=— bliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Likeratur von Eduard Ollmann in Gießen, 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 4 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 4 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eeines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ſ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 d 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 5 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf 2 N f 53. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 4. 7. Aus 6 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben vo ———— *. p. R. James⸗ N o man e— in deutſchen Uebertragungen herausgegeben von F. Notter und G. Pfizer. e Zweihunderteinunddrei ißigſtes bis zweihundert⸗ fünfu nddreißigſtes Baͤnd chen. Stuttgart. Verlag der J. B. Mehler ſchen Buchhundlung. 1852. Das Schickſal. Erzählung aus bewegten Zeiten. G. P. R. James. Aug dem Engliſchen. Rechtmäßige Ausgabe. 0+& 4 Stuttgart. Uerlag der J. B. Mehler'ſchen Buchhandlung = 1852. 8 Erſter Theil. Erſtes Kapitel. Kein Irrthum iſt gewöhnlicher unter den Hiſtorikern, keiner aber auch unheilvoller als der, alle Behauptungen der Satyriker und Grillenfänger verfloſſener Jahrhunderte über die Sitten und Gebräuche ihrer eigenen Zeiten und der Leute, mit denen ſie zu thun hatten— für baare Münze anzu⸗ nehmen. Ich kann mindeſtens ein halb Dutzend unter den leichteren Leidenſchaften unſerer Natur aufzählen, welche die Menſchen— beſonders aber Büchermenſchen— verlei⸗ ten, ihre Genoſſen, ihre Freunde und Nachbarn, ja ſogar ihre Landsleute und ihr Vaterland zu verunglimpfen. Nichts zu ſagen von Neid, Haß, Bosheit und jeder Art von Böswilligkeit— lauter ſo gewöhnlichen Sünden, daß man wohl dagegen beten darf— iſt da auch noch Stolz, Eitelkeit und Leichtſinn, welche jedem Manne, der von den Zeiten, in denen er lebt, von dem Lande, in dem er wohnt, für ſeine Zeitgenoſſen oder ſolche, welche in einer Entfernung des Raums oder der Zeit von ihm leben, Bericht erſtattet— die Feder ſpitzen, die Worte eingeben oder einen kleinen Tropfen Galle einflößen. Es iſt ſo angenehm, ſeinen eige⸗ James. Das Schickſal. 1 * 2 nen Glanz auf einen dunkeln Hintergrund zu ſtellen, und die ganz allgemeine Vorliebe der Menſchen für das Kar⸗ rikiren bekommt in ihrer Ausübung noch einen außerordent⸗ lichen Beigeſchmack, wenn wir dadurch, daß wir unſere Um⸗ gebung gehäſſig oder verächtlich machen, unſern eigenen Charakter in um ſo kräftigeres Licht zu ſetzen vermögen. Es gibt aber noch andere, vielleicht noch niedrigere Beweggründe, welche die Menſchen häufig veranlaſſen, ihre eigenen Zeiten in unwahren entſtellten Skizzen zu porträ⸗ tiren. Das Vermögen der Bewunderung iſt ein ſchr ſelte⸗ nes, das der richtigen Schätzung noch viel ſeltener; Jeder aber liebt es zu lachen, Jeder fühlt ſich gehoben bei der Betrachtung fremder Thorheiten; eine eitle Vorliebe für das Groteske lauert in der Bruſt der Meiſten, und das Be⸗ wußtſeyn, daß ſchlaue oder auch grobe Satyre und feine oder gemeine Karrikirung die beſten Mittel ſind, um der großen Maſſe unſeres Geſchlechts das größte Vergnügen zu machen— iſt vermuthlich einer der Gründe, warum wir in den Schriften aller derer, welche ein Gemäͤlde ihrer Zeiten entworfen haben, eine ſo übermäßige Vorliebe zum Ent⸗ ſtellen antreffen. Petrarca's Briefe, Hollingſhed's Auf⸗ zeichnungen, Hogarth's Bilder, Smollet's und Fielding's Romane— ſie Alle liefern allerdings gewiſſe Skizzen ihrer eigenen Zeiten, aus denen wir manche ſchätzbare Belehrung ableiten können; dabei ſind ſie aber durch Leidenſchaft, durch Vorurtheil, durch einen Geiſt der Satyre oder eine Vorliebe für das Lächerliche dermaßen entſtellt, daß man ſich auf das Porträt in ſeinen Details nicht mehr verlaſſen kann, als 3 etwa auf Bunbury's Karrikatar eines Cantab, wenn ſich's um die allgemeine Erſcheinung eines Cambridger Studen⸗ ten handelt. Solche Gemälde zu entwerfen iſt ſchon an ſich unheil⸗ voll; ich kann mich aber nicht enthalten zu glauben, daß es noch weit unheilvoller iſt, wenn ein Hiſtoriker ihnen folgt, ohne den gehörigen Abzug zu machen. Wenn es nach beiden Seiten einen Abweg gibt— obwohl jeder Abweg womöglich vermieden werden ſollte— ſo iſt es gewiß für die Moral in jeder Hinſicht geeigneter, die Vergangenheit eher beſſer als ſchlimmer zu malen, da ſie allein die richtigen Gegenſtände der Nachahmung darbietet, wenn wir auch mancher Tugend von Zeitgenoſſen nacheifern oder einer idealen Vollkommenheit der Zukunft nachſtreben mögen. Wahrheit— ſimple ehrliche Wahrheit— mit ſolchen Folgerungen aus der Vergangenheit, wie ſie der Menſchheit in Gegenwart und Zukunft nützen mögen— ſie bildet alles, was der Hiſtoriker wünſchen kann; denn er könnte eben ſo gut hoffen, aus den Schilderungen der Satyriker unſerer Zeit Wahrheit abzuleiten, als etwa ein künftiger Porträt⸗ maler aus den Karrikaturen im„Punſch“, wo allerdings eine gewiſſe Aehnlichkeit beobachtet, aber jede Eigenthüm⸗ lichkeit im gröbſten Uebermaße übertrieben iſt— ein Bild von John Ruſſel oder Brougham darzuſtellen vermöchte. Mein Caveat iſt vornämlich gegen die Karrikatur, welche Macaulay in ſeinem großen und ſchön geſchriebenen hiſtoriſchen Roman über den Zuſtand Englands im Jahre 1685 gegeben hat, insbeſondere aber gegen den Theil der⸗ 1* 3 4 ſelben gerichtet, der ſich auͤf die engliſchen Landedelleute und auf die engliſche Landgeiſtlichkeit jener Zeiten bezieht. Daß ſolche Männer exiſtirten, wie die, von denen er ſeine Behauptung ableitete— daran iſt kein Zweifel; daß ſie in weit größerem Verhältniſſe als heutzutage vorhanden waren, läßt ſich ebenſo wenig bezweifeln; daß aber die große Maſſe ſo beſchaffen war, wie er ſie darſtellt— das mag mit voller Sicherheit geläugnet werden. Die Pickwiks, die Tupmans und Winkle's ſind voller Wahrheit, nur beſteht die Geſell⸗ ſchaft nicht aus lauter ſolchen Charakteren, und die Regie⸗ rung unſerer Königin Viktoria würde ſich in der Geſchichte gar übel ausnehmen, wenn ſie unglücklicherweiſe einen künf⸗ tigen Hiſtoriker finden ſollte, der Englands Zuſtand im Jahre 1850 nach ähnlichen Quellen zeichnen wollte, wie Macaulay ſie zu ſeinem Dienſte gepreßt hat. Sein Raiſonnement iſt erſt nicht einmal im Stande, ſeine Behauptungen zu unterſtützen; denn wenn man wich⸗ tige Elemente ausläßt, ſo kann man doch nimmermehr ein ſolches Reſultat für richtig ausgeben. Wenn er z. B. be⸗ hauptet:„ein Landelmann zur Zeit der Revolution hatte vermuthlich blos den vierten Theil derjenigen Rente, welche ſeine Ländereien nunmehr ſeiner Nachkommenſchaft abwer⸗ fen und war deßhalb, mit dieſer Nachkommenſchaft ver⸗ glichen, ein armer Mann, der in der Regel genöthigt wurde, mit geringen Unterbrechungen auf ſeinem Gute zu reſi⸗ diren“— ſo vergißt der Hiſtoriker anzugeben, welches der vergleichsweiſe Werth des Geldes in jener Periode geweſen, und kann darum aus dem Betrage der Rente unmöglich als 5 richtigen Schluß den ziehen, daß der Landadel jener Tage durch Armuth zu beſtändiger Abgeſchiedenheit auf dem Lande verdammt war, was Macaulay in der That zu beweiſen verſucht. Der Geſchmack, die Gewohnheiten eines Land⸗ edelmannes jener Zeit feſſelten ihn wahrſcheinlich mehr an ſeinen Landſitz; aber es war nicht die Armuth, welche ſolches that. Selbſt im achtzehnten Jahrhundert finden wir noch Edelleute mit zweitauſend Pfund jährlichen Einkommens, die ſich eine Koppel Jagdhunde halten, ohne ihr Beſitzthum gerade zu belaſten, und jede wahre Schilderung des Land⸗ lebens, die wir aus jener Zeit überkommen haben, beweist, daß die damaligen Landedelleute in der Regel behaglicher lebten als heutzutage, und im Verhältniß zu der Bevölke⸗ rung ebenſo zahlreich waren, wie in unſerer Zeit. War ihr Leben nicht ſo verfeinert, ſo iſt der einzige Grund der, daß das Zeitalter nicht ſo verfeinert war, und mochte die Schilderung eines Squire Allworthy eine luſtige Ueber⸗ treibung nach der einen und das Porträt eines Squire Weſtern eine unerfreuliche Karrikatur nach der andern Seite ſeyn, während die Wahrheit in der Mitte lag, ſo läßt ſich doch beweiſen, daß eine Menge Landelleute von ſehr artiger Bildung ohne die verfeinerten Tugenden des Einen oder die brutale Gemeinheit des Andern erxiſtirte. Zweites Kapitel. An den Grenzen von Lincolnſhire ſtand ein altes Ge⸗ bäude, das ſeinen Namen, den es vor mehr als zwei Jahr⸗ 6. hunderten empfangen, bewahrt hatte, obwohl der Zweck, der jenem Namen Sinn und Bedeutung gegeben hatte, nicht mehr exiſtirte. Es war ein langes, hohes, ſteinernes Ge⸗ bäude, ziemlich ähnlich dem Schiff einer Kirche, und als ob die Aehnlichkeit mit einem religiöſen Baue noch vermehrt werden ſollte, war am Ende des erſten ein zweites Gebäude angefügt, das um ein Stockwerk höher war und einem Thurme nicht unähnlich ſah. Dieſer zweite Bau war aus Backſteinen aufgeführt, doch hatten Moos und Flechten dem beiderſeitigen Baumaterial faſt eine und dieſelbe Farbe ver⸗ liehen; denn wenn man auch bei näherer Betrachtung unter der cryptogamiſchen Vegetation, welche die Mauern bedeckte, eine große Mannigfaltigkeit der Dinten entdeckte, ſo war doch auf einige Entfernung ein bräunliches Grau diejenige Färbung, welche das Ganze überzog. Die Fenſter in dem längeren Baue waren Spitzbogenfeſter, mit ziemlich roher und nachläſſiger Verzierung; die in dem höheren und brei⸗ teren Theile waren im Gegentheil meiſt viereckig, mit einem Steinſchild darüber; einige zeigten auch jenen Flachbogen, der für den ſchlechteſten Tudorſtyl ſo charakteriſtiſch iſt. Das ganze Gebäude war nicht ſehr ausgedehnt, und es war beim erſten Blicke klar, daß der lange Theil zu Scheunen, Stallungen und Magazinen beſtimmt war, während der andere die Wohnungen enthielt. Etwa ſechszig bis ſiebenzig Schritte vom Hauſe ent⸗ fernt ſah man einen hohen Abhang, mit einer langen drei⸗ fachen Reihe alter Ulmen begrenzt, welche unzähligen Krähen den Raum zu Neſtern darboten; ein kleiner klarer Strom, 7 nicht unbekannt mit Forellen, lief plätſchernd daran vor⸗ über, ſeine Melodie mit dem Geſange der Vögel vermiſchend. Eine ſteinerne bruſthohe Mauer umſchloß in ziemlichem Verfalle das Ganze, während zwei große ungeſchlachte Pfoſten, mit Urnentrümmern geſchmückt, jedem Wanderer, der ſich der vorderen Thüre des Wohnhauſes zu nähern wünſchte, einen durch kein Thor gehemmten Zugang ge⸗ währten. Früher war vermuthlich ein Thor vorhanden ge⸗ weſen, denn einige Spuren von Eiſenwerk an den Pfoſten ſchienen zu beweiſen, daß ſie ihrer Zeit etwas zu tragen gehabt hatten; allein das Thor war längſt verſchwunden— ſo viel ich weiß, war es im Bürgerkrieg zu Piken verwendet worden. Die Umgebung dieſes alten Hauſes, von dem Gipfel des Abhanges betrachtet, war ziemlich einſam. Ein weites ſumpfiges Stück uneingeſchloſſenen Landes erſtreckte ſich weit gegen Norden und Oſten, auf drei Meilen Entfernung⸗ einzig durch eine wellenförmige Erhebung des Waldlandes⸗ unterbrochen. Die Färbung des Ganzen war aber nichts⸗ deſtoweniger, beſonders an Herbſtabenden, oft recht ſchön, wenn das Moor eine feierliche tiefblaue Farbe annahm und die Sümpfe und fernen Bächlein gleich Rubinen in dem rreichen Glanze der untergehenden Sonne aufleuchteten. Auf der andern Seite hinter dem Hauſe bot das Land einen erfreulicheren Anblick; dort ſtieg es mit vielen wohl⸗ bebauten Feldern gegen Weſten an, während weiterhin allerhand Hügel mit Baumgruppen und dichterem Walde zu entdecken waren, und gegen Süden einzelne Heckenreihen, 8 hie und da ein Weiler, der Thurm einer Dorfkirche und die Kamine eines entfernten Herrenhauſes auftauchten. So war der Anblick des Gebäudes und ſeiner Um⸗ gebung. Jetzt laßt uns ein Wort über ſeine Geſchichte und ſeinen Namen ſagen. In früheren Zeiten, als noch Plantagenet der Königs⸗ name von England, als der Pabſt noch mächtig im Lande und am Freitag Fleiſch zu eſſen eine Sünde war, gehörten unter die beſtgenährten und gelehrten Leute des Landes die Prioren und Aebte der verſchiedenen Klöſter, welche trotz Faſten, Gebeten und Vigilien, auch gelegentlichen Gelübden freiwilliger Armuth dennoch fett und wohlhabend wurden und wunderbar gediehen. Weite Domänen beſaßen dieſe guten Männer, und fruchtbare Felder neben Zehnten und Abgaben verſchiedener Art, welche meiſt in natura entrichtet wurden. Da der Abt, ſein Vogt und die übrigen Beamten aus dem Verkaufe derjenigen Vorräthe, welche nicht ver⸗ zehrt wurden, ihren kleinen Profit zogen, und da ſie in wohlwollendem Chriſtenſinne darauf bedacht waren, reiche Vorräthe zur Unterſtützung des Volkes in Zeiten der Theu⸗ rung anzulegen, ſo mußten ſie ſich zur Aufbewahrung der Früchte der Erde, die ſie empfingen, mit Scheunen und Kornſpeichern verſehen. Dieſe Scheunen wurden Maiereien genannt, und oft war ihnen ein kleiner Hof angehängt. Das Mauerwerk des Gebäudes war in der Regel ſolid und der Styl ſeiner Bauart in gewiſſem Grade kirchlich. War die Maierei in der Nähe der Abtei erbaut, ſo ſtand ſie in der Regel allein, ohne Wohnhaus neben ſich; lag ſie dagegen 9 abſeits davon auf einem der Pachthöfe der Abtei, wie dies häufig der Fall war, ſo ſorgten die Mönche nicht ſelten für ein ſtattliches Wohnhaus, und ein Pächter, der hübſche Tochter beſaß, oder gutes Bier braute, fand hier in der Regel einen ſehr bequemen und lukrativen Poſten. Das Haus, das ich eben beſchrieben habe, hieß noch immer der Maierhof; und ſeine urſprüngliche Beſtimmung war eben die geweſen, wie wir ſie vorhin geſchildert haben. Der Langbau hatte die eigentliche Maierei oder Scheune einer benachbarten Abtei gebildet; das höhere Gebäude hatte man erſt ſpäter zur Bequemlichkeit des Abteivogtes beigefügt. Wir Alle wiſſen, wie viele und wie mächtige Herren ſich in die ausgerupften Federn der abgeſchiedenen römiſchen Eule theilten, als die Klöſter durch den Erz⸗ plünderer Heinrich VIII. unterdrückt wurden. Die Maierei und der zugehörige Hof nebſt viel ſonſtigem werthvollem Eigenthum fielen einem Edelmanne der Nachbarſchaft zu, der ſie einem jüngeren Sohne verlieh, und von dieſem jüngeren Sohne war ſie in ununterbrochener Reihe auf den jetzigen Beſitzer übergegangen. Die Glücksumſtände des Hauſes hatten manchen Wechſel erfahren: einige der Be⸗ ſitzer waren Spieler, einige Soldaten geweſen; dieſe hatten ſich verſchwenderiſch, jene geizig gezeigt und einige hatten ſogar Liebesheirathen geſchloſſen. Der Hof, das Haus und die Familie waren jetzt in nicht ſehr gedeihlichem aber auch nicht gerade ruinirtem Zuſtande— es war ein Daſeyn zwiſchen Leben und Sterben. Ein Glück war es, daß der Beſitzer nur einen einzigen Sohn hatte; denn wäre er mit 10 eben ſo viel Jungen wie etwa ein Vikar geſegnet geweſen, ſo hätte in der Speiſekammer wohl einige Gefahr der Hungersnoth drohen können. So aber bot ſein Leben immer noch einige Bequemlichkeiten: hie und da eine Flaſche Sekt, Punſch ziemlich häufig zur Beförderung der Ver⸗ dauung, und gutes geſundes Ale, das jedem Cambridger Gebräu Ehre gemacht hätte, ward jedem Freunde oder Armen gerne gewährt. Der Beſitzer des Hauſes war jedoch ein Mann von eigenthümlicher Sinnesart, welche ihn verhinderte, die günſtige Stellung, die ihm das Schickſal verliehen, ſo wie er es gekonnt hätte, zu genießen. Ich will damit nicht ſagen, daß er unzufriedenen oder gar melancholiſchen Ge⸗ müthes war. Im Gegentheil: er war nur etwas eyniſch und weſentlich launenhaft und beſaß trotz ſeiner großen Herzensgüte das höchſt verkehrte Geſchick, an jedem Dinge die ſchlimme oder lächerliche Seite aufzufinden. Er war ein durchaus gelehrter Mann, und wußte jeden Gegenſtand des Geſpräches mit einem frappanten Citate aufzuputzen, das zwar öfter von ſeiner eigentlichen Meinung beträchtlich abſchweifte, aber immer ſeinen eigenen Zwecken ganz gut entſprach. 4 Er hatte lange Zeit auf der Univerſität zugebracht und ſich dort einige Auszeichnung nebſt vielen närriſchen Ge⸗ wohnheiten erworben; dann hatte er plötzlich ein ſehr ſchönes Mädchen von guter Familie und geringem Vermögen ge⸗ heirathet; um ihretwillen beſchloß er, ſich anzuſtrengen, mit der Menge um Ehren und Auszeichnungen zu ringen und 11 ſte in diejenige Stellung zu verſetzen, wie ſeine und ihre Ahnen ſie gekannt hatten. Zu dieſem Zwecke wendete er ſich zur Advokatenbank, um welche er einige Zeit früher ganz theilnahmlos geſchlendert hatte. Er wurde zu einem Prozeſſe verwendet; die Umſtände begünſtigten ihn: der ältere Anwalt wurde krank, die Laſt der Verantwortlichkeit, aber auch die günſtige Gelegenheit fiel auf den jüngeren. Er hielt eine glänzende Rede, verſtärkt mit mächtigen Be⸗ weisgründen, welche den Hof und die Geſchworenen mit ſich riſſen, und rettete ſeinen Klienten von Strafe und Gefängniß. Nun kam der ſchwerſte Schlag ſeines Lebens; ſein Weib ſtarb und ließ ihn mit einem einzigen Kinde zurück. Das Ziel ſeines Ehrgeizes war dahin: das Jus wurde bei Seite geworfen und all ſeine alten Gewohnheiten kehrten ſteifer und runzliger als zuvor wieder. Er zog ſich auf ſeinen kleinen Maierhof zurück, und dort hatte er ſeitdem gelebt, ſeine Aecker und ſeine Wunderlichkeiten bebauend. Dooch laßt uns in die alten Mauern eintreten und den Eigenthümer in ſeiner Glorie betrachten. Merke dir im Vorbeigehen den Thürklopfer, theurer Leſer— ich meine jenen großen Eiſenklöpfel, der an einem Ringe hängt, um⸗ geben von einer wunderbar geſchnittenen Stahlplatte, mit einem großen Buckel am niedereren Theile, gerade unter⸗ halb dem ſtumpfen Ende des Hammers. Auch die Thüre mit ihrer Eichenmaſſe, woraus man ein modernes Haus bauen könnte, iſt wohl einiger Beachtung werth. Wir treten jetzt in einen niederen Gang, keiner von den breiteſten, deſſen Weite noch eingeengt wird durch zwei Stühle mit 12 hohen Lehnen, deren Rücken die beiden Seiten durch Eiſen⸗ ſtäbe verbinden, geſchmückt mit runden beweglichen Holz⸗ klötzchen, die ſich klappernd hin und her bewegen laſſen und genau den Stücken jener denkwürdigen Maſchine gleichen, womit wir heutzutage die Kinder in den Volksſchulen zählen lernen, nachdem wir die urſprüngliche Zahlentafel der Natur — nämlich unſere eigenen zehn Finger— verabſchiedet haben. Um allen Eindringlingen ja keinen Raum zu allzu raſchem Vorrücken übrig zu laſſen, iſt zwiſchen den Stühlen eine vollſtändige, nur etwas roſtige Waffenrüſtung ange⸗ bracht, während auf der andern Seite drei Panzer, ebenſo viele Stahlhauben nebſt unterſchiedlichen Piken, Schwertern und Lanzen nicht ohne Geſchmack vertheilt und mit viel Staub und Spinnweben garnirt ſind. Jetzt nimm dich in Acht, theurer Leſer! es kommt eine Stufe, nicht auf⸗, ſondern abwärts; denn der Flur iſt gemacht, um den Boden auszugleichen, nicht der Boden ge⸗ ebnet, um den Flur zugänglicher zu machen. Eine ſchmale Thüre zur Linken, mit allerlei Namen und Anfangsbuch⸗ ſtaben, welche mit einem Federmeſſer eingeſchnitten wurden, um das allgemeine Vorkommen eitler Gebräuche in allen Ländern und Zeitaltern zu beweiſen— führt uns in das Zimmer, das wir ſuchen. Ehe wir jedoch eintreten, laßt uns noch einen Blick um uns werfen. An einem Tiſchchen neben dem Feuer, den einen Fuß auf den maſſiv geſchnitzten meſſingenen Hundskopf, der das Ende des Feuerbocks ziert, mit dem augenſcheinlichen Riſiko 13 geſtützt, ſich ſeinen Schlappſchuh zu verbrennen, den andern unter den Stuhl gezogen, der, nebenbei bemerkt, eben ſo ſchlank und bolzgerade wie ein Dragonerkorporal war und einen höchſt unbequemen Sitz abgegeben hätte, wenn er nicht reichlich mit Kiſſen verſehen und theilweiſe mit Genueſerſammt bedeckt geweſen wäre— ſaß ein Gentle⸗ man von etwa fünfundfünfzig Jahren. Er trug ſein eigenes graues Haar, obwohl Perrücken ſogar ſchon damals die Oberherrſchaft über die Glaze davonzutragen anfingen; auch mochte die ziemlich ſchlampige Nachläſſigkeit ſeines ganzen Anzugs die Annahme verbieten, daß er jemals ſeine Zuſtimmung dazu gegeben hätte, ſein Cranium mit einer Laſt Roßhaare zu beſchweren, welche einzig dazu diente, das Gehirn des Trägers in eine höchſt unverſtändige Maſſe von Gallerte einzuſchmoren. Auf dem Rücken trug er einen brokatenen Schlafrock, der in einer früheren Epoche— vor zwanzig Jahren etwa— recht hübſch geweſen ſeyn mochte, der aber jetzt, wenn nicht gerade ſchmutzig, doch abgetragen, und wenn auch nicht zerriſſen, ſo doch geflickt war. Er hatte grauleinene Strümpfe und ſchokoladefarbige Hoſen; eine gewiſſe Antipathie zwiſchen dem Hoſenbunde unter und der kälberfarbenen Seidenweſte oberhalb bewirkte, daß eine große Portion desjenigen Theils ſeines Hemdes, das ſeinen Magen bedeckte, jedem zudringlichen Blicke ausgeſetzt war; dafür war aber auch das Hemd von der feinſten Leinwand. Jedermann hat ſein Steckenpferd, und ſo war feine Lein⸗ wand ſeine ſchwache Seite; ſeine Manchetten und Halsbinde waren von Linontuch und ſchneeweiß. * 14 Auf dem Tiſche vor ihm ſtand eine große Kerze, welche ihr Licht auf ein offenes Buch warf; beim Leſen hob er von Zeit zu Zeit einen Finger und rieb damit etwas oberhalb der Schläfe einen gewiſſen Fleck, der durch längeres der⸗ artiges Bemühen allmälig völlig kahl geworden war. Das Zimmer war keineswegs groß, das Getäfel von dunklem Eichenholz, das die Stube noch kleiner erſcheinen ließ, als ſie wirklich war. Drei Seiten davon waren faſt ganz mit Bücherſchränken bedeckt und der Flur mit vielen merkwürdigen und veralteten Geräthen überſät. Stühle von jeder Größe und Geſtalt ſtanden umher; die Tiſche waren ebenſo zahlreich und mannigfaltig. Die letzteren waren überdieß überladen mit großen gläſernen Krügen, merkwürdigen Exemplaren von Delftergeſchirr— einige ausnehmend gemein in Stoff und Färbung, aber bemerkens⸗ werth durch Zeichnung oder Verzierung— mit reichen Holz⸗ oder Lederbänden von Büchern, fremdartigen Dolchen und Fragmenten von Goldſchmiedsarbeit, nebſt einem oder zwei Stucken chineſtſchen Porzellans und ſehr werthvoller Email⸗ arbeit; ferner Münzen und kleine Gemälde, unſchätzbar in den Augen eines Alterthumsforſchers. Der große Tiſch in der Mitte war erträglich aufge⸗ räumt; denn die Zeit des Abendeſſens war nahe und auf ihm pflegte er ſein frugales Abendmahl einzunehmen, ob⸗ wohl er auf der andern Seite des Ganges ein auffallend einfach eingerichtetes und mit harten Flieſenſteinen ge⸗ pflaſtertes Eßzimmer beſaß. Für ihn war es ſchon genug, 15 einmal im Tage geſtört zu werden, und öfter beſuchte er nie die ſogenannte Speiſehalle. Dieſer ältliche Herr war jedoch nicht der einzige Bewoh⸗ ner des Zimmers. Auf der andern Seite ſoweit wie mög⸗ lich vom Feuer weg(denn der heutige Herbſtabend war keineswegs kalt) ſaß der Sohn des Hausherrn, ein junger Mann von etwa einundzwanzig Jahren. Den Vater hätte man einen gut ausſehenden Mann nennen können, wenn er nur einige Sorgfalt auf ſeine perſönliche Erſcheinung ver⸗ wendet hätte; der Sohn aber hatte ſeiner Mutter Schön⸗ heit nur mit einem männlicheren Charakter geerbt, und ob⸗ gleich die Jugend in dem ſchönen glatten Geſicht mit dem ſpärlichen Flaum des Schnurrbarts ſehr deutlich hervor⸗ ſtach, ſo zeigte er doch um die Augen ein gut Theil nach⸗ denklicher Entſchiedenheit und eine Welt von feſter Ent⸗ ſchloſſenheit um Mund und Kinn. Auch er las und das Buch vor ſeinen Augen rief bald ein Lächeln bald einen Blick tiefer Aufmerkſamkeit in ſeine Mienen; noch öfter aber ſchien ſein Geiſt von deſſen Sei⸗ ten ſich abzuwenden. Er verſank dann in tiefes Nachſinnen, ſpielte mit einem neben ihm liegenden Meſſer, oder erhob noch häufiger ſeine Augen und heftete ſie ängſtlich und ge⸗ dankenvoll auf ſeines Vaters Antliz. Es war, wie wenn etwas in ſeinem Geiſte arbeitete, was er gerne geäußert hätte, und es dauerte auch nicht lange, bis er es ausſprach; doch wollen wir das, was folgte, für ein anderes Kapitel aufſparen, da es für das Schickſal und den unmittelbaren Lebenslauf des Betreffenden zu wichtig war, um nur ſo am 16 Schluſſe eines blos beſchreibenden Abſchnittes in Kürze ab⸗ gehandelt zu werden. Drittes Kapitel. Der Vater ſchaute von ſeinem Buche auf und klappte es zu mit den Worten: „Et tamen alter si fecisset idem, caderet sub judice morum.*'s iſt ein ſchlimmes Buch und wenn ein Anderer es geſchrieben hätte, ſo wäre er in den Stock geſpannt oder über der Wagendeichſel ausgepeitſcht worden: dieſer Mann aber wird ſich Ruhm, Ehre und Reichthum dadurch erwerben. Nicht daß ich durch die tristitia de bonis alie- nis“* behelligt würde— im Gegentheil ſollte ſich Jeder freuen, wenn er einen würdigen Nachbarn im Glücke ſieht, ſelbſt wenn er in deſſen Handlungen einen Riß oder Fehler entdecken ſollte, denn Neid iſt die niedrigſte und zerſtörendſte aller Leidenſchaften. Nulla pestis humano generi pluris stetit;**e wenn man jedoch einen Mann von Fähigkeiten alle ſeine Anſtrengungen darauf richten ſieht, um ein Werk her⸗ vorzubringen, das ſeinem Nebenmenſchen nur ſchaden, das Laſter vergolden, die Thorheit ſchmücken und die Falſchheit nur beſtätigen kann, und dieſen Mann dennoch gelobt und * Auf deutſch:„Und doch würde ein Anderer„ wenn er daſſelbe gethan hätte, dem Sittengerichte verfallen.“ **„Trauer über fremdes Wohl.“ ***„Keine Peſt iſt dem menſchlichen Geſchlechte theurer zu ſtehen gekommen.“ 17 belohnt ſieht, ſo muß es Aerger erregen und die traurige Ueberzeugung von der Unwürdigkeit unſeres Geſchlechts erwecken.“. Das war kein ſehr vielverſprechender Anfang für das Geſpräch, dem der junge Mann mit einiger Aengſtlichkeit als einer Gelegenheit entgegenſah, um ſeinerſeits gewiſſe Plane und Abſichten an den Mann zu bringen. Doch war er ſchon froh, daß ſein Vater das Leſen eingeſtellt hatte, denn die Lektüre war für ihn eine Beſchäftigung, in der er nicht geſtört werden durfte, und in der Hoffnung, daß irgend eine Wendung ihm die gewünſchte Gelegenheit bie⸗ ten würde, beeilte er ſich mit gutmüthigem Lächeln zu er⸗ wiedern: „Ich meine, ſchlechte Bücher ſeyen zuweilen ſehr nütz⸗ lich, Sir!“ „Immer in Paradoxen, Ralph,“ verſetzte ſein Vater. „Wie ſollen ſie nützlich ſeyn, Knabe?“ „Indem ſie beſſern Männern als ihren Autoren Ge⸗ legenheit geben, ſte zu widerlegen,“ erwiederte Ralph; „damit will ich nicht ſagen, daß die bloſe Widerlegung genügen würde,“ fuhr er fort, da er die eigenthümliche be⸗ weisſüchtige Seite von ſeines Vaters Denkungsweiſe kannte, „denn das würde die Sachen gerade da laſſen, wo ſie zuvor geweſen“(ſein Vater winkte abwehrend mit der Hand); „aber durch die Widerlegung werden tauſend neue Beweis⸗ grüͤnde zu Gunſten der Wahrheit und des Rechts zum Vor⸗ ſchein kommen, welche der Menge nie einfallen würden, wenn die Controverſe ſie nicht ans Licht brächte.“ James. Das Schickſal. 2 18 „Du haſt Deine Behauptung nicht ſo klar beleuchtet, wie Du häͤtteſt thun können, Ralph,“ bemerkte ſein Vater. „Vollſtändige Widerlegung würde die Dinge nicht genau auf dem Punkte laſſen, wo ſie zuvor geweſen. Es geht mit einer Wahrheit, mit einem Grundſatze, wie mit einer Schwertklinge; ihre Stärke kann erſt durch Probiren voll⸗ ſtändig erkannt werden. Allerdings bleibt die Stärke— welcher Art ſie auch ſeyn möge— an ſich dieſelbe: denen aber, die ſie zu gebrauchen haben, wird die Erprobung Ver⸗ trauen geben. Es iſt nicht halb ſo wichtig mit einem guten Schwerte bewaffnet zu ſeyn, als zu wiſſen, daß es gut iſt, weil man es erprobt hat. Die abſtrakte Wahrheit bleibt dieſelbe, ob ſie angegriffen und vertheidigt wird oder nicht; allein durch die vorliegende Frage wird ein anderes Element hereingezogen, nämlich die Wirkung des Angriffs und der Vertheidigung auf die Gemüther der Menſchen, und aus dieſem Grunde mögen allerdings, wie Du ſagſt, ſolche gegen die Wahrheit gerichtete Bücher zuweilen da⸗ durch nützlich werden, daß ſie eine vollſtändige Rechtferti⸗ gung der Wahrheit hervorrufen. Der Mann aber, der ſie ſchreibt, iſt gleichermaßen ſchuldig; denn wollten wir ſogar zugeben, er habe die Wahrheit dadurch, daß er eine ſtarke Vertheidigung veranlaßte, feſter begründen wollen, ſo würde er dem Verbrechen unterliegen, eine Falſchheit mit dem vollen Bewußtſeyn, daß ſie falſch war, ausgeſprochen zu haben, und die Wahrheit verſchmäht die Dienſte des Betrugs.“ Hier ſchwieg er eine Weile und ſein Sohn unterließ 19 wohlweislich, ihm neuen Stoff zu ſpitzfindigen Argumenten zu liefern, wohl wiſſend, daß ſein Vater keine Gnade mit Steckenpferden kannte. Endlich legte der alte Herr ſeine Hand lächelnd auf das Buch und ſagte: „Ich glaube übrigens nicht, daß Du dieſes Buch zu widerlegen beabſichtigſt, Ralph, erſtlich, weil ich vermuthe, daß Du ſeinen Inhalt nicht kennſt, und zweitens, weil ich Alles Andere nur keinen himmelanſtrebenden Ehrgeiz an Dir entdeckt habe, mein theurer Junge; davon haſt Du vielleicht etwas zu wenig und doch iſt Ambire semper stulta confidentia est, Ambire nunquam deses arrogantia est.* wie nicht gerade im blühendſten Latein geſagt wurde.“ „Bitte um Verzeihung, theurer Vater,“ erwiederte Ralph;„ich bin ſehr ehrgeizig, nur nicht gerade darauf, das Buch eines lebenden oder todten Autors zu widerlegen. Das überlaſſe ich Euch, der Ihr der Aufgabe in jeder Hin⸗ ſicht gewachſen ſeyd, wenn Falſchheit Euer Gegner iſt. Ich ſelbſt bin aber wohl begierig— höchſt begierig— ambire palmam“ auf der Bühne des menſchlichen Lebens. Ehrlich geſtanden— ich gehe ſchon längere Zeit damit um, Euch um die Erlaubniß zu bitten, mein Glück auf einem größeren Schauplatze verſuchen zu dürfen. Ich glaube mich zu Cambridge nicht übel gehalten zu haben“(der Vater nickte beifällig mit dem Kopfe);„aber die Pfade, welche das Col⸗ * Immer nach Ehren ſtreben, iſt thörichte Zuverſicht, Es nie thun, iſt wahnſinnige Anmaßung. **„Um den Siegespreis zu ringen.“ 2 1 legienleben dem Mann eröffnet, haben für mich nichts Ver⸗ lockendes, und ich möchte gerne ſehen, ob ich mir nicht ſelbſt eine Bahn zu eröffnen vermag.“ „, Wie! am Hofe?“ fragte der Vater kopfſchüttelnd. „Ralph, Ralph! Du vergißt die Mittel und kennſt nicht halb die Koſten, welche ein Hofleben erfordert, ſogar noch ehe der geringſte Vortheil erlangt iſt. Nur der Reiche und Höfiſche erwirbt ſich Gunſt bei den reichen und höͤfiſchen Leuten: Sus sui, canis cani, bos bovi et asinus asino pulcherrimus videtur.* „O nein,“ rief Ralph,„ein Hofleben paßt nicht für mich, Sir. Ich werde wohl einiger wichtiger Freunde bedürfen; aber die, weiß ich, könnt Ihr mir verſchaffen, denn nicht allein wer durch Bande des Bluts mit Euch verwandt iſt, ſondern auch Diejenigen, welche in früheren Jahren durch das ſtärkere Band perſönlicher Freundſchaft mit Euch in Verbindung ſtanden, werden Eure Empfehlung gewiß viel zu hoch achten, um Euern Sohn gering zu ſchätzen. Was die Mittel betrifft, ſo wird die kleine Summe, die ich von meinem College empfange, nebſt einem Theil deſſen, was Ihr mir in Eurer Güte ausgeſetzt habt, mir reichlich genügen.“ Sein Vater ſchüttelte mit ziemlich zweifelhaſter Miene den Kopf und ſagte: „Wenn Dir's aber fehlſchläͤgt, Ralph?“ „Dann kann ich immer noch hieher zurückkehren und *. Jedem Schwein erſcheint das Schwein, dem Hunde der Hund, der Ochs dem Ochſen, der Eſel dem Eſel am ſchönſten.. „ 21 die Dinge ſtehen noch ebenſo, wie ſie zuvor geſtanden,“ meinte der junge Mann. „Du biſt verliebt in dieſe Phraſe, Ralph;“ verſetzte ſein Vater;„aber Du irrſt und Alle irren, die ſie gebrau⸗ chen. Nichts was einmal einen Wechſel durchgemacht, iſt je wieder daſſelbe, das es zuvor geweſen, denn durch den Wechſel wird immer etwas gewonnen oder verloren. Das wird auch bei Dir der Fall ſeyn, und wer kann dann unter all' den mannigfaltigen Verwicklungen von Charakter und Umſtänden, von Zufall und Abſicht— wie ſie das Leben in der großen Welt mit ſich bringt— wer kann da ſagen, wie die Wage ſich neigen mag, wenn Du dieſe alte Be⸗ hauſung wieder beſuchſt?“ Er verſank nach den letzten Worten in tiefe Gedanken; ſein Sohn mochte ihn in ſeinen Träumereien nicht ſtören, denn das Eis war nun einmal gebrochen, die erſte Ankündigung war gemacht, und er hoffte mit Zuverſicht, am Ende doch ſeine Abſicht durchzuſetzen. O wie ſehnte ſich der Jüngling danach, ſeine Abſicht zu erreichen! Was war es aber, was ihn ſo mächtig an⸗ zog?— Kein faullenzeriſcher Hang, der ihm die Stelle, wo ſeine Ahnen gewohnt, entleidete, keine vergoldeten Träume der Luſt und des Vergnügens, kein allzuglänzendes Bild weltlicher Freuden: wohl aber Hoffnung— ein kleiner Funken jenes heiligen Feuers, deſſen Erlöſchen der Tod iſt. Er fuͤhlte ſtarke Thatkraft in ſich, hatte ſeine eigenen Fähigkeiten an hartem Kampfe erprobt; er hatte ein großes Ziel vor ſich, eine ſtarke Leidenſchaft, die ihn leitete, und er bedurfte blos Hoffnung und Gelegenheit zu deren Befriedigung. Er wagte ſeinem Vater nicht Alles zu er⸗ zählen, was in ſeinem Herzen vorging, denn das Alter iſt meiſt von einem kalten Nebel umgeben, in welchem die Flamme der Hoffnung kaum noch brennt, und wenn das Vorauswiſſen der Erfahrung gleichkäme, ſo würde die Ju⸗ gend nie ſo rüſtig kämpfen und ſo Vieles überwinden, weil es ihr auf ihrem Wege am Sonnenſchein gebräche. Der Vater ſchaute gedankenvoll in das Feuer, der Sohn hielt ſein Haupt auf die Hand geſtützt, bis Beide bei dem ſchweren Schlage des dicken Eiſenklopfers auf die Hausthüre erwachten und auffuhren. Hiezu war eigentlich keine Veranlaſſung, denn Beide wußten, daß heute Nacht noch ein Beſuch kommen würde, um eine Bowle Punſch zu verſuchen und über die Angelegen⸗ heiten der Nachbarſchaft mit ihnen zu plaudern. Sie waren jedoch ſo tief in perſönliche Gefühle verſunken geweſen, daß ſie den Flug der Zeit vergeſſen hatten, und der Gaſt kam ihnen auf den Hals, noch ehe ſie bemerkten, daß die gewohnte Stunde ſeiner Mittwochsbeſuche herangekom⸗ men war. Der Vater knöpfte die Weſte übereinander und zog den einen Schlappſchuh an, den er im Drange ſeiner Ge⸗ danken von ſich geſchleudert hatte, während der Sohn einige von den Stühlen zurecht rückte, welche irgendwie in einen Zuſtand der Verwirrung gerathen waren. Mittlerweile vernahm man ein Geräuſch, wie etwa von einem friſchge⸗ fangenen Seehund, der auf dem Boden eines Bootes herum⸗ 23 krabbelt— ein Geräuſch, das aber in Wirklichkeit durch eine kleine kurzbeinige Magd verurſacht wurde, die ſich voller Haſt durch den Gang drängte, um ohne Zögern Sr. Ehr⸗ würden dem Herrn Pfarrer deſſen wöchentliche Beſuche ihr pünktlicher als ihren Gebietern eingefallen waren die Thüre zu öffnen. Kaum zwei Minuten verſtrichen nach jenem Streiche auf die Hausthüre, als die Pforte der kleinen Bibliothek aufging und ſtatt des einen— zwei Gäſte in dem engen Leibrocke des Geiſtlichen eintraten. Ich kann es nur bedauern, wenn ich in der Geſellſchaft das Bildniß auf der Münze immer mehr abgerieben und verwiſcht ſehe. Ich liebe Lokalfarben, liebe Klaſſenkoſtüme, wenn auch nicht Klaſſenintereſſen, wie ſie auch immer ver⸗ mummt ſeyn mögen. Jeder Stand, jeder Beruf— ehrbar ausgefüllt— iſt ehrenvoll, und nichts iſt ſo eitel als die Eitelkeit, nichts ſo jämmerlich als der Stolz, der jedes äußere Zeichen derjenigen Stellung verhehlen möchte, deren wir uns zu ſchämen kein Recht haben. Die normänniſche Bauerndirne, die in ihre unvordenkliche weiße Haube ver⸗ liebt iſt, würde ſich entehrt glauben, wenn man ihren Kopf mit einem Federhute ſchmücken wollte; das Fiſcherweib zu Newhaven trägt mit ehrenwerthem Stolze ihren gelben Unterrock; der Doktor in früheren Zeiten war an ſeinem rothen Roquelaure und dem Goldknaufe ſeines Stockes zu er⸗ kennen; der Geiſtliche an den Gewändern ſeines Standes; der Soldat äffte nicht den Civiliſten und dieſer nicht den Sol⸗ daten nach; jedes Schiff führte ſeine eigene Flagge und konnte von allen Vorüberſegelnden an ſolcher erkannt wer⸗ 24 den. Ich ſehe nirgends die Unbequemlichkeiten dieſes Sy⸗ ſtems, ſo ſehr man auch ſolche zur Rechtfertigung der in unſern Tagen vorgegangenen Veränderung geltend macht. Jedenfalls war in den Zeiten, von denen ich rede, jeder Geiſt⸗ liche an ſeinem Prieſterrocke zu erkennen, und die beiden Herren, welche jetzt eintraten, waren offenbar Kirchenmänner, wenn ſie gleich in Benehmen und Ausſehen ſehr von einander abſtachen. Der Erſte war ein fetter roſenwangiger Mann in fun⸗ kelnagelneuem Rock, ſo glänzend ſchwarz wie ein Raben⸗ ftttig Seinem Aeußern nach war er kein übler Repräſen⸗ tant der alten Mönche, nur ging er nicht baarfuß und mit geſchorener Glaze. Der Blick, den er im Zimmer umher⸗ warf, hatte gerade ſo viel Fremdes an ſich, um daraus zu ſchließen, daß er hier zwar nicht ganz unbekannt, aber doch kein häufiger Gaſt war. Der Zweite war ein älterer Herr, vielleicht ſchon in den Sechszigen, hochgewachſen, bleich und mager, mit ab⸗ getragenen aber immer noch anſtändigen und ungeflickten Kleidern. Seine Hände waren ausnehmend ſein und zart, obwohl ſie nicht ſelten in ſeinem eigenen Garten den Spa⸗ ten führten, und ſein Geſicht mußte in früheren Jahren offenbar ſehr hübſch geweſen ſeyn. Seit den Zeiten der Unterdrückung der Klöſter und der Reformation der römiſchen Kirche unter Heinrich VIII. (wenn man jene Bewegung unter dem Frauenſchlächter überhaupt Reformation nennen konnte) bis auf den heuti⸗ gen Tag haben in dem Zuſtande wie in dem Charakter der Geiſtlichkeit Großbritanniens etliche fünf bis ſechs groß⸗ 25 artige Umwälzungen ſtattgefunden; ſogar die jetzt lebenden Zeitgenoſſen können ſich einer oder zweier derſelben erinnern. Vermöge einer ſehr natürlichen Reaktion hat der fiſchende, der ſchießende und jagende Landpfarrer aus dem erſten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts, er, der ſich über alle äußeren Rückſichten wegſetzte und ſich ſelbſt um die feierlichen Pflichten ſeines Berufes ſehr wenig bekümmerte, entweder dem Manne der Formen und Ceremonien, der Chorhemden und Kniebeugungen, der Kreuze und Wachs⸗ ſtöcke oder dem eifrigen, arbeitſamen, ängſtlich bemühten evangeliſchen Geiſtlichen Platz gemacht, der die Kranken beſucht, die Schulen viſitirt, die Gottloſen durch lebhafte Schilderungen der Verdammniß erſchreckt und ſich von ſeinen Amtspflichten, die ſchon an ſich für einen einzelnen Mann faſt zu viel ſind, durch Miſſionärszuſammenkünfte, durch Ausbreitung der Bibelgeſellſchaften und durch Vertheilung von Traktätchen und Evangelien zerſtreut. Der Pfarrer Trulliber(ich weiß nicht, ob ich den Namen recht ſchreibe, da ich kein Buch bei mir habe), der Prediger Adams, der Vikar von Wakeſield, obwohl jeder, als Repräſentant einer Klaſſe betrachtet, ſicherlich ſehr übertrieben iſt, geben uns doch einen Begriff von den verſchiedenen Phaſen in dem Zuſtande des Klerus während des verfloſſenen Jahrhunderts, und unzählige Memoiren, Hiſtorien und Skizzen zeigen uns das wirkliche Leben der Geiſtlichkeit zu Ende des ſieben⸗ zehnten und im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. In all' dieſen Perioden dürfen wir jedoch nicht ver⸗ geſſen, daß unter dem Klerus, je nach den Umſtänden, eine 26 unendliche Verſchiedenheit in Sitten, Charakter und Ver⸗ hältniſſen unter den einzelnen Individuen vorherrſchte⸗ Wer ferne von der feineren Geſellſchaft auf einer abgelege⸗ nen Landpfarre hauste, war natürlich leicht geneigt die verfeinerten Manieren wie er ſie im Collegium angenommen, zu verlieren. Dieß war beſonders da der Fall, wo, wie nicht ſelten geſchah, die ſchamloſe Magerkeit des Stipendiums den Gemeindeprieſter oder Vikar nöthigte, ſich durch harte Hand⸗ arbeit die nöthigen Subſiſtenzmittel zu erwerben. Aber auch da traf dies nicht immer zu, denn gar oft haben Hände welche den Tag über den Pflug führten oder die Scholle umgruben in den Abendſtunden wenn ſie gewaſchen und ge⸗ reinigt waren Worte voll Feuer auf's Papier geworfen, welche nicht allein ihren Weg in die Herzen der Menſchen fanden und die Flamme reiner Gottesfurcht in deren Bruſt entzündeten, ſondern dem Autor ſelber den Weg zu hoher Auszeichnung bahnten. Auf der andern Seite war der Kaplan des Edelmanns oder großen Landbeſitzers, deſſen Beförderung in der Kirche, ja deſſen Mittageſſen häufig einzig von ſeinem Patrone ab⸗ hing, gar oft zum kriechenden Schmarotzerdienſte geneigt, fähig die herabwürdigendſten und zuweilen ſchamloſeſten Dienſte zu verrichten und der Würde ſeines Berufs wie des allgemeinen Menſchenwerthes gleichermaßen zu vergeſſen. So etwas traf ſich jedoch nur zufällig; ebenſo häufig konnte man auch einen Kaplan nicht minder ſtreng und hart wie den wüthendſten Reformator finden, den ganzen Haushalt in Schrecken haltend und ſogar die Fehler ſeines Gebieters 27 mit ſeinen Vorwürfen heimſuchend. Dieſe beiden waren die Extreme; weitaus die Mehrzahl lag in der Mitte. Da fand ſich der häusliche Prieſter, ſeinen Pflichten ruhig ob⸗ liegend, das Kreuz ſeiner Tage mit Milde tragend, gerade ſoviel Gutes wirkend wie ein nicht ſehr eifriger Charakter zu verrichten vermochte, und einem beſſeren freieren Tage, wo die lang erwartete Pfründe ihm gewährt werden ſollte, in demüthiger Hoffnung entgegenſehend. All' das gemeine Karrikaturenſchmieren vermag die Umriſſe des Gemäldes nicht zu verändern, das uns in den authentiſchen Aufzeichnungen jener Tage hinterlaſſen wurde, und wenn auch der Gedankenloſe darüber lächeln und der Unwiſſende applaudiren mag, ſo wird es doch diejenigen nicht täuſchen, welche mit den Sitten und Gebräuchen ande⸗ rer Zeiten wirklich vertraut ſind Zwei Geiſtliche des ſiebzehnten Jahrhunderts ſtehen jetzt vor uns, Leſer; ſie gehören aber keinem der beiden Ex⸗ treme an, und der bedeutende Unterſchied zwiſchen ihnen dient blos dazu, uns zu beweiſen, daß ſelbſt der Mittelgrund noch große Mannigfaltigkeit zuließ. Der zuerſt Eintretende ging nach kurzer Umſchau im Zimmer gerades Wegs auf den Herrn des Hauſes zu und ergriff ſeine Hand mit freundlicher Wärme. „Mr. Woodhall,“ ſagte er mit einer kaum bemerkbaren Spur des iriſchen Accentes,„ich bin hoch erfreut, Euch wie⸗ der zu ſehen. Es ſind jetzt volle ſechs Monate, ſeit wir uns zuletzt trafen; ich bin nämlich für Mylord zu lange in Lon⸗ don ausgeblieben, da ich in eigenen Geſchäften nach Dublin 2 28 hinüber mußte, wo meine theure Tante endlich für gut fand ſich nach dem Paradieſe auf den Weg zu machen, während ich meiner Treu ſchon geglaubt hatte, ſie habe jene Reiſe gänzlich aufgegeben. Gott ſegne ſie! denn ſie hinterließ mir ein hübſches behagliches Sümmchen von jährlich zwei⸗ hundert engliſchen Pfunden, eine große chineſiſche Bowle und ein paar Schlappſchuhe aus Tanger. Der Himmel belohne ſie! wie er gewiß auch thun wird, da ſie ihn nie moleſtirt hat, bis ſte nicht mehr anders konnte.“ „Ich freue mich Euch wiederzuſehen, Mr. Mae Feely,“ bemerkte der Herr des Maierhofes;„Ihr wurdet im Hauſe oben ſehr vermißt, wenn es galt das Wildpret einzuſegnen.“ „O, der Johannisbeerſaft thut das ebenſo gut ohne mich,“ bemerkte der Kaplan.„Mr. Ralph, ich bin ſehr froh, Euch zu ſehen. Die Alma Mater verlaſſen, wie ich höre? Fertig mit der alten Dame? Nun ja, ſo geht’s mit allen Vätern und Müttern: die Kinder wollen und müſſen ſie verlaſſen, und es hilft nichts, wenn man gakernd wie die Henne hinter einer Brut junger Küchlein herzieht, nachdem man ſie den Weg zum Waſſer einſchlägen ſah. Jedes Thier kennt ſein eigenes Element und wird es früher oder ſpäter finden. Meine arme Mutter— Friede ſey mit ihrer Seele! war in großer Angſt, daß ich den Irrthümern des Pabſtthums verfallen und mich den Lockungen der ſchar⸗ lachenen Dame ergeben werde; aber meiner Treu', ich hatte keinen Sinn für die Gelübde des Cölibats, und ſo kam ich nach England herüber, um dem Uebel aus dem Wege zu gehen. Nein, nein, die Ehe iſt ein ehrenvolles Gut— he⸗ —ͤͤ— 29 ſonders wenn noch ein anderes Gut im Hintergrunde iſt; und was die Ausſicht betrifft, mich mit der Kirche zu verhei⸗ rathen— bei Seele und Gewiſſen! da muß ich ſagen, ich habe die Kirche— ſey ſie nun aus Holz oder Stein— noch nicht geſehen, die ich jemals heirathen möchte.“ Während der ehrenwerthe Geiſtliche dieſe Rede an den Sohn richtete, war der Vater von dem anderen Gaſte, dem Pfarrherrn der Gemeinde, begrüßt worden. „Guten Abend, Doktor, freundlichen guten Abend, 4 ſagte der Hausherr.„Ihr habt mich hier im armſeligen Schlafrock und Pantoffeln überfallen; aber Ralph und ich waren in ſo ernſtem Geſpräche begriffen, daß ich gänzlich vergaß wie die Zeit verſtrich.'s iſt aber auch ſo ganz gut; das Geſpräch geht nie leichter von Statten als in Schlapp⸗ ſchuhen, und wir wollen für heute alle Ceremonie bei Seite laſſen. Kommt, legt Eure Perücke ab; dann wollen wir uns gleich an eine Bowle Punſch machen.“ Das Brauen des Punſches und das Geſpräch, welches die Arbeit würzte, wollen wir übergehen, ob ſich nun jenes Geſpräch um das Schlechterwerden der Citronen, welche der Kaplan für kaum halb ſo ſaftig wie in der Zeit ſeiner Kna⸗ benjahre erklärte oder um den enormen Preis des Zuckers drehte, worüber ſich der gute Geiſtliche aufrichtig beklagte. Nachdem jedoch die erſten Löffel die Nunde gemacht, kamen wichtigere Themas an die Reihe: Gerüchte über London, Erzählungen aus Frankreich, ein Epigramm, ein Hofball, eine Stelle aus Lukan, eine neu entdeckte Methode, einige . 30 ſehr verwickelte Fragen über koniſche Schnitte wurden ver⸗ handelt und diskutirt. 1 Ralph Woodhall intereſſirte ſich nicht für derlei Dinge; einige waren ihm unbekannt, andere langweilig, und er erhob ſich zuletzt und ſagte, er wolle noch ein halb Stündchen ſpazieren gehen. „Um die Sterne zu ſtudiren, Ralph?“ fragte ſein Vater. „Nein, aber ein Sonett auf den bleichſüchtigen Mond will ich ſchreiben,“ erwiederte der Sohn lachend und ent⸗ fernte ſich. „Der Knabe hat offenbar ſeinen Witz verloren,“ be⸗ merkte der iriſche Geiſtliche,„daß er des grünen Pfades und des Mondſcheins halber eine ſolche Bowle und ſo erbauliches Geſpräch im Stiche läßt.“ „Er iſt in der That in neuerer Zeit etwas ſchwerfällig und nachdenklich geweſen,“ meinte der Vater;„aber die ländlichen Spaziergänge hat er immer geliebt— visere saepe amnes nitidos.“* „Aber nicht im Dunkeln,“ bemerkte der ältere Pfarrer; „er war nie ein Nachtwandler.“ 3 „Der Junge iſt verliebt,“ rief der Irländer;„das iſt die Wahrheit an der Sache, ſo gewiß ich Mag Feely heiße. So oft ein Burſche um die Zwanzig träumeriſch im Mond⸗ licht wandelt, in den plätſchernden Bach ſchaut oder mit ab⸗ genommenem Hute unter einer Ulme ſitzt, darf man ſicher ſeyn, daß er von jener melancholiſchen himmelhochjauchzenden * Oft zu ſehen die glän zenden Fluthen. 31 Träumerei— Liebe— angeſteckt iſt, welche mit Recht eine Leidenſchaft iſt, wenn man unter Leidenſchaft Leiden verſteht, welche aber ebenſo richtig von einigen Doktoren ein Wahn⸗ ſinn oder eine Krankheit genannt wird, ob nuͤn der Sitz der⸗ ſelben in der Leber, im Zwerchfell, im Gehirn oder im Her⸗ zen ſich befinden mag.“ „Halt, halt, Doktor,“ fiel Mr. Woodhall ein—„da müßt Ihr doch einige Unterſcheidungen machen; es gibt verſchiedene Gattungen von Liebe, einige ehrlich, edel und veredelnd, andere ſchlimm und entwürdigend. Zu geſchweigen der göttlichen Liebe, der heiligen Liebe und aller Arten und Specien ehrbarer Neigung iſt ſelbſt die Liebe des Mannes zum Weibe oft viel zu erfreulich und ſegensreich, als daß man ſie eine Krankheit nennen dürfte. Ein geiſtlicher Kitzel dürfte ſie vielleicht genannt werden, der, wenn nicht über⸗ trieben und ausſchweifend, ganz angenehm und ſogar heilſam wirkt. Manche orientaliſchen Nationen finden das größte Vergnügen daran ſich ſachte kitzeln zu laſſen; den Chineſen macht es Freude, wenn man ihnen die Fußſohlen mit dem Finger oder einer Feder kitzelt, und doch wiſſen wir, daß das Füßekitzeln, im Uebermaß getrieben, Krampf und Tod zur Folge gehabt hat. Es kommt eben alles auf Mäßigung an; jeder Exceß iſt ſchlimm, worin er auch begangen werden möge. Ja ich halte dafür, daß ein Uebermaß der Enthalt⸗ ſamkeit ſündvoller iſt als ein Uebermaß des Genuſſes, denn das Eine iſt ein Verſchmähen von Gottes Gaben, während das Andere blos ein übermäßiges Genießen derſelben iſt. Ich kann nicht umhin zu glauben, daß die Säulenheiligen 32 und Anachoreten in der thebaiſchen Wüſte nicht allein arge Thoren, ſondern auch gottesläſterliche Thoren waren, denn ſagten ſie's auch nicht mit Worten, ſo verkündigten ſie doch durch die That eine böswillige und falſche Beſchuldigung der Gottheit, wofür ſie verbrannt zu werden verdienen, wenn überhaupt ein Menſch ein ſolches Schickſal verdient.“ „Wenn aber Euer Sohn verliebt iſt— wer iſt der Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft?“ fragte der ältliche Pfarr⸗ herr.„Es iſt doch Niemand in der Gemeinde, für den er, wie ich glauben könnte, eine ſolche Leidenſchaft faſſen würde.“ „Er iſt keineswegs verliebt,“ verſetzte der Vater.„Die Wahrheit iſt, mein verehrter Freund: er hegt eine tiefe Sehn⸗ ſucht von hinnen zu gehen und ſein Glück in der Welt zu ſuchen; wir haben eben als Ihr kamt über dieſes Thema geſprochen. Ich hatte weder eingewilligt noch abgeſagt, und vermuthlich war es der Zweifel— die peinlichſte aller Gemüthsſtimmungen oder Seelenverfaſſungen— der ihn heute in die Nacht hinausgetrieben hat.“ „Der Junge iſt verliebt!“ brummte Mr. Mac Feel) in rechthaberiſchem Tone;„der Junge iſt verliebt! Ihn fortzuſchicken um ſein Glück zu ſuchen, das iſt übrigens das Allerbeſte was Ihr für ihn thun könnt— es iſt für die Liebe das ſicherſte Heilmittel auf der Welt. Die erſten vierzehn Tage wird er pruſten und ſeufzen wie eine ver⸗ liebte Katze. Dann wird er finden, daß es im Leben noch etwas mehr zu thun gibt als blos zu ſeufzen. Dann wird er ſich rühren und kämpfen, alles um der Geliebten willen; dann wird er die Geliebte im Kampfe vergeſſen, wird endlich * — 33 finden, daß ſie ihn vergeſſen hat, und wird ſich mit dem Spruche tröſten: des gibt noch mehr Fiſche in der See! Gott ſegne Euch, Mr. Woodhall: als ich Irland verließ, um mit dem Wenigen was ich zuſammenraffen konnte an Eurer Univerſität zu Orford zu ſtudiren, da war ich in nicht weniger als neun der hübſcheſten Mädchen im ganzen Nor⸗ den von Irland bis zum Sterben verliebt. Nicht Eine war unter ihnen, die nicht geſchworen hätte, daß ſie um meinet⸗ willen als Jungfrau ſterben werde, und Ihr ſeht, ich bin noch ein Junggeſelle über die Vierzig, und ſie ſind alle Ma⸗ tronen— einige ſogar Großmütter, wie ich glaube.“ „Was ſagt Ihr zu der Sache, mein würdiger Freund Barry?“ fragte Mr. Woodhall, den anderen Geiſtlichen anredend.„Ich mag mich von meinem Sohne ſobald nach ſeiner Rückkehr vom Kollege nicht gerne trennen, mag einen Jungen wie ihn nicht ohne entſchieden günſtige Ausſichten in die weite Welt hinausſchicken. Wenn es jedoch zu ſeinem Beſten iſt, ſo will ich meine väterliche Zärtlichkeit und Be⸗ ſorgniß bei Seite legen und ihn ziehen laſſen.“ „Ihr werdet ihn am Ende gehen laſſen, Woodhall, was Ihr auch jetzt beſchließen möget,“ erwiederte der Geiſt⸗ liche mit freundlichem Blicke,„und es iſt beſſer avec bonne grace zu thun, was Ihr am Ende doch thun werdet. Ueber⸗ dies glaube ich, daß Ihr Recht daran thun werdet. Der wichtigſte Theil der Erziehung iſt die Erziehung durch die Welt. Wer ſeine Kinder davon zurückhält bis er ſelbſt aus der Welt ſcheidet, macht nur, daß ſie ihren harten Unterricht empfangen müſſen, ohne daß Jemand bei der Hand iſt, der James. Das Schickſal. 4 3 34 ihnen denſelben erleichtert. Ihr habt Ralph wohl darauf vorbereitet: ſein Geiſt wie ſein Herz ſind beſtens kultivirt — ſo laßt ihn die Lehren der Erfahrung empfangen, wäh⸗ rend Ihr noch hier ſeyd, um ihm im Falle der Noth Beiſtand zu leiſten.“ „Wohlan, er ſoll gehen,“ erklärte Mr. Woodhall mit einem Seufzer,„ich habe noch immer einige Freunde in der großen Welt, welche ihm eine hülfreiche Hand leihen werden, und an ſie ſoll er Briefe erhalten.“ „Ich habe blos Einen,“ ſagte Mr. Barry;„aber er iſt ein guter und getreuer Freund, und Ralph muß ihn kennen.“ „O Ihr edler Hirte! ich will ihm in einem Augenblicke zwanzig Briefe von Mylord verſchaffen,“ rief Mr. Mac Feely.„Der Junge iſt ein großer Liebling von ihm; ich habe nichts zu thun als die Briefe zu ſchreiben, und Mylord wird ſie unterzeichnen und adreſſiren.“ 1 So wurde beſchloſſen, daß Ralph Woodhall fortziehen ſollte, um ſein Glück in der Welt zu verſuchen. Viertes Kapitel. Ich erwähnte des Bächleins— hoffentlich hab' ich des Bächleins erwähnt. Ja gewiß, ich that es, wenn es einem auch in der Haſt eine Geſchichte zu erzählen paſſiren kann, daß man kleine Einzelnheiten vergißt. Ich weiß gewiß, wie ich den Leſer bei Beſchreibung des Maierhofes unterrichtete, 3⁵ daß ein kleiner lieblicher Bach, nicht unbekannt mit Forellen, an der Rückſeite des alten Hauſes hinfloß, und dann als be⸗ ſäße er eine beſondere Vorliebe für den Ort ſich in gräziöſer Wendung um eine der Seiten bog, zu gleicher Zeit als Zaun dienend, ſelbſt wenn nicht eine alte verfallene Mauer zu die⸗ ſem Zwecke vorhanden geweſen wäre. Es war ein gar ſchönes Flüßchen, denn es verdiente einen bedeutenderen Namen als blos den eines Baches, da es an dieſem Punkte etliche zwölf bis vierzehn Fuß breit war, und zahlreiche kleine Hügel und Höhen bei der allge⸗ meinen Senkung des Bodens gegen Süden und Weſten aus der Hochebene im Norden und Oſten, von wo es herabkam, dem Waſſer eine raſche, muntere Bewegung verliehen hatten, welche durch einige Miniaturkaskaden und Stromſchnellen noch beſchleunigt wurde. Bäume wuchſen an ſeinen Ufern und hingen oft darüber her, ſeine ſchimmernden Waſſer mit dem glänzenden Grün der ineinandergewobenen Zweige und Blätter beſchattend. Zuweilen traten ſie weit zurück, einer breiten offenen Wieſe den Zutritt offen laſſend, wo der Angler ſeine Fliege mit furchtloſem Schwunge des Arms auswerfen konnte; ein andermal krochen ſie dicht an die Ufer heran, ſo dicht, daß einem die grünbraunen abgerundeten Wurzeln an dem zerriſſenen Saume in den Weg traten und mit dem mooſi⸗ gen Raſen und dem ſchlammigen Felſen vermiſcht ſich mit manchem Riß und mancher Spalte— dem beliebten Ver⸗ ſtecke der Waſſerratte oder Fiſchotter— in den Strom hinab⸗ ſchlängelten. Auf dem linken Ufer führte ein breiter trockener wohl⸗ 3* 36 gehaltener Pfad theils zwiſchen dunklen Gebüſchen, theils am Rande grüner Wieſen dicht am Saume des Stromes, alle ſeine Bogen und Wendungen verfolgend; er bot für Jieden, der ſtilles Nachſinnen liebte oder das ruhige Antlitz der Natur gerne ſtudirte, den ſchönſten und lieblichſten Spa⸗ ziergang, den man in der weiten Welt finden konnte. Schon das unbändige, haſtige, geſchwätzige Knabenalter des Stro⸗ mes, wie er die Felſen und Hinderniſſe auf ſeinem Wege be⸗ kämpfte, hier eine Schwierigkeit überhüpfte, dort um ein Hemmniß ſich herumwand und allen zum Trotz ſeinen Weg durch die Welt luſtig dahin ſchoß— konnte dem Poeten gar manches Bild, dem Philoſophen allerlei Gedanken ein⸗ geben. Auch der Blick über einige der offenen Gefilde, zwar oft durch Hecken, durch Kirchthürme, Landhäuſer und Pacht⸗ höfe unterbrochen, aber auch nicht ſelten meilenweit über blaue Sümpfe und düſtere Moore ſich ausdehnend, hatte etwas Erweiterndes und Erhebendes an ſich, was das Herz zu öffnen ſchien und die Bruſt freier aufathmen ließ. Selbſt wo die Bäume den Strom einſäumten, konnte das Auge immer noch in die Ferne hinausſtreifen, denn man wandelte nicht durch dichten Forſt, ſondern durch einen bloſen Wald⸗ gürtel ohne Unterholz, der zwiſchen den alten Stämmen immer wieder glatte Uferplätze und graſige Abhänge übrig ließ, über welche das Auge manchen Sonnenſtrahl verfolgen und oft durch die grünen Oeffnungen einen Durchblick in die weitentlegene Ferne jenſeits erhaſchen mochte. O über die Predigten der Natur! Wie ſie dem Her⸗ 37 zen derer, welche darauf hoͤren wollen, Lehren des Friedens, der Ruhe und Liebe einflößen, welche dieſe harſche zankſüch⸗ tige Welt umwandeln könnten, wenn der Menſch ſie nur ſtudiren wollte! Die Züge, welche des Menſchen Hand auf⸗ zeichnet, ſelbſt wenn ſte vom Zahne der Zeit verſchont blei⸗ ben, entgehen unſerem Verſtändniß, werden zum Räthſel oder Geheimniß, ob ſie nun auf Pergament geſchrieben oder in den Felſen eingegraben ſeyen. Der Gelehrte erforſcht, der Weiſe oder Kecke erklärt ſte; aber die Erklärung verſagt uns endlich, und die Sprache des Todten wird für die Leben⸗ den ein Gegenſtand des Zankes und Streites. Dagegen iſt in dem vor unſern Augen aufgeſchlagenen Buche die hohe Weisheit des Schöpfers in der Univerſalſprache der Natur niedergeſchrieben, und der Menſch braucht blos zu ſchauen und zu leſen, um in Folge der erlaubten Gemeinſchaft mit einem Geiſte, höher als der ſeine, weiſer, beſſer und größer zu werden. Ein ſchöner, lieblicher Spaziergang war dieſer Pfad neben dem Strome, lieblich am frühen Morgen, wenn der Thau auf Gras und Blumen lag, und die ſchiefen Strahlen unter den grünen Zweigen hervorguckten, wie wenn der erſte Blick des Tages auf die neue Welt ſchüchtern und zweifel⸗ haft ſeyn müßte; lieblich am Mittag, wenn die grünen Aeſte ein Obdach gewährten, und der kurze Gang über die Wieſen den Schatten nur noch willkommener und die friſche Luft aus dem ewig bewegten Strome noch ſüßer machte; lieblich am Abend, wenn das roſige Licht Blatt und Moos und Grasplatz färbte, die alten Baumſtämme bemalte und den 38 Schaum des Waſſers mit Rubinen beſprengte. Lieblich war er auch, höchſt lieblich, wenn der gelbe Mond hoch in der Luft hing, und ſeine Strahlen mit den ſchattigen Zwei⸗ gen ſich verwebend, den Weg mit einem Netze von Schwarz und Silber beſtreuten. Wie dann der Strom zu tanzen, zu hüpfen und ſpringen ſchien, als ob er den Blicken der Nacht⸗ königin begegnen wollte! Wie jeder kleine Waſſerfall, jede Stromſchnelle mit dem Diamantenſchauer ſpielte, der von oben auf ſie herabfiel! Auf dieſem Pfade unter den Strahlen des Mondes wan⸗ delte Ralph Woodhall in langſamem gedankenvollem Gange, während der nächſte Schritt in ſeine künftige Laufbahn ſo⸗ eben in ſeines Vaters Hauſe berathen wurde. Bei der erſten Wieſe blieb er ſtehen und ſchaute zu dem hellen Mond empor; dann ging er weiter, bisweilen in den ſchnellen Strom ſchauend und träumeriſche Bilder aus den blitzenden Waſſern ſchöpfend, zuweilen ſeine Augen auf den Pfad heftend, und ſich ganz der Gemeinſchaft mit ſeinen eigenen Gedanken überlaſſend. Sie waren etwas finſter und traurig— dieſe Gedanken, wenigſtens der Grundton war es; aber ein Strahl der Hoffnung ſtahl ſich durch und erhellte das Düſter der verſchloſſenen Zukunft. Er wandelte etwa noch eine halbe Meile weiter; dort näherte ſich der Strom dem kleinen Dorfe, ohne ihm aber zu nahe zu kommen; er bog nur um den Fuß der kleinen An⸗ hoͤhe auf der es ſtand, ein einzelnes Feld mit einer frei ſtehenden Baumgruppe zwiſchen ſeinem Ufer und dem erſten Hauſe laſſend. Ralph blieb hier ſtehen und ſchaute nach 39 der Kirche empor, während ſonderbare Fantaſten an ſeinem Sinne vorüberzogen. Sie waren ganz von der Art, wie ſie in Schillers Lied von der Glocke ausgeſprochen ſind— halb traurig halb freudig. O wie manche Scene, in der er ſelbſt eine Hauptrolle ſpielte, zog in dem kurzen Augenblicke, den er hier verweilte, traumähnlich an ſeinen Augen vorüber: alle die großen Epochen des Lebens— alle ihre Symbole— die Wiege— der Brautring— der Sarg! Nachſinnend ging er weiter, bis er an eine niedere Mauer mit einer Treppe aus behauenen Steinen und großen Bäumen jenſeits gelangte; er ging über die Treppe und folgte dem Pfade, der noch immer neben dem Strome hinlief. Durch die Bäume konnte man das Mondlicht auf dem offe⸗ nen Moorgrunde ruhen ſehen, mit mancher Lichtung und Vertiefung dazwiſchen, aus denen hie und da ein Hirſch bei dem Schalle eines Fußtrittes ſeine Geweih hervor⸗ ſtreckte. Gleich darauf glimmte ein anderes Licht, mehr in der geraden Richtung ſeines Pfades, durch die Zweige— ein rötherer und doch ruhiger Schimmer. Kurz darauf ſah man ein hohes unregelmäßiges Haus auf einer Terraſſe, bis zu deren Fuße der Pfad ganz nahe heranlief, mit einem hellen Schimmer, der aus den Fenſtern des untern Stockwerkes leuchtete, während aus den oberen Gittern einige ſpäͤrliche Strahlen ſich durchſtahlen. Der junge Mann trat einige Schritte bei Seite, bis wo die Bäume dem Hauſe am nächſten ſtanden, blieb aber 40 unter ihrem Schatten, und ſchaute mit geſpanntem aber kummervollem Blick nach einem der oberen Fenſter empor. Was mochten ſeine Gedanken und Gefühle in dieſem Augenblicke ſeyn? oder vielmehr, was mochten ſie nicht ſeyn? Aus den voll erleuchteten unteren Fenſtern brach helles luſtiges Gelächter; dort waren Männer in froher Unterhaltung begriffen; aber ihre Luſt war keine Muſik für ſeine Ohren. Beneidete er ſie etwa? O nein! höchſtens daß er bedachte, wie ſonderbar das Schickſal der Men⸗ ſchen Loos geſtaltet; vielleicht daß er fragte, warum er, dem daſſelbe Blut wie dort jenen Jubelnden in den Adern floß— warum er, der ſich eines eben ſo hohen Sinnes, eines ebenſo kühnen und treuen Herzens bewußt war— in vergleichungsweiſe Armuth verſetzt und gleichſam als ein Untergeordneter betrachtet werden ſollte, weil ſeines Vaters Urgroßvater ein paar Jahrhunderte früher ohne ſeine eigene Zuſtimmung durch Zufall als jüngerer Sohn geboren worden war. Er beneidete ſie nicht, begehrte nichts von dem was ſie beſaßen— o nein; von Allem was ſich hinter jenen Mauern barg, ſehnte er ſich nur nach Einem. Aber wie ſehnte er ſich nach dieſem Einen! Er konnte es nicht erlangen, und die einzige Schranke war eben der Mangel deſſen, was jene Schwelger beſaßen. Dieſer Gedanke vermehrte noch ſeine Sehnſucht; doch ihren Reichthum, ihren Rang, ihre Stellung wünſchte er ſich nur als Mittel zu dem großen Endziel aller ſeiner Herzens⸗ wünſche. Gedanken kamen in überwältigender Fülle; aber er 41 heftete ſeine Blicke noch immer auf jenes Gitter. Ein Schatten ſtrich daran vorüber, und er ſagte zu ſich ſelbſt: „Sie weiß nicht, daß ich hier zu ihr emporſchaue.— Und wenn ſie es wüßte, was würde ſie ſich darum beküm⸗ mern?“ murmelte er abermals nicht ohne Bitterkeit, fuhr jedoch im nächſten Augenblicke fort:„ich thue ihr Unrecht. Sie würde ſich bekümmern— würde ſich grämen— würde vielleicht herauskommen um mich aufzuheitern— jedenfalls um mir Lebewohl zu ſagen. O wenn ich ſte's nur wiſſen laſſen könnte!“ Mit unſicherem Vorſatz in ſeinem Herzen that er einen Schritt vorwärts, als eine ſchmale Seitenthüre nicht fern von den hellen Fenſtern einen kurzen Lichtſtrahl durch⸗ ließ, der augenblicklich wieder verdunkelt wurde. Im näch⸗ ſten Moment kam eine Geſtalt— eine Frauengeſtalt— über die Terraſſe und durch die aus der Halle ſtrömende Helle geſchritten, und Ralph trat einige Schritte vor, zog ſich aber raſch wieder zurück, denn die Geſtalt wendete ſich plötzlich von den lärmenden Toͤnen ab, ſtieg die Stufen der Terraſſe nieder, und näherte ſich auf demſelben Pfade, auf dem er gekommen war. O wie ſein Herz in dieſem Augenblick pochte! Das ihrige hätte vielleicht ebenſo ungeſtüm geſchlagen, wenn ſie gewußt hätte, wer ihr nahe war. Aber die Nacht war ſtill und lautlos, nur etwas neblig, und ſie ſetzte ihren Weg fort, nur eine Weile anhaltend, um nach dem Himmel emporzu⸗ ſchauen, wo die Mondſtrahlen die Sterne verſchleierten, und dann den Pfad unter den überhangenden Aeſten betre⸗ 42 tend. Ralph Woodhall that ihr einen Schritt entgegen: ſein Fuß trat auf ein vom letzten Jahre her verwittertes Blatt, und er ſah ſie vor dem Geräuſche erſchrecken. Sie blieb plötzlich ſtehen, und aus Furcht, daß ſie umdrehen und entfliehen möchte, rief er ihren Namen. „Margarethe!“ rief er,„Margarethe! fürchte Dich nicht— es iſt Ralph. Ich bin froh, daß Du herausgekom⸗ men biſt, denn ſie ſcheinen in der Halle luſtig und guter Dinge, und ich mochte nicht eintreten, ſo ſehr ich mich auch ſehnte Dich zu ſehen.“ Margarethe reichte ihm ihre Hand. Weſſen Herz pochte jetzt wohl am heftigſten? „Sie machen einen ſchrecklichen Lärm, mehr als ge⸗ wöhnlich wie mir vorkommt,“ erwiederte ſie;„vielleicht trägt aber auch mein Kopfweh die Schuld, daß ihre Fröhlichkeit mir lärmender als ſonſt erſcheint. Ich dachte, die Abendkühle würde mir gut thun, und deßhalb kam ich heraus, um an dem Strome hinzuſchlendern.“ „Ich will Dich auf Deinem Spaziergange bewachen, Margarethe,“ ſagte Ralph.„Es iſt vielleicht für die näch⸗ ſten paar Jahre das letzte Mal, daß ich Dich begleiten kann.“ „Das letzte Mal!“ wiederholte das junge Mädchen, denn ſie konnte nicht über ſiebenzehn oder achtzehn Jahre zählen.„Du willſt uns doch nicht verlaſſen, Ralph?“ „O ja, auf eine Zeitlang, theure Margarethe,“ er⸗ klärte er.„Ich gehe in die weite Welt, um mein Glück zu —— 43 ſuchen— wenigſtens habe ich meinen Vater um ſeine Er⸗ laubniß hiezu gebeten.“ 4 „Glück!“ meinte Margarethe in gedankenvollem Tone, während ſie ſachte den Pfad dahinwandelte;„was kann nur das Glück an ſich haben, daß die Männer ſo Vieles opfern, um es zu ſuchen?“ „Nichts an ſich ſelbſt,“ antwortete Ralph,„aber Alles als bloſes Mittel betrachtet— für mich wenigſtens Alles.“ „Ich ſehe nicht ein, warum es für Dich mehr als für Andere ſeyn ſollte,“ bemerkte Margarethe;„warum denn?“ „Das will ich Dir im Augenblicke ſagen,“ erwiederte ihr Begleiter.„Kaum bin ich vom Kollege in meine Hei⸗ math zurückgekehrt, ſo wünſche ich wieder fortzuziehen, von meinem Vater, von Dir und allen meinen Freunden zu ſcheiden. Ich weiß, das iſt es was Du ſagen wollteſt, theure Margarethe. Wenneich aber zu Haus bleibe, zufrie⸗ den mit dem Wenigen was das Schickſal mir gegeben hat, ohne irgend eine Anſtrengung, um es zu vermehren oder mir Ehre, Ruhm und Stellung zu erwerben, ſo wird einſt ein viel bittereres Scheiden für mich anbrechen; ich muß dann mit anſehen, wie die Eine, die ich auf dieſer Welt am meiſten liebe, mich für eine andere Heimath verläßt, wie ſie mir nicht allein ihre Gegenwart, ſondern auch ihre Gedanken entzieht und Herz und Hand einem Fremden reicht, um mir ſelbſt faſt eine Fremde zu werden.“ Margarethe zitterte, antwortete aber nicht, und Ralph fuhr fort: „Soll ich zahm und ohne Anſtrengung abwarten, Mar⸗ garethe, bis ich dieß Alles raſch über mir hereinbrechen ſehe? Oder ſoll ich ſtärkeren Herzens mit dem Glücke kämpfen, und es in der ſchönen Hoffnung auf ſie, die ich liebe, zu erringen ſuchen?“ „O ja, geh— geh,“ rief das Maͤdchen haſtig. „Es wird mir vielleicht nicht gelingen,“ fuhr Ralph fort;„alle meine Anſtrengungen können fehlſchlagen— das iſt ſehr möglich. Ich werde dann dennoch trotz der äußerſten Kraftanwendung dieſelbe Qual zu erdulden, den⸗ ſelben Verluſt zu erleiden haben. Das ſteht in Gottes Hand; aber ich habe dann jedenfalls den einen Troſt, daß ich gekämpft, daß ich gearbeitet und meine Rolle auf mich genommen habe; und Du, Margarethe, Du wirſt beſſer von mir denken, wirſt Dich meiner und meiner Enttäuſchung mit Betrübniß erinnern, wirſt mich bemitleiden, wenn Du mich auch nicht lieben darfſt.“ „Ich werde Dich immer lieben, Ralph,“ erwiederte das Mädchen in ſeiner ganzen Naivetät, ſchwieg aber plötz⸗ lich und fuhr mit tiefem Seußzer fort:„ich fürchte, ich ſpreche thöricht; aber Du wirſt mich nicht mißverſtehen.“ „Margarethe“, verſetzte er im Tone tiefer Empfindung, „Margarethe, wir müſſen uns ganz verſtehen. Ich liebe. Dich, Margarethe, werde Dich immer lieben, werde nie eine Andere lieben als Dich; aber hoͤre mich, theures Mädchen, und zittere nicht ſo,“ fuhr er fort, ihren Arm in den ſeinigen legend:„Ich ſuche Dich durch keinerlei Band an ein Loos zu knüpfen, in deſſen dunklem Geſchicke es des Auges tiefer Liebe bedarf, um noch einen einzigen Funken von Hoffnung —— —— 4⁵ zu entdecken. Ich fordere von Dir kein Verſprechen mir angehören zu wollen, denn ich weiß recht wohl, daß es in meiner jetzigen Stellung der äußerſte Wahnſinn wäre, wenn Eines von uns Beiden von ſolch geſegneter Wonne träumen wollte. Ich hege dieſen Wahnſinn, Margarethe, denn ich wage noch immer zu hoffen; aber ich möchte nicht, daß Du ihn theilteſt, damit meine eigene bittere Enttäuſchung nicht verdoppelt werde, indem ſie auch Dir das Herz bricht. Es iſt das Beſte, wenn ich gehe und Dich frei laſſe, um zu han⸗ deln wie Dein eigenes Herz Dir gebietet, oder wie die Um⸗ ſtände es Dir auferlegen. Es iſt das Beſte, wenn ich gehe und mit all' der Energie, die nur die Liebe einzuflößen ver⸗ mag, nach jenen glänzenden Juwelen der Welt ſtrebe, welche in den Augen derer, in deren Händen Dein Geſchick ruht, nur allzuwerthvoll ſind. So lange Du Margarethe Woodhall biſt, wird die Hoffnung in mir leben, die Kraft wird in mir anhalten und wird mir Stärke verleihen um fortzukämpfen; ſollte ich Dich aber jemals mit anderem Namen nennen hören, dann wird das Licht des Lebens erlöſchen und ich werde mich niederſetzen wie mein Vater gethan hat, um in Dunkelheit hinzuſchwinden.“ „Was ſoll ich thun? was ſoll ich ſagen?“ murmelte Margarethe, als ob ſie mit ſich ſelber ſpräche.„O Ralph! wenn ich Deine Hoffnungen vermehren, wenn ich Deine Anſtrengungen kräftigen könnte— wie freudig wollte ich es thun! Aber mein Schickſal ruht in Anderer Händen, und ich habe kein Recht etwas zu verſprechen. Und doch würde ein Verſprechen mich ſelber ſtärken; es würde mir Kraft „ 46 zum Widerſtande geben, falls Widerſtand nöthig werden ſollte. Allein mein Vater iſt immer ſehr gütig gegen mich und Dich geweſen. Dürfen wir irgend etwas thun oder ſagen, was er tadeln oder verdammen würde?“ „Nein, o nein,“ gab Ralph mit Feſtigkeit zur Ant⸗ wort;„ich verlange es nicht, Margarethe; ich fordere blos, laß mich noch hoffen, bewahre mir Herz und Hand ſo lange es noch ſeyn kann; und wenn auch der Traum wild, unbe⸗ ſonnen und wahnſinnig erſcheinen mag, daß ich in wenig kurzen Jahren ſo weit gelangen werde, um die Ungleichheit zwiſchen Deiner und meiner Stellung zu vermindern, ſo will ich doch fortfahren, ſo lange das Becken des Leuchtthurms vor mir brennt, mag meine Bahn auch noch ſo rauh und gefahrvoll ſeyn. Wir leben in merkwürdig bewegten Zeiten, Margarethe; Veränderungen kommen oft und plötzlich; alle Menſchen kämpfen um ihr Loos; ſo laß auch mich kämpfen, und wenn Margarethe mich nur hoffen heißt, ſo wird mein Herz nie muthlos werden.“ Margarethe legte ihre ſchöne Hand auf die ſeinige und ſchaute zu ſeinem Geſichte empor. 3„Hoffe, Ralph, hoffe! Hoffe Alles— hoffe immer! Auch ich will hoffen und kämpfen!“ Während ſie ſprach ergoß ſich das Mondlicht durch die Zweige auf ihr Antlitz und erleuchtete ihre ſchönen Augen. Dieſer Blick und dieſe Worte waren zuviel, um noch länger zu widerſtehen. Nalph beugte ſein Haupt über ſie, und ihre Lippen begegneten ſich. „Horch!“ rief Ralph nach kurzer fieberhafter Pauſe, —d 47 „Ich höre Tritte den Pfad heraufkommen; laß uns nach der Halle umwenden“ „Ja, ja, laß uns zurückkehren,“ wiederholte Marga⸗ rethe, die Arme, die ſie umſchlungen hielten, ſanft und freund⸗ lich löſend; und als wollte ſie ihn nicht ganz troſtlos laſſen, fuhr ſie im Weitergehen mit leiſer Stimme fort:„Eines wenigſtens kann ich Dir verſprechen, Ralph: ich will mich keinem Anderen verloben; ich will keiner Bitte— ja keinem Befehle gehorchen, bis ich Dich benachrichtigt und Dir hin⸗ reichende Zeit gewährt habe, damit Du kommen und mich von einem Looſe befreien kannſt, das tauſendfach ſchlimmer als der Tod wäre, wenn Du mich zu erlöſen vermagſt. Jetzt aber laß uns ruhig ſeyn, denn ich höre die Tritte raſch hinter uns herkommen.“ Als jene Schritte ſich immer mehr näherten, war Mar⸗ garethe weit gefaßter als ihr Geliebter, denn ſo iſt die Natur des Weibs. Vielleicht war er weniger tief erſchüttert geweſen als ſie— er konnte es nicht mehr ſeyn; aber der ſtärkere Geiſt bleibt wie das tiefere Waſſer länger aufgeregt, wenn er einmal in Bewegung geſetzt wurde. „Aha, Mr. Ralph!“ hörte man gleich darauf Dr. Mac Feely's Stimme hinter ihnen rufen.„Bei meinem Leben! ſo hält man's ja bei mir zu Lande, wenn man einen ein⸗ ſamen Spaziergang macht. Ihr luſtwandelt einſam mit einer Begleiterin, he? Ei, ſchöne Miß Margarethe, weiß Mylord von Eurer Nachtſchwärmerei?“ „Ja wohl,“ verſetzte Margarethe, faſt ohne eine Spur von Aufregung:„ich gehe häufig im Mondlicht durch den „ 48 Park ſpazieren, Doktor, habe aber nicht oft das gute Glück wie heute, um Ralph als Begleiter vorzufinden. Ralph liebt die Bücher mehr als den Mond, wie ich glaube.“ „Ich denke, er liebt ein hübſches Geſicht wo er es finden kann, ſey es nun das des Mondes oder nicht,“ lachte der Kaplan. „Was meinen einſamen Spaziergang betrifft, Doktor,“ bemerkte Ralph,„ſo glaubte ich beim Aufbrechen allerdings, er würde einſam genug werden; aber ich kann nicht ſagen, daß er darum weniger angenehm war, weil er kein einſamer wurde.“ „Ha, ha, der Teufel mag das bezweifeln!“ murmelte Mae Feely vor ſich hin.„Mondſcheinſpaziergänge ſind übrigens ziemlich gefährliche Dinge, wie ich zu meinem Schaden erfahren habe. Da war die Wittwe Macarthy— doch gleichviel: der Mond wird als ein kalter Planet be⸗ trachtet; aber meiner Treu' ich glaube, er beſitzt eine größere Fertigkeit uns zu verſengen, als jede Sonne, die ich noch geſehen habe.“ Dieß Alles brummte er nur ſo vor ſich hin, ſo daß das junge Paar, neben welchem der Kaplan herwandelte, keinen deutlichen Sinn herauszufinden vermochte. Es war jedoch offenbar, daß ſein Argwohn erregt war, und Ralph in ſei⸗ nem ungeſtümen Weſen, immer bereit einer Gefahr die Stirne zu bieten, fragte geradezu: „Was ſprecht Ihr da mit Euch ſelbſt, Doktor?“ „O nichts als einige närriſche Einfälle der Natur, mein Junge,“ erwiederte der Andere. 49 „Ci,“ fiel Margarethe ein,„Ralph hat mir von einem ſeiner eigenen naͤrriſchen Einfälle erzählt, Doktor. Er ſagt, er wolle auf Reiſen gehen und uns Alle an dieſem lang⸗ weiligen Orte zurücklaſſen. Erſt einen Monat iſt er aus dem Kollege zurück, und ſchon iſt er uns müde. Könnt Ihr ihn nicht überreden, ſchon aus bloſer Höflichkeit noch ein wenig zu bleiben? „Bei meinem Gewiſſen! Das iſt das Letzte was ich thun werde,“ verſicherte Doktor Mac Feely.„Für ihn iſt's am beſten, wenn er ſich aufmacht um die Welt zu ſehen, und auch für andere Leute mag es nicht übel ſeyn. Nein, nein, ich habe dem alten Herrn verſprochen, ihm von Mylord Eurem Vater Briefe an all' ſeine vornehmen Bekannten zu verſchaffen, die ihm auf ſeiner Lebensbahn weiter helfen können, und je früher ihm dieſe gegeben werden, deſto beſſer.“ „Ei, ich weiß aber gar nicht was ich thun ſoll, wenn er fort iſt,“ ſagte Margarethe, unbewußt einer faſt inſtinkt⸗ artigen Politik des Frauenherzens folgend und einen Theil ihrer Gefühle offenbarend, um das Ganze deſto beſſer zu ver⸗ bergen.„Ich werde Niemand haben, der mit mir plandert als Euch, Doktor, Niemand, der mich aus dem Fluſſe zieht, wenn ich hineinfalle, wie Ralph that als ich ein kleines Mädchen war, denn Ihr würdet gewiß Euren Leibrock um meinetwillen nicht naßmachen.“ „So— meint Ihr wirklich, mein Herzenskind?“ rief der luſtige Prieſter.„Ich kann Euch in jeder Noth helfen, und werd es auch thun, Ihr dürft mirs glauben; was das Plaudern betrifft, ſo wird mein Geſpräch Guh unendlich James. Das Schickſal. 4 mehr nützen als das jedes jungen Gallans im Lande. Ich moͤchte übrigens Mylord um dieſe Briefe bitten— kann dies wohl heute Abend geſchehen? Iſt er in der Verfaſſung, um mit mir zu reden, Miß Margarethe? Als ich fortging, ſtand ein Heer von Flaſchen auf dem Tiſche, und der Bordeaur war keine von den ſchlimmſten.“ „In der Verfaſſung, um mit Euch zu reden!“ wieder⸗ holte Margarethe.„Pfui, Doktor; allerdings iſt er es. Wollt Ihr, daß ich Papa erzähle, Ihr behauptet, er fey jeden Abend bedapst?“ „Nein, nein, um's Himmels willen kein ſolches Wort, ſonſt geht die Pfründe zum Teufel,“ ſchrie Doktor Mac Feely.„So, Ihr kleiner Fuchs, ſo wollt Ihr Cure Fänge gegen mich kehren! Nun, nun, Ihr ſollt ſehen, wie ver⸗ ſchwiegen ich ſeyn kann, und ſo ſeyd auch Ihr verſchwiegen und ſaget kein Wörtchen. Wir wollen gegenſeitig unſern Nath befolgen, und vergeßt nicht, mein Liebling, wenn Ihr Gelegenheit habt, ſo legt ein gutes Wort für mich ein wegen der Pfründe. Ich bin nun ſchon zehn Jahre im Haus— Ihr waret damals noch ein gar kleines Ding und reichtet mir nicht bis an die Kniee, und noch wurde mir keine Pfarre 3 angeboten, außer jenem ſchauerlichen Moorloche Agueborough⸗ cum Sluſhing⸗Gap, wo ich vor gelbbäuchigen Froͤſchen mein Gebet zu leſen und vor Seemöven meine Predigt zu halten gehabt hätte. Auf dieſe Art werde ich nie Biſchof werden, und ich bin entſchloſſen, meine Arme einſtens, wenn es möglich iſt, in Linon zu ſtecken. Wir ſind jetzt dem Hauſe ganz nahe; Ihr ſchlüpft in Euer Zimmer hinauf, Miß 9— 51 Margarethe, und ich will mit Ralph eintreten. Dann wird der alte Herr über Eure Mondſcheinſpaziergänge um kein Haar weiſer ſeyn.“ „Im Gegentheil— ich werde gerades Wegs eintreten,“ bemerkte Margaretha zuverſichtlich,„d. h. wenn alle jene Narren fort ſind; ich ſelbſt will meinen Vater für Ralph um jene Briefe bitten. Ihr ſeyd ganz und gar im Irrthum, mein verehrter Freund, wenn Ihr glaubt, ich wolle meinen Vater nicht wiſſen laſſen, wo ich war, oder daß ich zufällig mit Ralph zuſammentraf. Hütet Euch nur, daß Ihr mei⸗ nen Spaziergang nicht falſch auslegt, Doktor,“ ſetzte ſie in warnendem Tone bei;„denn die einfache Wahrheit fürchte ich nicht.“ Als ſie jedoch das Haus erreichten, ergab ſich, daß die Geſellſchaft in der Halle noch nicht aufgebrochen war, und die Töne, die aus dem Zimmer hervorbrachen, bedeuteten Margarethe, daß die Scene dort nicht für ihre Anweſenheit geeignet war. Auch Doktor Mae Feely hielt ſeine Gegen⸗ wart nicht für ſehr erwünſcht, und ſo trennten ſich die Drei vor der Hausthüre. Man kann nicht ſagen, daß Ralphs Finger Marga⸗ rethens Hand nicht um ein gut Theil wärmer drückten als die des Kaplans, während er Beiden zu wiederholten Malen Adien ſagte. 4* 32 Fünftes Kapitel. Es war zuviel für die Gluth dieſer liebenden Herzen, in der kalten eiſigen Einſamkeit der kleinen ſie umgebenden Welt von einander zu ſcheiden. Die Vielen machen die Welt immer zur Einſamkeit für die Wenigen. Keine Ge⸗ fängnißmauern ſind härter und unerbittlicher— keine Feſſeln drückender und unauflöslicher— keine Pönitentiarzelle ſtummer und einſamer als der Wall von harten Menſchen⸗ geſichtern, als Feſſeln conventioneller Formen, als der ſtumpfſinnige zurückſtoßende lautleere Kreis einer theilnahm⸗ loſen Menge für Herzen, welche ſich gegenſeitig angezogen fühlen, und gerne dem Ohre deſſen zuflüſterten, der ſie be⸗ greifen kann. Sie konnten es nicht ertragen, ſie riskirten Alles, um ſich gegenſeitig ihre Gedanken mitzutheilen und trafen ſich eines ſchönen Morgens, den Tag vor Ralphs Abreiſe, auf der weiten Heide⸗ und Moorfläche. Der Himmel weiß, wie ſie die Gelegenheit dazu fanden! Sie wußten es ſelber kaum. Es war der Drang des Augenblicks; das Glück begünſtigte ſie; der Himmel lächelte den Wünſchen der Liebenden, und da waren ſie nun beiſammen. Kein Auge, ſo ſchien es, be⸗ merkte ihr Fortgehen: Niemand, den ſie kannten, begegnete ihnen auf dem einſamen Pfade, und einmal auf der wilden Heide, waren ſie nur noch ein Punkt auf der endloſen Fläche. Sie hörten von Weitem das Bellen der Hunde. Sie ſahen Jäger und Wild über den fernen Hügel hinjagen; aber ſte empfanden nur wenig Unruhe, denn ſo breit war 53 die Ebene, daß es langer Berechnung bedurft hätte um zu entdecken, wie viele Möglichkeiten gegen den einen Fall ſprachen, daß die Jagd nicht bis auf Geſichtsweite zu ihnen vordringen würde. Bald gingen ſie neben einander her, bald ſetzten ſie ſich Seite an Seite auf den trockenen Sand⸗ boden nieder. Ralph hielt Margarethens Hand gefaßt und Beide ſchauten ſich gar oft in die Augen. „Du wirſt mich nicht vergeſſen, Margarethe, unter all’ den frohen, ſtolzen und hochgeborenen Perſonen, welche in Deines Vaters Hauſe aus⸗ und eingehen— nicht wahr?“ „Kann ich mich ſelbſt und alle die Erinnerungen ver⸗ geſſen, Ralph, aus denen mein Daſeyn zuſammengeſetzt iſt? — Aber wirſt Du mich nicht vergeſſen? Du gehſt von hier in die wirbelnde Welt, wo Dir Alles neu und unver⸗ ſucht vorkommt, wo Tauſende von Scenen, Gefühlen, Hoff⸗ nungen, Leidenſchaften, Anſtrengungen und Zufällen Mar⸗ garethens Bild wohl aus Deinem Herzen verwiſchen können.“ „Glaubſt Du das, Margarethe? Kannſt Du Dir denken, daß ich bei Allem, was mir vor Augen kommt, die Urſache meines Scheidens auch nur auf einen Augenblick vergeſſen werde? Was gilt mir Alles, was die Welt mir geben oder zeigen kann? Hochmüthige Größe— glatte Schmeichelei— aufgeſchoſſener Reichthum— antliche Unverſchämtheit— eifrige haſtige Geſchäftigkeit— liſtige Politik und niedrige Kabale— fürſtliche Hallen und wim⸗ melnde Höfe, glizernde Edelſteine und bitterer Kampf— keines von dieſen wird mich im geringſten berühren ohne die Hoffnung— die einzige frohe leitende Hoffnung, welche mich 7 54 wie der Stern des Seemanns von dannen führt, nur um mich ſicher wieder nach Hauſe zu geleiten. O nein, Du Liebe! All' dieſe Dinge bilden nur die Wogen der See, durch die meine Barke ſteuern muß; freilich wenn ſie einſt einbrechen, dann iſt mein Schiffbruch entſchieden. Wollte Gott, theure Margarethe, daß Du während meiner Ab⸗ weſenheit jeden Gedanken, jede Empfindung meines Herzens ſehen, daß Du jede Handlung, an der ich mich betheilige, wie in einem Spiegel vor Dir ſchauen könnteſt!“ Margarethe ſchwieg nachdenklich. „Ich wollte, wir könnten in unſere Zukunft blicken!“ rief ſie;„wenigſtens ſoweit ſie unſer eigenes Schickſal be⸗ krührt. Ich wollte, wir könnten ſehen wie Alles dieſes enden wird! Dort drüben bei jenen zerſtreuten Hütten auf dem Moore ſoll ein Mann wohnen, der einem das Horoſkop ſtel⸗ len und denen, die ihn offen um Rath fragen, ihr Schickſal verkünden kann. Was meinſt Du, Ralph?“ fragte ſie mit lachendem Erröthen—e,ſollen wir nicht hingehen und ihn um unſer Geſchick befragen? Wie wäre es, wenn er uns ſagte, Du werdeſt untreu ſeyn, werdeſt eine ſchöne Dame am Hofe lieben und Margarethen vergeſſen? Fürchteſt Du Dich, ihn zu befragen?“ „Nicht im Geringſten, Margarethe,“ erwiederte er; „denn ich würde ſeinen Worten keinen Werth beilegen, was er auch ſagen möchte. Die Sterne verkünden uns Gottes Allmacht, und die ganze Natur erzählt uns von ſeiner Liebe und Güte; aber des Menſchen Schickſal iſt ein verſiegeltes Buch, worin weder die Sterne noch andere Elemente der großen 5⁵ Schöpfung uns leſen lehren können. Hätte der Allmächtige gewollt, daß das Geſchick auch nur der nächſten Stunde uns bekannt werden ſollte, ſo hätte er uns die klaren Mittel ge⸗ währt, um ſolches zu lernen, denn daſſelbe Weſen, das uns alles gezeigt hat, was wir wiſſen müſſen, um uns bei unſe⸗ rem Wandel hienieden zu helfen und unſer künftiges Seelen⸗ heil zu ſichern, hätte uns nicht unwiſſend gelaſſen in Dingen, welche uns nützlich ſeyn könnten, um unſere weltliche Beſtim⸗ mung zu begreifen. Uebrigens habe ich nicht die geringſte Scheu, und ſo laß uns gehen.“ Es mochte die Frage ſeyn, ob Ralph gegen Künſte, welche in damaliger Zeit faſt allgemeinen Glauben fanden, wirklich ſo durchaus ſkeptiſch war. Es iſt ein ſchönes Ding um die Vernunft; aber wehe unſerer armen menſchlichen Natur, denn die Vernunft verfehlt nur gar zu oft uns zu überzeugen! Faſt ſcheint es, als gäbe es inſtinktartige Ueberzeugungen, gegen welche ſelbſt die feinſte Logik nichts ausrichtet. Ralph hatte ſchon tauſendmal alle aberglaͤubi⸗ ſchen Meinungen, welche das Zeitalter, in dem er lebte, be⸗ wegten, bei ſich erwogen und diskutirt; er hatte zu ſeiner eigenen Befriedigung bewieſen, daß die Berechnung der Aſtrologen und all' die Schrecken übernatürlicher Heim⸗ ſuchung entweder Träume oder Betrug ſeyen. Ich ſagte: zu ſeiner eigenen Befriedigung— aber nicht zu ſeiner Ueber⸗ zeugung, und dieſe beiden ſind weit von einander geſchieden. Doch ließ er jedenfalls die zoͤgernden Eingebungen eines willenloſen Glaubens an das, was ſeine Vernunft verwarf, keinen Einfluß auf ſein Verhalten gewinnen, und er erklärte 7 —————— 56 ſich wiederholt bereit, ſich Margarethen auf ihrem Gange anzuſchließen. Dieſe ihrerſeits hatte die Frage noch nie bei ſich er⸗ wogen: Nicht daß ſie ſich all' dem tollen und groben Aber⸗ glauben damaliger Zeit geradezu hingab, denn ihr von Natur ſtarker und hellblickender Geiſt hatte ſie vor vielem wenn auch nicht vor allem derartigem Unſinn bewahrt. Sie hat! mit Schrecken und Entrüſtung von dem Prozeſſe, der Verurtheilung und Hinrichtung einiger unglücklicher Per⸗ ſonen gehört, welche nicht gar lange vor der Zeit unſerer Erzählung wegen Hexerei umgekommen waren. Wenn wir uns übrigens erinnern, daß Sir Thomas Brown, dieſer große Reformer der„Irrthümer des Pöbels“, ſich ſelber von dem Aberglauben des Tages nicht gänzlich frei zu erhalten vermochte, ſo werden wir von einem jungen Mädchen in Margarethens Alter kaum erwarten, daß ſie bei dieſer allge⸗ meinen Krankheit ganz leer ausgehen ſollte. So machte ſie ſich denn mit ihrem Geliebten auf den. Weg, indem ſie größeren Glauben als er zu dem anzuſtellen⸗ den Verſuche und alſo auch größeren Eifer zu der Sache mit ſich brachte. Zu gleicher Zeit war aber auch ihre Furcht und Aufregung um ſo größer, und ſie hatten noch keine hun⸗ dert Schritte gemacht, als ſie ihren Vorſchlag beinahe ſchon bereute. Ihre Neugier war jedoch ſtärker als die Furcht; vielleicht dürfte ich wohl ſagen, auch ihre Hoffnung war ſtärker, denn ohne Zweifel war ein großer Beweggrund zu der Nachforſchung, die ſie vorhatte, der Wunſch, ihr eigenes Herz für die kommenden Stunden der Prüfung durch die 57 Zuſicherung ſpäteren Glückes, die ſie in ihrer Zärtlichkeit voll Zuverſicht erwartete— zu ſtärken und zu ermuthigen. Die Grundlage alles Aberglaubens iſt das Grauen vor dem Gedanken an große unbekannte Dinge, und was immer dem Geiſte großartige feierliche Bilder einprägt, iſt ein natürlicher Verbündeter dieſes Grauens. Ich habe die Ur⸗ ſache der abergläubiſchen Furcht, ſo allgemein ſie auch bei den Menſchen verbreitet iſt, nur ein einziges Mal klar und richtig aufgefaßt gefunden; das geſchah in dem Werke eines amerikaniſchen Schriftſtellers, der wenigſtens in England weit weniger bekannt iſt, als er eigentlich verdiente. Er läßt eine ſeiner handelnden Perſonen alſo ſich ausſprechen: „Furcht iſt nicht Feigheit. Man kann der größten Gefahr, wie z. B. dem Tod, in jeglicher Geſtalt unerſchüttert begegnen und doch vor einer Kleinigkeit erſchrecken, einzig und allein weil ihre Größe uns nicht genau bekannt iſt. Dies überzeugt mich, daß es irgendwo im Weltall' noch etwas gibt, was fürchterlicher als der Tod oder jedes uns bekannte Uebel iſt. Denn woher käme ſonſt dieſer Alles durchdrin⸗ gende Inſtinkt der Furcht, der mit der Wiege beginnt und uns bis zum Grabe folgt? Es gibt irgendwo eine noch unenthüllte Urſache der Furcht, ein grauenvolles Uebel, wofür die Phantaſie des Menſchen noch keine Geſtalt aufzu⸗ finden vermochte.“ Alles was unſeren Geiſt frappirt und eine Empfindung des Grauens, der Großartigkeit und Erhabenheit hervor⸗ ruft, wirkt mächtig darauf hin, alle abergläubiſchen Ele⸗ mente in unſerer Natur zu erwecken, und der Schauplatz, „ 58 welchen unſere beiden Liebenden durchwanderten, war ganz geeignet eine ſolche Wirkung hervorzubringen. Ich kenne keinen feierlicheren, eindringlicheren Anblick, als den einer großen, weit gedehnten, unbebauten Moorfläche an einem düſteren Tage, wo kein heiterer Sonnenſchein die breite Fläche mit Flecken goldenen Lichtes unterbricht, wo der Himmel einförmig grau erſcheint, und das Auge nur auf den langen Linien der braunen purpurnen Haide wie auf einem breiten einſamen Oceane, der ſich rings um uns ausdehnt— auszuruhen vermag. So war der Anblick, der ſich Ralphs und Margarethens Auge darbot, noch ehe ſie eine Viertelmeile weit gegangen waren. Der wellenformige Boden hatte mittlerweile die gepflügten Felder und Wieſen in der Nähe des Maierhofes verſteckt; die Hecken und ſchlanken Bäume waren nicht mehr zu ſehen; die Kirche, das Dorf und ihres Vaters Halle waren verſchwunden, und was ſich noch von dem höher ge⸗ legenen Theile der Gegend gegen Süden und Weſten unter⸗ ſcheiden ließ, war nur eine ſchwarzgrüne Linie düſterer wald⸗ bedeckter Hügel. Auch die kleinen zerſtreuten Häuſer, auf die ihr Weg zuführte, und welche von dem Hochlande aus deutlich zu unterſcheiden geweſen— hatten ſich jetzt vor ihren Blicken verloren, und nicht eine Spur menſchlicher Wohnung, kein Zeichen ſeiner fleißigen Hand begrüßte das Auge, um dem Anblicke ſeinen Charakter äußerſter Ver⸗ laſſenheit einigermaßen zu benehmen. Selbſt der Pfad, den ſie auf dem Wege zu ihrem Ziele verfolgten— wenn er überhaupt dieſen Namen verdiente— zeigte nichts von 59 jener reichen Färbung, welche das graue Kolorit der Land⸗ ſchaft hätte beleben können; einzig aus dem ſchwarzgrauen Sande des torfigen Bodens gebildet, harmonirte er voll⸗ kommen mit dem dunkeln ſchwammigen Boden zu beiden Seiten, ohne die geringſte Abwechslung zu gewähren. Nur hier und dort glitzerte ein Sumpf auf dem weiten Moore; aber auch dieſer Anblick war nicht erfreulich, denn nichts als grauer Himmel ſpiegelte ſich in ihm, und an dem Rande ringsum, wo Gras und Haidekraut unter der Einwirkung des Waſſers vermoderte, gaben die ſchwarzen ineinander gewachſenen Wurzeln und das dunkelbraune zerriſſene Torf⸗ moos dem Boden nur noch einen düſtereren Anſtrich. Die Entfernung war größer als Margarethe vermuthet hatte. Die Hüttenbewohner, die ſich eigentlich auf fremdem Boden eingeniſtet, hatten Sorge getragen, ſich ferne von dem bepflanzten Grunde anzubauen, zwar nicht in der Hoff⸗ nung, der Beobachtung dadurch zu entgehen, ſondern nur um ihre Austreibung nicht der Mühe werth erſcheinen zu laſſen. Der Einſiedler vollends, der ſich nicht fern von ihnen niedergelaſſen hatte, war nicht geneigt, die Nähe der luſtigen, lärmenden Welt aufzuſuchen, hatte ſeinen Wohnſitz ſogar etliche vier⸗ bis fünfhundert Schritte tiefer als jene Hüttenbewohner in das Moor hinein verlegt. So war ihr Weg faſt zwei Meilen lang, und die ewig wiederkehrende Einförmigkeit des Anblicks, ſeine Großartigkeit und Ver⸗ ödung ſank Margarethen immer ſchwerer aufs Herz, während ſie mit ihrem Geliebten über die zahlreichen Wellenreihen des Bodens wandelte, wo die Ausſicht nur darin wechſelte, „ daß dieſelben eintönigen Farben und Stoffe in anderer Ordnung wiederkehrten. Sie zitterte buchſtäblich, als ſie ſich der einſamen Wohnung näherte, wo ſie ihr künftiges Schickſal vor ihren Blicken enthüllt zu ſehen hoffte. Das Haus ſelber bot einen traurigen und feierlichen Anblick; keine bloſe Erdhöhle, wie die, an denen ſie vorüber⸗ gekommen waren— zeigte es ſich als ein hohes, aus rauhen Steinen erbautes Wohnhaus, mit einer ſenkrechten Reihe von vier übereinander ſtehenden Fenſtern und zwei niederen und ſchmalen Eingängen. Es mußte ſchon vor langer Zeit erbaut worden ſeyn, denn Moos und Flechten wucherten daran und ein dicker Epheuſtamm erhob ſich in der einen Ecke, ſein dunkelgrünes verflochtenes Blätterwerk über zwei Seiten des Gebäudes ausdehnend. Das Ganze mochte früher ein Thurm geweſen ſeyn, der in Zeiten der Ver⸗ wirrung zur Bewachung des Moores errichtet worden war, und wenn einſt die Wohnung in einem Gurkengarten dem hebräiſchen Propheten ein gutes Bild der Einſamkeit ge⸗ währte, ſo konnte ein Engländer ſich nicht leicht eine düſterere und traurigere Behauſung als dieſes einſame ſteinerne Ge⸗ bäude inmitten der Marſchen von Lincolnſhire vorſtellen. In einer Hinſicht hatte es einen Vorzug vor dem kleinen Weiler in ſeiner Nähe: es ſtand nämlich auf der höchſten Höhe der umgebenden Niederung, indem es ſich etwa zwanzig Fuß über den allgemeinen Horizont des Moores erhob, wahrſcheinlich um jeden Gegenſtand, der über die Sümpfe daher kam, ſchon aus weiter Ferne zu entdecken. Seine Lage war demzufolge trockener und geſicherter, als ſie ſich 61 ſonſtwo in der Nachbarſchaft hätte finden laſſen; aber das Haus ſah immer noch feucht und kalt und elend genug aus. An der Thüre, welcher die beiden jungen Leutchen ſich näherten, hing eine große Glocke; Ralph legte ſeine Hand an den Drahtzug und zog ihn ſcharf an. Die Glocke gab einen dumpfen melancholiſchen Klang von ſich, der Margarethen erſchreckte. Niemand erſchien jedoch an der Thüre, obgleich ſie mehrere Minuten voll Spannung warteten. Endlich läutete Ralph abermals; aber auch jetzt zeigte ſich Niemand, und er hob zuletzt die Klinke und öffnete die Thüre. Er ſah den Fuß einer hohen ſteinernen Treppe vor ſich, und im ſelben Augenblicke hörte er eine laute tiefe Stimme von oben herabrufen: „Kommt herauf! kommt herauf!“ Als der junge Mann ſich nach Margarethen umwendete, ſah er, daß ihre blühende Wange ganz blaß und daß ſie offenbar ſehr aufgeregt war. „Sollen wir hinaufgehen, theuerſte Margarethe?“ fragte er, ſie zärtlich bei der Hand ergreifend. „O ja, ja, laß uns jetzt gehen,“ verſetzte Margarethe in leiſem Tone.„Wenn ich gewußt hätte, daß ich ſo er⸗ ſchrecken würde, ſo hätte ich Dich vielleicht nicht um dieſen Gang gebeten; aber jetzt will ich nicht mehr umkehren.“ „Es iſt kein Grund zur Furcht vorhanden, theures Mädchen,“ erwiederte Ralph,„ich will vorangehen; doch reiche mir Deine Hand, Margarethe.“ So ſtiegen ſie Hand in Hand die lange Treppe auf⸗ 7 62 wärts, während die Stimme von oben in gebietendem Tone ihr:„Kommt herauf!“ wiederholte. Sie kamen an zwei Thüren vorüber, deren eine am Eingange des erſten, die andere an dem des zweiten Stock⸗ werkes lag; Ralph glaubte aber die Stimme von einem nooch höheren Punkte ausgehen zu hören und ging weiter. Die Treppe war ſehr finſter und nur hie und da durch ein ſchmales Guckloch erhellt; nur in der Mitte des dritten Abſatzes begann ein hellerer Schimmer auf die Stufen zu ſcheinen, und Margarethe hielt ihren Liebhaber einen Augen⸗ blick zurück, um neuen Muth und Athem zu ſchöpfen, indem ſie äußerte: „Halt eine Weile, Ralph, daß mein Herz von dieſem mächtigen Pochen ſich erhole;“ worauf ſie nach kurzer Pauſe fortfuhr:„jetzt laß uns weiter gehen; ich bin bereit.“ ESechstes Kapitel. Oben an der Treppe ſah man eine offene Thüre, durch welche alles Licht vom Himmel auf den oberen Eingang, das alte Eichengitter, das dieſen Eingang ſchützte, und auf⸗ die obere Hälfte des letzten Treppenabſatzes ſtrömte. Dieſes Licht, verglichen mit dem auf der Haide draußen, war ſo hell und klar, beſonders wenn man durch das dunkle Treppen⸗ haus davon geſchieden war, daß Margarethe und Ralph im erſten Augenblicke glaubten, die Wolken hätten ſich verzogen und der Sonnenſchein breche durch ein für ſie noch unſicht⸗ 63 bares Fenſter. So geht es Einem gewöhnlich, wenn man bei ſehr dicker Atmoſphäre einen hohen Punkt erſteigt; nur hatten die beiden jungen Leute ſo etwas noch nicht erfahren und waren ſehr überraſcht, als ſie beim Emporſchauen ent⸗ deckten, daß der Himmel durch das Dachfenſter(wie ſie's nannten)— mit andern Worten durch die Gewölbelucke— ebenſo grau und wolkig wie zuvor ausſah. 4 Viele glauben, daß ſolche Dachlucken in damaliger Zeit noch unbekannt geweſen, und die Eitelkeit moderner Ent⸗ deckung verleitet die Menſchen zu der Anſicht, als ob viele Dinge neue Erſindungen ſeyen, welche doch unſeren Vor⸗ fahren eben ſo gut wie uns jetzt bekannt waren. Es iſt nur die allgemeine Einführung von häuslichen Einrich⸗ tungen und Bequemlichkeiten, welche langſam vorſchreitet; ihre Entdeckung geſchieht oft Jahrhunderte früher, ehe ſie allgemein in Anwendung kommen. So befand ſich denn auch hier eine regelmäßige Dach⸗ lucke, deren Licht zum kleineren Theil die oberen Stufen traf, während die größere Hälfte dazu diente, das Zimmer, deſſen Thüre offen ſtand, zu erhellen. Das Innere dieſes Zimmers war für Margarethen und Ralph, noch während ſie emporſtiegen, vollkommen zu überſehen, und ſehr verſchieden war es von dem des hoch⸗ gelahrten Doktors Sidrophel, wie Butler daſſelbe beſchrieben hat. Es war faſt ohne alles Geräthe: zwei Stühle und eine alte harte Eichentafel bildeten das ganze Ameublement. Auf ihr ſtand ein Teleſkop, das nach der oben erwähnten Dachlucke gerichtet war; daneben lagen allerlei mathema⸗ „ 64 tiſche Inſtrumente und eine zahlloſe Menge von Papier⸗ oder Kartenſtreifen, auf denen unzählige Linien und Figuren — nur für den Eingeweihten verſtändlich— verzeichnet waren. Ausgeſtopfte Thiere enthielt das Zimmer nicht: da war nirgends ein ausgebälgter Alligator oder Eidechſe, und nur auf einem Seitenbrette zahlloſe Aufſchriften und ſonderbare Figuren mit Kreide gemalt zu ſehen, von denen Margarethe nicht das Geringſte begriff. Zunächſt der Tafel— der einzigen, welche zu ſehen war— ſtand der Gebieter des Hauſes in lange ſchwarze Gewänder gehüllt, mit Stiefeln von gelbem marolkoniſchem Leder. Sein ganzes Koſtüm war höchſt ſonderbar und ver⸗ kündete ſogleich den Beruf des Sterndeuters. Es zeigte keine ſchreienden Farben noch überhaupt ſchlechten Geſchmack; es ſchien, als ob er ſeine Anſprüche dadurch nicht ausſprechen, ſondern blos eine eigenthümliche für ſeinen Sinn paſſende Tracht annehmen wollte. Seine Geſtalt wie ſeine ganze Erſcheinung konnten nicht verfehlen, Eindruck zu machen. Er war ein ſchlank und kräftig gebauter Mann, von mehr als ſechs Fuß Höohe, ungebeugt durch die Laſt der Jahre, obgleich wohl viele über dieſe hohe glatte Stirne und den kahlen Wirbel darüber hingerollt ſeyn mochten. Die Locken an Schläfen und Hinterhaupt waren ſchneeweiß, ſeine Aug⸗ brauen dagegen noch pechſchwarz, und nur wenige Falten zeigten ſich in ſeiner Haut, welche ſo ſchön und glatt war, wie man es nur von der feinſten Dame hätte erwarten können. In dem Augenblicke, da ſich die Liebenden der Zimmer⸗ 65 thüre näherten, betrachtete der Aſtrologe mit geſpanntem Blicke einige Papiere in ſeiner Hand und ſchien für den Augenblick ganz in dieſen Gegenſtand vertieft. Er rührte ſich nicht in ſeiner Stellung, ſondern wiederholte nur ein⸗ oder zweimal die Worte:„kommt herauf!“ und erſt, als Margarethe und Ralph ſchon eine Zeitlang im Zimmer ſtanden, hob er die Augen, um ſich zu überzeugen, wer ſeine Gäſte ſeyen. Endlich heftete er einen ſcharfen forſchenden Blick auf die Beiden und fragte in nicht ſehr freundlichem Tone: „Was bringt Euch hieher, junges Volk? Sucht Ihr Aufklärung über Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft? Ich kann Euch über dies Alles Auskunft geben und will es auch, denn ich kenne Euch zu genau, um zu glauben, daß Ihr wegen eines verlorenen Löffels, eines verirrten Schafes oder um ſolcher Bagatellen des Dorflebens willen hieher gekommen ſeyd, wie ſo viele Andere, welche den weiſen Mann befragen, den ſie nur deßhalb für weiſe halten, weil er ſich in ihren eigenen Thorheiten von ihnen unter⸗ ſcheidet.“ Dies ſagte er in ziemlich höhniſchem Tone, und Ralph gab mit ruhiger aber feſter Stimme zur Antwort: „Wir haben gehört, Sir, daß Ihr mit Eifer Wiſſen⸗ ſchaften ſtudirt habt, von denen wir nichts wiſſen, und daß Ihr im Stande ſeyd, uns über unſer künftiges Schickſal Aufſchluß— oder was man dafür hält— zu geben. Ihr ſcheint jedoch bereits zu wiſſen, wer und was wir ſind, und wir wünſchen jetzt nur zu hören, was Wiſſenſchaft und Be⸗ James. Das Schickſal.. 5 66 rechnung über uns andeuten, nicht aber, was ſich aus den Möglichkeiten unſerer Lage zuſammenreimen oder phanta⸗ ſiren ließe.“ „Ihr ſeyd ein Studirter, Sir,“ erwiederte der Aſtro⸗ loge, ihn von Kopf bis zu Füßen betrachtend,„und verachtet ohne Zweifel die Dinge, welche frühere Jahrhunderte ver⸗ ehrten. Das iſt ſo die Mode bei jungen Gelehrten; aber es hat nichts zu ſagen. Ich kenne Euch Beide— kenne Euch von der Wiege bis auf den heutigen Tag. Eure Ver⸗ gangenheit, Eure Gegenwart und Zukunft liegen vor mir ausgebreitet; ich wußte, daß Ihr zu mir kommen würdet, und deßhalb hieß ich Euch heraufkommen, obgleich ich mich in dieſer Stunde nicht gern in meinen Studien unterbrechen laſſe. So ſagt denn, Ralph Woodhall, was wollt Ihr, daß ich Euch verkünden ſoll? Und Ihr, Miß Margarethe, was wünſcht Ihr von mir zu hören? Schöne Träume und glän⸗ zende Verſprechungen, Bilder frohen, goldenen Glückes, Liebe und Freude, langes Leben und ein glückliches Alter? Solche Dinge werdet Ihr nicht von mir hören. Wollt Ihr die Wahrheit vernehmen oder wollt Ihr nicht? Seyd Ihr kühn und furchtlos genug, um mit feſtem Blick in die Zukunft zu ſchauen und Euren Lebenslauf darnach zu geſtalten?“ „Ja,“ verſicherte Margarethe in feſterem Tone, als man nach ihrer früheren Erſchütterung hätte erwarten ſollen.„Ebendeßhalb komme ich her. Sage, Nalph, iſt es nicht beſſer, wenn wir wiſſen, was uns bevorſteht, als wenn wir in Zweifel und Ungewißheit dahinleben?“ Ralph ſchwieg. In dem Weſen des alten Mannes lag 67 etwas ſo Eindringliches, eine ſtarke, ſeinem eigenen Geiſte ſo klare Ueberzeugung, daß ein gewiſſer Glaube an ihn ſich ihm aufdrängen mußte, und doch mochte der Jüngling nicht eingeſtehen, daß er auf die vorgegebene Wiſſenſchaft des Andern die geringſte Zuverſicht baute. Der Stolz der Ver⸗ nunft und der Bildung ſprach gegen den Aſtrologen, und Ralph ſchwieg ſo lange, daß der Andere mit etwas zornigem Stirnrunzeln einfiel: „Ihr ſeyd ungläubig oder wollt es wenigſtens Wort haben. Zum Glück für Euch kann weder Euer Glaube noch Euer Unglaube den unwandelbaren Schluß des Schick⸗ fals im Geringſten berühren. Merkt wohl auf: Ihr braucht mir Tag und Stunde Eurer Geburt nicht anzugeben; ich kenne beide recht wohl und will Euch die Zukunft klar und offen verkünden. Euch, Lady, will ich zuerſt das Wenige, was ich zu ſagen habe, mittheilen. Seyd treu, ſeyd vor⸗ ſichtig und beharrlich, ſucht nicht dem, was Euch zu drohen ſcheint, irgendwie zu widerſtehen; gebt ihm nach, ohne Euch zu verpflichten, aber haltet Eure Treue rein und unbeſleckt bis an's Ende— dann ſollt Ihr glücklich ſeyn.“ „Aber nicht ohne ihn,“ rief Margarethe, ihre Hand auf Ralphs Arm legend und mit flehendem Ausdruck zu dem alten Manne emporſchauend;„nicht ohne ihn; ſonſt könnte es kein wahres Glück ſeyn.“ Die Wolke verſchwand von der Stirne des Alten, und er betrachtete das Mädchen mit dem freundlichſten wohl⸗ wollendſten Lächeln. „Wahrheit wird immer Glück gewähren,“ ſagte er; 5* „ 68 nohne Wahrheit kann es keines geben. Ihr wißt, wie Ihr an einander gekettet ſeyd; bleibt einander treu, und Ihr ſollt glücklich werden. Aber nicht ohne Kummer, nicht ohne Prüfung und Schwierigkeit wird es Euch gelingen.— Jetzt zu Euch, junger Gentleman. Ihr ſeyd voll eitler Hoff⸗ nungen und Erwartungen; Liebe macht Euch ehrgeizig; aber ich ſage Euch, Ihr werdet eine frohe Ausſicht nach der andern verſchwinden und Hoffnungen, kaum geboren, wieder verlöſchen ſehen. Ihr werdet gegen die Hoffnung an⸗ kämpfen, und Täuſchung auf Täuſchung erfahren. Das iſt Euer Lebenslauf. Ich habe geſprochen.“ Er ſchwieg eine Weile und blickte ſtarr in Ralph Wood⸗ hall's Geſicht, bis er in leiſerem Tone fortfuhr: „Aber ſeyd ſtandhaft, ſeyd treu und am Ende werdet Ihr glücklich. In dem Augenblicke, wo Ihr's am wenig⸗ ſten erwartet, durch Mittel, an die Ihr nicht im Traume dachtet, wird Euer Schickſal entſchieden und Euer Glück vollendet werden. Doch horch! da kommen Andere, die Euch nicht hier finden dürfen. Tretet in dieſes Kabinet; verhaltet Euch lautlos und ſtille und wartet, bis ſie fort ſind.“ Mit dieſen Worten öffnete er eine Thüre in dem Ge⸗ täfel, welche ein ſchmales, völlig leeres Kämmerchen mit einem kleinen auf das Moor hinausgehenden Fenſter ge⸗ wahren ließ. Von unten hörte man ein Pferdegetrappel und mehrere Leute, die zuſammenſprachen; gleich darauf erklang die große Glocke und ſcheuchte Margarethe und ihren Liebhaber eilenden Schrittes an den Ort ihres Verſteckes. Bald darauf hörte man den alten Mann von der Treppe 69 oben mit ſeiner lauten klangvollen Stimme ſein:„Kommt herauf!“ hinabrufen und alsbald eine andere Stimme ihm antworten: „Wo Teufels ſeyd Ihr denn? Verſteckt Ihr Euch auf Eurer Warte? Wahrheit, ſagt man, liegt in einem Brunnen, und Weisheit, ſo ſcheint es, auf dem Gipfel des Hauſes.“ 3„Weisheit und Wahrheit liegen nicht ſo weit aus⸗ einander,“ bemerkte der alte Mann, mehr zu ſich ſelbſt, als zu dem Andern redend. Im ſelben Augenblicke that Margarethe, die ſich auf Ralph's Arm geſtützt hatte, einen Schritt vorwärts und ſchob einen ſchweren Riegel vor, der ſich in der Thüre be⸗ fand; dann ihre ſchönen Lippen zu ihres Liebhabers Ohren erhebend, bis ihr ſüßer Odem ſeine Wange fächelte, flüſterte ſie: „Es iſt die Stimme Robert Woodhall's, Deines und meines Vetters, der übrigens Dir näher als mir verwandt iſt, Ralph.“ „An Geſinnung aber um ſo weniger,“ verſetzte dieſer ebenſo leiſe.„Ich habe ihn ſeit ſieben bis acht Jahren nicht geſehen und konnte alſo ſeine Stimme wohl vergeſſen. Seine hochmüthige herriſche Mutter mißhandelte mich bei meinem letzten Beſuche auf dem Schloſſe dermaßen, daß ich nie wieder hingehen werde.“ Margarethe legte ihren Finger auf die Lippen, damit ja kein Laut ihren Zufluchtsort verrathe, denn man hörte jetzt eilende Schritte die Treppe heraufkommen, und mehr als ein Gaſt ſchien ſich zu nahen. Im naͤchſten Augenblicke „ 70 erklang im Nebenzimmer eine Stimme, welche Margarethe und Ralph recht wohl erkannten, denn ſie gehörte Marga⸗ rethens eigenem Bruder; ſie war zwar viel höflicher in ihrem Tone als die, welche zuerſt geſprochen, aber ihre Worte hatten doch viel von jener rohen Leichtfertigkeit an ſich, wie ſie der junge übermüthige Adel jener Zeit affektirte. „Guten Morgen, Moraber,“ ſagte er.„Ich habe hier meinen Vetter, Lord Coldenham's Sohn— oder beſſer geſagt, Lord Coldenham's Bruder— mitgebracht. Wir möchten gerne ſehen, welchen Weg die Jagd genommen. Ich ſage ihm, Ihr ſeyd ein weiſer Mann, und er antwortet mir: nein, denn ein weiſer Mann würde nicht anſ dieſem Moore wohnen.“ „Thoren könnten wohl zu Richtern Anger Leute ge⸗ macht werden, ohne daß viel im Lande gehenkt würde,“ er⸗ wiederte der Mann, der mit„Moraber“ angeredet worden, „nicht weil die Richter nicht genug Thorheit beſäßen, ſondern aus Mangel an weiſen Männern, die ſie zu richten hätten.“ „Kommt, Mr. Moraber, oder wie Ihr Euch ſonſt nennen möget,“ ſagte Robert Woodhall's Stimme;„zeigt uns ein Pröbchen Eurer Kunſt. Was in's Teufels Namen iſt das, was ihr hier auf dem Tiſche habt?“ „Etwas, was Ihr nicht verſtehen könnet,“ entgegnete der Andere.„Ein Inſtrument, das mich Dinge ſehen läßt, die Ihr nicht ſeht. Wofür haltet Ihr mir Eure Hand entgegen? Meint Ihr, ich praktizire Chiromantie? oder kommt Ihr hierher, um mich zu beſchimpfen? In die⸗ ſem Falle hütet Euren Kopf, denn jenes Fenſter iſt hoch 71 und Ihr könntet ſehr eilig auf den Boden befördert werden.“ „Nein, ich komme nicht Euch zu beſchimpfen,“ erwie⸗ derte Robert in ziemlich feigherzigem Tone;„wie Teufels ſoll ich wiſſen, wie Ihr den Leuten wahrzuſagen pfleget?“ „Wenn Ihr Handwahrſagerei ſuchet, ſo geht zu den Zigeunern: ich handle nicht mit ſolchem Plunder. Der Einfluß der Geſtirne, welche die Schickſale der Menſchen beherrſchen, und welche ſeit den Tagen der chaldäiſchen Weiſen bis auf die heutige Stunde von den Eingeweihten mit Sicherheit enträthſelt wurden, ſind die Buchſtaben des Werkes, in dem ich ſtudire. Wünſcht Ihr irgend etwas von dem zu wiſſen, was ſie über Euer Schickſal ſagen, ſo ſtellt nur Eure Fragen, und ich will ſie beantworten, denn ich be⸗ ſitze auf fünfzig Meilen in die Runde das Horoskop jedes Mannes, der ſich im Range über den Knecht erhebt.“ „Ich weiß nicht recht, was ich fragen ſoll,“ grollte Robert Woodhall's Stimme, und dann ſchien zwiſchen ihm und ſeinem jungen Geſährien eine flüſternde Berathung ſtattzufinden. „Ja, ja, das frage ihn,“ höͤrte man Margarethens Bruder ſagen. „Wohlan,“ fuhr Robert Woodhall laut fort,„ſagt mir, wenn Ihr könnt, was unter den Wehen und Wechſeln dieſer Zeiten aus den zwei verwandten Häuſern Coldenham und Woodhall werden wird.“ „Sie werden wieder vereinigt werden, und das ehe vier 7² Jahre vorüber gehen,“ verſetzte der alte Mann, ohne ſich zu beſinnen, in entſchiedenem Tone. „Ha, wie ſoll das geſchehen?“ fragte Robert Woodhall, durch die Erwiederung anſcheinend betroffen, bis er nach kurzer Pauſe beiſetzte:„vermuthlich meint Ihr, ich ſoll meine ſchöne Baſe Margarethe heirathen?“ Margarethe drückte in leidenſchaftlicher Haſt Ralph Woodhalls Arm, und ihre Augen waren feſt auf die Thüre geheftet, wie wenn ſie hoffte, daß ihr ernſter Blick das Antlitz des alten Mannes erreichen und die Antwort, noch ehe ſie ausgeſprochen worden, darauf ableſen könnte. Im nächſten Augenblicke hörte ſie ihn jedoch erwiedern: „So habe ich nicht geſagt. Ich erzähle Euch blos, was— nicht wie es geſchehen wird.“ „Nun denn, ſo ſagt mir,“ forſchte Robert Woodhall in ernſterem Tone,„werde ich meine Baſe Margarethe hei⸗ rathen?“ „Ihr werdet mit ihr vor den Altar treten,“ gab der Alte zur Antwort. Aber noch ehe er ſeinen Satz vollenden konnte, ſiel Margarethens Bruder ein: „Da müßteſt Du zuvor Deine Manieren wie Deine „Sitten geändert haben, Robby; ſonſt ſage ich Dir ehrlich, ich würde dazwiſchen treten, und müßte es vor dem Altare geſchehen.“ „Nicht an Euch iſt es, junger Mann, ihm Einhalt zu thun,“ bemerkte Moraber und brach dann plötzlich von dem Gegenſtande ab.„Wenn Ihr zu wiſſen wünſcht, welchen 73 Weg die Jagd genommen,“ fuhr er fort—„ſchaut! dort geht ſie hart über die Moore hin; und wenn ſie ſich nicht in 5 Acht nehmen, ſo wird manches Roß und vielleicht mancher Mann ſein Leben dabei einbüßen.“ „Dort zieht ſte, beim Jupiter!“ ſchrie Robert Wood⸗ hall.„Komm, Hal, komm! Laß uns nicht hier ſtehen und uns zanken und ſelber bethören. Auf, zu Roſſe und ihnen nach!“ Im nächſten Augenblicke hörte man die beiden jungen Männer raſch die Treppe hinabeilen. Mittlerweile lehnte Margarethe ihre Stirn auf Ralph Woodhall's Schulter und weinte. Nach kurzer Pauſe ſuchte der alte Mann die Thüre von Außen zu öffnen; Ralph zog 1 den Riegel zurück, aber zwei traurige Geſichter ſtanden vor Morabers Blicken, denn beide Liebende hatten ſeine Worte in ein und demſelben Sinne verſtanden, und Beide glaubten einigermaßen daran, wenn wir es ehrlich geſtehen ſollen. „Warum weinend?“ fragte der alte Mann, Marga⸗ rethen freundlich anblickend. „Ihr ſagtet mir, ich ſoll treu ſeyn, dann werde ich glücklich werden,“ erwiederte das ſchöne Mädchen.„Wie kann ich aber treu und glücklich ſeyn, wenn ich jenen Mann heirathen ſoll— einen Mann, den ich verabſcheue— eing Mann, der mich erſchreckt?“ Der Aſtrolog lächelte. „Es wird Alles geſchehen wie ich geſagt habe, wenn Ihr auch das Wie oder Wann nicht ſehen könnt,“ bemerkte er.„Wenn das Buch des Schickſals offen vor Euren Au⸗ 74 gen aufgeſchlagen werden könnte, theure Dame, ſo würde es Euch nur voll Dunkelheit und Widerſprüchen erſcheinen, wenn Ihr nicht die Myriaden feiner Bande und verwickelter Fäden verfolgen könntet, welche ein Ereigniß an das andere knüpfen. Ich ſelbſt vermag jene Fäden nicht zu ſehen, und Vieles was meine Kunſt mir offenbaret ſcheint mir ebenſo widerſprechend wie Euch. Nichtsdeſtoweniger weiß ich, daß es geſchehen wird, und wenn Ihr finden ſolltet, daß meine Worte nicht wahr ſind, und daß alle anſcheinenden Wider⸗ ſprüche nicht verſchwinden, ſo gebe ich Euch Beiden Erlaub⸗ niß, mich einen Lügner und Narren zu ſchelten und mich— wenn ich noch lebe— auf offener Straße am Barte zu zupfen. Ja noch mehr: aus Mitleid mit Eurer Schwäche und Eurem theilweiſen Mangel an Glauben lade ich Euch ein, wenn die Ereigniſſe meiner Prophezeiung zu wider⸗ ſprechen ſcheinen, ſo kommt zu mir, ſchickt oder ſchreibt mir in Eurer Furcht und Beſorgniß, und ich will Euch erneute Verſicherung und vielleicht deutlichere Belehrung geben. Fürchtet Euch nicht, theure Lady; glaubt mir und Alles wird noch wohl gehen.“ Margarethe ſchüttelte den Kopf und ſeufzte, worauf wendete: „Wann geht Ihr fort?“ „In zwei bis drei Tagen,“ erwiederte Ralph.„Wie wußtet Ihr aber, daß ich gehe?“ „Es wäre nicht der Mühe werth, mich um Rath zu fragen, wenn mir nicht einmal ſolche Kleinigkeiten bekannt ſich der alte Mann mit der leiſen Frage an ihren Liebhaber. 75⁵ wären,“ gab dieſer zur Antwort.„In zwei bis drei Tagen! Ihr müßt vor Eurer beabſichtigten Abreiſe noch einen wei⸗ ten Ritt machen, müßt an einen Ort gehen, den Ihr ſeit Jahren nicht geſehen habt, und Leute beſuchen, die Ihr nicht liebt. Morgen in der Früh, ſtatt um das Neſt dieſes ſüßen Vögelchens zu ſchwärmen, ſteigt zu Roß und reitet nach Coldenham Caſtle hinüber; ſeht die ſtolze trotzige alte Lady, ſeht ihren älteſten Sohn. Sie werden Euch ſchlecht empfan⸗ gen und mit Nachläſſigkeit vielleicht gar Verachtung behan⸗ deln; aber lacht ſie aus⸗MNalph Woodhall, lacht ſie aus, und merkt Euch Alles was Ihr in jedem Zimmer wahr⸗ nehmet— jeden Stuhl, jeden Tiſch, jede Draperie und Ver⸗ zierung. Ihr ſollt einſtens beſſer daran ſeyn als die hoch⸗ müthigen Beſitzer jenes Schloſſes, ſollt ebenſo ſchöne Zim⸗ mer und ebenſo prächtigen Schmuck haben. Wenn das Weib ſehr trotzig iſt, ſo ſagt ihr nur ganz ruhig, ſie habe Euch nicht Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und der Tag werde noch kommen, wo ſie beſſer von Euch denken müſſe.“ „Aber ich mag nicht in ihre Näͤhe kommen,“ erwiederte Ralph.„Sie iſt mir in mehr als einer Hinſicht verhaßt; ſie iſt ein keckes barſches böſes Weib, und überdies finde ich keinen Nutzen in dem Beſuche einer Perſon, deren einziger Verkehr mit meinem Vater und mir zur gänzlichen Ent⸗ fremdung zwiſchen ihm und ſeinem Vetter, dem Lord, und zu meiner eigenen Kränkung und Verhöhnung führte.“ „Geht!“ rief der alte Mann in befehlendem Tone. „Geht, wie ich Euch geſagt habe. Laßt ſie nicht ſagen, Ihr ſeyd aus Eurer angeborenen Grafſchaft gewichen, ohne 7 76 es zu wagen Eure nächſten Verwandten zu beſuchen. Viel⸗ leicht daß ſie Euch anbietet, Eure Abſichten fördern zu wollen.“ „Ein ſolches Anerbieten würde ich mit Verachtung von mir weiſen,“ verſicherte Ralph. „Wie!“ rief der Andere, ſeinen Finger leicht auf Mar⸗ garethens Hand legend, welche auf dem Tiſche ruhte;„wie! mit dieſer Ausſicht vor Euch?“ „Margarethe wird nie wünſchen, daß ich— und gälte es das größte Glück, das der Himmel gewähren kann— eine gemeine niedrige Handlung begehe,“ gab Ralph zur Ant⸗ wort. 4 „Auf alle Fälle geht,“ wiederholte der Greis mit nicht ganz unbefriedigtem Blicke;„Ihre Dienſte mögt Ihr an⸗ nehmen oder ablehnen, wie Ihr wollt— nur geht! Und nun höͤrt weiter, junger Mann. Ihr werdet einen Diener auf Euren Wanderungen nöthig haben. Ich weiß, wo Ihr einen finden werdet, der für Euch paßt.“ „Ach, guter Sir,“ meinte Ralph,„ich beſitze nicht die Mittel, um mir ſolche Begleitung zu gönnen; ich kann einen Diener weder bezahlen noch ernähren.“ „Sagte ich Euch nicht, ich wiſſe einen, der für Euch paſſe?“ fragte der Andere.„Wenn ich das ſagte, ſo meinte ich damit, er werde in jeder Hinſicht für Euch paſſen. Der, von dem ich rede, wird ſchon ſeine Bezahlung erhalten, wenn's auch nicht von Euch iſt, und was das Andere be⸗ trifft, ſo wird er ſchon Mittel finden, ſich zu ernähren. Ihr müßt ihn mit Euch nehmen, denn er kann Euch nöthig wer⸗ 77 den. Jetzt merkt auf, Wenn Ihr auf Eurem Rückwege vom Schloſſe durch das Dorf Coldenham kommt, werdet Ihr ſechs Thüren von der Kirche ein niedriges weißes Haus ſehen. Ihr könnt es daran erkennen, daß das Gebälke in OQuadraten durch den weißen Anwurf durchſcheint, und daß der Giebel der Straße zugekehrt iſt. Dort haltet vor der Thüre, und fragt nach Gaunt Stilling; ein Burſche wird herauskommen, und Ihr braucht ihm blos zu ſagen: Mo⸗ raber will, Ihr ſollt an dem und dem Tag und der und der Stunde an der Hullings Ecke erſcheinen, um mich durch die Welt zu begleiten! Wenn Ihr die Zeit, die Ihr angegeben, pünktlich einhaltet, ſo werdet Ihr ihn zur befohlenen Stunde am beſtimmten Platze finden. Befragt ihn nicht weiter aus eitler Neugierde, und er wird Euch treu und redlich dienen. Noch mehr: er wird Euch im Falle der Noth in Stand ſetzen, raſch mit mir zu verkehren, falls ich nicht hier ſeyn ſollte, wenn Ihr meines Rathes oder Beiſtandes bedürfet.“ Ralph beſann ſich eine Weile und erwiederte dann offenherzig: „Das klingt Alles ſonderbar genug. Ich höre alle Leute ringsum ſagen, Ihr ſeyed ein guter und freundlicher Mann, heilet ihre Gebrechen, erleichtert ſie in ihrer Noth und wiſſet oft durch Eure zeitige Hülfe die ſchwankende Glücksſchale zu Gunſten des Guten und Fleißigen zu wen⸗ den. Ich bin überzeugt, Ihr werdet nichts thun, um ver⸗ gebliche Hoffnungen zu wecken oder ehrliche Bemühungen zu nichte zu machen.“ „Gewiß nicht!“ verſicherte der alte Mann feierlich, 7 78 „wohl aber das Gegentheil. Und nun iſt's Zeit, daß Ihr Beide nach Hauſe eilet; die Jagd wird bald vorüber ſeyn. Iſt Euch der Weg über den ſchwarzen Pfad bekannt?