Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:—. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —xq————— auf 1 Monat: 1 Nt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5„„ 1 5 n 7„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In der Nähe von Woreeſter auf dem Gipfel eines nicht ſehr hohen Hügels ſtand ein altes Haus, nicht Edelſitz, noch Pächterwohnung, noch Hütte: der Himmel weiß, was es in früheren Jahren geweſen ſeyn mochte; im Jahre des Herrn 1651 war es nichts weiter als ein Backſteingebäude von mäßiger Größe mit altem Getäfel, zerbrochenen Fenſtern und angelloſen Thüren, dabei von ungleicher Höhe, indem ein Theil beträchtlich über das Uebrige emporragte. In dem oberen Gemache dieſes höheren Theiles waren die Blicke mehrerer Zuſchauer auf die ausnehmend ſchöne Scene außerhalb gerichtet— wie ſie nur im Thale der Se⸗ vern in ſolcher Lieblichkeit getroffen wird. Worceſter mit ſeinen Mauern, Thoren und Kirchen, mit ſeinen ſonnigen Gefilden und lieblichen Umgebungen lag vor ihnen mitten in dem weiten Thale, das mit kleinen raſenbedeckten und von ſchattigen Bäumen gekrönten Hügeln wie beſät war. In der That ein freundlicher lieblicher Anblick— eine Art Feen⸗ ſcene, wie denn auch die Ringe auf den Wieſen und unter James. Die Letzte der Feen. 1 den Bäͤumen bezeugen konnten, daß jenes fröhliche Völkchen dieſe Punkte bei ſeinen heiteren Mondſcheintänzen häufig zu beſuchen pflegte. Neben dieſen Gegenſtänden der Natur gab es aber auch noch andere, welche der heiteren Scene erhöhten Reiz ver⸗ liehen. Auf beiden Ufern der Severn konnte das Auge von jenem hohen Fenſter aus ein buntes Farbengewimmel unter⸗ ſcheiden— Banner und Federn, ſtattliche Trachten und ſchimmernde Waffen, ſo daß ſich dieſer Theil der Landſchaft, wenn eine Wolke auf Augenblicke die Sonne bedeckte, nicht anders ausnahm, als wenn raſche Lichter und Schatten über einen Blumengarten hinſtreifen. Auch muntere Klänge ließen ſich vernehmen: Pfeifen, Zinken und Trompeten dran⸗ gen gemäßigt durch die Entfernung von unten herauf zu dem Ohre der wachſamen Beſchauer; die Glocken der Kathedrale ſtimmten ein in fröhlichem Geläute, und nichts als heitere Bilder begrüßten ringsum Aug und Ohr des Beſchauenden. Gegen zehn Uhr ſprengte ein Reitersmann von meh⸗ reren Anderen gefolgt von den ufern der Severn nach je⸗ nem Hauſe auf dem Hügel; er kam in ſcharfem Galopp da⸗ her und ſein Roß war eben ſo ſchön als reich ausſtaffirt. Auch ſeine Haltung war feſt und ſoldatiſch; er mochte nicht über fünf⸗ bis ſechsunddreißig Jahre zählen, aber dennoch zeigte ſein Antlitz bei näherer Betrachtung Spuren vieler Sorgen und Aengſte, ja ſogar einen gewiſſen Grad angebore⸗ ner Melancholie, um nicht zu ſagen Düſterheit. Es war ein ſehr ernſtes Antlitz, aber edel und vornehm in ſeinem Aus⸗ druck, mit hoher gerader Stirne, welche oben an den 3 Schlafen vielleicht etwas breiter als über den Brauen ſeyn mochte. Bei ſeiner Annäherung kamen hinter dem Hauſe einige Diener zum Vorſchein, die ſich beeilten ihm den Steigbügel zu halten und das Pferd abzunehmen. Er ſchwang ſich leicht aus dem Sattel und rief beim Eintreten in die Wohnung: „Nehmt den Korb von Matthews dahinten und bringt ihn herauf. Habt Acht, daß ihr die Weinflaſchen nicht zer⸗ brecht, denn in Worceſter ſteht's damit ſehr knapp. Die gottſeligen Puritaner haben ihn faſt ganz ausgetrunken.“ Mit dieſen Worten ſtieg er die alte Treppe hinan und eilte raſch nach dem oberen Zimmer, in welchem er die beiden Perſonen, die ſich darin befanden— eine Dame von ſieben⸗ bis achtundzwanzig Jahren, noch in ihrer vollen Blüthe und ein kleines zehnjähriges Mädchen von ausnehmender Schön⸗ heit und großer Aehnlichkeit mit ihrer Mutter— beim Ein⸗ tritte umarmte. Die Mienen der ihn Empfangenden zeug⸗ ten von der höoöchſten Zärtlichkeit für den ernſten Kavalier; aber eben deßhalb konnte man ſich kaum einen größeren Kon⸗ traſt in dem Ausdruck ihres und ſeines Geſichtes vorſtellen, denn in den Zügen von Mutter und Tochter lag nichts als frohe Hoffnung und heitere Erwartung, während trübes Nachdenken ſich über die ſeinigen gelagert hatte. „Hier, theure Lilla, iſt für Dich und auch für mein hol⸗ des Käthchen ein kleines Frühſtück,“ begann der Kavalier. „Ich habe mich entſchloſſen auf eine halbe Stunde heraufzu⸗ kommen und das Mahl mit euch zu theilen, denn Gott weiß⸗ wo wir das nächſte einnehmen werden.“ 14* 4 „Wird's heute zur Schlacht kommen, Vater?“ rief das kleine Mädchen:„wird's der König gewinnen? O ja, ge⸗ wiß, der König muß es gewinnen.“ 1 „So hoffe ich, wenn's nämlich zur Schlacht kommt, mein Käthchen,“ erwiederte der Krieger;„aber das möchte ich nächſtens bezweifeln, denn die Rundköpfe haben einen weiten Marſch vor ſich, und können nicht ſehr früh hier ein⸗ treffen.“ 3„Dann kehrten wir wohl beſſer zur Stadt zurück,“ meinte die Dame mit einem forſchenden Blicke auf ihren Gatten, während zwei von den Dienern ein Tiſchtuch über einen der breiten Fenſterſitze ausbreiteten, da ſich kein Tiſch im Zimmer vorfand.„Ich möchte mich nicht gerne von Cromwell's Leuten abſchneiden laſſen.“ „Nein, meine Lilla,“ gab ihr Gatte zur Antwort;„Du darfſt nicht wieder in die Stadt zurück, dort herrſcht zu viel Verwirrung. Sobald der Feind erſcheint, entfernſt Du Dich mit den Dienern nach Perſhore, wo Du von dem was vorgeht alsbald Kunde erhalten ſollſt. Falls wir eine Be⸗ lagerung zu beſtehen oder einen Sturm abzuſchlagen haben⸗ wäre es für mich eine ſchmerzliche Laſt, Alles was ich liebe in jenen alten verwitternden Mauern eingeſchloſſen zu ſehen.“ Ueber das Geſicht der Dame zog ein Anflug von Vor⸗ wurf; doch ihr Gatte unterbrach ſie lächelnd mit den Worten: „Komm zum Frühſtück— zum Frühſtück! denn ich muß bald wieder zurück. Wie, nicht einmal einen Stuhl zum Nie⸗ derſitzen! Nun, wir müſſen uns eben in dieſes Feldleben zu ſchicken ſuchen.“ 5 So machte er ſich denn daran, neben dem Fenſterſitze ſtehend, das behagliche Frühſtück, das er von Woreeſter her⸗ beigebracht hatte, zu vertheilen, indem er ſelbſt einige we⸗ nige Biſſen zu ſich nahm und ſeinem unſchuldigen Tochter⸗ lein, das ſich das Mahl eben wegen der Haſt, mit der es ſer⸗ virt wurde, mit verdoppeltem Eifer ſchmecken ließ, mit ern⸗ ſter Freude zuſah. So mochten etwa fünf Minuten verſtrichen ſeyn, als man einen leichten Schritt die Treppe heraufkommen hörte, und ein Junge zwiſchen ſiebenzehn und achtzehn Jahren in cher Tracht mit langen ſchwarzen Haaren, welche über das verbrämte Wamms bis auf die Schultern herabwallten, mit dem haſtigen Rufe in's Zimmer trat: „Lord Euſtace!— Mylord!— Cromwell iſt im An⸗ marſch— horcht, Ihr könnt ſeine Trompeten vernehmen.“ Der Edelmann ſtürzte alsbald an's Fenſter und ſchaute hinaus, wäͤhrend ſein junger Gaſt mit erkünſtelter Männlich⸗ keit das kleine Mädchen auf den K Kopf tätſchelte, indem er ausrief: „Ei Käthchen, mein Liebling! ſchon Morgens zehn Uhr am Weinglas! Da wirſt Du ein prächtiges Weib für einen fühnen Kavalier abgeben. Ich hoffe, Mylady wird ſich heute Morgen wohl befinden. Ihr werdet bald ſehen können, wie es da unten hitzig hergeht; doch hoffe ich, noch vor Einbruch der Nacht ſollen die Rundköpfe theils in der Severn und theils im Kerker liegen.“ „Das hoffe auch ich,“ gab die Dame ſeufzend zur Ant⸗ wort, indem eine Wolke über ihr Antlitz zog. „Ich muß zu Pferd, meine Lieben,“ rief ihr Gatte, indem er das Fenſter verließ.„Vergeßt nicht, ſobald ihr ſie da unten aufmarſchirt ſeht, müßt ihr nach Perſhore reiten. Kommt, Denzil, wir müſſen fort.“ 4 „Siehſt Du ſie, Charles,— ſiehſt Du ſie wirklich?“ fragte die Dame, an ſeinen Arm ſich anklammernd. „Nicht ihre ganze Macht,“ erwiederte der Ritter, „denn die wird durch jene Bäume verdeckt; aber ich ſah einige Stahlhauben durch das Geſträuch hervorſchimmern, und wenn Du einen Augenblick horchen willſt, wirſt Du ſie ſogleich vernehmen.— Da, hör’ nur!“ Ferner Trompetenklang drang durch die Lüfte; der Edelmann riß ſich nach kurzer Umarmung los, eilte von ſeinem jungen Freunde gefolgt die Treppe hinab, ſtieg zu Pferd und galoppirte nach Woreeſter zurück. Die Augen der Dame ſchwammen in Thränen, als ſie wieder durchs Fenſter blickte. Erſt ſolgten ihre Blicke dem dahineilenden Gatten, dann ſchweiften ſie ängſtlich über die waldige Landſchaft in der Ferne, von wo die Parlaments⸗ armee gegen das fatale Schlachtfeld von Woreeſter heran⸗ rückte. In wenigen Minuten ſah ſie eine dunkle Maſſe hinter einer Gruppe von Bäumen hervortreten und dann wieder in einem kleinen Wäldchen verſchwinden, während Panzer und Stahlhelme zuweilen in der Sonne ſchimmerten. Fußvolk und Reiter folgten ſich in dichten Haufen von ziemlich gleicher Stärke; Regiment auf Regiment, Truppe auf Truppe marſchirte nach, bis die Dame bei dem Anblicke der großen Ueberlegenheit des Feindes ihren Muth hin⸗ 7 ſchwinden fühlte und die Blicke auf die Königliche Armee unter ſich heftete. Dort war viel Lärm und Verwirrung wahrzunehmen, und mit Hilfe der Fantaſie glaubte ſie ihren Gatten, den König und die andern Kriegshäupter Leslie, Middleton, Hamilton und Derby unterſcheiden zu können. Lange blieb ſie voll ängſtlicher Spannung auf ihrem Poſten, bis die republikaniſche Armee, welche im Vorrücken immer deutlicher wahrnehmbar wurde, ſich mehr und mehr ausbreitete— einen Augenblick lang Halt machte— dann wieder vormarſchirte und ſich endlich wie in Schlachtord⸗ nung auſſtellte, indem ſie den Abhang des Hügels, auf deſſen Gipfel die Dame ſtand, in Beſitz nahm und ſie auf dieſe Art von der Stadt abſchnitt. Der Mutter entſank der Muth, als ſie auf ihr Kind niederblickte; bald aber kehrte ein Ausdruck hoher Ent⸗ ſchloſſenheit in ihre Züge zurück, und den Arm um die feine zarte Geſtalt des kleinen Mädchens ſchlingend, ſagte ſie: „Wir wollen es bis zu Ende ſehen, Käthchen; bis zu Ende wollen wirs mitanſehen.“ „O ja, Mutter, laß es uns mit anſehen,“ rief das Kind;„laß uns nicht fliehen, während mein Vater im Kampfe iſt.“ „Nimmermehr,“ verſicherte die Dame, und ſo blieben ſie an dem einen Fenſter ſtehen, während die Diener ſich am anderen verſammelten und gleichfalls hinausſchauten. Faſt eine halbe Stunde lang ſchien Alles ruhig. Nur zuweilen ſah man einen einzelnen Reiter langs der Linie hingaloppiren, Trompeten klangen von Zeit zu Zeit, un⸗ ter dem Fußvolk entſtand eine leichte Bewegung und im Rücken der Parlamentsarmee ſah man einige Nachzügler herumſtreifen. Ein derber ſtattlicher Mann ritt mit zehn bis zwölf Begleitern langſam auf kurze Strecke den Hügel hinan, machte dann Halt und ſchaute eine kurze Weile über Stadt und Ebene. Nachdem er mit einem aus ſeiner Um⸗ gebung einige Worte gewechſelt, ſprengte alsbald ein Reiter gegen den linken Flügel. Ein ſtarkes Korps Kavallerie brach ſofort auf und ritt dem Ufer des Fluſſes entlang; Musketenfeuer brach aus dem Centrum der Linie, und eine Rauchwolke lagerte ſich über das Ganze. Hiedurch wurde leider die Ausſicht verdeckt; doch ſah die Dame noch mehrere ſtarke Reitergeſchwader zum Angriffe vorgehen, welche wie die Bolzen von der Armbruſt auf die Royaliſten zunächſt am Fluſſe einbrachen. Von dieſem Augenblicke an vermochte ein Auge, das an den Anblick und die Beurtheilung von Schlachtfeldern nicht gewöhnt war, nichts weiter denn Lärm und Verwir⸗ rung zu gewahren. Wolken von Pulverdampf breiteten ſich über die Ebene nur zuweilen von dem Blitzen des Musketen⸗ feuers, dem Schimmern der Schwerter, dem langſamen Vorrücken mehrerer Haufen von Pickenträgern und etlichen ſtarken Reiterabtheilungen unterbrochen. Das einzige Reſul⸗ tat, welches die Dame aus dieſem Manöver zu ſammeln vermochte, war, daß die Armee des Parlaments feſt und ſtetig gegen Woreeſter vordrängte und daß die Wogen der Schlacht näher und näher gegen die Stadt hinrollten. 9 Dies war ein Anblick, der ihr den Athem hemmte, und ihr Auge flog an dem Fluſſe aufwärts nach einer Stelle, wo ſich, wie ſie wußte, ein ſtarkes Korps der royaliſtiſchen Rei⸗ terei poſtirt hatte. Sie entdeckte ſie auch wirklich in feſter Haltung am gegenüberliegenden Ufer aufmarſchirt; aber zu gleicher Zeit ſah ſie auch etwas weiter abwärts— was die Royaliſten wegen eines dichtbewaldeten Hügels, der die Ope⸗ rationen des Feindes verbarg, nicht wahrnehmen konnten— wie zwei Regimenter der puritaniſchen Reiterei eilends bei der nächſten Biegung des Fluſſes gegen eine Furth vorgallo⸗ pirten. Sie ſchlug die Hände zuſammen und preßte ſie feſt in⸗ einander. Was hätte ſie in jenem Augenblicke darum gege⸗ ben, wenn ſie zu ihren Freunden hätte hinfliegen und ſie von dem Mansöver, das ſie entdeckt und richtig beurtheilt hatte, hätte benachrichtigen können! Das war jedoch unmöglich. Der Feind ſetzte durch die Furth und erreichte die Wieſen auf der anderen Seite, wo er ſich wieder formirte und links herausbrechend der königli⸗ chen Kavallerie plötzlich vor die Augen kam. Alsbald war unter letzterer eine Bewegung zu gewah⸗ ren; zwei Edelleute ritten vor die Spitze, um die plötzlich aufgetauchten Schwadronen zu beobachten, und ſprengten dann nach den entgegengeſetzten Flügeln ihrer eigenen Linie. Dieſe nahm ſodann eine Aenderung in ihrer Aufſtellung vor: der rechte Flügel der Royaliſten dehnte ſich etwas aus, der linke wurde ſachte vorgeſchoben und dann entſtand eine kurze Pauſe. Gleich darauf hörte man den Klang von Trompe⸗ 10 ten, und beide Parthien ſprengten mit wüthender Haſt gegen einander. Sie trafen ſich in vollem Laufe, während ein wil⸗ des trotziges Hurrah in den Lüften erſcholl, und ſogar bis zu den Ohren der Dame herauſdrang, welche die wirre ſtrei⸗ tende Maſſe betrachtete. Ihre Hände preßten ſich immer feſter ineinander, als ſie herrenloſe Pferde aus der Linie her⸗ ausbrechen und über die Ebene ſpringen ſah, denn ſie wußte, daß manche Kämpfer, eben ſo theuer und nicht minder ge⸗ liebt von Anderen als ihr Gatte von ihr ſelbſt, mitten in dem heißen Kampfe zu den Füßen ſeines Streitroſſes geſun⸗ ken ſeyn mußten. „Sie weichen zurück, Mutter, ſie weichen zurück,“ rief das Mädchen, die Dame am Arm faſſend;„die Rundköpfe ſind geſchlagen.— Sieh, ſie fliehen, ſie fliehen!“ Und ſo war es. Der augenblickliche Sieg Middletons und des Herzogs von Hamilton verſprach für kurze Zeit das Schickſal des Tages zu wenden: Cromwells Reiterei wich zurück und die Royaliſten verfolgten ſie in heftigem Kampfe faſt bis an die Furth. Allein im ſelben Augenblicke ſah man im Rücken der königlichen Truppen eine kleine Gruppe ſich ablöſen, und die Dame konnte zwei bis drei Krieger un⸗ terſcheiden, welche einen Anführer auf ſeinem Roſſe ſtützten. „Der ſieht aus wie der Herzog,“ murmelte ſie;„doch nein, es muß Middleton ſeyn.“— Eine zweite Gruppe— abgeſtiegene Reiter, einen Todten oder Verwundeten auf ihren Armen tragend— trennte ſich von den Uebrigen und dann nahm das unſichere Wogen der Schlacht von Neuem ſeinen Anfang. Die Trup⸗ 11 pen der Republikaner ſammelten ſich wieder und ſchritten aufs Neue zum Angriff; die Royaliſten wurden über den eben gewonnenen Boden zurückgeſchlagen und auseinander geſprengt, ſo daß man ſie in Haufen von zehn bis zwölf hier und dort hin fliehen ſah. Die Dame faltete ihres Kindes Hand in ihre eigene; das kleine Mädchen weinte. Beide richteten ihre Blicke auf den Theil des Schlachtfeldes, welcher unmittelbar unter ih⸗ nen lag. Eine furchtbare Veränderung war über die Seene gekommen: von der royaliſtiſchen Armee war nichts mehr als zerſtreute Häufchen von Reitern zu unterſcheiden, welche im Hintergrund über die Felder jagten, wogegen die Parla⸗ mentstruppeu bereits vor den Thoren von Woreeſter ſtanden. „Verzeihung, Mylady, aber es iſt Zeit, daß Ihr geht,“ erinnerte ein alter Diener, der Dame näher tretend.„Der Tag iſt verloren, und Ihr thätet beſſer, Euch nach Mylords Weiſung nach Perſhore zu verfügen. Die Pferde ſtehen bereit.“ Die Dame hob ihre Blicke eine Weile gen Himmel und ſchien ſich Stärke von Oben zu erflehen. „Nein,“ ſagte ſie endlich,„wir wollen uns im Walde verbergen, Iſaak. Ich will nicht eher vom Platze weichen als bis ich ſein Schickſal kenne.— Komm Käthchen, wir können Deinem theuren Vater vielleicht helfen. Gott gebe uns Muth und laſſe es gelingen!“ 12 Zweites Kapitel. Es war Nacht— dunkle Nacht. Die Sterne flim⸗ merten, aber kein Mond war zu ſehen, und über den Him⸗ mel zogen lange Streifen ſchwerer grauer Wolken, welche auch dieſe ſchwachen Lichter von oben verhüllten. Die Glocken von Worceſter hatten neun geſchlagen; die große Glocke der Kathedrale vibrirte in langen Schwingungen durch die ſchwere ſieberiſche Luft. Die Umgebung der Stadt lag in Schatten gehüllt, während die Flüchtlinge von dem Schau⸗ platze ihrer Niederlage hinwegeilten, und die Verfolger mit blutigen Sporen ihnen nachſetzten. Die Todten ſchliefen den letzten Schlaf auf den umliegenden Wieſen— dreitau⸗ ſend der tapferſten Edelleute, welche noch je ein Schwert ge⸗ zogen hatten. Die Verwundeten lagen unverbunden neben den Toden und vergaßen einen Theil ihres eigenen Leidens in dem Gedanken an das Unglück ihres königlichen Gebieters. Hier und dort ſah man auf dem Felde ein Licht umherwan⸗ dern und dann wieder ſtille ſtehen; das leiſe Knarren der rohen Karrenräder bewies, daß man noch immer nach den leicht Verwundeten oder nach denjenigen Gefangenen ſuchte, welche in die Stadt Worceſter noch nicht eingebracht worden waren. In der Nähe eines niedrigen Gehoͤlzes, aͤußerlich von unregelmäßiger zerriſſener Geſtalt, ſtanden zwei bis drei Musketiere des Parlaments neben einer Gruppe von ſieben bis acht entwaffneten und gebundenen Gefangenen. Eine Fackel war in ein Loch im Boden geſteckt und warf ihren 13 rothen unheimlichen Schimmer über die rauhen ſtrengen Ge⸗ ſichter der Cromwell'ſchen Krieger wie über die traurigen Mienen der Gefangenen, die grünen Blätter der Bäume, den blutbefleckten Raſen und die Leichen von fünf bis ſechs tapferen Gefährten erhellend, denn jener Fleck war einer von denen, wo ein letzter verzweifelter Verſuch zum Wider⸗ ſtande gemacht worden war. Die republikaniſchen Krieger ſtanden auf ihre Flinten gelehnt; die Gefangenen ſaßen großentheils, nur die Ver⸗ wundeten lagen auf dem Graſe ausgeſtreckt. Die Wenig⸗ ſten ſprachen eine Silbe, mit Ausnahme eines einzigen Schotten in der Tracht eines königlichen Fußknechts, der zu⸗ nächſt bei den Musketieren ſtand und ſehr begierig ſchien, das Loos, das ihrer wartete, zu erfahren. Er hatte ſchon mehrere Fragen geſtellt ohne eine Antwort zu erhalten, bis endlich einer der Männer, durch ſeine Hartnäckigkeit anſchei⸗ nend gereizt, in lautem barſchen Tone erwiederte: „Wenn ihr durchaus wiſſen wollt, was aus Euch wer⸗ den wird, Schotte, ſo will ich's Euch ſagen, obwohl mich dünkt, daß Ihr es bald genug erfahren werdet— Ihr werdet als Sklaven in die Pflanzungen verkauft.“ Der arme Schotte hängte den Kopf und ſetzte ſich muth⸗ los bei ſeinen Gefährten nieder. Im ſelben Augenblick kam ein ſchwerer Karren auf ſie zugefahren und einer der Sol⸗ daten rief: „Kommt, ſteht auf, ſteht auf; hier iſt Euer Fuhrwerk.“ Der Karren war noch nicht ſichtbar geworden; aber im nächſten Moment ſah man ihn langſam ſich heranwinden, 14 von zwei bis drei Menſchen begleitet, ſo weit das Dunkel zu bemerken erlaubte. Die Soldaten glaubten ein Frauenge⸗ wand zu unterſcheiden und eine Minute ſpäter kam ihnen auch ein Kind zu Geſicht. Dasſelbe bemerkte auch ein Anderer, und der Anblick brachte ſeinem von Kummer und Verzweiflung bedrängten Herzen die ſüße tröſtende Kunde einer bis zum letzten Augen⸗ blicke treu ausharrenden Liebe und Ergebenheit. Er erhob ſich etwas vom Boden und das Fackellicht fiel ſtärker als zu⸗ vor auf ſeine feine Geſtalt und ſeine edlen Züge. Ihr Aus⸗ druck war noch immer derſelbe und ein genauer Beobachter hätte wohl alsbald erkannt, daß er einen Mann von edler Abkunft und feiner Erziehung vor ſich hatte, obwohl der ſtatt⸗ liche Federhut fehlte und der Rock, den er nunmehr trug, einem gemeinen Fußknechte angehörte. Der Karren rollte langſam näher, aber die Frauenge⸗ ſtalt war nicht länger zu ſehen; nur ein Kind, jung, ſchön und anmuthig ging daneben. Die Frau ſchien ſich im Nä⸗ herkommen in der Luft verflüchtigt zu haben oder von der Finſterniß verſchlungen worden zu ſeyn; ja ſo raſch und voll⸗ ſtändig war ſie verſchwunden, daß einer von den Kriegern der, die Augen feſt auf das Dunkel gerichtet, dem Karren einige Schritte entgegentrat, die kleine Gruppe, welche ne⸗ ben dem Pferde einherwandelte, in ſcharfem Tone fragte: „War nicht ein Weib bei euch?“ „Nein,“ erwiederte der Kärrner,„hier iſt kein Weib geweſen, wenn Ihr nicht dieſes Püppchen dafür nehmen wollt.“ 15 „Und was will ſie hier?“ fragte die ſtrenge Stimme des Soldaten;„das iſt kein Ort für Kinder oder Weiber.“ „Ich ſuche meinen Vater, Sir,“ erwiederte das kleine Mädchen in leiſem ſüßem Tone.„Ich weiß gewiß, Ihr werdet mir helfen, meinen Vater aufzufinden.“ Der Krieger betrachtete ſie eine Weile, während das Fackellicht, durch die Entfernung etwas gedämpft, auf ihr ſchönes Antlitz und ihre reiche Kleidung fiel. „Ach armes Kind, Dein Vater iſt nicht hier,“ erwie⸗ derte er kopfſchüttelnd mit nicht ganz fühlloſem Blicke;„wir haben keinen eurer luſtigen Edellente unter uns; die küh⸗ nen Lords und prahleriſchen Kavaliere ſind alle in die Stadt geſchafft, wir haben nichts als die armen Fußknechte einge⸗ fangen, welche von Denen, die es beſſer verſtehen ſollten, gleich Lämmern zur Schlachtbank geführt wurden.“ „Aber ich weiß gewiß, daß er lebend oder todt hier ſeyn muß,“ gab das kleine Mädchen zur Antwort;„einer unſerer Diener ſah ihn hier unmittelbar nach der Schlacht und ſagte mir, wo ich ihn finden könne; bitte, laßt mich beim Lichte Eurer Fackel nach ihm ſehen,“ indem ſie ihre ſchönen Händ⸗ chen mit der Geberde ernſtlichen Flehens zuſammenfaltete. „Ich bin hier, mein Kind, ich bin hier, mein Käthchen,“ rief eins Stimme, denn ſo ſehr es auch alle ſeine Plane zer⸗ ſtörte, ſo konnte doch der Gefangene nicht länger widerſtehen, und das Kind eilte ohne Widerſtand auf ihn zu, da die Krie⸗ ger nicht ſo herzlos waren, der Eingebung ihrer kindlichen Liebe widerſtehen zu wollen. Der arme Gefangene verſuchte es, ſich vom Boden zu erheben, um ſie an ſein Herz zu drücken; allein ſeine Hände waren gebunden, und ehe er noch damit zu Stande kam, war ihm das Kind um den Hals gefallen, indem es einen Arm um ſeinen Nacken ſchlang und ſein Antlitz mit Küſſen bedeckte. Die ſtrengen Soldaten betrachteten die Scene in tiefer Rührung; aber wie ſehr war der Gefangene überraſcht, als er fand, daß während ſie ihn mit dem linken Arme feſt um⸗ klammerte, ihre Rechte nach den Banden an ſeinen Händen ſuchte, bis er plötzlich etwas Kaltes wie Stahl an ſeinem Gelenke ſpürte. Im nächſten Augenblicke war der Strick durchſchnitten und ſeine Hände waren frei; das Kind brachte den Mund dicht an ſein Ohr und flüſterte leiſe aber deutlich: „An der Ecke des Waldes ſteht ein Pferd. Beſteige es, Vater, und flieh!“ Sein Gehirn drohte einen Augenblick zu ſe chwindeln, und die Pulsſchläge ſeines Herzens zu ſtocken; allein das Kind ließ ſeinen Nacken los und flüſterte noch einmal:„flieh!“ Es war das einzige Mittel zur Rettung. Die Verbor⸗ genheit, die er zu wahren gehofft hatte, war nicht länger durchzuführen; das blutige Henkerbeil, das ſo viele ſeiner edlen Freunde getroffen hatte, ſtand ihm als einziges Loos vor Augen; und ſo⸗ ſprang er plötzlich auf ſeine Füße und verſchwand in dem Dunkel. Sobald jedoch ſeine hohe Geſtalt unſichtbar wurde, er⸗ hoben die finſteren Krieger mit einem wilden Schrei des Un⸗ willens ihre Musketen und feuerten nach der Nichtung, die er eingeſchlagen hatte. Ein gellender Schrei brach aus der Finſterniß, waͤhrend im ſelben Augenblicke das Geklapper — —y—— 3 17 eines in vollem Galopp hinſprengenden Pferdes herüber⸗ ſcholl. „Er iſt gefallen, er iſt gefallen!“ riefen einige von den Leuten, vordringend, während zwei ihrer Kameraden bei den Gefangenen zurückblieben. Sie fanden jedoch Niemand, ſo ſorgſam ſie auch ſuchten, während man noch immer den raſchen Hufſchlag des Pferdes vernahm, welcher in der Ent⸗ fernung ſchwächer und ſchwächer wurde. Als ſie zu den Gefangenen zurückkehrten, fanden ſie das Kind bleich wie Marmor ausgeſtreckt am Boden liegen, und es erwachte nicht eher aus ſeiner Ohnmacht, als bis die Gefangenen alle auf den Karren gebracht waren und die Abtheilung im Begriffe ſtand, ſich auf den Weg zu machen. Die Soldaten ſchimpften und drohten, hatten aber doch nicht das Herz, der Kleinen etwas zu Leid zu thun; ja einer von ihnen, welcher ſelbſt Vater war, nahm ſie bei der Hand und führte ſie nach Worceſter. Er ſagte, er müſſe ſie vor den kommandirenden General führen; ſie bat ihn jedoch er möchte ſie in dem Hauſe eines alten Dieners Obdach ſuchen laſſen, und als er ſie an der Thüre verließ, ſagte er zu ſich ſelbſt: „Moͤge mein Kind eben ſo thun, wie ſie gethan hat, falls ich in eine ahnliche Lage gerathen ſollte,“ ——s James. Die Letzte der Fetn, 2 ZBweite Periode. Drittes Kapitel. „Wie doch die Stunden dahinſchwinden! ob nun trüb und ſchwerfällig, mit Sorgen überladen, ob beflügelt von Luſt und Freude oder ruhig und gleichmäßig auf dem Pfade des Lebens voranſchreitend— ſie fliehen unaufhaltſam und vermindern ſich, wenn ſie dahin ſind, zu bloßen Punkten. Neun Jahre ſind verfloſſen— ſie ſcheinen mir blos eine Spanne Zeit; und doch wenn ich bedenke, daß mein jetzt weißes Haar damals erſt grau zu werden anfing, daß meine ſchwachen Augen damals ſo ſcharf wie die des Adlers waren — aber komm weiter, mein Junge, komm weiter: dort rei⸗ tet ein Fremder den Hügel herab, und der Anblick eines ſolchen iſt mir ſeit langen Jahren zuwider geworden.