deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von— Ednard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————————— auf 1 Monat: 2 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wanſen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2 Erſtes Kapitel. In einem Armſtuhle ſaß ein alter Mann— ſehr alt und ſehr häßlich. Es iſt nichts weniger als angenehm, alt und häßlich zu ſeyn; da aber das eine durch die Zeit, das andere durch das Schickſal über uns verhängt wird, ſo iſt 3 jeder Widerſtand unnütz, und noch weniger hilft es, wenn man grämlich darüber ſeyn wollte. Dieſe Bemerkung iſt keineswegs unpaſſend, was auch der Leſer davon denken mag, denn der alte Herr, von dem ich oben geſprochen, hatte ſich ſein Lebenlang darüber geärgert, daß er häßlich, und ärgerte ſich jetzt noch weit mehr über das zweite Unglück, daß er alt war. Er hatte ſich früher alle Mühe gegeben, den erſteren Mangel durch alle Hülfsmittel der Kunſt zu kuriren; und noch weit größere Mühe hat es ihn ſpäter gekoſtet, die Spu⸗ ren des Alters auf ähnliche Weiſe zu ve bergen. Erſt in den letzten drei Jahren hatte er den Ver uch als hoffnungs⸗ los aufgegeben, denn die unerbittliche Zeit welche, in ihrem leiſen bald langſamen bald raſchen Schritte herankriechend, am Ende alle Menſchen erfaßt, hatte ihn ſo feſt in ihre Krallen genommen, daß er ſich nur noch vom Bekt auf den James. Th. Broughton. 1 2 Stuhl und von dieſem in's Bett bewegen konnte, woher es denn kam, daß er Puder und Parfums nicht mehr für nöthig hielt und allen ſonſtigen Verſchönerungsmitteln für immer Lebewohl ſagte. Der frühere Stutzer wurde nunmehr ſchlampig und nachläſſig, und ſo finden wir ihn in ſeinem Lehnſtuhl mit triefenden Augen und eingefallenem Mund, die Kniee faſt bis an's Kinn hinaufgezogen, und die Beine in Flanell eingewickelt.. Zu ſeiner Rechten ſtand ein Tiſchchen mit einem Per⸗ gament darauf und einem Dintenzeug daneben; ihm gegen⸗ über am Feuer ſaß ein Mann von fünf und dreißig Jahren, von feinem, ziemlich gutmüthigen Aeußern, ſchlank und kräftig gewachſen und ſauber gekleidet, wobei ſein Koſtüme einen militäriſchen Schnitt an ſich trug. Die Füße hatte er gegen das Feuer ausgeſtreckt, ohne jedoch den Zehen des alten Herrn zu nahe zu kommen, deſſen Territorium er nicht für die ganze Welt um einen Schuh hätte überſchreiten mögen: ſo ſaß er und durchlief oberflächlich eines jener klei⸗ nen Neuigkeitsblätter, welche man damals Zeitungen nannte, wobei ſeine Augen von Zeit zu Zeit über das Papier hin⸗ über ſchielten, um des alten Mannes Geſicht mit einem ei⸗ genthümlich verſtohlenen und keineswegs einnehmenden Ausdrucke zu erforſchen.— „Kannſt Du nicht wenigſtens ein Wöͤrtchen reden, Donovan?“ ſagte der alte Mann endlich in grämlichem Tone.„SIch langweile mich ohnehin ſchon genug; Du brauchſt Dich nicht auch herzuſetzen und mich durch Dein ewiges Zeitungsleſen noch langweiliger zu ſtimmen.“ 3 „Ich hoffte, Sir Walter, Ihr würdet ein Schläfchen machen,“ erwiederte der Angeredete,„und da mochte ich Euch nicht ſtören.“ „Mich ſtören!“ äffte der Andere;„mich ſtört ein feier⸗ liches Stillſchweigen oft mehr als die lärmendſte Schwatz⸗ „haftigkeit. Wenn Du ſprächeſt, könnte ich vielleicht ein⸗ ſchlafen: das kann ich aber unmöglich, ſo lange Du wie ein großes finſteres Geſpenſt oder noch beſſer wie der ſteinerne Memnon, der nur bei Tagesanbruch einen Laut von ſich gibt, vor meinen Augen da ſttzſt.“ „Mein theurer Sir Walter,“ verſetzte Donovan im friedfertigſten Tone, obwohl ihm der Spott in der Rede des Alten nicht entgangen war,„wenn es Noth thut, kann ich eben ſo munter plaudern wie Andere, nur kam mir Eure Abendruhe weit wichtiger vor, als meine unwichtige Unter⸗ haltung. Ich war wahrlich mit keiner ſehr intereſſanten Lektüre beſchäftigt— nichts als die Einzelheiten jener wi⸗ drigen Geſchichte der Gräfin von Champarty, welche ihren Gatten nebſt einem halben Dutzend anderer Perſonen ver⸗ giftete.“ „Ei, das muß ich näher hören,“ rief der alte Mann. „Alſo ſie vergiſtete ihren Gatten? Das ſieht dem Geſchlechte ähnlich. Alles Unhel der Welt iſt von jeher von den Wei⸗ bern ausgegangen— ich habe es in meinem Leben nie an⸗ ders geſehen. Iſt einer ein Spieler, ſo geſchieht es um eines Weibes willen; wird er zum Räuber, ſo thut er's für ein Weib; iſt er gar ein Mörder— ein Weib hat's ver⸗ ſchuldet; verräth er ſeinen Freund, betrügt er das Zollamt 1* 4 oder ſeinen Nachbar, ruinirt er ſich in ſeinem Vermögen— überall iſt das Weib die Urſache, und das Schlimmſte daran iſt, daß die Männer ſich für jeden Fehltritt hiemit entſchul⸗ digen wollen, als ob das Weib und nichts als Weib und abermals Weib das Ziel und der Endzweck unſeres Daſeyns wäre.“ „Gott ſey Dank! ich wenigſtens weiß nichts von ei⸗ nem ſolchen Ziel und Endzweck,“ bemerkte Donovan.„Ich kann von meinem Einkommen leben, ſo gering es auch iſt; mich gelüſtet nicht nach Anderer Vermögen, ſo groß dieſes auch ſeyn mag. Ich danke dem Himmel, daß ich keine Schul⸗ den habe, noch irgend ein Weib kenne, um das ich mich auch nur im Geringſten bekümmerte.“ „Ja, wollt Ihr denn wirklich behaupten, Kapitän Do⸗ novan,“ fragte der alte Herr,„Ihr könnet von Eurem Einkommen und dreißig Peund jährlich leben, ohne einen Heller Schulden zu haben?“ Dieſe Frage war von einem ganz eigenen ſpitzbübiſcheu Blinzeln begleitet, das den guten Donovan nicht ſonderlich erfreut haben würde, wenn er den Sprechenden auch nur einen Augenblick betrachtet hätte; ſo aber hatte er waͤhrend des Baronets Rede ſeine Augen auf das erlöſchende Feuer geheftet, das noch in den letzten Strahlen aufzuckte, und erſt nachdem der Andere zu Ende war, erwiederte er in zu⸗ verſichtlichem Tone: „Ja wahrhaftig, Sir Walter, ich kann's Euch ver⸗ ſichern. Ich wurde von meiner theuren Mutter, Eurer Nichte, ſehr frühzeitig belehrt, mit was ich mich zu begnügen „„ 1 5 und wie ich demgemäß meine Ausgaͤben einzuſchränken hätte. Ihr könnt Euch nach Belieben bei Jedem im Regimente erkundigen und werdet finden, daß Tom Donovan Niemand in der Welt einen Heller ſchuldig iſt.“ „Wozu mich erkundigen?“ fragte der alte Mann ſpöt⸗ tiſch, denn er wußte recht wohl, was ſein würdiger Neffe mit ſeinen Betheurungen eigentlich beabſichtige, fuhr jedoch im naͤchſten Augenblicke mit unterdrücktem Kichern fort: „gut, Tom, wer mit Wenigem ſo gut haushält, iſt würdig noch mehr zu verwalten, und hiezu ſollſt Du mit der Zeit Gelegenheit finden— das verſpreche ich Dir bei meiner Ehre.“ Kapitän Thomas Donovan war jetzt vielleicht gerade auf dem Punkte angelangt, den er zu erreichen gewünſcht hatte, rief aber dennoch, wenn auch nicht ſein nolo episco- pari, ſo doch eine andere Betheurung, die nicht minder auf⸗ richtig als jene gemeint war. „Ei nein, mein theurer Sir Walter,“ verſicherte er; „ich weiß, Ihr ſeyd großmüthig und freigebig, aber Ihr dürft mich mit Eurer Güte nicht geradezu überſchutten. Ihr wißt, Ihr habt noch Euren Enkel Theodor, der zwar ein wilder, thörichter Knabe, eigenſinnig und ſchwach iſt, ſich auch nicht leicht betehren läßt, aber——“ „Das geht Dich nichts an, Donovan, geht Dich durch⸗ aus nichts an,“ brummte der alte Baronet.„Es ſoll für ihn geſorgt werden— er ſoll erhalten, ſo viel ihm gebührt; doch was Du auch ſagen magſt— noch heute Abend will ich mein Teſtament unterzeichnen, wenn der verdammte Mullins, * der ſchon ſeit 3 Stunden n hätte kommen ſollen, endlich einmal anlangt. Noch heute will ich's unterſchreiben, denn ich fühle, es geht mit mir zu Ende— ſehr rarch geht es zu Ende,“ und hiemit legte er die Händ auf das Pergament neben ihm. „O ſprecht doch nicht davon, mein theurer Sir Walter,“ gab Kapitän Donovan zur Antwort.„Ihr habt keine Ur⸗ ſache zu ſolcher Haſt. Ich hoffe, ich werde noch in den nächſten zehn Jahren Eure Geſundheit trinken. Ihr ſeyd ja heute viel beſſer und kräftiger.“ „Noch heute ſoll's geſchehen, Tom,“ wiederholte der alte Mann;„ja, ja, das ſoll es. Für den Knaben will ich ſchon ſorgen, Du brauchſt Dich nicht zu ängſtigen. Er iſt zwar ein ſchlimmer Taugenichts und ſchwach, ſehr ſchwach, aber dennoch wird er genug erhalten und dabei ſoll das Ver⸗ mögen hübſch ordentlich beiſammen bleiben. Er ſoll es nicht verſchleudern dürfen— nein, nein, das ſoll er nicht. Was ich ihm hinterlaſſe, ſoll feſt vereinigt bleiben, ſo feſt wie meine Fauſt.“ Mit dieſen Worten preßte er ſeine dicken, gichtigen Finger zuſammen, wie wenn er ei e Boͤrſe in der Hand hielte. Indem er noch ſprach, erklang die große Hausglocke, und ſchallte durch die einſamen längſt außer Gebrauch gekommenen Zimmerreihen— zum Zeichen, daß ein ungewohnter Gaſt vor dem Thore ſtehe. Sir Wal⸗ ter Broughton hatte nämlich in letzterer Zeit nur wenig Geſellſchaft bei ſich geſehen und außer ſeinem Vetter Ka⸗ pitän Donovan und dem Dorfarzt ließ ſich nur ſelten Je⸗ mand im Haufe blicken und die Beiden traten mit eigen⸗ thümlicher Idioſynkraſte faſt immer durch die Hinterthüre ein. * 7 „Das iſt Mullins,“ ſagte der Baronet;„er iſt's ge⸗ wiß. Niemand läutet ſonſt an der vordern Glocke; er iſt ein unverſchämter Burſche, dieſer Mullins. Nun mach' Dich fort, Tom: Du weißſt, Du darfſt nicht als Zeuge anwoh⸗ nen. Geh' und ſprich mit dem Knaben; ſieh', ob Du et⸗ was mit ihm anfangen kannſt— wir müſſen ihn zu beſſern ſuchen. Geſtern hat er gar ein halb Dutzend Hühner mit ſeinen Pfeilen erlegt, und als ich ihm ſagte, ich würde ihn enterben, lachte er mir noch in's Geſicht.“ Kapitän Donovan ſchüttelte den Kopf, wie wenn er die Aufgabe als gänzlich hoffnungslos betrachte, während ein Diener in reicher Livrée mit gepudertem Haar und ſchwarzſeidenen Strümpfen die Thüre mit den Worten öffnete: „Mr. Mullins, Sir, befindet ſich im Bibliothekzimmer.“ „Führ' ihn herein— führ' ihn herein,“ befahl der Baronet.„Fort mit Dir, Tom, ſonſt glaubt er, Du habeſt mich bereden wollen.“ Mit ſüßem Lächeln entfernte ſich Kapitän Donovan durch eine Seitenthüre, welche derjenigen, durch welche Mullins einzutreten hatte, gegenüber lag, und blieb dann auf dem ſchlecht erleuchteten Gange einen Augenblick ſtehen, indem er vor ſich hinmurmelte: „Er iſt erſtaunlich gut gelaunt heut Abend. Ich möchte wohl wiſſen, was das zu bedeuten hat, denn es ſchien keines⸗ wegs nur angenommen zu ſeyn. Jedenfalls will ich noch mit Mullins reden, ehe er fortgeht und ſehen, was ich aus 3* 5 ihm herausbringe. Er iſt zwar eine verſtockte Beſtie, aber das Weſen ſagt uns oft mehr als Worte.“ Mittlerweile rutſchte Sir Walter Broughton mit ner⸗ vöſer Reizbarkeit in ſeinem Stuhle hin und her, bis der er⸗ wartete Rechtsanwalt eintrat. Kaum hatte er ſeinen Schritt vernommen, als er ihm, ohne den Kopf umzuwenden, da er doch nicht über den Stuhl wegſehen konnte, voll Ungeduld entgegenrief: „Ihr habt ſehr lange auf Euch warten laſſen, Mr. Mullins: ſchon ſeit drei Stunden hättet Ihr hier ſeyn können.“ „Ja, wenn ich keine andern Geſchäſte als die Euren zu beſorgen hätte,“ gab Mr. Mullins ſpitzig zur Antwort, indem er an den Tiſch vortrat. 4 Er war in Blick und Weſen der ächte Widerpart von Kapitän Donovan: lang und hager, etwa fünfzig Jahre alt, mit langer Adlexrnaſe, ſchneeweißen Haaren,(vo er ſich überhaupt deren rühmen konnte,) kohlſchwarzen Augbrauen und großen ſchönen dunklen Augen. An Mund und Kinn waren alle Merkmale eines entſchloſſenen Charakters zu ge⸗ wahren und die breite gewölbte Stirne zeugte von ſchar⸗ fem, hellem Verſtand. „Guten Abend, Sir Walter,“ begann er, als ob das Vorangegangene nur ein Pro'og zu ihrem Geſpräche ge⸗ weſen wäre.„Was wollt Ihr von mir, daß Ihr in ſolcher Eile nach mir ſendet?“ „Dieß da will ich unterzeichnen,“ erwiederte Sir Walter, 39 auf das Pergament deutend.„Es mag wohl ganz gut ſeyn, nur will ich noch ein kleines Codicill machen.“ „Wenn Ihr blos unterzeichnen wolltet, ſo wart Ihr ein rechter Narr, mich herbeizu prengen,“ bemerkte der Ad⸗ vokat.„Ihr hättet es eben ſo gut ohne mich unterſchreiben können, und was das Codicill betrifft— da ſeyd Ihr noch ein größerer Narr wie ich glaube, denn hat man ſich ein⸗ mal darüber geeinigt, was man mit ſeinem Eigenthum an⸗ fangen will, ſo ſollte man nicht ewig daran ändern und mäkeln. Doch wir ſind einmal in dem Zeitalter der Aen⸗ derungen; es bleibt ja nichts, wie es urſprünglich feſtgeſetzt worden, und iſt etwas gut, ſo ruhen wir nicht, bis es anders geworden.“ 3 Es iſt auffallend, welchen Einfluß ein kräftiger Cha⸗ rakter über die große Mehrheit der Menſchen, beſonders über die Launiſchen ausübt. Kein Menſch auf Erden hätte es wagen dürfen, gegen Sir Walter Beoughton ſolche Re⸗ den auszuſtoßen, wie Mr. Mullins gethan hatte, ohne daß Erſterer die Glocke gezogen und ſeinen Dienern befohlen hätte, den Sprecher zur Thüre hinauszuwerfen: bei Mr. Mullins jedoch blieb der alte Baronet ruhig und geduldig wie ein Lamm, denn wenn er auch bei ihren Zuſammen⸗ künften die Bitterkeit ſeines Weſens zuweilen auf einige Minuten herausließ, ſo wußte ihn doch der überwiegende Geiſt des Advokaten in kurzer Zeit wieder niederzubeugen. „Ihr ſeyd ä gerlich, Mullins, ich ſeh' es wohl,“ bemerkte der Baronet;„ich habe Euch gewiß vom Mittazs⸗ tiſche aufgeſcheucht, denn ich weiß, Ihr ſeyd ein großer 10 Feinſchmecker. Was habt Ihr denn durch mich verloren, Mullins?— eine mayennoise à la soubise oder ein pi- geon en crapaudine? Doch kommt, ſeyd vernünftig und Ihr ſollt hernach mit Donovan das köſtlichſte petit souper einnehmen, das mein Koch Jerome Augier— und Ihr wißt, er iſt ein cordon bleu— nur irgend aufzuſtellen ver⸗ mag.“ „Donovan!“ wiederholte Mullins;„habt Ihr den wieder im Hauſe? Dann hat er Euch zur Abänderung Eures Teſtaments veranlaßt, ſo viel iſt klar. Wie ein alter Mann ein ſolcher Thor ſeyn und an ſeinem Lebensabend eine Clique intereſſirter, käuflicher Fuchsſchwänzer von Vettern um ſich dulden mag— iſt mir unbegreiflich. Doch immerhin— mein Amt geht blos dahin, das Codicill auf Euer Verlan⸗ gen aufzuſetzen. Was ſoll ich ſchreiben 24 Mit dieſen Worten zog er das Pergament an ſich und unterſuchte es Blatt für Blatt, indem er die Klauſeln raſch zu überleſen ſchien, wobei er vor ſich hinmurmelte:„Hol' ihn der Teufel! er hätte mit dem, was hier ausgeworfen iſte recht wohl zu⸗ frieden ſeyn können. Das Landgut zu Ballinasloe und die beiden Pachthöfe in Dorſetſhire neben dem Kapitalvermögen — es beträgt ja mindeſtens die Hälfte des Ganzen. Ihr habt ihm vermuthlich Euer Vermächtniß gezeigt und er war nicht damit zufrieden.“ „Ihr beliebt heute ſehr ſpaßhaft zu ſeyn, Mr. Mul⸗ lins, ſeyd aber vollkommen im Irrthum,“ lautete die Ant⸗ wort des Baronets, als er mit friſch erwachendem Muthe gewahrte, daß er einen kleinen Vortheil über den Advokaten *△ 11 erlangt hatte.„Ich habe ihm das Teſtament nicht gezeigt, und das beabſichtigte Codicill hat zum Zweck, alle dieſe Vermächtniſſe zu wiederrnfen. Ich will das Ganze mit Ausnahme einiger Legate für die Dienerſchaft und zweihun⸗ dert Pfund Jahresrenten für Tom, auf das iriſche Landgut angewieſen, meinem Enkel Theodor vermachen. Die Län⸗ dereien müſſen aber feſt beiſammen bleiben, und ſollen erſt, wenn der Knabe ohne Kinder ſtirbt, auf Donovan über⸗ gehen, denn ich will mein Geld nach meinem Tode nicht verſchwendet wiſſen, und die Güter, welche ſo lange unſerer Familie gehört, ſollen nicht einſtens verſteigert werden.— Alſo wie geſagt, nur feſt zuſammengebunden!“ „Das wird wenig nützen,“ meinte der Advokat.„Wenn Donovan ſie ſpäter bekommt, wird er ſie ebenſobald oder noch früher wie der Andere verſchleudern. Thut was Ihr wollt, Sir Walter— Ihr werdet derartigen Stoff nicht am Umſtehen verhindern. Einer wird es am Ende doch vergeuden, und wenn Ihr nicht zwei bis drei Dutzend in das Erbe einſetzt, ſo wird man erleben, daß kaum die Wür⸗ mer in Euern Sarg eingedrungen ſind, bevor der Auktionär CEure Güter verſteigert.“ „Aber Donovan ſagt mir doch, er ſey kein Verſchwen⸗ der,“ erwiederte der Baronet, dem Advokaten ſchlau ins Geſicht ſehend.„Er lebt von ſeinem Sold und dreißig Pfund jährlich.“ „Pah, pah!“ gab Mullins zur Antwort:„das wißt Ihr beſſer, Baronet; er wollte Euch eben hintergehen.“ „Und eben aus dieſem Grunde bin ich entſchloſſen, jene — 12 Aenderung zu treffen,“ entgegnete Sir Walter.„Ich will ihn jedoch zum Pfleger und Vormund des Knaben einſetzen, denn dann wird er um ſeiner ſelbſt willen auf das Vermögen Acht haben, und um ihn ſelber an deſſen Verſchleuderung zu verhindern, will ich noch einen Dritten in die Nachfolge ein⸗ ſetzen— ich weiß nur nicht wen——“ „Euern Pflugknecht,“ meinte Mullins mit eyniſchem Lachen.„Ich denke, dazu iſt Jeder recht.“ „Ja— a,“ verſetzte der Greis, das Wort nur mit Zögern ausſprechend:„das wohl, aber den Pflugknecht doch nicht. Es muß ein Gentleman ſeyn.“ Was ſagt Ihr zu Sir Charles Chevenix? Er iſt ebenſo nah mit Euch verwandt, wie Donovan.“ „Nichts da, der Schlingel ſoll keinen Heller von mir erhalten,“ erwiederte der alte Mann mit boshaftem Aus⸗ druck.„Ich erinnere mich ſeiner recht wohl, und was er einſt über mich geäußert.“ „Ja ſo, das hab' ich vergeſſen,“ entgegnete der Anwalt mit bitterem Lächeln.„Ich entſinne mich, er nannte Euch einen eit'en Thoren, als Ihr trotz Eures Alters damit um⸗ ginget, Miß Birch zu heirathen. Nun ſeht, Sir Walter, ich ſelbſt habe keine ſonderliche Liebe und Achtung für ihn, weil er meinen Neffen Reginald, da dieſer als bloder Fähndrich in ſein Regiment eintrat, gröblich beſchimpfte und den guten Jungen zwang, ſich ſogleich wieder auszukaufen.“ „Warum denn?“ fragte Sir Walter;„warum mußte er ſich auskaufen, da er doch beleidigt worden?“ „Weil Sir Charles ſein Kapitän war und Reginald 13 für paſſend fand, ihn herauszufordern, was er nicht thun konnte, ohne zuvor das Regiment verlaſſen zu haben.“ Sir Walter Broughton ficherte und rieb ſich die Hände — dann kam ein heftiger Huſten und dann wieder ein Lachen, und erſt als dieſe Demonſtrationen vorüber waren, fragte er in ruhigem Tone: „Wie heißt Euer Neffe, Mullins?? „Reginald,“ gab der Anwalt zur Antwort;„Reginald Lisle. Was hat aber das mit Eurer Angelegenheit zu ſchaffen?“ „Setzt ihn zum Gutserben ein,“ gebot der Baronet; „er ſoll es ſeyn!“ Und nun ging es wieder an ein Lachen und Huſten wie zuvor.„Weil er uncern Freund heraus⸗ gefordert, dafür gelangt er zur Erbſchaft. Der iſt doch beſſer als der Pflugknecht, Mullins.— Ich wollte, er hätte ihn erſchoſſen,“ ſchloß er nach längerer Pauſe. 5 4 „Er hatte ſich wirklich mit ihm geſchlagen,“ erzählte Mullins,„denn trotz ſeiner ſiebzehn Jahre hatte der Knabe ein muthiges Herz und eine feſte Hand und verwundete ihn ſchwer in der Hüfte; ſo daß er, glaub' ich, immer noch hinkt, obwohl es ſchon vor neun Jahren geſchah.“ „Setzt' ihn als Erben ein,“ wiederholte der Baronet abermals, indem er großes Wohlgefallen an dem Gedanken zu finden ſchien.„Macht Euch nur raſch an die Arbeit, Mullins— ich dulde kein Zögern.“ „Ci, es bedarf nahezu eines ganz neuen Teſtaments,“ ſiel der Anwalt ein, indem er das Pergament genauer als vorhin überlas.„Doch nein, die erſten vier Blätter bleiben 14 gültig und für das übrige iſt ein fünftes hinreichend. Aber wo ſoll ich ein Pergamentblatt bekommen?“ „Papier iſt eben ſo gut— vollkommen hinreichend,“ meinte der Greis;„warum ſich wegen Pergaments plagen?“ „Nun meinetwegen, wir wollen ſehen,“ entgegnete Mr. Mullins.„Natürlich bleibe ich hier über Nacht, dann will ich ein Paar Stunden an meiner Arbeit aufbleiben.— Aber ich will Euch was ſagen— das kalte feuchte Zimmer vom letzten Mal her will ich nicht wieder haben.“ „Mr. Donovan logirt dort,“ kicherte der Baronet; „Donovan iſt dort aufgehoben. Ich verſichere Euch, Mul⸗ lins, ihm iſt es einerlei, wo er ſchläft, wenn er nur in mei⸗ ner Nähe iſt— der liebe junge Mann!“ Und der Gedanke, den Charakter ſeines Vetters ergründet zu haben, rief einen ächt teufliſchen Ausdruck des Triumphes auf ſeine häßlichen Züge.„Aber ſputet Euch nur, ſo raſch Ihr könnt; mich verlangt ſehr, meinen Willen zu unterzeichnen. Könnt Ihr nicht gleich in die Bibliothek gehen und die Sache fertig machen?“ Der Advokat verſicherte, er wolle thun, was er könne, aber einige Stunden werde es jedenfalls hinnehmen, was Sir Walter mit der Bemerkung erwiederte, er wolle auf⸗ bleiben, bis es fertig ſey, indem er als weitern Sporn zur Eile beifügte: „Zieht die Glocke, und ich will Jerome befehlen, daß er das kleine Souper fertig mache, bis Ihr zu Ende ſeyd. Doch wohlgemerkt, weder Tom, noch Theodor erfahren eine Silbe, wenn Ihr Ihnen begegnet. Der Knabe geht mir 15 ohnehin aus dem Wege, weil ich mich geſtern Morgen mit ihm zankte. Alſo kein Wort zu den Beiden.“ Mr. Mullins gelobte pünktlichen Gehorſam gegen dieſe Weiſung und entfernte ſich. Zweites Kapitel. Es iſt ein eigener Anblick, wenn man mitten in all' der Mannigfaltigkeit der Natur, mitten in den endloſen Combinationen, welche fortwährend ſtattfinden, die ver⸗ ſchiedene Wirkung beobachtet, welche die äußern Gegen⸗ ſtände auf das Gemüth einzelner Menſchen ausüben. So würde manchem, wenn auch noch ſo verhärteten Rechts⸗ manne der Beſuch bei einem am Rande des Grabes ſtehen⸗ des Greiſe, der bei all' ſeiner Schwäche und Hinfälligkeit noch immer von ſo vielen ſchlimmen Leidenſchaften und Ge⸗ brechen der menſchlichen Natur zur Grube geleitet wird— es würde ihn der Weg durch den langen düſteren nur ſchwach erleuchteten Gang, der auf der einen Seite von ſpitzen Bo⸗ genfenſtern, auf der andern von ſonderbaren grotesken Steinfiguren eingefaßt, zu einer mit alt n Büchern, dieſen Grabſteinen des Geiſtes, angefüllten Bibliothek führte— vermuthlich ernſte, ja ſogar melancholiſche Gedanken einge⸗ geben haben. Allein Mr. Mullins war ein vollendeter Weltmann, der ſich nur ſelten die Mühe nahm, zu morali⸗ ſiren, überhaupt blutwenig mit Phantaſie zu ſchaffen hatte, 16 ſondern alles ihm Fremdartige rafch und entſchloſſen von ſich abwies, indem er ſeine ſtarken Verſtandeskräfte darauf anwendete, und vermöge ſeines kräftigen Charakters und feſten Willens die Menſchen, durch ſeinen natürlichen Takt wie durch lange Erfahrung belehrt, ſehr richtig beurtheilte. Er hatte einen hohen Begriff von Ehre und war keineswegs kaltherzig oder gefühllos; allein der Verſtand war immer bei ihm vorherrſchend, ſo daß er Alles, was er auf ſeinem Lebenswege traf, nicht anders beurtheilte, als ob ſein Ge⸗ wiſſen ein Gerichtshof und er ſelbſt der vorſitzende Richter geweſen wäre. Damit will ich nicht ſagen, daß ſeine Aus⸗ ſprüche immer die richtigen geweſen wären, denn wer kann ſolches von ſich ſelbſt behaupten? aber ſie waren immer wohl erwogen und alsbald fertig, da die beſtändige Gewohnheit zu denken, ihn ſehr gewandt in ſeinem Uitheile gemacht hatte.— So kam ihm denn auf ſeinem Wege über den langen Hausgang kein anderer Gedanke, als daß er ſo eben einen widrigen alten Mann, den er ſeit ſeinen Knar enjahren ge⸗ kannt und ſeit ſeinem Mannesalter durchechaut, geſehen habe, daß dieſer alte Mann ein launiſches, wenn auch nicht gerade ein ungerechtes Teſtament zu machen beabſichtige und ihn mit deſſen Abfaſſung beauftragt haue, und daß er in einem großen, altmodiſchen düſtern Zimmer, welches die Bibliothek hieß und zehn bis fünfzehn tauſend dicke zum großen Theil nicht leſenswerthe Bücher enthielt, Dinte, Feder und Papier finden ſollte. Das jämmerliche Schau⸗ ſpiel von Eitelkeit, Bosheit, Haß und Rachſucht, welche den 17 Alten bis an den Rand des Grabes begleiteten, beſchäftigte ſein Nachdenken auch nicht einen Augenblick; ebenſo wenig beachtete er das me kwürd ge Schnitzwerk der gothiſchen Fenſter, noch die grinſenden Geſichter, die langgeſtreckhten ſteinigen Gliedmaſen auf der andern Seite; er dachte nicht an die mühſame Forſchung, an das Genie und die Einbil⸗ dungskraft, den Fleiß, die Hofſnung und Erwartung, die Enttäuſchung und den Kummer, von denen jedes dieſer Bücher vor ihm ein lebendiges Denkzeichen abgab. Er hatte nur das Abſolute, das Greifbare im Auge, ohne ſeinen Geiſt auch nur einen Augenblick zu näheren oder entfernte⸗ ren Gegenſtänden abſchweifen zu laſſen. Beim Eintritt in die Bibliothek traf et zwei Perſonen, welche im Alter, im Aeußern, wie im Charakter kaum ver⸗ ſchiedener hätten ſeyn können, als ſie wirklich waren. Die eine, Kapitän Donovan, bedarf keiner weitern Beſchreibung; dem jungen Theodor Broughton hingegen, dem Enkel des alten Baronets, müſſen wir einige Zeilen widmen. Er war ein gut ausſehender Knabe von dreizehn bis vierzehn Jahren, wohlgewachſen und fein in ſeinem Aeußern, mit angenehmen Geſichtszügen, in denen ſich aber ein ſchwacher ruheloſer Charakter ausprägte. Der Junge ſaß an dem einen Ende des Zimmers und hatte zehn bis zwölf Bände altmodiſcher Romane um ſich au gethürmt, welche er emſig verſchlang, wobei er aber oft mit ſeinem Gegenſtande wechfelte. An dem andern Ende ſaß Kapitän Donovan, die Füße über einen Stuhl gelehnt und ein großes mit Zeichnungen ver⸗ ziertes Buch in der Hand, worin er eifrig lindirte doch nicht 8* James. Th. Broughton. 2 18 ohne von Zeit zu Zeit einen ernſten Blick auf ſeinen jungen Zimmergenoſſen zu heften. Die Thüre, durch welche Mr. Mullins eintrat, befand ſich faſt gerade hinter Kapitän Do⸗ novans Stuhle, und der Advokat war nicht wenig überraſcht, als er den Kapitän mit einem großen Werke über Botanik beſchäftigt ſah. „Nichts iſt ſo launiſch, wie der Müßiggang,“ dachte Mr. Mullins.„Hätte ich ihn hinter Mrs. Behn's Er⸗ zählungen oder an Mrs. Centlivre's Schauſpielen getroffen, — das hätte mich nicht überraſcht; aber Botanik— was hat er mit Botanik zu ſchaffen?“ „Aha, Mullins!“ rief Kapitän Donovan ſich umdre⸗ hend.„Seyd Ihr's wirklich? Ich habe das kleine Speiſe⸗ zimmer geräumt, um Euch mit Sir Walter insgeheim plau⸗ dern zu laſſen. Hat er alle ſeine Angelegenheiten be⸗ reinigt?“ 8 „Ja, alle,“ erwiederte Mr. Mullins, recht wohl be⸗ greifend, daß der gleichgültige Ton, welchen Kapitän Do⸗ novan annahm, nicht natürlich war.„Ich habe noch eine Schrift aufzuſetzen und dann iſt Alles in Ordnung.“ „Nun mir iſts ziemlich einerlei,“ meinte der Kapitän in leiſem Tone, um den Knaben ſeine Worte nicht hören zu laſſen.„Ich wünſche mir gar keinen Reichthum und er⸗ warte ihn noch weniger.“ „Um ſo glücklicher für Euch,“ bemerkte Mr. Mullins trocken. „Wie meint Ihr das?“ fuhr Donovan mit nur zu merklicher Aufregung fort. 19 „O ich meine blos, es ſey jebenfalls ein Glück, keine Erwartungen zu hegen, denn ich habe noch immer bemerkt, daß, wer am wenigſten hoffte, der Erfüllung am nächſten war,“ entgegnete Mr. Mullins. „Wirklich!“ rief Kapitän Donovan, ihn mit freund⸗ lichem Lächeln anſehend.„Allerdings hat er eben, als ich heut' Abend das Zimmer verließ, davon geſprochen, daß ich eines Tages über großes Vermöogen verfügen ſollte; ich wollte aber nicht daran glauben.“ Der Advokat fühlte eine Anwandlung großherziger Bosheit, wie ehrliche Männer ſte immer empfinden, wenn ſie ein ſpitzbübiſches Spiel vor Augen haben, und das Gewebe des Intriguanten durchbrochen ſehen; er erwiederte deß⸗ halb mit ernſtem Kopfſchütteln: „Ihr hättet ihm blindlings glauben dürfen, Kapitän: Sir Walter iſt nicht der Mann, der nur ſo in den Tag hin⸗ ein ſpricht. Aber bei meinem Leben„ich muß mich nieder⸗ ſetzen und die Schrift vollenden, denn der alte Herr ſagt, er wolle aufbleiben, bis ſie fertig ſey, und ich werde wenig⸗ ſtens zwei Stunden dazu brauchen.— Ei ſieh, Junker Theodor! wie geht’s Euch?“ fuhr er fort, als ob er den Knaben erſt jetzt gewahr würde, indem er ihm freundlich die Hand bot.„Ach armer Junge!“ fuhr er leiſe und mit einem Seufzer fort, der durchaus wohlgemeint war, was auch der Leſer davon halten mag, als er Kapitän Donovan’s Blicke auf den Knaben geheftet ſah. „Er iſt mir abgeneigt, dieſer Mullins,“ ſagte Donovan 2* 20 zu ſich ſelbſt.„Ich werde ihn abſchaffen, wenn ich erſt Herr hier geworden bin. Nun, Mullins, ich will Euch allein laſſen,“ fuhr er laut ſort.„Theodor, mein theurer Junge, auch Du thäteſt beſſer, mit mir zu gehen;“ worauf der Knabe, nachdem er dem Anwalt ſchüchtern die Hand ge⸗ ſchüttelt, ſeinem Vetter aus dem Zimmer folgte. Mehr als anderthalb Stunden war Mr. Mullins mit einer für ihn höchſt ungewohnten Arbeit beſchäftigt: er hatte naͤmlich den Inhalt des Pe gaments mit eigener Hand auf einen großen Bogen Papier abzufchreiben, und da er als ſehr geſuchter Anwalt für ähnliche Dienſte eine Maſſe von Schreibein hielt, welche ſolche Dinge aus dem Groben zu arbeiten hatten, ſo fand er die Aufgabe trotzdem daß im Verlauſe manche Aenderungen vorkamen, doch höchſt lang⸗ weilig, was ihn nicht wenig ärgerlich ſtimmte. Er war jedoch ein zu guter Advokat, als das ſeine Verſtimmung der gewiſſenhaften Pünktlichkeit ſeines Verfahrens hätte Eintrag thun können— im Gegentheil, da Sir Walter ihm anbefohlen hatte, ſeine Ländereien recht ſicher an einander zu knüpfen, ſo verſäumte er nichts, was zu dieſem Zwecke ühren mochte. Endlich hielt er eine Weile nachdenklich inne. „Ich ſchiebe Reginald's Namen nur ungerne ein,“ be⸗ merkte er,„und gleichwohl darf ich ihn nicht auslaſſen. Es iſt einmal des alten Mannes eigener Wille, und da der Junge ſehr wenig Ausſicht hat, jemals zu dieſem ſchönen Beſitze zu gelangen, ſo mag's drum ſeyn.“ So ſchrieb er denn die Worte nieder, wonach die Güter, 21 in Ermanglung einer rechtmäßigen Nachkommenſchaft auf Seiten Theodor Bronghton’s und Thomas Donovan's auf ſeinen Neffen vererben ſollten. Sobald dies geſchehen war, überlas er das Teſtament noch einmal ſorgfältig, und da er nichts darin entdeckte, was auch dem ſpitzfindigſten Advokaten einen Anhaltspunkt zu Einwürfen hätte geben fö nen, ſo verfügte er ſich mit dem Papier nach dem kleinen Speiſezimmer, worin er Sir Walter zurückgelaſſen hatte. Der Baronet ſchlummerte noch in derſelben Stellung, und Kapitän Donovan, der ihn in den Schlaf geplaudert hatte, betrachtete ihn mit der Zeitung in der Hand, während ſein Kopf von Morgen, Vierteln und Ruthen nebſt aller⸗ hand Betrachtungen über drei⸗ und fünfprozentige Staats⸗ papiere angefüllt war. Mr. Mullins weckte den Baronet oh e weitere Umſtände, und dieſer, nach den erſten Minuten der Verwirrung, wie ſie bei alten Leuten gar hänfig auf kurzen Schlummer zu folgen pflegt, ſeine Geiſteskräfte raſch wie immer zuſammenraffend, ſchickte den Kapitän mit pfiffi gem Lächeln und Kopfnicken abermals aus dem Zimmer, indem er ihm zwei bis drei von der niedern Dienerſchaft hereinzuſenden befahl, in deren Gegenwart er mit der Brille auf der Naſe und hie und da eine Frage an den Advokaten richtend, das Teſtament durchlas, und dann mit zitternder Hand unterſchrieb, wobei er die Anweſenden zu Zeugen dieſer Handlung aufrief. Dies alles geſchah in heiterem ſcherzendem Tone, und er ſchien herzlich froh, die Sache vollendet zu ſehen; als die Handlung vorüber war, ließ er 22 dem Koch durch einen der Zeugen befehlen, daß er das Nacht⸗ eſſen auftragen möge. „Ich bin ſo lange aufgeblieben,“ ſagte er,„daß ich vor Bettgehen einen Biſſen Speiſe und ein Glas Wein zu mir nehmen muß. Da hilft keine Einwendung, Mullins: mein alter Doktor Starvington meint zwar, ich dürfe nach fünf Uhr nichts mehr als Brod und eine Taſſe Haferſ hleim geenießen: ich bin aber jetzt ganz erſchöpft und ſo will ich heute Abend—, „O, Ihr ſollt einen Biſſen Salmen bekommen,“ lachte Mullins. „Ja, und ein Glas jenes trefflichen Verzenay, den Ihr einſt für ein Mittelding zwiſchen Nektar und Cham⸗ pagner erklärtet.“ Mr. Mullins hatte nichts gegen den Verzenay einzu⸗ wenden und als Donovan, nachdem das Teſtament z vor in einen reinen Bogen Papier verſiegelt und von dem Baronet eigenhändig als letzter Wille und Teſtament⸗ bezeichnet worden, hereingerufen wurde, ſetzte ſich der würdige Kapi⸗ tän mit ſtrahlendem Geſicht und in der beſten Laune von der Welt an das feine Abendeſſen, und reichte dann ſeinem Onkel den Arm, ſobald ſich der alte Herr langſam nach ſeinem Schla zimmer verfügte. Sir Walter hatte in Anbetracht ſeines Geſundheits⸗ zuſtandes und der Anſicht ſeiner Aerzte des Guten beinahe zu viel gethan: er hatte an verſchiedenen Leckereien herum⸗ genaſcht und aus dem einen Glaſe Verzenay waren's deren fünfe geworden. War es aber ihm gut ergangen, ſo hatte 8 23 ſich Mr. Mullins noch beſſer befunden, denn während Ka⸗ pitän Donovan's Abweſenheit war er bei Tiſche zurückge⸗ blieben und hatte ſich an all den guten Dingen nach Her⸗ zensluſt gelabt. Der Kapitän kehrte in der munterſten Laune zurück; er war äußerſt heiter und eröffnete gleich das erſte Glas ihres Tete-à-Tete mit der Bemerfung: „Im Ganzen iſt er doch ein kapitaler alter Burſche.“ „Es freut mich, daß Ihr ſo denkt,“ erwiederte Mr. Mullins. „In der That, es iſt mir Ernſt“ verſicherte Donovan, auf welchen der Wein wenigſtens in ſo fern ſeine Wirkung äußerte, daß er ihm den Mund öͤffnete und die Zunge löste; „er iſt eine kapitale, alte Haut— er ſoll leben!“ „Und Geſundheit und langes Leben behalten!“ rief Mullins nicht ohne Bosheit; doch Donovan als tapferer entſchloſſener Mann wuͤrgte ſein Glas ohne Zögern hin⸗ unter. Es ſchien in der That, als ob er Luſt hätte, das Trink⸗ gelage die ganze Nacht hirdurch fortzuſetzen und bis an die aͤußerſten Grenzen der Nüchternheit auszudehnen; allein Mullins war ſehr geregelt in ſeiner Diät, wenn auch nicht ſonderlich enthaltſam: er trank jeden Tag ſeine beſtimmte Portion Wein, aber nie einen Tropfen darüber. Er hatte heute noch nichts zu ſich genommen, da er ſeinen Mittags⸗ tiſch dem Dienſte Sir Walters aufopfern mufte, und ſo trank er ein Glas nach dem andern, bis die Zahl voll war, nahm aber dann keinen Tropfen mehr trotz aller Ueber⸗ redungsverſuche des Kapitäns, ſondern erhob ſich bald 24 darauf, nahm ſich ein Licht vom Nebentiſche und begab ſich zur Ruhe. Wie lange Kapitän Donovan noch ferner den Freuden der Tafel oblag, blieb Mr. Mullins unbekannt. Er ſelbſt war in ſeinen Gewohnheiten äußerſt einfach, und als er auf ſeinem Zimmer angelangt war, zog er aus der einen Taſche eine Nachtmütze nebſt Zahnbürſte und Raſtermeſſer, während aus der andern ein reines Hemd zum Vorſchein kam, das er über einen Stuhl ausbreitete; dann nahm er ſeine Perücke ab, ſetzte die Schlafmütze auf, ſäuberte ſich die Zähne und legte ſich zu Bett. Der erſte Schlaf iſt immer ein angenehmes Ding, wenn man keine ſchweren Sorgen hat, die einem die Seele mit weltlichen Gedanken bedrücken, noch auch durch eine leb⸗ hafte Phantaſie von ſtörenden Traͤumen heimgeſucht wird. Mr. Mullins war ſo glücklich, zwei Stunden lang der be⸗ haglichſten Ruhe zu genießen: keine Erſcheinung irgend einer Art ſtörte ſeinen Schlummer, bis er plötzlich durch einen Lärm geweckt wurde und ſich im Bette auerichtete, um zu horchen. Eine Glocke wurde in wüthender Haſt angezogen, er hörte ein eiliges Hin⸗ nnd Herrennen, dann ein Klopfen an einer benachbarten Thüre und lautes Sprechen. Das eilige Hin⸗ und Wiederlaufen nahm immer mehr zu, und Mr. Mullins ſtand endlich auf, ſuchte ſeine verſchiedene Kleidungsſtücke zuſammen, zog ſeine Hoſen an(wie ein jungfräulicher Autor es nennen würde), fuhr in ſeinen Ober⸗ rock ohne zuvor die Weſte anzulegen, band ſich eine Ser⸗ viette um den Hals, weil er ſeine Kravatte nicht finden 25 konnte und öffnete dann die Thüre, um hinauszuſchauen. Am ande n Ende des Ganges gewahrte er einen Mann mit einem Licht und Mr. Mullins rief alsbald: „Lloyd, Lloyd, was gibt's denn?“ „Ach, Mr. Mullins, Sir Walter iſt ſehr krank,“ er⸗ wiederte der Mundſchenk.„Sein Kammerdiener und der Kapitän ſind bei ihm, und Grub, der Aushelfer, holt eben den Doktor Starvington. Gehen Sie nur hinein, und ſehen Sie nach, Sir, wiewohl er ſchwerlich in der Verfaſ⸗ ſung iſt, ein Teſtament zu machen.“ „Das iſt Gottlob ſchon fertig!“ bemerkte Mullins und murmelte dann leiſe:„es kann aber auch nichts ſchaden, wenn ich ſeinem Tode anwohne.“ Mit dieſen Worten verfügte er ſich nach des Baronets Zimmer und fand Sir Walter Broughton, wie man hätte glauben können, in feſtem tiefem Schlafe im Bette liegen. An ſeinem Schlummer war jedoch etwas, was ſich nicht mit Worten beſchreiben läßt, und was dem Anwalt nicht natür⸗ lich vorkam. Er ſchnarchte ſehr laut und ſein Athem ging haſtig, ſo daß ſich Mr. Mullins über ſeinen Zuſtand nicht täuſchen konnte, beſonders nachdem er erfuhr, daß Sir Wal⸗ ter an dieſem Krankheitsanfalle aufgewacht ſey, die Glocke zweimal heftig angezogen habe und nach dem Erſcheinen ſeines Kammerdieners und Kapitän Donovan's in dieſen ſchweren Schlummer verſunken ſey. „Er wird nicht mehr erwachen,“ flüſte te Mr. Mullins dem Kapitän ins Ohr.„Wie gut, daß das Teſtament unterzeichnet iſt.“ 26 „Sehr gut, in der That,“ verſeßte⸗Donayan noch lei⸗ ſer.„Ich hoffe, der Doitor wird nicht lange ausbleiben.“ „Sein Kommen wird nicht viel nützen,“ meinte Mullins. „Es iſt doch beſſer, wenn er da iſt,“ erwiederte Donovan mit bedeutungsvollem Kopfnicken und fuhr dann ſo leiſe wie möglich fort:„das Teſtament iſt doch hoffentlich in Ord⸗ nung, Mullins?“. „O ganz M⸗Drdnang gab dieſer mit großer innerer Be riedigung zur Antwort. Wäͤhrend er noch ſprach, erhob der Baronet die Hand, welche auf dem Betttuche lag,— ließ ſie dann zurückſinken, oöffnete die Augen und ſchloß ſie wieder. „Er iſt dahin,“ bemerkte Mullins: und ſo war es auch. Das ganze Haus bekam nunmehr einen Anſtrich der Trauer: Kapitän Donovan war ſehr ernſt und betrubt; die Dienerſchaft ſah höchſt kläglich aus, nur der franzöſiſche Koch hielt ſeine angeborne nationale Heiterkeit aufrecht und lachte an ſeinen Schmorpfannen, während er am andern Tage für Mr. Mullins, Kapitän Donovan und den jungen Sir Brou hton das Mittagsmahl zubereitete. Der Einzige vielleicht, der unter ihnen Allen etwas wie wahren Kummer empfand, war der Knabe, den wir früher in der Bibliothek beim Romanleſen antrafen. Sein Großvater war zwar faſt immer grämlich und widerwärtig, höchſt anſpruchsvoll und zuweilen ſogar ſtreng gegen ihn geweſen, hatte ſich aber auch mehrmal gütig gegen ihn be⸗ bewieſen und war jedenfalls der Einzige, von dem er jemals Freundlichkeit erfahren hatte. Darum betrauerte ihn auch 27 der Knabe aufrichtig und ohne alle Affektation, und zeigte ſich ſein Kummer auch weniger äußerlich als der der An⸗ dern, ſo war er jedenfalls ehrlicher gemeint. Mr. Mullins freilich affektirte keine Spur von Trauer, ſondern war nur ernſt, denn ohne gerade ſehr empfänglich zu ſeyn, liegt doch in dem Tode überhaupt und beſonders in dem Hinſcheiden eines langjährigen Bekannten ein gewiſſes Etwas, was auch auf ihn ſeine Wirkung äußerte. Er ſchüttelte jedoch dieſen Eindruck bald von ſich ab, wie denn auch der Beſtge⸗ artete von uns bei aller Gutmüthigkeit eine heimliche Be⸗ friedigung in dem Gedanken finden wird, wenn wir den arg⸗ herzigen Ränkemacher in ſeinem eigenen Netze gefangen ſet hen, und ſo gewährte ihm die Erwä ung großen Troſt. daß er in Bälde das Teſtament in Kapitän Donovan's Ge⸗ genwart vorleſen dürfe. Endlich nahte der Tag für dieſe Handlung. Eine große Zahl von Sir Walter Broughton's entfernteren Verwandten war verſammelt, um die letzte Willensverfü⸗ gung des Verſtorbenen zu vernehmen; Kapitän Donovan empfing ſie in der alten Bibliothek, wo das Teſtament ver⸗ faßt worden, mit der Miene des Hausherrn, wäh end der junge Baronet, der entweder gar wenig zu erwarten oder ſich nicht viel um das Ganze zu bekümmern, die Sache wohl auch gar nicht zu begreifen ſchien, ſtumm und ſchweigſam an einem Fenſtertiſche ſaß und den Kopf auf die Hand lehnte. Sobald alle Erwarteten beiſammen waren, brachte Mr. Mullins das Teſtament zum Vorſchein, die Diener wurden 28 hereingerufen, denn ſo verlangte es die damalige Landesſitte und das Sie el ward erbrochen. Mr. Mullins verlas deſſen Inhalt mit lauter klarer Stimme, konnte ſich aber nicht enthalten, hie und da mit ſchadenfrohem Blinzeln über das Papier hinweg nach dem würdigen Kapitän zu ſehen, der ihm gerade gegenüber ſaß; er erwartete nämlich ohne Zweifel einen Ausbruch ſeines Zorns, da er des Mannes Erwartungen und ſeine baldige Enttäuſchung kannte. Aber gleich ſein erſter Blick hatte dem Gegenſtande dieſer Aufmerkſamkeit als Warnung gedient. Er verſetzte den Kapitän im erſten Augenblicke in Angſt und Verwir⸗ rung; dann aber nahm Donovan ſeine ganze Geiſteskraft zuſammen— und die war nicht unbedentend— um ſeine Leidenſchaften wenigſtens in ſo weit zu beſchwichtigen, daß ſie vor allen Anweſenden verborgen blieben. 4 So wurde das Teſtament verleſen, wonach das ganze Beſitzthum des Verſtorbenen, Realien wie Perſonalien, ge⸗ nau in der früher beſchriebenen Ordnung auf den Enkel überging;-Mr. Mullins und Kapitän Donovan waren zu Teſtamentsvollſtreckern ernannt und Letzterer zugleich als Vormund des jungen Erben aufgeſtellt. Mullins ſah zu ſeiner großen Ueberraſchung auch nicht eine Muskel in des Kapitäns Geſichte zucken, obwohl ſeine Wange bleicher als gewoͤhnlich war, und als die entfernteren Verwandten ſich um den jungen Baronet verſammelten, um ihm zu ſeiner großen Erbſchaft zu gratuliren, war der Kapitän einer der Erſten, der ihm ſeinen Glückwunſch darbrachte. r 29 Drittes Kapitel. Neben einer wilden Haide am Rande der Straße wuchs ein Glockenblümchen, und ein junger Menſch von etwa neunzehn Jahren, der mit dem Zaume ſeines Roſſes über dem Arm langſam daherſchlenderte, hielt davor an, um es zu pflücken. Es gibt wohl nur wenige junge Leute von neunzehn Jahren, welche daran denken, Glockenblümchen— wenigſtens die aus dem Pflanzenreiche— zu pflücken: ſie haben jene Periode bereits hi ter ſih, die Glut der Leiden⸗ ſcaft iſt bei ihnen heraufgedämmert, der Drang des Ehr⸗ geizes, das Verlangen nach erlaubten und unerlaubten Din⸗ gen iſt bei ihnen angebrochen. Ja wohl nach beiden, denn unter tauſend Fällen ergeben ſich beſtimmt neunhundertneun⸗ undneunzig, wo ein neunzehnjähriger Jüngling, vor deſſen Augen ſich das große Panorama des Lebens eröff et, neben den Keimen all' jener Triebe, welche den Reſt ſeines Da⸗ ſeyns beleben und durchdringen, eine wirre, chaotiſche, un⸗ beſtimmte Maſſe von Wünſchen in ſich trägt; er brennt vor Verlangen nach Beſitz und Genuß, und wo iſt heutzutage der Jüngling, der mit der ganzen großen Welt unverſuchter Freuden vor ſich nach einer Glockenblume greifen wollte? Allein jener Jüngling befand ſich in ebenſo eigenthüm⸗ licher Lage wie Gemüthsverfaſſu g. Seine Gedanken hat⸗ ten durch Erziehung wie vermöge ſeines angebornen Cha⸗ rakters— ich glaube nämlich an angebornen Charakter — eine andere Richtung als bei den meiſten Menſchen ge⸗ nommen, und er ſtand noch auf jener Stufe des Fortſchreitens, 30 wo das friſche Herz die einfachſte Blume auf den Feldern bewundern und ſich an ihr erfreuen kann. Sein Pferd, das nicht ganz ſo ruhig hinter ihm herging, war mit Schaum und Schweiß bedeckt und ſchien vom harten Ritte ganz er⸗ ſchöpft zu ſeyn; der Jüngling dagegen war kühl und ruhig in ſeinem Weſen, als ob es für ihn weder Kampf noch An⸗ ſtrengung gegeben hätte, denn er wandelte wie geſagt mit ruhigem geſetztem Schritte, die Blicke nachdenklich zu Boden geſchlagen, bis ſie auf jene Blume ſielen, vor welcher er ſtille ſtand. Plötzlich jedoch zog er die Hand zurück, welche das Blümchen pflücken wollte, indem er laut vor ſich ſagte: „Nein, blühe nur fort. Warum ſollte ich Dich zu vorzeitigem Verwelken verdammen? Es wird noch bald ge⸗ nug über Dich kommen.“ Und ſo ſetzte er ſich am Rande nieder, wo die Blume wuchs, das Haupt im tiefem Nach⸗ ſinnen auf die Hand ſtützend. Er fühlte keine Leidenſchaft für dieſe Blüthe und es wäre ein Glück für ihn geweſen, wenn er auch beim Erwacheun anderer Triebe ebenſo gehan⸗ delt hätte. Waͤhrend er ſo daſas, kam ein junger, fünf bis ſechs Jahre älterer Mann, ſauber gekleidet, mit einer Mappe unter dem Arm über die Haide gegen ihn hergeſchlende.t; bei jedem Schritte, den er machte, ſchweiften ſeine Augen neugierig über die Landſchaft, und als er ſich auf ungefähr ſechzig Schritte genähert hatte, ſetzte er ſich auf einem kleinen Erdaufwurfe nieder, und machte ſich in aller Gelaſ⸗ ſenheit daran, den Jüngling und ſein Roß zu ſkizziren. 31 Pferde wie Kühe merken es augenblicklich, wenn man ihr Porträt entwirft und wollen ſich dies mit weniger Ei⸗ telkeit als der Menſch in der Regel nicht gefallen laſſen. Wenn mein lieber Leſer jemals verſuchte, eine Kuh abzu⸗ zeichnen, ſo wird er wiſſen, daß das Thier, auch wenn es mit dem Rücken gegen ihn ſteht, doch augenblicklich entdeckt, was er vorhat und auf und davon will. So machte es auch das Pferd: kaum eine Minute, nachdem der Fremde ſeine Skizze angefangen, begann es trotz ſeiner Ermüdung un⸗ ruhig zu ſcharren und da es dabei an dem Zaume zerrte, ſo mußte es natürlich die Aufmerkſamkeit des Jünglings auf den Künſtler lenken.* Man kann in Gefahren keck und verwegen und bei Kleinigkeiten dennoch ſchüchtern ſeyn. Der junge Mann, der dieſes wilde feurige Roß auf ſchwierigem gefährlichem Pfade geritten und ſich etwas darauf zu gut gethan hatte, daß er ſeinen Muth gebändigt und ſeine wilde Kraft ge⸗ zähmt hatte, fühlte ſich verlegen beim Anblick eines Unbe⸗ kannten, der ihn ſkizzirte. Er wäre gerne hingegangen, um das Porträt zu ſehen, und beſaß doch nicht Muth ge⸗ nug, um dies auszuführen, mochte aber auch ebenſowenig ſtillſtzen und ſich abzeichnen laſſen. Es mochte dabei wohl etwas Citelkeit mit unterlaufen, denn er dachte gewiß nicht, daß man ſein Rößlein ohne ihn abzeichne; als er ſich aber endlich zum Auſbruche entſchloß, erhob der Fremde ſeine Stimme und rief ihm zu: „Wenn Ihr die Güte haben und noch einen Augenblick 32 warten wolltet, würdet Ihr mich ſehr zu Dank verbinden. Ich brauche ein Pferd für meinen Vordergrund.“ Das Thier war jedoch bereits aus ſeiner Haltung ge⸗ kommen, und es war nothwendig, es wieder zurecht zu ſtel⸗ len. Dies führte zu einem kurzen Zwiegeſpräch zwiſchen den beiden Jünglingen, und nachdem die Skizze fertig und genugſam bevundert war, wanderten ſie zuſammen im freundlichſten Geplauder über die Wieſe. Dies darf den Leſer vielleicht nicht allzuſehr Wunder nehmen und zwar aus zweierlei Gründen. Erſtens hatte der junge Sir Theodor Broughton kaum einen Bekannten auf der Welt, und der junge Maler war frank und frei in ſeinem Weſen und dabei von den feinſten anſpruchloſeſten Manieren. Er war ohne Zweifſel in guter Geſellſchaft au⸗gewachſen und ſein Lebenlang an ſolche gewöhnt: Alles, was er that, gerchah mit Leichtigkeit und er ſchien keinen Begriff davon zu haben, wie man überhaupt linkiſch ſeyn könne: dabei aber war ſeine Unterhaltung trotz alles Man⸗ gels an krankhafter Empfindlichkeit voll der ſinnigſten Ein⸗ fälle, zuweilen nur gar zu wild und flüchtig, aber mit einer Tiefe der Gedanken, die ſich wie die ernſteren Töne einer Harfe über das Ganze ergoß und mit manchen Charakter⸗ zügen in Theodor Broughton's Gemüth ſehr wohl har⸗ monirte. „Es muß ein großes Vergnügen ſeyn, ſo wie Ihr zeichnen zu können,“ meinte der Letztere im Weitergehen. „Darf ich fragen, ob Ihr ein Maler von Beruf ſeyd?“ „Das nicht gerade,“ erwiederte der Fremde.„Es iſt 33 in der That ein großes Vergnügen, wenn man auch nur un vollkommen wie ich zu zeichnen verſteht, und dieſes Ver⸗ gnügen hat tauſenderlei Abſtufungen, von denen jede ihre eigenthümlichen Früchte trägt. Oſt wenn ich allein bin, über⸗ ſchlage ich die Skizzen, die ich vor Jahren fertigte, und bei der Betrachtung tritt nicht allein die Scene ſelbſt mit ihrer ganzen duftigen Perſpektive vor mein Gedächtniß— auch die Perſonen, die ich dabei geſehen, die Geſichter, die mir dabei zugelächelt, die Stimmen, die mein Herz froh gemacht, kehren wieder in meine Erinnerung zurück, als wäre die Zeit vernichtet, das Werde' des Schickſals zurückgenommen und als könnte das Grab ſeine Todten zurückgeben. Und dann wiederum, wenn ich ſo manchen heiteren Traum der Fantaſie mit Pinſel oder Bleiſtift feſtzuhalten ſuche, kann ich mich niederſetzen und eine Scene des Glücks, wie ich mir's vor⸗ ſtelle, nach Herzensluſt ausmalen, kann ſie mit Menſchen, wie ich ſie gerne vor Augen habe, bevölkern und— was noch das Beſte iſt von Allem— ich darf überzeugt ſeyn, daß ſie nicht verrathen noch betrügen, weder verläumden noch zerſtören, daß ſie im Gegentheil Gebilde der Wahrheit ſind— der Wahrheit meiner Fantaſte, die ich oft als die einzige Wahrheit, welche auf Erden zu finden, betrachten möchte.“ Sein junger Gefährte beſann ſich eine Weile. Er beſaß nur wenig Uebung im Ausdrucke ſeiner Gefühle und Gedanken, und wenn er auch die Fähigkeit hiefür beſaß, ſo war er doch zu ſchüchtern, um deren Anwendung zu ver⸗ ſuchen. A James. Th. Broughton. 3. noch Schätze zu gewinnen vermag. Wie gut waͤre es für 34 „Das ſcheint mir mehr ein Vergnügen, das aus der Ideenaſſociation als aus der Handlung ſelbſt hervorgeht,“ bemerkte er endlich.„Ich kann mir nämlich nicht anders denken, als daß es koſtbar ſeyn muß, wenn man ſich nur ſo niederſetzen darf und alles Schöne, was einem begegnet, aufzeichnen kann.“ „O ich verſtehe,“ verſetzte der Fremde;„Ihr meint, die Schönheit, die uns entzückt, zu analyſiren, ſie in ihre Elemente zu zerlegen und die einfachen Mittel zu bewun⸗ dern, mit denen der Allmächtige aus wenigen Farben und Linien, aus einigen Abſtufungen und Gegenſätzen von Licht und Schatten ſo wunderbar liebliche und oft ſo großartige Effekte hervorgebracht hat; und dann— wie unendlich gü⸗ tig war es von ihm, daß er des Menſchen Seele mit der weiten Schöpfung in ſolche Harmonie geſetzk hat, daß jeder Anblick uns verſchiedenartig berührt, wie wenn das große Ganze ein mächtiges J ſtrument wäre zum Lobe des Höch⸗ ſten auf dieſer Erde.“ Theodor Broughton drehte ſich um und betrachtete ihn nicht ohne Ueberraſchung. Noch nie hatte er ſolche Worte vernommen; aber ſie enthielten für ihn eine wichtige Lehre, die nämlich, daß ſich aus den einfachſten Dingen ohne an⸗ ſcheinende Tiefe die höchſten Gedanken und Gefühle ableiten laſſen. Er bekam hier zum erſten Mal eine Ahnung da⸗ von, daß der ernſte Denker aus Allem und Jedem etwas Geiſtvolles hervorzulocken, daß er ſogar aus dem Felſen * 35 ihn geweſen, wenn er dieſe Lehre beſſer aufgefaßt hätte! aber auch ſo blieb ſte nicht ohne Wirkung. Der Fremde bemerkte wohl ſein plötzliches Umſchauen und Verſtummen und verſetzte lachend: „Ihr haltet mich für einen Enthuſiaſten— dem iſt aber nicht ſo. Ich ſuche blos aus allen Dingen den höch⸗ ſten Grad von Genuß abzuleiten und weiß, daß wir, wenn wir blos an der Oberfläche haften, die köſtlichſten Gaben des Himmels verlieren. Das Gold liegt tief im Schacht; der Diamant verſchleiert den Born ſeines Lichts, bis er ge⸗ ſchnitten wird, und wenn die Seele des Menſchen den Reich⸗ thum und die Pracht des Weltalls begreifen will, muß ſie tief und anhaltend nach deſſen Schätzen graben. Dieſe Lehre wurde mir durch ein Inſekt.— Ich ſtand eines Tags be⸗ wundernd vor einer Maſſe wilder Blumen, als ich bemerkte, wie eine Biene von Blüthe zu Blüthe flog, wie ſie bei jeder einen Augenblick verweilte, wie ſte tief in die Glocke oder den Kelch eintauchte und dann mit ihrer Beute davon eilte. Da ſagte ich zu mir ſelbſt: alle Blüthen haben ihren Honig; wer ihn aber finden will, muß ihn erſt ſuchen.“ „Gedenkt Ihr lange in dieſem Theile des Landes zu bleiben,“ fragte der junge Baronet, indem er dem Geſpräche plötzlich eine andere Wendung gab. „Nein, nicht lange,“ gab ſein Begleiter zur Antwort. „Ich war von jeher ein paſſionirter Wanderer, der von Ort zu Ort eilt, aber ſogleich wieder aufbricht, ſobald er einen Punkt nur im mindeſten ſatt hat. Ich werde vielleicht von jetzt an mit mehr Stetigkeit an einem Berufe, an einer 3& 36 Stellung feſthalten müſſen, denn meine Wanderungen waren ſeither nicht ganz freiwillig, und wenn ich zur Stadt zurück⸗ kehre, was wohl in einigen Tagen geſchehen wird, ſo werde ich vermuthlich mehrere Monate daſelbſt verweilen.“ „Ich möchte London ſehr gerne ſehen,“ ſagte der junge Mann nachdenklich.„Wohnt Ihr gewöhnlich daſelbſt?“ „Für die nächſte Zeit— ja,“ gab der Andere zur Ant⸗ wort, indem ein leichter Schatten uͤber ſeine Züge flog, der vielleicht von dem Gedanken herrührte, daß man eine Ein⸗ ladung von ihm erwarte.„Habt Ihr denn London noch nie geſehen?“ fuhr er gutmüthig fort.„ECi, das ſolltet Ihr jedenfalls in Augenſchein nehmen. Wie eigen, daß es dieſ⸗ ſeits des Oceans noch einen Menſchen geben ſoll, der die Hauptſtadt der Welt noch nicht geſehen hat! Gehörtet Ihr zu meinen guten Freunden, den Mohawks, da ließe ſich's noch begreifen; an einem jungen Mann Eurer Art aber kann ich es wahrlich nicht recht verſtehen.“. „Das iſt leicht zu erklären,“ erwiederte der junge Mann faſt traurig.—„Mein Vormund will es nicht haben. Er ſagt, es ſey noch ſpäter Zeit genug, denn London ſey ein laſterhafter verdorbener Ort.“ „Wer iſt Euer Vormund?“ forſchte plötzlich ſein Be⸗ gleiter, indem er gleich darauf, um das Unpaſſende dieſer Neugierde zu mildern, beifügte:„er muß ein höchſt ſonder⸗ barer Mann ſeyn.“ „Wie ſo?“ fragte Sir Theodor. „Da Ihr mich fragt, ſo will ich Euch ſagen, warum ich ſo denke,“ bemerkte der Andere lächelnd nach augenblick⸗ 37 licher Pauſe.„Euer Vormundſetzt Euch hier auf einen verteu⸗ felt feurigen Braunen, auf dem ihr nebſt dem Roſſe ſehr leicht den Hals brechen könnt, während es doch wahrſcheinlich gar nicht nöthig war, daß Ihr jemals ein ſolches Thier beſtie⸗ get, oder mit Lebensgefahr zu zähmen verſuchtet, wenn Ihr nicht etwa— was ich kaum glaube— beſtimmt ſeyd, ein Stallmeiſter oder Roſſebändiger zu werden; und doch will er Euch nicht nach London laſſen, wo die Gefahren für Eu⸗ ren Charakter vergleichungsweiſe nur gering ſind, wenn er Euch eine gute Erziehung gegeben hat, wäh end jene Ge⸗ fahren noch überdies gar manche Lehren enthalten, die Ihr in Eurem Leben doch einmal empfangen müßt. Dies veran⸗ laßte mich zu der Behauptung, er müſſe ein ſonderbarer Mann ſeyn, und darum fragte ich nach ſeinem Namen.“ „Sein Name,“ gab der junge Mann zur Antwort, „iſt Donovan— Kapitän Donovan.“ Bei dieſem Namen kam ein ernſter, beinahe finſterer Anſtrich über das Geſicht ſeines Gefährten, und er ſchwieg eine Zeitlang, bis er endlich erwiederte: „Dann ſeyd Ihr Sir Theodor Broughton?“ „Derſelbe,“ entgegnete der junge Mann.„Kennt Ihr Kapitän Donovan?“ „Ich hab' ihn ſchon geſehen,“ verſetzte der Fremde. „Ich hab' ihn geſehen und kann wohl ſagen, daß ich mit ihm bekannt bin. Ich meine, er ſey jetzt eben von England abweſend— oder nicht?“ „O ja,“ gab Sir Theodor zur Antwort;„er bringt jedes Jahr einige Monate im Ausland zu. Jetzt aber, da 38 Ihr meinen Namen kennt, iſtes vielleicht nicht unpaſſend, wenn ich um den Eurigen bitte.“ „Unpaſſend gewiß nicht,“ erwiederte der Fremde gut⸗ müthig lächelnd;„gleichwohl muß ich aus beſonderen Grün⸗ den noch eine Zeitlang zu warten, bis ich Euch meinen Namen nennen kann. Wollt Ihr heute in den kleinen Dorfzaſthof, Henne und Küchlein genannt, kommen und mit mir zu Mittag ſpeiſen, dann will ich Euch mehr davon ſagen. Ich brauche wohl nicht beizufügen,“ ſetzte er mit etwas ſtolzer Miene bei,„daß ich durch Geburt, Erziehung und Gewohnheit ein Gentleman bin, und ich glaube kaum, daß Ihr nach dem, was Ihr von mir geſehen, annehmen werdet, als ob ich zu jenen Stadtleuten gehöre, vor deren verderblichem Umgange Euer Vormund ſich ſo ſehr fürchtet.“ „O ich komme von Herzen gerne,“ erwiederteder junge Mann in heiterem Tone;„mein Vormund iſt fort, ſo daß ich ganz mein eigener Herr bin. Um welche Stunde?“ „Um vier Uhr will ich Euch erwarten,“ entgegnete der Andere.„Adieu für jetzt;“ und während Sir Theodor den Fus in den Steigbügel ſetzte, ſchlug der F emde einen Pfad zur Rechten ein, hörte aber gleich darauf von Neuem die Stimme des jungen Baronets, welcher ihm nachrief: „Unter welchem Namen ſoll ich nach Euch fragen?“ „O! fragt nur nach dem Kapitän; man nennt mich dort den Kapitän und kennt mich unter keinem andern Namen,“ lautete die Antwort, worauf die Beiden höchlich zufrieden von einander ſchieden. — 39 Viertes Kapitel. Während Theodor ſeinen Weg nach der Halle verfolgte, kehrte der Gentleman, mit dem er ſo zufällig Bekanntſchaft gemacht hatte, in leichtem elaſtiſchem Schritt nach dem Doörfchen zurück, das, wie ich bemerken muß, ein ziemlich altmodiſcher Ort war, wie man ihn noch vor ſechzig Jahren in England treffen konnte. Leider haben dieſe Dörfer des einſt ſo luſtigen Englands eine traurige Veränderung er⸗ litten. Es ſind noch Bilder genug davon übrig, welche uns zeigen, wie ſie waren, und ich will mich mit der Be⸗ ſchreibung des einen nicht aufhalten, denn der Gegenſatz von dem, was er war und nunmehr iſt, möchte etwas gar zu melancholiſch ausfallen. An der Kirche vorüber, welche mit ihrem Kirchhof und deſſen Ulmen, mit dem Eiſengitter und den Grabſteinen, mit den Monumenten altadeliger, längſt ausgeſtorbener Familien die eine Seite eines unregelmäßigen, mehrere Mor⸗ gen großen Raſens bildete, wandelte der junge Fremdling mit dem Skizzenbuch unter dem Arm durch verſchiedene fröhliche Kindergruppen, welche zwar nicht in ihrem Sonn⸗ tagsanzug, aber doch reinlich und anſtändig gekleidet waren, und jenes geſunde Roth auf den Wangen, überhaupt jene muntre Friſche zur Schau trugen, welche uns bei ihrer jetzigen Seltenheit zu dem Glauben verleitet, als ob die Schilderungen aus damaligen Zeiten— ſey es nun mit dem Pinſel oder der Feder— an's Romanhafte ſtreifen. Heiter und fröhlich zog der junge Gentleman weiter, tätſchelte 40 hier einen jungen Knirps auf den Kopf, kneipte dort einen zweiten in die Wange oder ſprach ein ſreundliches Wörtchen zu einem dritten; auch wurde er faſt von Allen mit Knixen und Bücklingen, manchmal mit Erröthen, manchmal mit Lächeln, zuweilen wohl auch mit ſcheuem Blicke begrüßt, als ob ſie ihn Alle kennten und liebten, weil ſie fühlten, daß er mehr auf dem Fuße des Freundes als des Fremdlings mit ihnen ſtehe— und doch war er, ſo lange er lebte, nicht über vier bis fünf Tage in dem Orte geweſen. Am entfernteren Ende des Raſens, wo dieſer, all⸗ maͤlig ſich verengend, zur guten breiten Landſtraße wurde, auf jeder Seite mit einer Baumreihe nebſt Fußpfade einge⸗ faßt, ſtand die kleine Herberge zur Henne und Küchlein⸗ mit einem nicht übel gemalten Schild, der die zartbefiederte Mutter mit ihrer jungen Brut darſtellte. Sey es nun, daß der Boden rings um das Haus höher gevorden— es gilt nämlich als Lehrſatz in der Naturphiloſophie wie in der Moral, daß der Schmutz ganz entgegen den gewöhnlichen Anſichten ein Streben hat, in die Höhe zu ſteigen— oder daß der urſprüngliche Gründer des Hauſes ein Mann von niedriger Geſinnung war, ſo viel iſt gewiß, daß man von dem F. ſpfade aus zwei Stufen tief in den Gaſthof hinab⸗ ſteigen mußte. Gleichwohl hatte dieſes eingeſunkene Stock⸗ werk durchaus nichts Dumpfes oder Ungelundes an ſich. Die Feiſter waren zwar nicht groß und die Scheiben ſogar ſehr klein, denn dazumal gab es in England nur wenig große Fenſter, und die Scheiben waren durchſch ittlich ſehr ſchmal; aber dennoch leuchtete die Sonne fröhlich in das 41 Zimmer; der Flur war ſo ſauber wie ein neu gemangtes Tiſchtuch, und der Hausgang mit goldgelbem Sande be⸗ ſtreut. Auch die Wirthin(denn Gaſtwirth war keiner vor⸗ handen) war nach damaligem Ausdrucke ſſo blank und nett, wie eine friſchgeſchälte Rübe; ihre Schürze und Haube wetteiferten mit einander an Weiße und ihr Geſicht leuch⸗ tete wie ein wohlerhaltener Roſenapfel. An ſie wollte ſich der junge Fremdling eben wenden; allein die gute Wirthin, welche den vollen Scharfblick ihres Berufes beſaß und wenigſtens eine der Lieblingsneigungen ihres Gaſtes— daß er ſich nämlich auf ſeine Zeichnungen etwas zu gute that— entdecht hatte, ließ ihn gar nicht dazu gelangen, das beabſichtigte Gaſtmahl zu beſtellen, ſon⸗ dern kam ihm mit den Worten zuvor: „Aha, Kapitän, Ihr ſeyd wieder mit Eurem Skizzen⸗ buch drausen geweſen. Gewiß habt Ihr wieder einige hübſche Anſichten von unſerem armſeligen Oertchen mitge⸗ bracht. Bitte, bitte, laßt mich's doch anſehen.“ „Sogleich, ſogleich, meine gute Frau,“ erwiederte der Fremde.„Nur laßt mich zuvor eine Minute mit Euch reden; die Zeichnungen ſollt Ihr dann ſpäter ſehen. Ich habe nämlich etwas für Euch zu thun, und es bleibt Euch nicht viel Zeit dazu übrig. Ich erwarte heute einen Gent⸗ leman zum Mittageſſen, und Ihr müßt bis vier Uhr ein kleines Diner für uns zurichten, ſo gut Ihr's noch zu Stande zu bringen vermögt.“ „Ci freilich, freilich, liebſter Kapitän,“ ſchmunzelte die Wirthin.„Ich ſtehe ganz zu Euren Dienſten. Auch 42 wuöte ich recht wohl, daß Ihr ihn zu Tiſche bitten würdet. Er iſt erſt vor einer halben Stunde fortgegangen, und iſt ein merkwürdig komiſcher Gentleman.“ „Aber ums Himmelswillen, wen meint Ihr denn, Mrs. Gillespie?“ fragte ihr Gaſt.„Ihr werdet doch Sir Theodor Broughton nicht einen komiſchen Gentleman nen⸗ nen wollen?“ „Ha, ha, ha!“ kicherte die Wirthin, daß ſie ſich die Seiten halten mußte.„Nein, das iſt gut, Kapitän! Sir Theodor Broughton! Ei Gott bewahre! Ich meine den ſchlanken hagern Herrn mit einer Naſe, wie ein Krähen⸗ ſchnabel, zwei kleinen Augen und einem Knebelbart. Er hat ſich heute Morgen angelegentlich nach Euch erkundigt, wollte wiſſen, wo Ihr hingegangen ſeyd, und ſagte endlich, er wolle einen kleinen Ausgang machen und Nachmittags wieder vorſprechen.“ „Das trifft ſich unglücklich,“ murmelte der junge Gent⸗ leman mit keineswegs zufriedener Miene.„Er iſt gerade der Letzte, mit dem ich dieſen Jüngling zuſammenbringen moͤchte, denn er wird ihn am wenigſten begreifen.— Wie war er angekleidet, Mrs. Gillespie?“ „O! höchſt poſſierlich,“ erwiederte die Wirthin.„Er trug einen langen blau ausgeſchlagenen Frack mit ſilbernen Borten und ditto Knopflöchern, eine geſtickte Weſte, die ihm nur halb uͤber den Magen reichte, und darunter ein Paar Lederhoſen und Kappenſtiefel, welche um eben ſo viel zu lang ſchienen, als die Weſte zu kurz war. Was mir aber am ſonderbarſten vorkam, war, daß er zwei große Löcher in 43 den Ohren trug und das Haar in einen armsdicken Zopf zuſammengebunden hatte.“ „Nun, es hätte noch ſchlimmer ausfallen können,“ meinte der junge Gentleman trocken;„ich hätte mir's faſt noch ſchlimmer gedacht.“ „Schlimmer! Gott ſey mir gnädig, Kapitän!“ rief die Dame, als ob die Verſicherung ihren Glauben weit überſteige.„Wie! noch ſchlimmer als ſolch' poſſierliche Kleidung?“ „Als ich ihn zum erſten Male ſah, hatte er gar keine Kleider an ſich,“ erwiederte ihr Gaſt. „Ei pfui, liebſter Sir! ſo ſchämt Euch doch!“ kreiſchte die gute Frau.„Ihr wollt doch nicht ſagen, daß er ganz nackt war, Sir?“ „Allerdings,“ verſetzte der junge Gentleman,„wenn Ihr nicht etwa das eine Kleidung nennen wollt, daß er einen Federbüſchel auf dem Kopfe und zwei Menſchenkno⸗ chen in jenen Ohrenlöchern trug.“ „Ei du allmächtige Güte!“ jammerte die Dame mit emporgehaltenen Händen.„Der Mann muß ja rein toll ſeyn— ich dachte mir auch ſo etwas, ich kann es Euch ver⸗ ſichern.“ „Nein, nein,“ rief der junge Gentleman, der ſich zwar an dem Erſtaunen ſeiner Wirthin höchlich ergötzte, aber doch die Reputation ſeines F eundes nicht zu ſchmälern wünſchte,„er iſt und war nie toll, Mrs. Gillespie, lebte aber lange Zeit unter den Wilden.“ „Ah, das mag ſeyn,“ tröſtete ſich die gute Frau; 44 „und wahrlich einen garſtigen Wilden würde er abgeben; aber ich hoffe, Kapitän, Ihr werdet ihn doch hier mit ſeinen wilden Streichen nicht aufnehmen. Ich müßte ja fürchten, daß er die kleinen Kinder aufſpeiſe.“ „Gott behüte, gute Frau,“ war die Antwort;„er iſt ſo gutherzig wie nur Einer. Ihr müßt ihn im Gegentheil, falls er vor Sir Theodor ankommt, bis zur Beendigung meines Mittagsmahles hier unten behalten und Euch ſo gut Ihr könnt mit ihm beluſtigen. Sagt ihm nur, ich habe einen Gentleman zu Gaſte, reicht ihm eine tüchtige Portion Punſch und gutes Eſſen, und er erzählt Euch alle möglichen ſonderbaren Dinge, die er in fremden Landen ge⸗ ſehen. Ihr müßt wiſſen, jener Gentleman rettete mir einſt das Leben,“ Mit dieſem Winke und bezeichnendem Kopfnicken wen⸗ dete er ſich nach ſeinem eigenen Zimmer, indem er mit be⸗ dauerndem Lächeln vor ſich hinmurmelte: „Und er hat mich ſeitdem durch ſeine Sonderbarkeiten gar oft dafür bezahlen laſſen. Meiner Treu! ich muß die heißhungrige Krähe nach Kanada oder den Sandwichinſeln, oder ſonſtwohin zurückſchicken.“ „Die'heißhungrige Krähe!““ rief Mrs. Gillespie, welche ihm unbemerkt gefolgt war, und die letzten Worte gehört hatte;„Gott ſey mir gnädig, Sir— nennt Ihr ihn eine heißhungrige Krähe'?“ „Nein, nein, nein,“ rief der junge Gentleman lachend. „Das war ſein Name unter den Cherokeſen; ſie tituliren nämlich ſich ſelbſt und ihre Freunde mit den Namen von 45⁵ Vögeln, von wilden Beſtien oder ſonſtigen Naturgegenſtän⸗ den. Sein eigentlicher Name iſt Major Brandrum, ein höchſt galanter, ehrbarer, trefflicher Mann, wovon Ihr Euch bei längerem Geſpräche ſelbſt überzeugen werdet.“ „Nun ja, Sir, ich will Alles thun, was Ihr ver⸗ langt,“ verſicherte Mrs. Gillespie,„denn Ihr habt Euch immer ſehr freundlich in meinem Hauſe betragen; aber Ihr ſeyd doch gewiß, daß er kein Fleiſchfreſſer iſt?“ Ihr junger Gaſt beruhigte ſie über dieſe menſchengefähr⸗ lichen Gelüſte, die ſie, wie er wohl verſtand, ſeinem Freunde unter dem Ausdrucke„Fleiſchfreſſer“ zuzuſchreiben geneigt war, und ſo verſtrichen zu ſeiner großen Beruhigung zwei Stunden und es ſchlug endlich vier Uhr, ohne daß ſich Ma⸗ jor Brandrum gezeigt hätte. Sir Theodor Broughton ſtellte ſich pünktlich ein und betrat das kleine Wohnzimmer des Reiſenden mit jenem deprimirten Ausdrucke in ſeinem Geſichte, der in einem Antlitze, worin die Zeit noch keine Runzeln eingegraben hat und wo die einzigen Furchen von augenblicklicher Sorge herrühren, ſo peinlich zu betrachten iſt. Er hatte ſeit ihrer Trennung über die Worte des Fremden nachgedacht; ſie hatten ihm neue Ideenreihen eröffnet— neue Fragen für Herz und Geiſt, und er ſehnte ſich, wie der Andere ihm an⸗ gedeutet hatte, das weite Weltall zu erforſchen und Ant⸗ worten zu erhalten, welche noch wichtigere Fragen anbahnen ſollten. Er war darauf gefaßt, denſelben Gang der Unter⸗ haltung wieder aufzunehmen; allein die Stimmung ſeines Gefährten hatte ſich aus irgend welchem Grunde geändert: 46 er mochte nicht länger bei ernſten Gegenſtänden verweilen, ſondern ſprach frei und munter, wiewohl nie frivol und un⸗ belehrend über das, was die Menſchen die Welt zu nennen pflegen. Mrs. Gillespie und ihre Köchin hatten ihr Beſtes gethan, um einem der Lieblingsgäſte des Hauſes das zier⸗ lichſte Diner, das nur irgend aufzutreiben war, zu ſerviren, und ihre Bemühungen waren in der That höchſt erfolgreich geweſen. Auch der Wein war gut, und mag einer auch noch ſo geiſtig konſtituirt ſeyn— ſeine Laune wird ſteigen, ſein Herz wird ſich unter dem Einfluſſe der guten Dinge dieſer Welt erleichtert fühlen, ſo lange die Materie an den Geiſt geknüpft und das Band durch Geſundheit zuſammengekittet iſt. Sir Theodor Broughton legte bald ſeine ernſte nach⸗ denkliche Miene ab, plauderte und lachte heiter mit ſeinem Geſellſchafter, und horchte eifrig auf manche Erzählung und Anekdote aus dem Londoner Leben, womit der Andere ſeine Unterhaltung bereicherte. Wir dürfen nicht verſchweigen, daß der Kapitän ihn bewachte und die Wirkung ſeiner Worte, den Wechſel in den Mienen des jungen Mannes beobachtete, welcher bei der Schilderung von ſo mancherlei Zeitvertreib und Luſtbarkeiten einen regen lebhaften Geiſt verrieth, ſo daß der Aeltere endlich ſelbſt zu ſich ſagen mußte: „Vielleicht daß der Vormund im Ganzen doch Recht hat. Ohne einen zuverläſſigen Begleiter könnte Alles, was an dieſem Jünglinge gut und edel iſt, unter den Lockun⸗ gen der Hauptſtadt verloren gehen.“ 1 Mittlerweile war die Frage nach ſeinem Namen ganz 47 in Vergeſſenheit gerathen. Ueber dem Reize ſeiner Geſell⸗ ſchaft war dieſer Sir Theodor ganz gleichgültig geworden, und mit einem Leichtſinne, der bei ihm nur allzuhäufig und verderblich war, modelte er ſeine Gedanken nach denen des augenblicklichen Gefährten, ohne ſich ſeiner frühern Ge⸗ danken und Gefühle zu erinnern. Ein ſolches Chamäleons⸗ gemüth, das ſeine Färbung von der nächſten Umgebung annimmt, iſt, unähnlich der Haut jenes Thieres, ganz dazu geeignet, dem Betreffenden weit eher Gefahr als Schutz zu bringen. Freilich läßt ſich zu ſeiner Entſchuldigung an⸗ führen, daß dies für den jungen Mann der erſte Geſellſchafter war, der ſolchen Namen wirklich verdiente. Sein Vor⸗ mund— oft abweſend— war in ſeiner Gegenwart immer ernſt und ſtreng, geſtattete ihm zwar allerlei gefährliche Ge⸗ lüſte und abmattende Körperübungen, ſcheuchte aber jedes Vertrauen von ſeiner Seite zurück und behandelte ihn im⸗ mer noch als bloßen Knaben. Von ſeinem Hofmeiſter wer⸗ den wir ſpäter noch mehr zu ſehen bekommen, und es wird uns dann klar werden, daß er für ihn weder zum Freunde noch zum Gefährten taugte. Sonſt kam er blos mit Ge⸗ ſchäftsleuten und Lehrmeiſtern, mit dem Ortsgeiſtlichen— einem Pfarrer nach altem Schnitt, der weit häufiger auf Jagdrennen als am Betpulte zu treffen war— und der Dienerſchaft in Berührung. Welche Erleichterung, wel⸗ chen Genuß konnte es ihm gewähren, wenn die gefeſſelten Gedanken lange Zeit in der engen Zelle des eigenen Bu⸗ ſens verſchloſſen waren, und jeder, der ihm nahe kam, nur ein Gefangenwärter ſchien, der die Entfliehenden zurück⸗ 48 zubringen trachtete, wogegen er jetzt einen verwandten Geiſt getroffen hatte, der ſie nach Belieben umherſchweifen ließ, der ſie ſogar noch— und wäre es auch nur auf eine Stunde — zum Ausbrechen ermunterte! Kein Wunder, daß der junge Mann dieſer Lockung nachgab. Mitten in der angenehmſten Unterhaltung, wie ſie Sir Theodor Broughton noch niemals zu Theil geworden, wurde er plötzlich von fremdartigen Lauten unterbrochen, welche mit ſeinen und ſeines Freundes Worten nichts gemein hatten. Zuerſt kam ein lauter Kriegsruf, daß der Boden unter ih en Füßen erzitterte, dann ein Geheul, das wohl wie Muſik klingen ſollte, während die Worte des Geſanges dem jungen Manne gänzlich unverſtändlich waren, trotzdem daß einzelne artikulirte Laute durch die dünnen Zwiſchenwände herauf⸗ drangen. Sein Gefährte ſchien anfänglich etwas verdrieß⸗ lich, lächelte aber bald wieder, und dem Grundſatze folgend, daß man den Ochſen bei den Hörnern packen müſſe, be⸗ merkte er endlich: „Das iſt ein Freund und Kriegskamerad von mir, Sir Theodor— ein höchſt excentriſcher, aber ſonſt trotz mancher wirklicher wie ſcheinbarer Fehler ein äußerſt ehrenwerther Charakter. Errrettete mir einſt in Kanada das Leben, und wie dies bei warmherzigen Menſchen öfters begegnet, ſcheint er jetzt zu glauben, jene That habe ihm die Pflicht auferlegt, die Gelegenheit mir zu dienen noch öſter aufzuſuchen.“ „Aber warum ſpeist er nicht mit uns?“ fragte der junge Baronet;„es hätte mir großes Vergnuͤgen gemacht, eine ſolche Perſon zu treffen.“ 49 „Er war erſt heute Morgen da, um nach mir zu fra⸗ gen,“ erwiederte der Andere;„überdies hättet Ihr ihn bei einem kurzen Zuſammenſeyn wohl kaum verſtanden und wäret vielleicht nicht wenig überraſcht und keineswegs er⸗ freut geweſen über die Geſellſchaft wie über die Unterhal⸗ tung eines Mannes, welcher längerer Bekanntſchaft bedarf, um wahrhaft geachtet zu werden. Doch horch! ich glaube, er kommt die Treppe herauf.“ Indem er noch ſprach, hörte man einen ſchweren Fuß⸗ tritt herauftrappen, der wohl einem Manne, wie Mrs. Gillespie ihn beſchrieben, angehören mochte; als aber die Thüre aufging, kam eine ganz andere Perſon als⸗Sir Theo⸗ dors Freund erwartet hatte— kurz Niemand anders als Kapitän Donovan kam zum Vorſchein. Seit der Zeit, da ich dieſen Gentleman dem Leſer zum erſten Male vorgeführt, war eine beträchtliche Aende⸗ rung mit ihm vorgegangen. Die Kränkung, die er in Folge von Sir Walter Broughton's Teſtament erfahren, war zwar ohne allen äußern Ausdruck geblieben, hatte aber dafür innerlich um ſo wirkſamer gearbeitet; er war in Allem, was ſeinen jungen Mündel betraf, finſter und mür⸗ riſch in ſeinem Benehmen geworden. In größerer Geſell⸗ ſchaft konnte er ſo friſch und ſprudelnd ſeyn wie immer; aber ſchon der bloße Anblick Sir Theodor Broughton's ſchien einen finſtern Geiſt in ihm heraufzubeſchwören, dem er viel⸗ leicht etwas zu viel nachgab, wenn man bedachte, daß er ſich einen Einfluß auf den jungen Mann zu ſichern wünſchte. Auch ſeine Kleidung war reicher und koſtbarer wie früher, James. Th. Broughton. 4 50 und— war es nun dierer Beiſatz in ſeinem Koſtuͤm oder kam es von ſonſtigen zuſälligen Urſachen, wie ſie gelegent⸗ lich unabhaͤngig von den Verheerungen der Zeit Verände⸗ rungen in der menſchlichen Geſtalt bewirken— er ſab jeden⸗ falls bedeutend jünger aus als zur Zeit vor Sir Walter's Tode. Diesmal zeigte ſeine Stirne, welche ſaſt immer umzogen war, ſo bald er ſich in dieſem Theile des Landes befand, weit finſterere Wetterwolken denn ſonſt, und ſeine Augen firirten den jungen Baronet, der ſich vor ihrem Blicke zu beugen ſchien. „Ei, Theodor,“ begann er,„das iſt ein rechtes Vaga⸗ bundenleben. Ich wußte nicht, Sir, daß Ihr während meiner Abweſenheit außer dem Hauſe zu ſpeiſen pflegtet. Wer iſt denn Euer Wirth? Ah, Kapitän Lisle!“ fuhr er fort, nachdem er Sir Theodor's Gefährten einen Augenblick betrachtet hatte.„Euer ganz ergebenſter Diener, Sir; ich hatte Euch anfänglich nicht erkannt. Ich fühle mich be⸗ ſonders verpflichtet für Eure freundliche Aufmerlſamkeit gegen Sir Theodor Broughton; Ihr werdet mir jedoch die Bemerkung erlauben, daß ich es bei ihm für klüger halte, wenn er ſich während meiner Abweſenheit auf die Bekannt⸗ ſchaften meiner Wahl beſchränkt und Eures Theils—“ „Haltet einen Augenblick, Kapitän Donovan,“ fiel Re⸗ ginald Lisle ruhig, aber mit ſehr bezeichnendem Tone ein; „Sir Theodor Broughton's Benehmen mögt Ihr nach Belieben tadeln, denn dazu ſeyd Ihr wohl berechtigt; das meinige aber rathe ich Euch unangefochten zu laſſen, oder zuvor zweimal zu überlegen, was 3 dhr ſagen wollt, denn 51 Ihr ſcheint mir jetzt eben etwas erhitzt, und wenn ich es auch meiner Seits durchaus nicht bin, ſo werde ich doch keines⸗ wegs eine unfreundliche Bemerkung ruhig hinnehmen.“ Kapitän Donovan biß ſich auf die Lippen und ſchwieg einen Augenblick, bis er endlich in kaltem etwas ſarkaſtiſchem Tone erwiederte: „Glaubt ja nicht, Sir, daß ich im Begriffe war, ir⸗ gend etwas zu ſagen, was Eure wohlbekannte Kampfluſt hätte erregen können. Ihr habt ohnehin in neuerer Zeit weit mehr Kämpfe jeder Art geliefert, als ich jemals be⸗ ſtanden habe oder beſtehen werde. Dieſem jungen Gentle⸗ man zulieb habe ich meinen Degen in eine Pflugſchaar verwandelt und bin nicht ſonderlich geneigt, ihn wieder in andere Form umzubiegen. Die Bemerkung, die ich zu ma⸗ chen im Begriffe war, geht einfach dahin, daß Ihr mich Eurer Seits höchlich verbinden werdet, wenn Ihr jeden Verſuch unterlaſſet, meine Abſichten in Betreff der Erzie⸗ hung dieſes jungen Edelmannes zu durchkreuzen, denn wenn Ihr auch durch irgend einen auferordentlichen Zufall in Sir Walter Broughton's Teſtament erwähnt wurdet, ſo ſeyd Ihr doch jedenfalls nicht zu ſeinem Vormünder beſtellt.“ „Das weiß ich recht wohl, Sir,“ gab Reginald Lisle zur Antwort,„und werde auch gewiß nicht verſuchen, mich in ſeine Erziehung zu miſchen. Doch laßt uns nicht länger ſtreiten, Kapitän Donovan,“ fuhr er gut gelaunt fort.„Darf ich Euch nicht einladen, an unſerem kleinen Mahe Theil zu nehmen, da Ihr, Eurem Ausſehen nach zu ſchließen, einen ſcharfen Ritt gemacht habt.“ 4* 5²2 Kapitän Donovan ſchien eine Weile zu zögern, und ſetzte ſich dann mit verſöhnter Miene und mit den Worten nieder: „Allerdings komme ich weither geritten, denn ſobald ich vernahm, daß Doktor Gamble für gut gefunden hatte, davon zu gehen und Euch allein zu laſſen, brach ich alsbald auf, um zu ſehen, was dieſes Benehmen veranlaßt habe.“ Seine Worte waren an Theodor gerichtet, wiewohl die Einladung von Kapitän Lisle ausgegangen war. Letzterer zog jedoch die Glocke und beſtellte ein Couvert für Kapitän Donovan. Dieſer ließ ſich zwar das reichliche Mahl behagen und trank auch mehr als ein Glas Wein; aber ſein Weſen blieb dennoch ſteif und kalt und er ſchien mißvergnügt und übellaunig. Auch eine gewiſſe nachdenkliche Zerſtreutheit war an ihm zu bemerken, und er heftete von Zeit zu Zeit ſeine Augen auf Reginald Lisle, wie wenn dieſer in gewiſſem Grade eines der Elemente ſeiner Berechnungen ausmachte. „Ihr laßt Euch ſehr ſelten in London ſehen, Kapitän Donovan,“ bemerkte Letzterer endlich.„Ich ſelbſt kann zwar kaum wiſſen, ob Ihr oft dort ſeyd oder nicht, da ich gar haͤufig abweſend bin. Ich wundere mich nur, daß Ihr Sir Theodor nicht nach London bringt, um ihn die Haupt⸗ ſtadt ein Bischen ſehen zu laſſen.“ Auf Donovan's Antlitze ſammelte ſich eine finſtere Wolke und der junge Baronet ſchien völlig entſetzt über die muthmaßlichen Wirkungen, welche dieſer Wink bei ſeinem Vormund hervorbringen mochte. Wie aber auch die Ant⸗ wort des würdigen Oifiziers ausgefallen wäre, ſie wurde 53 jedenfalls durch eine Erneurung jener Laute von unten un⸗ terbrochen, welche jetzt die Treppe heraufzufkommen ſchienen. „Julchen mein, ſo hold und klein, Wie biſt im Hemdchen Du ſo fein? Ich ſteig in meinen Wagen ein, Bei Julchen will ich wieder ſeyn.“ So lautete der Knittelvers, der unmittelbar nach Re⸗ ginald Lisle's Andeutung von einer vollen nur etwas über⸗ lauten Stimme nach einer unter den Bewohnern von Kanada üblichen Melodie auf der Treppe des kleinen Gaſt⸗ hofes geſungen wurde. Noch hatte Keiner Zeit gefunden, ſeine Verwunderung zu äußern oder eine Frage zu ſtellen, als die ſonderbare Figur, welche Mrs. Gillespie mit vieler Genauigkeit geſchildert hatte, in's Zimmer trat und in halb theatraliſcher halb militäriſcher Stellung, das eine Bein vorgeſetzt und die Hand mit auswärts gekehrter Fläche nach der Stirne erhoben, die Geſellſchaft betrachtete. „Ah, Reginald, mein Junge!“ rief er, nendlich biſt Du aufgefunden. Dieſe charmante alte Frau hat mich nebſt einem Kapaun und einer Bowle Punſch in tiefem Geſpräche da unten gehalten; auch wollte ſie nicht zugeben, daß Du im Hauee ſeyſt, bis ich Deine wohlbekannte Stimme etwas lauter als gewöhnlich vernahm. Ich erkenne eine Stimme ſogleich wieder, Sir,“ fuhr er fort, nach Kapitän Donovan ſich umſchauend;„der leiſeſte Ton iſt mir genü⸗ gend. Ob man nun durch ein Sprachrohr brüllt oder einer Dame ſüßen Unſinn in's Ohr flüſtert— ich erkenne mei⸗ nen Mann ſogleich, wenn ich ſeine Stimme nur einmal ver⸗ nommen habe.“ 54 „Iſt dieſer Herr ein Freund von Euch, Kapitän Lisle?“ fragte Donovan mit einer leichten Anwandlung ſarkaſtiſcher Bitterkeit im Tone. „Ja,“ erwiederte Reginald, der ſich geärgert und er⸗ götzt zugleich in ſeinen Stuhl zurückgelehnt hatte—„ja, er iſt mein Freund, Kapitän Donovan, und noch dazu ein ſehr guter Freund. Erlaubt, daß ich ihn Euch vorſtelle. Major Brandrum— Kapitän Donovan: Sir Theodor Broughton— Maior Brandrum;“ dabei ſchüttelte er dem Maior herzlich die Hand und ſtellte einen Stuhl für ihn an den Tiſch.. „Ah Kapitän Donovan!“ ſagte der würdige Gentle⸗ man, ſich niederſetzend und ſeine enorm langen Beine unter dem Tiſche ausſtreckend, bis er Theodor's Kniee auf der andern Seite berührte;„Bra drum iſt übrigens nicht der Name, unter dem ich ſeit dem Jahre 72 am beſten bekannt, oder auf den ich ſonderlich ſtolz bin.“ „Ihr führt alſo ein Alias?“ fragte Kapitän Donovan trocken. Der Major nickte mit dem Kopfe und Donovan fuhr fort:„darf ich wohl fragen, wie es lautet?“ „Ganz gewiß,“ erwiederte Major Brandrum.„In dieſem barbariſchen und verdorbenen Lande— nicht weniger barbariſch, weil es verdorben, und um Nichts verdorbener, weil es barbariſch iſt— führe ich, wie ſchon mein Freund Lisle geſagt, den Titel Maior Brandrum, wogegen ich bei den civiliſirteren Nationen Nordamerika's unter dem Namen der heißhungrigen Krähe' bekannt bin.“ „Ohne Zweifel mit Recht,“ bemerkte Kapitän Donovan. 5⁵ „Darüber könnt Ihr erſt urtheilen, wenn Ihr gehört habt, wie ich zu dieſem Namen kam,“ entgegnete der Major; „Ihr werdet dann ſehen, dasß er eben ſo bezeichnend als ruhmwürdig iſt, und zwar nicht weniger ruhmwürdig als er bezeichnend, und um nichts bezeichnender als er ruhm⸗ würdig iſt. Ihr müßt nämlich wiſſen, daß wir, ſo lange ich einen Theil meines Stammes, der Cherokeſen, komman⸗ dirte, etliche ſechzig Körbe Mais geſammelt hatten. Auf weſſen Feldern er gewachſen, ſey ferne von mir zu berichten, jedenfalls war er unſer vermöge des Kriegsrechts. Da kam eines Tags während wir auf einem Jagdausfluge wa⸗ ren, ein Haufe Mohawks, überſiel unſern Wigwam und ſchleppte unſern Mais nebſt drei jungen Squaws fort, von denen die eine erſt noch mir gehörte. Kaum zurückgekehrt, brach ich mit zwanzig Kriegern meines Stammes auf und folgte den Räubern wie ein Schweißhund. Nicht einen Zweig hatten ſie gebrochen, nicht ein Grasblättchen hatte ihr Fuß gebeugt, das nicht von uns bemerkt wurde, nnd ſo entdeckten wir an ihren Spuren, daß wir ihrer Fünfzig ge⸗ gen uns hatten. Gleichwohl erſahen wir uns die Gelegen⸗ heit, überfielen ſie unverſehens und eroberten nach verzwei⸗ feltem Kampfe, worin ich drei ihrer berühmteſten Krieger — den Hundertfus, den alten Mäuſefalk und den Eisvär— erſchlug und fkalpirte, unſern Mais, unſere Squaws und marſchirten im Triumphe davon. Wir wußten wohl, daß die Mohawks ſich bald an uns rächen würden, und ſo ſandten wir fern und nah zu allen Familien unſeres Stammes, wie zu unſern Verbündeten. Sieben Tage blieb Alles ruhig, 56 bis ich eines Morgens, da ich eben im Cedernmoore gegen ein Elenthier auf dem Anſtande lag, einen alten Heer⸗ führer in der Bemalung eines Cherokeſen durch ein Gebüſch von Zuckerrohren über meinem Haupte hinkriechen ſah. Sobald ich ihn gewahrte, wußte ich was er vorhatte; ich ſelbſt blieb ihm noch verborgen, und erſt als er nach einigen Minuten bis zu mir hergekrochen kam, ſtanden wir uns mit einem Mal Auge in Auge gegenüber. Er ſagte Hum! und ich antwortete Hum!' Nach weitern fünf Minuten ſetzten wir uns zuſammen nieder und ſtützten die Ellbogen auf das Knie, worauf er alſo begann: Bruder, ich bin der Wappiti mit den langen Hörnern, ein Freund des großen Biſon.’ Ich wußte, daß er mir in's Geſicht log und daß er vielmehr die Klapperſchlange war. So antwortete ich denn: Bruder, ich bin der Fiſchadler. Was verlangt der Wappiti mit den langen Hörnern von dem Fiſchadler?“ Darauf erzählte er mir, er habe gehört, daß wir wegen ſechzig Maiskörben mit den Mohawks den Stab gebrochen hätten, und wenn ich ihn in den Wigwam führe und ihm drei Körbe gebe, ſo wolle der Wappiti mit den langen Hör⸗ nern und all ſeinem Volk herabkommen, um mit uns gegen die Mohawks zu kämpfen. Ich erwiederte: Bruder, ich kann keinen Mais abgeben, denn der Fiſchadler hat alles verſchlungen. Er hat keinen Mais zu verſchenken; wor⸗ auf er entgegnete: Dann, Bruder, biſt du kein Fiſchadler, ſondern eine heißhungrige Krähe.’ Mit dieſen Worten ſprang er auf, ſchwang ſeinen Tomahawk und ſtimmte den Schlachtruf an. Aber auch ich war ebenſo früh auf den 57 Beinen und ſo wirbelten wir umher, wie der Schaum eines Waſſerfalls und ſprangen gegen einander wie die Panther, bald hier bald dorthin unſre Hiebe richtend. Wäh⸗ rend dem brüllte er fortwährend ſeinen Schlachtruf, bis ich ihn anſchrie: Iſt nicht die Klapperſchlange bekannt durch ihr Klappern?? Kaum waren dieſe Worte aus meinem Munde, als zehn bis zwölf Männer ſeines Stammes herbei⸗ ſtürzten und mich in einer Minute überwältigten und ban⸗ den. Den Augenblick werde ich nie vergeſſen, da ſie mich in ihren Wigwam brachten und ſchon zur Folter ſchreiten wollten. Schon war das trockene Reiſig in Geſtalt eines Krähenneſtes rings um mich aufgethürmt, und ſie begannen einen Spottgeſang, wie ſie die heißhungrige Krähe gefan⸗ gen hätten und ihr jetzt die Federn ausrupfen wollten. Ich antwortete ihnen mit meinem Schlachtgeſang und lachte ihnen höhnend ins Geſicht; aber gleichwohl blieb ihr Vor⸗ haben nichts weniger als erfreulich, und es war meinen Ohren ein willkommener Klang, als ich plötzlich in allen Wäldern ringsum unſern Schlachtruf anſtimmen hörte und meine eigenen Leute— alle ſchön bemalt— eben mit Ab⸗ lauf der Zeit zwiſchen den Bäumen heranſtürzen ſah. Ich war bald wieder frei mit einem Tomahawk in der Hand, und lehrte ſie an jenem Tage, daß die heißhungrige Krähe das Picken verſtehe.“ Er hatte ſeither in ziemlich eraltirtem, pomphaftem Tone geſprochen; jetzt aber wurde ſeine Stimme leiſer und er fuhr in gewöhnlicher Redeweiſe fort: 5 3 „Schon hatten ſie mir am linken Bein die Wade 58 verſengt; aber das hatte nichts zu ſagen— ich konnte mich auch ohne ſie behelfen.“ Der Leſer darf nicht glauben, daß dieſe lange Geſchichte ohne Unterbrechung erzählt wurde, denn Reginald Lisle hatte das Glas ſeines Kameraden mehr als einmal mit Wein gefüllt und Kapitän Donovan war zuweilen in un⸗ gemein artigem Ton mit einer Frage dazwiſchen gefallen. Kaum war die Erzaͤhlung beendigt, als er Major Brand⸗ rum verſicherte, daß er den Beinamen der heißhungrigen Krähe als vollkommen paſſend anerkenne; worauf er an Kapitän Lisle gewendet, beifügte: „Ihr ſpracht vorhin von meinen Beſuchen in London und daß ich meinen jungen Mündel mit mir nehmen ſollte. Glaubt Ihr nicht, daß es für ihn etwas zu früh wäre, ſchon jetzt die Bekanntſchaft der großen Weltſtadt zu machen? 2“ Er ſprach in ſo verändertem Tone, daß Reginald es nicht ohne Ueberraſchung, ja ſogar Argwohn bemerkte, denn er konnte nicht begreifen, daß in des Majors Eintreten oder in ſeiner Unterhaltung irgend Etwas liegen könne, was Kapitän Donovan's Anſichten ſo gewaltig umgewandelt hätte. Ehe er jedoch antworten konnte, fiel ihm Major Brandrum mit den Worten in die Rede: „Zu früh! nicht um ein Haar. Ein junger Mann kann nie zu bald mit dem Leben bekannt gemacht werden. Das Leben iſt gar ein merkmürdiges aufregendes Ding; nicht weniger merkwürdig, weil es aufregend und um Nichts aufregender, weil es merkwürdig iſt. Darum muß es der Mann bei Zeiten kennen lernen; dann wird er ſich die 59 Hörner in einer Periode abſtoßen, da es noch wenig Gefahr für ihn hat. Bedenkt, ich trat mit vierzehn Jahren in die Welt, hatte nichts als zehn Pfund, drei Hemden und zwei Paar Hofen in der Taſche, und habe es noch nie bereut. Führt den jungen Gentleman auf alle Fälle nach London. Mein Freund Reginald wird ihn bald mit allen hübſchen Squaws, d. h. Damen— der Himmel ſegne ſie!— bekannt machen, und ich will ihm vom niedrigſten Gäßchen hinter dem Tower bis nach Whitehall und St. James jedes Loch, jeden Winkel der alten City zeigen, obwohl die Stadt ſich mächtig verändert hat, denn ſeit der Zeit, da ich auf der kleinen Mary von Boſton abfegelte bis zu dem Augenblick, da ich vor zwei Monaten etwa nach meiner Rückkehr von Kanada in meiner Wollendecke und dem Federbüſchel mit allen Weibern von Wapping hinter mir einherſtolzirte, habe ich zehn Jahre lang keinen Ziegel mehr von ihr geſehen.“ „Das muß aber doch etwas läſtig geweſen ſeyn,“ meinte Kapitän Donovan lachend;„konntet Ihr Euch denn nicht auf dem Schiffe einen Rock und ein paar Hoſen ver⸗ ſchaffen?“ „Nein, Sir, nein,“ erwiederte Major Brandrum. „Ich war entſchloſſen, als heißhungrige Krähe meinen Triumpheinzug zu feiern, und wenn die vortrefflichen Da⸗ men der Hauptſtadt mit ihren Branntweingeſichtern unver⸗ ſchämte Fragen über die Wärme meiner nackten Beine an mich ſtellten, antwortete ich ihnen auf cherokeſiſch, worüer ſte in ein Geſchrei ausbrachen, das unſrem Kriegsrufe ganz ähnlich war. Laßt ihn nur auf alle Fälle nach London 60 kommen; wir wollen ihm ſchon ein Stück vom Leben zeigen.“ „Nun, wir wollen ſehen, wir wollen ſehen,“ erwie⸗ derte Kapitän Donovan gut gelaunt.„Ich denke, die Herrn werden nicht heute ſchon unſre Nachbarſchaft ver⸗ laſſen, und hoffe, wir werden das Vergnügen haben, ſie morgen in unſrer Halle bei Tiſche zu ſehen.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf; die Einladung wurde angenommen, die Stunde feſtgeſetzt und Vormund und Mündel verabſchiedeten ſich, während Reginald Lisle in tiefen Gedanken zurückblieb und die heißhungrige Krähe ihr Julchen mein' vor ſich hin ſummte. Fünftes Kapitel. „Nun was gibt's denn, Reginald?“ rief ſein Freund, Major Brandrum, als er nach Beendigung ſeines Geſanges bemerkte, daß ſein junger Gefährte noch immer ſeinen Ge⸗ danken nachhing.„Du biſt ſo tief in Gedanken, wie ein weißer Bär zur Winterszeit.“ „Ich bin in Verlegenheit, Krähe,“ entgegnete Regi⸗ nald Lisle—„in großer Verlegenheit und weiß kaum, wie ich mich Dir ſogar deutlich machen ſoll.“ „Das iſt ſonderbar,“ meinte der Major;„doch komm, erzähle mir die Geſchichte. Verlaß Dich drauf, ich ver⸗ folge die Spur und wenn ſie auch noch ſo verwickelt iſt. Iſt es der Junge oder der Alte, der Dich in Verlegenheit ſetzt? Denn um ſie dreht ſich das Geheimniß, das ſehe ich ſchon.“ 61 „Der Alte,“ gab Lisle zur Antwort;„ich weiß nicht, was ich aus ihm machen ſoll. Einen Augenblick ehe Du eintratſt, war ich feſt überzeugt, daß ihm nichts unange⸗ nehmer ſeyn könne, als eine nähere Bekanntſchaft zwiſchen Sir Theodor Broughton und mir, und daß, wenn irgend etwas auf Erden ihm dieſe Bekanntſchaft noch unerwünſchter machen könne, es ganz gewiß der Umſtand wäre, daß er mich als intimen Freund eines ſo wilden verteufelten Bur⸗ ſchen wie Du geſehen. Sir Theodor's Annahme meiner Einladung hatte ihn ſo brummig wie einen verwundeten Bären geſtimmt, und er war entſchieden dagegen, daß der junge Mann die Hauptſtadt beſuche, indem er wie ein Pu⸗ ritaner über die Sache ſprach, obwohl Jedermann weiß, daß er in der Moral ganz das Gegentheil eines Puritaners iſt; und doch, ſobald Du mit Deinen wilden Streichen und Geſchichten eintratſt, ſattelt er plötzlich um, ladet uns zum Eſſen, iſt in Betreff Londons auffallend nachgiebig und von einer Höflichkeit, wie man ſich's nur wünſchen kann.“ „Vermuthlich hielt er Dich für zu gut und zu klug, Reginald,“ bemerkte Major Brandrum lachend,„und erſt als er den Freund ſah, überzeugte er ſich, daß er Dich irrig beurtheilt hatte.“ „Auf mein Wort, ſo ſieht es faſt aus,“ erwiederte Ka⸗ pitän Lisle:„und doch kann ich mir nicht denken, welche Befriedigung ihm das gewähren ſoll.“ „Ei, laß uns das Terrain erſt etwas genauer rekog⸗ noseiren, ehe wir mit der Sache zum Schluſſe kommen,“ antwortete der Major,„und da ſage mir denn vor Allem⸗ 62 wie iſt Deine Verwandtſchaft mit dieſem jungen Baronet beſchaffen— ich habe nie zuvor von ihm gehört.“ „Nichts von Verwandt chaft, das ich wüßte,“ erwie⸗ derte Reginald Lisle,„den Umſtand ausgenommen, daß ich mich mit ſeinem Vetter, Sir Charles Chevenix duellirte und wie ich glaube, aus eben dieſem Grunde von ſeinem Groß⸗ vater, Sir Walter Broughton, in die Majoratserbſchaft eingecetzt wurde— ſo ſagte wenigſlens mein würdiger Oheim Mullins.“ „Bei meinem Leben!“ rief der Major,„das iſt ein höchſt vernünftiges Verfahren: ich wollte, es käme in die Mode. Ich war ſchon mehr als einmal verſucht, meine ei⸗ genen Vettern zu erſchießen, nur, glaube ich, würde es da nicht ſo gut ausfallen, denn kein Menſch wurde mich deß⸗ halb zum Erben einſetzen.“ „Das fürchte ich ſelbſt,“ gab Lisle zur Antwort;„auch würde es Dich nicht viel nützen, wenn man es thäte, denn ich ſelbſt habe in obigem Falle um kein Haar mehr Ausſicht wie Du, jemals in das Erbe eintreten zu können.“ „Wie ſo, wie ſo?“ fragte ſein Freund;„der Knabe könnte ja ohne Kinder ſterben.“ „Verhüte der Himmel!“ rief Lisle;„er ſcheint ein ganz ſeiner liebenswürdiger Burſche, wenn man ſeinen Geiſt nicht durch ſch'echte Erziehung verdirbt. Aber auch wenn er ſtirbt, ſo bleibt immer noch Donovan als Nachfolger.“ „Oho!“ rief die heißhungrige Krähe—„alſo er iſt der nächſte Erbe und Vormund zugleich? Wie! das Lamm hat man ſolchergeſtalt unter dem freundlichen Schutze des 63 Wolees gelaſſen! Ei, ei! Lisle, Du gibſt mir da eine ganz neue Einſicht in die Sache. Meiſter Donovan mag wohl bei Auswahl der Bekannten für feinen Mündel ſeine eigenen Abſichten haben. Es wäre wohl nicht ſo übel für ihn, wenn ich den jungen Mann verleitete, zu meinen Freunden den Cherokeſen überzugehen oder ſonſt einen wahnſinnigen Aus⸗ flug zu unternehmen, welcher wohl paßte für einen „Kriegsmann, der von ſeinem Sold muß worgen, Und von dem Gulden heut gibt aus'ne Krone morgen—“ aber nie für einen jungen wohlhabenden Baronet— wenn nicht etwa ſein Vormund zugleich Erbe des Vermögens iſt.“ „Ich wollte, Du ſetzteſt mir keine ſolchen Dinge in den Kopf, Brandrum,“ bemerkte Lisle.„Iſt Dir et vas Schlim⸗ mes von dieſem Manne Donovan bekannt? wenn nicht— warum willſt Du alſo von ihm denken?“ „Weil er in dieſer Sache weder ein Reginald Lisle, noch ein Jack Brandrum iſt,“ verſetzte der Major.„Mei⸗ ner Treu, nicht um alle Reichthümer von England möchte ich einem Knaben, wie dieſem, ein Haar auf dem Haupte krümmen; nur wo mir offene männliche Fehde geboten wird, werde ich, wenn ich auf erufen werde, meinen Feind, wie natürlich, ſkalpiren. Aber ich will Dir was ſagen, Regi⸗ nald: wir müſſen die Sache im Auge behalten, mein theurer Junge. Dir als dem präſumtiven Erben, wie man's nennt, kommt es zu, darauf zu achten, daß die Thronfolge nicht ge⸗ fährdet wird. Wenn ich Dich recht verſtehe, ſo biſt Du ge ne bereit, dieſen Jungen auf ein paar Jahre wie den eigenen Bruder zu beaufſichtigen. Da laß uns nur 64 zuſammenhalten, und der abgefeimteſte Teufel von einem Donovan wird uns kaum gewachſen ſeyn.“ „Ich kann keinen Argwohn dulden, Brandrum,“ gab der junge Offizier zur Antwort:„wir haben in dieſem Falle wahrhaftig keine Urſache dazu. Ich ſchäme mich faſt der Gedanken, die mir in den Sinn kamen, und doch iſt es höchſt auffallend, Brandrum, daß ein Mann, der für den Charak⸗ ter und die Moral ſeines Mündels ſo zärtlich beſorgt iſt, in Betreff ſeines Lebens ſo ſorglos ſeyn kann. Das Erſte, was ich heute Morgen ſah, als ich mich auf der Haide mit Zeichnen beſchäftigte, war dieſer junge Mann auf einer Be⸗ ſtie, wie ſie der beſte Reiter in Europa kaum zu zähmen veerrmoͤchte. Sie ſtieß und bockte und lancadirte auf eine Weiſe, daß ſogar ich, der ich gewiß kein furchtſamer Reiter bin, wie Du weißt— „Du würdeſt den Tenfe⸗ brühwarm reiten,“ fiel Bran⸗ drum ein— „Sogar ich würde dieſe Beſtie nicht anders beſteigen, als um Ordre zu pariren oder einem Menſchen das Leben zu retten,“ fuhr er fort. „Pah! pah!“ gab die heißhungrige Krähe zur Ant⸗ wort;„ſag mir nicht mehr, Du könneſt keinen Argwohn dulden. Wo Teufels ſollte denn der Menſch Argwohn he⸗ gen, wenn nicht in dieſer Welt? Sie iſt ja der einzige Ort, wo er möglicherweiſe von Nutzen ſeyn kann. Sind erſt ein⸗ mal beim jüngſten Gericht die beiden Haufen von einander geſchieden, dann werden wir uns Alle verſtehen und der Argwohn iſt dann nicht mehr am Platze; ſo lange wir aber 65 hienieden in buntem Gemiſche unter einander leben und Je⸗ der ſein eigentliches Gepräge zu verbergen ſtrebt, iſt es am beſten, nach Art der Indianer einen Jeden zu beargwöhnen.“ Reginald Lisle betrachtete den Major eine Weile und brach dann in lautes Gelächter aus. „Das iſt gut!“ rief er endlich;„vortrefflich, Freund Krähe!— Gerade Du, der Niemand beargwöhnt, als wenn Du die Wolldecke und den Wampumgürtel umhaſt. Iſt es Dir nicht erſt neulich während meiner Anweſenheit in London paſſirt, daß Du zwei Wechſel für einen Mann an⸗ nahmſt, den ich für einen großen Schurken halte; ich ſagte Dir damals—“ 2 „Still, ſtill, ſprich nicht davon,“ rief Major Bran⸗ drum;„das iſt gerade jetzt meine wunde Seite, Reginald. Du weißt natürlich, daß der Schuft das verſprochene Geld nicht geliefert hat, und deßhalb eben bin ich hieher gekom⸗ men. Ich erfuhr, daß ich ausgeſchrieben worden, und wußte nicht wohin; ſo wandte ich mich denn hieher in der Ueber⸗ zeugung, daß ich bei Dir wenigſtens luſtige Tage verleben würde, wenn ich auch ſonſt nichts herausſchlüge.“ Kapitän Lisle's Geſicht wurde ſehr ernſt. „Bei meinem Leben, Brandrum,“ verſicherte er,„ich habe Dir auch ſonſt nichts zu bieten. Die Summe beträgt ja vier⸗ bis fünfhundert Pfund, und ſo viel habe ich in mei⸗ nem Leben noch nie beiſammen gehabt.“ „Pah, ſprich nicht davon,“ ſchrie Major Brandrum. „Glaubſt Du, ich würde es von Dir annehmen, wenn Du es auch hätteſt, Knabe? Nein, nein; ich will mich, ſo lang James. Th. Broughton. 5 66 ich kann, von dem Netze ferne halten; wenn aber die Zeit kommt, muß ich eben gehen. Im Ganzen liegt nicht viel daran, wo meine alten Knochen liegen; aber jedenfalls will ich mit den Gerichtsdienern und ihren Bütteln einen tüchti⸗ gen Wettlauf anſtellen, bevor ſie mich fangen.— Komm, ſprechen wir nicht weiter davon; es iſt ſchlimm genug, an den Tag zu denken, wo ich ergriffen werde; bis dahin will ich aber auch gar nichts davon wiſſen.“ Auch konnte ſein junger Freund ihn nicht dazu bringen, daß er die Sache wieder in Anregung brachte, denn mit jenem leichten glücklichen Humor, der dem Korke gleich über denſelben Wogen ſchwimmt, welche ſchwerere und ſolidere Gegenſtände verſchlingen, ſchien er durch die Schwierigkeiten ſeiner Lage eher gehoben als deprimirt, und plauderte mun⸗ ter und fröhlich über Alles, während Reginald Lisle fort⸗ während ernſt und nachdenklich blieb und den Abend mit den Worten beſchloß:„ich muß mit meinem Onkel drüber re⸗ den, Brandrum,“— zum deutlichen Beweiſe, daß die Lage, in welche ſein Freund ſich verſetzt hatte, ihm während der gan⸗ zen Unterredung nicht aus dem Sinne gekommen war. Am folgenden Tage um die damals gewöhnte Mittags⸗ ſtunde präſentirten ſich Reginald Lisle und Major Bran⸗ drum in dem großen Beſuchzimmer der Halle und wurden von Kapitän Donovan mit allen Zeichen äußerſter Freund⸗ lichkeit empfangen. Donovan's Stirnewar nicht länger gerun⸗ zelt, ſein Weſen nicht mehr fremd und kalt, und nicht nur allein gegen Kapitän Lisle, ſondern ſogar gegen Sir Theodor Broughton ſchien er ein ganz anderer Menſch geworden zu 67 ſeyn. Der junge Baronet horchte in ſtummem Erſtaunen, während er mit Major Brandrum lachte und ſchäkerte und ſich lebhaft mit Kapitän Lisle unterhielt; ja endlich, nach⸗ dem die Flaſche ſchon öfter herumgegangen und der Major den beſten Willen und alle nur denkbaren Fähigkeiten zu. einem tüchtigen Trinker an den Tag gelegt hatte, wendete ſich Kapitän Donovan mit den freundlichen Worten an ſei⸗ nen Mundel: „Nun, Theodor, was ſagt Ihr zu einem Ausfluge nach London?— Würde er Euch Spaß machen?“ Der junge Baronet ſtellte ſich keineswegs, als wollte er läugnen, daß ihm ſolches äußerſt angenehm wäre, und Kapitän Donovan ſchien in Nachſinnen zu verſinken, bis er endlich bemerkte:— „Ich ſelbſt kann für einige Zeit noch nicht mitgehen, bin aber vollkommen überzeugt, daß ich Eure Unerfahren⸗ heit mit voller Ruhe der Leitung Kapitän Lisle's anver⸗ trauen darf, deſſen eigener Ruf und Charakter die ſtärkſte aller Garantieen bilden.“ Bei dieſen Worten erröthete Reginald einigermaßen, aus Gründen, die mit ſeiner eigenthümlichen Lage zuſammenhin⸗ gen, und dies vielleicht um ſo mehr, da er Donovan's Auge auf ſich geheftet ſah. Es läßt ſich nicht läugnen, daß der Kapitän dieſes Verfärben bemerkte; er ſchien jedoch kein Gewicht darauf zu legen, denn er fuhr alsbald fort: „Was ſagt Ihr, Lisle— wollt Ihr die Aufgabe über⸗ nehmen, unſerem jungen Freunde hier in den erſten paar 5* 68 Tagen die Löwen von London zu zeigen, bis ich ſelbſt kom⸗ men und zu euch ſtoßen kann?“ „Ich werde mich ſehr glücklich fühlen,“ entgegnete Kapitän Lisle;„nur muß ich bedauern, daß ich ihn nicht in mein Haus einladen kann, da ich kein ſolches beſitze,“ fuhr er lachend fort.„Ich logire im Gaſthof, wie Ihr vermuth⸗ lich wiſſen werdet.“ 3 „Nein, das war mir unbekannt,“ entgegnete Kapitän Donovan;„ich glaubte, Eure Mutter wohne in der Stadt?“ „Leider nein,“ erwiederte Lisle;„ſie iſt während mei⸗ ner Abweſenheit in Amerika in die Nachbarſchaft von Lon⸗ don gezogen, und ich bin zu arm, um mir ein eigenes Haus zu halten.“ „Ei, das macht keinen Unterſchied,“ rief Kapitän Do⸗ novan;„ich hätte ja ohnehin nicht daran denken können, Eurer Mutter Haus, auch wenn ſie in der Stadt gewohnt hätte, mit einem ungeladenen Gaſte zu beläſtigen; Theodor kann ebenſo leicht mit ſeinem Diener in einem Hotel woh⸗ nen, wenn Ihr nur ſo viel wie möglich um ihn ſeyn wollt.“ „Mit Vergnügen— mit Vergnügen!“ erklärte Re⸗ ginald Lisle mit der heiterſten Miene.„Wann habt Ihr vor, ihn fortzulaſſen?“ „Oſo bald Ihr ſelber geht,“ meinte Donovan.„Wenn man einmal etwas beſchloſſen hat, ſo iſt es um ſo beſſer, je früher man es ausführt: wenn Ihr wollt, morgen ſchon.“ „O ich bin ganz bereit,“ gab Reginald zur Antwort. „Gehſt Dn mit, Brandrum?“ „Wenigſtens einen Theil Eures Wegs,“ verſetzte die 69 heißhungrige Krähe mit bedeutungsvollem Kopfnicken.„Ich habe Geſchäfte, die mich auf kurze Zeit von London entfernt halten; aber einen Theil des Weges werde ich mit Euch gehen.“ Kapitän Donovan's Geſicht verfinſterte ſich einiger⸗ maßen: mochte er ſich nun einbilden, daß die Geſellſchaft des excentriſchen Majors für das Wohlergehen ſeines Mündels in London durchaus nothwendig ſey oder nicht— ich weiß blos ſo viel, daß er ihn in höchſt einſchmeichelndem Tone fragte: „Iſt es ein Geſchäft, das ſich nicht aufſchieben läßt, mein theurer Major?“ „Ich wollte, ich könnt' es verſchieben,“ erwiederte Major Brandrum mit ſchlauem Lächeln;„allein es iſt ein wichtiges und läſtiges Geſchäft— nicht weniger läſtig, weil es wichtig, noch minder wichtig, weil es läſtig iſt.“ „Nun da läßt ſich nicht abhelfen,“ verſetzte Kapitän Donovan:„das Einzige, was uns noch übrig bleibt iſt, den Reiſeplan feſtzuſetzen.“ Nun folgte eine Berathung, womit wir unſere Leſer verſchonen wollen, da ſie ſich hauptſächlich um längſt ver⸗ altete Reiſearten handelte, welche ſchon ehe das Dampfroß und die klappernde Eiſenbahn die Reiſenden mit einer Ge⸗ ſchwindigkeit von vierzig Meilen per Stunde durch Europa wirbelten, außer Gebrauch gekommen waren. Das eine Mal wurde vorgeſchlagen, daß der junge Baronet in der vierſpännigen Kutſche fahren, dann wieder, daß er mit ſeinen Begleitern von Ludlow aus den Poſtwagen nehmen 70 ſollte, bis man ſchließlich dahin übereinkam, daß, da Major Brandrum wie Reginald Lisle zu Pferd gekommen ſey, die ganze Geſellſchaft in gleicher Weiſe nach der Stadt zurück⸗ kehren ſollte; fänden ſie dann die Reiſe zu langweilig, ſo könnten ſie ja auf einer beliebigen Station Poſtchaiſen nehmen. Der Aufbruch ſollte morgen in aller Frühe ſtattfinden, und ſo trennte ſich die Tiſchgeſellſchaft im beſten Einverſtändniß. Während ſie die Treppe herabſtiegen, rief Kapitän Donovan, der ſeinen beiden Gäſten folgte: „Major Brandrum, erlaubt mir einen Augenblick mit Euch zu reden,“ worauf Reginald langſam nach dem Park ſchlenderte, während der Major auf die Aufforderung hin ſtehen blieb. „Dank Euch, mein theurer Kapitän, dank Euch; ich pflege nie Geld zu entlehnen. Es iſt immer unerfreulich zu borgen und oft unbequem zu zahlen, und zwar um nichts weniger unbequem, weil es unerfreilich, und um nichts un⸗ erfreulicher, weil es unbequem iſt.“ So lauteten die Worte, welche Reginald im Weiter⸗ gehen zu Ohren drangen. Einige Augenblicke ſpäter wurde er von ſeinem Freund, der heißhungrigen Krähe, eingeholt. „Laßt die Beſtie hängen! ſie wollte mir Geld leihen,“ erzählte er lachend.„Er iſt ſehr flink im Errathen, der Burſche, und ſcheint in der erſten Minute gemerkt zu ha⸗ ben, worin mein wichtiges Geſchäft beſteht.“ „Warum nahmſt Du's nicht an?“ fragte er.„Er hätt' es Dir gewiß leicht vorſtrecken können.“ „Weil es zwei Sorten von Menſchen gibt, mein theurer 71 Lisle, von denen man niemals Geld entlehnen ſollte,“ er⸗ wiederte Brandrum, ſeine Hand gutmüthig auf den Arm des Freundes legend—„nämlich Leute, die man für große Spitzeuben hält und Solche, die man als ſeine intimſten Freunde betrachtet.“ „Warum man den Erſteren ausſchließen ſoll, kann ich wohl begreifen: bei den Letzteren aber verſtehe ich's nicht, meine theure Krähe,“ verſetzte Lisle. „Ho, dafür weiß ich den beſten Grund von der Welt,“ gab Brandrum zur Antwort—„weil ſie's nicht abſchlagen können, und ſo heißt es in der That ein Darleihen erzwin⸗ gen, was ein Mann von Ehre oder Verſtand nicht thun wird. Ich will irgendwo einen Juden aufſuchen und das Geld borgen; vielleicht daß ich den Schuft, der mich in die Falle lockte, eines Tags auch nöthige, mich wieder heraus⸗ zubeißen.“ Lisle ſchüttelte den Kopf, als ob er die Wahrſchein⸗ lichkeit des letztgenannten Falles ſtark bezweiſelte, und ſo wandelten ſie zuſammen nach dem Gaſthof, um ſich fuͤr die morgige Abreiſe vorzubereiten. Mittlerweile hatte ſich Kapitän Donovan mit ſeinem jungen Mündel unterhalten und ihm eine Maſſe guter Rath⸗ ſchläge über ſeine Aufführung ertheilt. Er hatte ſein ern⸗ ſtes ſtrenges Benehmen ſo ziemlich wieder angenommen, vielleicht weil er ſich dachte, daß die Aenderung, falls er es plötzlich ganz ablegte, am Ende gar zu ſehr auffallen möchte. Seine Rathſchläge waren ſämmtlich höchſt plauſibel und zeitgemäß und ſtaͤnden ſie hier niedergeſchrieben, ſo würde 72² man ſelbſt bei der ſtrengſten Prüfung kaum etwas daran auszuſetzen finden; gleichwohl war der Ton nicht ganz, was man moraliſch nennen könnte. Er warnte ſeinen Mündel vornehmlich vor dem Spiel, was er als ein abſcheuliches Laſter voll der verderblichſten Folgen darſtellte; dabei ſchien er es aber für das Einzige zu halten, wogegen es bei ſei⸗ nem Münrdel einer ernſtlichen Warnung bedürfte. Sonſt waren ſeine Lehren ſo ziemlich in Cheſterſields Charakter, denn er machte Sir Theodor beſonders darauf aufmerkſam, daß er ſich in allen andern Dingen nach dem Beiſpiele an⸗ derer junger Leute ſeines Ranges und ſeiner Stellung rich⸗ ten ſolle, indem er ihn nur noch in ziemlich leichtem Tone vor Exceſſen jeder Art verwarnte. Mit einem Wort, er ſagte ihm, ſein Hofmeiſter würde bald zu ihm ſtoßen und er ſelbſt in wenigen Tagen nachfolgen. Inzwiſchen überreichte er ihm die Summe von ſechshundert Pfund, um ihn, wie er ſagte, zu befähigen, eine Rolle in der Geſellſchaft zu ſpie⸗ len, und nachdem er hiemit ſeine Rathſchläge geſchloſſen, wünſchte er ihm gute Nacht. Noch waren aber des würdigen Kapitäns Plane nicht vollſtändig eingeleitet und der Schritt, welcher zunächſt zu thun war, ſchien mehr Aufmerkſamkeit als alle übrigen zu verlangen, denn während er den Kopf auf die Hand geſtützt am Tiſche ſaß, ſchenkte er ihm mehrere Minuten lang die tiefſte Aufmerkſamkeit, indem er ſich über den Charakter der verſchiedenen Perſonen, die er dabei nannte, folgendermaßen ausließ: „Mit Gerald iſt's Nichts,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Er war hier ganz am Platze und hat, ſo weit es ihn betraf, das Seinige gethan; von nun bedarf es aber eines andern Werk⸗ zeugs, denn der Burſche iſt zu ſtreng. Martin iſt ein Dummkopf, zwar äußerſt demoraliſirt, aber ohne Verſchwie⸗ genheit. Nein, auch der iſt Nichts; er könnte meinen Rath keine Stunde lang bei ſich behalten und würde den Jungen beim erſten Ausfluge zurückſchrecken. Brown wäre ſchon recht, nur iſt er ein garſtiger Brummbär. Halt, Zachary Hargrawe— der iſt mein Mann. Sein ſcheinheiliges Ge⸗ ſicht, ſeine frömmelnden Reden und ſein lockeres Leben, die paſſen vollkommen für dieſen Auftrag, und da der Knabe überdies reitet, ſo braucht er Jemand, um ſeine Pferde zu beſorgen.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf, zog die Glocke und befahl dem eintretenden Diener, ihm Zachary Hargrawe heraufzuſenden. „Nun, Meiſter Zachary,“ begann er, ſobald der Mann erſchienen war,„muß ich immer auf's Neue von Deinen al⸗ ten Streichen hören?“ „Ach, Sir,“ erwiederte der Reitknecht, ein vierſchröti⸗ ger Mann in den Vierzigen, mit langem Geſicht und glatt gekämmten Haaren,„wir ſind allzumal arme Sünder und das Fleiſch widerſetzt ſich dem Geiſt.“ „Das weiß ich wohl,“ gab Kapitän Donovan trocken zur Antwort;„das Deinige iſt aber beſonders widerſpenſtig, Meiſter Zachary, und drum halte ich fürs Beſte, Dich fort⸗ zuſchicken.“ Der Mann, der den Leuten ſonſt nicht gern ins Geſicht 74 ſchaute, ſtarrte der Kapitän mit einem Male in die Augen, als ob er deſſen Meinung daraus ableſen wollte, und er⸗ wiederte dann in ruhigem Tone: „Ach ja, Sir, Veränderung des Schauplatzes iſt im⸗ mer angenehm.“ „Und neue Mädchengeſichter— ſo denkſt Du vermuth⸗ lich,“ meinte Kapitän Donovan;„mit einem Wort— ich beabſichtige Dich morgen in der Früh mit Sir Theodor nach London zu ſchicken.“ „In der That, Sir!“ rief der Mann mit unverſtellter Ueberraſchung im Tone:„'s iſt aber ein abſcheulich gott⸗ loſer Ort— dieſes London,“ fuhr er mit leiſerer Stimme fort. „Richtig,“ erwiederte Kapitän Donovan;„aber junge Leute müſſen früher oder ſpäter an ſolche Dinge gewöhnt werden, Zachary, und Sir Theodor iſt jetzt alt genug, um ſich die Welt ein Bischen anzuſehen. Die Menſchen müſſen ſich irgend einmal die Hörner ablaufen, Zachary, und ge⸗ ſchieht dies nicht frühzeitig, ſo thun ſie es ſpäter, wie dies bei Dir der Fall iſt.“ „Ach! ſehr wahr, Kapitän, ſehr wahr,“ beſtätigte der Mann mit widerwärtigem Näſeln,„je früher man anfängt, deſto mehr hat man Zeit zur Reue übrig. Wir können nie ſagen, wann die Gnade über uns kommt. Ich glaube, wenn meine theuren verehrten Eltern in meiner Jugend nicht ſo ſtreng gegen mich geweſen wären, es würde jetzt weit beſſer mit mir ſtehen.“ „Vielleicht ja,“ bemerkte Kapitän Donovan.„Wie 75 geſagt, ich ſchicke Dich aus verſchiedenen Gründen mit ihm nach London, und Du wirſt Dich erinnern, daß Du Dich ihm in Allem, wo er es auch verlangen mag, nützlich zu erweiſen haſt, wobei Du mich zugleich von Zeit zu Zeit ent⸗ weder hier oder wenn ich zu Euch ſtoße, von allem Vorge⸗ fallenen bis auf die geringſten Kleinigkeiten unterrichten mußt, denn falls er irgend einen Jugendfehler begehen ſollte, wäre es natürlich meine Aufgabe, ihn wieder ſo leicht wie möglich herauszuwickeln.“ „Ich ſehe ſchon, Sir,“ gab Zachary Hargrawe mit tiefem Bückling zur Antwort. „Daß er auf mancherlei derartige Abenteuer verfallen wird, will ich keineswegs bezweifeln,“ fuhr Kapitän Do⸗ novan fort.„An der Jugend iſt ſo etwas natürlich; und er muß gewiſſermaßen ſeine Erfahrung gleich andern jungen Männern erkaufen. Du wirſt darum begreifen, daß nichts von dem, was Du mir über ihn zu ſagen haſt, mich ärger⸗ lich machen wird; Du brauchſt Dich alſo auch nicht zu fürch⸗ ten, wenn ihm einmal ein kleiner Streich paſſirt, nur mußt Du durchaus offen und aufrichtig gegen mich ſeyn. Verfehlſt Du Dich hierin gegen mich, ſo wirſt Du entlaſſen; hältſt Du Dich aber brav, ſo darfſt Du Dein Leben lang auf meinen Schutz und meine Gnade rechnen.“ Der Mann bezeugte ſeinen Dank und entfernte ſich mit tiefem Bückling, indem er auf dem Rückweg vor ſich hin⸗ murmelte: „Was mag er nur mit ſeinen Streichen meinen?“— „Ja, das wird's wohl ſeyn,“ ſchloß er endlich, nachdem er 76 ſich auf dem weiten Wege nach der Bedientenhalle aufs An⸗ geſtrengteſte über die Sache beſonnen hatte. Sechstes Kapitel. Es gibt wenige Grafſchaften in England, welche ſchönere Punkte wie die von Warwick darbieten, wenige, welche in ihrer Scenerie ſo völlig engliſch ſind, und jenes eigenthümliche landſchaftliche Gepräge an ſich tragen, wo⸗ durch das Auge ohne gerade beſonders großartige oder auffallende Schönheiten vorzufinden, ſich dennoch befriedigt fühlt, ohne ermüdet zu werden. In dieſer ſelben Graſſchaft Warwick ſehen wir denn an einem ſchönen Frühlingstage gegen 6 Uhr Abends drei Herren mit zwei Dienern die Straße dahin reiten, von welch' Letzteren einer ein ſchweres Packpferd mit Felleiſen und Satteltaſchen gehörig beladen an der Hand führte. Die Zeit, wo man ſeine Reiſe noch zu Pferd machte, ging ihrem Ende entgegen. Die Leute hatten eine Vor⸗ liebe für Poſtchaiſen bekommen, und wenn man nur einen einzigen Koffer und keinen Geſellſchafter hat, ſo kenne ich in der That nur wenige angemeſſene Reiſemethoden. Man fühlt ſich ſo frei und unabhängig; der Eilwagen hat ſein beſtimmtes Ziel; auf der Eiſenbahn iſt man in eherne Ketten geſchmidet; reist man mit Ertrapoſt im eigenen Wagen, ſo hat man eine Welt von Sorgen vor ſich— faſt eben ſo viele, als ob man eine Frau und ein Häufchen kleiner Kin⸗ der mit ſich ſchleppte— nur in der alten ſorgloſen behaglichen 77 Poſtchaiſe kann man jeden ſchwerfälligen Gedanken von ſich werfen und braucht ſich nichts darum zu bekümmern, wohin man geht, noch was man thut oder wie die Straßen oder die Pferde beſchaffen ſind. Man hat ſich nicht zu ärgern noch zu quälen, die Chaiſe geht durch Dick und Dünn, wohin man verlangt, und wenn ſie ſich auch zuweilen ruhig auf die Seite legt, ſo hat man nichts weiter zu thun, als auszuſteigen und dem Poſtknecht beim Aufrichten zu helfen— dann geht die Reiſe wieder ſreundlich wie zuvor von Statten. Ich habe hier eine ganz verzeihliche Abſchweifung be⸗ gangen. Mir war als ob ich zum letzten Mal von einem alten Freunde Abſchied nehmen müßte. Die alte Poſtchaiſe wird bald begraben ſeyn und wir werden ſie nie wieder ſehen. Um übrigens auf unſer Thema zurückzukommen— die Zeit, wo man zu Pferde reiste, eilte gleich anderen Dingen dieſer Welt einem raſchen Ende entgegen, doch war ſie noch nicht wirklich vorüber, und wer mit einem Mantelſack hinter ſich und mit dem Namen und Ausſehen eines Gentlemans vor der Thüre eines Gaſthauſes anlangte, wurde immer noch mit faſt eben ſo vieler Ehrerbietung empfangen, wie wenn er im vierſpännigen Wagen daher käme. Diesmal ſchien jedoch der Gaſthof unſern Reiſenden noch ſehr ferne zu liegen. Sie hatten ſich in dem Dörfchen Ryton erkundigt, wie weit man bis Dunchurch zähle, und man hatte ihnen— wie ſolches in Warwickſhire gewöhnlich iſt, die Entfernung zu fünf Meilen angegeben, während ſie in Wirklichkeit ſieben betrug. Der Abend war übrigens ſchön, und als ſie an Dunsmoor vorüberritten, zeigte die 78 Landſchaft all jene maleriſche Schönheit, wie ſie mehr aus der Färbung als aus den Formen hervorgeht. Das Ausſehen der Gegend hat ſich jetzt gräulich geändert; man hat zwar viel für die Verbeſſerung der Straße gethan, aher jeder Schritt, der die Wege des Lebens glättet, nimmt auch bei aller Vermehrung der Bequemlichkeit faſt immer irgend einen Genuß mit ſich. Hat auch der Reiſende jetzt nicht mehr den Braunſtonhügel mit ſeiner ſteilen Straße vor ſich, welche ſein Leben zu gefährden drohte, war auch das halbe Thal zu einem Kunſtdamme für die Chauſſee auf⸗ gefüllt— die ſchöne Ausſicht von der Spitze des Abhanges, von wo ſich das Land, bei Sonnenauf⸗ oder Untergange in langen Linien von Gold und Purpurroth produeirte, iſt nun⸗ mehr für den Wanderer verloren und er trabt nun ſeines Weges weiter, ohne die Schönheit, die ihn umgibt, nur halbwegs kennen zu lernen. Zu der Zeit, von der ich ſchreibe, führte jedoch die Straße von Birmingham ſchnur⸗ gerade durch eine der maleriſchſten Parthieen der Graſſchaft, und die Dunsmoorhaide trug nicht umſonſt ihren Namen. Die ſandige Straße, auf welcher die drei Reiter dahinzogen, ſenkte ſich bald zwiſchen tiefen Abhängen hinab, und ſtieg dann wieder zur Höhe des Moores hinan, und da man bei der Wohlfeilheit des Bodens den Raum nicht geſpart hatte, ſo war der Weg hier und dort nur durch die verſchiedene Färbung, durch die Räderſpuren oder durch einen vereinzelten Meilenſtein bezeichnet. Nach mancherlei Bemerkungen über den Betrug, den man ihnen hinſichtlich der Entfernung geſpielt hatte, über 79 den ermüdeten Zuſtand ihrer Pferde wie über ihren eigenen Durſt und Hunger, welchen Major Brandrum geradezu für unerträglich und betrübend— und zwar nicht weniger be⸗ trübend, weil er unerträglich, noch minder unerträglich, weil er betrübend war— erbot ſich Reginald Lisle, der zwar kein ſo ſchönes Roß wie Sir Theodor Broughton, aber ein ſtär⸗ keres, ausdauernderes Thier als ſeine beiden Gefährten ritt, in raſchem Schritte voranzutraben und nachzuſehen, ob er nicht des Städtchens Dunchurch anſichtig werden könnte, da unſere Reiſenden ſtark zu vermuthen anfingen, daß ſie ſich gänzlich verirrt hätten. „Wenn ich nach Verlauf einer Meile nichts davon ſehe,“ bemerkte er,„ſo reite ich zurück, und wir thun dann beſſer, uns nach dem ſchwarzen Hund in der Nähe von Stratton⸗ upon⸗Dunsmoor zu wenden. Es iſt zwar ein ſchändlich aus⸗ ſehendes Neſt; für eine Nacht können wir uns aber ſchon behelfen, und das iſt immer beſſer, als im Dunkeln herum zu ſtreifen und einen Ort zu ſuchen, den wir am Ende doch nicht finden.“. Seine Genoſſen ſtimmten gerne ein, denn das Roß des jungen Baronets war völlig abgemattet, und auch Major Brandrums Klepper zeigte ſich nur allzu geneigt, ſich ſeiner Bequemlichkeit zu überlaſſen. 4 So ritt denn Lisle voran, während die Schatten des Abends allmälig dichter wurden, wiewohl der ganze weſtliche Horizont von der untergehenden Sonne noch golden gefärbt war. Eine Viertelmeile etwa vor ſeinen Gefährten ſtieg die Straße über einen Hügel und ſenkte ſich dann zwiſchen 80 grünem Baumwerk hinab, das mit den gelberen Bläͤttern der ſpät belaubten Eiche untermiſcht war. Zu beiden Sei⸗ ten lief eine dichte Waldmaſſe, zur Rechten noch überdies ein tiefer Waſſerpfuhl, der von den überhängenden Aeſten ſo voll⸗ ſtändig überſchattet war, daß er ſich in der Dunkelheit nur da, wo ein Waſſerhuhn bei ſeiner Annäherung niedertauchte, durch einen einzigen ſchimmernden Streifen unterſcheiden ließ. Jenſeits ſah man durch einen Durchblick zwiſchen den Bäumen die breite gelbe Straße langſam hinabziehen, im Hintergrunde von einer tieſpurpurnen Linie des ferneren Landes und von dem goldenen Rande des Horizontes be⸗ gränzt. Vor dieſem grellen Lichte ſcharf ſich abhebend, ſah man zwei weibliche Geſtalten Arm in Arm in aller Muße dahin ſchlendern. Sie waren ſo weit voran und die Beleuchtung hinter ihnen ſo ſtark, daß man ihr Koſtüm unmöglich un⸗ terſcheiden konnte; gleichwohl zeigten ſie ein gewiſſes Et⸗ was— und in der That, es gibt ein ſolches Etwas und wird es immer geben— von dem Weſen und der Haltung einer Dame, was über den Rang der beiden Perſonen kei⸗ nen Zweifel in Reginald Lisle zurückließ. „Ich denke, ich kann es wohl wagen, ſie um den Weg und wo wir uns eben befinden, zu befragen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„nur darf ich nicht zu ſcharf zureiten, ſonſt halten ſie mich für einen Straßenräuber.“ 7 Dieſe Ritter der Heerſtraße waren nämlich dazumal keineswegs ſelten. Kaum war ihm der Gedanke zu Sinne gekommen, als 84 ihm zwei Gegenſtände auffielen: erſtens ein Parkgitter von etlichen fünfzig bis ſechzig Ruthen Länge zwiſchen den Beäumen zur Linken; und zweitens die Geſtalt eines Reiters, der unter den Bäumen zur Rechten zum Vorſchein kam. Reginald Lisle war in der Regel ziemlich raſch in ſeinen Vermuthungen, zuweilen nur gar zu haſtig in ſeinen Schlüſ⸗ ſen.„Ich befinde mich in der Nähe eines adeligen Parks,“ dachte er;„dort ſind die beiden Damen des Hauſes und hier kehrt ein Diener von einem Auftrage zurück.“ Eine Zeitlang blieb er bei dieſer Anſicht, denn der Reitersmann folgte den Damen in gemäßigtem Schritte, auch ſchienen ſich dieſe keineswegs zu beeilen. Einen Au⸗ genblick ſpäter jedoch fuhr Reginald Lisle mit der Hand nach dem Piſtolenhalfter, weil er den vor ihm Reitenden etwas ähnlicher Art thun ſah. Im nächſten Augenblicke lam der Mann an den beiden Damen vorüber, ſchwenkte ſein Roß vor ihnen herum, und brachte ſie offenbar zum Stehen. Ein Laut— nicht gerade ein Schrei, denn dazu war er nicht ſtark genug, ſondern eher ein Ausruf des Er⸗ ſtaunens und der Furcht— drang Reginald Lisle zu Ohren und im ſelben Moment ſtieß er ſeinem Roſſe die Sporen in die Seite. Blitzſchnell flog das Thier dahin; die Piſtole war aus dem Halfter und der junge Gentleman, den Zügel loslaſſend, ſetzte den Ladſtock feſt auf, um ſich zu überzeugen, ob die Kugel während des langen Rittes nicht herausgefal⸗ len ſey. Die beiden Damen hörten jetzt den Klang ſeiner Pferdehufe, während eben die eine allem Anſchein nach dem vor ihr ſtehenden Herrn ihre Börſe reichte. Der Reitersmann, James. Th. Broughton. 6 8² deſſen Geſicht dieſer Richtung zugekehrt war, mußte gleich⸗ falls einige Augenblicke zuvor gemerkt haben, daß er nicht der einzige Berittene auf der Straße war; doch ſchien er ſich, ehrlich geſtanden, ſehr wenig darum zu bekümmern und machte keine Bewegung, als ob er ſeinen Plan aufzugeben vorhätte. In ihrer Haſt und Verwirrung ließ die Dame ihre Börſe in demſelben Augenblicke fallen, da Reginald nur noch dreißig Schritte von ihr entfernt war, während ihre jüngere und ſchlankere Gefährtin ſich umdrehte und mit ei⸗ ner Art Freudenruf dem neuen Ankömmling entgegeneilte, als ob ſie feſt überzeugt wäre, daß er ihnen Befreiung bringe. „Seyd ſo gut, die Börſe aufzuheben und mir zu über⸗ reichen, Ma'am,“ rief die tieſe Stimme des Mannes, der ſte angehalten hatte, und dann ſeine Piſtole alsbald auf Reginald Lisle richtend, donnerte er ihm entgegen:„halt an, Du Mann, oder ich ſchieße Dich nieder, ſo wahr ich lebe!“ Der junge Ofſtzier antwortete durch einen Piſtolen⸗ ſchuß, der dem Räuber den Hut vom Kopfe riß und auf die Straße ſchleuderte. „Verteufelt ſcharf gezielt!“ rief Letzterer, der Dame die Börſe, die ſie aufgehoben hatte, aus der Hand reißend. „Haltet Euch fern, haltet Euch fern!“ Als er jedoch den jungen Gentleman immer näher heranſprengen ſah, feuerte er nicht auf ihn, ſondern auf ſein Roß, ſo daß das arme Thier, in die Bruſt getroffen, augen⸗ blicklich niederſtürzte und ſeinem Reiter beim Fallen das Bein zerquetſchte. Ein gewaltſamer Verſuch zum Auf⸗ 83 ſpringen, den das Thier in ſeinem Todeskampfe machte, be⸗ freite den jungen Offtzier von ſeiner Laſt, und ohne den Schmerz, den er litt, zu beachten, ſprang Lisle auf ſeine Füße, riß die zweite Piſtole aus dem Halfter und eilte wei⸗ ter. Im ſelben Moment drehte jedoch der Räuber ſein Roß herum, indem er mit graziöſer Verbeugung und zierlichem Handwinken den beiden Frauen ſein„Guten Morgen, meine Damen, nebſt vielem Dank“— zurief und in leichtem Ga⸗ lopp über die Haide ſprengte. „Ach, Sir, ich hoffe, Ihr ſeyd nicht verletzt,“ rief die Dame, welche Reginald zunächſt ſtand.„Ich fürchte, er hat Euer armes Pferd getödtet.“. „Allerdings,“ erwiederte Reginald mit einem Blicke auf das Thier, das die Füße in krampfhaften Zuckungen em⸗ porhob;„das hat er gethan!“ indem er ſeine Lippen mit großer Betrübniß zuſammenpreßte.„Ich hoffe, der Schurke hat Euch nicht ſehr erſchreckt,“ fuhr er raſch ſich umwendend fort.„Dieſe Dame— vermuthlich Eure Mutter— ſcheint ſehr erſchüttert.“ Und ſo war es auch, denn die eine Hand über die Au⸗ gen gepreßt, mußte ſie ſich förmlich an einem Baume feſt⸗ halten. „Er iſt fort, theuerſte Mutter, er iſt fort!“ rief die jüngere Dame, zu ihr hineilend und ihr die Hand auf den Arm legend. „Aber er kann wieder ſfommen, Mary,“ jammerte die Andere.„Wie koͤnnen wir ſagen, ob er nicht zurückkehren wird?“. 6 ⁸ 84 „O nein!“ beruhigte Reginald Lisle näher tretend, „das iſt gewiß nicht zu fürchten, und wenn er auch käme, ſo würde er geradezu in die Gefangenſchaft rennen, denn kaum eine halbe Meile hinter mir folgen zwei Freunde mit mehreren Dienern. Ich wollte, ſie wären hier, dann wäre er nicht ſo leicht entronnen; ſo aber hat er mein armes Roß getödtet, und ich kann ihn weder verfolgen noch meines We⸗ ges zurückreiten.“ 8 „Ich hoͤre mit dem größten Bedauern, daß Ihr in un⸗ ſerem Dienſte ſolchen Verluſt erlitten habt und danke Euch tauſendmal, Sir,“ erwiederte die ältere Dame.„Wenn Ihr jedoch Eile habt und Euch der Aufſchub ſchwer fällt, wie ich aus Eurer Miene ſchließe, ſo können wir Euch leicht weiter befoͤrdern, denn wir haben viele treffliche Pjerde in unſerem Stall und ich brauche wohl nicht zu ſagen, daß ſie Euch ganz zur Verfügung ſtehen.“ 4 „Vielen Dank, Madam,“ verſetzte Kapitän Lisle; „es iſt wohl natürlich, daß ich mich um mein armes Pferd gräme, denn es hat mich an manchem blutigen Tage getra⸗ gen, ohne jemals eine Wunde zu erhalten. Chrlich geſtan⸗ den, fürchte ich faſt Euer Anerbieten ablehnen zu müſſen, denn das Thier hat im Fallen mein Knie dermaßen zerſchun⸗ den, daß ich, wie ich glaube, wohl kaum wieder in den Sattel ſteigen könnte.“ Beide Damen ſäumten nicht, ihm bei dieſer Mitthei⸗ lung ihr Bedauern und ihre Theilnahme auszudrücken, und während Reginald weiter hinkte und in der Hoffnung, daß dieß zur ſpäteren Ueberführung dienen könnte, den Hut des 8⁵ Räubers von der Straße aufhob, ſchien eine haſtige Bera⸗ thung zwiſchen ſeinen beiden ſchönen Gefährtinnen ſtatt zu finden; von denen die Tochter der Mutter etwas einzureden ſchien, worüber die ältere Dame noch ſchwankend war. „Aber, theuerſte Mary, wir ſind im Hauſe ganz allein und wiſſen noch gar nichts von dieſem Herrn,“ ſagte ſie; „ich fürchte, der Vater wird dieß ſonderbar finden.“ „Ei, nein, gewiß nicht, Mama,“ erwiederte die An⸗ dere;„würde er ſelbſt nicht ebenſo handeln?— Wohlan, wenn Du nur deßhalb zögerſt, weil wir allein ſind, ſo darfſt Du nur Doktor Haviland erſuchen, zu uns zu kommen. Der Fremde iſt offenbar ein Gentleman und es wäre doch grau⸗ ſam, ihn fortgehen zu laſſen, während er ſolche Schmerzen leidet. Ich weiß gewiß, Papa würde das gar nicht ſchön finden.“ Dieſe letztere Bemerkung ſchien den Sieg davon zu tragen, denn als Reginald mit dem Hute in der Hand langſam zurückkehrte, bat ihn die ältere Dame mit höflichen Worten, ſie nach ihrem Wohnhauſe zu begleiten, und von dort den Wundarzt aus Dunchurch holen zu laſſen. Jetzt kam das Zögern an Reginald Lisle, obwohl er fühlte, daß er kaum im Stande wäre die Reiſe fortzuſetzen, und er hätte vielleicht dennoch das Anerbieten abgelehnt, wenn nicht die jüngere Dame mit höchſt überzeugendem Lä⸗ cheln auf den Lippen und die tiefblauen Augen voll Ernſtes auf ihn geheftet, geſagt hätte: „Wahrhaftig, Sir, Ihr dürft nicht daran denken, ohne ärztlichen Beirath weiter zu gehen, und da meine 86 Mutter auf dem ganzen Heimwege noch voller Furcht ſeyn wird, ſo könnt Ihr uns Eure Begleitung ſchon aus Artig⸗ keit nicht abſchlagen.“ Hätte Lisle auch den Worten widerſtehen können, ſo wäre er doch ganz gewiß von der Anmuth, mit der ſie geſprochen wurden, beſtegt worden; der einzige Anſtand für ihn blieb der, wie er ſeine zwei Freunde von dem Vorgefallenen, wie von ſeinem jetzigen Aufenthaltsorte un⸗ terrichten ſollte. Während er jedoch mit ſeinen beiden ſchö⸗ nen Gefährtinnen berieth, was er thun ſollte, ſah er dieſes Hinderniß mit einem Male gehoben, denn Meiſter Zachary Hargrave kam langſam auf ſeinem ermüdeten Roſſe daher⸗ geſprengt und brachte die Meldung, Sir Theodor Broughton ſey unterwegs geſtürzt und habe beide Kniee gebrochen. „Der Major hält es deßhalb für's Beſte, in den ſchwarzen Hund nach Stratton zurückzukehren,“ fuhr der Diener fort. „Wollt Ihr mit umwenden, Kapitän, ſo können wir dort oder zu Ryton eine Chaiſe bekommen und morgen weiter ziehen.“ „Da ſeht!“ erwiederte Lisle auf ſein todtes Roß hin⸗ deutend.„Sagt ihnen, ich habe hier eine kleine Affaire mit einem Straßenräuber gehabt, der meinen armen Brau⸗ nen niederſchoß. Wenn ſie jedoch nach Stratton zurück wollen, ſo werde ich heute Nacht oder morgen Früh zu ihnen ſtoßen—“ „Wenn er dies nämlich im Stande iſt,“ fügte die jün⸗ gere Dame hinzu, welche wohl bemerkte, wie blaß Reginald geworden war.„Das Pferd fiel auf ihn und verletzte ihn⸗ „ 87 weßhalb wir zuvor den Arzt aus Dunchurch herbeirufen müſſen.“ „Sehr wohl, Miß, das will ich ausrichten,“ erwiederte Hargrave zurückreitend, während Reginald die Piſtole in die Bruſttaſche ſteckend die beiden Damen in langſamem unbeholfenem Schritte auf derſelben Sandſtraße weiter be⸗ gleitete. Die jüngere, mit dem leichten frohen Muthe der Jugend ausgeſtattet, ſchien alle Furcht vergeſſen zu haben, und ſcherzte ſogar über ihr Abenteuer, während ihre Mutter, ſie feſt am Arme haltend, keineswegs ſo leicht zu beruhigen ſchien, ſondern nur wenig ſprach und immer noch von Zeit zu Zeit über die Heide hinſchaute, als ob ſie jeden Augen⸗ blick die Geſtalt eines Straßenräubers daher galoppiren zu ſehen erwartete. „Gott ſey Dank!