“ Ralph bejahte die Frage. „Den ſchlagt ein, er iſt der ſicherſte,“ ſagte der alte Mann, indem er Margarethen zur Treppe führte. Siebentes Kapitel. In einem großen ſchoͤnen Zimmer eines prächtigen alterthümlichen Gebäudes— eines der wenigen, welche in Folge der politiſchen oder religiöſen Anſichten der Eigen⸗ thümer dem Ruine während der Bürgerkriege entgingen— gelegen auf einer ſanften Anhöhe an der Grenze von Not⸗ tingham und Lincolnſhire, mit einem grünen Raſen, der ſich zu einem Haine von alten Bäumen hinabſenkte, die Evelyns Herz erfreut haben würden, wenn er unter ihnen hätte wan⸗ deln können— ſaß eine Dame, beträchtlich über die Blüthe der Jahre hinaus, aber mit allem Feuer der Jugend in ihren kohlſchwarzen Augen. Sie war nicht ſehr groß, hatte aber etwas Gebieteriſches in ihrer Geſtalt und Haltung, was ſie dem Beſchauer größer erſcheinen ließ als ſie wirklich war. Ihre Figur hatte in der That von den Verwüſtungen der Zeit nur wenig gelitten, und wenn auch die jugendliche Grazie— jene leichte geſchmeidige wellenförmige Bewegung noch nicht verhärteter Muskeln— dahin war, ſo ſchien ihr doch die angeborene Würde geblieben, welche ein gewiſſer 79 Grad von Steifheit zwar härter aber nicht weniger auf⸗ fallend gemacht hatte. Niemand konnte läugnen, daß ihre Geſichtszüge ſchön waren; doch beſaßen ſie nicht jenen Ausdruck, den man in der Regel angenehm fſindet, vielmehr hatte ſeine Unweiblichkeit etwas eigenthümlich Zurückſtoßendes. Dieß wurde durch den allgemeinen Umriß der Züge, jetzt da die ſtramme Run⸗ dung der früheren Jahre dahin war, noch weſentlich erhöht. Die Naſe war adlerartig und ſcharf markirt, aber ſchön ge⸗ ſchnitten, die Augbrauen dicht und noch ganz dunkel. Die Augen waren wie geſagt kohlſchwarz, aber nicht kleine fun⸗ kelnde Sterne, wie dieß häufig bei ſehr ſchwarzen Augen der Fall iſt, ſondern im Gegentheil groß und ovalförmig. Das Kinn war wahrſcheinlich ſehr ſchön nur etwas vorſpringend geweſen; jetzt aber zeigte es jene Neigung nach oben, welche das Alter gewoͤhnlich einem adlerartigen Antlitze verleiht. Das ſilberweiße Haar war von der Stirne zurückgeſtrichen und ließ nur zwei bis drei ſchneeweiße Löckchen unter der Schläfe hervorſchauen. Ihr Anzug war prächtig, und ſie trug ſogar um dieſe Stunde— es war noch vor Mittag— eine Anzahl koſtbarer Juwelen an ſich. Man erkannte bei ihr auf den erſten Blick, daß ſie eine Perſon von feſtem Willen und ſtarkem Verſtande war; aber Niemand konnte ſich denken, daß eine der zärtlichen Schwä⸗ chen des weiblichen Herzens jemals in dieſem Buſen Platz gefunden hatte. 4 Sie hatte in dem Augenblicke, den ich gewählt habe, um ſie dem Leſer vorzuführen, eine Anzahl Papiere vor ſich— „ 80 Haushaltungsbücher, Baukoſtenzettel, Ueberſchläge und Hausvogtsrechnungen; doch ſchien ſie mit ihnen zu Ende zu ſeyn, denn wenn gleich ihre juwelengeſchmückten Finger noch darauf ruhten, ſo war doch ihr Kopf aufgerichtet und ihre Augen auf das Fenſter geheftet, trotz dem daß die Sonne grell hereinſchaute; auf ihrem Geſichte lag ein Ausdruck tiefer Verlaſſenheit und harter Melancholie, der wohl von der getäuſchten Erwartung jener weltlichen Güter erzählen mochte, welche nach den Worten des Poeten: „Schon auf der Lippe, noch zu Aſche werden.“ Während ſie ſo da ſaß, trat ein Diener ins Zimmer, näherte ſich ruhig auf reſpektvolle Entfernung und blieb dann ſtehen, um zu warten, bis ſie ihn beachtete. Eine Weile ſetzte ſie ihre Träumerei fort, was auch deren Gegen⸗ ſtand ſeyn mochte; dann aber die Gegenwart des Mannes allmälig gewahr werdend, wandte ſie nachläſſig den Kopf und neigte ihr Ohr nach ihm hin. Wohlbekannt mit ihrer Weiſe, meldete der Mann augenblicklich ſeine Botſchaft mit den Worten: 3 „Mr. Ralph Woodhall iſt unten, Mylady, und wünſcht bei Euch vorgelaſſen zu werden.“ „Wer? wer?“ rief die Dame faſt von ihrem Stuhle aufſpringend, während ihr Geſicht abwechslungsweiſe weiß und roth wurde, und ihr Auge in zornigem Glanze er⸗ glühte. „Mr. Ralph Woodhall— ſo ſagte der Gentleman,“ wiederholte der Diener. „Laßt des Bettlers Sohn weiter reiten,“ herrſchte . 81 ſeine Gebieterin trotzig.„Er ſoll nicht— nein, er ſoll nicht — doch halt! Laßt ihn ein; aber nicht ſogleich— nicht ſogleich; haltet ihn fünf Minuten zurück, dann bringt ihn herein.“ Der Diener entfernte ſich mit tiefer Verbeugung, kei⸗ neswegs überraſcht durch einen Ausbruch von Unmuth, an den er ganz gewöhnt zu ſeyn ſchien. Sobald er fort war, erhob ſich die Dame und ging im Zimmer auf und nieder. „Ralph Woodhall!“ rief ſie laut;„Ralph Woodhall! Was kann ihn nach Verlauf von ſieben bis acht Jahren hieher bringen? Ich glaubte, dieſes Haus von ihm und ſeinem trägen miſerablen Vater geſäubert zu haben. Vermuthlich als Bettler gekommen; nun gleichviel— ſie können nicht viel Uebles anrichten, nachdem mein guter Mann todt iſt. Oder vielleicht— doch nein, das kann nicht ſeyn. Ralph Woodhall— aber horch, ſie kommen!“ Und ſie ſetzte ſich nieder, die Stirne glättend und ſich den Anſchein gebend, als ob ſie die Papiere vor ſich ruhig überleſe. Im nächſten Augenblicke wurde der junge Ralph Wood⸗ hall in's Zimmer geführt und ſein Name mit allem Pompe angemeldet; doch die Dame nahm keine Notiz davon, ſon⸗ dern ſtöberte noch immer in den Papieren, eine Seite mit der andern vergleichend. Ralph war wohlgekleidet und die Gluth der Jugend und des ſcharfen Rittes lag auf einem Geſichte, ſo ſchön und männlich wie nur das Auge eines ſehen konnte. Er James. Das Schickſal. 6 7 82 bemerkte ſogleich die ſtudirte Nachläſſigkeit ſeines Empfan⸗ ges, und ſein erſter Gedanke war, ſich auf der Stelle umzu⸗ drehen und das Zimmer zu verlaſſen; aber er bedachte, daß er dem ſtolzen Weibe hiedurch den Vortheil einräumen würde, und da er nicht zweifelte, daß ſie ihn wie einen Bitt⸗ ſteller ſtehen laſſen wolle bis ihr belieben würde ihn zu be⸗ trachten, ſo näherte er ſich mit wunderbar ruhiger Miene und ſetzte ſich auf einen der grünen Sammetſtühle ihr gerade gegenüber, indem er ſich darin zurücklehnte und ruhig die Dekorationen des Zimmers betrachtete. Ihr Blick fiel augenblicklich auf ihn und hohe Röthe kam auf ihre Wange. „Junger Mann,“ ſagte ſie nach einem Augenblicke bitteren Stillſchweigens,„Niemand ſetzt ſich in meiner Gegenwart, bis ich ihn dazu einlade. Ihr ſeyd unmanier⸗ lich.“ „Verzeiht mir, Lady Coldenham,“ lautete ſeine kühne Antwort.„Ich ſetze mich vor Jedermann, nur nicht vor meinem König, und dieß um ſo eher, wo ich ſehe, daß nicht Manier genug vorhanden iſt, um mich zu verhindern, es un⸗ geladen zu thun.“ Die Lady betrachtete ihn eine Weile mit blitzenden Augen; dann ſchien ihr Zorn eine andere Wendung zu neh⸗ men, und ſie brach in lautes Lachen aus. „Das iſt zu gut!“ rief ſie;„Ihr ſeyd wohl ein Stu⸗ dent, junger Mann? Sagt mir doch, unter welchem Pro⸗ feſſor habt Ihr Manieren ſtudirt.“ „Unter einem, Madame, der mich lehrte, daß Reich⸗ 83 thum nicht höher als adeliges Blut ſteht,“ verſetzte Ralph, „daß hoher Rang nur da zu reſpektiren iſt, wo er mit edle⸗ ren Cigenſchaften im Bunde ſteht, und daß vornehmer Stel⸗ lung nur dann mit Ehrerbietung begegnet werden ſoll, wenn ſie mit Höflichkeit geſchmückt iſt— ſonſt aber nicht, es müßten denn Thoren oder Schmeichler ſeyn, die es thun.“ „Spricht wie ein Buch!“ rief die Lady.„Spricht wie ein Buch! Wunderbar memorirt und recitirt! Und nun, Herr Student, was bringt Euch hieher? Welchem Umſtande verdanke ich Eure höfliche Aufmerkſamkeit? Ihr kommt vermuthlich nicht ohne Urſache— ohne Beweggrund zu mir.“ „Ich ließ mich überreden, Lady Coldenham,“ entgeg⸗ nete der junge Mann,„vor meinem Aufbruche zu einem etwas langen Ausfluge hieher zu reiten, um in dem Hauſe der Wittwe von meines Vaters Vetter einen formellen Be⸗ ſuch zu machen. Dieß iſt der einzige Titel, unter dem Ihr mir bekannt ſeyn könnt, der einzige Titel, der meinen Beſuch bei Euch veranlaßt oder rechtfertigt.“ Statt eines heftigen leidenſchaftlichen Ausbruches, wie er ihn ſicherlich erwartete, blieb Lady Coldenham völlig ſtumm, ſtützte ihr Haupt auf die Hand und wiederholte nur ein⸗ bis zweimal die leiſen Worte:„der einzige Titel“. Sie erholte ſich jedoch bald und rief mit gerunzelter Stirne, mit flammendem Blicke und ſtrenger Bitterkeit des Tones: „Ihr ſeyd ein unverſchämter Geck— Ihr waret es immer.“ 8 In dieſem Augenblicke kamen Ralph die Worte des 6* „ 84 alten Mannes in's Gedächtniß, und er erwiederte wie er geheißen war, wenn auch nicht mit vollkommener Ge⸗ nauigkeit: „Lady Coldenham, Ihr habt mir und den Meinen nicht Gerechtigkeit erwieſen; aber die Zeit wird kommen, wo Ihr ſie uns erweiſen müßt. Ich kam nicht hieher, um mit Euch zu ſtreiten oder zornige Worte zu wechſeln, ſondern einiger⸗ maßen in der Hoffnung, daß die Jahre bei Euch einige Ver⸗ änderung bewiikt oder jedenfalls bittere Erinnerungen ver⸗ bannt haben möchten. Ich finde, daß dem nicht ſo iſt, und darum will ich mich verabſchieden.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und war im Begriff das Zimmer zu verlaſſen, als die Lady ihm heftig nachrief: „Setzt Euch, ich wünſche mit Euch zu reden.“ Er that wie ſie gewünſcht hatte, und die alte Lady verharrte einige Minuten in ihren Gedanken, anſcheinend gegen ſtarke Regungen in ihrer eigenen Bruſt ankämpfend. Endlich ſchlug ſie die Augen auf, die auf den Tiſch geheftet geweſen, und ſagte mit leerem Blick und bebender Lippe: „Ihr ſeyd kühn und barſch, junger Mann; doch das kann ich vergeſſen; ich bin ſelbſt nicht ſchüchtern oder zümpfer⸗ lich. Wir ſind im Begriff, uns auf lange, vielleicht auf immer zu trennen. Sagt mir, was kann ich für Euch thun? Wenn ich's im Stande bin, ſo ſoll es geſchehen; das bin ich dem Andenken Anderer ſchuldig.“ „Ihr könnt nichts für mich thun, Madame, was ich annehmen würde,“ erklärte Ralph.„Der Mann müßte in der That niedrig denken, der Gunſtbezeugungen von Jemand 85⁵ annähme, die ihm nur widerwillig gewährt werden. Zum Glück bedarf ich nichts und würde ſicherlich nichts von Euren Händen annehmen, auch wenn ich es bedürfte. Ich bin übrigens froh, daß Ihr das Anerbieten gemacht habt, da es uns erlaubt, mit weniger zornigen Worten auf den Lippen zu ſcheiden, als dieß vorhin der Fall war. Ich danke Euch für Euer Anerbieten und will mich nunmehr verabſchieden.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, wo die Lady nachſinnend ohne ein Wort zu äußern zurückblieb. Indem er zu der Halle hinabſtieg, traf er auf einen jungen Mann ia hellfarbigem Anzuge, den älteſten Sohn der Lady Coldenham und wirklichen Beſitzer der Familien⸗ titel und Ländereien. Es fehlten ihm nur noch wenige Monate zur Volljährigkeit; aber ſo groß war die Herrſchaft geweſen, welche Lady Coldenham über ihren Gemahl zu deſſen Lebzeiten ausübte, daß er ihr im Sterben die unbe⸗ ſchränkte Aufſicht über ſeinen ganzen Beſitz neben einem ſehr beträchtlichen Witthume hinterlaſſen hatte. Zwar hatte man damals geflüſtert, das Sterbebette des alten Lords habe einen peinlichen und unbefriedigenden Anblick dargeboten, nicht allein weil er ohne Glaube und Hoffnung geſtorben ſey, ſondern auch weil der herrſchſüchtige Geiſt ſeines Wei⸗ bes ſich in jenem letzten furchtbaren Augenblicke heftiger und ungezügelter als während ſeiner Lebzeiten geltend ge⸗ macht habe; ſie habe ihn Tag und Nacht bewacht, nicht in der Abſicht ihn zu erleichtern und zu tröſten, ſondern(wie rie Diener daraus ſchloſſen, daß ſie ihn nie einen Augenblick 8⁰ mit Jemand allein ließ) um ihn bis ans Ende in ihrer Sklaverei zu erhalten. Der junge Mann betrachtete Ralph Woodhall eine Weile wie einen Fremden; dann aber, plötzlich ſich ſeiner erinnernd, hielt er ihm offen die Hand entgegen und ſagte: „Ah, Ralph! wie kommt's, daß wir Euch jetzt nie mehr ſehen? Euer Geſicht iſt mir beinahe aus dem Gedächtniß gekommen, ſo lange iſt es, daß Ihr nicht mehr hier waret.“ „Bei meinem letzten Hierſeyn erhielt ich keine große Ermuthigung, um wieder zu kommen, Mylord,“ gab Ralph zur Antwort. „O, Ihr meint das Benehmen meiner Mutter,“ erwie⸗ derte der junge Lord.„Ihr ſolltet Euch gar nicht um ſie kümmern, ſie beleidigt Jedermann; ſie that es immer, und wenn Jeder, den ſie mißhandelt, vor ihr fliehen wollte, ſo hätte ſie keine anderen Geſellſchafter als die Familienbilder. Kommt mit: ich habe Euch eine famoſe Falkenmauſe zu zeigen, die ich nach der Sitte der alten Zeit aufgezogen habe.“ Ralph ſchützte jedoch Mangel an Muße vor, und nach einigen Minuten freundlichen Geſpräches trennten ſich die beiden jungen Männer nicht ohne einiges Bedauern, wenig⸗ ſtens auf Ralphs Seite. Lord Coldenham war der Einzige der Familie geweſen, der ihm in ſeinen jüngern Tagen einige Freundlichkeit bewieſen hatte. Er wußte, daß er ſo ziemlich werden würde wie ſein Vater ſich gezeigt hatte, umgänglich, gutmüthig und großherzig, voll ehrbarer Eingebungen, aber ſchwach und leicht zu leiten, und er hätte ihn wohl gerne 87 zum Freunde gemacht, vielleicht ſehr zum Vortheile des jun⸗ gen Lords ſelber. An dem großen Thore fand er ſein Roß an einen Ring gebunden, denn die Diener, welche immer den Ton des leiten⸗ den Geiſtes im Hauſe annehmen, hatten es nicht der Mühe werth gefunden, das Thier in den Stall zu führen oder bis zur Rückkunft ſeines Herrn zu halten. Ralph ſuchte alle zornigen Gefühle zu verbannen; aber ein tiefer Unwille über die ſchlechte Behandlung blieb zurück, deſſen er nicht Herr werden konnte, und alsbald aufſteigend ritt er nach dem Dorfe zu, das etwa zwei Meilen entfernt lag. Da ſein Pferd müde und hungrig war, ſo ging ſeine erſte Sorge dahin, das kleine Wirthshaus, deſſen er ſich wohl erinnerte, aufzuſuchen. Dort übergab er ſein Roß der Pflege des Hausknechts, undbrach dann nach dem Hauſe auf, das ihm als dasjenige angekündigt worden war, wo er einen Diener finden würde. Während er durch das Dorf hinſchlenderte, war es ihm auffallend, den zunehmenden Verfall zu bemerken, der ihm an allen Häuſern Gebäuden und Gärten vor die Augen trat. War Coldenham auch nie ſehr wohlhabend geweſen, ſo hatte es ihm bei ſeiner letzten Anweſenheit wenigſtens ſauber und behaglich geſchienen; jetzt aber deuteten die zerbröckelten Strohdecken, vom wuchernden Hauslauch bedeckt aber nicht verborgen, die überklebten Fenſter, an denen häufig das Glas ganz fehlte, die zerfallenen Zäune und Staketen, ungenügend um Vieh und Schweine abzuhalten, die halb angebauten 88 Gärten voller Unkraut— dies Alles deutete auf eine trau⸗ rige Veränderung. Das einzige Gebaͤude, das noch ziemlich ebenſo ausſah, wie er es früher geſehen hatte, war die alte Kirche, auf einer Anhöhe über der Straße ſtehend, mit ihrem durch eine niedere Steinmauer umringten Kirchhof. Ralph blieb eine Weile ſtehen und ſchaute zu dem hohen ſchlanken graziöſen Kirchthurme empor, den er in früheren Jahren, wie er ſich wohl erinnerte, oftmals betrachtet und ſich gewundert hatte, wie man ihn ſo hoch hätte erbauen können. Er war noch ganz wie er damals geweſen: der Zahn der Zeit hatte in längſt verfloſſenen Jahren an ihm genagt und die reichen Ornamente, Niſchen und Kragſteine abgebrockelt; aber als ob das zerſtörende Ungeheuer zuweilen in ſeiner Ge⸗ fräßigkeit inne hielte, ſo war aus keinem Zeichen zu entneh⸗ men, daß er ſeit Ralph's letzter Anweſenheit das Gebäude berührt hatte. Auch zur Herſtellung des Baues war nichts geſchehen: der Stein hatte noch immer denſelben grünen moosfarben Anſtrich, den die feuchte über die Sümpfe ſtrei⸗ chende Luft ihm verliehen hatte, und einer der Firſtſteine in der niederen Kirchhofmauer, der herabgefallen war und den er oft unmittelbar am Fuße des Gemäͤuers wahrgenommen hatte, lag noch immer an ſeinem alten Platze. Die Thüre ſtand offen; der junge Mann trat ein und ging über den Begräbnißplatz in die Kirche. Dort lagen die Gräber ſeiner Ahnen, und er wünſchte ſte noch einmal zu betrachten, ehe er in die Fremde zöge. Bald ſtand er vor dem Monumente Sir Robert Woodhalls, der für den Grün⸗ —— —,— 89 der der Familie angeſehen wurde— ein prachtvolles Denk⸗ mal, reich geſchnitzt und gemeiſelt; auf einer Tafel hatten die Nachkommen des alten Edelmannes in ihrer Dankbarkeit die zahlreichen Tugenden des Ritters— wirkliche wie einge⸗ bildete— aufgezeichnet, nämlich wie er für ſeinen König im Felde gefochten, wie er ihm im Rathe mit ſeiner Weis⸗ heit beigeſtanden, und wie er zwei Söhne hinterlaſſen hatte, die er beide noch bei ſeinen Lebzeiten zur Würde von Reichs⸗ peers erhoben geſehen. Dann kamen die Gräber der beiden Söhne, Robert Lord Coldenham und Ralph Lord Woodhall; dann die Grabmäler von zwei weiteren, ein anderer Robert, Großvater von Ralph's eigenem Vater und dem letzt ver⸗ ſtorbenen Lord Coldenham, und ein anderer Ralph, der Vor⸗ fahr des gegenwärtigen Lords Woodhall. Es waren lauter Roberts und Ralphs, nur hie und da ein Henry, wie ein Reis auf einen alten Stamm gepfropft. Jeder hat ſchon die ewig beredte Lehre alter Denkmäler empfunden— die Lehre über die Eitelkeit aller irdiſchen Kämpfe Hoffnungen und Leidenſchaften, und vor allem über die Eitelkeit aller Eitelkeiten— den Ehrgeiz. Auch der junge Mann, welcher hier in Betrachtung verſunken da ſtand, mochte fühlen, daß er mit übermäßiger Sehnſucht, mit ſtar⸗ ken Wünſchen und Begierden nach weltlicher Größe, über⸗ haupt nach jenen Dingen hieher gekommen ſey, welche— ob nun Zweck oder Mittel— nur einen Theil jenes großen Kampfes bilden, der in völliger Leere endet. Rings um ihn auf einem kleinen Raume von kaum zwolf Quadratſchritten lagen Viele ſeines eigenen Geſchlechts, welche gleich ihm 1 90 ſelbſt gekämpft, gehofft, gewünſcht und ſogar mit Glück ſich abgemüht hatten. Und doch hatten ſie für alle ihre Mühe nichts weiter geerbt als ſechs Fuß Erde und dieſes Stück zerbröckelnden Marmors, während die Thaten, welche ihnen Glanz und Ruhm erworben hatten, während ihre Hoffnun⸗ gen, Beſorgniſſe und Anſtrengungen im Strome der Zeit einen weit kleineren Punkt einnahmen als ihr Grabmal auf der Oberfläche der Erde. Traurig und vorwurfsvoll gegen ſich ſelbſt wendete er ſich ab, als eine Stimme neben ihm ſagte: „Er lebte und ſtarb'— wäre das nicht die beſte Auf⸗ ſchrift für Alle? Iſt es ja doch das Einzige was ſich von einem Menſchen mit Sicherheit ſagen läßt.“ Im Umwenden bemerkte Ralph neben ſich und ihm über die Schulter ſchauend einen ältlichen Mann in der Kleidung eines wohlhabenden Bauers Er hatte ſeine Schuhe abgenommen und ſeinen Hut irgendwo in der Kirche abgelegt und Ralph ſchloß aus dieſen Anzeichen mit Recht, daß es der Küſter war. Er fragte ihn, ob dem ſo ſey, und der alte Mann erwiederte: „Allerdings bin ich der Küſter.“ „Ihr wart nicht hier, als ich das letztemal in Colden⸗ ham war,“ bemerkte Ralph.„Was iſt aus Harriſon ge⸗ worden, der vor Euch Küſter geweſen?“ „Da unten,“ verſetzte der Alte, mit dem Finger auf das Pflaſter deutend.„Er iſt jetzt ſo gut wie ein Lord und nimmt gerade ebenſoviel Raum ein. Als er ſtarb, ließ die 91 alte Lady mich holen, denn ich komme weit her aus Dorſet⸗ ſhire, ihrer eigenen Grafſchaft.“ „Dann ſeyd Ihr natürlich ein großer Guͤnſtling von ihr?“ fragte Ralph. „Ei nein— warum glaubt Ihr das?“ entgegnete der alte Mann. „Weil ſie Euch in dieſes einträgliche Amt einſetzte,“ verſetzte Ralph. „Das iſt kein Grund,“ erwiederte der Küſter;„ſolche Gaben ſind wie das Glück nicht immer ein Beweis von Gunſt. Ich nehme was ich bekomme und bin dankbar, ohne zu fragen, woher noch warum es kommt. Ich kann nicht der Freund einer großen, noch der einer ſtolzen Dame ſeyn. Ein gutes Amt nennt Ihr es? Nun ja, die Todten thun oft den Lebenden Gutes, und ſo geſchieht es auch mit mir; aber die Lebenden thun kein gut mit den Todten, und ſo iſt das Amt wenigſtens in einem Sinne kein gutes. Es iſt wie das des Henkers, von dem man auch ſagt, daß er dem Ver⸗ brecher den letzten Dienſt erweiſe; aber mein Amt geht noch weiter, und ich bin es, der eigentlich den einzigen letzten Dienſt verrichtet, denn ich gebe der Erde zurück, was die Erde ans Licht brachte, und meine Hand iſt die letzte zwiſchen Leben und Ewigkeit.“ Das Geſpräch hatte eine düſtere Wendung genommen, und Ralph ſuchte ihm eine andere Richtung zu geben, in⸗ dem er ſagte: 8— „Mir ſcheint, das Dorf iſt ſeit meinem letzten Beſuche ſehr in Verfall gerathen. Die Leute kommen mir nicht 9 92 mehr ſo behäbig und wohlhabend vor, als ich ſie früher hier geſehen.“ „Wie ſollten ſie auch?“ fragte der Küſter.„Die Vie⸗ len ſind immer mehr oder weniger abhängig von den Weni⸗ gen, und in einem ländlichen Dorfe hieſiger Gegend iſt ihr Gedeihen immer von den großen Gutsbeſitzern der Nach⸗ barſchaft abhängig. Merkt wohl, junger Herr, ich ſpreche von Gedeihen— nicht allein von Wohlhabenheit, ſondern von dem Glück, das die Arbeit erheitert,, von dem Schutze, der ſie befördert, von dem Beiſpiele, das auf den rechten Weg leitet und von der Großmuth, welche Diejenigen be⸗ lohnt, welche ihn einſchlagen. Wie wollt Ihr, daß das Volk hier gedeihe, wenn Niemand von Nang und Stellung in ihrer Nähe iſt, außer einem alten Weibe voll Stolz und Diamanten, deren einziges Ziel darauf gerichtet iſt, ihren Staat aufrecht zu erhalten, und ihren beiden Söhnen, die uns nur dadurch ihre Gnade erweiſen, daß ſie über unſere Felder und Gärten reiten und unſere Weiber und Töchter beſchim⸗ pfen? Da iſt es wohl kein Wunder, wenn die Hecken in Trümmer gehen, wenn die Strohdecke vermodert und der Dachgiebel einfällt. Es gibt ein gutes Recept um einen Ort veröden zu machen, und dieſe Menſchen haben es auf⸗ gefunden.“. „Das ſehe ich, guter Mann,“ bemerkte Ralph.„Ihr ſprecht übrigens ſehr frei von ſo gefährlichen Dingen.“ „Ich ſcheue mich nicht, Meiſter,“ verſetzte der alte Küſter mit ruhigem Lächeln;„doch würde ich— ehrlich 93 geſtanden— nicht von ſolchen Dingen mit Euch reden, wenn Ihr nicht ein fremder Wanderer wäret.“ „Ich bin mit den Leuten, von denen Ihr ſprecht, näher verwandt als ihr wißt,“ bemerkte Ralph, ſich nach der Thüre wendend;„doch fürchtet Euch nicht, ich werde Euch nicht verrathen, da ich ſo ziemlich ebenſo wie Ihr denke.“ „Ich fürchte mich nicht im Geringſten,“ verſicherte der Küſter, ihm langſam folgend und Hut und Schuhe im Wei⸗ tergehen mit ſich nehmend.„Mir iſt es ganz gleichgültig, was man von mir ſagen mag.“ Nalph ging weiter und ſchlug den kleinen Seitenpfad rechts von der Kirchthüre ein, der in der Richtung des von Moraber beſchriebenen Hauſes weiter führte. Es lag nicht weit von da, ſo daß man es von dem Kirchhofpförtchen aus ſehen konnte, und Ralph war überraſcht, als er unter den alten die Gräber beſchattenden Ulmen dahinging und die Nettigkeit und Behaglichkeit dieſer Wohnung bemerkte. Sie war größer und geräumiger als die meiſten andern Häuſer in der Nähe, denn noch hatte ſich nicht in jeder Ortſchaft des Landes ein Doktor und Advokat niedergeſetzt, und das Pfarrhaus war außer der Kirche in Coldenham das einzige gut ausſehende Gebäude. 3 Vor der Thüre auf einem kleinen Raſenplatze, der das Haus von der Straße trennte, ſtand eine ſchöne alte Eiche, im Innern arg verwittert, mit einer Bank unter ihren zerzausten Zweigen, wo man an einem Sommerabend mit Freuden friſche Luft ſchöpfen konnte. Ralph blieb eine Weile neben dem Baume ſtehen und ſchaute zweifelhaft „ nach der Wohnung empor, ungewiß, ob er wohl recht ſey oder nicht. Der hartnäckige alte Küſter ſtand im nächſten Augen⸗ blick neben ihm und fragte in ſeinem eigenthümlichen Tone: „Sucht Ihr dort Jemand, junger Herr!“ „Ja, allerdings, wenn ich mich nicht in dem Hauſe irre,“ gab Ralph zur Antwort;„ich ſuche einen jungen Mann Namens Stilling.“ „Ein alter Mann Namens Stilling ſpricht mit Euch,“ bemerkte der Küſter;„wie lautet denn der Taufname deſſen, den Ihr ſucht?“ „Nach Gaunt Stilling wurde ich angewieſen zu fra⸗ gen,“ erwiederte Ralph.„Seyd Ihr ſein Vater?“ „So vermuthet man,“ gab der Alte zur Antwort. „Mein Sohn iſt aber nicht zu Haus.— Wollt Ihr eintre⸗ ten und warten bis er zurückkommt?“ „Ich muß ihn durchaus ſehen,“ bemerkte Ralph nach⸗ denklich, und im ſelben Augenblicke öffnete der alte Mann die Thüre, welche ins Haus führte. 3 Indem er ſo that, huſchte eine weibliche Geſtalt mit einem ſchönen Geſichte, von welchem Ralph nur einen ein⸗ zigen Blick erhaſchte, plötzlich über den Gang und ver⸗ ſchwand augenblicklich, nur einmal ſich umſchauend. 1 Der junge Mann machte keine Bemerkung, glaubte aber Thränenſpuren auf dem feinen Geſichte, das an ihm vorbeikam, bemerkt zu haben. Des Küſters Miene trübte ſich etwas; ohne jedoch ſeine Höflichkeit gegen den Fremd⸗ ling zu vermindern, führte er ihn in ein niedliches geſandel⸗ 95⁵ tes Beſuchzimmer und drang in ihn, einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen. Mit eigenen Händen brachte er Brod, Käs und treffliche Butter herein und ging ſodann, um einen braunen Krug ſtarken ſchäumenden Ales zu holen. „Ein heimiſches Mahl für einen jungen Gentleman vom Hauſe Woodhall,“ ſagte er und fuhr fort, noch etliche zehn Minuten zu plaudern und zu moraliſiren, während Nalph ſeinen Vorräthen mit erſtaunlichem Erfolge zuſprach. „Aber nachdem die Begierde nach Trank und Speiſe geſtillt war“, wie Homer ſagt, begann auch der junge Mann ſeine Fragen zu ſtellen, bis ihr ferneres Geſpräch durch das Anſprengen eines prächtigen Roſſes vor die Hausthüre unterbrochen wurde. Zu Ralph's Ueberraſchung ſprang der alte Küſter von ſeinem Sitze auf, rannte nach der äußeren Thüre und drehte dort den Schlüſſel um. Nachdem er ſofort ſeiner Hände Werk eine Weile mit grimmigem Lächeln betrachtet, kam er in das kleine Beſuchzimmer zurück, indem er vor ſich hinſagte: „Nein, nein, nicht ſo.“ Kaum hatte er ſich geſetzt, als Jemand die Hand auf die eiſerne Thürklinke legte und heftig daran rüttelte. Das Schloß leiſtete ihm jedoch Widerſtand, und der Beſucher klopfte ein⸗ bis zweimal, indem er rief: „Käthchen, Käthchen, laß mich ein!“ „Du wirſt bald Jemand haben, der Dir antwortet,“ murmelte der alte Mann leiſe, und gleich darauf hörte man ein zweites Pferd raſch auf der Straße daher kommen. Dann folgte das Streiten zorniger Stimmen. 7 96 „Packt Euch nach Hauſe!“ ſchrie Einer.„Ich habe Euch ſchon einmal gewarnt, und ſeyd Ihr nun der Sohn eines Lords oder Bettlers— wenn ich Euch noch einmal auf hundert Schritt von dieſem Hauſe betreffe, ſo will ich Euch einen Denkzettel mitgeben, der Euch die Ueppigkeit ſchon austreiben ſoll.“ „Unverſchämter Schurke!“ erwiederte eine andere Stimme, welche Ralph als die Robert Woodhall's zu er⸗ kennen glaubte.„Ich habe große Luſt, Dich auf mein Schwert zu ſpießen, und wäre es nicht um Käthchens willen, ſo würde ich es auch thun. Ihr ſollt übrigens für Eure Un⸗ verſchämtheit gezüchtigt werden. Lady Coldenham wird Euch ſammt Eurem alten puritaniſchen Vater in Bälde nach Dorſetſhire zurückſenden.“ „Ho, mit Eurem Schwert!“ ſpottete der Andere in verächtlichem Tone.„Ihr wagt ja gar nicht, es aus der Scheide zu ziehen, und thätet Ihr's auch, ſo wollte ich's Euch auf dem Rücken zerſchlagen. Wegen Eurer Mutter werdet Ihr beſſer thun, ſie vorher zu befragen, was ſie im Sinne hat, ehe Ihr mit ihr prahlt. Ich habe ſie ſo eben geſprochen, und ſo ſtolz ſie auch iſt, ſo wird ſte doch Euer ſchurkiſches Vorhaben nicht unterſtützen. Macht, daß Ihr fortkommt, denn meine Finger jucken mich, Euch am Kragen zu packen und Euer Schandgeſicht in den Koth zu drücken. Ihr ſeyd jedoch ebenſo ſehr Memme wie Schuft und nicht werth, daß man Euch züchtigt. Ihr habt ſchon Böſes ge⸗ nug angerichtet, und hier ſoll Euch Nach dieſen Worten folgte ein keines mehr gelingen.“ e kurze Pauſe, lang ge⸗ 97 nug, um ein Pferd zu beſteigen; dann hoͤrte man das Weg⸗ galoppiren eines Roſſes, während Robert Woodhall's Stimme einige Worte der beleidigendſten Art äußerte, denn obgleich Ralph ſie nicht deutlich vernahm, ſo folgte ihnen doch ein lauter zorniger Nachruf des zweiten Sprechers, welcher beifügte: „Wenn Ihr Euch mit Recht deſſen rühmt, ſo ſoll's Euch das beſte Blut Eures Herzens koſten.“ Kun hörte man Jemand vom Hauſe fortgaloppiren, und der alte Küſter ſtand auf, um die Thüre zu öffnen und einen Jüngling von drei bis vierundzwanzig Jahren einzu⸗ laſſen, deſſen Geſtalt beim erſten Blicke ſo ſpärlich und bieg⸗ ſam erſchien, daß ſie nur große Behendigkeit verſprechen mochte, während ſie bei ſorgfältigerer Betrachtung in den ſehnigen Muskeln und richtigen Verhältniſſen alle Anzeichen großer Stärke verrieth. Sein Geſicht war erhitzt und er trat mit haſtigem Schritte ins Zimmer, blieb aber ſogleich ſtehen, ſobald er einen Fremden gewahrte. „Beruhige Dich— beruhige Dich,“ begann ſein Va⸗ ter.„Du biſt zu raſch und hitzig, mein Sohn. Haſt Du dem alten Weibe geſagt, was ich Dich geheißen.“ Der Sohn nickte bejahend, und der Vater fuhr fort. „Nicht ein Wort mehr noch weniger?“ „Nicht ein Wort,“ erwiederte der Sohn. „Dann wird er nicht mehr hieher kommen,“ meinte der Vater.„Da es jedoch unmöglich iſt, ſolchen jungen in Laſter und Ueppigkeit auferzogenen Männern einen Zügel anzulegen, ſo wäre es beſſer, wenn wir den früher beſchloſ⸗ James. Das Schickſal. 7 „ 98 ſenen Plan ausführten und uns alsbald daran machten.— Hier iſt ein Gentleman, mein Sohn, der nach Dir gefragt hat. Höre, was er von Dir will.“ „Was wünſcht Ihr von mir, Sir?“ fragte der junge Mann, in höflichem Tone Ralph anredend. „Ich habe Euch blos eine Botſchaft zu überbringen,“ verſetzte Ralph.„Moraber ſagt, Ihr ſollt Euch nächſten Donnerſtag früh neun Uhr an der Hullingsecke einfinden, um mit mir durch die Welt zu ziehen.“ „Das gibt nur zwei freie Tage,“ bemerkte der junge Mann, ſeinen Bater anſchauend—„das kann nicht ſeyn.“ „Ja, ja, es kann,“ rief der Alte eifrig.„Du darſſt es ihm nicht abſchlagen, Knabe.“ „Aber ich will ſie nicht hier laſſen,“ erwiederte der jüngere Stilling.„Komme was da wolle— das darf nicht ſeyn.“ „Ich will ſelbſt mit ihr gehen,“ bemerkte der alte Mann.„Du kannſt bis Donnerſtag früh hier bleiben; bis dahin werde ich auf dem Rückwege und bis Freitag Nacht wieder zu Hauſe ſeyn. Er ſoll kommen, Sir— er ſoll kommen. Sagt unſerem Freunde, er werde nicht fehlen.“ „Wenn Ihr die Perſon meint, die ſich Moraber nennt,“ verſetzte Ralph—„die werde ich vor meiner Abreiſe nicht wieder ſehen; doch wird Moraber ohne Zweifel Eures Soh⸗ nes Gefälligkeit gegen ſeine Wünſche erfahren.“ „O ja, er wird es freilich erfahren,“ verſicherte der Küſter.„Warum ſagt Ihr aber: die Perſon die ſich 99 Moraber nennt? Glaubt Ihr, das ſey nicht ſein rechter Name?“. „Es iſt offenbar ein ausländiſcher Name„“ entgegnete Ralph Woodhall,„und ſeine Sprache verräth doch den Engländer.“ „O er verſteht gar Vieles, wovon Ihr Euch nicht träumen laßt, und weiß eine Sprache ſo gut wie die andere zu reden. Mein Sohn ſoll jedoch zur befohlenen Stunde an dem beſtimmten Platze eintreffen.“ „Erſt möcht' ich gerne wiſſen, mit wem ich gehen werde,“ ſagte Gaunt Stilling. „Ich bin Ralph Woodhall, der Sohn Mr. Woodhall's vom Maierhofe,“ erklärte der Gentleman. Der Andere ſchwieg und beſann ſich eine Weile, worauf er ſagte: „Nun wohl, Sir, ich will mit Euch gehen. Ich habe Euch rühmen hören— den Einzigen Eures Namens.“ „Ei, nein,“ ſiel Ralph ein,„mein Vetter Henry, Lord Woodhalls Sohn, verdient gewiß eine Ausnahme von Eurem Tadel.“ „Ja, ja, der geht an,“ meinte der Andere.„Nicht ſo arg wie der Schlimmſte, noch ſo gut wie der Beſte; er kann meinetwegen unter jenen jungen Käuzen als ein Phönix gelten.“ „Ei und ſeine Schweſter Margarethe,“ rief Ralph, während ſeine Wange ſich etwas tiefer röthete—„von ihr wißt Ihr doch gewiß kein ſchlimmes Wort zu ſagen?“ „Oho! bläst der Wind daher?“ rief Gaunt Stilling 7* „ 100 lachend, fuhr aber alsbald in ernſtem geſetztem Tone fort: „nein, Sir, gegen ſie hab ich nichts einzuwenden. Sie wird immer als eine gute liebe junge Dame genannt, ſanft gegen Jedermann und freundlich und großmüthig gegen den Armen. Auch iſt ſie ſehr ſchön— das kann ich bezeugen, denn einmal habe ich ſie geſehen. Wer ſie ge⸗ winnt, wird ein reicher Mann, denn ſie iſt ein wahrer Schatz. Was mich betrifft, Sir, ſo will ich Donnerſtag früh an dem bezeichneten Punkte eintreffen und Euch gerne dienen, ſo gut ich's immer vermag, dieß um ſo bereitwilliger als Ihr von denſelben Perſonen gehaßt werdet, die auch ich haſſe. Es iſt ein gutes Zeichen, wenn man die Feindſchaft ſolcher Menſchen auf ſich geladen hat. Nach dieſem Verſprechen wartete Ralph nicht länger, ſondern nahm von dem alten Küſter und ſeinem Sohne Ab⸗ ſchied, dankte Erſterem für ſeine Gaſtfreundſchaft und kehrte zu ſeinem Roſſe in die kleine Schenke zurück, wo er aufſtieg und ſich auf den Heimweg machte. Achtes Kapitel. Zum Glück für Ralph Woodhall war der Morgen ſchön und heiter. Ich ſage:„zum Glück,“ obgleich er für ſeine Perſon ſich wenig darum gekümmert hätte, ob auch eine wahre Sündfluth vom Himmel herabgekommen wäre. Der funkelnde Morgenglanz erheiterte jedoch ſeine Lebens⸗ 10¹ geiſter und erleichterte ihm die Schwere des Abſchieds von Denen, die er liebte. Es iſt eigen, wie ſo Vieles in manchen Gedankenver⸗ bindungen liegt und wie ſich ein gewiſſer verborgener Aber⸗ glaube in manche Zufälle miſcht, beſonders wenn das Wet⸗ ter damit in Verbindung kommt.„Glücklich iſt die Braut, welcher die Sonne leuchtet: glücklich der Todte, auf welchen der Regen fällt“— ſo heißt ein altes Sprichwort. Man ſagt, der Tag zürne einer Unternehmung, und wo wäre der Mann, der bei einem wichtigen Beginnen einen düſteren drohenden Himmel über ſeinem Haupte ſähe, ohne ſchlimme Ahnungen daraus abzuleiten?“ Der Morgen war wie geſagt heiter und lächelnd, als Ralph Woodhall ſich auf die Reiſe machte. Die ganze Natur ſchien ſich zu freuen: die friſchen grünen Bäume, der ſchimmernde Fluß, ſogar das düſtere braune Myor ſchien ſich im Sonnenſcheine zu baden, und die reine Luft wehte durch die Zweige und trug hie und da den kleinen verſchwim⸗ menden Schatten einer kaum geſehenen Wolke über das Antlitz der Landſchaft, den heiteren Anſtrich des Ganzen da⸗ durch nur noch erhöhend. Es war ein Augenblick, vor dem ſich Ralph gefürchtet hatte. Früher war das Scheiden ganz anders geweſen, erſtlich weil die zarten Bande, die ihn jetzt an dieſen Boden knüpften, damals noch nicht ſo ſtark, und zweitens weil früher ſeiner Abweſenheit jedesmal feſte Grenzen geſetzt waren. Er war auf eine gewiſſe Zeit auf die Univerſität gegangen und wußte oder hoffte, daß er nach Ablauf dieſer 1 10² Periode zurückkehren würde. Jetzt aber war Alles neblig und unbeſtimmt; Monden, Jahre, der beſſere Theil ſeines Lebens konnte darüber hingehen, bevor er ſeines Vaters Haus wieder ſah. Und dann die lange, lange Abweſenheit von Marga⸗ rethen! Es war umſonſt, daß er ſich vorſagte, wie dieſer Abſchied die einzige Möglichkeit ſey, um ſie zu gewinnen, wie er bei längerem Verweilen, wenn er die Stunden, welche rüſtiger Thätigkeit gewidmet ſeyn ſollten, in der ſturmverkündenden Stille zeitweiſen Glückes zubrächte— nur bittere Enttäuſchung ſich bereiten und dieſe Enttäuſchung noch zehnmal bitterer machen würde. Es war Alles umſonſt. Er hatte mit Furcht dem Augenblicke des Abſchieds entgegen geſehen; aber wie ge⸗ ſagt, die heitere Beleuchtung und der Glanz der Landſchaft ließ die Hoffnung nicht von der Furcht überwiegen. Er be⸗ trachtete dieſen Morgen wie ein glückliches Vorzeichen, das ihm das Lächeln des Himmels für ſeine Unternehmungen und den Sonnenſchein des Glücks auf ſeinem Wege zu ver⸗ ſprechen ſchien. Früh am Morgen beim erſten Sonnenſtrahle war er aufgeſtanden und hatte ſeine letzten Anordnungen zur Ab⸗ reiſe getroffen. Alles was er durchaus mit ſich nehmen wollte, war in zwei große lederne Mantelſäcke verpackt wor⸗ den, wie ſie die Reiſenden damaliger Zeit gewöhnlich hinten auf den Sattel geſchnallt mit ſich führten. Ein geräumiger Holzkoffer, mit einer Maſſe kleiner ihm werther Artikel: als da ſind Bücher, Geſchenke von Freunden und einige ½ 103 merkwürdige Reliquien aus alten Zeiten nebſt den feineren Kleidungsſtücken, die er beſaß, ſollte einer der zahlloſen Fuhrleute mitnehmen, welche das Land damals in allen Richtungen durchzogen, oft ganz eigene Pfade verfolgend und zuweilen, wenn die Peſt im Lande wüthete, ganz neue Straßen aufſuchend oder kleine Nebenpfade in Heerſtraßen verwandelnd, um den angeſteckten Orten auszuweichen. Sobald er angezogen und fertig war, ſtieg er ruhig zu ſeines Vaters Zimmer hinab und öffnete leiſe die Thüre, denn Mr. Woodhall war nie ein Frühaufſteher geweſen, und Ralph glaubte, er könne noch ſchlafen. Er fand ihn jedoch leſend im Bette liegen, und nach kurzem Abſchiede, der trotz der wenigen Worte ſeine ganze Zärtlichkeit und Gefühls⸗ tiefe entfaltete, zog ſich der junge Mann zurück. Als er ſchon der Thüre nahe war, rief der alte Mr. Woodhall noch:„Ralph! Ralph!“ und als ſein Sohn ſich umwandte, ſetzte er hinzu: „Ich hoffe, Du haſt doch Deinen Cicero nicht vergeſ⸗ ſen; Du ſagteſt, Du wollteſt ihn in Deine Satteltaſche legen. Er iſt ein guter Begleiter, Ralph!“ Sein Sohn verſicherte ihn, daß Cicero nicht vergeſſen worden und verließ das Zimmer. Sein nächſtes Lebewohl war ein ſtummes, aber nicht weniger erſchütterndes. Von einer kleinen Anhöhe der Straße, welche er zog, war die ganze eine Seite des Herrenhauſes von Woodhall dem Wanderer ſichtbar. Das Haus lag in der That ſo nahe, daß man die kleinen ſteinernen Zierrathen über den „ 104 Strom hinüber leicht unterſcheiden konnte, und aus einem der Fenſter, das er irgendwie beſſer als alle übrigen kennen gelernt hatte, ſchaute ein ſchönes Antlitz auf die Straße herüber. Ralph hielt eine Weile an und winkte mit der Hand. Eine Hand winkte herüber und dann zog ſich Margarethe haſtig vom offenen Fenſter zurück, und er glaubte zu bemerken, wie ſie zum Beten oder Weinen am Fuße des Bettes niederkniete. „Ich will ſte erringen oder ſterben!“ ſprach Nalph vor ſich hin, und dieſes letzte Wiederſehen ſtärkte ihn vielleicht mehr als alles Andere zum Kampfe mit den künftigen Schwierigkeiten. Nichts auf Erden iſt ſo kräftigend für den Ringer in ſeinem Kampfe mit der Welt wie eine ſtarke Leidenſchaft und ein feſter Entſchluß. Von hier an ritt er raſch weiter und erreichte allmälig die höher gelegene Gegend, bald über einen kahlen Hügel hinziehend, bald einen Abhang neben ſich laſſend, der ihm ſein ſchattiges Blätterdach entgegenſtreckte. Etwa vier Meilen weiter lag ein kleiner Weiler, deſſen Bewohner faſt alle zu ihren Früharbeiten auf's Feld gezogen waren; nur eine alte Frau, verwittert und triefäugig, mit einem Geſicht, daß man ſie noch vor fünfzig Jahren in jedem Lande für eine Hexe gehalten hätte, ſaß ſpinnend vor einer der Thüren. Wie der junge Reitersmann vorbeikam, hob ſte die Augen und ſagte laut: „Ja, es reitet gar ſchnell, wer dem Uebel entgegen⸗ xeitet.“ Ralph hörte die Worte, und da er an dieſem Morgen 10⁵ empfänglicher für äußere Eindrücke war als ſonſt, ſo hielt er ſein Roß an und wendete ſich an die alte Sibylle: „Warum ſagt Ihr ſo, Mutter?“ fragte er.„Ich habe Euch ja nie Uebles gethan, im Gegentheile mich bemüht, Euch und Eures Sohnes Familie Wohlthaten zu erweiſen.“ „Ei, das gilt gleichviel, Mr. Ralph,“ erwiederte die Alte kopfſchüttelnd.„Was ich ſagte, iſt trotzdem wahr.“ Und ſie wiederholte ihre Worte. „Wollt Ihr damit ſagen, ich reite fort, um Uebles zu thun oder um Uebles zu leiden?“ forſchte der junge Mann. „Zu leiden mehr als Ihr wißt,“ entgegnete die alte Frau. „Dann danke ich Euch nicht für Eure Prophezeiung,“ verſetzte Ralph halb ärgerlich und ritt in demſelben Schritte wie zuvor raſch weiter. Einige Augenblicke blieben die Worte der Alten nicht ohne Eindruck auf ihn; aber dann kamen wieder Hoffnung und Erwartung, welche in ihm aufjauchzten. Er ſchaute auf den hellen blauen Himmel, auf die leuchtende Sonne und die ſtrahlende Landſchaft, und unwillkürlich mit der Hand nach oben winkend, rief er aus: „Ich gehe nicht in ſchlimmer Abſicht; ich will keine böſe That verrichten, und der Gott, der Alle Dinge gemacht hat, Er, der die Sterne da oben führt und den Himmel aufheitert, der uns den Regen zum Befruchten, den Son⸗ nenſchein zum Beleben herabſchickt, er wird mich führen, für mich ſorgen und mich beſchützen.“ Die Strecke bis zur Hullingsecke, wo er ſeinen neuen 7 106 Diener treffen ſollte, war beträchtlich; als er ſedoch den Punkt erreichte, war noch Niemand zu ſehen. Zwei Straßen führten hier zuſammen und Ralph konnte beide auf und ab ſehen— Niemand war zu bemerken. Als er eine der ſchwerfälligen Uhren damaliger Zeit herauszog, fand der junge Mann, daß er in Folge raſchen Reitens faſt eine halbe Stunde vor der beſtimmten Zeit angelangt war. Da half nichts als Geduld; er ſtieg alſo ab, lockerte die Gurten und führte ſein Roß auf und nieder. Nach Verfluß von etwa zwanzig Minuten, während er einige Schritte von der Ecke entfernt war, hörte er ein bekanntes Volkslied damaliger Zeit hinter ſich ſingen, und ſowie er die Straße hinabſchauen konnte, ſah er einen Reitersmann in ſachtem Trabe ruhig daherkommen. Mit Recht ſchließend, daß es ſein neuer Diener Gaunt Stilling ſey, winkte er ihm mit der Hand, damit er ſich beſſer beeile, und ſchickte ſich an, ſeinen Sattel wieder feſtzugurten. Der Andere beſchleunigte jedoch ſeinen Schritt nicht im Ge⸗ ringſten, und als er endlich eintraf, ſagte ihm Ralph ziemlich ungeduldig, er habe ſchon eine halbe Stunde ge⸗ wartet. „Nun, Sir,“ erwiederte Stilling mit gutmüthigem Lächeln,„Ihr ſeyd jetzt der Gebieter und ich der Knecht, und es iſt ſchlimm für den Gebieter, auf den Knecht zu warten; aber was Pünktlichkeit betrifft, ſo habe ich doch gehört, daß es ebenſo Unrecht iſt, zu früh als zu ſpäͤt ein⸗ zutreffen. Es fehlen noch wenigſtens fünf Minuten, wenn ich die Zeit richtig ſchätze.“ 107 .„Es ſchadet aber nie, etwas zu früh daran zu ſeyn,“ meinte Ralph. „Zuweilen doch, Sir,“ gab Gaunt Stilling zur Ant⸗ wort.„Mancher hat ſchon ſein Bein gebrochen, weil er eine halbe Stunde zu früh ausging. Wenn Einer z. B. einen Andern auffordert, ihm in einem Geſechte Hülfe zu leiſten, und nun eine halbe Stunde früher als ſein Freund vor dem Feinde eintrifft, ſo wird er wegen ſeines Mangels an Pünktlichkeit Zeit genug haben, ſich tüchtig durchbläuen zu laſſen.“ „Ganz richtig,“ erwiederte Ralph;„Pünktlichkeit iſt wohl im Ganzen die beſte Regel, und ſie läßt keine Ab⸗ weichungen zu. Mein Roß trug mich dießmal etwas raſcher als gewöhnlich.“ „Um ſo ſchlimmer, Sir,“ äußerte Stilling,„denn ſein Schritt wird nicht ſo gut, noch ſeine Kraft ſo ausdauernd ſeyn, wie wenn es langſamer gegangen wäre.„Zieh' ein Roß kühl aus dem Stall und bringe es ebenſo kühl zurück— ſo lautet eine gute Maxime in meiner Umgegend.— Hier iſt übrigens ein Brief, den ich Euch zu übergeben habe.“ Ralph nahm das Schreiben und ſchaute nach der Aufſchrift, welche alſo lautete: 1 „Sr. Gnaden, dem Herzog von Norfolk— Gruß. Durch den Ueberbringer Ralph Woodhall Esquire— einen Gentleman von Rang.“ „Wer gab Euch das für mich?“ fragte Ralph. „Ich weiß nicht, Sir,“ erwiederte Stilling.„Es wurde nur in unſerem Hauſe abgeliefert.“ 1 108 „Ich habe noch einen Brief für den Herzog,“ meinte Ralph nachdenklich;„von wem kann dieſer ſeyn?“ „Zwei ſind immer beſſer denn einer,“ verſetzte ſein Gefährte.„Der Eine kann den Nagel treffen, den der Andere verfehlte.“ „Dann iſt es allerdings ein Glück,“ bemerkte Ralph, „denn ich gehe geradeswegs nach des Herzogs Wohnſitze in Norvich, da er meine Abſichten am beſten unterſtützen kann.“ „Sobald ich dieſen Brief ſah, dachte ich mir, daß Ihr Euren Flug dorthin richten würdet,“ ſagte Stilling. „Wie ſo?“ fragte Ralph,„wenn Ihr nicht wißt, von wem er kommt.“ „Weil ich mir dachte, es würde Euch Niemand einen Brief an eine Perſon ſchicken, wenn er nicht wüßte, daß Ihr ſie beſuchen wolltet“— ſo lautete Stillings einfache Antwort, und mit ihr mußte ſich Ralph zufrieden geben; denn es war klar, daß der Mann, ſelbſt wenn er mehr wußte, nicht in der Laune war, mehr zu erzählen. Noch eine Frage that jedoch Ralph, nachdem ſie ſich wieder auf den Weg gemacht hatten. „Wißt Ihr, Stilling,“ ſagte er,„ob dieſer Brief von der alten Lady Coldenham kommt oder nicht? Mein Ver⸗ fahren in Betreff ſeiner wird von Eurer Antwort abhängen. Wenn er nämlich von ihr kommt, ſo werde ich ihn nicht präſentiren— nicht daß ich ſeinen Inhalt fürchtete, denn ſie kann in Wahrheit Nichts wider mich ſagen, ſondern weil ich aus beſonderen Gründen keine Gunſt von ihren Händen empfangen will.“ 109 „„Wollte Gott, daß alle Anderen ſolche Gründe beſäßen oder ſie befolgt hätten!“ äußerte der Diener in ziemlich bitterem Tone; dann aber plötzlich ſein Weſen ändernd, fuhr er fort:„den Inhalt könnt Ihr leicht inne werden, Sir, da der Brief unverſiegelt iſt. Von der Dame im Schloſſe kommt er übrigens gewiß nicht, denn ich kenne ihre Hand⸗ ſchrift recht wohl“ „Ich werde ihn ſicherlich nicht öffnen,“ gab Ralph im Weiterreiten zur Antwort.„Ich halte dafür, daß ein Mann, der einen ihm anvertrauten Brief eröffnet und liest, ſich für immer erniedrigt fühlen muß, was auch immer ſeine Entſchuldigung ſeyn möge. Er iſt noch ſchlimmer, weit ſchlimmer als ein horchender Spion; denn Letzterem wurde Nichts, Erſterem aber Alles anvertraut, deſſen Ver⸗ letzung nunmehr ſeine Ehre beſchimpfen muß.“ „Wie, Sir, auch wenn der Brief abſichtlich offen ge⸗ laſſen wurde?“ erkundigte ſich der Andere. „Ja, unter allen Umſtänden,“ erklärte Ralph,„wir können die Linie zwiſchen ehrenhaftem und unehrenhaftem Verfahren um keines Haares Breite erweitern. Wenn man mir nicht mit klaren Worten ſagt, daß ein Brief ausdrück⸗ lich beſtimmt iſt, von mir geleſen zu werden, ſo wird nichts mich veranlaſſen ihn zu leſen“ „Wenn alle Menſchen es alſo hielten,“ bemerkte Gaunt Stilling,„ſo wäre mancher berühmte General geſchlagen, manche tapfere Armee wäre beſiegt und viele großen Triumphe wären nicht gefeiert worden.“ „So mein' ich's nicht,“ verſetzte Ralph.„Im Kriege „ iſt Alles, was ich dem Feind abnehme, mein Eigenthum— vor Allem diejenigen ſeiner Geheimniſſe, die ſich auf mich beziehen. Dagegen gibt es keine Entſchuldigung dafür, wenn man unter anderen Umſtänden einen Brief eröffnet. Niemand kann ſagen, was darin enthalten iſt— Niemand kann wiſſen, ob nicht Geheimniſſe, die der Verfaſſer nicht für die Welt beſtimmt hat und welche diejenigen, deren Ehrenhaftigkeit er ſie anvertraute, durchaus nicht berühren, in dieſer kleinen Papierfalte verborgen ſeyn mögen. O, wie müßte man erröthen, wenn man bei ſolcher Handlung auf einen Inhalt ſtieße, den kein Mann von Ehre jemals hätte gewahr werden ſollen. Nein, nein, Stilling: ich werde nie in einen mir anvertrauten Brief ſchauen, was auch immer die Folgen für mich ſeyn mögen.“ „Ich kann nicht glauben, daß die Folgen ſo ſchlimm wären,“ meinte Stilling,„denn man würde Euch doch ver⸗ muthlich keinen offenen Brief geben, der eine Schmähung über Euch enthielte, wenn man nicht etwa Euer Vorurtheil in dieſem Punkte kennte. Ihr mögt alſo das Schreiben wohl beiſtecken und dem Herzog in aller Sicherheit übergeben.“ „Den andern Brief, den ich für den Herzog bei mir habe, werde ich jedenfalls zuerſt überliefern, da ich weiß, von wem er kommt,“ verſicherte Ralph. Ralph beſchleunigte ſeinen Schritt ein wenig, doch ſein Diener— obwohl ausnehmend reſpektvoll— ſchien ſeinen eigenen Willen zu haben und keineswegs geneigt zu ſeyn, ſein Rößlein im Geringſten zu überhetzen. Er blieb zurück und das Geſpräch hatte natürlich ein Ende. 111 „Nachdem ſie etwa anderthalb Meilen zurückgelegt hatten— Ralph ungefähr drei⸗ bis vierhundert Schritte vorausreitend, ſo daß er für einen zufälligen Beobachter mit dem jungen Manne, welcher folgte, in keiner Verbin⸗ dung zu ſtehen ſchien— vernahm der junge Gentleman ein Geräuſch hinter ſich, und als er den Kopf umdrehte, ſah er ſeinen neuen Diener vom Pferde geriſſen und in dem höchſt unerfreulichen Prozeſſe begriffen, von drei handfeſten Burſchen tüchtig durchgeprügelt zu werden. Sie befanden ſich eben in einem waldigen Landſtriche, der für Hinterhalte, überhaupt für Auftritte, wie ſie der berühmte holländiſche Maler für ſeine Banditenüberfälle wählte, beſonders geeignet war. Ralph eilte in voller Haſt zurück, um ſeinen Diener wo möglich aus der Noth zu befreien, und da Stilling ſich mit all' ſeiner nicht geringen Kraft wehrte und einen ſeiner Gegner beinahe überwältigt hatte, während die beiden Andern fortwährend auf ihn losſchlugen, ſo wendete die Herankunft ſeines Herrn den Kampf zu ſeinen Gunſten. Seine Gegner verriethen alsbald große Neigung zu fliehen; Ralph verſetzte jedoch einem derſelben, ehe er wegrannte, einen Hieb, welcher deutliche Blutſpuren zurückließ, während Stilling, die gewährte Unterſtützung ſich zu Nutze machend, den Einen, auf den er hauptſächlich ſeine Aufmerkſamkeit geheftet hatte, ehe er ihn losließ, in nicht gar feiner Weiſe durchgerbte. Die Banditen, welche eiligſt im Walde verſchwanden, hatten ſich mit vorgebundenen Taſchentüchern wohl ver⸗ „ mummt; doch ſchien Stilling ſie entweder zu kennen, oder ſehr wenig Neugierde zu beſitzen; denn als ſein Herr ihn in einem Athem fragte, ob er Schaden genommen habe und ob er die Angreifer oder deren Abſicht kenne, ſo erwiederte er ganz kurz, er ſey nicht beſchädigt, kenne übrigens die Leute und den Zweck, der ſie hergeführt, ganz genau. Er zeigte überhaupt ſo wenig Luſt, ſich weiter darüber auszu⸗ laſſen, daß Ralph beſchloß, ihn nicht ferner auszufragen, ſondern ihn nur in kürzerer Entfernung folgen hieß und in raſcherem Schritte als zuvor voraneilte, bis er bald darauf eine beſſer gehaltene und beſuchtere Straße erreichte. Neuntes Kapitel. In der hübſchen alten Stadt Norwich ſieht man— ich glaube bis auf den heutigen Tag— die Ueberbleibſel eines alten Gaſthofes, der einſt nicht ferne vom Ufer des Wanſum geſtanden. In neuerer Zeit ſind nur noch einige Giebel davon vorhanden, aber zu Zwecken verwendet, welche ihrer früheren Würde, zweibeinige Gäſte aufzunehmen, weit nachſtehen; denn damals war er der vornehmſte Gaſt⸗ hof von Norwich. Der Zuſtand und die Verhältniſſe unſerer Wirths⸗ häuſer hatten überhaupt ſeit Chaucers Zeiten eine gewaltige Veränderung erlitten. In den Tagen unſerer Erzählung hatten ſie in England ſo ziemlich den Höhepunkt ihrer Voll⸗ kommenheit erreicht. Hotels waren ein noch unbekannter 113 Gräuel, obwohl der aus den anglonormänniſchen Zeiten ſtammende Name noch immer in verſchiedenen Theilen des Landes getroffen wurde. Sauberkeit, Nettigkeit, vollendete Behaglichkeit und Unabhängigkeit charakteriſirten den Gaſt⸗ hof früherer Zeiten. Das Linnenzeug war ſchneeweiß und die Koſt trotz der einfachen Kochkunſt in der Regel von der beſten Gattung. In ihnen konnte man ſich mit der Welt recht gut zufrieden geben, konnte ſeine Zeit wie in einem Traume verleben; keine der harten Wirklichkeiten des Lebens ſtörte den Reiſenden, ſo lange ſeine Börſe in der Verfaſſung war, die in jenen Tagen keineswegs ſehr übertriebenen Forderungen des Wirthes zu befriedigen. In ihrem Schooße mochte er der Zudringlichkeit, der Widerwärtigkeit und Un⸗ verſchämtheit der Welt entrinnen; in ihnen mochte er un⸗ geſtört lärmen oder überlegen, leſen oder ſchreiben, denken oder ſchlafen, ganz wie es ihm beliebte. Ein alter engliſcher Gaſthof gewährte die allervollkommenſte Freiheit, ohne daß Einen Anarchie und Verwirrung im Geringſten beläſtigte. Kein Steuereinnehmer ließ ſich(wenigſtens mit Vorwiſſen der Gäſte) blicken; ſelbſt den Konſtable ſah man, freundlich mit den übrigen Perſonen um den Schenktiſch gelagert, ſein Pfeifchen ſchmauchen und ſein Gläschen trinken, oder ſeinen Punſchnapf auslöffeln, und ſo lange Ordnung und Anſtand gewahrt blieben— vielleicht wohl auch etwas länger— miſchte ſich Niemand in die Freiheit und das Behagen, das in dieſem Reiche regierte. Es war nicht ohne Grund, wenn Ben Jonſon, Shenſtone und Samuel Johnſon die will⸗ James. Das Schickſal. 8 kommene Freiheit eines Gaſthofes bis in den Himmel er⸗ hoben. Der„Halbmond“ gehörte um die erwähnte Zeit zu dieſen ebengeſchilderten Herbergen, und nach ihm wendete ſich, durch fremde Erfahrung geleitet, unſer junger Wan⸗ derer Ralph bei ſeiner Ankunft in der Stadt Norwich an einem ziemlich düſteren Morgen gegen elf Uhr Vormittags. Ehe er ſich jedoch ausruhte, ließ er ſich nur die Kleider ausbürſten, die ſchweren Mantelſäcke vom Sattel ab⸗ und ſein Thier etwas Futter zu ſich nehmen, worauf er wieder zu Pferde ſtieg und nach einem anderen höher am Wanſum gelegenen Theile der Stadt hinaufritt. Dort lag der alter⸗ thümliche Bau oder Palaſt der alten Herzoge von Norfolk, in welchem ſie während ihrer kurzen Anweſenheit zu Norwich den Stand und die Würde eines ſouveränen Fürſten in be⸗ ſchränkter Sphäre aufrecht erhielten. 3 Bei ſeiner Ankunft in der Stadt hatte Ralph einiger⸗ maßen bezweifelt, ob der Edelmann, auf dem vor der Hand die Hoffnungen ſeiner Phantaſte beruhten, wirklich daſelbſt anweſend ſey oder nicht; als er jedoch durch die Straßen zog und die zahlreichen Bedienten in Howard'ſchen Livreen ſowie den Lärm und die Fröhlichkeit im oberen Stadttheile gewahrte, da erkannte er, daß wenigſtens ſeine erſte Er⸗ wartung— ſoweit ſie das Auffinden des Herzogs betraf— in Erfüllung gehen ſollte. Ddeer uralte Thorweg mit der Menge von Dienern, die ſich in ihm drängten— die Ringmauer, welche bis zum Fluß hinab reichte und die maſſive Maſſe des Hauptgebäu⸗ 115 des ſelber machte auf ihn keinen ſonderlichen Eindruck, denn er fand darin viele Aehnlichkeit mit einem der Cambridger Collegien, mit welchem ſein Auge wohlvertraut war. Da er zu Pferd mit einem Diener hinter ſich auftrat, ſo wurden die Thore von den in der Vorhalle Verſammelten geöffnet, um ihn in den Hof einzulaſſen; dort ſtieg er ab und wurde in die ſogenannte Kämmerersſtube, ein kleines Zimmer zu ebener Erde, geführt, während Stilling zurück⸗ blieb, um auf die Roſſe Acht zu haben. Nalph erklärte ſein Vorhaben, indem er einfach ſagte, er habe von Lord Woodhall einen Brief an den Herzog zu überbringen, worauf ihm der ernſtblickende Beamte das Schreiben abnahm und ihn in ein Wartzimmer führte, wo er ſchon drei andere Perſonen, des Vorlaſſens harrend, antraf. Jeder ſuchte die widrigen Momente der Erwartung ſo gut er konnte auszufüllen— Dieſer, indem er zum Fenſter hinausſchaute, das einen Obſt⸗ garten in voller Schönheit zeigte— Jener, indem er mit zu Boden gehefteten Blicken und die Hände auf dem Rücken im Zimmer auf⸗ und abging, und ein Dritter, indem er, an einem großen Tiſche ſitzend, einige Bücher durchſtöberte, welche wahrſcheinlich zum Zeitvertreib daſelbſt aufgelegt waren. Schwei en und Geduld ſchienen hier die Ordnung des Tages zu ſeyn, und nachdem Ralph das glänzende Geräthe, das ſogar dieſes einfache Zimmer ſchmückte, neugierig be⸗ trachtet, machte er ſich hinter einen der Bände, der ihm bald hinreichende Unterhaltung gewährte, um eine E Pälhe Stunde ganz vergnügt zu verbringen. 8 1 „ 116 Während er las, wurde von den mit ihm harrenden Gefährten einer nach dem andern aus dem Zimmer gerufen; endlich legte er ſein Buch nieder und verſank in jene Art von Traͤumerei, welche oft in leeren Augenblicken über uns kommt, wenn unſer Gedächtniß die Ereigniſſe einer eben abgelaufenen Periode als Zeugniß des Fortſchreitens unſeres Schickſals zuſammenſummirt und unſerem Urtheil die Be⸗ antwortung der Frage überläßt, ob noch irgend etwas in der Sache zu thun ſey oder nicht. Der große Schritt war gethan: er war hier viele Meilen von Haus entfernt, um ſein Glück zu ſuchen— wie man es damals nannte. Er hatte das Haus eines Mannes betreten, der nach Belieben ſeine Abſichten fördern oder ſeine Sache vernachläſſigen konnte, und zu ſeiner Empfehlung führte er nichts bei ſich, als einen Brief von einem ent⸗ fernten Verwandten und einen zweiten von unbekanntem Verfaſſer. Bald ſollte ſich etwas entſcheiden, was auf ſein Schickſal Einfluß haben würde, und er empfand all' die haſtige flatternde Ungeduld der Jugend, welche Jeder in früheren Jahren erfahren haben muß, wenn das große Ziel des Augenblicks auf der Wagſchale lag. Zur Hoffnung war freilich nicht viel Urſache vorhanden, und die Erwartung konnte ſelbſt unter dem Einfluſſe jugendlicher Uebertreibung kaum Raum zum Aufrechtſtehen finden; allein die Liebe iſt ganz dazu gemacht, die Flamme der Hoffnung anzufächeln, und Liebe hatte bei allen Erwägungen Ralph's ein entſchei⸗ dendes Wort drein zu reden. Nachdem er die Hauptereigniſſe durchdacht hatte, kamen 117 einige untergeordnete Zufälle aus der neueſten Zeit und beſchäftigten die Gedanken des jungen Mannes. Die Zu⸗ ſammenkunft mit dem merkwürdigen Manne, der ſich Moraber genannt hatte, das Benehmen der Lady Coldenham, das Zuſammentreffen mit Gaunt Stilling und das Mißgeſchick, das Letzterem auf der Straße begegnet war— dies Alles zog vor ſeinen Blicken vorüber. Das Benehmen ſeines neuen Dieners, mit ſeinem Weſen und ſeinen Verhältniſſen zuſammengehalten, verwirrten ihn am meiſten. Was war er? warum hatte er dem Befehle, ihm zu folgen, alsbald gehorcht? Beſtand etwa eine geheime Verbrüderung im Lande, ähnlich dem Bunde des Alten vom Berge, welche die Mitglieder zu unbedingtem Gehorſam gegen die Befehle eines unbekannten Oberen verpflichtete? Man hatte ſich damals mit dem Gerüchte einer ſolchen Verbindung getragen, und wenn Stilling ein Mitglied davon war— welche Gefahren und Hinderniſſe konnten ſeiner eigenen Laufbahn daraus erwachſen, wenn er die Dienſte eines Mannes beibehielt, über deſſen Benehmen ein Anderer abſolute unabhängige Herrſchaft ausübte? Das Weſen des Mannes hatte ſo manches Auffallende an ſich. Durchaus reſpektvoll war er zwar immer; daß er aber auch ſeine eigenen Anſichten hatte und dieſe den Mei⸗ nungen Anderer vorzog, hatte er ſchon mehr als einmal bewieſen. Er ſchien ſich des Dieneramtes, das er über⸗ nommen, keineswegs zu ſchämen; ohne einen leeren Grund für ſeinen Gehorſam anzugeben, lag etwas in ſeinem Weſen, das zu ſagen ſchien:„ich habe gewiſſe Pflichten auf mich 7 genommen, und der einzige geeignete, der einzige ehrenvolle Weg iſt, ſie nach meinen beſten Kräften zu erfüllen. Eine ehrliche Aufgabe entwürdigt den Mann niemals; nur die Eitelkeit, ihr auszuweichen, oder der Fehler, ihre An⸗ forderungen zu vernachläſſigen, kann demjenigen, der ſie unternommen, Unehre bringen. Dies ſind die einzigen Handlungen, welche die Stellung eines Dieners entwürdi⸗ gend machen; ſonſt iſt er ebenſo ehrenwerth wie ſein Ge⸗ bieter, wenn er ſeine Pflicht ebenſo gut erfüllt.“ Kein Geſchäft ſchien für Stilling zu hart; ſchon das bloſe Wort„Handverrichtungen“, das von gemeinen ordinären Menſchen ſo oft mißbraucht wird, ſchien er zu verachten. Sein Stolz beſtand darin, daß er das einmal Unternommene auch gut ausführte. Er mochte wohl em⸗ pfinden, daß er ſich hiedurch nach dem Rechte der Natur allen Anderen gleichſtellte, während er Manchen, welche nach conventionellen Regeln in Rang und Reichthum über ihm waren, überlegen wurde. Die Pferde z. B. ver⸗ traute er keinem Anderen, beſorgte pünktlich ſeines jungen Gebieters Garderobe und wollte ſich ſogar in kleinen Wirths⸗ häuſern nie an einen Tiſch mit ihm ſetzen, während ſolches in England und Frankreich ganz gewöhnlich war. Dies Alles zeugte von hohem Sinn und klarem Ver⸗ ſtand; nur ſein Charakter hatte Manches, was Ralph in Verlegenheit brachte. Seine Stimmung im Ganzen ſchien ſo heiter und fröhlich wie die einer Lerche; hie und da ver⸗ ſank er jedoch in tiefe Träumereien, in Anfälle trübſinnigen Nachdenkens, aus denen er nur ſchwer zu erwecken war. 119 Einige Tage nach dem Zeitabſchnitte, in dem wir uns eben befinden, erhielt er durch einen Fuhrmann einen Brief, der ſene düſteren Anfälle ſeltener und weniger intenſiv zu machen ſchien; das war aber damals noch nicht geſchehen, als Nalph in dem Zimmer des Herzogs von Norfolk ſaß, und Stimmung wie Charakter ſeines Dieners noch immer die ſcharfen Umriſſe erſter Bekanntſchaft hatten. Ralph war eben noch mit Erwägungen dieſer Art beſchäftigt, als ein gravitätiſcher Diener, der auch die Anderen vor den Herzog gerufen hatte, ihn gleichfalls auf⸗ zufordern kam und ihn mit ſteifen langſamen Schritten in ein anderes Gemach deſſelben Stockwerkes führte. Die Großen dieſer Welt wiſſen gar wenig, wie ihre ſteien, hochmüthigen oder zurückſtoßenden Manieren die⸗ jenigen berühren, welche mit Recht oder Unrecht auf ihren Einfluß, ihre Güte ſchöne Hoffnungen gebaut haben— ſie wiſſen nicht, wie Höflichkeit und feines Betragen jeder beabſichtigten Gunſt nur noch höheren Werth verleihen oder wie ſelbſt eine Enttäuſchung durch Artigkeit gemildert und vermindert wird. Gar oft behält derjenige, der Tauſende zu wohlthätigen Zwecken verwendet, nicht ein einziges freundliches Wort übrig, obwohl er dadurch hundertfach bitterere Pein, als das bloſe Gold ſie lindert, zu mildern vermöchte. Ehre, hohe Ehre dem Manne, der großmüthige Thaten auch großherzig verrichtet! Es gibt ſolche Menſchen in der Welt, und Gott ſey Dank! ich kenne ſie; aber leider ſind es nicht viele. Das Weſen des Herzogs von Norfolk war in höchſtem Grade erkältend. Er empfing ſeinen jungen Gaſt ſtehend und benachrichtigte ihn, noch ehe er ein Wort von ihm angehört hatte, in kaltem, wenn auch entſchuldigendem Tone, daß er einigermaßen Eile habe, da er nothwendig ausgehen müſſe. Ralph war um ſo mehr überraſcht, als der Herzog durch ſein Benehmen gegen Leute untergeorf⸗ neten Ranges den Ruf der Höflichkeit ſich erworben hatt. Er präſentirte jedoch den Brief des Lord Woodhall, hoffend, daß dieſer vielleicht eine Veränderung in dem Weſen des großen Mannes hervorrufen würde. Solches war nicht der Fall: der Herzog öffnete den Brief, überlief ihn haſtig, wie eine ziemlich langweilige Förmlichkeit, faltete ihn dann wieder zuſammen und ſchwigg, wie wenn er erwartete, daß Ralph noch etwas beifügen oder gehen würde. Da der junge Mann jedoch gleichfalls ſtumm blieb, ſo ſagte Seine Gnaden endlich: „Nun, Mr. Woodhall, ich will mir die Sache über⸗ legen und Euch in wenigen Tagen das Nähere wiſſen laſſen. Sagt meinem Kämmerer, wo Ihr in Norwich zu finden ſeyd.“ „Ich glaube kaum, Herr Herzog, daß ich lange hier verweilen werde,“ erwiederte Ralph, mit der raſchen Ueber⸗ ſtürzung der Jugend ſich alsbald entſchließend, daß er von dieſem hochmüthigen Edelmanne nichts mehr erwarten wolle. „Ich habe übrigens noch einen zweiten Brief, den ich Cuer Gnaden ebenſo gut jetzt gleich übergeben kann, falls ich ſpäter nicht mehr Gelegenheit haben ſollte, Euch zu ſehen.“ Der Herzog ſchien nicht gar angenehm überraſcht; Ralph brachte jedoch den von Stilling überlieferten Brief 121 zum Vorſchein, überreichte ihn dem Edelmanne und wollte ſich entfernen. Sobald aber der Herzog von Norfolk die Ueberſchrift las, kam eine große Veränderung in ſeine Züge. „Halt, halt,“ rief er;„laßt ſehen, was dieſer Brief enthält, ehe Ihr mich verlaßt“— und ſein Auge überlief raſch aber mit geſpannter Aufmerkſamkeit die wenigen Zeilen, die er enthielt. Noch ehe er damit zu Ende war, deutete er mit der Hand auf einen Stuhl und ſagte:„Nehmt gefälligſt Platz, Mr. Woodhall,“ worauf er zu leſen fort⸗ fuhr. Sobald er fertig war, ſetzte er ſich ſelbſt, und Ralph mit lächelnder Miene betrachtend, erkundigte er ſich, warum er dieſes Schreiben nicht zuerſt abgegeben habe. „Weil ich das andere von meinem Vetter, Lord Wood⸗ hall, für das wichtigſte hielt,“ verſetzte Ralph.„Ich weiß nicht einmal, wer die Epiſtel, die Ihr in Händen haltet, geſchrieben hat, denn ſie wurde mir ohne ſonſtige Weiſung zur Ueberlieferung zugeſendet; ich vermuthe jedoch, daß ſie von einer dem Lord Woodhall an Rang ſo untergeordneten Perſon herrührt, daß ſie in Eurer Meinung recht wohl weniger Gewicht als die andere haben mochte.“ Der Herzog lächelte. „Ihr ſeyd im Irrthum,“ ſagte er.„Wir in der großen Welt lernen die Dinge etwas anders ſchätzen als ſolche, die ſich nicht viel mit Gegenſtänden allgemeinen Intereſſes abgegeben haben, und ſo legen wir auf Rang und Neich⸗ thum weniger Gewicht, als die Leute in der Regel ſich einbilden. Lord Woodhall iſt ein vortrefflicher Edelmann und mein ſpecieller Freund; aber dieſer Gentleman“— 122 indem er die Hand bedeutungsvoll auf das Papier legte— „iſt eine ganz beſondere und außergewöhnliche Perſönlichkeit. Sogar in unſeren durch zahlloſe Sonderbarkeiten ausge⸗ zeichneten Zeiten iſt er merkwürdig genug und beſitzt neben ſeiner Originalität eine ungemeine Geiſteskraft, ſtarken Willen, unerſchöpfliche Geduld und bemerkenswerthe Zähig⸗ keit in ſeinen Vorſätzen, vermuthlich in der firen Idee, daß gewiſſe Dinge nun einmal ſeyn ſollen und daß er ſein Ver⸗ fahren blos demgemäß zu geſtalten und ſeine Bahn hart⸗ näckig zu verfolgen brauche, um ſeine Unternehmungen glücken zu ſehen. Eine gewiſſe Leidenſchaft für arbiträre Aſtrologie, der er ſich hingab, als wir Beide zuſammen zu Orford ſtudirten, hat ſeinem Geiſte dieſe Richtung gegeben. Er gehörte damals zu dem Meſſingnaſen⸗Collegium, wo jene Wiſſenſchaft— wenn es überhaupt Wiſſenſchaft iſt— ſtark kultivirt wurde, und obwohl er mich nie zum Proſelyten gemacht hat, ſo muß ich doch zugeben, daß manche ſeiner Prophezeiungen ganz merkwürdig in Erfüllung gingen. So ſagte er mir zum Beiſpiel ſchon vor langer Zeit, in der erſten Woche des Februars eintauſend ſechshundert und fünf⸗ undachtzig werde eine die Stellung der Krone von England weſentlich berührende Veränderung vor ſich gehen. Ich verſtand die Prophezeiung ſo, als ob er den Tod den Königs damit meinte; allein den ganzen Januar befand ſich Seine Majeſtät vortrefflich und noch am erſten Februar ſah ich den König ohne das geringſte Zeichen körperlicher oder geiſtiger Abnahme. Schon dachte ich, die Prophezeiung meines guten Freundes werde fehlſchlagen— da kam die 123 erſchreckende Kunde, daß der König von einem Schlaganfalle betroffen worden. Die übrigen Ereigniſſe jener Woche ſind Euch bekannt: Seine Majeſtät ſtarb am ſechsten und eine große Veränderung hat in der That ſtattgefunden.“ Der Herzog pauſirte und ſchien eine Weile ganz der Erinnerung zu leben, worin Ralph ihn nicht ſtören mochte. Endlich brach der Herzog das Schweigen, indem er etwas unvermittelt auf den Gegenſtand zurückkam. „Ueberdies, mein junger Freund, ſind dieſe beiden Briefe in ſehr verſchiedenem Geiſte geſchrieben,“ ſagte er. „Der erſte iſt ein bloſer Empfehlungsbrief gewöhnlicher Art, der für einen jungen Gentleman, welcher zum erſten⸗ male in die Welt tritt, meine guten Dienſte in Anſpruch nimmt. Er iſt nicht einmal von Lord Woodhall's eigener Hand geſchrieben, ſondern nur von ihm unterzeichnet, und war nie für etwas Weiteres berechnet, als Euch die bloſe Hoͤflichkeit einer Einladung in mein Haus zuzuſichern. Der zweite dagegen verlangt in klaren deutlichen Worten, daß ich Eure Abſichten nach meinen beſten Kräften mit aufrichti⸗ gem Eifer fördern ſoll, und ich bin hiezu recht gerne bereit, wenn auch die Ausdrücke nicht gerade ſo im Imperativ hät⸗ ten gehalten ſeyn können. Zuerſt muß ich jedoch wiſſen, welches Eure Abſichten ſind.“ „Die will ich Euch im Augenblicke erkläͤren, Herr Herzog,“ verſetzte Ralph. „Wir werden für jetzt nicht Zeit dazu haben, denn ich ſtehe wirklich im Begriff, in wichtigen Geſchäften auszu⸗ gehen,“ fiel der Andere kurzweg ein.„Ich werde jedoch in 124 wenigen Stunden zurückkehren, und das Beſte wird wohl ſeyn, wenn Ihr auf vierzehn Tage oder ſo Euren Wohnſitz bei mir aufſchlaget. Während dieſer Zeit werden wir Ge⸗ legenheit genug zum Geſpräche finden, und ich kann dann alle Eure Plane kennen lernen und vielleicht auch einige Mittel zu deren Förderung erſinnen. Für jetzt will ich Euch den Händen meines Kämmerers überliefern, der Euch die nöthigen Zimmer anweiſen und Euch mit der Hausord⸗ nung bekannt machen wird.“ So ſprechend griff der Herzog nach einer kleinen Tiſch⸗ glocke neben ſich und läutete dem Kämmerer, dem er voll Herzlichkeit den Befehl zu Ralph's gaſtlicher Aufnahme er⸗ theilte, worauf ſich Norfolk zum Ausritte entfernte, indem er ſeinen Gaſt den Händen des Beamten überließ. So ſehr auch der Herzog ſelbſt ſein ſteifes Weſen ge⸗ ändert haben mochte— der Kämmerer blieb noch ebenſo würdevoll wie zuvor. Er war zwar vollkommen höflich, denn er hatte auf den erſten Blick bemerkt, daß der junge Fremd⸗ ling bei ſeinem Lord in hohen Gunſten ſtehe; aber er blieb langſam und feierlich, mit aller Strenge eines lang ge⸗ dienten Beamten eine gewiſſe Feierlichkeit in die geringſte Bewegung legend und jedes Wort mit ceremoniöſem Tone vorbringend. Er erkundigte ſich ſorgfältig, welche Zahl von Domeſtiken Mr. Ralph mit ſich bringen werde, und als er erfuhr, daß Ralph nur von einem einzigen begleitet ſey, erklärte er, das werde die Anordnung ſeiner Gemächer ſehr leicht machen, indem er mit pomphafter Miene beiſetzte, daß manche Edelleute bis zu zwanzig Dienern mit ſich 125 brächten, was des Herzogs Beamte nicht ſelten in Ver⸗ legenheit ſetze. Endlich war Alles in Ordnung gebracht, eine Stallung für die beiden Pferde bezeichnet, und eine kleine Zimmer⸗ reihe im weſtlichen Flügel des Gebäudes für Herr und Diener angewieſen, und ihre Namen pflichtſchuldigſt in des Kämmerers Buch eingetragen. Ralph verabſchiedete ſich ſofort, und kehrte in den Gaſthof zurück, wo Stilling nicht ohne einige Spuren der Aengſtlichkeit auf ſeinem Geſichte ſeine Ankunft erwartete. „Nun, Sir, wie iſt's Euch ergangen?“ fragte er, ſo⸗ bald er Ralph's anſichtig wurde.„Iſt der Herzog heute Morgen höflich geweſen oder nicht? denn es heißt hier in der Stadt, ſeine Laune pflege je nach der Zahl der Beſuche gar oft zu wechſeln, und er ſey mächtig höflich gegen die welche zuerſt kommen, dagegen ziemlich kurz angebunden gegen die ſpäteren Beſucher.“ „Die Dinge gingen beſſer als ich erwarten konnte,“ erwiederte Ralph,„was ich wohl zunächſt dem Briefe ver⸗ danke, den Ihr gebracht habt, denn ehe er ihn ſah, kann ich nicht ſagen, daß der Herzog große Höflichkeit an den Tag legte.“ „Ja, ja, ich wußte wohl, daß der die Sache entſcheiden würde,“ triumphirte Stilling. „Ei, ich meinte, Ihr habet nicht gewußt, von wem er kam,“ bemerkte Ralph. „Gewußt allerdings nicht, aber errathen,“ verſetzte der Burſche lachend.„Ich verſtehe mich nämlich vortrefflich auf's Rathen und weiß es in der Regel ziemlich richtig zu „ treffen. Was ſoll's nun aber weiter werden, Junker? Wann werden wir mehr hören? Ich kann's nicht leiden, wenn die Dinge unterwegs in's Stocken gerathen.“ „Wir werden hoffentlich ſehr bald das Nähere erfah⸗ ren,“ erklärte Ralph;„unterdeſſen müßt Ihr Euch bereit machen, Stilling, Eure Wohnung mit mir in des Herzogs Hauſe aufzuſchlagen. „Hurrah,“ rief Stilling,„das nenne ich einen Fort⸗ ſchritt, wenn man ſich bereits auf den Wällen einlogirt hat. Ich werde keinen Augenblick verlieren, Sir, denn„raſch be⸗ gonnen, raſch zerronnen“— was auch alte Weiber dagegen ſagen mögen.“ Und fort ging er, um die Pferde vorzuführen und die Mantelſäcke wieder aufzuſchnallen. Zehntes Kapitel. „Wollt Ihr mir wohl erlauben, Sir, eine Frage an Euch zu richten?“ ſagte Gaunt Stilling am zweiten Tage ihrer Ankunft zu Norwich, während er vor ſeinem jungen Gebieter ſtand, der eben mit Leſen beſchäftigt war und bei ſeinem Eintreten kaum die Augen aufgeſchlagen hatte. „Gewiß,“ verſicherte Ralph;„was iſt es, Stilling?“ „Ei, ich möchte blos wiſſen, Sir, ob Ihr vor dem An⸗ tritt Eurer Reiſe meines Namens gegen Jemand erwähnt habt, oder ob irgend wer weiß, daß ich in Euren Dienſait ſtehe,“ gab Stilling zur Antwort, 127 „Niemand außer mir, unſerem Freunde Moraber und Miß Margarethe Woodhall,“ erklärte Ralph.„Gegen meinen Vater habe ich der Sache nicht erwähnt, da er hätte glauben können, ich wolle mich in Ausſchweifungen ſtürzen und Ausgaben machen, welche mit meinen geringen Mitteln unverträglich ſind— ein Gedanke, der ihn für die ganze Dauer meiner Abweſenheit unruhig gemacht hätte, und den ich— ſo unrichtig er auch iſt— nie wieder aus ſeinem Kopfe hätte bringen können.“ „Gut, Sir, gut,“ verſetzte Stilling;„und ſo will ich mit Eurer Erlaubniß und Genehmigung nicht länger Stil⸗ ling heißen, ſondern wie der alte Dichter ſagt: Euer guter Diener für immer. Ich habe meine eigenen Gründe, Sir.“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ fiel Ralph ein.„Wollt Ihr Euren Namen abändern oder einen anderen annehmen, der Euch nicht gebührt?“ „Ja, Sir, irgend ein paſſendes Reiſeinkognito,“ ver⸗ ſetzte der junge Mann luſtig.„Mein Rang und meine Manieren erlauben mir freilich nicht mich zum Kapitäͤn zu ſchlagen; aber irgend was Anderes iſt ebenſo gut.“ „Was mich betrifft— allerdings,“ entgegnete Ralph; „iſt aber Euer rechter Name den Leuten im Hauſe nicht bekannt?“ 1 „Nein, Sir, nein,“ antwortete Stilling.„Ich habe den heutigen Tag abgewartet, um mich ſelber anzukündigen, und ich weiß, Ihr habt mich nicht verrathen; denn ich wurde erſt geſtern beim Abendeſſen am Geſindetiſche befragt und habe mir ſofort Bedenkzeit ausgebeten.“ * 128 Ralph erinnerte ſich im Augenblicke nicht, daß er des Mannes Namen mit eigener Hand in des Kämmerers Buch eingeſchrieben hatte und genehmigte gerne deſſen Wünſche, da ihm nicht viel darauf ankam, welchen Namen er führen mochte. Stilling bezeichnete ihm den Namen Tuckett— Jack Tuckett— und bat ſeinen Herrn, ihn für die Zukunft alſo zu nennen, was Ralph auch zu thun verſprach, wenn ſein Gedächtniß ihm nicht einen widrigen Streich ſpiele und in einem unbewachten Augenblicke den alten Namen zurück⸗ bringe. Dieſe neue Anordnung hatte vorläufig keine weiteren Folgen. Ralph mochte den Beweggründen dieſer Umwand⸗ lung nicht weiter nachforſchen, war überhaupt ſo ausſchließ⸗ lich mit den Gedanken an das langſame Fortſchreiten ſeiner eigenen Angelegenheiten beſchäftigt, daß er die Sache bald gänzlich vergaß und ſich während ſeines Aufenthaltes bei dem Herzoge daran gewöhnte, ſeinen Diener Tuckett zu nennen. Ich ſagte: langſames Fortſchreiten. O die heißen Hoffnungen der Jugend! wie leicht treiben ſie uns zu täu⸗ ſchenden Folgerungen! Fünf Tage war er jetzt im Hauſe des Herzogs von Norfolk geweſen, hatte dieſen Edelmann jeden Tag geſehen, und war mit Freundlichkeit und Aus⸗ zeichnung von ihm behandelt worden; aber über ſeine Plane oder Ausſichten war noch keine Sylbe geſprochen worden, und Ralph verzehrte ſich in Ungeduld, als er die Räder der Zukunft ſo viel langſamer, als er erwartet hatte, vor⸗ rücken ſah. 129 „Endlich ließ ihm eines Tags der Herzog auf ſein Zim⸗ mer die Botſchaft entbieten, daß er im Begriffe ſtehe, noch heute Morgen bei einem benachbarten Edelmanne einen Beſuch zu machen, in deſſen Hauſe der Earl von Sunder⸗ land ihn treffen werde. Er ließ dabei ſagen, es dürfte viel⸗ leicht für ſeinen jungen Freund vortheilhaft ſeyn, mit dieſem Edelmanne bekannt zu werden, und er wolle ihn mitnehmen, wenn Ralph ſich entſchließen könne, ohne Diener zu reiſen, da das Haus ohnehin ſehr voll werden würde. Ralph lächelte als er dieſe Botſchaft empfing, und machte ſich alsbald zum Aufbruche bereit. Stilling— oder Jack Tuckett, wie wir ihn jetzt nennen müſſen— ſchien mit dieſer Anordnung höchlich zufrieden, und bat um Erlaubniß, während ſeines Gebieters Abweſenheit einen Ausflug auf eigene Fauſt zu unternehmen. Seine Bitte wurde gerne gewährt, und beide Theile brachen bald auf— Ralph um den Herzog zu begleiten, und der Andere, wohin ſeine Laune ihn führen mochte. Die Zuſammenkunft mit Lord Sunderland hatte kein Reſultat. Sein Charakter iſt in der Geſchichte zu wohl bekannt, als daß ich bei dem Eindrucke verweilen ſollte, den er auf Ralph's Gemüth hervorbrachte. Der junge Mann ließ ſich durch ſein gewinnendes Weſen, durch ſeine bequemen unaffektirten Manieren leicht beſtechen; auch hatte der Lord einen Ton der Ueberlegenheit und des Selbſtvertrauens an ſich, der bei unerfahrenen Gemüthern nicht ohne Eindruck bleiben konnte. Wenn alſo Männer von großer Geiſtes⸗ kraft, von Sunderlands verrätheriſchem Wankelmuthe be⸗ James, Das Schickſal. 9 1 130 reits unterrichtet, der eigenthümlichen Anziehungsgabe dieſes Mannes dennoch unterlagen, und ihn aufrichtig und in ſei⸗ nen Ueberzeugungen conſequent glaubten, nachdem er ſchon tauſendfältig gewogen und zu leicht gefunden worden war, ſo darf man ſich nicht wundern, wenn ein junger Mann von Ralph Woodhall's Alter ſich durch ſeine Betheurungen von Reinheit und Wahrhaftigkeit täuſchen ließ. Der Herzog von Norfolk ließ es zwar von Zeit zu Zeit nicht an Be⸗ merkungen über das Benehmen des Staatsmannes fehlen, welche ſeinem jungen Freunde von Nutzen waren; auch einige der Anweſenden ließen manche Winke über Sunder⸗ land's Betheurungen fallen oder erzählten Anekdoten über ſeine frühere Handlungsweiſe, welche in gewiſſem Grade dazu dienten, dem treuherzigen Ralph die Augen zu öffnen. Die Zeit ging ihm jedoch ſehr vergnügt vorüber. Lord Sunderland ſchien für den jungen Landedelmann große Freundſchaft gefaßt zu haben, machte öfter einen Morgen⸗ ſpaziergang mit ihm und ſprach mit einer Beredſamkeit und einem Reichthume der Kenntniß, wie Wenige ihn be⸗ ſaßen, über klaſſiſche Wiſſenſchaften und die Kunſtvorräthe anderer Länder. Immer aber blieb etwas Unbefriedigendes zurück, was Ralph wohl empfand, ohne ſich deſſen Urſache klar machen zu können, ein gewiſſer Mangel— wahrſchein⸗ lich an Offenheit und Aufrichtigkeit— der des Lords Unter⸗ haltung gar Vieles von ihrem ſonſtigen Reize benahm. Nach Verfluß von vier Tagen brach der Herzog zur Heimkehr auf, und man erreichte Norwich erſt ſpät am Abend. Ralph's Diener war noch nicht zurückgekommen; 131 aber da der Junker bereits ein Liebling im Haushalte ge⸗ worden war, ſo erbot ſich einer von des Herzogs Leuten, Mr. Tuckett's Dienſte bei ihm verrichten zu wollen. „Heute Abend wird es bei uns hoch hergehen, Sir,“ erzählte er;„wir haben hier eine Ballnacht. Eine große Anzahl von Ladies und Gentlemen ſind während Eurer Ab⸗ weſenheit aus verſchiedenen Landestheilen angelangt, um bei Seiner Gnaden zu wohnen; die ganze Umgegend iſt ein⸗ geladen, und des Herzogs Wagen ſind ausgefahren, um die Geſellſchaft aus der Stadt zu holen. Die Staatszimmer ſind geöffnet, wo Alles bis auf die Feuerzangen und Schür⸗ haken herab von Gold oder Silber iſt; wir werden alſo etwas Großartiges zu ſehen bekommen.“ Ralph ſchlüpfte ſo raſch wie möglich in den beſten An⸗ zug, den ſeine Garderobe zu bieten vermochte, und da ſein proviſoriſcher Diener ihn über den Weg zu den Staatsge⸗ mächern unterrichtet hatte, ſo ſtieg er ohne irgend eine Re⸗ gung jener Eitelkeit zu ihnen hinab, wie ſie oft ſogar die mit ſolchen Scenen Vertrauten heimſucht, wenn ſie eine hervorragende Rolle dabei zu ſpielen erwarten. Sein Geiſt war auf höhere Dinge gerichtet, und er hoffte weder noch wünſchte er in höfiſchen Hallen Aufmerkſamkeit oder Be⸗ wunderung zu erregen. Von dem zweiten Stockwerke des Hauſes, wo ſeine Zimmer lagen, hatte Ralph eine breite Eichentreppe hinab⸗ zuſteigen, von welcher in verſchiedenen Diſtancen nach vier Richtungen hin zahlreiche Gänge zu den verſchiedenen Zim⸗ merreihen ausliefen, und da die Gäſte mittlerweile in dichten 9*. 13² Maſſen anlangten, ſo wimmelten die Gallerien von fröh⸗ lichen Gruppen, welche darüber wegeilten oder einen Augen⸗ blick anhielten, um über die Baluſtrade die in der Halle unten eintretenden Partien zu betrachten. Unter dieſen Zuſchauern befand ſich auch Ralph, der eine Weile auf die glänzende bewegte Scene hinabſchaute und ſeine Augen auf den unter ihm befindlichen Treppen⸗ abſatz geheftet hatte. Plötzlich tauchte eine Geſtalt auf, bei deren Anblick er zuſammenfuhr und mit Blitzesſchnelle die Treppe hinabrannte. Die Figur war verſchwunden als er den unteren Abſatz erreichte; aber wenn die Augen der Liebe überhaupt ein Erkennungszeichen zu bieten hatten, ſo mußte jene Geſtalt die Margarethens geweſen ſeyn. Er eilte in die Staatsgemächer, wo ſchon über hundert Perſonen verſammelt waren, während der Herzog— ganz Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit— in dem dritten Sa⸗ lon ſtand, um ſeine Gäſte zu empfangen und jedem einige höfliche Worte zu ſagen. Es war ein fröhlicher, erheitern⸗ der Anblick, der an Glanz vielleicht den königlichen Hof ſogar übertraf; allein Ralph hatte keine Augen für etwas Anderes als für die Geſtalt, die er unter der immer mehr anwachſen⸗ den Menge emſig ſuchte. Die prachtvollen Wandgemälde, die ſchönen Bildhauerarbeiten(lauter Meiſterwerke der an⸗ tiken und modernen Kunſt), die koſtbaren Verzierungen, an denen der Reichthum und Geſchmack mehrerer Generationen verſchwendet worden war, feſſelten ihn nicht einen Augen⸗ blick: immer weiter drang er vor, bis er das Zimmer er⸗ reichte, in welchem der Herzog ſich aufgeſtellt hatte. 133 Dort hielt er eine Weile, um den Herrn des Hauſes zu begrüßen, indem er unmittelbar darauf weiter eilen wollte; allein der Herzog rief ihn freundlich an ſeine Seite, indem er ihn als Zeichen der Vertraulichkeit mit ſeinem Taufnamen anredete, und ihn dem Biſchof und mehreren der ausgezeich⸗ netſten Gäſte vorſtellte. Immer noch ſuchte Ralph zu ent⸗ kommen, wenn ſein edler Goͤnner nicht andere Dinge mit ihm vorgehabt hätte. „Hier, Ralph, dieſe ſchöne Dame, Lady Hortenſia Danvers, der ich Euch vorſtelle, wünſcht das Bowlinggreen und die Wildniß zu ſehen, welche in dieſer ſchönen Nacht be⸗ leuchtet ſind. Ich ſelbſt muß leider hier bleiben, um alle meine Gäſte zu empfangen, ſonſt würde ich ihren Führer machen. Ich kann ſie jedoch Niemand anvertrauen, der meine Stelle durch ſeine ritterliche Artigkeit beſſer ausfüllen würde, als Ihr. Laßt Euch erſuchen, Madame, meinen jungen Freund Ralph Woodhall erkennen und ſchätzen zu lernen; ſeine guten Eigenſchaften wird er Euch ſelbſt beſſer empfeh⸗ len, als meine Worte dieß zu thun vermöchten.“ Die angeredete Dame war jung und ſchön; ſie ſah ſogar noch jünger aus als ſie wirklich war, denn ihre Züge waren ausnehmend fein und zart geſchnitten, die Geſichts⸗ farbe von glänzender Reinheit, während in ihren Augen eine Welt von jugendlicher ſprechender Zärtlichkeit— ja ein ge⸗ wiſſer flehender Blick lag, der eine längere Bekanntſchaft mit der großen verhärtenden Welt nur ſelten überlebt. Sie war prachtvoll, aber in einem ihr eigenthümlichen Style gekleidet, der ſich eher der früheren Haͤlfte der letzten Regie⸗ 134 rung als jener ſteiferen Mode annäherte, welche ſchon jetzt die Oberhand zu gewinnen begann. Nur ihr reiches, brau⸗ nes Haar, in großen Maſſen mit Diamanten aufgeſteckt, war in einer Weiſe arrangirt, wie ſie als Regel vermuthlich in keinem Lande Gnade gefunden hatte, da ſie ſo feine Züge und eine ſo ſchöne Stirne wie die ihrige erforderte, um ſie überhaupt paſſend zu machen. Bei ihr war die Wirkung maleriſch und bezaubernd zugleich, und während ſie ſo neben dem Herzog ſtand, war ſie gewiß das lieblichſte Geſchöpf, das man weit und breit zu ſehen vermochte. Nichts deſto weniger hätte Ralph alles, was er auf der Welt beſaß, darum gegeben, wenn er ſich von dem fatalen Begleiteramte hätte frei machen können; aber das ging nicht an. Er hatte keine Entſchuldigung bei der Hand— ſelbſt wenn eine Entſchuldigung unter ſolchen Umſtänden anwend⸗ bar geweſen wäre— und tief ſich verbeugend, verſicherte er mit der verzeihlichen Heuchelei unſerer geſellſchaftlichen Sitten, er werde mit größtem Vergnügen ihren Führer machen. In ſeiner Unbekanntſchaft mit dem Hofleben wußte er kaum, ob er ihr den Arm bieten ſollte oder nicht, und er zoͤgerte eine Weile; da er jedoch viele Herrn und Damen Arm in Arm durch die Zimmer wandeln ſah, ſo ſagte er endlich mit einer Verbeugung: „Wollt Ihr Euch nicht auf mich ſtützen?“ „Mit Vergnügen,“ gab ſie zur Antwort, ſeinen Arm ohne Umſtände annehmend, worauf ſie durch dieſes und das anſtoßende Zimmer wandelten. Die Dame mußte wohl unſchwer erkennen, daß ihres 13⁵5 Begleiters Gedanken nicht ſo ausſchließlich auf ſie ſelbſt ge⸗ richtet waren, wie ſie es vielleicht als ein Recht erwarten durfte, und ſie konnte nicht umhin, zu bemerken, daß ſeine Augen von ihrem ſchönen Antlitze öfter nach verſchiedenen Theilen der Gemächer hinſchweiften, als ob er etwas ſuche. Das Weib iſt jedoch ein ſonderbares Geſchöpf und voller Abwechslung. Eine Dame von reizbarer und Alles aufzeh⸗ render Eitelkeit hätte ſich beleidigt gefühlt, und hätte ihrem Aerger wohl Luft gemacht. Nicht ſo Lady Danvers; was ſie weit mehr beleidigt— oder beſſer geſagt— disguſtirt hätte, wären die leeren Komplimente und übertriebenen Galanterien geweſen, welche in jenen Tagen Mode waren. Auf alle Fälle hatte Ralph's Benehmen einen gewiſſen Reiz der Neuheit an ſich, und ſie ſchien ſich alle Mühe zu geben, um ihm zu beweiſen, daß ſie einer größeren Aufmerkſamkeit würdig ſey, als er ihr bis jetzt zollte. Sie ſchwieg eine kurze Weile, bis ſie endlich in leiſem Tone ſagte: „Ihr müßt wohl Jemand ſuchen, Mr. Woodhall?“ „Nur einen Verwandten, den ich einen Augenblick auf der Treppe gewahr wurde,“ verſetzte Ralph. „Und jetzt wünſcht Ihr mich weit weg— nicht wahr?“ meinte die Dame lächelnd.„Doch kommt! Laßt uns nach ihm ſehen, bevor wir die Wildniß aufſuchen. Ich bin gerne bereit, mich Eurer Jagd anzuſchließen.“ Ralph fühlte recht wohl ſeine Grobheit, und(was in jenem Augenblicke vielleicht noch wirkſamer war)— er war überzeugt— denn er hatte ſeine Augen wohl gebraucht, 136 daß Margarethe ſich nicht in den Zimmern befand. Ent⸗ weder hatte er ſich in ſeiner Vermuthung, ſie geſehen zu haben, gänzlich geirrt, oder ſie hatte ſich zum Umkleiden entfernt, da ſie nach dem, was er bemerkt, ein bloſes Reiſe⸗ koſtüm getragen hatte. Er beeilte ſich deßhalb, ſeine Be⸗ gleiterin durch die Worte zu verſöhnen: „O nein, Verehrteſte! um keinen Preis möchte ich Euch zu einer ſolchen Jagd bewegen, noch dürft Ihr glauben, daß ſolche Grobheit mir in den Sinn kommen könne. Ich möchte blos ein paar Worte mit jener Perſon reden; aber es hat nichts zu ſagen: ich werde hoffentlich eine andere Gelegenheit finden. Jetzt laßt uns nach der Wildniß gehen — hier iſt unſer Weg.“ „Ihr ſeyd ſehr ſonderbar,“ erklärte die Dame nach⸗ denklich.„Ich habe Euch ſchon ein Dutzend Gelegenheiten gegeben, mir Artigkeiten zu ſagen, und ihr habt noch keine benützt. Ich glaube, im ganzen Hauſe wird ſich kein zweiter Mann finden, der eine einzige dieſer Gelegenheiten verſäumt hätte.“. „Ralph wollte ſich eben entſchuldigen und ſeinen Ver⸗ ſtoß gut zu machen ſuchen; allein Lady Danvers ließ ihn nicht zu Worte kommen. Ihre ſchönen ſanften Augen zu ihm aufſchlagend, ſagte ſie: „Halt! nicht ein Wort der Entſchuldigung! Ihr ſeyd mir ſo nur um ſo lieber. Gegen Witzbolde, Höflinge, Cour⸗ macher und Gecken hatte ich von jeher eine wunderbare Ab⸗ neigung.“ „Auf alle Faͤlle müßt Ihr aber einmal in Eurem Leben 137 die Courmacher lieber gehabt haben, da Ihr einen ſolchen zum Gatten gewählt habt,“ erwiederte Ralph lächelnd, während ſie die ſteinernen Stufen nach dem Ufer des Wan⸗ ſum hinabſtiegen. „Zum Gatten!“ erwiederte die Dame mit hellem, luſtigen Lachen.„Ich beſitze kein ſo läſtiges Möbel, Mr. Woodhall. Ich ſehe, Ihr wißt nicht viel von mir, obwohl mir alles Moͤgliche von Euch bekannt iſt. Nun will ich Euch meine Geſchichte erzählen, was Euch vielleicht Eure Aufgabe erheitern wird. Der Herzog nannte mich Lady Danvers aus dem beſten aller möglichen Beweggründe, nämlich weil ich Lady Danvers bin— aber wohl gemerkt, zufolge meines eigenen Rechtes, nicht als Anhängſel irgend welchen Gemahles in der Chriſtenheit. Ich und die arme Henriette Wentworth befanden uns in derſelben Stellung — geborene Baroneſſen des Reiches und intime Freundinnen, bis ſie fort zog.“ „Warum nennt Ihr ſie die arme Henriette Wentworth?“ fragte Ralph.„Ich ſollte meinen, eine unabhängige Peereß verdiente was Anderes, als unſer Mitleid.“ „O Ihr Erzignorant,“ rief ſeine ſchöne Gefährtin. „Hätte ich doch nicht geglaubt, daß es einen Menſchen in der Welt gäbe, der jenes armen Mädchens Geſchichte nicht aus⸗ wendig wüßte. Ich kann ſie Euch nicht vollſtändig erzählen, denn es iſt Vieles daran, wobei ich nicht gerne verweilen möchte. Begnügt Euch damit, zu wiſſen, daß ſie Rang, Reichthum, Anſehen, Freunde, Heimath und Vaterland— kurz Alles ihrer Liebe zum Opfer brachte.“ 138 „Ich beneide ſie,“ ſagte Ralph in ernſthaftem Tone. „Mich dünkt, ein größeres Glück kann die Erde nicht bieten, als die Gelegenheit, ein ſolches Opfer zu bringen.“ „Ja, für einen würdigen Gegenſtand,“ ſetzte die Lady in ebenſo ernſthaftem Tone bei. .„Und iſt denn der, für den ſie dieß Alles geopfert, nicht würdig?“ fragte Ralph haſtig. „Eines ſolchen Opfers— nein,“ erwiederte Lady Danvers;„nur ſeine Liebe zu ihr verdient ein Opfer, denn darin iſt er untadelhaft. Hübſch, anmuthig, leutſelig und tapfer im Felde iſt er; aber ich fürchte ſehr, daß er ſich gegen alle Anderen nur nicht gegen ſie ſchwach, wankelmüthig, in⸗ conſequent und undankbar zeigt. Ich ſpreche von Mon⸗ mouth.“ „Wie— von dem Herzog?“ fragte Ralph. „Von demſelben,“ erwiederte die Lady. Das Geſpräch ſtockte hier eine Weile, während ſie über das Bowlinggreen ſchritten, das von einem Kranze von Lichtern umringt war, als ob er die Feentänze auf dem grünen Raſen beleuchten ſollte, und die ſogenannte Wildniß betraten, wo eine Maſſe labyrinthiſcher Gänge, durch zahl⸗ reiche dreieckige Lampen erhellt, vielfältige Gelegenheit zu geheimen Zuſammenkünften und verborgenem Liebes⸗ geflüſter darboten. „Das iſt ausnehmend hübſch,“ verſicherte die Dame, die Scene vor ihr betrachtend, während die durch die grünen Blätter ſchimmernden Laternen den Effekt eines durch Glüh⸗ würmer erhellten Gartens hervorbrachten. 139 „Ja,“ erwiederte Ralph in zerſtreutem Tone.„Ihr ſagtet jedoch eben vorhin, ich wiſſe nur wenig von Euch, Lady Danvers, während Euch alles Mögliche von mir be⸗ kannt ſey. Das Erſte war unglücklicher Weiſe ganz wahr; das Zweite iſt ohne Zweifel ebenſo richtig, nur kann ich nicht recht begreifen, wie irgend etwas, das eine ſo unbe⸗ deutende Perſon wie mich berührt, zu Euren Ohren gelangt ſeyn ſoll.“ „Nun habe ich nicht übel Luſt, Euch für all' Eure Miſſethaten der heutigen Nacht zu beſtrafen, indem ich Euch in Dunkel und Ungewißheit laſſe,“ erklärte Lady Danvers. „Ich will Euer Leiden ſogar noch erſchweren, indem ich Euch mittheile, daß ich den Herzog bat, Euch mir vorzuſtellen, und es Euch ſelbſt überlaſſe, die Erklärung meiner Gründe zu entdecken“ „Nein, nein,“ verſetzte Ralph;„ich bin überzeugt, Ihr werdet nicht ſo grauſam ſeyn.“ Indem ſie ſprachen, zog eine andere Geſellſchaft unter lautem Gelächter dicht hinter ihnen vorüber, nur durch einen dünnen Schirm von Hagebuchen von ihnen getrennt. Die Lady zögerte mit ihrer Antwort, bis die Andern vorbei waren. „Nun ja, ich will barmherzig ſeyn und Euch eine un⸗ ruhige Nacht erſparen,“ ſagte ſie.„Ihr ſeyd der Sohn Mr. Robert Woodhall's vom Maierhofe, wie der Herzog mir erzählte. Ich muß mich näher erklären. Als Ihr durch das Zimmer ginget, fragte ich ihn, wer Ihr wäret, denn Ihr kamet mir recht hübſch vor— natürlich; auch 140 hielt ich Euch für beſſer gekleidet, als alle andern Herrn, weil Ihr weniger Goldlitzen und Stickerei an Euch truget. Nun alſo, der Herzog ſagte mir's, und dann wußte ich als⸗ bald alles Weitere. Meine theure Mutter, die mich vor etwa achtzehn Monden auf dieſer Welt zurückgelaſſen, war die Jugendfreundin der Eurigen, ihre beſtändige Begleiterin in den Tagen der Kindheit, und ſie hat mir oft von ihr er⸗ zählt. Sie hatte ihr Bild immer in ihrem Zimmer hängen — ich habe es tauſendmal geſehen; ſie erklärte jedoch alle⸗ mal, Eure Mutter ſey nicht getroffen, denn ſie ſey das ſchönſte Geſchöpf in der ganzen Welt geweſen. Dann pflegte mir meine Mutter zu erzählen, wie ihre Freundin Euern Vater gegen die Wünſche vieler ihrer Verwandten gewählt, wie ſie hohen Rang und höfiſche Berühmtheit ausgeſchlagen habe, um die Gattin eines armen Gentlemans zu werden, dem ſie kein Vermögen zu bringen hatte, und wie er nach ihrem Tode alle Pfade weltlichen Ehrgeizes, die er ſich er⸗ öffnet hatte, verlaſſen, und ſich mit ihrem einzigen Kinde auf ſein kleines Beſitzthum zurückgezogen habe. Ein oder zweimal im Jahre wurden zwiſchen Eurem Vater und mei⸗ ner Mutter Briefe gewechſelt, da beide die nämliche Perſon, die ſie früher geliebt, gemeinſam betrauerten.“ In ihrem Weſen und ihrer Stimme lag etwas ſo Rührendes, während ſie dieſe kleine Geſchichte erzählte, daß Ralph kaum wiſſend was er that, ihre ſchöne Hand ergriff und feurig drückte. Lady Danvers ſchien keineswegs be⸗ leidigt, ging vielmehr bereitwillig in ſeine Gefühle gegen ſeine Mutter ein. 141 „„Ich weiß gewiß, ich würde Euern Vater ſehr lieb haben, denn ich habe mehrere ſeiner Briefe beſonders aus den letzten Lebensjahren meiner Mutter geleſen, und er ſprach darin in ſo ſchöner und rührender Zärtlichkeit von ſeinem Weibe und deren Verluſte, wie wenn ſie erſt ſeit wenig Jahren todt wäre.“ „Ich glaube, Ihr würdet ihn lieb gewinnen,“ ver⸗ ſicherte Ralph;„wenn auch der eine tiefe Kummer, den er ſo frühzeitig erfahren, ihn gegen all' jene Anmuth, die er ehmals beſeſſen haben ſoll— ſehr gleichgültig gemacht hat. Er hat ſich jetzt in merkwürdige abſtrakte Studien vertieft, und kümmert ſich faſt nur um ſeine Bücher.“ „Ihr ſeht alſo,“ bemerkte Lady Danvers,„daß ich auf alle Fälle ein ererbtes Recht auf Eure Freundſchaft be⸗ ſitze, und ich kann nur noch beifügen, daß ich mich ſehr glück⸗ lich fühlen werde, Mr. Woodhall, wenn ich Euren Abſichten in irgend einer Weiſe förderlich ſeyn kann.“ „Mir genügt vollkommen, wenn ich ein Recht beſitze mich Euren Freund zu nennen, theure Lady, ohne Eurer Güte noch weiter läſtig zu fallen,“ erwiederte Ralph warm⸗ herzig.„Das Bild, das Ihr von meiner Mutter beſitzet, muß wohl eine Copie desjenigen ſeyn, das mein Vater in Händen hat— und doch moͤchte ich es gerne ſehen.“ „O nein, es iſt keine Copie,“ gab die Lady zur Ant⸗ wort.„Sie ſaß ausdrücklich auf meiner Mutter Verlangen kurze Zeit nach ihrer Verheirathung. Das Bild iſt ſehr ſchön— das Antlitz voller Liebe, Zärtlichkeit und Selbſt⸗ aufopferung. Sie brachte ein edles Opfer, und ich bin „ 142 überzeugt, auch wenn ſie Millionen mit ihrer Hand zu ver⸗ geben gehabt hätte, würde ſie nicht gezögert haben— das kann ich in ihrem Geſichte leſen.“ „Ich bin froh, Euch alſo reden zu hören,“ erwiederte Ralph.„Die Welt pflegt hart über ſolche Opfer zu ur⸗ theilen, und ihre eigenen Verwandten haben ſie getadelt und verſtoßen.“ „Die Welt iſt ſehr thöricht in ihrer Schätzungsweiſe,“ verſetzte Lady Danvers.„Gewiß ſind Glück und ſchätzens⸗ werthe Eigenſchaften, Zufriedenheit und Herzensruhe die beſten Güter und Juwelen, höher als Rang und Stellung. Faßt mich in Gold, und ich bin nicht beſſer— nicht glück⸗ licher; ſetzt mich auf einen Thron, ich bin nicht weiſer noch zufriedener; gebt mir aber die Geſellſchaft derer, die ich liebe, gebt mir Geſundheit und Auskommen— und die Reichthümer der Welt können mein Glück nur um Weniges vermehren— ihr Mangel meine Zufriedenheit nur um We⸗ niges vermindern. Nicht um alle Güter der Erde möchte ich die Sklavin all dieſer Zierrathen des bloſen Aufputzes der menſchlichen Geſtalt oder des menſchlichen Lebens ſeyn, wozu die Mehrzahl der Frauen in dieſem Lande ſich herab⸗ würdigt.“ „Ich ebenſowenig,“ erklärte Ralph;„aber Rang und Reichthum ſind zuweilen nothwendig, theure Lady, nicht als Glück an ſich, ſondern als Mittel, um jenen beſſeren Reich⸗ thum des Herzens zu erwerben.“ „Niemals— ich kann's nicht glauben,“ erwiederte die Dame. 143 „Laßt uns einen Fall annehmen,“ fuhr Ralph fort. „Denken wir uns, ein Mann, ſonſt nicht übel ausgeſtattet, aber ohne hohen Rang und Reichthümer, wage ſeine Augen auf einen jener'hellen Sterne' zu heften, und nach ſeiner Eroberung zu trachten. Nehmen wir ferner an, er habe Liebe um Liebe erworben; welche Ausſicht hat er, glücklich zu werden und die Geliebte zu erringen? Freunde, Ver⸗ wandte, Vormünder treten ihm entgegen; Hinderniſſe jeder Art erheben ſich, welche ſich nur durch Erwerbung jenes Ranges und Reichthumes, deſſen Mangel ſein einziges Hemmniß ausmacht— überwältigen laſſen.“ „Nicht ſo— nicht ſo!“ rief Lady Danvers in großem Eifer.„Laßt ſeine Geliebte edle Feſtigleit und Muth in ihrer Liebe beweiſen; laßt ſie handeln wie Eure Mutter ge⸗ handelt hat, und wenn nur das nöthige Auskommen vor⸗ handen iſt, ſo wird es Euch an Glück nicht fehlen.— Aber in der That, wir müſſen uns umſchauen. Wir ſprechen ſo eifrig“— indem eine warme Röthe über ihre Wange flat⸗ terte—„daß die Leute am Ende ſagen, wir machen uns die Cour; der Herzog wird mich über ſeine Gärten fragen, ich werde ihm nichts zu erzählen wiſſen, und Sr. Gnaden wird mich Aermſte ſofort mit ſeinen Scherzen verfolgen. Wenn Ihr übrigens jenes Bild ſehen wollt, Mr. Woodhall, ſo ſteht es Euch zu Dienſten. Es befindet ſich auf meinem Landſitze in Somerſetſhire; wenn Euer Weg Euch daran vorbeiführt und ich abweſend ſeyn ſollte, ſo dürft Ihr Euch nur auf meinen Namen berufen, und die Diener werden es Euchizeigen; befehlt ihnen dann nur, daß ſie Euch um ihrer 1 144 Gebieterin willen gaſtlich behandeln. Jetzt ſagt mir, was iſt das für eine Partie, der wir uns nähern?“ „Der Fiſchteich— gleichfalls illuminirt, wie ich ſehe,“ erklärte Ralph.„Laßt uns dem Rande näher treten und hineinſchauen. Bei Tag vermag das Auge bis auf den Marmorboden zu dringen; ich weiß aber nicht, ob dieſes Licht ſtark genug ſeyn wird. Doch ja— es geht. Seht, wie dieſe feinen Herrn im Gold⸗ und Silberrocke ſo ruhig um⸗ herſchwimmen, wie wenn ihre Waſſerwelt nichts von Streit und Wettkampf wüßte. Sie kommen mir immer vor, wie die Großen und Wohlhabenden dieſer Erde, die ſich von all' dem Kampf der Sorge und Todesqual, welche Leib und Seele rings um ſie beſtehen, nichts träumen laſſen.“ „Dieß iſt nicht bei allen Wohlhabenden der Fall,“ be⸗ merkte die Dame in faſt vorwurfsvollem Tone;„ſolche, die nicht ebenſo vom Glücke begünſtigt ſind, thun ihnen gar oft Unrecht. Sie können nicht unter die Oberfläche ſehen, kön⸗ nen nicht wiſſen, wie das Herz, das wenig oder keine eigenen Sorgen kennt, oft um fremden Kummers willen blutet. Uebrigens glaube ich, daß Ihr in gewiſſem Grade Recht habt. Das Glück mag wohl des Menſchen Herz verhärten. Ohne ſelbſt Kummer oder Gram zu empfinden, vermag die bloſe Phantaſie nicht die Sorge uns deutlich vorzumalen; und wir ſind in Gefahr, über unſerer eigenen Seelenruhe die Leiden und Kümmerniſſe die uns nicht vor die Augen treten, zu vergeſſen.“ So blickten ſie eine Weile in das klare Waſſer, ohne die vorüberziehenden Gruppen zu beachten, bis Ralph eine ihm wohlbekannte Stimme vernehmbar genug ſagen hörte: „Ja, ja— ganz wie ein Liebespaar! Stört ſie nur nicht!“ Ralph fuhr auf; aber der Sprecher war bereits einen der kleinen Baumgänge in der Wildniß hinabgegangen. „Habt Ihr's gehort?“ fragte Lady Danvers mit lächelndem Erröthen aufblickend.„Ich glaube, es wäre Zeit an den Heimweg zu denken— nicht daß ich mich um die falſchen Deutungen der Leute ſonderlich bekümmerte; aber es iſt immer beſſer, ihnen keine Urſache zu ſolchen Be⸗ merkungen zu geben.“ So freundlich und bezaubernd ſte auch war, ſo er⸗ klärte ſich Nalph zur Heimkehr bereit. Auf dem Rückweg lud ſte ihn ein, ſie entweder in London oder auf dem Lande zu beſuchen, indem ſie lachend beifügte: „Ich habe immer eine betagte Tante oder uralte Baſe im Hauſe bei mir, um jeden Skandal zu vermeiden; und vergeßt mir nicht, Mr. Woodhall, wenn ich Euch irgend einmal dienen kann, und vielleicht möchte dies doch der Fall ſeyn— ſo darf der Sohn von meiner theuren Mutter Freundin über all meinen geringen Einfluß gebieten.“ Ralph dankte ihr in warmherziger Aufwallung, und ſie wandelten durch die labyrinthiſchen Gänge nach dem Hauſe zurück und zwar vielleicht mit langſameren Schritten als Nalph gethan hätte, wenn er allein geweſen wäre. ——o— James. Das Schicſa 10 Eilftes Kapitel. Ein alter grauhaariger Mann von diſtinguirter Miene ſtand neben dem Herzog von Norfolk, und Letzterer ſagte mit gutmüthigem Lächeln: „Ihr batet mich, Mylord, für ſein Glück Sorge zu tragen; nun hört: ich habe ihn heute Abend der ſchoͤnſten wohlhabendſten und romantiſcheſten jungen Dame im Zim⸗ mer vorgeſtellt, welche ſeine Familie einigermaßen kannte und ſich ausnehmend für ſein Schickſal zu intereſſiren ſchien. Um meine Sachen noch beſſer zu machen, habe ich ſie zu⸗ ſammen fortgeſchickt, um am ufer des Fluſſes durch die Wildniß zu wandeln. Nun will ich Hundert gegen Eins einſetzen, daß ſie verzweifelt in einander verliebt zurückkom⸗ men werden, denn wie der Dramatiker ſagt: ſie haben be⸗ reits Blicke gewechſell. Die Dame iſt völlig unabhängig und wird, wenn ich ſie richtig beurtheile, Vermögen und Hand eines ſchönen Tages an einen armen Gentleman ohne Rang verſchenken, gerade um der Welt zu beweiſen, wie vollſtändig ſie Gottes Gaben verachtet.“. „Ich bin höchlich erfreut, Herr Herzog, und hoffe von ganzem Herzen, daß Eure Ahnungen in Erfüllung gehen werden,“ gab der Andere zur Antwort.„Darf ich fragen, wer die Dame iſt?“ „Die Baroneſſe Hortenſta Danvers,“ erwiederte der Herzog.„Sie war einſt eine Buſenfreundin der armen Henriette Wentworth, nur hat ſie etwas ſtrengere Anſichten über den Anſtand. Ich erinnere mich, wie ſie bitterlich 147 weinte, als ſie erfuhr, daß Lady Wentworth dem Herzog von Monmouth gefolgt ſey, während ſie vor jenem Schritte keinem der vielen umlaufenden Gerüchte Glauben ſchenken wollte. Sie iſt ein gutes Mädchen, nur eine phantaſtiſche kleine Schwärmerin.“ Außer Lord Woodhall(denn er war es, mit dem Se⸗ Gnaden ſich beſprachen) ſtanden nur noch zwei Perſonen ſo nahe, daß ſie die Worte des Herzogs vernahmen— die eine ein ſehr ſchönes Mädchen, das während der Rede des Herzogs abwechſelnd erblaßte und erröthete; die andere ein junger Gentleman von nicht ſehr einnehmender Miene, ob⸗ wohl ſeine Geſichtszüge im Ganzen nicht übel waren; nur hatte er einen hageren argwöhniſchen Ausdruck in ſeiner Miene. Während der Herzog ſeine Bemerkungen über Lady Danvers beſchloß, wendete ſich der junge Mann an ſeine ſchöne Gefährtin, indem er ſich der zahlreichen gemeinen Füllworte damaliger Zeit bediente, welche für das Ohr einer Dame gar wenig taugten. „Beim Donner! Margarethe,“ ſagte er,„das würde Deinem Bruder wenig anſtehen, wenn Mr. Ralph die reiche Baroneſſe wegſchnappte. Zum Henker! Ich ſah Henry in London wie eine blaue Ringeltaube um ſie herumflattern, und Du darfſt Dich darauf verlaſſen, er wird einen Bur⸗ ſchen wie dieſen Ralph nicht als Nebenbuhler um ſich dul⸗ den— er wird den Bücherwurm alsbald ausſtechen, wenn überhaupt von ſolchem Unſinn die Rede iſt.“ Margarethe wendete ſich mit einem Blicke des Wider⸗ 10* 148 willens aber mit ſehr bleicher Wange von ihm ab, und ihr Vater ſtellte ſie dem Herzoge vor, der ſie mit einer anmuthi⸗ gen Miſchung von Galanterie und Ehrerbietung empfing. Lord Woodhall präſentirte ſofort ſeinen Verwandten, Mr. Robert Woodhall, Sohn des verſtorbenen Lords Coldenham, indem er mit ſelbſtzufriedenem Blicke beifügte: „Ihr ſeht, mein edler Freund, daß ich mir bei dieſer kleinen détour auf meiner Reiſe nach London die Freiheit genommen habe, Eure Gaſtfreundſchaft mit einem ganzen Haufen meiner Verwandten zu überbürden. Meinen Sohn Henry habt Ihr, glaube ich, heute Nacht ſchon geſehen?“ „Wenn Monarchen reiſen, ſo müſſen ſie ſich immer von ihrem Gefolge begleiten laſſen,“ bemerkte der Herzog lächelnd.„Ich ſah Euren Sohn vor einer halben Stunde, und wenn nur unſer Freund Ralph mit ſeiner Schönen zurückkehren wollte, ſo könnten wir ein Familientänzchen im Ballſaale arrangiren. Erlaubt mir, Miß Margarethe, Euch meinen Arm anzubieten; ich denke, die Gäſte ſind jetzt alle verſammelt.“ 3 Als ſie den Ballſaal erreichten, fanden ſie Margare⸗ thens Bruder ſchon im Tanzen begriffen, und der Herzog blieb mit ſeinen Begleitern etliche fünf bis zehn Minuten ſtehen, um ſich die Scene zu betrachten, während verſchie⸗ dene Gruppen von Gäſten ihm nahe kamen, einige Worte ſprachen und weiter gingen. Margarethens Blicke ruhten nur wenig auf dem mun⸗ teren Schauſpiele vor ihren Augen und waren um ſo öfter mit geſpanntem ängſtlichem Ausdrucke auf die Thüre ge⸗ 149 heftet, durch die ſie eingetreten waren. Aber Ralph wollte noch immer nicht erſcheinen und ihr Vetter forderte ſie end⸗ lich auf, ſich mit ihm in den Tanz zu miſchen. Sie konnte es nicht abſchlagen; das Paar ſtellte ſich auf und begann eben einen der höfiſchen Tänze damaliger Zeit— Marga⸗ rethe mit bleicher Wange und unachtſamem Blicke, Robert Woodhall nicht ohne Geſchick und Behendigkeit, aber ohne alle Anmuth— als durch die den Tänzern gegenüberſtehende Thüre zwei Perſonen ins Zimmer traten und Lady Dauvers in vollem Glanze ihrer Schönheit gleichgültig auf Ralph Woodhalls Arm gelehnt vor Margarethens Augen daſtand. Im ſelben Momente ſah Ralph ſie mit Robert Woodhall im Tanze begriffen, und ſo ſehr er ſich auch zu beherrſchen bemühte, ſo wurde ſeine Wange doch feuerroth. Margarethe war von der langen Reiſe ermüdet; die Worte des Herzogs von Norfolk, die ſie mit angehört, hat⸗ ten ſie aufs Tiefſte erſchüttert; ſie gehörte zu jenen ſeltenen Weſen, die ſich ſelbſt unterſchätzen, und als ſie die glänzende Schönheit der Lady Danvers, durch alle Kunſt des Putzes und der Mode noch erhöht, vor ihren Augen gewahrte, da bemächtigte ſich ihrer eine eiſige Vorahnung all der Ge⸗ fahren, denen ihre Liebe und ihr Glück ausgeſetzt ſeyn ſollte. Ihr Kopf ſchwindelte, die Gegenſtände ſchwammen ihr vor den Augen, ihr Herz hörte auf zu ſchlagen und ſie ſank ohn⸗ mächtig zu Boden. Die Muſik verſtummte augenblicklich; mehrere der Anweſenden ſammelten ſich, um ſie und Ralph ſprang ihr zu Hülfe, indem er den Arm ſeiner Dame losließ. Er kam 1 150 hiebei mit Robert Woodhall in Berührung, der ſich mit dem ſcharfen Rufe nach ihm umwendete: „Zum Henker! tretet zurück, Sir! Ihr ſeyd unver⸗ ſchämt. Wer forderte Euch auf, Euch einzumiſchen?“ Ralph gab keine Antwort, ſondern faßte ihn mit der einen Hand am Kragen und drängte ihn in die Mitte des Zimmers zurück. Dann ſeinen Platz wieder einnehmend, beugte er ſich ängſtlich über Margarethen, neben welcher auch ſchon ihr Bruder Henry ſtand. Der Herzog von Norfolk, der das Ganze mit angeſehen hatte, näherte ſich der um Margarethen verſammelten Gruppe, ohne ſich jedoch in den Kreis zu miſchen. Man hörte jetzt ſeine Stimme rufen: „Tragt die junge Dame auf ihr Zimmer! Sie iſt blos von der Hitze ohnmächtig geworden und wird ſich bald er⸗ holen.“ „Hilf mir ſie wegtragen, Ralph,“ bat Henry Wood⸗ hall, ſich lieber an den Gefährten ſeiner Jugend, als an ſeinen Vetter Robert wendend. 4 Sie hoben ſie auf ihre Arme und trugen ſie hinaus, während Lord Woodhall mit den Worten nachfolgte: „Es iſt nur eine Ohnmacht— es iſt nur eine Ohn⸗ macht. Das Maͤdchen iſt ſonſt nicht ſolchen Grillen unter⸗ worfen; aber das Zimmer war ſehr heiß. Bitte, bleibt zurück. Keiner von Euch folge! ich bitte— Keiner! Wir werden ſie bald wieder zu ſich bringen.“ Henry und Ralph trugen ihre ſchöne Laſt in ein Vor⸗ gemach, etwas entfernt von den Empfangzimmern, während 151 ein Diener Margarethens Kammerjungfer zum Beiſtande herbeiholte. Sobald ſie die Bewußtloſe in einen Stuhl geſetzt hatten, ſagte Lord Woodhall: „Verlaßt uns jetzt, Jungen— verlaßt uns. Ich will ſie bald wieder zu ſich bringen. Es iſt nicht das erſte⸗ mal, daß ich ein Weib ohnmächtig ſah.“ Henry gehorchte ſeines Vaters Weiſungen alsbald; nur Ralph zögerte noch eine Weile, indem er gegen den alten Edelmann äußerte: „Kann ich Euch nicht irgendwie behülflich ſeyn, Mylord?“ „Nur wenn Du dieſe verhenkerte Schnürbruſt aufzuknü⸗ pfen vermagſt, mein theurer Junge,“ erwiederte Lord Wood⸗ hall, der unterdeſſen anſcheinend ohne Erfolg an den mancherlei Schnüren und Bändern geneſtelt hatte, welche damals die Damenkleidung ſo complicirt machten.„Margarethe wird es nicht übel nehmen, das bin ich gewiß. Du biſt ja immer wie ein Bruder gegen ſie geweſen.“ Ralph beeilte ſich, ihm zu gehorchen, und mit Hän⸗ den, welche vor Aufregung zitterten, und während ſüße aber erſchütternde Bilder an ſeiner Seele vorüberzogen— gelang es ihm, Margarethens Ballkleid aufzuſchnüren, ſo daß ihr ſchöner Buſen freier athmen konnte. „In dieſem Augenblicke ſchlug das holde Mädchen die Augen auf, indem ſie dieſelben mit einem Blicke ängſtlichen Nachdenkens auf ſein Geſicht heftete und ihre Hand matt erhob, ſo daß ſie auf der ſeinigen ruhte. Jetzt kam die Zofe herbei, und da der alte Lord ihn abermals bat, ihn 4⁵² und ſeine Tochter allein zu laſſen, ſo gehorchte der junge Mann— widerſtrebend, wie wir geſtehen müſſen und nicht ohne noch manchen Blick auf die Geliebte, die er hinter ſich laſſen mußte, zu heften. Sie lag noch bleich und regungs⸗ los da, denn kaum hatte ſie die Augen geöffnet, als ſie auch wieder in Ohnmacht zurückſank; aber der kurze Blick, den ſie ihm geſchenkt hatte, blieb ihm unvergeßlich, und nur mit Widerſtreben konnte er das Zimmer verlaſſen. . Statt alsbald in den Ballſaal zurückzukehren, ging Ralph einige Minuten in dem Gange auf und ab, bis zuletzt Lord Woodhall mit der willkommenen Botſchaft von Margarethens Widerherſtellung heraustrat und mit Ralph in die Staatszimmer zurückkehrte. Mittlerweile hatte er bei zweien von verſchiedenen im Zimmer ſtehenden Gruppen den Gegenſtand des Geſprächs gebildet. Auf der einen Seite ereiferte ſich Robert Wood⸗ hall vor einigen Herren ſeiner Umgebung, indem er ſagte: „Er beſchimpfte mich, Sir, er beſchimpfte mich, und ſoll mir eine Entſchuldigung geben, oder ich will dem Grunde näher nachforſchen.“ Dieſe Worte hörte der Herzog von Norfolk, der ſeine Gäſte ſo eben gebeten hatte, im Tanzen fortzufahren, indem er ſie verſicherte, die kleine Verwirrung ſey nur durch eine Dame veranlaßt, welche von der Hitze ohnmächtig geworden, ſich aber bald wieder erholen werde, während er noch mehr Fenſter öffnen ließ, um friſche Luft einzulaſſen. Er wendete 1⁵³ ſich alsbald mit ziemlich hitzigen Worten gegen Robert Woodball:— „Bitu um Verzeihung, junger Gentleman;“ ſagte er, „er hat nicht Euch, ſondern Ihr habt ihn beſchimpft. Er ſoll ſich nicht gegen Euch entſchuldigen, wenn er mein Freund bleiben will. Ob er ſich ohne eine Entſchuldigung von Euch zufrieden geben will, muß ihm überlaſſen bleiben — ich werde mich nicht einmiſchen.“ Auf der andern Seite des Saals hörte man ein Ge⸗ ſpräch anderer Art zwiſchen dem Sohne des Lords Woodhall und der ſchönen Lady Danvers vor ſich gehen. Sie war, nachdem Ralph ſie verlaſſen, auf demſelben Flecke ſtehen geblieben und hatte ſein Vorhaben— wenn wir die Wahr⸗ heit geſtehen müſſen— nicht ohne Intereſſe bewacht; ſie ahnte die Wahrheit, ohne aber überzeugt zu ſeyn. Henry Woodhall war in ihren Augen ein alter Bekannter, aber mehr nicht. Er näherte ſich ihr, ſobald er in den Ballſaal zurück⸗ kam, und ſie erkundigte ſich alsbald: „Wie geht es Curer Schweſter?“ Dies war reine Verſtellung— ich muß es leider zu⸗ geben— denn wäre die Frage, die ſich ihr zuerſt auf die Lippen drängte, laut geworden, ſo hätte ſie geheißen— „wo iſt Euer Vetter?“ „O, geht ſchon beſſer, ſchoͤnſte Lady Danvers,“ er⸗ wiederte Henry Woodhall in munterem Tone.„Ihr wißt, bei Damen iſt eine Ohnmacht nichts Seltenes.“ „Ci, Euer Vetter Ralph ſcheint ein tieferes Intereſſe 154 an ihr zu nehmen, als Ihr ſelbſt,“ bemerkte die Dame, allerdings ohne den Wunſch Unheil anzurichten, aber von einer Neugier getrieben, welche ihren Urſprung vielleicht in einer tieferen Regung hatte. 1 „O, ſie waren ihre ganze Kindheit beiſammen,“ ver⸗ ſetzte Henry Woodhall.„Ralph gilt in ihren Augen ebenſo gut wie ich als ihr Bruder.“ „Mir kam es beinahe vor, als wäre es etwas mehr denn brüderliche Liebe,“ bemerkte Hortenſia leiſe. „Pah! nicht daran zu denken,“ erwiederte Henry Wood⸗ hall in munterem leichtſinnigem Tone.„Margarethe ſoll meinen Vetter Robert heirathen; wißt Ihr, da wird's dann heißen: 3 „Vereinend Land und Leute Als heiligen Ehſtands Beute!“ Nun aber ſagt mir, ſchöne Lady,“ fuhr er fort:„wollt Ihr mit mir tanzen?“ „Armes Maͤdchen,“ rief Lady Danvers ſeufzend und ſeine Aufforderung überhörend. „Warum ſagt Ihr tarmes Mädchen“?“ fragte Henry Woodhall. „Weil ſie ein armes Maͤdchen ſeyn muß, um Euren Vetter Robert zu heirathen,“ erwiederte Lady Danvers gerade heraus,„und weil ſie ein armes Geſchöpf werden wird, wenn ſie ihn heirathet.“ „Sie wird ihn ſicherlich heirathen,“ erklärte Henry. „Solche Dinge kommen immer zu Stande, wenn unſere Alten ſie arrangiren und ſie fallen im Ganzen nicht ſo übel v 15⁵ aus. Ihr müßtet mich ebenſo gut heirathen, wenn Euer Ururgroßvater es mit meiner Ururgroßmutter verabredet hätte.“ „Das thäte ich nicht und wenn alle unſere Ahnherren von Adam abwärts es ausgemacht hätten,“ verſicherte Lady Danvers. „Nun ereifert Euch nur nicht,“ verſetzte Henry lachend, „es verlangt es ja Niemand von Euch. Die Frage für jetzt iſt blos, ob Ihr mit mir tanzen wollt.“ „Darauf lautet meine Antwort— nein, ich will nicht,“ betheuerte Lady Danvers.„Ich werde heute Nacht nicht tanzen.“ „Dann werde ich mich anderswo umſehen,“ erklärte Henry, ſich luſtig umdrehend und ſie verlaſſend. Lady Danvers verweilte noch einige Minuten nachſinnend auf demſelben Flecke. Sie fragte ſich, ob zwiſchen Ralph und Margarethen ein Liebesverhältniß beſtehe. Die hohe Röthe auf des Erſteren Wangen, als ſeine Augen auf die ſchöne Couſine fielen, hatte ſie zwar nicht bemerkt; aber ſie hatte den geſpannten Blick geſehen, den Margarethe zuerſt auf ihn, dann auf ſie ſelbſt heftete, und ebenſo war ihr die ungeſtüme Haſt, mit der er der Ohnmächtigen zu Hülfe geflogen, nicht entgangen. Sie argumentirte aber alſo: „vielleicht daß der Anblick eines ſo freundlichen und edel⸗ geſinnten Verwandten in dem Augenblicke, da ſie mit einem Manne tanzte, den ſie, aufgedrängt durch ihre Verwandten wie er war, unmoͤglich lieben konnte, ſo tiefe Erſchütterung bei ihr hervorrief, daß ſie davon überwältigt wurde. Vielleicht 156 daß Ralphs Eilfertigkeit ganz natürlich und gerechtfertigt war. Ja, ſie war ſogar natürlich und gerechtfertigt an einem Jünglinge, der in brüderlicher Zuneigung mit dem armen Mädchen auferzogen worden, wie Henry Woodhall es geſchildert hatte. Vielleicht——“ Allein ihre„Vielleicht“ wollten kein Ende nehmen. Lady Danvers war geneigt zu glauben, daß Liebe zwiſchen Beiden beſtehe und glaubte es wirklich; und doch fragte ſie ſich, als ſie mit ihrem Nachſinnen zu Ende kam: „Was geht es mich an, ob ſie ihn liebt oder nicht?“ Hatte die ſchöne Baroneſſe prophetiſche Geſichte und Träume gehabt? Es mochte wohl ſeyn, und ſo viel iſt gewiß, daß unter die ſüßeſten aller Träume, welche trügeri⸗ riſch an der Menſchen Augen vorüber flattern, gerade die⸗ jenigen gehören, welche ſo ſchwach und unfaßbar ſind, daß wir ihres Vorüberziehens unbewußt bleiben, bis ſie vor⸗ bei ſind. Wie dem auch ſeyn mochte, und welche ſchweigenden Gedankenſtrömungen jener beſondern Art, die ſich zwiſchen Begriff und Gefühl hält und gleich den gemiſchten Waſſern des Rheines und Maines die beſtimmte Färbung beider annimmt— ihr durch den Kopf gezogen ſeyn mochten: als gewiß dürfen wir verſichern, daß ſie bald auf dieſer, bald jener Seite des Ballzimmers umherſchlenderte, jedem län⸗ geren Geſpräche ausweichend, bis Ralph wieder zum Vor⸗ fchein kam, worauf man ſie bald wie zuvor zuſammen plau⸗ dern ſah. Ihre erſten Fragen galten Margarethen; Ralph hatte 157 jedoch mittlerweile ſeine volle Selbſtbeherrſchung wieder erlangt und wußte, wie gefährlich es für alle ſeine Hoffnun⸗ gen ſeyn würde, wenn er ſeines Herzens Gefühle durch⸗ blicken ließe. Er erwiederte deßhalb in dem kühlſten gleich⸗ gültigſten Tone, den er anzunehmen vermochte, und bemühte ſich, den übrigen Reſt des Abends hindurch ſo leichtherzig und unbeſchäftigt wie möglich zu erſcheinen. Margarethe kam nicht wieder zum Vorſchein; auch Robert Woodhall verließ den Ballſaal und ward nicht mehr geſehen; nur Henry fuhr fort zu tanzen und zu plaudern und miſchte ſich mehr als einmal mit heiterer Gutmüthig⸗ keit in das Geſpräch zwiſchen ſeinem Vetter Ralph und der⸗ jungen Baroneſſe, indem er ſich über die ſo plötzlich zwiſchen Beiden entſtandene Innigkeit ebenſo ſehr freute, wie wenn er Beide mit einander bekannt gemacht hätte. Auch Lord Woodhall fand Wohlgefallen an der Sache. Er war kein Mann von ſehr raſcher Auffaſſungsgabe— kein großer Intriguant oder Ränkeſchmied, und wenn er auch ganz gerne geſehen hätte, daß ſein Sohn ſich mit irgend welcher weißen Frau der Welt von einem Vermögen, wie das der Lady Danvers, verheirathete, ſo war ihm doch nie eingefallen, dieſe Verbindung als wünſchenswerth zu be⸗ trachten, bis ihm die Sache durch den Herzog von Norfolk als bereits arrangirt mitgetheilt wurde. Auch fühlte er keinerlei Neigung, ſich einzumiſchen, nachdem er ſie alſo eingefädelt ſah; Alles was er dachte, war, daß Ralph ein rechter Glücksnarr ſey, da ihm eine ſolche Gelegenheit 158 geboten worden, und dieſe Anſicht theilten noch viele An⸗ dere mit ihm. Das Souper wurde angemeldet, und die Gäſte ſetzten ſich zu einem der glänzendſten Bankette jener Zeit nieder. Ich brauche mich nicht mit Schilderung des Abendeſſens aufzuhalten, noch zu erzählen, wie die Gäſte auf maſſiven Tellern von vergoldetem Silber ſervirt wurden, oder wie ſie aus Pokalen von purem Golde tranken. Iſt es nicht in dem Chronikenbuche des Hauſes Howard verzeichnet und wiſſen wir nicht, daß ſelbſt die Schüreiſen, die Zangen, die Schaufeln und Kamingitter in dem Palaſte zu Norwich von maſſivem Silber waren? Noch ehe das Abendmahl ganz zu Ende war, beugte ſich ein Diener über Henry Woodhall's Stuhl und flüſterte ihm etwas ins Ohr. Dieſer blieb noch einige Minuten bei Tiſche, benützte aber dann die erſte Gelegenheit um hinaus zu ſchlüpfen und nicht wieder zurückzukehren. Nicht lange hernach erhob ſich der Herzog und ſeine Freunde vom Bankette, das Tanzen begann von Neuem und dauerte bis in die tiefe Nacht. Aus purer Höflichkeit bat Ralph ſeine ſchöne Abendgeſellſchafterin um eine Tour; ihre Antwort war aber dießmal ganz anders gefaßt, als ſie früher Henry Woodhall damit abgeſpeist hatte. 