“ Dieſe Worte kamen von einem alten Manne in ſchwar⸗ zem Rocke und breitgefaltetem Halstuche, von ehrbarem ja ſogar ehrwürdigem Ausſehen; ſie waren an einen gut aus⸗ ſehenden Bauerjungen von zwei⸗ bis dreiundzwanzig Jahren gerichtet, wahrend Beide auf dem grünen Raſen am Fuße einer glten Schloßmauer beiſammen ſtanden, 19 Manch feſte Behauſung war im Laufe des großen Bür⸗ gerkrieges von der einen oder andern der ſtreitenden Parteien belagert und durch ihr Geſchütz zerſtört worden; die Zer⸗ trümmerung dieſes Gebäudes datirte jedoch aus einer viel früheren Periode, und der Epheu hatte ſogar die von den Mauern herabgefallenen Trümmer rings überwuchert zum Zeichen, daß ſchon Jahrhunderte ſeit ſeinem Sturze verfloſ⸗ ſen ſeyn mochten. Und doch waren dieſe Mauern dick und feſt, und wer ſie ſo vor ſich ſah, konnte nicht wohl annehmen, daß die Hand der Zeit allein ſie ſo vollſtändig zerbrochen haben konnte; es war vielmehr klar, daß der Menſch mit einem ſeiner troſtloſen Kunſtgriffe die Veſte vor ihrer Zeit — wann weiß ich nicht; vielleicht während der Kämpfe zwi⸗ ſchen den Häuſern York und Lancaſter— überwältigt hatte; nur ſo viel war gewiß, daß ſie jetzt als Ruine daſtand. Den beſterhaltenen Theil dieſes Gebäudes bildete der alte Thorweg mit ſeinen beiden ſchlanken mit Schießſcharten verſehenen Thürmen und den Wachzimmern über dem Thor⸗ bogen; aber ſogar dieſe letzteren wie auch die Thürme waren ohne Dach, und der Wind pfiff durch die leeren Fenſteröff⸗ nungen wie die Stimme der Verzweiflung, welche den Tod⸗ ten nachruft. Zu beiden Seiten dieſes Thorwegs dehnten ſich Mauern mit anderen Thürmen, etwa anderthalb Mor⸗ gen Raum einſchließend; der Hof innerhalb zeigte in den verfallenden Wappenſchildern des letzten Beſitzers wie in dem zerbrochenen Spitzenwerke der Kapellenfenſter noch manche Ueberbleibſel der Feudalzeiten. Junge Eſchen hatten ſich hier und dort unter den Trümmern angeſtedelt und eine 2 8 20 Gruppe von drei hohen Ulmen ſtreckte ihre breiten Zweige über den Brunnen im Schloßhof. Dieſer Brunnen war einſt mit einem reichgearbeiteten ſteinernen Bogen bedeckt geweſen; aber etliche vierzig Jahre vor der Periode, von der ich ſpreche, war der Mörtel daran abgefallen und mancher von den Steinen ins Waſſer geſtürzt, weßhalb die Bewohner des naheliegenden Dorfes, von denen der Brunnen, der das klarſte und beſte Waſſer in der Nach⸗ barſchaft enthielt, mit einer Art abergläubiſcher Liebe gehegt wurde, die Trümmer rings umher weggeſchafft und den Quell faſt gerade ſo wie die Natur ihn gebildet unter dem einzigen Schutze jener drei Ulmenbäume gelaſſen hatten. Der Schloßbrunnen faßte in der That eine Quelle des ſchönſten Waſſers, das in reichem Strome unter dem Raſen im Schloßhofe hervorquoll. Vor langer langer Zeit hatte man für das Waſſer dieſer Quelle einen kleinen Behälter von drei Fuß Tiefe und Breite gegraben; die Länge mochte etwa vier oder auch fünf Fuß betragen— gemeſſen hab' ich ſie nie. Der Rand dieſes Behälters war mit flachen Stei⸗ nen beſetzt, um die Erde am Einſtürzen zu hindern, und ein halbkreisförmiger Einſchnitt auf der weſtlichen Seite leitete das überflüſſige Waſſer in einen kleinen Kanal unter der Schloßmauer und ſo über den Abhang des Hügels hinab in das Flüßchen des Thales. Ueber eine Meile weit kam das Landvolk herbei, um ſeine Krüge am Brunnen zu füllen, und das Waſſer war in der That ſo klar und hell, daß man durch die grüne Oberfläche— den Wiederſchein der Blätter und Zweige der überragenden Bäume— die kleinen Perlen auf 21 dem Grunde ſo deutlich unterſcheiden konnte, wie wenn kein anderes Medium als die dünne Luft dazwiſchen gelegen wäre; ja das Waſſer ſchien jene Perlen ſogar noch glänzender zu machen und gleichſam in einen Rahmen von polirtem Kry⸗ ſtall einzuſchließen. Der Raſen ringsum war kurz und dicht; die Ulmen und der Brunnen, den ſie beſchatteten, hatten eine ſolche Lage, daß man ſie von dem Schloßraſen vor der Front durch den Bogen des Hauptthores ganz deutlich wahrnehmen konnte. Ich war genöthigt, bei dieſen Einzelnheiten beſonders lange zu verweilen, denn der Leſer wird ſich ſpäter erinnern, daß ſie zum wahren Verſtändniſſe dieſer Erzählung nöthig waren. So darf ich wohl auch noch bemerken, daß das Schloß etwa halbwegs an der Anhöhe, an welcher eine lange aber nicht ſteile Straße hinanführte, auf einem Auftritte des Hügels(wie man es nennen könnte) allein ſtand. Die⸗ ſer Auftritt bildete einen ebenen Raum von zwanzig bis dreißig Morgen Ausdehnung, und auf demſelben waren et⸗ liche drei bis vierhundert Schritte von dem alten Schloſſe entfernt mehrere niedliche Hütten erbaut worden. Die Straße ſelbſt durchſchnitt im Hinabſteigen den Schloßraſen und wand ſich dann ſachte bis in die Tiefe des Thals, zu beiden Seiten von den Häuſern des Dorfes begrenzt, das allen Krümmungen des Pfades folgte und ſo dicht von Bäu⸗ men umſäumt war, daß man von dem alten Schloßthore nichts als hie und da ein Dach oder Kamin und zulezt den Kirchthurm aus der Tiefe emporſteigen ſah. Es war in der That der freundlichſte ländliche Anblick⸗ 2² deſſen nur je das Auge ſich erfreuen mochte; unter welchen Umſtänden man ihn auch vor ſich ſah, ob nun im Sonnen⸗ ſchein oder Schatten, unter blauem Himmel oder Wolken— er hatte immer etwas von heimiſcher Ruhe und Friedſam⸗ keit an ſich, was das Gemüth der Beſchauenden ſänftigen und ſtillere glücklichere Bilder, als das Herz in jenen Tagen des Kampfes und der Faktionen vorzufinden gewohnt war, vor ſeine Seele zaubern mochte. Das Dorfchen hatte in vieler Hinſicht ein glückliches Schick⸗ ſal gehabt. Entfernt von all den bedeutenderen Schauplätzen des ſeitherigen Krieges war es von dem Jammer des Bürger⸗ kampfes, der den größten Theil von England heimgeſucht hatte, nur wenig berührt worden. Zwar hatte man den früheren Geiſtlichen des Ortes ſeiner Stelle entſetzt und ein presbyteriſcher Prieſter hatte ſeinen Platz eingenommen; allein der gute Doktor Aldover war ein höchſt ſanfter, friedſa⸗ mer, ſchüchterner Mann und hatte ohne Widerſtreben eine Stelle aufgegeben, welche die damaligen Machthaber ihm abzunehmen für gut fanden; ja ſchon der Umſtand, daß er während eines Beſuches in der benachbarten Stadt als Bös⸗ williger aufgegriffen und von einem Theil der Parlaments⸗ kommiſſäre verhört worden war, hatte ihn beinahe um den Verſtand gebracht. Er verſprach ihnen damals mit aller Aufrichtigkeit des Schreckens, ſich ſo viel an ihm lag nach ihrem Willen und Belieben zu richten, und verzichtete deß⸗ halb ohne Widerrede bei der erſten Aufforderung auf ſeine Stelle. Er hatte in ſeiner Jugend als Mittel ſeinen Pfarr⸗ kindern nützlich zu werden Medizin ſtudirt, und legte ſich 23 jetzt, wie dies bei vielen abgeſetzten Geiſtlichen jener Zeit der Fall war, mit vermehrtem Eifer auf die Heilkunde, um ſie als Mittel ſeines Fortkommens zu benützen. Er erwarb ſich darin bald Geſchick und Anſehen und war zu der Zeit unſerer Erzählung der einzige Arzt im Orte. Man kann nicht ſagen, daß er bei aller Sanftmuth, mit der er ſein Schickſal ertrug, ſeinen presbyteriſchen Nebenbuh⸗ ler im Anfange mit großer Zuneigung betrachtete; aber der Zufall wollte, daß dieſer, wenn auch etwas ſteif und kauſtiſch in ſeinem Weſen, im Herzen doch ein guter freundlicher Mann war, der ſogar, als er die hohen Tugenden ſeines Vorgängers entdeckte, halb und halb zu bereuen geneigt ſchien, daß er die Urſache geweſen war, wodurch jener ſeiner Pfarre beraubt worden. Er machte allerhand Verſuche, ſich die Freundſchaft des guten alten Doktors Aldover zu gewinnen — Verſuche, welche zwar anfänglich ziemlich ſcheu aufge⸗ nommen, am Ende jedoch durch verſchiedene zufällige Um⸗ ſtände zu glücklichem Ende geführt wurden, ſo daß ſie jetzt nicht ſelten bei einem mäßigen Glas guten Ales beiſammen ſaßen und ſich über Dieſes und Jenes bald höchſt ſcharfſinnig (wenn ihnen nämlich der Gegenſtand durch ihre Studien vertraut war), zuweilen aber auch ſehr unverſtändlich(ſobald ſie auf unbekannten Boden geriethen), mit einander beſprachen. So war der Zuſtand des Dörfchens am Tage unſerer Erzählung. Ich weiß nicht, ob der Dichter den Zuſtand des Men⸗ ſchen, den er mit den Worten die Welt vergeſſend und ver⸗ geſſen von der Welt' ſchildert, als das vollendetſte Gemälde 24 irdiſchen Glückes aufzuſtellen beabſichtigte; ich weiß nur ſo viel, theurer Leſer, daß dieſer Zuſtand für Viele und unter gewiſſen Umſtänden für Alle ein höchſt geſegnetes Lebens⸗ verhältniß abgibt. Wir wiſſen ja alle, daß dieſe große Welt, die wir bewohnen, von Eiferſüchteleien, Beſorgniſſen und Animoſttäten, von Haß, Verwirrung, Kampf, von Aufruhr, Mord und Verbrechen voll iſt— daß Manche ihren Neben⸗ menſchen nicht nur Börſen, Tabaksdoſen und Sacktücher, ſondern auch Ehre, Reputation und Frieden aus der Taſche ſtehlen; wir wiſſen überdies, daß es gewiſſe Zeiten— die Sturmperioden der Welt, Epochen der Partheiungen gibt, wo die Winde der Faktionen hoch daherbrauſen, die Wolken des Grolles ſich über dem Staate verſammeln und wo die Menſchen in den eingebildeten Dünſten ſonderbare Bilder von Vaterlandsliebe und Freiheit, von Ruhm und Hingebung erblicken, welche mit jeder Wendung der vorherrſchenden Kriſe wechſeln: wir wiſſen wie geſagt, daß es ſolche Zeiten gibt, wo dann der Teufel beſonders geſchäftig iſt, um den wirren Born menſchlicher Leidenſchaft aufzurühren und Haß⸗ Bosheit und jede ſchlimme Neigung an die Oberfläche zu locken.— In ſolchen Perioden mag der Menſch wohl wünſchen: die Welt vergeſſend oder von ihr vergeſſen zu ſeyn. Aber es wird ſich nicht oft treffen, daß er einen ſolchen Zuſtand in der Vollendung vorfindet, wie er zu der Zeit unſerer Erzäh⸗ lung in dem erwähnten Doͤrfchen zu bemerken war. Der presbyteriſche Pfarrer hatte den Gipfel ſeiner ehrgeizigen Wünſche erreicht, denn es gab nichts mehr was er zu verlan⸗ 25 gen hatte. Er hatte den Biſchöflichen aus Amt und Kirche geworfen, hatte ſich ſelbſt unter einer Clique ſeiner Religions⸗ genoſſen niedergelaſſen, denen er fortwährend von der freien Gnadenwahl und der Prädeſtination vorpredigen konnte. Seine Lehren trafen nie auf Widerſtand und nur ſelten auf Mißbilligung; auch wünſchte er keineswegs in der Ausübung eines Amtes geſtört zu werden, das bei Baptiſten, Anapab⸗ tiſten, Independenten und Anhängern der fünften Monarchie ſo leicht zu bekleiden war. Doktor Aldover hatte gegen jede Unterbrechung der ge⸗ wohnten Ruhe noch mehr einzuwenden, und er war es ehr⸗ lich geſtanden, der während er ſich mit einem jungen Men⸗ ſchen, dem Sohne eines ſeiner Patienten, vor dem Schloß⸗ thore befand, bei dem Anblick eines Fremden von ſolchem Schrecken betroffen wurde, und ſo haſtig nach ſeiner eigenen Wohnung im Dorfe davoneilte. Mittlerweile kam der Reitersmann, den er vorhin be⸗ merkt hatte, langſam den Hügel herab, und der ruhige Schritt, den man an ihm bemerkte, ſchien mehr das Ergebniß ſeiner Neugierde in Bezug auf die Gegend, als die Beſorgniß für ſeines Pferdes Knie zu ſeyn, denn man ſah ihn mehr als einmal anhalten, wie wenn er ſich die umgebende Scene be⸗ trachtete. Von den beiden Wanderern, die bei ſeiner Annähe⸗ rung umwendeten, nahm er nicht die geringſte Notiz, und ſo erreichte er endlich die Plattform auf dem Hügel und ſtand vor den Thoren des verfallenen Schloſſes. War es nun die Schönheit der Scene, die ihn anzog oder ein perſönliches Intereſſe an der Ruine— ich weiß es 26 nicht; er ſchaute ſich einen Augenblick um und ſtieg dann ab, die ſchweren Steigbügel über den Sattel werfend und ſein Pferd unter den Schatten der alten Mauern an die nördliche Ecke führend, wo das üppigſte Gras wucherte und wo er es ſeiner eigenen Fürſorge überließ, als ob über ihre Pilger⸗ fahrt durch dieſe Welt zwiſchen Menſch und Thier das voll⸗ kommenſte Einverſtändniß herrſchte. Er ſelbſt wendete ſich nach der weſtlichen Seite, welche eben von der niederſteigen⸗ den Sonne beſchienen wurde und ſetzte ſich in den Schatten des Thorwegs; dort kreuzte er die Arme über die Bruſt und verſank in tiefe Gedanken. Sey es nun, daß das Nachdenken immer mit der Ueber⸗. zeugung ſeiner eigenen Nutzloſigkeit endet und daß der Menſch, noch ehe es lange dauert, zu dem Schluſſe eines unſerer Spottvögel von Dichtern gelangt, welcher behauptet: „Das Denken iſt die pure Zeitverſchwendung, Nichts iſt ja Alles, Alles aber Nichts.“ oder ſey es, daß ein gewiſſer rückwirkender Magnetismus in dem Geſchäfte des Denkens liegt, der den Denkenden ebenſo wirkſam in Schlaf verſenkt, als die Mittheilung ſeiner Ge⸗ danken dies zuweilen bei Anderen zur Folge hat: ſo viel iſt gewiß, daß Träumereien beſonders nach einem langen Ritt — wenigſtens bei mir ſelbſt— ſehr leicht in einem Schläf⸗ chen enden. Der Wanderer hatte— wenn man nämlich nach ſeiner ſehr ſtaubigen Kleidung urtheilen durfte— ſchon etwas mehr als einen tüchtigen Morgenritt hinter ſich gebracht, und ſeine Gedanken hatten ihn kaum fünf Minuten beſchäf⸗ 27 tigt, als ſte damit endeten, daß alles Nachdenken bei ihm aufhörte. Seine Augen ſchloßen ſich, das Haupt lehnte ſich in dem Mauerwerke zurück, wobei ſein zuſammengedrückter Hut ein ganz paſſables Kiſſen bildete, während ſein dunkel⸗ braunes Haar, das darunter hervorquoll, auch ohne Worte die berüchtigte Abhandlung über die Unlieblichkeit der Lie⸗ besflechten Lügen ſtrafte. Kurz er war ein ſehr hübſcher junger Mann von etli⸗ chen ſieben⸗ bis achtundzwanzig Jahren, und die glänzenden Locken ſeines langen üppigen Haares ſtanden ſeinem Geſichte weit beſſer als die kurzgehaltene Friſur der Parlamentsſol⸗ daten oder das ſchlichte gerad abgeſchnittene Haar des puri⸗ taniſchen Predigers. Er ſchlief ungeſtört faſt eine halbe Stunde, und ob er nun träumte oder nicht, ob ſein Schlummer ſüß und balſa⸗ miſch oder wirr und ruhelos war— das wußte Niemand beſſer als ſein Roß, denn nachdem das Thier etwa eine Vier⸗ telſtunde lang das Gras abgerupft hatte, kam es ruhig auf ſeinen Gebieter zu und betrachtete ihn mit nachdenklichem Ernſt, was ſehr erbaulich anzuſehen war, gleichſam wie wenn es über die Beſchaffenheit dieſes Schlummers ſeine Betrachtungen anſtellte oder ſich darüber wunderte, welches Unheil woͤhl ſeinem Herrn zugeſtoßen ſeyn könne. Nach Verfluß der oben erwähnten Zeit brach das Pferd plötzlich in ein Wiehern aus, und begann mit den Füßen zu ſcharren; der Wanderer ſprang auf, und fand die Sonne eben am Untergehen, indem ſie noch einen reichen Strom purpurnen 28 Lichtes durch das große Thor und über den grünen Raſen des Schloßhofes ergoß. Es war wohl ſehr natürlich an einem Pferde, nachdem es einen vollen ſtaubigen Tag geritten worden, daß es ſeine Naſe geradenwegs nach dem Brunnen im Schloßhofe aus⸗ ſtreckte; der junge Reitersmann folgte ſeinem Blicke mit. den Augen und ſah mit einer eigenthümlichen Empfindung, die er ſich nicht zu erklären vermochte, eine weibliche Geſtalt von ausnehmender Schönheit und Anmuth an dem entgegen⸗ geſetzten Rande des Brunnens ſtehen und anſcheinend die untergehende Sonne betrachten. Sie war ganz weiß ge⸗ kleidet und obgleich der Schatten der Bäume über ſie fiel⸗ ſo war dennoch in jenem Augenblick eine Art duftigen Schim⸗ mers über ihr Antlitz, wie über ihre Geſtalt ausgegoſſen, der die Atmoſphäre rings um ſie her zu durchdringen ſchien, und ſo ziemlich in der Art, wie es auf Heiligengemälden aus der zweiten oder dritten Kunſtperiode dargeſtellt iſt, ſogar die zerriſſenen Ulmenſtämme und die Blätter über ihrem Haupte in eine wahre Glorie tauchte. Sie war ſchlank und klein von Geſtalt; aber den trunkenen, überraſchten Augen des jungen Mannes ſchien es, als ob er noch nie an einer menſchlichen Geſtalt ſo viel Grazie und Ebenmaß entdeckt hätte. Kaum konnte er glauben daß er wache, und doch war Alles rings umher ſo deutlich und wie mit Händen zu grei⸗ fen: das alte Schloß und ſeine grauen Mauern, der grüne Epheu, der Hof, die Kapelle, der Schloßraſen, das Roß, das ihn ſo weit hergetragen hatte. Gleichwohl meinte er 29 beinahe zu ſchlummern, denn das Weſen vor ihm, in eine von der Tagesmode ſehr verſchiedene Tracht gekleidet, ſchien ſo ganz dem Gebilde eines glänzenden Traumes zu entſpre⸗ chen, daß er es kaum für Wirklichkeit halten konnte. Er trat ihr etliche Schritte näher und war jetzt feſt überzeugt, daß er wache, da er den Wiederſchein derſelben Geſtalt in den klaren Waſſern des Brunnens, neben dem ſie ſtand, entdeckte. Einen Augenblick ſpäter ſollte noch ein weiterer Sinn von der Wahrheit deſſen, was ſeine Augen verſicherten, Zeug⸗ niß ablegen, denn eine ſüße, muſikaliſche Stimme rief in melancholiſchem Tone zu dreien Malen das Wort Zurück! Wie er ſich ihr aber zu nähern fortfuhr, wich die Geſtalt Schritt vor Schritt vor ihm zurück und ſchien immer dünner und ſchattenhafter zu werden, indem ſie erſt ihren eigen⸗ thümlichen Glanz verlor, dann in den Umriſſen undeutlicher wurde und endlich nur noch ſchwach zu unterſcheiden blieb, als ſie noch immer das Antlitz ihm zugewendet in den dunk⸗ len Schatten der alten Kapelle zurücktrat. Der junge Mann war nicht leicht zu erſchrecken, und mit dem lauten Rufe:„Hört mich, Dame! ſchenkt mir nur ein Wort der Weiſung, denn ich bin meines Weges nicht ſicher⸗“ ſprang er über den alten Brunnen, indem er die Augen nur einen Augenblick auf dieſen heftete, um ſeines Sprunges gewiß zu ſeyn. Als er den Blick wieder auf⸗ ſchlug, war die Geſtalt verſchwunden und wie verzaubert ſtand er da und betrachtete den Eingang der Kapelle. 30 Viertes Kapitel. Ging man von dem Schloſſe nach dem oberen Theile des Dorfes, ſo fand man einen kleinen Pfad zwiſchen zwei wohlgeputzten Heckenreihen, beiderſeits von Gäͤrten begrenzt, welche nicht allein mit Fruchtbäumen, ſondern auch mit meh⸗ reren breitäſtigen Eichen und langarmigen Buchen beſetzt waren, aus denen hie und da eine Pappel, in dem Schatten des Abends einer Cypreſſe keineswegs unähnlich, hervor⸗ ragte. Die Hecke zur Linken endete in einem ſaubern Zaune, der einen ſchmalen Blumengarten zwiſchen dem Pfade und einem mäßig großen Hauſe vor dem Andrange von Hunden und muthwilligen Jungen ſchützte. Hatte man das Haus hinter ſich, ſo befand man ſich auf einer weiten durchbroche⸗ nen Raſenfläͤche, welche die ſandige Hauptſtraße einfaßte und mit einer Ulmenreihe geziert war; von hier aus ſchweifte das Auge die Heerſtraße hinab zwiſchen Häuſern und Gär⸗ ten, zwiſchen Baumgruppen und breiten grünen Strecken, von einzelnen Gänſeheerden beſetzt, zu dem bevölkerteren Theil des Dörfchens, bis deſſen Fortſetzung in einer ſanften Wendung gerade da wo die Kirche mit der Kirchhofmauer bis an den Nand der Straße vorragend emportauchte, vor den Blicken ſich verlor. 6 Das Haus zur Linken des Pfades— ich meine das Haus mit dem Blumengärtchen— war niedlich und male⸗ riſch zugleich— eine Zuſammenſtellung, wie ſie nicht häufig zu treffen iſt. Der untere Stock war vielleicht deßhalb, 31 weil der Boden theuer, die Luft aber wohlfeil iſt, in der Art gebaut worden, daß er weit weniger Raum einnahm als das obere Stockwerk, das ringsum etwa anderthalb Fuß über den Unterbau hervortrat, während die ſtarken Balken des Letzteren von den Grundmauern getragen wurden. Das Strohdach war im beſten Stand, die Mauer, weiß angeſtri⸗ chen, ließ aus dem Anwurf an Vorder⸗ und Nebenſeiten die Balken noch hervortreten, ſo daß das Ganze ſich ausnahm, als ob es mit einer Damaſtdecke überzogen wäre. Hier wohnte der gute Doktor Aldover. Wir treffen ihn eben an dem erwähnten Tage um die Stunde des Son⸗ nenuntergangs vor ſeiner Hausthüre neben einem Tiſche ſitzend, auf dem ein Krug Ale aufgepflanzt war. Dicht vor ihm, den Hut in der Hand und zum Ab⸗ marſche fertig, ſtand der Jüngling, mit dem wir ihn auf dem Schloßraſen ſprechen ſahen; auf der andern Seite der Tafel ſaß der presbyteriſche Pfarrer, ein dünnes abgemager⸗ tes, ascetiſch ausſehendes Männchen von ſechs⸗ bis ſieben⸗ undfünfzig Jahren, deſſen harte Züge und eingefallene Wangen dem ganzen Geſichte einen ſauertöpfiſchen unver⸗ ſöhnlichen Ausdruck gaben, der nur dann, wenn gelegentlich ein Lächeln um ſeine Lippen ſpielte, durch den Wiederſchein eines milderen Herzens geſänftigt wurde. Der gute Doktor entließ den Jüngling mit der Ver⸗ ſicherung, daß ſein Vater ſich ganz wohl befinden werde, wenn er nur die verordnete Arznei nehmen wolle. „Du mußt eben ſelbſt dafür ſorgen, John Brownlow,“ bemerkte er,„denn ich glaube halb und halb, daß die Me⸗ 32 diein weit öfter unters Bett, als in ſeinen Mund wandert. Morgen will ich bei ihm vorſprechen und verlaß dich drauf, ich werde ihn wieder auffinden.“ „ So glaubt Ihr alſo nicht, daß er behert iſt, Sir?“ fragte der junge Mann mit ſchlauem Lächeln. „Behext? Dummkopf!“ rief Doktor Aldover.„Nichts da— lauter Unſinn! Mach daß Du fort kommſt!“ Der junge Mann entfernte ſich; aber Seine Ehrwür⸗ den, Gideon Samſon, ſchüttelte den Kopf mit ernſter zwei⸗ felnder Miene, indem er bemerkte: „Ich hoffe, mein guter und gelehrter Freund, Eure vorige Aeußerung ſoll doch nicht etwa heißen, als ob Ihr an das Daſeyn von Hexen oder die Erſcheinung von Geiſtern nicht glauben wolltet?“ „Verhüte der Himmel, ehrwürdiger Herr,“ entgegnete Doktor Aldover.„Daß es Hexen gegeben, wiſſen wir ſchon aus dem Buche der Bücher, und daß Geiſter erſchienen ſind und noch erſcheinen, iſt durch direktes Zeugniß unläugbar erwieſen, ob es aber bloße Aſtralgeiſter oder wirklich die ent⸗ körperten Seelen von Hingeſchiedenen waren— darüber zu entſcheiden wird mir nicht wenig ſchwer.“ „Aſtralgeiſter!“ rief Gideon Samſon.„Das iſt eine fantaſtiſche Abgeſchmacktheit— eine Erklärungsweiſe, welche Thatſachen wegdiſputirt, die uns die Schrift wie der geſunde Menſchenverſtand zu glauben anbefehlen. Eure ungläubi⸗ gen Skeptiker werden vermuthlich behaupten, die Fee im Schloſſe oben ſey auch blos ein Aſtralgeiſt, und doch laſſe ich mirs nicht nehmen, daß ſie ganz einfach einer längſt verſtor⸗ 33 benen Perſon angehört, welche aus unerklaͤrlichen Gründen Erlaubniß erhalten hat, den Schauplatz ihres früheren Le⸗ bens wieder zu beſuchen. Ich hoffe, Ihr werdet wenigſtens eine Erſcheinung nicht leugnen wollen, Doktor, welche von ſo vielen Zeugen als unzweifelhaft erhärtet iſt.“ „Gott behüte daß ich nicht an die Fee glauben ſollte,“ lautete des Doktors milde Antwort.„Habe ich ſie nicht ſelbſt geſehen, mein ehrwürdiger Freund, was doch gewiß beſſer iſt als jeder weitere Beweis?“ „Weiß nicht,“ meinte Doktor Samſon, der ſich eben in ſtreitſüchtiger Laune befand;„es gibt manche Beweisarten, Doktor Aldover, welche noch weit überzeugender ſind als ſo⸗ gar die Ueberführung unſerer eigenen Sinne.“ Hier ſpielte ein pfiffiges Lächeln auf des guten Dok⸗ tors Mienen; das Geſpräch wurde aber durch das Auftreten eines Dritten kurz abgeſchnitten— es war Niemand anders als der junge Fremdling, der einen Theil des Abends ſchla⸗ fend unter den Schloßmauern zugebracht hatte. Langſam und ernſt als wäre er entweder ermüdet oder mit tiefen Ge⸗ danken beſchäftigt, war er den Zaum ſeines Pferdes in der Hand durch das Zwielicht dahingegangen und erſt als er ſich der Stelle näherte, wo Doktor Aldover mit ſeinem Ge⸗ fährten ſaß, hob er die Augen und betrachtete Beide mit ſeſtem Blicke, worauf er den würdigen Arzt mit anmuthigem Gruße anredete und ihn nach einem Wirthshauſe oder einer ſonſtigen Herberge fragte, wo er für ſich und ſein Thier Un⸗ terkunft auf die Nacht erhalten könnte. „Wir haben Gott ſey Dank nur wenig Wirthshäufer James, Die Letzte der Feen. 3 34 oder Tavernen in der Nachbarſchaft,“ eiferte Gideon Sam⸗ ſon, dem guten Doktor das Wort vor dem Munde weg⸗ ſchnappend.„Wir haben hier nur ſelten mit lockeren Rei⸗ ſenden zu ſchaffen und eigene Trunkenbolde beſitzen wir gar nicht— das ſind Uebel, von denen wir wenigſtens frei geblieben.“ Die Antwort war nichts weniger als höflich; gleich⸗ wohl erwiederte ſie der junge Unbekannte nur mit Lächeln. „Es kann außer Jenen, die Ihr mit ſo hartem Namen bezeichnet, auch noch andere Reiſende geben, mein guter Sir, und ich hoffe, ich gehöre zu Letzteren,“ verſetzte er⸗ „Man reist ebenſo wohl in Geſchäften, als zum Vergnügen, und wenn man da, wo man ſich eben befindet, keine Freunde beſitzt, ſo muß man doch wenigſtens ein öffentliches Gaſthaus vorfinden. Dies iſt für jetzt mein Fall und ich fände es wirklich etwas hart, wenn ich mit müdem Roſſe und blei⸗ ſchweren Gliedern noch viele Meilen weiter müßte, weil Manche von einem Wirthshauſe— falls ſolch ein Ding im Dorfe geduldet wird— einen ſchlimmen Gebrauch machen.“ Dieſe Antwort ſchien den würdigen Pfarrer einiger⸗ maßen zu beſänftigen, denn dieſer war, wie geſagt, von Na⸗ tur nicht hart und unfreundlich, nur etwas intolerant gegen Anderer Anſichten, wie dies bei Sekten, welche das volle Maaß freien Urtheils anſprechen, immer der Fall iſt. Aber auch ſeine zweite Erwiederung, obwohl in artigeren Aus⸗ drücken abgefaßt, als die erſte, fiel für den Fremden kaum befriedigender aus, denn es ging für ihn ſo viel daraus her⸗ vor, daß er nur wenig Ausſicht habe, an einem Orte, wo er 35 — was nun der Grund ſeyn mochte— zu bleiben entſchloſ⸗ ſen war, irgend welche Unterkunft zu finden. Die Unzufriedenheit, die er hierüber empfand, ſprach ſich deutlich in ſeinen Mienen aus, und er wollte ſich eben mit gebührendem Danke für die erhaltene Kunde abwenden, als der gute Doktor Aldover, der ihn, ohne zu reden, mit nicht geringer Theilnahme betrachtet hatte, zu ſeinem Troſte anhub: „Meine Wohnung iſt zwar höchſt beſcheiden, Sir; doch wenn Ihr Euch damit begnügen wollt, ſo ſoll Euch jede Be⸗ quemlichkeit, die ſie zu bieten vermag, für die Nacht zu Ge⸗ bote ſtehen.“ Des jungen Mannes Antlitz erhellte ſich augenblicklich und nach einigen Entſchuldigungen wegen der Mühe, die er verurſache, nahm er des Doktors Anerbieten mit den Wor⸗ ten an: „Alles, was ich bedarf, mein freundlicher Wirth, iſt ein hartes Bett, eine Kruſte Brod und ein Glas Waſſer.“ „O, da koͤnnen wir doch mit etwas Beſſerem auf⸗ warten,“ erwiederte der würdige alte Herr;„wir können Euch—— Hier ſchwieg der Doktor mitten in der beabſichtigten Rede, denn er ſcheute ſich einigermaßen vor ſeinem presbyte⸗ riſchen Freund und das Verzeichniß von guten Dingen, die er eben aufzuzählen im Begriffe ſtand, blieb ihm zwiſchen den Zähnen ſtecken. „Wir können Euch,“ fuhr er fort,„ein Glas vom beſten Ale im ganzen Lande nebſt einem frugalen Abendeſſen vor⸗ 3 8 36 ſetzen, etwas Brod und Käs, vielleicht auch eine Schnitte Speck, und ſind auch meine Betten nicht mit Eiderdunen ge⸗ füllt, ſo ſind ſie doch weich genug, beſonders für einen müden Wanderer.“ Dieſe Einladung, eben ſo freundlich gegeben als ſie auf⸗ genommen wurde, ſchien für den würdigen Gideon Samſon das Zeichen zum Aufbruch und ehrlich geſtanden war ſein Abgang dem guten Doktor Aldover nichts weniger als un⸗ lieb, wie man denn beim Abſchied ſein Geſicht unverkennbar ſich erheitern ſah. Doch erſt als jene außer Gehörweite war, fuhr er in ſeiner Rede weiter, ſprach über das Unterbringen des Pferdes und in welchem Zimmer er ſeinen Gaſt logiren wolle, bis er endlich laut nach einem Diener Namens Joſua rief, indem er zu wiederholten Malen erklärte, wie glücklich er ſich fühle, ſeinem jugendlichen Gaſte einige Aufmerkſam⸗ keit erweiſen zu können. Der Fremde nahm ſeine Artigkeiten mit ernſter Ruhe auf und wartete mit dem Zaume in der Hand, bis Joſua in Gaͤrt⸗ nerstracht erſchien und er ihm die Pflege ſeines Roſſes uüber⸗ antworten konnte; dann ging er mit ſeinem Wirthe nach dem Hauſe und trat in deſſen Studierzimmer, wohin man eine Stufe abwärts ſtieg. Kaum war die Thüre geſchloſſen, als auch er zu lächeln begann und den Doktor, der ihn höflich bewillkommte mit den Worten bei der Hand faßte: „Ich glaube beinahe, mein gütiger Freund, daß Ihr⸗ wenn Ihr mich auch vergeſſen habt, doch keinem ganz Frem⸗ den Gaſtfreundſchaft erweist. Die Zeit hat Euch zwar bedeu⸗ 357 tend verändert, doch taͤuſche ich mich gewiß nicht in der An⸗ nahme, daß ich Miſter Aldover vor mir habe.“ „Allerdings, freilich, freilich,“ erwiederte der Arzt. „Ich werde meinen Namen niemals verläugnen; aber den Euren, junger Herr, weiß ich in der That nicht zu nennen, und doch ſchwebt mir Euer Geſicht wie ein Traum vor dem Gedächtniß— ich wollte Ihr ſagtet mir, wo ich Euch ſchon geſehen habe.“ „Thut nichts zur Sache, mein theurer Sir,“ verſetzte der junge Edelmann.„Ihr ſaht mich das letzte Mal in ſchrecklichen Zeiten, deren wir am ſicherſten für jetzt nicht er⸗ wähnen.“ Doktor Aldover warf einen ſchüchternen Blick durch das Zimmer, als ob er die geheimen Ohren, welche die Wände haben ſollen, aus dem Getäfel hervordringen zu ſehen erwar⸗ tete und murmelte nur ganz leiſe: „Ganz richtig, ganz richtig— es iſt beſſer von ſolchen Dingen gar nicht zu reden. Wir haben hier im Orte ſehr ſtrenge argwöhniſche Leute, und unter ihnen höchſt barſche vor⸗ ſchnelle Geiſter. Daß Gott erbarm! denkt Euch nur, lieber Herr, ein Wirthshaus iſt ein Fluch in ihren Augen und weil die Buben und Mädchen vor des Wirthes Thüre zu tanzen gewohnt waren, ſo nannten ſie ſeine Behauſung ein Taber⸗ nafel der Hölle, vertrieben den Wirth und ſchloßen die Her⸗ berge. Gleichwohl bin ich ſehr erfreut Ench zu ſehen und wir wollen— ja wir wollen eine Bowle Punſch trinken. Darin kann doch gewiß kein Unrecht liegen: ich vermochte wenigſtens nie ausfindig zu machen, wie an einer Zitrone et⸗ 38 was Sündhaftes oder wie im Zucker die Bitterkeit des Ver⸗ ruchten haften ſolle; ebenſo wenig wußte ich im Rum einen ſchlimmen Geiſt zu entdecken, wenn er nicht etwa für ſeinen Mann zu ſtark geworden war. Ich behaupte, eine Bowle Punſch müſſen wir haben, aber mit aller Mäßigung, denn es iſt ſchon lange her, ſeit ich mit einem— Freunde einen Löf⸗ fel voll getrunken.“ Durch welche Art von Freimaurerei— ob an den lan⸗ gen Haarlocken, an dem kavaliermäßigen Schnitt ſeines Rocks oder am Knüpfen der Halsbinde— es ihm gelang zu entdecken, daß der Fremde derſelben Parthei angehörte, der auch er früher angehangen hatte, weiß ich nicht; nur ſo viel iſt gewiß, daß der gute Doktor Aldover wie von ſeinem Leben überzeugt war, daß ſein Gaſt weit mehr von einem Kavalier als von einem Nundkopf an ſich habe: aber gleichwohl war ſeine Zuverſicht ſehr ſchüchterner ängſtlicher Art und bedurfte einigermaßen der Beſtätigung aus deſſen eigenem Munde. Der Fremde wollte ſich jedoch zu nichts Aehnlichem herbei⸗ laſſen, ſondern erwiederte nur in nachdenklichem Tone: „Punſch iſt keine ſchlimme Miſchung, mein ehrwürdiger Freund, wenn er mit gebührender Vorſicht bereitet und ge⸗ trunken wird.“ Der würdige Doktor nahm dieſe Aeußerung als Beſtäti⸗ gung ſeiner Annahme und verließ das Zimmer, um die In⸗ gredienzen zu dem duftenden Tranke herbeizuholen, während ihm der Fremde einen Augenblick mit ſtillem Lächeln nach⸗ ſchaute und dann die Stirne auf die Hand geſtützt die Augen 39 mit der Miene eines Mannes ſchloß, der ſich körperlich und geiſtig tief erſchöpft fühlt. Der kurze Schlummer, den er unter den Mauern der Schloßruine gehalten hatte, war der einzige geweſen, der ſeine Augen ſeit zwei Tagen und ebenſoviel Nächten heim⸗ geſucht hatte und er war noch immer ſehr ſchläfrig. Er kämpfte dagegen, da er nichts weniger als ein ſchlafſüchtiger Held war, und da er immer wieder aufs Neue einnickte, ſo ſchaute er ſich mit Anſtrengung aller Kräfte im Zimmer um, indem er für ſeine Augen nach einem intereſſanten Gegenſtande ſuchte, um ſie am Zufallen zu hindern. Allein das Ausſehen des ganzen Gemaches war nicht ſonderlich belebend. Daſſelbe war niedrig, von mäßiger Größe, mit ſchwarzem Eichengetäfel verſehen und auf der ei⸗ nen Seite mit maſſigen Bücherſchränken von demſelben Ma⸗ terial und mit ſchweren Folianten gefüllt, begränzt. Schon der bloße Anblick vieler großer Bücher erfüllt einen mit ei⸗ nem gewiſſen Grade von Schläfrigkeit: ſie laſten ſchwer auf der Einbildungskraft und machen einen ſchon im Voraus ſchlaftrunken— ſo war's demnach mit dieſer Seite nichts. Er wendete ſich ſofort zu der andern: da ſah es aber beinahe noch ſchlimmer aus. Jedes einzelne Getäfel war von einem Kranze geſchnitzter Blumen eingefaßt, welche al⸗ lem Anſchein nach mit der Wandtafel aus einem Stück ge⸗ arbeitet waren. Sie ſchienen keineswegs ſchlecht ausgeführt, hatten aber dennoch etwas Steifes, eine gewiſſe ſchläfrige Unbeweglichkeit an ſich, die ſich ſchwerfällig auf die Lebens⸗ 40 geiſter legte— man hätte die Welt drum gegeben, wenn ein Windhauch ſie in Bewegung geſetzt hätte. Noch übler ging es mit den verſchiedenen geſchnitzten Töpfen, mit denen das Zimmer dicht geziert war: ſie ſahen alle aus, als ob ſie nicht erſt zum Schlaf ſich anſchickten, ſon⸗ dern ſchon feſt eingeſchlummert wären. Hier ſchien ihm ein grimmiger Löwe zuzunicken; in einer anderen Ecke hing ein Cherub mit dämmernden Blicken, als ob ſeine Augen, wie die Kinder zu ſagen pflegen, von Schlummer thauten, und der Teufel ſelber, der in Mitte der Niſche mit einer Fidel in der Hand abgebildet ſtand, war das leibhafte Ebenbild eines Morpheus. Je länger der Fremde hinſchaute, deſto undeutlicher wur⸗ den die Gegenſtände vor ſeinen Augen; er lehnte den Kopf auf die Hand und gab ſich endlich nach zweimaligem Aufraf⸗ fen dem unbezwinglichen Einfluſſe hin, indem er das Haupt in beiden Händen begrub und einige Augenblicke völliger Vergeſſenheit genoß. 