“ rief ſie endlich,„wir ſtehen vor dem Parkthore.„Es iſt doch wirklich ſchrecklich— dieſer Ge⸗ ſellſchaftszuſtand, daß man ſich kaum eine halbe Meile von ſeinem Hauſe entfernen darf, ohne räuberiſchen Anfällen ausgeſetzt zu ſeyn!“ „Ei theuerſte Mutter, ſofern es uns betrifft, hätte es noch ſchlimmer ausfallen können,“ meinte die jüngere Dame, „denn Du wirſt gewiß zugeben, daß man unmöglich höf⸗ licher ſeyn konnte, als er, obwohl er Dir die Börſe abnahm; überdieß glaube ich, daß gar nicht viel darin war.“ „Sieben Guineen,“ verſetzte die Dame.„Um ſie würde ich mich allerdings nicht bekümmern; es iſt nur der Schreck, in den er mich verſetzte. Du weißt, theuerſte Mary, ich werde mich vor den nächſten Wochen nicht davon 88 erholen.— Höͤflich, ſagſt Du! mir kam er ſo brutal wie möglich vor— der abſcheuliche Menſch!“ „Ei nein! er war ſehr hübſch,“ rief die jüngere Dame lachend,„und entſchuldigte ſich tauſendmal wegen der Mühe, die er Dir verurſache, indem er Dich bitte, ihm die Börſe auszuhändigen. Wenn man immer ſo höfliche Leute träfe, ſo wäre es eigentlich ein reines Vergnügen, ſich berauben zu laſſen.“ So ſcherzte ſie in nunnterem Tone, offenbar in der Abſicht, den Eindruck des Schreckens bei ihrer Mutter zu verwiſchen; allein der Verſuch war vergeblich, und obgleich Reginald, ihre Abſicht errathend, die Sache gleichfalls nur leichthin zu behandeln ſuchte, blieb die ältere Dame dennoch den ganzen Weg über in einem Zuſtande nervöſer Aufre⸗ gung, indem ſie erklärte, ſie habe nichts von den höflichen Reden des Räubers vernommen, habe noch nie einen furcht⸗ bareren Menſchen als ihn geſehen und ſey vollkommen überzeugt, daß er ſie Beide ermordet hätte, wenn ihr tapfe⸗ rer Begleiter nicht zu ihrer Befreiung herbeigekommen wäre. Reginald that zwar ſein Beſtes, um munter zu erſchei⸗ nen; gleichwohl läßt ſich nicht läugnen, daß er bei jedem Schritte große Schmerzen empfand, ſo daß er endlich, nach⸗ dem ſie das Thor betreten und eine Strecke weit durch einen ſehr ſchönen und anſcheinend ziemlich ausgedehnten Park gewandert waren, in dem Augenblicke da ſie etwa eine Vier⸗ telmeile vor ſich ein altes Herrenhaus aus den Zeiten der Eliſabeth zu Geſicht bekamen, anhalten mußte. „Ich kann leider keinen Schritt weiter,“ erklärte er in 89 einem Tone, aus dem er den Ausdruck des Schmerzes nicht ganz zu verbannen vermochte.„Die Damen können von hier bis an das Wohnhaus auf keine weitere Gefahr ſtoßen, und ich muß auf alle Fälle etwas ausruhen, da ich es un⸗ möglich finde, weiter zu gehen.“ Mit ihrem eigenen Schrecken beſchäftigt, hatte die ältere Dame die Pein, die er erduldete, ſowie ſeine Anſtren⸗ gungen, ſie zu bemeiſtern, nicht bemerkt; dem Auge der Tochter war jedoch keines von beiden entgangen. „Ich ſah wohl, wie er litt,“ ſagte ſie im Tone tiefen Mitleids;„hier iſt eine niedliche Moosbank: wenn Ihr Euch hier einige Minuten niederſetzen wollt, ſp laſſen wir Euch noch vor Einbruch der Dunkelheit im Wagen abholen.“ Ein anderer Plan ließ ſich nicht vorſchlagen, und mit traurigem Lächeln über ſeine eigene Schwäche ſetzte ſich Reginald nieder, während die beiden Damen weiter gingen. Es dauerte faſt eine halbe Stunde, und war ſchon völlig dunkel geworden, als ihm endlich das Geraſſel von Wagenrädern zu Ohren drang, denn die Dienerſchaft iſt nicht immer ſo mildherzig, wie ihre Gebieter, und die Wei⸗ ſungen der jungen Dame ſich zu beeilen, wurden nicht mit derſelben Pünktlichkeit, die ſie hätte wünſchen können, aus⸗ geführt. Endlich jedoch erſchien der Wagen mit einem Diener, welcher zu Fuß ging und die Stelle ſuchte, wo Re⸗ ginald zurückgelaſſen worden war; fünf Minuten ſpäter lag er in einem großen ſchönen Wohnzimmer auf dem Sofa mit beiden Damen neben ſich, die ſich in eifrigen Fragen nach ſeinem Befinden erſchöpften. 90 Alles rings umher hatte ein heiteres behagliches An⸗ ſehen: das Zimmer hell erleuchtet, ein muntres Feuer in dem weiten offenen Kamin, das Hausgeräthe reich und koſt⸗ bar und über ſeinem Haupte das reizendſte Geſicht, das man nur ſehen konnte, mit jenem ſüßen Blicke der Theil⸗ nahme— dem wirkſamſten aller Tröſter— ſich über ihn beugend. Reginald Lisle konnte ſich nicht verhehlen, daß dieſer Lohn die ſeitherigen Schmerzen völlig aufwiege, und hoffte beinahe, daß der Arzt ihn noch für manchen kommen⸗ den Tag auf dieſen Sofa feſtbannen möge. Der Heilkünſtler ließ auch nicht lange auf ſich warten, denn der abgeſchickte Diener ritt in voller Haſt nach Dunchurch und der Doktor ſelbſt ritt noch ſchneller, denn ein Patient im Herrenhauſe war kein alltägliches Ereigniß und ſchien wohl ein Galöppchen werth. Gleich ſeine erſte Anweiſung war je⸗ doch dem jungen Patienten gar nicht angenehm, denn erſollte alsbald zu Bett gebracht werden, und dort, konnte er ſich wohl denken, mußte das ſchöne Antlitz unſichtbar für ihn werden. Es blieb ihm jedoch nichts übrig, als ſich zu un⸗ terwerfen, und ſo hatte er eine halbe Stunde oder drüber all' die Qualen des Unterſuchens, des Bähens und die vielen ſonſtigen Manipulationen auszuſtehen, wodurch ge⸗ ſchickte Aerzte den Heilungsprozeß ſo verdrießlich wie mög⸗ lich zu machen wiſſen. Kaum hatte ſich der Mann der Kunſt mit dem Ver⸗ ſprechen eines baldigen Beſuches am andern Morgen verab⸗ ſchiedet, als ſich ein ſchwerer militäriſcher Schritt auf dem Gange vernehmen ließ und im nächſten Augenblicke die 91 lange hagere Figur und das habichtähnliche Geſicht der heißhungrigen Krähe neben Reginald’s Bette zum Vorſchein kam. „Ei ei, Du biſt alſo in eine höchſt merkwürdige und unbehagliche Patſche gerathen, mein Junge,“ rief er,„nicht weniger merkwürdig, weil ſie unbehaglich, noch minder un⸗ behaglich, weil ſie merkwürdig iſt.“ „Ei keineswegs, Brandrum,“ verſetzte Reginald Lisle, indem er ihm umſtändlichen Bericht über das Vorgefallene abſtattete und ihm erklärte, daß er ſich vielleicht noch länger als einen Tag nicht von der Stelle rühren könne— eine Ueberzeugung, die ſich ihm trotz ſeines raſchen Tempera⸗ ments und unbeugſamen Geiſtes am Ende dennoch aufge⸗ drungen hatte. „Wohlan, ſo warten wir eben ein paar Tage,“ erwie⸗ derte der gute Major.„Dem jungen verwöhnten Glücks⸗ kind wird es ohnehin nicht ſchaden, wenn es einige Zeit in einem armſeligen Wirthshauſe geſchult wird, und was mich betrifft— mir iſt London für jetzt ohnedieß zu heiß und ich finde mich auf dem Lande ganz behaglich. Ich kann Deinen munteren Hauswirthen nicht mein Kompliment machen, denn ſobald ich Sir Theodor untergebracht hatte, bin ich, wie Du ſiehſt, in meinen ſtaubigen Reiſekleidern herbei⸗ geeilt.“ Mit dieſen Worten nahm er Abſchied und überließ Re⸗ ginald ſeiner Ruhe, ſo weit bei dem ſchmerzenden Zuſtande ſeiner Glieder von Ruhe die Rede ſeyn konnte. 92 Siebentes Kapitel. Der Leſer muß ſich nunmehr in den ſchwarzen Hund verfügen und ſich erinnern, daß eine kleine Landherberge in den Jahren 1775— 6— 7 ein ganz anderes Ding war als ein Gaſthof anno 1845— 6— 7. Zu damaliger Zeit enthielten jene kleinen Landwirthshäuſer in der Regel nur ein gemein⸗ ſames Zimmer zur Aufnahme von Gäſten. In Harrow⸗ gate oder Bath, zu Hot Well, Clifton oder anderen Bade⸗ orten traf man je neben einem paar Schlafzimmern auch ein Wohnzimmer, denn dort kehrte man zu beſondern Zwecken ein, die einen längern Aufenthalt nöthig machten; in ſolchen ländlichen Herbergen aber blieb höchſtens ein Reiſender oder eine Familie über Nacht, ein Packträger verweilte vielleicht zwei bis drei Tage und in beiden Fällen genügte das eine Gaſtzimmer für alle Reiſezwecke, da man in damaligen Ta⸗ gen noch nicht jenen Abſcheu vor der Nähe von Fremden kannte, wie er heutzutage öfters vorherrſcht. Dazumal konnte es öfters paſſiren, daß während ſich in der einen Ecke zwei Herren mit ſteifanliegenden Röcken und langen Haar⸗ zöpfen über den Preis des Leders oder über den Werth der Baumwollenwaaren oder über die Nachfrage nach grobem Tuch beſprachen, in der anderen vielleicht zwei weitere Herrn in Lederhoſen über Politik, Pferderennen oder Ackerbau ſich unterhielten, ohne ſich gegenſeitig im Geringſten zu ſtören. Eine überlaute Bemerkung an dem einen Tiſch oder von der einen Gruppe mochte wohl zuweilen von der anderen ein 93 Kreuzfeuer verurſachen, und es begegnete wohl auch manch⸗ mal, daß Flaſchen, Krüge oder Puderbüchſen als feindliche Geſchoſſe hin⸗ und herflogen, daß Schwerter gezogen und Balgereien geliefert wurden, bis Wirth oder Konſtabler ſich einmiſchten und die Wirthin mit ſchrillender Stimme und hochrothem Geſicht die ganze Geſellſchaft mit einer Lungen⸗ kraft, wie ſie der ſchoͤneren Hälfte der privilegirten Tavernen⸗ Compagnie eigenthümlich iſt, auszankte. Solche Fälle kamen jedoch ſelten vor und der Reiſende mochte ſeinem Troſtſpruch: ich will mir's in meinem Gaſt⸗ hofe wohl ſeyn laſſen'— mit weit mehr Wahrſcheinlichkeit als in den meiſten anderen Fällen des menſchlichen Lebens vertrauen. Auch herrſchte noch ein gewiſſer Höflichkeits⸗ comment, der den Verkehr an dieſen öffentlichen Plätzen in gewiſſem Grade regelte; es galt noch durchſchnittlich als Sprüchwort, daß eine artige Rede auch eine artige Ant⸗ wort nach ſich ziehe, ſo daß eine Art Freimaurerei an ſol⸗ chen Orten herrſchte, welche alle Menſchen, ſo lange ſie da⸗ ſelbſt verweilten, gewiſſermaßen zu Brüdern ſtempelte, ohne ſie jedoch von dem Augenblicke, da ſie den Fuß wieder über die Schwelle ſetzten, zu der geringſten Vertraulichkeit oder auch nur Bekanntſchaft zu verpflichten, wenn nicht etwa beide Theile durch gegenſeitige Anzeichen ſich zu erkennen gaben, daß ſie engere und dauerndere Gemeinſchaft zu grün⸗ den wünſchten. Nach dieſer Einleitung brauche ich wohl kaum noch zu ſagen, daß das Wirthshaus zum ſchwarzen Hund in Strat⸗ ton⸗npon⸗Dunsmoor— der Schild hat ſich, glaube ich, 94 bis auf den heutigen Tag erhalten— nur ein einziges Gemach enthielt, das den Namen eines Wohnzimmers ver⸗ diente und allen Ankömmlingen offen ſtand. Wollte eine Familie im Hauſe übernachten und ſich recht exkluſiv beneh⸗ men, ſo mußte ſie eine Schlafkammer zum Speiſe⸗ oder Wohnzimmer umwandeln— ein Fall, der jedoch nur höchſt ſelten vorkam. In dieſem einzigen Wohnzimmer— es lag zu ebener Erde, mit den Fenſtern nach der Heerſtraße, war nicht über⸗ groß und etwas niedrig— ſaßen Sir Theodor Broughton und Major Brandrum an einem höchſt behaglichen Abend⸗ eſſen, das den jungen Baronet welcher, zwar heftiger aber nicht lange andauernder Anſtrengungen fähig, durch den langen Tagesritt ebenſo wie ſein Roß ziemlich ermüdet war— ſehr angenehm erfriſchte. Der Major hatte vor Tiſch den Keller unterſucht und mit feinem Gaumen die ordinäreren Weine verkoſtet, von denen der Wirth damals allerlei Sorten zur Annehmlichkeit ſeiner Gäſte zu halten pflegte. 4 In unſeren entarteten Zeiten wäre es allerdings mehr als vergeblich, in einem ſolchen Gaſthofe Claret zu verlan⸗ gen. Höchſtens daß man den Wirth durch ſolche Fragen beleidigt und Eſſig und Waſſer ſtatt Clarets für ſeine Mühe erhält. Damals aber war der Fall ganz anders, und der reine Saft der Bordeauxtraube war in England ſogar an den Nebenſtraßen faſt eben ſo häufig, wie an den Ufern der Garonne oder Dordogne. Der Madeira wollte dem Ma⸗ jor nicht behagen, der Portwein ſchmeckte noch ſchlechter, — — —y— 95⁵ aber bei dem Claret erhob er die Augbrauen mit der Miene eines Kenners und beſtellte ein Magnum,“ indem er Sir Theodor flüſternd benachrichtigte, es ſey dies der delikateſte, wohlſchmeckendſte Wein, den er noch jemals getrunken habe, nicht weniger delikat, weil er wohlduftend, noch minder wohlduftend, weil er delikat ſey. Der junge Baronet war ſo ziemlich derſelben Anſicht, trotzdem daß ſein eigener Keller— Dank ſey es Kapitän Donovan's feinem Geſchmack und Unterſcheidungsvermögen — einige der feinſten Sorten aus Guyenne enthielt, und ſo ſaßen ſie denn an den Reſten ihres Abendeſſens und ſchlürften langſam ihren Wein, der mit ſeinem Bouguet das ganze Zimmer durchduftete. Sir Theodor, welcher faſt ſein ganzes ſeitheriges Leben— was der glücklichen Jugend nur zu oft unter der Ruthe des ſtrengen Alters begegnet— in einem Zuſtande der Furcht zugebracht und ſich nur ſelten (was vielleicht für alle Menſchen beſſer wäre) an dem trö⸗ ſtenden Safte der Reben gelabt hatte, der uns ohne Zweifel zur Stütze der abnehmenden Jahre geſchenkt iſt, wurde un⸗ ter dem Einfluſſe des Clarets mit jedem Angenblicke mun⸗ terer und vertraulicher. Er unterhielt ſich mit ſeinem mi⸗ litäriſchen Freunde zwar nicht ohne ſeinen Geiſt und ſeine Kenntniſſe geltend zu machen, aber offenbar mehr in dem Wunſche, durch ihn einigermaßen mit der weiten Welt be⸗ kannt zu werden, die ſein rüſtiger Gefährte in ihren wildeſten und entlegenſten Winkeln beſucht hatte, als um ſein eigenes * Zweimäßiger Krug. 6 Der Ueberſ. 96 Wiſſen auszukramen, das ſich vor der Hand auf den klaſſi⸗ ſchen Boden beſchränkte. Major Brandrum war unerſchöpflich, und hätte ich hier ein epiſodiſches Werk vor mir, ſo könnte ich drei bis vier höchſt merkwürdige Geſchichten und Anekdoten erzäh⸗ len, die er, noch ehe ihre kleine Geſellſchaft, die ſich im An⸗ fange auf die beiden Herrn beſchränkte, durch die Gegenwart eines Dritten vermehrt wurde, an jenem Abende preisgab. Da ich jedoch nur eine, nicht aber viele Geſchichten zu lie⸗ fern beabſichtige, ſo muß ich die Schilderung ſeiner Aben⸗ teuer in Nord⸗ und Südamerika, auf den Falklandsinſeln, in den Niederlanden, Bengalen, Spanien und Deutſchland für eine andere Gelegenheit aufſparen, indem ich blos noch bemerke, daß eben beim Schluſſe einer ſeiner Erzählungen die Thüre des Zimmers aufging und ein ſehr gut gekleideter wohlausſehender Mann zwiſchen dreißig und fünfunddreißig Jahren eintrat. Er war höchſt geſchmackvoll und ſauber gekleidet und ſchien ſich der Geſellſchaft voller Achtung zu nähern, wie denn ſein Anzug— worauf damals weit mehr als heutzu⸗ tage gehalten wuͤrde— vielleicht noch beſſer für eine Abend⸗ geſellſchaft in London, als für dieſen armſeligen ländlichen Gaſthof gepaßt hätte. Er trug einen gelblichbraunen Rock mit Stahlknöpfen, ſeidenen Hoſen, weißſeidenen Strümpfen; ſelbſt ſeine Schuhſchnallen waren, wenn auch klein, ſo doch nach der neueſten Mode und ausnehmend glänzend. Seine Manſchetten zeigten die ſchönſten feinſten Spitzen und ſeine kleine zarte Hand war mit mehreren ſehr ſchönen Ringen 97 geſchmückt. Sein Geſicht war offen und angenehm, nur das Unterkinn vielleicht etwas zu breit und maſſig, und die Figur bei aller anſcheinenden Stärke leicht und anmuthig. Kurz ſeiner ganzen Haltung und Erſcheinung nach ſchien er eine höchſt diſtingirte Perſon; ja in dem Aufwerfen der Lippe lag ſogar ein ganz leiſer Anſtrich von Hochmuth, wie man ihn oft in den geiſtig am tiefſten ſtehenden Klaſſen der vornehmen Welt antrifft. 4 Der neue Ankömmling näherte ſich mit leiſem bedäch⸗ tigem Schritt dem Herde, indem er nur einen einzigen Blick auf die beiden Perſonen im Zimmer warf, ſtützte dann den Ellbogen auf den Kaminrand und verſank in längeres Nach⸗ denken. Einen Augenblick ſpäter zog er die Glocke,— ſolche Inſtrumente waren nämlich ſchon damals in England allgemein eingeführt, obwohl ich mich der Zeit noch recht wohl erinnere, wo ſie in vielen Theilen Deutſchlands höch⸗ ſtens an Kirchthürmen bekannt waren— und fragte den eintretenden Gaſtwirth, ob ſein Abendeſſen fertig ſey. „In der Minute, Oberſt— in der Minute,“ erwie⸗ derte der Wirth;„es iſt noch nicht ganz Eure Stunde.“ „Schon fünf Minuten drüber,“ meinte der Fremde, eine ſehr hübſche Uhr herausziehend, welche all' jene zahl⸗ reichen Anhängſel an ſich trug, womit die damalige Mode das kleine merkwürdige Inſtrument ſchmückte, mit deſſen Hülfe der Menſch das Vorrücken der von ihm mißbrauchten Stunden berechnet;„ſchon fünf Minuten drüber,“ wieder⸗ holte er, nachdem er den Zeiger beſichtigt hatte.„Ihr wißt, ich liebe die Punktlichkeit, Harriſon.“ James. Th. Broughton. 7 98 „Weiß wohl, Oberſt,“ erwiederte der Andere.„Unſere Uhr muß zu ſpät gehen.“ „Schlimme Gewohnheit für eine Uhr,“ verſetzte der Unbekannte trocken.„Corrigirt ſie nur, Meiſter Harriſon, ſonſt wird ſie eines Tags ganz ins Stocken gerathen.“ „Und wird dann nur das Schickſal manches meiner beſten Nach arn theilen,“ entgegnete der Wirth lachend. „Habt Ihr gehört, Oberſt, daß Lady Chevenix und das junge Fräulein vor den Thoren ihres eigenen Parks ange⸗ halten und ihrer Uhr, ihres Gelds und aller möglichen Dinge beraubt wurden?“ „Gerechter Himmel! Das iſt doch gar zu arg,“ rief der Unbekannte;„wahrhaftig, wenn die Herren in London nicht endlich einmal einſchreiten, ſo wird man am Ende nicht anders als mit Eskorte reiſen können.— Wann geſchah es denn?“ „O vor drei bis vier Stunden,“ gab der Gaſtwirth zur Antwort;„dieſe Herrn hier brachten die Nachricht, denn ein Freund von ihnen kam eben in dem Augenblicke hinzu, als der Räuber den Damen ihre Börſen abnahm und ihm für ſeine Mühe das Pferd niederſchoß, ſo daß er ſelbſt ſchwer verletzt wurde.“ „Verletzt!“ rief der Oberſt abermals.„Hat der Schurke nach ihm geſchoſſen?“ „Das nicht,“ erwiederte Major Brandrum, in das ſeit⸗ her laut geführte Geſpräch ſich einmiſchend;„er erſchoß nur ſein Pferd und dieſes ſtürzte, wie die Pferde es gewöhnlich machen, wenn ſie erſchoſſen werden, und fiel auf umſein jungen 44 99 Freund, was eben ſo ſchmerzlich als verderblich wurde, und zwar nicht weniger verderblich, weil es ſchmerzlich, noch weniger ſchmerzlich, weil es verderblich war.“ „Eine höchſt richtige Unterſcheidung,“ bemerkte der Fremde pathetiſch,„denn es begegnet zuweilen, daß Dinge, welche uns ſchmerzlich fallen, eher wohlthätig als verderb⸗ lich ſind.“ 4 „Wahr, o König!““ erwiederte Major Brandrum. „In dieſem Falle war's jedoch das Gegentheil, denn es hat unſern jungen Freund tüchtig mitgenommen.“ „Das bedaure ich aufrichtig,“ ſagte der Fremde, dem Tiſche ſich äͤhernd und Majer Brandrum ſeine Tabacksdoſe präſentirend, der auch ſogleich eine Priſe nahm, um ſich alsbald über die verſchiedenen Sorten und Qualitäten des Schnupftabacks zu verbreiten. Von da ging er zu Rauch⸗ taback über, beſchrieb die Kultur dieſer Pflanze faſt in allen Ländern unter der Sonne, die Verſchiedenheit der Blätter unter den verſchiedenen Klimas, und entwickelte nicht nur in dieſem, ſondern in hundert verwandten Gegenſtänden eine Mannigfaltigkeit des Wiſſens, welche Sir Theodor Brough⸗ ton wie den Fremden gleichermaßen überraſchte. „Ihr ſcheinet weit gereist zu ſeyn, Sir,“ bemerkte der zuletzt Angekommene. „Ich hatte die Ehre, in allen Ländern zu dienen, wo⸗ hin die brittiſche Flagge in den letzten fünfundzwanzig Jah⸗ ren vorgedrungen, und außerdem noch in verſchiedenen an⸗ deren Geg den,“ erwiederte Major Brandrum.„Ich war in da, in Nord⸗ und Südamerika, in Oſt⸗ und 7* 8 100 Weſtindien, auf den Falklands⸗Inſeln, in Deutſchland, Un⸗ garn und Böhmen, in Spanien, Portugal, in Italien, Frrankreich und den Niederlanden, zu geſchweigen von Nor⸗ wegen, Schweden, Dänemark und Rußland neben einem kurzen Aufenthalte in Egypten und Nubien und flüchtigen Beſuchen auf Borneo, Sumatra und Madagascar.“ „Darf ich wohl fragen, mein theurer Sir,“ verſetzte der Fremde mit kaum bemerkbarem Lächeln,„ob ich die Ehre habe, Kapitän Coock, Lord Anton oder Kapitän Dam⸗ pier vor mir zu ſehen?“ „Nein, Sir,“ gab Major Brandrum lachend und über den Scherz durchaus nicht beleidigt zur Antwort.„Man nennt mich die heißhungrige Krähe, da Ihr es wiſſen wollt. — Darf ich dagegen um Euren Namen bitten?“ „SIch heiße Oberſt Lutwich,“ erwiederte der Fremde, und ſo war eine Unterhaltung angebahnt, welche mehrere Stunden dauerte und worin Luſt und Frohſinn bald über die ſteifere formellere Höflichkeit anfänglicher Bekanntſchaft die Oberhand gewann. Der Oberſt ließ ſich ſein Nachteſſen auf einem Tiſche neben dem der beiden Herren ſerviren, und fuhr während ſeines Mahles fort, ſich mit einem gewiſſen feinen Spott über ſeinen würdigen Freund Major Brand⸗ rum luſtig zu machen, wobei er jedoch öfters den Kürzeren zog, da der Major all' ſeinen Witz bei der Hand hatte und nicht ſelten zu förmlichen Myſtifikationen ſeine Zuflucht nahm. Ueberdies war er aus beſonderen Gründen gegen den Oberſt weniger heiklig, als er gegen jeden Ande in gew⸗ 401 Freunden, den Cherokeſen, indem er manche von ſeinen eigenen und fremden Heldenthaten zum Beſten gab, welche, wenn auch in der Hauptſache vollkommen wahr, durch ſeine eigenthüm⸗ liche Erzählungsweiſe dennoch unglaublich ſchienen. „Allerdings höchſt furchtbare Waffen— dieſe Toma⸗ hawks,“ bemerkte der Oberſt;„nur meine ich, ein paar Gänge mit einem guten leichten Degen würden die Affaire auch gegen den geſchickteſten Mohawk gar bald zu Ende bringen.“ 1 „O keineswegs, Oberſt,“ erwiederte Major Brandrum;; „ſo alt ich auch bin, ſo würde ich es jetzt noch unternehmen, Euch in fünf Minuten zu entwaffnen, trotzdem daß Ihr ohne Zweifel ein vollkommener Fechtmeiſter ſeyd. Was wollt Ihr wetten? Wollen wir ſagen— eine Guinee? Hier iſt eine mit dem beſten mir bekannten Miniaturbilde unſeres Königs Georg.“ 1 „Wir können die Wette nicht ſogleich entſcheiden,“ verſetzte Oberſt Lutwich, welcher mittlerweile gleichfalls eine beträchtliche Portion Claret zu ſich genommen hatte,„ſonſt würde ich ſie mit Freuden annehmen. Wir müſſen uns ja erſt aus Nordamerika oder einem Kurioſitätenmuſeum einen Tomahawk herbeiſchaffen.“ „Ei was, einem guten Arbeiter fehlt's nie an Werk⸗ zeug,“ meinte der Major;„wir wollen bald Etwas finden, was eben ſo gut iſt. Es wird doch ein Beil hier im Hauſe geben.—— Kommt, Oberſt, macht einmal die Wette“— in⸗ i heii an der Glocke zog.„Mr. Harriſon,“ . 102 ſagte er, ſobald der Gaſtwirth erſchien,„wollt Ihr die Güte haben, mir ein Paar Schlappſchuhe und ein Beil zubringen.“ Mr. Harriſon ſtarrte ihn an. „Ich will mich nur zur Beluſtigung der Geſellſchafti in meinem angeborenen Charakter als heißhungrige Krähe produziren,“ erklärte Major Brandrum weiter.„Es ge⸗ ſchieht Alles blos zum Scherz, und wenn Ihr alſo Frauen im Hauſe habt, welche die ächte Vertheidigungsweiſe des Cherokeſen gegen einen europäiſchen Krieger mit anſehen wollen, ſo laßt ſie herbeikommen und an dem Schauſpiele Theil nehmen.— Nun, Oberſt, unſere Wette.“ „Von Herzen gern,“ gab dieſer zur Antwort, indem er eine äußerſt feine blauſeidene goldgeſtickte Börſe aus der Taſche zog und eine Guine herausnahm, die er nicht ohne Erröthen vor Major Brandrum auf den Tiſch legte. Der Gaſtwirth hatte unterdeſſen das Zimmer verlaſſen, um dem erhaltenen Befehle zu gehorchen. Derlei ſonderbare Forderungen waren in damaliger Zeit in den engliſchen Gaſthöfen keineswegs ſelten, und Meiſter Harriſon verſtel auf das treffliche Mittel, ſeinen Gäſten— wenn ſte nämlich dafür bezahlten— Alles zu reichen, was ſein Haus nur irgend darbot, ohne über deſſen Verwendung nachzufragen. So kehrte er denn nach wenigen Minuten mit einem Paar Schlappſchuhen zurück, in welche der Major, nachdem er ſeine Stiefel ausgezogen, alsbald hineinfuhr; das mitgebrachte Beil wurde von dem würdigen Offtzier dbeni in der Hand gewo⸗ gen, worauf er daſſelbe mit der Erklärung, daß die habe zwar etwas ſchwer ſey, auf eine Weiſe um 103 ſchwang, welche der kleine Weibertrupp, der ſich auf Meiſter Harriſon's Benachrichtigung verſammelt hatte, mit Furcht und Entzücken beobachtete. 1 „Nur herein, meine Damen,“ ſchrie Major Brand⸗ rum;„ich will Niemand ſkalpiren, das verſpreche ich euch. Zwar iſt das Werkzeug nicht ſo bequem zu handhaben, wie ein wirklicher Tomahawk, aber ich denke es wird dennoch ausreichen. Bitte um Entſchuldigung, wenn ich Rock und Weſte ablege— die Luft iſt hier gar zu ſchwül.“ Mit dieſen Worten zog er die oberen Gewänder aus, und ſtellte ſich mit dem Beil in der Hand in die Mitte des Zimmers. Der lange hagere ſehnige Mann mit ſeinen häßlichen Zügen ſah in der That furchtbar genug aus, da er die lange ſchmale graugeſprengelte Haarlocke auf dem Wir⸗ bel ſeines Schädels durch eine eigene Manipulation gleich dem Kamm eines ausländiſchen Vogels in die Höhe ge⸗ richtet hatte. 1 3 „Nun, Oberſt“ rief er,„ſtellt Euch hin, wo es Euch beliebt— wir wollen unſern Zweikampf beginnen.“ Mit leichter Anmuth und zuverſichtlichem Lächeln nahm der Gegner ſeine Stellung am andern Ende des Zimmers, zog den Degen und ſtellte ſich in die Angriffspoſitur. Gleich aus den erſten Bewegungen ging hervor, daß er ſeine Waffe meiſterhaft handhabte; aber während die Wirthin mit ihren Mägden in den Ruf ausbrach;„Herrgott, ſie werden doch nicht wirklich mit einander fechten!“ und Sir Theodor Broughton in leiſem Tone gegen ſolchen gefährli⸗ 104 chen Zeitvertreib remonſtrirte, legte Major Brandrum ſeine Uhr mit der kaltblütigen Bemerkung auf den Tiſch: „Fünf Minuten, Oberſt,— ſo ward's ausgemacht. Nun fangt an. Sir Theodor, behaltet die Uhr im Auge!“ Alſo herausgefordert ging Oberſt Lutwich ſeinem Widerpart vorſichtig eutgegen, machte eine Finte und dann einen Ausfall, den der Mafor glücklich mit dem Beile pa⸗ rirte. Nicht wenig verwirrt und geärgert— denn er wollte ſeinen Gegner offenbar nicht verletzen— machte der jüngere Gentleman aber⸗ und abermals ſeine Ausfälle, welche von dem Beile immer wieder zurückgeſchlagen wurden, bis end⸗ lich Beide in ihren Bewegungen hitziger wurden, ſo daß Beil und Degen nach allen Seiten blitzten. Auf ſeiner Ferſe wie ein Ballettänzer ſich herumdrehend, während er mit ſeiner „Waffe um den Kopf wirbelte, ſo daß ihr das Auge kaum zu folgen vermochte, ſchien die heißhungrige Krähe nicht allein von dem ächten Geiſte der Cherokeſen beſeelt, ſondern man hätte ſogar glauben können, als ob er ſogar hinten im Kopfe noch Augen habe, denn wohin auch die immer raſcheren und hitzigeren Ausfälle zielen mochten— das unvermeidliche Beil begegnete ihnen jedesmal und ſchlug ſie bei Seite. Der Gaſtwirth lachte, die Weiber kreiſchten und Sir Theodor Broughton ſaß voll Vermunderung und Schrecken, bis endlich der Indianer mit teufliſchem Geheul auf ſeinen Gegner losſprang, ihn bei der rechten Hand ergriff, daß Beide übereinander auf den Boden rollten. Der Degen war jedoch in Major Brandrum's Händen, und mi 8 105 abermaligen Kriegsruf, welcher das ganze Haus erſchütterte, ſchwang er die Art über dem Haupte ſeines Feindes. Raſcher jedoch als man hätte erwarten können ſeinen indianiſchen Charakter ablegend, ließ der würdige Major den Oberſt los, und verfügte ſich nach der andern Seite des Zimmers, wo er Degen und Beil auf den Tiſch legte und ſeinen Rock und Weſte, damit aber auch ſeine gewohnte Miene wieder anzog. Beſchämt und verwirrt erhob ſich der geſchlagene Fechter vom Boden; ſeine Wange glühte und man konnte deutlich erſehen, daß die Niederlage ihn nicht wenig ärgerte. Sobald jedoch ſein Gegner wieder angekleidet war, ging dieſer ihm mit offener gutmüthiger Miene entgegen und reichte ihm ſeinen Degen mit den Worten: „Bei meinem Leben, Oberſt, ich habe nie einen beſſe⸗ ren Fechter gefunden. Ich dachte mehrere Mal, Ihr hättet mich getroffen, obwohl ich noch Niemand ſah, der es mit einem cherokeſiſchen Tomahawk— wenn er richtig gehand⸗ habt wurde— aufnehmen konnte. Die Franzoſen ſind ſehr geſchickt mit ihren Waffen; aber auch das beſte ihrer Rapiere iſt einem Tomahawk nicht gewachſen. Ich kann eigentlich meinen Gewinn nicht mit Recht einſtecken, denn ich wußte, daß das Spiel ungleich war, was Ihr nicht wiſſen konntet.“ „O nein, er gehört Euch mit vollem Recht,“ rief der andere Gentleman, ſeine gute Laune alsbald wieder findend. „Ich hatte keinen Begriff davon, daß ein Beil eine ſo lenk⸗ ſame Waffe ſeyn könne. Ich denke, ich muß einige Lektionen nehmen.“ „Die will ich Euch von ganzem Herzen geben,“ erwiederte Major Brandrum,„und da Ihr doppelt ſo jung und flink ſeyd wie ich, ſo werdet Ihr mir bald überlegen werden. Ich will Euch einmal mit einem ächten wirklichen Tomahawk beſuchen und Euch zeigen, wie man ihn hand⸗ habt.“ „Wißt Ihr denn, wo ich zu finden bin?“ fragte der Oberſt in höflichem Tone. „O ja,“ gab die heißhungrige Krähe zur Antwort. „Ich weiß meine Freunde immer aufzufinden, wenn ich ſie brauche,“ und dabei nickte er bedeutungsvoll mit dem Kopfe. Oberſt Lutwich ſetzte ſich an ſeinen Tiſch und verſank in Nachdenken, bis Sir Theodor Broughton, der heute mehr Anſtrengung und Aufregung, als ihm eigentlich gut war, gehabt hatte, ſich zum Bettgehen anſchickte. Major Brand⸗ rum blieb zurück, um das beſtellte Magnum vollends auszu⸗ ſtechen, und eine Minute lang herrſchte zwiſchen ihm und ſeinem früheren Gegner das vollkommenſte Stillſchweigen. „Kommt, kommt, Oberſt,“ ſagte er endlich.„Ihr ſeyd doch wahrlich ein zu tapferer Mann, um mir noch ferner zu grollen. Laßt uns lieber einen fröhlichen Toaſt ausbringen.“ „Von ganzem Herzen,“ rief der Andere, ihm offen die Hand reichend.„Ich dachte auch gar nicht an unſern letz⸗ ten Kampf, Major. Ich ſuchte mich nur zu erinnern, wo wir Beide uns früher getroffen haben können.“ Die heißhungrige Krähe beugte den Kopf vorwärts, bis ſie mit ihrem Schnabel beinahe die Schläfe des Andern berührte, und flüſterte ihm dann ein paar Worte ins Ohr. 107 Der Oberſt fuhr auf, erblaßte ein wenig und ſtarrte dem Major feſt ins Geſicht. „Auf Ehre?“ fragte er in höchſt eigenthümlichem Tone. „Auf Ehre!“ verſicherte der Major;„obwohl ich viel⸗ leicht gerechtfertigt wäre, Nein zu ſagen.— Doch kommt, laßt uns unſern Toaſt ausbringen. Es lebe jeder Lebens⸗ beruf, je ehrlicher deſto beſſer!“ „Von Herzen gern!“ rief Oberſt Lutwich, ſein Glas leerend.„Was führt Euch aber ſo fern von London, Major Brandrum? Ich hatte gedacht, Ihr ſehet Euch nach fri⸗ ſchen Dienſten um.“ „Ei, mein theurer Junge,“ gab der Major zur Ant⸗ wort,„Ihr müßt wiſſen, ich befinde mich in einer widrigen Lage. Ein Mann Namens Willlkinſon, der einmal halb mit mir ertrank, ein andermal halb mit mir verbrannte, der größte Spitzbube auf der Welt und zehnmal ſchlimmer als Einer, der den Leuten auf der Heerſtraße die Börſen ab⸗ nimmt— verleitete mich dazu, meinen Namen unter zwei ſeiner Wechſel zu ſetzen, indem er mir auf's Heiligſte ange⸗ lobte, daß er, wenn er auch halb Europa betrogen habe, einen alten Freund und Leidensgenoſſen doch niemals anfüh⸗ ren und das Geld auf die Minute parat halten würde. Ich lieh ihm noch obendrein hundert baare Guineen, die er mir gleichzeitig zurückzahlen wollte; allein er that weder das Eine noch das Andere, was nicht nur unehrenhaft, ſondern auch unfreundlich iſt, und zwar nicht weniger unehrenhaft, weil es unfreundlich, noch weniger unfreundlich, weil es un⸗ ehrenhaft iſt. So wurden denn zwei Ausſchreiben wider 10 8 mich erlaſſen— eine Nachricht, welche mir den Wunſch zu reiſen eingab. Jene beiden Ausſchreiben ſollen vereitelt werden, und wenn auch alle Sheriffs von England und Wales hinter mir wären; mittlerweile kann ich vielleicht Meiſter Willkinſon abfangen, und mir mit einem tüchtigen Eſchenſtock eine Abſchlagszahlung nehmen.“ „Er iſt ein arger Schuft,“ antwortete der Oberſt; „denn ich weiß ſicher, daß er bezahlen kann, wenn ſich die Schuld nicht ſehr hoch belauft. Ich kenne den Schlingel recht wohl: er hat erſt neulich zweitauſend Piund von Joe Benſon gewonnen— wann geht Ihr weiter?“ Die Frage kam ziemlich abgeriſſen, und Major Brand⸗ rum fand ſie nicht leicht zu beantworten. „Ja, das weiß ich nicht genau,“ meinte er.„Mein armer Freund Lisle iſt ſchwer verletzt, und ich weiß nicht, bis wann er weiter kann. Ohne ihn gehe ich keinenfalls, denn wenn einem durch den Sturz des Pferdes das Knie ge⸗ quetſcht worden, ſo wißt Ihr wohl, Oberſt, daß man nie ſagen kann, wie weit das Unheil ſich erſtreckt.“ Was für ein Lisle iſt das?“ fragte der Andere;„doch nicht der. der ſich bei Bunker's⸗Hill ſo ſehr anszeichnete?“ Der Major nickte mit dem Kopf, und Oberſt Lutwich fuhr im Tone tiefen Bedauerns fort: „Das thut mir in der That herzlich leid; aber wenn Ihr geht, welchen Weg werdet Ihr einſchlagen, Maſor 22 „O grade aus,“ gab dieſer zur Antwort,„über Da⸗ ventry und Stonny Stratford; dort oder zu Dunſtable werde 109 ich ſie verlaſſen, denn es duürfte nicht gerathen ſeyn, mich näher an den großen Maelſtrom zu wagen. Iener iſt ein großer Meereswirbel dieſſeits der norwegiſchen Küſte, wie Ihr vielleicht wiſſen werdet, Oberſt, und das beſte Eben⸗ bild von London, das ich noch jemals geſehen.“ „Gut, ich werde Euch vorangehen,“ ſagte der Oberſt nachdenklich.„Vielleicht daß ich bis zu der Zeit zurück⸗ kehre, da Ihr noch auf der Straße ſeyd. In dieſem Falle wollen wir weiter über Eure Angelegenheiten reden.“ „Nehmt Euch in Acht, Oberſt,“ rief die heißhungrige Krähe lachend;„bedenkt, daß es Straßenräuber in der Gegend gibt.“ „O ich fürchte mich nicht,“ meinte Oberſt Lutwich. „Ich habe zwar meine Pferde hier, werde aber wahrſchein⸗ lich Poſt nehmen. Laßt uns noch ein Magnum leeren, Major.“ „Eine Flaſche iſt genug,“ meinte Major Brandrum, und nachdem ſie dieſe ausgeſtochen, ſchüttelten ſie ſich mit vieler Wärme die Hand und gingen zu Bett. Achtes Kapitel. Wir ſind eine kalte Nation— das läßt ſich nicht läug⸗ nen. Es bedarf in der Regel eines ziemlichen Anlaufs, um uns zu erwärmen, und auch dann iſt das Feuer nicht ſehr heiß. Wir verwundern uns ſogar über die heftigeren 110 Leidenſchaften glühenderer Völker und müſſen uns immer erſt erinnern, daß die Scene in Egypten oder Italten ſpielt, ehe wir Juliens brennende Worte oder das gänzliche Selbſt⸗ vergeſſen eines Antonius anders als mit Erſtaunen betrach⸗ ten können. Außer Shakeſpeare, welcher die ganze Welt in ſich begriff, haben wir in unſerer Sprache nur noch den einzigen Herrick, der ein Stück leidenſchaftlicher Liebes⸗ poeſie zu ſchreiben verſtand. Gleichwohl gibt es auch hie⸗ rin Ausnahmen, und es trifft ſich zuweilen, daß die heiße, raſch aufflammende Liebe, welche Julien die Worte eingab „Erkunde wer er iſt.— Iſt er vermählt, So wird das Grab mir wohl zum Brautkbett dienen.“ auch bei engliſchen Männern und Frauen vorkommt; auch mag es ſeyn, daß gleichwie das härteſte und kälteſte Brenn⸗ material, einmal angezündet, das dauerndſte und wärmſte Feuer gibt, ſo auch die Herzen, welche am ſchwerſten von Leidenſchaften entbrennen, derſelben am längſten treu bleiben, wenn ſie erſt ins Lodern gerathen. Ebenſo iſt es eine merk⸗ würdige Thatſache— aber nichtsdeſtoweniger Thatſache — daß die warme, heſtige, ſtürmiſche Liebe, wie ich ſie oben beſchrieben, wenn ſie mit freiem Herzen angefacht wird, ſelten ohne Erwiederung bleibt: ſie kann im Anfange wohl erſchrecken, überraſchen, ja ſogar beunruhigen; aber iſt der erſte Widerſtand beſiegt, ſo reißt ſie auch wie ein Sturmwind Alles vor ſich nieder. Reginald Lisle dachte die ganze Nacht an die dunkel⸗ blauen Augen mit ihren kohlſchwarzen Franſen und an das liebliche Geſicht voll Geiſt und Seele; er erinnerte ſich jedes 111 Blickes, als wäre er eine Seite in einem fremden Buche, welche, richtig überſetzt, die tiefſte Poeſie ausſpricht.— Der Leſer, der mit ächter Natur unbekannt iſt und immer nur an die ſtreng conventionellen Geſellſchaftsſitten gebunden war, wird wohl die Frage aufwerfen:„wie? nach ſo kurzer Bekanntſchaft?“— oder er hält vielleicht Regi⸗ nald Lisle für einen jener vulkaniſchen Menſchen, welche in fortwährender Exploſion begriffen ſind. Nichts von all Dem. Er hatte noch nie geliebt, denn ſein kurzes Leben war ſehr thatenreich geweſen; aber die Umſtände hatten es ſo geſtaltet, daß ihm die Liebe noch nie auf ſeiner Bahn begegnet war. Er hatte zwar viele hübſche und ohne Zweifel auch manche liebenswürdige Mädchen getroffen, allein ſein Sinn war ganz eigener Art— er ſuchte etwas mehr als bloße Schönheit oder Sanftmuth, hatte es aber noch nie gefunden oder zu finden geglaubt. Nimm eine Kugel, liebſter Leſer, und ſuche ſie in einen hohlen Würfel von gleichem oder ſogar größerem Kubikin⸗ halte zu ſtellen: Du kannſt es nicht, wie Du Dich auch anſtellen magſt— mit einem Wort, ſie paßt nicht. Hier hilft nichts Anderes als eine zweite hohle Kugel, und ebenſo geht es mit menſchlichen Sympathien, beſonders wenn ſie in einem feſten ſtandhaften Herzen Raum finden. Ich ſagte oben, Reginald Lisle habe die ganze Nacht an jene ſüßen Augen gedacht, und von Zeit zu Zeit that er es auch wirklich. Auch iſt nicht undenkbar, daß ſchon die Art und Weiſe ſeiner Gedanken weſentlich dazu beitrug, ihn wach und nachdenklich zu erhalten; aber man muß ebenſo 112 zugeben, daß auch der körperliche Schmerz an ſeinem wa⸗ chenden Zuſtande theilweiſe Schuld war, denn vier bis fünf Stunden lang ſchienen alle Mittel des Arztes ohne Wir⸗ kung zu bleiben und das Stechen in ſeinem Knie ſich nicht zu ſänftigen, und wenn er auch aus Müdigkeit in Schlummer ſank, erwachte er doch alsbald wieder an neuen Schmerzen. Endlich ließen dieſe nach, und eben als die erſten grauen Streifen am Horizonte auftauchten, fühlte er einen ruhige⸗ ren feſteren Schlaf über ſich kommen, als er ihn die ganze Nacht über genoſſen hatte. Er dauerte nicht lange; doch ſah er beim Erwachen bereits das helle Tageslicht durch die Spalten in den Vorhängen ſich hereinſtehlen, und die Weiſungen des Arz⸗ tes vergeſſend, ſagte Reginald Lisle zu ſich ſelbſt:„ich fühle mich ganz wohl— ich will aufſtehen.“ Geſagt— gethan: er verließ das Bett und ſuchte, ſo gut es mit bloßer Seife und Waſſer angehen wollte, ſeine Toilette zu beendigen. Doch wie dieſe auch beſchaffen ſeyn mochte, ſein Aeußeres konnte ſie nicht leicht beeinträchtigen, denn in jedem Zug, in jeder Linie war der Gentleman bei ihm ausgeprägt, und ſein Geſicht war, wenn auch etwas blaß, doch jedenfalls von denen, welche ein Weiberauge mit Vergnügen betrachtet. Lisle mochte beim Ankleiden wohl fühlen, daß er un⸗ klug handelte und daß es beſſer geweſen wäre, dem aͤrztlichen Rathe zu folgen und ſtill zu liegen; nichts deſto weniger kleidete er ſich zu Ende, obwohl er viel Schmerz dabei aus⸗ ſtand— ich fürchte faſt jene ſchönen Augen waren bei 113 dieſer Hartnäckigkeit nicht unbetheiligt. Sobald er fertig war, ſetzte er ſich eine Weile zum Ausruhen nieder, ſtand aber gleich wieder auf und öffnete ſeine Zimmerthüre. Eine Entdeckungsreiſe in einem fremden Hauſe iſt oft gar kein unintereſſantes Unternehmen. Der Charakter des Beſitzers prägt ſich in der Wohnung ſo deutlich aus, daß man die Naturgeſchichte der Eigenthümer faſt ganz aus den verſchiedenen Geräthſchaften ihrer Behauſungen ſtudiren kann. Er fand ſich mit einemmale auf einem langen breiten Gange, der mit einer Treppe endigte und auf jeder Seite von einem Fenſter erhellt war. Oben an der Mündung der Treppe ſtanden zwei reiche chineſiſche Vaſen von der Größe und wahrſcheinlich auch von der Form wie die Oelkrüge von Ali Baba's Freunde, dem Räuber; aus ihnen ſtieg ein Geruch empor, der in den Wohnungen unſerer Großmütter ſehr einheimiſch war und glaub' ich von einem Parfume, welches pot-pouri getauft war, herrührte: der Name ſchmeckt zwar nicht ſehr duftig, dafür aber war der Geruch außer⸗ ordentlich lieblich. Die Wände des Treppenhauſes waren mit kleinen mit⸗ unter vortrefflichen Bildern behängt, welche der junge Offt⸗ zier mit Künſtlerblicken muſterte. Auf einem großen Fuß⸗ geſtell von Ebenholz ſtand eine ſchöͤn gemeißelte ſchneeweiße Marmorbüſte— dem Porträt eines Mannes von fünf bis ſechsunddreißig Jahren, deſſen Züge unſerem jungen Künſt⸗ ler bekannt ſchienen, nur hatte der Bildhauer— ob mit gutem oder ſchlechtem Geſchmack, mag ein kompetenterer James, Th. Broughton. 8 114 Richter entſcheiden— als Kleidung für einen engliſchen Edelmann aus dem letzten Jahrhundert die altrömiſche Tracht gewählt, und ſo wurde die Aehnlichkeit, wenn ſie auch nicht gerade verloren ging, doch wenigſtens nicht durch weitere Hülfsmittel unterſtützt. Reginald ſtieg die Treppe hinab und gelangte in eine mit zahlreicheren, aber weniger guten Bildern geſchmückte Halle, welche aber ſonſt mit vielen kleinen Merkwürdigkeiten und Kunſtgegenſtänden herausgeputzt war. Er glaubte die Wohnzimmerthüre an einem großen ſchönen japaniſchen Schreibtiſch in deren Nähe zu erkennen, legte deßhalb die Hand auf die Schnalle und trat ein. Das Glück war ihm günſtig. Die Sonne ſchien nicht gerade auf die Scheiben, aber ihr Licht ergoß ſich im freien Strome über den jenſeitigen Raſen, und dort am offenen Fenſter ſtand dieſelbe leichte und graziöſe Geſtalk, welche während der letzten acht Stunden ſeine Gedanken ſo viel⸗ fach beſchäftigt hatte, den rechten Arm auf den Fenſter⸗ flügel geſtützt, den zarten Fuß leicht über den andern ge⸗ kreuzt und das Köpfchen anmuthig auf die Seite geneigt. Das Ganze athmete die vollendetſte Grazie, und er ſtand eine Weile in ihrem Anblick verloren, waͤhrend ſie in Nach⸗ denken verſunken ſchien. Zwei Schritte weiter und ſein Fußtritt drang ihr zu Ohren; ſie fuhr zuſammen und drehte ſich plötzlich um. Ihre Miene wechſelte zwiſchen Ueberraſchung und Freude und ging dann zu ernſter Beſorgniß über— was aber dem jungen Manne am meiſten und freudigſten auffiel, 115 war die warme Röthe, die bei ſeinem erſten Anblick über ihre Wange flog. Konnte ſie wohl an ihn gedacht haben? Das war eine Frage, die er ſich ſelber nicht ſtellte, denn dazu war er nicht eitel genug, die aber den Leſer vielleicht intereſſirt, ohne daß ich deren Beantwortung auf mich nehmen könnte. Nur ſo viel iſt gewiß, daß ihr Benehmen mit der Aenderung in ihrem Ausſehen harmonirte, dann erſt blieb ſte zweifelnd ſtehen, ſtreckte ihm dann die Hand entgegen, und ſchalt ihn endlich freundlich über ſein Aufſtehen. Es war, wie ſie ſagte, ausnehmend unklug und unrecht; er verſicherte ſie jedoch, daß er ſich weit wohler fühle, und daß es ihm nichts ſchaden werde. Nun begann ein Geſpräch, wie es nur zwiſchen zwei Perſonen ſtattfinden konnte, von denen wenigſtens die eine die Abſicht hatte, ſich in die andere zu verlieben— wild und ſchwärmeriſch vom Kleinſten bis zum Höchſten ausſchweifend, den Namen der Liebe ſorgfältig vermeidend, aber dennoch den Grund des Herzens gleich dem unterirdiſchen Feuer am Krater eines Vulkans mit der verborgenen Leidenſchaft er⸗ wärmend. Wir haben dem Leſer bereits ein Muſter von Lisle Reginalds Unterhaltung vorgeführt, ſo daß es unnöthig und indiscret wäre, ſeine jetzigen Worte zu wiederholen, denn wenn auch in den Gegenſtänden und Wendungen zwiſchen dem damaligen Geſpräche mit Sir Theodor Broughton und dem jetzigen ein großer Unterſchied beſtand, ſo trug es doch denſelben allgemeinen Charakter des Fantaſiereichthums an 8* A* 116 ſich— eines Reichthums, der jedoch immer von einem feinen Geiſte und hohen Grundſätzen geregelt und geleitet war. Es gibt gar manchen Menſchen, der viel Unrechtes denkt, ohne es aber auszuführen. Nur der iſt glücklich, der keines von Beiden thut, denn die Gedanken ſind die Thaten der Seele, und wenn dieſe unſterblich iſt, ſo müſſen auch jene für ewig aufgezeichnet ſeyn. Ich habe oben geſagt, daß die jetzige Unterhaltung in mancher Hinſicht von der mit Sir Theodor Broughton ſehr verſchieden war— das kam aber auch ſehr natürlich. Seine jetzige Gefährtin war ein junges ſchönes Mädchen: Alter wie Geſchlecht machen hier einen Unterſchied— nicht daß ſie an Jahren älter war, als der junge Baronet, denn ſol⸗ ches war vielleicht nicht der Fall, wohl aber war ſte es in ihrem Gemüthsleben, denn alle Frauen ſind älter als ihre männlichen Zeitgenoſſen. Ihr Verſtand war freier, leb⸗ hafter und mehr entwickelt, vielleicht auch von Natur ſiche⸗ rer, als der des Jünglings, ſo daß ſie Reginald mit leichtem Schritte und bald ernſter, bald lächelnder, aber immer geiſt⸗ voller und oft erheiterter Miene auf allen Pfaden, wohin er ſie führen mochte, folgen konnte. Zuweilen wenn ſie ihn auf einem ſeiner wilden Gedankenflüge faſt aus dem Geſicht verloren hatte, und er dann wieder zu ihr zurückkehrte, zog ein ſchüchternes, freudiges Erröthen über ihr leuchtendes Antlitz und machte es noch tauſendmal lieblicher denn zuvor. Ihr Herz war frei, ihre Seele noch unberührt von der Welt, und als ihre Mutter nach Verlauf von Dreiviertelſtunden 117 die Thüre des Wohnzimmers öffnete, glaubte ſie noch nie ſo angenehme Minuten, wie eben jetzt, verlebt zu haben. Das ging ziemlich raſch! Nicht wahr, lieber Leſer? Aber ich darf es nicht läugnen— ſo weit kam ſie— und hatte nicht Unrecht. Die ältere Dame machte ihrer Tochter ſanfte Vor⸗ würfe, weil dieſe das Frühſtuck nicht bereitet hatte, und ta⸗ delte auch ihren Gaſt, daß er den ärztlichen Weiſungen ungehorſam gereſen. Die junge Dame erröthete und entſchuldigte ſich ſo gut ſie konnte, während Reginald ſeine Verſicherung wie⸗ derholte, daß er ſich wohler fühle; allein die Hausfrau ſchüttelte noch immer ernſthaft den Kopf, und konnte nicht umhin, auf dem Wege zum Frühſtücktiſche über die Raſt⸗ loſigkeit der Jugend moraliſche Betrachtungen anzuſtellen. Ein ſchüchternes in ſich zurückgezogenes Weſen mit ſtarken Gefühlen und Leidenſchaften, die unter der Decke der Zurückhaltung ſchlummerten, war ſie keine große Spreche⸗ rin; allein Reginald hatte etwas ſo Einnehmendes in ſeinem Weſen, ſeine Unterhaltung war ſo ſprudelnd und unwiderſteh⸗ lich(ich muß das Wort gebrauchen, obwohl ich es haſſe), daß ſie ſogar davon hingeri ſen wurde und an ſeiner Geſell⸗ ſchaft faſt ebenſo viel Vergnügen fand, wie ihre Tochter. Faſt — nicht ganz, lieber Leſer, denn ein Unterſchied von vierund⸗ zwanzig Jahren lag zwiſchen Beiden. Noch ehe das Frühſtück vorüber war, wurde der Doktor angekündigt, und Reginald mußte lächeln, als er die Be⸗ ſtürzung des Mannes über das Aufſeyn ſeines Patienten 118 gewahrte. Er ließ ſich jedoch von ihm davonführen, und faſt eine halbe Stunde warteten Mutter und Tochter auf den Bericht des Doktors. Nach Ablauf dieſer Zeit kehrte derſelbe allein zurück. „Nun, wo habt Ihr Euern Patienten und wie geht's ihm?“ fragte die ältere Dame, während ihre Tochter nicht ohne Beſorgniß über deſſen Ausbleiben ſchweigend daſaß. „Er iſt zu Bette, Mylady,“ lautete die Antwort,„und ſein Aufſtehen iſt ihm ſehr übel bekommen. Die Entzün⸗ dung am Knie iſt bedeutend und dieſe muß durchaus geho⸗ ben werden. Er muß zwölf Blutegel anſetzen, und wenn er ſich dann vollkommen ruhig verhält, ſo kann er vielleicht bis übermorgen ſeine Reiſe antreten. Hätte er meinen Wei⸗ ſungen gefolgt, ſo hätte er einen vollen Tag des Bettliegens erſpart, und ich muß die gnädige Frau erſuchen, dießmal auf ſeinen Gehorſam zu dringen, ſonſt kann ich nicht für die Folgen ſtehen. Die Entzündung könnte die Gelenkknorpel angreifen und ihm entweder ſein Leben lang ein ſteifes Bein hinterlaſſen oder ſogar eine Amputation nöthig machen.“ „Gerechter Himmel, wie ſchrecklich!“ rief die jüngere Dame.„Wenn er wieder zurückkommt, will ich ihn mit eigenen Händen zu Bette jagen.“ „O ja, thut das nur,“ ermahnte der Doktor, und dann an die Mutter ſich wendend, fragte er:„weiß wohl My⸗ lady, wer der junge Gentleman iſt? Er ſcheint eine Perſon von Auszeichnung.“ „So ſollte ich allerdings meinen,“ gab die Hausfrau zur Antwort,„und ich muß ſagen, er iſt einer der ange⸗ 119 nehmſten jungen Männer, die ich noch je getroffen habe. Von ſeinem Namen habe ich aber nicht die mindeſte Ahnung, denn getreu der alten Regel der Gaſtfreundſchaft, haben wir ihn nie darum befragt.“ „Ich habe ein wenig— aber ohne Erfolg— ſondirt,“ erzählte der Arzt,„und ich dachte, die gnädige Frau müßten es wiſſen. Ich will's aber ſchon ausfinden— ich werde es noch erfahren. Ich höre, daß zwei ſeiner Freunde ihn mit mehreren Dienern und Pferden im ſchwarzen Hund erwarten: da will ich denn im Rückweg bei ihnen vorſprechen; ich will ihnen die Sache berichten, und da kann ich wohl nach ſeinem Namen fragen.“ Keine der beiden Damen ſagte:„ja, thut es;“ aber ſie ſagten auch nicht„Nein“ und der Doktor galoppirte in ſeinem Auftrage weiter. Sein Verſuch mißglückte jedoch, denn im Wirthshauſe erfuhr er, daß beide Begleiter Reginald's zum Beſuche ei⸗ nes etwa zehn bis zwölf Meilen entfernten Punktes ausge⸗ ritten ſeyen, und er erfuhr blos, daß einer davon Major Brandrum, der andere aber Sir Theodor Broughton hieß. Das war ſchon etwas, und er kehrte zu ſeinem Abendbe⸗ ſuche mit jenem Anſcheine vermehrter Wichtigkeit zurück, wie er ſich an den Beſitz eines Geheimniſſes anknüpft. Sein erſter Beſuch galt natürlich den beiden Damen und er theilte ihnen ſogleich das wichtige Faktum mit, daß ihr Gaſt al⸗ lerdings ein Gentleman von Bedeutung ſeyn müſſe, da er mit Major Brandrum und Sir Theodor Broughton reiſe. Der erſte Name bewies zwar den Damen keineswegs, 120 daß ſein Schluß richtig ſey, denn dazumal wurden die Offi⸗ ziersſtellen ohne ſonderliche Auswahl verliehen und das Faktum, daß einer Major oder gar Oberſt war, bürgte noch keineswegs dafür, daß er nicht ein Kammerdiener oder über⸗ haupt von unedler Abkunft ſeyn könne. Sir Theodor Broughton's Name dagegen rief einen Ausdruck der Ueber⸗ raſchung auf dem Antlitz der aͤlteren Dame hervor, welche alsbald ausrief: 4 „Vermuthlich iſt es Sir Theodor verboten, uns zu beſuchen; aber auf alle Fälle gibt uns dieſe Nachricht Ge⸗ wißheit über die Stellung und den Charakter unſeres Gaſtes.“ „Cs wird doch nicht gar jener abſcheuliche Kapitän Donovan ſeyn!“ rief die jüngere Dame. „O nein, mein theu es Kind!“ verſetzte die Mutter; „Kapitän Donovan iſt zwanzig Jahre älter und in ſeinem Aeußeren ſehr von ihm verſchieden, denn ich habe ihn ge⸗ ſehen. Ueber dieſen jungen Gentleman bin ich jetzt völlig beruhigt; in Manier und Benehmen iſt er, wie man ihn nur wünſchen kann, und er muß ein Mann von Ehre und Acht⸗ barkeit ſeyn, ſonſt würde ihn Kapitän Donovan nicht in Sir Theodor's Geſellſchaft zulaſſen, denn man muß dem Manne Gerechtigkeit widerfahren laſſen— in der Auswahl der Genoſſen für ſeinen Mündel iſt er nur allzuſtreng und gewiſſenhaft.“ „O ich will den Namen des jungen Gentlemans ſchon erfahren, Mylady, verlaßt Euch darauf,“ unterbrach ſie der Arzt.„Ich weiß ſchon, wie ich es aus ihm heraushole, ohne daß er es merken ſoll.“ ——— 2P———————.,ͤ— 12¹1 „Ich bitte, ſolches auf alle Fälle zu unterlaſſen,“ er⸗ wiederte die ältere Dame etwas kalt;„er wird uns ohne Zweifel vor dem Abſchied von ſelbſt ſeinen Namen anver⸗ trauen, und bis dahin halte ich ein Ausholen, wie Ihr 99 nennt, Sir, für gänzlich unnöthig und ſogar unpaſſend.“ Nicht ſehr erfreut über dieſe Zurechtweiſung, verab⸗ ſchiedete ſich der würdige Doktor und verfügte ſich zu ſeinem Patienten, den er entſchieden beſſer fand; aber trotz der er⸗ haltenen Warnung machte er ſich auf eigene Rechnung daran, des jungen Gentlemans Namen herauszubringen, feſt ent⸗ ſchloſſen, der Dame des Hauſes von dem, was er erführe, nichts mitzutheilen. „Ich bin ſehr erfreut, Euren Freunden im Gaſthof ſo günſtige Nachrichten überbringen zu können,“ bemerkte er. „Ich denke, bis morgen Abend könnt Ihr wieder die Treppe hinab und dürft vielleicht einen bis zwei Tage ſpäter in einer Chaiſe Eure Reiſe fortſetzen. Sir Theodor und der Major müſſen wohl ſehr beſorgt um Euch ſeyn.“ „O nein, mein theurer Sir,“ erwiederte Reginald; „Sir Theodor iſt zu jung, um ſolchen Unfällen viel Gewicht beizulegen, und Major Brandrum hat ſchon zu oft erlebt, daß auch die ſchwerſten Verletzungen ohne ſchlimme Reſul⸗ tate blieben, um ſich wegen dieſer Bagatelle zu ängſtigen.“ „Kann ich ihnen vielleicht etwas von Euch ausrichten?“ erkundigte ſich der Mann der Heilkunde abermals.„Ich komme an dem Gaſthof vorüber und werde auf einen Au⸗ genblick daſelbſt einkehrn.“ „ nein, ich danke,“ verſetzte Kapitän Lisle;„doch 122 ja— ich wäre Brandrum ſehr verbunden, wenn er mir den kleinen ſchwarzen Mantelſack, der früher auf dem Braunen war, herüberſchicken wollte. Ich bedarf ſehr meines Raſtermeſ⸗ ſers und ſonſtiger Gegenſtände.“ „Aber weſſen Mantelſack ſoll ich verlangen, mein theu⸗ rer Sir?“ fragte der Arzt mit eigenthümlichem Ausdruck. „Ihr müßt bednken daß ich, obgleich einem gelehrten Be⸗ rufe angehörend, über Euren Namen ebenſo unwiſſend bin, wie ich Lady Chevenir ſelbſt getroffen habe.“ „Lady Chevenix!“ rief Reginald Lisle in nachdenkli⸗ chem Tone.„Iſt die Dame, welcher ich glücklicherweiſe beiſtehen durfte, eine Lady Chevenix?“ „Ja, Sir, die Gattin des Oberſten Sir Charles Che⸗ venix,“ gab der Doktor zur Antwort.„Eine ſcharmante Perſon, wie auch Sir Charles ſelber einer der munterſten, frohſinnigſten, gefälligſten Gentlemen iſt, den ich noch je gekannt habe. Unglücklicherweiſe iſt er jetzt eben abweſend; aber wie geſagt, Lady Chevenir iſt in Betreff Eures Namens ebenſo unwiſſend, wie Euer ergebenſter Diener.“ „Ich werde die Ehre haben, ſie morgen ſelbſt darüber aufzuklären,“ erwiederte Reginald, von einem Anfalle tiefen Nachdenkens ſich aufraffend.„Mittlerweile will ich Major Brandrum ein Billet ſchreiben, wenn Ihr ſo gut ſeyn wollt, es ihm zu überliefern. Wolltet Ihr mir vielleicht jenes Schreibzeug reichen?“ Der Doktor that, wie er geheißen ward; Reginald Lisle richtete ſich im Bette auf und ſchrieb folgende Zeilen: —/ 123 „Meine theure Krähe! Der Arzt, der mich pflegt— ein geſchwätziger, neu⸗ gieriger Burſche, der gerne meinen Namen erfahren moͤchte, wird Dir dieſe Note überreichen. Du darfſt ihm meinen Namen nicht anvertrauen und mußt auch Sir Theodor da⸗ von abhalten. Du wirſt meine Gründe wohl ſo ziemlich errathen, wenn ich Dir ſage, daß ich mich, wie ich ſo eben entdeckt habe, in Sir Charles Chevenix Hauſe befinde. Uebermorgen werde ich ganz beſtimmt zu Euch ſtoßen, und unterdeſſen ſchicke mir durch Jemand aus dem Gaſthofe den kleinen ſchwarzen Mantelſack, der auf meinen Braunen geſchnallt war. Für immer 3 Dein Reginald Lisle.“ Nachdem er den Briefadreſſirt und geſiegelt, überreichte er ihn dem Arzte, der ſich in der feſten Ueberzeugung ent⸗ fernte, daß er dieſer Vereitlung ſeines Planes zum Trotze die gewünſchte Auskunft doch noch vor Einbruch der Nacht erhalten würde. Reginald Lisle dagegen verſank in tiefe, bittere Gedanken, ſobald er wieder allein war. Neuntes Kapitel. Es fehlten noch zwanzig Minuten bis zur Mittags⸗ ſtunde, als Reginald Lisle am andern Tage im Wohnzimmer erſchien. Es war noch leer, und er ſchaute ſich mit trüber 124 nachdenklicher Miene um und betrachtete die verſchiedenen Gegenſtände, die es enthielt, mit jener beſonderen Theil⸗ nahme, wie wir ſie auch für kleine, unbedeutende Dinge em⸗ pfinden, wenn ſie mit irgend einer tieferen Regung unſeres Herzens in Verbindung ſtehen. Er blieb jedoch nicht lange allein, denn Mary Chevenix erſchien bald darauf und em⸗ pfing ihn mit freudigen Glückwünſchen zu ſeiner Geneſung. Allein Regina’d antwortete ihr in ſo ernſtem Tone, daß ſie es nothwendig bemerken mußte, weßhalb ſie erwiederte: „Ihr leidet noch immer, wie ich fürchte, und ich habe thörichterweiſe als ausgemacht angenommen, daß Ihr Euch ganz wohl beſindet, weil der alte Doktor Haviland Euch aufzuſtehen erlaubte.“ 3„O nein, ich fühle mich weit beſſer,“ verſicherte Re⸗ ginald,„und wenn ich leide, ſo rührt es nicht von dem letz⸗ ten Unfalle her, Miß Chevenix.“ 5 „Ihr leidet alſo doch,“ verſetzte ſie;„ich wußte es wohl, denn geſtern, als der Arzt ſo bedenklichen Bericht über Euch erſtattete, waret Ihr ganz munter, und jetzt ſcheint Ihr ſehr traurig.“ „Es gibt Leiden der Seele ſo gut wie des Körpers,“ gab der junge Ofſizier zur Antwort,„und ich kenne nichts Aergeres als vergebliche Reue über eine That, die wir ſelbſt begangen haben.“ Sie betrachtete ihn eine Weile mit einem Blicke der Ueberraſchung und Neugier und erwiederte ſofort: „Ich verſtehe Euch nicht ganz, denn ich kann nicht glauben, daß Ihr etwas thun koͤnntet, was Ihr bitter bereuen müßtet.“ 125 „Doch, doch,“ entgegnete Reginald.„Einmal in mei⸗ ner früheſten Jugend that ich etwas, was ich ſeitdem fort⸗ während und jetzt mehr als je bereut habe. Ich mag jedoch für jetzt nicht weiter davon reden, denn morgen, ehe ich Euch verlaſſe, wird ſich mein Geheimniß aufklären.“ „Und wollt Ihr morgen wirklich gehen?“ forſchte Miß Chevenir.„Seyd Ihr's auch im Stande??“?“ „Im Stande oder nicht— ich muß gehen, wenn es irgend möglich iſt,“ erwiederte Reginald Lisle.„Ich darf nicht länger in dieſem Hauſe weilen.“ „Wie ſo? warum?“ fragte ſeine ſchöne Gefährtin, die dunkelblauen Augen voll Spannung zu ihm auſſchlagend. „Wenn das Reiſen Euch noch ſchaden kann— warum ſolltet Ihr nicht hier bleiben?“ Reginald Lisle ergriff ihre Hand nur auf einen einzi⸗ gen Augenblick. „Ich danke Euch,“ ſagte er,„ich danke Euch für Eure gütige Theilnahme; das Bleiben wäre jedoch für meinen Frieden weit gefährlicher, als es das Gehen meiner Ge⸗ ſundheit ſeyn wird.“ Die warme Röthe ſtieg ihr ins Geſicht und trat dann wieder zurück, daß es bleich wie eine Mondnacht anzuſehen war. Reginald erkannte, daß er verſtanden worden, und es koſtete ihn einen gewaltigen Kampf, um ihr nicht mehr zu ſagen; aber ſein feſter Entſchluß triumphirte, und während Mary Chevenix mit unſicherem Schritte an's Fenſter trat, blieb er ſchweigend zurück, die Blicke zu Boden geheſtet. Nachdem ſie jedoch das Fenſter erreicht und ſcheinbar einen 126 Augenblick hinausgeſchaut hatte, drehte ſie ſich plötzlich um und ſagte leiſe mit glühender Wange: „Ich wollte, Ihr bliebet. Ich weiß gewiß, Ihr ſeyd noch nicht im Stande zu reiſen. Ich ſehe keinen Grund, warum Ihr gehen ſolltet, und mein Vater, der in drei Ta⸗ gen heimkehrt, wird ſich ſehr glücklich ſchätzen, Euch für den Dienſt zu danken, den Ih meiner Mntter und mir er⸗ wieſen habt.“ „O er wird höchſtens denken, daß ich nur allzulange geblieben ſey,“ verſetzte Reginald;„auch Ihr werdet viel⸗ leicht das Gleiche glauben und ſogar Eure freundlichen Worte und Gefühle gegen mich bereuen.“ „Nie,“ verſicherte ſie in feſtem Tone.„Nein, nie⸗ mals! Es ſcheint hier ein Geheimniß obzuwalten; aber ich werde nie beronan, daß ich dankbar geweſen bin oder daß ich gefühlt habe— Hier hiel ſie zögernd inne, denn in ihrem Inneren erhob ſich eine Stimme, welche ihr ſagte, daß ſie bis jetzt kaum wiſſe, was das für Gefühle ſeyen, von denen ſi ſie ſpre⸗ chen wollte, und ehe ſie ihren Satz vollenden konnte, trat Lady Chevenir ins Zimmer. Sie war ſeither viel wärmer gegen ihren jungen Gaſt geworden. Schon die bloße Gewohnheit, an eine Perſon zu denken, macht uns vertraut mit ihr; wir befreunden uns mit ihr in Gedanken und Lady Chevenix hatte viel an Re⸗ ginald Lisle gedacht. Sie war etwas unruhig darüber ge⸗ weſen, was wohl ihr Gatte über die Aufnahme des Fremden in ihr Haus ſagen würde; hierüber aber war ſie erſt vor 127 einer halben Stunde durch einen Brief von Sir Charles Chevenir beruhigt worden. Auch hatte ſie an ſein tapferes Einſchreiten bei dem Zuſammentreffen mit dem Straßen⸗ räuber, ſie hatte an die Verletzung gedacht, die er dabei er⸗ halten hatte, und welche Schmerzen er ſeitdem ertragen, welchen Verluſt er an ſeinem Pferde erlitten habe, und wie ſeine Manieren ſo anmuthig, ſeine Unterhaltung ſo ange⸗ nehm geweſen— kurz als ſie jetzt ins Wohnzimmer trat, ſtand ſie mit ihm in ihrem Innern auf dem freundlichſten Fuße. Sie gratulirte ihm aufrichtig zu ſeiner Wiederge⸗ neſung, und ihre Aufmerkſamkeit war durch ihre eigenen Worte und ſeine Erwiederung ſo ſehr in Anſpruch genom⸗ men, daß ſie weder ſein ernſtes, verlegenes Weſen, noch Mariens glühende Wangen bemerkte, welche, wie dies faſt immer der Fall iſt, gerade deßhalb, weil ſie mit aller An⸗ ſtrengung jede Spur von Aufregung zu verbannen ſtrebte, ſich nur noch tiefer als zuvor gefärbt hatten. Bei Tiſche bemerkte jedoch Lady Chevenix, daß das Benehmen ihres Gaſtes ſich ſehr verändert, daß es ſeine leichte Elaſtizität verloren hatte, und daß ſeine Unterhal⸗ tung, wenn auch immer ſpannend und voll Fantaſie, doch fortwährend ernſte Gegenſtände aufſuchte und ſich nur in traurigen Bildern gefallen wollte. Er ſchilderte mehrere ſchöne merkwürdige Schauplätze, die er während ſeiner Dienſtzeit in den verſchiedenen Welttheilen beſucht hatte; aber ſeine Beſchreibung glich diesmal den Landſchaften man⸗ cher Maler, welche ganz getreu nach der Natur und ſogar ſehr wirkungsvoll gemalt ſind, bei denen man aber den 128 Sonnenſchein vermißt. Auch ſie glaubte wie ihre Tochter, daß er wohl noch leiden müſſe und ſie zögerte nicht, ihn dar⸗ über zu befragen. Ich brauche dem Leſer wohl nicht zu ſagen, daß ſeine Antwort diesmal ganz anders ausfiel, denn ich habe es noch nie erlebt, daß Einer Mutter und Tochter auf dieſelbe Weiſe erwiedert hätte. Er machte jedoch eine Anſtrengung, um munter zu erſcheinen, und dies gelang ihm auch ſo weit, daß er Lady Chevenix mehr als einmal zum Lächeln brachte. Auch Mary bemühte ſich froh und glücklich auszuſehen; aber bei all' dem hingen ihre Gedanken an Reginald Lisle, und hätte er ſich einen künſtlichen Plan erſonnen, um ihr Herz zu gewinnen— er hätte vielleicht auf keinen beſſeren gerathen können, als er ihn jetzt durch ſein wechſelndes Be⸗ nehmen vexfolgte. Der erſte Schritt zur Liebe beſteht darin, daß man intereſſirt, und dieß gelang ihm vollkommen. Da jedoch die eleuſiniſchen Myſterien nicht geheimer waren als es die Re⸗ gungen eines Frauenherzens bei der erſten Liebe— oft ſo⸗ gar für dieſe ſelbſt— ſind, ſo darf ich nicht weiter gehen, um den Tempelnicht zu entheiligen. Und ein ſehr ſchöner Tempel war es, denn dieſer reine, warme, ſchneeige Buſen war ganz dazu gemacht, die Bitten einer edlen Seele zum Himmel emporzuſenden. Uuter dem Einſluß ihrer Blicke koſtete es Reginald im⸗ mer weniger Anſtrengung, um ſeine anfängliche Düſterheit von ſich abzuſchütteln, und ſeine natürliche Fröhlichkeit kehrte endlich zurück, Es war ihm vielleicht unmöglich, in ihrer 8 129 Geſellſchaft lange traurig zu ſeyn oder, was noch wahrſchein⸗ licher iſt, ſie nahm ſeine Gedanken ſo ſehr in Anſpruch, daß dieſelben auf nichts Anderem— nicht einmal bei der Trennung — verweilen mochten. Die Stunde des Abſchieds kam früher, als Reginald erwartet hatte. Noch hatte er Lady Chevenix ſeine bevorſtehende Abreiſe verſchwiegen, und erſt als ſie ſich gute Nacht ſagen wollten, erinnerte ihn ein ernſter trauriger Ausdruck in Mariens Blicken an dieſen leidigen Gegenſtand. Mit einem Male war ſein Weſen verändert; er ergriff die Hand der Mutter, welche ihm dieſe zum gute Nacht entge⸗ genreichte und ſprach in ſehr gefühlvollem Tone: „Lady Chevenix, ich habe Euch für all' Eure gütige Sorgfalt und Gaſtfreundſchaft den wärmſten Dank zu ſagen.“ „Nein wahrhaftig,“ gab ſie zur Antwort;„an uns iſt es zu danken, und ich weiß gar nicht, wie ich Euch den Schaden, den Ihr in unſerem Dienſte genommen und den Verluſt eines ſo feinen Thieres erſetzen kann.“ „Das Alles iſt mehr als aufgewogen, theuerſte Ma⸗ dame,“ erwiederte Reginald;„doch will ich Euch jetzt nicht länger aufhalten, als um zu verſichern, daß ich Euch auf's Tiefſte dankbar bin. Morgen muß ich Eure Gaſtfreund⸗ ſchaft noch beim Frühſtück in Anſpruch nehmen; bald dar⸗ auf werde ich abreiſen— ich habe mir ſchon von Stratton einen Wagen beſtellt. Ehe ich gehe, werde ich Euch noch mit ein paar Worten über mich ſelbſt beläſtigen, denn ich habe Grund zu glauben, daß Ihr noch nicht einmal wißt wer oder was ich bin.“ „Nicht einmal Euren Namen kenne ich,“ verſetzte die 5 Fames. Th. Broughton.. 9 130 Dame lächelnd;„aber wenn ich auch ſo ziemlich wie eine Klausnerin lebe, ſo beſitze ich doch nicht die Neugier einer ſolchen— deſto mehr aber der gute Doktor Haviland, das kann ich Euch verſichern.“ „Das habe ich bemerkt,“ gab Reginald zur Antwort, „und ich mochte ſie eben deßhalb nicht befriedigen. Morgen jedoch will ich Euch alles Nähere über mich mittheilen, und wenn auch die Erzählung an ſich nicht ſonderlich amüſant iſt, ſo werdet Ihr ihr eine gewiſſe perſönliche Theilnahme gewiß nicht verſagen.“ „Ei ſicherlich werde ich für die Geſchichte eines Man⸗ nes Theilnahme empfinden, der ſo tapfer zu unſerer Be⸗ freiung herbeieilte,“ erwiederte die dame.„Es iſt in der That etwas tyranniſch von Euch, uns bis morgen in Span⸗ nung zu erhalten; Mary wird gewiß die ganze Nacht kein Auge zuthun, um das Geheimniß zu errathen. Da Ihr es jedoch ſo wollt, ſo mag es ſeyn, denn wir haben ohnehin etwas ſpät in die Nacht hinein geplaudert. Gute Nacht denn für heute.“ Lady Chevenix Prophezeiung über ihrer Tochter Schlafloſigkeit war vollkommen richtig: Mary ſtand am andern Morgen ſehr früh auf und verfügte ſich ins Wohn⸗ zimmer. Reginald's Worte klangen ihr noch immer in den Ohren, ſeine Blicke ſtanden ihr noch vor den Augen und ſie war angeſtrengt bemüht, in dem ſo vor ihr aufgeſchlagenen Buche zu leſen. Sie hatte vor dieſer Nacht nur wenig an Liebe gedacht und wagte auch jetzt kaum daran zu denken; allein das Herz drängte die Seele und dieſe ſt 13¹ ſonderbare Fragen. Umſonſt ſagte ſie ſich vor, es ſey Alles blos Unſinn, er habe ihr nicht mehr als wenige Worte über⸗ triebener Galanterie geſagt, und ſie würden ſich wohl bald wieder vergeſſen. Lezteres konnte ſie unmöglich glauben, denn ſie war überzeugt, daß er ſie liebe, und keineswegs ſicher, daß ihr dies ſo ganz unangenehm ſey. Daß ein Geheimniß, und zwar ein trauriges, obwalte— vielleicht der Art, daß es ihm ſchwer, ja wohl gar unmöglich würde, ſeine Bewer⸗ bung fortzuſetzen— das erkannte ſie deutlich und ſuchte wie geſagt mit dem heftigen Drange eines jugendlichen Herzens ſich vorzuſtellen, was es wohl ſeyn könne, das ſolches Dü⸗ ſter über ihres Liebhabers Hoffnungen werfe. Vielleicht, dachte ſie, iſt er arm und wußte, daß ſie vermöglich war; vielleicht gar von niederer Geburt— aber dem widerſprach ſeine Erſcheinung, ſeine Manieren, wie ſeine Worte. Ueberdies hatte er von einer in früher Ju⸗ gend begangenen Handlung geſprochen, welche in ſeinem ſpäteren Leben und beſonders ſeit ſeiner Bekanntſchaft mit ihr die Reue bei ihm hervorgerufen hatte. Mit einem Male fuhr ſie zuſammen und fragte ſich:„ſollte er bereits ver⸗ mählt ſeyn?“ und das Gefühl, das ihr Herz wie ein Dolch⸗ ſtich durchdrang, belehrte ſie zum erſten Male, wie weit dieſes Herz ſchon nachgegeben hatte. Schon der naͤchſte Augenblick ſah ſie dieſe Idee mit Entrüſtung verwerfen. „Nein, nein!“ ſagte ſie,„entweder müßten alle ſeine Worte und Blicke ihn Lügen ſtrafen oder ſolches iſt nicht der Fall, und alle anderen Schwierigkeiten laſſen ſich überwinden.“ Ei, ei, Mary Chevenix, Mary Chevenix! ich fürchte 9* 1³3² faſt, die Sache war in Deinem kleinen Herzchen ſo ziemlich abgemacht. „Er wird bald herunterkommen,“ dachte ſie, nachdem ſte einige Minuten durch einen Baumgang hinausge⸗ ſchaut hatte,„und er darf mich nicht ſo nachdenklich finden.“ Ach was iſt es doch für eine harte Welt, daß ein Weib gerade die zarteſten Regungen ihres Herzens ver⸗ ſchleiern muß! Wenn es keine Räuber gäbe, wozu bedürfte man dann der Schlöſſer und Riegel? Eben weil es Diebe gibt, welche ſchwache und vertrauensvolle Gemüther jeder Art von Schätzen berauben, iſt es nur allzu nöthig, den Reichthum, den wir nicht zu vertheidigen im Stande ſind, zu verbergen. Mary ſetzte ſich an den Tiſch und nahm eine Arbeit zur Hand, legte ſie aber bald wieder nieder, und ihre ſchönen Augen ſchweiften in die leere Luft. Sie wäre beſſer am Fenſter geblieben, denn im nächſten Augenblicke ſah ſie die Wand nebenan durch einen Schatten verfinſtert, und als ſie den Kopf umdrehte, gewahrte ſie, wie Reginald Lisle her⸗ einſchaute. Das nächſte Fenſter diente als Gartenthüre und einen Augenblick ſpäter ſtand er neben ihr. Sie erröthete tief, denn ſie fühlte, daß ſie über ſchwerem Träumen ertappt worden, und es war ſo viel Aufregung in ihrem Weſen, daß auch Reginald Lisle davon angeſteckt wurde. In der Leidenſchaft oder Erſchütterung weiß der Menſch nicht, was er thut— das iſt zwar eine äußerſt platte Wahr⸗ heit, die wir aber gleichwohl bei der Beurtheilung Anderer ſo ſelten in Betracht ziehen. Der Himmel weiß, was 133 Reginald Lisle oder Mary Chevenix ſagten oder thaten— ich weiß es nicht und zweifle auch ſehr, ob ſie es ſelber wußten. Ich kann nur ſo viel ſagen, daß ſie faſt eine Stunde ganz allein beiſammen waren, und daß Mary durch eine Seitenthüre aus dem Wohnzimmer entfloh, als ſie ihre Mutter auf der Treppe mit einem der Diener ſprechen hörte. Reginald war zwar tiefer aufgeregt, als er wünſchte, be⸗ hauptete aber dennoch das Feld; die Lady wurde überdies mehrere Minuten aufgehalten, ehe ſie erſcheinen konnte, und die auffallende Bläſſe ihres jungen Gaſtes war die ein⸗ zige Spur, die von ſeiner frühern Erſchütterung zurückge⸗ blieben war. 1 „Mary macht vermuthlich das Frühſtück,“ ſagte Lady Chevenix nach der erſten Begrüßung;„wir wollen einmal nachſehen.“ Allein das Frühſtück war nicht fertig, und als die junge Dame erſchien, erhielt ſie abermals einen ſanften Verweis für ihre Nachläßigkeit. Das war vielleicht ein Glück, denn ſo hatte der Wechſel auf ihren Wangen doch eine anſchei⸗ nende Urſache; doch hatte er auch nicht viel zu ſagen, denn Lady Chevenix gehörte zu den Frauen, welche es nicht für möglich halten, daß man ſich in drei Tagen verlieben kann. Das Frühſtück war in Ordnung, der Mundſchenk hatte das Zimmer verlaſſen und es ſchien kein menſchlicher Grund vorhanden, warum nicht Jedermann heiter und geſprächig ſeyn ſollte— dennoch waren alle ſtumm, zerſtreut und nachdenklich. Jedes verſuchte zu ſprechen, wenn eben kein Anderes zur Erwiederung geneigtwar, und weil das Geſpräch ein Unternehmen iſt, das ſich nicht auf eigene Hand und al⸗ lein ausführen läßt, ſo ſiel es ſehr bald gänzlich zu Boden. Endlich, als Reginald ſein Frühſtück beinahe vollendet hatte, hörte er von der andern Seite des Hauſes das Raſ⸗ ſeln von Wagenrädern, und einen Augenblick ſpäter trat ein Diener mit der Meldung ein, daß die Chaiſe parat ſtehe. „Ganz recht,“ erwiederte er in ſehr ernſtem Tone; „legt meinen Mantelſack hinein: ich werde in wenigen Mi⸗ nuten nachfolgen. Lady Chevenir,“ fuhr er fort, ſobald der Mann die Thüre geſchloſſen hatte,„ich verſprach Euch meine kurze Geſchichte zu erzählen und Ihr ſeyd gegen allzugroße Weitſchweifigkeit dadurch geſichert, daß ich ſie erſt beginne, nachdem der Wagen vor der Thüre ſteht.“ Er wagte es nicht, Marien anzuſehen, denn er fürch⸗ tete, ein einziger Blick könnte ihn des mühſam ertungenen Muthes berauben. „Mein Vater,“ hub er an,„war von ſehr guter Fa⸗ milie und der Sohn eines Peers. Für einen jüngern Sohn wurde er ſogar recht gut in der Erbſchaft bedacht und trat ſehr früh in die Armee, wo er mit einiger Auszeichnung diente. Eines Tags hatte er für nöthig gefunden, einen Mann von hohem Range durchzuprügeln, und da er mit ſeinem älteren Bruder, der ihm hätte Schutz“ gewähren können, nicht auf dem beſten Fuße ſtand, ſo wurde er nur durch die Geſchicklichkeit und den Eifer ſeines Advokaten * Schutz gegen die Macht des Geſetzes?— Das mag unſern Ohren höchſt ſonderbar klingen, kam aber in jenen Tagen doch in gar manchen Fällen vor. 13⁵ von gerichtlicher Verfolgung und deren bedenklichen Folgen errettet. Dies leitete eine nähere Bekanntſchaft ein, und er heirathete endlich deſſen Tochter, die ihm ein mäßiges Ver⸗ mögen zubrachte. Vor zehn bis zwölf Jahren ſtarb er auf dem Felde der Ehre und hinterließ zwei Kinder— meine Schweſter und mich. Mein Erbe war nicht ſehr bedeutend, aber doch hinreichend, und ich war noch nicht ſiebenzehn Jahre alt, als ich in ein Dragonerregiment eintrat. Ich hatte meine Jugendjahre vielleicht nicht vergeudet, denn ich hatte mir manche Kenntniſſe erworben, deren meine neuen Kameraden gänzlich entbehrten. Dies war gewiſſermaßen ein Unglück, denn es lehrte mich den Verſtand meiner Ka⸗ meraden unterſchätzen, während ſie wegen meines Mangels an Weltkenntniß auf mich herabſchauten und mich meiſt nur den Bücherwurm nannten. Ihr Benehmen reizte mich; ſo lange es jedoch in gewiſſen Gränzen blieb, gelang es mir meinen Aerger zu bemeiſtern und zu verbergen, bis einſt gerade derjenige, für den ich unter dem ganzen Korps die freundlichſten Geſinnungen zu hegen geneigt war— ein of⸗ fener, fröhlicher, hochgeſinnter Mann und mein Vorgeſetzter — mich an unſerem Mittagstiſche vielleicht etwas zu ſcharf aufs Korn nahm. Ich gab eine trotzige Erwiederung; er hatte ſo viel Wein getrunken, daß er davon erhitzt, aber nicht berauſcht war, und gab mir, glaube ich, eine allzuraſche Antwort. Kurz es ſielen Worte, welche nur ſchwer zu er⸗ tragen waren, und in einer ſchlimmen Stunde gab ich meine Stellung auf und forderte meinen Vorgeſetzten. Kaum hatte ich den unwiderruflichen Schritt gethan, als ich ihn 136 auch wieder bereute, aber die Reue war umſonſt. Wir ſchlugen uns und ich verſetzte ihm leider eine ſchwere Wunde. Er benahm ſich gegen mich mit der äußerſten Großmuth; ich ſchiffte mich jedoch zu der Zeit, da man an ſeinem Leben verzweifelte, auf den Rath meiner Freunde nach Amerika ein, trat dort in ein Infanterieregiment und bin mit Ehren im Dienſte emporgeſtiegen. Die unglückliche Affaire, mit welcher meine Laufbahn begann, hat jedoch immer bitteren Kummer in mir zurückgelaſſen. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, Lady Chevenix,“ fuhr er ſich erhebend fort,„wie ſehr dieſes Bedauern zugenommen hat, wenn ich Euch benach⸗ richtige, daß ich Reginald Lisle bin.“ Lady Chevenix wurde todtenbleich und fuhr von ihrem Stuhle auf, indem ſte ausrief: „Sir, Sir, das iſt— Sie ſchwieg ohne ihren Satz zu vollenden und Regi⸗ nald Lisle richtete einen einzigen flehenden Blick auf Mary Chevenix. Anfangs war auch ſie erblaßt; im nächſten Au⸗ genblicke aber kehrte die Röthe zurück und ein Lächeln— zwar ſchwach, aber doch freundlich— begegnete Reginald's Blicken. Er konnte ſi ſich's nicht erklären, aber es kam ihm vor wie das Lächeln erwachender Hoffnung, und zu Lady Chevenix ſich wendend, vollendete er die Rede, welche ſie abgebrochen hatte. „Das iſt— was? meine theure Madame!“ fragte er. „Ihr könnt wohl nicht annehmen, daß ich mich, falls Ihr mir bekannt geweſen, in ein Haus eingedrängt hätte, wo jedes Mitglied der Familie ſich erinnern mußte, daß ich einſt 137 meine Hand gegen das Leben eines Gatten oder Vaters zückte. Ich erfuhr die Thatſache erſt vorgeſtern Nacht und beſchloß augenblicklich, Euch ſo bald wie möglich von meiner Gegenwart zu befreien. Ehe ich jedoch ſcheide, muß ich Euch ins Gedächtniß zurückrufen, daß Sir Charles Chevenix ſelbſt mein Benehmen öffentlich als das eines Eh⸗ renmannes erklärte und ſogar einen größern Theil der Schuld als ihm gebührte auf ſeine eigenen Schultern zu nehmen beliebte.“ „Er läßt Euch noch immer Gerechtigkeit widerfahren, .Kapitän Lisle,“ verſicherte Mary eifrig,„und ich bin über⸗ zeugt, wenn er hier wäre, ſo wäre er der Erſte, der Euch die Hand böte, um Euch für den Beiſtand, den Ihr uns neulich geleiſtet, wie für Alles, was Ihr deßhalb erduldet, ſeinen Dank zu ſagen.“ „Schweige ſtill, Mary,“ verſetzte Lady Chevenix: „Du verſtehſt nichts von ſolchen Dingen. Dein Vater ſpricht allerdings wie es ſeinem Charakter geziemt, von ei⸗ nem Gegner, welcher nichts Unehrenhaftes oder wirklich Unrechtes gegen ihn unternahm; aber er wird und kann nicht vergeſſen, daß Kapitän Lisle ſein Gegner war, noch ich, daß er das Blut meines Gatten vergoß. Ich danke Euch aufrichtig, Sir, für den Beiſtand, den Ihr meiner Tochter und mir geleiſtet. Ihr habt dabei als wackerer Gentleman, wofür wir Euch Alle anerkennen, gehandelt; Ihr werdet aber wohl ſelber fühlen, daß ich wünſchen könnte, er wäre mir von anderer Hand geleiſtet worden, und ſo würdet auch ———— 138 Ihr vermuthlich vorziehen, wenn er andern Perſonen ge⸗ golten hätte.“ „Im Gegentheil, Madame,“ verſetzte Reginald, das Haupt in bitterer Kränkung ſtolz emporhebend;„wenn ir⸗ gend etwas das Vergnügen, zwei Damen von Nutzen ge⸗ weſen zu ſeyn, vermehren könnte, ſo wäre es gerade das, daß ſie die Gattin und Tochter von Sir Charles Chevenix waren. Es gibt mir eine ehrenvolle Gelegenheit, um ihn zu verſichern, daß ich die Reſultate meines knabenhaften Un⸗ geſtüms bitter bereue und immer bereut habe, und daß ich wohl weiß, wie ich eigentlich mehr Tadel in der Sache verdient hätte, als er auf mich kommen laſſen wollte. Ich bitte, ihm dieſe Verſicherung mitzutheilen und mich nun mmit tauſend Dank für die erwieſene Gaſefrenndſchaßt zu ver⸗ abſchieden.“ Lady Chevenix machte ihm eine ſteife Verbeugung; doch ihre Tochter rief: „O Mutter, das iſt unfreundlich! Dulde doch nicht, daß er uns für ſo undankbar hält.“ „Undankbar!“ erwiederte die ältere Dame in ſcharfem Tone;„weil er ſeine Hand wider Deines Vaters Leben er⸗ hoben und ihn an den Rand des Grabes gebracht hat.“ Mit dieſen Worten ſtolzirte ſie an der Tochter vorüber und verließ das Zimmer. Mary zögerte einen Augenblick, worauf ſie Reginald Lisle die Hand bot. „Lebt wohl,“ ſagte ſie,„lebt wohl. Nehmt nicht den Glauben mit Euch, als ob mein Vater oder ich ſelbſt alſo fühlen könnten. Es iſt nur ihre Liebe zu ihm, was meine 139 Mutter ſo ungerecht macht, und wenn ich ihn auch nicht we⸗ niger liebe wie ſie, ſo habe ich doch von ihm ſelbſt gelernt, Euer Benehmen mit freierem Blicke zu betrachten. Ich bin gewiß, Ihr werdet bald von ihm hören. Möge das Euch tröſten, bis—“ „Mary, Mary!“ rief die Stimme ihrer Mutter aus dem nächſten Zimmer—„ich bedarf Deiner, meine Liebe.“ „Tauſend, tauſend Dank, Du theures, reizendes Mäd⸗ chen,“ flüſterte Reginald Lisle, ſeine Lippen auf ihre Hand drückend, und zwei Minuten ſpäter ſaß er in dem Wagen, der gegen Stratton fortrollte. Zehntes Kapitel. In früheren Zeiten ſtand ein Wirthshaus zu Dunſtable: ich hoffe, keiner meiner Leſer wird ſich deſſen erinnern, um ſeinet⸗ eben ſo gut wie meinetwillen, denn es iſt bereits zweiundſiebenzig Jahre her und ich bin eben im Begriff, den Gaſthof zu beſchreiben. Der Leſer könnte ſagen, derſelbe habe noch lange nachher beſtanden, ſo daß Perſonen von mittlerem Alter ſich ohne Beſchämung deſſen erinnern könn⸗ ten— wenn er ein wenig warten will, ſo werde ich ihm zeigen, daß es nicht ſeyn konnte. Jedenfalls ſtand in fruͤheren Zeiten ein Gaſthof zu Dunſtable, ſo gut als tüchtige altengliſche Gaſthöfe häufig zu ſeyn pflegten. Dunſtable lag damals an der Heerſtraße nach Holyhead und Birmingham. Es wurde ſeitdem durch 14⁴0 die Eiſenbahn davon entfernt; damals aber war es nicht der Fall, und— weil das Städtchen, das zu jener Zeit nicht über eilfhundert Einwohner zählte, auf dem Wege nach oben genannten Orten einen guten Tagesritt von London entfernt war, ſo kann ſich der Leſer wohl denken, daß es in einer Periode, da noch viele Leute zu Pferd und andere in eigenen Wagen reisten, einen guten großen Gaſthof zur Aufnahme derer bedurfte, welche auf ihrer erſten Tagreiſe vor oder während der letzten Nacht nach London daſelbſt an⸗ halten wollten. Es zählte denn auch wirklich ein großes neben drei kleinern Wirthshäuſern, welch' letztere die Kru⸗ men, welche ihr gefräßigerer Nachbar übrig ließ, aufſchnapp⸗ ten. In den kleineren pflegten Fußgänger, einzelne Kärrner und Leute mit Packpferden einzukehren; die regelmäßigen Wagen zogen mit Menſchen und Vieh nach dem großen Gaſthof, deſſen einer Theil ausſchließlich zu ihrer Bequem⸗ lichkeit beſtimmt war. Es war ein großes Gebäude, das in Form eines Pa⸗ rallelogramms einen weiten Hof einfaßte, mit zwei großen gewölbten Einfahrten an der Hauptſtraße, einer ganz ähn⸗ lichen an dem Gäßchen, das die Heerſtraße kreuzte, nnd zwei Durchgängen durch den hintern Theil des Hauſes nach dem Garten, der die Küche mit dem nöthigen Grünen zur Fleiſch⸗ brühe— einem Lieblingsgerichte der Kutſcher und ihrer Paſſagiere— verſah. Die Front des Hauſes hatte ein ziemlich düſteres An⸗ ſehen; die Fenſter waren nach unſeren jetzigen Begriffen ausnehmend klein, wogegen ſich die Einfahrten ins Rieſen⸗ 141 hafte ausdehnten. Ueber einer derſelben hing ein Gemaͤlde, das etwas wie eine unförmliche ſchwarze Kuh mit goldenen Hornern darſtellte: das war die Wageneinfahrt, welche un⸗ ter dem Gemälde lag. Ueber den andern Bogen ſprang ein geſchnitztes Bild des Thiers, das im Gemälde eigentlich abgebildet ſeyn ſollte, ein Stück weit in die Straße vor; nur war die Geſchicklichkeit des Bildhauers der des Ma⸗ lers dermaßen überlegen geweſen, daß Jedermann dem Bilde ohne Mühe anſehen mußte, daß es einen ſchwarzen Ochſen vorſtellen ſollte. Um jedoch jedem Mißverſtändniſſe vorzubeugen, ſtand auf einem großen Brett längs der Front des Hauſes in gigantiſchen Buchſtaben geſchrieben:„der ſchwarze Ochs— Matthew Spinner“ nebſt einem Verzeich⸗ niß all' der Dinge, welche Matthew Spinner auf Beſtel⸗ lung liefern konnte und wollte. Das Haus war vier Stockwerk hoch, die Fenſter ſtan⸗ den jedoch nicht gerade übereinander, ſondern waren entwe⸗ der zur Bequemlichkeit oder aus Laune ſo geſtellt, daß die des erſten Stocks über den Pfeilern des Parterres, die des zweiten aber über denen des erſten u. ſ. f. ruhten, ſo daß die Front des Hauſes ohne jene zwei großen gähnenden Durch⸗ fahrten ganz wie ein großes Schachbrett ausgeſehen hätte. So viel von der äußern Seite: nun aber auch noch ein Wortchen von der innern oder Hofſeite des Gebäudes. Auch ſie enthielt vier Stockwerke, was aber nicht an den Fenſtern zu erkennen war, denn nur der oberſte und der niederſte Stock zeigten eine Spur von ſolchen Zierden. Zwiſchen beiden liefen ringsum zwei lange hoͤlzerne Gallerieen, 142 welche von ſtarken ſtämmigen Pfeilern geſtützt und durch eine Balluſtrade geſchützt waren. Man kann nicht ſagen, daß der Hof ſehr reinlich und gut gepflaſtert ausſah, denn wenn auch Hausknecht und Stall⸗ magd unaufhörlich mit ihren unverwüſtlichen Birkenbeſen darin wirthſchafteten, ſo war er doch fortwährend mit naſſem Stroh bedeckt, was vielleicht daher kam, daß neben den Chaiſen⸗, den Wagen⸗ und Reitpferden, welche unaufhörlich ein⸗ und ausgingen, noch eine große Schweinheerde ſeit un⸗ vordenklichen Zeiten das Durchzugsrecht im Hofe beſaß. Links wenn man von der Straße eintrat, lag der Theil des Hofes, der für die Wagen beſtimmt war, und derſelbe Seitenflügel, der die Gefährte überragte, war höchſt um⸗ ſichtigerweiſe für die Kutſcher und jene zahlreichen Gäſte beſtimmt, welche damals unter deren Dache in dem ſchwar⸗ zen Ochſen einkehrten. Wer nämlich keine wichtigen Ge⸗ ſchäfte zu verrichten und nur wenig Geld in der Taſche hatte, konnte ſich mit einer Geſchwindigkeit von dritthalb Meilen in der Stunde wohl begnügen— und jetzt will man ſchon bei zwanzig brummen. Das corps de logis oder die Hauptfacade enthielt im untern Stock eine große Speiſe⸗ halle, wo gewöhnlich um ein und um drei Uhr ſervirt wurde, nebſt den Privatzimmern des Wirths und allen Arten ſon⸗ ſtiger Gemächer, auch einem kleinen Saale für beſondere Geſellſchaften; im erſten Stock lagen verſchiedene Wohn⸗ zimmer und ein oder zwei Schlafzimmer für die Nobleſſe; der zweite war ebenſo eingetheilt— nur hatte er mehr Schlaf⸗ und weniger Wohngemächer, während das vierte 143 Stockwerk die Stuben für die Dienerſchaft enthielt. Der ganze rechte Flügel war zu Schlafzimmern für einzelne Rei⸗ ſende beſtimmt, das Parterre allein ausgenommen, das in Küchen, in Brod⸗ und Speiſekammern, in Spülräume und Waſchhäuſer und eine unbegreifliche Anzahl von ungenann⸗ ten und namenloſen Löchern und Winkeln zerfiel. „Bei meinem Leben! da hat er wieder vier bis fünf Seiten der Beſchreibung eines ganz ordinären altmodiſchen Landwirthshauſes gewidmet!“ „Hat die Welt je einen langweiligeren Geſellen aufge⸗ wieſen?“ „Das iſt das allerſchlimmſte an den James ſchen Wer⸗ ken: er gefällt ſich ſo ſehr in langen Beſchreibungen.“ „Die Schilderungen in den Büchern überſchlage ich jedesmal, Papa.“ „Und ich übergehe allemal die Liebe.“ „Sehr wohl, mein theurer Leſer; ſehr wohl, mein theuerſter Kritiker; ſehr wohl, ihr lieben Kinder. Wer ir⸗ gend Etwas überſchlägt, übergeht gerade, was nicht ohne Abſicht geſchrieben wurde, verliert eine Thatſache oder eine Stimmung, und muß vielleicht am Ende zurückblättern, weil er ſich die Geſchichte, die er ſo emſig verfolgte, nicht zuſammenzuräumen vermag. O Eiſenbahn! Eiſenbahn! du biſt ſelbſt in die Romane eingedrungen, und es thäte Noth, man reiste mit funfundvierzig Meilen Geſchwindig⸗ keit durch ſeine eigenen Werke. Nein, nimmermehr: das thue ich nicht. Ich will einmal bei Vantini oder im ſchwar⸗ 144 zen Ochſen zu Dunſtable übernachten, was ebenſo gut und noch wohlfeiler iſt.“ Ich hoffe, der Leſer hat ſich jede Einzelnheit in der obigen Beſchreibung wohlgemerkt. Iſt dies der Fall, ſo mag er noch einen Blick in den innern Hof werfen und den ſchönen Frühlingsabend bewundern, der denſelben mit den gelben Strahlen der untergehenden Sonne erhellte und dem Ganzen von den Bodenkammern bis zu den alten ſchlecht bemalten Holzpfeilern, ja ſogar den Strohhaufen auf dem Pflaſter ein fröhliches Anſehen verlieh. Er wird dann ge⸗ wahren, daß jede der beiden Einfahrten in einem und dem⸗ ſelben Augenblick einen Strom von lebenden Weſen in den Hof ergoß. Die eine lieferte drei Gentlemen, zwei Diener mit ſechs Pferden; durch die andere zog ein Kärrner zu Fuß mit ſechs Roſſen ein, welche einen langen ſchweren breiträd⸗ rigen Wagen nach ſich zogen, auf deſſen nagelneuem Dache der Name des Eigenthümers und Abgangs⸗ wie Beſtim⸗ mungsort des Fuhrwerks mit großen Buchſtaben geſchrie⸗ ben ſtand. Die berittenen Herrn wurden von dem Gaſtwirth Mat⸗ thew Spinner, dem Oberkellner, dem erſten Hausknecht nebſt Gefolge empfangen: der Wagen hatte wieder ſeine beſon⸗ dere Bedienung; die erſtgenannte Geſellſchaft wurde mit Bücklingen und Kratzfüßen, der Kärrner dagegen, wenn auch nicht ſein Wagen, mit Händedrucken aufgenommen. Das goldene Kalb war von jeher das geehrteſte Göotzenbild: Baal, Dagon und Aſtahroth und wie die andern ſteiner⸗ nen, meſſingnen, hölzernen und elfenbeinernen Herren und 145 Damen noch heißen mögen, ſind zwar ihrer Zeit nach in der Mode geweſen; allein das goldene Kalb iſt doch die einzige perennirende Gottheit, und ſelbſt Mammons Ebenbild wird die Kniee der Menſchen zur Verehrung beugen, wenn auch der wirkliche Dämon noch lange nicht anweſend iſt. Roſſe und Diener, ſeine Kleider und der bloße Anſchein von Wohl⸗ habenheit gelten bei den meiſten Menſchen als Hauptan⸗ ſprüche für Verehrung: kein Wunder alſo, daß die Ariſtokratie des ſchwarzen Ochſen, die Prieſter und Senatoren des Tem⸗ pels käuflicher Gaſtfreundſchaft ſich ſo ſehr beeiferten, die drei Gentlemen, welche mit Gefolge daher kamen, nach Kräften zu beehren. Die Demokratie des Gaſthofes, beſtehend aus einem Hausknecht untergeordneten Ranges, einem Pferdewärter, einem Stalljungen und zwei fetten ſchlampigen Mägden waren mittlerweile um den Wagen beſchäftigt. Das Ende des Daches wurde zurückgeſchlagen, und einige Worte des Kärrners ſchafften augenblicklich einen hölzernen Stuhl her⸗ bei, der am hinteren Ende des Fuhrwerks aufgeſtellt wurde. „Nun, Ma'am,“ ſagte der Fuhrmann,„tretet nur hierher— ſo werdet Ihr am leichteſten herauskommen. Ich hoffe, der Herr iſt nicht ſchlimmer.“ „Er ſagt, er fühle ſich beſſer,“ erwiederte eine ſüße weibliche Stimme von Innen, und gleich darauf ſah man ein junges Mädchen mit niedergebeugtem Haupte und et⸗ was unſicherem Schritte ſich bis zum Ende des Wagens durcharbeiten und mit Hülfe des Fuhrmanns herabſteigen, in⸗ dem ſie erſt den einen und dann den andern Fuß auf den James. Th. Broughton. 10 146 Stuhl ſtellte und dann leicht auf das Pflaſter ſprang, wie wenn der erſte friſche Athemzug ſie neu belebt hätte. Es war hier nicht der Ort, um große Grazie zu ent⸗ falten, und dennoch war ſie äußerſt anmuthig in ihren Bewe⸗ gungen; ſie ſchien kaum ſechzehn Jahre alt, und hatte noch ſo viel Kindliches an ſich, daß ſie ſogar noch jünger ausſah, als ſie wirklich war; gleichwohl lag auf ihrem ſchönen Ant⸗ litze ſchon ein gewiſſer frauenhafter Ernſt, der gegen ihr jugendliches Ausſehen eigenthümlich kontraſtirte. Ich bin ein Feind aller Uebertreibungen— ja ſogar übertriebener Gleichniſſe. Ich könnte wenigſtens ein halb Duzend auf⸗ finden, um dieſe Miſchung im Ausdrucke zu bezeichnen; aber wie ich mit einfachen Worten geſagt habe, es war nachdenklicher Ernſt, der ein ſehr junges glückliches Geſicht beſchattete. Ihr Blick wurde faſt traurig, gls ſie ſich nach dem Ausſteigen wieder zu dem Wagen zurückwandte und mit den Worten:„hier, mein theurer Vater, es ſcheint ein ganz hübſcher Gaſthof zu ſeyn“— Jemand innerhalb die Hand reichte. Mit ſchwachen langſamen Schritten und einer von Krankheit gebeugten und abgemagerten Geſtalt näherte ſich ein Mann von mittleren Jahren, ſtieg mit Hülfe des Fuhr⸗ manns und des Mädchens, beiläufig auch von dem Haus⸗ knecht unterſtützt, auf das Pflaſter nieder und ſchaute ſich mit müden ängſtlichen Blicken um. Er ſprach dann einige Worte mit einem der Stubenmädchen und entfernte ſich, auf den Arm ſeiner Tochter ſich ſtützend. Mittlerweile waren die drei. Gentlemen weit raſcher 147 von ihren Roſſen geſtiegen, obgleich der eine von ihnen et⸗ was lahm zu ſeyn ſchien, und ſo ſehr auch der Gaſtwirth mit zudringlicher Höflichkeit ſein—„Hierher, meine Her⸗ ren“— wiederholte, ſo blieben die Augen der drei Gäſte doch fortwährend auf die kleine Scene gerichtet, die am ferneren Ende des Hofes ſtatt hatte. Sir Theodor Broughton be⸗ trachtete das junge Mädchen mit vieler Aufmerkſamkeit, und Reginald Lisle bemerkte recht wohl, daß er ſich in einem jener Traumanfälle befand, wie ſie die jugendliche Fantaſie kennt, wenn die Schönheit plötzlich vor uns auftaucht, und ehe wir Zeit zur Betrachtung hatten verſchwindend, uns lieblicher denn alles bisher Geſehene erſcheint und oft noch lange Jahre dieſen Eindruck in unſerem Gedächtniß feſthält. Reginald ſelbſt betrachtete das Mädchen mit ganz an⸗ dern Empfindungen und höherer wohlthuenderer Theilnahme. Seine Einbildungskraft war nicht weniger raſch und be⸗ hende, wohl aber minder ſelbſtſüchtig in ihrem Ziele, und das Benehmen der Tochter gegen ihren Vater, die ausge⸗ ſtreckte Hand, der ängſtliche nachdenkliche auf ſeinem Geſichte weilende Blick und ein gewiſſer Anſtrich von Vornehmheit in Beider Mienen beſchwor vor ſeiner Fantaſie eine Ge⸗ ſchichte herauf, welche nur deßhalb kein Roman war, weil ſie zu nahe an die Wahrheit ſtreifte. Major Brandrum ſchien oder war wirklich der Beweg⸗ teſte von Allen. Er verfolgte das Paar eine Weile mit feſtem Blicke und ſeine Lippen bewegten ſich dann, indem er Worte murmelte, welche nur für ihn ſelbſt deutlich wa⸗ ren; im nächſten Augenblick wandte er ſich mit bewölkter 10* 148 Stirne und angſtvollem Blicke davon ab, und mit dem Rufe: „komm Lisle,— kommt Sir Theodor,“— folgte er dem Wirthe nach der Speiſehalle, indem ſeine Sporen noch lauter als gewöhnlich über das Pflaſter des Hofes raſſelten. „Das regelmäßige Diner iſt leider vorüber, meine Herren,“ bemerkte der Wirth;„haben die Herren ſchon geſpeist oder wollen ſie gefälligſt ein Mittageſſen beſtellen?“ Während dieſer Rede betrachtete er ſeine Gäſte von Neuem und beſah beſonders Major Brandrum, deſſen ſon⸗ derbares Koſtüm ihm ſehr aufzufallen ſchien. Der Major war jedoch in Gedanken vertieſt und Reginald Lisle nahm es über ſich, das Eſſen zu beſtellen, während Sir Theodor an's Fenſter trat und mit der Reitpeitſche auf ſeinen Stiefeln trommelte. 3 „Lisle, leihe mir zehn Guineen,“ ſprach der Major leiſe, ſeinem jungen Freunde ſich nähernd, ſobald der Wirth aus dem Zimmer war. „Hier ſind ſie,“ erwiederte Reginald, ohne das mindeſte Zögern die Börſe ziehend. „Am ſiebzehnten nächſten Monats werde ich Dich be⸗ zahlen,“ erklärte der Major das Geld nehmend und aus dem Zimmer eilend. Reginald Lisle mochte nicht folgen, obwohl er vor ſich hinmurmelte: „Ganz gewiß hat er eine gute That vor; vielleicht an dem armen Mann, den wir aus dem Wagen ſteigen ſahen.“ In dem nachſten Augenblicke ging die Thuͤre auf und 149 Zachary Hargrave, Sir Theodor's Diener, trat mit ſeinem unterwürſigen Blicke ein. „Wäre es Euch nicht gefällig, Sir,“ ſo redete er ſeinen jungen Gebieter an,„auf einen Augenblick in den Stall zu kommen und nach Roland's Rücken zu ſehen; der Sattel hat ihn etwas gedrückt.“ „Wie ſteht’s mit dem Pferde, Hargrave, das ich zu Siuattui upon⸗Dunsmore kaufte?“ fragte Reginald Lisle. „O ganz friſch und wohl auf, Kapitän,“ gab der Mann zur Antwort;„'s iſt ein ſchamloſes Beeſt.“ Lisle ſchien dieſe Beſchuldigung wider ſeines Pferdes Beſcheidenheit nicht zu achten, ſondern wandte ſich nachſin⸗ nend nach dem Fenſter, während Sir Theodor dem Manne aus dem Zimmer folgte. „Warum nannteſt Du Kapitän Lisle's Pferd ein ſchamloſes Beeſt, Zachary?“ fragte der junge Baronet im Weitergehen. „Weil das Sprichwort ſagt: ſſo ſchamlos wie eines Straßenräubers Gaul,““ erwiederte der Mann grinſend; „ich glaube nämlich ſteif und feſt, Sir Theodor, daß dieſes Pferd in mehr als einer Abſicht auf der Straße war.“ „Pah, Unſinn!“rief der junge Baronet,„es gehöͤrte ja dem Oberſt Lutwich.“ „Thut nichts,“ meinte Zachary trocken,„jedenfalls iſt es ein feines Stück Fleiſch— das iſt wahr; aber ich denke, ich kann Euch noch ein feineres zeigen, Sir Theodor.“ „In der That!“ rief ſein Herr;„das möcht’ ich wohl ſehen.“ 150 . „Alſo hierher, Sir,“ verſetzte Hargrave, und ſtatt den jungen Baronet nach hinten in den Stall zu führen, hielt er ſich links, ging um den zuletzt angekommenen Wagen herum und trat in den andern Flügel des Hauſes. Zuerſt kam eine offene Thüre mit einem Gang, an deſſen Mündung drei bis vier Männer, worunter der Kärr⸗ ner, zuſammenſprachen; dann lag zur Rechten eine Dreh⸗ thüre, welche Hargrave aufſtieß und Sir Theodor in ein großes dunſtiges Zimmer führte, das mit zwei bis drei Tiſchen, einigen hoͤlzernen Bänken und vier bis fünf Stüh⸗ len vom ſelben Material ausgeſtattet war. Auf dem Herde brannte ein kleines Feuer und ein großer Theekeſſel brodelte über der Aſche. Nur drei Perſonen befanden ſich im Zimmer; die zu⸗ nächſt der Thüre, durch welche der junge Gentleman eintrat, war das ſchöne Mädchen, das er beim Ausſteigen aus dem Wagen beobachtet hatte. Sie war an einem Tiſche etwas entfernt vom Herde emſig mit der Theebereitung beſchäftigt, und jetzt, da ſie Hut und Mantel abgeworfen hatte, kam ſie Sir Theodor Broughton in ihrer leichten blühenden Geſtalt, die durch einen netten gut gemachten, aber ſehr einfachen Anzug hervorgehoben wurde, noch weit ſchöner und gra⸗ ziöſer vor als früher. Nahe am Feuer in einem Stuhle neben dem Kamin ſaß ihr Vater mit bleichem abgemagertem Geſicht, das je⸗ doch von einem frohen heiteren Blicke erhellt war, während ihm gegenüber Major Brandrum ſaß und ſeinen langen Leib in einem Winkel von fünfundvierzig Graden zuſam⸗ 151 menkrümmte, um leiſe mit dem andern Reiſenden zu reden, wobei er ſeine langen Beine in ihren ſchweren Reitſtiefeln ausſtreckte, bis ſie die Füße ſeines Gefährten auf der andern Seite überragten. „Komm hierher, liebes Kind,“ ſagte der Kranke, ſeine ausnehmend wohlklingende Stimme erhebend.„Sieh, das iſt Major Brandrum, ein alter Feldkamerad von mir, der ſich meiner, wie er ſagt, von der Einnahme von Quebec her recht wohl erinnert.“ Das Mädchen ſtellte die Taſſen auf den Tiſch und nä⸗ herte ſich Major Brandrum, indem ſie ihm mit offener Miene die Hand reichte. „Ich fühle mich ſehr glücklich,“ ſagte ſie,„daß mein Vater einen Freund getroffen hat. Er hat es nöthig.“ „Habe ich nicht Dich, mein Kind?“ fragte ihr Vater, „und habe ich nicht Gott— einen Freund auf Erden, und wie ich hoffe, einen Freund im Himmel, das iſt genug für den Menſchen; aber dennoch bin ich höchſt dankbar, wenn ich noch einen dritten finde, nachdem ich mir ſchon eingebildet hatte, daß ich blos noch dieſe beiden beſäße.“ Keines der Sprechenden ſchien Sir Theodor auch nur im Geringſten zu beachten, obwohl das junge Mädchen bei ſeinem Eintritte einen zufälligen Blick auf ihn geworfen hatte. Sie waren mit ihren eigenen Gefühlen beſchäftigt, und dieſe waren zu tief, als daß ſie die müßigen Gedanken bei der erſten Lockung der Augen umherwandern ließen. Nach kurzer Pauſe zog ſich der junge Baronet nach derſelben Thüre zurück, durch welche er eingetreten war; allein Zachary Hargrave führte ihn zu einer andern am entgegengeſetzten Ende des Zimmers, die auf das Seitengäßchen hinausging. „Es war beſſer, ſich zu entfernen— für jetzt wäre es nicht gegangen,“ bemerkte der Burſche leiſe, ſobald die Thüre hinter ihm zugefallen war. „Was wäre nicht gegangen?“ fragte Sir Theodor im Tone der Ueberraſchung. 1 „O nichts Beſonderes, Sir,“ verſetzte der Mann;„ich meinte nur, Ihr möchtet vielleicht gerne mit der jungen Dame allein ſprechen, denn ſie iſt eines der hübſcheſten Mädchen, das meine Augen noch jemals geſehen haben.“ „Mit ihr allein ſprechen 2“ wunderte ſich Sir Theo⸗ dor;„ei, was ſollte ich ihr denn ſagen?“ „Gott ſegne Euch, Sir, Ihr würdet ihr wohl bald Dinge genug vorplaudern— darauf wollte ich wetten,“ meinte Hargrave,„und ich glaube nicht, daß es große Schwierigkeit hätte, denn der Fuhrmann ſagt, ſie ſeyen ſo arm wie Hiob. Es läßt ſich nicht erwarten, daß Ihr ge⸗ rade jetzt anders handeln wolltet, als die junge Herren ſonſt zu thun pflegen. Iſt's eine Sünde, ſo kann ja Niemand Gnade erwarten ohne Sünde, ſonſt wäre die Gnade unnütz, was offenbar nicht ſeyn kann, und ich kenne viele Gentle⸗ men von Euren Jahren, die ſich eine ſolche Priſe nimmer⸗ mehr entſchlüpfen ließen.“ Verflucht ſey der, der den erſten Saamen des Unkrauts in dem Frühbette eines jugendlichen Herzens ausſtreut! Als Sir Theodor Broughton das ſchöne Mädchen zum er⸗ ſtenmale betrachtete, hatte noch keine Ahnung groͤberer 153 Leidenſchaft ſeine Gedanken beſchmutzt: ſie war ihm, wie geſagt, eine ſchöne Erſcheinung, und er dachte nicht im Traume an die Möglichkeit, ihr ein Leid zuzufügen. Kaum aber hatte er die Stimme des Verſuchers vernommen, kaum war der verderbliche Einfluß des Beiſpiels vor ſeine Seele hingeſtellt, und ſchon hingen ſeine Gedanken an dieſer neuen Idee— flatterten weiter— kehrten wieder und umſchwebten ſte unaufhörlich— Anfangs ſchüchtern und unklar, dann immer kühner und kühner, von der Leidenſchaft und dem ko⸗ chenden Jugendblute ausgebeutet.“ Der Verſucher ging noch immer neben ihm und ſie ſchlenderten langſam gegen die Stallungen; aber der Mann verſtand ſein Handwerk und ließ ſeine Worte erſt eine Weile arbeiten, ehe er weiter fortfuhr. Sir Theodor wünſchte, daß er geſprochen hätte; allein er ſchwieg, bis endlich der junge Baronet in ſcharfem Tone fragte: „Nun, wo iſt denn das Wunderpferd, das Du mir zei⸗ gen wollteſt?“ „Ei was, Sir Theodor,“ verſetzte der Mann;„ich meinte nicht ein Pferd, ſondern das Mädchen, das wir eben geſehen haben. Ich ſagte früher, ich wollte Euch das feinſte Stück Fleiſch zeigen, das mir noch je vorkam, und das iſt ſie auch bei meiner Chre! Ich ſehe, was in Euch vor⸗ geht, Sir Theodor: Ihr meint, der Kapitän würde zornig werden und großes Aufheben damit machen— aber er ver⸗ ſteht es beſſer. Er war ſelbſt einmal jung und weiß, daß wir alle arme gebrechliche Geſchöpfe ſind, welche gleichſam im Feuer geprüft werden müſſen. Er hat oft geſagt, denn ich habe es ſelber gehört, die jungen Leute müßten Alles verkoſten; das iſt der Grund, warum er Euch von Kindheit auf ſo wilde Pferde reiten ließ, und jetzt, da er Euch zum Manne heranwachſen ſieht, hat er Euch ohne ſeine Beglei⸗ tung nach London geſchickt, damit ihr Eure eigenen Flügel regen möͤchtet. Er ſagte mir ſelber, ich ſolle Euch in Eu⸗ ren kleinen Streichen— wie er's nannte— nicht hin⸗ dern, und darunter ſind gerade ſolche Affairen verſtanden, wie ſie jungen Leuten alle Tage begegnen.“ „Hat er das geſagt?“ fragte der junge Baronet nach⸗ denklich. Der Diener mußte ſeine Verſicherung mehr als einmal wiederholen, ohne daß Sir Theodor ſie ſonderlich zu beachten ſchien, bis er plötzlich ausrief: „Komm her, Zachary— hierher in den Stall.“ Dort angelangt, ſah er ſich allenthalben um, ob Nie⸗ mand ihn hören könne, und auch ſo ſprachen er und der Diener ganz leiſe zuſammen, und nur zuweilen war ein lauteres Wort zu vernehmen. Ich mag jedoch dieſe Unterweiſung in der Schlechtig⸗ keit nicht behorchen. Es genüge zu bemerken, daß es noch nie einen beſſern Lehrmeiſter gegeben, und wenn auch das heuchleriſche Geſalbader, das ſich in ſeine Rede miſchte, Sir Theodor anfangs anwiederte, ſo fand er doch bald, daß es zur eigenen Selbſttäuſchung dienen könne, welcher er ſich, wie Alle, die in das Laſter verſinken, mit Freuden hingab. Laßt uns zu reineren Dingen zurückkehren. 1⁵⁵ Major Brandrum ſaß mit dem Invaliden und ſeiner Tochter über eine halbe Stunde zuſammen, und das Herz des armen Offiziers öffnete ſich vor dem freimüthigen alten Kriegsmanne: aber Brandrum war auch ein guter Taktiker und feſt entſchloſſen, ſich zuerſt aller Vertheidigungsanſtalten zu bemeiſtern, ehe er das Feuer gegen den Platz eröffnete. Er ſprach von Scenen, die ihnen Beiden vertraut waren, von Ereigniſſen, an denen ſie gemeinſam Theil genommen hatten, erzählte zur Ermunterung ſeine eigene Geſchichte und horchte auf die weitläufige Biographie ſeines Gefährten. Er nahm ſogar von Käthchen eine Taſſe Thee an, weil ſie's ihm anbot, obwohl er noch nicht zu Mittag gegeſſen hatte, und ſagte, indem er ihr, während ſie neben ihm ſtand, vertraulich den Arm tätſchelte: „Und ſo ſeyd Ihr ſeine Begleiterin und Tröſterin in all ſeinen Mühſalen geweſen, mein liebes Kind? Ihr ſeyd ein gutes Mädchen. Nie werdet Ihr ihn verlaſſen, denn der Gedanke deſſen, was Ihr für Euren Vater gethan, wird Euch der beſte Troſt ſeyn, wenn Ihr einmal älter und viel⸗ leicht kranker als er geworden ſeyd.“ „Er iſt es auch jetzt,“ gab das Mädchen einfach und mit Lächeln zur Antwort. „Ja, ja,“ fuhr Brandrum fort;„und ſo, mein guter Freund, ſeyd Ihr von den jetzigen Behörden übel behandelt worden: weil Ihr blos krank und nicht verwundet waret, wollten ſie Euch keine Penſton gewähren und ſchickten Euch jetzt zum Regiment, während Ihr weder Kraft noch Geld dazu habt? Das ſcheint hart und abſcheulich von ihnen, und nicht weniger abſcheulich, weil es hart, noch minder hart, weil es abſcheulich iſt. Aber ich will Euch ſagen, wie es ſteht; jene Burſche ſind gar pfiffig und wollen eine tüchtige Ge⸗ ſinnung im Dienſt aufrecht erhalten.“ „So ſagen Sie allerdings,“ erwiederte der Kranke; „nur ſehe ich nicht ein, wie ihr Benehmen dazu beitragen ſoll. Ich erkrankte im Dienſt und für den Dienſt; wäh⸗ rend meines kurzen Urlaubs habe ich mein Vermögen an Doktor und—“ „O, das iſt's keineswegs,“ meinte Major Brandrum. „Seht Ihr, mein theurer Freund, es gilt als Regel, daß ein Offtzier dem andern aushilft. Wollte nun die Regie⸗ rung Alles thun, ſo würden wir ihr auch Alles überlaſſen und würden am Ende ſo hartherzig wie ein Felſen, ſtatt daß wir unſere Börſe mit einander theilen, wie ſich's für alte Kameraden geziemt. Ich erinnere mich ganz wohl, wie ich unter Lord George Sackville in Deutſchland in Schul⸗ ter und Hüfte verwundet lag, waren ſie auch genöthigt, mich dahinten zu laſſen; meine Bagage war fort, ich hatte kein reines Hemd und noch weniger einen Groſchen in der Taſche, und wäre wohl in Schmutz und Hunger umgekommen: aber eben als ich den Geiſt aufgeben wollte, kam der alte Ho⸗ neywood mit ſeinen Dragonern ins Dorf— Ihr erinnert Euch doch gewiß des alten Hackblocks'— wie wir ihn nannten?“ „Ei freilich, ganz gut,“ ſagte der kranke Ofſtzier; „einen tapfereren Offtzier, einen gutherzigeren Menſchen hat es nie gegeben.“ 157 „Ganz richtig!“ wiederholte Brandrum eifrig.„Alſo wie geſagt, ſo bald ich ihn auf dem Marktplatze ſah, ging ich zu ihm und ſchilderte ihm meine Lage. Er fuhr mich, wie er es in der Gewohnheit hatte, mit gräulichen Flüchen an und ſchrie: wir können Euch kein Pferd geben, denn wir haben keines übrig, auch kriegt Ihr nichts zu eſſen, denn wir haben ſelbſt nicht genug; aber hier iſt etwas— dafür kauft Euch Beides,' und hiermit ſteckte er mir eine große Rolle mit Reichsthalern in die Hand, die ich ihm, ſo⸗ bald ich konnte, d. h. ſieben Jahre ſpäter, zurückzahlte.“ „Das war ſehr freundlich von ihm,“ erwiederte der Kranke ſchwach und traurig. „Pah, nicht ein Haar,“ gab Major Brandrum zur Antwort;„ich hätte daſſelbe für ihn gethan; doch jetzt laßt uns von andern Dingen reden. Ihr geht alſo nach Hollyhead— nicht wahr? Ich will Euch was ſagen— Ihr müßt nicht in dem Wagen reiſen, das geht zu langſam und rumpelnd, und zwar nicht weniger rumpelnd, weil es langſam, noch minder langſam, weil es rumpelnd geht. Das iſt wohl gut für eine Raſt auf dem Marſche, aber nicht für einen kranken Mann, der zu ſeinem Regiment will.“ Der Offizier ſchüttelte den Kopf.„Ich habe keine andern Mittel.“ „Aber ich ſage Euch, Ihr ſollt nicht,“ ſchrie Major Brandrum wild auffahrend;„ich will verdammt ſeyn, wenn Ihr ſollt,“ indem er in unnöthiges Fluchen ausbrach.„Da iſt eine Diligence, die geht den größern Theil des Wegs, und Ihr und Euer Liebling Käthchen hier ſollt' Euch drein 158 ſetzen; den Reſt macht Ihr mit der Poſt, oder ich müßte nicht Jack Brandrum heißen. Da— nichts mehr davon,“ fuhr er fort, die Börſe ziehend.„Ich bin der ältere Offi⸗ zier und übernehme das Commando. Achtung, Käthchen! Leert Eure Theetaſſe und haltet die Hand her— das nied⸗ lichſte Händchen, das ich geſehen, das meiner theuern hin⸗ geſchiedenen Squaw, Zuckerahorn genannt, ausgenommen, nur daß jenes ſchwarzbraun war. Seht, hier ſind zwölf Guineen, die Ihr als gute Hausfrau verwenden müßt. Be⸗ denkt, daß Eures Vaters Geſundheit über Alles geht, und laßt ihn alſo keine Bequemlichkeit entbehren, ſondern bringt ihn ſicher und wohlbehalten nach Irland und ſchreibt mir dann ein paar Zeilen.—'s iſt doch ein gutes Mädchen— ſie verſteht mich— nicht wahr, Liebe?“ „O ja, ich verſtehe Euch ganz wohl,“ erwiederte Käthchen mit Thränen in den Augen; aber ihr Vater fiel mit den Worten dazwiſchen: „In der That, Major, das geht nicht. Ich habe noch nie in meinem Leben Geld geborgt und es wäre mir eine Laſt, wenn ich denken müßte, daß ich in Schulden ſtecke.“ „Das iſt wahrhaftig beleidigend,“ rief Major Brand⸗ rum.„Glaubt Ihr nicht, mein Freund, daß es mir glei⸗ chermaßen zur Laſt ſeyn muß, in Schulden zu ſtecken? Nun ſeht, wenn Ihr mein Anerbieten abſchlagt, ſo laßt Ihr mich drin ſtecken.“ „Wie kann das ſeyn?“ rief der kranke Ofſizier.„Ihr ſeyd mir ja nichts ſchuldig.“ „Ich ſchulde Alles dem männlichen Geiſte und der 1⁵9 freundlichen Geſinnung des Dienſtes, dem ich angehöre,“ erwiederte Major Brandrum ernſthaft.„Ich danke ihm tauſend gütige Handlungen dieſer und vieler anderer Arten, und ich fühle mich verbunden, dieſe Schuld an jedem Ka⸗ meraden, den ich in Krankheit, Kummer und Unglück treffe, abzutragen.— Nun, Sir, weigert Euch noch länger, wenn Ihr den Muth habt, mir ſolches Herzeleid anzuthun?“ „Nein, das will ich nicht, wahrhaftig nicht,“ betheuerte der Andere, ihm herzhaft die Hand ſchüttelnd, während Käthchen ſchluchzend ihr Köpfchen wegwandte. Major Brandrum ergriff dieſen Moment, um ſich zu entfernen, nahm aber zuvor das ſchöne Mädchen am Arm mit den Worten: 4 „Pah! mein liebes Kind, ſeyd nicht ſo thöricht. Euer Vater wird noch General, habt keine Sorgen, und erinnert Euch nur, wenn Ihr Hülfe oder Schutz bedürft, daß Euer Freund, die heißhungrige Krähe, ſtets bereit iſt, alle ſeine Kräfte für Euch aufzubieten.“ „Wie? was?“ rief Käthchen, ihn mitten in ihren Thrä⸗ nen voll Ueberraſchnng anſehend. „Das iſt'ne alte Geſchichte,“ meinte Major Brand⸗ rum;„ich will Euch ein andermal erzählen, wie ich zu die⸗ ſem Namen gelangte. Ich werde Euch morgen vor Eurer Abreiſe beſuchen. Hört einmal, Malcolm,“ indem er ſich flüſternd zu dem Invaliden zurückwandte,„ich habe wäh⸗ rend der letzten fünf Minuten den Diener meines Freundes, Sir Theodor, einen großen Schuft und Heuchler, Namens 460 Zachary Hargrave, den Kopf hereinſtecken ſehen. Habt ein Auge auf ihn!“ Mit dieſer Warnung verließ er das Zimmer und kehrte zu Reginald Lisle zurück. Eilftes Kapitel. Reginald Lisle war, den Kopf auf die Hand geſtützt, in tiefen Gedanken zurückgeblieben, ſeit ſein Freund ihn verlaſſen hatte. Dies war keineswegs ſeine ſonſtige Ge⸗ wohnheit; aber Reginald Lisle hatte ſich auch gewaltig verändert. Er war immer ein raſcher und kein nachſinnender Denker geweſen; allein die Leidenſchaft— welcher Art ſie auch ſey— macht uns immer nachſinnend. Der Leſer wird alsbald meine Behauptung läugnen und mir entgegenhalten, daß er ſchon viele nachſinnende Denker geſehen habe, deren größter Fehler der war, daß ſie keine Leidenſchaft, ja nicht einmal ein beſtimmtes Ziel hatten. Hier waltet jedoch ein Mißverſtändniß— das waren nämlich Träumer und keine Denker. Man muß noch einen weiteren ſcharfen Unterſchied im Auge behalten: bedächt⸗ liche Denker ſind ſehr verſchieden von berechnenden, denn Letztere beſitzen ſelten Leidenſchaften. Reginald war, wie geſagt, ſehr nachdenklich geworden — nicht träumeriſch, ſondern wirklich gedankenvoll. Ge⸗ dächtniß, wie Verſtand und Einbildungskraft ſpielten bei ihm ihre Rolle. Er dachte an Mary Chevenix und an die Lage, 161 worein ihn das Schickſal wie ſeine eigenen Worte ihr ge⸗ genüber verſetzt hatten, und wenn ſeine Liebe ſich nach Hoff⸗ nung und Vernunft umſchaute und nach Art des Seemannes fragte, wie ſteht's? ſo war die Antwort der Erſteren leiſe und ſchwach, während die Zweite laut ausrief: Klippen am Vordertheile.“ So war ſeine Gemüthsſtimmung und dies der Gegen⸗ ſtand ſeiner Gedanken, als Major Brandrum mit freude⸗ ſchwimmendem Herzen zu ihm trat. Der Tiſch war gedeckt, ohne daß er es wußte, und das Abend⸗ oder Mittageſſen— wie man es nennen wollte— war nahezu fertig; nur Sir Theodor hatte ſich noch nicht gezeigt, und ehrlich geſtanden, der junge Offizier hatte ſeine Abweſenheit nicht ſonderlich empfunden.. „Nun, liebſte Krähe, was haſt Du denn gehabt?“ rief er, die Augen aufſchlagend, indem er ſich anſtrengte, um nicht zerſtreut zu erſcheinen. „Nicht viel von Bedeutung, Lisle,“ erwiederte der Major.„Ich traf einen alten Kameraden, der ſich einbil⸗ det, er habe eine neue Reiſe angetreten, während er, wie ich fürchte, ſchon weit auf einem ganz andern Wege iſt. Doch gewährte es mir einige Befriedigung, dem armen Burſchen wenigſtens etwas Troſt ertheilen zu können.“ „Was Du auch ohne Zweifel gethan haſt,“ verſetzte Reginald. „Natürlich,“ gab Major Brandrum zur Antwort. „Ich ängſtige mich nur noch um das arme Mädchen,“ und ſo war es auch wirklich, denn Major Brandrum, oder Jack James. Th. Broughton. 11 Brandrum— alias die heißhungrige Krähe, ängſtigte ſich immer um irgend Jemand, nur nie um ſich ſelber. Er hatte ein warmes wohlwollendes weiches Herz voll Zartgefühl und Menſchenliebe— dies Alles—(was der theure Leſer ja nicht vergeſſen darf) ohne den geringſten Anſtrich von Sentimentalität. Er konnte mit dem Jungen wie mit dem Alten, mit dem Armen eben ſo gut wie mit dem Kranken empfinden und war ſtets bereit, zu helfen, zu tröſten und zu erleichtern, wo er irgend wahrhafte Noth oder Schmerz und Kummer gewahrte, ohne ſich jemals einfallen zu laſſen, ſich ſelbſt oder Andere muthwillig ein Elend zu ſchaffen, um ſich hernach darüber zu grämen. Er ſchämte ſich zuweilen nicht wenig über ſeine Sympathie, und hatte in früheren Tagen, wo er ein äußerſt heiterer und lebensluſtiger Geſelle gewe⸗ ſen, ſeine wohlthätigen Handlungen und Gefühle unter ei⸗ nem barſchen gedankenloſen Weſen zu verbergen geſucht; allein man hatte ſeinen wahren Charakter dennoch aufge⸗ funden und ſein Stichwort ging nur dahin, ſich und Andere zu überreden, daß er Alles blos deßhalb thue, weil es recht und zweckmäßig ſey, wie Jedermann es thun ſollte, und die Meiſten auch wirklich thun würden. „Ich ängſtige mich nur noch um das arme Mädchen,“ ſagte Major Brandrum. „Warum?“ fragte Reginald Lisle, nicht in gleichgül⸗ tigem Tone, ſondern mit einem Accente, aus dem ſein Freund den Wunſch heraushörte, daß er die näheren Urſa⸗ chen dieſer Aengſtlichkeit zu erfahren wünſche. „Siehſt Du, Lisle, es iſt ſchon ſchlimm genug für ſie, 163 ihren Vater zu verlieren, wann ſie's auch treffen mag,“ entgegnete der Major—„es bleibt immer ein ſchwerer Schlag. Unter gewohnlichen Umſtänden ſteht man jedoch, daß ſolches im Laufe der Natur liegt, und die Religion wie die Zeit trocknen Thränen, welche durch zerriſſene Liebes⸗ bande veranlaßt wurden. Dieſes Mädchen aber hat, wie ich deutlich ſehe, ihrem Vater das ganze Selbſt mit jener auſopfernden Hingebung gewidmet, welche alle Gefühle auf dieſen einzigen Gegenſtand concentrirt. Es wird ihr alſo immer ſchwer fallen, ihn zu verlieren, wo und wann dies auch geſchehen wird; wie mag ihr aber zu Muthe wer⸗ den, wenn ſie ihn auf der Reiſe verliert oder wenn er eben erſt ſein Regiment erreicht hat, wo er noch unbekannt iſt. Ueberdies iſt ſte ſehr arm und gänzlich ſchutzlos.“ „Aber ſie beſitzt doch gewiß einige Freunde?“ meinte Reginald, der ſich jetzt ſehr für die Sache intereſſirte. „Sie haben ſich nicht gezeigt, als es galt, ihren Vater in ſeiner Laufbahn zu unterſtützen, ihn in ſeiner Krankheit zu tröſten oder in ſeiner Noth ihm aufzuhelfen,“ war die traurige Antwort.„Was ſie für den Vater nicht gethan haben— werden ſie es jetzt für die Tochter thun? Und wenn auch, wird es nicht zu ſpät ſeyn, wenn ſie unter frem⸗ den, vielleicht gar ausſchweifenden Menſchen allein gelaſſen wird?“ Während er noch ſprach, ging die Thüre auf und der junge Baronet trat ein. Seine Wange röthete ſich einigermaßen, als er Major Brandrum's letzte Worte vernahm; er ſetzte ſich jedoch ohne 11* 164 zu ſprechen nieder, und begann mit Meſſer und Gabel zu ſpielen. „Wenn ich auf irgend eine Weiſe helfen kann, ſo darfſt Du über mich gebieten, das weißt Du,“ verſicherte Regi⸗ nald mit warmem Eifer. „Ich weiß es wohl, mein theurer Junge,“ antwortete ſein Freund;„Du biſt jedoch viel zu jung und ich noch nicht alt genug, um als Beſchützer eines ſechzehn⸗ is ſiebenzehn⸗ jährigen Mädchens aufzutreten, ohne ſogleich eben ſo unbe⸗ gründete wie beleidigende Gerüchte hervorzurufen, nicht weniger beleidigend, weil ſie unbegründet, noch weniger unbegründet, weil ſie beleidigend ſind. Ich will mich je⸗ doch bis morgen noch darüber beſinnen und dann können wir weiter über die Sache reden. Wenn Deine liebe gute Mutter ſie in ihren Schutz nehmen wollte— das wäre al⸗ lerdings Etwas.“— „Das wollte ich auch eben andeuten,“ gab Reginald Lisle zur Antwort; doch im ſelben Augenblicke erſchien der Wirth mit der erſten Schüſſel, die er mit aller Sorgfalt und Gravität niederſetzte und ſich dann, noch ehe er den Deckel abnahm, an die anweſenden Herrn mit den Worten wandte: „Darf ich fragen, ob einer der Herren Major Brand⸗ rum iſt?“ „Ich, Sir,“ erwiederte der Major;„was ſteht zu Dienſten?“ „Im Hofe draußen iſt eine Perſon, die Euch zu ſprechen wünſcht,“ gab der Wirth zur Antwort, während 165 der Offizier ſich zu Lisle’s Ohr hinneigend— Letzterer hatte bereits ſeinen Sitz eingenommen— dieſem zuflüſterte: „Ich vermuthe ſtark, ich werde heute nicht mit Euch zu Nacht eſſen; das iſt ein Gerichtsdiener, verlaß Dich drauf.— Wie ſieht die Perſon aus, guter Freund?“ fuhr er laut fort. „Hm, ziemlich ſonderbar und auffallend, Sir,“ ver⸗ ſetzte der Andere.„Er ſieht aus wie ein Bettler mit einem Pflaſter über dem Auge.“ „Iſt es blos Einer?“ fragte Lisle. „Nur Einer, Sir,“ berichtete der Wirth. „So ſchickt ihn herein, ſchickt ihn herein,“ ſchrie der Major, indem er in leiſem Tone fortfuhr:„mit Einem können wir ſchon fertig werden, und überdies iſt es nach Sonnenuntergang.“ Der Wirth öffnete auf die erhaltene Weiſung die Thüre des kleinen Speiſezimmers und winkte Jemand draußen, worauf alsbald ein höchſt armſelig ausſehendes Subjekt mit langſam hinkendem Schritte hereintrat. Der Menſch war in einen weiten ſchmutzigen bis auf die Fäden abgetragenen braunen Rock gekleidet, der an ver⸗ ſchiedenen Stellen die Spuren früherer Borten zeigte, welche nunmehr abgeriſſen waren. Der Hut, den er im Hereintreten abnahm, war nach allen Richtungen ausge⸗ zackt, ſo daß keine Spur ſeiner urſprünglichen Geſtalt übrig blieb. Die Perücke, die er darunter trug, zu der Sorte der Stutzperücken gehörend, war vermuthlich in irgend einem Ab⸗ guſſe aufgegabelt worden, wohin ſie vielleicht von dem 166 dritten oder vierten Herrn als gänzlich unbrauchbar gewor⸗ fen war. Auch zeigte ſie ſich für ſeinen Kopf viel zu groß; doch war der Gefahr des Herabfallens durch ein breites ſchwarzes zerfetztes Band begegnet, das in einer Diagonale über den Scheitel lief, und das von dem Wirthe erwähnte Pflaſter über dem Auge befeſtigte. „Mein Name iſt Brandrum, Sir,“ begann der Major, nachdem dieſes höchſt uneinnehmende Subjekt ſich mit aller⸗ hand Bücklingen genähert hatte;„was wollt Ihr von mir?“ „Ei, Sir, ich habe Etwas für Euch, nebſt einer Bot⸗ ſchaft von Eurem Freund, dem Oberſten Lutwich, wenn Ihr einen Augenblick bei Seite treten wollet„“ erwiederte der Mann. Der Major muſterte ihn einen Augenblick ſehr ſcharf und trat dann lächelnd nach dem hinteren Ende des Zim⸗ mers, wo ein zweiter Tiſch ſtand. Sein Beſuch humpelte nach, und ſie waren bald in emſigem Geſpräche begriffen, das jedoch eine Zeitlang ſo leiſe geführt wurde, daß nichts davon zu vernehmen war. Endlich hörte man Brandrum laut ausrufen: „Wie! das Ganze— auch die hundert Guineen!“ „Bei Heller und Pfennig,“ gab der Mann zur Ant⸗ wort.„Glaubt mir, bei ſo ſchuftigen Burſchen, wie dieſer, iſt eine geſpannte Piſtole wirkſamer, als tauſend Gerichts⸗ erlaſſe, wenn ſich's drum handelt, ſie um Bezahlung von Ehrenſchulden zu zwingen. Er hatte die Unverſchämtheit zu ſagen, wenn Ihr's durch Zufall gewonnen hättet, ſo würde er bezahlen; weil Ihr es aber blos theils geliehen, 167 theils verpfändet habt, deßhalb thue er's nicht, und ſo ſchritt Oberſt Lutwich mit ihm zu der ultima ratio, wie ich ſchon geſagt habe. Er kannte ſeinen Mann zu gut, um länger zu zögern, und hier iſt das Geld. Ihr müßt mir jedoch eine Quittung dafür geben, wie ſie hier aufgezeichnet iſt.“ „Von Herzen gerne,“ ſchrie Brandrum, ſich vor Freu⸗ den die Hände reibend.„Heda, Wirth, Feder und Dinte.“ „Sogleich, Sir, ſogleich,“ ſagte dieſer, welcher ein eigenes Geſchick darin beſaß, den Leuten ihr Glück an den Mienen abzuleſen, und ſich auch immer in demſelben Ver⸗ hältniß unterwürfig zeigte. Die Schreibmaterialien waren bald herbeigeſchafft und der Andere legte dem würdigen Major ein Papier vor, welches dieſer nach ſorgfältiger Durchſicht mit einem Striche unterzeichnete. „Hier, mein Beſter! vermeldet Oberſt Lutwich mein beſtes Kompliment, nebſt meinem Dank. Er iſt doch Euer Herr, nicht wahr? wenn gleich ſeine Livree etwas unge⸗ wöhnlicher Art iſt. „O Sir, das iſt nur Politik,“ verſetzte der Mann, einen kleinen Sack und einen Papierſtreifen nicht viel größer als ein Brief hervorziehend;„da ich eine ſo große Summe bei mir trug, wißt Ihr, ſo wollte ich lieber aus⸗ ſehen, als ob ich nichts hätte— aus Furcht vor Straßen⸗ räubern. Deßhalb zog ich die Kleider aus, die ich gewöhn⸗ lich trage.“ „Ihr habt wohl daran gethan,“ beſtätigte Major Brandrum, den Sack ergreifend, aus welchem er eine be⸗ trächtliche Anzahl Guineen herauszählte und dann die 168 Banknoten mit Daumen und Zeigfinger überlief.„Fünf⸗ hundertzweiunddreißig Guineen gutgezählt,“ rief er;„wahr⸗ haftig, das habe ich noch nie erlebt, daß ſolch ein Schurke eine derartige Summe auszahlte— wenn er es nämlich verhindern konnte—“ 4 „Ja das konnte er eben nicht,“ verſetzte der Mann, ſeine Quittung einſteckend, worauf er der heißhungrigen Krähe ſeine Lippen an's Ohr legte und ihr zuflüſterte: „Habt Acht auf Euer Geld! Ihr habt es vor Wirth und Kellner gezählt, und es iſt wahrſcheinlich eine Priſe, welche wohl den einen oder andern vor Eure Schlafzimmer⸗ thüre locken könnte. Ich thäte beſſer, die Gerichtsdiener zu Euch hereinzuſenden: ſie ſind Euch nach Warwickſhire gefolgt und be nden ſich im Augenblicke hier im Hauſe. Bezahlt ſie in Gold, Major, und behaltet die Noten; ſie ſind leicht zu transportiren, und nicht das Riſt o des Weg⸗ nehmens werth.— Lebt wohl, Sir,“ fuhr er laut fort: „ich hoffe, Ihr werdet den Ueberbringer nicht vergeſſen.“ Major Brandrum nahm eine Krone aus ſeiner Börſe — es war nahezu dielletzte, die ſte enthielt— und gab ſie dem Andern, der mit einer linkiſchen Verbeugung gegen den Reſt der Geſellſchaft das Zimmer verließ und Sr. Gnaden noch tauſendmal dankte. Major Brandrum entſchuldigte ſich gegen ſeine beiden ————— Freunde wegen des langen Aufſchubs ihrer Mahlzeit, und ſetzte ſich nun mit ihnen zu Tiſch, um ſich, wie er es liebte, den Freuden der Tafel zu überlaſſen. Allein noch ſtanden ihm weitere Geſchäfte bevor, ehe er ſich an den koſtbarſten 169 Leckerbiſſen laben oder ſeine dampfende Bowle verſchlingen konnte. „Bei meinem Leben! da haben wir abermal Schinken und gebratene Hühner,“ rief Reginald Lisle.„Das hatten wir jetzt in jedem Wirthshauſe, wo wir noch angehalten haben.“ „Dieſe beiden Gerichte ſind in England ſtereotyp, gleich dem Roaſtbeef für Stallknechte;“ erwiederte der Ma⸗ jor.„Ich erinnere mich, wie ich einmal vor zwei Jahren mit einem Franzoſen zu Tiſche ſaß; als nun nach dem ſehr langen Gebete die Deckel aufgehoben wurden und die Spei⸗ ſen zum Vorſchein kamen, ſah ich meines Nachbars Antliz jämmerlich arbeiten, und er murmelte vor ſich hin, aber ſo laut, daß ein Dutzend Perſonen es hören konnte: Donnärr! da ſeyn Hahn und Schinken abermals!'— Sir Theodor, darf ich Euch einen Flügel überſenden?“ Der junge Baronet hatte dieſe Frage eben mit Lachen bejaht, als zwei höchſt verdächtig ausſehende Männer in's Zimmer traten, und auf die Frage des Kellners, was ſie wollten und auf ſeine Andeutung, ſie dürſten ſich wohl irren, erwiederten: „Wir wiſſen ſchon, was wir wollen, und irren uns nie in unſerem Leben.— Das iſt der Rechte, Bob.“ „Wer ſeyd Ihr und was wollt Ihr?“ fragte Major Brandrum in ſtrengem Tone, da er den Beruf der beiden Eindringlinge recht wohl ahnte. „Ich bin ein Beamter des Sherifs von Middleſer,“ erwiederte der Mann in keckem Tone, die Schulter der 170 heißhungrigen Krähe mit dem Finger berührend,„und arre⸗ tire Euch, John Brandrum, auf die Klage von Simon Cox und Hezekiah Skeingelt. Ihr müßt mit mir kommen, Major.“ „Zeigt mir den Verhaftsbefehl,“ verſetzte Major Brandrum. „O hier iſt er,“ verſetzte der Gerichtsdiener, indem er einen Pergamentſtreifen zum Vorſchein brachte, welchen Major Brandrum mit größter Sorgfalt unterſuchte.„Das hilft Euch nichts, Major, Ihr müßt entweder kommen oder bezahlen.“ „Nun hört einmal, ihr Schurken,“ donnerte der Offi⸗ zier, den Mann mit ſeinen Augen anblitzend,„wenn ich Euch nach Verdienſt bedienen wollte, ſo nähme ich Euch beim Kragen und würfe Euch zum Fenſter hinaus, während meine Freunde Eunren Begleiter nicht beſſer traktirten. Erſtens müßt Ihr wiſſen, daß Ihr dieſen Verhaftsbefehl zu unge⸗ ſetzlicher Stunde geltend macht und dann, daß er nicht vom Sherif von Bedfordſhire unterzeichnet iſt.“ Der Gerichtsdiener winkte ſeinem Gefährten und be⸗ merkte in einem lauten bei Seite: „Man ſagte uns doch, er ſey noch ein Neuling— der iſt aber ſcharf gerieben wie Schnupftaback, Bob.— Bitt um Verzeihung, Sir,“ fuhr er in höflicherem Tone fort;„die Sache iſt die: ein gewiſſer Oberſt Lutwich ließ uns wiſſen, daß Ihr das Geld von Mr. Wilkinſon, der den Wechſel ausgeſtellt, erhalten, und wir nichts zu thun hätten, als es einzufordern.“ 171 „Warum habt Ihr das aber nicht höflicher gethan?“ herrſchte Major Brandrum.„Ich habe nicht übel Luſt, Euch keinen Heller zu zahlen und Euch eine halbe Stunde durchzuprügeln, erſtens weil Ihr wußtet, daß Cox und Skein⸗ gelt zwei jüdiſche Wucherer ſind, welche dem elenden Land⸗ ſtreicher, der die Wechſel ausſtellte, nicht halb ſo viel Geld vorſtreckten, und dann weil ich alle Gerichtsdiener und derlei Leute haſſe, welche von dem Elend ihrer Nebenmenſchen leben.“ „Gott ſey mit Euch, Major! Ihr werdet Euch ſeiner Zeit ſchon noch an uns gewöhnen,“ erwiederte der Mann, „d. h. nämlich wenn Ihr fortfahrt, Wechſel, die Ihr ſelbſt nicht bezahlen könnet, für andere Leute anzunehmen.“ Der zornige Blick verſchwand im Augenblick aus Ma⸗ jor Brandrum's Zügen und er hängte den Kopf mit einem Ausdrucke der Scham und Zerknirſchung. „Ihr habt ganz Recht,“ ſagte er endlich,„vollkommen Recht, und ich habe nicht nur thöricht, ſondern auch unrecht gehandelt. Ich werde es nie wieder thun.“ „Ja, Sir, ſo ſagt mancher Bube, wenn er gepeitſcht wird,“ lachte der Gerichtsdiener. „Abermals richtig,“ erwiederte die heißhungrige Krähe. „Ihr ſeyd ein Philoſoph, mein Freund; aber befreit uns nur ſobald als möglich von Eurer Geſellſchaft.— Setzt eine Quittung auf und ich will Euch das Geld auszahlen.“ Die Sache war bald abgemacht und endlich durfte der würdige Major im Frieden an ſeinem Abendeſſen fortfahren. „Sagt mir doch, Major Brandrum,“ fragte Sir 172 Theodor Broughton mit gewohntem ſchüchternen und miß⸗ trauiſchen Tone, als das Mahl beinahe vorüber war— „wer iſt dieſer Oberſt Lutwich, deſſen der Mann erwähnte 2“ „Derſelbe, den wir zu Stratton⸗upon⸗Dunsmoore ſa⸗ hen,“ erwiederte der Major trocken, ſeine Mahlzeit fort⸗ ſetzend. „Aber wer iſt er? von welcher Familie?“ beharrte der junge Baronet. 4 „Der gehört zu einer großen Familie,“ gab der Major zur Antwort.„Ich weiß wirklich nicht, wie ich die⸗ ſen Gentleman beſchreiben ſoll. Ich traf ihn einmal in einer ſehr zahlreichen Geſellſchaft zu London, wo er ſehr hoch ſpielte und auch glücklich gewann. Später ſah ich ihn nie mehr, bis wir uns wieder zu Stratton begegneten: dort plauderten wir, nachdem Ihr zu Bette gegangen waret, über unſer letztes Zuſammentreffen, und ich erzaͤhlte ihm von der Spitzbüberei dieſes Wilkinſon: es ſcheint, daß er in ſeiner Großmuth Mittel fand, den Burſchen nicht allein zur Bezahlung der Wechſel, ſondern auch der baar geliehenen hundert Pſund zu zwingen, wofür ich dem guten Oberſt ſehr verpflichtet bin.“ Vielleicht hätte der junge Baronet noch weitere Fra⸗ gen geſtellt, wenn nicht Hargrave in dieſem Augenblick den Kopf zur Thüre hereingeſtreckt und ihm haſtig zugerufen hätte: „Sir Theodor, wenn's gefällig iſt, ich möchte Euch auf einen Augenblick ſprechen;“ worauf der Jüngling vom Tiſche aufſprang und ſeine beiden Gefährten verließ. ———— 173 Major Brandrum warf Reginald Lisle einen Blick zu und ſchüttelte ernſthaft den Kopf. „Der Junge hat Schlimmes im Sinn,“ ſagte er; „wir müſſen ihn im Auge behalten. Donovan hat ihm einen Schurken beigegeben, wenn ich jemals einen geſehen habe, und das Reſultat wird ſeyn— was er vielleicht erwartete.“ „Schlimmes im Sinn!“ rief Reginald, auffahrend. „Ins Himmels Namen! was läfßt Dich ſolches glauben? Du irrſt Dich gewiß: ſchon ſeine Scheu und Schüchternheit muß ihn wenigſtens bis jetzt von allen Verſuchungen ent⸗ fernt gehalten haben. Sie wird ſich allerdings nur allzu bald verlieren, aber für jetzt wird ſie ihm hoffentlich noch als Schutzengel dienen.“ 8 „Dieſe ſcheuen ſchüchternen Burſche, die ſich ſchon vor dem erſten Schritte in unſerer argen Welt zu fürchten ſchei⸗ nen,“ erwiederte Major Brandrum,„machen in der Regel den größten Sprung, ſobald einmal der erſte Schritt gethan iſt, und wenn Du glaubſt, es fehle ihm an Verſuchung, ſo betrachte nur dieſen Meiſter Hargrave— ſo lange der bei ihm iſt, wird's ihm nie daran gebrechen. Der Schuft brachte den Jungen in das Zimmer, wo mein armer Freund Malcolm mit mir und ſeiner Tochter ſaß, und ich bemerkte wohl, wie die Augen des Jungen im Abſteigen beim An⸗ blicke ihrer Schönheit leuchteten. Noch zweimal ſpäter ſah ich den Schlingel ſein häßliches Geſicht hereinſtrecken; wenn ich jedoch finde, daß er ſeinen jungen Herrn zu ihrer Beſchimpfung aufſtiftet, ſo will ich ihm jeden Knochen an ſeinem verfluchten Leichnam zerbrechen.“ 174 „Er ſoll ſie nicht beleidigen, ſo lange ich's verhindern kann,“ erklärte Reginald Lisle aufſtehend.„Sie iſt ſehr ſchön und auch ich bemerkte, wie ſehr ſie des jungen Baro⸗ nets Bewunderung erregte. Er ſteht jedoch unter meiner Aufſicht, und ich werde es zu verhindern wiſſen, wenn er etwa ſich ſelbſt beſchimpfen wollte. Ich will einmal nach⸗ ſehen. Bleibe Du hier, meine liebe Krähe: Du biſt zu aufgeregt und würdeſt ihm die Augen aushacken.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer. Zwölftes Kapitel. „Ihr beſchimpfet mich, Sir,“ rief eine ſehr ſüße Stimme, als Reginald Lisle nach längerem Suchen einen der vielen verwickelten Gänge des Gaſthofes verfolgte;„ich beſtehe darauf, laßt mich paſſiren, ſonſt werde ich bald Leute herbeirufen, die Euch beſtrafen werden. Euer Benehmen iſt niedrig und unedel— Ihr glaubt mich unbeſchützt und freundlos und ich bin überzeugt, jener Mann hat mich abſichtlich falſch gewieſen.“ „Nein, ich beſchimpfe Euch nicht,“ erwiederte Sir Theodor Broughton; nes iſt doch gewiß keine Beſchimpfung, wenn ich Cuch ſage, wie lieblich ich Euch finde und—“ „Ja, Sir, an einem bloßen Fremden iſt es eine Be⸗ ſchimpfung,“ gab das Mädchen zur Antwort,„und ich beſtehe darauf, daß Ihr mich paſſiren laſſet.“ Reginald Lisle eilte weiter in der Dunkelheit, welche 175 von einem Lichte in einem Quergange, das nur einige Sei⸗ tenſtrahlen auf die gegenüberliegende Wand warf, ſchwach erhellt wurde. Allein Katharina Malcolm's Stimme wurde immer lauter, und eben als der junge Offizier das Ende des ſehr langen Seitenganges erreichte, ſchien auch ein anderes Ohr den Ruf vernommen zu haben, denn zwiſchen Regi⸗ nald und dem jungen Baronet ging plötzlich eine Thüre auf und ein gut ausſehender modiſch gekleideter Mann trat mit dem Rufe daraus hervor: „Was gibt's?— Ei, ei, mein junger Freund, Sir Theodor, was ſoll das heißen? Pfui, pfui! laßt doch die junge Dame paſſiren. Das iſt keine Kellnerin, die etwa auf dem Gange Eure Wünſche erhört. Es iſt blos ein Mißverſtändniß, Madame— der Herr iſt noch ſehr jung und romantiſch; kommt herein zu mir, Sir Theodor— Ihr werdet bald den ganzen Gaſthof auf Eurer Ferſe haben.— Es kommt ſchon Jemand, Sir.“ Und ohne weitere Umſtände nahm er den jungen Ba⸗ ronet am Arm und drängte ihn ſo raſch in ſein eigenes Zimmer, daß Letzterer das Herannahen Reginald Lisle's nicht gewahren konnte. Die Thüre wurde augenblicklich ver chloſſen; allein der junge Offizier verfolgte ſeinen Pfad auf dem Gange und trat auf die Seite, um Katharina Malcolm vorüber zu laſ⸗ ſen. Mit zitternden Schritten kam das arme Mädchen näher, während das Licht, das ſie trug, ihr ſchönes Geſicht beleuchtete und zeigte, wie blaß es durch die Aufregung ge⸗ worden war. Auch ſchaute ſie ſich mit wirren Blicken um, 176 als ob ſie nicht recht wiſſe, wo ſie ſich befinde, und da Re⸗ ginald aus ihren Worten wie aus ihren Blicken entnehmen konnte, daß man ſie falſch gewieſen hatte, ſo redete er ſie mit ernſter Verbeugung an. „Ihr ſeyd bei mir vollkommen ſicher, Miß Malcolm. Ich bin der Freund und Kriegsgefährte von Major Brand⸗ rum, dem Freunde Eures Vaters, und will Euch ſogleich auf Eures Vaters Zimmer führen; ich fragte eben, wo die⸗ ſes liege.“ „Mein Vater iſt zu u Bette und ſchlaͤft hoffentlich,“ ver⸗ ſetzte das arme Mädchen.„Ich blieb bei ihm bis er ſchläf⸗ rig wurde und kehrte dann nach der Halle zurück, wo ich etwas hatte liegen laſſen. Auf dem Rückwege ſagte mir ein Mann, dem ich auf der Treppe begegnete, ich gehe irr und wies mich hieher— die Gaͤnge ſ ſind ſich alle ſo ähnlich — ich weiß in der That nicht— „Wohl, ich will Euch den Weg weiſen,“ erklärte Re⸗ ginald;„nur laßt mich erſt die Nummer dieſer Zimmerthüre ſuchen,“ indem er einen Schritt vortrat und das Wort dreiundzwanzig' wiederholte.„Nun ſteh’ ich Euch zu Dienſten, Miß Malcolm. Das Beſte wird wohl ſeyn, dem Stubenmädchen zu läuten— im nächſten Gange hängt eine Glocke: ſte wird mit Euch gehen, wohin Ihr wollt. Ich weiß, daß Euch eben jetzt etwas Widerwärtiges begegnete und wollte Euch gerade zu Hülfe kommen: der junge Wild⸗ fang ſoll nicht ohne Tadel davonkommen; da er übrigens noch ein bloßer Knabe iſt, ſo müßt Ihr es vergeſſen.“ „Es war ſehr unrecht,“ verſetzte Katharina Malcolm erröthend;„ich that doch gewiß Nichts, um eine ſolche Be⸗ handlung zu verdienen.“ „Davon bin ich vollkommen überzeugt,“ verſicherte der junge Offizier;„doch hier iſt die Glocke“— und damit be⸗ gann er ſcharf zu läuten. Die Perſon, welche auf dieſe Aufforderung erſchien, war ein batziges engliſches Stubenmädchen, und als Regi⸗ nald ſie benachrichtigte, daß die junge Dame ſich verirrt habe und ſie anwies, Miß Malcolm nach ihrem Zimmer zunächſt neben dem ihres Vaters auf Nr. 103 zu begleiten, ſchüttelte ſie den Kopf und meinte, das ſey nicht ihr Stock⸗ werk; ſie habe mit dem Kärrnersvolke nichts zu ſchaffen. „Ihr werdet ſo gut ſeyn, meine Weiſung zu befolgen, ob dies Euer Boden iſt oder nicht,“ verſetzte Reginald Lisle in ſtrengem Tone.„Dieſe junge Dame, deren Vater und ich Kameraden ſind, iſt ſchon einmal irre geleitet und von einigen Perſonen in dieſem Hauſe beleidigt worden, weßhalb ich ſogleich bei Eurem Herrn über ihr Benehmen Klage füh⸗ ren werde. Hütet Euch wohl, daß ich nicht auch Euch zu verklagen habe. Begleitet dieſe junge Dame nach ihrem Zimmer und verlaßt ſie nicht eher, als bis ſie es erreicht hat.“ Das NMaädchen betrachtete ihn einen Augenblick mit einer Miene des Trotzes und der Ueberraſchung, die ihn bei⸗ nahe zum Lachen gebracht hätte; allein ſie war doch einge⸗ ſchüchtert und erwiederte mit geläufiger Unterwerfung: „Ganz recht— kommt nur mit. Hierher, Madame.“ „Gute Nacht,“ ſprach Lisle in gütigem Tone;„ſagt James. Th. Broughton. 12 178 d Eurem Vater beim Aufſtehen, Kapitän Lisle und Major Brandrum werden ihn Beide vor der Abfahrt noch beſuchen.“ Die Thränen ſtiegen Käthchen Malcolm in die Augen und ein„gute Nacht, Sir,“ war Alles, was ſie zu ſprechen vermochte. 4 Sobald ſie ſich mit dem Stubenmädchen entfernt hatte, begab ſich Reginald in die Schenke hinab, und da er nach abermaliger Ueberlegung für beſſer hielt, von dem Vorfalle nichts zu erwähnen, ſo begnügte er ſich mit der gleichgülti⸗ gen Frage, wer auf Nr. 23 wohne. „Oberſt Lutwich, Sir, der ehrenwerthe Oberſt Lut⸗ wich,“ erwiederte der Gaſtwirth mit wichtigem Weſen;„wir haben heute eine große Menge faſhionabler Geſellſchaft im Hauſe. John— William— Thomas— Peter— Harry,“ kreiſchte er mit überlauter Stimme einem halben Dutzend ſeiner Kellner zu, von denen keiner herbeikam, bis er den Mund an ein Sprachrohr legte, das in das oberſte Stock⸗ werk hinaufreichte; ſein Schreien klang aber wie das Gur⸗ geln in einem langen Flaſchenhalſe, wenn man ihn umdreht und den Wein durch die enge Oeffnung herausſtrömen läßt. Reginald Lisle ging langſam weiter und fand Major Brandrum noch beim Weinglaſe, denn in Ermanglung thä⸗ tiger Bewegnng konnte dieſer ohne eine beſtimmte Portion ſeines Getränks nur ſchwer daran glauben, daß der Tag wirklich abgelaufen ſey. „Was gibt's Neues, Lisle?“ fragte der Major, ſobalb der Andere eintrat.„Haſt Du den Jungen gefunden? Wie hat er ſich aufgeführt?“ 179 „Nicht zum Beſten,“ erwiederte der junge Offizier, „aber auch nicht ſo ſchlimm, als er es vielleicht hätte thun können. Gleichwohl fürchte ich für die Zukunft: Du mußt ihn indeſſen mir überlaſſen, mein theurer Brandrum; ich will ihm bei ſeiner Rüͤckkehr eine tüchtige Vorleſung halten.“ „Aber wo iſt er?“ fragte der Major.„Was thut er denn?“ „Er befindet ſich in dem Zimmer Deines Freundes, des Oberſten Lutwich,“ erwiederte Lisle.„Jener Gentle⸗ man kam eben dazu, wie er ſich gegen das arme Mädchen unverſchämt benahm; er ſtellte ihm wie ein Ehrenmann das Unpaſſende ſeines Benehmens vor und ſchleppte ihn auf ſein Zimmer, um einer ſehr peinlichen und unangenehmen Scene— wozu es wahrſcheinlich gekommen wäre— vor⸗ zubeugen.“ „Der einfältige junge Laffe!“ ſchimpfte Brandrum. „Aber an all' Dem iſt blos der Schuft von Hargrave ſchul⸗ dig; gebe nur der Himmel, daß ich den Kerl erwiſche— ich prügle ihn noch kurz und klein, ehe wir von einander ſcheiden. Lutwich iſt bei allen ſeinen Fehlern ein nobler Burſche, und würde es ganz gewiß nicht ruhig mit anſehen, wenn ein unſchuldiges Mädchen mißhandelt würde.“ „Es iſt doch ſonderbar,“ ſagte Reginald nachdenklich: „ich bin überzeugt, ich habe ſein Geſicht ſchon irgendwo geſehen.“ „Das iſt ſehr wohl möglich, mein theurer Junge,“ erwiederte Major Brandrum trocken;„wenn Du aber mei⸗ nen Rath hoͤren willſt, Lisle, ſo fragſt Du ihn nicht— wo, 12* 180 Er iſt ein Mann von guter Familie, guter Erziehung und manchen guten Eigenſchaften, wie er in manchem Falle be⸗ wieſen hat; aber er hat auch ſeine Eigenheiten, von denen man am beſten gar nicht ſpricht.“ „NRichtig, jetzt hab' ich's,“ rief Reginald plötzlich, in⸗ dem ein Ausdruck plötzlichen Verſtändniſſes in ſeiner Miene auftauchte;„es iſt glaube ich daſſelbe Geſicht, und doch iſt noch eine Verſchiedenheit, ſo daß ich nicht darauf ſchwören könnte.“— „Ich hoffe, das thuſt Du auch nicht, Lisle,“ erwiederte der Major ernſthaft;„eine Perücke macht viel aus, und Lutwich hat deren viele, wie Du wohl ſehen konnteſt, als er mir heute Abend das Geld überbrachte.“ 2 „Gerechter Himmel! war das derſelbe?“ rief Regi⸗ nald;„dann wäre es freilich eben ſo ſchwer auf ihn zu ſchworen, als einen Proteus zu finden. Aber ſey verſichert, um Deinetwillen würde ich es nie thun, auch wenn ich es könnte.“ „Das erſte Mal als ich ihn ſah,“ erklärte Brandrum, „war er eben, wie ich dieſem thörichten Jungen erzählte, in hohem Spiele begriffen— es handelte ſich nämlich um nichts Geringeres als um ſein Leben. Es war zu Old⸗ Bailey; er wurde jedoch losgeſprochen, denn er verhörte den Hauptzeugen in eigener Perſon und gegen ſich ſelber. Der Mann hatte zwar große Luſt, auf ſeine Perſon zu ſchwören, bis er ihn in ſtrengem Tone fragte, ob der Straßenräuber nicht einen ſehr ſchwarzen Bart getragen habe? Allerdings, rief der Beraubte; daran hab' ich nicht gedacht, worauf der 181 Staatsanwalt ſich mit der barſchen Frage an Lutwich wandte: wie könnt denn Ihr ſolches wiſſen? Weil der⸗ ſelbe Mann auch mich auf der nämlichen Stelle auszuplün⸗ dern verſuchte; nur ließ ich mir's nicht gefallen, erwiederte Lutwich. Er trug einen ſchwarzen Bart wie Ihr, Anwalt Barrett, und ſah Euch in der That ſehr ähnlich. Faſt könnt' ich glauben, Ihr wäret es geweſen. Der ganze Gerichtshof brach in Lachen aus und die Geſchworenen ſpra⸗ chen den Gefangenen frei, ohne ihre Loge zu verlaſſen. Dieſe kleine Seene koſtete ihn keineswegs ſeine Stelle in der Ge⸗ ſellſchaft, und wenn er auch viele luſtige und gefährliche Punkte beſucht und mit allerlei faſhionabeln Spitzbuben Umgang pflegt, ſo hat er doch das Renomme eeines Gent⸗ lemans und Ehrenmannes nie verloren, woher auch immer ſeine Mittel kommen mögen.“ „Da dürfte er wohl nicht der beſte Gefährte für Sir Theodor ſeyn,“ meinte Lisle. „O es könnte noch weit ſchlimmere— ja weit ſchlim⸗ mere könnte es geben, Reginald,“ erwiederte der Major augenblicklich. Das Geſpräch nahm nun eine andere Wendung und Reginald erzählte ſeinem tapfern Freunde genauer— ſo weit er es nämlich ſelber wußte— was zwiſchen dem jun⸗ gen Baronet und Katharina Malcolm vorgefallen war— eine Geſchichte, welche die Galle des Majors nicht wenig erregte. Eine Stunde verſtrich, ohne daß Sir Theodor zuruck⸗ kehrte; und Reginald Lisle erhob ſich endlich mit den Worten: 182 „Ich will zu Bette, Brandrum, denn ich bin müde und mein Knie ſchmerzt mich.“ „Das will auch ich,“ verſetzte der Major, ſeine ſchwere Reitpeitſche zur Hand nehmend, worauf Beide, nachdem ſie ſich Lichter verſchafft, das Zimmer verließen. Reginald Lisle ſtieg zuerſt die Treppe hinan, während ſein Freund einen Augenblick in den Hof hinausſchaute, wo das Mondlicht ruhig ſchlummerte; der jüngere Offtzier hatte bereits die Mitte der langen offenen Gallerie, die zu ſeinem Schlafzimmer führte, erreicht, als er die heißhungrige Krähe in wildem Tone rufen hörte: „Warum habt Ihr mich auf den Fuß getreten, Sir?“ „Ich that es nicht abſichtlich, Major,“ erwiederte eine andere Stimme. „Allerdings thatet Ihr's, Sir— Ihr habt ohnehin nur Schlechtes in Abſicht— ich will Euch lehren, Euch beſſer aufzuführen“— und alsbald folgte ein Klatſchen, wie man es oft an Badeorten hört, wenn der Prügel wie⸗ derholt auf das dichtbehaarte Fell und den hohlen Wanſt eines unglücklichen Langohrs niederfällt. In das Echo dieſer lauthallenden Schläge miſchte ſich ein Schreien, ein Kreiſchen und Umgnadeflehen, das bald ein volles Dutzend Zuſchauer mit ihren Kerzen in den Hof lockte, und als Re⸗ ginald über die hölzerne Balluſtrade hinabſchaute, ſah er, wie ſein Freund den verhaßten Meiſter Zachary Hargrave am Kragen hatte und ihm mit ſeiner Reitpeitſche Beine, Schultern und Rücken mit einer Kraft und einem Eifer be⸗ arbeitete, welche dem unglücklichen Patienten beinahe ſeine 183 Haut gekoſtet hätte. Als einige Leute in vermittelnder Ab⸗ ſicht herbeikamen, hielt der Major einen Augenblick inne, ohne jedoch ſeine Beute fahren zu laſſen und fragte ſodann, indem er ſich mit ſtolzem Blicke umſchaute: „Hat Jemand Luſt nach einer ähnlichen Prügelſuppe?“ Niemand ſchien ſich um dieſes Vorrecht reißen zu wol⸗ len; der Major ſchüttelte ſein Schlachtopfer, daß es beinahe erſtickt wäre, hob dann ſeinen Fuß und gab ihm einen höchſt ſalbungsvollen Tritt, ſo daß der Arme durch die umſtehende Menge hindurch faſt bis auf die andere Seite des Hofes geflogen wäre. Mit größter Kaltblütigkeit nahm Brand⸗ rum ſofort ſeine Kerze vom Boden und wandte ſich in ruhi⸗ gem faſt ſcherzenden Tone— denn er war mit ſeiner That höchlich zufrieden— an die Herrin des Hauſes. „Wolltet Ihr mir erlauben, Madame, meinen Docht an dem Euren anzuzünden, denn die Kerzen gehen leicht aus, wenn man auf ſo intereſſante Weiſe beſchäftigt iſt.“ Alle Umſtehenden ſchauten ſich an, während der wür⸗ dige Offizier ſein Licht anzündete; aber Keiner wagte ein Wort zu ſagen, und Major Brandrum, über die Beſtürzung auf allen Geſichtern höchlich beluſtigt, machte ringsum ſeine ſpöttiſche Verbeugung und verfügte ſich ruhig nach ſeinem Schlafzimmer. Dreizehntes Kapitel. „Bitte, Platz zu nehmen, Sir Theodor,“ ſagte Oberſt Lutwich, ſobald er den jungen Baronet in ſein Zimmer 184 geſchleppt und die Thüre verſchloſſen hatte:„wir müſſen die Herren und Damen, welche Eure etwas gar zu warme Bewunderung eines hübſchen Mädchens auf dem Gange verſammelt haben dürfte, ihre Neugierde erſt befriedigen und zum Nachteſſen oder ins Bett zurückkehren laſſen, bevor er, der ihrem Appetite nach wunderbaren Dingen ſo freundlichen Vorſchub leiſtete, ſich wieder ſehen laſſen kann.“ Er ſagte dies nicht ohne Spott und es hätte ſich viel⸗ leicht kein beſſerer Ton auffinden laſſen, um einem uner⸗ fahrenen ſcheuen Knaben das Unpaſſende ſeines Benehmens recht eindringlich zu machen. 3 Ich ſagte abſichtlich blos— das Unpaſſende, denn auch Oberſt Lutwich wollte hierin nicht weiter gehen. Er mochte wohl fühlen und fühlte auch gewiß, wie ſeine ſpaͤte⸗ ren Worte bewieſen, daß an dem jungen Baronet noch weit mehr als blos ein unpaſſendes Benehmen zu tadeln war; aber es gibt Leute, welche ſelbſt ſyſtematiſch ſündigen und doch ihrer eigenen Fehltritte ſo genau bewußt und darüber beſchämt ſind, daß ſie die Verfehlungen Anderer nicht kühn zu verdammen wagen, wenn dieſe auch nicht gerade dieſelbe Bahn einhalten, welche ſie verfolgen. Es ſind dies Leute, in denen der Sinn für Moral durch Gewohnheit noch nicht völlig entartet, oder von Natur nicht ganz ſtumpf iſt, denn in beiden Fällen finden blos unſere Lieblingslaſter Gnade vor unſern Augen— alle andern werden entweder getadelt oder lächerlich gemacht. Von Verwirrung und Beſchämung überwältigt, warf ſich Sir Theodor Broughton in einen Stuhl. Er wußte 185 nicht, wohin er blicken, noch was er antworten ſollte. Sein Stolz, ſeine Eitelkeit, ſeine Wünſche waren gleich ſehr ge⸗ täuſcht und verwundet. Sein erſter Schritt auf der Bahn der Leidenſchaft und laſterhafter Nachſicht hatte mit Tadel und Lächerlichkeit geendet, und er verfluchte jetzt Hargrave, ſich ſelbſt und Alle, die dabei betheiligt waren. Oberſt Lutwich ſah, wie bitter er ſich grämte, und da er wirklich ein ſehr gutmüthiger Mann war, ſo that es ihm leid, und er eilte zu ſeinem Troſte herbei. „Kommt, kommt, Sir Theodor,“ ſagte er,„laßt Euch Das nicht gar zu ſehr anfechten. Aller Wahrſcheinlichkeit nach weiß die junge Dame gar nicht, wer Ihr ſeyd, und wird nicht lange mehr daran denken. Nur wenige Frauen ſind ernſtlich böſe, wenn ſie ſich von Jemand bewundert ſe⸗ hen, nur darf der Bewunderer ſich nicht zu gar zu raſchen Handlungen hinreißen laſſen. Die nähern Umſtände Eures Falles ſind mir zwar noch unbekannt; aber ich meine doch, Ihr müßtet Euch in dem Charakter der Perſon ſtark geirrt haben, und es iſt hier ſehr nöthig, daß man unterſcheiden lernt. Ohne Zweiſel habt Ihr keine großen Erfahrungen in ſolchen Dingen und—“ „Keine, gar keine,“ erwiederte der junge Baronet durch ſeinen Ton ermuthigt.„Ich habe allerdings ſehr unrecht gethan; aber an all' Dem iſt nur der Narr— mein Diener Hargrave ſchuldig. Noch nie in meinem Leben ſah ich ein ſo ſchönes Weſen, und er ſagte mir— warum lacht Ihr denn?“ „Nicht über Euch, mein junger Freund,“ erwiederte 186 ſein Gefährte;„ſondern weil ein Diener— ein niedrig ge⸗ ſinnter gemeiner Burſche wie dieſer— in keiner Weiſe dazu taugt, Euch Rath oder Unterweiſung zu ertheilen. Ihr müßt, wie geſagt, für Euch ſelbſt unterſcheiden lernen. Dieſe junge Dame iſt ſehr ſchön— in der That ſehr ſchön, ſo viel iſt klar, obgleich ich blos einen zufälligen Blick von ihr er⸗ halten habe; aber ſelbſt dieſer zufällige Blick mußte jedem Manne von Welt beweiſen, daß ſie für derlei Mittel, wie Ihr ſie angewendet zu haben ſcheint, nicht zugänglich iſt. Es gibt manche Feſtungen, die ſich nicht mit Sturm ein⸗ nehmen laſſen, Sir Theodor, und wo nichts als lange un⸗ aufhörliche Belagerung und ſelbſt dann nicht ohne das ſchwere Geſchütz der Ehlichung zum Ziele führt. Sogar dieſes wird den Platz nicht immer erobern und man irrt ſich gewaltig, wenn man meint, Rang, Stellung, Reichthum, ja ſogar perſönliche Vorzüge müßten bei allen Weibern zum Siege führen. Die Weiber haben ihre Launen ſo gut wie die Männer, und auch der einnehmendſte Jüngling der ganzen Welt wird oft auf bittere Kränkung ſtoßen, wenn er meint, ſeine Bewerbung werde ſich bei Allen gleich annehm⸗ bar erweiſen.“ „Glaubt Ihr denn, ſie werde mir nie wieder verzeihen?“ fragte der junge Baronet in ſo kläglichem Tone, daß ſein Geſellſchafter abermals lachen mußte. „Ei nein,“ erwiederte Lutwich;„unſerem erſten Grund⸗ ſatze zufolge, daß keine Frau durch unſer Verliebtſein be⸗ leidigt wird, werden unter zehn gewiß neun alle Verände⸗ rungen vergeben, welche aus dieſer Liebe entſpringen können, 187 und Ihr ſcheint mir wirklich etwas tief in der Patſche zu ſtecken, mein theurer Baronet, in Betracht, daß Ihr die junge Dame— wie ich mir wenigſtens einbilde— erſt ſeit wenigen Stunden kennt.“ „Das thut nichts,“ meinte Sir Theodor nach und nach etwas kühner werdend;„gar oft gelten wenige Stun⸗ den ſo viel wie ein ganzes Leben. Ich habe nie ein Weſen geſehen und werde auch gewiß nie wieder eines treffen, das auch nur halb ſo lieblich war, und wäre ich Herr meines Vermögens, ich gäbe die Hälfte— ja das Ganze gäbe ich hin, um ſie die Meine zu nennen.“ „Ei, das wird ſehr ernſthaft,“ verſetzte der Andere. „Wollt Ihr etwa damit ſagen, Ihr möchtet ſie heirathen?“ Der junge Baronet ſchwieg zweifelhaft, und Lutwich begann ernſthafter aber in ruhiger beſchaulicher Weiſe, welche nach allen ſeinen Bemerkungen einen Schein des Ta⸗ dels annahm, die Sache weiter zu verfolgen. „Es iſt in der That eine ſehr ernſte Sache,“ verſetzte er,„wenn man bei einem Mädchen, das man erſt ſeit we⸗ nigen Stunden kennt, ſogleich an's Heirathen denkt, denn nicht nur daß wir Vermögen und Behaglichkeit auf's Spiel ſetzen— auch das Glück, der Erfolg, und ſogar die Ehre eines ganzen Lebens können von dieſem Schritte abhängen. Die Ehe knüpft an unſer Weſen ein zweites, das mit dem Strome unſerer Exiſtenz einen fremden unähnlichen Lebens⸗ ſtrom verbindet und nicht allein unſer Schickſal, ſondern auch unſere Gedanken, unſere Gefühle, unſern Charakter modifizirt. Mag es auch ſcheinen, daß die Perſon, die wir 188 heirathen, keinen Einfluß über uns beſitzt, daß ſie keine Ge⸗ walt über unſere Handlungen oder über unſere Lebensrich⸗ tung erlangt— immer werden aus dieſer unzertrennlichen Verbindung mit einem anderen Weſen rückwirkende Ein⸗ flüſſe auf unſer Gemüth wie auf unſere Handlungen ſich geltend machen, gleichviel ob dieſe uns leiten oder ſich uns widerſetzen, ob ſie mit oder gegen uns gehen mögen— Ein⸗ flüſſe, welche unſer ganzes Leben hienieden— ja vielleicht ſogar das jenſeitige berühren.“ Er hatte vor dem Schluſſe ſeiner Rede lange inne ge⸗ halten und ſprach die letzten Worte mit einem Nachdruck, der gleichſam ſeinem eigenen Weſen Trotz bot. Im nächſten Augenblicke fuhr er in weniger ernſtem Tone fort: „Ihr habt ohne Zweifel nicht an Heirath gedacht, jun⸗ ger Freund, und nun laßt uns einen Augenblick überlegen, was Ihr vorhattet. Es gibt in dieſer Welt gar viele Frauen, welche, durch Gewohnheit locker und laſterhaft, ihre Gunſt Jedem, der ſie ſucht, willig verkaufen; weiter gibt es andere welche, ohne wirklich gefallen zu ſeyn, aus Temperament, Eitelkeit, Müßiggang oder Charakterloſigkeit nur auf Nei⸗ gung, Gelegenheit oder Verſuchung warten. Aber es fin⸗ den ſich auch wieder Weiber, und wenn ich recht urtheile, ſo gehört dieſes Mädchen darunter— die ſich bei aller Em⸗ pfänglichkeit, welche bei ſtarker Anregung zur Leidenſchaft werden kann, voll Herzensreinheit und in der Stärke ihrer Unſchuld und Wahrhaftigkeit ſich nur hohen heiligen Pflichten widmen. Ich vermag dieſen Zuſtand wohl zu ahnen,“ fuhr er traurig fort,„obwohl ich nicht dazu gehöre und nie dazu 189 gehörte. Ich will den Mann nicht tadeln, der von ſeinem heißen Jugendblute verführt, mit der ausgelaſſenen Kokette ſpielt, vorausgeſetzt daß er nicht ſeinen eigenen Charakter bis zu ihrer Verſunkenheit erniedrigt: ich habe leider kein Recht ihn zu tadeln, und will nicht einmal den anklagen, der Leidenſchaft mit Leidenſchaft erwiedert und den fallenden Kieſelſtein das Ufer hinabrollt. Derlei Dinge ſind unrecht, ſehr unrecht; aber es ſteht nicht an mir zu verdammen. Was muß aber der von ſich ſelbſt denken, der aus müßiger Laune oder vorübergehender Leidenſchaft ein reines Herz mit Vor⸗ bedacht zu beſchmutzen, es von ſeiner edlen Bahn der Un⸗ ſchuld und hohen Aufopferung abzuleiten und ein Weſen, deſſen Körperſchöne blos ein Ebenbild und Typus des innen waltenden ſchönen Geiſtes iſt, zu verführen ſucht? Nein, nein, Sir Theodor; ſchon Sheakſpeare ſagt, wir haben willige Damen genug. Es mag thöricht und ſündhaft ſeyn, wenn mir ihnen auch nur eine müßige Stunde un⸗ ſeres Lebens einräumen; es kann einer ſogar durch den bö⸗ ſen Geiſt, der uns Allen nur allzu nahe iſt, als willenloſer Sklave ſeiner eigenen Leidenſchaften zu gottloſen Handlun⸗ gen verleitet werden; aber andere reine und unſchuldige Geſchoͤpfe zu verführen, das iſt das erſte Hauptmerkmal des böſen Geiſtes ſelber.“ Nach dieſen Worten ſchwieg er und auch Sir Theodor blieb ſtumm, indem er den Kopf mit abgewendeten Blicken auf ſeine Hände ſtützte. Lutwich betrachtete ihn mit ſchar⸗ fem nachdenklichem Blicke, als ob er allerlei bei ſich überlege und Schlüſſe daraus zu ziehen ſuche. Die feinen weichen 190 Züge des jungen Baronets, ſeine zarte Jugend und ſaſt me⸗ lancholiſche Nachdenklichkeit ohne eine Spur von Stärke oder Charakterfeſtigkeitel, wche der Phyſtognom eben ſo gut wie der Phyſiologe an ihm vermißt hätte, mochten vielleicht ei⸗ nigen Antheil an dem Schluſſe haben, zu dem er zuletzt zu gelangen ſchien. „Kommt, Sir Theodor, ſprecht einmal aufrichtig— hat Euch nicht irgend Jemand auf die Fährte gehetzt, wie wir's in London heißen?“ forſchte er weiter.„Ich bin über⸗ zeugt, Euer eigenes Herz würde Euch nicht zu ſolchem Schritte verleiten.“ Es iſt ein natürlicher Trieb ſchwacher Seelen, wenn ſie von ſtärkeren geleitet wurden, den Tadel über ihr Miß⸗ verhalten ausſchließlich auf die Andern zu werfen. Sir Theodor Broughton hatte zwar auf die Theilnahme ſeines Dieners Hargrave an dem begangenen Fehler leicht ange⸗ ſpielt, ohne jedoch Alles zu geſtehen; ſeit aber ſein Beneh⸗ men von einem Manne von Welt, offenbar ſelbſt einem Diener der Frende, in ſo ungünſtigem Lichte dargeſtellt wurde, war ſein Unwille über die erlittene Verleitung und Täu⸗ ſchung allmälig immer höher geſtiegen, bis er laut und lauter erwiederte: „Ja, Ihr habt Recht, mein ſchuftiger Diener Zachary Hargrave war es; er ſah, wie ſehr ſie mir gefiel und machte mir glauben, ſie werde leicht zu gewinnen ſeyn. Wollte er mir ja ſogar weiß machen,“ fuhr der junge Baronet fort, indem er gegen den Angeſchuldigten ſogleich auch ein Vor⸗ 191 urtheil zu erwecken ſuchte—„als ob Ihr, Oberſt Lutwich, ein gewöhnlicher Heerſtraßenritter wäret.“ „Hätte er wenigſtens geſagt— ein ungewöhnlicher, ſo hätte er noch eher Recht gehabt,“ gab ſein Gefährte mit ſarkaſtiſchem Lächeln zur Antwort.„Ich bereiſe allerdings die Heerſtraßen ſehr häufig, eben ſo oft oder noch öfter als jeder andere Gentleman in meiner Lebensſtellung. Ich könnte beinahe mit dem großen Earl von Peterborough ſa⸗ gen, ich habe mehr Könige und mehr Poſtillone als jeder andere Mann in Europa geſehen. Doch das Alles iſt nichts als unſinniges Geſchwätz, Sir Theodor: der Mann muß nicht nur ein Spitzbube, ſondern auch ein Narr ſeyn, wenn er Euch ſo nichtige Geſchichten aufzuheften verſucht. Ich bin übrigens froh, zu vernehmen, daß es ein ſo niedriger Schuft iſt, auf dem der Vorwurf Eurer Verführung liegen bleibt. Ich war feſt überzeugt, daß weder Major Brand⸗ rum noch Kapitän Lisle irgend einen Antheil an ſolchen Dingen hätten. Dieſer Mann paßt nicht zum Rathgeber für Euch, mein junger Freund. Lisle mag zu hochfahrend in ſeinen Anſichten ſeyn— ſo wenigſtens habe ich gehört — und Brandrum iſt zu alt, um einen tauglichen Gefährten für Jünglinge abzugeben; ich kann Euch alſo blos ſagen, daß wenn mein Rath und Beiſtand Euch je von Nutzen ſeyn kann, derſelbe vollkommen zu Euren Dienſten ſteht.— Ehe wir ſcheiden, will ich Euch meine Adreſſe geben, wo Ihr mich jederzeit finden oder von mir hören werdet. Ich will ſie ſogleich niederſchreiben; hernach trinken wir eine Flaſche Burgunder, von welchem unſer Wirth, nebenbei bemerkt, 192 eine der beſten Sorten in ganz England beſitzt, und dann zu Bett.— Der Schlaf wird Euch Vergeſſenheit bringen.“ Lutwich zog ſofort aus einem kleinen, aber ſehr hüb⸗ ſchen Schreibpult einige Bogen parfümirten Papiers und ſchrieb darauf etliche Linien, die er ſeinem jungen Gefährten einhändigte, und welche von dieſem ohne alle weitere Ge⸗ danken in die Taſche geſteckt wurden. Auf ſein Schellen erſchien der Wirth ſelber mit allen Zeichen des tiefſten Reſpekts. „Bringt eine Flaſche Burgunder, Meiſter Spinner,“ befahl Oberſt Lutwich,„eine Flaſche von jenem ſelben Wein, den Lord St. Jermyn und ich letzten Samſtag vor einem Jahr bei Euch ausgeſtochen haben.“ „Mein Gott, Oberſt, wie ſich Euer Gnaden auf Alles beſinnen!“ rief der kriechende Wirth. „O, Meiſter Spinner,“ erwiederte der Andere,„ich werde mich des Geſchmacks an dem Weine eben ſo gut er⸗ innern. Sorgt nur, daß es derſelbe iſt, und hört Ihr, laßt den Pfropf unten abnehmen, und ſeht darauf, daß er nicht klebrig iſt.“ „Gewiß, Sir, gewiß,“ verſicherte der Wirth; und fünf Minuten ſpäter ſtand der Wein vor ihnen und wurde ſeines Rufes würdig erfunden. Aber war es nun, daß Sir Theodor über Tiſch mehr als ſonſt getrunken hatte, oder daß ſein Gehirn von den letz⸗ ten Vorfällen her in reizbarem Zuſtande war— ſeine Augen bekamen bald einen leeren unſteten Blick und ſeine Zunge wurde zwar geläufiger, aber minder deutlich; er fuhr jedoch . 193 immer noch fort, langſam ein Glas um das andere zu ſchlür⸗ fen, obwohl ich Oberſt Lutwich die Gerechtigkeit widerfah⸗ ren laſſen muß, daß er ihm trotz der damaligen Sitte die Flaſche nicht aufdrängte. Man befand ſich nämlich dazu⸗ mal in den Tagen arger Trunkſucht, wo Keiner für einen würdigen Geſellſchafter galt, wenn er ſich nicht gelegentlich oder gar häufig für jede Geſellſchaft untauglich machte. Gleichwohl mochte der Oberſt den jungen Baroͤnet nicht dazu verleiten, daß er ſich in einer und derſelben Nacht noch mehr Blößen gab, als er bereits gethan hatte. Als endlich die Flaſche zu Ende war, hatten Sir Theodor's Kniee alle Elaſticität verloren und er erhob ſich endlich mit den Worten: „Ich muß fort, Oberſt, und Lisle wie den Major aufjagen, ſie werden nicht wiſſen, was aus mir geworden iſt.“ Während er jedoch ſprach, zeigte das Schwanken ſei⸗ nes Körpers deutlich genug, daß er nicht in der geeigneten Verfaſſung ſey, um irgend Jemand aufzujagen. „Geht lieber zu Bett, Sir Theodor,“ ermahnte ſein Geſellſchafter; da er aber wohl wußte, daß es für einen Betrunkenen keine größere Beleidigung gibt, als wenn man ſeinen Zuſtand bemerkt, ſo fuhr er fort: „Ihr könntet mit Lisle Streit bekommen, denn Ihr ſcheint nicht zu wiſſen, daß er die Perſon war, welche vorhin ſo haſtig zur Beſreiung der jungen Dame herbeieilte. „Das iſt mir einerlei,“ erwiederte der junge Mann; ver hat kein Recht ſich in meine Angelegenheiten zu miſchen, und das eben will ich ihm ſagen.“ „Nein, nein, laßt ihn darüber ausſchlafen,“ verſetzte James. Th. Broughton. 13 194 der Andere,„und Ihr— thut desgleichen. Kommt, ich will Euch den Weg zeigen, denn Ihr wißt wohl ſchwerlich, wo Ihr Euch befindet: ich bin aus alten Zeiten mit allen Krüm⸗ mungen und Wendungen dieſes Ortes bekannt;“ und nach⸗ dem er ſich von dem jungen Baronet ſeine Zimmernummer hatte ſagen laſſen, nahm er ein Licht und führte ihn gut⸗ müthig in ſein Gemach, wo er ihn zum alsbaldigen Bettge⸗ hen überredete. Sobald dies vorüber war, kehrte Lutwich in ſein eigenes Zimmer zurück und ſetzte ſich nachdenklich nieder. „Ein hübſches Stückchen,“ dachte er,„anderen Leuten über ihr Benehmen Vorleſungen zu halten, wenn er Alles wüßte, ſo müßte ihm ſein Benehmen nur noch ſchlimmer vorkommen, nachdem ich es verdammt habe. Auch mit Meiſter Hargrave muß ich meine Rechnung abſchließen. Wo kann er mich nur geſehen haben? Geh' es wie es will — ich muß ihm jedenfalls den Mund ſtopfen.“ Mit dieſen Worten fuhr er mit der Hand in die Taſche und zog eine ſehr ſchön gearbeitete mit Silber eingelegte Piſtole hervor, deren Zündung er unterſuchte und dann den Ladſtock einigemal in den Lauf ſtieß.„Nun zu Meiſter Hargrave,“ ſagte er laut, nachdem er etwa noch eine halbe Stunde ſeinen Gedanken Audienz ertheilt und dann die Glocke gezogen hatte. „Sendet einen Mann Namens Hargrave, Sir Theo⸗ dor Broughton's Diener, zu mir,“ befahl er dem eintreten⸗ den Kellner. „Ach, Ew. Gnaden, der iſt kaum im Stande heraufzu⸗ kommen,“ erwiederte der Kellner.„Er wurde vorhin ſo gräulich durchgepeitſcht, wie ich es noch nie in meinem Leben geſehen habe, und ſo predigt er eben den Leuten im Kutſcherzimmer bei einem Glaſe Schnapps⸗Punſch über freie Gnadenwahl und Vorbeſtimmung.“ „Dann iſt er gerade in der rechten Seelenſtimmung— ſchickt ihn nur herauf,“ gebot Oberſt Lutwich.„Wer hat ihn denn durchgepeitſcht?“ 4 „Ein gewiſſer Major Brandrum ſoll's gethan haben,“ gab der Andere zur Antwort;„aber ich hoffe, Ihr ſagt nichts davon, daß ich's Euch erzählt habe.“ „Soll ich ſagen, die Hausglocken werden nicht läuten, wenn Einer an der Handhabe zieht?“ fragte Lutwich. „Sorgt, daß der Mann augenblicklich herauffommt, denn ich bin im Begriffe zu Bett zu gehen.“ Zehn Minuten, ja vielleicht eine Viertelſtunde ver⸗ ſtrich, denn es bedurfte nicht geringer Ueberredung, um Zachary Hargrave zu veranlaſſen, ſich abermals in die Nähe eines mit der Pferdepeitſche vertrauten Armes zu wagen. Allein der Kellner verſicherte ihn, der Oberſt ſey honigſüß und Sir Theodor habe ihn eben verlaſſen, weßhalb nichts zu befürchten ſey, ſo daß endlich der würdige Oberreitknecht oder Stall⸗ und Kammerdiener— wie er ſich ſelber nannte — die Treppe hinanſtieg und nach ehrerbietigem Klopfen in Nro. 23 eintrat. Dort präſentirte er ſich im Scheine zweier Wachskerzen, wobei er jedoch Sorge trug, die Thüre dicht hinter ſich zu laſſen, indem er in der einen Hand den Hut 13* 196 hielt und mit der andern die kurzen glatten Haare auf der Stirne glättete. Ohne ein Wort zu reden, fixirte ihn Oberſt Lutwich mit nachdenklichem Blick von Kopf bis zu Fuß— ein Be⸗ nehmen, welches unbedeutenden und ſpitzbübiſchen Subjekten immer äußerſt unangenehm und unhöflich vorkommt, denn erſt⸗ lich fühlen ſie ſchon an der Art und Weiſe des Blicks, daß ſie blos als Dinge betrachtet werden, und dies iſt ein ſehr wie⸗ derwärtiger Zuſtand von Objectivität, und dann fürchten ſie immer mehr oder weniger, daß bei ſolcher Muſterung irgend Etwas an ihnen entdeckt werde. „Ihr heißt alſo Hargrave und ſeyd Sir Theodor Broughton's Diener?“ fragte Lutwich im gleichgültigſten Tone von der Welt.„Schaut her— ich habe Euch etwas zu zeigen.“ Der Mann that ein paar Schritte gegen den Tiſch, da er nicht bemerkte, was der Gentleman in der Hand hielt, als Lutwich ſich plötzlich mit raſcher Wendung zwiſchen ihn und die halboffene Thüre ſtellte, dieſe zuwarf und den Schlüſſel umdrehte. 4 „Nun voͤrwärts, Meiſter Zachary Hargrave!“ befahl er in ſtrengem Tone.„Da— ſtellt Euch hierher und rührt weder Hand noch Fuß, ſo wahr Euch Euer Leben lieb iſt.“ Zu gleicher Zeit zeigte er ihm die ſehr elegante kleine Piſtole, die er einige Minuten früher aus der Taſche gezo⸗ gen hatte, und nahm voll Kaltblütigkeit ſeinen Sitz ſo ein, daß er ſowohl die Thüre als die Glocke beherrſchte. „Nun beantwortet mir einige Fragen, Meiſter Har⸗ 197 grave,“ fuhr er in verächtlichem Tone fort.„Ich finde, daß Ihr zweierlei gethan habt, worüber Ihr mir Rechen⸗ ſchaft ablegen müßt. Erſtens habt Ihr Euren jungen Ge⸗ bieter zu ſchlimmen Dingen angeleitet. Was hat Euch veranlaßt, ihm die junge Dame, mit der er vor einigen Stunden auf dem Gange ſprach, als Gegenſtand ſo ehren⸗ voller Aufmerkſamkeiten zu bezeichnen?“ „Mein Gott, Sir! ich wußte nicht, daß Ihr etwas mit ihr zu ſchaffen hattet,“ gab der Mann zur Antwort. „Keine Ausrede!“ rief Lutwich zornig.„Warum hattet Ihr's auf ſie abgeſehen, frage ich. „Weil ich hörte, daß ſie ſehr arm und ihr Vater zu krank ſey, um ſich drein zu miſchen,“ erwiederte er. „Schurke!“ donnerte Lutwich;„wer hat Euch zu ſol⸗ chen Streichen aufgehetzt?“ „Niemand, Sir,— eigentlich Niemand,“ verſetzte Hargrave mit zitternden Knieen;„der Kapitän— d. h. Kapitän Donovan ſagte nur, es ſey ihm einerlei, wenn Sir Theodor auch einige Streiche mache, und ſo glaubte ich, dies ſey ein Wink zum— zum—“ „Zum Kuppeln,“ fuhr Lutwich fort, den Satz ſtatt ſeiner vollendend;„vielleicht war er's auch— ich will daran denken. Nun zu meiner zweiten Frage: ich höre, daß Ihr ſo klug waret, Sir Theodor zu erzählen, ich ſey ein bloßer Straßenritter. Nun ſagt mir, was veranlaßte Euch zu einer ſolchen Behauptung? Heraus damit, denn verlaßt Euch drauf, Ihr kommt nicht lebend aus dieſem Zimmer, bis Ihr geſprochen habt.“ 198 „Nein, Sir, nein—“ ſo ſagte ich wahrhaftig nicht,“ wimmerte der Mann.„Ich ſagte blos, das Pferd, das Euer Diener an Kapitän Lisle verkaufte, ſey ein ſchamloſes Beeſt, und als mein Herr fragte, warum ich es ſo nenne, ſagte ich, weil es ein Sprichwort gebe— ſo ſchamlos wie eines Straßenräubers Gaul.“ Oberſt Lutwich lachte laut auf; doch gleich darauf nahmen ſeine ſchönen und faſt zarten Züge einen Ausdruck von Wildheit an, deſſen ſie Niemand für fähig gehalten hätte, der ſie in ihrer milderen Stimmung ſah. Es war in der That eine oft bemerkte Eigenheit an dieſem merkwürdigen Manne, daß ſein Geſicht trotz ſeiner feinen faſt weibiſchen Linien ganz nach ſeinem Willen jede Art von Ausdruck annehmen und ſich ſo total verändern konnte, daß er ſogar ohne einen Wechſel der Kleidung jeden nicht ſehr genau Bekannten über ſeine Identität zu täuſchen ver⸗ mochte. Diesmal zeigte ſich nach jenem munteren faſt heiteren Lachen die breite klare Stirne plötzlich von tiefen Runzeln durchfurcht; zwiſchen den zuſammengezogenen vor⸗ ſpringenden Augenbraunen trat eine ſenkrechte fingertieſe Linie hervor; die Naſenlöcher erweiterten ſich, die Mund⸗ winkel waren herabgezogen; die Wangenmuskeln ſtrebten nach Außen, als ob ſie in tiefer Leidenſchaft arbeiteten, und das kaum noch ſo ſanfte leuchtende Geſicht war plötzlich zum drohenden Dämon geworden. „Hört mich, Zachary Hargrave,“ rief er in leiſem hartem Tone durch die glänzend weißen Zähne hervor⸗ ziſchend:„Ihr ſeht dieſe Piſtole. In ihr iſt eine einzigs 199 Kugel— dieſe Kugel bewahre ich für Euch, und wenn Ihr in Eurem Leben jemals wieder ein ſolches Wort, wie Ihr's gegen Euren Herrn ausgeſprochen, ſey es nun vor Mann, Weib oder Kind, zu äußern wagt, ſo ſliegt Euch dieſe Ku⸗ gel in den nächſten vierundzwanzig Stunden mitten in's Gehirn. Ihr verſteht mich. Ihr mögt mich kennen oder nicht; wer mich aber kennt, der weiß zur Genüge, daß noch nie Jemand mich beleidigte und am Leben geblieben wäre. Ihr ſeyd gewarnt— packt Euch!“ Der Mann der gleich Allen dieſes Gelichters ein miſe⸗ rabler Feigling war, näherte ſich mit ſchlotternden Knieen der Thure, und ſo groß war ſein Schrecken, daß er faſt eine Minute lang den Schlüſſel verkehrt im Schloſſe um⸗ drehte. Sobald er fort war, legte Lutwich die Piſtole auf den Tiſch und warf ſich in ſeinen Stuhl, um ſich abermals ſei⸗ nen Gedanken zu überlaſſen. Noch einmal wechſelte der Ausdruck in ſeinen Zügen; der wilde rachſüchtige Anflug ging vorüber, um einer Wolke tiefer, ſaſt zärtlicher Melan⸗ cholie Platz zu machen. Nach einer halben Stunde etwa legte er ſich zu Bett und verſank allen erlebten Vorfällen zum Trotz in mehrſtündigen tiefen Schlummer. Endlich ſchien ihn etwas im Schlafe zu bedrücken— er drehte ſich herum, huſtete und vermochte nur ſchwer zu athmen, bis er endlich murmelte: „Ei, Hal, Du haſt das Licht in den Schrank geworfen. Siehſt Du denn nicht die Flamme und den Rauch?“ und plötzlich auffahrend ſchaute er ſich um, indem er ausrief: 200 „Beim Himmel, es iſt kein Traum! Das Zimmer iſt voll Rauch; es hat Jemand den Gaſthof in Brand geſteckt!“ Vierzehntes Kapitel. „Hier iſt Euer Zimmer, Miß,“ ſagte das Stuben⸗ mädchen, auf eine Thüre im zweiten Stock des für unter⸗ geordnete Reiſende beſtimmten Flügels deutend;„Ihr hättet gewiß nicht nöthig gehabt Euch zu verirren, denn die Thüre liegt ja dicht neben der des alten Herrn.“ „Ich hätte mich auch nicht verirrt,“ gab Käthchen Malcolm zur Antwort,„wenn nicht ein Mann, den ich unten traf, mich dadurch irre geführt hätte, daß er behauptete, ich hätte die unrechte Treppe eingeſchlagen.“ „Pah, pah,“ meinte die Stubenjungfer mit unver⸗ ſchämter Miene,„junge Damen ſollten ſich nicht ſo leicht irre führen laſſen“— indem ſie davonſchnurrte. Käthchen Malcolm trat in ihr ärmliches Stübchen, das für ſie nur den einzigen Vortheil darbot, daß es eine Seitenthür hatte, die in ihres Vaters Zimmer führte. Sie näherte ſich letzterer und horchte: Alles war ſtill, und jetzt erſt ſetzte ſie ſich an den kleinen Eichentiſch und weinte. Der Kummer, den ſie den ganzen Tag über vor den Augen ihres Vaters, welche zu freundlich, wie vor denen der Welt, welche zu kalt waren, zurückgehalten hatte— machte ſich jetzt in der Einſamkeit ihres Zimmers gewaltſam Luft, und ihr Abendgebet waren Thränen. 201 Aber ſie fühlte ſich eben ſo müd als bekümmert; ſie hatte heute viel Arbeit und körperliche wie geiſtige Anſtrengung gehabt und wußte, daß mit der Frühe des morgenden Ta⸗ ges das Gleiche ſich wiederholen werde. Sie ließ deßhalb die ſchweren Tropfen nur wenige Minuten ihre ſchönen Wangen netzen, um Scham und Kummer und Hoffnungs⸗ loſigkeit von ihrer Seele wegzunehmen, und ſtand dann auf, um ſich die Augen zu trocknen und das einfache Geſchäft ihrer Nachttoilette abzumachen, da ſie ſich für den Fall, daß ihr Vater rufen ſollte, nur halb entkleidete. Nachdem ſie ſofort das von Major Brandrum ſo freundlich angebotene Geld in eine Ecke ihres Taſchentuches gebunden, legte ſie ſich zur Ruhe nieder und ſchlief ein, ohne ihre Gedanken bei dem Elend der Gegenwart verweilen zu laſſen. Mittlerweile trippelte das Stubenmädchen auf dem Gange zurück und öffnete eine Thüre, die mit den andern Theilen des Hauſes in Verbindung ſtand. Hier traf ſie den Oberkellner mit einem halbleeren Kruge in der einen und einem Lichte in der andern Hand, und Beide blieben ſtehen, um in dem heimlichen Winkelchen ein Stückchen zu plaudern. Mit ihrem Geſpräche will ich den Leſer wie mich ſelbſt ver⸗ ſchonen zenur ſo viel ging daraus hervor, daß zwiſchen bei⸗ den Theilen eine ſehr intime Freundſchaft beſtand, denn der Kellner ſetzte ihr bereitwillig den Krug an die Lippen, der, wie er ſagte, den feinſten Wein im ganzen Keller enthielt, und ſie putzte nach einem unverhältnißmäßigen Schlucke ſein Licht mit der Scheere, die an ihrer Seite hing, und warf den abgenommenen Docht auf den Boden. Ein Tritt und 202 lauter Ruf des Gaſtwirths ſcheuchte ſie plötzlich aus einan⸗ der und die Thüre ſiel hinter Betty in die Angeln, wäh⸗ rend John auf einem anderen Wege hinabeilte. Ich will jedoch hinter dieſer Thüre einen Augenblick verweilen, und da mehrere Stunden lang kein anderer Menſch vorüberkam, ſo kann ich einen kleinen Fleck auf dem Boden, nur ſechs Zoll vom Getäfel der linlen Seitenwand entfernt um ſo ungeſtörter betrachten. Es war gerade an der Nuthe zweier Bretter, welche hier, vor Alter einge⸗ ſchrumpft, auf halbe Fingerbreite aus einander ſtanden. Unmittelbar nach der Trennung von Kellner und Stuben⸗ mädchen war nichts weiter zu gewahren, als daß vom Hofe herauf ein kleines ſchwaches Laternenlicht— denn von Gas ließ man ſich noch nichts träumen— durch das Fenſter drang. Auch der Dampf lag noch in ſeiner Kindheit, und Niemand dachte daran, daß wir einſt aus eben den Dünſten, welche in unſeren Kaminen dampften oder aus unſeren Thee⸗ keſſeln ziſchten, das hellſte Licht und die raſcheſte Bewegung ableiten würden. Diesmal ſiel der ſchwache Strahl auf etwas am Bo⸗ den, das ſich. von hier aus wie der Geiſt in dem arabi⸗ ſchen Mährchen aus dem Kupferkeſſel langſam und anmuthig nach oben kräuſelte. Es ſchien viel zu klein an Umfang, um jemals zum Rieſen anzuwachſen— und dennoch werden wir ihm bald als ſolchen begegnen. Für jetzt war es bloß eine bleiche bläuliche Spiralſäule, die ſich zu dem Lichtſtrahle emporwand, und nur dann ſichtbar wurde, wenn es die Helle erreichte; dann verſank ſie wieder und wurde auf meh⸗ —— 203 rere Minuten unſichtbar, bis ſie etwas dicker wurde und einen ſchwachen Geruch nach angebranntem Holz in der Nähe der Stelle bemerkbar machte. Niemand beachtete die Sache, denn der Geruch drang nicht weiter und der leichtgekräuſelte Rauch blieb gänzlich unbemerkt; die Leute waren viel zu geſchäftig, bis ſie end⸗ lich zu Bette kamen, und der Zufall führte ſie alle einen anderen Weg. Die Fuhrleute mit ihren Angehörigen waren längſt zur Ruhe gegangen, ehe ſich die Dienerſchaft durch Hof und Stall in ihre verſchiedenen Schlafgemächer ver⸗ fügte; die Gäſte im beſſeren Theile des Hauſes hatten hier nichts zu ſchaffen und ihre Diener nahmen den Weg zu ihren Zimmern über die offenen Gallerien. Gegen 1 Uhr war vollkommene Stille im Gaſthofe eingekehrt. Um halb Drei kam ein Eilwagen auf ſeinem Wege nach London, und Kutſcher, Kondukteur und Paſſa⸗ giere wollten noch zu Nacht ſpeiſen. Ein einziger ſchläfri⸗ ger Junge blieb in der Regel am Küchenfeuer zurück, um die Paſſagiere bei ihrer Ankunft zu bedienen; der Stall⸗ knecht weckte ihn gegen Viertel auf Drei, als er eben im Begriffe war das Hauptthor zu öffnen. Der Junge ging über den Gang, der unter der obenerwähnten Thüre durch führte, und als er in das Speiſezimmer der Paſſagiere trat, ließ er eine Außenthüre hinter ſich offen, durch welche als⸗ bald der kalte Nachtwind hereinſegte. In dem unteren Gange war um dieſe Zeit ſchon ziem⸗ lich viel Rauch zu bemerken; aber es war wunderbar, wie raſch dieſer zunahm, ſobald jene Thüre offen ſtand. Noch 204 war aber kein Fünkchen Feuer zu erkennen und die Kutſche langte an, die Paſſagiere ſoupirten, friſche Pferde wurden angeſpannt und fuhren weiter, worauf der müde Hausknecht mit dem ſchläfrigen Kellner ſein Lager ſuchte, ohne weder Rauch noch Geruch zu bemerken. Eine halbe Stunde verſtrich, und es war mittlerweile halb Vier geworden. Jetzt ließ ſich auf dem Flur eine ſchwache unbeſtimmte Glut, nicht viel größer als eine Män⸗ nerhand, gewahren. Der Rauch verdichtete ſich und der Geruch im Gange wurde überwältigend. Allein in den anſtoßenden Zimmern ſchlief Niemand, und der Wind wehte von der anderen Seite gegen die Thüre, unter welcher die Dunſtmaſſen jetzt immer raſcher hervorqualmten. Der rothe Fleck wurde allmälig breiter— aber langſamer und ge⸗ mächlicher als man hätte denken ſollen. Gegen vier Uhr blitzte ein ſchwacher Lichtſtrahl durch die Rauchwolke und ver⸗ ſchwand wieder; aber im nächſten Augenblicke ſah man eine rothe Linie am Seitengetäfel hinaufkriechen, erſt langſam, dann geſchwinder, bis ſie durch das Mauerwerk einer Thüre, die in ein leeres Zimmer führte, aufgehalten wurde. Das Fener wand ſich um das Getäfel, aus dem als⸗ bald kleine Flämmchen hervorbrachen, und jetzt ließ ſich zum erſtenmal ein Krachen vernehmen. Abermals ſchlug eine Flamme durch den Rauch, und wie bei plötzlichen Illumi⸗ nationen nach künſtlichen Feuerwerken ſtand nun die ganze Decke mit einem Theile des Flures in hellen Flammen. Ein Kniſtern brach durch die Stille der Nacht; aber Alles im Hauſe lag im tiefſten Schlaf und das Fortſchreiten des 205 Feuers auf dem Gange ging weit langſamer, als man hätte erwarten dürfen; der Rauch ſchien ihm im Wege zu ſtehen und der Gang war auf beiden Seiten von einer Thüre ge⸗ ſchloſſen, ſo daß die friſche Luft nicht den gehörigen Durch⸗ zug fand. Endlich gegen halb Fünf war die Drehthüre vollſtändig niedergebrannt, und nun ſah man das Feuer mit Rieſenſchritten ſich ausbreiten. Drei Minuten ſpäter wurde plötzlich eine Thüre auf⸗ geriſſen und mit dem lauten Rufe:„Feuer! Feuer!“ ſtürzte Oberſt Lutwich heraus und nach dem großen Glockenzug, den er oben an der Treppe hatte hängen ſehen. Im näch⸗ ſten Augenblick ſchallte die Sturmglocke laut und heftig, und ohne an ſeine eigene Rettung zu denken, klopfte Lutwich an verſchiedenen Thüren, noch immer ſeinen Feuerruf wie⸗ derholend. Erſt kam Einer, dann ein Anderer, der Ruf wurde von friſchen Stimmen aufgenommen; Männer und Weiber in jeder Art von Aufzuge erſchienen im Hofe, ohne daß ſie ſelber wußten, wie ſie dahin gelangt waren. Alle Scenen des Schreckens und der Verwirrung, wie ſie bei ſolchen Auf⸗ tritten in der Regel vorkommen, waren auch hier an der Tagesordnung; einige waren von Furcht überwältigt und thaten gar nichts, andere erſchöpften ſich an den abſurdeſten Dingen, wie ſie einem nur in der höchſten Angſt beifallen konnten. So ſah man einen Kellner aus einem Spülbecken Pumpwaſſer nach dem Fenſter emporwerfen; eine Magd rannte in die Flammen zurück, um ihr Strumpfband zu holen; der Wirth ſetzte ſich auf eine Wagendeichſel und jam⸗ 206 merte:„da geht Alles, was ich auf der Welt beſitze, in Flam⸗ men auf,“ während die Wirthin der Kellnerin befahl, ihr chineſiſches Porzellan zum Fenſter hinaus zu werfen, damit es in der Hitze nicht zerſpringe. Unter all den Anweſenden fanden ſich bloß zwei bis drei, die ihre Geiſtesgegenwart nicht verloren, und noch etliche Andere, die wenigſtens ſo viel Fähigkeit behielten, um die Weiſungen der Erſteren zu befolgen. Zu den oben Genann⸗ ten gehörte ein Mann in mittleren Jahren von ſehr diſtin⸗ guirtem Aeußern und ziemlich heiterem Geſicht nebſt Oberſt Lutwich, Major Brandrum und Reginald Lisle. Der Er⸗ ſtere ließ augenblicklich die große Einfahrt öffnen und den Hof von Weibern ſäubern; er ſelbſt führte eine ältere nebſt einer jüngeren Dame, welche bald mit ihm herabgekommen waren, auf die Straße, kehrte aber ſogleich wieder zurück. Im ſelben Augenblick ſchleppte Lutwich mit Hülfe dreier Anderer eine lange Leiter herbei, während Major Brandrum ihnen entgegenrief:„Es wird zu ſpät ſeyn!“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als der Major durch eine kleine Gruppe betäubter Diener nach einer Thür zur Linken ſtürzte und verſchwand. Die offene Gallerie auf dieſer Seite des Hauſes ſtand an beiden Enden in Flammen; dennoch ſah man Brandrum einen Augenblick ſpäter an der Ecke vorwärts dringen. Nur einen Moment hielt er inne, als ihn das Feuer erreichte; es hedurfte wahrlich eines Her⸗ zens von Stahl, aber er hatte ein ſolches. Ohne den Fuß auf die brennenden Balken zu ſtellen, ſetzte er hinüber und ſtürzte in einen Gang dicht in der Nähe der Stelle, wo das 207 Feuer entſtanden war. Im nämlichen Augenblick erfaßte Reginald die Leiter, welche Oberſt Lutwich herbeibrachte, und half ſte aufrichten. Sie ſchienen ſich ohne Worte zu verſtehen, denn keine Sylbe wurde geſprochen, vielmehr vereinten ſie ihre Anſtrengungen, um die Leiter aufzurichten und gegen die Gallerie zu ſtäubern, und während das obere Ende noch zitterte, war Lisle ſchon halbwegs oben. „Brav gemacht!“ rief der oben erwähnte ältere Gentle⸗ man;„aber es mag wohl noch mehr als blos eine Perſon zu retten geben. Einige von euch Leuten müſſen mit mir kommen! Stevens, folge mir alsbald. Wir wollen uns ſo gut es angeht, überzeugen, ob alle Zimmer leer ſind, ehe das Feuer den Haupttheil des Gebäudes erreicht.“ „Sehr wohl, Sir Charles, ich komme ſogleich!“ rief ein Mann in Livreebeinkleidern, aber ohne Nock. Jetzt aber ſtellte ſich vor Aller Augen ein Anblick dar, der ſeinen Herrn wie ihn ſelbſt zum Stehen brachte. Major Brandrum erſchien am Ende des Ganges mit einem jungen halbangekleideten Mädchen in den Armen und eilte mit ihr gegen die Leiter. Reginald war beinahe oben, und mit einem Sprung erreichte er die obere Stufe und ſetzte über die Gallerie. Der Major hielt eine Weile inne, um ihm ein Wörtchen zuzurufen; allein mit den Worten:„Fort, fort, Brandrum, ich will nach ihm ſehen!“ verſchwand ſein junger Kamerad augenblicklich. Major Brandrum ging weiter, erreichte wohlbehalten die Spitze der Leiter und ſtieg vorſichtig hinab, indem er das Mädchen wie eine Puppe auf ſeinen langen Armen 208 trug. Das Hinabſteigen war etwas gefährlich, denn er konnte ſeine zarte Laſt nicht fahren laſſen, um ſich mit der einen Hand zu ſtützen, und die Leute unten bewachten ihn mit athemloſer Spannung. Allein ſeine langjährige Er⸗ fahrung in allen Arten von Körperübungen gewährte ihm großen Vortheil, und als er dem Boden näher kam, näherte ſich Lutwich mit einem Andern, um ihn auf beiden Seiten zu ſtützen. „Alles in Sicherheit, Alles gerettet! ¹“ rief der alte Offizier mit einem Lächeln wohlbewußter Kraft und Ge⸗ wandtheit, und die letzten Stufen raſcher hinterlegend, er⸗ reichte er den Hof und ſtellte ſeine ſchöne Bürde auf den Boden. Käthchen Malcolm hatte die Augen geſchloſſen, öffnete ſie aber jetzt und ſchaute ſich mit ſcheuen ängſtlichen Blicken im Hofe um. Ein einziger Strahl traf das brennende Ge⸗ bäude, und dann flog ihr Auge über die Geſichter aller An⸗ weſenden. Im nächſten Augenblick drückte ſie faſt mit dem Ausdrucke der Geiſtesabweſenheit die Hände vors Geſicht, und mit dem Rufe:„Mein Vater! mein Vater!“ ſtürzte ſie nach der Leiter. Lutwich faßte ſie jedoch am Arm, ehe ſie hinanſteigen konnte, und hielt ſie mit den Worten zurück: „Kapitän Lisle iſt ſchon zu ihm gegangen. Bleibt hier, auch ich will ihn aufſuchen. Major, habt auf ſie Acht — laßt ſie nicht nachfolgen!“ Mit dieſen Worten machte er ſich auf den Weg und er⸗ reichte bald die Gallerie. . 209 „O laßt mich gehen!“ rief das Mädchen;„mit mir geht er gewiß— vielleicht finden ſie ihn nicht einmal!“ „O gewiß,“ tröſtete Major Brandrum ſie ſanft zurück⸗ haltend.„Lisle weiß, daß er zunächſt neben Eurem Zimmer ſchläft. Da ſeht, dort bringen ſte ihn auf ihren Armen. Beruhigt Euch, liebes Kind— wendet das Köpfchen wäh⸗ rend ſie herabſteigen.“ Allein Käthchen vermochte nicht zu gehorchen, ſondern ſchaute bleich wie eine Bildſäule mit geſpannten Blicken und geöffneten Lippen fortwährend nach oben, während Lutwich und Reginald ihren Vater, Erſterer an den Füßen, Letzterer an der Schulter bis zur Leiter trugen und endlich ſicher herabbrachten.. Käthchen eilte auf ſte zu und ſchlang laut ſchluchzend ihre Arme um den Nacken des Kranken. Kapitän Malcolm warf einen ſchwachen Blick auf ſie und murmelte unter ſchwerem Athemholen: „Gott ſey Dank, ſie iſt gerettet! O meine Katharina! der Segen eines ſterbenden Vaters ſey mit Dir! „Kommt, ermuntert Euch, Malcolm, ermuntert Euch!“ rief Major Brandrum;„Alles wird noch gut werden. Wir wollen ihn unter Obdach bringen,“ flüſterte er Reginald ins Ohr;„es geht mit dem armen Burſchen zu Ende! Ums Himmels willen, wo iſt Sir Theodor?— Sieh nach ihm— ſieh nach ihm. Ich will für Malcolm ſorgen.“ „Er iſt geborgen,“ erwiederte Obriſt Lutwich.„Ich ſah eben wie er über die Gallerie eilte und den Anfang der James. Th. Broughton. 44 210 ſteinernen Treppe erreichte. Sein Spitzbube Hargrave war bei ihm.“ 4 Der kranke Offizier wurde auf einen der Fenſterladen geſetzt und von Major Brandrum, von Lisle, Lutwich und einem der Männer in das gegenüberliegende Haus eines Apothekers getragen, wo die Frauen bereits Zuflucht gefun⸗ den hatten, während der früher erwähnte ältere Gentleman die Treppe hinauf ging und oben alle Zimmer durchſuchte, wo⸗ bei er ſich oft weiter in das Feuer wagte, als Klugheit oder Sicherheit erlauben wollten. Der Diener, mit dem er vor⸗ hin im Hofe geſprochen und mehrere andere Männer beglei⸗ teten ihn, und nachdem er ſich ſo weit es möglich war über⸗ zeugt hatte, daß kein lebendes Weſen in einem der Gemächer zurückgeblieben war, machte er ſich mit den Uebrigen an die Aufgabe, von dem Eigenthum ſo viel als ſich leicht trans⸗ portiren ließ, hinauszuſchaffen.— Man kann ſich denken, welche Verwirrung in und vor dem Hauſe herrſchen mochte. Aus der Stadt waren viele Leute herbeigeeilt, und wer von den Bekannten nicht durch perſönliche Furcht betäubt war, machte ſich daran, die frem⸗ den Effekten zu retten oder ſich ſelbſt zuzueignen; eine Feuer⸗ ſpritze und viele Waſſereimer kamen endlich auch herbei, und wenn man auch den Flammen nicht ganz Einhalt thun konnte, ſo wurde doch ihr Fortſchritt ziemlich verzögert. Nur mit der größten Mühe gelang es in dem Augenblick, da das Feuer die Stallungen erreichte, eine Anzahl werth⸗ voller Pferde aus dieſem Theile des Gebäudes herauszu⸗ treiben. In der Mitte der Straße wurde ein Haufen Kof⸗ 211 fer, Felleiſen und Mantelſäcke aufgethürmt und ein Mann mit einer Piſtole in der Hand davor aufgeſtellt, um ſie vor der übertriebenen Zärtlichkeit Derer zu ſchützen, welche an dem Gute ihrer Nachbarn gar zu warmen Antheil nahmen. Auch der Gaſtwirth raffte ſich zu einiger Thätigkeit auf, und ſeiner Frau fiel endlich ein, daß das Porzellan zerbrechen würde, wenn man es anf die Straße würfe. Mit der Zeit wurden viele Mobilien aus dem Hauſe geſammelt und in Sicherheit gebracht; Vieles ging zwar verloren oder wurde geſtohlen, Vieles wurde auch von den Flammen verzehrt, und noch immer ſah man das hartnäckige Element zu beiden Seiten der Stelle, wo es zuerſt ausge⸗ brochen, von Zimmer zu Zimmer, von Gang zu Gang ſich ausbreiten. Die Gallerie zur Linken ſtürzte ein; die großen Holzſäulen fingen Feuer, und ſo geräumig auch der früher von uns beſchriebene Hof war, ſo wurde die Hitze und der NRauch nachgerade doch unerträglich. Die Feuerſpritze, ſchlecht konſtruirt und von unwiſſenden Leuten gehandhabt, war von ſehr geringem Nutzen, und ſo viel wurde bald klar, daß außer den nebenliegenden Gebäuden nichts wei⸗ ter zu retten war. Auf dieſes Ziel war denn auch Aller Anſtrengung gerichtet, und wenn auch einige andere Häuſer unbedeutend beſchädigt wurden, ſo gelang es doch, den Brand auf den einzigen Gaſthof zu beſchränken. Allmälig waren alle Anweſenden aus dem Hofe ver⸗ trieben worden, und man ſah viele kleine Gruppen von Män⸗ nern und Weibern vor dem Hauſe ſtehen, und den Fortſchritt der Flamme, an deren Unterdrückung man verzweifelte, be⸗ 14* 212 wachen. Die rothe Gluth leuchtete durch die Fenſter; eine dichte Rauchſäule ſtieg hoch in die Luft empor, während die oberen Wolken von dem Wiederſcheine des Feuers, das in dem Hofe wie in einer weiten Eſſe brannte, rothgefärbt waren. Nach und nach brachen die züngelnden Flammen durch die Fenſteröffnungen, erſaßten die Rahmen und leckten an den dicken Mauern hinauf. Endlich polterte das Dach des Hauptgebäudes mit furchtbarem Krachen zuſammen. Es ſchien für einen Au⸗ genblick den Brand zu erſticken, da nichts mehr als eine dicke Maſſe ſchweren Rauches hervorqualmte: gleich darauf ge⸗ wann aber das Feuer die Oberhand und eine hohe Flam⸗ menſäule ſtieg wie ein brennender Kirchthurm gen Himmel empor. Das große Brett mit ſeiner langen Aufſchrift wurde vom Feuer erfaßt und ſtand bald in Flammen; der eiſerne Krahn, an welchem der ſchwarze Ochſe hing, wurde gluth⸗ roth, das Holzwerk unten gerieth in Brand, und das breite Stück gemalter Leinwand mit dem lebensgroßen Ochſen zu beiden Seiten kniſterte, runzelte zuſammen, löste ſich in Flammen auf und ſtürzte donnernd auf die Straße, wo es einen Haufen von Jungen, die ſich in gar zu großer Nähe verſammelt hatten, auseinander ſcheuchte. „Da fällt der ſchwarze Ochſe,“ rief laut einer der Kna⸗ ben mit all' dem Entzücken, welches die unerfahrene ß beim Anblick jeder Art von Unheil empfindet. „Ja wohl fällt der ſchwarze Ochſe,“ wiederholte der traurige Wirth, aber in ganz anderem Tone,„und ſo lange 213 Dunſtable ſteht, wird es nie mehr einen ſchwarzen Ochſen geben.“ Ob dieſe Prophezeiung eintraf oder nicht, mag der Leſer, der jene Straße bereiste, entſcheiden: ich brauche blos noch beizufügen, daß wenn ſeitdem ein anderer Gaſt⸗ hof deſſelben Namens in Dunſtable entſtand oder noch be⸗ ſteht, er jedenfalls nicht der nämliche ſchwarze Ochſe iſt, den ich im zehnten Kapitel dieſer wahren Geſchichte beſchrieben habe, denn noch hatte die Sonne die traurige obwohl ge⸗ ſchäftige Scene in den Straßen der kleinen Stadt nicht laͤnger als eine Stunde beſchienen, als von jenem Gebäude nichts mehr als ein Theil der vier äußeren Mauern übrig war, an denen die leeren geſchwärzten Fenſter den Zuſchauer gleich den Todtenſchädeln auf einem Schlachtfelde angähn⸗ ten. Aus dieſem Grund und weil überhaupt in dieſem Buche nichts ohne Grund geſchrieben ſteht, habe ich oben behauptet, es könne ſich wohl Niemand des ſchwarzen Och⸗ ſen, den ich damals zu ſchildern im Begriff war, erinnern, wenn er nicht bei vollem Gedächtniſſe zweiundſtebenzig Jahr alt geworden wäre. Und nun laßt uns betrachten, welche Folgen die Ereig⸗ niſſe dieſer Nacht für die verſchiedenen Perſonen brachten, für die ich hoffentlich die Theilnahme des Leſers einiger⸗ maßen angeregt habe. 214 Fünfzehntes Kapitel. Es wurde oben eines älteren Gentlemans von diſtin⸗ guirtem Aeußern erwähnt, der ſich mit dem Aufſuchen all' der Perſonen beſchäftigte, welche ſich in den vielen Schlaf⸗ zimmern des Gaſthofes in jenem Zuſtande des Schlummers befinden mochten, der einem weit tieferen Schlafe vorherge⸗ hen konnte, wenn nicht Maßregeln zu ihrer Erweckung er⸗ griffen wurden. Auch hatte er viel zur Rettung wenigſtens eines beträchtlichen Theiles der Reiſebagage beigetragen und durch ſeine klugen Vorſichtsmaßregeln noch größere Plünderung, als wirklich ſtattfand, verhindert. Sobald er jedoch ſah, daß die Anſtrengungen der Leute mit allem Recht auf die Abhaltung des Feuers von den übrigen Häuſern gerichtet waren, verließ er in aller Ruhe den Schauplatz und näherte ſich dem Laden des Apothekers, nach deſſen Hauſe er ſruher ſeine beiden Damen geführt hatte. Es gibt Leute, die an dem Anblick großer Brandfeuer — wer auch darunter leiden mag— Freude finden, und ſich an jener Aufregung, wie ſie mit jedem großen oder unge⸗ wöhnlichen Akte der Zerſtörung in Verbindung ſteht, ergö⸗ tzen, gerade wie Andere es lieben, einen Nebenmenſchen aufhängen zu ſehen, oder wie ich mich ſelbſt für ein tüchti⸗ ges Gewitter intereſſire. Ich tadle ſie nicht, denn vermuth⸗ lich wird bei ihnen der Sinn des Wohlwollens durch den für das Erhabene überwältigt; aber wer mag das räthſel⸗ hafteſte aller Weſen— wer mag den Menſchen erklären? 215 Einer der gutherzigſten Männer, die ich jemals kannte, im Kleinen wie im Großen gleich wohlwollend, konnte nie von einer Hinrichtung oder— was noch ſchlimmer— von einem Preiskampfe hören, ohne die Sache mit anzuſehen. Er gab die ſchauderhafte Grauſamkeit der Scene zu, und als ein geſcheidter Mann verſuchte er niemals, ſein eigenes Beneh⸗ men bei ſolchen Auftritten zu rechtfertigen, indem er blos ſagte, er folge hierin einem Impulſe, dem er nicht wider⸗ ſtehen könne. Der ältere Gentleman liebte jedoch ſolche Brandſcenen nicht, und ſobald er ſeine Dienſte entbehrlich ſah, wendete er ſich gerne von einem ihm ſchmerzlichen Schauſpiele ab und trat in die Apotheke, deren Unterſtock aus zwei abgeſon⸗ derten Gemächern beſtand. Im Erſten traf er Niemand, denn einige von den Flüchtlingen waren in die oberen Zimmer geſchafft worden, und die Uebrigen hatten ſich nach anderen Zufluchtsſtätten umgeſehen. In dem hintern Raume— der ſogenannten Kranken⸗ ſtube— vernahm er jedoch mehrere Stimmen, und da die Glasthüre halb offen ſtand, ſo ſtieß er ſie vollends auf und trat ein. Das bleiche Morgenlicht ſtrömte hier durch ein Hinter⸗ fenſter auf eine Gruppe von acht Perſonen, welche in der Mitte des Stuͤbchens dicht zuſammengedrängt waren. Ein Stuhl ſtand im Mittelpunkt, mit der abgemager⸗ ten Geſtalt des armen Kapitäns Malcolm, das Geſicht todten⸗ bleich und der Kopf rückwärts auf den Arm einer älteren Frau aus den Mittelklaſſen geſtützt. Zu ſeinen Füßen knieete 216 die Tochter, die Augen ernſt und unbeweglich auf ſein Antlitz geheftet, das Haupt in tiefer Spannung vorwärts geneigt, während ihre Hände auf ſeinen Knieen ruhten. Neben dem armen Offizier ſtand auf der einen Seite Major Brand⸗ rum, ſeine Hand haltend, auf der andern der Apotheker, mit einem Arme die Schulter des Kranken ſtützend, während er ihm eine Flaſche Hirſchhorngeiſt vor die Naſe hielt. Ne⸗ ben Käthchen ſtand Reginald Lisle, die Hand nach ihrer Schulter ausgeſtreckt, wie wenn er ſie ſanft zurückziehen wollte, auf der andern Oberſt Lutwich, der mit jenem Aus⸗ drucke zärtlichen Mitleids, wie ſeine veränderliche Miene ihn zuweilen annehmen konnte, auf ſie herabſchaute; neben dem Apotheker befand ſich deſſen Gehülfe mit einem Glaſe in der Hand, deſſen Inhalt er von Zeit zu Zeit fleißig um⸗ rührte. „Es iſt nutzlos ,“ ſagte der Hausherr, den Kopf nach ſeinem Diener umwendend,„ſtellt es nur zurück— er könnte es doch nicht ſchlucken.“ Käthchen richtete voll Schrecken den fragenden Blick auf ſeine Züge. „Ach mein armes junges Fräulein,“ ſagte er nicht ohne Gefühl,„das ſteht uns Allen bevor.— Es wäre übri⸗ gens beſſer, ſte hinauf zu führen— mein Weih iſt oben bei den Damen.“ „Nein, nein, nein!“ rief Käthchen anfſpringerd und ihren Vater umſchlingend,„nicht ſo lange noch Leben in ihm iſt!“ indem ſie in einen heftigen Thränenſtrom aus⸗ brach.— 217 Ihre plötzliche Bewegung ſchien den Sterbenden aus dem kalten lethargiſchen Schlummer, in den er verſunken war, zu erwecken. Er öffnete die Augen— es war noch Licht in ihnen: eine Weile heftete er ſie mit einem Blick tiefer Liebe auf die Tochter, und dann wanderten ſie zu Major Brandrum hinüber. Er drückte ſeinem alten Kame⸗ raden die Hand mit den ſchwachen krampfhaften Fingern eines Sterbenden, und ſeine Linke auf das Haupt des armen Mädchens legend, ſagte der gute alte Offtzier in lautem Tone, wie wenn er das Ohr, an das er ſich wendete, ſchon halb betäubt glaubte: „Von nun an, Malcolm, iſt ſie mein Kind.“ Die Worte waren kaum ausgeſprochen, als ſich der arme Vater auf einen Augenblick in ſeinem Stuhle auf⸗ richtete, und dann ohne Seufzer ſein Haupt auf ſeiner Toch⸗ ter Nacken fallen ließ.— Er war eine Leiche. Lutwich wendete ſich an Sir Theodor Broughton, der kurz nach dem obenerwähnten Gentleman eingetreten war, und flüſterte ihm zu, indem er ihm die Hand auf den Arm legte: 4 „Schaut hex!— dieſes Mädchen habt Ihr beſchimpfen wollen!“ Sein Geſicht war ſehr ernſt. Allein die Augen des jungen Baronets waren auf das Kind und den todten Vater gerichtet, und ſchienen ſonſt für Nichts Sinn zu haben. Reginald Lisle trat herbei, um das arme Käthchen mit ſanfter zärtlicher Regung aufzurichten; ſie ſelbſt, ohne zu 218 wiſſen was ſie that, ließ ſich von ihm in die Arme nehmen, und drückte die Stirn und die weinenden Augen an ſeine Schultern. „Haltet einen Augenblick,“ bat der Herr, welcher kurz vor Sir Theodor eingetreten war, an Major Brandrum ſich wendend, der ſich eben der kaum adoptirten Tochter nähern wollte,„ich will Lady Chevenix holen, um das arme Mäd⸗ chen zu tröſten: überlaßt ſie ihr auf eine Weile, ſie ſoll Euch bald wohlbehalten zurückgegeben werden.“ „Wollte Gott ſie wäre ganz bei ihr!“ rief Major Brandrum in ſeiner freimüthigen Weiſe,„denn ganz allein unter der Obhut eines alten Soldaten zu ſtehen, der kein einziges weibliches Weſen unter ſeinen Verwandten zählt, iſt eben ſo gefährlich als unangenehm, und zwar nicht weni⸗ ger unangenehm, weil es gefährlich, noch minder gefährlich, weil es unangenehm iſt.“— Doch hatte er kaum ſeine Rede hegunder⸗ als Sir Charles Chevenix ſich umwandte und nur einen Augenblick vor Reginald Lisle ſtehen blieb, dem er mit der offenen An⸗ rede die Hand bot: „Kapitän Lisle, ich freue mich Euch zu ſehen, und zwar wie immer in der Rolle eines wackern engliſchen Krie⸗ gers wieder zu ſehen. Ich muß Euch in London ausfindig machen, denn meiner Treu! ich habe hier nicht Zeit genug, um Euch für einige neuliche Vorfälle zu danken. Ich will eine Dame holen, welche freundlich mit einer Waiſe umzu⸗ gehen verſteht, und wir wollen zu ihrem Troſte unſer⸗ beſten Kräſte aufwenden.“ 219 Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer und kehrte gleich darauf mit Lady Chevenix zurück, welche ſich forſchend im Kreiſe umſah, und beim Anblick des todten Kapitäns Malcolm nicht wenig erblaßte, worauf ſie mit kalter Ver⸗ beugung an Reginald Lisle vorüber ging und ſich dann mit freundlicherer Miene und wohlwollenderem Ausdruck dem Stuhle näherte, worin Käthchen nunmehr Platz genommen hatte. „Kommt mit mir, mein armes Kind,“ ſagte ſie in leiſem ſanften Tone;„Ihr ſeyd unter Freunden. Wir ſind Euch zwar neu, aber darum doch nicht minder wohlmeinend. Es iſt Gotteshand, mein Kind, die Euch getroffen und Ihr müßt Euch vor ihr beugen.“ 5. „Seine Hand hat mich wund gedrückt,“ murmelte Käthchen;„doch Sein Wille geſchehe!“ 3 Mit dieſen Worten erhob ſie ſich langſam und that einen Schritt nach der Thüre— ſtand dann ſtill und ſchaute ſich nach ihrem Vater um, der nun mit aufgerichtetem Haupte gegen eine der Lehnen des Armſtuhls geſtützt ſaß. Ein Schauder überlief ſie. Sie eilte raſch auf ihn zu, und kniete nieder, um ihre Lippen auf ſeine kalte Hand zu preſſen. Sie murmelte einige Worte, die aber Niemand verſtand, worauf ſie ſich aufrichtete und Lady Chevenixr zum Zimmer hinaus folgte. Kaum hatten ſie die Schwelle überſchritten, als ein Diener von der Straße herauf kam. „Sir Charles,“ rief er,„Euer Gnaden ſollten noth⸗ wendig nach unſern Sachen ſehen, denn Jedermann will 220 ſein Eigenthum an ſich ziehen und der Konſtable ſagt, ſie dürfen nicht auf dem Platze liegen bleiben, weil der Poſt⸗ wagen in den nächſten Minuten anlangen müſſe. Auch ha⸗ ben ſie beim Herausziehen aus dem Hof eines der Wagen⸗ fenſter zerbrochen, woran ganz gewiß der Kutſcher Mil⸗ dew Schuld war, denn er hatte ſo total den Kopf verloren, daß er nicht wußte, was er that. Für jetzt handelt ſich's aber vornämlich um die Mantelſäcke, denn es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie zur Hälfte fort wären, noch ehe Ihr hinunter kommt.“ Dieſe elegante Rede wurde durch eine laute befehls⸗ haberiſche Stimme unterſtützt, die man von der Straße her⸗ auf in gewaltigem Zorne rufen hörte: „Sir Charles— dieſes und Sir Charles— jenes und Sir Theodor Broughton— das andere! Ich kümmere mich den Henker um alle Sir Irgendwer und Nirgendan. Ich ſage euch, die Sachen gehören nicht hieher. Es iſt ſchon ſchlimm genug, daß ein Haus in der Stadt abbrannte— wir wollen nicht auch die Straße durch euer Gerümpel ver⸗ ſperren laſſen.“ Sir Charles Chevenir verließ augenblicklich mit der ganzen Geſellſchaft das Zimmer, und auf die ſchwarzen Bo⸗ ten des Kummers und des Todes folgte— wie dies auf Erden ſo häufig geſchieht— in raſchem Verlaufe eine Scene des weltlichſten Treibens und Handthierens. Jeder ſuchte ſein Eigenthum aus der unendlichen Maſſe von Gegenſtän⸗ den heraus, welche nur eine kurze Strecke vom Gaſthof ent⸗ fernt auf der Straße aufgehäuft waren, und Meiſter Zachary 3 221 Hargrave wäre nächſtens mit einem pfiffig ausſehenden Reitknechte in einen perſönlichen Konflikt gerathen, da die⸗ ſer einen Koffer, der ſich ihernach als Sir Charles⸗ Eigen⸗ thum erwies, für Oberſt Lutwich in Anſpruch nahm. Sir Charles hatte bald alle ernſteren Gedanken von ſich geworfen und ſah ſich mit nicht geringem Ergötzen auf dem Schauplatz der Verwirrung um, indem er von Zeit zu Zeit einen Artikel als ihm gehörig bezeichnete, und dabei in munterem Tone ausrief: „Dieſe Satteltaſche gehört mir, falls etwa einer der Herrn Luſt dazu haben ſollte.— Wenn Ihr jenes Felleiſen weggetragen habt, mein guter Freund, ſo ſagt mir gefälligſt, wo Ihr es hinlegtet, denn ich muß noch ein Paar Beinklei⸗ der herausnehmen.— Ihr werdet die Raſirmeſſer in dieſem Futterale finden, vortrefflichſter Sir; ſie wurden von Webb ausdrücklich für meinen ſtarken Bart gefertigt.— Betrach⸗ tet einmal jenen Mann, Lisle; ſollte man nicht darauf ſchwören, jener Reiſerock gehöre ihm, da er ſo große Zärt⸗ lichkeit für ihn bezeugt?— Ich werde Euch für meinen Mantel ſehr dankbar ſeyn, Sir, denn ich finde es ziemlich kalt nach der Brathitze in jenem großen Ofen.— Ums Himmelswillen! Mildew, ſpannt die Roſſe vor den Wagen, wenn ſie nämlich noch am Leben ſind, denn wenn ich mich nicht bald davon mache, ſo werde ich ſelber noch geſtohlen.“ „Aber Euer Gnaden, Sir Charles, ich habe ja weder Hut noch Rock,“ gab der Mann zur Antwort. „So kutſchirt in Weſte und Perücke,“ lachte ſein Ge⸗ bieter.„Und nun, Lisle, wo werde ich Euch in London 222 finden? Wir wollen Eure kleine bekümmerte Freundin wohlbehalten dort abliefern, nachdem Lady Chevenir ſie einigermaßen getröſtet hat. Zuvor aber ſoll ſie einige Tage mit uns bei meinem alten Freunde Jarvis— zu dem wir eben gehen— verleben, und da er das beſte Herz hat, das je in eines Junggeſellen Bruſt geſchlagen, ſo ſollte mich's gar nicht wundern, wenn er ſich in ſie verliebte und Euch auszuſtechen ſuchte.“ 3 „Ihr ſeyd gänzlich im Irrthum, Sir Charles,“ erwie⸗ derte Lisle, welcher keineswegs gewillt war, ſich den Ruf als Käthchens Liebhaber aufheften zu laſſen.„Ich hege für die junge Dame kein anderes Gefühl als das des Mit⸗ leids beim Anblicke unverdienten Kummers.“ 4„Pah!“ verſetzte der Baronet,„ich irre mich nie! Wohin ſollen wir ſie aber bringen?— Das Beſte iſt: kommt und holt ſie; Ihr werdet uns auf Grosveng⸗ Square finden. Wer iſt der junge Menſch, der ſo düſter ausſieht? 24 fuhr er vertraulich flüſternd ſort; aber noch ehe ihm Regi⸗ nald erklären konnte, daß es Sir Theodor Broughton ſey, miſchte ſich Major Brandrum in das Geſpräch, indem er bemerkte: „Sir Charles Chevenix, Ihr ſeyd ſehr ſchnurrig— das bin auch ich; nur gerathen wir dabei ſehr oft mehr oder weniger auf ganz unrichtige Schlüſſe. Mir fällt das Loos zu, Miß Malcolm als Vater zu beſchützen, ſobald ſie die Obhut Eurer Gemahlin verläßt. Ich bin ein alter Kame⸗ rad ihres verſtorbenen Vaters, habe ihm verſprochen, ihr ein zweiter Vater zu ſeyn, und mit Gottes Hülfe will ich 223 mein Verſprechen halten. Sobald ich einen Ort ausfindig gemacht habe, wo ich das theure Kind mit Ehre und Sicher⸗ heit unterbringen kann, werde ich Euch in Grosvenor⸗Square aufwarten.“ „Es wird mich außerordentlich freuen, Euch und Lisle bei mir zu ſehen,“ erwiederte Sir Charles, ihm herzlich die Hand ſchüttelnd.„Ich habe natürlich nur im Scherze ge⸗ ſprochen—'s iſt ſreilich ein trauriger Gegenſtand zum Scherzen; aber die ſchlimme Gewohnheit hat ſich zu tief bei mir eingefreſſen. Als dieſer Junge hier mich in der Hüfte verwundete, brachte ich ſogar den Chirurgen, der meine Wunde unterſuchte, durch die Frage zum Lachen, ob ich wohl je wieder im Stande wäre, die menouette de la cour zu tanzen. Alſo wie geſagt, ich erwarte Euch und mittler⸗ weile mögt Ihr überzeugt ſeyn, daß meine Gattin, die beſte aller Frauen, für Euren jungen Schützling Alles thun wird, was mütterliche Freundlichkeit nur immer vermag. Ich kann Euch nicht in das Zimmer der Damen heraufbit⸗ ten, denn wahrhaftig, ich glaube, mein Weib iſt um ihr Korſett und meine Tochter gar um ihre Strümpfe gekommen.“ „Wem gehört dieſer Pack?“ rief eine Stimme in der Nähe.„Kapitän Malcolm, 19tes Regiment. Wo iſt Kapi⸗ tän Malcolm?“ „Im Himmel!“ gab Major Brandrum ernſthaft zur Antwort;„was jedoch von ſeinem Eigenthum gefunden wird, gehört ſeiner Tochter, welche für jetzt unter Sir Charles Chevenix' Obhut ſteht.“ „Bring' es herein, Stevens,“ ſchrie der Baronet,„und 224 hilf dem Narren Mildew und dem noch größeren Eſel Tho⸗ mas die Pferde anſchirren. Auf dieſe Art erreichen wir ja das Ziel unſerer Reiſe nicht einmal bis Mittag.— Lebt wohl für jetzt, ihr Herren. Ich hoffe, unſer nächſtes fröh⸗ liches Zuſammentreffen ſoll keinen ſo warmen Anfang und ſo Gott will, nicht denſelben traurigen Schluß haben, wie dieſes jetzige.“ Nach dieſer Rede wandte er ſich nach der Apotheke, bis er plötzlich wieder umkehrte, wie wenn er etwas vergeſ⸗ ſen hätte, und unterwegs von zwei prächtigen Pferden, welche Lutwichs Diener herausführte, faſt über den Haufen ge⸗ rannt worden wäre. 3 „Eines iſt meinem Gedächtniß entfallen, Sir,“ be⸗ merkte er im höflichſten freundlichſten Tone an Major Brand⸗ rum ſich wendend.„Sobald ich einen Gentleman ſehe, beſonders wenn er demſelben Stande wie ich angehört, deſſen Benehmen ſeinem Herzen, ſeinem Kopfe, ſeiner Stel⸗ lung und unſerer gemeinſamen Natur gleich ſehr zur Ehre gereicht, bin ich jedesmal begierig, mir ſeinen Namen ein⸗ zuprägen, um ihn unter den wenigen koſtbaren Lebenserin⸗ nerungen zu bewahren. Der Eure iſt mir noch unbekannt. Neugierde wäre eine ſchlechte Entſchuldigung für meine Frage: ich hoffe, daß Achtung und Ehrerbietung mich beſſer rechtfertigen werden.“ „Es bedarf durchaus keiner Entſchuldigung, Sir Charles,“ erwiederte der alte Offizier im gleichen Tone. „Halten wir ja doch im Kriege nur das für eine ehrliche Schlacht, wenn die Parthieen ſo ziemlich gleich ſind, und 225 ich habe hier einen Vortheil vor Euch voraus. Alle Welt weiß, wer und was Sir Charles Chevenix iſt und Ihr ſeyd mir als dieſer Herr bekannt; gewiß iſt es alſo nicht mehr als billig, daß Ihr erfahret, wer ich bin, obwohl Ihr viel⸗ leicht nicht viel klüger daraus werdet, wenn ich Euch ſage, daß ich in der andern Hemiſphäre die heißhungrige Krähe genannt werde, in dieſer aber——“ „Ah, Maj. Brandrum,“ rief der Baronet;„das allein gibt ſchon den vollſten Anſpruch auf meine Achtung.“ Sechzehntes Kapitel. Ein ſehr berühmter Autor aus jener Zeit, von der ich eben ſchreibe, hat ſeinen Leſern folgende Warnung gegeben, welche auch für die jetzige einen höchſt beachtungswerthen Wink enthält.„Erſtens warnen wir Dich,“ ſagt Henry Fielding Esq. im zehnten Buche ſeines berühmteſten Wer⸗ kes,„keinen der Zwiſchenfälle in dieſer unſerer Geſchichte zu raſch als unrichtig und unſerem Hauptplane fremd zu ver⸗ dammen, weil Du nicht ſogleich verſtehſt, wie ein ſolcher Zwiſchenfall zu jenem Plane beitragen mag.“ Und nun fahrt er fort, von ſeinem eigenen Werke in Ausdrücken des Lobes, von den Kritikern aber mit einer Geringſchätzung zu ſprechen, wie ſichs kein menſchliches Weſen— wenn man anders nicht den Muth eines alten Römers oder die Feſtig⸗ keit eines Märtyrers beſitzt— im Jahr des Herrn 1848 herausnehmen dürfte. Der Himmel erbarme ſich des Ar⸗ James. Th. Broughton. 15 226 men, der ſich ſo etwas träumen ließe! Kein Baͤckerhund mit einem Zinntopf am Schwanze würde jemals ſo ausgepfiffen, gepufft und geſchlagen, als er deſſen gewiß ſeyn dürfte. Der hebräiſche Weiſe hat zwar erklärt, es gebe nichts Neues unter der Sonne; ſeit ſeinen Tagen, ja ſogar ſeit der Zeit des oben erwähnten engliſchen Weiſen, hat ſich jedoch etwas Neues und zwar eine gewaltige ſtets anwachſende Macht erhoben. Die Tages⸗ und Wochenpreſſe, das mäch⸗ tigſte Werkzeug zum Guten wie zum Schlimmen, das je von dem fruchtbaren Gehirne der Menſchen erſonnen wurde, beſitzt— ich will keineswegs ſagen, mit Unrecht— einen Grad von Gewalt, gegen den ein einzelnes Individuum ebenſo leicht ankämpfen könnte, als ein Kind eine Lokomo⸗ tive mit einem Strohhalm anhalten wird. Wie geſagt, eine Macht— und zwar eine abſolute Macht hat ſich erhoben, über welche es keine Kontrole gibt, der es aber an Einheit gebricht— eine ächte Demokratie der Geiſter, deren einziges Gegengewicht in ihr ſelbſt beruht, wie ſie denn mit der Demokratie überhaupt alle Laſter und Tugenden gemein hat. Moͤgen die, ſo ſich ſelbſt als Auto⸗ rität aufgeſtellt haben, ihre weiſen oder thörichten Artikel ſchreiben, gerade wie die Senatoren und Deputirten ihre Reden fabriciren, ſo tief oder ſeicht, wie ſich's gerade fügt; man hat dann wenigſtens die Möglichkeit, daß die Mannig⸗ faltigkeit der Anſichten am Ende doch die Wahrheit und Gerechtigkeit zu Tage fördert, wenn nicht etwa ein Präſident ſein Veto dawider einlegt. Wage aber einmal das Inſtitut ſelbſt anzugreifen, Dich ſeinem Urtheile zu widerſetzen, die Mo⸗ 227 tive anzufechten oder das Anſehen der Herrſchenden zu läug⸗ nen— und Du biſt alsbald ein Hochverräther und verfällſt demnach dem Beile des Richters. Alle werden gegen Dich ſein, denn Du greifſt eine Einrichtung an, deren Erhaltung das Intereſſe Aller verlangt. Aus dieſem Grunde will ich auch unterlaſſen, Fielding noch weiter zu eitiren, ohne wie er die Kritiker Schlangen zu nennen, denn unter Letzteren gibt es ja ebenſo gut ſolche, welche fliegen, wie ſolche, welche kriechen; vielmehr will ich in ruhigem Gleichmaße meinen Weg verfolgen und den Leſer, beſonders aber den Kritiker, nur noch in aller Demuth bitten, mir zu glauben, wenn ich behaupte, daß ich keine einzige Seite ohne Zweck ſchreibe, daß die Ereigniſſe alle ihre Verbindungsglieder haben und daß er, falls er dies bis zum Schluſſe des Buches nicht bemerken ſollte, nichts Beſſe⸗ res thun kann, als zurückzublättern, da er ſich darauf verlaſſen darf, daß er es überſehen hat. Dieſes Ueberſehen iſt aber ohne Zweifel nicht nur eine Todſünde an dem Leſer, ſondern auch an dem Schriftſteller — an dieſem jedoch weit verzeihlicher und oft ſogar eine lo⸗ benswerthe Tugend, denn wozu ſollte ich den Leſer oder mich ſelbſt beſonders jetzt damit aufhalten, daß ich ihm er⸗ zählte, wer zu Roß und zu Fuß, wer in der zweiſpännigen Poſtchaiſe oder in der vierſpännigen Kutſche, wer im Poſt⸗ wagen oder blos mit dem Ordinarifuhrmann aus Dunſtable abreiste? Es wird genügen, wenn ich ſage, daß alle zu⸗ fälligen Bewohner des ſchwarzen Ochſen nach dem Brande deſſelben noch vor zwoͤlf Uhr Mittags nach ihren verſchiede⸗ 15* 228 nen Straßen abgegangen waren, obwohl der Platz vor dem abgebrannten Hauſe den ganzen Tag über von müßigen Zuſchauern nicht leer wurde. Wirth und Wirthin blieben allein zurück, um die Zerſtörung ihres Eigenthums zu bekla⸗ gen, nebſt Kellnern, Stubenmädchen, Hausknechten und wie die ſonſtige Dienerſchaft noch heißen mag— um zu bedauern, daß Othello's Amt und ihr eigenes zu Ende gegangen. Unter andern Reiſenden hauderten auch zwei höchſt ſpaßhafte Perſonen in einer gelben Poſtchaiſe mit einem paar Pferden aus dem verſtorbenen Ochſen gen London weiter. Der Poſtknecht fuhr nur langſam, denn er war traurig und nachdenklich. Er dachte an den behaglichen Stall zu Dun⸗ ſtable, an das behagliche Kämmerchen über dem Stall und an den dreieckigen zerbrochenen Spiegel, vor welchem er und Jim ſich wechſelsweiſe raſirt hatten; ſo oft ihm beifiel, daß er das Alles nicht wiederſehen ſollte, hörte man ihn bei jedem Stoße des Poſtſattels einen ungewöhnlich tiefen und großartigen Seufzer ausſtoßen. Die Pferde waren zwar alle gerettet; aber was half ihn das?— ein Paar Leder⸗ hoſen waren zu einem Aſchenhäufchen geworden und die Pferde gehörten ſeinem Herrn, die Lederhoſen aber ihm ſel⸗ ber. Dann überlegte er auch in ſeinem ſcharfſinnigen Kopfe die Frage, ob wohl Mr. Spinner ſich wieder aufraffen und die Poſtgeſchäfte beibehalten werde und wenn nicht— wie er dann ſein tägliches Brod verdienen wolle. Um uns übrigens nicht weiter in ſeinen langſamen Gedankengang, mit welchem ſeine Pferde zu ſympathiſiren ſchienen, zu vertiefen, wollen wir uns die beiden Herren im 229 Wagen ſelber betrachten. Sie kümmerten ſich wenig darum, ob die Reiſe raſch von ſtatten ging oder nicht, denn ſie be⸗ fanden ſich in jener glücklichen Seelenſtimmung, welche ihre Reiſe zu einer Vergnügungsparthie machte; ſie hatten ihren Zweck erreicht, während alle Ausſicht zu einem Mißlingen vorhanden war; ſie waren einer Prügelſuppe entgangen, obgleich ihnen die größte Wahrſcheinlichkeit gewinkt hatte, daß ſie die Bekanntſchaft der Haſelgerte machen würden; ihre Auslagen wurden ihnen bezahlt und es ſtand ihnen noch eine hübſche Prämie in Ausſicht, falls ſie— was ihnen gelungen war— eine ungerechte und unſichere Schuld ein⸗ ziehen würden, und ſo wollten ſie ſich nach den beſtandenen Mühen und Gefahren auf dem Rückwege nach London recht gutlich thun. In der That der Gerichtsdiener und ſein Gehülfe, welche die Nacht zuvor den Erlaß wider Major Brandrum geltend gemacht und die volle Bezahlung ihrer Forderung erhalten hatten, zeigten ſich in der behaglichſten Verfaſſung und lachten mehr als einmal über die Thorheit jenes Offiziers, mit der er ihre Forderungen befriedigt hatte. So fuhren ſie fröhlich durch Markyateſtreet und pau⸗ ſirten zu Redburn, um ſich und ihre Pferde zu laben. Sie ließen ſich ihr Glas wohl ſchmecken, auch der Poſtknecht er⸗ hielt ein ſolches, und ſie blieben ſogar länger als es dieſer für nöthig hielt, ſo daß es zwei Uhr geworden war, als ſie auf ihrem Wege nach St. Albans über das Colneflüßchen ſetzten. An letzterem Orte waren ſie verurtheilt, die Pferde zu wechſeln und ſie ſelbſt verurtheilten ſich zu einem Mittag⸗ eſſen; der Gaſtwirth ließ ſie jedoch lange warten, da er für 230 ſeine verehrten Gäſte die gehörigen Anſtalten machen wollte und ſo verlängerte ſich das Mahl dermaßen, bis er ſchon halb und halb hoffte, daß ſte bei ihm übernachten würden. Endlich bemerkte jedoch der Gerichtsdiener, daß es dun⸗ kel wurde und ſprach von einer Chaiſe; der Wirth aber, welcher eben im Zimmer war, lobte ſeinen alten excellenten Portwein, der nirgens ſo gut wie im Wollenpack zu St. Albans zu finden ſey, und ſeine ſanfte Verführung wurde zuletzt für die Beiden, welche bereits genug getrunken hatten, völlig überwältigend. Eine Flaſche wurde beſtellt und der Wirth ſelbſt eingeladen ſein Gläschen mitzutrinken; aber wenn er auch ſeine Gäſte— um ihm Gerechtigkeit wieder⸗ fahren zu laſſen— höchſt umſichtiger Weiſe daran verhin⸗ derte, daß ſie mehr als die Hälfte der Flaſche ausſtachen, weil er ſelbſt die andere Hälfte trank, ſo war doch das Quantum, das für jeden von Beiden übrig blieb, vollkom⸗ men hinreichend, um ihren geringen Verſtand vollends über den Haufen zu werfen. Der Gedanke, daß auch noch ein morgen vorhanden ſey, beſtimmte jedoch den Gerichtsdiener auf ſeiner Rech⸗ nung und der Poſtchaiſe zu beſtehen, ſo daß er ſich endlich mit ſeinem Gehuülfen, der überdies ſein Vetter war, in das gebrechliche Fahrzeug ſetzte, wobei jeder ſeinen beſonderen Charakter und ſeine Laune auf die ihm eigenthümliche Weiſe an den Tag legte, indem der Principal einen Gaſſenhauer ſang, deſſen Worte ſehr unverſtändlich waren, während der Untergebene in ſeiner Ecke einſchlief und fürchterlich zu ſchnarchen anfing. 231 Man darf von jedem Leſer annehmen, daß er Alles auf der Welt weiß, nur nicht die Geſchichte, die er eben liest — mit dieſer wenigſtens ſollte er unbekannt ſeyn, denn ſonſt würde ihn ſein Leſen wenig nützen; vielleicht haben unſere Leſer aber dennoch vergeſſen, daß ein wohlbekannter Hügel, der Stidgehill, zwiſchen Colney⸗Bridge und South⸗Mims, etwas nordweſtlich von Barnet gelegen, in früheren Zeiten wirklich ein Hügel war. In ſpätern Jahren wurde er ge⸗ ſtutzt, abgeflacht und geformt, bis er kaum mehr den Na⸗ men eines Hügels, viel weniger den eines Bergrückens ver⸗ diente; damals aber, d. h. zu der Zeit, von der ich ſchreibe, führte von der Brücke über das Colneflüßchen bis zum Gipfel des Rückens ein langer ſteiler Abhang, der auch das beſte Paar Pferdslungen außer Athem brachte, und auf die zwei abgemagerten Klepper, welche die Chaiſe, den Gerichts⸗ diener und den Wein den Hügel hinanſchleppten, eine furcht⸗ bare Wirkung äußerten. Der Abhang war zu beiden Sei⸗ ten mit Gehölzen eingefaßt, mit einem offenen Raume, der hier und da von einem Parkgitter geſchützt war und einigen ſchmalen Straßen, die zu den Landſitzen der Lords und Ge⸗ meinen, womit dieſer Theil des Landes dicht beſäet iſt, hin⸗ führten. Kurz das Ganze hatte das Anſehen eines ächten Räuberwinkels. Ueberdies hätten der Gerichtsdiener und ſein Begleiter — wären ſie anders nicht vom Wein geblendet geweſen— bemerken müſſen, daß der Poſtjunge ein Geſicht hatte, wie es von Phyſiognomikern keineswegs gelobt wird. Ich nannte ihn oben einen Poſtjungen aus bloßer Ehrfurcht ———— 232 vor meinem alten Wörterbuch, denn dieſes definirt das Wort Poſtillon als einen der das erſte Kutſchenpferd in einem vierſpännigen Zuge reiter; ein Junge im gewöhn⸗ lichen Sinne des Wortes war er nicht mehr, da er die jen⸗ ſeitige Hälfte der Hundert ſchon um drei Jahr überſchritten hatte. Er war ſeither mit ungewöhnlich niederer Stirne, einem weiten Maul und ſchielenden Augen, auch ſehr krum⸗ mer Naſe durch die Welt gegangen. Woher der letztere Umſtand ruhrte, wußte Niemand zu ſagen, nur war er für Straßenräuber ausnehmend gefährlich, denn er erinnerte ſich ſelbſt, bei ſieben verſchiedenen Gelegenheiten ange⸗ halten worden zu ſeyn; bei vieren hatte man auf ihn ge⸗ feuert und einmal hatte ihm gar eine Kugel den Hut durch⸗ bohrt, ſo daß ihn ſeine Freunde und Gefährten mit merkwürdiger Ideenaſſociation nur den Galgenholz⸗Billy nannten. Trotz dieſer ſieben Abenteuer auf der Heerſtraße war er beſtimmt noch ein achtes zu beſtehen. Kaum hatte er nämlich den Abhang erreicht, nachdem er in raſchem Trabe über die Brücke gefahren war, um ſeine Pferde etwas in Schuß zu bringen, als ein Berittener in leichtem Galopp vorüber⸗ ſprengte und ihm dabei eine gute Nacht bot. Bill ſpornte ſeine Pferde zu raſcherem Schritte, mußte aber bald in ſeiner Eile nachlaſſen. Der Gerichtsdiener ſang, ſein Vetter ſchnarchte noch immer. Langſam keuchten die Roſſe den Berg hinan, und als ſie die erſte Wendung erreichten, machte Bill Halt, ſtieg ab und ſchob einen großen Stein unter das hintere Rad. 233 „Fort, Burſche!“ ſchrie der Gerichtsdiener, das Fenſter herablaſſend. „Aber Euer Gnaden! die Pferde müſſen doch aus⸗ ſchnaufen,“ erwiederte Billy, und ſo blieb er hartnäckig wenigſtens fünf Minuten lang ſtehen. Endlich ſchwang er ſich wieder bedächtig in den Sattel und legte ſeine Peitſche den Pferden ruhig über den Hals. Die Chaiſe und ihr Inhalt wurde in demſelben ſchwerfälligen Schritte etliche vier⸗ bis fünfhundert Ruthen bis zu einem Punkte weiter⸗ geſchleppt, wo rechts und links zwei Seitenſtraßen zwiſchen Pflanzungen abführten, und da der Boden hier etwas ebener war, ſo begann der Poſtjunge hier raſcher zu fahren— vielleicht daß er ſich auch nur ſo ſtellte. Aber eben in dieſem Angenblicke dröhnte ihm und dem unglücklichen Gerichtsdiener das gefürchtete Wort:„Halt“ in die Ohren, und ein Mann zu Fuß mit einer Piſtole in der Hand packte die Pferde am Zügel, während ein Anderer hoch zu Roß an das Chaiſenfenſter ritt. Er ſchien ein aus⸗ nehmend breitſchulteriger Mann in langem weißem Reiter⸗ mantel und ſaß auf einem mächtigen Rappen. „Thut mir leid, die Herren und Damen unter⸗ brechen zu müſſen,“ ſprach er mit tiefer Baßſtimme.„Ihr ſeht jedoch, daß die Straße zwiſchen Barnet und St. Al⸗ bans durch Räuber gefährdet iſt, und ſo thut Ihr beſſer, mir Geld, Uhren, Ringe und ſonſtige Koſtbarkeiten zum Schutze einzuhändigen.“ „Ich verſichere Euch, ich habe nichts zu verlieren,“ ſchrie der Gerichtsdiener, durch den Schrecken großentheils 234 wieder nüchtern geworden;„ich bin ein armer Gerichtsbe⸗ amter und hatte einen Burſchen nach Dunſtable zu verfol⸗ gen, der uns glücklich entronnen iſt.“ „Macht vorwärts!— hier gilt es Eile, Meiſter Ge⸗ richtsvogt,“ herrſchte der Mann;„heraus damit oder ich ſchieße.— Zuerſt Eure Börſe,“ indem er plötzlich das Licht einer Blendlaterne in den Wagen fallen ließ. Mit zitternden Händen zog der Gerichtsdiener einen ſchmutzigen Lederbeutel mit fünf bis ſechs Guineen aus der Taſche und übergab ihn dem unerfreulichen Straßenwäch⸗ ter. Aber im nächſten Augenblick hörte er den Hahn einer Piſtole aufziehen und die nämliche Stimme rief abermals: „Das genügt nicht! kurz und gut: wollt Ihr heraus⸗ geben oder nicht?— überliefert mir jenen Sack zwiſchen Euch und dem andern Burſchen.— Höll und Teufel! wenn Ihr mich noch eine Minute länger aufhaltet, ſchieße ich Euch eine Kugel durch den Kopf!“ Und ſeinen Arm in den Wagen ſtreckend, ſetzte er dem unglückſeligen Gerichtsdiener die Mündung der Piſtole vor die Stirne, daß dieſem der kalte Schauder über den ganzen Körper lief. Der Sack wurde augenblicklich unter dem ſchlafenden Manne hervorgezogen, der in ſchweiniſcher Bewußtloſigkeit nur etwas Weniges grunste; ſobald er dem Straßenräuber überliefert war, machte ſich dieſer dahinter, ihn mit äußerſter Sorgfalt zu unterſuchen. Sobald er ſich überzeugt hatte, daß Gold darin enthalten war, ſagte er mit lautem Lachen: „Das iſt der rechte, Meiſter Gerichtsvogt, und da Ihr vielleicht gerne wiſſen moͤchtet, um welche Zeit Ihr die ſe 235 kleine Summe meinem Gewahrſame überliefert habt, ſo will ich Euch die Uhr laſſen. Ich habe nicht Zeit, Euch eine förmliche Quittung auszuſtellen; wir werden uns aber ſchon einmal wieder bei Nacht treffen und wenn ich erfahre, daß Ihr bei Eurer Beſchreibung allzu genau geweſen, ſo will ich Euch in einer Salve auszahlen, welche die Rechnung zwiſchen uns auf einmal bereinigen ſoll. Hörſt Du, Poſt⸗ knecht, halte Deine Zunge im Zaum, denn ich bin gewohnt, mit ſchwatzhaften Perſonen rauh zu verfahren und meine Ohren reichen bis St. Albans.— Jetzt fahrt fort, und daß Ihr mir zu Barnet ja nicht plaudert.“ Mit dieſen Worten drängte er ſein Pferd zurück, der Mann, derden Zügel hielt, verſchwand und Galgenholz⸗Billy ſetzte dem Stangenpferd die Sporen in die Seite, während er dem Handgaul die Peitſche ſcharf über den Rücken legte und dadurch etwas wie einen Trab zu Stande brachte, wäh⸗ rend der Gerichtsdiener ſeinen unglücklichen Vetter und Gehülfen in die Seite ſtieß und gräulich herunterputzte, wie wenn er das Geld geſtohlen hätte. Es iſt wunderbar, wie raſch der Muth zurückkehrt, ſo⸗ bald die Gefahr vorüber iſt. Trotz der erhaltenen Warnung und des beſtandenen Schreckens war der Gerichtsdiener noch keine halbe Meile weiter geraſſelt, als er auch bereits den Entſchluß gefaßt hatte, das Land unverzüglich zur Verfol⸗ gung des Räubers aufzubieten, und mehr als einmal ſtreckte er den Kopf hinaus und befahl dem Poſtknecht ſich zu beei⸗ len, indem er ihn wegen ſeiner Langſamkeit mit wahrhaft heidniſchen Flüchen überſchüttete. Barnet war jedoch noch 236 mehrere Meilen entfernt und eine volle Stunde verſtrich, bis die Chaiſe vor der Thüre des Poſthauſes anlangte. „Pferde anſpannen, Euer Gnaden?“ fragte der Poſt⸗ knecht in äußerſt kühlem Tone. „Hol Dich der Teufel— nein, öffne die Thüre,“ er⸗ wiederte der Gerichtsdiener, welcher bald die Aufmerkſam⸗ keit des Wirths und der Wirthin, des Kellners, des Haus⸗ knechts und des Stubenmädchens durch den umſtändlichen Bericht über den an dem leinenen Sacke begangenen Raub in Anſpruch nahm und ſeine Rede mit der Frage nach der nächſten Magiſtratsperſon ſchloß. „Hm, Mr. Manſell iſt eine Gerichtsperſon,“ erwie⸗ derte der Wirth wohlbedächtlich;„aber ſeht, Sir, der iſt in den Norden abgereist, und der nächſte iſt Sir Harry Jar⸗ vis, wohnt aber zwei Meilen von hier an der Hertford⸗ ſtraße.“. „Thut nichts, ich will ſogleich zu ihm,“ ſchrie der Gerichtsdiener, und ſtürzte hinaus, um abermals in die Chaiſe zu ſpringen und ſeine Fahrt alsbald zu erneuern. Die Chaiſe ſtand aber mittlerweile verlaſſen im Hofe, die Pferde waren ausgeſpannt, während der Gehülfe des Ge⸗ richtsdieners mit einem Bündel in der Hand in höchſt troſt⸗ loſer Weiſe vor der Thüre des Wirthshauſes auf ſeinen unſtäten Ferſen balancirte. Man mußte eine andere Chaiſe beſtellen, der Poſtknecht der letzten war noch zu bezahlen, was aus der Taſche ſeines Gehülfen geſchah, und zwanzig Minuten verſtrichen, bis ſich der beleidigte Beamte auf dem Wege nach der Wohnung des Friedensrichters befand. Der 237 Vetter wurde zurückgelaſſen, um ſeine Rückkunft abzuwar⸗ ten, und da es diesmal leichter ging als in dem früheren Fuhrwerk, ſo hatte unſer Freund bald die Thore eines hüb⸗ ſchen Parkes, wie es ſchien, paſſirt, und rollte gegen die Thüre eines großen altmodiſchen Hauſes, vor welchem zwei Pferde mit einem Reitknecht in Livree ſtanden. Auf ſeine Frage nach dem Friedensrichter erwiederte der öffnende Diener, Sir Harry habe Geſellſchaft bei ſich und ſey überdies mit einem Gentleman in Geſchäften be⸗ griffen. „Auch ich bin in Geſchäften und zwar in ſehr wichtigen Geſchäften gekommen,“ gab der Gerichtsdiener zur Ant⸗ wort.„Ich verlange Euern Herrn als Friedensrichter zu ſprechen; ich muß ihn ſehen, denn ich bin beraubt und bei⸗ nahe ermordet worden, Sir.“ „John, melde es Sir Harry,“ rief der erſte Diener einem zweiten hinter ihm ſtehenden über die Schulter zu, und nach kurzem Warten wurde der Beamte des Sheriffs in ein kleines wohl ausgeſtattetes Zimmer geführt, wo ein ältlicher ſehr gut gekleideter und gepuderter Herr an einem Tiſche beim Feuer ſaß. Neben ihm mit dem Hut in der Hand und die Reitpeitſche über den Tiſch gelegt, ſah man — wen? Niemand anders als unſern Oberſt Lutwich. Siebenzehntes Kapitel. „Nun, Sir,“ ſagte Sir Harry Jarvis etwas ungedul⸗ dig, weniger vielleicht über das ſtumme Anſtarren ſeines 238 neuen Geſellſchafters, als über das Aeußere des Mannes das von einer Art und einem Charakter war, wie ſie der würdige Friedensrichter am allerwenigſten liebte—„nun, Sir, worin beſteht denn Euer wichtiges Geſchäft?“ „Ei mit Verlaub, Ew. Ehrwürden, ich bin ausgeplün⸗ dert worden,“ erwiederte der Gerichtsdiener—„auf des Königs Heerſtraße ausgeplündert und habe all' das Geld verloren, das ich erſt geſtern Nacht in Folge eines gerichtli⸗ chen Erlaſſes nebſt Koſten und Auslagen erhalten hatte.“ „Nun wohl, mein guter Freund, Ihr ſeyd nicht der Einzige, welcher ausgeplündert worden iſt,“ ſprach der ältliche Baronet;„dieſer Gentleman iſt in derſelben Noth und kam hierher, um ſich vielleicht über die nämliche Perſon wie Ihr, zu beklagen.“. „Der Herr ſey uns gnädig! auch Ihr ſeyd beraubt worden, Oberſt?“ rief der Beamte mit höchſt eigenthümli⸗ chem Nachdruck;„nun ſo will ich Euch erzählen, wie ſie's mir gemacht haben.“ „Da Euer Fall unmöglich dringender ſeyn kann, als der meinige, mein guter Sir,“ ſagte Oberſt Lutwich ziemlich ſpöttiſch,„ſo muß ich bitten, daß ich fortfahren darf, wie ich ſchon in der Zeit einen Vorrang habe. So laßt Euch denn vor Allem ſagen, daß man mich gewiß nicht beraubt hätte, wenn ich nicht durch den ſchrecklichen Brand zu Dun⸗ ſtable um meine gewohnten Waffen gekommen wäre. Wie ich Euch vorhin erzählte, Sir Harry,“ fuhr er an den Frie⸗ densrichter gewendet fort,„war der Mann, der mein Roß am Zügel hielt, ein großer ſtarkknochiger Burſche zu Fuß. 239 Ich war eben im Begriff, ihn mit dem Knopf meiner Reit⸗ peitſche niederzuſchlagen und über ihn wegzureiten, als ein zweiter berittener Schurke auf mich zukam, mir ſeine Pi⸗ ſtole vor die Bruſt ſetzte und mir in den gewohnten Worten zu halten und meine Habſeligkeiten abzuliefern gebot. Die⸗ ſer zweite war ein ſehr derber breitſchulteriger Fetzenkerl in einem weißen Reitermantel.“ „Der iſt's! der iſt's aufs Haar!“ ſchrie der Gerichts⸗ diener—„mit einem ſchwarzen Bart?“ „Seinen Bart habe ich nicht bemerkt, denn es war ſehr dunkel,“ gab Oberſt Lutwich zur Antwort;„das ſonſtige Aeußere des Mannes habe ich aber recht wohl geſehen. Da da der Eine mein Pferd am Zügel, der Andere eine Piſtole auf meine Bruſt geſetzt hatte, während ich ſelbſt keine an⸗ dere Waffe als meine Reitpeitſche beſaß und mich auf den Muth meines Dieners nicht verlaſſen konnte, ſo über⸗ lieferte ich Uhr und Börſe. Letztere war gar nicht ſehr ge⸗ füllt und der Schurke ſchien unzufrieden; aber da kam eben das Raſſeln von Wagenrädern den Hügel herauf und ſchien ihn zu verſcheuchen, ſo daß er mich gehen ließ.“ „Ihn verſcheuchen— ja zum Teufel! er ließ Euch blos gehen, um mich hernach um ſo ruhiger auszuplündern,“ ſchrie der Gerichtsdiener.—„Nun, Sir, laßt mich meine Klage vorbringen,“ und er erzählte ſofort alles, was ihm auf dem Hügel zugeſtoßen war und zwar mit weniger Ueber⸗ treibung, als man hätte erwarten können, da er von ſei⸗ nem Berufe her die Nothwendigkeit genauer Beſchreibung kannte, ſobald die Klage gegen eine Perſon gerichtet war. 240 „Und nun muß ich die beiden Herren fragen, was ſie eigentlich von mir erwarten,“ entgegnete Sir Harry Jar⸗ vis, nachdem er ſich einige Notizen gemacht hatte— eine Erwiederung, welche beide Kläger etwas in Verlegenheit zu bringen ſchien, da ſie längere Zeit ſtumm blieben, bis endlich der Gerichtsdiener erwiederte: „CEi die ganze Gegend ſoll man zu Verfolgung der Diebe aufbieten.“ 3 „Wie! auf acht Meilen Entfernung!“ rief der Frie⸗ densrichter;„nein, nein, mein guter Freund— das wäre ein höchſt lächerliches Vornehmen: ich mag mich nicht zum Geſpötte der Gegend machen. Einen Verhaftsbeſehl will ich ausſtellen, wenn Ihr es wünſcht, aber in dieſer Stunde der Nacht Leute auszuſenden, um einen Mann einzufangen, der Euch faſt vor zwei Stunden auf Ridge⸗Hill beraubte und jetzt vermuthlich zu Hertſord oder gar in London zu Nacht ſpeist— davon kann nicht die Rede ſeyn.“ „Ich meines Theils,“ bemerkte Oberſt Lutwich,„wollte nichts der Art vorſchlagen, ſondern hielt es nur für meine Pflicht, Sir Harry, dem nächſten Gerichtsbeamten, Anzeige zu machen, damit die Straße, wo ich angehalten wurde, ſcharf bewacht wird, denn Straßenräuber haben, wie wir alle wiſſen, ihre Lieblingsgänge, und eine Beraubung kommt ſelten allein.— Ich muß jedoch nach London weiter, obgleich meine Pferde ſehr ermüdet ſind, denn erſtlich habe ich keinen Kreuzer in der Taſche, um eine Gaſthausrechnung zu be⸗ zahlen, und dann drängt es mich, eine junge Dame zu ſehen, für deren Kummer ich das aufrichtigſte Mitgefühl hege und 241 deren Eigenthum mir theilweiſe beim Nachſuchen nach mei⸗ nen Effekten während des Brandes zu Dunſtable durch Zufall in die Hände fiel.“ „Haltet einen Augenblick, Oberſt— nur einen Augen⸗ blick,“ bat Sir Harry Jarvis, als Lutwich aufſtand, nich will ſogleich weiter davon reden.— Ihr aber, mein guter Sir, wollt Ihr einen Verhaftsbefehl? In dieſem Falle müßten wir eine genauere Nachweiſung haben:“ „Zum Teufel mit allen Verhaftsbefehlen,“ polterte der Gerichtsdiener.„Verhaftsbefehle kann ich in London ge⸗ nug haben, und weiß dann wenigſtens wie man ſie ausführt, was man hier in der Gegend nicht zu verſtehen ſcheint. Ein allgemeines Aufgebot wäre das Einzige— doch das kann ich hier ſcheint's nicht verlangen.“ „Mit meinem Willen wenigſtens nicht,“ gab der Frie⸗ densrichter ernſthaft zur Antwort;„wenn Ihr alſo kein weiteres Geſchäft habt, ſo könnt Ihr Euch entfernen.— Nun, Oberſt, laßt mich etwas Näheres von dieſer Geſchichte zu Dunſtable hören.“ Der Gerichtsdiener verabſchiedete ſich, indem er den Hut rings in der Hand umdrehte und dabei vor ſich hin⸗ murmelte:„Oberſt, mein Auge!“ während unterdeſſen der Herr, über den er ſich ſolche verächtliche Bemerkungen er⸗ laubt, in der Erzählung von Käthchen Malcolms Verluſt fortfuhr, den er auf ſehr rührende anmuthige Weiſe ſchil⸗ derte und endlich beifügte: „Als ich die Zimmer durchſuchte, fand ich zufällig ein Taſchentuch mit zwölf Guineen in der einen Ecke nebſt einem James. Th. Broughton, 16 242 Brief, durch den ich entdeckte, daß dieſe arme junge Dame die Beſitzerin war. Ich konnte nicht erfahren, wo ſie ſich befand, nachdem ich ſie in der Apotheke aus den Augen ver⸗ loren hatte, bis ſie mit Lady Chevenix nach London aufge⸗ brochen war; deßhalb wünſche ich ſie jetzt einzuholen, und ihr ihr Eigenthum zurückzuſtellen, da ich nicht weiß, ob ſie ſich länger in der Hauptſtadt aufhalten wird.“ „Ich kann Euch einen Nachtritt erſparen,“ verſetzte Sir Harry Jarvis,„und werde mich ſeht freuen, wenn Ihr bis morgen mein Gaſt ſeyn wollt. Das arme Mädchen wohnt eben jetzt bei mir, wie auch Sir Charles Chevenir, der ſich mit ſeiner Familie hier aufhält; wenn Ihr mir in den Salon folgen wollt, ſo werde ich Euch der ganzen Ge⸗ ſellſchaft vorſtellen. Miß Malcolm befindet ſich zwar oben in ihrem Stübchen, da ihr ſchwerer Verluſt ihr für jetzt jede Geſellſchaft peinlich macht; doch hoffen wir, ſie bald von dieſer Scheu zu befreien, und ich zweifle nicht, daß ſie Euch empfangen wird, um ihr Eigenthum zurückzunehmen.“ Oberſt Lutwich machte zwar einige Einwendungen ge⸗ gen ſein Erſcheinen im Salon, indem er auf ſeinen ſtau⸗ bigen Anzug hinwies; da jedoch der Hausherr in ihn drang, ſo ließ er ſich ohne großen Widerſtand überreden, wobei er jedoch verſicherte, daß er nichtsdeſtoweniger ſobald er ſeine Aufgabe bei Miß Malcolm gelöst noch heute Nacht nach London weiter müſſe. Mit leichter zuverſichtlicher aber anmuthiger Haltung folgte er dem Baronet durch die Halle nach einem ſehr großen ſchönen Zimmer, worin Sir Charles Chevenix mit ſeiner 243 Familie ſaß, welcher er jedem insbeſondere vorgeſtellt wurde. Lady Chevenir empfing ihn mit Artigkeit, Sir Charles, der ihn von Dunſtable her erkannte, ſchüttelte ihm offenherzig die Hand, nur Mary Chevenir wurde ſehr bleich und betrachtete ihn mit forſchenden verwunderten Blicken. Und doch war es gerade ſie, an die er ſich vornehmlich im Geſpräch wandte, indem er ſich mit der unbefangenſten Miene neben ſie ſetzte und über die Ereigniſſe bei dem Brande plauderte. „Es trifft ſich für mich recht unglücklich,“ ſagte er nach einigen Bemerkungen, während Sir Harry Jarvis Miß Malcolm von ſeinem Wunſche benachrichtigte;„ich wurde faſt den ganzen letzten Monat in London aufgehalten, um Euren Freund, den Marquis von Granby zu erwarten, Sir Charles, und war auf meinem Wege nach Wales nicht wei⸗ ter als bis Dunſtable gekommen, nur um jetzt abermals zu⸗ rückgetrieben zu werden, weil ich meine Garderobe nach die⸗ ſem Brande vervollſtändigen muß“ „Ich ſollte meinen, die Schneider werden ſich nicht gar ſo ſehr beklagen,“ erwiederte Sir Charles Chevenix, nicht ohne Lächeln die reiche Kleidung betrachtend, welche Oberſt Lutwich dem Straßenſchmutze ausgeſetzt hatte;„jetzt erin⸗ nere ich mich, Oberſt, wie ich einmal das Vergnügen hatte, Euch in Lord Granby's Hauſe zu ſehen.“ Den Schluß dieſer Erwiederung ließ Oberſt Lutwich unbeantwortet: das Erkennen ſelbſt war für ſeinen Zweck hinreichend— er hatte nämlich ſeinen Zweck ſo gut wie an⸗ dere Leute— und er ließ die Sache wohlweislich auf ſich 16* 244 beruhen. Da ihm aber das Lächeln und der Blick auf die Goldborte an ſeinem Frack nicht entgangen war, ſo gab er mit Lachen zur Antwort: „Das trage ich aus Armuth und ganz gegen meinen Willen, Sir Charles. Es iſt der Anzug, den ich geſtern Abend an hatte— ich habe außer ihm faſt gar nichts ge⸗ rettet.— Die Damen hier waren glücklicher, wie ich ſehe. Ich hoffe, Miß Chevenir hat ſich nicht allzu ſehr geängſtigt, obwohl ein ſolches Ereigniß auch das feſteſte Herz erſchüt⸗ tern kann.“ „Ich wurde weniger erſchreckt, als ich für möglich ge⸗ halten hätte,“ verſetzte Mary Chevenix.„Ich fürchte je⸗ doch, es war nicht Muth, denn ich war ſo überraſcht, daß ich von Allem, was um mich vorging, nichts bemerkte, bis ich wohlgeborgen aus dem Hauſe war, und dann wäre es unnöthig geweſen ſich zu ängſtigen.“ „Gewiß,“ verſicherte Lutwich;„aber ich fann nicht einmal auf ſo viel Muth Anſpruch machen. Ich bin in der Regel nicht leicht zu erſchrecken; diesmal aber— ich weiß nicht, war es das Unerwartete der Sache, die große Ge⸗ fahr und der Gedanke, wie leicht ſo viele menſchliche Weſen in einem Augenblick umkommen könnten, was mir für die erſten paar Minuten meine Geiſtesgegenwart raubte, ſo daß ich hinausſtürzte und ganz unangekleidet die große Glocke zog, und dann in mein Zimmer zurückkehrte, um einige Kleider zuſammenzuraffen, weil die kalte Nachtluft mich plötzlich wieder zur Beſinnung gebracht und mich belehrt hatte, daß ich der Bedeckung bedurfte.“ 245 „Wir haben Euch alle ſehr dafür zu danken, daß Ihr die Glocke ſo raſch angezogen,“ verſetzte Sir Charles, „denn ſonſt hätten meine Damen der Nachtluft faſt in dem⸗ ſelben Koſtüm, wie Ihr, Trotz bieten müſſen. So aber war ich zeitig gewarnt, Oberſt, und ſtand an der Thüre, um den Fortſchritt des Feuers zu bewachen, während meine Frau und Mary zum erſten Male lernten, was ein eiliges Ankleiden heißen will.“ 1 „Ei mein theurer Charles, ich brauche doch gewiß nie ſehr lange,“ erwiederte Lady Chevenix;„und es würde Dir ſonſt eben nicht ſehr gefallen, wenn Du mich wie heute Morgen herabkommen ſäheſt.“ „Mit einem baumwollenen Unterrock über dem ſeidenen Schlafrock, die Taſchen nach Außen gekehrt, wie ich mir meine arme Mutter noch recht wohl vorſtelle!“ lachte ihr munterer Gatte.„Es iſt ein altes ehrwürdiges Koſtüm, ganz für'ne Hausfrau geeignet, meine Liebe, und es fehlt nur noch ein großer Schlüſſelbund, um es zu vervollſtändi⸗ gen. Dein Mädchen trug übrigens Sorge für die Schlüſſel und die Koffer, ſonſt wäre Deine Garderobe auch jetzt ſehr mager ausgefallen. Sie dachte ohne Zweifel an künftige Nebenaccidenzien; aber wir ſchulden ihr jedenfalls ein paar Guineen, weil ſie uns zwei⸗ bis dreihundert erſparte, und ſie ſoll ſie auch haben. Noch nie habe ich Jemand in ſol⸗ cher Noth ſo kaltblütig geſehen: ſogar als die Flamme ſchon an den Bettpfoſten heraufleckte und wir Alle auf der Treppe waren, rief ſie noch: da, Mylady, Ihr habt die Eſſenzflaſche auf dem Toilettetiſche gelaſſen, und lief 246 zurück, um ſie zu holen.— Doch hier kommt Jarvis. Nun, Sir Harry, wie gehts unſerer hübſchen kleinen Waiſe?“ „Sie wird Euch mit Vergnügen empfangen, Oberſt,“ erzählte Sir Harry, an der Thüre ſtehen bleibend;„Ihr müßt aber ſehr vorſichtig von ihrem armen Vater ſprechen, denn ſchon der bloße Name lockt ihr die Thränen in die Augen und ſie haben bereits lange und bitterlich geweint.“ „Ich will mich vorſichtig und kurz faſſen,“ verſicherte Lutwich in ſehr gefühlvollem Tone;„ich konnte nicht blind ſeyn gegen ſo ergebene Liebe, welche, alles in einem Gegen⸗ ſtande concentrirend, die ganze übrige Welt ohne Sonne zu⸗ rückläßt, ſobald uns dieſer Gegenſtand entriſſen wird. Ich habe ſelbſt ſolche Verluſte erfahren, Sir Harry, und weiß, wie ſie uns erſchüttern.“ „So waret auch Ihr eine Waiſe?“ fragte der alte Mann, ihn mit friſchem Intereſſe betrachtend.— „Ja; mit meiner Mutter allein in widrigen Verhält⸗ niſſen übrig geblieben, wurde ſie mir nach zwanzig Jahren, was ich ihr in meiner Kindheit geweſen war— die einzige Liebe, welche die Erde für mich hatte,“ erwiederte Oberſt Lutwich.„Ihr Glück war mein ausſchließlicher Gedanke, Sir, ihr zu gefallen mein einziges Beſtreben, und bei allen meinen Fehlern, deren nicht wenige ſind, bei allen meinen häufigen Sorgen hatte ich wenigſtens die Genugthuung, daß ſie ihre letzten Tage in Frieden verlebte, und mit einem Segenswunſche auf mein Haupt das ihrige in's Grab legte.“ Während er alſo ſprach, zeigte er eine Erhebung in Blick und Ton, welche jedes Vorurtheil verſcheuchte und den 247 bloßen Mann der Mode und des Vergnügens in Sir Charles' Augen wie in denen ſeiner Gattin einen höheren Charakter annehmen ließ. Lutwich blieb indeß nicht ſo lange, um dieſen günſtigen Eindruck zu bemerken, ſondern folgte Sir Harry Jarvis die breite alte Eichentreppe hinauf nach einem kleinen Zimmer im erſten Stock, das mit einem Schlafgemache zur Linken in Verbindung zu ſtehen ſchien. Käthchen Malcolm ſaß an einem kleinen riſche mit Wachskerzen und Büchern vor ſich, in ganz einfachem An⸗ zug, ähnlich dem, wie ſie ihn bei ihrer Ankunft im Gaſthof zu Dunſtable getragen hatte; er war im Stoffe vielleicht etwas beſſer, denn er war, zu außerordentlichen Gelegenhei⸗ ten beſtimmt, in das Felleiſen ihres Vaters gepackt geweſen und wie wir oben geſehen haben, dadurch, daß er im Wagen geblieben, gerettet worden. Ihr Geſicht war traurig aber ruhig und ihre Schönheit nicht minder auffallend in dieſem Ausdruck tiefen Schmerzes, als ſie es bei Kundgebung ihrer aufopfernden Liebe geweſen war. Eine ſchwache Röthe kam auf ihre Wangen, als Oberſt Lutwich eintrat und ſie in ihm den Mann erkannte, der zuerſt zu ihrer Befreiung von Sir Theodor Broughton's Zudringlichkeiten aufgetreten war. Sie empfing ihn übrigens mit vornehmerer Anmuth und Selbſtbeherrſchung, als man von einer ſo jungen Perſon hätte erwarten ſollen, und ſchaute mit faſt zärtlichem Blick zu Sir Harry Jarvis empor, als dieſer ihren Beſuch ein⸗ führte, denn ächte Herzensgüte hat etwas an ſich, was ſich faſt augenblicklich Vertrauen gewinnt. Der alte Baronet 248 ſagte jedoch blos:„ich will Euch mit Miß Malcolm allein laſſen, Oberſt, und hoffe, Ihr werdet mir beim Zurückkom⸗ men Gelegenheit geben, Euch zum Hierbleiben für die Nacht zu bewegen“— worauf er ſich entfernte und die Thüre hin⸗ ter ſich ſchloß. „Es wäre vielleicht umſichtiger geweſen, Miß Mal⸗ colm,“ begann Lutwich ſich niederſetzend,„wenn ich Euch die wenigen Gegenſtände, die ich von Euch beſitze, durch einen Eurer hieſigen Freunde überſendet hätte, ſtatt Euch zu de⸗ ren Ueberlieferung um eine beſondere Unterredung zu bitten; aber glaubt mir, ich wollte mich keineswegs bei Euch ein⸗ drängen und hätte es auch ohne beſondere Urſache gewiß nicht gethan.“ Er ſchwieg eine Weile, nachdem er dieſe Worte in lei⸗ ſem freundlichen Tone vorgebracht hatte, und Käthchen er⸗ wiederte: „Ich wußte nicht, Sir, daß Ihr irgend etwas von mir beſitzet; Sir Harry ſagte blos, Ihr wünſchet mich in Ge⸗ ſchäften zu ſprechen.“ „Geſchäft möchte ich es kaum nennen,“ gab Lutwich zur Antwort:„ich fand nämlich bei einer Scene, die ich Euch nicht wieder in's Gedächtniß rufen will, in einem der Zimmer, die ich durchſuchte, dieſes Taſchentuch mit einer dareingebundenen Geldſumme— beide gehören Euch, wie ich glaube.“ „Allerdings,“ verſetzte Käthchen,„und ich bin Euch für deren Rückgabe ſehr dankbar, Sir!“ 249 „Iſt gar nicht nöthig,“ entgegnete er;„bitte, ſeht ge⸗ fälligſt nach, ob der Betrag richtig iſt.“ „Wäre dies Alles geweſen, was ich fand, Miß Mal⸗ colm,“ fuhr er fort, nachdem ſie das Geld gezählt, und zum Zeichen, daß es richtig ſey, das Haupt verneigt hatte,„ſo hätte es mich kaum zu der Bitte berechtigt, Euch perſönlich ſehen zu dürfen, noch weniger hätte ich gewußt, wem es ge⸗ hört: allein ich bemerkte auch dieſen Brief mit Eurer Adreſſe, und hielt es fürs Beſte, ihn Euren eigenen Händen zu über⸗ liefern. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß ich— ſo wahr ich ein Mann von Ehre bin— außer der Adreſſe kein Wort von deſſen Inhalt kenne.“ „Ich bin vollkommen hievon überzeugt, Oberſt Lut⸗ wich,“ verſetzte Käthchen, den Brief mit ſchwachem Lächeln aufnehmend;„es hätte auch nicht viel zu bedeuten, wenn es anders wäre— da nehmt ihn und lest,“ fuhr ſie in dem Gefühle fort, ihr Beſuch könnte ſonſt ein Geheimniß dahin⸗ ter wittern, und es mit Sir Theodor Broughtons Beneh⸗ men gegen ſie in Verbindung bringen.—„Er hat mir eine der traurigen Lehren gegeben, mit denen ich ſo frühzeitig bekannt wurde.“ Lutwich nahm den Brief, der ein Yorkſhirer Poſtzeichen an ſich trug, und zögerte eine Weile ungewiß, ob er ihn leſen ſollte oder nicht; aber Neugier und Theilnahme triumphir⸗ ten: er öffnete ihn und uͤberlas einige mit großer ſteifer Hand geſchriebene Zeilen. „Ich weiß nicht was ich daraus machen ſoll, Miß 250 Malcolm,“ ſagte er endlich;„es ſcheint ein ſehr ſteifes und etwas kaltes Schreiben.“ „Kalt— ja,“ ſagte Käthchen, die Augen in trauriger Betrachtung zu Boden ſchlagend,„kalt iſt es allerdings. Jener Herr, Meiſter Eaton, iſt mein nächſter Verwandter — meiner armen Mutter Neffe. In den Tagen, da wir wohlhabend und er arm waren, hat er gar oſt an meines Vaters Tiſche geſpeist; jetzt aber, da er reich und wir arm wurden—“ Sie hielt inne und ſchien mit hervorquellenden Thränen zu kämpfen; Lutwich nahm freundlich ihre Hand und ſagte: „Macht Euch durch ſolche Erläuterungen nicht aufs Neue traurig, ich verſtehe es ſchon; es iſt eine der gewöhn⸗ lichen Erſcheinungen dieſer Welt. Glaubt mir, ich verſteh' es.— Er wurde kalt und fremd, vielleicht gar rechthaberiſch — tadelte den, von dem er früher gefüttert worden— oder ſuchte Urſache und Streit und brach die Bekanntſchaft ab— wie die Welt es zu nennen beliebt.“ Käthchen beugte das Haupt auf die Hand und weinte, bis ſie mit leiſer Regung des Stolzes aufſtand und ſagte: „Doch das iſt thöricht und meiner unwürdig. Die Sache verhält ſich ſo: als mein geliebter Vater in bitterer Noth— krank, arm und ſterbend— zu ſeinem Regimente aufbrechen wollte, ſchrieb ich als letzte Hülfsquelle in Er⸗ manglung alles Andern insgeheim an dieſen Herrn. Er iſt faſt eben ſo alt wie meine Mutter und hatte mich in meiner Kindheit oft auf ſeinen Knieen geſchaukelt, mich ſein Käth⸗ chen— ſeinen holden Liebling— ſein ſüßes Täubchen ge⸗ 251 nannt. Ich bat ihn um nichts, ſondern ſchilderte ihm blos unſer Loos und unſere Ausſichten. Hier iſt die Antwort: ich wagte nicht, ſie meinem Vater zu zeigen, denn er wußte nicht, daß ich geſchrieben hatte, und nun gräme ich mich, daß ich überhaupt ſchrieb.“ „Das würde ich nicht thun,“ verſetzte Lutwich:„Ihr habt hierin, wie in allem Anderen, eine Pflicht gegen Euren Vater erfüllt. Das iſt ſchon an ſich eine Genugthuung und wer ſich bekümmern und ſchämen ſollte— iſt eben der Mann, der dieſen Brief ſchreiben konnte. Es mag wohl noch kom⸗ men, daß er es in dieſem Leben bereut, Miß Malcolm, denn in den ſonderbaren Wendungen des Schickſals paſſiren oft weit unwahrſcheinlichere Dinge, als daß er noch bei Euch ſuppliciren und Ihr ihn zurückweiſen dürftet.“ „O nein, das würde ich nicht,“ rief Käthchen.„Er ſollte nie finden, daß ich vergaß, daß er meiner Mutter Neffe war.— Doch daran iſt gar nicht zu denken: er iſt jetzt wohlhabend und wird es, glaub ich, noch mehr werden, denn er iſt mit mehreren ſehr reichen Leuten verwandt, deren Erbe er iſt. Ich habe nie Jemand von ihnen geſehen, habe es aber gehört und glaube es.“ „Eaton!“ ſagte Lutwich in nachdenklichem Tone,„Ea⸗ ton! ich will mich doch erkundigen; aber darauf dürft Ihr Euch verlaſſen, Miß Malcolm, ein ſo verwendeter Reich⸗ thum kann keinen Segen bringen. Im Volke geht ein Sprüchwort, daß übel erworbener Wohlſtand Unglück bringe; ich aber glaube, daß ſchlecht verwendete Reichthümer 25²2 f noch zehnfach größeres Unheil zur Folge haben müſſen, denn es liegt ein Fluch auf ihnen.“ Käthchen gab keine Antwort, obwohl ſein ganzes Be⸗ nehmen und ſeine Unterhaltung ihr wohlgeſtel; doch ſchien Lutwich nicht ſehr geneigt, die Unterredung zu enden, und nachdem er eine Weile geſchwiegen, ſprach er von Major Brandrum und ſtimmte deſſen Lob an, das bei Käthchen eine begeiſterte Zuhörerin fand. Dann kam er auf Regi⸗ nald Lisle zu ſprechen, und dabei heftete er ſeine Augen auf die Wangen des ſchönen Mädchens; doch nicht die geringſte Veränderung der Farbe verrieth eine Erregung. Dies ſchien ihm zu gefallen und er erhob ſich endlich mit den Worten: „Und nun, theuerſte Miß Malcolm, will ich mich ver⸗ abſchieden; doch laßt mich die Hoffnung mit mir nehmen, daß wie das Schickſal uns unter eigenthümlichen und trau⸗ eigen Umſtänden zuſammengeführt hat, ich das Vorrecht eines Freundes beanſpruchen und Euch erklären darf, daß wenn ich Euch je in irgend etwas dienen kann, Ihr mich nicht ſo finden werdet, wie Ihr dieſen Mann erfandet. Es ſcheint zwar bloß wenig Ausſicht vorhanden, daß dies je der Fall ſeyn könnte; aber gleichwohl kann es geſchehen, und dann ſtellt mich auf die Probe.— Lebt wohl!“ Beim Thürzumachen drehte er ſich noch einmal, um ſie zu betrachten, und blieb nachdenklich an der Treppe ſiehen ehe er hinabſtieg. Mittlerweile war— wie dies bei ſolchen Gelegenhei⸗ ten gewöhnlich geſchieht— ſein Weſen und ſeine Erſchei⸗ nung in dem Zimmer unten beſprochen worden. Wir alle 253 laſſen unſern Charakter hinter uns ſo gut wie Dame Teazle“, und wenn er von denen, die wir eben verließen, nicht alsbald auf's Tapet gebracht wird, ſo geſchieht es blos, weil wir ſo genau bekannt ſind, daß nichts Neues mehr über uns zu ſagen iſt. „Ich meine, er iſt ausnehmend hübſch und ſehr diſtin⸗ guirt in Miene und Weſen,“ bemerkte Lady Chevenix. „Das höre ich mit Freuden, theuerſte Mama,“ erwie⸗ derte Mary mit ſchelmiſchem Lächeln,„denn er iſt das ge⸗ treue Ebenbild eines Mannes, den ich für ſehr hübſch hielt, welchen Du aber für häßlich erklärteſt.“ „Du meinſt doch nicht Kapitän Lisle, Mary?“ rief ihre Mutter:„ich betrachtete ihn allerdings für ſehr wohl⸗ gebildet, bis—“ 3 „O nein, nein!“ antwortete Mary, deren Wange ſich weit höher als zuvor gefärbt hatte;„ich meinte den Mann, der uns unter dem Parkgitter ausplünderte.“ „Gerechter Himmel! Du willſt doch nicht ſagen, daß es derſelbe ſey,“ rief ihre Mutter heftig erblaſſend. Ihr Gatte und Sir Harry Jarvis lachten Beide, und Mary beeilte ſich zu erklären: „O nein! er iſt ihm nur ſo ähnlich, daß ich anfangs beinahe glaubte, er ſey es wirklich. Jener war übrigens ein Blondin und Oberſt Lutwich iſt ſchwarz. Der Andere hatte hellbraune, faſt ſandfarbene Haare und blaue Augen, wie ich glaube; dieſer Herr aber hat offenbar ſchwarze Haare und ſehr dunkle Augen.“ * Imn Sheridan's„Läſterſchule“. D. U. 254 „Ums Himmelswillen, theuerſte Mary, laß ihn ja nicht merken, daß Du ihn einem Straßenräͤuber ähnlich ſindeſt,“ lachte Sir Charles. „Und eben ſo wenig, daß Ihr ihn ſehr hübſch findet, mein theures Fräulein,“ ſpöttelte Sir Harry Jarvis;„das wäre meiner Anſicht nach weit gefährlicher.“ „Ich meine gehört zu haben, daß er ein ſehr tüchtiger Offizier iſt,“ fuhr Sir Charles fort, während Mary aber⸗ mals erröthete.„Ich weiß, daß ich ihn einmal in Lord Granbys Hauſe traf. Er iſt ein Stutzer, das iſt klar; aber ich habe dennoch erlebt, daß einer, der außer der Schlacht außerordentlich viel Sorgfalt auf ſeine Perſon verwendete, ſich dennoch furchtloſer als jeder Andere dem Feuer aus⸗ ſetzte.“ Das Geſpräch über Oberſt Lutwich war erſchöpft und hatte noch vor ſeiner Rückkehr eine andere Wendung genom⸗ men; als er jedoch wieder erſchien, betrachtete ihn Lady Chevenix mit feſtem Blicke, ſchaute dann nach ihrer Tochter und ſagte ihr lächelnd einige leiſe Worte. „Dennoch ſehr ähnlich, meine theure Mama,“ ſerwie⸗ derte Mary nicht ſehr vorſichtig, denn der Gegenſtand von ihrer Mutter Aufmerkſamkeit war offenbar mit Sir Harry Jarvis in lebhaftem Geſpräche begriffen. Oberſt Lutwich hatte jedoch Lady Chevenix' Blick bemerkt und der Tochter Antwort aufgeſchnappt, und fragte nunmehr mit jener wohl⸗ gebildeten Selbſtbeherrſchung, welche einen ſicher auch durch die größten Unverſchämtheiten durchleitet: „Wem ähnlich, Miß Chevenix?“ 255 Mary wurde gluthroth über ihre eigene Unvorſichtig⸗ keit; ihr Vater kam ihr jedoch mit den Worten zu Hülfe: „O, einer Perſon, die ſte einmal, aber auch nur ein⸗ mal geſehen.“ „Ci das muß ich wiſſen,“ rief Lutwich lachend, indem er ſich in den leeren Stuhl neben Mary niederließ.„Ich habe einen beſondern Grund zu dieſem Wunſche, den ich Euch ſogleich erzählen will.“ „Erſt Euern Grund, Oberſt Lutwich— dann will ich meine thörichte Bemerkung erklären,“ verſetzte Miß Che⸗ venix. „Mein Grund iſt ſehr ernſt,“ gab der Gentleman zur Antwort;„es gibt nämlich in dieſer guten Welt und dieſem guten Lande einen Mann, der mir ſehr ähnlich ſteht. Ich ſelbſt traf nie Jemand, der mir ſo erſchienen wäre; aber man ſagt mir, die Aehnlichkeit ſey vollkommen bis auf Haar und Geſichtsfarbe, und ſie iſt wirklich ſo groß, daß ſie mich einmal beinahe mein Leben und meinen Ruf ge⸗ koſtet hätte. Ich bin ihm durch halb England nachgejagt, und werde ihn eines Tags ſchon noch ausſpüren.“ „Dann iſt Mary's Einfall vielleicht nicht ſo gar ver⸗ kehrt wie ich dachte, Oberſt,“ ſagte Lady Chevenix.„Vor einigen Tagen wurden wir Beide vor unſerm eigenen Park⸗ gitter von einem Straßenräuber angehalten und ausgeplün⸗ dert; ſie ſagte, ſeine Züge ſeyen den Eurigen vollkommen ähnlich, nur die Geſichtsfarbe ſey anders.“ „Derſelbe Mann, bei meinem Leben!“ rief Oberſt Lutwich ernſthaft.„Er treibt alſo wieder ſein altes Hand⸗ 256 werk— das muß ein Ende nehmen, bei meiner Ehre! Ahmt er etwa auch meine Kleidung nach, Miß Chevenix?“ „O nein,“ gab Mary zur Antwort,“ er iſt weit weni⸗ ger ſorgfältig gekleidet; er trug einen loſen Reitermantel und große Stiefel bis über das Kniee.“ „Um ſeine Figur zu verbergen,“ erklärte Lutwich;„es iſt mir zweimal begegnet, daß ich angehalten wurde, und einmal wahrſcheinlich von eben dieſem Manne. Meine Ei⸗ telkeit hinderte mich vermuthlich, die geringſte Aehnlichkeit an ihm zu entdecken; aber ein ehrlicher Burſche, der einige Stunden ſpäter ausgeplündert wurde, wollte darauf ſchwö⸗ ren, ſein Freund und ich ſeyen eine und dieſelbe Perſon, bis ich ihn über Haar und Geſichtsfarbe befragte, wodurch ſeine Ausſage ein Loch bekam, da er zugeben mußte, daß hierin ein großer Unterſchied herrſche.— Ich muß mich übrigens jetzt verabſchieden, Sir Harry, und wenn mir etwa auf meinem Wege nach London einer dieſer Weggeld⸗ einnehmer begegnet, ſo kann ich ihm nichts weiter ſagen, als daß einer ſeiner Kameraden ihm zuvor gekommen ſey, denn ſie ließen mir auf Ridgehill nicht eine Krone übrig, und es war noch ein Glück, daß ich Miß Malcolm's Geld beſonders verwahrt hatte.“ „Wollt Ihr mir nicht erlauben, Eure Börſe in dieſem Nothfalle friſch zu füllen?“ fragte Sir Harry Jarvis; doch ſein Beſuch lehnte es dankbar ab, indem er erklärte, daß er bis nach London nichts mehr brauche, da er ſeine Pferde zu St. Albans gefüttert habe, worauf er ſich mit amnuthiger Verbeugung von Allen verabſchiedete. Als er ſein Roß beſtieg, ſchwebte ein Lächeln auf ſei⸗ nen Lippen, und von ſeinem Diener gefolgt ritt er in leich⸗ tem Galoppe durch die Parkthore und dann auf der Straße gegen Barnet weiter, bis ſie die erſte Biegung rechter Hand erreichten. Erſt dann näherte ſich der Diener und ſagte in vertrautem, aber nicht unehrerbietigem Tone: „Zum Henker, Sir, Ihr bleibt ſo lange aus, daß ich ſchon glaubte, ſie hätten Euch ausgefunden.“ „Pah, pah!“ rief Lutwich;„ich weiß immer was ich thue, Hal. Während ich da war, kam der ſchuftige Ge⸗ richtsdiener, um eine Anklage wider einen großen breit⸗ ſchulterigen Mann in einem weißen Reitermantel vorzu⸗ bringen; allein ich war ihm mit derſelben Angabe zuvorge⸗ kommen. Unſere Beſchreibung ſtimmte ganz überein, und wenn Sir Harry, wie jener verlangte, eine Streife veran⸗ ſtaltet hätte, ſo wäre ich mit ihnen ausgezogen und hätte ſie zu meiner eigenen Verfolgung durch das halbe Land ge⸗ führt— ha, ha, ha! Nun wollen wir aber nach unſerem Landhaus, und uns etwas ausruhen, denn wir müſſen mor⸗ gen Früh Beide in meiner Wohnung zu London eintreffen.“ Dem Leſer wird wohl bekannt ſeyn, daß es in jenem Theile von Hertfordſhire viele wilde einſame Heideplätze gibt, welche ohne ſonderlich groß zu ſeyn, durch die Umge⸗ bung ſo vieler adeliger Sitze und Pflanzungen, wodurch die Bevölkerung natürlich nur ſehr dünn geſäet iſt, nur noch einſamer und unbewohnter erſcheinen. Mitten in dem ab⸗ gelegenſten unbeſuchteſten Theile der Gegend, zwiſchen Barnet und St. Albans, aber ein gut Stück weſtlich von James. Th. Broughton. 17 258 der Heerſtraße lag ein hübſches Landhäuschen von vielen ſchlanken Bäumen geſchützt, wohin nur ein einziger Seiten⸗ pfad führte, auf welchem Oberſt Lutwich und ſein Diener in großer Eile dahinſprengten. Sie waren etwa noch eine halbe Meile von dem Thore entfernt, das ſich gegen das kleine das Haus umgebende Dickicht öffnete, als hinter ihnen ein lautes Halloh und dann der raſche Galoppſchlag vieler Pferde vernommen wurde. Lutwich jagte nun noch raſcher vorwärts, wie der Leſer ſich denken kann; er verließ die Straße, welche auf einer Seite von einer hohen Heckenreihe eingefaßt war, und galoppirte auf der andern über die Haide, bis er die Gitter ſeines eigenen Gartens erreichte, und ohne eine Glocke zu ziehen ſein Pferd darüber wegſprengte, welchem Beiſpiel ſein Diener Hal alsbald nachfolgte. Achtzehntes Kapitel. Sir Theodor Broughton war traurig, ſcheu und ſchweigſam; er ſchämte ſich offenbar über ſich ſelbſt, und Reginald Lisle ließ ihn dabei gewähren. Durch die Um⸗ ſtände ſchon frühzeitig zu einem thätigen Leben verurtheilt, iſt es kein Wunder, daß ſich der junge Offizier eine beträcht⸗ liche Menſchenkenntniß erworben hatte, denn wer ſeine Au⸗ gen nicht abſichtlich verſchließt oder phyſiſch wie moraliſch blind iſt, muß nothwendig durch häufigen Umgang mit ſei⸗ nen Nebenmenſchen ſo weit gelangen. Die Lords und Ge⸗ meinen unſers Parlaments wiſſen natürlich nichts von 259 menſchlicher Natur. Es gibt freilich Ausnahmen, aber dieſe ſind ſelten; denn gleich wie man geſchwärzte Gläſer hat, um die Sonne damit zu betrachten, mit deren Hülfe das glorreiche Tagesgeſtirn in eine kleine neblige gelbe Scheibe, einem neuen Pfennige nicht unähnlich, verwandelt wird, ſo gibt es auch Parlamentsbrillen, um die menſchliche Natur zu beobachten, durch welche man allerdings einen ſcharfen Umriß gewahr wird, der aber der Wirklichkeit nicht ähn⸗ licher iſt als ein neuer Pfennig der großen Lichtſpenderin gleich ſieht— ſonſt hätten wir längſt ganz andere Geſetze für unſere Armen und Verbrecher, für unſere Induſtriellen, unſere Müßiggänger auf den Strafkolonien erhalten müſſen. Reginald Lisle hatte jedoch ſeit ſeinem ſechzehnten Jahre die Welt, oder wenigſtens einen Theil derſelben mit offenen Augen und lebendigen Sinnen durchwandert und hatte die Menſchen von den verſchiedenſten Seiten kennen gelernt. Er war kein Advokat und hatte alſo nicht bloß die gemeinſte Seite, er war kein Arzt und hatte alſo nicht bloß die ſchwächſte, er war eben ſo wenig Geiſtlicher und hatte darum die Menſchen von anderer als blos der ſelbſt⸗ ſüchtigſten Seite geſehen. Ich könnte noch viele wei⸗ tere Seiten hervorheben, denn ich bin der Anſicht, daß die menſchliche Natur ein Achteck bilde; doch iſt es vielleicht ſchon daran genug, und wenn Reginald auch wußte, daß das kurioſe Ding, wovon wir ſprechen, gar mancherlei Außenflächen hat, ſo hatte er auch erfahren, daß unter ihnen allen eine eigenthümliche Subſtanz lebt, welche auf ei⸗ genthümliche Weiſe behandelt ſeyn will. So war ihm 17* 260 denn wohl bekannt, daß wenn das eigene Herz uns Vor⸗ würfe macht, und Jemand verſucht zu offen für dieſes Herz und gegen unſer Ich Parthei zu nehmen, die Eitelkeit— der Teufel hole dieſen unruhigen Gaſt!