3 „Ich moͤchte recht gerne,“ verſicherte ſie,„denn ich liebe das Tanzen; allein ich habe es heute Abend ſchon Mehreren— unter Anderen auch Eurem Vetter Henry— abgeſchlagen.“ „O Henry nähme es nicht übel,“ erwiederte Ralph. „Er iſt heißblütig, aber freundlich und gutmüthig. Ich will die Verantwortlichkeit auf mich nehmen.“ „Nein,“ entgegnete Lady Danvers.„Ich erklärte aus⸗ drücklich, ich werde heute Abend nicht tanzen, und darum will ich auch nicht. Da ſeht, was es heißt, die Gelegen⸗ heit zu verſäumen,“ fuhr ſie in heiterem Tone fort.„Hät⸗ tet Ihr mich engagirt, während wir zuſammen in der Wild⸗ niß luſtwandelten, ſo hätte ich ſogleich mit Euch getanzt und hätte dann alle anderen Bewerber nach meinem Belie⸗ ben abweiſen können. Nun aber, da ich meine Abſicht nicht zu tanzen erklärt habe, darf ich nicht ſo manche ehren⸗ werthe Leute beleidigen, indem ich mit Einem eine Aus⸗ nahme mache.“ „Nun, wenn Ihr nicht tanzt, wollt Ihr nicht luſt⸗ wandeln?“ fragte Ralph.„Die Luft auf der Terraſſe wird lieblich und kühl ſeyn; viele Leute gehen dort ſpazieren.“ „Sey es ſo,“ verſetzte Lady Danvers lächelnd.„Die friſche Luft wird mir gut thun, denn mein Kopf iſt heiß und mein Gehirn ganz ſchwindlig von der Maſſe Volk, die hier im ſelben Zimmer zuſammengepreßt iſt.— Es gibt nichts Son⸗ derbareres als was die Leute Vergnügen nennen. Alle hier Anweſenden ſuchen es in Dingen, in denen es nicht liegt, ja wollen es ſogar aus Stoffen ziehen, die den Meiſten unſchmackhaft ſind. Was kümmern ſie ſich ums Tanzen, was um den übervollen Ballſaal, was um alle Laſt und Mühe, ſich ſelbſt für dieſe große Feſtlichkeit anzukleiden? Sie ſuchen im⸗ mer etwas Anderes, als was ſie zu genießen vorgeben. Son⸗ derbare Alchymie des menſchlichen Gemüths, welche Blei 7 160 in Gold verwandelt und aus lauter anſtrengenden ermüden⸗ den und langweiligen Dingen das ſogenannte Vergnügen— wenn nicht gar Glück— zuſammenbraut! Die Eine tanzt, um ihre feine Geſtalt oder graziöſe Kunſt zu produziren, nicht aber, weil der Tanz ſelber ihr Freude macht; die Andere kommt hierher, um einen feineren Ballſtaat zu ent⸗ falten, als ihre Nachbarin beſitzt. Eine Dritte, welche lieber im Bette läge, kommt nur, um ſagen zu können, ſie ſey auf dem großen Balle geweſen, oder vielleicht, damit Andere nicht ſagen können, ſie habe gefehlt. Ich fange an zu glauben, Mr. Woodhall, daß in dieſer Welt Alles Heuchelei iſt. Meint Ihr nicht auch?“ „Gott behüte,“ gab Ralph zur Antwort und führte ſie ruhig auf die Terraſſe, wo ſie etliche Minuten auf und ab wandelten. Dann ſchlugen ſi ſie wieder den Weg zu den Ufern des Wanſum ein und ſchlenderten nachſinnend weiter, die im Waſſer wiederſtrahlenden Lichter betrachtend. Bald plauderten ſie zuſammen, bald ſchwiegen ſie gedanken⸗ voll, während Lady Danvers ſich fortwährend auf ſeinen Arm lehnte, ſo daß ſie den Vorübergehenden allerdings mehr wie ein durch gegenſeitige Neigung beglücktes Liebes⸗ paar, als wie zwei Perſonen vorkommen mußten, welche ſich heute Nacht zum erſtenmal getroffen hatten. Endlich wurden ſie durch den Lärm des Aufbruchs zur. Rückkehr ermahnt und als ſie ſchieden, ſagte Hortenſta: „Wir werden uns morgen wieder ſehen.“ 3 ——— 161 Zwölftes Kapitel. In einem nicht ſehr großen Zimmer des zweitoberſten Stockwerks in dem Norwicher Palaſte des Herzogs von Norfolk ſaß Robert Woodhall neben einem Tiſche, auf wel⸗ chem zwei große Wachskerzen brannten. Seinen Hut hatte er weit von ſich geworfen, ſein Degen und Schwertgürtel lag auf dem Tiſche, ſein Kopf war vorgebeugt, wie er ſich im Stuhle zurücklehnte und das linke Bein nachläſſig üͤber das rechte kreuzte. Ich habe ſeine Geſichtszüge als nicht ſo übel geſchil⸗ dert, obwohl der Ausdruck ſeines Geſichts durchaus unge⸗ winnend war; jetzt hatte ſich ein Anſtrich des Nachdenkens darüber gelagert, der von Zeit zu Zeit wechſelte, als ob er einen wichtigen Gegenſtand überlegte oder einen einflußreichen Plan erſänne. Bald ſammelte ſich ein Gewitter auf ſeiner Stirne, bald wurde es wieder von einem Lächeln verjagt, das wiederum einem verächtlichen Aufwerfen der Lippe Platz machte, wie wenn er innerlich einem vor ſeinen Ge⸗ danken Anweſenden Hohn ſpräche. 4 „Ja, ja, Mr. Ralph,“ murmelte er zwiſchen den Zäh⸗ nen,„wir wollen Euch ſchon ein Wetterchen auf den Hals jagen.“ Dann verſank er wieder in Stillſchweigen. Einige Augenblicke ſpäter äußerte er in demſelben Tone:„Harry iſt ein Narr, aber heiß wie Pfeffer, wenn er aufgeſtachelt wird, und daraus ließe ſich vielkeicht etwas machen.“ Wieder waren einige Augenblicke verſtrichen, ohne James. Das Schickſal. 11 7 16² daß er ein Wort geſprochen hatte, bis er zuletzt von Neuem begann: „Ja, ſo muß es gehen. Er hat mit Margarethens Herzen geſpielt und iſt ihr jetzt durch dieſe glänzende Hor⸗ tenſia halb abtrünnig geworden. Beim Donner! mein Spiel ſoll es ſeyn, ihn die junge Baroneſſe gewinnen zu laſſen und mich ſelbſt Miß Margarethens zu verſichern. Sie iſt ſehr hübſch— würde eine feine Figur machen, und dann ihrer Mutter Vermögen— das bekommt ſie ſogleich mit. Nein, beim Henker! dieſes Spiel gefällt mir nicht, denn wenn ich auch den Einſatz gewinne, ſo würde er doch noch mehr davon tragen, und beim Jupiter! er ſoll nicht triumphi⸗ ren! Meine Mutter hieß mich, ihn all mein Lebenlang ver⸗ meiden, denn wenn es einen Kampf zwiſchen uns gäbe, könnte er mich niederwerfen— das war ihr eigenes Wort. Nun ſind wir aber gegen einander gerannt und der Kampf muß kommen. Doch wollen wir ſehen, Frau Mutter, wer den Andern niederwerfen wird. Er mag die Stärke beſitzen, aber ich habe die Liſt.— Was Teufels kann nur den Burſchen zurückhalten? Er hat ja doch Zeit genug gehabt, die ganze Geſchichte von Jedermann im Hauſe zu erfahren.“ Abermals verſank er in Stillſchweigen; wenn er übri⸗ gens Jemand erwartete, ſo ſollte er noch eine volle Viertel⸗ ſtunde des Harrens für ſich haben. Nach Ablauf dieſer Zeit trat ein großer, kräftiggebauter aber flinker Burſche in Dienertracht in's Zimmer und näherte ſich mit ſchleichendem geräuſchloſem Lauſcherſchritte der Rückſeite von ſeines Herrn 163 Stuhle. Hier blieb er ſtehen und meldete ihm, über die Schulter hinein ſprechend: „Ich habe für Euch Neuigkeiten in Maſſe, Sir.“ „Du haſt Dir zum Einſammeln Zeit genug genom⸗ men,“ bemerkte Robert Woodhall ſpitzig;„heraus damit und ſpute Dich!“ „Dieſer Euer Vetter iſt hier nicht allein, wie Ihr glaubtet, Sir,“ ſagte der Mann.„Er hat einen Diener bei ſich, und wer glaubt Ihr, daß der Diener ſey?“ „Hm, ich weiß nicht— was liegt mir daran?“ er⸗ wiederte ſein Herr,„obgleich ich nicht errathen kann, wo der Bettelprinz einen Diener aufgabelte oder das Geld zu ſeiner Beſoldung her hat.“ „Es iſt kein Anderer, Sir, als unſer alter Freund Gaunt Stilling,“ erklärte der Diener. Dieſe wenigen Worte bewirkten, daß ſein junger Ge⸗ bieter mit einem Blicke wilder Rachſucht aufſprang, der dem Böſewicht in einer Tragödie Ehre gemacht hätte. Gleich darauf ſetzte er ſich jedoch wieder lachend nieder und rief: „Das iſt unmöglich, Du Narr; jener Schuft Stilling zog mit meinem hübſchen Käthchen davon, um ſie mir aus den Zähnen zu ſchaffen; ich will ſie aber ſchon finden. Ich erfuhr den ganzen Plan und beſtellte drei Männer, um ihn auf der Straße zu bearbeiten und das Mädchen zurückzu⸗ bringen. Der letztere Theil ihrer Aufgabe mißglückte, der erſtere aber gelang ihnen— wenigſtens ſchworen ſie ſo, und wenn ſie mich betrogen, ſo will ich's ihnen ſchon eintränken. 11* 7 164 Es iſt unmöͤglich, ſag' ich Dir. Die Leute holten ihn ein, und einer von ihnen erhielt von ſeinem Begleiter einen tüchtigen Puff in die Schulter. Ich habe ſelber die Wunde geſehen, und es war nicht etwa eine Schramme, wie man ſie ſich beibringt, um eine miſerable Lüge durch einen An⸗ ſtrich blutigen Beweiſes zu bekräftigen. Was Du da er⸗ zählſt, iſt unmöglich, ſag' ich Dir.“ „Es iſt vollkommen wahr, Sir,“ behauptete der Mann in ſanftem und einſchmeichelndem Tone.„Ich will Euch Alles haarklein erzählen; vorläufig aber erlaubt mir, Euch zu ſagen, Sir, daß wenn Ihr mir in der Geſchichte mit jener jungen Dame, Miß Käthchen, Euer Vertrauen hättet ſchenken wollen, ich ſie Euch in einem Tage zurückge⸗ holt und ganz ſäuberlich in dem kleinem Landhauſe unter⸗ gebracht hätte.“ „Ich mag Niemand allzuviel vertrauen,“ erwiederte Robert Woodhall in ſauertöpfiſchem Tone.„Wie Teufels erfuhrſt Du etwas von jenem Landhauſe?“ „O ich erfahre Alles, was vorgeht, Sir,“ gab der Diener mit einem leichten Anſtriche ſelbſtzufriedenen Ver⸗ trauens zur Antwort.„Ich glaube, Ihr würdet es beſſer finden, wenn Ihr Euch Einem als wenn Ihr Euch Vielen anvertrautet.“ 9 4 „Geh, geh, bleib mir mit Deinem Predigen vom Leib,“ donnerte Robert Woodhall, ihn hitzig unterbrechend.„Ich will mich nicht von Deines Gleichen ſchulmeiſtern laſſen. Du ſagſt, die Geſchichte, die Du erzählteſt, ſey wahr: ich 16⁵ behaupte, ſie iſt unmöglich— jetzt laß dieſe beiden Be⸗ hauptungen einander treffen.“ „Nun, Sir, Ihr ſeyd falſch berichtet worden,“ erwie⸗ derte der Mann.„Gaunt ging nicht mit ſeiner Schweſter, wohl aber der alte Mann. Gaunt blieb zurück, um mit Eurem armen Vetter Ralph als Diener auszuziehen, und es war Mr. Woodhall, der dem Jack Naſeby den Arm aufſchlitzte. Sie hatten nicht viel Zeit, um Mr. Gaunt zu bearbeiten, denn ſie nahmen Ferſengeld und rannten da⸗ von, ſobald ſein Herr zu ſeiner Befreiung herbeieilte.“ „Gaunt Stilling ſein Diener geworden!“ wieder⸗ holte Robert Woodhall im Tone des Zweifels und der Ueberraſchung.„Ich kann's nicht glauben, Roger. Zum Teufel! der iſt ja ſo ſtolz wie ein Prinz— er würde Nie⸗ mands Diener werden.“ „O es gibt Mittel, um den Stolz zu zähmen,“ ant⸗ wortete der Mann.„Es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn Ihr fändet, daß Mr. Ralph Mittel gefunden, um den Stolz des Bruders wie den der Schweſter zu zähmen.“ „Was meinſt Du da?“ herrſchte ſein Gebieter in ſtrengem Tone;„ſpiele nicht mit mir, Du Narr, ſonſt ſollſt Du es büßen. Gib mir jetzt einmal einen zuſammenhän⸗ genden Bericht; erzähle mir was und wie Du es erfah⸗ ren haſt.“ „Sehr wohl, Sir, ſehr wohl,“ verſetzte Roger;„ich habe mit Augen und Ohren gehört. Um Euch übrigens einen zuſammenhängenden Bericht zu geben, wie Ihr's ver⸗ langt— nachdem ich Euch verlaſſen, verfügte ich mich in 1 166 die Hausapotheke, indem ich vorgab, einen herben Thee für meine Diarrhöe zu bedürfen. Ich kam bald ins Geſpräch mit der dortigen Aufſeherin und wurde durch ſie mit den jungen Damen am Geſindetiſche bekannt. Dort erfuhr ich, daß Mr. Ralph Woodhall einen Diener Namens Jack Tuckett bei ſich habe und daß beſagter Jack vor vier oder fünf Tagen einen Ausflug zu Pferde gemacht oder von ſeinem Gebieter verſchickt worden ſey. Nun bildete ich mir ein, im Umkreiſe von vierzig Meilen um Coldenham alle Namen ziemlich genau zu kennen; aber einer Perſon, wie dieſes Jack Tuckett, konnte ich mich unter meiner ganzen Bekanntſchaft nicht erinnern. Es klingt auch ganz wie ein falſcher Name, Sir, und ſo beſchloß ich, mich an des Her⸗ zogs Kämmerer zu wenden und der Sache nachzuforſchen. Als ich in des Kämmerers Dienſtzimmer trat, nahm ich den Hut ab und verbeugte mich tief, und der alte Herr fragte mit wichtiger Miene: was wollt Ihr, mein Freund? worauf ich mit demüthiger ſchüchterner Stimme erwiederte: Mein Herr befahl mir nachzuſehen, daß ſein Name richtig in die Bücher eingetragen würde, denn es gibt mehr als einen Gentleman, der ſich R. Woodhall unterſchreibt'.“ „Geh, ſey nicht ſo weitſchweifig,“ rief ſein Gebieter, deſſen Flüche und Schwüre für die Zukunft lieber ausge⸗ laſſen oder durch des Leſers Phantaſie ergänzt, als durch meine Feder wiederholt werden ſollen.„Kommt zur Sache, Sir!“ „Nun ja, Sir, die Sache war, daß ich die Bücher ſah,“ fuhr der würdige Roger fort;„und da ſtand geſchrieben: 487 Mr. Ralph Woodhall und Gaunt Stilling ſein Diener— nebſt Datum und Herkunft.“ „Es iſt unmöglich,“ rief Robert Woodhall, mehr im Tone des Zweifels als der Verneinung.„Erſt vor weni⸗ gen Tagen hat er meine Mutter wie ein Löwe am Barte gezupft— und es bedarf in der That nicht weniger als eines Löwen, um ſie zu rupfen, und nun iſt er ein Diener dieſes meines armen miſerablen Vetters, der kaum Geld genug hat, um ſeine Wäſche rein zu erhalten.“ „Ja ſeht, Sir, ich war ebenſo überraſcht,“ verſicherte der Mann,„und es muß ſchon ein derber Spaß ſeyn, wenn er mich überraſchen ſoll; aber eben als ich über den Stallhof ging— wen glaubt Ihr, daß ich vor mir ſah? Keinen andern als Gaunt Stilling ſelber, der gerade von ſeinem ſchönen Braunen abſtieg und ihn ohne Weiteres in den Stall führte. Es war dort tüchtig finſter, und ich trat ihm aus dem Wege; aber er ſah mich dennoch, und da alle Diener im Hauſe beſchäftigt waren, ſo rief er mich an: „Guter Freund, haltet mir doch einen Augenblick mein Pferd, während ich eine Laterne hole, um den Raufenbeſen und die Bürſte zu ſuchen!' Ich antwortete ihm jedoch im Tone eines ächten Grobians: ich bin kein Diener des Hauſes. Haltet Euer Thier nur ſelber. Er gab mir darauf ſeinen Segen, band ſein Pferd ſo gut er konnte an eine Krippe, und ging nach einem Lichte. Da fiel mir plötzlich ein, ich könnte vielleicht durch ein Bischen Nach⸗ ſtöbern etwas herausbringen. So ging ich denn in den Stall, wo ich von einer ſcheuen Märe beinahe einen Pfuff 168 davon trug, und ſchlich mich neben das neuangekommene Thier, das ſo müde war, wie eine lange Reiſe es nur irgend machen konnte. Ich fuhr mit der Hand über den Sattel und ſo weiter, wo ich ein Paar Felleiſen mit Vorhäng⸗ ſchlöſſern fand, welche zu ſtehlen keine Zeit war. Ferner entdeckte ich am Sattelbug zwei Reiterpiſtolen; es war jedoch nicht der Mühe werth, die Kugeln auszuziehen. End⸗ lich ſtieß ich auf einen Reitermantel— gutes feines Tuch, wie ſich's anfühlte; es ging jedoch nicht an, ihn geradezu wegzunehmen, denn die Leute pflegen zuweilen nach ihren Maͤnteln zu fragen. Ich konnte mich jedoch nicht enthalten, daran zu fühlen, denn er war ſo ſanft und weich— zehn⸗ mal zarter als das Tuch, das Mylady ihren Leuten gibt; ich fühlte alſo hier und fühlte dort, bis ich etwas wie Papier raſcheln hörte. Da i*ſt eine Taſche, ſagte ich und fand ſie auch bald; als ich ſachte mit der Hand hineinfuhr, erhaſchte ich dieſe Papiere, die ich Euch mitgebracht habe.“ Robert Woodhall nahm ſte und betrachtete das erſte— ein ziemlich verkrumpeltes Dokument auf grobem Papier geſchrieben, anſcheinend eine Rechnung. Er ſchleuderte ſie mit verächtlichem Blicke zu Boden, was der Diener alsbald bemerkte und weiter erklärte: „Das nächſte iſt wichtiger, Sir.“ 3 „Wie! Du haſt ſie alſo unterſucht?“ rief ſein Herr, ſich ſcharf nach ihm umwendend. Aber Mr. Roger ließ ſich nicht ſo leicht einſchüchtern und erwiederte mit äußerſter Kaltblütigkeit: „ Natürlich, Sir, ich hätte ja ſonſt nicht garantiren 169 können, ob nicht etwas Unmoraliſches oder Irreligiöſes darin ſey und unzüchtiges Zeug dürfte ich Euch doch nicht vor Augen bringen.“ Sein Herr brach in ein gemeines Lachen aus und wendete das Papier, das ein offener Brief war, bis er die Adreſſe fand. Er war von zienlich leſerlicher Frauenhand geſchrieben und lautete alſo: „Mr. R. Woodhall. Dieſe Zeilen von—“ hier ſchien die Verfaſſerin unterbrochen worden zu ſeyn n, denn das Schreiben brach kurz ab. Robert Woodhall begann den Brief ohne weitere Um⸗ ſtände zu öffnen; ſein Diener bemerkte jedoch in ruhigem Tone: „Ich weiß nicht, Sir, ob er für Mr. Ralph oder für Euch beſtimmt iſt.— Das iſt die Frage. Im Briefe ſteht nichts, was die Sache aufklärte.“ „Wie, Du hölliſcher Schurke! Du haſt ihn alſo ge⸗ leſen?“ rief ſein Gebieter. „Sicherlich, Sir,“ erwiederte der Burſche—„Wort für Wort.“ „Dann beim Jupiter! will ich—“ rief Robert mit zornigem Blicke; allein er hielt inne, und den Brief aus⸗ einanderſchlagend las er: „Ich bin hier eingeſperrt, theurer Mann. Wenn Du mich nur halb ſo ſehr liebſt, wie Du mir oft geſchworen, ſo komme und befreie mich. Weder mein Vater noch mein 170 Bruder weiß Alles— ſie haben keine Ahnung; aber Du weißt, daß die Wahrheit nicht mehr lange verborgen blei⸗ ben kann. Ich bin bereit, bis ans Ende der Welt mit Dir zu fliehen, wie Du früher von mir verlangteſt; nur komm, komm ſobald wie möglich. Es gibt hier nichts, was uns zurückhält. So komm denn zu Deinem unglücklichen Käthchen Stilling.“ Der Ort, von wo der Brief datirt worden, war ein Städt⸗ chen in Dorſetſhire, und das Datum ſelbſt war drei Tage alt. Robert Woodhall lächelte, während er über die weni⸗ gen Zeilen nachſann. Dann drehte er wieder die Aufſchrift um und ſchien ſie aufmerkſam zu betrachten, indem er vor ſich hinmurmelte: „Mr. R. Woodhall!“ „Ihr ſeht, Sir,“ fiel der Diener ein,„man kann nicht ſagen, ob der Zettel für Euch oder für Euren Vetter Mr. Ralph beſtimmt iſt.“ „Was Teufels meinſt Du denn?“ ſchrie ſein Herr, ſeine Augen aufmerkſam auf ihn heftend. „Ci nun, ganz einfach das, Sir,“ erklärte der Mann: es wäre am Beſten, dieſen Punkt zu entſcheiden; denn wem auch der Fetzen gehören mag, ſo kann er jedenfalls in den Händen des Andern eine verteufelt gute Handhabe wider den Gegner abgeben.“ „Ich glaube, Dich zu verſtehen, Roger,“ ſagte ſein Herr in verſöhnlicherem Tone;„aber Ralph kennt mein hübſches Käthchen nicht einmal dem Namen nach. 171 „Das können wir nicht wiſſen, Sir,“ meinte der Diener; „er war erſt neulich in Coldenham.“ „Nur einen einzigen Tag, und da wurde er von meiner Mutter raſch expedirt,“ erklärte Robert. „Er war mit dem alten Stilling in der Kirche und auch in Stillings Hauſe— das weiß ich ganz ſicher,“ fuhr der Mann fort. „Wirklich?“ rief Robert im Tone großer Ueberraſchung, ſetzte aber nach augenblicklichem Nachdenken bei:„ja, ja, um dieſen jungen Vagabunden zum Diener zu miethen. Ich verſtehe jedoch was Du meinſt und werde es vielleicht be⸗ nützen.“ „Seyd nur ſo gut, Euch zu erinnern, Sir,“ bemerkte Roger,„daß das Billet von ſeinem eigenen Diener herüber⸗ gebracht wurde, nachdem dieſer auf mehrere Tage Gott weiß wohin ausgeſchickt war. Der Buchſtabe R. bedeutet ebenſowohl Ralph wie Robert oder gar Roger, ſoviel ich weiß.“ Sein Herr lachte laut. „Moͤchteſt Du mich wegen Käthchens eiferſüchtig ma⸗ chen?“ rief er.„Nein, nein, Roger, die Sache iſt mir ganz klar. Gaunt Stilling war drüben, um ſie zu be⸗ ſuchen, während ſein Herr mit dem Herzoge abweſend war. Er hat ſie beim Schreiben dieſes Briefes überraſcht und ihn gewaltſam weggenommen. Siehſt Du nicht, wie die Adreſſe abgebrochen iſt? Vielleicht wünſchte er das Ding gegen mich zu benützen, wenn er Gelegenheit hiezu fände; denn meine gnädige Mutter bedrohte mich höchlich, wenn ich 172 fortführe, dieſe Leute zu„verfolgen“— wie ſie es nannte. Zum Glück fiel der Brief in gute Hände.“ „Meint Ihr nicht, Sir, dieſe Hände verdienten einige Aufbeſſerung?“ fragte der Mann grinſend.. „Allerdings, allerdings,“ erklärte Robert.„Ich bin nur gerade merkwürdig arm; doch da iſt eine Guinee für Dich. Du ſollſt bald mehr haben, wenn Du fortfährſt mir gut zu dienen. Jetzt geh' und ſuche meinen Vetter Hal herauszulocken; ich muß ſohald wie möoglich mit ihm reden. Dieſer Brief kann mir vielleicht in einer Hinſicht ſehr nützen; aber ich habe noch andere Dinge vor, welche flinke Aufmerk⸗ ſamkeit verlangen.“ 2 Der Mann zog ſich mit tiefer Verbeugung zurück, ohne ſich für das empfangene Geſchenk zu bedanken, und ſobald er die Thüre hinter ſich hatte, ſah man ihn das Geldſtück mit verächtlicher Miene in die Höhe werfen, indem er vor ſich hinmurmelte: „Eine Guinee!“ Dreizehntes Kapitel. „Nun, Robert, wie lautet Dein wichtiges Geſchäft?“ fragte Henry Woodhall, mit einem Blicke haſtiger Ungeduld in ſeines Vetters Zimmer tretend.„Spute Dich nur, denn ich mochte gerne zu dem Balle zurückkehren.“ „Der Ball wird vorübergehen, ehe wir zu Ende ſind, 173 Henry,“ erwiederte ſein Vetter in ernſtem Pathos.„Ich habe Dir allerhand wichtige Dinge mitzutheilen.“ „Doch nicht im Predigertone?“ fragte Henry Woodhall lachend.„Geh, Bob, lege Deine feierliche Miene ab und laß hören, was Du haſt.“ Mit dieſen Worten warf er ſich in einen Stuhl und ſein Vetter fuhr fort: „Einiges von dem, was ich zu ſagen habe, berührt mich ſelbſt, Anderes Dich und mich, wieder Anderes Dich allein.“ „Erſtens, zweitens, drittens!“ lachte der luſtige junge Mann.„Was ſoll denn das Alles bedeuten?“ Wie kommt es, daß mein tollköpfiger, liederlicher, zügelloſer Vetter Robert ſich plötzlich in einen Pfarrer verwandelt hat? Wo ſind denn Deine„zum Teufel“ und„zum Henker“? Wo bleibt Dein koſtbares Fluchen und Deine atlasgeſtickte Gottesläſterung? Wahrhaftig, Robert, Du mußt verliebt ſeyn! Oder haſt Du Arznei eingenommen, haſt Du Kolik oder Herzweh? Einhornpulver ſoll ein kapitales Mittelchen ſeyn, um das Gehirn melancholiſcher Leute zu purgiren; auch ſollen einige Gran Mumienſaft in Ziegenmolken ge⸗ nommen die Leber von ihrer ſchwarzen Galle ſäubern. Laß dieſe Hausmittel Deiner Beachtung anempfohlen ſeyn.“ „Das Lachen iſt ganz gut, Hal,“ erwiederte Robert, „aber dieſe Geſchichte iſt nicht zum Lachen, beim—“ „Aha, da kommt ein Fluch,“ ſpottete ſein Vetter;„der Patient iſt in der Beſſerung. Wohlan, wenn wir nicht lachen ſollen, worüber ſollen wir denn heulen!“ „Darüber, daß wir von einem ärmlichen Cambridger 174 Studenten zum Narren gehalten wurden,“ erklärte ſein Vetter in bitterem Tone;„daß wir verrathen, verkauft und betrogen wurden; daß Deines Vaters wie meiner Mutter Pläne über den Haufen geworfen ſind; daß Du die Hand einer reichen und ſchönen Erbin verlierſt, und ich das Herz meines künftigen Weibes einbüße.“ „Meiner Treu, meiner Treu!“ rief Henry Woodhall— „das iſt eine ernſthafte Sache. Doch laß uns das Nähere hören. Inprimis was das Herz Deines künftigen Weibes betrifft— worunter Du vermuthlich das Herz oder das muskuloͤſe Nadelkiſſen meiner Schweſter Margarethe ver⸗ ſtehſt: da laß mich vor Allem bemerken, Bob, ehe Du weiter gehſt, daß Margarethe noch nicht ſo ganz ſicher Dein künfti⸗ ges Weib iſt. Du weißt, Robert, zwiſchen Becher und Lippe iſt noch gar mancher Schlupfwinkel, und dieſe Sache iſt noch nicht ganz im Reinen.“ 4 „Zwiſchen Deinem Vater und meiner Mutter vollkom⸗ men bereinigt,“ bemerkte Robert Woodhall:„und ebenſo inſofern es mich betrifft; was Margarethen anlangt, da mag es freilich anders ſtehen, denn ich bin überzeugt, daß dieſer niedrige jämmerliche Burſche Ralph mit ihrer Neigung ge⸗ ſpielt und ſie für ſich gewonnen hat.“ „Schlimm für Dich!“ verſetzte ſein Vetter;„und ein Grund weiter zu meiner Behauptung, daß dieſe Sache zwi⸗ ſchen Dir und Margarethen noch nicht bereinigt iſt. Ich ſage Dir offen, Robert: ich werde in Alles was ſie angeht, mein Wörtchen drein reden, und Du ſollſt ihre Hand nicht erhalten, wenn Du Dich nicht bis dahin ihrer würdiger ge⸗ zeigt haſt.“ „Wie willſt Du's verhindern?“ fragte Robert Wood⸗ hall in ſcharfem faſt trotzigem Tone. „ Indem ich Dir nöthigen Falls den Degen durch die Leber renne,“ gab Henry Woodhall zur Antwort.„Ich ſage Dir, Robert, ſowie Ihr Beide jetzt eben ſteht— Du mit Deinen Laſtern und Ralph mit ſeiner Armuth— ſo mochte ich lieber ihn wie Dich als Margarethens Gatten ſehen.“ Robert Woodhall heftete ſeine Augen auf ſeines Vetters Antlitz, und betrachtete ihn eine Weile ſchweigend, während ein finſteres boshaftes Lächeln allmälig auf ſeine Lippen trat. „Du liebſt vermuthlich die Heuchler, Henry?“ ſagte er endlich. „Nein, ich haſſe ſie,“ erwiederte der Andere heftig. „Du kannſt mir keine Heuchelei ſchuldgeben,“ erwie⸗ derte ſein Vetter.„Alles was ich thue, ſey es ſchlimm oder gut, liegt offen vor den Augen der Welt. Ich bin wenigſtens keck und freimüthig. Biſt Du aber ſo gewiß, ob dieſer junge Burſche, dem Du Dein Vertrauen ſchenkſt, in Cambridge nicht ebenſogut Heuchelei wie Latein und Griechiſch gelernt hat? Biſt Du gewiß, daß ſein Herz nicht habgierig wie das eines Geldausleihers iſt, daß ſein Benehmen nicht ebenſo ſchlecht und verderbt wie bei einer Straßendirne geworden iſt, daß ſeine Heuchelei nicht ebenſo groß wie die eines nicht fluchenden Predigers ſeyn kann?“ „Pah, pah!“ rief Henry Woodhall;„ich kenne ihn „ 176 ſeit meiner Kindheit. Wir ſind zuſammen Knaben geweſen und nebeneinander Männer geworden. Wir waren wie Brüder, und ſeine Gedanken ſind mir eben ſo gut wie ihm ſelber bekannt.“ Noch immer ſchwebte daſſelbe finſtere Lächeln auf Robert Woodhall's Lippen; er hatte etwas Triumphirendes an ſich, während er ſo zuhörte, eine Art kalten Selbſtver⸗ trauens, welche noch ehe er ſprach den Gedanken ausdrückte, daß er die Mittel beſitze, um alle Gegenbeweiſe in einem Augenblicke umzuſtoßen. „Wohlan,“ ſagte er,„laß uns Mr. Ralph's wirkliches Benehmen etwas näher betrachten und ſehen, ob es wirklich ſo iſt, daß Du es ganz billigen könnteſt. Man hat oft gar ſonderbare Anſichten in ſolchen Dingen. Deine eigenen ſind ziemlich merkwürdig, und Du wirſt vielleicht das Alles bewundern. Zuerſt alſo hat er Deines Vaters Gaſtfreund⸗ ſchaft und Güte benützt, um Margarethen die Cour zu machen und ihr Herz zu gewinnen; dann—“ „Halt, halt,“ ſiel ſein Vetter ein,„davon haben wir keinen andern Beweis, als Deine eigene Eiferſucht. Wenn irgend etwas zwiſchen ihnen beſteht, ſo iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß ſie wechſelſeitig in ihrer Liebe heran⸗ gewachſen ſind und daß dann ein unbewachtes Wort oder ein zufälliger Umſtand das Geheimniß ihrer Bruſt einander verrathen hat. Ich kann ihn nicht tadeln, Robert: Mar⸗ garethe iſt ein kleiner Engel, und jeder Mann könnte ſich in ſie verlieben. Aber ich wiederhole: wir haben hievon keinen Beweis, als Deine Eiferſucht.“ 177 „Meine Eiferſucht!“ wiederholte Robert mit einem Hohne, den er nicht unterdrücken konnte, obwohl er ſeiner eigenen Sache ſchadete.„Ich kenne keine Eiferſucht, guter Vetter— ich bin hiezu nicht in der Lage. Aber auch wenn dem ſo wäre, ſo iſt dies eine Sache, die ſich leicht ent⸗ ſcheiden läßt. Du darfſt nur Margarethen befragen und recht in ſie dringen, dann werden ihre Blicke oder ihre Worte Dich bald auf die Wahrheit führen. Für jetzt laß uns übrigens annehmen, es ſey dem ſo. Auch ich würde ihn nicht tadeln, wenn ächte Liebe zu Grunde läge, denn wenn ich auch nur wenig von der heroiſchen Leidenſchaft verſtehe, ſo habe ich doch gehört, daß ſie die Leute zuweilen wahn⸗ ſinnig macht. Wenn aber keine wahre Liebe von ſeiner Seite herrſchte, wenn er nur durch habſüchtige Beweg⸗ gründe getrieben wurde, wenn er jeden Augenblick bereit war, ſie aufzuopfern, ſobald er ein größeres Vermögen als das ihrige in Ausſicht hatte, wenn er, kaum daß er dieſe junge Baroneſſe Danvers geſehen— jeden Gedanken an Margarethen abſchüttelte und ſeine Vertrautheit mit der neuen Geliebten offen zur Schau trug, um das arme Mädchen alsbald von ſeiner Verrätherei zu überzeugen; wenn er Lady Danvers nur um ſo emſiger verfolgte, weil die Welt ausſprengte, Du würdeſt ihre Hand gewinnen— würdeſt Du das an Deinem großmüthigen trefflichen Vetter Ralph etwa auch redlich, freundlich und ehrenhaft finden?“ „Nein, nein,“ rief Henry Woodhall;„ich fände es niedrig, gemein, erbärmlich und augenblickliche Züchtigung verdienend. Die Geſchichte mit Hortenſia Danvers iſt mir James. Das Schickſal. 12 178 völlig gleichgültig. Mag er ſie gewinnen und ſie lang⸗ weilen, wenn er will— ich habe nie an ſie gedacht; das Heirathen iſt mir überhaupt nie eingefallen und wird es auch nicht eher, bis ich meinen Schnurrbart ergrauen ſehe, oder die Gicht in's rechte Bein bekomme; dann iſt die Zeit für Ehen und warme Schlafröcke. Aber mit Margarethen ſoll er nicht ſpielen, und wenn er es thut, ſo ſoll er es ver⸗ antworten. Ueber dieſen Punkt werde ich das theure Mäd⸗ chen ſelbſt ausfragen; ich werde es ihr im Augenblicke an⸗ merken, denn ich verſtehe recht gut in ihren Blicken zu leſen. Heute Nacht kann es jedoch nicht mehr geſchehen, denn ſie iſt ſchon zur Ruhe gegangen.— Haſt Du mir ſonſt noch was zu ſagen? „Nichts was ich für ſehr wichtig hielte,“ gab Robert zur Antwort.„Doch könnte ich noch zweierlei anführen. Erſtens, daß er mich gröblich beleidigte, als ich Deiner Schweſter nach ihrer Ohnmacht beizuſpringen ſuchte.“ „Das iſt Deine eigene Affaire,“ ſagte Henry Woodhall; „Du kannſt ihm Deine Ausforderung ſchicken, und das iſt bald abgemacht.“ „Du irrſt Dich,“ erwiederte Robert etwas düſter. „Der Herzog von Norfolk hat mir alles Weitere verboten und mir zu verſtehen gegeben, er werde ſein Auge fortwäh⸗ rend auf mich heften.“ „Hm,“ äußerte Henry Woodhall mit einem leiſen An⸗ ſtriche der Verachtung, denn offen geſagt— er hielt ſeines Vetters Muth nicht hoch in Ehren.„Was iſt Nummer Zwei?“ 4 — 179 „„In meinen Augen ein bloſes Nichts,“ erwiederte Ro⸗ bert, durch ſeines Vetters Ton nicht wenig piquirt,„und ohne Zweifel wirſt auch Du nicht viel daraus machen, denn Ihr heiligen Männer überfließt ja von Nachſicht gegen kleine Sünden ſolcher Art, beſonders wenn ſie von Euch ſelbſt oder Euren nahen Verwandten begangen werden. Die Sache iſt blos die, daß er, während er Margarethen die Cour machte und ihr ohne Zweifel ſein ganzes Herz gelobte, ſich mit einem Landmädchen in der Nachbarſchaft auf andere Weiſe amüſirte. Nein, blicke nicht ſo verächtlich und un⸗ gläubig: hievon habe ich den Beweis in Händen. Noch mehr: ſeit er hier iſt, hat er ſeinen eigenen Diener hinüber⸗ geſchickt, da die junge Dame ſich in ſchwierigen Umſtänden zu befinden ſcheint, um nach ihr zu ſehen und ihm Nach⸗ richten über ihren Zuſtand zu bringen.“ „Ei, er hat ja gar keinen Diener,“ bemerkte Henry Woodhall;„er zog ohne ſolchen fort, wie ich auf dem Maier⸗ hofe erfuhr, denn ich hatte im Sinn, ihm meinen eigenen Burſchen Brown anzubieten, damit er hier eine beſſere Figur machen moöͤchte.“ „Ganz richtig,“ verſetzte ſein Vetter lachend;„er hielt die Sache ſehr geheim; denn er wollte ſeinen Vater von dem politiſchen Arrangement nichts wiſſen laſſen.— O er iſt der offenſte und aufrichtigſte der Menſchen! Der Weg, wie er es zu Stande brachte, war dieſer: für die Schande der Schweſter lohnte er dadurch, daß er den Bruder in ſeine hohen und mächtigen Dienſte nahm— andere Potentaten und hochgebietende Herren haben es ebenſo gemacht. Um 1 12*. 7 180 aber die Sache zu verhehlen, mußte der Burſche unterwegs zu ihm ſtoßen, und jetzt gebraucht er ihn als Zwiſchenträger zwiſchen ſeiner Schweſter und ſich ſelber.“ „Und kannſt Du denn Alles beweiſen?“ fragte Henry Woodhall in ernſtem Tone. „Wort für Wort, Schritt vor Schritt,“ erklärte Ro⸗ bert;„ich lege jedoch kein Gewicht auf die Sache.“ „Ich aber,“ verſetzte Henry ſtreng.„Ich muß die Beweiſe hören.“ 3 „Gut,“ rief Robert, indem er ſich erhob, und zur ge⸗ öffneten Thüre hinausrief:„Roger, ſieh, ob Du einen Die⸗ ner des Herzogs von Norfolk auftreiben kannſt— wer er auch ſeyn mag; heiße ihn auf einen Augenblick hieher kommen.“ Dann ſchloß er die Thüre und ſetzte ſich ſchweigſam in ſeinen Stuhl, innerlich erfreut über die wechſelnden aber alleſammt peinlichen Regungen, die ihre Spuren gleich Wolkenſchatten über das Antlitz ſeines edleren Vetters jag⸗ ten. Es lag etwas in der Seelenqual, die er über ihn ver⸗ hängt hatte, was ihm wohlgefiel, denn Henry hatte ihn oft erbittert, und jetzt hatte er ſeine Nache.— Endlich ging die Zimmerthüre auf, und einer von des Herzogs Dienern wurde mit einem Blicke der Ueberraſchung und Neugierde hereingeführt. „Die Herren haben mich rufen laſſen,“ ſagte er; „womit kann ich Euch dienen?“ „Ich wünſche blos ein paar Fragen an Euch zu rich⸗ ten,“ verſetzte Robert Woodhall.„Sagt mir doch, ob mein * 181 guter Vetter Mr. Ralph Woodhall hier einen Diener bei ſich hat.“ „Ich glaube, er iſt in Geſchäften ſeines Herrn ab⸗ weſend, Sir,“ antwortete der Mann. Robert Woodhall, lächelte und fuhr dann fort: „Hatte er einen bei ſich, als er hier anlangte?“ „O ja, Sir,“ erzählte der Diener—„einen Mann der ſich Jack Tuckett nennt. Er iſt aber, glaub ich, ſeit einer Voche abweſend, wenigſtens habe ich ihn nicht am Geſinde⸗ tiſche geſehen.“ „Wir ſind ſchon fertig— ich nk' Euch,“ ſagte Ro⸗ bert Woodhall. Der Mann entfernte ſich, und Robert rief nun ſeinen eigenen Diener Roger. „Hier, Roger,“ redete er ihn an,„unterſuche dieſen Brief genau. Du gabſt zu, ihn geleſen zu haben; jetzt ſieh, ob er in jeder Hinſicht der nämliche iſt, den Du mir etwa vor einer Stunde gegeben.“ Der Mann nahm den Brief, öffnete ihn bedächtig, las ihn ganz d durch, und händigte ihn dann wieder ſeinem Herrn ein, mit den Worten: „Es iſt derſelbe.“. Robert warf ihn ſeinem Vetter hin, der ihn haſtig las, und dann ſcharf zu dem Diener ſich umwendend fragte: „Wie kamt Ihr zu dieſem Briefe? Wer hat ihn Euch gegeben?“ „Sage die Wahrheit, ich befehle es Dir, Roger!“ rief 182 ſein Herr—„die einfache, ehrliche, ungeſchminkte Wahr⸗ heit.“ „Natürlich, Sir,“ verſetzte der Mann und fuhr gegen Henry gewendet fort:„Niemand hat ihn mir gegeben; ich habe ihn aufgeleſen.“ „Das iſt eine Lüge, Roger,“ rief ſein Gebieter.„Ich beſtehe darauf, daß Du die Wahrheit ſagſt, wie Du ſie mir erzählteſt— wenigſtens was dieſen Brief betrifft. Ich will nicht, daß Du Andere compromittirſt, und was Du auch ſagen magſt, um Dich ſelbſt zu compromittiren— es ſoll vergeſſen und vergeben ſeyn.“ „Sehr wohl, Sir. Den Handel gehe ich ein,“ erklärte Roger mit der kühlſten Unverſchämtheit von der Welt. „Wenn ich alſo die Wahrheit ſagen muß— ich war heute Nacht im Stalle, als ich Mr. Nalph's Diener ankommen ſah. Ich hätte gerne gewußt, wo er denn ſo lange aus geweſen, und da er gerade eine Laterne holte, ſo dachte ich, ich könnte wohl ein Bischen nachſehen, ob ſich nicht etwas Beſonderes an ſeinem Sattel fände. Dort war jedoch nichts zu entdecken; dagegen fand ich in der Taſche ſeines Reiter⸗ mantels, den er dem Thiere über die Schulter geworfen, die alte Rechnung, die ich Euch zeigte, und dieſen Brief, den ich ſorgfältig durchlas, und dann heraufbrachte. Ich hoffe jedoch, Sir, Ihr werdet ihn Mr. Ralph zurchicken, denn ich fürchte, es könnte ſonſt Händel deshalb geben. „Dafür wollen wir ſchon ſorgen,“ verſetzte ſein Herr. „Haſt Du noch etwas zu fragen, Henry?“ „Nein,“ erwiederte dieſer.„Roger iſt ein verdammter —.—— 183 Schurke. Wie wollt Ihr aber die Bruderſchaft heraus⸗ bringen? Dieſes Billet iſt unterzeichnet:„Käthchen Stil⸗ ling;“ der andere Mann ſagte, Ralphs Diener heiße Jack Tuckett'.“ „Ein bloſer Reiſename, Sir— ein bloſer Reiſename,“ fiel Roger ein, ſich keck in das Geſpräch miſchend.„Ich kenne den Mann ganz gut, und habe ſeine hübſche Schweſter Käthchen mehr als einmal geſehen. Er mag ſich am Ge⸗ ſindetiſche Jack Tuckett nennen, wenn's ihm beliebt; ſein wahrer Name iſt aber Gaunt Stilling, und ſo werdet Ihr ihn in des Kämmerers Buche eingeſchrieben finden, denn ich habe es ſelbſt geſehen. Ein paar Jahre lang diente er als Soldat in dem Tanger⸗Regimente, und dort hat er ſich wahrſcheinlich Jack Tuckett genannt, da jenes ehrbare Korps es nicht immer liebte, die eigenen Namen zu gebrauchen.“ „Packt Euch fort!“ rief Henry heftig, und Roger ver⸗ ließ das Zimmer. „Jetzt iſt nur noch zweierlei, was ich herausbringen muß,“ ſagte Henry Woodhall, ſich mit mächtiger Anſtren⸗ gung zuſammennehmend, was ſeinem Weſen eine herbe Strenge verlieh.„Erſtlich, ob Mr. Ralph Woodhall mit der Neigung meiner Schweſter geſpielt hat; zweitens, ob der Name Gaunt Stilling hier in des Kämmerers Büchern zu finden iſt, wie Dein Diener behauptet.“ 7 Robert nickte mit dem Kopfe, ohne zu ſprechen, und der Andere fuhr fort: „Das Alles muß morgen geſchehen, denn für heute iſt es zu ſpät. Sobald ich im Reinen bin, wollen wir weiter 184 davon reden, Nobert; denn wenn Ralph dieß Alles gethan hat, ſo muß er belehrt werden, daß er nicht ohne Lohn aus⸗ geht. Wenn ich Dir Unrecht gethan habe, mein guter Vetter, ſo thut es mir herzlich leid; es kann wohl ſeyn, denn wenn wir finden, daß wir uns in einem Menſchen bitter getäuſcht haben, ſo dürfen wir wohl auch vermuthen, daß es bei einem Andern derſelbe Fall geweſen ſeyn mag. Lebe wohl für heute.“ 3 „Gute Nacht!“ erwiederte Robert, der nichts weiter beifügen mochte, um den Eindruck, den er gemacht hatte, nicht zu vermindern; und ſo trennten ſie ſich. Vierzehntes Kapitel. Früh am andern Morgen ging ein junger Gentleman im Garten des Herzogs von Norfolk auf der Terraſſe ſeines Palaſtes zu Norwich auf und nieder. Seine Augen waren meiſt zu Boden geheftet; nur wenn er ſich umdrehte, hob er ſie jedesmal auf einen Augenblick nach einem Fenſter im zweiten Stocke des Gebäudes. Sein Spaziergang währte eine volle halbe Stunde ununterbrochen fort. Gäſte und Diener waren ſehr lange auf geweſen, und außer jenem jungen Gentleman der, nebenbei bemerkt, die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen hatte, war Niemand geneigt, ſich ſo früh aus den Federn zu machen. Die Fenſter des Hauſes waren durch große graue Läden, welche ſich nach außen öffneten, noch immer gegen das Eindringen der Morgenſonne geſchützt. 185⁵ Endlich erſchien ein einziges Hausmädchen vor einer der Thüren, welche auf die Terraſſe hinausgingen, eine Staub⸗ maſſe untermiſcht mit Blumen und Glaskorallen und ande⸗ rem Flitter hinausfegend, ohne ſich im Geringſten darum zu kümmern, ob nicht etwa Diamanten, Nubinen und andere Koſtbarkeiten darunter ſeyn möchten. Kurz hernach ging das Fenſter auf, nach welchem die Blicke des jungen Gentlemans ſo oft zurückgekehrt waren, und die Läden wurden zurückgeſchlagen, wobei Kopf und Schultern eines Mädchens zum Vorſchein kamen. Der junge Gentleman blieb alsbald ſtehen, und rief hinauf: „Vernon, ſage Margarethen, ich wünſche ſie zu ſprechen, ſobald ſie mich vor ſich laſſen kann.“ „Sehr wohl, Sir,“ verſetzte das Mädchen, den Kopf zurückziehend. Henry Woodhall ging noch zwei bis dreimal auf der Terraſſe auf und nieder; dann aber haſtig an der Magd mit dem Beſen vorbeieilend, ſtieg er die Treppe aufwärts, und lopfte an ſeiner Schweſter Thüre. Das Mädchen ließ ihn ein, und wollte eben ihr Geſchäft auf dem Toilettetiſche Margarethens fortſetzen, welche, die ſchönen Haare in reichen Maſſen über die Schultern fließen laſſend, in der Nähe des Fenſters vor einem Tiſche ſahe, als Henry in ungeſtümem Tone ſich nach der Zofe umwendete. „Verlaß uns, Vernon,“ ſagte er.„Ich wünſche mit meiner Schweſter allein zu reden; Du ſollſt in wenigen Mi⸗ nuten zurückkehren. Bei dem ſcharfen Tone ihres Bruders fuhr Margarethe 186 zuſammen, keine kleine Unruhe empfindend, die durch die auffallende Veränderung, welche ſie auf ſeinem ſonſt fried⸗ fertigen und gutmüthigen Geſichte bemerkte, nur noch ver⸗ mehrt wurde. Sobald jedoch die Zofe ſich entfernt und die Thüre ge⸗ ſchloſſen hatte, ſänftigte ſich Henry's ganzes Weſen. Mar⸗ garethe war jedoch immer noch unruhig, und ihre Arme um ſeinen Nacken ſchlingend, ſagte ſie: „Was gibt's denn, Henry? Du erſchreckſt mich.“ Henry legte einen Arm um ihre Hüfte, führte ſie ſanft nach ihrem Stuhle zurück, und ſetzte ſich neben ſie. Dann abermals die Schweſter näher an ſein Herz ziehend, begann er in dem freundlichſten zärtlichſten Tone: „Theuerſte Margarethe, ich komme, um Dich zu tröſten und zu beruhigen. Wir beide ſind die einzigen Kinder des Hauſes, Margarethe. Ich habe Dich immer lieber gehabt denn Alles auf der Welt, habe nie einen Wunſch oder eine Hoffnung gehegt, die Deinem Glücke fremd waren. Laß uns Vertrauen zu einander haben, liebſte Margarethe, und Du wirſt immer finden, daß Du in jedem ſchwierigen Mo⸗ mente auf mich als Deine Stütze, Deinen Rathgeber bauen kannſt, und daß ich auf Dein Glück bedacht bin, ohne irgend auf Geiz, Ehrſucht oder Vorurtheil, welche bei Anderen Gewicht haben mögen— Rückſicht zu nehmen.“ 3 Margarethe barg ihr Antlitz an ſeiner Schulter; aber er konnte wohl ſehen, wie Wange, Schläfe und das ſchöne zartgeſchnittene Ohr in der Röthe des Sonnenunkergangs erglühten. 187 „Du brauchſt es mir nicht zu ſagen, Margarethe,“ fuhr Henry fort.„Ich weiß und ſehe, wie es mit Dir und Nalph ſteht. Sage mir nur, theures Mädchen— erkläre mir nur, wie dieß zu Stande kam. Hat er ſich eifrig um Dich beworben? Hat er Dich gelehrt, die Sache bis auf dieſen Augenblick vor mir und meinem Vater zu verhehlen? Hat er Dich angewieſen, Dein Gefühl vor denen, die Dich am liebſten haben, verborgen zu halten? Hat er meines Vaters Güte benützt, um ohne Wiſſen des Bruders und gegen Papa's Willen Dein Herz zu gewinnen?“ „O Himmel! nein, nein!“ rief Margarethe, ihr Haupt erhebend und dem Bruder in's Geſicht ſchauend; und dann mit warmen ungeſtümen Worten, die ich nicht wiederholen kann, da ſie ganz wirr und unzuſammenhängend aber ſehr natürlich waren— erzählte ſie ihm die ganze Geſchichte ihrer Liebe, zeigte ihm, wie ſie und Ralph von früheſten Jahren— faſt von ihrer Kindheit her anhänglich an ein⸗ ander geweſen; wie kleine Aufmerkſamkeiten, einige wichtige Dienſte, häufiger Verkehr und gegenſeitiger Austauſch der Gedanken, das frühere Verhältniß in geſchwiſterliche Zu⸗ neigung verwandelt, und dieſe zu reifer Liebe erwärmt hatten. Sie erzählte, wie durch bloſen Zufall ihre gegen⸗ ſeitigen Gefühle einander bekannt geworden, wie ſie gezittert und ſich gefürchtet hatten, und endlich übereingekommen waren, ſich zu trennen, da jede Hoffnung vergeblich wäre; wie Ralph in Folge dieſes Entſchluſſes eine ganze Vakanz in ſeinem Collegium geblieben, und wie ſie endlich glaubten, ihre Liebe vergeſſen und ſich ruhig begegnen zu können, wie 188 ſie aber bei dieſem Begegnen fanden, daß Leidenſchaft ſtärker als Vernunft, und daß es vergeblich war, zu hoffen, die Erinnerung an die erſte wahre Liebe ließe ſich jemals ver⸗ wiſchen. Nun habe Ralph beſchloſſen, in die weite Welt zu gehen und ſein Glück zu ſuchen, geleitet auf ſeinem Wege durch die Hoffnung, ſie zu gewinnen; er habe ſie dabei nicht einmal durch ein anderes Gelöbniß als jenes feſte Band des Herzens gebunden, das ſie in ihrer Zärtlichkeit für unauflös⸗ bar hielt. Als ſie mit ihrer Erzählung ſo weit war, barg ſie ihr Antlitz abermals an der Bruſt des Bruders, und Thränen ſagten das Uebrige. Henry war ſehr bewegt. „Sein Verbrechen iſt nicht ſo groß,“ ſagte er ge⸗ dankenvoll. „Verbrechen— Verbrechen!“ wiederholte Margarethe; „was meinſt Du, Henry?“ „Ja, Verbrechen,“ gab der Bruder zur Antwort;„denn es iſt Verbrechen, Margarethe, mit einer Liebe wie die Dei⸗ nige zu ſpielen.“ Indem er ſie an ſein Herz drückte, fühlte er ihr Schau⸗ dern bei der Beſtätigung der Beſorgniſſe, die ſie ſchon ſelbſt genährt hatte. Allein Henry fuhr fort, entſchloſſen Alles auf einmal zu ſagen, um ihr die Pein ſpäterer Erklärungen zu erſparen. „Das iſt noch nicht Alles, Margarethe;“ ſagte er; „ich weiß noch mehr als ſein Benehmen gegen Dich und Lady Danvers. Es gibt noch mehr Neigungen, mit denen er ſpielen, noch andere Herzen, die er brechen kann. Marga⸗ 189 rethe, ich bin durch keinen Stolz, kein Familienvorurtheil, keinen Gelddurſt getrieben. Du könnteſt ſeiner Armuth zum Trotze mit einem Manne glücklich ſeyn, der Deiner würdig wäre; aber ich ſage Dir, theure Schweſter, Du darfſt nicht mehr an dieſen Mann denken, denn er verdient Dich nicht.“ „Andere Herzen kann er brechen!“ wiederholte Marga⸗ rethe in leiſem traurigem Tone.„Ich verſtehe Dich nicht, Henry.“ „Da lies dieſen Brief, Margarethe,“ ſagte ihr Bru⸗ der, das Billet, das er von ihrem Vetter empfangen, in ſeiner Schweſter Hände legend. Margarethe betrachtete es, las es in einzelnen Pauſen, und ſagte: „Ich weiß nicht, was das bedeuten ſoll— Käthchen Stilling! wer iſt Käthchen Stilling?“ „Ein unglückliches Landmädchen,“ erwiederte ihr Bru⸗ der;„ſchau nur auf die Rückſeite, Margarethe. Sein eige⸗ ner Diener hat das Papier nach langer Abweſenheit ge⸗ bracht, und durch Zufall fiel es in meine Hände.“ Margaretha drehte das Papier um, und als ihre Blicke auf die Worte der Aufſchrift fielen, ſank ſie langſam in den Stuhl zurück, aus dem ſie ſich ſoeben erhoben hatte; der Brief fiel auf den Boden. Henry glaubte ſie wieder ohnmächtig, und machte An⸗ ſtalt um Hülfe herbeizurufen; aber Margarethens Stimme hielt ihn zurück. „Bleib, Henry, bleib— ich beſchwöre Dich,“ rief ſie. „Sage Niemand ein Wort davon, ſo wahr Du mich lieb haſt. . 190 Laß uns nie davon reden, als wenn wir allein zuſammen ſind. Du ſollſt fortan jeden meiner Gedanken erfahren; nur— nur— bitte meinen Vater dieſen Ort alsbald zu verlaſſen. Sage ihm, ich werde hier krank werden, ich werde ſterben.“ Und mit einem unbezähmbaren Ausbruche der Leiden⸗ ſchaft aufſpringend, ſank ſie neben ihrem Bette auf die Knie, und ihr Antlitz in die Decken begrabend, brach ſie in lautes heftiges Schluchzen aus. 4 Henry betrachtete ſeine Schweſter eine Weile mit tiefem Mitleid im Herzen, und aus dem Zimmer eilend, rief er der Zofe, die er in der Nähe der Thüre antraf. „Geh' zu Deiner Gebieterin, Vernon,“ ſagte er. „Suche ſie zu tröſten und zu beſänftigen; verrathe aber Niemand ein Wort über ihren Zuſtand, denn ich mußte ihr ſehr wehe thun, und es würde ihren Kummer nur verdoppeln, wenn Andere darum wüßten.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich und ging nach dem höher gelegenen Gemache, das ſeinem Vetter Robert ange⸗ wieſen worden war. Letzterer lag noch ſchlafend im Bette; aber Henry weckte ihn alsbald. „Ich habe nachgeforſcht, Robert,“ hub er an, ſobald die Augen ſeines Vetters ganz geöffnet waren,„ich habe nachgeforſcht, und die Geſchichte, die Du mir erzählteſt, iſt nur allzuwahr. Ralph iſt ein Schurke, ein Heuchler, und muß gezüchtigt werden. Steh' auf: Du mußt ihm ein Billet von mir überbringen.“ „O das preſſirt nicht ſo ſehr, Hal,“ bemerkte Robert 191 in ſeinem gewohnten affektirten Tone.„Zum Teufel! Ralph iſt keine wilde Gans, welche alsbald davon fliegt, ſowie man ihr nahe kommt. Glaub' mir, er wird jedenfalls ſo lange verweilen, als die glänzende Baroneſſe hier bleibt.“ „Aber ich muß fort, und zwar noch heute,“ erklärte Henry.„Margarethe darf nicht länger hier bleiben. Geſtern Nacht ſchwankte mein Vater, ob er dieſen Morgen aufbrechen oder noch einen Tag verweilen ſolle: ein Wort von mir wird das Zünglein wenden, und dieſes Wort will ich ſprechen.“ „Dein Plan taugt nichts, Hal,“ verſicherte ſein Vetter. „Wenn Du Deinen Gegner noch heute Morgen niederzu⸗ werfen verſuchſt, wird Dein Bemühen vereitelt werden— darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Alles im Hauſe iſt auf und voller Geſchäftigkeit. Der Herzog von Norfolk beob⸗ achtet uns Alle, und wir werden nicht auf ſolange als nöthig wäre, um Norwich zu verlaſſen, unbeobachtet entſchlüpfen können.— Nein, nein, Du mußt vorſichtiger zu Werke gehen.“ „Aber Margarethe hat mich ernſtlich erſucht, ſogleich mit ihr aufzubrechen,“ verſetzte Henry;„ſie ſagt, ſie werde ſterben, wenn ſie noch länger bleiben müſſe, und bei meinem Leben! ich glaube, ſte ſagt die Wahrheit.“ „Wohlan, laß ſte nur fortziehen,“ erwiederte Robert; „laß ſi ſe mit Deinem Vater aufbrechen, uns aber zurick⸗ bleiben— oder noch beſſer— laß uns allzumal Hesiuhe Das wird den Verdacht einſchlaͤfern.“ „Es ſollen keine vierundzwanzig Stunden verzshet⸗ 192 ehe ich von Ralph Woodhall Satisfaktion erhalten,“ be⸗ theuerte Henry leidenſchaftlich. „Das iſt auch gar nicht nöthig,“ meinte ſein Vetter; „hör mich nur an. Du ſchickſt ihm Deine Ausforderung heute Morgen ehe Du aufbrichſt; als gewiß darfſt Du an⸗ nehmen, daß dieſer ehrgeizige Jüngling ſeinem guten Vetter ein Rendez⸗vous auf Degenſpitze nicht abſchlagen wird. Nenne ihm die Wildniß als Ort und als Zeit eine ſolche Stunde der Nacht, wo, wie Du aus dem Kalender erſehen kannſt, der Mond aufgegangen iſt. Gieb ihm einen Wink, daß Du, wenn Du auch londonwärts zu ziehen ſcheinſt, für das Vergnügen, ſein Wamms zu durchbohren, gleichwohl zurückkehren werdeſt, und heiße ihn allein auf dem Platze erſcheinen, wie Du gleichfalls thun wolleſt.“ Henry Woodhall beſann ſich eine Zeit lang über dieſen Plan, verſtand ſich aber zugleich dazu, den Andeutungen ſeines Vetters zu folgen; Robert ſprang aus dem Bette und ſchaffte bald Schreibmaterialien herbei, um die Ausforde⸗ rung abzufaſſen. Henry ſetzte ſich an den Tiſch, und ſchrieb den Brief mit ſchöner feſter Handſchrift, indem er ihn, ſobald er zu Ende war, ſeinem Better vorlas. Er lautete alſo: „Sir. „Euer Benehmen, das ich erſt kürzlich zu entdecken den Kummer und das Unglück hatte, und deſſen Ihr Euch ſelbſt bewußt ſeyn müſſet; der Mißbrauch, den Ihr mit meines Vaters argloſer Gaſtfreundſchaft und Güte getrieben; der 193 Schmerz und Kummer den Ihr in meiner Familie verurſacht habt— dies Alles nöthigt mich, Euch nicht allein zu er⸗ klären, daß ich Euch nicht länger als Verwandten betrachten kann, ſondern auch zu verlangen, daß Ihr mir für die ange⸗ thanen Kränkungen augenblickliche Genugthuung gebet. Die Verhältniſſe, in denen ich mich befinde, zwingen mich, die bei ſolchen Gelegenheiten üblichen Höflichkeiten abzukürzen, wo⸗ für ich um Entſchuldigung bitte. Um alles Aufſehen und die Möglichkeit fremder Einmiſchung zu vermeiden, will ich heute zum Schein von Norwich aufbrechen; Ihr werdet mich aber heute Abend um Zehn, wo wir hinreichenden Mondſchein zu unſerem Gange haben werden, unfehlbar in der Wildniß hinter des Herzogs Hauſe in der Nähe des Fiſchteiches treffen. Beiliegend ſende ich Euch die Länge meines Degens, und wenn Ihr ein Mann von Muth ſeyd, wofür ich Euch halte, ſo werdet Ihr Euch an der bezeich⸗ neten Stelle und zwar allein einfinden, wie auch ich thun werde. „Ich habe die Ehre mich zu unterzeichnen als Eureu gehorſamſten und ergebenſten Diener Henry Woodhall.“ 2 „Laß ſehen, laß ſehen,“ ſagte Robert, und das Billet ſeinem Vetter aus der Hand nehmend, las er es ſehr auf⸗ merkſam durch, indem er jedes Wort ſorgfältig abwog. Einiges hätte er gerne ausgelaſſen gewünſcht; im Ganzen war es jedoch beſſer, als er erwartet hatte, d. h. für ſeins James. Das Schickſal, 13 194 Zwecke paſſender, und nach längerem Nachdenken beſchloß er, das Schreiben unverändert abgehen zu laſſen. „Mr. Nalph wird ſich einbilden,“ ſo reflektirte er bei ſich ſelbſt,„das ganze Gewicht ſeiner Beleidigung beſtehe darin, daß er meiner hübſchen Margarethe gegen den Willen und die Wünſche von Vater und Bruder die Cour gemacht habe. Das läßt ſich wohl kaum wegdemonſtriren. Ohne Zweifel wird er aber ſein Verhalten um jeden Preis aufs Beſte auszulegen verſuchen; er wird ſich nicht gerne mit dem Bruder duelliren. Denn was auch daraus entſpringen mag — für ihn wird es jedenfalls ſchlimm ausfallen. Ich muß alle Erklärungen zu verhindern und Beide mit den Schwer⸗ tern an einander zu bringen ſuchen; dann mögen ſie thun, was ſie wollen— ſie thun Alles zu meinem Vortheil.“ Dieſe letzte Erwägung leitete ſeine Gedanken auf eine Weile nach einer anderen Richtung. Ein wichtiger Gegen⸗ ſtand fiel ihm ein; aber er reſervirte ihn künftiger Erwägung und kehrte mit ſeinen Gedanken zur Gegenwart zurück. Er ſah, daß er jeden Verkehr zwiſchen den beiden Vettern ver⸗ hindern müſſe, denn jede Erklärung— wenn ſie auch nicht geradezu zur Aufdeckung ſeiner Schurkerei führte— mußte doch auf alle Fälle ſeinen Plan verzögern und ſeinen Cha⸗ rakter verdächtig machen. Dieſe Abſicht auszuführen war ſehr leicht. Henry's Abweſenheit bis zur Stunde des Zuſammentreffens war Alles, was er auf der einen Seite bedurfte, und das war bereits im Reinen. Die einzige Möglichkeit, der ganzen Sache eine andere Wendung zu geben, war die, daß Ralph — 6 17 195 unmittelbar nach Empfang der Ausforderung ſeiner offenen freimüthigen Natur gemäß dem Lord Woodhall und ſeiner Familie folgen, alle Anklagen kühn beſeitigen und ſein ganzes Benehmen aufklären werde; dieß zu verhindern, mußten(wie er dachte) einige Mittel erſonnen werden; aber er beſchloß auch dieſes ſpäterer Erwägung zu überlaſſen, und dadurch, daß er von Henry den Auftrag zur Ueberliefe⸗ rung ſeines Briefes übernahm, die Ausführung bis nach Lord Woodhalls Abreiſe zu verſchieben. „Durch wen ſoll ich es überſchicken?“ fragte ſein Vetter, ſeine Träumereien etwas ungeduldig unterbrechend. „O ich will's natürlich übernehmen,“ erwiederte Ro⸗ bert.„Ich denke, das Beſte wird ſeyn, Henry, wenn ich noch einen Tag hier bleibe. Dann kann ich Mr. Ralph's Antwort erlangen.“ „Du magſt bleiben oder nicht, wie Du willſt,“ erwie⸗ derte Henry Woodhall;„aber ſeine Antwort will ich haben, noch ehe ich dieſen Ort verlaſſe, wenn es überhaupt einer Antwort bedarf. Ich bezeichne das Rendez⸗vous: jeder Mann von Muth und Ehre wird ſich gedrungen fühlen, ohne fernere Frage dabei zu erſcheinen. Ralph iſt unzwei⸗ felhaft ein Mann von Muth; ich habe ihn ſchon erprobt geſehen und glaube nicht, daß er weiß, was Furcht iſt.“ Robert merkte, daß er einen Fehlſchritt gethan hatte, und beeilte ſich, ihn durch einen andern Kunſtgriff wieder gut zu machen. „Nun denn,“ ſagte er,„laß uns den Vrief durch mei⸗ nen Diener Roger überſenden. Er iſt in allen diplomati⸗ 133 196 ſchen Kniffen erfahren und wird im Augenblicke hier ſeyn. Falte das Schreiben zuſammen und vergiß nicht, es mit Deinem größten Siegel zu ſchließen, während ich meinen Schlafrock anziehe und meinen Diener aufſuche.“ Henry Woodhall ſetzte ſich an den Tiſch, und ſein Vetter verließ das Zimmer. Dicht vor ſeiner Thüre traf er ſeinen Diener Roger mit einer hübſchen nur allzuaufgeputzten Zofe kokettirend. Er beſann ſich keinen Augenblick, ihr ſüßes Geplauder zu unterbrechen und Mr. Roger an das Fenſter am hintern Ende des Ganges zu berufen. „Wer iſt das Mädchen?“ fragte er, ſeine Augen auf die Dienerin heftend, die ſich nach dem Eingang der Treppe zurückzog. „Nur Lady Danvers' Kammerzofe,“ gab Roger mit geziertem Blinzeln zur Antwort;„ſie iſt ein gar liebes Ge⸗ ſchöpf und ungewöhnlich freundlich.“ „So,“ meinte ſein Gebieter.„Nun höͤre mich an.“ Und mit leiſer Stimme begann er dem Manne die Weiſungen zu geben, die er für nöthig hielt. Er wieder⸗ holte ſie zweimal mit großer Genauigkeit, und Roger ver⸗ beugte ſich jedesmal mit der Verſicherung: „ Es ſoll geſchehen, Sir.“ Wie er ſeinen Auftrag erfüllte, will ich jetzt ſogleich erzählen. Robert Woodhall kehrte alsbald auf ſein eigenes Zim⸗ mer zurück, indem er beim Eintreten bemerkte: „ Ich kann den Schlingel nicht finden; aber er wird 197 bald hier ſeyn, denn er kennt meine Stunde und weiß, daß ich keine Nachläſſigkeit dulde.“ Henry Woodhall erhob ſich mit ungeduldigem Blick und ging im Zimmer auf und nieder. Wenige Minuten ſpäter hörte man an der Thüre klopfen und der Diener trat ein. „Du biſt ſpät daran,“ begann ſein Herr in verſtelltem Zorne. „Onein, Sir— auf die Minute; die Schloßuhr ſchlägt ſoeben,“ behauptete Roger. „Nun gleichviel,“ rief Henry.„Tragt dieſen Brief auf Mr. Ralph Woodhalls Zimmer und bringt mir eine Antwort zurück, wenn er eine ſolche zu ſenden für gut findet.“ „Sogleich, Sir,“ ſagte der Mann, das Schreiben mit demüthiger Verbeugung empfangend und das Zimmer mit der argloſeſten Miene von der Welt verlaſſend. Er ſchlug alsbald den Weg nach Ralphs Gemächern ein, hielt aber im Weitergehen folgendes Selbſtgeſpräch: „Eine Guinee! eine Guinee! und noch etwas mehr in Ausſicht! Bei meiner Seele! mein ehrenwerther Herr iſt großmüthig und freigebig mit ſeinem Geld. Da will ich mich doch hängen laſſen, wenn ich ihm dieſen kleinen Plan nicht verderbe, nur um ihm zu beweiſen, daß er ohne mich nichts auszurichten vermag. Ich muß jedoch vorſichtig ſeyn, damit er nicht entdeckt, wer es gethan hat.“ Er ſteckte den Brief in die Taſche und ging gerades⸗ wegs auf Ralphs Thüre zu, wo er anklopfte. 198 Die meiſten Gemächer in dem herzoglichen Palaſt zu Norwich ſtanden mit einem Vorzimmer in Verbindung, was auch hier der Fall war. Die Thüre ward demgemäß ge⸗ öffnet, nicht von Ralph Woodhall ſelber, ſondern von keiner geringeren Perſon als ſeinem Diener Gaunt Stilling, und die Burſche der beiden Vetter ſtanden ſich Auge in Auge gegenüber, ſich eine Zeitlang mit finſterem Ausdruck gleich zwei zänkiſchen Bulldoggen fixirend, welche plötzlich an einer Straßenecke auf einander ſtoßen und vor dem Anfalle erſt überlegen, wer den erſten Biß thun ſoll. „Guten Morgen, Mr. Stilling,“ begann Roger, der zuerſt den Schweif ſenkte, wenn ich mein Gleichniß verfol⸗ gen darf, denn ein Soldat des Tangerregiments mochte wohl als ein höchſt furchtbarer Gegner betrachtet werden.„Laßt uns allen alten Groll vergeſſen. Ich meinerſeits habe an dem Unrecht, das Euch widerfahren, keinen Antheil genom⸗ men und überbringe jetzt eine Botſchaft meines Herrn an den Eurigen, zwar allerdings nicht ſehr gerne, denn— ehr⸗ lich geſtanden— ich gehorche meinem Gebieter nur unwil⸗ lig; aber Ihr wißt— man muß nun einmal ſein Brod verdienen.“ „Wie lautet Eure Botſchaft?“ fragte Gaunt Stilling kurz angebunden und murmelte noch etwas zwiſchen den Zähnen, was der Andere nicht verſtand. „Mein Herr hieß mich ausrichten,“ meldete Roger, „er werde Eurem Gebieter verbunden ſeyn, wenn er ihn heute Morgen auf dieſem ſeinem Zimmer treffen werde, da er ihm um jene Zeit etwas zu ſagen habe.“ — 199 „Gut, ſo ſey es,“ verſetzte Gaunt Stilling und war im Begriff, die Thüre, die er in der Hand hielt, dem An⸗ dern vor der Naſe zu ſchließen. Plötzlich ſchien ihm jedoch ein anderer Gedanke in den Sinn zukommen, und er oͤffnete ſie weiter denn zuvor, indem er ſagte:„Hört einmal, Ro⸗ ger: ich halte Euch nicht für ſo ſchlimm wie die Uebrigen; ich habe Euch nie mit Eurem ſchurkiſchen Herrn in unſerem Hauſe geſehen, und wenn Ihr meinen Rath annehmen wollt, ſo verlaßt ſeinen Dienſt ſo bald wie möglich, ſonſt könnte Euch ein ſchlimmer Unſtern befallen.“ „Findet mir erſt eine andere Stelle, Mr. Stilling,“ er⸗ wiederte Roger;„doch will ich jedenfalls noch mehr mit Euch darüber reden. Wir werden uns wohl bald wieder treffen, und ich kann Euch wohl ſagen, mein jetziger Dienſt gefällt mir durchaus nicht.“ Gaunt Stilling nickte mit dem Kopfe und ſchloß die Thüre. Robert Woodhalls Diener lenkte nunmehr ſeine Schritte nach einer ganz andern Richtung als nach ſeines Herrn Zim⸗ mer, fand Lady Danvers' Kammerzofe auf dem Gange un⸗ ten und flüſterte ihr ein Wörtchen in's Ohr. „Eine Ausforderung!“ rief das Mädchen. „Ja,“ beſtätigte Roger in feierlichem Tone,„wegen einiger Worte, die geſtern Abend im Ballſaale zwiſchen ihnen fielen.“ „Und wann wollen ſie ſich duelliren?“ forſchte das junge Mädchen. 8. „Heute Nachmittag,“ erzählte Roger;„die Stunde 200 habe ich nicht gehört, denn ich plauderte gerade auf dem Gange mit einem allerliebſten jungen Backfiſche, der Euch nicht ganz unbekannt iſt. Die Kleine war ſo grauſam wie die Königin Mary und ließ mich den beſten Theil der Geſchichte überhören. Kann ich Euch in einer Stunde wieder treffen?“ „Ei bewahre,“ lachte das Mädchen mit koketter Miene. „Ich muß jetzt fort,“ erklärte Roger,„werde aber ſehr bald das Haus nach Euch durchſtöbern. Sagt ja Niemand ein Wort von dem, was ich Euch erzählt habe.“ „Bei Leibe! nicht um die Welt möchte ich es weiter erzählen,“ betheuerte die Zofe. Und ſie ging fort, um es ihrer Gebieterin Wort für Wort zu berichten. Mittlerweile kehrte Roger zu ſeines Herrn Zimmer zurück, nachdem er berechnet hatte— er war nämlich ein großer Rechenmeiſter— daß das kleine Zwiſchenſpiel von vorhin genau die Zeit ausfüllen würde, welche das Durch⸗ leſen des Briefes, deſſen Ueberbringer er war— wenn er ihn nämlich abgeliefert hätte— bedurft haben würde. Er trat ohne Umſtände ins Zimmer, und wie er erwartet hatte, lautete die erſte Frage: „Haſt Du den Brief überliefert?“ „Ja, Sir,“ gab Roger zur Antwort, indem er bei ſich ſelbſt hinzuſetzte—„und wieder zurückgebracht.“ „Wie lautete die Antwort?“ fragte Robert Woodhall. „Ganz kurz, Sir,“ meldete Roger;„er ſagte blos: eganz gut, ſo ſey es.“ „Das ſage auch ich,“ rief Henry Woodhall:„ſo ſey A ,A 84 es, Mr. Ralph. Ich wußte, daß er nicht flunkern würde, Robert; nun will ich aber gehen, um meinen Vater nebſt Margarethen ſo bald wie möglich fortzuſchaffen und nach unſerem erſten Halte hieher zu Dir zurückzukehren.“ „Gut!“ äußerte Robert, ſeinen Vetter mit ziemlich übermüthigem Lächeln betrachtend, was dieſer nothwendig bemerken mußte. Seine Gedanken waren jedoch zu ſehr mit andern Dingen beſchäftigt, um der Urſache dieſes Lächelns nachforſchen zu können, und er verließ das Zimmer. Robert blieb in ſeinem Stuhle ſitzen; ſeine Augen waren auf den Tiſch geheftet, und er verharrte einige Augen⸗ blicke ſchweigend und regungslos. Es gibt jedoch Leute, welche, wenn ihre Gedanken ſehr geſchäftig ſind, das Re⸗ ſultat ihres Nachſinnens gerne durch ein äußeres Zei⸗ chen an den Tag legen. So erhob auch Robert Wood⸗ hall ſeine Hände und legte den Daumen der Rechten an⸗ fangs an den erſten, dann an den zweiten Finger der Linken, zwiſchen beiden Momenten inne haltend und dann zu dem dritten und vierten übergehend. „So,“ ſagte er;„ja— ſo.“ In dieſem Augenblicke ſiel ſein Blick auf ſeinen Diener Roger, und er rief ärgerlich: „Was haſt Du hier noch zu faullenzen? Pack' Dich hinaus“ „Ich meinte, Ihr könntet meiner noch bedürfen, Sir,“ erwiederte der Mann;„auch hießt Ihr mich den Brief wieder zurückbringen und Euch überliefern.“ 3 Mit dieſen Worten legte er das Billet vor ſeinen Herrn 1 20² und zog ſich in das Vorzimmer zurück, wo er eine Weile ſtehen blieb, um das„Fingerwerk“— wie er es nannte— zu überlegen. „Das heißt ſo deutlich als man es ausſprechen kann,“ ſagte Roger zu ſich ſelbſt, ſeines Herrn Gebärden nach⸗ ahmend:„Finger eins— Henky tödtet Ralph; Finger zwei— ein läſtiger Nebenbuhler aus dem Wege geſchafft und ich durch das Schwert eines Anderen gerächt. Sehr gut! Finger drei— Ralph tödtet Henry. Finger vier— ein beſſerer Mann als ich ſelbſt aus der Welt gebracht und zwiſchen Mr. Ralph und Miß Margarethen eine ewige Schranke aufgerichtet; Lord Woodhall ohne Erben und ich nach ſeinem Tode Baron Woodhall. Sehr gut in der That! Geſcheidt, Mr. Robert, geſcheidt! Ich hätte nicht gedacht, daß Ihr ſo viel Witz beſäßet. Nur gibt es außer Euch noch andere witzige Leute in der Welt.“ Fünfzehntes Kapitel. Zwei Stunden nach den oben erzählten Ereigniſſen verabſchiedete ſich Lord Woodhalls Familie(d. h. er ſelbſt, ſein Sohn und ſeine Tochter) von dem Herzog von Norfolk und machte ſich in der großen Familienkutſche auf den Weg nach London, gefolgt von einem großen Troſſe berittener Diener, wie es die damalige Mode verlangte. Robert Woodhall blieb unter irgend einer Ausrede zurück, wie es ihm denn nie an einem paſſenden Vorwande fehlte, ſo oft er etwas 203 Beſonderes vorhatte. Er wartete jedoch eine volle Stunde, ehe er ſich ihre Abweſenheit zu Nutze machte, den ganzen Morgen ruhig auf ſeinem Zimmer verweilend und mit großer Selbſtzufriedenheit die möglichen Reſultate der ge⸗ troffenen Anordnungen erwägend. Gegen Mittag rief er ſeinen Diener Roger, gab ihm die Ausforderung und trug ihm auf, ſie Mr. Ralph Wood⸗ hall zu überbringen. Er mochte ſie nicht ſelbſt überliefern, denn er kannte Ralph als ziemlich ungeſtüm, und ein Schwert⸗ ſtreich zwiſchen ihnen Beiden hätte vielleicht gar bald dem ganzen Stande der Dinge ein völlig verändertes Ausſehen gegeben. Er war vorſichtig, ſehr vorſichtig, und indem er ſeinem Diener den Brief einhändigte, ſagte er: „Du brauchſt ihm nicht zu ſagen, daß ich noch hier bin; laß ihn nur auf dem Glauben, als ob ich mit den Uebrigen fort ſey, denn er war nicht um die Wege, als ſie abzogen. Falls er Dich fragt, kannſt Du ihm ſagen, ich werde jedenfalls auf die Nacht zurück ſeyn.“ „Ich verſtehe, Sir, ich verſtehe,“ verſicherte Roger und entfernte ſich mit dem Briefe. Auf ſein Klopfen an Ralph Woodhalls Thüre— dieß⸗ mal trug er den Brief offen in der Hand— wurde er aber⸗ mals von Gaunt Stilling eingelaſſen, der ihn ſehr gnädig empfing und ihn zum Eintritt in das Vorzimmer einlud. „Was habt Ihr da bei Euch?“ fragte Stilling, auf den Brief deutend.. „Eine Epiſtel für Euren Herrn, welche augenblicklich 204 abgegeben werden ſoll, Mr. Stilling,“ erwiederte Roger mit einem gewiſſen bedeutungsvollen Lächeln. „Mr. Ralph Woodhall iſt eben nicht zu Hauſe,“ erklärte der Andere;„er wurde von dem Herzog ausgeſchickt, um Lady Danvers heimzugeleiten.“ „Ich weiß das ſo gut wie Ihr,“ erwiederte Roger: „ich ſah ihn einige Zeit vor unſern Leuten aufbrechen, aber ich gehorche nur empfangenem Befehle, Mr. Stilling. Habt Ihr ihm heute früh die Botſchaft überbracht?“ „Gewiß,“ bejahte Stilling,„mein Gebieter antwortete wie ihm gebührte: wenn Euer Herr ihm etwas zu ſagen habe, ſo möge er nur ſeine Zeit und Bequemlichkeit ab⸗ warten.“ „Stolz,“ bemerkte Roger lachend,„ſtolz, aber ganz in der Ordnung. Ich muß Euch jedoch den Brief übergeben, obwohl ich vermuthe, daß er ihn nicht mehr zeitig erreichen wird.“ „Er wird vor Einbruch der Nacht zurück ſeyn,“ erwie⸗ derte Gaunt Stilling pathetiſch;„das dürft Ihr Euern Herrn verſichern. Sagt mir doch, was will er mit dem Briefe, da Euch doch Alles bekannt ſcheint?“ „Eine Ausforderung, nichts als eine Ausforderung,“ entgegnete Roger mit liſtiger Miene. „Zeit und Ort genannt?“ fragte Stilling ganz ruhig. „Das werdet Ihr wohl auch wiſſen?“ „O ja,“ behauptete Roger.„Ich denke, mein Herr ſollte vor einem ſo treuen Diener wie ich keine Geheimniſſe haben, und wenn er jeweilen vergißt, mir irgend etwas zu er⸗ 20⁵ zählen, ſo weiß ich ſein Ueberſehen nach meinen beſten Kräf⸗ ten gut zu machen. Ihr ſeht, der Brief iſt ganz dazu ge⸗ eignet— haſtig zuſammengefaltet und das Ende ganz offen. Lugt nur einmal hinein. Da werdet Ihr ſehen: Ort— der Fiſchteich am Ausgange der Wildniß; Zeit— Nachts zehn Uhr, wenn der Mond aufgegangen iſt; Länge des Schwertes— achtundzwanzig Zoll.“ „Ralph Woodhall wird es auf einen Zoll mehr oder weniger nicht ankommen,“ bemerkte Gaunt Stilling mit grimmigem Lächeln.„Ihr könnt Eurem Herrn auf meine Verſicherung hin ſagen, daß Mr. Ralph vor Sonnenunter⸗ gang zurückkehren und nicht verfehlen wird, zu der genann⸗ ten Stunde an dem bezeichneten Orte einzutreffen. Iſt Euer Gebieter hier?“ Roger hatte die größtmögliche Luſt zum erſtenmale in ſeinem Leben die Wahrheit zu ſagen; allein der Leſer wird bemerken, daß ſolches in vorliegendem Falle einer Lüge ſo ziemlich gleichgekommen wäre, da es ein Verrath an dem Vertrauen ſeines Herrn war, der ihm ebenſo viel Freude gemacht hätte. Die Furcht, ſeinen Ungehorſam durch irgend einen Zufall entdeckt zu ſehen, überwog jedoch jede weitere Betrachtung, und er erwiederte: „Nein, er iſt fortgegangen, wird aber auf die Nacht mit Mr. Henry zurückkommen.“ „Gut,“ ſagte Gaunt Stilling,„gut! Vergnügten Nachmittag, Mr. Roger.“ 4.— „Wie? was?“ fragte der Andere, durch dieſen Ab⸗ ſchiedswunſch offenbar überraſcht. 206 „ Ich ſagte blos: guten Morgen,“ gab Gaunt Stilling kaltblütig zur Antwort.„Ich wünſche allein zu ſeyn.“ Dieſer handgreifliche Wink genügte, und Roger ver⸗ abſchiedete ſich, um ſeinen Herrn zu unterrichten, daß Mr. Ralph Woodhall unzweifelhaft noch vor Nacht zurückkehren und an dem bezeichneten Punkte ſich ſtellen werde. Robert war wohl zufrieden; Gaunt Stilling aber um ſo weniger. Er ging in tiefen Gedanken mehreremal im Zimmer auf und ab, indem er öfters vor ſich hin⸗ murmelte. 8 „Ein einziger Schwertſtoß— und die Rechnung iſt bereinigt,“ ſagte er.„Gott ſtärke den Arm des guten Jungen! O wenn er nur den Degen ſo oft wie ich ge⸗ braucht hätte! Doch ſcheint er mir ein guter Fechter.“ Dann betrachtete er zu wiederholten Malen den Brief ſehr aufmerkſam, wie wenn er ſtarke Luſt hätte, deſſen In⸗ halt auszuſpioniren, bis er endlich fortfuhr: „Nein, nein— ich erinnere mich, was er unterwegs darüber ſagte. Ich will keine ſchmutzige Handlung be⸗ gehen.“ Nachdem er ſofort noch einige Minuten nachgegrübelt und auf den Ausgang des Ganzen immer begieriger gewor⸗ den, ſchloß er: „Pah, ich will ihn auf ſeinen Tiſch legen; dort wird er ihn finden, wenn er zurückkommt.“ Wir wollen einige Stunden überſpringen, denn lange Deetails paſſen nicht an den Schluß eines Bandes, und wir 207 müſſen uns beeilen, den erſten Akt dieſer„merkwürdigen ereignißreichen Geſchichte“ zu Ende zu bringen. Es war beinahe zehn Uhr Nachts. Zwei Perſonen befanden ſich in Robert Woodhalls Zimmer und ſein Die⸗ ner Roger ſtand außen vor der Thüre. „Nein, nein,“ ſagte Henry Woodhall, deſſen Geſicht etwas bleich und angegriffen ausſah;„ich gehe allein, Robert: ich beſtehe darauf, daß Du nicht mitkommſt oder mir nachfolgſt. Reiche mir das Lichtz ich will dieſen Brief ſiegeln.“ „An wen iſt er?“ fragte ſein Vetter ziemlich haſtig. „An den Herzog von Norfolk,“ erwiederte Henry und fuhr dann in ruhigem gleichmüthigem Tone fort:„der Ausgang eines ſolchen Rendez⸗vous iſt immer unſicher; die Nacht iſt dunkler als ich erwartete, und es iſt möglich, daß ich umkomme. Für dieſen Fall wünſche ich, den Herzog die ganze Geſchichte wiſſen zu laſſen— bleibe ich am Leben, ſo kann ich ſie ſelber erklären.“ „Ich will Sorge tragen, daß der Brief im Falle eines ſo unvorhergeſehenen Unglücks überliefert werde,“ erbot ſich Robert im Tone wohlgeheuchelter Beſorgniß. „Verzeih mir, guter Vetter,“ verſetzte Henry;„mein eigener Diener ſteht unten und ſoll Befehl erhalten, ihn dem Herzog einzuhändigen, wenn ich nicht zurückkehre. Nichts da“— fuhr er fort, als er ſah, daß ſein Vetter remonſtriren wollte;„ich will meinen eigenen Weg gehen und habe keine Zeit zum Disputiren.— Noch acht Mi⸗ nuten,“ ſchloß er, auf die Uhr ſehend, ſiegelte dann 208 den Brief, nahm ſeinen Hut vom Tiſche, überzeugte ſich ob ſein Degen leicht in der Scheide ſtecke, und ſeinem Vet⸗ ter ohne weiteres Wort die Hand ſchüttelnd, ver ließ er das Zimmer. Robert öffnete die Thüre und horchte, und es wäre un⸗ richtig zu behaupten, daß ſein Herz nicht pochte. Sobald er ſeines Vetters Schritt auf der Treppe vernahm, zog er ſeinen Diener in's Zimmer, und mit geſpenſtiger Miene und geſpanntem Blicke flüſterte er ihm ins Ohr: „Folge ihm, Roger, folge ihm von Weitem zu dem Fiſchteich am Ende der Wildniß. Sieh, was paſſirt, und bringe mir unverzüglich Nachricht von dem Ausgang.“ Der Mann ertfernte ſich ohne Erwiederung; aber ein ſonderbares Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen, während er über den Gang ſchritt. Eine Viertelſtunde verſtrich, wäh⸗ rend welcher Zeit Robert mit aſchgrauem Geſicht, die Hände feſt zuſammengepreßt, die Augen auf den Boden geheftet, als ob ſie aus ihren Höhlen hervortreten wollten— ſachte im Zimmer auf und ab ging. Kains Geiſt lebte in ſeinem Herzen: er fühlte— er wußte, daß er in dieſem Augenblicke einen Mord beging. Aber die Feuerqual dieſer That, in der Regel in Wuth beginnend und mit Geviſſensbiſſen eendend, während nur ein kurzer Augenblick zur Handlung dazwiſchen liegt— wurde für ihn durch all dieſe langen, ewig langen Minuten hinausgezogen. Endlich hörte er einen Schritt mit Blitzesſchnelle die Treppe heraufkommen, und im nächſten Augenblicke ſtürzte ſein Diener in's Zimmer. Kein Lächeln lag jetzt auf ſeinem 44 209 Geſichte; es war geiſterbleich und von Schrecken entſtellt, und er ſchnappte nach Athem. „Sprich, ſprich,“ rief ſein Gebieter.„Was iſt vorge⸗ fallen?“ „Er iſt getödtet, Sir,“ erwiederte der Mann. „Wer, wer?“ fragte Robert. „Mr. Henry, glaube ich— nein, ich weiß es gewiß,“ gab Roger zur Antwort.„Die Nacht iſt dunkel; ein dünner Nebel lagert über dem ganzen Grunde neben dem Fluſſe; ich konnte nichts ſehen, bis ich ganz nahe trat, aber ich hörte ihre Schwerter klirren. Als ſie mir vor Augen kamen, gab es nur noch drei Gänge; dann ſiel Mr. Henry und lag ganz ſtill; Mr. Ralph iſt größer— nicht wahr?“ „Ja, ja,“ erwiederte ſein Herr,„Henry iſt von meinem Wuchſe, Ralph aber bedeutend größer.“ „Dann iſt Mr. Henry todt, denn es war der kleinere, welcher fiel,“ berichtete der Maun.„Die Sache muß ſchon bekannt ſeyn, denn viele von des Herzogs Leuten eilten aus dem Hauſe. Horch! ſie bringen ihn hieher.“ „Tragt den Leichnam auf das Zimmer, wo er geſtern Nacht geſchlafen,“ ſagte die Stimme des Kämmerers auf der Treppe.„Ich will gehen und den Herrn Herzog be⸗ nachrichtigen.“ James. Das Schickfal. 14 Zweiter Cheil. Sechszehntes Kapitel. In den weiten, unermeßlichen Tiefen des Gedankens gibt es ſo viele Hülfsquellen, daß man es für gänzlich un⸗ nöthig halten ſollte, wenn ein Autor— mag er auch ſchrei⸗ ben ſoviel er will— ſich jemals wiederholte oder Andere kopirte; und dennoch ſehen wir fortwährend ſogar Männer von bedeutendem Geiſte aus fremden Werken, in großem (faſt moͤcht' ich ſagen ſyſtematiſchem) Maßſtabe, zwar nicht immer dieſelben Worte— wiewohl auch dieß vorkommt— nicht immer dieſelben Gedanken— auch dieſer Diebſtahl iſt nicht ſelten— aber im Allgemeinen wenigſtens die durch Andere angeregten und auf's Innigſte ja unauflöslich mit ihnen verknüpften Ideen entlehnen. Dieſelbe Entſchuldi⸗ gung, welche einſt ein Dieb vorbrachte, welcher beſchuldigt ward, einen Schleier geſtohleu zu haben, und nachher be⸗. wies, daß er nur die Goldfranzen daran genommen— glauben jene Autoren auch gegen die Anklage des Plagiats geltend machen zu können. Ich kenne viele Perſonen, welche viel und gut ſchreiben, ſich aber ſelten mit literariſcher Com⸗ poſition beſchäftigen, ohne eine Maſſe Werke genau deſſelben 211 Inhalts wie das zu entwerfende vor ſich aufgeſchlagen zu haben: das iſt eine gefährliche Gewohnheit und ſollte auf's Gewiſſenhafteſte vermieden werden; beten wir ja doch täglich dagegen, wenn wir ſprechen:„führe uns nicht in Ver⸗ ſuchung.“ Sich ſelbſt zu wiederholen iſt vielleicht kein ſehr großes Verbrechen, denn ich habe noch nie gehört, daß es irgend durch Geſetz oder Verordnung verboten wäre, den Peter zu berauben, um den Paul zu bezahlen, und die große Menge der Verbrecher, welche ſich zu allen Zeiten und unter allen Verhältniſſen in dieſem Sinne vergangen haben, iſt ein Deckmantel, wenn auch keine Entſchuldigung, welche die Gebrechlichkeit menſchlicher Natur beweist und Zeugniß ablegt, daß wir ebenſo gebrechlich wie Andere, aber auch nicht mehr ſind. Die Urſache dieſer Selbſtwiederholung iſt vermuthlich nicht eine Armuth an Ideen, keine Unfruchtbar⸗ keit an Gedanken, kein Mangel an Einbildungskraft oder Erfindungsgabe; es geht uns vielmehr wie den Kindern, welche täglich Waſſer aus einem Strome ſchöpfen: gleich ihnen gewöhnen wir uns daran, unſere Eimer genau an der⸗ ſelben Stelle, in die nämliche, unermeßliche Gedankentiefe zu tauchen, und iſt es dann auch nicht daſſelbe Waſſer, das wir den Tag zuvor geſchöpft haben, ſo iſt es doch an Gehalt und Geſchmack ſehr ähnlich— bald heller, bald trüber, wie es gerade kommen mag. Vorliegende Abhandlung, welche als Einleitung oder Vorrede zum zweiten Bande betrachtet werden mag, hat ihren Urſprung, ihre Quelle und Entſtehung in dem ängſt⸗ 14 ⁶½. 212 lichen ſorgſamen Bemühen, die beiden einſamen Reiter— wovon der Eine auf einem Schimmel— welche(ich weiß ſelbſt nicht wie) in den von mir verfaßten Werken unter drei Fällen gewiß zweimal Zutritt bekommen haben, in dieſem meinem neueſten Romane wo möglich zu vermeiden. Die Zahl dieſer Werke iſt Legion, wie ich dem Leſer kaum zu ſagen brauche; vielleicht ſind ihrer zu viele; aber wenn ich auch ſterben muß, ſo weiß und fühle ich dennoch, daß einige von ihnen leben werden, und ſolange mein Geiſt in dieſem Kör⸗ per wohnt, muß ich nun einmal fortfahren zu ſchreiben. Ehrlich geſtanden, weiß ich kaum, warum ich meiner zwei Reiter, beſonders des Einen auf dem Schimmel (Wouverman hat ja einen ſolchen auf allen ſeinen Gemäl⸗ den) loszuwerden wünſchen ſoll, und ich ſehe nicht ein, warum ich nicht meinen geſchriebenen Gemälden, ebenſogut wie jeder Maler den ſeinigen, meine Unterſchrift, mein Symbol, mein Monogramm beifügen ſoll. Ich bin nicht einmal ſicher, ob andere Autoren nicht ebenſo verfahren, ob Lytton nicht immer oder faſt jedesmal einen philoſophirenden Wüſtling, ob Dickens nicht ein höchſt bezauberndes junges Mädchen mit herzigen kleinen Rocktaſchen, ob Lever nicht einen kühnen Dragoner als Stereotypfigur im Wappen füh⸗ ren. Aber bei meinem Leben! wenn ich es anders verhin⸗ dern kann, ſo wollen wir in dieſem Werke die beiden Reiter und den Schimmel entbehren, wiewohl in ſpäteren Zeiten, wenn mein Name neben Homer und Shakſpeare oder auf eine andere geziemende Stelle geſetzt wird, über die wirkliche Autorſchaft dieſes Buches ernſte und beißende Kämpfe ent⸗ 213 ſtehen können, gerade weil ihm das mir eigene und unter⸗ ſcheidende Merkmal und Charakterzeichen abgeht. Während ich übrigens über Plagiate ſchrieb, bin ich ſelbſt zum Plagiator geworden, und da ich ſelbſt durch dieſen Fehler Manches gelitten habe, ſo will ich wenigſtens nicht ohne ehrliches Bekenntniß darein verfallen. Höre mich, Leigh Hunt, mein trefflicher Freund, Du Seele voll Milde und Güte, voll ehrlicher Wahrheit und heiterer Sanftmuth! Ich bekenne, das ſchützende Bild des Wouvermanſchen Schimmels von Dir geſtohlen zu haben. Du haſt es in einer ſchönen Nacht langen träumeriſchen Geſpräches unvor⸗ ſichtiger Weiſe in meinen Bereich gebracht, als unſere in manchen Dingen weit wie die Pole auseinanderliegenden Ideen plötzlich ohne zu blitzen, nur mit kalten, ruhigen Fun⸗ ken auf einander trafen, wie die weißen Steine, welche Kinder in dunkler Ecke aneinander reiben, einen ſanften phosphorescirenden Schimmer von ſich geben, der nur ihre kleinen Näschen zu erhellen tauglich iſt. Siebenzehntes Kapitel. Unſere Erzählung muß ſich nunmehr um einige wenige Stunden zurückwenden. Ralph Woodhall hatte darauf ge⸗ rechnet, am Tage nach dem Balle Gelegenheit zu ruhiger Beſprechung mit Margarethen zu finden, war aber nicht wenig ängſtlich und verwirrt, als ſein Freund und Gönner, der Herzog von Norfolk, ihn bat, Lady Danvers auf ihrem 214 Heimwege weſtwärts zu begleiten. Er wußte nicht, wie er es abſchlagen ſollte, denn der Herzog theilte ihm mit, daß empfangenen Nachrichten zufolge in jener Gegend Un⸗ ruhen ausgebrochen ſeyn ſollten, und die ſchöne Hortenſia ſtand ſelbſt daneben, reizend wie immer, aber bleich und ſehr erſchüttert, und offenbar tief beunruhigt. Unter ſolchen Umſtänden durfte er nicht einmal ein Zögern blicken laſſen, und an die Dame ſich wendend, ſagte er: „Wenn Ihr nur fünf Minuten auf mich warten wollt, Lady Danvers, ſo werde ich Euch zu Gebot ſtehen; ich möchte nur meiner Couſine, welche jetzt wohl auf ſeyn muß, ein paar Worte ſagen, und“— „O,“ fiel der Herzog ein,„dazu werdet Ihr nach Eurer Rückkehr Zeit genug haben, Mr. Ralph. Lord Woodhall erklärte mir geſtern Nacht ſeine Abſicht, für heute oder den nächſten Tag noch hier zu bleiben. Ich war Eurer als⸗ baldigen Bereitwilligkeit ſo gewiß, daß ich mir die Freiheit nahm, Euer Pferd ſatteln zu laſſen, und es ſteht ſchon mit fünf meiner eigenen Diener vor der Thüre, um den Wagen unſerer ſchönen Freundin nach Hauſe zu geleiten.“ Der Herzog ſagte dieß mit großer Beſtimmtheit, und Ralph ſah deutlich, daß noch etwas unerklärt im Rück⸗ ſtande ſey. „Dann will ich Hut und Handſchuhe holen, und als⸗ bald zu Lady Danvers Begleitung bereit ſeyn,“ erklärte er. „Ich will danach ſchicken,“ verſetzte der Herzog und rief einem Diener mit den Worten:„Minton, holt Mr. Woodhall's Hut und Handſchuhe.“ 215 Nalph lächelte, gab aber keine Antwort, und ſobald der Diener mit dem Verlangten zurückgekehrt war, folgte er dem Herzog, der die Lady mit altgewohnter Höflichkeit an den Wagen führte, beim Hineinheben ihre ſchöne Hand küßte, und ihr zu gleicher Zeit zuflüſterte: „Ihr ſeht, daß ich Eure Weiſungen buchſtäblich befolgt habe. Hütet aber Euren Ruf, theure Lady.“ Hortenſia erröthete bis unter die Schläfe, gab jedoch munter zur Antwort:„Fürchtet nichts, Herr Herzog, ich thue Recht, und trotze der Verläumdung.“ Der Wagen ſetzte ſich in Bewegung, und Ralph Wood⸗ hall folgte ihm, hinter ihm die Diener des Herzogs von Norfolk und die der ſchönen Baroneſſe. Die erſten fünf Meilen der Reiſe hätte die arme Mar⸗ garethe ihn mit wahrem Herzenstroſt und Befriedigung be⸗ obachten dürfen. Gedankenvoll und zerſtreut hielt er ſich zwar in der Nähe des Wagens, ohne ihm aber ein einziges Mal ganz nahe zu kommen. Er behielt den langſamen un⸗ bequemen Schritt, welcher nöthig war, um neben dem ſchwe⸗ ren Fuhrwerke zu bleiben, ohne daſſelbe zu überſchreiten; ſeine Augen waren zu Boden geheftet, und die Stirne etwas gekräuſelt. Er war nicht trübſinnig, denn er hatte von Natur ein heiteres offenes Gemüth, und wenn er ſich auch darüber grämte, Margarethens Geſellſchaft auf ein paar Stunden verloren zu haben, während deren er ſich ohne Ge⸗ fahr für ihn oder ſie ihrer hätte erfreuen können, ſo würde dieß doch nie ſein heiteres Ausſehen bewölkt haben, wenn er die Zeit im Dienſte Anderer opferte. Aber Alles was 1 ſo eben paſſirt war, hatte ein gewiſſes ſonderbares Anſehen, das einen vagen unerfreulichen Verdacht erweckte und ihm bewies, daß man ſich ſeiner zu Zwecken, die man ihm ſorg⸗ fältig verhehlte, als Werkzeug bediente. War es wohl möglich, daß er auf Lord Woodhalls Wunſch weggeſchickt worden? fragte er ſich ſelbſt. Konnte ſeine Liebe zu Margarethe oder Margarethens Liebe zu ihm entdeckt worden ſeyn? Vielleicht war dieß der Fall, und die betheiligten Perſonen mochten dann im Sinne haben, ihn unter irgend einem paſſenden Vorwande von Hauſe wegzu⸗ ſchicken, bis ſie ſelbſt entfernt wäre. Dieſer Gedanke war ihm ſehr bitter; aber er hing nun einmal daran feſt, und jemehr er nachſann, deſto wahrſchein⸗ licher ſchien ihm ſeine Vermuthung. Freilich hatte er aller⸗ hand Einwürfe dagegen. Daß der Herzog von Norfolk ſich herbeigelaſſen haben ſollte, ſich mit einem ſolchen Betruge zu befaſſen, war nichts weniger als wahrſcheinlich, und er konnte ſich nicht einen Augenblick denken, daß Lady Danvers ſich wiſſentlich dazu hergegeben haben könnte. Alle Anſichten, die ſie die Nacht zuvor geäußert hatte— ihr ganzes Be⸗ nehmen— ihr Weſen, ja ſogar ihr Ausſehen ſtanden damit im Widerſpruch; allein ihre Aengſtlichkeit ihn fortzubringen, ihn zu verhindern, daß er vor ſeinem Aufbruche eines ſeiner Verwandten ſprach oder auch nur ſah, die wenigen Worte, welche zwiſchen Hortenſten und dem Herzog geflüſtert wor⸗ den, und die er wohl bemerkt hatte, ohne ſie deutlich zu ho⸗ ren— dieß Alles ſchien auf ein und dieſelbe Folgerung hin⸗ zuzielen, und ſetzte ihn in nicht geringe Verwirrung. Er — 217 erwog Alles in ſeinem Sinne, jeden Beweis von allen Sei⸗ ten betrachtend, bald von ſeiner Richtigkeit überzeugt, und bald wieder daran zweifelnd. So ritt er nachdenklich einige Meilen weiter, als plötz⸗ lich der Klang von Pferdehufen, welche raſch hinter ihm folgten, ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte. Er ſchaute ſich um, aber die Diener des Herzogs von Norfolk ſtanden ihm im Wege, ſo daß er nicht ſehen konnte, wer ſich näherte; gleich darauf war jedoch ſeine Ungewißheit gehoben, denn ſein eigener Diener Gaunt Stilling kam daher geritten. „Was gibt's?“ fragte Ralph, ſobald der Diener dicht neben ihm war.„Iſt etwas Schlimmes vorgefallen?“ „Ich hörte, daß Ihr für den Morgen ausgeritten wäret, Sir,“ erwiederte der Mann reſpektvoll;„und da Ihr Euer Schwert zurückgelaſſen und nur dieſen Degen mitge⸗ nommen, auch Euren Mantel vergeſſen hattet, ſo war ich ſo kühn, Euch damit nachzureiten.“ Ralph löste den baumelnden unnützen Degen von ſei⸗ ner Seite, und gab ihn dem Diener, indem er dafür das mitgebrachte Schwert— für einen Reitersmann eine dien⸗ lichere Waffe— umſchnallte. Dann ließ er Stilling ohne abzuſteigen den zuſammengelegten Mantel hinten an den Sattel anſchnallen, und da er ihn noch immer zögern ſah, ſo fragte er: „Habt Ihr ſonſt noch etwas?“ Gaunt Stilling trat ihm ſo nahe er konnte und ſagte ihm einige Worte in's Ohr. Ralph drehte ſich mit einem Ausdrucke ziemlicher Ueber⸗ 1 218 raſchung um, und fragte ihn noch mehrmal ebenſo leiſe. Stilling beantwortete ſeine Fragen, während des Herzogs Diener nur den ſtummen Vorgang mit anſahen; endlich ſagte Ralph laut: „Ich werde allerdings vor Nacht zurückkehren, wenn nicht unvorhergeſehene Umſtände eintreten, welche ſolches unmöglich machen— auf alle Fälle aber vor Schlafen⸗ gehen.“ Gaunt Stilling nahm mit anmuthiger Verbeugung den Hut ab und ritt in der Richtung gegen Norwich zurück. Nachdem Nalph noch faſt eine halbe Stunde in tiefem, an⸗ ſcheinend nicht ſehr erfreulichem Nachdenken zugebracht hatte, ritt er neben den Wagen und begann mit ſeiner ſchönen Inhaberin ein Geſpräch, das er gerne in leichtem Tone ge⸗ halten hätte. Während des obigen Vorfalles, und indem ſolche Ge⸗ danken und Erwägungen ſeinen Sinn durchkreuzten, war er ſelbſt für Lady Danvers ein Gegenſtand ängſtlichen Inter⸗ eſſes geweſen. Sie ſchrieb ſeine düſtere nachdenkliche Stim⸗ mung und ſeinen Mangel der allergewöhnlichſten Galanterie ganz anderen Empfindungen zu, als ſie wirklich in ſeiner Bruſt ſich regten. „Er hat die Ausforderung empfangen,“ dachte ſie, „und fürchtet jetzt nicht mehr zur rechten Zeit zurückzukehren. — Schau doch hinaus, und ſage mir, was er jetzt thut,“ ſagte ſie zu der Jofe, welche ihr gegenüber ſaß. „Ganz das Näͤmliche wie vorhin, Mylady,“ erwiederte das Mädchen;„er ſchaut auf den Hals ſeines Pferdes herab, 219 wie wenn er die Haare in der Mähne zählen wollte, und düſter genug ſieht er aus.“ „Wir dürfen ihn nicht entwiſchen laſſen, Alice,“ be⸗ merkte ihre Gebieterin;„ich weiß nur nicht recht, wie wir ihn zurückhalten ſollen, bis es zur Umkehr für ihn zu ſpät iſt.“ „Vertraut nur dem Zufalle, Mylady,“ entgegnete die Zofe.„Es iſt ein gar merkwürdiges Buch— dieſes Kapitel vom Zufall, wenn man es nur recht zu leſen verſteht. Ich möchte übrigens behaupten, daß der Herzog ſeine Leute ſchon darauf angewieſen haben wird; ich ſah ihn mit Mr. Wilſon ſprechen, der dort als oberſter Reitknecht mit uns geht. Es ſollte mich nicht wundern, wenn des jungen Gent⸗ lemens Pferd ein Eiſen verlöre oder lahm würde, oder ſonſt einen Unfall bekäme.“ „Darauf mag ich mich nicht verlaſſen, Alice,“ bemerkte Lady Danvers lächelnd.„Der Herzog ſchien in der Sache gleichgültiger als ich erwartete. Er meinte, junge Leute müßten ſich nun einmal raufen; doch wolle er mir zu Ge⸗ fallen dieſer Sache einen Riegel vorſchieben. Ich vertraue ſeinem Wort, ſoweit ſein Können reicht, denn er iſt ein Mann von Ehre; aber ich glaube nicht, daß er ſehr thätig in der Sache ſeyn wird.“ „O doch!“ rief das Mädchen.„Ich ſollte meinen, er würde froh ſeyn, wenn er zwei junge hübſche Gentlemen verhindern könnte, ſich auf ſeinem eigenen Grund und Boden die Hälſe abzuſchneiden. Ich meinestheils haſſe den Anblick dieſer Schwerter, und wenn ich König wäre, ließe ich ſie 220 alleſammt wegnehmen und bis zu Kriegszeiten aufbewahren. Der Herzog freilich kann ſo etwas nicht wollen.“ Hortenſta Danvers ſchüttelte den Kopf. „Wir Mäͤdchen können die Empfindungsweiſe des Man⸗ nes in ſolchen Affairen nicht verſtehen, Alice,“ bemerkte ſie. „Wir haben einen großen Widerwillen gegen Wunden und Verletzungen jeder Art, und Blut vergießen iſt uns ein wahrer Gräuel. Der Mann macht ſich jedoch in ſeiner eigenen Sache nicht viel aus ſolchen Dingen, und es läßt ſich natürlich nicht erwarten, daß er in Sachen Anderer ſich mehr darum bekümmere.“ Um dieſe Zeit war es, daß Ralph neben den Wagen ritt, und das Geſpräch mit der gezwungenen Bemerkung eröffnete: „Die Straßen ſind trotz des ſchönen Wetters ſehr ſchlecht, und ich fürchte, wir werden obendrein Regen bekom⸗ men, denn ſtarker Nebel liegt auf den tieferen Gründen.“ „Ich glaube kaum, daß dieß ein Zeichen von Regen iſt,“ erwiederte Lady Danvers;„aber ich verſtehe mich nicht viel auf Wetterzeichen und Witterungsregeln.“ „Wollte Gott, daß ich's verſtände,“ verſetzte Ralph; „denn es gibt gar manche, die ich nicht begreife.“ „Ich kann mir nicht anmaßen, ſte Euch erklären zu wollen,“ entgegnete Lady Danvers in luſtigem Tone;„wenn Ihr jedoch wünſcht, daß ich die Shbille ſpiele, ſo legt nur Eure Fragen vor, und ich will es verſuchen. Ihr müßt eben das Orakel nehmen, wie es gegeben wird, und Euch erinnern, daß ſolche Antworten immer zwei Lesarten haben. 221 Wäre es aber nicht beſſer, wenn Ihr Euer Pferd einem der Diener gäbet und einen Sitz hier neben mir einnähmet, bis wir einen gefährlichen Punkt erreichen, wo mein Ritter natürlich zu Roſſe ſteigen und mich befreien wird.“ „Von ganzem Herzen,“ erwiederte Ralph;„dann kann ich meine Prophetin mit größerer Leichtigkeit befragen.“ So ſprechend, befahl er dem Kutſcher anzuhalten, ſaß ab, und ſtieg in den Wagen. „Ihr erwähntet vorhin einer Gefahr,“ begann er, ſo⸗ bald der Wagen ſich wieder bewegte.„Sagt mir, theure Lady Danvers: glaubt Ihr wirklich, daß Gefahr vorhan⸗ den iſt?“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte die Lady;„ſowohl ich wie der Herzog dachten ſo, ſonſt wäret Ihr jetzt nicht bei mir.“ „Hattet Ihr denn wirklich eine Nachricht, welche Euch fürchten ließ?“ erkundigte ſich Ralph. „Ganz ſichere und beſtimmte Kunde,“ gab die ſchöne Dame zur Antwort.„Ich bin allerdings ziemlich ängſt⸗ licher Natur und laſſe mich öfter vielleicht ohne Urſache er⸗ ſchrecken; das iſt aber bei Sr. Gnaden von Norfolk nicht der Fall, und er hielt meine Befürchtungen für ſehr gegründet.“ „Darf ich fragen, wo die Gefahr liegt und in was ſie beſteht?“ forſchte Ralph. „Ich weiß kaum, ob ich Euch einen zuſammenhängenden Bericht über die ganze Sache geben kann,“ antwortete Hor⸗ tenſia mit ruhigem Lächeln;„wir hörten nur von viel Zank und Zwietracht, und daß es wahrſcheinlich einen Kampf geben würde.“ 2 222 „In der That!“ rief Ralph mit ſo ganz argloſer Miene, daß Lady Danvers ſchon zu zweifeln begann, ob ſie nicht irre geführt worden ſey, oder ob er nicht den vollende⸗ ten Heuchler ſpiele. „Habt Ihr nicht Urſache zu der Vermuthung gehabt, daß ſolche Dinge ſtattfinden könnten?“ fragte ſie. „Ich?— nicht die geringſte,“ erwiederte er.„Nach der auffallenden Haſt, womit ich zu dieſer erfreulichen Auf⸗ gabe gedrängt wurde, glaubte ich ſchon, der Herzog habe mir nicht allein die Ehre und das Glück Eurer Begleitung übertragen, ſondern mich auch eine Zeit lang aus ſeinem Hauſe fortſchaffen wollen.“ Hortenſia ſchlug ihre ſchönen Augen nach ſeinem Ge⸗ ſichte empor und firirte ihn, während ſie weiter forſchte: „Iſt Euch irgend ein Grund bekannt, den er zu einem ſolchen Verfahren hätte haben können?“ „Ich kann mir keine ſpec elle Urſache denken, habe mich aber abgemüht eine ſolche zu errathen,“ gab Ralph tief er⸗ röthend zur Antwort, und Hortenſta war befriedigt. Mehrere Minuten lang herrſchte Stillſchweigen, bis die Lady in ihrer ruhigen Heiterkeit das Geſpräch wieder aufnahm. „Ich muß Euch für den ungalanteſten jungen Mann halten, der mir noch jemals vor Augen gekommen iſt,“ hub ſie an.„Ich ſage nicht unhöflich, denn Euer Weſen iſt fein und edel, Mr. Ralph Woodhall; aber ich glaube nicht, daß man in Hof, Feld oder Stadt einen zweiten Mann finden wird, der ſich dafür, daß er mit mir auf die Reiſe geſchickt 223 wurde, nach einer beſonderen Urſache umgeſehen hätte, oder der, wenn gleich dazu gezwungen, nicht auf die heiligen Evan⸗ geliſten geſchworen hätte, daß dieß der geſegnetſte Zufall ſey, der ihm noch je zu Theil geworden, ob er es nun dachte oder nicht: verſteht mich recht, Ralph Woodhall,— ob er es nun dachte oder nicht.“ Nalph fühlte wohl, daß er es an Höflichkeit einiger⸗ maßen verſehen hatte, und erwiederte deshalb: „Keiner hätte Euch dieß gerner geſagt, theure Lady, Keiner hätte es an jedem anderen Tage als dem heutigen aufrichtiger empfunden als ich ſelbſt; aber ich hatte gerade heute etwas Wichtiges zu thun, was eben die Aufgabe, die mir ſonſt ein wahres Vergnügen geweſen wäre, zu einer kleinen Verlegenheit machte. Ihr ſeht, ich bin zu aufrichtig, um höflich zu ſeyn, auch wenn ich mir alle Mühe gebe.“ „Ihr ſeyd mir nur um ſo lieber,“ gab Lady Danvers offen zur Antwort.„ZJetzt laßt uns aber von etwas Ande⸗ rem reden. Ich hoffe, Ihr werdet noch zeitig genug zurück⸗ kehren, um Alles was Ihr vorhabt auszuführen, wenn es nämlich recht und billig iſt. Iſt es das nicht, ſo werdet Ihr hoffentlich nicht fortkommen, denn ich werde Euch ganz ge⸗ wiß nicht früher, als mir beliebt, losgeben und Euch nicht etwa deßhalb zurückſchicken, weil Ihr mir dafür trutzt, daß Ihr von Norwich entführt wurdet. Seyd alſo nur während der ganzen Reiſe recht höflich und unterhaltend, in der Hoff⸗ nung, Eure Feſſeln dadurch um ſo früher gelöst zu ſehen.“ Ralph mochte ihre Philoſophie als gut anerkennen, und gab ſich alle Mühe, ſein Gefühl der Enttäuſchung * 224 abzuſchütteln, und ſich für den übrigen Theil des Weges ſo angenehm wie möglich zu machen. Es gelang ihm auch recht gut, obwohl er dieß— ehrlich geſtanden— hauptſächlich dem Beiſtande Hortenſia's verdankte, welche dießmal ihre ganze Unterhaltungsgabe aufbot. So verſtrich ihnen die Zeit auf dem langen eintönigen Wege zwiſchen Norwich und dem weſtlichen Theile der Graf⸗ ſchaft. Die Straße iſt ſogar jetzt nicht ſehr maleriſch, ohne Schönheit und Abwechslung, ausgenommen die Schönheit äußerſt wohlbebauter Felder und die Abwechslung von Och⸗ ſen und Schafen, Jägern und Hunden. Aber damals konnte man kaum ſagen, daß die Kultur begonnen, und es war auch nicht die Jagdſaiſon des Jahres. Die Lady und ihre Be⸗ gleiter hatten alſo wenig Veranlaſſung, die Blicke aus dem Innern des Wagens zu wenden, und wenn Ralph einen lieb⸗ lichen Anblick wünſchte, ſo konnte er ſich keinen ſchöneren denken, als Geſicht und Geſtalt der neben ihm Sitzenden ihn darbot. Der Zauber ihres Blickes und Weſens mußte ihm auffallen, und ihre Unterhaltung, heiter, ſcherzend und frohſinnig wie ſie war, hatte oft gleich den ſchwarzen Adern, welche den klaren, weißen Marmor durchziehen, einen An⸗ ſtrich von Melancholie, der ſie nur um ſo reizender machte; es war wie ein luſtiger Vogel, der ſeine Schwingen eine Weile in den kühlen Strom taucht, nur um wieder erfriſcht und erheitert in die Lüfte aufzuſteigen. Der Wagen war einer jener ſchwerfälligen vergoldeten Rumpelkaſten, die wir uns nicht anders als mit vier Meilen Geſchwindigkeit in der Stunde denken können, und ſo waren —,— 2²⁵ bei ſeiner langſamen Bewegung fünf Stunden verſtrichen, ehe ſie das kleine Städtchen—— erreichten. Ralph war froh, dieſes Ziel der Reiſe vor ſich zu ſehen, denn er glaubte, hier würde er entlaſſen werden; und doch konnte er beim Scheiden von dieſem ſchönen reizenden Weſen ein Gefühl des Bedauerns nicht unterdrücken— ein Ge⸗ fühl, das Margarethen, wenn ſie es in ſeiner wahren Geſtalt hätte ſehen können, weder Schmerz noch Kränkung verur⸗ ſacht hätte.. Es war jetzt zwiſchen zwei und drei Uhr, und in dem Städtchen herrſchte viel Lärm und Heiterkeit; die Straßen wimmelten von Wagen und Marktkarren, welche den Weg verſperrten; viele Landleute ritten auf ihren rohen Pferden, denen die Schwänze aufgebunden waren, damit ſie ſie nicht im Kothe fegten. Nicht ohne Schwierigkeit zog der Wagen durch die Straße, und Ralph ſtieg wieder zu Pferde, um das Säubern des Weges anzuordnen. Sie erreichten endlich den Gaſthof, wo die Roſſe fut⸗ tern und einige Stunden ausruhen ſollten. Ralph hob Lady Danvers aus dem Wagen und wollte ſie eben durch die vor dem Gaſthof verſammelte Menge führen, als er be⸗ merkte, daß die Augen des Pöbels nicht auf den Wagen, der an einem ſo abgelegenen Orte wohl deſſen Aufmerkſam⸗ keit hätte erregen können, ſondern nach einer andern Rich⸗ tung gewendet waren, wie wenn man etwas die Straße herabkommen zu ſehen erwartete. „Ach Mylady, da geht etwas vor!“ rief Alice, die Zofe.„Was kann es nur ſeyn?“ James. Das Schickſal. 15 Hortenſia gab keine Antwort, ſondern verließ Ralph's Arm auf der Vortreppe und ging haſtig nach dem Hauſe, indem ſte dem Mädchen zuflüſterte: „Schicke mir ſogleich des Herzogs oberſten Reitknecht.“ Der Gaſtwirth machte mittlerweile ſeine tiefen Ver⸗ beugungen, und ſeine gute Frau mit mehr als einem Schlüſ⸗ ſelbund und Nadelkiſſen an der Seite knirte faſt bis zur Erde und wollte die ſchöne Lady auf ihr Zimmer führen. „Was gibt's da draußen?“ fragte Lady Danvers;„die Leute ſcheinen ſehr aufgeregt.“. „O es iſt eigentlich nichts,“ erwiederte die Wirthin; „ein Diſſident von Geiſtlichen iſt nur vor dem Magiſtrate verhört worden. Sie führen ihn eben ins Gefängniß, und das Volk will das nicht leiden. Es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn es heute Nacht einen Auflauf gäbe, denn die Whigs haben in unſerer Stadt die Oberhand und er⸗ tragen nur mit Ungeduld, was jetzt bei uns vorgeht.“ Hortenſia drehte ſich um und ſchaute durch den Thor⸗ weg auf die Straße. Sie ſah Nalph auf der Treppe ſte⸗ hen, während die Menge haſtig an ihm vorübereilte. Im nächſten Augenblicke ſah ſie ihn jedoch vorſpringen und hörte ihn ausrufen: „Warum ſchlagt Ihr dieſen Mann, Sir? Ihr über⸗ ſchreitet Euer Amt. Er kann nicht raſcher gehen als er thut.“ Was hierauf geantwortet wurde, hörte ſie nicht; aber die Wirthshaustreppe war faſt augenblicklich mit einer Menge Volks bedeckt, das die weiteren Vorgänge vor ihren Blicken ausſchloß. 227 „Kommt herauf, Mylady, kommt herauf,“ rief der Gaſtwidth.„Sie werden gewiß was Schlimmes anrichten.“ Hortenſia folgte ſo ſchnell der Wirth gehen konnte. Er führte ſie in ein großes ſchönes Zimmer, das auf die Straße zuging, und ſie rannte alsbald an das Fenſter, indem ſie es öffnete und hinausſchaute. Der Wirthshausſchild ſtand ihr im Wege, ſo daß ſie den Punkt, wo Ralph ſtand, nicht genau ſehen konnte; aber ſie hörte zornige Worte und wildes Ge⸗ ſchrei von unten heraufdringen, und gleich darauf begannen Steine zu fliegen und Prügel wurden geſchwungen. Im nächſten Augenblicke hörte man Ralphs Stimme klar und laut den Lärm übertönen. „Haltet Frieden!“ rief er,„haltet Frieden! Laßt die Konſtables ihre Pflicht nach dem Geſetze verrichten; und Ihr, Gerichtsdiener, habt Acht, daß Ihr das Geſetz nicht über⸗ ſchreitet, wie Ihr ſo eben gethan habt, indem Ihr dieſen Herrn ſchluget, obgleich er keinen Widerſtand leiſtete.“ So laut er auch ſprach, ſo war ſein Ton ſo ruhig und ſeine Worte ſo vernünftig, daß Lady Danvers keine Beſorg⸗ niß für ſein Benehmen oder ſeine Sicherheit hegte; ſte warf nur noch einen Blick auf die Menge und ſah ihr Mädchen, das ſich fürchtete bis zu dem Gaſthof durchzudringen, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ſtehen, worauf ſich die Lady in das Zimmer zurückzog, um den Steinen auszuwei⸗ chen, welche dichter als gerade angenehm war zu ſliegen an⸗ fingen. Das laute zornige Sprechen dauerte noch mehrere Mi⸗ nuten fort, und ein Stein flog in das Zimmer, wo Hortenſia 15*⁸ 228 ſaß; aber Niemand kam in ihre Nähe, denn die Aufregung der Scene draußen hatte ſogar die Bewohner des Gaſthofes ergriffen, und es iſt wahrſcheinlich, daß weder ihre eigenen Diener, noch die des Herzogs von Norfolk ſich bis zur Thüre Bahn machen konnten. Endlich ließ ſich ein flinker Schritt auf der Treppe ver⸗ nehmen, und der oberſte Reitknecht, nach dem ſie geſchickt hatte, erſchien mit haſtiger aufgeregter Miene. Er zog beim Ein⸗ treten den Hut ab und ſagte alsbald: „Sie haben ihn vor den Magiſtrat geführt, Mylady; aber Alice ſagte, Ihr habet nach mir gefragt.“ 3 „Wen— wen haben ſie fortgeführt?“ fragte Lady Danvers.„Von wem ſprecht Ihr?“. „Von Mr. Ralph, Mylady,“ meldete der Mann.„Wir hätten ihn mit Gewalt befreit und die Konſtables zu Brei zuſammengeſchlagen; aber er wollte es nicht dulden und be⸗ fahl uns Allen, uns ruhig zu verhalten. Ich will lieber gleich mit den Uebrigen nachrennen und dafür ſorgen, daß ſie ſauber mit ihm verfahren.“ „Ja, ja, thut das,“ rief Hortenſia eifrig, verſank aber alsbald in Gedanken, und als der Mann das Zimmer ver⸗ laſſen wollte, rief ſie ihm nach: .„Halt— Wilſon, Wilſon. Wir können dies vielleicht„ zum Vortheile für uns wenden.“ Der Mann ſchien überraſcht und verwirrt; aber die Dame winkte ihm näher und ſagte: „Ich habe keine Zeit zu Erklärungen, Meiſter Wilſon; aber Ihr müßt thun, was Ihr könnt(ohne Mr. Woodhalls 229 Sicherheit oder Anſehen zu gefährden), um dieſe Sache ſo zu wenden, daß er bis morgen Früh hier zurückgehalten wird. Mit einem Wort: der Herzog von Norfolk ſchickte ihn mit mir hieher, um ihn zu Norwich aus dem Wege zu halten Es hat zwiſchen ihm und einem andern Gentleman im Hauſe Streit gegeben, und Se. Gnaden wünſchten Zeit zu gewinnen, um die Sache vor ſeiner Rückkehr zu ſchlichten.“ „Ich verſtehe, Mylady, ich verſtehe,“ erwiederte der Mann mit pfiffigem Kopfnicken.„Se. Gnaden gaben mir einen kleinen Wink; aber ich dachte nicht daran, von dieſer Sache zu profitiren. Ich will's ſchon einrichten— ich will's ſchon einrichten.“ Und fort ging er in voller Eile, indem er zu ſich ſelber ſagte: „Ich wollte wetten, Mylady macht ſich nichts daraus, einen hübſchen jungen Mann den ganzen Abend neben ſich ſitzen zu haben, obgleich es heißt, ſie habe an vornehme Leute ſchon dutzendweiſe Körbe vertheilt. Ja, ja, aus den Weibern kann man nie klug werden.“ Er holte Ralph ein, der ruhig zwiſchen zwei Konſtables die Straße hinauf ging, welch Letztere ſich in reſpektvoller Entfernung von ihm hielten, da ſie ſeine Stärke bereits empfunden hatten. Dicht hinter ihm kam eine Menge Männer und Knaben, und ſämmtliche Diener des Herzogs von Norfolk, welche mit dem Wagen in die Stadt gekommen, ſowie etliche von Lady Danvers Dienerſchaft ſchloßen den Zug mit einem Haufen von Weibern und Kindern. Wilſon brach ſich Bahn und hielt ſich dicht an Ralph's Seite, bis der Haufen das Gerichtszimmer erreichte(dieſes war eigentlich die Gaſtſtube eines Bierhauſes), wo der Ge⸗ fangene vor die drei Richter geführt wurde, welche geſtiefelt und geſpornt und mit Reitpeitſchen in der Hand eben im Begriffe waren den Ort zu verlaſſen und davon zu reiten. Zwei von ihnen ſchienen die Ausſicht auf weitere Geſchäfte mit großem Verdruſſe zu begrüßen; der Dritte warf ſich mit einem derben Fluche auf ſeinen Stuhl zurück und legte ſeine Reitpeitſche auf den Tiſch. „Was zum Teufel!“ donnerte er;„Ihr ſeht ja aus wie ein Gentleman, Sir. Hol's der Henker, weßhalb haben ſie Euch hierher gebracht?“ „Das können ſie Euch am beſten ſelber ſagen, Sir,“ antwortete Ralph. „Geht Ihr nicht in die Kirche? Nehmt Ihr nicht das Abendmahl? Seyd Ihr ein Diſſident?“ „Ich gehe in die Kirche und nehme das Abendmahl ſo regelmäßig wie die meiſten Menſchen,“ erwiederte Ralph. „Ein Diſſident bin ich auch nicht, da ich von Kindheit an in den Grundſätzen der engliſchen Kirche erzogen wurde.“ „Ei ſo ſoll Euch die Peſt holen,“ fluchte der choleriſche Fettwanſt von Richter, an die Konſtables ſich wendend; „weßhalb habt Ihr dieſen Gentleman hieher gebracht?“ Beide Konſtables brachten nun förmlich ihre Anklage vor und beſchuldigten Ralph der bedenklichen Vergehen des Aufruhrs und des Verſuches zur Befreiung eines Gefangenen. Ralph erzählte dagegen ganz einfach ſeine Geſchichte. Die Konſtables, ſagte er, augenſcheinlich durch die um ſie 23¹1 verſammelte Menſchenmaſſe erzürnt, hatten einen alten ehrwürdig ausſehenden Mann mit nicht zu rechtfertigender Härte behandelt. Einer derſelben hatte ihn ſogar unter dem Vorwande, ihn zum Gehen anzutreiben, mit ſeinem Stocke geſchlagen, obgleich der Mann keinerlei Widerſtand leiſtete. „Das war Doggett, darauf will ich ſchwoͤren,“ be⸗ hauptete der Richter mit einem Blick auf ſeine beiden Colle⸗ gen.„Ich ſagte Euch immer, Doggett würde uns eines Tags in Verlegenheit bringen.“ Doggett war jedoch nicht anweſend, denn er hatte ſo eben ſeinen Gefangenen zu abermaligem Verhöre in’'s Ge⸗ fängniß gebracht, und der Richter, ſich wieder an Ralph Woodhall wendend, fuhr fort: „Wohlan, Sir— wer ſeyd Ihr denn? welches iſt Eure Stellung, Euer Rang und Gewerbe? Was wißt Ihr von dieſem Gefangenen, der nach Eurer Erzählung mißhan⸗ delt wurde?“ „Gar nichts weiß ich von ihm, ausgenommen daß er mißhandelt wurde, und daß ich dem Manne, der ihn ſchlug, ſagte, er überſchreite ſeine Amtspflicht,“ erwiederte Ralph. „Was Namen, Rang, Stellung u. ſ. w. betrifft, ſo heiße ich Ralph Woodhall, bin ein entfernter Verwandter eines Edel⸗ mannes gleichen Namens, ohne Rang, als den eines Magi⸗ ſters der Künſte, ohne andere Stellung, die mich beſonders bezeichnen könnte, als daß ich gegenwärtig ein Gaſt des Herzogs von Norfolk bin und auf ſeinen Wunſch es über⸗ nommen habe, Lady Danvers auf einem Theile ihres Weges gegen Weſten zu geleiten.“ 88 232 Die Magiſtratsherren ſahen alle ſehr beſtürzt aus, denn der Herzog von Norfolk war der große Mann in dieſem Theile des Landes, und große Männer genoßen damals— ob ſie nun gute Menſchen ſeyn mochten oder nicht— einer weit größeren Chrerbietung als heut zu Tage. Die Sache würde wahrſcheinlich mit einem Zurückwei⸗ ſen der Anklage und einem Tadel für die Konſtables geen⸗ digt haben, wenn nicht Mr. Wilſon, ein liſtiges Yorkſhirer Landeskind, aus welcher Grafſchaft in der Regel die meiſten Reitknechte in großen Familien gewählt wurden, dieſen Au⸗ genblick wohlweislich gewählt hätte und mit der Bemerkung vorgetreten wäre: „Was Mr. Woodhall ſagt, iſt ganz wahr, Euer Ehr⸗ würden, und ich könnte es beweiſen, wenn ich Zeit hätte, um meine Zeugen vorzuführen. Ich bin oberſter Reitknecht bei Sr. Gnaden von Norfolk, welcher der intimſte Freund dieſes jungen Gentlemans iſt. Wenn Eure Ehrwürden die Sache ſo lange verſchieben wollten, bis ich die Zuſchauer aufzutreiben vermag, ſo will ich dafür garantiren, daß Mr. Ralph morgen zu jeder beliebigen Zeit vor Euch erſcheinen wird.“ Die Magiſtratsherren machten ſehr kluge Geſichter, während Ralph mit einer ziemlich heftigen Geberde der Un⸗ geduld ausrief: „Ich moͤchte weit lieber, daß die Sache ſogleich ent⸗ ſchieden würde. Ich habe Geſchäfte, welche mich nach Nor⸗ wich zurückrufen.“ „Das iſt eine ſehr ernſte Anklage, Sir,“ bemerkte einer 3. 4 233 der Richter, der ſeither noch nicht geſprochen hatte, ein übel⸗ launiger durch den verurſachten Aufenthalt noch mehr ver⸗ ſtimmter Mann.„Vergeßt nicht, Sir, daß wir, wenn die Anklage des Aufruhrs und des Befreiungsverſuches gegen Euch entſchieden würde, Euch zur Unterſuchung in's Ge⸗ fängniß ſprechen müßten.“ „Auch ich habe Zeugen in Menge, wenn ſie ſo ſehr auf ihre Zeugen pochen,“ erklärte einer der Konſtables;„ſie können beweiſen, daß es wirklich einen Auflauf gab, und daß er die Hand im Spiele hatte. Ich denke, der Umſtand, daß er ein Freund des Herzogs von Norfolk iſt— wird hier nicht den Ausſchlag geben.“ Dieſer Zeitpunkt der Verhandlung war für Ralph Woodhall der allerunerfreulichſte. Die Ausſicht, in's Ge⸗ fängniß wandern zu müſſen, falls er die Sache für jetzt zu beſchleunigen ſuchte, war ihm natürlich noch unerwünſchter als die, den ganzen Tag zurückgehalten zu werden; nichts⸗ deſtoweniger drang er mit kurzen Worten darauf, daß die Zeugen alsbald verſammelt würden, da ſie ohnehin nicht weit entfernt ſeyn könnten und wiederholte, daß der Herzog ſeine Rückkehr in dieſer Nacht erwarte. „Das kann für uns nicht den geringſten Beſtimmungs⸗ grund geben, Sir,“ erklärte der Vorſitzer des Gerichtes mit feierlicher würdevoller Miene;„auch können wir hier nicht den ganzen Abend warten und Zeugen verſammeln. Wir werden das Verhör vielleicht bis morgen Früh verſchieben, und würden in der Zwiſchenzeit gern jede harte Maßregel vermeiden, wenn wir vollkommen ſicher ſeyn dürften, daß Ihr zur beſtimmten Stunde pünktlich hier erſcheinen werdet.“ „Ich will Leib und Seele verpfänden, Euer Ehrwür⸗ den, daß er heute Nacht die Stadtnicht verläßt,“ verſicherte Wilſon;„wenn er es thut, ſo mögt Ihr kommen und mein Roß aus des Herzogs Stallungen nehmen, ſo daß ich mein Pfand und meine Stelle verliere.“ „Wollt Ihr Euer Ehrenwort geben, Sir,“ fragte der Präſident an Ralph ſich wendend,„daß Ihr zur bezeichneten Stunde erſcheinen werdet?“ 1 Ralph ſah keinen andern Ausweg vor ſich und erwiederte: „Ja, wenn eine frühe Stunde angeſetzt wird.“ „Um neun Uhr,“ gab der Richter lachend zur Antwort; „wir ſind Alle früh auf. Ich halte mich alſo an Euer Wort und auch an das Eure, Meiſter— wie iſt Euer Name? Schreiber, ſetzt eine Bürgenkaution für ihn auf; wegen der Summe wollen wir's nicht allzugenau nehmen.“ Die Sache war nicht zu ändern, und es iſt, wie Ralph recht wohl wußte, eine gute Politik im Leben„ſich dem Un⸗ abänderlichen in Geduld zu fügen. Der Schreiber war je⸗ doch entſetzlich langſam— die Leute ſind immer langſam, wenn wir ſie flink haben moͤchten— und bis die Geſchichte zu Ende war und Ralph wieder in's Freie trat, hörte er die Glocke auf dem alten Kirchthurme fünf Uhr ſchlagen. Eine kleine Volksmenge hatte ſich vor der Thüre des Gerichtszimmers verſammelt und begrüßte Ralph mit warm⸗ herzigem Zuruf, als er ſich wieder auf freien Füßen zeigte. Er machte ſich jedoch ſobald wie möglich von dem Pöbel los — 23⁵ und kehrte, gefolgt von der Dienerſchaft des Herzogs von Norfolk und der Lady Danvers, in den Gaſthof zurück. Ein Tag, von dem er einige jener goldenen Augen⸗ blicke erwartet hatte, welche die wahren Schätze des Herzens ſind, war nun beinahe verſtrichen, ohne ihm einen Blick der Geliebten zu gewähren. Achtzehntes Kapitel. Wie oft hat der Verfluß einer einzigen Stunde die ganze Reihenfolge ihrer übrigen Lebensſchweſtern beſtimmt? Ein Moment genügt ſogar zuweilen; häufiger aber iſt es eine Stunde— zwei Stunden— ein Abend, ſo wie unſere Geſellſchaft nun einmal konſtituirt iſt. Ich möchte wiſſen, ob dies bei den Patriarchen auch der Fall war. Ich glaube kaum; denn ſonſt hätten ſie wohl nicht ſo lange gelebt. Wenn Methnſalem in dem Dampf⸗ wagenſchritt, der unſere moderne Zeit charakteriſirt, vorge⸗ gangen wäre, wenn er in einem einzigen Lebenstage dieſelbe Summe von Gedanken, Empfindungen, Handlungen und Ereigniſſen, welche jetzt zwiſchen Siebzehn und Siebzig den Raum von vierundzwanzig Stunden ausfüllen, concentrirt hätte— die ganze Geſchichte der Welt in ihren hunderttau⸗ ſend Foliobänden wäre ein wahres Nichts gegen die Anna⸗ len ſeines einzigen Lebens. Wir irren uns gewaltig, wenn wir glauben, dieſe alten Herren hätten eben ſo raſch wie wir 236 gelebt, und dies— bin ich überzeugt-— war das Geheim⸗ niß ihres hohen Lebensalters. O nein, ſie wanderten mit Haus und Heerden von Ort zu Ort, nicht viel über fünf bis ſechs Meilen des Tages zu⸗ rücklegend, des Morgens ihre Zelte abſchlagend und Abends wieder aufrichtend. Sie melkten ihre Kühe, beſorgten ihr kallerlei Vieh— und das Tagewerk war vollbracht. Zuwei⸗ len wurden die Zelte nicht einmal abgeſchlagen, ſondern man blieb ſo lange auf einem Fleck, bis die Karavane, ähn⸗ lich den Heuſchrecken, jedes grüne Fleckchen aufgezehrt hatte. Ein gelegentlicher Kampf mit einem Löwen oder Bären— ein Streit mit einem benachbarten Heerdenbeſitzer— die Jagd nach Wildpret, ihrem ſchmackhafteſten Gaſtmahl— dies waren die Ereigniſſe, welche der Eintönigkeit ihres Da⸗ ſeyns eine angenehme Abwechslung gaben, und ich hege die ſtarke Vermuthung, daß Empfindung und Nachdenken in eben ſo langſamem Schritte wie alles Uebrige vor ſich gingen. So kam es vermuthlich, daß ihre Gedanken ſo groß, ihre Gefühle ſo mächtig waren. In gewaltigen Maſſen bewegten ſie ſich langſam vorwärts; aber was ſie berührten, das wurde überwältigt. Vir im Gegentheil können nie raſch genug vorwärts kommen, gänzlich vergeſſend, daß jedem Menſchen nur eine gewiſſe Portion Leben beſchieden iſt, und daß letzteres nicht aus bloſer Zeit beſteht und durch Sonnen und Monde be⸗ gränzt wird, ſondern daß eine beſtimmte Summe von Hand⸗ lungen und Ereigniſſen, von Ideen und Empfindungen es v 237 iſt, was eigentlich das Leben ausmacht. Wir erleben in ſieben Tagen mehr als ein Patriarch in ſieben Jahren, und dann wundern wir uns noch, daß das Leben ſo kurz iſt und daß uns ſo wenig Zeit vergönnt wurde! Ein Abend— ein langer Abend— lag vor Ralph Woodhall und Hortenſia Danvers. Was mochten ſie in dieſer Spanne Zeit nicht Alles vollbringen. Wie konnte dieſer Zeitraum unter mancherlei Umſtänden den ganzen Ver⸗ lauf ihres beiderſeitigen Schickſales umgeſtalten! Und er hatte auch wirklich einen beträchtlichen Einfluß darauf— vielleicht nicht in Ereigniſſen ſelbſt, nicht in der Beſtimmung jener äußeren Exiſtenz, welche offen vor den Augen der Welt da liegt und aus Handlungen beſteht, die auf Andere ihren Einfluß äußern; wohl aber in jenem innerlichen Leben, wo Gedanken und Gefühl die Hauptrolle ſpielen, wo Geiſt zum Geiſte redet und ſich nur dem Auge des inneren Bewußtſeyns kundgibt. Doch ich will— und zwar ſo kurz wie möglich— er⸗ zählen, was wirklich an jenem Abend ſtattfand, denn der Gang unſerer Geſchichte drängt zu anderen Gegenſtänden. Ralph wurde bei ſeiner Rückkehr in den Gaſthof von dem Wirthe mit allen Zeichen der tiefſten Ehrerbietung in die für Lady Danvers beſtimmten Gemächer geführt. Er fand einen der Diener des Herzogs von Norfolk nebſt ihrer Zofe und einem Manne ihrer eigenen Dienerſchaft bei ihr und ſah alsbald aus dem leuchtenden Blicke, mit dem ſie ihm ihre Hand reichte, daß ſie Alles gehört und ſein Verfahren gebilligt hatte., Er war nicht wenig überraſchtz über den 238 Zuſtand und das Ausſehen des Zimmers, in das man ihn gewieſen hatte. Es war ausgemacht worden, daß Lady Danvers, ſobald ihre Pferde ſich erholt hätten, noch in die⸗ ſer Nacht aufbrechen ſollte; jetzt aber ſchien Alles für einen längeren Aufenthalt vorbereitet. Hortenſia beſaß die höchſt bezaubernde Kunſt, jedem Orte— und war es auch nur ein vorübergehender Aufent⸗ halt— einen Anſtrich graziöſer Verfeinerung zu geben, was jedesmal mit einer Präciſion und Geſchwindigkeit geſchah, daß man hätte glauben ſollen, der Genius der Ordnung müſſe hier Beiſtand geleiſtet haben. Das Gemach war ein großes altmodiſches dunkles Zimmer, wohl ausgeſtattet und für Perſonen von hohem Range bei deren gelegentli⸗ chen Beſuchen im Gaſthofe vorbehalten. Seit aber Hor⸗ tenſia Danvers daſſelbe betreten hatte, war das Geräthe friſch geordnet, die Zofe hatte viele Artikel des Geſchmacks und der Zierde aus dem Gepäck ihrer Gebieterin herbeige⸗ holt und anſcheinend mit ſorgloſer Sorgfalt auf den Tiſchen ausgebreitet. Da war zu ſehen ein Gebetbuch in ſeinem rothen Sammteinband mit ſilbernen Klappen, ein ſchön aus⸗ geführtes Miniaturbild in goldener Rahme; anderwärts waren Schreibmaterialien auf eigenthümlich im Style des fünfzehnten Jahrhunderts geſchnitzten Ständern ge⸗ ſchmackvoll geordnet, während ſämmtliche Blumen, welche man in der Nachbarſchaft auftreiben konnte, die übrigen Theile des Zimmers ſchmückten. Die Zofe war unter den Augen ihrer Gebieterin eben noch mit ihren Anordnungen 4 ☛ 239 beſchäftigt, als Ralph eintrat und ſich mit verwundertem Blicke im Zimmer umſah. Seine ſchöne junge Gefährtin ſchien ſich an ſeiner Ue⸗ berraſchung zu waiden und rief in heiterem Tone: „Hab' ich das Zimmer nicht luſtig aufgeputzt?“ „In der That, ſchöne Lady,“ beſtätigte er;„iſt aber nicht all dieſe Mühe umſonſt? Ich dachte, Ihr wolltet heute Abend noch aufbrechen.“ „So dachte auch ich,“ erwiederte Lady Danvers,„bis es Mr. Woodhall beliebte, ſich von den Konſtables arretiren zu laſſen. Nun fand ich mich allerdings durch Höflichkeit verbunden, hier zu bleiben, um für Euch zu ſorgen, da Ihr in Eurer Artigkeit ſo weit hergekommen waret, um für mich Sorge zu tragen. Ihr hättet doch wohl nicht gewünſcht, daß ich fortginge und Euch in den Händen der Philiſter zu⸗ rückließe? Ich habe ſo eben erſt erfahren, wie die Sache für jetzt arrangirt worden, und neben dem Wunſche, Euer morgiges Schickſal kennen zu lernen, iſt es jetzt um halb ſechs Uhr zu ſpät, um noch daran zu denken, mein Haupt⸗ quartier für die Nacht zu verändern. Ich lade Euch des⸗ halb ein, Euer Nachteſſen hier einzunehmen und in dieſer langweiligen Einſamkeit ſoviel von Eurer Zeit mit mir zu verbringen, als Ihr zu wichtigeren Beſchäftigungen davon entbehren könnt.“ Dies ſagte ſie in luſtigem ſcherzendem Tone, und als ſie einen gewiſſen Blick des Unbehagens auf Ralph's Ge⸗ ſicht bemerkte, den ſie mit Recht dem Gedanken an den be⸗ vorſtehenden Aufſchub zuſchrieb(obwohl ſie die Umſtände, 240 welche dieſen Aufſchub peinlich machten, gänzlich mißver⸗ ſtand), fuhr ſie fort: „Ueberdies gebiete ich Euch, Euer Antlitz augenblick⸗ lich aufzuheitern, Euch mit guter Miene dem Willen des Schickſals zu unterwerfen, jedes Bedauern bei dem Gedan⸗ ken, einen ganzen Abend mit Hortenſia Danvers eingepfercht zu ſeyn, von Euch zu werfen und Euch wo möglich ausneh⸗ mend liebenswürdig und artiger als gewöhnlich zu zeigen. Alice, Du bleibſt hier,“ befahl ſie ihrer Zofe, welche das Zimmer verlaſſen zu wollen ſchien, indem ſie mit einem lä⸗ chelnden Blicke auf Ralph beifügte:„es wird nichts ſchaden, wenn ſie ſowohl zu ihrer eigenen wie zu Anderer Beleh⸗ rung unſer gelehrtes Geſpräch mitanhört.