Euch, Sir. Ich kann ſie ertragen, wie ſie auch beſchaffen ſeyn mögen. Sprecht nur geſchwind, ſonſt wird mein Herz brechen.“ „Ach, Mylady!“ ſtammelte Van Nooſt. „Er iſt todt,“ ſagte Emmeline in wunderbar gefaßtem Tone.„Er iſt ier Schlacht gefallen!“ „Nein, nein! nicht ſo,“ verſicherte Van Nooſt.„Er iſt gefangen, Mylady, aber nicht todt. Auch alle Anderen ſind gefangen.“ Er war noch nicht zu Ende, als Emmelinens Ohr für ſeine Worte taub war. Ihre Fantaſie hatte ſich den Au⸗ genblick zuvor des Gedankens von ihres Gatten Tode ſo vollſtändig bemächtigt, daß, als ſie hörte, daß er noch lebe und nur gefangen ſey, der Umſprung von der Verzweiflung zur Hoffnung zu plötzlich für ſie war: ihr Herz pochte einen Augenblick heftig, ſtand dann wie im Tode ſtill, und ſie ſank zu Boden. Der arme Van Nooſt war erſchreckt und erſchüttert; er glaubte, er habe ſie getödtet, und er wäre gern durch's Fenſter geſprungen, um ihr Hülfe zu leiſten, aber eben in dieſem Augenblicke ſah man Mrs. Culpepper's hohe und ſtattliche Geſtalt die Straße heraufkommen. Sobald ſie ihn zum Fenſter hineinſchauen ſah, beſchleunigte ſie ihren Schritt, indem ſie die ſcharfe Frage an ihn richtete: „Was habt Ihr hier zu ſchaffen, Sir? Was braucht Ihr zum Fenſter hineinzugucken? Seyd Ihr ein Dieb, der gerne einbrechen und ſtehlen möchte?— Ah,“ fuhr ſie fort, als ſie ſich aufmerkſamer gegen Emmelinen wendete,„ich 665 glaube Euer Geſicht früher geſehen zu haben. Ja, jetzt erinnere ich mich. Wie lauten Eure Nachrichten? Wo habt Ihr Mylord verlaſſen? Iſt er unter den Gefangenen?“ „Ja, Ma'am,“ erwiederte Van Nooſt, der vor dem ſtattlichen Ausſehen der Haushälterin graßen Reſpekt hatte. „Er iſt unter den Gefangenen, wenn Ihr unter Mylord' den Earl von Eskdale verſteht. Aber ich beſchwöre Euch, ſchaut erſt nach der Lady da drinnen, denn ich fürchte, eine Botſchaft, die ich ihr ſo eben hinterbrachte, hat ihr beinahe das Herz gebrochen.“ „Oder Euer unbeſonnenes Plaudern,“ verſetzte Mrs. Culpepper ziemlich ſtreng, fuhr aber im nächſten Augenblicke fort:„Ihr habt es gewiß nicht ſo gemeint. Kommt nur herein.“ Sie klopfte heftig an der Thüre. Dieſe wurde von einem der Diener geöffnet, der ziemlich überraſcht ſchien, als er ſie von einem Fremden begleitet ſah. Aber Niemand im Haushalte wagte Mrs. Culpepper wegen ihrer Handlungen auszufragen, und ſie trat in das Zimmer zur Rechten, in⸗ dem ſie Van Nooſt nachfolgen hieß. S iie fand Emmelinen bleich wie eine Lilie und mit ge⸗ ſchloſſenen Augenlidern am Boden liegend. Es dauerte lange, bis man ſie wieder zu ſich brachte; aber die alte Haus⸗ hälterin ſchickte die Diener fort, hieß Van Nooſt draußen warten, da ſie nachher mit ihm ſprechen wolle, worauf ſie dem armen Mödchen Troſt in's Ohr flüſterte. „Alles wird gut gehen, theure Lady,“ ſagte ſie.„Alles wird gut gehen, ſüße Emmeline. Er iſt gefangen, aber 666 noch am Leben, und tauſend Möglichkeiten ſprechen zu ſei⸗ nen Gunſten. Sie werden ihn wohl prozeſſiren, aber nicht verurtheilen; ſie können ihn ſogar verurtheilen, aber ſie werden ihn pardoniren; ſie mögen ſelbſt halsſtarrig ſeyn, aber er kann entrignen. Er ſoll entrinnen, wenn überhaupt noch Witz in einem Weiberkopfe ſteckt, wie die Männer ſa⸗ gen. Faßt Muth, meine Theure, faßt Muth! Alles iſt noch zu gewinnen, ſo lange ſein Leben gerettet iſt.“ Es iſt wunderbar, wie ſchnell ſich einem in Augen⸗ blicken der Haſt oder des Kummers ein altes Sprichwort vor allen anderen Redensarten auf die Lippen drängt. „O ja, wo noch Leben iſt, da iſt auch Hoffnung,“ er⸗ wiederte Emmeline ſchluchzend.„Es war die Freude über die Nachricht ſeines Lebens, während Van Nooſt's erſte Worte mich an ſeinen Tod hatten glauben laſſen— was mich überwältigte. Wo iſt Van Nooſt? Laßt ihn zu Ende erzählen.“ Und ſie ſchaute gedankenvoll nach dem Fenſter. „Der Mann Kartet in der Halle,“ erwiederte Mrs. Culpepper.„Ich will ihn hereinrufen.“ Sie hieß Van Nooſt eintreten und befahl einem der Diener, der mit ihm in der Halle zögerte, in einem Tone, der keine Erwiederung erlaubte, ſich alsbald wieder an ſeine Arbeit zu machen. Van Nooſt wurde eifrig ausgefragt, und erzählte die ganze Geſchichte ſeines Entkommens und die Umſtände, un⸗ ter denen er den Earl von Eskdale verlaſſen hatte. Der gute Mann war eben im Begriff, alle Nachrichten von der 667 Uebergabe der Inſurgentenarmee zu Preſton, wie er ſie zu London geſammelt hatte, preiszugeben; allein Mrs. Cul⸗ pepper ſiel ihm kurzweg in die Rede mit der Frage: „Wie iſt Euer Name, guter Sir, und wo wohnt Ihr?“ „Mein Name iſt Van Nooſt,“ erwiederte der Statua⸗ rius.„Es iſt ein wohlbekannter Name. Ich bin der be⸗ rühmte Bleikünſtler und wohne in der Reading Road faſt gegenüber dem Ausgange des Conſtitution Hill.“ Ein grimmiges Lächeln kam über Mrs. Culpepper's Züge, und ſie ſagte: „Sehr wohl. Wir werden Eurer vielleicht bedürfen⸗ Ich zweifle nicht, daß Ihr bereit ſeyn werdet, dieſem jungen Edelmanne zu dienen, der Euch mit ſolcher Aufopferung aus Preſton herausgeholfen hat.“ „Mit meinem Herzblute wollte ich ihm dienen,“ ver⸗ ſicherte Van Nooſt;„aber traun! ich muß mich hüten, daß ich mir nicht abermals in dieſer Sache die Finger ver⸗ brenne.“ „Ihr werdet Euch eher mit Eurem Blei die Finger verbrennen als mit dem, was wir Euch zu thun geben,“ bemerkte Mrs. Culpepper trocken.„Für jetzt lebt wohl, Sir, und wenn Guch wichtige Nachrichten oder Winke zu Ohren kommen, ſo laßt ſie uns hören. Seyd aber vor⸗ ſichtig; fragt nach mir— der Haushälterin Culpepper, und wenn ich nicht zu Hauſe bin, ſo wartet bis ich komme.“ „Bei meinem Leben, eine gebieteriſche Dame!“ ſagte Van Nooſt zu ſich ſelbſt, als er ſich entfernte. Die Haushälterin verharrte einige Minuten in ſtum⸗ 668 men Gedanken und wendete ſich dann zu Emmelinen mit den Worten: „Tröſtet Euch, theure Lady. Ich will jetzt zu Sir John und ihm die eingeſammelten Nachrichten mittheilen, welche den Tower wahrſcheinlich noch nicht erreicht haben. Ich muß es dahin bringen, daß ich einige der hieſigen Die⸗ ner los werde, denn ſie werden uns in unſeren Schritten hemmen, und ich denke, in dieſer Preſtoner Affaire einen Vorwand zu finden, um wenigſtens einen derſelben— wenn nicht mehr— nach Ale zu ſchicken. Er hat jenen Köder mit Keanton noch nicht vergeſſen und wird ſo bereitwillig wie immer anbeißen.“ Einundvierzigſtes Kapitel. Langſam und für ihn äußerſt nüchtern mit zu Boden geſchlagenen Augen und mit Gedanken, ſchwerer als ſeine eigenen Statuen, ſchritt Van Nooſt über das kleine Gäß⸗ chen nach einer Ecke, welche eine kleine Strecke weiter oben gegen Weſten führte. Noch hatte er übrigens nicht drei Häuſer hinter ſich, als ihm plötzlich eine Stimme beim Na⸗ men rief und er beim Umſchauen die Umriſſe einer Männer⸗ geſtalt gewahrte, welche unter einer engen Eingangsthüre ſtand und ihn mit der Hand zu ſich winkte. „Van Nooſt,“ rief die Stimme abermals,„kommt hieher. Ich muß Euch ſprechen. Kommt hieher, Mann von Fleiſch und Blei. Es hat keine Gefahr für Euren 669 Leichnam; ein Dolch würde ſich ja ſelber verlieren, bevor er Eure Rippen fände. Kennt Ihr mich nicht, Mann?“ „Ich kann Euer Geſicht nicht ſehen,“ erwiederte Van Nooſt.„Beim Donner! Eure Stimme iſt der des Junkers Richard Newark, der uns zu Rothbury verließ, ſehr ähnlich.“ „Kommt herein, kommt!“ ſchrie der Andere.„Steht nicht hin und plaudert wie eine Elſter auf einer Ulme, daß alle andern Vögel ſich verwundern, wie der Narr nur ſo prahlen mag. Wenn Ihr meine Sprache kennt, ſo iſt das genug. Hören iſt ſo gut wie ſehen, zuweilen noch beſſer. Komm herein, ſag' ich, du Mann geſchmolzener Bildniſſe.“ Ohne fernere Frage trat Van Nooſt, obwohl nicht ganz ohne Zittern, unter den Thorweg, denn der arme Mann war durch Alles, was er neulich erlebt hatte, tief erſchüttert, und das Fettſeyn iſt kein Abhärtungsmittel für die Nerven, wie viele von uns recht wohl wiſſen müſſen. Kaum hatte er die Thüre hinter ſich, als Richard Ne⸗ wark dieſe heftig zuwarf, ihn am Arme ergriff und ihn nach einem kleinen Zimmer zur Linken zog, wo die hellere Be⸗ leuchtung dem Statuarius zeigte, daß er ſich nicht geirrt hatte. Die kleine Stube war ein wahrhaftes Muſter dama⸗ liger Miethwohnungen; die ungewaſchenen Wände und das ungeweißte Getäfel, rauchig vom Alter, hölzerne Stühle von einem unbeſchreiblichen Braun, ein ebenſo gefärbter Tiſch vom gleichen Materiale, ein Wandſchrank in der Ecke mit zerbrochenen Taſſen und Tellern, einem Stück Siegellack, einer Talgkerze in einem meſſingenen Leuchter und einer, 670 Flaſche mit zwei bis drei Gläſern garnirt, ein handbreiter Spiegel, eine alte zerbrochene Punſchbowle und zwei Apoſtel⸗ löffel— bildeten das geſammte Geräthe. Hiezu kamen noch ein paar Tabakspfeifen auf dem Tiſche, mit einem Haufen groben Tabaks in einer offenen Doſe und verſchie⸗ denen anderen Artikeln— dem ausſchließlichen Eigenthum des jungen Miethmannes. Wenn aber der Statuarius ſchon darüber erſtaunte, daß er Richard Newark, den Sohn des wohlhabenden und ziemlich prahleriſchen Sir John, in einer ſo geringen Woh⸗ nung antraf— wie hoch ſtieg erſt ſeine Verwunderung über das Ausſehen bes jungen Mannes ſelber! Die hellfarbige Kleidung, welche Richard mit jugendlicher Eitelkeit ſo gerne getragen, war zum Theil bei Seite geworfen, und er ſtand vor Van Nooſt in der Tracht eines Matroſen, mit weiten, durch rieſige Bänderbüſchel an den Knien feſtgebundenen Hoſen, grauen Strümpfen, und vorne auf der Bruſt das ſaubere Hemd bis auf einen halben Fuß Länge entfaltet. Der obere Menſch zeigte noch die Spuren einer etwas hö⸗ heren Stellung. Der langgeſtülpte breitgekrämpte Hut mit einer ſchmalen Silberlitze, ſchien einen künftigen See⸗ kapitänsadſpiranten anzudeuten, und ließ ihn zu gleicher Zeit fünf bis ſechs Jahre älter erſcheinen als er wirklich war⸗ während die geſtickte Seidenweſte und die Spitzenhalsbinde die Ueberreſte noch höherer Auſprüche verrieth. „Will Van Nooſt ſich niederſetzen und eine Pfeife an⸗ nehmen?“ begann Richard Newark.„Wir werden bald ein Glas Grog vor uns haben, und dann wollen wir eines 671 plaudern. Ei, ſo ſtarrt mich doch nicht an, bis Eure Augen in die Tabaksbüchſe ſpringen. Da bin ich, abſichtlich als Matroſe, und bei meinem Leben! ich habe große Luſt, bis zu meinem Sterbetage Matroſe zu bleiben. Denkt Euch, Mann, ich wußte früher gar nicht, was Freiheit iſt! Hier kann ich gehen, wohin ich will, thun, was ich mag, und Männern, Frauen und Kindern ſagen, was mir beliebt, ohne daß es Einer übel nimmt oder mich für meine Mühe einen Narren ſchimpft. Ich mag thun, was ich will, ſo iſt es nur ein toller Streich des Matroſenjungen, und ich habe während des Monats, den ich jetzt in London bin, in dieſer Tracht mehr Menſchenkenntniß erlernt, als ich mir zu Ale in zehn Jahren geſammelt hätte.“ „Bittet Gott, bittet Gott, Junker Richard, daß Ihr nicht mehr gelernt habt als Euch gut iſt!“ warnte Van Nooſt.„Ich hatte einmal einen Lehrling vom Lande, der nach dreimonatlichem Aufenthalte zu London ganz und gar verdorben war.“ „Aber ich bin kein Lehrling, edler Bleiſteder,“ gab Richard zurück.„Was macht Euch glauben, daß an mir irgend etwas zu verderben ſey? Ich bin keine Wildprät⸗ ſchnitte oder friſch gefangene Forelle, weder eine Rahmtorte noch ein Gelée, um an einem feuchtwarmen Tage molzig zu werden oder den Leuten in die Naſe zu ſtinken, wenn der Wind aus Süden weht. Was macht Euch glauben, ich moͤchte, wollte, könnte, würde, dürfte oder ſollte verdorben werden?“ „Ei, weil ich Euch hier in einem geringen Hauſe 672 Masken ſpielen ſehe,“ erwiederte Van Nooſt,„während. Eure ſchöne Couſine ſich dicht daneben in Einſamkeit ab⸗ härmt, Euer Vater als Gefangener im Tower ſitzt und Euer beſter Freund zu Preſton in Feſſeln liegt.“ 6 Richard Newark war augenblicklich ernſthaft und ſtützte den Kopf eine Weile in tiefen Gedanken auf die Hand. „Ihr ſeyd weiſe,“ ſagte er endlich,„ſehr weiſe, was man in dieſer Welt Weisheit nennt. So würden mich alle Leute beurtheilen, wenn ſie blos ſähen, was Ihr ſeht; aber Ihr ſeyd im Irrthum, Nymphenmacher. Was meinen Vater betrifft, ſo iſt ſein Leben gerettet, wenn es überhaupt in Gefahr war, was ich nicht glaube. Des Sohnes Tu⸗ gend, mit der er die Rebellen aufgegeben, wurde für des Vaters Fehler, daß er ſie unter der Hand ermuthigte, als Gegengewicht betrachtet— davon habe ich mich überzeugt. Deſerteure und Abtrünnige ſind jetzt die Hauptlieblinge am Hof, und da ich einer der Erſten war, ſo wurde ich über die Maßen wohl aufgenommen.“ Hier ſchwieg er mit bitterem und ſarkaſtiſchem Aus⸗ drucke und fuhr dann fort: „Was Emmelinen betrifft, ſo glaubt ja nicht, Meiſter Bleiſchmelzer, daß ich ſie vergeſſe. Wofür bin ich hier? Wozu in dieſer Tracht? Geſchieht es nicht, um insgeheim über ſte zu wachen und die Gefahr von ihr abzuwenden, wenn ſie ſich zeigen wird? Weiß ich nicht um jeden Schritt, den ſie durch die Straßen thut? Weiß ich nicht, wann ſie ausgeht und wann ſie heimkommt? Sehe ich nicht Jeden⸗ der ihrer Thüre nahe kommt? Armer’Smeaton!“ fuhr er in betrübterem Tone fort;„welche Hülfe ihm werden ſoll — das weiß der Himmel! ich weiß es nicht. Ich moͤchte wiſſen, ob es wahr iſt, daß er ſich unter den Gefangenen zu Preſton befindet. Mich dünkt, er iſt nicht der Mann, der ſich in einem und demſelben Netzzuge mit den geringeren Fiſchen einfangen läßt.“ „Ja, Sir, er wollte eben die geringeren Fiſche nicht im Netze laſſen und ſelbſt durchbrechen, wie er wohl hätte thun können,“ erwiederte Van Nooſt. „Und wie Ihr gethan habt,“ bemerkte Richard Newark, und fuhr dann nach augenblicklicher Pauſe fort:„und wie ich that. Pah, Mann, Ihr braucht deßhalb in Euren Kiemen nicht ſo roth zu werden! Wir ſind die klugen Leute und Smeaton iſt der Narr; aber es gibt ſogar noch Klügere als wir: der Mann zum Beiſpiel, der ſeinen Freunden nicht allein den Rücken wendet, ſondern ſte auch verkauft; der Mann, der ein Verdienſt aus einem Verrathe macht und um etwas Beſſeres als um Vergebung unterhandelt. Verſteht Ihr mich?“ „Meiner Treu! nur dunkel, Meiſter Richard,“ gab Van Nooſt zur Antwort.