— uns ganz gewiß zu Hülfe kommt und den inneren ebenſo gut wie den äußeren Rathgeber aus dem Felde ſchlägt. Sobald er deßhalb ſah, daß Sir Theodor ſich über ſich ſelbſt ſchämte, hütete er ſich wohl, über die neulichen Vor⸗ fälle im Gaſthof ein Wörtchen zu äußern, und auch Major Brandrum ſpielte nicht darauf an— der aber aus anderen Gründen. Er fühlte nämlich nicht übel Luſt, den jungen Baronet tüchtig durchzupeitſchen, und doch ſagte ihm ſein beſſeres Gefühl, daß dieſes unklug und nicht ſehr wohl⸗ wollend wäre; deßhalb ſprach er ſo wenig wie möglich mit ihm, damit Sir Theodor nicht etwas äußere, wodurch ſeine Prügelluſt über die Vernunft den Sieg davontrüge. Während ſie ſo mit einander dahin ritten, bemerkte er auch— was Lisle ſchon lange zuvor bemerkt hatte— daß ihr junger Reiſegefährte ſehr unzufrieden mit ſich ſelbſt war, daß ſein Herz ihm Vorwürfe machte, daß ſein Verſuch ihm leid that, und Brandrum war nicht der Mann, der gegen einen Reuigen ſtreng verſuhr oder— wie dies ſo häufig der Fall iſt— das erſte ächte Gefühl begangenen Unrechts durch Härte unterdrückte. Lisle war ernſt, der alte Offizier war ernſt, der junge Baronet war ernſthaft; dies dauerte die zehn erſten Meilen ihres Rittes; aber ſelbſt die Leidenſchaften ſind Lehren, welche uns bereichern, während wir ſie empfinden— Lehren 261 im Guten wie im Schlimmen, die aber unſer Herz uͤber ſeinen eigenen Inhalt aufklären, uns auf künftige Dinge vorbereiten— kurz uns zum Manne machen. Sir Theodor Broughton hatte während der ſtürmiſchen Aufregung dieſer Nacht einen großen Schritt auf dem Wege zur Männlichkeit gethan. Allmälig ließ der Ernſt der beiden älteren Gentlemen nach und ſie beſprachen ſich offen und vertraulich über die neulichen Ereigniſſe, mit Ausnahme einer einzigen Gruppe. Der Brand und die Auftritte, die er hervorrief, wurden er⸗ wähnt, und ſie lachten zuweilen ſogar über die tollen Streiche, welche die Furcht bei Manchem veranlaßt hatte; aber der Hauptton des Ganzen war immer noch nicht heiter, denn Beide empfanden wohl, daß es ein ernſtes trauriges Ereig⸗ niß geweſen war, das Viele in Trauer und Noth geſtürzt hatte. Reginald trug auch noch andere Gedanken und Empfin⸗ dungen in ſeiner Bruſt, welche, wenn auch hoffnungsreicher, als er ſie in den letzten paar Tagen gehegt hatte, doch immer noch zu ſtark und tief begründet waren, um die Heiter⸗ keit in ihm auffommen zu laſſen. Sein Zuſammentreffen mit Sir Charles Chevenir, ihr offenes und ſogar freund⸗ liches Wiedererkennen, die Einladung in das Haus der Ge⸗ liebten— dies Alles waren freudige Ereigniſſe, welche zu den ſchoͤnſten Erwartungen berechtigten; aber er hatte nur einen einzigen kurzen Blick von Mary erhaſcht, und darin eben lag die Enttäuſchung. Auch die hellere Parthie in ſeiner Seelenſtimmung gab immer noch Vieles zu denken 26²2 und dies gerade über ſolche Dinge, denen Reginald nicht feſt ins Auge blicken mochte. Er war nicht gewohnt, vor ſolchen Erwägungen zu fliehen, denn er war geiſtig ein kühner Mann; nur hatte er vielleicht nie zuvor Gefahren und Schwierigkeiten drohen ſehen, bei denen ſeine Empfin⸗ dungen ſo tief betheiligt waren, und deßhalb war er ſchwach und hätte die Augen gerne abgewendet. Aber der Schatten eines Sturms breitete ſich noch immer wie eine Gewitterwolke zur Erntezeit über die Scene, während er ſeine Augen von dem ſtürmiſchen Horizonte weg⸗ wandte, und er konnte ſich nicht verhehlen, daß die Luft ſich verfinſterte, ſelbſt während er die goldene Ausſicht der Felder betrachtete. Mit ſehr mäßigem Vermögen, ohne hohen Rang oder Auszeichnung zu ſeiner Stütze, hatte er ſich um die Liebe und die Hand einer großen Erbin, die Re⸗ präſentantin einer alten und weit verzweigten Familie be⸗ worben. War auch ihr Vater gütig und großmüthig, ſo war doch die Mutter gegen ihn offenbar voller Vorurtheile, und er konnte hier einzig nur auf die Liebe eines Herzens vertrauen, deſſen Regungen er wohl ahnen konnte, die er aber nicht mit Sicherheit kannte. Er war übrigens noch jung und die Hoffnung iſt ja der getreue Gefährte der Ju⸗ gend. Erſt in reiferen Jahren, wenn wir die Gefahren vor uns in ihrem wahren Lichte erkennen, entſinkt uns oft der Muth beim Anblicke des bedenklichen Spieles, worin das Schickſal gegen uns ankämpft. So blieb der Kapitän ernſt, auch nachdem ſein älterer Begleiter all' ſeine Heiterleit wieder gewonnen hatte, denn 263 ſtarke Gefühle, ſogar die der Freude ſind immer gedanken⸗ reich, und ſeine Bruſt war voll von Regungen, welche dem alten Brandrum fremd waren. Sir Theodor Broughton bemerkte den Ernſt des jun⸗ gen Offiziers, und mit jener Empfindlichkeit, wie ſie das Bewußtſeyn eigenen Unrechts nicht ſelten in friſchen Ge⸗ müthern hervorruft, betrachtete er Reginald's Benehmen als einen ſtillen Vorwurf gegen ſich ſelber. Er hielt ſich deßhalb mehr an Major Brandrum als an ſeinen andern Begleiter, und es war ihm während ihres Rittes nach St. Albans gelungen, den älteren aber leichtherzigeren Gefähr⸗ ten zwiſchen ſich ſelbſt und Lisle zu bringen. 8 Nun betrug damals die Entfernung zwiſchen Dunſtable und St. Albaus der Heerſtraße nach etwas über vierzehn Meilen. Die Geſellſchaft, die wir ſo eben auf ihrer Tour begleiten, war erſt gegen Mittag aufgebrochen, und ſie ritten nur langſam, da ihre Pferde den Tag zuvor eine weite Strecke zurückgelegt und in der vorhergegangenen Nacht nur wenig Ruhe genoſſen hatten. So ging es ſchon gegen drei Uhr, als ſie das Städtchen erreichten, und da man zu jener Zeit frühzeitig zu Mittag ſpeiste, ſo ent⸗ ſchloſſen ſte ſich zu dieſem Zwecke— doch nicht im Wollen⸗ pake— anzuhalten. Während ihr Mahl zubereitet wurde, ſchlenderten ſie natürlich nach der Abtei, und da Reginald Lisle ſte mit Künſtleraugen betrachtete, ſo hielt er ſich lange vor deren Mauern auf, indem er ſeine beiden Begleiter auf viele Schöonheiten aufmerkſam machte und ſie in ſeiner eigenen 264 aantaſtiſchen Weiſe beſprach, wobei er aus den verwitternden Steinen ganze Geſchichten ableitete und die Seele ſeiner Zuhörer bald in längſt entſchwundene Jahrhunderte zurück, bald zu noch ungeborenen Generationen voranführte, und den Schauplatz in dem Diorama ſeiner Fantaſte das einemal mit ſchwarzen Wolken beſchattete, und dann jede Trefflichkeit in hellem Lichte erſcheinen ließ. „Du biſt doch ein eigener fantaſtiſcher Geſelle, Lisle,“ ſagte ſein Freund, die heißhungrige Krähe;„aber Deine Träumereien ſind ſehr lieblich.“ Auch Sir Theodor kamen ſie koſtbar vor und er war beinahe geneigt, dem Kapitän das Tadeln ſeiner Perſön⸗ lichkeit zu vergeben, was immer eine Beleidigung iſt, welche im Allgemeinen nicht leicht verziehen wird. Aber der Gaſt⸗ wirth war ſehr ärgerlich, daß ſie ſich ſo lange mit der Abtei aufhielten, denn er hielt die Gans, die er für ſie zubereitet hatte, für weit bemerkenswerther(ſo lange ſie nämlich nicht gar zu braun geröſtet war) als alle Abteien in der Welt. Endlich kamen ſie zurück und der erſte Gang ihres Mittag⸗ eſſens war vorüber, als nach einigem Lärm, wie er in den meiſten Gaſthöfen die Ankunft neuer Gäſte verkündigt, die Thüre des gewöhnlichen Speiſezimmers, worin ſie Platz ge⸗ nommen hatten, raſch aufgeriſſen wurde und eine Perſon eintrat, deren Name ſchon früher in dieſem Buche erwähnt wurde, die ich aber aus guten Gründen bis auf den jetzigen Augenblick im Hintergrunde gelaſſen habe. Es war ein ſchwarzgekleideter Mann in mittleren Jah⸗ ren mit dicker Halsbinde, die etwas feſt um ſeinen Nacken ——PP:P:P˙„4- 265 geknüpft war und deren mit Spitzen beſetzte Enden über ſeinen Rock heraushingen. Man konnte ihn eigentlich nicht korpulent nennen, doch hatte die Periode, wo die Menſchen⸗ geſtalt ſich ſeitwärts auszudehnen beginnt, bei ihm offenbar ihren Anfang genommen, und wenn überhaupt ein Verſchmä⸗ hen der guten Dinge dieſer Welt ſein Fetterwerden verzögert hatte, ſo ſtrafte ihn ſein Geſicht hierin gänzlich Lügen. Er war hoch gewachſen, und hatte, ſo weit dies blos ſeine Züge betraf, ſeiner Zeit gewiß gut ausgeſehen; nur konnte der Ausdruck kein ſehr einnehmender geweſen ſeyn und jetzt war er das gerade Gegentheil. Zwiſchen den Augenliedern ſchwamm viel Feuchtigkeit und eines derſelben ſenkte ſich zuweilen halb über das Auge, was feinem Geſichte ganz im Einklange mit dem Ausdrucke überhaupt unwillkührlich ei⸗ nen eigenthümlich bedeutungsvollen Blick gab. Sein Mund war breit und ſinnlich; aber in den Winkeln lauſchte ein lu⸗ ſtiger Zug, welcher zu ſagen ſchien, daß er ebenſo gut zum Scherz wie zum Eſſen tauge; das vorſpringende Kinn, wohl⸗ gerundet, nur etwas aufgeworfen, hatte einen kecken, unver⸗ ſchämten Anſtrich, als ob es ſich bewußt wäre, daß ein Geiſt in dem Ganzen walte, der rüſtig und bereit ſey, Alles, was die Lippen äußerten, zu vertheidigen. Die ſchlimmſte Par⸗ thie des Ganzen bildete die Stirne, denn dieſe war zwar breit, aber von ſſchurkiſcher Niedrigkeit. Auch Bein und Fuß, obwohl ſie bei jetziger Veranlaſſung von weiten Reit⸗ ſtiefeln bedeckt waren, mögen hier noch erwähnt werden, denn ſonſt war Letzterer immer in einen ausnehmend niedlichen Schuh gehüllt, der ſeine kleinen und zierlichen Verhältniſſe 266 im beſten Lichte erſcheinen ließ, während ein paar ſchwarz⸗ ſeidene Strümpfe das untere Bein bedeckten und eine kräf⸗ tige ſymmetriſche Wade zur Schau trugen, die bei jedem herzhaften Schritte ihres Beſitzers vor Fülle zitterte. Ohne zu wiſſen, wen er hier treffen würde, trat dieſer würdige Herr mit munterer ſprudelnder unbekümmerter Miene in das Gaſtzimmer, indem er fortfuhr dem dienſt⸗ fertig folgenden Wirthe ſeine ſchon vor der Thüre begon⸗ nenen Weiſungen zu ertheilen, ohne von der Geſellſchaft im hintern Ende des Zimmers Notiz zu nehmen. „Und hört einmal, Herr Wirth,“ ſagte er,„hernach ein gebratenes Hühnchen in einer Morchelnſauce; bemerkt aber wohl, ich ſage ein Hühnchen, nicht den alten Hahn, den ich eben auf der Dunggrube bemerkte— ein Hühnchen, jung und zart wie Hero in dem Augenblicke, nachdem ſie Leander zum erſten Mal geſehen.— Ihr verſteht mich doch? Die Salmenſchnitte wird nicht früher geröſtet, bis ſie ſo trocken iſt, wie Eure oder meine Großmutter, und nur ſo lange, bis das Roth ganz durchgedrungen iſt und der äußere Rand die innere Fettigkeit durchſchwitzen läßt.'s iſt recht Schade, daß Ihr keine Hummern habt; dafür laßt die Köchin das Fleiſch von zwei Sardellen zur Sauce verwenden, aber Gräte und Knochen müſſen zuvor herausgenommen werden, dann noch zehn Tropfen Eſſig und ſo viel Zwiebeln, als auf ein Sechsgroſchenſtück gehen. Was den Wein betrifft, ſo verlange ich Madeira; auch werde ich gegen eine Apri⸗ koſentorte mit altem Cheſterkäs und einer Flaſche Portwein nichts einzuwenden haben— letzterer nicht ſchwarz geſtreift, 267 ſondern ächter überkruſteter alter Portwein von der beſten Sorte in Eurem Keller. Das beſorgt mir, Herr Wirth, beſorgt mir's genau, und in der Zwiſchenzeit reicht mir den Advertiſer, um darüber einzuſchlummern undmir den Appe⸗ tit zu erhalten.“ Sir Theodor Broughton hatte dem neuen Ankömmling den Rücken zugewendet, wurde aber beim erſten Klange ſei⸗ ner Stimme anfänglich weiß und dann roth; endlich run⸗ zelte er die Brauen und ein Ausdruck derber Entſchloſſenheit kam über ſein junges Geſicht, während er den beredten Worten des Gaſtes ein aufmerkſames Ohr ſchenkte. Endlich kam etwas wie ein ſarkaſtiſches Lächeln auf ſeine Lippen, und dieſe Veränderung hätte Jedem, der ihn näher kannte und die Geſchichte ſeiner Seele— denn die Seelen haben ihre Geſchichten— beobachtet hätte, zeigen können, daß Sir Theodor Broughton ſeit ſeinem erſten Aufbruch zur Reiſe bedeutend älter geworden war. Sobald der ſchwarzgekleidete Herr mit all' ſeinen Wei⸗ ſungen fertig war, ſchlenderte er im Zimmer umher, wobei er ſeine Stiefel wie ein wichtiger Mann krachen ließ, bis er Sir Theodor's Züge von der Seite anſichtig wurde, wäh⸗ rend der Jüngling feſt vor ſich hinſchaute und wenigſtens mit den Augen nichts weiter als die Speiſen auf ſeinem Teller zu beachten ſchien. Sobald der Fremde ihn ſah, rief er im Tone großer Verwunderung: „Ei du gerechter Himmel! Sir Theodor! Ihr hier? Ich erwartete Euch erſt in London einzuholen.— Kennt Ihr mich nicht?“ 268 „O ja, ich kenne Euch wohl, Doktor,“ gab der junge Mann lakoniſch zur Antwort.„Ich kannte Euch ſchon vor zehn Minuten an Eurer Sprache.“ „Ei, ich war noch keine zehn Minuten im Zimmer,“ behauptete der Andere nicht ohne Verwirrung in ſeinem Weſen. „Bitt' um Verzeihung, Doktor,“ verſetzte der Baronet ſchnippiſch;„drei Minuten brauchtet Ihr zur Beſchreibung des Hühnchens und der Morchelnſauce; vier weitere zu Eu⸗ rem Salmen, wobei Ihr Euch ſo ſehr über den Mangel an Hummern beklagtet, zwei Minuten zu den Sardellen und Zwiebeln mit den zehn Tropfen Weineſſig und die letzte zu Eurem Portwein und dem Madeira.“ Der Herr, den er Doktor genannt hatte, ſah äußerſt verlegen aus, und Reginald Lisle und Major Brandrum wechſelten bedeutungsvolle Blicke. Wäre der Ausdruck auf ihren Mienen in Worte überſetzt worden, ſo wäre er wahr⸗ ſcheinlich in der einen Phraſe: eer emancipirt ſich! zuſam⸗ mengetroffen. Auch iſt nicht unwahrſcheinlich, daß Sir Theodor einen ſolchen Eindruck wenigſtens bei dem neuen Ankömmling geradezu beabſichtigte, denn von dieſem Augen⸗ blicke an hatte er ſeinen Entſchluß gefaßt. Ob er Feſtigkeit genug beſeſſen hätte, ihn auch gegen einen etwaigen Wider⸗ ſtand zu behaupten, iſt eine andere Frage; aber er wurde gar nicht auf die Probe geſtellt, denn nach ganz kurzer Pe⸗ riode der Beſtürzung bequemte ſich der Andere mit wun⸗ derbarer Leichtigkeit zu dem nunmehrigen Verhältniſſe. „Es iſt höchſt nothwendig, mein theurer Sir,“ ver⸗ 269 ſetzte er lachend,„bei ſeinen Weiſungen in ſo wichtigen Dingen, beſonders in einem Gaſthofe, ſehr präcis zu ſeyn. Ich habe in den letzten zehn Tägen ſo viel geräucherte Ham⸗ melskeulen, zähe Beeſſteaks und übergare Kalbskotelettes geſpeist, daß ein Elephant daran hätte erſticken oder ein Straußenmagen das Alpdrücken davon hätte bekommen mögen. Doch vor Allem bitte ich, mich Euren Freunden vorzuſtellen.“ „Kapitän Lisle— Doktor Gamble, der Herr, der mein Hofmeiſter war: Major Brandrum— Doktor Gamble,“ ſagte Sir Theodor und ſchwieg dann, ohne den Mann eines Blickes zu würdigen, vor dem er noch vor wenig Wochen große Scheu gehabt hatte. Der würdige Doktor machte ſich's übrigens ganz be⸗ haglich, ließ ſich am Tiſche nieder und begann ein Geſpräch mit den beiden Offizieren, worin er ſich über tauſend ver⸗ ſchiedene Gegenſtände ausließ und den vollendeten Welt⸗ mann ſpielte. Der Major ſprach mehr mit ihm als Regi⸗ nald, denn der alte Soldat, an Lager und Feldzüge gewöhnt, war trotz ſeines hohen Ehrgefühls und ſeines höͤchſt gewiſ⸗ ſenhaften Zartſinns in allen wichtigen Gegenſtänden ein weit ſchwächerer Beobachter kleiner Charakterzüge als ſein junger Kriegsgefährte, und während Reginald des Doktors Unterhaltung beſonders für junge Ohren nicht ſehr erbau⸗ lich fand, nahm ſie ſein Freund als ganz natürlich hin. Doktor Gamble's Eſſen wurde eben in dem Angenblicke aufgetragen, als die andern Herrn mit dem ihrigen fertig waren, und Reginald erhob ſich mit den Worten: 270 „Ich will einmal nach den Pferden ſehen.“ Der Major begleitete ihn an das Schenkſtübchen, um eine gute Flaſche Wein ausfindig zu machen, ſo daß Sir Theodor mit ſeinem Hofmeiſter allein blieb. Ein augen⸗ blickliches Schwanken ſchien ihn zu befallen, denn er blieb eine Weile ſtumm und ſtarrte auf das Tiſchtuch; dann aber ſetzte er ſeine feinen weißen Zähne übereinander, ſtand auf und ging gerades Wegs nach dem Tiſche, wo Gamble ſeinen Fiſch verzehrte, indem er ſich ihm gegenüberſetzte. „Wir haben ein paar Worte zuſammen zureden, Doktor,“ ſagte er leiſe, indem er ſich quer über den Tiſch lehnte. „Ein Duzend oder mehr, mein theurer junger Freund,“ gab Gamble zur Antwort;„was habt Ihr mir zu ſagen? „Nur ſoviel, daß wir fortfahren müſſen, wie wir an⸗ gefangen haben, dann wird es ganz leicht gehen,“ verſetzte Sir Theodor.„Die Sache iſt die, Doktor Gamble: ich bin eine Zeit lang mein eigener Herr geweſen und habe im Sinne, es auch zu bleiben. Wenn Ihr nun in der Abſicht gekommen ſeyd, dieſelbe Autorität, wie Ihr ſie zu Aſhton⸗ Hall über mich übtet, auf’s Neue anzunehmen, ſo täuſcht Ihr Euch gewaltig.— Nein, nein, hört mich zu Ende.— Ich habe ſchon genug von der Welt geſehen und eben vorhin von Euren Reden genug vernommen, um die Dinge beſſer wie früher zu verſtehen. Euer Weſen iſt ſehr verändert, Doktor.“ „Und ebenſo das Eure, Sir Theodor,“ erwiederte der Hofmeiſter im unbefangenſten Tone von der Welt;„der 271 einzige Plan, der uns übrig bleibt iſt, daß wir unſere Wege ſich gegenſeitig anbequemen.“ „Ich fürchte, Ihr werdet Euch nach den meinigen be⸗ quemen müſſen,“ meinte der junge Baronet. „Ganz richtig,“ gab Doktor Gamble zur Antwort: „tempora mutantur et nos mutamur in illis. Doch beru⸗ higt Euch, junger Herr. Ich kam keineswegs in der Ab⸗ ſicht, wie Ihr vermuthet, ſondern ganz einſach, um Euch als ergebener Freund und Rathgeber auf allen Euren Wegen zur Seite zu ſtehen, Euch all' die Unterweiſung mitzuthei⸗ len, welche meine ziemlich ausgedehnte Weltkenntniß Euch verſchaffen kann und Euch jeden Beiſtand zu leiſten, wie ihn mein Eifer und meine nicht gewöhnliche Gewandtheit und Erfahrung zu gewähren nur irgend im Stande ſind. Ich hatte vor meinem Aufbruche von Aſhton⸗Hall ein langes Geſpräch mit Eurem Vormund und wir haben uns voll⸗ kommen verſtändigt: Ihr ſollt als Mann ins Leben eintreten und ich meines Theils lege den Pädagogen bei Seite, wie⸗ wohl ich mein Amt dem Namen nach beibehalte.“ „Und wo iſt Donovan ſelber?“ fragte Sir Theodor. „Wenn er nach mir nach London kommt, ſo möchte er es ſchwierig finden, mich ſo wie früher zu behandeln, denn ich bin entſchloſſen—“ Hier ſchwieg er, da der Wirth die nächſte Schüſſel her⸗ einbrachte und Doktor Gamble nahm das Geſpräch auf, ſobald derſelbe ſort war. „Der Kapitän iſt im Begriff, auf ein paar Monate nach dem Kontinent zurückzukehren,“ erklärte er.„Doch 272 ſeyd nur ganz ruhig: er hat ſich wie ein weiſer Mann in die kommende Veränderung gefügt und wird ſeine Autorität eben ſo gefügig wie ich ſelbſt fallen laſſen.— Wie kommt es aber, daß Ihr hier in St. Albans ſeyd? Ich dachte mir, Ihr müßtet Euch ſeit vier bis fünf Tagen in London befin⸗ den und erwartete Euch im Theater, auf der Maskerade oder in der Kneipe zu treffen. An einem dieſer heiteren Orte hätte ich Euch ganz gewiß aufgeſucht, denn da ich blos doctor philosophiae und nicht theologiae bin, ſo wäre mir mein Rock nicht im Wege geſtanden.“ Ein Lächeln kam über Sir Theodor's Lippen, das für einen ſo jungen Mann ziemlich eyniſch ausfiel, aber von ſei⸗ ner innern Beſriedigung zeugte. Er verſtand Doktor Gamble von dieſer Stunde an und Doktor Gamble verſtand ihn; Sir Theodor fühlte, daß eine Erläuterung vorüber war, welche nichts mehr zu ſagen übrig ließ. Er ſchilderte jetzt ſeinem Hofmeiſter alle Vorfälle, wodurch ſie auf ihrer Reiſe aufgehalten worden waren, indem er ſich alles Weitere für eine Privatconferenz vorbehielt, und der Hofmeiſter war eben im Begriff, ihn zu fragen, wie ihm ſeine beiden Be⸗ gleiter gefielen, als Major Brandrum eintrat. Ihm und Reginald Lisle theilte der Doktor ſeine Ab⸗ ſicht mit, mit ſeinem jungen Zögling und Reginald Lisle weiter zu reiten, indem er beifügte: „So laßt mich alſo nur wiſſen, wann Ihr zum Auf⸗ bruche bereit ſeyd, und ich will mein Huhn und meinen Portwein in aller Eile verſchlingen.“ „Auch ich habe noch einer Flaſche den Hals zu brechen, —— 273 Doktor,“ verſetzte Major Brandrum,„und ſo knnen wir Glas für Glas austrinken; laßt nur mittlerweile Euer Pferd bereit machen, wie wir auch gethan haben, denn der Tag iſt bereits auf der Neige und wir werden noch bei Sternenlicht zu reiten haben.“ „O thut nichts,“ erwiederte der würdige Doktor. „Welche Straße wollt Ihr einſchlagen?— Ueber Barnet, he? Ich will Euch eine kürzere zeigen, die wenigſtens um zwei Meilen näher iſt. Ich kenne jeden Zoll von ſämmtli⸗ chen Landſtraßen auf zwanzig Meilen in der Runde von London und der Weg über Edgware wird Euch, wie geſagt, zwei volle Meilen erſparen. Hügelig iſt der Pfad aller⸗ dings; aber das iſt auch der andere— ja und der iſt in der That noch ſchlimmer. Zwei Meilen gewonnen ſind eben zwei Meilen gewonnen, was bei einem langen Ritte ſchon was heißen will. Kommt, Theodor, ſetzt Euch an meine Flaſche. Der Madeira iſt wunderbar ſchnell abgegangen.“ Der junge Baronet lehnte ſein Anerbieten wohlweis⸗ lich ab, und Major Brandrum, der mit ſeinem Weine eben⸗ falls ſehr ſchnell fertig wurde, hielt die Kräfte des guten Doktors in vollem Zuge, bis das letzte Glas verſorgt war. Kurz ehe dieſe glückliche Unternehmung geendigt war, brachte ein Kellner die Meldung, daß ihre Pferde parat ſtänden; dann folgte das Bezahlen der Rechnungen und die Vorberei⸗ tungen zum Ritt. Der gute Doktor Gamble ſchien jedoch etwas benebelt; mocht' es nun ſeyn, daß der Portwein ſtärker geweſen war als er geglaubt hatte, oder daß die Doſen ſich zu raſch wie⸗ James. Th. Broughton, 18 274 derholt hatten, oder— was vielleicht noch wahrſcheinlicher iſt— daß er da, wo er ſein Roß zuletzt getränkt, auch ſich ſelbſt nicht vergeſſen hatte— ich weiß es nicht, denn es iſt kaum zu begreifen, daß blos zwei Flaſchen Wein noch über⸗ dies von einem guten Mittagsmahle vertheilt und gemildert in jenen Tagen auf einen ſo abgehärteten Kopf die geringſte Wirkung äußern konnten. Er war zwar keineswegs be⸗ trunken, aber es gelang ihm doch nur mit Mühe, ſeine Rechnung abzuſchließen. Er verlor ſehr viele Worte über letztere, und als es ans Aufſteigen ging, ſtellte er den einen Fuß in den Steigbügel, bis der andere müde wurde, indem er fortwährend vor ſich hinpredigte, Wein und Fiſche des Gaſtwirths lobte und das gebratene Huhn für trefflich er⸗ klärte, wie er denn überhaupt unter dieſem erſten ſchwachen Einfluſſe des Getränks in der Regel äußerſt gut gelaunt und nichts weniger als tadelſüchtig war. Der Himmel weiß, wie lange er noch alſo fortgefahren hätte, wenn er nicht plötzlich darauf aufmerkſam geworden wäre, daß die ganze Geſellſchaft bereits abgeritten war. Nun kann ich unmöglich— und gält' es auch mein Leben— mit Sicherheit behaupten, ob der Leſer mit der Straße von St. Albans nach London ganz genau bekannt iſt oder nicht; wenn er ſich aber jedes Schrittes auf dieſem Wege genau erinnert, ſo wird ihm auch beifallen, daß un⸗ gefähr auf demſelben Punkte, oder wenigſtens nicht weit davon, wo die Heerſtraße von Barnet und der andere Weg von Edgware ſich trennen, oder doch ſonſt ſich zu trennen pflegten, ein dritter Weg über Watford, Rickmannsworth, 275 Amerſham und weiß Gott wohin noch führt. Erſt zwei⸗ hundert Schritte dieſſeits dieſer Straßenſcheide holte Doktor Gamble die drei Gentlemen und ihre Diener ein, und übernahm augenblicklich das Amt eines Lootſen. Reginald Lisle und Major Brandrum waren Beide ſo lange von Hauſe weg geweſen, daß ihre Topographie ſie wohl im Stich laſſen konnte, und was Sir Theodor Broughton be⸗ traf, ſo wußte er gar nichts von einer ſolchen; ſie überließen ſich alſo gleich den meiſten Menſchen recht gerne der Leitung eines Mannes, der ſich als Wiſſender ausgab. Es fehlte zwar durchaus nicht an Wegzeigern, aber die Nacht war, wie geſagt, ſchon hereingebrochen, und dieſe Nacht war finſter, odaß Wegweiſer auch völlig unnütz geweſen wären. Iſt es alſo ein Wunder, daß ſie nach zehn Minuten auf der Straße nach Watford in bequemem Schritte weiter ritten? Sie waren ſechs muthige kräftige Männer, und brauchten ſich alſo vor Räubern und Straßenrittern— dem großen Schrecken aller Reiſender damaliger Zeit— nicht zu fürchten. Ihr Geſpräch war munter und unterhaltend, denn Doktor Gamble beſaß ziemlich viel Gelehrſamkeit, ſehr viel Weltkenntniß und zwei wenn nicht gar mehr Flaſchen Wein unter den Rippen. Zwar ging das erſte Aufſchäu⸗ men des balſamiſchen Saftes— jener neblige Dunſt, der zuweilen das Erkennungsvermögen verdunkelt— gar bald vorüber, nichts weiter als die heiterſte fröhlichſte Laune zu⸗ rücklaſſend; das Wiſſen und die Weltkenntniß waren aber geblieben und er wußte ſich ſelbſt ſo angenehm zu machen, daß ſogar Reginald Lisle, obgleich er immer noch ſeine 18 2 276 frühere Anſicht über den Mann feſthielt, in ſeiner ſtrengen Abſchließung nachließ und voll Ergötzen auf ſeine Reden horchte. In dieſer Art ging es weiter, bis ſie etwa vier Meilen von St. Albans an einem Zollthore vorüberkamen, wo denn Doktor Gamble, der für Zollthore ein ſehr ſcharfes Gedächtniß beſaß, weil er ſich's ſonſt immer zur Aufgabe machte, ihnen auszuweichen, bei dem Anblick eines ſolchen, wo er ſich früher keines ähnlichen erinnerte, zum erſten Mal ahnte, daß er nicht ganz auf der rechten Straße ſey. Er liebte es jedoch nie, ein Unrecht einzugeſtehen oder über⸗ haupt anzunehmen, daß er Unrecht habe, und da ſein Be⸗ gleiter im vollſten Vertrauen ihres Weges weiter eilten und von allem Andern nur nicht von der Straße plauderten, ſo wurde er dadurch keineswegs zu einem Geſtändniſſe ermu⸗ thigt. Er ſah ſich eine Zeit lang ängſtlich und ſchweigend um, und dachte er müſſe bald zu den wenigen Häuſern kom⸗ men, welche damals die Colney⸗Street bildeten; allein er täuſchte ſich und nach anderthalb Meilen etwa gewahrte er ein einſames Wirthshaus. Jetzt war er ganz gewiß, daß er ſich geirrt hatte, aber er war ein Mann voll Erfindſamkeit und Unternehmungsgeiſt und dachte: „Wir können von der Edgwareſtraße nicht weit ent⸗ fernt ſeyn; die erſte Wendung zur Linken muß uns darauf bringen.“ Die erſte Biegung links kam bald zum Vorſchein und Doktor Gamble rief in zuverſichtlichem Tone: „Hierher, Gentlemen, wenn's Euch gefällig iſt.“ 277 Sie folgten, doch nicht ganz ſo blind wie Schafe, denn Reginald Lisle ſagte beim Einbiegen: „Ei, das muß uns ja auf die Barnetſtraße zurückfüh⸗ ren. Der Weg ſcheint auch ſehr ſchmutzig und durchfurcht.“ „Es iſt ein kurzer Seitenpfad,“ erwiederte Doktor Gamble, während er innerlich mit unterdrücktem Kichern beifügte:„der Himmel weiß wohin.“ Nachdem ſie etwas mehr als eine Meile weiter geritten waren, kamen ſie an eine Stelle, wo ſich der Seitenpfad in zwei theilte, und da der Pfad linker Hand ſie zu offenbar entweder nach St. Albans zurück oder nach Barnet hinüber geführt hätte, ſo nahm Gamble mit keckem Muthe den zur Rechten, der ſie ſehr bald in ein ſolches Labyrinth von He⸗ cken und Seitenpfaden verwickelte, daß der arme Doktor ſchon zu fürchten anfing, daß ſie gar nicht mehr herauskom⸗ men würden. So ritt er eine tödtlich lange Stunde mit ſpartaniſcher Tapferkeit in dem Labyrinthe weiter, ohne die herzbrechenden Zweifel, die ihn innerlich verzehrten, nur mit einem Zeichen zu verrathen, bis Major Brandrum end⸗ lich rief: „Ei, Doktor, ich meine, Euer kurzer Seitenpfad ſey ſehr lang; mir ſcheint, wir ſeyen die letzte halbe Stunde immerfort im Ring herumgeritten. Seyd Ihr auch gewiß, daß Ihr recht ſeyd?“ „Hm, ich fange nächſtens an zu zweifeln,“ rief der Dokter in ernſtem Tone.„Ich kann die ſieben Elſtern nir⸗ gends gewahren.“ „Ich eben ſo wenig,“ verſetzte Major Brandrum. 278 „Ich glaube, ich habe mich bei der vierzehnten Biegung verirrt,“ fuhr Doktor Gamble fort.“ „Kommt, kommt, das iſt mir keine Ausrede,“ meinte der Major.„Wir müſſen's mit der indianiſchen Weiſe ver⸗ ſuchen, Lisle. Du haſt ja eine Repetiruhr: wir wollen uns einen Stern wählen und gerade darauf losreiten. London muß nahezu ſüdöſtlich liegen, Du beobachteſt dann die Zeit — ich fixire den Stern, und dann berechnen wir den Fort⸗ ſchritt nach Weſten.“ Allein der Plan der heißhungrigen Kräͤhe wollte in England nicht recht gelingen, denn nachdem ſie zwanzig Mi⸗ nuten g'radaus geritten waren, fanden ſie, daß ſie in eine Sackgaſſe gerathen waren, ſo daß ihnen nichts übrig blieb, als umzukehren und einen andern Weg einzuſchlagen. Dies geſchah denn auch, aber Roß und Mann waren mittlerweile herzlich müde, und ſie kamen alle dahin über⸗ ein, daß ſie nichts Beſſeres thun könnten, als am erſten be⸗ ſten Hauſe ſich nach dem Weg zu erkundigen und dann in der nächſten erträglichen Herberge über Nacht zu bleiben. Ein Haus war jedoch faſt eben ſo ſchwer zu finden, als die rechte Straße; an hohen Heckenreihen fehlte es zwar nicht, hie und da war auch ein Teich mit manchen geiſter⸗ haften Trauerweiden— gleich ſteinernen Weibern auf Grab⸗ mälern— zu gewahren; aber Häuſer ſchienen hier ſehr ſel⸗ ten, und Reginald Lisle hatte eben ſeine Repetiruhr ſchlagen laſſen und ſeinen Gefährten verkündigt, daß es zehn Uhr ſey, als ſie endlich die Pfade verließen und auf eine kleine Haide kamen, wo ſie zur Rechten den Klang von raſchen 279 Pferdetritten vernahmen. Ein lauter Ruf ſollte die Auf⸗ merkſamkeit des Reiſenden auf ihre traurige Lage lenken, und die ganze Geſellſchaft ſetzte ſich in vollen Galopp, um ihn einzuholen, da er offenbar in entgegengeſetzter Richtung daher ritt. Einen Augenblick ſpäter ſahen ſie erſt einen und dann einen zweiten Berittenen gleich dunkeln Schatten über die Haide ſprengen und gegen eine einſam ſtehende Gruppe hoher Bäume hingaloppiren.. Ihnen zu folgen war der allgemeine Impuls; aber zwei Minuten ſpäter waren beide Figuren hinter den Bäu⸗ men verſchwunden. Unſere Wanderer ritten nun langſamer voran, und gelangten an einen ſehr niedlichen Zaun, der offenbar einen adeligen Park einſchloß. Da ſie die Straße verlaſſen hatten, mußten ſie ein Stück weit an der Umfaſ⸗ ſung hinreiten, bis ſie ein Thor fanden; endlich gelang auch dieſes und ſie entdeckten mit Freuden dicht daneben eine kleine Gärtnerswohnung mit einem brennenden Lichte im Innern.— Ein tüchtiger Zug an der Glocke rief bald eine alten Mann an's Thor, der ihnen als Antwort auf ihre Fragen erwiederte, daß ſie ſich fünf Meilen von Barnet befänden und daß dies der nächſte Ort ſey, wo ſie Unterkunft finden könnten. Während ſie ſich nicht wenig enttäuſcht umwandten, fiel es Reginald Lisle ein, daß er eben ſo gut auch nach dem Namen des Beſitzers dieſer abgelegenen Wohnung fragen könnte. 4 280 „Oberſt Lutwich, Sir,“ erwiederte der Gärtner und ein allgemeiner Freudenruf begrüßte alsbald dieſe Erklärung. „Bitte, ſagt Oberſt Lutwich“— rief Major Brandrum. „Er iſt nicht zu Haus, Sir,“ erwiederte der Mann;„er iſt ſeit zehn Tagen oder länger nicht hier geweſen.“ „Ich wollte, Ihr ginget, um näher nachzuſehen,“ ver⸗ ſetzte Reginald;„wir ſahen erſt vor einer Minute zwei Perſonen zu Pferd, ihm und ſeinem Diener ſehr ähnlich, über die Haide ſprengen und hinter der andern Seite des Hauſes verſchwinden.“ „Wohl, er kann auf dem andern Wege angekommen ſeyn,“ meinte der Diener mit pfiffigem Blicke;„ich will gehen und nachſehen.“ „Sagt ihm, daß Kapitän Lisle, Sir Theodor Brough⸗ ton, die heißhungrige Krähe und Doktor Gamble vor ſeinem Thore aus Mangel an einer Nachtherberge beinahe ver⸗ ſchmachten,“ rief der Major in fröhlichem Tone, und mit dieſem Vorrathe von Namen, die er, ſo gut er konnte, an den Mann bringen ſollte, humpelte der Gärtner die dunkle von breiten Kaſtanien überſchattete Allee hinab. Unſere Reiſegeſellſchaft blieb vor dem Thore zurück, das der alte Mann während des ganzen obenbeſchriebenen intereſſanten Zwiegeſprächs ſorgfältig verſchloſſen gehalten hatte, und ſie konnten ſeine Laterne etwa hundert Schritte verfolgen, bis deren ſchwaches Licht Etwas wie ein weißes Gebäude mit mehreren dunkeln Fenſtern und Thüren zu be⸗ leuchten begann. Einen Augenblick ſpäter verſchwand die Laterne, und ſie mußten drei bis vier Minuten warten, bis —“ — 281 plötzlich eine Thüre an der vordern Seite des Hauſes auf⸗ ging und einen ſtarken Lichtſchimmer durchließ, worauf Oberſt Lutwichs Stimme ſie in munterem Tone mit einer Art Jägerhalloh begrüßte. Eilenden Schrittes kam er ohne Hut oder Stiefel die Allee herauf, und bewillkommte ſie herz⸗ lich, indem er auf ihre Entſchuldigungen, daß ſie ihn ſo ſpät und in ſo zahlreicher Geſellſchaft uͤberſielen, nur mit Lachen erwiederte: „Tretet ein— tretet ein: ein Junggeſellenmahl nebſt guter Flaſche, ein luſtiges Feuer und ein herzlicher Will⸗ komm ſtehen Euch zu Dienſten.“ „Ich fürchte,“ bemerkte Reginald Lisle, als er beim Näherkommen gewahrte, wie klein ihr verſprochenes Obdach war,„wir werden Euch doch gar zu läſtig fallen, Oberſt: es iſt dies auch gar nicht nöthig, wenn Ihr uns und unſern Roſſen einige Ruhe und Erfriſchung gönnen und uns dann die Richtung nach Barnet weiſen wollt, ſo kann der Major und ich wenigſtens weiter reiten.“ „Pah, pah, Kapitän Lisle!“ erwiederte Lutwich;„Ihr dürft mich heute Nacht nicht mehr verlaſſen— Ihr wißt nicht, wie viel Perſonen ich an dieſem kleinen Ort unter⸗ bringen kann. Ich habe früher ſchon zwölf Freunde hier beherbergt, worunter große und dicke Leute waren, und wenn Eure Zimmer auch nicht ſehr geräumig und noch weniger brillant ausgeſtattet ſind, ſo habt Ihr ja auch früher in Bara⸗ ken geſchlafen.— Barnet! Ei, Ihr ſeyd wenigſtens die letzte Meile von da hergekommen, wenn Ihr die Leute ſeyd, die mich über die Haide verfolgten, und die ich für Straßen⸗ 282 räͤuber hielt!— Eure Diener müſſen jedoch auf dem Heu⸗ boden übernachten.“. Unter dieſen und ähnlichen Reden hatten ſie die Thüre des Hauſes erreicht, und befanden ſich im nächſten Augen⸗ blick in einem hübſchen Salon, der mit Büchern und tauſend kleinen Spielereien des Geſchmacks ausgeſtattet war. Ein großes Feuer loderte im Kamin; bequeme Armſtühle ſtan⸗ den rings umher, und mit der Bitte, ſte möchten ſich hier wie zu Hauſe betrachten, verließ ſie Oberſt Lutwich, um, wie er ſagte, für die Unterkunft ihrer Diener und Pferde die nöthigen Anordnungen zu treffen. Zwei äußerſt nied⸗ liche Stubenmädchen in Nachthäubchen und ein ehrbar aus⸗ ſehender Diener wurden mit Zubereitung der Betten und des Nachteſſens beauftragt, und dann trat der Hausherr vor die Thüre, um einen der fremden Diener der Obhut ſeines Reitknechts Hal anzuempfehlen. Als jedoch Zachary Har⸗ grave nachfolgen wollte, rief ihm Lutwich zu: „Bleibt noch eine Weile, mein guter Burſche— ich habe Euch etwas zu ſagen.“ Hargrave wurde weiß wie Leinwand; aber der Oberſt ließ zuvor den andern Diener mit Hal und mehrere von den Pferden langſam nach dem Stalle gehen, bis er ein weiteres Wort äußerte. Dann trat er dicht auf Hargrave zu und fragte: „Wißt Ihr wohl, mein guter Freund, daß ich Euch morgen hängen laſſen kann?“ „Wofür?“ rief der Mann zuſammenfahrend. „Weil Ihr während des Brandes ein Perlenhalsband — 283 mit diamantenem Schloſſe, der Lady Chevenix gehörend, geſtohlen habt,“ erklärte Lutwich ihn mit feſtem Blick fixi⸗ rend.„Ich kann es beweiſen, wenn Ihrs verlangt. Ich bin übrigens allein im Beſitze des Geheimniſſes, und wenn Ihr genau ſo handelt, wie ich Euch anweiſe, ſo ſeyd Ihr ſicher. — Nun— laßt nur den Kopf nicht gar ſo arg hängen! Führt die übrigen Pferde in den Stall und dann kommt herein zum Nachteſſen. Euer Leben hängt ganz allein von Eurem eigenen Benehmen ab.“ Mit dieſen Worten ſchloß er die Thüre und kehrte zu ſeinen unerwarteten Gäſten zurück. Neunzehntes Kapitel. Ich muß abermals auf Fielding zurückkommen, denn die Fehler, die er an den Leſern ſeiner Zeit beklagt, treten in der jetzigen noch weit mehr hervor, und ich habe beim Leſen von Kritiken über Anderer Werke an tauſend und aber tauſend Stellen bemerkt, daß die feine Unterſcheidung der zarten Schattirung einzelner Charaktere, wie er ſie verlangt, gänzlich außer Acht gelaſſen wird, während blos noch ſcharfe und ſtark markirte Kontraſte in's Auge fallen. Dies iſt vielleicht weniger ein Fehler als vielmehr ein eigenthüm⸗ licher Geſchmack. Es gibt ja Viele, welche einen Ribiera dem Murillo, einen Salvator dem Claude, einen Sebaſtian del Piombo dem Correggio vorziehen; ſo viel aber iſt ge⸗ wiß, daß ſcharfe Lichter und Schatten, Uebertreibung in den Konturen und ſtarke Farbenkontraſte wenigſtens in der lite⸗ 284 rariſchen Welt unſerer Tage weit mehr als korrekte Zeich⸗ nung und zarte Pinſelführung geſucht und beachtet werden. „Eine weitere Warnung, die wir Dir geben möchten,“ ſagt Fielding,„iſt die, daß Du zwiſchen gewiſſen Charak⸗ teren unſerer Erzählung keine allzu nahe Aehnlichkeit auf⸗ ſuchen ſollſt, wie z. B. zwiſchen der Wirthin, welche im ſiebenten, und der, welche im neunten Buche auftritt. Du mußt nämlich wiſſen, Freund, daß es gewiſſe Charakter⸗ merkmale gibt, worin die meiſten Individuen jedes Standes und Berufes übereinſtimmen. Dieſe Merkmale beizubehal⸗ ten und zu gleicher Zeit deren Wirkungen zu vervielfachen — das bildet eines der Talente eines guten Schriſtſtellers: ein zweites zeigt ſich darin, daß er den feinen Unterſchied zwiſchen zwei Perſonen, welche von gleichen Laſtern oder Thorheiten getrieben werden, ſcharf bezeichnet, und gleich wie dieſes letztere Talent bei ſehr wenigen Autoren anzu⸗ treffen iſt, ſo wird auch die ächte Auffaſſungsgabe hiefür bei ſehr wenigen Leſern gefunden, obwohl ich glaube, daß das Verfolgen jener Eigenſchaft für ſolche, die zu dieſer Ent⸗ deckung befähigt ſind, eines der Hauptvergnügen ausmacht.“ Nun möchte ich bei vorliegendem Werke den Leſer be⸗ ſonders vor der Vermuthung warnen, als ob Doktor Gamble's und Zachary Hargrave's Charaktere einander zu ähnlich ſeyen, als daß ſie in einem und demſelben Buche vorkommen dürften. Sie waren in Wirklichkeit weit von einander ver⸗ ſchieden, denn man trifft in der Naturgeſchichte des Schurken eine eben ſo große Mannigfaltigkeit wie in der des Katzen⸗, des Habichts⸗, des Schlangen⸗ oder irgend eines andern 285⁵ Thiergeſchlechtes. Hargrave war ein kaltblütiges Gewürm, eine Natter, welche ſachte durch das Gras kroch, während Doktor Gamble weit mehr von einem Inſekt an ſich hatte. Er flatterte eben ſo gut wie er ſtach: locker in ſeiner Moral, verſchwenderiſch in ſeinen Gewohnheiten, ſtets geldbedürftig, von Charakter kühn, begierig nach Abenteuern und unbe⸗ kümmert um die Folgen, war er ganz dazu gemacht, ſeinen Zöglingen zum Beiſpiel und Führer auf jeder Bahn, die er einſchlagen mochte, nur nicht auf der der Tugend zu dienen. Die Gewohnheit hatte ihn ſehr gleichgültig gegen den äu⸗ ßeren Schein gemacht; aber die Nothwendigkeit hatte ihn nach ſeiner Engagirung als Sir Theodor Broughton's Hof⸗ meiſter gelehrt, den ſtrengen Weiſungen ſeines Vormünders nachzukommen, um die Rolle des rauhen herrſchſüchtigen Pädagogen zu ſpielen. Von Zeit zu Zeit war er allerdings, wie wir oben geſehen haben, entwiſcht, um ſich einem Leben, das beſſer zu ſeinem Geſchmacke paßte, zu überlaſſen; ſonſt hätte er die Rolle, die er zu ſpielen genöthigt war, nicht aufrecht erhalten können, und ſo gereichte es ihm zu unend⸗ lichem Troſt und Entzücken, als ihm Kapitän Donovan nach der Rückkehr von ſeinem letzten müſſiggängeriſchen Aus⸗ fluge ankündigte, daß es jetzt hohe Zeit ſey, Sir Theodor die Zügel zu übergeben und ihn die Welt mit ihren Freuden verkoſten zu laſſen. Donovan war allerdings vorſichtig in ſeiner Sprache und zeigte ſich gegen ihn nicht einmal ſo offen wie gegen Hargrave, denn er wußte wohl, daß ihn Dokter Gamble ſchneller begreifen würde; ſo brach der würdige Hofmeiſter 286 auf, um ſeinen Zögling in London zu treffen, und es war ihm dabei ſo ziemlich zu Muthe wie einem Schulknaben, der ſich eben von ſeiner Arbeit los gemacht hat, und ſich der Erlaubniß freut, in voller Freiheit ſpielen und jedes Unheil, das ſich ihm darbietet, ausführen zu dürfen. Die Veränderung, die er an Sir Theodor ſelbſt be⸗ merkte, überraſchte ihn allerdings nicht wenig, und wollte ihm anfangs gar nicht gefallen, denn er hatte darauf ge⸗ rechnet, daß er bedeutenden Einfluß auf den jungen Baronet behalten würde. Aber er erkannte alsbald, daß er ſeine Gewalt auf ganz anderer Grundlage, als ſie früher zwiſchen Lehrer und Schüler beſtanden, aufrichten müſſe, und änderte ſeinen Operationsplan, wie der Leſer ſchon oben geſehen, mit wunderbarer Geſchwindigkeit. Aber um ihn zu leiten, bedurfte er noch fernerer Unterweiſung— einer Erklärung über das ſeither Vorgefallene, und wenn er auch trotz des ernſtlichſten Verſuches aus Hargrave nicht alle Thatſachen herausbringen konnte, ſo erlangte er doch noch vor Bett⸗ gehen ſo viel Einſicht in die einzelnen Ereigniſſe, daß er bei ſeiner ſchlauen Combinationsgabe bald im Stande war, ein Netz daraus zu flechten, worin er durch Geſpräche mit dem jungen Baronet ſelber die Wahrheit endlich doch einzu⸗ fangen verhoffte. Uebergehen wir alle anderen Vorfälle jener Nacht, da ſie ohnehin nicht von Bedeutung waren, denn bei allen ge⸗ wöhnlichen Veranlaſſungen gehen die Menſchen zu Bett und ſchlafen alle ſo ziemlich in derſelben Weiſe. Auch hier leg⸗ ten ſte den Kopf aufs Kiſſen, der träumeriſche Gott kehrte 287 früher oder ſpäter bei allen ein, und noch vor ein Uhr haͤtte die Konigin Mab durch Oberſt Lutwichs ganzes Haus rei⸗ ten können. Deer Zufall wollte, daß das für Sir Theodor Brough⸗ ton beſtimmte Schlafgemach Oberſt Lutwichs Zimmer zu⸗ nächſt lag, und daß das Landhaus ſehr dünne Wände hatte. Der junge Gentleman begab ſich zuerſt zur Ruhe, denn der Wirth hatte noch Haushaltungsangelegenheiten zu beſorgen. In einem kleinen Parterrezimmer, das von Außen keine ſichtbaren Fenſter hatte, obwohl das Licht irgendwoher— vielleicht durch eine ſehr dünne mit einer Auſſchrift verſehene Marmorplatte Zutritt fand— und wo auch keine Thüre zu entdecken war, obwohl Oberſt Lutwich— vielleicht durch das Wegſchieben der Rückwand einer großen altmodiſchen Kommode, welche dem Auge nichts weiter als den Anblick von Vogelflinten und Fiſcherruthen darbot— Eingang er⸗ halten hatte— in dieſem Zimmer war der Hausherr eine volle halbe Stunde mit Geldzählen und dem Sortiren von allerhand merkwürdigen Ausrüſtungsartikeln beſchäftigt, worunter beſonders ein großer weißer Reitermantel auffiel, der allenthalben ſo dick wattirt war, daß er von ſelber ſtehen konnte. Nachdem er dies Alles abgemacht und noch einige Worte mit ſeinem Reitknecht Hal geſprochen hatte, zog ſich der Oberſt in ſein Schlafzimmer zurück, wo er noch drei Viertelſtunden mit der Pflege ſeiner Perſon zubrachte und ſich dann zu Bette verfügte. Während er ſich auskleidete und nachdem er ſich niedergelegt hatte, konnte er hören, wie ſich Sir Theodor anſcheinend auf ruheloſem Lager umher⸗ wälzte, und Lutwich ſagte zu ſich ſelbſt: „Er denkt an Käthchen Malcolm— ich wundere mich* nicht darüber.“ Faſt ſcheint es jedoch, daß er gleichfalls an ſie dachte, denn einen Augenblick ſpäter murmelte er:„er ſoll ſie nicht haben, beim—!“ und ſo wachte Lutwich ſowohl wie Sir Theodor Broughton wohl über eine Stunde. Worin liegt nur der eigenthümliche Zauber mancher Weiber, wodurch ſie in einem Augenblicke Männer der ver⸗ ſchiedenſten Charaktere— wenn ihr Herz nicht anders durch frühere Leidenſchaft verpanzert oder durch den kalten Schild des Egoismus geſchützt iſt— in ihr Netz locken? Ich habe. es erlebt, daß Alt und Jung, der blaſirte Weltmann, der ſtolze Geldbroze, der hochmüthige Adelsnarr wie der un⸗ erfahrene Knabe gleich ſehr entzuckt waren: die bloße Schön⸗ heit konnte es nicht ſeyn, denn es gab noch andere vielleicht ſchönere Weſen; auch nicht ihr Geiſt, denn ſie war ruhig und zurückhaltend— noch weniger die Koketterie, denn ſie war die Einfachheit ſelber. War es vielleicht nicht gerade dieſe Einfalt, jene leichte ruhige unaffektirte Anmuth, die erſte aller Grazien— unbewußte Einfalt? Bei Katharina Malcolm war dies vielleicht der Fall, und ſo viel iſt jeden⸗ ¹ falls gewiß, daß das kleine Landhaus zwei Herzen beher⸗ bergte, welche ſie liebten. Endlich ſchlief Lutwich ein, und das erſte Ding, woran er erwachte, war eine Stimme im Nebenzimmer. Er hörte zwar nicht was ſie ſprach, denn er war oft bis ſpäͤt in die — 289 Nacht auf und pflegte lange in den Morgen hinein zu ſchlafen; aber er war doch wach genug, um ſich die Antwort zu mer⸗ ken, welche von Sir Theodor's Stimme herzurühren ſchien. „Gut genug, Doktor,“ ſagte der Jüngling;„ich pflege nicht mehr ſo gut wie ſonſt zu ſchlafen.“ „Das glaub' ich wohl,“ erwiederte Dotor Gamble in bedeutungsvollem Tone. „Warum denn aber nicht?“ fragte der junge Baronet, und fuhr dann einen Augenblick ſpäter fort;„warum ſeht Ihr mich ſo pfiffig an?“ „Weil ich leicht begreifen kann, daß manche von den Scenen der großen Welt Euch Gedanken eingegeben haben, welche den Schlaf wohl verſcheuchen können,“ verſetzte der Hofmeiſter;„dieſe Erde iſt für die Jugend voll von anre⸗ genden Scenen— ach daß die Zeit zu ihrem Genuß ſo bald vorübergeht!— z. B. die Liebe, mein junger Freund; das iſt ein ſtarker Zauber, der den Schlummer verſcheucht.“ Sir Theodor ſchwieg, denn wenn er ſich auch halb und halb entſchloſſen hatte, ſeinem alten Hofmeiſter Alles zu erzählen und bei ihm Hülfe zu ſuchen, um weiß nicht was zu thun— ſo zogerte er doch noch immer und Doktor Gamble fuhr fort: „Kommt, kommt, mein junger Freund, erinnert Euch doch unſerer neuen Uebereinkunft. Sprecht Euch aus vor einem Freunde, der Euch mit Freuden zu Dienſten ſteht, und das nächſte Buch, das wir zuſammen leſen wollen, ſoll Ovids Kunſt zu lieben ſeyn.“ James. Th. Broughton. 19 290 „In wen ſollte ich mich nur in fünf bis ſechs Tagen verlieben?“ wollte Sir Theodor lachend ausweichen. „Was meint Ihr von dem hübſchen Mädchen im ſchwar⸗ zen Ochſen zu Dunſtable?“ fragte der Hofmeiſter. Einen Augenblick nach dieſem Erguſſe Doktor Gamble's herrſchte Todtenſtille im Zimmer und dann hörte man den jungen Baronet faſt in ſtrengem Tone fragen: „Wie viel hat jener Schuft Hargrave Euch anver⸗ traut?— ich will es wiſſen—“ „Ei, m ir hat er nicht viel verrathen,“ behauptete der Hofmeiſter, indem er auf die erſten Worte ſtarken Nachdruck legte;„er erzählte mir blos, Ihr hättet Euch ſehr in eine junge Dame vergafſt, welche Ihr zu Dunſtable geſehen und deren Vater in Folge des Brandes dort geſtorben ſey— das iſt Alles, was er ſagte. Da ich aber ſah, daß Ihr of⸗ fenbar unruhig und nachdenklich waret und da ich mich recht wohl auf ſolche Zeichen verſtehe, ſo beſchloß ich, zuerſt mit Euch von der Sache zu reden, damit Ihr Euch nicht ſcheuen möchtet, Rath und Hülfe bei mir zu ſuchen. Weil wir aber gerade daran ſind, ſo laßt Euch warnen, daß Ihr dieſem Manne Hargrave nicht wieder Euer Vertrauen ſchenket, denn erſtlich iſt er unfähig, Euch unter ſolchen Umſtänden zu rathen, und dann würde er Euch an einen Anderen verra⸗ then, dem Ihr vielleicht nicht alle Eure Geheimniſſe anver⸗ traut ſehen möchtet.“ „Unfähig mir zu rathen— ja!“ entgegnete Sir Theodor,„und verrathen wird er mich auch ohne Zweifel, denn das hat er ſcheint's ſchon gethan.“ 291 „Pah, pahl ſprecht nicht ſo traurig,“ ermahnte Doktor Gamble in fröhlichem Tone;„Ihr ſcheint dieſe kleine Affaire als das ernſthafteſte Ereigniß Eures Lebens zu be⸗ trachten. Ei, ſo werdet doch nicht gleich zornig. Ich möchte behaupten, Ihr ſeyd tüchtig verliebt, und das iſt nur um ſo beſſer. Wir wollen die junge Dame ſchon auffinden und ſehen, was ſich machen läßt.“ „Ich ſehe nicht, was da geſchehen könnte,“ meinte Sir Theodor durch des Doktors Weiſe nicht wenig aufgeheitert; „nach dem Rathe jenes Schurken habe ich ſie ſchwer belei⸗ digt.“ „Ihr hättet beſſer gethan, ſtatt dem Urtheile eines nie⸗ drig erzogenen Menſchen wie dieſer Hargrave, lieber Eurem eigenen Kopfe zu folgen,“ erklärte Doktor Gamble.„Doch laßt mich Alles hören. Sch will es auf mich nehmen, die Sache in Ordnung zu bringen.“ Es koſtete den jungen Baronet einige Ueberwindung, ſeine eigene Geſchichte zu erzählen; ſobald er jedoch ange⸗ fangen hatte, ſchilderte Sir Theodor alle Vorfälle bis in die geringſten Einzelnheiten, und ſchloß mit dem Berichte dar⸗ über, wie Reginald Lisle und Major Brandrum nach ihrem Benehmen am heutigen Tage zu ſchließen die Sache aufge⸗ nommen hätten. „Das ſind ein paar Naſeweis,“ rief Doktor Gamble lachend:„wir müſſen ſie ſo bald wie möglich los werden. Als ob ſich ein junger Mann wie Ihr nicht in ein hübſches Mädchen verlieben und ihr auf dem Gange ein paar artige Worte ſagen dürfte, ohne ihre hohe Entrüſtung zu erregen. 49* 292 Hargrave's Plan war allerdings ſehr plump und wir hätten die Sache ganz anders angegriffen, wenn ich bei Euch ge⸗ weſen wäre. Wir hätten uns mit dem Vater befreundet u. ſ. w. — jetzt aber müſſen wir überlegen, was zu thun iſt.“ „Wir werden keine Gelegenheit haben noch Vieles zu thun,“ erwiederte Sir Theodor in muthloſem Tone:„ſie ſteht unter der Obhut der Lady Chevenixr, welche ſie, wie Hargrave mir erzählte, nach dem Hauſe eines gewiſſen Sir Harry Jarvis nicht weit von Barnet mitgenommen hat. Dann ſoll ſie dieſem Major Brandrum, ihrem nunmehrigen Adoptivvater, übergeben und bei Lisle's Mutter— falls dieſe ſie aufnehmen will— untergebracht werden. Letzteres habe ich mit eigenen Ohren gehört.“ „Ho, ho!“ meinte Doktor Gamble nachdenklich,„das ſcheint ja ein wahres goldenes Vließ, daß ſo viele Drachen es bewachen.“ „Sie iſt ſehr ſchon,“ erwiederte Sir Theodor. „Dann müſſen wir die Drachen einlullen, mein junger Jaſon,“ gab der Hofmeiſter zur Antwort. „Aber wie?“ rief ſein Zögling ungeduldig:„was iſt zu thun?— ich kann es nicht abſehen.“ „Sie entführen,“ ſagte ſein trefflicher und tugend⸗ hafter Hofmeiſter und dann ſchwiegen ſie abermals einige Minuten. Endlich hörte man Sir Theodor im Tone des Zwei⸗ fels und der Unſicherheit antworten: „Würde das nicht zur Folge haben, daß ich ſie noch tiefer als ich bereits gethan, beleidigte?“ 293 „Pah,“ rief Doktor Gamble,„die Weiber werden durch ein Bischen glühende Liebe nicht beleidigt. Ich will Euch auf alle Fälle Zeit und Gelegenheit verſchaffen, und ich denke, der kleine Gott wird Euch ſchon lehren, wie Ihr beide benützen müßt, um endlich ihre Gunſt zu gewinnen. Ueberdies können wir's ſo einrichten, daß die Handlung, wodurch Ihr ſie zu beleidigen fürchtet, für Euch zu einer Gelegenheit wird, die Euch ihre Achtung und Dank⸗ barkeit erobert, und das iſt bei jedem jungen Mädchen ein ſehr großer Schritt. Ihr dürft bei der Affaire gar nicht zum Vorſchein kommen— ich eben ſo wenig und aus demſel⸗ ben Grunde— oder vielmehr Ihr ſollt blos als ihr Befreier auftreten und ich will dabei Euer demüthiger Helfer— der Sancho Panſa des irrenden Ritters ſeyn. So können wir ſie ganz gut zwei bis drei Tage unter unſerem achtungs⸗ werthen Schutze behalten, bis wir ſie wieder ihren Freunden übergeben, und wenn Ihr ſie mittlerweile nicht überreden könnt, daß ſie ganz bei Euch bleibt, ſo wird es nur Euer eigener Fehler ſeyn. Ho, laßt nur einen jungen Mann mit einem Mädchen, das ſich ihm zu Danke verpflichtet glaubt, drei volle Tage allein, und wenn Ihr es nicht dahin bringt, daß ſie Alles thut, was er will, ſo muß ſeine Liebe oder Beredſamkeit ſehr kalt ſeyn.“ „Der Schurke!“ murmelte Lutwich vor ſich hin. „Wir werden wohl Hargrave bei der Affaire theilweiſe verwenden müſſen,“ fuhr Doktor Gamble fort,„aber wir brauchen noch Andere zur Beihülfe. Ei, nun ſeht Ihr doch heiterer aus— ſo laßt uns denn nach London ziehen, wo es 294 Leute in Fülle gibt, die um eine Guinee und eine Flaſche Wein Alles thun, was man verlangt. Die Anordnungen könnt Ihr mir ganz überlaſſen: Ihr ſollt gar nichts davon erfahren; nur die Nebenumſtände müſſen wir noch beſpre⸗ chen, damit ich Alles, was nöthig iſt, erfahre. Wo wohnt dieſer Sir Harry Jarvis? Wie heißt ſein Gut? Ich muß erſt die Wege rekognosciren.“ „Die ſollen ſchon für Euch rekognosecirt werden,“ mur⸗ melte Lutwich ſo laut, daß er dadurch die Aufmerkſamkeit des bewunderungswürdigen Hofmeiſters enate, obwohl er die Worte nicht unterſcheiden konnte. „Wer ſchläft da drüben?“ fragte er. „Ich weiß es nicht“ gab Sir Theodor zur Antwort; „wer er aber auch iſt— ich habe ihn heute Nacht ſehr lange ſich bewegen hören.“ „Laßt uns leiſe reden,“ ſagte der Hofmeiſter Es war zu ſpät, Doktor Gamble! Euer Komplott war im Beſitze eines Mannes, der den Schlüſſel nicht ſo leicht verlieren wird. Zwanzigſtes Kapitel. Ich muß nun zu einer früheren Periode zurückkehren, um die zwei abgeriſſenen Enden in der Geſchichte der Che⸗ venir'ſchen Familie zu verknüpfen und darüber Rechenſchaft zu geben, was in dem Zeitraum zwiſchen dem Augenblick, da Reginald Lisle Marien mit ihrer Mutter in der Nähe 295⁵ von Dunsmoor verließ, und dem ihres Wiedererſcheinens im ſchwarzen Ochſen zu Dunſtable vorgefallen war. Mary Chevenix hatte ihren Vater voll der kühnſten Entſchlüſſe erwartet, denn ſie wollte ihm über Reginald Lisle Alles und Jedes mittheilen, nur hie und da einen Blick oder eine Betonung ausgenommen, welche ſie, wie ſie wohl wußte, nicht beſchreiben konnte. Ihm, dachte ſie, konnte ſie recht wohl Alles ſagen, was Reginald gethan und geſagt— wie er ſie ſo tapfer befreit— wie ſehr er dadurch gelitten— wie bezaubernd er ſich in ſeiner Unterhaltung, wie einnehmend in ſeinem Weſen gezeigt hatte. Noch nie in ihrem Leben hatte ſie ein Geheimniß vor ihrem Vater gehabt: Sir Charles' offener Freimuth und ſeine große Zärtlichkeit für ſie hatten gemacht, daß ſie ihn ſeit ihren früheſten Tagen, da ſie noch auf ſeinen Knieen geſpielt, bis zur Stnnde, da er neulich in Geſchäften nach London abgereist war, jeden Gedanken mitgetheilt hatte, und ſie meinte, ſie brauche ſich nicht im Geringſten zu ſcheuen, wenn er auch Alles ſehe, was in ihrem Herzen vorgehe. Kurz— Mary Chevenix war ſehr kühn in ihren Ent⸗ ſchlüſſen geweſen. Die Ausführung war aber wieder ein ganz ander Ding. Als ihr Mädchen ihr meldete, daß ihr Vater plötzlich zwei Tage früher als man ihn erwartet, angelangt ſey, wurde Mary doch etwas beklommen, und als ſie herab⸗ kam und ihre Mutter bei Erzählung der Geſchichte— na⸗ türlich nach ihrer Weiſe— in vollem Zuge fand, konnte Mary freilich nur wenig ſagen. So beſchloß ſie, eine Ge⸗ legenheit abzuwarten. Das war ſchon ein ſchlimmes 296 Zeichen, denn Niemand braucht auf eine Gelegenheit zu warten, wenn er nicht fühlt, daß er für Das, was er vor hat, einiger Gunſt bedarf. Ich habe oben geſagt, Lady Chevenix habe in ihrer Weiſe erzählt; doch darf ich der vortrefflichen Dame nicht Unrecht thun, denn ſie war nicht ungerecht gegen Reginald Lisle, wenn ſie es gleich gegen den Straßenräuber war. Letzteren ſchilderte ſie als einen rohen ſchrecklich ausſe⸗ henden Menſchen, während er in der That gerade das Ge⸗ gentheil davon war; von dem Gentleman, der ihnen zu Hülfe kam, ſprach ſie dagegen als von einem ſehr hübſchen diſtinguirten Manne, fein und anmuthig in ſeinen Manieren und ſehr amüſant in ſeiner Unterhaltung. „Mary glaubte und ſo glaubte auch ich,“ fuhr Lady Chevenir fort,„daß wir, da er ſein ſchönes Pferd verloren und in unſerem Dienſte eine ſchwere Verletzung davon ge⸗ tragen hatte, nicht weniger thun könnten, als ihn als Gaſt bei uns aufnehmen und dafür ſorgen, daß ſeine Quetſchung ſo gut wie möglich gepflegt wurde.“ „Ei ganz gewiß, ganz natürlich!“ rief Sir Charles eifrig;„ich hätte Dir nicht leicht vergeben, wenn Du es nicht gethan hätteſt, meine Liebe.“ 1 „Ich bin herzlich froh, Charles, daß Du damit zufrie⸗ den biſt,“ erwiederte ſein Weib,„denn als wir die Entdeckung machten, die uns ſpäter bevorſtand, ärgerte ich mich über mich ſelbſt, daß ii ihn überhaupt in unſer Haus gebeten hatte.“ „Eine Entdeckung,“ rief Sir Charles.„Ei, wer 297 Teufels war er denn— ein Kaufmannsdiener oder ein Fa⸗ brikreiſender?“ „Ach nein,“ gab die Dame zur Antwort;„kein Ande⸗ rer als Kapitän Lisle— Dein alter Feind, der Dich vor ſieben Jahren ſo ſchwer verwundete; ich muß ſagen, ich war höch⸗ lich überraſcht und gekränkt, als ich fand, daß wir von einer ſolchen Perſon irgend einen Dienſt empfangen hatten.“ „Pah, pah!“ rief Sir Charles Chevenix,„Lisle iſt ein prächtiger Junge— eine der Zierden unſerer Armee— tapfer und ritterlich, fein gebildet, menſchlich und groß⸗ müthig. Sein Name iſt in Jedermanns Munde, wer ir⸗ gend in Kanada und Amerika gedient hat. Was vollends die Geſchichte zwiſchen mir und ihm betrifft, ſo habe ich Dir ſchon ein Dutzendmal geſagt, meine Liebe, daß der Fehler auf ſeiner Seite ſehr gering war. Ich hatte ihm mit meinen thörichten Scherzen zu hart zugeſetzt, während ſchon viele Andere hinter ihm her waren: er zeigte ſich vielleicht etwas ungeſtüm, aber ich war jedenfalls weit mehr im Unrecht als er.“ „Er gibt übrigens zu, daß er gefehlt habe,“ bemerkte Lady Chevenixr. „Um ſo großmüthiger von ihm,“ rief Sir Charles. Marien's kleines Herz pochte vor Jubel, wie der Le⸗ ſer ſich wohl denken kann. „Ich hoffe,“ fuhr ihr Vater fort,„Du haſt ihn nicht mit Kälte behandelt, nachdem Du die wichtige Entdeckung gemacht hatteſt, Louiſa?“ Mary ſchlug die Augen auf den Teppich nieder, denn 298 ſte war in Verlegenheit für ihre Mutter; Lady Chevenix gab jedoch zur Antwort. „Wir erfuhren die Sache erſt wenige Minuten vor ſeiner Abreiſe, ſo daß mir ſehr wenig Zeit übrig blieb, Kälte oder etwas Aehnliches zu zeigen; doch will ich nicht laͤugnen, daß ich gegen einen Mann, der meinen Gatten beinahe getöͤdtet hätte, nicht ebenſo empfinden oder mich alſo ſtellen konnte, wie ich gegen ihn geweſen wäre, wenn er dies nicht gethan hätte.“) „Louiſa! Louiſa!“ rief ihr Gatte mit ſehr zornigem Blick,„wirſt Du denn nie dieſe Vorurtheile ablegen? Bei meinem Leben!“ fuhr er leiſe vor ſich hinmurmelnd fort, „hat ſich ein Weib einmal Etwas in den Kopf geſetzt, ſo bringt man's nicht wieder heraus; beſonders wenn ihre Rachſucht in's Spiel kommt. Bedenke nur, mein liebes Weib, wenn Du nach Allem, was ich geſagt habe, einen jungen ſo ausgezeichneten Offtzier, der mit Gefahr ſeines eigenen Lebens und mit ernſtlichem Schaden für ſich ſelbſt Dir einen ſo wichtigen Dienſt leiſtete, nur deßhalb kalt und unfreundlich behandeln konnteſt, weil er ſich noch als bloßer Knabe gegen Deinen Gemahl wie ein braver Junge und Mann von Ehre benommen, ſo hätteſt Du mich nicht tiefer kränken können.— Ich muß Lisle nothwendig in London aufſuchen, um die Sache irgendwie wieder gut zu machen.“ Lady Chevenir ſah ſehr beleidigt aus, fühlte aber darum nicht wärmer für Reginald Lisle, weil ihr Gatte ihr Benehmen getadelt hatte, und Mary, welche ihre Mutter 299 wohl kannte, empfand recht wohl den Eindruck, welchen dies zurückgelaſſen und daß es Monate bedürfen würde, um ihn wieder zu verwiſchen. Sie ging daher ſehr gerne zu an⸗ deren Gegenſtänden über, und wollte mit ihrem Vater lieber von allem Andern nur nicht von dem Gegenſtande ſprechen, den ſie unter anderen Umſtänden ſo gerne mit ihm verhandelt hätte. Ueberdies fürchtete ſte, Sir Charles möchte eine ge⸗ nauere und unpartheiiſche Schilderung deſſen, was nach der Nennung von Reginald Lisle's Namen vorgefallen, von ihr verlangen, und dem ſuchte ſie um ihrer Mutter willen auszuweichen. Sir Charles war allerdings, ſobald man ihn kannte— und ſein Charakter war ſehr leicht zu verſte⸗ hen— außerordentlich leicht zu behandeln; aber es gibt Leute, welche bei Allem, was ſie thun, von Vorurtheilen ausgehen, und darunter gehörte Lady Chevenix.— So kam es, daß ſie mit einem Gatten, der ſie faſt bis zur Ab⸗ götterei liebte, faſt zwanzig Jahre lebte, ohne ihn im Ge⸗ ringſten zu verſtehen, ſo daß ſie ihm fortwährend Schmerz bereitete, während ſie ihm Freude zu machen dachte. Mary hatte ſehr wenig von Dem, was die Franzoſen ruse nennen, an ſich; doch ſuchte ſte diesmal dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, indem ſie mit weit mehr Neugierde als ſie wirklich empfand, fragte, was wohl ihren Vater vor der feſtgeſetzten Zeit zurückgebracht habe. „Nicht weil ich mein Geſchäft beendigt habe, mein theures kleines Mädchen,“ erklärte Sir Charles,„ſondern weil ich es gar nicht beendigen konnte. Ich finde nämlich, 300 daß es noch weitere zwei Wochen wegnimmt, meine Liebe, und da in den nächſten drei bis vier Tagen nichts darin vorzunehmen war, ſo eilte ich geſchwind zu Jarvis nach Barnet, ſagte ihm, ich wollte Euch alle auf Eurem Wege nach der Stadt auf ein paar Tage zu ihm bringen und kam dann her, um Euch zu holen.“ „O das iſt köſtlich!“ rief Mary.„Wann werden wir gehen, Papa?“ 3 „Sobald wie möglich,“ erwiederte Sir Charles; gleich morgen, wenn Ihr fertig werden könnet.“ Warum kam wohl Marien der Beſuch ſo köſtlich vor? Mit welchem geheimen Ideen⸗ oder Gefühlsgange ſtand das Vergnügen in Verbindung, das ſie ſich von einem Orte verſprach, den ſie nie ſonderlich geliebt hatte? War es, weil Reginald Lisle gleichfalls nach London ging und weil ihr Vater gedroht hatte, ihn dort ausfindig zu machen? Nun wenn es auch war— das hatte nicht viel zu ſa⸗ gen.„Wenn einer die Hälfte der Häuſer niederreißen— wenn er den Kohlenrauch entfernen— die eine Hälfte des gewonnenen Raumes mit Bäumen, Spaziergängen mit Gebüſchen und ſchönen Raſen bepflanzen— wenn er alle Leute gut und ehrlich machen und immer ein Stück Himmel ſehen laſſen— wenn er verhindern könnte, daß Buben, Weiber und Männer nicht fortwährend alte Kleider, Ma⸗ krelen, Butterſemmeln und Stühle zum Ausbeſſern ausrie⸗ fen— wenn einer der zweiten Ausgabe des Abendkouriers und dem Cigarrenrauchen ein Ende machen könnte— würde London dann nicht ein ganz koſtharer Ort werden? Verlaß 301 Dich drauf, geliebter Leſer— die Liebe oder vielmehr die Geſellſchaft des oder der Geliebten vermag das Alles und noch weit mehr. Lady Chevenix war ebenſo bereitwillig zur Abreiſe wie ihre Tochter. Sie hatte die Ulmen und Eichen, die Straßen⸗ räuber und die Flannelunterröcke für die Taglöhnerskinder herzlich ſatt. Auch war der alte Sir Harry Jarvis ſehr gut bei ihr angeſchrieben, und darum fügte ſie ſich gerne dem Plane ihres Gatten, was im häuslichen Leben ein ſehr ſel⸗ tener Fall iſt. Es wurde ausgemacht, daß ihre eigenen vier fetten Pferde ſie nach London führen ſollten; die männ⸗ liche Dienerſchaft wurde ſorgfältig mit gehöriger Berück⸗ ſichtigung des Gewichts ausgeleſen, während die Mädchen — gerade als ob ſie Paſſagiere erſter Klaſſe auf einer Ei⸗ ſenbahn geweſen wären— ſo viel Fracht als ſie wollten, mit ſich nehmen durften. Das einzige Abenteuer, das der Geſellſchaft, wie der Leſer weiß, auf ihrem Wege nach Barnet zuſtieß, war hin⸗ reichend, um ihnen für längere Zeit die Luſt dazu zu be⸗ nehmen; doch war Mary Chevenix mit dem Brande nicht ganz zufrieden, weil er ihr Reginald Lisle blos vor die Au⸗ gen geführt hatte, ohne daß ſie mit ihm reden konnte. Sie ſah ihn allerdings von der Apotheke aus mit ihrem Vater ſprechen und bemerkte zu ihrem großen Troſte, wie Beide ſich freundlich die Hände ſchüttelten, obgleich ſie die Welt darum gegeben hätte, wenn ſie ihr Geſpräch hätte mit an⸗ hören können. Aber ſie ſollte nicht eher etwas davon er⸗ fahren, bis ſte Sir Harry Jarvis' Wohnung erreicht hatten, 3⁰²⁸ und Mary war auch unterwegs vollauf damit heſchäftigt, daß ſie das arme Käthchen Malcolm zu tröſten ſuchte. Mit ſeiner gewohnten Güte und Freigebigkeit hatte Sir Charles vor ſeinem Aufbruche aus Dunſtable die nö⸗ thigen Befehle zur Beſtattung des armen Offtziers ertheilt, und ich brauche blos noch zu ſagen, daß von Käthchens neuen Freunden nichts verſäumt wurde, was ſie in ihrem unverdienten Unglück irgend aufrichten konnte. Lady Che⸗ venix war bei all ihren kleinen Fehlern eine wahrhaft gut⸗ herzige Dame, und Mary wie ihr Vater waren, wie der Leſer weiß, jederzeit bereit, Alles aufzubieten, was ein menſchliches Weſen zum Troſte der Betrübten thun konnte. Sobald Oberſt Lutwich's kurzer Beſuch vorüber war, verließ Mary die Geſellſchaft im Salon, um das arme Käthchen heimzuſuchen. Wir alle wiſſen, welch offenher⸗ zige Geſchöpfe ſo junge Mädchen ſind, und die Beiden ſaßen auch bald wie Schweſtern beiſammen; aber während der ganzen Zeit wurde die Gelegenheit, wo Mary ſich gelobt hatte, mit ihrem Vater über Reginald Lisle zu reden, wie jede geſuchte Veranlaſſung fortwährend hinausgeſchoben, und der Abend verſtrich, ohne daß ſie ſich dargeboten hätte. So— jetzt habe ich dieſen Theil meiner Geſchichte mit dem übrigen auf gleiche Linie gebracht; da wir uns übrigens ſchon in Sir Harry Jarvis' Hauſe befinden, ſo können wir die Perſonen, die es enthielt, ebenſo gut auch noch ein Stückchen weiter ſpielen laſſen. Der Morgen des folgenden Tages war heiter und glän⸗ zend angebrochen und Mary Chevenix war bei Zeiten auf 303 und angekleidet. Das war ſo ihre Gewohnheit; doch war ſie heute auch ungewöhnlich früh wach geworden. Ein neues Haus, ein neues Bett hat Etwas an ſich, was beſon⸗ ders junge Leute antreibt, frühe aufzuſtehen und ſich ein wenig umzuſehen. So ging ſie denn in den Salon hinab, wobei ſie unterwegs durch das Treppenfenſter in den Park hinausſchaute und einen feinen Rehbock bewunderte, welcher unbewußt des Schickſals, das dem Wildpret drohte, mit aufgerichtetem Haupte die Morgenluft einſchnuffelte. Was ſie auch im Salon erwarten mochte— ſie fand dort ihren Vater mit dem Hut auf dem Kopf, eben im Begriffe auf den Raſen hinauszutreten; ſie rief ihm nach, band ihr Taſchentuch um den Kopf, wie Damen zu thun pflegen, und verließ an ſeinem Arme das Haus. Mary dachte, das gebe eine vortreffliche Gelegenheit, um über Reginald Lisle mit ihm zu reden; aber während ſie ſo dachte, bekam ſie ſolches Herzklopfen, daß ſie überhaupt kein Wort zu ſprechen ver⸗ mochte. Sir Charles brachte jedoch die Sache bald ins Geleiſe, indem er ſelbſt von Reginald anhub. „Ich fürchte, liebe Mary,“ ſagte er,„Deine Mutter iſt nicht ſehr freundlich gegen ihn geweſen.“ „O ja, das war ſie wohl,“ verſetzte Mary,„bis ſie ſeinen Namen erfuhr und da dies erſt fünf Minuten vor ſeinem Abſchiede geſchah, ſo hatte ſie nicht Zeit, ihre frühere Freund⸗ lichkeit ganz zurückzunehmen; überdies,“ fuhr ſie halbla⸗ chend fort, obwohl ihr das Blut in die Wangen ſtieg,„war ich durchaus ſehr freundlich mit ihm, denn ich gewann ihn ſo lieb und wußte ja gewiß, daß Du ſolches gutheißen würdeſt.“ „Ganz gewiß„ verſetzte Sir Charles;„aber gleich⸗ wohl müſſen wir Mittel finden, mein theures Mädchen, ihm unſere Dankbarkeit zu beweiſen und ihn für den Ver⸗ luſt, den er in eurem Dienſte erlitt, zu entſchädigen.“ Mary dachte, ſie wüßte wohl ein ganz gutes Mittel, aber ſie wagte es nicht zu ſagen und ihr Vater fuhr fort: „Ich habe ihn in unſere Stadtwohnung eingeladen, um dort unſere ſchöne junge Freundin, Miß Malcolm, ſei⸗ ner ſicheren Obhut zu übergeben.“ „Seiner Obhut!“ rief Mary, während ihre Wange plötzlich erblaßte;„was hat denn er mit ihr zu ſchaffen?“ „Oho! Fräulein Naſeweis,“ lachte Sir Charles,„das iſt ein Geheimniß, das Du nicht erfahren darfſt.“ „Aber Käthchen ſagte mir doch geſtern Nacht,“ meinte Mary Chevenir,„ein gewiſſer Major Brandrum habe ihrem armen Vater voll Edelmuth verſprochen, ſi ſie an Kindesſtatt anzunehmen.“ „Ja wohl, Mary, bis ſie ſich verheirathet,“ erwiederte ihr Vater;„mittlerweile ſoll ſie bei Lisle's Mutter wohnen, und ſo, ſiehſt Du, iſt Alles ganz bequem eingefädelt; doch glaube ich, ihre Vermählung wird bald ſtattfinden.“ „Doch gewiß nicht mit Kapitän Lisle?“ rief Mary faſt in bitterem Tone. „Warum nicht, meine Liebe?— warum nicht?“ fragte ihr munterer Vater;„ſie iſt ein ausnehmend hübſches Mäͤd⸗ chen und er ein ſehr feiner junger Mann.“ . 305 „Ganz einfach, weil ſie mir ſagte, ſie habe ihn blos zweimal in ihrem Leben geſehen,“ gab Mary zur Antwort. „O Du weißt ja, Mary, daß in kurzer Zeit ſehr viel Unheil geſchehen kann,“ bemerkte Sir Charles boshaft; „Alles, was ich weiß iſt, daß ich ſie die Nacht vor dem Brande auf einem der Gänge des Gaſthofes ſehr vertraulich zuſammen ſprechen ſah, und die erſte Perſon, die ſie nach ihres armen Vaters Tode in die Arme nahm, war unſer junger Freund Lisle; auch ſchien ſie dieſe Arme als ihren natürli⸗ chen Ruheplatz zu betrachten, denn ſeine Bruſt war bald von ihren Thränen befeuchtet.“ Sir Charles ſprach halb im Scherz, halb glaubte er aber auch an das, was er ſagte. Er wußte nicht, wie tödt⸗ lich kalt ſeine leichtſinnigen Worte das Herz ſeiner armen Tochter übergoßen, wußte nicht, daß er den Samen jenes giftigen Unkrauts— Argwohn— in einem Buſen aus⸗ ſtreute, der es bis jetzt noch nie gekannt hatte. War es nur, weil er ſich über ihr Schweigen wunderte, oder daß er ihre Hand auf ſeinem Arme zittern fühlte, oder was ſonſt noch, weiß ich nicht— er drehte ſich alsbald nach ihr um, und ſchaute ihr in's Geſicht. Sie war todtenbleich und ihr Vater rief in großer Angſt: „Was iſt's mit Dir, meine theure Mary, Du ſtehſt ja ganz krank aus?“ „Ich bin nicht ganz wohl,“ gab Mary leiſe zur Ant⸗ wort;„eine plötzliche Sch väche hat mich überfallen; es wäte vielleicht beſſer, wenn ich umkehrte.“ Sir Charles führte ſie mit zärtlicher Beſorgniß nach James. Th. Broughton. 20 306 dem Hauſe, ohne jedoch ein weiteres Wort über den eben verhandelten Gegenſtand zu verlieren, und noch ehe ſie die Thuüre erreichten, war die Röthe auf ſeiner Tochter Wangen zurückgekehrt. „Ich will mich bis zum Frühſtück niederlegen,“ meinte Mary in etwas heitererem Tone.„Es wird mir bald wie⸗ der beſſer ſeyn. Sage nur Mama nichts davon, ſonſt wird ſie ſich ängſtigen, und das iſt in der That unnöthig.“ Sie ließ Sir Charles Chevenix in tiefen Gedanken zurück. „Das muß ich näher unterſuchen,“ murmelte er— „ich muß es unterſuchen. Lisle iſt wohl nicht der Mann, der mit einem Weiberherzen ſein Spiel treibt; aber ich muß näher nachforſchen und einen Entſchluß in der Sache faſſen.“ unterdeſſen gelangte Mary auf ihr Zimmer und fand Erleichterung in einem heftigen Thränenguſſe. Es waren faſt die erſten Thränen, die ſie jemals vergoſſen hatte, denn ihr Leben war ſeither wie ein ſonniger Maitag ohne Wolken verſtrichen. 3 „Nein, nein,“ ſagte ſie, die Thränen ebenſo raſch als ſie kamen, wiedek abwiſchend,„mein Vater muß ſich irren. Reginald iſt kein ſolches Weſen. Ich konnte mich doch unmöglich in ſeinen Worten täuſchen? Nein, o nein— und auch er wollte mich gewiß nicht betrügen: er hätte ja keinen Grund gehabt, und wenn auch, ſo könnte er, bei dem jeder Gedanke nur Ehrenhaftigkeit athmet, unmöglich ein Herz, das ihm vertraut, ſo niedrig behandeln. Nein, nein, mein Vater iſt im Irrthum: wenn er ſie in ſeine Arme nahm, ſo 307 geſchah es aus Mitleid. Ich will mit dem armen Maͤdchen reden; ſie iſt die Einfalt und Aufrichtigkeit ſelber und ich werde im Augenblicke ſehen, welche Gefühle er für ſie und ſie für ihn hegen mag.“ Mit dieſem Entſchluß machte ſich Mary daran, die Thränenſpuren aus ihren Augen zu entfernen, indem ſie dieſe ſo lange wuſch, bis ſie wieder hell und glänzend aus⸗ ſahen. Dann ging ſie nach dem Zimmer, welches Käthchen Malcolm angewieſen worden war; aber dieſe hatte es mitt⸗ lerweile verlaſſen, und als Mary ſie unten auſſuchen wollte, begegnete ſie ihrer Mutter und die Gelegenheit war aber⸗ mals verloren. 83 Einundzwanzigſtes Kapitel. Des Menſchen Tugend und Ehrenhaftigkeit— wie gar gebrechlich ſind ſie oft beſchaffen! Auf Reiſen vollends — wie oft geſchieht es, daß das Schickſal ſie freundlich in den Korb der Umſtände einpackt, der ſie gar häufig vor dem Zerbrechen bewahrte. Zuweilen kommt aber auch das ge⸗ gefährlichſte aller Thiere— ein dienſtfertiger Freund, und ſchneidet dieſen Korb entzwei, ſo daß jene Tugenden alle herausfallen und in Stücke zerſchellen. Dies war bei Sir Theodor Broughton der Fall. Hätte man ihn allein gelaſſen, bis ſeine friſch erregte Leidenſchaft für Käthchen Malcolm verflogen wäre— die Hinderniſſe auf ſeinem Wege, Major Brandrum und Lisle's Benehmen 20* 308 und Beiſpiel ſo wie ſein natürlicher Sinn für das Rechte (ich nenne ihn natürlich, weil er ihm weder eingepflanzt noch angebildet war) hätten wahrſcheinlich wie Bandweiden an dem Korbe gewirkt und ſeine zerbrechliche Tugend vor Beſchädigung bewahrt: ſo aber kam Doktor Gamble, um ihn von jedem Widerſtande oder Hinderniſſe zu befreien, und ſeine Leidenſchaft hatte wieder freien Lauf gewonnen. In dieſem Kapitel ſoll jedoch weder Sir Theodor noch Doktor Gamble auftreten, und der Leſer wird ſich billig verwundern, daß ich ihrer überhaupt erwähne. Nichtsdeſto⸗ weniger hatte ich meine Gründe, denn gar oft haben die Dinge, welche an's Tageslicht treten, weit weniger mit den ſpäteren Reſultaten zu ſchaffen, als jene unſichtbaren Urſachen, welche die ganze Zeit thätig waren. Der Tag, der am Schluſſe des letzten Kapitels eben angebrochen war, ging ſeinem Ende entgegen, ohne daß Mary Gelegenheit fand, auch nur fünf Minuten insgeheim mit Käthchen Malcolm zu reden. Derlei Dinge machen ſich auf die einfachſte Weiſe, und ich könnte ein Dutzend ver⸗ ſchiedener Hinderniſſe aufzählen, wenn es überhaupt der Mühe werth wäre, da ſie ſämmtlich höchſt unbedeutend, aber für ihren Zweck jedenfalls hinreichend waren. Der Morgen des folgenden Tages verſtrich auf ähn⸗ liche Weiſe; gegen Mittag jedoch war ihr Vater nach den Stallungen gegangen, Sir Harry war ſonſt beſchäftigt, Lady Chevenix ſaß eben am Briefſchreiben und Mary ging deßhalb ruhig nach dem kleinen Boudoir, wo ihre ſchöne zunge Freundin ſaß— notabene, damals hieß man es noch 309 nicht Boudoir— und ließ ſich neben ihr nieder. Mary hatte jedoch ebenſo gut etwas zu verheimlichen, als ſie auf Entdeckung ausging, den Zuſtand ihres eigenen Herzens nämlich, während ſie den ihrer ſchönen Freundin ſondiren wollte, und ſo konnte ſie natürlich nicht geradeswegs auf ihr Ziel losgehen. Die Liebe des Weibes iſt wie ein ſchüchterner Haſe, der nach dem Sprichworte immer wieder nach dem urſprüng⸗ lichen Lager zurückkehrt, wenn er auch den Weg doppelt und dreifach zurücklegen muß. So gingen denn fünf Minuten. vorüber, bis ſie ſich zu den entſcheidenden Fragen vorbereitet hatte, als mitten in ihrem Kreislaufe die Thüre aufging und Sir Harry Jarvis mit einem offenen Brief in der Hand eintrat. Als er Mary gewahrte, blieb er ſtehen, näherte ſich dann alsbald mit der ihm eigenen Höoflichkeit und Her⸗ zensgüte, nahm Miß Malcolm, die er heute noch nicht ge⸗ ſehen hatte, bei der Hand, erkundigte ſich nach ihrem Befin⸗ den und ſetzte ſich neben ihr nieder, wie wenn er lange Zeit bei ihr zu verweilen gedächte. Da Maxry nicht glaubte, daß er ein beſonderes Ge⸗ ſchäft haben könne, ſo beſchloß ſie, ſeinen Beſuch abzuwar⸗ ten, ſo lange dieſer auch ausfallen möge; aber zehn Minuten ſpäter kam ein Diener mit der Meldung, ihr Vater wünſche mit ihr ſpazieren zu fahren und ihr Plan war abermals vereitelt. Sie mußte ſich zur Fahrt parat machen, was bei ihrer nachdenklichen Stimmung etwas länger wie gewöhnlich dauerte, und als ſie nach vollendeter Toilette die Treppe 310 herabkam, hörte ſie, wie Sir Harry Jarvis ſeinen Reitknecht mit den Pferden unverzüglich vor's Haus beſtellte. „Ich gehe auf einige Stunden nach London, mein lu⸗ ſtiges Vögelchen,“ ſagte er, eine Anrede gebrauchend, deren er ſich oft bei ſeines Freundes Tochter bediente;„habt Ihr irgend etwas aus der närriſchen Hauptſtadt zu beſtellen?“ Mary hatte jedoch keine Aufträge zu geben und wäh⸗ rend ſich der alte Baronet entfernte, um ſeine Reitſtiefel anzuziehen, begleitete ſie ihren Vater im Wagen nach Bar⸗ net, von wo ſie noch nach dem Hauſe eines mehrere Meilen entfernten Freundes fuhren. Sie blieben faſt bis zum Mittageſſen aus; Mary beeilte ſich jedoch in ihrer Tafeltoilette und ſuchte dann aber⸗ mals ihre junge Freundin auf. Doch Käthchen war weder in dem Zimmer, wo ſie gewöhnlich Morgens ſaß, noch in ihrem Schlafgemach zu finden, und Mary Chevenix zog die Glocke, um ſich nach ihr zu erkundigen. Der Mundſchenk benachrichtigte ſie auf ihre Fragen, daß Miß Malcolm etwa vor zwei Stunden in einer von London gekommenen Poſt⸗ chaiſe abgefahren ſey. „Es war ein Diener in Livree dabei, Madame, der ihr ein Billet brachte,“ fügte der Mann hinzu,„worauf ſie ſich ſogleich ankleidete und fortfuhr.“ Mary war— ohne zu wiſſen warum— nicht wenig überraſcht und bewegt; doch that ſie, was in ihrer Lage vielleicht das Beſte war: ſie ging zu ihrer Mutter und er⸗ zählte ihr, was vorgefallen war. Lady Chevenix war eben im Ankleiden begriffen. 2 4 8311 „Iſt ſie noch nicht zurückgekommen?“ fragte dieſe ohne die geringſte Verwunderung.„Sie wird mit Sir Harry heimkehren, meine Tochter. Sie kam und ſagte mir, ſie ſey von London aus geholt worden, und ich ſchließe daraus, daß er nach ihr ſchickte, da ſie mir ſagte, er ſey in ſeiner Freundlichkeit in die Stadt gegangen, um ſich bei ſeinem Agenten nach verſchiedenen Angelegenheiten ihres Vaters zu erkundigen. Er iſt gewiß einer der beſten und freundlich⸗ ſten alten Männer auf der ganzen Welt.“ Dieſe Antwort beruhigte Mary Chevenir auf zwei und eine halbe Minute— aber nicht länger, denn während ſie die Treppe herabging, nachdem ſie ihre Handſchuhe im eige⸗ nen Zimmer geſucht hatte, ſah ſie Sir Harry Jarvis eben vom Pferde ſteigen und offenbar im Begriffe, ſich in großer Haſt anzukleiden.. „Nur zehn Minuten, mein Vögelchen,“ rief er,„nur zehn Minuten, um mich zu waſchen, zu pudern, und meine ſtaubigen Kleider gegen ſaubere zu vertauſchen; ich will ſchon fertig werden, ohne daß die Suppe kalt oder das Fleiſch verdorben wird.“ „Aber wo iſt denn Käthchen Malcolm?“ fragte Mary; „habt Ihr ſie nicht mit zurückgebracht, Sir Harry.“ Der alte Baronet ſah höchlich erſtaunt gus. „Wo iſt Käthchen Malcolm!“ wiederhoit er.„Iſt ſte nicht hier?“ Mary und der nebenſtehende Mundſchenk erzählten ihm faſt gleichzeitig, was vorgefallen war, und dann berichtete ihm Miß Chevenix, was ihre Mutter ihr geſagt hatte. 31²2 Sir Harry's Verwunderung ſtieg mit jedem neuen Worte und ohne ſich um Fiſch oder Suppe zu bekümmern, ſtellte er noch ein Dutzend Fragen und zeigte überhaupt eine Aengſt⸗ lichkeit, welche in Betracht ſeiner kurzen Bekanntſchaft mit Käthchen gar nicht natürlich erſchien. „Ich meine, auf dem Tiſche in ihrem Stübchen ein Billet geſehen zu haben,“ bemerkte Mary;„ich will aber lieber Mama fragen, ob ſie etwas Weiteres weiß, da Käth⸗ chen ſie vor ihrem Abgange um Rath fragte.“ Lady Chevenix hatte jedoch Alles erzählt, was ſie wußte, und war ebenſo erſtaunt, wie alle Uebrigen, als ſie erfuhr, daß Käthchen nicht zu Sir Harry gegangen war. „Sie kam mit einem Billet in der Hand, während ich mit Schreiben beſchäftigt war,“ erzählte ſte,„und ſagte mir, ſie ſey vermuthlich von Sir Harry nach London gerufen wor⸗ den, da ſie ihm auf ſein Nachfragen verſchiedene Einzelhei⸗ heiten über ihren Vater mitgetheilt habe, wefhalb er ſo⸗ gleich nach der Stadt gegangen ſey, um ſich nach der ganzen Geſchichte zu erkundigen.— Ich ſchenkte der Sache nicht viel Aufmerkſamkeit, denn wie geſagt, ich war beſchäftigt. Gerechter Himmel, was kann aus dem armen Ding gewor⸗ den ſeyn?— ich hoffe, es iſt doch kein ſchlechter Streich mit ihr im Spiele.“ Lady Chevenix ſtand bei dieſen Worten auf, wie wenn ſite ihrer Tochter die Treppe hinab folgen wollte, allein in dieſem Augenblicke trat Sir Charles in großer Aufregung ins Ankleidezimmer. „Da ſteckt etwas Schlimmes dahinter!“ rief er, ſeiner 313 Frau ein offenes Billet hinreichend;„das arme Madchen iſt aus unſerem Schutze weggelockt worden, während ich meine Ehre verpfändete, daß ich ſie in wenigen Tagen dem Manne, der Vatersſtelle an ihr vertreten ſoll, wohlbehalten über⸗ lieſern werde.— Lies hier, Louiſa. Sir Harry ſagt, er wiſſe Nichts davon und es ſcheint mir offenbar ein ſchlechter Streich zu ſeyn. Lady Chevenix nahm den Brief und las folgende kurze Worte: „Miß Malcolm wird gebeten, den Ueberbringer die⸗ ſes in der beifolgenden Chaiſe alsbald nach London zu be⸗ gleiten, da ſie die Papiere ihres Vaters ſogleich zu unter⸗ zeichnen hat. Sie kann um die gewöhnliche Mittagsſtunde leicht wieder bei der Familie in Barnet zurück ſeyn.“ Datirt war das Schreiben aus Lincoln'’s Inn, die Handſchrift jedoch Allen unbekannt, und es folgte nun⸗ mehr eine Scene des Lärms und der Verwirrung, welche alle Gedanken an das Mittageſſen verſcheuchte. Sobald Lady Chevenix fertig war, ſolgte eine Berathung im Bibliothek⸗ zimmer, und die Diener, welche den Ueberbringer des Billets und die Chaiſe geſehen hatten, wurden genau eraminirt, ohne daß ſie eine befriedigende Auskunft ergaben. Der Mann war, wie der alte Kellermeiſter ſagte, gänzlich unbe⸗ kannt und ſchien nichts von ſeinem Auftrage zu wiſſen; denn ſobald er den Brief überliefert hatte, ſetzte er ſich auf die Treppe nieder und blieb dort pfeifend ſitzen, bis die junge Dame erſchien. Er trug eine braun und rothe Livree mit 314 wollenen Litzen und einer Kokarde am Hut; das war aber Alles, was man an ihm entdecken konnte. „Vielleicht iſt es doch kein ſchlimmer Streich,“ äußerte Lady Chevenix, um ihren Gatten zu beruhigen.„Miß Mal⸗ colm kann manche Freunde und Verwandte in London haben, von denen wir gar nichts wiſſen, und es iſt gar nicht un⸗ wahrſcheinlich, daß einer von dieſen ihr ſrdiht und ihre Anweſenheit verlangt.“ „Davon iſt gar nicht die Rede, meine theure Lady,“ entgegnete Sir Harry Jarvis, der ſogar noch mehr, als Sir Charles aufgeregt ſchien.„Ein merkwürdiger Umſtand, bei dem ich jetzt nicht verweilen kann, brachte ſie heute Mor⸗ gen dazu, mir von ihrer Familie zu erzählen, und ich kann mit aller Sicherheit behaupten, daß ſie keinen Freund in London hat, der ihr ſo ſchreiben würde. Ueberdies— wer konnte wiſſen, daß ſie hier war?“ 4. Dieſe Frage machte Sir Charles Chevenix ſehr nach⸗ denklich. Die einzigen Perſonen, gegen die er erwähnt hatte, wohin Käthchen, nachdem ſie unter die Obhut ſeines Weibes geſtellt worden, gehen werde, waren Major Brandrum und Reginald Lisle, und einen Augenblick lang kam ihm ein Zwei⸗ fel über Letzteren. Doch wurde er alsbald nicht nur durch die Erinnerung an Reginald's hochſinnigen ehrenhaften Charak⸗ ter, ſondern auch durch den Gedanken verbannt, daß Käthchen unter den Schutz ſeiner eigenen Mutter geſtellt werden ſollte, er alſo keinen denkbaren Grund haben konnte, um ſie aus Sir Harry's Hauſe wegzulocken. Eine Weile ſpäter verſiel er auf Lutwich, und er fragte Sir Harry leiſe, was er da⸗ „* 315 von halte; doch hatte man hierüber bloß Muthmaßungen, obwohl der alte Baronet keineswegs zu glauben ſchien, daß ſeines Freundes Argwohn die rechte Fährte verfolge. „Wir verlieren nur Zeit,“ rief endlich Sir Charles aufſpringend.„Leih mir ein gutes Roß, Jarvis; ich will zwei meiner Leute auf den Kutſchenpferden mitnehmen. Am Parkhäuschen werden wir erfahren, welchen Weg die Chaiſe einſchlug und wir können ſie dann ohne Zweifel eine beträchtliche Strecke verfolgen. Iſt ſie nach London, ſo wol⸗ len wir die Polizeibeamten auf die Fährte hetzen, und ich will ſchnurſtracks nach den Hummums reiten, wo, wie ich höre, mein guter Freund Major Brandrum abſteigen ſoll. Seine lange Erfahrung in der indianiſchen Kriegführung muß ihn gelehrt haben, eine gegebene Spur beſſer als irgend einer von uns zu verfolgen, und ich ſtehe dafür, er iſt mit Leib und Seele bei dieſer Jagd.“ „O halte doch, Charles, und iß erſt zuvor,“ rief Lady Chevenix;„verſprich mir, wenn Du den Mann einholſt, daß Du nichts Gewaltſames vornehmen willſt.“ „Keinen Knochen will ich ganz an ihm laſſen,“ gab ihr Gatte heftig zur Antwort.„Eſſen, Louiſa! Glaubſt Du, ich könne mich mit Eſſen aufhalten, während dieſes arme Mädchen ſich wahrſcheinlich in den Häͤnden eines Schurken befindet? „Ich will mit Dir gehen, Chevenix,“ erklärte Sir Harry, die Glocke ziehend. Sein Freund ſuchte ihm dieß mit den Worten auszu⸗ reden: 8 346 „Nein, nein, Du bleibſt zur Unterhaltung der Damen, Jarvis. Du biſt bei der Sache nicht ſo tief betheiligt.“ „Tiefer als Du weißt,“ erwiederte der alte Baronet und beſtellte bei dem eintretenden Diener ein friſches Roß für ſich und ein anderes für Sir Charles. Nach etwa zwanzig Minuten machten ſich die beiden Gentlemen mit vier Dienern auf den Weg, und da Beide dem hohen Alter des einen zum Trotz tüchtige Reiter waren, ſo befanden ſie ſich bald an der Parkloge. Dort erhielten ſie die erſte Nachricht über den Weg, den die Chaiſe einge⸗ ſchlagen. Die Frau, welche das Thor öffnete, theilte ihnen mit, daß der Wagen zwar von Barnet hergekommen ſey, aber die Straße nach Hartford eingeſchlagen habe. „Halt!“ ſagte Sir Charles beim Empfange dieſer Botſchaft;„es iſt wohl beſſer, wenn ich meinen Diener Stevens nach Barnet ſchicke und dort in allen Gaſthöfen nachfragen laſſe; höchſt wahrſcheinlich haben ſie dort ihre Pferde getränkt.— Habt ihr irgend einen Namen an der Chaiſe bemerkt, gute Frau?“ „Nein, daran habe ich nicht gedacht, Sir,“ verſetzte die Pförtnerin;„jedenfalls wars aber eine gelbe Chaiſe.“ „Gelb ſind ſie alle!“ ſagte Sir Charles ſeufzend; „das iſt gerade der Teufel— man kann ſie an keinem Zei⸗ chen unterſcheiden..) Sofort rief er ſeinem Diener und unterrichtete ihn über die Nachforſchungen, die er anzuſtellen hatte, worauf er nach London reiten und ihn in den Hummums aufſuchen ſollte. Sobald dieß geſchehen war, verfolgten ſie die Hert⸗ 317 fortſtraße bis zu der erſten Zollſchranke, wo ſie von dem Zollwächter erfuhren, daß während der genannten Zeit kein ſolches Fuhrwerk vorübergekommen ſey. „Dann müſſen ſie den Nebenweg zur Linken eingeſchla⸗ gen haben,“ behauptete Sir Jarvis;„denn der andere zur Rechten führt blos zu meinem Nachbar, General Hinds'.“ So kehrten ſie denn wieder um und folgten einem en⸗ gen Piade, bis ſie an einige Hütten gelangten, wo ſie aber⸗ mals Nachricht von dem Gegenſtande ihrer Verfolgung ein⸗ holten und ſo bis auf die Heerſtraße nach St. Albans fort⸗ ſpürten. Am Knotenpunkte beider Straßen ſtand ein kleines Wirthshaus, deſſen Gaſtwirth ſie durch ſeine Antwort nicht wenig in Verlegenheit ſetzte. „Ja, ja, Sir,“ erwiederte er nämlich auf ißre Fragen, „die Chaiſe kam allerdings hier vorüber; aber dort drüben an der Ecke traten ihr zwei Reiter, die den ganzen Tag hier herumgelungert hatten, in den Weg, ſo daß ſie wieder um⸗ drehte. Ich hörte mit eigenen Ohren, wie einer von ihnen dem Burſchen auf dem Bock zurief:„Ihr dürft hier nicht paſſiren, und ſo gings weiter gegen Lonnon; doch glaube ich, daß ſie auch da nicht weit kamen, denn als ich eine Stunde früher vorbeikam, ſah ich zwei Andere— gerade wie ſie auch hier ſtanden— eine Meile weiter oben warten.“ „Welche andere Straße liegt zw ſchen hier und der Stelle, wo Ihr ſie geſehen?“ fragte Sir Charles, doch ſein Freund gab ſtatt des Wirthes zur Antwort: „Gar keine Straße— nur ein Landweg gegen Wat⸗ ford.“ 318 „Da könnt Ihr noch ſehen, Sir, wo die Chaiſe um⸗ wendete,“ ſagte der Bierwirth,„denn ſie hat eine mächtig tiefe Spur auf der Straße zurückgelaſſen.“ „Das kann uns einigermaßen zum Führer dienen,“ ſagte Sir Harty;„laßt uns das Geleiſe von hier an verfol⸗ gen, bis wir weitere Kunde erlangen.“ Dieß geſchah denn auch: die Chaiſenſpur blieb bis zu der Ecke des Nebenweges nach Watford und noch eine Zeit lang auf dieſem ſelbſt deutlich wahrnehmbar. Aber die Nacht ſiel ein; Wohnungen waren keine vorhanden, wo man hätte nachfragen können, und Sir Charles blieb mit ſeinem Ge⸗ fährten in den engen Pfaden, welche ſchon zwei Nächte zu⸗ vor unſern Doktor Gamble und die andern Freunde in Ver⸗ legenheit gebracht hatten, zuletzt völlig ſtecken. — Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Oberſt Lutwich ſchrieb eben einen Brief in dem Salon, wo er ſeine Gäſte freundlich aufgenommen hatte, und war mit dem Siegeln und der Adreſſe fertig geworden, als der alte ſteife Diener, der mit ſehr würdiger Miene im Haus herumging, eintrat, und wie ein gefangener Hebräer vor einem der Könige der Meder und Perſer vor ſeinem Herrn ſich aufpflanzte. Die Gäſte hatten ſich in der Früh des an⸗ deren Tages entfernt und Lutwich war troz all ſeiner Plane nach London zu gehen in ziemlich unruhiger Stimmung in ſeinem Landhaus zurückgeblieben. Er hatte ſchon den Abend 319 zuvor nach verſchiedenen Richtungen Briefe entſendet, und jetzt ſtand er, wie geſagt, im Begriff, einen weiteren alzu⸗ ſchicken. „Was gibt's?“ fragte er, als er die Adreſſe beendigt, dem alten Mann ins Geſicht ſchauend. „Hal iſt aufgeſtiegen, Sir,“ meldete der Mundſchenk, denn ſo müſſen wir ihn, glaub ich, nennen,„und der Diener der den Gentleman geſtern Nacht begleitete— Hargrave, heißt er glaub ich,— iſt eben hereingeritten.“ „Schickt ihn her, ſchickt ihn her,“ rief Lutwich eifrig. „Sagt Hal, er ſoll warten, aber im Sattel bleiben. Mit langſamen feierlichen Schritten entfernte ſich der Diener und führte bald darauf Zachary Hargrave vor ſeinen Gebieter, worauf er ſich zurückzog und die Thür hinter ſich abſchloß. Er blieb nicht einmal ſtehen, um an dem Schlüſ⸗ ſelloche zu lauſchen— was ich als eine Ausnahme von der Hauptregel erwähne— ſondern ging ſeines Weges weiter, als ob er keine Spur von Neugierde beſäße. Nicht, daß er nicht glaubte, als ob Oberſt Lutwich keine Geheimniſſe hege, denn er wußte, daß er deren vielleicht nur zu viele hatte; aber es war ihm auch ebenſo gut bekannt, daß einige dieſer Geheimniſſe ſehr gefährlicher Art waren, und als äußerſt vorſichtiger Mann— in welcher löblichen Eigenſchaft er ſich viele Jahre früher als Marqueur bei einem Billard ge⸗ übt hatte— wollte er denſelben lieber aus dem Wege gehen. Was zwiſchen Oberſt Lutwich und Zachaly vorging, weiß ich nicht; ihre Konferenz dauerte etwa zehn Minuten, worauf Letzterer abermals das Landhaus verließ. Kaum 3²⁰0 war er fort, als Lutwich ein Blatt Papier in kleine Stücke zerrieß, auf jedes einen Tauf⸗ und Beinamen ſetzte, und darunter die kaballiſtiſchen Worte— Barow⸗Hill, Mittag — ſchrieb. Sobald dies fertig und die Zettel trocken waren, verfügte er ſich nach dem Seitenpfade vor der Hausthüre, und naͤherte ſich ſeinem berittenen Diener, dem er das Billet mit den Worten einhändigte: „Dieſes an Sir Harry Jarvis. Du. übergibſt es blos und reiteſt weiter. Im Herweg gibſt Du dieſe Zettel ab: ſie ſind alle in Ordnung. Dann ſtoͤßſt Du ſobald wie möglich bei Swieveland zu mir.“ Der Mann gab keine Antwort, ſondern nickte blos un ritt davon.: „Haltet bis neun Uhr ein feines Abendeſſen bereit,“ befahl Lutwich dem alten Diener, als er ins Haus zurück⸗ kehrte,„und ſeht darauf, daß alles in Ordnung iſt, Joſeph.“ „Für wie viele, Oberſt?“ fragte der Mann. „O nicht viele,“ erwiederte ſein Herr etwas verlegen; „ein oder zwei Couverte. Seht nach, ob Hal vor ſeinem Abgange den Braunen für mich geſattelt hat; wenn nicht, ſo ſagt dem Stalljungen, daß er es thue. Halt— ſtecket dies in die Halſter.“ „Ach, Oberſt,“ ſeufzte der alte Mann mit reuigem Kopfſchütteln, als er ſeinem Herrn ein Paar Piſtolen aus der Hand nahm,„ach, Oberſt!“ und er ließ abermals eine tiefen Seufzer vernehmen. „Pah, Ihr alter Narr,“ meinte Lutwich,„es ſoll heute Nacht nichts vor ſich gehen. Ihr haltet Euch für mächtig 321 weiſe, und bildet Euch alles mögliche närriſche Zeug ein; aber Ihr verſteht doch nichts von der Sache.“ „Dem Himmel ſey Dank,“ ſagte der alte Mann.„Es thut mir nur leid, Oberſt, Euch mit ſolchen Dingern und mit derlei Sachen beſchäftigt zu ſehen.“ „Was für Sachen, Meiſter Joſeph?“ fragte ſein Ge⸗ bieter im ſtrengen Tone, fuhr aber dann ſeinen Ernſt mil⸗ dernd mit gütmüthigem Lächeln fort:„dieſe Dinger, über die Ihr ſo ſehr zu erſchrecken ſcheint, ſind blos zur Befreiung einer trefflichen liebenswürdigen jungen Dame aus den Hän⸗ den eines Schurken beſtimmt. Nun, alter Mann, ſeyd Ihr befriedigt?“ „Ja, Sir, für heute wohl,“ erwiederte Joſeph.„Ich wünſche, ſie möchten nie ſchlimmer verwendet werden,“ und damit entfernte er ſich. Sobald er fort war, ſetzte ſich Lutwich nieder, ſtützte den Kopf in die Hand und verſank einige Minuten in tiefes Nachdenken. Es ſind oft nur wenige einfache Worte— und gerade wenn ſie von einer Perſon, die wir nicht ſonder⸗ lich reſpektiren, geſprochen werden— welche das Herz weit ſtärker als die mächtigſte Rede treffen. Ich glaube in der That, daß unter gewiſſen Umſtänden der Eindruck einer Vorſtellung gerade um ſo mächtiger wirkt, je weniger Ach⸗ tung wir vor dem Sprecher hegen, denn wenn wir uns in ſolche Lage verſetzen, daß ſogar ein Mann, für den wir keine Ehrfurcht fühlen, ſich uns gegenüber auf den Standpunkt der Ermahnung ſtellt, ſo muß die Warnung ſchon aus dieſem Grunde um ſo gewichtiger werden. James. Th. Broughton. 21 322 Endlich ſprang Lutwich auf, eilte in den Stall, unter⸗ ſuchte den Gurt ſeines Pferdes, ſchwang ſich leicht in den Sattel und galoppirte davon. Zehn Minuten ſpäter konnte man ihn mit ſeinem Roſſe auf dem Gipfel eines kleinen run⸗ den Hügels ſehen, welcher, wie ich glauben möchte, urſprüng⸗ lich das rohe Monument früherer Wilder war, woher er bis auf den heutigen Tag den Namen Barrow⸗Hill trägt. Er war jedoch nicht mehr allein, denn zwei wohlberittene Män⸗ ner ſtanden vor ihm, ein Dritter kam drei bis vier Minu⸗ ten ſpäter hintennach geſprengt, und gleich darauf in kurzen Zwiſchenräumen ein Vierter und Fünfter, ſo daß man es für eine Jagdpartie hätte halten können. Lutwich ſprach nur wenig mit den Leuten; aber was er ſagte, ſchien ehrerbietige Aufmerkſamkeit zu finden; nicht daß die Leute in ihrem Aeuße⸗ ren außerordentlich reſpektvoll ausſahen, denn ſie lachten und plauderten, wenn er ſie nicht anredete; aber ſo oft dies ge⸗ ſchah, hieß es immer:„ja, Sir— gewiß, Oberſt— ich verſteh es ganz gut, Sir.“ Endlich betrug das Häufchen mit Einſchluß von Lut⸗ wich und ſeinem Diener nicht weniger als zehn Reiter, und nun vertheilte er an ſie nach wenigen kurzen Worten ihre ver⸗ ſchiedenen Poſten und Pflichten. „Ihr, Wilcor, reitet allein auf der Hertfordſtraße, bis ihr der Zollſchranke anſichtig werdet. Ich glaube zwar nicht, daß ſie verſuchen werden, gradaus zu gehen: wenn ſie es thun, ſo haltet ſie an. Sagt dem Weggeldeinnehmer, er ſolle ſie auf ſeine Gefahr paſſiren laſſen. Vergeßt nicht— der Mann iſt in eine braun und rothe Livree gekleidet. So⸗ 323 bald ſie den Pfad hinabfahren— wenn Ihr ihrer ganz ſicher ſeyd— ſo kommt Ihr bei Barnet auf die Heerſtraße und ſtoßt dort zu unſern Freunden. Ihr, Kapitän Swan, geht mit Browne auf den Weg nach St. Albans— etwa hundert Schritte jenſeits der Skittles werden genügen. Dort müſſen ſie vom Pfade aus einbiegen, wenn Wilcor ſie am Thore zurückwies. Ihr braucht blos zu ſagen: Ihr könnt hier nicht paſſiren— er wird Euch dann ſogleich ver⸗ ſtehen. Aber ich meine, Ihr müßt ihn ja kennen: er iſt der⸗ ſelbe, den ſie Ben Pflugſchaar nennen und der aus dem Chokoladehaus ausgeſtoßen wurde.“ „O ich kenne ihn wohl, Oberſt,“ erwiederte Kapitän Swan,„und er kennt auch mich— er wird es gewiß nicht verſuchen, weiter zu gehen, wenn ich ihn zurückbleiben heiße.“ „Ihr Drei, Martin, Jones und Dick bleibt eine Meile dieſſeits Barnet beiſammen, und weist ſie dort zurück. Die drei Andern müſſen die Ecke bei Mim's⸗Lane, den klei⸗ nen Pfad bei der Kirche und die Biegung bei den drei Pfer⸗ dehufen beobachten. Vertheilt ſie unter Euch nach Belie⸗ ben, aber laßt mir die Burſche ja nicht durchbrechen— eher jagt dem Kerl eine Kugel durch den Kopf. Erinnert Euch wohl, der Zweck iſt, ſie in jedem Winkel zurückzuweiſen, bis ſie von ſelbſt in das Landhaus getrieben werden. Ob ſie dabei einen langen Umweg haben, iſt mir ganz einerlei oder vielmehr, es iſt nur um ſo beſſer. Ich werde mit Hal ge⸗ gen Nachmittag ganz in Eurer Nähe ſeyn.— Nun fort! Wer ſprengt zuerſt über dieſen Zaun?“ indem er darauf 21* 324 losgaloppirte und mit Leichtigkeit und Anmuth über Graben und Hecke ſetzte. In weniger als einer Minute waren kaum noch drei der Reiter beiſammen zu ſehen; doch wollen wir ſie lieber ihren eigenen Anordnungen überlaſſen und dafür die Chaiſe verfolgen, welche das arme Käthchen Malcolm aus Sir Harry's Hauſe entführte. Sie hatte der erhaltenen Auf⸗ forderung ohne vieles Zögern gehorcht; zwar nicht ohne daß ein Zweifel in ihr aufſtieg, da es ihr ſonderbar vor⸗ kam, daß die empfangene Note gar keinen Aufſchluß über den Namen des Schreibers gab; aber die Gleichgültigkeit, womit Lady Chevenir ihre Zweifel angehort hatte, ließ ſie glauben, daß ſie thöricht ſeyen. Als die Chaiſe das Parkhäuschen pafſirte, hätte ſie— wenn ſie anders mit der benachbarten Gegend bekannt ge⸗ weſen wäre— alsbald entdecken können, daß der Wagen nicht gegen London fuhr; allein ſie wußte nichts von dem Wege und das Fuhrwerk blieb eine ziemliche Strecke auf der guten breiten Straße, bis plötzlich der Mann auf dem Kutſchenbocke ausrief:„Links, mein Junge!“ worauf die Pferde auf einen Seitenpfad einbogen. Käthchen kam es befremdend vor, daß man dem Kutſcher die Straße angeben müſſe; aber ſie nahm gleichwohl nicht viel Notiz davon, und nach einer Viertelſtunde etwa betraten ſie wieder die Heerſtraße. Plötzlich rief eine laute Stimme:„Ihr könnt hier nicht paſſtren!“ und mit ſcharfer Wendung bog die Chaiſe in die entgegengeſetzte Richtung um. Käthchen ließ nun das vordere Fenſter nieder und fragte in beunruhigtem Tone, 325 was das bedeute— wurde aber bald wieder beſänftigt, denn der Mann drehte ſich um und ſagte, ſeinen Hut berührend: „Sie haben hier die Straße aufgeriſſen, Madame, um neue Waſſerröhren zu legen, und ſo müſſen wir den Umweg über die Nebenpfade machen— das iſt Alles.“ Nun ging's wieder zwei Meilen weiter, und dann ſah Käthchen plötzlich zwei Männer zu Pferd aus einem Seiten⸗ pfade hervorkommen, und ſich ihnen gerade in den Weg ſtellen. Der Poſtjunge ſah ſich nach dem Diener um und letzterer deutete mit dem Daumen ſcharf nach der Rechten, worauf die Chaiſe alsbald in einen ſchmalen Seitenpfad einbeugte. Jetzt begann Käthchen ſehr unruhig zu werden: „was konnte ſte thun?“ fragte ſie ſich ſelbſt;„wie ſollte ſte handeln?“ Sie hatte jedoch keine Antwort bei der Hand und verhielt ſich ſtill und ruhig, während das Fuhrwerk weiter rollte. „Sobald ich ein Haus oder eine Hütte anſichtig werde,“ dachte ſie,„will ich die Chaiſe anhalten und fragen laſſen, oder mich an die erſte anſtändige Perſon, der ich begegne, wenden.“ Eben als ſie dieſen Entſchluß gefaßt hatte, ſah ſie einen Gentleman zu Pferd mit einem Diener hinter ſich etwa zwei⸗ bis dreihundert Schritte ſeitwärts und gleich⸗ laufend mit ihrem Wagen über's Feld reiten. Wegen der Hecke konnte ſie nicht deutlich unterſcheiden, ob er auf einem andern Wege oder auf der Wieſe hinſprengte; einige Au⸗ genblicke ſpäter gelangte jedoch ſein Roß an eine Pforte und er ſetzte anmuthig darüber weg, wobei ſein Diener ihm 326 folgte. Gleich darauf war er verſchwunden und keine Woh⸗ nung kam ihr vor Augen, während der Wagen immer noch fortrollte und ſich, wie es dem armen Käthchen vorkam, auf höchſt befremdliche und nicht wenig beunruhigende Weiſe im Kreiſe herumdrehte. Auch glaubte ſie, zwiſchen dem Poſt⸗ knecht und dem Diener Zeichen wechſeln zu ſehen. Sie hatte keine Uhr bei ſtch, um die Stunde daran zu erkennen; aber ſchon kam ein Schatten über den Horizont und es däuchte ihr ſo lange, ſeit ſie Sir Harry's Wohnung verlaſſen hatte, daß ſie, wie ſie feſt überzeugt war, ſchon längſt die Vorſtädte hätte erreichen müſſen, wenn ſie ihren Weg gerade nach London gerichtet hätten. Endlich überwand der Schreck ihre Schüchternheit; ſie ließ das vordere Fenſter nieder und fragte den Mann, ob er gewiß ſey, daß ſie die rechte Straße einhielten? „DO ja, Ma'am,“ erwiederte er,„ganz recht; nur wird hier die Landſtraße ſo verbeſſert, daß ſie ſie ganz in Stücke geriſſen haben. Das macht den Umweg— ſonſt iſt Alles in Ordnung.“ Sie war jedoch diesmal nicht mehr ſo leicht zu beru⸗ higen, denn ſie glaubte mit Sicherheit ein bedeutungsvolles Grinſen an dem Burſchen bemerkt zu haben, als ſie ſich halb zu ihm umwandte, und ſie ſchaute ſich rechts und links um, ob nicht Jemand in der Nähe ſey, an den ſie ſich wen⸗ den könnte. Da ſah ſie abermals zur Rechten einen Herrn zu Pferd mit einem Diener, und obgleich ſie noch ziemlich entfernt waren, glaubte ſie doch beinahe die früheren Reiter wieder zu erkennen. 327 Das fiel ihr gewaltig auf, denn obgleich ſie in ihrer Einfalt nicht argwöhniſch war, ſo kam es ihr doch befremdend vor, daß die Beiden auf dieſe Weiſe offenbar ihrem Wagen folgten. Während ſie jedoch darüber nachſann, waren die Geſtalten abermals verſchwunden und die Chaiſe nahm plötzlich eine andere Richtung. Etwa eine halbe Meile links hatten die Bäume und Hecken ein Ende und eine offene Wieſe nahm auf dieſer Seite ihren Anfang. Es wurde jetzt allgemach finſter und Käthchen war nicht wenig erſchrocken. Nicht weit davon entdeckte ſie eine hohe Baumgruppe, hinter welcher ſie Rauch emporſteigen ſah; aber nirgends ein Zeichen der Stadt noch irgend einer andern Wohnung— und dennoch trieb der Poſtknecht immer weiter der Baumgruppe ſich nä⸗ hernd, die er aber offenbar links umgehen wollte. Da plötzlich kam der Reiter und ſein Diener mitten aus dem dunkelnden Zwielicht abermals zum Vorſchein, und Käthchens Zweifel kehrten einen Augenblick in ihrer vollen Stärke zurück. Gleich darauf ſollten ſie aber zu dem ent⸗ gegengeſetzten Gefühle umſchlagen, denn während der Mann auf dem Bocke ſich vorneigte, rief er mit einem Fluche: „Da ſind dieſe verdammten Burſche abermals; wende ſcharf quer über die Wieſe und dann zurück auf die Barnet⸗ ſtraße.“ Des Mädchens Entſchluß war alsbald gefaßt: ſie ſtreckte den Kopf durch's Fenſter und rief dem Reitersmann laut um Hülfe, während der Kutſcher ſeine Pferde wie be⸗ fohlen umdrehte und faſt zum förmlichen Galopp anpeitſchte, 328 Sein Manöver war jedoch vergeblich; der ſchoöne Renner, welchen der Gentleman ritt, griff gewaltig aus und hatte ſie alsbald wieder eingeholt. Der Reiter pflanzte ſich vor der Chaiſe auf und rief mit Donnerſtimme:„haltet an oder Ihr ſeyd des Todes!“ In demſelben Augenblicke ſah Käthchen, wie der Neiterondun eine Piſtole aus dem Halfter zog. Der Poſtjunge riß die Pferde ſo raſch zurück, daß es beinahe die Chaiſe in den Graben und ihn ſelber aus dem Sattel geworfen hätte, während der ſaubere Herr auf dem Bocke herabſprang, auf der andern Seite der Straße über die Hecke ſetzte und davon lief. „Halte die Pferde am Zügel,“ befahl Käthchens Be⸗ freier ſeinem Reitknechte, während er im ſelben Augenblicke abſtieg und die Wagenthüre öffnete, wobei er dem Kutſcher in ſtrengem Tone zurief:.— „Haltet Eure Pferde ruhig, Sir.“ Allein dieſe, wahrſcheinlich insgeheim von Sporen ge⸗ ſtachelt, denn nach der langen Fahrt mochte ihre Hitze ſo ziemlich gedämpft ſeyn— ſtiegen und ſchlugen fortwährend aus, ſo daß der Gentleman dem armen Mädchen innen die Hand bot, indem er ſie in freundlichem Tone anredete: „Ihr thätet beſſer, einen Augenblick auszuſteigen,“ ſagte er.„Ich habe dieſe Chaiſe ſchon über eine halbe Stunde bewacht und glaube, Ihr werdet außen ſicherer ſeyn.“ Käthchen Malcolm ergriff haſtig ſeine Hand und ſprang mit den Worten heraus: 329 „O tauſend, tauſend Dank, Oberſt Lutwich— ich weiß nicht, wohin ſie mich führen wollen.“ „Haltet Eure Pferde ſtill, Sir,“ rief Lutwich in wil⸗ dem Tone,„ſonſt werde ich Mittel finden, ſie und Euch ruhig zu machen.“ Aber in dem Augenblicke, da der Reitknecht die Zügel auf einen Augenblick frei⸗ ließ, ſetzte der Poſtknecht ſeinem Stangenpferde die Sporen in die Seite, das Thier packte auf, ſo daß des Dieners Roß von der Deichſel getroffen wurde, und die Chaiſe raſſelte in vollem Galopp die Straße hinab. „Soll ich ihm nachſetzen und ihm eine Kugel zu koſten geben, Oberſt?“ rief Hal; doch Lutwich antwortete: „Nein, nein; laß ihn gehen. Wir müſſen andere Mittel finden, die Dame ſicher nach Hauſe zu bringen.— Nehmt meinen Arm, theure Miß Malcolm,“ fuhr er fort; „ich fürchte, Ihr ſeyd ſehr erſchreckt worden. Doch ängſtigt Euch jetzt nicht mehr; betrachtet mich für den Augenblick als einen Bruder und ſeyd verſichert, daß ich Alles, was eines Bruders Liebe und Rückſicht zu leiſten vermag, für Euch aufbieten werde, bis Ihr denen zurückgegeben ſeyd, welche ein beſſeres Recht Euch zu beſchützen haben.“ „O ich bin Euch ſo ſehr verbunden Sir,“ ſagte ſie; „ich weiß nicht, wohin dieſe Leute mich führen wollten oder was überhaupt ihre Abſicht war; aber ich bin feſt über⸗ zeugt, daß ſie mich täuſchten, denn ſie konnten nicht auf dem Wege nach London ſeyn.“ 8 „Gerade in entgegengeſetzter Richtung,“ gab Lutwich 330 zur Antwort.„Doch all' das wollen wir ſpäter erklären. Für jetzt ſollt Ihr in meinem Hauſe, das Ihr dort drüben ſeht, ausruhen, bis wir Mittel finden, Euch zurückzuſchicken.“ „Kann ich nicht zu Fuß zurückgehen?“ fragte Käth⸗ chen haſtig. „Unmöglich, mein theures junges Fräulein— die Entfernung iſt weit größer, als Ihr glaubt,“ erwiederte Lutwich.„Nein, nein; tretet nur ein und ruht Euch aus; auch etwas Erfriſchung wird nicht ſchaden: dann wollen wir zuſammen berathen, was zu thun iſt. Glaubt mir, Ihr ſeyd bei einem Ehrenmanne, der um ſein ganzes Leben nichts ſagen oder thun möchte, was Euch ſchmerzen könnte.— Kommt, theuerſte Miß Malcolm.“ 3 Mit dieſen Worten legte er ihren Arm in den ſeinen, übergab ſein Roß an den Diener und führte ſie über die Wieſe nach ſeinem Landhaus. Seine Worte wie ſein gan⸗ zes Weſen waren darauf berechnet, jede Furcht von ihrer Seite zu entwaffnen. Er war freundlich, ja ſogar zärtlich, aber ohne die geringſte Spur von Galanterie, und obwohl das Geſpräch mehr als einmal auf Käthchens Abenteuer anſpielte, ſo vermied er doch jede Frage oder Erklärung über dieſen Gegenſtand mit einer Zurückhaltung, welche ihre Neugierde nicht wenig rege machte. Käthchen erzählte ihm nämlich, wie ſie aus Sir Harry's Hauſe weggelockt worden ſey und fragte dann: „Was konnte nur ihr Beweggrund ſeyn?“ „Ein ſchlimmer, mein theures Fräulein,“ gab Lutwich trocken zur Antwort;„wir werden ſogleich mehr davon 331 reden, denn es gibt hier allerlei zu berückſichtigen, was Euch vielleicht etwas in Verlegenheit bringen dürfte. Für jetzt genüge Euch die Verſicherung, daß ich, wie geſagt, die Chaiſe ſeit einiger Zeit bewachte, da ich ſehen wollte, ob vielleicht eine der Hauptperſonen des Komplotts zum Vorſchein käme, wobei ich feſt entſchloſſen war, Euer weiteres Fortführen zu verhindern.“ „So wußtet Ihr alſo, daß ich drinnen ſaß?“ fragte Käthchen überraſcht. Lutwich wendete ſich gegen ſie und ſie konnte ein ſchwa⸗ ches Lächeln auf ſeinen Lippen bemerken. „Ich ahnte es in Folge einiger Nachrichten, die ich heute Morgen erhielt,“ gab er zur Antwort;„doch laßt uns jetzt von andern Dingen reden. Ich will Euch bald jede wünſchenswerthe Erklärung geben. Ihr ſeyd ſicher und das iſt für jetzt genug.“ Nach einer Viertelſtunde erreichten ſie das Gartenthor des Landhauſes, während der Diener mit den Pferden dicht hinter ihnen folgte. Der alte Gärtner öffnete das Thor; Lutwich führte ſeine ſchöne Gefährtin die Allee hinab und zog die Glocke vor der Thüre. Dieſe wurde von dem Kel⸗ lermeiſter geöffnet, deſſen Geſicht nicht wenig Ueberraſchung verrieth, als er ein junges und ſo ſchönes Mächen an ſei⸗ nes Gebieters Arme gewahrte. „Lichter,“ gebot Lutwich nach ſeinem Salon voran⸗ gehend.„Nun ſetzt Euch nieder, theure Miß Malcolm und ruht ein wenig,“ fuhr er fort, ſie zu einem Sitze neben dem Feuer führend. Während ſofort der alte Diener die Kerzen auf dem Tiſche anzündete und ſich dann entfernte, ſtützte ſich der Herr des Hauſes nachdenklich auf eine Stuhllehne, wobei ſeine hübſche Figur von ſelbſt eine höchſt graziöſe Stellung an⸗ nahm. „Es iſt jetzt ſieben, meine theure Miß Malcolm,“ hub er von Neuem an, indem er ſeine Uhr hervorzog;„bis wir von Barnet eine Chaiſe herbeiſchaffen und Euch nach Sir Harry's Landhauſe zurückführen könnten, würde es ein Uhr Morgens und Barnet iſt der nächſte Ort, wo wir Poſt⸗ pferde bekommen können. Ich ſehe kein anderes Mittel, als daß Ihr ſogleich ein Billet an Lady Chevenir ſchreibt und ihr die letzten Vorfälle kurz mittheilt, um Eure Freunde über Euer Schickſal zu beruhigen. Ich will es durch einen Diener hinüberſchicken und ſie können Euch dann heute Nacht, oder morgen Früh abholen, wie ſie's für's Beſte halten; ich hoffe, Ihr werdet ihnen dabei ſagen, daß ich Alles, was ich nur irgend vermag, thun werde, um es Euch in meiner armen Wohnung ſo behaglich wie moͤglich zu machen.“ Käthchen Malcolm ſchaute ihm ängſtlich in's Geſicht. Die Umſtände waren ihr neu und befremdend. Sie hatte mit Armuth gekämpft— hatte tiefen Kummer getragen und manche ſchwere Pflicht ohne Wanken erfüllt; aber der Ge⸗ danke, in dem Hauſe eines fremden und noch dazu eines jungen heiteren Weltmannes allein zu bleiben, beunruhigte ſie: nicht etwa, weil ſie deſſen Benehmen fürchtete, denn dieſes— ſein Ton, ſein Blick, wie ſeine Worte— hatte ſeit der Zeit, da 333 er ſie zum erſten Mal getroffen, ihr Vertrauen in wunderba⸗ rem Grade gewonnen. Sie glaubte— nein ſie fühlte ſich ſogar überzeugt, daß ſie ſich ihm unter allen Umſtänden mit voll⸗ kommener Sicherheit anvertrauen dürfe und er war vielleicht unter allen Männern, die ſie je geſehen, der Einzige, dem ſie ſich ſo unbedingt zu überlaſſen geneigt war; aber ſie war in ihren früheren Jahren in ſehr ſtrengen Grundſätzen der Schicklichkeit auferzogen worden, und bebte ſchon vor dem bloßen Gedanken zurück, daß ihr etwas unrecht ausgelegt werden könnte. „Ich weiß nicht, was ich thun ſoll,“ ſagte ſie endlich. „Thut, was ich Euch rathe,“ gab er ernſthaft zur Ant⸗ wort und fuhr dann faſt in vorwurfsvollem Tone fort: „Zweifelt Ihr an mir, Miß Malcolm?“ „O nein!“ rief Käthchen, ihm freimüthig ihre Hand bietend;„ich bin Euch für ſo viele Handlungen der Freund⸗ ſchaft verpflichtet, Oberſt Lutwich, und könnte nicht an Euch zweifeln, wenn ich auch wollte— ich thu' es auch gewiß nicht. Ich fürchte nur, ſie möchten es ſonderbar finden, daß ich nicht, ſtatt zu ſchreiben, ſogleich zurückkehre: aber ich glaube nicht, daß Ihr mir etwas Unpaſſendes anrathen würdet.“ „Um keinen Preis— bei meiner Ehre!“ verſicherte Lutwich mit warmem Nachdruck, die dargebotene Hand au⸗ genblicklich wieder loslaſſend.„Bedenkt nur, meine ſchöne Freundin, daß ich einen Brief ſehr leicht durch einen Rei⸗ tenden nach Jarworth⸗Park ſchicken kann, daß Ihr aber nicht weiter könnt, ohne daß wir eine Chaiſe von Barnet ,— 334 holen laſſen, auf deren Ankunft wir lange warten müſſen, wo⸗ bei Ihr dann immer noch um Mitternacht den ganzen Weg zurückzulegen habt. Hätte ich meinen eigenen Wagen hier, ich würde ihn augenblicklich zu Eurer Verfügung ſtellen; aber ich habe blos Reitpferde und nicht einmal einen Da⸗ menſattel, auch wenn Ihr geneigt wäret, als Amazone auszuziehen.“ „Wohlan, ſo will ich denn ſchreiben,“ ſagte Käthchen mit ſchwachem Lächeln;„ich ſehe keinen andern Weg vor mir.“ „Es gibt in der That keinen andern,“ erwiederte Lut⸗ wich;„um Euch übrigens über das, was Eure Freunde denken mögen, zu beruhigen, will ich zu gleicher Zeit eine Note an Sir Charles Chevenix richten und ihm mein Be⸗ dauern ausdrücken, daß ich Euch in Ermanglung eines Wagens nicht ſogleich zurückſenden kann. Dies wird Alles erklären und ich ſtehe dafür, Lady Chevenix wird weder Euch noch mich wegen des eingehaltenen Verfahrens tadeln.“ „Ich danke Euch tauſendmal für alle Eure Güte, wie für die Mühe, die Ihr Euch um meinetwillen nehmt,“ rief das Mädchen. Die beiden Billets wurden ſogleich geſchrieben; Oberſt Lutwich zog die Glocke und übergab ſie dem alten Joſeph mit den Worten: „Der Stalljunge ſoll das friſcheſte Roß beſteigen und dieſe beiden Schreiben ſogleich nach Jarworth⸗Park hin⸗ überbringen. Sagt ihm, falls die Familie noch auf ſey, ſoll er warten, ob er vielleicht eine Antwort zurückbekomme. — Sobald Ihr dieſen Befehl ausgerichtet habt, kehrt Ihr hieher zurück. Ich muß verſuchen, es Euch ſo behaglich wie möglich zu machen, meine theure Miß Malcolm,“ fuhr er fort, während der alte Mann ſich entfernte;„ich fürchte nur, Ihr werdet mein Landhäuschen ſehr armſelig finden.“ „Ich habe mich in den letzten Jahren an weit ärmere gewöhnen müſſen, wie Ihr Euch wohl denken könnt,“ ent⸗ gegnete Käthchen mit kummervollem Kopfſchütteln. „Ich hoffe, Euer Schickſal hat ſich gewendet,“ ſagte ihr Gefährte.„Wollte Gott, es wäre mir beſchieden!—“ Der Schluß dieſes Satzes ſchien ihm eine Weile auf den Lippen zu ſchweben, bis er ihn plötzlich abbrach und ei⸗ nige Bücher auf dem Tiſche beiſeite ſchob.. Einen Augenblick ſpäter kehrte der alte Diener zurück und ſein Gebieter fuhr fort: „Sagt dem Mädchen, daß ſie das Zimmer, worin Ma⸗ jor Brandrum geſtern Nacht geſchlafen, für Miß Malcolm herrichte. Laßt ſie das kleine Bett aus dem Kloſet hinein⸗ ſtellen und dann ſagt Eurem Weibe, Joſeph, ich wäre ihr ſehr verbunden, wenn ſie für heute dort übernachten wollte, da dieſe Dame ſich gewiß freuen wird, in einem fremden Hauſe eine Geſellſchafterin zu haben.“ Käthchen ſenkte das Haupt, aber ſie fühlte ſich im hochſten Grade dankbar, und ihr Herz drängte ſie, ihm ihre Anerkennung für ſeinen Zartſinn und ſeine Güte auszu⸗ drücken: aber ſie konnte keine Worte hiefür finden. „Und nun, Joſeph, laßt uns im nächſten Zimmer un⸗ ſern Thee einnehmen,“ fuhr Lutwich fort, worauf er, ſo⸗ 336 hald der Mann fort war, beifügte:„ſein Weih iſt eine ſehr ehrbare alte Frau aus den beſſern Klaſſen, und hat viel dazu beigetragen, um ihn beſſer zu machen, als er früher war. Wir werden nämlich alle mehr oder weniger durch das Weſen umgemodelt, das uns das Schickſal zu unſerer Lebensgefährtin beſtimmt, und ſchon mancher Mann wurde durch den ruhigen allmäligen Einfluß eines guten liebens⸗ würdigen Weibes vom Verderben gerettet.“ Eine kurze Pauſe folgte und Oberſt Lutwich war in der That dieſen Abend ſehr nachdenklich; endlich ſchlug Käthchen ihre Augen zu ihm empor und ſagte mit leichtem Erröthen: „Ihr verſpracht mir, einige Erklärungen über dieſe ſonderbare Affaire zu geben, von der ich, wie es ſcheint, weniger als jeder Andere verſtehe, obwohl ich ganz gegen meinen Willen eine Hauptrolle dabei zu ſpielen hatte.“ „Ja, meine theure Freundin,“ entgegnete Lutwich lachend,„ich bedaure halb und halb, Euch dieſes Verſprechen gegeben zu haben, denn ich finde es etwas ſchwer auszu⸗ führen, ohne Folgen zu riskiren, die Euch, wie ich weiß⸗ ſchmerzlich fallen müßten. Habt Ihr denn gar keine Idee, wie und warum dies Alles geſchah?“ „Nicht die geringſte— ich kann's Euch verſichern,“ erwiederte Käthchen ihm mit aufrichtigem Erröthen offen ins Geſicht ſchauend.„Ich kann mir nicht einmal vorſtel⸗ len, warum mich Jemand auf dieſe Weiſe behandeln ſollte.“ Lutwich ſetzte ſich neben ſie und betrachtete ſie eine ———— 337 Weile faſt mit traurigem Blick, bis er die Augen nieder⸗ ſchlug und erwiederte: „Ich glaube Euch von ganzem Herzen. Ihr wißt nicht, wie ſchön Ihr ſeyd, meine theure Miß Malcolm, oder wenn Ihr's auch wüßtet, könntet Ihr Euch vielleicht doch nicht vorſtellen, welcher Niederträchtigkeit dieſes gefährliche Geſchenk Euch ausſetzen kann.“ 3 Käthchen Malcolm wurde diesmal gluthroth und ihr Begleiter fuhr eilends fort, indem er ſeine Hand ſanft auf die ihrige legte und augenblicklich wieder zurückzog: „Doch was ſollen wir von ſolchen Dingen reden?— Warum ſollte ich ein junges vertrauensvolles Herz mit der Erkenntniß all' des Uebels, das in der Welt herrſcht, be⸗ unruhigen? Fahrt lieber fort in Eurer Unſchuld und Wahrhaftigkeit und vertraut ihnen oder Euren Freunden, daß ſie Euch ſchützen werden. Es genüge Euch zu wiſſen, daß ich Euch, wie Ihr wohl wiſſen werdet, als ich Euch zum erſten Male traf, von einem bloßen Knaben beleidigt ſah, der es, wie ich glaubte, nicht beſſer verſtand; das kann Euch einigen Aufſchluß über die Urſachen eines Ereigniſſes ge⸗ ben, das Euch bis jetzt ein Raͤthſel geblieben iſt. Zuſällige Umſtände ließen mich ahnen, daß man einen Betrug gegen Euch im Schilde führe, weßhalb ich nicht nur Sir Harry Jarvis in einem anonymen Briefe warnte, daß er auf ſeiner Hut ſeyn möchte, ſondern ihm ſogar die Gründe hiefür mit⸗ theilte. Damit nicht zufrieden, ergriff ich Maßregeln, um weitere Kunde zu erlangen und dann wartete ich, bis ich Euch dienen könnte. Glücklicherweiſe wartete ich nicht James. Th. Broughton. 22 338 umſonſt. 85 Doch hier iſt der Thee; laßt uns in das andere Zimmer gehen und für jetzt nicht mehr an dieſe Dinge denken.“ Käthchen Malcolm erhob ſich nachdenklich, blieb aber vor der Thüre ſtehen und ſagte: „Wie kann ich Euch je genug danken?“ „Mehr als genug,“ gab er zur Antwort,„indem Ihr der Sache nie wieder erwähnet.“ In dem Speiſezimmer, wo der Tiſch für ſie gedeckt ſtand, führte ſie Lutwich an das Ende der Tafel und be⸗ trachtete ſie, während ſie den Thee bereitete, mit einem Blicke der Bewunderung, den er nicht unterdrücken konnte. Mit ihrer Arbeit beſchäftigt, woran ſie ſchon lange gewöhnt war, bemerkte ſie erſt nach längerer Zeit den Ausdruck ſei⸗ ner Züge, als ſie endlich die Augen aufſchlug und eine Ge⸗ ſchichte darin las, welche ihr Herz in raſcheren Schlägen bewegte. Lutwich ſchlug augenblicklich ſeine Blicke nieder und verſuchte den Eifer, mit dem er ſie betrachtet hatte, durch die Worte zu erklären: „Ihr ſeyd die erſte dame, meine theure Miß Mal⸗ colm, welche jemals in dieſem Hauſe den Thee für mich bereitet hat, und ſo kommt es mir neu— aber ſehr lieb⸗ lich vor.“ Käthchen ließ ſich jedoch nicht täuſchen; aber ſchon ſein Verſuch, ihr ſeine Gefühle unter ihren jetzigen Umſtänden zu verbergen, ſteigerte ihre Dankbarkeit immer höher, und etwas wie eine Thräne des Dankes und der Bewunderung für ein ſolches Benehmen ſchwamm eine Weile in ihren 339 Augen und ſchien dann von deren Feuer verzehrt zu werden. Sie ſchwieg jedoch und Lutwich kam einen Augenblick ſpäter auf den früher verhandelten Gegenſtand zurück. „Wißt Ihr auch, mein ſchönes Fräulein,“ begann er in heiterem Tone,„daß wir noch zu erwägen haben, wie wir uns benehmen müſſen, wenn Sir Harry Jarvis oder Eure anderen Freunde kommen oder Euch holen laſſen?— Nein, ſchaut nicht ſo verwundert oder geängſtigt. Ich muß Euch dies erklären, denn es iſt durchaus nothwendig, daß wir einen endlichen Entſchluß faſſen.“ Käthchens Herz fing abermals an heftig zu Pochen, denn ſie wußte nicht, was zunächſt kommen würde, und ihre Gefühle gegen ihren Gefährten waren bereits der Art, daß ſogar dieſer Zweifel ſie ſehr aufregen mußte. „Die Sache iſt die,“ fuhr Lutwich fort;„der Streich, der Euch geſpielt worden, wird und muß von denen, die Euch in ihren Schutz genommen haben, als eine Beſchimpfung betrachtet werden. Sir Charles Chevenir iſt, wie ich immer hörte, der edelſte großmüthigſte Mann von der Welt; aber er iſt auch hitzig und heißblütig und würde dieſes Vergehen ohne Zweifel auf eine Weiſe rügen, welche ſehr ernſte Fol⸗ gen nach ſich ziehen könnte, wenn er den Namen desjenigen erführe, der Euch ſeiner Obhut zu entziehen ſuchte.“ „O dann ſagt es ihm nicht, wenn Ihr ihn wißt,“ bat Käthchen Malcolm. „Ich weiß ihn freilich,“ erwiederte Lutwich;„aber die Sache hat auch noch eine andere Seite, die Ihr, mein theu⸗ res Fräulein, in Eurer Einfalt und Unſchuld nicht bedachtet, 22* 340 Wenn ich Sir Charles nicht die ganze Sache mittheile, ſo kann und wird er wahrſcheinlich vermuthen, daß ich einen Antheil daran gehabt habe.“ „O ſo etwus wird er ſich nicht einfallen laſſen,“ rief Käthchen;„Ihr hättet ja gar keinen Grund dazu.“ „Darin irrt Ihr Euch, meine Freundin,“ entgegnete Lutwich kopfſchüttelnd.„Sir Charles wird leicht ahnen können, daß ich, um Euch ſo für einen Tag in meinem Hauſe zu haben, außer einer Verletzung der Ehre alles Andere verſuchen würde, und überdies,“ fuhr er von dieſem Geſtändniſſe ſeiner Gefühle raſch wieder einlenkend fort— „überdies wird er erfahren, daß ich die Chaiſe mehrere Meilen weit beobachtete. Er wird es auffallend finden, daß ich den Poſtknecht nicht anhielt und Euch zurückzuführen zwang. Er wird es nicht begreifen, daß ich in der Eile des Augenblicks und durch momentanes Zögern“— hier ſchwieg er ſehr ernſthaft und fuhr dann fork:„jä durch momentanes Zögern die Gelegenheit entſchlüpfen ließ, um das was recht war zu thun. Ich tadle mich ſelbſt— wird er es nicht noch mehr thun?“ „O tadelt Euch nicht,“ rief Käthchen eifrig;„es war nicht Euer Fehler:“ „Doch, doch, er war's,“ verſetzte Lutwich faſt bitter und ſeinen Stuhl ihr näher rückend, ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu:„ich ſchwankte zwiſchen der Freude, Euch hier zu haben— Euch einen ganzen Tag zu ſehen und um Euch zu ſeyn und zwiſchen jenem zweiten Falle, daß ich Euch naͤmlich augenblicklich in der Chaiſe zurückführte. Es war 341 nur ein Moment; aber dieſer Moment und die Haſt, womit der ſchurkiſche Fuhrmann entrann, machte es unmöglich, das Rechte zu ergreifen. Nun habe ich Euch meinen Fehler geſtanden: ich bereue ihn und gräme mich darüber. Sprecht nur das Eine, daß Ihr mir verzeiht und ich will kein Wort mehr über dieſen Gegenſtand verlieren, bis ich es kühn und offen thun kann. Sagt mir— könnt Ihr mir verzeihen?“ Und er bot ihr ſeine Hand mit einem Blicke zweifeln⸗ der Bekümmerniß. „O ja,“ erwiederte Kaͤthchen, ihm die ihrige reichend; „was iſt aber zu thun?“ „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Lutwich;„das ſind aber die Folgen, wenn man auf dem rechten Pfade auch nur ei⸗ nen Augenblick zögert. Ich bin nicht der Mann,“ fuhr er mit melancholiſchem Lächeln ſort,„der allzu tief über ſolche Dinge moraliſirt. Ich habe manches, manches Unrecht in meinem Leben gethan; aber ich hätte gewünſcht, daß jede meiner Handlungen— ja ſogar jeder meiner Gedanken an Euch auch von dem geringſten Schatten der Selbſtſucht frei geblieben wäre, und jetzt habe ich mich in eine Lage verſetzt, wo ich mich entweder ungerechtem Verdachte ausſetze oder ernſtliches Unheil veranlaſſe, wenn ich die Verantwortlich⸗ keit auf den wahren Verbrecher wälze.“ Käthchen war während dieſer Rede in tiefes Nachden⸗ ken verſunken geweſen; als aber der Klang ſeiner Stimme aufhörte, ſchaute ſie lächelnd empor, wie wenn ihre Seele zu einem befriedigenden Schluſſe gelangt wäre. „Sagt es ihm, ſagt es nur Sir Charles Chevenix,“ ermahnte ſie;„ich habe es immer am beſten gefunden, ehr⸗ lich und offen aufzutreten. Ich habe nie etwas in meinem Leben verhehlt, den einzigen Brief an Mr. Eaton, den ich Euch zeigte, ausgenommen. Ich wußte, daß mein armer Vater aus Stolz ihn nicht würde abgehen laſſen, wenn ich's ihm ſagte, und als die kalte Antwort eintraf, war es ohne⸗ hin unnöthig darüber zu ſprechen; aber ich habe auch das bereut. So ſagt es nur Sir Charles, aber macht dabei die Bedingung, daß er keine Rache nimmt für eine That, welche er, wie Ihr und ich glaubet, als eine perſönlichen Beleidi⸗ gung betrachten wird. Er wie ſeine theure Tochter iſt ſehr, ſehr gütig gegen mich verfahren— ja auch Lady Chevenix; vbwohl dieſe kälter und ſteifer iſt.“ 5 „Ihr habt Recht,“ ſagte Oberſt Lutwich,„ich will es Sir Charles ſagen; und ich habe eine gute Entſchuldigung, wenn ich ihn an der Züchtigung dieſer Perſon verhindere, obwohl ich ſelbſt entſchloſſen war, wenn ich ihn heute Nacht getroffen hätte, ihn auf der Stelle tüchtig durchzupeitſchen — das würde ihm gut gethan haben.“ „Dann wißt Ihr alſo ganz gewiß, wer es iſt?“ fragte Käthchen. „O ja! Sir Theodor Broughton ohne allen Zweifel,“ verſetzte Lutwich. „Wer iſt das?“ fragte Käthchen Malcolm mit einem Blicke der Ueberraſchung;„hab' ich ihn je geſehen?“ „Allerdings,“ gab ihr Geſellſchafter zur Antwort; nes iſt derſelbe, der Euch in dem Gaſthofe zu Dunſtable auf * dem Gange beleidigte. Ich hörte das ganze Komplott durch 343 die dünnen Wände eines Zimmers, das Eurem heutigen Schlafgemache ſehr nahe liegt, und erhielt heute Morgen noch weitere Nachrichten.— So, nun habe ich mein Herz erleichtert. Ich will es Sir Charles ſagen, und jetzt wollen wir von andern Dingen reden.“ „Warum mag er mich nur alſo verſolgen?“ fragte Käthchen in gedankenvollem Tone. „Alle Männer ſind Raubthiere,“ entgegnete Lutwich lächelnd;„aber es iſt dieſer Unterſchied zwiſchen ihnen, meine theure Miß Malcolm: die einen, von kühnerer ſtär⸗ kerer Natur, greifen nur ſolche an, welche im Stande ſind, ihnen zu widerſtehen und ſie gleichfalls anzupacken, wogegen ſie die Schwachen und Wehrloſen ungefährdet laſſen— der Löwe wird nie den Haſen verfolgen. Andere dagegen jagen die Schwächlichen und Schutzloſen, und ſo verächtlich ſie auch ſind, ſo ſind ſie doch denen, welche ſich nicht gegen ſie wehren können, ſehr gefährlich.“ Sein Herz ſchien wie von einer ſchweren Laſt befreit, nachdem er jetzt ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, und er ſprach während der nächſten zwei bis drei Stunden munter und ſinnig über allerlei Dinge, ohne jedoch auf die Gefühle ſei⸗ nes Herzens gegen ſie auch nur im geringſten anzuſpielen. Er wußte auch ihre Nachdenklichkeit zu verbannen, obwohl Käthchen mit einer eigenthümlichen neuen Empfindung, welche beinahe der Furcht nahe kam, in ihrem Herzen fühlte, daß ſie geliebt wurde, und daß ſie vielleicht wieder lieben könnte. Sie war freilich in ſolchen Empfindungen nicht erfahren und ſehr begierig, ihr eigenes Herz zu be⸗ 344 fragen; aber ſoviel merkte ſie mit Sicherheit, daß ihre Dank⸗ barkeit ſehr, ſehr groß war, oder daß ſogar ein wärmeres Gefühl in ihrem Buſen lebte. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. In einer der wahrſten Geſchichten, welche ſeit den Tagen der Sündfluth— ich weiß nicht ganz genau, was etwa vorher kam— zu Tage gefördert wurde, wird uns erzählt, daß als Bedor, König von Perſien, von der Kam⸗ merfrau der Prinzeſſin Giauhara von Samandal als ein weißer Vogel mit rothem Schnabel und Füßen auf eine ſchöne Ebene in einem wohlbeſuchten Eilande verſetzt wurde, er einige Zeit in Verlegenheit war, wie er ſein tägliches Brod gewinnen wollte, bis er endlich, da alle andern Hülfs⸗ quellen ihm fehlten und er beinahe Hungers geſtorben wäre, genöthigt war, von ſolcher Nahrung zu leben, wie Vögel ſeiner Art ſie gewohnt ſind. Ganz derſelbe Fall war es mit Sir Theodor Brough⸗ ton. Er hatte ſich ſelbſt— wie dies an Knaben ſeines Alters bei lebhafter Fantaſte und nicht ſehr ſtarkem Ver⸗ ſtand gewöhnlich iſt— in den Glauben hineingearbeitet, daß er nicht ohne Käthchen Malcolm leben könne. Da er jedoch fand, daß zu der Ausführung von Doftor Gamble's Anordnungen einige Zeit nöthig war, ſo mußte er ſich mit der Erwartung begnügen, was gerade ſolche Nahrung iſt, wie ſie Vögel ſeiner Art gewoͤhnt ſind' Gamble that 345 allerdings ſein Beſtes, um ihn ſobald wie möglich zu be⸗ friedigen, und der Doktor war in der That bei einer ſolchen verliebten Intrigue ganz in ſeinem Element. Er rannte bald hier, bald dorthin, von Bowſtreet nach dem Hund und der Ente, verkehrte mit Spitzbuben und Landſtreichern aller Grade und Klaſſen, und obwohl manche ſeiner alten Be⸗ kannten durch einen höchſt unerfreulichen Prozeß, der ſie bis an das Ende ihres Lebens in suspenso erhielt, weit höher als ihre eigenen Wünſche reichten, emporgeſtiegen, während Andere auf die wohlfeilſte Weiſe zum Beſuche fremder Län⸗ der ausgezogen waren, obwohl ferner ſein äußerſt kritiſcher Geſchmack durch die Vorzüge neuer Profeſſoren in der Kunſt, die er zu praktiziren im Begriffe ſtand, nicht leicht befriedigt wurde— ſo fand er endlich doch zwei bis drei Helfershelfer nach ſeinem Sinn, denen er nach langer Berathung die Aus⸗ führung des entworfenen Planes anvertraute. Sir Theodor Broughton war in der That nicht allein über die Thätigkeit ſeines verehrten Hofmeiſters in dieſer neuen Eigenſchaft, ſondern auch über deſſen vollſtändige Kenntniß aller Mittel und Wege, um in einer großen Haupt⸗ ſtadt wie London jedes auch noch ſo ſchändliche Ziel zu er⸗ reichen, höchlich erſtaunt, und der junge Baronet überzeugte ſich immer mehr, daß all' die Strenge und der pomphafte Ernſt, welchen Doktor Gamble als ſein Lehrer in früheren Zeiten entfaltet hatte, nur ein falſches Gewand geweſen war, um ſeinen wahren Charakter eine Zeitlang darunter zu verbergen. Nichts deſtoweniger merkte er ſehr bald, daß ein ſolcher Mann, wie der Hofmeiſter ihm jetzt erſchien, ihm 346— ſehr nützlich werden könne, und er horchte emſig auf all' die verſchiedenen Berichte, welche ihm über das Fehlſchlagen dieſer und das Gelingen jener Unternehmung hinterbracht wurden, bis endlich Ben Pflugſchaar aufgefunden wurde, deſſen Witz weit und breit berühmt war, obwohl der deut⸗ lichſte Beweis, den er hievon gegeben, darin beſtand, daß er ſeinen eigenen Hals vor dem Stricke bewahrt hatte— eine Heldenthat, welche weit ehrlicheren Leuten als er nicht im⸗ mer ebenſo gut gelungen iſt. Seine Forderungen gingen ziemlich hoch, wurden aber zuletzt bewilligt und dafür nahm er es auf ſich, zwei Gehülfen aufzutreiben, deren einer als Poſtknecht einen gemietheten Wagen lenken ſollte, während der Andere Doktor Gamble und ſeinen Zögling von dem Gelingen des Planes zu benachrichtigen hatte, ſobald das arme Käthchen Malcolm die Thore von Sir Harry's Park hinter ſich hatte. Dieſe Anordnungen nahmen den ganzen erſten Tag nach Ankunft des jungen Baronets zu London in Anſpruch und die Hauptſchwierigkeit ſchien nur noch die zu ſeyn, wie man ſich von Major Brandrum und Reginald Lisle, mit denen Sir Theodor in Old⸗Hummums abgeſtiegen war, auf anſtändige Weiſe trennen könnte. „Ueberlaßt es nur mir,“ ſagte Doktor Gamble, wäh⸗ rend er einige Augenblicke ehe die ganze Geſellſchaft zu Garricks' Gaſtſpiele aufbrechen wollte, in Sir Theodors Zimmer ſaß. Er wählte ſich einen Zwiſchenakt im Theater, um auf der andern Seite des Hauſes einen alten Bekannten — einen diſtinguirt ausſehenden Mann, der faſt ganz allein 347 in einer gegenüberliegenden Loge ſaß— zu entdecken; er ging alsbald hinüber und kehrte dann zurück, um Sir Theo⸗ dor mit der lauten Aeußerung von ſeinen beiden Begleitern wegzurufen: „Lord Milſon ſagt mir, er ſey ein alter Freund Eures Großvaters und wünſche ſehr, daß ich Euch zu ihm bringe und ihm vorſtelle.“ Sir Theodor ſtand auf und folgte; Reginald Lisle und ſein Freund ſahen alle Ceremonien der Vorſtellung vor ſich gehen, worauf der junge Baronet einen Sitz neben dem alten Edelmanne einnahm. Nach wenigen Minuten zog ſich Doktor Gamble in die Nebenloge zurück und Sir Theodor blieb bis das Stück zu Ende war. „Nicht ſehr höflich, ſeine Freunde zu verlaſſen,“ meinte Major Brandrum, als ſie ſich zum Abgehen anſchickten; „er iſt aber noch ein bloßer Knabe und jener ſinnliche Heuch⸗ ler trägt allein die Schuld.“ „Ich habe eine ſtarke Ahnung, daß er etwas ſchlimmer iſt als Du ihn eben bezeichnet,“ bemerkte Reginald.„Ich halte dieſen Gamble für einen niedrigen Schurken, der den Jüngling noch gänzlich verderben wird.“ Die Worte waren ihm kaum über die Lippen gekommen, als die beiden eben Beſprochenen wieder zu ihnen traten und Sir Theodor mit der Meldung anhub: „Ich muß meinen Ausflug nach Ranelagh verſchieben, Lisle, denn ich habe auf einige Tage eine Einladung auf's Land angenommen.“ Der Arme wurde ziemlich roth bei dieſen Worten und 348 Reginald bemerkte es offenbar, was ihn nur noch verlegener machte; doch wurde nichts weiter darüber geſprochen und am folgenden Morgen bei grauendem Tageslichte hatte Sir Theodor mit ſeinem Hofmeiſter die Hummums verlaſſen. Doktor Gamble's heitere geſchäftige Freude war förm⸗ lich erbauend; er betrachtete ſich offenbar als einen guten Mann, der eine That des Wohlwollens verrichtet; er war entzückt und überglücklich, denn kein Schuljunge konnte ſich mehr über eine gerathene Unart freuen, als Doktor Gamble ſich an jeder Unternehmung ergötzte, welcher Art und Be⸗ ſchaffenheit ſie auch ſeyn mochte. Nicht allein, daß er Ge⸗ winn und Vergnügen und Macht bei Unterſtützung der Lei⸗ denſchaften ſeines Zöglings vorausſah— nein, neben dem Vergnügen, ihn in Schwierigkeiten zu verwickeln, aus denen er ſich ohne ſeinen Beiſtand nicht herauswinden konnte, lag auch in ſeinem eigentlichen Weſen eine Sucht nach Aben⸗ teuern und Intriguen, welche ganz abgeſondert neben ſeinen eigennützigen Planen herlief. Seit ſeiner Anſtellung als Lehrer des jungen Baronets hatte er nur ſelten Gelegenheit gehabt, dieſem Hange zu froͤhnen, obwohl Doktor Gamble Sorge getragen hatte, ſeine Geſchicklichkeit in ſolchen Din⸗ gen nicht einroſten zu laſſen, ſo oft Kapitän Donovan auf längere Zeit abweſend war; jetzt aber war ihm zu Muthe wie dem Fiſch, der ſich, nachdem er einige Minuten in dem Korbe des Anglers gelegen, plötzlich wieder nach Durchbre⸗ chung ſeines Gefängniſſes ſeinem eigenen freien Elemente zurückgegeben ſieht. Ganz anders waren Sir Theodor's Gefühle. Er 349 beharrte zwar auf ſeinem Plane und beſchloß, nicht zu wan⸗ ken oder inne zu halten; er fühlte ſich männlicher ſchon durch die Unternehmung allein, und dieſes Bewußtſeyn hätte ſei⸗ ner ſchüchternen Eitelkeit geſchmeichelt und ihn immer wei⸗ ter getrieben, auch wenn keine Leidenſchaft in ſeinem Herzen getobt hätte; aber ſeine Bruſt war nicht frei von Gewiſ⸗ ſensbiſſen und auf ſeiner Seele laſtete die Beſorgniß. Er war aufgeregt, nervös und keineswegs zuverſichtlich. Er fragte ſich ſelbſt: was ſollte es werden, wenn Käthchen ent⸗ deckte, daß er ſtatt ihr Befreier zu ſeyn, in Wahrheit nur ihr Verfolger war, und daß der ganze Plan, den er zu ver⸗ eiteln ſcheinen ſollte, nur von ihm ſelbſt ausging? Was mochte ſie von ihm denken? Wie ſollte er handeln, wenn ſie ihm Vorwürfe darüber machte— mit welcher Schande mußte er da vor ihr ſtehen? Wohl gemerkt— er dachte keinen Augenblick an die Rache, welche Sir Charles Chevenix und Major Brandrum für eine Beſchimpfung des armen ihrem Schutze anbefohle⸗ nen Mädchens vorausſichtlich nehmen würden. Der Jüng⸗ ling war nämlich blos geiſtig, nicht körperlich furchtſam und auf jene Fragen an ſein eigenes Herz lautete die Antwort immer nur:„wenn ſie Alles entdeckt, ſo kann ich mich ihr blos zu Füßen werfen und ihr ſagen, daß es die Liebe war, welche mich zum Wahnſinn getrieben.“ Dann kam aber wieder die leichtſinnige luſtige zuverſichtliche Miene ſeines Hofmeiſters, ſeine beſtändigen Verſicherungen, daß Alles gut gehe, und daß der Plan gelingen müſſe; ſie hielten ſeine 350 Lebensgeiſter aufrecht und lehrten ihn ſeine Beſorgniſſe ſo⸗ bald ſie aufſtiegen, niederzukämpfen. 4 Ich habe zwar dieſes Werk einen altmodiſchen Roman genannt: der Leſer darf darum aber doch nicht glauben, daß die Ereigniſſe unwahrſcheinlich oder gar undenkbar ſeyen, Im Gegentheil kann ich ihn verſichern, daß ein ſolcher Plan noch vor wenig Jahren gefaßt und wirklich ausgeführtwurde, daß ſich die vorliegenden Thatſachen jener Wahrheit ſo viel wie möglich nähern und daß eigentlich blos die Namen ver⸗ ändert ſind.. Die ſchwierigſte Periode der engliſchen Geſchichte iſt vielleicht die, in welcher vorliegende Erzählung ſpielt. Sie ſteht unſern eigenen Tagen ſo nahe, daß wir natürlich annehmen, ihre Sitten und Gebräuche müſſen faſt ganz die unſrigen geweſen ſeyn— und doch iſt im gleichen Zeitraume in keinem Lande eine ſo große und außergewöhnliche Ver⸗ änderung vorgegangen, wie eben hier. Wo ſind die Straßen⸗ räuberbanden, die partheiiſchen Richter, die ſpitzbübiſchen Konſtabler, jene Spottgeburten von Geiſtlichen, die Ent⸗ führungsheirathen, die gemietheten Renommiſten und jene durch die Gunſt eines Peers aufgeſchobenen Lebensſtrafen? Und doch wiſſen wir, daß alle dieſe Dinge exiſtirten, obwohl ſie jetzt ſmmt Degen, Zöpfen, Haarpuder und bordirten Röcken außer Mode gekommen ſind. Zu jener Zeit beſtanden dieſe Dinge nicht nur in Wirk⸗ lichkeit, ſondern wurden auch täglich in Büchern, Journalen und auf der Bühne dargeſtellt, ſo daß Handlungen, welche einem jungen Manne unſerer Zeit als unbeſonnen und 3⁵¹1 gefährlich, ja faſt als wahnſinnig vorkämen, in Sir Theo⸗ dor Broughton's Augen keineswegs als außerordentlich er⸗ ſchienen, und er hatte blos noch mit jenem ſchüchternen Schwanken, jener Furcht vor Entdeckung und Schande zu kämpſen, wie ſie jedes junge und noch nicht ganz verdorbene Gemüth bei Ausführung eines ſchlechten Planes befallen wird. Er ließ jedoch keinen Mangel an Entſchloſſenheit blicken und Doktor Gamble ſah blos, daß ſein Zögling etwas beklommen und aufgeregt ſchien, ohne zu ahnen, in welchem Grade dies der Fall war. Er ſuchte ihn durch alle ihm zu Gebot ſtehenden Mittel zu ermuthigen, und da er wußte, daß thätiges Eingreifen der beſte Weg zu Verbannung ſol⸗ cher Anwandlungen iſt, ſo führte er den jungen Baronet alsbald auf die Straße nach St. Albans, indem er Zachary Hargrave mit der Weiſung zurückließ, daß er die Thore von Sir Harry's Hauſe bei Barnet bewachen ſollte; ſobald ſich eine günſtige Gelegenheit zur Ausführung ihres Vorhabens gegen das arme Käthchen darböte— wenn etwa die Fami⸗ lie, bei der ſie wohnte, ausginge— hatte Hargrave Ordre, alsbald zu Ben Pflugſchaar nach Barnet zu reiten und ihn hievon zu benachrichtigen. Doktor Gamble wußte ſeine Sachen in der Regel ſehr fein zu berechnen. Er dachte bei ſich ſelbſt:„natürlich wird die junge Dame nicht eher ausgehen, als bis das Leichenbe⸗ gängniß ihres Vaters vorüber und ihre Trauerkleidung ſertig iſt; das iſt jedoch für die Andern kein Grund, zu Hauſe zu bleiben.“ Aber einen Punft ließ er doch aus den Augen, 5⁵² den nämlich, daß ein Mann von Hargrave's Charakter mit halbem Vertrauen nicht zufrieden war und nur mit Miß⸗ vergnügen ſich ſelbſt von einer Perſon, die ſein junger Ge⸗ bieter, wie er immer glaubte, auf s Tiefſte haßte, ſo plötzlich in der angenehmen Aufgabe abgelöst ſah, Sir Theodor bei ſeinem Eintritt ins Leben irre zu führen. Hargrave hatte freilich noch andere und ſehr dringende Beweggründe, um Oberſt Lutwich einen Beſuch abzuſtatten und ihm über Al⸗ les, was vorging, Rapport zu machen; aber auch ſeine Un⸗ zufriedenheit war nicht wenig in der Sache betheiligt. Die nächſte Aufgabe des Hofmeiſters war, ein Plätz⸗ chen zu ſuchen, wo man das arme Käthchen Malcolm hin⸗ führen konnte; doch will ich den Leſer mit den Einzelnheiten hierüber verſchonen und nur noch erwähnen, daß endlich mit großer Mühe ein Landhäuschen nicht weit von St. Albans aufgefunden wurde, deſſen Beſitzerin auf gewiſſe Betrach⸗ tungen hin zur Verſchwiegenheit geneigt war. Sobald dies Alles abgemacht und ihr Entſchluß durch ein gutes Mittag⸗ eſſen und Wein befeſtigt war, warteten Doktor Gamble und Sir Theodor nicht ohne Ungeduld auf die Ankunft ihres Boten. Dieſer blieb jedoch ſo lange aus, daß ſogar Doktor Gamble zu fürchten anfing, daß etwas ſchief gegangen wäre, oder daß im beſten Falle ein Theil ihres Planes durch den Ein⸗ bruch der Dunkelheit vereitelt werden würde. Endlich trat Ben Pflugſchaars Freund erhitzt und ſtaubig vom ſcharfen Ritte ins Zimmer und rief: „Sie ſind fort, Gentlemen. Steigt nur gleich zu 35³ Pferd, und Ihr werdet ſie noch drei Meilen, bevor ſie die Stadt erreichen, einholen.“ „Das iſt gerade recht,“ verſetzte Doktor Gamble, und in den Hof hinabeilend, wo ihre Pferde ſchon geſattelt ſtan⸗ den, ſchwang er ſich mit Sir Theodor, deſſen Geſicht von Aufregung ganz blaß war, in den Sattel und ritt davon. „Nun vergeßt mir nur nicht, mein lieber junger Freund,“ rekapitulirte der Hofmeiſter,„Ihr müßt in die Chaiſe hin⸗ eingucken; wenn Ihr Eure ſchöne Dorinda drinnen ſeht, zieht Ihr den Hut ab, laßt den Poſtknecht halten und ſprecht in gleichgültigem Tone mit ihr, wobei Ihr ſie fragt, ob ſie nach Dunſtable zurückkehre. Sie wird natürlich ſagen, nein, ſte gehe nach London; dann müßt Ihr ihr erklären, daß ſie getäuſcht worden, daß wir ihr den rechten Weg weiſen und die abſcheulichen Menſchen, die ſie irre führten, beſtrafen wollen— ha ha ha! verſteht Ihr mich?“ Unter ſolchen Geſprächen trabten ſie raſch die Straße weiter, bis ſie drei, vier, fünf Meilen auf der Barnetſtraße zurückgelegt hatten, und zuletzt ernſtliche Beſorgniſſe zu he⸗ gen anfingen. Endlich kam ihnen Barnet ſelbſt zu Geſicht und Doktor Gamble rief mit großer Beſtuͤrzung und Ver⸗ wunderung: 1 3 „Laßt uns in den Gaſthof reiten und Nachforſchungen anſtellen.“ Aber dort erfuhren ſie nichts weiter, als daß der Wa⸗ gen, nach dem ſie fragten, ſeit mehr als zwei Stunden ab⸗ gegangen war, und ſie brachen auf, um auf derſelben Straße James. Th. Broughton. 23 35⁵4 zurückzukehren, als eben ein berittener Diener in den Hof ſprengte und nach dem nämlichen Fuhrwer le fragte. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Reginald Lisle hatte den Morgen des Tages, deſſen Ereigniſſe die letzten zwei bis drei Kapitel ausgefüllt ha⸗ ben, auf ſeiner Mutter Landhauſe zugebracht, war dann wieder zu ſeinem Freunde Major Brandrum in den Gaſthof zurückgekehrt und am Nachmittag nach Ranelagh aufgebro⸗ chen. Das Benehmen ihres jungen Reiſegefährten Sir Theodors wurde nicht ganz ohne Tadel unter ihnen erwähnt und Reginald äußerte die Anſicht, die vorgegebene Einla⸗ dung auf's Land ſey wahrſcheinlich blos ein Vorwand, um ſich von Perſonen zu trennen, deren Gegenwart ihnen Zrang auferlegt hatte. „Es iſt leicht zu ſehen,“ bemerkte er,„daß dieſer Hof⸗ meiſter, deſſen Davonlaufen während der Abweſenheit des Vormunds ſchon tadelnswerth genug war, um eine Entlaſ⸗ ſung zu rechtfertigen, aus beſondern Gründen, deren Er⸗ forſchung mir nicht der Mühe werth iſt, beibehalten wurde, und es iſt ihm offenbar unlieb, einen Zweiten bei der Hand zu ſehen, der ganz andere Rathſchläge als er ſie wie ich fürchte geben wird, ertheilen könnte.“ „Wäre dieſer Meiſter Gamble unter ünſern Freunden den Indianern, mein theurer Lisle,“ erwiederte der Major, „ſo trüge er ſchon jetzt den Namen der Sumpfſchlange. Ich 355 hörte geſtern zufällig einen Theil ſeines Geſprächs mit ſei⸗ nem Zögling, und von dem Augenblick erkannte ich deutlich, daß wenn er bei Sir Theodor bleiben ſoll, unſere Geſell⸗ ſchaft dem Jungen nur wenig nützen würde. Donovan iſt ein Schurke— das iſt klar, und was auch immer ſeine Abſicht ſeyn möge— er arbeitet auf die geiſtige Zerſtörung dieſes Jünglings hin. Ich will mir jedoch nicht länger den Kopf in der Sache zerbrechen, ſondern wie gewöhnlich mein Julchen ableiern, und wenn Du meinen Rath hören willſt, ſo thuſt Du daſſelbe. Hilf Himmel! ich werde mit dem, was ich für die arme Malcolm unternahm, ſchon genug zu thun haben. Ich hätte nie gedacht, daß die heißhungrige Krähe jemals ein ſo ſchmuckes Vögelchen unter ihre Flügel zu nehmen hätte; aber jedenfalls muß ich für das Mädchen ſorgen und ſogar für ſie fechten, wenn es Noth thun ſollte.“ „Ich hoffe zu Letzterem wird es wohl keine Gelegen⸗ heit geben,“ verſetzte Lisle.„Ich habe heute mit meiner theuern Mutter über ſie geſprochen; ſie will ſie bei ſich auf⸗ nehmen und wie ihr eigenes Kind behandeln. Dort iſt ſie ganz ſicher, was auch uns Beiden begegnen mag, Brand⸗ rum. Meine Schweſter Lucy lachte mich aus und wollte durchaus entdecken, daß meine Mutter bald ein geſetzliches Recht haben würde, das arme Mädchen ihre Tochter zu nennen. Da half alles nichts— ſie ließ ſich nicht über⸗ zeugen, und ſo muß ich Dich morgen zum Mittageſſen hin⸗ übernehmen, um ihr eine richtigere Anſicht von der Sache beizubringen.“ 23* 35⁵⁶ „Vielleicht hat Lucy nicht ſo ganz Unrecht,“ lachte Brandrum gleichfalls. 3 „Nein, meine liebe Krähe, nein,“ verſicherte Reginald eifrig. „Ei warum denn nicht?“ fragte der Major.„Iſt ſie nicht das ſchönſte kleine Geſchoͤpf, das ich noch je geſehen habe?“ „Ohne Zweifel,“ gab Kapitän Lisle zur Antwort; „wenn Du übrigens fragſt— warum? ſo will ich Dich mit einem Worte berichtigen, Brandrum. Mein ganzes Herz und all' ſeine Liebe gehört ſchon einer Andern.“ Major Brandrum ſchwieg eine Weile nachdenklich und begann dann in ernſtem Tone: 1 „Miß Chevenir!— Lisle, Lisle! ich fürchte, Du wirſt Dir Unglück bereiten. Sie iſt eine reiche Erbin aus einer ſehr ſtolzen Familie. Du haſt, glaub' ich, jährlich etliche ſechshundert Pfund und Deine Mutter und Schweſter zu⸗ ſammen ebenſo viel. Was wird Sir Charles dazu ſagen?“ „Ich weiß es nicht,“ gab Lisle zur Antwort;„in der That, ich halte es ſelbſt für einen wahnſinnigen Streich; aber wer hat je gehört, daß Liebe durch Vernunft zu regie⸗ ren wäre. Sir Charles ſelbſt iſt durchaus nicht hochmüthig⸗ nur Lady Chevenir iſt ſtolz, wie Du ſagſt, das ſehe ich deut⸗ lich. Meine Familie iſt übrigens ſo gut oder noch beſſer, wie die ihrige, und was das Vermögen betrifft, ſo habe ich mich zwar bis jetzt noch nie darum bekümmert oder meine künftigen Ausſichten berechnet, finde aber doch, daß ich noch einmal wohlhabend werden kann. Mein Oheim Mullins 357 iſt ſehr reich und ohne Kinder: ich bin ſein nächſter und ein⸗ ziger männlicher Verwandter und war immer ſein beſonde⸗ rer Liebling, ja wäre er mein Vater— er könnte in ſeiner barſchen Weiſe nicht freundlicher und zärtlicher gegen mich ſeyn.“ „Nun gut,“ ſagte Brandrum feufzend.„Du haſt vielleicht viele Jahre zu warten, bis Du endlich ſiegen wirſt.“ Hier endete das Geſpräch und kurz darauf erreichten beide Offiziere den Ort, der damals der Verſammlungspunkt der faſhionablen Geſellſchaft von London war. Da er je⸗ doch ſchon zu häufig in all' ſeinem Flitterglauze beſchrieben iſt, um hier noch näher erwaͤhnt zu werden, ſo will ich alle Nebenereigniſſe übergehen und nur noch bemerken, daß Re⸗ ginald Lisle und ſein Freund viele Bekannte daſelbſt antra⸗ fen und ſich beim behaglichen Thee nach der ſtrengen Mode des Ortes auf's Munterſte mit ihnen unterhielten. Schon waren ſie im Begriff, nach Haus zu gehen, als einer der Kellner, der ſie kannte, herbeikam und dem älteren Offtzier eine Karte mit den Worten einhändigte: „Dieſer Herr, Sir, wartet unten an der Treppe, um Euch zu ſprechen. Er iſt in Reitkleidern und kann nicht heraufkommen.“ „Sir Charles Chevenix!“ rief Brandrum.„Was kann der um dieſe Stunde wollen? Komm, Lisle, laß uns einmal nachſehen.“ Die beiden Gentlemen eilten hinunter, wo ſich die Ur⸗ ſache von Sir Charles' Ankunft ſehr bald aufklärte. „Ich ging ſogleich in die Summums,“ erzählte der 358 Baronet.„Da ich dort erfuhr, daß Ihr hierher gegangen, ſo eilte ich Euch nach, während mein Freund Sir Harry Jar⸗ vis dort zurückblieb, um Euch für den Fall Eurer Ruͤckkehr abzufangen, weil dieſes Ranelagh, ganz unähnlich einer Mänſefalle, faſt ebenſo viele Aus⸗ als Eingänge beſitzt. Nebendem ſchickten wir einen Diener nach Barnet, um ſich an allen Gaſthöfen zu erkundigen, woher die Chaiſe gekom⸗ men ſey: er hat die Weiſung, uns nach Eurer Herberge zu folgen.“ Reginalds Geſicht wurde roth vor Entrüſtung und ſeine Stirne runzelte ſich in heftigem Zorn. „Das iſt zu ſchändlich,“ rief er;„ich will den Schur⸗ ken durchpeitſchen, ſo lange ich noch einen Funken Athem in mir habe.“ „Erſt müſſen wir ihn finden,“ meinte Sir Charles Chevenix, der die Miene des jungen Offtziers ſehr aufmerk⸗ ſam bewacht und ſeine eigenen Schlüſſe daraus gezogen hatte.„Laßt uns nach den Hummums zurückkehren und rathſchlagen; der Ort hier iſt gar zu ſehr beſucht.— Was ſagt Ihr dazu, Major?“ „Herzlich gerne,“ gab Major Brandrum mit weit mehr Kaltblütigkeit zur Antwort;„wir wollen unſeren jun⸗ gen Freund bald ausfindig machen. Aber mit Lisle's Er⸗ laubniß nehme ich das Geſchäft des Durchpeitſchens ſowohl als der Aeltere in Jahren und Dienſtzeit, wie auch als Vormund des armen Käthchens für mich in Anſpruch. Ich darf ihn freilich nicht ſkalpiren, da wir nun doch in dieſem kalten phlegmatiſchen Lande leben; ſonſt wäre es mir eine Herzensfreude geweſen; aber lebendig ſchinden— das geht ſchon und dies iſt auch für ihn das Beſte.— Heda, Burſche, holt eine Miethkutſche.“ Scohbald eines dieſer rumpelnden Fuhrwerke herbeige⸗ ſchafft war, ſtiegen die Drei mit der Weiſung ein, ſie mög⸗ lichſt raſch nach Coventgarden zu führen. „Und nun, ihr Herrn, könnt Ihr mir irgend einen Aufſchluß darüber geben, wo die junge Dame ſeyn mag?“ fragte Sir Charles, ſobald ſie ſich geſetzt hatten;„unter uns geſagt, ich betrachte die Beſchimpfung als eine perſön⸗ liche, und werde ſie ganz gewiß demgemäß behandeln.“ „O nein, Sir Charles,“ erwiederte Lisle,„dieſen Theil der Sache müßt Ihr uns überlaſſen: Ihr habt Fa⸗ milie, was bei uns Beiden nicht der Fall iſt. Ich kann mir nicht denken, wohin er ſie entführt hat; aber wir werden es ohne Zweifel bald entdecken und wollen ſogleich die nö⸗ thigen Schritte thun, um die arme Miß Malcolm zurück⸗ zubringen und den Verbrecher zu beſtrafen.“ „So wißt Ihr oder vermuthet wenigſtens, wer der Schuldige iſt?“ ſagte Sir Charles Chevenix. Reginald Lisle ſchwieg; aber Major Brandrum gab zur Antwort: „Ja, Sir Charles, wir vermuthen es allerdings mit ei⸗ ner Wahrſcheinlichkeit, welche beinahe zur Ueberzeugung wird. Da jedoch der Zweifel ein unangenehmes und ge⸗ fährliches Ding iſt— nicht minder gefährlich, weil er un⸗ angenehm, noch weniger unangenehm, weil er gefährlich iſt — ſo wollen wir bald Mittel finden, um ihn zur Gewißheit 360 zu erheben. Laßt hören, was Euer Diener zu ſagen hat, und dann überlaßt es Lisle und mir, das Uebrige auszuſpü⸗ ren: wir ſind daran gewöhnt, eine gegebene Spur zu ver⸗ folgen, und Ihr braucht nicht zu fürchten, daß wir unſer Ziel verfehlen werden.“ „Das wollen wir Alles nebenbei beſprechen, Major,“ verſetzte Sir Charles Chevenix, keineswegs geneigt, eine Sache, die er als ſeine eigene Ehre berührend betrachtete, ganz und gar fremden Händen zu überlaſſen, und ſo rollte der Wagen ſchweigend gegen die Hummums. Während ſie an jenen düſtern trüben ſchlecht geputzten Laternen mit ihren paar Tropfen Oel und einem groben Dochte in der Mitte vorüberkamen, womit damals die Straßen von London beleuchtet waren und welche jetzt von Allen, außer Solchen, deren Erinnerung in der Vergan⸗ genheit weilt, vergeſſen ſind— richtete Sir Charles ſei⸗ nen Blick von Zeit zu Zeit auf Reginald Lisle. Die Miene des Letzteren war ernſt und geſpannt, und der Baronet zog abermals ſeine eigenen Schlüſſe. Endlich war Old⸗Hum⸗ mums erreicht und die drei Gentlemen gingen haſtig auf Major Brandrum's Zimmer, wo ſte Sir Harry Jarvis mit Ungeduld ihrer harrend und Sir Charles' Diener Stevens mit dem Hut in der Hand vor ihm antrafen. Die Vorſtellung wurde kurz abgemacht und ſobald dieſe Ceremonie vorüber war, rief Sir Charles haſtig: „Nun, Stevens, was für Neuigkeiten? haſt Du etwas entdeckt?— iſt in ganz Barnet kein Elſternneſt aufzutrei⸗ ben, das uns wenigſtens einige Beſchäftigung gewährte?“ 361 „Nicht daß ich wüßte, Sir Charles,“ verſetzte der Mann trocken;„ich habe nur wenig erfahren. Ich kam vor mehrere Gaſthöfe, Euer Gnaden, bis ich endlich in den Hof des Schwanen einritt; eben als ich dort anlangte, ſah ich zwei Herren zu Pferd herausreiten, und als ich nach der Chaiſe fragte, konnte mir der Hausknecht nur wenig Aus⸗ kunft darüber geben. Er erzählte, ein gelber Miethwagen mit einem Diener in roth und brauner Livree habe mehrere Stunden bei ihnen gewartet; der Poſtknecht ſey ihnen aber ſremd und auf der Straße gar nicht bekannt geweſen, auch habe er weder plaudern noch trinken wollen. Der Haus⸗ knecht meinte jedoch mit pfiffigem Blinzeln, die beiden Her⸗ ren, welche eben abgegangen, hätten ſich nach demſelben Wagen erkundigt, und er habe ihnen daſſelbe geſagt, was er auch mir erzählte, und das war freilich wenig genug.“ „Wie ſahen die beiden Männer aus?“ fragte Regi⸗ nald plötzlich. „Der Eine, Sir, war etwas fett,“ gab der Diener zur Antwort;„nicht gerade ſehr ſett, aber doch ein ält⸗ licher ſchwarzgekleideter Herr von etlichen fünfundvierzig Jahren.“ „Zum Henker!“ rief Sir Charles;„nennt er fünf⸗ undvierzig ſchon ältlich?“ „Bitt' um Verzeihung, Euer Gnaden; ich hab' Euch hoffentlich nicht beleidigt— ich meine nur, er ſey über das mittlere Alter hinaus geweſen,“ erwiederte Stevens.„Er war ſchwarz gekleidet; der andere Gentleman ſah aber noch ganz jung aus, nicht über neunzehn bis zwanzig ſollt ich ⸗ 362 meinen. Ich glaube, ich habe ihn ſchon früher geſehen, und mir iſt, als wäre es da drüben bei dem Brande zu Dunſtable geweſen.“ „Ganz richtig,“ rief Reginald Lisle, indem er Major Brandrum einen Blick zuwarf. „So kennt Ihr ihn demnach?“ fragte Sir Charles Chevenix abermals.„Nun, ſeyd ſo gut, mein theurer Lisle, und ſagt mir ſeinen Namen.“ „Nein, Sir Charles,“ erwiederte Reginald mit offe⸗ nem aber bedeutungsvollem Lächeln ſeine Hand ergreifend —„das thu' ich nicht. Lady Chevenir ſoll nicht ſagen dürfen, daß ich Euch zu zwei Affairen derſelben Art ver⸗ leitet habe. Ihr müßt dieſe Sache mir und Major Bran⸗ drum überlaſſen: wir kennen den Schuldigen und ich hoffe auch die Mittel, ihn alsbald aufzufinden. Auch iſt es mehr unſere als Eure Sache, denn die junge Dame iſt die Adop⸗ tivtochter meines Freundes und ſollte ihren Wohnſitz unter meiner Mutter Dache aufſchlagen.— Hab' ich nicht Necht, Sir Harry Jarvis?“ „So weit ſchon, mein theurer Sir, als es immerhin gut iſt, einem feurigen Geiſte den Pfeffer ferne zu halten. Gleichwohl wird es Sir Charles und mir zur Genugthuung gereichen, wenn alsbald Maßregeln zur Befreiung unſerer ſchönen jungen Freundin ergriffen werden, denn ich kann kaum annehmen, daß ſie ſich in Freiheit befindet, und ich habe ein tiefes, ja ſehr tiefes Intereſſe für ſie.“ „Freilich iſt ſie nicht in Freiheit, ſonſt wäre ſie in Eurem Hauſe, Sir Harry,“ bemerkte Major Brandrum; 363 2 1 „denn nach ihrem ergebungsvollen Benehmen gegen ißren armen Vater nehme ich keinen Anſtand zu verſichern, daß ſte es für eben ſo unſchicklich als unerfreulich halten würde, ſich dem Schutze der Lady Chevenix zu entziehen, und zwar nicht weniger unerfreulich, weil es unſchicklich, noch minder unſchicklich, weil es unerfreulich wäre.“ „Ich will augenblicklich Nachforſchungen in der Sache anſtellen,“ erbot ſich Reginald Lisle und verließ ohne wei⸗ tere Worte das Zimmer, um die Stallungen aufzuſuchen, wo Sir Theodor Broughton's Pferde untergebracht geweſen waren. Dort erfuhr er durch geſchicktes Fragen und den Einfluß jenes leichten Oeffners der Herzen bei allen Haus⸗ knechten, Stalljungen und Reitknechten— wenigſtens ſo viel, daß er die richtige Fährte zu Verfolgung des jungen Baro⸗ nets entdeckte; aber nicht zufrieden damit, befragte er auch noch die Kellner und Diener des Hotels, bis er heraus⸗ gebracht hatte, daß ein wohlbekannter verdächtiger Menſch Namens Benjamin Lee— ſonſt auch Ben Pflugſchaar ge⸗ nannt— den Tag zuvor mehreremal bei Doktor Gamble und Sir Theodor Broughton geſehen worden ſey. Mit dieſem Aufſchluſſe kehrte er alsbald zu ſeinen Freunden zurück; da er ſich jedoch bereits ſeinen eigenen Plan ausgeſonnen hatte, ſo wollte er ihnen die eingezogenen Nachrichten nicht mittheilen. Er fand Sir Charles Che⸗ venix in eifrigem Geſpräche mit Major Brandrum, dem er die Nothwendigkeit nahe legen wollte, daß man in einer Sache, wo die Ehre und der Ruf mehrerer Perſonen bethei⸗ ligt ſey, vollkommen offen mit einander verfahren müſſe; 364 allein der würdige Offizier hatte die Abſicht ſeines jungen Freundes alsbald begriffen und behauptete ſtandhaft die Stellung, deren Vertheidigung dieſer ihm überlaſſen hatte. „Alles ganz richtig, Sir Charles,“ bemerkte er eben, als Lisle ins Zimmer trat;„Ihr wünſchet natürlich eine Sache der Art in Euren eigenen Händen zu haben, aber eben ſo natürlich wünſcht Lisle und ich, ſie für uns zu behalten, und da Ihr Euch aus dem aktiven Dienſte zurück⸗ gezogen habt, was von uns noch nicht geſchehen iſt, ſo neh⸗ men wir uns die Freiheit, unſer gutes Recht zu handeln, trotzdem daß Ihr ein höherer Offizier ſeyd, aufrecht zu erhal⸗ ten. Er und ich müſſen unſern Antheil an der Affaire, ſo gut wir können, unter uns ausmachen; das wird jedoch bald ge⸗ ſchehen ſeyn, denn er iſt zuweilen zwar etwas hitzköpfig⸗ aber ſonſt immer vernünftig und eben ſo bereit, zu fechten oder es gehen zu laſſen, je nachdem die Umſtände es erfor⸗ dern. Ich habe in der That noch ſelten einen Mann ſo un⸗ bekümmert über alles, was er thut, geſehen, was meiner Anſicht nach mit dem Charakter eines ächten Soldaten weit beſſer als ſelbſt der kühnſte Ungeſtüm übereinſtimmt.“ „Mit dem Fechten iſt er allerdings gleich bei der Hand — das kann ich bezeugen,“ verſetzte Sir Charles;„viel⸗ leicht nur etwas gar zu raſch, Lisle,“ fuhr er zu die⸗ ſem gewendet fort.„Nun aber, Jarvis, ſag' mir einmal Deine Meinung! Sollten dieſe Herren mir nicht mitthei⸗ len, wen ſie im Verdachte haben?“ Sir Harry Jarvis trat jedoch auf die Seite Major Brandrums und Reginald Lisle's, und dieſer machte der 36⁵ Sache raſch ein Ende, indem er faſt in heiterem Tone ausrief: „Flink in den Sattel, Major, Flink in den Sattel! Ich habe das Aufzäumen ſchon beſtellt, Du brauchſt blos noch die Stiefel anzuziehen. Ich will alsbald daſſelbe thun, denn ich bin entſchloſſen, nicht eher zu ſchlafen, bis ich mich von Miß Malcolm's Sicherheit überzeugt habe. Ich bitte die Herren um Entſchuldigung, wenn ich ſie ver⸗ laſſe.“ „Wohin wendet Ihr Euch denn?“ fragte Sir Charles Chevenix;„das wenigſtens dürft Ihr mir mittheilen.“ „Gegen St. Albans,“ gab Reginald Lisle zur Ant⸗ wort.„Beruhigt Euch nur, Sir Charles; wir wollen Eure ſchöne Schutzbefohlene bald entdecken.“ „Ei, dann können wir eben ſo gut auch mitreiten,“ meinte der Baronet,„denn wir müſſen nach Barnet zurück, ſonſt erwartet meine ſchöne Hausfrau, mich jeden Augen⸗ blick mit einer Wunde in der Hüfte zurückgebracht zu ſehen, Mr. Lisle.“ „Mein theurer Sir Charles,“ erwiederte Reginald, ſeine Hand ergreifend,„ich bitte Euch, erwähnt jenes pein⸗ lichen Gegenſtandes nicht mehr gegen mich. Glaubt mir, er war ſeit der unglücklichen Stunde, da ich meine Hand wider Euch aufhob, für mich fortwährend ein Grund der Reue und Beſchämung. Daß Ihr mir längſt vergeben habt, bin ich überzeugt; aber ich wünſche, daß wir Beide es ver⸗ geſſen könnten und ich meines Theils werde es mir nie ver⸗ zeihen.“ 366 „Pah, pah, da iſt nichts zu vergeben,“ meinte Sir Charles; ich ſetzte Euch allzu hart zu, Ihr wart etwas zu hitzig, und nachdem wir Beide Unrecht gethan, beſaßen wir nicht Faſſung genug, um wieder zurecht zu kommen, und unſere Freunde thaten ihr Möglichſtes, um aus übel ärger zu machen.— Nun fort, Lisle, macht Euch fertig zum Ritte; mittlerweile wollen Sir Harry und ich etwas Wein und Speiſe zu uns nehmen.“ Durch die Stadt gings in ziemlich langſamem Schritte, denn die Straßen von London waren damals nicht, was ſie jetzt ſind, theurer Leſer. Große ſchlüpfrige Pflaſterſteine bedeckten alle Pfade, und ein Reiter lief große Gefahr, Hals und Bein zu brechen, ſobald er ſich nicht mit dem mäßigſten Schritte begnügen wollte. Kaum hatten ſie jedoch die Land⸗ ſtraße nach Islington erreicht, als jeder der Herren die Sporen einſetzte und einen raſchen Trab anſchlug. Geſpro⸗ chen wurde nur wenig, ein paar leiſe Worte zwiſchen Regi⸗ nald Lisle und Major Brandrum ausgenommen, und die ganze Geſellſchaft hatte eben Finchley Common, was da⸗ mals wirklich eine Gemeinde war, erreicht, als man einen Berittenen aus dem Nebel hervortreten ſah, denn trotz des blaſſen Mondſcheins war die Nacht ſehr dunſtig. Zu ſtark an Zahl, um einen Angriff zu befürchten, ritten ſie darauf los, als plötzlich eine Stimme ausrief: „Sir Harry! hier iſt ein Billet von Lady Chevenir, Sir, und ein zweites von Oberſt Lutwich an Sir Charles.“ „Wir müſſen im Drachen zu Whetſtone anhalten, um ſte zu leſen,“ erklärte Sir Harry. 367 „Dann mußt Du das Volk aus den Betten jagen,“ erwiederte ſein Freund, dem Diener das Billet abnehmend, „die Leute ſchnarchen ſchon alle, denn es iſt nahezu ein Uhr. Ihr wißt wahrſcheinlich, was ſie enthalten, mein guter Burſche?“ „Nein, Sir Charles, ich weiß es nicht,“ erwiederte Sir Harry's Diener;„ich glaube aber, die junge Dame iſt gefunden, Euer Gnaden, und Mylady ſchrieb deßhalb, um Euch die Mühe ferneren Nachjagens zu erſparen.— So ſagte der Kellermeiſter, als er mir die Schreiben übergab und mich anwies, ſie in die Hummums abzuliefern und wenn ich Euch dort nicht fände, augenblicklich zurückzu⸗ fehren. „Gut, gut; ſeyd Ihr aber auch ganz ſicher, daß Miß Malcolm gefunden und in Sicherheit iſt?“ fragte ſein Herr ungeduldig. „O ja. Ew. Gnaden,“ erwiederte der Mann,„denn Oberſt Lutwich's Reitknecht ſagte ſo, ich hörte es mit mei⸗ nen eigenen Ohren— wie ſie aus der Chaiſe heraus um Hülfe gerufen habe, wie der Oberſt herbeigaloppirt ſey und dem Poſtillon gedroht habe, er werde ihm eine Kugel durch den Kopf ſchießen, wenn er nicht anhalte— ſie wird jetzt glaub' ich wohl im Parke ſeyn.“ Dieſes Glaub' ich' gab, wie ſo viele andere Glaub' ich der Sache eine neue Wendung, welche ſie vermuthlich nicht genommen hätte, wenn die betreffenden Perſonen ge⸗ wußt hätten, daß es ohne wirkliche Begründung geäußert worden war. 368 „Nun, Major Brandrum und Kapitän Lisle,“ ſagte Sir Harry Jarvis in höflichem Tone,„Ihr ſeyd jetzt wohl ebenſo gut wie ich beruhigt, und dürftet wohl im Stande ſeyn, nach Anhörung aller Einzelnheiten auf den harten Betten, wie ſie Jarworth⸗Park zu bieten vermag, ruhig auszuſchlafen. So laßt uns denn alle ohne weitere Fragen nach Barnet aufbrechen.“ Der Vorſchlag wurde gerne angenommen und nach etwa drei Viertelſtunden ſaß Reginald Lisle neben Mary Chevenir an einer wohlbeſetzten Abendtafel. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. 4 Oberſt Lutwich verweilte unterde rere Stunden in angenehmer Unterhaltung mi Malcolm. Seine Gefühle bezähmend, ſeinen Blick bewachend und die Zunge feſt im Zaume haltend, vermied er Alles, was ſie hätte aufregen können, und verrieth weder durch Thaten noch durch Worte— wenn nicht etwa ein ſehr ſcharfe blickender erfahrener Beobachter menſchlicher Natur ihn be⸗ wachte— daß die. Gegenwart dieſes ſchönen jugendlichen Weſens warme und mächtige Regungen in ſeiner Bruſt hervorrief. Ein geübter Zuſchauer konnte freilich bemerken, daß das unterdrückte Feuer jedem ſeiner Worte eine eigene Wärme und Glut mittheilte, daß die Gewalt mächtiger Re⸗ gungen, ſo gleichgültig auch die verhandelten Gegenſtände ſeyn 369 mochten, in ſeiner Stimme, in ſeinen Worten ſich dennoch ausſprach. Seine Unterhaltung war in der That von der Regi⸗ ginald Lisle's ſehr verſchieden— er beſaß weder die Beredt⸗ ſamkeit noch die Phantaſie des jungen Gentlemans; aber jeder Satz war glatt, eindringlich und faſt feurig, ſo daß das Ganze auf ein ſo junges Gemüth wie das Käthchen Mal⸗ colms großen Eindruck machen mußte. Charakterſtärke iſt eines der Hauptgeheimniſſe des Lebens, und Käthchen fühlte, daß ein Mann neben ihr ſaß, deſſen Thatkraft und feſte Entſchloſſenheit— obwohl himmelweit verſchieden von ihrer eigenen paſſiven Geiſteskraft— einen mächtigen Zauber übten, dem ſie nicht widerſtehen konnte. Auch der Wechſel in ſeinen Zügen, die unzählbaren Schattirungen des Aus⸗ drucks, der von dem zaͤrtlichen ſanften Blicke ergebener Freund⸗ ſchaft, womit er der Angſt und des Kummers, die ſie erdul⸗ det, erwähnte, bis zum ſtrengen zornigen Stirnrunzeln wechſelte, wenn er die Frevler zu tadeln hatte, erregten ihr Staunen, ja ihre Bevunderung. Sie hatte nie geglaubt, daß ein Menſchenantlitz ſich ſo ſtark verändern köͤnnte, und ſie verglich es in ihrer jugendlichen Phantaſte mit einer ſchönen Landſchaft, in welcher Wolken und Sonne mit ein⸗ ander kämpfen. Dann war er wieder der leichte Weltmann und ſprach heiter und fröhlich von Vergnügungen, Zeitver⸗ treib und Genüſſen, wobei er oft einen Anflug harmloſer, aber ſtets munterer und niemals bitterer Satyre einmiſchte. Dieſe Stimmung dauerte jedoch nie lange, denn die ſtärkeren Regungen waren zu vorherrſchend; vielmehr folgte ihr immer James. Th. Broughton. 24 370 eine traurige Ideenreihe, wobei der Ausdruck ſeines Geſich⸗ tes ſo trüb und ſeine Worte ſo rührend waren, daß all' ihr eigener Kummer während der letzten ſechs Jahre durch den klagenden Wohllaut ſeiner Stimme aufgewogen ſchien, ſo daß ſie nahezu geweint hätte. Die Zeit ſchien ſehr raſch hinzuſtiegen, denn ehe ſie noch eine Stunde vorüber glaubte, hörte ſie die Uhr auf einem Seitentiſche während einer ſtummen Pauſe zehn ſchlagen, worauf Lutwich ſich erhob und das Nachteſſen zu ſerviren befahl. „Ich bedarf deſſen nicht,“ ſagte Käthchen, und ſo war's auch, denn ſie hatte ſich in den letzten zwei Stunden an ſei⸗ nen Worten geſättigt. „Es wird Euch dennoch gut thun,“ meinte Lutwich lächelnd;„überdies laßt Euch ſagen, meine Freundin, daß ich außer der Taſſe Thee von Euren ſchönen Händen heute den ganzen Tag noch keinen Biſſen genoſſen habe.“ „Und das Alles um meinetwillen,“ rief Käthchen in ſehr betrübtem Tone.„Das thut mir unendlich leid— Ihr müßt ja ganz erſchöpft ſeyn!“ „Ei bewahre, meine Theure,“ gab Lutwich munter zur Antwort.„Ich könnte noch manche Stunde faſten. Des Kriegers Leben bringt es mit ſich, daß er ſich wenig um Nahrung— die geiſtige ausgenommen— bekümmert, und dieſe habe ich heute im Ueberfluß gehabt. Ehrlich geſtan⸗ den, ich glaube, daß einige Erfriſchung Euch nothwendig iſt⸗ und wenn auch der Thee zur Erweckung und Belebung des Geiſtes ganz gut ſeyn mag, ſo gibt er doch keine Kraft füt 871 die Muskeln und verſchafft unſerer ſterblichen Hülle nicht den Stoff, der in dem Treiben und Wirrwarr des Lebens aufgezehrt wird: er ſtachelt nur unſere Geiſteskräfte und überreizt den Körper, ſo daß ſich dieſer zuweilen gar zu Tode arbeitet. Nebendem iſt mir die Abendtafel die behag⸗ lichſte von allen, denn ſie iſt die einzige, wo eine längere Friſt des Friedens vor uns liegt. Das Frühſtück iſt ei⸗ gentlich nur ein Abſchied für die Nachtruhe, das Mittageſſen eine Unterbrechung der Geſchäfte; nur das Abendmahl hat Genuß in der Erinnerung und Ruhe in der Ausſicht. Ja, ja, wir wollen zum Abendeſſen, theure Miß Malcom; wir ſetzen uns noch eine Weile nieder, während die ſchläfrige Welt der Dunkelheit vor uns ſchwebt, bis mein Diener von Eu⸗ res Freundes Hauſe zurückkehrt. Dann legt Ihr Euer Haupt auf's Kiſſen und vergeßt im friedlichen Schlummer alle die fremdartigen Empfindungen, welche als Henry Lutwichs Gaſt im langen Abendgeplauder mit ihm allein Eure Seele durchwogen.“ „Ja fremdartige Empfindungen ſind es in der That,“ gab Käthchen einfach zur Antwort, „Ohne Zweiſel, ohne Zweifel,“ erwiederte ihr Ge⸗ fährte,„und ich will Euch etwas ſagen, meine ſüße Freun⸗ din. Es werden noch Jahre kommen, wo Ihr an dieſe Nacht wie an einen merkwürdigen, ja ſogar intereſſanten Traum— eine Epiſode Eures Lebens— nicht ohne die Regungen jener Zeit zurückdenken werdet, und ich hoffe, ſie wird ein bleibendes Band bilden, das mich mit Eurer Er⸗ innerung verknüpft. Wenn Ihr dann meiner mit all meinen 24* 372 Fehlern gedenkt, wenn Ihr vielleicht Andere hart über mich abſprechen hört, dann mögt Ihr wohl ſagent: für mich hatte er keine—“ 3 Hier trat der alte Kellermeiſter ein, und Lutwich brach plötzlich ab. Käthchen war froh darüber: es war ihr eine wahre Erleichterung, denn es gibt Zeiten, wo auch die ſüße⸗ ſten Empfindungen gerade durch ihre Intenſität peinlich werden. Das Abendeſſen verlief höchſt langſam, wiewohl den Speiſenden die Minuten ſehr raſch vorüberfloßen; ſie zoͤ⸗ gerten lange bei ihrem Mahle und dem alten Joſeph kamen ſte in der That ſehr ſäumig vor. Er blieb die ganze Zeit im Zimmer und es iſt allerdings eine langweilige Aufgabe, während Andere eſſen und plaudern, immer ſchweigſant hin⸗ 4 ter dem Stuhle bleiben zu müſſen. Ich möchte übrigens nicht behaupten, ob die Gegenwart eines Dritten ſowohl dem Oberſt wie Käthchen im Ganzen nicht eher angenehm war. Er fürchtete ſeine eigenen Triebe; er beſorgte, er könnte die Linien überſchreiten, die er ſich vorgezeichnet hatte, könnte vielleicht mehr ſagen, als er bei Käthchens ſchutzloſer Lage in ſeinem Hauſe für recht und zartfühlend gehalten hätte. Das Mädchen ſcheute ſich vor ihren eige⸗ nen Regungen und daß dieſe, wenn er noch mehr ſpräche, am Ende ſo ſtark würden, daß ſie weinen müſſe. Endlich noch ehe die Tafel abgeräumt wurde, ließ ſich ein Klopfen an der Thüre vernehmen, und eine Frauenſtimme ſagte: 373 „Hal iſt zurückgekehrt, Mr. Joſeph, und hat dieſes Billet für das junge Fräulein gebracht. Es wurde ſogleich auf ein Teller gelegt und Käthchen überreicht, die es nicht ohne Aengſtlichkeit öffnete, aber vorher ihre Augen nach ihrem gegenüberſitzenden Gefährten auf⸗ ſchlug. Sein Geſicht leuchtete freundlich, denn er ahnte, daß man ſie heute Nacht nicht mehr fortführe, daß ſie je⸗ denfalls bis zum nächſten Morgen bei ihm bleiben würde. Wie ſonderbar! er wußte, daß ſie ihn bald verlaſſen würde, um ſich zur Ruhe zu begeben, und doch kam ihm der Gedanke außerordentlich lieblich vor, daß ein und daſſelbe Dach ſie beſchützen werde. So hatte er noch nie für irgend Jemand empfunden. Er war ein Weltmann, unbekümmert, verdorben, frohſinnig und voll mannigfacher Erfahrungen, und ſie— einfältig wie ein Kind, rein, ergeben, unbewandert in den dunkeln Seiten menſchlicher Geſchichte, menſchlicher Natur. War es vielleicht gerade dieſer Gegenſatz ihrer beiderſeitigen Charaktere, was für ihn jenen Zauber bildete, der, wie er wohl fühlte, bei längerer Dauer ſein eigenes Weſen ganz in das ihre umzuwandeln vermochte? Solche Erſcheinungen ſind ſehr befremdend, ſind aber ganz in der menſchlichen Natur begründet. Käthchen las das Billet: es war wärmer und freund⸗ licher als ſie erwartet hatte. Es ſprach mit vollem Ver⸗ trauen von Oberſt Lutwich und erklärte, daß die Verfaſſerin, Lady Chevenix, ihrer jungen Freundin den Wagen heute nicht mehr ſchicken könne, da Sir Charles wie Sir Harry Beide zu ihrer Aufſuchung ausgezogen ſeyen, und ſte, Lady — 374 Chevenir, nicht wiſſe, wie ſie ſich in deren Abweſenheit zu verhalten habe. Das wußte ſie nämlich niemals, und ſo geht es vielen Leuten. Im Ganzen liegt dieſer Unentſchloſſenheit immer etwas Fehlerhaftes zu Grund. Iſt es, daß ihre Eitelkeit ſich ſo vor jedem Tadel ſcheut, daß ſie aus Furcht, für ihr verkehrtes Handeln geſcholten zu werden, das Richtige nie⸗ mals treffen? Ich fürchte ſo iſt's: wenigſtens iſt weit mehr Eitelkeit als eigentliches Mißtrauen dabei im Spiele. Sie beſorgen nicht, daß ſie es nicht recht angreifen, ſondern daß man ſich dawider auflaſſen werde, und daß ſolches der Fall iſt, beweist ſchon die Thatſache, daß wenn ſie bei ſeltenen Gelegenheiten wirklich zum Handeln kommen, dies immer unter dem Einfluſſe irgend einer Leidenſchaft geſchieht. Je⸗ denfalls ließ Lady Chevenix den Oberſt Lutwich für die ihrem Schützlinge erwieſene Güte ihren eigenen wie ſchon im Voraus ihres Gatten Dank ausdrücken, wobei ſie ihre Ueberzeugung ausſprach, daß Käthchen ſich unter ſeinem Dache ebenſo ſicher und behaglich wie zu Jarworth⸗Park fühlen werde. Käthchen Malcolm überreichte ihrem Freund das Bil⸗ let, da es offenbar auch für ihn beſtimmt war; ſie that es mit ſüßem Lächeln, was ihm die freudige Ueberzeugung ge⸗ währte, daß ſie es nicht bedauerte, noch länger bei ihm ver⸗ weilen zu müſſen. Eigentlich lächelte ſte jedoch blos, weil ſie ihre Seele erleichtert fühlte, denn ihr Benehmen hatte keinen Tadel, keine Mißbilligung gefunden und die Bahn vor ihr war entſchieden. 375 Sobald Lutwich das Billet geleſen hatte, erhob ſie ſich mit den Worten: „Nun will ich zu Bette gehen, denn ehrlich geſtanden, ich bin etwas müde.“ Er mochte ſie nicht zurückhalten, ſragte aber ziemlich haſtig, ob ſie frühe aufzuſtehen pflege, und ſchien ſich ſehr zu freuen, als er erfuhr, daß dies ihre unveränderliche Ge⸗ wohnheit ſey. Joſeph mußte ſein Weib herbeirufen, um Miß Mal⸗ colm in ihr Schlafzimmer zu führen, und Lutwich nahm ſeine junge Freundin bei der Hand, um ihr gute Nacht zu ſagen. Er behielt ſie längere Zeit in der ſeinen, da er ihr immer etwas Neues zu ſagen hatte, und die Ab⸗ ſchiedsworte zwiſchen Beiden wurden mehreremal wieder⸗ holt. Käthchen legte ſich zur Ruhe nieder; aber der Schlum⸗ mer war ſehr ſpröde und wollte erſt ſpät ihr Kiſſen heim⸗ ſuchen. Es war nicht die Aufregung in Folge des ihr ge⸗ ſpielten Streiches, es war nicht die Neugier, die näheren Umſtände zu erforſchen— was ſie wach erhielt. Sie dachte an Lutwich und außer ihm nur noch an ein Bild, das ſich in ihre Träume miſchte— an das ihres ver⸗ ſtorbenen Vaters. Sie dachte, was er wohl gefühlt, wie er ſich wohl gefreut haben würde, zu wiſſen— denn ſie wußte es— daß ſie die Liebe eines Mannes gewonnen hatte, der ſie nicht allein vermöge ſeiner Stellung und ſeines Vermögens zu ſchützen undzu vertheidigen vermochte, ſondern deſſen Liebe auch ſie, wie ſie wohl fühlte, erwiedern konnte. 376 Liebe iſt immer vertrauensvoll und Käthchen Malcolm war ſehr jung und unerfahren. Sie hatte wohl Unglück durchgemacht, hatte etwas von der Undankbarkeit der Welt erfahren; aber von all den anderen Zügen, welche die Ver⸗ goldung von den Schäden der Geſellſchaft abſtreifen, wußte ſie nichts. Sie hatte vielleicht erfahren, daß nach dem alten Sprichworte nicht alles Gold iſt, was glänzt; aber ſie hatte noch nicht einſehen gelernt, daß nur gar wenig von dem, was glänzt, auch wirklich Gold iſt. In einem Punkte hatte ſie übrigens Recht. Lutwich liebte und zwar mit einer Stärke der Empfindung, wie ſie es nur immer wünſchen konnte. Der Anblick der Tochter zu den Füßen ihres ſterbenden Vaters, Alles, was er gefehen, was er gehört, was er für ſie empfunden, hatte die edlen und großmüthigen Eigenſchaften ſeiner Natur geweckt— ja hatte ſogar noch mehr gethan. Seine Liebe hatte bewirkt, daß er Alles, was in ſeinem Benehmen und Charakter un⸗ beſonnen, ſchlimm und verbrecheriſch war— und ach! deſſen war gar Vieles— auſ's bitterſte bereute. Nachdem ſie ihn verlaſſen hatte, ſaß erüber eine Stunde, das Haupt in tiefen Gedanken auf die Hand geſtützt. Er 1 überſchaute ſein Leben; er prüfte die Vergangenheit mit ſtrengem Auge und faßte Entſchlüſſe für die Zukunft. Ein Lichtſtrahl der Unſchuld, der Liebe und Reinheit war gleich der Sommerſonne, die in ein dunkles Zimmer dringt, über ihn gekommen, und erleuchtete die Dinge um ihn her, ſo daß er ſah, was er nie zuvor geſehen hatte. Er faßte ſein Herz in beide Hände und ließ es dem Grame, den Gewiſ⸗ ⸗ 377 ſensbiſſen zum Raube, ſo ſaß er in tiefem bitterem Nachſin⸗ nen, bis er endlich mit den lauten Worten aufſprang: „Ich will anders— ein neuer Menſch will ich werden; für welche Erbärmlichkeiten habe ich den Frieden meiner Seele aufgeopfert— noch iſt es vielleicht nicht zu ſpät.“ Mit dieſem Entſchluſſe legte er ſich zur Ruhe. Er ſchlief darum nicht länger in den Morgen hinein, weil er erſt ſo ſpät ſein Lager aufgeſucht hatte, denn ſchon bei der erſten roſigen Färbung des Dämmerlichtes erhob er ſich wieder. Käthchen ſchlummerte länger, und je mehr die Zeit verſtrich, deſto unruhiger wurde er, damit man ſie nicht aus ſeinen Armen riſſe, bevor er noch einige Augenblicke allein mit ihr zugebracht hätte. Er meinte, Jedermann müſſe ebenſo ſehnlich wie er wünſchen, das theure Mädchen um ſich zu haben; er konnte nicht begreifen, daß Sir Char⸗ les Chevenir faſt bis acht Uhr ſchlafen, daß Lady Chevenir eine Stunde bei der Toilette zubringen und daß dann das Frühſtück faſt ebenſo viel wegnehmen würde, bis Käthchen endlich abgeholt werden konnte. So war es aber wirklich. Es ſchlug ſechs, ſchlug ſieben— Niemand erſchien. Endlich rührte ſich ein leichter Schritt auf der Treppe: er ſchwankte zwiſchen den beiden Thüren, wie wenn ſie vergeſſen hätte, welches die rechte ſey und dann trat ſie ein, ſchöner denn je, nicht allein weil ſie ſich durch Ruhe e friſcht, ſondern weil auch ihr Auge einen wohlbewußten Strahl, einen ſeelenvollen Blick der Liebe bekommen hatte. Er ging ihr entgegen und nahm ihre Hand, fragte ſie zärtlich, wie ſie geruht habe und führte ſie —ö 378 zu einem Stuhle, ſetzte ſich neben ſie und betrachtete ſie, wie wenn er jede Linie ihrer Züge tief in ſein Gedächtniß eingraben wollte, ſo daß ſie nie auch nur für einen Augen⸗ blick verwiſcht und verdunkelt werden könnten. Er ſah wohl, wie ſie bewegt war, aber auch er war es, ſo daß er kaum Worte finden konnte, um das, was er ihr ſagen wollte, auszuſprechen: ja wahrlich— er, der kühne entſchloſſene Mann— fühlte ſich bewegt, während er mit einem jungen ſchüchternen unerfahrenen Mädchen ſprach. Er überwand jedoch dieſe Erſchütterung und ſagte in ſanf⸗ tem Tone, um ſie nicht zu erſchrecken: „Sir Charles Chevenix wird bald hier ſeyn, um Euch aus meinem Hauſe zu entführen. Mein kurzer Traum von Glück iſt nahezu vorüber.“ „Er wird nicht ſo bald kommen,“ erwiederte Käthchen ſehr leiſe;„er pflegt nicht ſehr früh aufzuſtehen.“ „Wann er auch eintrifft— er wird immer noch zu früh kommen,“ ſagte Lutwich,„und ich darf unſere koſtbaren Au⸗ genblicke nicht vergeuden. Ich wollte geſtern Nacht nicht ſprechen, um Euch nicht zu erſchüttern, vielleicht gar zu be⸗ unruhigen; jetzt aber— jetzt, da ich Euch ſobald verlieren ſoll— iſt es kein Unrecht mehr. Ich muß Alles ſagen, was in meinem Herzen vorgeht. Ihr zieht bald fort von mir— ſagt, Kaͤthchen, wird es für immer ſeyn? werdet Ihr nicht eines Tages zurückkehren, um das Licht meiner Wohnung, die Herrin meines Hauſes, das Weib meiner Liebe zu werden— einer Liebe, wie ich ſie nie gegen ein menſchliches Weſen für möglich gehalten haͤtte? Doch halt, 379 antwortet mir noch nicht. Noch iſt gar Vieles zu ändern: mit Eurer Liebe kann ich's erlangen, wenn ich ſie beſitze,“ und er rückte ihr etwas näher, als er die wechſelnde Farbe auf ihren Wangen und den perlenden Thau, der ſich zwi⸗ ſchen ihren langen Augenfranſen ſammelte, bemerkte— „mit Eurer Liebe als Lehrer, Stütze und Belehrung kann ich Alles— Alles erfüllen. Ich kann mein eigenes Ich überwinden, kann meine früheren Handlungen verwiſchen, kann ein neues Leben beginnen und habe Euch dann Selbſt⸗ achtung, Ehre, Tugend wie mein ganzes Glück zu danken. Ehe ich Euch bitte, mir dieſe theure Hand zu reichen, ehe ich verlange, daß Ihr Euren Frieden mir anvertraut, ſollt Ihr Beweiſe haben, daß ich mich gänzlich geändert, und daß ich das Werk ſchon begonnen habe, das die Liebe für Euch vollenden ſoll.— Sagt mir nur, Käthchen, daß meine Liebe auf Erwiederung hoffen darf.“ Sie erwiederte nichts— ſie konnte nichts erwiedern. Die Worte waren geſprochen, vor denen ſie ſich beinahe ge⸗ ſcheut hatte; ſie waren ſehr, ſehr ſüß, aber auch überwälti⸗ gend. Sie ſtützte die Stirne auf ihre Hände, ſo daß die kleinen zarten Finger ihre Augen bedeckten; aber die Thrä⸗ nen perlten durch und fielen auf ihren Schooß. Im näch⸗ ſten Augenblick ſtreckte ſie die Hand aus und griff nach der Lehne des Sofa's, als ob ſie ſich ſtützen wollte. Lutwich zog ſie ſanft an ſich; ſie ſträubte ſich nicht, aber ihr Haupt ſank auf ſeine Schulter, ihr Geſicht war ſehr blaß— ſie war in Ohnmacht gefallen. Er legte ſie ſanft auf den Sofa und eilte hinaus, um Waſſer zu holen: 380 die Dienerſchaft mochte er nicht rufen, weil er längere Un⸗ terbrechung fürchtete, und es verſtrich längere Zeit, bis er fand, was er ſuchte und damit zurückkehrte. Als er wieder ins Zimmer trat, hatte ſich Käthchen etwas erhoben, und flüſterte: „Rufet Niemand herbei— ich bin beſſer, ich werde bald wieder wohl ſeyn— das iſt ſehr thöricht.“ Er nahte ſich ſachte, kniete neben ihr nieder und gab ihr etwas Waſſer zu trinken, dann wuſch er ihr die Schläfe und küßte ihr die Hand. „Ich dachte daran,“ ſagte ſie endlich mit mattem Lä⸗ cheln,„wie glücklich mein Vater geweſen wäre, wenn er dieſe Stunde erlebt hätte— es war zu viel für mich.“ „So kannſt Du— willſt Du— wirſt Du michlieben?“ fragte Lutwich leidenſchaftlich. Käthchen ließ ihre Hand in der ſeinen und ihre Wange erglühte abermals, aber ſie blieb ſtumm. „O ſprich!“ bat er, ſie immer noch flehend betrachtend. „Seht Ihr's denn nicht,“ flüſterte ſie endlich das Köpf⸗ chen wegwendend; aber Lutwich's Lippen fanden die ihren und beſiegelten das gegebene Verſprechen. „Haltet ein— ohaltet ein!“ flehte ſie.„Bedenkt in welcher Lage ich mich befinde und handelt gütig und groß⸗ müthig, wie Ihr geſtern Nacht gethan habt. O glaubt mir, ein ſolches Benehmen iſt der rechte Weg, um ſich jeden Gedanken, jede Empüudung eines reinen ehrliebenden Her⸗ zens zu gewinnen.“ „Ei nein, ein Kuß iſt ja blos die Beſtätigung unſeres 381 Verlöbniſſes,“ erwiederte Lutwich.„Doch will ich Dich nicht betrüben, theures Mädchen, ich will nicht mehr ver⸗ langen noch nehmen. Blick auf, theures Käthchen, und höre mich an— ich habe noch Vieles zu ſagen.“ Und viel ſagte er während der Stunde, bis das Früh⸗ ſtück bereitet war. Er gab in allgemeinen Ausdrücken viele ſeiner Fehler zu, ohne jedoch in Einzelnheiten einzugehen: er erzählte ihr— was auch richtig war— daß er von einer hohen angeſehenen Familie abſtamme, daß er nicht ohne Auszeichnung gedient habe, daß er mit ziemlichem Wohl⸗ ſtand in das Leben getreten ſey, aber daß verſchwenderiſche Gewohnheit, luſtige Geſellſchaften und ein argloſes Tem⸗ perament ſein urſprüngliches Vermögen bedeutend beein⸗ trächtigt hätten. „Ich wurde hart gedrängt und zu vielen Dingen ge⸗ trieben, um dieſelbe Lebensweiſe, dieſelbe eitle prahleriſche Verſchwendung aufrecht zu erhalten; aber ich habe jetzt ein höheres Ziel und beſſere Beweggründe, um einen ganz an⸗ deren Lebenswandel einzuſchlagen. Aus meinem Schiff⸗ bruche wird uns, hoffe ich, genug übrig bleiben, mein Käth⸗ chen, um uns unſer friedliches Landhäuschen mit allen Bedürfniſſen, ja wohl auch manchen Ueberflüſſigkeiten des Lebens zu laſſen, und wenn das Loos auch nicht ſehr glän⸗ zend iſt, das ich Dir biete, ſo denke ich doch, mein Käthchen wird es nicht bereuen.“ „O nein,“ verſicherte ſie;„habe ich ja doch früher empfunden, daß mit einem, den wir lieben, ſogar der Sta⸗ chel der Armuth leicht zu tragen iſt; und das bloße Lebens⸗ —y 382 auskommen iſt Glück, ſobald Zuneigung und Zufriedenheit daran geknüpft ſind. Aber wirſt Du nie bereuen, Lutwich?“ „Nenne mich Henry,“ bat er.„Nein, ich werde nichts bereuen als die Vergangenheit, und mein erſter Schritt ſoll ſeyn, theures Käthchen, daß ich ſogleich nach London gehe, und alles Unnöthige, Wagen, Pferde, reiche Möbel und der⸗ gleichen verkaufe, daß ich Alles, was ich ſchulde, bezahle, ein Heer von Dienern, die mich aufzehren, entlaſſe und meine Ausgaben auf den beſcheidenſten Maßſtab beſchränke.“ „So haſt Du zwei Wohnungen?“ fragte ſie mit einem Blicke der Ueberraſchung. 3 „Allerdings,“ gab er lächelnd zur Antwort;„vor nicht langer Zeit hatte ich ſogar drei— eine zu Newmarket, die ich aber vor etwa einem halben Jahre aufgab. Dieſes Landhäuschen, mein theures Mädchen, hielt ich früher blos für ein armſeliges Obdach, das blos dazu taugte, mich mit ein paar Freunden für eine Nacht zu beherbergen. Nun ſoll es mir eine Heimath ſeyn, denn fortan iſt es für mich geheiligt. Du haſt unter ſeinem Dache geſchlafen, haſt es durch Deine Gegenwart erheitert: hier wurde das Gelübde unſerer Liebe geſprochen, hier habe ich die erſte wahre Freude, die ich ſeit Jahren kennen lernte, genoſſen— von nun an iſt es mir ein Palaſt, von Hoffnungen erbaut und mit Erinne⸗ rungen ausgeſchmückt.“ O wie dem ſüßen Mädchen das Herz bei dieſen Wor⸗ ten pochte, wie ſich die glänzende Gegenwart, die ſanft leuch⸗ tende Zukunft auf der kaum verlebten dunkeln Schreckens⸗ periode wie auf einem ſchwarzen Hintergrunde abhob! Und 383 er drängte ſie immer auf's Neue, daß ſie ſich in dem vollen Vertrauen jugendlicher Liebe tief und immer tiefer gegen ihn verpflichtete. Das Frühſtück kam und war ein Mahl der Freude; eine Stunde verſtrich wie ein wachender Traum des Glückes, bis endlich die wache Morgenluft das Raſſeln ferner Räder durch die offenen Fenſter hereintrug und eine Glocke am Gartenthore läutete. „Es iſt Sir Charles,“ rief Käthchen aufſpringend. „O laß mich auf mein Zimmer eilen, Henry, um mich eine Weile zu ſammeln. Was ſoll ich ihm ſagen? ſoll ich ihm erzählen?“ „Wie Du willſt, Liebe,“ gab Lutwich zur Antwort; „vielleicht iſt es beſſer, es für jetzt zu unterlaſſen; bald will ich's ihm ſelber ſagen. Ich lege Dir übrigens keine Zu⸗ rückhaltung gegen ihn auf; ſollte es nöthig ſeyn, ſo ſag' es ihm nur: aber wähle einen Augenblick, wo er allein iſt.“ Kaum hatte ſie ihn verlaſſen, als die Räder vor der Thüre rollten; Lutwich hatte ſich ſchon gefaßt und war ernſt und ſicher geworden. Er mußte ſich von Käthchen Mal⸗ colm trennen— die Epiſode in ſeinem eigenthümlichen Le⸗ ben war zu Ende, und die Wolke ſchien abermals über ihn zu fallen. Er ging einmal im Zimmer auf und nieder, und ſeine Stirne war düſter und beklommen, als Sir Char⸗ les Chevenir eintrat. „Ah Lutwich,“ rief der fröhliche Baronet, ihm die Hand ſchüttelnd:„tauſend Dank für die Sorgfalt, die Ihr dem ſüßen Schützling meiner Gemahlin erwieſen habt. Ich 384 bin überzeugt, Ihr habt Euer Beſtes gethan, um es ihr leicht und behaglich zu machen, obwohl das arme Vögelchen etwas ängſtlich geweſen ſeyn mag, als ſie ſich hier mit einem ſolchen Falken wie Ihr allein im Käfig ſah.“ „Sie war freilich ſehr aufgeregt und beunruhigt,“ be⸗ ſtätigte Lutwich ernſthaft,„und wußte nicht, was zu thun wäre— ob ſie ſich mir hier für eine Nacht anvertrauen oder einen Wagen von Barnet kommen laſſen ſollte, da ich meinen eigenen mit den Pferden nicht hier habe. So nahm ich es über mich, ihr meinen Rath zu ertheilen, und da ſie ihn befolgte, ſo war ich natürlich dafür verantwortlich, Sir Charles, daß er ſich auch als der beſte bewaͤhrte. Ich that, was ich konnte, um ſte zu beruhigen, und bin ich auch Falke genug, um hie und da einen Reiher zu treffen, ſo bin ich doch ſicherlich ein zu edler Vogel, um ſolch ein armes Täub⸗ chen zu ſchrecken.“ „Laßt mich die Einzelnheiten der ganzen Geſchichte hören, Lut wich,“ mahnte Sir Charles—„wer den Raub der Sabinerinnen angegeben— wie Ihr ſo glücklich zu ihrer Befreiung herbei kamet u. ſ. w. u. ſ. w. Meine bei⸗ den Freunde, Major Brandrum und Reginald Lisle ſind heute Morgen nach St. Albans aufgebrochen, weil ſie ſich einbilden, den Schlüſſel des Räthſels zu beſitzen und den Schuldigen zur Strafe ziehen wollten; amüſiren würde es mich aber doch, wenn ſie fehlgingen, und wenn ich ihn vor ihnen entdecken und durchpeitſchen könnte, denn Ihr müßt wiſſen, ſie waren wunderbar zurückhaltend mit ihrem Ge⸗ heimniß und wollten mir nichts davon anvertrauen.“ 385 „Aus Furcht, Ihr möochtet ihnen aus der Hand neh⸗ men, was ſie ſich ſelbſt vorbehalten hatten,“ ſagte Lutwich lachend.„Aber wißt Ihr auch, Sir Charles, daß ich große Luſt habe, es ebenſo zu machen? Ihr ſeyd als ſehr hitzig bekannt, und ich bin keineswegs geneigt, Lady Chevenix durch meine Unvorſichtigkeit zur Wittwe zu machen; drum halte ich meiner Seits für's Beſte zu ſchweigen und Major Brandrum die Sache abmachen zu laſſen, wie es ſein Ver⸗ ſtand und ſeine Erfahrung ihm eingeben mag.“ „Pah, pah!“ rief Sir Charles,„das iſt lauter Unſinn. Ich gebe Euch mein Wort, ich will ruhig ſeyn trotz einem Advokaten. Aber wißt Ihr denn wirklich, wer es iſt? und könnt Ihr mir's ſagen, wenn Ihr wollt?“ „Allerdings,“ verſicherte ſein Gefährte;„ich kann und will Euch Alles erzählen, wofern Ihr mir bei Eurer Ehre verſprecht, an der Perſon, die ich Euch nennen werde, keine andere Rache als die Eurer Verachtung zu üben. Er hat weniger gefehlt als ein Anderer, obwohl er dafür zunächſt verantwortlich iſt. Wollt Ihr mir das geloben?“ „'s iſt bitter,“ meinte der Baronet.„Kommt, kommt, Lutwich, ſeyd offen, und ſagt mir's.“ „Unter dieſe Bedingung werde ich ganz offen ſeyn,“ gab Lutwich zur Antwort. „Bei meinem Leben! Ich glaube, mein theures Weib muß Brieftauben an euch Alle abgeſchickt haben!“ rief Sir Charles.„Ich will ihr bei meiner Rückkehr erzählen, daß es ihr gelungen iſt, drei tapfere Offiziere in ebenſo viele zartherzige alte Weiber zu verwandeln, welche befürchten, James. Th. Broughton. 25 ein junger Knabe wie ich könnte in die Falle gerathen, wenn ſie das Spannſeil zu weit für ihn machen. Wohlan, Lutwich, wenn's nicht anders geht, ſo will ich's verſprechen. Die Neugierde trägt den Sieg davon.— Wer iſt der Mann?“— „Sir Theodor Broughton,“ gab Lutwich immer noch ernſthaft zur Antwort. „Wie, was? das Milchgeſicht von einem Jungen!“ rief Sir Charles;„jener ſelbe Burſche, der uns ſo düſter an⸗ ſtarrte, während ich mit Lisle zu Dunſtable vor der Fellei⸗ ſenpyramide plauderte?“ „Kein Anderer,“ verſicherte Lutwich;„überdies war es zu Dunſtable, Sir Charles, wo er— angetrieben von einem der böſen Geiſter, die man ihm als Führer zur Seite ſtellte— ſich herausnahm, Miß Malcolm durch ſehr un⸗ zweideutige Artigkeiten zu beſchimpfen.“ „Eine Vogelruthe für den Schlingel!“ rief Sir Char⸗ les Chevenix;„aber laßt mich Alles hören; wie habt Ihr's entdeckt?“ Lutwich erzählte ihm in der Kürze die oben berichteten Thatſachen, indem er nur in vagen allgemeinen Ausdrücken von den Schritten ſprach, die er nach Anhören des Geſprächs zwiſchen Doktor Gamble und ſeinem Zögling ergriffen hatte. „Ich beſchloß,“ fuhr er fort,„ſte wohl bewachen zu laſſen, und es war ein Glück, daß ich dies that, mein guter Freund. Zu gleicher Zeit erlaubte ich mir, Sir Harry Jarvis in einem Briefe, worin ich ihm einige Einzelnheiten uͤber ihre Familie, womit er noch unbekannt war, mittheilte, 387 einen Wink zu geben, daß er beſſer auf Miß Malcolm Acht haben ſolle.“ „Welcher Brief ihn unglücklicherweiſe gerades Wegs zur Stadt führte,“ erklärte Sir Charles;„er hat Euer Schrei⸗ ben nicht verſtanden, Lutwich, ſagte mir vielmehr, er wolle ſich nach einem gewiſſen Mr. Eaton, einem Verwandten von ihr erkundigen. Was Gamble betrifft— der bekommt ſei⸗ nen Puff, wo ich ihn auch treffe— gegen ihn habe ich mich nicht verbindlich gemacht— und wenn er mich fragt warum, ſo will ich ihm ſagen, weil er einen naſeweiſen Schuljun⸗ gen nicht genug gepeitſcht und ihm nicht eingeprägt habe, daß die Tochter eines tapfern Offiziers nicht beſchimpft wer⸗ den dürfe.“ „Das ſcheint mir kaum die rechte Lesart unſeres Ver⸗ trages,“ meinte Lutwich;„doch hier kommt Miß Malcolm ſelber, und wenn ich mir auch nicht ſchmeicheln darf, daß ſie über das Talent ihres Wirthes, es ihr behaglich zu ma⸗ chen, einen günſtigen Bericht abſtatten werde, ſo wird ſie hoffentlich doch zugeben, daß er den beſten Willen dazu beſaß.“ Sir Charles Chevenix ging ihr mit offener väterli⸗ cher Freundlichkeit entgegen und bemerkte lachend die Thrã⸗ nenſpuren auf ihren Augenliedern, welche er der Aufregung und Aengſtlichkeit ihrer Lage zuſchrieb, worauf er ſich mit abermaligem Danke für Lutwich's Güte und Sorgfalt zum Aufbruche anſchickte. Käthchen Malcolm reichte ihrem Geliebten die Hand; ihr Herz war faſt zu voll zum Sprechen, doch verſuchte ſie 25* 388 einige Worte tiefer Dankbarkeit zu ſtammeln, während er ſie ohne Erwiederung mit ſehr trauriger Miene an den Wagen führte. „Apropos, Lutwich, ich habe vergeſſen,“ rief Sir Charles eben, als er ihr in den Wagen folgen wollte:„Jar⸗ vis trug mir auf, Euch zu fragen, ob Ihr morgen oder in den nächſten Tagen bei ihm ſpeiſen könntet. Für heute geht er abermals nach London. .„Morgen mit Vergnügen,“ gab Oberſt Lutwich zur Antwort;„heute habe ich gleichfalls wichtige Geſchäſte in der Stadt.“ Nachdem die Stunde feſtgeſetzt war, ſtieg Sir Charles in den Wagen und ließ ſich auf dem Heimweg mit Ueberra⸗ ſchung und Freude ſo manche Einzelnheiten über die Güte und das Zartgefühl erzählen, welche ſeine junge Begleiterin während des verfloſſenen Abends von ihrem Befreier erfah⸗ ren hatte. „Er iſt ein nobler wackerer ehrenwerther Burſche,“ äußerte der Baronet, nachdem ſie zu Ende war—„etwas wild, meine ſchöne junge Freundin, und ſoll auch, wie man ſagt, ein wenig über ſeine Mittel leben; aber auf dem Grunde birgt er ächtes Metall und würde ein unſchuldiges ſchutzloſes Mädchen nicht um die ganze Welt beſchimpfen oder beleidigen.“ 389 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Kapitän Donovan ſaß in einem Gaſthofe zu Dover, um die Abfahrt des Schiffes oder Packetbootes abzuwarten, das ihn nach der ſchmucken Stadt Calais überführen ſollte. Die Verhältniſſe zwiſchen England und Frankreich waren da⸗ mals ziemlich heikler Art und der Reiſende hatte nicht ohne Schwierigkeit einen Paß erlangt, was ihn verhindert hatte, ſchon am Tage zuvor die engliſchen Küſten zu verlaſſen. Kapitän Donovan war nicht wenig ungeduldig darüber, denn er hatte auf der anderen Seite des Kanals ſeine eige⸗ nen Freuden und Vergnügungen kennen gelernt, deren er diesmal länger als gewöhnlich beraubt geweſen; gleichwohl waren ſeine Gedanken in jenem Augenblicke auf andere Dinge gerichtet und ſein Geiſt war ſo ausſchließlich damit beſchäftigt, daß er das Pfeifen des Winds und das Brüllen der See überhörte. „Er iſt in guten Händen,“ ſagte Donovan zu ſich ſelbſt; ver iſt in guten Händen. Meiſter Gamble verſteht ſeine Nolle und wird ſie zu Ende führen. Wenn er das Einund⸗ zwanzigſte nicht erreicht, habe ich Niemand als mir ſelbſt Rechenſchaft abzulegen. Er ſchweift übrigens verteufelt nahe daran und ein weiterer Fortſchritt muß gemacht wer⸗ den. Noch drei Monate will ich ihnen Zeit laſſen und danu ſehen, was zu thun iſt.“ Er ſchwieg und ſtand auf, um an das Fenſter zu tre⸗ ten, das auf den Hafen hinausſchaute. 390 „Ich bin nur begierig, wann dieſes vermaledeite Boot abſegeln wird,“ murmelte er—„es weht ſchon tüchtig. Ei, wer Teufels geht denn da vorüber?“ fuhr er fort, als eine Geſtalt eilig am Fenſter vorbeihuſchte.„Gamble, bei meinem Leben! der Junge muß todt ſeyn! ſonſt würde er ihn nicht verlaſſen,“ und das Schiebfenſter öffnend rief er: „Gamble— Doktor Gamble!“ Der würdige Doktor ſchaute ſich um und antwortete alsbald: „O, Kapitän, ich bin ſehr erfreut, Euch zu ſehen, Sir; ich ſuchte Euch, konnte aber nirgends erfahren, wo Ihr ab⸗ geſtiegen wäret.“ „Kommt herein, kommt herein,“ rief Donovan, und während Gamble ſich nach der Hausthüre auf der anderen Seite des Gaſthofes wendete, leuchtete ein Ausdruck wilder Freude in Donovans Zügen.„Es muß ſo ſeyn,“ mur⸗ melte er leiſe vor ſich hin,„es muß ſo ſeyn!— Irgend ein Unglücksfall, vielleicht gar ein Duell!“ Gleich darauf trat Doktor Gamble ins Zimmer; er überzeugte ſich zuerſt, ob außer ſeines Zöglings Vormund ſonſt Niemand anweſend war und trat dann auf Kapitän Donovan zu, indem er ihn mit ernſter reſpektvoller Miene anredete: 3 „Ich habe Euch eine wichtige Nachricht mitzutheilen, Sir, und Ihr werdet genöthigt ſeyn, Eure Reiſe aufzu⸗ ſchieben.“ „O das läßt ſich leicht machen, Gamble,“ meinte Ka⸗ 2 391 pitän Donovan;„was iſt's? Iſt Sir Theodor etwas zu⸗ geſtoßen?“ „Leider muß ich ſagen— ja, und zwar eine ſehr be⸗ denkliche Geſchichte,“ erwiederte der Doktor. „Nun, nun, heraus damit! Haltet mich nicht ſo in Spannung,“ rief Donovan;„was hat's gegeben?“ „Ihr müßt nämlich wiſſen, Kapitän,“ verſetzte der Hofmeiſter,„daß es ihm einfiel, ſich in ein junges Mädchen, die Tochter Kapitän Malcolm's, zu verlieben— der Vater iſt todt, doch ändert das nichts an der Sache, denn ſte ſteht unter der Vormundſchaft jenes feuerfreſſenden Teufels, genannt Major Brandrum oder Major heißhungrige Krähe, mit dem Ihr mich in die Stadt ſchicktet. Da das Mädchen etwas ſpröde war, ſo entwarf Sir Theodor eine Art von Plänchen, um ſie zu entführen. Ich konnte ihn in ſeinem Vorhaben nicht hindern, denn Ihr wißt ja wohl, Kapitän, Ihr habt mich dies ja gar nicht geheißen, damit das junge Füllen, wie Ihr mit Recht befürchtet, enicht über die Schranken ſetze?““ „Ach was, kümmert Euch nichts drum, was Ihr thun konntet oder nicht konntet,“ rief Kapitän Donovan in ſchar⸗ fem Ton;„fahrt fort in Eurer Geſchichte, Mann.“ „Nun alſo, der Plan miß lückte,“ erzählte Doktor Gamble weiter;„das Mädchen ſchrie Zeter Mordio als ſie entdeckte, daß man ſie nicht nach London führe; ein Burſche kam zu Pferd vorüber, hielt den Wagen an und Eure beiden Buſenfreunde, die Herren Brandrum und Lisle richteten ihren Argwohn ſogleich auf Sir Theodor und Euren erge⸗ 392 benen Diener als diejenigen, die bei der Abführung— wie ſie's nannten— betheiligt ſeyn mußten. Mit der Ver⸗ ſchlagenheit und Entſchloſſenheit ächter Bluthunde ſpürten ſte uns nach bis St. Albans, und während wir mit ein paar anderen Herrn im Kaffeezimmer ruhig am Frühſtück ſaßen, kamen ſie mit der Reitpeitſche in der Hand herein. Zwei bis drei Worte zu Sir Theodor, eine ausweichende Antwort von ſeiner Seite war Alles, was vorfiel, dann machte ſich der Major über ihn, der Kapitän aber über mich her und peitſch⸗ ten uns dermaßen, wie ich's, bei meinem Leben! nie mehr erfahren, ſeit ich des alten Burgeß Ruthe entronnen.“ „Nun gut— was weiter?“ fragte Donovan.„Hat Sir Theodor ihn gefordert? Haben ſie ſich geſchlagen?“ „Es hätte ſich Alles vermeiden laſſen,“ meinte Doktor Gamble,„aber unglücklicher Weiſe war ein wilder iriſcher Burſche im Zimmer, der es augenblicklich auf ſich nahm, als Sir Theodor's Freund zu handeln, und Alles ſo wohlüber⸗ legt betrieb, wie wenn kaltes Ciſen und Piſtolenſtecher bloß Gegenſtände der Etikette wären. Er bot auch mir ſeine Dienſte an; ich bat jedoch ſeine Freundſchaft ablehnen zu dürfen— der Teufel mag ihn holen! Ich erfuhr, daß das Duell morgen hinter dem Montaguehaus ſtattfinden ſoll, und ſo eilte ich hierher, um Euch aufzuſnchen, da ich aus Eurem letzten Briefe wußte, daß Ihr um dieſe Zeit abrei⸗ ſen wolltet.“ 1 4 „Und das muß ich auch,“ verſetzte Kapitän Donovan in ſtrengem Tone, die Hände auf den Rücken legend;„ich habe wichtige Geſchäfte, die ſich nicht verſchieben laſſen. Der 393 junge Thor hat ſich die Suppe ſelber eingebrockt und muß ſie nun auseſſen— er hat ſein Bett gemacht und mag ſich nun drin niederlegen.— In einer halben Stunde bin ich fort.“ „Aber, mein theurer Sir!“ rief Doktor Gamble, deſ⸗ ſen Intereſſe es keineswegs entſprach, wenn Sir Theodor Broughton durch einen Piſtolenſchuß oder Degenſtoß ſeiner Aufſicht entrückt wurde. Doch indem er noch ſprach, ging die Thüre auf und ein roh ausſehender Menſch kam zum Vorſchein. „Mit Erlaubniß, Sir,“ hub er an, ſeinen Hut vor Kapitän Donovan berührend, ohne ihn abzunehmen,„Ka⸗ pitän Butler läßt Euch ſagen, daß das Boot heute unmög⸗ lich auslaufen kann. Wir haben ganz conträren Wind und der Sturm fängt ſchon an.“ „Bravo!“ rief Doktor Gamble;„nun habt Ihr keine Entſchuldigung.“ „Ich ſuche auch keine, Sir,“ donnerte Donovan ſich trotzig nach ihm umwendend;„habt Acht, Eure Worte beſ⸗ ſer zu wählen..“. „Aber, mein theurer Sir, mein theurer Kapitän, Ihr müßt Euch wirklich der Sache annehmen,“ flehte der Hof⸗ meiſter.„Ihr habt nicht überlegt, daß er erſt neunzehn zählt.“ 4 „Lisle traf Sir Charles Chevenix, als er noch weit jünger war,“ gab Donovan finſter zur Antwort;„wenn der junge Mann durchaus in ſolche Fallen gerathen wollte, ſo muß er die Folgen auf ſich nehmen.“ 394 „Wohlan, ſo werde ich ſelbſt ins Mittel treten,“ er⸗ wiederte Gamble entſchloſſen;„der Junge braucht ſich nicht zu ſchlagen, wenn er nicht dazu getrieben wird— ich will es ſchon verhindern.“ 4 „Was wollt Ihr thun?“ fragte Kapitän Donovan in ſcharfem Tone. „Augenblicklich umkehren,“ verſetzte der Hofmeiſter, welcher ſah, daß er einen Vortheil erlangt hatte,„und die Sache in der Bowſtreet anzeigen, indem ich den Polizeibeam⸗ ten bemerke, daß ich Alles aufgeboten, um Euch zur Ein⸗ miſchung zu überreden, daß Ihr aber als Militär nichts davon wiſſen wollt, trotzdem daß Ihr ſein Verwandter, ſein Vormund und nächſter Erbe ſeyd.“ „Sir,“ rief Donovan mit einer Donnerſtimme, indem er ihn eine volle Minute mit dem Blicke des Tigers, der zum Sprunge bereit iſt, anſtarrte. Allein Doktor Gamble war zu weit gegangen, um noch zurück zu können, und fragte nach kurzer Pauſe: „Wenn ich alſo rede— ſpreche ich was Anderes als Wahrheit?“ „Wahrheit!“ höhnte Donovan mit bitterem Lächeln; „was kümmert Ihr Euch um Wahrheit?“ Hiermit drehte er ſich um und trat abermals mürriſch an's Fenſter. 5 Der Hofmeiſter ſchwieg eine Weile und nahm dann ſeinen Hut, den er auf den Tiſch gelegt hatte. 2 „Wohlan, Kapitän,“ ſagte er,„da Ihr nicht gehen wollt, ſo muß ich.“ ———— 395 „Halt, halt,“ erwiederte der Andere in milderem Tone, aber immer noch voller Aerger;„das iſt die verdrießlichſte Geſchichte von der Welt. Ich verſprach geſtern in Amiens zu ſeyn, konnte aber meinen Paß nicht unterzeichnet er⸗ halten, und jetzt ſoll ich bis übermorgen hinausgeſchoben werden?“ „O, thut nichts, thut nichts,“ meinte Doktor Gamble mit einem Seitenblick;„ſie wird ſchon auf Euch warten.“ „Ihr ſeyd ein Narr, Gamble,“ bemerkte Donovan mit etwas affektirtem Lachen.„Doch wenn ich nun ein⸗ mal gehen muß, ſo muß ich eben. Nur das merkt Euch — das iſt die letzte Affaire, bei der ich ins Mittel trete. Ich kann einmal ſelbſt eine Kugel vor den Kopf bekommen, wenn ich mich in ſolche Dinge miſche, und ich habe noch gar Man⸗ cherlei in der Welt zu thun.“ „Bezweifle es ganz und gar nicht,“ gab Gamble trocken zur Antwort.„Da Ihr Euch ubrigens nunmehr entſchloſ⸗ ſen habt, ſo laßt uns auch alsbald aufbrechen.“ Kapitän Donovan wußte es jedoch ſo einzurichten, daß alle mözlichen Hinderniſſe in die Quere kamen. Wäre das Packetboot zur beſtimmten Stunde reiſefertig geweſen — er wäre ſicherlich zu ſpät gekommen, wenn er nämlich wirklich ſo lange zum Packen ſeines Felleiſens brauchte. Dann mußte er vor der Abreiſe noch durchaus zu Mittag ſpeiſen, wobei er Doktor Gamble durch die Koſtbarkeit der beſtellten Leckerbiſſen mit ſeiner Verzögerung auszuſöhnen ſuchte. Endlich ſchlug jedoch die Zeit des Aufbruchs, und wenn Kapitän Donovan auch keine vier Pferde anſpannen 396 laſſen wollte, ſo kamen ſie dennoch in ihrer Beichaiſe ziem⸗ lich raſch vom Flecke, nur daß das oftmalige Wechſeln zahlreiche Gelegenheit zum Zeitvergeuden darbot, welche Donovan auch redlich benützte. Zuweilen legte er ſich in die Ecke und doste, ſtreckte wohl auch den Kopf heraus, um dem Poſtknechte zu ſagen, daß er bergab ja nicht raſen und ihnen den Hals brechen dürfe, oder wenn er über Doltor Gamble's Vorzüge und Vollkommenheiten nachdachte, ſo mochte er wohl wünſchen, daß dieſer nicht gar ſo tief in ſeine Geheimniſſe eingeweiht wäre. Der Morgen graute, als ſie London erreichten. Gamble, der das Spiel nur gar zu gut verſtand, befahl dem Poſt⸗ knecht, ohne weiter um Erlaubniß zu fragen, gerades Wegs und ſo ſchnell er konnte nach der Rückſeite des Montague⸗ hauſes zu fahren. Fort gings im Sturmſchritt, und als ſie näher kamen, horchte Donovan voller Spannung, ob er nicht Piſtolen krachen hörte: doch Alles war ſtill. Wie ſie die Straße erreichten, welche damals an der hinteren Seite des jetzigen Portmanſquare hinlief, ſahen ſie drüben über der Hecke im benachbarten Feld eine Gruppe von drei Perſonen, beſtehend aus Major Brandrum, Reginald Lisle und einem ſchwarzgekleideten Herrn, während eben Sir Theodor Broughton mit einem anderen ſieben bis acht Jahre älteren Manne über den Steg kam. „Dort ſind ſie,“ ſchrie Doktor Gamble;„nun laßt uns eilen. Halt, Burſche! Halt, halt!“ Donovan hatte mittlerweile ſeinen Entſchluß gefaßt und mit den ſtrengen Worten:„Ueberlaßt mir das Ganze, — 397 Sir,“ ſprang er aus dem Wagen, während Doktor Gamble, bewogen durch gewiſſe Erinnerungen an Reginald Lisle's Händearbeit, welche ihm eine zu große Annäherung an jenen Herrn nicht ſonderlich erfreulich machten, in beträchtlicher Entfernung nachfolgte. Eine Minute ſpäter war Donovan über die Hecke und ſtand dicht vor den kampfbereiten Duellanten; wer ihn in jenem Augenblicke geſehen hätte, mußte nothwendig anneh⸗ men, daß Niemand eifriger darauf bedacht ſeyn könne, ſeinen Mündel vor den üblen Folgen ſeiner ſchlimmen Aufführung zu behüten. „Was iſt das, Gentlemen?“ rief er in lautem ſtren⸗ gem Tone—„was heißt das, Sir?“ indem er Sir Theo⸗ dor mit einem Stirnrunzeln beglückte, das dieſen oft voll Schrecken zurückgeſcheucht hatte und das auch diesmal nicht ohne Wirkung blieb, denn Sir Theodor hatte es zwar bei einem Menſchen, den er wie Doktor Gamble verachtete, wohl durchgeſetzt, einen neuen Charakter anzunehmen, wogegen ihn an den Mann, den er vor ſich ſah, eine Art finſteren un⸗ widerſtehlichen Zaubers feſſelte, ſo daß der junge Baronet eine Minute nach Donovan's plötzlicher unerwarteter Erſchei⸗ nung ſtumm und mit zu Boden geſchlagenen Augen daſtand. Sein iriſcher Begleiter übernahm es jedoch, in ſtark provinziellem Aeccent ſtatt ſeiner zu antworten: „Die Sache iſt einfach dieſe, Sir. Die Herren, welche dort herankommen, beliebten unſeren jungen Freund hier und einen Mann, der ſein Erzieher ſeyn ſoll— dort hinten ſteht er— waidlich durchzupeitſchen, was allerdings ein 398 Gentleman dem andern wohl anthun kann, wenn er ſich von ihm beeinträchtigt glaubt. Unſer junger Freund hier be⸗ liebte dafür ſeinen Angreifer auf die gewöhnliche Weiſe zur Rechenſchaft zu fordern, wozu ebenfalls jeder Gentleman berechtigt iſt.“ „Wenn er nämlich die Jahre der Reife erlangt hat,“ bemerkte Donovan ſtreuge. „Das hat nichts mit der Sache zu ſchaffen,“ entgegnete der Andere, der nicht beg eifen konnte, daß der neu Ange⸗ langte ein Wörtchen drein zu ſprechen hatte.„Nun ſeht Ihr ganz wie ein Gentleman aus, Sir, und ich möchte Euch deßhalb bitten, Euch entweder zu entfernen oder Euch ruhig zu verhalten und nicht einzumiſchen.“ „ Vortrefflich,“ lachte Donovan,„um dieſen Knaben, meinen Mündel, vor meinen Augen erſchießen zu ſehen. Ihr irrt Euch gewaltig, Sir, und wenn Ihr Eure Piſtolen⸗ kiſte und mit ihr Euch ſelbſt nicht alsbald entfernt, ſo ſeyd Ihr in fünf Minuten in den Händen der Bopſtreetbeamten. — Keine Widerrede, Sir, das muß ich mir ausbitten— wir wiſſen ſchon, wie man mit Herren von ſolcher kriegeri⸗ ſcher Vorliebe umſpringt, und ich kann Euch ſagen, daß Ihr nicht allzu viel Zeit übrig habt.— Und nun, Major Brandrum, welche Abbitte verlangt Ihr von Sir Theodor Broughton? Er ſoll ſte Euch augenblicklich leiſten, denn ich kenne das Vorgefallene und weiß, daß er ſie Euch ſchuldet.“ „Ich will keine leiſten,“ brummte der junge Mann in leiſem aber entſchloſſenem Tone. 399 Major Brandrum machte jedoch dem Streite alsbald ein Ende, indem er bemerkte: „Ich bin nicht im Falle, eine Abbitte zu verlangen, Kapitän Donovan; Sir Theodor Broughton ließ ſich bei⸗ gehen, ſich gegen eine junge Dame, die ich als Kind adop⸗ tirt habe, auf eben ſo ſchurkiſche als unedelmänniſche Weiſe zu benehmen, und zwar nicht minder unedelmänniſch, weil es ſchurkiſch, noch minder ſchurkiſch, weil es unedelmänniſch war. In Anbetracht jedoch, daß er noch ein bloſer Knabe iſt— er freilich hält ſich für einen Mann— beſtrafte ich ihn als ſolchen, indem ich ihn tüchtig durchpeitſchte. Ich weigere mich übrigens nie, mich zu ſchlagen ſobald ich ge⸗ fordert werde, und deßhalb kam ich auf ſeine Beſtellung hierher, trotzdem daß es noch ziemlich früh und der Morgen ſehr windig iſt.“ „Es wäre beſſer geweſen, Major, ihn bis ans Ende als Knaben zu behandeln,“ meinte Donovan.„Ihr ſeyd je⸗ doch Soldat und Mann von Ehre, und da ich demſelben Stande angehöre, ſo muß ich Euch dieſes Berufsvorurtheil zu gute halten. Ich habe indeſſen das Vertrauen zu Eurer wohlmeinenden Geſinnung, daß Ihr mir verſprechen werdet, ihm während meiner Abweſenheit aus England— ich werde nämlich durch wichtige Geſchäfte nach Frankreich gerufen— kein zweites Stelldichein zu gewähren.“ „Das kann ich in der That nicht zuſagen, Sir,“ ver⸗ ſetzte Brandrum;„es hängt ganz von ſeinem eigenen Be⸗ nehmen ab. Wegen der heutigen Affaire werden wir uns allerdings nicht wieder begegnen, denn mehr als einmal 400 kann kein Menſch es verlangen; wenn er ſich jedoch aber⸗ mals herausnimmt, irgend Jemand unter meinem Schutze übel zu behandeln, ſo werde ich ihn höchſt wahrſcheinlich wie früher traktiren und dann müſſen eben die Dinge je nach den Umſtänden ihren Lauf haben. Komm, Lisle: ich denke, wir haben für heute genug— der Wind fegt einen ohnehin beinahe vom Platze.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich mit Reginald Lisle und dem ſchwarz gekleideten Herrn. Sie erreichten eine Miethkutſche, die an der anderen Straße auf ſie wartete, und ſobald ſie daſelbſt Platz genommen hatten, bemerkte Lisle mit ſehr verwirrter Miene und in leiſem Tone: „Das iſt ſonderbar, Krähe.“ „Sehr!“ beſtätigte Major Brandrum trocken und fuhr dann fort:„wir haben dem Burſchen Unrecht gethan in unſerem Herzen. Sein Benehmen iſt allerdings auffallend; aber ſo viel iſt klar, daß er keine böſen Abſichten, wie ich mirs dachte, hegen kann.“ Mittlerweile war Kapitän Donovan nicht wenig ver⸗ legen, wie er mit Sir Theodor Broughton verfahren ſollte, deſſen iriſcher Freund, da er gegen das Gefängniß weit größeren Widerwillen als gegen eine Piſtolenkugel hegte, nach Erwähnung der Bopſtreetbeamten ziemlich eilig vom Schauplatze verſchwunden war. Dem jungen Manne Vor⸗ ſtellungen zu machen, war durchaus nothwendig; ihn aber ganz als Knaben zu behandeln, ging nicht an, und wenn auch, ſo wäre es nach Donovan's Anſichten jedenfalls unzweckmäßig geweſen. So beſchloß er denn, unter dem 401 Vorwande ſeiner alsbaldigen Rückreiſe nach Dover, die Strafpredigt kurz abzumachen, indem er ihn zwar in ſtren⸗ gem, aber doch hie und da von ſarkaſtiſchem Spotte unter⸗ brochenem Tone in wenigen kurzen Phraſen auf die üblichen Gemeinplätze über Duell und Verſchwendung aufmerkſam machte. Er wußte nämlich recht wohl, daß Gemeinplätze nie die geringſte Wirkung als Warnung oder Abmahnung haben. Doktor Gamble maß er zu dreien Malen mit einem Blicke, der dem Erzieher keineswegs behagte; was aber auch damals in ſeinem Innern gähren mochte— er ließ es nicht zu Tage kommen, ſondern überantwortete ſeinen Mündel von Neuem der Führung des übel gewählten Hofmeiſters und verließ ſte, um alsbald nach der Seeküſte zurückzu⸗ kehren. „Warte nur, Meiſter Gamble, Dein Tag wird ſchon noch kommen,“ murmelte Donovan, als er in ſeiner Chaiſe ſaß und in der Richtung von Dover dahinrollte, die Zähne grimmig uͤbereinander beißend.„Deine Laſter und Aus⸗ ſchweifungen werden unterdeſſen für mich arbeiten, während Du meinſt, Du ſeyeſt für Dich ſelber thätig.“ Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Abu Haſſan wünſchte nur einen einzigen Tag Kalif zu ſeyn und ich moͤchte aufrichtig, daß ich nur vierundzwanzig Stunden eine Frau wäre. Man verſtehe mich recht: nicht um die Welt möchte ich es länger ſeyn, da ich der Meinung James. Th. Broughton. 26 bin, daß die Frau gleich allen ſchwachen Geſchöpfen von dem Manne hart behandelt wird. Wäre mein Wunſch ausführ⸗ bar, ſo vermöchte ich dem Leſer vielleicht genaueren Bericht über Mary Chevenir und ihre Empfindungen in dem Augen⸗ blicke zu geben, da Reginald Lisle neben ihr beim Nacht⸗ eſſen ſaß, wo wir ihn am Ende des vierundzwanzigſten Ka⸗ pitels gelaſſen haben. Dem Manne iſt jedoch ſolche Ge⸗ nauigkeit unmöglich und ich kann blos die allgemeinen Thatſachen feſtſtellen und muß all jene leichteren Schatti⸗ rungen des Gefühles, jene feinen ſanften Züge der Empfin⸗ dung, welche den Hauptunterſchied zwiſchen dem Gemüthe des Mannes und dem des Weibes bilden, mit Stillſchwei⸗ gen übergehen. Um ſie zu kennen, iſt es nothwendig, daß man ein Weib iſt oder war— um ſie zu erzählen, müßte man vielleicht noch etwas mehr als ein Weib ſeyn. Als Reginald zuerſt ins Zimmer trat, wo ſie mit der Mutter ihres Vaters und Sir Harry Jarvis' Rückkehr er⸗ wartete, entſtand ein wirrer Sturm in ihrer Seele. Die Freude und Ueberraſchung, ihn zu ſehen, ihre Ungewißheit, in welcher Eigenſchaft und aus welchem Grunde er gekom⸗ men, ihre Beſorgniß, welches Benehmen ihre Mutter gegen ihn beobachten würde, waren hinreichend, ſie in hohem Grade aufzuregen, während ſich durch alle ihre Empfindun⸗ gen ein dünner Faden des Zweifels hinſtahl, der, wenn auch nooch ſo fein und zart, das goldene Gewebe der Liebe und Hoff⸗ nung gleichwohl höchſt bedenklich verdüſterte und durchkreuzte. Ihre Hand zitterte, als ſie ihm dieſelbe reichte, und ihre Wange wechſelte durch alle Schattirungen von Roſen⸗ 40³ roth und Weiß bis zum Karmoiſin; wie ſie ihm jedoch ins Geſicht ſchaute, da machte der Ausdruck tiefer, inniger Liebe, mit dem er ſie betrachtete, daß ihre Hand noch mehr erzit⸗ terte, während ihr Herz mit erneutem Vertrauen pochte. Hätte Jemand mit der Zunge der Beredſamkeit ſelber eine Stunde lang über Reginald Lisle's Beſtändigkeit, über die Wahrhaftigkeit ſeiner Liebe geſprochen— es hätte nicht die Wirkung gemacht, wie dieſer einzige Blick ſie hervorbrachte. Der Leſer erläßt uns wohl die nähere Erläuterung, wie Lady Chevenix alle einzelnen Vorfälle erzählte, wie ſie ſagte, ſie habe nicht gewußt, was ſie thun ſolle, ſie und Mary hätten ein ſehr angſtvolles Mittageſſen gehabt und ſie ſey überzeugt, ihr Mann und Sir Harry müßten halb todt ſeyn vor Müdigkeit und Hunger, weßhalb ſie ſich die Freiheit genommen habe, dem Koche zu befehlen, daß er alle Ge chicklichkeit für ſein Abendeſſen aufbiete, das auch alsbald auf dem Tiſche ſtehen werde, nachdem ſie nunmehr zurückgekehrt ſeyen. Ebenſowenig will ich den Leſer mit der Schilderung langweilen, wie ſich Reginald Lisle und Major Brandrum die Hände wuſchen, wie ſie ſich den Staub abburſteten und nachher noch einige Minuten vor Tiſch ſich berathſchlagten. Alles wurde zu rechter Zeit fertig; aber wir haben nichts damit zu ſchaffen, ſondern laſſen Reginald abermals neben der Geliebten niederſitzen und erzaͤhlen lie⸗ ber, wie Lady Chevenir ſich gegen ihn benahm, denn das war ein Punkt, worauf er und Mary nicht wenig geſpannt waren. Sie war durchaus höflich; das iſt aber vielleicht auch 26* 404 die einzige Manier, ihr Benehmen zu ſchildern— wie him⸗ melweit iſt dies übrigens von Herzlichkeit entfernt! Sie verſäumte keine Regel der Artigkeit und war nicht einmal fremd und kalt: ihres Gatten Gegenwart und ſeine bekann⸗ ten Wünſche ſchützten Reginald vor dieſer negativen Art der Zurückweiſung, denn Lady Chevenix war wirklich eine gute Frau und wünſchte ihrem Gemahle ſehr zu gefallen. Aber herzlich war ſie gleichwohl nicht: ſie konnte nicht vergeſſen, daß Lisle ſich mit Sir Charles duellirt und ihn ſchwer ver⸗ wundet hatte. Dies vergaß ſie nicht, machte auch keinen Verſuch dazu, was Reginald wohl fühlte. 3 Dieſer Umſtand blieb nicht ohne Wirkung auf ſein eigenes Benehmen. Er ſagte zu ſich ſelbſt:„Daß Lady Chevenix mir nicht wohl will, iſt offenbar; ich muß ihre Achtung gewinnen und ſie jene unſelige Geſchichte vergeſſen lehren, ehe ich mich mit meiner Bewerbung hervorwage oder meine Liebe offen an den Tag lege. Zwar iſt ſie gegen ihren Gatten die Unterwürfigkeit ſelber; aber ich weiß recht wohl, wie ſehr die Anſicht der Mutter unter ſol⸗ chen Umſtänden auf den Vater influiren muß, wie der zärt⸗ liche Gatte ſelbſt auf unvernünftige Gründe horchen, wie das geflüſterte Wort mir ſchaden und der wiederholte Ein⸗ wurf ſich geltend machen wird. Sie ſieht nicht, daß ich ihre Tochter liebe— außer Mary ſieht es überhaupt Niemand, und ich darf es auch Niemand ſehen laſſen, bevor ich mir nicht die Zuneigung der Eltern ſo gut wie de der Tochter erworben habe.“ Ob dieſer Entſchluß weiſe war oder aicſ⸗ mag dahin⸗ 40⁵ geſtellt bleiben; eine Wirkung hatte er und die war nicht glücklich— er legte ſeinem Benehmen gegen Mary ſelbſt eine Zurückhaltung auf, machte es weniger warm und zart⸗ lich, als die Liebe ſogar unter dem Zwange der Geſellſchaft geweſen wäre. Mary fand ſein Weſen auffallend; der dünne Faden des Zweifels kam abermals zum Vorſchein, um das Gewebe ihrer Hoffnung zu durchbrechen, und ſie blieb den ganzen Reſt der Mahlzeit hindurch ſehr ſchweigſam. Endlich erhob ſich die Geſellſchaft um ſich zur Ruhe zu begeben, und Major Brandrum benachrichtigte Sir Harry Jarvis, daß er und ſein junger Freund höchſt wahrſcheinlich morgen vor dem Frühſtück in wichtigen Geſchäften nach St. Albans wegreiten würden. „Ich habe halb und halb Luſt, mit Euch zu gehen, Major,“ bemerkte Sir Charles Chevenix, worauf aber ſeine Gattin augenblicklich einfiel: 3 „Du vergißſt, mein theurer Charles, daß Du Miß Malcolm bei Oberſt Lutwich abholen mußt, da Sir Harry, wie er ſo eben geſagt, den ganzen Tag in London aufgehal⸗ ten ſeyn wird.“ Sir Charles Chevenir dachte, ſeine Frau könnte dieſe Aufgabe ſo gut wie er ſelbſt erfüllen; allein er kannte ihre Gewohnheiten und wudte, daß hundert Einwürfe zu über⸗ winden wären, welche er nicht zu bekämpfen gewillt war, weßhalb er blos erwiederte: „Iſt wahr— das hatt' ich vergeſſen.“ „Ich hoffe,“ ſagte Sir Harry Jarvis, an Maſor Brand⸗ rum und Lisle ſich wendend,„daß die Herrn auf dem Rück⸗ 406— wege mein Jarworth zum Abſteigquartier nehmen werden. Ich werde zwar morgen ſelbſt abweſend ſeyn, aber Chevenix mit ſeiner Gemahlin und meiner ſchönen jungen Freundin hier werden Euch ſchon unterhalten. Wenn Ihr mir dann die Ehre erweiſen und da bleiben wollt, ſo will ich verſu⸗ chen, den Oberſt Lutwich zum Mittageſſen herzubringen.“ Major Brandrum und Reginald Lisle verſprachen Beide auf der Rückkehr von St. Albans zu Jarworth⸗Park vor⸗ zuſprechen, und der Major beauftragte einen von Sir Harry's Dienern mit einem Billete nach London, worin er ſich für das bevorſtehende Diner eine paſſendere Garderobe beſtellte, als er ſte zu ſeinem Ausritte mitgenommen hatte. In der Frühe des andern Morgens brachen ſie nach St. Albans auf: was dort geſchah, iſt dem Leſer theilweiſe ſchon bekannt. Nach der Scene in dem Kaffeezimmer des einen Gaſthofes kehrten ſie ausnehmend gelaſſen in den an⸗ dern zurück, wobei der Major mit herzlichem Lachen Doktor Gamble's Grimmaſſen unter Reginald Lisle's Peitſche be⸗ ſprach, welche er nicht ermangelt hatte, ſogar in dem Augen⸗ blicke zu bemerken, während er ſelbſt über Sir Theodor Broughton eine ähnliche, nur etwas gemäßigtere Doſis der⸗ ſelben Medizin verhängte. „Ich möchte wohl wiſſen, mein Junge,“ meinte er, „wie jener Burſche ein langſames indianiſches Feuer ertra⸗ gen würde, nachdem man ihm harzige Fichtenſpäne in die fetten Waden geſteckt hätte. Himmel! Wie wäre die ſchlüpfrige Schlange, der Fiſchadler und die übrigen Mitglieder des Stammes in Jubel ausgebrochen, wenn ſie ihn unter einem 407 ſo ärmlichen Ding, wie eine Reitpeitſche, ſo jämmerlich ſich hätten krümmen ſehen: ſie hätten ſich vor Entzücken geradezu todt gelacht.“ Reginald war etwas ernſter und als ſie den Gaſthof erreicht und ihr Frühſtück beſtellt hatten, verlangte er eine Zeitung, worauf ihm der Kellner einen jener mageren gelben Fetzen, die man damals Journale nannte, überbrachte. Er überlief das Blatt anfänglich ziemlich gleichgültig; nach einer Weile ſchien er jedoch mit plötzlicher Spannung zu leſen: ſein Auge war aufmerkſam auf das Papier geheftet und nachdem er noch etliche Zeilen überſchaut, rief er: „Das nenne ich Nachrichten, Krähe! Der Feind hat an der Weſtküſte gelandet und ein Dorf geplündert. Man weiß noch nicht, ob es ein Haufe Franzoſen oder die Mann⸗ ſchaft des amerikaniſchen Geſchwaders iſt, das ſeither an der Küſte gekreuzt hatte; die Nachricht aber iſt zuverläſſig.“. „Alſo Ausſicht auf activen Dienſt, Lisle,“ erwiederte der Major.„Nun, ich habe nichts weiter zu thun, als für das Mädchen zu ſorgen, mich mit dieſem Knaben zu ſchla⸗ gen— dann bin ich fertig. Ehrlich geſtanden, ich habe die Unthätigkeit ſatt, und ſollte in aller Bäͤlde einen recht tollen Streich auszuführen haben, nur um die Einförmigkeit dieſes Daſeyns etwas zu unterbrechen. Hier kommt das Frühſtück; ſobald es vorüber iſt, laßt uns abmarſchiren; vielleicht daß Sir Harry Jarvis heute Abend ein Bündel Neuigkeiten aus London mitbringt.“ Allein weder Lisle noch ſein Freund ſollten diesmal lange zu Jarworth⸗Park verweilen. Sie machten ſich zwar in höchſter Eile dahin auf den Weg, denn Reginald war nicht ohne Hoffnung, Marien vielleicht einige koſtbare Au⸗ genblicke allein zu ſprechen; aber gleich die erſten Wort⸗ des dortigen Mundſchenken lauteten: „Euer Diener, Sir, iſt mit Euren Effekten von Lon⸗ don hier eingetroffen und wünſcht Euch, wie Major Brand⸗ rum, ſogleich zu ſehen.“ „Was will er?“ fragte Lisle mit der Ungeduld gefürch⸗ teter Enttäuſchung. „Er hat einen Brief von dem kommandirenden General an Euch, Sir, und einen zweiten an den Major,“ erklärte der Mundſchenk.„Ich will ihn ſogleich herauf ufen; er iſt nur in der Bedientenſtube.“ Ohne die Vorhalle zu verlaſſen, empfing Reginald den Brief, wo er eben ſtand. Es war ein bloßes Dienſt⸗ ſchreiben, worin ihm befohlen wurde, alles Andere bei Seite zu ſetzen und ſich unverzüglich in das Hauptquartier zu ver⸗ fügen. Dabei war im Allgemeinen angedeutet, daß ſeine Dienſte alsbald im Felde in Anſpruch genommen werden könnten, denn die amtliche Kürze hatte damals noch nicht ihren Höhepunkt erreicht, obwohl das Schreiben trocken und unerforſchlich genug war. Das an Major Brandrum lautete genau ebenſo, war von demſelben Schreiber in der⸗ ſelben Handſchrift und mit den gleichen Worten abgefaßt und von dem nämlichen Offizier unterzeichnet.„Wir muſ⸗ ſen unverzüglich davonfliegen, Regy,“ meinte die heißhung⸗ rige Krähe.„Der Dienſt duldet keinen Aufſchub und die Ordre iſt peremtoriſch.“ 409 „Wir müſſen ſehen ob Lady Chevenix und Sir Charles zu Hauſe ſind, um uns bei ihnen zu entſchuldigen,“ verſetzte Reginald. Der Major lächelte, aber der nebenſtehende Mundſchenk machte Kapitän Lisle's Hoffnung, auch nur noch einen Blick der Geliebten zu erhaſchen, alsbald ein Ende, indem er ver⸗ ſicherte: „Sir Charles iſt noch nicht zurückgekehrt und Mylady geht eben mit Miß Chevenirx ſpazieren.“ „So müſſen wir es denn Euch überlaſſen, mein guter Freund, unſere Entſchuldigung auszurichten,“ ſagte Major Brandrum.„Vermeldet Sir Harty unſer tiefes B dauern, daß wir nicht zu Mittag bleiben können; hier zeigt ihm die⸗ ſen Brief— daraus wird er erſehen, was uns ſo ſchnell von hinnen ruft.“ Mit dieſen Worten verließ er das Haus und ſtieg wie⸗ der zu Pferd, während Reginald nur ſo lange verweilte, um ſeinem Diener die nöthigen Befehle wegen des Gepäcks zu geben. Als Mary Chevenix etwa eine halbe Stunde nach der Abreiſe ihres Geliebten zurückkehrte, erfuhr ſie zu ihrem Leidweſen, daß er vorgeſprochen hatte, und ſchon wieder fort war— für ſie eine bittere Enttäuſchung, denn ſie hatte ſchon davon geträumt, vor Tiſch irgendwo ein halbes Stünd⸗ chen mit ihm zuzubringen, wo ſie gegenſeitig ihr Herz er⸗ leichtern, und wo er, wie ſie hoffte, Alles was ihr aufgeral⸗ fen, erklären könnte. Man zeigte ihr den Brief und ſie erſah daraus, daß Lisle nothgedrungen hatte gehorchen müſſen; 4¹⁰ da ſie nichts weniger als tadelſüchtiger Natur war, ſo fiel ihr nicht bei, daß er, wenn er recht verliebt geweſen wäre, wohl irgend eine Entſchuldigung hätte auffinden können. Kurz darauf kehrte ihr Vater mit Käthchen Malcolm zurück und Lady Chevenix empfing die ſchöne Ausreißerin diesmal mit mehr Wärme als ihre Tochter, denn in dieſer lebte immer noch jener kleine dunkle Faden des Zweifels, welchen Mary mit aller Kraft nicht abzuſchütteln vermochte. „Ich will ihn noch vor Schlafengehen auszuziehen ſuchen, und müßte ich mein eigenes Herz mit ausreißen,“ dachte ſie, indem ſie ſelbſt unter ihrer ruhigen Außenſeite mit tiefer Theilnahme Alles mitanhörte, was Käthchen ihrer Mutter von Oberſt Lutwich's Güte und Zartſinn erzählte. Die drei Damen waren allein zuſammen, denn Sir Charles hatte ſich alsbald ans Briefeſchreiben gemacht, und Lady Chevenix befragte Käthchen genau über die Perſon, welche ihr einen ſo ſchlimmen Streich geſpielt und in wel⸗ cher Abſicht dies wohl geſchehen ſey. Die Sache ſetzte das arme Mädchen ſelbſt vor dieſen Frauen in nicht geringe Verlegenheit, bis die Inquirentin Sir Theodor Broughtons Namen herausbrachte. „Ei, man ſagte mir ja,“ rief ſie alsbald,„er ſey in der Nacht des Brandes in dem Gaſthof zu Dunſtable geweſen.“ „Das war er auch,“ gab Käthchen Malcolm zur Ant⸗ wort;„er beſchimpfte mich dort höchſt gröblich; aber Kapi⸗ tän Lisle kam dazu und—“ Die Erinnerungen jener Nacht überwältigten ſie; wäh⸗ 411 rend ihre Wange purpurroth wurde, überliefen ihre Augen mit Thänen und ſie ſchwieg. Was doch die Eiferſucht— die bitterſte aller vorge⸗ faßten Meinungen, welche den Hellſichtigſten verblendet, den Gerechteſten verhärtet— ein ſonderbares Ding iſt! Auf der ganzen Welt gab es vielleicht kein Weſen, das von Na⸗ tur beſſer als Mary Chevenix dazu geeignet war, die Re⸗ gungen, welche Käthchen Malcolm ſo tief erſchütterten, zu begreifen und mitzufühlen— und dennoch mußte ſie jetzt Alles einer falſchen Urſache zuſchreiben! Das Erröthen und die Thränen ſtanden mit Reginald Lisle's Namen in offenem Zuſammenhang und ſie glaubte, ſie müßten ihm gelten. Der Leſer fragt vielleicht warum!— wir haben darauf blos eine Antwort:„weil ſie ihn liebte.“ Gleichwohl war ſie entſchloſſen, ſich noch weiter zu über⸗ zeugen. Sie glaubte ſehr vernünftig zu handeln und ſagte, ſie wolle nicht ohne volle Beweiſe urtheilen und der Eifer⸗ ſucht nicht die geringſte Herrſchaft einräumen. Nichtsdeſto⸗ weniger war ſie über Tiſch ſehr ernſt und ſchweigſam und ſobald die Damen aufgebrochen waren, benützte ſie die kurze Abweſenheit ihrer Mutter, um Käthchen ihre eigenen Fra⸗ gen vorzulegen. 3 Dies geſchah nicht einmal ganz aufrichtig. Nein, Leſer, Mary handelte nicht aufrichtig gegen ihre junge Freundin — kein Weib, das von Eiferſucht geſtachelt wird— viel⸗ leicht kein Weib, das von Liebe beherrſcht iſt, wird ſich als aufrichtig bewähren. Es war das erſte⸗ und letztemal in ihrem Leben, denn ſie fand hintennach, daß wenn ſie bei die 412² ſer Gelegenheit ebenſo offen wie ſonſt gehandelt hätte, viel Kummer ihr erſpart geblieben wäre. Sobald Lady Chevenix fort war, ſetzte ſich Mary neben Käthchen aufs Sofa, legte ihre Hand auf die der Freundin und ſagte: „Und ſo, Käthchen, kam dieſer Offizier höchſt gelegen zu Deinem Beiſtand? Reginalds Namen mochte ſie nicht erwähnen aus Furcht, ihr Antlitz könnte ihre eigenen Geheimniſſe verrathen, wäͤh⸗ rend ſie die einer Andern zu ergründen ſuchte. Neue Röthe überzog Käthchen Malcolms Züge, denn ſie hatte die letzte halbe Stunde nur an Oberſt Lutwich ge⸗ dacht und Mariens Augen forſchten aufmerkſam in ihren Mienen. „Sehr gelegen in der That,“ gab ſie zur Antwort; „ich hätte nicht gewußt, was ich thun ſollte, wenn er nicht dazu gekommen wäre, denn ich wußte weder Weg noch Steg im Hauſe.“ „Und er war ehr freundlich gegen Dich?“ fragte Mary., „Allerdings,“ verſetzte Käthchen. „Wohl auch etwas verliebt in dieſes ſchöne glühende Geſichtchen— nicht?“ meinte Mary. Käthchen erröthete noch tiefer, gab aber keine Ant wort und Mary fuhr fort: „Nein, ſage mir, Käthchen— ſage einer Freundin, welche Dir rathen, vielleicht gar helfen kann— ſagte er nicht, er liebe Dich?“ „O, frage mich nicht weiter!“ rief Käthchen Malcolm, 413 aber ihre Miene hatte bekannt und Mariens Muth ſank tief— ſehr tief. Sie fand im nächſten Augenblicke keine Worte, ſo ſehr ſie ſich weiter zu fragen ſehnte, um das Geſtändniß in Worten zu hören, und eben als ſie eine wei⸗ tere Frage einkleidete und ſich zum Reden zu überwinden ſuchte, trat Lady Chevenix ins Zimmer. Der Eindruck war jedoch gemacht— ihre Beſorgniß war beſtätigt. Jetzt ſchien es ihr kein Zweifel mehr, ſon⸗ dern Wirklichkeit, und Kopfweh vorſchützend(leider war es nur allzu gegründet) zog ſich Mary frühzeitig zurück— nicht um zu ſchlafen, ſondern um zu weinen. Noch ehe ſich Jemand im Hauſe rührte, war ſie am andern Morgen auf und trat angekleidet in den Garten. Sie fühlte daß ſie der friſchen Luft bedurfte; die Zimmer waren zu eng für die Empfindungen, die in ihrem Buſen kämpften. Sie wollte ihr eigenes Herz prüfen— wollte ſich fragen, ob ſie zu tadeln ſey— ob ſie mit thörichter Schwäche oder müßiger Eitelkeit bloße Komplimente oder vielleicht ein etwas allzu warmes und einnehmendes Weſen für Worte der Liebe und Blicke der Zärtlichkeit genommen habe. Allein ihr Herz ſprach ſie frei; hier konnte von keinem Irrthume die Rede ſeyn. Das Einzige, worüber ſie ſich zu tadeln hatte, war, daß ſie einem Manne, den ſie ſo wenig kannte, zu eifrig Gehör geſchenkt hatte. Aber auch das wollte ſte nicht zugeben: er hatte ſo offen, ſo wahr, ſo hochſinnig geſchienen, und da ſie ihn ſo wenig wie ſich ſelbſt tadeln mochte— ſo ſonderbar dies auch ſcheinen mag— ſo legte ſte die Schuld ſeinem ganzen Geſchlechte zur Laſt. „Sie ſind Alle trügeriſch,“ ſagte ſie;„ſie ſind Alle wankelmüthig. Ich habe ſchon tauſend Beweiſe gehöͤrt. Ich muß dieſe Liebe aus meinem Herzen reißen und frei⸗ willig will ich ihn nie mehr ſehen. Was iſt es, was mich unfreundlich und ärgerlich gegen das arme Käthchen macht? Das theure Mädchen— was kann ſie dafür? Ich will mir mein Herz nicht verbittern laſſen. Ich will ihn vergeſſen, nicht an ihn denken.— Er kann mir nichts mehr ſeyn. So ſey ſie denn glücklich mit ihm; nur darf ich— ich kann es nicht ſehen!— Nein, nein!“ Während ſie alſo überlegte, und ihr Herz für den ge⸗ faßten Beſchluß zu kräftigen ſuchte, ging ſie in einer Allee uralter Bäume auf und nieder; wie lange ſie dort geweſen, mag der Himmel wiſſen, denn die Zeit ſlieht raſch bei ſolch innerlichem Kampfe, als ſie plötzlich ihren Vater auf ſich zukommen ſah. Marie hatte nicht geweint, denn alle ihre Thränen waren heute Nacht erſchöpft worden, ſonſt hätte ſie ihm wohl auszuweichen verſucht; allein die Verzweiflung hat eine Sorgloſigkeit an ſich, die ſie vielleicht zum Weiter⸗ gehen getrieben, auch wenn ſie gewußt hätte, daß ihr Vater ihr Leiden ſehen und deſſen Urſache errathen würde. Es war ihr gleichgültig, wer es erführe; nur Käthchen Mal⸗ colm durfte es nicht wiſſen— das hätte ſie nicht ertragen können. 8 Sir Charles ſtreckte ihr in ſeiner heiteren gut gelaun⸗ ten Weiſe ſeine Arme entgegen, um ſie zum Morgengruße ans Herz zu drücken, und hier fühlte Mary vielleicht zum 7 415 erſtenmale im vollen Umfange, welcher Segen eines Vaters Liebe iſt. „Du biſt blaß, mein Mädchen,“ ſagte er;„haſt Du nicht gut geſchlafen? Sind all' unſere Abenteuer Dir doch zu viel geweſen? Ei, ei! Ich dachte, Du hätteſt den Kopf voll von Romantik und Ritterlichkeit, und laß Dir nur ſagen, Mary, daß manche unſerer irrenden Ritterfräulein um das gute Glück, das Du gehabt, ihre Ohren geben würde. Beraubt zu werden und dem Morde zu entgehen, abzubrennen, ohne zu verſengen, eine Freundin zu verlie⸗ ren und ſie hinterher wieder wohlbehalten zu finden— das begegnet nicht Jedermann, Miß Mary!“ „Mein gutes Glück— ich kann es nicht ſonderlich rühmen,“ gab ſeine Tochter zur Antwort;„und in Wahr⸗ heit, theurer Papa, nach ſolchem Glücke bin ich nicht gerade lüſtern; ich möchte lieber gar nichts von Raubanfällen, von Brand oder dem Verluſte einer Freundin wiſſen.“ „Du undankbare Kröte,“ rief Sir Charles lachend. „Ihr gutes Glück nicht rühmen— ſagte ſie? Wie! Mit der beſten Mutter, dem beſten Vater im ganzen Lande und noch obendrein mit dem größten Vermögen wenigſtens auf fünfzig Meilen um Dunsmoore!“ „Ach um das Vermögen kümmere ich mich gar wenig,“ meinte Mary Chevenix;„für den beſten Vater und die beſte Mutter bin ich aber nicht undankbar. Das,“ ſchloß ſie ſeufzend,„iſt in der That ein Segen.“ Sir Charles Chevenix ſah, daß ſie unglücklich war. Er liebte ſie zärtlich und entſchloß ſich dennoch, ſie noch un⸗ glücklicher zu machen, denn er glaubte es würde ihr heil⸗ ſam ſeyn. Faſt alle Väter ſind ſogar in ihrer Liebe rauhe Aerzte; nur waͤre es weiſe, wenn man einem Kinde einen heilſamen Bittertrank gibt, ſich zuvor zu überzeugen, daß man auch die rechte Flaſche erwiſcht hat. Sir Charles hatte die unrechte zur Hand bekommen, und er fuhr fort ſeiner Tochter noch mehr von dem Gifte zu reichen, das ſie erſt kürzlich verſucht hatte. Er ſprach von Käthchen Mal⸗ colm und äußerte ſein Bedauern darüber, wie ſehr ſie ſich wohl geſtern enttäuſcht gefühlt haben mochte, da Kaiban Lisle nicht hatte anweſend ſeyn können. „Ich hatte eigentlich vor,“ fuhr er fort,„ſie auf ein paar Wochen zu uns nach Grosvenor⸗Square einzuladen; da aber Lisle wahrſcheinlich viel zu thun haben wird, wenn es wirklich losgehen ſollte, ſo wäre es vielleicht beſſer, ſie ſogleich zu ſeiner Mutter zu ſchaffen. Dort werden ſie mehr Gelegenheit haben beiſammen zu ſeyn, denn er muß natür⸗ lich Miſtreß Lisle öfters beſuchen und kann dann zwei Vö⸗ gel auf einen Schlag fangen.— Was ſagſt Du dazu, Mary?“ „Unter ſolchen Umſtänden denke ich eben ſo,“ erwie⸗ derte ſeine Tochter mit wankender Stimme, denn ihr war zu Muthe, als ob ein Rieſe ihr Herz mit kalter Hand zer⸗ drücke.„Es wird mir Leid thun, mich von ihr zu trennen; aber dort wird ſie natürlich glücklicher ſeyn.“ Sir Charles wurde etwas verlegen, denn ihre Worte lauteten gefaßt, obwohl ihr Weſen ziemlich bewegt war. Da ſie es jedoch ſo gut ertrug, ſo glaubte er noch weiter 417 gehen zu können, und erzählte alſo, wie zornig und ent⸗ rüſtet Reginald Lisle geweſen ſey, als er von Käthchens Entführung gehört habe. Er verweilte bei Allem, was er beobachtet hatte, und da er in der That ſelbſt überzeugt war, ſo wurde es ihm nicht ſchwer, auch ſte zu überzeugen. Er quälte ſie jedoch fürchterlich, und Mary ſah und fuͤhlte, daß er weit mehr ſagte, als er ſonſt gethan hätte, weil er es für ſie als heilſam erachtete. Endlich konnte ſie es nicht mehr ertragen; ſie blieb plötzlich ſtehen und ſchaute ihren Vater mit jenen ſchönen flehenden Augen in's Geſicht. „Sprich nicht weiter, Papa,“ ſagte ſie—„ſprich nicht weiter; ich bin völlig überzeugt. Wenn ich thoͤrichten Fantaſien nachgehängt, ſo ſind ſie für immer vorüber.“ Mit dieſen Worten drehte ſie ſich um und rannte nach dem Hauſe zurück. „Armes Kind!“ ſagte Sir Charles zu ſich ſelbſt, in⸗ dem er noch einige Zeit auf⸗ und abzugehen fortfuhr;„ich fürchte, es iſt tiefer gegangen, als ich glaubte.“ Beim Frühſtück war die Geſellſchaft ſehr ernſt, nur daß ſich Mary gegen Käthchen Malcolm ausnehmend zaͤrt⸗ lich und freundlich erwies, während auch Sir Harry Jarvis mehr Aufmerkſamkeit für die arme Waiſe an den Tag legte, als er ſonſt wohl für vornehmere Gäſte gezeigt hätte. Er betrachtete ſte oft mit einem Blicke zärtlicher Theilnahme, als ob er jeden Zug in ihrem Antlitz prüfte, ſo oft ihre Au⸗ gen von ihm abgewendet waren. Vor Tiſch ſtieß Oberſt Lutwich zu ihnen und Sir Harry Jamles. Th. Broughton. 27 benützte die Gelegenheit, ehe Käthchen mit Lady Chevenir herabkam, ihm zu bemerken. „Ihr werdet finden, Oberſt, daß Euer ſchöner Gaſt von vorgeſtern ſogar noch trauriger iſt als früher. Morgen iſt das Leichenbegängniß ihres Vaters; wir haben es ihr zwar nicht geſagt, da wir ihre Anweſenheit nicht für nöthig hielten. Wir haben ſie geſtern und heute überredet, zum Eſſen herabzukommen; aber dennoch muß ſie fühlen, daß dieſer Tag nahe rückt.“. Käͤthchen war traurig und ſogar Lutwichs Anweſenheit vermochte ihre düſtere Stimmung nicht zu verbannen, denn Lady Chevenir hatte zufällig das Geheimniß verrathen, das Sir Charles gerne bis zur Beendigung der traurigen Ceremonie verborgen hätte. Lutwich wußte jedoch recht wohl, wie er ſie zu behandeln hatte, und ſein ganzes Weſen und Benehmen verkündete ſeine tiefe Theilnahme. Sein Ton war zwar zärtlich, aber während des ganzen Abends fortwährend ernſt, und er machte nicht den geringſten Ver⸗ ſuch, ihr einen heiteren Gedanken aufzudringen, da er wußte, daß es ihre Gefühle verletzen würde. Käthchen liebte ihn darum nicht weniger, als er fortging. Der nächſte Tag verſtrich für ſie in Trauer. Sir Charles und Sir Harry Jarvis fuhren früh Morgens nach Dunſtable und kehrten erſt ſpät in der Nacht zurück, denn die Familie Chevenir wollte am folgenden Tage nach Lon⸗ don aufbrechen. Dies geſchah jedoch nicht ſehr früh, und Oberſt Lutwich ſtand am Wagenſchlage, als ſie abfuhren. Er eroberte ſogar etliche Augenblicke des Alleinſeyns mit 419 Käthchen, während einige Anordnungen getroffen wurden und Sir Harry Jarvis die Gattin ſeines Freundes in den Wagen hob; doch gleich darauf kehrte der alte Baronet zu ſeinem ſchönen jungen Gaſte zurück, und während er ſie mit etwas förmlicher Höflichkeit an den Wagen geleitete, ſagte er in leiſem aber ſehr gefühlvollem Tone: „Meine theure junge Dame, ich möchte ſehr gerne dem guten Major Brandrum ein Schnippchen ſchlagen, und Euch ganz allein als Tochter hier behalten; aber ich fürchte, ich vermöchte zu ſo ſchönem Beſitze keinen Rechtstitel vor⸗ zubringen. Solltet Ihr jedoch zu irgend einer Zeit Hülfe, Beiſtand oder Rath bedürfen, ſo erinnert Euch— das bitte ich— daß Ihr Euch an Niemand als an mich zu wenden habt. Ihr werdet dann einen Vater in mir finden.“ Der nächſte Schritt brachte ſie an die Wagenthüre; Sir Harry ſchüttelte ihr die Hand und ſagte ihr Lebewohl. Die Kammerjungfern folgten, die Diener ſtiegen zu Pferd und Oberſt Lutwich wendete ſich mit ſehr nachdenklicher Miene zu ſeinem eigenen Roſſe, als die Stimme des Ba⸗ ronets ihn zurückhielt. „Oberſt— Oberſt Lutwich!“ rief Sir Harry;„warum ſo ſchnell fort, könnt Ihr für einen alten einſamen Mann nicht eine halbe Stunde entbehren?“ „Ich habe eine Reiſe vor mir, Sir Harry,“ erwie⸗ derte Lutwich;„gleichwohl darf ich Euch nicht abſchlagen, auf Euer Geſuch hier zu bleiben.“ „Wohin geht Ihr?“ fragte ſein Gefährte. 27* ——— 420 „Nach Yorkſhire,“ verſetzte Lutwich bedeutungsvoll. „Ich bin nicht befriedigt.“ „Gut, gut; dann will ich Euch nicht aufhalten,“ ſagte Sir Harry Jarvis.„Laßt Euch bei mir ſehen, wenn Ihr zurückkommt; ich ſpeiſe ſelten außer dem Hauſe.“ Lutwich verſprach es und ritt davon und noch vor Nacht hatte er fünfzig Meilen auf ſeinem Wege nach York zurück⸗ gelegt. Mittlerweile hatte Sir Charles Chevenix und ſeine Geſellſchaft deſſen Wohnung wohlbehalten in London er⸗ reicht, wo der Abend in völliger Ruhe verlebt wurde. Am folgenden Morgen brachten Sir Charles und Lady Chevenix ihren Schützling nach Miſtreß Lisle's Landhauſe, nachdem ſte Major Brandrum ihre Abſicht zuvor durch ein Billet notifizirt hatten, worauf keine Antwort erfolgte. Sir Charles und ſeine Gemahlin zeigten ſich gegen Käthchen ſehr gütig, wie denn die Letztere am Vorabend ihrer Trennung gegen ihre junge Pflegbefohlene ſichtlich aufgethaut war. Sir Charles verſorgte ihre Börſe, ob⸗ wohl ſie dies gerne abgelehnt hätte; Lady Chevenix hatte vorher für ihre Garderobe Sorge getragen; Mary war ernſt und traurig, ſo ſehr ſie ſich auch freundlich zu ſeyn bemühte, und als ihr Käthchen im Wohnzimmer Lebewohl ſagte, küßte ſie die Freundin zärtlich, hielt ſie etwas von ſich fern um ſie noch einmal zu betrachten, und hing ihr dann ein kleines Diamantenkreuz um den Nacken. „Das trage um meinetwillen, Käthchen,“ ſagte ſie; „und denke an mich, wenn Du Dich verheiratheſt.“ — 421 Käthchen begriff ſie nicht. Sobald ſie fort war, eilte Mary auf ihr eigenes Zimmer, um ſich dort auszuweinen. Kaum war eine halbe Stunde verſtrichen, als ein lautes Klopfen an der Thüre erfolgte, und drei Minuten ſpäter kam Mary's Mädchen mit der Nachricht, daß Kapitän Lisle unten ſey.. „Er fragte erſt nach Sir Charles und Mylady, Ma'am, und dann nach Euch,“ berichtete das Mädchen. May Chevenix war bei dieſem Namen glutroth und dann ſehr bleich geworden. „Sage ihm,“ befahl ſie nach einer ſurchtbaren Pauſe, „ſage ihm, ich bin— ich kann nicht hinabkommen, da ich gerade ſehr beſchäftigt bin“— ſo lautete Wort für Wort die Botſchaft, welche Reginald Lisle hinterbracht wurde. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Das vorliegende Werk hat nur wenig mit Geſchichte zu ſchaffen— ſo wenig ſogar, daß ich kaum das kleinſte Stück Hiſtorie darin anbringen mag. Nichtsdeſtoweniger muß ich den gelehrten Leſer an zwei Thatſachen erinnern, denn wenn ſie ihm nicht ſelber einfallen ſollten, ſo könnte er durch einige Ereigniſſe in unſerer Erzählung am Ende gar in Verwirrung gerathen. Kurz nach Ausbruch des amerikaniſchen Unabhängigkeitskrieges— eine Maſſe unſerer Zeitgenoſſen kann ſich dieſer Periode noch erinnern— ſchwärmten zahlreiche Kaperſchiffe, den aufgeſtandenen Ko⸗ 422 lonien angehörend, im brittiſchen Kanal und an den benach⸗ barten Küſten; ſie nahmen viele unſerer Handelsſchiffe, wagten ſelbſt mit unſeren kleinen Kriegsfahrzeugen anzu⸗ binden, und wir kennen ſogar ein paar Fälle, wo ſie, wenn ſie wußten, daß keine große Streitmacht zu ihrer Zurück⸗ weiſung vorhanden war, an der Küſte landeten, um Dorf⸗ ſchaften, Weiler und Pachthäuſer ſo ziemlich nach der Weiſe von Piraten auszuplündern. Das Gerücht machte natür⸗ lich ſolche an ſich keineswegs großartigen Ereigniſſe zu Vorfällen von der höchſten Wichtigkeit. Schreck und Ver⸗ wirrung verbreitete ſich unter den nüchternen Philiſtern, und die lärmendſte Thätigkeit war auf den Kriegsbureaus vor⸗ herrſchend. Eine Begebenheit, wovon zwanzig Meilen von dem Urſprunge entfernt kaum mehr geſprochen wurde, gewann in London ſchon die Größe eines Einfalles, und ſogar ſolche Perſonen, welche vermöge ihres offiziellen Charakters die genaueſten Nachrichten erhielten, theilten die paniſche Furcht der Menge, vergrößerten ſie durch über⸗ flüſſige Vorkehrungen gegen Gefahren, welche gar nicht exi⸗ ſtirten. Das Faktum, daß der franzöſiſche Geſandte Lon⸗ don verlaſſen hatte, und der engliſche von Paris zurückge⸗ rufen worden war, während zwiſchen dem abſoluten Mo⸗ narchen von Frankreich und der Regierung der neuen Re⸗ publik ein geheimer Vertrag abgeſchloſſen ſeyn ſollte, der gleich allen anderen Geheimniſſen faſt von Anfang an be⸗ kannt war, gab Veranlaſſung, daß die unſtete Göttin Fama in einer ihrer furchtbarſten Geſtalten auftrat. Es hieß und wurde ſogar an hohen Stellen eine Zeit lang geglaubt, 423 die Franzoſen und Amerikaner hätten vereint eine Landung an der Weſtküſte Englands unternommen, während in Wahr⸗ heit die ganze Geſchichte auf der Plünderung eines Pacht⸗ hauſes beruhte, ausgeführt durch den in Romanen und Er⸗ zählungen wohl bekannten Piratenführer Paul Jones. Au⸗ genblicklich wurden Truppenkolonnen aus verſchiedenen Thei⸗ len des Landes nach dem Punkte beordert, den man bedroht oder angegriffen geglaubt; die Miliz wurde aufgeboten und ſämmtliche Offiziere von Geſchicklichkeit und Erfahrung, wie Major Brandrum und Reginald Lisle, erhielten Befehl, ſich in Bereitſchaft zu halten, um bei Vertreibung des Feindes an unſeren Küſten Dienſte zu leiſten. Eine weitere Thatſache, die in der Geſchichte zu wenig beachtet wird, obwohl ſie einen Hauptpunkt in joder Natio⸗ nalhiſtorie ausmacht— die Geſchichte der öffentlichen Mei⸗ nung nämlich— legte der Regierung die Pflicht auf, jeden zum Dienen bereitwilligen und hiezu fähigen Militär zu Hülfe zu rufen. Der amerikaniſche Krieg war im ganzen Lande einer der unpopulärſten, der noch jemals unternom⸗ men worden. Welche Fehler auch immer den Amerikanern zugeſchrieben wurden— und deren waren nicht wenige, ſogar unter ihren größten Männern— ſo herrſchte doch kein Zweifel, daß England noch größere gegen ſie begangen hatte. Das Gefühl der Ungerechtigkeit und der Nutzloſig⸗ keit war allgemein und in manchen Fällen ſo ſtark, daß eine große Zahl ausgezeichneter Offiziere lieber ihre Stelle auf⸗ gab, als an Feindſeligkeiten Antheil nahm, die ſie für un⸗ billig hielten. Sie mochten Unrecht haben und hatten es 424 vielleicht auch wirklich in mancher Hinſicht; aber das Faktum war einmal da— ein Faktum, wohl gemerkt, das nirgends als in England vorkommen konnte. Dieſe häufigen Aus⸗ tritte ſetzten die Regierung nicht wenig in Verlegenheit und machten die Miniſter nur um ſo geneigter, ſich der unmit⸗ telbaren Dienſte erfahrener Soldaten zu verſichern, welche ihre militäriſche Dienſtpflicht in anderem Lichte betrachteten. Solcher Art waren Major Brandrum und Reginald Lisle. Letzterer hatte zwar ſeine Anſichten als Bürger wie als Soldat, hätte aber dennoch, ſo ſehr er auch den Krieg mißbilligen und die Maßregeln, die ihn veranlaßt hatten, verdammen mochte, ebenſo gut daran denken können, vom Schlachtfelde zu fliehen, als der Krone um ſeiner Privat⸗ anſichten willen ſeine Dienſte zu verweigern. Der Major, der weit mehr Soldat als Bürger war, dachte gar nicht darüber nach, und es mißfiel ihm blos, daß er gegen die Provincialen, wie er ſie nannte, fechten ſollte, weil ſie dieſelbe Sprache wie die Engländer redeten.„Man kennt ſich ja kaum aus einander,“ ſagte er,„und das macht es ebenſo unpaſſend als unnatürlich, und zwar nicht weniger unnatürlich weil es unpaſſend, noch minder unpaſſend, weil es unnatürlich iſt.“ Der Morgen des vereitelten Duells ging vorüber; am Nachmittag machten der Major und ſein junger Kamerad dem Kommandirenden ihre zweite Aufwartung, ſeit ſie ſeine Aufforderung erhalten hatten. Sie wurden ſehr gnä⸗ dig mit Lächeln und Kopfnicken empfangen und mit dem Winke entlaſſen, daß ſie heute oder morgen von ihm hören 42⁵ ſollten. Lisle ſchien nicht wenig enttäuſcht, und als ſie mit einander durch die volkreichen Straßen nach Hauſe wan⸗ delten, bemerkte ſein Gefährte: „Ach Lisle, ſage was Du willſt— Du ſehnſt Dich wie ich ſelbſt nach der alten Hantierung, trotzdem daß Liebe und Hoffnung Deine Schritte feſſeln und ich nichts als mein Alter— Gott ſey Dank ohne Rheumatismus— dagegen einzuwenden habe.“ „Liebe und Hoffnung!“ gab Reginald in ſehr düſterem Tone zur Antwort—„das ſind entſchwundene Dinge, Major — wenigſtens iſt die eine dahin, welche die andere aufhei⸗ tern ſollte, und die Liebe läßt ſich in einem anderen Lande ebenſo leicht oder ebenſo ſchwer tragen als hier.“ Brandrum betrachtete ihn mit ernſter Ueberraſchung, machte aber keinen Verſuch, ihm ſein Vertrauen abzupreſſen, da er wohl wußte, daß es von ſelber kommen würde, ſobald es ihm nicht mehr peinlich fiele, über den Gegenſtand zu ſprechen. So gingen ſie eine Zeit lang durch die Straßen und Lisle machte endlich den Vorſchlag, daß ſie zu Mittag eſſen und in ihrem Gaſthofe hinterlaſſen wollten, wo ſie zu finden wären, um ſodann den Abend bei ſeiner Mutter zu⸗ zubringen. „Die arme Miß Malcolm wird natürlich dort ſeyn, wie Dein Billet von Sir Charles Chevenix andeutete,“ fuhr er fort,„und da wir Beide vielleicht in Kurzem nach fernen Ländern aufbrechen, meine theure Krähe, ſo möchte ich es ihr zuvor bei meiner Mutter und Schweſter ſo hei⸗ miſch als möglich machen.“ 426 Dieſer Plan wurde alsbald ausgeführt und die beiden Krieger verlebten eine ganze friedliche Nacht unter Miſtreß Lisle's Dache. Kein Ereigniß, das irgend von Bedeutung wäre, bezeichnete dieſelbe, und ſo werden wir ſie am beſten übergehen. Der Mann, von dem die Welt nichts ſpricht, hat meiſt das glücklichſte Leben; derſelbe Fall iſt's mit den Zeitab⸗ abſchnitten, aus denen der Autor nichts zu erwähnen findet. Leider, leider, daß es ſo iſt!— daß die großen Anſtrengun⸗ gen, die edlen Impulſe, die großmüthigen Handlungen, wenn ſie in dem Kataloge menſchlicher Sorgen und Leiden nicht in derſelben Kategorie mit den beklagenswerthen Kämpfen, den entehrenden Laſtern und zerſtörenden Ver⸗ brechen aufführbar ſind, ſo gar ſelten eine andere Beloh⸗ nung finden, als das freudige Erglühen des innerſten Her⸗ zens, das keinen Ausdruck hat und keine Beſchreibung zuläßt! Früh am andern Morgen wurden Major Brandrum und Kapitän Lisle vor den kommandirenden General ge⸗ rufen, und erhielten jeder ſeinen Auftrag, der, wenn gleich nicht ſtreng militäriſcher Natur, je nach dem Fortgang der Ereigniſſe jeden Augenblick dieſen Charakter annehmen konnte. Zwei Stunden ſpäter war der eine auf dem Wege nach Dublin, der andere reiste nach Cornwall; Beide hatten das Verſprechen erhalten, daß ſie nach ihrer Rückkehr beför⸗ dert und im aktiven Dienſte angeſtellt werden würden, wenn ſie ihren Auftrag zur Zufriedenheit der Regierung vollzo⸗ gen hätten. 427 Mit dem was ihnen während ihrer neunzehntägigen Abweſenheit zuſtieß, habe ich nichts zu ſchaffen, da es den Hauptgegenſtand dieſes Werkes nicht berührt. Dem Leſer genüge es zu erfahren, daß Lisle nur wenig, Major Bran⸗ drum dagegen viel zu thun fand, und daß es für den Frie⸗ den des Erſteren, zur Erleichterung von verzehrenden Ge⸗ danken, wie eine rüſtige Beſchäftigung ſie darbietet, beſſer geweſen wäre, wenn Reginald die Stelle mit Brandrum getauſcht hätte. Bei dieſen Gedanken zu verweilen wird unnöthig ſeyn, da ſie der Leſer ſich wohl vorſtellen kann, indem er Mary Chevenix’ kalte Weigerung ihn zu ſehen, als einen Wink betrachtete, daß ſeine Hoffnungen enden müßten. Doch läßt ſich die Hoffnung nicht ſo leicht auslöſchen, denn ihr Feuer iſt ebenſo ausdauernd, nur unendlich wohlthäti⸗ ger als das berüchtigte Naphtha der Griechen, und bei ru⸗ higerem Nachſinnen flackerte doch wieder ein kleines Lichtchen in ſeinem Herzen.„Vielleicht,“ dachte er,„bin ich zu haſtig geweſen— vielleicht war ſie wirklich durch einen un⸗ vermeidlichen Zufall am Herabkommen verhindert. Auf alle Fälle will ich einen zweiten Verſuch machen, ich will Sir Charles beſuchen— iſt es ſein oder ſeiner Gemahlin Gebot, was zwiſchen Marien und mir eine Schranke er⸗ richtet, ſo werde ich es wenigſtens auf dieſe Art erfahren, und wenn ſie mich liebt, kann ich ſie immer noch gewinnen.“ Mit ſolchen Gedanken legte er ſich zur Ruhe nieder und in ſeinen Träumen ſah er Mariens ſchöne Augen voll freundlichen Lächelns auf ihn niederblicken und hörte ihre theure Stimme, die ihn vertrauen hieß. Als er jedoch 428 gleich am Morgen nach ſeiner Rückkehr auf Grosvenor⸗ Square vorſprach, erfuhr er, daß die ganze Familie ſchon vor acht Tagen London verlaſſen hatte. Ich hörte einſt, wie eine junge Dame einer Freundin, die ſich eben vermählen wollte, den Rath mitgab, in ihrem Hauſe immer einen Sack für Kram und Fetzen parat zu halten. Dieſes Kapitel iſt ein ſolcher Sack, und ich bitte den Leſer, daſſelbe blos als ein eingeſchaltetes zu betrachten, das man nach Belieben überſchlagen kann. Es hätte wohl freundlicher ausgeſehen, wenn ich dieſe Notiz am Anfang ſtatt am Ende gegeben hätte; allein es iſt Grundſatz bei mir, dem Ueberſchlagen ſoviel wie möglich vorzubeugen, erſtlich, weil der Leſer die Geſchichte nie recht verſtehen wird, wenn er häuſig überſchlägt, zweitens, weil er viel⸗ leicht etwas übergeht, was ihm geiſtig oder körperlich heil⸗ ſam geweſen wäre und drittens, weil es für den Verfaſſer ein ſchlechtes Kompliment iſt. Ueberdies— welcher Autor kann im Beginne eines Kapitels ſagen, was dieſes Kapitel wohl Alles enthalten wird, bevor es ſein Ende erreicht? Neunundzwanzigſtes Kapitel. Ich habe Sir Theodor Broughton ſo lange allein ge⸗ laſſen, daß ich nothwendig— und wäre es auch nur auf kurze Zeit— zu ihm zurückkehren muß. Ein ſo junger Mann iſt nicht dazu gemacht, einer Stadt, wie London, überlaſſen zu werden, ſelbſt wenn er einen Erzieher von 429 Doktor Gamble's Gelehrſamkeit, Erfahrung und Klugheit an der Seite hätte. So ſey es denn erlaubt, ihn von dem Momente an ins Auge zu faſſen, da er den Schauplatz hin⸗ ter dem Montague⸗Hauſe verließ. Eine Zeit lang war Sir Theodor Broughton ſehr dü⸗ ſter und mißvergnügt, und Doktor Gamble verſuchte um⸗ ſonſt, ihn in ein freundliches Geſpräch zu verwickeln, wäh⸗ rend ſie in einer Miethkutſche nach dem Türkenkopf, einem wohlbekannten Londoner Gaſthofe fuhren: ein roher Aus⸗ ruf, in rauhem Tone ausgeſtoßen, war Alles, was er aus ihm herausbrachte. Doktor Gamble zog ſich deßhalb in ſich ſelbſt zurück und fragte den inneren Rathgeber, was zunächſt zu thun ſey. Kapitän Donovan war offenbar höchſt ärger⸗ lich und verdrießlich, Sir Theodor ſchien es nicht minder, und das mögliche, ja ſogar wahrſcheinliche Reſultat ihres gemeinſamen Mißvergnügens war für den würdigen Hof⸗ meiſter ein keineswegs erfreulicher Gegenſtand der Betrach⸗ tung. Die große Frage war jetzt, wie ſich dieſem Reſultate vorbeugen ließe, und er erwog dieſen Punkt alles Ernſtes während des ganzen Rückwegs. Er hatte ſchon oft erlebt, daß bei Leuten von geringer Charakterſtärke ein tüchtiges Selbſtvertrauen, eine herriſche Miene den Ausſchlag zu geben pflegt, und bei Sir Theodor war dies noch immer gelungen. Die Umſtände hatten ſich zwar geändert, der junge Baronet hatte den Ton und die Haltung eines Mannes angenom⸗ men; aber es lebte immer noch etwas in des guten Doktors Herzen, was ihn glauben ließ, daß die angeborene Schwäche nicht gänzlich ausgerottet ſey, und das Benehmen des Jüng⸗ 430 lings während Kapitän Donovan's kurzer Anweſenheit be⸗ wies, daß es immer noch etwas gab, was er zu verehren und zu befolgen geneigt war. „Wenn ich denn doch entlaſſen werden ſoll,“ dachte Doktor Gamble,„ſo kann ich ebenſo gut auf das hohe Roß ſteigen; vielleicht daß ich dadurch die Sachen wieder in Ord⸗ nung bringe und ich bin dann nicht ſchlimmer daran; aber ich muß auch zärtlich ſeyn— liebevoll, verteufelt liebevoll. Jedenfalls muß er anfangen, vorher ſpreche ich kein Wort: das macht ihn gleich im Beginne verlegen und dann will ich ſchon meinen Vortheil erſchauen.“ Allein Sir Theodor Broughton ſchien üher die Sache keineswegs verlegen zu ſeyn, und ſobald er mit Doktor Gamble ſein Wohnzimmer im Türkenkopf wieder ruhig in Beſitz genommen hatte, begann er mit einem finſteren Blick auf den Hofmeiſter: „Recht hübſche Geſchichte, Sir.“ „Sehr hübſch in der That, Sir Theodor!“ gab Doktor Gamble ſehr kaltblütig zur Antwort:„noch nie ſah ich eine ſchlimme Affaire feiner beigelegt. Von all den zahlreichen ſchwierigen Verhandlungen, die ich in meinem Leben zu führen hatte, werde ich dieſe immer als die wohlgelungenſte betrachten.“ „Laßt Euch ſagen, Doktor Gamble,“ ſchrie Sir Theo⸗ dor in lautem, ärgerlichem Tone— „Pah, pah!“ rief der Hofmeiſter faſt verächtlich;„Ihr ſeyd erhitzt, junger Herr. Wartet erſt bis Ihr kühler ge⸗ worden und Ihr werdet Grund genug finden, mir noch zu 43¹1 danken.— Glaubt Ihr, Sir,“ fuhr er mit großer Geläufig⸗ keit fort,„ich hätte es mit Geduld anſehen können, wie Euch einer der berühmteſten Schützen Europa's, der jeden beliebigen Knopf an Eurem Rocke auf den erſten Schuß ge⸗ nommen hätte, vor meinen Augen niederſchoß? Hätte er Degen ſtatt Piſtolen gewählt, ſo hätte ich mich nicht einge⸗ miſcht, da Ihr ihm hierin ſo ziemlich gewachſen geweſen wäret; Ihr ſeyd ein guter Fechter und was Euch an Uebung abging, hättet Ihr durch Gewandtheit erſetzen können.“ Sir Theodor dachte hierin anders, denn er erinnerte ſich einer gewiſſen Scene zu Stratton⸗upon⸗Dunsmore zwi⸗ ſchen Major Brandrum und Oberſt Lutwich, wo Erſterer keinen Mangel an Gewandtheit an den Tag gelegt hatte. Doktor Gamble fuhr jedoch fort, ohne ihm Zeit zu Einreden zu laſſen: „Euch auf Piſtolen mit ihm meſſen zu laſſen, wäre gerade ſo viel geweſen, als ob ich Euern Mord zugegeben hätte, und ſo lagen nur zwei Wege vor mir, entweder die Sache in Bow⸗ſtreet anzuzeigen und Euch Alle aufgrei⸗ fen und einſetzen zu laſſen, oder Euren Vormund eiligſt aufzuſuchen, durch welchen Eure Ehre unberührt bleiben und Eurer Perſon die Einſperrung erſpart werden mußte. Es mag Euch zwar ganz hübſch erſcheinen, ſich um eines hübſchen Mädchens willen todtſchießen zu laſſen; ich weiß aber, daß es noch weit ſchöner iſt, für ein Dutzend derſelben zu leben. Warum ſolltet Ihr mit kaum neunzehn Jahren wie ein erſäuftes Kätzchen aus der Welt gehen, während Ihr jede Art von Genuß vor Euch habt, den die Welt— 43³² und zwar eine ſehr vergnügliche Welt— Euch darbietet? Es mochte Euch ganz wohl anſtehen, Sir Theodor, durch Euren jungen Hitzkopf oder in Euer warmes leidenſchaft⸗ liches Herz eine Kugel zu bekommen: mir aber wäre dies durchaus nicht angeſtanden.“ „Wer hat mich ſo nahe hingehetzt?“ fragte Sir Theo⸗ dor ſtreng, denn wenn auch die Worte ſeines Hofmeiſters darin nicht ohne Wirkung geblieben waren, daß ſie ſehr un⸗ erfreuliche Betrachtungen, von der Hitze der Leidenſchaft und einem falſchen Ehrgefühle fruher erſtickt, wieder auf⸗ geweckt hatten, ſo war doch ſein Ingrimm über alles Vor⸗ gefallene noch keineswegs beſänftigt.. „Ich nicht,“ lautete Gamble's kühne Antwort;„der Teufel und Euer Unſtern haben's verurſacht. Der beſtan⸗ gelegte Plan kann fehlſchlagen, Sir Theodor, wie dies dem unſrigen paſſirte; mit dieſem Fehlſchlagen hatte ich jedoch nichts zu ſchaffen. Es war Zufall oder Verrätherei von einer Seite, die wir noch nicht kennen. Ich that mein Be⸗ ſtes, um Euch in Euren Abſichten gefällig zu ſeyn, und wäre nicht ein höchſt außergewöhnlicher Umſtand dazwiſchen getreten, ſo ſäße das Mädchen jetzt Hand in Hand neben Euch zu St. Albans. Wir müſſen verſuchen, was wir ver⸗ mögen, um uns von dieſem Schlage zu erholen; aber es iſt nicht dankbar von Euch, mir Vorwürſe zu machen, wenn ich in Euren Angelegenheiten gearbeitet und gelitten habe.