“ Ralph konnte ſich eines Lächelns nicht erwehren, und ſich auf einem der Fenſterſitze neben ihr niederlaſſend, ent⸗ ſchloß er ſich, ihrem Willen zu gehorchen, nicht weiter an das Unvermeidliche zu denken und die Gegenwart ſo ange⸗ nehm wie möglich zu machen. Die Ausſicht vor ihnen war nicht ſehr romantiſch: eine breite alte Gaſſe, die altmodiſchen Häuſergiebel nach den Straßen gekehrt, hölzerne Gebäude, von Außen mit Galle⸗ rien und zuweilen ſogar mit Treppen umringt und mit Ge⸗ bäuden von Backſteinen und Mauerwerk untermiſcht, denn die Umgegend bot beide Sorten von Baumaterial. Das Marktkreuz ſtand in der Mitte der Heerſtraße da, wo die Gaſſe ſich etwa zwanzig Schritte vor dem Wirthshausthore in eine Art Marktplatz erweiterte; der Kirchthurm, etwa hundert Schritte weiter aufwärts, mit einer Knabengruppe, 241 die vor dem Thore, durch welches die Todten auf den Kirchhof getragen wurden, mit Marbeln ſpielten und ſich ſo heftig über ihr Spiel ereiferten, wie wenn ſie ſchon Men⸗ ſchenblut gekoſtet hätten. Hie und da ſchlenderten noch Volkshaufen auf den Straßen, die Ereigniſſe des Abends altklug beſprechend und die kommenden Dinge noch altkluger prophezeiend, während zahlreiche Karren und Wagen noch immer bepackt oder zur Abfahrt bereit, einen beträchtlichen Theil der Straße einnahmen. Es war wie ein Traum je⸗ nes Zeitalters, welches eben im Abſchluſſe begriffen war, um einer friſcheren, ſtrammeren und praktiſcheren Periode Platz zu machen. Das Ganze war von einer Beleuchtung— ei⸗ nem nebligen Gemiſche von Sonnenſchein und Dünſten— überſtrahlt, wie es ſo oft den engliſchen Abend charakteriſirt, nicht unähnlich dem trüben vergrößernden Nebel, der den Uebergang aus der Gegenwart in die Zukunft dem geſpann⸗ ten Blicke des Zuſchauers verſchleiert. „Seht, wie reich der Sonnenſchein die Straße herab⸗ ſtrömt und jenes alte geſchnitzte Kreuz wie den ſtrohbeſtreu⸗ ten Marktplatz beleuchtet!“ rief Ralph. 3 „Und zwar um ſo heller, weil wir nicht ſehen von wannen er kommt,“ entgegnete Hortenſia,„und für unſer Auge wenigſtens um ſo wärmer, als er eine dichtere Atmo⸗ ſphäre durchdringt, wie die iſt, von welcher er ausgegangen. Wem ſieht er am meiſten ähnlich, Ralph?— der Frauen⸗ liebe oder der Himmelsgüte, oder den Strahlen der Hoff⸗ nung, welche zwiſchen den engen Wohnungen menſchlichen Ehrgeizes hernieder ſtrömen, die Strohhalme auf ibrem Fames. Das Schickſal. 16 242 Wege vergoldend und die Steine auf ihrem Pfade gleich Ju⸗ welen erhellend.“ „Mich dünkt— der Frauenliebe,“ erwiederte Ralph, „weil er unſichtbaren Quellen entſtrömt, die dichtere Luft, die er durchdringt, erheitert, wie Ihr ſagtet, und werth⸗ loſen Gegenſtänden, welche nur in ſeinem Lichte leuchten, gar oft einen Glanz verleiht.“ „Wahr,“ erwiederte die Dame ſeufzend.„Doch ſeht, der Sonnenſtrahl trifft eben das Kreuz auf dem Kirchthurme, daß es wie im Feuer aufleuchtet.“ „Dort wird er am längſten verweilen und noch ſchim⸗ mern, nachdem in der Tiefe ſchon Alles dunkel geworden,“ bemerkte ihr Gefährte. „So iſt es,“ ſagte die Dame, vom Fenſter zurück⸗ tretend.„Ich liebe das ſchattige Licht eines ruhigen Zim⸗ mers mehr, als den weitſtrahlenden Sonnenſchein draußen. Kommt, laßt uns plaudern von andern Tagen, wo wir Beide noch Kinder waren und nichts von einander wußten, wo wir nach Schmetterlingen jagten und den Regenbogen einfangen wollten, wo wir Alles thaten, was das allgemeine Natur⸗ geſetz uns anweist, um alle Menſchenherzen durch die ganze weite Welt zu einer Gemeinſchaft allgemeiner Sympathie in früheren Jahren zu verknüpfen. Sagt mir, Ralph Woodhall, wie kommt es, daß die Menſchheit, in der glück⸗ lichen Jugend ſo ganz eins, bei reiferen Jahren in Gedan⸗ ken und Gefühlen, in Benehmen und Verfahren, in Lebens⸗ ziel und Mitteln ſo weit auseinander ſtrebt?“ „Weil die Kindheit— ſo vermuthe ich wenigſtens— 243 ein gemeinſamer Anfangspunkt iſt, von wo alle Lebens⸗ bahnen auslaufen und weiter und immer weiter auseinander ziehen“— ſo lautete Ralph's Antwort. „Bis ſie uns zu dem großen Abgrunde führen, welcher unſere Rennbahn auf beiden Seiten umringt, während wir unſeren Anlauf von weit entfernten Punkten nehmen. Doch wir laſſen uns von trüber Stimmung bemeiſtern, Mr. Wood⸗ hall,“ fuhr die Lady fort.„Könnt Ihr Euch Eurer Mut⸗ ter erinnern?“ „Nur ſchwach und doch ſehr deutlich, obwohl dies wie ein Widerſpruch ausſieht,“ erwiederte Ralph.„Der Rück⸗ blick durchs Leben kommt mir vor wie die Ausſicht auf dieſe 4 Straße, wo viele lange Schattenſtriche vor mir liegen, in denen ich nichts unterſcheiden kann, während hie und da ein heller Lichtſtrahl durchſchimmert, der mir die Dinge ſo lebhaft wie am hellen Mittage vor Augen führt.“ „Erinnerung— Erinnerung! Sie iſt doch immer dem Sonnenuntergange ähnlich!“ rief die Lady. „Zuweilen,“ fuhr Ralph fort,„ſcheinen gerade die fernſten Gegenſtände das Licht jener Erinnerungsſonne am hellſten aufzufangen, und wo ein tiefer Schattenraum einfällt, da ſind die Gegenſtände jenſeits nur um ſo glänzender. Eine meiner früheſten Erinnerungen iſt die, wie ich in ein großes durch eine beſchattete Lampe düſter erleuchtetes Zimmer ge⸗ bracht wurde und ein bleiches ſchönes Antlitz auf meines Va⸗ ters Arm geſtützt vor mir ſah. Ich weiß noch, wie meine Amme mich neben das Bett trug und mein Vater die ſter⸗ bende Geſtalt meiner Mutter ſanft aufhob, während ſie ihre 16* 244 Arme um mich ſchlang und mit matter Stimme ſagte: Gott ſegne und erhalte Dich, mein Kind! Dann fielen einige Thränen auf mein Geſicht, und ich wurde fortgetragen. Alles, was um jene Scene herumliegt, iſt mir dunkel und undeutlich; aber die Scene ſelbſt ſteht ſo klar vor meinem Gedächtniß, wie die Ereigniſſe von geſtern.“ „Das iſt vielleicht das glücklichſte Scheiden,“ ſagte Lady Danvers, ihre Augen mit der Hand verhüllend.„Es iſt gar zu traurig, das Abnehmen der Lebenskraft zu beob⸗ achten, die entſchwindende Röthe voll Sorge zu betrachten, das mühſame Athmen zu hören, zu ſehen, wie die geliebten Augen ihr Licht verlieren, und voll Entſetzen wahrzunehmen, wie die traurige grauenvolle Veränderung das Antlitz über⸗ ſchleicht, das einſt von Zärtlichkeit erwärmt und belebt war. Aber wer kann es wiſſen? Jedermann hat ſeinen Kummer. Des Lebens Lampe brennt nur, um zu erlöſchen und das Herz, das ſie erhellte, im Dunkel zurückzulaſſen. Was liegt daran, ob ſie plötzlich durch einen raſchen Luftſtoß aus⸗ geblaſen wird, oder ob ſie aus Mangel an Oel langſam ausflackert?— Kommt, laßt uns heiterer ſeyn; laßt uns von der luſtigen großen Welt oder von ländlichen Scenen und glücklicher Häuslichkeit plaudern. Wir werden doch ge⸗ wiß ein heitereres Thema als gerade den Tod oder den Sonnenuntergang finden können.“ „Beide haben ihren Morgen,“ bemerkte Ralph. Er verſuchte fortan nicht ohne Erfolg das Geſpraͤch auf weniger ernſte Gegenſtände zu lenken; aber die düſtere Färbung, die es von Anfang genommen, breitete über das 245 Ganze eine ſanfte ruhige Melancholie, welche für eines der beiden Herzen nicht ohne Gefahr war. Nalph war mit der Welt nur wenig, mit Höfen und höfiſchen Scenen gar nicht bekannt; durch Geburt und Ge⸗ wohnheit, durch Geſinnungs⸗ und Gefühlsweiſe war er ein Gentleman; ſein Collegienleben hatte nicht lange genug ge⸗ dauert, um ihn ſteif zu machen oder zu verhärten, und ſeine Studien waren auf lauter Dinge gerichtet geweſen, welche das Gemüth ebenſo gut verſchönern als bereichern. So klang ſeine Unterhaltung Hortenſia's Ohren ganz neu, ja faſt fremdartig⸗ unähnlich Allem, was ſie zuvor gehört hatte, und doch voll tiefer Anklänge an ſo Manches, was in ihrem eigenen Herzen und Gemüthe lebte; die Stunden verſtrichen in lieblichem Geplander, bis ſich Ralph gegen halb neun Uhr zum Abſchied erhob. „Jetzt,“ dachte ſie,„muß wohl für heute alle Gefahr eines zornigen Zuſammentreffens vorüber ſeyn.“ Und ſo ließ ſie ihn gehen— vielleicht mit allzuſtarkem Bewußtſeyn, daß ſie ihn recht gerne noch länger zurückhalten möchte. Kurz darauf fühlte ſie ſich aber von einem uner⸗ klärlichen Gefühle der Angſt überwältigt.. „Man kann nicht wiſſen,“ dachte ſie,„was dieſe Män⸗ ner in ihrem ungezügelten Muthe Alles thun können, bis ſie ſich in ihrem Ehrenpunkte zufrieden geben.—„Alice,“ rief ſie laut,„geh und ſieh nach Mr. Ralph Woodhall; age ihm, ich habe etwas vergeſſen, was ich ihm gerne ſa⸗ gen moͤchte.“ 246 „Aber mein Gott, Mylady, er iſt gewiß zu Bette ge⸗ gangen,“ erwiederte das Mädchen. „Verſichere Dich deſſen auf alle Fälle,“ befahl Lady Danvers.„Frage einen von des Herzogs Dienern.“ Die Zofe verließ das Zimmer und blieb etwa fünf Minuten aus. Als ſie zurückkehrte, meldete ſie lachend, ohne die Angſt ihrer Gebieterin zu bemerken: „Der junge Gentleman iſt fort, Mylady, wahrſchein⸗ lich um ſich in der Stadt zu amüſtren. Meiſter Wilſon ver⸗ ſichert jedoch, er wolle ihm Eure Botſchaft ausrichten, ſo⸗ bald er zurückkehre.“ 1 Lady Danvers blieb noch über eine Stunde auf; aber Ralph kam nicht zum Vorſchein, worauf ſie ſich endlich mit ſchwerem Herzen zur Ruhe legte. Neunzehntes Kapitel. „Da iſt keine Hoffnung!“ äußerte der Herzog von Nor⸗ folk traurig, während er neben dem Bette ſtand, auf welches Henry Woodhall's Leichnam gelegt worden war, und die kalte Hand des Todten, die er ergriffen hatte, langſam herabgleiten ließ. „Keine Hoffnung— ſo fürchte auch ich, Euer Gnaden,“ erklärte der Chirurg, der auf der andern Seite ſtand.„Ich vermuthe, das Schwert iſt ihm geradeswegs durch's Herz gedrungen.“ „Hat nicht Jemand geſagt, Mr. Robert Woodhall ſey 247 noch im Hauſe?“ erkundigte ſich der Herzog.„Warum iſt er nicht hier? Hat man ihn nicht benachrichtigt?“ „Er weiß es, Euer Gnaden,“ antwortete einer der Diener, welcher den Leichnam herauftragen geholfen;„ſein eigener Kammerdiener hat es ihm mitgetheilt; ich ſah ihn eilig zu ihm hinaufrennen.“ „Hat Jemand Mr. Ralph Woodhall geſehen?“ fragte der Herzog; aber Niemand antwortete, und er ſchickte auf Nalph's Zimmer, um ſich zu überzeugen, ob er zurückge⸗ kehrt ſey. Der Bote kam bald darauf mit der Meldung zurück: „Er iſt nicht da, Euer Gnaden. Sein Diener ſagt⸗ er ſey heute Morgen mit Lady Danvers ausgeritten und noch nicht zurückgekommen.“ Der Herzog wurde nachdenklich und erkundigte ſich dann, ob die Wildniß und deren Nachbarſchaft durchſucht worden ſey, indem er zu gleicher Zeit bemerkte: „Dieſer arme Junge iſt offenbar in einem Duell ge⸗ fallen, denn als er heute Morgen abreiste, verhehlte er ſeine Abſicht dieſer Rückkehr. Gleichwohl ſollten wir ſeinen Gegner kennen lernen, um uns zu überzeugen, ob es auch ehrlich bei dem Kampfe zugegangen.“ „Der Diener des armen jungen Herrn iſt unten, Cuer Gnaden,“ bemerkte des Herzogs Kammerdiener;„ich wollte ihn jedoch nicht herauflaſſen, ehe ich Euren Befehl dazu hatte.“ „Bringt ihn her, bringt ihn ſogleich her,“ gebot der Herzog;„vielleicht daß er einiges Licht auf dieſe traurige Geſchichte zu werfen vermag.“ Der Mann wurde alsbald in das Zimmer geführt— ein großer, derber, rothbackiger, gut ausſehender Burſche. Als ſeine Augen auf die lebloſe Geſtalt ſeines Gebieters fielen, wurde er todtenbleich und näherte ſich dem Bette, ohne ſonſt Jemand im Zimmer zu beachten, während ihm die Thränen gewaltſam in die Augen ſchoſſen. „Ach, ach, armer Junker Henry,“ rief er; neinen beſ⸗ ſeren Gentleman hat's noch nie gegeben. Hab' ich doch nicht gedacht, als Ihr mich den Brief morgen Früh abgeben hießet, daß Ihr heute Nacht ſo etwas vorhättet, ſonſt hätte ich es auf irgend eine Weiſe verhindert. Aber Euer Vater wird Rache nehmen an Dem, der Euch getödtet, und ſollte es ihn ſein Herzblut koſten— ich müßte ihn nicht darauf kennen.“. „Von welchem Briefe ſprecht Ihr da, mein Freund?“ fragte der Herzog.„Iſt es ein Brief dieſes jungen Gentle⸗ man an ſeinen Vater?“ „Nein, Euer Gnaden,“ erwiederte der Mann, ein Schreiben aus der Taſche ziehend, aber offenbar zweifelhaft, ob er es überliefern ſollte.„Ich ſoll es morgen an Euer Gnaden abgeben.“ „Nur her damit,“ befahl der Herzog in gebietendem Tone.„Da iſt keine Zeit zu verlieren.“ Und den Brief zur Hand nehmend, öffnete er ihn und las wie folgt: 249 „Mein Herr Herzog! „Nachdem zwiſchen mir und meinem Vetter Mr. Ralph Woodhall ein Streit ausgebrochen, den wir heute Nacht in der Weiſe, wie es Gentlemen von unſerer Stellung gebührt, zu erledigen gedenken, und da der Ausgang ſolcher Kämpfe immer unſicher iſt— ſo ſchreibe ich Euch dieſe wenigen Zeilen für den Fall, daß die Sache ungünſtig für mich ausfallen ſollte. Obwohl ich glaube, daß er ſich in einigen häuslichen Ange⸗ legenheiten ſchlimm betragen und in meiner Familie jeden⸗ falls großen Kummer und Unruhe verurſacht hat, wofür ich heute Nacht Genugthuung verlangte, ſo halte ich Ralph dennoch für einen Mann von Ehre und erlaube mir, Euch zu bemerken, daß die Ausforderung von mir herrührte und in Ausdrücken abgefaßt war, daß er ihre Annahme nicht verweigern konnte. Ich habe überdies das Zuſammentref⸗ fen bei Mondſchein verlangt, um allen Beobachtern zu ent⸗ gehen, welche, wie ich Urſache zu glauben hatte, ihr Auge auf uns richteten; auch war es mein ausdrücklicher Wunſch, daß das Duell ohne Zeugen oder Sekundanten vor ſich ge⸗ hen ſollte. Ich ſage dies Alles, damit nicht aus obigen Gründen eine unverdiente Beſchuldigung auf meines Vet⸗ ters Charakter falle. Ich kenne ihn ſchon ſeit vielen Jahren und darf wohl verſichern, daß der Kampf zwiſchen uns Bei⸗ den— wie auch ſein Ausgang ſeyn möge— offen und ehrlich ausgefochten worden, und ſo lange ich das Leben habe, bitte ich Euch, Herr Herzog, mir Glauben zu ſchenken. Euer Gnaden ergebenſter und gehorſamſter Diener Henry Woodhall.“ 250 Der Herzog ſann lange über dieſen Brief und wußte nicht recht, was er thun ſollte. Nach dem hitzigen unge⸗ ſtümen Temperament des Lords Woodhall zweifelte er nicht, daß des Dieners Worte in Erfüllung gehen und der alte Edelmann ſich durch nichts in ſeiner Rache aufhalten laſſen werde. „Ich muß Zeit zur Ueberlegung haben,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Dieſer Ralph muß, wie es ſcheint, ſeiner ſchönen Vormünderin entſchlüpft ſeyn. Ich kann ihn nicht tadeln, denn ich hätte in ſeinen Umſtänden wahrſcheinlich ebenſo ge⸗ handelt. Jedenfalls hätte er aber bleiben ſollen, um ſeine That zu vertreten— doch vielleicht auch nicht. Es iſt beſ⸗ ſer ſo wie es iſt: ſeine Gegenwart hätte die Verlegenheit nur vermehrt.“ Indem er unter ſolchen Gedanken die Augen auf die Thüre geheftet hielt, trat Robert Woodhall plötzlich in's Zimmer, und der Herzog, obgleich kein ſehr ſcharfblickender Mann, konnte nicht umhin zu bemerken, daß eine plötzliche Veränderung in des jungen Mannes Züge kam, noch wäh⸗ rend er die Schwelle überſchritt. In dem Augenblicke, da er die Thüre öffnete, war der Ausdruck ſeines Geſichtes nichts weniger als unbefriedigt geweſen, ja man hatte ſogar ein ſchwaches Lächeln auf ſeinen Lippen wahrgenommen, obgleich ſeine Wange allerdings bleich genug war. Gleich darauf ſah man ihn aber einen Anſtrich tiefer Trauer an⸗ nehmen. Er näherte ſich ſeinem edlen Wirthe und ent⸗ ſchuldigte ſich zuerſt in gutgeſetzten Worten, daß er nicht früher gekommen ſey, da er beim Empfange der Nachricht 251 ſchon halb entkleidet geweſen— was, wie der Leſer weiß⸗ gänzlich falſch war. Der Herzog deutete auf den Leichnam und bemerkte ziemlich ſteif: „Das iſt ein trauriger Anblick, Sir! Ich hoffe, Ihr habt Euch nicht dabei betheiligt, dieſen Streit zu befördern; jedenfalls wäre es beſſer geweſen, wenn Ihr Mittel ergriffen hättet, um ſeinen fatalen Ausgang zu verhindern. Durch guten Rath laſſen ſich ſolche Sachen gar oft vermeiden.“ „Ach armer Henry!“ rief Robert mit einem Blicke auf den Todten und einem wohlbegreiflichen Schaudern.„Ich kann Euer Gnaden verſichern, daß ich mit der ganzen Ge⸗ ſchichte nichts zu ſchaffen hatte. Henry hat die Ausforde⸗ rung mit eigener Hand geſchrieben; ich habe ſie meinem Vetter Ralph nicht einmal überbracht, und ein Mann von Ehre, wie Ihr ſelbſt, wird doch gewiß nicht verlangen, daß ich ein im vollſten Vertrauen auf meine Verſchwiegenheit mir anvertrautes Geheimniß verrathen ſollte.“ „Und doch,“ fiel der Herzog in ſtrengem Tone ein,„in demſelben Augenblicke, da Eure beiden nahen Anverwand⸗ ten im Begriffe ſtanden, ihr Blut zu vergießen, konntet Ihr Euch entkleiden, um zu Bette zu gehen?“ Robert erröthete unwillkürlich, entſchuldigte ſich aber durch eine zweite Lüge. „Die Stunde war mir nicht genau bekannt, mein Herr Herzog,“ gab er zur Antwort.„Henry ſchenkte mir nur ein halbes Vertrauen; er wollte nicht einmal einen Brief, 25⁵² den er an Euer Gnaden ſchrieb, meiner Obhut überant⸗ worten; er handelte in Allem nach eigener Eingebung.“ „Daran that er vielleicht Recht,“ erwiederte der Her⸗ zog nicht ohne Bitterkeit, denn in des jungen Mannes We⸗ ſen lag etwas, was ihm nicht geſiel, ja was ſogar ſeinen Argwohn erweckte. 4 „Ich denke, es wird am beſten ſeyn, Mr. Woodhall,“ fuhr er fort,„wenn Ihr morgen ſo früh wie möglich zu Pferde ſteigt, um dem armen Lord Woodhall die Nachricht von dieſer traurigen Affaire zu überbringen.“ „Ich will ſogleich gehen, mein Herr Herzog,“ erbot ſich Robert. „Das iſt unnöthig,“ verſetzte Norfolk in ernſtem me⸗ lancholiſchem Tone;„Ihr würdet nur ſeine Ruhe ſtören. Beraubt nicht einen betagten Mann einer Nacht des Schlum⸗ mers, ſo lange er ſie noch genießen kann; vermehrt nicht unnöthig die vielen bitteren Stunden, die ihm jetzt bevor⸗ ſtehen. Ich will ihm ſelber durch Eure Vermittlung ſchrei⸗ ben; Ihr ſollt den Brief mit anbrechender Morgendämme⸗ rung in Händen haben. Das wird zeitig genug ſeyn.“ „Aber will Euer Gnaden nicht Mittel ergreifen, um die Verhaftung des Mörders zu veranlaſſen?“ fragte Ro⸗ bert Woodhall mit einem Blicke wohlgeheuchelter Ueber⸗ raſchung. „Mörder!“ wiederholte der Herzog.„Meint Ihr damit Euren Vetter, Sir?“ „Er war mein Vetter,“ verſetzte Robert, durch des Herzogs Ton nicht wenig erbittert;„ich werde ihn aber 253 nicht länger als ſolchen betrachten. Einen Menſchen, der einen andern durch ſeine ſchlechte Aufführung auf den Kampf⸗ platz treibt und dann erſchlägt, kann ich nicht anders denn als einen Mörder betrachten, ob er nun mein Vetter iſt oder nicht.“ „Die Hand dieſes Todten,“ ſagte der Herzog auf den Leichnam deutend,„hat bei ſeinen Lebzeiten das Benehmen ſeines Gegners vollkommen gerechtfertigt— wenigſtens ſo weit es das Duell betrifft. Mir ſcheint, Ralph Woodhall handelte blos wie jeder Mann von Ehre gehandelt haben würde, und wer den Namen von Mördern verdient, ſind gerade Diejenigen, welche geringfügige Streitigkeiten zu einem traurigen Ausgange drängen.“ „Euer Gnaden Anſicht über mich ſcheint ſehr hart,“ verſetzte Robert Woodhall in einer Anwandlung von Wuth, die er kaum zurückzudrängen vermochte. „Ich habe nicht vergeſſen,“ bemerkte der Herzog von Norfolk,„daß der erſte Streit geſtern Nacht zwiſchen Euch und Eurem Vetter Ralph ausbrach. Wie Euer Benehmen ſeitdem geweſen, wage ich nicht zu beſtimmen; aber ich weiß gewiß, daß bis zu dem Augenblicke, da Henry Woodhall die Abendtafel verließ, er und ſein Vetter auf dem freundlichſten Fuße zuſammen ſtanden, und es iſt mir nichts davon be⸗ kannt, daß ſie ſich ſpäter vor dieſem letzten traurigen Rendez⸗ vous noch einmal trafen.“ Mit dieſen Worten drehte er ſich um und verließ das Zimmer, indem er im Weitergehen ſeinen Dienern noch ei⸗ nige nöthige Weiſungen ertheilte. 254 Die Augen düſter zu Boden geheftet, blieb Robert Woodhall am Fuße des Bettes ſtehen. Mehrere von den Dienern waren noch im Zimmer; aber ſie alle zogen ſich mit einer Anwandlung von Unwillen und Mißtrauen von dem jungen Manne zurück, wofür ſie wohl nur ſchwer eine Urſache anzugeben vermochten, obwohl des Herzogs Worte ohne Zweifel ihren Gedanken dieſe Richtung gaben. Es gibt Inſtinkte in der Menſchenbruſt, und dieſe Inſtinkte mochten wohl bei der Empfindungsweiſe der Männer, welche Robert Woodhall umringten, ihren Antheil haben. Er verweilte wie geſagt noch immer, die Augen düſter auf den Boden— nicht auf den Leichnam— geheftet. Die Stimme des Chirurgen, der noch neben dem Bette ſtand, weckte ihn aus ſeiner Träumerei, als dieſer ſagte: „Mr. Woodhall, wollt Ihr auf einen Augenblick hier⸗ her kommen?“ Robert näherte ſich langſam, worauf der alte Mann in eigenthümlichem Tone fortfuhr: „Wollt Ihr Eure Hand auf die Bruſt Gures armen Vetters legen?“ „Nein,“ donnerte Robert Woodhall faſt wüthend, und auf der Ferſe ſich umdrehend verließ er das Zimmer. Etwa zwei Stunden nach den eben erzählten Ereig⸗ niſſen ſaß der Herzog von Norfolk ganz allein in ſeinem ſchönen Bibliothekzimmer mit Lichtern und Schreibmateria⸗ lien vor ſich, die Thüre ging auf und ſein Kameradiener erſchien mit der Meldung: 255 „Hier iſt Mr. Ralphs Diener, Euer Gnaden; er war noch nicht zu Bette gegangen.“ Gaunt Stilling war dem Kammerdiener in das Zim⸗ mer gefolgt; ſeine breite maſſive Stirne war wie von tiefem Kummer verdüſtert. Der Herzog winkte dem Kammerdiener mit der Hand, und dieſer entfernte ſich bis vor die Thüre, wo er ohne ihr zu nahe zu kommen Wache hielt. „Euer Gebieter iſt noch nicht zurückgekehrt, wie ich höre,“ begann der Herzog, ſeine Augen auf Stillings Ge⸗ ſicht heftend. „Noch nicht, mein Herr Herzog,“ erwiederte der Andere ernſthaft. „Das iſt eine ſchlimme Geſchichte,“ bemerkte Norfolk „und ich fürchte, die Folgen dürften für Euren Gebieter ſehr bedenklich werden. Lord Woodhall iſt ein Mann von großem Einfluß bei Hofe und von warmem heftigem Tem⸗ perament; der Getödtete war überdies der allgemeine Liebling.“ „Und verdiente es auch zu ſeyn,“ rief Gaunt Stilling warmherzig.„Er war nicht vollkommen— das iſt kein Menſch— aber wie die Leute von ſeinem Range nun ein⸗ mal ſind, ſo gab es wenige ſeines Gleichen. Wäre ſein Vetter Robert gefallen— wer hätte ſich darum gekümmert? Aber das Schickſal ſcheint zuweilen ſo gut wie wir Andern einen Mißgriff zu begehen: die Guten werden dahin gerafft, die Sehlimmen bleiben zurück.“ * Herzog hörte dieſen Ausbruch von Gefühl ruhig 256 an und fragte dann, ob Stilling wohl wiſſe, wo ſein Herr zu finden ſey. „Ich denke, ich könnte ihn ſchon finden, Euer Gnaden,“ erwiederte Gaunt Stilling;„aber ich mag nicht ſagen— wo, damit nicht ein Uebel daraus entſteht.“ „Ich will nicht wiſſen— wo,“ gab der Herzog von Nor⸗ folk zur Antwort;„wenn Ihr ihn finden könnt— gut. Bringt ihm dieſen Brief von mir und nehmt ſoviel Ihr nur könnt von ſeinem Gepäcke mit Euch, denn ich halte es nicht für rathſam, daß er hieher zurückkehrt, ehe dieſer Sturm aus⸗ getobt hat. Ich werde Mittel finden, ihm während ſeiner Abweſenheit nützlich zu ſeyn.“. „Was ſoll ich mit dem Reſt des Gepäckes anfangen, mein Herr Herzog?“ fragte Gaunt Stilling.„Es iſt be⸗ deutend mehr als eine Pferdelaſt.“ „Morgen wird, glaub ich, ein Fuhrmann durch die Gegend kommen,“ verſetzte Norfolk.„Mein Kaͤmmerer wird Euch ſicherere Nachricht geben. Durch dieſen Fuhrmann könnt Ihr das überflüſſige Gepäck nordwärts oder weſtwärts ſchicken, wohin Ihr wollt— vielleicht wäre es am beſten, es in ſeines Vaters Haus zurückzuſenden. Meine Leute werden es ſchon beſorgen, wenn Ihr es ihrer Obhut übergebt.“ 4 Gaunt Stilling verbeugte ſich, nahm das Paket, das der Herzog in der Hand hielt und das eher dieſen Namen als den eines Briefes verdiente und entfernte ſich ſchweigend. Er brach jedoch nicht ſogleich auf. Eine Stunde ver⸗ ſtrich mit dem Umpacken von ſeines Herrn Habſeligkeiten, 257 eine zweite mit dem Abfaſſen eines langen Briefes, den er wohlverſtegelt in einen zweiten halben Bogen legte, auf deſſen Rückſeite er einige Zeilen an ſeinen eigenen Vater ſchrieb und des alten Stillings Adreſſe zu Coldenham auf das Ganze ſetzte. Dieſes zuſammen mit den größeren Koffern überlieferte er des Herzogs Nachtportier, damit es der Kämmerer am folgenden Tage weiter beſorge. Nachdem er ſich ſofort über den kürzeſten Weg erkundigt, legte er beide Satteltaſchen auf ſein Pferd und brach in derſelben Richtung auf, welche ſein Gebieter mit Lady Danvers den Morgen zuvor eingeſchlagen hatte. Es war mittlerweile faſt vier Uhr geworden, und Stilling ritt bis zu Tagesanbruch ſo ſchnell er konnte, nur hie und da an einer Ecke oder Biegung des Weges, wo er ſeiner Sache nicht ganz ſicher war, eine Weile anhaltend. Als mit Tagesanbruch die Arbeitsleute auf den Feldern ſich ſammelten, da entdeckte er freilich, daß er etwas von ſeinem Wege abgekommen war, was ihn nöthigte, faſt zwei Meilen zurückzureiten. Nun rückte er mit größerer Behutſamkeit vorwärts, wußte es aber doch ſo einzurichten, daß er einige Minuten vor neun Uhr das Städtchen erreichte, wo Lady Danvers ſich befand. Im Gaſthofe erkundigte er ſich eifrig nach ſeinem Herrn, da er einigermaßen fürchtete, Ralph möchte an ihm vorbeigeritten ſeyn, während er ſelbſt weit von der eigentlichen Spur abgekommen war. Die Antwort des Gaſtwirths beruhigte ihn jedoch, denn dieſer verſicherte, der junge Gentleman Mr. Woodhall ſey ſoeben mit ſämmtlichen Dienern des Herzogs von Nor⸗ James. Das Schiaſſal. 17 258 folk in das Gerichtszimmer gegangen. Dorthin folgte ihm Stilling, ſobald er ſein Pferd dem Hausknecht übergeben und ſein Gepäck in Sicherheit gebracht hatte. Vor der Thüre hatte ſich wie gewöhnlich ein kleiner Volkshaufe ver⸗ ſammelt; aber der kräftige junge Burſche ellbogte ſich durch und erreichte das Zimmer eben in dem Augenblicke, als der fette Magiſtratsherr im Präſidentenſtuhl das Urtheil des Gerichtshofes verkündete. „Es iſt keinerlei Grund vorhanden— ſo wenigſtens lautet meine und meiner Collegen Anſicht— um Mr. Ralph Woodhall auch nur eine Stunde länger zurückzuhalten,“ proklamirte der Richter.„Durch eine Maſſe von Zeugen iſt deutlich bewieſen, daß er den Volksſturm eher zu beruhi⸗ gen als aufzuregen ſuchte, und daß das brutale Benehmen des Konſtables Doggett die einzige Urſache der Aufregung war, für welches brutale Benehmen wir beſchloſſen haben, beſagten Doggett zu reprimandiren, und er iſt demgemäß reprimandirt. Mr. Woodhall, Ihr ſeyd in Freiheit, und wir hoffen, daß Eure Feſtnehmung Euch nicht läſtig ge⸗ fallen.“ Ralph wollte eben eine Erwiederung geben, als Stil⸗ ling vortrat und das Paket mit den Worten in ſeine Hand legte: „Von Sr. Gnaden von Norfolk, Sir— in Eile.“ Ralph nahm es und wollte das Sigel erbrechen, doch Gaunt Stilling flüſterte ihm zu: „Ihr thätet beſſer, es allein für Euch zu leſen, Sir, denn es enthält Dinge von großer Wichtigkeit.“ 259 Ralph eilte alſo aus der Gerichtsſtube und kehrte in den Gaſthof zurück, wo er ſein eigenes Zimmer aufſuchte und das Paket öffnete. Es enthielt mehrere verſiegelte Schreiben, adreſſirt an verſchiedene Gentlemen in Dorſet⸗ ſhire und Somerſetſhire, und für ihn ſelbſt ein kurzes Billet folgenden Inhalts. „Mein junger Freund! „Nachdem ich den Einſchluß beendigt, bleibt mir nur noch ein Augenblick um an Euch zu ſchreiben. Es iſt ab⸗ ſolut nothwendig für Eure Sicherheit, für Euer jetziges Wohlergehen und Euer künftiges Glück, daß Ihr dieſen Theil des Landes ſo eilig wie möglich verlaſſet. Lord Wood⸗ halls Zorn wird, wenn er erſt Alles erfahren, den höchſten Grad der Wuth erreichen, wie Ihr Euch leicht denken könnt. Er beſitzt ungemeinen Einfluß am Hofe und kann Euch zu Grunde richten. Ich weiß nicht, ob es nicht beſſer und ſicherer für Euch wäre, Euch auf eine Zeitlang nach Holland zu begeben, in welcher Vorausſetzung ich einen Brief an einen Gentleman im Haag, der ſich freundlich gegen Euch erweiſen wird, eingeſchloſſen habe. „Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, daß ich während Eurer Abweſenheit Alles für Euch thun werde, was ich nur immer kann, aus Rückſicht für Euch ſelbſt wie für unſern Freund Moraber. „Mit Lady Danvers im Weſten mögt Ihr Euch über die beſten Mittel berathen, wie Ihr Euch verborgen halten wollet, bis dieſer Sturm vorüber iſt. Wie Ihr aber auch 17 „ 260 die Umſtände, in die Ihr verſetzt ſeyd, betrachten möget, ſo glaubet, daß mein Urtheil über Euch das beſte iſt und be⸗ folgt den Rath Eures aufrichtigen Freundes Norfolk.“ Nalph ſtarrte einige Minuten mit bleichen Wangen und ängſtlichen Blicken auf den Brief; dann klopfte Jemand an die Thüre, und die Stimme eines von Lady Danvers' Dienern meldete: „Mylady wünſcht Euch ſogleich zu ſprechen, Sir.“ „Ich werde im Augenblicke erſcheinen,“ erwiederte Ralph, und den Brief des Herzogs von Norfolk zuſammen⸗ faltend, verfügte er ſich damit in Hortenſia's Gemächer. Zwanzigſtes Kapitel. In einem der damals größten Häuſer von London in jener faſhionablen Vorſtadt, welche in unmittelbarer Nähe des Palaſtes lag, ſaß eine junge Dame in tiefer Trauer bitterlich weinend. Sie war ganz allein in ihrem Zimmer, und das von der geſunden Landluft ſonſt hochgeröthete Ge⸗ ſicht ſah jetzt ganz zart und bleich aus. Die Witzlinge am Hofe, welche ſie zufällig theils auf ihres Vaters Wohnſitze theils während eines früheren Beſuches am Hofe geſehen hatten, ermangelten nicht, über die Urſache ihres veränder⸗ ten Ausſehens ihre Bemerkungen, ihre Späße oder galan⸗ 261 ten Phraſen zu machen. Der Eine, wegen ſeines ausneh⸗ mend verfeinerten Geſchmackes renommirt, erklärte, ſie ſehe weit lieblicher aus ſeit ſie jenes gar zu lebhafte Roſa(wie er es nannte), das ihr das Ausſehen einer liehlichen Milch⸗ magd gegeben— abgeworfen habe. Ein Anderer bemerkte, Se. Lordſchaft ſcheine mehr in Lilien als in Roſen verliebt zu ſeyn. Ein Dritter behauptete, das ſeyen keine Lilien, ſondern verwelkte Roſen, und ein Vierter erklärte, ſeine beiden edeln Freunde hätten ſonnenklar bewieſen, daß die Lady die Gabe beſitze, Roſenwaſſer um ihres Bruders Tod zu weinen, da ſie offenbar durch den Deſtillationsprozeß ſo bleich geworden ſey. Jene luſtigen Spötter ließen ſich freilich wenig davon träumen, aus welchen Quellen die Thränen der armen Mar⸗ garethe entſpringen mochten. Sie weinte allerdings viel um ihres Bruders Tod. Sie hatte ihn ſehr geliebt, gleich wie er ſie geliebt hatte: ſeine offene großherzige Natur hatte für ein Herz wie das ihrige etwas ganz beſonders Anziehendes gehabt; ſelbſt ſeine Raſchheit, ſeine bei Ge⸗ legenheiten übermäßige Heftigkeit war gegen ſie immer ge⸗ mäßigt aufgetreten und hatte bei ihr nur die Wirkung ge⸗ habt, daß ſie das eine große Geheimniß ihres Lebens ihm nur um ſo ängſtlicher vorenthalten. Der Gedanke, daß dieſe geheime Liebe die nahe oder auch nur entfernte Urſache zu ihres Bruders gewaltſamem Tode geweſen ſeyn mochte, verdoppelte nur die Bitterkeit ihrer Thränen. Das war aber noch nicht Alles: Margarethe weinte um den Geliebten ſo gut wie um den Bruder, weinte um 262 den Moͤrder ebenſo wie um den Gemordeten. Sie wußte mit einer Sicherheit, daß ſie hätte darauf ſchwören können, daß die Beleidigung ſehr groß geweſen ſeyn mußte, welche Ralph veranlaſſen konnte, das Schwert auf ihren Bruder Henry zu zücken; ſie empfand wohl den ſchweren Kampf, der in ſeiner Seele getobt haben mußte, ehe er den fatalen Kampfplatz aufgeſucht hatte. Sie fühlte Alles was er empfunden haben mochte, als ihre Schwerter ſich kreuzten und Henry fiel. Sie empfand mit ihm die Herzensangſt während ſeiner Flucht; ſie empfand Alles was er noch jetzt erduldete, wo er auch immer Zuflucht geſucht haben mochte. „Reue und Verzweiflung, beides vereint— das muß jetzt Dein Antheil ſeyn, armer Ralph!“ rief ſte.„Reue dafür, daß Du meinem Bruder das Leben genommen, und Verzweiflung, weil Du durch Deine eigene That für immer eine unüberſchreitbare Schranke zwiſchen uns aufgerichtet haſt. Ja, ja, was ſie auch ſagen mögen— ich weiß, ich fühle, er liebt mich noch immer. Wenn er auch wirklich auf eine Stunde mit dieſer glänzenden ſchönen Hortenſia Danvers geſpielt hat, ſo muß ſeine ganze Liebe für Mar⸗ garethen zurückgekehrt ſeyn, als er meinen armen Henry auf dem Graſe vor ſich liegen ſah. Niemand kann die Liebe ſeiner früheſten Jahre ſo leicht vergeſſen— Ralph wenigſtens kann es nicht. Ich weiß, was er fühlen, ich weiß, was er denken wird, und feſt überzeugt bin ich, daß hier Niemand, weder ich noch mein Vater, ſo bitterlich wie er um den armen Henry weinen wird.“ O hingebendes Vertrauen der Frauenliebe— was 263 kommt dir gleich! Keine andere Leidenſchaft, kein anderes Gefühl, kein anderer Gedanke durchdringt das ganze Weſen, bemächtigt ſich jedes Vermögens, klammert ſich an das Herz, beherrſcht und unterwirft das Gemüth und trotzt der Vernunft, der Ueberzeugung und allen Beweiſen ſo wie Du! Es muß aber auf ächte Liebe gegründet ſeyn— nicht auf die jämmerliche Leidenſchaft, die halbgleichgültige Vor⸗ liebe, die durch Verwandtſchaft und Gewohnheit etwas auf⸗ gewärmte Bewunderung, nicht auf theils habſüchtige theils ehrgeizige Convenienzzärtlichkeit— überhaupt nicht auf jenes lauwarme Gemiſch des Gehirns und Herzens, das in weißen Glacéhandſchuhen orangeduftend vor dem Altar einer faſhionablen Kirche ſteht und mit dem entweihten Namen der Liebe bezeichnet wird, nur um dieſen ſelben Namen noch ehe ein paar kurze Jahre vorüber ſind, durch die bitte⸗ ren Tropfen der Reue oder die brennenden Flecken der Schaam verwiſchen zu laſſen. Nein, nein— ächte volle wahre Herzensliebe muß es ſeyn— Liebe, welche die ganze Seele erfaßt— ſie ſelbſt unſterblich wie dieſe Seele. Und ſo war Margarethens Liebe zu ihrem armen Vetter. Um ihn weinte ſie ebenſo ſehr wie um ihren Bruder Henry, ſeitdem ſie fühlte, daß ſeine Seele todt ſeyn müſſe, wenn ſein Körper lebe, und daß der Gefallene glücklicher ſey als er, deſſen Daſeyn noch fortdauerte. Margarethe dachte in dieſem Augenblicke wenig an ſich ſelbſt oder ihr eigenes Schickſal; ſie war keine ſelbſt⸗ ſüchtige Natur, und ihre erſten Gedanken waren nicht wie bei ſo Manchen auf die Sorgen, die Aengſte und Bekümmer⸗ 264 niſſe gerichtet, welche die Ereigniſſe des Tages über ſie ſelbſt bringen mochten. Ihre Phantaſie erweckte allerdings von Zeit zu Zeit eine Erinnerung an ihre eigene Lage und Ausſichten— düſtere geſpenſtige Phantome, am äußerſten Rande des Gedankens hinſchwebend, aber niemals nahe ge⸗ nug kommend, um greifbar zu werden. Für jetzt waren ihre Gefühle mehr noch als ihre Ge⸗ mſen vornämlich dem Geſchicke ihres Bruders und ihres Geliebten gewidmet. An ihren Vater dachte ſie freilich oft und mit peinlicher Regung; aber ſein tiefer Gram hätte ſie wohl mehr ergriffen, wenn ſein Weſen dem ihrigen ähnlicher geweſen wäre. Er hatte nämlich eine heftige wilde Rach⸗ ſucht an ſich, mit der ſie keine Sympathie haben konnte. Er ſchleuderte Flüche auf das Haupt desjenigen, der ihn ſeines Sohnes beraubt hatte; er gelobte ihm Rache und lebte nur für ſie, offen erklärend, daß nur der Tod ſeinen rachſüchtigen Planen ein Ende machen werde. Margarethe ſchenkte zwar ſolchen Gelübden nur wenig Glauben. Ohne ihres Vaters Charakter ſtudirt, ja ohne ſogar darüber nachgedacht zu haben, kannte ſie ihn dennoch ganz genau: er hatte ſich von Kindheit auf und mit jedem Jahre tiefer und tiefer in ihre Seele eingeprägt. Sie kannte ihn als einen warmherzigen, gütigen, großmüthigen, leidenſchaftlichen, etwas ſorgloſen Mann, nicht ohne Fähig⸗. keiten, nicht ohne Conſequenz, aber ohne Ausdauer in ſeinen Planen. Sie hatte noch nie eine Leidenſchaft— ſo heftig auch ihr erſter Ausbruch geweſen— langen und mächtigen Einfluß über ihn gewinnen ſehen. Der Gram, den der 26⁵ Mann in der Regel als ſeinen natürlichen Feind— als den Gegner aller ſeiner Wünſche— in jeder Periode des Lebens flieht, hatte ihn tiefer als jede andere Gemüthsſtimmung erfaßt, welcher ſie ihn noch je unterworfen geſehen. Sie konnte ſich die Zeit von ihrer Mutter Tode, der etwa vor fünf bis ſechs Jahren eingetreten war, wohl erinnern und wußte, wie Lord Woodhall noch lange nachher in tiefe brü⸗ tende Melancholie verſunken geweſen, wie langſam er zur Heiterkeit zurückgekehrt war und wie oft dieſer Trübſinn ihn von Neuem befallen hatte. Aber auch dieſe Anfälle waren vorüber, und ſie zweifelte nicht, daß ſeine jetzige wahnſinnige Wuth gegen den armen unglücklichen Ralph eben ſo vorüber gehen würde. Sie fürchtete ſich allerdings vor den Folgen, wenn die Heftigkeit der Leidenſchaft nachlaſſen, wenn das, was ſeinen Kummer für jetzt auf feurigen Schwingen dahinzutragen ſchien, entweder durch Befriedigung oder Abnützung unter⸗ gehen und ihn mit ſeinem Schmerz und ſeiner Einſamkeit allein laſſen würde. Dann, wußte ſie, mußte erſt der rechte Kampf ausbrechen; dann, wenn er täglich den leeren Platz am Tiſche ſah, wenn er das geliebte Antlitz vermißte, wenn er die liebe Stimme nicht mehr hoͤrte, wenn die Gegenwart deſſen, der ihm Sonnenſchein war, wenn die ritterliche Hal⸗ tung des Jünglings, welche ſein Stolz geweſen, ihm ab⸗ ging, wenn das Haus leer und einſam, wenn das Mahl freudlos und verödet ausſah, der Abend unbelebt herbeikam und der Tag mit dem Bewußtſeyn ſchloß, daß er dahin war. „Dann,“ dachte ſie, ſo oft ihre Gedanken dieſe Richtung an⸗ 266 nahmen,„dann wird der Kummer in ſeiner ganzen Schwere empfunden werden, dann wird die Herzensangſt, welche jetzt durch Rache zertheilt wird, ihn tief zur Erde niederbeugen, und dann wird für mich die Zeit kommen, wo ich gegen meinen eigenen Kummer ankämpfen muß, um den ſeinigen zu erleichtern. Jetzt wäre es vergeblich, ihm ein Wort zu ſagen. Seinem Zorn gegen den armen Ralph zu wider⸗ ſprechen, wäre Wahnſinn; ihm Troſt zu bieten, wäre ver⸗ geblich.“ Solche Gedanken kamen von Zeit zu Zeit über ſi ſie, und traurig und bitter wie ſie waren— gewährten ſie ihr doch einigen Troſt, denn jene andern, die ich oben geſchildert, waren ſo viel mächtiger und peinlicher, daß Alles, was ihre Seele davon ableitete, für den Augenblick ein wahrer Segen für ſie wurde. Sie hätte ſich in der weiten Welt nach einem allesüberwäl⸗ tigenden Weh umſehen können, ohne eines zu finden, das ſich in ihrem Herzen mit dem vergleichen ließ, welches der Tod ihres Bruders durch die Hand ihres Geliebten über ſie ver⸗ hängt hatte. Sie waren ihr Beide ſo theuer, ſo unausſprech⸗ lich theuer; waren Beide mit jeder Neigung, jeder Erinne⸗ rung, jeder Hoffnung dermaßen verwoben, daß der Eine, welcher für Alle todt war, wie der Andere, der für ſt ſie todt ſeyn mußte, die blühende Ausſicht des Lebens, welche noch kürzlich ſo lächelnd vor ihr gelegen, nur als finſtere troſtloſe Wildniß zurückließ. Es war wie eine ſchöne Landſchaft, kaum erſt durch ein Erdbeben zerſtört und ohne eine Spur ihrer früheren Fülle und Schönheit. 267 Solche Gedanken waren es, über denen ſie jetzt ſchon mehr als vierzehn Tage nach ihres Bruders Tode weinte. Ihr Vater war fortgegangen, noch immer von derſelben wilden Rachſucht getrieben, um zur Befriedigung dieſes brennenden Durſtes all' ſeinen Einfluß am Hofe in Bewe⸗ gung zu ſetzen. Man lebte damals in Zeiten, wo Einfluß und Reichthum, wo Geld— das gemeine verderbliche Geld — ſogar die Schalen der Gerechtigkeit wanken machte. Er war heute wilder und rachgieriger als gewöhnlich geweſen, hatte mit einer peinlichen zoͤgernden Genauigkeit, welche der armen Margarethe das Herz zerriß⸗ bei den Einzelnheiten von ihres Bruders Tode verweilt; er ſchien bemüht, ſeine Nachſucht auf einen ſolchen Grad zu ſteigern, daß ſie Alles vor ſich niederwerfen ſollte, und er verließ das Haus mit der Erklärung, daß er Ralph an den Galgen bringen oder ſelbſt umkommen wolle. Dieſe Scene— wie er zornig zu Boden blickend im Zimmer auf und ab gegangen war und immer wieder an⸗ gehalten hatte, um ein neues bitteres oder peinliches Wort auszuſtoßen— ſtand noch vor Margarethens Seele, als ſie ſich auf ihr eigenes Zimmer zurückzog, um dort, wie ich oben geſchildert habe, zu weinen. Es war eine der dunkelſten Stunden, welche ſeit ihres Bruders Tode über ſie gekommen waren, denn die Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß Ralph aufgefunden und ergriffen, daß er proceſſirt und verurtheilt werden könnte, war ihrem Herzen diesmal mehr als je zuvor nahe gebracht worden. Rings um ſich her ſah ſie nichts als Dunkelheit und 268 Verzweiflung. Was ſollte ſie in ſolchem Falle thun? wie ſollte ſie handeln? Sollte ſie ſich ihrem Vater zu Füßen werfen und ihn um Gnade und Verzeihung anflehen? Sie wußte, das war vergeblich— ganz vergeblich; ebenſogut hätte ſie den wüthenden Orkan anflehen kön⸗ nen. Sollte ſie ihn, den ſie ſo zärtlich liebte, ungeſe⸗ hen, ungetröſtet, hilflos umkommen laſſen? Sie wußte, ihr eigenes Herz mußte mit ihm brechen. Sollte ſie zu ihm ſliehen, alle Zurückhaltung von ſich werfen— ſollte ſie ihr Schickſal und das ſeine zwiſchen den Vater und ſeine Rache treten laſſen, und ihm zurufen: ttriff mich durch ihn!? Aber ihres Bruders Geiſt ſchien ſich dieſen Gedanken in den Weg zu ſtellen und ihr zuzurufen: Margarethe, Mar⸗ garethe, er hat mich erſchlagen!“ Das arme Mädchen konnte blos weinen, und bitterlich und peinlich weinte ſie; aber während noch ihre Thränen ſo raſch wie immer ihre Wangen herabſtrömten, hörte man ein leiſes Klopfen an der Thüre, und ohne eine Antwort abzuwarten, trat ihre Kammerfrau Dora ins Zimmer. Sie war eine alte treue Dienerin, welche ihre Mutter viele Jahre gepflegt hatte, etwas ſteif aber voller Liebe für alle Kinder der Familie— eines jener Exemplare des an⸗ hänglichen engliſchen Haushalts, wie ſie faſt in keinem an⸗ deren Lande getroffen werden. Sie hatte den Tod des ar⸗ men Junker Henry— wie ſie ihn nannte— ſo bitter wie nur Eine beweint; aber ſie hatte mehr Margarethens Ge⸗ fühle als die des alten Lords getheilt. Sie hatte Henry ſehr lieb gehabt; allein ſie liebte Ralph faſt ebenſo ſehr, 269 denn ſie hatte ihn von der Wiege an beobachtet, hatte ſeine Mutter gekannt, und Jedermann der ſie gekannt, hatte ſie auch geliebt. Ralph hatte immer große Anhänglichkeit an ſie bewieſen. Als Kind hatte er oft auf ihrem Schooße geſeſſen und ſie in kindiſchem Bemühen ihren Namen aus⸗ zuſprechen ſeine Dody genannt. Der erſte Troſt, welchen Margarethe empfangen, kam von ihren Lippen kurz nachdem die Trauerbotſchaft angelangt war. „Nehmt's Euch nicht ſo zu Herzen, Miſtreß Marga⸗ rethe“(noch immer den Titel Miſtreß gebrauchend, der da⸗ mals eben in Abnahme gekommen war)—„der Tode kann durch Weinen nicht mehr ins Leben zurückgerufen werden, und wenn Eure Thränen dem Lebenden gelten, wie ich zum Theil wohl annehmen muß, ſo möchte ich behaupten, daß Meiſter Ralph nicht ſo ſehr zu tadeln iſt, wie Ihr glaubt, wenn Ihr erſt Alles wüßtet. Ich meinestheils kann nicht einſehen, warum der gute alte Lord ſo wüthend gegen den armen Meiſter Ralph erbost iſt. Mylord hat ſich ſeiner Zeit auch zweimal duellirt und hat einen ſeiner Gegner ge⸗ tödtet; ich bin überzeugt, er möchte nicht haben, daß ein Gentleman den Zweikampf ausſchlüge, wenn er dazu auf⸗ gefordert würde. Junker Henry— Gott hab ihn ſelig!— war hitzig und leidenſchaftlich wie Ihr wißt, und er reizte den armen Ralph gewiß mehr als dieſer ertragen konnte. Vielleicht war er durch irgend Etwas getäuſcht und wollte nicht auf Vernunft hören; denn er pflegte die Dinge ſehr haſtig anzufaſſen, und es i*ſt nicht Alles ſo wie es anfäng⸗ lich ausſieht. Ich bin überzeugt, Mr. Ralph wird niemals weder Mann noch Frau wirkliche Urſache zur Beleidigung geben, denn er iſt ſo gut, ſo freundlich und edelgeſinnt wie es nur je einen Jungen gegeben. Wenn aber die Leute nicht auf Vernunft hören und ſich die Dinge erklären laſſen wollen— was kann man da thun? Das war immer Jun⸗ ker Henry's Weiſe: ein Wort und ein Schlag, und der Schlag kam allemal zuerſt.“ Ich ſagte oben, daß dieſe Rede— ſo unzuſammen⸗ hängend ſie war— Margarethen ſehr getröſtet habe, und ſie beruhigte ſie in mehr als einer Weiſe. Sie gedachte des Briefes, welchen Henry ihr gezeigt, des Eindruckes, den er auf ſie gemacht hatte, und es erhob ſich ein Zweifel, eine Hoffnung, daß ſie Beide getäuſcht worden ſeyn mochten, daß der Brief entweder unächt war oder eine andere Erklä⸗ rung verdiente, und dieſe Hoffnung wurde mit jedem Augen⸗ blicke ſtärker. Welches Recht hatte ſie, ihn ungehört zu verurtheilen? Welches Recht hatte Henry? Und da ſte ihres Bruders hitziges Temperament, da ſie ſeinen Unge⸗ ſtüm und ſeine Empfindlichkeit im Punkte der Ehre kannte, ſo konnte ſie leicht begreifen, daß er Ralph zum Kampfe gezwungen hatte, ohne ein Wort von ſeiner Vertheidigung anhören zu wollen. Darum war ihr der Anblick ihrer guten Dora will⸗ kommen, und ſie verſuchte nicht einmal die Thränen zu trock⸗ nen, die ſie bei deren Eintritte vergoß, ſondern ſtreckte ihr die Arme entgegen und lehnte ihr Haupt auf deren Schul⸗ ter, um dort zu weinen. „Ei, ei, mein liebes Kind,“ ſagte die gute Frau,„Ihr 271 habt ſchon Kummer genug, und müßt Euch durch die Worte des alten Lords nicht noch mehr erſchrecken laſſen. Er wird nicht halb ſoviel thun, als er jetzt vor hat. Es iſt ein Jam⸗ mer, wenn alte Leute zu prahlen anfangen! Ich hörte wohl, wie er's trieb, als Ihr mit ihm im Nebenzimmer waret; aber er wird nicht handeln, und Meiſter Ralph wird gewiß beweiſen können, daß er zu dem was er that mit Ge⸗ walt getrieben wurde. Und nun, mein Vögelchen, trockne Deine Thränen, und ſey wieder ein gutes Kind. Da unten iſt ein kleiner verſchmitzter Knabe, der Dich zu ſehen wünſcht. Er iſt ſeit einer Stunde ums Haus herum geſchlichen, bis der alte Lord ausging, und dann kam er herüber und fragte nach Dir. Harriſon ſchickte nach mir; aber der Burſche will nur mit Dir reden, denn wie er ſagt, hat er einen Brief in Deine eigenen Hände zu überliefern— einen Liebesbrief ohne Zweifel,“ und die alte Frau lachte.„Ich zweifle nicht, daß es ein Liebesbrief iſt, denn er iſt nicht von Mr. Ralph's Hand— das war Anfangs meine Hoffnung— ſondern in einer großen, ſchnörkeligen, verſchlungenen Handſchrift ge⸗ ſchrieben, und der Knabe iſt aufgeputzt ſo fein wie ein Püpp⸗ chen— ſieht faſt aus wie ein Page, und hat einen Feder⸗ büſchel ganz phantaſtiſch um den Hut geſchlungen.“ „Schick' ihn fort,“ ſagte Margarethe traurig;„ich will ihn nicht ſehen. Ich habe nichts mit Liebesbriefen zu ſchaffen, Dora.“ „Aber Ihr könnt nicht ſagen, daß es ein Liebesbrief iſt,“ erwiederte die Kammerfrau;„das war nur ſo mein eigener Einfall. Ihr ſolltet ihn doch ſehen, mein theures 272 Kind, denn er will ihn Niemand geben als Euch, und Ihr könnt nicht ſagen, was daran iſt, und es iſt immer Recht nach einem Briefe zu ſehen— das verlangt ſchon die Höf⸗ lichkeit.“ „Nun ſo bring' ihn herauf,“ erwiederte Margarethe; „aber bleibe Du hier, Dora, bis er fort iſt.“ Der Knabe wurde ſo eilig herbeigebracht, daß Marga⸗ rethe, wenn ſie in der Stimmung dazu geweſen wäͤre, leicht hätte argwöhnen können, er müſſe nicht fern von der Thüre geſtanden haben, während die obige Unterredung zwiſchen ihr und der Frau vor ſich ging. Sie bemerkte jedoch blos, daß er kam, daß er ein luſtig ausſehender Knabe von drei⸗ zehn bis vierzehn Jahren war, ganz ſo wie Dora ihn be⸗ ſchrieben hatte, und daß er ſie vor Ablieferung ſeines Brie⸗ fes ſorgfältig ausfragte, ob ſie Miß Margarethe Woodhall ſey. Ihre Seele war zu ſehr mit anderen Dingen beſchäftigt, um noch etwas Anderes zu beachten. Sie bejahte die Frage, nahm den Brief und entließ den Knaben mit ſanfter Neigung des Kopfes, indem ſie ſagte: „Ich werde meine Antwort ſchicken, wenn eine ſolche nöthig ſeyn ſollte.“ „Ei, da er ein ſo hübſcher Junge iſt,“ bemerkte Dora, „ſo würde ich wenigſtens zu erfahren ſuchen, wa er her kommt. Briefe beſagen nicht immer, wer ſie abſchickte, und—“ „ unſinn, Unſinn, Dora!“ fiel Margarethe ein.„Ich kümmere mich nicht darum, von wem noch von wannen er kommt.“ 273 Und zum großen Unbehagen der guten Frau hielt ſie den Brief noch immer uneröffnet in der Hand, und ſchaute zu Boden, indem ſie mehr und mehr in Gedanken verſank. „Nun, wie!“ rief Dora, nachdem ſie etwa fünf Minu⸗ ten gewartet hatte. Mehr durch die Schärfe dieſes Rufes betroffen als ſeine Bedeutung klar verſtehend, öffnete Margarethe langſam den Brief, und heftete ihre Augen auf das Blatt. Kaum hatte ſie dieſes gethan, als der ganze Ausdruck ihres Geſichtes ſich änderte. Ihre Augen bekamen neuen Glanz, und hefteten ſich voll Spannung auf die Zeilen; die Röthe ſtieg wieder in ihre Wangen; ihre Lippe verlor ihr muthloſes Schweigen und krümmte ſich zu einem ſüßen hoff⸗ nungsvollen Lächeln, und als ob ein Zauber in den Schluß⸗ zeilen läge, ſo fuhr ſie zuſammen, ließ den Brief aus ihren Fingern gleiten, und preßte ihre Hand feſt auf das Herz. Dora fuhr alsbald über den Brief her, hob ihn unge⸗ heißen auf, und betrachtete die Worte, die er enthielt. Gott weiß, ſie waren groß genug, aber ſie bedurfte in der Regel ihrer Brille, und einen Schritt zurücktretend, damit ihre junge Lady es ihr nicht verbiete, ſetzte ſie den Klemmer auf die Naſe und las: „Fürchtet nicht, mein Kind“— ſo lautete der Brief— „fürchtet nicht! Das Schickſal hat ſein Werk an Eurem armen Bruder gethan: ſo war es nun einmal beſtimmt— es konnte nicht anders ſeyn. Ich habe Euch vorher geſagt, Ihr würdet manche Prüfung zu beſtehen haben; aber fürch⸗ James. Das Schickſal. 18 274 tet, ängſtigt Euch nicht. Noch mehr wird kommen; aber auch das wird vorüber gehen, und wenn auch Hinderniſſe in Maſſe zwiſchen Euch und Eurem Glücke zu ſtehen ſcheinen, ſo bebt nicht zurück, zweifelt nicht! Euer Geſchick ruht ganz in Eurer Hand: die Sterne lenken nicht, ſte rathen blos. Seyd ſtandhaft— ſeyd wahr— ſeyd glücklich! „Vor Allem zweifelt nicht an ihm, der Euch liebt. Ver⸗ traut erprobter Neigung und lang gekannter Wahrhaftigkeit, und ſeyd verſichert, daß er, der jetzt ſchuldig ſcheinen mag, ebenſo unſchuldig wie Ihr ſelbſt iſt. Der aber, der am ſchuldloſeſten erſcheint— der iſt ſchuldig. Ihr ſchicktet nicht zu mir in der Stunde der Noth, wie ich Euch geheißen habe; aber ich wachte über Euch, und werde zu Eurem Troſte her⸗ beikommen, wenn Ihr mich auch nicht ſucht. Seyd wahr und ſtandhaft. Mo raber.“ „Ach Du mein Himmel! iſt das nicht der weiſe Mann in dem alten Thurm?“ rief Dora, als ſie an dieſen Namen kam, und ihn nicht ohne Schwierigkeit zuſammenbuchſtabirte. „Der Herr ſey mit Euch, Miſtreß Margarethe! wie kann er nur etwas von Euch wiſſen?“ Margarethe war wieder in ihren Stuhl zurückgeſunken, ohne einen Verſuch die gute Frau an dem Leſen des Briefes zu verhindern, und gab vor lauter Gedanken keine Antwort auf die Frage, bis Dora ſte zweimal wiederholte. „Ou erzäͤhlteſt mir ſoviel von ihm, Dora, daß ich hin⸗ ging um ihn zu ſehen,“ erwiederte ſie endlich—„das iſt Alles.“ 275 „Und mir nie ein Wörtchen erzählt!“ murmelte Dora. „Ei, mein hübſches Kind! ich kann ſchon errathen, Liebe— ich kann errathen, mein Vögelchen! Nun, nun, die Liebe ſieht mit eigenen Augen, und ich will nicht ſagen, daß es ſchlimme Augen ſeyen, wenn man ſie ſonſt auch blind nennt. Ich wollte wetten, er iſt kein ſchlechter Beurtheiler, wenn er auch ganz anders richtet, als alte Lords und vornehme Her⸗ ren urtheilen. Du meine Güte! Die möchten die Leute— Männlein und Fräulein— lieber haben wie die Welt ſie macht und nicht wie Gott ſie geſchaffen; aber man kann Fleiſch und Blut nicht wie eine Kutſche oder einen Rock modeln. Die Natur ſagt: ſſo ſey's'— und wer kann ihr widerſprechen? Liebe iſt kein lockerer Mantel, in den Jeder hineinpaßt; ſie iſt ein Gewand, das nur einmal gekauft wer⸗ den kann, und ſich nicht wenden läßt. Zerreißt es ja nicht, mein Kind, denn Ihr könnt's nicht mehr flicken, und der alte Moraber hat Recht— verlaßt Euch darauf. Er hat immer Recht.“ „Ich bitte Gott, daß es diesmal der Fall ſey!“ rief Margarethe inbrünſtig, und ſchlang dann ihre Arme in wil⸗ der Leidenſchaft um Dora's Hals, um ſich abermals— aber jetzt in weit glücklicherer Stimmung— an ihrer Bruſt aus⸗ zuweinen. O, wie das Herz ſo begierig jede auch die geringſte Verſicherung deſſen, was es ſo gerne glauben möchte, auf⸗ faßt! Die trockene ſtaubige Erde, aus der wir gemacht ſind— wie bald wird ſie durch den geringſten Funken der Hoffnung angefeuert! Ich hörte einmal von jenem berüch⸗ 18* „ 276 tigten, verloren gegangenen griechiſchen Feuer, wie es eines Tags durch Zufall in einer großen Stadt verſchüttet wurde, und durch keine Anſtrengung mehr gelöſcht werden konnte; es brannte durch Theater und Wohnplätze, durch die große Kirche, ja ſogar durch das ſteinerne Pflaſter bis zu den Grä⸗ bern hinunter. So iſt die Hoffnung unauslöſchlich, ſogar im Grabe; jenſeits aber iſt die erſte Welt der Wirklichkeit, wo der Wanderer— Hoffnung— mit ſeiner Schweſter— der Freude— zuſammentrifft. Margarethens Gedankenwelt war durch die Verſiche⸗ rung dieſes ſonderbaren geheimnißvollen Briefes— ſo ſchwach und gebrechlich ſie auch ausſah— weſentlich ge⸗ hoben worden; die Finſterniß ſchwand zum Theil dahin; ſie wagte wieder vorwärts zu ſchauen, und ihre Blicke von des Bruders Grabe abzuwenden. „Komme was da wolle, ich will wahr und ſtandhaft ſeyn“— ſo konnte ſie ſich in kühnem Entſchluſſe ſagen. Dieſer Brief hatte noch eine weitere Folge— einen zweiten zwar nicht weſentlicheren und erhebenderen, aber immer unendlich großen Troſt. Die Worte ihrer alten Die⸗ nerin bewieſen ihr, daß dieſe das Geheimniß ihres Herzens durchſchaut hatte, daß es bei ihr keiner ſchüchternen ſcham⸗ rothen Erklärung, keines Wortes, keines Zeichens mehr be⸗ durfte; ſie ſah, daß ſie nunmehr eine Vertraute beſaß, welche ihr rathen und helfen konnte. Der Rath mochte nicht der klügſte, die Hülfe nicht die mächtigſte ſeyn; aber ſie ſtand doch nicht mehr allein mit dem Kummer in ihrem Herzen. & 277 Einundzwanzigſtes Kapitel. Wir verließen Ralph Woodhall auf dem Wege nach Hortenſia Danvers Gemächern. Er ſchien verlegen und verwirrt, während er den Brief des Herzogs von Norfolk noch immer in der Hand hielt; aber ſein Entſchluß war bald gefaßt. „Ich hätte dies vorherſehen können,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Es konnte doch nicht lange verborgen bleiben, und ich muß mein Geſchick tragen. Dem guten alten Lord darf ich freilich nicht mit einem Verſuche der Rechtfertigung ent⸗ gegentreten, und der Herzog von Norfolk hat vielleicht Recht; es wäre am Ende beſſer, mich auf einige Zeit zu abſentiren, und im Weſten oder vielleicht in Holland mein Glück zu ſuchen, bis der erſte Sturm des Zornes vorüber iſt. Mar⸗ garethens Liebe kann ich ja vertrauen.“ In dieſen Gedanken trat er in Lady Danvers' Boudoir, wo er ſie zur Reiſe angekleidet an einem Tiſche ſtehen ſah, während ſie die Augen, wie es ſchien, ſeine Ankunft voll Spannung erwartend, auf die Thüre geheftet hatte. „Nun ſeht, ſie haben Euch freigelaſſen,“ begann ſie; „aber ich habe doch einige Angſt um Euch ausgeſtanden— nicht daß Ihr nicht zur Zeit erſcheinen würdet, wenn Ihr könntet, ſondern, daß Euch dieſes nicht möglich wäre. Ich ſchickte noch geſtern Nacht nach Euch, erfuhr aber zu meiner Ueberraſchung, daß Ihr abweſend waret.“ Dieß ſagte ſie mit eigenthümlichem Nachdruck, und Ralph erwiederte mit ſchwachem melancholiſchem Lächeln: 278 „Ich war einige Stunden abweſend, Lady Danvers; weshalb?— Das werd ich Euch ein andermal erzählen. Für jetzt muß ich Euch dieſen Brief des Herzogs von Nor⸗ folk vorweiſen. Ich habe unglücklicherweiſe den Zorn mei⸗ nes edlen Verwandten, des Lords Woodhall, auf mich ge⸗ zogen. Er iſt ein guter Mann, nur entſetzlich heftig in ſeiner Aufregung, und der Herzog räth mir dringend an, mich in den Weſten zu flüchten, bis ich mich nach Holland einſchiffen kann. Hier iſt ſein Brief; Ihr könnt leſen, was er ſagt.“ 4 „Nicht nöthig, nicht nöthig!“ rief Lady Danvers, den Brief bei Seite legend.„Ich weiß Alles— Alles, was vorgegangen, armer, junger Mann! Wohl mögt Ihr in ſo traurigem Tone reden, Mr. Woodhall; aber der Herzog hat Recht: es bleibt Euch nichts Anderes übrig, als Euch eine Zeit lang verborgen zu halten, bis dieſer Sturm vorüber iſt. Verlaßt Euch drauf, Lord Woodhall wird Himmel und Erde zu Eurem Untergange in Bewegung ſetzen. Nach dem We⸗ ſten?— Ich ſelbſt gehe nach dem Weſten; aber meine Art zu reiſen iſt für Euch zu langſam: Ihr müßt augenblicklich aufbrechen.“ „Das iſt auch mein Vorſchlag,“ verſetzte Ralph;„nur weiß ich noch nicht genau, wohin ich meine Schritte lenken ſoll, denn ich bin ganz unbekannt mit dieſem weſtlichen Land⸗ ſtrich.“ „Das will ich für Euch entſcheiden,“ erklärte Hortenſia. „Zieht nach Danvers Newchurch. Halt! ich will Euch einen Brief an meinen Schloßvogt geben, denn der iſt ganz der 279 Mann dazu, Euch zu helfen und fur Eure Sicherheit zu ſorgen.“. „Ei nein, theure Lady Danvers,“ erwiederte Ralph; „ich habe nicht ſo viel zu fürchten, wie Ihr zu glauben ſcheint. Ich habe nichts gethan, was nicht jeder Mann von Herz und Ehre gethan hätte. Ich möchte allerdings jedes perſönliche Zuſammentreffen mit Lord Woodhall in ſeiner gegenwärtigen wüthenden Laune vermeiden; aber für meine perſönliche Sicherheit habe ich nichts zu fürchten. Er iſt ein Mann von zu viel Chre, um ſich für das was vorgefallen durch unwürdige Mittel zu rächen.“ „Man kann nicht wiſſen— man kann nicht wiſſen,“ bemerkte Lady Danvers.„Euer Leben iſt für Andere— für Euren armen Vater— zu koſtbar, um leichtſinnig in die Schanze geſchlagen zu werden. Iſt Euer Pferd in tauglichem Stande, um Euch weiter zu tragen?— wo nicht, ſo nehmt eines von meinen Dienern: ſie ſind gut beritten, und ihre Thiere müſſen jetzt vollkommen ausgeruht ſeyn.“ 2*„O das meinige iſt friſch und kräftig,“ verſicherte Ralph.„Die kurze Tour, die es gemacht, kann auf ein ſo ſtarkes und erprobtes Thier nur wenig Einwirkung gehabt haben.“ „Wohlan, ſo will ich den Brief ſchreiben,“ fuhr Lady Danvers in demſelben eifrigen und entſchloſſenen Tone fort, in welchem ſie ſeither geſprochen hatte.„Ihr heißt einſt⸗ weilen Euren Dienerd er wie ich höre angelangt iſt) alles Nöthige vorbereiten. Alice, Alice, bring mir Feder und Dinte zurück.“ 280 Ralph beeilte ſich, ihren Rath zu befolgen, und fand Gaunt Stilling in ſcharfem Wortwechſel mit einem Manne, der gewaltigen Reſpekt vor ihm zu haben ſchien. „Packt Euch nach Norwich zurück, Meiſter Roger,“ ſagte Stilling in zornigerem Tone, als Ralph noch je von ihm gehört hatte.„Finde ich Euch noch einmal unſere Bewegungen belauernd, ſo werde ich Euch jeden Knochen am Leibe zerſchmettern— das mag dann als eine Abſchlags⸗ zahlung dafür gelten, was Euer Herr mir ſchuldig iſt.“ „Ich muß warten, bis mein Pferd gefüttert iſt, Meiſter Stilling,“ erklärte Roger. „Ich moͤchte wiſſen, welcher Teufel Euch hieher ge⸗ bracht hat!“ rief der Andere, wurde aber durch ſeines Ge⸗ bieters Stimme unterbrochen, und ſagte nur noch:„merkt Euch, was ich Euch geſagt habe. Ich laſſe nicht mit mir ſpaßen, wie Ihr jetzt wohl wiſſen könntet.“ Ralph gab eilig ſeine Befehle, kehrte dann eine kurze Zeit auf ſein Zimmer zurück, und ſuchte ſofort Hortenſien auf, um den verſprochenen Brief in Empfang zu nehmen. Das Schreiben war ſchon geſiegelt und adreſſirt an Meiſter William Drayton, Danvers Newchurch bei Harſtock, Dorſet.⸗ Sie legte den Brief in Ralphs Hand und betrachtete ihn mit einem Blicke tiefer melancholiſcher Theilnahme. Sie zögerte noch unentſchloſſen, als ſie fragte: „Iſt Alles bereit?“ „Ich denke, jetzt wird Alles in Ordnung ſeyn,“ er⸗ klärte Ralph.„Empfangt meinen beſten Dank, theure Lady * ———+ —+ 281 Danvers, für alle Güte, die Ihr mir beſonders in meinen jetzigen peinlichen Umſtänden bewieſen habt.“ Sie winkte faſt ungeduldig mit der Hand und ſagte: „Kein Wort, kein Wort, theurer Freund; ich habe Euch übrigens noch etwas zu ſagen“— ſie zoͤgerte abermals, fuhr aber dann in haſtigem und weichem Tone fort:„Ralph, ich betrachte Euch wie einen Verwandten: ich kann Eurer Mutter Sohn nicht anders anſehen. Ihr ſeyd geſtern eilig mit mir aufgebrochen, und hattet nicht Zeit, Euch für eine lange Reiſe mit Geld vorzuſehen. Kein falſches Zartgefühl zwiſchen Euch und mir—“ Ralph nahm ihre Hand und hob ſie an ſeine Lippen, und dabei kam es ihm vor, als ob ſie heftig zittere. „Dank, tauſend Dank,“ ſagte er;„ich würde auch Euer gütiges Anerbieten ebenſo offen annehmen, als es frei⸗ müthig gemacht worden; allein ich habe vollkommen genug bei mir, Lady Danvers. Mein Diener hat einen großen Theil meines Gepäcks mitgebracht, und darunter auch den kleinen Vorrath, der mir für ſechs Monate ausreichen ſollte.“ „Gut, gut, ſo geht,“ bat ſie.„Zögert nicht eine Mi⸗ nute, denn ich bin ſo lange in Angſt, bis Ihr aus des alten Lords Bereiche gekommen. Wir werden uns wieder ſehen, mein Freund, und uns mit mehr Muße über alle dieſe Ein⸗ zelnheiten beſprechen. Für jetzt iſt nichts zu thun, als uns ſo raſch wie möglich zu trennen.“ Ralph küßte abermals ihre Hand, welche in der That ſehr ſchön war, obwohl ihre Lippen— ehrlich geſtanden— noch weit verführeriſcher ausſahen. Bald war er im Stalle, 4 282 wo er ſein Pferd geſattelt und das Gepäck geordnet fand. Noch eine Minute, und er ritt durch den Thorweg des Gaſt⸗ hofes, und ſah ein Antlitz aus einem Seitenfenſterchen her⸗ vorſchauen, das den Hofraum wie die Straße beherrſchte. Gaunt Stilling ſchüttelte im Vorbeireiten die Fauſt nach dem Manne oben, und während ſein Gebieter mit den Die⸗ nern des Herzogs von Norfolk, die ſich am Thore verſammelt hatten, noch einige wenige Worte ſprach, legte Stilling ſei⸗ nen Finger mit bezeichnender Gebärde an den Griff ſeines Degens, mit welchem er diesmal ſein Reiſekoſtüm dervoll⸗ ſtändigt hatte. Ralph wendete ſein Roß nach der Rechten in der Rich⸗ tung der weſtlichen Straße, als Gaunt Stilling ſich ihm näherte und in leiſem Tone ſagte: „Dort hinaus, Sir. Wir werden bewacht und müſſen den Spion irreführen. Ich habe mich ſchon anweiſen laſſen, und kann mich auf den Seitenpfaden nach der Hauptſtraße zurückfinden. Sind wird erſt an Ely vorüber, ſo bin ich auf hundert Meilen mit jedem Schritte bekannt.“ Ralph folgte bereitwillig ſeiner Weiſung, fragte aber im Weiterreiten: „Wer bewacht uns? einer von Lord Woodhalls Leuten?“ „Nein,“ erwiederte Stilling in der ihm eigenen bar⸗ ſchen Weiſe:„des ſchurkiſchen Robert Schurke Roger.“ „Ich wollte beim Himmel, es wäre ſein Herr ſtatt ſei⸗ ner,“ bemerkte Ralph mit blitzendem Auge und raſch er⸗ glühenden Wangen. „Ja, das wünſche auch ich,“ verſicherte Gaunt Stilling 283 in düſterem Tone;„er weiß aber immer einen Anderen an ſeine Stelle zu ſchieben, wenn dieſe Stelle gefahrvoll wird. Doch Jedermann hat ſeine Zeit, und die ſeinige wird auch noch kommen.“ Hier verſank er wieder in Stillſchweigen, und ſie ſetzten ihren Weg ohne Unterbrechung fort. Die ganze Reiſe verlief ohne bemerkenswerthes Er⸗ eigniß, obwohl ihr Weg, wie der Leſer weiß, ſie faſt durch den weiteſten Theil von Großbritannien führte. Ralph ſelbſt war ſchweigſam und melancholiſch, denn manche pein⸗ liche Betrachtung drängte ſich ſeiner Seele auf, und ſtörte ihn in dem Genuſſe des Scenenwechſels und der raſchen Bewegung, den ein junges feuriges Herz wie das ſeine beim Zuge durch die ſchönen Grafſchaften zwiſchen Norfolk und Dorſetſhire ſonſt wohl gehabt hätte. Seine Gedanken weilten faſt ausſchließlich bei Margarethen. Er ſah wenig, beobachtete wenig, und Unterhaltung hatte er keine, denn Gaunt Stilling— obwohl an Verſtand ſeines Gleichen weit überlegen, und augenſcheinlich in der Erziehung der Welt wie in Schulbildung weit vorgerückt— war düſter und ſchweigſam. Er hatte nie viel geſprochen, und was er ſagte, war in der Regel kurz und bündig; jetzt aber äußerte er faſt nie eine Sylbe und hielt ſich in den Gaſthöfen, wo ſie unterwegs anhielten, abſeits von allen anderen Dienern und ſonſtiger Geſellſchaft. Ralph bemerkte auch, ſo oft man ihm die Wirthsrech⸗ nung brachte, daß für ſeinen Diener oder deſſen Pferd nie etwas angeſetzt war, und die ſonderbaren Umſtände, unter 284 denen der Mann in ſeinen Dienſt gekommen, kehrten von Zeit zu Zeit mit nicht ganz erfreulichem Eindrucke in ſein Gedächtniß zurück. Daß Stilling in ſeinem Dienſte nützlich und ſehr eifrig geweſen, fühlte Ralph recht wohl; aber es war ihm unangenehm, ſo unentgeldliche Dienſte annehmen 3 zu ſollen, beſonders wenn ſie dem Betheiligten keine gerin⸗ gen Koſten auferlegten. Er beſchloß, von Gaunt Stilling eine Erklärung über die Sache zu verlangen; aber des Man⸗ nes Schweigſamkeit, ſeine eigenen geſchäftigen Gedanken und die Schnelligkeit, mit der ſie von Ort zu Ort weiter eilten, ließ ihn die Ausführung ſeines Vorhabens verſchieben bis ſie das Ziel ihrer vorläufigen Beſtimmung erreichten. Auf den Gränzen von Somerſetſhire und Dorſetſhire ſchien Gaunt Stilling einen ihm wohlbekannten Boden zu betreten. Hatte er ſchon zuvor eine ſehr genaue Kenntniß des Landes zwiſchen der Inſel Ely und den Mendiphügeln ver⸗ rathen— und dieſer Raum war groß genug, um ſeine geo⸗ graphiſche Stärke auf die Probé zu ſtellen— ſo ſchien er jetzt mit jedem einzelnen Pfade oder Nebenwege genau be⸗ kannt zu ſeyn. Er wußte ſogar in den entlegenſten Theilen eines Landſtriches, der damals nur wenig bebaut und dürftig bevölkert war, alle guten Gaſthöfe anzugeben, und Ralph Konnte ſich nicht enthalten zu glauben, daß er, wenn er über⸗ haupt(wie er nunmehr zu vermuthen begann) Verſteckens zu ſpielen genöthigt war— keinen beſſeren Lehrmeiſter in dieſem Spiele als ſeinen jetzigen Begleiter hätte finden können. 4 Gaunt Stilling verharrte immer noch in ſeinem düſte⸗ 285⁵ ren Schweigen, gab einſylbige, wenn auch höfliche Antworten, die aber zwei bis drei Worte nie überſtiegen, und machte nur einmal, als ſie über die ſchönen Mendiphügel kamen, eine Ausnahme. „Ich habe Euch vierzig Meilen um geführt, Sir,“ ſagte er,„nicht um Euch dieſe ſchöne Ausſicht zu verſchaffen, ſon⸗ dern um den Ländereien der alten Lady Coldenham auszu⸗ weichen, denn dort würde ich im Augenblicke erkannt, und Ihr könntet dann gerade dadurch aufgeſpürt werden— eine Entdeckung, welche ſo ſchnell wie möglich über das ganze Land hinflöge.“ „Ich ſehe wirklich nicht ein, wozu ſo übermäßige Vorſicht nöthig ſeyn ſollte,“ bemerkte Ralph nachdenklich. „So, Ihr ſeht es nicht, Sir?“ wiederholte Gaunt Stilling, und ließ das Geſpräch wieder fallen. Endlich eines Nachmittags, ein paar Stunden vor Sonnenuntergang, kamen ſie durch eine lange tiefeingeſchnit⸗ tene Schlucht, welche von ſchlanken ſchattigen Bäumen in der ganzen Fülle ihrer ſommerigen Belaubung überhangen war. Sogar da, wo der Kopf eines Reiters über den Ab⸗ hang hervorragte, war die Umgegend nirgends zu über⸗ ſchauen, da ſich reiche Obſtgärten nach beiden Seiten aus⸗ dehnten. Nachdem ſie etwa eine Viertelmeile durchzogen hatten, ſah man den Ausgang der Schlucht vom Sonnenſchein erhellt, und wenige Minuten ſpäter ſtand Ralph am Rande eines ſanften Abhanges, wo das Auge über eines der ſchön⸗ ſten Thäler, das er noch je geſehen, frei hinſchweifte. Ein beträchtlicher Theil des vorliegenden Grundes war 286 als Park angelegt, mit ſchönen Raſenplätzen und großen alten Bäumen zu beiden Seiten eines ziemlich bedeuten⸗ den Baches, der ſprudelnd und hüpfend aus der Schlucht hervorſchoß. Weiter hin auf einer Anhöhe etwa zwei⸗ hundert Schritte vom Fluſſe ſah man in der Wildniß jen⸗ ſeits des Parkes ein großes ſteinernes Gebäude, etwa im Style Heinrichs des Siebten oder Achten, denn es zeigte die Merkmale der beſten Periode des Tudorſtyles. Einen Bogenſchuß vom Hauſe entfernt, aber innerhalb der Parkgränzen, erhob ſich aus einem kleinen Buchenhaine eine ſchöne Kirche. Vor etwa vierthalb Jahrhunderten mochte ſie allerdings den Namen Newchurch(neue Kirche) verdient haben, denn wenn ſich auch ein Baumeiſter gefunden hätte, der den früheren engliſchen Bauſtyl ſo vollkommen nachahmte, ſo würden die Flechten und Mooſe, die Farbe des Steines und das Verwittern der alten Zierrathe das Alter des Baues deutlich genug bewieſen haben. „Da liegt Danvers Newchurch, Sir,“ ſagte Gaunt Stilling;„wir müſſen jedoch einen kleinen Umweg machen, um zu dem Thore zu gelangen.“ „Das ſcheint ein ſehr friedlicher Aufenthalt zu emn⸗ bemerkte Ralph. „Friedlich! 1 wiederholte Gaunt Stilling kaum hörbar. 3„Gibt es noch ſo ein Ding wie Frieden in der Welt?“ Naach wenigen Minuten waren ſie im Park und ritten nach dem Hauſe aufwärts, unter deſſen altem ſteinernem Thorwege ein geſunder, gut ausſehender, wohlgekleideter Mann in mittleren Jahren oder etwas drüber ſaß; neben 287 ihm eine ältliche Frau mit einem jungen Kinde zu ihren Füßen, das in einem ABCbuche las. „Dort iſt vermuthlich Meiſter Drayton,“ bemerkte Gaunt Stilling, und Ralph ritt näher und ſtieg ab, um ihm Lady Danvers' Brief zu überliefern. „Der iſt für mich,“ ſagte der Mann auf der Treppen⸗ ſtufe den Brief eröffnend.„Ich vermuthe, Mylady wird bald kommen.“ Gleichzeitig entfaltete er das Blatt, und heftete ſeine Augen auf deſſen Inhalt. Dieſer ſchien ihn zu frappiren, denn obwohl er im Weiterleſen ein gelegentliches Natürlich — Gewiß— Ei ganz ſicher— als eine Art Beibemerkung vernehmen ließ, ſo war doch ſeine breite Stirne gerunzelt, und ſein ganzes Geſicht bekam einen zweifelnden Ausdruck. „Ihr ſeyd ganz willkommen, Sir,“ ſchloß er, ſobald er fertig war,„und ich will für Euch thun, was ich nur immer kann. Ich werde Mylady's Befehle nach meinen beſten Kräften befolgen; aber Ihr wißt, dem Geſetze kann ich nicht widerſtreben.“ „Dem Geſetze widerſtreben!“ rief Ralph.„Gewiß verlangt Lady Danvers nichts der Art, da es überdieß um meinetwillen nicht nöthig wäre. „Nun, Sir, Ihr müßt's am Beſten wiſſen,“ meinte Mr. Drayton;„am liebſten wäre mir's, wenn Ihr einen Augenblick— in dieſes Zimmer trätet und eine Weile mit mir ſprächet.* Bei dieſen Worten öffnete er die Hausthüre, und ging nach einem kleinen Vorzimmer der großen Halle voran. Dort begann er, nachdem er die Thüre verſchloſſen hatte: 8 288 „Was ich vorhin ſagen wollte, Sir, iſt nur, daß ich pflichtſchuldigſt Alles thun will, um Euch zu verſtecken, daß ich mich aber nicht gerechtfertigt erachte, falls die Gerichts⸗ beamten Euch von mir verlangten, ihnen gewaltſamen Wi⸗ derſtand zu leiſten.“ „Gerichtsbeamte mich von Euch verlangen!“ wieder⸗ holte Ralph ganz verwirrt.„Da muß ein Irrthum im Spiele ſeyn, mein guter Sire Darf ich wohl einen Blick in Lady Danvers' Brief werfen?“ „O gewiß, Sir,“ erwiederte der Schloßvogt.„Es iſt nichts darin, was Ihr nicht ſehen dürftet.“: Mit dieſen Worten händigte er Ralph den Brief ein, und dieſer las wie folgt: „Meiſter Drayton! „Vorliegendes wird Euch durch Mr. Ralph Woodhall, den Sohn von meiner armen Mutter theuerſter Freundin, und alſo auch meinen Freund— überliefert werden. Ihr 3 werdet ihm jede erdenkliche Aufmerkſamkeit erweiſen, und ihm Danvers Newchurch ganz ebenſo zur Verfügung ſtellen, wie wenn es ſein Eigenthum wäre, indem Ihr Sorge traget, 4 nöthig ſeyn, das Schloß ringsum wohl zu bewachen und Curen Gaſt durch Niemand beläſtigen zu laſſen, da er das Unglück gehabt hat, ſeinen Vetter, den Sohn des Lord's Woodhall, der jetzt höchlich gegen ihn eagaim iſt— im Duelle zu tödten.“ daß es ihm und ſeinem Diener an nichts gebreche. Es wird —— 289 Nalph ließ das Papier aus der Hand fallen, Mr. Drayton mit einem Blicke ungeheuchelten Erſtaunens an⸗ ſtarrend. „Um's Himmels willen— was hat das zu bedeuten?“ rief er endlich.„Henry Woodhall im Duell getödtet! und durch mich! Ich kann meinen Sinnen nicht mehr trauen, wenn ich eine ſolche Verſicherung von Lady Danvers eigener Hand vor mir ſehe. Sie muß gröblich— ja fürchterlich getäuſcht worden ſeyn; aber einen Grund muß ſie doch dazu gehabt haben.“ Und die Thüre heftig aufreißend, eilte er an den vorderen Eingang, und rief laut:„Stilling, Stil⸗ ling!“ Der Diener, der die Pferde auf⸗ und abführte, erſchien an der Thüre, und Ralph fragte alsbald: „Sagt mir, was hat das zu bedeuten? Lady Danvers ſchreibt hier in ihrem Briefe an Mr. Drayton, mein Vetter Henry ſey in einem Duelle getödtet worden.“ „Ja wußtet Ihr das nicht, Sir?“ fragte Stilling in kaltem Tone. „Ich!“ rief Ralph.„Wie in's Himmels Namen hätte ich's wiſſen ſollen? Ihr habt ja der Sache während unſerer ganzen Reiſe mit keiner Silbe erwähnt.“ „Ich dachte, der Gegenſtand wäre für Euch zu peinlich, Sir,“ erwiederte der Mann mit ganz eigenem Ausdruck. „Ihr hattet ja den Brief des Herzogs von Norfolk. 9 „Der Herzog ſagte kein Wort von der Sache,“ erklärte Ralph.„Mein Gott, das wird mich noch wahnſinnig machen!“ James. Das Schickſal. 19 290 Mit dieſen Worten drehte er ſich um, und ging gefolgt von Mr. Drayton in das Haus zurück, wo er ſich in einen Stuhl niederwarf und in wahrer Seelenangſt und Beſtür⸗ zung die Augen mit den Händen bedeckte. Gaunt Stilling band die Pferde an ein eiſernes Gitter und folgte ihm gelaſſen; der gute Mr. Drayton, durch die Seelenangſt, die er bei dem jungen Fremdling gewahrte, ebenſoſehr wie durch den Brief ſeiner Lady zur Achtung und Aufmerkſamkeit gegen denſelben geſtimmt, that Alles, was er zu ſeinem Troſte und ſeiner Beruhigung nur irgend er⸗ ſinnen konnte. Es war zwar nicht viel, was ihm in dieſer Lage zu Sinne kam, denn er war ein Mann von ganz materiellen Geſinnungen und Gewohnheiten. Er konnte die Zahl der Aecker von jedem Pachthofe des Gutes bis auf Ruthen und Zolle genau angeben, und wußte auch wie ſie zu bebauen waren. Er kannte die Lage und Bedürfniſſe jedes Pächters und Taglöhners, und verſuchte ſein Beſtes, um die einen zu verbeſſern und die andern zu vermindern; aber mit tiefem Kummer ſich zu befaſſen, ein verſtändiges Gemüth, ein füh⸗ lendes Herz zu beſänftigen— das waren Aufgaben, welche über ſeinen Geſichtskreis hinausreichten. Im beſten Falle — und das war ſein einziges Hülfsmittel— mochte er die Gedanken des Betrübten von der Quelle ſeines Kummers abzulenken ſuchen. So hatte er's ſchon mit manchem Vettler vor der Schloßpforte gehalten, denn er war kein har⸗ ter und grauſamer Stellvertreter, und ſtrebte ſeinen Gaben wenigſtens immer die Wohlthat des Troſtes beizufügen. 291 Auch jetzt ſuchte er Ralph's Kummer auf dieſe Art zu beſchwichtigen: er langweilte ihn mit Schlafzimmern, mit erſter und zweiter Tafel, und was er Alles während ſeines Aufenthaltes bedürfen würde, bis er zuletzt ſo nachdrücklich mit dieſen Dingen in ihn drang, daß Ralph aufſtand und ihm mit düſterer Miene und ſchwerfälligem Schritte, der alle Elaſticität der Jugend verloren hatte, nach den Zimmern folgte, welche der Vogt ihm zu zeigen ſich erboten hatte. Gaunt Stilling ſchaute ihm mit zögernder zweifelhaf⸗ ter Miene nach, als ob er nicht wuͤßte, ob er ihm folgen ſollte oder nicht. Nach kurzer Erwägung drehte er ſich je⸗ doch um, führte die Pferde in den Stall, und nachdem er ſie dort mit den nöthigen Weiſungen einem Bauernburſchen übergeben hatte, kehrte er in das Haus zurück und ſuchte ſeinen Gebieter, den er allein in ſeinen Kummer verſenkt daſitzen ſah, nachdem Mr. Drayton ihn verlaſſen hatte, um die nöthigen Vorkehrungen zu ſeiner Aufnahme zu treffen. Sobald Gaunt Stilling in das Zimmer trat, winkte ihm Ralph, daß er die Thüre ſchließe, und hub an: „Nun erzählt mir mehr von dieſer traurigen Geſchichte, Stilling; ich bin jetzt gefaßter. Zwar wünſchte ich, Ihr hättet mir die Sache früher geſagt, wodurch meine Reiſe gänzlich unterblieben wäre: aber Ihr befandet Euch wahr⸗ ſcheinlich in demſelben Irrthum, der, wie es ſcheint, auch Andere angeſteckt hat.“ „Ja ſeht, Sir,“ erwiederte der Diener nicht ohne Ge⸗ fühl in ſeinem Tone,„ich ſah Euch immer ſo traurig und melancholiſch, und da der Herzog Euch ſelber geſchrieben . 19* „ 292 hatte, ſo ſchloß ich natürlich, Ihr müßtet Alles wiſei Ihr könnt Euch wohl denken, daß in des Herzogs Ha von nichts Anderem als Mr. Henry Woodhall's T de ge⸗ ſprochen wurde, und nachdem er Euch ſelbſt gefthrieden konnte ich nicht wagen, mit Euch von der Sache zu reden, ohne daß Ihr ſelbſt davon anfinget?“ „Des Herzogs Brief muß ich gänzlich mißverſtanden haben,“ bemerkte Ralph.„Wahrſcheinlich fürchtete er meine Gefühle zu verwunden und ſchrieb nur in vagen all⸗ gemeinen Ausdrücken von unſeligen Ereigniſſen und unglück⸗ lichen Umſtänden. Meine Einbildungskraft, gänzlich un⸗ bekannt mit dem, was vorgefallen, heftete ſich auf andere Creigniſſe und Umſtände. Doch das Alles iſt gleichgültig; ich möchte nur die ganze Geſchichte erfahren. Faſt ſcheint es, als ob des armen Henry Tod mir zugeſchrieben würde.“ „Ja, Sir, ſo dachte Jedermann,“ gab Gaunt Stil⸗ ling zur Antwort.„Es hieß, Mr. Woodhall habe ent⸗ deckt, daß Ihr und ſeine Schweſter ganz entgegen den Wün⸗ ſchen ſeiner Familie ein Liebesverhältniß zuſammen hättet; er habe Euch ſodann gefordert, und ſey von Euch getödtet worden.“ „Aber Ihr müßt das beſſer gewußt haben,“ entgegnete Ralph etwas ſtreng. Stillings Miene trübte ſich und ſeine Stirne wurde umwölkt, wie wenn der Ton des Gebieters, dem er unent⸗ geldlich diente, ſeinen Stolz verwundete. „Ihr hättet dem ſogleich widerſprechen ſollen, Stil⸗ ling,“ fuhr Ralph fort.„Der Herzog mochte ſich wohl 293 täuſchen, denn er konnte nicht ſagen, ob ich nicht heimlich zurückgekehrt ſey; aber Ihr mußtet wiſſen, daß ich ſeit der Jeit meines Aufbruchs am Morgen mein Zimmer nicht mehr betreten hatte.“ „Ganz richtig, Sir,“ erwiederte Stilling in ruhigem Tone;„aber Ihr brauchtet Euer Zimmer auch nicht mehr zu betreten. Ein Schwert hattet Ihr bei Euch und durftet alſo nur zurückreiten, Euren Gegner niederſtoßen und ver⸗ ſchwinden.“ „Wahr, wahr,“ verſetzte ſein Gebieter.„Doch glaub⸗ tet Ihr wirklich, daß ich alſo gethan habe?“ Gaunt Stilling zögerte, gab aber endlich zur Antwort: „Ich glaubte es freilich nicht, Sir, aber ich war nicht in der Lage, um meine Anſicht auszuſprechen. Bis am an⸗ deren Morgen ſchien zu meinem Schrecken Alles gegen Euch zu ſprechen.“ „Und was brachte Euch denn auf andere Meinung?“ fragte Ralph. „Ei, ich erfuhr in dem Gaſthofe, wo Lady Danvers übernachtete, daß Ihr gegen halb neun Uhr ausgegangen und mehrere Stunden lang von Niemand geſehen worden waret,“ erklärte Stilling.„Das Duell fand zwiſchen zehn und eilf Uhr ſtatt, und mit einem flinken Roſſe konntet Ihr Norwich in dieſer Zeit wohl erreichen.“ Ralph drückte ſeine Hand auf die Stirne und ſagte gleichſam als Antwort auf eine Frage, die ſich in ſeinem Innern erhoben hatte: „Das erklärt es, das erklärt Alles! Ich konnte durch⸗ 294 aus nicht begreifen, wie Lady Danvers mich einer ſolchen Handlung ſchuldig glauben mochte; aber jetzt verſtehe ich Alles.“ „Schuldig, Sir?“ rief Gaunt Stilling, deſſen alte ſoldatiſche Gewohnheiten ihn ſolche Ereigniſſe in ganz an⸗ derem Lichte betrachten ließen, als ſein Herr ſie erblickte. „Ich ſehe keine große Schuld daran, wenn man in offenem ehrlichem Kampfe ohne Uebervortheilung einen Menſchen tödtet, beſonders wenn er ſelbſt den Kampf geſucht hat.“ „Wir mögen verſchieden hierüber denken,“ erwiederte Ralph;„aber ſo viel wenigſtens kann ich Euch ſagen, Stil⸗ ling: wenn meine Hand in ſolchem Streite des armen Henry Blut vergoſſen hätte— ich würde es mir bis an meinen Todestag nicht verzeihen. Jetzt verlaßt mich, Stilling. Ihr werdet hier gut verpflegt werden, und ich werde Euch bald rufen laſſen, um weitere Erkundigungen bei Euch einzuziehen. Für jetzt bin ich noch ganz verwirrt und muß meine Gedanken zu beruhigen ſuchen, um über meine nächſten Schritte zu einem Entſchluſſe zu kommen. Mein erſter Einfall iſt der, augenblicklich nach London zu gehen und mich von dieſer That zu reinigen.“ „Gönnt unſeren Pferden lieber einige Ruhe, Sir,“ rief Gaunt Stilling;„wir ſind im Eilſchritte hierher ge⸗ kommen, und ſie werden für jetzt nicht mehr viel leiſten. Ueberdies verdiente die Frage genaue Ueberlegung, ob Ihr Euch ſo leicht zu reinigen vermöchtet, daß Euch Alle unan⸗ 44 genehmen Folgen erſpart blieben. Vier bis fünf Monate Unterſuchungshaft ſind nicht ſonderlich angenehm, und die v 295 bloſe Thatſache, daß Ihr in ſolcher Haſt hierher geeilt ſeyd, würde viel Erklärens erfordern, denn manche Leute dürften es nicht eben ſo gut wie Ihr ſelbſt begreifen.“ Ralph maß ihn mit ernſten Blicken und flüſterte dann in tiefem Tone: „Hoffentlich haltet Ihr mich doch jetzt nicht mehr für ſchuldig?“ „Nicht im Geringſten, Sir,“ erwiederte der Mann offenherzig.„Ich bin von Eurer Unſchuld vollkommen über⸗ zeugt und kann ſogar mit ziemlicher Sicherheit errathen, welcher Art das Mißverſtändniß war, das Euch des Herzogs Rath ſo bereitwillig befolgen ließ; ich meine nur, andere Leute würden die Sache nicht ebenſo gut begreifen, und um Euch ſobald von der Anklage zu reinigen, müßtet Ihr vielleicht andere Dinge erklären, welche zu berühren Euch ſehr unerfreulich ſeyn dürfte.“ 1 3 „Ich will mir's überlegen, ich will mir's überlegen,“ ſagte Ralph; und da Gaunt Stilling ihn abermals in tiefe Träumerei verſinken ſah, ſo verließ er leiſe das Zimmer. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Die Lichter waren angezündet in einem kleinen hübſchen Zimmer zu Danvers Newchurch, und Nalph Woodhall ſaß bei einer mit Leckereien bedeckten Tafel, wie er ſie an einem ſo abgelegenen Orte wohl kaum erwartet hatte. Ohne ſie jedoch ſonderlich zu beachten, aß er blos ſoviel als zu ſeiner 296 Erhaltung nöthig war und trank einige Gläſer guten alten Weins, welche ihm von den beiden alten Dienern der Fa⸗ milie Danvers— Blauflaſchen hieß man ſie damals— auf⸗ gedrungen wurden. Die beiden Alten hatten weit weniger zu thun, als ihnen eigentlich lieb ſchien und waren aus Rückſicht für ihr Alter, das ſie ſelbſt nicht ſonderlich an⸗ ſchlugen, von ihrer Gebieterin bei ihren entfernten Aus⸗ flügen auf dem Lande zurückgelaſſen worden. Sie glaubten ſich ſelbſt ſo ſtark und rüſtig wie immer und jeder Art von Arbeit gewachſen; Hortenſia war aber nicht der Art, daß ſie irgend Jemand mit Anforderungen überbürdet hätte; ſie nahm daher mehr Rückſicht auf ihre Jahre als ſte ſelber ge⸗ willt waren. So ſchienen ſie denn herzlich froh, einem be⸗ günſtigten Gaſte während ihrer Gebieterin Abweſenheit jede Aufmerkſamkeit zu erweiſen, und wie denn alte Leute ſehr oft gut zu rechnen und beſonders unter gewiſſen Umſtänden zwei abgeſonderte Enden eines Fadens zuſammenzuſetzen und gleichſam wie mit Schuſterpech zu verbinden verſtehen, ſo kalkulirten ſie innerlich ſchon über die Wahrſcheinlichkeit, ob der hübſche junge Fremdling, deſſen Schickſal und Ver⸗ mögen ihnen unbekannt war, in Kurzem vielleicht ihr recht⸗ mäßiger Herr und Gebieter werden dürfte. Gegen das Ende der Mahlzeit, als einige Früchte— damals mit großer Schwierigkeit und ungeheuren Koſten großgezogen— auf den Tiſch geſtellt wurden, kam Mr. Drayton ſelbſt zum Vorſchein und ſtellte ſich eine Weile ne⸗ ben Ralphs Stuhl, die Dürftigkeit der Mahlzeit mit de Kürze der zugemeſſenen Zeit entſchuldigend.— 1 „Wir werden Euch morgen beſſe er traktiren, Sir,“ ſagte er;„haben wir vielleicht einen Wein im Keller, der Euch beſſer mundete? Die Schlüſſel bleiben immer in meiner Verwahrung: wir haben prächtigen Burgunder, Bordeaur von der feinſten Qualität und ſogar kaiſerlichen Tokayer, denn mein verſtorbener Lord war ein feiner Kenner, und die Weine ſind ſeit ſeinem Tode— das iſt auf nächſtes Martini dreizehn Jahre— noch beſſer geworden.“ „Nicht weiter, Mr. Drayton, nicht weiter; ich danke Euch,“ erwiederte Ralph.„Ich habe ganz genug gehabt und Alles war ſehr gut.“ „Vielleicht wünſchtet Ihr Euch ein wenig im Hauſe umzuſchauen,“ ſagte der Schloßvogt, entſchloſſen, den jun⸗ gen Fremdling nicht ſeinen eigenen bitteren Gedanken zu überlaſſen, ſo lange er's verhindern konnte.„Es iſt ein merkwürdiger alter Orr und ſieht meiner Anſicht nach weit beſſer bei Kerzenlicht aus, wie ſonſt. Ich meine, das ſey bei ſo alten Neſtern immer der Fall, denn ſie haben etwas an ſich, was uns fühlen läßt, daß ihr eigentliches Licht da⸗ hin iſt, und daß ſie nur noch durch künſtliche Mittel mit Vor⸗ theil betrachtet werden können. Ich denke, es würde Euch Freude machen, die Wohnung zu beſehen.“ „Ganz recht,“ ſagte Ralph in gleichgültigem Tone; „ich will Euch begleiten, Mr. Drayton, wenn Ihr ſo wollt.“ „Ganz nach Belieben, Sir— in der Minute, ſobald Ihr mit Eurem Weine fertig ſeyd;“ erklärte Mr. Drayton. „Halt, ich will meine Leute rufen, um uns die Lichter vor⸗ anzutragen; dann wollen wir die ganze Zimmerreihe durch⸗ 298 wanbern, un elben Gaſtzimmer den Anfang machend und dann das grüne und von da das blaue betrachtend.“ „Gelbe, grüne und blaue Gäſte!“ wiederholte Ralph. „Mich dünkt, da müſſen noch ſchwerer bedrückte Herzen als das meine hier gelebt haben.“ „O Sir, das iſt blos ein Name,“ erwiederte der gute Mann,„und die Art, wie wir die Zimmer benennen, hat nur wenig mit denen, die darin ſchlafen, zu ſchaffen. Ich werde im Augenblicke parat ſeyn, Sir.“ Sofort befahl er zwei Dienern, ſich mit Kerzen zu ver⸗ ſehen und ihnen voranzugehen, worauf er mit langſamem feierlichem Schritte den Weg zeigte, nicht anders als ob der Platz ein Nonnenkloſter wäre und er die frommen Gebete der Bewohnerinnen zu ſtören fürchtete. Ich will den Leſer nicht mit einer detaillirten Schilde⸗ rung der verſchiedenen Gänge und Zimmer aufhalten, durch welche Ralph geführt wurde, ſondern blos bei dem allge⸗ meinen Ausſehen des Schloſſes verweilen, das einen ſtatt⸗ lichen, ſinnigen und ſogar feierlichen Eindruck machte. Jede Verzierung und Ausſchmückung, die man ſah, vermehrte noch dieſen Eindruck, denn der verſtorbene Lord Danvers war ein vollendeter Kunſtkenner von wahrhaft gutem Ge⸗ ſchmacke geweſen. So war der alte Corridor in eine Bilder⸗ gallerie umgewandelt, und der junge Gaſt blieb hier und dort ſtehen, um eines oder das andere der an der Wand auf⸗ ſehängten Portraits zu betrachten. Die Geſchichte eines den war Mr. Drayton wohlbekannt, und er ſchenkte ſei⸗ nem jungen Begleiter kein Wort von ſeinem Berichte, viel⸗ 299 leicht nicht ohne allerhand Verſchönerungen, um ſeine Auf⸗ merkſamkeit gefeſſelt zu erhalten. Anfänglich wanderte Ralph achtlos durch die Zimmer; allmälig gewann er jedoch Intereſſe für das, was er ſchaute, und er blieb mehreremal ſtehen, um die verſchiedenen Por⸗ traits zu betrachten, indem er ſich nach Namen und Ge⸗ ſchichte der dargeſtellten Perſonen erkundigte. Einige wa⸗ ren von Peter Lely, andere von Van Dyke gemalt, und die Sammlung ging ſogar bis auf Holbein zurück. Natürlich war vornämlich die Familie Danvers vertreten; da waren Danverſe von allen Lebensaltern, vom Wickelkind, das wie eine gyptiſche Mumie eingebunden war, bis zum weißbär⸗ tigen Senior in ſeinem hohen Lehnſtuhle; Männer in Rü⸗ ſtungen, mit Pagen, die ihnen den Helm hielten, und einem Pferde, das ihnen über die linke Schulter guckte; Gentle⸗ men in langen Röcken und ehrwürdigen Halskrauſen, und Damen mit ſteifer Schnürbruſt oder auch bis an's Kinn zugeknöpft. Hiezu kam noch eine Anzahl Portraits von Perſönlichkeiten, welche entweder durch Blut oder Neigung mit der Familie verwandt waren oder eine wichtige Rolle in der Geſchichte ſpielten. Howards gab es viele, Percy's nicht wenige, und in der That war ſeit dem Augenblicke, da die Familie ſich zu hohem Range erhoben, jedes Zeitalter durch ſeinen Repräſentanten dargeſtellt. Unter Anderem ſah man zwei lebensgroße Portraits von Damen in der erſten Blüthe des Lebens. Die eine war dargeſtellt mit einem großen ſpaniſchen Fächer in der Hand, ein Windſpiel, das auf den Hinterbeinen ſtand und den 300 gekräuſelten Schweif anmuthig zu Boden ſenkte, hatte ſeine Tatzen auf einem Tiſche mit einer Glaskugel voll Gold⸗ und Silberfiſchen, die es mit geſpannter Neugierde und einigem Appetite zu beäugeln ſchien. Das Geſicht der Dame war ausnehmend ſchön, und Ralph brauchte ſich nach dem Namen des Originals nicht zu erkundigen, denn die Aehnlichkeit mit Hortenſia war ſo groß, wenn auch das Haar um einen Schatten heller war, daß Jeder, der ſie geſehen hatte, ihre Mutter hier erkennen mußte. Das andere Portrait war das einer größeren Dame, auf eine Marmorurne geſtützt, welche einigermaßen den Charakter eines Grabmonumentes an ſich trug. Ihre Au⸗ gen waren aufgeſchlagen, ſo daß ſie dem Beſchauer gerade in's Geſicht blickte, und ihre rechte Hand ausgeſtreckt, wie wenn ſie dieſelbe der Figur auf dem anderen Gemälde rei⸗ chen wollte. In dieſen Augen lag jener tiefe mächtige Aus⸗ druck, den man nur bei Perſonen von ſtarken andauernden Gefühlen wahrnimmt; der Maler hatte dieſen Blick wohl aufgefaßt und mit wunderbarer Friſche dargeſtellt, ſo daß die Schönheit der Züge und des Kolorits dieſem Gefühle nur als Folie diente. Das Antlitz war Ralph wohl be⸗ kannt, und als er das Portrait ſeiner eigenen Mutter ſo Seit an Seite neben dem Bilde der verſtorbenen Lady Dan⸗ vers gewahrte, da war ihm zu Muth, als ob zwiſchen ihm und Hortenſta noch engere Bande beſtünden, als plötzliche Freundſchaft oder die Bekanntſchaft weniger kurzer Tage ſie* zu knüpfen vermochten. „Ich muß immer wie ein Bruder fuͤr ſie empfinden,“ 301 dachte er;„ſie hat auf edle Weiſe bewieſen, daß ſie mich als ſolchen betrachtet. Eine meiner erſten Handlungen muß ſeyn, ihr den Gedanken auszureden, als ob ich mein Schwert ſo leichtſinnig gegen meines Vetters Henry Leben ziehen konnte.“ Dann an Mr. Drayton ſich wendend, fragte er: „Iſt wohl ein Bild von Lady Danvers vorhanden?“ „Nur ein einziges, Sir, in ihrem Morgenzimmer,“ er⸗ wiederte der Schloßvogt.„Es wurde gemalt, als ſie noch ganz Kind war; ſpäter wollte ſie nie mehr ſitzen. Hier iſt das Zimmer“— indem er einige Schritte weiter nach vor⸗ nen eine Thüre zur Linken öffnete. Die Lichter, welche die Diener trugen, erhellten nur ſchwach das Dunkel des Gemaches, und Ralph betrachtete mit tiefer Theilnahme die Ausſtattung eines Raumes, wo ein ſo ſchönes und intereſſantes Weſen, wie Hortenſia, für gewöhnlich zu wohnen pflegte. Ueberall, wohin ſein Auge fiel, traf es auf Spuren ihres feinen Geſchmackes und auf einen gewiſſen Sinn für Ordnung, Nettigkeit und Verzierung, wie er bei ſolcher Ju⸗ gend ſehr ſelten iſt. Antike Schränke von Ebenholz mit ſilbernen Schlöſſern und Angeln ſtanden in verſchiedenen Theilen des Zimmers, ohne Zweifel manchen kleinen zer⸗ brechlichen Schatz enthaltend. Eine große Tafel in der Mitte auf reichgeſchnitzten verſchlungenen Säulen von ſchwarzem Eichenholz war mit Miniaturen, elfenbeinernen Skulpturen, ſeltenem chineſiſchem Porzellan, merkwürdigen alten Schmuckſachen, einigen kleinen Büchern in ſehr alter⸗ 302 thümlichen Einbänden und zwei bis drei Statuetten in Bronce oder Elfenbein bedeckt, welche vielleicht von der Hand des berühmten Florentiners Cellini herrühren moch⸗ ten. Hier waren auch vielerlei Eremplare der Cinquecento⸗ Kunſt zum Abhalten des Staubs in gläſernen Käſtchen auf⸗ geſtellt; ein elfenbeinernes Crucifir, an dem der tiefleiden⸗ ſchaftliche Ausdruck des Geſichts der todten Materie Leben einzuhauchen ſchien; ein ſilberner Trinkbecher, zu deſſen Sei⸗ ten viele Figuren in Hautrelief hervortraten, welche Blu⸗ menkränze bis zum Rande emporhielten, wie wenn ſie die verſchütteten Weintropfen auffangen wollten, jede einzelne Figur von der andern verſchieden, aber anatomiſch vollendet und voller Grazie; ein goldenes Salzfaß, in alten Tagen wahrſcheinlich an hohen Feſten verwendet, wo auf einer großen goldenen Strahlenmuſchel, welche als Salzbehälter diente, die Figur Neptuns mit ſeinem Dreizacke ſtand, den er über zwei Seepferden ſchwang, während ringsherum in ausgezeichneter Gruppirung die zahlloſen Meergottheiten, die Arme bald in einander gefügt, bald um Nacken oder Schultern geſchlungen, in jeder nur denkbaren Stellung zu ſehen waren. Auf den Wänden ringsum zwiſchen den verſchiedenen Schränken und Fenſtern ſah man eine Anzahl kleiner ſchöner Gemälde von den Händen der großten Meiſter. Es waren vornämlich Landſchaften; hie und da hatte auch ein Figuren⸗ ſtück aus der holländiſchen oder flämiſchen Schule Zutritt erhalten, wenn nämlich der Gegenſtand für Damenaugen paßte. Ein einziges großes Gemälde war im Zimmer, ein 303 junges Mädchen in ziemlich phantaſtiſcher Kleidung darſtel⸗ lend, das die grünen Blätter und Zweige eines Baumes mit der Hand bei Seite ſchob und aus ſeiner ſchattigen Laube nach den Zuſchauern herauszugucken ſchien. Das Geſicht war voller Luſt und Leben, voll Licht und Verſtand; die Ju⸗ gend jubelte offenbar in ihrem Herzen und der Geiſt des friſchen Urwaldes leuchtete über das Ganze. Obgleich Hortenſia's Augen jetzt tiefere Geheimniſſe enthielten, obgleich der Ausdruck überhaupt nachdenklicher und ſchüchterner und ihre Geſtalt, hier noch in der Knoſpe, zu lieblicher Jungfräulichkeit aufgeblüht war, ſo konnte Ralph doch ohne Schwierigkeit in den feinen Zügen und der wilden Anmuth des Kindes Hortenſien erkennen. Er ver⸗ weilte länger und mit tieferer Theilnahme vor dem Bilde als er irgendwo anders gethan hatte, und während die Diener fortfuhren, die Lichter vor ihn zu halten und Mr. Drayton einen Schritt dahinter ſtand, zuckte ein leiſes Lä⸗ cheln über die Züge des Letzteren, vermuthlich durch einige Schlüſſe hervorgerufen, die er ſo eben bei ſich ſelbſt anſtellte. „Hier iſt Mylady's Ankleidezimmer,“ ſagte er nach einer Weile, eine Thüre jenſeits öffnend,„und dort ihr Schlafgemach.“ Ralph folgte und ſchaute ſich um. Hier herrſchte offen⸗ bar derſelbe Geiſt, nur das Schlafzimmer war ſehr einfach gehalten. Da war ein Kamin für Holzfeuer beſtimmt, mit einem von zwei ſchönen Säulen geſtützten Geſims von rei⸗ chem weißem Marmor; die Feuerböcke waren nach der alten Mode mit zwei großen ausnehmend feingemeiſelten meſſin⸗ genen Hundsköpfen verziert; über dem Kaminſims hing ein zweites Bild der verſtorbenen Lady Danvers. Stühle und Bettvorhänge waren von grünem Sammt, Kiſſen und Decken mit Spitzen garnirt, und als Ralph das Kiſſen be⸗ trachtete, auf welchem Hortenſia ihr Haupt auszuruhen pflegte, ſagte er mit einer ſonderbaren Anwandlung, welche er nicht näher zu analyſtren ſtrebte: „Möge Glück und Frieden hier immer bei ihr wohnen.“ Von da führte ihn der Schloßvogt noch durch eine Reihe weiterer Zimmer; aber obwohl das Haus einige hi⸗ ſtoriſche Erinnerungen und viele jener alten träumeriſchen Wendeltreppen, Gänge und Hallen beſaß, welche das un⸗ beſchäftigte Gemüth mit ſonderbaren Geſichten erfüllen, ſo hatte doch kein Theil ein ſolches Intereſſe für ihn, wie der, den erzuerſtbeſichtigt hatte, und er kehrte in das Speiſezinnner zurück, während noch immer die peinlichen Gefühle des Ta⸗ ges in ſeinem Herzen lebten, aber ſchon mit freundlicheren Gedanken— veranlaßt durch Alles, was er in Hortenſia's Gemächern geſehen hatte— vermiſcht waren. „ Ich will jetzt einige Briefe ſchreiben, Mr. Drayton, und mich dann zur Ruhe begeben,“ ſagte er. „Ja, Sir,“ erwiederte der Angeredete in jenem phili⸗ ſtröſen Tone, welcher ſtarken Regungen immer widerſtreitet; „es iſt immer beſſer, Nachts einen Brief zu ſchreiben, ſich doann mit ſeinem Kiſſen zu berathen und ihn am Morgen, ehe man ihn abſchickt, noch einmal zu überleſen. Es ſcheint, Mylady hat mit dieſem Duell einen Mißgriff begangen, und die Sache hat Euch völlig überraſcht; überlegt doch erſt, 30⁵ Sir, ehe Ihr handelt, denn man ergreift nicht immer das Beſte, wenn man übereilt zugreift.“ „Wahr, wahr, Mr. Drayton,“ beſtätigte Ralph in zerſtreutem Tone;„ich will denken, ehe ich handle; aber jedenfalls darf ich keine Beſchuldigung auf mir liegen laſſen, die ich nicht verdiene.“ Nachdem er ſich Schreibmaterialien verſchafft hatte, machte er ſich an die Abfaſſung mehrerer Briefe, von denen ich nur einen als Probe geben will. Er war an Lord Wood⸗ hall adreſſirt und lautete folgendermaßen: „Mein verehrter und ſehrtheurer Lord! „Ich habe heute Abend und erſt dieſen Abend die trau⸗ rige Schreckens⸗Botſchaft erfahren, welche Eure Fami⸗ lie betroffen und mich nicht allein eines ſehr theuren Ver⸗ wandten, ſondern auch meines erſten Jugendfreundes be⸗ raubt hat. Obgleich Eurer Lordſchaft Kummer größer als der jedes Anderen ſeyn muß, ſo dürft Ihr mir doch ſo viel glauben, daß der meinige beim Empfange dieſer Kunde auch ohne weiteres Gewicht ſchon hart genug zu tragen ge⸗ weſen wäre; aber neben dieſer Trauerkunde kommt mir noch die ſonderbare Nachricht zu, daß mein Name mit jener That, welche Ench einen theuren Sohn und mir meinen Freund und Vetter entriß durch ein mir unerklärliches Mißverſtäͤnd⸗ niß in Verbindung geſetzt wurde. Ich kann Euch unmoͤg⸗ lich auch nur einen Augenblick auf dem Glauben laſſen, als ob ich mein Schwert gegen Euxen Sohn gezogen haͤtte; aber ich habe noch weiter zu erklaͤren, daß gar kein Streit James. Das Schickſal. 20. 306 oder Zank zwiſchen uns obwaltete, daß wir letzten Mittwoch Nachts in vollkommener Freundſchaft und gutem Einver⸗ nehmen ſchieden, und daß ich ſeitdem nichts von ihm geſehen odor gehöoͤrt habe, da ich Donnerſtag Morgens in der Frühe auförach, um Lady Danvers weſtwärts zu begleiten und Norwich ſeit der Zeit nicht mehr betreten habe. Noch mehr — es iſt geradezu unmöglich, daß ich dort geweſen ſeyn könnte, wie ich jederzeit zu beweiſen bereit bin, da ich über jeden Augenblick meiner Zeit Rechenſchaft ablegen und die Perſonen, welche mit mir waren, vorführen kann. Sollte Eure Lordſchaft, trotz meiner feierlichen Verſicherung, gegen die erwähnte Thatſache noch immer Zweifel hegen, die ſich durch rivatunterſuchung nicht heben ließen, ſo bin ich kei⸗ neswegs abgeneigt, mich einem ehrlichen offenen Verhöre zu unterziehen; wenn ich dann nicht beweiſe, wie gar keine Möglichkeit vorhanden war, daß ich zu jener Stunde auf der bewußten Stelle, wann und wo die unglückſelige That vor ſich ging, erſcheinen konnte— ſo mögt Ihr mich als Möoͤrder verurtheilen laſſen.“ „Eines möchte ich allerdings gerne vermeiden, näm⸗ lich längere Gefangenſchaft; wenn jedoch der Tag, wo die Anklage gegen mich unterſucht werden kann, öffentlich be⸗ kannt gemacht wird, ſo verpfände ich Euch mein Ehrenwort als Menſch und Edelmann, daß ich an dem genannten Orte eintreffen und mich dem Gerichte übergeben werde.“ .„In der Hoffnung, daß Gott Euch in der Trübſal, die er über Euch verhaͤngte, tröſten und Euch, wie Eure Tochter, 307 mit ſeinem Segen überſchütten werde, habe ich die Ehre mich zu zeichnen Mylord Eurer Lordſchaft getreueſter und ergebenſter Diener Ralph Woodhall.“ Ein zweiter Brief ähnlichen Inhalts wurde an den Herzog von Norfolk, ein dritter an ſeinen eigenen Vater und der letzte an Lady Danvers adreſſirt. Gern hätte er auch an Margarethen geſchrieben: aber er zögerte und gab die Abſicht endlich auf. Nachdem er hiemit fertig war, ſchickte er nach Gaunt Stilling, um ſich mit ihm über die beſten Mittel zu bera⸗ then, wie man die Briefe aus dieſem Theil des Landes ab⸗ ſchicken konnte, da der Poſtverkehr dazumal weder ſehr raſch noch ſicher war. „Ich will ſie ſchon beſorgen, Sir,“ ſagte Stilling,„die Briefe in Empfang nehmend, obgleich Norwich und London weit auseinander liegen und Lincolnſhire noch eine gute Strecke entfernt iſt. Wenn übrigens der Zweck dieſer Briefe der iſt, den ich vermuthe, ſo könntet Ihr Euch, glaub' ich, die Mühe wie die nicht unbedeutenden Koſten erſparen.“ „Was meint Ihr, daß dieſer Zweck ſey?“ fragte Ralph. Der Mann ſchwieg eine Weile und gab dann zur Antwort: 8 20* 308 „Ihr wollt all dieſen Leuten ſagen, daß Ihr nicht Der⸗ jenige ſeyd, der Mr. Henry Woodhall getödtet hat.“ „Haltet Ihr es nicht der Mühe werth, mich ſelbſt von dem Vorwurfe zu reinigen, als ob ich meines Vetters Blut vergoſſen hätte?“ fragte Ralph nicht ohne Aerger über den kalten Ton ſeines Dieners. „Allerdings, Sir,“ erwiederte S Stilling;„ich glaube nur, daß dies aller Wahrſcheinlichkeit nach bereits geſchehen iſt. Entweder kennt Ihr den Mann nicht genau, der mich zuerſt in Euern Dienſt gebracht hat, oder er hat Euch nicht erzählt, wie ſeine Augen beſtändig auf Denen ruhen, für die er ſich intereſſirt. Er bedarf keiner Augengläſer, Sir, und kennt das ganze Faktum ebenſo genau, wie Ihr oder ich— ja wahrſcheinlich noch beſſer als jeder von uns Beiden. Die⸗ ſes ſein Wiſſen wird er nicht ſchlummern laſſen, darauf dürft Ihr vertrauen; er wird Eure Sache bei den Veiheiligten vertreten, ob Ihr ihn nun darum bittet oder nicht.“ „Ihr ſcheint großen Glauben zu beſitzen,“ erwiederte Ralph mit ſchwachem Lächeln;„ich darf jedoch in ſolchen Dingen keinem Zufalle vertrauen und wünſche deßhalb, daß die Briefe abgehen.“ „Wohlan, Sir, ſie ſollen abgehen,“ verſicherte Gaunt Stilling;„man muß jedoch in allen Dingen dem Zufall ver⸗ trauen. Dieſen Brief nach London z. B. muß ich der königlichen Poſt übergeben, und da iſt es moglich, daß er unterwegs an⸗ gehalten wird. Dieſer hier muß durch einen beſonderen Boten an Lady Danyers abgehen und kann ſi ſie ebenſo leicht 309 verfehlen als nicht. Der Herzog von Norfolk wird mittler⸗ weile von Norwich fort ſeyn und——“ Ralph winkte etwas ungeduldig mit der Hand. „Ich wünſche, daß ſie abgehen,“ wiederholte er.„Es i*ſt wenigſtens nicht leicht möglich, daß der Bote London nicht erreicht.“ „Das iſt gerade am eheſten denkbar,“ gab Gaunt Stilling zur Antwort;„aber ich ſehe, Sir, Ihr wißt nicht, was um uns vorgeht. Iſt Euch nicht bekannt, daß das Land zwiſchen hier und London in Flammen ſteht? Wenn der Bürgerkrieg nicht ſchon ausgebrochen iſt, ſo wird es nicht mehr lange anſtehen, und das dürft Ihr mir glauben, daß für den nächſten Monat kein Brief unangehalten und unangetaſtet London erreichen wird. Ich kenne zwar alle Einzelnheiten nicht genau; aber Ihr ſollt morgen früh mehr davon erfahren, denn ich habe Freunde in Lyme, wo dieſe Geſchichte zuerſt ausbrach und habe einen Knaben zur Er⸗ kundigung ausgeſchickt.“ „So gebt mir die Briefe und ich will dann morgen entſcheiden, wenn wir ein Mehreres gehört haben,“ ſchloß Ralph Woodhall. So ſprechend nahm er die Briefe zur Hand, entſchloſ⸗ ſen, ſie ſelbſt abzuſenden, da Stilling ſo viele Schwierig⸗ keiten dagegen erhob. Die Nachricht von dem Aufſtande machte für jetzt nur geringen Eindruck auf ihn, da er ſo ganz mit perſönlichen Gefühlen beſchäftigt war. Er er⸗ kundigte ſich übrigens über Einiges in gleichgültigem Tone; da er jedoch nur allgemeine Gerüchte vernahm, denen er 310 geringe Wichtigkeit beimaß, ſo verfügte er ſich zu Bette, entſchloſſen am anderen Morgen früh aufzuſtehen und ſeine Geſchäfte ſelbſt zu beſorgen. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Die launiſcheſte aller Himmelsgaben iſt der Schlaf. Das iſt zwar ſehr ſchlecht— unphiloſophiſch und un⸗ logiſch— geſagt; aber es drückt meine Meinung beſſer aus als jede andere Form, die ich wählen könnte. Eine Gabe kann zwar nicht launiſch ſeyn, wohl aber der Geber; in unſerem Falle weiß aber der Geber nichts von Launen, die Gabe dagegen, als wäre ſte mit Leben, Willen und Willkür beſeelt, ſcheint keiner Regel, keiner Ordnung oder Konſequenz unterworfen. Man iſt gar gerne geneigt, wenn man von Schlaf ſpricht, die Einleitung zu Youngs Nacht⸗ gedanken zu wiederholen, und doch hat der Lampenpoet, ſo ſanft und feierlich er auch war, ſeinem Gedankenfluge nicht ganz die rechte Richtung gegeben. Der Schlaf zahlt nicht immer bereitwillig ſeinen Zoll da wo das Glück nur lächelt, noch verläßt er den Böſewicht, um auf Augenlidern zu thronen, welche von keiner Thräne befleckt ſind. Weit, weit entfernt: Shakeſpeare kannte die Welt, die wachende wie die ſchlafende, beſſer als Young, denn nach ihm ſoll der Schlaf den verfaſelten Aermel der Sorge aufknüpfen und als ächte Himmelsgabe ſeinen balſamiſchen Segen auf ab⸗ gemattete Augenlider, anf ächzende Herzen und ſorgenmüde 311 Stirnen niedertraͤufeln, welche kein anderes Geſchenk der Erde jemals zu beſänftigen vermöchte. Ja, er thut dieß ſogar unter Umſtänden, wo die geſegnete Gabe kaum er⸗ wartet werden konnte, wenn nämlich der Menſch nicht etwa alle die wechſelnden Nüancen der Herzensempfindungen, all' die verſchiedenen Färbungen unſerer Seelengedanken, all' die zarten Umriſſe leiblicher Empfindungen bis auf den feinſten Unterſchied genau zu meſſen und die das Ganze durchweben⸗ den Harmonien wie auf der Goldſchmiedswage abzuzirkeln verſtünde. 1 Ralph Woodhall legte ſich zur Ruhe nieder— zur Ruhe, wohlgemerkt, nicht zum Schlummer. Auf Schlaf rechnete er gar nicht; ſein Geiſt war in dem Augenblick da ſein Kopf das Kiſſen berührte, nicht minder thätig und lebendig, wie ſein Körper die letzten vier bis fünf Tage ge⸗ weſen war. Aber ſein Leib war ermüdet, eine dumpfe Schwere lag auf ſeinen Gliedern, eine drückende Laſt auf ſeiner körperlichen Thatkraft, und er meinte wenigſtens Ruhe, wenn auch nicht Schlummer finden zu können. Gleich darauf kam jedoch eine Leere in ſeine Gedanken, eine todte bleierne Lücke in ſeines Geiſtes Daſeyn, ein Raum, worein Verſtand und Gefühl gleich ſchlaftrunken verſanken. Plötzlich er⸗ wachte eines von beiden— ich weiß nicht genau welches— und der Körper ſelbſt wurde durch das Auffahren ſeiner Begleiter erweckt. Er ſtützte ſich auf ſeinen Arm, ſchaute ſich wild in der Dunkelheit um, nur halb und halb des Or⸗ tes bewußt, an dem er ſich befand, ſank dann langſam auf ſein Kiſſen zurück und verſiel in tiefen Schlummer. 312 Dieſer war aber ebenſo lang als tief. Die Morgen⸗ ſonne ſchaute ſchon in ſein Zimmer, die Sommervögel be⸗ gannen ihren Geſang und jubelten ungehört vor ſeinem Fenſter; ſein Diener trat ein, betrachtete ihn ohne ihn zu wecken und entfernte ſich mit den Worten: „Ich wollte, ich könnte auch ſo ſchlafen!“ Der Frühſtücktiſch wurde in dem kleinen Zimmer unten ſervirt, die Kirchenuhr ſchlug neun und Ralph ſchlummerte noch immer. Es war nicht körperliche Erſchöpfung, denn er war an harte derbe oft wiederholte und lang fortgeſetzte Anſtren⸗ gung gewöhnt; aber Körper und Geiſt waren bei ihm gleichermaßen erſchöpft. Der unſterbliche Geiſt, in die Banden des Fleiſches gefeſſelt, hat ſeinen Antheil an der Schwachheit ſeines Ge⸗ fährten, und er, der vom Erdenſtaube befreit, nichts von Müdigkeit wiſſen kann, fühlt in den Banden dieſes Erden⸗ lebens einen Theil des Gewichts, das ſich an ſeinen ſterb⸗ lichen Genoſſen anhängt. Bei Ralph Woodhall waren wie geſagt Geiſt und Körper gleich ermüdet und beide ſchlummerten. Eine gänz⸗ liche Leere aller Dinge herrſchte während dieſer dumpfen bleiernen Ruhe. Da war keine Bewegung— kein Hin⸗ und Herrütteln— kein Murmeln der Lippe— kein Traum — keine Empfindung— kein Gedanke— kein Wachen. Alles war ſtill. Das Pochen des Herzens dauerte fort— der pure Mechanismus des Lebens war vorhanden: das Rad ſtand nicht ſtill, die Silberkette war nicht zerbrochen— 313 es war eine Exiſtenz ohne Leben, ohne das lebendige Leben, ohne welches die Exiſtenz eine bloſe Kluft in der Zeit iſt. Es war faſt zehn Uhr, als er erwachte; allein der ver⸗ kürzte Schatten auf dem Boden, der helle Sonnenſchein der durch das Fenſter ſtrömte und ſein warmes gelbliches purpur⸗ loſes Licht zeigten ihm wie lange er geſchlafen hatte, und er begann alsbald ſich haſtig anzukleiden. Während er neben dem Fenſter an dem Tollettetiſche ſtand, ohne große Sorgfalt auf ſeinen Anzug zu verwenden, da ſein Geiſt bereits wieder die volle Oberherrſchaft über den ſterblichen Lebensgenoſſen erlangt hatte, ſah er einen Reitersmann voller Haſt über den offenen Parkraum zwi⸗ ſchen dem offenen Hauſe und einer kleinen Brücke daher⸗ kommen, die ſich etwa eine halbe Meile weiter aufwärts über den Fluß wölbte. Der Mann trug die Livree der Lady Danvers, welche gleich den meiſten Livreen damaliger Zeit ziemlich bunt, ja faſt übertrieben feſtlich war, und das Roß ſah ſo ermüdet aus, daß es häufig der Peitſche und des Sporns bedurfte. Ralph nahm keine weitere Notiz von der Sache, denn ſein Geiſt war in ſeiner eigenen Gedankenſphäre beſchäftigt und ſtellte nur wenige Schildwachen aus, welche das, was um ihn vorging, beobachteten. Er ſah den Mann auf die Terraſſe zu galoppiren und nach der Rückſeite des Hauſes herumſchwenken, ohne in ſeinen Gedanken eine Bemerkung darüber zu machen. Er fragte nicht, wer es ſey, warum er ſo ſchnell reite oder welche Botſchaft er bringe. Für ihn war es nichts weiter, als daß Jemand im Hauſe angelangt, 314 daß ein Berittener raſch an ſeinen Augen vorübergezogen und wieder verſchwunden war. Noch ſchien er in den Ge⸗ danken des vorangegangenen Tages abſorbirt, als ein leiſes Pochen an der Thüre ihn erweckte; als er ſich umwendete, ſah er Mr. Drayton mit einigen Briefen in der Hand eintreten. „Ich bitte um Verzeihung, daß ich Euch ſtöre, Sir,“ begann der Schloßvogt mit tiefer reſpektvoller Verbeugung; „ein Diener hat Briefe von Mylady gebracht, worunter dieſer für Euch, bezeichnet in höchſter Eile'. Ich nahm mir alſo die Freiheit, Euren Schlummer zu unterbrechen, denn Euer Diener ſagte mir, Ihr ſchliefet noch.“ „Ich danke Euch, Mr. Drayton,“ erwiederte Ralph. „Ich bin heute tüchtig verſchlafen. Was ſagt Mylady?“ „Mir ſelbſt faſt Nichts, Sir, als daß ich dieſen Brief augenblicklich überliefern und den andern an Lady Di. Ful⸗ lerton, welche oft hier weilt, ſchicken ſoll,“ erwiederte der Vogt.„Ich glaubte jedoch, der Eurige verlange augen⸗ blickliche Beachtung und brachte ihn deßhalb herauf, wie ich ſchon geſagt habe.“ Ralph nahm den Brief mit mehr Gleichgültigkeit als Mr. Drayton gegen Handſchrift und Siegel ſeiner ſchönen einflußreichen Gebieterin für paſſend erachtete, und nachdem Ralph das Schreiben geöffnet, las er: „Ich ſchreibe Euch in Haſt, theurer Freund, denn ſeit Ihr mich verließet, habe ich Vieles erfahren, was augen⸗ 315 blickliche Beſprechung zwiſchen uns Beiden erfordert. Ei⸗ nige Mißgriffe ſind offenbar begangen worden; wo oder wie — kann ich jetzt nicht unterſuchen, und ehe Ihr einen Schritt thut, müßt Ihr Euch nothwendig mit irgend Jemand— und wäre es auch nur ein ſo unbedeutender Rathgeber wie ich— beſprechen. Ihr ſeyd von mehr Gefahren umringt als Ihr Euch einbildet— ganz anderen Gefahren als ſie mich an dem Tage, da Ihr mich verließet, erſchreckten. Dieſe ſind jetzt vorüber; jene anderen laſſen ſich aber nicht in einem Briefe erkären, und Ihr müßt deßhalb— ich beſchwöre Euch bei Eurer Höflichkeit und Galanterie, die Ihr, wie ich weiß⸗ wohl beſitzet, wenn Ihr ſie nur beweiſen wollet— in enger Gefangenſchaft in meinem Hauſe bleiben, bis Ihr mich ſehet, ohne irgend etwas zu thun, was Euern Verſteckbe⸗ kannt werden laſſen könnte. Ich muß noch beifügen, daß wegen gewiſſer Vergehen, weit ſchwerer als ein bloſes Duell, Ver⸗ haftsbefehle gegen Euch erlaſſen ſind, und daß Ihr Euch nicht finden laſſen dürft, bis die Zweifel und Beſorgniſſe vorüber ſind, welche für jetzt die Menſchen erſchüttern. Glaubt nicht, daß ich Euch lange warten laſſen will, wenn ich auch die Thatſachen, welche mir zu Ohren kamen, nicht der Gefahr eines Briefes anzuvertrauen wage; ich folge Euch ſo raſch wie möglich, kühn in meiner Unabhängigkeit und im Bewußtſeyn meiner redlichen Abſichten. Um jedoch der zweiſchneidigen Zunge der Welt auszuweichen, habe ich einer liebenswürdigen aber alten verwittweten Baſe ge⸗ ſchrieben, daß ſie nach Danvers Newchurch herüberkomme. Sollte ſie vor mir eintreffen, ſo erweiſet ihr alle Güte und Artigkeit, und glaubt— wenn Ihr mir dieſen Ditel ver⸗ ſtattet Eurer aufrichtigen Schweſter Hortenſia Danvers.“ Ralph ſtudirte den Brief mit vieler Aufmerkſamkeit, überlas wiederholt jede Zeile deſſelben und beſchloß zuletzt, den darin enthaltenen Rath zu befolgen und die Ankunft ſeiner ſchönen Wirthin abzuwarten, ehe er einen weiteren Schritt verſuchte. Es war offenbar— ſo argumentirte er— daß Lady. Danvers von dem Gedanken, als ob er ſeinen Vetter Henry im Duelle getödtet, abgekommen war, obgleich er nicht im Geringſten errathen konnte, worin die Gefahr, auf welche ſie anſpielte, beſtehen mochte. War es möglich— ſo fragte er ſich ſelbſt— daß der Einfluß des Lord Woodhall, der ihm den Tod ſeines Sohnes zuſchrieb, ſich zur Sühnung ſeiner Rache dahin geltend ge⸗ macht hätte, daß er fälſchlicher Weiſe einer andern Ver⸗ letzung des Geſetzes angeklagt würde. Ein ſolcher Gedanke würde heutzutage keinem Engländer in den Sinn kommen — ja ſeine bloſe Erwähnung würde verächtlich belacht wer⸗ den. Aber wir dürfen nicht vergeſſen, daß dies in den Zeiten, von denen ich ſpreche, keineswegs ein eitler unwahr⸗ ſcheinlicher Einfall war. Anklagen, zur Vernichtung eines politiſchen Gegners oder Privatfeindes fälſchlich erdichtet, waren ſeit mehr als zwanzig Jahren ſo häufig wie Maas⸗ liebchen auf den Feldern. Und dieſe Schurkerei hatte noch 317 nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht, denn die drei fol⸗ genden Jahre ſollten die nichtswürdigen Praktiken dieſer Art in einem Umfange entfalten, wie er weder früher noch ſpäter die Geſchichte irgend eines chriſtlichen Reiches befleckt hat. Gerichtshöfe ſogar waren notoriſch beſtochen, Richter erkauft und förmlich beſoldet; Scroggs und Jeffreys hatten die Gerichtsbank entehrt, der Staatsanwalt war jeder poli⸗ tiſchen Feindſeligkeit oder Hofintrigue zugänglich, und ver⸗ dorbene Sheriffs wählten und beſtachen die damaligen Ge⸗ ſchworenen in den niedrigſten Abſichten und zu den perfideſten Zwecken. Es war alſo keine Chimäre ſeiner Phantaſie, was Ralph Woodhall fürchtete, ſondern eine wirkliche weſenhafte Gefahr, welche jeden treffen konnte, der die Feindſchaft der Mächtigen und Einflußreichen auf ſich geladen hatte. Er dachte, ein Aufſchub könnte nicht weſentlich ſchaden und be⸗ ſchloß, die am geſtrigen Abend geſchriebenen Briefe nicht vor Lady Danvers Ankunft abzuſchicken. Auf näheres Befragen erfuhr er von dem Ueberbringer der Briefe, daß die Lady in zwei Tagen erwartet werden dürfte, und um ihre Weiſungen genau zu befolgen, faßte er den feſten Beſchluß, ſich ſo lange auf das Haus zu be⸗ ſchränken, bis er die ihn bedrohende Gefahr näher kennen gelernt hätte. Aber ach! was ſind die Beſchlüſſe der Menſchen und vor allem die der Jugend! Nalph war unruhig und raſt⸗ los: die Angſt ſeiner Seele ließ ihm keine Ruhe. Er ver⸗ ſuchte zu leſen und die ſchöne Bibliothek zu Danvers New⸗ 318 church gewährte reiche Unterhaltung; aber er fand bald, daß die Freude an Büchern für jetzt vergangen war. Er dachte an Margarethen, an ſeinen armen Vetter Henry und mit einem Gefühle des Mitleids und der Theilnahme an den alten Lord Woodhall ſelber. Er wußte wohl, daß ſei⸗ nes Sohnes gewaltſamer Tod als erſte Wirkung die haben würde, Wuth und Rachedurſt in ihm zu entzünden, welche durch den unbedeutendſten Umſtand auf jeden gerichtet wer⸗ den konnte; aber er wußte ebenſo, daß dieſer Zuſtand auf⸗ hören, daß tiefer Gram die Stelle des Zorns einnehmen und höchſt wahrſcheinlich des alten Mannes Geſundheit— am Ende gar ſeinen Verſtand angreifen würde. Er ging im Zimmer auf und nieder, ſchaute voller Ge⸗ danken zum Fenſter hinaus, aß beim Mittageſſen ſehr wenig und ſah oft auf die Uhr, um ſich von dem Vorrücken des langweiligen Tages zu überzeugen— kurz, er konnte an nichts bleiben, wie man mit einem höchſt bezeichnenden Volksausdrucke ſagt. Endlich als die Sonne unterzugehen anfing, empfand er jene Sehnſucht nach friſcher Luft, der ſich ſo ſchwer wider⸗ ſtehen läßt. Er überredete ſich, daß ihm kein Leid daraus erwachſen könne, wenn er in den Park hinauswandere. Er wollte ja nicht weit gehen, dachte er, und während des ewig langen Tages hatte er Niemand als die Diener im Hauſe aus und eingehen oder einen Wildhüter mit der Flinte über der Schulter über den weiten ummauerten Park⸗ raum ſtreichen ſehen, ſo daß ſein Spaziergang vorausſicht⸗ lich einſam und ungeſtört ablaufen mochte. Sein Ent⸗ 319 ſchluß mußte ſolchen Gründen bald weichen, und er trat hinaus, erſt langſam dahinwandernd, bis er ſich bald unter den zerſtreuten Baumen und den Wellenlinien des Bodens verlor. Es iſt ſehr angenehm, ſich zuweilen zu verlieren, jeden gewohnten Anblick abzuſchütteln, frei von der geſchäftigen Scene ſterblicher Mühen weit ab von Häuſern und Men⸗ ſchen dahin zu ſchweifen, ſich ausſchließlich mit der Natur zu verbrüdern und nichts als das Werk ihrer Hände um ſich zu ſehen. Ralph hatte volle Gelegenheit hiezu, denn indem er den Pfad verließ und ſeinen Weg über den grünen Raſen nahm, hatte er bald das Haus aus den Augen verloren und wanderte unter den alten phantaſtiſchen Hagedornen, wäh⸗ rend ihm das Farrenkraut mit ſeinen wogenden Federn bis an die Knie reichte, und hie und da eine Kaſtanie oder Eiche ihre grünen Zweige über ſeinem Haupte wölbte. Da und dort ſah er einen Haſen oder ein Kaninchen, von ſeinem Fuß⸗ tritte aufgeſtöbert, luſtig durch das ſchlanke verbergende Farrenkraut hingaloppiren, ſeinen Weg durch eine lange wogende Linie bezeichnend. Eine Rehheerde betrachtete ihn zu Zeiten von Weitem, immer in ſicherem Abſtande von ihm bleibend oder wenn er plötzlich nahekam mit zunehmender Schnelligkeit weitertrabend. Ein einſames Damthier fuhr von ſeinem grünen Blätterlager auf, in ganz anderer Rich⸗ tung als die Heerde ſich davon machend, und Ralph wollte ſchon Rouſſeau'ſche Betrachtungen darüber anſtellen, was dieſe Hündin wohl gethan, welches Verbrechen gegen die Geſetze und Sitten des Rehgeſchlechts ſie wohl begangen habe, um ſo von der Kameradſchaft mit ihres Gleichen ausgeſchloſſen zu ſeyn. Dieſe ganze Scene um ihn her zeigte keine Spur des Menſchen. War ſie je von Menſchenhand verſchönert wor⸗ den, ſo waren jedenfalls die Zeichen der Kunſt verſchwunden und alles ſchien ein Werk der Natur. Auch Wolken zogen über den Himmel— große flockige Sommerwolken, tief in den Lüften ſchwebend und dem Eilande der lapudaniſchen Wei⸗ ſen ähnlich ſehend. Ralph's Phantaſie begann alsbald mit ihnen zu ſpielen: er machte fliegende Throne und be⸗ flügelte Wägen aus ihnen und ſehnte ſich nach einem Zau⸗ berſpruche, um eine zu ſeiner Aufnahme herabzubeſchwören, damit er auf ihrem ſanften weichen Rücken dahinflöge, bis er ſich ſachte an Margarethens Seite niederlaſſen könnte. Dieſe liebliche Geiſtesunterhaltung, dieſe erfriſchende Einſamkeit dauerte nicht lange. Nachdem er faſt eine halbe Meile durch das Farrenkraut gewandert, kam ihm die Park⸗ mauer zu Geſicht, und Ralph beſchloß, ſich etwas links zu wenden und ihrem Laufe zu folgen, bis er das Haus auf der anderen Seite erreichen würde. Bald hörte er jedoch Stimmen hinter der Mauer ſprechen und ſchloß richtig, daß jenſeits derſelben eine öffentliche Straße hinziehen müſſe. Einen Augenblick ſpäter ſah er etwa hundert Schritte weiter oben einen Mann über die Mauer ſpringen und ſich ſogleich unter dem langen Gras und Farrenkraut, das dort eine beſondere Höhe erreichte— verkriechen. 