„Wenn Ihr einen ſolchen kennt, ſo wißt Ihr mehr als ich.“ „Ich kenne wenigſtens Einen,“ erwiederte Richard, worauf er in ſeiner gewohnten regelloſen Weiſe auf ſeinen Freund zurückkam mit den Worten:„Armer Smeaton! es war ein hartes Loos, ſo in die fatale Falle gelockt und ge⸗ rade im Augenblicke ſeines Glückes in das Netz gehetzt zu werden. Man hat ihm ſchlimm mitgeſpielt, Van Nooſt.“ James. Henry Smeaton. 43 674 „Ja, er beklagte ſich ſehr über Lord Stair,“ bemerkte Van Nooſt.„Der hat ſich nicht gut gegen ihn betragen.“ „Lord Stair!“ rief Richard Newark lachend.„Da waren Andere, die ſich noch ſchlimmer betrugen als Lord Stair. In der That, ich weiß nicht, daß Lord Stair ſich ſchlecht benommen hat— wohl aber Andere. Lord Stair hat nicht ſeine Briefe aufgefangen; Lord Stair hat ihn nicht unter falſchen Vorwänden zu Verſchwörungskomplotten ge⸗ lockt; Lord Stair hat nicht insgeheim gegen ihn gezeugt und ihm in's Geſicht freundlich gethan; aber Andere thaten es. Lord Stair hat nicht jedes Mittel benützt, um ihn zur Rebellion zu treiben, weil er ſeine Ländereien gewinnen wollte— das thaten Andere.“ „Wer— wer?“ fragte Van Nooſt eifrig. „Mein Vater!“ gab Richard Newark zur Antwort, und Todtenſtille folgte mehrere Minuten. Endlich ſagte Van Nooſt in leiſem, ruhigem Tone: „Ich denke, Meiſter Richard, wenn dies Alles bewieſen werden könnte, würde die Regierung mit dem Earl von Esk⸗ dale gnädig verfahren.“ „Und wer ſoll es beweiſen?“ rief Richard leidenſchaft⸗ lich.„Soll ich hingehen und meinen eigenen Vater der Regierung denunciren? Soll ich all ſeine Krümmungen und Wendungen ernſthaften Richtern in fliegenden Perrücken vor Augen legen?“ „Nein, aber Ihr könnt es Lord Stair ſelber erzählen,“ erklärte Van Nooſt;„Ihr könnt ihm zeigen, wie man dieſem edlen Lord Unrecht gethan hat, und wenn er ihm wirklich gewogen, wenn er der Mann iſt, wie die Leute ihn ſchildern, dann wird er ſich beim König für ihn verwenden.“ Richard Newark lehnte ſein Haupt auf die Hand und überlegte. „Lord Stair iſt in Paris,“ ſagte er endlich,„und ich kann— ich darf dieſe Stelle nicht verlaſſen. Ueberdies— wie können wir wiſſen, ob Smeaton nur noch am Leben iſt? Sie haben bereits etliche vierzig ihrer Gefangenen zu Pre⸗ ſton erſchoſſen.“ „Das waren blos Offtziere, welche in König Georg's Armee gedient hatten, und, in offener Rebellion getroffen, vor ein Kriegsgericht geſtellt und auf der Stelle erſchoſſen wurden,“ erklärte Van Nooſt;„unſer edler Lord war aber nicht unter ihnen. Ich habe die Liſte erſt heute geſehen; er gehört zu denen, welche ſie nach London transportiren.“ „Wohl, wir werden ſehen, wir werden ſehen,“ ſagte Richard.„Wir werden wenigſtens Zeit haben. Zeit iſt Alles in dieſer Welt, wie die Heuſchrecke ſagt, und wenn ich es wagen könnte, dieſen Ort zu verlaſſen, ſo könnte ich viel⸗ leicht etwas thun; aber erſt muß ich Smeaton ſehen. Man hält ſie ziemlich locker in ihren Gefängniſſen, und ich denke, ich werde ſchon hineinkommen.“ „Was hält Euch aber hier, Sir?“ fragte Van Nooſt; „Ihr könnt doch nicht an dieſe kleine Gaſſe gebunden ſeyn.“ „Doch beinahe,“ erwiederte der junge Genleman.„Ich bin ſelten auf viele Minuten abweſend, ehe jenes Haus gegenüber zur Nacht verſchloſſen wird. Habt Ihr je eine Katze vor einem Mausloche ſitzen ſehen, Van Nooſt, Stunde 43* um Stunde halb ſchlafend hineingucken, aber immer be⸗ reit, ſobald der kleine braune Gentleman mit langem Schwanze herauspipt, über ihn herzuſpringen? Habt Ihr ſie geſehen, wie ſie durch nichts als durch das krampfhafte Wedeln des Schweifes Ihre Ungeduld verräth? Nun ſeht, ich bin dieſe Katze und warte auf Etwas, was ſicherlich kommen wird, nur weiß ich nicht— wann. Meine ſchuftige Maus windet ſich in ihren geheimen Löchern und Spalten und meint, ich wiſſe nichts von ihrem Vorhaben.— Doch laßt uns von anderen Dingen reden. Ich will mir das Alles überlegen, und Ihr müßt mich jeden Tag beſuchen. Da trinkt etwas Branntwein und raucht Eure Pfeife. Oder wollt Ihr lieber Wein haben? Wir können uns ſogleich Wein verſchaffen. Heda, William, John! meine beiden Hunde— wo ſeyd Ihr?“ Zu Van Nooſt's Ueberraſchung erſchienen zwei Män⸗ ner oder vielmehr Jungen(denn Keiner war über zweiund⸗ zwanzig Jahre) auf die Aufforderung des jungen Gentle⸗ mans, beide gleichartig, wenn auch nicht gerade in Livreen gekleidet, obwohl ſie augenſcheinlich die Rolle von Richard Newark's Dienern verſahen. Der Eine wurde nach Speiſe, der Andere nach Wein ausgeſchickt, und ſeine Stelle ver⸗ ändernd, ſetzte ſich der junge Gentleman hinter eine Ialouſie nahe an's Fenſter, von wo er die kleine Gaſſe, in der das Haus ſtand, hinabſehen konnte. Als die Diener zurückgekehrt waren und das Beſtellte nebſt Tellern, Gläſern und Meſſern auf dem Tiſche ſervirt 677 hatten, verließ Richard wieder ſeinen Platz, indem er zu dem alteren von Beiden ſagte: „Haltet gut Wache, denn ich werde eine Stunde oder ſo beſchäftigt ſeyn.“ „Kein Vogel ſoll vorüberfliegen, ohne daß wir ihn ſehen,“ verſicherte der Burſche und verließ mit ſeinem Kame⸗ raden das Zimmer. Zu allen Zeiten und unter allen Umſtänden hatte Van Nooſt ſich Eſſen und Trinken gerne gefallen laſſen. Sorge, Furcht oder Angſt benahmen ihm nie den Appekit, und er ließ der dargebotenen Mahlzeit alle Gerechtigkeit wider⸗ fahren. Ein oberflächliches, reſultatloſes Geplauder folgte, doch wollte es Richard Newark nicht wieder in dieſelben Kanäle zurückkommen laſſen, durch welche es vorher gefloſſen war. Er ſprach von Allem, was während der Inſurrektion vorgefallen, von ſeinem eigenen Ausfluge nach dem Norden, von dem, was er während ſeines Umherziehens mit den northumbriſchen Edelleuten geſehen und gethan hatte, und wenn auch jetzt ſein Geſpräch und ſeine Manieren ſeinem früheren Ich ähnlicher ſahen, ſo war Van Nooſt doch ſehr betroffen über die große Veränderung, die in den letzten paar Monaten über ihn gekommen war. Dieſe kurze Periode regen Lebens, der Umgang mit Männern und die Genoſſen⸗ ſchaft mit höheren Geiſtern hatten eine auffallende Um⸗ wandlung bei ihm bewirkt: die Männlichkeit und Ent⸗ ſchloſſenheit ſeines Weſens, die er ſich erworben hatte, konnte allein der Gewohnheit und der Nothwendigkeit ſelbſt zu han⸗ deln, wie der durch dieſe Noth gebotenen Entfaltung eines von Natur ſcharfen, furchtloſen und entſchiedenen aber früher entſtellten und mißgeſtalteten Charakters zugeſchrie⸗ ben werden. Die Zeit verſtrich ganz heiter, und Van Nooſt ver⸗ ſprach bei ſeinem Abgange, wieder zu kommen. Er verfehlte nicht, Wort zu halten, ſondern kam mehr als einmal und ge⸗ wann Richard Newarks Vertrauen mehr und mehr bei jedem Beſuche, indem er ſich mit ihm berieth, was für den Earl von Eskdale geſchehen könne. Das Reſultat dieſer Berathungen werden wir ſpäter erfahren; nur Eines konnte Van Nooſt an ſeinem Gefähr⸗ ten nicht begreifen, nämlich die Hartnäckigkeit, mit der er ſich weigerte, ſeine ſchöne Couſine zu beſuchen oder ſie auch nur wiſſen zu laſſen, daß er ſich in ihrer unmittelbaren Nach⸗ barſchaft befinde. Der gute Statuarius verſuchte allerlei Umwege, um ſeine Beweggründe zu erfahren, und als er ihn endlich geradezu fragte, erwiederte Richard mit ſeinem ge⸗ wohnten wilden Lachen: „Aha, das konntet Ihr nicht verſtehen, Van Nooſt, und ehrlich geſtanden— ich verſteh es ſelber nicht. Ich habe ſchon geſehen, wie man Vögel mit Leimruthen einfing. Mir ſind Dinge in den Kopf geſetzt worden, welche niemals hätten hineinkommen ſollen. Ueberdies bin ich beſſer, wo ich bin. Ich kann mehr thun, mehr erſinnen und vorbeugen, wenn ich ungeſehen arbeite. Nein, nein, das ginge nicht an; aber ich will Euch was ſagen, guter Freund: ich muß etwas Freiheit und friſche Luft haben. Ich muß es hie und da einrichten, daß ich das Geſchäft meinen zwei Knaben auf einen Tag anvertraue. Ich werde krank in dieſem engen Loche, und mein Gehirn beginnt zu ſpinnen und ſich zu dre⸗ hen, wie es früher in der Schule that. Könnt Ihr nicht ein Paar Pferde für uns miethen? denn ich verkaufte das mei⸗ nige, als ich nach London kam. Wir wollen einen Ritt ver⸗ ſuchen, Van Nooſt— einen Ritt auf der Straße nach Norden.“ Van Nooſt war gerne bereit, und es wurde ausge⸗ macht, daß er am anderen Morgen um die Mittagsſtunde mit einem Paar Pferden in Smithfield eintreffen ſollte, wo Richard Newark zu ihm ſtoßen würde. Der junge Gentleman war vor ihm auf dem Platze, und es war eine Aufregung und Leidenſchaftlichkeit in ſei⸗ nem Blicke, welche der Statuarius nicht begriff. Auf das Roß ſich ſchwingend, ſchlug Richard Newark einen Schritt an, der viel zu ſchnell war, um ſeinem Begleiter angenehm vorzukommen. Bald hatten ſie die Vorſtädte von London hinter ſich und kamen auf der Straße an großen Menſchen⸗ maſſen vorüber, welche theils zu Pferd, theils zu Fuß die⸗ ſelbe Richtung, nur in gemäßigterem Schritte, einſchlugen. „Ich möchte wiſſen, wozu all dieſe Leute aus London herausſtrömen,“ meinte Van Nooſt im Weiterreiten:„da muß irgendwo eine Luſtbarkeit vor ſich gehen.“ „Ha, ha! wißt Ihr's nicht?“ rief Richard in luſtiger Laune.„Sie gehen, wie auch ich, den Gefangenen entge⸗ gen, welche heute anlangen.“ Dieſe Ankündigung wollte dem guten Statuarius gar 680 nicht munden, denn er war überzeugt, daß er von einigen der Gefangenen erkannt und in eine widerwärtige Stellung verſetzt werden würde. Nicht daß er fürchtete, ſeine Be⸗ kanntſchaft mit den Theilnehmern an der Inſurrektion würde ſeine perſönliche Sicherheit in irgend einem Grade gefähr⸗ den, denn— um ihm Gerechtigkeit zu erweiſen— er hätte das unter allen Umſtänden gerade riskirt; ſo aber hatte er ſich eben erſt vor dem Staatsſekretär gereinigt und ſogar mehr als er erwartete— nämlich eine bedingungsweiſe Be⸗ gnadigung von ihm erlangt. Der Gedanke, aus Preſton geflohen zu ſeyn, und nicht mit dem Muthe eines Römers(wie ihn ſein Ehrgeiz immer gerne entfalten wollte, wenn ſeine Conſtitution es nur erlaubt hätte) ausgeharrt zu haben, um mit der fallenden Sache zu fallen, ſondern in großer Haſt und mit Zittern bei der Annäherung wirklicher Gefahr weggeſchlichen zu ſeyn— war für ihn ein ſehr widriges Gefühl, als er jetzt ſeinen früheren Genoſſen an der Re⸗ bellion zu begegnen erwarten mußte. Er erklärte Richard Newark ſo gut er konnte, wie ihm zu Muth ſey, indem er zu gleicher Zeit darauf hindeutete, daß der junge Gentleman ſelbſt ſich in ähnlicher Lage befinde. Aber Richard lachte blos und ſagte: „Nun, ſo geht ihnen aus dem Weg, wenn wir ihnen nahe kommen. Vergrabt Euch in einem Wirthshaus oder verſteckt Euren ſchamgerötheten Wackler irgendwo in einer Hütte oder Scheune. Was mich betrifft, ich werde darauf losgehen und mit Jedem, den ich kenne, ſprechen: ich ſchäme mich nicht im Geringſten deſſen, was ich gethan habe, und würde Jedem den Hals brechen, der da ſagte, daß ich Urſache dazu habe.“ So ritten ſie weiter bis Highgate, die Menge weit hinter ſich laſſend; etwas jenſeits dieſes Platzes ſahen ſie eine Staubwolke auf der Straße vor ſich, welche die Annä⸗ herung der Gefangenen zu verkünden ſchien. In der Nähe ſtand ein kleines Gaſthaus, in welchem Van Nooſt ſo eilig wie möglich Zuflucht ſuchte. Auch Richard Newark ſtieg ab; aber er blieb, die Arme über der Bruſt gekreuzt, vor dem Hauſe ſtehen. Eine halbe Stunde verſtrich, bis die erwartete Pro⸗ ceſſton zum Vorſchein kam, denn der Staub, den ſie geſehen hatten, war blos von einer ſtarken Abtheilung berittener Grenadiere und fußgehender Garden hergekommen, welche den unglücklichen Preſtoner⸗Gefangenen entgegengeſchickt worden waren, um ſie nach London zu eskortiren. Van Nooſt beſtellte ſich erſt etwas von den Leckerbiſſen des Hauſes und pflanzte ſich dann hinter das Fenſter des kleinen, geſandelten Wohnzimmers neben viele andere Per⸗ ſonen, während die Straße vor ihnen von einem kleinen Pöbelhaufen aus Highgate und den benachbarten Dorf⸗ ſchaften beſetzt war. Endlich unterſchied man das Heran⸗ nahen einer großen Menſchenmaſſe längs der Straße; ſie näherte ſich langſam, während der loyale Ruf:„Lang lebe König Georg und nieder mit dem Prätendenten!“— aus der Menge erſcholl. Dem armen Van Nooſt ſchwoll das Herz, und als er vollends die ganze Schmach mit anſah, der man ſeine armen 682 Freunde unterworfen hatte— da wurde es ihm zu viel. Edelleute und Gentlemen von hohem ausgezeichnetem Cha⸗ rakter, Ehrenmänner von feiner Bildung und untadelhaftem Rufe wurden mit gebundenen Armen nach London trans⸗ portirt; neben jedem ihrer Pferde ging einer von den Fuß⸗ garden, oft ſogar ein bloſer Pferdehalter, während ſtarke Kavallerieabtheilungen voranritten und nachfolgten, ſie aber nicht flankirten, faſt wie in der ausdrücklichen Abſicht, ſie der gaffenden Menge recht zu exponiren. Van Nooſt warf einen kurzen Blick auf Viele, die er kannte und beſonders auf den Earl von Eskdale; aber er ſah wenig von dem, was ſpäter vorging und bemerkte nur noch, wie Richard Newark vorſtürzte, ſeine Hand auf Smeatons Knie legte und eifrig mit ihm ſprach, indem er neben ſeinem Pferde herging, bis einer der Soldaten ihn rauh bei Seite ſtieß. Des armen Statuarius Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nen, und vom Fenſter zurücktretend, machte er denen Platz, welche ſchon lange nach vorne ſtrebten. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Der Tower, das Marſhalſea⸗Newgate⸗ und andere Londoner Gefängniſſe waren von unten bis oben vollge⸗ pfropft. Die wenigen und nicht ſehr ſtrengen Gefängniß⸗ verordnungen wurden gänzlich vernachläſſigt, und in den Zellen der Gefangenen erlebte man Auftritte der Schwel⸗ gerei und des Uebermuthes, wie ſie mit dieſem Orte und 0 dem, was damit zuſammenhing, im grellſten Widerſpruche ſtanden. Nicht allein daß die Tory⸗ oder hochkirchliche Partei, aus ihrer Apathie erwachend, in welche ſie ſich gewiegt hatte, ſo lange deren Thätigkeit ihrer Sache hätte nützen können— jetzt große Geldſummen beiſteuerte, um den Ge⸗ fangenen ihr Schickſal ſo behaglich zu machen, wie das Loos eines Gefangenen es nur ſeyn kann; nicht allein daß die zahlreichen Freunde und Verwandten der Gefangenen in Schaaren zuſammenſtrömten, um ihnen Troſt und Unter⸗ ſtützung jeder Art zu gewähren: auch in der öffentlichen Meinung— dieſem ſonderbaren veränderlichen Dinge— war ein Umſchwung eingetreten, und Manche von Denen, welche— wenn anders ihr Rang und ihre Stellung nicht im Wege geſtanden hätte— mit dem heulenden Pöbel ausge⸗ zogen wären, um die Ankunft der rebelliſchen Gefangenen in London mitanzuſehen, begannen Letztere nunmehr als Märtyrer zu betrachten und als Helden zu preiſen. Ganze Maſſen ſtrömten herbei, um ſie zu ſehen und ihnen ihre Theilnahme zu beweiſen. Keiner der auch nur einen ſchein⸗ baren Vorwand zum Einlaſſe erfinden konnte, wurde ausge⸗ ſchloſſen; Stunden und Jahreszeiten waren vergeſſen, und die Thore von Newgate wurden oft mitten in der Nacht ge⸗ öffnet, um einen Beſuchenden, einen Freund oder Diener einzulaſſen. Die Kerkermeiſter erklärten, daß ſie von lauter Schlüſſelumdrehen zu Tod ermüdet würden; ſie thaten jedoch ihr Geſchäft recht gerne— vielleicht nicht ſowohl aus großem Mitleid, als wegen des goldenen Lohnes, der jedesmal dar⸗ auf folgte. 684 Im Tower, wo die an der Inſurrektion betheiligten Edelleute eingeſperrt waren, wurde der Anſtand allerdings beſſer gewahrt; doch ſelbſt hier war große Schlaffheit be⸗ merkbar, und von zehn Uhr Morgens bis ebenſo ſpät Abends wurden die Thüren faſt Jedem geöffnet, der Einlaß ver⸗ langte. In der That, das Benehmen der Behörden vom Tage der Uebergabe zu Preſton bis zum Schluſſe der ganzen Tragodie iſt vollkommen unerklärlich, ſo launiſch und ſonder⸗ bar war der ewige Wechſel zwiſchen Milde und Strenge. Während des Marſches nach London geſchah es nicht ſelten, daß die bedeutenderen Gefangenen heute in abgeſonderte Zimmer eingeſperrt wurden und Niemand ſehen oder ſprechen durften, während man ſie gleich am anderen Tage, Jeden unter der Obhut eines Soldaten, in den Städten, durch welche ſie kamen, frei umherwandern, ihre Freunde beſuchen oder Alles, was ſie bedurften, in den Läden einkaufen ließ. Bald wurden ſie genöthigt, auf feuchtem Steinpflaſter ohne alle Bequemlichkeiten des Lebens zu übernachten, bald ſpeis⸗ ten ſie mit den Offizieren ihrer Eskorte, und Alles, was der Ort aufzutreiben vermochte, ward ihnen im Ueberfluſſe ge⸗ währt. Waren die Schwachen und Kranken früher in Kut⸗ ſchen gefahren, während blos eine Ordonnanz neben dem Schlage ritt, ſo wurden ſie zu Barnet auf ihre Pferde ge⸗ bunden und gleich verurtheilten Spitzbuben in Londen ein⸗ transportirt. Ebenſo ließ man ſie nach ihrer Ankunft an dem Orte ihrer Beſtimmung in Luxus und leider oft in Aus⸗ ſchweifung dahin leben, während die furchtbare Kataſtrophe mit ſtrenger erbarmungsloſer Entſchloſſenheit vorbereitet wurde. 6 6 △̈ — △̈ In manchen Fällen ſahen ſich die Gefangenen ſelbſt (wenigſtens die von ernſterem hochſinnigerem Charakter) genöthigt, ihre Kerkermeiſter zu bitten, daß ſie die gemiſchte Menge, welche bei ihnen ein⸗ und ausſtrömte, abhielten, und ſelbſt dann wurden ſie noch oft ſehr beläſtigt, denn die Tugend der Thürſchließer war nicht ſtark genug, um den Beſtechungen zu widerſtehen, welche häufig für die Zulaſſung in den Zellen geboten wurden. Die Mehrzahl der Edelleute war übrigens mit den ihnen erwieſenen Aufmerkſamkeiten wohl zufrieden; ſie lach⸗ ten, ſcherzten und tranken mit den Fremden, die ſich ihnen vorſtellten, denn es machte ſich allgemein die Anſicht unter ihnen geltend, daß ihre unbedingte Uebergabe und der Um⸗ ſtand, daß man ſie bis jetzt verſchont hatte— ſie vor der Strafe des Hochverrathes ſichern würde. Viele waren un⸗ bekannt mit den Bedingungen, unter denen die Uebergabe vor ſich gegangen war, und glaubten geradezu, ein Ver⸗ ſprechen der Begnadigung ſey dabei ertheilt worden; Andere waren voll Zuverſicht, daß die Bemühungen einflußreicher Freunde ihnen die Nachſicht eines gnädigen Monarchen ge⸗ winnen würden. Allein Georg der Erſte war nicht gnädig. Vielleicht wäre es zu viel, wenn man ihn eines von Natur grauſamen Herzens beſchuldigen wollte; aber es war jedenfalls ſo hart, wie es nur je eines gegeben, und ſein Benehmen gegen die junge Gräfin von Nithsdale würde dieſe Wahrheit beweiſen, auch wenn ſie durch keine andere Thaten bezeugt würde. Unter denen, welche ihre Lage am wenigſten vom hei⸗ teren Standpunkte betrachteten, war Henry Earl von Eskdale, der ſich mit keinen eitlen Erwartungen ſchmeichelte. Als er das im Tower ihm angewieſene Zimmer betrat, ſchaute er ſich darin um als ſeiner letzten Wohnung, ehe er das Schaffot beſtiege, und obgleich die kleine Geldſumme, die ihm übrig blieb, zu den nöthigſten Bequemlichkeiten für jetzt hinreichte, fo überzählte er ſie doch mit großer Sorge und beſtimmte für jeden Tag einen gewiſſen Antheil, indem er die Zeit bis zu ſeinem Tode ſo genau als es überhaupt möglich war, be⸗ rechnete. Am Morgen nach ſeiner Ankunft wurden viele Per⸗ ſonen bei ihm vorgelaſſen, ſo daß er ſich endlich gerne ent⸗ ſchloß, dem Thürhüter eine Guinee zu geben, damit er Jeden ausſchließe, der ſich nicht als ſeinen perſönlichen Freund an⸗ geben könne. „Ich habe ſehr nöthig, meine Gedanken zu ſammeln, mein guter Sir,“ ſagte er;„wenn ich aber den ganzen Tag von Fremden beläſtigt werden ſoll, ſo werde ich keine Zeit haben, meine Vertheidigung vorzubereiten, oder meinem Tode, wie ſich's geziemt, zu begegnen, ſo freundlich auch ihre Beſuche gemeint ſeyn mögen.“ „Wenn Eure Lordſchaft mir eine Liſte derjenigen Per⸗ ſonen geben will, die Ihr zu ſehen wünſcht, ſo will ich alle übrigen ausſchließen,“ erklärte der Mann. Smeaton ſchrieb die wenigen Namen nieder, deren Be⸗ ſuch er für wahrſcheinlich hielt; aber es wurde ihm etwas ſchwer, als er an den theuerſten Namen von allen kam. Er war ihm zu heilig, um ſo leicht davon zu reden, und um allen Fällen zu begegnen, ſchrieb er deshalb in deutlichen Worten:„Alle Perſonen, welche den Namen Newark oder Eskdale tragen.“ Als er des armen Van Nooſt's gedachte, ſetzte er auch ſeinen Namen auf's Papier, indem er dem Manne bei Einhändigung des Zettels ſagte: „Sollte irgend Jemand darauf beſtehen, daß er ein perſönlicher Freund von mir ſey, ſo möge er mir ſeinen Na⸗ men überſchicken, und ich will Euch dann ſagen, ob er zuge⸗ laſſen werden ſoll oder nicht.“ Der Mann hatte die Thüre noch nicht geſchloſſen, als Van Nooſt ſich präſentirte, und ſeine Erſchütterung, als er ſeinen edlen Freund in Gefangenſchaft ſah, hatte etwas Rührendes und Groteskes zugleich. Er weinte wie ein Kind; aber ſein Pathos wurde ſehr vermindert durch ſeine Verſuche, dieſe Erſchütterung zu verbergen und mitten unter Thränen zu ſprechen. Smeaton behandelte ihn mit großer Güte, gratulirte ihm zu ſeiner glücklichen Flucht und Frei⸗ heit und horchte geduldig auf ſeine Erzählung aller Drang⸗ ſale, die er ſeitdem erfahren hatte. Bald aber lenkte er das Geſpräch auf Sachen von tieferem Intereſſe für ihn ſelbſt, indem er ihn fragte, ob Van Nooſt Emmelinen, wie er ver⸗ ſprochen, beſucht habe. Dieſer fuhr faſt von ſeinem Stuhle auf, indem er rief: „Ach, du mein Gott! Das hätte ich beinahe vergeſſen! Ich ſah ſie noch heute Morgen, Mylord, und ſie trug mir auf, Euch zu ſagen, daß ſie dieſen Abend ſobald es dunkel würde, hier ſeyn wolle, wenn Ihr es erlauben würdet; und in der That— wer würde das nicht erlauben? Es ſchien ihr 688 vorzukommen, als ob die Zeit zwiſchen jetzt und heute Nacht gar kein Ende mehr nehmen wolle. Ich glaube, ſie wäre ſo⸗ gleich hieher gerannt, wenn die alte Madame Culpepper es ihr nicht ausgeredet hätte“ Smeaton gab nicht ſogleich eine Antwort, denn viele widerſtreitende Gefühle kämpften in ſeiner Bruſt. Sie wie⸗ der einmal an ſein Herz zu drücken, ihr zu ſagen, wie oft er ſeit ihrer Trennung an ſie gedacht habe, von ihren eigenen Lippen ihre Ausſichten, ihre Wünſche und Empfindungen zu hören, mit ihr ſich zu beſprechen und ſie zu berathen— das waren lauter Gründe, welche ihn drängten, ohne länge⸗ res Zögern Ja' zu ſagen. Aber er fürchtete Gefahr, Ver⸗ legenheit, vielleicht ſogar Unglück für ſie, die er mehr liebte als ſich ſelbſt. Er wußte nicht, daß ſie gewöhnt war, jeden Tag in den Tower zu kommen, daß ihre Perſon den Wäch⸗ tern und vielen der Beamten bekannt und daß ſie immer von ſo vielen Dienern begleitet war, daß ſie ihr hinreichend Schutz gewähren konnten, ſoweit man ſie mitgehen ließ. Er dachte ſich Emmelinen blos als das einfache, unerfahrene Mädchen in ihrem Herrenhauſe in Devonſhire, ſchüchtern ſogar in ihrer unſchuldigen Keckheit und gänzlich unbekannt mit der Welt und ihrer Weiſe. Er wußte nicht, daß ſie ſo gut wie Richard im Kummer geſchult worden war, und daß ihr Gemüth ſeit ihrer Trennung neue Kräfte entwickelt und ihr Herz große Feſtigkeit erlangt hatte. Kann er getadelt werden, wenn er ſeinen eigenen Wün⸗ ſchen gleichwohl in gewiſſem Grade nachgab? Er glaubte nur für ihr Beſtes wie für ſein eigenes Glück zu ——— 8689 ſorgen, wenn er auch vielleicht nicht ganz unpartheiiſch war, als er antwortete: „Sagt ihr, Van Nooſt, daß ich mich tief nach ihrem Anblicke ſehne; aber ich möchte doch nicht, daß ſie beſon⸗ ders bei Nacht käme, wenn ſie es nicht vollkommen ſicher und insgeheim thun kann, denn bis wir den nächſten Schritt wohl überlegt haben, wünſche ich nicht, daß unſere Vermäh⸗ lung bekannt werde, und ich darf nicht dulden, daß ſie ſogar aus Liebe zu mir einen Flecken auf ihren Namen hefte. Wenn ſie ſicher kommen kann, ſo weiß ſie, welche Freude ſte mir machen wird; kann ſie es aber nicht, ſo wäre dieſe Freude durch ihre eigene Gefahr theuer erkauft. So ſagt ihr, Van Nooſt. Geht, mein theurer Freund, geht und überbringt ihr ſogleich meine Antwort.“ „Ich will, mein guter Lord, ich will,“ erwiederte der Statuarius, in ſeiner weiten Rocktaſche ſtöbernd:„da iſt aber noch etwas, was ich nahezu vergeſſen hätte. Hier iſt ein Packet, das ich Eurer Lordſchaft zu überliefern ver⸗ ſprach.“ Bei dieſen Worten brachte er ein kleines Päckchen zum Vorſchein, der Geſtalt eines Schulknabenlineals ſehr ähnlich⸗ das in Papier gewickelt und an beiden Enden verſiegelt war. „Was iſt das, Van Nooſt?“ fragte der junge Edel⸗ mann, es vom Tiſche aufnehmend und über ſein Gewicht betroffen.„Das iſt Geld, mein guter Freund— ich kann es nicht annehmen.“ „In der That, Mylord, Ihr müßt, ſonſt macht Ihr viele Leute höchſt unglücklich,“ verſicherte Van Nooſt.„Es James. Henry Smeaton, 44 690 iſt Guer Antheil an einer Sammlung, welche unter den loyalen, treugeſinnten Bewohnern von London zur Unter⸗ ſtützung aller Preſtoner Gefangenen veranſtaltet wurde, zu ihrer Erleichterung im Gefängniß, ihrer Vertheidigung oder“— hier ſank ſeine Stimme zum Flüſtern herab— „oder zu ihrer Flucht. Ihr bekommt nicht mehr als Euren redlichen Antheil, und ich zweifle nicht, daß in wenigen Tagen eine weit bedeutendere Summe beiſammen ſeyn wird, wovon Euer Antheil Euch entweder durch mich oder ſonſt Jemand überbracht werden wird.“ „Ihrer Flucht!“ erwiederte Smeaton nachdenklich. „Glaubt Ihr, daß Flucht möglich iſt, Van Nooſt?“ „Nichts leichter möglich als Das, Mylord,“ erwiederte der Statuarius.„Hat man ja doch eine ſolche Scene, wie ſte jetzt in den Gefängniſſen herrſcht, noch nie erlebt. Geld im Ueberfluß— alle Ordnung verſchwunden. Die Gefan⸗ genwärter meinen genug gethan zu haben, wenn ſie nur die Thüren verſchließen. Sie wetteifern miteinander an Be⸗ ſtechlichkeit, und wenn wir nur einige tauſend Pfund für die Schurken auftreiben und die Sache geſchickt einleiten könn⸗ ten, ſo dürfte Eure Lordſchaft am hellen Tag zu dieſen Thoren hinausſpazieren, ohne daß Euch ein Offizier, ein Schließer oder Wärter gewahrte. Das iſt die merkwürdige Wirkung dieſer goldenen Brillen.“ „Ich wollte, ich könnte eben ſo feſt überzeugt ſeyn,“ verſetzte Smeaton.„Die paar tauſend Pfund, von denen. Ihr ſprecht, wären leicht aufzutreiben. Ein Wörtchen an meine theure Mutter, wenn ſie noch lebt, würden ſie raſch herbeiſchaffen, und iſt ſie nicht mehr am Leben, ſo könnte ich ſte ſelbſt auftreiben.“ „Denkt Ihr ſo, Mylord, denkt Ihr ſo?“ rief der Sta⸗ tuarius.„Wolltet Ihr mir nur ſo viel vertrauen, daß Ihr die wenigen Worte niederſchreibet; glaubt, was der Ueber⸗ bringer Euch von mir ſagen wird— Euren Namen darun⸗ ter ſchreiben und es an die verwittwete Gräftn adreſſiren. Ich ſehe, ſie verſtatten Euch Federn, Papier und Tinte.“ „Von ganzem Herzen, Van Nooſt,“ erklärte Smea⸗ ton.„Ich bin feſt überzeugt, Ihr würdet lieber Euch ſelbſt als mir Unrecht thun.“ Und er ſchrieb auf ein Blatt Papier die Worte, die der Andere verlangte. Sobald er das Papier geſandelt und Van Nooſt über⸗ reicht hatte, ließ ſich an der Thüre das Zurückſchieben von Riegeln vernehmen. Der Statuarius verbarg haſtig, was er empfangen hatte, und im nächſten Augenblicke trat Ri⸗ chard Newark ein. Er näherte ſich dem Earl mit offenem, heiterem Blick und ſchüttelte ihm herzlich die Hand; dann wendete er ſich an Van Nooſt und ſagte: „Ha, Fabrikant von Götzenbildern— ſeyd Ihr hier? Packt Euch fort— packt Euch fort zu Emmelinen und bleibt bei ihr, bis ich komme. Die theure Gouvernante iſt fortgegangen, ſpürend wie ein Windſpiel nach einem Faſan, weil ich ihr geſtern Nacht einen Wink gegeben. Verlaßt ſte nicht eine Minute, und wenn der Mann Euch den Einlaß verweigert, ſo zupft ihn nur kühn an der Naſe und tretet 44* 2—ÿõ—ÿÿ— 692 ein. Er iſt ein Erzfeigling, und Ihr könnt es alſo kecklich wagen.“ „Ich will— ich will, Sir,“ betheuerte Van Nooſt. „Er ſoll mich in einem ſolchen Auftrage nicht anhalten.“ „Sind es ihrer Zwei,“ fuhr Richard fort,„ſo ſchlagt den Einen nieder— das wird dem Andern genug ſeyn.