1 Ach, wo wohl dieſer Lethe Waſſer fließen? In dem glücklichen Lande, wo die Vergangenheit vergeſſen, die Zu⸗ kunft aber unbekannt iſt. Wonach auch der Menſch in ſeinem Leben dürſten mag, er wird doch oft einige Tropfen aus je⸗ nem ſchwarzen Strome jedem anderen Tranke vorziehen. „Dem Stir die Göttin ihren Sohn vertraut die ird'ſche Mutter hätt' in Lethe ihn getaucht.“ Allein der Schlaf iſt nicht immer Vergeſſenheit, und wenn auch unſerer Wanderer, wie geſagt, einige Augenblicke lang jener geſegneten Freiheit vom Andrange der Gedanken 41 genoß, ſo dauerte dieſer Zuſtand gleichwohl nicht lange. Der Traum kam, um die Vergangenheit zu erneuern, das Ge⸗ mälde der Zukunft vor ihm zu entfalten. Er fand ſich aber⸗ mals hoch zu Roß, aber nicht wie er neulich geritten war: er trug Federn auf dem Hut, einen Stahlpanzer vor der Bruſt und Waffen an der Seite; er hörte den Klang der Trompete, das Klirren von Schwertern, lautſchallende Kommandos, Musketenknattern und das Brüllen des Geſchützes. Sein Roß ſchien unter ihm zu bäumen, ſeine Hand den Zügel zu faſſen, ſein Arm den ſcharfen glänzenden Degen zu ſchwingen. Der Feind ſank vor ihm in den Staub, ſein Hengſt trat ihn mit Füßen, während er zum wüthenden Angriffe vorſprengte. Nichts konnte ihm wiederſtehen, Niemand vermochte ihm Stand zu halten; vorwärts, vorwärts gings als ob eine übernatürliche Gewalt ihm Kraft und Vermögen verliehen, Alles vor ſich niederzuwerfen: Picke und Schwert, Muskete und der Flammenrachen der Artillerie hatten nichts Fürch⸗ terliches für ihn— der Sieg war mit ſeinem Arm, Triumph thronte auf ſeiner Stirne und er dachte nur an Sieg und Eroberung. Seine Genoſſen ſah er rings um ſich fallen; die Kugeln mähten ihre Reihen, der ſcharfe Säbel lichtete ihre Glieder, ſie wurden dünner und dünner, bis er endlich mitten in der Schlacht allein ſtand, immer noch ſiegreich, wo er hin⸗ kam, noch immer unbeſieglich für jeden Gegner. Vorwärts, vorwärts drang er durch die feindlichen Linien, einen weiten Raum gleich einem Fußpfad durch das Herz der in Waffen ſchimmernden Bataillone ſich bahnend. Vorwärts, vor⸗ wärts, von der Front bis zum Nachtrab, an der Artillerie 42 vorüber, durch die Zelte, bis er nicht einmal einen Nachzüg⸗ ler mehr vor Augen hatte. Jetzt ſuchte er die Zügel an⸗ zuhalten, um zur Schlacht umzukehren— vergeblich: die Ganaſchen des Roſſes ſchienen von Eiſen und von einer Macht getrieben, die keine menſchliche Stärke zu leiten noch zu überwältigen vermochte, ſauste der Renner mit der frühe⸗ ren Sturmeseile durch das ſtehende Korn, über Brachfeld und Moor, den Hügel hinan, ins Thal hinab, durch Mar⸗ ſchen und Ströme. Ihn hinderte nicht Wald noch Fels— Letzterer ſchien ihm ſogar Platz zu machen: ſein Athem war eben ſo leicht, wenn er die Höhen hinan, wie wenn er über die Ebene ſprengte und Meile auf Meile ſtürmte er wei⸗ ter, als ob das Thier die Flügel des Gedankens oder die Hufe des Blitzes beſäße. Der Tag ſchien hinabzuſinken, Gewitterwolken ſam⸗ melten ſich am Abendhimmel, die Nacht brach an: aber auch durch das undurchdringliche Dunkel jagte der Renner ſo friſch wie am Morgen, ſo unermüdlich wie die himmelumwandelnde Sonne. Der Reiter fühlte ſich erſchöpft, ermüdet, ſeine Glieder ſchmerzten und die Kraft verließ ihn; er merkte, daß er ſich nicht mehr lange im Sattel halten konnte, als er beim grauenden Lichte des Morgens einen Wald und eine alte Abtei mit ihren zertrümmerten Bogen und zerbrochenen Fenſtern vor ſich ſah, von deren Mauern dünne Luftgeſtalten mit geſpenſtigen Händen ihn zum Eintritte zu ermuntern ſchienen. Die Zügel ſanken ihm aus der Hand, ſein Kopf ſchwindelte und mit den Worten: hier will ich ſterben“, 43 glitt er auf den grünen Raſen am Fuße der Baͤume. Da rief plötzlich eine ſüße Mädchenſtimme: „Denzil, Denzil, ſteh' auf und höre!“ Unſer Wanderer fuhr aus dem Schlummer empor und fand ſich in Doktor Aldovers Bibliothek. Das Zwielicht hatte ſich in Nacht verwandelt; aber es war nicht finſter, denn der Mond war aufgegangen und ſchaute eben durchs Fenſter. Er konnte alle Gegenſtände um ſich her ſo deut⸗ lich wie am hellen Tage erkennen; nur das vermochte er nicht zu entdecken, woher jene Stimme kam.„Es war im Traume,“ dachte er; allein im nächſten Augenblicke hörte er abermals: „Denzil, Denzil, wach auf und höre!“ „Träum' ich oder wach' ich?“ dachte er, und um ſich von Letzterem zu überzeugen, ſtand er von ſeinem Stuhle auf und rief: „Wer ſpricht hier? Wer ſeyd Ihr?“ „Dir nahe und doch fern,“ erwiederte die Stimme; „wo Du mich für jetzt nicht erreichen kannſt, bald aber wie⸗ derſehen wirſt.“ 1 „Was wollt Ihr von mir?“ rief der junge Mann. „Was verlangt Ihr jetzt von mir?“ „Komm um Mitternacht in die Kirche,“ antwortete die Stimme,„und Du ſollſt's erfahren.“ „Warum nicht jetzt?“ fragte der Edelmann;„warum nicht hier?“ „Komm allein in die Kirche— um Mitternacht,“ wiederholte die Stimme,„und warte im Schiff bis Du ge⸗ rufen wirſt.“ 44 „Wer gebietet mir alſo?“ forſchte der Wanderer. Aber noch ehe eine Antwort erfolgen konnte, ging die Bibliothekthüre auf und der gute Doktor Aldover erſchien mit einem Lichte in der Hand. „Warum ſprecht Ihr denn mit Euch ſelber, mein junger Freund?“ fragte dieſer.„Nach einem ſo ruhigen Schlum⸗ mer, wie Ihr ihn während der letzten halben Stunde gehabt, hätte ich gedacht, Ihr würdet Euch einen anderen Partner wählen.“ Der junge Edelmann legte die Hand an die Stirne und ſchwieg eine Weile, während ein niedliches Dienſtmädchen eine große Punſchbowle mit verſchiedenen Platten und Ge⸗ richten von höchſt einladendem Geruche ins Zimmer trug. Er ließ ſie den Tiſch decken und alle jene Anordnungen tref⸗ fen, worin ſolche Dienerinnen weit mehr Zeit, als gerade nöthig wäre, zu verwenden pflegen, ohne auf die Bemerkung des würdigen Doktors ein Wort zu erwiedern; ſobald ſie aber fertig war und das Zimmer verlaſſen hatte, faßte er ſeinen Wirth am Arm mit den Worten: „Ich ſprach nicht mit mir ſelbſt, mein theurer Sir; vielmehr geht etwas in Eurem Hauſe vor, was Ihr mir erklären müßt. Erſt vor zwei Minuten wurde ich bei mei⸗ nem Namen gerufen; ich fragte und erhielt Antwort zur Erwiederung— dies Alles an einem Orte, wo ich Niemand kenne und(wenigſtens ſo viel ich weiß) Niemand bekannt bin. Wäre es eine Männerſtimme geweſen, ſo hätte ich es theilweiſe begreifen können; ſo aber war es ein Frauenor⸗ gan und die Sache iſt mir völlig unerklärlich.“ 45 „Pah, pah!“ meinte Doktor Aldover,„Ihr habt ge⸗ träumt, mein guter Sir.“ „Allerdings,“ erwiederte der Fremde;„was ich Euch aber erzähle, fand ſtatt nachdem ich vom Schlafe erwacht war.“ „Ein Wechſel des Traumes, das iſt Alles,“ beruhigte der würdige Arzt, der nicht gerne auf die Sache einzugehen ſchien;„ſonſt kann es nichts geweſen ſeyn. Als ich vor einer halben Stunde nach Euch ſah, fuhret Ihr Euch mit den Händen übers Geſicht, wie wenn Eure Gedanken, dem feſten Schlafe zum Trotz, ſehr geſchäftig wären.— Setzen wir uns ans Abendeſſen, mein guter Freund. Wir haben hier ein gebratenes Huhn, einige Stücke Rehbraten zur beſſeren Ver⸗ dauung und etwas geröſteten Schinken, um unſeren Punſch deſto ſchmackhafter zu machen: ſetzt Euch nieder, werther Sir— nein, nehmt Euch einen Armſeſſel.“ Der Fremde that, wie er geheißen ward, und Doktor Aldover machte den freundlichen freigebigen Wirth; aber dem jungen Manne ſchien es an Appetit zu fehlen, denn kaum hatte er einige Biſſen gegeſſen, als er das Meſſer niederlegte und in tiefe Gedanken verſanf. „Miſter Aldover,“ begann er nach kurzer Pauſe,„ich kann mich bei dieſem Geheimniß nicht beruhigen. Ich ver⸗ ſichere Euch,ich war völlig wach als ich von jener Stimme aufgefordert wurde, heute um Mitternacht in der Kirche zu erſcheinen.“ „Wirklich!“ rief Doktor Aldover nicht ohne Ueber⸗ raſchung;„habt Ihr in der That im Sinne zu gehen?“ „Ich muß erſt weitere Einſicht in der Sache erlangen, 46 ehe ich mich entſchließe,“ erwiederte ſein Gaſt,„und da ſich der Fall in Eurem Hauſe ereignet hat, ſo muß ich wohl an⸗ nehmen, daß Ihr mir— wofern Ihr wollt— eine Erklä⸗ rung zu geben im Stande ſeyd.“ „Habt Ihr ſeit Eurer Ankunft irgend einen Bekannten geſehen?“ fragte der Doktor—„ich meine ehe Ihr mein Gartenthor erreichtet, denn es ſcheint, daß Ihr wenigſtens mich kennet.“ „Niemand,“ verſetzte der Edelmann;„ich begegnete keiner einzigen Perſon, außer einer, die mich gewaltig beſchäf⸗ tigte— einer Dame, die mir im Schloßhofe am Brunnen gegenüberſtand. Als ich mit ihr zu ſprechen verſuchte, zog ſie ſich vor mir zurück und ſchien endlich ganz zu verſchwin⸗ den— wenigſtens vermochte ich keine weitere Spur von ihr zu entdecken.“ „Die Fee vom Schloßbrunnen!“ murmelte Doktor Al⸗ dover in leiſem ganz eigenem Tone.„Um welche Stunde?“ „Gerade bei Sonnenuntergang,“ antwortete der junge Mann. 1 „Ja, ja, das iſt die rechte Zeit!'s iſt doch ſonderbar, wie vorſchnell manche Leute urtheilen: ich halte jene Erſchei⸗ nung blos für einen Aſtralgeiſt, der gute Miſter Gideon Samſon und Viele von den Einwohnern dieſes Dorfes be⸗ haupten ſteif und feſt, es ſey der Geiſt eines Verſtorbenen, der ohne Zweifel zu dem Zwecke, ſeine Freunde und Be⸗ kannte zu erſchrecken, zur Erde zurückkehren dürfe.“ Der Gaſt ſtützte gedankenvoll den Kopf auf die Hand⸗ während Doktor Aldover mit großer Gelehrtheit den Unter⸗ ſchied zwiſchen Aſtralgeiſtern und den Seelen der Verſtor⸗ benen, die er Hammethim nannte, auseinander ſetzte. Erſt als ſein würdiger Wirth eine Pauſe machte, fragte der junge Mann weiter: „Wann iſt denn dieſer Geiſt oder dieſe Fee zum erſten⸗ mal erſchienen?“ „Erſt vor einigen Jahren, in den ſchlimmſten Zeiten einer ſchlimmen Periode,“ entgegnete der Gefragte.„Als die Sache das erſte Mal ruchbar wurde, hielten wir's blos für einen düſteren Aberglauben unſerer alten Weiber, denn die ehrliche Baſe Deborah Higgins war die Erſte, welche beim Waſſerholen um die Zeit des Sonnenuntergangs die Erſcheinung zu Geſicht bekam, ihren Krug vor Schrecken ſtehen ließ und in großer Angſt herbeigelaufen kam. Seit⸗ dem wurde übrigens die Fee, wie man ſie nennt, von ver⸗ ſchiedenen Anderen geſehen und alle unſere Zweifel in der Sache ſind verſchwunden.“ „Hat man je den Verſuch gemacht mit ihr zu reden oder ihr zu folgen?“ erkundigte ſich der Fremde. „O ja,“ gab Doktor Aldover zur Antwort.„Ein junger halbbetrunkener Burſche ſchwur ein Tänzchen mit der Fee zu verſuchen und ging deßhalb nach dem Schloſſe hinauf. Die Fee ſchien nicht geneigt, ſeine Erwartung zu täuſchen, denn ſeiner Erzählung zufolge, ſah er ſie kaum drei Minuten nach ſeinem Eintritte am Brunnen ſtehen und folgte ihr über den großen Hof, erhielt aber plötzlich von unſichtbarer Hand einen Schlag, der ihn der vollen Läͤnge nach auf's Gras ſtreckte.“ 48 „Das war etwas derber, als Gunſtbezeugungen von Feen ſonſt zu ſeyn pflegen,“ bemerkte der Fremde lächelnd. „Aha, ich ſehe, Ihr ſeyd ein Ungläubiger,“ rief der ehr⸗ liche Wirth.„Ich meines Theils glaube was ich geſehen habe, wenn Ihr gleich das Zeugniß Eurer eigenen Augen zu bezweifeln ſcheint, da Ihr wenigſtens zugebt, ſie am Brunnen geſehen zu haben.“ „Nein, ich zweifle nicht,“ verſicherte der junge Edel⸗ mann;„es kommt mir nur höchſt auffallend vor. Ich ſehe keinen genügenden Grund zu der Annahme, daß es zwiſchen Gott und den Menſchen nicht mannigfache Zwiſchengrade geben, noch daß ſolche Weſen uns hier auf Erden nicht er⸗ ſcheinen können. Dabei fürchte ich mich aber keineswegs vor ihnen, mein theurer Sir, denn wenn auch Jeder mancher⸗ lei Sünden abzubüßen hat, ſo iſt doch die allgemeine Sühne genügend, wofern wir nur Glauben daran haben.“ „Das nenne ich weiſe und vernünftig geſprochen,“ er⸗ wiederte Doktor Aldover.„Ich denke ebenſo und hege keiner⸗ lei Beſorgniſſe; die Leute im Ort aber ſind ganz anders ge⸗ ſtimmt und Ihr würdet es ſehr ſchwer finden einen derſelben dahin zu bringen, daß er Schloß oder Kirche nach Einbruch der Nacht beſuche.“ „Ich bin zu Letzterem entſchloſſen,“ erklärte des Dol⸗ tors Gaſt,„und muß Euch bitten, mir durch Euren Einfluß als Dekan die Schlüſſel vom Küſter zu verſchaffen.“ „Ach, liebſter Freund, ich bin längſt nicht mehr Dekau,“ ſeufzte der Doktor;„gleich nach der Schlacht von Woreeſter wurde ich abgeſetzt. Nichtsdeſtoweniger kann ich Euch leicht 7 49 die Schlüſſel verſchaffen, denn ſie ſind in den Händen eines Mannes, der mir zu Danke verpflichtet iſt, und ich will Euch zu ihm begleiten, trotzdem daß es ziemlich weit und die Nachtluft gar nicht mein Freund iſt. Laßt uns erſt unſere Bowle austrinken, denn Ihr werdet allen Muth, den ein feſtes Herz und ein tüchtiger Trunk gewährt, nöthig haben, um in der Stunde der Mitternacht unter jenen alten Kirchenſchiffen mit ihren geiſterhaften Monumenten umherzuwandeln. Man erzählt ſich ſonderbare und wie ich glaube ächte Geſchichten von unſerer Kirche.“ „ECi, laßt doch etwas davon hören,“ bat der Wanderer. „Nein, nein,“ ſträubte ſich Doktor Aldover;„ich wieder⸗ hole ſie nie, obwohl mein Nachfolger im Amte ſie mit größ⸗ ter Bereitwilligkeit ausbreitet, bis ſich kaum mehr ein Junge im Dorfe findet, der ohne Zittern in ſein Bett kriecht, und von all' den Mädchen kein einziges nach dem Lichtauslöſchen die Augen zu öffnen wagt.— Erlaubt, daß ich Euer Glas fülle.“ Der junge Mann nahm ohne Widerſtreben ſeinen vol⸗ len Antheil an der Punſchbowle und der Doktor bemerkte nicht ohne innerliche Befriedigung, daß er die ganze Zeit über, die er noch im Hauſe blieb, ſehr ernſt und nachdenklich war. Ob er übrigens wirkliche Beſorgniſſe hegte oder nicht — er verharrte jedenfalls feſt auf ſeinem Entſchluſſe und brach nach einer halben Stunde auf, um mit ſeinem ehrlichen Wirth die Kirchenſchlüſſel zu ſuchen. James. Die Letzte der Feen. 4 50 Fünftes Kapitel. An dem grünen Pfad, der etwa hundert Schritte ehe man den Schloßraſen erreichte von der Heerſtraße abbog, lag eine niedliche Hütte. Der Pfad durchſchnitt in einer tiefen Furche den Abhang des Hügels und zog in ſteilem Abfalle an der Hütte und dem gegenüberliegenden Pächterhauſe vor⸗ über, um ſofort in beträchtlichem Bogen das Ufer des Flüß⸗ chens zu erreichen, das er bis zum unteren Ende des Dorfes begleitete, wo er ſich fingerartig in vier bis fünf Seitenwege theilte. Dieſer Pfad vermied alle Windungen und Umwege der Heerſtraße, indem er ſtatt die Hinderniſſe, die ſich ihm in Geſtalt von Hebungen und Senkungen entgegenſtellten, in Bogen zu umgehen, in gerader Linie drüber wegführte. Die Hütte, von welcher ich eben geſprochen, lag etwa halbwegs zwiſchen Schloß und Fluß— ein niedliches, feſtes obwohl niederes Gebäude, das im Innern weit mehr Be⸗ quemlichkeit barg als die Außenſeite verſprach und das trotz ſeiner einſamen Lage an hellen Sommertagen eine freund⸗ liche Ausſicht auf Schloß und Kirche nebſt einem Theile des Dorfes darbot— eine Ausſicht, die im Winter, wenn die Bäume ihre Blätter verloren hatten, noch deutlicher und ausgedehnter wurde. Vorn gegen den Pfad hatte das Häuschen ein ſehr niedliches Wohnzimmer, denn der Beſitzer ahmte einigermaßen die feineren Sitten nach und ſchied durch eine dicke Wand das Gemach, das ihm zugleich als Wohn⸗, als Speis⸗ und Bibliothekzimmer diente, von den Dienſtbotenſtuben, um welch letztere eine Art vergitterter 51 Portikus lief, den wir heut zu Tage etne Veranda nennen würden. In dieſem Wohnzimmer finden wir an demſelben Abend da Doktor Aldover zum erſtenmal ſeit acht bis neun Jahren eine Bowle Punſch mit einem Gaſte ausgetrunken hatte, zwei Perſonen von ſehr verſchiedenem Alter und Ausſehen beiſammen ſitzend. Wir wollen zuerſt den Mann im Lehn⸗ ſtuhl in's Auge faſſen. Er zählte etwa achtundſechszig, ſah aber bedeutend älter aus— plump, ſtattlich und beinahe ehrwürdig, wenn nicht ein gewiſſer ſtumpfer Blick, als ob ſeine Geiſteskräfte, wenn auch nicht völlig verſchwunden, doch wenigſtens eingeſchläfert wären, jenen Eindruck geſchwächt hätte. Sein Geſicht war auf Naſe und Wangen röthlich angelaufen, ſonſt aber ziemlich blaß, ſein ſchwarzes Auge, wenn gleich nicht mehr ſo funkelnd wie früher, zeugte immer noch von vieler Pfiffigkeit, ob dieſe nun natürlich oder erſt im langen Verkehre mit der Welt— dieſem großen Wetz⸗ ſteine unſerer Fähigkeiten— erworben ſeyn mochte. Auf dem weiten geräumigen Heerde brannten trotz der Sommerzeit— man befand ſich nämlich im Spätſommer, wo die Abende ſchon kühler werden— einige Scheiter Holz, und über ſie beugte ſich der alte Mann mit ausgeſpreizten Händen, als ob die Flammenwärme ſeinem eiſigen Blute gut thäte. Ich habe oben von Wohnzimmer, Lehnſtuhl und einer Veranda geſprochen; ehe ich jedoch weiter gehe, muß ich zu⸗ vor erklären, welche Art von Zimmer, von Stuhl und Ve⸗ randa ich meine. So vernimm denn, zärtlich geliebter Le⸗ 4* 52 ſer, daß das Wohnzimmer mit Backſteinen gepflaſtert, von niedrigem Getäfel eingefaßt und am Plafond von vielen vorſpringenden Balken durchzogen war, welche genügenden Raum für Nägel oder Schrauben darboten, um allerlei größere und kleinere Artikel, als da ſind: Schinken, Pöckel⸗ fleiſch, Pulverhörner, Schrotbeutel nebſt manchen andern Gegenſtänden, die wir im ſpäteren Alter durch lange Ver⸗ trautheit als Freunde liebgewinnen lernen— daran aufzu⸗ hängen. Der Lehnſtuhl verdiente in der That ſeinen Namen, da er auf jeder Seite einen hölzernen Arm hatte; bei nähe⸗ rer Betrachtung fand ſich übrigens, daß er nichts weiter als ein gewöhnlicher Seſſel mit den nöthigen Zugaben war. Die Veranda beſtand aus einem ländlichen Portikus mit einem Gitterwerk aus rohen Zweigen, das dem alten Manne an heißen Sommerabenden Schatten gewährte, wenn er im Freien ſitzen und ſein Glas Ale in friſcher Luft genießen wollte. Der zweite Bewohner des Zimmers, der mit Becher und Arzneiflaſche in der Hand einige Schritte hinter dem erſten ſtand, war kein Anderer als derſelbe Jüngling, den wir ſchon zweimal in Doktor Aldovers Geſellſchaft getroffen haben, ein gutausſehender, handfeſter, wohlgebildeter Bauer⸗ junge zwiſchen ſechs⸗ und ſiebenundzwanzig Jahren mit nuß⸗ braunem Lockenkopf, geſunder Geſichtsfarbe, hellem klarem Auge und einem Blicke voll Verſtand und Munterkeit. Er ſtand eben im Begriff ſeinen Vater zum Einnehmen der von Doktor Aldover verordneten Mediein zu überreden— ein Anſinnen, welchem der Alte ſtandhaft widerſtrebte. 53 „Nichts da, John, ich mag nichts mehr davon,“ brummte der Greis.„Was ſoll's helfen, John? Ich bin behext, mein Junge— es iſt kein Zweifel und ich bin gewiß⸗ die alte Martha Unwin hat's gethan, weil ich ihr ſtatt des Zinſes ihre Nachtjacke abnahm.“ „Pah, Vater, wo denkt Ihr hin,“ meinte der Sohn, „Ihr ſeyd nichts weniger als behext: ſo behauptet Doktor Aldover und als Arzt wie als Prediger muß er's doch wiſ⸗ ſen. Die alte Martha vollends iſt'ne kreuzbrave Frau, die keiner Seele etwas zu Leid thut: ſie glaubte vielmehr Ihr ſeyd beſeſſen, weil Ihr ſo hart gegen ſie verfuhret— ſie aber hat Euch gewiß nicht behext.“ „Wie ſoll ich denn ſonſt zwei Nägel in den Magen be⸗ kommen haben?“ fragte der alte Mann, wie wenn dieſer Beweis unumſtößlich wäre—„Du haſt's ja ſelbſt geſehen.“ „Ei, Ihr habt ein halb Dutzend zwiſchen die Zähne genommen, als Ihr Euren alten Koffer ausbeſſertet; ich ſah es mit meinen eigenen Augen,“ verſicherte der Sohn, „wie Ihr von den ſechſen blos vier aus dem Munde zurück⸗ brachtet. Kommt, Vater, nehmt die Arznei: ſie wird Euch ganz geſund machen, wie der gute Doktor ſagt.“ Es bedurfte jedoch noch großer Ueberredung, bis die Medizin drunten war, und noch hatte er ſie keine d drei Mi⸗ nuten bei ſich, als der alte Roger Brownlow, wie er im Dorfe genannt wurde, in mißvergnügtem Tone bemerkte: „Mir iſt noch nicht beſſer, John.“ „Sobald Ihr zu Bett geht, Vater, wird's anders wer⸗ den,“ beruhigte der Sohn, bis ſich der Alte nach längerem Hin⸗ und Herreden dahin bringen ließ, daß er dieſen guten Nath befolgte und ſich zur Ruhe verfügte. Da John Brownlow ſeine häuslichen Geſchäfte hiemit beendigt ſah, ſo nahm er ſeinen hohen thurmſpitzähnlichen Hut vom Nagel und näherte ſich einer Thüre, die ſich nur wenige Schritte vom Herde nach Innen öffnete, indem er in eiſem Tone flüſterte: „Alice, Alice, ich gehe auf eine Weile aus.“ Keine Antwort erfolgte, und nachdem der junge Mann einen Augenblick gewartet, ſtieg er ſachte die Treppe hinauf und pochte an der Thüre oben. Alles ſchwieg und mit den Worten:„wie ärgerlich: ſie iſt ausgegangen!“ kehrte er zurück und ſetzte ſich, den Kopf auf die Hand geſtützt, in der Wohnſtube nieder. „Der Himmel weiß, wann ſie zurückkommen mag,“ murmelte er vor ſich hin;„ſo wird Johanna wieder zu Bett ſeyn, noch ehe ich ausgehen kann und morgen habe ich den ganzen Tag keine Zeit. Wo kann ſie nur hin ſeyn? Sie wußte doch, daß ich ausgehen wollte.“ So fuhr er fort ſeiner offenbaren Unzufriedenheit über Alicens Abweſenheit Luft zu machen, bis er nach Verfluß einer halben Stunde ein ſtarkes Pochen an der Thüre ver⸗ nahm, welches John Brownlow mit einem mürriſchen „Herein erwiederte. Kaum war das Wort geſprochen, als Doktor Aldover mit ſeinem jungen Begleiter im Zimmer ſtand und Erſterer alsbald das Geſchäft, das ihn herführte, mit den Worten zu erklären begann: 5⁵. „Ich brauche die Kirchenſchlüſſel, John. Iſt Dein Va⸗ ter zu Bett gegangen?“ „Ja, Sir,“ gab der junge Mann mit reſpektvoller Miene zur Antwort,„er iſt ſchon ſeit einer halben Stunde zu Bett; wenn er aber auch auf wäre, ſo glaube ich nicht, daß er die Schlüſſel hat, denn Alice hat ſie jetzt immer in Verwahrung, und ſie iſt fort, ohne daß ich weiß wohin.“ „Wo ſie auch ſeyn mag, ſie iſt gewiß am rechten Orte,“ verſicherte Doktor Aldover,„und ich möchte behaupten, ſie wird nicht lange ausbleiben; ſo müſſen wir eben ihre Rück⸗ kunft abwarten, John.“ „Auch ich habe auf ſie gewartet, Sir,“ rerſetie der junge Mann,„denn unſere Magd Betty hat ihren Vater zu Crofton beſucht, und ich möchte nicht ausgehen und mei⸗ nen alten Vater allein im Hauſe laſſen, aus Furcht, es möͤchte ihm etwas zuſtoßen, obgleich ich ſehr dringend hätte ausgehen ſollen. Wenn Ihr übrigens hier bleibt, Doktor, um Alicen zu erwarten, ſo iſts nicht nöthig, daß ich noch länger ausharre.“ „Aha, Johanna Unwin— dahin treibt Dich's!“ ſcherzte Doktor Aldover.„Ich weiß ſchon, wo Du hingehſt, John, ſo gut wie wenn Du mirs mit klaren Worten ſagteſt— Ihr ſeyd zwei thörichte junge Leutchen, denn Dein Vater wirds doch niemals zugeben, darauf wollt' ich ſchwören. Nun, geh nur fort; es hilft doch nichts, Ihr werdet niemals klug werden. Die Natur ſchafft uns als Narren, die Erfahrung geißelt uns zu Weiſen und dann rafft uns der Tod dahin, während wir eben die letzte Lektion auswendig lernen. Geh 56 nur fort— fort mit Dir: ich will warten bis Alice zurück⸗ kommt.“ Der junge Mann ließ ſich das nicht zweimal ſagen, ſondern ſetzte ohne weitere Umſtände oder Entſchuldigung den Hut auf und ſchloß hinter ſich die Thüre, welche die bei⸗ den Gäſte eingelaſſen hatte. „Er iſt ein guter Burſche,“ bemerkte der Doktor, ſobald er fort war,„ſo gut wie irgend einer in der Gemeinde; ſein Vater aber iſt ein garſtiger alter Geizhals, der all ſein Leben lang blos auf Geldzuſammenſcharren bedacht war. Der junge Menſch iſt zum Sterben verliebt in ein hübſches, kleines, blutarmes Ding, das er mit ſeines Vaters Zuſtim⸗ mung niemals heirathen darf, und ſo geht der arme Teufel, wie der alte Shakeſpeare ſagt, auf gefährlichen Wegen. Ich weiß wahrlich nicht, was noch draus werden ſoll und es kommt mir zuweilen vor, wie'ne Sünde, dem alten Manne das Leben zu verlängern, da es ihm ſelbſt blos zur Plage und Niemand zum Nutzen gereicht. Doch geht mich die Sache nichts an und Gott wird ihn ſchon zu ſich neh⸗ men, wenn er's für gut findet.“ Während dieſer Rede vernahm man ein leiſes Raſcheln und waͤhrend ſich die beiden Männer raſch umdrehten, ſahen ſie die Geſtalt eines ſiebzehn⸗ bis achtzehnjährigen Mäd⸗ chens, das ihre Aufmerkſamkeit eben ſo ſehr verdiente, als wir die des Leſers darauf zu lenken wünſchen— die Treppe herabkommen. Sie beſaß alle Leichtigkeit der Jugend mit jener vollen Anmuth, wie ſie die Natur in der früheſten Lebensperiode ertheilt, welche aber bei den ärmeren Klaſſen 57 durch die Mühen und Arbeiten der Armuth nur allzu häufig verwiſcht wird. Alice Brownlow hatte jedoch all jene An⸗ muth bewahrt und das vollkommene Ebenmaß ihrer Glieder trat bei jeder Bewegung, die ſie machte, nur noch deutlicher hervor. Sogar die ſteife unkleidſame Tracht jener Zeit mit ihrer einfachen Mütze, welche nur den kleinſten Theil des rabenſchwarzen Haares zum Vorſchein kommen ließ, ver⸗ mochte die Schönheit ihres Antlitzes nicht im Geringſten z verbergen oder zu vermindern. Der junge Fremde wenigſtens hielt es für das ſchönſte Geſicht, das er noch jemals geſehen hatte, während Doktor Aldover vortrat und ihre Hand er⸗ griff mit den Worten: „Ah, Alice, mein theures Kind, Dein Vetter ſagte uns, Du ſeyeſt ausgegangen und wir haben deßhalb Deine Rück⸗ kehr abgewartet. Ich dachte mir, daß Du um dieſe Abend⸗ ſtunde nicht weit herumſtreifen würdeſt.“ „Ich bin erſt ſeit einem Augenblick zurück, Sir,“ gab Alice Brownlow zur Antwort;„ich glaubte Jemand reden zu hören und kam deßhalb herab, um zu ſehen, wer da ſey, oder ob mein Onkel noch etwas verlange.“ „Er iſt zu Bett gegangen,“ verſetzte der Doktor,„wie John mir ſagte. Wir unſeres Theils, mein theures Kind, brauchen die Kirchenſchlüſſel, die, wie ich höre, in Deiner Verwahrung ſtehen. Dieſer Herr möchte gern ſehen, ob er nicht einen Geiſt oder eine Fee darin entdecken kann.“ „Die Fee muß er oben im Schloſſe aufſuchen,“ meinte das ſchöne Mädchen, die Augen auf den jungen Fremden heftend, der jetzt zum erſtenmale bemerkte, daß dieſe Augen 58 tief blau waren, und der ſo ſtarr hineinſchaute, daß ihre Wangen ſich hoch rötheten, während ſie fortfuhr:„aber auch dort glaube ich kaum, daß er eine Fee finden würde— ich wenigſtens habe nie eine geſehen.“ „Aha, Du biſt eine kleine Zweiflerin,“ ſchalt Doktor Aldover.„Daß nur Dein Freund, Gideon Samſon, nichts Aehnliches von Dir vernimmt, ſonſt diktirt er Dir eine Buße für Deine Leichtgläubigkeit.“ Das Mädchen lachte, wie wenn ſie ſich nicht ſonderlich davor fürchtete, indem ſie blos erwiederte: „Ich will gleich gehen und die Schlüſſel holen.“ Mit dieſen Worten lief ſie die Treppe hinan, wenigſtens einen von der Geſellſchaft in Staunen und Bewunderung zurücklaſſend. „Sie iſt wunderbar ſchön,“ rief er, ſobald er ſie außer Gehörweite glaubte. „Und eben ſo gut als ſchön,“ verſicherte Doktor Aldo⸗ ver;„nur pocht unter dieſer reizenden Außenſeite ein ſehr kal⸗ tes Herz— ſo behaupten wenigſtens die Jungen unſeres Doͤrſchens. Wenn ſie aber auch kalt für Liebe iſt— für Wohlthätigkeit iſt ſie's nicht, das kann ich bezeugen, denn ſte iſt allenthalben bemüht, die Wunden, die ihr Oheim ſchlägt — und deren ſind viele— wieder zu heilen. Der alte Mann war früher der Küſter des Orts und hat es— Gott weiß wie— dahin gebracht, daß die Hälfte der Dorfwohnungen in ſeinen Beſitz kam. Doch ich höre ſchon wieder ihren leichten Tritt.— Das wären alſo die Schlüſſel, meine Theure, ) 420 — 59 Du mußt uns übrigens ſagen, welcher es iſt, denn hier ſind gar viele.“ „Ich will mit Euch gehen und Euch den Weg weiſen, wenn Ihr es erlaubt,“ erbot ſich Alice lächelnd. „Er geht nicht jetzt,“ bemerkte der alte Doktor,„ſon⸗ dern erſt zu einer Stunde, wo ſelbſt Du, Alice, Dich ſcheuen würdeſt.“ „O nein!“ erwiederte das Mädchen,„ich fürchte mich zu keiner Zeit.“ „Wie, nicht einmal um Mitternacht?“ fragte der Fremde. „Nein, auch da nicht,“ verſicherte ſte.„Ich weiß nicht, warum man ſich um Mitternacht mehr als ſoͤnſt ſcheuen ſoll, wenn man anders ein gutes Gewiſſen hat.“ „Nun, wenn Ihr wollt, ſo ſollt Ihr mein Führer ſeyn,“ fiel der junge Edelmann ſehr eifrig ein, während Doktor Aldover mit ziemlich ernſtem Blicke bemerkte: „Das geht nicht wohl. Was wird Dein Oheim ſagen, Alice.“ „Nichts,“ erwiederte dieſe, mit lächelnder Offenheit dem Doktor ins Geſicht ſchauend.„Er läßt mich in allen Dingen gewähren und weiß, daß ich meine Freiheit niemals mißbrauche. Oder glaubt Ihr etwa— mein gütiger Doktor?“. 4 „Gott behüte!“ rief der alte Mann;„aber dieſer Herr iſt ſogar mir faſt völlig fremd, Alice.— Ihr müßt mich entſchuldigen, Sir,“ fuhr er an den Edelmann gewendet 60 fort;„aber ich betrachte dieſes theure Maͤdchen faſt wie mein eigenes Kind.