321 Nalph hielt eine Weile an, um das Weitere abzuwar⸗ ten und ſtellte ſich unter einen alten Kaſtanienbaum, wo er ungeſehen Alles beobachten konnte. Gleich darauf hörtè man einige Menſchen hinterherlaufen, und dann wurden Kopf und Schultern eines dritten Mannes über der Mauer ſichtbar. Der zuletzt Angekommene ſchaute ſich raſch um und rief: „Er iſt durchgegangen— er iſt durchgegangen! Er muß entweder unten über die Brücke ſeyn oder ſich zwiſchen den Hütten bei der alten Mutter Diamond verſteckt haben.“ Mit dieſen Worten ließ er die Mauer fahren und ver⸗ ſchwand; Ralph hörte wie ihm viele Leute nachrannten und ſich dabei gegenſeitig zuriefen. 3 Seine Neugierde war durch die eben beobachtete Scene erregt, und er brachte ſie in ſeinen Gedanken mit den undeut⸗ lichen Nachrichten in Verbindung, welche Gaunt Stilling ihm heute Morgen über einen Aufſtand an der Seeküſte von Dorſetſhire hinterbracht und welche Ralph ſeinem Berichte zufolge für kaum bedeutender als einen Tumult in einem Landſtädtchen angeſehen hatte. Er ging alſo geradeswegs auf die Stelle zu, wo der Flüchtling ſich verborgen hatte und war ſchon ganz nahe gekommen, als der Fremde aufſprang und ihn mit einer großen Reiterpiſtole in der Hand ſtille ſtehen hieß. „Ich laſſe mich von keinem einzelnen Manne gefangen nehmen,“ ſchrie er;„eher will ich mit den Waffen in der Hand ſterben.“ „Ich will Cuch nicht gefangen nehmen, mein Freund,“ James. Das Schickſal. 21 3²2² erwiederte Ralph in ruhigem Tone;„ich habe keinen Auf⸗ trag hiezu. Steckt lieber Eure Piſtole ein; denn wäret Ihr thoͤricht genug, ſie abzufeuern, ſo müßte dieß Eure Häſcher nebſt Dienern und Wildhütern genug derbeiziehen, um Eure übrigen Waffen nutzlos zu machen.“ „Wollt Ihr mir alſo ſchwören, mich nicht zu berühren, wenn ich ſie einſtecke— ich meine, mich nicht gefangen zu nehmen?“ fragte der Fremde, nachdem er ihn eine Weile aufmerkſam betrachtet hatte. „Darauf geb' ich Euch mein Ehrenwort, und das muß Euch genügen,“ erwiederte Ralph.„Aber ich möchte wohl wiſſen, was Ihr in dieſem Parke zu ſchaffen habt, wohin Euch vermuthlich keinerlei Geſchäft führte und wo Ihr höchſt wahrſcheinlich als Wilddieb aufgegriffen werdet.“ „Ich bin der unglückſeligſte der Menſchen,“ rief der Andere,„und bin der einen Gefahr nur entronnen, um in eine andere zu gerathen. Ich verſichere Euch, Sir, ich kam nicht, um Euer Wild zu ſtehlen, ſondern blos um dieſen Bluthunden eines Tyrannen zu entrinnen, welche mich auf den Tod verfolgen.“ So kläglich auch dieſe Erwiederung lautete, ſo lag doch faſt etwas Lächerliches in dem Tone, in dem er ſie preisgab, und Nalph erwiederte nicht ohne leiſes Lächeln: „Das Wild gehört nicht mir, mein guter Freund, noch bin ich der Beſitzer dieſes Parkes, ſondern blos ein Gaſt des Hauſes.“ Er wollte fortfahren, als der Andere mit theatraliſcher Gebärde einſtel: 323 „Dann erſuche ich Euch, Sir, wenn anders Großmuth und Ritterlichkeit Eurem Weſen nicht fremd ſind, helft einem unglücklichen Unbekannten, der nur um ſeiner politiſchen und religiöſen Anſichten willen verfolgt wird. Ich habe kein Verbrechen begangen; man kann mir keinen andern Fehler ſchuldgeben als den, daß ich Tyrannei und Pabſtthum haſſe.“ „Wenn das Euer ganzes Verbrechen iſt, ſo wäre noch mancher Mann im Lande— und darunter auch ich— der des nämlichen Vergehens ſchuldig wäre. Ich weiß Euch aber wirklich nicht anders zu dienen, als indem ich Euch in einer Euren Verfolgern entgegengeſetzten Richtung aus dem Parke hinausführe. Ich ſah vor wenigen Minuten ſtrom⸗ aufwärts ein Thor liegen; Eure Verfolger haben ſich nach der Brücke hinabbegeben und werden höchſt wahrſcheinlich den Park durchſuchen, wenn ſie ſich dort getäuſcht finden. Folgt mir alſo ſo raſch wie möglich, um einen tüchtigen Vorſprung zu gewinnen.“ „Unverzüglich, unverzüglich!“ rief der Fremde, indem er, wie er glaubte, mit hoͤchſt graziöſer Gebärde mit der Hand winkte, worauf Ralph, ſeinen Weg die Mauer entlang verfolgend, ihn zu einem der Parkthore führte, das von dem Hauſe aus ſichtbar war. Im Weitergehen begann der Fremde, der ein rechter Schwätzer zu ſeyn ſchien, ein lebhafteres Geſpräch, als es Ralph vielleicht lieb war— eine Unterhaltung, deren Styl für die Mängel in ſeinen Manieren keineswegs entſchädigte. Seine Sprache war ein Gemeng von ſchlechtem Franzöſiſch und ziemlich gemeinem Engliſch, hie und da mit einigen 21* 324 holländiſchen Worten beſpickt, und in dieſem Jargon fuhr er fort, eine Menge von Dingen auszuplaudern, welche un⸗ ſern jungen Freund, wenn ſeine Loyalität ſehr feurig gewe⸗ ſen wäre, leicht hätten veranlaſſen können, ihn auf der Stelle zu arretiren. Er rühmte ſich, daß ehe vierzehn Tage ver⸗ gingen, die Krone von England auf dem Haupte eines guten ächten proteſtantiſchen Königes ſitzen müſſe, daß das ganze Land ſich zu Gunſten des rechtmäßigen Thronerben erhebe, und daß die Armee ſelbſt dem regierenden Monarchen ſehr abgeneigt ſey. Ralph hatte nicht übel Luſt ihn für wahnwitzig zu hal⸗ tten, und machte ſeinem Geſpräch ſobald wie möglich ein Ende, indem er ihn ſo ſchnell es anging loszuwerden wünſchte; ehe ſie jedoch das Thor erreichten, wohin ſie ihre Schritte lenkten, ſtießen ſte auf einen Wildhüter, der ſich ihnen ge⸗ rade in den Weg ſtellte und Beide mit ſtrengem Blicke be⸗ trachtete, bis ſeine Züge ſich plotzlich änderten und er unter Lachen ausrief: „Ha, Tom Dare! wann ſeyd Ihr von Eurem Seeaus⸗ fluge zurückgekommen? Ich dachte, Ihr könntet es nicht mehr wagen. Wißt ihr denn nicht, Mann, daß Ihr ſteck⸗ brieflich verfolgt ſeyd, und daß alle Häſcher von Taunton Euch verfolgen?“ Tom Dare— wie der Hüter ihn nannte— war an⸗ fänglich in offenbarer Beſtürzung zurückgewichen. Die letzten Worte ſchienen ihn jedoch wieder zu erwecken und ſeinen hoch⸗ trabenden Styl wieder annehmend, gab er zur Antwort: 325 „Sie ſollen mich bald finden, denn ich gehe eben dahin tout droit—— „Wer aber iſt dieſer Gentleman?“ fragte der Hüter, Ralph nicht ohne Argwohn betrachtend und ſeine Frage an den Mann Namens Tom Dare adreſſirend. Ralph nahm es jedoch ſelbſt auf ſich die Frage zu be⸗ antworten, und ſagte: „Ich bin ein Gaſt der Lady Danvers, mein Freund, und da ich dieſen Mann im Parke fand, ſo übernahm ich es, ihm den Weg zum Thore zu weiſen.“ „So, Sir, ſeyd Ihr der Herr, der ſich im Schloſſe auf⸗ hält?“ ſagte der Hüter, den Hut abnehmend.„Was Tommy Dare betrifft— der ſoll ſich je eher je lieber zum Park hin⸗ ausmachen, und ich weiß in der That nicht, was er über⸗ haupt hier thut.“ Dieſe unhöfliche Rede beantwortete Mr. Dare blos mit einem bedauernden Kopfſchütteln und einigen leiſen Redensarten von einer gewiſſen babyloniſchen Dame, welche eines ſehr unerfreulichen Rufes genießt. Mittlerweile brach er auf, während der Wildhüter ſich gleichfalls nach dem Thore wendete, wie wenn er ihn zum Park hinaus begleiten wollte. Eine Miene des Zweifelns und Zögerns lag auf des Parkhüters Geſichte, und er murmelte einigemal vor ſich hin: „Ich weiß nicht, ich bin nicht ſicher, ob ich ſollte— doch zum Teufel! ſeinen eigenen Landsmann!— nein, nein, das kann ich doch nicht.“ Sobald ſie das Thor in dem oberen Theile des Parkes 326 zu Geſt cht bekamen, blieb Ralph und der Wildhüter ſtehen, und Letzterer ſagte: „Dort iſt das Thor, Meiſter Dare, und ich will Euch noch einen guten Rath auf den Weg geben. Nehmt Euren Hals in Acht, wenn Ihr nach Taunton geht. Ich glaube nicht, daß die Leute dort Euren Unſinn dulden werden, be⸗ ſonders wenn Aufſtände im Lande vor ſich gehen. 7 Mr. Dare, der einige Schritte voraus war, winkte feier⸗ lich mit der Hand, und Ralph meinte ihn das Wort Narr in leiſem Tone ausrufen zu hören. Er eilte jedoch durch das Thor, und Ralph ſchlug mit dem Wildhuter den Rück⸗ weg nach dem Schloſſe ein. „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte er im Weitergehen. „Ein ſchlimmer Burſche, Sir,“ erwiederte der Park⸗ hüter kurz angebunden.„Sein Name iſt Thomas Dare, und er war ſeiner Zeit in meiner Vaterſtadt Taunton ziem⸗ lich begütert; aber er konnte ſich nie ruhig verhalten, ſon⸗ dern war ein großer Schwätzer und Redner', wie ſie ihn nannten; er brachte unter des letzten Königs Regierung viele Leute in's Verderben und flüchtete nach Holland, indem er es ihnen überließ, für ſich ſelbſt zu ſorgen. Ich bin nicht ganz ſicher, ob ich ihn nicht eigentlich hätte arretiren ſollen, denn er iſt ein förmlich Geächteter und wird hier nichts Gu⸗ tes ſtiften, darauf kann man ſich verlaſſen.“ Nalph machte keine Bemerkung, ſondern ſchlenderte nach dem Wohnhauſe zurück, etwas unzufrieden mit ſich ſelbſt, daß er ſeinem Entſchluſſe von heute Morgen nicht treu ge⸗ blieben war. Als er die Hausthüre erreichte, ging eben die 327 Sonne unter, während die Hügel des Parkes in ihrem Pur⸗ purglanze leuchteten und der Fluß unten wie ein Rubin heraufſchimmerte. Abermals war ein Tag zu Ende, und während Ralph daſtand und ſich eine Weile umſchaute, konnte er den Ge⸗ danken nicht unterdrücken, wie doch die Scene, der Ort und die Umſtände des heutigen Tages ſo ganz anders geweſen, als er es noch vor wenigen Wochen ſich gedacht hatte. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Das Herrenhaus zu Danvers Newchurch ſchien ſtill und einſam genug, als Ralph es wieder betrat. Für einen kleinen Haushalt, wie den jetzigen war es viel zu ausgedehnt: die Gemächer des Haushofmeiſters lagen weit weg; die Zimmer der untergeordneten Diener waren noch entfernter, und während Ralph den kleinen Salon betrat, worin er den Morgen zugebracht hatte, war ihm zu Muthe, als ob er der einzige Bewohner des Hauſes wäre. Der Abendſchimmer gefärbt mit nächtlichem Dunkel drang durch das Fenſter herein, die Malerei an den Wänden war düſter und undeut⸗ lich geworden, ein Schatten um den anderen zog mit melan⸗ ſcholiſcher Färbung über den Himmel, und das Picken einer Uhr auf der Treppe wäre faſt der einzige Laut geweſen, der die Stille unterbrach, wenn nicht in einem fernen Buſche ein Schwarzköpfchen die ruhige Nachtluft mit ſeinem Geſange aufgeſtört hätte. Ralph fühlte ſich deprimirt und war froh Zimmer trat. „Dieſer iſt vermuthlich für Euch, Sir,“ ſagte er; „Harry hat ihn ſo eben mit einem andern für Mylady, bei ihrer Rückkehr abzugeben, von Lady Diana Fullerton zurück⸗ gebracht.“ Ralph nahm das Schreiben, das der Mann ihm ein⸗ händigte— ein kleines zierliches parfümirtes Billetchen; aber es war jetzt zu finſter um ſogar nur die Adreſſe zu leſen, und er mußte warten bis Lichter hereingebracht wurden. Sobald dieſe auf den Tiſch geſtellt waren, hieß er den Mann ſeinen Diener heraufſchicken. „Er hat von Mr. Drayton ein Pferd entlehnt, Sir, und iſt um zwölf Uhr weggeritten,“ meldete der Diener. „Er iſt, glaub ich, noch nicht zurück.“ „Ich weiß, ich weiß⸗“ ſagte Ralph;„er nahm Urlaub,⸗ um einige ſeiner Freunde zu beſuchen.“ Nun wendete er ſich zu dem Billet und las die Aufſchrift: „An den ehrenwerthen Gentleman, der gegenwärtig zu Danvers Newchurch reſidirt.“ Das Billet ſelbſt enthielt einige Komplimente in fran⸗ zöſiſcher Sprache, worin Lady Diana Fullerton bedauerte, daß ſie nicht das ausnehmende Vergnügen haben könne, dem Gaſte der Lady Danvers in deren Hauſe die Honneurs zu machen, da ſie ſeit längerer Zeit zu ernſtlich krank geweſen ſey, um ſich für jetzt noch aus dem Zimmer zu wagen. Nebenher liefen noch vielerlei höfliche und artige Phraſen; die Hauptſache aber war, daß keine Ausſicht vorhanden 7 als einer der alten Diener mit Briefen in der Hand in's —— 329 ſchien, als ob Lady Fullerton ihrer geliebten Hortenſta waͤh⸗ rend Ralph's Aufenthalte zu Danvers Newchurch ihre Ge⸗ ſellſchaft und mit ihr einigen Rückhalt gewähren könne. Ehrlich geſtanden— Ralph plagte ſich nicht viel mit Erwägungen über dieſe Störung in Lady Danvers Planen. Er war jung und unerfahren in der Geſellſchaft, und ein Studentenleben damaliger Zeit war keineswegs geeignet, einem jungen Manne die Augen für die Anſtandsregeln der Welt zu öffnen. Er fand nicht mehr Grund, warum er mit Hortenſia nicht im ſelben Hauſe wohnen ſollte, als weßhalb dies nicht in derſelben Straße geſchehen könnte; auch dürfen wir nicht vergeſſen, daß jener ſchreckliche Mantel des Deko⸗ rums, der gleich dem der Barmherzigkeit nur zu oft eine Maſſe von Sünden verhüllt, in jenen Tagen, wo die ausge⸗ laſſene Sittenloſigkeit der Reſtauration eben erſt den kälteren und verſteckteren Ausſchweifungen, welche darauf folgten, Platz machten— kaum dem Namen nach gekannt war. Er zerriß Lady Diana Fullerton's Billet mit aller Seelenruhe und mit ſehr wenig Ehrerbietung, und dieſen Gegenſtand abſchüttelnd, ließ er ſeine Gedanken mit jenem der Jugend eigenthümlichen Thatendurſte bei dem Tode ſeines armen Vetters Henry und bei der Seelenangſt verweilen, welche Margarethe, wie er wußte, ſowohl für den Bruder wie für ihn ſelbſt empfinden mußte, wenn ſie ihn ſchuldig glaubte. Er ſehnte ſich darnach zu ihr zu fliegen, ſie zu tröſten und ſie ſeiner Unſchuld und ewig dauernden Liebe zu verſichern. 4 Aber wie ſelten geſchieht es, daß uns das Schickſal 330 erlaubt, das was wir gerne thun möchten, auch wirklich aus⸗ zuführen. Auch wenn ihn Lady Danvers' Warnung nicht in Unthätigkeit erhalten hätte, ſo würde er dennoch nicht gewagt haben, ihr, die er ſo ſehr liebte, zu ſchreiben. Er wußte nicht, ob ihre gegenſeitige Neigung wirklich bekannt gewor⸗ den ſey oder nicht, denn obgleich er anfänglich die Beſorgt⸗ heit Hortenſia's und des Herzogs von Norfolk, um ihn aus Lord Woodhall's Nähe zu bringen— einer Entdeckung zu⸗ geſchrieben hatte, welche, wie er wußte, den höchſten Unwillen des alten Lords erregen mußte, auch ohne daß Robert Wood⸗ hall— was vorauszuſehen war— noch weiter an ihm hetzte, ſo war doch dieſe Beſorgtheit jetzt auf andere Weiſe aufge⸗ klärt, und ſeine und Margarethens Liebe konnte immer noch unbekannt ſeyn und ihr Glück durch einen unvorſichtigen Schritt gefährdet werden. Der Gedanke, an ſich ſelbſt ſo raſch, daß er die Erde umkreiſen kann noch ehe Leviathan eine Meile geſchwommen', läßt die Zeit oft nicht minder geſchwind an uns vorüber fliegen. Der Abend ging unmerklich vorüber, nur durch einen einſamen Spaziergang durch die Zimmer und Galle⸗ rien unterbrochen, welche er geſtern Nacht beſichtigt hatte. Dieſe Wanderung nahm ziemlich viel Zeit weg, da viele von den Gemälden ihn intereſſirten, und mehr als einmal blieb er mit dem Lichte in der Hand ſtehen, um das Antlitz ge⸗ ſchiedener Größe oder Schönheit zu betrachten, und das, was er aus Geſchichte und Poeſie von dem hier geendeten Le⸗ ben wußte, mit dem bleibenden Geſichtsausdrucke, wie der Maler ihn dargeſtellt hatte, zu vergleichen. 2 5 331 Es hat mir immer eine eigenthümliche Empfindung erregt, wenn ich durch eine alte Gemäldegallerie ging und die Geſichter der Todten— in der geiſtigen Kunſt gleichſam wieder auflebend— von den Wänden auf mich herabſtarren ſah. Ihre Handlungen mögen auf den Blättern der Ge⸗ ſchichte erwähnt, ihre Gedanken, ihre Worte ſogar von ihren eigenen Händen uns überliefert werden; das ſind aber blos Stimmen, undeutliche Schatten eines Namens. Nur die Hand des Malers oder Bildhauers kann uns den reinen und beſtimmten Umriß geben. In der klaren Stirne, in dem feuchten Auge, in der gekräuſelten Lippe, den Grübchen der Wange, im Gleichgewichte der ganzen Geſtalt, ja ſogar in dem bloſen Falten der Hand leſen wir mehr von dem Charakter eines Menſchen, als in Allem was er geſchrieben oder ge⸗ than hat. Gar Viele ſchreiben für die Welt und handeln oft auch mit Rückſicht auf dieſe; die Umſtände leiten, die Ereigniſſe beherrſchen ſie. Es gibt nur Wenige(wenn es überhaupt welche gibt) welche nicht irgend einmal oder gar immer eine Theaterrolle ſpielen, und auch da, wo die Leiden⸗ ſchaft jede Obergewalt abgeſchüttelt und die feurige That der Liebe oder des Haſſes in ihrem hellen Glanze die inner⸗ ſten Geheimniſſe des Herzens zu enthüllen geſchienen— ſelbſt da kann Niemand ſagen, wie dieſes Herz von Ereig⸗ niſſen, die wir nicht kennen, bewegt worden ſeyn mag, wie manche Motive, Empfindungen, Gefühle, Leidenſchaften, Zufälle in die Thaten, die wir nur in ihrem harten Gan⸗ zen vor uns ſehen, eingegriffen haben mögen. Ganz an⸗ ders bei Geſicht und Geſtalt. Da glauben wit ſo gerne, 332 daß die Natur ſelbſt die Schilderung ihres Werkes nieder⸗ geſchrieben habe. Da bedarf es nur einiger Erfahrung und ſehr geringer Geſchicklichkeit, um aus gewiſſen Zeichen, ebenſo klein wie die Lettern eines Buches, Vieles von dem Gemüthe, dem Herzen und Charakter zu erkennen, was kein anderes Blatt uns zu enthüllen vermag. Zu gleicher Zeit ſteht die Aehnlichkeit des fleiſchlichen Tabernakels mit dem daſſelbe belebenden Geiſte vor uns, ſo daß Alles was man überhaupt von dieſem gemiſchten Weſen wiſſen kann, auf einen Blick vor unſere Augen tritt. O großer Lavater! Jeder iſt mehr oder weniger ein Phyſiognomiker. Ralph betrachtete alſo in ſehr geſchäftigen Gedanken dieſe Bilder oder blieb zuweilen vor einer ſonnigen Land⸗ ſchaft ſtehen, um das Auge auf dem Goldhimmel ausruhen zu laſſen oder durch die weitgedehnten Thäler zu wandern, oder unter den ſchattigen Baumgruppen zu verweilen und die Nymphen im feuchten Strome baden oder die alterthüm⸗ liche Armada zwiſchen Säulen, Trophäen und Paläſten ge⸗ gen eine erdichtete Stadt ſegeln zu ſehen. Die Poeſie des Malers erweckte in ſeinem Herzen eben ſo viele glänzende Bilder wie die Dichtkunſt nur je in ſeinem Innern wach⸗ gerufen. Er wanderte immer weiter, und da er ſich in ſeiner Einſamkeit ungehemmt fühlte, wagte er ſich noch einmal in Hortenſia's eigene Gemächer. Diesmal ging er jedoch nicht weiter als bis zu ihrem Bilde. Es hatte in der That etwas Bezauberndes an ſich. Er betrachtete dieſes glückliche 333 Antlitz, das in ſeiner heiteren ungeſtümen Jugendlichkeit durch die Baumzweige ſchaute, und verglich es Zug für Zug mit den Linien, wie ſein Gedächtniß ſie aufbewahrte. Seine Phantaſie war hiebei ſehr geſchäftig: er fragte ſich, welche Ereigniſſe, welcher Verlauf des Lebens die unbezwingliche Heiterkeit, welche hier hervortrat, gedämpft und gemäßigt, welcher Umſtand dem wilden Geiſte, der in dieſem Geſichte leuchtete, eine Seele wie in Undinens Liebe eingehaucht ha⸗ ben mochte? Er kam zu keinem befriedigenden Schluſſe, ließ aber ſeiner Phantaſie bei dieſem lieblichen Thema freien Lauf, und als er ſich endlich von hier in ſein Schlafzimmer zurückzog, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Sie muß immer ſehr lieblich geweſen ſeyn.“ Laßt uns nicht fragen, ob Hortenſia ſeine Träume mit Margarethen theilte. Wir haben kein Recht, den ſchat⸗ tigen Vorhang des Schlummers zu lüften und die feenhaften Spiele der Phantaſie, befreit von der Herrſchaft des Willens und der Vernunft, zu beobachten. Er ſchlief und träumte auch ohne Zweifel, aber er erwachte diesmal frühzeitig, ehe die Sonne ſo weit über die öſtlichen Hügel heraufgeklommen war, daß ſie über den Wald hereinſchaute, und während ihre ſchiefen Strahlen die Zweige der Bäume noch mit ihrem goldenen Schimmer erhellten. Indem er noch nach beendigter Toilette am offenen Fenſter ſtand, ſchweifte ſein Auge über den Park nach dem jenſeits gelegenen Thale, und er war nicht wenig überraſcht, da wo der freie Raſen von den Ufern des Stromes ſich den Hügel hinanzog eine Menge von Reitern 334 in Gruppen zu Zweien oder Dreien gleichſam wie zum Spiele bald hier bald dorthin galoppiren zu ſehen. Man war jezt eben nicht in der Jagdſaiſon; aber er dachte, ſie ließen viel⸗ leicht einen Falken ſteigen, und er beobachtete ſie nicht ohne Intereſſe, bis er ſich überzeugte, daß ſeine Vermuthung un⸗ richtig war. Eine Weile ſpäter ſah er eine einzelne Geſtalt den brei⸗ ten Weg vom Parkthore gegen das Schloß heraufreiten, und wie ſte näher kam, erkannte er ſeinen Diener Gaunt Stilling, der ſeit geſtern Mittag auswärts geweſen war. „Vielleicht bringt er mir Nachrichten,“ dachte Ralph, indem er nach dem kleinen Salon hinabging, wo ſein Früh⸗ ſtück bereit ſtand. Gaunt Stilling kam jedoch nicht, und nachdem er lange genug gewartet, daß jener ſein Pferd wohl hätte verſorgt haben können, ließ ſein junger Gebieter ihn endlich rufen. Bei ſeinem Eintreten war Ralph nicht wenig über⸗ raſcht über das befremdende Ausſehen des Burſchen. Er ſchien ermüdet, hager und abgezehrt und ſein Anzug trug noch den Staub der Straße; das war aber nicht Alles— er war auch düſterer, zerſtreuter und ſchweigſamer als ge⸗ wöhnlich: ſelbſt mitten in einem Satze konnte er ſeine Augen auf den Boden heften und ſcheinbar in tiefe Träumerei verſinken. „Wißt Ihr, wer jene Reiter ſind, die ich vorhin im Thale unten bemerkte?“ erkundigte ſich Ralph nach einigen unbe⸗ deutenden Fragen. „Nein, Sir,“ gab Stilling zur Antwort.„Ich ſah ſie wohl, ohne ſie aber zu beachten.“ 335⁵ „Einmal kam mir vor, als ob ſie ſich mit der Falken⸗ jagd beſchäftigten,“ bemerkte Ralph.„Habt Ihr aus Lyme weitere Nachrichten erhalten?“ „Nein, Sir,“ erwiederte der Diener;„ich bin vierzig Meilen ſeitab davon geweſen. Heute Morgen traf ich zwar den Schuft Thomas Dare, der mir vielleicht Einiges hätte erzählen können, aber—“ Und er ließ den Satz unvollendet, gleichſam in tiefe Gedanken verloren. „Aber was?“ forſchte ſein Gebieter. Der Mann fuhr zuſammen und ſchaute empor. „O ich war nur mit andern Gedanken beſchäftigt, Sir— jener Mann iſt ein Schurke, und unſer einziges Zwiegeſpräch im Vorbeigehen war: wünſche guten Tag, Meiſter Stilling— geh' zum Teufel! Thomas Dare.“ Stillings Angelegenheiten mußten offenbar ſchief ge⸗ gangen ſeyn; da er jedoch nicht geneigt ſchien, davon zu re⸗ den, ſo begnügte ſich Ralph, ſo ſehr er ſich auch intereſſirte, mit der Bemerkung: „Ich hoffe, Ihr habt gute Nachrichten von Eurer Fa⸗ milie, Stilling?“ „Die ſchlimmſten von der Welt,“ erwiederte der Mann kurzweg.„Vor einiger Zeit meinte ich, das Schlimmſte fey jetzt eingetroffen; dieſes aber iſt noch ſchlimmer; doch ſo helfe mir der Himmel——“ Abermals brach er ſeine Rede ab und verſank in Still⸗ ſchweigen. Diesmal war jedoch ſein Schweigen nicht ohne 336 Bedeutung, denn er ballte beide Fäuſte, wie wenn er gegen eine heftige Leidenſchaft ankämpfte. „Das höre ich mit vielem Bedauern,“ bemexkte Ralph in gefühlvollem Tone.„Kann ich irgend etwas zu Eurem Beiſtande thun, Stilling? ich brauche Euch nicht erſt zu ſa⸗ gen, daß ich in dieſem Falle von Herzen bereit bin.“ Der Mann ſchaute etwas freudiger empor und er⸗ wiederte: „Für jetzt nicht, Sir; aber die Zeit kann noch kom⸗ men.— Horch! das iſt, glaube ich, Lady Danvers; ich habe unterwegs von ihr gehört.“ Es waren Pferdetritte auf dem Kiesboden, die ſeine Aufmerkſamkeit erregt hatten, und gleich darauf hörte man die große Glocke laut ertönen. Ohne die Thatſache zu be⸗ achten, daß man kein Rollen von Wagenrädern vernommen hatte, ſtand Ralph haſtig auf und eilte durch die Halle nach der Hausthüre, um ſeiner ſchönen Wirthin beim Ausſteigen behülflich zu ſeyn. Als er jedoch die Thüre öffnete, war er überraſcht, einen Haufen von zehn bis zwölf Reitern vor ſich zu ſehen; drei davon waren abgeſtiegen, während ein Vierter, viel größer und hübſcher als alle Uebrigen, ſo eben im Begriffe ſtand, ſich vom Pferde zu ſchwingen. Ein Reit⸗ knecht hielt ſein Roß, ein anderer den Steigbügel, und in ſeinem ganzen Weſen lag eine Würde und Anmuth, welche Ralph's Aufmerkſamkeit alsbald vornämlich auf ihn lenkte. Er trug einen Stern an breitem Ordensbande und ein paar goldene Sporen an ſeinen ſchweren Reiterſtiefeln; ſein ganzer 337 Anzug war glänzend, wobei ſich in den matten Farben ein guter Geſchmack verkündigte. Noch ehe er eine Frage hatte ſtellen können, ſah Ralph den Schloßvogt nebſt zwei bis drei von der alten Diener⸗ ſchaft neben ſich, und da der junge Gentleman fand, daß er ſich in ſeiner Erwartung getäuſcht hatte, ſo zog er ſich in's Haus zurück, Mr. Drayton die Beantwortung etwaiger Nachfragen überlaſſend. Er hörte noch eine ſchöne wohl⸗ klingende Stimme fragen, ob Lady Danvers ſich gegenwär⸗ tig in Dorſetſhire befinde, worauf Mr. Drayton verneinend antwortete: „Ich habe von einer alten Freundin einen Brief für ſie,“ bemerkte der Fremde,„und moͤchte ſelbſt gern einige Zeilen beifügen, wenn Ihr mich mit Schreibmaterialien verſehen wollt. Ja ich will Eure Gaſtlichkeit noch weiter in Anſpruch nehmen, Sir, indem ich Euch für meine Diener und Pferde um einige Erfriſchung und für mich ſelbſt um ein Frühſtück bitte.— Ihr kennt mich vermuthlich?“ „Allerdings, Euer Gnaden,“ erwiederte Mr. Dray⸗ ton;„natürlich ſteht Euch Alles zu Dienſten, was das Haus nur irgend zu gewähren vermag.“ „Wohlan denn, ſo will ich eintreten und meinen Brief ſchreiben,“ ſagte der Andere, dem Zimmer ſich nähernd, wo Ralph ſich niedergeſetzt hatte. Mr. Drayton ſchien in Verlegenheit, was er thun ſollte; der Fremde war jedoch eingetreten, noch ehe der Alte ſich entſchieden hatte, und ſtand plötzlich Ralph Woodhall gegenüber. Er verbeugte ſich höflich, aber nicht ohne Ueber⸗ James. Das Schickſal, 22 338 raſchung, und der gute Haushofmeiſter hielt es für paſſend, das Geſchäft des Vorſtellens auf ſich zu nehmen, indem er ſagte:— „Mr. Woodhall, ein Freund von Mylady's Familie, Sir, welcher einige Zeit hier im Hauſe verweilt.“ Er verſäumte den Namen des neuen Gaſtes zu erwäh⸗ nen, und dieſer ſetzte ſich ruhig an den Tiſch und begann ein leichtes Geſpräch, während der Alte aus dem Zimmer eilte, um Dinte, Feder und Papier herbeizuholen. Schon ſeine bloſe Erſcheinung war ſehr empfehlend und ſein Benehmen ſo graziös, daß es einen unwiderſtehlichen Zauber um ſich verbreitet hätte, auch wenn ſeine Unterhaltung weniger glücklich geweſen wäre, als ſie wirklich war; aber auch ſeine Worte waren wohlgewählt, ſeine Ausdrücke, was ich male⸗ riſch, ja ſogar poetiſch nennen möchte, und das Ganze zeigte einen Anſtrich jener Lebhaftigkeit, welche am Hofe Karls des Zweiten gar oft für Witz gegolten hatte. Er hatte vie⸗ lerlei zu ſragen, ohne aber irgend zudringlich oder neugie⸗ rig zu erſcheinen. Er ſprach von dem Hauſe, von der Schön⸗ heit des Parks und der Umgebung, wie er als Knabe hier geweſen, aber die Erinnerung daran beinahe verloren habe, indem er mit dem Wunſche ſchloß, das Haus vor ſeinem Abgange zu beſichtigen. „Ich werde mit vielem Vergnügen Euren Führer ma⸗ chen, Sir,“ erklärte Ralph,„denn während der kurzen Zeit meines hieſigen Aufenthaltes bin ich mehr als einmal durch das Schloß gewandert, und habe es mit vielem Intereſſe beaugenſcheinigt.“ 339 „So ſeyd Ihr alſo mit dem Orte nicht genau bekannt?“ ſagte der Andere, indem er ohne eine Antwort auf ſeine Frage abzuwarten fortfuhr:„Laßt uns gehen. Ohne Zwei⸗ fel wird es lange dauern, bis ſie Dinte, Feder und Papier herbeibringen; ich habe das ſeit meiner Rückkehr in Dorſet⸗ ſhire immer ſo gefunden.“ So traten ſie zuſammen in die Halle, wo zwei bis drei Herren geſtiefelt und geſpornt ſtanden. Sie entblößten ihre Häupter, ſobald Ralph's Begleiter ſich zeigte, und einer von ihnen redete ihn an, indem er einen Schritt vor⸗ trat.„Auf dem Wege nach Taunton iſt Alles abgeſucht, Euer Gnaden, und die Nachrichten in dieſem Theile lauten befriedigend,“ meldete er. „Gut,“ erwiederte der Andere.„Dieſer Mangel an Reiterei iſt ſehr unbeqguem. Was ſagt Mr. Dare über das Aufgebot in der Umgegend von Taunton?“ „Er hatte die Stadt noch nicht erreicht, Herr Herzog, als ſein Bote uns begegnete,“ lautete die Antwort;„aber er verſpricht viel— vielleicht mehr als er halten wird, denn ſeine Aufnahme in einigen der kleineren Ortſchaften unter⸗ wegs iſt ſo gut ausgefallen, daß er dieſe Gegend ſchon als erobertes Land betrachtet. Er iſt ein Bramarbas, wie es nur je einen gegeben.“ „Dabei aber auch ein guter Kerl, luſtig und frohſinnig in der Gefahr und in allen Lagen aufgeräumt,“ bemerkte der Herzog—„vielleicht etwas zu Prahlerei und Anmaßung geneigt; aber ſeine heitere Zuverſicht wirft jedenfalls ein 4 224 „ 340 günſtiges Licht auf unſere Erpedition, und ich wünſchte nur, daß ich von anderen Dingen das Gleiche ſagen könnte.“ „Soll ich einen Befehl wegen des morgigen Marſches ertheilen?“ erkundigte ſich der Offizier. „Ich denke— noch nicht,“ erwiederte Ralph's Beglei⸗ „Wir müſſen erſt das Aufgebot von Taunton oder ter. Wir dürfen wenigſtens ſicherere Nachrichten abwarten. nicht alle Hülfsquellen hinter uns laſſen, ehe wir vor uns des Beiſtandes verſichert ſind. Beruhigt Euch nur, tapfe⸗ rer Freund: die Zeit wird ſich hoffentlich als unſeren Ver⸗ bündeten und nicht als Gegner bewähren.“ Im Ton und Weſen des Sprechenden lag etwas un⸗ gemein Leichtfertiges, ja ſogar Zaghaftes, und Nalph, der gleich Anfangs vermuthet hatte, daß er den Herzog von Monmouth vor ſich habe, begann wieder an der Richtigkeit ſeiner Vermuthung zu zweifeln, denn er hatte noch nicht ſorgfältig erwogen, in wie weit das Mißgeſchick auch die hochſinnigſten und leichtmüthigſten Geiſterzu zähmen vermag. Nach dieſer kurzen Unterredung wanderten ſie Beide durch das Haus, die verſchiedenen Gegenſtände, die ſich ihren Augen darboten, in ruhigem heiterem Tone beſpre⸗ chend, wie wenn es keinen Streit, kein Kriegen und Blut⸗ vergießen in der Welt gäbe. Der Herzog wandelte durch die langen glänzenden Zimmerreihen und die ausgedehnten Gänge, als ob er die Salons eines friedlichen Palaſtes be⸗ träte, mit einer ruhigen, nachdenklichen, würdevollen Sanft⸗ muth, welche ihm ſehr wohl anſtand. In ſeinem ganzen Weſen, in ſeiner Haltung und Erſcheinung verrieth jeder 341 Zoll den Prinzen, und ſeine ganz leichte Abſchweifung auf politiſche Gegenſtände erſchien Ralph nur wie eine Empfeh⸗ lung für ſeine Saͤche. Er zeigte ein ſo ruhiges Vertrauen auf ſeine Rechte, wie wenn es nichts weiter bedürfte, als ſich ſelbſt zu zeigen, um alle Herzen zu ſeinem Beiſtande zu gewinnen. Hätte er dieſe gelaſſene Zuverſicht auch ferner behauptet, ſo würde er eine größere, glücklichere, vielleicht auch erfolgreichere Rolle geſpielt haben. Er unterließ übrigens doch nicht, einige Fragen zu ſtellen, wodurch er Ralph ſeine politiſchen Anſichten abzu⸗ locken verſuchte, und da er einen ſtandhaften Proteſtanten, obwohl der biſchöflichen Kirche anhängend und einen erklär⸗ ten Feind jeder bürgerlichen oder religiöſen Tyrannei an ihm erkannte, ſo ging er allmälig zu entfernten Anſpielun⸗ gen anf ſein eigenes Unternehmen über, indem er— ohne es gerade zu fordern— andeutete, daß der Beiſtand jedes tapferen Gentlemans für ihn höchſt wünſchenswerth ſey. Ralph ſchwieg jedoch aus verſchiedenen Gründen: e ſagte weder Ja noch Nein, da er die Umſtände, in denen ſi r ſich befanden, wohl richtiger als der Herzog beurtheilte und gar manche Zweifel hegte, ob Monmouth's Erhebung, auch wenn ihm durch einen jener ſonderbaren Zufälle, welche zu⸗ weilen den Gang großer Ereigniſſe beherrſchen, Jakobs Entthronung gelänge— der Mehrzahl des Volkes ſonder⸗ lich willkommen ſeyn würde. Er wußte überdies, daß alle Engländer von einer ſtandhaften, entſchloſſenen Loyalität, einer anererbten Liebe zu ihrem alten Königsſtamme beſeelt ſind, welche des ganzen Wahnwitzes tyranniſcher Unter⸗ 342 drückung bedarf, um endlich erſchüttert oder überwältigt zu werden. Der Herzog von Monmouth drang jedoch nicht weiter in ihn, da er es unter ſeiner Würde zu achten ſchien, ſich um den Beiſtand eines einzelnen Mannes zu bewerben. Er mochte wohl auch wiſſen, daß großer Eifer bei ſolcher Be⸗ werbung geringe Zuverſicht verräth, und in dieſem Mo⸗ mente ſeiner Laufbahn bildete es einen Theil von Mon⸗ mouths Politik, ſich ſeines Erfolges verſichert zu ſtellen. Nachdem er über einige der Gemälde im Kennertone geſprochen und andere in der Weiſe eines luſtigen Hof⸗ mannes abgefertigt hatte, kehrte er in den kleinen Salon zurück, und da er die Schreibmaterialien daſelbſt bereit fand, ſo ſetzte er ſich nieder und ſchrieb einige Zeilen auf ein Blatt Papier, in das er einen mitgebrachten Brief ein⸗ ſchloß. Er ſiegelte und adreſſirte das Ganze an Hortenſia, Baroneſſe Danvers, und überreichte es Ralph, indem er mit heiterem Lächeln bemerkte: „Ich will dieſes Eurer Sorgfalt zu alsbaldiger Ueber⸗ lieferung anvertrauen, Sir. Seyd Ihr ein Liebhaber, ſo kommt es von keinem Rivalen; ſeyd Ihr ein Freund, ſo kommt es von einem nicht minder aufrichtigen Freunde; ſeyd Ihr ein Verwandter, ſo ſind Zeilen von einer Perſon darin enthalken, welche die Herrin dieſes Hauſes mit einer Hingebung geliebt hat, wie nur je eine Verwandte ſie lie⸗ ben konnte.— Ei, ei, mein guter Sir,“ an Mr. Drayton ſich wendend, der von einigen Dienern gefolgt, das Früh⸗ ſtück auf reichem Silberſervice hereinbrachte,„Ihr behan⸗ 343 delt mich in meiner beſcheidenen Stellung viel zu königlich; aber es dürfte die Zeit kommen, wo ich Eure Höflichkeit beſſer anzuerkennen vermag.— Wollt Ihr nicht mit mir frühſtücken, Mr. Woodhall?“ Des Herzogs Mahl war noch nicht halb zu Ende, als einer ſeiner Begleiter plötzlich und ohne Ceremonie eintrat und Monmouth von hinten einige Worte in's Ohr flüſterte. Der Herzog fuhr auf und ſtarrte ihm eine Weile mit einem Blicke des Schreckens und der Beſtürzung in's Geſicht. „Wie— was habt Ihr geſagt?“ rief er.„Thomas Dare in den Straßen von Lyme im Streite um ein Pferd erſchoſſen!“ „Nur allzuwahr, Euer Gnaden,“ beſtätigte der An⸗ dere.„Maustodt geſchoſſen: die Kugel drang ihm durch das Hirn“ „Bei dem Gotte, der da oben lebt!“ rief Monmouth, „dieſe unruhigen Köpfe ſollen finden, daß der Mann, der ein ſolches Reich zu beherrſchen beanſprucht, wenigſtens eine Hand voll vorgeblicher Anhänger zu zügeln vermag. Laßt gleich die Pferde ſatteln— ich darf keinen Augenblick ver⸗ lieren.“ 4 Immer energiſch— und oft am rechten Platze— be⸗ ſchleunigte Monmouth ſeinen Aufbruch, nur um zu bewei⸗ ſen, wie ſchwach er im Augenblicke der That, wie zugäng⸗ lich für die kleinmüthigen Rathſchläge Anderer er ſeyn konnte; auf dem Schlachtfelde tapfer wie ein Löwe, aber immer ſchüchtern im Rathe; nicht ohne Geſchick als Heer⸗ führer, aber als Menſch und Politiker beſtändig irre geleitet. Im Aufſteigen wendete er ſich noch einmal nach der Thüre und ſchaute ſich mit freundlichem Lächeln nach Ralph um. „Gedenket meines Auftrags— ich vertraue Euch ganz,“ rief er. „Ich werde nicht ermangeln, Euer Gnaden,“ verſicherte Ralph. Das waren wenige einfache Worte; aber ſie hatten ſehr wichtige Folgen. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. „Ach der arme Herr!“ ſagte Mr. Drayton, während ſich die Kavalkade den krummen Pfad hinab wand, der durch den Park nach dem Außenthore führte;„wohl erinnere ich mich noch der Zeit, da er wie im Triumphe durch die weſtlichen Grafſchaften einherzog, wo aus jedem Dorf und Städtchen Männer und Mädchen ihm entgegenkamen, wo ſein Roß auf nichts als Blumen trat und das Läuten der Glocken das ganze Land in Bewegung hielt. Zu Langleet wurde er feſtlich bewirthet, der ganze Adel des Landes kam ihm entgegen und jede Korporation bewillkommte ihn mit Feſtreden; das Volk vergötterte ihn und die Großen wußten nicht, wie ſie ihm Ehre genug erweiſen ſollten. Ich fürchte, diesmal wird er es anders finden.“ „Glaubt Ihr, das Volk habe ſeine Liebe zu ihm ver⸗ loren?“ fragte Ralph, begierig ein Näheres über die Ereig⸗ niſſe zu vernehmen, welche ſich in ſeiner Nähe zutrugen, 345 ohne daß ihm bis jetzt etwas Sicheres zu Ohren gekommen war. „O nein, Sir,“ gab der Haushofmeiſter zur Antwort; „bei dem gemeinen Volke hat er nicht im Geringſten einge⸗ büßt. Das iſt weit ſtandhafter als der Adel glaubt; ſie ſollen ja zu Tauſenden in Lyme zuſammenſtrömen. Aber mit den Vornehmen iſt es ganz anders: ſie hofirten ihm aus Eigennutz— wenigſtens viele unter ihnen— und nun wer⸗ den ſie aus Eigennutz entfernt bleiben. Die Tories werden durch Dick und Dünn zu der Krone halten, und der Whig⸗ adel hat große Luſt ſich erſt vorzuſehen, ehe er ſeinen Sprung verſucht. Ich wollte jede Wette eingehen, daß der gute Herzog nicht fünf Männer über dem Range eines Pächters finden wird, welche vor einer gewonnenen Schlacht zu ihm ſtoßen, wenn ihm überhaupt ein ſolches Glück zufällt.“ Ralph gab keine Antwort, obgleich er nicht zweifelte, daß Mr. Draytons Ahnungen nur allzu richtig waren. Da⸗ gegen erkundigte er ſich, was in der Umgegend vor ſich gehe; allein die Gerüchte— und weiter wußte ihm der Schloß⸗ vogt nicht zu erzählen— waren wie immer in ſolchen Fällen ganz konfus und verſchiedenartig, und Ralph bat nach ei⸗ niger Zeit den würdigen Alten, ihm ſeinen Diener Stilling zu ſchicken, um das durch Monmouths Ankunft unterbrochene 3 Geſpräch wieder aufzunehmen. Mr. Drayton ſchien einen Angenblick zu zögern, bis er endlich offen heraus ſagte: „Ich denke, ihr ließet ihn eben jetzt lieber allein, Sir. Es muß etwas ganz ſchief mit ihm gegangen ſeyn— das 346 iſt klar. Ich ſah ihn vor einigen Minuten im Stalle auf⸗ und abgehen und die Fäuſte zuſammenballen, wie wenn er aus ſeinen Fingerſpitzen alles Blut hätte herauspreſſen wollen. Armer Burſche! ich kann mich ſeiner noch wohl erinnern, wie er als luſtiger aufgeräumter Junge auf einer Schreibſtube zu Dorcheſter arbeitete. Eine gute Er⸗ ziehung hatte Gaunt Stilling; aber die alte Lady verſchaffte ihm eine Stelle in dem Tanger⸗Regimente, und er zog in die Fremde. Er iſt jetzt mächtig verändert, und kann doch nicht viel über Dreißig ſeyn.“ „So alt?“ fragte Ralph im Tone der Verwunderung. „Aber ſagt mir, Meiſter Drayton— iſt Euch etwas von der Urſache ſeiner jetzigen Verſtörung bewußt? Ihr ſcheint mit ſeiner Familie wohl bekannt zu ſeyn.“ „Ich habe ſie ſeit vielen Jahren gekannt, Sir,“ er⸗ wiederte der Haushofmeiſter mit ernſter Miene.„Um was es ſich jetzt handelt, weiß ich nicht genau anzugeben. Der Fuhrmann brachte vor etwa drei Wochen die Nachricht her⸗ über, der alte Mann habe ſeine Tochter aus Lincolnſhire fortgeſchickt, um ſie einem jungen Gentleman, der es nicht gut mit ihr meinte, aus den Zähnen zu thun. Ihr Vater brachte ſie halbwegs und der Oheim kam ihm bis dahin entgegen. Nun denke ich mir, Gaunt iſt drüben geweſen, um ſie zu beſuchen. Ich fürchte, es iſt ein ſchlimmer Han⸗ del, und des Gentlemans Name, von dem ſie erzählten, lautete gerade wie der Eurige, Sir.“ Bei dieſen Worten heftete er ſeine Augen mit forſchen⸗ dem Blicke auf Ralph's Geſicht, und Letzterer fühlte, wie er —,— 347 bei der Erinnerung alles deſſen, was er zu Coldenham ge⸗ ſehen und gehört hatte, lebhaft erröthete. Er glaubte ſo⸗ gar, einigen Argwohn in des Schloßvogts Blicken zu leſen und beeilte ſich zu erwiedern: „Nicht genau der meinige, Sir, denn es gibt keinen Zweiten Namens Ralph Woodhall, von dem ich wüßte; auch ſah ich des armen Stillings Schweſter nur einmal und auch da blos auf einen Augenblick.“ Er ſprach etwas hitzig, und Drayton erwiederte des⸗ halb in entſchuldigendem Tone: „Ich bitte um Verzeihung, Sir. Ich wollte damit keineswegs ſagen, als ob Ihr jener Gentleman wäret— ich wußte ſogar, daß dies nicht der Fall iſt; ich dachte nur, es könnte ein Verwandter von Euch ſeyn.“ „Möglich,“ bemerkte Ralph noch nicht ganz beruhigt. „Ich weiß übrigens nichts von dieſer Sache, denn mit Aus⸗ nahme des armen Vetters, den ich kürzlich verloren und ſei⸗ nes Vaters, ſtand ich mit meinen übrigen männlichen Ver⸗ wandten auf keinem vertrauten Fuße.“ „Sie ſind, glaube ich, von hohem Range, Sir?“ ver⸗ ſetzte der Haushofmeiſter in neugierigem Tone; doch Ralph bejahte blos mit einem Kopfnicken, da er es nicht für nöthig hielt, mit einem Fremden auf ſeine Familiengeſchichte ein⸗ zugehen. „Ich will Euren Rath befolgen, Mr. Drayton, und den armen Gaunt Stilling eine Zeit lang allein laſſen,“ ſagte er nach kurzer Pauſe.„Ich halte es jedoch für zweck⸗ dienlich, ſeine Gedanken nach kurzer Friſt von den peinlichen 348 Gegenſtänden ſeiner Betrachtung abzulenken. Ohne alſo nach ihm zu ſchicken, könntet Ihr ihn wiſſen laſſen, daß er im Laufe des Nachmittags ausgehen möge, um ſich nach den Vorgängen im Lande zu erkundigen. Sagt ihm, ich wünſche ganz genaue Nachrichten über die Bewegungen der königlichen Streitkräfte und über die des Herzogs von Mon⸗ mouth, denn es läßt ſich nicht annehmen, daß man ein be⸗ trächtliches Heer in offenbarer Rebellion im Lande umher⸗ ziehen läßt, ohne demſelben Widerſtand zu leiſten.“ „Weiß nicht, Sir,“ meinte Mr. Drayton kopfſchüt⸗ telnd.„Regierungen werden oft im Schlafe überfallen, und ich glaube, die einzige Ausſicht für den guten Herzog wäre die, wenn er ſogleich auf London losginge. Ein kecker Entſchluß würde manchen Mann um ſeine Fahne verſam⸗ meln, denn Kühnheit wie Furcht haben etwas Anſteckendes. Ich zweifle übrigens, ob Stilling Vieles erfahren wird, denn ich habe nach allen Richtungen Leute ausgeſchickt, welche mir die neueſten Nachrichten überbringen ſollen, und habe noch nichts Sicheres durch ſie erfahren.“ „Jedenfalls wünſchte ich, daß er ginge,“ wiederholte Ralph.„Es würde ſeine Gedanken beſchäftigen und könnte uns vielleicht eine Kunde verſchaffen, welche für Eure Lady noch werthvoller als für mich ſelber wäre.“ Der Schloßvogt entfernte ſich mit einer Verbeugung, und Ralph ſuchte ſich einige Stunden lang ſo gut er konnte zu amüſtren. Wer ihn ſo geſehen hätte, konnte ihn für den größten Müſſiggänger von der Welt halten. Er öffnete kein Buch— er hatte keine Luſt, keinen Trieb zu leſen; er 349 betrachtete keine Gemälde, denn ſein Geiſt hatte jetzt mit rauheren Wirklichkeiten zu ſchaffen, als die Leinwand ſie ſonſt zu entfalten pflegt. Der größere Theil ſeiner Zeit verſtrich mit Hinausſchauen auf die weite hügelige Umgegend, welche allen Perſonen in dem Drama, das ſeine Phantaſie vor ſei⸗ nen Augen aufführte, eine hinlänglich ausgedehnte Bühne zu gewähren ſchien. Dorthin beſchworen ſein Gedächtniß und ſeine Einbildungskraft aus den Tiefen der Vergangen⸗ heit wie der Zukunft Charaktere nnd Ereigniſſe, welche an der bald zu eröffnenden Tragödie ihren Antheil nehmen mochten. Eine düſtere Ahnung, ein dunkler aber wahrer Schatten jener ernſten furchtbaren Thaten, welche im Hin⸗ tergrunde lauerten, lag auf dem Gemüthe des jungen Man⸗ nes, und er empfand jenes Gefühl des Grauens und angſt⸗ voller Erwartung, wie der Zuſchauer es erfährt, wenn er die Gewitterwolke von der Höhe herab über das ſonnige gar bald verödete Land herziehen, oder den Sturmwind über die ruhige See heranfegen und die glitzernden Waſſer in Hö⸗ hen und Abgründe voll Tod und Schiffbruch aufthürmen ſieht. Die Minuten glitten faſt unvermerkt an ihm vorüber, und als er ſich endlich an den Tiſch ſetzte, kam ihm der ſon⸗ derbare Einfall, die Gedanken dieſes Augenblicks, die Ah⸗ nungen und Betrachtungen, welche allmälig in ihm aufſtie⸗ gen, je länger er die jetzigen Umſtände erwog— niederzu⸗ ſchreiben. Das war eine gefährliche Unterhaltung, denn geſchriebene Gedanken— mochten ſie auch noch ſo unverdaut und ſorglos aufgezeichnet, noch ſo unreif, noch ſo inkon⸗ natürlich geſchlagen werden, denn wo Monmouth in eigener 350 ſequent und regellos geſammelt ſeyn— hatten unter der letzten Regierung nicht wenig dazu beigetragen, das Haupt des tapferen Sidney auf's Schaffot zu bringen. Aber Ralph empfand nun einmal dieſen Trieb und mochte nicht dagegen ankämpfen, ſondern ſetzte ſich, überlegte, ſchrieb und ſchrieb und überlegte von Neuem. Der Tag neigte ſich ſeinem Ende entgegen und der Abend war nicht mehr weit entfernt, als Gaunt Stilling plötzlich in's Zimmer trat. „Es hat zu Bridport ein kleines Gefecht gegeben, Sir, und des Herzogs Truppen ſind zurückgeſchlagen worden,“ meldete er.„Bauer ſtand gegen Bauer, und des Herzogs Landvolk hätte geſtegt, wenn nicht Lord Grey mit ſeiner Reiterei beim erſten Feuer davon gelaufen wäre.“ „Wer iſt Lord Grey?“ fragte Ralph in gelaſſenem Tone. „O, des Herzogs Reitergeneral,“ gab Stilling lachend zur Antwort.„Ein Gentleman, ſehr kühn in Worten und vor dem Henker oder Richter tapfer genug, wie es heißt; aber er kann den ſonderbaren Pulverdampf nicht riechen und vermeidet gerne den Stoß der Lanze.“ „Habt Ihr noch andere Nachrichten?“ fragte ſein Ge⸗ bieter. „O ja, Nachrichten in Fülle,“ erwiederte Stilling. „Der Herzog von Albemarle— der, nebenbei bemerkt, ſo⸗ gar noch mehr als ſein Vater von einem Monk an ſich hat— marſchirt mit der Landmiliz gegen Monmouth. Er wird Perſon erſcheint, da fechten die Leute wie die Wölfe, und er iſt im Ganzen kein ſchlechter General. Das wird eine Feder auf ſeinen Hut abgeben und wird ihm einige Leute zuführen. Dann iſt aber Feverſham mit drei bis vier regulären Regi⸗ mentern— darunter auch meine ehemaligen Kameraden— wider ihn im Anmarſch. Nun kann es zwar Monmouth mit zwanzig Franzmännern aufnehmen und Feverſham taugt nur zu einem Hofeſſen; aber da iſt auch Churchill mit den Blauen bereits im Felde, und er wird dem guten Herzog zu ſchaffen machen, wenn ich mich nicht irre.— Doch ich ver⸗ gaß Euch zu ſagen, Sir, daß ich Lady Danvers im Her⸗ reiten den Hügel herabkommen ſah; ſie wird in zwei Minu⸗ ten hier ſeyn, denn ſie fuhren in großer Haſt, da ſie ver⸗ muthlich keine große Freude an dem Kriegslärm hatten, der rings um ſie her durch das Land tobte.“ „In der That!“ rief Nalph heftig aufſpringend.„Ich will ihr entgegengehen. Sie kommt vermuthlich durch das weſtliche Thor?“ „Ja, Sir, durch das weſtliche,“ verſetzte Gaunt Stil⸗ ling, ſeinem Herrn nachſchauend, und als Ralph verſchwun⸗ den war, murmelte der Mann zwiſchen den Zähnen:„Wan⸗ kelmüthig— wankelmüthig, wie alle Andern! Was liegt daran, was ihm auch begegnen mag? Sie ſind ſich Alle gleich. Die Lady hat ſein Auge gefeſſelt, und er kümmert ſich wenig darum, wie viele Herzen er brechen mag. Es iſt doch ein wahrer Fluch, ein Gentleman zu ſeyn, und Thoren ſind die, welche ſich aus einer beſcheidenen Stellung zu er⸗ 35² heben trachten, um alsbald die Beute jedes ihnen über⸗ legenen Thieres zu werden.“ Mittlerweile hatte Ralph ohne ſeines Dieners Venner⸗ kungen zu hören ſeinen Hut auf dem Gange geholt und war auf dem Wege gegen das Hauptthor hinabgeeilt. Schon ſah er die kleine Kavalkade vor ſich, beſtehend aus einem großen rumpligen Wagen und etlichen Reitern, welche ihn begleiteten und nachfolgten. Es wäre unrichtig, wenn ich ſagen wollte, Ralph habe dies nicht mit Freuden wahrgenommen oder Hortenſia's An⸗ kunft ſey ihm nicht angenehm geweſen. Gering geſchätzt, bot es ihm eine erfreuliche Abwechslung in der langweiligen Einförmigkeit des Lebens, wie er es in den letzten Tagen geführt hatte. Aber es war noch weit mehr: ihre Anmuth, ihre Schönheit, der Zauber ihres Weſens und ihrer Unter⸗ haltung verbreiteten einen wahren Sonnenſchein um ſie her, der die Schönheit ſelbſt der traurigſten Landſchaft an's Licht bringt, ſobald er ſie nur mit ſeinem wechſelnden Glanze er⸗ reichen und bereichern kann. Auch konnte er mit ihr berathen und einen Entſchluß faſſen, und thatkräftiges Handeln, das ihm wie das wahre Leben vorkam, verſprach erſt mit ihrer Ankunft ſeinen Anfang zu nehmen. So eilte er denn mit hocherfreuten Blicken dem Wagen entgegen, den er auf halbem Wege im Parke traf. Er nä⸗ herte ſich nicht unbeachtet, denn ob ſie ihn nun erwartete oder nicht— Hortenſia ſah ihn von Weitem und befahl ihrem Kutſcher, anzuhalten. Sobald er nahe kam, ſtieg ſie aus, ſchöner denn jemals, wie es Ralph dünkte, und ihren —— 353 Arm in den ſeinigen ſchiebend, hieß ſie die Uebrigen weiter gehen, da ſie zu Fuß nach dem Hauſe luſtwandeln wolle. Eine ſüße zärtliche Sanftmuth lag in ihrem Blicke, eine leis bewegte Ruhe, die ſchon an ſich ſehr lieblich war, und wie ſie ſich ſo auf Ralph's Arm lehnte, während die Diener ihrem Befehle gehorchend voraneilten, ſchaute ſie ihrem jungen Begleiter in's Geſicht, wie wenn ſie daraus ableſen wollte, was er gelitten— welche Verheerungen Kum⸗ mer und Nachdenken während ihrer Abweſenheit in ſeinem Aeußern angerichtet hätten. Ihre erſte Frage bezog ſich jedoch auf ganz andere Dinge, als ſie für jetzt in ihrem Sinne die Oberhand hatten. „Ich hoffe, meine Baſe Lady Fullerton wird gut für Euch geſorgt haben, Ralph,“ ſagte ſie.„Ich habe eine traurige langweilige Zeit auf der Reiſe zugebracht, denn dieſe Kutſchen gehen ſo langſam.“ „Ich zweifle nicht, theure Lady Danvers,“ erwiederte Ralph lächelnd,„daß Lady Diana gut für mich geſorgt ha⸗ ben würde, wenn ſie hier geweſen wäre; allein—“ „Iſt ſie nicht hier?“ fiel Hortenſia in haſtigem Tone ein, während ihr das Blut mehr aus Ueberraſchung und dem plötzlichen Andrange mancher eigenthümlicher Erwägungen, als weil ihr die Sache ſonderlich leid that— plötzlich in die Wangen ſchoß.„Warum i*ſt ſie nicht gekommen? ſie muß doch meinen Brief erhalten haben.“ „Sie war zu krank, um kommen zu können,“ erwiederte Ralph.„Ich fürchte jedoch, mein Hierſeyn könnte für Euch James. Das Schickſal. 23 nachtheilig— ja vielleicht nicht ganz ſchicklich erſcheinen. hatte, der Sohn der theuerſten Freundin ihrer Mutter— Es kann mir keine Gefahr daraus erwachſen, wenn ich mich alsbald auf meinen Weg mache.“ „Ralph!“ rief Hortenſia im Tone leiſen Vorwurfs, „Ihr haltet mich doch nicht für ſo ſchwach— ſo thöricht. Wenn mein guter Name ein ſo gebrechliches Ding wäre, daß er es nicht einmal ertragen könnte, wenn ich dem Sohne von meiner Mutter theuerſter Freundin in der Stunde der Ge⸗ fahr ein Obdach gewähre, ſo waͤre er wahrlich des Bewah⸗ rens nicht werth. Ihr bleibt, Ralph— Ihr bleibt, wenn Ihr irgend Rückſicht für mich kennet. Nein, nein, es hat Nichts zu ſagen; ich bat meine gute Baſe nur aus Rückſicht gegen die Meinung dieſer kalten Welt; aber nachdem ich dies gethan habe, iſt auch genug geſchehen.“ Wohl mögen Propheten und durch ihre Zunge auch der große Schöpfer des menſchlichen Herzens erklären, daß das Herz das trügeriſcheſte aller Dinge ſey, denn wer nur jemals die Geheimniſſe der dunkeln myſteriöſen Höhle in unſerer Bruſt der Analyſe der Vernunft unterworfen hat, muß vor der Unterſuchung zurückgetreten ſeyn, erſchreckt durch die furchtbaren Verwicklungen, welche das Auge auf den erſten Blick wahrnehmen kann. Wie weit Lady Danvers ſich freiwillig täuſchte, iſt kaum nöthig zu erforſchen; es wäre ganz überflüſſig und ſo⸗ gar fruchtlos, wenn man all die gewundenen verdunkelnden Gänge aufſpüren wollte, durch welche der Betrug an ſie herankroch. Sicher iſt jedenfalls, daß ſie ſich überredet 35⁵ ihrer eigentlichen Adoptivſchweſter— ſtehe zu ihr faſt in den Verhältniſſen eines Bruders, und ſie könne für ihn nie zu⸗ viel, ja überhaupt Nichts thun(ſo lange ſie in den Schran⸗ ken der Beſcheidenheit und Ehrenhaftigkeit bleibe) was vor dem klaren durchdringenden Auge des Himmels nicht zu ent⸗ ſchuldigen und gerechtfertigt wäre. Stark in der Reinheit und Rechtlichkeit ihrer eigenen Abſichten, kümmerte ſie ſich wenig um das finſtere, trübe, irdiſche Auge der Welt; allein ſie bedachte nicht, daß zwiſchen der Klarheit oben und der Gemeinheit unten ein nebliges Schattenland in der Mitte liegt, wo die Ausgeburten des Gedankens zwiſchen beiden dahinſchweben, von dem einen Reiche aus fortwährend ge⸗ ſehen und dem andern zuweilen nur allzu deutlich entfaltet. Sie fragte ſich nicht— ſie mochte ſich nicht fragen— welche perſönlichen Gefühle, welche ſterblichen Neigungen ſich un⸗ vermerkt in die ruhige, ſelbſtſuchtloſe, ſeelenvolle Erinnerung hereinſtahlen, welche ihre Aufmerkſamkeit zuerſt auf Ralph Woodhall gelenkt hatte. Sie wußte nicht— ſie wollte nicht wiſſen— daß in ihren Empfindungen gegen ihn, während ſie ſo Seite an Seite in ihrem eigenen Parke mit ihm da⸗ hinwandelte, irgend ein Unterſchied beſtehe gegen damals, da ſie ihn zum erſtenmale im Hauſe des Herzogs von Nor⸗ folk als Fremdling in Allem nur nicht in ihrer Erinnerung vor ſich geſehen hatte. Sie liebte es, ihn bei ſich ſelbſt ihren Bruder Ralph zu nennen und in ihren Gedanken mit ihm als ſolchem zu verkehren. 3 O liſtiges Menſchenherz! wie weißt du den Kunſtgriff unbeſtimmter Worte ſo geſchickt zu benützen, um dein Wir⸗ 23* 356 ken vor den betrogenen Augen deines Gebieters zu verhül⸗ len! Hortenſia hätte ihren Begleiter nicht um die ganze Welt Mr. Woodhall nennen können— das hätte den Zau⸗ ber gebrochen, die Illuſton geſtört: er wäre nicht länger ihr Bruder, wohl aber ihr Liebhaber oder der, den ſie liebte, geweſen. Der bloſe Gedanke, daß ihr Herz ſich dem Manne, der es nie geſucht oder erſtrebt, ſo weit wie es wirklich war, hingegeben hatte— wäre der Tod für ſie geweſen, denn bei all der warmen Zärtlichkeit ihrer Gefühle, bei der tiefen, ſtarken, enthuſtaſtiſchen Färbung ihrer Neigung beſaß ſie doch die vollendetſte Weiblichkeit— jene nächſte Annähe⸗ rung an den Engel, wie dieſe Welt ihn nur je geſehen hat. Moͤgen die Kalten und Weltlichgeſinnten gegen ſolche Dinge ſich ereifern. Eifert nur ihr, die ihr in den ſtrengen konventionellen Regeln eines falſchen trügeriſchen Zuſtandes auferzogen, verbildet und gefeſſelt ſeyd, ihr, die ihr von der Wiege bis zum Altar gewöhnt worden, vor dem Gotte der großen Welt— der Konvenienz— euren Willen zu beugen und euer Herz zu krümmen. In dem Zeitalter, von dem ich ſchreibe— ſo verdorben und entartet es auch war, eines der ſchlimmſten, das die Erde noch jemals erlebte— in der Reaktion und Rebellion des Menſchenherzens gegen die ei⸗ ſerne Tyrannei eines kalten und falſchen Fanatismus gab es doch noch glorreiche Beiſpiele reiner und ächter Hin⸗ gebung, tiefer und ſtarker Liebe, einer Leidenſchaft ohne Ausgelaſſenheit, einer Moralität, die über den bloſen ſchö⸗ nen Schein hinausreichte— Beiſpiele, welche jetzt, nach⸗ dem das Feuer des Fanatismus erloſchen und die ſtrengen 357 Regeln einer eyniſchen Religion durch die vergoldeten aber unweſenhaften Feſſeln eines augendieneriſchen Anſtandes überwältigt worden— nur ſelten getroffen werden. Ja, der ausſchweifendſte Skandalerzähler jenes Zeitalters, der witzige Verſpotter jeder Tugend, der angenehme Genoſſe jedes Laſters iſt gerade derjenige geweſen, der uns einige der glänzendſten Ausnahmen von dem Syſteme aufbewahrte, in welchem er ſich bewegte und ſein Daſeyn feierte. Die Ungenirtheit der Zeiten, die Freiheit im Denken und Handeln, worin ſie auferzogen worden, die Unabhängig⸗ keit von allen anderen konventionellen Formeln— die hoͤ⸗ fiſche Ceremonie etwa ausgenommen— welche während ihrer ganzen Jugendzeit vorherrſchte, ja ſelbſt die Gefahren, Schwierigkeiten, Intriguen, Kabalen, das Blutvergießen und die Aufregung, welche die letzten Jahre Karls des Zwei⸗ ten bezeichneten, hatten Hortenſta von früher Jugend auf von der Meinung der Welt unabhängig gemacht, und ſie hatte dieſer Welt in dem Falle mit Ralph ſchon weit mehr Rückſicht gezollt, als ſie ihr ſonſt zu erweiſen geneigt war. Freilich, wenn ſie ihr eigenes Herz befragt häͤtte, warum ſie einer von ihr geſchmähten und verachteten Ge⸗ walt ſo weit nachgab, ſo würde ſie eine Schwäche in ihrem eigenen Buſen entdeckt haben, welche Vorſicht verlangte. Aber, wie geſagt, ſte mochte ihr eigenes Herz um nichts der Art befragen. Wie ein ungeſchickter Feldherr im Vertrauen auf gewiſſe ſtarke Punkte— Ehre, Aufrichtigkeit, Reinheit und Wahrheit— hielt ſie ihre Stellung für uneinnehmbar 358 und wollte dem ſanften Abhange der Leidenſchaft oder dem bedeckten Wege der Liebe kein Zugeſtändniß machen. So wandelte ſie mit ihm dahin, ſchon den bloſen Ge⸗ danken, daß er aus Rückſicht dafür, was die Welt ſagen könnte, ihr Haus verlaſſen ſollte— mit äußerſter Verach⸗ tung zurückweiſend. Ich weiß nicht, ob ſich ihrem Geiſte nicht der Gedanke aufdrängte, daß es ein ganz leichtes Mit⸗ tel gab, der Schmähſucht den Mund zu ſtopfen, indem Beide ihr Schickſal für immer verbanden. Ich glaube nicht und weiß gewiß, daß Ralph ein ſolcher Gedanke noch nie in den Sinn gekommen war. Schien ſie jedoch zufrieden, ſo hatte er keine Urſache zur Unzufriedenheit, denn er war kein ſolcher Don Quixrote von Zartgefühl, um etwas zu fürchten, wovor ſie in ihrem beſſeren Wiſſen ſich nicht ſcheute. Er lachte alſo luſtig und ſogar heiterer, als er ſeit vie⸗ len Tagen gethan hatte und ſagte: „Wohlan, theure Lady Danvers, ich wollte nur meine Ergebenheit gegen Euren Willen beweiſen, indem ich mich bereit erklärte, lieber zu gehen, als Euch in Verlegenheit zu bringen. Zu gleicher Zeit muß ich Euch aber erklären, daß keine ſolche Gefahren für mich beſtehen, wie Ihr zu glauben verleitet wurdet. Mein armer Vetter Henry— durch weſ⸗ ſen Hand er auch gefallen— verdankt ſeinen Tod wenigſtens nicht mir. Ich hätte außer der Ehre lieber alles Andere geopfert, als das Schwert gegen ihn gezogen. Ueber jeden Augenblick meiner langen Abweſenheit von dem Gaſthofe, wovon Ihr vielleicht gehört habt, und welche mir mit knap⸗ per Noth die Zeit zur Rückkehr nach Norwich gewaͤhrt hätte, vermag ich Rechenſchaft abzulegen.“ „Ja, das iſt's, was mich verwirrt hat,“ bemerkte Hor⸗ tenſia, noch ehe er Alles geſagt hatte, was er hatte ſagen wollen.„Zweierlei Anklagen werden wider Euch erhoben, welche auf den erſten Anblick unverträglich mit einander ſcheinen. Die eine ſagt, Ihr ſeyd nach Norwich zurückge⸗ kehrt und habet Euren Vetter Henry erſchlagen: die andere, Ihr habet mehrere Stunden damit zugebracht, die unglück⸗ liche Familie des armen diſſentirenden Geiſtlichen zu tröſten. Ich habe bei den Leuten im Gaſthofe die ängſtlichſten Nach⸗ forſchungen angeſtellt, und Niemand konnte mir ſagen, um welche Stunde Ihr zurückgekehrt waret. Sie meinten, Ihr müßtet Euer Pferd ſelbſt in den Stall gebracht und verſorgt haben, und ich ſchloß, die Stunde des Duells müſſe unrichtig angegeben worden ſeyn, denn Alles was ich vor unſerem Aufbruche gehört, Alles was der Herzog von Norfolk in ſeinem Briefe an mich angeführt, ſchien zu beweiſen, daß ein ſolches Duell wirklich ſtattgefunden hatte.“ „Ich habe keinen Augenblick die Stadt verlaſſen,“ ver⸗ ſicherte Ralph.„Ich nahm mein Pferd nicht aus dem Stalle, und was das Duell betrifft, ſo hatte ich bis zu dem Augenblicke, da ich hier anlangte, nicht die leiſeſte Ahnung davon, daß ein ſo beklagenswerthes Ereigniß ſtattgefunden.“ „Ich bezweifle Eure Worte nicht im Geringſten,“ er⸗ klärte Hortenſia;„aber wenn auch unſchuldig an Eures Vetters Tode und ſelbſt wenn Ihr Eure Unſchuld vollſtän⸗ dig beweiſen könntet— was ſchwerer ſeyn dürfte, als Ihr 360 Euch wirklich einbildet— ſo wäre Eure Lage immer noch äußerſt gefahrvoll, und Ihr dürft nicht daran denken, dieſes Haus zu verlaſſen, ſo lange Ihr in Sicherheit hier weilen könnet. Wie lange das in dieſen zerriſſenen Zeiten dauern wird— wer kann es ſagen?“ „Worin beſteht aber die Gefahr, theure Lady?“ forſchte Ralph.„Meine Unſchuld an meines Vetters Tode läßt ſich gewiß leicht beweiſen, da ich über jeden Augenblick meiner Zeit Rechenſchaft geben kann.“ „Sah Euch irgend Jemand in den Gaſthof zurückkeh⸗ ren?“ fragte Lady Danvers.„Ich habe mich erkundigt, und ſämmtliche Diener des Hauſes verſicherten mir, ſolches ſey nicht der Fall geweſen.“ Nalph beſann ſich eine Weile, bis er erwiederte: „Das iſt ſehr auffallend. Ich erinnere mich nicht, irgend Jemand geſehen zu haben. Ich trat vom Hinterhof in die Hausthüre ein, ſah ein Licht im Gange brennen, das ich nahm und gerades Wegs auf mein Zimmer trug.“ „Um welche Zeit war dies?“ fragte Hortenſia. „Ich kann es nicht genau angeben,“ erwiderte Ralph. „Es muß nach Zehn, aber jedenfalls vor Eilf geweſen ſeyn.“ „Des Herzogs Brief an mich führt an, das Duell ſey zwiſchen zehn und zwölf Uhr vorgefallen,“ bemerkte Lady Danvers.„Nun bedenket, Ralph, von wie feinen Berech⸗ nungen Euer Schickſal abhängt! Wer Cuch kennt, wird nicht an Euch zweifeln; die Euch aber nicht kennen— ein vorurtheilsvoller Richter, vielleicht eine beſtochene Jury, 361 werden auf alle Fälle argwöhnen, und wenn ſte erſt arg⸗ wöhnen, ſo wäre Euer Tod die ſichere Folge.“ „Das kann ich nicht glauben,“ gab Ralph Woodhall zur Antwort.„Duelle kommen jeden Tag vor, und ſind ſte nicht von unehrenhaften Umſtänden begleitet, ſo hören wir nie von ſolcher Strenge.“ „Aber Ihr leugnet das Duell— Ihr könnt nicht zu⸗ geben, daß es ſtattfand,“ entgegnete Lady Danvers:„und doch iſt es gewiß, daß Euer Vetter Euch eine Ausforderung auf eben jene Stunde zuſchickte, daß er einen Gegner traf, daß das Zuſammentreffen Nachts ſtattfand, daß keine Zeu⸗ gen vorhanden waren und daß er getödtet wurde. Schon Euer Abläugnen des Zuſammentreffens würde ſo ausgelegt werden, als ob Ihr Euch einer Schuld bei der Sache be⸗ wußt wäret.“ Die Röthe war mit jedem Augenblick höher in Ralphs Wangen geſtiegen, je mehr er die außergewöhnliche Ver⸗ wicklung von Umſtänden inne wurde, welche ihm den Beweis ſeiner Unſchuld ſehr ſchwer machten, und er wurde faſt zu dem Glauben veranlaßt, als ob Hortenſia ihn noch immer für ſchuldig halte. „Bei meiner Ehre als Mann, bei meinem Glauben als Chriſt ſchwöre ich Euch, theure Lady Danvers, daß ich an dieſer That keinerlei Antheil hatte,“ verſicherte er. Hortenſia legte ihre Hand ſanft auf ſeinen Arm und ſchaute ihm voll in's Geſicht. „Und bei meiner Ehre, bei meinem Glauben, Ralph Woodhall, ich vertraue Euch,“ ſagte ſte.„Ich erwähnte jedoch noch anderer Gefahren als dieſer. Der Magiſtrat hat zwar die Anklage gegen Euch wegen verſuchter Be⸗ freiung des alten Mr. Calloway, des diſſentirenden Predi⸗ gers, aufgehoben; kaum hattet Ihr jedoch die Stadt ver⸗ laſſen, als man erfuhr, daß Ihr einen beträchtlichen Theil der Nacht bei der Familie jenes armen verfolgten Mannes zugebracht hattet. Ihr wißt, wie ſtreng die Geſetze in die⸗ ſem Punkte ſind, und wie tyranniſch ſie vollzogen werden. Es wurde bewieſen, daß außer Euch noch mehrere andere Perſonen das Haus in jener Nacht beſucht hatten. Sie wurden Alle arretirt und ins Gefängniß gebracht. Wider Euch wurde die neue Anklage erhoben, daß Ihr entgegen dem Geſetze einem nächtlichen Konventikel angewohnt habet, und es wurde augenblicklich ein Verhaftsbefehl gegen Euch erlaſſen. Der Fall waͤre zu allen Zeiten ein bedenklicher; aber ſeit dem unbeſonnenen Aufruhr des Herzogs von Mon⸗ mouth, des großen Führers der kalviniſtiſchen Partei, wären die Gefahren unberechenbar, auch wenn die Sache nicht durch andere ernſtliche Anklagen verwickelt wäre. Nein, nein, Ihr müßt hier bleiben, Ralph, bis wir Mittel finden, Euch aus dem Lande zu bringen. Monmouth, glaub ich, iſt toll, oder muß ſchrecklich irre geführt worden ſeyn.“ Wir bemerken oft, daß der Geiſt, wenn er von zu ver⸗ wickelten und nicht leicht zu ordnenden Erwägungen verwirrt iſt, den erſten ſich bietenden Vorwand benützt, um auf ein anderes, wenn auch noch ſo unwichtiges und ungehöriges Thema überzugehen, wie wenn er ſich erſt erfriſchen wollte, ehe er zu der mühſameren Aufgabe zurückkehrt. So mochte 363 es wohl auch Ralph Woodhall gehen, denn ohne den Gegen⸗ ſtand ſeines eigenen Schickſals weiter zu verfolgen, ſagte er: „Ich vergaß ⸗zu erwähnen, daß der Herzog von Mon⸗ mouth dieſen Morgen hier war und über eine Stunde ver⸗ weilte.“ „Wirklich!“ rief Lady Danvers in nicht ſehr erfreutem Tone.„Ich wollte, er wäre weggeblieben. Ich kann ihm niemals verzeihen.“ 4 „Er hinterließ ein Paket für Euch,“ fuhr Ralph fort, „das er mir mit der Verſicherung anvertraute, daß es einen Brief von einer alten und theuren Freundin, die Euch im⸗ mer noch ſehr lieb habe, enthalte.“ „Ach, ach!“ rief Lady Danvers.„Arme Henriette! wo ſie einmal liebt, da liebt ſie für immer. Liebe war ihr Segen wie ihr Untergang, denn ſie wurde nie belehrt, daß es noch höhere und heiligere Dinge als Liebe gibt.— Laßt uns ins Haus treten, Nalph; ich muß ihren Brief leſen, denn ſie iſt mir immer noch ſehr theuer.“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „In Lady Danvers' Hauſe, ſagſt Du? an der fernen Grenze von Dorſetſhire?“ rief die Stimme eines alten Mannes, vor tiefer haſtiger Leidenſchaft zitternd. „Ja, mein theurer Lord,“ verſicherte Robert Wood⸗ hall—„zu Danvers' Newchurch, einem Orte, wo ein 364 kräftiger Mann ein Thalerſtück in drei Grafſchaften werfen könnte. Er hat ohne Zweifel dieſen Zufluchtsort gewählt, theils weil er glaubt, es ließe ſich dort leicht einem Ver⸗ haftsbefehle ausweichen, theils—“ „Aber biſt Du auch ſicher, Robert— ganz ſicher?“ fragte Lord Woodhall.„Laßt uns nicht abermals einen Mißgriff begehen.“ „Ich bin ganz ſicher,“ erwiederte ſein junger Vetter. „Ich habe die Nachricht von dreien unſerer eigenen Leute, die ihn daſelbſt geſehen haben. Ihr wißt, meiner Mutter Gut liegt nicht weit davon, und die ganze Umgegend iſt des Gerüchtes voll, er werde Lady Danvers heirathen, welche wahrſcheinlich Schuld daran iſt, daß er einem beſſeren Manne als er ſelbſt das Leben genommen.“ „Erſt ſoll er ſich mit dem Galgen vermählen!“ rief Lord Woodhall heftig.„Rufe meinem Diener, Knabe; heiße ihn meinen Hut und Mantel herbeibringen. Ich will zum König. Monmouth ſoll dort herum liegen; die letzte Nachricht lautete, daß er gegen Exeter marſchire; Feverſham und Churchill ſind hinter ihm her, und die Truppen können eben ſo gut unſeren wie des Königs Zwecken dienen.“ „Soll ich Euch begleiten, Sir?“ fragte Robert. „Nein, nein,“ gab der alte Lord zur Antwort.„Bleibe hier, bis ich zurückkomme. Geh und tröſte die arme Mar⸗ garethe. Sie hat ſich etwas erholt, weint aber noch oft, und es wird ihr Herz erfreuen zu hören, daß endlich eine Ausſicht vorhanden iſt, ihres Bruders Mörder einzufangen.“ Ein leiſes kaum merkliches Lächeln kräuſelte Robert — Woodhalls Lippen; er wendete ſich jedoch ab, um die Re⸗ gungen, deren er ſich bewußt war, zu verbergen und rief Lord Woodhalls Diener zu ihrem Gebieter, den er hierauf ehrerbietig zur Thüre begleitete. Es gibt in der Liebe ebenſo viele Abſtufungen wie in jeder andern Leidenſchaft. Selten ganz rein befunden, iſt ſie oft mit tauſend verſchiedenen mehr oder weniger ver⸗ wandten Ingredienzien vermiſcht. Nun darf man nicht glauben, daß Robert Woodhall gegen ſeine ſchöne Couſine Margarethe ganz ohne Liebe einer gewiſſen Art war. Frei⸗ lich war ſie ſogar in ihrem Urſprunge ganz gemeiner Natur. Ihre Schönheit, ihre friſch warme geſunde Lieblichkeit hatten beſondere Reize für einen Mann, der ſich, noch ehe er ins Mannesalter getreten, mit ausſchweifenden Lüſten voll⸗ geſättigt hatte. Aber ſelbſt dieſe niedrigere Art der Liebe war mit vielen anderen Gefühlen vermengt: Ehrſucht und Geiz, ja ſogar Trotz und Rachſucht waren ihr nicht fremd, ſo ſonderbar dies auch klingen mag. Er ſah, daß Margarethe ihn nicht liebte; er fühlte inſtinktartig, daß ſie ihn nie lieben werde; aber dieſe Ueberzeugung verminderte nicht im Ge⸗ ringſten die Gluth ſeiner Bewerbung; ſie vermehrte nur noch ſein Verlangen, ihr wehe zu thun, ſobald ſich dieß thun ließ ohne als der thätige Agent zu erſcheinen, benahm aber nicht das Mirdeſte ſeiner Begierde, ſie als Weib zu beſitzen, noch erſchütterte es ſeinen Entſchluß, dieſes Ziel durch jedes auch das niederträchtigſte Mittel zu erreichen. Ruhig die Treppe hinaufgehend, trat er in das Zim⸗ mer, wo ſie ſich morgens aufzuhalten pflegte, fand es aber leer. Er verweilte noch mehrere Minuten, durch das Fenſter auf die Straße hinabſehend, bis die Thüre aufging und Margarethe eintrat. Mit kalter Verneigung wollte ſie ſich augenblicklich zu⸗ rückziehen; aber ihr Vetter rief ihr zu: „Margarethe, Margarethe! ich habe Dir etwas von Deinem Vater zu ſagen. Er wünſcht, daß Du bis zu ſeiner Rückkehr bei mir bleibeſt, und will Dir dann weitere Nach⸗ richt geben.“ Margarethe gehorchte ſogleich, ſetzte ſich nieder und ſtellte eine Stickrahme vor ſich. „Sehr befriedigende Nachrichten ſind heute Morgen eingelaufen,“ begann Robert Woodhall von Neuem.„Dein Vater iſt fort, um ſie nach Kräften auszubeuten. Wir haben den Ort entdeckt, wo ſich des armen Henry Mörder verſteckt hält.“ Obgleich Margarethen die Thränen um ihren Bruder in die Augen drangen, mochte ſie doch Ralph nicht mit ſol⸗ chem Namen nennen hören. „Ihr habt kein Recht, Sir, meinen Vetter Ralph ſo keck einen Mörder zu nennen, bis er als ſolcher über⸗ wieſen iſt,“ ſagte ſie. Nobert Woodhall gewahrte ihre Aufregung mit un⸗ beſchreiblichem Vergnügen und antwortete in ruhigem Tone, aber mit leiſem Lächeln des Hohnes: „Ich wußte nicht, daß noch ein Zweifel darüber be⸗ ſteht.“ „Große Zweifel allerdings,“ verſetzte Margarethe. —,— 367 „Ich zum Beiſpiel glaube nicht, daß Ralph ſein Schwert jemals gegen den armen Henry gezogen hätte, und es gibt noch andere weiſere und beſſere Richter als ich ſelbſt, welche es ebenſo wenig glauben.“ „Wirklich!“ rief Robert Woodhall mit ungeht chelten Erſtaunen.„Wer zum Beiſpiel?“ „Der Herzog von Norfolk,“ gab Margarethe zur Antwort. „Ihr ſetzt mich in Verwunderung,“ verſicherte Robert nachſinnend.„Ei, ſagt mir doch, wen trifft dann Euer und des guten Herzogs Argwohn?“. In ſeiner Stimme lag etwas Bitteres und Verächt⸗ liches, was eine entſprechende Antwort in Margarethens Bruſt entzündete. „Niemant⸗ebrſondere, Robert Woodhall,“ erwiederte ſie;„aber wir könnten ebenſo gut Euch wie den armen Ralph im Verdacht haben. Sagt, wo iſt er denn, wenn Ihr es wirklich entdeckt habt?“ In Robert Woodhall's Geſicht ſah man ein leiſes verſchmitztes ſarkaſtiſches Lächeln auftauchen, als er ant⸗ wortete: „Zu Danvers Newchurch, dem Landſitze der ſchönen Hortenſia, mit welcher er ſich zu verheirathen im Begriffe ſteht, wenn nicht der Henker vorher eine Ceremonie anderer Art mit ihm vornimmt.“ „Hartherziger gefühlloſer Mann!“ rief Margarethe, indem ſie ſich mit flammendem Geſichte erhob, um das Zim⸗ . 368 ã mer zu verlaſſen; aber Robert ſtellte ſich ihr in den Weg mit den Worten: „Dein Vater wünſcht, daß Du bis zu ſeiner Rückkehr hier bleibeſt. Warum nennſt Du mich gefühllos, Marga⸗ rethe? Ich wollte Dich weder beleidigen noch Dir wehe thun.“ Margarethe kehrte zurück und ſetzte ſich nieder; als er jedoch ſeine Frage wiederholte, antwortete ſie ohne direkte Erwiederung: „Wenn mein Vater wünſcht, daß ich hier bleibe, ſo will ich bleiben, aber nicht um mit Euch, Robert Woodhall, zu reden. Ich ſage Euch, ich bezweifle Euch— ja noch mehr, ich glaube Euch nicht. Schon mehr als einmal habe ich Euch über Unwahrheiten ertappt, und ſobald mein Vater zurückkommt, will ich hören, ob es ſei oder Wille war, daß ich mit einem Manae; veffen Geſellſchaft mir zu⸗ wider iſt, hier bleibe.“ Die bleiche, etwas gelbliche Geſichtsfarbe Robert Wood⸗ halls machte einer brennenden Röthe Platz. Er fühlte, daß er von einem Weibe— einem bloſen Mädchen durch⸗ ſchaut und demaskirt war, und es gibt für den Schurken keine bitterere Beleidigung, als ſeinen Charakter entſchleiert zu ſehen. „Ich will Dir vergelten,“ dachte er,„ich will Dir vergelten.“ Dabei hätte er aber viel darum gegeben, wenn er aus dem Zimmer hätte entrinnen können, um Lord Woodhall, bevor er ſeine Tochter ſähe, begegnen und ihn auf ihre Fragen vorbereiten zu können. Er ließ jedoch 369 einige Minuten verſtreichen, um ſein Manoͤver beſſer zu maskiren, bis er ſich endlich mit den Worten erhob:„Dein Vater bleibt länger als ich erwartete. Ich fürchte, ich muß gehen, denn ich bin eingeladen.“ Kummer iſt für das menſchliche Herz ein guter Lehr⸗ meiſter, und Margarethe hatte ſeit dem Augenblicke, da ich ſie dem Leſer zum erſtenmal vorgeführt, gar Vieles gelernt. „Verzeiht mir, Robert Woodhall,“ erwiederte ſie. „Ihr bleibt hier bis mein Vater zurückkommt. Was Ihr mir geſagt habt, iſt entweder wahr oder falſch. Iſt es wahr⸗ ſo ſeyd Ihr ebenſo gut verbunden bei mir zu bleiben als ich befehligt wurde, bei Euch auszuharren.— Still, nicht ein Wort! ſetzt Euch, oder ich werde Leute herbeirufen, die Euch ſchon zwingen werden.“ Sie war der Thüre näher als er ſelbſt und legte ſchon die Hand auf den Drücker. Noch ehe ſich Robert Woodhall von ſeinem Erſtaunen erholen konnte, ließ ſich die Stimme des alten Lords von unten vernehmen, und im nächſten Augenblick hörte man ſeinen Tritt auf der Treppe. Margarethe ſtand ruhig neben der Thüre; ihr Vetter wagte ſich nicht zu rühren: aber noch wenige Menſchenherzen haben die Wuth und den Haß em⸗ pfunden, welche das ſeinige in dieſem Augenblicke erfüllten. Eine Minute ſpäter trat Lord Woodhall ins Zimmer, und noch ehe er etwas ſprechen konnte, rief Margarethe mit einer beſonders ihrem Vater gegenüber an ihr ganz unge⸗ wohnten Kühnheit: „Mein theurer Herr und Vater, dieſer Gentleman James, Das Schickſal. 24 ſagt mir, Ihr habet befohlen, daß ich bis zu Eurer Rück⸗ kehr hier bei ihm bleiben ſoll. Ich erſuche Euch, mir zu ſagen, ob dieß wahr oder falſch iſt— ich glaube es nicht.“ „Falſch,“ rief der alte Lord in ſcharfem Tone.„So etwas habe ich nie geſagt. Was ſoll das bedeuten, Sir?“ „Nur eines Liebhabers ſcherzender Kunſtgriff, mein theurer Lord,“ erwiederte Robert Woodhall mit gefälligem Lächeln.„Ich habe Eure Worte nur ein Bischen geſtreckt. Ihr ſagtet, ich ſolle bei ihr bleiben bis Ihr zurückfämet, und ich legte Eure Meinung dahin aus, daß ſie bei mir bleibe.“ „Liebhaber!“ wiederholte Margarethe mit bitterem Nachdruck, während ſie ſich anſchickte, das Zimmer zu verlaſſen. 3„O iſt das Alles?“ rief der alte Lord, ſie bei der Hand zurückhaltend.„Bleibe, bleibe, Margarethe; das iſt noch keine unverzeihliche Beleidigung. Bleibe, ich habe Neuigkeiten für Dich.“ „Ich hoffe, gute Neuigkeiten, Mylord,“ ſagte Robert Woodhall.„Der König iſt doch wohl auf Eure Abſichten eingegangen?“ „So eifrig wie ſich das Herz nur wünſchen konnte,“ er⸗ wiederte der alte Edelmann.„Feverſham hat von ſeiner Majeſtät Befehl erhalten, den Oberſten Kirke mit ſeinem Regiment zur Beſetzung von Danvers Newchurch und zur Arretirung des Flüchtlings zu befehligen. Dieſe Abſicht ſoll geheim gehalten und die Beſetzung des Schloſſes und Dorfes für eine rein militäriſche Maßregel ausgegeben T — —. 371 werden bis man den Mörder in Händen hat. Sonſt könnte er uns bei dem verwirrten Zuſtande des Landes abermals entwiſchen, Knabe.“ „Eure Lordſchaft nennt ihn Mörder,“ bemerkte Robert Woodhall ruhig, die Gelegenheit begierig benützend, um zwiſchen Vater und Kind Unheil anzuſtiften;„Miß Mar⸗ garethe verbietet mir jedoch dieſen Ausdruck zu gebrauchen und ſagt, ſie glaube nicht, daß Ralph Woodhall die That begangen habe.“ „Wie iſt das, wie iſt das? nicht glauben?“ ſchrie Lord Woodhall, ſich nach ſeiner Tochter umwendend und ihre Hand loslaſſend. „Der Herzog von Norfolk glaubt es nicht, Mylord,“ erwiederte Margarethe.„Ich erhielt dieſen Morgen einen Brief von ihm nebſt den Schmuckſachen, die ich in meinem Zimmer zu Norwich zurückgelaſſen. Er ſagt, er habe Grund zu vermuthen, daß ein großer Mißgriff begangen worden, und daß mein Vetter Ralph von jeder Theilnahme an der That gänzlich frei ſey.“ „Wen hat er aber dann im Verdacht?“ fragte Lord Woodhall. „Ich will Euch ſeinen Brief bringen, mein Vater,“ verſetzte Margarethe, ihre Augen feſt auf Roberts Geſicht heftend.„Ihr werdet daraus erſehen, daß er eine ganz andere Perſon im Verdacht hat, und werdet dann begreifen, warum die Geſellſchaft dieſes Gentlemans Curer Tochter ſo höchſt unerfreulich ſeyn mußte.“ „Was ſagt er, was ſagt er? wir brauchen den Brief 24* 372 jetzt eben nicht,“ rief der ungeſtüme alte Lord.„Ich kann ihn fpäter leſen; ſag mir nur den weſentlichen Inhalt.“ „Zum Theil hab ich ihn ſchon genannt, mein Vater,“ verſetzte Margarethe;„er fügt noch bei, es ſey deutlich be⸗ wieſen, daß zwiſchen Ralph und dem armen Henny keinerlei Mißhelligkeit, wohl aber daß zwiſchen Ralph und Meiſter Robert Woodhall ein Zwiſt obgewaltet habe. Er ſagt, Ralph und Henry ſeyen beim Abendeſſen als vollkommene Freunde geſchieden; die ganze darauf folgende Nacht hätten ſie ſich nicht mehr getroffen; Ralph ſey keine Ausforderung zugekommen, und nach einigen Umſtänden, die ihm erſt neu⸗ lich zur Kenntniß gekommen, habe er Urſache zu glauben, daß mein Vetter nicht mehr nach Norwich zurückkehrte, nachdem er ihn ausgeſchickt hatte, um Lady Danvers auf ihrer Reiſe zu begleiten— ja er ſagt geradezu, daß dieſe Rückkehr unter den Umſtänden, die ihm nunmehr zu Ohren gekommen, eine offenbare Unmöglichkeit geweſen ſey. Der Herzog ſagt noch weiter,“ fuhr Margarethe mit einer Stimme fort, welche unter dem Ernſte der auszuſprechenden Worte zitterten,„ohne Zweifel habe Robert Woodhall ver⸗ ſucht, zwiſchen meinem armen Bruder und Ralph einen Streit zu veranlaſſen, und Norfolk bemerkt noch ſchließlich, daß Henry's Tod für Ralph keinen denkbaren Vortheil brin⸗ gen, daß er dagegen anderen Perſonen gewinnreicher ſeyn konnte.“) Lord Woodhall ſchaute mit einem Blicke verwirrter Wuth um ſich; allein Robert wußte den Ball mit großem Geſchick im Zurückprallen aufzufangen. — 373 „Seine Gnaden von Norfolk muß glauben, daß Ihr an Curem armen Vetter Ralph großes Intereſſe nehmt, Miß Margarethe,“ bemerkte er;„doch daran iſt nichts gelegen. So auffallend er auch erſcheinen mag, mein theurer Lord, ſo bin ich doch ſehr froh, daß dieſer thörichte Verdacht ſo offen ausgeſprochen worden. Ein ſchuldloſer Mann lacht über ſolche Dinge und läuft nicht vor der Unterſuchung da⸗ von. In der That, wenn den Herzog nicht ſein Widerwille gegen mich verblendete, ſo müßte er wohl einſehen, wie lächerlich dies Alles iſt. Henry's eigener Brief an den Her⸗ zog, den Ihr geſehen habt, beweist, daß die Ausforderung erlaſſen und angenommen worden, und ich kann leicht dar⸗ thun, nicht allein, daß ich mein Zimmer in jener Nacht nie verlaſſen, ſondern daß ich alles Mögliche verſucht habe, um Henry ſeinen Entſchluß auszureden. Er war jedoch eigen⸗ ſinnig und wollte ſeinen eigenen Weg gehen. Mein Diener kann manche dieſer Thatſachen beſtätigen. Er iſt hier im Hauſe; ruft ihn nur und befragt ihn. Ich will ihn nicht vorher ſehen; ich habe ihm keine Lektion einzutrichtern.“ Der Mann wurde gerufen, hatte ſich aber ſchon ſelbſt ſeine Lektion eingetrichtert und erzählte von allem was zu Norwich vorgefallen nur eben das, was ſeines Gebieters Charakter im ſchönſten Lichte zeigen konnte. Lord Woodhall war ganz befriedigt, Margarethe aber nicht. Sie leitete eine Art Inſtinkt in dieſem Falle, und er leitete ſie richtig. 374 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Einige Tage waren zu Danvers Newochurch verſtrichen, ohne daß ich mich länger dabei aufhalten dürfte; die Zeit mahnt mich zur Kürzes, wie mancher ehrenwerthe Prediger in langathmigen Reden zu ſagen pflegt, bei deren Aufſetzung keine Rückſicht auf die Zeit genommen wurde. Allein die Zeit und der Schluß des Bandes, der mir vor Augen tritt (und er muß einem Autor das ſeyn, was des Lebens Ende jedem anderen Manne ſeyn ſollte) mahnen mich allerdings, daß ich kurz ſeyn muß. Mehrere Dage waren alſo zu Danvers Newchurch ver⸗ ſtrichen, ſeit Hortenſta Danvers und Ralph Woodhall dieſes Haus Arm in Arm betreten hatten. Der Leſer mag ſich dieſe Zeit nach Belieben ausfüllen— ich kann mich nicht damit aufhalten. Wichtige Vorfälle gab es gar keine. Wir Alle wiſſen ja, wie ſelbſt Kleinigkeiten zu großen Maſſen anſchwellen, wenn wir das Felleiſen der Gegenwart eng zuſammenzupacken verſuchen. Ein Kinderſpielzeug wird dann mehr Raum einnehmen als ein ganzer Band voll Phi⸗ loſophie, ein aufgeblaſener Gummiball zehnmal mehr als John Locke's ſämmtliche Verſuche. Die Tage zu Danvers Newchurch, von denen ich rede, waren mit Kleinigkeiten ausgefüllt geweſen. Sie bildeten einen Zeitraum von geringem oder gar keinem Fortſchritt. Landedelleute, Esquires, Richter, Barone und vornehme Lords waren gekommen, um der jungen graziöſen und ſchö⸗ nen Lady Danvers bei der Rückkehr in die Heimath ihrer 375 Ahnen ihre Artigkeiten und Dienſte anzubieten. Klatſch⸗ 1 baſen waren daſelbſt zuſammengeſtroͤmt, um Alles, was dort vorging, zu ſehen, zu hören und zu wiſſen, denn die Zunge der Fama hatte über den Aufenthalt eines jungen und ſchönen Kavaliers in den Mauern von Newchurch ſchon allerlei Gerüchte herumgetragen.* Hortenſia war Anfangs etwas in Verlegenheit, was ſie thun ſollte, denn bei all ihrer Bereitwilligkeit, welche mehr aus einfacher Reinheit und Rechtlichkeit— erleuchtet durch einen hellen klaren Verſtand— als aus weltlicher Klugheit hervorging, konnte ſie ſich doch nicht verhehlen, daß ſie gegen einen ſehr ſchmutzigen, aber unruhigen Strom, genannt die Welt, einen Kampf beginne, wobei ſie ſich ein⸗ zig auf ein ſtandhaftes Herz ſtützen konnte. Weigerte ſie ſich, ſolche Beſuche anzunehmen, ſo durfte ſie darauf rech⸗ nen, daß ſie ſich der Verleumdung ausſetzte. Zeigte ſie ſich mit Ralph, ſo war die Möglichkeit der Verleumdung immer noch vorhanden, und überdies konnte noch für ihn ſelbſt Ge⸗ fahr daraus erwachſen. So entſchloß ſie ſich denn, alle Beſuche anzunehmen, und ſie that es auch mit jener bequemen Ruhe, jenem ge⸗ ſetzten, faſt kalten Benehmen, das der Verleumdung trotzte und die Neugierde zurückwies. Dagegen duldete ſie nicht, daß Ralph ſich zeigte, indem ſie ihm, ſeiner eigenen Sicher⸗ heit halber, das Bedürfniß der Verborgenheit nachdrücklich hervorhob und alle Maßregeln ergriff, welche ihre Landes⸗ kenntniß und Welterfahrung ihr darboten, um ein Mittel zu finden, ihn heimlich an die holländiſche Küſte überzufüh⸗ 3 376 —— 4 ren. Jeden Abend kehrten ihre Boten zurück, ohne befrie⸗ digende Nachrichten zu bringen. Faſt die ganze eine Halfte des Lebens verfließt in Leere, und Dreiviertel wenigſtens in Leere und Enttäuſchung zuſammengenommen: ſo geſchah es auch diesmal zu Danvers Newchurch. Man könnte fragen, ob Hortenſia, als ſich ihr das Bewußtſeyn aufdrängte, daß ſie gegen den Strom der Weltmeinung anzukämpfen habe, nicht manchmal zu ſich ſelber ſagte: Ralph's Arm kann mich jederzeit retten und mich ſicher an's Ufer tragen. Ich glaube jedoch nicht, daß ſte das that, denn dies war ein Gegenſtand, bei dem ſie ihre Gedanken nicht gerne verweilen ließ. Sie glaubte ſo gerne und glaubte auch wirklich, daß ſie nur von dem einen Ge⸗ fühle getrieben werde— dem reinen aufrichtigen Wunſche,— einen Mann, den ſie achtete, den Sohn von ihrer Mutter beſter Freundin, aus unverdienten Gefahren und Noͤthen zu befreien. Aber es gab doch ſo manche kleine Zwiſchenfälle, ganz unbeſtimmt, ganz unfaßbar— ein hie und da entfallenes Wort— eine tiefe Anwandlung von Nachdenken, nachdem M. Woodhall's Name erwähnt worden— ein nachdrück⸗ licher feierlicher Ernſt in der Verſicherung, daß nichts auf Erden ihn hätte veranlaſſen können, ſein Schwert gegen Henry Woodhall zu ziehen— was gleich den leichten Stößen des Abendwindes, welche dunſtige Wolken am weſtlichen Hori⸗ zonte heraufführen, über Hortenſia's Zukunft ein unklares, unſicheres Düſter herabzog, vor welchem ſie ihre Augen gerne abwendete und ſich lieber an dem Sonnenſcheine der Gegenwart erfreute, wenn ſie und Ralph in ihrem weiten, 377* reich ausgeſtatteten Boudoir die Abende allein zuſammen verlebten, indem ſie bald Schriftſteller laſen, welche wir als die Väͤter der engliſchen Proſa und Poeſie verehren, welche aber dazumal noch nicht von der Hand der Zeit geweiht wa⸗ ren, bald auf den damals modiſchen Inſtrumenten eine Muſik ertönen ließen, die uns jetzt vielleicht ſehr arm an Harmonie vorkäme, die aber alle Krafteund Friſche der Me⸗ lodie beſaß, wie ſie in dieſem unſerem Dampfzeitalter nur ſelten getroffen wird. Im Dunkel der Nacht geſchah es wohl, daß Hortenſia oft Stundenlang wachend da lag, nicht in furchtſamen oder reuevollen Gedanken, nicht einmal wie einſt der Patriarch mit dem Engel der Hoffnung kämpfend, um von dem Geber alles Glückes wenigſtens eine Gabe zu gewinnen, ſondern wachend wie ein Wärter auf dem Thurme, um alle die zahl⸗ reichen Feinde, welche beſtändig in die Veſte ihres Gemüthes einzudringen verſuchten, am Zutritte zu verhindern. Er⸗ müdet von dieſem finſteren, ſchweigſamen Kampfe, pflegte ſie wohl auch ihre im ſelben Zimmer ſchlafende Zofe zu wecken; ſie mußte dann Licht machen und ihr ein Buch reichen, um die langweiligen Stunden bis zum Anbruche des Tages zu beflügeln. War dies geſchehen, ſo kroch das Mädchen wie: der ins Bett und verſank alsbald in ſchweren traumloſen Schlummer, um den die hochgeborene Dame, welche danehet lag, ſie tief beneidete. Eines Nachts— ich heiße nämlich Nacht die Periodt der Dunkelheit— hatte Hortenſia eine Zeitlang geleſen und ſchob das Buch unter ihr Kiſſen; ſie legte den ſchoͤnen Arm, 8 378 wie Kinder oft pflegen, unter ihr Haupt, uud während die reichen Locken ihres uneingezwängten Haares darüber her ſielen und ihr Geſicht zum Theil verſchleierten, ſuchte ſie einen kurzen erfriſchenden Zug von jenem ſüßen, beruhigen⸗ den Tranke— Morgenſchlummer— einzunehmen“, der uns oft gerade in der nüchtern gefärbten Tagesdämmerung heim⸗ ſucht. In dieſem Augenblicke vernahm ſie das Traben eines Roſſes und eine Minute ſpäter wurde die große Glocke ſcharf angezogen. Niemand antwortete und mehrere Mi⸗ nuten verſtrichen, bis die Glocke abermals läutete; gleich dar⸗ auf hörte man langſame zögernde Schritte über die Marmor⸗ halle nach der großen Pforte hinſchlurfen. Das graue Morgenlicht hatte ſich mittlerweile in's Zimmer geſchlichen, und Hortenſia, halb erweckt, rief zwi⸗ ſchen Schlaf und Wachen: 4 „Alice, Alice, es läutet Jemand an der großen Glocke. Wirf einige Kleider um und frage, was es gibt.“ Das Mädchen war ſchon wach, denn ſie hatte lange und tief geſchlafen, und das Läuten der Glocke hatte ſie ge⸗ weckt. Sie war bald angekleidet und ging, und Hortenſia hörte ſie über das Treppengitter zu dem alten Thürſteher hinabſprechen. Das Verhör ſchien in plauder auszu⸗ arten, und als die Zofe zurückkam, ſagte ſte „Nichts als einige Briefe, Mylady, welche ein Bote für Mr. Ralph Woodhall gebracht hat.“ Hortenſia war ſchon feſt eingeſchlafen und vernahm nichts von dieſen Worten. Als ſie etwa zwei Stunden ſpä⸗ ter wieder erwachte, ſtellte ſie weitere Erkundigungen an, ** 4 379 und als ſte erfuhr, was vorgefallen, ließ ſie ſich ſo haſtig wie möglich ankleiden. Wie ſie in das Frühſtückzimmer, oder wie es damals in ihrem Hauſe genannt wurde— die kleine Halle— hinab⸗ kam, ſah ſie drei Briefe mit Ralph Woodhall's Adreſſe noch unabgeliefert auf dem Tiſche liegen. Der Portier hatte es, wie er ſagte, nicht der Mühe werth gefunden, den jungen Gentleman zu wecken, und Hortenſia entſendete alsbald ei⸗ nen Boten an ihren Gaſt, welcher gleich darauf mit den offenen Briefen in der Hand zum Vorſchein kam. „Habt Ihr Nachrichten— Zeitungen von Belang?“ fragte Hortenſia eifrig.„Der Anblick dieſer Briefe er⸗ ſchreckt mich, denn es iſt klar, daß irgend Jemand Euren Zufluchtsort entdeckt hat, und daß unſer Geheimniß nicht länger ſicher iſt.“. „Es iſt in der That entdeckt,“ erwiederte Ralph; „wie— weiß ich nicht. Jedenfalls ſind hier drei Briefe, die mich benachrichtigen, daß dieſer Ort für mich nicht län⸗ ger ſicher iſt. Hier iſt einer derſelben.“ Mit dieſen Worten übergab er Lady Danvers ein Blatt groben Papiers, worauf mit feſter Hand einige we⸗ nige Zeilen geſchrieben waren. Sie las ſie aufmerkſam und fragte dann, ihre Augen zu ihm emporſchlagend: „Wer iſt der Mann, der ſich hier Moraber unter⸗ ſchreibt?“ „Das weiß ich Euch kaum zu ſagen,“ erwiederte Ralph. „Er iſt ein merkwürdiger Einſiedler, von deſſen Geſchichte mir nur ſo viel bekannt iſt, daß er ein Collegiengenoſſe des 380— Herzogs von Norfolk war, daß er ſich ſehr frühzeitig mit dem Studium der Aſtrologie abgab und hiedurch oder durch andere Mittel eine höchſt auffallende Kenntniß der Schick⸗ ſale und Geſinnungen zahlreicher Perſonen erlangt hat. Ihr werdet aus einem andern Briefe, den ich Euch ſogleich zeigen will, erſehen, daß er ſich für meine eigenen Angelegenheiten nicht wenig intereſſtet und mir ſogar in Dingen Gerechtig⸗ keit widerfahren ließ, wo diejenigen, die mich lieb hatten, an mir zu zweifeln geneigt waren.“ „Von wem iſt denn aber dieſer ſehr lange Brief?— wenn meine Neugierde kein Verbrechen iſt,“ fragte Hortenſta, auf einen dicht überſchriebenen Royalbogen deutend. „Von meinem guten Vater,“ erwiederte Ralph lä⸗ chelnd,„und wenn Ihr Euch die Mühe nehmen und den Anfang durchleſen wollt, ſo werdet Ihr ſehen, theure Lady, daß ein Jüngling, in ſolchen Grundſätzen erzogen, nicht leicht geneigt ſeyn konnte, ſeines Vetters Leben in einem Duell zu gefährden.“ Lady Danvers nahm den Brief und las wie folgt: „Theurer Sohn! „Ich habe die Zeit ſeit letztem Mittwoch den zweiund⸗ zwanzigſten dieſes Monats bis heute Donnerſtag den acht⸗ undzwanzigſten in einem Zuſtande unbeſchreiblicher Seelen⸗ angſt verlebt. Ich habe gehört, und zwar aus einer Quelle, welche keinen Zweifel zuzulaſſen ſchien, daß Du wahnſinnig genug geweſen, Dich trotz all der Grundſätze, welche ich dir einzufloßen verſuchte, in ein Duell einzulaſſen, daß Du Dei⸗ 384 nen ner getödtet habeſt, und daß der Erſchlagene Dein Vetter Henry war. Nun habe ich immer dafür gehalten und Dir auch einzuprägen geſucht, daß das Duell nicht al⸗ lein ein Mord, ſondern auch ein Mord der allererſchwerend⸗ ſten Art iſt. Das Erſchlagen eines Menſchen kann wohl durch Zufall— durch einen haſtigen Hieb im Augenblicke der Leidenſchaft— in der Selbſtvertheidigung, bei plötzli⸗ chem Angriff, oder bei einem großen Tumult oder Auflauf ſtattfinden, und wird in dieſen Fällen vor dem menſchlichen — und wie ich nicht zweifle— auch vor dem göttlichen Geſetze mit Nachſicht beurtheilt. Aber ein Duell gewährt dem Manne, der einen Andern erſchlägt, nicht die mindeſte geſunde und rechtmäßige Entſchuldigung. Er hat Zeit zur Erwägung: deßhalb iſt ſeine That überlegt und wohlbe⸗ dacht. Er geht aus, um zu tödten und tödtet wirklich. Es gereicht nicht zur Milderung ſeines Verbrechens, daß ſein Gegner in derſelben Abſicht auf den Platz kam, denn das Vergehen des Einen kann das des Andern niemals entſchul⸗ digen. Noch weniger gilt die Beſchönigung, daß das Duell eine Sitte unſerer Geſellſchaft ſey, denn jeder Chriſt und jeder Philoſoph muß einſehen, daß dieſe Sitte der Geſell⸗ ſchaft an ſich ſelbſt verbrecheriſch und mehr ein Beweis ihres Barbarismus als ihrer Civiliſation iſt; wer dieſe Sitte durch ſein Beiſpiel ſanktionirt, begeht neben dem be⸗ ſonderen Verbrechen des Mordes noch eine allgemeine Be⸗ leidigung gegen die Geſellſchaft und die Menſchheit, indem er eine verbrecheriſche Sitte, zu deren Aufhebung ſich alle guten Menſchen vereinigen ſollten, ermuntert und verewigt. W 382„ So iſt das Tödten eines Menſchen im Duell in den Augen Gottes wie in denen aller denkenden Männer die allerer⸗ ſchwerendſte Art von Mord, denn das Uebel beſchränkt ſich nicht auf das Verbrechen allein, ſondern verbreitet ſich wie ein anſteckendes Gift, das die ganze Maſſe der Geſellſchaft frißt und zerſtört. Es gibt nur drei Veranlaſſungen, welche den Menſchen rechtfertigen, der einem Andern das Leben nimmt, nämlich in wirklicher Vertheidigung ſeines eigenen, zum Schutze ſeines Landes und aus Gehorſam ge⸗ gen ſeine vaterländiſchen Geſetze— alle anderen Fälle in⸗ volviren den Mord. „Du kannſt Dir leicht denken, mein theurer Sohn, wie ſchmerzlich es mir war, eine ganze Woche lang glauben zu müſſen, daß mein Sohn ein Mögper ſey. Ich habe je⸗ doch heute von einem Manne, der ſich ſelbſt Moraber nennt, und von dem Du in unſerer Nachbarſchaft gehört haben mußt, die entſchiedenſte und feierlichſte Verſicherung erhal⸗ ten, daß Du an dieſem furchtbaren Verbrechen unſchuldig biſt, daß Du nicht mit Deinem Vetter gefochten, und daß dieſer durch eine andere Hand erſchlagen worden. Ich halte dieſe Nachricht für richtig, da der Nachrichtgeber über allen Verdacht erhaben iſt; aber ich beſchwöre Dich, ſchreibe mir, wenn Du kannſt, die nämliche Verſicherung, damit meine Seele vollſtändig befreit werde von einer Angſt, wie ich ſie noch nie erfahren— nicht einmal damals, als es dem Him⸗ mel gefiel, mir Deine geliebte Mutter zu entreißen.“ Das Schreiben ging noch mehrere Seiten fort; aber 383 Lady Danvers hielt hier inne und gab Ralph den Brief mit den Worten zurück: „Ich bin vollkommen damit einverſtanden, Ralph. um aber auf Moraber zurückzukommen: wie kann er wiſſen, was hier vorgeht? Er ſagt, unverzügliche Flucht ſey zu Sicherheit nothwendig, und Ihr habet nach Empfange die⸗ ſes Briefes nur noch zwei Tage zur Ausführung übrig; der Brief aber iſt faſt vierzehn Tage alt.“ „Ich habe noch ſicherere Nachrichten als dieſe,“ erwie⸗ derte Ralph.„Hier iſt ein weiterer Brief, den ich keinen andern Augen als den Eurigen zeigen werde, theure Lady Danvers. Nach all Eurer Güte und Großmuth gegen mich kann ich Euch aer kein Geheiiiniß meines Herzens vorenthalten.“ Abermals nahm Lady Danvers den Brief, den er ihr reichte, und las. Er war kurz und haſtig von einer Frauen⸗ hand geſchrieben und lautete folgendermaßen: „Es hat ſich mir plötzlich eine Gelegenheit geboten, um Dir, theurer Ralph, einige Zeilen zuzuſenden, und ich er⸗ greife ſie, um Dich vorerſt zu verſichern, daß ich trotz aller Anklagen, welche die Menſchen wider Dich erhoben, kein Wort von der Geſchichte glaube. Deine Liebe zu Marga⸗ rethen würde Dir nimmermehr erlauben, ihren Bruder zu erſchlagen. Zweitens ſchreibe ich, um Dir zu ſagen, daß Gefahren verſchiedener Art Dich da, wo Du biſt, bedrohen. Dein Verſteck iſt entdeckt; noch heute Nacht werden an die gegen den Herzog von Monmouth marſchirenden Truppen 384 ⸗7 Befehle erlaſſen werden, um Danvers Newchurch als mili⸗ täriſchen Poſten zu beſetzen und Dich, wenn Du dort gefun⸗ den wirſt, gefangen zu nehmen. Fliehk unverzüglich und flüchte Dich wo möglich über die See, bis der Sturm vor⸗ über iſt. Die theure Lady, bei der Du Dich aufhältſt, wird ohne Zweifel im Stande ſeyn, Dir die Mittel zun Flucht zu gewähren und ſich dadurch noch mehr als jetzt die ewige Dankbarkeit verdienen Deiner Margarethe.“ Schön und merkwürdig war der Wechſel des Ausbrucks, der in Hortenſia Danvers' Zügen beim Leſen dieſer Worte bemerklich wurde. Gleich der Anfang trieb ihr das warme Blut in die Wangen, gleichwie das Licht der Morgenſonne die weißen Wolken am Horizonte färbt. Die Gluth ver⸗ ſchwand wieder; zurück nach dem Herzen ward jeder warme zitternde Tropfen getrieben, und ihr Antlitz wurde bleich wie das einer Marmorſtatue, während ihre Augen auf die Zei⸗ len geheftet waren, wie wenn jedes Wort ein Schickſal für ſie in ſich ſchlöße. Selbſt nachdem ſie damit zu Ende war, hielt ſie den Brief noch immer in der Hand, indem ſie ihn in tiefem Schweigen betrachtete. „Ich muß Euch ſagen, theure Lady Danvers,“ ſagte Ralph, ihre Blicke in ſeiner Unerfahrenheit nicht richtig deutend,„ich muß Euch ſagen, daß meine Couſine Marga⸗ rethe und ich uns ſeit unſerer Kindheit warm geliebt haben, und daß es nur die Hoffnung— eine faſt wahnſinnige 385. Hoffnung, ihres Vaters Zuſtimmung zu unſerer Verbindung zu gewinnen— war, was mich hinausführte, um mein Glück in der weiten Welt zu finden.“ „Hier, nehmt— nehmt,“ ſtotterte Hortenſia, den Brief in ſeine Hand legend.„Ich werde ſogleich zurück ſeyn. All dieſe Neuigkeiten verwirren mich— ich muß allein und in Ruhe darüber nachdenken. Ich will bald zu⸗ rückkehren, und dann wollen wir einen Entſchluß faſſen.“ Die warme Röthe drang abermals in ihre Wangen, wie wenn ihr ein plötzlicher Gedanke, deſſen ſie ſich ſelber ſchämte, insgeheim durch den Sinn zöge, und ſie fuhr mit wankender Stimme fort: „Mein Haus von Truppen beſetzen zu laſſen!— ich werde ſogleich zurückkehren.“ Faſt eine halbe Stunde wandelte Ralph allein in der Halle auf und ab, bis Hortenſia mit langſamem zögerndem Schritte zu ihm zurückkehrte und ſich an den Tiſch ſetzte. Keine Spur von Thränen war auf ihren Wangen: ſie hatte offenbar nicht geweint, war aber noch immer ſo bleich wie Alabaſter, obwohl ihre Augen noch feuriger als gewöhnlich leuchteten. War es, weil ein tödtlicher Kampf der Leiden⸗ ſchaften in ihrem Herzen tobte, und daß ſie als Sieger dar⸗ aus hervorgegangen? daß das Feuer des Triumphs in ih⸗ ren Augen ſtrahlte, daß aber die Erſchöpfung des Kampfes die Siegerin nahezu überwältigte? Vielleicht wohl; aber jedenfalls verrieth ſie in ihrem Benehmen gegen Ralph keine Spur jenes Kampfes: ſie war ſo freundlich, ſo warm, ſo herzlich wie immer. James. Das Schickſal. 25 386 Er hatte noch das Paket mit Briefen in der Hand, und nach ihnen hindeutend, ſagte ſie mit ihrem ſüßen Lä⸗ cheln und dem ganzen Wohlklang ihrer Stimme: „Ich muß etwas thun, Ralph, um dieſes theuren Mädchens Dankbarkeit zu gewinnen, wie ſie es mir zutraute. — Laßt mich den Brief noch einmal ſehen.“ Er reichte ihr das Schreiben; ſie las es durch und murmelte dann: „Möͤge ſie glücklich ſeyn.“ Sie preßte ihre Lippen auf Margarethens Namen, und als ſie Ralph den Brief zurückgab, zitterte eine einzige Thräne auf dem Papiere— das war Alles, was ſie vergoß. „Nun müſſen wir uns berathen,“ begann Hortenſia wieder in heiterem Tone,„ob wir die Manöver unſerer Feinde nicht zu Schanden machen können. Weiter abwärts an der Küſte liegt der kleine Hafen Seaton, wo ſonſt ganz ſichere und große Boote— Lugger genannt— zu liegen pflegten. Ich war früher als Kind bei den guten Fiſcher⸗ leuten ſehr beliebt, und wenn wir jenen Hafen erreichen könnten, ſo wäͤre es wohl ſehr leicht, eines jener Boote zu miethen, um Euch— wenn auch nicht an die franzöſiſche oder holländiſche Küſte überzuführen— ſo doch in einem anderen engliſchen Hafen an's Land zu ſetzen, wo Ihr ein Schiff zur Abfahrt bereit finden könntet.“ 1 „Vielleicht waͤre es beſſer, wenn ich ſogleich aufbräche,“ meinte Ralph.„Mein Pferd iſt jetzt ganz friſch, und mit einem ſicheren Führer koͤnnte ich den Hafen ſehr raſch er⸗ reichen,“ 387 „Nein, nein, das geht nicht an,“ erwiederte Lady Dan⸗ vers;„die Umgegend wimmelt von Truppen, und Ihr wür⸗ det ganz gewiß angehalten. Ich will Euch ſagen, wie wir's einrichten müſſen. Unter Tags wollen wir Leute nach allen Richtungen ausſenden, um zu erfahren, welche Straßen frei ſind; dann wollen wir gegen Abend in meinem Wagen aufbrechen. Bei einer Spazierfahrt auf eine Stunde im Umkreis wagt Niemand mich anzuhalten, und ſpäter haben wir die Dunkelheit, die uns begünſtigt. Wir können dann die Straße einſchlagen, welche wir offen wiſſen, und da Euer Freund Moraber Euch zwei volle Tage Zeit gibt, ſo werden. wir dieſe Grenze nicht überſchreiten.“ „Ei nein, ich werde nicht zugeben, daß Ihr Euch um meinetwillen einer Gefahr ausſetzt,“ erklärte Ralph.„Das darf nicht geſchehen, theure Lady Danvers.“ „Ich will Euch nur einen Theil des Wegs begleiten,“ ſagte Hortenſia.„Laßt Euren Diener nach Seaton hinüber reiten, um dort Nachrichten einzuziehen, und uns unterwegs zu treffen. Einer meiner Leute kann Euer Pferd beſteigen und ſich zur Heimkehr auf meinen Wagen ſetzen, wenn Ihr Euer Noß nöthig habt. Das wird der ſicherſte Ausweg ſeyn, und wenn wir ſichere Nachricht erhalten, ſo werde weder ich noch Ihr, wie ich hoffe, irgend Gefahr laufen.“ 3 So wurde es ausgemacht, und noch am ſelben Abend begannen Ralph und Hortenſia eine Pilgerfahrt, welche ein beſonderes Kapitel erfordert.. 388 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Sehr wenig Beſuche waren während des Morgens zu Danvers Church eingetroffen. Alle waren durch irgend etwas abgehalten worden, ausgenommen der Pfarrer der Gemeinde und eine alte Dame aus dem Dorfe, welche eine Art Zwiſchenſtellung zwiſchen dem Landadel und dem Mittel⸗ ſtande einnahm und ſich viel darauf zu gut that, daß ſie die Angelegenheiten Beider von Grund aus kannte. Zuverläſ⸗ ſige Diener waren den ganzen Tag ab⸗ und zugegangen, und ihre Nachrichten bewieſen, daß man einen beträchtlichen Umweg um die Stadt Arminſter machen mußte, um den beiden feindlichen Parteien, welche in den weſtlichen Graf⸗ ſchaften nunmehr wirklich zu harten Schlägen kamen, aus⸗ zuweichen. Gegen vier Uhr brach Gaunt Stilling zu Pferd nach Seaton auf, wohin er den Weg ganz genau kannte. Das Geſchäft, das er dort zu verrichten hatte, war leicht erklärt; nach deſſen Beſorgung ſollte er Lady Danvers und Ralph etwas oſtwärts von Arminſter treffen und ſie das Reſultat ſeiner Nachforſchungen zu Seaton wiſſen laſſen. Seine Weiſungen waren jedoch von denen der ſonſt ausgeſendeten Schildwachen völlig unabhängig, und die Gerüchte, welche Hortenſten von Letzteren mitgetheilt wurden, lauteten be⸗ ſonders gegen den Schluß des Tages ziemlich widerſpre⸗ chend. Nichtsdeſtoweniger wurde etwa eine Stunde vor Son⸗ nenuntergang der große Rumpelwagen vor die Thüre 389 geführt; die Lady und Ralph ſtiegen ein und nahmen, ge⸗ folgt von mehreren bewaffneten Dienern zu Pferd, ihren Weg gegen das obere Parkthor auf einer nicht ganz ſo be⸗ ſuchten Straße wie der untere Pfad oder der Fußweg war, 3 welche beide den Park unterhalb des Schloſſes durchſchnitten. Es war ein ſanfter nicht unangenehmer Abend, wie ma ihn oft in dieſem Klima findet; eine dunſtige neblige Atmo⸗ ſphäre, durch welche die Sonne von Zeit zu Zeit ſich durch⸗ kämpfte, verbreitete ein roſiges Licht über die ganze Scene. Hortenſia war ziemlich ſchweigſam und offenbar ängſt⸗ lich; ich meine nicht— furchtſam, denn ſie wußte nichts von einer perſönlichen Gefahr; aber ihres Begleiters Nö⸗ then ſchienen ſchwer auf ihr zu laſten, und wenn ſie ſprach, ſo beſtand ihre ganze Unterhaltung aus Nachfragen und Berathungen, wie man am beſten unentdeckt weiter kom⸗ men könne, bis ein ſicherer Platz der Geborgenheit erreicht wäre. Alle Erwägungen ſchienen ſich in dieſer einen auf⸗ zulöſen. Da war nicht länger jener hohe lerchenartige Schwung der Phantaſie, der Ralph's Gemüth in früheren Mußeſtunden oft in die fernen ätheriſchen Gefilde des Raums entführt hatte; da war nicht mehr jenes ruhige gedanken⸗ volle, aber immer von der Einbildungskraft belebte Wandern des Geiſtes durch näher liegende vertrautere Schauplätze, wobei ſie aus einer Schlüſſelblume, einer Primel oder einem Veilchen ebenſo guten Unterhaltungsſtoff zu ziehen wußte, als die Phantaſie bei kühnerer Anſtrengung dem Hochge⸗ birge oder der ſegelnden Wolke zu entnehmen vermochte. Jetzt war es nichts als harte trockene Nothdurft und 390 Geſchäftigkeit; das war der einzige Unterſchied zwiſchen dem jetzigen und dem Verkehr der vorangegangenen Tage— aber er war groß. Der Rand des Horizontes wurde roſig; die Sonne welche gelegentlich große Thränentropfen zur Erde hatten träufeln laſſen, ſchwanden dahin wie die düſteren Gedanken von einem heiteren Gemüthe; Stern um Stern trat an dem erfriſchten Himmel hervor und ſchaute in melancholiſcher Stille auf die Erde herab. Allein und Seit an Seite fuhren Hortenſia Danvers und Ralph Woodhall langſam dahin. Ich darf nicht wa⸗ gen, in ihre Bruſt zu ſchauen— das Auge des Menſchen hat dies nie gethan; ein Frauenherz hätte wohl errathen können, welche räthſelhafte Dinge daſelbſt vor ſich gingen; aber ſelbſt von dieſen nicht Alle. Es wäre eitel zu ſagen, daß Ralph Woodhall in dieſem Augenblicke, der ihm als der eigentliche Moment des Schei⸗ dens vorkam, nicht manche tiefe und ſtarke Regung bei dem Gedanken empfand, ſich vielleicht für immer von einem ſo ſchönen, ſo ſanften, ſo großmüthigen und freundlichen We⸗ ſen zu trennen. Reine uneigennützige Freundſchaft iſt viel zu ſelten auf Erden zu finden, als daß ein hochſinniges Herz ihr ungerührt begegnen ſollte. Ralph vergaß ſich ſelbſt— ſein Schickſal— ſeine Gefahr— die drängende Noth klein⸗ licher Sorgen— die augenblicklichen Hinderniſſe, die ſeinen Weg umlagerten— die unbedeutenden Zwiſchenfälle, welche bei jedem Schritte ſein Schickſal zum Guten oder Schlimmen ank unter; die Nacht brach ein. Die dunſtigen Wolken, 4 4 3941 andern konnten: er dachte blos an Hortenſien, aber mit ſol⸗ chen Empfindungen, daß Margarethe ſie alle hätte ſehen dürfen, ja daß ſie ſich damit vereinigt und mit ihm Antheil genommen hätte. Längere Zeit herrſchte bei Beiden tiefes Stillſchweigen. Wäre eine dritte Perſon im Wagen geweſen, welche an den Gedanken der Beiden nicht Theil genommen hätte, ſo wäre ihr die Zeit wohl ſehr lang geworden: ihnen war ſie nur zu kurz für den übermächtigen Andrang der Gedanken, der ſich in dieſen Zwiſchenraum concentrirte. Endlich konnte ſich Ralph nicht länger zurückhalten: er nahm Hortenſia's Hand, preßte ſie an ſeine Lippen und ſprach: „O theure Lady Danvers, wie kann ich Euch jemals genugſam danken— wie kann ich Euch je Alles erklären, was ich empfinde? Eure Güte, Eure mannigfache Groß⸗ muth iſt wie ein Strom ſo raſch über mich gekommen, daß ich bis zu dieſem Augenblicke nicht Zeit zu athmen, noch zu denken hatte, und jetzt, da ich noch immer den vollen Ein⸗ druck all Eurer Freundlichkeit empfinde, ſollen wir ſcheiden — Gott weiß auf wie lange.“ „Still,“ flüſterte Hortenſia mit leiſer bewegter Stimme, „ſtill!“ und einen einzigen Augenblick lehnte ſie ihre ſchoͤne Stirne an ſeine Schulter, bis ſie ruhig ſich aufrichtend ſort⸗ fuhr:„Ralph, mein theurer Bruder, wir dürfen an nichts denken, was unſere Aufmerkſamkeit von der jetzigen gefähr⸗ lichen Stunde abziehen könnte. Wenn Ihr glücklich und wohlbehalten entkommt, was uns Gott in ſeiner großen * 392 Gnade gewähren wolle— dann erzählt Eurer Margarethe neben Hortenſta's Liebe auch das, daß ſie alle Ihre Krafte zu Eurer Hülfe und Rettung aufgeboten hat. Ja, ſagt ihr,“ ſetzte ſie in heiterem Tone bei, obwohl er ſie eine mäch⸗ tige Anſtrengung koſtete—„ſagt Ihr, daß Hortenſta in ſpäteren Jahren, wenn der Sturm vorüber und der Himmel wieder klar iſt, Euch Beide vielleicht in Eurem Glücke be⸗ ſuchen, daß ſie dann Margarethens verſprochene Dankbarkeit in Anſpruch nehmen und mit Freuden von den entſchwun⸗ denen Tagen des Kummers und der Gefahr plaudern wird.“ Schweigen kam wieder über die Beiden— War das ein Seufzer?— es lautete wenigſtens ziemlich ähnlich. Was es auch geweſen ſeyn mochte, es wurde im näch⸗ ſten Augenblicke von dem Geknatter des Musketenfeuers übertönt; ein Blitz zuckte auf— zwar ferne aber doch nahe genug, um plötzlich den Thurm einer großen Kathedrale, lange Häuſerreihen und Kaminpyramiden nebſt wellenförmi⸗ gen Heckenlinien und ſchwach angedeuteten Baumgruppen gewahren zu laſſen. Gleich darauf hörte man ein unregel⸗ mäßiges fortwährendes Feuern, Schuß auf Schuß, bald ein⸗ zeln, bald zu zweien oder dreien, bald wie von ganzen Pelo⸗ tonen, während raſch wiederkehrende Blitze längs der ganzen ſichtbaren Heckenreihe auftauchten und endlich gar der Donner mehrerer Geſchütze neben dem ſchrillen Klange der Trommeln und Pfeifen vernehmbar wurde. 4 3 Ralphs Hand flog im Augenblick nach dem Wagen⸗ drücker, und noch ehe Hortenſia ihn erſuchen konnte bei ihr zu bleiben, war er hinausgeſprungen. 393 „Heda, Jones, her mit meinem Pferde,“ rief er.„Wen⸗ det den Wagen und fort ſo raſch wie möglich. Wie! iſt der Weg zu eng? dort vornen ſcheint er weiter zu werden. Halt, ich will voranreiten und nachſehen. Kutſchex, er müßt Eure Gebieterin ſo eilig wie möglich aus dieſer efahr entführen. Folgt nur ſachte hinter mir drein. Es muß Einer die Sitzkiſſen gegen die Vorderfenſter legen, Ihr da, Ihr zu Pferde, ſammelt Euch um den Wagen; Ihr dürft Euch an Nichts betheiligen, ſondern habt nur Eure Lady zu ſchützen.“ Dann ſprengte er vorwärts und verſchwand einen Augenblick in der Dunkelheit, bis man ſeine Stimme rufen hörte:„hier iſt Raum zum Wenden,“ worauf der Kut⸗ ſcher ſeine Roſſe mit höchſter Eile nach einem Punkte trieb, wo ein weiter offener Raum mit einem auf das freie Feld führenden geöffneten Thore eine Möglichkeit zu gewähren ſchien, den ſchwerfälligen Wagen umzuwenden. In dieſem Augenblicke, während eben das Viergeſpann, durch den Lärm und die Verwirrung etwas ſtätiſch geworden, ſich bäumte und wendete und ein Diener zu Fuß die Köpfe der Vorderpferde umzudrehen ſuchte, wurde die ganze Schwen⸗ kung durch einen Haufen in militäriſchem Aufzuge aber nicht in militäriſcher Ordnung unterbrochen, der die Gaſſe aus Leibeskräften herauf rannte und gegen den Wagen und die Roſſe anpolterte. Einer der Flüchtlinge rief, indem er Ralph, der ſein Schwert gezogen hatte, offenbar für jemand Anders hielt: „Alles verloren, Mylord, Alles verloren! Monmouth 394 hat den Tag gewonnen, und unſere Leute laufen wie die Teufel.“ Mit dieſen Worten ſchleuderte er ſeine Muskete in einen Graben und rannte davon; hinter ihm lief ein zweiter noch größerer Haſenfuß, welcher bereits Hut und Waffen abge⸗ worfen hatte und ſich aus einer Soldatenjacke loszuſchälen verſuchte, die ihm wie das Gewand des Neſſus anzukle⸗ „ben ſchien. „Monmouth! Monmouth 1“ rief er;„die proteſtantiſche Religion für immer; der Teufel hole das Pasſihun die Prälaten und den römiſchen Popen!“ 3 6 f „Aufgepaßt! ſtellt euch quer über den Pfad,“ befa 1 Ralph den berittenen Dienern, welche den Wagen begleiteten. „Schafft dem Wagen den nöthigen Raum„Wenden; ein zweiter Lakai muß vornen an die Köpfe der Pferde. wendet ſie raſch herum. Beruhigt ſie, beruhigt ſte!“ Jetzt kam eine ſcharfe Salve den Pfad herauf und eine der Kugeln raſſelte gegen den Wagen. Ralph ſprengte augenblicklich an deſſen Seite; aber ehe er ihn erreichte, taumelte ſein Pferd und ſank in die Kniee. 1 „Ihr ſeyd doch nicht verletzt, Hortenſta?“ rief er aus dem Sattel ſpringend.„O Gott, Ihr ſeyd doch nicht verletzt.“ „Nein, nein,“ Ralph.“ „Nicht im Geringſten— nur mein Pferd,“ gab er zur Antwort. rief ſie;„aber Ihr ſeyd verwundet, 395 Und nach vorne eilend, half er mit beſſerem Geſchicke den Wagen umwenden. 3 Während dieſes Geſchäftes galoppirte ein Haufen Rei⸗ ter von diſtinguirtem Ausſehen den Pfad herauf, und Einer von ihnen, deſſen Hut mit Federn überladen war, hielt eine Weile an und fragte: „Wem gehört dieſer Wagen? ums Himmels willen, wie kommt Ihr hieher? „Wir wollten nach Arminſter„ antwortete Ralph; „jetzt aber vermuthe ich, daß es in den Händen des Herzogs von Monmouth iſt. Wir koͤnnen den Wagen nur mühſam herumbringen!“ „Ebenſo ſchwer wie ich es gefunden habe, mit zwei Regimentern von Tölpeln und einer Handvoll Landleuten Arminſter zu nehmen,“ bemerkte der Andere.„Ich fürchte, wir können uns nicht anfhalten, um Euch zu helfen. Wenn Ihr Monmouth in die Hände fallt, ſo ſagt ihm ein Kom⸗ pliment von dem Herzog von Albemarle, und ich hoffe, wir werden uns nächſtens wieder begegnen.“ 1 „Kommt, kommt, Mylord, es iſt keine Zeit zu ſcher⸗ 1 zen,“ bemerkte ein anderer von den Reitern, und der Haufen brach auf, ſo daß der Raum vor dem Wagen etwas freier wurde als er zuvor geweſen. Es bedurfte nur noch weniger Augenblicke, um das Fuhrwerk vollſtändig zu wenden; allein der Pfad war tief und ſchmutzig und man konnte vorausſichtlich nur langſam vor⸗ rücken, während es ſicher ſchien, daß Verfolger wie Verfolgte 396 gerade auf demſelben Wege, den man nach Danvers New⸗ church einſchlagen mußte, nachdrängen würden. Ralph richtete jetzt einen Blick auf ſein Roß; aber das arme Thier lag mit dem Kopfe flach im Schmutze ausgeſtreckt, und es war nothwendig, daſſelbe aus der Straße zu ſchaffen, ehe der Wagen weiter konnte. Dies nahm längere Zeit in Anſpruch, und mehrere Flüchtlinge eilten vorüber, indem ſie unterwegs ausriefen: „Sie nahen, ſie nahen! macht daß Ihr fortkommt!“ Endlich war der Leichnam des Pferdes entfernt: Die Piſtolen aus den Holftern ziehend, näherte ſich Ralph der Seite des Wagens und ſagte: „Ich weiß nicht, ob ich Euch beſſer ſchützen kann, wenn ich ein anderes Pferd beſteige und neben her reite oder—“ „Nein, nein— kommt herein, kommt herein,“ rief Hortenſia.„Ich brauche Jemand bei mir— ich bin ent⸗ ſetzlich erſchrocken.“ Ralph öffnete augenblicklich den Wagenſchlag, wendete ſich aber zuvor zu den Leuten und ſagte: „Schließt ſo dicht wie möglich auf, Jeder eine geſpannte Piſtole in der Hand. Heißt jeden Näherkommenden zurück⸗ bleiben, da wir nur friedliche Reiſende ſeyen, welche dem Kampfe ausweichen wollen. Seyd ſtandhaft, aber laßt Euch keine Gewaltthat gefallen. Jetzt, Kutſcher, fahrt zu, ſo raſch Ihr nur könnt.“ Mit dieſen Worten ſtieg er in den Wagen und ſetzte ſich neben Hortenſten, während der Kutſcher ſeine Peitſche mit furchtbarer Heftigkeit ſchwang und die Roſſe mit einer 397 Geſchwindigkeit dahin rasten, wie ſie es nie zuvor erlebt hatten. Bei dem Rumpeln und Raſſeln der Räder, welche knirſchend über Schmutz und Steiue dahinrollten, waren die Töne von Außen nur ſehr undeutlich zu vernehmen, obgleich das Feuern, das Schreien und Rennen noch ringsum fort⸗ dauerte. Nur eine ſüße, klare, melodiſche Stimme drang Ralph deutlich genug zu Ohren. 4 „O Ralph, ſagt mir— ſchwört mir, daß Ihr nicht verletzt ſeyd,“ rief Hortenſia.„Ich weiß gewiß, ich ſah Euch auf dem Roſſe taumeln, wie wenn eine Kugel Euch getroffen hätte.“ „Es war nur das Pferd, welches ſchwankte und fiel,“ erwiederte Ralph.„Ich kann Euch verſichern, ich bin ganz unverletzt.“ „Gott ſey Dank!“ rief Hortenſia mit tiefem Seufzer, und Ralph fuhr fort: 4 „Ich fürchtete, Ihr ſeyed getroffen, denn ich hörte eine Kugel gegen den Wagen anprallen.“ „Wirklich? ſagte Hortenfia.„Ich habe es nicht gemerkt Sie kam mir nicht nahe. Ich ſchaute hinaus und dachte blos daran, wie ihr Männer euch doch ſo unnöthig der Ge⸗ fahr ausſetzt. „Nicht unnöthig,“ erwiederte Ralph;„glaubt mir, un⸗ ter ſolchen Umſtänden bedarf es Jemand, der den Ober⸗ befehl führt.“ „Und das habt Ihr auch prächtig gethan,“ bemerkte Lady Danvers, einen Ton der Heiterkeit annehmend, der nicht ſonderlich zu ihren Gefühlen paßte.„Ich hätte Euch 398 für einen General halten können, und glaube in der That, Ihr hättet ein Soldat werden ſollen. Was bleibt uns aber jetzt zu thun— was wird aus uns werden? „Wir müſſen ſogleich nach Danvers Newchurch umkeh⸗ ren,“ gab Ralph zur Antwort.„Wir haben keine andere Wahl, und ich muß morgen in aller Frühe mein Glück allein verſuchen. Es iſt auffallend, daß wir noch nichts von Gaunt Stilling gehört haben.“ Hortenſia gab keine Antwort und Ralph fuhr nach einer Weile fort: „Das Feuern ſcheint jetzt weiter öſtlich von der Stadt herüber zu kommen. Ich vermuthe ſtark, Monmouth wird ſeinen Vortheil nicht verfolgen— ſeine Truppen ſind zu undisciplinirt.— Was iſt Euch? Ihr ſprecht ja nicht.“ „Ach Ralph,“ gab ſie zur Antwort,„mein Herz iſt ja zu voll von widerſtreitenden Gefühlen, bald Freude— wie zum Beiſpiel über unſere Rettung aus der Gefahr— bald Furcht, bald Kummer; aber ich hoffe, daß uns der morgige Tag beſ⸗ ſeres Glück bringen wird und daß ich noch vor Nacht hören werde, wie Ihr in Sicherheit ſeyd, Ralph.“ Sie nannte ihn zweimal in derſelben Antwort Ralph, und es klang dies ſeinem Ohre ſehr ſüß; aber ſie bemerkte auch, daß er ſeit dem Augenblicke, da er aus dem Wagen ge⸗ ſprungen, Ihr keinen Namen gegeben, ſondern nur einmal ſie Hortenſia geheißen hatte. Er wollte und durfte ſie nicht aber⸗ mals ſo nennen, nachdem die erſte Aufregung vorüber war, und doch konnte er ſich mit dem warmen Laute auf ſeinen Lippen nicht entſchließen, einen kälteren Namen zu gebrau⸗ 399 chen. Die Gedanken Beider waren in dieſem Augenblicke auf denſelben Gegenſtand gerichtet. Der Lärm des Feuers hatte mittlerweile faſt ganz auf⸗ gehört; Flüchtlinge kamen nur noch wenige und in zerſtreu⸗ ten Häuſchen vorüber; der Mond tauchte langſam im Oſten auf und verſilberte den Himmel hinter einem waldigen Hügel und einem hohen alterthümlich ausſehenden Pachthofe, der auf einer ſteilen Steinbank ſtand, als plötzlich eine laute Stimme rief: „Halt! wer da?“ Der Kutſcher zog augenblicklich die Zügel an, und Ralph, den Kopf zum Wagen hinausſtreckend, erwiederte: „Gut Freund. Was für ein Poſten iſt hier? Steht, denn meine Leute ſind bewaffnet, und wir brauchen keine abermalige Verwirrung.“ „Weſſen Freund?“ fragte die Schildwache. „Lady Danvers mit ihren Dienern,“ antwortete Ralph wohl wiſſend, daß die Ankündigung höchſtens ihm ſelbſt ge⸗ fährlich ſeyn konnte.„Sie ſucht nach ihrem eigenen Hauſe zurückzukehren, da ſie nicht mehr nach Arminſter kann. Ich frage Euch noch einmal, Burſche, wer befehligt auf dieſem Poſten?