“ Van Nooſt nahm eiligſt ſeinen Hut und verließ das Zimmer, und Richard Newark faßte Smeatons Hand und ſagte in ruhigerem Tone als gewöhnlich: „Kommt, Eskdale, ſetzt Euch und ſprecht mit mir. Ich muß mein armes, wirbelndes Gehirn auf einige Minuten feſthalten, während Ihr mir in Betreſſ Eurer Verhand⸗ lungen mit Lord Stair alles Nöthige erzählet. Hierin liegt die einzige Moͤglichkeit Eurer Rettung. Wenn Ihr beweiſen könnet, daß Ihr gegen Euren Willen durch das Benehmen Anderer zu der Inſurrektion getrieben wurdet, wie ich weiß⸗ daß es der Fall war, ſo ſagt mir ein geſchickter Advokat, daß Ihr gewiß begnadigt werdet. Nun merkt Euch, was ich weiß, und füllt dann die Lücke aus; gebt mir einige Beweiſe, und ich will die Fährte ſo ſcharf verfolgen, wie mein Schweißhund Bellmouth. Schon lange vor dem Ausbruche ſchicktet Ihr einen Brief an den Lord Stair. Dieſer Brief hat ihn nie erreicht, denn er wurde durch meinen Vater zu⸗ rückbehalten. Ihr ginget nach Mount⸗Place in dem Glau⸗ ben, daß Ihr Niemand als einen alten Narren antreffen würdet, und Ihr trafet zwanzig bis dreißig jüngere und aͤltere Gentlemen— Alle auf einen Wink meines Vaters zuſammengetrommelt, um Euch in die Falle des Verraths zu locken. Die Behörden zu Erxeter ſchickten Dragoner aus, die Euch zu Mount⸗Place ſuchten und dann nach Keanton verfolgten, denn ſie hatten geheime Kunde von Ale Manor.“ „Aber was konnte Euren Vater hiezu bewegen?“ fragte Smeaton. „Erſtlich Keanton und zweitens, um Euch Emmelinen aus dem Weg zu bringen,“ gab Richard zur Antwort. „Doch kümmert Euch nichts um Beweggründe. Laßt uns nur nach Thatſachen forſchen. Ihr ſchicktet ſpäter im Nor⸗ den Euren Diener mit einem Briefe an Lord Stair, nach⸗ dem Ihr Nachricht erhalten, daß er zu Wooler vor uns ſtehe. Nun zweifle ich aber ſehr, Eskdale, ob er jenen Brief jemals zu Geſicht bekommen— ja ich bin ſogar überzeugt, daß es nicht der Fall war.“ „Higham verſicherte mich, daß er ihm den Brief über⸗ reichte, daß der Lord ihn öffnete, las und voll Verachtung zurückgab,“ verſetzte der junge Earl.„Warum glaubt Ihr, daß er ihn nie zu Geſicht bekam?“ „Weil Lord Stair am ſelben Tag und zu derſelben Stunde über ſiebenhundert Meilen von Wooler entfernt war,“ erklärte Richard.„Sein Regiment war allerdings dort, aber er war in Paris. Ein Mann kann nicht an zwei Stellen zumal ſeyn, edler Freund. Doch kommt und ver⸗ wundert Euch ſpäter. Das iſt Alles, was ich weiß: Ihr müßt es jetzt ausfüllen. Laßt mich das Ganze hören, und ich will dann verſuchen, ob mein Witz trotz Allem, was die Leute dagegen ſagen möͤgen, nicht doch zu etwas gut iſt.“ Smeaton that, wie er gebeten wurde; er ſetzte ſich mit 694 ſeinem jungen Gefährten an den Tiſch und gab ihm eine klare, vollſtändige Erzählung von Allem, was ſeit ſeiner Ankunft zu Ale⸗Manor vorgefallen war und zeigte ihm die Abſchriften der an Lord Stair geſchriebenen Briefe. Mehr als einmal bat ihn Richard, einen Augenblick inne zu halten, und ſchrieb ſich den Hauptinhalt des Vernommenen nieder, und als er die Briefe ſah, ſagte er: „Darf ich dieſe mitnehmen und ſte kopiren? Ihr ſollt ſie Morgen wieder haben, denn Ihr werdet Ihrer viel⸗ leicht bedürfen. Sonderbar, daß oft ein Stück Papier die beſte Waffenrüſtung eines Menſchen iſt.“ „Nehmt ſie, nehmt ſie,“ erwiederte Smeaton.„Es ſind blos unbeglaubigte Abſchriften und könnten doch nicht als Beweiſe gelten, wenn Lord Stair ſie nicht empfangen hat. Aber ich kann kaum glauben, daß Higham mir einen ſolchen Streich geſpielt hat.“ „Wo habt Ihr ihn denn gedungen?“ fragte Richard? „Er wurde mir durch den Mann, in deſſen Hauſe ich wohnte, empfohlen,“ verſetzte der junge Earl;„ein guter ehrlicher Burſche, der früher bei dem Earl von Orford ge⸗ dient hatte.“ „Von den Jakobiten Euch aufgeheftet, um Euch an ihre Sache zu feſſeln und wenn Ihr wanktet, zum Beitritte zu zwingen,“ behauptete Richard.„Der Mann muß aufge⸗ funden werden, damit er die Wahrheit erzähle.“ „Ich fürchte, Ihr werdet ihn im Grabe ſuchen müſſen,“ meinte Smeaton;„denn er wurde ſchwer verwundet zu Pre⸗ ſton, wo er kühn wie ein Löwe gefochten.“ „Thut nichts,“ verſetzte Richard.„Einer oder der andere dieſer Briefe muß wohl den Lord Stair erreicht ha⸗ ben, und wenn ich ihn erſt vor mir habe, will ich ihm auf den Rücken ſpringen und meine Sporen nicht eher aus ſeinen Flanken ziehen, bis wir das Ziel erreicht haben. Lebt wohl, Eskdale, lebt wohl. Euer Prozeß wird nicht vor einem Monat beginnen, wie es heißt, und Ihr werdet mich viel⸗ leicht vierzehn Tage lang nicht ſehen; aber ich will meine Zeit fleißig benützen. Sagt Emmelinen, ſie ſoll auf jeden Schritt, den ſie thut, wohl Acht haben, denn der ſchändliche Schurke William Newark, alias Somerville, hat ſeinen Frieden mit dem Hofe gemacht, gibt ſich für den treueſten Unterthan König Georgs aus, hat Alles, was er von For⸗ ſters und Kenmure's Geheimniſſen wußte, verrathen und wacht mit allen Augen, um über Emmelinen herzufallen. Er kann nicht recht ausfindig machen, wo ſie iſt, denn ich habe ihn irre geführt; aber er glaubt, wenn er ſie nur in ſeine Hände bekäme, ſo würde Ale Manor, das, wie Ihr wißt, Ihr gehört, ſein Eigenthum, und er würde ein großer Mann ſeines Zeitalters. Nochmals lebt wohl, Eskdale, und wenn Ihr hört, daß ich ertrunken, erſchoſſen, erſtochen oder ſonſt beſeitigt bin, ſo vergeßt mich nicht. Sagt dann nur: iich war freundlich gegen den Knaben, und er liebte mich ſehr.“ So ſprechend eilte er nach der Thüre und rief dem Schließer, daß er ihn hinauslaſſe. 696 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Ich will nicht bei der erſten Zuſammenkunft zwiſchen Emmelinen und ihrem Gatten verweilen, will nicht bei ſo Manchem verweilen, was zwiſchen der Zeit ſeiner Ankunft als Gefangener in London und dem Tage ſeines Prozeſſes ſich ereignete. Es gibt ein Allerheiligſtes in den tiefen Regungen des Herzens, deſſen Verletzung nur eine heilige Sache rechtfertigen kann. Ich habe kein Recht, das Schau⸗ brod auf dem Altare ihrer Liebe aufzuzehren; habe kein Recht— ob ſie nun wirkliche oder ideale Charaktere ſeyen — mich in die Geheimniſſe ihrer Herzen einzudrängen und ihre zitternden Nerven unter das Mikroſkop des Publikums zu bringen. Es genüge zu wiſſen, daß ſie ſich— Dank der geſchickten Fürſorge von Smeatons früherer Amme!— oft, täglich, zuweilen zweimal des Tages, trafen und daß der jungen Gräfin von Eskdale faſt einen ganzen Monat lang keine Beläſtigung oder Unannehmlichkeit begegnete, obgleich einige verdächtige Umſtände— als da waren allerlei fremde Leute, die um das Haus herumſchlichen oder ihnen auf ihrem Wege nach dem Tower nachſpürten— die alte Haushälterin ziemlich ängſtlich machten und ſie bewogen, ihre Vorſichts⸗ maßregeln zu verdoppeln. Emmeline hatte ihren Vetter mehr als einmal geſehen. Freundlich, zärtlich, ſelbſtaufopfernd, hatte er ſich während ihrer kurzen, ſpärlichen Zuſammenkünfte gezeigt; aber dieſe Zuſammenkünfte waren nicht ſehr häufig. Plötzlich ver⸗ ſchwand er, indem er ſeiner ſchönen Couſine ſagte, er ſey im Begriff Paris zu beſuchen, ohne aber das Geſchäft, das ihn dahin führte, zu erwähnen, denn ſo ſanguiniſch er auch in Allem war, ſo liebte er ſie doch zu ſehr, um Hoffnungen bei ihr zu erregen oder ihre Bemühungen in anderen Rich⸗ tungen durch die Erwartung auf ſeine unſicheren Projekte zu ſtören. Sie wußte, daß er zum Zwecke der Vertheidi⸗ gung ihres Gemahles auszog; das war aber Alles, was ſie wußte, und als er fort war, ſehnte ſie ſich voll Angſt nach Nachrichten, welche nicht anlangten. So verſtrichen die Tage einer langen Gefangenſchaft; aber gleichwohl hatte man mehrere Schritte vorwärts ge⸗ than. Die ausnehmende Schlaffheit der mit der Aufſicht über die Gefangenen Betrauten war unläugbar geworden, und Smeaton hatte ſich zu ſeinen Kerkermeiſtern auf einen gewiſſen freundſchaftlichen Fuß geſetzt; die Hauptſache aber war, daß ſie ſich für Beſtechung zugänglich zeigten, ſo daß nicht ohne Grund zu der Wahrſcheinlichkeit einer Freiſpre⸗ chung oder Begnadigung auch die einer Flucht gerechnet werden mochte. Die Hoffnung war ihre Führerin, und ſie ſchmeichelten ſich, daß der Aufſchub des Gefangenenprozeſſes von der Abſicht herrühre, dieſelben zu verſchonen; aber ſie erfuhren am Ende eine bittere Täuſchung, als Smeaton und die Uebrigen vor dem Hauſe der Gemeinen auf Hoch⸗ verrath angeklagt wurden und ihr Prozeß mit ungewöhn⸗ licher Beſchleunigung herannahte. Es iſt wohlbekannt, daß die Mehrzahl der angeklagten Edelleute die Klage anerkannten; doch Smeaton wollte ſich —õ— 698 nicht als ſchuldig erkennen. Er geſtand den vollen Antheil, den er an der Rebellion genommen, ging in die kleinſten Einzel⸗ heiten ſämmtlicher Vorfälle ein, und zeigte(ſoweit es ihm möglich war), daß er den Inſurgenten in der That in die Arme getrieben worden; aber er vermochte keinen Beweis für dieſe Thatſachen beizubringen. Richard war noch immer abweſend, trotzdem daß er verſprochen hatte, in vierzehn Tagen zurückzukehren, und er hatte noch nichts von ſich hö⸗ ren laſſen, als der Prozeß ſeinen Anfang nahm. Smeatons bloſes unbeſtätigtes Wort hatte wenig Gewicht bei den Peers; aber während die meiſten Anderen auf ihr eigenes Geſtändniß hin ſogleich verurtheilt wurden, bedurfte es einer gewiſſen Zeit zu der Erwägung ſeines Falles, und man ge⸗ ſtattete ihm Friſt zum Einſammeln der Beweisgründe vor ſeinem Prozeſſe. Die Advokaten gaben ſich alle Mühe, um ihn zu ver⸗ anlaſſen, daß er ſeine Behauptung des Nichtſchuldig zurück⸗ nehme und ſich an die königliche Gnade wende; aber obwohl ſein Sinn bis zum wirklichen Ausbruche der Inſurrektion in jenem zweifelhaften, unentſchiedenen Zuſtande geweſen war, der für Männer von feſtem, entſchloſſenem Charakter der peinlichſte iſt, ſo ließ er ſich dennoch, nachdem er einmal daran Theil genommen, entweder durch die Vorurtheile ſeiner früheren Erziehung oder durch die Begeiſterung ſeiner ehmali⸗ gen Genoſſen anſtecken und konnte ſich unmöglich glauben ma⸗ chen, daß eine Schuld darin liege, wenn er den Monarchen, dem ſeine ganze Familie gedient und deſſen Anſprüche auf den engliſchen Thron ſie niemals geleugnet hatte— mit den Waffen unterſtützte. Er fühlte ſich nicht ſchuldig und wollte ſich alſo auch nicht dafür erklären. Es war ein entehrendes Wort, ein Wort, das er nun und nimmermehr freiwillig ſeiner eigenen Handlungsweiſe aufheften mochte, und er blieb entſchloſſen bei ſeiner früheren Behauptung. Er machte zwar keine unnöthigen Einwürfe, gab alle Thatſa⸗ chen zu, wie ſie in der Anklage wider ihn ſtanden; aber er behauptete, daß ſeine Handlungen loyal und nicht verräthe⸗ riſch waren, und nur als Nebengeſtändniß bekannte er, er habe ſich ruhig dem status quo unterwerfen wollen, indem er noch eine detaillirte Schilderung der zwiſchen ihm und dem Earl von Stair gepflogenen Unterhandlungen beifügte. Seine Vertheidigung wurde häufig unterbrochen, denn das engliſche Geſetz beſtimmt oft, daß der Beweis, der Einen von jeder moraliſchen Beſchuldigung reinigen würde, nicht als juridiſche Rechtfertigung angenommen werden darf. Er beharrte jedoch feſt auf ſeinem Verfahren, und dieſelben Männer, die ihn verurtheilten, ſchenkten ihm ihre Theil⸗ nahme und glaubten kaum ihren eigenen Worten, als ſie ihn für ſchuldig' erklärten. Es iſt ein ſonderbares Ding— dieſes Geſetz über Verrath, das den gehäſſigſten moraliſchen Vorwurf an Hand⸗ lungen heftet, welche oft aus Heroismus mißverſtanden oder gar im höchſten Sinne gerecht ſind, das durch harte Regeln und die Zulaſſung falſcher Vorausſetzungen die Leute nöthigt, das für Schuld zu erklären, was ſie innerlich als Tugend anerkennen, und das die niedrigſten und ſelbſtſüchtigſten Verbrechen wie die hochſinnigſten Thaten des Patriotismus 7⁰⁰ mit dem gleichen Makel brandmarkt. Da muß irgendwan ein großer Fehler exiſtiren! Freilich muß Ordnung und Reſpekt vor dem Geſetze aufrecht erhalten werden; der Wille der Majorität muß regieren; mag ſeyn ſogar, daß man zur allgemeinen Sicherheit die Leute wegen kühner Angriffe gegen beſtehende Einrichtungen beſtrafen muß: aber laßt uns ja nicht aufgerufen werden, das für Schuld zu erklären, was Mißverſtand, Tugend oder Begeiſterung iſt! Die finſtere Scene war vorüber, das Verdikt war ge⸗ geben, das Urtheil geſprochen; die Schneide des Richtbeils war gegen den Gefangenen gekehrt, und abermals wurde einer von den Tapferen und Treugeſinnten von der Gerichts⸗ ſchranke nach dem Tower zurückgeführt, um das Loos des Verräthers zu erwarten. Smeaton hatte dieſen Augenblick geahnt und empfun⸗ den, wie furchtbar er ſeyn müſſe; er hatte an ſeinem eigenen Muthe, ſeiner eigenen Feſtigkeit gezweifelt; er hatte ſeine Nerven geſtählt, um allen Eindrücken ſeiner ſterblichen Na⸗ tur zu widerſtehen, um nicht feig und ſchwachherzig für ſein Leben zu bitten, wie Andere gethan hatten. Er wußte wohl⸗ daß viele theure Bande ihn feſthielten, daß Jugend, Liebe und Hoffnung, daß feſte Geſundheit und all' die heiteren Annehmlichkeiten des Daſeyns ihn an dieſe Welt knüpften, daß ſie für einen Mann von ſeiner körperlichen und geiſtigen Beſchaffenheit voll von Freuden und Genüſſen war, und daß der Gedanke, in der Stunde vollſter Blüthe von ihr ſcheiden zu müſſen, ſeine Entſchloſſenheit wohl erſchüttern und ſeine Feſtigkeit untergraben könne. Als aber jeder Peer ſein Urtheil erklärt und der fürchterliche barbariſche Spruch gethan war— da mußte er ſich ſelbſt wundern, wie ruhig er es ertrug, wie feſt und gefaßt er ſich fühlte. Ihm war im erſten Augenblicke, als ob das zitternde, ängſtlich vibri⸗ rende Band zwiſchen Hoffnung und Furcht entzwei geſchnit⸗ ten ſey, als ob ſein Fuß auf dem Felſen des Schickſals feſt⸗ hafte. Nehmt die Hoffnung weg, und Ihr werdet nirgends ein Ding wie Furcht vorfinden. Auf kurze Zeit war alle Hoffnung aus ſeiner Bruſt verſchwunden; aber Andere waren unterdeſſen damit beſchäf⸗ tigt, Hoffnung für ihn vorzubereiten, und wir müſſen uns zu zwei abgeſonderten Scenen wenden, wo tiefe Liebe auf verſchiedenen Wegen und ohne Einklang unter ſich thätig war, um den Schlag von ſeinem Haupte fern zu halten. Ich weiß nicht, welche ich zuerſt ſchildern ſoll, denn beide ereigneten ſich am ſelben Tage und faſt ganz um die näm⸗ liche Stunde; vielleicht wähle ich am beſten diejenige, die, weil ſie wenige oder keine der bis jetzt geſchilderten Perſonen vorführt, für den Leſer das wenigſte Intereſſe hat. In ein prachtvolles Zimmer eines Palaſtes, das viele ausgezeichnete Perſonen faßte— dieſe durch den Glanz ihres Anzugs, jene durch ihre Schönheit oder Anmuth dem Auge auffallend— trat ein Mann in mittleren Jahren, klein von Geſtalt, von unbedeutendem Aeußeren, deſſen ziem⸗ lich großer Kopf durch eine rieſige Ramilliesperrücke noch lä⸗ cherlicher hervorgehoben wurde. Er war in theefarbigen Sammt gekleidet, hatte den Hut auf dem Kopf und den Degen an der Seite, und die Thüre, durch welche er eintrat, 702 wurde von einem der hohen Würdenträger des Hofes vor ihm geöffnet, während ein Anderer mit einem Lichte in jeder Hand ihm in das Zimmer vorantrat. Seine Perſon hatte etwas ſehr Ordinäres an ſich— kalt, unliebenswürdig in ihrem Aeußeren, einem kleinen Tanzmeiſter im Feiertags⸗ anzuge ähnlich ſehend— und dennoch war er ein König. Auf der einen Seite des Zimmers an den Rücken eines Stuhls ſich ſtützend, ſtand eine hohe königliche Frau von etlichen ſechzig Jahren. Ihr natürliches Haar, weiß wie Schnee, ſchaute unter den Trauergewändern hervor, und ihr auffallend ſchönes Geſicht— ſchön ſogar in ſeinem Kummer— war von langer ſchwerer Krankheit bleich und abgemagert. Sobald der König eintrat, ging ſie mit fe⸗ ſtem, würdevollem Schritte auf ihn zu, ſank aber auf die Kniee, als ſie näher kam, und ſtreckte ihre Hände gegen ihn aus, in denen ſie eine Bittſchrift zu halten ſchien. „Wer ſeyd Ihr, Madame— wer ſeyd Ihr?