“ In dieſen letzten Worten bot er der Fantaſie des jun⸗ gen Mannes ein freundliches Bild, das dieſer, wie er rech⸗ nete, alsbald aufgreifen würde; und er täuſchte ſich auch 433 wirklich nicht— der große Rechenmeiſter— denn Sir Theo⸗ dor Broughton, obwohl keineswegs ein eigenthümlicher Charakter, beſaß unter vielen Schwächen doch auch Punkte, wo er, wenn nicht gerade Stärke, doch wenigſtens Zähigkeit an den Tag legte, ja in manchen Dingen war er halsſtar⸗ rig in einem Grade, der über Hartnäckigkeit hinausging. Dieſe Naturanlage hatte er ſchon von Kindheit an in vielen launiſchen Einfällen, zuweilen in den Büchern, die er leſen wollte, zuweilen in den Beluſtigungen, die er aufſuchte, be⸗ wieſen, und ſelbſt Kapitän Donovan, wenn er auch nie zu⸗ vor wußte, worin ſeines Mündels Hartnäckigkeit ſich ent⸗ falten würde, hatte doch wohl oder übel nachgeben müſſen, ſobald die erſten Symptome eintraten, denn er lernte bald durch Erfahrung, daß jeder Widerſtand ihn nur noch ent⸗ ſchloſſener machte. Ich weiß nicht, ob ich das rechte Wort gewählt habe, denn Entſchloſſenheit kam dabei vielleicht gar nicht in Rechnung; überhaupt ſchien keinerlei Geiſtesopera⸗ tion, vielmehr ein gewiſſer fleiſchlicher Inſtinkt vorzuwal⸗ ten, wornach er das Ziel, worauf er ſeinen Kopf geſetzt hatte, mit größerem Ernſt und Eifer verfolgte, ſobald ſich Hinderniſſe auf ſeinem Wege darboten. Doktor Gamble wußte dies Alles und war vollkommen überzeugt, daß der junge Mann, ſtatt durch das Fehlſchla⸗ gen ſeiner ſchlimmen Plane entmuthigt zu werden, nur noch hitziger darauf losgehen würde, und daß Alles, was ihm eine Hoffnung auf Erfolg darböte, dazu beitragen würde, das Herbe der Schmach und Enttäuſchung für ihn zu mildern. James. Th. Broughton. 28 434 Des Doktors Antwort enthielt zwei Punkte, welche Sir Theodor alsbald auffaßte: der eine ohne weitere Er⸗ klärung feſſelte ſeine Einbildungskraft, den anderen wollte er unverzüglich berathen. Der Gedanke, Hand in Hand neben Käthchen Malcolm zu ſitzen, beſtach ihn nur eine Weile, worauf er in verſöhnlicherem Tone als früher be⸗ merkte: „Ihr ſagt, wir müſſen verſuchen, was wir vermögen, um uns von dieſem Schlage zu erholen. Etwas müſſen wir freilich thun— was dieſes aber iſt, ſehe ich nicht ein. Weiß Euer Witz einen Ausweg, Doktor?“ „Unter gewiſſen Bedingungen will ich's verſuchen, Sir Theodor,“ erwiederte Gamble, der vorderhand den Spröden ſpielen wollte;„ich will nämlich keinerlei Verantwortung mehr auf mich nehmen. Ich will zu Eurem Dienſte alle meine Kräfte aufbieten, mein junger Freund; aber erſt will ich Euch die ganze Sache klar und offen vorlegen— dann ſollt Ihr ſagen: fahret fort' oder haltet inne', und ob das was wir verſuchen, gelingt oder nicht— ich will jedenfalls keinen Tadel erfahren.“ „Nun ich denke, im Falle des Gelingens werdet Ihr auf mein Lob rechnen,“ erwiederte der junge Baronet lachend; „doch macht nur weiter— das Erſte iſt genehmigt. Wel⸗ chen Schritt können wir jetzt thun?“ „Erſt moͤchte ich mich verſichern, wodurch unſer Plan vereitelt wurde,“ verſetzte der Doktor;„wir müſſen wiſſen, welche Maſchinen gegen uns ſpielen, ehe wir beſchließen können, wie wir ihnen begegnen wollen.“ 435 „O das iſt klar genug,“ meinte Sir Theodor ungedul⸗ dig:„Major Brandrum und Kapitän Lisle ſind die Ma⸗ ſchinen— und zwar ſehr ſtarke Maſchinen,“ fuhr er bitter fort. „Ich glaube, Ihr irrt Euch, mein junger Freund,“ gab Gamble zur Antwort.„Eine Minute ehe ich aus der Stadt ging, ſah ich nämlich den Mann, Ben Pflugſchaar, und ei⸗ nige Worte, die er fallen ließ, laſſen mich glauben, daß weder Lisle noch Brandrum daran Schuld ſind, daß Euch Euer hübſches Täubchen aus dem Netze geſtohlen wurde. Wir werden mehr erfahren, ſobald wir mit ihm reden können.“ „Der Taugenichts war erſt geſtern hier und verlangte Geld,“ erzählte Sir Theodor;„ich hatte aber eben mit Fitzgerald zu thun und wies ihn deßhalb an Euch.“ „Er wird uns bald wieder ausfindig machen, verlaßt Euch drauf,“ antwortete der Doktor, und nachdem er die Sache nunmehr bis auf dieſen Punkt gebracht und alle Spu⸗ ren des Aergers bei ſeinem Mündel zu verwiſchen geſucht hatte, gab ſich Gamble einem neuen bei ihm nicht ſeltenen Ideengange hin und fuhr fort:„Jetzt aber, Sir Theodor, muß ich mir ein Frühſtück erbitten; ich habe ſeit fünfzehn Stunden nichts üͤber die Lippen gebracht.“ „Armer Doktor Gamble,“ ſpottete Sir Theodor;„ich wundere mich, daß er nach ſolchem Faſten noch am Leben iſt. Ihr gäbet, glaub' ich, keinen papiſtiſchen Prieſter, Doktor.“ „Weiß nicht,“ erwiederte der Hofmeiſter.„Ich meine, ebenſo viel zu faſten und zu beten, wie die Meiſten von ih⸗ nen, und was das Cölibat betrifft, ſo dürft Ihr alle Kir⸗ chenregiſter in ganz England durchſuchen, und ich wette, 28* ———— 436 Ihr werdet Doktor Gamble's Namen nirgends mit einem Dinge in Weibsgeſtalt gepaart finden.“ Mit dieſen Worten zog er die Glocke und beſtellte ein reichliches Frühſtück, um ſich für ſeine lange Enthaltſamkeit zu entſchädigen. Das Mahl war kaum vorüber, und Gamble war einer unveränderlichen Gewohnheit gemäß, wonach er ſich eine Viertelſtunde nach jeder Anſtrengung ſeiner Kinnbacken. gleichſam einem Wiederkäuungsprozeß hingab, eben erſt in ſeinem Stuhle eingedost, als die Perſon, von der ſie kaum vorhin geſprochen, ins Zimmer trat und bald ein vertrau⸗ liches Geplauder mit dem Baronet und ſeinem Hofmeiſter eröffnete. Es war ein kecker lebhafter Burſche, immer ver⸗ gnügt, wenn auch ſelten lachend, mit einem ſcharfen Hab⸗ bichtsſchnabel und unzufrieden umherſchweifenden Augen. Wie ein ehrlicher Handelsmann begann er das Geſpräch nach den erſten Begrüßungen damit, daß er die Bezahlung ſeiner kleinen Rechnung verlangte. „Ei, Du Schuft, Du weißt wohl, daß Dir der Streich mißlang,“ bemerkte Gamble, der recht wohl mit ihm um⸗ zuſpringen verſtand.„Du hatteſt genug in der Hand, um Dich wohl bezahlt zu machen: hätteſt Du die Geſchichte nicht verdorben, ſo würdeſt Du mehr bekommen.“ „Nicht mein Fehler, auf Ehre, Gentlemen,“ gab Ben mit vollkommener Ruhe zur Antwort.„Ich habe Euch ja Alles erzählt, Doktor, und Ihr müßt einſehen—“ „Halt, halt, Meiſter Ben,“ rief Doktor Gamble;„Ihr habt mir nicht Alles erzählt— ich war in zu großer Eile, 43³⁷ um mich aufhalten zu können. Ihr müßt es uns jetzt er⸗ zählen, und wenn wir finden, daß Ihr es wirklich nicht ver⸗ hindern konntet, ſo wird Sir Theodor natürlich Eure Dienſte in Erwägung ziehen.“ „Wohlan, Sir— der Fall war dieſer,“ erwiederte „Ben.„Ich kann zwar keine lange Geſchichte daraus machen, denn ich habe mich mein Leben lang nie mit langen Ge⸗ ſchichten abgegeben und ich erinnere mich, wie einſt ein alter Schnabel zu mir ſagte: Gebt Rechenſchaft über Euch ſelbſt, Sir', und ich nichts zu erwiedern wußte, als: Verzeihen Euer CEhrwürden, ich kann nicht.— Ich brachte alſo die junge Dame ſicher aus dem Park und auf die Straße; an der Ecke bei den Kegeln aber— dieſe ſind Euch gewiß be⸗ kannt, Doktor, denn die Kegel ſind ein berüchtigtes Haus— ſah ich zwei Männer zu Pferd. Schon an der Hertforder Straße dicht neben der Schranke war einer geſtanden— ſo⸗ bald ſie mich ſahen, kamen ſie vor, und einer von ihnen agte: Ihr könnt hier nicht paſſiren.— So drehte ich denn um und—“ „Kanntet ihr denn einen der Beiden, daß Ihr ſo raſch umdrehtet?“ fragte Doktor Gamble.„Ich hätte gedacht, Ihr und Euer berittener Freund hätten ſich gegen ihrer Zwei ſchon Bahn brechen können.“ „Ob ich ſie kannte?“ rief Ben lachend;„allerdings kannte ich ſie nur allzubald. Der Eine war Kapitän Schwan, der Andere Dick Bromer, und wenn wir verſucht hättem weiter zu fahren, ſo hätten ſie uns oder unſere Klepper nie⸗ dergeſchoſſen. Alſo wie geſagt, ich drehte um und ſchlug 438 die Richtung der Kreuzpfade ein; aber wohin ich mich auch wenden mochte— überall traten uns Leute entgegen und ich ſah bald, daß es ein regelmäßiger Plan war und daß ſie den Streich ausgeſpürt haben mußten, denn hier und dort, bald links bald rechts, ſah ich Lutwich ſelber— das iſt der Oberſt— und ſeinen Diener Hal. Ueber Hecken und Grä⸗ ben ſetzten ſie, als ob es nichts waͤre. Er iſt ein kapitaler Reiter, und als ich ihm endlich entwiſcht zu ſeyn glaubte, taucht er plötzlich von Neuem auf, das junge Weibsbild ſteckt den Kopf heraus und ſchreit und er ſteht in der nächſten Minute vor der Deichſel, mit einer Piſtole in der Hand, die noch ſelten gefehlt hat.“* Sir Theodor Broughton's Zuſammenfahren bei dem Namen Lutwich hatte den Erzähler nicht aufgehalten, wie⸗ wohl es ihm nicht entgangen war; ſobald er aber ſeine Ge⸗ ſchichte ſo weit gebracht hatte, blinzelte er dem jungen Ba⸗ ronet mit halbgeſchloſſenem Auge ins Geſicht und fuhr fort: „Vermuthlich kennt Ihr den Oberſt, Sir, und wenn dies der Fall iſt, ſo wißt ihr auch, daß er ein Mann iſt, mit dem man ſich ebenſowenig wie mit einer Bulldogge einlaſ⸗ ſen darf.“ „Er darf ſich auch mit mir nicht länger befaſſen,“ rief Sir Theodor und wollte eben ſeinem Aerger noch weiter Luft machen, als Gamble mit den Worten einfiel: „Halt, halt! Wie kann er denn Wind davon erhalten haben? Ihr ſagt, Ihr ſeyd überzeugt, daß es ein regel⸗ mäßiger Plan von ihm geweſen, Euch überall anzuhalten, wohin Ihr Euch auch wenden mochtet?“ 439 „Ganz ſicher,“ beſtätigte Ben im entſchiedenſten Tone. „Wie konnte er es aber ausfindig machen,“ außerte Gamble nachdenkend;„irgend Jemand muß uns verrathen haben.“ 1 4 „Ei Du lieber Gott, Sir,“ rief der dienſtfertige Schurke mit einem Blicke verächtlichen Mitleids,„Ihr kennt Euren Mann nicht zur Hälfte, das iſt klar. Gibts ja doch nichts, was zwiſchen Charing⸗croß und der Pumpe bei Aldgate vor⸗ fiele, ohne daß er es wüßte, noch ehe es geſchehen iſt. Kein Gentleman kann weder zu Roß noch zu Wagen in einer Mondnacht aus der Stadt gelangen, ohne daß er auf irgend eine Art Wink davon bekäme.“ „Wozu aber?“ rief Sir Theodor;„er muß doch einen Beweggrund haben.“ Hier lachte Ben Pflugſchaar laut auf. „Meiner Seel, ich dachte, Jedermann wiſſe, wer Oberſt Lutwich ſey.“ „Ich weiß es. Ich habe das Vergnügen, ihn zu ken⸗ nen,“ antwortete der junge Baronet ziemlich hochmüthig. „Nun, wenn das ein Vergnügen iſt, ſo iſt es jedenfalls mehr als Manche ſagen können,“ verſetzte der Andere;„ich will Euch jedoch ſoviel davon ſagen, als ich wagen darf, Sir.— Wer iſt in jenem Zimmer dort?“ „Niemand,“ verſicherte Gamble;„mach weiter und fürchte Dich nicht.“ „Ihr müßt nämlich wiſſen, Sir,“ fuhr Ben mit leiſe⸗ rer Stimme fort,„der Oberſt iſt oder war ein wirklicher Oberſt; auch war er reich und aus vornehmem Hauſe, dabei 44⁴0 aber ſehr ausſchweifend, pflegte hoch zu ſpielen, obwohl er ſich nicht viel darum bekümmert haben ſoll, machte große Wetten und eines Nachts etwa vor drei Jahren verlor er mehr, als er in der Taſche hatte— die Leute wollen wiſſen, mehr als er in ſeinem Hauſe beſaß— der Burſche, an den er es verlor, neckte ihn noch darüber, und heuchelte die Be⸗ ſorgniß, als ob er ſein Geld nicht bekäme. Da ſagte Lut⸗ wich:„wartet hier eine Stunde und Ihr ſollt es haben,“ und er bekam es auch wirklich, aber in jener Nacht wurde der Krämer am Portsmouthyard um tauſend Pfund baaren Geldes, das Wimbledon gehörte, beraubt. Seit jener Zeit erzählt man ſich eine Maſſe Geſchichten und man behauptet, er ſey ganz vollwichtig. Ich wage nicht mehr zu ſagen, denn er führt eine furchtbare Fauſt, wenn er zornig iſt; Alles, was ich weiß, iſt, daß noch Niemand im Stande war, ihm zu beweiſen, daß er ſolche Streiche begangen habe, obwohl er einmal auf Tod und Leben prozeſſirt und ſeit der Zeit nie mehr in der Armee angeſtellt wurde— ſo verzweifelt ſchlau iſt er. Ich hörte übrigens ſagen, es gebe Einen, der ihn hängen laſſen könnte und ich glaub's auch.“ „Wer iſt das?“ fragte Gamble raſch. „Hm, Galgenholz⸗Billy, der ſchielende Poſtjunge, der ſo lange im Wollenpacke zu St. Albans geweſen,“ ſagte Ben;„er weiß mehr von ſeinen Schlichen, als irgend einer.“ Sir Theodor Broughton ſtandauf und gingeine Minute nachſinnend im Zimmer auf und ab; Doktor Gamble beob⸗ achtete ihn aufmerkſam, und näherte ſich dann, um eine Weile mit ihm zu flüſtern. 5 441 „Ja, ja, wenn ſich's machen läßt,“ erwiederte der junge Baronet, indem nicht eben das erſreulichſte Feuer in ſeinem Geſichte aufleuchtete. „Hier, Ben, haſt Du zwei Guineen für Dich,“ ſagte der Doktor,„und wenn Du den Galgenholz⸗Billy auf eine Stunde hierher bringen kannſt, ſo ſollſt Du fünf wei⸗ tere Pfund mit ihm theilen.“ Der Mann winkte mit dem Kopf, ſackte das Geld ein und nachdem er noch einige Nebenfragen über paſſende Zeit ac. bereinigt hatte, verließ er das Zimmer. Dreißigſtes Kapitel. Die Cottage war allerliebſt, wie denn England von jeher wegen ſeiner hübſchen Cottages berühmt war und mit Ausnahme der Schweiz und einiger Theile Tyrols das ein⸗ zige Land der Welt iſt, wo ſolch ein Ding zu finden wäre. Die franzöſiſche chaumidre iſt eben ſo verſchieden von der engliſchen cottage wie eine Franzöſin von einer Engländerin. Eine italieniſche capanna gibt einem nicht den geringſten Begriff von der Sache, ſo wenig wie eine casarellina oder alle anderen inas und ellas. Die ſpaniſche casilla, casita oder casica ſtechen nicht minder ſtark davon ab, als das deutſche Hütte.— Kurz und gut: eine hüſche Cottage iſt nur in England zu finden. Urſprünglich waren wir ein demokratiſches Volk in unſerem Geſchmacke— daran iſt wohl kein Zweifel: unſeren 442 Königen bauten wir Palläſte und ſie ſelbſt erbauten für ſich Cottages. Die der Mrs. Lisle war in der That recht hübſch in jenem eigenthümlichen Style gehalten, der ein recht be⸗ quemes zum Wohnſitze wohlhabender üppiger Leute be⸗ ſtimmtes Haus mit dem Strohdache des Landmannes be⸗ deckt. Die Zimmer waren nicht ſehr groß und hoch, aber auch nicht klein und niedrig, ſondern ſtanden im ſchönſten Verhältniß und waren äußerſt niedlich eingerichtet. Mit einem Wort— innerlich wie äußerlich fehlte nichts, was zum Comfort, Alles aber was zur Oſtentation gehörte. Re⸗ ginald hatte in Augenblicken zeitweiliger Ruhe gar Man⸗ ches zur äußeren Ausſchmückung gethan, was ſein feines Künſtlerauge bewährte; doch will ich ebenſo wenig bei dem lieblichen Raſenſtücke vor der Front, durch eine Hecke von den wohlbebauten grünen Feldern getrennt, als bei den al⸗ ten Ulmengruppen auf dem Raſen verweilen, welche durch Behauen einzelner Zweige ſo arrangirt waren, daß ſie eine Ausſicht auf die Hügel im Hintergrunde darboten. Auch die kleine Veranda laſſe ich unbeachtet mit ihren reichen Schlingpflanzen, die das Auge vor blendendem Lichte ſchütz⸗ ten, ohne den Sonnenſchein auszuſchließen— um ſogleich zu der aus fünf Perſonen beſtehenden Gruppe im Inneren überzugehen, von denen drei dem Leſer bereits bekannt ſind, weßhalb ich ihm nur noch die anderen Zwei vorzuſtellen habe. Jene ältliche Dame in der Wittwenhaube ſey die erſte; ſie hat die Trauergewänder nunmehr vierzehn bis fünfzehn Jahre lang getragen, ſeit ihr tapferer Gemahl den Tod des Helden geſtorben. Ihr Haar iſt nicht ganz verſteckt, ſondern 443 ruht in ſorgfältigen ſilbergrauen ungepuderten Flechten über der edlen Stirne. Sie ſcheint drei bis vierundfünfzig, iſt aber in Wirklichkeit nur achtundvierzig, denn tiefer Kum⸗ mer und mannigfache Sorgen haben ihrem Alter Jahre zu⸗ gelegt. Sie iſt hochgewachſen, größer als Frau denn ihr Sohn als Mann, und war früher vermuthlich ſehr graziös, denn ihre Geſtalt iſt immer noch fein und ihre Bewegungen tragen bei aller Langſamkeit eine Würde an ſich, wie ſie die erſterbenden Jugendgrazien zuweilen dem Alter vermachen. Ihre Stirne iſt immer ernſt aber ſanft, und das Lächeln, das ihr auf die Lippen kommt, iſt ſelbſt in ihren glücklichſten Augenblicken nur ſchwach, obwohl ſehr ſüß. So iſt die ehrenwerthe Mrs. Lisle. Das blaſſe Mädchen von zwei bis dreiundzwanzig Jah⸗ ren, das nicht weit von Mrs. Lisle mit Käthchen Malcolm zwiſchen ihnen ſitzt, iſt ihre Tochter; aber welch' ein Kon⸗ traſt zwiſchen dieſem zarten ſchmächtigen Geſchöpf und ihrem Bruder! Er, gebräunt und abgehärtet in jahrelangen Feld⸗ zügen, kräftig und dabei anmuthig von Geſtalt, aufrecht ohne alle Steifheit— ſie, leicht, ſchwankend, gleich einer Blume ſich neigend und farblos wie ein Schneeglöckchen. Da dem Leſer nur ein kurzer Seitenblick auf Mrs. Lisle geſtattet iſt, ſo darf ich wohl einige Worte über ihren Charakter ſagen der hier keine Gelegenheit findet, ſich in Handlungen zu entfalten. Obwohl von Natur ſanft, enthuſia⸗ ſtiſch und voller Güte, beſaß ſie doch ein gut Theil jener feſten raſchen Entſchloſſenheit, welche ihren Bruder charak⸗ teriſirte und ihm über den alten Sir Walter Broughton, 444 den ſonſt Niemand als er zu lenken vermocht, ſo viel Ge⸗ walt eingeräumt hatte. Einfach und ungekünſtelt in ihren Worten, lag doch in ihrer Unterhaltung eine reiche Fantaſie, und die Bilder, wodurch ſie ihre Meinung zu verſinnlichen pflegte, fand man nur um ſo treffender durch die einfache Sprache, in der ſie gegeben wurden. Ihre Geſundheit hatte ſchon lange gelitten und dieſe Körperſchwäche diente bei ihr als Feſſel ihrer Einbildungskraft. Sie ſah jetzt eben ſehr ernſthaft, faſt möcht' ich ſagen trübe, und ſie hatte in der That einige Urſache, denn ihr Sohn und Major Brandrum waren eben am Schluſſe ihres Abſchiedsbeſuches, bevor ſie abermals nach dem fernen We⸗ ſten abſegelten. Erſt geſtern hatten ſie ihre Beförderung und neue Ordre erhalten; letztere lautete peremptoriſch da⸗ hin, ſich auf einem jetzt eben ſegelfertigen Fahrzeuge nach dem St. Lorenzſtrome einzuſchiffen— der Wagen wurde jeden Augenblick vor der Thüre erwartet. Die letzten zehn Minuten war Major— oder wie er jetzt hieß, Oberſt— Brandrum in eifrigem Geſpräche mit ſeiner Adoptivtochter begriffen geweſen; jetzt aber wendete er ſich mit den Worten an Mrs Lisle: „Eurer Obhut, meine theure Lady, überlaſſe ich ſie, und ich weiß, ſie wird ſich wohl und glücklich bei Euch füh⸗ len; da jedoch das Leben ſo etwas Unſicheres iſt und ich dieſe Küſten vielleicht nie wieder ſehe, ſo habe ich ihr eben geſagt, daß ſie in den Händen meines Agenten, deſſen Adreſſe ich ihr gegeben habe, alles Nöthige vorfinden wird, um ſte, falls ich erſchoſſen, erſtochen oder ſkalpirt werde, zu dem 445 vollen Reſte deſſen zu berechtigen, was der Dienſt mei⸗ nes Vaterlandes und ein unbekümmertes Temperament mir übrig gelaſſen haben. Hätte ich gewußt, Käthchen, daß ich je eine Tochter haben wuͤrde— ich wäre gewiß ſparſamer geweſen.“ „Aber nicht minder großmüthig, Oberſt,“ erwiederte Mrs. Lisle.„Könnt Ihr der Roſe ihren Duft oder dem Diamante ſeinen Glanz entziehen? Ueberlaßt ſie mir nur in aller Ruhe— die arme Taube hat endlich ein Win⸗ kelchen gefunden und unter meinen Fittigen ſoll ſie ſicher ſeyn, ſo lange mich Gott erhält.“ „Wir werden Schweſtern ſeyn, Oberſt Brandrum,“ verſicherte Louiſa Lisle mit leiſer Stimme. Käthchen war während dieſer Scene ſehr unruhig. War es nun Dankbarkeit für die empfangene Güte oder Schmerz über den ſo baldigen Abſchied ihres Beſchützers oder irgend eine andere Regung, was ſie abwechslungsweiſe erröthen und erblaſſen ließ— ſie erhob ſich endlich ſcheinbar mit gewaltiger Anſtrengung und ſagte zu Major Brandrum: „Darf ich im andern Zimmer einen Augenblick mit Euch reden? Ich wünſchte Euch etwas zu ſagen.“ Doch indem ſie ſprach, ließ ſich das Geraſſel von Wa⸗ genrädern vernehmen; eine wohlbeladene Chaiſe mit zwei berittenen Dienern dahinter fuhr unter den Fenſtern vor⸗ über und hielt vor der Thüre. „Meiner Treu! theuerſtes Mädchen, wenn Du mir Etwas zu erzählen haſt, ſo mußt Du es ſchreiben,“ erwie⸗ derte Major Brandrum auf den Wagen deutend:„lieber 446 ließe ich mich ſkalpiren, als daß ich das Schiff verfehlte; der Burſche iſt ohnehin ziemlich ſpät daran.— Lebt wohl, Mrs. Lisle; Louiſa mein kleiner Liebling— der Himmel ſey mit Dir.⸗ „Oberſt Lutwich, Madame,“ meldete ein Diener, die Thüre öffnend, was ein augenblickliches Erröthen auf Käth⸗ chens Wange hervorrief. „Wer?“ fragte Mrs. Lisle. „Lutwich,“ gab Major Brandrum zur Antwort:„ein ausnehmend guter Burſche, welchem Käthchen ſehr zu Dank verpflichtet iſt!“ „Ah!— ich weiß, ich habe gehört,“ verſetzte Mrs. Lisle.„Ich wünſchte jedoch, er wäre ein andermal gekom⸗ men: die Anweſenheit eines Fremden in einem ſolchen Au⸗ genblicke gleicht dem Froſte, der die letzten Herbſtblüthen verſengt.“. Die Worte waren kaum ausgeſprochen, als Lutwich im Zimmer ſtand. Sein erſter Blick, ſeine erſten Worte wa⸗ ren an Käthchen Malcolm gerichtet; dann wendete er ſich zu Reginald Lisle und Oberſt Brandrum. „Ich habe von Eurem Glücke gehört,“ ſagte er. „Brecht Ihr alsbald auf? Wohlan, Gott geleite Euch! Vielleicht, Brandrum, dauert es nicht lange, bis ich Euch nachfolge. Ich habe gute Hoffnungen.“ „In der That!“ rief Brandrum;„dann wünſche ich Euch Gedeihen.“ „Ja in der That,“ verſicherte Lutwich;„ich war bei dem Kommandirenden, bat um Verzeihung wegen früherer 447 Vergehen, verſprach Pünktlichkeit und Gehorſam für die Zukunft; als erſtes Zeichen der Aufrichtigkeit habe ich mei⸗ nen Marſtall, meine Stadtwohnung, meine Wagen und Weine verkauft, und von nun an bin ich ein anderer Menſch.“ „Das iſt in der That eine gute Neuigkeit,“ antwor⸗ tete Brandrum, ihm die Hand reichend.„Nehmt meinen Rath, Lutwich: geht ſogleich in auswärtigen Dienſt— das wird Euch über ſchlimme Bekanntſchaften hinwegbringen.“ „Ich hoffe ſehr, Solches auch auszuführen,“ verſicherte Lutwich,„und wie geſagt, es iſt möglich, daß ich bald zu Euch ſtoße. Aber,“ fuhr er fort, als er ſeine Augen auf Käthchens Geſicht richtete und bemerkte, daß ihre Wange farblos geworden war,„ich darf nicht allein kommen, mein guter Freund. Ich muß Jemand haben, der für mich ſorgt und mich auf dem rechten Pfade erhält.“ „Nun aber, Oberſt, müſſen wir in der That fort,“ rief Reginald Lisle, welcher Hand in Hand mit ſeiner Mutter daneben geſtanden hatte. Jetzt folgte die Abſchiedsumarmung, das letzte Lebe⸗ wohl und die beiden Offtziere verließen das Zimmer. Louiſa trat an's Fenſter und ſah den Wagen mit ſtrömenden Augen davon rollen. Auch in Käthchens Blicken thaute eine Zähre und eine einzige Thräne träufelte über Mrs. Lisle's Wange. Oberſt Lutwich fühlte ſich etwas verlegen; doch blieb ſein Weſen immer anmuthig und der Dame des Hauſes ſich nähernd, ſagte er: „Ich bitte in der Tbat um Verzeihung, Madame, daß ich mich in einem ſolchen Augenblicke bei Euch eindränge; 448 ich würde meinen Beſuch gewiß nicht verlängern, wenn ich an Miß Malcolm nicht einige Fragen zu richten hätte, die ich nicht aufſchieben kann, weil ich morgen mit Jemand ſpeiſe, dem ihre Antworten ſehr intereſſant ſeyn werden. Ich kann übrigens in einem andern Zimmer mit ihr reden, wenn meine Gegenwart Euch läſtig iſt, wie dies nicht an⸗ ders ſeyn kann.“ „Nein, nein, Oberſt Lutwich,“ verſetzte Mrs. Lisle, ihm ihre Hand reichend.„Eine Mutter wird bei dem letzten Abſchiede von ihrem Sohne immer betrübt ſeyn; aber glaubt darum ja nicht, daß ich meinen jungen Falken im Neſte zurückhalten möchte, nachdem die Natur ihn flie⸗ gen gelernt hat. Ich bin eines Soldaten Weib, mein theurer Sir, und weiß, was die Pflicht eines Soldaten er⸗ fordert.“ „Und welchen Ruhm ein Krieger einernten kann,“ fügte Lutwich bei, ſich neben ihr niederſetzend.„Glaubt mir, meine theure Madame, alle zärtlichen Herzen ſehen beim Abſchied von ihren Lieben jene traurigen Bilder von Möglichkeiten vor ſich aufſteigen, welche ſie als traurige Ahnungen zu betrachten geneigt ſind, Lisle geht dahin, um wie früher Ruhm und Ehre einzuſammeln, und der Himmel wird ihn in ſeiner Güte gewiß wieder glücklich, wohlbehalten und gedeihend in Eure Arme zurückführen.— Doch ich will Euch nicht lange ſtören.“ 3 „ Nein,“ entgegnete Mrs. Lisle,„ich darf nicht ungaſt⸗ lich vor Euch erſcheinen. Wir werden bald unſeren Thee haben, und als Reginald's Freund wird es mir aufrichtige 449 Freude machen, wenn Ihr bleiben und daran theilnehmen wollt— es wird in der That beſſer für mich und für uns Alle ſeyn, denn Eure Geſellſchaft wird uns vor düſteren Gedanken bewahren. Wenn ſchwarze Wolken über unſeren Häuptern ſchweben, ſo glauben wir natürlich, ein Sturm ſey im Anzug.“ „Den der Wind oöft weit davonjagt,“ ergänzte Lutwich, indem er ſich noch mehrere Minuten lang lebhaft, aber nicht heiter mit der älteren Dame unterhielt, welche an ſeinem Geſpräche und Benehmen offenbares Wohlgefallen fand, Käthchen und Louiſa miſchten ſich bald ein und wenn ſie auch den eben gehabten Schmerz unter dem leichten freund⸗ lichen Geplauder nicht vergeſſen, ſo hatte er doch den em⸗ pfindlichſten Stachel verloren. Der Thee wurde aufgetragen, es wurde allmälig ſpäter und doch hatte Oberſt Lutwich ſeine Fragen imme noch nicht vorgebracht. Endlich wurde er durch Mrs. Lisle daran erinnert, und er fragte lächelnd: „Seyd Ihr auf ein Verhör vorbereitet, theure Miß Malcolm?“ „Wenn es nicht gar zu ſtreng ausfällt,“ gab Käthchen ſchüchtern zur Antwort. „Ihr dürft mir nach Belieben Einhalt thun,“ ſagte ihr Liebhaber.„Erſtlich alſo erzähltet Ihr mir, glaub' ich, Ihr hättet in Yorkſhire einen Verwandten Namens Eaton?“ Käthchen winkte bejahend und er fuhr fort: „Heißt er Charles oder William Eaton?“ „William,“ lautete die Antwort. James. Th. Broughton. 29 450 „Das iſt doch ſonderbar; ſagtet Ihr nicht, er ſey Cu⸗ rer Mutter Neffe geweſen!“ „Ja,“ erwiederte Käthchen einigermaßen überraſcht, „er war ihrer Schweſter Sohn.— Was iſt denn Sonder⸗ bares daran?“ „Daß er die Verwandtſchaft läugnet,“ erwiederte Lut⸗ wich;„er muß ein großer Lügner ſeyn.“ Käthchens Wange wurde von warmer Roͤthe über⸗ goſſen. „Halt, halt,“ rief ſie;„ich habe ſeinen Brief— ich betrachte ihn oft, um mir den Gegenſatz zwiſchen ſeiner kalten Selbſtſucht und der edlen Großmuth Anderer recht deutlich zu machen— ich will ihn ſogleich bringen— er unterzeichnet ſich ſelbſt als meinen Vetter.“ Mit dieſen Worten erhob ſie ſich und eilte haſtig auf ihr Zimmer, um nach wenigen Minuten mit dem Briefe zu⸗ rückzukehren. „Da iſt er,“ ſagte ſie, und legte ihn in Oberſt Lutwich's Hand. Dieſer überlas ihn mit finſterer Miene und ſagte ſo⸗ dann: 3 „SIch wollte, ich hätte ihn bei mir gehabt. Dieſer Mann hatte die Unverſchämtheit, mir auf das allerentſchie⸗ denſte zu beſtreiten, daß er jemals eine Tante Namens Malcolm gehabt habe.“ Einen Augenblick lang ſchien Käthchen verwirrt; dann aber breitete ſich ein Blick plötzlichen Verſtändniſſes über ihr Antlitz, welchem ein Ausdruck von Verachtung folgte. 45¹ „Er hat Euch nicht belogen,“ ſagte ſie;„er hat nur zweideutig geſprochen. Ich erinnere mich jetzt, daß meine Mutter niemals den Namen Malcolm annahm. Sie ſtarb, ehe mein Vater das kleine Beſitzthum unter der Bedingung erbte, daß er jenen Namen, der ſich am Ende in dem nachfolgenden Prozeſſe als ſein vollſtändi⸗ ger Ruin erwies, anzunehmen habe. Meine Mutter führte immer den Namen Marſham, wie mein Vater zur Zeit ihrer Verheirathung hieß; das kann jedoch Mr. Eaton nicht entſchuldigen, denn er muß ebenſo gut wie ich ge⸗ wußt haben, wen Ihr meintet.“ „Jetzt iſt Alles in Richtigkeit,“ rief Lutwich mit einem Blicke ernſter Freude.—„Marſham war Eurer Mutter anfänglicher Name.“ „Nein,“ ſagte Käthchen;„ihr unverheiratheter Name war Carr. Marſham hieß mein Vater, ehe er ſich Malcolm nannte.“ „Carr— auch das iſt richtig,“ verſetzte Lutwich in Gedanken verſinkend, während er mit den Augen auf den Teppich ſtarrte. „Jetzt aber ſagt mir,“ verſetzte Käthchen, nachdem ſie ihm hinlänglich Zeit zum Nachdenken gelaſſen hatte— denn es gibt Nichts, worin ſich der Mann ſo ungerne ſtören läßt, als wenn ſeine Augen auf ſeine eigenen Gedan⸗ ken gerichtet ſind—„nun aber ſagt mir, warum habt Ihr alle dieſe Fragen an mich gerichtet? Blos deßhalb, weil Mr. Caton ſeine arme Couſine verläugnete?“ 29* 45² „Nein, nein, theures Käthchen,“ erwiederte Lutwich, die Gegenwart Anderer vergeſſend.„Ich hatte einen ſtarken Be⸗ weggrund, den ich Euch jetzt nicht ſagen will, den Ihr aber ſpäter— vielleicht morgen ſchon— erfahren werdet. Auf alle Fälle werdet Ihr von mir, wenn nicht von einem An⸗ dern hoͤren.— Ich weiß nicht,“ fuhr er fort, indem er auf⸗ ſtand und ihre Hand ergriff, während er ihr in die Augen ſchaute,„ich weiß nicht, ob das was ich thue— was ich gethan habe und thun werde— meinen Intereſſen nicht geradezu widerſtreitet; aber ich habe das Beiſpiel von Auf⸗ richtigkeit und Offenheit nicht vergeſſen, das Ihr mir eines Abends gegeben und darnach will ich handeln— buchſtäblich, meine theure Lehrerin.— Ich glaube, ein Anderer hat das erſte Recht auf die Kunde, die ich erlangt habe; dann aber folgt Ihr und Ihr ſollt ſie auch erfahren. Ich muß Euch übrigens jetzt verlaſſen, denn es wird ſpät und—“ „Gerechter Himmel! da ſchaut ein Mann zum Fenſter herein,“ rief Louiſe. Lutwich richtete ſeine Blicke alsbald auf das Fenſter und gewahrte deutlich eine Geſtalt, die ſich in die Finſterniß draußen zurückzog. „Ihr thut am Beſten, dem Diener zu ſchellen und die Läden ſchließen zu laſſen,“ ſagte er;„ich will ſo lange blei⸗ ben, bis es geſchehen iſt.“ Miſtreß Lisle hatte gleichfalls nach dem Fenſter ge⸗ ſchaut und ſtreckte die Hand aus, um die Glocke zu ziehen; aber noch ehe ſie dies gethan hatte, hörte man eine zweite anziehen und darauf einen beträchtlichen Lärm auf dem kleinen 453 Vorplatze. Im nächſten Augenblicke wurde die Thüre auf⸗ geriſſen und zwei Männer traten in's Zimmer. Lutwich wurde todesblaß. Der Erſte, welcher eintrat, war ein rieſiger Burſche von faſt fünf Fuß eilf Zoll, wie ein Mann aus dem Mittel⸗ ſtande gut gekleidet. Der Zweite war kleiner und erſtau⸗ lich breitſchulterig; doch ſprach nur der Erſte, und zwar in höflichem, obwohl etwas ſtrengem Tone.. „Thut mir leid, Euch gerade jetzt zu ſtören, Oberſt,“ ſagte er;„aber wir bedürfen Eurer.“ Lutwich antwortete mit bedeutungsvollem Kopfnicken ruhig und gefaßt, nur ſehr ernſt und noch immer ganz blaß. „Ich will ſogleich mit Euch gehen,“ ſagte er.„Lebt wohl, Miſtreß Lisle, Käthchen—“ Doch indem er noch ſprach, brachte der zweite Mann, der unterdeſſen in ſeinen weiten Taſchen geſtiert hatte, ein Paar dicker glänzender Eiſenringe zum Vorſchein und ſagte laut: „Ich denke, Ihr laßt ihm die Schellen anlegen, Mei⸗ ſter Williams?“ „Barmherziger Himmel!“ rief Miſtreß Lisle,„es ſind Handfeſſeln.“ Lutwich wurde feuerroth und ſchien im Begriff auf den Mann einzudringen, um ihn niederzuſchlagen, als Käthchen zu ihm eilte und ſeinen Arm faßte. „O was iſts— was gibt es, Henry?“ rief die Arme. „Ei, die Sache iſt die, Ma'am,“ bemerkte der erſte Beamte;„wir haben einen Verhaftsbefehl gegen den Obriſt 454 wegen Straßenraubs; da er jedoch ein vollkommener Gentle⸗ man iſt und auch bereit ſcheint ohne Sträuben mit uns zu gehen, ſo bin ich nicht geneigbar, ihm Feſſeln und Hand⸗ ſchellen anzulegen, bis ich's geheißen werde.“ Käthchen fuhr mit der Hand über die Stirne und brach dann in einen heftigen Thränenſtrom aus. „Das muß ſicherlich ein Mißverſtändniß ſeyn!“ rief Miſtreß Lisle tief erſchüttert.„Obriſt Lutwich, erklärt doch den Leuten wer Ihr ſeyd.“ 3„Es iſt vergeblich, meine theure Madame,“ entgeg⸗ nete Lutwich.„Sie kennen mich recht wohl— dieſelbe Klage erging ſchon einmal gegen mich.“ „Nein, nicht ganz dieſelbe, Obriſt,“ erwiederte der Offiziant—„diesmal heißt's: wegen Anhaltens des She⸗ rifsdieners Ned Warwick und ſeines Scribax; früher war's wegen Beraubung des Senſals Sheepſhank's. Jetzt ſeyd Ihr überbürdet, Oberſt, ſo fürcht' ich. Doch kommt —'s iſt beſſer, Ihr marſchirt ab; Ihr wißt ja, die Weiber müſſen immer ein Stückchen plappern.“ „Geht voran, Sir,“ gebot Lutwich;„ich werde folgen., Doch eben als er gehen wollte, faßte Käthchen ſeine Hand und rief: „O Henry, wohin wollen ſie Dich führen? Schreibe mir— erzähle mir Alles.— Es muß falſch ſeyn— ſage, daß es falſch iſt.“ Lutwich beugte ſein Haupt und küßte ihre Wange; die einzigen Worte jedoch, die er ſprach, waren:„ich werde ſchrei⸗ — 45⁵ ben, theures Käthchen— morgen werde ich ſchreiben“— und damit eilte er nebſt den beiden Beamten aus dem Zimmer. Louiſe nahm Käthchens Hand und führte ſte nach dem Sopha. Das arme Mädchen war ganz verwirrt und über⸗ wältigt von Kummer, denn jetzt zum erſtenmale empfand ſie, wie tief ſie lieben konnte und wie die Liebe über jedes andere Gefühl triumphirte. Sie wäre Lutwich ſo gerne gefolgt, um ſein Gefängniß mit ihm zu theilen, um ihn zu beſänftigen und zu tröſten, ihn zu verſichern, daß ſie der wider ihn vorgebrachten Anklage keinen Glauben ſchenke, daß ſie von deren Falſchheit überzeugt ſey, daß ſie nicht wahr ſeyn könne, da es nicht möglich ſey, daß ein Mann, der gegen ſie ſo edel und großmüthig gehandelt, ein Ver⸗ brechen begangen habe. Aber Körperſtärke wie Geiſtes⸗ kraft hatten ſie für den Augenblick verlaſſen und mit ſtrö⸗ menden Thränen ſaß ſie da, und ihre Lippen murmelten: „es iſt unmöglich! es iſt unmöglich!“ Auch Miſtreß Lisle war tief bewegt und erſchüttert; ſie blieb ſtumm und preßte nur die Hände vor die Augen. Endlich machte ſie eine Anſtrengung; ſie ſetzte ſich neben ihren jungen Gaſt und ſagte in ſanftem freundlichem Tone: „Tröſte Dich, Käthchen; auch ich halte es für unmög⸗ lich— ganz unmöglich, daß der Freund meines Sohnes eines Verbrechens ſchuldig iſt. Beruhige Dich, Liebe. Laßt uns warten bis morgen, dann werden wir hören, was daraus werden wird. Es iſt vielleicht nur eine Anklage, um Geld zu erpreſſen.“ Während ſie jedoch alſo fortfuhr das weinende Käthchen 456 zu tröſten, näherte ſich Louiſe ihrer Mutter und bat ſie mit ſanften Worten: „Auch Du, Mama, mußt Dich beruhigen, Du biſt zu ſehr aufgeregt. Dein Geſicht iſt blaß— Deine Lippen ſind blau. Du weißt, was Doktor Grant ſagte: Du werdeſt Dich ſelbſt krank machen. Ich will Dir von den Tropfen holen.“ Miſtreß Lisle winkte jedoch mit der Hand und Käthchen erhob gleich darauf ihr Haupt und trocknete ihre Thränen, indem ſie ihrer gütigen Wirthin ins Geſicht ſchaute. „Ich will nicht mehr weinen,“ verſicherte ſie;„ich will ruhig ſeyn. Verzeiht mir, theure Miſtreß Lisle. Ich war ſelbſtfüchtig in meinem Kummer; ich will ganz ruhig ſeyn.“ Aeußerlich war ſte es wohl und blieb es auch während des kurzen Sommerabends; aber Niemand konnte ſagen, wie furchtbar ſie innerlich erſchüttert war. Der Abend ging zu Ende und Miſtreß Lisle erhob ſich frühzeitig um ſich zur Ruhe zu begeben. Käthchen und Louiſe folgten ihr auf dem Fuße. Oben an der Treppe ſchien ſie von einem plötzlichen Schlage getroffen; ſie wen⸗ dete ſich zu Louiſen und ſagte kurz und haſtig: „Louiſe, meine Liebe, ich ver—“ Allein der Satz blieb unvollendet und wird es immer bleiben. Miſtreß Lisle ſank zu Boden und wurde von ihrer Tochter und Käthchen Malcolm aufgefangen. Louiſe rief laut um Hülfe; der Diener kam vom Vorplatze heraufge⸗ rannt; mit ſeinem Beiſtand wurde Miſtreß Lisle in ihr Zimmer getragen und aufs Bett gelegt. — 45⁵⁷ „Lauft, lauft zu Doktor Slater!“ rief Louiſe Lisle— „ſchnell wie der Wind, Groves.“ Käthchen brachte Waſſer und ſpritzte es in das kalte Antlitz. Ein leiſes Zucken um die Lippen— dann war Alles ſtill. Die Mägde wurden aufgeboten und allerlei Hülfs⸗ mittel— doch alle vergeblich— probirt, bis der Arzt her⸗ beikam. Dieſer machte keinen weiteren Verſuch, ſondern legte die Hand an den Puls, bewachte eine Weile ihr ſchlummerndes Antlitz und ergriff dann feierlich Louiſens Hand mit den Worten: „Sie ruht im Frieden!“ Einunddreißigſtes Kapitel. Wenn einſt die Vereinigten Staaten von Amerika das große Loos, das ihnen beſtimmt iſt, erfüllt haben— wenn die Civiliſation und in ihrem Gefolge das Wohlgedeihen vollſtändig nach Weſten gewandert ſeyn wird— wenn der Samen unvermeidlichen Verfalls, der in der Begründung aller Reiche und Staaten ausgeſtreut wurde, ſich den Flech⸗ ten und Mooſen vergleichbar über den Stolz unſeres Landes ausgebreitet hat und die Bürger der größten Republik oder die Unterthanen des größten Reiches der Welt(welches nun der Fall ſeyn mag) über das atlantiſche Meer herüberkom⸗ men, um als Reiſende das halbverödete Geburtsland ihrer Väter in Augenſchein zu nehmen— wie manche Gegen⸗ ſtände des Intereſſes und der Nachforſchung werden ſich da ihren Blicken darbieten! 458 Ich ſehe einige meiner Leſer lächeln, andere lachen— und beides in ſtolzer Verachtung. Sie werden tauſend Gründe dafür finden, daß das engliſche Volk in der eitlen Ausſicht auf fortdauernde Macht und Oberherrſchaft un⸗ möglich eine Täuſchung erfahren kann, obwohl es noch jeder Nation alſo ergangen. Sie werden ſagen:„wir ſind Chri⸗ ſten, frei, ordnungsliebend, erfindungsreich, energiſch; wir beſitzen tauſend Eigenſchaften, tauſend Zufälligkeiten unſe⸗ rer Lage, tauſend günſtige Gelegenheiten in unſerer Stel⸗ lung, wie ſie keine der gefallenen Nationen jemals inne gehabt.“ Ganz richtig— aber dennoch gehen die Ereigniſſe ihren ſicheren Gang und das Naturgeſetz i*ſt unveränderlich; da gibt es Nichts was unberührt davon bliebe, Nichts was ſein Fortſchreiten länger als um etliche Jahre aufzuhalten vermöchte. Verfall herrſcht überall und folgt ebenſo ſicher auf die vollſtändige Entwicklung, wie das Alter auf die Mannheit. Die Mauern von Babylon, die Thürme von Ninive, Roms Monumente, Griechenlands Veſten und Tempel ſprechen als Zeugen gegen uns, und weder Freiheit noch Künſte, weder Thatkraft noch Waffen vermögen uns vor dem Schickſale aller irdiſchen Dinge zu erretten. Thor⸗ heit und Weisheit von Fürſten und Völkern, Fehler oder Tugenden von Staatsmännern und Geſetzgebern mögen die Periode des Untergangs um ein oder zwei Jahrhunderte be⸗ ſchleunigen oder verzögern; aber Nationen ſterben dennoch ſo gut wie Individuen, und das Land das ſie bewohnten wird dann ihr Grab. 459 Tritt dieſer Fall mit England ein, ſo mögen hier künf⸗ tige Generationen vielleicht wichtigere und intereſſantere Fragmente vorfinden, als ſie von irgend einer andern Na⸗ tion der Nachwelt vermacht wurden. Frankreich wenigſtens wird wenig oder nichts als eine Geſchichte voll Blut und Tyrannei, die Erſchütterungen abwechſelnder Anarchie und Knechtſchaft zu hinterlaſſen haben. Wie arm, wie erbärmlich wird England gleichwohl in mancher ſeiner ſocialen Beziehungen erſcheinen! wie eng⸗ herzig, wie materiell wird man viele Anſichten ſeines Vol⸗ kes finden! wie wenig Seelenhoheit und Gefühlswärme wird man in den Mewmoiren ſeiner Geſellſchaft entdecken! Seine größten trefflichſten Männer mißhandelt und vernach⸗ läſſigt; Geiſteskraft und Seelenadel als die geringſten unter den Anſprüchen auf öffentliche Schätzung und Dankbarkeit betrachtet; der Lohn des Verdienſtes vom Parteigeiſte ab⸗ hängend und der Weg zum Glücke nur für materielle An⸗ ſtrengung eröffnet— Wahrheiten, deren allgemeine Regel durch die glänzenden Ausnahmen in der Haupthaltung der geſammten Nation nur noch ſchmerzlicher bewieſen wird. Ein Hauptpunkt in der Geſchichte des Volkes, welcher ſpäter vermuthlich große Aufmerkſamkeit erregen wird, iſt der enorme, ganz außerordentliche Fortſchritt in Bildung und Erhebung, welchen Englands Geſellſchaft in den letzten fünfzig bis ſechzig Jahren machte. Das wunderbare Vor⸗ rücken während dieſer Periode— wie wir es theilweiſe ſelbſt miterlebt haben— iſt ohne Gleichen in der Völkergeſchichte, und wenn wir aus den unmittelbar vorhergehenden Zeilen 460 ein Buch— ſey es nun das Privattagebuch eines Einzelnen, oder ſeine geſammelten Briefe, oder eines jener Werke, welche, wenn gleich erdichtet, doch wenigſtens die Sitten des Tags zu zeichnen behaupten— zur Hand nehmen, ſo werden wir zwiſchen jenen Zeilen und den unſerigen einen größeren Kontraſt wahrnehmen, als er zwiſchen der Gegen⸗ wart und mehreren Jahrhunderten weiter rückwärts ſtatt⸗ findet. Unter den abgeſchafften Gräueln exiſtirte keine kleine Menge der ſchädlichſten und abſcheulichſten Mißbräuche in unſeren Gefängniſſen, deren Jammerſcenen und Verbrechen, begangen zum Theil von den Vorſtehern ſelber, unſer un⸗ ſterblicher Howard geſchildert hat. Die Laſter, die in jenen düſteren Mauern herrſchten, die Schwelgerei, die Unmäßig⸗ keit und Parteilichkeit, die neben Hunger, Tod und Peſtilenz daſelbſt regierten, laſſen ſich blos aus zerſtreuten Anekdoten oder von Solchen klar machen, welche jene Behauſungen der Sünde und Verzweiflung durch eigene Erfahrung kennen gelernt hatten und ihrer fluchbeladenen Atmoſphäre entron⸗ nen waren. Der Leſer möge ſich ſelbſt einen der genannten Kerker ausmalen, bis zum Erſticken vollgepfropft mit elenden ver⸗ peſteten Fieberkranken, deren Krankheitsſtoff, wenn auch nur Wenige von ihnen, ſofern ſie in dem Dock“ aufrecht zu ſtehen vermochten, vor den Gerichtshof geführt wurden, * So nennt man an den engliſchen Gerichtshöfen den Raum, der während der Verhandlungen der Jury den Angeklagten ange⸗ wieſen wird. D. U. 1 46¹ ſich alsbald über die ganze Umgebung— Richter, Geſchwo⸗ rene, Beamte, Zuſchauer— ausbreitete, während in der nächſten Höhle das Brüllen wilder Trunkenheit oder die heimlicheren Orgien noch ſchwärzerer Zügelloſigkeit vor dem Tageslichte ſich zurückziehen. Dann laßt ihn jenen un⸗ glücklichen, wegen irgend eines gewinnloſen Vergehens an⸗ geklagten Mann betrachten, wie er, zu arm um einen käuf⸗ lichen Gefangenwärter zu beſtechen oder ſich die nöthige Nahrung zu verſchaffen, ſich über kahlem Brod und Waſſer abhärmt, und mit ihm möge er dann den wohlhabenden Gefangenen vergleichen, wie er im Gouverneurshauſe woh⸗ nend mit aller Ehrerbietung behandelt wird, wie er in Leckerbiſſen ſchwelgt und den Champagner in Strömen fließen läßt. Oder laßt ſie in gemiſchten Gruppen neben einander ſpazieren, Männer und Frauen, Knaben und junge Mäd⸗ chen, den abgehärteten Sünder mit dem reumüthigen An⸗ fänger, den Menſchen, dem die Laſt des Verbrechens durch Gewohnheit leicht geworden und den betäubten Unſchuldi⸗ gen, der ſich von einer falſchen Anklage überwältigt fühlt. Nichts als des Kerkermeiſters Laune zog die Gränze für die Beſuchenden, und wenn auch Regeln und Vorſchriften exi⸗ ſtirten, ſo wurden ſie gänzlich vernachläſſigt. Alles, wofür man Zoll bezahlte, wurde zugelaſſen, das ſtarke Reizmittel beſinnungsloſer Völlerei ſo gut wie die Mittel zur Flucht oder zur Verdrehung der Gerechtigkeit. Die Thürſteher ſelber ſtanden mit den„Old⸗Bailey⸗Zeugen“ im Bunde, und gar manche erfolgreiche Vertheidigung eines wohlha⸗ benden Verbrechers war zwiſchen dem Gefangenwärter, der 462 ihn in ſeiner Obhut hatte und dem„Manne mit Stroh in den Schuhen,“ der ihn durch offenbaren Meineid vom Gal⸗ gen rettete— abgekartet worden. Solche Dinge gehören zu den Vergangenheiten; aber ſolche Dinge haben exiſtirt und exiſtirten in ihrer vollen Stärke zu der Zeit, da Oberſt Lutwich als Gefangener in eines der zahlreichen Gefängniſſe in und um London trans⸗ portirt wurde. Die Dunkelheit war ſchon eingetreten, als er aufgegriffen wurde, und bei der beträchtlichen Entfernung wurde es faſt zwölf, bis er die finſteren Thore erreichte, hinter denen er Verhör und Prozeſſtrung abwarten ſollte. Der Gouverneur des Gefängniſſes war übrigens noch auf, und lautes Lachen und Singen deutete an, daß auch von den Gefangenen noch mehrere wach ſeyn mußten. Mit tiefer Ehrerbietung und Aufmerkſamkeit empfing der Gouverneur einen ſo diſtinguirten Gefangenen; er war beim Anziehen der großen Glocke mit einem Lichte erſchie⸗ nen und leuchtete dem Oberſt in ſein eigenes Beſuchzimmer. „Wie geht's Euch, Oberſt?“ begann er;„ich hoffe Euer Gnaden befinden ſich wohl. Schon ſinds zwei Jahre, ſeit ich das Vergnügen hatte Euch zu ſehen.— Ihr werdet natürlich ein eigenes Zimmer wünſchen; wir haben eines für Euch zurecht gemacht.“ „So wurde ich demnach erwartet?“ fragte Lutwich, ihm ins Geſicht ſchauend. „Ei freilich, Sir,“ verſetzte der Gouverneur;„ſchon den ganzen Morgen haben wir auf Euch gepaßt.“ „Dann hätten die Gerichtsdiener wohl ſo höflich ſeyn 463 können, ihren Verhaftsbefehl geheimer auszuführen,“ be⸗ merkte Lutwich.„Ich war den ganzen Nachmittag zu Haus und in deſſen Nähe. Ich will freilich ein eigenes Zimmer haben, Sir, verlange aber nichts Außergewöhnliches und Uebermäßiges.“ Des Kerkermeiſters Miene verfinſterte ſich, denn die Bewachung eines verſchwenderiſchen Gefangenen war da⸗ mals ein ziemlich einträgliches Privilegium, und er fing an zu glauben, Lutwich habe ſeine Mittel erſchöpft. Auch war dies keine unvernünftige Annahme, denn in den Tagen der feilſchenden Gerechtigkeit geſchah es ſelten, daß ein Ver⸗ brecher den Weg zum Galgen fand, bevor der größere Theil ſeines Vermögens für Erkaufung der Strafloſigkeit darauf gegangen war. Er murmelte etwas wie„Perſonen die für ihre Bequemlichkeit bezahlen“, bis der Gefangene ihn raſch bei der Hand nahm und ſagte: „Da, da— beunruhigt Euch nicht, mein guter Sir. Ich kenne Eure Gebräuche und habe Mittel genug, all Eure Forderungen zu befriedigen. Ich bin vielleicht reicher als ich je zuvor geweſen, und werde wie früher von Allem das Beſte verlangen. Hier,“ fuhr er die Börſe ziehend fort,„hier ſind fünf Guineen für meine Garnirung, wie Ihr's nennt. Jetzt zeigt mir mein Zimmer— ich möchte wo möglich lieber zwei, denn ich liebe es nicht in derſelben Stube zu wohnen, wo ich ſchlafe.“ „Ei freilich, Oberſt, natürlich,“ erwiederte der Ge⸗ fangenwärter mit erleichtertem Herzen.„Ihr könnt zwei haben; das eine wollen wir für Euch als Empfangzimmer 464 arrangiren; für jetzt ſteht zwar ein Bett darin— das iſt aber bald herausgeſchafft. Hierher, Sir, Ihr werdet auch einen Diener haben wollen; in der Portiersloge iſt ein nied⸗ liches Zimmer für ihn.“ „Ja,“ gab Lutwich nachſinnend zur Antwort,„mor⸗ gen will ich nach einem ſenden.“ Mit dieſen Worten folgte er dem Gouverneur in die für ihn beſtimmten Gemächer, während ein Schließer ihm auf der Ferſe begleitete. „Dieſe beiden, Oberſt, mit dem Bedientenzimmer an der Loge machen zehn Guineen die Woche,“ ſagte der Ober⸗ cerberus, nachdem ſich Lutwich einige Minuten in dem Ge⸗ mache umgeſehen hatte. „Ganz recht,“ erwiederte der Gefangene, das Geld wie gewöhnlich in ſolchen Fällen voraus zahlend und dann abermals in Gedanken verſinkend. „Kann ich Euch ſonſt noch mit etwas dienen, Oberſt?“ fragte das Haupt der Kerkermeiſter. „Ja,“ gab Lutwich kurz zur Antwort:„Dinte, Feder, Papier; etwas zum Nachteſſen und Euren beſten Wein.“ „Kann ich nach Euren Toiletteerforderniſſen ſenden?“ war die nächſte Frage. „Nein, nein, es iſt zu weit,“ verſetzte der Gefangene mit ungeduldigem Handwinken.„Ich habe nämlich Haus und Gut in London verkauft, mein Freund, was mir mit Pferden und Silberzeug faſt ſiebentauſend Pfund abwarf.“ Er ſchwieg eine Weile, denn der Gedanke fuhr ihm durch den Sinn, ob er nicht die Treue dieſes Mannes zu Bewerkſtelligung ſeiner Flucht verſuchen ſollte: allein der Gefangenwärter antwortete ihm lächelnd: „Wie, Sir, da vermuthe ich Ihr wolltet die Heer⸗ ſtraße verlaſſen und eine andere Bahn einſchlagen. Aha, das iſt der Grund, warum man Euch einſteckte. Sie leiden das nie an einem Gentleman; ſo lange er im Geſchäfte bleibt, laſſen ſie ihm freien Lauf— das iſt das einzige Ge⸗ werbe, von dem man ſich niemals zurückziehen kann.“ „Ach nur zu wahr!“ ſeufzte Lutwich;„doch geht es glaub ich mit jedem Laſter ſo: es iſt als ob man einen Abgrund hinanklimme, mein guter Freund. Der Weg auf⸗ wärts läßt ſich mit jenem freudigen Feuer zurücklegen, wie es immer überwundene Gefahren begleitet, wenn wir unter⸗ wegs nicht hinabſchauen; ſobald wir aber umzukehren ſuchen, brechen wir den Hals. Iſt das Gottes oder des Menſchen Wille?“ „Des Teufels, Sir, ſollt ich meinen,“ erwiederte ſein Gefährte;„er allein gewinnt dabei.“. „Und der Kerkermeiſter,“ fuhr Lutwich mit bitterem Lachen fort.„Nun, nun, ſchickt mir her, was ich beſtellte, und dann gute Nacht.“ „Gute Nacht, Sir,“ wünſchte der Mann und ent⸗ fernte ſich, die Thüre hinter ſich abſchließend. Lutwich war allein, und welche Sprache vermag die Regungen zu ſchildern, die ihn nunmehr überfielen— dieſe Herzensangſt— dieſe Todesqual! Nur er ſelbſt vermöchte es. Volle zehn Minuten ſtarrte er auf den Boden, während James. Th. Broughton. 30 er wie eine Marmorſtatue in der Mitte des kleinen Zimmers ſtand und tief aufſtöhnend ausrief: „Vernichtet, vernichtet, vernichtet!— Alles vernichtet Es waren Hoffnungen, Plane, Erwartungen, von de⸗ nen er ſprach: Träume der Liebe und Zärtlichkeit, der Beſſe⸗ rung, der Ehre und Selbſtachtung, ja ſogar häuslichen Frie⸗ dens— Alles vernichtet, vernichtet! Die ganze Welt ſchien für ihn zertrümmert und was die ſonſtige Qual getäuſchter Hoffnung, vereitelter Liebe und völliger Verzweiflung dop⸗ pelt furchtbar machte, war der Gedanke, daß er den Ruin ſeiner eigenen Zukunft ſelbſt verſchuldet, daß er in der wil⸗ den unſinnigen Wuth gemiſchter Leidenſchaften den frucht⸗ tragenden Baum des Lebens eigenhändig abgehauen, daß er das Feld irdiſcher Erwartungen ſelbſt entwurzelt, umge⸗ pflügt und mit Salz beſtreut und für des Herzens Sehn⸗ ſucht nichts übrig gelaſſen habe als den Frieden des Todes — den Schlummer des Grabes. So waren die erſten ſchwarzen Schreckensgedanken, die ihn in ſeiner Einſamkeit überfielen. Sie hielten noch an, während der Kerkerdiener Nachteſſen und Wein, Schreib⸗ materialien, Wachslichter und was nur ein Gefängniß luxu⸗ riös machen konnte, herbeibrachte— ja ſogar noch während der Mann mit ihm ſprach und er ihm antwortete: mechaniſch verrichtete der Körper ſeine Funktionen, während der Wille weit, weit weg war. Als endlich die ſchwere Thüre für die Nacht geſchloſſen und verriegelt war, ſetzte er ſich nieder, um nachzudenken. An⸗ fmmd war Alles baare Finſterniß— eine ſternenloſe Nacht; 1 —— 46⁷ allmälig begann ein bleiches ſchwaches Flimmern, die Mor⸗ genröthe erneuter Hoffnung in dem zweifelhaften Zwielicht emporzudämmern. „Wird ſie mich dennoch lieben?“ fragte er ſich.„Wohl hoͤrte ich von der tiefen Hingebung des Weibs, welche Tod und Schande, Hohn und Verachtung Trotz bietet, welche fortdauert, während ſie verdammt und ſich an den Verbre⸗ cher anklammert, während ſie das Verbrechen verabſcheut. Wenn es je ein Weſen gab, das alſo lieben konnte, ſo iſt ſie es. Ich will ihr ſchreiben, will ſie auf die Probe ſtellen. Iſt ihre Liebe ſtegreich, dann bleibt mir noch immer etwas, wofür ich leben und kämpfen darf. Es iſt ſonderbar: ſo lange ich kein ſolches Gefuͤhl in meiner Bruſt hatte, ſo lange die leichtſinnigen Freuden der Welt, die Thorheiten, die Ei⸗ telkeiten und Laſter dieſer Erde mit ihrem falſchen Tande jeden anderen Gedanken überwogen, hielt ich das Leben nie einer Anſtrengung für unwerth, ich war gefaßt, bis auf's Aeußerſte dafür zu kämpfen— und jetzt, da höhere Abſichten mir vor Augen ſtehen, da edlere Zwecke mich anfeuern, jetzt fühle ich mich beim erſten Schlage niedergeworfen, entmu⸗ thigt und verzweifelnd, während mir noch manche Ausſicht übrig bleibt.— Ich will ihr ſchreiben, will noch ein Ziel für mein Leben oder vielleicht einen Troſt im Tode zu retten ſuchen.“ Er ſetzte ſich an den Tiſch, nahm Papier und Feder; doch unzaͤhlige Schwierigkeiten boten ſich ihm im Anfang. Er wollte erſt überlegen, was er ſagen ſollte; bald wurde er aber ungeduldig und murmelte:„laß das Herz reden. 30* 468 „Mitten in meiner Angſt(faſt hätte ich geſagt— Ver⸗ zweiflung) wende ich mich an meine einzige Hoffnung, um einen Strahl von Troſt zu gewinnen. Schriftlich vermag ich nichts zu erläutern, nichts zu erklären— und doch, wie darf ich's wagen, Dich zu einem Beſuche in meinem Ge⸗ fängniſſe einzuladen? Welche Entſchuldigungen vermag ich für ſolche Bitte anzuführen— welche andere, als daß ich nicht zu Dir kann? Rings um mich ſind ſtarke Mauern, Gitter an meinen Fenſtern, Schlöſſer und Riegel an meiner Thüre. Und doch habe ich Dir ſo Vieles zu ſagen, Käth⸗ chen— mein eigenſtes Käthchen. Wohl darf ich Dich ſo nennen; denn Dein Geiſt hatte neues Leben in mich gegoſ⸗ ſen, Deine Liebe war der Stern geworden, der mich zur Ehre führen ſollte, die Hoffnung auf Deinen Beifall war die Leuchte, die mich zu allem Hohen und Guten hinanlei⸗ tete. Eine Wolke hat ſie für jetzt verfinſtert, ein Nebel ſie verdüſtert. Du allein kannſt das Licht von Neuem anzün⸗ den. Komm zu mir— nur auf wenige kurze Minuten, wenn Du mich noch lieben kannſt. Gib mir Rath, gib mir Hoffnung, gib mir Stärke. Ich habe Dir auch einige Nach⸗ richten mitzutheilen; doch deßhalb iſt Dein Beſuch nicht erforderlich, ich kann Dir darüber ſchreiben, wenn Liebe, Mitleid, wenn das Gedächtniß alles Deſſen, was Du mir gewährteſt, Dich nicht beſtimmt, meine Bitte— vielleicht die letzte— zu erhören. Bis in den Tod Dein Henry Lutwich.“ ——. 469 Zweinnddreißigſtes Kapitel. Wie der Leſer ohne Zweifel bemerkt hat, waren etwas über vierzehn Tage verfloſſen, ſeit Major Brandrum und Reginald Lisle mit Sir Theodor Broughton und ſeinem Freunde Frederick Fitzgerald, Esquire— beſſer bekannt nn⸗ ter dem Namen Rauſbold Freddy Fitzgerald— zuſammen⸗ getroffen und durch Doktor Gamble's und Kapitän Dono⸗ van's gelegene Dazwiſchenkunft in ihren feindſeligen Ab⸗ ſichten geſtört worden waren. Die Geſchichte der einen der ſtreitenden Parteien iſt hinlänglich bekannt; die der anderen aber hat pauſirt, ſeit wir Sir Theodor nach einer intereſ⸗ ſanten Unterredung mit jener bewundernswerthen Perſon, genannt Ben Pflugſchaar— mit Doktor Gamble in ſeinem Gaſthofe gelaſſen haben. Dieſe Geſchichte müſſen wir nun nothwendig wieder aufnehmen, wiewohl ich ſie aus verſchie⸗ denen Rückſichten nur leicht ſkizziren werde. Da muß ich denn erſtens bemerken, daß er es weit ſchwerer fand, ſich von Mr. Fitzgerald's Freundſchaft los zu machen, als ihm deren Erwerbung geworden war. In ei⸗ nem Falle der Noth, wie in dem zwiſchen ihm ſelbſt und Major Brandrum ſchloß ſich Sir Theodor natürlich an den erſten Beſten, der ihm ſeinen Beiſtand anbot, war aber dabei hellſichtig genug, um zu erkennen, daß ſein neugefun⸗ dener Freund mit Degen und Piſtolen raſcher bei der Hand war, als ſogar die ſchlimmen Gewohnheiten einer Geſell⸗ ſchaft wie der unſeren— dieſem ſonderbaren Miſchmaſche von Civiliſation und Barbarei— verlangten. Alles was 470 Fitzgerald in der Sache zu wünſchen oder zu bezwecken ſchien war, daß Sir Theodor den Major Brandrum oder dieſer jenen erſchöſſe— welchen von Beiden dies träfe, daran ſchien ihm gar wenig zu liegen.— Dabei darf jedoch der Leſer nicht glauben, daß er ir⸗ gend von einem perſönlichen Gefühle geleitet wurde: im Gegentheil, ſeine Triebfeder war einzig und allein die reine uneigennützige Liebe des Blutvergießens und er handelte ganz philanthropiſch in der feſten Ueberzeugung, daß es in abstracto für das Menſchengeſchlecht am beſten ſey, wenn zwei ſeiner Glieder ſich ſtreiten, daß eines derſelben erſchoſ⸗ ſen oder durch den Leib gerannt werde. Wir haben dieſe Art von Philoſophie noch nicht ganz abgelegt; doch iſt ſie allerdings nicht mehr ſo populär wie früher. Wenn er jedoch ſein volles Genüge an Raufen und Duelliren auch nicht haben konnte, ſo gedachte er wenigſtens die guten Dinge, die in der Regel des jungen Baronets Ta⸗ fel erheiterten, im Vollauf zu genießen, und präſentirte ſich deßhhalb noch am ſelben Tage kaum einige Minuten vor der Mittagszeit, um über die Vorfälle des heutigen Morgens zu plaudern. Da der Tiſch ſchon gedeckt war, ſo glaubte Sir Theodor trotz einer Grimaſſe von Seiten Doktor Gam⸗ ble's eine Einladung nicht umgehen zu können und Mr. Fitzgerald ſaß bald an der wohlbeſetzten Tafel. Doktor Gamble behandelte er mit unverſtellter Verachtung als nicht kombattantes Glied der Körperſchaft; gegen Sir Theodor aber bewies er großen Reſpekt, ſowohl wegen der bezeug⸗ ten Fechtereigenſchaften, als nicht minder aus Anerkennung — ͤ 471 der Vortrefflichkeit der Suppe, der Fiſche, des Geflügels und ſonſtiger Raritäten. Nachdem er eine ziemliche Portion Wein zu ſich ge⸗ genommen und Doktor Gamble das Zimmer auf etliche Minuten verlaſſen hatte, ſtieg ſeine Aufmerkſamkeit für Sir Theodor zu einem ſolchen Grade der Begeiſterung, daß er ihm noch einmal ſeine Dienſte anbot, um Major Brandrum ausfindig zu machen und ihn durch bewegende Gründe zu einem zweiten Duelle zu nöthigen, wobei er ſich anheiſchig machte, die ganze Sache ſo geſchickt und fein einzufädeln, daß jeder zweiten Unterbrechung vorgebeugt würde. Er ſchien in der That zu glauben, Sir Theodor müſſe dies noth⸗ wendig als die größte Gunſt von der Welt betrachten, und der junge Edelmann war nicht wenig verlegen, wie er ihm begreiflich machen ſollte, daß ſeine Vorliebe für ſolche Mor⸗ genexercitien mit der des Irländers nicht gleichen Schritt hielt. Schon der bloße Verſuch ihm ſolches zu erklären, hätte ihn vielleicht Mr. Fitzgerald's Freundſchaft gekoſtet, wenn nicht Wein und Tafel Letztern ſehr anhänglich gemacht hätten. Der junge Baronet wünſchte gleichwohl dringend ſeiner los zu werden, und Doktor Gamble's verlängerte Abweſen⸗ heit, die ihn den zärtlichen Bemühungen dieſes Gentle⸗ mans völlig überließ, war ihm nicht wenig mißfällig. End⸗ lich erſchien der Doktor und einige Minuten ſpäter meldete der Kellner, daß Jemand mit Mr. Fitzgerald zu ſprechen wünſche. Dieſer verließ das Zimmer mit einem Blicke der Beſtürzung, Hut und Stock mit ſich nehmend, erſchien aber 472 nicht wieder und ließ Sir Theodor blos ſagen, er werde ihm ein andermal wieder aufwarten. „Drolliger Kerl!“ meinte Sir Theodor;„was kann das zu bedeuten haben, Doktor?“ „Nichts als einen freundſchaftlichen Wink eines Bow⸗ ſtreetbeamten,“ verſetzte Gamble trocken;„der Menſch iſt eine wahre Peſt, mein junger Freund, und wir mußten ſeiner los werden. Glaubt mir, das Leben iſt ein gar angenehmes Ding und zu ganz anderen Dingen als Klopffechtereien ge⸗ macht. Kommt, laßt uns nach Vauxhall gehen: Ihr wer⸗ det dort beſſere Unterhaltung finden, als Meiſter Fitzgerald ſie Euch verſchaffen würde.“ Sir Theodor Broughton war, offen geſtanden, herzlich froh, der Gegenwart dieſes heißgeliebten Sekundanten ent⸗ hoben zu ſeyn, obwohl die Art, wie dies bewirkt worden, ihm nicht ſonderlich gefiel. Nichtsdeſtoweniger peinigte ihn die Erinnerung an jene herzhafte Tracht Peitſchenhiebe weit mehr als ſeinen edlen Erzieher, den würdigen Doktor Gamble. Vielleicht daß er weniger an eine ſolche Opera⸗ tionen gewöhnt war; aber wie dies nicht ſelten geſchieht, ein großer Theil ſeines Zorns richtete ſich von dem unmittel⸗ baren Züchtiger auf denjenigen, den er für den Anrather 3 oder auf alle Fälle als die nächſte Veranlaſſung der Strafe betrachtete. Major Brandrum haßte er ſehr, aber Oberſt Lutwich doch noch weit mehr, und wenn auch ſein mürriſcher, verſchloſſener Charakter ſogar gegen Doktor Gamble nur ſelten eine offene, freiwillige Mittheilung geſtattete, ſo ließ er doch mehr als einmal ſeine Gefühle in kurzen, alsbald —— 473 abgebrochenen Phraſen ausſtrömen, welche dem ehrlichen Hofmeiſter Veranlaſſung zu längeren Erwiederungen und ein Mittel an die Hand gaben, dem Herzen ſeines Mündels noch mehr von deſſen geheimen Empfindungen zu entlocken. So geſchah es auch auf ihrem Wege nach Vauxhall: nach kurzer Pauſe, während deren Sir Theodor mit Betrach⸗ ten der Lichter und Gebäude, an denen ſie vorüberkamen, be⸗ ſchäftigt ſchien, brach er plötzlich zum Zeichen deſſen, was wirklich in ſeinen Gedanken vorging, in die Worte aus: „Ich kann nicht anders glauben, Doktor, als daß dieſer Lutwich unſer damaliges Morgengeſpräch in meinem Zim⸗ mer mitangehört haben muß. Es ſchlief Jemand nebenan, und die Scheidewand muß nur dünn geweſen ſeyn, denn ich hörte noch Jemand ſich herumbewegen, nachdem ich zu Bett gegangen war.“ „Das iſt ſehr wahrſcheinlich,“ erwiederte Gamble;„ich könnte ſonſt nicht begreifen, wie er es anders auszuſpüren vermochte, denn Hargrave theilten wir ſo wenig mit, daß er Euch nicht verrathen konnte. Was gedenkt Ihr aber zu thun, nachdem Ihr dieſen Poſtjungen geſprochen? Wenn er auch gegen Lutwich angibt, ſo wird es Euch doch nichts nützen, wenn nicht—“ „Ich laſſe ihn hängen, wenn ich kann,“ verſetzte der Andere düſter.„Was brauchte er ſich in meine Angelegen⸗ heiten zu miſchen? Wenn ich ihn dafür nicht an den Gal⸗ gen bringe, ſo thu' ich's doch wegen etwas Anderem, wenn ich's vermag.“ „Vielleicht iſt er ſelbſt in das Maädchen verliebt,“ 474 meinte Doktor Gamble, indem er Sir Theodor bei'm Scheine einer in den Wagen leuchtenden Kugellaterne be⸗ trachtete. Der junge Baronet fuhr zuſammen, wie wenn er einen plötzlichen Stich empfände, ſchwieg aber mehrere Minuten, bis Doktor Gamble endlich fortfuhr: „Ich möchte beinahe glauben, Sir Theodor, daß es beſſer wäre, wenn Ihr die ganze Sache aufgäbet. Ihr könntet mehr Schwierigkeiten dabei finden, als wir Beide für jetzt vorausſehen. Das Mädchen iſt wohl beſchützt, es müßte denn—“ Ein ungeduldiger Ausruf des jungen Baronets unter⸗ brach ihn und Sir Theodor erwiederte: „Ich verſichere Euch, Schwierigkeiten ſollen mich nicht abhalten. Was Ihr ſagt, mag wahr ſeyn— er iſt gewiß in ſie verliebt. Ich erinnere mich, wie er ſich zu Dunſtable ihrer annahm— ich habe früher nie daran gedacht; und ſie liebt vielleicht auch ihn.“ Hier ſchwieg er eine Weile in düſterem Nachdenken, bis er endlich fragte: „Was meintet Ihr vorhin mit Eurem„Es müßte denn,“ worauf Ihr kurz abbrachet?“ „Hm, ich meinte blos, ich ſehe im Ganzen nicht ein, was Euch der Verkehr mit dieſem Poſtjungen, dieſem Gal⸗ genholz⸗Billy nützen ſoll, wenn er Euch nicht ſo oder an⸗ ders in Eurer zarten Bewerbung und Verfolgung des hüb⸗ ichen Käthchens weiter förderte.“ „Vielleicht doch,“ meinte Sir Theodor,„vielleicht — doch; auf alle Fälle, Doktor, kann ich dieſen Schuft von Lutwich zur Strafe bringen.“ „Er wird nie erfahren, daß Ihr es waret, der ihn alſo züchtigte,“ verſetzte Gamble und wollte eben noch Etwas beifügen, als der junge Baronet ihn mit dem Rufe unter⸗ brach: „O ja, er ſoll beim—!“ „Was ich ſagen wollte,“ fuhr der Hofmeiſter fort,„iſt kurz dieſes, mein theurer junger Freund. Könnt Ihr die Kunde, die Ihr erlangt, irgendwie zur Eroberung der Dame benützen— gut; wenn nicht— ſo möchte ich mich lieber gar nicht mit dem armen Teufel befaſſen. Ihn aufzuhän⸗ gen, wird Euch doch nichts nützen.“ „Ihr ſeyd ja mächtig verſöhnlich,“ höhnte der junge Mann;„vielleicht kann es aber doch zu meinem Vortheil ausſchlagen.“. „Das glaub ich nicht,“ verſetzte Doktor Gamble.„Käth⸗ chen kann wohl eine Vorliebe für den Mann haben; aber es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ſie Eure Geliebte werden möchte, um ihm das Leben zu retten. Ja, wenn Ihr ihr die Ehe anbötet, dann wäre es etwas Anderes. Den Weibern iſt's in der Regel ziemlich gleichgültig, wen ſie heirathen, und ſo nehmen ſie den Nächſten, der ſie wohl zu halten ver⸗ ſpricht.“ „Dann will ich ſie heirathen,“ betheuerte Sir Theo⸗ dor ſcharf. 3 Das war ein Schluß, wie ihn Doktor Gamble nicht erwartet hatte und noch weniger wünſchen konnte. Der 476 Hofmeiſter eines verheiratheten Mannes zu ſeyn, war kei⸗ neswegs das Amt, das ihm zuſagte, auch wenn es nicht ganz ungewöhnlich geweſen wäre, und während des Reſts ihrer Fahrt nach Vaurhall überlegte er in ſeinem Geiſte die verſchiedenen auf die vorliegende Frage ſich beziehenden Geſichtspunkte in ſeiner und Sir Thedodors Lage. Er kannte ſeines Mündels Charakter ſehr genau und wußte, daß jeder Widerſtand ihn in ſeinem Beſchluſſe nur beſtärken und den Erzieher um ſeinen Einfluß bringen würde. Wollte er auf der andern Seite einen Plan unterſtützen, der eine Heirath mit Käthchen Malcolm zu Stande bringen konnte, ſo mußte dies bei Kapitän Donovan ſeine augenblickliche Entlaſſung zur Folge haben. Die ſchlimmeren Abſichten, welche er und ſein Mündel anfangs gegen ſie im Sinne ge⸗ habt, noch ferner zu verfolgen, erkannte er nunmehr, da ſie von ſo vielen Perſonen von Rang, Macht und Weltkennt⸗ niß beſchützt war, als völlig fruchtlos; man muß ſich näm⸗ lich erinnern, daß Käthchen damals noch unter Lady Cheve⸗ nir' Obhut ſtand, und daß Major Brandrum und Kapitän Lisle ſich noch in Großbritannien befanden. Doktor Gamble war nicht wenig in Verlegenheit; der einzige Plan, den er erſinnen konnte, war der, ſeinen Mün⸗ del dadurch von dieſer Leidenſchaft abzuleiten, daß er ihn nicht allein in die Genüſſe, ſondern auch in die Ausſchwei⸗ fungen der Hauptſtadt ſo tief wie moglich verſenkte.„Er iſt jung, unerfahren, voller Leidenſchaften,“ dachte Gamble, „und es gibt Nymphen genug, die ihn nach kurzer Unterwei⸗ ſung auf einige Monate an ihr Schürzenbandknüpfen werden.“ 477 Ich darf dieſe Betrachtungen nicht weiter verfolgen, noch weniger aber zu ſchildern verſuchen, was während der nächſten Woche vor ſich ging. Es wird genügen, wenn ich ſage, daß Sir Theodor in die verſchiedenen Myſterien der Verſchwendung, woran London damals ſo gut wie jetzt Ue⸗ berfluß hatte, ſehr raſch eingeweiht wurde, und daß ſeine blühende Geſichtsfarbe gar bald unter den nächtlichen Aus⸗ ſchweifungen verſchwand, während Schwäche und Müdigkeit ſich ſeiner Glieder bemächtigte. Doktor Gamble ſogar wurde einigermaßen beunruhigt über die Fortſchritte, die ſein Zög⸗ ling im Laſter gemacht, tröſtete ſich aber mit dem trügeri⸗ ſchen Glauben, daß jene„Knabenleidenſchaft“ für Käthchen Malcolm gänzlich erſtorben ſey. Ich muß einen Augenblick pauſtren, um einen Blick in die Seele des jungen Mannes ſelber zu werfen, denn was dort vorging, iſt nicht ohne Intereſſe. Was waren nun die Empfindungen Sir Theodor Broughton's, als er nach Verlauf von acht Tagen länger als eine halbe Stunde nach dem Erwachen erhitzt, fieberiſch und aufgeregt zu Bette lag, viel zu ſchwach und ermüdet, um ſich mit der Elaſti⸗ cität der Jugend und der feurigen Erwartung friſchen Ge⸗ nuſſes, wie er ſie noch kurze Zeit zuvor gekannt hatte, erhe⸗ ben zu können. Er war gemüthskrank, ſeiner eigenen Hand⸗ lungen überdrüſſig, verächtlich und entartet in ſeinen eigenen Augen. So viel wenigſtens von der Erkenntniß des Rech⸗ ten und Unrechten war ihm übrig geblieben, und wäre ein Warner und Rathgeber, den er hätte achten können, in der 478 Nähe geweſen, ſo wäre vielleicht ein Umſchwung zum Beſ⸗ ſeren bei ihm eingetreten. Ich ſage vielleicht, denn ich will zugeben, daß es ſehr zweifelhaft war. Er wußte nichts von einem auf rich⸗ tige Principien gegründeten Entſchluſſe, der ſein weiſeres oder beſſeres Ich geſtärkt hätte. Er beſchloß zwar ſeine Lebensweiſe in gewiſſem Grade zu ändern; aber der Be⸗ weggrund blieb durchaus ſelbſtſüchtig: er wollte mäßiger ſeyn, aber nur weil er fühlte, daß Exceſſe ihn ſchwächten und ihm ſchadeten. An Enthaltſamkeit dachte er nicht, noch weniger daran, daß er ſich des Laſters angeklagt oder von Buße und Beſſerung geträumt hätte, und er war himmel⸗ weit von jenem Vergeſſen ſeiner Abſichten entfernt, wie Doktor Gamble es ihm zuſchrieb. Mitten in all' den wil⸗ den Scenen der Ausſchweifung, in die er verſunken war, hatte er ſich oft gewundert, warum der Poſtjunge von St. Albans nie zum Vorſchein kam und hatte in ſeinen Gedan⸗ ken manchen Plan entworfen, wie er ſeine Zwecke verfolgen wollte, ohne ſich länger ſeinem unwürdigen Hofmeiſter an⸗ zuvertrauen. Allein Gamble's Beiſtand ſchien ihm bei all' ſeinen Planen unentbehrlich: wußte er ja nicht einmal, wie er den Mann Namens Ben Pflugſchaar ohne ſeine Hülfe auftreiben ſollte. In dieſer Noth wendete er ſich an einen Zweiten, der kaum weniger ſchlimm war als der Andere: Hargrave war jedoch nicht wenig finſter und verſchloſſen geworden und es gelang Sir Theodor nur mit der größten Mühe, ihn über⸗ haupt zum Sprechen zu bringen. 479 „Ei Sir, ich mag mich auch nicht ſchelten laſſen, wenn ich mein Beſtes thue, um Euch zu gefallen,“ brummte der Mann,„und da Doktor Gamble Eure Angelegenheiten in ſeine Hand genommen, ſo wollte ich lieber, Ihr früget ihn über Das, was Ihr wiſſen wollt. Verhüte der Himmel, daß ich je beſchuldigt werden ſollte, Euch irre geleitet zu haben! Wir ſind allzumal ſchwache ſündhafte Ge⸗ ſchöpfe und fallen nur gar zu gerne, wenn wir nach unſerer eigenen Einſicht handeln. Ich hatte vielleicht ſehr Unrecht, als ich meinem irdiſchen Gebieter mehr als meinem himm⸗ liſchen zu gefallen wünſchte; war ich aber im Unrecht, ſo war es Doktor Gamble noch mehr, und ich glaube nicht einmal, daß er Euch um ein Haar beſſer diente als ich.“ Dieſe Heuchelei war jedoch Sir Theodor noch weit mehr zuwider geworden als ſelbſt Doktor Gamble's unver⸗ huͤllte Sittenloſigkeit, und er wollte ihn eben mit ſcharfen Worten entlaſſen, als Hargrave einige Worte fallen ließ, welche das Anſehen der Dinge änderten. „Natürlich wißt Ihr, Sir, wo die junge Dame iſt,“ ſagte er nach augenblicklicher Pauſe. „Nein— wo iſt ſie?“ fragte Sir Theodor augenblick⸗ lich dieſe Worte auffaſſend. Der Mann erhob neue Schwierigkeiten und ſtellte ſich, als ob er über das Ausſchwatzen ſeines Geheimniſſes halb und halb erſchrocken wäre; endlich aber brachte Sir Theo⸗ dor ſo viel aus ihm heraus, wie er mit Oberſt Lutwichs Diener, dem alten Joſef, zuſammengetroffen ſey und von ihm erfahren habe, daß Miß Malcolm ſich nunmehr in dem 480 Hauſe von Kapitän Lisle's Mutter befinde. Er ſah ſeines Gebieters Augen bei dieſen Worten aufleuchten und fuhr mit einer Art boshafter Freude fort: „Wie ich höre, ſoll ſte dort bleiben, Sir, bis ſie ſich mit Oberſt Lutwich vermählt.“ Es koſtete den jungen Baronet eine gewaltige Anſtren⸗ gung, um ſeine Erſchütterung zu verbergen; aber es gelang ihm, ſie ſogar vor den ſcharfen Augen des Heuchlers zu ver⸗ hehlen und im weiteren Geſpräche noch ferner zu erfahren, daß Kapitän Lisle und Major Brandrum von London ab⸗ weſend und daß Lutwich ſelbſt vor einigen Tagen nach York⸗ ſhire abgereist ſey.. Der Aufruhr wilder Wünſche und undeutlicher Plane, der nach Hargrave's Abgange in Sir Theodor's Seele aus⸗ brach, iſt unbeſchreiblich; nach einer halben Stunde wirren Nachdenkens gelangte er jedoch zu dem verdrießlichen Schluſſe, daß er ohne den Beiſtand ſeines Hofmeiſters nichts auszu⸗ führen vermöge. „Ich muß mit ihm reden,“ dachte er;„aber ich muß ihn lehren, daß ich meinen eigenen Weg gehen will und daß er ſich täuſchen und es ſicherlich bereuen würde, wenn er abermals verſuchen ſollte, mich jetzt durch Liſt zu meiſtern, wie er mich einſt durch Gewalt gemeiſtert hat.“ Zu ſeiner Ueberraſchung entdeckte er übrigens, daß Gamble diesmal die Offenheit und Gefälligkeit ſelber war. „Ich hatte gewünſcht, mein theurer Sir Theodor, Euch über dieſe Leidenſchaft wegzubringen,“ bemerkte der Hofmeiſter;„wenn das aber nicht möglich iſt, ſo koͤnnen wir f„ — 481 es nicht verhindern. Ich muß nur eine Bedingung ma⸗ chen, nämlich— mit einer wirklichen Heirath will ich nichts zu ſchaffen haben. In Eurem Alter iſt ſo etwas höchſt ungeſchickt; es würde mich dem größten Unwillen Eures Vormunds ausſetzen; Ihr würdet es ſelbſt bereuen, noch ehe ein Jahr vorüber wäre und würdet mir Vorwürfe ma⸗ chen, daß ich Euch dazu verholfen habe. In allem Andern dürft Ihr nur über mich verfügen.“ Er hatte wohlweislich auf das Wort„wirklich“ großen Nachdruck gelegt und ſein Mündel verfehlte nicht dies zu bemerken und eine Erklärung zu fordern. Dieſe war bald gegeben, und als Doktor Gamble ein ziemlich eyniſches, aber nicht weniger freudiges Lächeln in der Miene ſeines Zuhö⸗ rers gewahrte, erhob er ſich luſtig von ſeinem Stuhle und fuhr fort: „Und nun, Sir Theodor, laßt uns die Pferde beſtellen und nach St. Albans reiten. Die Landluft und ein neues Leben werden Euch gut thun, denn ehrlich geſtanden, ich glaube, Ihr habt für einen ſo jungen Mann etwas zu viel Segel eingeſetzt, wie die Seeleute zu ſagen pflegen. Ich habe Euch nicht widerſprochen, weil ich glaube, daß viel ächte Philoſophie in dem Verfahren der Zuckerbäcker liegt, welche einen neuen Zögling ſo viel Süßigkeiten als er will verzehren laſſen, da ſie wohl wiſſen, daß das Uebermaß der beſte Lehrmeiſter der Mäßigung iſt.“ Sir Theodor war mit dem Bilde keineswegs zufrieden, gab aber keine Antwort, und ſo wurden die Pferde beſtellt. James. Th. Broughton. 31 48² Dreiunddreißigſtes Kapitel. Nur wenige Bühnenſcenen und nur eine einzige Mar⸗ morgruppe— ich meine die berühmte der Niobe— hätten ein ſo ſchönes Gemälde tiefen Grames darſtellen können, als die beiden lieblichen Mädchen, welche Mrs. Lisle ſo plötzlich verlaſſen hatte, in dem Augenblicke darboten, als der Arzt die Worte:„Sie ruht im Frieden!“ ausſprach. Louiſa fuhr zurück und ſchaute ihm ſchreckenbleich in's Ge⸗ ſicht, während ſich Käthchen näher an ihre arme Freundin drängte und deren Arm mit ihren ſchönen Fingern umfaßte, als ob ſie eine Ohnmacht bei der Waiſe befürchtete. Die Eine, ohltehin immer bleich, war jetzt weiß wie Alabaſter, und wenn die Andere auch noch etwas Farbe behalten hatte, ſo war ſie doch kaum noch, der blaſſen Röthe im Innern der kleinen indianiſchen Muſcheln vergleichbar. Beide ſchwie⸗ gen, und ihre feinen Geſichtszüge zeigten jenen leiſen aber Alles verändernden Uebergang, der bei der unbedeutendſten Veränderung der Form den Ausdruck der Freude plötzlich in den des Kummers oder der Verzweiflung umwandelt. „Ach nein, nein!“ rief Louiſe endlich;„ſagt das nicht — ſie iſt nicht, ſie kann nicht verſchieden ſeyn— ſie iſt nur ohnmächtig.“ Der Arzt ſchüttelte bekümmert den Kopf und ſuchte das arme Mädchen ſanft aus dem Zimmer zu führen; aber mit wilder Haſt eltte ſie zuruck, ſchlang ihre Arme um der Mutter Nacken und brach in einen Strom von Thränen aus 483 Die Wange, auf welcher ihre eigene ruhte, war bereits kalt wie Marmor; kein Athem bewegte ihre Lippen, und Louiſa fühlte, daß der Arzt nur allzuwahr geſprochen, und daß ſie nun völlig verwaist war. „Ihr thätet beſſer, ſie fortzuführen,“ ermahnte der Arzt, in leiſem Tone mit Käthchen redend;„es ſcheint ſie völlig überraſcht zu haben. Ich wundere mich, daß Mrs. Lisle ſie nicht einigermaßen auf ein ſolches Ereigniß vorbe⸗ reitete.“ „War es denn zu erwarten?“ fragte Käthchen ihre Thränen abtrocknend. „Ei freilich,“ erwiederte der Doktor;„ſie litt ſchon ſeit mehreren Jahren an einer Herzkrankheit, und wußte wohl, daß ſie bei raſcher Aufregung oder unvermuthetem Kummer plötzlich ſterben würde.“ „Und heute hat ſie beides gehabt,“ ſeufzte Käthchen vor ſich hin.„Mein trauriges Loos trifft Alle, welche gegen mich freundlich ſind.“ „Bewegt ſie dazu, daß ſie ſich entfernt,“ bat der Arzt. Aber Käthchen konnte ſich nicht hiezu entſchließen; ſie erinnerte ſich, was ſie ſelbſt empfunden hatte und wußte, daß ſolche Thraͤnen des Herzens beſte Erleichterung ſind. Ein alter Diener der Familie näherte ſich jedoch dem jungen Fräulein und nahm ihren Arm, indem er ihr zuflüſterte: „Kommt, Miß Louiſa, kommt! Ihr müßt nach Gurem Bruder ſenden und da iſt keine Zeit zu verlieren.“ Das war ein glücklicher Gedanke: Louiſa Lisle fuhr 31* 484 vom Bette auf, ſtrich ſich das Haar aus dem Geſicht und erwiederte in wildem Tone:— „Ja, das muß ich— das muß ich. Ach Käthchen!“ Mit dieſen Worten warf ſie ſich an die Bruſt ihrer jungen Freundin. Käthchen Malcolm geleitete ſie oder trug ſie vielmehr ſanft aus dem Sterbezimmer in ein Gemach auf der andern Seite der Treppe, während der Arzt und der alte Diener ihnen folgten. Der Doktor wollte, daß ſie eine Stärkung zu ſich nehme; ſie antwortete jedoch: „Nein, nein— mir wird bald beſſer ſeyn, Mr. Slater. Ach Käthchen! ich kann ihm nicht ſchreiben; ſchreibe ſtatt meiner einige Zeilen an Reginald und ſende ſie nach Briſtol; vielleicht werden ſie ihn noch treffen. Ach theures Käthchen, jetzt kann ich erſt recht für dich empfinden.— Willſt Du ſchreiben?“ „Gewiß,“ erwiederte Miß Malcolm. „Vielleicht iſt es beſſer, wenn ich es thue,“ fiel der Doktor ein.„Auch an Euren Onkel; er iſt glaube ich in Warwikſhire.“ „Ja,“ erwiederte Louiſa mit Kopfnicken;„zuerſt aber an Reginald. Er iſt eben im Begriff nach Amerika abzu⸗ ſegeln.“ „Ich will keinen Augenblick verlieren,“ verſicherte der Doktor. Er ließ ſich Dinte, Feder und Papier geben und ſchrieb raſch einige Zeilen, die er alsbald Mrs. Lisle's Die⸗ ner zur Beſorgung überlieferte und ihm die Auslagen vor⸗ ausbezahlte. 485 Seine Mühe war jedoch umſonſt, denn eine halbe Stunde, ehe der Diener den Hafen erreichte, war das Schiff mit Reginald Lisle und Major Brandrum unter Segel ge⸗ gangen. Für Käthchen Malcolm war es vielleicht beſſer, daß der Kummer ihrer jungen Freundin lange Zeit unvermin⸗ dert andauerte, denn ihre eigene Seelenangſt wurde dadurch, daß ſie Louiſe zu tröſten und zu ſtützen ſuchte, wenn auch nicht aufgehoben, ſo doch in gewiſſem Grade paraliſipt, und die finſtere Schatzkammer der Zukunft ſollte ihr noch manche ſchmerzliche Stunde in raſchem Verlaufe beſcheeren. Dieſe ganze Nacht ſaß ſie neben Louiſens Bette, und der Schlum⸗ mer wollte keine von Beiden heimſuchen. Am Morgen wurde Reginald's Schweſter etwas ruhiger und ſchlief endlich ein, da ihr Bischen Kraft ganz erſchöpft war. Käthchen ſchlich ſich auf ihr eigenes Zimmer. Dort ſetzte ſie ſich nieder, um ſich den ſeither verbannten Gedanken zu überlaſſen. Sie waren vielfältig, wie die Wogen der See und finſter und ſtürmiſch wie dieſe. Ach welche Fragen drängten ſich ihrer Fantaſie bei jeder Wendung auf! Welche Zweifel und Beſorgniſſe, welche nebelhafte Schreckensbilder ſtiegen vor ihrer Seele empor! Es wäre ein endloſes Un⸗ ternehmen, ſie näher ſchildern zu wollen; aber ihre Lippen murmelten zuweilen und ihre leiſen Worte waren wie ein Echo auf gewiſſe andere, welche Lutwich einſt an ſie gerichtet hatte. „Gegen mich war er ohne Fehl,“ ſagte ſie,„gegen mich war er ohne Fehl!“— und mit der echten Liebe des 486 Weibes ſchien ſie ſich nur noch glühender an ihn zu hängen, wenn ſie ihn einſam, troſtlos, verzweifelnd, ſchuldbeladen— ja ſogar ſchuldbeladen— dachte. Denn ſie ſagte immer wieder:„gegen mich war er ohne Fehl,“ und es kam ihr vor, als ob gerade der Mangel eines unſchuldigen Bewußt⸗ ſeyns der Gipfel alles Unglücks, die Krone ſeines ganzen Elendes ſeyn müſſe, was mehr als alles Andere ihren Troſt, ihre Stütze verlange. Sie dachte nicht im Traume daran, ſich ſelbſt zu ſeiner Richterin zu erheben, ihn zu verdammen, oder weit über alle Bußen des Geſetzes dadurch zu beſtrafen, daß ſie ihm zu Allem, deſſen das Geſetz ihn berauben mochte, auch noch ihre Liebe entzog.* Und doch war ſie ſelbſt ſo rein und ſchuldlos, ſo tugend⸗ haft und hochgeſinnt, wie nur ein menſchliches Weſen ſeyn kann; aber ihre Tugend hatte keine Härte an ſich. Hätte ſie ſelbſt etwas Unrechtes empfunden, gewünſcht oder gethan— Niemand hätte ſtrenger darüber geurtheilt; aber nur an ſich ſelbſt nahm ſie ſich das Recht zu richten und zu verdammen. Solche Charaktere mögen ſelten ſeyn, aber ſie exiſtiren wirklich; es mag Thorheit daran haften, aber ihr echtes Chriſtenthum iſt unleugbar. Sie hätte für Jedermann ſo empfunden und gehandelt— wie viel mehr für den Mann, den ſie liebte! Man könnte vielleicht glauben, ſie hätte naturgemäß den bloßen Gedanken ſeiner Schuldbarkeit mit Unwillen und Verachtung von ſich weiſen müſſen, wenn ſie ihn wirklich ſo tief liebte, und in der That fühlte ſie ſich zuweilen dazu geneigt; aber er hatte damals in ſeinem Landhauſe gewiſſe Worte 487 fallen laſſen, die ſich wohl auf ſeine jetzige Lage beziehen konnten, und ſie hatte geſehen, wie er bei'm Erſcheinen der Beamten ſo todtlich erblaßt war. Ich will nicht ſagen, daß dies einen Verdacht in ihr erregte, denn das iſt nicht das rechte Wort für das Gefühl, das ſich ihrer bemächtigte: es war eher Furcht— eine Todesangſt, daß er ſchuldig ſey, daß er überwieſen werden könnte und am Ende die Strafe der Schuldigen zu erleiden hätte, und o! wie tief ſank ihr Muth bei dem Gedanken an das, was folgen würde— in die düſtere furchtbare Zukunft, die ihr wie eine Gewitter⸗ wolke voll Sturm und Zerſtörung vorſchwebte. Sie fühlte, daß es hinreichte, um ſie ſinnlos zu machen, wenn ſie noch länger darüber nachdachte, und doch lag ein fremdartiger, grauenvoller Zauber in dem Schlangenauge des Schickſals, der es ihr unmöglich machte, ſich von der Betrachtung ab⸗ zuwenden, die ihre Gedanken an dieſen einen Gegenſtand feſſelte. So blieb ſie zwei volle Stunden den Kopf auf die Hand geſtützt und die Augen, unempfänglich für ihre ganze Umgebung, auf einen Fleck geheftet, während ihr Geiſt nichts als den ſchwarzen Schatten der Zukunft vor ſich ſah. Endlich trat eine Dienerin in's Zimmer und war nicht wenig betroffen, ſte hier zu ſehen, denn das Mädchen hatte geglaubt, ſie ſey noch immer in Louiſens Gemach. „Ei, Miß!“ rief ſie,„ich wußte nicht, daß Ihr hier ſeyd. Wollt Ihr nicht etwas zum Frühſtück zu Euch nehmen?“ „Wie Du willſt, Betty,“ erwiederte Käthchen.„Deine 488 junge Gebieterin ſchläft hoffentlich noch; ſte war einge⸗ ſchlummert, als ich ſie vor wenigen Minuten verließ.“ Vor wenigen Minuten!— es waren zwei Stunden. Kurz darauf ging ſie in's Wohnzimmer hinab, wo Alles ſie an Mrs. Lisle erinnerte, zu welcher ſie in dem kurzen Zeitraume ihrer Bekanntſchaft große Zuneigung und Verehrung gefaßt hatte. Dieſe Gedanken brachten ihr je⸗ doch keine Erleichterung, nicht einmal die des Wechſels, denn es hieß nur neuen Kummer zu dem alten fügen, und Käth⸗ chen ſetzte ſich weinend nieder. Das Hausmädchen ſtellte das Frühſtück vor ihr auf, und als ſie das arme Käthchen in Thränen ſah, ſuchte ſie ſie zu tröſten; aber wie eitel, wie hart ſogar klangen ihr dieſe Troſtesworte, denn ſie würde ſich gehaßt haben, wenn ſie ſich hätte beruhigen können. Louiſens Glocke erklang und das gab Käthchen einen guten Vorwand, um hinauf⸗ zueilen und das Frühſtück faſt unberührt ſtehen zu laſſen; als ſie nach einer Stunde, die ſie bei ihrer jungen Freundin zugebracht, wieder herabkam, wurde ihr ein Brief über⸗ liefert.. Sie betrachtete die Adreſſe wohl drei Minuten lang, ehe ſie ihn öffnete. Ach wie iſt das friſche Zutrauen der Jugend ſo verſchieden von der kalten eiſigen Furcht der Er⸗ fahrung! Oft wiederholter Kummer pflanzt den Schrecken in die Seele, bis die Welt ein Garten von Beſorgniſſen geworden. Käthchen war noch zu jung für ſolche Erfah⸗ rungen; aber ſie hatte doch ſchon manche Lehre von dem bitteren Leben empfangen und der bloße Anblick einer fremden 489 Handſchrift machte ſte erbeben. Welcher neue Kummer mochte dahinter verborgen liegen? Endlich erbrach ſie das Siegel und las die traurigen Worte, welche ihr Lutwich aus ſeinem Gefängniſſe geſchrie⸗ ben hatte. Sie fragte ſich nicht, was ſie thun ſollte, denn ſie beſchloß alsbald zu gehen, dachte aber zu gleicher Zeit, die Billigkeit verlange, Louiſen Alles zu ſagen. Außer ihr hatte ſie ja Niemand, dem ſie es mittheilen, mit dem ſie ſich berathen konnte, und wenn ſie auch lange gewöhnt worden war, für ſich ſelbſt und ſogar für ihren Vater zu handeln, ſo war dies doch ein neuer Fall, und ſie bebte immer vor dem erſten Schritte. Mit Louiſen, meinte ſie, müßte ſie ſprechen; aber die Aufgabe war dennoch nicht leicht; erſtlich mochte ſie ihrer von eigenem Kummer ganz überwältigten Freundin keine fremden Gedanken aufdrängen, und dann hatte ſie ihre Liebe und ihr Gelöbniß vor einem Ohre zu enthüllen, das, wie ſie glaubte, hierauf ganz unvorberei⸗ tet war. Das arme Käthchen zogerte und verſchob es eine Weile; ſte las den Brief immer wieder von Neuem, wollte ihren Entſchluß ausführen und ſcheute ſich gleichwohl vor dem Unternehmen. So wurde es allgemach Abend, ehe ſie ſich entſchließen konnte, ſich ihrer Freundin zu enthüllen. End⸗ lich ſich ſelbſt der Schwäche anklagend, ging ſie auf Louiſens Zimmer und fand dieſe zu ihrem großen Troſte ſehr beru⸗ higt. Sie hatte einen Brief vor ſich und mußte geweint haben, doch waren ihre Augen jetzt trocken, und ſie blickte beinahe heiter auf, als Käthchen eintrat. 490 „Das iſt von meiner theuren Mutter,“ ſagte ſie;„es kommt mir vor, Käthchen, wie eine Botſchaft von ihr aus dem Himmel. Mrs. Jones fand es in ihrer Kommode und brachte es mir. Ach theures Käthchen, Mamma war auf ihren Tod völlig gefaßt und ſchrieb dies vor drei oder vier Monaten, um mich zu tröſten, wenn ſie dahingegangen wäre. Lies dieſes da.“ Käthchen nahm das Schreiben und las die paar Schluß⸗ zeilen, auf welche Louiſa hindeutete. „Gib alſo nicht dem Kummer nach, mein theures Kind,“ ſo lauteten jene Worte,„denn der einzige Todes⸗ ſchmerz für mich iſt der, daß ich von Dir und Deinem theu⸗ ren Bruder ſcheide; wenn ich jedoch bedenke, wie kurze Zeit wir getrennt und wie glücklich wir bei unſerem Wiederſehen ſeyn werden, ſo fühle ich ſogar dieſen Kummer ſehr beſänf⸗ tigt. Ich bin ſchwach genug, um mich darüber zu freuen, daß der Tod mich ohne körperliche Leiden heimſuchen wird, denn ich will geſtehen, daß ich die leibliche Qual langen Siechthums immer zu viel gefürchtet habe, und ich weiß⸗ mein theures Kind, daß es Dir ein Troſt ſeyn wird zu er⸗ fahren, daß ich ohne Schmerz aus dem Leben gegangen bin. Es wird für Dich ein ſchwerer Schlag ſeyn, und ich habe oft bei mir überlegt, ob es nicht beſſer wäre, Deine Seele darauf vorzubereiten und Dir zu ſagen, welches voraus⸗ ſichtlich das Ende meiner irdiſchen Laufbahn ſeyn wird. Ich hoffe jedoch weiſe zu handeln, indem ich dies unterlaſſe. Ich thue es, weil ich bei der Unſicherheit jenes Zeitpunktes nur Monate und ſogar Jahre ſtündlicher Furcht und tiefer 491 Herzensangſt über Dich verhängen würde, ohne daß Du etwas thun könnteſt, um die Zeit der Trennung hinauszu⸗ ſchieben. So lebe wohl, mein geliebtes Kind; gräme Dich nicht mehr um mich, als die Natur Dir es auferlegt. Deine Mutter hat Dir ihre Liebe durch die Lehren bewieſen, die ſie Dir ertheilt hat, und Du— deſſen bin ich gewiß— wirſt Deine Liebe zu ihr dadurch bewähren, daß Du ſie wohl im Gedächtniſſe behältſt. Stärke, Wohlwollen, Wahrhaf⸗ tigkeit ſind gleich nothwendig in dieſer Welt und weiſen alle nach jener andern, wohin ich gehe. Lebe wohl, bis wir uns im Himmel wieder begegnen.“ Die Thränen ſtiegen abermals in Käthchen Malcoms Augen; allein ſie fühlte, daß ein ſolcher Brief in der That ein Troſt war, und wenn ſie ihn mit ihrem eigenen verglich, ſo war ihr, als ob Louiſens Trübſal leichter als die ihrige ſeyn müſſe. Dies gab ihr Muth zu reden, und nach we⸗ nigen einleitenden Worten über die Todte, begann ſie: „Es betrübt mich ſehr, theure Louiſe, Dich heute Abend auf einige Stunden verlaſſen zu müſſen; ich habe eine trau⸗ rige Pflicht zu erfüllen und weiß nicht, wie ich ſie Dir er⸗ klären oder vielmehr, wie ich mit der Erklärung beginnen ſoll. Lies dieſen Brief; er wird mir vielleicht einige pein⸗ liche Worte erſparen,“ indem ſie das empfangene Billet mit glühender Wange der Freundin vorlegte. Ehe Louiſe es betrachtete, richtete ſie ihre ernſten Blicke auf Käthchens Antlitz und ſagte in leiſem weichem Tone: „Das Weitere kann ich Dir vielleicht erſparen, meine theure Schweſter. Ich ſah geſtetn Nacht, daß Dein Schickſal 492 ein ſehr trauriges iſt. Ich war von Anfang an überzeugt, daß ich mich nicht getäuſcht haben konnte, und als jene ſchreckliche Scene vorfiel, zweifelte ich nicht länger.“ Käthchen lehnte die erröthende Wange auf ihrer Freundin Schulter, und wartete in ſchweigender Spannung, bis Louiſe den Brief geleſen hatte. Gleich die erſten Worte ihrer Freundin gewährten ihr große Erleichterung. „Du gehſt natürlich,“ ſagte ſie:„eine ſolche Auffor⸗ derung darfſt Du nicht zurückweiſen.“ „Freilich will ich gehen, theure Louiſe,“ verſetzte Käthchen.„Ich darf nicht leugnen, daß Neigung mich leitet; aber wenn es auch nicht wäre, ſo würde die Pflicht es gebieten. Ich erzählte Dir einſt, wie er in einem Au⸗ genblicke, da ich durch das ſchamloſe Benehmen ſchlimmer Menſchen, deren Beweggründe ich jetzt ſogar nicht klar be⸗ greife, mit Recht höchlich beunruhigt war, wie er da zu meiner Befreiung herbeikam; aber ich ſchilderte Dir nicht und vermag es auch kaum, Dir all' die zarte, gütige Auf⸗ merkſamkeit zu ſchildern, die er mir bewies, wie all ſeine Gedanken darauf gerichtet ſchienen, mich von der Verlegen⸗ heit zu befreien, welche die Nothwendigkeit, die ganze Nacht ohne einen Freund in der Nähe in ſeinem Hauſe zuzubrin⸗ gen, ſo leicht hervorrufen mußte. Wie er ſich auch gegen Andere vergangen haben mag, Louiſe— gegen mich iſt er ohne Fehl geblieben, und ich würde mir ſelbſtſüchtig, ich würde mir niedrig und grauſam vorkommen, wenn ich ihm den Troſt in ſeinem Unglücke verweigerte.“ „O ja, geh'— geh' auf alle Fälle,“ ermahnte Louiſe 493 Lisle;„aber nimm die Haushälterin mit Dir, Käthchen. Sie kann im Wagen warten, während Du hineingehſt; es iſt doch beſſer, wenn Du Jemand bei Dir haſt.“ „Ich weiß nicht, wie ich ihr mein Vorhaben erklären ſoll,“ meinte Käthchen nachdenklich;„meine Lage iſt ſo ſon⸗ derbar, Louiſa. Ich fürchte mich nicht, allein zu gehen; wie ſollte ich aber im Stande ſeyn, einer Fremden zu erzählen, was Alles mich dorthin zieht?“ „Ich wills ihr erklären,“ erbot ſich Louiſa;„ziehe die Glocke, meine theure Schweſter und dann geh und mache Dich fertig. Ich will der guten alten Frau Alles erzählen, was ihr zu wiſſen nöthig iſt.“ Eine halbe Stunde etwa verſtrich, bis Käthchen Mal⸗ colm in einer gewöhnlichen Poſtchaiſe— dem einzigen Fuhr⸗ werke, das in der Nachbarſchaft aufzutreiben war— nach dem Gefängniſſe aufbrach. Sie war nach Louiſens Vor⸗ ſchlag von der Haushälterin Miſtres Jones, einer guten, gefühlvollen, praktiſchen Frau begleitet, welche wohlmeinend darauf bedacht war, ihre junge Begleiterin zu tröſten, ſo weit ihre Eigenſchaften ſolches geſtatteten; allein es gibt Zeiten, wo ſolche Alltagstroſtgründe unſer Gemüth nur verletzen und Käthchen war ſo von Angſt erfüllt, daß ihr die bloßen Worte der Hoffnung ſchon unpaſſend klangen. „Seyd nicht ſo traurig, Miß Käthchen,“ ſagte Mrs. Jones;„der Herr wird gewiß bald herauskommen. Wie Mancher wurde ſchon wegen Dingen angeklagt, die er nie gethan hatte, und er weiß ja gewiß, daß er Necht erhält, wenn er ſeine Unſchuld beweist.“ 494 Was hätte Kaͤthchen nicht darum gegeben, wenn ſie ſicher geweſen waͤre, daß Lutwich ſeine Unſchuld beweiſen könnte!— „Ich hoffe, ſo iſt es, Mrs. Jones,“ antwortete ſie; „ich habe aber auch ſchon von manchem Unſchuldigen ge⸗ hört, welcher gleichwohl verurtheilt wurde.“ „Pah, pah!“ meinte die Haushälterin;„gewiß nicht, wenn er gute Freunde und Geld genug hatte um die Ad⸗ vokaten zu bezahlen. Mancher arme Teuſel ohne Freund und Guineen wird freilich gehängt für Verbrechen die er nie⸗ mals begangen, und je einfältiger und unſchuldiger er iſt, deſto leichter wird er verurtheilt, denn er iſt nicht pfiffig genug, um all die Spitzbübereien zu entdecken. Wenn aber einer wie dieſer Gentleman Geld, Witz und vornehme Verwandte hat, ſo iſt er ſicher durchzukommen.“ Käthchen gab keine Antwort, ſondern verſank abermals in Gedanken, bis die Chaiſe nach einer langwierigen mehr als einſtündigen Fahrt vor den Thoren des Gefängniſſes anhielt. Käthchen ſchaute auf nach den fenſterloſen Back⸗ ſteinmauern, und wie ſank ihr das Herz bei dieſem grauen⸗ vollen Anblick! Einige Leute gingen über den Hof, darunter ein betrunken ausſehender Mann in einer Schürze und mit einem zweiſchühigen Maßſtabe in der Hand. Sie alle blie⸗ ben ſtehen, um zu ſehen, ob ein neuer Gefangener aus der Chaiſe gebracht würde: als aber der Poſtknecht den Tritt herabließ und Käthchen ausſtieg, ſagte der halbbedapste Werkmeiſter mit mitleidigem Naſerümpfen:„'s iſt nur eines — 495 Gauners Dorchen, die ihren Schatz ſehen will“— und ging ſeines Weges weiter. „Das arme Mädchen wurde glutroth; Mrs. Jones, welche dieſe Worte mit angehört hatte, folgte ihr jedoch, indem ſie ihr zufluſterte: „Laßt Euch das nicht anfechten, Ma'am; er iſt ein ge⸗ meiner Burſche und überdies betrunken. Ich will die Treppe hinaufgehen und nachfragen.“ Der Thürſteher unterwarf die alte Dame wie auch Käthchen Malcolm einer ſcharfen Muſterung, und er mußte in Miene und Weſen der Letzteren, welche in tiefer Trauer auf den Stufen ſtand, etwas bemerkt haben, was ihn zur Artigkeit ſtimmte. „Der Oberſt wird ſehr bedauern, Ma'am, daß Ihr Euch herbemüht habt,“ ſagte er;„aber ſeht Ihr, Ihr kön⸗ net ihn heute nicht ſprechen, denn er iſt zum Verhör vor den Richter geführt worden und Niemand kann ſagen, wie lange er ausbleiben wird, denn es iſt ein verwickelter Fall, wie ich hoͤre.“ „Dann will ich morgen wieder kommen,“ ſagte Käth⸗ chen mit ſchwer enttäuſchtem Herzen.„Wollt Ihr ihm ſagen, daß Miß Malcolm, der er geſchrieben, auf ſeinen Wunſch gekommen ſey?“ „Ihr dürft den Namen nur auf dieſes Stück Papier ſchreiben,“ erwiederte der Portier, und in die rauchige Zelle eintretend, that Käthchen wie er es verlangte. Nachdem er ihr noch den Wink gegeben, daß ſie ihren näͤchſten Beſuch etwas früher vornehmen moͤchte, ſtieg Käth⸗ 496 chen wieder in den Wagen und hieß den Kutſcher dahin zu⸗ rückkehren, wo er hergekommen war. Sie fühlte ſich muth⸗ loſer als ſie es jemals unter all den Kümmerniſſen, mit denen ſie gekämpft hatte, geweſen war, und der Heimweg ſchien ihr nicht lange, denn tiefes und angeſtrengtes Nach⸗ denken hatte ſie dermaßen beſchäftigt, daß ſie beim Anhalten betroffen auffuhr und kaum glauben konnte, daß der Weg, der ihr wenige Stunden zuvor ſo ermüdend vorgekommen, in einen ſo kleinen Zeitraum zuſammengeſchmolzen war. Vierunddreißigſtes Kapitel. In den Tagen, von denen ich erzähle, war ein Londoner Polizeiamt ein ganz anderes Ding als heut zu Tage; es ſelbſt ſowohl, als Alles was ſich darin befand, war verſchie⸗ dener Natur. Die Juſtiz war ein ganz anderes Gethier; die Beamten oder Konſtabler waren anders; die Schreiber waren anders, die Art der Geſchäftsführung, die Weiſe des Anbringens, ſogar das Tintenfaß— Alles war anders. Das Geſetz hatte ſehr wenig mit der Sache zu ſchaffen und Gerechtigkeit zuweilen noch weniger. Eine der beſten Ma⸗ giſtratsperſonen⸗ welche jemals daſelbſt geſeſſen, war von Geburt und Beruf ein Sattler. Richter wie Beamte wur⸗ den mehr um ihres Witzes und ihrer Schlauheit, als ihrer Gelehrſamkeit oder Ehrbarkeit halber gewählt. Von einer Präventivgewalt wußte man nichts, dagegen war die Aus⸗ ſpürungskunſt vortrefflich beſchaffen, und da das Begehen der Verbrechen die entferntere, das Einſangen der Ver⸗ 497 brecher aber die nähere Einkommensquelle, ſo folgte ganz na⸗ türlich, daß Raub, Einbruch, Taſchendiebſtahl und die höhe⸗ ren Zweige des„Schwindelns“ in den Augen der Polizei lauter Gewerbe bildeten, welche Ermuthigung und Nach⸗ ſicht verdienten; leichter Diebſtahl und ſolche Arten des Ver⸗ ſehens wurden nur als Schülerſtückchen betrachtet. Das Bureau ſelbſt war eben erſt aus der beſcheideneren Stellung eines„richterlichen Wohnzimmers“ hervorgegan⸗ gen, war aber jetzt mit einer Schranke verſehen, da einem von den Herren des Gerichtes nicht lange vorher von einem widerſpenſtigen Schurken, mit dem er oft ſein Pfeifchen ge⸗ raucht und der ihre gegenſeitige Stellung von einem andern Geſichtspunkte als der Beamte ſelbſt betrachtet hatte, der Kopf eingeſchlagen worden war. Auch war von oben herab der Wink gegeben worden, daß es für die Männer vom Amt beſſer ſeyn würde, wenn ſie nicht gleich den Fürſten von Ifrael Alltagsgenoſſen von Dieben wären; aber gleichwohl war noch immer ein großer Theil des alten Sauerteigs ge⸗ blieben und in jeder Sitzung ergaben ſich Scenen, welche unſere jetzigen Anſichten von R chtsverwaltung ſehr hart betroffen hätten. 4 Es war gegen drei Uhr an dem Tage, da Käthchen ihren Beſuch in dem Gefängniſſe abſtatten wollte, als Oberſt Lutwich vor die Schranken eines dieſer Polizeibureaus ge⸗ bracht wurde. Der Beamte, vor dem er erſchien, konnte ihn nicht leiden, denn Lutwich hatte ſich aus ſeiner urſprüng⸗ lichen Stellung nie dazu herabgelaſſen, ſich durch Beſtechung oder Vertraulichkeit die Nachſicht von Richtern oder Beam⸗ James. Th. Broughton. 32 498 ten zu erkaufen. Der Mann hatte jedoch großen Reſpekt vor ihm, denn Lutwich hatte ſeither trotz des ſtärkſten Ver⸗ dachtes allen Künſten von Bowſtreet mit Erfolg Trotz ge⸗ boten. Der Richter war alſo froh, eine ſo diſtinguirte Perſon unter dem Daumen zu haben, war aber zu gleicher Zeit ge⸗ neigt, ihn mit der ceremoniöſeſten Achtung, ja ſogar mit an⸗ ſcheinender Nachſicht zu behandeln, während er ihn in Wirk⸗ lichkeit keineswegs aus ſeinen Krallen ließ und ſich zum Vor⸗ aus des Gedankens freute, all ſeine Argliſt zu nichte machen und ihn wegen eines Falles, der ſo ziemlich der Verurthei⸗ lung gewiß wäre, proceſſiren zu können. Das Verhörzimmer war nicht allein mit den gewöhn⸗ lichen Begleitern ſolcher Scenen, ſondenn auch mit verſchie⸗ denen Perſonen einer beſſeren Klaſſe vollgedrängt; und als Oberſt Lutwich zwiſchen zwei Offizianten vorgeführt wurde, ſah man viele Köpfe ſich vorrecken, um ihn zu betrachten. Der Gefangene überlief die Menge mit ſtolzem feſtem Blick; plötzlich aber haftete ſein Auge ſtarr auf einem Fleck und eine ſonderbare Veränderung kam über ſein ausdrucksvolles Geſicht. Die Veränderung war ſo auffallend, daß die Perſonen in der Nähe des Ortes, worauf er hinſtarrte; ſich umwende⸗ ten und die Gruppe nebenan betrachteten. Sie hatte nichts Bemerkenswerthes an ſich: ein junger modiſch gekleideter Gentleman, der in das Gerichtszimmer hineinſchaute; ein derber fröhlich ausſehender ſchwarzgekleideter Mann in mit⸗ leren Jahren, der mit einem ſchielenden Poſtjungen hinter ihm in leiſem Tone redete und dieſer ſelbe Poſtjunge waren 499 Alles was jene Gruppe aufzuweiſen hatte. Und doch hatte das Auge des Gefangenen aufgeleuchtet, als ob er durch dieſe Gruppe zu einer plötzlichen Einſicht gelangt wäre oder als ob er aus dem, was er dort ſah, mit raſcher Combina⸗ tion Thatſachen entdeckte, die ihm früher dunkel und räth⸗ ſelhaft geweſen waren. Das Blut ſtieg Sir Theodor Broughton ins Geſicht, als Lutwichs feſter ſteter Blick auf ihm ruhte, worauf ſich der Gefangene im nächſten Moment mit ſarkaſtiſchem Lä⸗ cheln an den Magiſtratsherrn wendete. Dieſes Lächeln pei⸗ nigte den jungen Baronet mehr als Peitſchenhiebe gethan haben würden. „Thut mir leid, Such hier zu ſehen, Oberſt Lutwich,“ begann der Beamte, entſchloſſen, ihn das Peinliche ſeiner Lage bis aufs Aeußerſte fühlen zu laſſen;„ich weiß natur⸗ lich recht wohl, daß jede Anklage gegen einen Gentleman von Eurer Stellung und Ehrbahrkeit mit Vorſicht aufge⸗ nommen werden muß; aber Ihr wißt ſelbſt, wo eine eidliche Information von irgend Jemand gegen einen Zweiten vor⸗ gebracht wird, da muß ein Verhaftsbefehl erlaſſen werden, wie auch immer des Letzteren Rang beſchaffen ſeyn möge.“ „Ohne Zweifel, Sir,“ erwiederte der Gefangene; „Ihr konntet nicht weniger thun als Ihr thatet, wenn eine ſolche Information wieder mich abgegeben wurde. Zu glei⸗ cher Zeit höre ich mit Vergnügen, daß Ihr die Unwahr⸗ ſcheinlichkeit der Geſchichte ſelber zugebt, wie ich denn ſehr bald Euch darlegen werde, daß ſie in der That mehr als umwahrſcheinlich iſt,“ 32* . 50⁰0 Dem Manne wollte die Antwort gar nicht gefallen; er ſummte eine Weile vor ſich hin und rief dann Eduard War⸗ wick, einem der Offizianten des Sheriffs von Middleſer, da⸗ mit er vortrete und ſeine Angabe anbringe. Der Aufgeforderte erzählte in ziemlich weitläufiger un⸗ zuſammenhängender Weiſe die mit dem Raubanfalle ver⸗ bundenen Thatſachen, welche noch friſch in dem Gedächtniſſe des Leſers ſeyn müſſen, und endete mit dem Schwure, daß die That nach ſeinem beſten Wiſſen und Glauben von dem an der Schranke ſtehenden Gefangenen begangen worden ſey. So bald er zu Ende war, heftete Oberſt Lutchwich ſeine Augen eine Weile feſt auf ihn und war eben im Begriff zu reden, als ein am Gerichte anweſender Advokat ihm zu⸗ flüſterte: „Thäͤtet Ihr nicht beſſer, Eure Vertheidigung zurück⸗ zuhalten, Oberſt?“ 3 „Nein,“ entgegnete Lutwich ſtreng;„ich habe nichts zu fürchten.— Antwortet mir, Edward Warwik. Sprecht Ihr von meiner perſönlichen Erſcheinung?“ „Hm, ich wollte nur ſagen, ich meine Ihr ſeyd es ge⸗ weſen,“ gab der Mann brummig zur Antwort. „Damit iſts nicht gethan, Sir,“ verſetzte Lutwich. „Ihr ſollt mir eine haarſcharfe Antwort geben, ehe Ihr fortkommt— darauf mögt Ihr Euch verlaſſen. Ich frage Euch— und vergeßt nicht, daß Ihr einen Eid abgelegt habt— ich frage Euch, ob ich dem Manne, der Euch be⸗ raubte, auch nur im Geringſten ähnlich ſehe?“ „Ho, was Aehnlichkeit betrifft, da ſehen manche Leute 501 zu verſchiedenen Zeiten ſo verſchieden aus, daß ichs nicht ſagen kann,“ meinte der Gerichtsſchreiber. „Wollt Ihr damit ſagen, daß es nicht eine perſönliche Aehnlichkeit iſt, nach der Ihr mich identiſtziret,“ fragte Lut⸗ wich von Neuem. „O ja, eine Aehnlichkeit mag wohl vorhanden ſeyn,“ entgegnete der Mann. „Wollt Ihr etwa behaupten, Ihr erkennt mich ſo, wie ich hier ſtehe?“ fuhr Lutwich in ſtrengem Tone fort. „Ja, das thu ich,“ erwiederte der Offiziant. „Dann, Sir, ſeyd Ihr ein Meineidiger,“ verſetzte der Gefangene mit einem Blicke der Verachtung. „Ci, ei, Oberſt!“ rief der Magiſtratsherr in mildem Tone,„das heißt die Grenzen, wie ſie ſogar einem Gentle⸗ man in Eurer unerfreulichen Lage eingeräumt ſind, doch et⸗ was überſchreiten.“ „Wenn ich meine Worte beweiſen kann— mit nichten, Sir,“ entgegnete der Gefangene.„Dieſer Mann— Ihr werdet es kaum glauben, denn es iſt faſt unglaublich— machte in meiner Gegenwart meinem trefflichen Freunde, Sir Harry Jarvis, Anzeige von dieſem nämlichen Raube und er⸗ klärte dann feierlich, er habe den Räuber nie zuvor geſehen, indem er ihn als eine Perſon beſchrieb, welche mir ſelbſt ſo unähnlich wie möglich ſah. Zum Glück hat Sir Harry ſeine Angabe niedergeſchrieben; aber ich wiederhole, daß ſie in meiner Gegenwart gemacht wurde, während ich ihm Auge in Auge gegenüberſaß.“ „Wie kommt das, Sir?“ fragte der Beamte, den Ge⸗ 50² richtsſchreiber mit finſterem Blicke muſternd, denn er glaubte offenbar, ein ſehr guter Caſus drohe ihm verloren zu gehen. Der Mann verharrte einige Minuten in verſtocktem Stillſchweigen und gab dann zur Antwort: 1„Ich erinnere mich recht wohl, wie ich zu Sir Harry Jarvis ging und ihn dort ſah; ich konnte mich aber nicht gleich in der Minute ſeiner entſinnen.“ „Wunderbar und immer wunderbarer!“ rief Lutwich verächtlich;„daß Ihr Euch damals nur wenige Minuten nachher meiner nicht erinnertet und Euch jetzt erſt nach mehre⸗ ren Wochen erinnern wollt; daß Ihr mich nicht erkanntet, wäh⸗ rend ich keine Zeit gehabt hatte, meine Kleidung zu wech⸗ ſeln und mich jetzt erkennen wollt, da mein Anzug ein ganz anderer iſt, als in jener Nacht.“ „Höchſt auffallend in der That!“ ſagte der Gerichts⸗ herr;„was habt Ihr hierauf zu erwiedern?“ Der Mann ſchwieg und nachdem er eine Minute ge⸗ wartet, wendete ſich Lutwich an die Gerichtsbank: „Ich denke, Ihr müßt ſelber ſehen, Sir, daß ich gerecht⸗ fertigt bin, wenn ich behaupte, daß dieſer Mann meineidig iſt; Sir Harry Jarvis Ausſage wird dies noch näher bewei⸗ ſen. Allein hier handelt ſich's um etwas mehr: ich bin zu dem Glauben geneigt, daß etwas wie ein Komplott hier ob⸗ waltet, und ehe ich dieſe Stelle verlaſſe, werdet Ihr mir hoffentlich Gelegenheit geben, die Sache bis auf den Grund zu erforſchen.“ „Ihr habt volle Freiheit, dem Zeugen alle Fragen, die Ihr für paſſend haltet, vorzulegen,“ verſetzte der Richter. 503 „Wohlan, Mr. Warwik,“ begann der Gefangene, „wollt Ihr die Güte haben mir zu ſagen, ob Ihr mich an Geſicht, an Geſtalt oder Aeußerem als den Mann erkennet, der Euch beraubte oder nicht?“ „Nein, daran eben nicht,“ erwiederte der Schreiber in ſeiner ausbrechenden Verwirrung;„ich habe jedoch Grund zu glauben, daß Ihr es wart.“ „Welchen Grund?“ forſchte Lutwich heftig. „Ei, ein Gentleman kam und ſagte mir, er habe einen Mann entdeckt, der wider Euch ſchwören wolle,“ ſtotterte der Offiziant. „Oho!“ rief Lutwich;„jetzt kommen wir der Wahr⸗ heit auf den Grund.— Was für ein Gentleman?n „Weiß nicht,“ verſetzte der Gefragte im Zimmer ſich umſehend,„er war eben noch hier.“ „Das weiß ich,“ erwiederte der Gefangene;„bei mei⸗ nen letzten Fragen iſt er davongeſchlichen.— Kennt Ihr ſeinen Namen?“ „Nein, das nicht,“ verſetzte der Offiziant. „Noch eine Frage, wenns Euch gefällig iſt,“ fuhr Lut⸗ wich fort.„Zeigte er Euch den Mann, den er entdeckt hatte?“ indem er ſtarken Nachdruck auf die letzten Worte legte.„Zeigte er Euch den Mann, der wider mich ſchwören wollte?“ „Ja,“ erwiederte der Schreiber,„und der ſagte auch, er wolle es thun.“ „So habt Ihr demnach Eure Angabe mit einander abge⸗ kartet,“ ſchloß Lutwich.„Ich denke, Euer Hochwürdan, ich 504 habe nun hinlaͤnglich bewieſen, welche Art von Fall wir vor uns haben. Ich will nur noch beifügen, daß ich früher das Glück hatte, eine ſchändliche Intrigue, entworfen von einem Gentleman, der eben noch hier anweſend war, zu vereiteln, und er rächt ſich jetzt dadurch, daß er beſtochene Zeugen wi⸗ der mich aufhetzt: ich muß gänzlich beſtreiten, daß Ihr irgend eine Verlaſſung gegen mich zu verfahren vor Euch habt.“ „Da iſt aber der Mann, der wider euch ſchwören, kann!“ rief der Gerichtsſchreiber. „Wo?“ fragte Lutwich ſich umſchauend. „William Havant!“ rief ein Beamter. Aber kein William Havant erſchien. „Wir haben allerdings von einem Poſtjungen aus St. Albans eine Angabe wider Euch,“ beſtätigte der Richter; „wenn Ihr es wünſcht, ſoll ſie Euch vorgeleſen werden.“ „Wenn ich Gelegenheit habe, ihn zu eraminiren, könnte es mir von einigem Nutzen ſeyn, ſonſt ſchwerlich,“ bemerkte der Oberſt.„Laßt ihn vortreten und ich werde ohne Zwei⸗ fel beweiſen können, daß dieſelben nichtswürdigen Mittel, wie bei dieſem Meineidigen, auch bei ihm angewendet wur⸗ den. Wenn er nicht zum Vorſchein kommt, ſo muß ich dar⸗ auf beſtehen, daß kein Vorwand irgend einer Art vorhanden iſt, um mich noch länger gefangen zu halten— der Ver⸗ haftsbefehl muß dann aufgehoben werden.“ „Zu raſch, Oberſt, viel zu raſch,“ meinte der Gerichts⸗ herr mit ruhigem Lächeln.„Suchet nach William Havant, Konſtabler.“ „Er war vor einer Minute noch hier, Euer Ehrwür⸗ 50⁵ den,“ erwiederte Einer;„es hat ihn Jemand in Geſchäften hinausgerufen.“ „Dann kann ich nichts weiter thun als Euch für ſpätere Unterſuchung zurückſtellen, Oberſt,“ bemerkte der Richter. „Das iſt ſehr hart!“ erwiederte Lutwich bitter, „Ich meine, es könnte noch ärger ſeyn,“ entgegnete der Magiſtratsherr.„Der Gefangene wird bis heute über acht Tage zurückgeſtellt.“ Lutwich wurde demgemäß von der Schranke entfernt und von zwei Konſtablern begleitet in eine Miethkutſche ge⸗ ſetzt, um ins Gefängniß zurückzufahren. Wie er eben ein⸗ ſteigen wollte, bemerkte er Galgenholz⸗Billy, den Poſtiun⸗ gen, der ſich durch die Menge vor der Thüre wieder in das Gerichtszimmer drängte, und er hatte nicht übel Luſt, die Erneuerung des Verhörs zu verlangen, da er wohl fühlte, daß er einen Vortheil erlangt hatte, der durch Aufſchub ver⸗ loren gehen konnte. Die Offizianten ſchoben ihn jedoch in den Wagen und befahlen dem Kutſcher weiter zu fahren. „Bitt um Verzeihung, Oberſt!“ ſagte der Oberkon⸗ ſtable, ſobald das rumpelnde Fuhrwerk unterwegs war;„es iſt beſſer für Euch, die Sache zu laſſen, wie ſie iſt. Ihr habt jetzt eine Woche vor Euch, um ſie weiter zu verfolgen.“ „Während deren ſie ihre Geſchichte beſſer zuſtutzen können, als ſie es diesmal gethan haben,“ erwiederte Lut⸗ wich finſter. „Nein, nein, Sir,“ entgegnete der Andere, ein derber Burſche von munterem Ausſehen;„damit iſts nichts. Es gereicht nur Euch zum Vortheil, das kann ich Euch ſagen, 506 wenn Ihrs gehörig benutzen wollt. Ich will damit keines⸗ wegs behaupten, daß Eure Vertheidigung nicht gut war— Ihr habt ein Kapitalſtück geliefert, und wenns zum Prozeſſe kommt, ſo werdet Ihr gewiß noch einige Thatſachen zu dem Beweiſe aufſpüren können, daß Bill beſtochen wurde. In der That iſt gar kein Zweifel, daß er beſtochen iſt, denn Ihr ſeyd nicht der Mann, der ihm ſeinen hübſchen Antheil ent⸗ zogen und ihn dadurch giftig gemacht hätte. Allein Ihr mochtet ſagen, was Ihr wollt— der alte Herr in der Pe⸗ rücke iſt nun einmal entſchloſſen, Euch dem Gerichte zu überantworten, und ſo iſt eine gewonnene Woche wohl anzu⸗ ſchlagen. Was Meiſter Galgenholz⸗Bill betrifft, ſo ſoll er für dieſen ſaubern Streich in einem halben Jahre ſelber baumeln. Was braucht er ſich in unſere Angelegenheiten zu miſchen? Er dachte das Loch zuzuflicken, indem er mir Alles erzählte; aber das geht nicht an: wenn wir ſolche Zwiſchen⸗ mäckler dulden wollten, hätten wir bald ſelbſt nichts mehr zu ſchaffen.“ „Ah, und was erzählte er Euch denn?“ fragte Lutwich. „Hm, Alles,“ erwiederte der Konſtabler.„Ich mache mir nichts daraus es Euch wiſſen zu laſſen, Oberſt, weil es Euch helfen kann und ich ihm dieſen Streich verderben möchte. Er will die ganze Geſchichte ausſchwatzen, wie Ihr Eure beiden Röcke und den Mantel in dem Ridgehill⸗ Gehölze abgelegt, wie Ihr Euch das Kinn mit Indigo ein⸗ gerieben, eine ſchwarze Perücke aufgeſetzt, und wo Ihr die Laterne und Alles andere verſchoben habt. Diesmal wird Alles herauskommen— verlaßt Euch d'rauf.“ 507 Lutwich entſank der Muth; aber er ſetzte die Unter⸗ redung fort, da er weitere Kunde dadurch zu erlangen hoffte. „Sagte er Euch nichts über die Beſtechung?“ forſchte er. „Nein, nein; das hielt er geheim genug,“ verſetzte der Offiziant;„aber es war ganz gewiß jener junge Burſche, jener Sir Theodor, der einen Groll wider Euch haben ſoll. Aber ſo verſchwiegen er auch iſt— ich will es doch aus⸗ finden.“ „Wenn Ihr das thut,“ erwiederte Lutwich,„wenn Ihr mich in Stand ſetzt, es bei meinem Prozeſſe zu beweiſen, ſo ſollt Ihr und Euer Freund hier am ſelben Tage, da Ihr mir die ſichere Angabe bringt, Jeder ſeine fünfzig Pfund erhalten, und falls ich freigeſprochen werde, bekommt Jeder noch hundert Pfund weiter, um Euch für etwaige Verluſte zu entſchädigen.“ „Ei, das iſt teufelmäßig galant,“ bemerkte der Mann; „Ihr ſcheint flott bei Kaſſe zu ſeyn, Oberſt.“ „Ich habe Geld vollauf in dieſem Augenblicke,“ ver⸗ ſetzte der Gefangene, begierig die volle Einſicht in ſeine Lage zu erlangen.„Die Wahrheit iſt, ich habe kürzlich mein ganzes Beſitzthum verkauft, da ich ein ruhigeres Leben führen wollte, und in dieſem Betracht habe ich Euch guten Burſchen einiges Unrecht gethan, denn ich dachte, Ihr wä⸗ ret entſchloſſen, mich nicht in Ruhe zu laſſen und hättet mich deßhalb eingeſteckt, obwohl ich ſchon vorher bei mir ausge⸗ macht hatte, jedem von Euch ein hübſches Geſchenk zu ge⸗ ben, das die Dinge, wie Ihr's nennt, in den rechten Winkel gebracht hätte. In der That, ich hätte dies ſchon früher 508 gethan, war aber bis vorgeſtern Abend von der Stadt ab⸗ weſend.“ „Nein, wir hatten nichts damit zu ſchaffen,“ verſicherte der Konſtabler;„jener Burſche hat Alles angerichtet. Den Beweis ſollt Ihr haben— verlaßt Euch d'rauf, und Alles, was wir zu Eurer Hülfe thun können, ſoll geſchehen; aber ich fürchte, jetzt, da Ihr ſolid geworden, werdet Ihr nicht davon kommen, was wir auch thun mögen. Der alte Schnabel iſt gegen Euch: er hat Euch ſchon lange im Auge gehabt, weil Ihr hochmüthig gegen ihn geweſen und er das nicht dulden will. Er hat in ſeinem Büchlein ver⸗ ſchiedene Angaben wider Euch, und diesmal wird Alles her⸗ auskommen. Ich ſehe nicht wohl, was Ihr thun könnt, wofern Ihr nicht—“ „Was?“ fragte Lutwich haſtig. „Wofern Ihr nicht die Sache mit Billy abmacht, ſo daß Ihr ihn vor nächſtem Donnerſtag aus dem Wege ſchafft,“ bemerkte der Offiziant;„hat er ſich einmal beſtechen laſſen, um auszuplaudern, ſo thut er es ganz gewiß noch einmal, um ſein Maul zu halten. Aber wohl gemerkt, Ihr dürft ihm vor dem Prozeß nicht Alles bezahlen, denn man kann ſich nicht auf ihn verlaſſen. In ſechs Monaten ſoll er je⸗ denfalls dafür baumeln.“ „Glaubt Ihr es für mich zu Stande bringen zu köͤn⸗ nen?“ forſchte der Gefangene nach angeſtrengtem Nach⸗ ſinnen. „Nein, das geht nicht,“ verſetzte der Offtziant;„ich könnte dabei abgefangen werden under wäre auch ſehr ſcheu 509 gegen mich. Ihr müßt Jemand auftreiben, den er nicht kennt, Oberſt— den Advokaten oder ſonſt Jemand, der ihm eine hübſche runde Summe anbietet, zur Hälfte baar, zur Hälfte nach dem Prozeß zu bezahlen. Laßt ihn bei Nacht aufſuchen, denn den größeren Theil des Tages über wird er von jenem Baron und dem anderen Burſchen, ſeinem Hof⸗ meiſter, ſcharf bewacht. Ein hübſcher Hofmeiſter das! Ich hatte ihn einmal wegen Nothzucht unter den Klauen; aber er machte einen Kompromiß, ſonſt wäre er wohl ſchwerlich noch irgendwo Hofmeiſter geworden.“ „Aber wo iſt dieſer ſchuftige Angeber aufzufinden?“ er⸗ kundigte ſich Lutwich.„St. Albans muß er verlaſſen haben.“ „Ganz richtig; er wohnt ganz anſtändig, Swallow⸗ ſtreet Nro. 103 im zweiten Stock bei einer Strumpfwaaren⸗ händlerin. Ihr Mann gehörte einſt zu uns, iſt aber zu korpulent geworden und hat das Geſchäft aufgegeben; er hält Billy in ſtrengem Gewahrſam, und Ihr müßt deßhalb gegen acht Uhr Abends, wenn er in unſern Klubb kommt, nach ihm ſchicken, denn wenn Ihr den Galgenholz⸗Bill nicht aus dem Wege ſchafft, ſo ſeyd Ihr fertig, Oberſt— darauf kann ich Euch mein Wort geben.“ Mit dieſer erfreulichen Ankündigung hatte das Ge⸗ ſpräch ein Ende, und Lutwich ſah ſich bald darauf abermals in die düſtern Mauern eingeſchloſſen, die er nur zum Verhöre verlaſſen hatte. 510 Fünfunddreißigſtes Kapitel. Der Gefangene ſaß allein. Finſterniß und Trübſal hatten ihn ergriffen: ſein Gewiſſen war geſchäftig geweſen — ein Gewiſſen, das ſeit Jahren geſchwiegen hatte. Das wirre Treiben der geſchäftvollen Welt, der Klang der Muſtk, des munteren Geplauders und Gelächters, Schwelgerei und leichtſinnige Scherze, heiterer Spott, die Anſprüche des Ge⸗ ſchäfts, des Vergnügens und der Nothwendigkeit, ja ſelbſt der leichteren Tugenden, denen mit einem freundlichen, of⸗ fenen Herzen ſo leicht zu genügen iſt— der laute Ruf der Leidenſchaft, der Aufregung und des Unternehmungsgeiſtes beſtürmen das menſchliche Gemüth in dem Wirbel der Ge⸗ ſellſchaft mit einem ſolchen Lärmen, daß die ſchwache ſtille Stimme in uns unhörbar wird, ſo deutlich ſie auch ſprechen mag. Wer kann mitten in dem Wirrwarre des Lebens auf ihren Rath, auf ihre Vorwürfe hören? Betrachtet den unternehmenden, habgierigen Fabri⸗ kanten, welcher Muskeln und Sehnen ſeiner Nebenmenſchen in der Dampfmühle zerquetſcht— hört er auf jene Stimme, während die Maſchine dampft und ziſcht und bei jedem ſchwe⸗ ren Schlage ihr:„Reichthum! Reichthum! Reichthum! Reichthum!“ poltert? Hört ſie der abgekümmerte Advokat an dem wimmeln⸗ den Gerichtshofe oder in den dumpfen Zimmern mitten un⸗ ter dem Geplapper techniſcher Ausdrücke, dem Kauderwelſch von Formen oder den raſchelnden Pergamenten? Finden die — — 511 ſteifen Buchſtaben, die der habſüchtige Schreiber mit ſolcher Sorgfalt aufzeichnet— finden ſie nicht Zeugen, welche jene ſchwache ſtille Stimme übertäuben? Hört ſie etwa der Gutsbeſitzer, der die Armen auf ſei⸗ nen Gütern in die ſchmutzigen Zellen und an die Hunger⸗ koſt der Unionshäuſer verweist, damit ſie nicht ſeine Renten aufzehren, während er in ſeinem Wagen von dem ſchwelge⸗ riſchen Mittagsmahle in die geräuſchvolle Parlamentsſitzung fährt— hört er jene Stimme? oder wird ſie nicht vielmehr von dem Geraſſel zahlloſer Räder und luſtiger Scherze, von dem Geplärre langweiliger Reden erſtickt? Hört ſie der Kaufmann an der Bank? oder der Weltmann? Höͤrt ſie der Höfling?— der Staatsmann? Laſſen ſie im Gegen⸗ theil nicht alle den ſachten Mahner im Inneren unter dem Donner ihrer verſchiedenen Berufsgeſchäfte verſtummen? Ha, wenn man die Schuld der Menſchen nur nach den wahren Umſtänden, wenn man die Schwere oder Leichtigkeit derjenigen Dinge, welche die Stimme des Gewiſſens zum Schweigen bringen, ebenſo gut wie ihre Handlungen ab⸗ wöge— wer würde da nicht vor Gericht gehören? Und wird es ſpäter vielleicht nicht ſo werden? Wird man den Dieb nicht fragen, wer daran Schuld war, daß er den vom Himmel in ſeine Bruſt gepflanzten Wächter vernachläſſigte? Und wird er nicht antworten— Mangel, Unwiſſenheit, ſchlechte Geſellſchaft, Ungerechtigkeit, Unterdrückung? Wird nicht der reiche Verſäumer aller Pflichten gleichfalls ſo be⸗ fragt werden, um nichts Anderes zur Erwiederung zu fin⸗ den als— Ehrſucht, Geiz, Vergnügen? Und iſt erſt der ——— 51² Allwiſſende ſein Richter— wie wird da der Schuldige zittern? Nein, nein; das Gewiſſen wird unter den Tönen der Freude ſogar noch leichter als unter dem Nothſchrei des Mangels unterdrückt. Es bedarf des Stillſchweigens, der Einſamkeit, des Einwiegens aller Leidenſchaften und des Abſterbens der Hoffnung, damit jene ſchwache ſtille Stimme des Herzens Ohr erreiche und Reue und Beſſerung erwecke. Lutwich war in Schweigen und Einſamkeit dageſeſſen und das Lämpchen der Hoffnung brannte ſehr düſter— ſo düſter, daß ſein Schimmer die Augen nicht länger blendete. Er überlegte mit kaltem Herzen und klarem Geiſte ſeine Lage und ſeine Ausſichten: er blickte vorwärts, blickte rück⸗ wärts— Alles war finſter, nur ein kleiner heller Fleck leuch⸗ tete hinter ihm, aber er fühlte nicht die Kraft, er hegte keine Erwartung, daß er je zu jener glänzenden Oaſe zurückkehren dürfe. O wie bereute er die Vergangenheit! was hätte er nicht darum gegeben, wenn er jene traurige fatale Stunde hätte verwiſchen können, da er in einem Anfalle wahnſinni⸗ gen Uebermuths und nicht als wohlüberlegter Verbrecher den erſten Zug aus einem Becher gethan hatte, deſſen er ſich ſpäter nie mehr enthalten konnte, ſo ſtark war deſſen Zauber für ſeinen wilden, abenteuerluſtigen Geiſt geworden!— Jene Stunde ließ ſich nicht widerrufen: ihre Thaten waren geſchehen, ihre Saat war ausgeſtreut und die Ernte— dieſe bittere Ernte— erwartete die Sichel! Die Zukunft— was konnte ſie ihm bieten? Verzweif⸗ lung. Er erwog die Worte des Mannes, der ihn von dem 543 Polizeiamte in's Gefängniß begleitet hatte. Er kannte ihn als einen ſcharfſinnigen Beurtheiler ſolcher Fälle und konnte deſſen Meinung über ſeinen eigenen deutlich genug heraus⸗ leſen. Ueberdies war er ſich bewußt, dem Schwerte der Gerechtigkeit ſo viele Bloͤßen gegeben zu haben, daß es, wenn es nur einmal erhoben wurde, ihn nothwendig auch treffen mußte. Und worin beſtand die ſchwache Hoffnung, die man ihm vorgehalten hatte? war ſie Wirklichkeit oder Täuſchung? Einen Schurken ohne Ehre, ohne Glauben und Redlichkeit zu beſtechen, damit er Verbrechen verhehle, die er bereits ausgeſchwatzt hatte, damit er aus dem Lande fliehe, oder ſich Monate lang verberge?— Und das Alles, während ein erbitterter Feind ihn zum Gegentheile antrieb. War es wahrſcheinlich, daß er darein willigte? oder wenn er es verſprach, daß er ſein Wort hielt? War es nicht weit denkbarer, daß er den bloßen Vorſchlag nur als ein Mittel gebrauchen wuͤrde, von denen die ihn bereits zum Betruge angehalten, noch größere Belohnung zu erpreſſen? Und doch war dies die einzige Hoffnung. Er dachte an Käthchen Malcolm und an ſie klammerte er ſich an als ſein letztes Gut.„Wenn ſie von mir zurücktritt,“ dachte er, „dann will ich Alles aufgeben und mein Schickſal tragen; hängt ſie aber noch an mir, dann will ich dieſen einzigen Verſuch machen.“ Da kam aber die furchtbare Frage:„wird ſie mich verlaſſen?, Doch eine Stimme in ſeinem Herzen ant⸗ wortete alsbald:„nein!“ Er hatte ihre Natur errathen James. Th. Broughton. 3³3 514 und wiederholte kühn jenes Nein.„Sie iſt einmal gekom⸗ men und wird wiederkommen,“ dachte er.„Wie ſoll ich mich aber gegen ſie benehmen, wenn ſie kommt? Kann ich — darf ich ihr die Wahrheit ſagen? Kann ich, darf ich ſie belügen? Nein, nein! Das letztere ſoll nimmermehr ge⸗ ſchehen!“ Der ſchwere Schlüſſel drehte ſich im Schloſſe, die Rie⸗ gel wurden oben und unten zurückgeſchoben und der Schließer meldete: „Eine Dame wünſcht Euch zu ſprechen, Sir.“ Lutwich ſprang auf und ergriff Käthchens Hand. Sie war kalt wie Marmor, denn ſchon der bloße Gang durch das Gefängniß war hinreichend, um ſie bis in's innerſte Herz zu erſtarren. Sie ſchaute ihm ängſtlich in's Geſicht und ſah, wie zwei kurze Tage es ſo ſehr verändert hatten. Ihr Auge überlief ſeine Glieder und ein Gefühl der Erleichterung breitete ſich aus in ihrem Herzen: er trug keine Feſſeln. Er war wohl zurückgeſtellt, aber noch nicht in Anklageſtand verſetzt, und der Gefängnißaufſeher hatte es nicht fürnöthig erachtet, ihm dieſe Schmach anzuthun. „O Käthchen, das iſt gütig— ſehr gütig,“ rief er; „es iſt faſt mehr als ich zu hoffen wagte.“ Mit dieſen Worten zog er ſie ſanft auf einen Stuhl und ſetzte ſich neben ſie. „Warum, Henry?“ erwiederte ſie;„wie konnteſt Du zweifeln, daß ich kommen würde? Nach den Worten, die wir gegen einander ausgetauſcht, gibt es Nichts, was ich nicht für Dich thun möͤchte. Doch gönne mir einen Augen⸗ 515⁵ blick, um mich zu erholen; der Anblick, die Stimmen da draußen haben mein Herz arg geängſtigt. Wie lange werde ich wohl bleiben dürfen?“ „So lange Du willſt, theures Mädchen,“ verſetzte der Gefangene;„doch werde ich Dich nicht lange verweilen laſ⸗ ſen. Das iſt kein Ort für Dich, mein Käthchen, und wenn Du auch Sonnenſchein in des armen Gefangenen Zelle mit Dir bringſt, ſo darf er Dir zu lieb doch nicht ſelbſtſüchtig ſeyn, Liebe.“ 1 „Ich weiß gewiß, Du wirſt es nicht,“ gab ſte zur Ant⸗ wort und fuhr dann mit ſüßem, bekümmertem Lächeln fort: „Du hatteſt nie einen Fehl gegen mich, Henry.“ Lutwich drückte ſie einen Augenblick an's Herz und die ungewohnten Thraͤnen ſtiegen ihm in die Augen. „Und Du erinnerſt Dich jener Worte,“ ſagte er;„ja Käthchen, ja, Du haſt Dich ihrer erinnert, haſt ſie Dir wie⸗ derholt und Dich gefragt, ob er, den Du liebſt, ſich gegen Andere vergangen haben kann.“ „Vielleicht wohl,“ gab ſie unverſtellt zur Antwort; „es war aber thöricht von mir, denn es konnte ja für mich keinen Unterſchied machen. Ueberdies ſagteſt Du mir ja längſt, daß Du viele Fehler hatteſt; da ſie aber nicht gegen mich gerichtet waren, ſo habe ich nichts damit zu ſchaffen. — Nun aber ſage mir, Henry, was läßt ſich für Dich thun? Der Anblick dieſes heiteren Zimmers gibt mir beſſere Hoff⸗ nung: es ſieht kaum aus wie ein Gefängniß.“ Lutwich erhob ſchweigend ſeine Hand und deutete auf 33* 516 die vergitterten Fenſter. Käthchen ſenkte ihr Auge zu Bo⸗ den und verfiel in bitteres Nachdenken. „Sage mir nur,“ wiederholte ſie endlich,„was läßt ſich für Dich thun?“ „Ich fürchte, nur wenig, theures Mädchen,“ entgeg⸗ nete er traurig;„ſehr, ſehr wenig.“ Er ſchwieg ſeufzend und fuhr dann fort:„ich weiß, mein Käthchen, Du wirſt mir keine Fragen ſtellen, deren Beantwortung mir ſchmerz⸗ lich wäre; aber ich muß Dir aus freien Stücken eine Er⸗ klärung geben; nur weiß ich kaum, wie ich es machen ſoll, ohne eine Falſchheit zu begehen oder Dir Alles ſagen.“ „Dann unterlaſſe es ganz,“ bat Käthchen, ihre kleine ſchoͤne Hand auf die ſeinige legend;„ſage mir nur, was ich für Dich thun kann.“ „Nein, mein Käthchen— mein theures, vertrauendes Maͤdchen, ſey nicht ſo gütig gegen mich,“ antwortete Lut⸗ wich.„Deine Liebe iſt in der That ein unverdienter Segen; aber ach! ſie macht meine jetzige Lage faſt noch ſchrecklicher. Einen Theil wenigſtens muß ich Dir erzählen, damit Du nicht zu unvorbereitet überraſcht wirſt. Dieſe Anklage wi⸗ der mich iſt Folge einer niedrigen Verſchwörung und ge⸗ ſchah aus purer Rache— „Dann kannſt Du ſie gewiß vereiteln,“ rief ſeine ſchöͤne Gefährtin mit freudigem Blicke.„Ich habe die engliſche Juſtiz hoch preiſen hören; man nannte ſie mir die Voll⸗ endung menſchlicher Weisheit; gewiß wenn ſie der Gerech⸗ tigkeit auch nur nahe kommt, ſo wird ſie nicht dulden, daß ein Unſchuldiger vor ſolchen Mitteln erliegt.“ 517 „Ach Käthchen! ich ſagte nicht, ich ſey unſchuldig,“ erwiederte der Gefangene den Kopf abwendend.„Alles, was ich ſagte— Alles, was ich ſage iſt, daß dieſe Anklage nie wider mich erhoben worden wäre, wenn ich nicht Dich aus den Händen jenes jungen Schurken Broughton befreit hätte. Er hat mich in der Falle; ich fürchte, er hat mein Leben in ſeiner Gewalt.“ Käthchen preßte die Hände auf die Augen und zitterte heftig, während Lutwich etwas gefaßter fortfuhr, da das Schlimmſte nunmehr ausgeſprochen war. „Er hat einen Mann aufgetrieben, der ein Verbrechen gegen mich beſchwören will. Ich kann dagegen kämpfen, kann ſogar beweiſen, daß die niederträchtigſten Mittel an⸗ gewendet wurden, um die Ausſage jenes Mannes gegen mich zu Tage zu bringen; aber jene Ausſage ſelber kann ich nicht widerlegen. Je mehr ich darüber nachdenke, deſto mehr erkenne ich die Unmöglichkeit. So ſehr er auch Schurke iſt, ſo wird man doch ſeinen Schwur annehmen, und ich kenne kein Mittel, ſein Zeugniß zu erſchüttern.“ „O was iſt da zu thun?“ jammerte Käthchen, ihre thränenvollen Augen gegen Himmel erhebend—„o was iſt da zu thun?“ „Das Einzige, was ich thun kann,“ verſetzte Lutwich, „iſt: daß ich durch jegliches Mittel und geſchähe es ſelbſt mit Aufopferung meines ganzen Vermögens jenen Mann dahin beſteche, daß er ſich bei dem nächſten Verhör und vor der Jury nicht blicken läßt. Könnte ich das ausführen, ſo ware ich ſicher.“ 518 „Wo iſt er zu finden?“ rief Käͤthchen eifrig:„ich will zu ihm gehen— will nach ihm ſchicken. Sage mir— ſage mir, Henry, wo er wohnt und wie er heißt.“ Lutwich ſagte ihr Beides, fuhr aber im nächſten Au⸗ genblicke fort: „Du darfſt aber nicht ſelber gehen, Käthchen. Es iſt kein Ort, wohin Du Dich wagen darfſt. Es ſind noch ſechs Tage bis zum nächſten Verhöre und ich werde Zeit genug haben, mit ihm zu verkehren. Ich muß irgend einen Ad⸗ vokaten oder Freund auftreiben, der es auf ſich nimmt mit ihm zu verhandeln— wiewohl ſich nicht jeder in ſolche Ge⸗ ſchaͤfte miſcht. Du darfſt es nicht und kointeſt es auch nicht wohl.“ Käthchen ſchwieg eine Weile nachdenklich, bis ſee ie end⸗ lich fragte: 4. „Haſt Du die Mittel, Henry? Ich habe nur wenig, aber was ich habe, gehört Dir.“ „Iſt nicht nöthig, theuerſtes Mädchen,“ verſetzte der Gefangene.„Ich habe mehr als ſiebentauſend Pfund in meines Bankiers Händen. Tauſend jetzt und tauſend nach dem Prozeß werden ſicherlich hinreichen, um mit dieſem niedrigen ſchurkiſchen Trunkenbold Alles anzufangen, was man will. O dieſe ſiebentauſend Pfund! wie habe ich ſie als die Mittel glücklicher Unabhängigkeit mit Dir, die ich liebe, betrachtet, mein Käthchen; und nun ſollen ſie d'rauf⸗ gehen, um mir Strafloſigkeit für meine Vergehen zu er⸗ kaufen— wenn ſie dies nämlich bewirken können.“ „Und wenn nicht— was läßt ſich dann thun?“ rief 519 Käthchen, aus ſeinen Worten und ſeinem Tone neue Be⸗ ſorgniß ſchöpfend. Lutwich ſchüttelte traurig mit dem Kopfe. „Es muß geſchieden ſeyn,“ ſagte er,„und wäre es auch ſchmerzlicher, als wenn Leib und Seele ſich von ein⸗ ander trennen. Ich will eine große Anſtrengung wagen, denn Du haſt mir das Leben wieder theuer und werthvoll gemacht, Käthchen; aber ich fürchte, die Anſtrengung wird vergeblich ſeyn. Ich kann beweiſen, daß der Ankläger ein Meineidiger iſt; kann beweiſen, daß die Klage aus Rache vorgebracht wird; kann in Beziehung auf Zeit und Um⸗ ſtände Zweifel auf die Thatſachen werfen: aber es iſt um⸗ ſonſt, vor Deinen oder meinen Augen verbergen zu wollen, daß dieſer Mann mich in ſeiner Gewalt hat. Ich kann darthun, daß ich eine halbe Stunde, nachdem das Verbre⸗ chen begangen worden, in Sir Harry Jarvis' Hauſe war, daß ich dort mit ihm und mit Dir ſprach; aber ein flinkes Roß würde einen kühnen Reiter in jener Zeit wohl hin⸗ tragen, und er weiß zu viel, um mir nicht bei jeder Wen⸗ dung zu begegnen. Da ich aber eben von Sir Harry Jarvis ſprach, Käthchen: zu ihm mußt Du gehen, mußt ihm einen Brief von mir überbringen. Spreche ihn ſelbſt, theures Mädchen; überliefere das Schreiben in ſeine eigene Hände und höre, was er ſagt. Erzähle ihm auch, daß ich nächſten Donnerſtag vermuthlich ſein Zeugniß nöthig haben werde, um darzulegen, was in der Nacht, da ich Dich in ſeinem Hauſe ſah und Dir den zu Dunſtable zurückgelaſſenen Brief überbrachte, bei ihm vorging. Er wird ſicherlich kommen. 520 Auch Sir Charles Chevenir' Zeugniß dürfte nöthig werden; V ob er es aber geben will oder nicht, weiß ich nicht.“ „O gewiß wird er es geben,“ rief Käthchen;„daran iſt kein Zweifel. Er iſt der gütigſte, großmüthigſte Mann von der Welt, und ich will ihm ſelbſt darüber ſchreiben. Ich habe ein Recht dies zu thun, Harry, da dieſes ganze Un⸗ glück nur in Folge des Schutzes, den Du mir gewährteſt, über Dich gekommen iſt. Sir Charles kennt die That⸗ ſachen, wird den Beweggrund dieſes ſchändlichen jungen Mannes einſehen und ſicherlich Alles aufbieten, um ſeine Plane zu vereiteln.“ „Vielleicht, ja,“ meinte Lutwich nachdenklich;„doch habe ich immer noch meine Zweifel. Schreiben magſt Du immerhin, mein Käthchen— dagegen habe ich nichts ein⸗ zuwenden, und ich bin überzeugt, es wird Dir Freude ma⸗ chen, ſagen zu können, daß Du Dich für Deinen armen Ge⸗ fangenen bemühſt.“ „Gewiß wird es das,“ verſicherte Käthchen,„und Du mußt mich auch thun laſſen, was ich nur vermag, denn es iſt der einzige Troſt, den ich jetzt haben kann. Es iſt noch gar Vieles, was mich traurig macht, auch außer dieſem Un⸗ glücke hier. Ich habe Dir noch nicht erzählt, was ſich ſeit dem Augenblicke, da Du uns in jener fatalen Nacht ent⸗ riſſen wurdeſt, ereignet hat.“ „Nein!“ rief Lutwich.„Was iſt's? Doch hoffent⸗ lich kein weiteres Unglück?“ „Ein recht trauriges,“ gab Käthchen zur Antwort. „Von meiner Kindheit an ſchien Alle, welche Antheil an 521 mir nahmen, ein ſchlimmes Geſchick zu verfolgen. Die arme Mrs. Lisle! ſie war ſo freundlich und gut gegen mich und wurde in jener Nacht von uns genommen. Sie fiel plötzlich todt vor uns nieder, als wir eben in der düſterſten Stim⸗ mung zu Bette gehen wollten.“ „Gerechter Himmel!“ rief Lutwich;„das iſt in der That traurig; jetzt biſt Du ja ganz allein ohne Schutz oder Heimath!“ „O nein,“ antwortete Käthchen.„Louiſe und ich wollen zunächſt zuſammenleben, und dann bin ich ſo ſehr daran gewöhnt— ich darf wohl ſagen weit mehr als an⸗ dere Mädchen meines Alters— für mich ſelbſt und für An⸗ dere zu handeln, daß mir dies gar nicht fremd vorkommt, wie es wohl bei Manchen der Fall wäͤre. Und nun ſage mir, Henry, wann werde ich Dich wiederſehen? Louiſens Onkel wird heute Abend erwartet, und ich möchte bei ſeiner Ankunft gerne bei ihr ſeyn; er iſt zwar ſehr gut und freund⸗ lich, wie ſie ſagt, aber auch barſch und heißblütig, ſo daß ſie ſich einigermaßen vor ihm fürchtet, und ſie hat noch manches Traurige durchzumachen.“ „Dann komme morgen, theures Mädchen,“ ſagte Lutwich. „Morgen brächte ich wohl beſſer dieſen Brief nach Jar⸗ worth⸗Park,“ erwiederte Käthchen,„und es könnte ſpät werden, bis ich zurückkehre. Hätte ich Dir dann noch etwas Wichtiges zu erzählen, ſo will ich morgen kommen; wenn nicht— übermorgen um dieſe Stunde.“ „O bleibe noch eine Weile, Kaͤthchen,“ bat der 522 Gefangene.„Du weißt nicht, theures Maͤdchen, wie lange und trübe die Stunden in dieſen Mauern ſind, wenn man nichts hat, um ſie auszufüllen, als marternde Gedanken an Gefahr und Schande und wilde, wirbelnde Entwürfe, um der einen zu begegnen und die andere abzuwenden. Dein Kommen iſt wie der Morgenſtrahl, der ſich durch's Fenſter ſtiehlt, eine kurze Stunde über den Boden wandert und dann verſchwindet. Aber ich kann zu ihm nicht ſagen, wie zu Dir: O bleibe noch eine Weile.““ Käthchen ſetzte ſich wieder nieder; ſaß aber kaum eine Minute, als der Schließer die Thüre mit den Worten öffnete:. „Mr. Keating, der Anwalt, iſt in der Loge, Oberſt, und wünſcht Euch zu ſprechen.“ „Laßt ihn hereinkommen“, befahl der Gefangene. Mit einer Umarmung ſchied er von Käthchen, und ſie verfügte ſich in ihren Wagen, um von dieſer einen Scene düſterer Trauer zu einer zweiten ſich zu wenden. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Seit wir Mr. Mullins dem Leſer zum letztenmale vorgeführt, hatten Zeit, Geſchäfte, manche Sorgen und vieler Kummer eine große Aenderung bei ihm hervorgeru⸗ fen. Mr. Mullins war ein ſehr wohlgedeihender Mann geweſen; aber Gedeihen iſt nicht Glück noch das Haupt⸗ erforderniß deſſelben. Mr. Mullins hatte vor ſieben bis 523 acht Jahren den Genuß einer ruhigen Häuslichkeit gekannt, hatte einen Sohn und eine Tochter an ſeinem Heerde auf⸗ wachſen ſehen und hatte ein Weib beſeſſen, die er recht zärtlich liebte— obwohl ihre Schalheit ihn etwas lang⸗ weilte— die ihn immer mit einem Lächeln empfing, wenn eer von Gedanken ermüdet nach Hauſe kam. Der Sohn war bei'm Baden ertrunken, die Tochter an den Pocken ge⸗ ſtorben; die Mutter hatte die Welt mit gebrochenem Her⸗ zen verlaſſen und Mr. Mullins, damals einer der wohl⸗ habendſten Anwälte in London, hatte ſich auf's Land zurück⸗ gezogen, um allein ſeinen Erinnerungen zu leben. Sein Neffe Reginald Lisle war obwohl bedeutend älter, doch immer ſehr freundlich gegen ſeinen todten Knaben und Louiſe war ſeiner Tochter eine Schweſter geweſen. Mr. Mullins hatte Beide ſogar bei Lebzeiten ſeiner Kinder recht lieb gehabt, gewann ſie aber noch lieber, nachdem ſeine Fa⸗ milie ausgeſtorben war, denn die Erinnerung an die Ver⸗ lorenen hängte ſich an ſie und ſie wurden ihm wie Kinder, ohne ſich jedoch alſo hinreißen zu laſſen, daßer ſie ſo liebte, wie er Andere geliebt hatte; denn es iſt wunderbar, wie ſich die ſanfte Zärtlichkeit der Jugend in Augenblicken ſüßer Ruhe und Erholung um das ſtarke feſte Männerherz ſchlin⸗ gen kann. Er hatte das Zerreißen dieſer Bande zu ſchmerz⸗ lich empfunden, um ſie jemals wieder freiwillig aufzuſuchen. Auch ſeine Schweſter hatte er ſehr geliebt; er hatte ſie zwar eine Zeit lang wegen ihrer Heirath mit einem Sohne aus edlem Hauſe für eine Thörin gehalten; aber der Aus⸗ gang hatte ihre Wahl gerechtfertigt und ihr Benehmen in 2 524 allen Verhältniſſen des Lebens hatte ihr ſogar des Bruders Verehrung gewonnen, obwohl dieſes Gefühl der Verehrung ihm ſonſt ziemlich fremd war. Doch um auf das Geſagte zurückzukommen: er hatte ſich ſeit der Nacht von Sir Walter Broughton's Tode ge⸗ waltig verändert. Damals war er aufrecht gegangen, wie ein ungeſpannter Bogen, ſeine Augbrauen waren ſchwarz geweſen und ſein Geſicht hatte die geſundeſte Röthe ent⸗ faltet. Jetzt ging er ziemlich gebückt; ſeine langen und von jeher ſehr ſtarken Brauen waren ſchneeweiß, ſeine Wan⸗ gen beinahe farblos; nur ſeine feurige faſt ſtrenge Miene der Entſchloſſenheit in Allem was er that und die frühere Raſchheit in ſeinen Bewegungen war ihm noch übrig ge⸗ blieben. Als Käthchen Malcolm aus dem Gefängniſſe zurüͤck⸗ kehrte, fand ſie den alten Anwalt Hand in Hand neben Louiſe Lisle ſitzen, und Mr. Mullins erhob ſeine großen ſchwarzen glänzenden Augen auf das eintretende Käthchen und betrachtete ſie mit ruhigem, feſtem, beſchaulichem Blicke, was ſie nicht wenig einſchüchterte. Als ob ſeine Betrach⸗ tungen ihn befriedigt hätten, erhob er ſich im nächſten Au⸗ genblicke mit ernſtem, offenem Lächeln und faßte ihre Hand. „Das iſt alſo Käthchen Malcolm,“ hub er an;„ich freue mich ſehr, Euch zu ſehen, meine Liebe. Der alte Schlingel Brandrum ſchrieb mir wegen Eurer und ſo auch Reginald; Louiſe hat mir von Euch erzählt, und auch meine arme Schweſter, welche jetzt da drinnen liegt,— ihre Sor⸗ gen hinter ſich laſſend und ihre Liebe, wie ich glaube, mit 525 ſich nehmend— auch ſie hat mir geſchrieben— Louiſe, zeige, daß Du ein chriſtliches Gemüth haſt, und weine nicht alſo, wenn Du Deiner Mutter Namen erwähnen hörſt. Du mußt ihn noch häufig hören: beginne bei Zeiten und erin⸗ nere Dich, daß ihr Leben ihren Tod für uns alle geheiligt hat, ſo daß wenn wir auch wegen der Trennung trauern, wir uns doch freuen dürfen, daß ſie Frieden gefunden hat und uns dahin vorangegangen iſt, wohin wir Alle ihr bald folgen müſſen. Noch wenige kurze Jahre— vielleicht gar Monate— und Du wirſt auch mich in's Leichentuch zu hüllen und in das modrige Grab zu legen haben. Dann wirſt Du ſelber folgen und wer jetzt auf Erden am Glän⸗ zendſten und Glorreichſten iſt, wird raſch in Deine Fuß⸗ ſtapfen zum Grabe treten. Glaube mir, Louiſe, wenn man neben jener ſchmalen Pforte zum künftigen Leben ſteht und auf den Tag zurückblickt, da man ſeine Lieben hier nieder⸗ legte, dann verkürzt ſich die Zwiſchenzeit zu einer kleinen Spanne und man wundert ſich, wie man ſich über eine ſo kurze Trennung grämen konnte. An Sommer⸗Johanni ſind es ſechs Jahre, ſeit ich meinen armen Jungen beerdigte. Ich meinte, dieſes Leben müßte eine lange traurige Wüſte ſeyn, bis ich ihn wiederträfe, und jetzt kommt mir's vor, als wäre es erſt geſtern geweſen. Sechs Jahre weiter— und es wird daſſelbe ſeyn, und dann ſind wir beiſammen. Ich moͤchte Dir nicht wehe thun, mein theures Kind; aber Du mußt tragen lernen, was die Vernunft Dir erleichtern ſollte und was die Zeit Dir einſt gewiß abnimmt. Jetzt aber zu weltlichen Geſchäften.“ 526 Mit dieſen brauche ich den Leſer nicht zu langweilen; ſte waren weder ſehr complicirt noch ſehr intereſſant. Gegen Louiſe war Mr. Mullins zwar freundlich, aber vielleicht et⸗ was zu barſch und gradaus für ihren weichen Kummer. Gegen Käthchen war er ſanfter und kaum weniger gütig; wäre er aber auch anders geweſen, ſie würde ſein rauhes Auftreten nicht ſo wie Louiſe empfunden haben, da ſie beſſer an die harte Hand des Lebens gewöhnt war. Die Ge⸗ ſchäfte waren bald abgemacht und der Anwalt ging aus, um Weiſungen zu ertheilen, welche anzuhören für Louiſe nur ſchmerzlich geweſen wäre. Während ſeiner Abweſenheit langte ein Brief für ihn an, worauf das Wort„preſſant“ geſtempelt war, und der ihm auch alsbald übergeben wurde, als er nach einer halben Stunde zurückkehrte. Er riß ihn haſtig auf und las deſſen Inhalt mit offenbarer Aengſtlichkeit, denn die Augbrauen zogen ſich düſter zuſammen und das Augenlied war ſchmerz⸗ lich gehoben. Zuletzt biß er ſich auf die Lippen, zerknitterte den Brief in der Hand und zog raſch an der Glocke. „Holt mir einen Wagen irgend einer Art,“ befahl er; „eine Poſtchaiſe— eine Poſtchaiſe iſt das Beſte. Louiſe, meine Theure, ich muß Dich auf eine Weile verlaſſen. Ich will unterwegs Mr. Slater anrufen und ihn bitten, Alles für Dich zu thun, was mir jetzt nicht möglich iſt. Miß Malcolm, Ihr werdet bei ihr bleiben, und ich bin überzeugt, Ihr werdet freundlich gegen ſie ſeyn. Geſchäfte— Ge⸗ ſchäfte rufen mich in die Ferne— ſehr unerwartete, über⸗ raſchende Geſchäfte.“ 5²27 „Ich fürchte, ſte ſind auch peinlicher Natur, Sir,“ er⸗ wiederte Käthchen. „Erfreulich gerade nicht,“ erwiederte Mr. Mullins; „doch kann's noch beſſer ſeyn, als es den Anſchein hat. Ich muß gehen und mein Felleiſen ſchnüren.“ MNit dieſen Worten eilte er aus dem Zimmer. Eine kalte Ahnung ferneren Kummers überlief Käth⸗ chens Herz. Sie wußte nicht recht warum, denn ſolche Vorzeichen entſtehen oft durch kleine Andeutungen, die wir unwillkührlich aus der Maſſe herausgreifen, und es mochte ſeyn, daß während Mr. Mullins offenbar weit bewegter als er erſcheinen wollte, zu ihr ſprach, ſie ſein Auge ein oder zweimal mit einem verſtohlenen Seitenblicke zu Louiſen und dann zu ihr hatte hinſchweifen laſſen. Wenige Minuten ſpäter kam er herunter; die Chaiſe wurde gemeldet, das Gepäck aufgeladen, und er eilte zur Thüre. Die beiden Mädchen hörten ihn zu dem Kutſcher ſagen: „Nach Creig's Bureau, Charing⸗croß.“ „Ei, da wohnt ja Reginald's Agent,“ bemerkte Louiſe ohne irgend eine Spur von Beſorgniß. „Vielleicht geht er zuerſt dorthin, um einige Weiſun⸗ zu ertheilen,“ erwiederte Käthchen, empfand aber eine Furcht, die ſie ſich nicht zu erklaͤren wußte. Mittlerweile fuhr Mr. Mullins in die Ecke ſeiner Chaiſe zurückgelehnt, den Kopf vorgebeugt, die Hand auf ddem Munde und die Füße gekreuzt, in voller Eile nach Charing⸗croß. Er rührte ſich nicht im Geringſten, bis die 528 Chaiſe anhielt, ſo tief war er in Gedanken verſunken. So⸗ bald die Thure aufging, eilte er raſch den Hof hinab und blieb vor einem Bureau ſtehen, deſſen Thüre geſchloſſen war. Er zog die Glocke, denn es war unterdeſſen ſpät ge⸗ worden. Ein Schreiber öffnete. „Iſt Mr. G— zu Hauſe?“ fragte der Anwalt. „Ja, Sir: er dachte, Ihr könntet kommen, und blieb eine Stunde länger als gewöhnlich,“ antwortete der Schrei⸗ ber;„wollet nur gefälligſt eintreten.“ Mullins eilte ohne Aufenthalt weiter und traf im in⸗ nern Zimmer einen ſtattlichen Mann, der einige Papiere überlas. 8 „Das iſt ja eine ſchreckliche Nachricht, Mr. G—“ rief der alte Mann ohne Weiteres;„iſt ſie auch ganz ſicher? „Ich fürchte ſo,“ gab der Agent zur Antwort—„nur allzu wahr. Wir haben zwar noch keine Details, aber das Faktum ſcheint unzweifelhaft. Da iſt der Brief, den wir erhielten.“ Mr. Mullins las ihn zweimal. „Unglück über Unglück!“ rief er.„Als ich Euch heute Morgen ſah, hattet Ihr dieſen Brief noch nicht empfangen, und doch war die Poſt ſchon angelangt.“ „Er kam durch einen Expreſſen von Swanſea,“ er⸗ klärte Mr. G—.„Ich habe ſchon in die Stadt geſchickt; dort weiß man aber nichts Näheres. Alle empfangenen Briefe enthalten daſſelbe und ſind bloße Umſchreibungen des vor⸗ liegenden. Wir werden vermuthlich vor Samſtag nichts 529 Naͤheres hören; bis dorthin erwartet man den Ruſſell zu Plymouth.“ „Ich muß vorher das Nähere erfahren,“ erklärte Mr. Mullins tief bewegt.„Ich will mich ſelber unverzüglich an Ort und Stelle verfügen. Mittlerweile laßt kein Ge⸗ rücht dieſer Art zu Louiſens Ohren gelangen; ſo lange noch eine Hoffnung vorhanden iſt, wäre es grauſam, ſie in ihrer jetzigen Erſchütterung mit Beſorgniſſen heimzuſuchen, welche ſich grundlos erweiſen können. Bei meiner Rückkehr will ich hier vorſprechen; bis dahin ſendet keine anderen als gute Neuigkeiten auf die Villa. Adieu für jetzt; der Himmel gebe, daß dieſe Botſchaft übertrieben ſey.“ Mit dieſen Worten eilte er aus dem Bureau, ſtieg wieder in den Wagen und gab dem Manne die Weiſung, wohin er zu fahren habe, worauf er ſich unverzüglich nach der Weſtküſte aufmachte. Er ließ ſich weder durch Eſſen noch Schlafen aufhalten, und als er endlich Barnſtable er⸗ reichte, war er völlig erſchöpft. Dort verſchlang er einen Becher Wein und aß einen Zwieback, um dann alsbald in einem kleinen Gig den Tow hinab und längs der Seeküſte hinzufahren. Er hielt vor mancher Hütte in der Barnſtable⸗ Bay, und ernſt war ſeine Unterredung mit den Seeleuten, die er unterwegs traf; aber trauriger und immer trauriger wurde der Ausdruck in des alten Mannes Zügen je weiter er kam, und endlich als er den Kutſcher umkehren hieß, ſetzte er ſich mit niedergeſchlagenen Augen in den Wagen und ſprach kein Wort, bis er den weißen Löwen erreichte. „Gebt mir Dinte, Feder und Papier,“ befahl er ſobald James. Th. Broughton. 34 53⁰0 er das für ihn zubereitete Zimmer betrat, und während der Kellner ſich entfernte, um das Verlangte zu holen, ging der alte Anwalt langſam auf und nieder, während tiefer Gram in die ſtarken Linien ſeines Geſichts geſchrieben war. „Daß er ſterben mußte, als gerade ein ſo unerwarteter Glücksfall ihn betraf!“ rief er.„Gottes Wille geſchehe! Gottes Wille geſchehe!“ Sobald das Papier gebracht wurde, ſetzte er ſich nie⸗ der, hielt aber inne, ehe er zu ſchreiben begann. „Wollt Ihr zu Mittag ſpeiſen, Sir?“ fragte der Kellner. „Ja.“ „Wollt Ihr mir nähere Befehle geben?“ „Alles einerlei,“ rief Mr. Mullins und ſchrieb: „Meine theure junge Dame! Ich melde Euch eine Nachricht, die Cuer gütiges Herz ſehr erſchüttern wird; aber Ihr habt einen feſteren Sinn und mehr Erfahrung, als unſere arme Louiſe und darum muß ich Euch bitten, Ihr eine Kunde mitzutheilen, welche ſte furchtbar ergreifen wird. Das Schiff London von Briſtol, worauf mein armer Neffe Reginald— einen fei⸗ neren, nobleren, ehrenwertheren jungen Mann hat es nie gegeben— ſich nach Amerika einſchiffte, wurde vergangenen Dienſtag Nachts durch den Ruſſell, ein Linienſchiff von achtzig Kanonen, niedergerannt.“ Es ſank augenblicklich, „ Dieſes Ereigniß trug ſich zu am 28. Dez. 1778. Der Leſer wird bemerken, daß ich mir mit dem Datum einige Freiheit ge⸗ nommen habe. 531 und man verſichert, Mann und Maus ſey umgekommen. Ich habe mich dieſen ganzen Tag mit Nachforſchungen gequält, bis mir jeder Funken von Hoffnung genommen wurde. Ich habe vor Abgang der Poſt nur noch ſo viel Zeit, um Euch dieſe wenigen Zeilen zu ſchreiben. Eine Nacht muß ich mich ausruhen; morgen früh aber fahre ich hinüber nach Plymouth und gehe von da geradeswegs nach London. Mittlerweile bitte ich Euch ums Himmelswillen, bereitet die arme Louiſe auf dieſe Schreckensbotſchaft vor, und genehmigt die Verſicherung der Hochachtung, mit der ich verharre Meine theure Miß Malcolm „Euer ergebenſter ꝛc.“ Siebenunddreißigſtes Kapitel. Wie doch die Ereigniſſe eines einzigen Tages nicht allein das ganze Leben eines Individuums, ſondern das Schickſal ſo Vieler berühren! und wie endlich das Ganze von ſo geringfügigen Umſtänden abhängt! Der Tag nach Mr. Mullin's Abreiſe nach dem Weſten von England war der Schlußſtein von Käthchen Malcolms Schickſal wie von dem aller derjenigen, welche ſeit dem Abende, da ſie ihnen allen unbekannt den Hof des ſchwarzen Ochſen zu Dunſtable betreten hatte, ſo ſonderbar mit ihr verknüpft worden waren. Aus dieſem Grunde muß ich mit etwas mehr Genauigkeit 34* 53²2 als gewöhnlich ihr Verfahren während dieſer zwölf Stun⸗ den erzählen. Ihre erſte Aufgabe war an Mary Chevenir zu ſchrei⸗ ben, und ſie fand dies ſchwieriger, als ſie Anfangs gedacht hatte. Als ſie es damals auf ſich genommen, war ihr nicht beigefallen, daß ſie nothwendig ihr Liebesverhältniß mit Lutwich enthüllen müſſe. Nicht, daß ſie die Sache von ſich gewieſen hätte, auch wenn ihr dieſe Thatſache in den Sinn gekommen wäre: aber ſie war dennoch nicht wenig verlegen, als ſie ſich zu Erfüllung ihres Verſprechens niederſetzte. Sie überlegte die Worte, die ſie gebrauchen wollte, ſorgfältiger als ſie ſonſt irgend eine Handlung, die ſie für recht hielt und wozu ſie ſich entſchloſſen hatte, zu überdenken gewöhnt war. Sie wog zweifelnd die Ausdrücke, brach aber bald auf dieſem Wege ab, indem ſie ſich fragte:„ſoll ich etwa anfangen unaufrichtig— unwahr zu werden? Nein, nein: ich will ſchreiben, wie mir's aus dem Herzen kommt, dann mag Mary denken, was ſte will.“ Dies that ſie und als ſie den Brief überlas, fand ſie ihn weit beſſer, als wenn ſie irgend welche Kunſtgriffe ge⸗ braucht hätte. Er war offen, aufrichtig und gerade auf ſein Ziel losgehend; ihre eigenen Gefühle kamen dabei nicht ſehr in Betracht, und wenn ſie auch in gewiſſem Grade be⸗ rührt wurden, ſo geſchah dies doch weit weniger, als wenn ſte dieſelben zu verbergen geſucht hätte. Es war nur ein Ausdruck, den ſie deutlich ausſprach, denn nachdem ſte Lut⸗ wichs Lage geſchildert, fuhr ſie fort:„Du kannſt Dir den⸗ ken, Mary, daß ich mich hoͤchſt elend fühle.“ 533 Der Brief wurde geſiegelt und abgeſchickt, und nach⸗ dem ihr trauriges Frühſtück vorüber war— denn für die armen klagenden Mädchen war es ein kummervolles Mahl geworden— erklärte ſie Louiſen, daß ſie nach Jarworth⸗ Park gehen müſſe, um Sir Harry Jarvis in Geſchäften zu beſuchen. „Dann nimm unſern Wagen, theures Käthchen,“ ſagte Louiſe Lisle,„ſtatt in einer Poſtchaiſe zu fahren, die Du ofter wechſeln mußt. Es ſteht ein Wagen in unſerer Re⸗ miſe, obwohl wir ſeit mehreren Jahren keine Pferde hielten; er wird aber für Dich jedenfalls bequemer und auch anſtän⸗ diger ſeyn, als eine Miethkutſche. Auch der Diener kann mit Dir gehen.“ Von letzterem Anerbieten wollte Käthchen nichts wiſ⸗ ſen; den Wagen nahm ſie an und fuhr mit Pferden aus einem benachbarten Gaſthofe nach Sir Harry Jarvis' Hauſe ab. Sie freute ſich des Gedankens ihn wiederzuſehen: es war nicht eigentlich Hoffnung, denn ſie wußte nicht, was er thun konnte; aber ſie ging jedenfalls gerne, denn der gute alte Mann war ſo freundlich, ſo zuvorkommend, ja ſogar zärtlich gegen ſie geweſen, daß ſie überzeugt war, ſie würde Theilnahme und wohl auch Rath wenn nicht gar Hülfe bei ihm finden. Der Wagen fuhr dahin; der Weg ſchien lange, und ihren eigenen Gedanken überlaſſen, ſank Käthchens Muth immer tiefer und tiefer. Die Gegend war wüſt und öde— nichts was die Seele ableitete; ſchwere Gedanken kamen über ſie, und jedes dunkle oder peinliche Wort, das Lutwich 534 geſprochen, irat ihr vor das Gedächtniß. Er hatte keine andere Hoffnung geſehen als die, William Havant's Zeug⸗ ſchaft aus dem Wege zu räumen, und er hatte ungewiß ge⸗ ſchienen, wie er dies ausführen wollte. Die Stunden flogen raſch, dachte Käthchen, und es konnte lange dauern, bis eine ſolche Sache abgemacht war. Sollte ſie müßig bleiben ohne eine Anſtrengung für ihn zu machen? Es konnte ja nichts ſchaden, den Mann zu ſehen, und auf alle Fälle konnte ſie entdecken, wie er geſinnt ſey. Lutwich hatte nur für ſie gefürchtet: ſie ſelbſt wußte nichts von Furcht. O wenn ſie ihn retten— wenn ſie zu ſeiner Rettung behülflich ſeyn konnte! wäre das Leben ſelbſt nicht eein leichtes Opfer für ſolchen Preis? Aber da war keine Gefahr: der Ort, wo der Mann wohnte, war keines jener Neſter des Laſters und Verbrechens, wie man ſie in London ſo zahlreich findet. Gehörte er auch nicht in den modiſch'ſten Theil der Stadt, ſo lag er doch ganz in der Nähe, und es war dabei nicht das Mindeſte zu riskiren, während ſich vielleicht ein großer Vortheil dadurch erlangen ließ. Ueber dieſen Gedanken verweilte ſie während des gan⸗ zen Hinwegs; ſie erwog, ſie überlegte und wurde mit jedem Augenblicke feſter in ihrem Entſchluſſe, dieſen William Ha⸗ vant aufzuſuchen. Endlich fuhr der Wagen durch die Thore des Jarworth⸗Parkes und hielt vor dem Hauſe. Der Po⸗ ſtillon zog die Glocke und eine ziemlich lange Pauſe erfolgte, bis zuletzt der alte Tafeldecker, den ſie wohl kannte, die Thore öffnete und ſich der Chaiſe näherte. „O Miß Malcolm, wie freue ich mich, Euch zu ſehen, * 535 Ma'am,“ ſagte der alte Mann in freundlichem Tone und fuhr ehe ſie fragen konnte, ob ſein Herr zu Hauſe ſey, alſo fort:„dem armen Sir Harry geht es recht ſchlimm, Miß: er befindet ſich heute noch nicht beſſer.“ „Iſt er krank?“ rief Käthchen mit einem Ausdrucke der Ueberraſchung und des Bedauerns, der den anhänglichen Diener tief rührte. „Sehr krank, Miß, in der That,“ erwiederte der Mann. „Mein Gott! wußtet Ihr's denn nicht? er lag die letzte Woche an einem böſen Fieber darnieder, das er wie man glaubt von einigen Vagabunden erbte, die man vor ihn ge⸗ bracht hatte.“ „O ich mochte ihn ſo gerne ſehen,“ ſagte Käthchen mit Schmerz und Verwirrung im Blicke. „Sein Vetter iſt bei ihm, Ma'am,“ erzählte der Die⸗ ner mit einem Seitenblicke über die Schulter:„er iſt ein ſehr ſtrenger harter Herr. Aber ich kann hinaufgehen und fragen, ob Ihr Sir Harry ſehen könnt.“ „Thut das— thut das,“ bat Käthchen;„aber nicht, wenn es ihm ſchaden koͤnnte, denn dann ſtehe ich von meinem Wunſche ab.“ Der alte Mann ging fort, die Thüre hinter ſich offen laſſend, und Käthchen konnte hören, wie er oben auf der erſten Treppenflur mit Jemand redete. Dann kam der Tafel⸗ decker herab und blieb am hinteren Ende des Vorplatzes ſtehen, wie wenn er auf die Beantwortung der überlieferten Botſchaft wartete, ſo daß Käthchen hoffte, ſie ſey Sir Harry ſelbſt überbracht worden. Nach zwei Minuten kam 536 jedoch ein Mann, wie ein adeliger Diener gekleidet, halb⸗ wegs herab und ſagte ziemlich rauh: „Nein: bei Sir Harry's jetzigem Zuſtande iſt es un⸗ moglich irgend Jemand vor ihn zu laſſen. Das könnt Ihr der Dame ſagen.“ Der alte Diener naͤherte ſich wieder dem Wagenſchlage, wie wenn er die Antwort wiederholen wollte, doch Käthchen unterbrach ihn mit den Worten: „Ich habe die Botſchaft ſchon vernommen.“ „Sie kommt nicht von meinem Herrn, Miß Malcolm,“ ſagte er.„Nimmermehr hätte er Euch eine ſolche Antwort geſendet.“ „Iſt er bei ſich?“ fragte Käthchen leiſe. „O freilich, ganz und gar,“ gab der Diener zur Ant⸗ wort.„Vor einigen Tagen fantaſirte er ziemlich ſtark; jetzt aber iſt er ganz bei ſich. Er wird ganz gewiß ſehr bedauern, daß er Euch nicht geſehen hat.“ „Ich will wieder kommen,“ erklärte Käthchen.„Ich habe ihm einen Brief zu überliefern, den ich in ſeine eigenen Hände niederlegen ſoll.“ „Sie werden Euch nicht zu ihm laſſen, Miß, wenn ſie's verhindern können,“ flüſterte der Tafeldecker.„Wollt Ihr mir den Brief überreichen, ſo will ich ihn auf mein Wort meinem Herrn ſelbſt in die Hand bringen. Ihr könnt Euch gewiß auf mich verlaſſen, Ma'am.“ „Davon bin ich überzeugt,“ verſicherte Kaͤthchen;„ſo⸗ bald er aber im Stande iſt, Jemand zu ſehen, können ſie 537 gegen mich keine größere Einwendung als gegen ſonſt Je⸗ mand haben.“ „Das weiß ich nicht, Ma'am,“ erwiederte der Andere kopfſchüttelnd.„Mein Gebieter ſprach geſtern Nacht von Euch, und ich glaube nicht, daß das ſeiner Umgebung ſehr erfreulich geweſen.“ „Ich weiß nicht, was ich thun ſoll,“ ſprach Käthchen nachdenklich;„vielleicht iſt es am Beſten, Euch den Brief zu übergeben, denn ich weiß, er iſt von großer Wichtigkeit. Aber Ihr müßt mir verſprechen, ihn nur Sir Harry ſelbſt zu überliefern, ſobald er wohl genug iſt ihn zu leſen.“ „Das will ich auf mein Wort!“ verſetzte der Tafel⸗ decker;„und noch überdieß wenn ſonſt Niemand dabei iſt. Ich wollte übrigens keineswegs ſagen, Ihr ſollet lieber nicht kommen, Miß Malcolm. Ich fürchte zwar, ſie werden Euch nicht vorlaſſen; man kann's aber doch verſuchen. Nur gebt mir für den ſchlimmſten Fall Euern Brief.“ „Wohlan, hier iſt er,“ verſetzte Käthchen, ihn nicht ohne Zögern ausliefernd. Der Mann nahm ihn ruhig, ſchaute ſich um, ob er be⸗ obachtet ſey, und ſteckte ihn in die Taſche. Sie wiederholte ſodann ihre Aufträge und er ſein Verſprechen, worauf der Wagen wieder gegen London zurückfuhr. Das arme Käthchen Malcolm fühlte ſich mehr und mehr gedrückt. Hier war ſchon wieder ein Unfall, der ihren Geliebten traf: auf das Zeugniß eines ſo hochangeſehenen Mannes hatte ſie ſehr gerechnet, denn ſie hatte als gewiß angenommen, daß ſein Zeugniß günſtig ausfallen müſſe, und 538 jetzt war es ihm rein unmöglich es zu geben— Lutwich blieb ohne den Vortheil ſeiner Zeugſchaft, und dieß gerade in einer Zeit, wo ſeinem eigenen Geſtändniſſe zu Folge Alles, was er irgend erlangen konnte, kaum zu ſeiner Ret⸗ tung hinreichen mochte. Dem armen Käthchen ſchien es, als ob das Schickſal beſchloſſen hätte, Alles wider ihn in die Wagſchale zu werfen, und die bitteren Thränen rollten ihr über die Wangen, während ſie ihrem neuen Unſtern nachhing. Der Wagen fuhr in dieſem Augenblicke am Rande der Finchleyhaide und die Straße machte damals eine ſcharfe ſteile Biegung und war von einer Waſſerrinne quer durch⸗ ſchnitten, die ſich nicht eben im beſten Zuſtande befand, da Mac Adam's Sonne in jener Zeit noch nicht aufgegangen war. Der Poſtknecht fuhr raſch, denn Käthchen hatte ihn zur Eile aufgefordert, um dem Gefangenen vor ihrer Heim⸗ kehr das Reſultat ihres Beſuches zu Jarworth Park mit⸗ zutheilen; ſo geſchah es, daß er beim Hinabfahren die Waſ⸗ ſerrinne rechtwinklich und ſo hart er nur konnte durchſchnitt. Käthchen fühlte einen ſcharfen Stoß und ſah wie die Pferde hinten zuſammenſanken und der Reiter faſt aus dem Sattel geworfen wurde. Im nächſten Augenblicke hielt er an und ſtieg ab, ſchaute unter das Fuhrwerk und näherte ſich dem Wagenfenſter mit der Meldung: „Mit Verlaub, Ma'am, die Achſe iſt gebrochen.“ „Barmherziger Himmel! was iſt da zu thun!“ rief Käthchen.„Wo können wir ſie ausbeſſern laſſen?“— indem ſie dem Manne gänzlich verwirrt in's Geſicht ſchaute. „Hm, das gibt'ne lange Geſchichte,“ brummte der 539 Poſtjunge;„der nächſte Schmid iſt anderthalb Meilen ent⸗ fernt; aber ſo, ſeht Ihr ſelbſt, Ma'am, können wir nicht weiter, denn die Achſe ſchleift mit beiden Enden.“ „Wo kann ich den Schmid auffinden?“ fragte Käth⸗ chen ängſtlich.„Sagt mir den Weg und ich will ihn holen.“ „Ja, der Weg iſt erſt nicht einmal ſehr gerade,“ meinte der Kutſcher.„Ich würde ſelber gehen; aber ſeht Ihr, ich möchte Euch mit den Pferden nicht gerne allein laſſen, Ma'am. Ich will Euch was ſagen: wenn Ihr etwa drei⸗ viertel Meilen auf dieſer Straße weiter gehen wollt, ſo kommt Ihr zu Mutter Havant's Häuschen— ein kleines Ding mit allerhand Waaren am Fenſter; um ein Sechs⸗ groſchenſtück ſchickt ſie ihr Mädchen hinunter zu Tom dem Grobſchmid und läßt ihn heraufholen. Wir müſſens auf irgend eine Art zuſammenzuſpliſſen ſuchen, denn von Schwei⸗ ßen iſt hier keine Rede: dann können wir gemächlich in die⸗ Stadt fahren.“ „Wie nanntet Ihr die Frau?“ fragte Käthchen. „Mrs. Havant, Ma'am,“ erklärte der Poſtknecht;„'s iſt ein kleines rothes Backſteinhaus, ganz einſam rechts an der Straße ſtehend. Ihr könnt's nicht verfehlen: es ſtehen Schnapsflaſchen und Backwerk und dergleichen Zeug am Fenſter.“ Käthchen ſtieg aus und ging nachſinnend weiter, indem ſie ſich fortwährend den Namen Mrs. Havant wiederholte. —„Mrs. Havant,“ dachte ſie—„es kann hier herum ein gewöhnlicher Name ſeyn. Merkwürdig iſt es aber doch und ich kann ja einmal Nachforſchungen anſtellen.“ 540 Die Haide war einſam und verlaſſen genug, ſogar bei vollem Sonnenſchein. Kein Baum war zu ſehen; kein leben⸗ des Weſen regte ſich; nur ein Steinſchmetzer flatterte in unauf⸗ hörlicher Bewegung wie ein geſtörter Geiſt von einem Gin⸗ ſterbuſch, von einem Sandhaufen zum andern. Käthchen fühlte ſich ſehr traurig und einſam in dieſer weiten öden Haide: ſie war nicht ängſtlich, aber es lag etwas in dem wilden troſtloſen Anſtriche des Ortes, das mit ihrem eigenen Schickſal nur gar zu trübe Vergleichungen darbot. Sie ging übrigens raſch ihres Weges und ſah endlich neben der Straße ein kleines enges rothes Haus ganz ein⸗ ſam daſtehen, deſſen lange flache unvollendete Seiten zu be⸗ weiſen ſchienen, daß der Erbauer im Sinne gehabt hatte, ihm noch weitere Gefährten zu geben. Im Fenſter bemerkte ſie die verſchiedenen Verkaufsartikel, mit denen ſich manche arme Frau durchs Leben zu bringen ſucht, und über der Thüre ſtand der Name Rebecca Havant'. Ihres Zieles gewiß trat ſie in die offene Thüre; doch kann man nicht ſagen, daß ſie durch das Ausſehen des Ortes oder ſeiner Gebieterin zu Gunſten beider ſonderlich einge⸗ nommen wurde: der kleine Laden war ſchmutzig und duftete von den widrigſten Gerüchen; die Frau hinter dem Laden⸗ tiſch war eine dünne ſchlampige Perſon mit ſcharfer vorne ſtark gerötheter Adlernaſe, neben welcher zwei biſſige ſchwarze Triefaugen in die Welt hineinſtarrten. Auf einem hohen Stuhle neben ihr ſaß ein Junge, mürriſch auf einer ſchmieri⸗ gen Schiefertafel kratzend, und ein etwas jüngeres Mädchen das ſeit ſeiner Geburt nicht ſehr oft gewaſchen ſeyn mochte, V 541 zupfte an ihrer Mutter Schürze und ſchien um etwas zu betteln. „Nun, Ma'am, was wollt Ihr?“ rief die Frau in ungeduldigem Tone, das Kind nicht im Mindeſten beachtend. „Meinem Reiſewagen iſt ein Unglück zugeſtoßen,“ er⸗ wiederte Käthchen;„der Poſtknecht wollte die Pferde nicht verlaſſen und ſagte mir, eines Eurer Kinder, Mrs. Havant, würde wohl zum Grobſchmid laufen und ihn herbeiholen.“ „So! meine Kinder haben genug zu thun, ohne auch noch den Schmiden nachzulaufen,“ lautete die grobe Antwort. „Ich hatte keineswegs im Sinn ſie unentgeldlich zu bemühen,“ verſetzte Käthchen.„Ich will dieſem kleinen Manne einen Schilling geben, wenn er den Grobſchmid bis an den Wagen führt, den er faſt eine Meile gegen Barnet hin finden wird.“ „Ah, das ändert die Sache,“ meinte das Weib.„Bill, ſpring gleich herab und laufe zu Tom Smith— die Dame ſagt, ſie wolle dir einen Schillig geben.“ „Ich geh nicht,“ gab der Bube mürriſch zur Antwort: „Du würdeſt mir nur den Schilling nehmen, wenn ſie mir ihn gäbe.“ Eine Ohrfeige war alsbald die Antwort; doch ſchien dieſe nicht mehr Wirkung als Worte zu äußern, bis ſie ihm verſprach, daß er die Hälfte des Schillings für ſich bekom⸗ men ſolle. Auch dann wollte er noch nicht gehen, bis er einen Squirl von ihr erpreßt hatte, wozu ihm die Mutter wohlweislich den Faden bis zu ſeiner Rückkehr vorenthielt, 5⁴² damit er nicht unterwegs hinſtehe und ſich mit ſeinem Spiel⸗ zeug aufhalte. Erſt als er fort war, wagte Käthchen nach einigem Zögern, indem ſie den verſprochenen Schilling auf den Laden⸗ tiſch niederlegte, die Frage zu ſtellen: „Heißt Euer Sohn nicht William?“ „Ja, Ma'am,“ gab die Frau in viel höflicherem Tone zur Antwort;„und ein hartnäckiger Teufel von einem Plag⸗ geiſte iſt er.“ „Das iſt doch auffallend, ſagte Käthchen;„ich ſuche eine Perſon Namens William Havant— nur iſt er, glaube ich, in London.“ „Das iſt vermuthlich mein Schwager,“ erwiederte das Weib;„er war Poſtknecht im Wollenpack zu St. Albans.“ „Der Nämliche,“ verſetzte Käthchen. „Mein Gott! was kann eine junge Dame, wie Ihr, von ihm wollen?“ rief Mrs. Rebeeca Havant. „Vielleicht etwas was zu ſeinem Vortheil ausſchlagen kann,“ gab Käthchen zur Antwort;„glaubt Ihr ihm heim⸗ lich eine Botſchaft hinterbringen zu können, ohne daß die Leute, die ihn nach London gebracht haben, es erfahren?“ „Ei, Onkel Bill iſt ja im obern Stock und trinkt ſein Wachholderwaſſer,“ rief das keine Mädchen. Jetzt kam die Reihe des Beohrfeigens an ſie; das konnte jedoch die Unvorſichtigkeit, die ihre Mutter ihr Schuld zu geben ſchien, nicht wieder gut machen, und die gute Dame wendete ſich deßhalb an Käthchen, indem ſie in ziem⸗ lich drohendem Tone bemerkte: 543 „Ich hoffe, Ihr habt nichts Böſes gegen ihn im Sinn denn ſeht Ihr—“ „Was könnte ich ihm Böſes anthun?“ verſetzte Käth⸗ chen lächelnd;„ich bin nicht ſehr ſtark, meine gute Dame; ich möchte blos einige Worte mit ihm reden und ihm etwas mittheilen, was ihm ſehr nützlich werden kann, wenn er es wohl anzuwenden verſteht.“ Die Frau ſah immer noch zweifelhaft aus, ſagte aber endlich lachend, wie wenn ſie ſich plötzlich entſchloſſen hätte: „Wohlan, ich denke, wir könnten ſchon mit Euch fertig werden, wenn es auch der Fall wäre,“ indem ſie ſich um⸗ drehte und durch eine Hinterthüre entfernte, worauf Käthchen ſie die Treppe hinaufſteigen hörte. Das Weib hatte in Weſen und Worten etwas Unan⸗ genehmes und Drohendes an ſich, was das gute Mädchen ſeinigermaßen beunruhigte; ja ſie dachte ſogar einen Augen⸗ blick daran, den Laden zu verlaſſen und zu der Chaiſe zu⸗ rückzueilen. Bald aber gab ihr der Gedanke neuen Muth, daß ſie für Lutwich handelte, und mit einer Anwandlung jenes Aberglaubens, welcher mehr oder weniger in die Mi⸗ ſchung jedes Charakters geknetet iſt, verweilte ſie mit fan⸗ taſtiſcher Hoffnung bei dem außergewöhnlichen Umſtand, daß ſie ſo unerwartet auf den Mann geſtoßen war, welchen zu ſuchen ſie ſich entſchloſſen hatte. Oben ſchien eine lange Berathung vor ſich zu gehen, denn ſie hörte ein Gemurmel von Stimmen, das faſt eine Viertelſtunde dauerte, bis endlich die Frau herabkam und die Antwort hinterbrachte: 544 „Tretet nur hier herein, Ma'am, er wird ſogleich her⸗ abkommen. Ich kann Euch nicht hinaufgehen heißen, denn der Ort iſt nicht ganz ſauber;“ worauf ſie Käthchen in ein kleines ſchmutziges Hinterſtübchen führte, das durch eine Glasthüre von dem Laden getrennt war. Hier blieb Käthchen zwei bis drei Minuten allein, nach⸗ dem das Weib ſich wieder in den Laden begeben hatte, bis ſie endlich einen ſchweren ſchlürfenden Männerſchritt herab⸗ kommen hörte und im nächſten Momente die kurze ſtämmige Figur, die niedere Stirne, das breite Maul, das einwärts ſchielende Auge und die krumme Habichtsnaſe des Ehren⸗ mannes, Galgenholz Billy genannt, vor ſich ſah. Der Burſche war zwar nicht völlig betrunken, hatte aber doch ſchon ziemlich viel in dieſem Stücke geleiſtet, und ſeine erſten Worte waren: „He, Ma'am, was wollt Ihr von mir?“ „Heißt Ihr William Havant?“ fragte Käthchen nicht ganz ohne Furcht, denn der Anblick des Schuftes erſchreckte ſie. „Ja, ja, William Havant oder Galgenholz Bill— 's iſt ein und daſſelbe,“ verſetzte der Poſtjunge. „Dann, meine ich,“ fuhr Käthchen mit zitternder Stimme fort.— zitternd aus verſchiedenen Gründen— „Ihr waret einer der Zeugen, welche letzten Donnerſtag gegen Oberſt Lutwich auftraten.“* „Oho! wills da hinaus, he?“ verſetzte der Schlingel; „und wenn ichs war— was dann? Ich laſſe mich von Nie⸗ mand einſchüchtern, die Wahrheit nicht zu ſagen. Ich wollte, die Leute ließen mich in Ruhe. Erſt geſtern Nacht bedrohte 545 mich einer, und deßhalb ſchickten ſte mich hieher, um mich aus dem Wege zu bringen,“ indem er einen herzhaften got⸗ tesläſterlichen Fluch auf die Köpfe derjenigen herabſchleu⸗ derte, die er unter dem gemeinſamen Namen„ſie“ zuſam⸗ menfaßte. „Seyd Ihr auch gewiß, daß er Euch einen beſſern Be⸗ weggrund als Drohungen anzubieten kam?“ fragte Käth⸗ chen, im Verlaufe des Geſprächs etwas kühner werdend. „Ich weiß nicht, was Ihr unter Beweggrund verſteht,“ ſagte der Andere;„er ſprach zwar allerhand von etwas Baarem, wenn ich mich auf ein paar Monate verſteckte; allein er wollte nicht ſagen wie viel und ſo konnte ich weder ſo noch anders darauf eingehen. Auch ſagte er mir deutlich genug, er würde mich aufhängen, wenn ich nicht abhanden käme, obwohl ſo etwas gar nicht in ſeiner Haut ſteckt; aber das, meine ich, heißt doch jedenfalls drohen.“ „Nun wohl, ich ſuche Euch keinenfalls zu bedrohen,“ erwiederte Käthchen, noch ſchwankend, wie viel ſie ihm bieten ſollte;„im Gegentheil glaube ich Euch eine ſehr große Summe bieten zu koͤnnen, wenn Ihr England auf vier bis fünf Monate verlaſſen wollt.“ „Wie lautet die Ziffer?“ fragte der Mann kurzweg. Käthchen betrachtete ihn eine Weile und gab dann zur Antwort: „Tauſend Pfund— zur Hälfte baar, zur Haͤlfte nach Beendigung des Prozeſſes.“ Sie ſah mit unbeſchreiblicher Freude, daß der Menſch hon der Größe der Summe wie vom Donner betroffen war, James. Th. Broughton. 35 546 Allein der Däͤmon der Habgierde iſt nie zu befriedigen: er erholte ſich alsbald und bemerkte kopfkratzend: „Das reicht nicht ganz— ich muß die volle Summe haben, wenn ich aufbreche oder hol' mich der Teufel, wenn ich ihn nicht an den Galgen bringe. Ich will Euch was ſa⸗ gen, Miß— Ihr geht und ſprecht mit dem Oberſt darüber, ich will dann kommen und Euch beſuchen. Wenn Ihr er⸗ fahren habt, was er wirklich geben kann, wenn das Geld bei Euch bereit liegt, dann will ich kommen und Euch ruhig ſprechen. Wir machens dann ſogleich ab, und ich bin fort noch ehe einer Jack Robinſon ſagen kann— Ihr könnt mich abfahren ſehen, wenn Ihr wollt— aber wohl gemerkt, ich will mein blankes Tauſend vor mir haben, oder ich thue keinen Schritt.“ „Wohl, ſo ſey's denn,“ antwortete Käthchen, die Freude, die ihre Bruſt ſchwellte, zurückdrängend.„Kommt morgen Nacht gleich nach Eintritt der Dunkelheit zu mir: ich werde vorher Oberſt Lutwich ſprechen.“ „Ja, aber wohin ſoll ich kommen?“ fragte Galgen⸗ holz Bill.„Ich habe immer gern mit Damen zu ſchaffen: man iſt im Galopp mit ihnen fertig.“ „Wenn Ihr mir Feder und Papier geben wollt, werde ich die Adreſſe aufſchreiben,“ verſetzte das arme Mädchen zitternd vor Aufregung. Der Mann grinste, als er ihre Erſchütterung bemerkte und ging in den Laden, aus dem er mit einem eingetauchten Federſtümpchen und einem Fetzen linirten Papiers zurück⸗ 547 kehrte. Käthchen ſchrieb die Adreſſe ſo deutlich wie möglich und legte ſie dem Poſtjungen mit den Worten in die Hand: „Ihr dürft nicht verfehlen, morgen ſogleich nach Son⸗ nenuntergang zu kommen.“ Wie ſchwer wird einem jugendlichen Herzen die Lehre, daß es ſeinen Eifer niemals an den Tag legen darf, ſo hoch und edel auch der Preis, ſo billig, weiſe oder großmüthig auch der Beweggrund ſeyn mag! Wir leben in einer See voller Selbſtſucht, wo jeder den Anderen zu verſchlingen bereit iſt, und das arme Weißfiſchchen, das nach einer vergoldeten Fliege auf der Oberfläche des Stromes ſchnappt, iſt kaum ſicherer, von der heißhungrigen Angel erfaßt zu werden, als ein unerfahrenes Gemüth die Beute des Habgierigen wird, ſo bald es zu ſchwach iſt, ſeinen Eifer geheim zu halten. „Ich will's verſuchen,“ ſagte der Mann in gleichguͤl⸗ tigem Tone;„mir machts keinen Unterſchied. Für das was ich thue, werde ich jedenfalls gut bezahlt, und ſo brauche ich keineswegs zu eilen, um einen Handel abzuſchließen. Ueber⸗ dies hat man immer etwas in der Hand, wenn man Ge⸗ ſchäfte macht. Ich denke, Ma'am, Ihr ſolltet mir etwas geben, um auf Eure Geſundheit zu trinken, wenn ich zu kommen verſpreche.“ Käthchen ſchenkte ihm eine Guinee und eilte dann aus dem Laden und die Straße hinab bis an den Wagen, herz⸗ lich froh dieſen Leuten zu entrinnen, welche ihre Furcht wie ihren Ekel erregten. „Ich ſage, Becky,“ begann der Poſtjunge ſobald ſie ſort war,„das Stückchen wird mir nächſtens einen ſchönen 35* 548 3 Handel eintragen. Eine Fünfzigpfundnote und das Ver⸗ ſprechen auf weitere Fünfzig erhielt ich dafür, wenn ich den Oberſt hineinreite, und jetzt ſoll ich blanke Tauſend be⸗ kommen, wenn ich mich aus dem Staube mache.“ „Ich habe Alles gehört,“ gab das Weib zur Antwort; „aber ich ſage Dir was, Bill: Du biſt ein Narr, wenn Du die Summe nicht nahezu verdoppelſt. Du kannſt ja wohl ſehen, daß etwas dahinter ſteckt und Du haſt jetzt die Karten ganz in der Hand.“ „Hm, was meinſt Du, daß ich thun ſoll?“ fragte Gal⸗ genholz Bill;„ich weiß, Du haſt einen ſcharfen Blick, Becky, obgleich Du Deine eigenen Karten nicht ſonderlich gut gemiſcht haſt.“— „Das Glück war gegen mich,“ erklärte das Weib; „Du weißt wohl, Bill, ich rettete Deinen Bruder vom Galgen und er trank ſich in einem Jahre zu todt. Wenn Du mir übrigens ſo ein Fünfzig von Deinem ganzen Er⸗ trage verſprichſt, ſo will ich Dir ſagen, wie Du doppelt ſo viel oder noch mehr davonſchlagen kannſt.“ Der Handel wurde eingegangen; Mrs. Havant zog ſich mit ihrem liebenswürdigen Schwager in das Hinter⸗ ſtübchen zurück, ſtützte ihre Hände auf's Knie und begann mit eindringlichem Blicke: „Nun hoͤre mich an, Bill: wenn Du meinen Rath annehmen willſt, ſo wirſt Du thun, was ich ſage, aber wohl⸗ gemerkt, gerade wie ich's ſage, ſonſt hilft es nichts. So bald es dunkel iſt, trabſt Du zu den beiden jungen Burſchen in London zurück, von denen Du mir erzäͤhlt haſt.“ 549 „Sie ſind nicht Beide jung,“ verbeſſerte der Poſtjunge ſie unterbrechend;„der eine iſt ein alter und reif zu Allem.“ „Das macht keinen Unterſchied,“ verſetzte das Weib; „die Leute würden keine Fünfzigpfundnote geben um nichts oder um das Vergnügen, einen Menſchen an den Galgen zu bringen— auch ſind ſie keine Chirurgen und brauchen ihn alſo nicht zum Seciren. Ich ſage Dir, dahinter ſteckt mehr als Du glaubſt: drum trabe gleich zurück und ſage ihnen, Du kön⸗ neſt nicht thun, was ſie verlangen, weil Dir eine junge Dame für den Fall des Unterlaſſens tauſend baare Pfund angeboten habe. Du kannſt dabei die Artigkeit ſelber ſeyn, verſtehſt Du; aber darauf mußt Du ſie aufmerkſam machen, daß Du auch, wenn ſie Dich mit Gewalt zurückhalten, die verlangte Zeug⸗ ſchaft durch die Art, wie du ſie ertheilſt, dennoch vereiteln kannſt. Sie werden ſich ſtellen, als glaubten ſie nicht ein Wort von der Sache, und werden vermuthlich hochmüthig auftreten; Du brauchſt aber blos zu ſagen, es ſey Dir einer⸗ lei von wem Du dann Geld bekommſt— die junge Dame habeſt Du nie zuvor geſehen— Du weißt, das iſt wahr— und dann kannſt Du auch ihren Namen ſagen. Verlaß Dich darauf, ſte werden ſchon von ihr wiſſen und die Wahrheit Deiner Erzählung in der Minute einſehen. Dann werden ſie Dir verſprechen was Du willſt, das glaube mir.“ „Ja, und die Andern werde ich verlieren und nicht beide Preiſe zumal davontragen, Becky,“ erwiederte Byll nicht ohne Verachtung in ſeinen Mienen. „Du biſt ein Narr,“ antwortete die Dame;„verlange die eine Hälfte baar, und wenn ſie Dir nicht trauen, ſo biete 5⁵⁰ ihnen an, ſobald Du es erhalten haſt, Dich von ihnen ein⸗ ſperren zu laſſen; ſag ihnen nur, Du müſſeſt zu mir ſchicken, um einige zurückgebliebene Gegenſtände abholen zu laſſen.“ „Sie werden ganz gewiß einen ihrer Leute ſchicken,“ meinte Bill kopfſchüttelnd. „Was thut das, Du Dummkopf?“ fragte das Mann⸗ weib.„Wenn ſie ſchicken— weiß ich dann nicht eben ſo gut, daß Du das Geld erhalten haſt, als wenn Du ſelbſt geſendet hätteſt; fünf Stunden ſpäter ſollſt Du befreit ſeyn, wenn ſte Dich auch noch ſo feſt in den ſteinernen Krug“ einſperren. Dann eilſt Du ſo raſch Du kannſt zu der jungen Dame, nimmſt das Geld und gehſt davon. Wollen ſie Dir nichts auszahlen, die jämmerlichen Knicker, ſo haſt Du auf alle Faͤlle das Geld der Kleinen; ſie iſt ein feines junges Weib⸗ chen und es würde mir wahrlich Vergnügen machen, den Oberſten zu retten. Er iſt ein ganzer Gentleman, ſo fein wie ich nur je einen geſehen. Wie er zuweilen hier auf ſei⸗ nem Rappen vorbeigaloppirte, ſo ſtramm und bolzgerade, als ob er mit ſeinem Roſſe zuſammengewachſen wäre! Er würde einen hübſchen Cadaver abgeben; aber ich wollte lieber, er würde erſchoſſen, bräche den Hals oder ginge ſonſt zu Grund, ohne wie ein Hund am Halſe aufgehängt zu werden.“ „Nun gut, ich will den Streich verſuchen, Becky,“ verſetzte Galgenholz Bill;„er wird mich nicht hindern, *⁴ Die ſogenannte witness-box(Zeugenbüchſe)— der Gewahr⸗ fam, wo derlei Zeugen nöthigenfalls eingeſperrt werden, D. U. — — — plötzlich einen fremdartigen verſchlimmernden Einfall? 55¹ auf die andere Art zu profitiren, und ſo kanns ja nichts ſchaden.“ 3 „Nicht'ne Priſe,“ gab Mrs. Havant zur Antwort und ſo hatte das Geſpräch für jetzt ein Ende. Im Laufe des Nachmittags gab die alte Hexe ihrem Gefährten noch manchen neuen Wink, wie ihr eben eine friſche Fackel im Kopfe aufging; da ſie jedoch den Gang dieſer Ge⸗ ſchichte durchaus nicht berühren, ſo können wir eben ſo gut den Vorhang über zwei Perſonen fallen laſſen, deren widrige Charaktere hier niemals eingeführt worden wären, wenn wir ſie für die Erzählung hätten entbehren können. Achtunddreißigſtes Kapitel. „Der Geiſt der luftigen Macht!“ welchen Begriff gibt ſchon der bloße Name von dem Alles bewältigen⸗ den Einfluſſe des mächtigen Prinzips des Böſen! Wollen wir überdieß die Wirkungen dieſes Einfluſſes betrachten⸗ wie ſie für unſere eigenen Augen ſichtbar, für unſer ei⸗ genes Herz fühlbar ſind— wie wunderbar und auffallend finden wir ſie! Iſt es dir nicht ſchon begegnet, o Leſer, daß du ruhig über reine erhebende Dinge nachdachteſt und ‿ Deinen Ideengang durchbrechen ſaheſt, etwas Lächerliches, das ſich unter das Erhabenſte, etwas Irdiſches, das ſich unter die heiligſten Gegenſtände miſchte? Nur wenige Menſchen⸗ welche dieſen Forſcherblick in die Geheimniſſe des eigenen 55²2 Buſens beſitzen, haben nicht ſchon ſolche Einfälle entdeckt und dagegen zu kämpfen gehabt.— Betrachte einmal jenen jungen Mann, wie er die Wange auf die Hand geſtützt an der mit den Ueberreſten eines für die damalige Zeit ſehr ſpäten Mittageſſens bedeckten Tafel ſttzt, die Augen auf die leere Feuerſtelle gerichtet; betrachte die feine hohe Stirne, die zarten Züge, das klare Auge, den nachdenklichen faſt melancholiſchen Ausdruck: was denkt er wohl? Es kann doch wohl nichts Schlimmes ſeyn. Vielleicht nicht; vielleicht daß er eben jetzt die bitteren Tropfen koſtet, wie ſie der Quelle befriedigter Leidenſchaf⸗ ten entſpringen. Vielleicht daß eben jetzt das Bewußtſeyn über ihn gekommen, daß es ein beſſeres höheres Glück gibt, als er es jemals geſucht und gefunden— ein Glück, das einen jeden, der auf ſchlimmen Wegen geht, in längeren und immer längeren Zwiſchenräumen wie ein Engelsbeſuch be⸗ grüßt, mag auch der Ehrgeiz auf höhere Gegenſtände, auf edlere Zwecke gerichtet ſeyn, und mehr eine Befriedigung für Geiſt und Gemüth, als für das Fleiſch und das bloſe Thier erſtreben. Doch ſteh! auf der ohnehin etwas ſpöttiſchen Lippe des jungen Mannes zeigt ſich ein leichtes höhniſches Lächeln! welches iſt wohl der geheime Beweggrund des Herzens, der dieſen Ausdruck in ſeinem Geſichte hervorruft? Gratulirt er ſich zu einem endlichen Triumphe über einen Gegner? Fragt er ſich etwa, ob er an der Schwelle des Genuſſes durch die ſchwerfälligen Skrupel, welche alte Gecken ihm eingeimpft —— 6 5⁵³ und welche ſo oft ſchon Thoren geleitet haben, aufgehalten und zurückgewieſen werden ſoll? Und ſieh, ein abermaliger Wechſel in ſeiner Miene! Er beißt die Zähne über einander, die zuſammengepreßten Lippen treten hervor, die breite Stirne verfinſtert ſich. Der Gedanke eines Fehlſchlags oder Aufſchubs, der Gedanke, Spott, Gelächter und Verachtung zu erleiden, muß ihm ge⸗ kommen ſeyn, und er wirft einen Blick auf das Geſicht des andern Mannes, der mit zwei Flaſchen neben ſich auf der andern Seite des Tiſches zu einem Mittagsſchläfchen ein⸗ genickt iſt. O welch ein Ausdruck laſtender Verachtung kommt über des jungen Mannes Züge, während er den An⸗ dern— Verſucher und Werkzeug zugleich— betrachtet! „Doktor, Doktor!“ rief Sir Theodor Brougthon. „Mein theurer Sir,“ fragte Doktor Gamble auffah⸗ rend;„ich hatte mich vergeſſen. Was gibt es?“ „Wir wollten unſere Plane in's Reine bringen,“ ſagte der junge Mann;„es iſt ſpät, und da ſitzt Ihr und ſchlaft nach der Mahlzeit wie das Schwein an ſeinem Troge.“ „Was gibts denn noch feſtzuſetzen?“ fragte der Dok⸗ tor.„Ich dachte, wir hätten ausgemacht, alle weiteren Schritte bis nach dem nächſten Verhöre zu verſchieben. Dann können wir ſchon etwas thun.“ „Ich möchte ſie gerne ſehen,“ ſagte Sir Theodor nach⸗ ſinnend.„Aber Ihr glaubt doch auch, diesmal können wir nicht fehlen, Doktor.“ „Ich glaube nicht,“ verſetzte der Doktor ſich ausreckend. „Iſt Lutwich aus dem Wege, ſo iſt ein Schritt zum Ziele 5⁵⁴ gemacht; die beiden Andern ſind ſchon fort— das heißt ſchon einen weſentlichen Vortheil gewonnen, und wenn der neuliche Wink von dem Tode der alten Mrs. Lisle wahr iſt, ſo meine ich, wir hätten das Spiel ſo ziemlich in der Hand. Geduld, Ausdauer und ſachtes Auftreten von Eurer Seite, mein theurer Sir Theodor; Ehrgeiz, Eitelkeit und ein Bischen weibliche Schwäche auf der ihrigen, und Ihr habt den Trick und die Honneurs. Ein offenes aufrichtiges Anerbieten von Herz und Hand wird Wunder thun; eine heimliche Heirath, wegen Eurer Minderjährigkeit nothwen⸗ dig, wird nur vernünftig erſcheinen, und weder ich noch Ihr können verhindern, wenn der Prieſter noch nicht ordinirt iſt und die Licens aus Mißverſtändniß vom falſchen Manne unterzeichnet wird.“ Sir Theodor lächelte und verſank abermals in Träͤume⸗ reien, bis einige Augenblicke ſpäter Meiſter Hargrave mit der Meldung eintrat: „Mit Verlaub, Sir Theodor, der Mann Namens Bill Havant iſt ſchon wieder da; er wünſcht Euch zu ſprechen.“ „Was will er ſchon wieder?“ rief der junge Baronet zornig aufſpringend.„Er verſprach doch bei ſeiner Ehre, bis Donnerſtag ferne zu bleiben.“ „Ehre! Ehre!“ lachte Doktor Gamble.„Schickt ihn herein, Zachary.— Nun Meiſter Havant, was willſt Du? Trink ein Glas Wein, Mann, um Deine Kehle an⸗ zufeuchten.“ „Nein, Dank Euch, Sir; ich trinke niemals Wein,“ verſetzte Galgenholz Bill mit einem Seitenblicke über —— 55⁵ die Schulter, um ſich zu überzeugen, ob die Thüre geſchloſ⸗ ſen ſey. „Was hat Dich zurückgeführt?“ fragte Sir Theodor ſtreng.„Ich gab Dir fünf Guineen, damit Du Dich zu Deiner Schweſter auf die Finchleyhaide verfügeſt, und Du verſprachſt, vor Donnerſtag weder ſelbſt zurückzukommen noch irgend Jemand Deinen Aufenthalt wiſſen zu laſſen. Ich hoffe, Du wirſt mich nicht zum Narren halten wollen.“ Galgenholz Bill ſah ausnehmend pfiffig aus, erwie⸗ derte aber mit allem äußeren Reſpekt und Ehrerbietung: „Nein, Sir, nein; eben weil ich Euch nicht zum Nar⸗ ren haben will, deßhalb bin ich gekommen. Auch habe ich mein Verſprechen wegen Verſchweigung meines Aufenthalts gehalten; aber dennoch hat man mich aufgefunden, Sir.“ „Vermuthlich ein abſichtlicher Zufall!“ rief Doktor Gamble.„War es derſelbe Mann, Meiſter Bill? Was hat er Dir geboten?“ „'s war gar kein Mann,“ verſetzte der Poſtjunge; „und was den Zufall betrifft— wenn Ihr mich bei meinem alten Handwerke gelaſſen hättet, dann hätte ich vielleicht die Hand im Spiele haben können; ſo aber war's nicht möglich. Der Zufall beſtand darin, daß die Wagenachſe mitten ent⸗ zwei brach.“ „Aber wer wars denn?“ rief Sir Theodor ungeduldig. „Freßt mich, wenn ich Luſt habe es zu erzählen!“ brummte Mr. Havant, die Stirne runzelnd.„Ich verrathe keine Silbe, wenn ich nicht hoͤflicher behandelt werde. Ich 556 brauche noch lange nicht betteln zu gehen, wenn ich Euch auch alles erhaltene Geld zurückgebe.“ „Laßt mich mit ihm reden, Sir Theodor,“ ſagte Gamble;„Ihr verſteht ihn nicht. Er iſt ein ganz ehrlicher Burſche und kam, um uns eine nützliche Nachricht mitzu⸗ theilen. Wer war es denn, der Dich beſuchte, Bill?“ „Eine junge Dame, Sir,“ gab der Mann in verſöhn⸗ lichem Tone zur Antwort—„und meiner Treu! eine recht hübſche junge Dame. Sie war ganz ſchwarz gekleidet; das hinderte aber nicht, daß ſie wundervoll ſchön ausſah. Was für Zähne! wie lauter kleine Perlen. Als die Achſe brach, kam ſie in meiner Schwägerin Haus, um ſich auszuruhen und nach dem Grobſchmid zu ſenden; ſie erfuhr bald deren Namen und daß ich da war und ſagte, ſie wünſche mich zu ſprechen, denn ſie habe mich eben in Swallowſtreet aufge⸗ ſucht. Nun gut— wie ich herabkomme, nimmt ſie mich in in das Hinterſtübchen und ſpricht mit mir, aber ganz an⸗ ders als jener Frühere!“ „Was ſagte ſte?“ fragte Gamble. „Ja, das iſt's gerade,“ meinte Bill.„Sie war unge⸗ mein muthlos und traurig, das arme Ding— gewiß wegen des Oberſten, und ſagte mir dann, ich ſollte morgen Abend tauſend Pfund in blanken goldenen Guineen und nach dem Prozeß noch etwas mehr haben, wenn ich mich aus dem Staube mache.“ Sir Theodor ſchaute auf Gamble und Gamble auf Sir Theodor, und keiner von beiden ſah ſonderlich ver⸗ gnügt aus. —„——— „ 557 „Tauſend Pfund! Pah, pah! das iſt Spaß,“ rief der Hofmeiſter nach kurzem Nachſinnen. „Mir ganz recht, Sir. Für mich verſprichts ein guter Spaß zu werden,“ verſetzte der Mann in aller Ruhe. „Ich ſage Dir, ſie hat gar keine tauſend Pfund zu verſchenken,“ rief Gamble. „Dann hats ein Anderer,“ lachte Galgenholz Bill. „Ich kümmere mich wenig drum, wer mirs gibt, wenn ichs nur kriege. Ihr ſcheint jedoch die junge Dame zu kennen, Sir.“. „Nicht im Geringſten,“ antwortete der Hofmeiſter; „ich weiß nur, daß von Lutwichs Leuten keiner ſo viel be⸗ kommen hat.“ „O das weiß ich doch nicht, Sir,“ meinte der Mann; „der Oberſt ſelbſt iſt gar nicht übel dran. Doch wie dem auch ſey, ich will blos wiſſen— ſoll ich das Geld nehmen und abreiſen?“ „Wenn Du kannſt— ja,“ verſetzte Gamble, eine ſtrenge entſchloſſene Miene annehmend.„Ich will Dir was ſagen⸗ Meiſter Bill: ich denke, die ganze Geſchichte iſt eine Finte; ich glaube gar nicht, daß es eine ſolche junge Dame gibt; die Sache iſt durchaus unwahrſcheinlich.“ „Ho, ich kann beweiſen, daß es eine gibt,“ erklärte Galgenholz Bill, der Inſtruktionen ſeiner Schwägerin ſich erinnernd;„ſte ſchrieb mir Namen und Adreſſe auf, damit ich ſie beſuche und morgen gleich nach der Dämmerung das Geld in Empfang nehme. Da iſt es,“ indem er das Papier hervorzog und Doktor Gamble zeigte. 558 „Nun guten Abend, Ihr Herren,“ fuhr er ſort, nach⸗ dem der Hofmeiſter es betrachtet und Sir Theodor es gleich⸗ falls über Gamble's Schulter geleſen hatte.„Ich werde alſo reiſen. Ich wäre freilich lieber in dieſem Lande geblie⸗ ben, ſtatt übers Waſſer zu gehen und eine Zeit lang von Fröſchen und dergleichen zu leben: aber es wird mir Nie⸗ mand Unrecht geben können, wenn ich mein Glück nehme, wo ich es finde.“ „Allerdings nicht,“ verſetzte Gamble in kaltem verächt⸗ lichem Tone.„Geh und thu's nur.“. Hier ſiel jedoch Sir Theodor, weniger abgefeimt als ſein Erzieher, höchſt mal à propos dazwiſchen. „Halt, halt!“ rief er und der Burſche, deſſen Mienen in Folge der Kälte, welche Doktor Gamble geheuchelt, ſchon ziemlich viel Unruhe verrathen hatten, drehte ſich wieder mit größerer Zuverſicht nach ihm um. „Mein theurer Sir Theodor, laßt Euch doch nichts weiß machen,“ ſagte Gamble laut, ſo daß Meiſter Havant es hören mußte;„Ihr wiſſet ja doch, daß das Mädchen nicht über ſolche Mittel zu verfügen hat, und ich weiß, daß Lut⸗ wich es ebenſowenig kann. Entweder der Burſche betrügt Euch oder ſie betrügt ihn.“ „Schon gut; ich muß Ench aber eine Weile im Ne⸗ benzimmer ſprechen,“ erwiederte Sir Theodor, indem er im Weitergehen zurückrief:„Bleibe hier bis ich zurückkomme.“ „Ihr habt Alles verdorben,“ bemerkte Doktor Gamble mit ungeduldiger Gebärde.„Ich hätte ihn ſchon zurück⸗ gerufen, wenn es noͤthig geweſen waͤre; aher Ihr dürft 559 nicht daran denken, auf ſolche Bedingungen einzugehen. Es iſt ja reiner Unſinn— tauſend Pfund, verlaßt Euch drauf, man hat ihm nichts der Art geboten und Ihr müßt ihn ab⸗ laufen laſſen.“ „Wenn das aber nicht geht?“ eutgegnete der junge Mann.„Ich halte die Geſchichte für wahr: Ihr hörtet ſelbſt, daß Lutwich für Pferde und Silberzeug ſehr viel Geld einnahm und er wird naturlich jede Summe bezahlen, um ſein Leben zu retten. Ich frage, was iſt zu thun, wenn ſichs als wahr erweist?“ „Hm, dann müßt Ihr's, denk ich, aufgeben,“ meinte Gamble;„das hieße ein Spielzeug zu theuer bezahlt, und überdies— wo wollt Ihr das Geld hernehmen? Donovan gab Euch zwar für das nächſte halbe Jahr genug; es iſt aber ſchon jetzt nahezu am Ende.“ „Ich kann es leicht von dem Juden erhalten,“ ſagte Sir Theodor,„und ich will mich jetzt nicht abſpeiſen laſſen, Doktor. Ich will nicht beim“— indem er einen furchtbaren Fluch ausſtieß. Gamble verſank in ernſthaftes Nachdenken. Die Af⸗ faire, in die er hier gerathen war, wollte ihm gar nicht ge⸗ fallen. Die Leidenſchaften ſeines jungen Mündels hatten ſich heftiger und eigenſinniger gezeigt als er ſichs gedacht hatte, und er fühlte, daß er ſie nicht mehr bemeiſtern konnte. „Ich will ihm ſagen, er ſolle das Geld haben,“ er⸗ klarte der junge Baronet, da der Hofmeiſter noch immer nicht antwortete. „Halt, halt, halt!“ rief Gamble;„laßt mich nur einen 560 Augenblick nachdenken. Sagt mir, Sir Theodor, was wollt Ihr eigentlich— das Mädchen oder Lutwichs Leben? Bei⸗ des könnt Ihr nicht haben.“ „Wie mögt Ihr nur fragen?“ verſetzte der junge Mann.„Ich habe den Schuft bereits gepeinigt: vielleicht noch nicht genug, doch mag er hingehen. Das aber ſchwoͤre ich beim Himmel, nichts ſoll mich jemals abhalten, dieſem ſpröden Mädchen nachzuſtellen bis ſie mein iſt.“ „Wohlan,“ verſetzte Gamble:„laß mich mit dieſem Manne unterhandeln, und Ihr ſollt Euer Ziel erreichen und noch obendrein Euer Geld ſparen.— Verſprecht Ihr mir Euch nicht einzumiſchen?“ „Ja, wenn Ihr mir gelobt, daß Ihr mich nicht ver⸗ laſn wollt,“ erwiederte Sir Theodor. Wenn ich das thue, ſo jagt mich in der nächſten Mi⸗ nute zum Hauſe hinaus,“ verſicherte Gamble.„Jetzt aber laßt uns zurückkehren und kümmert Euch nicht um meim Worte, wie ſonderbar ſte Euch auch vorkommen mögen.“ Mit dieſen Worten öffnete er die Thüre und ſagte mit veraͤchtlichem Achſelzucken gleichſam als Fortſetzung des Geſprächs: „Wohlan, wenn Ihr ein ſolcher Thor ſeyn wollt, ſo mögt Ihrs haben!“ Mit mürriſchem Blicke in einen Lehnſtuhl ſich werfend, während Sir Theodor ſeinen Sitz wieder einnahm, betrach⸗ tete der Hofmeiſter den Poſtjungen eine Weile mit verächt⸗ lichem Ernſte und ſagte endlich: 561 „Du willſt uns alſo glauben machen, ſle habe Dir tauſend Pfund verſprochen?“— „Ja!“ erwiederte der Burſche keck;„das that ſie auch.“ „Ich glaube nicht, daß Du je auch nur den dritten Theil erhielteſt,“ antwortete Gamble.„Um übrigens nicht leeres Stroh zu dreſchen, Meiſter Havant, ſo ſag mir mit einem Worte: um welche Summe willſt Du Dich verbind⸗ lich machen zu bleiben, und Dein Zeugniß wahrheitsgemäß anzugeben? Vergiß nicht, wir verlangen keineswegs von Dir, daß Du Lügen erzähleſt oder etwas Unrechtes thueſt. Wir ſind ganz auf Seiten des Geſetzes: ſie wollen Dich zu einem Treubruche veranlaſſen. Um welchen Preis willſt Du Dich verpflichten mein Gebot zu befolgen?“ „Um tauſend Pfund,“ erwiederte der Schlingel;„Euer Geld iſt ſo gut wie das ihrige und dann brauche ich nicht außer Lands zu gehen.“ „Das iſt reiner Unſinn,“ rief Doktor Gamble, indem er ſich ſtellte, als ob es ihn große Mhe koſte die Sache nicht gar abzubrechen. Galgenholz Bill wollte jedoch nicht weichgeben, denn er ſah deutlich, daß er Sir Theodors Schwäche auf ſeiner Seite hatte, und die Summe wurde endlich auf achthundert Pfund feſtgeſetzt. „Nun iſt aber noch Eines auszumachen, Meiſter Ha⸗ vant,“ bemerkte Gamble.„Dieſe Sprünge müſſen aufhören, ſonſt kommſt Du alle Tage um uns aufs Neue zu ſteigern. Wir wollen es Schwarz auf Weiß abmachen. Du kannſt doch ſchreiben?“ „Meinen Namen— ja,“ erwiederte der Gauner. James. Th. Broughton. 36 „Gut, das genügt,“ verſicherte Gamble;„ich will unſern Vertrag aufſetzen und Du ſollſt ihn unterzeichnen.“ „Ich werde nichts unterzeichnen, bis ich das Geld habe,“ brummte Bill.“ „Dann ſollſt Du gar nichts haben,“ erklärte Gamble entſchloſſen. „Was wollt Ihr mich denn unterzeichnen laſſen?“ fragte der Andere nach augenblicklichem Nachdenken. „Nichts als das Verſprechen zu bleiben und Dein Zeugniß wahr und aufrichtig abzulegen, wofern Dir Sir Theodor hier achthundert Pfund auszahlt,“ erwiederte Gamble;„auch mußt Du von dem Augenblicke an, da Du das Geld empfangen, fortwährend unter der Aufſicht eines ſeiner Diener bleiben, bis Deine Zeugſchaft vorüber iſt.“ Der Mann zauderte eine Weile bis er endlich er⸗ wiederte: „Ich laſſe mich nicht auf dieſe Weiſe bewachen, ehe ich das Geld erhalten habe.“ „Ich brauche Dich nicht,“ verſetzte Gamble;„die Sache iſt aber dieſe: wir haben natürlich das Geld nicht im Hauſe; alle Banken ſind geſchloſſen und wir können es erſt morgen kriegen. Du ſollteſt ja Miß Malcolm nicht vor morgen Abend ſehen: wenn Du alſo bis drei Uhr hieher kommſt, ſo ſoll das Geld parat ſeyn, wie auch ein Diener, der Dich beobachtet. Das Verſprechen aber mußt Du heute noch unterzeichnen, ſonſt kommſt Du und erzählſt uns, es habe Dir Jemand fünfzehnhundert geboten.“ Dieſe Kriegsliſt ſah ihm ſo ganz aͤhnlich, daß Galgen⸗ 563 holz Bill ein Lächeln nicht unterdrücken konnte; er zögerte übrigens noch immer, denn er fürchtete halb und halb die ſtrenge Bewachung, der man ihn unterwerfen wollte, könnte ihn an der Durchführung des doppelten Spieles verhindern, wie ſeine ſaubere Schwägerin es ihm angerathen hatte. Mit einem Wort— die Sache ſah ſo ziemlich aus wie eine Falle, in die er gerathen ſollte, ohne ſeine Abſichten ganz erreicht zu haben. Unter ſolchen Umſtänden beſchloß er wie ein kühner Mann ſeinen Weg zu wählen, da der Gedanke ihm neuen Muth einflößte, daß es gar viele Mittel gäbe einen Spion zu verblenden und jeder menſchlichen Aufſicht zu entrinnen, ſo lange man nicht zwiſchen hohen Palliſadenmauern ſitze. „Wohlan,“ ſagte er nach längerem Zögern,„ich bin damit einverſtanden; bringts nur zu Papier.“ Allein Doktor Gamble ſchien mehr zum Mäckeln ge⸗ neigt als er ſelber, was ihn natürlich immer begieriger machte, einen Handel abzuſchließen, der ihm— ſo glaubte er wenigſtens— den Beſitz von achthundert Pfund zuſicherte. „Ei, wie ſah denn die junge Dame aus, guter Freund?“ fragte der Hofmeiſter, nachdem ihm der Mann ſeine Zu⸗ ſtimmung angedeutet hatte und die vier bis fünf erſten Worte des Kontraktes niedergeſchrieben waren. Der Schuft, der für Schönheit keineswegs unempfäng⸗ lich war, wiederholte ſeine frühere Beſchreibung, welcher er noch weiteres Lob über Geſicht und Geſtalt beifügte. „Schien ſie ſehr darauf erpicht, den tapfern Oberſt zu retten?“ fragte Doktor Gamble mit höhniſchem Lachen. 36* 564 „Ja wahrhaftig,“ erwiederte der Mann;„ich wollte wetten, ſie würde Alles in der Welt darum geben, um mich aus dem Wege zu ſchaffen.“ „Wirklich?“ rief der Erzieher mit wahrer Schaden⸗ freude über Sir Theodors Qualen;„dann iſt ſie vermuth⸗ lich ſehr in ihn verliebt?“ „Das weiß ich nicht,“ verſetzte Galgenholz Bill.„Ich weiß nur, daß ſie wie ein Eſpenblatt zitterte und abwechs⸗ lungsweiſe roth und weiß wurde, während ſie mit mir ſprach. Einmal glaubte ich gar, ſie wolle in Ohnmacht fallen.“ „Ha!“ rief Doktor Gamble weiter ſchreibend.„Das arme Ding!'s iſt Jammerſchade, daß ſie ihr Herz an einen Straßenräuber hängte. Wir müſſen ſie davon kuriren. Der Oberſt, wie ihr ihn nennt, iſt dem Galgen verfallen und wenn Du ihn auch nicht nach Tyburn brächteſt, ſo thäte es ein Anderer.“ „Das iſt freilich wahr,“ meinte Meiſter Havant nach⸗ denklich.„Es hälfe doch nichts, wenn ich auch warten wollte und einen Andern den Lohn davontragen ließe.“ „Was das betrifft, ſo iſt kein anderer Lohn geboten als was wir zu geben beabſichtigen,“ verſetzte Doktor Gamble; „und wenn auch, ſo biſt Du ein zu alter Vogel, um nicht zu wiſſen, daß ihn außer den Beamten doch Niemand bekäme. Jedenfalls wird Dir die Sache was eintragen und es ge⸗ ſchieht ſelten, daß man das Geld nur ſo einſtreichen darf. Du kannſt hoffentlich Geſchriebenes leſen: ich will Dich nicht übers Ohr hauen; drum überlies erſt, was ich geſchrieben habe. Da iſt's.“ 56⁵ Der Mann nahm das Papier und hielt es an's Licht, um zu leſen. Er brauchte jedoch lange bis er des würdigen Hofmeiſters Gekritzel begriffen hatte, denn wenn auch die Handſchrift groß genug und nicht ſehr undeutlich war, ſo beſaß er doch nur wenig Erfahrung im Entziffern von Ma⸗ nuſcripten und hielt immer wieder von Zeit zu Zeit inne, um zu fragen, wie dies oder jenes heißen ſolle. „Wohlan, ich will unterzeichnen,“ ſagte er endlich, nach⸗ dem die Aufgabe zu Ende war:„gebt mir eine Feder.“ „Halt, halt!“ rief Gamble:„wir müſſen einen Zeu⸗ gen haben,“ indem er Zachary Hargrave in's Zimmer rief, in deſſen Gegenwart der Burſche ſeinen Namen in wilden wellenförmigen Zügen unterzeichnete, worauf auch der Reit⸗ knecht als Zeuge unterſchrieb. „Und nun— wohin ſoll ich jetzt gehen?“ fragte Ha⸗ vant mit dummem Blick. „Wohin Dir's beliebt,“ erwiederte Gamble:„zum Teufel, wenn Du willſt; nur daß Du morgen um Drei zu⸗ rückkommſt, um das Geld zu holen und Dich unter Schloß und Riegel zu ſtellen. Führe ihn fort, Hargrave, und reiche ihm einen Schluck Schnapps.“ „Eine hübſche Weiſe, ſein Geld zu ſparen,“ ſagte Sir Theodor finſter;„doch gleichviel: ich habe geſchworen und ich will keinen nothwendigen Schritt bereuen, wie er auch beſchaffen ſeyn möge.“ „Das Geld wird uns trotz deſſen in der Taſche bleiben,“ erklärte Gamble.„Wäre ich deſſen nicht ſicher— ich würde keinen Schritt weiter thun; denn der Himmel allein weiß⸗ 566 wie Donovan wüthen würde, wenn er erführe, daß Ihr mit Wucherern und Juden zu ſchaffen hättet.“ „Ihr habts ihm aber auf dieſem Papier verſprochen,“ rief Sir Theodor. „Mit nichten,“ lachte der Hofmeiſter.„Alle Ver⸗ ſprechungen ſind auf ſeiner Seite. Er gelobt zu bleiben und Zeugniß abzulegen und ſich gänzlich unter Eure Aufſicht zu ſtellen— wenn Ihr ihm das Geld bezahlet. Nun habe ich keineswegs im Sinn, daß Ihr das thun ſollt; wir müſſen uns aber wohl huten es abzuſchlagen, ſonſt geht er und zeugt aus purem Trotze gegen Lutwich, wenns ihm auch nur im Traume beifiele, daß wir ihn davon abhalten wollten. Ich werde ihm einfach ſagen, ich habe die Dame geſprochen und ſeine Geſchichte ſey baarer Unſinn. Dann biete ich ihm fünf Pfund für ſein Bleiben und laſſe ihm durch einen An⸗ dern zehn bis zwanzig für ſein Durchgehen geben.“ „Ich verſtehe Euern Plan nicht ganz,“ erwiederte der junge Baronet. „Deſto beſſer,“ verſetzte der Hofmeiſter.„Um ſo eher wird er gelingen. Es hängt nur von mir ab und ich will es durchſetzen oder ich müßte nicht Gamble heißen. Jetzt aber zu Bett, denn ich muß morgen frühzeitig ans Werk.“ Neununddreißigſtes Kapitel. Käthchen Malcolm verlebte den Abend nach ihrer Rück⸗ kehr von Barnet theils neben Louiſen theils auf ihrem eige⸗ nen Zimmer. Sie ſchaute auf nicht ſehr ferne Tage und ———---: 567 auf die Sorgen, auf die Aengſte und Kümmerniſſe zurück, die ſte ihr einſt gebracht hatten, und ſie erinnerte ſich, wie ſie die Trübſal damals ganz anders getragen. Sie fragte ſich, wo der Geiſt ruhigen Erduldens, der ſie damals belebt und geſtützt hatte, wo die feſte ruhige, nie murrende Er⸗ gebung hingekommen ſey, mit der ſie Armuth und Wider⸗ wärtigkeit gelitten und ihren ſterbenden Vater beſänftigt und aufrecht erhalten hatte. Sie hatte geduldet was nur ein menſchliches Weſen zu dulden vermag; aber ihr Muth, ihre Faſſung waren nie von ihr gewichen: ſie hatte es als ein ihr zugewieſenes Schickſal hingenommen und ſich vor Gottes Willen gebeugt. Jetzt aber hatte ſie der Erſchütte⸗ rung, dem Schrecken und der ruheloſen Angſt nachgegeben, alle ihre Gedanken waren in fortwährender Aufregung, Herz und Gehirn hatten gearbeitet, daß ſie ſich vor An⸗ ſtrengung wie krank fühlte. Ein neues Element hatte ſich in ihre Gefühle gemiſcht: ſie liebte und mit der Liebe kamen all die raſchen befremdenden Regungen dieſer Leidenſchaft. Allein ſie beſaß keinen gewöhnlichen Charakter; bei all ihrer ſanften Weichheit war ihr ein ſtarker Verſtand ver⸗ liehen und wenn ſie ſich entſchloſſen vorſagte:„Das muß überwunden werden,“ ſo war es auch überwunden— nicht die Liebe nämlich, ſondern die Erſchütterung. Sie machte ſich gefaßt, ruhig zu handeln, was ihr auch immer zu thun zufiele, ruhig zu dulden, was ihr auch aufgelegt werden möchte. Sie machte ſich Vorwürfe über die Aufregung, von der ſte ſich während der Unterhandlung mit jenem ſchlim⸗ men Manne auf der Finchleyhaide hatte bemeiſtern laſſen, und ſie beſchloß, gegen ſich ſelbſt noch mehr als gegen An⸗ dere auf der Hut zu ſeyn.. Mit dieſem Entſchluſſe ſchlief ſte ein und erwachte früh am andern Morgen, um ihn in Ausführung zu brin⸗ gen. Das arme Mädchen! ſie hatte Entſchloſſenheit ſehr nöthig. Kaum war Käthchen ins Wohnzimmer herabgekommen, als ihr ein Billet überliefert wurde. Es war in einer ſtei⸗ fen ihr unbekannten Advokatenhand überſchrieben und beim Oeffnen ergab ſich folgender Inhalt: „Mr. Thomas Brown, Rechtsanwalt, entbietet Miß Katharina Malcolm ſeinen reſpektvollen Gruß und bittet im Laufe des Morgens um eine kurze Unterredung, da er ihr über die Lage des Oberſtlieutenants Lutwich einige Nach⸗ richten von großer Wichtigkeit mitzutheilen hat. Mr. Brown will Miß Malcolm nicht in ſein eigenes Bureau bemühen, ſondern wird ihr gegen zehn Uhr aufwarten.“ Der Brief war aus einem der Gerichtshöfe datirt und Käthchen gab augenblicklich Befehl, wenn ein Herr Namens Brown nach ihr frage, ihn zu ihr zu führen. Sie fühlte, wie ihr Herz von Neuem pochte, da ihre Fantaſie ſo gerne entdeckt hätte, welche neue Wendung auf dem Pfade des Schickſals vor ihr liege; ſie drängte jedoch mit kräftiger Entſchloſſenheit die aufrühreriſchen Gedanken augenblicklich zurück und machte ſich bereit, Alles was ihr von Leiden be⸗ vorſtand, mit Ruhe hinzunehmen. Pünktlich mit dem Glockenſchlage zehn, während ſie noch bei Louiſen ſaß, wurde ihr angekündigt, daß Mr. Brown 569 ſich im Speiſezimmer befinde, wohin ſie ihn zu führen be⸗ fohlen hatte; ſie eilte raſch in das angewieſene Gemach und fand einen vierſchrötigen in abgeſchabenes Schwarz geklei⸗ deten Mann mit grauen ſchadhaften Strümpfen, die bis ans Knie reichten, einer großen Brille und einer buſchigen wohlgepuderten Perücke. Käthchens Meinung nach war es ein gemein ausſehender Menſch von keineswegs einnehmen⸗ dem Aeußern, doch von der Art, wie ſie an Polizeiämtern und in Old Bailey wohl verwendet werden mochten. „Vermuthlich Mr. Brown,“ ſagte ſie, während er vor ihr ſtand und ſie durch ſeine Brille betrachtete. „Ja,“ erwiederte er,„mein Name iſt Brown, Ma'am. Habe ich die Ehre, Miß Malcolm zu ſprechen?— Ich er⸗ wartete eine ältere Perſon zu ſehen.“ „Ich heiße Malcolm,“ antwortete Käthchen;„bitte Platz zu nehmen.“ Der Mann nahm einen Stuhl, indem er vor ſich hin⸗ ſummte, zog einen mit Zwirn umwickelten Bündel Papiere aus der Taſche und ſagte: „Ich bin in einer ſehr unerfreulichen, ja ſogar peinlichen Angelegenheit und in ganz unamtlicher Eigenſchaft zu Euch gekommen, Ma'am, um zu ſehen ob ſich nicht eine Anord⸗ nung treffen läßt, um den armen Oberſt Lutwich, an dem Ihr, wie ich weiß, großen Antheil nehmt und für den Ihr vermuthlich Alles, was in Eurer Macht liegt, aufbieten würdet, das Leben zu retten.“ Käthchen fühlte ſich von einem kalten Schauer ergrif⸗ . 570 fen; aber ſie widerſtand der Erſchütterung und faltete ruhig und ohne es zu wiſſen die Hände, indem ſie erwiederte: „In der That, Sir, das würde ich— Alles— Alles.“ „So iſt's recht,“ ſagte Mr. Brown mit beifälligem Kopfnicken;„wollt Ihr mir erlauben, Euch einige Fragen vorzulegen?— Soviel ich weiß, habt Ihr geſtern einen Mann Namens William Havant geſprochen?“ „Ja,“ gab Käthchen immer mehr und mehr aufgeregt zur Antwort;„ich wußte nicht, daß er die Sache weiter er⸗ zählen würde.“ „Er hat ſie augenblicklich ausgeſchwatzt,“ verſetzte der Andere.„Ihr botet ihm, glaube ich, tauſend Pfund, meine theure junge Dame, wenn er aus dem Wege gehen und das fatale Zeugniß wider den armen Oberſt Lutwich zurück⸗ halten wolle?“ „Ja, Sir,“ ſagte Käthchen mit kaum hörbarer Stimme, den Kopf neigend. „Wißt Ihr, daß Ihr ſehr unklug gehandelt habt?“ bemerkte Brown ſehr ernſthaft.„Was Ihr thatet, iſt nicht mehr noch weniger als ein Geſetzesbruch; Ihr habt Euch dadurch zur Theilhaberin des Verbrechens nach deſſen Be⸗ gehung gemacht und Euch dem Statute über Treubruch ausgeſetzt.“ Käthchen zitterte heftig, nicht ſowohl aus perſönlicher Furcht— obwohl ſie ſchmerzlich genug empfand, wie furcht⸗ bar die Lage, worein ſie ſich ſeiner Behauptung nach ver⸗ ſetzt hatte, werden konnte— als in der Beſorgniß, daß die 571 gethanen Schritte für Lutwich ſelbſt nachtheilig werden möchten. Der Mann vor ihr begriff zwar nicht ganz die Em⸗ pfindungen, welche ſeine Worte veranlaßt hatten; aber er ſah doch wenigſtens, daß ſie tief bewegt war und fuhr nach kurzer Pauſe fort: „Aengſtigt Euch nicht. Der Mann mit dem Ihr ſpra⸗ chet, iſt ein niederträchtiger Schurke und kam natürlich als⸗ bald, um Euch zu verrathen; zum Glück aber gerieth er an Jemand, der die freundlichſten Geſinnungen für Euch hegt, und es wurden augenblicklich Maßregeln getroffen um Euch vor den Folgen dieſer— ohne Zweifel wohlgemeinten— Unvorſichtigkeit zu ſchützen.“ „Ich that es in der einzigen Abſicht, Sir,“ verſetzte Käthchen mit todtenbleichen Wangen,„um einen Herrn zu retten, der mich einſt zu tiefem Danke verpflichtet hat.“ „Ihr ſeyd in der That die einzige Perſon, die ihn ret⸗ ten könnte,“ verſetzte der Andere;„Ihr habt nur nicht das rechte Mittel gewählt.“ „Ich könnte ihn retten!“ rief Käthchen eifrig,„ich könnte ihn retten!— Wie? O ſagt mir— wie?“ „Ihr würdet es nicht thun, wenn ich's auch ſagte,“ entgegnete ihr Gefährte kalt. „Ihr habt Unrecht, Sir,“ ſchalt Käthchen faſt unwil⸗ lig;„es gibt kaum eiwas auf Erden, was ich nicht thun würde, um ihn von dem furchtbaren Schickſale zu erretten, das ihm zu drohen ſcheint.“ „Ha, ha! kaum,“ meinte der Mann mit kurzem 572 Lachen;„aber hier handelt ſich's eben um ein ſolches„kaum“, meine liebe junge Dame.“ „Wohlan, Sir, ich will ſagen— Alles, nur keine Lüge und kein Verbrechen,“ erklärte Käthchen.„Ich erſuche Euch mich jetzt darüber aufzuklären.“ „Es wäre vergeblich, meine Theuerſte,“ verſetzte der Anwalt;„ich würde Euch nur betrüben und mir ſelbſt wehe thun. Die Anſichten der Frauen in ſolchen Dingen ſind mir nicht neu, und obgleich Ihr wie geſagt, den Oberſt Lutwich aus aller Gefahr erretten könntet, wenn Ihr woll⸗ tet, ſo iſt doch das Opfer zu groß, als daß eine Frau es bringen würde.“ „Für mich kann es nicht zu groß ſeyn,“ verſicherte Käthchen eifrig, ihre flehenden Augen auf ihn heftend; „noch einmal erſuche ich Euch, mir zu ſagen was es iſt.“ „Wohlan, ich will es thun, da Ihr es wünſcht,“ ſagte der Andere;„doch erſt müßt Ihr Oberſt Lutwichs Lage ge⸗ nau kennen lernen. Ein Straßenraub wurde begangen in einer Nacht, deren Ihr Euch wohl erinnern müßt, da der Oberſt Euch am ſelben Abend in Sir Harry Jarvis’ Hauſe beſuchte. Der. einzige Beweis der für jetzt dem Gerichte vorliegt, iſt der des Beraubten, der letzten Donnerſtag eidlich verſicherte, daß Oberſt Lutwich der Mann ſey. Sein un⸗ beſtätigtes Zeugniß iſt jedoch keine Bohne werth, denn er hatte früher, und zwar in Lutwichs eigener Gegenwart eine ganz andere Beſchreibung des Räubers entworfen, was ſich beweiſen läßt. Da iſt aber dieſer William Havant— alias Galgenholz Billy, der Kutſcher der angehaltenen Chaiſe: 573 dieſer iſt bereit, nicht allein zu ſchwören, daß Oberſt Lut⸗ wich der Räuber geweſen, ſondern auch ſolche Erklärungen über das Wechſeln des Anzugs und ſein Verfahren ſich un⸗ kenntlich zu machen, zu geben, daß das anfängliche Miß⸗ verſtändniß des Andern erklärt und der Gefangene ohne Zweifel des Verbrechens überwieſen wird. Sein Schickſal iſt wie Ihr wiſſen ſolltet, unwiderruflich beſtegelt, wenn die⸗ ſer Mann wider ihn auftritt.“ „Wir kann ich ihn daran verhindern?“ rief Käthchen bekümmert, ſo bald er ſchwieg.„Ihr habt mich kaum vor⸗ hin getadelt, daß ich ſo etwas verſuchte.“ „Richtig,“ verſetzte Mr. Brown;„weil Ihr es unklug angegriffen und die falſchen Mittel dazu gewählt habt. Doch hört mich zu Ende. Hinter jedem Ding ſteckt ein Ge⸗ heimniß, meine theure junge Dame— ſo auch hier. Ein Gentleman von Rang, Stellung und Vermögen hat be⸗ ſchloſſen, Lutwich dem Gerichte zu uüberliefern; dieſer Ha⸗ vant hat ſich ihm ganz und ausſchließlich zur Verfügung geſtellt: er kann ihn morgen in den Zeugengewahrſam ſtecken oder ihn ferne halten bis das Verhör vorüber und Lutwich freigeſprochen iſt— ganz nach Belieben. Dies Alles— wohlgemerkt— werde ich Euch beweiſen, ehe ich zu Ende bin, denn ich behaupte nichts, was ich nicht beweiſen kann. Nun muß ich leider geſtehen, daß dieſer junge Gentleman keineswegs durch Gerechtigkeitsliebe zu dieſer entſchloſ⸗ ſenen Verfolgung Eures Freundes getrieben wird; auch dürft Ihr nicht glauben, daß es aus Rache geſchieht, ſelbſt wenn ich einräume, daß Lutwich ein Hinderniß für ſeine 574 Liebe geweſen. Ihr wißt— alle Frauen wiſſen das— welch überwältigende Leidenſchaft die Liebe iſt, zu welchen Opfern ſie die Leute verleitet, zu welchen Thaten ſie Man⸗ chen antreibt. Der fragliche Gentleman iſt ganz von die⸗ ſer Leidenſchaft verblendet und entſchloſſen, was es auch koſte, jedes Hinderniß, das der Erfüllung ſeiner Wünſche entgegenſteht, zu beſeitigen. Er hegt keine andere Feind⸗ ſchaft gegen Lutwich als die, daß er das Haupthemmniß ſeines Erfolges iſt. Laßt ihn dieſes Erfolges verſichert ſeyn und Lutwich iſt vom ſelben Augenblicke an gerettet; dieſer Havant verläßt England, und einmal losgeſprochen kann der Gefangene nie mehr wegen dieſes Verbrechens in Unter⸗ ſuchung gezogen werden.“— Käthchen hatte eine Zeitlang die Augen mit den Hän⸗ den bedeckt, fuhr aber jetzt mit glühenden Wangen und zorn⸗ funkelnden Augen empor. „Haltet ein! haltet ein, Sir!“ rief ſie,„und beſchimpft mich nicht länger. Ich ſagte Euch, ich wolle Alles thun, um ihm zu dienen, ja ſogar mein Leben wolle ich für ihn laſſen, aber kein Verbrechen begehen. Wenn Ihr aber glaubt, ich wolle Sir Theodor Broughtons Maitreſſe werden, um mir oder irgend Jemand das Leben zu retten, ſo irrt Ihr Euch. Ich bitte Euch mich zu verlaſſen! Was habe ich gethan, daß dieſer Mann ſo von mir denken darf?“ „Ich wußte es wohl,“ verſetzte der Advokat,„ich wußte es. Ich wollte ja kein Wort darüber verlieren— Ihr habt mich dazu gezwungen. Laſſen wir den Gegenſtand fallen; doch muß ich zuvor einen Irrthum berichtigen, in den Ihr 575 verfallen ſeyd. Ich habe weder gedacht noch vorgeſchlagen, daß Ihr Sir Theodors Maitreſſe werden ſollt: in der That, er würde nicht gewagt haben mir einen ſolchen Auftrag zu geben. Er will was er immer wollte— Euch zu ſeinem Weibe machen. Sein Herz hat ſchon längſt Euch gehört; Er bietet Euch Hand, Namen und Vermögen— ſonſt ſucht er nichts— hat nie etwas Anderes geſucht— als Eure Hand. Er wollte, daß ich Euch ſeinen Vorſchlag mit kla⸗ ren Worten darlege und nicht allein ſein eigenes Glück, ſondern auch Oberſt Lutwichs Leben oder Tod Eurer Ver⸗ fügung anheimſtelle. Sein Schickſal ruht in Euern Händen— Ihr gebt ihm Leben und Freiheit oder ver⸗ dammt ihn zum Tode. Ich habe es jedoch Sir Theodor vorhergeſagt, denn ich weiß, daß manche Frauen wohl große Rückſicht für einen Mann nehmen und ihn ſogar ſehr zu lieben glauben, dabei aber doch nicht im Stande ſind, ihre Leidenſchaft aufzuopfern, ſogar um ihn vor Tod und Schande zu retten. Laßt uns nicht weiter davon reden: ich ſehe wie es ſteht und werde mich wohl am Beſten entfernen,“ indem er ſich erhob, ſeine Papiere in die Taſche ſteckte und ſich nach der Thüre wendete. „Halt, halt, halt!“ rief Käthchen wild und mit hef⸗ tigem Schluchzen auf ihren Stuhl zurückſinkend.„O das iſt ſchrecklich! das iſt grauſam!“ murmelte ſie im erſten Sturme ſtreitender Regungen.„Kann dieſer Mann er⸗ warten, eines Weibes Liebe durch ſolche Mittel zu gewin⸗ nen?“ und ſie ſchluchzte ſo laut, daß ihr Gefährte zu fürch⸗ 576 ten ſchien, es könnte Jemand zu ihrer Hülfe herbeieilen, weßhalb er ſie zu beſänftigen und zu tröſten ſuchte. „Beruhigt Euch, meine theure junge Dame, faßt Euch,“ ſagte er in zärtlichem Tone, ihr ſchönes Antlitz, ihre reizende Geſtalt, während ſie ſich im Todeskampfe vor ihm krümmte, mit einem Blicke betrachtend, welcher ihr das Blut hätte erſtarren müſſen, wenn der Schmerz ihr noch Beobachtungs⸗ gabe übrig gelaſſen hätte.„Es zwingt Euch ja Niemand: Ihr ſeyd vollkommene Herrin Eurer eigenen Handlungen. Ueberlegt Eure Lage ruhig und vernünftig, und ängſtigt Guch nicht alſo ohne Urſache. Es iſt wahr,“ fuhr er fort, ſobald er ihre Thränen ruhiger fließen ſah—„es iſt wahr, Eure Lage iſt ſehr peinlich: Ihr habt rüber Leben und Tod zu entſcheiden, habt einen Mann, den Ihr vielleicht liebt, dem Ihr vielleicht Eure Hand verheißen, freizuſprechen oder zu verdammen, und wenn Ihr ihn von einem ſchmachvollen ſchauderhaften Tode befreien wollt, müßt Ihr dieſe Hand einem Andern reichen. Für ein junges Weſen von glühen⸗ der Neigung iſt dieß allerdings eine furchtbare Wahl; aber Ihr müßt auch erwaͤgen, daß es gewiſſermaßen als eine Gnade betrachtet werden darf, wenn Ihr durch dieſe Auf⸗ opferung Eurer ſelbſt Gelegenheit erhaltet, ihm das Leben zu ſchenken. Verweigert Ihr dieſes Opfer, ſo verliert Ihr ihn durch den Tod: Ihr könnt nie die Seine, er nie der Eurige werden, wohl aber könnt Ihr ihn vom Untergange retten durch Vergebung einer verwittweten Hand, wie wir es wohl nennen dürften.“ „Verliehen an ſeinen Moͤrder!“ ergänzte Käthchen bitter. 1 577 „Laßt mich nachdenken, Sir: laßt mich eine Weile ſchwei⸗ gend nachdenken. Mein Entſchluß wird bald gefaßt ſeyn, und iſt er gefaßt, ſo iſt er unwiederruflich;“ und ihre Hände abermals auf Stirne und Augen preſſend, blieb ſie einige Minuten lang ſtumm und regungslos. Es iſt unmöglich die Seelenangſt jenes Augenblicks zu beſchreiben. Wollte ich ſagen, die Gedanken, die ihr Hirn durchkreuzten, die Gefühle, welche in ihrem Herzen zuckten, ſeyen wie Feuerbrände geweſen, welche alles verſengten und niederbrannten— ich würde doch nur ein mattes Bild ihres Leidens geben. Sie kämpfte einen furchtbaren Kampf— einen Kampf um Ruhe, um Bemeiſterung ihrer ſelbſt und ihrer Regungen— einen Kampf um die volle Herrſchaft ihres Verſtandes, damit ſte das Ganze erkenne und nach dem gemeinſamen Gebote der Vernunft und Liebe handle, wäh⸗ rend der Aufruhr ihrer empörten Leidenſchaften die innere Stimme beinahe übertäubte. Endlich hatte ſie geſiegt; ſie zog ihre Hände vom Ge⸗ ſicht und ſagte plötzlich in jenem gebietenden Tone, wie ihn die Verzweiflung zuweilen annimmt: „Ihr ſagtet, Ihr habet Beweiſe, daß dieſer Mann Eurem Sir Theodor Broughton ganz zu Gebot ſteht— kurz, daß Oberſt Lutwichs Leben oder Tod nur von ihm ab⸗ hängt. Zeigt mir die Beweiſe.“ „Lest dieſes Dokument, Ma'am,“ erwiederte Meiſter Brown, ein Papier aus dem Bündel in ſeiner Hand hervor⸗ ziehend:„es wird Euch, denke ich, hierüber zufrieden ſtellen.“ James. Th. Broughton. 37 578 Käthchen nahm es— betrachtete es— wiſchte die Thränen von den Augen— betrachtete es von Neuem und las das Verſprechen, das Havant gegeben und mit ſeinem Namen unterzeichnet, wornach er ſich völlig in Sir Theo⸗ dor's Gewalt geſtellt hatte. Es ſchien nur zu klar— zu unumſtößlich; da war keine Hoffnung, des Mannes Zeugniß ohne Zuſtimmung des Verſolgers zu entfernen. Sie ſchau⸗ derte und verſank abermals in Gedanken; ſie drückte die Hand aufs Herz, während ſie das Papier noch in der Hand hielt, bis ihr Nachdenken von ihrem Beſuche dadurch unter⸗ brochen wurde, daß er ihr das Dokument ſachte entzog. Käthchen fuhr zuſammen, betrachtete ihn eine Weile mit wilden Blicken und begann dann mit kalter entſchloſſener Miene: „Ich ſehe, da iſt keine Hoffnung. Was ich über das Benehmen denke, das man gegen mich befolgt hat, will ich nicht ſagen, denn mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich will ihn um jeden Preis retten, aber ich darf und will Sir Theodor Broughton nicht täuſchen. Ich habe Oberſt Lutwich geliebt und liebe ihn noch: ich würde lügen, wenn ich anders ſpräche. Ihr könnt Sir Theodor ſagen, wenn dieſe kalte, widerwillige Geſtalt Alles iſt, was er verlangt, ſo ſey ich bereit, ſie als den Preis des Lebens, dem er nur allzuglück⸗ lich nachgetrachtet— hinzugeben; noch mehr— ich will verſuchen meine Pflicht als Gattin gegen ihn zu erfüllen und die Vergangenheit zu vergeſſen. Mehr kann ich nicht geloben. Aber ich muß Sicherheit haben, Sir, daß Oberſt Lutwich gerettet iſt, denn wer alſo handelt, kann auch jedes 579 andere Verbrechen zu Befriedigung ſeiner Leidenſchaften be⸗ gehen. Ich kann und werde ihn nicht eher heirathen, als bis der Gefangene freigeſprochen iſt.“ „Das läßt ſich leicht arrangiren, meine theure junge Dame,“ verſetzte der Rathgeber;„Ihr bringt in der That ein edles, großmüthiges Opfer— das iſt wahre Liebe. Ihr müßt mich jedoch entſchuldigen, wenn ich als Advokat handle und auch meinerſeits Bürgſchaft verlange. Es könnte ſeyn — obwohl ich überzeugt bin, daß es bei Euch nicht geſchehen wird— daß eine junge Dame in Eurer Lage, wenn ſie ih⸗ ren Zweck erreicht und den Geliebten freigeſprochen ſieht, ſich durch Ueberredung und Vorſtellungen von Freunden be⸗ wegen läßt, die Erfüllung des Vertrags zu verweigern.“ „Sorget nicht, Sir,“ erwiederte Käthchen mit faſt ver⸗ ächtlichem Blicke,„ich bin nicht gewohnt, mein Wort zu brechen, und ich gelobe bei Allem, was mir heilig iſt, ſo wahr mir Gott helfe, daß ich, wenn Oberſt Lutwich durch Sir Theodor's Vermittlung und die Entfernung dieſes niedrigen Böſewichts aus England freigeſprochen wird, die Gattin deſſen, der Euch ſandte, werden will, ſo bald er meine Hand zu verlangen beliebt.“ „Dann werdet Ihr Euch natürlich nicht weigern, dieſes Gelöbniß ſchriftlich zu geben,“ meinte Meiſter Brown.„Ich muß Sir Theodor durch etwas mehr als durch meine bloſe Verſicherung überzeugen, und es wäre in der That beſſer, ſonſt könnte er ſich verleiten laſſen, den Mann bis zum Ver⸗ höre in England zu behalten, und dann könnte irgend ein 37* 580 fataler Zufall wollen, daß William Havant doch noch zum Auftreten und Zeugnißablegen gezwungen würde.“ „Was ich geſagt habe, will ich auch ſchreiben,“ erklaͤrte Käthchen;„mehr aber nicht.“ „Ich muß auch verlangen, daß Ihr Oberſt Lutwich während ſeiner Gefangenſchaft nicht mehr ſeht,“ ſagte der Andere.„Leute in ſeiner Lage hegen immer Hoffnungen, die ſich nur durch einen Gerichtshof und die ſchwarze Mütze verſcheuchen laſſen.“ Käthchen zögerte; aber ihr Geiſt war geſchwächt und ermüdet und ſie hielt es nicht mehr der Mühe werth, aber⸗ mals zu kaͤmpfen. Der Verſucher ſah ſeinen Vortheil und als ein Mann, welcher vermöge ſeiner Gewohnheit mit we⸗ niger argliſtigen Perſonen zu verhandeln ſehr geſchickt zu operiren wußte, gewann er Schritt für Schritt neue Vor⸗ theile: ſie verſprach, die Trauung falls Sir Theodor es verlangte, in Betracht ſeiner Minderjährigkeit insgeheim vornehmen zu laſſen, und in der That gab es in jenem Au⸗ genblicke kaum irgend etwas außer Falſchheit oder Sünde, was ſie nicht zu Lutwichs Rettung verſprochen hätte. Das furchtbare Gelübde, das ſie abgelegt hatte, ließ jede andere Seite ihres Schickſals als unbedeutend erſcheinen, und ihr ganzes Herz war mit der Gleichgültigkeit der Verzweiflung erfüllt. Sie verlangte jedoch und blieb feſt dabei ſtehen, ehe ſie das Papier unterzeichnete, das ihr der Verſucher vor⸗ hielt, er ſolle das ſeierliche Verſprechen unterzeichnen, daß William Havant ſogleich aus England abreiſe. Meiſter Brown zögerte jedoch auffallender Weiſe und erregte dadurch Zweifel, die ſie in ihrem Entſchluſſe nur be⸗ ſtärkten. Er ſtellte ſich zornig, raffte die Papiere zuſammen, wie wenn er gehen wollte, und Käthchen, erſchreckt aber doch entſchloſſen, rief ihn mit den Worten zurück: „Halt, Sir. Ich will ſelbſt das Verſprechen aufſetzen, das Ihr verlangt und dabei meine Bedingungen beifügen. Iſt's Euch dann recht— gut; wo nicht, ſo kann ich's nicht ändern, denn ich will nicht mit einem Streiche mein eigenes Schickſal und Oberſt Lutwichs Leben in die Hände eines Mannes legen, welcher bewieſen hat, wie niedrig er einen zufälligen Vortheil benützen kann.“ Mit dieſen Worten ſetzte ſie ſich an den Schreibtiſch, ſchrieb einige Minuten mit feſter Hand, hielt dann einen Augenblick inne, datirte es und ſetzte ihren Namen darunter. „Hier,“ ſagte ſte,—„leſet. Seyd Ihr einverſtanden — woſlan: wenn nicht— ſo zerreißt es und verlaßt mich.“ „Es genügt vollkommen, Ma'am,“ verſicherte ihr Ge⸗ fährte.„Der Mann ſoll noch vor morgen Abend aus dem Lande geſchickt werden. Ich zögerte blos, weil ich nicht Sir Theodor's Namen— überhaupt keinen andern als den mei⸗ nigen unterzeichnen konnte, denn das wäre Fälſchung und der arme Rechtsanwalt Thomas Brown hat keine Geltung. Ich kann mich alſo ganz auf Euer r Werſhrechen verlaſſen, wenn Oberſt Lutwich in Folge der Abweſenheit dieſes Zeu⸗ gen freigeſprochen wird?“ „Ich habe mich ſo feierlich als Worte es vermögen gebunden und habe Gott zum Zeugen angerufen,“ erwiederte Kaͤthchen.„Mehr kann ich nicht ſagen,“ indem ſie ſich wie do 3 Br 582 zum Zeichen, daß ihre Unterredung ein Ende habe, von ihrem „Stuhle erhob. Der Mann des Rechts entfernte ſich durch den kleinen Vorplatz und ſtieg in eine Miethkutſche, welche ſeiner war⸗ tete.„Zurück,“ ſagte er als der Kutſcher die Thüre ſchloß er lachte fröhlich, als der Wagen fortfuhr, und warf Brille und Perücke auf den Sitz gegenüber, ſo daß Doktor Gamble's luſtiges freches Antlitz zum Vorſchein kam. Louiſe Lisle hatte unterdeſſen Käthchen Malcolm's Rückkehr voll Aengſtlichkeit erwartet. Sie hörte die Haus⸗ thüre ſchließen und die Kutſche abfahren, aber kein Käthchen erſchien. Sie wartete fünf, wartete zehn Minuten, bis ſie ſich endlich ſchüchtern dem Speiſezimmer näherte und ein⸗ trat. Käthchen Malcolm lag regungslos auf dem Boden und es verſtrich längere Zeit, bis ſie wieder ins Bewußtſeyn zurückgebracht werden konnte. Vierzigſtes Kapitel. Wir müſſen Käthchen mit den traurigen Ereigniſſen, die ſte umringten, eine Zeit lang allein laſſen, um uns nach einer anderen nicht ganz ſo düſteren aber doch auch nichts weniger als frohen Scene zu wenden. Die ganze Umgebung war allerdings heiter genug: das Morgenlicht leuchtete auf den grünen Blättern und durch die alten Bäume des Dunsmoreparkes und fand ſogar ſeinen Weg in das Früh⸗ ſtückzimmer, wo Sir Charles Chevenir' Familie mitten unter all den freundlichen Beigaben des Reichthums ver⸗ 583 ſammelt war, um das erſte frohe Mahl des Tages einzu⸗ nehmen. Die ganze Luft ſchallte von dem Geſange der Vö⸗ gel und duftete von dem Hauche der Blumen; die Heerden des Wilds, die ſich vor den Fenſtern über die Landſchaft be⸗ wegten, die munteren Faſanen, die in dem fernen Bauer ſchlugen und flatterten, ein ſtattlicher Pfau, der das bethaute Gras mit ſeinem bunten Schweife ſegte, die Eichhörnchen, die über den Raſen hüpften und dann an den Fichten hin⸗ aufkletterten— gaben dem Ganzen ein frohes heiteres Anſehen.. Aber Sir Charles ſelber war ängſtlich um ſeine Toch⸗ ter und Lady Chevenirx war ſehr unruhig über Mariens ver⸗ ändertes Ausſehen und über ihre ernſte, ja melancholiſche Stimmung. Die Gegenſtände, die ihr früher gefallen hat⸗ ten befriedigten ſie nicht mehr; die Studien, an denen ſie Freude gehabt, langweilten ſie, anſtatt ſie zu ergötzen; Buch und Pinſel wurden bei Seite geworfen und die Schwinge der Fantaſie ſchien lahm und ſchwer, wenn ſie ſich nicht etwa regte, ſobald ſie ſchweigend aus dem Fenſter ſchaute— aber auch dann mußte es ein trauriger Flug ſeyn, den ſie ver⸗ uchte. Sie ſaß ihrem Vater gegenüber, verſuchte nur wenig von dem, was vor ihr ſtand, und mühte ſich heiter zu ſpre⸗ chen, doch nicht ohne ſich oft in Gedanken zu verlieren. Sir Charles ſah, welche Mühe es ſie koſtete und das that ihm weh, ſo daß es ihm wahre Erleichterung gewährte, als ein Diener die Briefe hereinbrachte. „Da, das iſt für Dich, Mary,“ ſagte er.„Was doch 584 die Mädchen jetzt für Handſchriften ſich angewöhnen, ſo lang und ſteif und aufrecht wie ein Regiment Grenadiere. In meiner Jugend waren die O und A ſo fett wie Rathsherrn, die L und B aber ſo krumm wie ein Hundewedel.“ Mit dieſen Worten warf er den Brief ſeiner Tochter zu, reichte Lady Chevenir einen zweiten, und ſchickte ſich an, einen an ihn gerichteten zu öffnen. Er enthielt blos eine formelle Benachrichtigung und war bald geleſen; ſo bald er fertig war, richtete er ſeine Augen auf Mariens Antlitz. Sie blieben längere Zeit darauf haften, während dieſe mit ge⸗ ſpanntem Blick und wechſelnder Farbe zu leſen fortfuhr, und Sir Charles ſah, daß der Inhalt des Briefes ſie tief be⸗ wegte, ohne jedoch Notiz davon zu nehmen. „Sir Harry befindet ſich etwas beſſer, Charles,“ be⸗ richtete Lady Chevenixr. Als ſie jedoch bemerkte wie anhal⸗ tend ihr Gatte Marien beobachtete, ſolgte ihr Blick dem ſeinigen und ſie rief:„Was iſt Dir, mein theures Kind? Du haſt etwas, was Dich ſchmerzt oder aufregt.“ „Beides, theuerſte Mutter, Beides,“ erwiederte Mary; „doch laßt mich zu Ende leſen. Es iſt in der That ein trau⸗ riger Brief.“ Mary las weiter und ſobald ſie zu Ende war, reichte ſie ihrem Vater den Brief und wiſchte ſich einige Thränen aus den Augen. „Von wem iſt er?“ fragte Lady Chevenir, während Sir Charles den Brief faſt eben ſo emſig wie ſeine Tochter las. „Von dem armen Käthchen Malcolm,“ antwortete Mary, indem ihre Hand auf dem Tiſche zitterte.„Miſtres 585 Lisle iſt todt! ſie ſtarb plötzlich in einem Augenblicke, und Oberſt Lutwich iſt leider im Gefängniß in Folge einer furchtbaren Anklage, welche ſein Leben berührt.“ Groß war Lady Chevenix' Erſtaunen, denn Oberſt Lutwich war ein beſonderer Liebling von ihr geweſen, und als Sir Charles fertig war, verlangte auch ſie den Brief zu leſen. „Ich muß ſogleich nach London,“ bemerkte Sir Char⸗ les, während er ihn ihr übergab.„Wenn die Dinge ſich ſo verhalten, wie Käthchen ſagt, ſo wird mein Zeugniß für den armen Lutwich ſehr wichtig ſeyn. Er kann das Verbre⸗ chen um die angegebene Zeit nicht begangen haben, denn er war eine halbe Stunde ſpäter bei Jarvis, und es bedurfte dahin auf jeder mir bekannten Straße eines Ritts von einer vollen Stunde.“ Hier ſtand er auf und zog haſtig die Glocke. „Bitte laß mich mitgehen, Papa,“ rief Mary, ihre ſchönen Augen zu ihm erhebend.„Ich kann dem armen Käthchen doch wenigſtens einigen Troſt gewähren, denn Miſtres Lisle's Tod muß bei ihr eine arge Veränderung be⸗ wirkt haben. Bitte nimm mich mit.“ „Von Herzen gern, meine Liebe,“ erwiederte Sir Charles;„willſt Du auch mitkommen, Mama?“ Lady Chevenir war jedoch keine Freundin plötzlicher Entſchlüſſe: ſie hatte immer ſo viel zu Haus zu thun, es brauchte ſo viele Zeit ihre Kleider einzupacken, ihr Mäd⸗ chen war nicht vorbereitet— kurz ſie hatte hundert Ein⸗ würfe und es wurde beſchloſſen, Sir Charles und Mary 586 ſollten zuſammen gehen, während ſie ſelbſt auf dem Gute zurückblieb. Ein Diener ſollte augenblicklich Poſtpferde aus Stratton holen, und Lady Chevenir verließ das Zimmer nach einigen alltaͤglichen Bemerkungen über Käthchens Brief. Mary wollte eben folgen; aber ihr Vater rief ſie zurück und trat in die Fenſtervertiefung. Als ſie ihm nicht ohne wechſelndes Erröthen nahe kam, ſchlang Sir Charles ſeinen Arm um ſie und begann: „Haſt Du außer dem, was wir ſo eben beſprochen, ſonſt nichts in jenem Briefe bemerkt, meine theure Mary?“ Mary ſchwieg und ihr Vater fuhr fort: „Komm mein Kind, laß uns vollkommenes Vertrauen zu einander beweiſen. Deine Freundin Käthchen iſt offen⸗ bar in Lutwich verliebt— vermuthlich bereits mit ihm ver⸗ ſprochen— ſo ſchließe ich mehr aus dem Tone des Briefs als aus den Worten, deren ſie ſich bediente. Iſt dies der Fall, Mary, ſo habe ich Reginald Lisle Unrecht gethan. Steht es mit Dir nicht ebenſo, meine Liebe?“ Mary weinte und lehnte die Stirne an ihres Vaters Bruſt. Er drückte ſie zärtlich an ſein Herzeund dieſe Theil⸗ nahme gab ihr die Kraft zu erwiedern: „Ich bin ganz verwirrt; ich urtheilte vornemlich nach dem, was Du mir ſagteſt, mein theurer Vater. Jetzt weiß ich nicht, was ich denken ſoll.“ „Wir haben uns Beide geirrt, theure Mary,“ ſagte Sir Charles;„das läßt ſich aber wieder gut machen. Sey verſichert, meine Liebe, Dein Glück wird immer der erſte Zweck Deines Vaters ſeyn; ich glaubte jedoch Dich am Be⸗ 587 ſten zu berathen, wenn ich Dir erzählte, was ich für die Wahrheit hielt. Ich wußte freilich nicht, daß es ſo tief bei Dir eingedrungen iſt, wie ich es in letzter Zeit mit Schmerz geſehen habe; doch davon mehr auf unſerer Hin⸗ fahrt, meine Theure— jetzt mach' dich eilig fertig.“ Sir Charles Chevenix und ſeine Tochter brachen ſo raſch wie möglich auf, Mary mit ſehr erleichtertem Herzen, aber noch immer zwiſchen Furcht und Hoffnung hin und her geworfen, ihr Vater nachdenklich und von einem an ihm un⸗ gewohnten Ernſte beſeelt. Die erſten paar Meilen verſtri⸗ chen faſt in völligem Stillſchweigen, bis endlich Sir Char⸗ les ſeine Hand auf die ſeiner Tochter legte und alſo anhub: „Nun erzähle mir Alles, meine theure Mary. Ver⸗ ſchließe nicht Deine Gefühle im eigenen Herzen wie eine Haſelmaus im Käfig, ſondern laß auch mich einen Blick hineinwerfen, mein Kind. Du weißt hoffentlich, daß meine Liebe für Dich nicht von jener ſelbſtſüchtigen Art iſt, welche mehr die Befriedigung der Leidenſchaft oder des Vorurtheils als das Glück ihres Gegenſtandes ſucht.— Was iſt zwiſchen Dir und Lisle vorgegangen?“ „Seiner oder meiner Worte kann ich mich nicht mehr erinnern, mein theurer Vater,“ verſetzte Mary;„ich habe es ſeither oft vergeblich verſucht; aber ich will geſtehen, nach Allem, was er ſagte, war ich überzeugt, daß er mich liebte und um meine Hand werben würde.“ „Und Du liebteſt ihn und haſt es geſtanden?“ fragte Sir Charles. „Ich liebte ihn und liebe ihn noch,“ erwiederte Mary 5 offenherzig, aber mit tiefem Erröthen;„auch ließ ich ihn merken, daß es ſo war, wenn ich auch das Wort ſelbſt nicht geradezu ausſprach.“ „Du hätteſt mir Alles ſagen ſollen, Mary,“ ſagte ihr Vater ernſthaft. „Ich dachte, er würde es thun,“ gab Mary ungekün⸗ ſtelt zur Antwort. „Ach und wir haben ihn verhindert,“ bemerkte Sir Charles;„ja, ja, wir machen immer Mißgriffe im Leben und müſſen dann wieder flicken, was wir zerbrochen haben.“ „Vielleicht hat auch Mama's Benehmen ihn beunru⸗ higt,“ meinte Mary leiſe;„ſie war allerdings ſehr kalt ge⸗ gen ihn, als ſie erfuhr, wer er war. In der That ihre Ge⸗ fühlsweiſe erſchreckte mich und flößt mir noch immer Be⸗ ſorgniſſe ein. Ich glaube nicht, daß ſie jemals einwilligen würde, ſelbſt wenn er es jetzt noch wünſchen ſollte.“ „Pah, pah!“ rief Sir Charles;„Deine liebe Mutter wird ſich nicht meinen und Deinen Wünſchen wiederſetzen. Was Lisle betrifft, ſo muß ich Mittel finden mit ihm zu einer Erklärung zu kommen.“ „Aber er hat ja England verlaſſen,“ ſagte Mary trau⸗ rig;„ſahſt Du nicht, wie Käthchen erwähnte, daß er aus⸗ wärts gegangen— gewiß voll Trauer und in der Meinung, ich müſſe ſehr launiſch ſeyn.“ Sir Charles hatte den hier angeführten Theil von Käthchens Brief nicht geſehen oder beachtet, und las ihn deßhalb von Neuem. 589 „Wohlan, ſo muß ich ihm ſchreiben,“ ſagte er, ſobald er hiemit zu Ende war. „Ach nein! thue das nicht, theurer Papa,“ rief Mary. „Er würde es ſehr auffallend finden und am Ende gar glau⸗ ben, ich—“ „Mary, Mary!“ mahnte Sir Charles,„glaube mir, theures Mädchen, in Liebesſachen iſt vollkommene Offenheit immer der beſte, edelſte und ſicherſte Weg. Ich werde nichts ſagen, was Dein Zartgefühl blosſtellen könnte, darauf darfſt Du Dich verlaſſen; aber ich will ihm erzählen, daß Du mich jetzt von Allem, was zwiſchen Euch vorging, unterrichtet haſt, und daß ich— von der irrigen Meinung ausgehend, als ob er mit Käthchen Malcolm verlobt wäre— Dir ſelbſt dieſen nämlichen Irrthum eingepflanzt habe. Daraus wird er die Beweggründe erſehen, nach denen wir handelten; das übrige muß dann von ihm ausgehen, mein Kind. Ich will aber den Werth meiner Tochter nicht ſo gering anſchlagen, daß ich glauben möchte, unter allen Männern der Welt könne einer ſie mit freiem Herzen beſitzen, ohne auch um ihren Be⸗ ſitz zu kämpfen.“ So endete ihr Geſpräch für diesmal und Vater und Tochter wurden mit Hülfe des Viergeſpanns und der wohl⸗ bezahlten Poſtknechte ſehr raſch nach London befördert. Gleichwohl war es faſt Mitternacht, als der Wagen vor Sir Charles Chevenir' Hauſe anhielt, und da ſeine Ankunft unerwartet eingetreten war, ſo wurde es zwei Uhr, bis Mary ihr Haupt auf's Kiſſen niederlegen konnte. Sie war ſehr ermüdet, aber immer noch ſehr aufge⸗ 590 regt. Sie dachte daran, wie unfreundlich ihr Benehmen dem Geliebten erſchienen ſeyn mußte, wie tief ſein Herz beim Abſchiede von Englands Küſten getrauert haben mochte, wenn ſie nach ihrem eigenen urtheilen durfte, und Thränen und bittere Gedanken erfüllten die Stunden der Dunkelheit. Sie war vor ihrem Vater auf und erwartete deſſen Erſcheinen voller Spannung, denn Mary war noch nicht ganz befriedigt. Ein Schatten von Zweifel lag noch auf ihrer Seele: ſie fürchtete nämlich, ſie möchte ſich mit fal⸗ ſchen Hoffnungen auf Reginalds unveränderte Liebe täuſchen und auch das geringſte Atom von Ungewißheit iſt für das liebende Herz eine ſchwere Bürde. Als Sir Charles end⸗ lich erſchien, kam er Marien ſehr ernſt und zögernd vor; ſo bald jedoch das Frühſtück vorüber war/ wurde ausgemacht, daß er alsbald Lutwich beſuchen und alle nöthigen Schritte thun ſollte, um dem nächſten Verhöre vor dem Polizeiamte anzuwohnen, während ſich Mary mit friſchen Poſtpferden zu Käthchen Malcolm verfügen ſollte. Mariens Herz pochte heftig, als der Wagen dahinfuhr und ihre Gedanken waren ausſchließlich mit der bevorſtehen⸗ den Unterredung beſchäftigt. Als ſie jedoch vor Miſtres Lisle's Landhauſe anhielt und die verſchloſſenen Fenſter be⸗ merkte, klagte ſie ſich der Selbſtſucht an, weil ſie vergeſſen hatte, daß ſie ſich einem Trauerhauſe nahe. Auf das An⸗ ziehen der Glocke erſchien der Diener und erwiederte auf ihre Fragen, daß Miß Malcolm krank und zu Bette ſey. „Seit geſtern Morgen war ſie ſehr unwohl, Ma'am,“ bemerkte er. 4 — 591 „Ich denke, wenn ſie überhaupt irgend Jemand em⸗ pfangen kann, ſo wird ſie mich gewiß vor ſich laſſen, und ich wünſche ſehr ſie zu ſprechen,“ erwiederte Mary.„Bitte laßt ihr ſagen, daß Miß Chevenir unten ſey.“ „Wollt Ihr einen Augenblick in's Wohnzimmer treten, Ma'am, ſo will ich Ench anmelden,“ verſetzte der Mann. Mary folgte ihm inſtinktartig. Als ihr jedoch der Die⸗ ner die Zimmerthüre öffnete, blieb er plötzlich wie vor einem unerwarteten Anblicke ſtehen, und da Mary bereits auf der Schwelle war, ſo ſah ſie ein junges Mädchen, bleich und ſchmächtig, aber in ihren Zügen eine ſolche Aehnlichkeit mit Reginald Lisle verrathend, daß ſie ſie alsbald als deſſen Schweſter erkannte, mit dem Kopf auf die Hand geſtützt, am Tiſche ſitzen. Mary konnte dem Drange ihres Herzens nicht wider⸗ ſtehen, und während der Diener ſich entſchuldigte, daß er ſie in dieſes Zimmer gewieſen, da er nicht gewußt habe, daß Miß Lisle unten ſey, näherte ſie ſich Louiſen, ergriff freund⸗ lich ihre Hand und küßte ſie auf die bleiche Wange. „Ihr kennt mich nicht,“ ſagte Mary;„ich denke aber Euer Bruder wird wohl von mir geſprochen haben. Ich bin Mary Chevenix.“ Der geringſte Vorfall erregte Louiſens erſchütterte Nerven und ſie zitterte ohne eine Antwort zu geben. „Ich beabſichtigte Euch keineswegs zu ſtören, theure Miß Lisle,“ fuhr Mary fort;„nachdem ich aber in die Stadt gekommen, um unſere arme Freundin Käthchen Malcolm zu beſuchen, moͤchte ich nicht fortgehen, ohne dies gethan zu ha⸗ 592 ben, obgleich der Diener ſagt, daß ſie krank ſei. Soll ich Euch verlaſſen?“ „O nein, nein— bleibt!“ verſetzte Louiſe;„ich er⸗ innere mich Eurex ganz gut, nur ſchreckte mich der Anblick einer Fremden— ſendet hinauf und laßt Miß Malcolm wiſſen, daß Miß Chevenir hier iſt,“ gebot ſie dem Diener und wendete ſich dann wieder zu Marien, indem ſie ſortfuhr: „Käthchen iſt in der That ſehr krank. Noch nie habe ich eine ſolche Veränderung geſehen, wie ſie ſeit geſtern mit ihr dorgeganden iſt.“ „Was iſt aber der Grund?“ fragte Mary neben Loui⸗ ſen ſich niederſetzend.„Hat neues Unglück ſie betroffen?“ „Ich glaube, ich könnte es Euch wohl ſagen, da ich weiß, daß Ihr Euch ſehr lieb hattet,“ erwiederte Louiſe; „doch bin ich ſo unwiſſend in ſolchen Dingen, daß ich es auch unrecht machen könnte. So viel darf ich wohl verra⸗ then, daß das arme Käthchen geſtern aufgefordert wurde, all ihre theuerſten Gefühle zum Opfer zu bringen, um den Mann, den ſie liebt, vom Untergang zu retten. Sie ſelbſt wird Euch gewiß das Weitere erzählen, denn ſie ſprach von Aufſtehen. und ſo bin ich überzeugt, daß ſie Euch empfangen wird; ich überredete ſie, bis zur Eſſenszeit im Bette zu blei⸗ ben, denn ſie iſt in der That ſehr krank.“ „Miß Malcolm will Euch empfangen, wenn Ihr hin⸗ aufkommen wollt, Ma'am,“ meldete die alte Miſtres Jones, unter der Thüre erſcheinend, und eine Minute ſpäter ſtand Mary neben Käthchens Bette. Das arme Mädchen war todtenbleich; all ihre warme 593 Röthe war fort und kehrte nur auf Augenblicke zuruck, um alsbald wieder zu verſchwinden. Mary küßte ſie zärtlich und ihr Herz mahnte ſie dabei vorwurfsvoll an die Gefühle, mit denen ſie ſich von ihr getrennt hatte. „Theures Käthchen!“ rief ſie,„ich bedaure von gan⸗ zem Herzen, Dich ſo krank zu finden. Du darfſt aber den Muth nicht verlieren, Käthchen: Papa und ich brachen ſo⸗ gleich auf, ſobald Dein Brief anlangte— wir haben uns nach ſeiner Ankunft kaum noch eine Stunde zu Hauſe auf⸗ gehalten— und er hegt gute Hoffnung, denn er ſagt, dieſe Anklage gegen Oberſt Lutwich könne unmöglich wahr ſeyn, da er ſonſt keine Zeit gehabt hätte, um Jarworth Park zu erreichen. Du weißt ja, daß noch ein Anderer ihm ſehr ähnlich ſteht.“ „Du biſt ſehr gutig, liebſte Mary, und ſo auch Sir Charles,“ erwiederte Käthchen mit ſchwacher Stimme; „aber ach! Du weißt nicht Alles. Oberſt Lutwich iſt hof⸗ fentlich gerettet; aber mein Friede iſt für immer dahin.“ Sie weinte nicht, ſchloß aber die Augen und verharrte eine Weile in bitterem Nachdenken. Mary betrachtete ſie mit kummervollen Blicken und fragte ſich ſelbſt: „Wie kann ich ſie tröſten und beſänftigen?— dies iſt nicht möglich ohne Alles zu wiſſen— und wie kann ich dies 3 erfahren?— Vielleicht indem ich mit meinem Geſtaͤndniſſe zuerſt beginne und meine Unfreundlichkeit beim Abſchiede wieder gut zu machen ſuche.“ „Käthchen,“ fuhr ſie laut fort,„ſieh mich an, theures Käthchen. Ich bin gekommen, um Dir meine eigene James. Th. Broughton. 38 Schwäche und Thorheit zu geſtehen, und Dich für meine Kälte und Unfreundlichkeit, die Du nicht verdienteſt, um Verzeihung zu bitten. Ich weiß gewiß, daß Du mir ver⸗ gibſt, und als Beweis, daß Du mir verziehen, wirſt auch Du mir Dein Herz eröffnen.“ „Ich Dir verzeihen, Mary!“ rief Käthchen ſich um⸗ wendend und ſie betrachtend.„Ich habe Dir nichts zu ver⸗ zeihen, wenn nicht etwa Gute und Großmuth eine Beleidi⸗ gung iſt.“ „So höoͤre mich an, liebes Käthchen,“ erwiederte Mary Chevenir,„und Du wirſt bald ſehen, was Du zu vergeben haſt. Ich bin eiferſüchtig auf Dich geweſen— voll blinder thorichter Eiferſucht, und habe mich durch meinen eigenen Fehler elend gemacht. Ich habe gewünſcht, daß ich Dich nie geſehen hätte— o ich kann Dir nicht ſagen, was ich gegen Dich empfunden habe. Doch höre mich und ich will es Dir zu erklären ſuchen.“ Und mit glühenden Wangen erzählte ihr Mary ihre kleine Geſchichte, ohne ihr irgend etwas zu verhehlen— im Gegentheil, wie zur Sühne deſſen, was ſie ſich ſelber vor⸗ warf, war ſie viel eher geneigt, die Fehler, die ſie ſich ſelbſt beimaß, zu vergrößern, ſtatt ſie zu vermindern. „Ich habe nur eine Entſchuldigung für mich,“ ſchloß Mary endlich;„die nämlich, theures Käthchen, daß einige Deiner eigenen Worte und noch mehr Deine Blicke mich täuſchen halfen. Erinnerſt Du Dich eines Geſprächs, das wir an jenem Abende hatten, da Du mit meinem Vater 595 nach Jarworth Park zurückkehrteſt, wobei ich davon ſprach, wie Reginald zu Dunſtable Dir zu Hülfe gekommen?“ „Ei nein,“ erwiederte Käthchen;„Lady Chevenix war es, die mit mir davon ſprach.“ „Ja, aber ich ſprach nachher mit Dir, nachdem Mama das Zimmer verlaſſen hatte,“ bemerkte Mary;„ich fragte Dich, ob er nicht ein wenig in Dich verliebt geweſen?“ „Nicht Kapitän Lisle!“ rief Käthchen haſtig;„Du haſt ſeinen Namen nie erwähnt.“ „Ja, das iſt wahr,“ geſtand Mary mit der Hand über die Stirne ſtreichend und nachſinnend;„aber er war es, von dem ich ſprach.“ „Ich dachte, Du meinteſt Oberſt Lutwich,“ ſagte Käthchen ihr ins Auge ſehend. „Thoͤrin, die ich war!“ rief Mary—„o thörichter noch, als ich ſelber dachte! Wenn ich elend werde, iſt es ganz meine eigene Schuld.“ „O glaube das nicht,“ ermahnte Käthchen.„Ich hoffe, Du wirſt ſehr, ſehr glücklich werden, theure Mary, und Du mußt ſuchen es zu ſeyn, denn Dir winkt nur die ſchönſte Hoffnung. Ich habe keine und will dennoch verſuchen, mich ſo gut ich kann zu begnügen, denn das iſt Pflicht, während es Sünde wäre, über getäuſchten Erwartungen nachzu⸗ brüten.“ „Warum aber keine Hoffnung?“ fragte Mary, und mit ſanfter freundlicher Ueberredung gelang es ihr, von dem armen Käthchen einige von den Thatſachen zu erfahren, wo⸗ mit der Leſer bereits bekannt iſt 38* 596 Käthchen erzählte zwar nicht Alles mit deutlichen Wor⸗ ten, erſtens, weil es zu ſchmerzlich war, um lange dabei zu verweilen, und zweitens, weil ſie es für beſſer hielt, die wirk⸗ lichen Beweggründe zu verhehlen, die man ihr vorgehalten hatte, um ſie zu verleiten, einem Manne, den ſie verab⸗ ſcheute, ihre Hand zu verſprechen. Was ſie erzählte, er⸗ zählte ſie der Wahrheit gemäß, ja ſie verbarg Marien nicht einmal, daß ſie noch etwas verhehle, und als ſie von der Verhandlung mit Doktor Gamble ſprach, den ſie als einen Advokaten Namens Brown, wofür ſie ihn wirklich hielt, darſtellte, ſagte ſie blos, er habe ihr aufs Klarſte bewieſen, daß das einzige Mittel, um Lutwich von einem ſchimpflichen Tode zu erretten, darin beſtehe, daß ſie das Verſprechen nie⸗ derſchrieb, das er diktirte. Sie weinte eine kurze Weile und fuhr dann fort: „So hatte ich blos die Wahl, theure Marie, entweder ihn ſeinem furchtbaren Schickſale zu überlaſſen und durch den Tod von ihm getrennt zu werden, oder die übrigen Jahre meines Lebens einem Looſe zu opfern, in Vergleich mit dem mein eigener Tod noch ein Segen wäre. Und doch fühlte ich, daß hier keine Wahl blieb, daß ich durch meine Grundſätze nur auf eine Bahn gewieſen wurde, und daß⸗ wenn ich ihn wirklich liebte, mir keine Alternative offen ſtand.“ „O Du edles, theures, großmüthiges Mädchen!“ rief Mary.„Ich hoffe nur, Käthchen, ſie haben Dich nicht ge⸗ täuſcht, und Dich nicht ohne die höchſte Noth zu einer ſol⸗ chen Aufopferung Deiner ſelbſt bewogen.“ „O nein! darüber bin ich ſicher,“ erwiederte Käͤthchen 597 Malcolm.„Einige Worte, welche Lutwich ſelbſt zufaͤllig fallen ließ, bewieſen mir, daß dieſer Mann ihn ganz in ſei⸗ ner Gewalt hat; aber es kann mein Unglück nur noch ver⸗ mehren, wenn ich denken muß, daß ich verurtheilt bin das Weib eines Mannes zu werden, der ſo niedrig zu handeln vermochte.— Herein!“ rief ſie, als ſie ein Klopfen an der Thüre hörte, worauf eine Dienerin zwei Briefe brachte. Der eine trug ein entferntes, der andere gar kein Poſtzeichen, und Käthchen eröffnete alsbald den erſten. Der Leſer kann ſich deſſen Wirkung vorſtellen, wenn er erfährt, daß es Miſter Mullins' Brief war, der ihr hier vor Augen kam, während Mary Chevenir neben ihr ſaß. Einen Augenblick lang war ſie völlig betäubt; im nächſten überwog die ſeit Jahren angewöhnte Ergebenheit in das Schickſal. Sie hatte ſo oft mitten unter ihren Leiden zu⸗ gleich Stütze ſeyn müſſen, daß ihr dies nichts Neues war. Sie legte den Brief ſorgfältig zuſammen und ſteckte ihn un⸗ ters Kiſſen, betrachtete Marien traurig und mit thränendem Blicke und dachte: „Nein! ihr Vater muß es ihr mittheilen. Mein Amt i*ſt bei Louiſen— der armen Beraubten.“ Sie vermochte kein Wort zu ſprechen und der andere Brief lag uneröffnet die Adreſſe nach oben gekehrt auf dem Bette, bis Mary mit den Worten:„das iſt ja meines Va⸗ ters Handſchrift“— darauf hindeutete. Käthchen nahm ihn und eröffnete ihn mechaniſch. Sie las ihn zweimal, da ſte Anfangs nicht im Stande geweſen war, ihre Aufmerkſamkeit ſo darauf zu richten, um wenig⸗ 598 ſtens ſeinen Sinn zu begreifen, bis ſie endlich mit einem Gefühle der Erleichterung erkannte, daß er ihr eine Ent⸗ ſchuldigung gewährte, um eine Unterredung zu beenden, die ſie mit dieſer Schreckensbotſchaft von Reginald Lisle's Schick⸗ ſale im Herzen— zu verlängern ſich ſcheute. Das Billet war ſehr kurz und lautete folgendermaßen: „Theure Miß Malcolm! „Wollt Ihr mir die Gunſt erweiſen, Euch ſogleich nach Empfang dieſes Briefes in eine Poſtchaiſe zu ſetzen und mich in Sir Harry Jarvis' Hauſe zu treffen? Eure Gegen⸗ wart dort iſt unumgänglich nothwendig und ich werde Euch vort erwarten, da ich Euch Nachrichten von Wichtigkeit mit⸗ zutheilen habe und kein Augenblick zu verlieren iſt. Wenn Mary bei Ankunft dieſes Schreibens bei Euch iſt, ſo ſagt ihr, ſie ſoll nach Hauſe gehen, mich aber nicht zum Eſſen erwarten, noch wegen meiner aufbleiben, da ich nicht weiß⸗ wann ich Jarworth werde verlaſſen können. Verliert keine Zeit, mein theures Käthchen, denn Ihr dürft überzeugt ſeyn, daß ich dih ohne Noth alſo in Euch dringen würde. Euer ergebenſter Freund „Charles Chevenix.“ „Ich muß ſogleich aufſtehen, Mary,“ ſagte Käthchen, indem ſie ihr den Brief ihres Vaters einhändigte; Mary machte ihr jedoch einen Vorſchlag, an welchen Käthchen nicht gedacht hatte, den ſie aber nicht wohl ablehnen konnte. „Unſer Wagen mit Poſtpferden ſteht vor der Thüre,“ 598⁸ ſagte ſie;„kleide Dich an, Käthchen, und komm mit mir. Du kannſt mich in Grosvenor⸗Square abſetzen und dann weiter fahren.“ „Erſt muß ich mit der armen Louiſe reden,“ erwiederte Käthchen;„ich werde Dich eine Zeit lang aufhalten, denn mich erwartet eine bittere Aufgabe bei der Armen.“ „Doch kein neues Unglück?“ rief Mary. „Ach freilich,“ verſetzte Käthchen; doch Mary beſaß keinen Schlüſſel, um ihre Beſorgniſſe auf die Wahrheit hin⸗ zuleiten, und Käthchen ſtand auf und kleidete ſich ſchweigend an, da ſie ſich bei aller Geſchäftigkeit ihrer Gedanken ſehr ſchwach fühlte. Sobald ihre Toilette beendigt war, verließ ſie Marien auf wenige Minuten und ſchickte nach der alten Haushälte⸗ rin Miſtres Jones. Ihre Unterredung war ſehr ernſt; aber die gute Frau rieth ihr ſehr ab, Louiſen die Nachricht vor Miſtres Lisle's Leichenbegängniß auch nur anzudeuten. „Thut es nicht, Miß,“ bat ſie mit Thränen in den Au⸗ gen;„es würde mein armes junges Fräulein tödten. Wenn Miſter Mullins zürnt, ſo will ich allen Tadel auf mich neh⸗ men, denn ich kenne ſie beſſer, als er.“ Käthchen fand es ſchwer zu entſcheiden. Sie ſah, daß Miſter Mullins trotz ſeiner Verſicherung, daß keine Hoffnung übrig ſey, doch immer noch einen ſchwachen zweifelhaften Schimmer davon nährte, und ſie wußte, wie furchtbar ſolche lang verzögerte Beſorgniß wirkt. Wie konnte ſie alſo— ſo fragte ſie ſich ſelbſt— die arme Louiſe auf die wahrſchein⸗ liche Schreckenswahrheit vorbereiten, ohne weit groͤßere 600 Pein uͤber ſie zu verhaͤngen, als ſogar die Wahrheit ſelbſt hervorrufen mußte. Sie zögerte eine Zeit lang unſchlüſſig und da ſie berechnete, daß Miſter Mullins von ſeiner Reiſe nach Plymouth und von da nach London nicht vor morgen Nacht anlangen konnte, ſo beſchloß ſie, die ganze Sache bis zu ihrer Rückkehr von Jarworth Park zu verſchieben, wo⸗ durch ihr wenigſtens Zeit zur Ueberlegung übrig blieb. Nachdem ſie dieſen Entſchluß der Haushälterin angekündigt, benachrichtigte ſie Louiſen von ihrer plötzlichen Abberufung nach Sir Harry Jarvis' Hauſe, und brach ſodann mit Mary Chevenir auf, indem ſie ſo bald wie möglich zurückzukehren verſprach. Marie fühlte ſich durch Alles was zwiſchen ihr und Käthchen vorgegangen, ſehr erleichtert; Hoffnung dämmerte wieder in ihrem Herzen und wenn ſie auch mit ihrer ſchönen Freundin aufrichtig ſympathiſtrte, ſo mußte ſich doch das heitere Colorit, das über ihre eigenen Ausſichten gekommen war, auch ihrer Anſicht von Käthchens Lage mittheilen. Indem ſie für ſich ſelber hoffte, hoffte ſie auch für Käthchen — daß Lutwich gerettet— daß etwas geſchehen würde, um das fatale Verſprechen zu vernichten— daß ſie Käthchen einſt eben ſo glücklich, wie ſie es verdiente, vor ſich ſehen würde. Sie hatte freilich keinen Grund zu ſolchen Hoff⸗ nungen; aber nachdem ihr eigenes Schickſal ſo plötzlich von den ſchwärzeſten Wolken gereinigt worden, mochte ſie ſich wohl dem Traume hingeben, daß es auch mit Käthchen Malcolm ſo gehen könnte. Ihre Heiterkeit, ſo ruhig ſie 601 blieb, war Käthchen dennoch ſchmerzlich, und mehr als ein⸗ mal ſagte ſie zu ſich ſelbſt: „Ach, wenn Mary nur das ſchreckliche Geheimniß jenes Briefes wüßte!— doch es wird ihr nur zu bald kund werden.“ Die Fahrt nach Jarvorth Park kam ihr länger vor, als ſonſt. Endlich war ſie am Ziele, und als der Wagen gegen das Haus fuhr, ſah Käthchen eben eine Poſtchaiſe vor der Thüre halten. Ein Herr ſprang heraus und zog die Glocke, und als er ſich umdrehte, näherte ſich Sir Char⸗ les Chevenix ſeinem eigenen Wagen und rief ihr entgegen: „Ich habe Lutwich geſehen, meine Theure. Er trug mir auf, Euch zu ſagen, daß er Euren Brief empfangen habe, aber ihn nicht recht verſtehe.“ 1 „Das überraſcht mich nicht, Sir Charles,“ erwiederte Käthchen;„ich fürchte, er war kaum verſtändlich.“ „Davon ſpäter,“ verſetzte Sir Charles in ſeiner ge⸗ wohnten raſchen Weiſe;„ſteigt nur aus, Theuerſte, und kommt mit mir; der Diener wartet an der Thüre, wie ich ſehe.“ Einundvierzigſtes Kapitel. Käthchens Arm nehmend, wanderte Sir Charles Cheve⸗ nix gegen Sir Harry's Hausthüre, wo mittlerweile der alte Tafeldecker mit einem andern Diener erſchienen war, während auf dem Vorplatze derſelbe Kammerdiener zum Vorſchein kam, 60² welchen Käthchen bei ihrem letzten Beſuche zu Jarworth Park geſehen hatte. „O Sir Charles, ich bin herzlich froh Euch zu ſehen,“ rief der Tafeldecker;„mein armer Herr iſt immer noch ſehr krank.“ „Iſt er wach?“ fragte Sir Charles Chevenir. „Ich glaube ſo, Sir,“ verſetzte der Alte,„obwohl man mir ſeit mehreren Tagen nicht erlaubte, ihn zu ſehen oder zu bedienen.“ „Er iſt wach, Sir,“ erklärte der andere Diener,„denn als ich vorhin an der Thüre vorüberkam, hörte ich ihn ſprechen.“ „Dann willl ich ihn ſehen,“ erklärte Sir Charles, und an Käthchen ſich wendend, fuhr er leiſe fort:„hier iſt nicht Alles in Ordnung.“— In dieſem Augenblicke trat der Kammerdiener vor und ſagte, ohne irgend ein Zeichen von Mangel an Reſpekt: „Ich bedaure, Sir, daß Ihr Sir Harry Jarvis nicht ſehen könnt, da ich die Weiſung habe, bei dem gegenwärti⸗ gen Zuſtande des Kranken außer den Aerzten ſonſt Niemand zu ihm zu laſſen.“ „Wirklich!“ erwiederte Sir Charles, ihn von Kopf bis zu Fuße betrachtend.„Wer ſeid Ihr denn? Euer Geſicht iſt mir neu.“ „Ich bin Miſter Eaton's Diener, Sir,“ antwortete der Mann:„Miſter Eaton iſt Sir Harry’s Vetter.“ „O ich kenne ihn!“ verſetzte Sir Charles Chevenix; „jetzt aber, mein guter Burſche, ſeid ſo gut mir aus dem 603 Wege zu gehen, denn es iſt meine Abſicht, Sir Harry Jar⸗ vis, meinen beſten und älteſten Freund zu ſehen, und ob auch Miſter Eaton oder Ihr oder die ganze Welt„Nein“ ſagte.“ „Ich kann es nicht erlauben, Sir,“ erklärte der Mann, noch immer vor ihm ſtehend;„meine Ordre iſt deutlich.“ „So?“ rief Sir Charles, Käthchens Arm fahrenlaſ⸗ ſend und auf den Diener losgehend:„meine Ordre an Euch iſt auch deutlich, Sir. Aus dem Wege— im Augenblick!“ Der Mann blieb jedoch ſtehen und auf der Treppe oben ließ ſich ein Tritt und eine Stimme vernehmen, während Sir Charles den Diener mit einem Schlage auf die große Matte am Fuße der Treppe zurückſtieß. Im ſelben Augenblicke kam ein dünner Gentleman mit ausnehmend ſcharfen harten Zügen eilenden Schrittes die Treppe herab. „Was iſt das?“ rief er.„Sir Charles Chevenixr!— ich bin erſtaunt, Sir!“ 8 „Und ich nicht minder, Miſter Eaton,“ erwiederte der Baronet;„im höchſten Grade erſtaunt, wie einer auf Euer Geheiß verſuchen kann, mir den Eintritt in dem Hauſe mei⸗ nes älteſten und theuerſten Freundes zu verwehren. Das Hinderniß iſt jedoch weggeräumt und ich werde ihn jetzt be⸗ ſuchen.— Kommt, liebſtes Käthchen.“ „Ich muß mir die Bemerkung erlauben— Ihr könnt nicht, Sir Charles,“ verſetzte Miſter Eaton, der einen ein⸗ zigen Blick auf Käthchen Malcolms Geſicht gerichtet hatte und alsbald todtenbleich und dann feuerroth geworden war; „Sir Harry ſchläft und darf um keinen Preis geweckt wer⸗ 60⁴4 den. Seine Geneſung verlangt durchaus vollkommene Ruhe, wie die Aerzte erklären. Ihr könnt und dürft ihn nicht ſtören.“ „Dürft nicht, Sir!“ rief Sir Charles mit flammenden Blicken:„ſchätzt Euch glücklich, daß ich Euch ſelbſt nicht auf die Straße werfe.“ „Sir, Ihr ſollt für dieſes Benehmen zur Rechenſchaft gezogen werden!“ rief Miſter Eaton auffahrend und mit ſehr trotziger Miene. „Sobald es Euch beliebt, Miſter Eaton,“ erklärte Sir Charles;„in einer oder zwei Stunden, wenn's Euch gefällig iſt. Mittlerweile werdet Ihr die Güte haben mir aus dem Wege zu gehen. Sir Harry Jarvis iſt wach— das habe ich bereits erfahren. „Aber, Sir, Ihr wißt nicht“— ſagte der Andere, noch immer ſeinen Platz auf der letzten Treppenſtufe beibehaltend. „Ich weiß mehr als Ihr glaubt, Miſter Eaton,“ be⸗ merkte der Baronet.„Ich würde ſehr bedauern, Sir, wenn ich Eure Naſe als Handhabe nehmen müßte, um Euch aus dem Hauſe zu führen; aber Ihr zwingt mich dazu, wenn Ihr mich noch einen Augenblick länger zurückhaltet. 4 „Schon recht, Sir,“ ſchrie der Andere;„Ihr ſeid ver⸗ antwortlich für die Folgen, die es für Sir Harry Jarvis hat, und ſollt mir für Eure Sprache und Euer unedelmänni⸗ ſches Benehmen Rechenſchaft ablegen. Ich habe nicht Luſt, den Lärm, den Ihr bereits im Hauſe gemacht, habt durch Widerſetzlichkeit gegen Euer tolles und grauſames Verfahren 5 605 noch zu vermehren“— indem er ſich mit mürriſcher Miene entfernte. „Kommt, Käthchen,“ ſagte Sir Charles ſich umwen⸗ dend; als dieſe aber zitternd und voller Aufregung folgen wollte, trat der alte Tafeldecker vor und ſagte, indem er den empfangenen Brief aus der Taſche zog: „Ich bin von dieſem Herrn verhindert worden, Ma'am, den Brief an Sir Harry abzuliefern; er warnte mich ſogar — woran ich mich jedoch nicht kehren werde— weil ich ihn von Euch annahm, da er mich damals bewacht hatte.“ „Ihr ſeid ein unverſchämter Schuft,“ polterte Miſter Eaton heftig; ohne jedoch von dieſem Gentleman weitere Notiz zu nehmen, ſagte Sir Charles: „Nehmt den Brief mit, meine Theure— er kann viel⸗ leicht nöthig werden.— Ihr folget uns bis zu Eures Ge⸗ bieters Zimmer, mein guter Burſche, und ſorgt dafür, daß wir nicht geſtört werden.“ „O ich habe nicht die Abſicht Euch zu ſtören, Sir,“ ſagte Miſter Eaton—„wenigſtens für jetzt nicht. Dieſes junge Weibsbild wird ſich übrigens in ihrem Vorhaben ge⸗ hemmt ſehen, wenn ſie es am wenigſten erwartet.“ Käthchen ſtieg der Kamm. Sie dachte an ihren Vater und an dieſes Mannes Benehmen gegen ihn, und indem ſie ihm voll in's Geſicht ſchaute, ſagte ſie: „Pfui, ſchämt Euch, Sir: Eine Antwort ſchien ihm auf den Lippen zu ſchweben, aber er drehte ſich plötzlich um und ſeinem Diener winkend trat er in das Bibliothekzimmer. von Hinderniſſen zum Trotz.“ 606 „Ein ſcharfes Gefecht, mein theures Käthchen,“ flü⸗ ſterte Sir Charles leiſe, während er ſie die Treppe hinan⸗ führte;„aber ein vollſtändiger Sieg, wie ich hoffe. Der Feind hat auf alle Fälle das Feld geräumt.“ 8 „Ich begreife kein Wort von der Sache,“ ſagte Käthchen. „Ihr werdet es alsbald beſſer begreifen,“ belehrte ſie ihr tapferer Freund;„für jetzt dürfen wir keine Zeit verlieren, denn wir können uns auf den Bericht von Sir Harry's Be⸗ finden nicht verlaſſen,“ indem er ſich leiſe einer Mahagony⸗ thüre am Ende des weiten Korridors näherte.„Bleibt ein wenig hinter mir, Käthchen, aber tretet nur ein,“ worauf er die Klinke des Schloſſes ſehr ſachte umdrehte und die Thüre öffnete. Die Vorhänge im Zimmer waren zum Theil herab⸗ gezogen und die Fenſter ſtanden offen, um friſche Luft einzu⸗ laſſen. Es war hell genug, um Alles in dem Zimmer zu un⸗ terſcheiden, das den gewöhnlichen Anblick einer Krankenſtube darbot, an deren hinterem Ende ein großes, maſſives, vier⸗ pfoſtiges Bett ſtand, das die Wärterin eben mit einer Thee⸗ taſſe in der Hand verlaſſen hatte. „Es iſt Jemand eingetreten— wer iſt es?“ fragte eine ſchwache Stimme aus dem Bette. „Ich bin es, Jarvis— Dein alter Freund Chevenir,“ ſagte Sir Charles mit raſchem Schritte vortretend, während die Frau ihn anſtarrte.„Ich dachte, Du würdeſt Dich freuen mich zu ſehen, und der Anblick eines alten Kameraden würde Dir nichts ſchaden: ſo erzwang ich mir den Weg, allen Arten 607 „Ich bin hoch erfreut, Chevenir,“ erwiederte Sir Harry Jarvis in frohem Tone;„das iſt in der That ſehr freundlich von Dir, es wird mir mehr gut thun, als alle Arzneien der Welt. Der einfältige Doktor ſchrieb gleich beim erſten An⸗ falle an Eaton, und der kam herbei und quält mich zu Tod.“ Käthchen, welche in der Nähe der Thüre ſtand, konnte bemerken, wie Sir Charles Chevenir heiter lächelte, während er ſich am Bet e niederſetzte. „Ci, Jarvis, Du ſiehſt nicht gar ſo krank aus,“ ſagte er ſich über das Bett beugend. Macht ein bischen heller im Zimmer, meine gute Frau; ich muß meines alten Freundes Antlitz eiwas deutlicher ſehen. Du kunſt gewiß etwas mehr Licht vertragen?“ „O ja, das Licht thut mir nicht weh,“ verſicherte der alte Baronet;„aber beuge Dich nicht über mich oder berühre mich nicht, Chevenix; ſie ſagen, das Fieber ſey ſehr anſteckend. Ich war ernſtlich krank, bin aber jetzt etwas beſſer, mein theu⸗ rer Junge, nur ſchwach wie ein Kind— ſchwächer wie Du als Kind warſt, denn ich erinnere mich, als ich Dich bei der Taufe auf den Armen trug, ſchlugſt Du dermaßen aus, daß ich Dich kaum zu halten vermchtee erzählte der alte Mann mit Lachen. „Ei, Du ſiehſt beſſer aus als ich erwartete,“ meinte ſein Freund, ſobald es heller wurde;„bald ſoll es Dir ganz gut gehen und Deinen Kräften wollen wir ſchon aufhelfen.“ „Oreiundſtebenzig! Dreiundſtebenzig!“ ſagte Sir Harry;„dieſe Krankheit überwinde ich nicht, Charles,“ fuhr er ohne alle Trauer fort. 608 „Wollt Ihr nicht Platz nehmen, Miß?“ fragte die Wärterin, Käthchen einen Stuhl hinſtellend. „Wer iſt das?“ rief der Kranke;„haſt Du noch Jemand mitgebracht? iſt es Mary?“ „Nein, nicht Mary,“ erklärte Sir Charles;„aber Je⸗ mand, die Dir näher iſt und Dir theurer ſeyn ſollte, als Mary, mein lieber Freund.— Käthchen iſt es,“ indem er ihr näher zu treten winkte. „Bleibt weg, bleibt weg!“ rief Sir Harry, ſobald er ihrer anſichtig wurde;„das Fieber iſt ſehr anſteckend. Che⸗ venir, biſt Du wahnſinnig.“ „Ich fürchte mich nicht davor,“ verſicherte Käthchen, ruhig und voller Anmuth näher tretend.. „Aber ich fürchte mich für Euch, meine theure junge Dame,“ entgegnete Sir Harry.„Was meinſt Du denn aber, Charles?— Mir theurer und näher! ein derartiger Wink wurde mir ſchon früher gegeben; ich ſtellte jedoch Nachforſchungen darüber an und—* „Sie wurden durch einen zum Voraus entworfenen Plan vereitelt,“ erklärte Sir Charles Chevenixr.„Ich will zwar Niemand zu nahe treten, noch Fragen aburtheilen, die Du, wie ich hoffe, bald ſelbſt unterſuchen kannſt; aber mitt⸗ lerweile verſichere ich Dich— und ich weiß Du wirſt mei⸗ nem Worte glauben— daß dieſe hier Käthchen Malcolm, das einzige Kind Deiner Lieblingsnichte iſt, welche während Deines Aufenthalts in Indien den Fähndrich Marſham vom Dreiundzwanzigſten heirathete. Er nahm ſpäter mit Erlaub⸗ niß der Krone den Namen Malcolm an, woruüber ich das 609 Dokument erſt heute auf dem heraldiſchen Collegium einge⸗ ſehen habe.“ „Aber man wies mir doch ihren Todesſchein als Lucy Marſham!“ warf Sir Harry ein;„ſte hat den Namen Malcolm nie angenommen.“ „Nein,“ erwiederte Sir Charles,„wohl aber ihr Gatte und ihre Tochter. Das Dokument autoriſirt Frederick Mar⸗ ſham und ſeine Tochter Katharina vermöge ſeiner Heirath mit der nunmehr verſtorbenen Lucy Carr, Namen und Wap⸗ pen der Malcolms anzunehmen; das Dokument iſt vor vier⸗ zehn Jahren datirt, als dieſes theure Kind kaum fünf Jahre zählte.“ „Wenn das als Beweis gilt,“ ſagte Kaͤthchen in leiſem ruhigem Tone, obwohl ſie, wie der Leſer denken kann, tief be⸗ wegt war— ich habe hier Miſter Eaton's Brief, worin er mich„Couſine“ nennt.“ „Der Beweis iſt hier,“ bemerkte Sir Harry, ſeine dürre, bleiche Hand erhebend und auf ihr Geſicht deutend;„ich er⸗ kannte es von der erſten Stunde, da ich ſte ſah. Aber was für ein Schurke dieſer Mann ſeyn muß! er wollte mich im⸗ mer glauben machen, meine arme Lucy ſei wenige Jahre nach ihrer Vermählung ohne Kinder geſtorben und Marſham ſei auch todt.— Jetzt aber, mein theures Käthchen, gehe in ein anderes Zimmer: Du biſt ſchon zu lange hier geweſen. Miſtres Ward, reicht ihr von der Eſſenz, womit ſich William Caton gegen Anſteckung zu verwahren pflegt.“ „Ich fürchte mich keineswegs,“ erklärte Kathchen,„und drum vergebt mir, mein theurer Onkel, wenn ich mich gegen James. Th. Broughton. 39 610 Euer erſtes Gebot ungehorſam zeige. Ich bin entſchloſſen zu bleiben und dieſer guten Frau in der Pflege beizuſtehen bis ihr ganz geneſen ſeid. Ich bin an Krankenwartung ge⸗ wöhnt— gewiß, glaubt mirs, und Miſter Eaton wird ſicher⸗ lich nicht das Herz haben mich daran zu hindern.“ „Das Herz?— er wird nicht die Macht haben,“ ver⸗ ſetzte Sir Harry mit bitterem Lächeln, das ſich auf ſeinen milden ſanften Zügen ſehr befremdend ausnahm.„Er hatmich betrogen und Dir unrecht zu thun verſucht; doch das iſt vor⸗ über und er ſoll jetzt mein Haus verlaſſen.„So bleibe denn, mein Kind— bleibe, weil Du es wünſcheſt. Ich hoffe, Gott wird Dich jetzt nicht von mir nehmen.“ „Soll ich gehen und ihn ausweiſen? fragte Sir Char⸗ les Chevenir. 3 „Nein, nein, Charles,“ ſagte der alte Mann;„Arzt und Apotheker werden bald hier ſeyn und ſie ſollen meine Bot⸗ ſchaft hinterbringen. Sie werden ſich hoͤchlich darüber freuen, denn der gute Doktor war ſehr zornig, weil Eaton mir die verordnete Quantität Wein nicht zulaſſen wollte, während die Sache eben am Schlimmſſten ſtand. Er gab vor, der Wein würde mich erhitzen— und er rettete mein Leben.— Ich glaube, ich höre des Doktors Wagen.“ Err ſchwieg und die ganze Geſellſchaft horchte; allein die Wagenräder ſchienen ſich nicht dem Hauſe zu nähern, ſon⸗ dern eher ſich zu entfernen und einen Augenblick ſpäter ſagte der Kranke: „Ich wünſchte, Du ſuchteſt meinen alten Mundſchenk 611 Diron, Charles. Ich fürchte er muß krank ſeyn— ich habe ihn ſeit drei bis vier Tagen nicht geſehen.“ „Miſter Eaton wollte ihn nicht vorlaſſen, Euer Gna⸗ den,“ erklärte die Wärterin.„Er meinte, das Krachen ſeiner Schuhe würde Euch nur ſtören.“ 3 „Ich glaube eher, er fürchtete ſich vor dem Krachen ei⸗ nes gewiſſen Briefes in ſeiner Taſche,“ verſicherte Sir Char⸗ les aufſtehend,„denn Käthchen war ſchon vor drei bis vier Ta⸗ gen hier und übergab Dirxon einen Brief für Dich, geſchrieben von dem armen Lutwich, der die ganze Sache aufgeſpürt hatte. Der alte Diener ſteht übrigens als Schildwache vor der Thüre.“ Dixron wurde hereingerufen und näherte ſich dem Bette ſeines Herrn mit Thränen in den Augen. „Ich freue mich herzlich, Sir Harry, Euer Gnaden ſo bedeutend beſſer zu finden,“ ſagte der Mann, nachdem er das Geſicht des Kranken eine Weile betrachtet hatte.„Ihr ſeht ja ganz anders aus.“ „Ich befinde mich auch viel beſſer, mein guter alter Freund,“ erwiederte der Baronet;„da man jedoch nie wiſſen kann, was Einem im näͤchſten Augenblicke begegnen wird, ſo ſeyd ſo gut, Diron und ſagt unſerem Reitknecht John, daß er ſo ſchnell als möglich nach Barnet hinüberreite und Miſter Groves, den Anwalt, in einer Poſtchaiſe mitbringe. Sagt ihm, ich wünſche ein neues Teſtament zu machen, denn ich finde, daß ich betrogen wurde, Dixon. Er kann ſeinen Schrei⸗ ber als Zeugen mitbringen. Ich meinte vorhin des Doktors Wagen zu hören: wer war es denn?“ 39* 612 „Miſter Eaton, Euer Gnaden,“ erzählte der Tafel⸗ decker mit fröhlichem Grinſen.„Miſter Eaton und ſein Kammerdiener, welchen Sir Charles zu Boden ſchlug, weil er nicht zugeben wollte, daß er Euch ſehe. Sie wußten wohl, daß das Spiel zu Ende war, ſo bald er zu Euch durch⸗ drang, und ſo machten ſich Beide davon.— Miſter Hicks mit einem koſtbaren blauen Auge.“ „Chevenix, Chevenix!“ rief Sir Harry,„Du biſt doch immer zu hitzig.— Hat Miſter Eaton nicht einen Brief oder eine Botſchaft an mich zurückgelaſſen, Dixon?“ „Er ſagte blos, er wolle nicht länger in einem Hauſe bleiben, wo er ſo beſchimpft worden ſey; er werde ſpäͤter an Euer Gnaden ſchreiben.“— „Gut, gut— ſende jetzt den Reitknecht fort, Diron, wie ich geſagt habe,“ gebot ſein Heer.„Ich werde natür⸗ lich immer bereit ſeyn, auf Vernunft zu hören; aber ich muß geſtehen, ich ſehe nicht ein, wie ſein Benehmen und ſeine Worte ſich anders, denn als grober Betrug erklären laſſen. Und nun, meine theure Nichte, gehe Du mit Dixon und nimm einige Erfriſchung zu Dir. Du biſt ſehr blaß⸗ meine Liebe, viel blaſſer, als da Du früher hier warſt.— Dies iſt meine Nichte, Diron; betrachte ſie als Deine künf⸗ tige Gebieterin.“ „Sie ſieht der armen Miß Lucy wunderbar ähnlich, Sir Harry,“ verſicherte der alte Mundſchenk;„es war mir im erſten Augenblicke aufgefallen, wie ich auch Miſter Wil⸗ liams ſagte. Mein Gott! wie gut kann ich mich noch auf Miß Luey beſinnen, da ich zweiter Lakai bei Eurem Vater 613 war; was war ſie für ein hübſches Kind und ſpäter welch eine feine junge Dame— Jedermann hatte ſie lieb.“ „Hier ſteht ihr Kind,“ ſagte Sir Harry, eine Thräne abwiſchend.„Gehe nun, meine Liebe, gehe mit ihm; ich habe mit Chevenir zu ſprechen und er muß Einiges für mich aufſetzen. Ich war nicht im Stande irgend etwas vorzu⸗ nehmen, ſeit jener Menſch im Hauſe war.“ „Ich darf wohl bald wieder zurückkommen?“ fragte Käthchen. Der Kranke nickte mit freundlichem Lächeln und ſte verließ ihn. Sobald ſie mit dem Mundſchenk den Gang erreicht hatte, ſchien der alte Mann von ſeinen Gefühlen völlig überwältigt. Er ergriff ihre Hand und küßte ſie; aber die Worte verſagten ihm, und er murmelte blos: „Gott ſegne Euch, Miß, Gott ſegne Euch!“ Mit dieſen Worten eilte er die Treppe hinab und ver⸗ ſchwand. Käthchen verfügte ſich allein in das Wohnzimmer, wo ihr mehr als ein Vorfall aus früheren Zeiten ins Gedächt⸗ niß zurückkam; jenes eigene Bangen zuckte ihr durch die Bruſt, als wäre ſie plötzlich von einem Pfeile getroffen wor⸗ den, da die Vergangenheit ſich plötzlich in ſo ſchmerzlichem Kontraſte mit der Gegenwart zeigte. Es iſt die Frage, ob ſie dazumal trotz ihrer gänzlichen Abhängigkeit von Fremden und ohne irgend ein Weſen, auf das ſie irgend einen Anſpruch zu haben ſchien, nicht dennoch glücklicher war, als jetzt, da ſie die nahe Verwandte eines gütigen, vortrefflichen Mannes 614 von großem Reichthum geworden, eine Verwandte Sir Harry's, der ſie mit freudigem Stolze als ſolche anerkannte. Ihr Schickſal ſchien in der That völlig verändert, nur nicht in dem einen Hauptpunkte des Glückes, das— ein launi⸗ ſches Chamäleon, wie es nun iſt— unter allen Verhält⸗ niſſen des menſchlichen Lebens wechſelt und bei verſchiedenen Menſchen, ja ſogar bei einem und demſelben in verſchiedenen Perioden verſchieden iſt und doch oft wieder mitten unter erderſchütternden Wechſeln feſt und unverändert bleibt, da⸗ bei aber unter äußerlichen Veränderungen, welche dem ober⸗ flächlichen Auge als leerer Dunſt erſcheinen, erbleicht, ver⸗ ſchwindet und ſich verliert, der Harmonie des Herzens ver⸗ gleichbar, welche eine disharmonirende. Note zum Miß⸗ klange umgeſtaltet. Käͤthchen ſetzte ſich nieder und brach in einen ſchmerzli⸗ chen, verzweifelnden Thränenſtrom aus. Allein ſie trug gewiſſe Grundſätze im Herzen, welche allen augenblicklichen Erſchütterungen zum Trotze bald wieder die Oberhand bei ihr gewannen. Es gab gewiſſe Dinge, die ſie als Pflichten betrachtete, und doch gehörte ſie nicht zu jenen kalten Skla⸗ ven förmlicher Vorſchriften, welche alles nach der Regel be⸗ handeln und alle zarteren Regungen, wie den hellen wirkli⸗ chen Segen des Lebens vernachläßigen, um ihr Benehmen einzig nach dem ſtrengen Richtmaße des Syſtems einzurich⸗ ten. Ihre Begriffe von Pflicht waren in der That ſehr ausgedehnt und ſie zog Manches herein, was die vorgebli⸗ chen Pflichthelden als überflüſſig betrachten würden. Freund⸗ lichkeit, Milde, Sanftmuth, Geduld, Vergeben und Vergeſ⸗ 615 O ſen von Beleidigungen, Offenheit und Aufrichtigkeit, Liebe zu ihren Nebenmenſchen, den Drang ſie glücklich zu machen und Alles zu vermeiden, was ſie unnöthigerweiſe ſchmerzen oder durch ein unbedachtes Wort verwunden konnte,— dies Alles betrachtete ſie eben ſo gut als Pflicht, wie Ehre und Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Rechtſchaffenheit. Wir ſind nur allzu geneigt, uns unſere Pflichten in dieſer Welt und zwar mit partheiiſchem Auge auszuwählen: Käthchen ſchaute nur auf ihres Erlöſers Worte, denn ihnen wollte ſie folgen und ſuchte wenigſtens Alles zu erfüllen, was ſie andeuteten oder geboten. Nachdem ſie ihren Thränen eine Weile freien Lauf ge⸗ laſſen hatte, wiſchte ſie dieſelben plötzlich ab. „Ich muß Louiſen ſchreiben,“ dachte ſite.„Ich kann und darf meinen Onkel nicht eher verlaſſen, bis er etwas beſſer iſt; aber ich kann ſie vielleicht morgen auf einige Stunden ſehen. Auch muß ich Sir Charles Chevenix von dem traurigen Looſe des armen Kapitäns Lisle benachrich⸗ tigen und ihn bitten, daß er es Marien— vielleicht auch Louiſen mittheilt. Auch an Lutwich muß ich ſchreiben, da er meine frühere unzuſammenhängende Note nicht verſtanden hat. Doch iſt es wohl beſſer, ihm nicht Alles zu ſagen, bis der Prozeß vorüber iſt, damit er in der Verzweiflung nicht eine Unbeſonnenheit begehe. Gott gebe mir Stärke, um das Alles zu überſtehen!“ So bald ſie die nöthigen Schreibmaterialien gefunden, machte ſie ſich ſogleich an ihre Aufgabe und war noch damit beſchäftigt, als der alte Mundſchenk nebſt einem andern Die⸗ ner ihr einige Erfriſchung brachte. Für Käthchen war jedoch die vorgeſetzte Speiſe eine Laſt; ſte zwang ſich zwar zu einigen Biſſen und nahm auch etwas Wein, ſobald die Leute fort waren; mehr aber vermochte ſie nicht, und machte ſich dann alsbald wieder ans Brieſſchrei⸗ ben. Während ſie alſo beſchäftigt war, hörte ſie mehr als einen Wagen vor dem Hauſe anfahren; doch wurde ſie von Niemand geſtört, und als ſie zu Ende war, zog ſie die Glocke, um zu fragen, ob ſie in das Zimmer ihres Oheims zurück⸗ kehren könne. „ Er hat die beiden Doktoren und den Advokaten bei ſich, Ma'am,“ erklärte der Tafeldecker, und Käthchen war genöthigt ſich in den Aufſchub zu finden. Endlich jedoch als eben jene Veränderung in der Landſchaft vor ſich ging, welche das Uebergehen des Tages zum Abend verkündigt, hörte ſie Schritte näher kommen, und Sir Charles Cheve⸗ nix trat mit drei andern Herrn ins Zimmer. Ihr gütiger Freund nahm ſie väͤterlich in ſeine Arme und küßte ſie. „Freuet Euch, mein theures Käthchen,“ hub er an; „Ihr ſeyd nunmehr allen Zweifeln und Kabalen entrückt und als Erbin meines guten Freundes Sir Harry aner⸗ kannt: Ihr erbt Kraft des Majorats, das in Ermanglung leiblicher Nachkommen auf Euch als die Repräſentantin ſei⸗ ner älteſten Schweſter übergeht, den Haupttheil ſeiner Län⸗ dereien; außerdem gehört Euch in Folge ſeines eben erſt unterzeichneten Teſtaments ſein ausgedehntes perſönliches Eigenthum. Die Sache iſt ſo einfach, daß kein Diſput 617 daraus entſtehen kann, denn mit zehn Linien und einem an⸗ gehängten Codicill, einige wenige Legate betreffend, war Alles geſchehen.“ „Aber er befindet ſich beſſer?“ fragte Käthchen einen ernſten Mann, den ſie für den Arzt hielt, mit geſpanntem Blicke betrachtend.„Er wird ſich erholen— nicht wahr, er wird ſich wieder erholen?“ „Ich hoffe ſo, Ma'am,“ erwiederte der Doktor.„Bei ſehr ſorgfältiger Pflege iſt alle W daltſchriſliche hiefür vorhanden.“ „Ueberlaßt ihr ſeine Wartung und er wird bald geſund ſeyn,“ verſicherte Sir Charles Chevenir. Nachdem er ſofort mit dem Arzt und dem Advokaten noch einige Worte gewechſelt, blieb er mit Käthchen allein. Dieſe übergab ihm ihren Brief an Louiſen und erzählte ihm ferner, was Miſter Mullins ihr mitgetheilt hatte. Zu ih⸗ rem großen Troſte bemerkte ſie, daß Sir Charles für dieſe Botſchaft nicht ganz unvorbereitet war. „Ich habe heute früh, ehe ich mein Haus verließ, ein derartiges Gerücht in der Morgenzeilung geleſen,“ ſagte er;„ich wollte es jedoch Marien nicht erzählen, mein theu⸗ res Käthchen, und werde auch Miß Lisle nichts von der Sache ſagen, wenn Ihr es nicht ausdrücklich verlangt. Sol⸗ ches Mißgeſchick kommt nie zu ſpät, mein theures Mädchen, und wenn man die Hoffnung tödten muß, ſo geſchieht es beſſer mit einem Schlage, und nicht in langſamen Qualen. Ich ſelbſt wurde während meiner Dienſtzeit zweimal erſchoſ⸗ ſen, und Lady Chevenir hat mich ſeitdem verſichert, daß die Angſt, die ſie unter wechſelnder Furcht und Hoffnung erdul⸗ det, jedes Maß überſtiegen habe. Der arme Lisle kann immer noch leben, wenn es gleich ſicher iſt, daß das Schiff London vor Kurzem von dem Ruſſel niedergerannt wurde und daß viele Menſchen dabei untergingen. Ehe wir etwas äußern, müſſen wir genaue Kunde haben; auch laßt uns hoffen, daß die arme Miß Lisle die Nachricht nicht von An⸗ deren erfahren wird, ehe ſie völlig beſtätigt iſt.“ Käthchen mußte geſtehen, daß ihre Anſicht hiemit über⸗ einſtimmte, und Sir Charles fuhr dann fort in freundlichem Tone über ihr eigenes Ausſehen mit ihr zu reden und in ſie zu dringen, daß ſie ſich doch ſchonen möchte. Sie getraute ſich jedoch nicht, ſich in Erläuterungen einzulaſſen oder irgend ein Verſprechen zu geben, denn ſie fühlte wohl, daß da wo der Friede der Seele dahin war, Geſundheit des Körpers ſich kaum erwarten laſſe. Gern hätte ſie ihn über Lutwich gefragt, aber die Stimme verſagte ihr und ſie war froh, durch den Vorſchlag in Sir Harry's Zimmer zurückzukehren, einem Gegenſtande zu entfliehen, der ſo viele Regungen in ihr hervorrief. Ich muß mich nunmehr auf eine kurze Ueberſicht der Ereigniſſe beſchränken, welche das arme Käthchen während der nächſten zwei bis drei Wochen betrafen, denn unſer Werk geht ſeinem Ende entgegen, wie der Leſer wohl bemerkt ha⸗ ben wird, und die unerbittlichen zwei Bände ſind nahezu geſchloſſen. Käthchen pflegte ihren kranken Oheim während der nächſten zwei Tage mit der größten Sorgfalt und Zärt⸗ lichkeit, indem ſie den größeren Theil des Tags und theil⸗ 619 weiſe auch bei Nacht neben ſeinem Bette zubrachte. Die ermüdete Waͤrterin hatte ſo mehr Gelegenheit ſich auszu⸗ ruhen, und konnte, wenn die Reihe an ſie kam, ihre Pflichten beſſer erfüllen. Unter ſolchen Umſtänden erholte ſich Sir Harry Jarvis ſehr ſchnell und am dritten Tage ſeit Käthchens Pflege er⸗ klärte der Arzt, daß jede Gefahr eines Rückfalles vorüber ſey. Er ſaß ſogar einige Stunden im Bett und verſicherte, daß er ſeine raſche Geneſung einzig und allein ſeinem theu⸗ ren Käthchen verdanke, und in der That mochte ſchon die Freude ihrer Auffindung nicht wenig hiezu beigetragen haben. Der Morgen dieſes dritten Tages brachte dem armen Käthchen ſehr angſtvolle Stunden, denn Oberſt Lutwichs zweites Verhör hatte am Abend zuvor ſtattgefunden, ohne daß ſie deſſen Reſultat erfahren hätte. Gegen zwölf traf ein kurzes Billet von Sir Charles Chevenir ein, worin er ihr mittheilte, daß er am Nachmittag nach Jarworth kom⸗ men würde und daß der Gefangene, obgleich der Hauptzeuge ausgeblieben und das Verhör im Ganzen zu Lutwichs Gun⸗ ſten ausgefallen ſey, von dem Vorſitzenden dennoch zum Pro⸗ zeſſe zurückbehalten worden. „Das iſt für Lutwich vielleicht gerade von Vortheil,“ ſagte Sir Charles am Schluſſe,„denn auf ſolches Zeugniß hin, kann keine Jury verdammen, und einmal freigeſprochen, darf er nie wieder hierüber beunruhigt werden.“ Die letzten Worte gereichten dem armen Käthchen aller⸗ dings zu einigem Troſte; aber gleichwohl ſchien ihre Muth⸗ loſigkeit den ganzen Morgen über eher zu⸗ als abzunehmen. Auch empfand ſie heftiges Kopfweh und eine furchtbare Mattigkeit überwältigte ihren ganzen Körper; nur mit Mühe und langſam ſchleppte ſte ſich von einem Orte zum andern und während ſie neben Sir Harry am Bette ſaß und dieſer mit dem Arzte ſprach, überfiel ſie ein Schauer, den ſie nicht zu unterdrücken vermochte. Des Arztes Auge haftete alsbald auf ihr, und nachdem er ſein Geſchäft bei dem Patienten abgemacht, trat er zu ihr, um ihren Puls zu fühlen. Seine Miene wurde hiebei ſehr ernſthaft; doch ſagte er endlich in ruhigem Tone: „Wenn Ihr meinen Rath annehmen wollt, meine theure junge Dame, ſo geht zu Bette: Ihr habt Euch über⸗ müdet und auch etwas erkältet. Sir Harry kann Euch recht wohl entbehren, denn morgen laſſe ich ihn einige Stun⸗ den aufſtehen und durch alsbaldige Pflege könnt Ihr Euch ein ſehr ſchlimmes Fieber erſparen.“ „Das möchte vielleicht gut ſeyn, wenn mein theurer Onkel mich wirklich entbehren kann,“ erwiederte Käthchen, da ſie wohl fühlte, daß ſie unmöglich laͤnger aufzubleiben vermöge. Sir Harry war voller Angſt und ſchickte ſie alsbald auf ihr Zimmer, indem er den Arzt ernſtlich fragte, ob er ſie für bedenklich krank halte. Dieſer war jedoch ein ſehr klu⸗ ger Mann und erwiederte in der gewohnten Weiſe:„Nein, ich hoffe nicht— nur eine kleine Erkältung.“ So bald er jedoch das Krankenzimmer verlaſſen hatte, rief er die Wäͤr⸗ terin hinaus und fragte ſie mit ſehr ernſter Miene, ob ſie —— 621 ſich im Stande fühle, noch eine zweite Krankenpflege durch⸗ zumachen. Der Doktor wechſelte bedeutungsvolle Blicke mit der Wärterin und dieſe erwiederte: „Ich glaube wohl, Sir. Meint Ihr, ſie habe es geerbt?“ „Das iſt außer Zweifel,“ lautete des Arztes Antwort; „ſie war gleich Anfangs gedrückt und aufgeregt, das arme Ding, und wenn ſie auch keine Furcht gehabt zu haben ſcheint, ſo hat ſie jetzt dennoch das Fieber geerbt. Bedenkt jedoch, Miſtres Ward— nicht ein Wort zu Sir Harry. Wenn er fragt, ſo ſagt nur, es ſey eine ſtarke Erkältung— ſagt ihm, ſie befinde ſich beſſer, nur laßt ihn in den nächſten Tagen um keinen Preis merken, wie krank ſie iſt.“ „Meint ihr wohl, es ſey ein ſchlimmer Fall, Sir?“ fragte die Wärterin. „Vorausſichtlich ein weit bedenklicherer, als der ſeine; ſo ſchließe ich nach den ſcharfen und plötzlichen Schaueran⸗ fällen,“ gab der Arzt zur Antwort.—„Bei näherem Ueber⸗ legen wäre es wohl beſſer, wenn Ihr bei Sir Harry bliebet und ich eine zweite Wärterin herſchickte, denn es ſollte mich nicht wundern, wenn heute Nacht ein heftiges Delirium einträte, und er darf nicht erfahren, daß ſie Eurer bedarf. Seht einmal, ob ſie zu Bette iſt, dann will ich mit ihr ſprechen.“ Wie er vorausgeſagt, ſo geſchah es: noch vor eilf Uhr Nachts hatte Käthchen Malcolm das Bewußtſeyn völ⸗ lig verloren und raste in jenem ſchrecklichen Delirium, wie es die ſchlimmſte Gattung der Nervenfieber zu begleiten 622 pflegt. Wilde ſchauerliche Phantaſteen drängten ſich vor ihre Seele und die ganze Pein ihrer Lage war ihr fortwäh⸗ rend gegenwärtig, nur noch erſchwert durch die Einbildungen eines geſtörten Verſtandes. Sie phantaſirte von Lutwich und Sir Theodor Broughton; ſie glaubte den einen auf dem Richtplatze, den andern neben ihrem Bette ſtehen zu ſe⸗ hen. Sie wollte durchaus aufſtehen; doch allmälig legte ſich mit der Abnahme ihrer Kräfte auch die Heftigkeit ihres Tobens; man hörte nur noch leiſes unzuſammenhängendes Murmeln; ihre langen zarten Finger griffen auf dem Bett⸗ tuche nach unſichtbaren Gegenſtänden, und nach Verfluß von neun Tagen verfiel ſie in einen Zuſtand, wo die Lebens⸗ flamme ſo ſchwach über der erſterbenden Lampe flackerte, daß man kaum anzugeben vermochte, ob ſie noch am Leben ſey oder nicht. Der Arzt war wäͤhrend dieſer ganzen Nacht bei ihr aufgeblieben; die beiden Wärterinnen und Sir Harry Jar⸗ vis, der nunmehr geneſen, obwohl ſehr ſchwach war und um ihre Lage wußte, ſtanden um ihr Bett. Des Doktors Hand lag auf ihrem Puls und er erwartete in der That, das ſchwache, flatternde, kaum bemerkbare Pochen gänzlich auf⸗ hören zu ſehen. Plötzlich jedoch empfand er einen deutli⸗ cheren Schlag und dann einen zweiten. „Holt mir etwas Liqueur, Miſtres Ward,“ gebot er; „es iſt eine leichte Reaktion eingetreten, die man ermuntern muß— aber eilt Euch.“ Die Frau rannte haſtig davon und brachte das Ver⸗ langte. Man gof einen Theelöffel voll zwiſchen die dürren, 623 vertrockneten Lippen, und man ſah, wie die Kehle eine un⸗ willkührliche Bewegung zum Einſchlucken machte; ein zwei⸗ ter und dritter Löffel wurde verabreicht, dann legte der Arzt ſeine Hand abermals an den Puls. Jetzt zum erſtenmale ſchaute er auf Sir Harry Jarvis und lächelte. „Eine Beſſerung iſt vorhanden,“ erklärte er;„ſchwach aber entſchieden.“ Der alte Mann erwiederte nichts, ſondern ſetzte ſich nieder, um das bewußtloſe Antlitz der Kranken länger als eine halbe Stunde zu betrachten. „Athmet ſie nicht regelmäßiger?“ fragte er endlich leiſe. „Ich glaube ſo und mit vollerer Reſpiration,“ ver⸗ ſicherte der Arzt. „Ich denke, ſie ſchläft,“ ſagte die Wartfrau;„Ihr braucht nicht zu fürchten, daß Ihr ſie aufwecket, denn ge⸗ ſtern Abend war ſie ſo taub, daß ich mich ihr kaum ver⸗ nehmbar zu machen vermochte.“ „Wirklich?“ verſetzte der Doktor mit wohlzufriedenem Blicke.„Man muß jetzt etwas Rum mit gleichen Theilen Waſſer miſchen.“ Eine weitere Viertelſtunde verſtrich; der Arzt fühlte häufig den Puls und legte einigemale ſein Ohr an ihren Mund, um ihr Athmen zu behorchen. Endlich trat er auf die andere Seite des Bettes und legte ſeine Hand auf Sir Harry's Arm mit den Worten: „Jetzt aber, mein theurer Sir, thätet Ihr beſſer, Euch zur Ruhe zu begeben. Eine günſtige Wendung iſt jeden⸗ 624 falls eingetreten, und ich will bis Mittag bleiben, um ſie zu bewachen und die nöthigen Hülfsmittel zu verordnen— dann ruft mich ein Geſchäft.“ „Iſt ſte gerettet?“ fragte der alte Mann, ſeine Augen auf ihn heftend. „Ich hoffe es zuverſichtlich,“ erklärte der Arzt;„die Rettung liegt jedoch in Gottes Hand, und wir wollen unter ſeiner Leitung unſer Beſtes thun: alle Symptome zeigen ein Streben nach Beſſerung und bei gehöriger Sorgfalt habe ich Hoffnung auf einen guten Ausgang.“ „Dann beſucht mich, ehe Ihr geht,“ bat Sir Harry, und entfernte ſich, um dem Himmel zu danken und einige Ruhe zu genießen.— „Wie befindet ſie ſich jetzt?“ fragte der alte Mann et⸗ was nach eilf Uhr in Käthchens Zimmer tretend. „Sie ſchläft ruhig, wie ein Kind,“ erwiederte der Arzt;„der Athem ſanft und regelmäßig; der Puls lang⸗ ſam und voller— kommt und ſeht. Wenn wir ſie jetzt verlieren, iſt es unſere eigene Schuld; aber es war das ge⸗ fährlichſte Wettrennen zwiſchen Tod und Leben, das ich faſt noch je geſehen habe.“ Das Leben gewann jedoch die Oberhand. Zweiundvierzigſtes Kavitel. Ein Schiff ſegelte über die dunkle See. Langſam zog es durch die Wogen, denn der Nordweſtwind, wenn er ihm auch nicht gerade entgegengeſetzt war, begünſtigte doch — 625 ſeinen Fortſchritt nur wenig, Zwar war es nicht von Sturmwogen umgeben; aber das ſchwere, langſame An⸗ ſchwellen des atlantiſchen Oceans, da wo er mit den Waſ⸗ ſern des St. Georgskanals zuſammentrifft, hob und ſenkte das Schiff, als ob es nur eine Feder auf der Oberfläche des Waſſers geweſen waͤre. Und doch war es eine tüchtige Barke von vielen hundert Tonnen Laſt, faſt ganz neu aus des Schiffebauers Haͤnden hervorgegangen und mit einer koſtbaren Fracht von Menſchenleben beladen. Es war kein königliches Fahrzeug, aber dennoch wie ein Kriegsſchiff be⸗ mannt und bewaffnet, und bahnte ſich ſeinen Weg mit vol⸗ len Segeln nach dem fernen Weſten. 4 Der Mond ſtand noch tief unter dem Horizont, denn er ſtieg erſt ſehr ſpät auf, und eine ſchwere Wolkenmaſſe hing am Himmel, während der gezackte Nand dieſes dunklen Schleiers zuweilen in Dünſten herabſank, bis er die See ſtreifte, ſo daß die Lampe über dem Kompaß wie ein Nebel⸗ geſtirn leuchtete. Aber wenn auch der Himmel ſeine Sterne verſagte, ſo ſchien doch der Ozean ſeine Lichter zu haben, denn wie die Wogen ſich an den Wänden des Schiffes bra⸗ chen, ſah man von Zeit zu Zeit einzelne Lichtblitze den Wel⸗ lenſchaum erhellen und plötzlich wieder verſchwinden. Doch herrſchte noch allenthalben ſtumme, feierliche Finſterniß, und es hatte etwas Befremdendes, etwas Trauerähnliches und Unweſenhaftes an ſich, wenn man ſich ſo ſtill durch die uner⸗ forſchliche Finſterniß über den weiten düſteren Wogenſchwall hingetragen fühlte. Das Rauſchen, das Saͤuſeln und ſchwache Flüſtern des Windes zwiſchen dem Tauwerke war James. Th. Broughton. 40 626 der einzige Laut, welcher vernehmbar blieb, und außer dem phosphorescirenden Glitzern der Wogen, dem Schimmern der Lampe und hie und da einer geſpenſtigen Geſtalt, die über das Verdeck ſchritt, war nirgends etwas zu ſehen. Das Schiff war in den letzten paar Stunden ein Schau⸗ platz der vielfachſten Regungen geweſen. Da waren Rei⸗ ſende, welche mit Freuden ausſegelten, um ihre längſt ge⸗ ſchiedenen Lieben, ihre Freunde und Verwandten zu treffen; Andere führte der Inſtinkt, der ſie im fernen Lande ein glän⸗ zenderes Glück erwarten ließ; wieder Andere reisten aus Veränderungsſucht oder wurden von heftigem Ehrgeize und dem Verlangen nach Ruhm und Auszeichnung getrieben. Die Wache auf dem Verdecke ausgenommen, hatten ſich je⸗ voch faſt Alle in ihre Hängematten oder engen Schlafſtellen zur Ruhe begeben, um ſich in das frohe Wiederſehen jen⸗ ſeits der See oder in ihre eigene Heimath hineinzuträu⸗ men, wobei es hier bald Ruhm und Reichthum einzuernten, bald dort von den ſüßen und bitteren Früchten des Lebens die eine oder andere zu koſten gab. Einige wenige von den Paſſagieren ſchritten noch im⸗ mer meiſt ſchweigend über das Verdeck, als ob ſie von der feierlichen Stille ringsum mit Scheu erfüllt würden; dar⸗ unter befanden ſich zwei, welche das Schiff erſt im Augen⸗ blicke der Abfahrt erreicht hatten und jetzt mit feſten Schrit⸗ ten, als ob ſie der Seeplanken nicht ganz ungewöhnt wären, auf und nieder gingen. Herrſchte jedoch tiefe Finſterniß in der Luft, ſo lag noch drückendere Nacht auf Reginald Lisle's Herzen, benn der 627 Stern der Hoffnung war für ihn erloſchen, und als er den Fuß auf das Verdeck ſetzte, da war ihm, als hätte er dem Glücke für immer Lebewohl geſagt, als wären alle Bande menſchlicher Neigung geſprengt und er zöge, ein einſamer Streiter mit dem Schickſal, um ſeinen Kampf mit voͤlliger Gleichgültigkeit gegen Alles, nur nicht für ſeines Landes Ehre auszufechten und endlich Gewinn oder Verluſt, Leben oder Tod dafür einzutauſchen, ohne daß irgend ein perſönli⸗ ches Gefühl ſich in ſeine Motive gemengt hätte. Zuweilen wechſelte er ein paar Worte mit ſeinem Ge⸗ fährten, aber Beide verſanken bald wieder in ihre Gedanken; dann hielt er auch wohl inne und lehnte ſich über die Bruſt⸗ wehr, um das ſtürmiſche Drängen der Wellen unten zu be⸗ trachten, während ſein Freund, wie er ſelbſt in Gedanken ge⸗ hüllt, nur weniger tiefſinnig in ſeinen Erwägungen, den ſte⸗ ten Gang nach dem Hintertheile fortſetzte, und ſich dann neben ihn ſtellte und ihn anredete, um nach kurzer Erwiede⸗ rung weiter zu wandern. „Ich bin doch begierig, ob das große Elennthier noch am Leben iſt,“ bemerkte der alte Offizier nach einer Pauſe während ſeines Spazierganges. „Kodt, höchſt wahrſcheinlich,“ lautete die Antwort, und er ging weiter. „Vermuthlich ſkalpirt,“ brummte Brandrum beim nächſten Vorübergehen. „Das iſt wohl gewiß,“ ſagte Reginald und der Oberſt verfolgte abermals ſeinen Weg. . 40* 628 „Ich wollte, ich wäre als Indianer geboren,“ hbegann der Oberſt einige Minuten ſpäter von Neuem. „Du biſt auch ſo nicht ſchlimmer daran,“ meinte Re⸗ ginald Lisle;„beſſer wäre es zu wünſchen, man waͤre über⸗ haupt nicht geboren.“ „Pah, pah! mein theurer Junge,“ tröſtete ſein Freund innehaltend;„am Ende wird Alles noch recht.“ „Durch den Tod,“ ergänzte der junge Mann. „Holla!— Steuermann!— Ihr dort am Rad!“ brüllte Brandrum im nächſten Augenblicke mit einer Stimme, welche ſogar einen Sturm übertönt hätte—„was Teufels zieht da drüben vor unſerem Luvbug?“ Ein Mate von der Wache ergriff ein Tau und ſchwang ſich auf eine der Bruſtwehren; aber im ſelben Augenblicke hörte man in geringer Entfernung eine Glocke laut und ſcharf anziehen, und durch die Finſterniß der neblichten Nacht ſah man düſter und gigantiſch, einem Rieſengeſpenſte ver⸗ gleichbar, Bugſpriet und Büge eines großen Schiffes, das hoch über das Deck des unglücklichen London hinausragte, gerade auf ſie zukommen. Lautes Schreien, Kommandiren und Fluchen ließ ſich vernehmen, und man verſuchte Allerlei, was nur langweilig und nutzlos zu beſchreiben wäre. Es war umſonſt— Alles umſonſt oder diente blos dazu, das Unglück noch unheilbarer zu machen! Das Ungeheuer der Tiefe wurde mit jeder Sekunde deutlicher ſichtbar und fuhr gegen die Wetterſeite des Schif⸗ fes, das ihm nun gerade querüber lag. Das Bugſpriet 629 drang über die Bruſtwehr— zerriß Segel und Taue— knickte den Hauptmaſt. Dann kam eine heftige Erſchütte⸗ rung, welche auch die feſteſten Maͤnner niederwarf, von ei⸗ nem lauten Krachen zerberſtender Balken begleitet, bis das Deck ſich auf die eine Seite überlegte und augenblicklich von den Wogen überfluthet war. Der Lärm, die Verwirrung auf beiden Schiffen war unbeſchreiblich. Taue, Bojen, Hühnerſtälle wurden von dem Kriegsſchiffe ausgeworfen, während es in erbarmungs⸗ loſem Laufe dahintrieb und den Kauffahrer in die Wogen hinabſtieß. „Lisle,— Lisle! biſt Du gerettet?“ rief Oberſt Brand⸗ rums Stimme, als er an einem Tau auf das größere Schiff gehißt wurde. Lisle gab keine Antwort— er ſchaute ſich um— ein Gefühl der Verzweiflung lag auf ihm. Hunderte ſah er umkommen, denen das Leben koſtbar war— warum ſollte er kämpfen, dem das Daſeyn zur Laſt geworden? Er ſah eine halb bekleidete Geſtalt aus der Kajüte heraufrennen— das war das Letzte, was er deutlich gewahrte— das Waſſer ſchlug über ihn herein— er wurde umgeſtürzt und fühlte ſich im nächſten Augenblicke, wie in den Schlund eines mäch⸗ tigen Wirbels eingeſogen. Der unglückliche London war mit ſeiner ganzen Fracht von Hoffnungen und Beſorgniſſen, von Wünſchen und Beſtrebungen auf den Grund gegangen. Allein der Inſtinkt der Selbſterhaltung iſt zu mächtig. Einige Sekunden lang rollten die ſchweren Wogen über Lisle's Haupte dahin; dann aber erhob er ſich und kämpfte 630 ohne es zu wiſſen oder zu wollen, mit Kraft und Geſchick⸗ lichkeit. Er war ein erfahrener, wohlgeübter Schwimmer, und diesmal war der Impuls unwiderſtehlich: noch war er kein Dutzend Schritte geſchwommen und hatte die Beſinnung noch nicht völlig erlangt, als ſeine Hand an etwas Hartes ſtieß. Es war ein Hühnerſtall, an den er ſich feſtklammerte. Das Ding ſchlug um unter ſeiner Laſt, aber er hielt feſt und fand bald ein Mittel, deſſen Nutzen zu erproben. Er löste ſeine Halsbinde, und wußte ſich damit ſo an das Ge⸗ rüſte zu knüpfen, daß Kopf und Schultern über'm Waſſer blieben, ohne daß er ſeine Kraft weiter anzuſtrengen brauchte als gerade nöthig war, um den Hühnerſtall nicht von den Wellen wegſpülen zu laſſen. Die See war jedoch, wie ge⸗ ſagt, nicht ſtürmiſch, und ſo kleine Dinge, wie der Schiffbrü⸗ chige und das gebrechliche Gerüſte, das ihn ſtützte, wurden von den langen Deiningen mit leichter Mühe und ohne daß ſie es ſelber ſpürten in der Höhe erhalten. Jetzt hatte Reginald Zeit ſich zu beſinnen, und beſſere Gefühle gewannen nun wieder die Oberhand. Die Erinne⸗ rung an ſeine Pflichten tauchte wieder auf, die Stimme des Glaubens und der Hoffnung machte ſich mitten in dem Wo⸗ genſchwalle vernehmbar.„Wenn ich untergehe, ſo geſchehe es durch Gottes Willen, nicht durch meine eigene Schuld,“ ſagte er.„Dem Himmel ſey Dank, Brandrum iſt gerettet! ich ſah ihn an dem Ruſſel emporhiſſen.“ Seine nächſten Gedanken richteten ſich auf ſeine Ret⸗ tungsausſichten und er ſchaute ſich nach dem Schiffe um, 631 das jenes Unglück veranlaßt hatte, da er ſich dachte, daß es (wie es auch wirklich geſchah) beilegen würde, um die Mann⸗ ſchaft des London, welche noch in der Nähe herumſchwamm, aufzunehmen. Aber der Nebel lag noch immer auf den Waſſern, und die Geſchwindigkeit, mit welcher der Ruſſel von günſtigem Winde getragen dahingeſegelt war, ließ ſich erſt nach einigen Minuten aufhalten. Reginald konnte nichts von dem Kriegsſchiffe gewahren; nach der geringen Strecke, die der London bis jetzt zurückgelegt und nach den Gegen⸗ ſtänden, die er kaum noch vor Sonnenuntergang geſehen hatte, durfte er jedoch ſchließen, daß er nicht ferne von der Mündung des Briſtoler Kanals ſich befinden konnte, und er hoffte, daß eines der vielen Fahrzeuge, welche beſtändig von jenem Haſen aus hin und her gingen, nach Tagesanbruch auf Anrufweite ihm nahe kommen würde. Zum Glück war das Jahr nunmehr ſo weit vorgerückt, daß die Nacht nicht lange dauerte und ſo hatte er weniger auszuſtehen als dieß der Fall geweſen wäre, wenn der Un⸗ fall ihn während der kalten Winterzeit betroffen hätte. Nach einer Stunde etwa verzog ſich der Nebel, und die Sterne ſchienen hell und klar über ſeinem Haupte. Noch eine Stunde— und ſie wurden bleicher— ein ſchwaches Däm⸗ merlicht breitete ſich über den Horizont und zeigte Reginald, wo Oſten lag. Damit war ſchon etwas gewonnen, denn er entdeckte jetzt, daß er gegen Südweſten trieb. Endlich ging die Sonne auf— und wie ruhig und ſchön! Gegen Oſten ſah er eine ſchmale, graue Linie— war es nun Wolke oder Land— an dem brennenden Hortzonte ſich erheben. 63² Er ſchaute ſich um, ob er noch einen Unglücksgefährten in der Nähe habe. Da ſchwamm eine Tonne nicht weit von einem zweiten Hühnerſtall und verſchiedene Balken, welche auf den Wellen auf und nieder ſchaukelten— von lebenden Weſen war aber nichts zu gewahren. Ein Ruder, das aus einem der Boote geſchwemmt ſeyn mußte, trieb vorüber, und er erfaßte es, um ſein Taſchentuch als eine Art von Nothflagge daran zu befeſtigen. Er hob es in die Höhe; aber er war erſchöpft und entmuthigt, das Ruder war ſchwer, und er ſah ſich genoͤthigt, es wieder fallen zu laſſen, um ſich über dem Waſſer zu erhalten. So verſtri⸗ chen dreiviertel Stunden, ohne daß er etwas Weiteres ſah; nur einige Seevögel ſchwirrten dicht über'm Waſſer vorüber, dann fühlte er ſich von den Wogen wie auf den Rücken eines abgerundeten Hügels emporgeſchleudert. Eiinn Schiff! ein Schiff! und mit beſſerer Hoffnung erhob er ſein Signal ſo hoch er konnte. Das Schiff ſegelte ſeines Wegs weiter; es kam ihm zwar näher, denn ſein Pfad über die Waſſer führte es gerade gegen ſeine eigene Richtung; aber er rückte nur langſam vor, und das Fahrzeug war noch eine volle halbe Meile ent⸗ fernt. Er konnte keine Aenderung auf demſelben gewahren, und ein Gefühl der Enttauſchung ergriff ihn; doch darf ich ihm keine Empfindungen zuſchreiben, die er nicht wirklich empfand, um meiner Erzählung tieferes Intereſſe zu verlei⸗ hen. Reginald Lisle hatte das Leben noch nicht in ſeinem vollen Werthe ſchätzen gelernt, ſo daß der Wechſel von Furcht und Hoffnung ſehr mächtig bei ihm geweſen wäre; 633 zwar bewachte er das Schiff nicht ohne Spannung, waͤhrend es auf den Wogen auf und abſtieg; aber es gibt nur wenige Menſchen, welche in ſeiner Lage weniger gethan hätten. Gleichwohl überkam ihn eine Anwandlung von Freude, als er das Schiff ſeinen Lauf plötzlich verändern ſah, während er ſich aus verſchiedenen Anzeichen, mit denen er auf ſeinen häufigen Seereiſen vertraut geworden, überzeugen konnte, daß er geſehen worden ſey und daß das Fahrzeug beilege. Nach weiteren zehn Minuten befand er ſich am Decke einer Kriegsbrigg, wo er aber ringsum nur Franzöſiſch ſpre⸗ chen hörte. Er war jedoch mit dieſer Sprache wohl ver⸗ traut und ſprach ſie trotz einem Eingeborenen, denn während ſeines Aufenthalts in Kanada war ſie diejenige geweſen, auf die er ſich hauptſächlich beſchränkt geſehen hatte. Alles was Güte und Höflichkeit zu ſeiner Erholung und Wieder⸗ herſtellung thun konnte, geſchah, denn die Franzoſen waren zu jener Zeit das höflichſte Volk auf Erden; noch hatte keine wilde Revolution neben einer ſchweren Maſſe von Uebeln auch die artigen gebildeten Angewöhnungen des Le⸗ bens mit ſich fortgeriſſen. Tauſend Fragen wurden an ihn geſtellt und viel über ſeinen Unfall geſprochen, doch wurde er trotzdem daß ſeine Kleidung ihn als einen brittiſchen Offtzier bezeichnete, und die Feindſeligkeiten zwiſchen Frank⸗ reich und England, wenn auch noch nicht erklärt, ſo doch in Wirklichkeit ſchon begonnen waren— mit der äußerſten Zu⸗ vorkommenheit und Artigkeit behandelt. Man reichte ihm trockene Kleider, holte Wein und Speiſe, und der Komman⸗ dant der Brigg verſprach, ihn in dem erſten franzoͤſiſchen 634 Hafen ans Land zu ſetzen, wo er ſich nach einer Ueberfahrt in ſein Vaterland umſehen könnte. Er hielt auch wirklich Wort, und nachdem Lisle drei vergnügte Tage am Bord der Brigg zugebracht, landete er zu Calais und erhielt am nächſten Tage einen Platz auf dem Paquetboote nach Dover, ohne daß ihm irgend ein Hin⸗ derniß, wie es heut zu Tage einem Manne in ſeiner Lage bereitet würde, in den Weg gelegt worden wäre. Eine Ueberfahrt über den Kanal war damals etwas ganz anderes als heut zu Tage; noch hatten keine Dampfboote die Wogen überbrückt und die Segelſchiffe aus purer Nacheife⸗ rung zu einem wahren Wettlaufe angefeuert. Zwölf tödt⸗ liche Stunden verlebte man oft von dem franzöſiſchen bis zum engliſchen Hafen, zuweilen ſogar neunzehn, wie der Verfaſſer auf ſeine eigenen Koſten erfahren hat. Dießmal wehte ein günſtiger Wind, der Tag war ſchöͤn, die See ſpiegelglatt und Reginald Lisle fühlte— was wir vor den Liebhabern ächter Romantiik oder des in neuerer Zeit beliebten effektvollen Styls ſorgfältig verſchweigen wollen— Reginald Lisle fühlte und ge⸗ ſtand ſich gerne, ſo ſchwer auch noch immer ſein Herz mit trü⸗ ben Gedanken und der bittern Enttäuſchung der glänzendſten aller irdiſchen Hoffnungen erfüllt war, daß es doch weit be⸗ haglicher ſey, auf einem trockenen ſicheren Verdeck im freien Sonnenſchein zu ſtehen, als ſich in den wilden Wogen an ein gebrechliches Lattenwerk anzuklammern. Während er über das ſchmale Verdeck, das nur von we⸗ nigen Paſſagieren bevölkert war, hinſchritt und vielleicht an Mary Chevenir dachte, ſich vielleicht fragte, ob ſie wohl das 635 Geruͤcht ſeines Todes vernommen, das ſich wie er nicht zwei⸗ felte über ihn verbreitet hatte— während er vielleicht ſo gern gewußt hätte, ob ſie über ſein vermeintliches Schickſal ein paar Thränen vergoſſen und ihr Benehmen bereut habe, das er nicht anders denn als Laune auslegen konnte— ſah er ei⸗ nen Mann von ſeinem Aeußern die Kajütentreppe heraufkom⸗ men, und im nächſten Augenblicke ſtand Kapitän Donovan vor ihm und ſchaute ſich mit gleichgültigem Blicke um. Sein Auge ſtrich über Reginald; doch war es nun Geiſtesabweſen⸗ heit oder ein anderer Grund— er ſchien ihn eine Weile lang nicht zu erkennen. Im nächſten Momente betrachtete er ihn jedoch aufmerkſamer und rief betroffen: „Gerechter Himmel! Major Lisle! Sollten meine Au⸗ gen mich nicht täuſchen? Erſt vor zwei Tagen erhielt ich dieſen Brief, durch den ich erfuhr, daß Ihr auf dem unglücklichen London umgekommen“— indem er ein ſchmutziges zerknitter⸗ tes Schreiben aus der Taſche zog, das von einer ſehr ſteifen gemeinen Hand überſchrieben war. „Ein ſolches Gerücht konnte ſich leicht verbreiten, Kapi⸗ tän Donovan,“ erwiederte Lisle ziemlich kalt,„denn ich ſchwamm mehrere Stunden im Waſſer an einen Hühnerſtall feſtgeklammert und wurde zuletzt von einem franzöſiſchen Schiffe aufgenommen, wo ich mehrere Tage zu verbleiben hatte. Darf ich fragen, wer es der Mühe werth hält, Euch von dem vermeintlichen Schickſale einer ſo unbedeutenden Perſon wie ich bin Nachricht zu geben?“ „Sir Theodor Broughton’s Diener Hargrave war es,“ erwiederte Donovan nicht ohne einiges Erröthen, und da er 636 Neginald ſich umwenden ſah, als ob er ſeinen Spatziergang auf dem Decke fortſetzen wollte, ſo entſchloß er ſich— aus welchem Grunde es auch immer geſchah— ſich ihm anzu⸗ ſchließen. Es iſt ſchwer, einem Mitpaſſagier am Borde eines Pa⸗ quetbootes ohne handgreifliche Grobheit zu entrinnen, und obgleich Lisle den Mann nicht leiden konnte und ſeine Geſell⸗ ſchaft herzlich gerne entbehrt hätte, ſo mußte er ſich dieſelbe dennoch gefallen laſſen. Donovan ſeinerſeits ſchwieg mehrere Minuten, bis er endlich, nachdem er den Plan ſeiner Rede feſtgeſetzt— denn ſolche Reden haben ſogar im Alltagsge⸗ ſpräche gar häufig ihren eigenen Plan, wie der mit dem menſchlichen Herzen wohl vertraute Leſer gewiß wiſſen wird— plötzlich alſo anhub: „Wißt Ihr auch, Major Lisle, in dieſem Brieſe ſteht neben der Nachricht Eures Todes noch Anderes, was Euch in gewiſſem Grade intereſſiren dürfte.“ „Mein Tod iſt jedenfalls ein Gegenſtand, der mich gar wenig anzieht,“ bemerkte Lisle mit ſchwachem Lächeln.„Was weiter, Kapitän Donovan?“ „Ich werde hier benachrichtigt,“ erwiederte der Andere, den Brief in ſeiner Hand emporhaltend,„daß mein junger, unruhiger Mündel, Sir Theodor Broughton, unter Ande⸗ rem den hübſchen Plan entworfen hat, eine junge Dame Namens Miß Katharina Malcolm, an welcher Ihr, wie ich glaube, großen Antheil nehmt, zu heirathen.“ „Allerdings beſitzt ſie meine Theilnahme,“ verſicherte Reginald;„doch vermuthe ich ſtark, Kapitän Donovan, daß 637 es jedenfalls nicht zu ihren Planen gehört, ihn zu ehelichen. Ihr könnt Euch hierüber völlig beruhigen, denn eine ſo übel paſſende Parthie wird nicht leicht Eure Abſichten für Euren Mündel durchkreuzen. Auch wenn er die Schätze beider In⸗ dien beſäße, glaube ich dennoch nicht, daß Miß Malcolm ſich herablaſſen würde, Sir Theodor Broughton zu heirathen, nachdem ſie ſo, wie es geſchah, von ihm beſchimpft worden.“ „Das vernehme ich mit Freuden,“ verſetzte Donovan in verändertem Tone;„es kann mir manche Verlegenheit erſpa⸗ ren, da meine Geſchäfte mich nach einem anderen Theile des Landes abrufen; jedenfalls habe ich es für meine Pflicht ge⸗ halten, mich unverzüglich nach London zu verfügen, um die⸗ ſem übereilten Vorhaben Einhalt zu thun. Ich darf mich wohl auf Eure Anſicht der Sache verlaſſen?“ „Darauf wenigſtens dürft Ihr Euch verlaſſen, daß was ich ſage auch wirklich meine Anſicht von der Sache iſt,“ gab Lisle zur Antwort.„Ueberdieß, mein theurer Sir, dürft Ihr darauf zählen, daß Oberſt Brandrum, der mitterweile in London ſeyn muß, da er von dem Schiffe, das uns zu Boden rannte, aufgenommen wurde, ſich einer Verbindung, wie Ihr ſo eben erwähnt habt, bis auf's 5Außerſte widerſetzen wird. So leichtſinnig und ſorglos er Euch auch erſcheinen mag, ſo iſt er doch ein Mann, der einen unbeſcholtenen ehrenhaften Cha⸗ rakter weit über Rang und Reichthum zu ſtellen pflegt. Auch hat er ein Recht, dagegen zu ſprechen, da er Kapitän Mal⸗ colm auf ſeinem Todtenbette verſprach, bei ſeinem verwais⸗ ten Kinde Vaterſtelle vertreten zu wollen.“ „Ihr beurtheilt meinen jungen Mündel etwas ſtreng,“ 638 meinte Kapitän Donovan;„nach ſolchen Verſicherungen brauche ich mich übrigens nicht weiter zu beunruhigen.“ In der That ſchien er während des Reſtes ihrer Ueber⸗ fahrt in hohem Grade erleichtert; doch war Kapitän Dono⸗ van nicht der Mann, der ſich auf andere Garantien als ſeine eigenen Beobachtungen verlaſſen hätte. Noch ehe das Boot den Hafen von Dover erreicht hatte, war er abermals in der Kajüte verſchwunden, und Lisle war gewiß der Letzte, der ihm nachgelaufen wäre, um Abſchied zu nehmen. Während ſich jedoch der junge Offizier nach dem Gaſthofe verfügte, ſah er beim zufälligen Umwenden ſeinen neulichen Reiſegenoſſen mit einer hübſchen Franzöſin am Arme. Er drehte ſich augen⸗ blicklich weg, um ſeine Wanderung weiter zu verfolgen. Dover war zu der Zeit, von der ich rede, einer derjeni⸗ gen Orte, der durch einen eigenen Poſtkurs mit London in Verbindung ſtand, und da die Geldſumme, welche Reginald bei dem Untergange des Schiffes in ſeiner Börſe gehabt, ſich nicht ſehr hoch belief, ſo wollte er die wohlfeilere Gelegenheit dem bequemeren eigenen Wagen vorziehen. Die Poſt ging um fünf Uhr nach der Hauptſtadt ab und brauchte achtzehn Stunden zu ihrer Reiſe, ſo daß man London am andern Tage gegen eilf Uhr erreichte. Unterwegs ereignete ſich nichts Bemerkenswerthes, mit der einzigen Ausnahme, daß Reginald zu Dartford beim Wechſeln der Pferde eine Poſtchaiſe vorüberfahren ſah, wo⸗ rin er, da er ſelbſt ausgeſtiegen war, um ſich von dem krampf⸗ haften Sitzen zu erholen, Kapitän Donovan auf ſeinem Wege nach der Weltſtadt erkannte. 639 Zu London machte Lisle ſeinen erſten Beſuch im Kriegs⸗ miniſterium, wo er längere Zeit aufgehalten wurde. Sein nächſter Gang führte ihn zu ſeinem Agenten, nicht um Ge⸗ ſchäfte zu verhandeln, ſondern um die Angſt ſeiner Lieben zu heben und die Thränen Derer zu trocknen, die ſich um ſeinet⸗ willen grämen mochten. Er wußte jedoch, daß er vorſichtig verfahren mußte und er wollte deßhalb Miſter— vorerſt nur dazu beſtimmen, ſeiner Mutter und Schweſter die Nachricht zu bringen, daß von den Paſſagieren des London mehrere ge⸗ rettet worden ſeyen.— Die Hiobspoſt, die ihn bei ſeinem Agenten erwartete, klang ihm als ein kalter, kalter Willkomm im Vaterlande, und nach dem, was er ſelbſt empfand, konnte er wenigſtens theilweiſe ermeſſen, wie tief ſeine eigene Mutter ſich gegrämt haben würde, wenn ſie die Nachricht ſeines Todes erlebt häͤtte. Traurig bewegt ſchlug er den Weg nach dem Gaſthofe ein, den er dem Sekretär des Oberkommandanten als ſeinen näch⸗ ſten Wohnſitz bezeichnet hatte, und war nicht wenig übemaſcht, als der Kellner, dem er bekannt war, ihn mit den Worten begrüßte: „Sehr erſreut Euch wohlbehalten zu ſehen, Sir. Ein Brief wartet Eurer im Schalter.“ „Wahrſcheinlich ein Billet, das nach meiner Abfahrt anlangte,“ dachte Reginald, indem er es gleichgültig zur Hand nahm und ſich von dem Kellner ſein Zimmer weiſen ließ. Einige Minuten lang ließ er das Brieſchen uneröffnet, denn es ſah ganz aus, wie eine Einladung zu einem Mittag⸗ eſſen oder Balle; endlich erbrach er das Siegel und las ei⸗ 640 nige Worte, welche ganz dazu gemacht ſchienen, den Strom ſeiner Gefühle völlig umzulenken. Sie lauteten folgender⸗ maßen: „CEs iſt vielleicht zu kühn von mir, daß ich überhaupt an Euch ſchreibe, aber es geſchieht mit meines Vaters Erlaub⸗ niß. Ich habe ihn gefragt, was ich ſagen ſoll und er beſiehlt mir, meine Empfindung aufrichtig auszuſprechen. So fühle ich denn, daß ich im Unrecht, aber mehr noch durch Umſtände getäuſcht, als unrecht war; ich bin bereit, wenn Ihr es hören wollt, Euch Alles zu erklären und Euch um Verzeihung da⸗ für zu bitten, daß ich da Schmerz verurſachte, wo ich es am allerwenigſten wünſchen konnte. Obwohl Euer Vertrauen zu mir durch das was vorgefallen erſchüttert ſeyn mag, ſo habe ich meinerſeits wenigſtens erfahren, Reginald, daß ich Euch das meinige nie hätte entziehen ſollen.“ „Doch meine Worte klingen kalt und ſteif. Dies ſind nicht meine Gefühle und ich will Euch nur noch ſagen: wenn es Euch Vergnügen macht, ſo kommt heute Abend zu uns— doch nicht vor acht Uhr, ſda ich augenblicklich aufbreche, um der theuern Louiſe die Nachricht zu bringen, die wir ſo unver⸗ muthet durch Lord Granby's Güte erfahren, und ihr zu ſa⸗ gen, daß die Thränen, die wir zuſammen vergoſſen, unbegrün⸗ det waren. Ich habe noch immer Vertrauen genug zu Eu⸗ rer Liebe und Großmuth, um mich zu nennen 3 8 Eure 4 „Mary Chevenix.“ ———— 4 641 Dreiundvierzigſtes Kapitel. Auf das Nervenfieber folgt zuweilen ein Zuſtand, wäh⸗ rend deſſen der Reconvalescent bis auf wenige zerſtreute That⸗ fachen, meiſt auf die Periode ſeiner Kindheit ſich beziehend, alles früher Geſchehene völlig vergißt. Ich kannte einen jun⸗ gen Mann, welcher kurz vor der Zeit ſeines Eramens auf einer der Univerſitäten von dieſer Krankheit ergriffen wurde und als das Bewußtſein zurückkehrte, ſein Griechiſch und La⸗ tein völlig vergeſſen hatte; ein noch auffallenderes Beiſpiel erlebte ich an einer Dame, welche, in Indien geboren und bis zum ſechsten Jahre von einer Hinduamme erzogen, wäh⸗ rend eines Fieberanfalls in ihrem ſiebenundzwanzigſten Jahre ihr Engliſch völlig vergaß und mehrere Tage lang nichts als Hindoſtaniſch ſprach, das ſie früher bis auf die letzte Silbe verlernt hatte. In der That, wir ſind zum Erſchrecken wun⸗ derbar gebildet! Das Glück wollte, daß derſelbe Fall auch bei dem armen Käthchen Malcolm zutraf. Während der zehn erſten Tage nachdem die Krankheit ihre Kriſis erreicht hatte, erinnerte ſie ſich keines der Vorfälle, welche unmittelbar vorhergegan⸗ gen waren. Sie erkannte zwar die Perſonen ihrer Umge⸗ bung und ſprach vollkommen vernünftig über Alles, was man ihr vortrug, aber von den beſonderen Umſtaͤnden ihrer eige⸗ nen Lage kam ihr in jener Zeit keiner vor die Sinne. Mittlerweile machte ihre körperliche Geneſung reißende Fortſchritte. Das düſtere ſchmerzlich betrübte Auge gewann wieder Glanz und Schimmerz; die ausgetrockneten Lippen wur⸗ James. Th. Broughton. 41 642 den voll und ſanft geröthet und ein ſchwaches Roſenroth be⸗ gann ſich über die bleiche Wange auszubreiten. Die warme Sommerluft, die zu den ſtets offenen Fenſtern hereinwehte, ſchien eine beſondere Heilkraft auf ihren Schwingen zu tra⸗ gen: die Kranke durfte aufſtehen, im Zimmer auf und ab gehen und ſogar in das anſtoßende Gemach ſich wagen. Sir Harry Jarvis war den ganzen Tag bei ihr, und die Freude und Zäͤrtlichkeit in dem Geſichte des alten Mannes wie ſeine muntere Unterhaltung trugen nicht wenig dazu bei, ihre Ju⸗ gend und kräftige Conſtitution im Abwerfen aller Nachwehen der Krankheit zu unterſtützen. Sir Charles Chevenix kam auch mehreremale, um ſie zu beſuchen, enthielt ſich aber, wohlweislich die Mahnung des Arztes befolgend, jeder, ſogar der freudigſten Anſpielung, wodurch er eine Erſchütterung hätte veranlaſſen können. Endlich durfte das arme Mädchen mit ihrem Onkel aus⸗ fahren und dann eine Stünde im Park ſpazieren; aber Sir Harry ſah mit Ueberraſchung ihren Muth in demſelben Grade ſinken, wie ihre Geſundheit ſich beſſerte, denn das Gedächt⸗ niß kehrte mit all ſeinen Schmerzen zurück und das traurige Loos ihrer Zukunft ſtand finſter, rauh und klar vor dem Auge ihrer Seele, wie der brennende Berg in den arabiſchen Mährchen, wo dem Gotte des Feuers Menſchenopfer darge⸗ bracht wurden, vor den Augen der beabſichtigten Opfer em⸗ porſtieg, wenn jährlich einmal das Schiff ſie dahin trug. Mit der klareren Erinnerung kam auch die Sehnſucht, von Lutwichs Looſe das Nähere zu erfahren. Sie dachte frei⸗ lich nicht, daß der Tag ſeines Prozeſſes ſchon herannahen 643 könne; aber ſie haͤtte gerne gefragt und erfahren, was An⸗ dere über das vermuthliche Reſultat dächten. Sie wagte je⸗ doch nicht ſich darnach zu erkundigen, denn ſie ſcheute ſich ſo⸗ gar ſeinen Namen auszuſprechen, und ſo oft ſie ſich auch ent⸗ ſchloß, mit eigener Selbſtüberwindung Nachforſchungen an⸗ zuſtellen, ſo war doch die Feſtigkeit des Entſchluſſes, welche in ihren geſunden Tagen Hand in Hand mit ihrer zärtlichen Liebe gegangen war, durch Krankheit geſchwächt und immer noch nicht hergeſtellt. Endlich geſchah es, daß Mary, welche ihre Freundin zweimal beſucht hatte, ohne der Vergangenheit irgend zu er⸗ wähnen, den Weg zu Käthchens Herzensangelegenheit von ſelbſt anbahnte. „Ich habe Dir einen ganzen Pack Neuigkeiten zu über⸗ bringen, theures Kaͤthchen,“ bemerkte ſie,„ſoll dieſelben aber nur nach und nach vor Dir auskramen, ſo daß wir für mehrere Tage Stoff vor uns haben. Louiſe wäre gerne mit mir ge⸗ kommen, um Dich zu beſuchen, war aber ſelbſt ſehr krank, das arme Mädchen. Die falſche Nachricht von Reginald's Tode vermehrte noch den Kummer, den ſte zuvor gelitten, und hat ſie völlig überwältigt.“ „Die falſche Nachricht,“ murmelte Käthchen vor ſich hin;„Gott ſey Dank!— und Major Brandrum— iſt er auch gerettet, Mary? ſie waren jg auf demſelben Schiffe.“ „Er gehörte zu den neun Geretteten,“ erzählte Mary. „Wer nicht auf dem Verdecke war, kam um; aber der arme Oberſt Brandrum hat durch das Niederfallen einer Spiere, wie die Seeleute es nennen, in dem Augenblicke als ſie ihn 41* 644 auf dem Ruſſell einhißten, das Bein gebrochen. Er befindet ſich zwar wohl, darf ſich aber nicht rühren, ſonſt würde er Dich längſt beſucht haben.“ „Dann muß ich ihn beſuchen,“ verſetzte Käthchen nach⸗ denklich;„jetzt aber ſage mir, theure Mary— zwiſchen Dir und Kapitän Lisle— iſt Alles aufgeklärt?“ „Ja, ja,“ erwiederte ihre Freundin mit Lächeln und Erröthen,„Alles iſt aufgeklärt und er hat mir gänzlich ver⸗ geben: doch nicht von meinem eigenen ſelbſtſüchtigen Glücke will ich mit Dir reden, Käthchen. Ich habe andere Nach⸗ richten für Dich, welche Dir, wie ich weiß, erfreulich ſeyn werden, wenn Du anders ſtark genug biſt, ſie anzuhören.“ „O ja,“ verſicherte Käthchen,„die Freude wird mir wohl thun, Mary, und mir Kraft geben zu dem was ſchwe⸗ rer zu tragen ſeyn wird.“ „Wohlan, Oberſt Lutwich iſt freigeſprochen,“ berichtete Mary, ihre Augen feſt auf ihre junge Gefährtin richtend⸗ da ſie über die Wirkung dieſer Botſchaft noch zweifelhaft war; doch Käthchen faltete blos die Hände und flüſterte mit thränendem Blicke: „Gott ſei Dank!— Gott ſei Dank!— Dann iſt das Opfer nicht fruchtlos geweſen.— Kannſt Du mir ſagen, Mary,“ fuhr ſie nach einer Weile mit ſchüchternem Blicke fort,„ob jener Mann— jener William Havant— gegen ihn aufgetreten iſt? „Nein, er kam nicht zum Vorſchein,“ erwiederte Mary Chevenir; Käthchens Blicke ſanken zu Boden und ſie ver⸗ 645 ſank in tiefe Traͤumerei. Sie ſchien jedoch ſo gefaßt, daß Mary glaubte, ſie dürfe wohl noch etwas weiter gehen. „Oberſt Lutwich,“ ſagte ſie,„gab meinem Vater dieſen Brief für Dich, Käthchen; doch die Aerzte wollten nicht ge⸗ ſtatten, daß er Dir früher als heute überliefert würde. Lies ihn, theures Käthchen; ich will mich einſtweilen hier in's Fenſter ſetzen.“ Käthchen erbrach das Siegel und las. Der Brief war lang und zahlreiche Thränen floßen auf das Papier; ſonſt aber blieb ſie ruhig und Mary unterbrach ſie mit keinem Worte. Als ſie damit zu Ende war, blieb ſie eine Weile re⸗ gungslos ſitzen und wandte ſich dann an ihre Freundin mit der Frage: „Wo iſt Lutwich nunmehr, Mary? Ich muß ihm ſchrei⸗ ben, denn es iſt klar, daß er meinen letzten Brief entweder nicht empfangen oder nicht verſtanden hat— und doch über⸗ gab ich ihn Deinem Vater ſelbſt, Mary. Ich wagte zwar nicht die Thatſachen genau anzuführen, aus Furcht, die Leute im Gefängniß möchten es aufſchnappen und dann Mittel ſin⸗ den, jenen Mann zum Erſcheinen vor Gericht zu zwingen; aber dennoch glaubte ich, er würde es verſtehen.“ „Was bringt Dich auf die Meinung, als ob er es nicht begriffen habe, theures Käthchen?“ fragte Mary, ſich ihr nä⸗ hernd und neben ihr niederſetzend.„Dein Brief wurde aller⸗ dings abgeliefert.“ „Er ſagt hier,“ fuhr Käthchen fort,„daß er durch die großmüthige Güte des Kommandirenden die Erlaubniß er⸗ halten habe, in Amerika zu dienen; daß er zwei Jahre abwe⸗ 1 646 ſend ſeyn werde und ſich während dieſer Zeit bemühen wolle zu beweiſen, daß er meiner Liebe nicht unwürdig ſei“— Käthchen ſchwieg, denn Thränen erſtickten ihre Stimme; nach einer Weile fügte ſie jedoch bei:„ach, theure Mary, er hätte doch begreifen müſſen, daß ich, noch ehe dieſe zwei Jahre um ſind, in Liebe nimmer ſein gedenken— ja ſo wenig wie mög⸗ lich mich ſeiner erinnern darf.“ „Mein Vater ſchilderte ihm Deine Lage in jeder Be⸗ ziehung, Käthchen,“ verſicherte Mary, ihre Hand auf die ih⸗ rer ſchönen Freundin legend,„ſagte ihm aber auch zu glei⸗ cher Zeit, Deine Freunde würden niemals einwilligen, daß Du ein alſo erlangtes Verſprechen, das Jedermann als völ⸗ lig unkräftig betrachten muß— in Erfüllung ſetzeſt.“ „Es iſt dort oben verzeichnet, Mary,“ ſagte Käthchen gen Himmel deutend.„Ich darf es nicht brechen.“ „Aber es wurde durch die ſchändlichſten Mittel erlangt⸗ wurde Dir durch Zwang und niedriges Komplott abgedrun⸗ gen,“ machte Mary geltend. „Es war ein Kontrakt, theure Mary,“ erwiederte Käth⸗ chen in leiſem zuhin Tone:„ſie haben ihren Theil erfüllt — Lutwich iſt in Folge deſſen gerettet; ich darf mich nicht weigern den meinigen zu vollziehen, da ich Gott zum Zeugen meines Gelöbniſſes angerufen habe. Ich glaube faſt, es war Unrecht, daß ich Dir Alles erzählte; aber was auch aus mir werde— ich muß wahr bleiben, Mary, und darf mein Wort nicht verfälſchen.“ Mary Chevenir war tief bekümmert; aber ſie war eine ſchlechte Caſuiſtin und alle Gründe, die ſie wider ihrer ar⸗ 647 men Freundin Gelöbniß vorbrachte, vermochten dieſe nicht zu überzeugen. Käthchen blieb faſt ganz ſtumm; aber es war offenbar, daß die Unterredung ſie bis an's Ende unerſchüttert gelaſſen hatte. Während dieſes ganzen Nachmittags war Sir Harry Jarvis auffallend ernſt und nachdenklich, und am folgenden Morgen kündigte er Käthchen an, daß er in Geſchaͤften ei⸗ nige Stunden nach London gehen müſſe. Käthchen wußte zwar nicht— warum, aber ſie ſah ihn mit einer Empfindung der Furcht abfahren, denn ſie ſcheute ſich vor dem Gedanken, allein zu ſeyn. Sie verbrachte den Morgen mit Leſen und Schreiben und wandelte dann in den Park, wo ſie unter dem Schatten der alten Baͤume langſam auf und nieder ging. Die Allee war ſehr lang und ſte war faſt eine halbe Meile gewandert, als ſie ſich anſcheinend von zwei Fremden bewacht ſah und plötzlich umdrehte. Da ſie Fußtritte hinter ſich hörte, ſo beſchleunigte ſie ihren Schritt, um noch das Haus zu erreichen; ja ſie eilte dermaßen, daß ſie die Fenſter und die Anfahrt ſchon vor Augen hatte, als die Verfolger ſie einholten. Sie fühlte ſich ſehr aufgeregt; da ſie ſich jedoch im Nothfalle durch Rufen vernehmlich machen konnte, ſo blieb ſie ſtehen, um die Andern vorbeizulaſſen, was dieſe auch tha⸗ ten und dann augenblicklich umdrehten, ſo daß Käthchen ein Geſicht vor ſich ſah, das ſie nicht leicht vergeſſen konnte und an dem ſie mit Schaudern Sir Theodor Broughton erkannte. „Miß Malcolm,“ ſagte er ſich im Anblicke der Gefühle, welche er offenbar hervorrief, voll Zorn auf die Lippen bei⸗ 648 ßend,„ich habe lange eine Gelegenheit geſucht, um mit Euch zu reden.“ Käthchen zögerte eine Weile und erwiederte dann: „Sie wäre Euch nicht verſagt worden, Sir, wenn Ihr in dem Hauſe meines Großonkels Sir Harry Jarvis vorge⸗ ſprochen hättet.“ „Ich habe von Eurer neu entdeckten Verwandtſchaft ge⸗ hört,“ erklärte der junge Mann in ſtrengem Tone;„das kann aber an Eurem Verſprechen gegen mich nichts abändern, Miß Malcolm.“ Käthchen ſchwieg und er fuhr fort: „Wollt Ihr Euer Verſprechen läugnen?— Hier iſt es von Eurer eigenen Hand geſchrieben. Ich habe meinen Theil erfüllt und verlange das Gleiche von Euch.“ „Ich läugne es nicht,“ ſtammelte Käthche nmit wanken⸗ der Stimme, und fuhr dann mit einem Blicke auf Doktor Gamble fort:„ich glaube jedoch, daß ich einigermaßen ge⸗ täuſcht wurde. Iſt nicht dieſer Mann in der Rolle eines Ad⸗ vokaten verkleidet zu mir gekommen?“ „Das hat mit der Frage nichts zu ſchaffen,“ entgegnete Sir Theodor ſcharf;„Euer Verſprechen wurde unter gewiſſen Bedingungen gegeben; Ihr riefet Gott zum Zeugen der Erfüllung, wenn die Bedingungen eingehalten würden. Dieſe wurden buchſtäblich befolgt und ich verlange nunmehr, daß Ihr Euer Wort löſet.“ „Ich bitte Euch mich paſſiren zu laſſen, Sir,“ ſtoͤhnte Käthchen, durch ſeine Heftigkeit erſchreckt.„Ich bin ſehr krank geweſen— fühle mich noch unwohl— laßt mich in's ddeer Entſchloſſenheit, welche nicht ohne Bedeutung war, die 649 Haus— dort könnt Ihr mit mir reden. Ich werde Euch nichts abläugnen, das verſpreche ich Euch.“ „Erſt will ich Antwort haben,“ verlangte Sir Theodor ſtürmiſch;„Ihr könnt hier auf eine einfache Frage ebenſo gut Ja oder Nein ſagen. Wollt Ihr Euer Wort halten?“ „Ja,“ erklärte Käthchen im Tone der Verzweiflung; „aber ich bitte laßt mich paſſiren. Dort kommt Jemand, und ich bin nicht in dem Zuſtande—“ Sir Theodor und Doktor Gamble wendeten alsbald ihre Blicke nach der von Käthchen angegebenen Richtung und Beide erblaßten. „Donovan, beim Henker!“ ſchrie der würdige Hofmei⸗ ſter.„Ich mach' mich aus dem Staube; hol's der Teufel! ſie fällt in Ohnmacht, ſo wahr ich lebe! „Bleibt, Sir,“ rief Sir Theodor mit Donnerſtimme. „Mir gilt es gleichviel, ob Donovan oder der Teufel dazu kommt. Helft mir ſie ins Haus tragen.“ Doktor Gamble entſchloß ſich wohl oder übel zu gehor⸗ chen, obwohl er Alles in der Welt darum gegeben hätte, um dem Auge des Vormunds zu entrinnen, ſtatt dem Mündel beizuſtehen; aber der heftigere Charakter hatte mittlerweile ſeine volle Herrſchaft über den blos liſtigen begründet. Sie rafften Käthchen auf und trugen ſie gegen das Haus, das ſie beinahe erreicht hatten, als Kapitän Donovan herbeikam. Letzterer ſprach keine Silbe, ſondern folgte ihnen ſchwei⸗ gend mit zürnender Stirne und einem gewiſſen ſpöttiſchen Lä⸗ cheln auf den Lippen. Sir Theodor biß, mit einer Miene 650 Zaͤhne feſt übereinander. Dies war aber auch das einzige Zeichen, daß er den Vormund erblickt hatte. Eine Entſchloſ⸗ ſenheit jedoch, die auf ſtarken dauernden Motiven beruht, iſt von weit mächtigerer Wirkung, als wenn ſie ſich blos auf eine Laune oder vorübergehende Leidenſchaft gründet, und man erlaube mir hier noch die Bemerkung, daß alle Leidenſchaften genau ſo wie die Wörter einer Sprache in Transitiva, Pas- siva und Neutra klaſſifizirt werden ſollten, wovon die Pas- siva zu den gefährlichſten und Ausdauerndſten gehören. So wurde denn Käthchen Malcolm bis an die Hausthüre getragen. Kapitän Donovan zog die Glocke; aber Keiner ſprach eine Silbe, obwohl ſie, wie natürlich, einen Augenblick aufgehalten wurden. Doktor Gamble wollte zwar das tödt⸗ liche Schweigen ſeiner beiden Gefährten durchaus nicht ge⸗ fallen; allein er war eingeſchüchtert und wagte trotz ſeiner angeborenen Schwatzhaftigkeit nicht die Lippen zu öffnen. Endlich erſchien der Tafeldecker mit einem anderen Die⸗ ner, und bei dem Anblicke der ohnmächtigen Miß Malcolm gerieth Alles in Angſt und Beſtürzung. Sie wurde augen⸗ blicklich in das Bibliothekzimmer getragen; der Lakai rannte eiligſt nach der Haushälterin, da man jeden Augenblick Sir Harry's Rückkehr erwartete, und Diron erklärte, nicht um die ganze Welt möchte er, daß ſein Gebieter zurückkäme und ſeine junge Lady ſo unwohl anträfe. Seine Vorſicht war jedoch vergeblich: die alte Frau hatte kaum das Zimmer erreicht und ihre wohl erprobten Hausmittel angewendet, als man draußen einen Wagen an⸗ fahren hörte. 651 Die drei Herren, welche Miß Malcolm ins Haus ge⸗ tragen oder begleitet, hatten unterdeſſen das gleiche düſtere Schweigen wie früher beobachtet und auf der Haushälterin Frage, wo ſie die Dame gefunden hätten und wie es zu⸗ gegangen ſei, hatte Sir Theodor keine Antwort gegeben. Im nächſten Augenblicke begann jedoch Kapitän Donovan mit einem ſtrengen Blick auf ſeinen Mündel: „Ich denke, Sir Theodor, Ihr und ich nebſt dieſem Herrn thäten am Beſten uns zurückzuziehen.“ Aber weder ſein ſtrenger Blick, noch ſeine Worte hatten die geringſte Wirkung auf den jungen Baronet. Sir Theo⸗ vor hatte in ſeinem Entſchluſſe einen Schritt weiter gethan — er wollte widerſtehen und erwiederte blos: „Noch nicht, Sir.“ Gleich darauf trat Sir Harry Jarvis mit Sir Charles Chevenir ins Zimmer, und Beide waren natürlich von dem was ſie ſahen nicht wenig überraſcht und beunruhigt. Ihre erſte Sorge war auf Käthchen gerichtet, die ſich von Neuem zu beleben begann und in wenigen Minuten wieder aufrecht zu ſitzen vermochte. Außer ihr und ſeinen eigenen Dienern kannte Sir Harry ſonſt Niemand von den Anweſenden, und nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſeine Nichte nicht ernſt⸗ lich unwohl ſei, ſchaute er ſich mit fragendem Blicke um. Sir Charles Chevenix, der mit einem der Herrn ober⸗ flachlich bekannt war und alles Uebrige zu errathen glaubte, begann die Erklärung mit den Worten: „Kapitän Donovan— Sir Harry Jarvis. Dies hier wenn ich mich nicht irre, iſt Sir Theodor Broughton.“ 65² „Derſelbe, Sir,“ erwiederte Sir Theodor in keckem Tone. „Aber dieſer hier, Sir,“ ergänzte Kapitän Donovan mit ſarkaſtiſchem Lächeln,„iſt Doktor Gamble— der dienſt⸗ fertigſte Schurke in ganz Europa.“ „Aus welchem vortrefflichen Grunde Ihr ihn zum Hof⸗ meiſter Eures Mündels erwähltet,“ entgegnete Gamble, nunmehr zum Wiedertrumpfen angeſtachelt. „Das ſind harte Worte, meine Herren,“ verſetzte Sir Harry Jarvis.„Bleibe hier, liebſtes Käthchen— lege Dich aufs Sofa und ſtehe noch nicht auf. Ich will mit dieſen Herrn in ein anderes Zimmer gehen;“ und mit der Weiſung an die Haushälterin, daß ſie bei ihr zurückbleiben ſolle, öffnete er die Thüre mit ceremonieller Höflichkeit und fht die Uebrigen ihm zu folgen. Während ſie ins Speiſezimmer raten, fluͤſterte Sir Charles Chevenix dem alten Baronet einige Worte ins Ohr und dieſer erwiederte: „Das iſt klar— ich verſtehe Alles.“ „Und nun bitte ich die Herren Platz zu nehmen, denn ich habe einige Fragen an Euch zu richten,“ fuhr Sir Harry fori⸗ „Ich hoͤre von meinem Tafeldecker, daß meine Nichte Miß Maleolm von Euch ohnmächtig hierher gebracht wurde. Er⸗ laubt mir die Frage, wie das zuging.“ „Ich weiß nichts von der Sache, Sir,“ gab Kapitän Donovan zur Antwort;„ich vernahm nur einige Gerüchte von Vorgängen, die ich nicht billigen konnte, und folgte Sir Theodor und Doktor Gamble hierher. Als ich ihrer zuerſt anſichtig wurde, redeten ſie mit der jungen Dame im Park; 65³ ehe ich jedoch herzukam, ſiel ſie in Ohnmacht und ſo trugen ſie dieſelbe nach dem Hauſe.“ „Ich hoffe, junger Herr,“ begann der Hausherr, ſeine Augen ſtreng auf Sir Theodor richtend,„Ihr habt keine Veranlaſſung gegeben, um durch irgend eine Erſchütterung ein ſolches Reſultat herbeizuführen. Ich habe von früheren Vorgängen gehört, Sir, welche mich zu der Vermuthung ver⸗ anlaſſen, daß Ihr erſt noch zu lernen habt, was ein Edelmann und ein Mann von Ehre einer Dame gegenüber ſchuldig iſt.“ Sir Theodor war offenbar in großer Verwirrung, er⸗ wiederte aber nach augenblicklichem Schweigen in keckem, ent⸗ ſchiedenem Tone: „Sir Harry Jarvis, ich werde nicht auf die Vergan⸗ genheit zurückkommen, was Ihr auch immer zu thun belieben möget. Für diesmal habe ich blos gethan, wozu ich ein Recht hatte, und ich that es wahrlich nicht auf unhöfliche Weiſe. Ich kam hierher, um Miß Malcolm zu beſuchen, und da ich ſie in Eurem Parke traf, ſo erinnerte ich ſie an ein vor einiger Zeit gegebenes Verſprechen, wornach ſie mir ihre Hand reichen wollte. Ich beſitze dieſes Verſprechen ſchrift⸗ lich und habe vollen Anſpruch, auf deſſen Erfüllung zu beſte⸗ hen. Ich denke, mein Rang und mein Vermögen berechtigen mich zur Bewerbung um ihre Hand, und mein Verlangen nach der Erfüllung eines feierlichen Gelöbniſſes, wofür ſie Gott zum Zeugen anrief, kann weder als Schimpf, noch als Beleidigung betrachtet werden.“ „Ihr erweist ihr und mir viel Ehre, Sir,“ erwiederte Sir Harry ruhig;„doch will ich erſtlich im Vorbeigehen be⸗ 654 merken, daß Miß Malcolm noch nicht das Alter erreicht hat, um ohne die Genehmigung eines Mannes, der ihr nächſter Verwandter und natürlicher Vormund iſt, ſolche Verbindlich⸗ keiten einzugehen, und dann, Sir, möchte ich Euch bitten, mir zu ſagen, was ſie auf jenes Verlangen erwiederte.“ „O, ſie ſagte Allerlei, deſſen ich mich nicht mehr geuau erinnere,“ verſetzte Sir Theodor nicht wenig verlegen.„Doch ja, jetzt entſinne ich mich,“ fuhr er fort:„ſie läugnete das Verſprechen nicht und ſagte, ſie wolle es erfüllen.“ „Den Teufel ſagte ſie!“ rief Sir Charles Chevenix, „und dann fiel ſie vermuthlich in Ohnmacht, um Euch zu zei⸗ gen, wie angenehm Ihr ihr vorkommt.“ Sir Theodor Broughton wurde feuerroth und erwiederte: „Angenehm oder unangenehm, Sir— ſie erklärte ſich bereit ihr gegebenes Wort zu erfüllen, und Niemand hat ein Recht ſie daran zu verhindern.“ „Bitt' um Verzeihung, Theodor— ich habe dieſes Recht und werde es ausüben,“ erklärte Kapitän Donovan,„Ihr ſeyd mein Mündel, Sir, und wenn ich Euch auch auf die Vorſtellung mehrerer Perſonen, als ob ich Euch zu ſtreng halte, einige Monate ohne Zügel frei gehen ließ, um zu ſe⸗ hen, ob Ihr im Stande ſeyd, Euch ſelbſt zu lenken, ſo iſt mein Arm doch ſtark genug, um nunmehr, da ich finde, daß ſolche Freiheit für Euch nicht taugt, dieſen Zügel zu hand⸗ haben, und ich erkläre Euch geradezu, daß ich in eine ſülch Heirath nicht willigen werde.“ „Solche Heirath!“ wiederholte Sir Harry Jarvis an Donovan ſich wendend;„darf ich fragen, Sir, was Ihr ge⸗ 6⁵⁵ gen eine Heirath mit der Tochter meiner Nichte einzuwen⸗ den hättet, wenn ich meine Erlaubniß dazu gäbe, daß ſie die⸗ ſem jungen Manne die Hand reichte? Mich dünkt, eine Toch⸗ ter aus meiner Familie und Erbin meines Vermogens könnte, wenn ſie wollte, eine beſſere Partie treffen, als die mit Sir Theodor Bronghton.“ „Bitt' um Verzeihung, Sir Harry Jarvis,“ erwiederte Donovan auffallend erbleichend;„ich hatte keineswegs in Abſicht ein Wort zu äußern, das für Euch oder jene junge Dame beleidigend ſeyn könnte. Ich wollte meinem Mündel blos begreiflich machen, daß er, ſo lange meine Vormund⸗ ſchaft dauert, gegen Niemand derartige Verbindlichkeiten ein⸗ gehen kann, und daß ich gewiß nicht in ſeine Heirath willi⸗ gen werde, ehe er volljährig iſt. Dann mag er thun, was ihm beliebt.“ „Und dann werde ich ſie ebenſo gewiß heirathen, als ich hier ſtehe!“ rief Sir Theodor Broughton, indem er für den Fall, daß er ſein Wort nicht erfülle, gräuliche Flüche auf ſein Haupt herabrief.„Wenn ſie nicht für immer als treulos und meineidig betrachtet ſeyn will, wird ſie ihr Ver⸗ ſprechen halten,“ fuhr er fort.„Ich werde ihr ſchriftliches Gelöbniß ſorgfältig aufbewahren, darauf könnt Ihr Euch alle verlaſſen, und ſobald ich volljährig bin, werde ich deſſen Erfüllung verlangen. Jener Tag iſt nicht mehr ſo ferne, Kapitän Donovan.“ „Ich weiß es,“ verſetzte Donovan, ihn mit einem höchſt ſonderbaren Ausdrucke betrachtend;„bis dahin werdet Ihr mir gehorchen.“ 656 „Noch ein paar Worte, Sir Theodor,“ begann der alte Baronet von Neuem:„auch ich werde nicht dulden, daß meine Nichte ſich vor erreichter Volljährigkeit vermählt. Ver⸗ ſteht mich wohl, ich gebe noch keineswegs meine Beiſtimmung, noch äußere ich irgend eine Meinung in Betreff jenes Ver⸗ ſprechens, das ſie, wie Ihr ſagt, Euch geleiſtet; bis dahin will ich aber offen über den Gegenſtand mit ihr reden und mein Benehmen nach ihren Antworten ermeſſen.“ „Wenn Ihr daran zweifelt, daß ſie mir das Verſpre⸗ chen gab und Gott zum Zeugen ſeiner Erfüllung anrief, ſo fragt ſie nur ſelbſt,“ erklärte Sir Theodor;„auch muß ich ver⸗ langen, Sir Harry Jarvis, daß Ihr offen gegen ſie und mich handelt und ihr alsbald mittheilt, daß ich, ſobald ich voll⸗ jährig bin, deſſen Erfüllung verlangen will, welche Hinderniſſe mir auch jetzt in den Weg geworfen werden.“ „Das ſoll geſchehen,“ erklärte der alte Baronet. „Und ſetzet meinerſeits gefälligſt bei,“ ergänzte Kapi⸗ tän Donovan,„daß ich mich, ſo lange ich irgend eine Autori⸗ tät beſitze, der Erfüllung widerſetzen werde, indem ich dage⸗ gen proteſtire, daß die eitlen Worte dieſes jungen Gentle⸗ mans irgend als ein Verlöbniß betrachtet werden.“ „Gut,“ ſchloß Sir Harry in trockenem Tone, und von ſeinem Stuhle ſich erhebend, legte er die Hände auf den Rücken, als ob er andeuten wollte, daß die Unterredung zu Ende ſey. Die drei Herren, welche uneingeladen ihren Weg in des alten Baronets Haus gefunden hatten, ſchienen eine Weile zu zögern, ob ſie dieſen Wink benützen wollten, und in der 657 That waren wenigſtens zwei derſelben keineswegs gewillt, weder einzeln noch insgeſammt mit dem Dritten ſich zu ent⸗ fernen. Kapitän Donovan war jedoch der Kaltblütigſte und ſagte nach kurzer Pauſe: „Nun, Sir Theodor, mein ich, könnten wir uns entfer⸗ nen.“ Der junge Baronet verbeugte ſich gegen Sir Harry Jarvis und ging nach der Thüre; Sir Harry zog die Glocke und alle Drei wurden hinausbegleitet. „Du haſt doch gewiß nicht die Abſicht, Jarvis„ dieſes liebe treffliche Mädchen ein ſo übereiltes und ſo ſchaͤndlich erlangtes Verſprechen gegen einen Menſchen erfüllen zu laſ⸗ ſen, deſſen ganzes Weſen und Benehmen beweist, daß er ih⸗ rer unwürdig iſt?“ bemerkte Sir Charles Chevenix. „Nein, theurer Charles,“ erwiederte ſein alter Freund, „wenn die Zeit kommt, da er die Erfüllung ihres Wortes verlangen darf, werde ich mich allerdings mit allen Gründen, die mir zu Gebot ſtehen, widerſetzen, ohne ſie jedoch im Ge⸗ ringſten zu beſchränken. Es gibt Menſchen, welche noch un⸗ glücklicher würden, wenn man ſie zu einer Handlung zwänge, die ſie als ein Unrecht betrachten, als ſie durch jedes perſön⸗ liche Leiden werden können, und ich glaube, mein theures Käthchen gehört zu dieſen. Auf der andern Seite iſt dieſes unglückſelige Verhältniß zwiſchen ihr und Lutwich für mich — wie ich ſchon vorgeſtern geſagt habe— eines der ſchmerz⸗ lichſten Ereigniſſe, das mich irgend hätte betreffen können.“ „Ich wollte ſie tauſendmal eher Lutwich, als dieſen jun⸗ gen Schurken heirathen ſehen,“ erklärte Sir Charles warm⸗ James. Th. Broughton. 4²2 658 herzig;„auch ohne ſein grundſatzloſes Benehmen müßte ſein mürriſcher eigenſinniger Charakter einen Engel elend machen, während Lutwich mit allen ſeinen Fehlern ein tapferer, küh⸗ ner, offenherziger Mann iſt, der nie eine Niedrigkeit began⸗ gen hat, wenn er ſich auch einiger Verbrechen ſchuldig machte. Viel lieber würde ich ſie ihm, als dem Andern geben.“ „Ich auch,“ meinte ſein Freund;„noch lieber aber gaͤbe ich ſie keinem von Beiden, und wenn ich ſie wenigſtens eine Zeit lang auf dem Glauben laſſe, als ob ſie wirklich an die⸗ ſen Sir Theodor Broughton gebunden ſey, ſo kann ich viel⸗ leicht ihr Herz von der Neigung zu dem Andern befreien.“ Sir Charles ſchüttelte den Kopf und der alte Baronet fuhr fort:. „Nicht daß Lutwich mir je zuwider geweſen wäre— weit entfernt: ich hatte ſogar eine ſehr hohe Meinung von ihm, Chevenir; aber nach den Nachforſchungen, die wir beide angeſtellt, iſt kaum noch ein Zweifel, daß er nicht unſchuldig beargwöhnt oder angeklagt worden.“ „Zugegeben! zugegeben!“ erwiederte Sir Charles Chevenir;„er ſtammt aus einer cumberländiſchen Familie und hat einen Tropfen von dem alten Blute in ſich. Denke Dir ihn zwei bis drei Jahrhunderte zurück, drücke ihm einen Speer in die Hand, und Du haſt den vollendeten Raubritter. Er iſt nicht um ein Haar ſchlimmer, als ſeine Vorfahren, darauf wollte ich ſchwören.“ „Ja, dieſe zwei bis drei Jahrhunderte machen den gan⸗ zen Unterſchied,“ meinte Sir Harry Jarvis. „Noch iſt Eines zu ſagen, was Du nicht in Betracht 659 gezogen haſt, mein guter Freund,“ begann Sir Charles von Neuem,„nämlich, daß Du ohne Lutwich Dein hübſches Käthchen nie irgend Jemand zu geben oder zu verweigern ge⸗ habt hätteſt, denn er hat die ganze Geſchichte ausgeſpürt, und hätte er ſie nicht ſo großmüthig vor den Nachſtellungen die⸗ ſes ſelben jungen Mannes, der ſie jetzt heirathen will, be⸗ ſchützt, ſo wäre jene Anklage nie wider ihn erhoben worden, die ihn beinahe das Leben gekoſtet und Dir ſeine Perſon ſo unannehmbar gemacht hat. Dieſe beiden Punkte ſollteſt Du bei Erwägung ſeiner Anſprüche nie vergeſſen.“. „Das will ich auch nicht,“ verſicherte Sir Harry;„nur zweifle ich ſehr, Chevenix, ob Käthchen je dazu gebracht werden kann, ihr einmal gegebenes Wort zu verletzen, ſo übereilt es auch von ihr geleiſtet und ſo ſchändlich es ihr ab⸗ gedrungen worden.“ „So denkt auch Mary,“ ſagte Sir Charles;„doch wer⸗ den Zeit und geeignete Vorſtellungen neben den ſanften An⸗ ſprüchen einer andern Liebe ihre Anſicht von der Sache ge⸗ wiß verändern.“ „Ich glaube es nicht,“ erwiederte Sir Harry;„doch jetzt wollen wir ſie beſuchen.“ Vierundvierzigſtes Kapitel. Sir Theodor Broughton, Kapitän Donovan und Dok⸗ tor Gamble wanderten zuſammen die Straße entlang, welche von dem Wohnhauſe bis an die Loge des Jarworthparkes führte. Die Scenerie war ſehr ſchön, wie dies von noch man⸗ 42* 660 chen anderen Parken in dem grünen Hertfordſhire gilt: die al⸗ ten ſtattlichen Bäume waren ſo am Wege vertheilt, daß mit jedem Augenblick hier durch eine Lichtung, dort über eine ge⸗ gen den Ausgang hin ſich verengende Savanne eine neue Ausſicht ſich darbot; die Nachmittagsſonne, welche mittler⸗ weile die Hälfte ihres Weges bis zum Horizont zurückgelegt hatte, warf lange blaue Schatten über den Raſen und rö⸗ thete die Linien des Hintergrundes, der über die Baum⸗ ſpitzen der unteren Parktheile hervorragte, mit purpurnem Dufte. Keiner von den Dreien gewahrte, daß ſie von ſo ſchöner Landſchaft umgeben waren. Gehört es ja doch zu dem trauri⸗ gen Charakter der ſchlimmen Leidenſchaften unſeres Her⸗ zens, daß der Eindruck all der heitern Dinge, zu deren Ge⸗ nuſſe ein gnädiger Gott uns erſchaffen, von uns ausgeſchloſ⸗ ſen bleibt. Kapitän Donovan, kalt, ſtreng und gefaßt, war mit finſteren und wirklich furchtbaren Gedanken beſchäftigt. Sir Theodor, voller Zorn und Ingrimm, ſuchte ſein Gemüth zum Widerſtande zu ſtählen, fühlte aber in Folge jener Mi⸗ ſchung von Eigenſinn und Schwäche, wie ich ſie oben zu ſchildern bemüht war, ſeinen Muth dem anfänglichen Vor⸗ ſatze nicht gewachſen, indem ſeine Feſtigkeit vor der unheim⸗ lichen Ruhe in ſeines Vormundes Auftreten immer mehr da⸗ hinſchwand. Doktor Gamble bereitete ſich auf Erwiederun⸗ gen und machte ſich mit jener unverſchämten Gleichgültig⸗ keit, welche einen Theil ſeiner hohen Philoſophie bildete, auf das gefaßt, was ſich nicht mehr vermeiden ließ, feſt entſchloſ⸗ ſen, ſich für jeden Tadel, der auf ihn fallen könnte, nach 66¹ Kräften zu revangiren. Er ſah, daß Sir Theodor entmu⸗ thigt war, und vielleicht, um ihn etwas aufzuheitern oder blos um ſeiner überſtrömenden Unverſchämtheit Luft zu ma⸗ chen, bemerkte er, nachdem ſie etwa fünf bis ſechshundert Schritte ſchweigend gewandert waren: „Ein ſehr hübſcher Ort hier, Kapitän, und ein kapita⸗ les Haus; gewiß auch ein guter Koch, denn es roch unge⸗ mein würzig. Ich meine, der alte Herr hätte uns wohl zu Tiſche laden können.“ „Schweigt, Sir,“ erwiederte Kapitän Donovan, ohne den Kopf umzuwenden;„er thut weiſe daran, daß er weder Narren noch Schufte an ſeinen Tiſch bittet.“ Doktor Gamble verſtummte für diesmal und ſo wan⸗ derten ſie ohne ein weiteres Wort bis zu dem Parkhäuschen. Dort ſtand ein Wagen nahe am Thore, und als der Kut⸗ ſcher Kapitän Donovan gewahrte, berührte er ſeinen Hut und öffnete die Thüre. „Seyd ſo gut und ſteigt ein, Sir Theodor,“ bemerkte Kapitän Donovan. „Meine eigene Chaiſe iſt—“ „Nach Barnet zurückgegangen,“ fügte der Vormund plötzlich bei;„ich habe ſie entlaſſen.“ Sir Theodor ſtieg ein; Donovan folgte, und Doktor Gamble zögerte eine Weile, als ob er nicht ganz ſicher wäre, ob er gleichfalls einſitzen ſolle. „Kommt herein, Sir,“— rief die ſtrenge Stimme des Offiziers;„wir werden Euch brauchen“— und der Hof⸗ 66² meiſter ſtieg gleichfalls ein. Der Kutſcher ſchloß den Schlag und fuhr auf einen Wink des Kapitäns ohne fernere Wei⸗ ſung davon. Die Entſchloſſenheit, die er bei all dieſen Vorbereitun⸗ gen bewieſen, die Kaltblütigkeit, womit all ſeine Plane ent⸗ worfen waren und das tiefe mürriſche Schweigen, das er beobachtete, überwältigte die letzten Anſtrengungen des Wi⸗ derſpruchsgeiſtes im Herzen ſeines Mündels. Der Wagen rollte die zwölf tödtlich langen Meilen dahin, ohne daß ein einziges Wort geſprochen worden wäre, und hielt zuletzt vor dem Hotel, wo Sir Theodor und ſein Hofmeiſter gewohnt hatten. Oben an der Treppe vor der Thüre zu des jungen Baronets Wohnzimmer fanden ſie Zachary Hargrave und den andern Diener, beide im Reiſeanzug. „Iſt Alles aufgepackt, Hargrave?“ fragte Kapitäͤn Donovan. „Alles, bis auf Doktor Gamble's Effekten, Sir,“ gab der Mann mit Grinſen zur Antwort;„mit ihnen mochte ich nichts zu ſchaffen haben.“ „Ganz recht,“ ſagte Kapitän Donovan;„beſtelle die Pferde und bringe die Rechnung“— und ins Wohnzimmer vorangehend, fuhr er fort:„Sir Theodor, ich beabſichtige Euch nach Warwickſhire mitzunehmen. Habt Ihr noch ir⸗ gend welche Vorbereitungen zu machen, ſo thut es jetzt, da wir in einer Viertelſtunde aufbrechen.“ Der junge Mann ſtarrte ihn an, verließ aber das Zim⸗ mer nach kurzem Kampfe mit ſich ſelbſt, ohne eine Antwort zu geben. 1 663³ „Und nun, Doktor Gamble, ein paar Worte, aber auch nur ein paar Worte mit Euch.“ „Ganz zu Euren Dienſten, Kapitän,“ erwiederte der Hofmeiſter in möglichſt unbefangenem Tone. „Wohlan, Sir, Ihr müßt wohl einſehen, daß Ihr nach dem was vorgefallen, unmöͤglich länger bei Sir Theodor Broughton bleiben dürft.“ „Vermuthlich weil ich Eure Weiſungen befolgte, Sir,“ gab Gamble mit ſarkaſtiſchem Lächeln zur Antwort;„Ihr ſagtet mir, ich ſoll ihn das Leben ein Bischen ſehen laſſen und das habe ich gethan.“ „Nur etwas zu viel, Sir,“ verſetzte Kapitän Donovan; „was ich aber auch in dieſer Hinſicht bemerkte, ſo habe ich Euch keinenfalls geſagt, daß ich einen Knaben von noch nicht zwanzig Jahren verheirathet wünſche, und könnt Ihr läug⸗ nen, Sir, daß Ihr dieſe Heirath entworfen und angerathen?“ „Eine Scheinheirath— eine Scheinheirath, Kapitän,“ entgegnete Gamble mit der vollkommenſten Zuverſicht; „weiter habe ich nie etwas gerathen oder vorgeſchlagen, und das, meine ich, hätte Euch und ihm und mir gleich gut ge⸗ dient. Erſt als er fand, daß das Mädchen ſo ſorgfältig be⸗ wacht und bevormundet war, daß eine Scheinheirath unaus⸗ führbar wurde, da war er es ſelbſt, der ſich gegen alle meine Einwürfe und Vorſtellungen zu einer wirklichen entſchloß. Vor drei bis vier Tagen ging ich mit ihm nach Barnet und mir war zu Muth, als ob ich ſtatt ſeiner meinen Nacken in ein Halfter zu ſtecken hätte. Was habt Ihr übrigens gegen die junge Dame einzuwenden? Sie wird enorm reich, 664 iſt von ſehr guter Familie, und ich ſtehe dafür, die ganze Welt wird es als eine ſehr paſſende Parthie betrachten, und wird mir— falls das Arrangement mir zugeſchrieben wird— weit mehr savoir faire einräumen, als mir wirk⸗ lich gebührt.“ Des Hofmeiſters Rede enthielt zwei bis drei Anſpielun⸗ gen, welche dem Kapitän keineswegs gefielen. Er empfand eine gewiſſe unbeſtimmte Furcht vor ſeinem Werkzeug, war aber zu gleicher Zeit vollkommen entſchloſſen, ſeinen jungen Mündel von dieſem Menſchen zu trennen und gab in gleich⸗ gültigem Tone zur Antwort: „Das Alles mag ganz richtig ſeyn, Doktor Gamble, und die Welt mag Euch preiſen und mich tadeln, wenn's ihr beliebt. Ihr ſolltet, denk ich, gelernt haben, daß ich gegen die Anſichten Anderer über mein Benehmen völlig gleich⸗ gültig bin. Eines aber wird Niemand leugnen, daß es nämlich Eure Pflicht war, eine ſolche Geſchichte nicht ein⸗ zufädeln, ohne es mir mitzutheilen und meine Genehmigung einzuholen. Deßhalb hat Eure Aufſicht über Sir Theodor ein Ende. Noch iſt eine ziemlich lange Rechnung zwiſchen uns abzumachen, da ich Euch mit einer bedeutenden Geld⸗ ſumme verſah. Ihr werdet ſo gut ſeyn, meinen Agenten, mit denen Ihr ſchon früher Geſchäfte hattet, eine Ausein⸗ anderſetzung Eurer Ausgaben zu übermachen.“ „Meinerſeits möchte ich Euch noch um mein halbjähri⸗ ges Salair bemühen, Kapitän,“ erinnerte der Hofmeiſter ohne zu erröthen;„die Rechnung will ich mit meiner ge⸗ wohnten Pünktlichkeit abſchließen. Was die große Geld⸗ 665 ſumme betrifft, deren Ihr erwäͤhntet,— die iſt fort bis auf ſieben Pfund, drei Schillinge und ſechs Groſchen. Ich habe Belege für alle meine Auslagen: das Geld iſt nicht in Rauch aufgegangen, aber gleichwie die beiden Katheten eines rechtwinkligen Dreiecks immer mehr als die Hypothe⸗ nuſe betragen, ſo brauchen auch zwei Perſonen mehr als eine, beſonders wenn man ſich etwas vom Leben beſieht, wie Ihr es ganz paſſend und ausdrucksvoll genannt habt.“ Kapitän Donovan betrachtete ihn mit einer Miene, als hätte er nicht übel Luſt ihn zu Boden zu ſchlagen; da er jedoch fühlte, daß dies gefährlich ſeyn dürfte, ſo begnügte er ſich mit der Antwort: „Ich fürchte, Sir, Ihr habt ihn zu viel vom Gelde wie vom Leben ſehen laſſen. Reicht mir übrigens Dinte und Feder und Ihr ſollt einen Wechſel auf die verlangte Summe haben. Die Nachweiſung Eurer Ausgaben muß, wie geſagt, eingereicht werden, denn ich habe ſpäter Rechen⸗ ſchaft hierüber abzulegen; vergeßt dabei nicht, daß die Prü⸗ fung der Rechnung je nach Umſtänden ſtreng oder milde vorgenommen wird.“ Feder und Dinte wurde herbeigeſchafft, der Wechſel geſchrieben und ein bedeutungsvoller Blick zwiſchen beiden CEhrenmännern ausgetauſcht, noch ehe Sir Theodor Brough⸗ ton zurückkehrte. Dann gab es noch einige Rechnungen zu bezahlen und ſonſt noch Mehreres abzumachen, bis endlich Donovan ſeinen Mündel mit ceremoniöſer Miene einlud, ihm an den Wagen voranzugehen. Sir Theodor empfand bitter, was es heißt, gezwungen —— —— 666 zu handeln, und nahm ſich vielleicht vor, ſich einſtens dafur zu rächen; für jetzt diente ſein Abſcheu vor dem Vormund wenigſtens dazu, wenn auch nicht Achtung, doch wenigſtens ein Gefühl der Kameradſchaft gegen ſeinen Hofmeiſter in ihm zu erwecken: er ging auf ihn zu, ſchüttelte ihm die Hand und ſagte leiſe: „Schreibt mir, Doktor.— Ich werde vermuthlich kein Staatsgefangener ſeyn und meine eigenen Briefe leſen dür⸗ fen. Behaltet Käthchen wohl im Auge und theilt mir Alles, was ſie betrifft, mit, beſonders wenn von ihrer Ver⸗ mählung geſprochen werden ſollte. Für jetzt werde ich mich wohl beſſer unterwerfen; es bedarf jedoch nur eines gering⸗ fügigen Beweggrunds, um mich zum Zerbrechen meiner Feſſeln zu beſtimmen. Wohin ſoll ich Euch ſchreiben?“ „Meiner Treu! mein theurer Theodor, das iſt eine ſchwierige Frage,“ erwiederte Gamble;„ich bin gleich Mil⸗ tons Adam— die ganze Welt ſteht vor mir offen.“ Adreſ⸗ ſirt nur an das Poſtbüreau Charingeroß; das iſt ſo gut wie jedes Andere.— Ich hoffe, Kapitän Donovan, wenn ich eine neue Stelle ſuche, wird Eure Empfehlung mir nicht verſagt werden?“ „Ich werde gewiß nicht ermangeln, Euren Verdienſten Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen,“ entgegnete Donovan mit dem ihm eigenthümlichen ſpöttiſchen Lächeln.„Guten Morgen, Doktor Gamble“— indem er mit ſeinem Mündel an den Wagen hinabging. Unterwegs wurde nirgends angehalten: Donovan reiste die ganze Nacht durch, und am folgenden Tage befand 667 ſich Sir Theodor Broughton in der alten Halle ſeiner Vor⸗ fahren. Wie trüb und düſter kam ihm Alles vor— wie ganz anders, als es ihm früher geſchienen hatte! Während der Reiſe war nur ſehr wenig zwiſchen ihm und ſeinem Vor⸗ mund geſprochen worden, und der junge Mann dachte ſich, daſſelbe kalte finſtere Weſen werde jetzt fortdauern und Do⸗ novan, mißvergnügt über Alles, was zu London vorgefallen, werde die ziemlich tyranniſche Herrſchaft, die er früher über ihn ausgeübt, auch jetzt wieder geltend machen. Darin irrte er ſich. Das Mittageſſen wurde zur ge⸗ wohnten Stunde aufgetragen; der Wein eireulirte mit Maßen; die Unterhaltung war zwar einfilbig, aber doch nicht durchaus ernſthaft, und Kapitän Donovan begann end⸗ lich, nachdem er ſich ſein eigenes Glas gefüllt und die Flaſche ſeinem Mündel zugeſchoben hatte: „Nun denn, Sir Theodor, um allen Mißverſtändniſſen vorzubeugen, halte ich für beſſer, Euch gleich jetzt die Art und Weiſe anzudeuten, wie ich während der Zeit, die Ihr noch unter meiner Vormundſchaft verharrt, mit Euch zu leben verhoffe. Ich bin— wie Ihr wohl ſehen werdet— mit dem, was zu London vorging, keineswegs zufrieden, und darum entſchloſſen, Euch bis zu Eurer Volljährigkeit hier unter meinen eigenen Augen zu behalten. Ihr habt Eure Geſundheit angegriffen, Eurem Rufe keinenfalls genützt, und könnt in gewiſſem Grade ſogar Eurer Moral— doch hoffe ich, nicht allzuviel— geſchadet haben. Dieſe Reſul⸗ tate ſah ich zum Theil voraus; allein thörichte, anmaßende Leute beliebten mein Verfahren, Euch auf dem Lande zu 668 behalten, zu tadeln, und da ich nicht hartnaͤckig an meinen eigenen Anſichten feſthalten mochte, ſo erlaubte ich Euch einen Verſuch zu machen, welcher ganz ſo geendet hat, wie ich es erwarten konnte. Ich beabſichtige übrigens keines⸗ wegs, Euch als Knaben zu behandeln, nachdem Ihr als Mann aufgetreten, und ich werde Eure Handlungen in klei⸗ neren Dingen weder überwachen, noch Euch hierin zu be⸗ ſchränken ſuchen. Nur in Dingen von wirklicher Wichtig⸗ keit werde ich mich einmiſchen, aber dann erwarte ich auch meine Autorität beachtet zu ſehen. Ihr habt Freude am Schießen, am Jagen und Fiſchen: die Jahreszeiten für dieſe Vergnügungen folgen ſich raſch auf einander und ich habe nichts dagegen, wenn Ihr Euch die Einſamkeit des Landlebens, ſo viel Ihr nur wollt zu erheitern ſucht. Schwärmet wohin Ihr wollt, bis auf zwanzig oder dreißig Meilen in der Runde; bringt Gäſte mit, ganz nach Eurem Belieben, und ſucht Euch zu amüſiren und durch Klugheit und Mäßigung Eure Geſundheit wieder zu erlangen. Ich will weder die Rolle eines Tyrannen ſpielen, noch auch die nöthige Autorität, welche ich ausüben muß, in einer für Euch ſchmerzlichen Weiſe vor fremden Augen hervortreten laſſen, und es ſteht ganz bei Euch, wenn dies niemals ge⸗ ſchehen ſoll. Ich werde mirs zur Aufgabe machen, mich ſo wenig wie moͤglich einzumiſchen; wenn es übrigens— und wäre es auch nur mit einem leichten Winke— geſchieht, ſo ſeyd überzeugt, daß ich es mit voller Ueberlegung und mit unerſchüͤtterlicher Entſchloſſenheit thue: dann fügt Euch mit guter Miene, und Niemand wird merken, daß ich über⸗ 669 haupt ein Wort drein ſpreche. Sogar dieſer Zwang wird bald vorüber ſeyn, und wir müſſen nur trachten, die Zwi⸗ ſchenzeit uns Beiden ſo angenehm wie möglich zu machen.“ Das lautete weit beſſer, als Sir Theodor Broughton es erwartet hatte, und er begann alsbald das Maß ſeiner Freiheit auf die Probe zu ſtellen. Die Jagden und ländli⸗ chen Ausflüge, denen er ſich von jeher mit Leidenſchaft hin⸗ gegeben hatte, vermehrte er noch mit manchen Laſtern und üblen Gewohnheiten, wie er ſie zu London angenommen, und zwar in einer Weiſe, daß es ſeinem Vormund nothwen⸗ dig zu Ohren kommen mußte. Kapitän Donovan nahm keine Notiz davon: Sir Theodor blieb ganze Nächte aus— dies erregte weder Nachforſchungen noch Bemerkungen; er brachte lockere lärmende Geſellſchafter mit— Käpitän Do⸗ novan äußerte keine Spur von Mißvergnügen, ſondern zog ſich nur zur gewohnten Stunde von der Tafel zurück und ließ die übrige Geſellſchaft nach Belieben gewähren. Ueberhaupt ſchienen die Gewohnheiten dieſes Gentle⸗ mans ſich weſentlich verändert zu haben. Er war zwar oft mehrere Tage von Haus abweſend; wenn er aber da war, ſo ſtudirte er emſig und war oft ſtundenlang in ſeinem Zim⸗ mer eingeſchloſſen, mit der Lektüre merkwürdiger alter Bü⸗ cher und allerhand chemiſchen Erperimenten beſchäftigt. So verſtrich beinahe ein Jahr und der Sommer war wiedergekehrt, als die Ereigniſſe, die wir im folgenden Ka⸗ pitel erzählen werden, ſtattfanden, indem wir nur noch vor⸗ ausſchicken, daß Donovan eine ganze Woche abweſend und auch Sir Theodor während dieſer Zeit drei volle Tage in - 670 ſeinem Hauſe unſichtbar geweſen war, obwohl er weder Diener noch Gepäck mit ſich genommen hatte. Bei ſeiner Rückkehr ſchien er krank und abgemattet, und ſchickte nach dem Apotheker der benachbarten Stadt. Noch am ſelben Abend brachte man ihm etwas Medizin, die er aber nicht einnahm, und nachdem er ſich erkundigt, ob Kapitän Dono⸗ van etwas von ſich habe hören oder ſehen laſſen, hatte er etwas mehr Wein als vielleicht gut war, zu ſich genommen und ſich zu Bette begeben. Fünfundvierzigſtes Kapitel. In einem kleinen Stübchen, das trotz der geöffneten Fenſter zum Erſticken heiß war, ſaß Kapitän Donovan mit einem ältlichen, und in Anbetracht des vorgerückten Tages höchſt ſonderbar gekleideten Manne; er hätte nämlich einen alten abgetragenen ſehr ſchmutzigen Schlafrock an, das un⸗ gepuderte graue Haar war mit einem unſauberen ſchwarzen Bande nach hinten geknüpft, an den Füßen trug er Schlapp⸗ ſchuhe, und die grauen Strümpfe, die ſeine Beine bedeckten, ſchlotterten in großen Falten unter den ungeknöpften Knie⸗ bändern ſeiner wollenen Hoſen. Seine Augen waren hell und ſcharf; aber ein gewiſſer wilder Blick der Zerſtreuung zeugte kaum von völliger Geiſtesgeſundheit. Das Stüb⸗ chen enthielt faſt kein anderes Geräthe als Bücherbretter, Schmelzöfen, Deſtillirkolben, Retorten und Tigel, und wäh⸗ rend Donovan in einem alten Buche blätterte, war der An⸗ 671 dere, anſcheinend der Herr des Hauſes, mit drei kleinen Schmelzöfen beſchäftigt. „Ihr werdet Euch noch umbringen, Amos, wenn Ihr alſo fortfahrt,“ bemerkte Donovan aufſchauend.„Ich kann mir nicht denken, wozu ein Mann von hinreichendem Ver⸗ mögen, wie Ihr, ſich auf dieſe Weiſe zu Tode laborirt, wenn nicht etwa, um an das glückliche Ziel, Euch ſelbſt aus der Welt zu befördern, zu gelangen.“ „Nein, nein,“ gab der Andere lachend zur Antwort; „wenn ich das wollte, ſo würde ich das Kirſchlorbeerwaſſer gebrauchen, wovon wir vor einiger Zeit ſprachen. Es iſt das ſchnellſte, ruhigſte und behaglichſte Todesmittel auf der Welt, und die Leute hätten zudem keine Veranlaſſung, mir einen Pfahl ins Fleiſch zu bohren, da es keine Spuren hin⸗ terläßt. Habt Ihr gefunden, was Ihr wollt? Steht es nicht unter den Eſſenzen, ſo ſucht es im Inder unter dem Worte Rosmarin. Andere nennen es vielleicht Rosmarin⸗ waſſer, dann werdet Ihrs gleich hinter dem Kirſchlorbeer⸗ trank finden. Ich will es Euch ſuchen.“ „Ich habs ſchon, ich habs ſchon,“ rief Donovan haſtig einige Seiten überſchlagend.„Ich wünſchte, Ihr liehet mir dieſes Buch, Amos.“ „Ci freilich,“ erwiederte der Andere,„obwohl Ihr nur ein Dilletant in der Wiſſenſchaft ſeyd. Steckts in die Taſche, aber vergeßt nicht es zurückzuſenden“— indem er ſich wieder nach ſeinem O Ofen wendete. „Wohlan, ich muß fort,“ bemerkte Kapitän Donovan: „ich kann es in dieſer hölliſchen Hitze nicht länger aushalten.“ 672 Der Andere lachte, und ſie ſchieden. Nachdem ſich Donovan in den Gaſthof des Städtchens, wo dieſe Scene ſtattfand, verfügt hatte, ſtieg er zu Pferde und ritt in raſchem Schritte davon, ohne ſonderliche Auf⸗ merkſamkeit auf ſein Pferd zu verwenden, da er mit über⸗ wältigenden Gedanken beſchäftigt ſchien, ſo daß ſein Renner mehrere Male ſtolperte und faſt zu Boden fiel. Zwei bis dreimal hörte man ihn auch im Weiterreiten murmeln: „In zwei Monden— ach ja, in zwei Monden—.“ So ritt er über fünfundzwanzig Meilen fort und er⸗ reichte endlich gegen drei Uhr Nachmittags Sir Theodor Broughtons Wohnung, wo er ſein Pferd an einen Diener abgab und ſich erkundigte, ob der junge Baronet zu Hauſe ſey. „Jetzt eben iſt er ausgegangen, Sir,“ gab der Mann zur Antwort;„geſtern aber kam er nach Hauſe, indem er, wie wir alle glaubten, ſehr übel ausſah.“ „Wirklich!“ bemerkte Donovan;„doch hoffentlich nicht ernſtlich krank?“ „O nein, Sir; heute iſt er ſchon beſſer, nur verzweifelt wunderlich.“ „Laßt mir Feuer in meinem kleinen Zimmer anmachen,“ befahl Donovan, ſich alsbald dorthin verfügend. Auf dem Tiſche lagen zwei Briefe; Kapitän Donovan nahm den einen, las ihn mit gleichgültiger Miene und warf ihn weg. Der andere, obwohl viel kürzer, ſchien doch weit wichtiger, denn ſein Auge haftete mit Spannung an dem⸗ ſelben, und ſeine Lippe zitterte. Die wenigen Worte, die er enthielt, lauteten folgendermaßen: 673 „Sir Harry Jarvis entbietet Kapitän Donovan ſeinen Gruß und beehrt ſich, ihn zu benachrichtigen, daß Sir Theo⸗ dor Broughton abermals zu Jarworth Park war, um ſeine Bewerbung um Miß Malcolms Hand zu erneuern. Sir Harry Jarvis wünſcht dringend, die Sache mit Kapitän Donovan zu beſprechen, da Sir Theodor behauptet, er werde in zwei Monaten volljährig, und Miß Malcolm trotz alles Zuredens ihrer Freunde, ja trotz ihrer eigenen ſtarken Ab⸗ neigung gegen dieſe Ehe ſich doch durch das ſo übereilt ge⸗ gebene Verſprechen gebunden zu erachten ſcheint. Sir Harry Jarvis würde Kapitän Donovan recht gerne beſu⸗ chen; allein der Zuſtand ſeiner Geſundheit erlaubt ihm keinen ſolchen Ausflug zu machen.“ Donovan hielt das Papier eine Weile regungslos in der Hand und ging dann einigemal im Zimmer auf und ab. „Er ſoll es haben,“ ſagte er endlich,„er ſoll es haben,“ indem er den Brief in Stücke riß und in's Kamin warf. Eine Magd trat in das Zimmer, um das Feuer anzuzünden. „Ich habe es während Eurer Abweſenheit nicht unter⸗ halten, Sir, weil es gar ſo heiß war,“ bemerkte ſie. „Mir kommt das Zimmer eiskalt vor, und Ihr dürft wohl einheizen,“ erwiederte Donovan.„Ich will einſtwei⸗ len im Sonnenſchein auf und abſpazieren, bis es geſchehen iſt; ich habe mich durch ſtarkes Reiten etwas überhitzt.“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer; ſtatt aber den Sonnenſchein aufzuſuchen, wandelte er durch die ſchattig⸗ ſten Parthien des Gartens und ging lange in einem Gange auf und nieder, der mit Büſchen von Kirſchlorbeer eingefaßt James. Th. Broughton. 674 war. Von Zeit zu Zeit brach er ein Blatt und ſteckte es in die Taſche, indem er ſich ſorgfältig umſchaute und ſeine Wanderung wieder aufnahm. Endlich kehrte er in das Haus und nach dem Stübchen zurück, das er ſich als Studirzimmer zugeeignet hatte. Nachdem er die Thüre hinter ſich abgeſchloſſen, nahm er von dem Geſims neben dem Feuer einen kleinen tragbaren Deſtillirkolben, warf die Blätter darein, goß etwas Waſſer zu, und ſtellte es ſorgfältig über die Flamme. „Erſt nachdem dies geſchehen war, ſchien er von einer unbeſchreiblichen Erſchütterung ergriffen. Er zitterte heftig, warf ſich auf einen Stuhl, preßte die Hände vor die Augen und öffnete die Weſte, wie wenn es ihm an Luft gebräche. Nach einiger Zeit wurde er etwas ruhiger.„Ich brauche es ja nicht anzuwenden, wenn es fertig iſt,“ ſagte er;„das Bereiten ſelbſt kann doch nichts ſchaden.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und verließ das Zim⸗ mer, den Kolben über dem Feuer laſſend und die Thüre hin⸗ ter ſich zuriegelnd. Während er über die große Halle nach dem Wohnzimmer ging, trat Sir Theodor ein. Donovan ging ſogleich auf ihn zu, ſchüttelte ihm die Hand und ſagte: „Ich höre von den Dienern, daß Ihr nicht wohl ge⸗ weſen ſeyd, und Ihr ſeht auch gar nicht geſund aus. Ihr müßt Euch in der That in Acht nehmen, mein theurer Theo⸗ dor, ſonſt könntet Ihr Eurer von Natur ſtarken Konſtitution ernſtlichen Schaden zufügen.“ 4 „Pah, pah,“ meinte der junge Baronet;„ich werde bald beſſer ſeyn.“ 675 „Habt Ihr die Medizin genommen, die der Doktor ſchickte,“ fragte Kapitän Donovan. „Nein; das Zeug war zu widerlich, ich konnte es nicht hinunterbringen,“ erwiederte der junge Mann;„heute aber hat er mir etwas Beſſeres geſchickt und das will ich morgen nehmen.“ „Auf Euer Wort?“ fragte Donovan lächelnd. „Auf mein Wort, ich will,“ verſicherte Sir Theodor la⸗ chend.„Mein Magen iſt nicht ganz in Ordnung— das iſt Alles; aber ich will es nehmen; ich hab' es zu dieſem Zwecke bereits auf das Kamin meiner Garderobe geſtellt.“ Sonſt fiel damals nichts vor. Sir Theodor ging ſei⸗ nen eigenen Weg und Kapitän Donovan kehrte auf ſein Zimmer zurück, wo aber die frühere Aufregung ihn abermals zu ergreifen ſchien. Einmal nahm er die Retorte vom Feuer, ſtellte ſie aber wieder darauf und ging dann faſt eine halbe Stunde auf und nieder. Endlich prüfte er den Recipienten, in welchem ſich etwas mehr als ein Weinglas voll Flüſſig⸗ keit geſammelt hatte. 1 „Wohin ſoll ich's ſchütten?“ fragte er ſich ſelbſt.„ wollte ich hätte eine Flaſche.“ Nachdem er ſofort die Flüſſigkeit in einen Pokal gegoſ⸗ ſen, verließ er leiſe das Zimmer, guckte in die Bibliothek, wo Sir Theodor anſcheinend auf einem Sofa eingeſchlafen war und ſtieg die Treppe hinauf. Als Kapitän Donovan mit demſelben geräuſchloſen Schritte in ſein Studierzimmer zurückkehrte, fand er die Thüre weit offen und Zachary Har⸗ grave mit dem Pokale in der Hand vor dem Tiſche ſtehend. 43* 676 „Du haſt doch nicht davon getrunken?“ rief Donovan heftig, ihm das Gefäß aus der Hand reißend—„es könnte — mein Gott, es könnte—“ „Nein, nein, Sir,“ verſicherte der Mann,„ich habe nichts davon getrunken; ich hielt es für ſchmutziges Waſſer und wollte es eben fortnehmen.“ „Du darfſt in meinem Zimmer nie etwas anrühren,“ bemerkte Donovan ernſthaft;„Du weißt nicht, was es für Folgen haben könnte. Was willſt Du?“ „Hm, ich möchte Euch wegen Sir Theodor's ſprechen, Sir,“ erwiederte Hargrave. Donovan deutete nach der Thüre; der Mann machte ſie zu und fuhr alſo fort: „Er war heute Morgen furchtbar zornig auf mich, Sir, obwohl er, dem Himmel ſey Dank! keine Urſache dazu hatte. Ich habe nur in aller Demuth verſucht, ſein Gemüth der Gnade zu eröffnen, wegen—“ „Schon gut, es liegt nichts daran, was Du gethan haſt,“ rief Donovan ungeduldig;„erzähle mir nur, was er zu Dir ſagte.“ „Ach, Sir, er ſagte gar Vielerlei,“ erwiederte der An⸗ dere:„er ſchalt mich eine volle Stunde lang, beſchuldigte mich, daß ich ihn an Euch verrathe und ſagte, ſobald er voll⸗ jährig ſey, werde er mich nicht allein aus dem Hauſe jagen, ſondern mich auch für all' die kleinen Fehltritte beſtrafen⸗ wozu jeder Menſch durch ſein ſchwaches Fleiſch verlockt wird.“ „Bei meinem Leben— das ſieht ihm ähnlich,“ antwor⸗ tete Donovan.„Hätte ich die Mittel, Hargrave, ich würde 677 Dich beſchützen, ſo lange ich lebe, und was auch noch kom⸗ men möge— ich will für Dich thun, was ich kann, denn was Dir Sir Theodor als einen Fehler gegen ſich anrechnet, war nicht mehr als Deine Pflicht. Wann hat er das Alles geſagt?“ „Erſt vor ein paar Stunden, Sir, als ich die Medizin in ſeine Garderobe hinauf trug,“ erwiederte der Mann. „Verlaß mich jetzt, Hargrave,“ befahl Donovan;„es iſt nahezu Eſſenszeit. Ich will mir überlegen, was ich für Dich thun kann: wenn ich Herr hier wäre, dann hätteſt Du frei⸗ lich eine andere Ausſicht.“ Der Mann entfernte ſich, blieb aber, aus was immer für Gründen, dicht vor der Thüre ſtehen, indem er den Kopf ſo tief neigte, daß ſein Auge dem Schlüſſelloche ſehr nahe kam. Kurz darauf ſetzte ſich Kapitän Donovan mit Sir Theo⸗ dor zu Tiſche und ſchien dabei, wie gewöhnlich, ruhig und gefaßt. Der junge Mann trank abermals ſehr viel Wein, und ſeine Laune hob ſich in Folge dieſes Reizmittels. Sein Vormund machte ihm Vorſtellungen, keineswegs in herri⸗ ſchem Tone, indem er ihm bemerklich machte, daß er ſich we⸗ nigſtens auf ein paar Tage den Wein lieber verſagen möchte, bis er ſich wieder beſſer befände; die Diener waren jedoch eben im Zimmer und Sir Theodor, auf ſeine herannahende Emancipation pochend, erwiederte in ſcharfem Tone: „Ich werde trinken, ſo viel mir beliebt, Sir.“ „Sehr wohl— tödtet Euch, wenn Ihr wollt,“ verſetzte Donovan und verließ ihn kurz nach dem Eſſen, um in den Garten zu ſpazieren. Er war jetzt nicht mehr aufgeregt; 678 vielmehr ſchien ihn eine düſtere, finſtere Stimmung zu über⸗ ſchatten. Seine Augen waren zu Boden geheftet, ſeine Hände auf dem Rücken ineinander geſchlungen, und ſeine Lip⸗ pen murmelten von Zeit zu Zeit, als ob er über einer finſte⸗ ren Frage mit ſich beriethe.„Er oder ich,“ ſagte er und ging weiter. Dann blieb er ſtehen und murmelte:„wenn ich mir nur dieſe Feſſel vom Halſe ſchaffen könnte— ja, aber wie kann das geſchehen?“ worauf er ſeine Wanderung von Neuem antrat. . Es war beinahe dunkel, als er nach Hauſe zurückkehrte, und ſeine erſte Frage war nach Sir Theodor. „Er iſt mit dem Kutſcher und Brompton zum Fiſchfang ausgefahren, Sir,“ erwiederte der Laquai in der Halle. „Wie, ſo ſpät Abends!“ rief Donovan und fuhr nach einer Pauſe fort:„auf dieſe Art wird er ſich tödten, das iſt klar. Er iſt ſchon jetzt ſehr verändert und es würde mich nicht überraſchen, wenn ſein Tod in den nächſten Tagen ein⸗ träte.“ Mit dieſen Worten verfügte er ſich in das Wohnzimmer und beſtellte Kaffee. Dort blieb er bis zur Rückkehr des jungen Baronets, der übrigens nicht vor neun Uhr anlangte. Die Diener vernahmen einen lauten Wortwechſel zwiſchen Vormund und Mündel, und kurz darauf ging Sir Theodor in ſein Schlafzimmer und befahl ihm einen Becher Glühwein heraufzubringen. Er war offenbar nicht in der freundlichſten Laune und als Hargrave ihm das Verlangte brachte, fragte er, warum er ihm, in's Teufels Namen, immer vor die Au⸗ gen komme.— 679 „Sagte ich Dir nicht heute Morgen,“ rief der junge Gentleman,„Du ſeyeſt ein Spion und Angeber, ein Lügner und Dieb noch obendrein. Pack Dich auf der Stelle aus dem Zimmer.“ Der Mann ſah ihn mürriſch an, und ging brummend ſeines Wegs. „Keine Unverſchämtheit, Sir, oder ich werfe Euch die Treppe hinab!“ rief Sir Theodor heftig, und als Hargrave das Zimmer verließ, fuhr er fort:„Beim Himmel! wenn ich erſt volljährig bin, will ich dieſe Schufte was Anderes lehren.“ Kapitän Donovan blieb noch eine volle Stunde, nach⸗ dem ſein Mündel ihn verlaſſen hatte, und ging unaufhörlich im Wohnzimmer auf und ab. Dann näherte er ſich der Thüre ſeines Studierzimmers, ſchien ſich aber vor Letzterem zu fürchten und kehrte wieder in das frühere Gemach zuruck, wo er ſich am offenen Fenſter niederſetzte und den Sternen⸗ himmel betrachtete. Sie haben Stimmen— dieſe glänzenden Sterne, und ſprechen zu dem menſchlichen Herzen, wenn wir nur auf ihren Rath hören wollen— ſüßere, gewaltigere und wahrere Stimmen, als ihnen die Aſtrologen vor Alters zuſchrieben. Sie verkünden die Größe und Gegenwart der Gottheit, und üben ihre Macht, um die Leidenſchaften des Menſchen einzu⸗ ſchüchtern, wenn auch nicht zu ertödten; ja taub müßte das Ohr ſeyn, das ſie nicht vernehmen ſollte. Donovan betrachtete wie geſagt den Himmel, und was ihm auch im Kopfe umgehen mochte— die frühere Erſchüt⸗ terung erfaßte ihn von Neuem. „Was will ich thun?“ murmelte er, während er inmit⸗ 680 ten des großen, alten Zimmers ſtand—„was will ich thun?“ indem er wieder auf und niederging und in nervöſer Aufre⸗ gung mit dem Petſchaft an ſeiner Uhr ſpielte.„Nein, nein, nein!“ ſagte er endlich, plötzlich ſtehen bleibend, und indem er ſich ſcharf umwendete, zündete er eine Kerze an und ging gerades Wegs nach dem kleinen Stübchen, wo er den größten Theil des Nachmittags zugebracht hatte. Dort nahm er ein Fläſchchen vom Geſimſe, das noch nicht darauf geſtanden hatte, als Hargrave ihn in dem Zim⸗ mer allein ließ. Der Pokal auf dem Tiſche war leer; ſein Inhalt war jetzt in die Flaſche gefüllt. Er hielt ſie an's Licht, entkorkte ſie, um daran zu riechen, und ſtellte ſie dann wieder auf das Brett. Sofort ſäuberte er die Retorte von den Loorbeerblättern, warf ſie in's Feuer und wartete bis ſte von der Flamme verzehrt waren, worauf er aus einem Korbe in der Ecke etwas ungelöſchten Kalk nahm und den Kolben halb damit anfüllte. Nun wendete er ſich nach der Thüre — blieb ſtehen— ſchaute nach dem Fläſchchen, bis er aber⸗ mals„nein, nein,“ murmelnd davon eilte und ſich zu Bette legte. Eine halbe Stunde ſpäter war das Haus in tiefes Schweigen begraben; bald darauf ging aber die Thüre des kleinen Studierzimmers auf und eine Geſtalt mit einem Lichte in der Hant trat ein. Es war nicht Donovan, ſon⸗ dern Hargrave, der mit ſtillen leiſen Schritten auf den Socken daherſchlich. „Aha,“ ſagte er,„dort iſt die Flaſche! er hat es nicht gethan. Er moͤchte wohl, deſſen bin ich verſichert, aber er 681 ſcheut ſich. Wiſſen möcht, ich doch, ob jene Flüſſigkeit uͤber⸗ haupt Gift iſt; das will ich aber bald ſehen,“ indem er das Fläſchchen herabnahm und in die Küche trug. Dort brannte ein großes Feuer auf dem Herde, vor wel⸗ chem eine große Katze ſich wärmte und ihm beim Eintreten ſchnurrend entgegen kam, um ſich behaglich an ſeinen Beinen zu reiben. Er ſchaute ſich allenthalben um und fand endlich einen Krug mit etwas Milch; er goß eine Portion auf einen Teller, ſchüttete etwa einen Theelöffel voll von der Flüſſig⸗ keit aus der Flaſche und ſetzte der Katze dieſe Miſchung vor. Sie begann ſie haſtig einzuſchlürfen, hielt aber plötzlich inne. „Aha, es iſt wirklich Gift,“ murmelte Hargrave vor ſich hin;„man ſagt Katzen ſaufen kein Gift, nur die Hunde ſind ſo dumm.“ Im nächſten Augenblicke kehrte jedoch das Thier zu ſei⸗ nem Tranke zurück und hatte den Teller beinahe ganz geleert, als es plötzlich wie betrunken zurücktaumelte und dann mit dem Hintertheile wie geläͤhmt zuſammenſank. Gleich darauf fiel die Katze auf die Seite und nach einigen krampfhaften Zuckungen hatte ſie verendet. „Ho, Miezchen, du haſt glaub' ich genug,“ meinte der Mann grinſend;„ich laß mich hängen, wenn er nicht den Reſt haben ſoll. Halt, erſt muß ich uahler abwaſchen,“ worauf er ſich daran machte, Alles wiedlt in dieſelbe Ord⸗ nung zu ſtellen, wie er es angetroffen hatte. Jetzt ging es leiſe die Treppe hinauf. Oben im zwei⸗ ten Stock führte die erſte Thüre in Sir Theodor Broughtons Gardrobezimmer, das ſperrweit offen ſtand. 68² „Das nenne ich Glück!“ dachte der Schurke. Während er jedoch die Thüre weiter öffnete, krachte ſie in den Angeln und er fuhr zuſammen und wollte wieder die Treppe hinabeilen; da jedoch Alles ſtille blieb, ſo horchte er eine Weile und trat dann ein. Er ſchliech auf den Zehen bis an den Kamin, wo die erſt heute für Sir Theodor ange⸗ kommene Arzneiflaſche ſtand. Der Mann war jedoch vor⸗ ſichtig und prüfte die Flaſche genau: ſie war auf dieſelbe Weiſe wie die in ſeiner Hand bezeichnet, nämlich:„Trank für Sir Theodor Broughton— vor dem Frühſtück zu neh⸗ men.“ Aber die Farbe war ganz anders und den Kork zie⸗ hend, goß er etwas von der Medizin in die andere Flaſche bis ſie voll war. Die Giftflaſche trat nun an die Stelle der früheren und der Böſewicht ging fort; da er ſich jedoch erin⸗ nerte, daß am Morgen zwei Fläſchchen dageſtanden hatten, ſo näherte er ſich kopfſchüttelnd dem Schiebfache des Toilette⸗ tiſches, das er mit den Worten herauszog: „Er pflegte hier immer eine Anzahl zu haben.“ Was er ſuchte, war bald gefunden; er ſtellte eine zweite Flaſche neben die erſte und kroch leiſe aus dem Zimmer. Sein nächſter Weg führte abermals in die Küche, wo er das mit⸗ gebrachte Fläſchchen leerte und auswuſch und mit reinem Waſſer gefüllt in Kapitän Donovans Studirzimmer ſtellte. „Jetzt tan Miemand ſagen, daß ich ihn vergiftet habe,“ dachte Zachary Hargrave, während er ſich durch die mannig⸗ faltigen Gänge des Hauſes auf ſeine Dachkammer ſchlich. „Nimmt er es, ſo iſt es ſeine Schuld, nicht die meine, und wir ſind ihn dann los— die garſtige, junge Schlange!“ 683³ Unter ſo tröſtlichen Betrachtungen legte er ſich nieder und ſchlief ganz ruhig ein. Der Leſer darf ſich nicht darüber wundern, denn Keiner von uns wird ein Unrecht begehen, ohne daß er vor der Anklage ſeines Gewiſſens einen ſolchen Ausweg ſuchte, wenn er ihn auch nicht immer findet. Kapitän Donovan kam am folgenden Morgen frühzei⸗ tig zum Vorſchein und verlangte ſein Pferd, da er, wie er ſagte, vor dem Frühſtück auf eine Stunde ausreiten wollte. Gleich darauf hörte er Sir Theodors Glocke anziehen und fragte einen der Diener, ob er den jungen Baronet geſehen habe. „Noch nicht, Sir,“ erwiederte der Mann.„Ich hoffe, es wird heute Morgen beſſer mit ihm gehen.“ „Mir kommt es gar nicht vor, als ob er wohl auf wäre,“ erwiederte Kapitän Donovan.„Habt Ihr bemerkt, wie ſeine Farbe ſich verändert hat? Es würde mich gar nicht überraſchen, wenn er nicht mehr aufkäme.“ Mittlerweile war der Lakai in des jungen Baronets Zimmer hinaufgegangen und Kapitän Donovan ſchlenderte nach dem Stalle, um dort ſein Roß zu beſteigen. Schon hatte er einen Fuß im Steigbügel, als der Mann mit dem lauten Rufe herbeigelaufen kam: „Halt, halt, um's Himmelswillen, Siss Sir Theodor iſt ſehr krank.“— „Wo fehli's?“ fragte Donovan augenblicklich anhal⸗ tend.„Was iſt ihm?“ „Ich weiß nicht, Sir,“ verſetzte der Mann:„er ſchnappt nur mühſam nach Luft und hat Schaum vor dem Munde.“ 684 „Ein epileptiſcher Anfall vermuthlich,“ meinte Kapitän Donovan, nach dem Hauſe ſich wendend.„Ihr, Thomas, ſteigt zu Pferde und galoppirt nach dem Doktor“— und ohne ſich länger aufzuhalten drehte er um und eilte die Treppe hinauf. In des jungen Baronets Zimmer fand er zwei Mägde, die der Lakai in ſeiner erſten Angſt herbeigerufen hatte. „Ach Sir!“ riefen ſie Donovan entgegen,„der Trank, welchen Thomas ihm aus der Flaſche eingab, hat ihn getödtet.“ Donovan eilte haſtig an das Bett; aber da war nur noch eine Leiche zu gewahren. Die Augenlieder bewegten ſich noch ein wenig, und die Bruſt zuckte krampfhaft, aber der Geiſt war dahin.. „Laßt die Flaſche ſehen,“ rief Donovan, indem er ſie dem Mädchen aus der Hand nahm und am Geruch augen⸗ blicklich den Kirſchloorbeer erkannte. Eine tödtliche Eiſeskälte überlief ihn, und all' ſeine Ruhe und Faſſung war dahin in dieſem Augenblicke. Wie konnte das Gift hierhergekommen ſeyn? wer konnte es ihm gegeben haben? Sollte er es ſelbſt im Schlafe gethan ha⸗ ben? Tauſend ähnliche wirre Fragen drängten ſich ihm im nächſten Augenblicke auf. Das Bewußtſein ſeines eigenen Vorhabens sr den lähmenden Schrecken in ſeine Seele: alle Geiſtesgegenwart war verloren, er entrieß dem Mädchen die beiden Flaſchen, trat zu dem Waſchbecken, verſuchte die eine und wuſch ſie beide mit eigener Hand aus; dann eilte er auf ſein Studierzimmer, ohne den Mägden eine Wei⸗ ſung zu hinterlaſſen, ſchloß ſich dort ein und nahm das 685 Fläſchchen von dem Geſimſe. Anfänglich erheiterte ſich ſeine Miene, als er es betrachtete; als er es aber öffnete und das pure Waſſer verkoſtete, da faltete er ſeine Hände mit einem Blicke wilder Verzweiflung. Sechsundvierzigſtes Kapitel. Zu Jarworth Park herrſchte Sonnenſchein der verſchie⸗ denſten Art, denn der helle Sonnenglanz, der zu den Fenſtern des heiteren Wohnzimmers hereinbrach, war nicht wärmer und froher, als die Herzen der meiſten dort Verſammelten. Zwar ſchwebten einige Wolken am Himmel, und auch in der Bruſt von zwei bis drei der Anweſenden lebten noch Beſorg⸗ niſſe, weit düſterer, als die weichen Dünſte, welche über den Himmel zogen; doch ſuchten dieſe Betrübten ihre Trauer für den Augenblick abzuſchütteln, um den Willkomm der theuren Freunde zu verſüßen, welche mit nichts als ſonnigem Lächeln auf einer frohen Reiſe bei ihnen einſprachen. Mary Chevenir und Reginald Lisle, deſſen väterlicher Oheim am Tage nach ſeiner Mutter Tode geſtorben war und ihm Rang und Wohlſtand hinterlaſſen hatte, waren noch ei⸗ nige Zeit nach ihrer Vermählung zu London geblieben und beſuchten jetzt das Haus des freundlich geſinnten Sir Harry Jarvis, um Mariens Vater und Mutter daſelbſt zu treffen. Der gute alte Baronet, welcher immer darauf bedacht war, wie er Anderen Vergnügen machen konnte, hatte den Oberſt Brandrum mit ſeinem Wagen in London abholen laſſen. Louiſe Lisle kam mit Bruder und Schwäͤgerin, und ſo war 686 eine zahlreiche Geſellſchaft von Perſonen, jede in ihrer Weiſe liebenswürdig und ehrenwerth, unter einem Dache verſammelt. Sir Harry Jarvis ſelbſt war zwar noch etwas ſchwach, zeigte ſich aber voll Freundlichkeit und Frohſinn und ſorgte, ſo gut ſeine Gebrechlichkeit es geſtattete, für die Behaglich⸗ keit ſeiner Gäſte. Käthchen war diesmal nicht blos äußerlich fröhlich, denn ſie kannte keine Verſtellung; die Anſtrengung dehnte ſich weiter als blos über Lippe und Stirne, und ſie zwang ihr Herz, ſeine finſteren Erinnerungen und noch ſchwärzeren Ahnungen von ſich zu werfen und an dem Froh⸗ ſinn ihrer Freunde Theil zu nehmen. Der Mittagstiſch verſtrich ſehr munter; Sir Charles Chevenix war voll guter Laune und munterer Einfälle. Oberſt Brandrum erzählte manche Aneldoten aus dem india⸗ niſchen Krieg und verſicherte, wenn ſein gebrochenes Bein ihn nicht zum Dienſte untauglich machte, ſo würde er ſich als heißhungrige Krähe maskiren und zur Feier von Reginalds Vermählung den Kriegstanz aufführen. Lady Chevenix war jetzt ganz entzückt von ihrem Schwiegerſohne und voller Güte und Artigkeit; ſie begriff zwar Oberſt Brandrums Charak⸗ ter nicht im Mindeſten, erklärte ihn aber dennoch für höch⸗ lich amüſant. Louiſe, immer noch die bleiche, ſchwächliche Louiſe, fühlte ihr ſanftes Herz über ihres Bruders Glück vor Freude jubeln; Käthchen und Mary ſchauten ſich in die Au⸗ gen, und ſo oft ein trüber Gedanke kam, ſuchten ſie ihn eilig zu verbannen. Von Exceſſen war an des alten Baronets Tiſche nicht die Rede, und ſobald Brandrum und Sir Charles ihre ge⸗ 687 wohnte Portion Klaret zu ſich genommen, verſammelten ſich Herrn und Damen im Wohnzimmer. Der duftende Kaffee wurde ſervirt und Mary war eben zum Singen aufgefordert worden, als der alte Mundſchenk Dixon mit zwei Papieren in der Hand hereinkam, die er Sir Harry mit den Worten überreichte: „Jenkins, der Kutſcher aus Barnet, hat Euer Gnaden dieſe beiden Briefe aus London überbracht. In der Stadt ſoll's große Neuigkeiten geben und er dachte, die Zeitung würde Euch willkommen ſeyn.“ Sir Harry nahm die Papiere und verlangte nach ſeiner Brille, worauf er ſich alsbald an die außerordentliche Zei⸗ tung machte, indem er Oberſt Brandrum die Beilage mit der Bemerkung einhändigte: „Drollig iſt es doch, mein theurer Oberſt, daß der Appe⸗ tit nach den Neuigkeiten dieſer Welt in demſelben Maße ſteigt, als wir uns aus ihr entfernen.“ „Sehr wahr, Sir Harry, ſehr wahr,“ erwiederte der Oberſt:„wir Beide haben ſonſt faſt nichts zu unſerer Un⸗ terhaltung, während die Jungen und Mädchen da die Fülle von Freude genießen.“ Sir Harry ſetzte ſich unter einen Kronleuchter und las ernſthaft, aber mit offenbarer Befriedigung; plötzlich hielt er jedoch inne und hob ſeine Augen auf Käthchen, indem Oberſt Brandrum faſt im ſelben Augenblick das Nämliche that. Letzte⸗ rer war weit mehr, als der alte Baronet gewöhnt, ſeine Ge⸗ danken laut zu äußern, wobei manchmal auch eine unmuthige Erklärung mit unterlief. So geſchah es auch diesmal. 688 „Beim Teufel!“ platzte er heraus,„das iſt merkwürdig. Darauf hätte ich bei ihm geſchworen.“ „Pſt,“ rief Sir Harry leiſe.„Ich vermuthe, unſere Neuigkeit iſt die nämliche, mein theurer Sir.“ „Was denn?“ fragte Brandrum. „Die Einnahme von Charleston durch Sir Harry Clin⸗ ton,“ ſagte der alte Mann laut, da er Aller Augen auf ſich gerichtet ſah, indem er aber zu gleicher Zeit mit dem Finger auf eine Stelle der Zeitung deutete. Brandrum humpelte nach ſeinem Stuhle, guckte ihm über die Schulter und las an der bezeichneten Stelle folgende Worte in der Depeſche: „Ich kann nicht unterlaſſen, dem ausgezeichneten Beneh⸗ men des Oberſtlieutenant Lutwich bei allen Operationen vor und während dieſes Ereigniſſes mein höchſtes Lob zu ſpen⸗ den, da er ſeine Leute nicht nur trefflich zu führen und zu er⸗ muntern, ſondern auch unter höchſt gefahrvollen Umſtänden Ordnung und Disciplin aufrecht zu erhalten wußte. Obwohl in Arm und Knie verwundet, weigerte er ſich doch ſein Kom⸗ mando abzugeben, und leiſtete mir während des ganzen Ver⸗ laufes der Operation den tapferſten, wirkſamſten Beiſtand.“ „Das iſt ein Generalspatent werth,“ meinte Brandrum; „aber das iſt nicht meine Neuigkeit, Sir Harry. Sie iſt faſt ebenſo gut, nur höchſt ſchauderhaft. Da, nehmt das, es paßt beſſer für Euch, und gebt mir dieſes, was mehr für mich gemacht iſt, nur daß dieſe Kampfberichte meine Sehn⸗ ſucht von Neuem wecken.“ Mariens Geſang war hiedurch unterbrochen worden und 689 der allgemeine Ruf:„ei, laßt doch hören; behaltet nicht alle gute Neuigkeiten für Euch“— wurde unter der Geſellſchaft laut.. „Charleston iſt von Sir Harry Clinton eingenommen,“ wiederholte Jarvis das Zeitungsblatt betrachtend, welches Brandrum ihm in die Hand geſteckt hatte;„Charleston iſt, gerechter Himmel! ich hatte nichts von ſeinem Tode gehört!“ „Ich ebenſo wenig,“ meinte der Oberſt. „Weſſen Tode?“ fragte Lady Chevenirx. „Sir Theodor Broughton's,“ gab Oberſt Brandrum zur Antwort, und Käthchen fiel zu Boden, als ob er ſie er⸗ ſchoſſen hätte. Dies veranlaßte natürlich große Verwirrung und waͤh⸗ rend man das arme Mädchen zum Bewußtſein zurückzubrin⸗ gen ſuchte, ſchalten Herren und Damen den alten Offizier wegen ſeiner Unvorſichtigkeit, was er jedoch mit großer Milde und Seelenſtärke ertrug. „i, meine Lieben,“ ſagte er zu Mary und Louiſe,„ich hätte ihr ſchlimmere Neuigkeiten berichten können, obwohl man allerdings bedauern muß, daß ein junger Thor, wie die⸗ ſer, mitten in einer Laufbahn der Verderbniß und Verrucht⸗ heit abgerufen wurde, ohne Zeit zur Beſſerung und Süh⸗ nung gehabt zu haben. Im Ganzen glaube ich, daß meine Erzählungsweiſe die beſte war— ſo iſt die Sache ein für allemal abgemacht. Sie kommt jedoch ſchon wieder zu ſich. Ihr engliſchen Mädchen ſeyd liebe Geſchöpfe, aber gar ſchwach und empfindſam. Hätte ich einer der reizenden James. Th. Broughton. 44 690 Squaws eine ſolche Neuigkeit mitgetheilt— die wäre auf⸗ geſprungen und hätte den Kriegsruf angeſtimmt.“ Käthchen erholte ſich raſch und wurde von Marien und Louiſen auf ihr Zimmer geführt. Sir Harry wollte ſich nicht zufrieden geben, ohne ſie zu begleiten, indem er ſie mit all ſeiner Herzensgüte und Sanftmuth auf's zärtlichſte zu beruhigen ſuchte. Die Regungen in des armen Mädchens Bruſt waren ſehr gemiſchter Art, fanden aber endlich Erleichterung in Thränen, und nachdem die beiden Andern fort waren, erwie⸗ derte ſie ihrem alten Oheim auf ſeine Beſorgniſſe: „Mir wird bald beſſer, mein theurer Onkel. Ich muß dieſe Nachricht wohl als eine Erleichterung betrachten, und doch bin ich faſt zornig auf mich, daß ich ſie alſo anſehe. Es iſt in der That ſchrecklich, an den Tod dieſes jungen Mannes zu denken und zu wiſſen, daß er ſo wenig darauf vorbereitet warz; ich hoffe jedoch, daß ſeine unbeſonnene Bewerbung um mich— wohl dürfte ich's eine Verfolgung nennen— an die⸗ ſem fatalen Ausgange keinen Antheil gehabt habt.“ „Nein, nein, theures Kind, nein,“ erwiederte Sir Harry in ſehr traurigem Tone;„ich fürchte, daß ſich noch eine ſchau⸗ derhafte Geſchichte daraus entwickeln wird. Alles, was wir bis jetzt wiſſen iſt, daß der Verdacht einer Vergiftung vor⸗ liegt und daß ſein Vormund, Kapitän Donovan, feſtge⸗ nommen wurde.“ Er ſah, daß Käͤthchen ſehr ſchmerzlich berührt war, und ſchwieg. Endlich fuhr er fort: „Ohne uns im Geringſten über den Tod dieſes Unglück⸗ — 33 691 lichen zu freuen, dürfen wir doch mit Recht Gott danken, mein theures Mädchen, daß er Dich, ohne einen Schritt von Dei⸗ ner Seite, den ſogar Dein nur allzu ſkrupulöſes Herz als Deiner unwürdig betrachten könnte, von einer ſo traurigen, Unheil verkündenden Verbindung erlöst hat. Du biſt jetzt frei, mein Käthchen.“ „Um den Reſt meines Lebens Euch, mein theurer Oheim, zu widmen,“ erwiederte Käthchen, ihm mit tiefer Liebe in's Geſicht ſchauend. „Nein, nein— nicht ganz ſo,“ meinte Sir Harry lä⸗ chelnd;„Du biſt zu einem glücklicheren Looſe beſtimmt, meine Liebe.“ Käthchen ſchüttelte traurig das Haupt, und der alte Mann fuhr fort: „Ein Mann, der Deiner Liebe würdig iſt, kann ſie ge⸗ winnen und Deine Hand von mir verlangen.“ „Nein— nein,“ murmelten ihre Lippen langſam, wäh⸗ rend ſie mit thränenden Blicken zu Boden ſchaute. „Nun wohl, laß uns von heitereren Dingen reden,“ be⸗ gann Sir Harry von Neuem, um ihr jeglichen oder doch we⸗ nigſtens einigen Troſt zu gewähren.„Ich habe eine Nach⸗ richt freudigerer, ungetrübterer Art für Dich, meine Liebe. In Sir Harry Clintons letzter Depeſche über den amerikani⸗ ſchen Feldzug iſt der Name unſeres Freundes Oberſt Lutwich mit dem höchſten Lobe erwähnt— einem Lobe, das nicht nur ſeiner Tapferkeit und militäriſchen Geſchicklichkeit, ſondern zugleich ſeinem ganzen Benehmen gilt. Ich habe ſchon manches Jahr gelebt, mein Kind, und meines Wiſſens noch 44* 692 nie gehört, daß ein Krieger bei ſeinem kommandirenden Offi⸗ zier hoͤhere Anerkennung gefunden hätte.“ Seit Käthchen unter ſeinem Dache wohnte, war dies das erſtemal, daß er Lutwichs Namen vor ihr nannte, und ſie ſchaute ihm mit forſchendem Blicke in's Geſicht. Sir Harry ſpielte eine Weile mit ſeinem Petſchaft und fragte dann, ſeine Augen auf ſie richtend: „Sag' mir einmal, Käthchen, biſt Du wirklich entſchloſ⸗ ſen Dich nie zu vermählen?“ „Nie, wenn ich mich deßhalb von Euch trennen müßte,“ verſicherte Käthchen, ihre Hand auf die ſeine legend,„und nie— niemals ohne Eure Zuſtimmung.“ Der alte Mann ſchlang ſeine Arme um ſie und küßte ſie zartlich.— „Mein theures Käthchen!“ rief er,„jetzt ſage mir auch offenherzig, wie Du immer biſt— liebſt Du Lutwich? Käthchen lehnte ihr Geſicht an ſeine Schulter und er⸗ wiederte leiſe: „Ich habe ihn ſo innig geliebt, daß ich mehr als das Leben— daß ich das Glück eines ganzen Lebens für ihn auf⸗ opfern wollte— ich liebe ihn noch immer, um daſſelbe Opfer, wenn es nöthig wäre, zu wiederholen, aber nicht um Euch ungehorſam zu ſeyn oder irgend etwas zu begehen, was Unrecht wäre.“ 1 „Meine Zuſtimmung ſoll Deinem Glücke nie verſagt werden, meine Liebe,“ verſicherte Sir Harry, ſie an ſein Herz drückend.„Wir wollen denken, meine Theure, Lutwich ſey in früheren Jahren toll geweſen und ſeine heißblütige — 693 Jugend habe ihn bei vielen ſeiner Handlungen zum Wahn⸗ ſinn getrieben: wir wollen hoffen, daß er jetzt wieder er ſel⸗ ber iſt, und wenn er ſich auch ferner als ſolchen bewährt, ſo ſoll ihm ſein Lohn nicht entgehen, wenn ich ihn verleihen kann.“ „Gegen mich hatte er nie einen Fehl!“ erwiederte Käthchen,„und während Andere mich verfolgten, hat er mich edelmüthig beſchützt. O mein theurer Oheim, ich kann jene Nacht nie vergeſſen, die ich in ſeinem Hauſe zubrachte— die Güte, das edle Benehmen, die ehrerbietige Zärtlichkeit, die Beachtung jedes meiner Gefühle, die er damals entfaltete. Andere mögen ihn nennen, wie ſie wollen: gegen mich war er immer großmüthig, edel und gütig.“ „Genug, genug, mein Käthchen,“ ſagte der alte Baro⸗ net;„Du haſt genug geſagt, um mein Verfahren zu beſtim⸗ men. Trockne jetzt Deine Thränen, Kind, und komm bald wieder zu uns.“ Ich weiß nicht, ob der Leſer von den Perſonen dieſer Erzählung noch Weiteres zu erfahren wünſcht oder nicht. Damit er es jedoch nicht wünſche oder falls er es thut, nicht getäuſcht werde, will ich noch wenige Worte beifügen. Sir Harry Jarvis war den ganzen nächſten Morgen mit Schreiben beſchäftigt und ſein ſehr langer Brief ging nach Amerika. Etwa neun Monate ſpäter lag Käthchen in jenem nämlichen freundlichen Wohnzimmer in Lutwichs Armen, und von ſeinem früheren Leben tauchte nie wieder etwas auf, was ihre Ruhe ſtörte. Die Geliebte hatte nicht ſeine Natur, 694 wohl aber ſein Benehmen verändert: ihre Liebe hatte ihn auf den einzigen Pfad zum wahren Glücke geführt und er ſuchte die Gegenwart ſo glücklich für ſie zu geſtalten, wie ſie ſeine Zukunft beſeligt hatte. Ob Reginald Lisle und Mary Chevenir glücklich wur⸗ den, wird gewiß Niemand fragen. Louiſe gab eine der liebenswürdigſten alten Jungfern, die man nur ſehen konnte, und ſie wäre ganz ohne Fehler ge⸗ weſen, wenn ſie nicht ein Heer von Neffen und Nichten ver⸗ zogen hätte. Doktor Gamble ſtarb im Fleetgefängniſſe. Oberſt Brandrum lebte noch lange, um ſeine indiani⸗ ſchen Kriegsgeſchichten zu erzählen, und auch Sir Harry Jar⸗ vis erreichte die äußerſte Grenze des Alters, denn bei Beiden übte ein hochſinniges, reines Herz ſeinen balſamirenden Ein⸗ fluß, der ſogar die zerbrechliche Körperhülle lange vor dem Andrange der Zeit bewahrte. Noch haben wir von einem Anderen zu reden, und lei⸗ der nimmt die Erzählung einen traurigen Ausgang! Kapitän Donovan, der beabſichtigten Schuld ſich be⸗ wußt, ließ ſich nach dem Tode ſeines Mündels zu ſo zweifel⸗ haftem Benehmen verleiten, daß der Verdacht ſich bald auf ihn lenkte. Er wurde von einem Richter verhört, welcher hart wider ihn reſümirte, worauf er unter Indicien, welche heut zu Tage nicht als beweiskräftig erkannt würden, verur⸗ theilt und wegen eines Verbrechens, mit dem er zwar umge⸗ gangen, das er aber nicht begangen hatte, hingerichtet wurde, indem er bis zum letzten Augenblicke ſeine Unſchuld betheuerte. 695 Es iſt nicht meine Paſſion, bei peinlichen Scenen zu ver⸗ weilen. Ich habe genug von ſeinem Schickſale geſagt und die Erzäͤhlung iſt zu E A. — 5 ð 85 4 5 ☛ 2 2 8 4 2 8 e5 2 5 * E &