“ „George Monk, Herzog von Albemarle,“ erwiederte der Mann der Milize batzig;„ich kann Euch nur ſagen, Ihr müßt anhalten, bis er Euch weiter zu gehen erlaubt, denn kommt Ihr noch einen Schritt näher, ſo ſchieße ich eines Eurer großen Kutſchenpferde nieder.“ 1. 4⁰⁰ Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Schildwache, welche die Worte ſprach, womit das vorige Kapitel geſchloſſen, ſtand in einem kleinen Hohlweg oder ſteilem Einſchnitt, durch welchen der Pfad ſich gegen den Hügel hinaufwand. Es war offenbar ein Bauernburſche aus der Miliz des Herzogs von Albemarle, unbekanit mit dem militäriſchen Dienſte und ebenſo gut im Stande wie nicht, ſeine Drohung auszuführen und eines der Kutſchen⸗ pferde niederzuſchießen. Aber ehe noch Ralph überlegen konnte, was zunächſt zu thun ſey, und noch ehe Lady Danvers eine Sylbe äußerte, ſah man eine Geſtalt von dem Auftritt hinter der Schild⸗ wache herabſchleichen, den Mann am Kragen packen und ihm ohne Umſtände die Muskete aus der Hand winden, wobei der Mann beſondere Sorge trug, daß der Burſche während des Ringens die Flinte nicht losſchießen konnte. „Ein ſauberer Burſche ſeyd Ihr, einer Lady Wagen auf des Königs Heerſtraße anzuhalten,“ donnerte eine Stimme, welche Ralph recht wohl erkannte.„Fort, geht und ſagt dem Herzog, was Ihr gethan habt und laßt Euch für Eure Mühe beſtrafen. Er hat Euch gewiß nicht geheißen, den Wagen der Lady Danvers anzuhalten.“ Mit dieſen Worten ſchüttete Gaunt Stilling(denn er war es) das Pulver von der Zündpfanne und verſetzte dem Manne einen Puff, daß er eilends nach dem Tben er⸗ wähnten Pachthofe hinanlief. „Naſch, Mylady,“ rief Stilling,„Ihr müßt ſo ſchnell 401 wie möglich nach Danvers Newchurch umkehren; Ihr könnt keinen andern Weg einſchlagen. Ich werde Euch bald ein⸗ holen.— Vorwärts, Meiſter Kutſcher.“ Noch während er ſprach, eilte er den Auftritt hinauf, und der Wagen bewegte ſich vorwärts. Es iſt wahrſcheinlich, daß der Herzog von Albemarle, der von luſtigerem Temperamente war wie ſein berüchtigter Vater, den Unfall der Schildwache nur belachte. Gewiß iſt, daß er keinen Befehl zur Verfolgung der Lady Danvers gab, ſo daß Ralph mit ſeiner ſchönen Gefährtin die Reiſe unge⸗ ſtört fortſetzte. Dieſe Reiſe ging jedoch ſehr langſam von Statten, und es war faſt zwei Uhr Morgens, als der Wagen den Park erreichte. Der Mond, welcher heiter aufgegangen, war düſter und bewölkt geworden, zwar nicht ganz verfinſtert, aber doch theilweiſe in dünne Wolken gehüllt, ſo daß ſeine Strahlen einen breiten gelben Hof bildeten, der ein ſchlim⸗ mes Vorzeichen für die kommende Witterung abgab. Der ſchöne Park ſelbſt, die dunklen Bäume, das feierliche alte Schloß auf ſeiner Höhe— Alles bekam in dieſem träume⸗ riſchen Zwielichte ein trauriges düſteres Ausſehen, und bei der Ermüdung ihres Körpers und der Belaſtung ihres Her⸗ zens, ſank Hortenſia's ſprudelnde Laune zu tiefer Entmu⸗ thigung herab. Sie ſaß ſtumm und nachdenklich neben Ralph und hätte wohl mehr als einmal ihren Troſt in Thrä⸗ nen finden können, wenn ſie anders allein geweſen wäre. Sie nahm ſich jedoch zuſammen und ſuchte ſogar heiter zu James, Das Schickſal. 26 40² erſcheinen, als Ralph ſie endlich vor ihrer eigenen Thüre aus dem Wagen hob. „Ach Mylady,“ rief Mr. Drayton,„ich bin froh Euch wieder zu ſehen, denn es heißt, in der Nähe von Arminſter ſey es zur Schlacht gekommen.“ „In deren Mitte wir gerathen ſind, Drayton,“ erklärte ſeine Gebieterin. „O ein bloſes Scharmützel, Madame,“ verſetzte Gaunt Stilling, aus dem Hofthore vortretend.„Aber ich habe Euch und meinem Herrn einige Nachrichten mitzutheilen, wofür ich Eure Aufmerkſamkeit ſobald wie möglich bean⸗ ſpruchen möchte.“ „Kommt herein, kommt herein,“ ſagte Hortenſia, nach dem kleinen Salon ſich wendend, wo ſich Ralph während ihrer Abweſenheit vorzugsweiſe aufgehalten hatte. „Wenn Ihr den Wagen morgen wieder gebrauchen wollt, Mylady,“ fiel der Kutſcher ein, indem er die Treppe heraufſtieg,„ſo müßte ich ſogleich den Schmied und Zimmer⸗ mann holen, denn zwei Kugeln ſind geradeswegs durch die hintere Are gedrungen.“ 3 „Wir können ein leichteres Fuhrwerk nehmen,“ meinte Lady Danvers nachdenklich;„das Vis⸗A⸗vis—⸗ „Mein Gott, Mylady, das würde zu Stücken zuſam⸗ menbrechen,“ unterbrach ſie der Kutſcher;„überdies iſt es nicht zu haben, da es nebſt allen andern Wagen in Lonnon iſt.“ „Nun denn, ſo laßt es ſo gut Ihr könnt ausbeſſern, ohne aber nach dem Dorf zu ſchicken, Harriſon,“ erwiederte Lady Danvers.—„Nun, Meiſter Stilling.“ 403 Und von Ralph begleitet hieß ſie den ihnen folgenden Stilling die Thüre ſchließen. „Es thut mir ſehr leid, Sir,“ begann Stilling ſeinen Gebieter anredend,„daß ich nicht zeitig genug zurückkehren konnte, um Euren Aufbruch zu verhindern; allein ich wurde wie der Haſe von den Windſpielen bei jedem Schritte ange⸗ halten, ſo daß ich dreimal mehr Zeit brauchte, als ich ſonſt wohl nöthig gehabt hätte. Nach Seaton zu gehen, iſt jedenfalls ganz unnöthig, denn es wurde ein Embargo auf ſämmtliche Boote gelegt, und der toryſtiſche Magiſtrat iſt mächtig in jenem Städtchen. Ich habe jedoch von einem der alten Bootsleute erfahren, daß in dem Kanale von Bri⸗ ſtol beſſere Ausſicht vorhanden iſt. Ihr dürft nicht nach Briſtol ſelber gehen, denn Lord Pembroke iſt dort und hat wahrſcheinlich ſchon den Befehl zu Eurer Arretirung; wenn Ihr Euch aber zu einem der kleinen Häfen oder nach Brid⸗ gewater quer durchſchleichen könnt, ſo ſeyd Ihr ſicher, ein Schiff und Matroſen bereit zu finden. Es wird aber eine hübſche Summe koſten, wie ſie ſagen.“ „Das thut nichts,“ verſetzte Lady Danvers.„Seyd Ihr aber gewiß, daß er paſſiren kann?“ „Es iſt nichts gewiß in dieſer Welt als höchſtens Frauengüte, theure Lady Danvers,“ bemerkte Ralph;„in ſolchen Dingen müſſen wir es eben darauf ankommen laſſen, müſſen thun, was wir können und das Uebrige dem Willan des Himmels anheimgeben.“ „Wenn ich morgen Früh ein friſches Pferd heben könnte, Mylady, ſo wollt' ich es auf mich nehmen, einen 26* 404 ſicheren Pfad ausfindig zu machen,“ erbot ſich Gaunt Stil⸗ ling.„Mein eigenes Thier wird mittlerweile ausruhen und mein Gebieter und ich könnten bei Nacht aufbrechen; nur wäre es viel beſſer für Euch, hier zu bleiben— wenn ich mir ſolchen Rath erlauben darf— denn wir werden zu Pferd doppelt ſo ſchnell fortkommen und nicht ſo viele Blicke auf uns ziehen.“ „Aber es könnte gefährlich für ihn werden, bis zu Eurer Rückkehr hier zu bleiben,“ meinte Hortenſta, und mit einem Seitenblicke auf Ralph fragte ſie leiſe:„darf ich ihm ſagen, was wir vernommen haben?“ „O ja, Ihr dürft ihm vollkommen vertrauen,“ ver⸗ ſetzte Ralph.„Die Sache iſt die, Stilling: wir haben Nachricht, daß dieſes Haus von des Köͤnigs Truppen beſetzt werden wird, mit der beſonderen Weiſung, mich zu ergrei⸗ fen, wenn ich in ſeinen Mauern getroffen werde. Lord Feverſham hat bereits Befehl in dieſer Richtung erhalten.“ „Lord Feverſham iſt ein Gentleman, aber kein Sol⸗ dat,“ gab Gaunt Stilling lachend zur Antwort;„er wird Alles mit gehöriger Ceremonie vornehmen. Es wäre nicht ſchwer, ihn an der Naſe herumzuführen; ich wollte es ſogar übernehmen, ihm meinen Herrn als verkleideten Kardinal vorzuſtellen. Aber ich dachte, Sir, Ihr habet zwei volle Tage Vorſprung?“ 1„Wie— ſo habt auch Ihr von unſerem Freunde in Lincolnſhire gehört?“ rief Ralph. „Ja, Sir,“ verſetzte der Mann;„und was er ſagt— darauf dürft Ihr Euch verlaſſen. Lord Feverſham ſteht uns 40⁵ faſt drei Tagmaͤrſche zur Rechten— wenigſtens war er es heute Morgen, und wenn Ihr Euch nur ſtill und ruhig im Hauſe verhalten könnt, ſo iſt vor meiner Rückkehr nichts zu fürchten. Er hat keine Kavallerie übrig und ſein Fußvolk kann er nicht zeitig genug hierher ſchaffen, wenn ſie auch noch ſo ſchnell marſchiren. Mein Plan war, ſie über uns hinaus zu laſſen und dann hinter ihrem Rücken herzuziehen; wenn ſie jedoch dieſes Haus beſetzen, dann geht das nicht, und wir müſſen dafür in Monmouths Rücken zu kommen ſuchen. Er wird nach dieſem glücklichen Scharmützel ver⸗ muthlich von Arminſter vorrücken; er hat es tapfer genug durchgefochten, wenn er es nur ſpäter zu benützen verſtanden hätte. Ich werde übrigens morgen erfahren, was er vor⸗ hat, und wenn er, wie ich für wahrſcheinlich halte, gegen Bath marſchirt, können wir leicht hinter ihm herumkom⸗ men und die Küſte erreichen, noch ehe es zur Schlacht kommt.“ „So glaubt Ihr denn, er werde eine Hauptſchlacht lie⸗ fern?“ fragte Ralph. „O, ohne Zweifel,“ gab Gaunt Stilling zur Ant⸗ wort;„ſeine Leute ſind zwar recht ſchlecht und auch mi⸗ ſerabel bewaffnet; aber es bedarf auch keiner alten Griechen, um einen Gecken wie Feverſham zu klopfen. Es heißt übrigens, Churchill und Oglethorpe, das Tangerregiment und Dumbarton ſeyen im Anzug, und es bedürfte Männer⸗ welche Pulver gerochen haben, um es mit ſolchen Burſchen aufzunehmen.“* Ein Klopfen an der Thüre unterbrach in dieſem Augen⸗ 406 blicke das Geſpräch auf eine Weile; der würdige Haushof⸗ meiſter, halb durch Neugierde, halb durch Beſorgniß für ſeiner Gebieterin Geſundheit bewogen, wollte ſich nur er⸗ kundigen, ob ſie nach ihrer ermüdenden Reiſe nicht einige Erfriſchungen zu ſich nehmen wolle. Eine kurze Berathung während Ralph's und Horten⸗ ſta's Abendmahlzeit beſtärkte Beide in dem ſchon halb gebil⸗ deten Entſchluſſe, Gaunt Stilling's Rathſchläge zu befol⸗ gen, und Lady Danvers unterwarf ſich der Nothwendigkeit, ihren jungen Gaſt ſeine Rettung allein ſuchen zu laſſen, ohne ein Wort des Einwurfes gegen das zu erheben, was ſie für ſeine Plane als das Günſtigſte erachtete. Für Stil⸗ ling wurde auf den kommenden Morgen in aller Frühe ein Pferd beſtellt, und Ralph und Hortenſia trennten ſich, um ſich zur Ruhe zu verfügen. Trüb und düſter brach der nächſte Tag an; Regen⸗ tropfen fielen von Zeit zu Zeit und der Himmel war mit einem grauen Wolkenmantel bedeckt. Das ganze Ausſehen der Natur ſtand in Harmonie mit den Gefühlen zweier theu⸗ ren Freunde, welche im Begriffe ſtanden, mit einer dunklen, ungewiſſen Zukunft vor ſich, in Angſt und Gefahr von ein⸗ ander zu ſcheiden, ohne daß ein Funken von Hoffnung ihnen ſagte, wie, wann und wo ſie ſich wiederſehen ſollten. Wie oft geſchieht es, ſogar wenn die Hände zum Ab⸗ ſchiede gefaltet ſind, wenn die Augen vor Erwartung ſtrah⸗ len und die Lippen hoffnungsvoll murmeln:„Wir werden uns wiederſehen,“ daß das grimmige Schickſal finſter da⸗ neben ſteht und ſein trauriges„Niemals“ dazwiſchen wirft! 407 Aber es gibt noch ein traurigeres Scheiden— ein Scheiden, wo das Wort des Verhängniſſes wie ein Donnerſchlag ver⸗ nehmbar wird und wo, auch wenn man das Wort nicht wirklich ſprechen hört, das Zürnen auf des Schickſals Stirne das Herz mit Furcht und unbegrenztem, hoffnungs⸗ loſem Zweifel erfüllt.. So war das Scheiden, wozu Hortenſia ſich vorberei⸗ tete; aber zum Glück gab es in den Zwiſchenſtunden gar Manches für ſie zu thun. Das beſte Pferd aus ihrem Stalle war für Ralph auszuwählen, um die Stelle des ver⸗ lorenen zu erſetzen, und dann hatte ſie ihn noch zu überreden und mit allem Nachdrucke dazu zu beſtimmen, daß er aus ihren Händen die Mittel annahm, um ſich um jeden Preis ein Schiff zu miethen, das ihn an die holländiſche Küſte trüge. Es iſt wirklich merkwürdig: drei Tage zuvor hätte er keinerlei Anſtand genommen, von ihrer Güte Gebrauch zu machen; jetzt aber ſuchte er ihr, ſo gut er konnte, auszu⸗ weichen. Er verſicherte ſie, er habe genug, habe Alles, was er bedürfe, ſogar während er eben noch bei ſich zuſammen⸗ rechnete, was er wohl aus den verſchiedenen Koſtbarkeiten, die er beſaß, erlöſen würde. Ich will ſeine Beweggründe nicht näher unterſuchen, denn dies mochte er ſelbſt nicht, ob⸗ gleich er ſeine Weigerung faſt bis zur Kälte trieb. Erſt ganz zuletzt, als Hortenſia mit bebender Stimme ſagte: „um Margarethen's Willen, Ralph“— gab er theilweiſe nach und entſchloß ſich, eine in ihren Augen äußerſt gering⸗ fügige Summe anzunehmen. 408 „ Sie beſchloß jedoch, ſein falſches Zartgefühl, wie ſie es nannte, zu täuſchen und machte ſich an die Ausführung ihres Planes, ſobald ſie allein war. Zwar hätte ſie ihn gerne noch den ganzen Tag um ſich gehabt, denn jede Minute ſchien ihr koſtbar— ſie waren ja die letzten Tropfen in der Flaſche; aber er hatte an ſeinen Vater einen Brief zu ſchrei⸗ ben, und ſo kurz dies auch dauerte, ſo war doch dieſe Zeit für. Hortenſten die trübſte des ganzen Tages. Sie verwen⸗ dete indeſſen einen Theil derſelben zur Ausführung ihres Planes und ſchickte nach ihrem Haushofmeiſter, um ſich mit ihm zu beſprechen.. „Ich weiß nicht, Meiſter Drayton, wie viele Renten Ihr erhoben habt,“ begann ſie;„allein gewiſſe Umſtände machen es mir dringend nöthig, über mehr Geld zu ver⸗ fügen, als ich mitgebracht habe. Ihr erinnert Euch gewiß noch der Miſtreß Woodhall, meiner Mutter Freundin, denn Ihr müßt ſchon vor ihrem Tode bei meinem Vater geweſen ſeyn.“ „O ganz gut, Mylady,“ erwiederte Mr. Drayton— „ein ſchönes Weſen war ſie.“ „Der Gentleman, unſer Gaſt, iſt ihr Sohn; ich fühle mich wie eine Schweſter zu ihm hingezogen und moͤchte als ſolche gegen ihn handeln, wenn er es nur erlauben wollte. Gewiſſe Umſtände, die ich nicht näher als ich bereits ge⸗ than auszuführen brauche, zwingen ihn, ſo raſch wie mög⸗ lich nach Holland zu gehen. Ihr könnt Euch leicht denken, daß es einer großen Summe bedarf, um in den jetzigen Zeiten ein Schiff für eine ſolche Reiſe zu miethen. Er 40⁰9 glaubt, er habe Geld genug bei ſich; ich weiß aber, daß dies nicht der Fall iſt, und da er nicht mehr annehmen will, ſo muß ich ſeinem Diener Stilling die nöthigen Fonds ein⸗ händigen, wenn Ihr nämlich glaubt, daß man dem Manne trauen darf.“ „O vollkommen, Mylady, vollkommen,“ verſicherte Mr. Drayton.„Wie viel wird wohl erforderlich ſeyn?“ „Nicht unter fünfhundert Pfund,“ erwiederte Lady Danvers. „Ich habe nicht ſoviel im Hauſe,“ ſagte Mr. Drayton etwas überraſcht,„kann es aber leicht im Laufe des Tags auftreiben und will ſoviel ich kann in Gold beiſchaffen, da dies am bequemſten mitzunehmen iſt, obgleich die Pächter ihre Zinſe häufig in großen Haufen Silber bezahlen, deren Nachzählen mir oft ganze Stunden wegnimmt.— Bis wann habt Ihr es nöthig, Mylady?“ „Auf alle Fälle vor Nacht,“ verſetzte Lady Danvers. „Sobald Ihr es beiſammen habt, Mr. Drayton, übergebt Ihr's ſeinem Diener Stilling zur Verwendung für ſeinen Herrn; laßt Euch lieber eine Quittung dafür geben und ſagt ihm, er ſolle alsbald Gebrauch davon machen, falls das Miethen eines Schiffes irgend Schwierigkeiten verurſache. Ihr ſeyd doch gewiß, daß man ihm vertrauen darf?“ „O ganz gewiß,“ antwortete Mr. Drayton.„Er iſt zwar ſehr mürriſch und ſogar leidenſchaftlich, aber die ehr⸗ lichſte Haut, die es geben kann.“ Nach dieſer Unterredung folgte für Hortenſien noch eine leere halbe Stunde, die ſie ſo gut ſie konnte, aber traurig 41⁰0 und nachdenklich genug zubrachte, indem ſie trotz der von Zeit zu Zeit fallenden Regentropfen auf der Terraſſe vor dem Hauſe auf⸗ und abging. Endlich trat Ralph zu ihr, und ſie mühte ſich mit aller Entſchloſſenheit heiter, wenn nicht glücklich, zu erſcheinen. Sie ſprachen über vielerlei Dinge, bald düſter, bald heiter, theils mit der Stunde und den damit verknüpften Umſtänden zuſammenhängend, bald in fern gelegene Reiche abſchweifend, wo der Gedanke nur zu oft mit den Worten nicht Schritt zu halten ver⸗ mochte. So verſtrich Stunde um Stunde; Hortenſta und Ralph ſetzten ſich zum Zeitvertreibe zu dem gewohnten Mahle nie⸗ der, nahmen aber nur wenig Nahrung zu ſich, indem ſie ihr gedankenvolles Geſpräch wie zuvor fortſetzten. Endlich, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, wäh⸗ rend ſie in einem großen ſchön verzierten Eckzimmer ſaßen, das zwei Seiten des Parkes beherrſchte, hörten ſie den Klang von Pferdehufen eilends näher kommen, und Ralph trat mit den Worten an's Fenſter: „Ich glaube, da kommt Stilling zurück.— Doch nein, es iſt ein Fremder in militäriſcher Kleidung.“ Der Mann trieb ſein Pferd die Terraſſe hinan und zog die große Glocke, ohne abzuſteigen; Hortenſia öffnete die Thüre, welche der Treppe oben zunächſt lag und lauſchte aufmerkſam. Langſam öffnete der alte Portier die ſchwere Hausthüre und eine Stimme von Außen ſagte: „Hier iſt ein Brief an die ſehr ehrenwerthe Lady Hor⸗ 411 tenſta Baroneſſe Danvers.— Kommt, nehmt ihn, denn ich muß weiter nach Dorcheſter.“ „Von wem kommt er?“ fragte der alte Thürſteher, der ſich nicht im Geringſten zu beeilen ſchien. „Von dem Earl von Feverſham,“ gab der Soldat zur Antwort.„Ich hatte ſchwere Mühe, dieſen abgelegenen Ort aufzufinden.“ „Wollt Ihr nicht abſteigen und ein Glas Ale anneh⸗ men?“ erkundigte ſich der Portier. „Nein, nein, ich darf mich nicht aufhalten,“ erwiederte der Mann, und ſein Roß umwendend, trabte er eilends davon. „Da kommen Nachrichten, Ralph,“ ſagte Hortenſia; „kommt und laßt ſehen, was ſie enthalten.“ Unten in der Halle traf ſie den alten Mann mit dem Briefe in der Hand. Sie öffnete ihn nicht eher, als bis ſie mit Ralph wieder allein war; dann aber überlas ſie haſtig die wenigen Zeilen, die er enthielt. Sie waren in franzö⸗ ſiſcher Sprache, dem Landesidiome des Grafen, geſchrieben und enthielten die gewöhnlichen bedeutungsloſen Phraſen und Komplimente. Aller Umſchweife entkleidet beſagte der Brief, daß die Stellung ſeiner Streitkräfte und ſeine Marſchrichtung den Grafen ſehr gegen ſeinen Willen nö⸗ thige, Schloß und Park von Danvers als millitäriſchen Poſten von bedeutender Wichtigkeit zu beſetzen, wovon die Lady zu benachrichtigen er ſich durch ſeine Galanterie ver⸗ bunden erachte. 41² „Ich habe die ſtrengſten Befehle gegeben,“ fuhr Lord Feverſham fort,„daß Eure reizende Perſon nicht der ge⸗ ringſten Unbequemlichkeit oder Unruhe ausgeſetzt werde; da Euch jedoch die Aufnahme eines großen Infanteriekorps ohne vorangegangene Benachrichtigung überraſchen und in Verlegenheit bringen dürfte, ſo habe ich in pflichtſchuldiger Ergebenheit gegen Eure ſchönen Augen für paſſend gehal⸗ ten, die ſtrikte Linie militäriſcher Pflicht etwas zu über⸗ ſchreiten und Euch einen ganzen Tag zum Voraus anzu⸗ kündigen, daß der tapfere Oberſt Kirke mit dem Tanger⸗ regiment morgen Nachmittag zwiſchen vier und ſieben Uhr Eure Gaſtfreundſchaft in Anſpruch nehmen wird. Wir hoffen, mit dieſer Rebellion ſehr bald zu Ende zu kommen, und mittlerweile empfehle ich mich, Mylady, Eurer Gunſt und gnädigen Rückſicht. Feverſham.“ Ralph's und Hortenſia's Augen richteten ſich alsbald auf das Datum des Briefes, und ſie bemerkten mit einem Gefühle der Erleichterung, daß er am heutigen Morgen ge⸗ ſchrieben worden, ſo daß ſie noch volle vierundzwanzig Stun⸗ den vor ſich hatten. „Iſt Euch von dieſem Oberſt Kirke irgend Etwas be⸗ kannt?“ „Nicht das Geringſte,“ erwiederte Hortenſia;„ich weiß nur, daß das Tangerregiment nicht den beſten Namen in der Welt trägt.“ „Ueber ſeine Eigenſchaften kann uns Stilling bei ſei⸗ ner Rückkehr die vollſte, wenn auch vielleicht nicht ganz un⸗ parteiiſche Auskunft geben, denn er diente einſt in dem Korps. Ich denke, er kann nicht mehr lange ausbleiben.“ Er traf auch ſehr bald ein, denn er mußte Lord Fever⸗ ſham's Boten faſt an dem Parkthore getroffen haben, und der Brief war noch keine zehn Minuten geleſen, als er in's Zimmer trat. „Nun, Stilling, was gibt es Neues?“ rief ſein Ge⸗ bieter.„Ich fing ſchon an, für Eure Rückkehr einiger⸗ maßen zu fürchten.“ „Zeit genug, Sir, Zeit genug, und meine Neuigkeit lautet gut,“ gab Gaunt Stilling zur Antwort.„Im Ka⸗ nal gibt es jedenfalls einen Schooner oder eine Brigg zu miethen und zwar nicht allzu theuer. Der Weg dahin liegt offen, denn Monmouth marſchirt oſtwärts, wie ich erwartete. Das Volk in ſeinem Rücken iſt ganz zu ſeinen Gunſten ge⸗ ſtimmt, und die Obrigkeiten ſind machtlos— da haben Ver⸗ haftsbefehle keine Gefahr. Weil jedoch einzelne Truppen⸗ abtheilungen immer noch hier und dort herumſchwärmen, ſo wird es beſſer ſeyn, den unteren Seitenpfad einzuſchlagen und Taunton mit all dieſen Städtchen auf der Seite zu laſſen. Meine einzige Furcht war, einige von des Königs Offizieren möchten, um jene Straße zu beherrſchen, den kleinen Flecken St. Mary beſetzt und Monmouth möchte ihn unbeachtet hinter ſich gelaſſen haben, da er ihn jederzeit for⸗ ciren kann; ich höre jedoch, daß ein Theil von Oglethorpe’s Korps, der dort einquartirt geweſen, ſich heute Morgen, aus Furcht abgeſchnitten zu werden, zurückgezogen hat, ſo daß 414 der Weg nach Bridgewater, wo wir jedenfalls Schiffe treffen werden, ganz offen vor uns liegt.“ „Wir werden auch Zeit genug vor uns haben,“ be⸗ merkte Ralph,„denn Oberſt Kirke wird morgen gewiß nicht vor vier Uhr Abends hier eintreffen.“ „Oberſt Kirke! Oberſt Kirke!“ rief Gaunt Stilling im Tone der Beſtürzung.„Kommt der hieher?“ „So werden wir durch Lord Feverſham benachrich⸗ tigt,“ ſagte Hortenſia.„Iſt Euch etwas von jenem Gent⸗ leman bekannt?“ „Meiner Treu! Ganz genug, Mylady,“ erwiederte Gaunt Stilling.„Wer kommt aber mit ihm?“ „Ich glaube, das Tangerregiment, das er befehligt,“ gab Lady Danvers zur Antwort.„Ihr wißt etwas von ihnen, wie Mr. Woodhall mir ſagt.“ „Ich weiß ſoviel, Mylady,“ erwiederte Gaunt Stil⸗ ling,„daß, wenn ſie mit Kirke an ihrer Spitze hier eintref⸗ fen, dieſes Haus weder für Euch, noch irgend eine arme Dame oder Mädchen ein geeigneter Ort iſt. Es iſt unmög⸗ lich, Sir,“ fuhr er an Ralph ſich wendend fort;„Lady Dan⸗ vers kann nicht hier bleiben, wenn Kirke mit dieſen Tanger⸗ männern anrückt. Ich diente drei Jahre mit ihnen in Afrika, und wenn ich jemals an das Daſeyn eines Teufels nicht hätte glauben wollen, ſo hätte ich nachher nicht mehr daran gezweifelt, denn ich hatte mehr als vierhundert wirk⸗ liche Teufel um mich und den Erzfeind an ihrer Spitze.— Ich bitte um Verzeihung, Mylady, daß ich ſo offen rede, beſonders da ich noch kaum vorher ganz dafür war, daß Ihr 41⁵ hier bliebet und Mr. Woodhall und mich unſern Weg allein finden ließet. Ich ſehe jetzt die Unmöglichkeit ein: Ihr dürft mit Kirke und ſeinen Leuten nicht eine Stunde— nein, keine zehn Minuten im ſelben Hauſe bleiben. Man weiß nie, was ſie gethan haben, noch was ſie Alles wagen werden. O, wenn ich Euch nur Alles erzählen könnte, was ich weiß!— Ihr müßt entweder mit uns kommen, My⸗ lady, oder Euch von uns an einen ſicheren Ort geleiten laſſen.“ Lady Danvers lächelte traurig. „Ich fürchte, ich darf nicht mit Euch gehen, wenn Ihr nach Holland wollt,“ ſagte ſie;„ich habe jedoch in der Nach⸗ barſchaft von Wells wie von Briſtol mehrere Freunde, die mir mit Freuden eine Zuflucht gewähren werden.“ „Dann müßt Ihr Euer Silbergeſchirr und die vielen hübſchen Spielſachen, die ich hier im ganzen Hauſe herum⸗ liegen ſehe, gut verſchließen, Madame, wenn Ihr meinem Nathe folgen wollt, ſonſt werdet Ihr bei Eurer Rückkehr eine tabula rasa antreffen,“ bemerkte Gaunt Stilling. „Ich werde alle Zimmer bis auf die, wo die Leute ſchlafen müſſen, verſchließen laſſen,“ ſagte Hortenſia. „ Das Tangerregiment macht ſich nichts aus Schlöſ⸗ ſern, Mylady,“ bemerkte Gaunt Stilling ernſthaft.„Es gibt immer eine Entſchuldigung für das Erbrechen eines Schloſſes, beſonders wo Diſſenter und Nichtſchwörer um die Wege ſind. Die Thüren wären ſehr bald eingeſchlagen, und unter den zwei⸗ bis dreihundert Zeugen hättet Ihr auch zwei⸗ bis dreihundert Mitſchuldige. Da frage Einer den⸗ 416 Tom, ob ſein Bruder ein Dieb iſt! Nein, nein, Mylady, folgt meinem Rathe: verſchließt alle Koſtbarkeiten in klei⸗ nen Schubladen, welche kaum ein Kind faſſen könnten, ſonſt brechen ſie ſie auf, um zu ſehen, ob nicht ein diſſentirender Geiſtlicher dahinter verborgen iſt. Sperrt alles Silberge⸗ ſchirr in ſeine Kiſten, und wenn Ihr zurückkehrt, ſo dürft Ihr von Glück ſagen, wenn Ihr die Augen Eures Groß⸗ vaters nicht von einer Pike durchbohrt oder Eurer Mutter Porträt nicht von einer Kugel durchſchoſſen findet, und wäre es auch nur, um zu ſehen, ob die Leinwand nicht eine ge⸗ heime Thüre verberge. Füttert ſie gut, ſonſt werden ſie ſich ſelber noch beſſer füttern, und ſchickt alle Frauen Eures Haushaltes— das heißt alle unter Achtzig— in die Nach⸗ barſchaft; die Männer müſſen für ſich ſelber ſorgen und wer⸗ den eine harte Zeit haben— zerbrochene oder gar einge⸗ ſchlagene Köpfe wird es wohl geben, bevor Ihr zurück⸗ kehrt.“ „Ihr ladet mir da eine Arbeit für mehrere Tage auf, Meiſter Stilling,“ ſagte Hortenſia.„Was iſt zu thun, Ralph?“ „Folgt ſeinem Rathe, theure Lady,“ erwiederte Ralph Woodhall.„Ich will Euch ſogleich und unverzüglich bei Euren Anordnungen helfen. Dann legt Euch zu kurzer Ruhe nieder und laßt uns morgen vor Tageslicht aufbrechen. Wir wollen Euch ſicher nach Wells geleiten; dann werde ich mit leichterem Herzen ſcheiden.“ Gaunt Stilling ſchien nicht ganz zufrieden, machte aber keine Einwendung. Verſchiedene Diener wurden her⸗ 417 beigerufen, und Lady Danvers erklärte Mr. Drayton, daß ſie genöthigt ſey, ihr eigenes Haus zu verlaſſen, da Lord Feverſham ſie benachrichtigt habe, daß Oberſt Kirke Dan⸗ vers Newchurch als militäriſchen Poſten mit dem Tanger⸗ Regimente beſetzen werde. „Gott ſey meiner Seele gnädig! Das iſt in der That eine ſchlimme Neuigkeit, Mylady,“ rief der Hausvogt, voll Todesangſt die Hände ringend.„Das iſt ja das ſchlimmſte Regiment in der ganzen Armee— in der weiten civiliſirten Welt gibt es nicht ſeines Gleichen— eine wahre Bande nichtsnutziger Räuber und Plünderer, beſonders ihr Oberſt. Mein Gott! was ſollen wir mit all den Dingen hier an⸗ fangen?“ „Wir müſſen ſie ſicher verſchließen,“ ſagte Lady Dan⸗ vers,„und das war der eine Grund, warum ich nach Euch geſchickt² habe, Mr. Drayton. Wir müſſen uns alle eiligſt an die Arbeit machen: der Wagen mit den Pferden muß vor drei Uhr vor der Thüre ſtehen. Ich will jedoch nicht mehr Leute mit mir nehmen als gerade nöthig iſt. Meine Zofe Alice muß mitgehen; die übrigen Frauen werdet Ihr beſſer auf den Pachthöfen und in den benachbarten Dörfern vertheilen, bis der Sturm vorüber iſt, und die Ankömmlinge müßt Ihr ſo gut verpflegen als Euch nur möglich iſt.“ James. Das Schickſal. 27 Dritter Theil. Dreißigſtes Kapitel. Es war wunderbar mit anzuſehen, wie ſchnell alle die Zimmer mit etwas Ordnung und gutem Willen ihres reichen und ſchönen Schmuckes entkleidet wurden. Die Zofe Alice, von ihrer Gebieterin gut dreſſirt, leiſtete treffliche Dienſte, und endlich war Alles fertig. Außer Gaunt Stilling wur⸗ den noch vier Diener zur Begleitung des Wagens auser⸗ leſen, und Hortenſia zog ſich zur Ruhe zurück, nachdem ſie ſich noch einige Minuten ruhig mit Ralph beſprochen hatte. Ihre letzten Worte beim Scheiden waren: „Das iſt doch ein ſonderbares Leben, Ralph.“ Wie oft geben ſolche Alltagswahrheiten den Schlüſſel zu langen, tiefen, verwickelten und wohlverhüllten Gedanken⸗ reihen, welche ſchweigend und insgeheim eine gute Zeit in Thätigkeit waren, bevor der Gemeinplatz, womit die meiſten Erwägungen ſchließen, ſie ans Tageslicht brachte. Die Worte der Lady Danvers führten Ralphs Gedan⸗ ken auf eine ebenſo lange und wechſelvolle Reiſe, wie ihre eigenen ſie zuvor zurückgelegt hatten, und nachdem er ſeinem 419 Diener einige wenige Weiſungen ertheilt, warf er ſich in einen Stuhl und verbrachte die Nacht in ſchlafloſem Schwei⸗ gen, bis das ſchwache Grauen des frühen Morgens den öſtlichen Himmel zu färben begann. Von Zeit zu Zeit hoͤrte er die ganze Nacht hindurch Schritte durch das Haus eilen, und Hortenſia war noch vor der beſtimmten Stunde auf und zur Abfahrt bereit. Es gibt vielartige Charaktermerkmale, welche Denen, die ſie beſitzen, große Macht und Einfluß über ihre Neben⸗ menſchen verſchaffen: flinke Entſchloſſenheit— ſelbſt wenn ſte ſich dem Ungeſtüm nähert, Feſtigkeit und Beſtimmtheit, auch wenn ſie an Hartnäckigkeit ſtreifen— gehören darun⸗ ter; aber große Weltkenntniß und vielſeitige Erfahrung behaupten die Oberhand, und Gaunt Stilling hatte ſich vermöge einer Combination aller dieſer Eigenſchaften unter der Dienerſchaft der Lady Danvers ein Anſehen verſchafft, das ihn alsbald gleichſam zum Führer und Kommandanten des kleinen Häufleins machte, das den Wagen beim Abfah⸗ ren umringte. Er ſchickte auf etwa fünfhundert Schritt auseinander zwei Reiter als Vorwache voran, um Nachrich⸗ ten einzuziehen und ihm nöthigenfalls zurückzumelden. Er ſelbſt ritt dem Wagen etwas voraus, und die beiden Andern hielten ſich neben den Thüren oder Portieren— wie man ſte damals nannte— während einer derſelben Ralphs Pfer am Zügel führte.— Der Morgen war ungemein heiter, ſchön und hell, die Röthe der aufſteigenden Sonne ungewöhnlich lebhaft; aber die leichten Woͤllchen über ihren Häuptern begannen bald 27⸗ 420 in großen Maſſen ſich zu vereinigen; die Sonne verlor ihren Glanz, wurde trüb und ſchweraugig', bis ſie hinter einem Schleier von Dünſten verſchwand. Zuerſt kam ein dicker Nebelregen, dann ein ſchwerer unaufhörlicher Guß, der den trockenen Boden aushöhlte und Miniaturſtröme neben der Straße bildete. Der Wagen war viel ſchwerer beladen als am Tage zuvor, und langſam und mühevoll wälzte er ſich durch den dicken Schmutz und blieb oft ſtehen, wie wenn er ſich in den die Straße durchfurchenden Goſſen ausruhen wollte. So kam man nur ſehr ſachte vorwärts; Stunde an Stunde verſtrich, und noch waren Hortenſia's Augen mit jedem Gegenſtande ihrer Umgebung vollkommen vertraut. Sie kannte dieſes Haus und jenen Pachthof, die Kirche auf dem Hügel und die kleine Dorfſchenke mit ihrem luſtigen Wirth und konnte faſt überall die genaue Entfernung von einem Punkte zum andern angeben. Die Langſamkeit ihres Vorrückens beun⸗ ruhigte ſie, und nachdem ſie vier Stunden in tiefen Gedan⸗ ken fortgezogen waren, wendete ſie ſich plötzlich zu Ralph mit den Worten: „Ich glaube in der That, Ihr thätet beſſer, Euer Roß zu beſteigen und mit Eurem Diener wegzureiten. Ich werde Wells ohne Zweifel in Sicherheit erreichen; aber ich fürchte jeden Augenblick, wir könnten mit Oberſt Kirke oder einem andern von des Königs Offizieren zuſammentreffen, und die Folgen moͤchten für Euch gefährlich werden. Habt Ihr nicht bemerkt, wie einer meiner Leute ſchon mehrere Male zurückritt, um mit Eurem Diener zu ſprechen? Wir nähern 42¹1 uns jetzt der Biegung gegen St. Mary und thäten wirklich beſſer, uns hier zu trennen.“ Es koſtete ſie große Anſtrengung, dieſe Worte auszu⸗ ſprechen; aber Ralph koſtete es keine, um zu erwiedern: „Ich werde Euch um keinen Preis verlaſſen, bis ich Euch in Eures Vetters Hauſe zu Wells ſicher untergebracht ſehe. Es hieße Eure Güte übel belohnen, wenn ich eine ſo ſelbſt⸗ ſüchtige Rolle ſpielen wollte. Eine Dame, welche unter ſolchen Scenen der Verwirrung reist, bedarf alles Schutzes, den ſie haben kann. Die Gefahr für mich ſelbſt ſchlage ich nicht hoch an, denn ſind wir recht benachrichtigt, ſo müſſen Kirke's Leute auf einer andern Straße marſchiren, und wenn ſich die Diener raſch vor⸗ und rückwärts bewegen, ſo ge⸗ ſchieht es nur, um die Verbindung zwiſchen der Vor⸗ und Nachtrupp aufrecht zu erhalten. Wir kommen allerdings nur ſachte vorwärts,“ fügte er bei;„aber ich erwartete gar nicht, die Reiſe in weniger als drei Tagen zu beſchließen, und bei dieſen Wegen wird es wohl vier in Anſpruch nehmen.“ „Vier,“ wiederholte Hortenſia.„Ich bin ja dieſe Strecke in einem Tage geritten. Der Himmel weiß, was ſich in vier Tagen Alles ereignen kann!“ Kaum waren dieſe Worte ihren Lippen entflohen, als Gaunt Stilling gegen den Wagen herritt und hereinſchaute, indem er wie in fragendem Tone bemerkte:— „Ich glaube, wir ſollten lieber eine Strecke vorwärt von St. Mary ausbiegen, Sir, denn unſer Außenpoſten hat mir gemeldet, daß ſich in einem Dorfe faſt eine Meile vor uns eine große Maſſe königlicher Truppen befindet. Sie 422 waren geſtern daſelbſt über Nacht; wo ſie aber heuie Mor⸗ gen hingehen, ſcheinen die Leute nicht zu wiſſen. Der Wagen kann faſt eine halbe Meile aufwäͤrts fahren, und die zwei nächſten ſcharfen Biegungen werden ihn dieſer Straße aus dem Geſichte bringen. Wir finden dort ein Feld, wo wir umdrehen können, wenn wir Nachricht erhalten haben, daß die Truppen abmarſchirt ſind. „Ralph und Hortenſia waren mit dem Vorſchlage ein⸗ verſtanden, und der Kutſcher erhielt die nothigen Weiſungen; aber Gaunt Stilling hatte diesmal ſeine Rechnung ohne den Wirth gemacht. Kaum hatte der Wagen fünfzig Schritte auf dem neuen Pfade zurückgelegt, als eine tiefe unausgebeſſerte Schlucht, welche faſt den Namen einer Grube verdiente, ſich ihren Blicken darbot. Die Pferde ſtutzten; das Eine ſtolperte und wäre beinahe gefallen: das ſchwere und überladene Fuhrwerk plumpte mit einem Stoße erſt mit den Vorder⸗, dann mit den Hinterrädern hinein— die beſchädigte und nur nothdürftig ausgebeſſerte Are gab nach und der Wagen ſteckte feſt und unbeweglich. Es war auf den erſten Blick zu erkennen, daß dieſer Unfall erſt nach langer Zeit ſich verbeſſern ließ, und wäh⸗ rend Ralph und Hortenſia in nicht geringer Verlegenheit und Beſtürzung neben dem Fahrzeuge ſtanden, ließ ſich von Weitem ein Trommeln vernehmen, und einer der Reiter, der auf die Heerſtraße geſchickt worden war, um ſeinen Ka⸗ meraden von der Front abzurufen— kam in raſchem Schritte herbei mit der Meldung: „Es heißt, dort vorn ſeyen Kirke's Lämmer, Mylady.“ 423 „Der Heerde müßt Ihr ausweichen, Madame,“ rieth Gaunt Stilling.„Wir können Alle von der Straße aus geſehen werden, und ich moͤchte nicht um viel Geld, daß ſie Euch hier fänden.“ „Aber was iſt zu thun?“ fragte Ralph ungeduldig. „Sie ſind bereits auf dem Marſche, wie es ſcheint; der Wa⸗ gen iſt noch manche Stunde nicht zu brauchen, und Lady Danvers kann doch nicht zu Fuß reiſen. „Nein, aber zu Pferd,“ gab Gaunt Stilling zur Ant⸗ wort. „Wir haben keinen Damenſattel,“ bemerkte Ralph. „Ihre Kleidung iſt nicht zum Reiten eingerichtet.“ „O, Safür iſt ſchon geſorgt,“ rief Gaunt Stilling lachend,„wenn Alice meinen Rath befolgt und der Kutſcher Harriſon gethan hat, wie ich ihn geheißen habe. Ich wußte recht wohl, daß wir noch vor Thorſchluß einen Unfall haben würden, und daß Mylady ſich wahrſcheinlich zu Pferde ſetzen müſſe. Was das Trommeln betrifft, ſo iſt das nur der Muſterwirbel; ſie werden vor einer halben Stunde noch nicht abmarſchiren. Wenn die Leute es nicht vergeſſen ha⸗ ben, ſo muß auf dem Wagen ein Damenſattel und unter dem Kiſſen ein ſogenannter Amazonenrock für Mylady ſeyn.“ „Der Sammetſattel iſt oben aufgebunden,“ brummte der Kutſcher, der ſeinen zerbrochenen Wagen mit troſtloſem Blicke betrachtet hatte.) „Auch ich habe den Rock eingepackt,„keifte das Mäd⸗ chen;„ich thue immer, was ich geheißen werde.“ 424 „Aber was ſoll ich mit Dir thun, meine arme Alice, wenn ich davon reite?“ fragte Lady Danvers. „O, kümmert Euch nicht um mich, Mylady,“ erwie⸗ derte die Zofe.„Ich fürchte mich nicht ein Bischen vor ihnen: wenn ſie mir ein Wörtchen ſagen, ſo kratze ich ihnen die Augen aus. Ich könnte auch den Pfad hinabwandern, bis ich eine Hütte erreiche, um mich dort zu verſtecken, bis ſte den Wagen geplündert haben und vorüber ſind.“ „Ei, man ſollte glauben, Ihr hättet ſie von Alters her gekannt, Miß Alice, ſo gut wißt Ihr ſie zu errathen,“ bemerkte Gaunt Stilling;„aber Ihr werdet auf lange Strecke keine Hütte finden, das kann ich Euch ſagen. Wenn Ihr Euch übrigens mit den Dienern in jenem kleinen Gehölze verſteckt, ſo iſt Tauſend gegen Eins zu wetten, daß ſie nicht nach Euch ſuchen werden; das Ausplündern des Wagens wird ſie ſchon einige Zeit beſchäftigen und Kirke wird ſie nicht lange anhalten laſſen.“ „Ich gehe nicht in den Wald,“ erklaͤrte der ſtarrköpfige Kutſcher.„Ich bleibe bei meinem Wagen.“ 3 „Und ich bei den Pferden,“ ſagte einer der Männer. „Das Mädchen kann ſich im Walde verſtecken, wenn ſie will— ich mag nicht.“ 4 „Dann, meine braven Jungen, will ich bei Euch blei⸗ ben,“ verſicherte Gaunt Stilling.„Ich kenne jene Maͤnner und kann vielleicht beſſer mit ihnen zurecht kommen, als einer von Euch. Ich kenne auch Meiſter Kirke, und er kennt mich.— Laßt uns jedoch die Zeit nicht mit Plaudern vergeuden,“ fuhr er an Ralph ſich wendend fort.„Ihr und d 425 Mylaady ſolltet ſo raſch wie möglich mit einem der Diener davon reiten, Sir. Ich will, ſobald ich kann, folgen und Euch in Eurem Nachtquartiere treffen. Vielleicht gelingt es uns den Wagen auszubeſſern, ſo daß wir morgen weiter können. Harryſon, legt den Sattel auf den ſanfteſten Tra⸗ ber, den wir haben. Alice, Ihr müßt Euch mit Euren klei⸗ nen Fingern hinter den Anzug Eurer Lady machen.“ „Ei der Tauſend! der thut ja recht vertraulich!“ rief das Mädchen, unter den Kutſchenkiſſen herumſtöbernd, wäh⸗ rend Ralph gleichzeitig bemerkte: „Ich weiß den Weg nicht, Stilling.“ „Ich kenne ihn,“ rief Hortenſia.„Sagt mir nur, iſt es die zweite oder dritte Biegung rechter Hand 256 „Die vierte, Mylady,“ erwiederte Gaunt Stilling; „ſchlagt ja nicht die dritte ein, die würde Euch dem Löwen geradezu in den Raten führen. Die vierte Biegung und dann gradaus; Ihr wehaltet ſechszehn Meilen lang dieſelbe Richtung bei, vis I an einen Kreuzgang mit einem guten Wirthshauſe gelangt. Dort, Mylady, werdet Ihr wohl Ruhe nöthig haben, und dort will ich Euch, ſo Gott will, Nachrichten mitbringen.— Nun, hübſche Miß Alice, habt Ihr den Rock gefunden?“ „Ja, hier iſt er; was aber Mylady ohne ihren Feder⸗ hut anfangen will, das kann ich in der That nicht ſagen.“ Hortenſia lächelte, gab aber keine Antwort, und ihre improviſirte Toilette war bald beendigt. Der Sattel war unterdeſſen auf eines der Bedientenroſſe gelegt worden, und Ralph hob ſeine ſchöne Gefährtin nicht ohne einige Haſt 426 und Aengſtlichkeit auf's Pferd, denn in der Ferne hörte man Trommeln und Pfeifen, einen Marſch aufſpielend, und es war klar, daß Oberſt Kirke mit dem Tangerregiment die Straße herabkam. Sobald ſie ſicher ſaß, ſprang er auf ſein eigenes Pferd, und Hortenſta, den Zügel mit einem Blicke anziehend, worin die Trauer gegen ihr früheres luſtiges Lächeln ankämpfte, ſetzte das Thier in Galopp und ſagte: „Jetzt, Ralph, laßt uns einen Galopp anſchlagen, wie ich ihn ſonſt in meinen Kinderjahren ſo gerne hatte.“ Einunddreißigſtes Kapitel. Die Straßen waren ſchlecht und vom Regen aufge⸗ weicht; aber Ralph und Hortenſia ſetzten dennoch den ſchnel⸗ len Schritt, mit dem ſie aufgebrochen waren, wohl ſechs bis ſteben Meilen fort. Sie ſprachen wenig; doch die raſche Bewegung ſchien Beide zu beleben und aufzuheitern. End⸗ lich zog Hortenſia die Zügel an; ihre Röthe war durch die Luft und den ſcharfen Ritt belebt und ein hellerer Blick der Hoffnung leuchtete in ihren ſchönen Augen. „Ich denke, jetzt haben wir den nöthigen Vorſprung gewonnen, Ralph, und wir können nun ruhiger weiter rei⸗ ten,“ ſagte ſie. „Ich hoffe, für jetzt hat es keine Gefahr,“ antwortete Ralph.„Ihr ſehet zwar aus, als ob Ihr zur Begleiterit, —— 427 der Göttin Diana geboren waͤret, theure Lady; aber es wird jedenfalls beſſer ſeyn, unſere Pferde zu ſchonen.“ „Ich glaube allerdings, daß ich zu einer von Diana's Mädchen beſtimmt war,“ bemerkte Hortenſia, und fuhr dann fort, wie wenn ſie dieſen ihren Worten die beſondere„Pointe“ benehmen wollte:„ich erinnere mich, daß ich als Kind im⸗ mer große Freude am Jagen hatte; nur das Einfangen des Wildes konnte ich nicht ertragen. Der grelle Todesſchrei des armen Haſen, wenn er von den Hunden gefangen war, verſcheuchte mich zuletzt für immer von dem Jagdplane.“ Sie verſank eine Weile abermals in Gedanken, bis ſie ihre Augen zu ihres Begleiters Geſicht aufſchlug und ſagte: „Wir ſind, glaube ich, ſehr thöricht, Ralph. Ihr— ich und Jedermann.“, „Wirklich!“ erwiederte Ralph lächelnd;„warum glaubt Ihr ſo?“ „Weil wir, nicht zufrieden mit all den großen und haͤß⸗ lichen Uebeln womit das Schickſal dieſen unſern ſterblichen Aufenthalt angefüllt hat, in unſerem Geiſte auch noch Bril⸗ len aufſetzen, um ſie durch den Reflex zu vermehren,“ er⸗ wiederte Hortenſia.„Iſt das nicht thöricht, Ralph?“ „Mich dünkt— allerdings,“ gab ihr Begleiter zur Antwort;„aber der Grund iſt vermuthlich der, daß wir ſie von allen Seiten betrachten wollen, um zu ſehen, ob wir ſie nicht vermindern oder ganz abwerfen können.“ „Eitler Verſuch!“ rief Hortenſta.„Unſer Pfad liegt 428 gerade vor uns, und wir können nicht davon ablenken; die Uebel, die auf ihm liegen, müſſen von vorne erfaßt werden, und es hilft uns nichts, wenn wir erſt warten wollen, bis ſte uns wirklich erreichen. Laßt uns weiſe ſeyn, Ralph, und wäre es auch nur für heute; laßt uns die Gegenwart ge⸗ nießen ſo gut wir können. Denkt nicht mehr an die dunkle Vergangenheit, noch an die düſtere Zukunft, und auch ich will manchen ſchweren Gedanken, manche ängſtliche Sorge von mir werfen, daß das Auge der Welt ſie niemals ſehen ſoll. Schaut, die Sonne bricht hinter den Wolken hervor, die Livree des Himmels mit Gold beſäumend. Wir wollen uns einbilden, wir befinden uns an einem weichen Sommer⸗ tage in einem ruhigen friedlichen Lande mit nichts als Glück um uns her, eine frohe Heimath vor uns, in der wir uns ausruhen, hinter uns eine kurze aber heitere Ausſicht auf fröhliche junge Liebespaare und Luſt und Freude auf allen Seiten— ſo laßt uns denken, wir machen einen Mor⸗ genritt zum bloſen Vergnügen. Könnt Ihr Eure Rolle auf Euch nehmen?“ 3 „Ich will es verſuchen,“ erwiederte Ralph,„und in der That, theure Lady, es i*ſt wie Ihr ſagt der weiſeſte Plan. Ich habe mir dieſen ganzen Morgen und den größeren Theil der heutigen Nacht alle Ereigniſſe der letzten paar Tage in meinem Sinne überlegt; aber mein Denken kam zu kei⸗ nem Reſultat, und ſogar die beſterſonnenen Pläne werden im Augenblicke der Ausführung vereitelt, wie Ihr vorhin geſehen habt. Ich fühle mich in der That geneigt ein Fa⸗ taliſt zu werden und glaube beinahe, das Schickſal führt — — 429 mich mit verbundenen Augen, wie ich auch dagegen an⸗ kämpfen mag.“ „Vielleicht ja,“ ſagte Hortenſia;„aber Ihr brechet bereits unſeren Vertrag und moralifirt über Dinge, die da ſind. Laßt uns in's Traumland wandern, Ralph— es iſt der beſte Zufluchtsort unſerer Seele. Ihr waret, glaub ich, noch nie in Frankreich, Italien oder Griechenland, habt die ſieben vereinigten Provinzen noch nie in ihrer Nüchternheit geſehen, noch unter dem ſteifen bäueriſchen deutſchen Adel verweilt?“ „Nie,“ erwiederte Ralph,„niemals.“ Aber ſchon die bloſen Namen dieſer Orte gaben ſeinen Gedanken eine andere Wendung, was Hortenſia eben beab⸗ ſichtigte, und die Beiden fuhren zwar nicht ohne Anſtrengung fort, ſich über ſolche Gegenſtände zu beſprechen, die mit ihrem eigenen Geſchick oder den Umſtänden des Augenblicks ſo wenig als möglich Verbindung hatten. Oft, ſehr oft kehrten ihre Gedanken freilich zu pein⸗ lichen Dingen zurück. Das ferne Bellen eines Hundes, das wilde freudige Galoppiren eines Pferdes über das benach⸗ barte Feld erſchreckte ſie mit dem Bilde friſcher Gefahren; je öfter ihnen aber ſolches begegnete, deſto leichter wurde ihnen das Bemühen, das dunkle Geſpenſt des Augenblicks zu verbannen, bis es ihnen beinahe gelang, Alles das zu vergeſſen, was ſie zu vergeſſen wünſchten. So verſtrich ihnen die Zeit weit angenehmer, und der Weg kam ihnen kürzer und minder ermüdend vor, als dies 430 ſonſt der Fall geweſen wäre, wenn ſie ihren Beſorgniſſen und Aengſten größere Aufmerkſamkeit geſchenkt hätten. Das was Hortenſta anrieth und ausübte, hat durch die ganze Weltgeſchichte eines der großen Geheimniſſe der Phi⸗ loſophie und Seelenſtärke gebildet. Der Stoiker ertrug ſeinen Schmerz, der Märtyrer ſeine Todesqual, indem er an etwas Anderes dachte, und groß würde der Segen für den Menſchen ſeyn, wenn er ſolche Oberherrſchaft über ſeinen Geiſt erlangen könnte, daß er jedem peinlichen Umſtande nicht mehr von ſeiner Aufmerkſamkeit ſchenkte als zu ſeiner Sicherheit abſolut nothwendig iſt. Ralphs Herz war in der That wohlverwahrt, ſonſt hätte es dieſen Reiſetag mit Hortenſten nicht unverſehrt durchlebt, nicht ſowohl wegen der Schönheit ihrer Perſon, wegen des Reizes ihrer Unterhaltung, des Wohlklangs ihrer Stimme oder der hochherzigen Geſinnung, welche eine Art Heiligenſchein um ſie zu verbreiten ſchien, fondern wegen der tiefen Gedanken über ihr Schickſal und ihren Charakter, welche dieſer lange träumeriſche Ritt ihm eingab. Er dachte beſtändig an ſie; ſogar während er von gleichgültigen Dingen mit ihr ſprach, dachte er an ſie in einer Weiſe, daß es Margarethen nicht hätte ſchmerzen können, wenn ſie all ſeine Gedanken geſehen hätte: aber er dachte jedenfalls mehr an ſie, als Margarethen vielleicht lieb geweſen wäre. Die Worte, welche ſeinem Sinnen dieſe Richtung gegeben hatten, waren gerade die, wo Hortenſia von ſich ſelbſt ge⸗ ſprochen und gelobt hatte, manchen ſchweren Gedanken, manch tiefe Angſt, welche die Welt niemals ſehen ſollte, von „ 431 ihrer Seele abzuſchütteln, um den Augenblick beſſer genieße zu können; über dieſen Text machte er, wie geſagt, fortwäh⸗ rend ſeine Betrachtungen, ſogar während er ein heiteres nach allen Seiten abſchweifendes Geſpräch mit ihr aufrecht zu erhalten ſuchte. Der Weg kam ihnen ganz kurz vor, und weder Ralph noch Hortenſia wollten glauben, daß ſie ſeit der erſten Straßenbiegung ſchon ſechszehn Meilen zurückgelegt hätten, als ſie endlich ein großes gut ausſehendes Wirthshaus an dem Kreuzpunkte zweier Straßen ſtehen ſahen. Ihr eigener ſeitheriger Weg war nur ein Seitenpfad; der andere, der dieſen durchſchnitt, ſchien jedoch offenbar eine Heerſtraße und Ralph ſagte: „Ich hoffe, wir ſind recht. Wir können aber doch noch nicht ſo viele Meilen zurückgelegt haben!“ Hortenſta betrachtete ihn mit luſtigem Lächeln und er⸗ wiederte auf ſein Pferd deutend: „Dieſe armen ſtummen Thiere wiſſen es beſſer, Ralph. Seht, wie Euer Pferd den Kopf hängt! und beide Roſſe ſcheinen zu denken, eine Portion Gerſte und Waſſer werde ihnen nichts ſchaden.— Hört einmal, Peter,“ fuhr ſie zu dem ihnen folgenden Diener gewendet fort,„reitet zu jenem Gaſthof und fragt, wie weit er von St. Mary entfernt iſt — das wird uns die Strecke, die wir zurückgelegt haben, am beſten andeuten. Aber merkt Euch wohl: Ihr dürft meinen und Mr. Woodhall's Namen um keinen Preis erwähnen; das wäre für mich ſehr gefährlich, Peter, und ich denke, Ihr iebt Eure Herrin wohl ſo viel, daß Ihr ihre Sicherheit nicht durch Indiskretion gefährdet.“ „Ich werde kein Wort ſagen, Mylady“ verſicherte der gute Mann, im Vorreiten den Hut abziehend. Noch zwei bis drei Minuten länger, und Ralph ſaß mit Hortenſien in einem behaglichen Stübchen eines altmo⸗ diſchen Wirthshauſes mit einem altmodiſchen Gaſtwirth, der ihnen aufwartete. Der Mann war voller Aufmerkſamkeit und nahm oft ſeine ſchneeweiße Nachtmütze in die Hand, ſeinen Kahlkopf vor Gäſten entblößend, die er ſeiner Ver⸗ ehrung für würdig erkannte. „Das Mittageſſen ſoll im Augenblick ſervirt werden, Mylord und Mylady,“ ſagte er.„Ihr ſeyd gerade zur rech⸗ ten Zeit gekommen, denn es war ein großes Bankett für Meiſter Jenkins und ſeine Freunde angeſetzt. Er ſollte übermorgen die hübſche Miß Betty Parker vom Maierhofe heirathen; aber die Soldaten, welche geſtern Nacht hier herunter kamen, um zu Oglethorpe's Regiment zu ſtoßen, ſchleppten ihn mit ſich— wegen Abneigung— daß der Henker ſie hole! ſein einziger Fehler(wenn es denn ein Feh⸗ ler iſt) war allzugroße Zuneigung— zu Miß Betty Parker nämlich. Er hätte Leib und Leben für ſie hingegeben; auch war er kein Diſſenter, ſondern ein ſo guter Kirchlicher, wie nur einer in dieſen Landestheilen lebt, wurde getauft von dem alten Doktor Hicks und konfirmirt durch den Biſchof von Wells. Doch ich will Euch Euer Schlafzimmer zeigen⸗ Mylord und Mylady; es iſt ganz heimlich und behaglich; Ihr dürft nur durch dieſen Salon treten.“ 43³ und er öffnete eine Thüre, die in ein ſehr hübſches Zimmer führte. „Ihr ſeyd im Irrthum, mein guter Freund,“ erwiederte Nalph, während Hortenſia's Antlitz in peinlicher Röthe er⸗ glühte.„Ich bin nicht der Gemahl dieſer Dame, ſondern blos ihr Beſchützer auf ihrer Reiſe in ſo gefährlichen Zeiten.“ „Nun, Sir, ſo hoffe ich, Ihr ſollt es bald werden,“ meinte der hartnäckige Wirth.„Ihr könntet kein beſſeres Weib bekommen und ſie keinen beſſeren Gatten— das bin ich feſt überzeugt. Ach du mein Himmel! die Lady weint! Es thut mir herzlich leid, Madame; ich bitte tauſendmal um Verzeihung— ich bin eben ein thörichter alter Mann, und muß nun einmal plaudern.“ „Hat nichts zu ſagen, mein guter Mann, hat nichts zu ſagen,“ erwiederte Hortenſia, ihre Thränen trocknend. „Ich ſelbſt bin die Thörin; aber ich habe heute viele Angſt und Anſtrengung durchgemacht: wir wären nahezu einer Bande dieſer geſetzloſen Soldaten in die Hände gefallen, ſo daß ich meinen zerbrochenen Wagen auf der Straße zurück⸗ laſſen und unter dem Schutze dieſes lieben Freundes hieher reiten mußte.“ „Ach, wenn das Alles iſt— da kann er das Schlaf⸗ zimmer gegenüber haben, wo er jeden Augenblick zu Euch kommen kann, wenn Ihr ihn nöthig habt,“ tröſtete der Wirth, während Hortenſta von Neuem wie eine Roſe erglühte. „Wenn ich die Nacht hier bleibe, ſo werde ich es wohl für mein Mädchen brauchen,“ bemerkte ſie.„Die Zofe James. Das Schickſal. 28 434 wird ſo bald wie möglich nachkommen. Ihr könnt für dieſen Gentleman gewiß anderswo ein Zimmer finden.“ „Ich habe keins mehr, das ſo gut wäre,“ erklärte der Wirth.„Nummer 25 iſt etwas feucht und Nummer 7—“ „Thut nichts, thut nichts,“ ſiel Ralph ein;„mir iſt jedes Zimmer recht. Dieſe beiden gehören der Lady Hor⸗ tenſia und ihrer Zofe. Nun geht und beſorgt das Eſſen ſo raſch wie möglich.“ Der alte Mann wendete ſich nach der Thüre, blieb aber plötzlich ſtehen und ſchaute ſich mit frohem Lächeln um, als wäre ihm ein guter Gedanke eingefallen. „Waͤre es nicht beſſer,“ ſagte er,„für das Mädchen ein Bett in Mylady's Zimmer zu ſtellen?“ „Ganz recht, ganz recht,“ erklärte Ralph,„das iſt das Beſte.“ „Kapitaler Einfall!“ rief der alte Gaſtwirth, voll Triumph mit den Fingern ſchnalzend.„Das trifft den Nagel auf den Kopf; Ihr könnt dann das Zimmer gegen⸗ über haben und ſie Beide tröſten, wenn ſie's nöthig haben ſollten.“ Ralph konnte nicht länger an ſich halten— er brach in helles Lachen aus, worein Hortenſia einſtimmte, obgleich ſie nicht recht wußte, ob ſie lachen oder weinen ſollte. Der alte Mann ſchaute ziemlich überraſcht drein, indem er das Zimmer mit einem Schafsgeſicht verließ. Sobald er fort war, ſchlug Hortenſia ihre Augen zu Ralph empor; in ihrer Miene lag ein Ausdruck der Aengſtlichkeit, der ſich ziemlich komiſch ausnahm, da noch — 43⁵ ein ſchwaches Nachglimmen des Lachens, einem Sonnen⸗ untergange vergleichbar, um ihre Lippen zuckte. „Das geht nicht ſo fort, Ralph,“ ſagte ſie in ſchüchter⸗ nem Tone.„Ich hoffe, meine Leute werden bald zu uns ſtoßen, denn ich fürchte, ich darf nicht allein mit Euch reiſen. Gott weiß und Ihr wißt es ebenſo, daß unſere Gefühle ge⸗ gen einander das Auge der Welt nicht zu ſcheuen brauchen; allein—“ Nalph nahm ihre Hand und drückte ſie an die Lippen. „Ihr ſeyd um meinetwillen ſchon allzuſchmerzlich be⸗ rührt worden,“ ſagte er;„allein ich muß und will Euch ſicher bis an das Ziel Eurer Reiſe begleiten, Hortenſia. Wenn Eure Zofe nicht alsbald zu uns ſtößt, ſo werden wir ohne Zweifel irgend ein ehrbares Mädchen dingen können, das ihre Stelle vorläufig ausfüllt und Euch für morgen auf Eurem Wege begleitet Niemand, der Euch kennt, kann Euch auch nur einen Augenblick beargwöhnen.“ „Was mag aber Margarethe denken?“ fragte Lady Danvers ſehr bleich werdend. „Margarethen's Gedanken ſind immer großherzig,“ erklärte Ralph;„wenn ſie Euch kennte, wie ich Euch kenne, — ſie würde Euch wegen Eurer Güte für mich geradezu anbeten.“ „Ohne einen Zweifel oder Argwohn?“ fragte Hortenſia traurig. „Ohne einen Schatten, ohne eine Wolke, welche ihr Zu⸗ trauen verdüſterte,“ erwiederte Ralph zuverſichtlich.„Andere könnten ihr allerdings Dinge beibringen, welche Margarethe 28* nicht glauben wuͤrde; aber ich erkenne es nunmehr als eine Pflicht gegen Euch, theure Lady Danvers, gegen ſie wie gegen mich ſelbſt, meiner theuren Couſine zu ſchreiben, ſobald ich eine Gelegenheit dazu finde, und ihr all die großmüthige edle und uneigennützige Güte zu ſchildern, die Ihr gegen mich bewieſen habt. Ich werde zwar ziemlich viel riskiren; aber ich denke, es läßt ſich wohl ein Mittel finden, um Ihr den Brief insgeheim zuzuſtellen.“ „Vielleicht werde auch ich den Muth finden, um ihr gleichfalls zu ſchreiben,“ bemerkte Hortenſta nachdenklich. „Ein Weib weiß aus einem Frauenbriefe alsbald das Frauenherz herauszuleſen, und das meinige brauche ich nicht zu verbergen— wenigſtens nicht vor ihren Augen; ſie wird mich wohl verſtehen.“ Ralph drückte ihre Hand feurig. Seine Stirne war ruhig und klar; ſein Auge voll Achtung und Bewunderung, voll Zuneigung aber ohne Leidenſchaft, und er antwortete: „Sie wird Euch verſtehen, wie ich Euch verſtehe; ſie wird Euch dankbar ſeyn, wie ich Euch dankbar bin; ſie wird nicht zweifeln, nicht fürchten noch ſchwanken, ſondern Euch begreifen, trefflichſte und liebenswürdigſte aller Frauen, wie Ihr begriffen und geliebt werdet von dem Manne, der Euch mehr als jedes andere Weſen auf Erden verehrt, die Ein⸗ zige ausgenommen, mit der ſein ganzes Leben und Schickſal von früheſter Kindheit an verknüpft war.“ Der Himmel weiß, was in ſeinen Worten lag; allein Hortenſia neigte das Haupt bis es ihre Hände auf dem Tiſche berührte und brach in ſo heftiges Schluchzen aus, 437 daß Ralph, nachdem er ſie vergeblich zu beſänftigen oder ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken verſucht hatte, zur Thüre hinaus laut nach Hilfe rief und die Gaſtwirthin mit deren Tochter bald zum Beiſtande ſeiner ſchönen Gefährtin her⸗ beibrachte. Die eigenthümliche Lage, in der ſie ſich befanden, ver⸗ hinderte ihn, ſie ſelbſt in ihr Schlafzimmer zu führen; doch hatte er bald darauf das Glück zu hören, daß ſie ſich ruhiger und beſſer befinde, und er wartete einige Stunden geduldig in dem ſtillen lieblichen Zufluchtsorte, den ſie gefunden hatten, ob nicht von denen, die ſie auf der Straße zurückgelaſſen, einige Nachrichten eintreffen würden. HKortenſta war eben wieder zu ihm geſtoßen und hatte eine jener Entſchuldigungen vorgebracht, womit die Frauen gar oft jede Erſchütterung erklären, wenn ihre Aufregung die gewohnte Selbſtbeherrſchung überwältigt hat, indem ſie ſagte, ſie habe vermuthlich ihre Kräfte überſchätzt, da die Anſtrengungen, die ſie erſt kürzlich beſtanden, ſie mehr ange⸗ griffen haben, als ſie erwartet hätte. „Ich glaube in der That, Ralph, ich habe in neuerer Zeit zu lange die feine Hofdame geſpielt,“ ſagte ſie,„und habe in ſtädtiſchen Geſellſchaften einen Theil der bäuriſchen Geſundheit eingebüßt, deren ich mich ehemals zu rühmen pflegte. Ich muß dieſe entnervenden Schauplätze verlaſſen und wieder einmal meine fünfzehn bis zwanzig Meilen des Tags reiten, wie ich ſonſt gewoͤhnt war, denn ich bin ent⸗ ſchloſſen, nicht eher eine ſchmachtende nervenſchwache Dame — 438 zu werden, als bis mein Haar grau zu werden anfängt— und nicht einmal dann, wenn ich es anders verhindern kann.“ Sie ſchauten zum Fenſter hinaus, das über ein niederes Gebüſch auf der andern Seite der Straße reichend einen ſchönen Ueberblicküber das reiche ſtrotzende Land geſtattete, das ſich auf den Grenzen von Somerſet und Devonſhire viele Meilen weit ausdehnt— ein Land, das meine Augen wohl nie mehr ſehen werden, das aber meinem Geiſte bis zur lezten Stunde meines Lebens gegenwärtig bleiben wird. Wohl mag maͤn es den Garten von England nennen, und wenn man es ſo nennt, ſo kann man nichts Anderes als den Garten der Welt darunter verſtehen. Die Sonne erleuchtete es nur in lau⸗ niſchen Pauſen; die zerriſſenen Wolken wurden vom raſchen Winde darüber hingetrieben; alle Felder und Bäume funkel⸗ ten von dem vorangegangenen Regen, und die ſanfte Aus⸗ dünſtung des warmen Bodens zeigte die luftige Perſpektive jedes fernen Hügels, in weit weicheren Umriſſen als gewöhn⸗ lich. Von dem erfriſchten Grunde hob ſich der Dunſt mit Wohlgerüchen geſchwängert, und aus dem Gebüſche tönte der weiche wohlklingende Geſang des Schwarzköpfchens, wie wenn er Auge, Ohr und Geruch in Harmonie bringen wollte. Sie hatten noch nicht zwei Minuten hinausgeſchaut, und Hortenſia hatte kaum Zeit gehabt ihr eigenes Herz zu befragen, wie es doch komme, daß die Natur ſo heiter, ſo ſchön und friedlich ausſehe, während des Menſchen Welt ſo voll rauher Dornen ſey, als der Anblick Gaunt Stillings, welcher ganz allein und in aller Eile auf das Haus zutrabte — ihre und ihres Begleiters Aufmerkſamkeit auf ſich lenkte. 439 Der Mann richtete an einen Hausknecht, der neben dem Pferdetrog ſtand, einige eilige Fragen, gab ihm dann mehrere große Satteltaſchen, um ſie in's Haus zu tragen, ſtieg ſofort ab und trat in den Gaſthof. Gleich darauf erſchien er vor ſeinem Herrn und Lady Danvers, und Ralph merkte ſogleich an dem Ausdrucke ſeines Geſichts, daß die Sachen ſchlimm abgelaufen ſeyn mußten. Seine Worte verkündeten übrigens keine üble Botſchaft. „Es iſt ein Glück, daß Ihr nicht bei Eurem Wagen geblieben, Mylady“— ſo redete er Hortenſien an—„denn es hätte nahezu einen Kampf darum gegeben, und zwei Schüſſe wurden abgefeuert, welche jedoch blos den Wagen beſchädigten. Gleichwohl haben wir ihn wenigſtens vor eigentlicher Plünderung gerettet, obgleich Kirke’s Lämmer, wie ich glaube, einige minder wichtige Artikel weggemaust haben.“ „Aber wo ſteht der Wagen?“ fragte Ralph,„und wo i*ſt Lady Danvers' Zofe?“ „Es wird unmöglich ſeyn, den Wagen bis morgen repariren zu laſſen, und auch da wird es noch bis zur Nacht anſtehen,“ erklärte Gaunt Stilling.„Wir brachten ihn endlich in den Hof eines ehrlichen Pächters, der für ihn, wie für ſämmtliche Diener(Miß Alice mit eingeſchloſſen) Sorge tragen wird, bis ſie nach Wells aufbrechen können. Euer Mädchen hättet Ihr das Reiten lernen laſſen ſollen, Mylady,“ fuhr er lachend fort,„denn es war kein anderes denkbares Mittel aufzufinden, um ſie hierher zu ſchaffen, ſonſt hätte ich ſie mitgebracht. Wir hatten ſchon einen allerliebſten 440 Packſattel für ſie aufgetrieben und ſie ziemlich gut zu Pferde gebracht; kaum ſtieg ſie aber auf der einen Seite auf, als ſte auf der anderen wieder herunterplumpte. So war unſere Mühe umſonſt, denn ich wußte, daß mein Pferd genug zu thun haben würde, um mich allein zu Euch zu bringen; ohne dieſen Umſtand hätte ich ſie auf ein Kiſſen hinter mich geſetzt. Ich habe übrigens eine Maſſe Dinge für Mylady mitgebracht, welche das Mäͤdchen in ein paar große Mantel⸗ ſäcke ſtopfte, die ich von dem Paͤchter erkaufte.“ 5 „Habt ihr von den anderen marſchirenden Truppen irgend etwas in Erfahrung gebracht?“ fragte Ralph.„Es iſt durchaus nothwendig, daß wir genaue Kunde darüber erhalten.“ „Iſt ſchwer zu erlangen, Sir,“ bemerkte Gaunt Stil⸗ lin.„Ich glaube, daß unter des Königs Truppen kaum drei Männer zu finden ſind, welche wiſſen, wohin ſie mar⸗ ſchiren oder was ſie vorhaben, und Feverſham gehört nicht unter jene Drei. Wenn Monmouth nur ein einziges gutes Infanterieregiment und eine Handvoll Reiterei beſäße, ſo könnte er ſie Alle vereinzelt ſchlagen. Er muß übrigens eine Schlacht gewinnen oder er iſt verloren, denn durch die bloſe Uebermacht drängen ſie ihn nach der Seeküſte zurück.“ „Iſt es ihm denn möglich, mit ſo ſchlecht disciplinirten und übelbewaffneten Truppen eine Schlacht zu gewinnen?“ erkundigte ſich Ralph. „Ich weiß nicht recht, Sir,“ gab Stilling zur Antwort. „Seine Leute ſind allerdings ſchlecht genug; aber des Königs Truppen ſind nicht viel beſſer, und Feverſham iſt ein thörich⸗ —— 441 ter Schwächling, eitel wie ein Pfau, ſeine Leute eine Bande betrunkener Marodeurs, einzig dazu taugend, um ein erober⸗ tes Land zu durchſtreifen, die Offiziere größtentheils lieder⸗ liche entnervte Wüſtlinge, welche von Takrik und Feldzügen ungefähr ebenſoviel wie dieſer Tiſch verſtehen— Euer Vetter, Lord Coldenham iſt auch darunter, Sir. Ich meine, es bedürfte keines ſehr ſtarken Mannes, um ein ganzes Regi⸗ ment dieſer Burſche wie ein Kartenhaus unſerer Kinder niederzuſchlagen. Aber da iſt Churchill, Oglethorpe, Dum⸗ barton's Regiment und die Blauen: ſie werden Monmouth niederwerfen, wenn ſie ihm über den Hals kommen. Die einzige Ausſicht für ihn wäre die, erſt Feverſham zu ſchla⸗ gen und dann auf London loszugehen. Eine gewonnene Schlacht und ein kühner Vormarſch würden manchen kalten Freund für ihn erwärmen.“ „Seyd Ihr denn aber nicht im Stande geweſen, genaue Kunde für uns einzuziehen, nach der wir uns richten könn⸗ ten?“ forſchte ſein Gebieter.„Ich kümmere mich nicht um mich ſelbſt, Stilling, wenn ich nur Lady Danvers ſicher nach Wells geleiten könnte.“ „Ja, das iſt es gerade, Sir,“ gab Stilling zur Ant⸗ wort;„das ganze Land befindet ſich in einem Zuſtande der Aufregung, und es iſt faſt ebenſo gefährlich zu bleiben, wie ſich zu bewegen. Alle Straßen gegen Süden und Oſten ſind in einem Zuſtande, von dem Ihr Euch keinen Begriff macht. Jede Art von Uebermuth wird da begangen: Nichts iſt ſicher, Niemand wird reſpektirt; die Wirthe ſind durch Einquartierung ruinirt, die Dorfſchaften geplündert, die 442 Bauernpferde an Geſchütze und Bagagewaͤgen geſpannt, und Ihr würdet glauben, das Kriegsgeſetz ſey nicht allein verkündigt, ſondern das ganze Land ſey der Plünderung an⸗ heimgegeben. Sie hauſen ſo ſchlimm wie das Tanger⸗ regiment, und nur weil Kirke mich und ich ihn kannte, wurde Mylady's Wagen verſchont. Als ich ihm ſagte, wenn er nicht wenigſtens bei dem Wagen einige Mannszucht aufrecht erhielte, ſo dürften Geheimniſſe veröffentlicht wer⸗ den, die er nicht gerne laut werden ließe, da konnte ich ſehen, wie er an ſeiner Piſtole fingerte, als ob er nicht recht wüßte, ob er mich niederſchießen oder ſeine Leute abmarſchiren heiß ſollte; aber auch ich hatte meine Hand an der Piſtole, u ich denke, das hat die Frage entſchieden.— Ich kann nur ſo viel ſagen: wir müſſen morgen ſehr behutſam vorgehen, denn Niemand ſcheint zu wiſſen, welchen Weg Monmouth eingeſchlagen hat. Wir werden im Weitergehen wohl ein Mehreres erfahren, und ſonſt müſſen wir uns eben auf das Kapitel der Zufälle verlaſſen. Für jetzt will ich mich mit Eurer Erlaubniß entfernen, Sir, und etwas Speiſe zu mir nehmen, denn ich habe ſeit geſtern Nacht keinen Biſſen an⸗ gerührt, und mein Pferd iſt faſt ebenſo ſchlimm daran, wie ſein Herr.“ Gaunt Stilling entfernte ſich, und Ralph blieb mit Hortenſten zurück, um ſich über ihre ziemlich unerfreulichen Ausſichten zu berathen. Für heute da zu übernachten, wo ſie waren, ſchien unvermeidlich, und Ralph's Andeutung folgend ſchickte Lady Danvers nach der guten Hauswirthin, um ſich zu erkundigen, ob nicht in der Nachbarſchaft ein — — 44⁴³ Mädchen aufzutreiben ſey, das die Stelle ihrer Zofe auf einige Tage vertreten könnte. Die Wirthin willigte gerne ein, ihre eigene Tochter in Hortenſia's Zimmer ſchlafen und ſie für die Nacht bedienen zu laſſen; dagegen ließ ſie ſich durch keinerlei Zureden dazu bewegen, daß ſich das Mädchen am anderen Tage von ihrer Heimath trenne. Es wurden ſofort in dem eine Viertelmeile abwärts an der Straße gelegenen Dorfe Erkundigungen angeſtellt; aber Alles blieb vergeblich. Der durch die verſchiedenen Truppenmaſſen verurſachte Schrecken bewog alle Eltern, ihre Kinder zu Haus zu behalten, und Hortenſia ſah ſich zu dem Entſchluſſe genöthigt, jeder üblen Deutung der Welt ſich zu unterwerfen, da ſie ſich in einer Lage befand, aus welcher es kein Entrinnen gab, ſo unerfreulich ſie auch ſeyn mochte. 3 Es waͤre langweilig, die Abenteuer der nächſten zwei bis drei Tage zu verfolgen, denn ſie beſtanden blos in Ent⸗ täuſchungen und Verlegenheiten, ähnlich denen, wie wir ſie bereits geſchildert haben. Wohin auch Ralph und Hortenſia ihre Schritte lenken mochten— überall kam ihnen die Kunde entgegen, daß der Weg nach ihrem Ziele durch Truppen verlegt ſey, und ſo auf jedem Punkte zurückgewieſen, gingen mehrere Tage unter fruchtloſen Wanderungen verloren, welche die Reiſenden nur dem Briſtolkanale näher brachten, ſie aber von Wells und Hortenſia's eigenem Wohnſitze im⸗ mer weiter entfernten. Ein Gefühl der Verzweiflung kam zuweilen über Ralph, und mehr als einmal dachte er daran, das Quartier ſeines 444 Vetters des Lords Coldenham aufzuſuchen, der ſich(wie er verſichert worden) bei den königlichen Truppen befand, und ſeiner Ehre das Erſinnen von Mitteln zu überlaſſen, um Lady Danvers ſicher weiter zu geleiten. Als er ihr jedoch dieſen Plan vorſchlug, verwarf ſte ihn mit einer Beſtimmt⸗ heit, welche keine weitere Erwägung zuließ. Zweiunddreißigſtes Kapitel. In einem ſchon früher beſchriebenen Zimmer des Schloſ⸗ ſes von Coldenham ſaß jene nämliche ſtolze, ſtattliche und majeſtätiſche Dame, welcher Robert Woodhall vor ſeinem letzten Aufbruche aus ſeines Vaters Hauſe einen kurzen ceremoniöſen Beſuch abgeſtattet hatte. Das unverhüllte graue Haar auf der breiten mächtigen männlichen Stirne nicht minder als die ſcharfen fein geſchnittenen Züge unnd das ſtrenge ſchwarze Auge mochten dazu beitragen, die ernſte Würde ihres Ausſehens zu vermehren. Ein mißver⸗ gnügter Ausdruck lag auf ihrem Geſichte, während ſie eine Anzahl Briefe eröffnete, welche vor ihr auf dem Tiſche la⸗ gen: ich ſagte— Mißvergnügen, aber nicht Zweifel, nicht Reue noch Zögern, und doch hätte ſie recht wohl jede einzelne dieſer Regungen oder auch alle zumal empfinden dürfen. „Noch nicht eingefangen?“ murmelte ſie in bitterem Tone.„Bei Gott! die Diebsfänger müſſen ihre Geſchick⸗ lichkeit verloren haben. Aber ſie müſſen ihn bald erreichen: 445 ich habe ihn bis an ſein Lager aufgeſtöbert, und es ſcheint, ſie haben ihn jetzt ausgegraben. Gewiß werden ſie ihn nunmehr niederrennen; es muß nur dieſe thörichte Verwir⸗ rung wegen Monmouths ſeyn, was ſein Entkommen begün⸗ ſtigt hat. Ich denke, ich gehe lieber ſelbſt hinüber: die Männer ſind heutzutage zu Weibern geworden, und es iſt Zeit, daß wir Weiber die Rolle der Männer übernehmen. Ich will bald Mittel finden, ihn einzufangen. Ich fürchte, Coldenham iſt zu ſanft und ſchwach, der alte Lord zu haſtig und unbeſonnen und Robert zu politiſch und verſchlagen, obgleich er der beſte Kopfaunter Allen iſt. Man muß hier klar ſehen, weiſe urtheilen und kühn darauf losſchlagen. Ein tapferes Schwert iſt nutzlos ohne eine ſtarke Hand. Ich will bald mit der Sache fertig ſeyn, und habe ich den Bur⸗ ſchen nur erſt eingefangen, ſo will ich ſo viele Verbrechen auf ſeinen Kopf häufen, daß es zu ſeiner Freiſprechung einer weiſeren Jury bedürfte, als England ſie zu bieten vermag.“ Dieſe Worte wurden nur theilweiſe laut geſprochen, ſonſt nur gedacht, und während ſie über dieſen Gegen⸗ ſtand nachſann, hielt ſie noch uneröffnet den nächſten Brief des Haufens in der Hand, ohne ihm weitere Beachtung zu ſchenken. Als ſie endlich die Aufſchrift betrachtete, ſagte ſie vor ſich hin: „Des alten Mannes Handſchrift! warum mag er wohl an mich ſchreiben?“ Und das Siegel erbrechend, las ſie deſſen Juhalt. Er ſchien ſie mehr zu ergreifen als ſie erwartete, denn über ihr Antlitz zog eine jener auffallenden Veränderungen, wie ich ſie früher beſchrieben habe. „Ha,“ rief ſte,„ha! wie hat jetzt der Wind umge⸗ ſchlagen?“ Und ſie überlas den Brief abermals von Anfang bis zu Ende. Er war weit kürzer als des guten Mr. Woodhall's Epiſteln ſonſt zu ſeyn pflegten und lautete folgendermaßen: „Meine theure Lady und Couſine! „Ich ſchreibe Euch, weil ich durch eine Quelle, die für mich über jeden Zweifel erhaben iſt und jede weitere Beſtä⸗ tigung überflüſſig macht, verſichert wurde, daß Ihr, obgleich meines Sohnes Unſchuld an Henry Woodhall's Tode Nie⸗ mand beſſer bekannt ſeyn muß als Euch, unſeren Vetter Lord Woodhall dennoch dränget, den armen Ralph mitaller Strenge zu verfolgen, und daß Ihr überdieß noch weitere Anklage⸗ punkte wider ihn aufzufinden ſuchet, die ihn dem Hofe ſchäd⸗ lich und ſogar in den Augen einer Jury verdächtig machen könnten. Da mir dieſe Verſicherung mitgetheilt wurde, ohne mir deren Geheimhaltung aufzulegen, ſo iſt es nicht mehr als gerecht gegen Ench wie gegen meinen Sohn— obwohl hier irgend ein Irrthum obwalten muß— Euch dieſe That⸗ ſache wiſſen zu laſſen, damit Ihr dieſem Gerüchte(falls es unrichtig wäre) unverzüglich widerſprechen möget. „Sollte es jedoch nicht in Eurer Macht liegen, dem zu widerſprechen(was ich nicht glaube), ſo habe ich Euch darauf aufmerkſam zu machen, daß die Folgen gefährlicher für Euch werden dürften, als Ihr Euch einbildet. Alle Eure Schritte in 447 dieſer Sache werden mit einem Male enthüllt werden, und Manches, was jetzt für immer in der Finſterniß der Ver⸗ gangenheit begraben ſcheint, dürfte dann an's Licht des Tages kommen. „In der Hoffnung, daß Ihr mit der. Feſtigkeit und Entſchloſſenheit wie ſie Eurem Charakter angehören die Richtigkeit der mir gewordenen Nachricht alsbald Lügen ſtrafen werdet, habe ich die Ehre zu unterzeichnen und ſo weiter. Lady Coldenham belcgehier das Papier mit einem Blicke, worin ſich manche böſe Leidenſchaft in den Ausdruck der Ueberraſchung miſchte. „Unverſchäinter alter Narr!“— dies war ihr erſter Ausruf—„wagt er es— wer kann ihm davon geſagt haben? Vermuthlich ſein ſimpelhafter Vetter, Lord Wood⸗ hall ſelber; doch nein, zwiſchen ihnen beſteht ja keine Ver⸗ bindung mehr. Es muß aus anderer Quelle gekommen ſeyn, nur kann ich nicht errathen— woher. Der alte Stil ling konnte doch nicht— nein, nein; wie ſollte er? er weiß ja nichts davon. Es iſt höchſt auffallend. Und noch dazu dieſe Drohung! Der Sohn drohte und er ſoll es bereuen; der Vater droht und auch ihm ſoll es nicht geſchenkt werden. Die Wahrheit Lügen ſtrafen! ei nein, ich will ſie im Gegen⸗ theil mit der Feſtigkeit und Entſchloſſenheit, die mir ange⸗ hören, beſtätigen. Es iſt Zeit, daß ich erfahre, worauf dieſe Drohungen zielen. Wenn ich einen Feind haben ſoll, ſo will ich ihm wenigſtens offen entgegentreten.“ 448 Und eine Feder ergreifend, ſchrieb ſie haſtig auf ein Blatt Papier einige kecke Zeilen folgenden Inhalts: „Sir! „Was ich zu thun wage, das wage ich auch zu geſtehen. Euer Sohn Ralph hat ſeinen Vetter Henry Woodhall er⸗ mordet. Ich habe den beraubten Vater Lord Woodhall gedrängt und werde ihn drängen, daß er ſich nicht durch ſchwache Ueberreſte von Zuneigung zu einem unwürdigen Gegenſtande abhalten laſſe, den Thäter auf's Aeußerſte zu beſtrafen. Ich meinerſeits müchte lieber einen Mann aus meiner Familie gehängt als einen Mörder in derſelben am Leben ſehen. Eure Couſine Eſther Coldenham.“ Sobald der Brief adreſſirt und geſiegelt war, läutete ſie mit der Silberglocke auf ihrem Tiſch und händigte die zärt⸗ liche Epiſtel dem eintretenden Diener mit den Worten ein: „Laßt das augenblicklich mit einem beſonderen Boten abgehen.“ „Mr. Woodhall's Bote wartet noch draußen, wenn My⸗ lady gnädigſt erlauben,“ erwiederte der Mann. „Dann laßt ihn den Brief in Empfang nehmen und fort mit ihm; ſein Herr kann meine Antwort nicht zu frühe erhalten,“ verſetzte Lady Coldenham. Sobald ſie wieder allein war, las ſie ihres Vetters — — 449 Brief von Neuem, und er ſchien ihr diesmal noch unbefrie⸗ digender als Anfangs, denn neben all' den ſchlimmen Lei⸗ denſchaften, die er offenbar aufregte, und die ſich auf ihrem Geſichte abzeichneten, kam ein Ausdruck des Zweifels, der Furcht und des Zögerns zum Vorſchein, wie ihr Antlitz ihn früher ſelten oder nie gezeigt hatte. Sie beſaß jedoch große Gewalt über ſich ſelbſt, war entſchloſſen, ausdauernd und rückſichtslos in ihren Abſichten. Sie hatte noch ſelten in ihrem Leben vor einer That zurück⸗ geſcheut und noch nie hatte die Furcht ſo viel Gewalt über ſie gehabt, um ſie jemals von einer Handlung abzuſchrecken, zu der ſie einmal entſchloſſen war. Was ſie diesmal auch immer befürchten mochte— ſie ließ ſich nur kurze Zeit durch dieſen Eindruck beſchäftigen, ſondern ſchüttelte ihn bald wie etwas, das abgethan und verbraucht iſt, von ſich und kehrte zu ihren Briefen zurück, die ſie alle vollends durchlas, einzelne Geſchäftsſchreiben mit ihren Anmerkungen verſehend, worauf ſie mit aller Ruhe und Ueberlegung den Befehl gab, daß innerhalb dreier Stunden alles Nöthige zu einer Reiſe nach Dorſetſhire vor⸗ bereitet werden ſolle. Ihre eigenen Anordnungen waren ſehr bald getroffen und ſchon nahte die frühe Stunde des Mittagsmahles, als der zur Beſorgung des Eßzimmers aufgeſtellte Diener mit einem weiteren Briefe in der Hand eintrat. Lady Colden⸗ ham nahm ihn und ſchaute nach der Adreſſe— eine Todten⸗ bläſſe überzog alsbald ihr Antlitz, und der Diener bemerkte, wie ihre Hand beim Erbrechen des Siegels zitterte. Er James. Das Schickſal. 29 450 blieb deßhalb nicht im Zimmer, ſondern zog ſich mit dem gewohnten geräuſchloſen Schritte zurück. Noch war aber die Thüre nicht ganz geſchloſſen, als er einen Schmerzensſchrei und dann einen ſchweren Fall ver⸗ nahm, und als er haſtig zurückrannte, fand er ſeine Gebie⸗ terin bewußtlos auf dem Boden ausgeſtreckt. Der Brief lag weit geöffnet nicht ferne von ihr, und er hielt es für paſſend, erſt einen Blick hineinzuwerfen ehe er nach Hülfe rief. Nur zwei Worte waren mit kecker kräftiger Hand in die Mitte des Blattes geſchrieben: ſie lauteten—„Hüte Dich!“ Da er den Sinn derſelben doch nicht verſtand, ſo rief er die Kammerfrau, die Haushälterin und noch viele andere Dienerinnen herbei, welche durch ihre vereinten Anſtrengun⸗ gen Lady Coldenham bald wieder zur Beſinnung brachten. Nachdem ſie die Augen geoffnet, lag ſie noch mehrere Mi⸗ nuten ganz ruhig auf dem Lager, auf das man ſie gebracht hatte; dann aber wie von plötzlicher Leidenſchaft getrieben, fuhr ſie empor, hob den Brief vom Boden auf und ſtam⸗ melte einige wilde unzuſammenhängende Worte, welche Nie⸗ mand recht begreifen konnte. „Es iſt falſch!“ rief ſte.„Ein reiner Betrug! ſie ſte⸗ hen Alle im Bunde, um mich zu erſchrecken. Aber ſie ſollen getäͤuſcht werden— ha, ha, ſie ſollen getäuſcht werden.“ Hiemit zerriß ſie den Brief in tauſend Fetzen und ſank langſam auf einen Stuhl, indem ſie ihr Haupt auf die Hand ſtützte. „Iſt der Wagen vorgefahren?“ fragte ſie, wie wenn 3 3 3 — 451 ſie nicht wüßte, daß ſeit der Ertheilung ihres Befehles nur ſo kurze Zeit verſtrichen war. „Nein, Mylady,“ erwiederte die Kammerfrau;„es iſt noch nicht Zeit. Da Ihr aber eben unwohl geweſen— wäre es da nicht beſſer, Mylady, wenn Ihr Eure Reiſe auf morgen verſchöbet?“ 3 „Nicht eine Stunde— keine Minute,“ rief Lady Col⸗ denham ſtrenge, und ſo ſtolz wie immer in ihrem Stuhle ſich aufrichtend, ſetzte ſie bei:„Ihr könnt Euch entfernen. Laßt mich wiſſen, wenn das Eſſen bereit iſt.“ Dreiunddreißigſtes Kapitel. Die Sonne ging langſam und ziemlich düſter hinter einer weiten melancholiſch ausſehenden Ebene im Weſten von England unter. Zwei Perſonen ſchauten über dieſe weite Fläche aus den Fenſtern eines erträglich bequemen Pacht⸗ hauſes, das auf dem erſten Abhange einer gegen Oſten ſich hebenden Ebene lag. Nichts konnte trauriger und hoffnungsloſer erſcheinen, als der Anblick des vor ihren Augen ausgebreiteten Schau⸗ platzes. Das Land war bis auf mehrere Meilen gegen Weſten vollkommen flach und faſt ausgehöhlt, ſo ziemlich einer holländiſchen Landſchaft ähnlich, wo ein breiter dem Meere abgerungener Landſtrich der Seele des Beſchauers fortwährend den Eindruck aufdrängt, als ob die See über kurz oder lang wieder einbrechen und ihr Eigenthum an ſich 29* reißen könne. Ich kenne wenig troſtloſere Gegenſtände als ſolche holländiſche Landſchaften im Spätherbſt oder zu Anfang des Frühlings. Der Sumpfgeruch dringt einem ſo zu ſagen in die Augen, ſo daß die Seele ſchaudernd ſich in ſich ſelbſt verkriecht, wie wenn ſie das Herzweh hätte, noch ehe ſich der Körper von der Krankheit ergriffen fühlt. Doch ſelbſt eine holländiſche Landſchaft hatte noch einen Vorzug vor derjenigen, die ſich hier vor unſeren Wanderern ausbreitete— es fehlte ihr nämlich an jenen mannigfaltigen Windmühlen mit ihren in der Luft ſchwenkenden Armen, welche den meiſten holländiſchen Anſichten einen Anſtrich munterer Rührigkeit verleihen. Auch die merkwürdigen alten Herrenſitze, gar oft mit Zugbrücken und Fallgattern verſehen und von alten Baumgruppen umringt, waren hier nicht zu ſchauen. Nur hie und da durch das Einfallen von Licht und Schatten markirt, ſah man ein Stückchen Boden — anſcheinend nur wenige Schritte breit, obwohl in Wirk⸗ lichkeit viel ausgedehnter— als eine Art Eiland nur wenige Fuße über den trüben Horizont der Ebene ſich erheben, und an ſolchen Punkten faſt unveränderlich den Kirchthurm ir⸗ gend eines Dörſchens mit einigen zwiſchen Obſtgärten zer⸗ ſtreuten Hütten auftauchen, welche von der Wohnung des 2 Squires oder Pfarrers überragt wurden. Alle dieſe Häuſer, wo Männer und Frauen wohnten, wo jede menſchliche Leidenſchaft regierte, wo Liebe und Haß, Hoffnung und Ehrgeiz, Neid und Stolz, Eiferſucht und Feindſchaft, wo Kampf und menſchliches Ringen ſo gut als inmitten vornehmer Höfe exiſtirten— erſchienen übrigens 45³3 in den Augen derer, die von der Höhe auf ſie herabſchauten, nicht größer als das kleinſte Kinderſpielzeug, ſo vollkommen war die Unbedeutendheit, in welcher ſie auf dieſer weiten Fläche verſanken. Düſter war der Anblick der ganzen Scene. Die unter⸗ gehende Sonne, halb in Wolken verſchleiert und doch theil⸗ weiſe durch die graue Nebelſchichte ſichtbar, ſah blaß und bleichſüchtig aus und ſchien eine ſchlimme Vorbedeutung zu künden. Kein roſiges Glühen bezeichnete ihr Unterſinken, bis ihre untere Scheibe den Rand des Horizontes berührte; dann kamen zwei bis drei blutrothe Streifen, das Sterben des Tages anzeigend, ohne für morgen eine Hoffnung auf hellere Blicke zu gewähren. Da war nichts von jenen ſtar⸗ ken Kontraſten, jenen tiefblauen Schatten und warmgelben Tönen, wie ſie ein wechſelnder April⸗ oder Oktoberabend mit ſich bringt; die äußerſte Nüancirung in der Tiefe der Färbung diente nur dazu, die kleinen hüttenbedeckten An⸗ höhen, von denen ich oben geſprochen, in ganz ſchwachem Relief abzuſchattiren. Dieſe Wirkung wurde vielleicht mehr durch die langen Dunſtlinien hervorgebracht, welche von den tieferen Theilen des Grundes aufſtiegen, als durch irgend welchen Gegenſatz von Licht und Schatten, und der trübe bleierne freud⸗ und ſtrahlenloſe Anſtrich des Ganzen wurde nur noch bedrückender durch zwei bis drei ſchlanke hellblaue Rauchſäulen, welche mehrere Meilen auseinander empor⸗ wirbelten zum deutlichen Zeichen, welch weiten Raum das Auge des Zuſchauers hier beherrſchte. „Hier herum muß irgendwo die berüchtigte, in unſerer ſächſiſchen Geſchichte ſo geprieſene Inſel Athelney gelegen haben,“ bemerkte Ralph,„denn dieſes war die große Marſche — im Winter damals faſt ganz mit Waſſer bedeckt— in welche die Dänen niemals einzudringen vermochten.“ „Es iſt in der That ein düſterer trauriger Ort— die wahre Zuflucht der Verzweiflung,“ meinte Hortenſia; als ſie ihre Augen etliche zwölf bis vierzehn Meilen weit über den Boden hinſchweifen ließ, ruhten ſie auf einem Punkte am weſtlichen Horizonte, wo eine Anzahl unregelmäßiger weißer Häuſermaſſen von einem ſehr hohen Kirchthurme gekrönt emporſtiegen, welch letzterer ſo einſam und melan⸗ choliſch wie eine Säule in der Wüſte ausſah.„Das muß wohl Bridgewater ſeyn,“ fügte ſie bei. „Ich denke ſo, kann es aber nicht genau ſagen,“ ant⸗ wortete Ralph.„Wir wollen den guten Pächter fragen.“ Nalph wollte ſich eben nach der Thüre wenden, als ihn Hortenſia mit den Worten zurückhielt: „Nein, verlaßt mich nicht, Ralph; ich bin heute Abend ſehr traurig. Ich weiß nicht wie es kommt; aber ich ver⸗ muthe, dieſe langen Reiſen, dieſe endloſen Beſorgniſſe ha⸗ ben Gemüth und Herz, Geiſt und Seele mehr noch als den Körper ermüdet, denn dieſe ſchwachen Glieder fühlen ſich nicht ſo matt, wie nach unſerer erſten Tagesreiſe: es gibt nichts Aergeres als dieſe Geiſtesermüdung. Es liegt wenig daran, ob das dort drüben Bridgewater iſt oder nicht; mag es ſeyn was es will— wir werden es ja morgen er⸗ fahren.“ Gleich darauf überkam ſie jedoch eine Anwandlung 5 —— 45⁵ jener Laune, wie ſie die Geiſtesermüdung, von der ſie ge⸗ ſprochen, gar oft erzeugt, und Hortenſia fuhr fort: „Sollte dort drüben Bridgewater liegen und die Doͤr⸗ fer, die wir vor uns ſehen, wirklich von des Königs Trup⸗ pen beſetzt ſeyn, wie die Leute ſagten, ſo müſſen ſie irgend⸗ wie an uns vorbeimarſchirt ſeyn, und ich ſollte meinen, wir könnten morgen früh nach Bath oder Briſtol entkommen. Wenn Monmouth vor ihnen iſt, ſo müſſen ſie natürlich alle Detaſchements und Nachzügler einziehen, ſo daß die Straße in ihrem Rücken für uns offen bleibt.“ „Ich habe gute Hoffnung, daß wiv's ſo finden werden,“ erwiederte Ralph;„wenn jedoch die geſtern Abend empfan⸗ gene Botſchaft richtig iſt, ſo muß Euer eigenes Haus, Dan⸗ vers Newchurch, nunmehr von dieſen Marodeurs frei ſeyn. Nichts iſt wahrſcheinlicher, als daß Lord Feverſham, wie die Leute uns ſagten, den Oberſt Kirke in forcirten Märſchen zu ſich beordert hat.“ „Ich wollte, Stilling käme zurück,“ ſagte Lady Dan⸗ vers ſeufzend.„Wir haben ſo lange an dem bitteren Brode der Ungewißheit gezehrt, daß ich dieſe Koſt über alle Maßen ſatt habe.“ „Der Mann iſt erſt ſeit einer halben Stunde fort,“ er⸗ wiederte Ralph Woodhall.„Nehmt meinen Rath, theure Lady, und legt Euch einige Stunden zur Ruhe nieder; ſo⸗ bald Stilling zurückkehrt, will ich Euch wiſſen laſſen, welche Nachrichten er gebracht hat. Wenn ich nicht irre, ſo wird heute die ganze Nacht hindurch Jemand im Hauſe aufblei⸗ 456 ben, denn die guten Leute ſind offenbar ängſtlich und furcht⸗ ſam, weil die Soldaten ſich ſo ganz in ihre Nähe drängen.“ „Wenn ich überhaupt ſchlafe,“ erklärte Hortenſia,„ſo ſoll es in dieſem Lehnſtuhle ſeyn, obwohl der Rücken ſo hoch und ſteif wie ein Grabmonument iſt; da werde ich ſtiller als im Bette ruhen und für jeden Vorfall gerüſtet ſeyn. Ich liebe dieſes nüchterne Zwielicht des Abends— dieſe Art Zwi⸗ ſchenzuſtand in der Beleuchtung, wo nichts ſehr glänzend und nichts ſehr dunkel iſt, ganz wie die ruhige gleichmäßige Färbung glücklicher Mittelmäßigkeit. Bleibt mir in einer ſolchen Stunde mit Lichtern vom Halſe! Ich könnte, glaube ich, für immer in dieſer Beleuchtung ſinnend und erwägend verweilen, wenn ſie nur andauerte, bis die Nacht des Alters oder des Todes über mich käme.“ Ihr ruhiger melancholiſcher Traum endete damit, daß die Thüre aufging und die gute Pächtersfrau eintrat, indem ſte in dem breiten Dialekte von Somerſetſhire ſagte: „Kommt, junges Volk, ſitzt nicht hier in der Dunkel⸗ heit zuſammen. Ich habe Euch unten Euer Abendeſſen brühheiß angerichtet: eine Maſſe eingeſchlagener Eier, et⸗ was geräucherten Speck und die beſten Pfannenkuchen, die noch je gebacken wurden. ˙8 iſt freilich eine armſelige Koͤſt für Leute, wie Ihr ſeyd; aber es iſt das Beſte, was wir armen Leute geben können, nnd wird von ganzem Herzen 4 gegeben.“ „Und ſo wollen wir es auch annehmen,“ erklärte Hor⸗ tenſta aufſtehend und ihre Hand der guten Wirthin auf den Arm legend.„Kommt, Ralph, laßt uns zum Eſſen gehen; 457 wir könnten unſere Zeit ſchlimmer anwenden, wenn wir über traurigen Gedanken hier ſäßen.“ „Ei, Du biſt eine recht liebe ſchöne Lady; überdies ha⸗ ben wir den beſten Cider in der ganzen Umgegend,“ erklärte die Pächtersfrau, neben ihrem ſchönen Gaſte die Treppe hin⸗ abwandelnd. Hortenſia konnte zwar die Verbindung zwiſchen ihr ſelbſt und dem Cider nicht recht einſehen; aber ſie fragte nicht weiter, und ſaß bald an des Pächters Abendtafel, an welcher neben ihm ſelbſt, ſeinem Weibe und ihren beiden Gäſten noch ein halb Dutzend Taglöhner und Pfluger Theil nahmen— alle ſehr anſtändig in ihrem Benehmen, wenn gleich roh und einfach in ihren Sitten. Das Geſpräch wendete ſich natürlich zu der Lage Mon⸗ mouths und der königlichen Truppen, und verſchiedene Be⸗ trachtungen wurden angeſtellt über den Ausgang des bevor⸗ ſtehenden Kampfes. Es war augenſcheinlich, daß der gute Pächter im Herzen ein Tory war, trotzdem daß er ſich ſorg⸗ fältig hütete, ſeine Anſichten auszuſprechen. „Du lieber Gott, Mylady,“ ſagte er als Antwort auf eine von Hortenſia's Bemerkungen,„es wird gar nicht zur Schlacht kommen. Der Herzog kann's nicht mit ſolchen Leuten aufnehmen, wie er ſie jetzt vor ſich hat— das heißt nämlich, der Herzog oder König Monmouth, wie ſie ihn nennen, und ich weiß natürlich nicht, welcher Titel der rechte iſt. Es heißt, er verſtärke ſich in Bridgewater, und ich weiß, daß er eine große Anzahl unſerer Burſche aufbieten ließ, um ihm Schanzen aufwerfen zu helfen. Mir iſt im⸗ 458 mer, als ob er bald Alles aufgeben müſſe! aber im Ganzen kann es Niemand gewiß ſagen. Krieg und Liebe ſind die beiden unſicherſten Dinge, die es gibt, und ich meines Theils weiß nicht, welches von Beiden das ſchlimmere iſt.“ „Die Liebe,“ erklärte Hortenſia lächelnd,„denn neben dem daß ſie, wie Ihr ſagt, ſchon an ſich ſelbſt ſchlimm iſt, führt ſie auch oft zum Krieg, welcher das andere Uebel aus⸗ macht.“ „Gott bewahre, Mylady: Liebe iſt in ihrer Art ein gutes Ding, wenn ſie jung und friſch iſt,“ meinte des Päch⸗ ters Weib mit luſtigem Lachen.„Sie iſt freilich nicht wie das Bier, das durchs Aufbewahren nur beſſer wird; aber all dieſe ſüßen Getränke werden ſauer, wenn ſie einmal umſte⸗ hen, und ſo iſt die Liebe nicht ſchlimmer wie die andern— iſt's nicht ſo, Vater?“. Der muntere Pächter ſchüttelte ſich die Seiten vor La⸗ chen und erwiederte mit einem Komplimente, wie es an ei⸗ nem Hofe nicht beſſer hätte gegeben werden können: „Frauen wie Du ſtehen niemals um, Du liebe gute Alte, denn in Deinem Herzen wohnt ein ſüßer Geiſt, der keinen Tropfen in Deinen Adern ſauer werden läßt, und je länger man Dich aufbewahrt, deſto beſſer wirſt Du.“ 3 Das Geſpräch trug einigermaßen dazu bei, die Gäſte aufzuheitern; aber Nalph und Hortenſta waren immer noch in Angſt um Gaunt Stillings Rückkehr, und Lady Danvers wollte ſich nicht eher zur Ruhe niederlegen, bis man Nach⸗ richt hätte, welchen Weg man am anderen Tage einſchlagen müſſe. 459 Nachdem das Abendeſſen vorüber war, verfügten ſie ſich wieder auf ihr Zimmer und ſetzten ſich an's Fenſter, während die gute Pächtersfrau ihnen mit einer einzigen Lampe folgte und ſich mit ihrem Strickſtrumpfe zu ihnen ſetzte, hie und da ein Wörtchen einwerfend, das, wie fle meinte, darauf berechnet war, ihren Muth aufrecht zu er⸗ halten. Ralph und Hortenſia ſprachen wenig, ſondern ſchauten auf die Landſchaft draußen, wo die Sterne ſchwach zu ſchim⸗ mern begannen, und die weite Fläche von Sedgemoor im Nebel verſchleiert wie eine trübe unſichere See ſich aus⸗ nahm. „Ach, wir können heute Nacht alleſammt nicht zur Ruhe kommen,“ begann die alte Frau und fuhr dann nach einer Pauſe und nach zwei bis drei Stichen an ihrem Strumpfe fort:„das kommt daher, weil uns Allen zu Muth iſt, als ob irgend etwas paſſiren müſſe— und es muß auch ſehr bald etwas geſchehen, das bin ich überzeugt. Sie ſind jetzt zu nahe aneinander gerathen, um ſich ohne gegenſeitiges Zauſen zu trennen.“ „Man kann nur mit Trauer daran denken,“ ſagte Hor⸗ tenſia,„daß der Morgen vielleicht Hunderten von ehrlichen Männern, welche Freunde und Brüder ſeyn ſollten, den Tod bringen wird.“ „Sehr wahrſcheinlich, Mylady,“ erwiederte die Bäu⸗ rin, und die Unterhaltung ſtockte hier eine Weile. „Pächter Bacon meint, es müſſe bald zur Belagerung kommen,“ hub die gute Dame nach halbſtündigem Schwei⸗ gen von Neuem an;„ich glaube aber nicht, daß ſie eine ſo langwierige Arbeit abwarten.“ „Ich denke, Lord Feverſham wird dem Herzog kaum Zeit laſſen, um ſich zu befeſtigen,“ bemerkte Ralph. Hier ſtockte das Geſpräch abermals. Nach einer Stunde etwa ſagte Ralph: „Horch! hört Ihr nicht den Klang von Pferdehufen auf einer harten Straße oder Chauſſee? Das iſt gewiß Stilling, welcher zurückkommt.“ „Es muß auf der Zoyland⸗Chauſſee ſeyn,“ meinte die alte Frau,„denn alle Straßen hier herum ſind bloſe Sand⸗ bahnen, auf denen man nicht einmal das Galoppiren eines ganzen Reiterregiments hören würde. Jenes Pferd iſt we⸗ nigſtens noch ſechs Meilen entfernt; aber die Nacht iſt ſtill, wie Ihr ſeht.“ Eine kurze Zeit verſtrich ohne fernere Bemerkung, bis Hortenſta plötzlich mit einem ſchwachen Schrei auffuhr. Gegen die Nitte des Moores ſah man einen hellen Feuerſtrahl den Nebel durchbrechen, und einige Sekunden ſpäter ließ ſich das laute Knattern von Musketenfeuer ver⸗ nehmen. Gleich darauf ſah man quer über das Moor in einer geraden, etliche drei bis vierhundert Schritte meſſenden Li⸗ nie, Blitz auf Blitz auftauchen, und hurte in das Knallen der Schüſſe noch andere Töne, vermuthlich Kommandoworte oder das Hurrah angreifender Truppen, ſich miſchen. Es var klar, daß eine Schlacht vor ſich ging— daß Monmouth einen nächtlichen Angriff auf des Königs Trup⸗ pen gemacht hatte, und daß von den Ereigniſſen, welche 461 auf einem Flecke dieſes wilden Moores ſtatthatten, das Schickſal eines Reiches abhing. Noch fünf bis zehn Minuten weiter und man ſah etwa zwei Meilen zur Rechten ein ſtetes anhaltendes Feuer auf⸗ leuchten, als ob dort eine Freudenflamme angezündet wor⸗ den wäre; aber auch viele Blitze wurden in jenem Theile des Moores ſichtbar, und dann kam das Traben zahlreicher Pferde, das deutlich von der harten Chauſſee herüberſchallte. Der Pächter kam mit allerlei Leuten des Hauſes her⸗ auf, um von hier aus dem fernen Kampfe zuzuſehen. Alle waren ſtumm und bleich von der ſtarken Erregung des Au⸗ genblicks, und es iſt keineswegs unwahrſcheinlich, daß we⸗ nigſtens unter den Taglöhnern mancher ſtille Wunſch zu Gunſten Monmouths aufſtieg. Endlich nach Verfluß einer Viertelſtunde begann das Feuern auf der Linken, aber es war nur ſchwach und zer⸗ ſtreut, und die Hitze des Kampfes tobte offenbar in der Mitte von Feverſham's Stellung. Dort dauerte das Feuern, bald ſteigend bald fallend, unaufhörlich fort, in kurzen Pauſen zuweilen abnehmend, aber nie ganz aufhörend. Zu⸗ letzt hoͤrte man ein dumpfes ſchweres Rollen und breitere hellere Blitze leuchteten durch die Finſterniß. „Jetzt kommen Kanonen in's Spiel,“ bemerkte Ralph. „Ja, die werden es bald zur Entſchei dung bringen,“ ſagte der Pächter.„Das Tageslicht zieht auch ſchon herauf. Seht, wie es dort drüben ſo grau wird!“ „Der Himmel erbarme ſich jener armen Menſchen,“ 462 rief Hortenſia ſeufzend.„Meint Ihr nicht auch, ein Schreien und Aechzen zu vernehmen, Ralph?“ „O nein, theure Lady,“ erwiederte ihr Begleiter.„Es tſt nur Eure eigene lebhafte Phantaſie, die es vernimmt.“ „Das Ohr des Himmels hört es jedenfalls,“ verſetzte Hortenſia, und die Augen zu Boden ſchlagend, verſank ſie in tiefes Nachſinnen. Des Pächters Stimme erweckte ſie wieder. „Wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt, Mylady, ſo legt Ihr Euch nieder und ruht ein paar Stunden aus— wir wollen ſagen bis fünf Uhr. Bis dahin werden wir wiſ⸗ ſen, wie die Sachen abgelaufen ſind, obwohl ich ſelbſt nicht daran zweifle. Bis dahin wird auch die Jagd vorüber ſeyn, und Ihr könnt dann frühſtücken, mit dieſem jungen Gentle⸗ man zu Pferde ſteigen nnd ruhig weiter reiten, indem Ihr Euch dem Rücken der Armee anſchließet.“ „Setzt aber den Fall, wir werden durch Nachzügler angehalten,“ fiel Lady Danvers ein.„Ich habe große Angſt vor dieſen Truppen des Oberſten Kirke, und da wir Niemand zu unſerem Schutze bei uns haben, ſo wären wir völlig ihrer Gnade preisgegeben, wenn wir mit ihnen zu⸗ ſammenträfen.“ „Wohlan,“ verſetzte der alte Pächter ſich am Kopfe kratzend,„ich will mit Euch reiten, bis Ihr außer Gefahr ſeyd. Wir wollen zwei unſerer Burſche mitnehmen: nicht daß ich oder ſie ein ſonderlicher Schutz für Euch wären; aber ich glaube ein Geheimniß zu beſitzen, um ſie in Ruhe zu halten. Ich glaube nicht, daß ſie es wagen werden, mir et⸗ 463 was anzuhaben. So gehi nur und ruht Euch aus— die liebe hübſche Lady!“ „Nach Allem, was ich geſehen habe, glaube ich nicht, daß ich ſchlafen kann,“ bemerkte Hortenſia. „Thut nichts, Mylady,“ ſagte des Pächters Weib. „Ihr ruht Euch jedenfalls aus, wenn Ihr Euch niederlegt. Kommt nur, ich will Euch den Weg weiſen.“ Hortenſia folgte, und Ralph erwog bei ſich ſelbſt, ob es nicht beſſer für ihn wäre, ſeine ſchöne Gefährtin unter die Obhut und ſichere Begleitung dieſer ehrlichen Leute zu ſtel⸗ len und den Pächter zu bitten, daß er ſeine Freundin unbe⸗ läſtigt zu einem ihrer Verwandten bringen möchte, ſtatt ſie ferner zu begleiten, da ſeine Gegenwart nur Unheil und Be⸗ läſtigung mit ſich bringen konnte. Er beſchloß zuletzt, ſie jedenfalls über die unmittelbare Nachbarſchaft des Schlacht⸗ ſeldes ſicher zu geleiten und ihr dann ſeinen Plan vorzu⸗ ſchlagen, deſſen Genehmigung ihr ſelbſt überlaſſend. Vierunddreißigſtes Kapitel. Ein kleines Häufchen zu Pferd bewegte ſich ſachte am Rande von Sedgemoor, da wo das Land etwas anzuſteigen beginnt. Sie befanden ſich übrigens noch immer auf dem Moor, das in jenen Tagen ein wirkliches Moor war, denn wenige Landſtriche auf der Oſtſeite des atlantiſchen Oceans haben in dem kurzen Zeitraume von nicht ganz zwei Jahr⸗ hunderten eine vollſtändigere Umwandlung erlitten. Eine leichte Erhebung des Bodens— gleichſam eine Welle in dieſem Erdmeere— verbarg die Reiſenden einigermaßen vor dem Felde, wo kaum zuvor die Schlacht war ausgefochten worden; allein dieſer Schutz war nicht ganz vollſtändig, denn der kleine Rücken war unregelmäßig und ſenkte ſich an manchen Stellen bis zur Tiefe des übrigen Marſchbodens. Unſer Häufchen verfolgte nichtsdeſtoweniger ſeinen Weg länger als drei Meilen unbeläſtigt, ohne die Pferde an⸗ zutreiben, noch irgend welche Haſt oder Beſtürzung blicken zu laſſen. Lady Danvers mit Ralph auf der einen und dem guten alten Pächter auf der anderen Seite, ritt voraus, und die Ungeſtraftheit, mit der ſie in der letzten halben Stunde ihren Weg fortgeſetzt hatten, begann ſchon ihren Muth und ihre Hoffnung zu ſteigern. Sie hatten eine etwas ſchiefe Richtung, welche einigermaßen von dem Schlachtfelde ab⸗ lenkte, und Hortenſia überließ ſich der zuverſichtlichen Hoff⸗ nung, daß jeder weitere Schritt vorwärts ſie und ihren Freund der Gefahr immer mehr entrücken werde. Auch der alte Mann zu ihrer Linken war heiter und gut gelaunt und ſchien nichts von Gefahren oder Störungen zu fürchten. Aber plötzlich beim Einbiegen um eine kleine Ecke ſahen ſie zwei Berittene mit Karabinern auf den Knien regungs⸗ los mitten auf dem Pfade vor ſich ſtehen, offenbar hierher poſtirt, um allen Flüchtlingen den Weg abzuſchneiden, welche etwa verſuchen ſollten, unter Begünſtigung dieſes Hohlwe⸗ ges zu entrinnen, nachdem ſie ſich um die Flanken der feind⸗ lichen Stellung herumgezogen hätten. In Hortenſia's Häuflein entſtand eine kleine Verwirrung, 83 ſobald man die Soldaten vor Augen bekam, und einer der hinten reitenden Bauernknechte rief: „Laßt uns quer über den Hügel galoppiren!“ „Halt,“ donnerte da Ralph, dem in der Regel ſeine Geiſtesgegenwart in Augenblicken der Gefahr zu Hilfe kam: „hier hängt Alles von unſerer Klugheit und Kaltblütigleit ab. Dieſen Männern können wir nicht ausweichen; wir müſſen ihnen entgegengehen und dann nach den Umſtänden handeln.“ 3 Nachdem er Hortenſien gebeten, eine Weile anzuhalten, ritt er allein voraus; indem er dem ihm zunächſt Stehenden mit der Hand zuwinkte. Auf den Anruf, welcher alsbald erfolgte, gab er die Loſung: „Der König— König Jakob.“ „Ja, ja,“ ſagte der Reiter,„heute Morgen ruft Jeder König Jakob', obgleich geſtern Nacht gar Mancher ſein König Monmouth⸗ hinausbrüllte.“ „Wir wenigſtens gehören nicht darunter,“ verſicherte NRalph,„denn ich wurde eben durch die Nachricht, daß der Herzog zu Bridgewater ſey, abgehalten, mich dorthin zu wenden. Auf alle Fälle könnt Ihr nicht annehmen, daß eine Dame ſich an ſolchen Dingen betheiligte, und Ihr wer⸗ det ſie hoffentlich ruhig ziehen laſſen, was eine Frau von jedem guten Soldaten erwarten kann.“ „Ich darf Niemand paſſiren laſſen, weder Mann noch Frau,“ lautete die barſche Antwort der Schildwache.„Ich habe ſtrikten Befehl, Jedermann anzuhalten und durch einen der höheren Offiziere eraminiren zu laſſen. Ihr ſelbſt wie James. Das Schickſal. 30* Euer ganzer Haufe muß ſtehen bleiben wo Ihr ſeyd, bis wir von jener Hügelſpitze das Signal geben. Habt Acht, daß Ihr Euch ganz ruhig verhaltet und Euch nicht von der Stelle rührt, ſonſt wird mein Kamerad von vornen und ich von der Flanke Feuer auf Euch geben.“ „Wir werden uns ganz ruhig verhalten, wo wir ſind,“ erwiederte Ralph in ganz gleichgültigem Tone;„nur das Eine laßt uns noch beifügen, daß wir ſtatt mit einem unter⸗ geordneten Offizier weit lieber mit einem der Generale ſpre⸗ chen möchten, die uns wahrſcheinlich kennen würden.“ „Das kann ſchon ſeyn,“ verſetzte der Kriegsmann. „Ich ſah kaum vorhin den General herumreiten; vielleicht ſchaut er ſich um, wenn er nicht zu weit weg iſt.— Geht nur, und bleibt bei den Uebrigen.“ Ralph kehrte zu ſeinem Häuflein zurück, indem er offen⸗ bar zu großer Beunruhigung Hortenſia's das Vorgefallene mittheilte. „Fürchtet Euch nicht, fürchtet Euch nicht,“ ermahnte der alte Pächter in heiterem Tone.„Ich weiß ein Geheim⸗ niß, das ſie ſchon zähmen wird, beſonders wenn ſie einen der Oberſten oder Generale herbringen.“ Aber Hortenſta's Beſorgniſſe waren nur wegen Ralph's rege geworden. 3 „Ich fürchte mich nicht im Mindeſten um meinet⸗ willen,“ ſagte ſie leiſe;„aber Ihr ſchwebt in der That in der höchſten Gefahr, Ralph. Wäre es nicht beſſer für Euch, wenn Ihr umdrehen und Eure Flucht auf der anderen Seite verſuchen wolltet?“ 467 „Nein, nein,“ erwiederte er.„Ich würde nur Ver⸗ dacht über Euch bringen und wahrſcheinlich doch eingefangen werden, noch ehe ich ein paar Meilen weit geritten wäre. Ueberdies bin ich dieſer fortwährenden Ungewißheit müde, theure Lady, und glaube in Wahrheit, daß ich in dieſer Rich⸗ tung ebenſo gute Ausſicht zu ungehindertem Durchzuge habe, wie in jeder andern.“ Hortenſia hängte das Köpfchen, und ſeine Antwort ſchien ſie nicht ganz zu befriedigen. Sie hatten jedoch nicht lange Zeit zur Berathung oder Erwägung. In weniger als fünf Minuten ſah man die Köpfe einer beträchtlichen Militärabtheilung jenſeits des Hügels auftauchen, welche in raſchem Schritte daher ſprengend den kleinen Hohlweg, wo Hortenſia und die Ihrigen warteten, gar bald erreichte. Einige Schritte voraus ritt ein Mann von diſtinguir⸗ tem Aeußeren, ziemlich über mittlere Größe mit einem Ge⸗ ſichte, das, wenn nicht geradezu hübſch, doch hohe Geiſtes⸗ kraft ausdrückte, wenn anders Phrenologie oder Phyſiognomik nicht täuſchen. Er hatte ſeit Beendigung der Schlacht die Kriegsrüſtung offenbar abgelegt und trug jetzt das gewöhn⸗ liche Koſtüm eines Hofkavaliers mit einziger Ausnahme der ſchweren Reiterſtiefel und des langen Schwertes, womit ein bloſer Höfling ſich nicht leicht belaſtet hätte. Im Näher⸗ reiten maß er das Häuflein mit ſcharfem, klugem, durch⸗ dringendem Blicke; als er jedoch auf fünf Schritte herange⸗ kommen war, ſchien er plötzlich eine Perſon in der Gruppe zu erkennen und ſprengte mit abgezogenem Hute zu Horten⸗ ſten heran, indem er ausrief: 30* 468 „Theure Lady Danvers, darf ich meinen Augen trauen?“ „Ja wohl, Lord Churchill,“ gab ſie mit freundlichem Lächeln zur Antwort, denn die Höflichkeit dieſes großen, aber herzloſen Mannes war ihr wohlbekannt;„um Euch die Wahrheit zu ſagen, ich habe einige Urſache, Euch böſe zu ſeyn, denn ich fürchte, auch Ihr ſeyd Schuld daran, daß mein Wagen in Stücke ging, daß ich manche Meile von meinem Wege ablenken mußte und doch beinahe mitten in die Schlacht gerathen wäre.“ „In der That eine ſchwere Schuld,“ bemerkte Churchill lachend;„wie ſoll ich mich aber an dieſen ſchrecklichen Tha⸗ ten betheiligt haben?“ „Ei nun, die Sache iſt einfach die: ich wollte mit die⸗ ſem Gentleman, der mich eskortirt, nach Wells reiſen,“ er⸗ klärte Lady Danvers. Mit einer tiefen Verbeugung gegen Ralph und einem ſcharfen Blicke auf ſeine Perſon zog Churchill ſeinen Hut, und Hortenſia fuhr fort: „Ich konnte jedoch meinen Plan nicht ausführen, denn immer fand ich einige Eurer Truppen in meinem Wege, und. ich fürchtete mich nicht wenig vor ihnen.“ „Ei, ei, welche Satyre!“ rief Churchill.„Wir hätten Euch ganz, wie vor Alters die Ritter, mit aller Höflichkeit behandelt.“ „Keine Satyre, ſondern ehrliche Wahrheit, General,“ erwiederte Lady Danvers ſpitzig.„Der erſte, auf den wir ſtießen, war Oberſt Kirke mit dem Tangerregiment, und 7 ————-—— 469 ſeine Leute— ſo hörten wir allenthalben— plünderten das ganze Land und mißhandelten Jeden, der in ihre Hände ſiel.“ Churchill runzelte die Stirne und murmelte: „Das wird doch gar zu arg; dieſer Mann ſollte be⸗ ſtraft werden.— Ich hoffe, Ihr habt keine Kränkung oder Beleidigung von ihm erfahren.“ „Nein,“ antwortete Hortenſta;„aber ich entkam nur dadurch, daß ich in einen engen Pfad einbog, wo, wie ge⸗ ſagt, mein Wagen in Stücke zuſammenbrach, ſo daß ich mich zu Pferde ſetzen und ſo ſchnell ich konnte davon machen mußte. Was aus dem Wagen und ſeinem Inhalte, was aus meiner Zofe und meinen Dienern geworden, muß ich erſt noch erfahren.“ „Es thut mir ausnehmend leid, daß Ihr ſolche Belä⸗ ſtigung erlitten habt,“ bemerkte Churchill,„und ich kann Euch nur dadurch entſchädigen, daß ich Euch augenblickliches und ſicheres Geleite nach Wells oder wohin Ihr ſonſt zu gehen wünſchet, auf genügende Strecke zuſichere.— Wer ſind aber dieſe drei Herren hinter Euch, die in ſo ganz ländlichem Anzuge auftreten?“ fuhr er in lauterem Tone fort. „Ci, General, kennt Ihr mich nicht?“ rief der gute Pächter, auf ihn zureitend.„Ich ſah Euch erſt geſtern Morgen in Mylords Hauptquartier. Da iſt die Geſchichte haarklein: ich bin Joſtah Bacon und denke, das ſollte mir und jedem meiner Begleiter freien Paß gewähren.“ 470 Mit dieſen Worten ſtreckte er ihm einen Papierſtreifen entgegen, den er aus der Taſche gezogen hatte. „Ich meine mich Eures Geſichts zu erinnern,“ ſagte Churchill, das Papier ergreifend, auf welchem folgende Worte geſchrieben waren: „Hiemit wird bezeugt, daß Joſiah Bacon, ein treuer und loyaler Unterthan unſeres ſouveränen Herrn, König Jakobs des Zweiten, für den Dienſt der königlichen Artil⸗ lerie achtzehn Pferde freiwillig geliefert hat. Alle getreuen Anhänger unſerer Majeſtät, alle unter meinem Kommando ſtehenden Offiziere der Armee werden erſucht, beſagten Jo⸗ ſiah Bacon in ſeinen geſetzlichen Geſchäften oder im Dienſte des Königs auf den verſchiedenen Stationen und Poſten un⸗ gehindert ein⸗ und auspaſſiren zu laſſen. Feverſham.“ Darunter ſtand: „Ich verbiete hiemit jegliche Einquartierung von Sol⸗ daten oder Offizieren in dem Hauſe oder auf den Grund⸗ ſtücken des obengenannten Bacon und verlange in des Königs Namen von Jedermänniglich, daß ihm bei jeder geſetzmäßigen Veranlaſſung Hülfe und Beiſtand geleiſtet werde.“ „Gut,“ ſagte Churchill, ſobald er geleſen hatte.„Wer ſind aber die beiden Männer hinter Euch?“ „Nur zwei von meinen Burſcheu,“ gab der Pächter zur Antwort.„Ihr ſeht, General, die Sache war die: My⸗ r 471 lady und dieſer Gentleman kamen geſtern Abend in mein Haus, wollten ihren Weg nach Briſtol, Bath, Wells oder an irgend einen dieſer Orte fortſetzen, waren aber in großer Angſt wegen Eurer Soldaten, denn Kirke's Lämmer hatten. ſie verſcheucht. Sie führten damals einen Diener bei ſich, und während wir ſie aufnahmen und ſie nach unſern beſten Kräften verpflegten, ſchickten ſie den Mann fort— Stilling heißt er, glaub' ich— um zu ſehen, welchen Weg ſie mit Sicherheit einſchlagen könnten— das hörte ich mit meinen eigenen Ohren. Nachdem wir geſtern Nacht von unſeren Fenſtern aus die Schlacht beobachtet— und herzlich beteten wir Alle für des Königs Sieg— da beſchloſſen ſie, heute Morgen aufzubrechen, ſobald ſie erfahren, daß Ihr den Sieg errungen; da ſie ſich übrigens noch einigermaßen vor Nach⸗ züglern und dergleichen Geſindel fürchteten, ſo nahmen ſie mich und dieſe beiden Burſche mit ſich, um ihnen den Weg zu weiſen und für ſie Sorge zu tragen.“ Hortenſia hatte noch ſelten eine lange Rede ſo ſehn⸗ lichſt beendigt gewünſcht; doch Churchill hörte den Mann mit exemplariſcher Geduld an, und als der Pächter fertig war, fragte er: „Köͤnnt Ihr mich bei Eurer Layalität verſichern, Mei⸗ ſter Bacon, daß dieſe beiden Männer wirklich Eure Knechte ſind und daß ſie an der Schlacht geſtern Abend keinen An⸗ theil genommen?“ „Bei meiner Seele, auf mein Gewiſſen! ſie kamen nie aus dem Hauſe und haben die letzten zwei Jahre bei mi gedient,“ betheuerte der Pächter. 472 „ Wohlan, Ihr könnt paſſiren,“ erklärte Churchill. „Wollt Ihr mit ihnen weiter, Lady Danvers?“ „Kommt, Ralph,“ ſagte Hortenſia hocherfreut. Allein Churchill ſiel mit ernſter Miene ein: „Bitte um Verzeihung! Dieſem Gentleman muß ich noch einige Fragen vorlegen, ehe er mit Euch weiter geht.“ Hier ſchwieg er, wie wenn er erwartete, daß ſie ſich ent⸗ ferne; allein Hortenſta hielt die Hand feſt am Zügel, worauf der General fortfuhr: *„ Darf ich fragen, wer Ihr ſeyd, Sir?“ „Eine höchſt unwichtige Perſon Mylord,“ erwiederte Ralph. „Eurer Haltung nach ſcheint mir dies unwahrſchein⸗ lich, Sir,“ ſiel Churchill in höflichem Tone ein,„wenn auch nicht ganz ſo wichtig, wie ich Anfangs glaubte. Ihr ſeyd faſt von derſelben Größe wie der Herzog von Monmouth, und als ich Euch zuerſt ſah, glaubte ich ſchon, den Vogel gefangen zu haben, nach welchem wir heute den ganzen Morgen alle Büſche durchſuchen. Ich erkenne meinen Irr⸗ thum; aber darf ich um Euren Namen bitten? Ihr müßt wohl vom Hofe ſeyn, nur habe ich nicht die Ehre, mich Eu⸗ rer zu erinnern.“ „Ich heiße Woodhall, Sir,“ erklärte Ralph. „Euer Taufname?“ fragte Churchill. „Ralph,“ gab der Andere ruhig zur Antwort. „Dann muß ich Euch bitten, Sir, mich in mein Quar⸗ tier zu begleiten und Lady Danvers für einige Zeit des Vergnügens Eurer Geſellſchaft zu berauben,“ verſetzte der General.„Ich werde jedoch Sorge tragen, daß Eure Stelle gehörig ausgefüllt und daß Mylady keiner weiteren Unbe⸗ quemlichkeit unterworfen wird.“ „Das iſt Alles, was ich wünſchen konnte,“ verſicherte Ralph. Allein Hortenſia, ihre Augen mit ernſtem geſpanntem Blicke auf Churchill's Geſicht heftend, fragte: „Geht er als Gefangener mit Euch, Mylord Chur⸗ chill?“ „Nicht gerade als mein Gefangener, theure Lady Dan⸗ vers,“ erwiederte Churchill;„er wird nur eine Zeit lang mein Gaſt ſeyn.“ Als er jedoch einen Ausdruck des Kum⸗ mers und des Zweifels in Hortenſia's Miene bemerkte, fuhr er fort:„Die Wahrheit iſt und ich will ſie vor Euch nicht verhehlen: ich habe im Quartiere des kommandirenden Ge⸗ nerals Lord Feverſhams gehört, daß der Befehl zur Arre⸗ tirung eines Gentlemans Namens Ralph Woodhall wegen irgend einer Anklage— ich weiß nicht genau welcher— erlaſſen worden. Ich arretire ihn nicht ſelbſt, weil ich kein Konſtable oder Gerichtsbote bin; aber es iſt meine Pflicht, aus Gehorſam gegen die erhaltene Andeutung, ihn anzu⸗ halten.“. „Dann iſt das Vergehen, deſſen er angeklagt wird, jedenfalls kein militäriſches,“ erklärte Lady Danvers,„und in dieſem Falle kann Lord Churchill nicht berufen ſeyn, ſich ſelbſt zum Konſtable herzugeben. Ich erſuche Euch, My⸗ lord, da Ihr ja wiſſen müßt, daß dieſer Gentleman an der unglückſeligen Rebellion keinerlei Antheil genommen, ihn 474 mit mir paſſiren zu laſſen, denn ich bin hauptſächlich die Ur⸗ ſache geweſen, die ihn in ſeine jetzige Lage gebracht hat. Hätte er es nicht unternommen, mich ſicher nach Wells zu geleiten, ſo wäre er in dieſem Augenblicke ſchon viele Mei⸗ len von dieſer Stelle.“ „Theure Lady Danvers,“ erwiederte Churchill mit jener einnehmenden Grazie, die ihn beſonders auszeichnete, „Ihr ſeyd jetzt, glaube ich, nahezu drei Jahre am Hofe von England, und wo nur Wenige ungefährdet durchkommen, da habt Ihr Euch einen unbefleckten Ruf bewahrt, und Eure Ehre ſteht ſogar für den Neid zu hoch und rein, als daß man ſie zu bewölken verſuchen dürfte.“ Die Röthe ſtieg in Hortenſia's Wangen, denn ſie glaubte, er wolle ihr Umherreiſen mit Ralph tadeln und auf die Wirkung hindeuten, die es für ihren guten Ruf haben könnte; allein Churchill gab ſeiner Rede eine ganz andere Wendung, indem er nach augenblicklicher Pauſe fortfuhr: „Ihr werdet dieſen Ruf gewiß hochhalten, theure Lady Danvers: nicht die leiſeſte, einſchmeichelndſte Ueberredung würde Euch veranlaſſen, von dem Wege der Pflicht abzu⸗ weichen oder eine Handlung zu begehen, welche Euren Na⸗ men beſchmutzen könnte. Der Name eines Soldaten muß ebenſo unbefleckt erhalten werden; der Krieger muß ebenſo gut wie jede ſchöne Dame im Lande zum Widerſtande gegen alle Verlockungen gefaßt ſeyn, und muß ſein Benehmen von jeder Beſchuldigung rein erhalten, wie groß auch immer die Verſuchung ſeyn möge. Wäre dem nicht ſo, dann würde ich Euch, fürcht' ich, ſogleich nachgegeben haben.“ 475 Hortenſta ſchien immer noch zu Gegeneinwendungen geneigt; allein Ralph erſuchte ſie, dies zu unterlaſſen und redete einige leiſe Worte mit dem General ſelber. Churchill gab der ihn begleitenden Eskorte ein Zeichen und ſprach mit einem älteren Offizier, welcher vorausritt, worauf in der Anordnung ſeiner kleinen Truppe eine kleine Aenderung eintrat. Dies Alles geſchah ſehr raſch, und während die Reiter in verſchiedenen Richtungen hinſpreng⸗ ten, ritt der General noch einmal ganz dicht zu Lady Dan⸗ vers und ſagte leiſe: „Aengſtigt Euch nicht um dieſen Gentleman, theure Lady Danvers: ohne Zweifel wird ihm kein Leid geſchehen. Die Anklage gegen ihn betrifft, glaube ich, ein Duell, das in ſeiner Form nicht ganz regelmäßig war; ſolche Ereigniſſe werden jedoch heutzutage nie ſo gar ſtreng behandelt, wenn einmal die erſte Wirkung auf die öffentliche Meinung vor⸗ über iſt. Wir wollen die Sache ſo lang wie möglich hin⸗ auszuſchieben verſuchen, und dann kann das Reſultat nicht zweifelhaft ſeyn.“ „Wollt Ihr mir verſprechen, Lord Churchill, Euer Beſtes für ihn zu thun und ihn um keinen Preis dem Ober⸗ ſten Kirke auszuliefern?“ fragte Lady Danvers mit einer vor Aufregung zitternden Stimme. „Ich gelobe Euch Beides mit meinem Ehrenwort,“ verſicherte Churchill,„und ich glaube, Ihr braucht Euch kei⸗ neswegs zu ängſtigen.“ Im ſelben Augenblicke naͤherte fi ch Ralph, nahm Hor⸗ 476 tenſia's Hand und beugte ſein Haupt über ſie, indem er ſagte: „Lebt wohl, theuerſte Lady! möge Gott Euch ferner ſegnen und beſchützen!“ Und ohne eine Antwort abzuwarten, wendete er ſein Roß und galoppirte davon. Hortenſia ſah, daß zwei von Lord Churchill's Ordou⸗ nanzen der Eine rechts, der Andere links neben ihm ritten. Ohne ein Wort an den General zu richten— denn ihr Herz war zu voll zum Sprechen— lenkte ſie ihren Zelter nach der Straße, welche ſie früher verfolgt hatte. Der alte Offizier, welcher mit Churchill geredet, folgte mit zwei bis drei Reitern und nahm Ralphs Stelle neben Hortenſien ein, indem er bemerkte: „Lord Churchill hat mich befehligt, Mylady, Euch zehn Meilen auf Eurem Wege zu begkeiten— oder auch noch weiter, wenn Ihr es verlangen ſolltet.“ Hortenſia neigte blos ihr Haupt und hätte in dieſem Augenblicke viel um einen Schleier oder eine Maske ge⸗ geben, denn die Thränen ſchoſſen ihr ſtromweiſe über die Wangen. 4 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Der Inſurrektionskrieg war vorüber, aber der weitaus blutigſte Theil der ganzen Tragoͤdie ſollte nun erſt beginnen. Es liegt gewiß eine Art von Wahnſinn in allen Laſtern und 477 Verbrechen des Menſchengeſchlechtes— etwas, das über den bloſen Geiſt des Böſen hinausreicht, das uns über die Grenzen der Vernunft drängt und uns ſogar mit Ueber legung Handlungen begehen läßt, welche der richtige Ge⸗ brauch der Vernunft aufs Aeußerſte verbieten würde. Wir Alle ſind in die Idee des Ruhms verliebt: wir fühlen unſer Herz erglühen bei der Erwähnung tapferer Thaten; der Glanz großer Siege, die Klänge des Triumphs und der Jubel kriegeriſcher Erfolge erregen unſere Phantaſie und er⸗ wärmen den hölliſchen Theil des Blutes in unſeren Adern. Aber was wird aus der Vernunft? 4 Niemand war ſolchen Illuſionen inniger ergeben, als ich ſelbſt; Niemand hat beim Leſen ritterlicher Heldenthaten, beim Anhören ruhmvoller Geſchichten ein tieferes Zucken des Herzens empfunden. Aber laßt den Leſer ſolche Groß⸗ thaten nunmehr auf denſelben Probetigel legen, dem ich ſie ſeit wenigen Tagen unterworfen habe: laßt ihn ein großes Schlachtengemälde betrachten, wo die Phantaſie und Ge⸗ ſchicklichkeit eines vollendeten Malers ihr Beſtes gethan hat, um das Intereſſe zu erhöhen und die ſchauderhaften Einzel⸗ heiten der Scene zu verhüllen— wo der Staub, der Pul⸗ verdampf und die krampfhaften Zuckungen weggelaſſen ſind— wo der Todeskampf des Sterbenden und die ausgeſtreuten Leichen in ſchön fließenden Linien zu den Füßen der tram⸗ pelnden Roſſe und der angreifenden Sturmkolonnen gruppirt ſind— wo das Blut im Kontraſte mit der Bläſſe der Ge⸗ ſichter nur ſparſam verwendet und das feurige Platzen einer Bombe, durch einen Blitz erleuchtet, mit einem Strome ge⸗ 478 ronnenen Blutes in Einklang geſetzt iſt, um eine harmoniſche Wirkung des Kolorits hervorzubringen. Laßt ihn das Bild nicht der Beigaben des Malers entkleiden, laßt es verſchö⸗ nert, ſoweit nur der Pinſel es verſchönern konnte; aber laßt es ihn alles deſſen entkleiden, was ſeine eigene Einbil⸗ dungskraft hinzugefügt hat, und dann laßt es ihn unter dem Mikroskope der Vernunft zergliedern: laßt ihn die Kämpfen⸗ den einen um den andern betrachten und fragen, für was ſie kämpfen. 3 Einer für einen Namen in der Geſchichte, den er ſich wahrſcheinlich niemals erwirbt und der ihn nichts nützt, auch wenn er ihm wird. Ein Anderer, weil er von einem Kö⸗ nige oder Heerführer zum Fechten befehligt iſt— befehligt, auf das Kopfnicken eines Mannes, dem er in's Geſicht ſpeien würde, wenn er ihn ſeine Schuhe putzen hieße— ſein eigenes Blut zu vergießen und Anderen das Leben zu nehmen. Ein Dritter kämpft aus reinem Patriotismus, ohne ſich zu fragen, ob nicht derſelbe oder ſogar noch ein höherer Zweck durch andere als dieſe henkerartigen Mittel, womit er ſeine Hände beſchmutzt, ſich erreichen ließe. Wieder Andere(und ſie bilden weitaus die Mehrzahl) fechten um einen Taglohn von vier Groſchen bis zu einem Schilling, und ſie fechten ebenſo tapfer und ritterlich, wie die Uebrigen. Die ganze Armee iſt beſchäftigt, Gottes Ebenbild zu entſtellen, Gottes Geſetz zu brechen und ihren Nebenmenſchen das große, mächtige, unſchätzbare Gut des Lebens— jene ätheriſche Eſſenz— zu rauben, die ſie ihnen nie erſetzen können, und das Alles zur Förderung von Plänen und Abſichten, welche 479 zweihundert Jahre ſpäter den Lauf der Ereigniſſe oder die Geſchichte der Welt nur ganz wenig verändert haben, wenn ſie nicht gänzlich in Vergeſſenheit gerathen ſind. Nun betrachte man aber dieſe Geſtalten einzeln, be⸗ trachte dieſe dunkeln, ſchwärzlichen Dinge, welche hier auf der Erde liegen und bedenke, was Alles dieſe große Hel⸗ denthat jedem Einzelnen gebracht hat. Jener ſchönlockige Jüngling dort am Boden war die Hoffnung eines Mutter⸗ herzens, der einzige Liebling einer Wittwe, die Stütze ihres Alters und ihrer Krankheit. Sein letzter Gedanke, als er ſein Lebensblut dem Herzen entſtrömen fühlte, galt ſeiner armen Mutter, und mit dem prophetiſchen Auge des Todes konnte er Jahre des nagenden Kummers und der Vernach⸗ läſſigung, Jahre bitteren Mangels und des Armenhauſes vor ihr liegen ſehen. Betrachtet jenen handfeſten, etwas älteren Burſchen, der ſein Schwert noch mit der Todtenhand umfaßt: ſeine ſchöne offene Stirne, ſeine mächtigen Glied⸗ maßen zeigen einen Mann, der ſeinem Lande treffliche Dienſte leiſten und die beſten Intereſſen der Menſchheit auf anderen Gefilden als dieſe— ja auf beſſeren, edleren Ge⸗ filden hätte fördern können. Der letzte Gedanke ſeines Her⸗ zens, als er den toͤdtlichen Schuß erhielt, war an ſeine ſtille— Heimath, an das Weib und die Kleinen, die er nie wieder ſehen ſoll: er dachte an ihr künftiges Loos, an all die har⸗ ten Wechſelfälle des Lebens, wenn ſie des Gatten und Va⸗ ters beraubt wären, und zwiſchen ſeinen ſcheidenden Geiſt und ſeinen Gott trat eine Wolke des Zweifels. Dicht neben ihm, wahrſcheinlich im nämlichen Augenblicke erſchlagen, 480 liegt der verhärtete Böſewicht, ungezüchtigt, ungebeſſert, mit Verbrechen beladen und ohne eines Augenblickes Reue oder Warnung vor die Gegenwart des beleidigten Gottes gerufen; hart neben ihm der junge ſchwankende Wankel⸗ muth, mit Selbſtvorwurf im Herzen, mit der Erkenntniß, daß er Unrecht gethan, mit dem Streben nach höheren Dingen, mit dem Entſchluſſe noch nicht begonnener Beſſe⸗ rung. Auch er iſt ohne wirkliche Buße oder aufrichtiges Gebet zur Rechenſchaft abgerufen, noch ehe ſeine Abſicht zur That werden konnte. Eine brennende Ortſchaft iſt im Hintergrunde und viele andere liegen ohne Zweifel in der Nähe! Manche Heimath zerſtört— Familien verödet— Söhne, Väter, Gatten, Brüder erſchlagen— Weinen in allen Augen, Todesqual in allen Herzen. Dies iſt jedoch nur der nächſte Umkreis um die unmit⸗ telbare Stelle des Ruhms, denn von ihr ſehen wir nach allen Seiten tiefe Ströme des Unglücks, des Kummers und Elends ausfließen, mit denen verglichen die vorübergehende Freude, der kurzdauernde Jubel eines großen Sieges nur wie eine Sternſchnuppe in dunkler Nacht ſich ausnimmt. Es wurde geſagt— ja man hat wirklich geſagt— wir dürfen ſolche Dinge nicht allzu nah betrachten. Glaube mir, theurer Leſer, die Handlung der Leidenſchaft, die wir nicht allzu nah betrachten dürfen, iſt immer vom Uebel. Uebrigens bedarf es nicht einmal ſo genauer Unterſucheng, denn der Richterſpruch der Vernunft iſt ausgeſprochen, ſo⸗ bald ſich das Gemälde vor der Beſchauung verſchleiert. 