“ fragte der König auf Franzöſiſch. „Ich bin die unglückliche Gräfin von Eskdale, Sire,“ erwiederte die Dame in derſelben Sprache.„Ich beſchwöre Euch, hört mich und empfangt dieſe Bittſchrift für meinen armen Sohn. Schont ihn, gnädiger König— ſchont ihn und ich gelobe—“ Sie durfte ihre Rede nicht vollenden. Der kaltherzige König trat bei ihren erſten Worten zurück und drehte ſich mit erſchrockenem, abſtoßendem Blicke nach einer anderen Thüre, als durch die er eingetreten war. Aber die Dame faßte ihn am Saume ſeines Rockes und flehte mit dem ganzen Ernſte Koͤnig Georg nach und holte ihn ein, als er eben durch ein mütterlicher Liebe um ihres Sohnes Leben, während er ſich mit rauher Bewegung frei zu machen ſuchte und mit raſchem Schritte auf die andere Seite des Zimmers trat, ſo daß er ſie buchſtäblich hinter ſich herzog, da ſie ihn immer noch feſthielt und ihm die Bittſchrift aufzunöthigen ſuchte. Ein Gentleman mit einer Narbe über der Stirne, der mit dem Monarchen eingetreten war, flüſterte ihm jetzt auf Franzöſiſch in's Ohr: „Bleibt feſt, Sire, bleibt feſt! Soll ich ſie entfernen?“ Der Monarch machte eine heftige Geberde der Beja⸗ hung, und der Andere ſchlang ſeine Arme um Lady Eskdale und riß ſie weg. Das Papier, das ſie in der Hand hielt, fiel zu Boden, und augenblicklich in ihrer vollen Höhe ſich aufrichtend, als der Monarch durch die Thüre trat, heftete ſie einen Blick würdevollen Zornes auf den Mann, der die Empfangnahme ihrer Bittſchrift verhindert hatte, und rief laut auf Enaliſch⸗ „O William Newark— William Newark! immer bereit wie die Schlange, die Hand, die Euch genährt hat, zu ſtechen und bei allen harten, ſelbſtſüchtigen Thaten an zu helfen!“ „Armſelige Lady,“ erwiederte der Angeredete mit ei⸗ nem Blicke verächtlichen Mitleids und folgte dem König. Aber da war noch ein Anderer, der ihm gleichfalls folgte— ein ernſtblickender Mann von mittleren Jahren, mit ſanftem, ruhigem Geſicht und einem blauen Bande über der Bruſt. Mit raſchem aber leichtem Schritte eilte er 70⁰⁴ Vorzimmer ging und in einen großen, hell erleuchteten Saal treten wollte, in welchem viele Höflingsgruppen in vollem Glanze umherſtanden. Er wagte es, den König anzuhal⸗ ten, indem er ihm etwas in lateiniſcher Sprache ſehr leiſe zuflüſterte, denn Viele vom höchſten engliſchen Adel ſprachen damals weder Franzöſiſch noch Deutſch, und des erſten Georgs Geläufigkeit im Engliſchen war nicht weit her. „Wer iſt's— wer iſt's?“ fragte der Monarch gleich⸗ falls auf Lateiniſch, das er aber nicht in der höchſten Rein⸗ heit ſprach.„Was will er zu dieſer Stunde?“ „Er bringt Depeſchen von Lord Stair, Sire,“ ant⸗ wortete der Edelmann, der ihn angeredet hatte,„und iſt beauftragt, ſie unverzüglich Eurer Majeſtät eigenen Hän⸗ den zu überliefern. Es iſt derſelbe junge Gentleman, den Eure Majeſtät wegen ſeiner alsbaldigen Reue und Buße für preiswürdiger erklärten als manche Andere, welche nie an der Rebellion Theil genommen.“ Dies ſagte er immer noch leiſe; aber der Monarch er⸗ wiederte jetzt laut: „Laßt ihn ein— laßt ihn ein. Er iſt ein ſonderbarer Knabe; aber was immer von Mylord Stair kommt, iſt un⸗ verzüglicher Beachtung würdig.“ „Die Depeſchen ſollten insgeheim überliefert werden, Sire,“ bemerkte der Andere;„aber der Ueberbringer wurde aufgehalten, da er auf der Doverſtraße keine Pferde vor⸗ fand. Soll ich—“ „So ſey es, ſo ſey es,“ befahl der Konig.„Laßt die Thüren wieder ſchließen. Jedermann verlaſſe das Zimmer, außer Euch und Walpole, Mylord, und dann bringt den ungen Mann herein.“ Der Angeredete erfüllte ſeine Befehle ohne Säumen, und William Newark, ſeiner Aufforderung gehorchend, ver⸗ ließ das Zimmer mit mürriſcher Miene, welche ſich nicht erheiterte, als er Richard Newark durch dieſelbe Thüre an ihm vorbeikommen ſah. Er wagte jedoch nichts zu ſagen, und der Knabe ging mit einem kleinen Pakete in der Hand gerade auf den König zu, indem er blos eine tiefe Verbeu⸗ gung machte. „Beugt Euer Knie, beugt Euer Knie!“ flüſterte ihm der ältere Edelmann zu, und der Knabe that nach kurzem Zögern, wie er geheißen worden. „Ich freue mich, Euch wieder zu ſehen, junger Gentle⸗ man,“ begann König Georg.„Ihr ſeyd vermuthlich in Paris geweſen?“ Zu gleicher Zeit nahm er das Paket und brach es auf. Es enthielt zwei Schreiben. Doch ehe der Monarch ſich an deren Unterſuchung machte, fragte er wei⸗ ter:„Wißt Ihr, warum Lord Stair ſich ſtatt an den Staatsſekretär— perſönlich an mich wendete?“ „Weil die Sache vor Eurer Majeſtät eigenes Ohr ge ge⸗ hört,“ erwiederte Richard Newark, ohne ſich zu be⸗ ſinnen.„Wir geben einen Apfel nicht dem einen Knaben, damit er ihn dem anderen einhändige, aus Furcht, er möchte ihn ſelber eſſen.“ Der König lachte gut gelaunt und machte ſich hinter das erſte Schreiben, das unten an der erſten Seite begin⸗ nend und oben an der vierten endigend, nicht viele Worte James, Henry Smeaton. 45 706 zu enthalten ſchien. Was aber auch ſein Inhalt ſeyn mochte — er ſchien dem König große Freude zu machen. „Das iſt gut, das iſt ſehr gut,“ ſagte er.„Er iſt ein unſchätzbarer Mann. Wir werden ihn zu ehren wiſſen. In dieſer Richtung iſt Alles ſicher.“ Dann wendete er ſich an das zweite Schreiben, und ſein Geſicht gewann alsbald einen anderen Ausdruck. „Ha,“ ſagte er mit aufgeworfener Lippe und zornigem Blicke.„Abermals dieſer Lord Eskdale! Er ſtieß wiſſent⸗ lich zu den Rebellen, verharrte bei ihnen bis zum letzten Augenblicke, wurde mit den Waffen in der Hand ergriffen und muß ſterben. Ich habe ſein Urtheil unterſchrieben.“ „Dann toͤdtet mich zuerſt, Sire,“ erklärte Richard Newark in kaltem Tone,„denn ich half ihn zuerſt in die Rebellion verwickeln, und ohne ſeinen Rath hätte ich ſie niemals verlaſſen. Er ging gegen ſeinen eigenen Willen, wie Eure Majeſtät aus dieſem Schreiben erſehen wird, und wenn er ſtirbt, ſo geht es ihm wie dem Vogel, der in der Falle gefangen wird, weil er durch die vorgelegten Köder getäuſcht wurde. Eure Majeſtät kann es nicht verſtehen, bis Ihr es lest, ſo wenig als ich durch dieſe Mauer ſehen kann, denn es liegt noch Vieles jenſeits Eures und meines Geſichtskreiſes, wenn man nicht jedem von uns eine Thüre öffnet, um durchzugucken.“ Der Koönig betrachtete ihn eine Weile in höchſtem Erſtaunen, wie wenn des Knaben Unverſchämtheit ihn ganz verblüfft gemacht hätte; allmälig ſchien aber die Einſicht in die Richtigkeit des Vernommenen die kleine Anwandlung 707 von Aerger bei ihm zu überwältigen, und ohne eine Sylbe zu erwiedern, heftete er ſeine Augen auf das Papier und las es von Anfang bis zu Ende. Sobald er dies gethan hatte, kam abermals eine große Veränderung über ſeine Züge: ein ſchwankender, verlegener Ausdruck machte ſich bemerkbar. Er fuhr mit dem Finger unter ſeine mächtige Perrücke, rieb ſich die Schläfe und zog einen ſeiner Strümpfe in die Höhe, der etwas am Bein herabgerutſcht war und ihn wahrſcheinlich auf der Haut kitzelte; dann wendete er ſich an den zweiten der anweſen⸗ den Gentlemen, und ſagte: „Kommt mit mir, Mr. Walpole— kommt mit, My⸗ lord. Ich will auf einen Augenblick in mein Kabinet gehen.“ Mit dieſen Worten that er zwei Schritte gegen die Thüre, durch die er eingetreten war; dann aber warf er einen ſcharfen Blick auf Richard Newark, der mit ausdrucks⸗ loſer Miene daneben ſtand und auf den Griff ſeines Degens hinabſchaute— es war derſelbe Degen, welchen Smeaton ihm geſchenkt hatte. Des Monarchen Blick war Anfangs allerdings nichts weniger als freundlich; aber irgend etwas ſchien die Lach⸗ organe in ſeinem Gehirn oder Herzen— wo ſie auch immer liegen mögen— zu berühren, und wir Alle wiſſen, daß in jenen Organen ein gut Theil von der Milch menſchlicher Güte verborgen iſt. Er lachte leiſe aber luſtig und ſagte: „Geht nur fort, Sir, geht nur fort. Lord Stair hat ſeine Briefe einem etwas unvorſichtigen Boten anvertraut.“ 45* 708 „Der Beſte in der Welt hätte es nicht beſſer machen können, Eure Majeſtät,“ erwiederte Richard Newark keck; „denn er hat ſie den beſten Händen im Königreich ſicher überliefert.“ Wenn er ſie wirklich ſo beabſichtigte, ſo war ſeine Antwort die geſchickteſte, die er nur geben konnte: ſie war ein Kompliment, leicht eingekleidet in eine Grobheit. Ich zweifle jedoch ſehr, ob er ſie alſo meinte; jedenfalls aber erwiederte König Georg mit höchſt gnädigem Lächeln: „Geht, Sir, geht; wir werden Euch nicht vergeſſen.“ Richard Newark verbeugte ſich und ging, während der König abermals einige Schritte gegen die Thüre that. Ehe er jedoch das Zimmer verließ, wendete er ſich mit hochrothem Geſichte an einen der Gentlemen und ſagte: „Wir werden hoffentlich nicht abermals jener Frau be⸗ gegnen, denn ich habe mich noch nicht ganz entſchloſſen. Haltet jenen Menſchen, Sir William Newark, von mir entfernt; ich kann ihn nicht mehr ſo gut wie früher leiden.“ So ſprechend, ließ er Mr. Walpole und einen von ſei⸗ nem Gefolge vorantreten und folgte ihnen langſam und nachdenklich aus dem Zimmer. Das anſtoßende Gemach war mittlerweile leer gewor⸗ den; die unglückliche Lady Eskdale hatte es nach der ihr widerfahrenen Mißhandlung unverzüglich verlaſſen, und die Höflinge, welche dabei geweſen waren, als ſie dem Koͤnig ihre Bittſchrift aufzudrängen verſuchte, hatten ſich auf einem anderen Wege nach dem Saa le gedrängt, weil ſie glaubten, der König habe ſich dorthin verfügt. Es verſtrich jedoch eine volle Stunde, bis der Monarch für ſeine Gäſte ſicht⸗ bar wurde. Wir müſſen uns nunmehr zu der zweiten der oben er⸗ wähnten Scenen wenden. Auch hier war tiefe Liebe, nur in anderer Weiſe, für Smeatons Befreiung beſchäftigt. Wir wollen uns gleich mitten hinein verſetzen, denn das was folgt wird den Anfang erklären. „Nein, nein, theuerſte Lady,“ ſagte die alte Mrs. Cul⸗ pepper in leiſem, aber eifrigem Tone.—„Das darf nicht ſeyn. Das Boot wartet, das Schiff iſt zur Abfahrt bereit, ſobald er ſeinen Fuß an Bord ſetzt. Ihr müßt mit ihm gehen— dann iſt Alles in Sicherheit.“ „Wer ſoll aber zurück bleiben und ſeine Perſon im Ge⸗ fängniſſe vorſtellen?“ fragte Emmeline.„Wahrhaftig, es muß geſchehen, wie ich geſagt habe. Ihr habt zwar die Leute beſtochen, daß ſie die Augen ſchließen; aber ich glaube kaum, daß ſie es wagen werden, drei Perſonen hinaus zu laſſen, während nur zwei hereinkamen. Hierin muß ich in der That meinen Willen durchſetzen. Ich fürchte nichts— ich glaube nicht, daß irgend ein Menſch ſo grauſam ſeyn kann, um ein Weib dafür zu beſtrafen, daß ſie ihrem Gatten das Leben rettete. Ich will mich in ſeinen Roquelaure hül⸗ len und mich brütend neben das Feuer ſetzen. Mag mein Herz auch pochen, ſo wird es doch Niemand ſehen; mögen meine Augen auch überſtrömen, ſo will ich ſie mit meinen Händen bedecken. Der erſte Plan war der beſte— weitaus der beſte, und es iſt meine heilige Pflicht und ernſter Wille, um ſeinetwillen Alles für mich ſelbſt zu riskiren. O Him⸗ 7¹⁰ mel! welches Glück wird es ſpäter ſeyn, ſelbſt, wenn ſie mich in's Gefängniß ſperren und ſein Antlitz nie mehr ſehen laſſen— zu denken, daß ich ihn gerettet habe!“ „Es iſt immer noch derſelbe Plan, theure Lady,“ ver⸗ ſetzte Mrs. Culpepper in ihrer gewohnten, ſtillen, ruhigen Weiſe;„Ihr dürft und könnt ihn aber nicht auf dem vorge⸗ ſchlagenen Wege ausführen. Bedenkt nur Eure Größe, den Unterſchied zwiſchen Eurer winzigen Figur und der ſei⸗ nigen. Sie müßten ja wahrlich blind ſeyn, um Euch ſtatt ſeiner zu nehmen; wir können nicht erwarten, daß ſie ſo blind ſeyn werden. Ich bin zwar kleiner als er, aber immer noch groß genug, und der Unterſchied wird nicht ſo leicht be⸗ merkt werden. Sie werden nicht ſehr genau aufpaſſen, be⸗ ſonders wenn er ſein Taſchentuch vor's Geſicht hält und ſich ſtellt, als ob er weine. Auch meine Kleider werden ihm ſo ziemlich paſſen und—“ „Und wollt Ihr— wollt Ihr an ſeiner Stelle blei⸗ ben?“ fragte Emmeline, ihr mit einem Blicke der Bewun⸗ derung und Dankbarkeit in's Geſicht ſchauend.„Was wollt Ihr ſagen, wenn ſie Euch entdecken? Ihr habt keine ähn⸗ liche Entſchuldigung wie ich.“ „Ich will ſagen, Lady,“ erwiederte die Frau ernſthaft, „daß er als Kind an dieſer meiner Bruſt trank, daß er mir wie ein eigenes Kind wax, nachdem mir Gott das meinige genommen, daß er mein Säugling, mein Liebſtes, mein Cin und Alles war, der mich liebte und den ich lieben konnte, nachdem ich alles Andere auf Erden verloren. Wenn ſie dann auch für gut finden, meine Tage zu verkürzen oder ſie mich im Gefängniſſe verleben zu laſſen, ſo iſt es nur wenig, was ſie mir rauben oder über mich verhängen können.— In der That, Lady, ſo muß es geſchehen, und wir verlieren nur Zeit bei längerem Streiten. Man wird uns nach eilf Uhr nicht mehr ein⸗ oder auslaſſen. Jetzt iſt es neun Uhr vorüber, und es wird einige Zeit wegnehmen, um ihn ſo zu verkleiden, wie wir wünſchen. Nehmt alſo Euren Hut und ſputet Euch. Mit dieſem Mantel über meinem übrigen An⸗ zuge und einer weiten franzöſtſchen Kapote haben wir alles Nöthige beiſammen, um Geſicht und Geſtalt Eures Gatten zu verhüllen.“ Emmeline ſchaute nachdenklich zu Boden, ſagte aber nichts, da ihr Herz zu voll zum Sprechen war, und ſo traten ſie nach wenigen Minuten ihr Abenteuer an, gefolgt von zwei Dienern, welche die alte Haushälterin bereits auf die bevorſtehende Aufgabe vorbereitet hatte. Sobald ſie jedoch fort waren, ſah man einen von Sir John Newark's Leuten, der ſchon mehrere Jahre zu Ale ge⸗ lebt und ſich gewöhnt hatte, als einer ſeiner Spione Alles, was ſich im Hauſe zutrug, auszukundſchaften— ſchweigend aus dem Hauſe ſchleichen und ihnen mit verſtohlenem Schritt das kleine Gäßchen hinab folgen. Er ſah ſie Tower Hill durchkreuzen und an dem Thore Einlaß erlangen; dann wen⸗ dete er ſich zur Rechten und näherte ſich einem Hauſe in einer benachbarten Straße, indem er ſeinen Schritt ſo viel wie moͤglich beſchleunigte, ohne gerade in ein Laufen aus⸗ zuarten. Sobald er die Thüre erreichte, fuhr eine der damaligen 71² Miethkutſchen vor, und ein Gentleman in ziemlich glaͤnzen⸗ dem Anzuge ſtieg langſamen Schrittes aus. Der Diener wartete, bis der Andere den Fuhrlohn bezahlt hatte, zupfte ihn dann am Aermel, indem er ihm etwas in’s Ohr flüſterte Das düſtere, mißvergnügte Geſicht des Gentleman's klärte ſich alsbald auf, und er rief mit ſpöttiſchem Lachen: „Ha, ha! ſo ſind ſie in die Falle gegangen. Jetzt fort nach dem Tower. Ihr bleibt und wartet am Thore. Doch nein— wir wollen ſie lieber im letzten Augenblicke ab⸗ fangen, wenn ſie ſich etwa ſchon ſicher glauben. Es wird verdienſtlicher ſeyn, ihn zurückzubringen, nachdem er wirklich entwiſcht iſt, als ihn am Entfliehen zu verhindern. Ihr ſeyd doch ſicher, ganz ſicher? Denn einen alten Raben ſtatt eines jungen Falken zu fangen, würde mir nicht taugen.“ „Ich bin ganz ſicher,“ erwiederte der Mann,„denn ich habe Alles mit angehört, als ich an dem Loche, das ich in die Mauer bohrte, lauſchte. Heute Morgen konnte ich nicht ausfindig machen, welche von Beiden ſeine Rolle ſpielen ſolle; aber ſoeben hab ich's vernommen, und ich bin meiner Sache ganz gewiß. Die alte Frau war, wie es ſcheint, ſeine Amme, und iſt bereit, ihr Leben für das ſeinige zu opfern.“ „Gut, gut, ſo geht nur an's Thor und wachet,“ erwie⸗ derte William Newark.„Gebt mir augenblicklich Nachricht, ſowie ſie zum Vorſchein kommen. Ich will unterdeſſen einen Gerichtsboten herbeiholen; ich weiß einen, der dicht in der Nähe wohnt.“ Der Diener that, wie ihm befohlen ward; er war je⸗ doch noch nicht viele Minuten neben dem Thore des Towers „» geſtanden, als mehrere raſche Schritte näher kamen, und er ſich gegen die neuen Ankömmlinge umwandte. 2„Ha, ha, alter Truepenny!“ rief Richard Newark, den Mann feſt am Arme packend;„wozu ſteht Ihr hier auf der Lauer?“ „O's iſt gar nichts, Junker Richard; ich will nur ein Bischen Luft ſchöpfen,“ gab der Mann zur Antwort. „Ihr wollt auf alle Fälle Eure Abſichten nicht an die Luft kommen laſſen,“ erwiederte Richard Newark.„Ich kenne Euch, dienſtfertiger Schurke! Dies iſt der Burſche,“ fuhr er, an zwei junge Männer, ſeine Begleiter, gewendet, fort,„dies iſt der Burſche, der das Einſchmuggeln des Thee's denuncirte.“ „Dann will ich ihn zu einem Stockfiſch breit klopfen,“ fluchte einer der jungen Männer, ſeinen Prügel ſchwingend. „Nein, nein,“ fiel Richard lachend ein.„Wartet bis ihr ihn wieder in Ale habt; dann könnt Ihr ihn theeren und einſalzen.— Fort mit Euch, Argus, oder Ihr ſollt keine Augen zum Sehen übrig behalten.“ Der Mann gehorchte, ohne ſich zu beſinnen, und rannte, ſobald der junge Gentlemen ihn losließ, über den offenen Raum, ſo ſchnell ſeine Beine ihn zu tragen vermochten. Jetzt wendete ſich Richard Newark abermals gegen das Thor; aber kaum hatte er drei Schritte gethan, als er ſtehen blieb und nach kurzer Ueberlegung, die Hand auf die Stirne gedrückt, ſachte nebenan ſchlich, während die beiden Jungen ihm folgten. 714 Vierundvierzigſtes Kapitel. Gegen halb eilf Uhr traten zwei Perſonen aus dems ſelben Zimmer des Towers, in welchem der junge Earl von Eskdale ſo lange eingeſperrt geweſen. Beide waren in weib⸗ licher Kleidung, Beide offenbar ſehr angegriffen, und es ſchien dies ſehr natürlich, da der folgende Morgen zu dem blutigen Schauſpiele einer Hinrichtung auf Tower Hill be⸗ ſtimmt war. Die jüngere und kleinere Dame zitterte ſo heftig an allen Gliedern, daß ſie ſich kaum aufrecht zu er⸗ halten vermochte; die andere ſchien jedoch weit ſtandhafter, obwohl auch ſie ſcheinbar weinte und ein Taſchentuch vor die Augen hielt, denn ſie ſchien die wankenden Schritte ihrer Be⸗ gleiterin zu unterſtützen, als ſie auf den Gang hinaustraten. Der Gefangenwärter, der die Thüre öffnete, um ſie aus dem Zimmer zu laſſen, ſchaute hinein und ſah eine hohe Geſtalt in einem rothen, goldgeſäumten Mantel, das Haupt auf die Hand lehnend, am Feuer ſitzen. „Alles in Ordnung,“ ſchrie er einem andern Manne zu, der dicht daneben oben an der Treppe ſtand.„Laßt ſie hinaus!“ So eilten ſie durch die Gänge und Höfe des Tower, ſo ſchnell die Erſchütterung des jungen Mädchens es erlaubte und gelangten ohne Hinderniß an die Außenpforte, wo die beiden Diener in dem kleinen Thorſtübchen ihrer harrten. Der Schließer, der ſie begleitete, ſchien für einen Mann ſei⸗ nes Amtes ein gutherziger Menſch zu ſeyn, denn während das Gitter geöffnet wurde, ſagte er: „Nehmt's Euch nicht ſo zu Herzen, Lady. Vielleicht wird er doch noch begnadigt.“ Einer der handfeſten Wärter, die in der Nähe ſtanden, warf einen grimmigen, verächtlichen Blick nach ihm nnd ſtieß ein kurzes, grauſames Lachen aus; die beiden Beſucher paſſirten jedoch ohne Antwort und ungehindert das Gitter und ſtanden auf Tower Hill. Die Diener folgten, und das Thor wurde geſchloſſen. Noch immer im tiefſten Schweigen wanderten ſie Alle in höchſter Eile nicht gegen die kleine Straße, wo Emmeline wohnte, ſondern gegen den Ausgang einer andern Gaſſe. Sobald ſie den offenen Raum halb⸗ wegs hinter ſich hatten, beugte ſich die letztere der beiden Perſonen zu ihrer Begleiterin und flüſterte ihr in's Ohr: „Bleibe ſtandhaft, theure Emmeline, bleibe ſtandhaft! Wir ſind jetzt beinahe gerettet.“ Kaum waren jedoch dieſe Worte ausgeſprochen, als ſich ihnen plötzlich zwei bis drei Männer in den Weg ſtell⸗ ten, deren einer die anſcheinend ältere Frau am Arme faßte und mit ſpöttiſchem Lachen ausrief: „Ihr ſeyd eine große Dame, bei meiner Seele! um ſo bei Nacht auf Tower Hill ſpazieren zu gehen! Wahrhaftig, wir müſſen mehr von Mylady zu ſehen bekommen.“ Ein zweiter Mann, der ſich ſpäter als ein zur Verfol⸗ gung ausgeſendeter Gerichtsbote erwies, faßte im ſelben Augenblicke den jungen Earl(denn ich brauche kaum zu ſagen, daß er es war) mit harter, feſter Fauſt und rief: „Henry Earl von Eskdale, in des Königs Namen for⸗ dere ich Euch auf, keinen Widerſtand zu leiſten.“ 716 Mit ſchwachem Schrei der Verzweiflung ſank Emme⸗ line zu Boden, während ſie Smeaton von ihrer Seite riſſen. Die beiden Diener rannten herbei und ſchrien:„wie könnt ihr es wagen, dieſe Dame anzuhalten?“ und zornige Worte wurden gewechſelt; aber Smeaton ſiel mit den Worten ein: „Es iſt vergeblich, es iſt vergeblich. Sorgt für Eure Lady, ihr guten Leute; bringt ſie ſicher nach Hauſe. Gott ſteh Dir bei, meine Emmeline!“ „Was gibt's, was gibt's hier?“ donnerte Richard Newark, plötzlich mit zwei oder drei Burſchen erſcheinend, während der Mann, der Smeaton zuerſt gefaßt hatte, ihn den Händen des Gerichtsdieners überließ und Emmelinen vom Boden aufhob. „Aha, Meiſter Dick!“ rief er,„habt Ihr Euren Finger in dieſer hübſchen Paſtete? Macht lieber, daß Ihr ſo bald wie möglich fortkommt, junger Mann.“ „Wie könnt Ihr es wagen, Ihr Schurke, dieſe Dame anzurühren?“ fragte Richard mit einer vor Wuth zitternden Stimme, als er die Perſon William Newark's erkannte. „Nehmt Das für Eure Mühe!“ Und die Scheide ſeines Schwertes mit der linken Hand feſthaltend, verſetzte er ſeinem Vetter einen wüthenden Streich mit der Rechten. William Newark ſprang auf ihn los und zog ſeinen Degen; Richards Schwert blieb auch nicht lange in der Scheide; aber die Diener miſchten ſich ein und trennten ſie für jetzt, doch erſt nachdem manche Worte— einige in lautem Zorne, andere in dem leifen Tone tiefen Haſſes— gefallen waren, welche bald darauf ihre Früchte tragen ſollten. Die letzten vier dieſer Worte wurden nur leiſe geflüſtert. „Um Sieben und allein“— ſagte Richard ſeinem Vetter in's Ohr. Der Andere nickte mit dem Kopfe und wandte ſich mürriſch weg, während Richard das unglückliche Mädchen aufheben half, deſſen letzte Hoffnung durch das Wieder⸗ ergreifen ihres Gatten erloſchen war, und ſie noch immer bewußtlos in ihre Wohnung tragen ließ. Der Gerichtsbote und zwei ſeiner Leute führten unter⸗ deſſen den Gefangenen nach dem Thore des Tower zu⸗ rück, während ſich in Smeatons Bruſt Gefühle regten, zu finſter und ſchmerzlich, als daß wir ſie beſchreiben könnten. Er war ſchon lange auf ſein Schickſal gefaßt geweſen, und das Erlöſchen der kurzen Hoffnung auf Flucht vermochte die Laſt, die er bereits trug, nur wenig zu vermehren; aber der Gedanke an Das, was wohl Emmeline für ihren Verſuch ihn zu retten, befallen würde, an die gewiſſen Folgen für die hingebende Frau, welche ihre Freiheit und ſogar ihr Leben für ihn gefährdet hatte— war zu ſchwer, als daß er ihn mit einiger Faſſung tragen konnte. Vor den Thoren des Towers angelangt, fanden ſie das Gitter zu ihrer Ueberraſchung offen, während großer Lärm und Verwirrung unter dem Eingang des Pförtnerſtübchens herrſchte. Etliche zwölf bis fünfzehn Leute waren daſelbſt verſammelt; ein lautes Summen von Stimmen und meh⸗ rere heftige, zornige Worte waren vernehmbar. Der Stell⸗ vertreter des Gouverneurs ſelber ſtand im ſeidenen Schlaf⸗ rock daneben, während ein Mann neben ihm eine Laterne hielt, und eben als der Gerichtsbote, ſeinen Gefangenen noch immer feſt am Arme haltend, durch das Gitter ein⸗ trat, hörten ſie jenen Offizier ausrufen: „Schließt das Thor, ſchließt das Thor! Haltet Alle das Maul! Wenn ihr vorſichtig zu Werke geht, ſo kann es noch ohne Schaden ablaufen— wo nicht, ſo müſſen Einige von Euch mit dem Kopf dafür bezahlen.— Ha, wen haben wir hier?“ „Einen entlaufenen Gefangenen, Herr Lieutenant,“ antwortete der Gerichtsbote, der das ganze Verdienſt der Sache für ſich geltend zu machen ſuchte.„Ich halte aber ſcharfe Wache und bekam Wind von dem ſauberen Kom⸗ plotte.“ Der ſtellvertretende Gouverneur ſtarrte ihn mit kaltem Blicke an, und keine große Freude zeigte ſich in ſeinem Geſichte. „Ei, Herr Gerichtsdiener,“ ſagte er nach kurzem Be⸗ ſinnen,„hattet Ihr einen Verhaftsbefehl für Das, was Ihr gethan habt?“ Der Mann ſah ſehr beſtürzt aus bei dieſer Frage, er⸗ wiederte aber in unverſchämtem Tone: „Ich brauchte keinen Verhaftsbefehl, um einen über⸗ wieſenen Verräther zu ergreifen, den Ihr auf irgend eine Weiſe aus dem Tower entſchlüpfen ließet.“ Der Lieutenant betrachtete ihn noch immer mit zürnen⸗ der Miene und übereinandergebiſſenen Zähnen, und erwie⸗ derte ſofort: „Ihr werdet zu beweiſen haben, Herr Gerichtsdiener, daß Ihr eine ſolche Rechtfertigung für Euer Verfahren be⸗ ſitzet. Ich ſage Euch, Ihr habt keine.“ Dann an einen der Wärter ſich wendend, befahl er in ſcharfem Tone: „Schließt das Gitter, ſag' ich, und verriegelt es. Laßt Niemand aus oder ein, bis ich zurückkomme. Auch dieſen Mann bewacht mir wohl“— indem er auf den Gerichts⸗ boten deutete—„und ſprecht keine Sylbe mit ihm. Laßt Niemand ein Wort mit ihm wechſeln, ſo theuer Euch des Königs Gunſt iſt.— Mylord von Eskdale, wollt Ihr mir die Ehre erweiſen, mich in Euer Zimmer zurückzubegleiten? Ich wünſche ein Paar Worte mit Euch zu ſprechen.— Laßt ſeinen Arm los, Sir— augenblicklich laßt ihn los!“ Der Bote ließ den Gefangenen fahren und Smeaton, nicht weniger überraſcht als ſein Häſcher, folgte dem Lieute⸗ nant ſchweigend in das Zimmer zurück, wo er eingeſperrt geweſen. Sie fanden die Thüre offen, und drinnen ſtand der Schließer mit finſteren Blicken, die Arme über der Bruſt ge⸗ kreuzt, während die alte Mrs. Culpepper, nachdem ſie des jungen Mannes Roquelaure abgeworfen, in ihrem gewöhn⸗ lichen Anzuge vor dem Feuer ſaß. Sobald ſie Schritte nahen hörte, ſprang ſie auf, und als ſie Smeaton erkannte, faltete ſie ſchweigend ihre Hände mit einem Blicke unaus⸗ ſprechlicher Seelenangſt. „Schafft ſie nach meiner Wohnung,“ befahl der Lieu⸗ 720 tenant dem harrenden Schließer,„und bewacht ſie dort, bis ich zurückkomme.“ Der junge Earl eilte jedoch auf ſie zu und nahm ſie bei der Hand. „Dank, tauſend Dank, trefflichſte der Frauen!“ rief er. „Ich bitte Gott als letzten Wunſch in meinem ganzen Leben, daß er Euch und meine Emmeline ſchützen und Euch vor allen üblen Folgen dieſer Nacht behüten möge.“ Noch ehe ſie antworten konnte(denn ihre Stimme war von Schluchzen erſtickt), wurde ſie aus dem Zimmer geführt; der Lieutenant ſchloß ſorgfältig die Thüre und ſagte mit leiſem, bedauerndem Lächeln: „Dieſe Kleidung geziemt Euch nicht, Mylord. Laßt mich bitten, daß Ihr ſie ablegt, denn ich weiß kaum, ob ich mit dem Earl von Eskdale oder mit einem alten Weibe rede.“ „Das iſt leicht gethan,“ erwiederte Smeaton, den weiten Mantel ablegend, der, unter dem Namen Sack be⸗ kannt, faſt ein volles Jahrhundert die Lieblingskleidung der engliſchen und franzöſiſchen Damen bildete.„Nun, Sir, bin ich wieder Euer Gefangener. Ich erſuche Euch, mich für die Paar letzten Stunden meines Lebens den Gedanken, wie ſie meiner Lage ziemen, zu überlaſſen und die eben erleb⸗ ten Ereigniſſe womöglich zu verſchweigen, ſo daß jene treff⸗ liche Frau und alle Andern vor üblen Folgen bewahrt bleiben.“ „Das iſt eine recht widerwärtige Geſchichte, Mylord,“ bemerkte der Lieutenant nachdenklich;„und bei meinem Leben! ich weiß nicht recht, was ich thun ſoll. Will Eure Lordſchaft mir die einzige Frage auf Eure Ehre beantwor⸗ ten? War einer von den Schließern— ich wünſche nicht, daß Ihr das Individuum nennet— war einer von den Schließern bei Eurer Flucht betheiligt?