“ „Sie iſt bei mir vollkommen ſicher,“ betheuerte der Un⸗ bekannte;„der Tag wird hoffentlich nie erſcheinen, wo mir auch nur der Gedanke, einer ihres Gleichen etwas zu Leid zu thun, in den Sinn käme.“ „Ich bin vollkommen davon überzeugt,“ verſicherte Alice Brownlow.„Es hat mich noch nie Jemand belei⸗ digt und ich glaube, dieſer Herr wird nicht der Erſte ſeyn wollen.“ „Nicht um die ganze Welt,“ gab er zur Antwort.„Da aber Euer gütiger Freund hier, wie ich ſehe, noch immen furchtſam iſt— warum will er uns nicht begleiten, wemn es auch eine Ueberſchreitung ſeiner Zeit wäre?“ „Ich fürchte, das darf nicht ſeyn,“ erwiederte Doktot Aldover.„Mein guter Freund Gideon iſt etwas eiferſüch⸗ tig und wenn er erführe, daß ich, ſein abgeſetzter Vorgänger die Kirche um Mitternacht beſucht habe— wer weiß, wel⸗ chen Argwohn er da faſſen würde. Ich ſehe ſchon, ich muß Euch eben vertrauen.“ „Vertrauen iſt immer das Beſte,“ erklärte das ſchönt Mädchen neben ihm;„ſo hab' ich's erprobt und ſo wird es bleiben bis an's Ende. Mein Vetter John wird vor einen Stunde nicht nach Haus kehren; will aber der Herr dam herabkommen, ſo werde ich ihm den Weg zur Kirche zeiget und ihm die Thüre öffnen. Den Rückweg muß er eben allein finden, denn ich kann mich nicht aufhalten und er darf ja die Schlüſſel nur unter den Thürvorſprung legen.“ ie 61 „So lebe wohl für jetzt,“ rief Doktor Aldover, und bis auf einige wenige Worte, welche für den Leſer von ſehr ge⸗ ringem, für den Fremden aber von etwas mehr Intereſſe waren, hatte das Geſpräch hiemit ein Ende. „Hat Dein Oheim die beiden oberen Zimmer vermie⸗ ihet?“ fragte der gute Doktor. „Noch nicht,“ gab Alice zur Antwort. „Wird auch niemals geſchehen,“ meinte der Doktor; „er verlangt zu viel dafür, meine Liebe.“ Der junge Fremdling ſpürte nicht übel Luſt, den wür⸗ digen Doktor Lügen zu ſtrafen. Ihm kam nämlich der raſche lühne Gedanke, jene beiden Zimmer zu miethen und er über⸗ legte ſich die Sache während des ganzen Rückwegs, wobei er jedoch nicht unterließ ſich jede Biegung des Pfades zu merken, um zur beſtimmten Stunde den Weg zur Hütte zurück zu finden. Sechstes Kapitel. Des Mondes kurzes Reich war vorüber und es herrſchte die finſtere Nacht. Oben am Himmel flimmerten zahlreiche Sterne, aber der Horizont war rings mit ſchweren Dünſten erfüllt, welche zwar nicht förmliche Wolken bildeten, aber gleichwohl die ſchwächeren Lichter des Firmaments aus⸗ ſchloßen. Auch war der Weg von vielen Bäumen unter⸗ brochen, ſo daß man nur hie und da den Orion oder großen Bären ſehen konnte, und der Fremde wanderte mit ſeiner Führerin Alice faſt in vollkommener Finſterniß. Die ganze Welt war verſtummt, nur in großer Ferne hörte man zu⸗ weilen das Bellen eines Hundes durch die tiefe Stille der Nacht. Die Luft war mit ſtarken Düften geſchwängert, als ob die Blumen ihren Wohlgeruch der kühlen Abendluft freigebiger als am warmen hellen Tage ſpendeten— Ge⸗ büſche und Blüthen ſchienen in ſüßen Wonneſchauern zu ath⸗ men und ein Schmachten und Sehnen durchdrang die Natur, das für phantaſiereiche Gemüther durch den gänzlichen Mangel alles Hör⸗ und Sichtbaren nur noch vermehrt wurde. Der Fremde fühlte wie dieſer Einfluß ihn überwältigte; die früher ſchon vernommenen wohl beglaubigten Geſchichten kamen ihm wieder vors Gedächtniß und manche neugierige Frage ſiel ihm im Weitergehen ein. Abergläubiſch konnte man ihn nicht eigentlich nennen, denn er glaubte weit weni⸗ ger an Geiſter als die Mehrzahl ſeiner damaligen Zeitgenoſ⸗ ſen; aber er konnte ſich doch bei folgerichtigem Nachdenken nicht verhehlen, daß alle Urſache zu dem Glauben vorhanden ſey, erſtens daß der Zwiſchenraum zwiſchen dem Schöpfer des Alls und den Erſten der erſchaffenen Weſen kein leerer Abgrund— daß die obere Welt, wenn ich ſo ſagen darf, gleich der unteren, worauf wir wohnen, mit zahlloſen Klaſſen und unendlichen Abſtufungen geiſtiger Weſen erfüllt ſeyn müſſe, und dann fragte er ſich:„Läßt ſich wohl annehmen, daß eine unüberſteigliche Schranke allen Verkehr zwiſchen den bloßen Geiſtern und dem nächſten Gliede in der großen Kette der Schöpfung abſperre?“ „Nein,“ gab ſeine Vernunft alſogleich zur Antwort, 63 und mochte er nun die Beweisſtellen der Schrift wie der Geſchichte oder das Zeugniß von lebenden Menſchen betrach⸗ ten— überall fand er zahlloſe Thatſachen, zu dem Schluſſe führend, daß zwiſchen den freien von allen irdiſchen Banden erlösten Geiſtern und dem unſterblichen noch an den Lehm gefeſſelten Stoffe Verbindungen mannigfacher Art ſtattfin⸗ den können und auch wirklich ſtattfinden. Er gedachte all der kecken Sorgloſigkeit, womit er ſonſt dieſe Gegenſtände zu betrachten pflegte und abermals fragte er ſich, ob es nicht der tägliche Kreislauf der Geſchäfte, die Haſt und Qual des Lebenskampfes, ob es nicht die Weltlichkeit unſerer ganzen Eriſtenz ſey, was uns von dem Bewußtſeyn und der Ueber⸗ zeugung abziehe, daß jederzeit ganze Maſſen ungeſehener und unbekannter Geiſter uns umſchweben, die ſich, wenn wir an⸗ ders von den Dingen dieſer Welt weniger abſorbirt wären, auf irgend eine Weiſe theils zur Warnung, theils zur Er⸗ muthigung und Aufrichtung vor uns manifeſtiren würden. Mit dieſen Gedanken beſchäftigt, vergaß er eine Zeit lang faſt völlig ſeiner ſchönen Gefährtin, welche in ihrer grauen Tracht, mit der ſchwarzſeidenen Kapuze über den Kopf, faſt wie eine Schattengeſtalt neben ihm herging. Endlich ſchien ihm der Andrang ſeiner Gedanken läſtig zu werden: er fragte ſich ſelbſt, ob er denn ein Feigling ge⸗ worden, der ſich zu fürchten anfange, und er fühlte in der That eine gewiſſe Scheu, wie er ſie noch nie empfunden, über ſeinen Körper hinkriechen. Er dachte, die Unterhaltung könnte vielleicht dieſe Anwandlungen zerſtreuen, und brach daher das Stillſchweigen mit den Worten: 64 „Ihr glaubt alſo nicht an Geſpeuſter und Geiſter? Läugnet Ihr überhaupt das Daſeyn ſolcher Weſen?“ „Gewiß nicht,“ erwiederte das Mädchen mit ihrer ſüßen klagenden Stimme;„dies iſt vielmehr ein Glaube, den ich ſehr lieb gewonnen habe. Ich weiß nicht nur, daß ſie exiſtiren, ſondern auch, daß ſie wirklich erſcheinen— von dieſem Glauben iſts aber noch weit bis zur Furcht vor ihnen.“ „Habt Ihr denn jemals eine ſolche Erſcheinung geſe⸗ hen?“ fragte der Fremde. „Nein,“ gab ſie zur Antwort;„ich bin auch gar nicht gekommen, um Euch Geſpenſtergeſchichten zu erzählen. Ihr werdet vielleicht heute Nacht genug davon ſehen, falls Ihr ein Zweifler oder Ungläubiger ſeyd, denn viele der hartnäckig⸗ ſten Skeptiker haben eben auf dem Kirchhof, wohin wir ge⸗ hen, einſehen gelernt, daß es neben dem bloßen Trachten nach Gewinn, dem Ringen der Ehrſucht und all jenem eit⸗ len Tand, womit die erwachſenen Kinder ihr geſchäftiges Leben ausfüllen, noch andere Dinge auf Erden gibt, welche des Nachdenkens würdig erſcheinen.“ „Ihr ſeyd ein eigenthümliches Weſen,“ meinte der Un⸗ bekannte,„und ſcheint Euch mit ganz andern Dingen be⸗ ſchäftigt zu haben, als Mädchen Eures Standes und Alters zu thun pflegen.“ „„So iſt's,“ erwiederte ſie.„Ich wurde ſehr früh zur Waiſe und ſo waren meine eigenen Gedanken und etliche alte Bücher, welche bei öfterem Leſen die Menſchen weiſer als jetzt machen würden— meine einzigen Gefährten.— Dort 65 iſt der Kirchhof; vergeßt nicht, Sir, daß der Rechtſchaffene weder von guten noch von ſchlimmen Geiſtern etwas zu fuͤrchten hat— ein reines Gewiſſen und ein kühnes Herz haben ſowohl auf als über der Erde nichts zu ſcheuen.“ Dies ſprach ſie in leiſem feierlichem Ton und ihre Worte waren allerdings nicht zur Aufheiterung geeignet, ſo ſehr ſie dies auch zu beabſichtigen ſchienen. Der Fremde betrachtete ſich den Pfad, den ſie verfolgten; allein die tiefe Finſterniß ließ ihn nichts weiter als die Geſtalten einiger großen alten Bäume und den finſteren Kirchthurm darüber erkennen. Eine Minute ſpäter ſtand er unter dem hölzernen Vordach des Kirchhofs, wo der engliſche Geiſtliche zuerſt die Leiche zu empfangen pflegt; rechts und links davon ſah er die niedere zerfallende Kirchhofmauer auf beträchtliche Strecke hinlaufen. „Der Gottesacker ſcheint ſehr geräumig,“ bemerkte er leiſe. „Er hat es nöthig,“ verſetzte ſeine Führerin,„denn hier liegen gar viele Tode— Groß und Klein, Gut und Schlimm, der Unterdrücker wie der Bedrückte, Alt und Jung neben einander. Hier miſcht ſich der Staub ſo mancher Jahrhunderte, und Alle harren des Amtes, das Gott ihnen anweiſen wird.“ Mit dieſen Worten öffnete ſie das äußere Thor und ging mit einer Sicherheit voran, als ob ſie ihren Weganicht verfehlen könne, während ihr Begleiter mehr als einmal über die kleinen Erdaufwürfe und Grabhügel ſtolperte. Sie kamen unter den hohen alten Baͤumen durch, die den Fried⸗ James. Die Letzte der Feen. 5 3 66 hof beinahe umringten, bis der Fremde die dunkeln Maſſen des Gebäudes aus der düſteren Nachtluft hervortreten ſah. Es war ein großer ſchwerfälliger Bau mit vielen vor⸗ ſpringenden Pfeilern und hohen ſchmalen Fenſtern, neben denen der gewaltige viereckige Thurm geheimnißvoll und feierlich emporſtieg. „ Was iſt das?“ fragte der Reiſende ſo wie ſie näher kamen;„da drinnen ſcheint ein Licht— ein kleines ſchwaches Licht.“ „Nichts als ein Glühwurm auf den Gräbern,“ ver⸗ ſetzte das Mädchen—„das Ebenbild des Nachruhms.“ Mit dieſen Worten wandelte ſie ruhig weiter, bis ſie unter der niederen Kirchenpforte ſtand. Es war offenbar, daß Ort und Stunde auch auf ſie ihren Einfluß übten und ſie, wenn nicht mit Furcht, doch mit einer gewiſſen Scheu erfüllten: mit haſtiger Hand ſuchte ſie aus dem ſchweren Bunde den Kirchenſchlüſſel und ſteckte ihn in das Schloß der plumpen Chorpforte. „Iſt Euer Herz noch ſtark?“ fragte ſie faſt flüſternd, ehe ſie ihn umdrehte. „Ja,“ erwiederte ihr Begleiter, und ſie öffnete die Thuͤre. „Habt Acht auf den Weg,“ rief ſie,„denn der Chor iſt voller Graͤber und vergeßt nicht die Thüren hinter Euch zu ſchließen. Ich muß Euch nun verlaſſen.“ Im nächſten Augenblick hörte er noch ihren leiſen Schritt durch die tiefe Stille der Nacht— dann war Alles ſtumm und er ſtand allein vor der offenen Kirchenpforte. Er 67 zauderte— er fragte ſich, ob es nicht Thorheit ſey, einer ſo ſonderbaren Aufforderung zu gehorchen; allein ein ge⸗ wiſſes Etwas trieb ihn vorwärts und er ſtreckte die Hand aus, um die Thüre weiter zu öffnen. In dieſem Moment vernahm er einen lauten Klang und er fuhr zuſammen: die große Glocke hub an in lang⸗ ſamen gewichtigen Schlägen die Stunde der Mitternacht zu verkünden. Er ſchämte ſich ſeiner erſten Regung und betrat die Kirche mit entſchloſſenem Schritte. Totale Finſterniß herrſchte im Innern, ſo daß er ſeinen Weg mit den Händen ſuchen mußte. Das Erſte, was ſeine Hand erreichte, war einer der ſchmalen Pfeiler eines Saͤulen⸗ bündels, der ſich kalt und todtenähnlich anfühlte; dann kam ein eiſernes Grabgitter, was ihn eine Zeit lang leitete, bis er den rechten Arm ausſtreckte und die eiſigen Finger einer Statue erfaßte, vor welcher er im erſten Augenblicke zurück⸗ ſuhr, wie wenn er eine Leiche berührt hätte. Die Stille war in der That beängſtigend: ſie war weit tiefer, weit grabartiger als draußen auf dem Friedhof. Im Freien hörte man doch noch ein leiſes Rauſchen in den Bäumen und das Seußzen des Nachtwindes hatte die Feier⸗ lichkeit des Schweigens gemäßigt. Hier aber war Alles ſtumm und traurig, kein Lufthauch rührte ſich unter den düſteren Gängen und es herrſchte in der Kirche eine Feuch⸗ tigkeit und Kälte, welche das Herz bedrückte und die Einbil⸗ dungskraft mit düſteren Bildern, wie das Grab mit ſeinen ſcheußlichen Wurmern, die langſame Verweſung, die Todes⸗ fälte und das ewig laſtende Schweigen— erfüllte, ſo daß 5* 68 er ſich neugierig fragte, ob der entkörperte Geiſt wohl auch die täglich vor ſich gehende grauenhafte Veränderung der leiblichen Geſtalt, deren Schönheit und Stärke er ſich früher ſo oft gerühmt, mit anſehen dürfe. Seine Gedanken waren ſehr finſter, ſein Herz ſehr ſchwer, als er endlich die Stelle erreichte, wo der Chor mit dem Kirchenſchiff zuſammenhing. Er wandte ſich rechts und links, ob er nicht einen Gegenſtand in der Nähe unterſcheiden könne: allein anfänglich vermochte er nichts als die hohen Kirchenfenſter zu beiden Seiten zu erkennen, die ihn gleich ſonderbar geſtalteten Augen anſtarrten, da die geringere Dunkelheit außerhalb ſie neben der tiefen Finſterniß im In⸗ nern deutlicher hervortreten ließ. Gleich darauf ſchien ihm etwas Weißes in Geſtalt und Größe einer menſchlichen Figur am hintern Ende des Schiffs entgegenzutreten. Bei ſchärferem Hinſchauen war ſie ſchon deutlicher zu unterſcheiden: ſie bewegte ſich nicht, ſondern blieb anſcheinend regungslos auf einer Stelle— er trat ihr einige Schritte näher, indem er die Scheide ſeines Schwertes mit der Linken umfaßte. Jetzt war die Geſtalt, wie es ſchien, die eines Weibs in laugem weißem Gewand, in ſcharfen Umriſſen ſichtbar; aber regungslos blieb ſie noch immer und der junge Fremde ſagte leiſe: „Ich bin hier. Was wollt Ihr von mir?“ Keine Antwort, und mit raſchem Entſchluſſe gerade darauf zugehend, entdeckte er, daß es eine Figur von weißem 69 Marmor war, welche auf einem niederen Grabmonumenie ſtand. „Sollte ich das Spielzeug meiner eigenen Fantaſie geweſen ſeyn?“ fragte ſich nunmehr der Jüngling.„Wäre es möglich, daß ich, wie der gute alte Mann ſagte, noch immer geträumt hätte, als ich glaubte, mich von jener Stimme rufen zu hören?— Nein, nein, das iſt unmög⸗ lich!“ und gegen das andere Ende der Kirche ſich umwen⸗ dend, wiederholte er mit lauter Stimme:„Ich bin hier! Wer hat mich herbeſchieden?“ Eine augenblickliche Stille folgte, dann hörte man einen leiſen, ſüßen, reinen Akkord, ſeierlich und traurig aber äußerſt rührend, und der junge Reiſende horchte in ſtillem Entzücken. Die Muſik ſchien übrigens etwas Ueberirdiſches an ſich zu haben, denn bald ſchien ſie weit weg, bald dem Ohre wieder näher zu kommen, jetzt ſtieg ſie in die höheren Regiſter und gleich darauf ſank ſie murmelnd in den Baß herab. Plötzlich war ſie verſtummt und die nämliche ſüße Stimme, die ihn ſchon früher angeredet, ertönte von Neuem. „Denzil,“ ſagte ſie;„Denzil, folge.“ „Wohin?“ fragte der Fremde. „Zum Grab?“ erwiederte die Stimme. „Meinem eigenen?“ forſchte der junge Mann. „Ans Grab einer Frau, die Dich einſt als Knabe liebte,“ antwortete die Stimme abermals.„Denzil, Den⸗ zil, folge!“ „Ich will,“ verſetzte er:„zeigt mir den Weg.“ So bald er geendet, ſchimmerte ein ſchwaches Licht 70 durch die Kirche, ſo daß er die düſteren Kirchenſchiffe, die ſchlanken Säulen und die zahlreichen Grabſteine mit den ausgehauenen Figuren undeutlich zu erkennen vermochte. Sein Herz pochte gewaltig, aber er hatte nicht Zeit ſich ſelbſt zu fragen, denn die Stimme wiederholte vom andern Ende der Kirche herüber, ihr:„Denzil, Denzil, folge!“ und raſchen entſchloſſenen Schritts eilte er, von der Stimme geleitet, weiter. Die Kirche war vieler ihrer Zierrathe beraubt, das reiche Gitter zwiſchen Chor und Schiff war niedergeriſſen und die Stühle von geſchnitztem Eichenholz waren von den Puritanern zu Wachfeuern verwendet worden, ſo daß der ganze Raum, von einem Ende bis zum andern, völlig frei war. Eben im nördlichen Ende des Kreuzſchiffes war die Stelle, von wo Denzil das immer noch ſchwache Licht aus⸗ ſtroͤmen ſah und wie er näher kam, glaubte er zu gewahren, daß ſich daſſelbe vom Boden erhob. Etliche Schritte weiter und er ſtieß auf einen großen, flachen Stein, ähnlich der aufgerichteten Deckplatte eines Gewölbes, unter welchem der Schimmer hervordrang, und als er den Rand der Oeff⸗ nung erreichte, konnte er die Anfangsſtufen einer Steintreppe bemerken, welche anſcheinend zu der Gruft oder Krypta der Kirche hinabführte. Er zauderte einen Augenblick, ob er wohl folgen ſolle: doch die Stimme rief ihn abermals beim Namen und wiederholte ihr:„Folge, folge!“ „Ich will,“ murmelte der Fremde vor ſich hin,„wel⸗ ches auch die Folgen ſeyn mögen;“ und mit einer Anwand⸗ lung von Scheu(Angſt will ichs nicht nennen) betrat er die erſte Stufe der Treppe und begann hinabzuſteigen.„Ich werde bald entdecken, woher das Licht kommt,“ fuhr er fort, ſah ſich aber hierin getäuſcht, denn die ſchwachen Strahlen leuchteten noch lange vor ihm und warfen einen langen Schatten, während er weiter ging. Oben an der Treppe ſchienen die Stufen friſch und neu, wenigſtens im Vergleich zu den unteren; ſie waren zwar grün nnd ſchmutzig, als ob ſie ſeit vielen Jahren nicht mehr betreten worden wären, erwieſen ſich aber doch ſcharf behauen und feſt eingeſetzt. Sobald er die zehn bis zwölf erſten hinter ſich hatte, fand er die übrigen rauh, zerbröckelt, unregelmäßig und mit ſchlüpfriger Feuchtigkeit angelaufen. Eine große hoch ange⸗ ſchwollene Kröte kroch langſam faſt unter des Wanderers Füßen über die Steine und beäugelte ihn in der ungewohn⸗ ten Beleuchtung mit ihren großen glänzenden Augen, als ob ſie über ſein Vorhaben verwundert wäre; zahlloſe Fleder⸗ mäuſe hingen in Klumpen geballt an den ſchimmligen Wän⸗ den und flatterten bei ſeiner Annäherung aus einander. Die Wendeltreppe war ſehr lange: mindeſtens fünfzig Stufen führten— faſt ſchien's bis zum Herzen der Erde— hinab; noch immer wich das Licht vor ihm zurück und ſchien am Fuße der Stufen faſt eben ſo weit von ihm entfernt, wie am Anfange derſelben, bis der junge Mann endlich eine kleine Rundbogenthüre erreichte und die ſchwachen Strahlen unter unzähligen niedrigen Pfeilern und verſchiedenem Mauerwerk hervorleuchten ſah. Im ſelben Augenblicke hörte er abermals rufen: „Folge, Denzil, folge!“ 72 1 Letzteres war jedoch nicht ſo leicht, denn der Boden war nicht allein mit zerbröckelten Steinen und eingefallenem Mauerwerk, ſondern ſogar mit aufgethürmten Todtengebei⸗ nen bedeckt. Menſchenſchädel mit weißen grinſenden Zähnen und weiten ſtarren Augenhöhlen lagen allenthalben zerſtreut, und mehr als einmal hörte er die Knochen unter ſeinem Fußtritte krachen und knarren. Das Blut begann ihm in den Adern zu gerinnen, wenn er bedachte, daß er über die Ueberbleibſel ſterblicher Menſchen wegſchritt; er ſuchte ſich erſt zu vergewiſſern, wo er hintrat, allein das raſch zurück⸗ weichende Licht ließ ihn in einer Art Halbdunkel, während eine Nachteule an ihm vorüber flatterte und die ſeuchte Grabluft mit ihren bethauten Flügeln aufſcheuchte. Seinen Abſcheu bezwingend ſchritt er haſtig weiter⸗ durch die zahlreichen Bogen mit ihren niederen Säulen nicht wenig verwirrt und ungewiß in welcher Richtung das Licht voranſchwebte, während ihm aus der Ferne ein leiſes Mur⸗ meln, wie von vielen Menſchenſtimmen, zu Ohren drang und ein kalter friſcher Luftzug die Locken auf ſeiner Stirne fächelte. „Das iſt in der That ſonderbar!“ dachte er,„ich weiß nicht, ob ich träume oder wache. Weßhalb mag man mich wohl hierher locken? doch an einen Rückzug iſt jetzt nicht zu denken.“ Und ſo ging er weiter, bis er plötzlich auf einen nackten, roh zubehauenen Felſen mit einem ſchmalen Bogengange ſtieß, durch welchen das Licht von einer halb offenen plumpen Steinpforte zum Theil gehemmt, hereindrang. Der junge 73 Wanderer ſtieß die Thüre mit Aufbietung ſeiner ganzen Kraft zurück, fand jedoch, daß ſie ſich leicht in der Angel drehte und mit hohlem ſcharfem Klange, einem Todesſeufzer ähnlich, wider das Mauerwerk anpolterte. Das Licht ſchwebte ihm noch immer voran und er konnte jetzt in eini⸗ ger Entfernung ein bläulich weißes Flämmchen unterſchei⸗ den, ohne übrigens die Hand, die es trug, zu gewahren. „Folge, Denzil, folge!“ dieſer Ruf drang ihm aber⸗ mals in ſüßem Geflüſter zu Ohren, und im nächſten Moment vernahm er ein Hundegebell und das Drohen einer zweiten Stimme:„Nieder, Satan, nieder!“ Schweigend zog der junge Mann das Schwert aus der Scheide und blieb eine Weile ſtehen; gleich darauf hörte er jedoch die erſte Stimme ſagen: „Fürchte Dich nicht, Denzil! Du biſt noch nie vor Lebenden zurückgebebt— Du haſt die Todten nicht zu ſcheuen.“ „Ich fürchte mich nicht,“ gab der junge Mann laut zur Antwort, obwohl ihm ehrlich geſtanden eiſig kalt ums Herz war und ſeine Adern heftiger als ſonſt pochten. So ging es faſt eine Viertelmeile vorwärts, während ihm das Licht fortwährend voranzog und ſeinen hellen Schein auf die feuchten gelblichbraunen Mauern warf, von denen die Tro⸗ pfen allenthalben durch die Decke des Gewölbes hervorſicker⸗ ten. Endlich ſchien der Gang ein Ende zu nehmen und er bekam ein großes achteckiges Gemach mit einem altarähnli⸗ chen Gerüſte in der Mitte zu Geſicht. Unmittelbar darauf erloſch die Helle und er ſtand in völliger Dunkelheit. 74 „Noch zwanzig Schritte weiter,“ befahl die Stimme; „dann frage, was Du zu fragen haſt und Dir ſoll Antwort werden.“ Das Schwert noch immer in der Hand that der junge Mann noch neunzehn Schritte vorwärts, bis ſeine Klinge beim Zwanzigſten gegen einen harten Körper ſtieß, der einen kreiſchenden Laut von ſich gab. „Wozu bin ich hierher geführt worden?“ rief er jetzt laut. „Um Rath zu empfangen, der Dich zum Glücke führen kann,“ gab eine tiefe ernſte Stimme zur Antwort. „Ich muß den Rathgeber kennen, ehe ich ſeine Weiſung annehme,“ erwiederte der Jüngling;„doch laßt hören.“ „Er iſt hier niedergeſchrieben,“ verſetzte die nämliche Stimme.„Sie, die ihn ertheilen, wiſſen, was Du nicht weißt, ſehen, was Du nicht ſiehſt, begreifen, was Dir noch unklar. Sie ſind mit Dir, doch nicht Deines Gleichen, haben Dich geleitet und werden Dich ferner leiten; von der Jugend bis zum Mannesalter haben ſie Dich bewacht und mochten gerne, daß Du zum großen edlen Manne heranreif⸗ teſt— doch liegt Dein Schickſal ganz in Deinen Händen— ſie können Dir blos behülflich ſeyn.“ „Wo ſoll ich jene Schrift finden?“ fragte der Jüngling. „Willſt Du den Worten gehorchen, die Du wirſt ge⸗ ſchrieben finden?“ wollte die Stimme wiſſen. „Das hängt von ihrem Inhalte ab,“ lautete die Ant⸗ wort.„Ich werde gegen mein Vaterland, wie gegen die Sache, der ich bereits gedient habe, nichts unternehmen.“ 7⁵ „Wenn Du Dein Vaterland von einem Joche befreien willſt, läſtiger als ſelbſt die blutigſte Tyrannei, welche je exiſtirte— wenn Du der großen Sache, für welche Du be⸗ reits gefochten und geblutet, zum Sieg verhelfen— wenn Du Dich ſelbſt zu hohen Ehren emporſchwingen und Ruhm und Dank gewinnen willſt, wirſt Du, ohne zu fragen oder zu zögern, dem gegebenen Rathe folgen.“ „Verſtehe ich Euch recht, ſo will ich gehorchen,“ ver⸗ ſicherte der junge Mann;„aber ſagt mir, wer und was Ihr ſeyd— ich möchte Euch gerne von Angeſicht zu Angeſicht ſehen.“ „Ihn kannſt Du nicht ſehen,“ bemerkte die weichere Stimme, die er anfänglich vernommen hatte.„Denzil Norman, verlange nicht die Unmöglichkeit.“ „Aber Euch, Euch,“ rief der Jüngling haſtig,„Euch habe ich, glaub' ich, ſchon geſehen: Ihr dürftet Euch vor mir ſehen laſſen.“ „So ſey's,“ erwiederte die Stimme, und alsbald er⸗ füllte ein heller Schimmer den ganzen Raum, das achteckige ſteinerne Gemach, mit ſeiner niedrigen Wölbung und den ringsum, wie es ſchien, für Bildſäulen angebrachten Niſchen den Blicken des Wanderers enthüllend. Genau in der Mitte lag ein einfacher Grabſtein mit einer Inſchrift, am obern Rande mit einer Maſſe friſcher Blumen bedeckt, unter denen eine kleine Papierrolle lag. Doch war es nur ein einziger Gegenſtand, der die ganze Aufmerkſamkeit des jungen Mannes in Anſpruch nahm. Vier bis fünf Fuß über dem Boden leuchtete eine der großen 76 gothiſchen Niſchen in hellem Schimmer und mitten darin ſtand dieſelbe reizende Geſtalt, die er ſchon am Schloßbrun⸗ nen geſehen hatte, wie damals von Kopf bis zu Fuß weiß gekleidet, mit langen glänzend braunen Locken, die ihr in reicher Fülle über Schultern, Bruſt und Nacken herabfſielen. Er ſtarrte in tiefem ſtaunendem Schweigen, und wollte eben, die Arme flehend erhoben, die vor ihm ſtehende Geſtalt anreden, als die ſüße Stimme von Neuem anhub: „Bete einen Augenblick am Grabe Derer, die Deine Jugend bewachte und Dir eine Mutter war, nachdem Deine eigene ins Grab geſunken. Dann nimm das Papier, ent⸗ ferne Dich und gehorche!“ Der junge Mann kniete neben dem Grabe nieder, auf dem er einen ihm theuren Namen entdeckte und mit ſtrömen⸗ den Augen eine Weile in brünſtiges Gebet ſich verſenkte. Dann ſtand er auf, nahm die Papierrolle und gleich darauf ward Alles finſter. Denzil Norman ſtand einen Augenblick in tiefer Be⸗ ſtürzung mit wirren Gedanken und hochklopfendem Herzen neben dem Grabe. „Strecke die Hand aus,“ gebot die tiefere Stimme, und er gehorchte ohne Widerrede. Da fühlte er ſeine Finger von einer andern Hand feſtgepackt— aber es war keine Hand von Fleiſch und Blut: auch der abgehärtetſte Arbeiter der Welt konnte keine ſolche Hand aufweiſen, kalt wie der Tod, und ſteif und hart wie Diamant. Gern hätte er ſeine Finger zurückgezogen, wenn er gekonnt hätte: die Stimme aber befahl wieder:„Folge, folge!“ 77 Langſam und ſchweigend ging er, von der kalten Hand geführt, weiter; er verſuchte zwar zweimal zu ſprechen, er⸗ hielt aber keine Antwort. In der Stille und Finſterniß ſchien ihm der Weg endlos, und in der Luft lag eine Schwüle, welche ihm bewies, daß er ſich noch immer in den Gewölben befand. Endlich fühlte er einen friſchen Windhauch auf den Wangen, und gleich darauf bemerkte er eine niedere, offen ſtehende Thüre, durch welche das ſchwache äußere Licht in das Dunkel hereindrang. Raſch drehte er ſich um in der Hoffnung ſeinen Führer gewahren zu können; allein im ſel⸗ ben Augenblicke ließ ihn die Hand los, und die Stimme ſprach: „Vorwärts!“ Noch drei Schritte und er ſtand auf dem grünen Raſen des Friedhofs; ſobald er durch den Thorbogen getreten war, ſchlug die Pforte mit heftigem Krachen hinter ihm zu, ſo daß der alte Bau in lautem Wiederhalle erdröhnte. Siebentes Kapitel. Mit Tagesanbruch ſaß Denzil Norman einſam auf ſeinem Zimmer in Doktor Aldover's Wohnung; das milde Dämmerlicht brach oben durch das Fenſter und fiel auf einen vor ihm ſtehenden Tiſch, auf welchem eine mit ſehr ſchwarzer Dinte überſchriebene Papierrolle lag. Das Papier ſchien vor Alter vergilbt und ein Theil der Schrift zeigte höchſt altmodiſche Züge, an die das Auge nicht mehr gewoͤhnt war; 78 nur einige Linien zu Anfang und am Ende waren in ge⸗ wöhnlichem Engliſch und in der Alltagsſchrift abgefaßt, nur hatten die Buchſtaben etwas Steifes und Verzerrtes, was ihnen einen ſonderbaren eigenthümlichen Anſtrich ver⸗ lieh. Der junge Edelmann betrachtete die Rolle mit nach⸗ denklicher Miene, indem er leiſe wiederholte: „Bleibe eine Woche lang hier, dann ſollſt Du als Bote in den Norden reiſen?“— Nun, mir gilts gleichviel, wo ich bleibe oder wohin ich gehe: Gefahren gibts überall— die Vorſicht waltet allenthalben. Ich will den ſonderbaren Geboten gehorchen. Allein wo ſoll ich in dieſem Orte, ohne Wirthshaus, eine Unterkunft finden? Die Gaſtfreundſchaft des guten alten Mannes kann ich doch nicht länger miß⸗ brauchen.“ Hier ſiel ihm die Unterredung ein, welche Doktor Al⸗ dover unmittelbar vor dem Abſchied mit Alice Brownlow gehabt, und wie ſie von einigen Zimmern geſprochen hatten, die ihr Oheim zu vermiethen gab, und ſein Entſchluß war alsbald gefaßt. Noch am ſelben Vormittag wurde er als Miethsmann bei Roger Brownlow aufgenommen, wobei der alte Mann, mit der Einfalt, wie ſie nicht ſelten im Ge⸗ folge einer vorherrſchenden Leidenſchaft, beſonders des Geizes vorkommt, offen geſtand, er wiſſe nicht, welches von Beiden — ob das Vermiethen ſeiner Zimmer oder Doktor Aldovers letzte Medizin, ihm beſſer gedient habe. Alice lächelte bei dieſen Worten, und auch der gute Doktor lachte, indem er bemerkte: „Das Geld, Roger, das Geld! das iſt bei Euch Krank⸗ 4 4 79 heit und Arznei zugleich. Doch ſputet Euch, Roger: der junge Herr hat Euch zwei goldene Guineen gegeben, woran er noch zehn Schilling herauskriegt. Geht nur und holt ihm ein Paar friſche Olivers aus Eurer Truhe, ſonſt könntet Ihr vergeſſen, daß Ihr ihm noch nicht gewechſelt habt.“ „Ja, ja, ich gehe ſchon,“ brummte der Alte;„aber zuvor laßt mich noch ein Wörtchen mit Euch reden, Doktor“ — indem er den freundlichen Arzt mit ſich hinausführte. Sobald ſich Denzil Norman mit ſeiner ſchönen Füh⸗ rerin allein ſah, ergriff er die Gelegenheit, ihr für ihr Ge⸗ leite während der verfloſſenen Nacht zu danken, denn er hatte bemerkt, daß nicht allein ſie in Rogers Gegenwart keine Sylbe von ſeinem Beſuche in der Kirche geſprochen, ſondern daß auch Doktor Aldover, ſo wie der erheiternde Einfluß eines guten Glaſes Punſch bei ihm gewichen war, den Gegenſtand mit auffallender Scheu vermieden hatte. Jetzt aber geſtal⸗ tete ſich die Sache anders: Alice Brownlow ſprach nun offen über ſein Abenteuer und befragte ihn im heiterſten gleichmüthigſten Tone, der mit ihrem Benehmen die Nacht zuvor in eigenthümlichem Widerſpruche ſtand, über das was er geſehen habe. Denzil Norman fand es nicht leicht, ihren raſchen Er⸗ kundigungen zu begegnen und es gelang ihm nur dadurch, daß er in ihren eigenen Ton einſtimmte. Etwas Gallanterie mußte ſich— ob er wollte oder nicht— in ſein Benehmen miſchen, denn er fand das Mädchen bei Tag ſogar noch ſchöner als geſtern Abend und die bezaubernde Anmuth ihrer 5 80 Natur ſchien ſie in dieſer heitereren Stimmung nur noch un⸗ widerſtehlicher zu machen. „Da wir oben auf dem Berge ſchon eine Schloßfee haben,“ meinte er,„ſo muß ich Euch wohl die Fee aus der Hütte nennen.