481 Wenn aber ein wahrhaftes Bild der unſtnnigen Sünde des Krieges ſich alſo ausnimmt— was müſſen wir vollends von Geſetzen, Sitten und Handlungen, was müſſen wir von den Menſchen denken, die ſie machten oder begingen, von welchen Meere von Blut, kaltblütig auf dem Schaffotte ver⸗ goſſen, nachdem die wilde Leidenſchaft vorüber war, über die Blätter der Geſchichte geſtrömt ſind, ſo daß dieſe nur wie ein einziges ſcharlachrothes Verbrechen erſcheint. Wenn es zweifelhaft— ja mehr als zweifelhaft iſt, ob es weniger als Mord ſey, wenn man das Blut eines Menſchen wegen an⸗ derer Verbrechen, als wieder wegen Mords vergißt— was müſſen wir von Tod und Folter denken, welche nicht allein wegen Handlungen, ſondern auch wegen Worten und ſogar Gedanken von einem menſchlichen Weſen über das andere verhängt wurden? Die menſchliche Geſellſchaft muß ein ſchlimmes und ſchwaches Ding ſeyn, wenn ſie zu ihrem Schutze ſolcher Verbrechen bedarf! Unter allen Perioden der engliſchen Geſchichte iſt die Zeit, von der ich ſchreibe, vielleicht diejenige, welche durch ſolche Gräuelthaten am widrigſten entſtellt wurde. Die Bühne war eben erſt eröffnet, die Tragödie hatte nur mehr ihren Anfang genommen, als die Schlacht von Sedgemoor zu Ende ging. Alle Formen des Geſetzes blieben unbe⸗ achtet; ohne Prozeß wie ohne Gnade wurden Gefangene geſchlachtet; den Beargwöhnten trafen Strafen, ſchrecklicher als der Tod; die bloſen Anhänger einer erfolgloſen Sache wurden genöthigt, die Schlachtopfer der Tyrannei zu hängen und zu viertheilen und ihre Hände in das warme Blut von James. Das Schickſal. 31 * 482 Freunden und Genoſſen— ja man verſichert ſogar von Ver⸗ wandten— zu tauchen. Der Teufel Kirke hanthierte den ganzen Tag in ſeinem brutalen Amte; ſeine rohen Kriegs⸗ knechte tranken ſich ſatt im Blut und jubelten mitten in dem Blutbade in ungezügelter Ausſchweifung. Ihnen entging Keiner, auf den das eiferſüchtige Auge der Gewalt gefallen, wenn er nicht um enormen Preis, der ſich durch ſeinen Tod nicht erreichen ließ, ſein Leben von der Strafe des Verraths loskaufte, denn Kirke zog immer das Blut vor, ſobald ihm die Wahl gelaſſen wurde. Wenn Churchill ſeinen Gefangenen, Ralph Woodhall, alsbald einem untergeordneten Offizier oder ſogar dem Lord Feverſham übergeben hätte, ſo iſt mehr als wahrſcheinlich, daß ſein Schickſal augenblicklich beſiegelt worden wäre. Seine Anweſenheit auf dem Kampfplatze nach der Schlacht hätte für vollkommen genügend, eine Unterſuchung, ein Verhör von Zeugen hätte für durchaus unnöthig ge⸗ golten: er wäre verurtheilt und geſchlachtet worden, noch eehe er die Haide von Sedgemoor verlaſſen hätte. Allein Churchill gedachte ſeines Verſprechens an Hortenſien und vollführte es als Ehrenmann. Auch lag Etwas in Ralphs Weſen, was ihm wohlgefiel, denn Gold und Ehrgeiz abge⸗ rechnet war dieſer große General nicht unempfindlich für edle Eigenſchaften Anderer. Er war ein ſcharfer Beurthei⸗ ler menſchlicher Natur, und Ralph zeigte in ſeinem Ver⸗ kehre mit ihm eine offenherzige Geradheit, die er ſo günſtig deutete, daß er die Nachſicht gegen ihn bis zur äußerſten Grenze ausdehnte. Als er um die Mittagsſtunde in ſein 483 Quartier zurückkehrte, ſprach er eine Zeitlang mit ihm, er⸗ wies ihm jede Art von Höflichkeit und Aufmerkſamkeit und ſagte endlich: „Es kann mehrere Tage anſtehen, bis ich Lord Fever⸗ ſham ſehe oder Gelegenheit habe, Euch den Händen Derer zu überliefern, welche Euch eine offene, unparteiiſche Unter⸗ ſuchung zuſichern ſollen. Ihr habt mir freimüthig auf Alles geantwortet, Mr. Woodhall, und ich hege nicht den gering⸗ ſten Zweifel, daß Ihr ein Mann von Ehre ſeyd. Wenn Ihr mir alſo Euer Ehrenwort geben wollt, daß Ihr Euch als Gefangenen betrachten und Euch nicht über eine halbe Meile aus meinem Quartier entfernen wollt, ſo werde ich Euch der unerfreulichen Begleitung einer Wache entheben.“ Nalph nahm natürlich keinen Anſtand, unverzüglich ſein Ehrenwort zu geben, und Churchill ſetzte ſein nachſich⸗ tiges Benehmen ſo lange wie möglich fort, wohl wiſſend, daß je länger ein Prozeß aufgeſchoben wird, deſto leichter ein gerechter, ja wohl gar milder Spruch zu erlangen iſt. Der General wußte freilich damals nicht, daß der Erz⸗ feind— im Vergleich mit welchem Kirke nur ein Lamm war— mit aller Eile herbeikam, um alle Diejenigen zu vernichten, welche die militäriſche Rache nicht erreichen konnte. Das Gerücht ſagte bereits, der wohlbekannte Jef⸗ freys werde in den Weſten geſendet werden; aber Churchill glaubte— mit Unrecht, daß der Hof ſich durch das aller⸗ gewöhnlichſte Schicklichkeitsgefühl veranlaßt ſehen werde, 31* 484 dieſen gewiſſenloſen Geſetzverdreher von dem aufrühreriſchen Schauplatze entfernt zu halten. Churchills Hauptquartier hatte ſich von Oſt⸗Zoyland beträchtlich entfernt, und er hatte Ralph nebſt mehreren ſei⸗ ner eigenen Offiziere zu einem ganz einfachen, vertraulichen Mittageſſen eingeladen. Gegen Ende der Mahlzeit wurde ihm ein Papier überbracht, das er aufmerkſam und ohne eine Miene zu verziehen durchlas, indem er der Ordonnanz, welche das Schreiben gebracht, blos ſagte: „Heißt ſie draußen warten.“ Sobald das Eſſen vorüber war und die Gäſte ſich ent⸗ fernten, winkte er Ralph zu ſich an's Fenſter und händigte ihm das empfangene Schreiben ein. Es war eine Ordre, ihn einem Gerichtsboten zu übergeben, der beauftragt war, ihn unverzüglich in das Gefängniß nach Dorcheſter abzu⸗ liefern. „Ich fürchte, ich muß gehorchen,“ ſagte Churchill, „und will Euch nur noch als einen Wink bemerken, daß Ihr Eures Ehrenwortes gegen mich enthoben ſeyd, ſobald ich Euch abgeliefert habe. Schon mancher Mann hat durch einen Sprung aus dem Fenſter ſeine Rettung und ſein Glück gefunden,“ ſetzte er mit bedeutungsvollem Lächeln und nicht unerfreulicher Erinnerung bei. Ralph dankte ihm ernſthaft; der Gerichtsbote mit ſei⸗ nen beiden Begleitern wurde hereingerufen und der Ge⸗ fangene ihren Händen übergeben. . Ich will nicht behaupten, daß Ralph den von Lord Churchill empfangenen Wink vernachläſſigt hätte, wenn ſich = 485 nur eine Gelegenheit dargeboten hätte; aber der Gerichts⸗ bote war pfiffig und abgefeimt, die beiden Beamten ſtreng und wachſam, und nach Verfluß von drei Tagen wurde Ralph Woodhall im Gefängniſſe zu Dorcheſter einlogirt und erfuhr zum erſten Male einen Vorſchmack wirklicher Ge⸗ fangenſchaft. Eine niedere, feuchte, elende Zelle wurde ihm ange⸗ wieſen; der Gefangenwärter reichte ihm nichts als Brod und Waſſer, wenn er ſich nicht zu enormen Preiſen andere Nahrung verſchaffte, und als die Nacht einbrach, wurde ihm ſogar das Licht verweigert. Es ward zwar icht beabſich⸗ tigt, ſolche Behandlung fortzuſetzen, ſo lange er die nöthi⸗ gen Geldmittel beſaß, um ſich größere Bequemlichkeit zu verſchaffen; aber dieſe Zwangsmittel waren eben das, was die damaligen Gefangenwärter das Zähmen eines Vogels nannten, oder mit anderen Worten die nöthige Vorberei⸗ tung, damit er ſich geduldig jeder, auch der gröbſten Prel⸗ lerei unterwerfe. So verlebte Ralph Woodhall in Finſterniß, in Düſter und Unbehagen mit ebenſo peinlichen Erinnerungen als Er⸗ wartungen ſeine erſte Nacht im Gefängniſſe zu Dorcheſter, wo wir ihn für jetzt verlaſſen müſſen. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Es war noch Hochſommer und London wimmelte von Gäſten, trotzdem daß das Parlament ſchon geſchloſſen wor⸗ 486 den. Die Stadt war in großer Aufregung, denn die Nach⸗ richt von der Schlacht von Sedgemoor und der Niederlage Monmouths, des großen proteſtantiſchen Anführers, den die proteſtantiſche Kirche verlaſſen, des Volkslieblings, den das Volk oder wenigſtens Diejenigen, welche Einfluß darauf üben, hatten untergehen laſſen— war in der vorangegange⸗ nen Nacht durch einen Eilboten aus dem Weſten nach London gelangt. Trotz des Jubels am Hofe hing düſtere Beklom⸗ menheit über der ganzen Hauptſtadt, und Mancher begann zu ſpät zu bereuen, daß er in den Augenblicken, da es jedes Armes und jeder Börſe bedurfte, nicht ſein Roß beſtiegen, ſein Schwert nicht umgegürtet hatte, um die Sache zu un⸗ terſtützen, welche die ganze eine Hälfte der Nation ſeit vie⸗ 4 len langen Jahren zu vertreten wenigſtens geſchienen hatte. 5. Aber eine Maſſe derjenigen Anhänger, welche die Zag⸗ haftigkeit, der Zweifel an ſeinem Rechte, der Argwohn gegen ſeinen Charakter oder die Mißbilligung ſeines Beneh⸗ mens abgehalten hatte, ſich um die Fahne des großen Em⸗ pörers zu ſchaaren, obgleich ſie der Sache religiöſer Freiheit aufrichtig ergeben waren, ſollten bald noch bitterer bereuen, daß ſie ihr Gewicht nicht in die Wagſchale geworfen hatten, 4 ſo lange noch eine Möglichkeit vorhanden war, das Schickſal dadurch zu wenden. Der leiſeſte Verdacht, als ob ſie mit Monmouth Verkehr geflogen, der geringſte Anſchein, als ob Einer von der biſchöflichen Kirche anders als höchſtens zum Pabſtthum abſchweife— wurde als Hochverrath behandelt! Rechte, Statute und Garantien blieben unberückſichtigt, — 487 und viele Hunderte wurden ihrer Heimath entriſſen und in's Gefängniß geworfen, ohne ein anderes Verbrechen begangen zu haben, als daß ſie gegen die Verwaltung und die Formen der engliſchen Kirche gewiſſenhafte Zweifel hegten. So wurde die düſtere Stimmung in der Stadt nur noch vermehrt, und es trug keineswegs zu ihrer Verminde⸗ rung bei, als man entdeckte, daß abermals ein wahrer Han⸗ del mit Anklagen beginnen ſollte, daß die königliche Gnade den Angeber belohnte und eine Maſſe von Harpyen am Hofe bereit war, um Gnade zu feilſchen, ſo weit man überhaupt dem harten kalten Herzen Jakobs des Zweiten einen Gna⸗ denakt abzuringen vermochte. Allgemeine Beklommenheit herrſchte, trotzdem daß die Glocken läuteten, daß Flaggen wehten und Freudenfeuer vorbereitet wurden, als ein Gentleman von zwei bis drei Reitern begleitet, durch die damals als Reading⸗Road be⸗ kannte Straße eilte und ohne ſeine Haſt zu vermindern die Stadt betrat. Er wurde durch noch ſtärkere Beweggründe getrieben, als die Belohnung war, welche die früheren Ku⸗ riere beflügelt hatte; auch er nahm ſeinen Weg gegen Whitehall, ohne jedoch vor den Thoren des königlichen Pa⸗ laſtes abzuſteigen. In einer der Straßen in der Nachbarſchaft des Hofes ſtand ein großes Haus, in das ich den Leſer ſchon früher ge⸗ führt habe; in einem ſeiner Parterrezimmer ſaß in dem Augenblick, da der Fremde vor der Thüre anlangte, der alte Lord Woodhall mit dem Leſen eines ausführlichen Berichtes über die neuliche Schlacht beſchäftigt. Die Ereigniſſe der 488 letzten paar Wochen hatten ihn gewaltig verändert. Nicht mehr der ſtattliche, geſunde, kräftige Landedelmann, der er früher geſchienen, war er ausnehmend eingefallen und mager; das Alter ſprach aus jedem Zuge ſeines Geſichtes. Hoch und aufrecht ging er zwar noch immer, denn die zorni⸗ gen, trotzigen Gefühle, die ſeine körperliche Kraft verzehrten, dienten dazu, ihm ein Feuer und eine Energie zu verleihen, die ihn mit unnatürlicher Stärke aufrecht erhielten. Er war eben mitten an einem Satze, der mit vielen Verſtößen und Uebertreibungen die Schlußſcene des Kampfes, Monmouths Flucht vom Schlachtfelde und die Richtung, welche er einer authentiſchen Verſicherung zufolge genom⸗ men haben ſollte— ſchilderte, als die Thüre aufgeriſſen wurde und Robert Woodhall geſtiefelt und geſpornt und be⸗ ſtaubt von der Reiſe eintrat.— „Neuigkeiten, Neuigkeiten, mein edler Lord!“ rief er mit triumphirender Miene. „Ja, ja, ich habe ſie ſchon, Knabe,“ gab Lord Wood⸗ hall zur Antwort, auf das Papier mit dem Finger deutend. „O noch viel beſſere Nachrichten als dieſe, edler Vet⸗ ter,“ verſicherte der junge Mann lachend, und dann einen halb ernſten, halb ſcherzenden Ton annehmend, fragte er: „Was habt Ihr mir verſprochen, Mylord, wenn ich Ralph Woodhall, den Mörder Eures Sohnes, den Händen der Juſtiz überliefere?“ „Nun ich verſprach Dir Margarethen zu geben, wie Deine Mutter wünſcht,“ antwortete Lord Woodhall nicht 2 489 ohne längeres Zögern.„Ich finde jedoch, daß ſie Dich nicht liebt— daß ſie Dich nie lieben kann, wie ſie ſagt.“ „Vielleicht weil ſie ihres Bruders Mörder liebt,“ er⸗ wiederte Robert bitter. Der alte Edelmann fuhr zuſammen, wie wenn eine Schlange ihn gebiſſen hätte, und rief: „Robert, Robert! ſetze nicht mein ganzes Blut in Flammen bei einem ſolchen Gedanken! Habt Acht, was Ihr thut, Sir— habt Acht auf Eure Ausſagen!— iſt der Mann arretirt?— iſt er im Gefängniß?“ „O nein, das iſt er nöch nicht,“ erwiederte Robert Woodhall in kaltem gleichgültigem Tone.„Ich weiß nur, wo er iſt; ich kann ihn in achtundvierzig Stunden den Händen der Juſtiz überliefern, obwohl er unterdeſſen zwei⸗ mal entrinnen kann, denn er geht wohin ihm beliebt und ſpielt ganz den vornehmen Gentleman.— Aber was gilt das mir, wenn Margarethe ihn mehr liebt als mich, wenn Euer Verſprechen fruchtlos iſt und Eure Befehle unbefolgt bleiben?“ Der alte Mann näherte ſich ernſthaft ſeinem Gefährten, nahm ſeine Hand, drückte ſie heftig und murmelte in leiſem, trotzigem, pathetiſchem Tone: „Du ſollſt ſie haben, Robert. Bringe nur ihn in meine Gewalt, übergib nur ihn dem Arm des Geſetzes, und Du ſollſt ſie haben und noch obendrein nach meinem Tode meine ſämmtlichen Ländereien. Ich ſage nicht, wie bald ſie die Deinige ſeyn ſoll, denn ſie muß Zeit haben— ich muß Zeit haben: aber ſie ſoll die Deinige werden, darauf ver⸗ 490 pfände ich Dir meine Ehre, meine Seele und mein Gewiſ⸗ ſen. Moͤge Gott mich verfluchen und den Mörder verſcho⸗ nen, wenn ich mein Gelübde breche!“. „Das iſt Alles was ich wünſchen kann,“ erwiederte Robert.„Wir wollen die ſchöne Dame nicht übereilen, mein theurer Lord, und ich glaube, ihr Herz bald von jeder Liebe zu Meiſter Ralph ſäubern zu können, wenn es jemals einen ſolchen Einfall gehabt hat. Es laufen gewiſſe Ge⸗ rüchte durch's Land, welche bald jede Spur von Zuneigung für ihn aus ihrem Herzen verbannen müſſen, auch ohne all die Geſchichten, welche der arme Henry wußte, und ſo viel mir bekannt, ihr von der Treue dieſes höͤchſt ehrbaren reli⸗ giöſen jungen Mannes erzählte.“ „Das iſt falſch,“ rief Lord Woodhall heftig.„Sie hegt keine Zuneigung zu ihm. Auch Ihr ſeyd ihr zuwider, weil ſie Euch als einen Wüſtling und Freigeiſt kennt.“ „Beſſer ſo, Mylord, denn als Wüſtling, Freigeiſt und Heuchler zugleich,“ antwortete Robert Woodhall etwas pikirt. „Das iſt wahr,“ erwiederte der alte Edelmann;„doch nichts mehr davon— mein Wort iſt gegeben und ſoll gehal⸗ ten werden. Jetzt ſage mir: wo iſt dieſer Mann— dieſer Mörder?“ „Drüben im Weſten, Mylord,“ entgegnete Robert Woodhall;„aber ich muß die Sache in der Hand behalten, ſofern es Euch alſo beliebt. Niemand außer mir darf ihn den Händen des Gerichtsbeamten überliefern— nicht um 491 ein halbes Königreich möchte ich dieſe Aufgabe mit einem Andern theilen.“ „Du biſt ein feiner Junge und ſollſt Deinen eigenen Weg gehen,“ ſagte der alte Lord Woodhall, den Eifer, der in Wahrheit aus bloſem perſönlichem Haſſe hervorging, einer Liebe zu ſeinem todten Sohne zuſchreibend.„Was bedarfſt Du für jetzt? wie willſt Du zunächſt vorgehen?“ „Ich bitte nur um einen Brief von Euch an den Staatsſekretär,“ erklärte Robert,„worin Ihr ihn erſucht, mir zur Arretirung Ralph Woodhalls und zu ſeiner ſicheren Ablieferung in das Gefängniß von Dorcheſter einen Ge⸗ richtsboten mitzugeben, und gleich die nächſte Poſt aus dem Weſten ſoll Euch die Nachricht bringen, daß er wohlbehalten daſelbſt einlogirt iſt.“ „Den Brief ſollſt Du haben, und mein Wort will ich halten, was auch daraus entſtehen möge,“ erwiederte der alte Mann.„Suche mir Feder und Dinte.“ Der Brief an den Staatsſekretär wurde geſchrieben⸗ und ohne Margarethen ſehen zu wollen, machte ſich Robert Woodhall voller Freude auf den Weg. Auf dem Bureau des Staatsſekretärs wurde er längere Zeit aufgehalten, denn in Folge der letzten wichtigen Ereigniſſe im Weſten, gab es dort viele verhängnißvolle Geſchäfte zu beſorgen. Ein Wink gegen einen der Beamten, daß er ein Bru⸗ der des Lords Coldenham ſey und friſch von Sedgemoor daher komme, verſchaffte ihm jedoch endlich Zutritt, und der Sekretär empfing ihn mit vieler Höflichkeit. 492 „Eures Bruders Regiment hat gute Dienſte geleiſtet,“ ſagte er;„Ihr waret vermuthlich auch dabei.“ „Ich kommandire eine Kompagnie in jenem Regiment, Mylord,“ antwortete Robert mit ſtürmiſchem Erröthen, weil er wohl mußte, daß er in Wirklichkeit nicht an der Schlacht Theil genommen, und daß ſeine Abweſenheit nur ſein eigener Fehler geweſen.„Aber ich weiß, Eurer Lord⸗ ſchaft Zeit iſt koſtbar, und das Geſchäft, das mich herführt, iſt ſehr dringend.“ Sunderland firirte ihn eine Weile höchſt auffallend, während ein kaum bemerkbares Lächeln über ſeine liſtigen Lippen zog. „Was iſt Euer Geſchäft, Mr. Woodhall?“ fragte er. „Ich werde mich ſehr glücklich ſchätzen, Euch dienen zu können.“ „Wenn Ihr dieſen Brief leſen wollt, Mylord, ſo wer⸗ det Ihr's erfahren,“ verſetzte Robert. Der Staatsſekretär überlas ihn haſtig, machte aber einige Einwendungen. Es war nicht üblich, wie er bemerkte, einen Boten des Staatsſekretärs bei anderen als Staats⸗ verbrechen zu Ergreifung eines Angeklagten abzuſenden; dafür wurden nur gewöhnliche Konſtables ober jeder ſonſtige Polizeibeamte verwendet. „Es iſt nicht unwahrſcheinlich, Mylord,“ erwiederte Robert, der eine merkwürdige Beharrlichkeit beſaß, die ſich nicht leicht zurückſchrecken ließ— einen Anſtrich von ſeiner Mutter mannhafter Entſchloſſenheit—„es iſt nicht unwahr⸗ ſcheinlich, Mylord, daß Staatsaffairen auch in dieſem Falle 493 mit anderen Verbrechen zuſammentreffen mögen. Der Be⸗ treffende war jedenfalls auf dem Schlachtfelde von Sedge⸗ moor; auch iſt er angeklagt, einen als diſſentirenden Predi⸗ ger bekannten Mann, Namens Calloway, gegen die Beam⸗ ten des Geſetzes vertheidigt, geſchützt und beherbergt zu haben.“ Sunderland ſchien noch immer zu zögern, und Robert fügte alsbald bei: „Wenn Eunre Lordſchaft übrigens Zweifel hegen, ſo laſſen ſich dieſe wohl ſehr leicht heben, wenn ich mich an den König wende, der wie ich weiß ſehr darauf erpicht iſt, dieſen notoriſchen Verbrecher der Juſtiz überliefert zu ſehen. Ich kann mit Lord Woodhall zu Seiner Majeſtät gehen und in wenigen Minuten zurückkehren.“ Und er lüpfte ſeinen Hut, wie wenn er ſich entfernen wollte. „Das iſt nicht nöthig,“ fiel Sunderland raſch ein. „Ich denke, Ihr habt die Sache gehörig begründet; nur vergeßt nicht, daß das Staatsſekretariat nicht mit den Koſten belaſtet werden darf, wenn der junge Mann nicht arretirt wird. Seyd Ihr darauf gefaßt, ſie zu bezahlen, falls es Euch fehlſchlägt?“ „Vollkommen,“ verſicherte Robert Woodhall;„über⸗ dieß bin ich ſeiner Arretirung gewiß, wenn wir raſch zu Werke gehen. Ich möchte nur bitten, daß Eure Lordſchaft dem Boten die Nothwendigkeit der Eile einpräge.“ Bald war Alles zu ſeiner Zufriedenheit geordnet, und 494 zwei Stunden ſpäter brach Robert Woodhall mit dem Ge⸗ richtsboten auf. Eine Veränderung, welche beim erſten Anblick unerklär⸗ lich ſcheinen könnte, kam über ihn, ſobald er die Reiſe an⸗ trat. Der Muth iſt gleich allen anderen Eigenſchaften bei verſchiedenen Menſchen ſehr verſchieden, und neben den bei⸗ den großen Unterabtheilungen phyſiſcher und moraliſcher Beherztheit gibt es noch eine zahlloſe Menge kleinerer Ab⸗ arten. Manche Menſchen, beſonders ſolche von lebhafter Phantaſie und hypochondriſchem Temperament, ſind ſchüch⸗ tern und zaghaft beim Anblick ferner Gefahren, werden aber im Augenblicke der Handlung kühn wie die Löwen und voller Selbſtbeherrſchung. Andere— und zu ihnen gehörte Ro⸗ bert Woodhall— ſind ausnehmend tapfer im Entſchluß⸗ nur ziemlich furchtſam in der Ausführung. Als er von London nach Somerſetſhire aufbrach, hatte er die Gefangen⸗ nehmung ſeines Vetters Ralph mit boshaftem Vergnügen vorausgeſehen, und er war entſchloſſen, die Sache ſelbſt zu beſorgen, und ſich die Freude nicht zu verſagen, Ralphs Einſperrung in den Kerker mit eigenen Augen anzuſehen. Mit wahrem Entzücken malte er ſich die Augſt des verhaßten Mannes aus, wenn er der ſanften Obhut Churchills ent⸗ riſſen und den Schreckniſſen und Beläſtigungen eines Graf⸗ ſchaftsgefängniſſes damaliger Zeit überantwortet würde. Ohnehin glaubte er alles Ernſtes, Ralph könnte und würde der Haft des Generals entrinnen, ſobald die hitzige Jagd auf Monmouth vorüber wäre. Auf dem ganzen Wege hatte er ſich mit ſolchen Be⸗ 1 — —: 495 trachtungen ergötzt, hatte über Ralphs Leiden im Voraus tri⸗ umphirt und ſich jede einzelne Scene in Gedanken vorgezeichnet. Als er aber erlangt hatte, was er bedurfte, als er mit dem Gerichtsboten und ſeinen Begleitern nach Somerſetſhire zurückritt, da begann er zu ſchwanken und zu zweifeln. Ralph war ſehr feuriger Natur, und Robert hielt ihn ſogar für hitziger, als er wirklich war. Man hatte keine Gewiß⸗ heit, ob er nicht Widerſtand leiſten würde, und wenn er es that, ſo konnte ſein Widerſtand gefährlich werden. Auch fürchtete er, ſein Vetter Ralph möchte unerfreuliche Wahr⸗ heiten über ihn ſelbſt ausſprechen, und ſo fuhr er in ſeinen Einwürfen gegen jede fernere perſönliche Einmiſchung fort, bis er am Ende beſchloß, den Boten mit ſeinen Begleitern ſo weit auf die Fährte ſeines Wildes zu hetzen, daß keine Möglichkeit des Verfehlens übrig blieb, und die Einfangung dann ihnen zu überlaſſen, wobei er alle Ehre für ſich nähne und jedes Riſiko vermiede. Als das Häuflein Taunton erreichte, hätte Robert gerne gehabt, daß ſie für heute Nacht noch weiter gegangen wären. Allein der Gerichtsbote war bei aller Entſchloſſen⸗ heit und Thätigkeit ein Mann, der ſeine Bequemlichkeiten liebte, und er wollte nicht eher aufbrechen, als bis er einige Stunden ausgeruht und ſein Mittageſſen eingenommen hätte. Robert hatte keinen Magen für ſeine Mahlzeit, denn eer hatte den Aufbruch von Churchills Hauptquartier erfah⸗ ren und fürchtete ſchon, die Beute möchte ihm entrinnen. So verließ er denn die kleine Herberge, wo er und ſeine 496 Begleiter abgeſtiegen waren und ſchlenderte durch die Haupt⸗ ſtraße des Städtchens, wo ihm von allen Seiten nur Zeichen des Elends und der Trauer vor Augen kamen, bis er, vor der Thüre eines größeren Gaſthofes Halt machend, einen ſtattlichen Mann in ſeiner eigenen Familienlivree ge⸗ wahrte. Auf ſein Nachfragen erfuhr er zu ſeiner großen Ueber⸗ raſchung, daß ſeine Mutter ſich im Hauſe befinde und dieſen ſelben Abend einen Boten an Lord Coldenham entſendet habe. In wenigen Minuten ſtand er vor der ſtrengen Lady, welche beim Anblick ihres Lieblingsſohnes ſo große Freude bezeugte, wie ſie nur jemals an den Tag gelegt. Sie ſchien ſehr verwundert zu hören, daß er in London geweſen ſey, und unterbrach ihn im Laufe ſeiner Erzählung mit den Worten: „Du hätteſt nicht abweſend ſeyn ſollen, Robert, da Du wußteſt, daß Ralph Woodhall ſich in der Nachbarſchaft befindet. Ich höre, er iſt den Händen des Oberſten Kirke entronnen; uns aber ſoll er nicht entwiſchen— davon hängt gar Vieles ab.“. Sie ſchwieg und ſtarrte ihn mit feſtem glaſigem Blicke an, bis ſie fortfuhr: „Er muß feſtgeſetzt— er muß prozeſſirt werden— er muß ſterben! Wenn er Dir entrinnt, ſo wirſt Du Deine Nachläſſigkeit lange und bitter bereuen. Er iſt eine Schlange auf unſerem Pfade, welche zertreten werden muß, und Du hätteſt dieſen Ort nicht eher verlaſſen ſollen, als bis er im Kerker ſaß.“ 497 „Wenn Ihr wüßtet, Mylady, weßhalb ich ausgezogen bin, ſo würdet Ihr meine Abreiſe gewiß billigen,“ verſetzte Robert.„Ihr wußtet natürlich, daß der Mörder im Hauſe der Lady Danvers verſteckt war?“ „Gib ihm keine harten Namen, Robert,“ ſiel die alte Lady mit bitterem Lächeln ein.„Für uns iſt es gleichgültig, ob er ein Mörder iſt oder nicht. Was jene hübſche, kleine, hellaugige Puppe Hortenſia Danvers betrifft— die darf mir nicht in den Weg treten; ſie wird ſich ſonſt mit all ihrem Witze überwältigt finden.— Aber was wollteſt Du ſagen? Kirke hat das Haus durchſucht, aber der Vogel war ausgeflogen— ich weiß das Alles.“ „Aber das wißt Ihr nicht, meine theure Lady und Mutter,“ erwiederte Robert,„daß Ralph Woodhall ſeitdem dem Lord Churchill in die Hände gefallen und ſein ſogenann⸗ ter Gefangener auf Parole iſt— das heißt, Churchill gibt ihm jede Gelegenheit zur Flucht, ſobald es ihm beliebt. Der General würde ihn einem gewöhnlichen Konſtable ge⸗ wiß nicht ausliefern, und ich ging deßhalb nach London, erſtlich um einen Boten zu holen, der unſern bewunderns⸗ würdigen Vetter— den Namen Mörder wollt Ihr ja nicht leiden— ſicher im Kerker verwahre, und zweitens um mir in der Hand der hübſchen Margarethe und in Lord Woodhalls Ländereien die Früchte meiner Entdeckungen zu ſichern.“ Die alte Lady Coldenham ſchuttelte ernſthaft mit dem Kopfe. „Da wird es Schwierigkeiten ſetzen, fürchte ich,“ ſagte James. Das Schickſal. 3²2 498 ſte;„der letzte Brief des alten Lords war eiskalt in dieſer Sache.“ „Die Schwierigkeiten von ſeiner Seite ſind gehoben,“ entgegnete Robert.„Ich habe ſein Verſprechen, mit jeder Art von Schwur und Gelöbniß beſiegelt, daß ich Margare⸗ thens Hand erhalten ſoll, wenn ich Ralph ins Gefängniß bringe. Die einzige Schwierigkeit iſt noch mit ihr; aber auch dieſe muß überwältigt werden.“ „Was hat ſie damit zu ſchaffen?“ rief Lady Colden⸗ ham.„Sie muß natürlich heirathen, wen Ihr Vater ſie heißt; ſein Verſprechen iſt ganz genug und er wird es nicht brechen.“ „Eben um meinen Theil an dem Kontrakte zu erfüllen, bin ich jetzt zurückgeeilt,“ erklärte Robert;„und da Chur⸗ chill von meiner Entdeckung keine Kenntniß hat, ſo werden wir ihn überraſchen, noch ehe er Meiſter Ralph die Mittel zur Flucht gewähren kann. Der Gerichtsbote iſt hier in der Stadt bei mir— ein gefräßiges Vieh, das ſeine halbe Zeit mit Eſſen zubringt. Ich hoffe, er hat jetzt ſein Abend⸗ mahl beendigt, und ich will deßhalb mit Eurer Erlaubniß gehen und nachſehen, ob er zum Weiterreiten parat iſt.— Wo werde ich Euch finden, Mylady, wenn ich meine Aufgabe erfüllt habe? „Sobald Alles beendigt iſt, ſchickſt Du mir einen Bo⸗ ten,“ ſagte die alte Dame;„wenn ich die Nachricht habe, daß er in den Krallen der Juſtiz ſicher verwahrt iſt, ſo wirſt Du mich übermorgen zu Ormebar Caſtle treffen. Aber 499 laß ihn ja nicht entrinnen; an ſeinem Leben hängt mehr als Du weißt, Robert.“ „Er ſoll nicht entkommen,“ gab ihr Sohn zuverſichtlich zur Antwort;„aber da iſt noch ein zweiter Menſch, den ich gerne einfinge, wenn ich es thun kann, ohne mir die Finger zu verbrennen— ein Menſch, der mich beſchimpfte und der erwählte Begleiter— Diener, wie er es nennt— dieſer Schlange Ralph war. Ich meine des alten Stillings Sohn.“. Die Röthe ſtieg in Lady Coldenhams Wange, als ſie in ſtrengem Tone erwiederte: „Den laß mir gehen; Du haſt Dich ſehr ſchlimm be⸗ tragen, Knabe, und Deine Thorheit wird mich fünftauſend Pfund koſten. Wie konnteſt Du wagen, Dich mit des alten Mannes Tochter abzugeben? Du hätteſt ohne eine Ein⸗ wendung von meiner Seite alle Mädchen des Dorfes zu Konkubinen machen können, nur ſie nicht; aber Du weißt nicht, was Du gethan haſt. Rühre mir den jungen Mann nicht an— verſuche nichts gegen ihn, ſo theuer Dir Alles iſt, was Du auf Erden beſitzeſt. Und nun — fort! ſorge, daß Ralph Dir nicht entrinnt! Das iſt für jetzt Deine Aufgabe; ſpäter wird es noch mehr zu thun geben.“ Robert verabſchiedete ſich recht gerne, denn auf ſeiner Mutter Antlitz lag ein Ausdruck, den er nur allzuwohl kannte, um noch länger ihrem Zorne ausgeſetzt bleiben zu mögen, 32* 500 Das Reſultat ſeiner ferneren Schritte iſt dem Leſer bereits bekannt.— Siebenunddreißigſtes Kapitel. Noch einmal laßt uns nach London in Lord Woodhalls Haus zurückkehren. 3 Es war etwa eine Stunde nach Robert Woodhalls Abreiſe, als in zwei Zimmern dieſes Hauſes eine kleine Epiſode vor ſich ging. In jede derſelben möchte ich dem Leſer gerne einen Einblick geſtatten, nur weiß ich nicht, mit welcher ich anfangen ſoll. Vielleicht daß ich am beſten diejenige wähle, die unſerer Geſchichte am fernſten ſteht und den geringſten Einfluß auf den Ausgang hat. Gehen wir denn die Treppe hinauf in Margarethens Zimmer, wo ſie hinter der verriegelten Thüre ſitzt— um ſich vor jeder Störung zu ſichern— und zwei Briefe vor ſich hat. Den einen von Ralph Woodhalls Hand hat ſie ge⸗ leſen, und er hat manche Hoffnung verdüſtert und einen tiefen Schatten auf ihre Seele geworfen. Er hat ihr er⸗ zählt, daß ihr Geliebter ein Gefangener iſt, daß alle Hoff⸗ nung des Entrinnens zu Ende, daß er eine parteiiſche Unter⸗ ſuchung zu beſtehen und allen Gefahren begegnen muß, welche der Zorn ihrer eigenen Verwandten zu ſeiner Ver⸗ nichtung heraufzubeſchwören vermochte. Gleichwie es aber in dem ſüßeſten Becher bittere Tropfen gibt, ſo enthält auch der bitterſte Trank noch ſeine 50¹ Süßigkeit, und Ralphs Schreiben hat ihr wenigſtens die feierlichſte Verſicherung gegeben, daß er an ihres Bruders Tode keinen Antheil hatte, daß er ſie immer liebte und bis zur letzten Stunde ſeines Lebens lieben wird. Auch von Hortenſia hat er geſprochen— offen, freimüthig, in leichtem Tone hat er ihr Alles erzählt, was ſie für ihn ge⸗ than hat, indem er ihr die peinliche Lage ſchilderte, worein ſie durch ihre Güte und Großmuth für den Sohn von ihrer Mutter Freundin gerathen war. Das Alles gab ihr großen Troſt, denn Margarethe war ein Weib; aber vielleicht aus eben dieſem Grunde war ſte nicht ganz befriedigt. Sie hätte gewiß lieber gehört, daß es ein Mann geweſen, der ihren Geliebten alſo begün⸗ ſtigt hatte. Gleichwohl war ſie ſehr dankbar und ſuchte ſich zu überreden, daß in ihrer Seele keine Spur von einem Dinge wie Eiferſucht wohne. Der andere Brief war von einer Frauenhand, und zwar weit ſchöner als es damals üblich war, geſchrieben. Obwohl er offen war, ſo hatte Margarethe ihn noch ungeleſen ge⸗ laſſen, bis ſie jedes Wort in Ralphs Epiſtel zweimal durch⸗ ſtudirt hatte. Nur die erſten Worte hatte ſie geſehen und dieſe lauteten ſo vertraulich und zärtlich, daß ſie nicht anders glaubte, als ſie müßten von einer wohlbekannten Freundin kommen, wiewohl ſie ſich der Handfchrift nicht erinnerte. Sie wendete ſich jetzt zu ihm und las wie folgt: „Theuerſte Margarethe! „Wenn mir der Umſtand, daß ich Euch wie eine Schwe⸗ ſter lieben lernte, einen Anſpruch darauf geben kann, Euch alſo zu nennen, ſo habe ich ein Recht, dieſe Worte zu ge⸗ brauchen. Ich ſchreibe Euch in großer Betrübniß; aber ich will mich nicht vom Schreiben abſchrecken laſſen, denn vielerlei Urſachen veranlaſſen mich, einen perſönlichen Ver⸗ kehr mit Euch zu ſuchen. Zu den vornehmſten gehört die Hoffnung, Euch in ſchwierigen Zeiten zu dienen und in Stunden der Prüfung Euch zu ſtützen. Ein Mann, der Euch mit Recht ſowohl als Menſch wie als Verwandter ſehr theuer iſt, las mir einen Theil Eures Briefes an ihn, worin Ihr ihm mittheiltet, daß ſein Aufenthalt in meinem Hauſe entdeckt und daß er dort von Gefahren bedroht ſey. Glaubt nicht, daß dies von ſeiner Seite ein Bruch des Ver⸗ trauens war, denn unter den Umſtänden, in denen er ſich befand, war es abſolut nothwendig. Jener Brief diente nur dazu, meine Zuneigung zu Euch Beiden zu erhöhen und meine Bereitwilligkeit Euch zu dienen zu verſtärken. Ihr ſprachet von Dankbarkeit gegen mich für das, was ich zu ſeiner Rettung und Beherbergung gethan hatte. Ich verdiene keine ſolche Dankbarkeit, denn ich handelte ganz aus perſönlichen Antrieben. Er iſt der Sohn einer Frau, welche von meiner Mutter geliebt wurde, wie nur Wenige jemals eine Schweſter geliebt haben, und darum fühlte ich, daß er ebenſo viel Anſpruch wie ein naher Verwandter an mich habe. Auch diente ich ihm, weil ich tiefe Achtung für ihn hege und weil ich ihn als verfolgt und beeinträchtigt anſehe. „Nachdem ich von Eurem Briefe gehört, glaubt mir⸗ 50³ da verdoppelte ich nur meine Anſtrengungen und gefährdete mich ſelbſt, mein Vermögen und vielleicht meinen Namen, um ihn zu retten; aber mein eigenes Herz ſagt mir, daß ich Recht that, und ich glaube nicht, daß Ihr anders urtheilen werdet. Wir brachen mit gehöriger Begleitung in meinem Wagen auf, um einen Hafen aufzuſuchen, wo er ſich ein⸗ ſchiffen könnte; allein wir wurden allenthalben von den ſich bekämpfenden Truppen aufgehalten, bis mein Wagen zuletzt zuſammenbrach und ich genöthigt wurde, mit ihm und einem einzigen Diener zu Pferde zu entfliehen. Endlich wurden wir zu allem Unglück durch eine Abtheilung von Lord Chur⸗ chills Reiterei angehalten und Ralph alsbald zum Gefan⸗ genen gemacht.. „Ich ſchreibe Euch alle dieſe Einzelheiten, weil ich weiß, daß gewiſſe Leute in Eurer Umgebung mein Beneh⸗ men wie das ſeine in falſchem Lichte zu zeigen verſuchen werden. Die Unbequemlichkeiten, die ich erduldet, ſchlage ich nicht an; auf die Meinung der Welt achte ich wenig; aber Eure gute Meinung, theure Margarethe, ſchätze ich hoch, da es großentheils von ihr abhängt, wie viel Ihr mir vertrauet und wie weit wir zuſammen handeln können, um die Abſichten Derjenigen zu vereiteln, welche Euch nichts Gutes und ihm, der Euch liebt, Alles Böſe wünſchen. „Glaubt nicht ein Wort von dem was ſie ſagen, Mar⸗ garethe; glaubt nur, daß ich wie eine Schweſter gegen den Bruder gegen ihn gehandelt habe, daß ich dabei immer an Euch und an ſeine Liebe zu Euch dachte und als einziges Ziel das Glück von Beiden zu befördern ſuchte. Ich 504 will geſtehen, daß ich, als ich ihn arretirt ſah, die bitterſten Thränen meines Lebens vergoß und mich wahrſcheinlich Vermuthungen ausſetzte, die ich nicht verdiene; doch ſeyd verſichert, es gibt keine Handlung meines Lebens, die ich vor Euch verborgen wünſchen könnte— kein Wort, das ich jemals gegen ihn äußerte und das Ihr nicht hättet hören dürfen. „Und nun, theure Margarethe, wenn Ihr das Alles glaubet, wie ich weiß, daß Ihr es glauben werdet, ſo hört auf einige Rathſchläge einer Freundin, welche welterfahrener iſt als Ihr ſeyd. Bedenkt, daß Ihr umringt ſeyd von ſei⸗ nen Feinden— von Leuten, welche theils aus Bosheit, theils aus Mißverſtändniß ihn zu vernichten oder, wenn ihnen das nicht gelingt, ihn wenigſtens Eurer zu berauben ſuchen. Traut ihnen nicht, Margarethe; bezweifelt Alles was ſie Euch erzählen; ſeyd feſt, ſtandhaft und wahr bis ans Ende; denn glaubt mir, das iſt der einzige Weg, die einzige Mög⸗ lichkeit zum Glücke. Laßt Euch von ihnen zu nichts über⸗ reden, was Eure Vereinigung mit ihm jemals verhindern kann; laßt Euch nie von ihnen bewegen, die Treue aus Verzweiflung aufzugeben! „Fern ſey es von mir, ein Kind zum Ungehorfam gegen den Vater zu drängen; aber es gibt eine Grenze für den Gehorſam, und drüber hinaus hat kein Vater das Recht zu gehen— dieß um ſo weniger, wenn ſein Befehl auf Leidenſchaft, Vorurtheil oder Irrthum ſich gründet. Ich ſehe manche Schwierigkeit, manche Prüfung vor Euch; aber ſeyd nur feſt bei allen Verlockungen, und wenn ich — ₰ 805 Euch irgend einen Dienſt erweiſen, irgend eine Hilfe ge⸗ währen kann, ſo zoͤgert nicht, Euch an mich zu wenden. Hortenſia Danvers.“ Ich will mich nicht mit Nachforſchungen aufhalten; aber Margarethe weinte, als ſie dieſe Zeilen las. Es iſt nunmehr Zeit, daß wir zu dem Zimmer hinab⸗ ſteigen, wo Lord Woodhall noch immer ſaß, nachdem ſein jun⸗ ger Vetter Robert ihn verlaſſen hatte. Zweimal hatte er die Neuigkeiten von Sedgemoor überleſen und hatte ſich jetzt zum drittenmale daran gemacht, als Jemand an die Thüre klopfte und eine ſtattliche joviale Geſtalt in ſehr ſauberem glänzendem Anzuge eintrat. Die ſchwarzſeidenen Strümpfe umſchloßen die fleiſchigen Waden und die feinen Feſſeln mit höchſter Zierlichkeit; nichts konnte glänzender ſeyn als ſeine Schuhe; der Leibrock glitzerte wie ein Rabenſittig und das runde, glatte, wohlraſirte Geſicht, leuchtend von Gutmüthig⸗ keit und Herzensgüte, war faſt ſo glänzend wie ſein Rock. „Nun, nun, mein theurer Lord, ich habe, denk ich, meine Wette gewonnen,“ begann Doktor Mac Feely. „Monmouth iſt vor dem ſiebten Juli geſchlagen, und ich darf alſo wohl die Pfründe beanſpruchen, die Eure Lordſchaft mir verſprach.“ „Ihr ſollt ſie haben— Ihr ſollt ſie haben, Pfarrer,“ ſagte der alte Lord, deſſen Laune durch Roberts Nachrichten etwas aufgeheitert war,„obgleich Ihr eben nur ſo knapp wie noch je das neunte Schwein entkommen, das mit genauer Noth dem zehnten entronnen. Ihr hättet ſie übrigens 506 erhalten, auch wenn Ihr die Wette nicht gewonnen hättet,“ ſetzte er in gut gelauntem Tone bei.„Ihr habt lange Zeit gewartet, habt jetzt aber auch eine gute davon getragen. Die Präſentation wurde vorgeſtern ausgefertigt, und Ihr habt nichts zu thun als heimzugehen und Euch ſelber einzuläuten. Auch das Dedimus iſt abgegangen und einem gewiſſen Giles Irgendwem überſendet, der Euren Schwur in Empfang nehmen wird, denn wie geſagt, Ihr müßt in jenem einſamen Ddiſtrikte auch als Friedensrichter auftreten. Wir verſtehen die Sache beſſer, als daß wir zu viele Pfarrer in Lincoln⸗ ſhire anſtellten.“ „Ach das iſt der ſchlimmſte Theil des Handels,“ be⸗ merkte der gute Doktor Mae Feely.„Ich wollte, ich könnte darüber wegkommen. Ich weiß gewiß, ich könnte es nicht ertragen, wenn ich einen armen Teufel in's Gefängniß ſchicken müßte.“ „Pah, pah!“ rief der alte Peer.„Geht und leiſtet alsbald den Eid— das iſt das Erſte was Ihr thun müßt; und nehmt mein Wort darauf, noch ehe ein Jahr vergeht, ſeyd Ihr ſo hart wie ein Feuerſtein und laßt Jeden der einen Kohlkopf ſtiehlt oder einen Haſen in der Schlinge fängt, ebenſo bereitwillig einſperren als Ihr Sonntags Euren Tert leſet. Dort in jener Schublade werdet Ihre alle Pa⸗ piere beiſammen finden.“ Doktor Mae Feely holte ſie heraus mit großer Ver⸗ ehrung für die Papiere und mächtiger Freude über ſeine neue Anſtellung. Er war keineswegs ein Mann ohne Phan⸗ taſie, und es iſt unbegreiflich, wie viele Apfelbäume er in 507 dem Obſtgarten pflanzte und wie er ſeine Scholle um⸗ pflügte. Nachdem er die koſtbaren Dokumente in der Taſche hatte, welche ihn mit Bewilligung des Biſchofs(damals eben nicht ſehr ſchwer zu erlangen) zum Pfarrer der vereinigten Gemeinde Britlington⸗cum⸗Saddletree und zum Friedens⸗ richter in der Grafſchaft Dorſet machten— vergaß er nicht eines zweiten Auftrags, den er(ſo zarter Natur er auch war) zu beſorgen übernommen hatte. „Ich meinte, Meiſter Robert Woodhall auf der Straße an mir vorüber gehen zu ſehen,“ ſagte er, nachdem er Lord Woodhall zu wiederholten Malen gedankt hatte;„iſt er hier geweſen? Ich glaubte ihn in Somerſet.“ „Ja, er war dort und brachte mir gute Nachrichten, Doktor. Er hat den ſchurkiſchen Ralph ausſpionirt, und noch ehe ein Monat vorüber iſt, hoffe ich den Moͤrder ſo hoch wie Haman hängen zu ſehen.“ „Ah ja, das iſt's gerade worüber ich ſprechen wollte,“ ſagte Doktor Mae Feely mit einigem Zögern.„Ich kann mich nicht enthalten zu denken, Mylord, daß Eure Lordſchaft mit Meiſter Ralph im Irrthum iſt. Ich glaube, nichts auf der Welt hätte dieſen jungen Mann veranlaßt, das Schwert gegen Euren Sohn zu ziehen. Ueberdies habe ich Briefe von ſeinem Vater und dem guten Vikar der Gemeinde: Beide ſagen, ſie ſeyen gewiß, daß er es nicht gethan habe— ja noch mehr, daß es unmöglich war— und überdies—“ „ Iſt der Mann toll oder will er mich toll machen?“ rief Lord Woodhall, mit einem Anſtriche unbeſchreiblicher 508 Wuth in ſeinen Zügen von ſeinem Sitze aufſpringend. „Wurde nicht die Ausforderung abgeſendet, Mann? Sagte er nicht, er werde auf der erwähnten Stelle eintreffen? War nicht die Stunde beſtimmt? wurde nicht mein Sohn getödtet? V Wollt Ihr mich überreden, mein armer Knabe ſey noch am — Leben, während ich ihn kalt und ſteif und todtenbleich in ſei⸗ 3 nem blutigen Sarge liegen ſah? Was wollt Ihr mir denn weeiß machen? Henry wurde getödtet— bei Nacht— ohne Zeugen: Ralph Woodhall tödete ihn, und ich will Rache und des alten Mannes Antlitz war von Leidenſchaft verzerrt; aber Doktor Mae Feely, wenn auch ſonſt nicht ſehr kirchlich in ſeinen Gewohnheiten, war ergriffen, und den Diener des Evangeliums in dieſem Augenblicke in ſich verſpürend, er⸗ wiederte er in feierlichem warmem Tone: „Mein iſt die Rache. Ich will vergelten, ſpricht der Herr.“ Im nächſten Augenblicke ſtand er in der Halle, und ſeinen Hut und Stock ergreifend, verließ er das Haus. haben.“ V Die letzten Worte wurden mit einem Fluche ausgeſtoßen, Achtunddreißigſtes Kapitel. Etwas über eine Woche nach den eben erzählten Ereig⸗ niſſen ſtand Doktor Mae Feely in ſeinem kleinen Pfarrhauſe we⸗ nige Meilen von der Stadt Dorcheſter und ſchaute mit offen⸗ ——V: 50⁰9 barer Befriedigung um ſich. Ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren ſtand in tiefer Trauer neben ihm. Das Haus war vollſtändig eingerichtet— einfach aber ſehr niedlich. Der Doktor befand ſich in der beſten Laune; Alles war etwas beſſer, als er erwartete: der Boden war gut und reichlich zugemeſſen— das Haus ſolid und keiner Ausbeſſerung be⸗ dürfend— die kleinen wie die großen Zehnten gehörten ſein, und einige waren ſchon eingegangen, ſo daß es ihm nicht an Butter und Eiern gebrechen konnte. Kurz vor ſich hatte er eine Ausſicht erfreulichen Ueberfluſſes und was noch beſſer iſt — geſegneter Unabhängigkeit, ſo daß er ſich in jenem Augenblicke keinen Strohhalm um die ganze Welt beküm⸗ mert hätte. 4 3 „Nun ſage, mein Lieber“— ſo redete er den Knaben an—„was verlangt Deine Mutter für Dieſes Alles?“ „Sie ſagt, ſie glaube, zweihundert Pfund, Sir,“ er⸗ wiederte der Knabe beſcheiden. „Pah, pah!“ ſchrie Doktor Mac Feely, dem etwas an⸗ gewohnte Kargheit anklebte.„Hundert und fünfzig iſt vollauf genug.“ „Die Meubles, der Wagen und die Gartengeräthſchaf⸗ ten koſteten meinen armen Vater vor kaum achtzehn Mona⸗ ten volle vierhundert,“ ſagte der Knabe ſeufzend. „Ja, aber ſie ſind ſeitdem ſtark verbraucht worden,“ erwiederte Doktor Mae Feely, ohne den Knaben anzuſehen. „Wohlan, Sir, Ihr müßt ſie haben, was Ihr nun da⸗ für bietet,“ verſetzte der Sohn des verſtorbenen Pfarrers. „Meine Mutter iſt ſehr arm und wir ſind unſerer Achte; ſie ſagt jedoch, ſie könnte es nicht ertragen, die Sachen in der Auktion verkaufen zu laſſen— das würde Ihr das Herz brechen.“ „Eurer Achte! Gott ſegne die arme Frau!“ rief der gute Doktor, ſich zu dem Knaben umwendend, und ihm voll in's Geſicht ſehend, über das eine große Thräne herabrollte. „Ich dachte nicht, daß Ihrer Eurer Achte wäret. Sie ſoll die zweihundert haben.“ „Nicht, wenn Ihr die Summe für zu hoch haltet, Sir,“ ſagte der Knabe. „'s iſt nicht zu viel—'s iſt nicht zu viel,“ meinte der Doktor haſtig, während warme Röthe ſein glattes Geſicht überzog;„überdies kann ichs recht wohl entbehren, mein Mann. Ich bin ein großer Oekonom geweſen— ſiehſt du? und ſo oft ich zwei Groſchen einnahm, legte ich immer einen bei Seite. Das iſt der Weg um zu etwas zu gelangen, junger Mann; dabei wird man nie die Ellbogen zum Aermel herausſtrecken. Es hat mir nie an einem ganzen Rock oder an einem ſauberen Hemde gefehlt, ſeitdem ich über den Häringsteich herüberkam— ich will nicht ſagen, was oft zwiſchen Beiden lag, denn das konnte man weder ſehen noch fühlen. Ich ſage Dir, ich kann das Geld recht gut entbeh⸗ ren— alſo kein Wort mehr darüber. Der Handel iſt ge⸗ ſchloſſen, und ſage Deiner Mutter, ich wolle ſte heut Abend beſuchen, und wenn ich Dir bei Deinem Latein oder Grie⸗ chiſch helfen kann, ſo will ich's thun und Dir vielleicht auch einen Hieb von dem urſprünglichen Dialekt in den Kauf geben.“. —õ—— —õ— 511 Der Kuabe entfernte ſich, wohl zufrieden mit ſeines Vaters Nachfolger, und Doktor Mae Feely ſetzte ſich zum Eſſen nieder, das von einer ſaubern Bauernmagd zubereitet war und bedauerte nur, daß er keinen Wein im Hauſe hatte, um am erſten Tage ſeines Amtsantrittes auf ſeine eigene Geſundheit zu trinken. Nach beendigtem Mahle lehnte er ſich in ſeinen Stuhl zurück, um ein Mittagsſchläſchen zu halten— eine Gewohn⸗ heit, welche er neuerer Zeit ziemlich kultivirt hatte. Schon waren ſeine Augen geſchloſſen und zwei bis drei tiefe Athem⸗ züge bewieſen, daß ſeine Bemühungen nicht erfolglos waren, als die Zimmerthüre durch das Aufreißen der Hauspforte erſchüttert wurde und im nächſten Augenblicke ein Fremder vor ihm ſtand. Doktor Mac Feely fuhr zuſammen, rieb ſich die Augen und betrachtete den Fremdling— einen jungen Mann von kräftiger Geſtalt, nur etwas mager und abgezehrt, mit wil⸗ dem ruheloſem Blick und einer breiten aber gerunzelten Stirne. „Was wollt Ihr?“ fragte der Doktor ohne aufzuſtehen. „Seyd Ihr eine Magiſtratsperſon?“ forſchte der Fremde ſeiner Seits. „Ja, mit Gottes Willen bin ich Friedensrichter,“ er⸗ wiederte der gute Doktor.„Was wollt Ihr von mir als ſolchem? Ich glaubte, Ihr wünſchtet getraut, begraben oder getauft zu werden, denn Ihr ſcheint Euch in einem ge⸗ fährlichen Seelenzuſtande zu befinden, junger Mann, und ich weiß nicht, welches dieſer drei Sakramente am beſten für Euch paßte.“ 51²2 „Das Zweite,“ gab der Fremde ernſthaft zur Antwort. „Getauft bin ich von beſſeren Händen als die Euren; ge⸗ traut werde ich niemals werden; begraben werde ich bald ſeyn.— Aber wo hab' ich Euer Geſicht früher geſehen?“ „Bei meiner armen Seele! ich kann's nicht ſagen,“ verſetzte der Doktor mit ſchlauem Augenzwinkern;„hoffent⸗ lich an keinem Orte, wo ich nicht hätte ſeyn ſollen. Vielleicht iſt es Irland, an was Ihr denkt.“ „Nein Lincolnſhire— wenn irgendwo,“ rief der Fremde; naber dies muß ein Irrthum ſeyn.“ „Zum Teufel auch!“ erwiederte Doktor Mac Feely; „wenn Ihr mich außer Irland je irgendwo in der Welt ge⸗ ſehen, ſo iſt ebenſo wahrſcheinlich, daß es in Lincolnſhire geſchah als ſonſt wo, denn ich wohnte dort keinen Augenblick länger als ich gerade mußte, und das war Drei Viertel meiner ganzen Lebenszeit, ſintemalen der alte Lord ſo mäch⸗ tig in ſeine Halle, in ſeine Fuchsjagden und all das Zeug verliebt war, nichts zu ſagen von dem guten Wein, der für ſeine fleiſchliche Natur eine böſe Verlockung abgab— und auch für die meinige, wie ich zugeben muß. Der Herr er⸗ barme ſich unſer Beider, und ſende uns mehr davon!“ „Jetzt hab ich's,“ bemerkte der Fremde.„Ihr ſeyd der fette Kaplan, der mit ihm herüberkam und eine Woche zu Coldenham zubrachte.“ „Schlechtern Stoff habe ich in meinem Leben nie ver⸗ ſucht,“ erklärte Doktor Mac Feely mit bitterer Erinnerung an Lady Coldenhams Weine;„und was mein Fett betrifft — da ſeht mein Bein, Junge. Wo wollt Ihr ſeines Glei⸗ — 5¹³ chen finden?“ und er ſtreckte es unter dem Rocke vor, indem er im ſelben Athem fortfuhr:„ich kann Euch was ſagen: jener Beſuch zu Coldenham— das heißt der ſaure Wein und das ſaure Weib— haben dieſes männliche Bein zwei ſo gute Pfund Rindfleiſch gekoſtet, wie ſie nur je aus eines Ochſen Rumpfe geſchnitten wurden. Ich dachte ſchon, es würde gar nie mehr rund werden.“ „Ich glaube, Ihr wurdet als ein guter Mann betrach⸗ tet,“ ſagte der Fremdling in demſelben wilden ernſten Tone. „Gut!— das will ich wohl glauben,“ verſetzte Doktor Mac Feely.„Habt Ihr je einen Menſchen aufblühen ſehen wie eine Roſe, der nicht gut geweſen wäre? Ich liebte mein Leben lang Alles was gut war— eine gute Flaſche vornämlich. Ich wünſchte, ich hätte jetzt eine,“ ſetzte er in leiſerem Tone bei,„wiewohl ich auch nichts gegen Punſch habe, wenn ſonſt nichts zu kriegen iſt; aber im ganzen Hauſe iſt nicht einmal ein Tröpfchen Rhum aufzutreiben.“ „Wohlan,“ ſagte der Andere, ein Papier aus der Taſche ziehend;„ich wünſche, daß Ihr mich dieſe Angabe beſchwö⸗ ren laſſet.“ 1 „Laßt ſehen, laßt ſehen,“ rief der Geiſtliche, die Hand danach ausſtreckend. „Nicht'ne Sylbe,“ war des Fremdlings ſtrenge Ant⸗ wort.„Es iſt Alles von meiner eigenen Hand geſchrieben und gehörig aufgeſetzt, denn ich wurde früher zu dem ver⸗ zweifelten Thier— einem Advokaten— auferzogen; Alles was ich von Euch verlange iſt, mich die Wahrhait deſſen, James. Das Schickſal. 33 8* 514 was dieſes Papier enthält, beſchwören zu laſſen und meine Unterſchrift zu atteſtiren.“ „Der Herr ſey mit Euch! ich will Euch ſchnell genug ſchwören laſſen,“ rief Doktor Mac Feely.„Ich habe mei⸗ ner Zeit auf beiden Seiten des Waſſers viel derartiges Zeug erlebt. Mein Gott! wo iſt die Bibel? Sally,“ Sally!— das iſt eine ſaubere Vergeßlichkeit!— Sally! habt Ihr ſo etwas wie eine Bibel im Haus? Der alte Pfarrer amuß eine Bibel gehabt haben— wo nicht, ſo muß es im Dorf eine geben.“ „O ich habe eine droben in meiner Schachtel, Euer Ehrwürden,“ erwiederte die Magd. „Ehrwürden!“ murmelte der Doktor.„Bring' ſie her — das iſt ein gutes Mädchen!— da iſt ein Herr, der ein Bischen ſchwören will.“ „Bringt auch ein Licht,“ ſagte der Fremdling. „Ein Licht am hellen Mittag!“ rief der würdige Geiſt⸗ liche;„was will der Mann mit einem Licht?“ „Dieſes Papier ſiegeln, wenn ich fertig bin,“ erklärte der Andere mit unerſchütterlicher Faſſung. „Da könnt Ihr ebenſo gut das Licht ausblaſen,“ ſagte der ehrenwerthe Paſtor,„denn im ganzen Hauſe iſt kein Stückchen Siegellack und wär's auch nur ſo groß wie eines Knaben Marbel.“ Die Dienerin war mittlerweile verſchwunden, kehrte aber bald mit der Bibel und einem Lichte zurück. Ihr ehr⸗ würdiger Gebieter ſchickte ſie nunmehr nach Feder und Dinte, * Abkürzung für„Sarah“. D. U. 51⁵ und ſobald alle Vorbereitungen getroffen waren, und ſie das Zimmer verlaſſen hatte, ſtreckte er noch einmal die Hand aus mit den Worten: „Kommt, ſeyd nicht unſinnig— gebt mir das Pa⸗ pier. Ich will ja kein Wort davon leſen— ehrlich geſtan⸗ den, ich mochte es um keinen geringeren Preis als um eine halbe Flaſche— aber ich muß doch obendrauf ſchreiben: Perſönlich erſchienen vor mir, Peter Mae Feely, Friedens⸗ richter und ſo weiter.“. „Das habe ich ſchon Alles bis auf den Namen für Euch gethan— Ihr dürft ihn nur einſetzen,“ erwiederte der Andere und hielt das Papier vor den Pfarrer hin, während er ſeinen Namen einſchrieb. „Nun denn, ſo kommt zum Schwören,“ ſagte Doktor Mae Feely.„Nehmt das Buch in die rechte Hand und das Papierin die linke. Vetgeßt Euren Daumen nicht, Junge, wenn Ihr das Buch küßt: die Ueberdecke iſt nicht allzu ſauber, aber ich glaube immer noch ſo gut wie die Eurige. Nun laßt uns womöglich ernſthaft ſeyn.'s iſt ein grauenhafter Akt— das Schwören: Ihr kennt doch vermuthlich das Weſen eines Eides?“ „Beſſer als Ihr,“ gab der Fremde trotzig zur Antwort, „denn Ihr habt manchen Schwur gethan, den Ihr vor Gott, wenn auch nicht vor den Menſchen, gebrochen.“ Sofort begann er mit klarer hörbarer Stimme, ohne daß man ihm etwas einzuſagen brauchte, die Wahrheit jedes auf dem Papier enthaltenen Wortes zu beſchwören und unterzeichnete endlich ſeinen Namen mit kecker geläufiger 33* 516 Hand; Doktor Mac Feely atteſtirſe die Unterſchrift, indem er rief: „Gaunt Stilling!— ſegt erinnere ich mich. Stilling! — ſo hieß der alte Küſter und Todtengräber zu Coldenham; wir haben gar oft zuſammengeplaudert. Gaunt hieß ſein Sohn und diente in dem Tangerregimente— Ihr ſeyd aller⸗ dings mager“ genug.— ECi, was in alles Unheils Namen hat Euch denn ſo verändert, Burſche?— ich erinnere mich Eurer allerdings, nur ſeht Ihr um zehn Jahre älter aus. Kommt, nehmt einen Becher Ale— das wenigſtens gibt's in meinem Hauſe.“ Gaunt Stilling winkte ablehnend mit der Hand. „Ihr ſollt dies in drei Tagen haben,“ ſagte er;„früher wird man's nicht brauchen.“ „Drei Tage! in drei Tagen werde ich bei den Aſſiſen ſeyn,“ erklärte der Pfarrherr. „Ihr müßt warten bis Ihr Dieſes empfangt und dann handeln wie ich Euch anweiſen werde,“ erwiederte Gaunt Stilling.„Die Aſſiſen werden nicht vor vier Tagen in Dorcheſter beginnen; die Sitzung wurde erſt am Montag zu Wincheſter eröffnet. Und nun— lebt wohl. Ihr ſeyd im Herzen kein ſchlimmer Mann, wie ich glaube. Ich ent⸗ ſinne mich noch der Predigt, die Ihr in der Kirche zu Colden⸗ ham gehalten, und Ihr ſpracht da über die Laſter der Großen kecke Wort, welche Euch Ehre machen. Vergeßt nicht Eures Herren Dienſt und ſorgt, daß dem Unſchuldigen ſein Recht * Bier iſt im Texte ein 1 Wortſyiel denn„Gaunt“ heißt auch D. U. 517 werde. Seyd kühn und wahr für das Recht— das wird eine Maſſe Eurer kleinen Sünden verdecken. „Pah, pah,“ lachte Doktor Mae Feely;„als ob Einer um ein Haar ſchlimmer wäre, weil er eine gute Flaſche und ein feines Schnittchen Braten liebt, vom Fett noch gar nichts zu ſagen! Ich kann beweiſen, daß es eine ſchreiende Sünde iſt, ſolche Gottesgaben zu verſchmähen. Alle Kirchen⸗ väter hielten es alſo, und wenn ich einmal ihre Lebens⸗ beſchreibung verfaſſe, ſo werde ich ſie ſchon in's Licht ſetzen, wie auch ihre Lehren beſchaffen ſeyn mögen“ Allein Gaunt Stilling wartete ſolche Beweiſe nicht erſt ab, und nachdem Doktor Mae Feely ſeine ehrliche breite Stirne eine Weile gerieben, ſank er in ſeinen Stuhl zurück und begann ſein Schläfchen von Neuem. Neununddreißigſtes Kapitel. Der bloſe Name Jeffreys trug Schrecken und Ver⸗ zweiflung durch die verſchiedenen Gefängniſſe im Weſten von England, worin die unglücklichen Theilnehmer an Mon⸗ mouths Rebellion eingeſperrt waren. Er war gefürchtet als das gewiſſenloſe Werkzeug der Willkühr und war dafür bekannt, daß er nach Blut lechzte, und ſich an fremdem Elend waidete. Er war wahrſcheinlich der einzige Richter, der die engliſche Gerichtsbank dadurch beſchimpfte, daß er offen über die Vollmacht zu foltern und hinzurichten jubelte. Er war 4 518 der Schrecken des Gerichtshofs, der ſauertöpfiſche Tyrann der Zeugen, der Bullenbeißer jeder Jury. Bei genügender Kenntniß des Rechts, um dieſes nach ſeinen eigenen Zwecken zuzuſtutzen und den ihm diktirten Planen zu accomodiren; bei hinlänglicher Rechtsverachtung, um es bei Seite zu wer⸗ fen ſo oft es ſeine Abſichten durchkreuzte; bei einem Scharf⸗ blick und einer Verſtandesklarheit, welche nur dazu ange⸗ wendet wurden, um aus jedem einzelnen Falle alle diejenigen Beweisgründe auszuziehen, die ſich zu Gunſten eines parteiiſchen Urtheils ableiten ließen; bei einer unverſchämten Keckheit, wie ſie nur in das Spielhaus oder in's Bordell paßten— fürchtete er keinerlei Folgen, ſo lange ſein thie⸗ riſcher Inſtinkt noch zu ſtillen war, ſcheute ſich vor keiner Schande, ſo lange ſie ihm das Mittel zu Macht und Wohl⸗ ſtand abgab. Bald verbreitete ſich fern und nah die Kunde, daß Jeffreys zur Aburtheilung der Gefangenen in den Weſten komme. Gleich darauf folgte die Nachricht, daß er die Sitzung zu Wincheſter eroffnet habe, daß er die Lady Alice Lisle wegen Beherbergung zweier unglücklicher Rebellen pro⸗ ceſſirt, daß er die erſten Grundſätze der Gerechtigkeit und. den ſtrikten Buchſtaben des Geſetzes verletzt, die Zeugen beſchimpft, mißhandelt und eingeſchüchtert und der wider⸗ ſtrebenden Jury durch Drohungen und Gewalt einen Spruch auf ſchuldig abgetrotzt habe. Das urtheil lautete, daß die Verurtheilten auf offenem Marktplatze lebendig verbrannt werden ſollten— ein Urtheil, welches mit einem Poſſenſpiel der Gnade in eine andere Todesart umgewandelt wurde. — Todesangſt durchdrang Aller Herzen, denn Niemand hielt ſich für ſicher, ſo ſehr er auch ſeiner Unſchuld bewußt war. Die Schutzwehren der Gerechtigkeit und des Geſetzes waren dahin; parteiiſches Vorurtheil, Privatbosheit, Hab⸗ gierde, Rachſucht, Laune konnten jeden Augenblick vom Richterſitze herab einen Schlag auf ihre Opfer führen und die Menſchen lernten Feinde fürchten, welche ſie früher ver⸗ achtet und geringgeſchätzt hatten. Wenn dies das Gefühl war, welches im ganzen Publi⸗ kum herrſchte— mit welchen Empfindungen mußten da die bereits angeklagten Gefangenen die fatale Botſchaft vernehmen, daß Jeffreys nach dem Weſten aufgebrochen ſey! Die rohen Gefangenwärter in dem Kerker, wo Ralph Woodhall eingeſperrt war— Menſchen von der niedrigſten Geſinnung und den gemeinſten Gewohnheiten— ſorgten red⸗ lich dafür, daß ihm die volle Nachricht Stück für Stück zu Ohren kam. Was ſeine perſönliche Bequemlichkeit betraf, ſo hatten ſie um hohen Preis eingewilligt, ſeine Lage zu verbeſſern: er bewohnte ein bequemes Zimmer, in dem Hauſe des Gouverneurs; ſeine Nahrung war nicht mehr bloſes Brod und Waſſer; Feder und Tinte wurden ihm geſtattet und ein guter ehrbarer Rechtsanwalt zu ihm ge⸗ laſſen. Allein die Gefangenwärter, welche nächſt dem Gelde auch den Jammer ihrer Gefangenen liebten, machten ſich für die Bequemlichkeiten wofür ſie beſtochen waren, theil⸗ weiſe wieder dadurch bezahlt, daß ſie den Gefangenen mit dem beſtändigen Gedanken an ſein herannahendes Schickſal folterten. 4 5²0 Wenn ich ſagen wollte, Ralph habe ſich der Verzweif⸗ lung hingegeben, ſo würde ich von ſeinem Gemüthszuſtande nicht den richtigen Begriff geben. Er hielt ſich allerdings für verloren und bereitete ſich, dem Schlimmſten mit Feſtig⸗ keit zu begegnen, und in dieſer Hinſicht war es ihm vielleicht von Vortheil, wenn er eine genaue Kenntniß von dem Charak⸗ ter ſeines Richters erlangte. So hatte er wenigſtens nicht mit der Ungewißheit— dem entnervendſten aller Schrecken — zu kämpfen; er brauchte nicht über Möglichkeiten zu ſin⸗ nen, nicht Wahrſcheinlichkeiten zu berechnen und zwiſchen Furcht und Hoffnung zu ſchweben— er brauchte ſich blos vorzubereiten. Hätte ein gerechter Richter die Unterſuchung geleitet, ſo hätte er keinen Zweifel, keine Furcht gekannt, denn das volle Bewußtſeyn ſeiner Unſchuld ließ ihn glauben, daß dieſe Unſchuld ſich klar erweiſen laſſen müſſe. Aber mit einem Jeffreys auf der Richterbank, bei der bekannten Be⸗ ſtechlichkeit dieſes Richters, bei dem großen Einfluſſe und Reichthume Lord Woodhall's war wenig oder keine Ausſicht zu einer Freiſprechung vorhanden, wenn alle dieſe Umſtände gegen den Gefangenen auftraten, und er fühlte, daß ihm nichts übrig blieb, als durch eine feſte ehrliche Vertheidigung ſeinen Namen wenigſtens für die Nachwelt rein zu erhalten und ſich mit männlicher Feſtigkeit zum Sterben vorzubereiten. Das war freilich bitter genug: er ſtand in der Blüthe der Jugend, voll der friſchen Kraft der frühen Mannesjahre, mit ungeſchwächtem Vermoͤgen des Genuſſes, die frohe heitere Welt noch unbewölkt von Enttäuſchungen, noch unbeſchmutzt durch das Laſter. Alles was er bis auf die letzten paar 8 521. Monate vom Leben geſehen, war nur ſtilles heiteres Glück geweſen— und jetzt ſollte er von dem Allem ſcheiden. Die Hoffnung hatte ihm ihre Gartenpforte eröffnet, und es war noch nicht lange, daß er ihre Wohlgerüche eingeathmet und ſich an ihren Blüthen ergötzt hatte. Von all Dem ſollte er nunmehr ſcheiden: die freudigen Erwartungen der Liebe— die lange Ausſicht auf glückliche Stunden, wie ſie dem Auge der Jugend ſtets offen daliegt — die hohen Beſtrebungen— die glänzend gemalten Bilder der Phantaſie— ſie alle ſollten zumal aufgegeben und in der kalten dunklen Gruft mit ihm begraben werden! Die ſtarke Thatkraft, der warme ritterliche Muth, die feſte aus⸗ dauernde Entſchloſſenheit, der rührige Gedanke, die Macht eines ſtarken Gemüths, welche von Ehre und Treue geleitet ihn zur Auszeichnung führen ſollten— ſie alle ſollten auf dem öffentlichen Schaffote endigen, und ein ſchmachvoller Tod ſollte ein kurzes heiteres Leben voll ehrlicher Anſtrengung und. unbefleckter Reinheit beſchließen! Auf alles Dieſes hatte er ſich vorzubereiten; aber er that es, und that es wie ein Mann. Er ſchrieb an ſeinen Vater, an Margarethe, an Lady Danvers und Lord Woodhall, und auf jeden dieſer Briefe ſetzte er die Worte:„nach meinem Tode abzugeben.“ Allen gab er die feierlichſte Verſicherung als Sterbender, daß er keinerlei Antheil an dem Tode ſeines Vetters Henry gehabt, beifügend, daß er die Beweiſe ſeiner Unſchuld in ſeinem Pro⸗ zeſſe ſo klar darzulegen hoffe, daß Niemand ſeine Schuld⸗ loſigkeit abläugnen werde, wenn Leidenſchaft und Vorurtheil erſt vorüber wären. Zu gleicher Zeit erklärte er ſeine Ueberzeugung, daß er verurtheilt werden würde, indem er nur im Allgemeinen auf die Umſtände anſpielte, welche dieſe Ueberzeugung neben dem vollen Bewußtſeyn ſeiner Unſchuld erklärlich machten. Sein Rechtsanwalt war eifrig und thätig. Das We⸗ ſen des jungen Mannes, ſeine Ruhe, ſeine Feſtigkeit, ein ge⸗ wiſſes Etwas in dem munteren Tone, womit er von ſeinem kommenden Schickſale ſprach— rührten den guten Mann ſehr, ſo daß er mehr als blos käuflichen oder handwerks⸗ mäßigen Antheil an der Sache nahm. Nalph ließ ihn ge⸗ währen wie er wollte, und zeigte ziemliche Gleichgültigkeit gegen die ganze echnik des ihn betreffenden Rechtsfalles. Er beantwortete offen und aufrichtig alle ihm vorgelegten Fragen, gab vollen und klaren Bericht über alle auf den Fall bezüglichen Ereigniſſe, ſo weit er ſie kannte, und er⸗ wähnte die Namen aller mehr oder minder an der Sache Betheiligten. Der Mann des Rechtes rieb ſich die Hände und er⸗ klärte, daß wenn das Zeugniß der erwähnten Perſonen zu erlangen ſey, ohne allen Zweifel ein günſtiger Spruch erfol⸗ gen werde. Nur ein einziger Punkt verlangte einige Ueber⸗ legung: der Prozeß ſollte nämlich in der Grafſchaft ver⸗ handelt werden, wo das angeführte Verbrechen begangen worden war. „Ohne Zweifel iſt die Krone darauf vorbereitet, den Gerichtsbezirk zu wechſeln,“ fügte er bei;„das macht ſich heutzutage ſo leicht, daß jeglicher Grund genügt, ſobald die ——₰ 4 — 523 Krone betheiligt iſt. Es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn in dieſem Falle die Schwierigkeit und Unbequemlich⸗ keit Eurer Verſetzung nach Norfolk als Vorwand angeführt würde, ohne im Geringſten darauf Rückſicht zu nehmen, welche Koſten und Schwierigkeiten das Herbeiſchaſſen Eurer Zeugen hierher Euch verurſachen muß. Vielleicht kommt Euer Fall nicht zur Verhandlung, und Ihr werdet dann doch nach Norwich geſchickt; aber auch dann wird meine Mühe nicht umſonſt ſeyn, denn Eure Vertheidigung wird um ſo beſſer vorbereitet.“ „Ihr habt mir den erſten Grund zur Hoffnung ge⸗ geben,“ erwiederte Ralph mit mattem Lächeln,„und ich kann dies beinahe nur bedauern. In Yorfolk würde ich ganz beſtimmt freigeſprochen: hier werde ich ebenſo ſicher verurtheilt. Aber ich will keiner Erwartung Zutritt ge⸗ ſtatten: die mich zu verdammen beſchloſſen haben, werden wohl ohne Zweifel ihre Vorſichtsmaßregeln treffen, und Ihr dürft Euch darauf verlaſſen, daß der Gerichtsbezirk ſicher gewechſelt wird.“ „Nun, nun, es iſt doch wenigſtens eine Ausſicht,“ meinte der Advokat.„Große Männer begehen zuweilen große Mißgriffe, und auch in dieſem Falle kann ein Ver⸗ ſehen vorgekommen ſeyn.“ Er war diesmal, wie er zuweilen pflegte, mehrere Stunden lang bei Ralph geblieben, und der Tag hatte ſich in Nacht verwandelt, als er ſich verabſchiedete. Die alte Stadt Dorcheſter war, wie ich glaube, in da⸗ maliger Zeit an Ausdehnung nicht viel geringer, als heut⸗ . 524 zutage. Sie war immer ein rühriger wohlgedeihender Ork, durch keine anderen Fabrikate als höchſtens ihr Ale ausge⸗ zeichnet. Die Straßen waren ſehr eng und winklig und die dem Gefängniß gegenüber liegenden Häuſer von dem das alte Gebäude umringenden Außenwalle nur durch einen vier Schritte breiten Weg getrennt. Es waren lauter niedrige erbärmliche Häuschen, von den ärmeren Klaſſen bewohnt und ſeitdem ſchon längſt weggeriſſen. Unter dem Vorſprung eines derſelben ſah der Anwalt beim Heraustreten aus der Kerkerpforte einen Mann ſtehen, deſſen Geſtalt ſich an dem beleuchteten Fenſter deutlich ab⸗ zeichnete, denn Lampen gab es dazumal noch keine in der Stadt. Es war eine Regennacht, und da das Dach weit vorſprang, ſo gewährte es ſchon einigen Schutz. In dem Augenblicke, da der Anwalt vorüber ging, folgte ihm der Mann, und am Ende des Gäßchens holte er ihn ein und klopfte ihm auf die Schulter. „Ich habe mit Euch zu reden, Sir,“ ſagte er in höf⸗ lichem Tone.„Heißt Ihr nicht Danes? ein Advokat in hieſiger Stadt?“ „Beides richtig,“ erwiederte der Anwalt.„Was wollt Ihr von mir?“ „Ich— nichts,“ gab der Mann zur Antwort;„aber eine Dame wünſcht Euch ſogleich zu ſprechen— eine große Dame, von der Ihr wenigſtens gehört haben müßt, wenn Ihr ſie noch nicht geſehen habt.“ „ Wer iſt ſie?“ fragte der Advokat. — 525 „Kommt mit und Ihr werdet es erfahren,“ verſetzte der Mann. Mr. Danes folgte, feſt entſchloſſen, zu ſeinen Ferſen die Zuflucht zu nehmen, ſobald ſein Führer ihn nach einem verdächtigen Orte geleite. Weit entfernt hievon, führte ihn der Mann vielmehr in einen der beſuchteſten Stadttheile in das Haus eines der angeſehenſten Einwohner, eines der regierenden Familie ſehr ergebenen und bei der herrſchenden Gewalt einigermaßen in Gunſt ſtehenden Herrn. „Ei, das iſt ja Mr. Winkworths Haus!“ ſagte der Anwalt. „Ganz richtig,“ erwiederte der Andere lakoniſch und öffnete die Thüre, denn die Hausthüren blieben damals zu Dorcheſter in der Regel unverſchloſſen, bis die Familie ſich zur Ruhe verfügte.„Kommt herauf,“ fuhr er fort. Durch verſchiedene Thüren in die große Halle tretend, durch welche lautes Geſpräch hereindrang, geleitete er ſeinen Gefährten eine breite, ehrwürdig ausſehende, geſchnitzte Eichentreppe hinan und öffnete eine Thüre mit den Worten: „Meiſter Danes, Mylady.“ Der Anwalt trat in's Zimmer, und obgleich dieſes nur zwei Perſonen enthielt, ſo fühlte er ſich doch faſt betroffen, nicht ſowohl durch den hellen Lichtſchimmer, der plötzlich auf die Dunkelheit folgte, als durch den Glanz der Schönheit, der vor ihm ſtrahlte. Er blieb eine Weile ſtehen und meinte, er habe noch nie zuvor zwei ſo ſchöne Geſchöpfe geſehen, wie ſie hier Hand in Hand am Tiſche vor ihm ſaßen. Die 526 Eine war in tiefe Trauer gekleidet, und auf dem Tiſche ne⸗ ben ihr lag eine jener ſchwarzen Halbmasken, welche damals von Damen ſehr häufig getragen wurden und in Frankreich unter dem Namen Loup bekannt waren. Die Andere trug ein ſehr reiches Hofkleid; aber ſogar das damalige Koſtüm, das immer ſteifer und härter wurde, vermochte die ausneh⸗ mende Schönheit ihrer Geſtalt nicht zu verbergen. Die Erſte hatte eine gewiſſe wilde Friſche und jugendliche Grazie an ſich, welche ſehr einnehmend waren, während die Andere, obwohl offenbar nur wenige Jahre älter, eine ruhige Würde und Selbſtbeherrſchung in ihrer Haltung entwickelte, welche ſie als langgewohnten Gaſt an Höfen ankündigte. Der Advokat hatte übrigens nicht viel Zeit zu Bemer⸗ kungen, denn die ältere Dame begann alsbald: „Kommt herein, Mr. Danes, und ſetzt Euch ge⸗ fälligſt.“ Er meinte noch nie in ſeinem Leben ſo ſüße Muſik ver⸗ nommen zu haben, wie ſie hier von dieſen zarten Lippen kam, und an den Tiſch vortretend blieb er mit dem naſſen Hute in der Hand ſtehen. „Ihr habt mich früher ſchon geſehen, Mr. Danes,“ ſagte die Lady, welche vorhin geſprochen;„vielleicht könnt Ihr Euch meiner aber nicht mehr erinnern.“ „Dem iſt allerdings ſo, Mylady,“ erwiederte der An⸗ walt;„und doch glaub' ich kaum, daß ich Euch vergeſſen konnte, wenn ich je das Glück gehabt hätte, Euch zu ſehen.“ „Ich war damals noch ein kleines Mädchen,“ erklärte 527 ſie mit lieblichem Lächeln.„Vielleicht entſinnt Ihr Euch noch einer gewiſſen Hortenſta Danvers.“ „O Gott! freilich, Mylady!“ rief der Advokat mit einem Blicke der Freude.„Ich erinnere mich Eurer recht wohl, auch Eures edlen Vaters und Eurer vortrefflichen Mutter. Ihnen hatte ich ja den erſten Erfolg in meinem Leben zu danken. Womit kann ich Euch dienen? Nichts wird mir größeres Vergnügen machen, wenn es in meiner Macht liegt.“ Hortenſia bewog ihn zum Niederſitzen und erklärte ihm dann, daß ſie gehört habe, wie er ſich zur Vertheidigung Mr. Ralph Woodhall's vorbereite, und daß ſie nach ihm ge⸗ ſchickt habe, um ſeine Anſicht über die Sache zu hören, und allen nöthigen Beiſtand, den ſte gewähren könne, anzu⸗ bieten. „Die Sache wäre ganz klar, Mylady, wenn wir nur auf eine ehrliche Jury und einen vorurtheilsfreien Richter rechnen könnten,“ erwiederte der Anwalt.—„Ich muß offen reden, denn die Sache verlangt es. Wir wiſſen, daß Seine Lordſchaft, welche hierherkommt, allen Arten von Einflüſſen zugänglich iſt, und, um die Wahrheit zu ſagen, habe ich entdeckt(was ich zwar meinem Klienten verſchwie⸗ gen habe), daß von den Verwandten des Todten keinerlei Mittel— auch nicht die unbilligſten und gewiſſenloſeſten— verſchmäht werden, um ein Verdammungsurtheil gegen den Schuldigen zu erlangen.“ „Still, ſtill, Mr. Danes,“ rief Hortenſta mit einem Blicke auf ihre ſchöne Gefährtin.„Beſchuldigt nicht Per⸗ 528 ſonen, welche nur von tiefer Liebe für einen verlorenen Ver⸗ wandten getrieben werden.“ „Laßt ihn nur reden, theure Hortenſia,“ ſagte Mar⸗ garethe;„laßt ihn offen reden. Wir Beide müſſen noth⸗ wendig die Wahrheit hören, ſo bitter ſie auch ſeyn mag.“ „In der That, Mylady,“ erklärte der Anwalt,„in einer Sache, wie dieſe, wo ſich's um Tod und Leben handelt, kann man ſpitzige Worte nicht zurückhalten. Wenn Mr. Ralph Woodhall hier proceſſirt wird, ſo iſt ein Verdam⸗ mungsurtheil ſehr wahrſcheinlich, denn der mächtigſte Ein⸗ fluß wird aufgeboten, um die Geſchworenen gegen ihn einzu⸗ nehmen, und derſelbe Einfluß wird ohne Zweifel auch bei dem Richter geltend gemacht werden.“ „Kann er denn aber nicht anderswo prozeſſirt wer⸗ den?“ fragte Hortenſia. „Er ſollte es ſogar in Norfolk,“ erwiederte Mr. Da⸗ nes;„allein die Krone kann den Gerichtsbezirk ändern, und es iſt ſehr geringe Ausſicht vorhanden, daß ſie ſolches verſäu⸗ men wird, wenn es nicht etwa für dieſe Aſſiſen zu ſpät werden ſollte. Sie werden ſich an keine Geſetzesformen halten, darauf dürft Ihr Euch verlaſſen, und werden vielleicht alle anerkannten Rechtsprinzipien verletzen; aber wenn ſie einen Mißgriff begehen, ſo können wir ihnen entgegentreten, ob⸗ wohl wenige Advokaten dem Jeffreys zu trotzen wagen.“ „Der Kühnſte, Geſchickteſte und Gelehrteſte muß um jeden Preis für uns gewonnen werden,“ ſagte Hortenſta eifrig.„Für die Koſten mache ich mich verantwortlich, Mr. Danes, wie groß ſie auch ſeyn mögen. Spart keine — 529 Ausgabe, gebraucht alle Mittel, die ſich Euch darbieten, denn je größer die Bemühungen zu ſeiner Unterdrückung ſind, deſto mehr müſſen wir zu ſeinem Schutze aufwenden.“ Indem ſie ſo ſprach, legte ſie ihre Hand auf die Mar⸗ garethens und drückte ſie ſanft, und wenn je Selbſtverläug⸗ nung in einem Frauenherzen wohnte, ſo war ſie in jenem Augenblicke bei Hortenſien zu treffen. 1 „Dieſe Güte iſt ſehr nothwendig, Mylady,“ erklärte der Anwalt,„denn Zeugen müſſen weit herbeigeholt wer⸗ den, und die geringen Mittel, die wir beſitzen, werden dar⸗ über zur Neige gehen. Das Honorar für ausgezeichnete Advokaten iſt ſehr bedeutend, und meine einzige Hoffnung war, daß der alte Mr. Woodhall mit weiteren Geldmitteln anlangen möge— der iſt aber nicht gekommen.“ „Laßt Euch dadurch nicht einen Augenblick abhalten,“ verſetzte Hortenſia.„Für jede Ausgabe, die Ihr in dieſer Sache machet, mögt Ihr Euch an mich halten.“ „In dieſem Falle könnten wir bei dem Oberrichter ſelbſt einen Verſuch machen,“ meinte der Advokat, ſie mit forſchendem Blicke betrachtend.„Ich denke, er würde nicht fehlſchlagen, wenn die Summe groß genug wäre.“ Das Blut ſchoß Hortenſien in's Geſicht, und es lag ein offenbarer Kampf in ihren Mienen. „Das kann ich nicht ſagen,“ gab ſie zur Antwort;„ich kann Euch nicht anweiſen, etwas Unrechtes zu begehen. Ich kann nur ſoviel ſagen, Mr. Danes: thut Alles, was nöthig iſt, damit ihm wirkliche Gerechtigkeit erwieſen werde, und ich will vor keiner Verbindlichkeit zurücktreten, die Ihr an James. Das Scickſal. 34 530 meiner Stelle eingeht.— Köoͤnnt Ihr mir jetzt wohl einige Umſtände erklären, die ich noch nicht verſtehe? Mir ſelbſt— ſo unerfahren ich auch in der Rechtspraxis bin— ſcheint es ebenſo nöthig als billig, mich ſelbſt nebſt all den Dienern, welche mit mir bei dem Herzog von Norfolk waren, als die⸗ ſer vorgebliche Streit ſtattfand— als Zeugen bei dem be⸗ vorſtehenden Prozeſſe vorzuladen. Ich höre jedoch, daß mehrere andere Perſonen meines Haushalts, welche damals nicht in Norwich, ſondern auf meinem Landſitze in Danvers Newchurch ſich befanden, gleichfalls Vorladungsſchreiben erhalten haben. Was kann der Grund hiefür ſeyn, Mr. Danes?“ 3 „Das iſt allerdings auffallend, Mylady,“ erwiederte der Anwalt nachſinnend.„Hat ſich aber Mr. Ralph Wood⸗ hall nicht eine Zeitlang nach dem Ereigniſſe in Eurem Hauſe zu Newchurch aufgehalten?“ „Allerdings,“ verſetzte Lady Danvers;„ich ſehe nur nicht ein, was dies mit der Frage zu ſchaffen hat, ob er ſei⸗ nen Vetter im Duelle tödtete oder nicht, und ob es bei jenem Duelle ehrlich hergegangen.“ „Sie werden wohl hoffen, allerlei Zugeſtändniſſe hie⸗ durch beweiſen zu können,“ entgegnete der Anwalt.„Ich muß übrigens geſtehen, daß mir dies ſehr auffallend iſt, und wo offenbar mehr die Abſicht zu verfolgen als zu unter⸗ ſuchen vorwaltet, da wird man auf jeden Zug in dem ver⸗ hängnißvollen Schachſpiele argwoͤhniſch. Ich will Euch ſagen, was ich vorhabe, Mylady. Ich kenne die meiſten hei den hieſigen Aſſiſen betheiligten Perſonen. Einige von — 531 ihnen haben mir bereits Andeutungen über die unredlichen Mittel gemacht, welche zum Zwecke einer Verurtheilung an⸗ gewendet werden. Ich will jetzt zu entdecken ſuchen, welche Beweggründe zu dem von Euch erwähnten Verfahren Ver⸗ anlaſſung gaben. Könnt Ihr mir die Namen Eurer Diener angeben, welche citirt worden ſind?“ Lady Danvers ſchrieb fünf bis ſechs Namen auf ein Stück Papier, obenan den ihres Kaſtellans Mr. Drayton. Hiemit verſehen ging der Anwalt ſeiner Wege. Margarethe und Hortenſia blieben noch eine Zeitlang allein in traurigem Geſpräche über das Thema, das die Ge⸗ danken Beider beſchäftigte. Andere Gegenſtände, die ſich auf Margarethens eigenes Schickſal bezogen, miſchten ſich von Zeit zu Zeit in ihr Geſpräch, und als ſich Margarethe endlich zum Gehen anſchickte, wiederholte Hortenſia zweimal ihre Mahnung, daß ſie nur ſtandhaft ſeyn ſolle. „So lange man lebt, iſt immer noch Hoffnung, theure Margarethe,“ ſagte ſie,„und wenn auch Euer Geſchick mit dem des Geliebten nie vereinigt werden ſollte, ſo ſeyd Ihr ihm doch ſchuldig, Euch nicht mit einem Manne zu vermäh⸗ len, den Ihr mit ſo vollem Rechte verabſcheut, wie dieſen Robert Woodhall. Was ich Euch heute Abend von dem Charakter jenes Menſchen erzählt, iſt mehr als bloſes Hö⸗ renſagen, und ich könnte ebenſo gut erwarten, daß Oel und Waſſer ſich vermiſchen, als daß Ihr ihm Eure Hand gäbet. Ich darf nicht mit Euch zurückkehren, denn Euer Vater iſt jetzt ohne Zweifel zu Hauſe und ich wäre ihm vermuthlich kein ſehr willkommener Gaſt; zwei meiner Leute ſollen Euch 91 53² jedoch begleiten, obwohl ich glaube, daß man in dieſer guten Stadt Dorcheſter ohne großes Riſiko allein gehen könnte.“ „Ich hoffe, mein Vater iſt noch nicht zurückgekehrt,“ erwiederte Margarethe ſchüchtern.„Ich fürchte, er möchte mir über meine Abweſenheit zürnen. Er iſt ausnehmend reizbar geworden, ſeit ich mich weigerte, auf Robert Wood⸗ halls Bewerbung zu horchen. Er hat noch nie ſolche Unfreundlichkeit gegen mich bewieſen.“ Und die Thränen ſtiegen ihr in die Augen, als ſte fortfuhr:„wo werde ich meine Zofe finden?“ „Wir wollen ſie hereinrufen,“ erwiederte Lady Dan⸗ vers, und nachdem Dora aus einem anderen Zimmer her⸗ beigeholt worden, küßte Hortenſia ihre Freundin zärtlich mit den Abſchiedsworten: „Hoffe immer, theures Mädchen, hoffe immer!“ „Ja, hoffe immer!“ wiederholte Lady Danvers zu ſich ſelbſt, als Margarethe ſie verlaſſen hatte.„Du darfſt hof⸗ fen, arme Margarethe. Dir kann noch das Schickſal durch eine ſeiner eigenthümlichen Wendungen lange Aus⸗ ſichten des Glücks eröffnen. Für mich iſt der Himmel ringsum verhüllt.— Nun, ich kann auch eine Einſiedlerin werden.“. Wenige Minuten ſpaͤter kehrte Mr. Danes zurück, nur um ihr die Nachricht zu bringen, daß er keine Aufklärung zu erlangen vermochte. Er ſchien ſogar noch zweifelhafter und argwöhniſcher als zuvor in Betreff des einen Umſtandes, auf den Lady Danvers ſeine Aufmerkſamkeit gelenkt hatte. „Entweder ſind die zunächſt Betheiligten mit den Be⸗ 533 weggründen ſelbſt unbekannt oder ſie wollen ſie nicht preis⸗ geben,“ erklärte er;„in beiden Fällen gewinnt die Sache ein ſchlimmes Ausſehen. Es müſſen irgendwo Urſachen zur Geheimhaltung vorwalten, und das iſt an ſich ſelbſt ſchon verdächtig in einem Falle, wo ſich's, wie hier, nur um ein⸗ fache Gerechtigkeit handelt. Alles, was wir thun können, Mylady, iſt, die Vertheidigung ſo ſorgfältig wie möglich vorzubereiten. Ich muß noch heute Nacht friſche Boten oſtwärts ausſenden, um die Ankunft unſerer Zeugen zu be⸗ ſchleunigen, denn ich höre, daß Seine Lordſchaft raſch mit Prozeſſen aufräumt, und es würde mich nicht überraſchen, wenn meinem Klienten eine Verſchiebung des Verhöres ver⸗ weigert würde, ſelbſt wenn unſere Vertheidigung nothwen⸗ dig noch unvollſtändig ſeyn ſollte.“ Er richtete ſodann an Lady Danvers noch einige Fra⸗ gen darüber, was ſie in Betreff der Ereigniſſe jener Nacht, da Henry Woodhalls Tod ſtattgefunden, zu bezeugen ver⸗ möge, und verließ ſie endlich nur noch deprimirter durch Nachforſchungen, deren Zweck ſie nicht ganz begreifen konnte. Sie erklärte jedoch ihre vollkommene Bereitwilligkeit, als Zeugin des Vertheidigers zu erſcheinen, und Mr. Danes entfernte ſich in der vollen Zuverſicht, daß ſie ihr Zeugniß feſt und unverhohlen ablegen werde. Vierzigſtes Kapitel. Wer ſich längere Zeit in Dorcheſter oder deſſen Nach⸗ barſchaft aufgehalten, wird wiſſen, daß in einem Umkreiſe 53³⁴ von nur wenigen Meilen Durchmeſſer um jene Stadt meh⸗ rere Punkte ſich finden, wie ſie in keinem Theile der britan⸗ niſchen Inſel wilder und einſamer getroffen werden. Be⸗ ſonders an dem Fluſſe Weymouth ſtößt man auf Stellen, wo man ſich einbilden könnte, die hohe Kultur, welche rings⸗ umher getroffen wird, weit hinter ſich gelaſſen zu haben. In den Tagen Jakobs des Zweiten, wo der Ackerbau als Wiſſenſchaft die Kenntniſſe, wie die Angelſachſen ſie früher beſaßen, nur wenig bereichert und wo der Anbau un⸗ ter dem Einſluſſe vieler abſchreckender Urſachen ſich nur langſam ausgebreitet hatte, waren natürlich ſolche abge⸗ legenen Stellen in allen Grafſchaften Englands ſehr zahl⸗ reich, und auf einer derſelben in Dorſetſhire, nur wenige Meilen von der Hauptſtadt dieſer Grafſchaft entfernt, war eine alte Veſte erbaut, deren Urſprung vermuthlich um zwei Jahrhunderte zurückdatirte. Sie lag auf einer über einem Fluſſe hängenden Höhe; der Fluß ſelbſt war kurz in ſeinem Laufe und gänzlich bedeutungslos, bis er etwa fünf Meilen vor ſeiner Mündung einen Punkt erreichte, wo er ſich in einen See oder eine enge Bucht von Salzwaſſer erweiterte, welche für Fiſcherboote hinlängliche Zuflucht gewährte. Da, wo die erſte beträchtliche Ausweitung der Stromufer ihren Anfang nahm, hatte ſich eine Art Sandbank gebildet, welche den ſchiffbaren von dem unſchiffbaren Theile des Waſſers trennte, und eben dieſe Stelle war es, wo das Haus oder Ka⸗ ſtell, wie man's nannte, erbaut worden war. Ich will den Fluß die Orme nennen; von ihm und der oben erwähnten Sand⸗ barre hatte das Haus den Namen Ormebar⸗Caſtle abgeleitet. 53⁵ Der benachbarte Grund war mit glattem, grünem Ra⸗ ſen oder kurzem üppigem Graſe bedeckt und bildete leichte Wellenlinien, von manchem klaren, ſchönen Bächlein bewäſ⸗ ſert. Hecken oder Mauern waren auf mehrere Meilen im Umkreiſe des Parkes nicht zu bemerken. Es war ein düſter ausſehendes Gebäude, aus hohen, geräumigen, unregel⸗ mäßigen Steinmaſſen beſtehend, welche irgendwie zuſam⸗ mengefügt waren, und an den zahlloſen, ſehr manigfal⸗ tigen Fenſtern, wie an der unmethodiſchen Vertheilung der Kamine konnte man ſchon von Außen leicht erkennen, daß man im Innern eine förmliche Reiſe anzuſtellen hatte, um eine dicht nebenanliegende Thüre zu erreichen, wenn man aus einem Zimmerein ein anderes gelangen wollte. In dieſem merkwürdigen alten Gebäude mitten in der umgebenden Einöde hatte ſich in der Nacht von Marga⸗ rethens Beſuch bei Hortenſien eine kleine Geſellſchaft zu⸗ ſammengefunden. Küche und Halle waren wohl beſetzt— beſſer als ſeit langer Zeit— inſofern zu den zwei bis drei alten Dienern, welche den Ort ſeit Jahren bewohnt hatten, aus einem fernen Theile des Landes noch ein beträchtlicher Haushalt hieher verſetzt worden war. In einer großen, merkwürdigen, altmodiſchen Halle im oberen Stockwerk finden wir um die Stunde des Sonnen⸗ untergangs eine Gruppe von nur drei Perſonen beiſammen. Es war eine Mutter mit ihren beiden Söhnen, in der Nähe des Fenſters verſammelt, nicht um das Verſchwimmen des Lichtes im Weſten zu beobachten, ſondern mit Dingen be⸗ ſchäftigt, welche wenigſtens zwei von ihnen als gar nicht 5³⁶ unwichtig betrachteten. In der Mitte auf einem ſchlanken, ſammtbeſchlagenen Stuhle mit hoher Lehne, einen Schemel zu ihren Füßen, ſaß die alte Lady Coldenham. Ihr älteſter Sohn ſtand zu ihrer Rechten und ſchaute gleichgültig auf die See hinaus, da wo ein kleiner Kirchthurm gerade über den anſteigenden Grund hervorragte. Sein Arm war über die Stuhllehne geſchlungen, ſein Kopf auf eine Seite geneigt und ſeine ganze Geſtalt zeigte eine Haltung anmuthiger Un⸗ beſchäftigtheit. Auf der andern Seite ſah man ſeinen Bru⸗ der Robert mit ganz anderer Miene daſtehen: die rechte Hand auf ſein Knie geſtützt und die Augen auf ſeine Mut⸗ ter geheftet, neigte er ſich vorwärts, als ob er einen Orakel⸗ ſpruch von ihren Lippen erwartete. Endlich als der Abend hereinzudüſtern begann, fragte Robert: „Sollen wir nicht nach Lichtern rufen, Madame?“ „Nein,“ erwiederte Lady Coldenham.„Ich liebe die⸗ ſes Zwielicht— ja, es macht mir Freude, die Sterne einen nach dem andern hervortreten zu ſehen, je mehr die Finſter⸗ niß ihre Herrſchaft über die Erde wieder an ſich reißt, gleich einem mächtigen Monarchen, der in ernſter Ruhe über einen ſchwachen prunkenden Prätendenten triumphirt, der ihm ſein Reich ſtreitig machte. Ueberdies läßt ſich ebenſo gut im Schatten von all den Dingen reden, Robert, die wir noch zu beſprechen vor uns haben.“ Hier ſank ſie wieder in ihr Schweigen zurück, und als der Himmel faſt ganz finſter war, fuhr ſie fort: „Du haſt Deine Rolle gut geſpielt, Robert, und jetzt 537 müſſen wir uns verſichern, daß der Schlag auch wirklich treffen wird. Du haſt ihn in's Gefängniß geliefert, wie Du verſprachſt— aber er muß ſterben.“ „Ich denke, das könnt Ihr der Sorge des guten alten Lords überlaſſen,“ bemerkte Robert.„Er dürſtet nach ſei⸗ nem Blute, wie ein Schweißhund nach dem des Wildes.“ „Ich kann es Niemand mit voller Zuverſicht überlaſ⸗ ſen,“ erklärte Lady Coldenham.„Es hängt zu viel von dem Erfolge ab, als daß ich durch das Benehmen eines hitz⸗ köpfigen alten Mannes oder eines achtloſen unaufmerkſamen Advokaten irgend Etwas auf's Spiel ſetzen dürfte.“ „Ich möchte wohl wiſſen, was der arme Ralph gethan hat,“ ſagte Lord Coldenham, ſein Schweigen ſeit einer Viertelſtunde zum erſtenmal unterbrechend,„um Euch Beide ſo bitter zu ſeinen Feinden zu machen. Der Eine verfolgt ihn wie ein Bluthund, und die Andere erklärt, er müſſe ſterben.“ Lady Coldenham heftete ihre großen ſchwarzen Augen mit einem Blicke zornigen Erſtaunens auf ihn; aber der junge Lord war ſchon lange ziemlich widerſpenſtig geweſen und wiederholte uneingeſchüchtert: „Ich moͤchte wiſſen, was er gethan hat. Was iſt ſein Verbrechen?— Das möcht' ich wiſſen.“ „Er iſt ſeines Vaters Sohn,“ bemerkte Lady Colden⸗ ham mit ſtrengem Nachdruck. „Ich wußte nicht, daß dies ein größeres Verbrechen ſey, als wenn man ſeiner Mutter Sohn iſt— ich halte es eher für einen Vorzug,“ entgegnete Lord Coldenham mit einer Anwandlung von Lachen.„Was den Vater betrifft, 538 ſo ſehe ich an ihm ſo wenig Böſes, wie an Ralph. Er iſt ein gar guter alter Herr, allerdings ziemlich pedantiſch, aber darum noch lange nicht ſchlimm. Schlauköpfe, Pedanten und Wüſtlinge ſind in unſerem Geſellſchaftszuſtande noth⸗ wendige Uebel, wie ich glaube; da ich jedoch die Verfolgung nicht billigen kann, ſo will ich dieſes ziemlich intolerante Concil lieber verlaſſen und mich anderswo amüſiren.“ Er erhob ſich bei dieſen Worten; allein Lady Colden⸗ ham rief in troͤtzigem Tone: „Bleibt ſitzen, Lord Coldenham!“ „O nein, theure Mutter,“ erwiederte der junge Lord. „Ich kann meine Zeit beſſer anwenden. Da iſt Robert, der ſich ſowohl aus dem Sitzen, wie aus dem Davonlaufen ein beſonderes Vergnügen macht— welches von beiden haſt Du zu Sedgemoor gethan, Bob?— Ich bin zu dem einen zu lebhaft und am anderen hab' ich keine Freude, und ſo will ich mit Eurer Erlaubniß ſpazieren gehen.“ Lady Coldenham betrachtete ihn mit einem Ausdrucke des Ingrimms, der Ueberraſchung und der Verachtung, der ſich nur ſchwer beſchreiben läßt; aber der junge Lord hatte ſeinen Theil erwäͤhlt und war entſchloſſen in ſeiner Art, wenn auch in ſeinen Gewohnheiten noch ohne Ernſt des Weſens. Der Blick ſeiner Mutter reizte ihn nicht wenig, und er fuhr in kaltem aber entſchiedenem Tone fort: „Mit einem Wort, theure Lady und Mutter, ich bin volljährig, ſoviel ich weiß, und Herr meiner eigenen Hand⸗ lungen wenigſtens. Ich wünſche nicht gerade, Herr in mei⸗ nem eigenen Hauſe zu ſeyn, ſo lange ein ſo viel beſſerer ——— —— —ͤ— 5³9 Gebieter darin lebt; aber ich will um keinen Preis hier bleiben, um in Dinge zu willigen, die ich mißbillige und verabſcheue.“ „Hört Ihr, Coldenham,“ polterte ſeine Mutter, wäh⸗ rend er ſich nach der Thüre wendete.„Laßt Euch ein Wört⸗ chen in's Ohr ſagen.“ S Er beugte ſein Haupt und horchte ernſthaft auf die Worte, welche die Lady ihm zuflüſterte und welche allmaͤlig immer lauter wurden, bis man ſie zuletzt ganz deutlich ſagen hörte: „Mit einem Wort: Euch als Bettler und Verſtoßenen zurücklaſſen.“ „Thut's nur,¹ erwiederte Lord Coldenham mit dem gleichgültigſten Tone von der Welt und ſchlenderte ruhig aus dem Zimmer. Lady Coldenham biß die Zähne grimmig uüber einan⸗ der, und die heftige Erſchütterung, die in ihrem Innern tobte, war aus dem Zuſammenballen der weißen Hände auf ihren Knieen zu erſehen; ſie machte jedoch keine weitere Be⸗ merknng und mochte vielleicht die geäußerten Worte bereuen. Robert Woodhalls Ohren waren ſie übrigens nicht ent⸗ gangen, und er mochte wohl allerhand Erwartungen darauf bauen. Er war indeſſen weiſe genug zu ſchweigen, und Lady Coldenham nahm nach ſehr langer Pauſe das Geſpräch wieder auf mit den Worten: „Laßt uns nicht länger an die Launen dieſes thörichten Knaben denken. Du biſt ein vernünftiger Menſch, Robert. 5⁴0 Sage mir, was Du von dieſem Falle hältſt: ſind wir wohl ſicher, eine Verurtheilung durchzuſetzen?“ „In der That, das weiß ich nicht, theure Lady,“ gab er zur Antwort und fuhr dann mit einigem Nachdruck fort: „Das muß von dem Richter und der Jury abhängen.“ „Sie beide müſſen wir wohl im Auge behalten,“ ver⸗ ſetzte Lady Coldenham, ſachte mit dem Kopf nickend.„So⸗ bald Jeffreys anlangt, will ich eine Audienz bei ihm ver⸗ langen; er wird mir's nicht abſchlagen. Du mußt die Jury auf’s Korn nehmen, Robert, und wenn der Junge wirklich ſchuldig iſt, ſo kann es ſicherlich keine große Schwierigkeiten haben, es zu beweiſen. Sage mir auf Ehre und Gewiſſen: glaubſt du wirklich, daß er die That begangen hat.“ „Auf Ehre und Gewiſſen— ich glaube es,“ erwie⸗ derte Robert Woodhall, und zum erſtenmal in ſeinem Leben ſprach er die Wahrheit. Ja er trieb die Offenherzigkeit ſo⸗ gar noch weiter, indem er beifügte:„aber ich zweifle nicht, daß Alles ehrlich zugegangen. Ralph galt, wie ich hörte, in ſeinem Kolleg für den beſten Fechter und den geſchickteſten Stockkämpfer in ganz Lincolnſhire. Drei bis vier Gänge konnten die Sache mit Henry gar bald zur Entſcheidung bringen, ohne daß ein ſchlimmer Streich mit untergelaufen wäre. Jener Brief, welchen Henry in ſeiner abgeſchmackten Großmuth ſchrieb, klärt überdies alle verdächtigen Umſtände auf. Das iſt der allerſchlimmſte Punkt in der ganzen Sache, denn die Geſchwornen verurtheilen Einen nicht leicht wegen eines Duells, wo keine Unredlichkeit nachgewieſen wird.“ 541 „Kann der Brief nicht unterdrückt werden?“ fragte ſeine Mutter. Ihr Sohn ſchüttelte den Kopf, und ſie fuhr fort: „Er iſt in Lord Woodhall’s Händen.“ „Nein, in des Herzogs von Norfolk,“ verſicherte ihr Sohn.„Er gab zwar dem alten Lord eine Abſchrift, be⸗ hielt aber ſelbſt das Original.“ „Das iſt ſchändlich,“ murmelte die alte Dame mit unterdrückter Stimme.„Er wird uns doch entgehen: die einzige Ausſicht iſt noch auf die Jury, Robert. Da muüſſen zwei bis drei handfeſte Männer aufgefunden werden, welche die Uebrigen aushungern und ein Schuldig durchſetzen. Horch! ich höre Pferdegetrappel. Der alte Lord ſelbſt muß kommen; er verſprach einen bedeutenden Rechtskundigen mitzubringen, der auf unſere Plane eingehen will. Aber wohl gemerkt— ſey nicht zu raſch; ſprich nicht zu offen, denn dieſe Leute fangen zuweilen Feuer, wenn man ihnen ihr eigenes Bild in allzu hellem Spiegel zeigt, und affek⸗ tiren dann eine unbeſcholtene Rechtlichkeit, nur um uns zu beweiſen, daß unſere Anſicht über ſie verläumderiſch war.“ „Fürchtet nicht, daß ich zu raſch verfahren werde,“ erwiederte Robert Woodhall.„Ueberdies werde ich mich hauptſächlich dem Geſchäfte wegen Margarethen's widmen. Mir ſchien, als ob der alte Lord vor ihrer Standhaftigkeit wankend werde; ich will mich aber nicht in Ungewißheit er⸗ halten laſſen: ich will alsbald wiſſen, ob er ſeinen Schwur zu halten gedenkt oder nicht.“ „Wir haben jetzt wichtigere Dinge zu beſorgen, als nur 54⁴² mit hübſchen gemalten Puppen umzuſpringen,“ ſagte Lady Coldenham ſehr ernſthaft. „Ja, aber die Ländereien, Mutter,“ flüſterte ihr Sohn. „Wahr— wahr,“ gab ſie zur Antwort:„die Län⸗ dereien.“ In dieſem Augenblicke trat Lord Woodhall in's Zim⸗ mer, gefolgt von einem ſchwarzgekleideten Manne, den er der Lady als den Staatsanwalt Armitage vorſtellte. Das Geſpräch ging ſogleich auf den in aller Gedanken vorherrſchenden Gegenſtand über und wurde eine Zeitlang vornehmlich von Lord Woodhall, Robert und der Lady Col⸗ denham geführt, welche kurz aber bündig die neu entſtan⸗ denen Beſorgniſſe wegen eines Mißlingens darlegte, wie ihr Sohn ſie früher erklärt hatte. Der Mann des Geſetzes, welcher aufmerkſam zuge⸗ horcht, aber nur ſelten eine Bemerkung gemacht hatte, fiel jetzt mit den Worten ein: „Fürchtet nicht, Lady Coldenham: wir wollen Sorge tragen, daß ihm Gerechtigkeit erwieſen werde, und wenn ſich's durch die Schwäche der Jury auf die eine Weiſe nicht thun läßt, ſo ſoll es auf die andere geſchehen. Für den. wahren Lauf der Gerechtigkeit iſt es gleichgültig, welche Mittel gebraucht werden, wenn nur der Ausgang für ſie günſtig iſt. Wir wollen ihn ſchon erreichen, verlaßt Euch darauf— ob er auch die Thatſachen zu verhehlen ſuche, wenn er will und kann. Iſt erſt die Ermordung deutlich gegen ihn erwieſen, ſo müſſen wir die Zweifel der Jury über⸗ wältigen— wo nicht, ſo hat's auch nicht viel zu ſagen.“ 543 „Nicht viel zu ſagen!“ wiederholte Lady Coldenham, ihn anſtarrend.„Ich begreife Euch nicht, Sir.“ „Ich habe die Inſtruktion der Krone, Lady Colden⸗ ham: das iſt der Grund, warum wohl Viele mich nicht be⸗ greifen werden,“ erwiederte Mr. Armitage mit feinem Lä⸗ cheln über ſeinen vermeinten Witz.„Ich kann blos ſagen, daß Ihr und dieſer gute Lord zufrieden ſeyn werden. Der junge Mann hat offenbar ein großes Verbrechen begangen, und nicht einmal die thörichte Nachſicht einer Jury ſoll ihn erretten.“ „Nein, ich hoffe, das ſoll nicht geſchehen,“ erklärte Lord Woodhall.„Er tödtete meinen Sohn und ich will Gerechtigkeit haben. Jetzt, da ich ihn in Händen habe, will ich ihn nicht mehr loslaſſen, bis mir Gerechtigkeit ge⸗ worden. Es war keine Kleinigkeit für mich alten Mann, eine ſolche Reiſe von London nach Dorcheſter in drei Tagen zu machen; aber der Geiſt, der mich hieher brachte, wird mich auch ſtützen, um ihn durch die ganze Welt zu verfolgen, bis die Gerechtigkeit ſein Haupt erreicht hat.“ „Da ſind noch Viele, die Euch unterſtützen werden, mein edler Lord,“ ſagte Robert Woodhall.„Ich zum Bei⸗ ſpiel kann nicht ruhen, ſo lange dieſer Mann mit mir auf Erden weilt, denn es iſt mir jetzt vollkommen klar, daß ich die Liebe meiner verlobten Braut nie beſitzen werde, ſo lange er am Lehen iſt.“ Lord Woodhall ſchwieg, und da Robert dieſe indirekte Anſpielung unbeantwortet ſah, ſo fragte er geradezu: 544 „Wenn ſie auf ihrer Weigerung beharrt— was beab⸗ ſichtigt Ihr dann zu thun, Mylord?“ „Mein Wort zu halten, junger Mann,“ erwiederte der alte Lord trocken, und zu Lady Coldenham gewendet fragte er: „Wo iſt Euer älteſter Sohn, Madame? Ich dachte ihn hier zu finden.“ „O kümmert Euch nicht um ihn,“ antwortete Lady Coldenham.„Er iſt glaub' ich im Hauſe; aber bei ſeinen trägen Launen würde er uns die Sache eher verderben, als uns irgend behülflich ſeyn. Er bleibt beſſer aus dem Wege.— Was Margarethen betrifft,“ fuhr ſie fort,„die müßt Ihr mich ſehen laſſen, mein guter Lord. Wir Frauen finden oft Mittel der Ueberredung, wo es Männern fehl⸗ ſchlägt.“ „Sprecht ſie nur, Lady Coldenham,“ ſagte der alte Lord;„es wird übrigens wenig Unterſchied machen. Ich habe mein Wort verpfändet und es ſoll gehalten werden: ſte muß gehorchen. Was jedoch Euren Sohn betrifft, ſo thut es mir wirklich leid, daß er in dieſer Sache nicht mit uns geht. Was hat er denn für einen Grund?“ „O keinen, wenn nicht etwa alte Zuneigung zu dieſem jungen Manne,“ verſetzte Lady Coldenham.„Verlaßt Euch darauf, er bleibt beſſer aus unſerem Rathe.— Und nun, Sir,“ fuhr ſie an Mr. Armitage gewendet fort,„wollt Ihr mir deutlich erklären, wie die Sache ſteht, was für Ausſichten wir haben und was uns zu thun übrig bleibt, um uns dieſer Ausſichten zu verſichern? Bedenkt, ich bin —,— 545 gewöhnt, mit Juriſten zu verhandeln und laſſe mich nicht mit Worten abſpeiſen.“ Kaum hatte ſie die letzten Worte in feſtem männlichem Tone geſprochen, als man eine laute Stimme voll und tief ſagen hörte: „Hüte Dich! noch einmal ſage ich Dir, Katharina, hüte Dich!“ Die drei Herren ſchauten ſich um, denn ſo klar waren die Worte geſprochen und ſo deutlich wurden ſie vernommen, daß der Sprecher faſt im gleichen Zimmer zu ſeyn ſchien; doch Niemand war zu ſehen, und Roberts Stimme lenkte bald die Aufmerkſamkeit nach anderer Richtung, indem er ausrief: „Guter Gott! meine Mutter iſt in Ohnmacht.“ Es dauerte lange, bis Lady Coldenham zu ſich ſelbſt gebracht werden konnte, und eine Zeitlang hielt ihre Um⸗ gebung ſie für todt, ſo ſtill und leblos lag ſie da und ſo kalt waren ihre Hände geworden. Man ſchickte eiligſt nach Lord Coldenham, konnte ihn aber nicht finden, und das einzige, was man über ihn in Erfahrung brachte, war, daß man ihn mit einem hochgewachſenen alten Manne unter dem Thor⸗ bogen hatte ſprechen ſehen, und daß er kurz darauf ſein Pferd beſtellt hatte und weggeritten war. Die Verſuche, um Lady Coldenham in's Leben zurück⸗ zurufen, gelangen endlich; da ſie ſich jedoch nicht in der Verfaſſung befand, um das Geſpräch fortzuſetzen, ſo trennte man ſich, indem Robert Woodhall verſprach, ſeinen edlen Verwandten am folgenden Tage zu beſuchen. James. Das Schickſal. 35 546 Einundvierzigſtes Kapitel. Das Geſchwornengericht war in der Stadt Dorcheſter verſammelt, und der berüchtigte Jeffreys mit ſeinem plum⸗ pen thieriſchen Geſicht nahm ſeinen Sitz auf der Richter⸗ bank ein. Mehrere Hochverrathsprozeſſe waren am heutigen Morgen eingeleitet und mit furchtbarer Eilfertigkeit erle⸗ digt worden. Tod, Tod, Tod— war die Nachricht, welche mit jeder neuen Stunde in's Gefängniß gelangte, und Jeder erwartete ſein Urtheil mit der Faſſung, wie ſein Charakter es zuließ. Der Gerichtsſaal war bis zum Erſticken angefüllt, und die meiſten Richter der Grafſchaft waren in der Nähe der Gerichtsbank verſammelt; auch mehrere Geiſtliche befanden ſich darunter, und Einer insbeſondere ſchien großen Antheil an den heutigen Vorgängen zu nehmen. Es war ein hoher, ſtattlicher, breitſchultriger Mann von mittleren Jahren, mit großen blinzelnden Augen und glattem roſigem Geſicht. Er rutſchte emſig auf ſeinem Sitze hin und her, blickte bald auf die Gefangenenbank, bald nach den Geſchworenen, und warf ſeinen Blick zuweilen mit forſchendem Ausdrucke auf das Notizblatt, das vor dem Richter lag, von welchem er nicht weit entfernt ſaß. Endlich wurde Ralph Woodhalls Fall angekündigt, und ehe der Gefangene aufden Malefikantenſitz geführt wurde, nä⸗ herte ſich der erwähnte Geiſtliche dem Richter mit einem Papier in der Hand, und man ſah ihn zu ihm flüſtern. Jeff⸗ — —— 547 reys wendete ſich mit ſeinen finſteren Augbrauen zu ihm um und glotzte ihn vom Kopf bis zu den Füßen an. „Ich dachte, es ſey ſo ein presbyterianiſcher Spitz⸗ bube,“ ſagte er laut,„und nicht ein Geiſtlicher unſerer Kirche. Wozu kommt Ihr hierher, Herrlein, gleich einem Strohzeugen, der den Schuldigen abſpänſtig machen will?“ „Ei, meiner Treu! Mylord,“ erwiederte Doktor Mac Feely lachend, ohne ſich durch den drohenden Anblick des Richters im Geringſten einſchüchtern zu laſſen;„ich kam hierher, vermöge meiner Pllicht als Friedensrichter, und überdies, um Euren Nath wegen dieſes kleinen Fetzens Papier einzuholen, vielleicht auch um eine Flaſche— oder ſeyen's auch zwei— mit Euch zu trinken, nachdem Ihr mit Hängen und Viertheilen fertig ſeyd, wenn Ihr gutmüthig genug wäret, mich zu Tiſche zu laden. Wir haben ſchon früher in der Biſchofsmütze ein Fläſchlein zuſammen getrun⸗ ken, als Ihr noch ein ganz kleines Licht waret und ich nicht viel größer, und ich hab's damals bezahlen müſſen.“ „Aber was hab' ich mit dieſem Papier zu ſchaffen? Das iſt doch kein Beweis, Ihr Lump,“ donnerte Jeffreys, unter dem halbunterdrückten Lachen des Gerichtshofs un⸗ fähig länger an ſich zu halten.„Wird der Zeuge zum Vor⸗ ſchein kommen? iſt er todt, iſt er begraben? iſt er nach Eu⸗ rem geiſtlichen Rathe zum Teufel gegangen? Das iſt kein Beweis, Sir.— Fort damit und mit Euch ſelber, wenn Ihr nicht wollt, daß ich Euch den Chorrock von der Schulter ziehe. Ihr ſollt die Richterbank nicht lange entehren.“ „Ei, Mylord, wenn ich das thue, ſo bin ich jedenfalls 35* 548 nicht der Einzige,“ erwiederte Doktor Mac Feely und ent⸗ fernte ſich. Doch noch ehe er ſich durch ſeine Collegen einen Weg gebahnt hatte, kam Jeffreys wieder etwas zu ſich und ſchrie laut: „He da, Burſche— Ihr Kanzelmann! gebt mir das Papier— laßt mich darnach ſehen.“ Doktor Mae Feely ſchien plötzlich von einem Anfalle von Taubheit befallen und ging bedächtig weiter; die, an denen er vorüberkam, hörten ihn jedoch zu ſich ſelber ſagen: „Als ob ich's nicht beſſer wüßte!— er iſt eben in der Laune, um Alles in Stücke zu reißen— warum nicht auch Dieſes? Nein, nein; ich weiß ſchon, was ich will.“ Und in den Gerichtsſaal hinabtretend, drängte er ſich bis zu einer Stelle dicht hinter Mr. Danes und flüſterte zu dieſem über die Schulter. Mr. Danes ſagte ſeinerſeits einem älteren Anwalt vor ihm etwas ins Ohr; dieſer drehte ſein ernſtes hartes Ge⸗ ſicht herum und ſagte:. „Gut! wir wollen es ſchon gebrauchen, wenn es nöthig iſt. Schon das bloſe Anbieten wird ſeine Wirkung auf die Geſchworenen haben.“ Doktor Mae Feely blieb während der ganzen nun fol⸗ genden Verhandlung auf dem gewählten Punkte ſtehen, ob⸗ wohl ſeine fetten Lenden von dem Andrange der Menge ſchwer zu leiden hatten. Der kleine Wortwechſel zwiſchen dem Pfarrer und dem Richter hatte die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer von der Gefangenenzelle abgelenkt, und als Aller Augen und Köpfe 549 nach jener Richtung zurückkehrten, ſah man Ralph Wood⸗ hall zwiſchen zwei Gefangenwärtern ſtehen. Jedermann kennt den Eindruck, welchen eine feine Perſönlichkeit und eine würdevolle Haltung ſogar auf einen Gerichtshof äußert, und während der Gefangene ſo daſtand, übte ſein hübſches Geſicht, ſeine athletiſche Geſtalt und ſein ruhiges entſchloſſenes Weſen keinen geringen Einfluß zu ſei⸗ nen Gunſten. Er heftete ſeine Augen eine Weile auf die Richter und ließ ſie dann durch den Gerichtsſaal ſchweifen. Da war kein geliebtes Antlitz, um ihn zu grüßen, kein Blick der Ermunterung zu ſeinem Beiſtande— nichts als eine wogende See von unbekannten gleichgültigen Geſichtern, die ihn als den Gegenſtand ihrer Neugierde anſtarrten. Sobald die Einleitungsförmlichkeiten vorüber waren, erhob ſich der Anwalt des Gefangenen. Jeffreys hätte ihm in dieſem Stadium der Verhandlung gerne das Gehör ver⸗ weigert; allein der Vertheidiger beſtand darauf, und der barſche Richter kannte ſeinen Mann, ſeine Feſtigkeit, ſeinen ruhigen ausdauernden Muth und ſeine tiefe Geſetzeskunde zu genau, um den Widerſtand zu weit zu treiben. Nachdem Mr. Danes das Wort erhalten, machte er ſich alsbald daran, die Competenz des Gerichtshofs anzu⸗ fechten. Er bewies, daß der Gerichtsbezirk nicht geändert worden, und daß der Prozeß nach Norfolk gehöre. Es be⸗ durfte nur weniger Beweisgründe, um darzuthun, daß das Geſetz des Landes ganz auf ſeiner Seite war, und der Be⸗ weis wurde in der einfachſten bündigſten Form gegeben. Jeffreys war wüthend. Er ſchaute über ſeinen Schreib⸗ . pult auf einen kleinen zu ſeinen Füßen ſitzenden Mann und fragte ihn etwas. Die Antwort wurde in ſehr leiſem de⸗ müthigem Tone gegeben; aber ſie entflammte den Zorn des Richters noch weit mehr: ſein Geſicht wurde purpurroth, und er donnerte auf das Haupt des armen Mannes einen Strom von Schimpfreden, worunter die Ausdrücke:„Ihr Schurke! Ihr jämmerlicher Betrüger!“ die allergelinde⸗ ſten Titel waren. Das Ganze ſchloß eine lange Reihe got⸗ tesläſterlicher Flüche, und nachdem er ſo ſeiner erſten Wuth Luft gemacht, berieth er ſich eine Weile mit dem Staats⸗ anwalt, den er zu ſich winkte, worauf er ſeine gemeine ſchreiende Stimme erhob, wie wenn er den ganzen Gerichts⸗ hof anreden wollte. „Da ſchaut einmal her!“ ſagte er.„Seht, was das Recht iſt und wie ſorgfältig es den Unterthan ſchützt. Da ſteht ein Mörder— ein Menſch, der das Antlitz der Erde nicht eine Stunde länger als nöthig ſollte belaſten dürfen — ein böſer Bube— von ſeiner Wiege an ein böſer Bube; und jetzt, da einige Beamte der Krone— betrunkene Spitz⸗ buben! ich wollte wetten— ihre Pflicht in einer bloſen Form⸗ ſache(einem Dinge ohne Bedeutung) vernachläſſigt haben oder ſich vielleicht dazu beſtechen ließen— jetzt glaubt dieſer Burſche, er könne ſein Leben noch um einige elende Monate verlängern. Er muß ein feigherziger Schuft ſeyn, daß er noch ferner im Gefängniß zu leben wünſcht.“ „Ich wünſche eine ehrliche Unterſuchung vor einem ge⸗ rechten Richter,“ unterbrach ihn Ralph in feſtem lautem Tone, der ſogar Jeffreys betroffen machte. 551 „Haltet's Maul, Ihr Lump!“ tobte der Oberrichter. „Wir wollen ſchon mit Euch fertig werden. Euer feines Projekt ſoll mißrathen: Ihr mögt ein paar Stunden ge⸗ winnen, aber weiter nicht.— Ihr ſollt gehängt werden, noch ehe ich Dorcheſter verlaſſe, wenn ich das Leben behalte. Da ſeht einmal, was das für ein Burſche iſt? Nicht we⸗ niger als drei Anklagen ſind gegen ihn anhängig. Die eine wegen Mords— kaltblütigen wohlüberlegten Mords; die andere wegen Geſetzübertretung als Nonconformiſt, und eine dritte wegen Hochverraths. Die Anklage iſt fertig; aber er muß eine Abſchrift und Zeit zum Leſen haben. O ja, er ſoll eine Abſchrift haben: aber wir wollen ſchon mit ihm fertig werden.“ Und nun, ſich vorbeugend, ſchaute er Ralph's Anwalt iws Geſicht und fuhr in bitterem Tone fort:„ſoviel habt Ihr für Euren Klienten durchgeſetzt, Sir, und Ihr ſollt nicht ſagen, daß ich das Geſetz übertrat. O nein, Sir, Ihr mögt ſuchen, ihn der Gerechtigkeit zu entziehen; aber es ſoll Euch nicht gelingen.“ „Ihr irrt Euch, Mylord,“ erwiederte der Anwalt; „ich habe nicht die Abſicht, Euch einer Uebertretung des Geſetzes zu beſchuldigen, und noch mehr irrt Ihr Euch, wenn Ihr glaubt, ich wünſche dieſen ehrenwerthen und edlen jungen Mann einer ehrlichen Unterſuchung und der Gerech⸗ tigkeit zu entziehen. Hätte ich dies gewollt, ſo hätte ich einen andern Weg eingeſchlagen. Da die Seſſion in Dor⸗ ſetſhire angekündigt iſt, und die Anklage gleich im Eingange das Verbrechen als in Norfolk begangen anführt, ſo hätte ich den Prozeß bis zum Spruche vorſchreiten und die Lücke 55² in der Anklage hinterher beweiſen können; nachdem ich mich aber geſtern Nacht mit dieſem ehrenwerthen und edeldenken⸗ den Gentleman berathen, ſo entſchloß ich mich auf ſein Ver⸗ langen, den Einwurf alsbald zu erheben, um zu beweiſen, daß er vor einem ehrlichen Verhör nicht zurückſcheut, ſon⸗ dern nur dieſelben Rechte, wie jeder brittiſche Unterthan, be⸗ anſprucht.“ „Schweigt, Sir, ſchweigt! ſetzt Euch im Augenblick!“ bruͤllte Jeffreys.„Gefangenwärter, entfernt den Gefan⸗ genen und haltet ihn in ſicherem Gewahrſam.— Ruft einen Anderen.“ Mehrere Perſonen im Hintergrunde der Menge ver⸗ ließen den Gerichtsſaal, und Doktor Mac Feely ellbogte ſich nicht ohne Mühe durch, indem er das in ſeiner Taſche mitgebrachte Papier wieder zurücktrug. Die Nachricht des eben Vorgefallenen verbreitete ſich in verſchiedenen Häuſern der Nachbarſchaft, in dem großen Gaſthofe und in der zeitweiligen Wohnung von Hortenſia Danvers. Mannigfaltig waren die Gefühle, welche die Bot⸗ ſchaft, daß Ralph Woodhall's Verhör wegen Mords um eines Fehlers in der Anklage willen, aufgeſchoben ſey, bei den vielen betheiligten Perſonen hervorrief. Da, wo ſie die größte Freude verurſachte, hatte ſie übrigens im An⸗ fange Thränen erpreßt. Lord Woodhall empfing die Nachricht mit ſtrenger Bit⸗ terkeit und ſprach wenig, blieb aber düſter, finſter und ſchweig⸗ ſam, bis Robert Woodhall mit ſehr aufgeräumter Miene zu ihm trat. 5⁵³ „Nun, was hältſt Du davon?“ fragte der alte Lord, „Du ſcheinſt ja ganz luſtig, junger Mann!“ „Weil Alles vortrefflich geht, Mylord,“ erwiederte Robert Woodhall.„So wie die Sachen gegenwärtig ſte⸗ hen, haben wir zehnmal mehr Ausſicht, auf die Anklage des Hochverraths ein Verdammungsurtheil wider ihn zu erlan⸗ gen, als dies auf die Anklage wegen Mords der Fall gewe⸗ ſen wäre. Armitage ſagt, er wäre ganz gewiß freigeſpro⸗ chen worden; des armen Henry Brief hätte hierzu vollkom⸗ men hingereicht. Ich ſagte Euch noch geſtern Nacht, wie widerſpänſtig die Jury war, und die Geſchworenen können ſagen, daß wenigſtens ihrer Fünfe auf Freiſprechung ange⸗ tragen hätten, ſelbſt wenn ſie vor Hunger geſtorben wären. Da ſich's nicht um eine Staatsaffaire handelte, ſo wäre die Jury eigenſinnig geweſen trotz einem Mauleſel. Mit der Anklage auf Hochverrath behauptet aber Armitage ganz ſicher zu ſeyn, denn da verdammen ſie jeden, und haben ſie erſt einmal Blut gekoſtet, ſo werden ſie nicht ſobald auf⸗ hören.“ „Das ärgert mich,“ ſagte der alte Lord mit unzufrie⸗ denem Blicke.„Er hätte wegen Henry's Tod und wegen nichts Anderem gehängt werden ſollen. Eine grobe unver⸗ zeihliche Nachläſſigkeit iſt begangen worden, und der Ge⸗ richtsſchreiber, oder wer es auch iſt, ſollte entlaſſen und be⸗ ſtraft werden.“ „Der Staatsanwalt erklärt, es ſey ganz gut, ſo wie es jetzt iſt,“ behauptete Robert, und fügte lachend bei:„er ſchwört, er habe den Fehler geſehen, habe ihn aber nicht 554 beachtet, weil er wußte, wir würden den Angeklagten doch nicht überführen können; aber ich glaube nicht, daß er es ſah, oder daß er die Anklage auch nur zu Geſicht bekam. Die Anklage auf Hochverrath wird uns übrigens gelingen, dar⸗ auf mögt Ihr Euch verlaſſen, und ſollte der Unſtern wollen, daß es mißlänge, ſo haben wir noch immer unſere Klage, die wir dann mit beſſerer Ausſicht auf Erfolg durchſetzen wollen.“) Lord Woodhall war jedoch noch immer mißvergnügt, und wollte ſich nicht überzeugen laſſen, daß es keinen Unter⸗ ſchied mache, ob Ralph Woodhall wegen Ermordung ſeines Sohnes, oder ob er wegen eines anderen Verbrechens ver⸗ urtheilt werde. Er zog eine Unterſcheidungsgrenze, welche Robert Woodhall, einzig darauf erpicht, den Einen, der ihm im Wege ſtand und verhaßt war, zu vernichten, nicht einmal bemerken konnte. Wohl wiſſend, wie unmöglich es ſey, den Lord Wood⸗ hall in einer einmal gefaßten Anſicht zu erſchüttern, verließ ihn Robert endlich, ohne ein Verlangen nach Margarethens Anblick zu äußern, da er ſich dachte, daß in dieſem Augen⸗ blicke von einer ſolchen Zuſammenkunft wenig zu hoffen wäre. Zweinndoierzigſtes Kapitel. Es war Nacht, als Hortenſta und Margarethe in ei⸗ nem großen luftigen Schlafzimmer des großen Gaſthofes, wo Lord Woodhall ſeit ſeiner Ankunft in Dorcheſter ſeinen Wohnſitz aufgeſchlagen hatte, mit ſorgenbleichen Mienen und die Gedanken nur auf einen Gegenſtand gerichtet— beiſammenſaßen. Der Tag war über Ralph's Vernehmung wegen Hochverraths hingegangen, und da Beide, beſonders aber Hortenſia, wohl wußten, daß Ralph an Monmouths Rebellion nicht den geringſten Antheil genommen, ſo hatten ſie die Anklage anfänglich ziemlich leicht aufgenommen und hegten nur wenig Zweifel, daß er auf dieſe Beſchuldigung hin freigeſprochen werden würde. Als jedoch der Tag verſtrich und Bote auf Bote Nach⸗ richten aus dem Gerichtsſaal brachte, da änderten ſich ihre Anſichten, und ſie wurden von den vorgebrachten Beweis⸗ gründen betroffen und erſchreckt. Von Hortenſia's eigenen Dienern wurde dargethan, daß Ralph während ihrer Ab⸗ weſenheit nach Danvers Newchurch gekommen, daß er in ih⸗ rem Parke in vertrautem Verkehr mit einem notoriſchen Rebellen Thomas Dare, welcher eben damals Krieg wider die Krone predigte, betroffen worden war, daß Dare ganz kurz darauf zu Taunton erſchienen und die Bevölkerung je⸗ ner Stadt zu Gunſten Monmouths aufgeboten, und daß Dare ſich öffentlich gerühmt hatte, er beſitze die feſte Ver⸗ ſicherung, daß Lady Danvers Pächterſchaft zu dem Herzog ſtoßen werde. 4 Das war genug, um Hortenſia's Vertrauen zu er⸗ ſchüttern, um ſie zu ängſtigen und zu erſchrecken. Bald folgte ein anderer Bote mit der Nachricht, zwei ihrer Die⸗ ner hätten beſchworen, daß Ralph während ihrer Abweſen⸗ heit mit Monmouth eine lange geheime Unterredung in ih⸗ 5⁵6 rem Hauſe gehalten habe. Auch Mr. Drayton habe dieſe Angabe eidlich bekräftigt. Weiter erfuhr ſie, wie zwei ihrer Leute angegeben, daß der Herzog, als er Nalph an der Thüre ihres Hauſes verließ, ſich mit den Worten nach ihm umgewendet habe: gedenkt meines Auftrags. Ich ver⸗ laſſe mich auf Euch, und daß Ralph erwiedert habe: ich werde nicht ermangeln, Euer Gnaden.““ Hortenſia ſelbſt, obwohl ſie ſich leicht dachte, daß dieſe Worte unſchuldig ſeyn konnten, begriff doch nicht, worauf ſie ſich beziehen mochten, und ſie ſah, daß die Kette, welche das Schlachtopfer feſſelte, enger und immer enger um Ralph geſchlungen wurde. Dann kam als Beweis, daß er an dem Abend, da Monmouth mit den königlichen Truppen in wirklichem Kampfe geſtanden, auf der Straße nach Axminſter geweſen, und endlich, daß er auf dem Schlachtfelde von Sedgemoor ſelbſt ergriffeon worden war. Sie wußte, daß ſchon Man⸗ cher auf weit geringere Indicien hin verurtheilt worden war, und ihr Herz ſank in tiefer Muthloſigkeit. Auch die Zuſammenſtellung des Oberrichters wurde ihr ziemlich genau berichtet, und ſie bemerkte, wie geſchickt er alle Angaben gegen den unglücklichen Gefangenen aneinan⸗ der gefügt und nicht allein die gräulichſten Uebertreibungen nicht verſchmäht, ſondern ihm auch noch Vieles Schuld ge⸗ gegeben hatte, was durch keines von den Zeugniſſen beſtä⸗ tigt war. Ralph erzählte in ſeiner Vertheidigungsrede einfach und offenherzig alle die Thatſachen, wie ſie ſich ereignet hatten. 5⁵7 Er erklärte, der Herzog von Monmouth ſey nach Danvers Newchurch mit einem beträchtlichen Truppenkorps gekom⸗ men, dem er keinen Widerſtand hätte leiſten können, ſelbſt wenn er perſönlich gewußt hätte, daß ſie ſich im Aufſtande befanden; der Herzog habe ihm einen verſiegelten Brief für Lady Danvers hinterlaſſen, welcher, wie er glaube, von der Baroneß Winkworth herrührte, und habe ihm aufgetragen, ihn ſobald wie möglich zu überliefern; die Worte, welche vor der Hausthüre zwiſchen ihnen gewechſelt worden, hätten ſich blos hierauf bezogen. Dies Alles behandelte Jeffreys in ſeiner Entgegnung mit äußerſter Verachtung, und erklärte es für eine erſonnene Lüge, durch die ſich nicht einmal eine Auſternhändlerin täu⸗ ſchen ließe. Es war klar— wie er behauptete, klar wie Sonne— daß Ralph mit dem Rebellen und ſeinen Agenten freundlichen Verkehr gepflogen, daß er ihm ſeinen Beiſtand zugeſagt und verſucht hatte, Lady Danvers zur Theilnahme an denſelben verbrecheriſchen Vorgängen zu verleiten. Ohne Zweifel hatte der junge Spitzbube ſie zu dem Ausfluge nach Arminſter verlockt, um ſie in die Inſurrektion zu verwickeln, ſo daß ſie nicht mehr zurück könnte. „Entweder hat der geſunde Verſtand oder das gute Glück der Lady Danvers ſie vor dieſer Falle bewahrt,“ er⸗ klärte Jeffreys;„doch damit haben wir für jetzt nichts zu ſchaffen. Unſer Prozeß dreht ſich um dieſen jungen Verrä⸗ ther— Verräther in jeder Bedeutung des Wortes und tau⸗ ſend verſchiedener Verbrechen ſchuldig.“ Er ſchloß mit der Erklärung, daß er die Sache ganz 5⁵8 den Händen der Geſchworenen überlaſſe, obwohl er über ihren Urtheilsſpruch nicht den geringſten Zweifel hege. Arme Hortenſia!— Verzweiflung bemächtigte ſich ihrer, wenigſtens im erſten Augenblick. Sie mußte wohl bemerken, wie der angeführte Beweis auch gegen ſie geltend gemacht werden konnte; doch hiebei verweilten ihre Gedan⸗ ken kaum einen Augenblick: ihr ganzes Dichten und Trachten war auf Ralph's Schickſal gerichtet, und nach kurzem dü⸗ ſterem Nachſinnen brach ſie plötzlich auf mit den Worten: „Ich will gehen und nach Margarethen ſehen; mag der alte Mann auch ſchelten wie er will.“ So rief ſie ihr Mädchen und eilte nach dem Gaſthofe, wo ſie jetzt mit der armen Margarethe ſitzt. Die beiden Mädchen waren nicht allein, denn die zwei Zofen ſtanden nicht ferne und nahmen an den Gefühlen ihrer Gebieterinnen lebhaften Antheil. Der alte Lord Woodhall war ſchon ſeit mehreren Stun⸗ den nach dem Gerichtsſaale abgegangen; das Fehlſchlagen der erſten Anklage gegen Ralph hatte ſeinen Eifer nur noch geſteigert, und er konnte ſich nicht zufrieden geben, ohne den Fortgang der Ereigniſſe zu bewachen. Als er erſt im Saale war, wuchs ſein Intereſſe an der Sache immer mehr. Zwar wurde er von mannigfaltigen widerſtreitenden Gefühlen hin⸗ und hergezerrt; er konnte den wackeren jungen Mann, den er in früheren Jahren kaum weniger als ſeine eigenen Kin⸗ der geliebt hatte, nicht hier in der Malefikantenzelle ſtehen und ſich mit ruhiger Würde und Feſtigkeit um ſein Leben wehren ſehen, ohne daß ſich Empfindungen in ihm regten⸗ 559 gegen die er hart anzukämpfen hatte. Wenn er jedoch ſeines eigenen braven und hochſinnigen Knaben gedachte und ſich überredete, er ſey von der Hand dieſes jungen Mannes ge⸗ fallen, ſo verwandelte ſich ſein ganzes Mitleid in Galle und Bitterkeit. Sein Intereſſe wurde übrigens durch dieſen Kampf in ſeinem Innern nur erhöht. Er wartete die Vernehmung ſämmtlicher Zeugen, er wartete des Gefangenen Vertheidi⸗ gung und des Oberrichters Zuſammenſtellung ab, und ver⸗ weilte jetzt mit der Mehrzahl des Auditoriums noch immer in dem Gerichtshof, um den Spruch der Geſchworenen zu vernehmen, die ſich zur Berathung zurückgezogen hatten. Es war für Alle eine Zeit der ängſtlichſten Spannung; doch war ſie für Niemand fürchterlicher als für Margarethen und Hortenſia. Von Zeit zu Zeit ſchickten ſie eines der Mädchen zur Nachforſchung aus; auch ſtreckte zuweilen einer von Lady Danvers' Dienern den Kopf herein mit der Meldung: „Noch kein Spruch, Mylady.“ Hortenſia ertrug es mit Feſtigkeit und anſcheinender Ruhe, obwohl ihr angſtvoller Blick und ihre bleichen Wan⸗ gen die Gelaſſenheit ihres Aeußeren Lügen ſtraften. Die arme Margarethe dagegen konnte ſich kaum aufrecht erhalten: oft waren die Thränen nicht mehr zurückzuhalten, und die lange verzögerte Spannung verlängerte nur ihre tiefe Seelenqual. Endlich vernahm man auf der Straße einen Lärm und wirres Geräuſch und höͤrte einen haſtigen Schritt die Treppe herauf eilen. Gleich darauf wurde die Thüre auſgeriſſen und Mr. Drayton trat ein. 560 1 Sein Geſicht gab genugſame Antwort auf alle Fragen: es war bleich, hager, geſpenſtig und voll tiefen Kummers. „Sprecht!“ rief Hortenſia.„Sprecht!“ „Verurtheilt, Madame,“ erwiederte der Kaſtlan feier⸗ lich„und zum Theil auf mein Zeugniß. Ich konnte es je⸗ doch nicht verhindern, denn ich ſagte blos die Wahrheit.“ Die Worte waren kaum über ſeine Lippen gekommen und Margarethens Haupt hatte ſich auf den Tiſch geſenkt, während ihre Thränen die ſchönen Hände überſtrömten, als Lord Woodhall mit langſamem zögerndem Schritte in's Zim⸗ mer trat. Er war ein ſehr veränderter Mann: ſeine Augen waren zu Boden geheftet, ſein Blick ernſt und traurig, ſein ganzes Ausſehen kummervoll und niedergeſchlagen. O wie ſo oft hat die Erfüllung auch die ſtärkſte Leiden⸗ ſchaft in Aſche und Bitterkeit verwandelt! Er war geſät⸗ tigt: der heiße Wunſch ſeines Herzens erfüllt— der Mann, an welchem er Rache ſuchte, war zu einem furchtbaren Tode verurtheilt. Die ſchrecklichen Worte klangen in ſeinem Ohr: noch ſah er den wackeren Jüngling bei Verkündigung des Spruches feſt und unerſchüttert daſtehen, ſah ihn mit der Hand winken, während er ſeine Zelle verließ, und hörte ihn gelaſſen, als ob er ſich zur Ruhe verfügte, ſagen: „Lebt Alle wohl! aber bedenkt: ich ſterbe unſchuldig — das bedenkt!