“ „Nicht im Geringſten, nach meinem beſten Wiſſen und Glauben,“ verſetzte Lord Eskdale.„Sie erhielten von mir die gewöhnlichen Gratialien und nichts weiter; auch habe ich nicht bemerkt, daß ſie mir im Geringſten durch die Finger ſahen. Sie wurden durch meine Verkleidung getäuſcht, wie Ihr ſelbſt vielleicht getäuſcht worden wäret.“ „Ich danke Eurer Lordſchaft für dieſe Verſicherung,“ ſagte der Lieutenant,„denn ſie beruhigt mich ſehr; aber doch weiß ich kaum, wie ich verfahren ſoll.“ „Mich dünkt, wenn Ihr einfach berichtetet, daß ich zu fliehen verſucht habe aber verhindert worden ſey, ſo wäre das Alles, was Eure Pflicht verlangt,“ bemerkte Smeaton. „Weiß doch nicht,“ meinte der Lieutenant;„ich habe zwar noch nie gehört, daß eine Begnadigung zurückgenom⸗ men worden wäre; aber ſo viel iſt gewiß, daß ein Verſuch, aus dem Gefängniß zu brechen—“ „Eine Begnadigung!“ rief Smeaton, während ſein Herz weit ſtürmiſcher pochte, als es beim Anblick des Schaf⸗ fots und Richtbeiles gethan hätte.„Was meint Ihr da⸗ mit, Sir?“ „Nichts Anderes, Mylord, als was ich ſage,“ verſetzte des Gouverneurs Stellvertreter.„Gerade um die Zeit, als ſich Eure Lordſchaft zur Flucht vorbereiten mochte, brachte mir der Diener des Staatsſekretärs ein Schreiben, das mich James, Henry Smeaton. 46 7²2² bevollmächtigte, Euch Seiner Majeſtät volle Gnade anzu⸗ kündigen und Euch zu ſagen, daß Ihr Euch von dieſem Augenblicke an als frei betrachten dürfet, obgleich das De⸗ kret erſt Morgen des Königs Siegel erhalten werde. Wie die Ereigniſſe dieſer Nacht ausgelegt werden dürften, und was ich unter ſolchen Umſtänden thun ſoll— kann ich wahrhaftig nicht ſagen. Als Mann von Ehre, Mylord, was rathet Ihr mir, zu thun?“ In einem Zuſtande furchtbarer Aufregung ging Smea⸗ ton zweimal im Zimmer auf und ab; dann wendete er ſich an den Lieutenant mit den Worten: „Keine Rückſicht, Sir, ſoll mich beſtimmen, Euch zur Vernachläſſigung Eurer gebieteriſchen Pflicht aufzufordern. Ihr müßt den König benachrichtigen, ſo ſchrecklich auch der Zuſtand der Erwartung und ſo gefährlich auch das Reſultat für mich ſeyn mag. Ich möchte freilich wünſchen, daß es unverzüglich geſchehe; aber zu dieſer Stunde der Nacht—⸗ „Mylord, Ihr ſeyd in der That ein edler Mann,“ er⸗ wiederte der Lieutenant,„und ich glaube kaum, daß Ihr durch Euer Verhalten Schaden nehmen werdet. Ich hatte mich etwas unwohl zu Bette begeben, ehe der Bote an⸗ langte. Er beſtand darauf, daß man mich wecke, und ſo er⸗ gab ſich natürlich einiger Aufſchub; ſonſt wäre Euch die Begnadigung angekündigt worden, noch ehe Ihr dieſen Ver⸗ ſuch machtet. Als ich mit dieſer Nachricht, wie befohlen, in Euer Zimmer kam, da entdeckte ich, daß Ihr fort waret. Aber ich will Euch ſagen, was ich thun will. Seine Maje⸗ ſtät iſt noch auf, denn es iſt heute Hofball; ich will ſogleich ₰ 4 ——— 723 aufbrechen und ihm oder dem Staatsſekretär die ganze Ge⸗ ſchichte vorlegen. Halt! vielleicht wäre es beſſer, wenn Ihr ſelbſt an den König ſchriebet; ich will dann Euer Bote ſeyn. Es iſt durchaus nothwendig, daß dieſer Schritt ſogleich ge⸗ ſchieht. Ihr habt Schreibmaterialien hier: bitte, ſchreibt ſo kurz wie möglich, während ich mich umkleide, um mich im Pallaſte zu präſentiren.“ Mit dieſen Worten verließ er ihn, und Smeaton be⸗ gann mit fliegender Hand, wie folgt, zu ſchreiben: „Sire! „Eurer Majeſtät hohe Gnade wurde mir in dieſem Augenblicke angekündigt, und ich bitte um die Erlaubniß⸗ Euch den Ausdruck meines Dankes zu Füßen legen zu dür⸗ fen. Ich weiß nichts, als Eure eigene, gnädige Erwägung, was Euch veranlaſſen konnte, mich zu verſchonen, obwohl ich Euch bei meiner Ehre verſichere, daß die Urſachen, wie ich ſie ohne Beweis in meinem Verhöre angegeben und wie ſie mich(wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf) zum Er⸗ greifen der Waffen getrieben oder verführt haben— der ſtrengſten Wahrheit gemäß ſind. Laßt mich noch weiter ver⸗ ſichern, daß ich hinfüro Euch weder direkt noch indirekt das Recht an eine Krone ſtreitig machen werde, die Ihr— wie ich nunmehr völlig überzeugt bin— mit dem Willen der großen Mehrheit des Volkes behauptet, wenn Ihr mir Eure Gnade noch ferner zu ſchenken geruhen wollet. Zu gleicher Zeit fühle ich mich jedoch verpflichtet, Euch zu benachrich⸗ tigen, daß ich in demſelben Augenblicke, da Eure huldvolle 46* 724 Begnadigung in den Tower gelangte, ohne die Betheiligung des Aufſichtsperſonals mit dem Verſuche beſchäftigt war, meine Flucht aus dem Gefängniſſe zu bewerkſtelligen, da ich nicht anders glaubte, als daß das Entkommen meine einzige Ausſicht auf Lebensrettung ſey. Dieſer Verſuch wurde ver⸗ eitelt, und ich mag die königlichen Offiziere des Towers nicht einmal zu überreden ſuchen, daß ſie Euch dieſe That⸗ ſache vorenthalten, ſondern will lieber mein Leben der Gnade eines Monarchen anheimſtellen, der ſich bereits huldvoller gegen mich gezeigt hat, als ich erwarten konnte.“ Er hatte ſein Schreiben kaum geſchloſſen, als der Lieu⸗ tenant zurückkehrte, und nach wenigen Minuten war der junge Edelmann abermals allein, um in peinlicher Angſt das Reſultat abzuwarten. Mittlerweile müſſen wir den Lieutenant in den Palaſt begleiten. Der Staatsſekretär wurde von ihm herausge⸗ rufen und kehrte nach kurzer Unterredung zu dem Könige zurück. Eine Stunde und einige Minuten verſtrichen, wäh⸗ rend der Lieutenant im Vorzimmer auf des Koͤnigs Belie⸗ ben harrte. Endlich vernahm man an dem Rollen der Wagen, daß viele Leute aufbrachen; ein Page trat ein und befahl dem Offizier, ihm in des Königs Kloſet zu folgen. Da er weder franzöſiſch noch lateiniſch ſprach, ſo konnte er dem König blos den Brief des Earls von Eskdale vorlegen, dem Sekretär es überlaſſend, daß er ihn genau überſetze und jede weitere Erklärung gebe. Nachdem der Monarch das Ganze vernommen, ſagte er mit luſtigem Lachen: „Flucht! Das war natürlich, daß er die Flucht ver⸗ ſuchte. Was konnte ein Gentleman in ſeiner Lage Beſſeres thun? Nein, nein, unſere Unterſchrift lautet auf Gnade. Sie bedarf nur noch des Siegels, und wir wollen ſie nicht zurücknehmen. Eine Begnadigung könnten wir niemals widerrufen, Gentlemen: Strenge läßt ſich widerrufen— Gnade niemals. Ueberdieß iſt durch das Zeugniß Lord Stair's und durch das des Oberſten Churchill, der des ſter⸗ benden Thomas Higham Ausſage in Empfang nahm, er⸗ wieſen, daß dieſer junge Edelmann ganz gegen ſeinen Willen zu dem böſen Werke gehetzt wurde, daß er den Vorurtheilen ſeiner Familie zum Trotze im Herzen uns angehörte, und daß die Intriguen dieſes Sir John Newark und Anderer ſein etwas raſches und hitziges Temperament irre führten. Mit jenem nämlichen Ritter muß etwas vorgenommen wer⸗ den. Ich fürchte, wir können ihn nicht wegen Hochverraths packen; aber es muß irgend ein Geſetz wegen aufrühreriſcher Praktiken exiſtiren, das auf ihn Anwendung findet.“ „Ich bin nicht gewiß, Sire, ob dieſes Gentlemans Handlungen nicht geradezu auf Hochverrath hinauslaufen,“ erwiederte Mr. Stanhope, einer der Staatsſekretäre.„Sein Brief an den Earl von Mar iſt unzweifelhafter Verrath.“ „Gut, gut, ſorgt nur dafür,“ ſagte der König.„Was dieſen jungen Lord betrifft, ſo laßt den Pardon ausfertigen. Er ſoll ſogleich freigelaſſen werden.“ „Seine Majeſtät ſagt, der Pardon ſoll nicht wider⸗ rufen werden, Herr Lieutenant,“ erklärte der Sekretär.„Ihr mögt den Lord Eskdale in Freiheit ſetzen. Aber ich glaube, 726 es waͤre beſſer, wenn er eine Zeitlang in Frankreich ver⸗ weilte.“ b Der Lieutenant des Towers entfernte ſich mit einer Verbeugung. Zu ſeiner großen Freude hatte man nur einige Fragen an ihn gerichtet, und in den Tower zurückkehrend, ſo ſchnell nur ein Paar langſame Pferde ihn zu ziehen ver⸗ mochten, betrat er noch einmal dieſen Wohnſitz des Kum⸗ mers und der Sorge. Er fand den Boten, welcher Smea⸗ ton auf Tower Hill ergriffen, noch immer im Thorſtübchen, und gab den Befehl zu ſeiner Befreiung, indem er ſagte: „Ihr habt Eure Pflicht zwar überſchritten, Sir, aber es geſchah aus Unwiſſenheit. Ich höre, daß des Earls von Eskdale Begnadigung bereits unterzeichnet war. Ich habe keine Befehle, die Eure Perſon berühren. Ihr könnt alſo frei ausgehen, mögt Euch aber in Zukunft beſſer in Acht nehmen.“ Dann verfügte er ſich geradeswegs nach dem Zimmer ſeines früheren Gefangenen, indem er ihm die Freudenbot⸗ ſchaft überbrachte, daß ſein Pardon beſtätigt ſey. „Die alte Frau anlangend, die ſich entſchloß, einen jungen Edelmann vorzuſtellen, ſo iſt Nichts über ſie geſpro⸗ chen worden,“ ſagte er,„und ich muß es alſo wohl auf meine Verantwortung nehmen, ſie frei zu laſſen, da ich kei⸗ nen Verhaftsbefehl wider ſie beſitze. Was Euch betrifft, Mylord, ſo könnt Ihr entweder hier übernachten oder ſo⸗ gleich abgehen, wie es Euch beliebt. Nur darf ich nicht er⸗ mangeln, Euch zu benachrichtigen, daß der Sekretär Stan⸗ hope mir den Wink gab, wie es wohl beſſer wäre, wenn Ihr —— 727 einige Zeit ruhig in Frankreich verlebtet. Wollt Ihr uns heute Nacht oder morgen Früh verlaſſen?“ „Natürlich heute Nacht,“ erwiederte der junge Earl. „Ich ſehne mich, dieſe tröſtliche Nachricht Denen zu über⸗ bringen, deren Herzen jetzt voll Trauer ſind, und zuerſt jener guten alten Frau, die ſo viel für mich riskirte.“ „So kommt mit,“ ſagte der Lieutenant. Eine halbe Stunde ſpäter trat Smeaton, ſeine gute, alte Amme an der Hand, frei aus den Thoren des Towers, während einer von des Gouverneurs Dienern ſein Bischen Gepäck hinter ihnen drein trug. Sie nahmen ihren Weg gerade nach der Straße, wo Emmelinen ihr Aufenthalt angewieſen war und wo noch Lichter durch die Fenſterſpalten ſchimmerten, obwohl es nahe⸗ zu drei Uhr Morgens war. Smeaton wartete mit nicht ge⸗ ringer Angſt, bis die Thüre ſich öffnete, und es däuchte ihm ſehr lange, als ſie endlich aufging und einer der beiden Die⸗ ner, welche Lady Emmelinen heute Nacht nach dem Tower begleitet hatten, mit einem Lichte erſchien; als er die Ge⸗ ſichter der Klopfenden erkannte, hörte man ihn einen Ruf freudiger Ueberraſchung ausſtoßen. „Pſch!“ rief Smeaton leiſe.„Wie geht es Eurer Gebieterin?“ „O, Mylord, jetzt wird's Ihr ſchon wohl werden,“ gab der Mann zur Antwort. „Horch,“ ſagte Richard Newark aus dem Nebenzim⸗ mer.„Horch, Emmeline— blick auf. Ich ſagte Dir's ja: noch gibt es Hoffnung— noch gibt es Troſt für Dich!“ 728 Indem er ſprach, riß er die Thüre auf. Emmeline ſaß da und hatte ihr thränengebadetes Ge⸗ ſicht mit den Händen bedeckt; nach den Worten ihres Vet⸗ ters ſchaute ſie auf, ſprang Smeaton entgegen und lag im nächſten Augenblicke in ihres Gatten Armen. Die Erklärungen, welche jetzt von allen Seiten gege⸗ ben wurden, können wir übergehen. Auch die Freude, welche Alle nunmehr empfanden, kann der Leſer ſich denken, und ich brauche über die ferneren Ereigniſſe dieſer Nacht blos zu ſagen, daß Richard Newark die Liebenden ihrem eigenen Glücke überließ, nachdem er nur einen kleinen Theil von Smeaton's Geſchichte angehört hatte. Am folgenden Morgen gegen acht Uhr wurde dem Earl von Eskdale ein Billet, in einer kritzlichen Knabenhand geſchrieben, überreicht. Er öffnete es haſtig und las fol⸗ gende Worte: „Edler Freund! Ich will heute Morgen verſuchen, ob Ihr ein guter Fechtmeiſter ſeyd, und ob die Klinge, die Ihr mir gabt, des Handhabens werth iſt. Sollte ich bis acht Uhr nicht bei Euch und der theuren Emmeline eintreffen, ſo werdet Ihr auf dem Felde bei Mary⸗le⸗Bone das Weitere von mir hören. Gott ſegne Euch Beide als zärtliches Turteltauben⸗ paar. Wenn Ihr ihn nicht mehr ſeht, ſo denkt von Zeit zu Zeit an den armen Dick.“ — 729 Emmeline war noch nicht auf; aber Smeaton ſam⸗ melte ſogleich einige von den Dienern und brach in furcht⸗ barer Angſt nach dem Punkte auf, den das Billet ihm be⸗ zeichnet hatte, und der damals— nebenbei bemerkt— wegen der zahlreichen Duelle, welche daſelbſt ſtattfanden, berüchtigt war. Sie riefen einige Leute, welche mit der Lokalität beſſer als ſie bekannt waren, zu Hülfe und durch⸗ ſuchten die Felder, wo jetzt die Baker⸗Street und die anlie⸗ genden Häuſermaſſen ſtehen, längere Zeit ohne Erfolg, bis ſie endlich auf den Körper eines Mannes ſtießen, der mit einer alten Narbe auf der Stirne und einer Stichwunde gerade durch die Bruſt auf dem Rücken dalag und ſein Schwert noch immer umklammert hielt. Das Leben war offenbar ſchon ſeit einiger Zeit bei ihm erloſchen, und Smea⸗ ton, der ihn wohl kannte, hielt ſich nicht lange mit ihm auf. Zunächſt der Stelle, wo er lag, und welche ein wahrer Sumpf von Blut geworden, zeigte ſich der Boden weiter⸗ hin mit Blut beſprengt, und als ſie den Tropfen weiter nachſpürten, welche faſt dreihundert Schritte weit auf dem beeisten Gras zu bemerken waren, erreichten ſie einen Ort, wo Richard Newark unter einigen hohen Bäumen mit dem Rücken an einen derſelben ſich lehnend, neben einer Stiege ſaß, welche er offenbar vergeblich zu erreichen verſucht hatte. Sein Geſicht war aſchgrau und ſeine Hand ruhte matt an dem Baume; aber er drückte noch immer ein blutgetränktes Taſchentuch gegen die rechte Seite, wie wenn er das Bluten einer tiefen Wunde ſtillen wollte. Er vermochte Anfangs nicht zu ſprechen, nicht einmal den Kopf zu erheben; aber 730 Smeaton ſchickte alsbald einen der Diener nach einem Arzt und nach Belebungsmitteln, indem er ſelbſt ſeine Weſte aufknöpfte und mit auffallender Geſchicklichkeit den Blut⸗ ſtrom verſtopfte, mit welchem das Leben dahinzufließen drohte. Nach wenigen Minuten hatte ſich der Verwundete etwas erholt, und nach der Ankunft des Arztes, der ihm alsbald einige der damals modiſchen Eſſenzen eingab, ſchaute er ſeinem Freund mit heiterem Lächeln in's Geſicht und ſagte: „Ha, ha, Eskdale! ich habe unſerem Freunde alle Schulden heimbezahlt; was den Schurken aber am meiſten ärgerte, war, daß er von der Hand eines Knaben, wie er mich nannte, getödtet werden ſollte. Wie hat er noch im Sterben geflucht! Nun, Ihr könnt Euch jedenfalls als Fechtmeiſter niederlaſſen, wenn alles Andere Euch fehl⸗ ſchlägt; er hat mir aber doch die Spitze über den Arm ge⸗ ſchlagen, weil ich meine Fauſt nicht raſch genug drehte, wie Ihr mich gelehrt habt.“ Der Chirurg beſtand darauf, daß er ſich ſchweigſam verhalte, und ſo hob man eine Thüre aus den Angeln, legte ihn darauf und trug ihn nach dem nächſten Hauſe, wo ein Logis zu bekommen war. Dort wurde ſeine Wunde genauer unterſucht; ſie zeigte ſich in Wirklichkeit nicht ſehr gefähr⸗ lich, wenn ſie nicht bereits einen großen Blutverluſt herbei⸗ geführt hätte. Noch vor Abend fühlte er ſich beſſer und mehr bei Kräften, und der Anblick Emmelinens und ihres Gatten neben ſeinem Bette ſchien ihn ſehr zu beleben und zu — —— ——— 731 erheitern. Da ſich jedoch das Gerücht eines zweiten un⸗ glücklichen Duells, das in den Feldern von Mary⸗le⸗Bone vorgefallen, auszubreiten begann, ſo wurden Unterſuchungen und Nachforſchungen angeſtellt, welche höchſt wahrſcheinlich nicht lange erfolglos bleiben konnten. Der Umſtand, daß das Duell ohne Sekundanten oder Zeugen ſtattgefunden, machte des Jünglings Lage ziemlich bedenklich, und der Earl von Eskdale hielt in jener Nacht eine lange Berathung mit dem Chirurgen. In der Frühe des nächſten Morgens nahm ein Schiff auf der Themſe, das nach Dünkirchen beſtimmt war, einige fünf bis ſechs Perſonen auf und ging augenblicklich unter Segel. Unter ihnen befand ſich Richard Newark, der auf einer Matratze nach dem Schiff getragen wurde. Auch die junge und ſchöne Gräfin Eskdale, noch etwas bleich und angegriffen, ſaß auf dem Verdeck, als ſie den Fluß hinab⸗ fuhren, während ihre Hand auf der einer hohen, würdevollen, betagten Dame in Trauerkleidern ruhte. Der Reſt der Ge⸗ ſellſchaft beſtand aus Smeaton, zwei Dienern, einer Kam⸗ merjungfer und der guten alten Frau, welche bei den eben erzählten Ereigniſſen eine ſo wichtige Rolle geſpielt hatte. Es iſt kein Zweiſel, daß die Regierung damals ſtill⸗ ſchweigend zuſah, wenn viele Perſonen der Strenge der Geſetze entrannen, und ſo viel iſt ſicher, daß das oben erwähnte Schiff ohne alle Hinderniſſe abſegeln durfte. Die Ueberfahrt war leicht und angenehm, und die Reiſegeſell⸗ ſchaft landete ſicher an den Küſten von Frankreich. 73² Fünfundvierzigſtes Kapitel. Die dunkleren Scenen der erſten Hälfte von König Georg's des Erſten Regierung waren vorüber, und trotz mannigfacher Wirren und Streitigkeiten in vielen Theilen von Europa, trotz ſpäterer Verſchwörungen und Komplotte gegen die in England beſtehende Regierung herrſchte doch allgemeine Ruhe auf dieſer Inſel, und Glück und Wohlge⸗ deihen folgte in raſchem Zuge den Schritten des Friedens. Ich muß übrigens den Leſer aus England weg nach einem kleinen etwa acht bis neun Meilen von der Hauptſtadt entfernten Dorfe in Frankreich führen, das der vollen länd⸗ lichen Ruhe genoß und doch dem Centralpunkte nahe genug lag, ſo daß die Kunde aus der großen Welt dahin gelangen konnte, noch ehe ſie ſehr altgebacken war. Etwa eine halbe Meile von dieſem Dorfe ſtand ein kleines franzöſiſches Schloß auf einer Anhöhe, in einen kleinen niedlichen Park hinein⸗ gebaut. Das Schloß hatte nichts Bemerkenswerthes an ſich; es war eben wie alle anderen Schlöſſer derſelben Pe⸗ riode eine Zuſammenſchachtelung ſonderbar geſtalteter Ge⸗ bäude mit mehreren runden Thürmchen mit kegelförmigen Schieferdächern, ähnlich den Kerzen, welche Löſchhütchen auf haben. Das Haus gewährte übrigens einen ſonnigen, erfreulichen Anblick, und von der Heerſtraße führte eine ſchöne alte Wallnußallee nach demſelben. In einem kleinen, beſcheiden eingerichteten Zimmer dieſes Schloſſes ſaß eine Gruppe von Perſonen beiſammen, mit denen der Leſer zum Theil ſchon bekannt iſt. Sie ſaßen ——— 7³³ eben bei einem Deſſert von wilden Stachelbeeren und leich⸗ tem Burgunderwein; vollkommene Zufriedenheit herrſchte auf allen Geſichtern und Harmonie in Aller Herzen. Nur ein junger Mann ſah bleich und ernſt aus; doch lag voll⸗ kommene Seelenruhe in ſeinen Zügen. Ich muß jedoch mit Denen beginnen, von denen der Leſer bis jetzt noch wenig weiß. Sie beſtanden aus zwei älteren Perſonen und einer jungen Dame. Die erſte war ein ſchöner, würdevoller Mann, etwas über die mittleren Jahre, mit ganz grauen Haaren, aber ſehr hellen, leben⸗ digen Augen. Die zweite war eine nicht viel jüngere Dame, und obwohl Beide wie geſagt im Leben vorgerückt waren, ſo riefen ſie ſich doch immer noch mit den Namen früherer Liebe. Von einem Ende der Lebenskette zu einem zweiten, weit entfernten übergehend, müſſen wir noch jenen frohſin⸗ nigen Lockenkopf von einem Knaben betrachten, der kaum zwei Jahre alt auf dem Schooße jenes ſehr hübſchen Frau⸗ chens ſitzt, das er in der guten alten Sachſenſprache Mutter nennt. Es iſt Emmelinens Knabe, und ich brauche wohl nicht zu ſagen, wer der Gentleman iſt, der neben ihr ſteht. Eine alte Dame dicht daneben, jetzt etwas vom Alter ge⸗ beugt, iſt die verwittwete Lady Eskdale. Wer ſind aber die beiden Perſonen über die mittleren Jahre, deren ich oben erwähnt habe? Emmeline nennt ſie „Vater“ und„Mutter“, und betrachtet ſie mit nicht min⸗ derer Liebe, weil ſie ihrer zärtlichen Sorge ſo lang beraubt war, Der bleiche junge Mann in militäriſcher Kleidung 73⁴ und mit Zeichen der Trauer an ſich, iſt Richard Newark, und jener fette, runde, roſige Knirps— Himmel, welche Maſſe bleierner Figuren kommt einem vor Augen, wenn man ihn nur anſieht! „Es iſt auffallend, Dick,“ ſagte Lord Eskdale,„daß Du und der gute Van Nooſt heute Morgen hier anlangtet, nachdem wir uns ſo lange Zeit nicht mehr geſehen! Weißt Du wohl, Emmeline,“ fuhr er an ſein Weib ſich wendend fort,„daß heute jener Jahrestag iſt, an dem ich Dein theures Antlitz zum erſtenmal erblickte?“ „Glaubſt Du, ich könne ihn jemals vergeſſen, Henry?“ gab ſte zur Antwort.„Er iſt der erſte unter den Tagen meines Glücks. Er iſt wie ein lieblicher Geſang, deſſen wir uns aus einem glücklichen Traume erinnern.“ „Und wie kann ich Euch jemals danken, mein theurer Lord,“ fuhr Eskdale ihren Vater anredend fort,„daß Ihr mir den Auftrag gabet, Eure Tochter aufzuſuchen und Euch zurückzubringen— jenen Auftrag, der für mich ſelbſt mit ſolchem Glücke endete!“ „Zwei Dinge ſind es, mein theurer Henry, um deret⸗ willen manche klugen Freunde mich getadelt haben,“ erwie⸗ derte Lord Newark,„die ich aber nie bereuen kann und von deren Weisheit ſogar meine früheren Tadler nunmehr über⸗ zeugt ſind: das eine, daß ich einem jungen Manne, den ich als das Muſter von Ehrenhaftigkeit kannte, eine ſo zarte Aufgabe anvertraute; das andere, daß ich alle Gedanken eingebildeter Würde bei Seite legte und meiner Familie als Kaufmann dasjenige Auskommen ſicherte, das ich in mei⸗ nem Dienſte als Soldat verloren hatte. Ich bin ſtolz auf dieſe beiden Handlungen, und beide haben glücklich geendet. Hätten vollends meine armen Knaben den heutigen Tag er⸗ lebt, ſo gäbe es ſogar in der Vergangenheit nur Weniges, was meine untergehende Sonne mit einer Wolke der Trauer verdüſterte.“ Richard Newark ſchaute während er ſprach zu ſeinem Geſichte empor und fragte jetzt: „Habt Ihr niemals bereut, mein guter Lord und Vet⸗ ter, daß Ihr für die Sache eines ſchlechten Prinzen jene ſchönen Ländereien in Devonſhire verloret, an denen Eure Erinnerung feſtkleben muß, wenn es Euch nämlich wie mir ergeht?“ „Keinen Augenblick, Dick. Die Gunſt des Glückes oder— wie man ſie beſſer nennen ſollte— die Gaben Gottes ſind Geſchenke, welche nach ſeinem Willen wieder zurückge⸗ nommen werden können, mein theurer Knabe, und—“ „Dann habe ich ſie jedenfalls lange genug geborgt,“ fiel Richard Newark in ſeiner raſchen Weiſe ein,„und es iſt hohe Zeit, daß ich ſie zurückgebe.“ „Nein, nein, Dick,“ ſagte Lord Newark;„ſie ſind Dein ſeit Deines Vaters Tode. Ich habe nichts damit zu ſchaf⸗ fen und könnte mich ihrer nicht einmal erfreuen, auch wenn Du ſie aufgäbeſt.“ „Sie gehören gar nicht mir,“ erwiederte der junge Mann;„ſie waren nie mein noch meines Vaters Eigen⸗ thum.“ „Aber die Konſiskation, die Konſiskation!“ rief Lord 736 Newark.„Wenn ſie nicht Dein ſind, wem gehoͤren ſie dann?“ „Emmelinen,“ erwiederte ihr Vetter.„Die Konſis⸗ kation erſtreckte ſich nicht auf ſie. Sie wurden laut Kon⸗ trakts zwei Jahre vor der Konſiskation auf Eure theure Gattin und deren männliche und weibliche Kinder über⸗ tragen. Ihr verlort ſie, als Ihr Euer Schwert gegen König William zoget; ſie verlor ſie und ebenſo Eure Söhne, als ſte Euch in den Krieg und auf der Flucht begleiteten. Ihr Vier ſeyd ſpeciell in der Konfiskationsurkunde er⸗ wähnt, und ſo fielen die Ländereien zunächſt an Emmelinen als die nächſte Erbin. Die liſtigen Advokaten haben ſich, glaub' ich, ſelbſt übertroffen, indem ſte das ſchwarze und weiße Pergament ſo detaillirt abfaßten; aber die Original⸗ akte, welche von meinem Vater immer aufbewahrt wurde, ward von Van Nooſt aufgefunden, als er ein altes Monu⸗ ment in der Aletonkirche dadurch verpfuſchte, daß er einer ſteinernen Figur eine bleierne Hand anſetzte. Ich dachte mir immer, es müſſe etwas der Art dahinter ſtecken, ſonſt hätte mein Vater kein ſo ſcharfes Augenmerk auf Emmy gerichtet. Er war nicht der Mann, der unflügge Vögel im Käſig hielt, blos um ſie zu füttern und ſich vorſingen zu laſſen. Gott ſey ſeiner Seele gnädig! Er that es Alles um meinetwillen, und ſo darf ich nicht weiter ſagen.“ Lord Eskdale ſchaute auf Emmelinen mit nachdenkli⸗ chem, forſchendem Blicke, und ſie las ſeine Meinung in ſeinen Augen. „Ich nehme ſie nicht an, Dick,“ erklarte ſie,„Ich 25 —— kann und will ſie nicht von Dir annehmen. Habe ich nicht Recht, Henry?“ „Aber Du mußt, ſüße Baſe,“ erwiederte Richard. „Mit dem, was übrig iſt, habe ich mehr als genug und bin wohl zufrieden, wenn Du mich nicht Alles zurückzahlen läßt, was Dir unrechtmäßiger Weiſe vorenthalten wurde. Die Ländereien wurden meinem Vater von der Krone über⸗ tragen, falls nicht ein näherer, in der Konſiskationsakte nicht erwähnter Erbe zum Vorſchein käme. Deßhalb ge⸗ hören die Ländereien Dir und haben immer Dir gehört. Ich mag nichts damit zu ſchaffen haben. Ich ſage Dir, theure Couſine, ich habe für einen Junggeſellen genug und mehr als genug.“ „Aber Du kannſt Dich verheirathen, Richard,“ ſagte Emmeline.„Du biſt viel zu jung, um das Gelübde des Cölibats abzulegen.“ „Nie, niemals, Emmy,“ ſagte er;„ich will dieſe Schwäche nicht auf Andere übertragen“— indem er ſeinen Finger bedeutungsvoll an die Stirne legte. Ein Augenblick ernſten Schweigens folgte, und dann ſagte Emmeline, ihren Vater betrachtend: „Ich wollte, ich könnte ſie Euch zurückgeben, mein Vater!“ „Es gibt nichts, was Dich daran hindert, Emmy,“ verſetzte Richard Newark.„Lord Stair bemerkte mir, daß Dein Vater über die See herüberhüpfen und ſich ſogleich in Ale niederlaſſen könne, wenn er nur verſprechen wolle, friedlich unter der jetzt beſtehenden Regierung zu leben. James. Henry Smeaton. 47 738 Mit einem Wort: die gerichtliche Ueberweiſung kann auf ein ſolches Verſprechen hin augenblicklich abgeändert wer⸗ den. Daß er ſich an der letzten Affaire nicht betheiligte, bei der wir Alle mehr oder weniger die Finger verbrannten, hat ihm hohe Gunſt erworben.“ Lord Newark beugte ſein Haupt auf die Hand und verſank in tiefe Gedanken. „Doch kommt, laßt uns von anderen Dingen reden,“ meinte Richard Newark, nachdem er eine Weile geſchwiegen. „Geſchäfte ſind immer langweilig, und dieſes iſt jetzt ab⸗ gemacht. Ihr Beide, Eskdale und Emmeline, müßt mir nur noch Eines verſprechen. Wenn Ihr einmal Lord und Lady von Ale Manor ſeyd, müßt Ihr mir mein kleines Stüb⸗ chen über zwei Treppen einräumen, wenn ich auf Beſuch zu Euch komme, und wenn die alte Mrs. Culpepper wieder Haushälterin iſt, darf ſie nicht meinen Kehricht— wie ſie es nannte— von den Mägden in's Feuer werfen laſſen.“ Emmeline reichte ihm freundlich die Hand, und ihr Gatte verſicherte ihn, daß er in jedem ſeiner Häuſer frei wie die Luft aus⸗ und eingehen könne. „Mit dieſem Hauſe habe ich mir ſchon meine Freiheit genommen,“ erwiederte Richard Newark,„denn ich habe Oberſt Churchill gebeten, morgen hierher zu kommen. Er verlangt ſehr, Euch wieder zu ſehen, Eskdale, und ich kann Euch ſagen, Ihr ſchuldet ihm etwas mehr als blos ein Mittageſſen und eine Flaſche Wein.“ „Er war ausnehmend höflich gegen mich, ſo lang ich ** ——— Gefangener war,“ ſagte der junge Earl,„und ich werde hoch erfreut ſeyn, ihn zu ſehen.“ „Ja, aber Ihr danket ihm mehr als das,“ antwor⸗ tete Richard Newark. „Laßt mich's erzählen, laßt mich's erzäͤhlen,“ rief Van Nooſt, der wunderbar ſtumm dageſeſſen hatte, nachdem Ri⸗ chard auf jene bleierne Hand an der ſteinernen Figur an⸗ geſpielt hatte. Laßt mich's erzählen, denn ich habe die Geſchichte zuerſt herausgebracht und Oberſt Churchill dazu bewogen, daß er ſie für Mylord Stair niederſchrieb. Nach⸗ dem Ihr Euch ihm zu Preſton übergeben, mein edler Lord, beſuchte er jenen Schurken, Tom Higham, auf ſeinem Todten⸗ bette und vernahm aus ſeinem eigenen Munde, daß der Burſche Euch getäuſcht hatte, daß er, beſtochen, um Euch zur Rebellion zu verleiten, Euren Brief dem Oberſten von Lord Stair's Regiment überliefert hatte; dieſer machte ihn auf, las ihn und gab ihn mit der Weiſung zurück, daß Lord Stair in Paris ſey, und wenn Ihr einen Boten dahin ſen⸗ den wollet, ohne Zweifel Alles aufklären werde, da jener edle Lord ſein Wort noch niemals gebrochen habe.— Von all' Dem hat Euch der Schurke keine Sylbe geſagt.“ „Der Himmel vergebe es ihm!“ ſagte Smeaton.„Er hat viel Unheil angeſtiftet.“ So dauerte das Geſpräch noch längere Zeit fort; doch haben wir für die Zwecke dieſes Buches genug davon ver⸗ nommen. Wollte ich noch eine weitere Scene malen, ſo würde ich den Weihnachtsabend im Herrenhauſe zu Ale dazu wählen, wo um das weite Kamin in der großen Halle 740 die Geſichter derſelben Perſonen zu ſehen waren, wie ſie hier um die Tafel des kleinen Schloſſes verſammelt ſaßen. Allein die Geſchichte iſt lange genug und des Leſers Pantaſt e möge das Fehlende ergänzen. U 0 8 ᷣ † LKes— —6— NNoA NM 3 88 8 68— LA, 18 8 Aſ& 1 Druck der J. B. Metzler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. ——jj—