“ „Ich wollte ich wäre eine Fee,“ erwiederte die Schoͤne ſeufzend;„dann könnte ich Manches thun, was ich jetzt nicht vermag.“ 4 Man kann ſich denken, daß Denzil Norman dieſe Ge⸗ legenheit nicht entſchlüpfen ließ, um ſie zu befragen, wie ſie ihre Feengewalt anwenden würde, wenn ſie ſolche beſäße. „Ich würde alle Wunden heilen,“ gab ſie zur Antwort, und würde die Guten und Weiſen glücklich napeſe waͤh⸗ rend ſte jetzt ſo oft durch widriges Geſchick zu Kummer und Enttäuſchung verurtheilt ſind.“ „Ei,“ meinte der junge Mann,„das iſt ja nach unſeren alten Legenden weit mehr das Amt eines der neun Ordnun⸗ gen der Engel, nicht aber das eines untergeordneten Weſens wie eine Fee. Habt ihr denn keine einzelne Perſon, die Ihr vorzugsweiſe begünſtigen möchtet?“ „O freilich!“ verſicherte Alice Brownlow mit heiterem Lachen;„Jedermann hat wohl ſeinen Liebling, dem er ſpe⸗ ziell zu dienen wünſcht.“ „Und wer wäre denn bei Euch dieſer Liebling?“ fragte Denzil Norman, mit ihrer Antwort nicht ganz zufrieden⸗ „wenn es nicht allzu kühn iſt, eine ſchöne Dame wie Euch uͤber ſo etwas auszufragen.“ „⸗Wie doch die Männer neugierig ſind!“ lachte die 8¹1 Kleine.„Sie malen das Weib als das Sinnbild der Neu⸗ gier, waͤhrend dieſe gerade ihr eigener Fehler iſt; doch Ihr ſollt nicht getäuſcht werden, edler Herr. Später werde ich Euch die Perſon nennen, die ich zu begünſtigen wünſchte, aber das kann erſt nach längerer Bekanntſchaft geſchehen.“ Der junge Edelmann drang natürlich ſcharf in ſte, um genauere Kunde zu erlangen, obwohl er ehrlich geſtanden allerlei Zweifel hegte, ob dieſe Kunde auch angenehm für ihn ſein würde, denn ſeit dem Tage da Adam von dem verbotenen Baume aß bis auf unſere Zeit herab ſehen wir den Menſchen von einem unerſättlichen Durſte nach Wiſſen erfüllt— nicht allein das Gute, auch das Schlimme will er erfahren, und ob es ihm Fluch oder Segen bringe— er ſchmachtet danach und der Satan hat immer eine Entſchuldigung bei der Hand, um uns danach ſuchen zu laſſen. „Ich mochte gerne wiſſen,“ dachte der junge Mann, „ob ihr Herz einem Andern und wem es gehört. Ich fühle wohl, ſie könnte an dieſem abgelegenen Orte eine gefährliche Gefährtin werden, und finde ich, daß ſie ihre Liebe verſchenkt hat, ſo bin ich ſchon hiedurch hinlänglich gegen die Gefahr gewappnet. Es iſt doch eigen, daß ich, der ich mich faſt in halb Europa in Städten und an Höfen unter den ſchönſten glänzendſten Damen bewegte, noch nie eine ſo liebliche rei⸗ zende Erſcheinung wie dieſes Landmädchen getroffen habe. Doch es iſt Unſinn an ſolche Dinge zu denken— Denzil Norman verliebt in Roger Brownlow's Nichte! davon kann nie die Rede ſein. Ich gäbe viel darum, wenn ich ihren Ge⸗ liebten ſehen könnte, und ich werde es auch, ſo Gott will— James. Die Letzte der Feen. 6 82² ein einfacher Bauer wahrſcheinlich“— und ſo fuhr er fort in ſie zu dringen, bis ſie ihm in ihrem ſeitherigen heiteren Tone zur Antwort gab: „Nun, nun, Sir, Ihr ſollt befriedigt werden, wenn Ihr heute Abend einen Spaziergang mit mir machen wollt— ich meine insgeheim, denn mein guter Oheim darf nichts da⸗ von wiſſen,— eeine Geſchichte hängt damit zuſammen?“ Auch dieſe Erwiederung befriedigte ihn keineswegs— er wünſchte beinahe, daß er das Anerbieten nicht angenom⸗ men hätte, denn er glaubte, eine flüchtige Röthe auf ihren Wangen und leichte Verlegenheit in ihrem ſo heiteren Weſen zu bemerken: aber er war entſchloſſen, die Nachforſchung zu Ende zu führen, wie denn Ungewißheit der peinlichſte aller Lebenszuſtände iſt, was auch die Skeptiker darüber ſagen mögen.. „Ihr dürft mir nur ein Zeichen geben,“ verſetzte er; doch noch ehe er vollenden oder Alicen ein Wort erwiedern konnte, kehrte Doktor Aldover mit dem alten Roger zurück und beurlaubte ſich bald darauf mit dem Verſprechen gegen ſeinen früheren Gaſt, daß deſſen Pferd in ſeinem Stalle wohl gepflegt und ſein Mantelſack unverzüglich hergeſchickt werden ſollte. Den Reſt des Tages verlebte Denzil Norman höchſt vergnügt; nach kurzer Morgenpromenade kehrte er wie vor⸗ her ausbedungen worden zum heimiſchen Familienmahle bei ſeinem Wirthe zurück und amüſirte ſich lange mit der ſchönen Alicen in traulichem Geſpräche, während der alte Mann in ſeinem Stuhle daneben einnickte und Gaſt und Nichte ihrer eigenen Unterhaltung überließ. Denzil fand, daß ſolche Geſpräche nicht ganz ohne Gefahr waren; aber es gibt Männer, die ſich gerne an den Rand eines Abgrunds ſtellen, und wenn ihm auch ein wenig ſchwindlig wurde, ſo mochte er gleichwohl nicht zurücktreten. Der Leſer könnte fragen, von was ſie wohl ſprachen. Dagegen möchten wir eine andere Frage aufwerfen— von was wurde bei ihnen nicht geſprochen? Er war zwar ein fein erzogener Kavalier und ſie ein einfaches Landmädchen; aber nichtsdeſtoweniger führte ſie ihn auf tauſenderlei Thema's und durch die verſchiedenſten Gedankenreihen, welche ſie mit Leichtigkeit zu verfolgen ſchien, während er beinahe den Faden verlor. Manchmal kam ſie ihm vor wie ein Schmetterling, der von Blume zu Blume flattert und auf jeder nur einen Augenblick verweilt, und dann wieder wie eine glänzende Tanzfigur, welche bei aller anſcheinenden Verwirrung einen ſicheren Plan in jeder Bewegung feſthält. Endlich ſprang ſie jedoch mit den Worten auf: „Ich muß fort— ich habe einen Gang zu verrichten.“ Mit dieſem Rufe verließ ſie das Zimmer und ſtieg die Treppe zur Linken des Herdes vermuthlich nach ihrem Stüb⸗ chen hinauf. Einige Augenblicke ſpäter während Denzil den alten Mann betrachtete, der eben aus ſeinem Schlum⸗ mer erwachte, ſah er ein Hütchen am Fenſter vorbeihuſchen, und ſeine eigene Kopfbedeckung ergreifend, ging er hinaus, um ſeine ſchöne Begleiterin mit den Blicken zu verfolgen. Sie war jedoch nirgends zu ſehen, was keineswegs zu verwundern war, da die vielerlei Pfade und Baumgänge mit 6* 84 ihren dichten Heckenreihen das Verſchwinden ungemein er⸗ leichterten. Er ſchlenderte eine Zeit lang in der Gegend um⸗ her in der Hoffnung ſie endlich doch zu entdecken, gab aber zuletzt ſeine Verfolgung auf und richtete ſeine Schritte nach dem Schloſſe, deſſen graue Thürme er über die Bäume her⸗ vorragen ſah. „Ich will nicht mehr an dieſes reizende junge Weſen denken,“ ſagte er bei ſich ſelbſt—„ich habe ſchon zu viel an ſie gedacht.“ Mit dieſem Vorſatze mühte er ſich nunmehr— was er ſich in gefährlichen Zeiten und unter bedenklichen Umſtänden angewöhnt hatte— ſein Sinnen und Trachten von dem Hauptziele ab und auf die lebloſen Naturgegenſtände zu lenken, aus denen ſelbſt das verkehrte Menſchenherz nicht leicht andere als gute und harmloſe Ideen abzuleiten vermag. „Wie ſchön iſt dieſer Anblick!“ fuhr er in Gedanken fort.„Wenn ich den Weg zum Gipfel jenes Hügels fände, könnte ich wohl die beſte Ausſicht auf das Schloß gewinnen.“ Er verfolgte den Pfad, der dahin zu führen ſchien, bis er auf Viertelmeilen⸗Entfernung unter die alten Schloß⸗ thürme gelangt. Der Weg war ſteil, und da er raſch bergan ging, wie alle Menſchen zu thun pflegen, die ihren Ge⸗ danken zu entrinnen trachten, ſo mußte er bald inne halten, um Athem zu ſchöpfen. Wie er ſo an den epheubewachſenen Mauern emporſchaute, ſah er auf den Zinnen des höchſten Thurmes eine Figur auftauchen,— es war dieſelbe, die er ge⸗ ſtern Abend am Brunnen, die nämliche, die er Nachts in den Kirchengewölben geſehen hatte— die weißen Gewänder, 85 das fließende Haar, die leichte luftige, faſt durchſichtige Ge⸗ ſtalt, Alles war wie früher, vom Scheine der Nachmittags⸗ ſonne beleuchtet, und mit raſchem furchtloſem Schritte ſah er ſie am Rande der zerbröckelnden Mauern und unter den wankenden Zinnen hinwandeln, bis ſie den Gipfel eines Wartthürmchens erreichte, das ſeinen eigenen Pfad über⸗ ragte und dort gleichſam in der Luft hängend ſtille hielt, um ihn mit ernſter warnender Gebärde zurückzuwinken. Der junge Mann blieb zögernd ſtehen; dreimal wurde das Zeichen wiederholt und dann verſchwand die Geſtalt plötzlich vor ſeinen Augen, wie wenn der Thurm ſie ver⸗ ſchlungen hätte. Denzil Norman ſchaute eine Weile zu Boden und drehte dann um, den Rückweg nach der Hütte einſchlagend. Er traf den alten Mann mit ſeinem Sohne allein. John Brownlow ſchien von Allem, was heute Morgen vor ſich gegangen, unterrichtet zu ſeyn und betrachtete den Frem⸗ den nicht unfreundlich; während er ſeine Mahlzeit vollendete, zu welcher er Mittags zu ſpät gekommen war, fragte er, welchen Weg ſein Gaſt auf ſeinem Spaziergange einge⸗ ſchlagen habe. „Einen kleinen Fußpfad, welcher oſtwärts unter die Mauern des Schloſſes führt,“ erwiederte Denzil Norman. „Dann müßt Ihr vermuthlich den Soldaten begegnet ſeyn,“ verſetzte John Brownlow.„Ich bin auf dieſem Wege vor einer Stunde etwa an ihnen vorbeigekommen.“ Denzil betrachtete ihn eine Weile mit feſtem Blick und gab dann ruhig zur Antwort: 86 „Nein, ich begegnete keinen Soldaten.— Was ſind es für Truppen? „Von Lambert's Leuten,“ gab der Andere zur Antwort; „es heißt, ſie marſchiren gegen Norden.“ „So bleiben ſie nicht hier?“ bemerkte Denzil Norman mit derſelben Argloſigkeit. „Nein,“ erwiederte John Brownlow,„ſie müſſen noch vor Nacht fünf Meilen weiter; aber in wenigen Tagen, heißt es, ſoll eine Compagnie bei uns einquartirt werden.“ Bei dieſen Worten fixirte er den Gaſt und als er ſein Horn Bier ausgetrunken hatte, erhob er ſich mit der Bemerkung: „Habt Ihr unſeren Garten ſchon geſehen, Sir? er iſt ſehr hübſch“— indem er einige Schritte nach der Küchenthüre that, welche den einzigen Ausgang nach der Rückſeite des Hauſes darbot. Denzil Norman folgte, indem er erklärte, er wolle gerne einen Spaziergang durch den Garten mit ihm machen; ſo⸗ bald ſie jedoch ein Stück Wegs zwiſchen den niedlichen von Apfelbäumen umringten Blumenbeeten zurückgelegt hatten, blieb John Brownlow ſtehen und flſterte leiſe: „Ich meine, Sir, es wäre beſſer, wenn Ihr Euch im Hauſe verborgen hieltet, bis dieſe Leute fort ſind.“ „Warum glaubt Ihr denn, daß ich ſie irgend zu fürchten habe?“ fragte Denzil Norman. „Euer Haar, Eure franzöſiſchen Stiefel und Euer ver⸗ goldeter Schwertgriff bringen mich auf dieſen Glauben,“ gab der Burſche zur Antwort.„Ob man in London etwas da⸗ raus macht, weiß ich nicht; hier aber ſieht man ſolche Dinge 87 nur ſelten und Ihr könnt Euch drauf verlaſſen, daß einige von den Offtzieren ſich nach Eurer Perſon und Euren Ab⸗ ſichten erkundigen werden. Ihr müßt es allerdings am beſten verſtehen; doch hielt ich's für meine Schuldigkeit, Euch meinen wohlgemeinten Rath zu geben.“ „Den ich auch annehme,“ verſetzte der Edelmann. „Wie ſoll ich aber erfahren, wann ſie fort ſind?“ „Ich wills Euch wiſſen laſſen,“ verſprach der Andere. „Meinem Vater dürft Ihr aber nichts ſagen; bleibt nur auf Eurem Zimmer und thut, als ob Ihr eifrig mit Schrei⸗ ben beſchäftigt wäret.“ Die Abendſonne war eben im Begriff, hinter dem Schloſſe Landleigh und dem gleichbenannten Dorfe unterzu⸗ gehen, als Denzil Norman abermals mit Alice Brownlow den Hügel hinanwandelte. Ihr Weg führte über ſchattige Pfade, welche von den ſchrägen Sonnenſtrahlen mit roſigem Lichte erhellt wurden. Die ſchöne Geſtalt und das ſüße Antlitz ſeiner Gefährtin war wie von einer Glorie umfloſſen und erſchien dem jungen Manne reizender als je, ſo daß ſeine Betrachtung mit einem tiefen Seufzer endete. Es mochte Einbildung ſeyn, aber er konnte ſich kaum ableugnen, daß etwas Eigenthümliches, eine zauberiſche Gewalt in ihr lag, welcher man unmöglich widerſtehen konnte. Er hatte ſie heute Abend mit ihrem Oheim und ihrem Vetter zuſammengeſehen, und auch dieſe ſchienen den Zauber ſo gut wie er ſelbſt zu empfinden: der Greis war ganz zahm in ihrer Gegenwart, gab ihrem leiſe⸗ ſten Worte nach wie ein Kind, und ſuchte ſogar ſeine ſchlim⸗ 88 men Eigenſchaften, auf die er ſonſt eitel war, vor ihr zu ver⸗ bergen, während der von Natur offene und geradſinnige Vetter ihren unbedeutendſten Wunſch erfüllte, wie wenn ihr Gebot Geſetzeskraft bei ihm hätte; dabei lag jedoch in Bei⸗ der Benehmen ein gewiſſes Etwas, was Denzil Norman's anfängliche Vermuthung, als ob der Vetter ihr Liebhaber wäre, alsbald wieder aufhob. Sie war den ganzen Tag ſehr heiter und guter Dinge geweſen; jetzt aber, da ſie allein zuſammen auf den grünen Pfaden wandelten, ſchien ſie wieder von ihrer ernſteren Stimmung befallen, und er begegnete in ihren Antworten von Neuem jenen tiefen, gerade durch ihre Einfalt ſo ein⸗ dringlichen Gedanken, welche jedoch von Zeit zu Zeit von einem munteren Einfalle unterbrochen wurden, gerade wie die Sonnenſtrahlen zuweilen hinter den düſteren Wolken hervorbrachen. Er mühte ſich, mit ihren wechſelnden Ideen gleichen Schritt zu halten und da ſie von der Ankunft und dem kurzen Aufenthalte der Soldaten gehört hatte, ſo er⸗ zählte ihr Denzil in ſcherzenden Worten, wie er ſie einige Stunden zuvor verfolgt und was ihn zur Rückkehr bewogen habe. „Ich erfreue mich einer auffallenden Gunſt bei dieſer Fee,“ bemerkte er,„und da wir eben am Schloſſe vorüber gehen, ſo möchte ich wohl einen Augenblick in den Hof treten und ſehen, ob ſie mich jetzt, da ich eine noch ſchönere Be⸗ gleiterin bei mir habe, wohl ebenfalls mit ihrer Gegenwart beglücken wird.“ Alice betrachtete ihn eine Weile mit ernſtem Blick. 89 „Sprecht nicht leichtſinnig von Feengunſt,“ erwiederte ſie,„noch daß Ihr an deren Daſeyn zweifelt. Ich will recht gerne mit Euch in's Schloß gehen; doch wird es jedenfalls nutzlos ſeyn, denn wir wiſſen recht wohl, daß einem die Fee nie mehr als einmal des Tags erſcheint.“ „Wirklich!“ verſetzte Denzil.„So iſt ſie demnach ſehr regelmäßig in ihren Gewohnheiten; ich hätte mir die Feen launiſcher gedacht. Gleichwohl möchte ich das Schloß mit Euch beſchauen, denn ein ſchöner Anblick iſt immer doppelt ſchön, wenn wir ihn mit Jemand genießen, der deſſen Reiz zu ſchätzen weiß.“ „Es iſt die Erwiederung der eigenen Gedanken,“ be⸗ merkte Alice, indem ſie ihm lächelnd in's Geſicht ſchaute, „was uns die Schätze unſerer Seele erſchließt. Was wäre das Licht ohne Schatten? So kann ſelbſt ein untergeord⸗ neter Geiſt gerade durch ſeinen Kontraſt den Glanz eines höherſtehenden noch vermehren. Ein ſolcher Gedankenaus⸗ tauſch geht uns hier ſehr ab,“ fuhr ſie ſeufzend fort;„doch hier ſtehen wir vor den Schloßmauern und können ebenſo gut durch das Seitenpförtchen als durch das Hauptthor ein⸗ treten.“ Geſagt, gethan. Durch einen ſchmalen Außenhof ge⸗ langten ſie in den weiten offenen Schloßraum, in deſſen Mitte der alte Brunnen vor ihnen lag. Die Sonne be⸗ ſchien eben das kryſtallhelle Waſſer und die grünen Bäume darüber; aber keine Fee ließ ſich gewahren: nur Alice ſtand neben dem Brunnen und ſchaute nachdenklich an den alten Thürmen hinauf. 90 „Hier herrſchte vor langen Zeiten der glänzende Adel des Landes, und Alle ſind jetzt dahingegangen,“ bemerkte ſie melancholiſch.„Ihr Andenken ſogar klingt wie ein ſchwa⸗ ches Echo zwiſchen den Hügeln, das ein laut geſprochenes Wort immer ferner und ferner wiederholt, bis es zuletzt ganz undeutlich wird— ſo endet der Menſch und ſein Ge⸗ dächtniß! Ich möochte wohl wiſſen, wie manche jetzt vergeſ⸗ ſene Könige und Königsheiden ſich früher eingebildet haben, daß ſie in der Erinnerung der Menſchen ewig fortleben würden.“ „Alles vergeht und erneut ſich wieder, ſchöne Alice,“ gab Denzil Norman zur Antwort.„Wir haben— wenig⸗ ſtens ich habe erlebt, wie alle unſere Inſtitutionen vom Sturme dahingeweht, wie Könige geächtet und hingerichtet, wie Prinzen und Grafen verkannt und ermordet, wie Geſetze dazu mißbraucht wurden, das wahre Recht zu zerſtören, und wie jede Art von Unbill im Namen der Gerechtigkeit durch⸗ geſetzt wurde. Doch auch hier wird es gehen, wie wenn man die Erde mit der tiefen Pflugſchaar umreißt und mit der rauhen Egge durchfurcht— es werden ohne Zwei⸗ fel die nämlichen Inſtitutionen an die Stelle der früheren treten.“ „Die nämlichen wohl nicht,“ meinte ſie,„wohl aber ſolche, die den früheren ſehr ähnlich ſehen. Ich will Euch ſagen, wie mir der Lauf der Welt erſcheint,“ fuhr ſie, ihre Hand auf ſeinen Arm legend, vertraulich fort.„Ein einfa⸗ ches Bild iſt immer am Beſten und deutlichſten.— Habt Ihr je einen Garten gepflegt? wenn wirklich, ſo werdet Ihr 4 91 wiſſen, daß jede Blume wie jeder Baum, wenn der Samen davon ausgeſtreut wird, Pflanzen derſelben Gattung aber doch nicht ganz die nämlichen hervorbringt. Nimmt man z. B. den Samen einer Tulpe oder Roſe, ſo bekommt man allerdings im nächſten Jahre neue Eremplare, die aber von den früheren mannigfach abweichen.— Dasſelbe iſt's mit weltlichen Einrichtungen; ſelbſt wenn ſie untergehen, laſſen ſie eine Saat zurück, welche aber nie das Alte wiedergibt.— Doch laßt uns nicht länger ſpekuliren: wir ſtehen hier in lebloſer Umgebung und ich habe lebendige Weſen, die ich Euch zeigen will.“ Mit dieſen Worten trat ſie durch das große Hofthor und nahm ihren Weg nach dem äußerſten Rande des Dörf⸗ chens, wo ſie von Denzil Norman begleitet in eine offen ſte⸗ hende Hütte trat. Darin fanden ſie eine ſehr alte aber für ihre Jahre noch ganz rüſtige Frau und neben ihr das ſchönſte Bauernmädchen, das man nur ſehen konnte, ſehr eifrig mit Spinnen beſchäftigt. „Ei, meine alte Unwin,“ rief Alice,„ich freue mich, daß Ihr zurückgekehrt ſeid; ich hoffe, Eure Brigitte iſt beſſer.“ „Ihr iſt wohler als uns Allen, mein liebes Kind,“ er⸗ wiederte die alte Frau—„ſie iſt im Himmel. Der gute Doktor that um ihres armen Gatten willen alles was in menſchlichen Kräften ſtand, und auch ich that mein Möglich⸗ ſtes, konnte ihr aber freilich nicht viel helfen. Gott hat ſie zu ſich gerufen; der Geiſtliche hat zwei von ihren Kindern in ſein Haus genommen, der Doktor das andere in Pflege 92² gegeben, ſo daß ſich der arme Vater in ſeinen Sorgen er⸗ leichtert ſieht.“ „Ich fürchte, er konnte Euch Euere Auslagen nicht wie⸗ der erſtatten, Mütterchen,“ bemerkte Alice. „Sie wollte um die Welt keinen Heller annehmen, Alice,“ verſetzte das Mädchen, von ihrer Arbeit aufſchauend, während ihre flinken Finger noch immer geſchäftig waren. „Darf denn der Arme gegen den Armen hart verfahren?“ „Gott behüte,“ gab Alice zur Antwort.„Du ſcheinſt ja ſehr fleißig, Johanna?— für wen iſt es es?“ „Theils für uns, theils für ſie,“ erwiederte das Mäd⸗ chen.„Aber ſieh nur, Alice, wir haben unſere Uhr wieder: wir fanden Dienſtag Morgen das Geld auf unſerem Fenſter⸗ ſims. Großmutter wollte es kaum anrühren, denn ſie ſagte, es ſey Feengeld und könne ſich in Stroh und Blätter ver⸗ wandeln, ſobald der alte Roger Brownlow es in die Hand bekomme.“ „O der nimmt nichts, was nicht vollwichtig iſt, darauf kannſt Du Dich verlaſſen, Johanna,“ entgegnete Alice.„s iſt jedenfalls von einer guten und nicht von einer ſchlimmen Fee, und ſollte ſie mir je etwas bringen, ſo wuͤrde ich mich nicht davor ſcheuen.“ So gings noch eine Weile fort, dann begab ſich Alice mit ihrem Begleiter auf den Heimweg. „Jetzt habt Ihr die geſehen,“ bemerkte ſie mit bedeu⸗ tungsvollem Lächeln,„um derentwillen ich eine Fee zu ſeyn wünſchte.“. „Sie ſcheinen gute freundliche Leute,“ meinte Denzil 93 Norman, noch von der Erinnerung ſeiner frühern Zweifel befangen. „Die arme Frau pflegt die Kranken,“ ſagte Alice in lei⸗ ſem gerührtem Tone,„wenn dieſe ſonſt Niemand zur Pflege haben, und das Mädchen arbeitet heiteren Muthes vom Mor⸗ gen bis in die Nacht für ſich und ihre Großmutter. Sie wird eines Tags John Brownlow's Gattin werden; aber der Tag iſt noch in weiter Ferne, und ich moͤchte eine Fee ſeyn, um die langen Stunden der Erwartung für ſie abzu⸗ fürzen— verſteht Ihr mich jetzt?“ „Endlich ja,“ lautete Denzils haſtige Antwort;„ein Herz, wie das Euere, iſt nicht ſo ſchnell zu begreifen.“ Achtes Kapitel. Es war noch dunkel, nur ein ſchwacher grauer Streifen ſchwebte am Rande des öſtlichen Horizonts; Denzil Norman ruhte auf ſeinem Lager und träumte von Alicen. Seit ſechs Tagen war er zu Landleigh, hatte mehr als einmal, wachend wie ſchlafend, von ihr geträumt und jedesmal war ihm ihr Bild glänzender erſchienen. Plötzlich wurde jedoch ſein Traum geſtört und ſein Schlaf unterbrochen: es klopfte Je⸗ mand an der Thüre und ver ſprang raſch aus dem Bett. Auf ſein Herein erſchien John Brownlon mit einem Lichte in der Hand. „Auf und davon, Sir, ſo ſchnell Ihr könnt,“ ſagte er. „Eine Compagnie von Lambert's Truppen iſt in den Ort 94 eingerückt; in dem Quartier der Offtziere wurde geſtern Abend eine Proklamation verleſen, welche die Arretirung mehrerer Perſonen, worunter auch eine unter dem Namen Denzil Norman, anbefohlen wird.“ „Das iſt mein eigener Name,“ verſetzte der junge Edel⸗ mann lächelnd. „Aber nicht Euer ganzer, Sir,“ verſetzte der junge Mann;„ſie müßten ſich nur geirrt haben, denn es wurde ih⸗ nen erzählt, daß Ihr Euch hier befändet und ſie werden mit Tagesanbruch bei uns erſcheinen, um Euch im Bette abzu⸗ holen.“ „So verlaßt mich denn, guter John,“ bat Denzil;„dann will ich mich ankleiden und gehen. Ich habe ſchon ſchlim⸗ mere Gefahren als dieſe beſtanden, und es müßte noch weit ärger kommen, bis ich den Muth verlöre. Es iſt zwar hart, wie ein Haaſe von den Hunden gejagt zu werden; aber man muß ſein Schickſal ertragen. Wenn Ihr mir einen Dienſt erweiſen wollt, ſo lauft zu Doktor Aldover und macht, daß mein Pferd parat ſteht. „Dafür iſt ſchon geſorgt,“ antwortete John Brown⸗ low;„Euer Roß ſteht am Ausgang des Gartens. Ich will vor's Haus gehen und Wache halten bis Ihr fertig ſeyd. Alice iſt unten.“ Denzil Norman ſtand haſtig auf und kleidete ſich an, ſteckte ſeine Siebenſachen in die Satteltaſche, und wollte eben hinabgehen, als er bei zunehmendem Morgenlichte ein Papier auf dem Fenſterſitze liegen ſah. Er nahm es auf und betrachtete es aufmerkſam, bis er entdeckte, daß es die⸗ 95 ſelbe Handſchrift war, die er ſchon von den Kirchengewölben her kannte. Da er nicht Zeit hatte, es genauer zu unter⸗ ſuchen, ſo verbarg er es eiligſt zwiſchen Hemd und Weſte, warf die Satteltaſche über den Arm und ſtieg in das Zim⸗ mer hinab. In der Hütte waren die Fenſter noch geſchloſſen. Alice Brownlow ſtand mit ernſter nachdenklicher Miene an einem Tiſche, auf welchem ein Licht brannte. Sie rührte ſich nicht, als er eintrat; Denzil näherte ſich ihr aber ohne Zögern, nahm ihre Hand und ſprach: „Alice, ich muß eiligſt fort, werde aber nie die Stun⸗ den vergeſſen, die ich hier verlebt habe.“ „Haltet Euch nicht mit ſolchen Dingen auf,“ gab Alice zur Antwort;„jeder Augenblick zur Flucht iſt koſtbar.“ „Nur noch ſo lange, um Euch Dreierlei aufzutragen,“ erwiederte der junge Edelmann.„Erſtlich gebt dieſes Gold⸗ ſtück Eurem Oheim; ich verſprach ihm Etwas für die Be⸗ dienung— iſt es genug?“ „Zu viel,“ meinte Alice.“ „Dann fünf weitere für die gute Frau Unwin,“ fuhr er raſcher fort;„wäre ich nicht ſo arm, ſo würde ich ihr mehr ſchicken. Wollt Ihr's für mich abgeben?“ „Ja,“ verſetzte das ſchöne Mädchen mit ängſtlichem Blick;„was iſt das Dritte?— ſprecht raſch.“ Denzil Norman hidlt immer noch ihre Hand umfaßt, und ſeine Finger preßten die ihren in warmer Wallung, während er ihr ſchönes Antlitz mit tiefer Zärtlichkeit be⸗ trachtete. 96 „Das Letzte,“ ſchloß er,„iſt, daß Ihr mich liebt, wie ich Euch liebe, bis wir uns wieder begegnen.“ Alice gab keine Antwort; nur eine tiefe Röthe zog ihr, der aufſteigenden Sonne gleich, über Stirne und Schläfe. „Darf ich auch darauf hoffen?“ fragte Denzil mit lei⸗ ſer bebender Stimme. „Verſprochen wäre es bald,“ meinte Alice;„aber nach acht Tagen habt Ihr das arme Landmädchen vergeſſen.“ „Nimmermehr,“ betheuerte er eifrig;„ſo lange ich das Leben behalte. Zwar habe ich gekämpft zwiſchen Vorurtheil und Liebe; aber der Kampf iſt für immer vorüber, Alice, und wenn ich lebend entrinne, ſo kehre ich zurück, um mir dieſe theure Hand zu erbitten.— O gewährt mir dieſe Hoffnung, um mir meinen Weg dadurch zu erheitern.“ „Fort, fort!“ rief Alice, ihr Geſicht abwendend,„jeder Augenblick bringt Euch in Gefahr.“ CEhe er noch antworten konnte, ſtürzte John Brown⸗ low in das Gemach und ſchloß die Thüre hinter ſich ab. „Hier hinaus!“ flüſterte er;„ſie kommen ſchon den Hügel herab. Raſch, raſch!“ Mit dieſen Worten nahm er Denzil beim Arme und zog ihn nach der Thüre, welche durch die Küche in den Gar⸗ ten führte. Als ob ſie nicht länger widerſtehen könnte, ſtürzte Alice dem jungen Flüchtling nach und legte ihre Hand auf die ſeine; Denzil umſchlang ſie mit den Armen und drückte ſeine Lippen auf ihre Wangen. „Seyd getreu,“ flüſterte ſie;„Ihr ſollt mich ewig treu finden.“ 97 Im nächſten Augenblick ſtand er im Garten, wo er den abgemeſſenen Schritt einer marſchirenden Truppe deut⸗ lich vernehmen konnte. Der Hügel zog auf dieſer Seite des Hauſes bis zu dem Flüßchen im Thale hinab und die dichten Apfelbäume verbargen faſt alle die kleinen Pfade, welche den Garten durchſchlängelten, und auf denen John Brownlow ſeinen Gefährten eilenden Schrittes voranführte, bis ſie nur fünfzig Schritte vom Strome eine Hecke mit niederem Pförtchen antrafen. Am Pförtchen ſtand Denzils Pferd; die Satteltaſchen wurden raſch befeſtigt, der junge Edelmann ſetzte den Fuß in den Steigbügel und reichte ſeinem Gefährten die Hand mit den Worten: „Tauſend, tauſend Dank, John. Wir werden uns hoffentlich in glücklicheren Tagen wiederſehen, und dann will ich Euch beſſer danken.“ „Gott ſegne Euch, Mylord,“ verſetzte John Brown⸗ low.„Horch! da eilt einer den Hügel herab— fort, fort! über die Wieſe, damit ſie Euch nicht hören.“ Im nächſten Augenblick ſaß Denzil im Sattel; ſein Pferd war friſch und voll Feuer, und trug ſeinen Reiter in Kurzem außer allem Bereiche der Verfolgung. Denzil Normann ritt zwei Stunden unaufhaltſam wei⸗ ter, wobei er nicht verſäumte, ſeine Richtung öfter über die nahe liegenden Hügel zu nehmen, um die Gegend hinter ſich zu überſchauen und ſich zu vergewiſſern, ob er verfolgt werde. Da er jedoch keine Spur von Nachſetzenden gewahrte, ſo machte er endlich auf einer Wieſe neben einem kleinen James. Die Letzte der Fren. 7 98 Strome Halt, um ſeinem Pferde etwas Waſſer und grünes Gras zukommen zu laſſen. Seine Gedanken kehrten zuerſt zu Alicen zurück; bald kamen aber auch noch andere, welche ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahmen.„Ich will nach Norden,“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„erſt aber will ich dieſes zweite Papier unterſuchen.“ Mit dieſen Worten zog er es hervor und prüfte es ge⸗ nauer, als er früher hatte thun können. Es war ganz le⸗ ſerlich geſchrieben, und er entzifferte folgende Worte, welche offenbar für ihn beſtimmt waren, obwohl das Papier weder Aufſchrift noch Adreſſe enthielt. „Geht eiligſt nach dem Norden,“ ſo lautete die Schrift; „vermeidet aber Lamberts Poſten. Im Dorfe Corbridge ſtellt Ihr Euer Roß in das Wirthshaus zum Hirſch: dort werdet Ihr einen kurzen, vierſchrötigen finſtern Mann fin⸗ den; den müßt Ihr fragen, ob er nicht Gideon heiße. Ant⸗ wortet er mit Ja, ſo ſagt ihm, daß Portsmouth gegen die Armee Stand halte, daß die gegen die Stadt abgeſchickten Truppen ſich für das Parlament erklärt, daß die Truppen zu London daſſelbe gethan haben, daß Lawſon mit ſeiner Flotte die Fanatiker verlaſſen wird, und daß Desborough's Streitmacht ſicher iſt. Vor Allem aber laßt ihn wiſſen, daß Fairfar die Stadt York behauptet, und daß er ſich auf ihn verlaſſen darf. Verlaßt Corbridge nicht eher, als bis Ihr ihn geſehen habt.“ „Das ſind ſonderbare Weiſungen,“ dachte Denzil Nor⸗ man;„gleichwohl will ich ſte befolgen, obſchon ich die Ge⸗ 99 nauigkeit der Nachricht bezweifle.— Wer kann der kurze ſchwarze Mann wohl ſeyn?“ Seine Träumerei wurde von fernem Trompetenklange unterbrochen; er ſprang zu Roß und war bald wieder auf dem Wege nach Norden, auf dem er nicht eher innehielt, als bis er vierzig Meilen von Landleigh entfernt war. Noch hatte er eine lang Reiſe voll Schwierigkeiten und Hinder⸗ niſſen vor ſich, denn bald kam er in die Nähe von Lamberts Truppen und mußte meilenweite Umwege machen, bald hatte ſein Pferd ein Eiſen verloren, nirgends war ein Schmid, um es zu erſetzen, bald fehlte das Boot an der Fähre, und ſo verſtrichen acht Tage, bis er die ſchönen Ufer des Tyne erreichte. Es war ſchon ſpät am Abend, als er ſich nach einem Ritte von fünfzehn bis ſechszehn Meilen ſtromabwaͤrts nach dem Dorfe Corbridge erkundigte, und erfuhr, daß es auf eine Meile vor ihm liege. Er ritt nun langſamer und nahm den gewöhnlichen Schritt eines müßigen Reiſenden an, bis er gegen Sonnenuntergang den Gaſthof erreichte, den er erſt dann betrat, nachdem er ſein Pferd aufs Sorgfältigſte untergebracht hatte. Er fand das Wirthszimmer völlig leer; nur der unge⸗ hobelte Wirth kam ihm entgegen, um dem unerwarteten Gaſte ſeine Aufmerkſamkeit zu beweiſen. Das Beſte was das Haus vermochte, war bald vor ihm aufgeſtellt und er hatte eben ſein Mahl vollendet, als er den Klang von Pferde⸗ tritten vor der Thüre vernahm. Es verſtrich eine ziemliche Zeit, ohne daß Jemand erſchien, und ſeine Erwartung war 7 8 100 ſchon wieder verſchwunden, als er draußen einem Diener Be⸗ fehle ertheilen hörte. Im nächſten Momente ging die Thüre auf und ein Fremder trat ein, der ihn eine Weile ſirirte und ſich dann in einiger Entfernung niederſetzte. Denzil Norman muſterte ihn gleichfalls und fand an ihm einen ſtattlichen finſteren Mann in mittleren Jahren; er war zwar nicht ſo hoch ge⸗ wachſen wie der junge Kavalier ſelbſt, konnte aber dennoch nicht klein genannt werden. Der Ausdruck ſeiner Mienen war ziemlich ernſt und finſter, doch nahm er nach dem erſten Blicke keine weitere Notiz von ſeinem Gefährten, bis der Wirth ein frugales Abendeſſen nebſt einem ſchwarzen Bier⸗ kruge vor ihm aufgepflanzt hatte. Der Fremde richtete während deſſen eine leiſe Frage an den Wirth, und als das Zimmer wieder leer war, wendete er den Kopf abermals gegen Denzil Norman und ſagte mit etwas minder ſauer⸗ töpfiſcher Miene: „Der Gaſtwirth erzählt mir, Sir, Ihr kämet von der Seite von Carlisle. Iſt keine Bewegung in jenen Gegen⸗ den zu gewahren?“.. „Er irrt ſich, Sir,“ gab Denzil Norman zur Antwort; „ich war nicht in der Nähe von Carlisle— ich komme aus dem Süden.“ „So ſo,“ meinte der Fremde und fuhr in ſeinem Nacht⸗ eſſen fort. „Wenn ihr aus dieſem Theile des Landes ſeid,“ hub Denzil nach kurzer Pauſe an,„ſo könnt Ihr mir vielleicht ſagen, wo ich einen Mann Namens Gideon finden kann.“ 101 „Hm,“ verſetzte der Fremde,„es könnte ſchwierigere Dinge geben als eben das.“ „Heißt Ihr ſelber Gideon?“ fragte der junge Edelmann. „Ja,“ erwiederte der Andere.„Ihr habt ſcheint's Nachrichten für mich.“ „So iſt's,“ gab Denzil zur Antwort, und wiederholte nun genau die Worte jenes Papiers, wobei er die Miene ſeines Gefährten bewachte und bemerkte, daß ſeine Botſchaft nicht ohne Wirkung blieb; nur waren die Geberden des Fremden zu unbeſtimmt, um beurtheilen zu können, ob der Eindruck ein erfreulicher war oder nicht. „Wann ſeid Ihr aufgebrochen?“ fragte der Fremde, nachdem der Bericht zu Ende war, und fuhr auf Denzils Antwort fort:„mich dünkt, die Feen müſſen Euch dieſe Kunde ertheilt haben, noch ehe die Ereigniſſe eintraten.“ „Das thaten ſie auch,“ erwiederte Denzil Norman— „wenigſtens weiß ich keine andere Quelle, woher die Bot⸗ ſchaft käme.“ „Wirklich!“ meinte der Andere.„Ihr ſeid ein ſauberer Bote— bringt Nachrichten, ohne zu wiſſen, woher ſie kom⸗ men. Ich meine aber, Ihr ſolltet ein Schreiben für mich haben, funger Herr; tragt Ihr's vielleicht bei Euch?“ „Ja wohl,“ erwiederte Denzil Norman ziemlich trocken⸗ denn der gebietende Ton, welchen der Fremde annahm, wollte ihm keineswegs gefallen.„Hier iſt es,“ indem er es auf den Tiſch vor ſich legte, ohne ſich jedoch die Mühe zu nehmen, daß er deßhalb aufgeſtanden wäre. Lächelnd erhob ſich der Andere von ſeinem Stuhle und 10² ging durch das Zimmer, um das Papier abzuholen. Er unterſuchte es genau beim Lichte und ſchien es aufmerkſam zu überleſen; doch alsbald verfinſterte ſich ſeine Stirne und er fragte in ſtrengem Tone: „Kennt Ihr den Inhalt dieſes Schreibens, junger Mann?“ „Den Theil, welcher engliſch abgefaßt iſt— ja,“ gab Denzil Norman zur Antwort.„Vom Uebrigen verſtehe ich nicht eine Silbe.“ „Das iſt Euer Glück,“ meinte der Fremde,„und Euer Mangel an Ehrerbietung läßt mich glauben, daß es ſo iſt⸗ denn wäre es anders— ich ließe Euch hier vor der Thüre aufknüpfen. Nichtsdeſtoweniger werde ich Euch bewachen laſſen, und ſo lieb Euch Euer Leben iſt, ſo haltet Eure Zunge im Zaum vor den Leuten, deren Hände ich Euch übergebe. He da draußen! eine Wache ſoll eintreten.“ „Sehr wohl, Herr General,“ gab eine Stimme zur Antwort, worauf alsbald mehrere Soldaten unter der Thüre erſchienen. Man kann ſich leicht denken, daß Denzil Normans Em⸗ pfindungen nicht der erfreulichſten Art waren; doch pflegten die Kavaliere jener Zeit eine Gleichgültigkeit gegen die Uebel des Lebens zu heucheln, welche zwar nicht aus der be⸗ ſten Schule der Philoſophie herſtammte, aber gleichwohl ſelbſt höher geſinnten Charakteren nicht nachſtand. „Ich dürfte mich billig dagegen ſträuben, Sir,“ begann er,„daß ich für Ueberbringung einer Botſchaft, deren Wich⸗ tigkeit ich nicht begriff, noch Unannehmlichkeiten ausgeſetzt 103 ſey ſoll, wenn mein Sträuben irgend von Nutzen ſeyn könnte; ich habe jedoch ſchon ſo lange in dieſem Lande ge⸗ lebt, wo Geſetz wie Vernunft gleich wirkungslos ſind, daß ich das Schweigen für das Beſte halte.“ „Daran werdet Ihr wohl thun,“ gab der Andere trocken zur Antwort, indem er an den Offtzier der Wache gewendet beifügte:„führt ihn fort.“ „Sollen wir ihn oder ſeine Papiere durchſuchen, Herr General?“ fragte der Offtzier. „Es geſchieht auf Eure Gefahr, wenn Ihr den ſtricten Buchſtaben meiner Befehle auch nur im Geringſten über⸗ ſchreitet,“ erwiederte der Mann;„dieſe aber gehen blos dahin, ihn fortzuführen und mit aller Artigkeit als Arreſtan⸗ ten zu behandeln, bis ich weitere Nachforſchungen anſtelle. Sendet Miſter Clarges herein.“ „Noch eine Frage, ehe ich gehe, Sir,“ bemerkte Denzil Norman.„Ich wünſche zu wiſſen, auf weſſen Befehl ich verhaftet bin, denn der Name eines Generals Gideon iſt mir unter den Vielen, von denen wir in neuerer Zeit gehört haben, noch unbekannt geblieben.“. „Auch er war ſeiner Zeit ein berühmter Mann und großer General,“ verſetzte der Andere mit leichtem Lächeln; „mein Name aber iſt Monk.“ „Ah, ſehr wohl,“, verſetzte Denzil ſehr erleichtert und folgte ohne weitere Bemerkung oder Widerſtand dem wach⸗ habenden Offizier aus dem Zimmer. Das Leben des jungen Edelmannes geſtaltete ſich eine Zeit lang ſehr unerfreulich, denn es war ein Leben der Un⸗ 10⁴ gewißheit und der Gefangenſchaft. Der allgemein vorherr⸗ ſchende Glaube, daß Monk der königlichen Sache günſtig ſey, ließ natürlich keine ernſtliche Beſorgniß für ſeine perſön⸗ liche Sicherheit aufkommen; gleichwohl ſollte er ſich auf dem Hauptſchauplatze der politiſchen Intriguen befinden, ohne die Triebräder zu kennen, ohne die Macht ſelbſt einzu⸗ greifen zu beſitzen, ungewiß über ſein eigenes Schickſal wie über das ſeiner Freunde und ſeines Landes! Es war pein⸗ lich und aufregend zugleich, die Gerüchte zu hören, die Be⸗ wegungen zu ſehen, ohne die Wahrheit der einen und die Ur⸗ ſache der andern ahnen zu können. Er wurde mit großer Hoͤflichkeit behandelt und allmälig wurde ihm auch mehr Freiheit als im Anfang geſtattet; dennoch mußte er ſich im⸗ mer noch als Gefangener betrachten und ſchien mehr ein Spielzeug der Laune als der Gegenſtand einer gerechten Vorſicht, denn bald ließ man ihn auf ſein Ehrenwort einige Stunden ausgehen, bald wurde er wieder im ſtrengſten Ge⸗ wahrſam gehalten; heute fand er in ſeinem Gefängniß die beſte Verpflegung, und morgen geſtattete man ihm faſt nichts als Brod und Waſſer. 3 Von dem Städtchen, worin er gefangen worden, wurde er nach Berwick, von da nach Edinburgh und dann nach Coldſtream gebracht, und rückte ſofort mitten im ſtrengſten Winter mit der Armee in England ein. Was ihm übrigens am unerklärlichſten vorkam, war, daß man ihn nicht im Ge⸗ ringſten über Namen, Stand oder Charakter ausfragte; ebenſo wenig durchſuchte man ſein Gepäck, das jedesmal ſorgfältig in ſein eigenes Zimmer geſchafft wurde, und ohne 10⁵ die Wache vor der Thüre und den gelegentlichen Wechſel in der Behandlung hätte er glauben können, daß Monk ihn gänzlich vergeſſen habe. 6 Endlich an einem rauhen Winterabend näherte ſich die Armee der Stadt York; die berühmte Kathedrale zeigte ſich in der grauen Abenddämmerung und bewies dem Gefange⸗ nen, daß er ſich einer Stadt nähere, wo er Vielen bekannt war, und wo ihm mit deren Hülfe und Beiſtand eine Aus⸗ ſicht zur Flucht vor Augen ſchwebte. 4 Es bedurfte jedoch nur kurzen Nachdenkens, um von ſolchem Verſuche wieder abzuſtehen, denn Monks Benehmen gegen ihn war doch gar zu ſonderbar und eigenthümlich⸗ Wohl möglich, daß die in neueſter Zeit erfahrene Behandlung ihn in dieſer Anſicht beſtärkte, denn ſeit die Armee Durham erreicht hatte, waren Quartier und Verpflegung ungleich beſ⸗ ſer denn zuvor geweſen, wodurch er zu der Anſicht gelangte, daß der General doch nicht ſo hart gegen ihn ſeyn könne, wie ſein anfängliches Benehmen hatte ſchließen laſſen, ſo daß er ſich zuletzt fragte:„ich möchte wohl wiſſen, welche Wirkung rückhaltloſe Offenheit bei dieſem Maune haben wird.“ Die Gelegenheit zu ſolchen Verſuchen ergab ſich bald, denn während er mit einer Wache an der Seite dahinritt, ſprengte Monk an der Colonne vorüber und ritt nach einem kurzen Seitenblicke auf ihn an die Spitze der Armee. Nach etwa zehn Minnten erſchien ein junger Offizier und meldete dem Gefangenen, er dürfe ſich unter der Bedingung, daß er 106 ſich jeden Morgen in dem Quartier des Generals praͤſentire, ſeine Wohnung in der Stadt ſelbſt ausſuchen. „Vermeldet dem Herrn General meinen Reſpekt,“ er⸗ wiederte Denzil,„und ſagt ihm, daß ich aus beſonderen Gründen nicht eher von ſeiner Erlaubniß Gebrauch machen kann, als bis ich ihn auf einen Augenblick geſprochen habe.“ „So reitet mit mir voran,“ bemerkte der junge Offi⸗ zier;„Ihr müßt Euch aber ſputen, denn er eilt bereits nach der Stadt.“ Monk war bald eingeholt, denn er hatte ſich noch auf⸗ gehalten, um ſich mit ſeinen vornehmſten Offizieren zu be⸗ ſprechen, und die Botſchaft ſeines Gefangenen wurde ihm hinterbracht, ſobald eine Pauſe in jener Unterredung einge⸗ treten war. Er muſterte Denzil eine Weile hinter ſeinen geſenkten und ſchon ziemlich grauen Augenbrauen und winkte ihn dann im Weiterreiten zu ſich. „Was ſoll das heißen?“ fragte er kurz angebunden. „Iſt Euch das Geld ausgegangen?“ „Nein, Sir,“ gab Derzil zur Antwort;„Ihr habt mir jedoch anbeſohlen, in Reden wie in Handlungen vorſich⸗ tig zu ſein, wonach ich glauben muß, daß Ihr zwiſchen mir und meinen Freunden weder öffentlich noch insgeheim eine Verbindung unterhalten zu ſehen wünſchtet. Nun habe ich Euch aber zu ſagen, daß ich in York und deſſen Nachbar⸗ ſchaft mehr als einen Bekannten beſitze, mit dem ich einen Verkehr nicht vermeiden kann, wenn ich in der Stadt frei umher gehen darf.“ 1 „Es wäre freilich beſſer, dem auszuweichen,“ meinte 107 Monk nach laͤngerem Nachdenken.„Wen kennt Ihr zu York?“ „Den Lord Fairfax und mehrere andere Edelleute in der Stadt,“ gab Denzil zur Antwort. „Ich will mir's überlegen,“ verſetzte Monk.„Ent⸗ fernt Euch für jetzt.“ Mit dieſen Worten ritt er davon und ließ ſeinen Ge⸗ fangenen unter der Obhut der Ordonnanz. In ſelbiger Nacht wurde er in dem Quartiere des Ge⸗ nerals untergebracht und blieb daſelbſt zwei Tage in ſtren⸗ gem Gewahrſam. So ſaß er in der Frühe des dritten Norgens nicht wenig überraſcht über das Reſultat ſeiner Offenherzigkeit— denn wie ſchön auch die Schrift ſagen mag: die Tugend trägt ihren Lohn in ſich ſelbſt, ſo werden wir uns doch nur in den ſeltenſten Fällen mit dieſer Art von Belohnung zufrieden geben— als die Thüre aufging und Monk mit langſamem Schritte und gemeſſener Haltung in's Zimmer trat und ſich niederſetzte. „Ihr ſeid verſchwiegen, junger Edelmann, und ehrlich — in dieſer Welt ſehr ſeltene Eigenſchaften,“ bemerkte er. „Ich kann Euch vertrauen, was ich nur vor wenigen Men⸗ ſchen ſagen mag.“ Er ſchwieg eine Weile und Denzil fragte ſich, wohin dieſe Einleitung wohl führen werde. Die Pauſe dauerte jedoch ſo lange, daß er beinahe zu dem Schluſſe gelangte, Monk müſſe bereits mit Reden fertig ſeyn, als der General von Neuem anhub: „Unter dieſen Umſtänden und auf Lord Fairfar' Ver⸗ 108 ſicherung habe ich mich entſchloſſen, Euch trotz Curer Kühn⸗ heit, mit der Ihr mir Brieſſchaften überbrachtet, welche nahezu an Hochverrath anſtreiften, alle perſönliche Freiheit zu geſtatten.“ „Da ich kein Arabiſch oder worin ſie ſonſt geſchrieben ſein mögen, verſtehe, ſo war ich mit deren Inhalte vollkom⸗ men unbekannt,“ erwiederte Denzil. „Ihr wußtet jedenfalls, wer ſie ſandte, und das war hinreichend,“ bemerkte General Monk. „Auch das nicht,“ gab Denzil zur Antwort.„Das Eine wie das Andere war mir gleich unbekannt.“ Auffallend genug!“ meinte Mork.„Doch zur Sache. Ich will Euch wie geſagt jede billige Freiheit geſtatten unter der Bedingung, daß Ihr mich erſtens ruhig und ohne Wider⸗ ſtreben nach London begleitet und Euch jeden Morgen in meinem Quartier meldet, daß Ihr zweitens gegen Niemand erwähnt, wer oder was Ihr ſeyd, und drittens, daß Ihr zu Gunſten Eurer Freunde keinerlei Verſuche macht, ohne es mir zuvor mitgetheilt zu haben.“ Der Schluß von Monks Rede verſetzte Denzil in nicht geringe Aufregung. Er hatte in ſchwierigen Zeiten und unter höchſt gefahrvollen Umſtänden die Plane und Geſin⸗ nungen der Menſchen aus den unbedeutendſten Anzeichen er⸗ rathen gelernt und erwiederte daher mit ſehr erleichtertem Herzen: „Ich nehme dieſe Bedingungen an, Herr General, und Ihr ſollt finden, daß ich mich pünktlich daran halte. Dann werdet Ihr mir vielleicht auch geſtatten, mich auf kurze Zeit 109 zu entfernen, da ich aus mancherlei perſönlichen Rückſichten den Ort, woher ich Euch jene Briefſchaften überbrachte, von Neuem zu beſuchen wünſche. „Alles zu ſeiner Zeit, Alles zu ſeiner Zeit,“ gab Monk zur Antwort.„Vergeßt nur nicht, wenn Ihr mich ſprechen oder mir eine Mittheilung über das Wohl des Staates machen wollt, daß Ihr nicht übereilt herausredet, ſogar wenn Ihr mich allein glaubet, denn es wimmelt hier von argwöhniſchen eiferſüchtigen Menſchen, die es in derſelben Stadt York gewagt haben, ein Loch durch meine Zimmer⸗ thüre zu bohren, um meine Privatgeſpräche behorchen zu kön⸗ nen. Ich warne Euch, weil ich weiß, daß Ihr darauf achten werdet, und ich bitte Euch zu bedenken, junger Mann, daß es einen gewiſſen Namen gibt, der in den Ohren vieler Ein⸗ wohner dieſes Landes, mit denen ich für jetzt noch verkehren ———— muß, wie eine Beleidigung klingt— er darf alſo nie unter uns ausgeſprochen werden.“ „Darf ich fragen, Herr General,“ verſetzte Denzil, „wie ich, falls es nöthig würde, eine Privataudienz bei Euch erlangen könnte.“ „Wenn Ihr zu mir kommt, dürft Ihr blos ſagen, Ihr wünſchtet mich insgeheim zu ſprechen, dann will ich ſchon die Mittel finden. Haltet Euch jedoch auf die erſte Auffor⸗ derung bereit, ſobald ich Eurer bedürfen ſollte.“ Mit dieſen Worten verließ Monk das Zimmer, und ſo⸗ bald er fort war, kehrten Denzil Norman's Gedanken zu Alice Brownlow zurück und er verſank in ſüße Träumereien. Dritte Periode. Neuntes Kapitel. 7 Es war ein glänzender Maimorgen im Jahre 1660 und das hübſche Dorſchen Landleigh lag eben in der ſchönſten mannigfaltigſten Beleuchtung, als Trommelwirbel und Trom⸗ petenklang auf dem Schloßraſen ſich vernehmen ließen, während ein kleines Reiterkorps in den Hof einritt und dem großen Thore gegenüber aufmarſchirte. Dem geringſten Ereigniſſe gehen immer Gerüchte voraus, und es iſt daher kein Wun⸗ der, daß eine Stunde vor dem Einrücken der Soldaten die Kunde ihrer Annäherung nach Landleigh gelangt war. So kam es, daß trotz jener argwöhniſchen Zeiten, wonach der nuüch⸗ terne Bürger und Landmann, ſogar wenn er ſelbſt zu den Fa⸗ natikern gehörte, die ſoldatiſchen Heuchler des Tags nur mit Zittern und Grauen betrachtete—viele Einwohner von Landleigh, worunter ſtattliche junge Bauern und muntere Landmädchen in Fülle, auf dem Schloßraſen verſammelt wa⸗ ren, um das Eintreffen der Truppen mitanzuſehen. Der Offizier an der Spitze des Häufleins war kein ſehr glänzendes Vorbild des Standes, dem er angehörte. Ohne gerade häßlich zu ſeyn, war ſein Geſicht gleichwohl nichts 111 weniger als einnehmend; hoch und kräftig gewachſen, hatte er etwas Linkiſches, Ungeſchicktes in ſeinen Bewegungen, was einem von ſeiner körperlichen Kraft keinen ſonderlichen Begriff gab. Sein Charakter gehörte zu denen, wie ſie zwar zu allen Zeiten getroffen werden, wie ſie ſich aber da⸗ mals beſonders häufig entfalteten. Grobſinnlich und von weltlicher Geſinnung, beſaß er Pfiffigkeit genug, um zu be⸗ merken, daß er durch einen vorgeſpiegelten Eifer für die vor⸗ herrſchenden Anſichten des Tags ſeine Leidenſchaften am be⸗ ſten befriedigen, ſeine Intereſſen am glücklichſten befördern könne. Seit vielen Jahren hatte er dieſe Bahn argliſtig verfolgt, und wie es denn wenige Gemüther gibt, welche ſo unempfänglich für Begeiſterung wären, daß ſie von den An⸗ ſichten, die ſie affektiren, durch lange Gewohnheit nicht eine gewiſſe Färbung annehmen, ſo hielt ſich auch Oberſt Okey — getäuſcht durch ſeine eigenen Lügen, gerade wie Mancher durch ſeine Spitzbübereien ſelbſt betrogen wird— für einen religiöſen Fanatiker und aufrichtig ergebenen Republikaner. Schweigen wir jedoch mit unſerer Schilderung: wir haben es mit einigen Handlungen des Mannes zu thun, de⸗ ren Beweggründe derjenige leicht begreifen wird, der über⸗ haupt die Geſchichte der Menſchen ſtudirt hat. Nachdem er ſeine Truppen beſichtigt und die Dorfbewohner mit Blicken betrachtet hatte, welche, ſobald ſie auf den weiblichen Theil der Verſammlung fielen, ziemlich irdiſche Empfindungen ver⸗ riethen, hielt er eine Anrede an ſeine Leute, worin ſich all der Wirrwarr jener wilden fanatiſchen Sektirer ausſprach, welche die Gewalt und Oberherrſchaft, die ſie ſo viele Jahre im Lande genoſſen und mißbraucht hatten, noch immer feſt⸗ zuhalten ſuchten. Da kamen Bibelſtellen, aus allem Zu⸗ ſammenhange herausgeriſſen und auf die unnatürlichſte Weiſe mit den Ereigniſſen des Tages in Verbindung gebracht, dann wieder Kommandoworte und Weiſungen, welche nur, wer mit der Beredſamkeit jener Zeit vertraut war, zu verſte⸗ hen vermochte, und woraus die Dorfbewohner, an die einfa⸗ chen und verſtändlichen Predigten Miſter Gideon Samſons gewoͤhnt, nur ſoviel zu entnehmen vermochten, daß General Lambert für das Reich der Heiligen in Waffen ſtehe und daß die Soldaten jeden, der einer Begünſtigung der böswilligen Paptiſten, Prälatiſten und Presbyterianer verdächtig war, anzugeben aufgefordert wurden. Er ſchloß mit einer durch gräuliche Flüche unterbrochenen Aufforderung an die Bauern⸗ ſchaft, ihm ohne Verzug alle diejenigen Perſonen zu nennen, welche ſich vor dem Zorne Gottes oder der Menſchen in der Gemeinde zu verbergen ſtrebten; dann entließ er ſeine Trup⸗ pen in ihre Quartiere, nachdem er auf Abends fünf Uhr eine Muſterung der Mannſchaft an demſelben Orte anbefohlen hatte. Er ſelbſt ritt von einigen ſeiner Offizieren gefolgt in langſamem Schritte die Heerſtraße gegen das Dorf hinab, indem er ſich unterwegs unter den verſchiedenen Häuſern eine bequeme Wohnung ausſuchte; er ſchien jedoch ſchon zum Voraus von dem Charakter und den Anſichten der Bewoh⸗ ner einigermaßen unterrichtet, denn er hielt zuletzt vor einem Hauſe an, das zwar keineswegs das beſte im Orte, dafür aber von einem Manne nach ſeinem eigenen Herzen— dem 113 Krämer des Dorfes— bewohnt war. Miſter Culpepper wurde von dem Pfarrer Samſon, deſſen eigene Lehren von dem enthuſiaſtiſchen Krämer für kalt, fleiſchlich und troſtlos ausgegeben wurden, wegen ſeiner Anſichten über Prädeſtina⸗ tion und Gnadenwahl, über die Freiheit der Heiligen und anderer Dogmen aufs Tiefſte verabſcheut. Bei dieſem Ehrenmanne hielt Oberſt Okey ein reichli⸗ ches Morgenmahl, nach deſſen Beendigung er ſich mit ſei⸗ nem würdigen Hauswirthe zu einer geheimen Conferenz zu⸗ ſammenſetzte, deren Ergebniß darauf hinauslief, daß er meh⸗ rere Häuſer des Dorfes, darunter auch das von Robert Brownlow beſuchte, in welch letzterem er eine ziemlich lange Berathung mit dem ehemaligen Küſter hielt. Der Gegen⸗ ſtand derſelben ſchien nicht von großer Bedeutung geweſen zu ſeyn, denn als die Beiden das früher von Denzil Norman bewohnte Zimmer verließen, hörte John Brownlow mit nicht geringer Beſtürzung, wie ſein würdiger Vater den Oberſt Okey verſicherte, er ſey von der alten Hexe— damit meinte er niemand anders, als die arme alte Martha Unwin— be⸗ hert worden. „Gut, Meiſter Brownlow,“ verſetzte der Oberſt,„ich will ſie noch heute verhören und bei ihr, wie bei allen ande⸗ ren ſoll mirs nach meiner Rückkehr gelingen, das Reich des Satans zu ſtürzen und die Herrſchaft der Heiligen auf Er⸗ den zu ſichern.“ Mit dieſen Worten verließ der Oberſt die Hütte und Vater und Sohn geriethen alsbald in ziemlich ſcharfen Dis⸗ ſput über die erwähnte Frau Unwin. Die letzten Worte James. Die Letzte der Feen. 8 114 des Oberſts enthielten jedoch einen Wink, der für den jungen Brownlow nicht verloren gegangen war, und ſobald der är⸗ gerliche Streit mit ſeinem Vater ſein Ende erreicht hatte, eilte dieſer nach der Wohnung der armen Alten, um ſie vor den freundlichen Abſichten des Offiziers zu warnen. Sobald er ſich dem Hauſe näherte, glaubte er die Stimme ſeiner ſchönen Johanna, aber lauter und nicht ſo ſanft wie gewöhnlich, zu vernehmen, und als er haſtig die Thüre aufriß, polterte dieſe mit heftigem Schlage auf das Rückenſtück von Oberſt Okeys Stahlpanzer, während dieſer Würdige ſelbſt beide Hände des Mädchens feſt hielt und Worte an ſie richtete, welche das Blut ihres Liebhabers in die heftigſte Wallung verſetzten. Beim Eintreten desſelben ließ der Heuchler ſeine Beute fahren und trat zurück; John Brownlow ſtellte ſich neben ſeine Johanne und hätte den Offizier am liebſten ſogleich zu Boden geſchlagen, wenn er nicht für die Hausbewohner ſchlimme Folgen davon befürch⸗ tet hätte. Mit barſcher hochmüthiger Miene— gar oft der Deck⸗ mantel der Verlegenheit— wendete ſich Oberſt Okey nach der Thüre, um die Hütte zu verlaſſen; eine Stunde ſpäter hörte man ihn wieder die Ohren ſeiner fanatiſchen Krieger mit ſeinem heuchleriſchen frömmelnden Geſalbader ergötzen. Am folgenden Morgen verließen die Truppen das Dorf, und die Einwohner freuten ſich ſchon in dem Gedanken ihre unwillkommene Gäſte los geworden zu ſeyn; allein John Brownlow erinnerte ſich des Winks, welchen Oberſt Okey über ſeine beabſichtigte Rückkehr gegeben hatte und traf mit 115 einer Thatkraft, einer Entſchloſſenheit und Umſicht, wie ſeine Landsleute ſie ihm nie zugetraut hätten, die nothigen Maß⸗ regeln, um die Bewohner von Landleigh im Nothfalle zum Widerſtand gegen die Anmaßungen der unverſchämten Sol⸗ dateska vorzubereiten. Presbyterianer und Anhänger der alten Kirche machten gemeinſame Sache gegen ihre beider⸗ ſeitigen Feinde und außer Miſter Eulpepper und etlichen Anhängern ſeiner Clique rüſteten ſich ſämmtliche Ortsbe⸗ wohner zur entſchloſſenſten Gegenwehr. Aber ach! was nützen Widerſtandsgelübde bei friedlichen Menſchen! Als zwei Tage ſpäter eine Korporalswache mit der Nachricht ins Dorf rückte, der Oberſt werde am anderen Morgen mit ſeinen Leuten im Orte eintreffen, entſtand eine Scene der Verwirrung, welche auf Seiten derſelben Männer, welche kurz zuvor noch ſo kühn waren, den lächerlichſten kläg⸗ lichſten Anblick gewährte. Das Gerücht verbreitete ſich unter ihnen— ob durch die Soldaten veranlaßt, weiß ich nicht— daß General Lambert mit beträchtlichen Streit⸗ kräften ganz nahe ſtehe, daß er die Truppen des neuen Par⸗ laments zerſtreut und die reine vollkommene Republik pro⸗ clamirt habe, deren Angelegenheiten durch einen Ausſchuß von zwölf Heiligen beſorgt werden ſollte. Die Bewohner von Landleigh mußten wohl von höchſt gottloſen Geſinnungen beſeelt ſeyn, denn ſie ſchienen in der That nichts mehr als dieſe Heiligenherrſchaft zu fürchten; einige waren ſogar ſchon im Begriff davon zu laufen, wenn nicht die Andeutung eines einzigen Soldaten genügt hätte, auch den Voreiligſten in ſeine Behauſung 3urckzuſcherchen. 8* am anderen Morgen verbreitete ſich im Dorfe das Gerücht, Doktor Aldover und Miſter Gideon Samſon ſeyen beide ohne Verhaftsbefehl in ihren Betten aufgegriffen worden. Schon mit dem Grauen des Morgens ſtand John Brownlow vor Frau Unwin's Thüre und er durfte nicht lange warten, bis dieſe ſich öffnete. Es folgte eine eilige Berathung, was wohl am beſten zu thun wäre, und endlich wurde beſchloſſen, Johanne ſollte ſich mit ihrer Großmutter auf die Schloßruine flüchten, wo ſie nach John’'s Verſiche⸗ rung bis zum Abzuge der Soldaten ſicher geborgen wären. „Bei Sonnenuntergang will ich zu Euch kommen,“ verſprach er;„ich bringe Euch dann Lebensmittel und alles Nöthige, um Euch den Aufenthalt behaglich zu machen.“ Johanna ſchien keine Beſorgniſſe zu hegen; die alte Frau dagegen— ſo ſehr ſie auch Hexe war— fürchtete ſich nicht wenig vor der Schloßfee und es koſtete nicht geringe Ueberredung bis ſie ſich dahin bringen ließ, mit ihrer Enke⸗ lin in die Nähe des Geiſterbrunnens zu flüchten. Die kurze Wanderung dahin ging nicht ohne Zittern ab, denn Johanna glaubte in jedem Buſche, an dem ſie auf dem Wege nach dem Schloſſe vorüberkamen, einen Soldaten zu ſehen, und bis ſie das Ende des Pfades erreichten, konnten ſich alle drei über⸗ zeugen, daß in der That fremde Tritte hinter ihnen drein kamen. Sie beſchleunigten ihre Schritte bis zum förm⸗ lichen Lauf und erreichten wohlbehalten das alte Portal, worauf ſie ihr Führer eine enge wankende Treppe nach einem kleinen Stübchen in einem der Thorthürme hinanleitete. „Hier ſucht euch Niemand,“ meinte er.„Zum Ueber⸗ 117 fluß will ich im Rückweg eine der loſen Steinſtufen ausheben, ſo daß das Heraufſteigen ſchwieriger erſcheint, als es wirk⸗ lich iſt. Fürchtet Euch nicht, gute Frau Marthe, denn die Fee iſt eine ſehr gütige Fee und ein Soldat iſt ſchlimmer als alle Erdgeiſter, welche jemals auf dem Raſen tanzten.“ Trotz dieſer Verſicherung mußte er der guten Frau immer auf's Neue wiederholen, daß er gegen Abend ſie be⸗ ſuchen und bis zum Krähen des Hahns bei ihnen aufbleiben wolle. Am ſelben Morgen hielten die Truppen eine Parade auf dem Schloßraſen, und Miſter Gideon Samſon und Dok⸗ tor Aldover hatten vor Oberſt Okey ein Verhör zu beſtehen. Letzterer hatte nach Johanna und ihrer Großmutter Nach⸗ ſuchung angeſtellt und ließ bei Trompetenklang eine Proklama⸗ tion gegen mehrere böswillige Feinde des Staates und Ge⸗ meinwohls von England, vornehmlich wieder einen gewiſſen Charles Brooke, Lord Euſtace verkünden, der ſich einem Ge⸗ rüchte zufolge in Landleigh oder deſſen Nähe aufhalten ſollte. Die Muſterung der Truppen ging vorüber und die Soldaten kehrten in ihre Quartiere zurück. Aus Samſon waren nichts als wilde Schmähungen auf Anabaptiſten und Fanatiker herauszubringen— Doktor Aldover blieb die Sanftmuth und Unterwürfigkeit ſelber; Frau Unwin und deren Enkelin waren nirgends anzutreffen und bei dem Na⸗ men Lord Euſtace ſchüttelten die Dorfbewohner die Köpfe und meinten es würde wohl noch lange anſtehen, bis dieſer gute freundliche Lord, der bei Worceſter gefallen, von ſeinen Feinden aufgefunden würde. Kurz— der Tag verſtrich ohne die erwarteten Reſultate zu bringen, und als die Sonne den Rand des Horizonts berührte, ſchien in dem Dörſchen die vollendetſte Ruhe zu herrſchen. In dieſem Augenblicke ſtand John Brownlow unter dem Schloßbogen, mit allen möglichen Bedürfniſſen für die beiden Flüchtlinge beladen; nach einem vorſichtigen Umblicke betrat er den Thurm zur Linken und begann die zerfallene Treppe hinanzuſteigen. Kaum war er verſchwunden, als rechts vom Eingang vier Männer, Oberſt Okey und drei ſeiner Soldaten— ruhig und ſtill aus ihrem Verſtecke traten. „Ihm nach, raſch und geräuſchlos,“ flüſterte der Kom⸗ mandirende.„Wenn ihr ſachte geht, werdet ihr Alle bei⸗ ſammen finden.“ Die Soldaten verſchwanden alsbald unter dem niederen Bogen der Treppenthüre, während Oberſt Okey unter dem Schloßthore ſtehen blieb. Es dauerte kaum eine Minute als er oben mehrere laute Stimmen vernahm und ein un⸗ heimliches Lächeln zuckte über ſein Geſicht; gleich darauf hörte man Tritte die Treppe herabkommen und der arme John Brownlow mit Frau Unwin und Johanna erſchien alsbald in Bewachung der Kriegsknechte. „Hierher, hierher mit ihnen!“ donnerte der Offizier in den großen Hof tretend.„Ich muß ihre Geſichter be⸗ trachten— nun da hätten wir wenigſtens ein hübſches Lärv⸗ chen,“ indem er Johannen am Kinn ſtreichelte. Das war mehr als John Brownlow zu ertragen ver⸗ mochte und ſchon wollte er mit geballter Fauſt vorſtürzen, 119 als eine melodiſche aber laute und durchdringende Stimme plötzlich ausrief: „Halt ein!“ 3 Aller Augen wendeten ſich nach der Stelle, woher die Tone zu kommen ſchienen, und man gewahrte auf der andern Seite des Brunnens dieſelbe ſchöne Geſtalt im weißen Ge⸗ wand mit ihrer Glorie um Haupt und Glieder, welche Den⸗ zil Norman bei ſeinem erſten Beſuche zu Landleigh wahr⸗ genommen hatte. „Halt ein!“ wiederholte die Geſtalt.„Böſer Mann, halt ein!“ Im erſten Augenblick herrſchte allgemeines Stillſcheigen, bis Oberſt Okey mit wilden gräulichen Flüchen auf den Brunnen losſtürzte. „'s iſt die Fee! die Fee iſt's!“ rief Johanna. „Und wäre es Satanas ſelber, ich wollte ſeiner ſchon habhaft werden,“ betheuerte Okey. Allein die Fee wich vor ihm zurück und während er den Brunnen umkreiste, er⸗ reichte ſie den düſteren Bogengang, hinter welchem ſie früher bei Norman's Bewegung verſchwunden war. „Haltet ſie feſt bis zu meiner Rückkehr,“ brüllte der Offizier ſeinen Soldaten zu und verlor ſich im nächſten Augen⸗ blick im Dunkel. „Das iſt wahrhaftig unbeſonnen, ſich mit geſpenſtigen Feinden einzulaſſen,“ meinte einer der Söldlinge, die Mauern und Thürme gegenüber betrachtend.„Wie leicht kann es geſchehen, daß ihn die Fee an eine gefährliche Stelle lockt und dort zu vernichten ſucht.“ 120 Seine Worte ſchienen ſich im ſelben Augenblicke zu be⸗ währen, denn kaum waren ſie ausgeſprochen, als man die naͤmliche ſchöne Geſtalt in ihren fließenden weißen Gewän⸗ dern mit leichtem Schritte über die zerbröckelten Zinnen ſchweben ſah, deren lockere Steine auch für den ſanfteſten Tritt zu unſicher ſchienen. Gleich darauf kam Obriſt Okey hinter einer ſchmalen Thurmpforte zum Vorſchein, die ſich nach derſelben Seite öffnete, wo die Fee ſich gezeigt hatte. Dieſe ſtand ſtill als würde ſie förmlich von der Luft getragen⸗ und nach einem hellen Lachen vernahm man die Worte: „Komm nur, komm nur!“ Obriſt Okey ſprang ohne Weiteres auf ſie los— al⸗ lein die Steine wichen unter ſeinen Füßen und er rollte in den Hof hinab. Gleichzeitig ſah man die Geſtalt in raſchem Laufe nach einem runden Thurme eilen, an deſſen weſtlicher Seite noch immer die Trümmer einer ſteinernen Treppe, welche früher zu den oberen Gemächern geführt hatte, ſichtbar waren. Sie erreichte den Fuß des Thurms und begann dann die ein⸗ gefallenen Stufen hinanzuſteigen, welche nur da wo ſie in die Mauer hineingebaut waren, noch einige Stütze fanden. „Haltet ein, Oberſt, haltet ein!“ rief einer der Sol⸗ daten.„Opfert nicht das Leben eines unſerer Heiligen über der Verfolgung eines bloßen Schattens.“ Allein der Offizier eilte unaufhaltſam weiter und be⸗ gann dann etwas langſamer emporzuklettern, als plötzlich ein ſchwarzer Arm aus einer der Schießſcharten herausfuhr und den Fanatiker mit einem einzigen Schlage in den Hof 121 hinabſtürzte, während zu gleicher Zeit die weihliche Geſtalt im Innern des Thurmes verſchwand. „Ich wußte es wohl, ich wußte es wohl,“ jammerte einer von den Kriegern.„Steht nicht in der Bibel, er ſolle einſt durch die Mächte der Finſterniß alſo erſchlagen werden?“ Mit dieſen Worten eilte er dem unglücklichen Manne zu Hülfe und die beiden andern wollten eben nachfolgen, als eine ziemlich voreilige Bewegung der alten Frau ſie an ihre Gefangenen erinnerte, worauf ſie ohne Weiteres den Säbel ziehend dieſelben bis zu der Stelle trieben, wo ihr entheilig⸗ ter Kommandant am Boden lag. So wie ſie näher kamen, fanden ſie mit nicht geringer Ueberraſchung, daß Obriſt Okey ſich auf ſeinen Arm zu ſtützen verſuchte. Seine Rettung nach einem Sturze von ſo beträchtlicher Höhe hätte in der That als ein Wunder er⸗ ſcheinen können, wenn er nicht unter dickem Brombeerge⸗ ſträuch am Fuße des Thurmes ein weiches, wenn auch etwas dorniges Bett gefunden hätte. So war er von ſeinem Falle blos tüchtig zerkratzt und zerſchunden, ohne daß deßhalb der böſe Geiſt aus ihm gefahren wäre, denn ſein erſter Gedanke war der barſche Befehl, die Gefangenen nicht außer Augen zu laſſen. Unfähig ſich zu erheben, blieb er noch eine Weile am Boden liegen; ſobald er jedoch mit Hülfe ſeiner Leute wieder auf den Füßen ſtand, ergoß er ſich über das Unglück, das ihn befallen, in lange bittere Klagen, welche nichts weniger als nach gottſeliger Reſignation ſchmeckten, denn ſeine Worte waren nichts als Verwünſchungen nur in anderer Form und mochten ihn wohl ebenſo gut wie den gewöhnlichen Flucher ſeine Schwüre erleichtern. Mit dieſen Klagen über ſeine zerquetſchten Glieder verband er übrigens den Be⸗ fehl, die drei Gefangenen nach ſeiner jetzigen Wohnung zu ſchaffen und ſie ſcharf zu bewachen, bis er wieder wohl ge⸗ nug ſey, um nach ſeinem Gefallen mit ihnen zu verfahren. Nach dieſer Anordnung hinkte er von dannen, bei jedem Schritte in neues Fluchen ausbrechend, um Doktor Al⸗ dover's Hülfe für die erlittene Verletzung in Anſpruch zu nehmen. Zehntes Kapitel. Es iſt leider wahr, daß nirgends Treu und Glauben auf Erden zu finden iſt. Unſer Vertrauen, unſere Hoffnung iſt nicht ſo wie ſie eigentlich wäre, wenn wir feſt an eine all⸗ waltende Vorſehung, an einen gerechten Richter, an ein künf⸗ tiges Daſeyn glaubten. Wir beſchäftigen uns blos mit die⸗ ſer Welt hienieden: wenn wir vertrauen, ſo vertrauen wir auf unſere eigene Stärke, rechnen nur auf weltliche Zufälle, und wenn wir verzweifeln, ſo geſchieht es, weil dieſes Leben unſer Alles ausmacht. So ging es auch dem armen John Brownlow, während er mit brennendem Herzen die liebe lange Nacht einſam und von einem einzigen Soldaten bewacht in einem Dachkämmer⸗ chen ſaß; getrennt von ſeinen Gefährten glaubte er die Ge⸗ liebte jeden Augenblick der Beleidigung, vielleicht ſogar der 123 Beſchimpfung eines brutalen ausſchweifenden Heuchlers aus⸗ geſetzt. Umſonſt ſuchte er nach Troſt oder Hoffnung; er ſah nirgends eine Hülfe auf die er vertrauen konnte und voll⸗ brachte die Stunden der Finſterniß in ſieberiſchen Anfällen feurigen Ingrimms und kalter Verzweiflung. Endlich ſah er den Tag anbrechen, ohne ein Auge geſchloſſen zu haben; aber das ſanfte Morgenlicht war ſeinem gepeinigten Ge⸗ müthe noch ſchmerzlicher als die Schatten der Nacht gewe⸗ ſen waren. Er horte, wie die Leute draußen herumgingen, er vernahm einzelne Stimmen, und glaubtr die ſeiner gelieb⸗ ten Johanna unterſcheiden zu können; er hätte alles, was er auf Erden beſaß, darum gegeben, wenn er eine Kunde ihres Schickſals hätte erlangen können. Aber noch manche Stunde ſollte ihm in der Bitterkeit der Erwartung verſtreichen: Niemand kam in ſeine Nähe, Keiner ſprach mit ihm, und nur einmal, als er die Thüre öffnete, vernahm er die Stimme der Schildwache, welche ihn, mit der Drohung ihn nieder⸗ zuſchießen, zurückſcheuchte. Endlich wurde die Thüre aufgeriſſen, und ſeine rohen Führer ſtießen ihn in ein großes Zimmer, eine Art Halle, welche der würdige Miſter Culpepper als Andachtsort für ſich und ſeine fanatiſchen Genoſſen erbaut hatte. Ueber das obere Ende des Zimmers lief eine Tafel, hinter welcher ein Armſtuhl ſtand. An dem einen Ende derſelben ſaß ein Krie⸗ ger mit Schreibzeug und Papier, und Oberſt Okey ſelbſt ſaß mit verbundenem Kopf und den Arm in der Schlinge tragend in dem großen Staatsſeſſel. Etwas weiter von der Tafel entfernt ſtand die alte Marthe Unwin mit ihrer Enke⸗ lin, Beide todesblaß vor Furcht, und zwiſchen ihnen und der Thüre mehrere Dorfbewohner von der Culpepper'ſchen Par⸗ tei; den Hintergrund ſchloß ein Haufe Soldaten, mit ern⸗ ſten Geſichtern auf ihre Waffen ſich lehnend. Das Zimmer hatte ſo ziemlich den Anſtrich eines Ge⸗ richtsſaales und der alte Roger Brownlow, welcher vor der Tafel ſtand, ſchien eben als Zeuge aufgetreten zu ſeyn. Der Anblick ſeines Vaters in einer ſolchen Rolle konnte dem jungen Gefangenen keinen ſonderlichen Troſt gewähren; auch waren die erſten Worte, die er vernahm, nicht darauf berech⸗ nei, ſeine Angſt zu beruhigen. „Das iſt vollkommen genügend,“ bemerkte Oberſt Okey bei Johns Eintritt, offenbar an ſeinen Vater gewendet. „Sie ſoll die volle Waſſerprobe beſtehen. Nehmt ſie fort, Hezekiah Starkinwaffen, und Ihr, würdiger Fichtausdes⸗ glaubenskampf Perkins. Führt ſie an die tiefſte Stelle des Fluſſes und werft ſie hinein; habt Acht, daß ſie das Ufer nicht auf derſelben Seite erreicht, denn will der böſe Feind ihr beiſtehen, ſo mag er ſie auch hinüber führen. Gelingt ihr dieſes, ſo wollen wir ſie den Flammen übergeben, denn in unſerem Israel darf keine Hexe geduldet werden.“ Die alte Frau ſprach keine Silbe, denn bei der Aus⸗ ſicht auf ein Schickſal das— zur Schande des Landes ſei es geſagt— zu damaligen Zeiten in England keineswegs ſel⸗ ten war, ſchienen ihre Sinne gänzlich von Schrecken betäubt. Johanna dagegen warf ſich auf die Knie vor dem rohen Ty⸗ rannen, der ihre betagte Großmutter mit der furchtbaren Alternative des Flammen⸗ oder Waſſertodes bedrohte, in⸗ 125 dem ſie ſich in heißem Flehen an ſeine Gnade wandte und die anweſenden Dorfbewohner zum Zeugniſſe aufforderte, wie oft die nunmehr Verdammte ihre chriſtliche Güte und Wohl⸗ thätigkeit an ihnen bewieſen habe. DOdkey betrachtete ſie mit teufliſchem Lächeln, und winkte ſie dann zu ſich her; allein John Brownlow, in ſeiner Ent⸗ rüſtung jeder Vorſicht vergeſſend, drängte ſich in dieſem Au⸗ genblick durch die Menge und faßte Johanna beim Arm, in⸗ dem er laut ausrief: „Geh' nicht zu ihm, Johanna: Du weißt, er iſt ein ſchändlicher abgefeimter Heuchler. Geh' nicht zu ihm, Ge⸗ liebte— er wagt es nicht ſeine Drohung auszuführen.“ „Ha, ha! junge Schlangenbrut!“ donnerte Okey. „Ich ſollte es nicht wagen? Glaubſt Du, wir hätten um⸗ ſonſt unſere Lenden umgürtet? Du ſollſt in Kurzem erfah⸗ ren, was die Heiligen des Herrn zu unternehmen wagen, wenn der Geiſt ſie antreibt. Biſt Du nicht auch behülflich geweſen, jenen argen Verräther Charles Brooke, von den Menſchen Lord Euſtace genannt, insgeheim zu beherbergen? Haſt Du ihn nicht untergebracht und warm gebettet, nach⸗ dem die Proklamation ſchon bekannt war, ganz zuwider den Geſetzen dieſes unſeres Englands? Haſt Du nicht von bös⸗ geſinnten und verkehrten Menſchen, welche einſt ſeine Päch⸗ ter waren, jetzt aber niemand Anderem als dem Parlament von England und wem dieſes einen Theil von dem Marke des Landes abgeben will, etwas ſchuldig ſind— Renten und Gaben jeder Art empfangen? Wage nicht, ſolches zu leug⸗ nen, denn Dein eigener Vater iſt gegen Dich wie gegen ſich 126 ſelbſt— falls wir Strenge gegen ihn anwenden wollten— als Zeuge aufgetreten; da er uns jedoch Kenntniß von die⸗ ſen Dingen verſchafft und uns angezeigt hat, wie wir die Schuldigſten vor Gericht bringen können, ſo wollen wir die alte Otter verſchonen, ſintemalen ſie allbereits ihr Gift ver⸗ loren hat— der jungen Natter wollen wir aber den Kopf zertreten, damit ſie die Heiligen nicht in die Ferſe ſteche. In weniger als einer Stunde wird der verruchte Charles Brooke ein Gefangener unſerer Bogen und Speere ſeyn, denn wir haben ſein Verſteck mit tüchtigen Männern um⸗ ringt, welche ihn nicht mehr entkommen laſſen. Unterdeſſen wollen wir aber ſeine Freunde und Anhänger zu Boden wer⸗ fen, und Du, wie der papiſtiſche Abtrünnige Aldover, der Dir bei Deinen ſchlimmmen Thaten Hülfe leiſtete— ihr Beide ſollt in zehn Minuten auf dem Raſen vor den Schloß⸗ thoren den Tod finden. Heda, Obadiah Jaſon, führt den jungen Mann fort, und ſchleppt den Alten aus ſeinem Ge⸗ fängniß; ſorgt dafür, daß Beide innerhalb zehn Minuten auf dem Schloßraſen erſchoſſen werden. Solches geſchieht auf unſeren Verhaftsbefehl, zufolge der Gewalt, welche uns von unſerer Kommiſſion unter dem Sigel des Sicherheitsaus⸗ ſchuſſes anvertraut worden.— Was gibt's, Joſua Scroggs, Du Mann der Tapferkeit? Woher rührt dieſer Tumult vor der Thüre, und wen treibſt Du hier vor Dir her?“ „Einen Gefangenen, den wir ergriffen haben, würdiger Obriſt,“ erwiederte der Korporal in rauhem barſchem Tone. „Ich wollte eben mit meinen Leuten die Wache vor den Schloßthoren ablöſen, und beeilte mich dabei ſo viel möglich, 127 denn mir kam vor, als ob ich viele Menſchen laut und unge⸗ ſtüm ſprechen hörte. Es war aber nichts: die Schildwache wandelte ruhig auf ihrem Poſten und vernahm nichts von den Tönen, welche meinen Ohren enthüllt worden, als ich plötzlich dieſen Jüngling langſam gegen das Schloß ſchlen⸗ dern ſah und alle Zeichen eines Anhängers von Belial an ihm entdeckte. Seht nur ſeine buhleriſchen Locken und die feinen franzöſtſchen Stiefeln, den blau und weißen Schwert⸗ knauf und ſeinen gottverdammten Hut mit der Straußen⸗ feder! Da dachte ich denn bei mir ſelbſt: wehe dem Lande, wo ſolche Menſchen am hellen Tage umherwandeln— und ſo verhaftete ich ihn und brachte ihn hierher. Tritt vor, Du Mann des Belials, und gib Rechenſchaft über Dich ſelbſt.“ Mit dieſen Worten zerrte er einen Mann ans der Menge, deſſen Geſicht und Geſtalt bis jetzt durch den Hau⸗ fen im Hintergrund verdeckt worden war. „Das will ich auch, wenn Ihr mir Platz macht,“ er⸗ wiederte eine Stimme,„denn offen geſagt, Ihr habt mich nur dahin gebracht, mein guter Freund, wohin ich eben ſelbſt gehen wollte.“ Und ſomit trat Denzil Norman, die Soldaten raſch bei Seite ſchiebend, vor die Tafel und ſtellte ſich neben den jun⸗ gen John Brownlow. „Wer biſt Du, kecker Knabe?“ fragte Oberſt Okey, den jungen Edelmann mit einiger Ueberraſchung und nicht ganz ohne Furcht betrachtend, da ihm das ruhige und faſt gerächtliche Lächeln, womit der Kavalier ihn firirte, keines⸗ wegs entgangen war.„Herunter mit dem Hut— weißt Du nicht, vor wem Du ſtehſt! „Ach, Sir, es thut mir leid, Euch hier zu ſehen,“ flü⸗ ſterte John Brownlow, die Hand ſeiner Geliebten nur noch feſter umfaſſend, denn unähnlich der Mehrheit der Menſchen war er wirklich betrübt darüber, einen neuen Unglücksge⸗ fährten vor ſich zu finden. „Ich weiß recht wohl, vor wem ich ſtehe,“ verſetzte Denzil Norman auf Oberſt Okey's Rede, ohne Johns Be⸗ merkung zu beantworten;„trotz deſſen werde ich meinen Hut auf dem Kopfe behalten, da Niemand unter den Anweſenden meines Reſpektes würdig iſt. Ihr fragtet mich um meinen Namen, Sir— ich heiße Denzil Norman.“ „Ha, ha! habe ich endlich meinen Feind gefunden,“ rief Okey;„jetzt ſollſt Du erfahren, was es heißt, in die Hände Derer zu gerathen, welche keine Schonung kennen. Ich frage Dich, biſt Du jener ſelbe Denzil Norman, Lord Blount, der noch als Knabe meinen Schweſterſohn bei Wor⸗ ceſter erſchlug?“ „Der bin ich,“ erwiederte der junge Kavalier ohne die geringſte Spur von Erſchütterung;„was wollt Ihr aber damit, Meiſter Okey? Es geſchah in offenem Kampfe— ich ein Junge von achtzehn gegen einen Mann von dreißig. Er ſtarb im Kampfe gegen ſeinen König; ich blieb am Leben, um eines Tags für meinen König zu fechten.“ „Das ſoll Dir niemals gelingen,“ drohte Okey,„denn Du haft die letzte Sonne geſehen, die Dich jemals beſcheinen „ 129 wird. Nehmt ihn fort, Obadiah Jaſon und erſchießt ihn mit den Uebrigen.“ „Nur nicht ſo raſch, Meiſter Okey,“ ſpottete Denzil Norman.„Noch ein Wort, ehe wir ſcheiden.“ „Nehmt ihn fort!“ brüllte Okey, welchem die kecke Haltung und das ruhige Lächeln des jungen Mannes keines⸗ wegs gefallen wollten.„Ich weiß wohl, er rechnet auf das Neſt von Verraͤthern und Skorpionen in London, auf den falſchen betrügeriſchen Monk; aber er ſoll ſich ſelbſt betrogen finden, denn wäre es auch der letzte Tag, den ich zu leben hätte, ſo ſoll er doch noch dieſe Stunde ſterben. Nehmt ihn fort, ſag ich!“. „Nichts da,“ gebot Denzil Norman mit der Hand in die Bruſttaſche greifend.„Wenn Ihr ſo gar gebieteriſch ſeid, Meiſter Okey, ſo muß ich wohl ein anderes Mittel wählen.“ Mit dieſen Worten zog er eine Piſtole hervor und zielte da⸗ mit nach Okeys Kopfe, indem er haſtig fortfuhr:„Wer die Hand an mich zu legen wagt, hat Euer Todesurtheil unter⸗ zeichnet.— Jetzt laßt ſie zurücktreten.“ „Zurück, zurück!“ ſchrie Okey todtenbleich;„hört was der junge Mann zu ſagen hat.“ „Das wird bald geſagt ſeyn, Meiſter Okey,“ verſetzte Denzil.„Hört mich, ihr Maͤnner. Kraft eines Befehls des Generals Monk, Kommandanten der geſammten Land⸗ macht von England, verhafte ich Euch, John Okey, wegen Hochverraths und gebiete Euch, Euch augenblicklich zu er⸗ geben. Euch aber, Soldaten des ſiebten Fähnleins von Lil⸗ burne's Regiment, befehle ich kraft derſelben Vollmacht die James, Die debihſger Feen. 9 1 —-— Waffen niederzulegen: jeder hat ſich friedlich in ſein Quar⸗ tier zu verfügen und dort die Entſcheidung der Kommiſſäre abzuwarten, wobei ich Euch zu wiſſen thue, daß der Staats⸗ rath die Generale Fleetwoot und Lambert abgeſetzt hat, und daß Letzterer, der ſich der Autorität des Parlaments und des Rathes widerſetzte, vor ſechs Tagen in der Nähe von Daven⸗ try von den Oberſten Streater, Ingoldsby und mir ſelbſt ge⸗ ſchlagen und geſangen wurde. Gehorcht alſo den Geſetzen des Landes!— Euch aber, Bewohner dieſes Dorfes— wenn Ihr eine Hand rühret oder eine Silbe redet, Oberſt Okey, ſchieße ich Euch auf der Stelle nieder— Euch habe ich freu⸗ digere Botſchaft zu hinterbringen. Euer König iſt wieder eingeſetzt; er hat Verzeihung und Vergeſſenheit für alle Vergehen, hat Duldung für alle Religionen und Friede und Glück für ſeine Unterthanen zurückgebracht. Fürchtet Euch nicht vor dieſen irregeleiteten Männern, die ſich unter Euch einquartiert haben, denn wiſſet, daß Schloß und Kirche von meinem Regimente beſetzt ſind und daß der Knall meiner Piſtole dieſes Zimmer in einem Augenblicke mit getreuen Unterthanen Seiner Majeſtät anfüllen wird. Lange lebe König Karl!“ „Horch!“ rief eine Stimme von hinten,„da töͤnt eine Trommel.“ Wie gewoͤhnlich in ſolchen Faͤllen waren eben diejenigen⸗ welche einen Augenblick vorher die größte Zuverſicht in ihre eigene Macht und Stärke gehegt hatten, nunmehr, da ſie den Würfel gegen ſich fallen ſahen, von Schrecken und Zweifeln erfüllt, Sie fühlten ſich zwar noch nicht gänzlich vernichtet; 4 131 ihre Stimmung war noch in der Schwebe darüber, was ſie beginnen ſollten, und das geringſte Gewicht, das in die Wag⸗ ſchaale ſank, mußte für oder wider entſcheiden. Der Klang der Trommel hatte nahezu für die ſchüch⸗ ternere Politik den Ausſchlag gegeben; doch fand ſich mehr als ein tapferes Herz unter Okeys Truppen, und der Bravſte, weil Fanaſtiſchſte unter allen, war eben der Korporal Joſua Scroggs. „Wie!“ rief er, vortretend während die Uebrigen zö⸗ gernd und bedenklich umherſtanden,„ſollen unſere Herzen wie Wachs zerſchmelzen, weil die Wogen der Schlacht gegen uns wüthen? Sollen wir die Gefangenen unſeres Bogens und Speeres verlieren, weil der Amorite in dem Hügellande triumphirt? Zog nicht einſt Barak, Abinoams Sohn, aus dem Lande Kedeſh Naphtali gegen die Feinde von Jabie, König von Kanaan, und ſiegte er nicht mit ſeinen wenigen Leuten über den König am Fluſſe Kiſon? Sollen wir uns alſo fürchten, weil Schloß und Bethaus in den Händen der Philiſter ſind? Nein, bei Gott— dieſer junge Mann ſoll ſterben, wie Du geſagt haſt, und der andere Jüngling nebſt dem Greiſe mit ihm, weil ſie ſo abſcheuliche Dinge wie ei⸗ nen König und eine Königskrone, welche das Land ausge⸗ ſpuckt hat, aufs Neue zurückbrachten.“ „Nehmt Euch in Acht, Oberſt Okey, ich warne Euch,“ donnerte Denzil Norman. „Horch, ſie ſind auf der Straße vor dem Haus,“ rief ein junger Mann, zum Fenſter hinausſchauend. „Nuft ſie herauf,“ gebot der junge Krezlhe und John 13² Brownlow ließ augenblicklich Johannens Hand los, um nach dem Fenſter zu ſtürzen. Allein einer der Söldlinge warf ſich ihm in den Weg und ſchlug ihn mit dem Griff ſeines Schwertes nieder— und damit war mit einmal das Zeichen zur allgemeinſten Verwirrung gegeben. „Lang lebe König Karl!“ riefen einige Stimmen, de⸗ nen andere mit dem Rufe—„Nieder mit den Männern Belials!“ erwiederten. Die Menge wogte im Zimmer auf und ab, und mitten in dem Wirrwarr drang Joſua Seroggs auf den jungen Lord Blount ein und ſuchte ihm ſeine Waffen zu entreißen. Denzil war jedoch ſtärker und behender und feuerte ſeine Piſtole gegen den Angreifer ab: er fiel und riß mit ſeiner gewaltigen Wucht noch einen zweiten Soldaten, der ihm zu Hilfe geſprungen, zu Boden. Jetzt hörte man ein lautes Stampfen vor der Thüre, als ob viele Bewaffnete die Treppe heraufeilten, und im nächſten Augenblicke ſah man viele Stahlhauben mit grim⸗ migen Geſichtern hereinſtrömen. „Arretirt Jeden, der in Waffen getroffen wird, die Ueb⸗ rigen laßt ziehen,“ gebot Denzil Norman mit lauter Stimme. „Ruhig, ruhig— wir haben des Kampfes genug gehabt.“ „Nimm wenigſtens das für Deinen Theil,“ ſchrie einer von Okeys Leuten, ſeinen Karabiner gegen Denzil richtend, Aber eben als er losdrückte, ſchlug ihn ein nebenſtehender Bauer auf den Arm, die Kugel pfiff an Normans Kopfe vorüber und traf— ein eigener nicht ſeltener Zufall der Vergeltung— den alten Noger Brownlow in die Schläſe und ſtreckte ihn todt zu Boden, 13³3 Damit hatte aller fernere Widerſtand ein Ende: die Royaliſten traten ins Zimmer, und nach einer Viertel⸗ ſtunde des Lärms und der Vewirrung war die Ruhe wieder hergeſtellt; Oberſt Okey und ſeine Gefährten wurden abge⸗ führt, indem nur Denzil Norman mit einigen ſeiner Offtziere und zweien von den Dorfbewohnern in dem Saale zurück⸗ blieb. Unter den Letzteren befand ſich John Brownlow, der übrigens trotz ſeiner eigenen Befreiung aus Tod und Gefahr nicht allein das traurige Schickſal ſeines Vaters, ſondern auch deſſen vorangegangene Verrätherei zu tief em⸗ pfand, um ſich über den Ausgang freuen zu können. „Tröſtet Euch, mein guter Freund,“ ſagte der junge Edelmann, nachdem er Befehl gegeben hatte, den Leichnam nach der Hütte des Greiſes zu ſchaffen.„Es war ein Zu⸗ fall, der ſeine Tage nur um ein Geringes verkürzt hat, und es iſt vielleicht beſſer, das Leben in einem kurzen Kampfe zu beſchließen, als unter langen Leiden auf dem Siechbette zu enden.“ John Brownlow war ein einfacher und nicht ſonderlich fein erzogener Bauer— er wollte auch nichts anderes ſeyn; gleichwohl liegt in dem eigenen richtigen Gefühle ein Etwas, was Erziehung und Talenten weit überlegen iſt, und er er⸗ wiedexte: „Ich meine, Mylord, es müſſe alles von der Vorbe⸗ reitung abhängen, und ich kann mich nur mit Kummer ſra⸗ gen: war er auch wirklich vorbereitet?“ „Das iſt nur allzuwahr,“ beſtätigte Lord Blount, die Richtigkeit der harmloſen Einwendung wohl fühlend.„Gleich⸗ wohl ſollen wir nicht einmal in Gedanken der Gnade Gottes vorgreifen, mein Freund. Geht heim und ſagt Curer ſchö⸗ nen Baſe, daß ich bald bei Euch ſeyn werde. Ich habe noch viel zu verhandeln, werde aber nicht lange auf mich warten laſſen.“ „Ihr werdet Alicen nicht dort finden,“ verſetzte John Brownlow mit feinem Lächeln.„Ich will Euch mehr er⸗ zählen, Mylord, ſobald Ihr zu mir kommt. Auch ſie hatte Pflichten zu erfüllen und hat ſie pünktlich vollzogen. Wenn ich Euch jedoch rathen darf, ſo würde Eure Lordſchaft wohl thun, für Lord Euſtace Sicherheit zu ſorgen. Er war Euer alter Freund, wie ich höre, und wenn dieſe Männer hier ſchon ſo Vieles wagen konnten, was mögen ſie nicht erſt dort verſucht haben?“ „Mein alter Freund!“ wiederholte der junge Edelmann. „Er war mir mehr als ein Vater. Doch bin ich für ihn unbeſorgt— ſie konnten ihm nichts anhaben. Verlaßt mich jetzt, John— wir werden uns bald wieder ſehen.“ Eilftes Kapitel. Eine Stunde war verſtrichen, und Denzil Norman hatte einen großen Theil dieſer Zeit in dem Armſtuhle, wel⸗ chen Oberſt Okey kaum zuvor eingenommen, in tiefem Nach⸗ ſinnen zugebracht. Seine Befehle waren ertheilt, ſeine An⸗ ordnungen getroffen, ein Soldat nach dem andern hatte das Zimmer verlaſſen, und Niemand als die Schildwache vor der Thüre war auf der Flur des Hauſes zurückgeblieben. So ſaß er denn ganz allein in der Halle, wo eine jener klei⸗ nen Tragödien aufgeführt worden war, welche oft ein tieferes und concentrirteres Intereſſe als die großen Dramen in Anſpruch nehmen, wenn ſich gleich ihre Bühne mit der der Welt an Raum nicht meſſen darf. Die Halle war wie ge⸗ ſagt ziemlich groß, und erſchien in ihrer Leere noch geräu⸗ miger. Stühle und Bänke waren entfernt und auf der Flur war nichts zurückgeblieben, als die ſchwarzrothen Blut⸗ flecken auf der Stelle, wo Roger Brownlow und der Puri⸗ taner gefallen waren. Zwanzig Minuten mögen für bloßes Nachdenken ziem⸗ lich lang erſcheinen; wer kann jedoch ſagen, wie viele ver⸗ ſchiedenartige Bilder während dieſer Zeit an der Seele dieſes jungen Mannes vorüberzogen und wie weit der Flug ſeiner Gedanken ging? Gegenwart und Vergangenheit eilten in dieſen zwanzig Minuten an ihm vorüber; auch die Zukunft blieb nicht vergeſſen, doch war die Erinnerung des Vergan⸗ genen am lebendigſten, denn die acht bis neun letzten Jahre boten ihm tauſend Gegenſtände dar, um in Gedanken dabei zu verweilen. Wunderbar war nur das, daß ſo Vieles in dieſem kleinen Zeitraum ſich zuſammendrängte, denn ſeine Gedanken wan⸗ derten zuerſt auf den Geſilden von Worceſter, dann kam die Flucht, die Verfolgung— die erſte Schlacht, die er jemals in ihrer wilden Größe, ihrer ſpannenden Erregung geſehen hatte— die unglückſelige Niederlage— die athemloſe Jagd um Leben und Freiheit— die lange Verborgenheit— die Ueberfahrt nach einem anderen Lande— das Leben voll Entbehrung, voll Sorgen und Abenteuern; Alles was noch folgte, erſchien ihm wie ein Traum, peinlich, wirr und un⸗ regelmäßig, aber voll dunkler mächtiger Regungen und Zu⸗ ſtände, welche nie aus ſeinem Gedächtniſſe verwiſcht werden konnten. Wenn aber auch bittere Tropfen aus jener Quelle em⸗ porſtiegen, ſo gab es auch einen ſüßen würzigen Strom, der ſich mit den weniger erquickenden Waſſern vermiſchte, und den Garten der Zukunft zu verſchönern und zu bereichern ſchien. Er entſprang an demſelben Orte, an dem er ſich eben jetzt befand. In einer niederen ſchmuckloſen Hütte zeigte ſich ſeiner Erinnerung eine Geſtalt, ein Antlitz, wel⸗ ches er nie mehr vergeſſen konnte; ſein Ohr ſchien noch im⸗ mer die ſüßen Töne zu vernehmen, welche ihm ſo manche Monate früher zugerufen hatten; ſein Herz bebte noch im⸗ mer und ſeine Fantaſie entzündete ſich jedesmal, ſo oft die hohen Gedanken ihm vor die Seele traten, welche ein ein⸗ faches Landmädchen ihm eingegeben hatte. Da war kein Zögern, kein Zweifel über die Art, wie er ſich benehmen ſollte: er hatte im Mißgeſchicke eine ſchwere, ernſte, aber heil⸗ ſame Lehre gewonnen, und nicht umſonſt hatte er ſie ſich eingeprägt. Innerer Werth iſt beſſer als Reich⸗ thum, Gutherzigkeit größer denn vornehme Ab⸗ kunft. Nach dieſer langen Gedankenpauſe erhob er ſich, ſetzte den Hut aufs Haupt— er hatte ihn nämlich abgenommen, als wollte er gleichſam ſeine erhitzte Stirne kühlen, während der Glühofen der Gedanken im Innern arbeitete— öffnete die Thüre und fragte: „Iſt der König im Dorfe proklamirt worden?“ „Nein, Mylord,“ erwiederte der Mann;„Ihr habt keine Befehle gegeben.“ „Naſch, beſtellt mein Pferd und heißt die Trompeter aufſitzen,“ gebot der junge Edelmann.„Ich hätt' es nicht eine Minute lang vernachläßigen ſollen.“ Von hier verfügte er ſich auf die Straße hinab, wo eine Anzahl Soldaten ſeiner Befehle harrte, und ertheilte verſchiedene Weiſungen über den Transport der in der Stadt gefangenen Puritaner wie über die Meldungen, welche über das Vorgefallene an den Oberſten Ingoldsby ſowohl als an den Oberkommandanten erſtattet werden ſollten. Dann beſtieg er ſein Roß und ritt mit einem Häuſchen Soldaten hinter ſich und mit drei Trompetern, die ihm voranzogen, durch das Dorf, um auf jedem offenen Platze den König als Regenten auszurufen. Seinen letzten Halt machte er vor dem Schloſſe, wo das ganze Regiment, das ihn nach Landleigh begleitet hatte, in Schlachtlinie aufgeſtellt war und die rechte Seite des Ra⸗ ſens einnahm, während die Dorfbewohner in beträchtlicher Anzahl mit allen Zeichen der Heiterkeit unter den Manern des Schloſſes verſammelt ſtanden. Ein lauter Freudenruf begrüßte ſeine Annäherung, und die verkündigte Proklama⸗ tion wurde von hundert Stimmen mit dem Wunſche— Gott ſegne den König— beantwortet— einem Wunſche, 138 der ſchon ſeit vielen Jahren in Landleigh verſtummt gewe⸗ ſen war. Der junge Lord betrachtete ſich ringsum die Geſichter der Landleute, fand aber nur wenige Bekannte darunter, denn weder Alice Brownlow noch ihr Vetter, weder Johanne noch die gute Frau Unwin waren gegenwärtig. Nur ganz vorne ſtand Miſter Gideon Samſon's dünne hagere Geſtalt, und der junge Edelmann ſpornte ſein feuriges Roß zu ihm hin und ſchüttelte ihm freundlich die Hand, wobei er ſein Be⸗ dauern darüber ausdrückte, daß er von den Fanatikern ein⸗ geſperrt worden war, indem er beifügte:„Da es um Eueres Gewiſſens willen geſchehen iſt, mein theurer Sir, ſo werdet Ihr es ſicherlich nicht bereuen.“ Miſter Samſon war eben im Begriffe, eine vielleicht ungewöhnlich bittere Antwort zu geben, als der gute alte Doktor Aldover vortrat und ſeinen früheren Gaſt mit Thrä⸗ nen in den Augen begrüßte. „Ach, mein theurer junger Lord,“ ſagte er,„jetzt er⸗ innere ich mich Eurer ganz wohl. Wie konnte ich nur ſo einfältig ſeyn, Euch zu vergeſſen; Ihr ſeid zwar ſehr verän⸗ dert; aber du lieber Gott, ich bin es ja auch. Ich hoffe übrigens, Ihr werdet wieder mein Gaſt ſeyn und Euer Quartier in meinem Hauſe aufſchlagen.“ Denzil Norman reichte ihm dankbar die Hand und beugte ſich zu ihm herab, um einige Worte insgeheim mit ſeinem alten Freunde zu reden, als ein Offizier mit der Mel⸗ dung herbeiritt: „Wir haben jede Ecke, jedes Winkelchen durchſucht, Mylord, können aber durchaus nichts finden.“ „Das iſt ſonderbar,“ erwiederte der junge Edelmann. „Meine Nachricht iſt ganz ſicher, doch werde ich bald weitere Kunde erhalten. Laßt die Sache für jetzt ruhen und trefft mich wieder heut Abend um acht Uhr. Mittlerweile entlaßt die Truppen in ihre Quartiere, aber ſeht darauf, daß die ſtrengſte Ordnung eingehalten wird, und daß die Gefangenen gute Behandlung erfahren.“ Mit dieſen Worten ſtieg Denzil Norman vom Pferde und ging an der Linie hinab, indem er einige kurze aber freundliche und energiſche Worte an ſeine Leute richtete; ſo⸗ bald er ſie hatte vorbeidefiliren laſſen, wandte er ſich wieder an die Dorfbewohner, unter denen er offenbar nach Doktor Aldover ſuchte. Der würdige Arzt war jedoch verſchwunden, und Denzil Norman beſchränkte ſich darauf, den Bauern mit⸗ zutheilen, daß er ſie— wenn ſie ihn am folgenden Tag um zwoͤlf Uhr hier treffen wollten— zu Ehren der Wiederein⸗ ſetzung des Königs mit Bier und Fleiſch vollauf traktiren werde. Dann wandelte er langſam in den Schloßhof, in welchem er ſich eine Weile mit ziemlich melancholiſchen Blicken umſchaute. Einige von den Bauersleuten guckten, noch ehe ſie wei⸗ ter gingen, durch den Thorbogen, um zu ſehen, was der junge Kommandant vorhabe; bald aber entfernte ſich einer nach dem andern, indem ſie ſich im Weitergehen zuflüſterten:„er wartet noch auf die Fee, darauf wollt ich wetten.“ „Ich moͤchte ſehen,“ murmelte dieſer wirklich, die Uhr 140 hervorziehend und wahrſcheinlich ſeine eigene Leichtgläubig⸗ keit belächelnd,„ich möchte ſehen, ob die Erſcheinung ſich abermals zeigt. Es iſt nur noch eine halbe Stunde bis zu Sonnenuntergang— ich will wachen und warten und erſt nach Einbruch der Nacht in die Hütte hinabgehen. Der Himmel verdüſtert ſich, glaub ich,“ indem er durch den Thor⸗ bogen tretend ſich nach dem Horizonte umſchaute. Gegen Süden und Oſten erhoben ſich ſchwere Wolken und zogen mit Sturmeseile herauf; am Fuße der Mauer wo er ſtand wehte nicht das leiſeſte Lüftchen, und er wandelte nach der ferneren Ecke des Gebäudes, um die Scene unten zu betrachten, wie die ſchwarzen Schatten über die ſonnenbe⸗ glänzten Länder hinfegten, während ein langer dunkler Streifen, vom Rande der Wolke bis zum Boden reichend, er⸗ kennen ließ, daß der Regen nicht weit von da in Strömen herabgoß. Ein greller Blitz zuckte vor ſeinen Augen und er wendete ſich nach dem Schloßthore zurück und ſtellte ſich unter den maſſiven Bogen, um den Brunnen zu betrachten. Die Sonnenſtrahlen, welche durch das Portal ſtrömend über den grünen Raſen des Hofes hinſpielten und mit dem Tieferſinken der Sonne ſtets länger und länger wurden, hat⸗ ten eben den Rand des Brunnens erreicht und die ſchweren Wolken am Firmamente oben ſchienen das geſammte Licht unter ihrer düſteren Decke zu ſammeln. Die Beleuchtung ging erſt vom Hochgelben ins Violette und dann ins Roſenrothe über, ſo daß einige in den alten Fenſterrah⸗ men übrig gebliebene Glasſcherben förmlich Flammen zu ſchießen ſchienen. 141 Mehr als ein Blitzſtrahl war dem anfänglichen gefolgt und der Donner hatte ſich in mächtigem Rollen vernehmen laſſen, als ſich plötzlich ein heller Schimmer über den Him⸗ mel ausbreitete und ein dünner leuchtender Zickzackſtreifen blitzſchnell vor ſeinen Augen herabfuhr und eine Zinne an dem alten Wartthurme zur Rechten zu Boden ſchmetterte. Eine große Maſſe Steingerölls folgte im nächſten Augen⸗ blicke, das Gepolter ihres Falles mit dem betäubenden Ge⸗ brülle des Donners vermiſchend. Denzil Norman preßte die Hände vor die Augen, denn der grelle Blitz ſchien ihn beinahe völlig geblendet zu haben; als er ſie wieder aufſchlug und nach dem Brunnen ſchaute, gewahrte er dieſelbe Figur, die er früher geſehen hatte, nur daß ſie einen Theil ihrer weißen Gewänder über den Kopf geworfen und das Geſicht gänzlich verſchleiert hatte. Der junge Edelmann eilte auf ſie zu, war aber noch fünfzehn bis zwanzig Schritte vom Brunnen entfernt, als die früher regungsloſe Geſtalt den einen Arm mit warnender Geberde aufhob und ihm ihr— Halt! nicht weiter!'— zurief. „So ſage mir denn, Du ungewöhnliches Weſen, wer Du biſt!“ rief Denzil Norman in ſeiner Eile innehaltend. „Das iſt für Dich gleichgültig,“ erwiederte ſie.„Frage nicht nach Dingen, welche Dich nicht berühren; höre lieber auf meine Worte— ſie können Dir von Nutzen ſeyn. Du haſt gegebenen Rath befolgt und es iſt Dir wohl dabei er⸗ gangen. Befolge ihn auch jetzt und Du ſollſt mehr als Wohl⸗ ergehen— Du ſollſt Frieden finden! Alles in dieſem Lande wird eine Aenderung beſtehen: das Alte iſt vorüber, das 14² Reich des Neuen iſt angebrochen, Du ſtehſt auf den Grenzen zweier großen Epochen, welche durch eine unüberſteigliche Kluft getrennt ſind. Man wird verſuchen das Vergangene wieder zurückzuführen— es wird mißlingen; Kampf und Blutvergießen wird folgen; Verderbniß und Schlechtigkeit wird regieren— Du, halte Dich entfernt von ſolchen Din⸗ gen; fliehe den Hof und die Städte und lebe auf Deinen ei⸗ genen Gütern, unter Deinen eigenen Unterthanen. Sei ein Bruder des einen, ein Vater des andern, ein Freund für Alle, und laß Dich nicht dahin verlocken, wo die Könige hau⸗ ſen, denn jetzt mehr denn ſonſt iſt dies gefährlich, ja ſogar gottlos. Halte Dich über jeder Faktion oder Parthei; laß die Leichtſinnigen ſpotten, wenn ſie wollen— die Nüchternen und Standhaften werden Dich darum lieben und Dir ihren Beifall ſchenken. Dieſes wurde ich beordert Dir zu ſagen: willſt Du gehorchen, wie Du früher gehorchteſt? Wenn Du es thueſt, ſo ſollſt Du Deinen Lohn finden.“ „Ganz gewiß will ich gehorchen,“ erwiederte Denzil Norman,„denn ich war ſchon dazu entſchloſſen, noch ehe Du geſprochen. Jetzt noch ein Wort—“ „Genug!“ rief die Geſtalt mit der Hand abwinkend, „genug! Ihn, den Du ſuchſt, wirſt Du noch vor heute Nacht finden.“ Mit dieſem Gruße trat ſie einen Schritt zurück und im ſelben Augenblicke zuckte ein zweiter Blitzſtrahl durch den Schloßhof. Er konnte ſehen wie das helle Feuer um ihre Geſtalt leuchtete, während zu gleicher Zeit ein lautes Kra⸗ chen und Donnern gehört wurde⸗ und eine der großen Ulmen 143 vom Blitze getroffen über den Brunnen herſtürzte und ſogar noch den jungen Kavalier am Rocke ſtreifte. „Das muß ſie ja getroffen haben,“ rief der Jüngling raſch vortretend und nach allen Seiten nach ihr umſchauend. Allein die Geſtalt war nicht mehr zu ſehen; im nächſten Augenblicke ging die Sonne unter, dunkle Wolken bedeckten den Himmel und Alles war in Finſterniß gehüllt. Zwölftes Kapitel. Im dichteſten Regenſchauer, durchnäßt und nicht wenig enttäuſcht in ſeinem Herzen nahm Denzil Norman ſeinen Nückweg von John Brownlows Hütte nach des guten Dok⸗ tor Aldover's Hauſe. Er hatte in der Hütte Niemand als die Magd und eine alte Frau zur Bewachung der Leiche vor⸗ gefunden, und konnte eben ſo wenig eine befriedigende Aus⸗ kunft über Alicen erlangen. Die Magd ſagte, Alice ſey ſeit drei Tagen nicht zu Haus geweſen und man wiſſe nicht, wo ſie ſey.— Das war Alles, was der junge Edelmann aus ihr heraus brachte, und ich überlaſſe es nunmehr den jünge⸗ ren unter meinen Leſern, ſich die Enttäuſchung vorzuſtellen, welche ein Liebhaber empfinden mußte, der ſeit Monaten an dem Gedanken ſich gelabt hatte, ſeine Geliebte wieder zu ſehen und endlich ſein eigen zu nennen. Des guten Doktors warmer Empfang heiterte ihn wie⸗ der auf, und er fühlte ſich noch mehr erfreut durch die Ver⸗ ſicherung des würdigen Mannes, daß Alice Brownlow bald 144 zurückkehren werde, da ſie blos geflohen ſey, um den Rund⸗ köpfen zu entgehen— ein Ausdruck, welchen der Doktor jetzt ohne Bedenken gebrauchte, obgleich er ſich noch vor einem Monat lieber die Hand abgebiſſen als dieſes Wort vor den Parlamentsſoldaten ausgeſprochen hätte. Sobald jedoch dieſe Botſchaft ausgerichtet, hielt Doktor Aldover für paſſend, eine ernſte Miene anzunehmen und alſo fortzufahren: „Ich weiß eigentlich nicht, mein beſter Lord, ob ich Ali⸗ cen nicht lieber ſagen laſſen ſoll, daß ſie noch ferner aus⸗ bleibe, denn es will mir nur halb gefallen, daß ein edler Lord ſich für ein bloßes Landmädchen ſo gar beſonders in⸗ tereſſirt.“ „Das würde ich Euch nimmermehr verzeihen,“ gab Denzil Norman zur Antwort.„Ihr braucht Euch übrigens nicht zu fürchten, mein guter Doktor: ich kann gegen ein Weib ſo gut wie gegen jede andere Perſon als Ehrenmann handeln. Ich will jetzt nach meinem Gepäcke ſenden und mich umkleiden, denu ich bin ziemlich beſchmutzt von der Reiſe und tüchtig naß geworden.“ „Ihr werdet Euer Gepäck ſammt und ſonders auf Eu⸗ rem Zimmer finden,“ verſetzte Doktor Aldover.„Ich nahm mir die Freiheit, Euren Leuten zu ſagen, daß Ihr, ſo lange Ihr zu Landleigh bleibet, Euer Quartier nirgend anders als bei mir aufſchlagen würdet. Ich will Euch hinauſleuch⸗ ten und wenn Ihr fertig ſeid, ſo wollen wir uns wieder an eine Punſchbowle ſetzen und mit einem würdigen Freunde 145 von mir, der auf Eure Bekanntſchaft ſehr begierig iſt, auf das Wohl des Königs trinken.“ „Doch nicht gar Miſter Gideon Samſon?“ fragte der junge Edelmann. „Nein, nein,“ erwiederte der Doktor;„er gehört zu ei⸗ ner ganz anderen Kitte.— Doch hier iſt Euer Weg,“ und hiemit führte er ſeinen Gaſt die niedere Treppe nach dem Zimmer empor, das er ſchon früher bewohnt hatte. Es dauerte ziemlich lange, bis Denzil Norman wieder herabkam, denn er blieb mehrere Minuten in Nachdenken verſunken. Endlich fand er ſich theils von ſeinem Gedächt⸗ niſſe, theils auch von dem Klange mehrerer Stimmen gelei⸗ tet, in des guten Doktors Bibliothekzimmer ein. Beim Oeffnen der Thüre ſah er zwei Männer an dem kleinen vier⸗ eckigen Tiſche neben dem Fenſter ſitzen. Doktor Aldover war der eine, der andere ein edel ausſehender Mann in ſchwarzer Tracht mit ſchneeweißem Spitzbart und Haupt⸗ haar. Trotz dieſer Spuren des Alters ſchien er jedoch— ſo viel man aus Geſicht und Geſtalt abnehmen konnte— noch keineswegs weit im Leben vorgerückt zu ſeyn. Er trug ein langes Rapier an der Seite und hatte den ſchwarzen Mantel nicht abgelegt. Sobald der junge Edelmann eintrat, ſtand der Andere auf und betrachtete ihn mit feſtem Blicke, waͤhrend auch Den⸗ zil ſeine Züge emſig prüfte. Dies dauerte jedoch nicht lange, denn bald darauf eilte ihm Lord Blount mit ausgeſtreckter Hand und mit dem Rufe entgegen: „Ach, mein theurer Lord! das iſt in der That ein glüͤck⸗ James. Die Letzte der Feen. 8 10 146 liches Zuſammentreffen! Wo habt Ihr Euch nur vor mir verborgen?“ „Willkommen, willkommen, Denzil,“ erwiederte Lord Euſtace;„willkommen, mein theurer Junge! Du haſt Deine Pflicht als loyaler Unterthan, als braver Krieger wie als Ehrenmann redlich gethan. Was bedarf ich mehr, um mich für all die Sorge zu belohnen, die ich auf Deine Jugend ver⸗ wendet habe?“ und zu gleicher Zeit faßte er Denzils Hand mit ſeiner Linken. „Ei, mein guter Lord,“ rief der junge Mann nicht we⸗ nig überraſcht,„wenn Ihr mich noch liebt wie früher, ſo gebt mir doch Eure Rechte.“ „Du wirſt ihren Druck noch recht wohl kennen,“ er⸗ wiederte Lord Euſtace, den rechten Arm unter dem Mantel hervorſtreckend und Denzils Hand ergreifend. „Gerechter Himmel! was iſt das?“ rief der junge Edel⸗ mann betroffen zurückfahrend—„die iſt ja kalt wie Eiſen!“ „Weil ſie von Eiſen iſt,“ gab Lord Euſtace zur Ant⸗ wort.„An dem bitterſten Tage meines ganzen Lebens, als ich im rechten Arme verwundet ein Gefangener auf dem Schlachtfelde lag, wurde meine Flucht um den theuerſten Preis, der jemals für menſchliche Rettung bezahlt wurde, be⸗ werkſtelligt— einen Preis, den ich bei meiner Ehre niemals freiwillig bezahlt hätte, und wenn ich auch tauſend Jahre des glänzendſten Daſeyns dafür erkaufen konnte. Meine rechte Hand, welche viele Tage unverbunden blieb, wurde vom Krebs ergriffen, und ſo verlor ich ſie unter dem Meſſer des Chirurgen. Dieſem guten alten Manne, deſſen Du dich .— aus Deinen Knabenjahren als meines Kaplans erinnern wirſt, habe ich's zu danken, daß ich nach einem aus weiter Ferne hergeholten Muſter dieſe Maſchinerie erhielt, welche mir die verlorene Hand faſt ganz erſetzt, denn wie Du ſiehſt kann ich durch eine Bewegung meines Arms die Finger öff⸗ nen und ſchließen, ja ſogar ein Schwert ſchwingen und nöthi⸗ genfalls einen tüchtigen Streich führen, wie ich denn noch nicht lange einen ſchlimmen Feind niedergeſtreckt habe.“ „Ich hörte davon,“ erwiederte Denzil.„Ohne jenen Schlag wäre ich wohl etwas zu ſpät gekommen.“ „Meine Opiumdoſe nicht zu vergeſſen,“ bemerkte Dok⸗ tor Aldover.„Ich war beſſer unterrichtet als Meiſter Okey ſich dachte, und als er mich aus dem Gefängniſſe, wo⸗ rin ich viele Stunden lang in großer Angſt und Sorge ge⸗ ſeſſen, zu ſich rufen ließ, faßte ich mir ein Herz und gab ihm ein Tränkchen, das die Schlange wenigſtens auf acht bis zehn Stunden unſchädlich machte.— Jetzt aber will ich mich mit Euerer Lordſchaften Erlaubniß entfernen, und einen beſſeren Trank bereiten, als ich ihn dem rundköpfigen Oberſt eingab — es ſoll ein tüchtiger Punſch werden. Ueberdies habt ihr wohl auch Privatſachen zuſammen zu beſprechen.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich, und die beiden Edelleute geriethen alsbald in ein langes, anziehendes aber trauriges Geſpräch, wobei Denzil zum erſtenmale die Ereig⸗ niſſe erfuhr, welche auf dem Schlachtfelde von Worceſter zwei Stunden nach Einbruch der Nacht ſtattgefunden hatten, wie Gattin und Tochter ſich zur Rettung des Familienhaup⸗ tes aufgeopfert und wie die für den entkommenen Gefange⸗ 8 10* 148 nen beſtimmte Kugel die Gemahlin, deren Leben ihm unend⸗ lich theurer war als ſein eigenes, getroffen hatte. „Jahre lang hab' ich getrauert, wie wenige Männer getrauert haben,“ fuhr Lord Euſtace fort.„Nächtlicher⸗ weile und insgeheim ließ ich die Leiche meiner entſeelten Heiligen hieher nach meinem alten Landleighſchloſſe bringen, wo der ehrwürdige Freund, der uns ſo eben verlaſſen, in der Gruft unter dem Schloſſe den letzten Dienſt der Kirche an ihr verrichtete. Jeden Morgen habe ich neben ihrem Grabe gebetet, jeden Abend über ſie geweint und den kalten Stein mit Blumen beſtreut. Ich führte das Leben eines Einſied⸗ lers in jenen alten Mauern, wo ich von einigen gütigen Freunden und treuen Unterthanen in meinem Mißgeſchicke unterſtützt wurde, wie ich ſie früher zu den Zeiten meines Glückes unterſtützt hatte. Der Freundlichſte und Gütigſte von allen war der gute Doktor Aldover; das müßige Gerücht von einer Fee, welche im Schloſſe umgehe, das ſich unter den Dorfbewohnern verbreitete, trug weſentlich zu meiner langen Verborgenheit bei.“ „Ei nein, mein guter Lord,“ verſetzte Denzil lächelnd, „das war keine eitle Sage: ich habe die Fee mit eigenen Augen geſehen und es war überdies eine⸗recht hübſche Fee. In derſelben Nacht, da ich Eure Lordſchaft in den Gewölben unterhalb des Schloſſes beſuchte, ſah ich auch jene Fee und Ihr müßt ſie gleichfalls bemerkt haben.“ „Ich bemerkte nichts von einer Fee, Denzil,“ erwie⸗ derte Lord Euſtace ernſthaft—„Du mußt geträumt haben.“ „Wahrhaftig nicht, bei meinem Leben,“ betheuerte o— 149 Denzil Norman.„Ich wurde durch die Stimme der Fee zu jener Zuſammenkunft beordert. Ich ſah ſie in jener Nacht mit dieſen meinen Augen und habe ſie ſeither noch zweimal — ja kaum vor einer Stunde wiedergeſehen. Aber viel⸗ leicht war jene Fee von Fleiſch und Blut, mein theurer Lord. Hätte ich nicht gewußt, daß Euere theure Tochter ſich unter Cromwells Schutze bei Lady Mary Falconbridge zu London aufhält, ſo hätte ich ſie dafür gehalten.“ „Nun meinethalben, Denzil,“ erwiederte Lord Euſtace mit ungläubigem Kopfſchütteln;„junge Leute ſind einmal ſchwer von ihren Irrthümern zu heilen. Da Du übrigens meiner Tochter erwähnt haſt, ſo will ich jetzt gleich noch vor Aldovers Rückkehr von einem Gegenſtande reden, der mei⸗ nem Herzen ſehr nahe liegt. Du weißt ohne Zweifel, wie es der theuerſte Wunſch meiner geliebten Lilla war, daß un⸗ ſer Käthchen einſt mit Dir, den wir mit ſo vieler Sorgfalt auferzogen hatten, vereinigt werden ſollte. Das theure Mädchen wird bald in meine Arme zurückkehren; ich finde, daß ihre Erziehung keineswegs vernachläßigt worden und da Cromwell mit kaum zu erwartender Großmuth meine Län⸗ dereien um ihretwillen vor Conſiscation rettete, weil er, wie er ſagte, die Waiſe— er glaubte mich nämlich todt— nicht berauben wollte, ſo iſt der ſchon früher bedeutende Wohl⸗ ſtand unterdeſſen nur noch mehr angewachſen. Schön iſt ſie, Denzil, ſchön muß ſie ſeyn, und ſo ſollſt Du ſie mit mei⸗ nem Vaterſegen und einer Ausſtattung, wie ſie einer Prin⸗ zeſſin keine Schande machen würde, aus meinen Händen em⸗ pfangen, ſobald wir London erreichen.— Aber Du biſt ja 150 ganz ernſthaft, guter Junge! Was iſt Dir denn— iſt die Partie nicht nach Deinen Wünſchen?“ Denzil Norman ſchwieg eine Weile, ehe er antwortete, denn ſeine Lage war wirklich peinlich. Lord Enſtace war ihm Vater geweſen, nachdem ſein eigener Vater dahinge⸗ ſchieden war, und er liebte ihn mit der vollen Zärtlichkeit eines Sohnes. Lady Euſtace hatte mehr als Mutterſtelle bei ihm vertreten, und für das ſüße Kind, das ſeinen Vater mit ſolcher Geiſtesgegenwart von Gefangenſchaft und Tod errettet, hatte er in früheren Jahren die reinſte Bruderliebe gehegt. Aber dennoch lebte etwas in ſeinem Herzen, was jenem Vorſchlage des Lords einen unüberwindlichen Wider⸗ ſtand entgegenſetzte— die Liebe nämlich, die reine hochge⸗ ſinnte Liebe eines warmen enthuſtaſtiſchen Herzens. Das allein hätte ſchon genügt; aber es kam noch mehr dazu. Die Ehre— jenes Gefühl, jenes Prinzip oder Vor⸗ urtheil— wie man es nennen will— das ihm von ſeinem Erzieher ſchon frühzeitig ins Herz gepflanzt worden war, das er ſein Leben lang hoch gehalten und faſt mit Abgötterei ver⸗ ehrt hatte. Er hatte Worte zu Alice Brownlow geſprochen⸗ welche ſich nie wieder zurücknehmen ließen und welche er auch nicht zurücknehmen wollte noch konnte. Was galten ihm die Vorurtheile der Welt, was die Rückſichten auf Reichthum, Rang oder Stellung im Vergleich mit Liebe oder Ehre! Er wußte, daß die Leichtſinnigen ihn verlachen, daß die Stolzen und Selbſtſüchtigen ihn tadeln und verachten konn⸗ ten; allein er hatte ſich nie zu dem Geſchöpfe fremder An⸗ ſichten hergegeben und zauderte auch hier keinen Augenblick 151 in ſeinem Verfahren. Wenn er eine Weile ſchwieg, ſo ge⸗ ſchah es, weil er überlegte, wie er ſeine Geſchichte erzählen könne, ohne den Zuhörer zu beleidigen oder ſchmerzlich zu berühren. „Was iſts denn, Denzil?“ fragte mit ernſter, faſt ſtren⸗ ger Miene Lord Euſtace, nachdem er vergeblich auf Antwort gewartet hatte. „Ich wills Euch in wenigen Worten erzählen, mein theurer Lord,“ erwiederte der junge Edelmann,„und Ihr ſollt und werdet dann urtheilen, wie Ihr immer gethan— als rechtſchaffener Ehrenmann. Mein Schickſal wollte, daß ich vor einiger Zeit gerade hier in dieſem Dorfe in niedriger Stellung, ohne Vermögen noch Familie, ja ohne jede an⸗ dere Empfehlung als die ihrer eigenen Lieblichkeit und hohen Geiſtesvorzüge das einzige Weib kennen lernte, für das ich jemals Liebe empfand. In einem Augenblicke der Gefahr, da ich mir nichts von den freundlichen Tagen, die wir jetzt vor uns haben, träumen ließ und ebenſo wenig auf ein Wie⸗ derſehen mit Euch oder irgerd einem meiner alten Freunde hoffen konnte, ſprach ich ihr von meiner Liebe und gewann mir das Gelübde ihrer Treue. Aber hätt' ich auch alles ge⸗ wußt, was ich jetzt weiß, hätte ich wie ein Prophet die nun⸗ mehr eingetretenen Ereigniſſe vorher ſehen können— ich hätte dennoch nicht anders gehandelt.“ „Haſt Du Dir auch wohl überlegt, was Du vor haſt, junger Mann?“ entgegnete Lord Euſtace mit ſehr ernſter Miene.„Haſt Du alle Folgen ins Auge gefaßt? Bedenke, daß Schönheit vergeht, daß all jene Reize, welche das Auge 1⁵² verlocken, dahinſchwinden, daß die Leidenſchaft in ihrer eige⸗ nen Flamme umkommt, und daß die ſolideren Güter dieſer Welt ſelbſt für einen romantiſchen Geiſt Gewicht erhalten, je mehr ſich das ſtürmiſche jugendliche Blut mit den Jahren abkühlt und Ueberlegung die Stelle der Leidenſchaft ein⸗ nimmt. Haſt Du auch wohl bedacht, wie Du die kalte Höf⸗ lichkeit aufnehmen willſt, welche Deine Adelsgenoſſen dem Bauernweibe des jungen Lord Blount erweiſen werden? Kannſt Du's mit anhören, wie man Dir nachſagt, daß Du Dich durch ein hübſches Geſicht habeſt beſtechen laſſen? Kannſt Du all' jene leichten Vernachläßigungen, die halb⸗ verſteckte Verachtung ertragen, wie Sie eine unpaſſende Ehe faſt immer im Gefolge hat?“ „Das Alles und noch mehr habe ich mir überlegt, My⸗ lord,“ erwiederte Denzil.„Ich habe meinem Herzen weit mehr Fragen vorgelegt, als Ihr mir ſtellen könntet oder möchtet: die Antwort war immer die, daß ich um ihrer blo⸗ ßen Schönheit willen— ſo verführeriſch dieſe auch iſt— niemals um ſie geworben haben würde; aber ſelbſt wenn ich es bloß deßhalb gethan hätte, ſo würde ich ihr mein Wort halten— das bin ich ihr wie mir ſelber ſchuldig. Ich habe übrigens bei meiner Wahl weder für ſie noch für mich das Geringſte zu fürchten, denn ihr Geiſt iſt ebenſo liebenswerth wie ihr Aeußeres, und ihr Herz kann ſich mit beiden an Schönheit meſſen.— Ihr lächelt, theurer Lord!“ „Weil Du wie ein Liebender ſprichſt und als ſolcher handeln wirſt,“ verſetzte Lord Euſtace.„Möge Deine Liebe lange dauern, denn unter ſolchen Umſtänden kannſt Du nur 153 in ihr Dein Glück finden. Aber meiner Treu! ſehen möchte ich ſie doch, dieſes Muſter von Vortrefflichkeit. Du ſagſt, ſie wohne hier im Dorfe— da muß ich ſie doch wohl kennen. Wie iſt ihr Name?“ „Alice Brownlow,“ gab der junge Lord ſchüchtern und mit Erröthen zur Antwort. „Ich kenne keine ſolche Perſon hier,“ erwiederte Lord Euſtace kopfſchüttelnd.„Ich weiß bloß von einem Roger Brownlow, einem Pächter von mir, der ſeither, wie ich höre, als Verräther an ſeinem Herrn gehandelt hat, und deſſen Sohn John, einem trefflichen Jungen, der mir treu und red⸗ lich gedient hat— Tochter hatte der alte Mann keine.“ „Wohl aber eine Nichte,“ behauptete Denzil. „So habe ich ſie wenigſtens nie geſehen,“ meinte Lord Euſtace.„Ich muß den guten Doktor Aldover darüber be⸗ fragen und iſt ſie wie Du ſie geſchildert, ſo ſoll Dir mein Vaterſegen bei Deiner Heirath nicht entgehen. Ha! da kommt ja der wackere Doktor ſelber.— Sagt mir, mein alter werthgeſchätzter Freund, wer iſt dieſe Alice Brownlow, für welche unſer junger Freund Denzil ſo gewaltig eingenommen ſcheint?“ „Die Schönheit und Vortrefflichkeit ſelber,“ gab Dok⸗ tor Aldover zur Antwort—„ſie befindet ſich in dieſem Augenblicke hier im Hauſe.“ „Wie, auch Ihr begeiſtert!“ rief Lord Euſtace.„Bitte, laßt mich die ſchöne Dame ſehen, mein edler Freund. Oder nein, ich will ſie lieber ſelber holen— wo werde ich ſie finden?“ 3 154 „Ich will ſte Euch bringen,“ erbot ſich der Doktor und kehrte nach kurzer Pauſe mit Alicen an der Hand zurück. Sie war gekleidet wie damals, da ſie Denzil zur Kirche be⸗ gleitete, mit Hut und Schleier wie eine Nonne. Mit hochklopfendem Herzen ſprang ihr der junge Mann entgegen, ſobald er ihrer ſchönen Geſtalt anſichtig ward, doch ohne ihm auch nur einen Blick zu ſchenken, entzog Alice dem Doktor ihre Hand und eilte mit haſtigen Schritten auf Lord Euſtace zu. Der alte Edelmann breitete ſeine Arme weit aus, und ihre Hände um ſeinen Nacken ſchlingend, lehnte ſie ſich an ſeine Bruſt und ſchluchzte laut. „Geh, Käthchen, geh,“ mahnte Lord Euſtace,„geh, mein ſüßes Käthchen— warum ſo tief bewegt? Wenn auch dieſer undankbare Knabe aus Liebe zu einer gewiſſen Alice Brownlow Deine Hand ausſchlägt— wir wollen Dir ſchon noch einen beſſeren Gatten ausfindig machen. Komm, mein Käthchen, Du darfſt die Augen wohl aufſchlagen: ich weiß, daß Freude ebenſo gut wie Betrübniß ihre Thränen hat, und wir haben der letzteren ſo viele vergoſſen, daß wir den erſteren freien Lauf laſſen müſſen. Nur zurück, Lord Blount — Ihr wißt, Ihr habt ſie verſchmäht. Nun, wollt Ihr bald bereuen?— Gut, ſo nehmt ſie und möget Ihr Alice Brownlow in den Armen Eurer Katharina Brooke vergeſſen.“ „Nimmermehr/“ verſicherte Denzil, ſeine Arme um ſie ſchlingend,„nie, mein guter Lord. Meine erſte Liebe bleibt auch meine letzte: nehmt Käthchen wie Ihr wollt, gebt Ihr Nang, Titel, Auszeichnung, Reichthum, ja Alles was die 1⁵5⁵ Menſchen werth ſchätzen— ich kann ſie doch nicht mehr lieben, als ich mein Landmädchen liebte.“ „Dank Denzil, tauſend Dank,“ rief Alice, denn wir müſſen ſie wohl ſo nennen, wie er ſie immer zu nennen fort⸗ fuhr.„Aber wirſt Du mich auch als Katharina Brooke ebenſo gut lieben, Denzil, denn ſieh, ich bin ſehr verändert.“ Mit dieſen Worten nahm ſie den Hut vom Haupte und er ſah nicht ohne Ueberraſchung, daß das ſchwarze Haar mit einem Male fort war, und ſtatt ſeiner die glänzenden hell⸗ braunen Locken zum Vorſchein kamen, deren er ſich von ihrer Kindheit her noch wohl erinnerte. „Ja,“ ſagte er, ſie nur noch inniger an ſich ziehend, „als Alice Brownlow, als Katharina Brooke und noch mehr als—“* z „Pſch, pſch, kein Wort weiter,“ flüſterte ſie, ihr ſchönes Händchen auf ſeine Lippen drückend, indem ſie den ſchüchter⸗ nen Blick zu Doktor Aldover zurück wandte, deſſen Augen jedoch ſo voller Freudenthränen ſchwammen, daß er kaum die Hälfte deſſen was vorging bemerkte. Epilo g. Geliebter Leſer! Du haſt hier eine alte Geſchichte vernommen, wie ſie vor langer Jeit von einem alten Manne an einem Chriſt⸗ abende erzählt wurde. Aus beſonderen Gründen— man weiß ja wie alte Leute wunderlich ſind— wollte er nie weiter fortfahren und alle Fragen über den etwaigen Schluß der Erzählung blieben vergeblich. Vielleicht, daß er nicht weiter wußte, denn er war gleich mir ein Mann von ge⸗ wiſſenhafter Wahrheitsliebe. Gerne hätte ich noch fernere Einzelheiten erfahren; aber ſo mußte ich mich eben mit Obi⸗ gem begnügen— eine Genügſamkeit, welche unter allen Um⸗ ſtänden anzuempfehlen iſt, wofür ich jedoch in vorliegendem Falle noch meine beſonderen Gründe hatte.⸗ Erſtlich war es nicht dem mindeſten Zweifel unterworfen, daß Denzil Nor⸗ man und Lady Katharina Brooke, ſonſt auch Alice Brownlow, ein ſo glückliches Pärchen wurden als es überhaupt hie⸗ nieden getroffen wird. So war ich wenigſtens über ſie be⸗ ruhigt und wünſchte ihnen ebenſo herzlich Glück wie Doktor Aldover nach ſeiner Widereinſetzung in die Pfarre zu Land⸗ 4⸗ 1⁵⁷ leigh— nach dem Kirchenregiſter geſchah dies im Juli des Jahres 1660— bei der ehlichen Einſegnung mit überſtrö⸗ mendem Herzen ihnen gratulirte. John Browulow— Alicens Milchbruder, heirathete ohne allen Zweifel Johanna Unwin und gewann an ihr eine höchſt vortreffliche Hausfrau. Die Geſchichte ſelbſt vollends iſt als unläugbar wahr beſtatigt, wie ich denn in den Annalen des Hauſes Falcon⸗ bridge folgende merkwürdige Stelle entdeckte: „Alice Brownlow, welche nach der Schlacht von Wor⸗ ceſter in einem dortigen Hauſe gefunden, von ihrer Mutter Jane als Lord Euſtacens Tochter anerkannt und von meiner Lady Mary lange Zeit als Lady Katharina Brooke aufer⸗ zogen wurde, ward unterm heutigen mit vielen Geſchenken in ihre Heimath entlaſſen. Sie war wegen ihrer Sanft⸗ muth und Gelehrigkeit ein beſonderer Liebling unſerer Lady geworden. Item, empfing ſie von Mylord ein ſilbernes Salzfaß zum Andenken.“ Miſter Gideon Samſon's fernere Schickſale, von denen keine weitere Kunde zu mir gelangte, hätten mich billig be⸗ unruhigen können, wenn ich nicht wüßte, daß viele von der presbyteriſchen Geiſtlichen ſich vor der Verfolgung der bi⸗ ſchöflichen nach Schottland flüchteten, und da Walter Scott in einer ſeiner wahren Erzählungen des Lebens und der Thaten eines würdigen Herrn deſſelben Namens Erwähnung thut, ſo bleibt mir kein Zweifel, daß er Nachkommenſchaft hinterließ, um ſeine Tugenden auf ſpätere Generationen zu vererben. 158 Die einzigen Perſonen von Bedeutung, deren wir noch zu gedenken haben, wären demnach das alte Schloß und ſeine Fee. Die Ruinen des Erſteren wurden noch zu meinen Zeiten von den Alterthumsforſchern von Landleigh mit Stolz vorgezeigt, wobei man nie vergaß, auf einen unterirdiſchen Gang zwiſchen Schloß und Kirche wie auch auf etliche ſtei⸗ nerne Thüren in den übrig gebliebenen Thürmen der alten Feſte aufmerkſam zu machen, deren Fugen ſo genau in einander paßten, daß ein nicht vorbereitetes Auge ſie unmög⸗ lich unterſcheiden konnte. Seit der Zeit ſind am Ufer des Flüßchens viele Fabriken entſtanden und die Begierde nach Steinen, welche aus dieſem Grunde unter die Bevölkerung gefahren, hat das edle Schloß arg zertrümmert, wie denn einige Spaßvögel die Bemerkung machten, das Schloß ſey der beſte Steinbruch in der ganzen Nachbarſchaft. War es nun dieſe Entheiligung ihres Wohnortes oder gab es noch andere Urſachen zum Widerwillen— die Fee hat ſich ſeit vielen vielen Jahren nicht mehr am Landleigh⸗ brunnen ſehen laſſen, obgleich deſſen Waſſer hell und klar ſind wie früher und von der Abendſonne beleuchtet vermöge des Reflexes der Lichtſtrahlen um jeden Nahekommenden eine eigene Glorie verbreiten. Das Andenken an die Fee iſt übrigens den älteren wie den jüngeren Bewohnern des Ortes noch immer theuer. Knaben und Mädchen ſchauen mit ſchüchterner Erwartung durch den Thorbogen, wenn ſte an ſchönen Sommerabenden vorüberkommen, und ich erinnere mich noch ganz genau, wie höchlich ich eine alte Dame durch die Bemerkung erzürnte, die berühmte Fee vom 4* 159 Landleighbrunnen könnie am Ende gar Lord Euſtacen's ſchöne Tochter geweſen ſeyn. Dieſen wichtigen Punkt muß ich der freien Beurtheilung meiner verehrten Leſer überlaſſen— jedenfalls war ſie die Letzte aus dem Feenlande und die Einzige, welche nach dem Tode William Churne's aus Staffordſhire und nachdem der witzige Biſchof Corlet dem guten Volkchen Lebewohl geſagt, ſich jemals wieder blicken ließ. Ende. Druck der J. B. Metzler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. ——-— ſſſſſſſſſſſſſſſſſnſnſnnnſanemt 3 14 15 1 Nüſſiſſſſſſſſſſſſſſnſt T 6 17 8 9 10 11 12 1 *