“ 3 Reue und Mitleid hatten das Herz des alten Mannes gerührt. Zum erſtenmale zweifelte er an der Schuld des Verfolgten, und als er jetzt in einen Stuhl niederſank, wa⸗ ren ſeine erſten Worte: 561 „Armer Ralph!“ Margarethe hörte dieſe freundlichen Klänge und ſprang auf, um ſich mit ungeſtümer flehender Gebärde ihrem Va⸗ ter zu Füßen zu werfen. „O rettet ihn, rettet ihn!“ rief ſie. Der alte Mann ſchüttelte bekümmert das Haupt und erwiederte in ganz leiſem Tone: „Es iſt umſonſt, mein Kind! ich kann ja unmöglich in's Mittel treten, um den zu retten, der meinen Sohn er⸗ ſchlagen.“ „Ach, er hat meinen Bruder nicht erſchlagen,“ rief Margarethe heftig:„es iſt Alles falſch— eine Liſt jenes Verräthers Robert. Ralph wäre eher geſtorben, als daß er Henry etwas zu Leid gethan hätte.“ „Ihr ſeyd getäuſcht worden, Lord Woodhall,“ ſagte Lady Danvers, indem ſie ſich die Thränen aus den Augen wiſchte,„und wenn der Prozeß wegen des Mords zur Ver⸗ handlung gekommen wäre, ſo würdet Ihr erfahren haben, daß Euer armer junger Verwandter unſchuldig iſt. Ich kann durch mein Zeugniß die Unmöglichkeit nachweiſen, daß er ſein Schwert jemals gegen Euren Sohn gezogen, denn ich weiß, wo er war, und kann für jeden Augenblick jenes fatalen Tages von neun Uhr Morgens bis zu der Stunde nach geſchehener That Rechenſchaft geben. Wenn Ihr zu dieſer Verurtheilung irgend beigetragen habt, Lord Wood⸗ hall, ſo bietet jetzt alle Eure Kräfte auf, um dieſem jungen Manne das Leben zu retten, ſonſt will ich, ehe zwei Tage vergehen, Euch ſolche Beweiſe ſeiner Unſchuld vorlgen, daß James. Das Slahi 36 562 Euer Leben bis zum letzten Augenblick mit Schauder und Gewiſſensbiſſen erfüllt werden ſoll.“ „Könnt Ihr das?“ fragte der alte Mann ſie anſtar⸗ rend.„Iſt es wirklich ſo zweifelhaft?“ „Zweifelhaft?— nicht im Geringſten,“ erwiederte Hortenſia faſt in ſtrengem Tone.„Er hat es nicht gethan — konnte es unmöglich thun. Bleibt bei ihm, Marga⸗ rethe; hört nicht auf, in ihn zu dringen, bis Ihr ein Ver⸗ ſprechen für Ralph von ihm erlangt habt. Ich habe von dem Verfahren in dieſem Falle gehört und weiß, wie großen Einfluß er gehabt hat, wie vielen er ausüben kann. Ich will mich alsbald anderswohin verfügen und ſehen, was ſich dort thun läßt. Bei meiner Rückkehr will ich ſolche Zeugen mit⸗ bringen, welche Eurem Vater beweiſen ſollen, wo Ralph Woodhall an dem Tage von Eures Bruders Tode jeden Augenblick derjenigen Zeit verlebte, die er nicht bei mir zu- brachte. Dieſe Zeugen ſind jetzt in der Stadt; wäre er freilich vor drei Tagen prozeſſirt worden, ſo wären ſie zu ſpät gekommen.“ So ſprechend, eilte ſie mit ihrer Zofe aus dem Zimmer und begegnete auf der Treppe Robert Woodhall, und be⸗ trachtete ihn mit einem Blicke der Verachtung und des Grauens, den ſie unmöglich verbergen konnte. Der junge Mann zog den Hut ab, indem er ſie mit einem jener bedeutungsvollen ſchlangenähnlichen Blicke an⸗ lächelte, welche bei ihm oft den Ausdruck triumphirender Liſt begleiteten. Er ging nach dem Zimmer, worin Margarethe und ihr Vater beiſammen geblieben waren; er oͤffnete jedoch 563 blos die Thüre und ſchaute hinein, und als er das Mädchen zu ihres Vaters Füßen ſah, neigte er nur den Kopf lang⸗ ſam gegen Lord Woodhall und zog ſich zurück. Der alte Mann fuhr bei ſeinem Anblick zuſammen und ſchaute ſich eine Weile mit leerem Blicke um, als ob er et⸗ was ſuche. Es war Hülfe, wornach er ſich umſchaute, denn ſein Gemüth war in großem Aufruhr. Endlich ſchien ihm ein plötzlicher Plan einzufallen, und er drückte ſeiner Tochter Hand mit den Worten: „Margarethe, mein Kind, Du kannſt Alle retten, Mar⸗ garethe, ihn— mich— uns Alle, wenn Du willſt. Ich habe Deinem Vetter Robert Deine Hand verſprochen, habe ihm meine Ehre und meine Treue verpfändet, habe des Himmels Fluch auf mein Haupt herabgeſchworen, wenn ich mein Wort nicht halte. Jetzt, Margarethe, gib Deine Ein⸗ willigung— verſprich, Robert anzugehören, und ich will mein Beſtes thun, um dieſen jungen Mann zu retten.“ Margarethe fuhr auf und betrachtete ihren Vater ſchweigend mit einem Blicke eiſigen Entſetzens. „O Cott!“ rief ſie endlich;„was will mein Vater mir auflegen!“ Dann ſtrich ſie mit der Hand über die Stirne und drückte ſie krampfhaft, wie wenn ſie das Pochen ihres Ge⸗ hirns beſchwichtigen wollte. „Ihr wollt Euer Beſtes thun, um ihn zu retten?“ fragte ſie, indem ſie dem alten Manne mit wildem Blick in's Geſicht ſchaute. „Ich will ihn retten. Er ſoll gerettet werden,“ ver⸗ 36* 564 ſicherte Lord Woodhall ungeſtim—„wo nicht, ſo biſt Du Deines Verſprechens entbunden. Willigſt Du ein, Mar⸗ garethe? Sage— ja, mein Kind— ſage: ja. Dein alter Vater erſucht und beſchwört ſein Kind, ihn von Reue und Schande und dieſen jungen Mann vom Tode zu erretten.“ Margarethe faltete die Hände und hob ihre Augen gen Himmel, wie wenn ſie dieſen um Hilfe anflehte; dann legte ſte ihre Rechte in ihres Vaters Hände und ſagte in leiſem, traurigem, feierlichem Tone, aber jedes Wort deutlich und markirt: „Unter dieſer Bedingung willige ich ein.— Aber gebt mir Zeit— Ihr müßt mir Zeit geben!“ indem ſie noch lei⸗ ſer beifügte:„um zu ſterben.“ „Du ſollſt Zeit haben, ſo viel Du willſt. Danke, danke, mein theures Kind!“ rief Lord Woodhall ſie küſſend. Als er jedoch ſeine Arme losließ, ſank Margarethe bewußt⸗ los zu Boden. Ihr Mädchen, das die ganze Zeit über im Zimmer geweſen war, rannte haſtig ihrer Gebieterin zu Hilfe, und die arme Margarethe wurde in einem Zuſtande, aus dem ſie zu erwecken Grauſamkeit geweſen wäre, auf ihr eigenes Zimmer gebracht. „Sendet nach einem Arzt! bringt ſie zu ſich ſelbſt!“ rief der alte Lord.„Ich will ſo raſch wie möglich fort und den Oberrichter aufſuchen. Er ſoll blanken, ſchon unter⸗ zeichneten Pardon in ſeiner Taſche haben, den er unter ſeine ſauberen Genoſſen bei Trinkgelagen verſchleudert. Ich muß ihn ſogleich auffinden, obgleich er jetzt ohne Zweifel ſeine 565 Schwelgereien begonnen hat.— Sagt ihr, wohin ich ge⸗ gangen bin: das wird ſie erfreuen.“ Mit dieſen Worten eilte er davon, und als Lady Dan⸗ vers etwa dreiviertel Stunden ſpäter mit einem jungen Mann und einer⸗älteren Frau zurückkehrte, fand ſie das Zimmer leer. Auf ihr Nachfragen ließ ſie ihre beiden Be⸗ gleiter daſelbſt zurück und verfügte ſich in Margarethens Zimmer. Das ſchöne Mädchen lag todtenbleich und mit geſchloſ⸗ ſenen Augen auf ihrem Bette; aber an einer Thräne, welche unter ihren Augenlidern hervorträufelte und die langen dunkeln Wimpern netzte, konnte Hortenſia erkennen, daß ihre Freundin wieder zum Leben und Leiden erwacht war. Ihr Mädchen war allein bei ihr. Sie gab Lady Dan⸗ vers ein Zeichen, daß ſie nicht laut ſprechen dürfe, und flü⸗ ſterte ihr zu, ihre Gebieterin befinde ſich beſſer, nur werde ſie bei der geringſten Anſtrengung von Neuem in Ohnmacht fallen. Und in demſelben Tone theilte ſie Hortenſien mit, was vorgefallen war. „Armes Mädchen!“ ſagte Hortenſia, die Hände zu⸗ ſammenſchlagend;„was haſt Du gethan? Sie ſind ſehr grauſam mit Dir umgegangen. Du haſt wohl den Gelieb⸗ ten gerettet; aber auf Koſten Deines Glückes und Friedens — vielleicht Deines Lebens.“ Es iſt wahrſcheinlich, daß Margarethe ihr Murmeln vernahm; aber ſie rührte ſich nicht im Geringſten, und Hor⸗ tenſia verließ in tiefer Trauer das Zimmer. 566 Dreiundoierzigſtes Kapitel. In einem reichen koſtbaren Zimmer war eine große Tafel gedeckt, und an ihr ſaßen viele Perſonen von ſehr würdevoller Stellung, aber in jenem Augenblicke nichts weniger als würdevoll in ihrem Benehmen. Obenan ſah man einen ältlichen Mann, ſehr fett und mit rothem Ge⸗ ſicht, das offenbar durch die Zugaben des Mahles keine ſei⸗ ner Roſen eingebüßt hatte. Es war der Major der Stadt, der die Richter mit einer Abendmahlzeit traktirte. Ihm zur Rechten ſaß der Lord Oberrichter Jeffreys; ſeine Perrücke war ſtark nach der einen Seite geſchoben und der eine Mund⸗ winkel höchſt ſonderbar zuſammengekniffen, während der andere ſchlaff herabhing, als ob er von einer leichten Läh⸗ mung getroffen worden wäre. In ſeinen Augen lag jedoch ein luſtiges Schielen und eine derbe Munterkeit in ſeinem ganzen Weſen, welche mit ſeinem rohen wilden Ausſehen auf der Gerichtsbank merkwürdig kontraſtirte. Ja ſie kon⸗ traſtirte höchſt auffallend, war aber noch nichts— vergli⸗ chen mit dem harten abſtoßenden Unterſchiede ſeiner wüſten, leichtſinnigen Tafelunterhaltung gegenüber ſeiner barſchen, übermäßig grauſamen Sprache am heutigen Morgen. Da ſaß er lachend und trinkend, ſcherzend und ſingend, kaum nachdem er ein Dutzend Unſchuldiger zum Tode verdammt hatte. Ich glaube, daß Richter gleich Leichenbeſorgern gegen den Gedanken des Todes verhärtet werden. 567 „Wie viele werdet Ihr pardoniren, Mylord?“ fragte der würdige Major mit halbunterdrücktem Schlucken. „Das hängt von ihren Umſtänden ab, Meiſter Major,“ erwiederte Jeffreys mit plumpem Lachen. „Ich hoffe doch— jenen jungen Mann,“ bemerkte der gutmüthige Bürgermeiſter;„ich meine jenen Mr. Woodhall⸗ welcher verurtheilt wurde, weil er Monmouth vor Ausbruch der Rebellion geſehen. Sein Fall war nicht halb ſo ſchlimm, wie die übrigen, und er ſchien ein gar feiner junger Burſche.“* „Sein Fall wird noch vor Samſtag Abend betrãchtlich ſchlimmer ſeyn,“ entgegnete Jeffreys.„Ein Lump— ein nichtsnutziger Lump, Sir. Man ſagt mir ja, ſein Vater ſey nicht über Fünfhundert jährlich werth. Hat es je einen ſolchen Lumpen gegeben? Bei Gottes Wunden! der Sohn eines ſolchen Schlingels ſollte ſchon dafür hängen, daß er einen ſolchen Vater hat, und der Vater, weil dieſer ſein Sohn iſt.— Ha, was gibt's? Sagt, ich ſey am Abend⸗ eſſen; ich wolle nicht geſtoͤrt ſeyn. Ich habe für einen Tag genug gearbeitet und noch für mehrere andere Vorrath ge⸗ ſchafft.“ „Die Lady ſagt, ſie müſſe und wolle Euch ſprechen, Mylord,“ meldete der Diener, an den dieſe letzten Worte gerichtet waren und der den Augenblick zuvor ein Billet in ſeine Hand geſteckt hatte. „Ha, ha, eine Dame!“ rief Jeffreys, indem er an der Tafel hinaufſchielte.„Die Dame müſſen wir freilich ſe⸗ hen. Iſt ſie jung, Burſche? iſt ſie hübſch?“ 568 „Sehr ſchoͤn, Sir,“ erwiederte der Mann—„und ſo nobel gekleidet!“ „Das laß ich mir gefallen!“ ſchrie der Richter.„Führt ſie in ein geheimes Zimmer— ganz geheim; ich werde ſo⸗ gleich bei ihr ſeyn.— Ich muß mich ſteif machen, ihr Herren — ich muß mich ſteif machen. Ich will ein Glas Waſſer trinken: das iſt das ſteifſte Ding von der Welt.“ Jeffrey's erhob ſich nach kurzem Beſinnen und verließ aufrecht und kaltblütig das Zimmer, denn bei ihm bedurfte es einer Unmaſſe des ſtärkſten Getränkes, um ihn weiter als zu einer lärmenden Luſtigkeit zu bringen, wobei er allen Anſtand und Würde gänzlich bei Seite legte. Der Leſer hat mittlerweile ohne Zweifel geahnt, daß die Perſon, welche ſeiner wartete„Lady Danvers war. Sie war von ihrem Mädchen begleitet, und zwei ihrer Diener ſtanden vor der Zimmerthüre. „Mylord,“ ſagte ſie, ſobald er eintrat,„ich bin erfreut, Euch zu ſehen. Ihr habt heute meinen Freund Mr. Ralph Woodhall verurtheilt, und ich komme, um für ihn in's Mittel zu treten.“ „Alles umſonſt, Mylady— Alles umſonſt!“ erwie⸗ derte Jeffreys.„Er wurde von den Geſchworenen ſchuldig befunden und hat keine Gnade zu erwarten.“ 5 Hortenſia hatte ganz ruhig geſprochen, denn ſte kannte den Mann zu genau, um ihn eine Aufregung blicken zu laſſen. „Warum nicht?“ fragte ſie in demſelben gelaſſenen Tone.„Selbſt wenn ſeine Schuld bewieſen wäre(was —— 569 nicht der Fall iſt, wie Ihr, Mylord, recht wohl wiſſet und was ich leugne), ſo wäre er immer noch weit weniger ſchul⸗ dig als jeder von Denen, die Ihr verurtheilt habt. Ihr müßt und werdet natürlich aus Mitleid mit dem Nachrichter Einige pardoniren. Iſt es da nicht billig, den wenigſt Schuldigen auszuwählen?— Alice, geh vor die Thüre und bleibe bei den beiden Dienern; vergiß nicht die Thüre zu ſchließen.“ Jeffreys grinste, denn er ſah, daß Lady Danvers nun⸗ mehr zu der Hauptſache kam. „Ich will nicht ſagen, daß dieſes jungen Mannes Schuld ebenſo ſchwer wie die mancher Anderen iſt,“ be⸗ merkte er;„allein“— „Das Verhaͤngen einer tüchtigen Geldbuße wird der Gerechtigkeit mehr genügen als eine Hinrichtung,“ ſiel Hor⸗ tenſia ein. „Mag ſeyn, Madame,“ erwiederte Jeffreys;„allein das Geſetz ſagt— Tod.“ „Man iſt verbunden und berechtigt, das Geſetz aus Gnade zu umgehen, wo dieſes zu ſtreng iſt,“ fuhr Hortenſia ort.„Ich höre, Mylord, daß Ihr vom König im Hinblick auf ſolche Fälle eine Anzahl unausgefüllter Pardons em⸗ pfangen habt, um nicht mit der Berufung auf ihn Zeit zu verlieren. Aus dem, was Ihr zugegeben, kann ich erſehen, daß Ihr dieſen jungen Mann eines ſolchen Pardons für würdig haltet, und die einzige Frage iſt, welche Geldbuße Ihr für genügend erachtet. Wenn Euch der ſtrikte Buch⸗ ſtabe des Geſetzes den Richterſpruch offen in eine Geldbuße 570 umzuwandeln verbietet, ſo kann das Geld insgeheim bezahlt und die Gerechtigkeit befriedigt werden, ohne daß eine Ab⸗ weichung vom Geſetze zum Vorſchein käme.“ „Euch ſollte man als Geſandten an den hartköpfigſten Hof von Europa ſchicken, Madame,“ lachte Jeffreys.„Das Schlimmſte an dieſer Sache iſt, daß der junge Mann zu arm iſt, um eine Geldbuße zu bezahlen— von ihm iſt nichts zu erheben.“ „Bitt' um Verzeihung, Mylord,“ erwiederte Hortenſia; „die Boͤrſen ſeiner Freunde ſtehen ihm offen, und ich darf Euch wohl ſagen, er beſitzt viele nicht nur reiche, ſondern mächtige Freunde. Der Herzog von Norfolk hat vor vier Tagen das ganze Land durchreist, um in dem Prozeſſe we⸗ gen des Mordes Zeugniß abzulegen, und verweilte zu Dor⸗ cheſter, bis dieſer Theil der Sache bereinigt war.“ „Ja, das iſt gerade das Schlimmſte an der Geſchichte,“ entgegnete Jeffreys.„Wäre es nicht darum, ſo könnten wir uns mit einer Buße von zehn bis zwanzigtauſend Pfund begnügen.“ „Ei nein,“ meinte Hortenſta;„ſagt, fünf.“ „Zum Mindeſten— zehn,“ erwiederte der Richter— „nicht weniger als zehn,“ indem er mit Entſchiedenheit A Kopf ſchüttelte. „Wohlan, ſo ſeyen es zehn,“ verſetzte die Dame.„Sind wir jetzt einverſtanden?“. „Nicht ganz,“ meinte Jeffreys;„denn was ſoll es nützen, das Haupt des Verräthers zu retten, ſo lange er von der Anklage wegen Mords berührt wird? Ueberdies 571 muß ich Euch ehrlich geſtehen, indem ich alle Umſchweife bei Seite laſſe, daß der König den Lord Woodhall in dieſer Sache befriedigt ſehen will. Sein Sohn wurde in einem Duell höchſt unregelmäßiger Art getödtet, und der alte Mann iſt wüthend!“ „Nicht mehr ſo wüthend wie früher,“ gab Hortenſia zur Antwort.„Sein Sohn wurde allerdings getödtet, aber nicht durch Ralph Woodhall. Dieſer Prozeß gegen ihn wäre nicht gelungen, denn es befinden ſich Zeugen in dieſer Stadt, welche darthun, daß er noch wenigſtens zwei Stun⸗ den nach dem Vorfall unmöglich auf der Stelle, wo das Duell ſtattgefunden, eintreffen konnte.“ „Ich dachte mir wohl, daß etwas der Art zu Grunde liegen möge,“ meinte Jeffreys.„Wie aber dann? Er wird deshalb doch prozeſſirt werden, Mylady, und ſolche Geſchichten ſind immer unſicher.“ „Wenn dem Lord Woodhall ſolche Beweisgründe vor⸗ gelegt werden, daß er die Unſchuld dieſes Gentlemans deut⸗ lich einſehen muß, wenn er dann von der Verfolgung ab⸗ ſteht und ſich ſogar in dem Geſuch um Gnade in dieſem an⸗ ten Falle mit uns vereinigt— wenn das nämliche Zeug⸗ niß den Staatsanwalt überzeugt, daß kein Grund vorhanden iſt, um ſich an die Geſchworenen zu wenden; gibt es da nicht Mittel—“ „O ja,“ fiel Jeffreys ein.„Der Staatsanwalt kann in jedem Stadium des Prozeſſes ein nolle prosequi“ er-⸗ laſſen. Aber glaubt Ihr, der alte Lord werde wirklich um *. Fallenlaſſen der Unterſuchung. 572 ſeine Pardonirung einkommen? Ich ſprach ihn geſtern Abend, und da war er noch ſo erbost wie früher.“ „Er wußte noch nichts von dem, was er jetzt weiß oder in wenigen Stunden erfahren wird,“ verſetzte Hortenſia. „Sein Herz iſt ſchon jetzt erweicht, und wenn ihm deutlich bewieſen wird, daß Ralph in Wahrheit unſchuldig iſt, ſo wird er ſelbſt der Erſte ſeyn, der ſich um Gnade an die Krone wendet.“ Eine Veränderung kam über Jeffreys Miene, und er murmelte zwiſchen den Zähnen: „Dem müſſen wir vorbeugen— das ginge nicht an.“ Hortenſia ſah, welche Wirkung ihre Worte auf ihn hatten, und ſie beeilte ſich dieſen Eindruck zu benützen. Sich vorneigend, ſprach ſie einige leiſe Worte zu Jeffreys, welche er ebenſo leiſe beantwortete. Dann ſtellte ſie noch eine Frage, worauf er laut erwiederte:. „O, meinem Diener Silas Jones; er war früher ein presbyteriſcher Schlingel; aber ich habe ihn zu einem ehrli⸗ chen Kirchenmanne bekehrt: er wagt nicht, etwas, das mir gehört, wegzufingern— bezahlt es nur dem.“ „Und er wird den Pardon bereit haben?“ fragte He⸗ tenſta. „Ja, ja,“ gab der Richter zur Antwort;„morgen Früh um halb neun. Aber vergeßt nicht, Mylady, ich muß Lord Woodhalls Einwilligung haben.“ „Die ſollt Ihr ſicher erhalten,“ erklärte Hortenſia, denn ſie hatte gute Hoffnung, daß der Richter, ſelbſt wenn der alte Lord in ſeiner Hartnäckigkeit verharrte, nachdem er ein⸗ mal ſo weit gegangen, durch die nämlichen Mittel ſich auch noch einen Schritt weiter bringen laſſen werde.„Lebt wohl, mein guter Lord,“ fuhr ſie im Begriffe zu gehen fort. „Laßt mich dieſe liebenswürdige Hand küſſen, göttliche Lady Danvers,“ bat Jeffreys, die ſeinige ausſtreckend. Sie unterdrückte einen leiſen Schauder und reichte ihm ihre Hand, über die er ſein Haupt in halb benebelter Be⸗ wunderung beugte. „Das iſt ein hübſcher Ring,“ meinte Jeffreys, auf einen ziemlich großen Diamanten an ihrem Mittelfinger deutend. Hortenſia zog ihn ſogleich ab und überreichte ihn mit den Worten: „Nehmt ihn, Mylord, und tragt ihn zum Andenken an dieſe Unterredung, durch die Ihr Euch zur Gnade bewe⸗ gen ließet; ſo oft Ihr ihn anſeht, laßt Euch durch die Er⸗ innerung zu demſelben Reſultate bewegen.“ Jeffreys nahm ihn ehrfurchtsvoll und ſteckte ihn an ſeinen fetten kleinen Finger; doch fürchte ich ſehr, daß er den gewünſchten Erfolg nicht hatte, und ihn nie an Gnade erinnerte. Scobhbald Hortenſia fort war, kehrte er zur Tafel zurück, wo er neben dem Major Platz nahm und das Geſpräch mit dieſem gutmüthigen Rathsherrn ſehr bald auf Ralph Wood⸗ hall brachte. Die verſchiedenen Witze, welche über ſeine Unterredung mit einer Dame geriſſen wurden, die Anſpie⸗ lungen auf den Diamantring an ſeinem Finger, welche er eher ermunterte als ablehnte, will ich übergehen; dagegen 574 wiederholte der Major ſeine Vorſtellungen zu Gunſten Ralph Woodhall's, indem er ſagte: „Ich wünſchte in der That, Mylord, daß Ihr dieſen Fall wohl überlegtet.“ „Nun ja, auf Eure Bitte, Mr. Major, will ich es thun,“ erklärte Jeffreys;„wenn Ihr mich übrigens dazu bringt, Mitleid für ihn zu faſſen, ſo iſt Euer Ehrwürden der erſte Major, der George Jeffreys gerührt hat.“ „Waͤr' es nicht beſſer, ſeinen Prozeß aufzuſchieben?“ fragte der Major. „Ja, das kann morgen geſchehen, je nachdem ich be⸗ ſchließe,“ antwortete Jeffreys.„Es wird ihm nichts ſcha⸗ den, wenn er auch eine Nacht hindurch an nichts als Hän⸗ gen, Erſäufen und Viertheilen denkt. Ich wette mein Leben, er wird ſeine Eingeweide ſchon in des Henkers Hän⸗ den ſehen. Doch ich will daran denken— um Euretwillen, Mr. Major, will ich daran denken. Nun aber noch ein Glas, wenn's Euch beliebt, und das ſoll bei meiner Ehre das letzte ſeyn— das viertletzte wenigſtens— Armitage, Ihr Hund, Ihr ſeyd heut Abend ſo langweilig wie ein Schwein. Da habt Ihr einen Pardon für jenen fetten Lumpen von Pres⸗ byterianer, den Ihr heute Morgen überwieſen, daß er Waf⸗ fen für die Rebellen aufgekauft habe. Der Burſche iſt ein ſchachernder Waffenſchmied; das macht aber keinen Unter⸗ ſchied, denn er hatte nicht nöthig Waffen zu kaufen, wäh⸗ rend die Rebellion im Lande herrſchte. Er iſt reich, Mann, er iſt reich, und wenn Ihr Euch auf's Münzen verſtebt, ſo könnt Ihr ihn wohl in fünfhundert bis tauſend Goldſtücke mit dem Bruſtbilde ſeiner geſegneten Majeſtät darauf aus⸗ prägen.“ Der Diener kam abermals und flüſterte etwas über die Stuhllehne des Lord Oberrichters. „Wer— wer?“ fragte Jeffreys mit mürriſchem Blicke. „Lord Woodhall, Mylord,“ erwiederte der Diener laut. „O führt ihn auf alle Fälle herein,“ ſagte der Major. „Um keinen Preis,“ fiel Jeffreys ein, indem er alsbald aufſtand.„Es iſt eine Privatſache, und ich fürchte ſehr, er wird mich gegen Euer Geſuch in Betreff jenes jungen Mannes Ralph bewegen wollen. Gott helfe mir!— wie wir armen Sünder doch von den entgegengeſetzten Parteien in Stücke geriſſen werden!“ „Denkt an Gnade, Mylord— denkt an Gnade!“ wie⸗ derholte der Major. Allein der Richter war mittlerweile ſchon halb aus dem Zimmer. Jeffreys war wohlerfahren in der Kunſt, worin auch unſere heutigen Staatsmänner nicht ungelehrig ſind— ich meine die Kunſt, drei bis vier Mücken auf einen Schlag zu fangen. Als daher Lord Woodhall mit dem Geſuche, Ralph zu pardoniren, in ihn drang, da erhob Jeffreys unzählige Schwierigkeiten und ſchien endlich nur den dringenden Bitten des alten Edelmannes nachzugeben. Zu gleicher Zeit be⸗ ſtand er darauf, Lord Woodhall ſolle gegen den Staatsan⸗ walt ſeine volle Ueberzeugung dahin ausſprechen, daß Ralph bei der Tödtung ſeines Sohnes nicht betheiligt geweſen; auch ſollte er von dieſem Staatsbeamten ein nolle prosequi verlangen, falls die Sache abermals zur Unterſuchung käme. 576 „Wir haͤtten keinen Vorwand, ihn in dieſem Falle zu pardoniren, wenn wir morgen einen zweiten Prozeß anfan⸗ gen und ihn wegen Mords aufhängen müßten,“ bemerkte Jeffreys.„Reine Pergamentverſchwendung, Mylord— reine Pergamentverſchwendung.“ Lord Woodhall verſprach Alles, was er verlangte und erhielt dagegen einen Aufſchub für Ralph, noch ehe er dieſen bewundernswerthen Lord Oberrichter verließ. Er entfernte ſich mit wunderbar erleichtertem Herzen. Vierundzwanzig Stunden früher hätte er nicht geglaubt, daß er über Ralphs Lebensrettung eine Regung wie Freude empfinden könnte— und jetzt hatten ſeine Gefühle eine 3 ganz andere Wendung genommen! „Jedermann ſagt, er habe es nicht gethan,“ dachte er bei ſich.„Der Herzog von Norfolk behauptet, es ſey un⸗ möglich geweſen; ſo ſagt auch Lady Danvers und der Pfar⸗ rer— Alle miteinander. Ich will einem Unſchuldigen nicht Unrecht thun; aber den Moͤrder will ich doch herausfinden und Rache an ihm nehmen. Nun gut: wenn Ralph un⸗ ſchuldig iſt— und ich fange an zu glauben, daß er es ſeyn mag— ſo wird er Lady Danvers heirathen und Marga⸗ rethe wird Robert heirathen, und wir könnten Alle wieder glücklich ſeyn, wenn uns nur der arme Henry nicht abginge.“ Armer alter Mann! wie vollſtändig hatteſt Du die Gefühle und Leidenſchaften der Jugend vergeſſen, oder wie wenig mußteſt Du ſie gekannt haben! Die Gleichgültigkeit des Alters gegen diejenigen Dinge des Herzens, welche den eigentlichen Triumph des rüſtigen Lebens ausmachen, iſt 577 eines der größten Uebel des Alters— letzteres als ein Sta⸗ dium des bloſen ſterblichen Lebens betrachtet— bildet aber auch vielleicht eine gute Vorbereitung auf den Abſchied von dieſen irdiſchen Dingen, bevor das ewige Leben ſeinen An⸗ fang nimmt. Unter ſolchen Gedanken, wie wir ſie oben beſchrieben haben, näherte ſich Lord Woodhall der Thüre des Gaſtho⸗ fes, über welcher eine große Laterne brannte. Als ſein Fuß die Schwelle betrat, kam ein Mann heraus und an ihm vorüber, hielt aber plötzlich an und ſchaute ihm ins Geſicht. „Ha,“ rief er,„Verfolger meines unglücklichen Kna⸗ ben— ſeyd Ihr es?“ „Still, Mann, ſtill!“ rief der Lord, den alten Mr. Woodhall bei der Hand faſſend.„Ich habe mich geirrt und Ihr irrt Euch jetzt. Ich verfolge Euren Sohn nicht: ich habe einen Aufſchub und das Verſprechen eines Pardons für ihn in der Taſche.“— Der alte Mr. Woodhall wankte zurück und waͤre ge⸗ fallen, wenn nicht einer von des Lords Dienern ihn aufge⸗ fangen und in den Gaſthof geführt hätte, Eine erſchütternde Scene erfolgte, und Lord Woodhall, der von Natur ein gutmüthiger und freundlicher Mann war, freute ſich herz⸗ lich, daß das Leben von ſeines Vetters Sohne nicht ge⸗ opfert zu werden brauchte. Eine kurze Zeit verſtrich unter allerlei Fragen und 4Antworten, bis Mr. Woodhall ſich endlich zum Gehen er⸗ hob und ſagte: „Ich muß ihn ſehen, Mylord, ich muß ihn ſogleich James. Das Schickfal. 37 578 ſehen, denn er muß glauben, ſein Vater habe ihn vergeſſen und ihn ſeinem Schickſale überlaſſen. Ich wurde unter⸗ wegs durch Zufall aufgehalten; jetzt aber darf ich ihm gute Nachrichten mitbringen— nicht wahr, Mylord?“ „Ihr mögt ihn verſichern, daß er gerettet iſt,“ ſagte der alte Edelmann.„Da, nehmt das Auſſchubsdekret mit Euch, Mann: das wird der beſte Troſt ſeyn, den Ihr dem Knaben geben könnt.“ Mit dieſen Worten nahm er das Schreiben aus ſeiner Taſche und händigte es Mr. Woodhall ein. Dieſer mie⸗ thete einen der Stalljungen des Gaſthofes, um ihn durch die Straßen der ihm fremden Stadt zu führen, und ver⸗ fügte ſich vor das Gefängniß, wo er die große am Thore hängende Glocke anzog. Gleich darauf wurde ein kleiner Schieber zurückgezogen, gerade groß genug, um eines Man⸗ nes Kopf durchzulaſſen, und hinter dem eiſernen Gitter kam das Geſicht eines Gefangenwärters zum Vorſchein. „Was wollt Ihr?“ rief der Mann. Mr. Woodhall erklärte ihm ſeine Abſicht und verlangte ſeinen Sohn zu ſehen. Eine rohe unmotivirte Weigerung war die einzige Antwort. Er beſtand jedoch auf ſeiner For⸗ derung und verlangte auf alle Fälle den Gouverneur des Gefängniſſes zu ſprechen. Der Thürſteher erklärte jedoch mürriſch, der Gouverneur ſey abweſend, die Beſuchſtunde ſey verſtrichen und er werde nicht eingelaſſen. Mr. Woodhall verſuchte es jetzt mit Geld; aber auch dieſes erwies ſich als vergeblich, ſo ſonderbar dies klingen mag. Der Mann ſchlug es mit wirklichem oder affektirtem —— 579 Unwillen aus und ſchien im Begriff, das Pförtchen zu ſchließen, als Ralph's Vater ihm ankündigte, daß er ein Aufſchubsdekret für den Gefangenen bei ſich habe. „So händigt mir's ein,“ ſagte der Kerkermeiſter; „das wird wohl ſo viel heißen ſollen, daß er begnadigt wer⸗ den wird?“ „Ohne Zweifel,“ erwiederte Mr. Woodhall,„und darum könnt Ihr auch nichts dawider haben, mich ihn ſehen zu laſſen.“ „Ich darf die Kerkervorſchriften Niemand zu Lieb verletzen,“ brummte der Gefangenwärter mürriſch.„Das Haus iſt gepfropft voll und unſere Befehle lauten ſtreng.“ Traurig und enttäuſcht händigte Mr. Woodhall das Dekret ein, rief den Knaben, der ihn begleitet hatte, zum Zeugen für deſſen Ueberlieferung auf und bat den Gefangen⸗ wärter, ſeinem Sohne die gute Botſchaft, die er überbracht, alsbald anzukündigen. Der Mann verſprach es zu thun; kaum hatte er ſich aber in ſein Thorſtübchen zurückgezo⸗ gen, als er das Papier lachend auf ein Geſims warf und ſagte: „Da magſt du liegen: du ſollſt mich nicht hindern, meine fünfzig Pfund einzuſtreichen. Der Teufel hole die Richter! ſie wollen einem armen Manne keine Ernte gönnen, ſondern ſtecken's lieber ſelber ein. Ich möchte wiſſen, wie viel das Ding da koſtet— jedenfalls weit mehr, als ich da⸗ vontrage.“. Dieſe Worte mögen etwas räthſelhaft klingen, ohne eine Erklärung, die wir nur geben können, wenn wir in eine 37* 580 Stunde früher daſelbſt geſchehen war. Eine Stunde etwa, nachdem der Richter ihm ſein Ur⸗ theil verkündigt, ſaß Ralph Woodhall allein mit ſchweren Feſſeln an ſeinen Gliedern und noch viel ſchwererer Laſt auf ſeinem Herzen. Seine ſtarke Entſchloſſenheit hatte ihn durch die ſchauerlichen eben erlebten Scenen durchgetragen; aber jetzt in dieſer letzten einſamen Stunde kam all die Bitterkeit über ihn, welche der Abſchied vom Leben in der erſten Pe⸗ riode jugendlicher Lebensluſt mit ſich bringen mußte. Plötzlich ging die Thüre auf und ein Schließer trat ein. Er trug ein kleines Inſtrument in ſeiner Hand, und die Thüre ſorgfältig hinter ſich ſchließend, legte er es Ralph in die Hand und ſagte in leiſem Tone, auf die Feſſeln deutend: „Feilt ſie durch und werft ſie ab; dann laßt ſie und die Feile hinter Euch.“ Ralph betrachtete ihn mit Erſtaunen. „Was meint Ihr damit?“ fragte er. „Hab' ich's Euch nicht geſagt?“ wiederholte der Schließer.„Paßt auf! heute Morgen um ein Uhr müßt Ihr angekleidet und parat ſeyn. So feſt ich die Thüre auch jetzt verſchließe, ſo werdet Ihr ſie dann geöffnet finden; Ihr geht hinaus und haltet Euch auf dem Gange rechts; dort kommt Ihr an eine Thüre— auch ſie wird offen ſeyn. Jenſeits derſelben werdet Ihr einen Mann finden, der Euch nicht ſteht, auch Ihr müßt ihn nicht ſehen: geht nur gerade aus, bis Ihr auf einen Zweiten ſtoßt, der vor Euch hergehen der Gefangenenzellen treten und erzählen, was eine halbe wird. Folgt ihm ſoweit er geht: dort werdet Ihr ein Pferd und Eure Leute finden, und wenn ſie dem Andern zwei Hun⸗ dert bezahlt haben werden, ſo könnt Ihr davon reiten.“ Er wartete nicht auf Antwort, ſondern verließ die Zelle, indem er mit großem Geräuſch und mit ungewöhnlicher Sorgfalt die Thüre hinter ſich abſchloß. Am folgenden Tage, etwa zehn Minuten vor zehn Uhr, während eben großer Lärm und Aufregung im Gefängniſſe herrſchte, weil man weitere Gefangene zum Verhör vor den Gerichtshof zu führen ſich anſchickte, kam der Grafſchafts⸗ ſheriff vor das Thor, und verlangte Mr. Ralph Woodhall zu ſehen, indem er mit wichtiger Miene verkündigte, daß der Oberrichter einen freien Pardon unter dem großen Siegel erlaſſen, und daß er ihn in der Taſche habe. „Das nenne ich raſche Arbeit, Meiſter Sheriff,“ ſagte der Schließer, der neben dem Thürſteher ſtand.„Geſtern um ſieben verurtheilt, um neun Uhr der Stab gebrochen und heutseMNorgen um zehn begnadigt.— Doch kommt nur mit; Ihr werdet ihm die Nachricht wohl ſelbſt mittheilen wollen, denn Ihr werdet für Eure Mühe nicht leer aus⸗ gehen. Es fehlt ihm nicht an Mitteln, und im Ganzen hat er recht gut bezahlt. Wir ſind heute Morgen noch nicht bei ihm geweſen, denn er ſagte, er wolle bis zwölf Uhr ſchlafen, da er geſtern einen ſchweren Tag gehabt habe.“ Mit dieſen Worten führte er ihn durch die Kerkergänge vor eine der Gefangenenzellen. Als er den Schlüſſel in's Schloß ſteckte, wollte dieſer ſich nicht umdrehen, und er rief mit derbem Fluche: 582 „Ei, die Thüre iſt ja unverſchloſſen!“ So war es auch und die Zelle leer. Unbeſchreiblich war der Schreck und die Beſtürzung, welche der Schließer an den Tag legte. Er rief den Wäch⸗ ter, der in dem Gange ſaß und bezüchtigte ihn, er habe die Thüre geöffnet und den Gefangenen entwiſchen laſſen. Die⸗ ſer wies die Anklage mit allen Zeichen des Unwillens zurück, fragte, wie er denn die Thüre öffnen könne, da er keinen Schlüſſel habe, und ſchwur, er habe den Gang nur eine ein⸗ zige Minute verlaſſen, während er für John Philips, der einen ſeiner Anfälle gehabt und wie ein Wahnſinniger ge⸗ ſchrien habe— den Arzt herbeiholen wollte. „Da muß er gerade in jenem Augenblicke entwiſcht ſeyn,“ erklärte der Schließer.„Wie er das Schloß auf⸗ brachte, iſt mir unerklärlich, denn ich weiß gewiß, ich habe es geſtern Nacht wohl verſchloſſen.“ „Ich ſah und hörte Euch,“ beſtätigte der Wächter. „Er war von Außen wohl verſehen,“ fuhr die Schließer fort, auf die Feſſeln deutend, welche auf dem Boden der Zelle lagen.„Ihr ſeht, er hat die Ketten ganz durchgefeilt.“ Der Sheriff war jedoch noch nicht ganz befriedigt; der Gouverneur wurde gerufen, eine Nachſuchung wurde, ange⸗ ſtellt, und man fand über die Mauer des Kerkerhofes eine Strickleiter geworfen. Da jedoch ein Pardon erlaſſen war, ſo glaubte der Gouverneur wohlweislich, je weniger von der Sache geſprochen werde, um ſo beſſer, und ſein Freund, der Sheriff, entſchloß ſich, die Sache in demſelben Lichte zu betrachten. Zwar wurden ihre Plane einigermaßen geſtört, 583 als der alte Mr. Woodhall mitten in ihren Berathungen anlangte; aber der Sheriff verſicherte mit großer Geiſtes⸗ gegenwart, der Gefangene ſey als begnadigt freigelaſſen worden und habe vor mehr als einer Stunde das Gefängniß verlaſſen. Vierundvierzigſtes Kapitel. In der Nacht nach Ralph Woodhall's Vernehmung wegen Hochverraths ſtand am Ausgang eines Pfades, der damals auf der Rückſeite des Gefängniſſes von Dorcheſter hinlief, ein Mann, der die Zügel zweier Pferde über den Arm geſchlungen hatte. Er ſchaute von Zeit zu Zeit vor⸗ wärts nach dem Gefängniß, noch öfter aber hielt er die Au⸗ gen zu Boden geheftet. Endlich vernahm ſein ſcharfes Ohr das Nahen von Schritten, und kurz darauf ſah er die un⸗ deutlichen Geſtalten zweier Männer in raſchem Schritte da⸗ herkommen. Der Wächter rührte ſich nicht vom Fleck, ſondern legte nur die Hand an den Griff ſeines Schwertes und überzeugte ſich, ob es leicht aus der Scheide ging. Die beiden Nahenden kamen raſch auf ihn zu, und als ſie dicht vor ihm ſtanden, rief der Eine in forſchendem Tone: „Stilling?“ „Der bin ich, Sir,“ erwiederte der Mann.„Hier, Burſche,“ indem er den Zweiten anredete,„hier habt Ihr die anderen zweihundert Pfund— Ihr könnt ſie nachzählen, wenn Ihr wollt.“ 584 Der Dritte nahm einen Sack, der ihm dargeboten wurde, entfernte den Schirm einer Blendlaterne und unter⸗ ſuchte bei ihrem Lichte, was er empfangen hatte. Er ſah bald, daß Gold des Sackes Inhalt war, und ſchien, nachdem er ihn in der Hand gewogen, ſo ziemlich überzeugt, daß der Betrag richtig ſeyn müſſe. „Ich denk' es wird ſchon recht ſeyn,“ meinte er;„mit Zählen kann ich mich nicht aufhalten. Gute Nacht, Sir, und ſputet Euch. Morgen um dieſe Zeit ſeyd Ihr hoffent⸗ lich ſchon weit weg.“ „Das wird er,“ gab Stilling zur Antwort, und das eine der Roſſe heranziehend, während der Gefangenwärter ſeine Blendlaterne ſchloß und raſch davoneilte, fuhr er fort: „Laßt uns zu Pferd ſteigen und aufbrechen, Sir. Wir ſoll⸗ ten vor Tagesanbruch zehn Meilen in See ſeyn.“ Ralph ſchwang ſich auf das Roß, und er und Gaunt Stilling ritten in voller Haſt von Dorcheſter ab. Letzterer ritt voran, und die erſten anderthalb Stunden wurde nur wenig zwiſchen Beiden geſprochen, bis Stilling ſich mit den Worten zu ſeinem Gebieter umwendete: „Jetzt ſind wir wohl außer dem Bereiche der Verfol⸗ gung. Noch zwanzig Minuten— und wir haben das Boot erreicht. Alles iſt bereit und angeordnet; ſie warten nur auf uns, um ſogleich abzuſtoßen.“ „Ich habe Euch viel zu danken, Stilling,“ erwiederte ſein Gebieter;„aber Ihr müßt von Anderen Beiſtand er⸗ halten haben. Wer hat Euch die Mittel verſchafft, um dieſe Menſchen zu beſtechen?“ 585 „Traun, dazu hat mir Niemand etwas gegeben,“ er⸗ klärte Stilling.„Der Kaſtellan der Lady Danvers gab mir fünfhundert Pfund, um zu Bridgewater alles Nöthige an⸗ zubahnen, damals als wir dorthin aufbrachen. Ich nahm keinen Anſtand, das Geld der Lady jetzt zu verwenden, da ich wußte, daß ſie ſolches billigen würde; ich bezahlte die⸗ ſen Schuften dreihundertfünfzig Pfund, daß ſie Euch ziehen ließen, und um ein weiteres Hundert habe ich einen guten Lugger gemiethet.“ Neue Fragen und Antworten folgten und Ralph er⸗ fuhr, daß die Urſache, warum Stilling von ſeinem Rekog⸗ noscirungsritte nicht mehr zu dem Pachthofe am Rande von Sedgemoor zurückgekehrt— hoͤchſt einfacher Natur war. Er war einigen Leuten vom Tangerregimente in die Hände gefallen und war in Oberſt Kirke's Quartier geführt wor⸗ den— dieſer würdige Offizier hatte ihn zurückbehalten, da er ihn ſtark der Abſicht bezüchtigte, als ob er zu Monmouths Truppen ſtoßen wolle. „Ich will nicht ſagen, daß ich nicht große Luſt hatte, dies zu thun,“ fuhr Stilling fort,„denn es gab in jener Schlacht einen guten Streich, den ich gar zu gerne verſetzt hätte. Kirke konnte jedoch nichts gegen mich beweiſen, als daß ich meinen Weg gerade nach den Quartieren der könig⸗ lichen Truppen genommen, und das paßte nicht zu ſeinen Planen, ſonſt hätte es ihm ebenſo viel Vergnügen gemacht, ſeinen alten Kameraden aufzuhängen, als dieſe armen Re⸗ bellen abzuſchlachten. Endlich war er genöthigt, mich gehen zu laſſen, und das Erſte, was ich vernahm war, daß Ihr 586 Euch im Kerker zu Dorcheſter befändet. Ich ergriff alle noͤthigen Maßregeln, als die erſte Anklage wider Euch er⸗ hoben wurde; auf die zweite war ich aber ganz unvorberei⸗ tet, und wunderbar geſchickt haben ſie's damit angefangen: ſo blieb mir nichts übrig, als Euch nach der Verurtheilung zu befreien, was mir nicht ſonderlich ſchwer wurde, da ich alle Leute in Dorcheſter kenne.“ In weniger als einer halben Stunde erreichten die bei⸗ den Reiter die Seeküſte an einer niederen ſandigen Stelle, und nachdem ſie eine Strecke am Waſſer hingeritten, ſtießen ſie auf eine kleine Gruppe von Fiſcherhütten, wo man noch Lichter bemerkte und verſchiedene Perſonen umhergehen ſah. Nicht weit vom Ufer war ein großes Luggerboot von vierzig bis fünfzig Tonnen Laſt zu bemerken, und einige von den Fiſchern traten alsbald zu Ralph und ſeinem Begleiter und drangen in ſie, ihre Schritte zu beſchleunigen, da die Ebbe eben zu Ende ging. Keiner von Beiden hatte Luſt, irgend einen Aufenthalt zu verurſachen. Ralph ſprang alsbald zu Boden; Stilling übergab die Pferde einem der Leute mit dem Auftrag, mit ihnen zu verfahren, wie er früher geheißen worden, und Beide ſtiegen in ein kleines Ruderboot, das am Strand lag; zwei von den Fiſchern, die ſie begleiteten, ſtießen ab, und bald befanden ſich die Flüchtlinge an Bord des Luggers. Eine günſtige Briſe wehte, die großen ſchweren Segel füll⸗ ten ſich und das Schiff ſtrich über die Wellen und nahm ſei⸗ nen Weg gerade nach der franzöſiſchen Küſte. Es würde meine Erzählung vielleicht intereſſanter 587 machen, wenn ich von haarſträubenden Gefahren und wun⸗ derbaren Abenteuern während dieſer Reiſe zu berichten hätte; aber leider gab es nichts der Art zu notiren. Der Wind war durchaus gut, das Waſſer leicht bewegt, aber nicht ſtürmiſch; keine königlichen Schiffe zeigten ſich, um auf das kleine Fahrzeug Jagd zu machen, und bis ſie die franzöſiſche Küſte erreichten, bekamen ſie außer Waſſer und Himmel nichts weiter zu ſehen als einige andere große Fiſcherboote und gegen Tagesanbruch ein Kriegsſchiff, das in weiter Ferne mit vollen Segeln von ihnen wegſteuerte, und ſich mit dem Rumpfe unter dem Horizonte und den Se⸗ geln, die ſich am fernen Himmel ſchwach abzeichneten wie ein Geſpenſt auf den Waſſern ausnahm. Gegen Ende des Tages erreichten ſie einen kleinen franzöſiſchen Hafen. Es wäre für den Leſer nicht ſonder⸗ lich intereſſant, wenn ich ihm all die unbedeutenden Schwie⸗ rigkeiten, die ſie auf ihrem Wege nach Holland betrafen, und die Art und Weiſe, wie ſie ſie überwanden, erzählen wollte. Es genüge zu wiſſen, daß ſie überwunden wurden, und daß Ralph und ſein Diener etwa vierzehn Tage nach⸗ dem ſie England verlaſſen die Grenze überſchritten. Sie eilten ſo raſch ſie konnten nach Amſterdam, denn im Haag war damals für engliſche Flüchtlinge kein ſicherer Zu⸗ fluchtsort.. 1 Ralph Woodhall hatte ſeine Jugend im Kolleg oder in den Provinzen von England verlebt und fand deshalb nur einen einzigen Bekannten in Amſterdam. Es war ein trockener melancholiſcher junger Mann, der eine Zeit lang 588 zu Cambridge mit ihm ſtudirt, aber die engliſche Kirche auf⸗ gegeben und die Anſichten des extremſten Kalvinismus an⸗ genommen hatte. Er war freundlich in ſeiner Art und Ralph bedurfte allerdings der Freundlichkeit; allein die Anſichten dieſes ehemaligen Kollegiengenoſſen waren ſo ver⸗ ſchieden von ſeinen eigenen, daß keine große Freundſchaft zwiſchen ihnen beſtehen konnte, und die Unterhaltung des jungen Diſſenters war gar nicht dazu gemacht, um einem Andern die Laſt ſeiner Sorgen zu erleichtern. Gaunt Stilling fand im Gegentheil zahlreiche Be⸗ kannte unter den Engländern, die ſich nach Amſterdam ge⸗ flüchtet hatten; aber er wie ſein Gebieter hatten zu viele dunkle und düſtere Gemächer in dem Palaſte ihrer Bruſt, um viele Fremde zu innigem Verkehre zuzulaſſen. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß Ralph Woodhall bei ſeiner Ankunft in der holländiſchen Hauptſtadt kein Wort davon wußte, daß er wegen des Verbrechens des Hochver⸗ raths, deſſen er angeklagt war, begnadigt worden, noch war ihm bekannt, daß Lord Woodhall, von ſeiner Unſchuld überzeugt, aufgehört hatte, ihn als Mörder ſeines Sohnes zu verfolgen. Verdammt wegen eines Vergehens, das er nicht begangen hatte, ausgeſetzt der Unterſuchung wegen eines zweiten, an dem er ebenſo ſchuldlos war, und überdies eines dritten angeklagt, das in den Augen des Gerichtes kaum weniger gehäſſig als Mord oder Hochverrath war— ſah er nichts vor ſich als lange hoffnungsloſe Verbannung, den Verluſt aller heiteren Ausſichten und das Verſchwinden aller Träume der Liebe. 589 Zu gleicher Zeit war er von nagenden Verlegenhei⸗ ten umringt. Man kann ſich leicht denken, daß er keine große Geldſumme bei ſich führte. Faſt Alles, was er be⸗ ſaß, war im Gefängniſſe drauf gegangen; die fünfzig Pfund, welche von dem Gelde der Lady Danvers in Gaunt Stillings Händen zurückblieben, waren nahezu ausgegeben, und herannahender Mangel ſtarrte ihm in's Geſicht. Manche angſtliche Berathung wurde mit Stilling gepflogen, und ſie fragten ſich, was in ihrer Lage wohl zu thun ſey; doch ver⸗ mochte er von ſeinem Diener nur wenig Troſt, wie er ihn wirklich brauchte, zu erlangen. Stillings Antwort lautete immer: „O, Ihr werdet bald Geld aus England erhalten, Sir; auch ich hoffe darauf, denn ich habe Sorge getragen, den Leuten zu wiſſen zu thun, wo wir ſind, und ſie werden uns nicht darben laſſen. Euer Vater wird für Euch ſor⸗ gen, und ich beſitze Freunde, welche ſchon an mich denken werden.“ „Aber ich kann und will es nicht ertragen, meinem Vater zur Laſt zu fallen,“ pflegte Ralph zu erwiedern.„Ich muß hier im Dienſte der holländiſchen Staaten eine Stelle als Soldat oder in anderer Eigenſchaft ſuchen, wozu ich gerade paſſe. Ich denke, ich will in's Haag gehen und den Prinzen von Oranien aufſuchen. Ich kann ihm beweiſen, daß ich mich bei dieſer unſinnigen Inſurrektion Monmouths nicht betheiligte; auch kann ich meine Unſchuld an all den übrigen Verbrechen recht wohl darthun. Ich habe von dem Herzog von Norfolk Briefe an mehrere Herrn im Haag, 590 und ſie werden ohne Zweifel ihren Einfluß dazu verwenden, um mir irgend eine Stelle zu verſchaffen.“ „Wartet noch ein wenig, Sir, wartet noch ein wenig,“ lautete Gaunt Stillings Antwort.„Bald werden wir Et⸗ was aus England zu hören bekommen; ich erwarte ſchleu⸗ nige Nachrichten von da, und in jenem Briefe werden wir auch Etwas von den Perſonen erfahren, für welche Ihr Euch intereſſirt.“ Er täuſchte ſich nicht in ſeinen Erwartungen, denn kaum waren zehn Tage verſtrichen, als verſchiedene Briefe für Ralph und zwei für Gaunt Stilling nach Amſterdam gelangten. Nalphs Nachrichten lauteten in allen Punkten günſtig bis auf einen. Die Briefe brachten ihm die Mit⸗ theilung, daß in der Anklage wegen Hochverraths volle Be⸗ gnadigung für ihn erlangt ſey, daß der Staatsanwalt in Betreff des beſchuldigten Mordes ein nolle prosequi erlaſſen habe, und daß Lord Woodhall aus den ihm vorgelegten Be⸗ weiſen ſich von ſeiner Unſchuld am Tode ſeines Sohnes Henry vollkommen überzeugt habe. Doch ſchien aus der Haltung der Briefe hervorzugehen, als ob noch immer die eine Anklage über ſeinem Haupte ſchwebe, daß er einem diſ⸗ ſentirenden Prediger Beiſtand geleiſtet und einem verbotenen Konventikel angewohnt habe, was ihn bei unvorbereiteter Rückkehr einer längeren Gefangenſchaft ausſetzen konnte. Einige Stellen in dieſen Briefen lauteten ziemlich dunkel, denn ſein Vater, der den einen geſchrieben, ſchien nicht zu wiſſen, daß er ohne Kenntniß der Begnadigung ent⸗ flohen war, und Hortenſia, welche ihm gleichfalls ſchrieb und 591 die Art, wie er ſeine Flucht nach Holland bewerkſtelligt, ſo⸗ gleich begreifen mochte, ſprach von den peinlichen und un⸗ glücklichen Umſtänden, in denen er ſich befinde, in Aus⸗ drücken, wie er ſie auf die bloſe Ausſicht eines ſo unterge⸗ ordneten Prozeſſes kaum anwendbar fand. Ein dritter Brief, der ihn ſehr überraſchte, kam von ſeinem Vetter Lord Coldenham. Er war in offenem, aber nicht heiterem Tone geſchrieben, gratulirte ihm zu ſeiner Befreiung vom Tode, drang aber ſehr in ihn, alsbald nach England zurückzukehren. Der junge Lord gab keine Be⸗ weggründe an, warum er ſo ernſt auf dieſem Punkte be⸗ ſtand, ſondern ſchloß den Brief mit den Worten:„um Eurer eigenen beſten Intereſſen— um Eurer theuerſten Hoff⸗ nungen willen: kommt, Ralph, und kommt ſogleich!“ Die hier empfangene Botſchaft ſtimmte ihn nachdenk⸗ lich, aber nicht traurig, und er war noch einigermaßen un⸗ gewiß, was er thun wollte(denn ſeines Vaters Brief ent⸗ hielt einen Wechſel, der ihm frei zu handeln erlaubte), als Gaunt Stilling mit einem Ausdrucke in ſeinen Mienen zu ihm trat, der Ralph in große Verwirrung brachte. Tiefer Groll lag auf ſeiner Stirne; aber ſeine Augen funkelten und bei jedem Worte, das er ſprach, ſpielte ein krampfhaf⸗ tes Zucken um ſeinen Mund, welches große innere Aufregung verrieth. 8 „Nun, Sir, was für Neuigkeiten?“ fragte er plötzlich. Ralph gab ihm einen Ueberblick über die empfangenen Nachrichten, und der Mann erwiederte mit wildem Lachen: 4 „ Iſt. das Alles? Beſſere Nachrichten, als die mei⸗ nigen.“ 389 höre mit Bedauern, daß die Eurigen ſchlimm lauten,“ hemerkte Ralph.„Ich hoffe, ſie ſind doch nicht Art?“ ten,“ antwortete Gaunt Stilling, zweimal im Zimmer auf⸗ und abgehend.„Der alte Mann iſt krank, und hat wohl Urſache dazu: ein ſchlimmes Leiden, Sir— am ge⸗ brochenen Herzen.“ „Ich habe eben bei mir überlegt, ob es nicht beſſer wäre, ſogleich nach England zurückzukehren. Mein Vetter Lord Coldenham dringt ſehr in mich, ſolches zu thun, und in dieſem Falle können wir zuſammengehen.“ „Laßt mich vorauseilen, Sir,“ fiel Gaunt Stilling haſtig ein.„Ich ſtehe dafür, Ihr werdet dann mehr er⸗ angelegenheiten— Familienangelegenhei⸗ fahren als alle Andern Euch erzählt haben, denn bald ſollt Ihr durch mich oder von mir hören. Was mich betrifft— ich muß gehen und zwar noch heute. Seht da, was mir geſchrieben wurde.“ Und er händigte Ralph einen Brief mit folgenden kur⸗ zen Worten ein. „Kommt ſogleich zurück. Ich bedarf Eurer alsbald zu dem großen Werke, das endlich unternommen werden muß. Ich habe ſchon zu lange gezögert und werde es nicht länger aufſchieben. Moraber.“ 593 „Das iſt ſonderbar,“ meinte Ralph, den Brief zurück⸗ gebend.. „Nicht ſo ſonderbar als einige Nachrichten in eſem Briefe, Sir,“ erwiederte Gaunt Stilling, auf das zweite Schreiben in ſeiner Hand deutend.„Che ich jedoch gehe, erlaubt mir, eine Frage zu ſtellen, Sir, welche von größerer Wichtigkeit iſt, als Ihr vielleicht glaubt: ich bin ſehr kühn, aber Ihr müßt mir verzeihen. Werdet Ihr Euch mit Lady Danvers vermählen, wie die Leute ſagen?“ „Mein Herz denkt nicht daran,“ entgegnete Ralph. „Habt auch Ihr durch den Schein Euch täuſchen laſſen, Stilling, deſſen Trügerei Niemand beſſer beurtheilen konnte? Weder Lady Danvers noch ich ſelbſt haben je von ſo Etwas geträumt. Sie kennt mein Herz zu gut, Stilling.“ „Danke, Sir, danke,“ rief Stülins warmherzig.„Und nun— lebt wohl!“ „Aber ſeyd Ihr d denn ſo eilig?“ fragt Ralph.„Ich möochte gerne noch einige Stunden überlegen, ob ich Euch begleiten ſoll oder nicht.“ „Bleibt lieber, wo Ihr ſeyd, Sir,“ erwiederte Stil⸗ ling—„wenigſtens für jetzt. Ich möchte nach Empfang dieſes Briefes nicht eine Stunde länger bleiben— nicht um Alles, was König Jakob zu verſchenken hat. Ich habe eine tiefe Schuld der Dankbarkeit gegen dieſen ann, Sir, eihe auf jede Weiſe, die ihm beliebt, abgetragen werden oll.“ „ und ich bin tief in Eurer Schuld, Stilling,“ erklärte James, Das Schickſal, 38 594 Ralph,„und moͤchte gerne Etwas thun, ſo wenig auch in meiner Macht ſteht.“ 3 „Darüber macht Euch keine Sorgen, Sir,“ verſetzte Stilling mit ſehr bezeichnender Geberde ſich ſachte vernei⸗ gend.„Alle Schulden von mir und an mich werden bald bezahlt ſeyn. Lebt wohl, Sir! möge der Himmel Euch beſſer begünſtigen, nachdem ich von Euch gegangen, als er Euch begünſtigt hat, ſo lange ich bei Euch war!“ Und ohne weiteren Abſchied drehte er ſich um und ver⸗ ließ das Zimmer. In ſeinem Weſen lag etwas ſehr Auffallendes— eine gewiſſe ſcharfe wilde Haſt, wie ſie Ralph bei allen Wechſeln ſeiner Stimmung— und ihrer waren viele geweſen— nie zuvor bemerkt hatte. Er überlegte ſich die Sache eine Weile; aber wir ſind nur zu geneigt, die Anzeichen unter⸗ drückter Leidenſchaft an Anderen als unwichtig zu betrach⸗ ten, nicht begreifend, daß da, wo die Erſchütterung ſo ſtark iſt, daß ſte das Bewußtſeyn der Nothwendigkeit eines Ver⸗ hehlens mit ſich bringt, der zeitweiſe Widerſtand, der ihr geleiſtet wird, ihre Gewalt nur zu concentriren ſcheint, bis ſte endlich zur Handlung wird, weil man ihr den Ausbruch in Worte verweigerte. Nachdem Ralph über Gaunt Stillings Charakter und. Benehmen einige Minuten ſchweigend nachgedacht, ließ er den Gegenſtand fallen und kehrte zu anderen Dingen zurück. Er ſchrieb an ſeinen Vater, an Hortenſien und Margarethen, ohne daß er große Hoffnung hatte, eine Gelegenheit zu fin⸗ den, um Letzterer ſeinen Brief ſicher und insgeheim zu über⸗ X 5 1 59³ liefern. Er ſchrieb auch an Lord Woodhall, wiederholte ſeine Verſicherung, daß er das Schwert nie gegen ſeinen Vetter Henry gezogen, und tröſtete ſich mit der ſchmeicheln⸗ den Hoffnung, daß Margarethe immer noch die Seinige werden könnte. Hortenſien und ſeinem Vater hielt er nach den zwei⸗ deutigen Ausdrücken in ihren Briefen für nothwendig, eine detaillirte Schilderung ſeiner Flucht zu geben, ſoweit er dies thun konnte, ohne eine der dabei betheiligten Perſonen zu kompromittiren, indem er Beide verſicherte, daß er bis zu dem Augenblick ſeines jetzigen Schreibens von dem früheren Pardon nichts gehört hatte. Lord Coldenhams Brief ſparte er für fernere Erwägung, und ein Schimmer friedlicher Hoffnung ſchien wieder über ihn hereinzubrechen, nachdem ſo viele andere, kaum geſehen, alsbald verdüſtert entflohen waren. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Ormebar⸗Caſtle bot einen heiteren feſtlichen Anblick, wie man ihn ſeit vielen Jahren in ſeinen Mauern nicht er⸗ lebt hatte. Eine große Zahl des benachbarten Adels und der Gentry war eingeladen worden, um einige Tage mit einer Jagd zuzubringen, welche ſchon in Verfall zu gerathen begann, obwohl ſie durch Karls des Zweiten Vorliebe für kurze Zeit wieder aufgelebt hatte. Eine Falkenmauſe hatte ſchon lange in dem Schloſſe beſtanden und die Falken von 38* Ormebar waren im ganzen Lande berühmt. Der luſtige Monarch ſelber hatte das Geſchenk von einigen Paaren der renommirten Vögel aus dieſer Zucht als eine werthvolle Gabe betrachtet, und eine große Falkenjagd zu Ormebar durfte darauf zählen, Alles, was die Grafſchaft von Heiter⸗ keit und Anmuth darbot, in ihrem Kreiſe zu vereinigen. Nur zweierlei Umſtände wurden von den Gäſten als auffallend betrachtet: nämlich, daß der junge Lord Colden⸗ ham aus höͤchſt ungenügenden Gründen im Schloſſe nicht anweſend war, und daß Margarethe Woodhall, öffentlich als ihres Vetters Robert verlobte Braut anerkannt und mit ihrem Vater im Schloſſe wohnend, an keiner der Jagdpar⸗ tien oder ſonſtigen Luſtbarkeiten Antheil nahm, wenn ſie auch ſonſt bei den Mahlzeiten in der Halle erſchien, daß ſie ſich ferner, auch wenn man ſie ſah, faſt immer mit bleicher Wange und kummervoller Stirne in ihre eigenen Gedanken weertieft zeigte, und daß ihr auch die heiterſten Scherze, die höchſten Luſtbarkeiten kein Lächeln abgewannen. Sie ſchien an Nichts Antheil zu nehmen, ſchien kaum irgend Etwas um ſich her zu beachten; ſie ſah aus wie eine Perſon, welche im Traume und zwar in einem ſchweren Traume wandelt, und vergeblich war jeder Verſuch, ihre Aufmerkſamkeit zu erregen oder ihre Theilnahme zu erwecken. 8 Lady Coldenham ſchien mehrere Tage lang dieſes Be⸗ nehmen nicht zu bemerken: ſie ließ es hingehen, wie wenn es keine Beachtung verdiente. Endlich aber als Marga⸗ eethe eines Tags allein ſaß, trat die herriſche Frau in's Zim⸗ mer und ſetzte ſich mit einer Miene ſtolzer Verachtung zu ihr. 597 „Ich komme, meine hübſche Couſine,“ begann ſie,„um zu fragen, was Ihr mit dieſer Eurer Behandlung meines Sohnes beabſichtigt.“ „Ich, Madame!“ rief Margarethe, ſie mit einem Blicke des Schreckens betrachtend.„Ich habe keine beſondere Ab⸗ ſicht bei meinem Benehmen.“ „Dann wünſchte ſch, Ihr hättet ſie und zwar eine ganz andere, als Jedermann ſie Euch beilegt,“ erwiederte Lady Coldenham bitter.„Ich wollte, Ihr beabſichtigt Eurem künftigen Gatten zu gefallen und ihm eine gewiſſe Höflich⸗ keit oder Achtung zu erweiſen.“ Das hieß Margarethe in's Herz treffen. „Achtung!“ wiederholte ſie.„Was ſollte ich an Ro⸗ bert Woodhall achten?“ „Ihr ſolltet den achten, den Ihr heirathen werdet, 4 ſagte Lady Coldenham;„Ihr ſolltet das Haus achten, aus dem er entſproſſen.“ „Mein Verſprechen, ihn zu heirathen, wurde mir in einem Augenblicke der tiefſten Seelenangſt grauſam ent⸗ riſſen,“ verſetzte Margarethe mit kalter Ruhe.„Es genügt, daß ich es halte, ohne daß man weitere Zugeſtändniſſe von mir erwarten darf. Er kann mich zu nichts weiter als zu ſeiner Sklavin machen. Wohl wiſſend, daß ich ihn verab⸗ ſcheute, beſtand er auf einer Bewerbung, die mir, wie er hätte, fühlen ſollen, nur größeren Abſcheu gegen ihn einflößen mußte, und erlangte von meinem armen Vater durch Mittel, welche mir unbekannt ſind, ein feierliches Ver⸗ ſprechen, daß ich die Seine werden ſollte. Er hetzte an 598 meinem Vater, daß er die furchtbarſten Umſtände benützte, um jenes Verſprechen von mir zu erlangen, und jetzt, Lady Coldenham, will mein Vater ſein Gelübde, will ich mein Gelöbniß erfüllen. Meine Hand ſoll ihm gehören— die Ländereien, die er mehr als meine Hand begehrt, ſollen ihm gleichfalls werden— aber mehr verlangt nicht. Mein Herz kann ihm nie gehören— meine Achtung, meinen Re⸗ ſpekt, meine Liebe kann er niemals erlangen.“ „Unverſchämtes Mädchen!“ rief Lady Coldenham: „das ſagt Ihr Eurer Mutter?“ „Ja, Euch und Jedermann und Allen, die mich über dieſen Gegenſtand befragen,“ gab Margarethe zur Antwort. „Ich bin nicht mehr das ſchüchterne Kind, das Ihr früher voor Eurer Gegenwart zurückbeben und vor Eurem ſtolzen Auge erſchrecken ſahet. Ihr und die Eurigen haben mir jede Hoffnung und jede Furcht genommen; Ihr habt mich durch Elend gekräftigt, habt mir das Leben werthlos und den Tod zu einem begehrenswerthen Segen gemacht— und er wird hoffentlich nicht mehr lange ausbleiben. Mein Va⸗ ter hat mich gegen meinen Willen hierher gebracht, Lady 4 am; aber ich hoffe, die Stille meines eigenen Zim⸗ ird mir wenigſtens verſtattet werden.“ „Gut— vortrefflich!“ rief Lady Coldenham mit ver⸗ hhtlichem Lachen.„Jetzt hört mich, Miß Margarethe Woodhall. Wir wollen Euch bald zahm machen. Ich weiß⸗ Ihr ſucht dieſe Heirath ſo weit wie möglich hinauszuſchie⸗ ben; da wir jedoch finden, daß Güte keinen Einfluß auf Euch hat, ſo werden wir ſtrengere Mittel verſuchen. Wir 599 werden nicht geſtatten, daß Ihr Euren Scherz mit uns trei⸗ bet. Die Vermählung ſoll bald— ja unverzüglich ſoll ſie ſtattfinden.“ „Das wird geſchehen, wie mein Vater entſcheiden wird,“ erwiederte Margarethe in ebenſo ruhigem Tone wie früher.„Ich habe in dafür gehalten, daß ein Menſch, der zum Sterben 2 iſt, ſich als einen Feigling er⸗ weist, wenn er ſeine Hinrichtung auch nur um einen Augen⸗ blick zu verſchieben ſucht. Ihr habt mich tapfer gemacht, Lady Coldenham: Ihr könnt mich nicht erſchrecken.“ „Ha, ha,“ geiferte die alte Dame, mit triumphirender Miene ſich erhebend.„Ein Glück, daß kein Zwang nöthig ſeyn wird.“ Und majeſtätiſch ſchritt ſie aus dem Zimmer. Wohl mochte ſie triumphiren, denn der Zweck ihres Beſuches bei Margarethe war mit weniger Schwierigkeit erreicht, als ſie erwartet hatte. Das Mädchen hatte keine Einwendung gegen eine baldige Vermählung gezeigt, und die Lady eilte zu Lord Woodhall, um ihm zu ſagen, has ſeine Tochter einwillige. Der alte Mann wollte kaum ſeinen Ohren t 1; allein die Verſicherung der Lady Coldenham war er tſchie⸗ den, und ſie ſagte ihm etwas verblümt, was zwiſchen ihr und Margarethen vorgegangen war. Robert Woodhall kam ihr zu Hülfe, wie er denn ſeiner Mutter Abſichten faſt inſtinktartig zu begreifen ſchien. So erlangten Beide Lord Woodhall's Einwilligung, daß ein 600 ſehr früher Tag feſtgeſetzt werden ſollte, und die Vorbe⸗ reitungen wurden alsbald begonnen. Margarethe hielt ſich ſtandhaft, ſobald ſie ſich vor dem Auge der Zuſchauer befand. Sie wankte nicht, bebte nicht zurück; keine Thräne verdunkelte ihre Augenlider, kein Wort des Widerſpruchs kam über ihre Lippen. Ihr Charakter ſchien vollkommen verändert: das uffene, einfache, ſchüch⸗ terne Mädchen, blühend von Geſundheit und von mannigfal⸗ tigen Regungen beſeelt, war jetzt zum kalten, ernſten, feſten und entſchiedenen Weibe geworden, bleich wie Grabesmar⸗ mor und von keinem der flüchtigen Dinge des Lebens be⸗ rührt. Eine verſteinernde Hand hatte ſie berührt— die der Verzweiflung, und ſie war in der That nicht mehr dieſelbe. Robert Woodhall ſah dies Alles, verſtand Alles; aber er hatte kein Mitleid: er freute ſich. Margarethe war jetzt öfter allein als früher und ver⸗ ließ ihr Zimmer nur ſelten, ſo lange ſie es vermeiden konnte. Sie überließ den Andern alle Vorbereitungen, und bedingte ſich nur aus, daß die Trauung von dem guten iriſchen Pre⸗ diger, der ſo viele Jahre ihres Vaters Kaplan geweſen, der ihre Mutter gekannt und den Freund ihrer Kindheit gerecht⸗ fertigt hatte— vollzogen werden ſollte. Sie wußte, daß er ſeine Fehler, aber ſie wußte auch, daß er viele Vorzüge hatte; ſie glaubte, ſein ihr vertrautes Geſicht würde ihr ein Troſt und eine Stütze ſeyn. Als Margarethe eines Tags in einem kleinen an ihr Schlafzimmer ſtoßenden Stübchen ſaß, während die übrige 601 Familie mit den Gäͤſten zu einer Feſtlichkeit nach Dorcheſter ausgeflogen war, meldete ihre Zofe, daß Doktor Mar Feely ſie zu beſuchen gekommen ſey. „Bring ihn her, bring ihn her,“ rief Margarethe mit dem erſten Zeichen von Eifer und Haſt, das ſie ſeit manchen Tagen hatte blicken laſſen.„Hier werden wir nicht geſtört werden, und ich habe Vieles mit ihm zu beſprechen.“ Noch zwei Minuten, und Doktor Mac Feely mit ſei⸗ ner ſtattlichen Perſon und ſeinem elaſtiſchen Schritte ſtol⸗ zirte in's Zimmer und rief, indem er ihre beiden Hände ergriff: „Ach mein theures Kind— das heißt meine theure junge Lady— ich bin froh, Euch wieder zu ſehen, aber nicht froh, Euch alſo zu finden. Mein Gott, Miß Margarethe! ſie haben Euch ja alle Farbe aus den Wangen geſogen. Sonſt blühten ſie wie ein paar Roſen an einem Sommer⸗ tage, und jetzt ſehen ſie aus wie Lilien im Schatten. Ja der Menſch iſt eine kurioſe Beſtie! Ich möchte bei dem Er⸗ bleichen dieſer Roſen nicht die Hand im Spiele gehabt ha⸗ ben, und wenn ich gleich Erzbiſchof von Canterbury dafür würde.“* „Der Stamm, auf dem ſie wuchſen, wird bald ebenſo verwelken,“ ſagte Margarethe traurig.„Der Baum iſt im Herzen abgeſtorben, Doktor, und kann nie wieder auf⸗ blühen.“ „Sagt das nicht, Miß Margarethe— ſagt das nicht, mein theures Kind,“ rief der gute Paſtor.„Das iſt's ja gerade, weshalb ich Euch ſehen wollte; ich hatte nicht die 602 geringſte Hoffnung, daß auf eine oder die andere Weiſe— durch Vorſtellungen und Verläumdungen— O, daß ich ein Römiſch⸗Katholiſcher wäre und an die Transſubſtantiation glaubte! Wie wollt' ich ſie vom Altare herab verfluchen und das große Siegel des Bannes auf ſie legen! Doch wie ge⸗ ſagt, ich glaube, daß ſich noch etwas thun läßt. Was der böſe Feind, der beſchwörende Mann vor hat, weiß ich nicht; aber Euer Vater ſcheint mir wie ein Fels, und was Robert Woodhall anlangt— der iſt das Unheil ſelber, und je mehr er Euch zu kränken hofft, deſto lieber iſt es ihm. Könntet Ihr nicht an einem hübſchen Mondſcheinmorgen aufſtehen, mein Liebling, und ein Bischen davon laufen? Auf der an⸗ dern Seite des Waſſers weiß ich einen jungen Mann, der Euch mit Freuden an ſein Herz drücken würde, und ich wollte mit Euch hinüber gehen und Euch vermählen, um allem Unheil vorzubeugen.“ „Still, ſtill, ſtill,“ rief Margarethe, ihre Hände wild zuſammenſchlagend.„O ſchweigt, ſchweigt, mein Freund! — Nein,“ fuhr ſie fort,„mein Vater hat den Fluch des Himmels auf ſein Haupt herabgerufen, wenn er mich nicht Robert Woodhall überliefere; ich habe eingewilligt, um dem armen Ralph das Leben zu retten, und ich will ehrlich ſeyn, will mein Wort halten, wenn es mich auch mein Leben koſtet.“ „Ja, wurde Euch aber dieſes Wort nicht abbetrogen, mein Liebling?“ fragte der Pfarrherr ernſthaft.„Hatten ſie Euch nicht überredet, der arme Nalph habe Euren Bru⸗ der Henry getödtet? Wenn ſie es thaten, ſo kann ich Euch 603 aus dieſem Papier hier beweiſen, daß es eine der ärgſten Lügen war, die noch jemals vorgekommen.— Ich darf Euch das Papier wohl zeigen, theure Miß Margarethe; zwar wurde es mir im Vertrauen übergeben— sub sigillo con- fessionis— wie ich ſagen würde, wenn ich ein Diplomat wäre(Gott helfe dem umnachteten Volke und dem Könige neben ihnen!); aber ich erhielt durch den Brief die Erlaub⸗ niß, das Papier bei Ralphs Prozeſſe wegen des Mordes zum Vorſchein zu bringen und es nöthigenfalls Euch vor⸗ zuweiſen. Nun kann ich hieraus beweiſen—“ „Nicht nöthig, guter Freund,“ fiel Margarethe ein, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte.„Es iſt nur Eines, was Ihr für mich thun könnt, und darum bitte ich Euch ſehr. Ich habe mich über Ralphs Unſchuld an mei⸗ nes Bruders Tode nie getaͤuſcht; ich habe ihm immer Ge⸗ rechtigkeit erwieſen; aber ich möchte, daß Ihr ihm ſagtet, Doktor Mac Feely— ich möchte, daß Ihr ihm ſpäter ſag⸗ tet“(und die Thränen rollten in Strömen über ihr Antlitz), „daß Margarethe ihn bis zur letzten Stunde liebte, da ſie noch irgend Jemand auf Erden lieben durfte, Am Altare verzichte ich auf jede irdiſche Liebe. Die Ceremonie könnte ebenſo gut mein Leichenbegängniß wie meine Trauung ſeyn, denn ſie verweist mein Herz in's Grab und überläßt mei⸗ nem Geiſte nur noch, ſeinen Schöpfer zu ſuchen.— Gott ſey Dank! ich habe wieder geweint: ich glaube, dieſe Thrä⸗ nen werden meinen Verſtand retten.“ auch der gute Paſtor weinte— weinte wie ein Kind; aber mitten unter ſeinen Thränen ſtöberte er in ſeiner 8 60⁰4 Taſche, bis er einen unverſiegelten Brief hervorzog, aus dem er ein zweites Papier herausnahm. „Aber welche Antwort gebt Ihr dieſem Manne?“ fragte er, gänzlich vergeſſend, daß die arme Margarethe nicht wußte, von welchem Manne er ſprach.„Er iſt ein ſonderbares Weſen und verkehrt mit dem Teufel, wie ich gar nicht zweifle. Ich brachte einſt ein Paar Stunden mit ihm zu, und er erzählt emir Geſchichten aller Art. Auch ein höchſt gelahrter Mann iſt er: im Lateiniſchen war ich ihm ge⸗ wachſen, aber im Griechiſchen ſchlug er mich zu Boden, und was vollends das Hebräiſche und Arabiſche anlangt— der Himmel erbarme ſich unſer!“ „Wer— wer?“ rief Margarethe.„Meint Ihr Mo⸗ raber?“ „Ja, ja, gerade dieſen Moraber,“ gab der Paſtor zur Antwort.„Moraber iſt ſein Beiname und Teufel ſein Taufname, wie ich glaube, obwohl keiner von Beiden ſehr chriſtlich lautet. Doch ſeht, was er Euch hier ſchreibt, denn ich nehme für gewiß, daß es für Euch beſtimmt iſt, da er mich anwies, es Euch zu geben.“ Mit dieſen Worten entfaltete er das innere Papier vor Margarethens Augen. „Irregeleitetes Mädchen!“ ſo lautete das Schreiben. „Ihr habt aus Mangel an Vertrauen und Zuverſicht Euer eigenes Glück beinahe für immer zerſtört. Sagte ich Euch nicht, Ihr ſollet wahr und treu ſeyn bis an's Ende, und 605⁵ Euer Glück werde Euch dann nicht entgehen? Schreibt mir eine Antwort auf folgende Fragen: Liebt Ihr noch den, den Ihr früher liebtet? Hat Euer Herz ſich weder durch Leichtſinn noch durch Eitelkeit oder Laune von ihm abwendig machen laſſen? Geſchah es blos zur Rettung ſeines Lebens, daß Ihr einwilligtet, einen Mann zu heirathen, den Ihr zu haſſen verbunden ſeyd, wenn irgend noch Ehrbarkeit im Herzen eines Weibes vorhanden iſt? Antwortet ſogleich und antwortet wahr.“ „Hier iſt Dinte und Feder, mein Liebling,“ ſagte Dok⸗ tor Mae Feely, das Schreibzeug von einem entfernten Tiſche herbeitragend.„Ich wollte ſchwören, daß Ihr alle dieſe Fragen ganz aufrichtig beantworten könnt. In ſeinem Brief an mich läßt jener Mann etwas von Hoffnung verlauten, wiewohl ich nicht ſagen kann, wie zum Teufel er oder ſein kleiner Hanswurſt von Pagen in ſeiner Livree von Blau und Silber mich auffand. Er kann doch kein Fernrohr haben, das von Lincolnſhire bis nach Cerne Abbas reicht, nichts zu ſagen von den Ecken, um die er herumgucken müßte.“ „Ich will auf alle Fälle ehrlich antworten,“ bemerkte Margarethe,„ob nun Hoffnung vorhanden iſt oder nicht.“ So nahm ſie die Feder und ſchrieb in Eile: „Ich liebe ihn immer. Kein Gefühl meines Herzens iſt ihm abwendig gemacht worden. Es geſchah nur, um ſein Leben zu retten, daß ich einwilligte, einen Mann, den 606 ich haſſe, zu heirathen. Das iſt Alles der Wahrheit getreu, ſo wahr mir der Himmel in meiner äußerſten Noth helfen wolle.“ „Das gebt ihm, Doktor Mac Feely,“ ſagte ſie.„Aber es iſt Alles vergeblich: Ihr wißt, die Trauung iſt auf näch⸗ ſten Freitag feſtgeſetzt.“ „Freitag!“ widerholte der Doktor.„Das iſt ein Un⸗ glückstag, meine Liebe. In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht gehoͤrt, daß ſich Jemand am Freitag verheirathete.“ „Es gab auch noch nie eine Trauung wie die meine,“ verſicherte Margarethe.„Unglückstag! Ach Doktor Mac Feely, auch wenn ſie den unſeligſten Tag im ganzen Kalen⸗ der auswählten, könnten ſie kaum einen finden, der für meine Hochzeit ſchwarz genug wäre. Ich will mich nicht in Trauer⸗ kleidern trauen laſſen,“ fuhr ſie fort,„denn das würde mei⸗ nem Vater weh thun; aber ich mag auch keinen Braut⸗ ſchmuck tragen, denn ich will keine Freude heucheln, wo mein Herz im Sterben liegt.“ „Ei, ich denke, die Höflichkeit hätte erfordert, mich um dieſen Freitag wiſſen zu laſſen,“ bemerkte der Doktor. „Ohne Zweifel werdet Ihr es noch heute erfahren,“ verſetzte Margarethe.„Urſprünglich war der nächſte Mon⸗ tag hiezu feſtgeſetzt; allein Lady Coldenham ſcheint einen eigenen Grund zu haben, um in meinen Vater zu dringen, daß ſelbſt dieſer kurze Zwiſchenraum noch abgekürzt wird. Mir iſt es gleichgültig, welchen Tag man zu der Erekution wählen mag. Ich glaube kaum, daß Johanna Grey vor 607 Beil und Richtblock ſo zurückbebte, wie ich vor Ring und Altar erſchrecke; aber ſie ging ihrem Schickſal feſt ent⸗ gegen und das will auch ich.— Horcht! da draußen im Feld iſt ein Halloh zu vernehmen! ſie müſſen zurückkommen⸗ Nehmt das Papier, aber ſagt, daß ich keine Hoffnung habe— daß mein Schickſal beſiegelt iſt. Vergeßt nicht, Ralph zu ſagen, was ich Euch aufgetragen habe; er möge meiner wie einer Verſtorbenen gedenken, denn von dem Augenblicke, da der Ring an meinem Finger ſteckt, iſt Alles, was das Daſeyn wirklich zum Leben macht, für mich erſtorben.“ Doktor Mac Feely verließ ſie nach einigen weiteren Worten, und in weniger als einer Viertelſtunde ſchallte lu⸗ ſtiger Lärm und achtloſes Gelächter durch das kaum noch ſo ſtumme und einſame Haus, die Gedanken der melancholi⸗ ſchen Bewohnerin dieſes einſamen Zimmers peinlich ver⸗ letzend. Es ſchien in der That, als ob die ganze Geſellſchaft, mit einziger Ausnahme des Lord Woodhall's, beſchloſſen habe, das arme Mädchen ihren eigenen Phantaſten zu über⸗ laſſen. Niemand kam, um ſte zu tröſten oder aufzurichten; Niemand ſuchte ſie durch Geſpräch zu erheitern oder ſie aus ihrem traurigen einſamen Zuſtande herauszuziehen. Nur ihr Vater beſuchte ſie und mühte ſich, heiter mit ihr zu ſprechen; allein es lag ein ſtummer Vorwurf in ſeiner Toch⸗ ter düſteren Mienen, der ihn jedesmal mit gedrücktem Her⸗ zen und dem Bewußtſeyn von ihr ſcheuchte, daß er den Frie⸗ den ſeines einzigen überlebenden Kindes zerſtoͤrt habe. —- Sechsundvierzigſtes Kapitel. Noſſe und Wagen ſtanden vor den Thoren von Ormebar⸗ Caſile; der Schloßhof wimmelte von Dienern in allen Arten von Livreen. Lady Coldenham hatte beſchloſſen, daß es der Hochzeit nicht an Zeugen fehlen ſolle, und der geſammte Adel der Grafſchaft war eingeladen. Einige von denen, welche die vergangene Woche dageweſen, fragten bei ihrer Ankunft, ob Lord Coldenham zurückgekehrt ſey, und ob⸗ wohl die Frage verneint wurde, ſo wunderten ſie ſich doch nicht ſonderlich, denn Lady Coldenham war ſo vollſtändige Selbſtherrſcherin in ihrer eigenen Familie, daß Niemand erwarten konnte, ſie würde einem Sohne zu Gefallen eine Aenderung in ihren Anordnungen treffen. Die große Halle war an dieſem unheilverkündenden Mor⸗ gen weit geöffnet und mit Immergrün und den wenigen Blumen verziert, die der abgelaufene ſchönere Sommer noch übrig gelaſſen hatte. Nicht weniger als vierzig bis fünfzig Perſonen waren in der Halle verſammelt; aber von der Fa⸗ milie kam noch Niemand zum Vorſchein, außer Robert Woodhall, der ſich einige Minuten im Zimmer aufgehalten und dann mit der Erklärung entfernt hatte, daß noch einige Dokumente und andere Schriften in dem kleinen Salon nebenan, wo Lady Coldenham ihre Gäſte gewoͤhnlich empfing⸗ zu unterzeichnen ſeyen. Nach jenem Salon müſſen denn auch wir unſere Blicke lenken, bevor wir erzählen, was ſich ſpäter in der Halle er⸗ eignete, als die Geſellſchaft zur Trauung aufbrach. 609 Es war ein hübſches, ſchön dekorirtes, faſt viereckiges Zimmer mit ſchwarzem reich geſchnitztem Eichengetäfel. Es hieß damals das kleine Nebenzimmer, hatte aber wenigſtens dreißig Fuß Länge und ſieben⸗ bis achtundzwanzig in der Breite. Eine große Tafel ſtand in der Mitte und an ihr ſaß die alte Lady Coldenham in einem geräumigen Lehn⸗ ſtuhl. Sie war reich gekleidet und glich in ihrer ernſten Würde einer Königin auf dem Throne; nur war ſie in den letzten paar Wochen furchtbar blaß geworden; die blendende Roͤthe auf ihren Wangen war verſchwunden und ihre Ge⸗ ſichtsfarbe glich eher dem Wachs als dem Marmor. Neben ihr ſaß der alte Lord Woodhall mit ängſtlichem nervöſem Ausdruck in ſeinen Mienen. Zwei bis drei Advo⸗ katen mit zahlreichen Pergamenten vor ſich ſah man weiter unten an der Tafel. Robert Woodhall ſtand etwas entfernt vom Tiſche zur Rechten Lord Woodhall's; mit ihm einige ſeiner luſtigen Kumpane, etwas älter als er ſelbſt— lau⸗ ter lockere Wüſtlinge mit jenem ſchwächlichen hochmüthigen Zuge in ihren Geſichtern, der faſt immer nach einem üppigen ſchwelgeriſchen Leben in der Miene hervortritt. Im Hin⸗ tergrunde an einem Fenſter ſah man Margarethe ſchwer⸗ fällig auf Hortenſta Danvers' Arm ſich ſtützend; dieſe war das einzige Brautfräulein, das ſie trotz Lady Coldenham's kaltem Hohne und allen Einwendungen ihres Vaters zum Trotze ausdrücklich erwählt hatte. Hortenſia war prachtvoll gekleidet und von einem Glanze der Schönheit umgeben. Ihre hellen Augen blitz⸗ ten von Feuer, ihre Stirne war leicht zuſammengezogen, Fames. Das Schickſal, 39 610 ihre ſchoͤn gemeiſelten Nüſtern dehnten ſich wie bei einem ſtolzen Roſſe, und ihre fein geſchwungene Lippe zitterte in einer Regung des Unwillens, den ſie kaum zurückzudrängen vermochte. Ihr Arm war mit zärtlichem tröſtendem Drucke um Margarethens Hüfte geſchlungen, während dieſe ſich auf ſie lehnte; aber ihre Augen waren auf Lord Woodhall und Lady Coldenham geheftet und ſchienen ebenſo viel Verwun⸗ derung als Abſcheu auszudrücken. Hinter ihr und Margarethen ſtanden ihre beiden Zofen, und die treue Dienerin der unglücklichen Braut fuhr oft mit dem Taſchentuch über ihre Augen, welche die Spuren vieler Thränen an ſich trugen. Zwiſchen den am Tiſche ſitzenden Perſonen wurden über den Inhalt der vor ihnen liegenden Dokumente ver⸗ ſchiedene Worte gewechſelt. Es gab da allerlei Punkte, welche Lord Woodhall nicht recht zu begreifen ſchien und welche die Advokaten nicht deutlich erläuterten. Endlich als mehrere Minuten unter Fragen und Antworten verſtrichen, ſchien der alte Lord ungeduldig zu werden. „Nun wohl,“ rief er,„gebt mir die Feder. Es liest nicht viel daran. Es wird wohl Alles in Richtigkeit ſeyn. Und mit kühnem haſtigem Zuge, der das Zittern ſe er Hand kaum verdeckte, unterzeichnete er das Wort„Woodhall“. „Nun, Mylady, werdet Ihr die Güte haben, dieſes Papier zu unterzeichnen,“ ſagte einer der Advokaten, die Lady Coldenham anredend;„dann folgt Euer Sohn.“ Ein leichter Schatten des Zögerns ſchien Lady Colden⸗ ham's Geſicht zu überziehen; ſie nahm die Feder und tauchte 611 ſie in die Dinte, wartete aber noch eine Weile, bis ſie ihren Namen unterſchrieb. Das Geräuſch der ſich öffnenden Thüre, die zu ihrer Linken lag, mochte ſie vielleicht zur That beſchleunigen und das Papier wurde unterzeichnet. Robert Woodhall war ſchon vorgetreten, um ſeinen Namen unter den ſeiner Mutter zu ſetzen und empfing die Feder aus Lady Coldenham's Hand. In dieſem Moment trat aber Lord Coldenham ſelber vor und zog ſeinen Bruder mit den Worten bei Seite: „Haltet einen Augenblick, Sir.“ Sein Ton klang ſo ſtreng und entſchieden, daß Robert zurückwich und Lady Coldenham ihre Augen mit einem Aus⸗ drucke trotziger aber ängſtlicher Forſchung auf ihren älteſten Sohn heftete, wie man etwa einen gefeſſelten Adler, der von einem Kinde mit dem Stocke bedroht wird, dieſes an⸗ ſtarren ſieht, bereit zum Ausfalle, aber den gedrohten Schlag bewachend. „Unſinn, Coldenham! macht jetzt keine Dummheit,“ rief Robert Woodhall mit affektirtem Lachen. „Dummheit, Sir!“ wiederholte Lord Coldenham in ſtrengem bitterem Tone, wie er ihn früher nie in ſeinem Le⸗ ben angenommen hatte.„Glaubt Ihr, in einem ſolchen Augenblicke könnte ich ſcherzen?— Ich frage Euch, Ma⸗ dame,“ fuhr er an ſeine Mutter gewendet fort,„ob dies ſo fortgehen ſoll. Da ſteht ein armes Maͤdchen, durch harten Mißbrauch gedrängt, einen Mann, den ſie verabſcheut, zu heirathen. Dieſe Heirath wurde mit allem Fleiße übereilt, damit nicht gewiſſe unerfreuliche Hinderniſſe zum Vorſchein 39* kämen. Ich habe Euch zwar aus einem fernen Theile des Landes geſchrieben; aber es ſcheint, daß Ihr entweder nicht verſtandet, wieviel ich wußte, oder daß Ihr glaubtet, ich könne nicht zeitig genug hier eintreffen, oder daß Ihr mich für ſo ſchlecht und niedertraͤchtig hieltet, um Thatſachen zu verſchweigen, die für mich ſelbſt verderblich ſind, aber Ande⸗ ren zum Vortheil gereichen könnten. Ich bin hier, Madame. Wer mich für ſo niedrig gehalten, hat ſich getäuſcht. Ich frage nochmals— ſoll dies ſo fortgehen?“ „Ja!“ rief Lady Coldenham zwiſchen ihren überein⸗ ander gebiſſenen Zähnen, die Stuhllehne feſt anfaſſend.„Ja, Schlange!“ „Es ſoll fortgehen, ſo wahr mir der Himmel helfe!“ ſchrie Lord Woodhall.„Ich habe meine Ehre und mein Wort verpfändet, und keine Macht der Erde kann mich er⸗ ſchüttern. Sie ſoll die Seine werden, wenn ich noch drei Stunden das Leben behalte. Ich will nicht als Meineidiger meine Tage beſchließen.“ „Ja, edelmüthiger Bruder,“ höhnte Robert Woodhall. „Es ſoll fortgehen, das will ich mit meiner Stimme und meinem Schwerte durchſetzen.“ „Deinem Schwerte!“ wiederholte Lord Coldenham mit bitterem Hohnlachen.„Wer ſich darauf verläßt, thäte beſ⸗ ſer, Segdemoor um Deinen Ruhm zu befragen.— Doch ſagt mir, Sir: welchen Namen wollt Ihr auf dieſem Papier unterzeichnen?“ „Meinen eigenen natürlich,“ erwiederte Robert mit einer Miene der Ueberraſchung. 613 „Und welches iſt Euer Name?“ fragte ſein Bruder. „Halt ein, halt ein!“ ſtöhnte Lady Coldenham. „Halt ein? habt Ihr inne gehalten?“ fragte ihr Sohn. Dann nahm er ſanft Margarethens Hand und ſagte zu die⸗ ſer gewendet:„Margarethe, meine theure Couſine, ich frage Cuch— ſoll dies ſo fortgehen? Ich ſage Euch, Ihr ſeyd durch nichts an dieſen jungen Mann gebunden und er iſt nicht, was er ſcheint; er ſteht hier vor Euch als eine Lüge. — Sprecht nur ein Wort, und es ſoll Alles ein Ende haben. Ich wiederhole Euch: Ihr ſeyd nicht an ihn gebunden.“ „Ich bin durch mein Verſprechen gegen meinen Vater gebunden,“ erwiederte Margarethe mit leiſer feierlicher Stimme. Lord Woodhalls Antlitz war roth und immer röther geworden, und als ſeine Tochter antwortete, rief er: „Und ich ſage: ſie ſoll ihn heirathen, wer oder was er auch ſeyn möge!“ Und ein furchtbarer Schwur beſchloß ſeine Rede. „Wohlan— Ihr da draußen!“ rief Lord Coldenham ſeine Stimme erhebend, und die Thüre ward alsbald theil⸗ weiſe geöffnet. „Ihr dürft nichteintreten, Sir,“ hörte man die Stimme eines Dieners eilig ſagen.„Wir ſind befehligt, Jedermann außer der Familie auszuſchließen.“ „Aus meinem Wege, Schurken!“ donnerte eine volle mächtige Stimme, welche rings im Zimmer wiederklang. „Erfahret, daß ich der Herr dieſes Hauſes bin!“ Im ſelben Augenblick flog die Thüre weit auf, und zwei von Coldenhams Dienern wurden Hals über Kopf in's Zimmer geſchleudert. Ihnen folgte mit feſtem ruhigem Schritte und ernſter düſterer Stirne ein Mann von ungefähr ſechszig Jahren, von gewöhnlicher Größe, aber kräftig gebaut und von würde⸗ voller Haltung. Er war reich, nur etwas dunkel gekleidet, und in ſeiner Hand trug er eine große Papierrolle, Aller Augen richteten ſich auf ihn, und ſo auch Lady Col⸗ denhams. Kein Wort, kein Schrei entfloh ihren Lippen; nur ein leiſes Stöhnen ließ ſie vernehmen und ſchloß die Augen. Eine Maſſe von Fragen und verwirrte Ausrufungen wurden laut. „Ei, das iſt ja der alte Mann, den wir in Lincolnſhire ſahen,“ rief Robert Woodhall. „Gott ſteh mir bei! ich erinnere mich Eurer recht wohl, Sir Robert,“ ſagte einer von den alten Advokaten, welche am Tiſche ſaßen. „Wer ſeyd Ihr, Sir?“ fragte der alte Lord Woodhall faſt trotzig. „Dieſes Weibes Gatte,“ erwiederte Moraber, auf Lady Coldenham deutend;„ſonſt Sir Robert Hardwicke von Ormebar⸗Caſtle.— Schafft ſie fort; ſie iſt ohnmächtig, was ſie wohl ſeyn darf bei dem Anblick eines Mannes, der nur zu lange geſchwiegen.“ „Ihr wurdet ja aber für todt gehalten,“ ſagte der Ad⸗ vookat, welcher zuvor geſprochen;„ſie heirathete in dieſem falſchen Glauben. Sie meinte Euch von den Mauren an der Küſte von Afrika getödtet.“ 615 „Sie wußte, daß ich ein Sklave der Mauren war,“ erwiederte Sir Robert Hardwicke,„und tröſtete mich noch drei lange Jahre, nachdem ſie Lord Coldenham geheirathet, mit der Hoffnung auf Loskaufung, wie dieſe Liebesbriefe be⸗ zeugen werden. Dann allerdings glaubte ſie mich todt, denn ich entdeckte den Betrug und ließ das Mährchen meines in der Gefangenſchaft erfolgten Todes fortbeſtehen.“ „Dann bin ich Lord Coldenham,“ rief Robert mit einem widerlichen Lachen des Triumphes,„denn ich wurde mehr als vier Jahre nach meiner Mutter Vermählung geboren.“ „O nein,“ erwiederte Sir Robert Hardwicke, ſich in demſelben Stuhle niederlaſſend, aus welchem Lady Colden⸗ ham eben erſt entfernt worden war.„Eurer Mutter Ver⸗ mählung war ein Betrug und als ſolcher gänzlich rechts⸗ unkräftig.“ „Die Beweiſe müſſen wir erſt ſehen,“ ſagte Robert Woodhall. „Auch wenn dieſe Briefe kein Beweis wären,“ gab der Andere ernſthaft zur Antwort,„ſo wäre wohl der Umſtand ge⸗ nügend, daß ſie dem Manne, den ſie noch am Leben wußte, ein Monument errichten und eine hölzerne Figur— angeblich meinen über die See daher gebrachten Leichnam— darin begraben ließ. Ich ſage Euch, Sir, und ſage es Allen, daß Ihr einfach Robert Rateliffe, natürlicher Sohn von Katharina Ratcliffe, vermählte Lady Hardwicke und dem CEarl von Coldenham ſeyd. Jetzt laßt uns ſehen, ob Lord Woodhall ſein einziges Kind noch an Euch verheirathen will oder nicht.“ 616 „Er verſprach ſie mir ohne Rückhalt,“ rief Robert hef⸗ tig.„Er that es für die von mir geleiſteten Dienſte, ganz unabhaͤngig von meiner Geburt. Er nahm Gott zum Zeu⸗ gen— er verpfändete ſeine Ehre und ſeine Treue.“ „Und wird ſie heilig halten,“ fiel Lord Woodhall nach augenblicklichem Zögern ein.„Margarethe, hier ſteht Dein Gatte: laßt uns dieſen Auftritt beenden. Der Pfar⸗ rer wartet unſer, die Gaͤſte ſind alle bereit. Dieſe Perga⸗ mente mögt Ihr den Hunden vorwerfen! meine Erbin kann eine neue Familie begründen. Es war nicht ſein Fehler, wenn ſeine Mutter die Naͤrrin ſpielte.“ Margarethe drückte die Hand auf ihre Stirne, denn eine kurze Hoffnung war in ihrer Bruſt aufgeſtiegen, nur um wieder zu erlöſchen. Lord Woodhall faßte jedoch ihren Arm mit den Worten: „Komm weiter.“ „Ueberlaßt ſie mir, Mylord,“ ſagte Hortenſia traurig. „Ihr geht mit dem Bräutigam voran; wir werden folgen.“ „So kommt denn, Robert,“ verſetzte der alte Lord, des jungen Mannes Arm ergreifend.„Sir Robert Hardwicke, wir überlaſſen es Euch und Eures Weibes älteſtem Sohne, die ſchöne Scene, die Ihr uns heute zum Beſten gegeben, nach Belieben zu beendigen. Für Dieſen wenigſtens will ich Sorge tragen.“ „So ſey es,“ erwiederte Moraber:„aber aus Höflich⸗ keit, dünkt mich, muß ich die Trauung mit meiner Gegenwart verherrlichen, da ſie ein ſo fröhliches Feſt iſt. Geht voran, Mylord, und wenn die Braut lebendig vom Altare kommt, * 617 ſo wollen wir die heitere Geſellſchaft an dieſem Orte, wo vor etwa dreißig Jahren eine glückliche Hochzeit gefeiert worden, mit Feſten traktiren. Ich ſage, geht voran, Mylord.“ „Das will ich,“ erwiederte Lord Woodhall hitzig. „Komm, Margarethe, folge mir dicht auf den Ferſen.“ Mit dieſen Worten ging er mit Robert Woodhall vor⸗ an, die Thüre weit aufreißend, welche in die große Halle führte. Margarethe folgte halb ohnmächtig, und Hortenſta fühlte ihre Hand auf ihrem Arme zittern. Lady Danvers flüſterte ihr eifrig in's Ohr, und ihre letzten Worte lauteten: „Am Altar! am Altare ſelber! Er hat keinen An⸗ ſpruch— Euer Gelübde gehört nicht ihm. Ihr verſpracht Robert Woodhall— nicht aber dieſen Mann zu heirathen.“ Aber Margarethe ging unerſchüttert weiter. Die feſtliche Geſellſchaft in der Halle trennte ſich und bildete eine Art Spalier, während der Brautzug vorüber⸗ zog, indem verſchiedene Stimmen riefen: „Glück und Geſundheit der Braut und dem Bräutigam!“ Allein Robert Woodhalls Wange, welche von Aufre⸗ gung flammte, wurde todtenbleich, nachdem er kaum die Halle betreten hatte. Was verurſachte dieſe Veränderung? warum ſtarrten ſeine Augen ſo feſt nach vorne. Vor der Hallthüre ſtand nur ein alter und ein junger Mann. Aber dieſer junge trat einen Schritt vor, und der alte ſuchte ihn vergeblich zurückzuhalten. „Robert Rateliffe, Ihr ſeyd ein Schuft, ein Lügner, 618 ein Schurke, ein Betrüger und Verräther!“ donnerte Gaunt Stilling, dicht auf ihn zutretend und ihm einen Schlag ver⸗ ſetzend. Die Damen wichen entſetzt zurück, und Robert legte nach kurzem Zögern die Hand an's Schwert und zog es aus der Scheide. Auch Stillings Degen fuhr im Augenblick heraus und kreuzte ſich mit dem des Bräutigams. Lord Woodhall und Roberts Bruder ſchlugen die Waf⸗ ſen nieder, noch ehe zwei Paſſaden gewechſelt waren: aber indem ſie dies thaten, ſank Robert Woodhall zu Boden und Gaunt Stilling ſteckte ſein Schwert in die Scheide und ließ ſeine Hände ruhig herabſinken, ſo daß Jeder, der Luſt hatte, ihn ergreifen konnte.. Die Verwirrung, welche nunmehr erfolgte, war unbe⸗ ſchreiblich. Die Einen drängten ſich um den Gefallenen und hoben ihn auf, ſchauten ihm in's Geſicht oder ſuchten das Bluten einer kleinen Wunde auf der rechten Seite zu ſtillen, welche ganz unbedeutend geſchienen hätte, wenn nicht das ſchwarze Blut, welches daraus hervordrang, Beweis ge⸗ geben hätte, wie tief die rächende Klinge eingedrungen war. Diejenigen, die ihm in's Geſicht ſchauten, ſahen bald, daß der Verſuch, des Lebens Fluth zurückzuhalten, vergeblich war. Dem unglücklichen jungen Manne rollten die Augen im Kopfe, aber ohne Leben, ohne Ausdruck. Ihre Bewegung war nur krampfhaft wie ſein Schnappen nach Athem, als ob er ſprechen wollte. Andere ſtürzten ſich auf den Mörder, den ſie rauh anfaßten, während ſein Vater ſich langſam nä⸗ herte und ausrief: 619 „O mein Sohn! was haſt Du gethan?“ Dieſer gab aber finſter zur Antwort: „Meine Schweſter gerächt, alter Mann— meine Schweſter, die er betrogen, beſchimpft und durch Falſchheit getödtet hat. Die Schlange, welche Eure ſchwache Nach⸗ giebigkeit gegen ſeiner Mutter Betrug zur giftigen Viper großgezogen, hat Euer eigenes Kind todtgeſtochen und Euer anderes Kind hat ſie zertreten.“ Dann aber ſich ſcharf zu Denen wendend, welche Hand an ihn gelegt hatten, ſchüttelte er ſie ab und rief:„wozu einen Mann ergreifen, der nicht zu entrinnen ſucht, der ſich weder der That ſchämt, die er vollführt hat, noch deren Fol⸗ gen fürchtet? Tretet zurück und laßt mich den Schurken be⸗ trachten.,“ Er ſchritt vorwärts und ſtarrte in Robert Woodhalls Geſicht, während des Getödteten Bruder die welke Geſtalt auf ſeinem Knie ruhen ließ und Sir Robert Hardwicke ſeine Hand an deſſen Puls legte. „Ha, junger Wüſtling,“ rief Gaunt Stilling, ihm feſt in's Geſicht ſchauend,„ich warnte Dich, aber Du wollteſt Dich nicht warnen laſſen: Du wurdeſt zeitig gemahnt, inne zu halten— wurdeſt zeitig gemahnt, meinem armen Käth⸗ chen Dein Wort zu halten. Aber Du mußteſt eine große Dame heirathen— nicht wahr? Du mußteſt die weiten Ländereien von Woodhall haben? Du mußteſt Käthchen Stilling an Gram und Schande ſterben laſſen, nachdem Du ihr Gemüth gegen Vater und Bruder vergiftet. Ich warnte Dich— warnte Dich ſchon lange; und Du brachteſt es 620 dahin, daß ich Deinem edlen Vetter das Leben nahm, glau⸗ bend, daß Einer, der den Namen Woodhall trug, kühn ge⸗ nug ſeyn müſſe, um männlich mit ſeinem Nebenbuhler zu fechten, nicht aber einen Anderen vorzuſchieben. Das iſt das Einzige, was ich in meinem Leben bereue. Ihr ſtarrt mich an,“ fuhr er ſich ſcharf nach einem der Gäſte umwendendfort. „Glaubt Ihr, indem ich hier ſtehe und ihn als ein Aas vor mir liegen ſehe, während ſeine Seele nach einer andern Welt vorausgezogen, wohin ich bald nachfolgen muß, um mich vor denſelben Richter zu ſtellen— glaubt Ihr, daß ich die ge⸗ ringſte Reue, daß ich Gewiſſensbiſſe oder Scham empfinde, weil ich ihn dorthin geſendet habe?— Nein, o nein! ich bin ſtolz auf meine That. Die Geſellſchaft iſt mein Schuldner. Gott hat Rache genommen durch meine Hand, und zur rech⸗ ten Zeit iſt ſie noch gekommen.— Schaut auf dieſe Dame hier“— indem er auf Margarethen deutete, welche wie ein Eſpenblatt zitternd daneben ſtand—„durch die argliſtigſten Künſte in ſeine Schlinge gelockt, ihn verabſcheuend, aber durch lügneriſch erlangte Verſprechen an ihn gebunden— im Be⸗ griffe lieber Glück und Leben zu opfern, als ihr gegebenes Wort zu brechen. Betrachtet dieſen alten Mann“— und er deutete auf Lord Woodhall—„deſſen Herz ein ewig laſten⸗ der Fluch, ein Herz voll Feuer in ſeiner Bruſt geweſen wäre, wenn man ihn ſeine Tochter hätte vor den Altar ſchleppen und ihr Geſchick an dieſen Verworfenen hätte ketten laſſen. Sie habe ſich durch dieſen einzigen Schlag errettet; aber nicht ſie allein; ihr Alle rings umher ſeyd mir Vieles ſchul⸗ dig. Vor einem ſo jämmerlichen Böſewicht wie dieſer, vor 621 einem ſchleichenden heimlichen Intriguanten, wie er, der ſeine ſchwärzeſten Thaten durch Anderer Hände verrichtete, iſt kein Herz ſicher— keine Heimath geheiligt. Hört Ihr, Robert Rateliffe, ich werde Euch ſehr bald nachfolgen. Bereitet Euch, mir vor dem Throne des hochſten Richters zu begeg⸗ nen. Der Gott, der das Herz richtet und weiß, ob das meine ſogar bei dieſer letzten That ehrlich und aufrichtig war — ihm ſtelle ich meine Sache anheim. Er möge richten zwiſchen Dir und mir!“ Er ſprach ſo ungeſtüm, mit ſolchem Sturm der Worte und ſolcher Strenge der Mienen, daß Niemand daran dachte, ihn zu unterbrechen. Alle ſchienen vom Schrecken betroffen — ja wie gelähmt durch das furchtbare Ereigniß, das eben ſtattgefunden, wie durch die tiefe Leidenſchaft in dem Auf⸗ treten des jungen Mannes. Endlich ſprach Sir Robert Hardwicke, indem er Ro⸗ bert Ratecliffe's lebloſe Hand losließ: „Du ſprichſt zu dem Todten, unglücklicher junger Mann,“ bemerkte er.„Viele Jahre haſt Du mein Geheiß in Allem vollzogen. Ach, warum gehorchteſt Du mir nicht bis an's Ende?— Aber ſo wollte es Dein Schickſal. Umſonſt ſchickte ich Dich in fernes Land: ſein Spruch mußte erfüllt werden.“ „Es war mein Schickſal,“ antwortete Gaunt Stil⸗ ling,„und ich danke Gott dafür.— Jetzt nehmt mich fort: führt mich wohin Ihr wollt. Ich weiß, was mir bevorſteht, und ich werde es wie ein Mann erdulden. Mag dieſes Herz auch pochen, als ob es berſten wollte— es wird nie zurückbeben.“ 622 Sie ergriffen ihn ſanft und führten ihn ohne Widerſtand fort. Robert Rateliffe's Leichnam wurde von den Dienern aufgehoben und ſachte in ein anderes Zimmer getragen. Die Gäſte betrachteten ſich verwundert, und die am wenigſten mit der Familie bekannt waren, begannen Einer nach dem Andern abzufallen, indem ſie ſich bei Lady Coldenham ent⸗ ſchuldigen ließen. Dieſe förmlichen Worte waren ein bis zweimal gegen ihren älteſten Sohn, der ſich nur kalt ver⸗ beugte, wiederholt worden, als eine ſchwatzhafte Dame mit naſeweiſem Blick beiſetzte: „Zwar hatten wir nicht die Ehre, Mylady zu ſehen.“ „Es gibt hier keine Lady Coldenham,“ erwiederte der junge Mann ungeduldig, und die Neuigkeit wurde umher geflüſtert, daß Lady Coldenham geſtorben ſey, daß aber dieſe ſonderbare Familie die Hochzeit habe feiern wollen, trotzdem daß ſie als Leiche im Hauſe lag. An dem Gerüchte war mehr Wahrheit als ſonſt an den Gerüchten zu ſeyn pflegt, denn Lady Coldenham erwachte nie wieder vollſtändig aus der furchtbaren Ohnmacht, in die ſie gefallen war. Ein einzigesmal machte ſie eine Anſtren⸗ gung, als ob ſie ſich von dem Bette erheben wollte, auf das man ſie gelegt hatte, und eine der Dienerinnen hob ſie in die Höhe; aber ſie ſank alsbald zurück und ſtarb, ohne ein Wort zu ſprechen. Dies war bereits geſchehen, als ihr Sohn jene Aeußerung that; allein er wußte es nicht, und ſeine Augen von den ſcheidenden Gäſten abwendend, ſah er ſich nach einer Perſon um, welche heute ſeine Theilnahme in hohem Grade erregt hatte. 623 Margarethe ſaß unterdeſſen in einer fernen Ecke des Zimmers, ihr Haupt auf Hortenſia's Schulter lehnend und das Taſchentuch vor die Augen gedrückt. Der junge Mann näherte ſich ihr freundlich, während ein Gaſt nach dem an⸗ dern ſich ſtumm verabſchiedete. „Tröſtet Euch, Margarethe,“ ſagte er;„tröſtet Euch, meine theure Couſine— denn Ihr ſeyd immer noch meine Couſine, Margarethe. Für ein junges und ſanftes Weſen wie Ihr ſind dies freilich traurige und furchtbare Auftritte 3 aber Ihr habt Euch edel und wacker betragen, und ich hoffe, ein beſſerer Lord Coldenham wird Euch tröſten und Euch für Alles, was Ihr um ſeinetwillen geduldet, belohnen.“ Margarethe ſtarrte ihm betroffen in's Geſicht. „Ja, Margarethe,“ fuhr er fort;„nach dem gewöhn⸗ lichen Verlauf der Dinge wird Ralph Woodhall bald Lord Coldenham ſeyn, wie ſein Vater es jetzt iſt. Ich ſelbſt bin es nicht mehr, und was aus mir werden wird, weiß ich nicht. Meiner Mutter kleines Vermögen wird höchſtens für ſie ſelbſt ausreichen; aber mein Schwert iſt unbefleckt, mein Herz unbelaſtet, und auch ich kann mir ſelbſt einen Weg durch die Welt bahnen.“ „Junger Mann,“ ſagte eine Stimme dicht hinter ihm, während ſich eine Hand auf ſeinen Arm legte;„ich habe Euch nicht ohne Grund dieſer bitteren Prüfung unterworfen. Ihr ſeyd mein Adoptivſohn, wenn Ihr es ſeyn wollt, und Erbe aller meiner Güter. Eure Mutter liehle ich einſt von Herzen, bis ihr herrſchſüchtiges Temperament mich wandernd durch die Welt trieb. In ihrem Ehrgeiz vergaß ſie mich 624 bald und haßte mich. Ich wurde gefangen, ein Sklave, ein Günſtling, ein reicher Kaufmann, wie dies im Orient gar häufig geſchieht. Die Freiheit, die ſie nicht für mich nach⸗ ſuchen wollte, erkaufte ich mir durch eigenen Fleiß und Ge⸗ ſchicklichkeit. Dieſes mein Gut Ormebar, ſo reichlich es auch hier zu Lande erſcheint, iſt nur wenig gegen das, was ich beſitze. Habt Ihr auch Rang und Stellung verloren, ſo ſollt Ihr bei mir Ueberfluß und Friede finden, und nach Allem, was ich von Eurem edlen Benehmen unter ſo ſchwie⸗ rigen Umſtänden geſehen habe, verſpreche ich Euch, daß Ihr immer eines Vaters Liebe bei mir antreffen ſollt.“ Der junge Mann faßte die Hand, die ihm dargeboten wurde, beugte aber ſein Haupt, und eine Thräne rannte über ſeine Wange. Der alte Lord Woodhall war faſt allein in der Mitte des Zimmers geblieben. Einige der Gäſte hatten vor ih⸗ rem Abgange mit ihm geſprochen; aber er ſchien ſie kaum zu hören oder zu beachten, und behielt die Augen zu Boden geheftet und die Arme über der Bruſt gekreuzt. Plötzlich ſchien ihn ein Gefühl zu überkommen: er ſchritt haſtig durch die Halle und ergriff Margarethens Hände. „Vergib mir, mein Kind, vergib mir!“ rief er.„Fortan liegt Dein Geſchick in Deinen eigenen Händen: Dein Vater wird nie wieder dagegen anzukämpfen ſuchen.“ 625 Siebenundvierzigſtes Kapitel. In der nämlichen Zelle des Dorcheſter Gefängniſſes, welche zuerſt Ralph Woodhall nach ſeiner Gefangenſchaft aufgenommen hatte, ſaß Gaunt Stilling am Abend nach den oben erzählten Ereigniſſen. Er war ſchwer mit Ketten belaſtet; aber hoch über ſeinem Haupte war eine Laterne an die Mauer befeſtigt, und bei ihrem Lichte— ſo ſchwach es auch war— las er in einem kleinen enggedruckten Buche. Eine Stelle in demſelben ſchien ihn ſehr zu intereſſtren, denn er überlas ſie drei⸗ bis viermal. Sie enthielt aus dem Ita⸗ lieniſchen überſetzt eine merkwürdige feine Beweisführung über die Rechtmäßigkeit gewiſſer Handlungen je nach den Umſtänden, in denen ſich die Menſchen befänden, und endete mit einem lateiniſchen Spruche aus der Grabſchrift des wohlbekannten Kardinals Brunduſinus: „Excessi e vitae aerumnis facilisque lub ensque,„ Ne pejora ipsa morte dehinc videam.“* CEghe er weiter fortfahren konnte, wurde er durch das Erſcheinen des oberſten Schließers unterbrochen, der ſich vor ſeinem Eintritte mit ganz beſonderer Sorgfalt auf den Gän⸗ gen umſchaute, und dann die Thüre feſt hinter ſich verſchloß. „Iſt der Pfarrer gekommen?“ fragte Stilling, ſein Haupt plötzlich erhebend. *„Freudig und leicht bin ich aus des, S bens Mühen ge⸗ Um nichts Schlimmres ſogar als dütten Tod noch zu ſehn.“ James. Das Schickſal. 40 626 „„Nein, Gaunt, noch nicht,“ erwiederte der Schließer. „Ich muß aber ein Bischen mit Euch plaudern und habe auch die leichten Ketten mitgebracht, denn dieſe ſind zu ſchwer.“ „Ich kümmere mich nicht darum,“ erwiederte Stil⸗ ling.„Was liegt mir daran, ob ſie leicht oder ſchwer ſind? Meint Ihr, ich werde zu entfliehen ſuchen?“ „Nein, nein, Meiſter Stilling,“ ſagte der Schließer. „Eine Flucht darf nicht wieder vorkommen.“ „So,“ meinte Gaunt Stilling;„und doch könnte ich Euch ſo in Angſt jagen, daß Ihr mir in fünf Minuten die Thüre öffnen würdet und mich hinaus ließet.“ Der Schließer ſchüttelte den Kopf. „Wie!l nicht einmal wenn ich beweiſen könnte, daß Ihr achtzig Pfund von jenen dreihundertundfünfzig empfangen habt?“ Sa könnt das nicht beweiſen,“ ſagte der Schließer grit ſend d. ¹ Ihr iert Euc,“¹ erwiederte Gaunt Stilling.„Jedes Stück dhen in Gegenwart eines Zeugen gezeichnet. und fünf derſelben, die Ihr ausgegeben, ließen ſich leicht wieder auftreiben. Unter Euch Fünfen die Ihr Euch in das Geld theiltet iſt nicht Einer, der nicht ebenſo gut in meiner Ge⸗ walt iſt, wie ich in der Eurigen. Wenn es nur von mei⸗ nem Wort abhinge— das wäre freilich nichts; aber bedenkt, es ſind noch Andere bei dem Geſchäfte betheiligt, welche jetzt volle Freiheit haben, ihr Zeugniß abzulegen.“ „Aber Ihr ſeyd ein zu ehrbarer Mann, um den An⸗ 627 geber zu machen,“ verſetzte der Schließer, nicht wenig er⸗ ſchrocken. „Ehrbar!“ wiederholte Gaunt Stilling verächtlich. „Doch gleichviel: ich will nicht entfliehen, Meiſter Blackſtone. Ich kann ebenſo gut heute wie ein andermal ſterben, und ich weiß nicht einen Tag in dieſen letzten zwolf Monaten, wo ich nicht ganz bereit dazu geweſen wäre. Das Hängen ſoll nicht unangenehm ſeyn, und jedenfalls muß es viel beſſer ſchmecken, als wenn man Wochen lang auf dem Krankenbette liegt und dann wie eine Kerze ausliſcht.“ „Ich bin froh, daß Ihr ſo denkt,“ meinte der Schließer trocken.„Aber kommt, Meiſter Stilling: gebt mir Euer Ehrenwort, daß Ihr uns nicht verrathen wollt. Ihr wißt, es geſchah nur auf Euer Verlangen, und weil Ihr ein alter Freund waret, daß wir Euch damals halfen.“ „Ihr habt die dreihundertfünfzig goldene Jakobus ver⸗ geſſen,“ meinte Gaunt Stilling lachend.„Nun wohl! ich muß aber ein beſſeres Zimmer haben und de noch heute Nacht; ich muß ein beſſeres Licht haben und zwar alsbald. Ich muß Dinte, Feder und Papier haben, damit ich ſchrei⸗ ben kann. Ich muß für den Pfarrer eine Flaſche Wein und ein kaltes Huhn haben. Es iſt noch lange bis zu den Aſſi⸗ ſen, und ich muß mir's bequem machen.“ Der Schließer kratzte ſich am Kopf und beſann ſich eine Weile, denn ſeine Lage war nichts weniger als erfreulich. „Das Beſte, was ich heute Nacht für Euch thun kann, Meiſter Stilling, iſt, Euch in das kleine Zimmer im dritten Stocke zu bringen. Es hat einen gut gebohnten Fußboden 40* 628 und einen Herd. Ihr kommt dann zwar aus meinem Di⸗ ſtrikt, aber ich will Euch ſagen, wer dort die Schlüſſel hat. Ihr erinnert Euch doch des Jones Barſtow?— eines Neu⸗ lings, der mächtig viel auf Branntwein hält und feſt einſchläft, wenn er genug davon hat. Der Gouverneur läßt zwar nicht viele Kapitalſtücke dort unterbringen, aus Furcht, Barſtow moͤchte ſie hinauslaſſen, denn der iſt gar ſo ein ſanftes Lamm; aber ich will mit dem Gouverneur ſprechen und es für Euch durchſetzen.“ „Ganz recht,“ erwiederte Stilling.„Setzt es nur raſch in's Werk und vergeßt nicht, daß ich mich wegen aller meiner Bedürfniſſe an Euch halten werde, Meiſter Black⸗ ſtone.“ „Mit Recht, mit Recht,“ verſetzte der Schließer und entfernte ſich. Der Gouverneur machte allerdings Einwürfe, denn obgleich Barſtow als entfernter Vetter ſeiner Frau in ſeinen Gunſten ſtand, ſo hatte er doch nur wenig Vertrauen zu ihm, und Stilling war ihm als ein entſchloſſener verzwei⸗ felter Burſche geſchildert worden, welcher der ſtrengſten Ueberwachung bedürfe. Der Oberſchließer überwand jedoch ſeine Skrupel, indem er ihm vorſtellte, daß der Mann an kein Entfliehen denke, da er das Hängen eher für angenehm zu halten ſcheine. „Wartet nur, bis er's erſt probirt,“ ſagte der Gou⸗ verneur lachend.„Wenn Ihr übrigens ſeiner gewiß ſeyd, ſo bringt ihn dorthin— ich kümmere mich nichts darum.“ In einer halben Stunde etwa befand ſich Gaunt Stil⸗ 8 629 ling in einem behaglicheren Zimmer, und wenige Minuten ſpäter wurde Doktor Mae Feely zu ihm gelaſſen. „Ah junger Mann, junger Mann,“ begann der gute Paſtor;„da habt Ihr Euch in eine ſchlimme Geſchichte ge⸗ bracht. Ihr geht eben Euer Lebenlang Euren eigenen Weg, und ſchickt dann ſchließlich zum Pfarrer.“ „Setzt Euch, Doktor,“ ſagte Gaunt Stilling mit viel heitererem Blicke als Doktor Mac Feely bei ihrem letzten Zuſammentreffen auf ſeinem Geſichte wahrgenommen, ſo daß der würdige Paſtor zugleich überraſcht nnd betrübt war; auch fühlte er ſein Herz nicht ſonderlich erleichtert, als Gaunt Stilling fortfuhr:„ich ließ Euch nicht in der Abſicht rufen, die Ihr Euch einbildet, Doktor. Ihr glaubt wohl, was ich gethan habe, thue mir leid? aber da irrt Ihr Euch — oder ich fürchte mich vor dem Hängen? aber auch da irrt Ihr Euch nicht minder.“ „Ihr werdet gehängt, ſo ſicher wie eine Kanone, und nichts kann Euch helfen, mein theurer Junge,“ ſagte Doktor Mae Feely.„Ich will eine Flaſche mit Euch wetten, und der am längſten Lebende ſoll ſie austrinken.“ „Ich weiß, daß ich gehängt werde,“ antwortete Gaunt Stilling;„aber der Grund, warum ich nach Euch ſchickte, war der, damit Ihr alles Vorgefallene genau ſo, wie ſich's ereignete, aufzeichnen möget. Ich habe beſchloſſen, dem Richter, den Geſchworenen und dem Advokaten jede Mühe zu erſparen, und auch dem Henker werde ich nicht viele ma⸗ chen. Ihr habt das Papier, das ich Euch ſchickte, erhalten. Ihr habt Euch wie ein ehrlicher Mann dabei benommen, 630 obwohl das Geſetz, wie ich glaube, verlangt hätte, daß Ihr es abgäbet.“ „Ja, ja, vielleicht wohl,“ meinte der Doktor:„aber das Papier beſagte nicht viel, junger Mann. Es erzählte blos, daß Ihr den armen Henry Woodhall aus Mißver⸗ ſtändniß getödtet, und daß Junker Ralph in jener Nacht nicht mehr nach Norwich zurückkehrtr; aber Ihr ſagtet nicht ein Wort davon, wie die Sache ſich zugetragen.“ „Nun ja, das Alles will ich Euch jetzt erzählen,“ er⸗ wiederte Gaunt Stilling.„Nehmt nur das Papier und ſchreibt meine Beichte nieder, dann will ich es unterzeich⸗ nen, und Ihr ſollt es bezeugen.“ Doktor Mae Feely ſetzte ſich an den Tiſch, tunkte die Feder in die Dinte und datirte das Schreiben, indem er ru⸗ hig ſagte: „Macht's nicht zu lange, mein Junge; die Länge einer Predigt wird genügen.“ „Wenn Ihr fertig ſeyd, ſollt Ihr eine Flaſche Wein und ein Huhn haben,“ ſagte Gaunt Stilling. „Den Wein laß ich mir gefallen,“ antwortete der Dok⸗ tor;„für das Huhn aber habe ich keinen Magen. Der Anblick all dieſer Gänge, dieſer Riegel und Schlöſſer und Euch mitten darunter, hat mir den Appetit benommen: ſo feuert los, mein Junge, und macht's kurz.“ „Der junge Robert Rateliffe,“ begann Gaunt Stilling, ſeinen Kopf auf die Hand ſtützend,„der immer für den recht⸗ mäßigen Sohn Lord Coldenhams galt—. „Das iſt eine andere ſaubere Wegihtete ſiel Doktor — 631 Mae Feely ein.„Wer hätte jemals gedacht, daß jenes ſtolze alte Weib eine— uff!“ „Laßt ſie in Ruhe,“ erwiederte Gaunt Stilling; „ſchlechte Krähe, ſchlechtes Ei. Laßt das bei Seite.— Der junge Robert Rateliffe, der für Lord Coldenhams rechtmäßigen Sohn galt, war ein unverſchämter, liederlicher Burſche. Er hatte ſchon viel Unheil im Dorfe angerichtet, und als ich aus Tanger zurückkehrte, fand ich ihn oft in unſerem Hauſe, meine Schweſter Katharina beſuchend. Armes, unglückliches Mädchen! ich kam zu ſpät!— ich warnte ihn, ſagte ihm, ich möge ihn nicht in unſerem Hauſe leiden, und gab ihm zu verſtehen, daß ich ihn, wenn er wieder komme, durchprü⸗ geln und furchtbar züchtigen würde, wenn er meiner Schwe⸗ ſter ein Leid anthäte. „Mein Vater war thöricht genug geweſen zu glauben, er würde ſie heirathen, weil ſie hübſch und wohlerzogen war, und er die alte Frau durch das Wiſſen um ihre Geheimniſſe im Sacke hatte. Der junge Mann ſagte auch eines Tags, er wolle ſie heirathen, und das war des armen Mädchens Verderben. Ich verſtand es beſſer, um ſolchen Unſinn zu glauben, und öffnete meinem Vater endlich die Augen, ſo daß er Käthchen eben ſo dringend wie ich der Verſuchung aus dem Wege zu ſchaffen ſuchte, und wir kamen überein, ſie hierher zu unſeren Verwandten in Dorſet zu bringen. Mein Oheim kam ihr halbwegs entgegen, und von Pud Zeit an war ſie ſicher genug. „Aber ihre Schande wurde bald offenbar, und als ich von Norwich herüberkam, um ſie zu beſuchen, da war an V 632 kein Verbergen mehr zu denken. Ich hatte Rache geſchwo⸗ ren und beſchloß, ſie zu nehmen. Aber ich mußte meine Zeit abwarten, als mir der Zufall die Gelegenheit in den Weg zu werfen ſchien, wie wenn mein Glücksſtern es nicht anders haben wollte. Ich erfuhr, daß es zwiſchen dem jun⸗ gen Ralph Woodhall, bei dem ich in Dienſten war, und Ro⸗ bert Rateliffe im Ballſaale des Herzogs von Norfolk Streit gegeben hatte, erfuhr, daß Ralph ihn am Kragen von der ohnmächtigen Miß Margarethe weggezogen und daß der Schuft das Zimmer verlaſſen und nach ſeinem Vetter Henry geſchickt hatte. „Ich argwöhnte damals noch nicht, daß er ein ganzer Feigling war, und glaubte natürlich, es werde ein Duell erfolgen. Das geſiel mir nicht, denn ich wollte ihn ſelber beſtrafen, und ich hätte viel darum gegeben, wenn ich Ralph's Stelle hätte einnehmen können. Ueberdies war Ralph zwar ein guter Schläger; allein Robert hatte ſein Lebenlang ge⸗ fochten und war voller Kniffe. Robert Rateliffe's Diener Roger kam zweimal, wie ich erwartete, um Ralph Woodhall zu ſuchen: das letztemal brachte er einen verſtegelten Brief. Ich fragte ihn, ob es eine Ausforderung ſey, und er ſagte — ja; ſo glaubte ich natürlich, ſie komme von dem Manne, mit dem Ralph ſich gezankt hatte. „Mein Gebieter war abweſend und mit Lady Danvers nach Thetford gegangen; aber er ſollte lange vor Nacht zu⸗ rückkehren, und ich wußte irgendwie herauszubringen, daß das Duell bei Mondſchein und ohne Sekundanten ſtattfin⸗ den ſolle. Auch den Ort wußte ich zu erfahren, und ein 633 plötzlicher Gedanke kam mir in den Sinn, daß ich, wenn Ralph nicht zurückkäme, die Gelegenheit für mich ſelbſt be⸗ nützen wolle. Ich gab deshalb kühn zur Antwort, daß Mr. Ralph auf dem bezeichneten Punkte eintreffen würde, indem ich für mich beiſetzte oder Jemand Anders an ſeiner Stelle. „Als Noger fort war, hatte ich große Luſt, in den Brief zu gucken; aber ich hatte meinen Herrn ſo ernſtlich auf die Schande ſchmähen hören, wenn man fremde Briefe öffne, daß ich mich nicht entſchließen konnte, es zu thun⸗ Ich war jedoch unruhig und fürchtete, er könnte noch zeitig zurückkommen. Ich ritt ihm deßhalb ein Stück weit gegen Thetford nach. Er ſagte mir, er werde gewiß vor Nacht zurückkehren; ſie hatten jedoch ſo langſame Fortſchritte ge⸗ macht, daß eine ſo eilige Rückkehr nicht wahrſcheinlich war, und von des Herzogs Dienern erfuhr ich, daß ſie nicht beab⸗ ſichtigten, ihn umkehren zu laſſen, ſondern daß der Herzog ihn aus dem Wege geſchickt hatte, um das Empfangen der Ausforderung zu verhindern. So behielt ich das Schreiben wohlverwahrt in meiner Taſche und kehrte nach Norwich zurück, wo ich immer noch in großer Furcht verweilte, daß er dennoch zurückkehren möchte.. „Die Nacht brach ein und um zehn Uhr war ich am Platze. Niemand war anweſend, und auf eine Bank mich ſetzend, verſank ich in Schlummer, woraus mich endlich ein raſcher Schritt erweckte. Es war ſehr neblig, ſo daß man trotz des Mondſcheins eines Mannes Geſicht nicht deutlich erkennen konnte. Der Nahende war von derſelben Größe wie Nobert Rateliffe, faſt ebenſo wie er gekleidet, und ich war kaum erſt erwacht. Sein Schwert war in ſeiner Hand, als ich ihn zuerſt ſah, und er ſagte: kommt— keine Worte, Sir. Zieht Euer Schwert! Bei meinem Leben! Ihr nehmt es kaltblütig.“ In der Stimme lag allerdings etwas was mich frap⸗ pirte, obwohl ich Beider Sprechweiſe nicht genau kannte; aber ſein Schwert war gezogen und auch das meine war hald aus der Scheide. Wir machten zwei bis drei Gänge, und er drang hart auf mich ein, denn ich war meiner Sache nicht ganz ſicher und wollte mich erſt überzeugen. Er trieb mich unter den Bäumen vor auf einen Platz neben dem Waſſer⸗ becken, wo mehr Helle war; dann ſchien er allerdings über⸗ raſcht und kam aus der Parade, während ich ihm eben eine Quart über den Arm verſetzte. Ich dachte nicht, daß ich ihn treffen würde; allein er parirte nicht, und ſo drang ihm die Klinge durch den Leib. Er wurde jedoch in ehrlichem Kampfe getödtet, und wenn es auch aus Mißverſtändniß geſchah, ſo war es doch kein Mord. Der Schurke Roger, Robert Rat⸗ eliffe's Diener, kann Euch mehr davon erzählen, wie ſein feigherziger Gebieter, den Henry Woodhall dazu brachte, ſeinen eigenen Schultern die Laſt abzunehmen.“ Doktor Mae Feely ſchüttelte den Kopf. „Welcher Mann Menſchenblut vergießt, deſſen Blut ſoll wieder vergoſſen werden,“ be⸗ merkte er.„Wenn das nicht Mord iſt, Gaunt Stilling, dann möcht' ich wohl wiſſen, was Teufels es ſonſt ſeyn mag.“ „Sey es was es wolle,“ erwiederte Gaunt Stil⸗ — — — ling:„ich war um ſo mehr entſchloſſen, mich an dieſem Schurken Robert zu rächen. Ich ſuchte ihn zu Sedgemoor, als ich hörte, daß er dort ſey; ich wurde jedoch angehalten und verhindert, und ich erfuhr ſpäter, daß er ſich aus der Schlacht weggeſchlichen. „Bald darauf vernahm ich, daß der arme Meiſter Ralph im Gefängniß ſaß, und mein Herz wurde nach verſchiedenen NRichtungen hingezogen, denn meine Schweſter ſchickte nach mir und ich fand ſie im Sterben. Der Schurke hatte ihr das Herz durch einen Brief gebrochen, worin er ihre An⸗ ſprüche verſpottete und ſich über ihre Liebe luſtig machte. Sie kam nie wieder recht zu Sinnen und ſtarb vierzehn Tage nach der Geburt ihres Kindes. Ich war jedoch entſchloſſen, daß Ralph durch meine That nicht leiden ſollte, wofern ich es verhindern konnte, und ich ſchrieb deßhalb jenes Doku⸗ ment, das ich Euch brachte. „Ich hielt mich allerdings aus dem Wege, weil ich im⸗ mer hoffte, daß die Zeit für meine Rache kommen würde, und als ich in Holland erfuhr, daß Robert Ratcliffe ſich mit Margarethe Woodhall vermählen wolle, um alle ſeine Plane und Abſichten zu erreichen und mit der Zeit vielleicht Lord Woodhall zu werden, da entſchloß ich mich, was ich thun wollte. Ich ſuchte Sir Robert Hardwicke auf, der ſo lange unter dem Namen Moraber lebte—“ „Was konnte ihn veranlaſſen, einen ſo heidniſchen Na⸗ men anzunehmen?“ fiel Doktor Mac Feely ein.„'s iſt ja kein chriſtlicher Buchſtabe daran.“ „'s iſt nichts als Ormebar, nur in anderer Weiſe ge⸗ ſtellt,“ erwiederte Gaunt Stilling.„Doch ſchreibt weiter — ſchreibt weiter. Ich ſagte Sir Robert nicht Alles, was ich vorhatte, obgleich er immer freundlich und großmüthig gegen mich geweſen; allein er ſchien es ſo ziemlich zu ahnen und warnte mich ernſtlich vor der Sache. Er ſagte mir, er wolle ſein Eigenthum zurückfordern, die Ehebrecherin be⸗ ſchämen und die Söhne Lord Coldenhams enterben, um Nalph an deren Stelle zu ſetzen, weil er ſeine Mutter in ihrer Jugend geliebt hatte. Er ſagte, das ſey Strafe ge⸗ nug, und ich zͤgerte eine Weile. „Ich beſchloß übrigens mich erſt zu verſichern, denn ich kannte ihn als ſanftmüthig, und ich kam geſtern Morgen mit meinem Vater nach Ormebar⸗Caſtle, wohin ihn Sir Robert beſchieden hatte, um Zeugniß abzulegen. Als ich jedoch den Schurken mit Margarethe Woodhall in die Halle treten ſah, um mit ihr in die Kirche zu gehen, da ſchien das Blut in meinen Adern zu kochen: ich hatte keine Herrſchaft über mich ſelbſt, wußte nichts mehr von Skrupeln und— tödtete ihn. Jetzt ſagt kein Wort mehr, guter Mann. Es gibt Verbrechen, welche das Geſetz nicht erreicht; es gibt Uebel, welche kein Geſetz verhindert: ich habe das eine be⸗ ſtraft und dem andern Einhalt gethan. Das iſt mein ein⸗ ziges Verbrechen, und ich bin bereit, dafür zu ſterben.“ „Wenn ich dieſe letzten Worte niederſchreibe, werden ſie ganz gewiß einen Strick um Euren Hals ſchlingen, Gaunt,“ bemerkte Doktor Mac Feely.„Die Advokaten wollen nicht zugeben, daß es irgend etwas gibt, was das 637 Geſetz nicht zu Wege bringt, und ſie hängen Jeden, der das Gegentheil predigt.“ „Schreibt ſie nieder— ſchreibt ſie nieder,“ ſagte Gaunt Stilling;„ſie werden mein Schickſal doch nicht ändern.— Jetzt reicht mir das Papier, und ich will es unterzeichnen: nun ſetzt Euren Namen hierher.“ „Wir ſollten lieber noch einen zweiten Zeugen herein⸗ rufen,“ rieth Doktor Mae Feely, und den Schließer herbei⸗ holend, ließ er Gaunt Stilling das ganze Dokument in des Mannes Gegenwart vorleſen und deſſen Richtigkeit atteſti⸗ ren, bevor er ſeinen Namen unterzeichnete. Das Huhn und die Weinflaſche wurden ſodann hereinge⸗ bracht; allein der gute Doktor war nicht in der Stimmung, um zu eſſen oder zu trinken, und nachdem er dem Gefangenen zu Gefallen ein Glas angenommen, entfernte er ſich mit dem Verſprechen, ihn in ein paar Tagen wieder beſuchen zu wollen. 4 Einige Wochen verſtrichen ohne ein bemerkenswerthes Ereigniß in dem Dorcheſtergefängniſſe, bis eines Nachts ein frühzeitiger Schnee fiel und am andern Morgen Gaunt Stillings Zimmer leer gefunden wurde. Eine Planke aus dem Boden war ausgehoben und aus dem hohen Fenſter, deſſen Gitter ausgeriſſen war, auf die Brüſtung des Thor⸗ ſtübchens gelegt. Von dort hatte der Fliehende eine Mauer von ſechs Fuß Höhe zu überſteigen und dann etwa vierzehn bis fünfzehn Fuß tief in den vorüberführenden Pfad hinab⸗ zuſpringen. 4 Daß dies geſchehen war, bewieſen die Schneeſpuren. 638 Die Fußmarken— ohne Zweifel Gaunt Stilling angehö⸗ rend— ließen ſich noch ziemlich weit auf der Weymouthſtraße verfolgen, bis der ſtarke Verkehr ſie verwiſchte. Man hörte ſpäter nie mehr von ihm; aber im vierten Jahre der Regierung König Wilhelms des Dritten wurde aus einer tiefen Höhlung ein Skelet und eine vollſtändige Garnitur verroſteter Feſſeln herausgefiſcht. Achtundoierzigſtes Kapitel. Noch zwei kurze Scenen— und ich bin zu Ende. Die Umriſſe der erſten könnte die Einbildungskraft des Leſers vermuthlich ſelbſt ausfüllen; die andere dagegen erfordert eine genauere Schilderung. Ich muß vorausſchicken, daß ſämmtliche Geſuche an den König Jakob um Sicherheit für Ralph Woodhall, da⸗ mit er wegen der Ereigniſſe zu Thetford nicht prozeſſirt würde— vergeblich waren; der König, durch ſeinen Erfolg über Monmouth übermüthig geworden, zeigte ſchon jetzt ſeinen Entſchluß, der mit der Zeit immer ſtärker wurde, alle Diejenigen, die ſich den Diſſentern günſtig erwieſen, zu ver⸗ folgen. Umſonſt petitionirte Lord Woodhall; umſonſt be⸗ wies des jungen Mannes Vater— nunmehr Lord Colden⸗ ham, daß ſein Sohn ein ſtandhaftes Mitglied der Kirche ſey und damals nur aus reiner Humanität gehandelt habe. Sie kannten nur zu gut die Folgen, welche Ralphs Rück⸗ kehr nach England haben würde, und Beide beſuchten ihn endlich in Holland, um einige Monate bei ihm zuzubringen. Als endlich Wilhelm von Oranien an den Küſten von Großbritannien landete und gegen London marſchirte, da war der ehrenwerthe Oberſt Woodhall einer der begün⸗ ſtigſten Offiziere ſeiner Armee, und als die Krone durch die Stimme des Volks auf Wilhelms Haupt geſetzt und Jakob ſelbſt ein Verbannter wurde, da ſegelte im Gefolge der — ——— 639 Königin Maria ein ſchönes blühendes Frau'chen mit frohem Herzen aus Holland ab, um ſich zu Coldenham⸗Caſtle mit ihrem Gemahl zu vereinigen. Sie war wieder ſchön und blühend; aber eine gewiſſe zarte Geſichtsfarbe— ganz ver⸗ ſchieden von jener hohen faſt bäuriſchen Geſundheit, deren ſich Margarethe Woodhall früher erfreut hatte— beun⸗ ruhigte ihren Gatten zuweilen, beſonders da ihre Lebens⸗ kraft ſelbſt in der Luft ihres Vaterlands und ihrer angebor⸗ nen Grafſchaft nicht zu wachſen ſchien. Sie war jedoch ſehr freudig und höchſt glücklich und ſchenkte drei hübſche Jungen als Segen in den Haushalt. Aber kein Glück der Erde kann lange unverbittert fort⸗ dauern. In den vier Jahren nach Ralphs Verheirathung waren Beide— ſein Vater und Lord Woodhall— ruhig zu Grabe gegangen, und Margarethe trauerte ſehr um ihren Vater. Ihre Geſichtsfarbe wurde weniger lebhaft, mit Ausnahme der Nächte; ſie beſuchte oft die alten Grabmo⸗ numente in der Coldenhamkirche und ſchaute nach mehreren leeren Stellen, wo noch Naum für einige Gräber vorhan⸗ den war. Wenn man ſich nach ihrer Geſundheit erkundigte, ſagte ſie immer, ſie befinde ſich ganz wohl, und das Auge ihres Gatten entdeckte nur einmal einen trüben Ausdruck auf ihrem Antlitze, wenn ſte nicht etwa um ihren Vater trauerte. Sie betrachtete ihre Kinder eben in jenem Au⸗ genblick, und als Ralph ſich zu ihr beugte und ihre Wange küßte, da ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Nacken und flü⸗ ſterte ihm einige Worte in's Ohr. „„Ich weiß Eine, die ich Allen vorziehen würde, wenn es je dazu käme,“ ſagte ſte.„Du weißt, wen ich meine.“ „Still, ſtill, theure Margarethe,“ erwiederte Ralph. „Du wirſt ja ganz düſter. Wir müſſen unſern Aufenthalt ändern und in der weicheren Luft und der ſchöneren Um⸗ hebung in Devonſhire Muth und Geſundheit für Dich nden.“ 3 Margarethe lächelte und meinte, das ſey nicht nöthig; ſie ſpreche nur von dem was geſchehen könne. Allein Nalph führte ſeinen Plan aus, und noch ehe eine Woche vorüber war, ſiedelte die ganze Familie nach Devonſhire über. Denke Dir zwei weitere Jahre verſtrichen, Leſer, und Du triffſt Lord Coldenham abermals, noch nicht ganz neun⸗ undzwanzig Jahre alt. Eine Dame— eine ſehr ſchöne Dame— ſitzt in einem Stuhle, wo Margarethe zu ſitzen pflegte. Sie iſt im Reiſe⸗ kleid, und ein junges Kind von kaum achtzehn Monaten iſt feſt an ihre Bruſt gedrückt und ſpielt mit ſeinen kleinen Fin⸗ gerchen in ihren vollen braunen Locken. Drei andere etwas aͤltere Knaben ſteben um ſie her, und ihre jugendlichen ver⸗ geßlichen Geſichtchen ſind alle voller Freude zu ihr erhoben; aber Thränen träufeln aus ihren Augen, und ſelbſt ihr Gemahl wendet ſich ab nach dem Fenſter, um einen Tropfen in den ſeinigen zu verbergen. Im nächſten Augenblicke kehrt er zurück und erfaßt ihre Hände, ohne ein Wort zu äußern, und die Dame, auf die Kinder deutend, ſpricht: „Dieſe lieben Kleinen erinnern ſich nicht, Ralph— warum ſollten ſie auch? Aber weder Du noch ich, mein Lie⸗ ber, können jemals vergeſſen, daß es eine Margarethe gege⸗ ben hat. Ich will Alles thun was ich vermag, um ihre Stelle zu erſetzen; aber das kann freilich nie vollſtändig ge⸗ ſchehen.“ „Gott ſegne Dich, meine Hortenſia ¹“ ruft Ralph mit einer vor Erſchütterung bebenden Stimme und eilt aus dem Zimmer. — 16— Druck der J. B. Metzler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart.