deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. 1 für iechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: —————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ 3.„„„ 4„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruͤckſendung 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer tün Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. N 5 —— — G. P. V. James' neueſte Romane, in deutſchen Uebertragungen. DEo Funftes bis ſiebentes Bänſchen. — S Go Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1848. Margarethe Graham. Roman von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen. Rechtmäßige Ausgabe. SSo Stuttgart. Uerlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1848. Erſter Theil. Tage des Glücks. Erſtes Kapitel. Des Taglöhners Rückkehr. Englands vielgeſchmähtes Klima hat gleichwohl ſeine eigenthümlichen Vorzüge, ſowohl was Annehmlichkeit als was maleriſche Scenerie betrifft. Nicht allein daß es uns eine unendliche Abmechslung darbietet, die ſchon an ſich eine der Hauptquellen des Vergnügens ausmacht: wir be⸗ ſitzen auch Schönheiten, deren kein anderes Land ſich rühmen darf. Ich bin unter dem tiefblauen Himmel Italiens ge⸗ ſtanden, und habe mich mehr nach einer Wolke geſehnt, als ich jemals den Sonnenſchein herbeiwünſchte, wenn ſo Tag auf Tag und Woche auf Woche und Monat auf Monat verſtrich, ohne daß auch nur das leiſeſte Dunſtgebilde ſo groß wie eines Mannes Hand die Eintönigkeit unterbrochen oder einen fluchtigen Schatten auf die Erde geworfen hätte, Ich ſtand unter Spaniens brennender Sonne, und dürſtete James. Margarethe Graham. 1 20 nach einem erfriſchenden Regenſchauer oder auch nur nach einem ſänftigenden Nebel, während im ganzen Sommer kein Regen gefallen war, um die Steine in den Waſſer⸗ rinnen zu netzen, oder die Blätter der Korkeiche zu be⸗ feuchten. Wolke und Schauer haben unterdeſſen in Eng⸗ land dem Sommer ſeine ſchöne Mannigfaltigkeit gegeben, und unſer reizendes Vaterland hat während deſſen bald im Schatten bald im Licht hier von Tropfen gegläͤnzt und dort in leuchtenden Strahlen geſunkelt. Mag ſeyn daß ſüdlichere Gegenden eine Glorie der Beleuchtung, eine Glut des Kolorits beſitzen, wovon unſer Eiland nichts weiß; aber wo iſt das Silberlicht, das ſich Morgens und Abends ſo oft über die Landſchaft herein⸗ ſtiehlt und auf Wald und Feld, auf Flur und Waſſer ſeinen ſanſten Schimmer ausgießt, aͤhnlich dem geſegneten Ein⸗ fluſſe, den ein guter ruhiger Geiſt über Alles, was ihm nahe kommt, ausbreitet? Zu den eigenthümlichen Vortheilen nördlicher Länder gehört das lange Zwielicht, das dem Schluſſe des Tages zu folgen pflegt. Es liegt allerdings etwas Großes und Schönes in dem plötzlichen Untertauchen der Sonne, wenn ihm wie in heißeren Zonen augenblickliche Finſterniß auf dem Fuße folgt; aber es entſchädigt uns nur ſehr noth⸗ dürftig für die ruhige halbe Stunde des Dämmerlichts, wenn das Geſtirn des Tages ſeine Strahlen nur mit Wi⸗ derwillen zurückzuziehen ſcheint und uns noch immer einen Segen hinterlaſſen will, während es uns gute Nacht ſagt. ““ ᷣ— r—* 2 8 3 Die Sonne war eben untergegangen— ob fie voͤllig unter dem Horizonte war, kann ich nicht mit Gewißheit angeben, denn über den Himmel hatte ſich eine dunkel⸗ blaue Wolkenſchicht gelagert, deren Ränder mit Gold be⸗ ſäumt waren. Ueber ihr breitete ſich eine große ſchwere Dunſtmaſſe, flach und tief herabhängend, gleich einem Getäfel von ſchwarzem Marmor, und zwiſchen b iden Schichten eingeſchloſſen ergoſſen ſich die Sonnenſtrahlen in horizontalen Linien, an den Umriſſen von Fels und Ge⸗ birg, von Wald und Moor hinſtreifend, und den Schatten einer einzelnen Föhre und eines Wegweiſers mit ſeinen lan⸗ gen nackten Armen weithin über die Ebene werfend. Dieſer Wegweiſer deutete einerſeits nach einem kleinen Städtchen in Cumberland, das wir Braunſchweig nennen wollen, andererſeits nach einem Dorfe, welchem wahrſcheinlich gar nie die Ehre widerfahren wäre, daß man darauf hingedeutet hätte, wenn nicht mehrere Gentlemen aus vorerwähnter Stadt auf den Einfall gerathen wären, ſich Landhäuſer in deſſen Nachbarſchaft zu erbauen. Ihr Anziehungspunkt war ein kleiner See, allerdings viel unbedeutender in ſei⸗ ner Ausdehnung als der Windermere, aber kaum min⸗ der reich an reizenden Seenerien in ſeiner Umgebung. An der Stelle, wo der Wegweiſer ſtand, war übrigens keine Spur davon zu bemerken, daß die Nachbarſchaft ſolche Schönheiten zu bieten habe, denn ringsum war ein weites wüſtes Moor mit verwitterten Heidepflanzen und einigen Flecken von Ginſter und Pfriemkraut bedeckt. Auf der einen Seite ſah man einen weiten zerriſſenen Abhang 1 8 98 4 hinab, der auf mehrere Meilen nichts als unregelmäßige Wellenlinien und höchſtens einmal einen Graben oder klei⸗ nen Brunnen aufwies, bis ganz weit hinten blaue Streifen von Wald und Feld ſichtbar wurden, welche denen des Him⸗ mels, auf dem ſie ruhten, keineswegs unähnlich und nur von einer Kirchenſpitze und einem alten einſamen Thurme — ſo ſchien es wenigſtens— unterbrochen waren. Auf der andern Seite ſtieg das Moor bis zu dem hohen Rande einer Anböhe, welche jede weitere Ausſicht nach jenſeits ab⸗ ſchnitt. Es war ein kalter troſtloſer Ort, rauh und ſchwer⸗ fällig, aber nicht ohne eine gewiſſe Erhabenheit, wie ſie die weite Ausdehnung, die Einſamkeit und die Tiefe der Farbentoͤne wohl verleihen konnte. Der Leſer mag ſich die Stelle merken, denn wir wer⸗ den ſpäter noch karauf zurückkommen. Für jetzt brauchen wir blos zu erwähnen, daß eben als die Sonne unterging oder— wee geſagt— noch nicht ganz untergegangen war, zwei Taglöhner an dem Wegweiſer vorüber auf der Straße da⸗ hinwandelten und von der Stadt nach dem Dorfe zu ziehen ſchienen. Noch iſt zu erinnern, daß dieſe beiden Punkte etwa neun Meilen auseinander lagen und daß der Weg⸗ weiſer ſo ziemlich halbwegs dazwiſchen ſtand. In die gewöhnliche Tracht des Landes gekleidet, mit groben Kitteln auf der Schulter und plumpen Leder⸗ kamaſchen an den Beinen ließ ſich aus dem Aeußeren der bei⸗ den Tagloͤhner nichts Weiteres entnehmen, als daß ſie beide handfeſte Burſche von mittlerem Alter, der eine von vierzig, der andere von zwei bis dreiundvierzig Jahren zu ☛ 5 — 5 ſeyn ſchienen. Beide waren, wie die meiſten Cumberländen, hoch aufgeſchoſſen, nur daß der eine etwa einen Zoll über den andern hervorragte. Ihr Schritt war langſam, als ob ſie etwas müde wären, ihr Gang linkiſch und ſchwer⸗ fällig, wie man ihn annimmt, wenn man hinter dem Pfluge oder der Egge über friſch bearbeitetes Feld zu wandern ge⸗ wohnt iſt; gleichwohl war keiner von Beiden dumm oder auch nur ganz unwiſſend zu nennen. Es war lange ein weit verbreiteter Irrthum und iſt, ſeitdem derſelbe von den meiſten Menſchen deutlich bemerkt und verbeſſert ſeyn muß, zu einer der gewoͤhnlichen Partei⸗ falſchheiten geworden, daß man zwiſchen den ackerbauen⸗ den Klaſſen und der Bevölkerung der Mannfakturdiſtrikte Vergleichungen anſtellt, welche dann jedesmal zum Nach⸗ theil der erſteren ausfallen ſollen. Wen man unterdrücken will, den wird man in der Regel verleumden, und das po⸗ pulärſte Mittel, einen gefährlichen Irrthum zu verbreiten, beſteht darin, daß man alle Opponenten läͤcherlich macht— ſo erging es auch den ackerbauenden Taglöhnern und klei⸗ nen Pächtern. Was einfachen geſunden Menſchenverſtand und natürliche Geiſteskraft anlangt, ſind ſie in der Regel den entſprechenden Klaſſen in den Maunfakturſtrichen weit überlegen. Zwar zeigen ſie ſich in Allem, was ſie vorneh⸗ men, eher praktiſcher als theoretiſcher Natur, ſind an Geiſt wie an Körper vielleicht weniger raſch und behend als der Handwerker oder Krämer eines Landſtädtchens; aber ihre Anſichten find zu gleicher Zeit geſunder, feſter und ſchärfer, gerade wie ihr Leib kräftiger, kernhafter und ausdauernder 6 iſt, und ich habe nie eine Menſchenklaſſe getroffen, die bei einfacher Auseinanderſetzung leichter zu einer richtigen An⸗ ſicht gelangt wäre als eben jene, die man für dumm, un⸗ wiſſend und vorurtheilsvoll auszugeben geneigt iſt. Viel Bücherwiſſen beſitzen ſie allecdings nicht, denn ſtatt wie jene in Städten dicht zuſammengedrängt zu ſeyn, trifft man ſie vielmehr über einen weiten Landſtrich und zwar nur dünn zerſtreut, ſo daß ſie ſelten Gelegenheit haben, ſich zu gemeinſamen Zwecken zu vereinen und ihre Anſichten als Körperſchaften geltend zu machen. Dafür habe ich aber in Hütten— und deren gibt es viele— wo die treff⸗ lichen Volksſchriften von Chambers und Knight eingedrun⸗ gen ſind, einzelne Raiſonnements über gewiſſ Gegenſtände vernommen, die— wenn auch in roher Sprache gegeben — im Punkte des Verſtandes keiner Geſell chaft der Welt Schande gemacht hätten. Ich bin überzeugt, daß wenn geſunder Menſchenverſtand, wie ich glaube, die trefflichſte Eigenſchaft des Geiſtes ausmacht, dieſe nämliche Eigen⸗ ſchaft weit häufiger als ſonſt irgendwo bei der Klaſſe der engliſchen Deomen und Bauern anzutreffen iſt. Während die beiden Taglöhner dem heimathlichen Ruhewinkel entgegenzogen, waren ſie offenbar mit einem Ge⸗ genſtande, der ſie tief intereſſirte, beſchäftigt. Mehr als ein⸗ mal blieben ſie ſtehen, drehten ſich gegen einander um und begleiteten ihre ernſte Unterredung wenigſtens auf einer Seite mit einem Gebärdenſpiel, wie es unter den phlegma⸗ tiſchen Nationen des Nordens keineswegs gewöhnlich iſt. 5 1 4 4 bu 7 Laßt uns eine Weile ihrem Geſpraͤche zuhören, denn es iſt vielleicht nicht ohne Intereſſe. „Ueber die Hälfte iſt bezahlt,“ ſagte der Kleinere von den Beiden;„ſie haben nichts zu thun als ſie herunter zu ziehen, und dann iſt alles Geld beim Teufel.“ „Geld genug, um die Haͤlfte der Armen des Landes damit zu ernähren, wenn es recht angegriffen würde,“ ſagte der Andere neben ſeinem Begleiter herhumpelnd;„aber's iſt nichts als Lumperei, Ben.“ Sie wollten die alten Spitz⸗ buben hinausbringen, um neue dafür einzuſetzen, und ſo mußten ſie denn Platz für ſie machen. Die Herren be⸗ haupteten, als ſte die neuen Geſetze machten, die Armenſteuer fräße das geſammte Eigenthum des Landes auf. Das war erſtens einmal eine Lüge, Ben, und wenn es auch wahr wäre— wer anders iſt daran Schuld, als die Obrig⸗ keit, die es duldete?“ „Theils ſie, theils andere Leute,“ gab der Mann Namens Ben zur Antwort;„jedenfalls war es ein ver⸗ kehrter Weg, ſie zu retten, wenn man alle die alten Häuſer entweder niederriß oder für ein Naſenwaſſer verkaufte oder gar verfaulen ließ, und dafür neue ſo koſtſpielig wie mög⸗ lich baute. Ich rechne, daß unſer eigenes Unionshaus ein volles Viertel der Armenſteuer in allen Gemeinden der Union für die nächſten zwanzig Jahre auffrißt; da müſſen ſie freilich knickern, bis ſie das und obendrein noch etwas mehr erſpart haben.“ „Ich verſtehe nicht, was Du damit meinſt, Ben,“ „ Abkürzung für Benjamin. D. U. 8 meinte ſein Begleiter,„daß es nur zum Theil die Schuld der Obrigkeit ſeyn ſoll; ich glaube, es war ihr Fehler ganz und gar. Siehſt Du, als ich drüben in Ne womels wohnte, ſah ich, wie die Aufſeher und die andern Burſche zu Werke zu gehen pflegen. Sie hielten jährlich in der Sonne nicht weniger als eilf Gemeindeeſſen, wie ſie's nen⸗ nen, und da war Jedem eine halbe Guinee ausgeſetzt, eine Maſſe anderer Accidenzien nicht zu rechnen. Nebendem waren ſie ſtets darauf bedacht, ſich einträgliche Geſchäfte in die Taſche zu jagen; da war z. B. Mr. Weſton, der Hut⸗ macher, der entdeckte mit einem Male, daß der Rathhaus⸗ hof das Pflaſtern nöthig habe, obwohl er erſt vor einem Jahre gepflaſtert worden war, und Mr. Greenſides, gleich⸗ falls Gemeinderath, bekam die Pflaſterarbeit; als Vergel⸗ tung hiefür machte Mr. Greenſides ausfindig, daß es für alle Knaben in der Gemeinde beſſer wäre, wenn ſie Hüte ſtatt der Mützen trügen, und Mr. Weſton hatte natürlich die Hüte zu liefern. Es war ſo wohl bekannt, daß alle Kontrakte für das Arbeitshaus unter ihnen ſelber abge⸗ macht würden, daß ſich blos Gemeinderathsmitglieder zum Abſtreiche anboten— auf dieſe Art konnten ſie natürlich den Preis ſtellen, wie es ihnen beliebte. Wofür waren denn nun die Parlamentsherren und Magiſtratsperſonen auf der Welt, wenn ſie nicht ſolchen Dingen Einhalt rhaten? Es war ein ganz gutes Geſetz, Ben, wenn man es nur recht ausgeführt hätte; aber die es in's Werk zu ſetzen hatten, betrogen entweder ſich ſelbſt oder ließen ſich von Andern betrügen, und dann ſchrieen ſie, die Koſten verzehr⸗ — 9 ten alle Einkünfte. Ich will Dir was ſagen, Ben: ich habe oft gedacht, wie das alte Armengeſetz in Zeiten der Hungersnoth oder des Arbeitsmangels ein gar ſicheres Ding war.“Sie Armen können doch nicht hinſtehen und ihre Kinder verhungern ſehen; gibt man ihnen keine Nah⸗ rrung, ſo nehmen ſie ſie eben, und haben ſie einmal mit dem Neyhmen angefangen, ſo gehi das Ding auch noch weiter. Ich erinnere mich, von einem öffentlichen Vorleſer gehört zu haben, die erſte Pflicht des Bodens ſey die, jeden der darauf wohnt, zu ernähren, und da dacht ich mir denn, es ſey ein rechtes Glück, daß ein Geſetz vorhanden ſey, das ihn auf regelmäßige Weiſe zu dieſer Pflicht anweist, ſtatt daß man die Hülſsbedürftigen nur ſo zugreifen läßt, wo ſie eben Unterſtützung finden.“ 4.„Sie würden Dir entgegen halten, das Gleiche ſey auch jetzt der Fall, obwohl es nicht wahr iſt, Jakob,“ be⸗ merkte Ben.„Es war was ganz Anderes, wenn ein Mann, der ſich ein Bischen Arbeit verſchaffen konnte und gerne ſo viel er vermochte geleiſtet hätte, die Gemeinde zur Ergän⸗ zung um einige Schillinge anging— er konnte dabei immer noch auegehen und ſich nach weiterem Erwerbe umſehen. So hatte er immer noch einen gewiſſen Halt; jetzt aber kann der Fall eintreten, daß er ſich blos fünf Schillinge wöchentlich verdient und ſeine Familie nicht unter zehnen durchzubringen weiß; da muß er entweder einige davon Hunger ſterben ſehen, oder ſeine Hütte aufgeben, ſein Be⸗ ſitzthum verkaufen, ſich ſelbſt um alle Arbeit bringen und James. Margarethe Graham. 2 10 als Bettler in eine Union gehen, wo er von Weib und Kindern getrennt und ſchlimmer als die Gefangenen im Kerker ernährt und behandelt wird. Kommt er wieder heraus, ſo iſt er ein Bettler, und findet es zehnmal ſchwe⸗ rer als zuvor, Arbeit zu erhalten, ſo brav er auch immer ſeyn mag: Tauſend gegen Eins iſt er für immer ein rui⸗ nirter Mann, und behält nichts als Haß gegen diejenigen im Herzen, die ihn ſo übel behandelt haben. Gar Mancher, der keine Religion beſitzt, meint, er könne eben ſo gut ein Stückchen mauſen und ſich daſür einſperren laſſen, wobei er immer noch beſſer als in der Union wegkommt. Das Alles ließe ſich vermeiden, wenn man denen, die es wirklich bedürfen, wöchentlich ein paar Schillinge verabreichte. Ueberdies, Jakob, war es ein großes Hemmſeil für unſere Brodherrn— ja ſogar das einzige, das wir beſaßen. Ein Pächter ſah es nicht gerne, wenn der andere zu geringen Lohn gab, weil die Verkürzten gewiß waren, den Reſt aus der Gemeindekaſſe zu erhalten, was dann die Steuern ver⸗ mehrte— doch das bringt mich wieder auf Deine Frage. Ich behaupte, es war zum Theil unſer eigener Fehler, Ben, daß dieſe Dinge eine ſolche Aenderung genommen haben— nicht der meine, da ich mein Lebenlang noch nie ein Sechs⸗ groſchenſtück aus der Gemeindekaſſe erhielt— aber jeder Spitzbube durfte ja nur hingehen und die Obrigkeit blau anlaufen laſſen, ſo viel er nur wollte. So erinnere ich mich, wie ſich Jenny Anderſon, während er ſich als Rad⸗ ſchuhmacher eines Kärners ſechzehn bis ſiebzehn Schillinge wöchentlich verdiente, ſein ganzes Leben lang jede Woche. 11 zehn Schillinge aus der einen und acht aus einer andern Gemeindekaſſe geben ließ.“ „Von zwei Gemeinden!“ rief Jakob. „Ja, durch ein Bischen Meineid wußte er's dahin zu bringen,“ antwortete ſein Gefährte,„und ſo hat's noch gar Mancher gemacht. Unſere Armenpfleger entdeckten die Geſchichte und wollten ihm nichts mehr geben; aber der unverſchämte Schlingel ging vor den Magiſtrat, leiſtete ſeinen Eid, und der Magiſtrat gab ihm die Anweiſung an die Gemeindekaſſe— ſo geſchah es gerade wie er's haben wollte.“ „Und war das nicht der Fehler des Magiſtrats, Ben?“ fragte ſein Freund;„das Geſetz zwang ihn nicht, etwas der Art zu thun, wenn er nicht wollte.“ „Weiß nicht,“ erwiederte der Andere;„ich habe das Geſetz nie geſehen, Jakob, glaube aber, daß auch die beſten Geſetze ſich ſo wie die Magiſtratsperſonen und andere Leute damit umgehen, in ſchlechte verwandeln laſſen, denn da kommt Einer und ändert ein Bischen, und ein Anderer wie⸗ der ein Bischen, bis es gar nicht mehr demſelben Dinge ähnlich ſieht. Eines aber iſt gewiß, daß es viele Leute unter uns gab, die im Unrecht waren, obgleich die Obrig⸗ keit nicht minder Unrecht that. Immerhin war es aber nicht nöthig, ein gutes Geſetz darum abzuſchaffen, weil thörichte Menſchen es nicht richtig handhabten und ſchlechte Leute es mißbrauchten; wollte man es je abſchaffen, ſo hätte man es beſſer, nicht aber ſchlechter machen können, ſo daß es weniger ſchwer für die Reichen, aber auch nicht 2* alle Laſt auf die Armen gewälzt worden wäre. Sie werden es ändern müſſen, verlaß Dich drauf, oder— was noch ſchlimmer iſt— ſie können es nicht durchführen, denn das Volk wird es nicht mehr länger aushalten.“ „Sie ändern es nicht eher, als bis ſie gedrängt wer⸗ den,“ meinte Jakob;„einer ihrer Plane iſt jetzt der, Ben, den Arbeitslohn in ganz England, ſowohl hier wie in den Faktoreien herabzuſetzen, und das neue Geſetz iſt dabei ihre größte Stütze, denn ſiehſt Du, wir haben keine Wahl mehr: wir müſſen gerade nur nehmen, was ſie geben wollen, ſonſt bleibt uns nichts als Verhungern oder Stehlen oder ins uUnionshaus gehen.“ „Lieber wollt' ich in meiner eigenen Hütte verhungern, als mich in die Union verſetzen laſſen,“ ſagte Ben,„wenn es nicht wegen der Kinder wäre, denn ich könnt' es nicht ertragen, ſie um Brod ſchreien zu hören. Ich weiß jedoch nichts davon, Jakob, daß ſie unſere Arbeit herabbringen wollen, obwohl ſie ſchon einen tüchtigen Anlauf dazu ge⸗ nommen haben. Solche Geſetze wie dieſe machen aber, daß der arme Mann wünſchen muß, auch eine Hand dabei im Spiele zu haben, denn er findet doch keines, das Andere zu ſeinem Beſten erdacht hätten. Ich glaube wohl, daß einige von den Herren dies gerne thäten; aber ſie wiſſen nicht— wie, und das Ende vom Lied iſt, daß ſie das Lamm den Klauen des Wolfs überantworten, und dem Wolfe an⸗ empfehlen, es wohl zu beaufſichtigen— das nennen ſie dann politiſche Oekonomie. Derſelbe Fall iſt's an d Faktoreiorten; der Meiſter kann thun was er mag, und der 13 Arbeiter hat keinen Halt an ihn. Arbeitet er auch ſo hart er nur kann, ſo wird er auf eine oder die andere Weiſe um die Hälfte ſeines Erwerbs betrogen; murrt er, ſo weist man ihm die Thüre, und er darf hungern; geht er in's Armenhaus, ſo iſt er ſchlimmer daran als ein Galeeren⸗ ſklave, wie ſie's nennen, und will er in einer neuen Faktorei Arbeit ſuchen, ſo kriegt er keine, wenn er wegen Unzufrie⸗ denheit aus der früheren fortgeſchickt worden, denn die Meiſter dürfen wohl gegen den Arbeiter komplottiren, wie das Volk ſagt, aber dieſe nicht gegen jene.— Das hörte ich Alles von dem armen Will Simpſon, als er zurückkam, nachdem er ſich die Schwindſucht an den Hals gearbeitet hatte, um unter ſeinen eigenen Leuten zu ſterben.“ „Es iſt ſehr hart!“ meinte Jakob;„dieſe Parlaments⸗ herren bedenken nicht, welche Gewalt das Geld einem Menſchen verleiht, und erwägen eben ſo wenig, mit welcher Gier die Leute von großem Einkommen noch mehr zu er⸗ werben trachten, wenn ſie auch ihren Arbeitern das Blut dabei abzapfen. Wollten ſie auch nur dieſe beiden Punkte bedenken, dann würden ſie den Arbeiter nicht gänzlich der Gnade ſeines Brodherrn preisgeben, oder wenigſtens dieſen und ſeine Freunde und Bekannte dazu vermögen, daß ſie die zum Beſten der Arbeiter beſtimmten Geſetze auch wirklich beachten.— Wir nehmen dieſe Dinge ruhig hin, Ben, weil unſer Herr unter Hunderten eine Ausnahme macht; aber ich kann Dir ſagen, daß alle Pächter in der Umgegend den Lohn bereits herabſetzten, und ich hörte den 14 alten Stumps darüber brummen, daß Mr. Graham es nicht gleichfalls thue.“ „Das thut er nicht, wenn das Korn nicht bedeutend abſchlägt,“ erwiederte der Andere;„er weiß, was eines Mannes Arbeit werth iſt, und denkt nicht daran, wie wohl⸗ feil er ſeine Leute haben kann, ſondern eher, wie viel er ihnen ausſetzen darf.— Uebrigens glaube ich, Jakob, wir durfen ein Bischen raſcher ausziehen, ſonſt werden wir noch naß.“ „„SDas letzte Blinzeln des Lichts geht ſchnell zur Neige,“ bekräftigte ſein Begleiter,„und der Wind kommt ſeufzend über das Moor, wie ein Heulochs von einem Buben— lauter Anzeichen von Regen, und auch ein Sturm wird nicht fehlen; ſiehſt Du nicht, wie der Nebel rings um uns aufwirbelt?“ Iudem ſie ſo ſprachen, beſchleunigten ſie ihre Schritte, und verfolgten wohl eine Meile lang die Straße, die über das Moor führte. Unterdeſſen hatte ſich der letzte helle Raum am Horizonte mit ſchwarzen Wolken bedeckt; die Wölbung der dunſtigen Himmelsdecke war zwar noch mit einer ſchwachen Purpurſchattirung gefaͤrbt, ſonſt aber ſah Alles düſter und traurig und das Zwielicht ſchwand eilends dahin.*& Endlich erreichten fie am Rande des Moores einen Strich Waldland, der in der That vor etwa fünfzig Jah⸗ ren dem Sumpfe abgerungen worden war; hier hͤrte man den Wind mit jedem Augenblick heftiger durchbrauſen, während einzelne ſchwere Regentropfen auf die gelben ver⸗ — * 15 trockneten Blätter, die auf dem Boden zerſtreut lagen, platſchend niederfielen. „Horch!“ rief der Mann Namens Ben, während ſie dem Pfade in den Wald folgten—„da unten hoͤre ich Je⸗ mand ſchreien.“ „'s iſt Tommy Hicks, der Teufelsbraten,“ meinte der Andere;„ich kenne ſein Schreien recht gut. Der Kerl iſt ſchlimmer als eine Hexenbrut, und ich werde ihm ganz gewiß noch einmal die Beine abſchlagen.“ „Unſinn, Jakob, Unfinn!“ verſetzte ſein Freund;„er iſt ja nur ein Simpel, Mann, und Du wirſt doch einem Ding, das keinen Verſtand hat, nichts zu Leid thun wollen.“ „Zum Unheilſtiften hat er Verſtand genug, und er verliert auch keine Zeit, wenns etwas der Art gibt,“ be⸗ hauptete Jakob.„Es würde ihm ganz gut thun, wenn man ihn tüchtig durchwalkte; hat er nicht neulich Mrs. Gibbs' Buben beinahe erdroſſelt, weil er nicht leiden wollte, daß er ſeiner Mutter Rüben wegnahm?“ „Er iſt ein arger Spitzbube,“ antwortete Ben,„und ich laſſe ihn nie unſerem Orte nahe kommen, aus Furcht, er moͤchte einem der Kinder etwas anhaben; aber ſchla⸗ gen mag ich ihn drum doch nicht.— Was er hier nur wie⸗ der zu ſchreien und zu krächzen haben mag!“ „Ho, er ſieht uns wahrſcheinlich daherkommen, und mochte uns gerne in Sumpf oder Moor verlocken,“ meinte der Andere;„aber wahrhaftig, der Regen kommt raſch herbei, und wir mögen's anfangen wie wir wollen— ſehr trocken werden wir nicht nach Haus kommen.“ In der Meinung, ſein Gefährte dürfte wohl Recht haben und der Schrei von einem im Lande wohl bekannten Simpel herrühren, ſetzte Ben den Weg durch den Wald ruhig fort, indem er blos noch bemerkte: „Ich wundere mich nur, daß ſie den Tommy Hicks nicht in einem ihrer Unionehaͤuſer oder einem ähnlichen Orte einſperren, denn ich kenne gar Manchen, der viel ver⸗ nünftiger iſt wie er, und auf Lebenszeit in einem Tollhauſe untergebracht wird.“ 3 Der Waldgürtel war bald durchſchritten, dann kam wieder eine Viertelmeile Moorboden, und endlich etliche Flecke angebauten Grundes, auf denen acht bis neun Hüt⸗ ten von weit beſſerem Ausſehen zerſtreut lagen, als man ſie in dieſem Theile des Landes zu treffen gewohnt iſt. Sie waren ſämmtlich Eigenthum eines einzigen Gutsbeſitzers, eines braven menſchenfreundlichen Mannes, der die Repa⸗ ration auf ſeine Kaſſe nahm und dafür ſorgte, daß ſie immer zur Zeit und genügend ausgeführt wurde; da waren keine zerriſſenen Strohdächer, keine durchlöcherten Mauern, keine angelloſen Thüren zu ſehen; jeder von Mr. Grah m's Tagluhnern beſaß vielmehr eine He math, welche recht be⸗ quem und nicht ganz ohne Geſchmack hergerichtet war— nicht beſſer wie jeder fleißige Mann im ganzen Lande ſie haben ſollte, aber gewiß w it wohnlicher als die elenden Schuppen, in denen wir die engliſchen Bauern ſo oft an⸗ treffen. Sie waren nicht dicht auf einander gepfercht, ſon⸗ dern jedes Haus hatte ſein Gärtchen, nebſt einem Stück Kartoffelland, und war noch überdies in den meiſten Faͤllen — 17 durch ein oder zwei Striche, mit Hecken umſchloſſen, von dem Nachbar getrennt— eine Eintheilung, wie ſie in dieſem Theile des Landes ziemlich ſelten iſt; alle aber waren durch wohlgehaltene graue Sandpfade und eine Hauptſtraße mit einander verbunden, die zwar nur aus Privatmitteln be⸗ ſtritten ſchien, aber allenthalben mit Wegzeiger verziert war, die den Wanderer nach Allerdale⸗Houſe wieſen. Da wo dieſer Pfad die Landſtraße von der Stadt her durchkreuzte, trennten ſich die beiden Taglöhner, der eine rechts, der andere links, jeder nach ſeiner eigenen Hütte ſich wendend. Die Nacht war mittlerweile pechſchwarz herangebrochen, der Regen fiel in einzelnen ſchweren Tropfen, die der Wind mit großer Heftigkeit dahertrieb— es war eine Nacht, wo Jedem draußen der Anblick ſeiner eigenen Hausthure ſehr angenehm ſeyn muß, und ſo war er es auch unſerem Bekannten Ben Halliday, als er mit der Gewiß⸗ heit, im Lächeln eines glücklichen Hausweſens Troſt und Belohnung für die ſchwere Tagesarbeit zu finden, die Hand auf die Thürſchnalle legte. Ehe wir ihn verlaſſen, müſſen wir noch einen Blick in ſeine Wohnung werfen, da wir ſpaͤter— nach wenig kurzen Monden— darauf zurückzukommen haben. Gleich beim Oeffnen der Thüͤre zeigte ſich ſeinen Blicken ein munteres Feuer, das auf dem großen wohlgenährten Kaminroſte brannte— die Kohlen waren nämlich in dieſer Gegend ſehr wohlfeil, und die unteren Klaſſen brauchten eigentlich nur zuzugreifen. Ueber der Flamme hing ein anſehnlicher Topf, worin die Fleiſchbrühe für die Abend⸗ mahlzeit brodelte, und Ben's Weib, eine Bäurin von vier⸗ bis fünfunddreißig Jahren, welche einſt ein ausnehmend hübſches Mäͤdchen geweſen war und noch zahlreiche Spuren früherer Schönheit aufzuweiſen hatte, tauchte zuweilen in den ſchwarzen Keſſel, um zu ſehen, ob auch Alles in Ord⸗ nung ſey. Ben und ſein Weib hatten frühzeitig geheirathet, und unter vielen Kindern waren ihnen drei übrig geblieben: ein derber, wohlgewachſener Junge von etlichen fünfzehn, als zunger Ben in der Geſchichte bekannt; ein zweiter Bube von etwa acht Jahren, gewöhnlich nur der kleine Charley geheißen, ein rofiger, blondgelockter, munterer Knirps voller Bosheit und Unarten, und ein faſt dreizehnjähriges Mädchen, das der Mutier ſehr ähnlich ſah, und in dem Augenblicke, da der Vater eintrat, blauwollene Strümpfe für dieſen ſtrickte, während der ältere Bruder ſich Sohlen zu Holzſchuhen ausſchnitt, und der Knirps die Hauskatze quälte, bis dieſe die Defenſive ergriff und ihre Klauen zeigte. Rings an den Waͤnden liefen Bretter mit verſchiedenem irdenem Geſchirr, beſonders mit ſauberen weißen Platten und Tellern und allerlei hölzernen Schalen und Löffeln wohl verſehen. Alle ſtanden auf oder wendeten ſich nach dem Fa⸗ milienvater, um dieſen in der Heimath willkommen zu heißen; das Mädchen legte ihr Strickzeug, der Sohn ſeine Arbeit nieder, und der kleine Nichtsnutz zog ihm den Kittel aus, indem er verwundert ausrief: „Du biſt aber naß, Aeddi.“ Wir dürfen jedoch nicht länger bei des Taglöhners 19 Heimkehr verwelen, denn wir haben noch weiteren Stoff zur Hand, zu dem wir uns nunmehr wenden müſſen. Zweites Kapitel. Der Simpel und der Touriſt. „Halloh! hollah! halloh!“ rief eine Stimme etwa eine halbe Meile im Moore unten, als eben die beiden Ar⸗ beiter das kleine Gehölz betraten.„Hierher, hierher! Ihr geht irr, geradaus, geradaus!— Halloh! hoi! halloh!“ Dieſe Worte waren nicht an die beiden Wanderer auf der Straße gerichtet, obwohl Ton und Stimme laut genug waren, um ſich über das halbe Moor vernehmbar zu machen. Die Geſtalt, von welcher der Ruf ausging, gehörte zu denen, die das Auge nicht unbeachtet an ſich vorüber ziehen läßt: es war die eines Menſchen von achi⸗ bis neunund⸗ zwanzig Jahren, der zwar Zeit genug zum Wachſen gehabt hatte, wenn er anders hiezu geneigt geweſen wäre, aber gleichwohl kaum eine Höhe von fünf Fuß ein Zoll erreicht hatte, und ſich wie ein Knabe ausgenommen haben würde, wenn nicht ſein frühzeitig ergrauter Kopf und die breit⸗ ſchultrige Figur bewieſen hätte, daß wenigſtens das Alter der Mannbarkeit hinter ihm lag. Es ſchien in der That, als ob die Natur, nachdem ſie ihn ſo weſentlich in der Höhe verkürzt, den Schaden wie ein ſchlechter Baumeiſter dadurch auszugleichen geſucht hatte, daß ſie den Bau zu beiden Seiten zu einer enormen Breite ſich ausdehnen ließ. Auch ſeine Gliedmaßen waren alle kräftig, nur elwas kurz, und das Geſicht war breit wie die ganze Perſon, mit gemeinen bösartigen Zügen, meiſt leer und ohne Ausdruck, oder wenn auch ein Strahl von Verſtand darin aufleuchtete, nur ſchlimme Triebe und Neigungen verrathend. Die kleinen grauen, ſcharfen Augen waren der Art, daß ſie durch ihren unſichern Blick den düſtern Eindruck nur noch vermehrten; eines derſelben mußte wohl greulich ſchielen, nur war es ſchwer zu entdecken, welches es ſeyn mochte, denn bald war es das rechte, bald das linke, das der dicken Stülpnaſe am nächſten kam. Gekleidet war er in beſcheidenes Grau— um mich des alten Sprachgebrauches zu bedienen— mit ſtar⸗ ken, aber leichten Schnürſtiefeln an den Füßen, welch letz⸗ tere im Verhältniß zu ſeinem Körper ſehr klein waren, und auf die er ſich wunderbar eitel zeigte. Auf ſeinem Kopfe ſaß eine geſtrickte Mütze, wie ſie die Knaben der Blaurock⸗ ſchule zu tragen pflegen, und vorn auf der Mütze ſteckte zu allen Jahreszeiten ein Zweig Heidekraut, friſch wenn es in Blüthe, verwelkt wenn ihre Periode vorüber war. So präͤſentirte ſich Tommy Hicks, der Simpel von Braunſchweig, wie er gewöhnlich, und zwar nicht mit Un⸗ recht genannt wurde, inſofern es ihm am Verſtande ge⸗ brach, um ihn richtig durchs Leben zu leiten. Dabei bleibt es aber immer merkwürdig, wie die Natur den Unterſchied zwiſchen Liſt und Verſtand bei ſolchen ungluͤcklichen Weſen ſo genau zu treffen weiß, denn auch von den geſcheiteſten Männern von Braunſchweig konnten es nur wenige mit 21 Tommy Hicks an Liſt aufnehmen, und es geſchah nicht ſelten, daß er, wenn er wegen eines ſeiner Streiche vor den Magiſtrat gefordert wurde, die ganze Gerichtsbank durch ſeine ſonderbaren aber verſchmitzten Antworten in Verlegenheit ſetzte. Seine Mutter hatte ihm bei ihrem Tode ein kleines Vermögen zu ſeinem Unterhalte hinter⸗ laſſen, ſo daß der Simpel in der Hütte eines alten Ehe⸗ paars, tief hinten im Moore gelegen, fortwährend Klei⸗ dung und Koſt hätte haben können; aber er blieb oft Tage, Wochen, ja ganze Monate aus, und hatte im Laufe ſeiner Wanderungen verſchiedene Arbeitshäuſer und zwei Gefäng⸗ niſſe bewohnt, denn Tommy Hicks war kein harmloſer Un⸗ glücklicher und verdiente keineswegs den Namen, den man Perſonen ſeiner Art ſo oft bewilligt. Der Mann, dem ſein Rufen galt, hatte bald Gele⸗ genheit, ſich hievon zu überzeugen, denn während er un⸗ vorſichtig der erhaltenen Weiſung folgte, ſank er bis an die Kniee in ein Stück Marſchboden, und beim nächſten Schritte hätte ihm der Moraſt bis über den Kopf gereicht, während Tommy Hicks mit den Händen in den Taſchen dem Auftritte zuſah und ſich höchlich daran ergötzte, ohne jedoch ſeine Freude durch ein ſonſtiges Zeichen als höchſtens durch ein Grinſen auszudrücken, wobei er ſeinen weiten Mund von einem Ohre bis zum andern verzog, und ſeine weißen, aber unregelmäßigen Zähne zum Vorſchein brachte. Der Fremde war ein hochgewachſener Mann, ſtark und flink zugleich, und ſobald er merkte, welcher Streich ihm geſpielt worden, trat er einige Schritte zurück, ging 22 raſch um den Rand des Moraſts bis zu der Stelle, wo der Simpel noch immer ſtand, und packte dieſen beim Kragen, indem er ihn unverzüglich für ſeine Bosheit abzuſtrafen drohte. Einen Angenblick lang wehrte ſich Tommy Hicks mit merkwürdiger Kraft gegen die Umklammerung des Fremden, fand aber bald, daß ſein Gegner noch ſtärker wie er ſelber war, und ſagte deßhalb in mürriſchem Tone, ſeine Anſtrengungen einſtellend: „s iſt Euer eigener Fehler, Meiſter; ich ſagte Euch ja, Ihr ſolltet gradaus gehen, und dennoch ſeyd Ihr ſchief gegangen.“ „So, Du kannſt auch noch lügen, Du Schlingel?“ rief der Andere;„vorwärts, Burſche, zeig mir den Weg, wie Du mir verſprochen, ſonſt prügle ich Dich kurz und klein.“ „Ihr werdet mich zum zweitenmal nicht ſo leicht fan⸗ gen,“ meinte Tommy Hicks. „O ich will Dich ſchon kriegen,“ verſetzte der Fremde, „und wenn ich Dich auch erſt ſpäter ausfinden müßte.— Wie iſt Dein Name, Menſch?“ „Irrwiſch,“ gab Tommy Hicks raſch beſonnen zur Antwort, und der Unbekannte verſetzte ihm lachend einen Puff, indem er bemerkte: „Nun gut, geh zu, geh zu; es fängt an zu regnen, und wenn wir das Haus erreichen, ſo ſollſt Du den ver⸗ ſprochenen Schilling haben.“ Tommy Hicks murmelte einige Worte vor ſich hin, von denen nur das einzige Schilling zu unterſcheiden war, 23 und ging, ſobald ſein Begleiter ihn losgelaſſen hatte, mit mächtigen Schritten weiter, indem er ſich in wilden Aus⸗ brüchen mit dem tobenden Winde und dem flrömenden Re⸗ gen unterhielt, und den kleinen Streit, der eben ſtattgefun⸗ den hatte, gänzlich zu vergeſſen ſchien. Das war jedoch nicht der Fall; Tommy Hicks vergaß ſo was nicht, und wenn auch ſeine Gedanken regellos um⸗ herſchweiſten, ſo war er doch in ſeinen Abſichten meiſt ſehr konſequent. Statt ſeine Richtung gerade nach der oben erwähnten Straße zu nehmen, ſchuſſelte er immer tiefer in den Wald, und ſobald er nach etwa fünfzig Schritten einen Punkt erreicht hatte, wo der Boden unregelmäßig und zer⸗ riſſen und die Pfade ſogar bei hellem Tage nur ſchwer zu unterſcheiden waren, ſprang er mit lautem Gelächter in das Gebüſch, und war im nächſten Moment dem Blicke des nachfolgenden Wanderers entſchwunden. „Das iſt ein ſchöner Spaß!“ murmelte der Fremde, ſtehen bleibend und eine Weile ſich umſehend.„Jedenfalls iſt's nicht zu ändern, und ich habe ſchon ſchlimmere Nächte als dieſe erlebt, auch wenn es noch ſo arg regnet und ich kein anderes Bett als das Moor finde. Ich will den Saum des Waldes verfolgen, denn ich ſah noch nie ein Gehölz, durch das nicht eine Straße geführt hätte. Mit dieſem weiſen Vorſatze drehte er ſein Geſicht dem Winde entgegen, und machte ſich gefaßt, dem Sturme herzhaft Trotz zu bieten. Es bedurfte nicht geringer Vor⸗ ſicht, um ſeinen Weg ohne Stolpern zu finden, denn der Boden war rauh und uneben, mit Büſcheln von Haidekraut 24. und Ginſter bedeckt, und wo nur ein zerriſſener Rain dem Brombeerſtrauche das Fortkommen erlaubte, da war dieſer gewiß mit ſeinen langen Armen und ſcharfen Klauen, um den Wanderer am Beine zu faſſen und ihn zu kratzen, wenn er ihn nicht ganz zurückzuhalten vermochte. Ueberdies war unſer Touriſt tüchtig beladen, denn auf ſeinen Schultern hing ein geräumiger, anſcheinend wohlgefüllter Ranzen; aber gleichwohl arbeitete er ſich wacker durch, und erreichte endlich die Straße, auf der wir zehn Minuten früher die beiden Taglöhner getroffen haben.. Ohne das Land näͤher zu kennen, auch nicht weil er ſich auf die frühere Weiſung des Simpels verließ, ſondern vermöge einer eigenen Orientirungsgabe dachte er ſich ſo⸗ gleich, daß ſein Weg nicht rechts liegen könne, und wen⸗ dete ſich deßhalb zur Linken, einen ſchmalen Pfad verfol⸗ gend, bis er zu ſeiner Freude und Beruhigung über die Heckenreihen ein Licht gleich einem hellen Auge herüber⸗ ſchimmern ſah. Als er ſich nach einem Fußweg nach jenem Schimmer umſchaute, bemerkte er zu beiden Seiten noch mehrere Lichter; allein er blieb ſeiner erſten Liebe getreu, ſo daß er nach weiteren fünf Minuten an Ben Hallidays Thüre anklopfte. Das laute Herein wurde im breiten cumberländiſchen Accente ausgeſprochen, und als der Reiſende in die Hütte trat, ſah er den Taglöhner und ſeine Familie um eine reichliche Schüſſel ſehr guter Kartoffelſuppe mit verſchie⸗ denen Stücken Fleiſch verſammelt— einem Gerichte, das durch eine beigelegte Zwiebel einen Wohlgeruch von ſich 3 25 gab, welcher der Naſe eines Hungrigen nichts weniger als un⸗ lieblich vorkommen mochte. Alles in der Stube ſchien hei⸗ ter, zufrieden und glücklich; die hübſchen verſtändigen Ge⸗ ſichter des Taglöhners und ſeines Weibes, das ſaubere, anſtändige Ausſehen und das ordentliche Benehmen der Kinder— dies Alles konnte ihren Gaſt überzeugen, daß er in beſſere Hände gerathen war, als damals, da er ſich der Führung eines Simpels anvertraut hatte; er zögerte eine Weile, ehe er zu ſprechen begann, und betrachtete ſich die Scene, wäͤhrend die verſammelte Familie ihn gleichfalls anſtarrte. „Ich bitte um Verzeihung,“ redete der Fremde endlich den Taglöhner an, der mittlerweile aufgeſtanden war;„ich habe meinen Weg auf dem Moore verloren, und bin für meine Mühe tüchtig naß geworden.“ „Herr Gott! ſo waren Sie es„den ich rufen hörte!“ fiel ihm Ben in die Rede.„Es thut mir leid, Sir, daß ich nicht zu Ihnen hinabkam; aber ſehen Sie, mein Vetter Jakob behauptete, es ſey der thörichte Junge Tommy Hicks, und ich mag den Jakob und Tommy nie zuſammen bringen, denn mein Better kann den Burſchen nicht riechen, und ſchwört, daß er ihm noch die Beine abſchlagen wolle.“ „Es war allerdings der Narr, den Ihr hörtet,“ gab der Gaſt zur Antwort;„ich war nämlich am Anfange des Moores durch einen Unfall aufgehalten worden, und als ich auf einen Burſchen mit grauem Kamiſole ſtieß, fragte ich ihn, ob er mir den Weg durchs Moor zeigen könne, was er auch übernahm und mich hernach in den Sumpf führte,“ James. Margarethe Graham. 3 26 Ben Halliday lachte. „'s iſt doch ein nichtsnutziger Teufel, voller Bosheit, trotz einer Katze!“ ſagte er.„Entſchuldigen Sie mein Lachen, Sir; aber hier herum würde ſich Niemand Tommy Hick's Führung anvertraut haben. Setzen Sie ſich an's Feuer, Sir, und trocknen Sie Ihre Kleider. Hier iſt auch etwas warme Fleiſchbrühe— freilich kein feines Eſſen, aber es wird Sie doch erwärmen.“ Der Fremde nahm willig und offen die angebotene Gaſtfreundſchaft an, ſetzte ſich am Herde nieder, legte ſei⸗ nen Ranzen ab, und empfing einen Napf voll Suppe nebſt einem Stücke Brod, worauf er ſich bald ganz heimiſch in der Hütte fühlte. Er plauderte und lachte mit Ben und deſſen Weibe, ſpielte mit Charley, ſtreichelte ſogar die Katze, als ſie ſchnurrend um ſeine Beine herumſtrich, und ſein freies unbefangenes Weſen diente ihm neben ſeiner höchſt einnehmenden Erſcheinung zu großer Empfehlung bei ſeinen ehrenwerthen Wirthen. Er war ein Mann von etwa ſechsundzwanzig Jahren, und wie geſagt ungewöhnlich kräftig, dabei aber leicht ge⸗ baut, eine jener dünnen, ſchmalen, breitſchulterigen Ge⸗ ſtalten, welche mehr vom Apollo als vom Herkules an ſich haben. Seine Züge waren ſchön und fein, mit tief⸗ blauen Augen und langen ſchwarzen Wimpern und Brauen, nebſt dunkelbraunem Haar und Backenbart. Seine Ge⸗ ſichtsfarbe war feiſch und von geſunder Röthe, nicht etwa mit einem roſigen Fleck auf jeder Wange, wie die Köpfe auf Wirthshausſchilden; vielmehr ſchien das ganze Geſicht 27 als Zeichen der Geſundheit und Abhärtung in eine tiefe Gluth getaucht zu ſeyn. Seine Hände waren übrigens zart und fein, und nur ſeine Kleidung ſetzte die Bauersleute an⸗ fänglich etwas in Verlegenheit, denn ſte war der Art, daß er eben ſo gut mehreren Ständen angehören konnte. Mit Ausnahme der Schuhe und der Kopfbedeckung beſtand ſein ganzes Koſtüm durchaus aus einem Stoffe— einem weiß und ſchwarz geſprengelten Wollenzeug, der damals von den Gentlemen noch nicht ſo häufig wie jetzt getragen wurde; auf ſeinem Kopfe ſaß eine einfache ſchottiſche Mütze, die einem Viehzüchter oder Pächter aus den Cheviotgebirgen vielleicht beſſer als ihm angeſtanden haͤtte, wodurch zwiſchen Perſon und Kleidung ein gewiſſes Mißverhältniß, eine Art Disharmonie hervortrat, welche, wie geſagt, Ben Halli⸗ day's Familie etwas unſicher machte. Ihre Zweifel wurden jedoch bald gehoben, denn nach einer Viertelſtunde war die Stellung ihres Gaſtes nicht mehr zu verkennen. Der ſüdliche Dialekt, die klare, deut⸗ liche und raſche Ausſprache, die Grazie und Leichtigkeit in jeder Bewegung, die unbewußte Würde ſeiner Haltung, ſogar wenn er mit den Kleinen ſpielte, überzeugten ſeine Wirthe eben ſo lebhaft von ſeiner höheren Abſtammung, wie wenn er ein langes Verzeichniß ſeiner ehrenwerthen Ahnen preisgegeben hätte. Während dieſer Viertelſtunde hatte der Gaſt keine Silbe von ſich ſelbſt erzählt, weder wohin er gehe, noch woher er komme, oder was er ſuche, und mit einem Zartgefühle, wie es in den Hütten der Berg⸗ bewohner keineswegs ſelten iſt, hätte ihn auch der gute 3 8 28 Taglöhner nicht um die ganze Welt darüber ausfragen mögen, ſo lange er ſeinen Gaſt mit ſeinem heimiſchen Mahle und dem Sitze am Herde zufrieden ſah. Und er ſchien wirklich befriedigt, und zwar ſo ſehr, daß er die volle Gunſt ſeiner Wirthe gewann, denn in der heiteren ungezwungenen Annahme deſſen, was ein Armer zu unſerer Unterhaltung beizutragen vermag, liegt für dieſen das freundlichſte Kompliment, das alle Herablaſſung der Welt aufwiegt. Zuletzt erhob ſich jedoch der junge Gentleman mit einem Seufzer, wie wenn er wirklich nur mit Bedauern ſchiede, indem er bemerkte: „Ich muß meinen Weg wieder antreten, ihr lieben Freunde, aber nicht ohne euch vielen Dank für eure Gaſt⸗ freundſchaft zu ſagen. Es hat wohl unterdeſſen tüchtig geregnet, und da ich ſo ſpät in der Nacht nicht mehr dahin gehen kann, wo ich für heute verweilen wollte, ſo werde ich euch ſehr dankbar ſeyn, wenn ihr mich in ein Gaſthaus weiſen könnt, wo ein gutes reinliches Beit zu haben wäre.“ Der Grund, warum ſich ein Bauer in der Verlegen⸗ heit hinter den Ohren kratzt, hat ſchon oft mein beſonderes Intereſſe erregt, ohne daß ich im Stande geweſen wäre, das Räthſel zu löſen. Geſchieht es wohl, weil er mit einem natürlichen Inſtinkte das Organ des Denkens dadurch an⸗ zuſtacheln ſucht, oder weil die ungewöhnliche Anſtrengung ſeines Gehirns auf der äußeren Hülle deſſelben ein Jucken hervorruft, oder weil der Menſch eine unwiderſtehliche Nei⸗ gung an ſich hat, wenn der Geiſt beſchäftigt iſt, auch ſeine Hände zu regen, und dann in dieſer Stimmung zunächſt nach 29 dem Kopfe greift— ich kann es nicht entſcheiden, und weiß nur ſo viel, daß Ben Halliday in Verlegenheit war, und ſich mit vieler Rührigkeit und Entſchloſſenheit etwas über dem linken Ohre zu kratzen anfing. „Ja ſehen Sie, Sir,“ ſagte er enblich,„hätten Sie mich nach allem Andern in der Welt gefragt, ſo hätt' ich Ihnen beſſer als gerade über ein Gaſthaus Auskunft geben können, denn ich glaube, Sie werden außer Braunſchweig keinen Ort in der Nähe finden, wo Sie gerne über Nacht bleiben möchten.“. „Ci guter Freund, da komm' ich ja eben her,“ erwie⸗ derte ſein Gaſt,„und möchte jetzt bei Nacht nicht gerne wieder über das Moor zurückgehen.“ Ben Halliday hätte ihm ungemein gern Gaſtfreund⸗ ſchaft bewieſen, und ebenſo ſein Weib— Beide ſchauten ſich eine Weile an, als ob ſie ſich fragten, was zu thun ſey. Allein es gibt Dinge in der Welt, welche unmöglich find, ſo ſehr ich auch eine Zeit lang dies zu läugnen geneigt war; ſo läßt ſich nun einmal in eines Taglöhners Hütte kein Ding wie ein übriges Zimmer erwarten, und Ben Halliday hatte demnach keine ſolche Bequemlichkeit zu bieten. Saͤmmt⸗ liche Betten waren beſetzt, und darum war nicht daran zu denken, den Fremden im Hauſe zu logiren. Während er ſich übrigens die Sache überlegte, flog plötzlich die Thüre auf, und ſein Vetter Jakob trat ein, das Geſpräch und Bens Nachdenken mit einemmale unterbrechend. „Habt ihr etwas von meinem Bill* geſehen?“ fragte * Abkürzung für„Williame. D. Ueberſ. 30 der Mann, indem er ſich mit haſtigem Blicke in der Hütte umſchaute.„Er iſt noch nicht heimgekommen, Ben, und war draußen auf dem Moor.“ Jakob Halliday's Augen hatten nur eine kurze Weile auf dem Fremden geruht; als aber Ben und ſein Sohn er⸗ wiederten, daß ſie nichts von dem Jungen wahrgenommen häͤtten, miſchte ſich der Gentleman in das Geſpräch, indem er in ernſtem Tone fragte: „Wie ſieht er aus, mein guter Freund?“ „Nun, Sir,'s iſt ein Knabe von etwa zwoͤlf Jahren, in einer kurzen Jacke und leinenen Höschen,“ erwiederte Jakob Halliday. „Hat er ſchwarzes Lockenhaar?“ erkundigte ſich der Fremde. „Ja, Sir; haben Sie ihn geſehen?“ fragte Jakob haſtig. „Ich glaube— ja,“ gab der junge Gentleman zur Antwort;„er war unten im Moor, als ich von Braun⸗ ſchweig herüberkam.— Ihr braucht Euch nicht zu beun⸗ ruhigen, mein guter Mann, denn es geht ihm ganz gut, und hat gar keine Gefahr; aber ein kleiner Unfall iſt ihm begegnet, wenn er der Knabe iſt, den ich meine.“ Jakob Halliday, ein Mann von warmem, reizbarem Temperament und raſcher Einbildungskraft, ſank auf einen hölzernen Stuhl neben dem Tiſche nieder, und ſtützte die Hände aufs Knie, während er dem Fremden ins Geſicht ſchaute. „Ich verfichere Euch, er befindet ſich ganz wohl,“ — 341 erklärte der Fremde, der mit der Angſt des Vaters ſympa⸗ thifrte;„ich ließ ihn ſogleich durch einen Arzt verbinden, der mir betheuerte, daß nicht die geringſte Gefahr vorhan⸗ den ſey— das war es eben, was mich ſo lange aufhielt,“ fuhr er an Ben Halliday gewendet fort;„die Leute, in deren Hütte ich ihn trug, verſprachen mir, Jemand her⸗ über zu ſchicken, um es ſeinen Vater wiſſen zu laſſen.“ „Wollen Sie die Güte haben, mir die ganze Ge⸗ ſchichte zu erzählen, Sir?“ bat Jakob mit ſo viel Gelaſſen⸗ heit, als er nur immer aufbieten konnte.. „Gewiß,“ erwiederte der junge Gentleman.„Ich bin eben auf einer Fußtour durch dieſen Theil von Cumberland begriffen, und brach etwa um drei Uhr von Braunſchweig auf, um einen Gentleman auf der andern Seite des Moores zu beſuchen; aber eben als ich aus dem Dorfe kam— ſein Name iſt mir entfallen—“ „Aha, Allenchurch meinen Sie,“ ergänzte Ben Halliday. „Und etwa eine halbe Meile übers Moor gegangen war, ſah ich da wo der Pfad über einen kleinen Bach führt, einen hübſchen Knaben auf dem Rücken am Ufer liegen.“ „Ach mein armer Junge!“ jammerte Jakob. „Da er Schmerz zu leiden ſchien,“ fuhr der junge Gentleman fort,„ſo blieb ich ſtehen, um ihn zu fragen, was ihm fehle, und da erzählte er mir, daß ein Theil der höl⸗ zernen Brücke, eben als er darüber wollte, unter ihm ein⸗ gebrochen und er vorwärts gefallen ſey, wobei er ſein Bein an dem abgebrochenen Stück verſtaucht habe. Er war bis an's Ufer zurückgekrochen, ſagte er, konnte aber nicht ſtehen, und nachdem ich ſein Bein unterſucht, hielt ich für beſſer, ihn auf meine Arme zu nehmen und in eine Hütte zu tragen, die ich nicht weit davon geſehen hatte. Ich traf dort ein altes Chepaar, Namens Grimly, das ihn freund⸗ lich aufnahm und zu Bett legte. Ich ſchickte den alten Mann nach Braunſchweig um einen Arzt, und wartete, bis dieſer zurückkam und das Bein einrichtete. Er verſicherte mich, daß keine Gefahr vorhanden ſey, und daß der Patient bald wieder geneſen werde, worauf ich, nachdem ich mir noch von den Leuten hatte verſprechen laſſen, daß ſie es Euch wiſſen laſſen wollten, meines Weges weiter ging, da die Sonne mittlerweile bereits am Untergehen war.“ „Und ſo hat der arme Junge das Bein gebrochen,“ heulte Jakob Halliday auffahrend.„Ich will eine Krone wetten, daß der Teuſelskerl, der Tommy Hicks, dahinter⸗ ſteckt und die Brücke abgebrochen, oder was Aehnliches an⸗ geſtellt hat. Dafür will ich ihm aber auch die Beine ab⸗ ſchlagen— wahrhaftig, das will ich.“ 3 „Unfinn, Jakob, Unſinn,“ rief Ben, als ſich der Andere nach der Thüre wandte;„thu doch dem armen Kerl nichts zu Leid, ohne zu wiſſen wofür. Geh lieber und ſieh nach Deinem Knaben, wie's ihm geht; wenn Du aber Tommy dort triffſt, ſo fange keine Händel mit ihm an, bis Du auch wirklich Grund dazu haſt.“ „Und ich will es Margarethen ſagen und bei ihr blei⸗ ben, bis Ihr zurückkommt,“ erbot ſich Ben's Frau. „Dank Euch, Dank Euch, Bella,“ rief Jakob;„ſagt 33 ihr lieber, ich werde wahrſcheinlich unten bleiben, denn ich mag Bill nicht allein in jener Teufelshöhle laſſen, und will ihn morgen herüberbringen, wenn ich einen leichten Karren finden kann.“ „O, Mr. Graham wird Dir gewiß ſeinen Wagen mit Federn leihen,“ erwiederte Ben Halliday.„Ich will mor⸗ gen früh zu ihm gehen und ihn darum bitten.“ „Ja, thue das, Ben,“ antwortete ſein Vetter,„und laß michs dann durch Deinen Buben wiſſen.“ Mit dieſen Worten verließ er die Stube, und ſchloß die Thüre, ohne dem Fremden ein Wort des Dankes zu ſa⸗ gen, bis ihn plötzlich ſein Herz der Undankbarkeit beſchul⸗ digte, und er den Kopf wieder in die Hütte ſtreckte: „Ich vergaß, Ihnen für all' Ihre Güte gegen meinen Jungen zu danken, Sir,“ rief er;„ich kann Sie verſichern, es geſchah nicht. weil ich es nicht fühlte, und ich hoffe, ich werd' es Ihnen noch ein andermal ausdrücken können.“ „Iſt ganz unnöthig,“ gab der junge Gentleman zur Antwort,„ich verlange keinen Dank, guter Freund. Gott ſchütze Euch und ſchenke Eurem Sohne eine baldige Ge⸗ neſung!“„ Sobald die Thüre hinter Jakob Halliday zugefallen war, und während Ben's Weib ihren ſchlechteſten Strohhut nahm und den dickſten Mantel umlegte, um ihren barmher⸗ zigen Gang anzutreten, wendete ſich der junge Gentleman an den Taglöhner mit den Wortene „Ihr erwaͤhntet vorhin Mr. Graham's Namen; ſagt 34 mir doch, iſt das Mr. Anthony Graham, der Bankier aus Braunſchweig?“ „Ja, Sir,“ antwortete Ben;„Jakob und ich ſind ſeine Dienſtleute, und ein beſſerer Herr oder ein freundlicherer Mann iſt nirgends zu finden.“. „Liegt ſein Haus weit von hier?“ fragte der Fremde. „Ich traf zu Braunſchweig einen Brief von ihm, worin er mich auf einige Tage zu ſich einlud, und ich war eben unterwegs zu ihm, als mich der Simpel in alle Sümpfe führte, die er nur auffinden konnte.“ „Es iſt nicht viel über eine halbe Meile von hier,“ verſetzte Ben;„wir ſtehen auf ſeinem Grund und Boden, Sir, und er wird ſich gewiß herzlich freuen, Sie zu ſehen. Mein Gott, hätten Sie mir das früher geſagt, da hätten wir uns gar nicht wegen Gaſthäuſern zu beſinnen gebraucht. Mr. Graham würde mir's nie verzeihen, wenn ich Sie in ein Wirthshaus hätte gehen laſſen, ſelbſt wenn es ein ſolches gäbe, nachdem er Sie in ſein Haus eingeladen hat. Sie treffen dort viele Geſellſchaft, die ſich zum Jagen und dergleichen bei ihm verſammelt hat, und wenn man weiß, daß Sie kommen, Sir, ſo ſollte michs gar nicht wundern, wenn ſie mit dem Eſſen auf Sie warteten„denn dort ſpeist man zu Mittag, wenn wir zu Nacht eſſen.“ „Ich kann mich in dieſem naſſen ſchmutzigen Aufzuge nicht wohl präſentiren,“ bemerkte der Gaſt nachdenklich. Ben betrachtete den Ranzen, der neben dem Feuer auf dem Boden lag, als ob er meinte. daß der wohl ſo viel ent⸗ halten müſſe, um ſeines Gaſtes Anzug zu verbeſſern. Der 3⁵ Fremde errieth jedoch alsbald ſeinen Blick, und erwiederte hierauf: „Nein, das geht nicht; tch habe nichts darin, als einige geologiſche Exemplare und die Wäſche, die ich ſeit Keswick verbrauchte, denn mein Felleiſen hab' ich von Braunſchweig herüber geſchickt. Wenn Ihr erlaubt, will ich noch eine halbe Stunde hier bleiben, bis ich gewiß weiß, daß ſie zu Tiſch gegangen ſind; dann will ich Euern Jungen bitten, mir den Weg zu weiſen.“ „O ich gehe ſelber mit Ihnen, Sir,“ antwortete Ben Halliday, und nachdem ſich ſein Weib entfernt hatte, um Jakobs Ehehälfte über das Unglück, das ihren Sohn be⸗ troffen, zu tröſten, blieb der gute Mann zurück, um ſeinen Gaſt zu unterhalten. Während ſich die drei Kinder ruhig abſeits mit einan⸗ der unterhielten, nahm das Geſpräch zwiſchen dem Taglöh⸗ ner und dem jungen Gentleman eine ernſtere Wendung, als dies früher der Fall geweſen war, indem ſich daſſelbe um den Zuſtand der Bauern in dieſem Theile des Landes, um ihre Anſichten und Geſinnungen, um ihre Wunſche und Be⸗ dürfniſſe drehte. Der Fremde erkundigte ſich mit offenbarer Theilnahme, und Ben Halliday erwiederte mit offenherziger Geradheit. Seine Antworten zeugten zwar von viel geſundem Menſchenverſtand, waren jedoch nicht glänzend genug, um eine nähere Schilderung zu erlauben; gleichwohl entdeckte der Fremde mit nicht geringer Ueberraſchung, daß ſogar Ben Halliday ohne eine Spur heftiger Unzufriedenheit oder po⸗ litiſcher Fantaſterei zu Gunſten der Volkskarte gewaltig 36 eingenommen war. Der gute Mann verſicherte ihn, daß in dieſem ganzen Theile des Landes faſt allgemein dieſelben Geſinnungen vorherrſchten, und er ſchien ſo ruhig und ver⸗ nünftig, daß ſein Gaſt ihm endlich zu beweiſen verſuchte, wie das, was man hier anſtrebe nicht ohne Gefährdung für die Inſtitutionen des Landes gewährt werden könne, und auch wenn es bewilligt werde, nur zum Verderben eben der Klaſſen, die es verlangten, ausſchlagen würde. Er ſetzte ihm mit allerlei Beweiſen zu, welche Ben von Zeit zu Zeit kurz beantwortete, bis der Taglöhner endlich nach längerem Beſinnen erwiederte: „Was Sie da ſagen, Sir, mag wohl ganz wahr ſeyn, und ich behaupte auch gar nicht, daß die Karte das beſte Ding iſt, das ſich erſinden ließe; aber Eines weiß ich gewiß, daß die Herrn uns entweder erlauben müſſen, uns bei Ent⸗ werfung der Geſetze, die uns regieren, zu betheiligen, oder daß ſie wenigſtens Verordnungen erlaſſen, die uns vor Un⸗ terdrückung ſchuͤtzen. Es iſt gleich geſagt, wie ich es ſchon äußern hörte, daß die Arbeit wie jedes andere Ding ihren Markt finden müſſe, daß ſie blos eine Waare ſey, die man verkaufe und verhandle oder dergl. mehr; aber es iſt doch ein Unterſchied zwiſchen ihr und andern Waaren, denn der Arbeiter muß eſſen und trinken, er will es auch, und kann nicht einmal einen ehrlichen Markt finden, da das Geſetz zwar Alles für den Käufer, aber nichts für den Verkäufer thut. Auch läͤßt ſich ſolche Waare nicht aufſtapeln, wie's ſchon in der Natur der Dinge liegt, ſo daß der Käufer jeden beliebigen Preis machen kann. Ich verſtehe nicht viel von 37 dieſen Dingen, Sir, wenn ich ſchon einige jener Vorleſer darüber ſprechen hörte; aber das weiß ich doch, daß der Hunger ein harter Lehrmeiſter iſt, und daß die Reichen ſich nach Gefallen ſeiner bedienen können, um die Armen zu Allem zu treiben. Er bildet eine Art Macht, die noch über das Geſetz hinausreicht, und wenn die Männer, die das Land regieren— Parlamente oder Miniſter oder was ſie auch immer ſeyn mögen— nicht dafür ſorgen, daß Fabrik⸗ herren, Pächter, Gutsbeſitzer und dergl. jene Macht nicht mißbrauchen, ſo werden ſie eines Tags finden, daß Ausharren und Geduld nicht ewig dauert. Es thäte mir leid, wenn ich jenen Tag erleben müßte, denn ich weiß wohl, daß die Ar⸗ men am Ende nichts Gutes für ſich ſelbſt, wohl aber viel Schlimmes für die Reichen zu Stande brächten, und unter den Reichen, ſowohl unter Fabrikherrn wie unter Gutsbe⸗ ſitzern oder anderen Ständen gibt es viele kreuzbrave Leute, wie z. B. mein Herr hier, deſſen Eigenthum ich ganz gewiß mit dem letzten Blutstropfen verfechten würde; allein ich ſehe nur zu deutlich, daß ſich ein gewiſſer bitterer Mißmuth gar ſchnell unter uns Arbeitern verbreitet und immer ſchwär⸗ zer und ſinſterer wird, gerade wie eine Wolke am Himmel heraufzieht, bis ſte zuletzt mit einem Sturme endet. Es iſt noch nicht lange, da wars ganz anders, aber das neue Ar⸗ mengeſetz hat viel zu dieſer Veränderung beigetragen, denn dieſes hat dem Volke zum erſten Male gezeigt, daß die Rei⸗ chen nur auf ihren eigenen Säckel bedacht ſind, während ſie nichts dafür thun wollen, um die Lage des Arbeiters zu 38 verbeſſern, oder ſeinen Herrn zu ehrlichem Verfahren gegen ihn zu veranlaſſen.“ Der Gaſt horchte aufmerkſam und nachdenklich; aber ob er nun einſah, daß weitere Beweiſe fruchtlos wären, oder aber in des Taglöhners Anſichten einiges Wahre entdecken mochte— er gab keine Antwort, ſondern zog endlich die Uhr heraus und ſagte: 3 „ Ich denke, jetzt will ich gehen, mein Freund, denn es iſt halb acht, und aller Wahrſcheinlichkeit nach werden ſie bei Tiſche ſitzen, noch ehe ich das Haus erreiche.“ Drittes Kapitel. Der Landbankier. Wer immer ſeinen Eigenheiten nachzuleben vermag, ſollte ſich ſein eigenes Haus bauen, denn unſere Seele, die ſchon mit ſo vielerlei Dingen verglichen wurde, iſt in der That wie ein Felsſtück, voller Knoten, Spitzen und ſonder⸗ baren Ecken von jeder Größe und Geſtalt, und es ſtehen im⸗ mer viele hundert Millionen gegen Eins, daß man unter all den Gehäuſen und Futteralen für Leib und Seele, wie ſie täglich auf dieſer Erde erbaut werden, kaum eines finden dürfte, welches für jedes beſondere Exemplar, das von dem großen Felſen abgeriſſen worden, genau paſſen würde. Der Menſch muß Winkel für ſeine eigenen Ecken haben, und Niemand kann ſie beſſer für ihn machen als er ſelbſt, 39 So hatte ſich denn auch Mr. Graham vor etlichen zehn bis fünfzehn Jahren ſein eigenes Haus gebaut. Es war eine höchſt behagliche Wohunng, weit, geräumig, gut eingetheilt, nicht gerade was man prächtig nennt, denn Mr. Graham beſaß in gewiſſen Dingen einen ſehr richtigen Takt, und da er in Folge des zunehmenden Gedeihens der Fabri⸗ ken in dem Städtchen Braunſchweig, wo er die einzige Bank beſaß, ein wohlhabender Mann geworden war(was er früher keineswegs geweſen), ſo erkannte er recht wohl, daß jede Art von Oſtentation die Leute eher wieder daran erinnern als vergeſſen laſſen würde, wie er nicht immer ſo reich geweſen, als er nunmehr war. Als ein Mann von großer Thätigkeit und Bildung, von liberalem und zugleich unternehmendem Geiſt, liebte er vorzugsweiſe, Allen in ſei⸗ ner Umgebung Gutes zu thun, glüuͤckliche Geſichter um ſich zu ſehen und zu wiſſen, daß auch glückliche Herzen dahinter pochten. Er ſelbſt war fleißig geweſen, und ſo war er ſtets be⸗ reit, den Fleiß zu ermuntern. Sein Hauptzweck bei der Erwerbung und dem Anbaue einer großen Strecke wüſten Landes war geweſen, dem Bauernvolke eines armen Di⸗ ſtriktes Beſchäftigung zu geben, und er ging auch wirklich bei ihnen nicht darauf aus, wie billig er etwa ihre Arbeit miethen könne, ſondern fragte ſich weit eher, welchen Lohn er ihnen ohne Schaden bewilligen dürfe. Er wollte die benachbarten Pächter oder Gutsbeſitzer keineswegs dadurch beeinträchtigen, daß er höhere Löhne ausſetzte, als gerade billig war— o nein, das war durchaus nicht ſeine Abſicht, 40 vielmehr fragte er ſich blos, was unter den gegebenen Um⸗ ſtänden als billig erſcheine. Sein Plan gelang ihm wunderbar, nämlich in ſo weit, daß ihn erſtens die Hälfte ſeiner Nachbarn alsbald tödtlich haßte, zweitens alle Armen aufs Wärmſte liebten, drittens daß er die beſten Arbeiter der Grafſchaft für ſich gewann, und viertens daß ſein Gut ausnehmend ertragreich wurde, während man zu gleicher Zeit an jedem Markttage die Pro⸗ phezeihung vernahm, daß er nie einen Heller herausſchlagen werde.— Dies war jedoch blos eine ſeiner vielen glücklicheen Spekulationen, denn er war ſtets bei der Hand, ſich überall einzulaſſen, wo ſich nur eine mäßige Ausſicht darbot. So hatte er einem Fabrikanten Geld vorgeſtreckt, der ohne ſol⸗ ches nicht fortarbeiten konnte; hatte einen Theil an einer Mühle übernommen, welche ſonſt aus Mangel an Fonds hätte eingehen müſſen; hatte ein großes Quantum Korn aufge⸗ kauft, das zu ſehr niederen Preiſen abgegeben worden wäre; wurde ihm endlich ein Kontrakt angeboten, ſo war er gleich bereit, ihn zu den günſtigſten Bedingungen anzunehmen— und es gläckte ihm Alles, was er unternahm. Der Fabri⸗ kant, dem er Geld vorgeſtreckt hatte, machte treffliche Ge⸗ ſchäfte; die Mühle gedieh; die Zeit der niederen Preiſe ging vorüber und dieſe hoben ſich; der Contrakt bewährte ſich als vortrefflich. Die Einen wollten dies Mr. Graham's Glück, Andere ſeiner ſcharfen Vorausſicht künftiger Greigniſſe, wie⸗ der Andere ſeinem großen Wohlſtande zuſchreiben, der ihm 3 erlaubte, an ſich zu halten, während die Uebrigen zu verkaufen 41 genöthigt waren. Vielleicht daß von Allem ein Bischen dabei ins Spiel kam— großes Glück hatte er jedenfalls, denn gerade ſeine wenigſt hoffnungsvollen Spekulationen waren oft weit glücklicher als ſolche, von denen er ſich am meiſten verſprochen hatte. Wie dem aber auch ſeyn mochte— Mr. Graham war auf alle Fälle ein ſehr gedeihender Mann. Die Lage, die er ſich für ſein Haus gewählt hatte, er⸗ wies ſich als günſtig, trotzdem, daß die Leute ſie anfangs für ſchlecht gehalten hatten. Das Moorland, welches nordweſt⸗ lich lag, war von ſeinem Grunde oder Parke— wie man es nannte— durch mehrere größere und kleinere Gehölze geſchie⸗ den, denen er noch mit vielem Geſchmacke neue Pflanzungen beizufügen wußte. Vor dem Hauſe, ſo lange daſſelbe noch im Baue begriffen war, dehnte ſich gegen Süden ein ſachter Abhang von etwa zweihundert Morgen Länge, ein mar⸗ ſchiges Stück Boden, viel zu weich zum Gehen und mit weit mehr Binſen und Mooſen bewachſen, als gerade hübſch oder angenehm war, während unten gegen den See hin ein ſtar⸗ kes Dickicht hoher alter Baͤume, meiſt Fichten, doch auch mit einigen Eichen untermiſcht, die Ausſicht auf den See gänzlich abſchnitt. Hier machte ſich aber Mr. Graham an die Arbeit, pflügte und eggte den offenen Raum in ſeiner ganzen Aus⸗ dehnung, gab ihm eine größere Neigung abwärts vom Hauſe, verſah ihn mit Abzugsgräben nach ſeinem eigenen Plane, ließ ihn ſaͤubern und tüchtig ausreuten, zuletzt mit Gras anpflanzen, und bis das Haus bewohnbar war(die Er⸗ bauung und Einrichtung nahm faſt vier Jahre weg) hatte James. Margarethe Graham. 4 — 4² Mr. Graham den ſchöͤnſten Raſen, den man noch je geſehen hatte. Nun gings hinter den Wald, in welchen er Oeffnungen hauen ließ, bis es auf dieſer Seite kein Fenſter in ſeinem Hauſe gab, das nicht einen Durchblick auf den See darge⸗ boten hätte. Hiebei ließ er ſich jedoch keineswegs zu einer Uebereilung hinreißen: die Eichen blieben meiſt verſchont, und er wußte es ſo einzurichten, daß wenn der Winterwind die braunen Blätter von den herbſtlichen Bäumen abriß, durch die nackten Zweige immer noch eine hohe Fichte oder Föhre zum Vorſchein kam. Auch bot er nirgends eine Aus⸗ ſicht auf den ganzen See oder eines ſeiner Enden, denn dazu war dieſer zu klein: das Durchhauen wurde vielmehr ſo eingerichtet und die übrig gelaſſenen Bäume nahmen ſolche Stellungen ein, daß man aus dem einen Fenſter einen Theil der Waſſerfläche mit den Hügeln dahinter, aus dem anderen wieder eine ganz verſchiedene Anſicht, nirgends aber Anfang oder Ende des Sees vor Augen hatte. Es lag über deſſen Ausdehnung ein Geheimniß, was immer angenehm iſt: die Linien von Land und Waſſer verloren ſich unter den Bäu⸗ men, und die Fantaſte konnte ſie hinter der waldigen Ein⸗ faſſung verlängern, ſo weit ſie nur wollte und wie es ihr für den Augenblick am beſten gefiel. Im Sommer war's in der That eine ſchoͤne Landſchaft mit dem grünen Raſen, dem dunkeln durchbrochenen Wald, mit den Sonnenreſlexen auf dem See, hinter welchem die 4 hohen nackten dunſtigen Berge blau in die Luft hinein rag⸗ 4 ten, Um der Scene noch groͤßeren Reiz zu verleihen, fuhe 43 zuweilen ein Boot mit weißem Segel über die Waſſerflaͤche, verlor ſich manchmal hinter den Baummaſſen und kam dann wieder zum Vorſchein, his es ſich endlich hinter demjenigen Theile des alten Waldes, welcher ſtehen geblieben war, dem Auge gänzlich entzog. Auch ein kleiner Fluß, der in früheren Zeiten aus dem Moor herabgekommen war und ſich in die Savanne vor dem Hauſe, die er bei regnigem Wetter in einen wahren Moraſt verwandelte, verloren hatte, war jetzt nebſt ein paar kleineren Bächen in ein feſtes Bette geſammelt und über die Wieſe geleitet, bis er den Gipfel eines zwölf bis vierzehn Fuß ho⸗ hen Felsabhanges erreichte, wo man ihn nach Belieben hin⸗ unterſpringen ließ, ſo daß man vom Hauſe aus einen Waſſer⸗ fall vor Augen hatte, welcher allerdings durch Kunſt gebildet war, ohne daß man ihm jedoch dieſe Kunſt anmerkte, denn wer den Ort nicht früher geſehen hatte, konnte nie auf den Gedanken gerathen, daß der Fluß je ein anderes Bette ge⸗ habt habe. zwar in einem wichtigen Punkte war dies nicht der Fall geweſen, wie denn ein Mann, der ſich verleiten läßt, einem nahezu Vierzig zählte, hatte er fich einigermaßen von der Ehrſucht verlocken laſſen. Unter der Beſchränkung ſeiner 4. f 1 1 8₰ 1 44 früheren Tage war er Junggeſelle geblieben; als ihn aber der Wohlſtand heimſuchte und ſein Reichthum ſich mehrte, da begann er ſich nach häuslichem Glücke zu ſehnen. Er war wie geſagt ein unternehmender Mann, und heirathete eine Dame, ohne viel von ihrem Charakter zu kennen: er wußte blos, daß ſie etwa dreißig Jahre alt, recht hübſch und die Tochter eines Baronets war, deſſen Vater Lordmayor von London geweſen und deſſen Schweſter einen armen Peer ge⸗ heirathet hatte. Für einen Landbankier war das keine ſon⸗ derlich hoffnungsvolle Verkettung, Mr. Graham! Gleich⸗ wohl ließ ſich auch Einiges zu Ihrer Vertheidigung anfüh⸗ ren, denn man durfte wohl annehmen, daß der bürgerliche Urſprung der Familienwürde— die drei aufſteigenden Schild⸗ krötenſchaalen im Wappen— jeden ariſtokratiſchen Stolz niederhalten würden. Dem war aber nicht ſo. Mrs. Graham s Vater hatte 3 einen guten Theil deſſen, was ihr Großvater erworben, wieder vergeudet, und doch hatte ſie als einziges Kind, jung und hübſch wie ſie war, keinen Grund eingeſehen, warum ſie nicht eben ſo gut wie ihre Tante einen Peer heirathen ſollte. Die Peers dachten jedoch anders und heiratheten ſie nicht; viel⸗ leicht daß ſie berechneten, daß ſie blos fünftauſend Pfund als Antheil erbte, während ihre Tante fünfzig beſeſſen hatte. Mit ſechsundzwanzig begann ſie zu überlegen, daß ein Ba⸗ ronet oder ein Ehrenwerther auch recht wäre, aber auch von denen kam Keiner. Mit dreißig war ihr Vater todt, i. Bruder ruinirt, in ihre ſchwarzen Locken miſchten ſich ſcho einige graue Härchen, und ſo heirathete ſie einen reichen 45 Landbankier. Aber ihre Laune war mittlerweile verſauert und ihr Stolz nicht im Geringſten gedämpft: ſie glaubte, Mr. Graham noch eine Gnade zu erweiſen, ja ſich ſogar durch dieſe Heirath zu erniedrigen; ſie empfand wegen deſſen was ſie gethan hatte, eine gewiſſe Verachtung gegen ſich ſelbſt wie gegen ihn, und ihr einziger Troſt war der, daß ſein Reichthum ihr erlaubte, vor allen Familien der Nachbar⸗ ſchaft den Vorrang zu behaupten. Dieſen Troſt billigte jedoch Mr. Graham keineswegs. Er betrachtete ſich ſeinerſeits durch ihre Hand nicht im Ge⸗ ringſten als geehrt, und glaubte nicht, daß ſein Reichthum oder ihre angemaßte Stellung ihr irgend ein Recht gäben, ſeine Freunde auf anderem Fuße als auf dem völliger Gleich⸗ heit zu behandeln. Er war nicht ſchwach genug, um, ſo ſo lange noch eine Hoffnung auf Veränderung vorhanden war, in dieſem Punkte nachzugeben, und in den erſten beiden Jahren ihrer Verbindung verſuchte er Vernunftgründe, Vor⸗ ſtellungen, ſogar Vorwürfe— alles vergebens; ja als das erſte und zweite Kind todt zur Welt kam, behauptete Mrs. Graham, ſeine ſchlechte Laune habe das ganze Unglück ver⸗ urſacht. Es gibt viele Damen, welche ihre Fehler weit mehr als alles Andere lieben, und ſich nicht um die ganze Welt davon trennen möchten; mag dann der Mann es auch für ſeine Pflicht halten, dieſe Mängel ſo ſchnell wie möoͤglich zu beſeitigen — er wird doch meiſt immer zugeben müſſen, daß ſeine Frau dieſelben beibehält, ſobald ſie nur mit einem gewiſſen Grade von Zähigkeit daran feſtklebt, denn gerade ihre Unverbeſſer⸗ — 46 lichkeit iſt ihre beſte Stütze. Der Grundſatz: Alles um des lieben Friedens willen— hat im häusglichen Leben ſchon mehr Unheil angerichtet, als jeder andere Spruch, deſſen ich mich erinnere. Wenn ein Mann nicht bloß aus Liebe hei⸗ rathet, ſo thut er es wenigſtens, um eines heiteren glücklichen Familiencirkels willen, und wenn er findet, daß ſich dieſer Zweck unter der Bedingung, daß er die Fehler ſeiner Frau duldet, auch nur theilweiſe erreichen läßt, ſo wird er am Ende ſicherlich nachgeben. So erging es Mr. Graham; er begnügte ſich zuletzt damit, daß er ſein Beſtes that, um durch ſeine eigene Höf⸗ lichkeit jeden ſeiner Gäſte den übertriebenen Hochmuth ſeiner feinen Hausdame vergeſſen zu machen— allein, man konnte nicht ſagen, daß ihm dies ſonderlich gelungen wäre. Die Men⸗ ſchen vergeben nur ſelten, was ihren Stolz verletzt, und ſo war Mrs. Graham bei der Mehrzahl der Nachbarſchaft wegen ihrer ſchlimmen Eigenſchaften eben ſo unbeliebt, wie ihr Gatte um ſeiner guten willen. Ein Troſt blieb ihm jedoch — von den Armen ward er allgemein geliebt, und das fühlte er auch. Ein einziges Kind ſänftigte das Unbehagen in Mr. Grahams Haushalt, und ſie war in der That ein großer Troſt für ihn. Sie beſaß ihrer Mutter Schönheit, aber außerdem auch viele von den edleren Eigenſchaften ihres Vaters, an welchem ſie mit leidenſchaftlicher Zärtlichkeit hing. Ihre Mutter war gleichfalls in ſie verliebt, weil ſie im Aeußeren ihr ähnlich war; doch hätte ſie oft gewünſcht, daß ihre Tochter einen höheren Geiſt beſeſſen, und ſich auf Baͤllen 3 47 oder Geſellſchaften nicht mit ſo armſeligen Maͤdchen, wie die——, die ſich ſo ſchlecht kleideten und allenthalben nur ſo wenig beachtet wurden, abgegeben hätte. Es iſt jedoch Zeit, daß wir in Mr. Graham's Haus eintreten und uns das Innere betrachten; wir bitten deßhalb den Leſer um Erlaubniß, ihn an demſelben kalten windigen Herbſtabende, welchem die beiden vorhergehenden Kapitel ge⸗ widmet waren, ſogleich in das Speiſezimmer führen zu dürfen. Es war ein hübſches geraͤumiges Gemach von ſchönen Verhältniſſen, die Wände mit Pfeilern geſchmückt, zwiſchen denen mehrere hübſche Gemaͤlde von neueren wie von älteren Künſtlern hingen. Alle Ornamente waren ruhig, keuſch und in gutem Geſchmacke gehalten, die Drapperieen über den Fenſtern zwar reich, aber ohne die geringſte Spur von Gold oder dergleichen. In der Mitte des Zimmers ſah man eine große Bronzelampe von der Decke herabhängen, die Glaͤſer ſo beſchattet, daß das Licht weniger auf die Geſichter der Gäſte als auf die Tafel fiel, um welche ſich etliche ſechzehn Perſonen verſammelt hatten. Das Tafelzeug war etwas alterthümlich in Form, prunklos aber in gehoͤriger Fülle; es hätte ſchwerer, in Zeichnung und Verzierung reicher ſeyn können; aber es bot jedenfalls Alles was man brauchte, und Mr. Graham dachte— je einfacher deſto beſſer. Das Eſſen ſelbſt war etwas prahleriſcher; doch das war die Sache der Hausfrau, und wenn es auch durch ſeine Fülle nicht ordinär wurde— denn ſie hatte einen franzoͤſiſchen Koch, der ſo etwas nicht zugegeben hätte, ſo ſchien es doch den meiſten Gaͤſten ihres Mannes viel zu fein zu ſeyn. Das 48 kümmerte übrigens Mrs. Graham ſehr wenig; für ihre eigenen Gäſte war es vollkommen paſſend, und wir dürfen nicht ver⸗ geſſen, daß ſie zwiſchen ihren und ihres Mannes Beſuchen einen weſentlichen Unterſchied ſtatuirte. Die Clique, die ſte ſpeziell für ſich ausgewählt hatte, beſtand aus vier Perſonen, welche von ihr nach Cumberland verlockt worden waren. Da kam erſtens eine Lady Jane Nir⸗ gendan, mit langen flachsblonden Locken, ſehr ſchoͤnem äußerſt zartem Teint, hellblauen Augen und übermäßig großem Munde; ihr Bruder, der ehrenwerthe Kapitän Habenichts, mit kleinem Schnurrbart, den Hemdkragen über die Auf⸗ ſchläge ſeines Rockes herausgelegt— er hielt ſich nämlich für den zweiten Karl I. und ſah melancholiſch aus, der Aermſte! er wurde einem auch in der That ſehr langweilig. Dann war da ein Poſtkapitän der Marine, Namens Hales — wenigſtens will ich ihn ſo nennen— mit einer oder zwei edlen Familien weitläuſig verwandt, und noch auf viele andere Verwandtſchaften Anſpruch machend; er hatte ſchon längſt den Dienſt quittirt, war äußerſt ruhig und unbedeutend, liebte die Jagd und den Fiſchfang, ſpielte gut Billard und Piquet, war ein Freund von guten Mahlzeiten und frequentirte Lan häuſer, wo nur immer welche wuchſen; neben dem war er ein ſchlanker, wohlgekleideter, gut ausſehender Mann, der ſich einer Geſellſchaft ebenſowohl durch ſeine Gutmüthigkeit wie auch als Statiſt nützlich machen konnte. Der vierte war ein wohlhabender Baronet, Parlamentsmitglied und ange⸗ hender Politiker, der ſich mehr der Ehre als des Gewinnes halber um Aemter bewarb; er hegte eine raſende Einbildung 49 von ſeinem Verſtand, langweilte das Haus mit endloſen Reden und nicht ſehr paſſenden griechiſchen und lateiniſchen Phraſen, denn er war erſt kürzlich aus Orford gekommen und hatte die joniſchen Inſeln beſucht, wurde auch allgemein als ein emporſtrebender junger Mann betrachtet, bloß weil er jede Meinung, welche mit den Anſichten, die er ſich ſelbſt ge⸗ bildet oder die man ihm eingelernt hatte, nicht genau überein⸗ ſtimmte— mit äußerſter Verachtung behandelte. Dieſem Gentleman— Sir Arthur Green war ſein Name— erwies Mrs. Graham die höchſte Artigkeit und Aufmerkſamkeit, und fie hatte in der That ihre eigenen Gründe hiezu, welche ihm jedoch unbekannt waren. Von Perſon war er ein wahres Miniaturmännchen; nur ſeine Hüften ſchien die Natur für einen größeren Mann beſtimmt und ihm nur irrthümlich geliehen zu haben; ſein Geſicht näherte ſich einigermaßen unſerm großen Vorbilde, dem Affen, und kannte nur zwei raſch wechſelnde Weiſen des Ausdrucks, nämlich jenen heftiger Reizbarkeit, wenn er ſelber ſprach— als ob er glaubte, die Leute ſchenkten ſeinen Anſichten nicht genügende Aufmerkſamkeit— und den völliger Apathie, wenn Andere das Wort nahmen, mit einem ſtarren Blicke kalter Verachtung für jede fremde Behauptung. Der Reſt der Geſellſchaft beſtand aus Herren der Nach⸗ barſchaft, welche meiſt zwölf bis vierzehn Meilen entfernt wohnten und deßhalb da, wo ſie ſpeisten, auch über Nacht blieben; außerdem noch aus einer Familie, welche eines der Häuſer in der Nähe des See's bewohnte, aber aus lauter Niemande beſtand und deßhalb Mr. Graham's Hoͤflichkeit 5⁰ und Unterhaltungsgabe anheimfiel. Und es gebrach ihnen wirklich nicht an beiden, denn Miß Graham war verkehrt genug, ihren Vater aus allen Kräften hiebei zu unterſtützen, obgleich ihre Mutter ſie abſichtlich zunächſt neben den Baro⸗ net geſetzt hatte, um ihn zu bewundern und von ihm bewun⸗ dert zu werden. Allein Margarethe Graham war keineswegs geneigt, ihren Nachbar Sir Arthur Green im Geringſten zu bewun⸗ dern; ſie hielt ihn vielmehr für ſehr häßlich, ſehr eingebildet und dumm. Sie verſtand nichts von Korngeſetzen, und noch weniger von der iriſchen Frage oder von der Tarifbill, konnte es aber jedenfalls nicht billigen, daß der Baronet, ſo oft ihr Vater ganz richtige und praktiſche Bemerkungen über letzte⸗ ren Gegenſtand machte, ſich jedesmal mit einer Art unauf⸗ merkſamer Gleichgültigkeit wegwendete, und ſein eigenes Geſpräch fortſetzte, als ob er Mr. Graham's Worte ent⸗ weder nicht höre, oder jeglicher Beachtung für unwerth halte. Das war keineswegs der Weg zum Herzen der Tochter, und nur Mrs. Graham war ſehr geneigt, ſolche Ungezogenheit zu bewundern. Der zweite Gang war beinahe zu Ende und ein großer Theil der gewöhnlichen Gegenſtände für Tiſchgeſpräͤche ſo ziemlich erſchöpft. Die Landedelleute hatten das Thema der Faſanen, Haſen, Birk⸗ und Rebhühner mit möglichſter Gründlichkeit durchgeſprochen; man hatte erzählt, daß ſich noch keine Schnepfen in der Umgegend hatten blicken laſſen, was Solche, die einen frühen Winter wünſchten, für ein ſchlimmes, die aber, ſo einen ſpäten vorzogen, für ein gutes 51 Zeichen erklärten. Witterung und Maͤrkte waren abgethan; einige Damen hatten fich ein wenig am Skandal ergötzt, wie ihn Kapitän Hales mit aller Zartheit preisgegeben hatte — auch das war vorüber: dem angehenden Politiker begann die Beredſamkeit auszugehen; der ehrenwerthe Kapitän Habenichts amüfirte ſich mit einem Zahnſtocher aus Orangen⸗ holz, und ſah aus, als ob er bereit wäre, aufs Schaffot ge⸗ führt zu werden; ſeine Schweſter blieb ihrer geduldigen Ab⸗ geſchmacktheit getreu und ſelbſt Mrs. Graham begann die Geſchichte etwas langweilig zu finden, als ein Diener dem Hausherrn etwas ins Ohr flüſterte, welcher mit ſehr erfreuter Miene erwiederte: „Ganz recht, ſorgt dafür, daß er Alles erhaͤlt, um es ihm bequem zu machen.— Mr. Fairfax iſt gekommen, meine Liebe, und will uns Geſellſchaft leiſten, ſobald er ſeine Toi⸗ lette geändert hat.“ Der Name klang ariſtokratiſch und Mrs. Graham be⸗ gnadigte ihren Gatten mit einem Lächeln, während ſie ſich erkundigte: „Was fuͤr ein Fairfax, Mr. Graham?“ „Der älteſte Sohn von John Fairfar, früher Mitglied für Coventry, und Neffe von Sir Edward Fairfax,“ erwie⸗ derte der Hausherr mit einer Anwandlung von Lächeln; „ſein Vater war ein alter Bekannter von mir und hatte manche gute, obwohl auch einige ſonderliche Seiten.“ Das Geſpräch über die Fairfax's ward nunmehr allge⸗ mein: Jedermann kannte einen Fairfar, wußte etwas von einem Fairfax zu erzahlen und eben, als mit dem zweiten 5² Gange auch dieſer Gegenſtand zur Neige ging, wurde die Thüre des Speiſezimmers geöffnet und Mr. Fairfax an⸗ noncirt. Während er vortrat und von Mr. Graham als Sohn eines alten Freundes herzlich begrüßt wurde, waren Aller Augen auf ihn gerichtet, und Jedes machte für ſich ſeine ſtillen Bemerkungen. Nur Sir Arthur Green bildete hier eine Ausnahme: er hielt Niemand für würdig, von ihm be⸗ trachtet zu werden, und ſuchte Mrs. Graham's Aufmerkſam⸗ keit durch die Frage zu feſſeln, ob ſie ſich wohl für die Tabak⸗ frage intereſſire.„Ja, ſehr,“ gab dieſe mit ſüßem Lächeln zur Antwort, ohne jedoch die Rekognoscirung des neuen Gaſtes einzuſtellen. Er war auffallend hübſch— das war das Erſte, was man bemerkte; war auffallend gut gekleidet— das war die nächſte Entdeckung; beſaß ganz die Leichtigkeit, Grazie und Gewiegtheit eines vornehmen Adeligen— ſo lautete die Schlußbemerkung und Mrs. Graham beſchloß, daß er zu ihrer Clique zugezogen werden ſollte. Nachdem der Hausherr ſeinen Gaſt Frau und Tochter vorgeſtellt, fragte er ihn, ob er ſchon dinirt habe.„Ja,“ be⸗ hauptete Mr. Fairfax,„in einer Huͤtte nebenan, wo ich Schutz vor dem Regen gefunden habe,“ worauf er ſich Margarethe Graham gegenüber ſetzte und über die Abenteuer des heutigen Abends berichtete— Alles in leichtem, heiterem Tone vortra⸗ gend, mit Zügen von Gutmüthigkeit und geſundem Verſtande, dann wieder mit luſtigen Ausfällen ac. über ſeine Weis⸗ heit, mit der er ſich der Führung eines Simpels anvertraut, 5³ ſo ungezwungen vermiſcht, daß Vater und Tochter mit Freude und Ergötzen zuhörten, während Mrs. Graham die Erzählung für köſtlich erklärte, und die ganze Geſellſchaft zu merken ſchien, daß eine friſche Quelle voll Luſt und Leben unter ihnen entſprungen ſey, um die mit Stagnation be⸗ drohten Waſſer aufs Neue in Bewegung zu bringen. Der Nachtiſch wurde die heiterſte Parthie des ganzen Mahles und die Damen verweilten ſogar länger, als Kapitän Hales, der ſeinen Klaret liebte, für paſſend hielt. Sir Arthur Green faßte alsbald einen wahren Haß gegen Mr. Fairfar, da man ihm jetzt allgemein nicht mehr Aufmerkſamkeit ſchenkte, als er ſeither für Andere zu zollen gewohnt war. Sobald ſich die Geſellſchaft nach jener zeitweiſen Tren⸗ nung, wogegen die Ausländer ſich ſo gewaltig auflaſſen, von Neuem im Wohnzimmer verſammelt hatte, begann ſogleich Muſik und Kartenſpiel; Fairfax wollte mit letzterem nichts zu thun haben und hielt ſich in der Nähe des Klaviers, be⸗ ſonders ſo lange Margarethe Graham ſang. Ihre Stimme war nicht ſehr ausgebildet aber ausneh⸗ mend ſüß und wohlklingend; das eigene Gefuͤhl, der ange⸗ borene Geſchmack thaten mehr für den Ausdruck ihres Ge⸗ ſangs, als alle Lehrmeiſter der Welt hätten bewirken können. Mr. Fairfar ſchien entzückt, ſprach viel mit ihr über Muſik, von Muſik kamen ſie auf Malerei, von dieſer auf Poeſte, ſo daß ſie mit einander den ganzen Kreis der Künſte hätten durchſchwärmen können, wenn nicht Mrs. Graham den jun⸗ gen Mann nach der andern Ecke des Zimmers gerufen hätte, um einige ſchöne Kupferſtiche, welche auf dem Tiſche lagen, zu 54 betrachten. So wenigſtens lautete ihr Vorwand, denn ehr⸗ lich geſtanden, kümmerte ſie ſich nicht einen Strohhalm darum, ob Mr. Fairfax die Bilder betrachtete oder nicht. Die Geſellſchaft iſt wahrlich ein ſonderbares Ding und der Teufel muß bei ihrer Heranbildung die Hand im Spiele gehabt haben, denn man lehrt uns ja, er ſey der Vater der Lüge und das ganze Gebäude iſt ſeiner Erzeugniſſe voll. Wollen wir die ganze Wahrheit bekennen, ſo hatte Mrs. Graham ihre Tochter und Mr. Fairfarx ſeit der letzten halben Stunde beobachtet. Seine hübſche Perſönlichkeit, ſein ade⸗ liges Weſen und Benehmen, ſeine ſo höchſt vornehme Er⸗ ſcheinung beunruhigten Mrs. Graham gewaltig, denn ihr Vorhaben, Margarethe mit Sir Arthur Green zu verhei⸗ rathen, ſchien hier ernſtlich bedroht. Sie ſah Margarethen's Augen heller wie gewöhnlich aufleuchten, ſah ihre Wange in der Aufregung höher geröthet, während ſie einer Unterhal⸗ tung zuhöoͤrte, wie ſie ihr noch nie geboten worden war, und Mrs. Graham kalkulirte, daß ein Mann, wie Mr. Fairfax für das winzige pomphafte Weſen mit ſeinem widrigen Affen⸗ geſichte, auf das ſie ihre Blicken mit Vorliebe gerichtet hatte, ein höchſt bedenklicher Nebenbuhler werden dürfte. Wohl⸗ weislich— ja höchſt wohlweislich unterließ ſie Alles, was Mr. Fairfar's wachſender Bewunderung für ihre Tochter hätte Einhalt thun können, denn nach dem, was ihr Gatte über deſſen Familie geäußert, dachte ſte, in Ermanglung Sir Arthur Greens könnte auch er keine üble Parthie für Mar⸗ garethen abgeben und in der Zwiſchenzeit könnte der Stachel eines Nebenbuhlers für den Baronet eine Art von Treibhaus 5⁵ werden und deſſen Leidenſchaft raſch zur Bluͤthe bringen. So beſchloß ſie denn vorderhand, ſich aus Mr. Fairfax eige⸗ nem Munde über ſo mancherlei Einzelnheiten ſeiner Stel⸗ lung, welche ihr Gatte noch in Zweifel gelaſſen hatte, Gewiß⸗ heit zu verſchaffen und gleich ihre erſte Anrede, welche ſie nach geziemender Pauſe(um dem jungen Manne Zeit zum Be⸗ ſchauen der Bilder zu laſſen) mit einem Lächeln und einem Blicke der Theilnahme einleitete, zielte auf dieſen deſon⸗ deren Gegenſtand. „Wiſſen Sie wohl, Mr. Fairfar,“ begann ſie,„ich glaube, ich muß in früheren Jahren mit einigen Ihrer Ver⸗ wandten ſehr gut bekannt geweſen ſeyn? Wie Mr. Graham ſagt, ſind Sie der älteſte Sohn von Mr. John Fairfax, ehe⸗ maligem Parlamentsmitgliede für Coventry.“ „Derſelbe, Madame,“ erwiederte der junge Gentleman ernſthaft, noch immer den Kupferſtich„Mariä Himmelfahrt“ betrachtend. „Ei, dann muß ich Ihren Onkel im Hauſe meines Oheims, Lord Twinkleton's kennen gelernt haben,“ fuhr die Dame fort.„War er nicht damals Sir Edward Fairfar— Oberſt in der Armee mein' ich?“ „Nein, er diente nicht in der Armee,“ verſetzte Fairfar aufſchauend;„er iſt jetzt Admiral, aber erſt ſeit zwei bis drei Jahren.“ „Ach, ſo muß ich mich geirrt haben,“ meinte Mrs. Graham;„ich wußte, daß er entweder in der Armee oder in der Marine war.— Wie befindet ſich Lady Fairfax?“ „Erſchrecken Sie mich nicht, theuerſte Madame,“ lachte 56 der junge Mann;„wenn es eine Lady Fairfax in meiner Familie gibt, ſo müßte ſie's erſt in den letzten zehn Tagen geworden ſeyn, und der bloße Gedanke einer Vermählung meines Onkels iſt ſo viel wie eine Anklage des Diebſtahls, was, wie Sie wiſſen, ein unangenehmer Umſtand für unſer Geſchlecht wäre. Sie vergeſſen, wie die Zeit fliegt, theure Lady; er iſt jetzt dreiundſtebzig und zwar der beſte und freund⸗ lichſte Mann von der Welt, aber ſtark von der Gicht geplagt.“ „In der That!“ rief Mrs. Graham offenbar ſehr über⸗ raſcht;„ſo war er alſo nie verheirathet?“ „Niemals, ſo viel ich weiß,“ erwiederte Mr. Fairfax; „und ich denke, da ich ſein Adoptivſohn bin und foſt ſeit meiner Geburt— das find jetzt fünfundzwanzig Jahre— von ihm erzogen wurde, ſo müßte ich doch davon gehört haben, wenn ſolches der Fall geweſen wäre.“ „Wie ſonderbar, daß ich mich ſo geirrt haben ſollte!“ meinte Mrs. Graham. Jetzt war ſie vollkommen befriedigt. Mr. Fairfax war Neffe, Erbe und Adoptivſohn eines alten, höchſt ehrbaren Baronets und alſo ganz der Mann, wie ſie's liebte. Sie beſchloß alſo von dieſem Augenblick, ihn völlig gegen Sir Arthur Green gewähren zu laſſen, ohne irgend eine Begün⸗ ſtigung für einen von Beiden, wiewohl ihre Vorliebe— wenn eine vorhanden war— dahin ging, ihre Tochter lieber Lady Fairfax ſtatt Lady Green nennen zu hören; war er ja doch überdies ein ſo hübſcher, diſtinguirt ausſehender Mann und das wollte in Mrs. Graham's Meinung nicht wenig ſagen. Fünf bis zehn Minuten ſpäter ſchlich Mrs. Graham 57 aus dem Salon in die Bibliothek, wo ſie„Burke's Peers und Baronets“ eine Weile ſtudirte. Als ſie zurückkam, ſah man ihr Geſicht förmlich vor Freude ſtrahlen, da ſie Mr. Fairfax abermals neben Margarethe bemerkte, während Lady Jane Nirgendan eine Fantaſte auf dem Klavier vor⸗ trug und Sir Arthur Green mit Kennermiene die Noten an den falſchen Stellen umwendete. Für Mrs. Graham's Augen war es ſonnenklar, daß Margarethe an der Unterhaltung ihres Geſellſchafters großes Wohlgefallen fand. Noch nie hatte ſie ihre Tochter von irgend einem Manne ſo hingeriſſen geſehen, und als ſie ſich ſo weit näherte, daß ſle das Geſpräch mit anhören konnte, da begriff ſie leicht, warum der Ausdruck in Margarethen's Zügen fortwährend wechſelte, warum der Blick halb ver⸗ wirrten Nachſinnens plötzlich in den des hellſten Verſtänd⸗ niſſes überging, ſich dann zum Ernſt ja faſt zur Trauer herab⸗ ſtimmte, um ſich alsbald wieder in heiteres Lächeln oder leiſes Kichern umzuwandeln. Allan Fairfax's Unterhaltung war auch in der That höchſt eigenthümlich. Dem munteren Rehe ähnlich ſprang er von einem Gegenſtande, von einem Bilde zum andern, wußte in anſcheinend ungleichartigen Dingen verſteckte Aehnlichkeiten zu entdecken und Alles in neuem un⸗ erwarteten Lichte zu zeigen, ſo daß die luſtigſten Dinge ein ernſtes düſteres Anſehen annahmen und ſelbſt einer Tragödie ein Lächeln abgewonnen wurde. So raſch war der Ueber⸗ gang, daß es dem Geiſte ſchwer wurde, ihm zu folgen; doch gleich einem muthwilligen Kinde, das dem Nachſetzenden ent⸗ ſpringt, hielt er in ſeinem übermüthigen Laufe von Zeit zu James. Margarethe Graham. 5 58 Zeit inne, um den Nachfolgenden Gelegenheit zu geben, ihn wieder einzuholen. So verſtrich der erſte Abend ſeines Beſuches in Mr. Graham's Hauſe und Allan Fairfax zog ſich auf ſein Zimmer zurück, mehr um ſich dem Nachdenken als der Ruhe zu über⸗ laſſen. Er ſetzte ſich nieder und lehnte die Wange auf die Hand; der muntere, lebendige, geiſtſprühende Jüngling war plötzlich in den ernſten, gedankenvollen Mann umgewandelt, ein Schatten von Melancholie, wenn auch nicht Trauer, kam über ſein Geſicht und mehr als einmal hörte man ihn tief aufſeufzen.„Sie iſt ſehr lieblich,“ ſagte er endlich,„in der That ſehr lieblich und ich muß mich in Acht nehmen. Mir iſt ¹ doch ein hartes Loos beſchieden.“ Mit dieſem Schluſſe endete er. Viertes Kapitel. Der Liebenden Ausflug. Wäͤre das Organ der Vorſicht auch bis zum Horne verlängert und beſäße es auch wirklich die Macht, dem Men⸗ ſchen kluge Verhaltungsregeln vorzuzeichnen, wie Manche es ihm zuſchreiben— es würde ſich, fürchte ich, doch gäͤnzlich unwirkſam erweiſen, wenn ſich's darum handelte, die Jugend von der Verſuchung fern zu halten. Zwei, drei, vier Tage gingen vorüber und Allan Fairfar war noch immer in Mr. 3 59 Graham's Hauſe. Bald gab es ein Scheibenſchießen, bald eine Jagdparthie oder Spaziergang und wenn gleich Mr. Graham jeden Morgen von den verſchiedenen Geſchäften, in die er verwickelt war, lange abgehalten wurde, ſo drang er dennoch in ſeine Gäſte, ſich während ſeiner Abweſenheit nach Kräften zu amüſiren und Mrs. Graham fühlte ſich hochbe⸗ glückt, es ihnen ſo behaglich als möglich zu machen, inſofern ſie nämlich gleich nach dem erſten Tage zu ihrer beſonderen Fahne ſchworen, und in die Zahl der Letzteren war Mr. Fairfar nunmehr mit auffallender Gunſt aufgenommen. Auch der Mehrzahl der Gäſte war ſeiner Geſellſchaft offenbar ſehr angenehm. Der ehrenwerthe Kapitän Habenichts hatte ihn ſehr lieb und erklärte ihn für den beſten Reiter, den er jemals außer der—— Truppe des—— Regiments geſehen habe; Lady Jane hielt ihn insgeheim für ſehr hübſch; Kapitän Hales war natürlich ſehr freundlich und höflich, trotzdem daß Fairfax weit beſſer ſchoß als er ſelber, und Margarethe Graham ſagte zwar nichts, lächelte aber immer erſt bei ſeiner Annäaͤherung und wurde dann ziemlich nachdenflich. Nachdenklich oder lächelnd— er war jedenfalls ſehr viel um ſie, und wie ſich's gerade fügte, auch häufig mit ihr allein, denn Mrs. Graham's Geſundheit war nichts weniger als gut und Margarethe hatte den meiſten Theil der Zeit, die ihr Vater abweſend war, die Honneurs in ſeinem Hauſe zu machen. Sie zeigte Mr. Fairfar das ſehr ausgedehnte Gut, machte ihn mit Stolz und Freude auf alle Verände⸗ rungen und Verbeſſerungen Mr. Graham's aufmerkſam, und war hoch erfreut, einen Zuhorer zu haben, welcher den 5* 60 Geſchmack, den ihr geliebter Vater allenthalben bewieſen hatte, gebührend zu ſchätzen wußte. Die einzige unzufriedene Perſon war Sir Arthur Green, deſſen Wichtigkeit von dem Augenblicke, da Fairfax auftrat, verſchwunden war, und der ſchon vorher kalt und unhöflich, nach deſſen Ankunft nicht übel Luſt zeigte, zu warmer Grob⸗ heit überzugehen. Man ſcheerte ſich übrigens ſehr wenig um ihn, und er wagte es nicht zu weit zu gehen. Mit Allan Fairfar ſchien, wie geſagt, ein neues Leben eingezogen zu ſeyn; Niemand ſchien ſich jetzt mehr zu lang⸗ weilen, denn immer gab es etwas zu ſehen oder zu thun, irgend eine Unterhaltung oder wenigſtens Beſchäftigung. Margarethe beſuchte mit ihm und Lady Jane die Hütten Ben Halliday's und ſeines Vetters, erkundigten ſich nach dem Knaben, dem jener Unfall begegnet war, und unter⸗ hielten ſich freundlich mit den Frauen der Tagloͤhner. Sie beſuchten die Geiſtlichen der Gemeinde, ließen ſich alle An⸗ gelegenheiten derſelben im Detail erzählen und Margarethe hörte mit Vergnügen auf die Vergleichung, welche Mr. Fair⸗ far zwiſchen dem glücklichen gedeihlichen Zuſtande rings um Mr. Graham's Wohnung und dem einiger anderen Landes⸗ theile, welche er neulich beſucht hatte, anſtellte. Erſt bei Tiſch ergab ſich an jenem Tage eine unangenehme Discuſſton, veranlaßt durch Fairfax Bemerkungen über die Lug⸗ der niederen Stände in England. Sir Arthur Green gehörte nämlich zu den ultra: s unter den politiſchen Oekonomen, und wußte gleich allen Fana⸗ tikern ſogar die höchſte Wiſſenſchaft dadurch lächerlich oder 61 gehäſſig zu machen, daß er ſie auf Gegenſtände anwandte, auf die ſie zunächſt gar nicht paßte. Er betrachtete alle Men⸗ ſchen blos als Maſchinen, ſprach ſo von ihnen und war ebenſo geneigt, ſie als ſolche zu behandeln. Seiner Anſicht nach waren ſie blos Theile einer großen Univerſalfabrik, Maſchi⸗ nen von Fleiſch und Blut, deren Amt es war, mit den ge⸗ ringſten Koſten ſo viel wie möglich zu produziren. Fairfax erinnerte ihn an einen kleinen Unterſchied zwiſchen ihnen und gewöhnlichen Maſchinen, den nämlich, daß ſte empfinden und denken, daß ſie lieben und haſſen, daß ſie ebenſo wohl Herzen wie Arme, einen unſterblichen Geiſt ſo gut wie eine raiſon⸗ nirende Vernunft beſitzen, daß die bewegende Macht bei ihnen von der Art ſey, wie er ſie nicht zu erſetzen vermöge und ebenſo wenig wegzunehmen wagen werde. Deſſenungeachtet fuhr der angehende Staatsmann im alten Thema fort, indem er Vieles als unwiderleglich be⸗ wieſen annahm, was Jedermann im Zimmer zu läugnen ge⸗ neigt war, und ſeine kalten Theorien mit Wolken von Schul⸗ witzen deckte, bis er zuletzt erklärte, er halte es nicht allein für ausnehmend thöricht, ſondern auch für ungerecht gegen die Majorität, wenn Jemand auch nur einen Groſchen mehr Lohn gebe, als gerade das Minimum, wofür er überhaupt Arbeit zu erhalten im Stande ſey. „Jedes Ding hat ſeinen Marktpreis,“ behauptete er, „und wer mehr dafür bezahlt, ſteigert denſelben ungerechter Weiſe auch für Andere.“ Das war ein direkter Angriff auf Mr. Graham's Syſtem 62 dieſer würdigte ihn jedoch keiner weiteren Beachtung, als daß er lachend erwiederte: „Wenn wir die Bauern wie unſere Ochſen ſchlachten und aufſpeiſen könnten, falls es deren zu viele werden, dann. glaube ich, könnte Ihr Plan gelingen, Sir Arthur. Da aber das Geſetz wie unſer Gewiſſen ſolches nicht erlaubt, ſelbſt wenn wir's thun könnten, ſo fürchte ich, muß die Lohnſkala nach andern Prinzipien geregelt werden. Gutsbeſitzer und Brodherrn jeder Art müſſen wenigſtens ſo viel bezahlen, daß diejenigen, die, ſey's nun in Lohn oder Armenſteuer oder Plünderung, von ihnen abhängen, davon leben können. Die erſtere Art der Bezahlung iſt mir die liebſte— doch um auf einen anderen Gegenſtand zu kommen, ſo habe ich für morgen einen Ausflug vorzuſchlagen, wobei Margarethe den Führer machen ſoll, da ich den ganzen Tag in Braunſchweig zurück⸗ gehalten bin. Was denken Sie von einem Ritte nach Brugh und über die Marſchen, wie wir's nennen, obwohl wohlge⸗ merkt in dem ganzen Landſtriche kein Zoll eigentlichen Marſch⸗ landes zu treffen iſt. Es iſt ein ſehr intereſſanter Diſtrikt, den wohl noch Niemand von Ihnen geſehen hat.“ Das unerfreuliche Geſpräch hatte natürlich durch dieſe neue entſchiedene Wendung ein raſches Ende erreicht, und die ganze Geſellſchaft ſtimmte darin überein, daß die vorge⸗ ſchlagene Parthie ganz köſtlich wäre. Lady Jane, die ſich— der Himmel weiß wie— mit der bekannten Gräfin Anna von Pembroke, welcher einſt das Schloß Brugh gehörte, verwandt glaubte oder ſich wenigſtens dafür ausgab, bat jenes Schloß in den beabſichtigten Ritt einzuſchließen, und 63 wollte ſich durch Graham's Wink, daß die Strecke dadurch zu groß würde, nicht abſchrecken laſſen. Sie ſey zu Pferd unermüdlich, behauptete ſie, und auch Margarethe würde es gewiß nicht anſtrengen, der Tag werde ſicherlich ſchön wer⸗ den, man habe ja eben erſt den ſogenannten indiſchen Som⸗ mer angetreten, der November habe ſich ſo warm wie nur je ein Mai angelaſſen, und kurz— ſie ſey entſchloſſen: Brugh Caſtle müſſe beſucht werden. Es iſt merkwürdig, wie dieſe ſchöngelockten Mädchen mit zartem Teint und weitem Munde ſo hartnäckig ſeyn kön⸗ nen, wenn ſie nun einmal wollen. Jedermann gab natürlich nach, und es wurde ausgemacht, daß man eine Stunde frü⸗ her, als anfänglich vorgeſchlagen war, aufbrechen wollte. Das raſche Herz der Jugend— ach, wie ſtürmiſch eilt es dahin auf die Bahn des Vergnügens! Wohl mag man die Hoffnung eine Flamme und Liebe ein Feuer nennen, denn beide verzehren das, was ſie nährt, nichts als den Rauch der Täuſchung, die Aſche der Reue zurücklaſſend. Auch Fairfar legte ſich in jener Nacht, die Bruſt voll glänzender Erwar⸗ tungen auf morgen, zur Ruhe. In ſeinem Herzen war heller Sonnenſchein; aber gleich wie man beim Anblicke einer Aus⸗ ſicht, die von dem ſtrahlenden Morgenlichte beleuchtet iſt, die Augen vor dem Geſtirn beſchattet, das jene glänzenden Strah⸗ len ausſendet, während der Blick in der vor ihnen entfalteten Lieblichkeit ſchwelgen, ſo wollte auch Fairfar, indem er dem kommenden Tage mit dem Zittern freudiger Vorahnungen entgegenſah, ſeine Gedanken gleichwohl nicht dabei verwei⸗ len laſſen, von der all dieſer Sonnenſchimmer ausging. Wie 64 wenig hatte er ſich träumen laſſen, als er das Städtchen Braunſchweig beſuchte, um dort zur Fortſetzung ſeiner Tour eine unbedeutende Geldſumme zu erheben, und einen Einla⸗ dungsbrief in Mr. Graham's Haus vorfand— daß dieſer Be⸗ ſuch Empfindungen, wie er ſie jetzt empfand, hervorrufen würde! Daran hatte er wahrlich nicht gedacht, ſonſt wäre er nicht gekommen, ſo ſüß und wonnig auch dieſe Empfin⸗ dungen waren: doch jetzt, da ſie ihn einmal erfaßt hatten, überließ er ſich ihrem Einfluſſe— nicht ohne Furcht, nicht ohne Zweifel und Zögern, aber auch mit einem Springquell neugeborener Liebe, welcher zu mächtig war, als daß er ihn noch bemeiſtern konnte. Es lebte noch ein anderes Herz im Hauſe, das bei den Gedanken an den kommenden Tag zwar mit weniger Furcht vor den Regungen, die es empfand, aber doch mit Schüch⸗ ternheit und voller Erwartung pochte. Margarethe ſah, daß ſie geliebt, daß ſie zum erſtenmale von einem Manne ange⸗ betet war, deſſen Leidenſchaft ſie erwiedern konnte. Sie zit⸗ terte, wenn ſie daran dachte, aber dennoch war das Gefühl ſehr ſüß und keine Aengſtlichkeit miſchte ſich darein, denn ſie wußte, daß ihr Glück die einzige Hoffnung ihres Vaters ausmachte, und ſah ebenſo, daß ihre Mutter nicht ungeneigt war, ihre Liebe mit günſtigen Augen zu betrachten. Mit Tagesanbruch war Alles wach und Jedermann ſchaute durch's Fenſter, um das Ausſehen des Himmels zu betrachten: er war grau und wolkig, ein leichter Froſt be⸗ deckte den Boden. Margarethen's Blicken ſchien er nichts Gutes zu verkünden, denn bei dem erſten Hinderniſſe auf der 65 Bahn des Vergnügens pflegt immer die Furcht noch vor der Hoffnung unſer Herz zu beſchleichen. Gleichwohl legte ſie ihr Reitkleid an und trat mit ſtrahlender Miene, welche recht wohl einen Wintertag aufzuhellen vermochte, in das Fruh⸗ ſtückzimmer, wo ſie ihren Vater und Allan Fairfax traf. Wäͤhrend ſie Letzterem die Hand reichte, ſah ſie Mr. Gra⸗ ham's Auge auf ſich gerichtet und glaubte ein leiſes, aber zufriedenes Lächeln auf ſeinen Lippen zu bemerken; die Röthe ſtieg ihr in die Wangen und ſie blickte raſch zum Fenſter hinaus, indem ſie mit zitternder Stimme bemerkte: „Ich fürchte, es wird einen garſtigen Tag geben.“ „O nein, Liebſte,“ erwiederte Mr. Graham;„der Him⸗ mel wird ſich in einer Stunde aufklären, und ihr werdet einen ſchönen Morgen zu eurem Ausritte haben. Für mor⸗ gen will ich zwar nicht ſtehen, und bin ſogar ungewiß, was es heute Nacht geben wird; aber auf acht bis zehn Stunden günſtiger Witterung dürfen wir ſicher rechnen.“ Wie Mr. Graham prophezeiht hatte, ſo geſchah es: noch ehe das Frühſtück vorüber war, theilte ſich der graue Morgennebel anfänglich in leichte Wolken, welche hierauf gänz⸗ lich verſchwanden, als ob die aufſteigende Sonne dieſelben eingeſogen hätte. Mr. Graham gab Allan Fairfax ein kräf⸗ tiges Roß, das mit dem ſeiner Tochter gleichen Schritt zu halten gewohnt war; auch Kapitän Hales lieh er einen gu⸗ ten Jagdklepper, der Reſt der Geſellſchaft hatte eigene Pferde. Ein Diener folgte, und alle Sieben brachen etwas vor zehn auf, während Mr. Graham in ſeinen Phaeton ſtieg und nach Braunſchweig hinuͤber fuhr. 66 Im Anfang ging es langſam auf der Straße gegen Brugh vorwärts, bis man bald darauf das Ufer des kleinen See's erreichte, um deſſen weſtlichen Rand ſie herumritten, während ſie ſelbſt und ihre Pferde ſich deutlich auf der glat⸗ ten Waſſerfläche abſpiegelten; von da ging's den gegenüber⸗ liegenden Hügel hinan, wo die Straße über einen engen Einſchnitt zwiſchen zwei hohen ſattelförmigen Bergen führte, und ſich dann raſch gegen eine mehrere tauſend Fuß tiefer liegende Ebene hinabſenkte. Von dem höchſten Punkte der Straße überblickte das Auge eine wilde und durch ihre un⸗ geheure Ausdehnung äußerſt erhabene Ausſicht. So weit es zu reichen vermochte, dehnte ſich eine weite ununterbrochene, faſt endloſe Ebene, denn die ſchwache Grenzlinie, welche ſte von dem fernen Horizonte trennte, war durch einen leich⸗ ten Nebel verdunkelt, welcher Himmel und Erde unmerklich ineinander überfließen ließ. Rechts waren in weiter Ferne nach langem Hinſchauen mehrere undeutliche Wellen⸗ linien— ähnlich denen von Wolken, aber wahiſcheinlich ei⸗ nige von den Nidesdale⸗Höhen zu unterſcheiden; links lagen die großen Cumberlandgebirge, welche weiter hinten von dem Skiddaw bekrönt wurden. Ich nannte die Ausſicht eine unbegrenzte, doch war die weite Ebene darum nicht ohne Abwechslung, denn neben der Haupifarbe der nächſten Punkte— einem glänzenden Dun⸗ kelgrün und dem Tiefblau der Ferne ſchillerte der weite Raum noch von manch anderen, aber lauter ſatten, kräftigen Tönen, ohne deßhalb die Harmonie des Ganzen zu beeinträͤchtigen. Hier und dort bemerkte man eine weite Fläche, welche wie nies 67 derer Wald ausſah; jenſeits war die Ebene von einem gel⸗ ben Streifen durchzogen, dann kamen einige Wellenlinien, die entweder von der Beſchaffenheit des Bodens oder von dem Schatten von Wolken, die des Zuſchauers Auge an dem klaren Himmel über ihnen nicht unterſcheiden konnte, beinahe ſchwarz gefärbt waren. Die Natur ſelbſt hatte dafür geſorgt, der Ausſicht jede Einförmigkeit zu benehmen, während ſie zu gleicher Zeit die ungeheure Ausdehnung des Ganzen durch die Abwechslung des Kolorits hervorgehoben hatte. Unter⸗ halb des Hügels, faſt zu den Füßen der Wanderer, weideten einige Schaaf⸗ und Rinderheerden; andere waren in weiterer Ferne zu unterſcheiden, dem Blicke immer kleiner werdend, bis ſie zuletzt zu bloßen Punkten zuſammenſchmolzen und endlich ganz verſchwanden. „Dort iſt die Brughmarſche,“ bemerkte Margarethe Graham in leiſem, ſüßem Tone, als ob ſie von der Größe des Anblicks eingeſchüchtert wäre,„und hier lag Edwarde I. Schlachtfeld, wo ſich der wilde und unüberwindliche Eroberer vor einem ſtärkeren, ausdauernderen Kriegshelden beugen mußte.“ „Der Boden ſcheint ſchlecht angebaut,“ ſchob Sir Arthur Green ein;„ich wundere mich, daß man ihn nicht ergiebiger zu machen verſucht hat.“ Margarethe ſchüttelte ſanft an dem Zaume ihres Pfer⸗ des, und begann ſofort die Anhöhe hinabzureiten. Unter den unendlich mannigfaltigen Sorten menſchlicher Citelkeit iſt die reizbare Einbildung die unangenehmſte, ebenſo für das Individuum, wie für Solche, die mit ihm in 68 Berührung kommen. Ein eitler Menſch, der nicht überzeugt iſt, daß alle Welt ebenſo vortheilhaft, wie er ſelbſt, von ſich denkt, iſt ein unglückſeliges Geſchöpf, denn der Stolz, obwohl eine iſolirende Leidenſchaft, iſt doch auf alle Fälle unabhän⸗ gig, während die Eitelkeit zu ihrer Befriedigung, wenn nicht gar zu ihrer Stütze, auf die Meinung Anderer angewieſen iſt. Sir Arthur Green hielt ſich für ſtolz, war aber blos eitel, und die Ueberzeugung, die ſich ihm aufdrängte, daß er von Margarethe keineswegs mit ſehr günſtigen Augen betrachtet werde, brachte ihn zu dem Entſchluſſe, ſich dadurch an ihr zu rächen, daß er Lady Jane ſeine volle Aufmerkſamkeit ſchenkte. Ein beſſeres Mittel, ſich Margarethen angenehmer zu machen, hätte er gar nicht erſinnen können, und während er ſte bitter zu beſtrafen wähnte, indem er ſich blos der Dame von Rang widmete und die Bankierstochter gänzlich ver⸗ nachläßigte, galoppirte Margarethe Graham in aller Fröh⸗ lichkeit neben Allan Fairfar über die Brughmarſche, wobei Beide jede Schönheit der Natur gemeinſam genoßen, und wenn es an ſolchen gebrach, in ihren eigenen Herzen einen reichen Vorrath von Glück— einem vergrabenen Schatze vergleichbar— entdeckten. Die beiden Kapitäne ritten zuſammen und unterhielten ſich in langen Zwiſchenräumen mit modiſchem Unſinn, und ſo harmoniſch gepaart durchzogen ſie die weite Ebene bis zu deren Höhepunkte, wo ſie von den oberen Hügeln aus einige kleine ſchwarze Erdaufwürfe bemerkt hatten, die ſich nun⸗ 69 mehr als das Staͤdtchen Brugh mit den Ueberreſten ſeines alten Schloſſes darſtellten. Wie ſich übrigens das Auge von einem hohen Berge aus im Schätzen der Entfernung gewaltig zu täuſchen pflegt, ſo ging es auch hier: Jedermann, bis auf Margarethe, hatte geglaubt, die Ruine in einer Stunde erreichen zu können; aber ſo ſcharf ſie auch ritten, ſo verſtrich doch eine Stunde nach der andern, und es war ſchon halb drei Uhr, als ſie ihre Pferde in dem kleinen Gaſthofe einſtellten und die Anhöhe nach dem Schloſſe hinanſtiegen. Fairfax bot Margarethen im Hinaufgehen den Arm, den dieſe auch annahm, als ſie bemerkte, daß Lady Jane keinen Anſtand genommen hatte, die gleiche Huͤlfe von Sir Arthur Green ſich leiſten zu laſſen, nur mit dem Unterſchied, daß der Baronet offenbar und auf⸗ fallend die Cour machte, was man von Allan Fairfax und ſeiner ſchönen Begleiterin nicht ſagen konnte. Vielleicht daß ſie deſſen gar nicht bedurften. Das andere Paar trennte ſich von dem Reſte der Ge⸗ ſellſchaft, ſobald man die alten Mauern erreicht hatte. Lady Jane hatte gar nichts dagegen, daß ihr ein neuer Gegenſtand der Unterhaltung geboten wurde, denn jetzt, da ſie Brugh vor ſich hatte, genügte dieſes nicht mehr; ſie lachte und plau⸗ derte, ohne die mindeſte Abſicht, die Grenzlinie unſchuldiger Koketterie im Geringſten zu überſchreiten, zeigte ihre ſchoͤnen Zaͤhne und gab überhaupt dem jungen Politiker jede Art von Aufmunterung, ſo daß dieſer ungehindert mit ſeinen ſüßen Fadaiſen und trockenen Thatſachen fortfahren konnte. Die beiden anderen Gentlemen blieben etwa fünf Mi⸗ 4 4 — 70 nuten bei Margarethen und deren Begleiter; aber man weiß ja, wie leicht man ſich in einer Ruine in einzelne Gruppen abſondert, und während Fairfax und Miß Graham am Fuße des großen viereckigen Thurms ſtanden und hinauf ſchauten, fanden ſie ſich unverſehens allein gelaſſen. Es war ein Augenblick großer Verſuchung. Sollte er ihr ſagen, ſo fragte er ſich ſelbſt, wie ſehr er ſie liebte, wie ihre Schönheit, ihre Grazie und Sanftmuth ihn ohne ein Vermögen des Widerſtandes hingeriſſen hatten, wie das Leben ohne ſie ihm werthlos geworden war?— Nein, er wollte nicht, denn ihn feſſelte eine Kette, die ihn von ſolchem Glücke, wie die Hoffnung auf ihren Beſitz es ihm gewährt haͤtte, ferne hielt. Jene Kette war vielleicht zu löſen, und ihre Hand konnte dies bewirken; aber dazu war es nöthig, daß ſie dieſelbe kannte, und fürs Erſte, daß er ihr Alles ſagte. „Das iſt in der That ſehr großartig,“ bemerkte er ziemlich abgeriſſen;„aber wiſſen Sie wohl, daß ich nie eine Ruine ſehen kann, ohne daß ſie auf lange Zeit einen melan⸗ choliſchen Eindruck bei mir zurückläßt?“ „Ich denke, das iſt die natürliche Wirkung,“ erwiederte Margarethe;„wenn nicht gerade melancholiſch, ſo iſt der Eindruck bei mir immer ernſt und zum Nachdenken auffor⸗ dernd. Eine Ruine iſt an ſich ſelbſt ein Denkmal des Ver⸗ falles, welchem nicht nur wir Alle, ſondern auch unſere ſämmt⸗ lichen Werke unterliegen.“ „Ja,“ verſetzte Fairfar,„ſolche Gegenſtände, wie wir ſie um uns ſehen, ſind das Denkzeichen eines unvermeidlichen Schickſals— die Schaͤdel und Gebeine aller Unternehmun⸗ * 71 gen dieſer Welt. Allein ich fürchte, theure Miß Graham, die Melancholie, die ich empfinde, iſt bei mir mehr eine in⸗ dividuelle, als eine allgemeine Anwendung jenes Bildes. Der Anblick einer Ruine erinnert mich an mein eigenes Loos—“ Margarethe richtete ihr Auge auf ihn mit einem Blicke der Ueberraſchung und Trauer. „Ja,“ fuhr Allan Fairfax fort,„ſobald ich ſolche zer⸗ trümmerten Gebäude vor mir ſehe, beſonders wenn der Ver⸗ fall mehr durch Vernachläßigung oder Gewaltthat, als durch den natürlichen Prozeß der Zeit bewirkt wurde, muß ich un⸗ willkührlich eine Aehnlichkeit zwiſchen ihrem und meinem Schickſale auffinden. Ich ſehe dann in ihr ein Bild der Vernichtung heiterer Ausſichten, und in ihrer hoffnungsloſen Veroͤdung ein Gemäͤlde meines künftigen Lebens.“ Die Thraͤnen ſtanden Margarethen in den Augen, als er redete; doch gab ſie mit niedergeſchlagenen Blicken und leiſem, mildem Tone zur Antwort: „Ich habe geſehen, wie ſchon manche Ruinen wieder hergeſtellt und noch ſchöner, als früher, aufgerichtet wurden. — Kann das nicht auch bei Ihnen der Fall ſeyn?“ „Sie ſollen ſelbſt urtheilen,“ erwiederte Fairfax.„Ich will Ihnen die ganze Geſchichte erzählen; ſie iſt nur kurz, wenn ſie auch noch ſo fremdartig lautet.“ „O ja, thun Sie das,“ rief Margarethe,„es wird mich gewiß tief intereſſtren.“ „Ich bin zu bedeutendem Wohlſtande geboren,“ begann Allan Fairfar,„und habe jetzt Nichts— lediglich Nichts. 8 5 1 5 72 Von der Güte eines freundlichen, trefflichen Greiſes abhän⸗ gend, ſchwimme ich im Ueberfluſſe, ſo lange er lebt, verliere aber mit der Stunde ſeines Todes Alles, mit Ausnahme meiner geringen Offizierſtelle.“ „Ha, ha, ha!“ ſchrie eine Stimme, offenbar dicht unter ihnen;„luſtig, luſtig— auch ich habe nichts— rein gar nichts,“ und unter dem Bogen des kleinen Pförtchens auf der Weſtſeite des Thurmes ſah man die ſtämmige, breite Geſtalt und das finſtere Geſicht des Simpels Tommy Hicks auftauchen. „Pack Dich fort, Du nichtsnutziger Narr!“ rief Allan Fairfax, zornig die Peitſche über ihm ſchwingend;„wenn ich Dich diesmal erhaſche, will ich Dich lehren, daß Du nicht wieder einen Reiſenden, den Du zu führen übernommen, irre leiteſt.“ „Ihr thätet beſſer, mich nicht anzurühren,“ brummte der Simpel, ihn fürchterlich anſchielend.„Wer Tommh argert, den kann er wieder ärgern, und ich werde es Euch mit guten Zinſen heimgeben, Meiſter Tappindenſumpf. Ich wollte, Ihr wäret die ganze Nacht im Moraſte gelegen; Ihr hättet ein weiches Bett gehabt, und hättet den Mond zu Eurer Wärmpfanne machen können, denn das Betttuch iſt dort ziemlich feucht, glaub' ich.“ Fairfax that einen Schritt gegen ihn, aber im ſelben Augenblick humpelte Tommy durch den Thorweg, und Margarethe legte ihre Hand auf den Arm. ihres Lieh⸗ habers. „O, thun Sie ihm nichts zu Leid!“ bat ſie.„Der 73 arme Menſch iſt ganz ohne Verſtand und weiß nicht, was er ſagt oder thut.“ „Ich wollte ihn blos fortſcheuchen,“ erwiederte Fair⸗ far,„denn da ich meine Erzählung einmal begonnen habe, ſo möchte ich fie auch vollenden.“ Kaum waren jedoch zwei Minuten verſtrichen, als Kapitän Hales wieder bei ihnen ſtand. „Kommen Sie hierher, kommen Sie hierher,“ ſagte er; „da oben von der Mauer, wohin ein närriſcher Junge in grauer Jacke Lady Jane und Sir Arthur geführt hat, iſt eine ſo ſchoͤne Ausſicht, daß ſie ſie Jedermann zeigen wollen.“ Margarethe und Fairfax folgten. Des ſüßen Mädchens Antlitz, das ziemlich traurig ausgeſehen hatte, als Kapitän Hales ihr Geſpräch unterbrach, erheiterte ſich wieder, wäh⸗ rend ſie einen Schritt hinter ihm über die grasbewachſenen Höfe und die Trümmer der eingeſtürzten Mauern hinwan⸗ delten; ein heiteres warmes und bedeutungsvolles Lächeln flog über ihre Züge, indem fie ſich in leiſem Tone an ihren Gefährten wandte. „Und doch glaube ich, auch dieſe Ruine ließe ſich wie⸗ der herſtellen,“ bemerkte ſte. „Sie iſt in einem traurigen Zuſtande des Verfalles,“ war Fairfar' düſtere Erwiederung. Im nächſten Augenblicke beim Umwenden um die Ecke des großen viereckigen Thurmes erblickten ſie ein hohes faſt abgeriſſenes Stück des Außenwalles, und oben drauf ihre Reiſegefährtin Lady Jane mit Sir Arthur Green, wäh⸗ rend auf den zerbrochenen Mauertrümmern, welche hier als Fames. Margarethe Graham. Stufen dienten, der Simpel mit gekreuzten Armen daſtand, und weit hinaus über die Verwüſtung hinblickte. Am Fuße der Mauer ſah man große Maſſen herabgefallener Steine, mit zahlreichen Neſſelbuſchen dazwiſchen, und der ehren⸗ werthe Kapitän Habenichts war eben in löblichem menſchen⸗ freundlichem Eifer damit beſchäftigt, mit ſeiner Peitſche jene ſtechenden Feinde für Kinderhände abzuſchlagen. „Stehen Sie auch ganz ſicher da oben, Lady Jane?“ fragte Fairfar, ſobald er unten an der Mauer angelangt war und die vielen von der Zeit aufgelockerten Steine, ſo wie die zahlreichen Lücken bemerkte, welche durch das Heraus⸗ nehmen anderer, die in der Nachbarſchaft zur Erbauung von Hütten verwendet worden, entſtanden waren „Ich weiß nicht, Mr. Fairfax,“ rief die Lady, durch ſeine Frage offenbar beunruhigt;„glauben Sie, es könnte wohl nachgeben. Ich möchte gerne hinabgehen, Sir Arthur — bitte, helfen Sie mir hinunter.“ „Platz gemacht, Meiſter Graujacke,“ befahl Sir Ar⸗ trur Green, Lady Jane die Hand reichend, indem er ſich an den Simpel wandte, der mitten auf den Stuſen ſtand;„laß mich paſſiren, Mann.“ „Paſſirt nur, wenn Ihr könnt, Ihr winzige Steckna⸗ del,“ murrte Tommy Hicks, die Arme noch immer feſt uͤber die Bruſt kreuzend;„'s iſt eine hübſche luftige Stellung, und Ihr bliebet beſſer da oben, bis Ihr Euch gebleicht habt, denn Eure Mutter hat ihr Tuch ſchrecklich gelb gewoben.“ „Geh aus dem Wege, Du Hallunke, oder ich ſchlage Dich nieder,“ ſchrie der kleing Baronet in großer Wuth, die 75 Hand der kreiſchenden Lady loslaſſend und auf den Simpel los⸗ gehend. Doch mit der Schnelligkeit des Blitzes und mit lautem Gelächter verſetzte ihm dieſer einen Puff auf die Schulter, der den armen Baronet aus dem Gleichgewicht brachte und ihn geradewegs auf die Neſſeln hinabwarf, welche der Ka⸗ pitän noch immer zu köpfen fortfuhr. Die Höhe mochte wohl vierzehn Fuß betragen, und der kleine Baronet hätte aller Wahrſcheinlichkeit nach den Boden nicht unverſehrt erreicht, wenn er nicht zu allem Glücke auf Lady Jane's Bruder gefallen wäre, der alsbald unter dieſem Schocke zuſammenbrach, ſo daß Beide in rührender Eintracht auf das Neſſelbett kugelten. Lady Jane war mittlerweile mit dem Simpel allein auf der Mauer geblieben, und ohne ſich mit dem Anblicke einer Scene aufzuhalten, welche allerdings mehr komiſch als tragiſch war, ſetzte Fairfax, über die Lage der Dame beun⸗ ruhigt, mit einem Sprunge über die Trümmermaſſe, ſo daß er mit dem Kopfe bis auf einige Fuß an den oberen Rand der Mauer hinanreichte. Eben als er die Hand ausſtreckte, um den Simpel an der Ferſe zu packen, fprang dieſer mit ſeinem wilden Halloh auf der andern Seite hinunter, und Fairfax ſtieg auf die Mauer, um Lady Jane herunterzuhel⸗ fen. Indem er dies that, erblickte ſein Auge die Geſtalt des Simpels, welcher anſcheinend unverletzt nach dem Marſch⸗ lande hinſchlenderte— die Tiefe war nämlich auf der an⸗ dern Seite zwar noch beträchtlicher, aber unten von einem weichen ebenen Raſen ausgefüllt. Lady Jane hatte nicht übel Luſt, in Ohnmacht zu fal⸗ 6 8½ — len, als ſie den Fuß der Treppe erreichte; doch der Anblick ihres Bruders und Sir Arthur Greens, welche ſich mittler⸗ weile mit blutſtrömender Naſe gegenüberſtanden und gar gerne Händel mit einander angefangen hätten, berührte ei⸗ nen kitzlichen Punkt ihrer Fantaſte, ſo daß ſie ſtatt in Ohn⸗ macht zu fallen, in lautes Gelächter ausbrach. Kapitän Hales legte ſich ins Mittel und beruhigte die zwei ärgerli⸗ chen verwundeten Herren, und nach kurzer Pauſe brach die ganze Geſellſchaft nach dem kleinen Gaſthofe auf, um noch ein Luncheon, ſo gut es eben zu haben wäre, einzunehmen, bevor ſie ſich auf den Heimweg machten. Ihr Mahl war jedoch noch nicht vorüber, und die Pferde kaum geſattelt, als die ſchlecht verſchloſſenen Fenſter⸗ ſcheiben des Wirthshauſes von dem nahenden Sturme er⸗ dröhnten, und der Himmel von ſchwarzen Unheil verkünden⸗ den Wolken bedeckt wurde. Sie ſtiegen in aller Haſt zu Pferde, und ſuchten wo möglich dem Sturme davonzureiten; allein die Entfernung war groß, halb Vier war ſchon vor⸗ über, die Nacht überſiel ſie, wäͤhrend ſie noch weit bis ans Ziel ihrer Reiſe hatten, und noch lange, bevor ſie den Fuß der Hügel erreichten, ſchlug ihnen ein ſchwerer Regen, mit ſcharfen winzigen Hagelkörnern vermiſcht, ins Geſicht. Durchnäßt bis auf die Haut erreichte endlich die ganze Geſellſchaft Mr. Graham's Wohnung, deren offene Thore und beleuchtete Fenſter ſie mit Freuden begrüßten. Diener eilten herbei, um ihre Roſſe in Empfang zu nehmen; doch glaubte Allan Fairfax etwas Beſonderes an den Leuten zu bemerken, und während die Geſellſchaft haſtig auseinander⸗ 77 ſtob, und Jedes auf ſein Zimmer eilte, um die naſſen Kleider zu wechſeln, hörte er, wie Margarethe das ihr entgegen⸗ kommende Kammermädchen fragte: „Was iſt das für eine Droſchke, welche dort neben der Thüre ſteht?“ „Sie gehört dem alten Doktor Kenmore, Miß Gra⸗ ham,“ erwiederte die Dienerin;„kommen Sie aber lieber und wechſeln Sie Ihre Kleider, Madame; Sie ſind ja ſchreck⸗ lich naß.“ Allan Fairfax hatte ſeine Toilette nahezu beendigt, als der Tafeldecker nach einleitendem Thürklopfen mit ſehr ernſtem Geſichte eintrat. „Mrs. Graham läßt ſich Ihnen wie den übrigen Da⸗ men und Herren empfehlen,“ meldete der Mann,„und bittet ſie und Miß Graham zu entſchuldigen, wenn ſie nicht bei der Mittagstafel erſcheine, da Mr. Graham unmittelbar nach ſeiner Rückkehr yon Braunſchweig ſehr unwohl gewor⸗ den iſt.“ „In der That!“ rief Fairfar im Tone unverſtellten Bedauerns;„wiſſen Sie, was ihm fehlt?“ „Ein Schlaganfall ſagt der Doktor, Sir,“ erwiederte der Tafeldecker;„ſeit man ihm übrigens zu Ader gelaſſen und Waſſer auf den Kopf gegoſſen hat, befindet er ſich beſ⸗ ſer, und ſteht ſich wenigſtens wieder um, wenn er auch noch nicht ſpricht. Mrs. Graham hieß mich noch Ihnen aus⸗ richten, Sir, ſie hoffe das Vergnügen zu haben, Sie morgen beim Frühſtücke zu ſehen.“ So verſtrich ein düſterer Abend: ſäͤmmtliche Gäſte * 78 ſchickten ſich an, in der Frühe des nächſten Morgens abzu⸗ reiſen, obwohl der Bericht über Mr. Graham's Vefinden beim Aufheben der Abendtafel dahin lautete, daß es ihm um Vieles beſſer gehe und jede unmittelbare Gefahr vorüber ſey. Die meiſten der Anweſenden waren nur zu bereitwillig, aus dem Hauſe eines Kranken zu fliehen; nur Allan Fairfax ware gerne geblieben, wenn er gedurft hätte, um die arme Margarethe zu ſtützen und zu tröſten. Daran war jedoch nicht zu denken, und mit traurigem geängſtigtem Herzen legte er ſich endlich zur Ruhe; alle die glänzenden wonnigen Erwartungen, wie ſie ihn die Nacht zuvor heimgeſucht hatten, waren erloſchen, einem jener Feuerwerke vergleichbar, welche auf wenige Minuten Tauſende von hellen farbigen Funken ausſtrahlen, und dann in einem Augenblick in Rauch und Finſterniß endigen. Fünftes Kapitel. Geſinnungsänderungen einer Dame. Mr. Graham hatie eine erträgliche Nacht gehabt: tiefer Schlaf hatte ihn von Zeit zu Zeit heimgeſucht, was ſeine Tochter ſehr beunruhigte, da ſte— und wie konnte ſie auch?— zwiſchen dem feſten natürlichen Schlummer und jenem Zuſtande der Betäubung, worin ſie ihn anfänglich nach ihrer Rückkehr getroffen hatte, nicht zu unterſcheiden ver⸗ mochte. Zu ihrer Beruhigung diente jedoch, daß der alte „ 4* 79 Wundarzt, der ſich nach dem Diplome Gott weiß welches Kollegiums Doktor titulirte, die ganze lange Nacht bei dem Patienten durchwachte, und jede Veränderung mit der ge⸗ wiſſenhafteſten Sorgfalt beobachtete. Fuür die alte mediziniſche Schule, aus welcher er hervor⸗ gegangen, war er in ber That ein ſehr geſchickter Mann, dieſer Doktor Kenmore, und beſaß in Mr. Grahams Falle außerdem einen weſentlichen Vorzug vor jedem andern Arzte: er war nämlich ſein alter perſoͤnlicher Freund und liebte ihn zärtlich. Bei Mr. Graham hatten ſich zwar die Umſtände ſeit der Zeit ihrer erſten Bekanntſchaft gewaltig geändert, was je⸗ doch keine Wechſel in ihrem gegenſeitigen Benehmen hervor⸗ gerufen hatte, denn bei ihnen hieß es immer noch„Ken⸗ more“ und„Graham“ wie früher. Letzterer beſaß ſchöne Häuſer, weite Ländereien, großen Wohlſtand, trieb wichtige Spekulationen, trug feine Röcke und lange Beinkleider und fuhr in einem Phaeton, während der Andere ſeinen blauen Frack mit meſſingnen Knöpfen, die weiße Weſte mit ſchwarzen Hoſen und ſeidenen Strümpfen beibehalten hatte, und im⸗ mer noch daſſelbe Fuhrwerk benützte, wenn er auch das Pferd mehr als einmal gewechſelt hatte, denn auch er beſaß eine blühende Praxis, und es ging ihm ſehr gut in der Welt. Doch Mr. Graham ſchämte ſich keineswegs ſeines alten Kameraden, auch wenn dieſer in ſeinem Anzuge einer dreißig⸗ jährigen Mode folgte und ſich in ſeinen Manieren ſehr frei, wenn nicht gar barſch zeigte. Sie waren Beide mit Ehren grau geworden, und Kenmore war ſeinem Graham theuer, doch gewiß nicht mehr als Graham ſeinem Kenmore. So kam es, daß der gute Doktor ſelbſt um einen Bruder oder Vater oder gar um ein Kind nicht ängſtlicher hätte ſeyn können, als während er hier neben dem Bette ſeines Patien⸗ ten ſaß und ihn bei dem verdunkelten Lichte bewachte, indem er nur von Zeit zu Zeit die Augen auf Margarethen richtete, welche ihm bis drei Uhr Geſellſchaft leiſtete. „Hören Sie, Kind, heulen Sie mir nur nicht,“ ſagte er einmal leiſe, als er die Thränen in ihren Augen gewahrte, „Sie werden mich nur noch ängſtlicher machen als ich bin; ſähe ich Sie nicht daſitzen und die Augen wiſchen, ſo hätte ich verteufelt wenig Angſt, denn ich ſage Ihnen, es geht ſehr gut, und wir werden ihn ganz wohlbehalten durchbrin⸗ gen. Ich wünſchte von Herzen, Sie gingen zu Bett; Sie können hier nichts nützen, das kann ich Ihnen ſagen, und wenn Sie ſich alſo mit der Hoffnung ſchmeicheln, als ob Sie hier einen Dienſt leiſteten, ſo irren Sie ſich gewaltig.“ Mrs. Graham hatte ſich mittlerweile ſchon längſt zur Ruhe begeben. Nicht daß ſie ihren Gatten nicht liebte, ſo weit ſte überhaupt irgend etwas lieben konnte— ſte hatte vielmehr allmälig eine Art Zuneigung zu ihm gefaßt, und es war auch in der That nicht wohl anders möglich— al⸗ lein ſie ſah nicht ein, was ſie wohl nuͤtzen konnte; ihre eigene zarte Geſundheit gab einen guten Vorwand, und nachdem ſte Doktor Kenmore gefragt, ob ſie irgend behülflich ſeyn könne, und dieſer ſie mit einem barſchen—„ganz im Ge⸗ gentheil“— abgefertigt hatte, legte ſie ſich zu Bett und ſchlief ein.. Sie hatte ihre Gründe, um gut zu ſchlafen. Mr. — 81 Graham's Unwohlſeyn ausgenommen war ſie mit Allem was ſich ſeit der letzten Woche zugetragen hatte, ſehr wohl zufrieden. Sie gratulirte ſich, daß ihre Tochter nicht Lady Green werden ſollte— Green, das war ſchon ſo ein ge⸗ meiner Name— Jedermann konnte im erſten Augenblick entdecken, daß Lady Green im beſten Falle eines Baronets — ja wohl gar eines Ritters Frau ſeyn müſſe. Dagegen Lady Fairfax— das war was ganz Anderes; das hatte einen alten rebelliſchen, ariſtokratiſchen Klang, wie ſie ihn ſo ſehr liebte. Dann ſah auch dieſer Sir Arthur aus wie ein friſch behoster Affe— ein Orangutangbaronet— ein Repräͤſen⸗ tant des Affengeſchlechts; mit Allan Fairfax verglichen, kam er ihr ordentlich gehäffig vor; ihr war, als ob alle ſeine wi⸗ derlichen Eigenſchaften erſt ſeit den letzten ſechs bis ſieben Tagen hervorgetreten wären, und mit den Worten—„Lady Fairfax“— war ſte ſelig entſchlafen. Aber eine bittere Kränkung erwartete die hochmuthige Dame. Als ihr Mädchen am folgenden Morgen die Vor⸗ hänge öffnete, war natürlich ihre erſte Frage nach ihrem Gatten. Die Dienerin benachrichtigte ſie, daß er in einen ruhigen geſunden Schlaf verfallen ſey; der Doktor, der ſich auf den Sofa niedergelegt, habe geſagt, er dürfe um keinen Preis geſtört werden. Mrs. Graham erkundigte ſich ſofort nach ihren Briefen, welche ſte im Bett zu leſen pflegte. Es waren deren zwei eingetroffen: den erſten las ſie ohne die geringſte Aufregung, denn er kam blos von einer theuren Freundin; dafür ſah ſie ſich aber von dem zweiten um ſo 2*G mächtiger erſchüttert, und wir wollen dem Leſer den Gefallen thun, ihm einen Theil des Inhaltes mitzutheilen. „Ich kann Ihnen alles Betreffende über ihn erzählen, meine theure Mrs. Graham,“ berichtete Lady Adeliza Stadt⸗ klatſche;„wir intereſſtren uns alle ſehr für ihn, und manches Herz bricht um ſeinetwillen. Er iſt Lieutenant im—— Regiment, wurde von ſeinem alten Oheim, dem Admiral, auferzogen, der ihm ſein ganzes Eigenthum hinterlaffen möchte, wenn er nur könnte. Allein auf den Gütern ruht ein ſtrenges Majorat, und ſie vererben— wohl gemerkt, zuſammt dem Titel— auf den Sohn von William Fairfar zu Ichſtead— einen armen buckligen jungen Mann, welcher ſchon an Maria Graves verheirathet iſt. Der intereſſanteſte und merkwürdigſte Theil der Geſchichte iſt aber der, daß er nicht von ſeinem eigenen Vater, ſondern von ſeinem Onkel auferzogen wurde. John Fairfax, ſein Vater, war ein ſehr emporſtrebender Mann, und erwarb ſich in Indien nach kur⸗ zer Zeit ein großes Vermögen. Nach ſeiner Rückkehr trat er ins Parlament, und heirathete eine Miß Allan— ich weiß nicht, wer ſte war, ich glaube, das Kollegium zu Dul⸗ wich gehörte fruͤher ihrem Vater. Im ganzen Hauſe gab es keinen geſcheidteren Mann als John Fairfar, und er war eine ſchreckliche Plage für die Miniſter: eines Tags jedoch, gerade um die Zeit, da dieſer Knabe geboren ward, wurde er auf der Jagd von ſeinem Pferde abgeworfen und fiel auf den Kopf. Anfangs hielt man ihn für todt, aber er wurde wieder beſſer, doch nie mehr ganz geſund, denn die unerklär⸗ liche Grille hatte ſich ſeiner bemächtigt, daß dieſer Junge ein ——̈⏑—⏑—— 2— 83 Wechſelbalg ſey. Sein eigener Sohn, meinte er, ſey wäh⸗ rend ſeiner Krankheit geſtorben, und um ihn nicht zu betrü⸗ ben, habe man einen andern an deſſen Stelle gelegt. Er brachte die Sache nie mehr aus dem Kopfe, und wollte ihn bis zum letzten Tage ſeines Lebens nicht anerkennen; er hin⸗ terließ ihm blos fünfzig Pfund jährlich, weil er ſagte, der Knabe ſey nicht daran Schuld. So kam es, daß er von ſeinem Oheime erzogen wurde. Iſt das nicht ſehr intereſ⸗ ſant und betrübend?— Das ganze Vermögen ging auf ſeinen nächſten Bruder über, und den übrigen Geſchwiſtern ſind große Legate vermacht. Es waren deren vier, ehe die arme Mrs. Fairfar, wie man ſagt aus Kummer ſtarb. Doch ich muß Ihnen erzählen, wie es auf dem Balle zu—— ⸗ Mrs. Graham las keine Sylbe über den Ball. Sie ließ den Brief aufs Bett fallen, legte die Hand auf die Stirne, und wäre beinahe in Thränen ausgebrochen. Statt ſich jedoch ſolcher Rührung hinzugeben, hielt ſie für beſſer, ihrem Mädchen zu ſchellen, welches eben die Chokolade herbeiholte, die ſte zu frühſtücken pflegte, worauf ſie ſich gewöhnlich als⸗ bald ankleiden ließ. Die Dienerin wartete ſchon mit der Chokolade, und brachte mit dieſer noch zwei Billete auf ihrem Teller; ein ſehr niedli⸗ ches von einer Damenhand geſchrieben, das zweite etwas advokatenähnlich; beide ihr condolirend und Lebewohl ſa⸗ gend— das eine von Lady Jane, das andere von Sir Ar⸗ thur Green, „Sind ſie fort?“ fragte Mrs. Graham haſtig. „Ja, Madame,“ verſetzte das Mäͤdchen;„Beide find vor etwa fünf Minuten abgereist; der Kapitän und Mr. Fairfarx warten nur noch auf die Poſtchaiſe von Braun⸗ ſchweig.“ „Sage Mr. Fairfax meine Empfehlung, und ich laſſe ihn bitten, nicht eher zu gehen, als bis ich das Vergnügen gehabt habe, ihn noch einen Augenblick zu ſprechen,“ befahl Mrs. Graham. Dies ſagte ſie in dem ſuͤßeſten Tone, welcher ihr zu Gebot ſtand, und das Mädchen glaubte, ihre Herrin wolle ſich ge⸗ gen Mr. Fairfax ſehr gnädig erweiſen, denn ſelbſt Kam⸗ merjungfern können ſich in ihren Gebieterinnen täuſchen. Als jedoch Mrs. Graham, nachdem ſie ihren jungen Gaſt eine halbe Stunde hatte warten laſſen, bis ſie halbwegs an⸗ gekleidet war, im Bibliothekzimmer erſchien, wurde es Fair⸗ fax alsbald offenbar, daß ſich die Dame nicht in der fried⸗ fertigſten Laune befand, denn ihr Weſen war kalt und fremd, und während ſie mit hochmüthiger Miene ihren eigenen Stuhl einnahm und Fairfax auf einen andern winkte, hub ſie an: „Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Fairfax. Ich habe noch ein paar Wörtchen zu ſagen, ehe Sie fortgehen.“ „Ich ſtand eben im Begriff, Ihnen zu ſchreiben, theure Madame,“ erwiederte Fairfax nicht ohne Verwir⸗ rung,„um Ihnen meinen Kummer über Mr. Graham's Krankheit, ſo wie meine Theilrahme für Sie und Miß Graham, die von ſo ſchwerer Trübſal betroffen worden, auszudrücken.“ 3 „Wir bedürfen in der That keiner Theilnahme, Mr. 8⁵ Fairfax,“ verſetzte die Dame,„und da Sie ſelbſt Miß Gra⸗ ham's erwähnen— das iſt gerade der Punkt, worüber ich zu ſprechen habe. Erlauben Sie mir die Bemerkung, wie ich mit Kummer und Bedauern gefunden habe, daß Sie ſich irriger Weiſe zu weit größerer Aufmerkſamkeit gegen meine Tochter verleiten ließen, als ich anfänglich gewahr gewor⸗ den. Um alſo jeder Enttäuſchung vorzubeugen, halte ich es für ehrlich und gerecht, Sie zu benachrichtigen, daß wir mit ihr ganz andere Abſichten haben, und ich kann mir die An⸗ deutung nicht verſagen, daß eine Bekanntſchaft, welche hof⸗ fentlich noch nicht weit genug gediehen iſt, um beiderſeits unerfreuliche Reſultate hervorzurufen, am beſten für immer aufhören dürfte.“ Allan Fairfax war in der That höchlich erſtaunt. Die Aenderung in Mrs. Graham's ganzem Benehmen war ſo auffallend und peinlich, ſo plötzlich und unerklärlich, daß ſeine Gedanken im erſten Augenblick ganz verwirrt wurden, da ſein Geiſt in ſtürmiſcher Haſt alle Einzelheiten der Ver⸗ gangenheit durchlaufen wollte, um eine Löſung für dieſes Räthſel aufzufinden. Er mußte jedoch eine Antwort geben, und that es auch mit einer Schärfe, welche er wohl vermieden hätte, wenn ihm mehr Zeit zur Ueberlegung geblieben wäre. „Es iſt gewiß befremdend, theuerſte Madame, wenn ich, nachdem ich doch ſchon das fünfundzwanzigſte Jahr er⸗ reicht habe, noch irgend etwas im Leben finde, das einen ver⸗ nünſtigen Mann zu überraſchen vermag. Nichtsdeſtoweniger ſetzen mich Ihre Worte, Ihr verändertes Weſen, Ihr gan⸗ zes Benehmen dermaßen in Erſtaunen, daß ich fragen muß, 86 ob Miß Graham ſich auf irgend eine Weiſe beklagt oder auch nur gedacht hat, daß ich ihr Aufmerkſamkeiten erweiſe, welche ihr unangenehm wären.“ Mrs. Graham mochte auf eine offene Frage nicht ge⸗ radezu eine Lüge ſagen, und war ihrerſeits nicht ganz ſo ru⸗ hig, wie ſie es gerne geweſen wäre, weßhalb ſie erwiederte: „Nein, Sir, das hat ſie nicht; aber ich beſitze Augen und Ohren, und Andere nicht minder, und ich ſehe in der That nicht ein, wie ein junger Mann in Ihrer beſonderen Lage ſich wundern mag, wenn die Mutter einer jungen Dame, Erbin eines großen Vermögens, ſich Aufmerkſam⸗ keiten widerſetzt, welche zu nichts Gutem führen dürften, und ſogar einen Verkehr abſchneidet, der nur ſchlimme Folgen haben könnte.“ „Das könnte er nicht, wenn ihm nicht direkte Aufmun⸗ terung vorangegangen wäre,“ verſetzte Fairfax,„wie wir auch die Abweſenheit des Lichts nicht bemerken würden, wenn wir immer in Dunkelheit gewohnt hätten. Aber ich fange jetzt an, aus einem vielleicht unbemerkten Ausdruck ei⸗ nige Einſicht in der Sache zu gewinnen. Meine beſon⸗ dere Lage iſt Ihnen vermuthlich erſt in neueſter Zeit er⸗ klärt worden, ob nun von einem Schwachkopf, welcher wahr⸗ ſcheinlich die ganze Erzählung verdreht hat, müſſen Sie am beſten wiſſen. Erlauben Sie mir übrigens zu bemerken, daß meine Lage— wie ſie auch ſeyn möge— Mr. Graham vollkommen bekannt war, und ehe ich über den Hauptpunkt der Frage ein weiteres Wort verliere, will ich warten, bis —— —— 87 er ſich wohl genug beſindet— was hoffentlich bald geſchieht — um ſeine Meinung auszudrücken.“ „Seine Meinung, bitte ich zu bemerken, iſt ganz die meine,“ gab Mrs. Graham mit zornigem Stirnrunzeln zur Antwort;„doch das iſt Alles Nebenſache. Lady Adeliza wird ſich durch ihren Schwachkopf ſehr geſchmeichelt fühlen, und Sie dürfen ſich darauf verlaſſen, daß Mr. Graham ſich meinen Abſichten in Betreff meiner eigenen Tochter nimmer⸗ mehr widerſetzen wird. Da Sie mich indeſſen zu deutlichem Reden zwingen, Mr. Fairfax, ſo muß ich die Ehre Ihrer Beſuche ganz und gar ablehnen. Ich hoffe, Sie werden anderswo ein wohlhabendes Weib finden— es muß nicht hier ſeyn.“ Der Stachel der letzten Worte ging bis aufs Mark. Für einen Glücksjäger gehalten— ja geradezu ein ſolcher genannt zu werden— war mehr, als er ertragen konnte, und da er empfand, daß jede Erwiederung— wenn er eine ſolche geben ſollte— nur ungemäͤßigt ausfallen könnte, ſo machte er eine kalte förmliche Verbeugung gegen Mrs. Graham und verließ das Zimmer. Vor der Gangthüre ſtand der Wagen, der ihn und Kapitän Hales erwartete. Er ſtieg unverzüglich ein, auch ſein Begleiter war nach zwei bis drei Minuten zur Abfahrt bereit, und ſo entfernte ſich Allan Fairfax mit einem traurigen Seitenblick nach dem halbgeſchloſſenen Fenſter in Mr. Graham's Zim mer von deſ⸗ ſen Hauſe, um nie mehr den Fuß darein zu ſetzen, ſo lange es im Beſitze dieſer Familie wäͤre. — Zweiter Cheil. Tage des Unglücks. Sechstes Kapitel. Des britiſchen Arbeiters Belohnung. Dritthalb Jahre waren verſtrichen und die Zeit hatte manch koſtbaren Schatz verſchlungen: Hoffnung und Glück, Thatkraft und Freude hatten Manchen geflohen und nichts als Enttäuſchung, Kummer und die Apathie der Verzweif⸗ lung zurückgelaſſen. Der Frühling war an die Stelle des Herbſtes getreten; doch hatte ſich dieſe Jahreszeit bis jetzt ſehr kalt und unerfreulich angelaſſen— nichts als Regen, ſcharfe Winde und gelegentlichen Schneefall hatte man gehabt, und das Moor ſah ſogar noch brauner und troſtloſer aus, als dies am Schluſſe des Jahrs der Fall geweſen war. Der Winter hatte ſeinen ganzen Grimm an ihm erſchöpft, und zu friſcher Belebung ſchien keine Ausſicht vorhanden; —— 89 nirgends ſah man ein grünes Glasblättchen unter Moos und Heidekraut emporkeimen, nirgends eine junge Knospe auf den nackten Baumzweigen— die Energie der Natur ſchien gänzlich erloſchen. Ganz ähnlich dieſer Jahreszeit hatte ſich auch das Schickſal einer der Perſonen geſtaltet, mit denen wir den Leſer im Anfange unſerer Erzählung bekannt gemacht haben. Der arme Ben Halliday ſchlenderte mit gebeugtem Haupte und gerunzelter Stirne maßleidig über das Moor; ſeine Wange war blaß und eingefallen, das Auge hohl und dü⸗ ſter, ſein Anzug welcher ſonſt, wenn auch einfach und ſeinem Stande angemeſſen, doch immer ſauber und reinlich gewe⸗ ſen, war jetzt abgetragen, beſchmutzt und an manchen Stellen zerriſſen. Es war nicht mehr die niedliche Hütte mit ihrem freundlichen Gärtchen, in der wir ihn früher geſehen haben, nach welcher Ben Halliday ſeine müden Schritte lenkte. Er ging allerdings durch das kleine Gehöolz bis zu der Straßen⸗ biegung, die zu dem Orte führte, wo er ſo viele vergnügte Tage verlebt hatte; mit ſchwerem traurigem Herzen blickte er hinüber, und ein Murmeln kam über ſeine Lippen, das jedoch nicht laut zu werden wagte.„Ich ſollte nicht mur⸗ ren,“ ſagte er,„ich ſollte wahrlich nicht murren: ſind ja doch Andere, denen es beſſer gehen ſollte, eben ſo ſchlimm daran. Gott helfe uns Allen! ich moͤchte nur wiſſen, was am Ende noch aus uns werden wird. Wir armen Leute haben offenbar nichts in dieſer Welt zu ſchaffen— ich kann's nicht anders glauben. Auf alle Fälle ſcheinen Andere ſo zu denken.“ James, Margarethe Graham. 7 90 und hiemit ging er weiter.. Im nächſten Augenblick, wie er eben die Straße her⸗ aufkam, die von ſeiner ehmaligen Hütte zu der früher von ſeinem Vetter Jakob bewohnten führte, ſah er eine anſchei⸗ nend ſchwer beladene Geſtalt durch die Bäume ſich bewegen. Es war Abend, aber nicht dunkel, und während er die ſich nähernde Perſon alle Augenblicke über die Heckenreihe em⸗ portauchen und wieder verſchwinden ſah, gewahrte er, daß ſie nicht den arbeitenden Klaſſen angehörte, denn in Gang und Haltung lag jenes unerklärliche Etwas, das ganz unab⸗ hängig von der Kleidung, welche in dieſem Falle nicht zu unterſcheiden war, den Gentleman bezeichnete. Ben Halliday ging jedoch an der Straßenwindung vorüber, noch ehe der Andere ſie erreichte; in ſeiner damaligen muthloſen Stim⸗ mung mochte er nicht einmal den Kopf aufrichten, um zu ſehen, wer hier herankomme, bis ihm eine helle, weiche Stimme in die Ohren klang, welche ihm zurief: „Halt, mein guter Burſche, halt! ich moͤchte mit Euch ſprechen.“ Jetzt ſchaute er den Pfad hinab, und bemerkte etwa zwanzig Schritte vor ſich einen hochgewachſenen, hübſchen, wohlgekleideten jungen Mann, welcher ein ſchweres Felleiſen an einer der Handhaben nach ſich ſchleppte. „Ich ſuche Jemand, der mir das Ding da ein paar Meilen nachtrüge,“ rief der Fremde;„wenn Ihr es thun wollt, mein Freund, ſo will ich Euch eine halbe Krone für Eure Mühe geben.“ „Fuͤr dieſe Summe trüge ich's zehn Meilen weit,“ 91 verſicherte Ben Halliday, deſſen Geſicht ſich alsbald aufhei⸗ terte.„Das kann meinem armen Mädchen eine ganze Woche lang aufhelfen.“ „Gütiger Himmel!“ rief der Unbekannte;„Ihr ſeyd ja mein alter Bekannter, Ben Halliday— erinnert Ihr Euch nicht mehr eines Mr. Fairfax?“ „O ja, Sir, ich erinnere mich Ihrer ganz wohl,“ er⸗ wiederte der Taglöhner in betrübtem Tone;„aber die Zeiten haben ſich hier bei uns gar traurig verändert, und ich wußte nicht, ob Sie meiner noch gedächten. Ich kann mich oft ſelbſt kaum recht beſtnnen, wie ich damals war.“ „Ich weiß, daß das Glück mannigfach umgeſchlagen hat,“ gab Allan Fairfar zur Antwort;„allein ich dachte nicht, daß es auch Euch berührt hätte, mein armer Burſche. Ich fand Eure Hütte verſchloſſen, und wußte nicht, was ich draus machen ſollte; ſo wollte ich eben in's Dorf hinab, wo es, wie ich höre, ein Wirthshaus geben ſoll.“ „Ja, Sir, aber's iſt ein ſchlimmer Ort und nicht für Ihresgleichen geeignet,“ verſicherte Ben Halliday;„wenn Sie irgend etwas von Werth in Ihrem Koffer haben, ſo möchte ich Ihnen rathen, nicht dorthin zu gehen.“ „Ich fürchte, ich muß wohl,“ meinte ſein junger Ge⸗ fährte,„denn ich mag eben jetzt nicht nach Braunſchweig zurückkehren.“ „Sie wiſſen vermuthlich, Sir, wie es Mr. Graham gegangen?“ fuhr der Taglöhner fort, indem er Fairfax in's Geſicht ſchaute, und zu gleicher Zeit das Felleiſen auf die Schulter nahm. 7* 92 „Ja, Halliday,“ beſtätigte Fairfax ernſthaft,„und es war für mich ein ſchlimmer Willkomm im eigenen Vater⸗ lande, dies alles zu vernehmen. Wir wollen nicht weiter davon reden.— Wo wohnt Ihr denn, mein ehrlicher Burſche?“ t„O gleich da oben im Dorf, Sir,“ antwortete Halli⸗ day,„etwa eine halbe Meile herwärts vom Wirthshauſe. Wenn Sie es erlauben, will ich nur eine Minute anhalten und meinem armen Weibe ſagen, daß ich Ihr Felleiſen weitertrage. Es wird ihr Freude machen, zu hören, daß ich mit ſo leichter Mühe eine halbe Krone verdient habe.“ „Steht Ihr denn nicht in Arbeit, Halliday?“ fragte Allan Fairfax;„ich dächte, ein braver Burſche, wie Ihr, müßte überall Beſchäftigung finden.“ „O ja, Sir, Arbeit genug,“ meinte der Taglöhner; „nur bezahlen die Leute nicht wie Mr. Graham; ſie können mit uns anfangen, was ſie nur wollen, denn unſerer ſind gar Viele.“ Allan Fairfax fragte nicht weiter, ſondern ging ſchwei⸗ gend und nur zuweilen einige Worte äußernd neben ſeinem Begleiter her. Der junge Mann ſchien nämlich etwas ſon⸗ derbar und launiſch, denn manchmal lächelte er freundlich über das, was in ſeinen Gedanken vorging, und dann wie⸗ derholten ſich wieder Anfälle tiefen, düſteren Nachfinnens. Endlich kam ihnen eine Kirchthurmſpitze vor Augen, und gleich darauf wurde an der Ecke der Straße eine Gruppe von Hütten ſichtbar. Sie waren alle im höchſten Grade er⸗ härmlich, wahre Hoͤhlen— und zwar Hoͤhlen, welche nicht ein⸗ 93 mal ausgebeſſert waren. Der Winterwind wurde nur durch aufgeklebte Papierſtreifen und Bündel von Lumpen von den zerbrochenen Fenſterſcheiben abgehalten; die Thüren ließen den Regen ein, und das Strohdach ſchützte nicht, was es zu bedecken ſchien; der Anwurf war an tauſend Stellen von den Lehmwänden abgefallen, und hing, ſtrotzend und ſich blä⸗ hend, in loſen Fetzen an den elenden Behauſungen. Vor einigen derſelben ſah man an der Hausthüre ſchmutzige, zerlumpte Kinder kauern, die ſogar mit ihren Fetzen nur halb bedeckt waren; vor einer anderen grunzte ein mageres Schwein, das mit dem Rüſſel in einem Haufen Gerümpel herumſchnupperte. Vor dem Eingang einer der ärmſten dieſer Hütten blieb Ben Halliday ſtehen; er betrachtete ſie eine Weile ernſthaft, legte dann das Felleiſen ab und ſchaute Allan Fairfax ins Geſicht, indem er in leiſem Tone murmelte: „Hier wohne ich jetzt, Sir.“ Hätte er eine Stunde lang geſprochen, er hätte keine traurigere Schilderung ſeiner veränderten Lage geben kön⸗ nen; als er jedoch fortfuhr:„ich will nur hineingehen und es meinem Weibe ſagen“— erwiederte Fairfar: „Nein, Ben, ich will mit Ench eintreten.“ „O, thun Sie's nicht, Sir,“ verſetzte der Taglöhner; „der Anblick würde Ihnen nur weh thun.“ „Er kann mich ſchmerzen, wird mir aber gut thun,“ verſicherte Fairfax in feſtem Tone:„Ihr wißt, Halliday, ich bin ein alter Freund. Schafft das Felleiſen herein, mein guter Burſche.“ 94 Ben Halliday that, wie ihm befohlen war, und öͤffnete langſam die Thüre. Es war nicht die Freude, welche ihn hier willkommen hieß: ein ſchwaches Lächeln erhellte zwar die Züge ſeines Weibes, als ſie ihn eintreten ſah; aber fie war mit der Pflege ihrer Tochter beſchäftigt, welche auf einem hölzernen Stuhle auf der andern Seite des Herdes ſaß, auf welchem kaum eine Spur von Feuer zu bemerken war, obwohl die dünne weiße Aſche bewies, daß nicht lange vorher ein Reſtchen Holz hier verbrannt worden war. Der Tochter Geſicht war bleich und abgemagert, mit einem rothen Fleck mitten auf der Wange; ihre Glieder ſchienen ſo kraftlos zu ſeyn, daß ſie nicht einmal einen Verſuch machte, ihrem Vater entgegen zu gehen. Die Söhne waren beide abweſend, und Fairfax erfuhr ſpäter, daß der ältere ungefähr fünfzig Meilen von hier um gerin⸗ gen Lohn in einer Fabrik arbeite, während der jüngere in den benachbarten Waͤldern und Feldern Reißigſtecken ein⸗ ſammelte. Die Armuth in ihrer abſchreckendſten Geſtalt war unter der ſonſt ſo frohen arbeitſamen Familie eingekehrt, und das zerriſſene Tuch, welches Mrs. Halliday über die Bruſt zog, als ſie einen Fremden in die Hütte eintreten ſah, diente eher dazu, den Mangel an den nöthigſten Kleidungsſtücken hervorzuheben, ſtatt ihn zu verbergen. Gegen Fairfax war ſie übrigens, ſobald ſie ihn erkannte, noch immer eben ſo offen und höͤflich, wie er ſie früher geſe⸗ hen hatte, und kein Wort der Klage kam über ihre Lippen. Geduldiges Ausharren lag in allen ihren Worten und Bli⸗ cken, und dieſe eine Tugend— ſie beſaß deren noch viele— war für ihren Gatten mehr werth geweſen, als tauſend glänzende Eigenſchaften hätten ſeyn können. Hätte ſie alle ihre Leiden geäußert, hätte ſte gemurrt und geklagt und ihr Elend noch ſchlimmer gemacht, ſtatt ihm wo möglich noch eine gute Seite abzugewinnen— Ben Halliday wäre ſchon längſt verzweifelt; ſo aber hatte ſie ihn geſtützt, geſtärkt und aufgeheitert, und konnte ſie auch die Uebel, die ſie umringten, nicht vermindern oder den Kummer, der ihrer noch wartete, vor ihm verbergen, ſo half ſie ihm doch, dieſelben mit Feſtig⸗ keit, wenn auch nicht ohne Jammer, zu tragen. Ben Halliday küßte ſie eben ſo zärtlich, wie früher; aber einer ſeiner erſten Gedanken richtete ſich auf die Tochter, auf die er ſogleich mit der Frage zuging: „Nun, Lucy, wie geht Dir's heut' Abend, Liebe?“ „Ich bin beſſer, Vater,“ verſicherte das Mädchen mit heiſerer, von Huſten unterbrochener Stimme;„wenn erſt der Sommer kommt und ich ausgehen kann, um Dir und der Mutter zu helfen, werde ich ganz geſund werden.“ „Sie iſt recht ſchlimm daran, Sir,“ äußerte Mrs. Halliday gegen Allan Fairfax in der offenen rückhaltloſen Weiſe, wie ſie unter Bauersleuten üblich iſt und Manchem als gefühllos erſcheinen könnte;„das arme Ding hat die Auszehrung.“ „Ich bedaure aufrichtig, ſie ſo unwohl zu finden,“ verſicherte Fairfax;„aber ich meine, etwas nahrhafte Koſt müßte ihr gut thun.— Hört einmal, Halliday,“ fuhr er fort, ſeine Boͤrſe hervorziehend,„die Schilderung, die Ihr mir von dem Wirthshauſe entworfen, gefällt mir gar nicht, und wenn Ihr's erlaubt, will ich lieber ein paar Stunden hier bleiben und dann für die Nacht nach Braunſchweig zu⸗ rückkehren. Lauft hinauf in's Dorf, mein guter Mann, und holt mir etwas zum Nachteſſen. Wir wollen alle zuſammen ſpeiſen. Hier iſt ein Sovereign; bringt nur recht viel Sa⸗ chen— Eier und etwas Bier, vielleicht könnt Ihr auch ein Pfund Thee und etwas Milch und Butter haben.— Ihr würdet gewiß gerne ein wenig Thee und Milch nehmen, Suſanne— nicht wahr?“ „O freilich,“ rief das arme Mädchen haſtig;„Thee und Milch würden mir ganz gewiß ſehr gut thun.“ „Ich will ſelber hinaufgehen, Sir,“ erbot ſich Mrs. Halliday;„Ben verſteht ſich nicht auf's Einkaufen. Ich will nur einen Korb entlehnen, und mich dann gleich auf⸗ machen.“ Fairfar gab ihr den Sovereign und ſetzte leiſe hinzu: „Bringt nur Alles, was Ihr glaubt, daß ihr gut ſeyn kann, Mrs. Halliday.“ 3 3 „Gott ſegne Sie, Sir!“ ſagte Ben, der es gehört hatte, mit einer Thraͤne im Auge. Die Frau hatte kaum die Stube verlaſſen, als ihr Vetter Jakob, dürr wie ein Wolf, und das kohlſchwarze Haar in wilden Strängen um ſein hageres Geſicht flatternd, eintrat. „Nun, Ben,“ platzte er heraus,„biſt Du beim alten Stumps geweſen? Ich ſah Dich zurückkommen— biſt Du hingegangen?“ „Ja, ich ging, Jakob,“ erwiederte Halliday mit einem 97 Seufzer;„aber es hilft nichts. Ich ſagte ihm, ich und Bella mit den beiden Kindern könnten unmöglich mit ſteben Schil⸗ lingen wöchentlich auskommen, und da meinte er, er könne es nicht ändern. Wenn wir nicht wollten, könnten wir es bleiben laſſen, denn mehr würde er nicht geben. Er ſagte auch, mancher Mann ſey froh, nur ſo viel zu erhalten Cs iſt freilich wahr)— warum ſollte er mir alſo mehr geben?“ „Hol' ihn der Teufel!“ ſchrie Jakob heftig;„wer hat hier den Lohn zuerſt herabgeſetzt?— Aber was war Deine Antwort, Ben?“ „Ich ſagte, ich müſſe eben ſehen, ob ich nicht von der Gemeinde einige Hülfe erhalten könne,“ erwiederte ſein Vetter;„aber da wurde er erſt recht barſch und grob, und ſagte, ich ſollte nicht einen Heller Unterſtützung bekommen; ich ſey ein kräftiger Arbeiter bei⸗ vollem Lohne und dauernder Beſchäftigung, und es waͤre alſo gegen alle Regeln des neuen Geſetzes. Er machte mich etwas zornig, wahrhaftig! und ſo ſagte ich, dann müſſe ich in die Union gehen, denn für einen Mann mit Frau und Kindern, die keinen Groſchen verdienen könnten, ſey es nicht menſchenmöglich, mit ſieben Schillingen die Woche auszukommen und noch einen Schil⸗ ling Miethzins zu bezahlen. Aber auch das half nichts, denn er gab mir lachend zur Antwort: Ihr könnt wohl eintreten, wenn Ihr wollt, Meiſter Ben; aber ich ſtehe dafür, Ihr werdet ſie bald wieder verlaſſen. Wir tragen ſchon Sorge, ſie unbehaglich genug zu machen, um alle müßigen Burſche davon abzuhalten, und das Erſte, was mit Euch vorgenom⸗ men wird, iſt, daß man Euch von Weih und Kindern trennt. 98 Er wußte, daran konnt er mich packen, Jakob, denn weißt Du, er iſt ja einer der Unionsaufſeher.“ „Weiß wohl,“ gab Jakob Halliday mit heftigem Fluche zur Antwort;„ſie haben ja in ihrem neuen Geſetze das Lamm dem Wolfe zur Obhut übergeben— das haben ſie gethan; aber ſie könnten noch finden, daß ſelbſt das Lamm zuweilen zum Wolfe wird, und daß der gehetzte Ochſe die Hörner braucht.— Ich habe Dir übrigens etwas zu ſagen, Ben, was Deinen Angelegenheiten aufhelfen kann—'s iſt freilich auch ein ſchlimmer Weg, ſie zu verbeſſern.“ „Was iſt's?“ fragte ſein Vetter eifrig;„es müßte in der That ſehr ſchlimm ſeyn, wennich nicht darnach ſchnappen ſollte.“ „Ich moͤcht es nicht, und wenn es doppelt ſo viel ein⸗ trüge,“ meinte Jakob;„aber Jeder kann's nach ſeiner ei⸗ genen Anſicht halten. Du weißt, der alte Grimly, der die Vormundſchaft über Tommy Hicks hatte, geht wegen ſeines kranken Beins in's Unionshaus, und da ſein Weib geſtorben, ſo iſt Niemand mehr da, der auf den Simpel Acht gäbe; da kam denn Mr. Goligthly, der das Geld wöchentlich auszu⸗ zahlen hat, und fragte mich, ob ich und mein Weib es nicht thun wollten. Es macht fünf Schillinge die Woche, und auf ſeinen Wanderungen iſt er überdies noch ganze Tage abweſend; Mr. Goligthly will ihn ſo weit wie möglich von Braunſchweig weg haben, denn er fällt ihm dort zu läſtig. Ich ſagte ihm, wenn ich ihn nehmen müßte, würde ich ihm ganz gewiß, noch ehe eine Woche vorüber wäre, den Hals umdrehen, Du aber ſeyeſt ein ruhigerer Mann und würdeſt vielleicht einſchlagen.“ — 99 Halliday gerieth bei dieſem Vorſchlage in tiefes Nach⸗ ſinnen. „Gerne thu ichs freilich nicht,“ gab er zur Antwort, „wahrhaftig nicht; aber fünf Schillinge die Woche, das iſt eine ſchöne Summe. Wo könnt ich ihn nur unterbringen?“ „Ei, Du haſt ja den Schoppen da hinten,“ meinte Jakob Halliday;„wenn Du einige Bretter auftreiben könn⸗ teſt, ließe ſich der leicht in ein ſchmuckeres Zimmer umwandeln, als Tommy es jemals bei Grimlys gehabt hat. Ich will Dir Nachts dabei helfen, Ben, und es heißt auch, der Bur⸗ ſche ſey jetzt etwas ruhiger geworden— zwar brummig, 1 aber nicht mehr ſo boshaft. Dann hat er auch ſein eigenes 2 Bett und Kleider.“ „Aber die Bretter,“ ſiel Ben dazwiſchen—„wie ſoll ich mir Bretter kaufen? Mit Nägeln und Allem käme es mich ja auf fünfzehn Schillinge!“ „Laßt Euch das nicht anfechten, Halliday,“ bemerkte Fairfax, der ſich unterdeſſen mit dem kranken Mädchen un⸗ terhalten hatte.„Ich bin zwar leider Gottes arm genug; aber die Bretter ſollt Ihr dennoch haben, mein ehrlicher Burſche, um unſerer alten Bekanntſchaft willen.“ Der arme Mann war höͤchſt dankbar. Er hatte zwar * noch allerhand Skrupel; aber die Verſuchung mit den fünf Schillingen wöchentlich war doch zu groß für ſeine Armuth, und es wurde ausgemacht, daß er am andern Abend nach Braunſchweig gehen, und den Handel mit Mr. Goligthly abſchließen ſollte. Etwa eine Stunde verſtrich, bis Mrs. Halliday zurück⸗ 100 kam; Jakob war ſchon fort, aber ihr Mann erzählte ihr ſo⸗ gleich, was ihm angeboten worden ſey und wie er ſich entſchloſ⸗ ſen habe, den Vorſchlag anzunehmen. Der würdigen Frau ſchien es, ſo arm ſie auch waren, offenbar unheimlich bei dem Gedanken, den Simpel zum Hausbewohner zu erhal⸗ ten; aber die Erwägung, daß das erlöste Geld ihrem Gatten einige Erleichterung verſchaffen könnie, ſöhnte ſie endlich da⸗ mit aus, und mit flinken, geſchäftigen Händen bereitete ſie das Mahl, welches Fairfar' Güte ihnen verſchafft hatte. Der kleine Charley war mittlerweile mit einer Ladung trockenen Holzes heimgekommen, und in der troſtloſen Hütte verbreitete ſich ein Grad von Fröhlichkeit, wie ſie es wohl noch nie erlebt hatte. Der Thee ſchien die arme Kranke zu erwärmen und neu zu beleben; Ben Halliday ſelber fühlte ſich getröſtet, vielleicht weniger durch die Nahrung, als durch das Bewußt⸗ ſeyn, daß es noch einen Menſchen auf Erden gab, der ihm Güte und Theilnahme bewies. Fairfar ſelbſt aß und trank, um die Uebrigen hiezu zu ermuntern; doch nahm er nur wenig zu ſich, und ſchien in der That unruhig und nachdenklich. Er ſprach wohl zu⸗ weilen viel mit den guten Leuten, erzählte ihnen, daß er, ſeit ſie ihn zum letztenmal geſehen, in Indien geweſen, und er⸗ götzte den kleinen Knaben mit der Schilderung einer Tiger⸗ jagd, indem er ihm noch die Schrammen auf der Hand zeigte, welche ihm das Thier im letzten Todeskampfe beigebracht hatte. Er kam offenbar nur ungerne auf ſeinen früheren Beſuch in Mr. Graham's Hauſe zu Allerdale zurück, und die bloße Er⸗ wähnung der Familie verſenkte ihn augenblicklich in tiefe —— — 101 Träumerei. Endlich gegen neun Uhr erhob er ſich mit den Worten: 3 „Nun will ich nach Braunſchweig zurückgehen, Ben. Mein Felleiſen will ich für heute Nacht hier laſſen, und blos das Nöthigſte herausnehmen; morgen will ich darnach ſchicken.“ Ben Halliday erbot ſich, daſſelbe noch heute Nacht hin⸗ abzutragen; allein Fairfar wollte nicht zugeben, daß er nach ſeiner langen, ſchlechtbezahlten Tagsarbeit die Familie noch einmal verlaſſe, und das Felleiſen öffnend ſteckte er einige nothwendige Artikel zu ſich, und machte ſich zum Abgange bereit. „Hier iſt die übrige Münze, Sir,“ ſagte Mrs. Halli⸗ day, eine Anzahl Schillinge und Sechsgroſchenſtücke auf⸗ raffend, die ſie bei ihrer Rückkehr auf eine Ecke des Tiſches gelegt hatte. „Ei bewahre,“ erwiederte Fairfar,„behaltet es für Suſannen, um ihr täglich Milch und Fleiſchbrühe zu kaufen. Faſt hätt' ich das Geld für die Bretter vergeſſen, Halliday; fünfzehn Schillinge, meintet Ihr, wären genug?“ Zu gleicher Zeit zog er ſeine Börſe heraus, und Ben Halliday ſah wohl, daß ſie ſehr mager war, wenu ſie gleich Gold⸗ und Silberſtücke enthielt. „Laſſen wir es lieber gehen, Sir,“ meinte der arme Mann;„ich glaube, ich kann es auch anders einrichten.“ „Nichts da, Halliday,“ erwiederte Fairfax;„da iſt das Geld. Ihr wißt, es war ausgemacht, daß Ihr es anneh⸗ men ſolltet.— Und nun gute Nacht. Ich werde Euch noch einmal beſuchen, ehe ich dieſen Theil des Landes verlaſſe.“ 10² Und ſo ſchied er unter Dank und Segenswünſchen. „Kommt Dir Mr. Fairfax nicht auch ſehr düſter und traurig vor, Ben?“ fragte ſein Weib, als ihr Beſuch fort war.„Manchmal ſchien er ja gar recht tief aufzuſeufzen.“ „Ich will Dir ſagen, was es iſt, Bella,“ verſetzte ihr Mann;„ich weiß es ſo gut, wie wenn ich hineinſehen könnte: er iſt über Mr. Graham und Miß Margarethe betrübt, und darf es auch ſeyn. Er möchte ihnen gerne auch helfen, wenn er könnte; aber es iſt klar, daß er nicht reich iſt, und wenn er auch unſers Gleichen unterſtützen kann, ſo iſt's bei jenen doch nicht möglich; ſo überlegt er jetzt bei ſich ſelbſt, wie er es angreifen ſoll, und weiß nirgends ein Mittel zu finden, und das iſt's, verlaß Dich drauf; deßhalb wollte er auch nicht von ihnen reden.“ Doch es iſt Zeit, uns nach einer andern Seite zu wen⸗ den, und ſo manche Umſtände zu erklären, welche Ben Halli⸗ day in jenem Augenblicke im Sinne hatte. Siebentes Kapitel. Ruin und Opfer. Als Allan Fairfax vor dritthalb Jahren Allerdale⸗ Houſe verließ, befand ſich Mr. Graham auf dem Kranken⸗ lager. Der Anfall war plötzlich und unerwartet eingetreten, denn Graham war mäßig in allen ſeinen Gewohnheiten, von ruhigem gleichmüthigem Temperament und ſtarker ge⸗ Graham.„Es thut mir leid fürzfie; wenn ſie offen gehandelt 103 ſunder Konſtitution, zeigte auch keinerlei Neigung für die Krankheit, welche ihn befallen hatte. Allein ſein Uebelſeyn hatte ſeine Urſache: eine unbedeutende Aengſtlichkeit hatte ihn veranlaßt, am Tage des Ausfluges nach Brugh zu un⸗ gewöhnlich früher Stunde nach Braunſchweig zu gehen, und ſeine Gaͤſte allein zu einer Parthie ausziehen zu laſſen, an der er ſonſt gerne Antheil genommen hätte. Jene Aengſtlichkeit war, wie geſagt, nur ſehr unbedeu⸗ tend. Er hatte nämlich einem angeſehenen Kaufmanne in Liverpool, dem er ſein Lebenlang befreundet geweſen, zu ei⸗ ner ausgedehnten Spekulation geholfen und ihn vor etwa einer Woche um Auskunft über das Ergebniß der Opera⸗ tion gebeten, an welcher er ſich zu einem Drittel etwa be⸗ theiligt hatte. Dieſer Brief war ohne Antwort geblieben. Die Summe, um die ſich's handelte, betrug an die fünfzig⸗ tauſend Pfund, war aber gleichwohl für einen Mann von Mr. Grahams Wohlhabenheit nicht hinreichend, um große Unruhe zu veranlaſſen. Nichtsdeſtoweniger konnte er ſich als Geſchäftsmann nicht befriedigt fühlen, und brach daher nach Braunſchweig auf, um lieber die Briefe auf der Bank nachzuſehen und die etwa nöthigen Schritte zu treffen, als daß er ſich an dem Ausritte mit ſeiner Tochter und ſeinen Freunden betheiligt hätte. Die erſte Nachricht, welche ihm zu Ohren kam, war, daß die Herrn—— und Comp. fallirt hätten— ſein Buch⸗ halter hatte das ſchon in der Zeitung geleſen.„Es muß bedeutendes Grundvermögen vorhanden ſeyn,“ dachte Mr. und mir ihre Noth mitgetheilt hätten, ſo wäre ich vielleicht im Stande geweſen, einem ſo unglücklichen Ausgange vor⸗ zubeugen.“ Während ihm ſolche Gedanken durch den Kopf gingen, überlas er ſeine Briefe, und ſeine Augen hefteten ſich zuletzt auf einen derſelben, deſſen Handſchrift ihm bekannt war. Er öffnete ihn; doch alsbald ſah man ſeine Stirne ſich verfin⸗ ſtern, und er hatte wohl auch Grund dazu, denn er entdeckte, daß der Mann, deſſen Ehrenhaftigkeit er vertraut hatte, ſchon zu der Zeit, als er ihm das Geld vorſtreckte, zahlungs⸗ unfähig geweſen war, und es blos deßhalb entlehnt hatte, um ſeinem heruntergekommenen Vermsgen vielleicht dadurch wieder aufzuhelfen, daß er eines Anderen Gelder bei einer übereilten Spekulation auf's Spiel ſetzte— der Bankerutt war der Art, daß nicht ein Schilling am Pfund bezahlt wer⸗ den ſollte. „Das nenne ich hazardiren,“ ſagte Mr. Graham,„und zwar mit anderer Leute Geld hazardiren; es iſt unehrlich, iſt undankbar.“ Die Undankbarkeit war ihm an der ganzen Sache das Empfindlichſte. Es war in der That die erſte beträchtliche Summe, die er noch je verloren hatte, und ſie ſchmerzte ihn um ſo mehr, weil ſie die erſte war; allein die Undankbarkeit eines Mannes, dem er ſo oft gedient und ausgeholfen hatte, ſein Mangel an Offenheit und Vertrauen thaten ihm im in⸗ nerſten Herzen weh, und er brütete darüber den ganzen langen Tag.„Das Geld,“ ſagte er zu ſeinem Buchhalter, indem er ihn mit Beantwortung des Briefes beauftragte,„iſt eie 105 Kleinigkeit verglichen mit dieſer Unaufrichtigkeit und dieſem Mangel an Redlichkeit. Machen Sie ihnen bemerklich, daß ich mich weniger über den Verluſt als über den Betrug und die Undankbarkeit gräme, welche ſie in ihrem Benehmen gegen mich an den Tag gelegt haben.“ Demunerachtet ſetzte er ſeine gewohnten Arbeiten noch mehrere Stunden lang fort, las den Reſt ſeiner Briefe, be⸗ antwortete manche mit eigener Hand, durchging verſchiedene Rechnungen, und ſchickte ſich eben zur Heimkehr an, als ihn, wie wir ſchon geſehen haben, als Reſultat von all' dem ein ſchwerer Schlaganfall traf. Seine gute Konſtitution kam ſeinem Freunde, dem Doktor, zu Hülfe, und er genas zwar, aber nicht vollkommen— Mr. Graham war nie mehr der Mann, wie er früher geweſen. Er fühlte eine Art Lähmung auf der rechten Seite, die klare, männliche Ausſprache war dahin, er ſtolperte über kleine Hinderniſſe auf ſeinem Wege, und ſein Geiſt war nicht mehr ſo klar und feſt wie ehedem. Der gleiche Fall wie mit ſeiner Geſundheit ergab ſich auch bei ſeinen Glücksumſtänden: jener Tag war der Wende⸗ punkt ſeines Schickſals, und er erholte ſich nie völlig von jenem Schlage. Seine Angelegenheiten wurden nur ſchwach und unſicher geleitet, verwickelten ſich in Folge ſeiner ſechs⸗ wöchentlichen Krankheit, und ſchon die geringſten Schwierig⸗ keiten wurden ihm zu viel. Ueberdies zog das Falliment jenes erſten Hauſes den Bankerutt mehrerer anderer nach ſich, mit denen er gleichfalls in Verbindung ſtand; verſchiedene Spekulationen ſielen unglücklich aus; ſeine Bank wurde zwei⸗ mal in einem Monat um baares Geld beſtürmt; er vermochte James. Margarethe Graham 8 106 ſeinen Verbindlichkeiten nur mit großem Verluſte nachzu⸗ kommen und Neid und Eiferſucht begannen bereits zu trium⸗ phiren und ihn zu verſchreien.— Doch wozu ſoll ich all die peinlichen Einzelnheiten verfolgen?— In einem kurzen Jahre— in einem Jahre der Kriſen und des Schreckens— war Mr. Graham ein ruinirter Mann. Aber mitten unter all ſeinen Verluſten war Eines, was Graham nicht verloren hatte— ſeine Ehre und ſeinen Sinn für Recht und Billigkeit. Als er das Glück ſich ungünſtig ſah, als eine Unternehmung nach der andern fehlſchlug, be⸗ hielt er dennoch ſeine Diener bei und änderte nichts in ſeiner Lebensweiſe, denn das, glaubte er, würde nur ſeinen Kredit untergraben und ein Aufkommen unmöglich machen; aber er richtete immer ein wachſames Auge auf ſeine Rechnungen, und als er fand, daß ihm eben nur ſo viel übrig blieb, um ſeine Schulden zu bezahlen und ſich und ſeiner Familie ein nothdürftiges Auskommen zu ſichern, erklärte er ſeine Ab⸗ ſicht, am andern Tage ſeine Zahlungen einzuſtellen. In derſelben Nacht ging ſein Hauptbuchhalter mit zehn⸗ tauſend Pfund durch. Mr. Graham war bankrutt; doch erlaubte ſein Grundbeſitz immer noch zwanzig Schillinge vom Pfund zu bezahlen, und Alles ineinander gerechnet, behielt er für ſich und ſeine Tochter die Summe von jährlich dreißig Pfund— eine alte Leibrente, die er früher angekauft hatte— nebſt hundert Pfund in baarem Geld. Merkwürdig dabei war, daß dieſer traurige Umſchlag ſeine Geſundheit weit weniger angriff, als man hätte erwar⸗ ten können, Seine Frau litt weit mehr darunter, denn ſie 107 beſaß zwar viele Bekannte, die ihr während der Zeit des Glücks geſchmeichelt hatten; aber ihre hochmüthige Anmaßung hatte ihr nicht einen einzigen Freund übrig gelaſſen, der ſie im Unglück getröſtet oder ihr geholfen hätte. Alle Nachbarn triumphirten über ihren Fall; die ſie früher gekränkt hatte, ſuchten und fanden jetzt manche Gelegenheit, ſie wiederum zu kränken: Mrs. Graham konnte kein Mißgeſchick ertragen, und ſtarb drei Monate nach dem Fallimente ihres Mannes. Damals, als Mr. Graham die Zahlungseinſtellung ſeiner Bank für den folgenden Tag ankündigte, hatte er darauf gerechnet, daß ihm nach Abtragung aller Ver⸗ bindlichkeiten ſechshundert Pfund des Jahrs übrig blie⸗ ben; der Diebſtahl ſeines Buchhalters belief ſich ſomit nicht ſo hoch, daß jene ganze Summe darauf gegangen wäre. Aber auch die mäßigſten Männer können in gewiſſem Grade den Werth ihres eigenen Beſitzes überſchätzen; überdies waren weit größere Ausgaben gemacht worden, als er er⸗ wartet hatte, ſo daß er ſich endlich, wie geſagt, am Bettel⸗ ſtabe oder wenigſtens nicht weit davon entfernt ſah. Nach dem Aufgeben ſeines Landguts hatte er ein kleines, bequemes Haus in Braunſchweig bezogen; als er jedoch entdeckte, wie ſehr er ſeine Hilfsquellen überſchätzt hatte, mußte er einſe⸗ hen, daß dieſe Wohnung für ihn viel zu koſtſpielig war, und er zog deßhalb auf ein kleines Landhäuschen in dem Dorfe Allenchurch, das dem guten Doktor Kenmore gehörte, und das ſein Freund mit der geſammten Einrichtung zu ſeiner Verfügung geſtellt hatte. 1 Erſt jetzt begann ſich die betäubende Wirkung bei ihm 8. 108 zu äußern, und eines Morgens war die ſchon früher ange⸗ griffene Seite völlig gelähmt, wobei jedoch ſeine ſonſtige Geſundheit ganz gut blieb, nur daß er ſich nicht ohne Bei⸗ ſtand ſeiner Tochter vom Bett nach dem Stuhle am Kamin bewegen konnte. Auch ſeine geiſtigen Fähigkeiten, beſonders das Gedächtniß, hatten arg Noth gelitten; das Vermögen, zu denken, war zwar nicht völlig dahin, ſondern blos un⸗ thätig, und bei großer Anſtrengung konnte er es zuweilen ſo weit aufraffen, daß er ebenſo geſund wie früher urtheilte. Wie dies häufig geſchieht, ſo ſchien auch bei ihm in demſel⸗ ben Grade, wie die Kraft des Körpers und Geiſtes abnahm, die Thätigkeit des Gemüths ſtärker und feinfühlender gewor⸗ den zu ſeyn— Zaͤrtlichkeit, Freundſchaft, Mitleid mit Anderen, Theilnahme an fremden Leiden waren leichter und zugleich tiefer bei ihm anzuregen, als in früheren Jahren, wo ſein ſtarker, rühriger Verſtand dieſelben geleitet und kon⸗ trollirt hatte. Wir haben jedoch noch eine andere Perſon vor uns, von der wir bis jetzt aus den Tagen des Unglücks nur wenig berichtet haben, und zu der wir uns nunmehr wenden müſſen. Margarethe Graham war keinen Augenblick dem Un⸗ ſterne erlegen, der ihre eigenen Lebensausſichten vernichtet, ihres Vaters Geſundheit und Vermögen ruinirt, und ſie ihrer Mutter beraubt hatte. Die hohen Tugenden ihres Geiſtes und Herzens ſchienen vielmehr in dem Maße an Energie zuzunehmen, als ſie Gelegenheit zu deren Entwick⸗ lung vorfand. So furchtbar auch der erſte Schlag geweſen — kein Murren war über ihre Lippen gekommen, und ſie 109 grämte ſich mehr um ihres Vaters, als um ihrer ſelbſt wil⸗ len. Wenn ſie weinte, ſo geſchah es nur auf ihrem eigenen Zimmer: Niemand ſah Thränen in ihren Augen oder die Spur einer ſolchen auf ihrer Wange; ſie war in der kleinen Wohnung zu Braunſchweig eben ſo heiter, wie ſie es auf dem Herrenſitze am See geweſen, und auch in dem Land⸗ häuschen zu Allenchurch war ſie immer gleich munter. Sie hatte ihre Mutter während der kurzen Krankheit, welche mit Mrs. Graham's Tode endigte, mit unabläßiger Sorgfalt gepflegt, hatte die Klagen und Kritteleien einer ſtolzen, reiz⸗ baren und getäuſchten Frau in den Stunden der Krankheit und Verzweiflung mit wandelloſer Milde und Geduld ertra⸗ gen, und war jetzt der Schutzengel ihres alten, gebrechlichen Vaters. Sie ſaß bei ihm, las ihm vor, wachte an ſeinem Lager, und war in jeder freien Stunde emſig bemüht, das, was ſie in ihrer Ingend erlernt hatte, zur Stütze für ſeine alten Tage nutzbar zu machen. Sie dankte ihrem Gott, daß man ſie frühzeitig unterrichtet, und daß ſie jene Gelegenheit nicht verſäumt hatte; nur fand ſie es ſchwer, ihre Talente einträglich zu machen. Lektionen konnte ſie nicht geben, denn ſie durfte ihren Vater, ſo lange ſie Unterricht gab, nicht den ganzen Tag allein laſſen, da ſie nur eine unerfahrene, fünf⸗ zehnjährige Dienerin zu ſeiner Pflege gehabt hätte. So mußten alſo ihre mufkaliſchen Kenntniſſe unbenutzt bleiben; aber ſie zeichnete und malte ſehr hübſch in Waſſerfarben, und verbrachte einen großen Theil des Tags mit Entwerfung von Landſchaften, die ſie zum Verkauf in die Stadt ſchickte. Die Summe, welche ſie daraus erlöste, war höchſt unbedeutend, 110 und nach einiger Zeit erſann ſie ein Mittel, ihre Geſchicklich⸗ keit gewinnreicher zu machen. In Braunſchweig beſaßen nur wenige Leute ſo viel Geſchmack, daß ſie die Erzeugniſſe ihres Pinſels gewürdigt oder Luſt gehabt hätten, eine bloße Zeichnung zu kaufen; aber gemalte Körbchen, Büchſen und Schachteln— das war für ſte, und ihre flinken Finger be⸗ durften zu einem Dutzend derſelben nicht halb ſo viel Zeit, als ſie auf eine vollendete Zeichnung verwendet haben würde. Gleichwohl war auch dieſe Hülfsquelle nur ſehr dürftig; ſie konnte ihrem Vater einige Bequemlichkeiten dafür kaufen — das war aber Alles. Am Schluſſe des erſten Jahres nach dem Bankrutt waren die übrig gebliebenen hundert Pfund nahezu aufgebraucht und nichts mehr übrig, als die kleine Lebensrente von dreißig Pfund. Margarethe ſah, daß auf der Glücksleiter ein weiterer Schritt abwärts geſchehen, daß ſie die Dienerin entlaſſen und Alles und Jedes allein verſehen mußte. Aber Margarethe Graham murrte immer noch nicht: die Hauptſchwierigkeit für ſie war die, wie ſie einen ſolchen Schritt ihrem Vater mittheilen ſollte, denn ſie wußte, daß es ihn nicht ſowohl um ſeinet⸗ als um ihretwillen furchtbar ſchmerzen würde, und ſie wagte es nicht, die Sache auf ſich zu nehmen. Auch wenn dies geſchah, war ihre Lage immer noch ſchrecklich— mit Nichts als dreißig Pfund jähr⸗ lich für ihre eigenen wie für ihres Vaters weit größere Be⸗ dürfniſſe; wenn ſie auch durch ihre eigene Anſtrengung jene Summe um zwanzig Pfund vermehren konnte, ſo war dies Alles, vielleicht ſogar mehr, als ihr möglich war. Der erſte Schritt blieb jedoch immer, die Dienerin zu 111 entlaſſen, und ſie beſchloß, ihren guten alten Freund, dem Doktor Kenmore, der ihren Vater faſt jeden Tag beſuchte, darum zu bitten, daß er ihm die Nothwendigkeit der Sache vorſtellte. Als deßhalb der würdige alte Mann eines Mor⸗ gens früher, wie gewöhnlich und ehe ihr Vater auf war, erſchien, benützte ſie die Gelegenheit, mit ihm zu reden, in⸗ dem ſie ihmzeine vollſtändige Ueberſicht vorlegte, welche den würdigen Doktor faſt bis zu Thränen rührte. „Sie ſind ein Engel, Margarethe,“ ſagte er ihr in's Geſicht ſchauend,„Sie ſind ein Engel— das iſt mir klar, und ich will Ihnen ſagen, was wir thun müſſen, Theure— wir müſſen Ihren alten Vater täuſchen. Nein, ſehen Sie nicht ſo überraſcht, denn die Sache iſt einfach dieſe. Nicht ohne die größte Mühe von der Welt vermochte ich Graham dazu, dieſes Landhäuschen nebſt Geräthſchaften von mir zu mie⸗ then. Sogar als er noch ein Junge war, wollte er ſich nie in ſeinem Leben von Jemand um einen Pfennig anſehen laſ⸗ ſen, und als ich am andern Tag davon ſprach, daß ich ihm ein Bischen helfen möchte, ſo gerieth er in ſolchen Aufruhr, daß ich glaubte, er könnte ſich ernſtlich ſchaden. Nun ſehen Sie, Margarethe, ich habe weder Weib noch Kind, weder Vetter noch ſonſtige Verwandte, und ich bin ganz gut daran in der Welt; ich brauche nicht die Haͤlfte von dem, was ich mir geſammelt habe, und ſo müſſen Sie mich eben Ihr klei⸗ nes Einkommen bis auf hundert Pfund jährlich ergänzen laſſen, und Ihrem Vater kein Wort davon ſagen.“ Tiefe Röthe zog über Margarethens ſchönes Ge⸗ 112 ſicht; doch legte ſie ihre Hand freundlich und zaͤrtlich auf die des alten Mannes, indem ſie ihm antwortete: „Das kann, das darf ich nicht; ich habe meinen Vater noch in Nichts getäuſcht. Ich verſprach ihm feierlich, ihm nie etwas geheim zu halten, und darf mein Wort nicht bre⸗ chen. Ich würde mich ja gewiß zu Allem entſchließen, lieb⸗ ſter, theuerſter Freund, um ihm die Bequemlichkeiten und Bedürfniſſe des Lebens zu ſichern; ich moͤchte den ganzen Tag Lektionen geben, würde mich auch als Erzieherin ver⸗ dingen, wenn er mich irgend entbehren könnte; ich wollte ja Alles, nur nicht ihn täuſchen; das aber kann ich nicht, ſogar nicht in einer ſolchen Sache.“ „Nun, nun, Margarethe,“ ſagte der alte Doktor mit betrübtem Kopfſchuͤtteln,„Sie ſind eben ſo ſchlimm, wie Ihr Vater. Ich will mit ihm reden und ſehen, ob ich Eindruck auf ihn machen kann. Iſt er ja doch mein früheſter, mein beſter und theuerſter Freund: wir waren Schulkameraden zuſammen, und ich weiß gewiß, daß wenn ich je einmal tau⸗ ſend Pfund bedurft hätte, er ſie mir ohne den geringſten Anſtand gegeben hätte. Ich will ſehen, was ſich mit ihm machen läßt; aber ehe ich mit ihm geſprochen habe, dürfen Sie das Mädchen nicht entlaſſen.“ Dieſe Bedingung ließ ſich Margarethe gerne gefallen; allein Doktor Kenmore ſollte leider all ſeine Geſchicklichkeit und ſeinen Freundeseifer umſonſt an Mr. Graham ver⸗ ſchwenden, denn dieſer ſagte, er wolle nicht von der Wohl⸗ thätigkeit Anderer leben, oder von der Freundſchaft ſchma⸗ rotzen; wenn er je etwas mehr bedürfte, als ſeine beſchränk⸗ 113 ten Mittel ihm erlaubten, ſo wolle er's von der Gemeinde verlangen, an welche er ein Recht habe, ſich zu wenden, und in dieſem Style ging's noch lange fort, wobei alle ſeine früheren Anſichten, durch Alter und Gebrechlichkeit nur noch ſchärfer und heftiger geworden, zum Vorſchein kamen. Es gibt bekanntlich gewiſſe Krankheiten, welche den Pa⸗ tienten im höchſten Grade hartnäckig und halsſtarrig machen, und dies iſt, glaub' ich, in der Regel bei ſolchen Gehirnleiden der Fall, wie ſie Mr. Graham betroffen hatten. Jeder Widerſpruch in einer Sache, worüber er ſich längſt ent⸗ ſchloſſen hatte, reizte ihn nur, daß er noch feſter auf ſeiner eigenen Meinung beſtand, ſo daß Doktor Kenmore ſich ge⸗ nothigt ſah, die Sache gänzlich fallen zu laſſen, indem er Margarethe nur noch bat, die Dienerin ſo lange zu be⸗ halten, bis die kalte Witterung vorüber wäre. Er ſelbſt zeigte ſich indeſſen häufiger, als je, in ihrer Hütte, und Margarethe hatte oft die Freude, irgend ein Gericht, das ſie nicht beſtellt hatte, auf ihrem Tiſche zu ſe⸗ hen— eine kleine Beigabe des Mahles, an die ſte ſelbſt nicht zu denken gewagt hätte; bald war es ein großer Salm oder eine feine Forelle, bald Wildpret oder gar der Weihnachts⸗ truthahn oder Lendenbraten. Sie errieth ſehr leicht, woher alle dieſe Geſchenke kamen, hütete ſich aber wohl, danach zu fragen, da ſie an ihren Vater und nicht an ſie geſchickt waren, und Mr. Graham in ſeinem ſchwachen Zuſtande die Sache nicht bemerkte oder ſeine eigenen Mittel und die Aus⸗ gabe, wie ſolche Leckerbiſſen ſie veranlaſſen mußten, nicht ſo genau zu vergleichen vermochte. 114 Aber Margarethe machte auch die Bemerkung, daß verſchiedene Verbrauchsartikel, welche unter die erſten Le⸗ bensbedürfniſſe gehörten, erſtaunlich lange ausreichten: es war wirklich wunderbar, wie weit ſich eine Tonne Kohlen ſtrecken ließ, und mit Lichtern war's derſelbe Fall. Sie durchſchaute den freundlichen Betrug, und zwar nicht ohne Unruhe; aber was konnte ſie thun? Der alte Doktor Ken⸗ more ſchien keine Silbe davon zu wiſſen; er ging zwar täg⸗ lich, zuweilen gar zweimal des Tages aus und ein, ſprach aber nie ein Wort von Kohlen oder Lichtern, oder irgend etwas der Art. Eines Tags— es war am fünfundzwan⸗ zigſten Merz— ſchien er jedoch etwas unruhig, als Mr. Graham ſeine Tochter anwies, um das gewöhnliche Lebens⸗ 1 certifikat derjenigen Perſon, auf welche ſeine kleine Jahres⸗ rente verſichert war, nach Sheffield zu ſchreiben. „Laß michs ſchreiben, Graham,“ fiel er ein.„Mar⸗ garethe hat eine Maſſe anderer Dinge zu thun.“ Ein furchtbarer Zweifel ſtieg plötzlich in Margarethen auf; ſie wurde todtenbleich, wagte aber für jetzt keine Frage zu ſtellen, und ihr Vater genehmigte gerne den Vorſchlag ſeines Freundes. Die Perſon, auf welche die Lebensrente lief, war um zwanzig Jahre jünger als ihr Vater; aber es lag ſo etwas Eigenes in Doktor Kenmore's Weſen, und es ſchien Margarethen gewiß, daß ihre letzte Stütze unter ihnen zuſammengebrochen war. Erſt drei Tage ſpäter hatte ſie Gelegenheit, mit dem alten Arzte allein zu ſprechen; die ergriff ſie aber auch au⸗ 115 genblicklich, denn Ungewißheit war in ihren Augen ſchlimmer als jede Wirklichkeit. „Halt, halten Sie einen Augenblick,“ ſagte ſie, ihren gütigen Freund anhaltend, als er eben durch das Gärtchen davoneilen wollte.„Ich habe Sie etwas zu fragen, liebſter Doktor.— Warum waren Sie neulich ſo beeilt, wegen der Jahresrente zu ſchreiben?“ „Weil ich dachte, ich könnte Geſchäftsſachen beſſer ab⸗ machen als ein Mädchen,“ verſetzte Doktor Kenmore kurz angebunden und wollte raſch weiter gehen. Margarethe hielt ihn jedoch zurück, indem fie ihm die Hand auf den Arm legte. „Noch eine Frage,“ fuhr ſte fort,„ich muß die Wahr⸗ heit wiſſen— iſt Mr. Jones todt?“ Der alte Mann wendete ſich plotzlich nach ihr um, ſchaute ihr mit einem Blicke feierlichen Ernſtes ins Geſicht, und ergriff ihre Hand. „Margarethe,“ ſprach er nach einer Weile,„wollen Sie mein Weib werden?— Ich ſage, wollen Sie mein Weib werden? Denn bei meiner Seele! das iſt der einzige Ausweg, den ich vor mir ſehe, um Ihnen und Ihrem Vater zu helfen.“ Margarethen's Ueberraſchung war unbeſchreiblich. Ein ſolcher Gedanke— ja nur die Möglichkeit eines ſolchen war ihr nie in den Sinn gekommen! Nun aber drängte ſich ihres Vaters Lage mit allen Einzelnheiten vor ihre Seele; ihre vöͤllige Entblößung, ſeine zerrüttete Geſundheit, ſeine hoff⸗ nungsloſen Ausſichten und wie er fortwäͤhrender Sorgfalt 116 und Wachſamkeit bedurfte; die gänzliche Unmöglichkeit, ihn ihrerſeits zu unterſtützen, ohne ihn zu verlaſſen; ſein Jam⸗ mer und ſeine Verödung, wenn ſie dies that— Alles, Alles kam wie ein Strom über ſie hereingebrochen, jedes Hinder⸗ niß, jeden Widerſtand mit ſich fortreißend. Es koſtete ſie nur einen Augenblick des furchtbarſten inneren Kampfes; dann ſchaute ſie dem alten Manne in trauriger Faſſung ins Geſicht, und fragte: „Iſt es Ihnen Ernſt?“ „Ja, Margarethe,“ gab er in eben ſo feierlichem Tone zur Antwort;„Ihnen iſt nur die Wahl zwiſchen meh⸗ reren Uebeln freigelaſſen, mein liebes ſüßes Kind. Ich that was ich konnte; ich hätte gerne mehr gethan, wurde aber daran verhindert, wie Sie wiſſen. Ich habe mir die Sache hin und her überlegt, und ſehe weit und breit kein anderes Mittel, das ich Ihnen vorſchlagen könnte. Es iſt hart für Sie, Margarethe, ich weiß es; aber als mein Weib haben Sie wenigſtens eine Heimath für Ihren Vater, mit jeglicher Art von Bequemlichkeit, die Sie nur wünſchen können, und wie ſeine Lage es erfordert. Es iſt dann nicht als ob er in das Haus eines Fremden zöge, denn er ſitzt dann für den Reſt ſeines Lebens an dem Herde ſeines früheſten Jugend⸗ freundes. Ueberlegen Sie ſichs, theuerſte Margarethe; ich verlange keine übereilte Entſcheidung, denn ich werde bei dem Allem nur von einem Gefühle— dem der Zärtlichkeit und Freundſchaft für Sie und ihn bewegt. Ueberlegen Sie ſich's alſo.“ „Nein,“ ſagte Margarethe, ſeine Hand in mn 117 Aufwallung ergreifend,„ich habe nichts zu überlegen. Mit dem tiefſten herzlichſten Danke für alle Ihre Güte ſage ich ſogleich ja, und will mich gewiß mit allen meinen Kräften beſtreben, ſie ſo viel ich nur immer vermag zu vergelten.“ „Ich kannte Sie, Margarethe,“ erwiederte der alte Dok⸗ tor, ihr die Hand drückend;„ich kannte Sie wohl, und wenn ich auch kein zweites Weib in England weiß, dem ich vorſchlagen moͤchte, eines alten Mannes Gattin zu werden, ſo bin ich doch überzeugt, daß Sie mich lieben werden, ſo viel Sie nur können, daß Sie nichts unterlaſſen werden, um meine letzten Jahre glücklich und behaglich zu machen. Um mein eigenes Loos bin ich nicht beſorgt, und was das Ihrige betrifft, ſo will ich mit allen Kräften danach ſtreben, daß Sie nie zu bereuen brauchen.— Nun will ich aber gehen und mit Ihrem Vater ſprechen.“ „Nein,“ ſagte Marga elhe Graham;„nein, ich will's ihm ſelber ſagen, denn er könnte Fragen ſtellen, welche Niemand als ich zu beantworten vermag, und es iſt beſſer, wenn Alles mit einem Male abgemacht wird. Ich will ihm ſagen,“ fuhr ſte nach augenblicklicher Pauſe fort,„daß Sie mir ſo viel Glück anbieten, wie ich es nur immer in dieſem Leben erwar⸗ ten kann.“ „Sie ſind ein gutes Mädchen, Margarethe,“ verſicherte der alte Doktor mit beinahe bekümmertem Kopfſchuͤtteln; „Sie ſind ein liebes, gutes Mädchen.“ „Und Sie find der beſte, gütigſte der Männer,“ gab Margarethe mit Thränen in den Augen zur Antwort, und verließ ihn, um zu ihrem Vater zurückzukehren. 118 „Du haſt heute recht lange mit Kenmore im Garten geplaudert, mein Kind,“ begann Mr. Graham, als ſie ſich neben ihn ſetzte;„vergiß nur nicht, Margarethe, daß ich nichts von Geldentlehnen wiſſen will, wenn wir's nicht wie⸗ der heimzahlen können; lieber wollt' ich in's Arbeitshaus gehen, als ſo etwas thun.“ 2 „O, das iſt uns nicht eingefallen, theuerſter Vater,“ ſagte Margarethe in heiterem— ſehr heiterem Tone.„Er hat mir eben etwas vorgeſchlagen, was mich ſo glücklich macht, wie ich aller Wahrſcheinlichkeit nach nur immer wer⸗ den kann. Er hat mir nämlich vorgeſchlagen, ich ſolle ihn heirathen.“ „Du, Margarethe!“ rief Mr. Graham.„Du— Ken⸗ more heirathen! Er iſt ja zwei Jahre älter als ich.“ „Ich glaube, das macht nichts zur Sache,“ antwortete Margarethe,„und Eines weiß ich gewiß, daß ich unter all den jüngeren Männern, welche einſt unſere Bekannte waren und uns jetzt vergeſſen haben, keinen Einzigen finden würde, der gütiger, freundlicher und großmüthiger wäre. Ueberdies iſt das größtentheils Geſchmackſache, und ich bin vollkom⸗ men überzeugt, mein theurer Vater, daß ich auf vierzig Meilen in der Runde keinen Mann träfe, den ich ihm vor⸗ ziehen würde.“ „Wirklich, meine Liebe, wirklich,“ wunderte ſich Gra⸗ ham;„nun wohl, mein Kind; ich glaubte nur—— Doch ich will es gar nicht verſuchen, Dich hierin zu leiten, denn Du ezeiſt immer richtig, meine Margarethe Aber D 119 mußt mich in Deiner Nähe leben laſſen; ich muß Dich jeden Tag ſehen.“ „Jeden Tag!— o alle Zeit, mein lieber Vater,“ gab Margarethe zur Antwort.„Ich häͤtte niemals eingewilligt, ein Haus zu betreten, wo Sie nicht mein Hausgenoſſe wä⸗ ren; aber Doktor Kenmore hat von ſelbſt daran gedacht, wie er überhaupt an Alles denkt, was zu unſerem Troſte gerei⸗ chen kann.“ b „Ja, ja; es iſt aber doch ſonderbar,“ meinte Mr. Graham in tiefe Gedanken verfallend. Heiteres Lächeln wird oft mit bitteren Thränen erkauft, und ſo war es auch bei Margarethe Graham. Als ſie ſich zur Ruhe begab, und ihre Thüre verſchloſſen hatte, weinte ſte über eine Stunde, ſtand aber am nächſten Morgen ſo mun⸗ ter auf, wie ſie nur jemals geweſen war— wenigſtens ſchien es ſo. Es ſtanden ihr jedoch Auftritte bevor, auf welche wir näher einzugehen haben. Achtes Kapitel. Die ominöſe Vermählung. Die Heirathsangelegenheit wurde zwiſchen Mr. Gra⸗ ham und ſeinem alten Freunde beſprochen, und Doktor Kenmore ſah deutlich, daß Margarethe ihren Vater am beſten mit einer Anordnung auszuſöhnen verſtand, welche keineswegs mit ſeinen eigenen Anſichten übereinſtimmte, und 120 er überließ ſich alſo vollkommen ihren eigenen Anſichten. Von jetzt an zeigte ſich der würdige Doktor geputzter in ſei⸗ ner äußeren Erſcheinung, das lange, graue Haar wurde von dem eleganteſten Barbier in Braunſchweig geſchnitten, er affektirte nicht mehr die Mode der früheren dreißig Jahre, ſondern erſchien jetzt in einem nagelneuen ſchwarzen An⸗ zug mit langen Beinkleidern; nur die Schnallen— die ge⸗ liebten Schuhſchnallen, die ſchon ſeinem Vater, vielleicht gar ſeinem Großvater gehzet hatten— von ihnen wollte er ſich nicht trennen. Sein Haus wurde in aller Eile hergerichtet, und die Leute zu Braunſchweig begannen ſich zu fragen:„was geht nur mit Doktor Kenmore vor?“ Bald kam es aus, daß er Miß Graham heirathen wollte; die einen lachten, die andern ſagten:„armes Ding!“ wieder andere erklärten, daß ſtie alle Geldparthien verabſcheuten, alle aber ſtimmten darin überein, daß die Vermählung ſo⸗ gleich ſtattfinden ſollte und hierin wenigſtens hatten ſie Recht. Margarethe ſuchte keinen Aufſchub; ihr Entſchluß war ge⸗ faßt, ihr Schickſal beſtegelt, und ſie glaubte, es wäre unrecht und beleidigend gegen ihren Wohlthäter, wenn ſie auch nur die geringſte Spur von Widerwillen blicken ließe. Der März war vorüber, der April war angebrochen, und die Hochzeit ſollte in einer Woche ſtattfinden; Doktor Kenmore hatte eben Mr. Graham und deſſen Tochter ver⸗ laſſen, als Margarethen ein Billet mit der Meldung in's Zimmer gebracht wurde, daß der Bote auf Antwort warte. Die Handſchrift war ihr unbekannt; ſie öffnete jedoch haſtig das Schreiben, das aus dem„weißen Löwen,“ dem erſten 121 Gaſthofe zu Braunſchweig, datirt war, und folgende Worte enthielt: „Theure Miß Graham! „Ich komme ſo eben aus Indien zurück, wohin ich un⸗ mittelbar nach meinem Abgange von Ihnen zu meinem Regi⸗ mente berufen wurde. Manch' traurige Botſchaft erwartete mich bei meiner Rückkehr; aber meine erſte Reiſe war nach Cumberland, wo ich geſtern Abend genauere Nachrichten über Ihr und der Ihrigen Schickſal erhielt. Ich weiß, daß Mr. Graham unwohl iſt und keine Beſuche empfängt; aber erlauben Sie mir, das Vorrecht eines alten Freundes in Anſpruch zu nehmen und Sie zu bitten, mir das Vergnügen einer kurzen Unterredung zu gewähren, ſelbſt wenn Ihr trefflicher Vater zu leidend wäre, um mich vor ſich zu laſſen. Ich wagte nicht perſönlich zu erſcheinen, ohne zuvor Ihre Erlaubniß einzuholen, hoffe jedoch voll Vertrauen, daß Sie nicht ganz vergeſſen haben Ihren ewig getreuen Allan Fairfax.“ Margarethe legte das Billet auf den Tiſch, und zitterte heftig. „Ihren lewig Getreuen“, wiederholte ſie in leiſem, traurigem Tone, fuhr aber im nächſten Augenblicke fort: „das iſt ſchwach, das iſt unrecht!“ und öffnete ihren Schreib⸗ tiſch, um alsbald den Brief zu beantworten. Einen Augenblick lang fühlte ſie ſich krank und ſchwind⸗ lig, das Papier ſchien ſich vor ihren Augen zu bewegen, ihre Hand vermochte kaum die Feder zu halten; allein Mar⸗ James. Margarethe Graham. 9 122 garethe hatte die harte Pflicht gelernt, die Gedanken ihres Geiſtes durch den hohen Entſchluß ihrer Seele zu beherr⸗ ſchen und den Körper in ſeiner Schwachheit zu ſtützen, ſo daß ſie nach kurzem Kampfe Worte niederzuſchreiben ver⸗ mochte, welche ihr beinahe das Herz brachen. „Glauben Sie mir, mein theurer Sir,“ ſchrieb ſie,„wir haben Sie nicht vergeſſen, und ich würde mich gewiß unter anderen Umſtänden ſehr glücklich fühlen, Sie zu ſehen und Ihnen für Ihre freundliche Theilnahme zu danken. Meines Vaters Geſundheit iſt zwar etwas beſſer als früher; aber unſere Lage iſt immerhin der Art, daß ich mit großem Be⸗ dauern das Vergnügen Ihres Beſuches ablehnen muß. Ich hoffe, ſpäter beſſer im Stande zu ſeyn, Ihnen meinen Dank auszudrücken und verbleibe indeſſen Ihre alte Bekannte Margarethe Graham.“ Sie mochte die Worte, die ſie geſchrieben, nicht über⸗ leſen, ſondern ſiegelte ſie haſtig, und rief ihrem Maͤdchen, daß ſie dem Boten den Brief übergebe. Sobald dies vorüber und ſie wieder allein war, ſetzte ſie ſich nieder und betrachtete das Papier, das Fairfax Handſchrift an ſich trug, und es dauerte mehrere Minuten, bis ſie ſich von der Stelle rührte. „Wahnfinn und Thorheit!“ war Alles, was ihre Lippen äußerten; dann nahm ſie das Billet, und warf es ins Feuer. Es verging langſam in der Flamme, ein kleiner 4 Funke wanderte zögernd noch lange hin und her, bis auch er 3 erloſch und nur ein ſchwarzes Aſchenhäuſchen zurückließ. 123 „So war mein Schickſal!“ ſagte Margarethe zu ſich ſelbſt;„ich will nicht mehr daran denken— nein, nein, nicht einen Augenblick.“ Den Abend über war ſie ſehr ernſt; aber am nächſten Morgen hatte ſie ihr gewohntes Benehmen wieder gefunden, und die nächſten zwei Tage ereignete ſich Nichts, was ſie zu erſchüttern vermochte, bis ihr der alte Doktor Kenmore in unbefangenem Tone erzählte, daß er bei ſeinen üblichen Krankenbeſuchen einem jungen Gentleman begegnet ſey, den er früher auf Mr. Graham's Gute zu Allerdale getroffen zu haben ſich erinnere. „Ich habe Ihrem Vater nichts davon geſagt, meine Liebe,“ fuhr er fort,„weil ich glaubte, es könnte ihn krän⸗ ken, wenn er hoͤrt, daß der Junge hier herumwandert, ohne ſeinen alten Freund ſehen zu wollen.“ Margarethe war ſehr erſchüttert, wollte aber doch keine Anklage gegen Allan Fairfax mit anhören, ohne ſie zu widerlegen. „Nein, theuerſter Doktor,“ entgegnete ſie,„er hat es verſucht, meinen Vater zu ſehen. Er ſchrieb mir ein Billet, und äußerte den Wunſch, herüberzukommen; ich lehnte es jedoch ab, wie ich es bei jedem Anderen gethan habe.“ „Sie haben recht gethan, Margarethe,“ verſetzte Dok⸗ tor Kenmore;„wir müſſen Graham jede Aufregung, die ſich vermeiden läßt, erſparen, und ſchon der bloße Name Aller⸗ dale pflegt ihn ja immer ſo heftig anzugreifen.“ Hiemit endete das Geſpräch, und der Tag der Ver⸗ mäͤhlung nahte raſch heran. 9 8⁴ 124 Ich will nicht verſuchen, Margarethens Herzensge⸗ heimniſſe zu ergründen, will nicht nachforſchen, was wohl die ſchnell entfliehenden Augenblicke ihr bringen mochten; will nicht bei den Gedanken verweilen, welche jeden Tag und jede Nacht in ihr aufſtiegen, je mehr ſich der Augenblick her⸗ andrängte, da ihr Schickſal entſchieden werden ſollte. Sie war in dieſer letzten Woche etwas bleich und ſchmal gewor⸗ den, gab aber Niemand Veranlaſſung zu ſagen, daß ſtie traurig ſcheine. Etwas ernſter, wie gewöhnlich, war ſie freilich; aber welches Weib kann ſich wohl anſchicken, alle Beziehungen ihres Lebens zu ändern, um eine neue und ſo hochwichtige Aufgabe zu übernehmen, ohne gedankenvoll darüber zu werden! Dieſen leichten Schatten von Nach⸗ denklichkeit ausgenommen, blieb ihr Benehmen für Aller Auge ganz wie gewöhnlich: ſie hatte für ihren Vater daſſelbe ſüße, für den guten, alten Doktor das gleiche freundliche Lächeln, wie immer, war erfreut über Alles, was er um ihres Wohlgefallens willen that, und billigte und beſtätigte alle Anordnungen, die er getroffen hatte. Nur eine Bitte hatte ſie dabei vorzubringen, daß nämlich die Vermählung ſo ge⸗ heim wie möglich vollzogen werden ſollte, und dazu gab Doktor Kenmore bereitwillig ſein Jawort. „Es ſoll Niemand anwohnen, Margarethe, als wir ſelbſt, der Anwalt und unſere alte Bekannte, Miß Harding. Andere Leute, die etwa dazu kämen, würden uns nur miß⸗ verſtehen und mich einen alten Narren, Sie aber eine junge Narrin nennen; wir wollen uns übrigens nichts drum küm⸗ 125 mern, was ſie auch ſagen— ein neuntägiges Wunder dauert ja doch nicht zehn Tage.“ Mr. Graham nahm die Dinge nicht ganz ſo ruhig wie ſeine Tochter. Er ſchien betrübt, ſeufzte ſchwer, und ſo ſehr ihn auch Margarethe, wenn ſie ſeine Laune alſo depri⸗ mirt ſah, durch munteres Geplauder über die Zukunft auf⸗ zuheitern ſuchte, ſo ſchien dies doch nur wenig Wirkung auf ihn zu äußern. Er hatte ihr Gemüth, ihren Charakter von der Wiege an beobachtet, und wenn gleich an Körper wie an Geiſt gebrechlich und geſchwächt, mochte vielleicht doch das Vaterauge der Tochter Herz durchſchauen. Seine leibliche Geſundheit ſchien jedoch keineswegs zu leiden— im Gegentheil; er konnte ſogar an Margarethens Arm langſam im Gärtchen auf und ab gehen. Am andern Tage fuhr er in ſeines Freundes kleinem Phaeton zur Stadt, um das in Kenmore s Haus für ihn hergerichtete Zimmer zu beaugenſcheinigen, und ſchien ſehr vergnügt über alle zu ſei⸗ ner Bequemlichkeit getroffenen Anordnungen, noch mehr aber über die Aufmerkſamkeit, welche der Doktor für Marga⸗ rethens Geſchmack und Gewohnheiten an den Tag gelegt hatte. So billigte er auch Margarethens Plan, wonach er nach der Ceremonie, während ſie von ihrer neuen Woh⸗ nung Beſitz nahm, den Reſt des Tages im Landhäuschen allein bleiben und am andern Morgen in der Frühe in des Doktors Phaeton nach Braunſchweig kommen ſollte, wobei Margarethe Sorge trug, während jenes Tages einen alten treuen Diener ihres künftigen Gatten zu ſeiner Be⸗ wachung und Pflege in der Hütte bei ihm zu laſſen, da er 126 ohnehin ſo wohl war, daß ſie keine Beſorgniſſe zu hegen brauchte. Der Tag vor der Vermählung war für Doktor Ken⸗ more höchſt geſchäftereich; neben dem Beſuche ſeiner wich⸗ tigſten Patienten hatte er noch tauſenderlei Dinge zu beſor⸗ gen, ſo daß er, der geſunde, ruhige, kleine Mann gänzlich erſchöpft und ſein hübſcher, kurzbeiniger Hengſt völlig abge⸗ rakert war. Doch auch dieſer Tag ging vorüber und die Sonne des nächſten ſtieg empor. Die kleine Kirche von Allenchurch lag zum Glück etwas abſeits vom Dorfe, ſo daß man von keiner Volksmenge, keinen müſſigen Gaffern beläſtigt war, als Margarethe Gra⸗ ham mit ihres Vaters altem Schulkameraden vor dem Altare ſtand. Es war ein ſchöner, klarer Frühlingstag, einer der erſten, welche in dieſem Jahre der Welt zugelächelt hatten; Margarethe Graham fehlten noch drei Monate und ein Tag zu zweiundzwanzig— Doktor Kenmore war achtundſechzig. Sie hatte ſich ganz einfach und in der Art gekleidet, daß ſie älter ausſah als ſie wirklich war; allein ſie konnte es dennoch nicht verbergen, daß ſie gar jung und ſehr ſchön war. Ihr ganzes Benehmen während des Gottesdienſtes war Marga⸗ rethe Grahams vollkommen würdig— anmuthig, ſtill, ernſt⸗ haft, aber auch ſehr ruhig. Der Kampf hatte ja ausgetobt — war nun vorüber.. Beim Ablegen des Gelübdes ſprach ſte ihr„Ja, ich will“ mit deutlicher Stimme; der Ring ſteckte an ihrem Finger— ſie war Doktor Kenmore's Gattin. Der Vor⸗ hang zwiſchen ihr und der Vergangenheit war gefallen; 127 die Ausſicht in die Zukunft lag klar vor ihr— klar und kalt!* Mr. Graham hatte nicht anwohnen können; der Vikar ſeiner früheren Gemeinde gab das Paar zuſammen, welches un⸗ verzüglich nach der Hütte fuhr, wo Margarethens Vater ſie vor der Abfahrt in die neue Heimath erwartete. Sie blie⸗ ben faſt eine Stunde bei ihm und machten ſich dann nach Braunſchweig auf. Doktor Kenmore war in Schnürſtie⸗ feln zur Kirche gegangen; ſobald er jedoch zu Hauſe war, wurden die großen Silberſchnallen wieder vorgenommen, indem er erklärte, daß es ihn ſonſt in die Füße friere. In dem friſch eingerichteten Hauſe gab es gar Man⸗ cherlei anzuſehen und herzurichten, ſo daß man bis zur Mit⸗ tagstafel vollauf zu thun hatte; des Doktors Lebensweiſe war nämlich ebenſo altmodiſch wie ſeine frühere Tracht, und er pflegte Punkt vier Uhr zu ſpeiſen. Kurze Zeit vorher zeigte er Margarethen in ſeinem kleinen Studierzimmer ei⸗ nen großen eiſernen Behälter, wobei er bemerkte: „Hier, meine Liebe, ſind alle meine wichtigen Papiere: ſie ſind ziemlich werthvoll, denn Gott hat meiner Hände Arbeit geſegnet und es finden ſich verſchiedene Pfandbriefe und Dokumente, vor Allem aber mein Teſtament darunter, das ich vor einer Woche abfaßte, ſo daß es gültig war, ob ich nun vor oder nach der Trauung ſterben mochte.“ Noch ehe Margarethe antworten konnte, kam des Dok⸗ tors Diener mit der Meldung, ein gewiſſer Mr. Lifrid ſey da, um ſeine Rechnung zu bezahlen. Kenmore wollte ihn an⸗ fänglich fortſchicken; allein die Rechnung war ſehr bedeu⸗ 128 tend und belief ſich faſt auf hundert Pfund; Mr. Lifrid zog nach London, und der Doktor ging hinaus, um ihn zu em⸗ pfangen. Bei ſeiner Rückkehr hatte er eine Rolle Bank⸗ noten und etwas Geld in der Hand; da aber zu gleicher Zeit gemeldet wurde, daß die Suppe auf dem Tiſche ſtehe, ſo ſchob er das Geld in die Taſche und führte ſeine Braut zur Tafel. Kaum war jedoch Suppe und Fiſch abgetragen, als die Glocke heſtig angezogen wurde, und Doktor Kenmore ſeinem Diener in ſehr gebietendem Tone befahl: „Ich gehe heute nicht mehr aus; ſchickt die Leute zu Mr. M'Swine, er iſt ein eben ſo guter Arzt wie ich, ja er hält ſich ſogar noch für beſſer.“ Der Mann kehrte im Augenblicke wieder zurück, aber ſein Geſicht war ſo ernſt und er flüſterte ſeinem Herrn einige Worte ins Ohr, ſo daß dieſer alsbald eine höchſt bedenkliche Miene annahm. „Laßt augenblicklich den Phaeton vorfahren,“ erwie⸗ derte er. „Mein Vater?“ fragte Margarethe, ihm forſchend ins Geſicht ſchauend.. „Ich will nach ihm ſehen, meine Liebe, und augen⸗ blicklich zurückkehren, um Ihnen ſein Befinden zu melden,“ erklärte der Doktor aufſtehend und ihr die Hand reichend. „Ich muß mitgehen,“ verſetzte Margarethe und ihr Gatte machte keine Einwendung. Sie waren Beide zum Ausgehen angezogen und er⸗ warteten eben den Phaeton auf dem Gange, deſſen Thüre halb geöffnet war, als ein armes Weib, wie die Frau eines 129 Taglöhners der niederſten Klaſſe gekleidet, hereinguckte und zu gleicher Zeit nach dem Glockenzuge griff. Der Doktor kam ihr jedoch mit der Frage zuvor: „Was wollt Ihr, Mrs. Halliday? Ich kann heute Nacht Niemand beſuchen— ich bin im Begriff auszugehen — Mr. Graham hat abermals einen Schlaganfall gehabt.“ „Ach, der arme Herr!“ rief die Fran;„ich will Sie nicht aufhalten, Sir, und habe auch kein Recht dazu; aber Ben iſt ſehr ſchlimm, der arme Mann; er kam geſtern mit Seitenſtechen nach Haus, kann heute kaum Athem holen, und iſt ſchrecklich unruhig und roth im Geſicht. Ich ging heute Morgen ins Unionshaus, um eine Anweiſung an den Arzt zu erhalten— das macht ſieben Meilen; dann mußte ich hierher zu Mr. M'Swine— alſo neun weiter; Mr. M'Swine iſt ausgegangen, ſein Ladendiener ſagt, er werde vor zehn oder eilf nicht heimkommen, der arme Ben ſagt, er werde ganz gewiß ſterben und ich bin am Umſinken.“ „Und habt noch ſieben Meilen nach Haus,“ rief Doktor Kenmore;„ich will Euren Mann beſuchen— er iſt ein bra⸗ ver Mann— ich will nach ihm ſehen. Tretet nur ein und nehmt ein Glas Wein; Mr. M'Swine iſt zu Haus, aber er mag nicht gehen,“ murmelte er vor ſich hin,„das kommt davon her, wenn man den Armen an den billigſten Arzt ver⸗ pachtet! Ich will Euren Mann beſuchen, ehe ich zu Bett gehe, Mrs. Halliday.“ Mit dieſer Verficherung ſchenkte er der Frau ein großes Glas Wein ein, indem er etwas Waſſer darunter miſchte, damit ihr das Getränk nicht zu Kopfe ſteige. 130 Mittlerweile war der Phaeton vorgefahren und nicht ohne Bedauern, daß in dem kleinen Fuhrwerk kein Platz für die gute Taglöhnersfrau übrig blieb, fuhr der alte Mann eilends nach Allenchurch und langte eben mit Einbruch der Nacht vor Mr. Graham's Thüre an. Dieſe wurde geöffnet, ſobald man das Raſſeln von Rädern vernahm, und Margarethe eilte haſtig hinein, um ſich nach ihrem Vater zu erkundigen. Die Dienerin erwie⸗ derte, er ſcheine etwas beſſer, und die Tochter verfügte ſich unverzüglich nach ſeinem Zimmer. Doktor Kenmore hatte unterdeſſen ſeinem Diener mit vollkommener Faſſung befohlen, nach Braunſchweig zurück⸗ zufahren, aber nicht vor zwölf zu Bett zu gehen, ohne von ihm gehört zu haben; nachdem er dieſen Befehl ertheilt hatte, trat er gleichfalls ins Haus und begab ſich nach Mr. Graham's Zimmer. „Liebſte Margarethe,“ bemerkte er, ſobald er den Kran⸗ ken ſah und ſeinen Athem hörte,„wir müſſen die ganze Nacht hier bleiben; ich darf ihm diesmal nicht zur Ader laſſen, denn wenn es auch augenblickliche Erleichterung her⸗ beifuhrte, ſo könnte es doch ernſtere Uebel zur Folge haben. Wir müſſen langſamer aber ſicherer zu Werke gehen; dann hoffe ich, ſoll es uns glücken. Er muß aufgerichtet und der Kopf muß ihm mit kaltem Waſſer beſprengt werden; ſogleich warme Flaſchen an die Füße, und können wir ihm etwas fiüchtiges Salz beibringen, ſo iſt's um ſo beſſer.“ Alles geſchah, wie der gute alte Doktor es anordnete, Nach Verlauf von etwa einer Stunde hatte ſich die Bruſt⸗ 131 beklemmung gebeſſert; Mr. Graham bewegte den rechten Arm, fuhr mit der Hand nach dem Kopf, öffnete kurz dar⸗ auf die Augen, indem er mit verwirrten Blicken um ſich ſchaute. Eine Weile ſpäter ſchloß er die Augen abermals, und fiel in ſanften ruhigen Schlummer; ſein Athem war leicht und das Geſicht, das vorher ſehr bleich und mit kaltem Schweiße bedeckt geweſen, nahm nun wieder ſeine natürliche Farbe an. „Nun muß ſich Alles ganz ruhig verhalten,“ verord⸗ nete Kenmore flüſternd;„in wenig Stunden wird eine Reak⸗ tion eintreten; dann müſſen wir ihm etwas Blut nehmen, und ich hoffe, er iſt gerettet. Bleiben Sie bei ihm, theuerſte Margarethe, bis ich zurückkehre, denn ich darf den armen Ben Halliday nicht vergeſſen und kann für die nächſten ſechs Stunden doch nichts vornehmen.“ „Aber Sie haben Ihren Phaeton weggeſchickt— nicht?“ fragte Margarethe etwas ängſtlich, indem ſie ans Fenſter trat und hinausſchaute. „Thut nichts, meine Liebe, ich gehe zu Fuß,“ meinte Doktor Kenmore,„es iſt ein hübſcher Abend; der Mond im erſten Viertel kommt eben neben der Kirche über den Bäu⸗ men hervor und wird mir beſſer als die Sonne leuchten. Ich werde nicht lange ausbleiben, denn ich weiß ſchon, was Hal⸗ liday fehlt— er hat eine Lungenentzündung und ich muß ihm tüchtig Blut ablaſſen. Morgen wäre es zu ſpät und M'Swine ließe den armen Teufel ſterben.— Somit gute Nacht, meine Liebe, auf Wiederſehen!“ Hiemit verabſchiedete ſich der gute Doktor und Mar⸗ 132 garethe ſetzte ſich neben ihres Vaters Bette nieder, und ver⸗ ſank in langes trauriges Nachdenken, das ziemlich lange dauerte. Stunde auf Stunde verſtrich, die Glocke ſchlug acht, neun, zehn, endlich gar eilf, der Zeiger ſtand nahe auf Mitternacht, und Doktor Kenmore kam immer noch nicht, Neuntes Kapitel. Aerztlicher Troſt. Es iſt jetzt Zeit, zu der Geſchichte der Perſonen zurück⸗ zukehren, nach deren Hütte Doktor Kenmore ſeine Schritte gelenkt hatte, und ich muß die Erzählung da wieder aufneh⸗ men wo ich ſie zuletzt verlaſſen habe. Allan Fairfax hatte bei ſeinem Scheiden Ben Halliday's Familie vergleichungs⸗ weiſe glücklich geſehen. Die Kinder hatten ein vollſtändig ſättigendes Mahl erhalten, was ihnen ſeit Monaten nicht zu Theil geworden war, überdies hatte der Taglöhner den Reſt des Sovereigns— eine Summe von dreizehn Schillingen und einigen Pence— übrig behalten. Welch' ein Schatz! dachte Halliday. Welche Bagatelle! wird der Leſer denken, nicht einmal hinreichend zu dem täglichen Mittagsmahl, das auf ſeiner Tafel dampft, kaum genügend für den Ankauf von zwei Flaſchen Wein, wovon wöchentlich ſo manche in ſeinem Haushalte aufgeht. Wie ganz anders der Taglöhner! Er ſah ſeinen Lohn auf vier Wochen um fünfzig Prozent vermehrt, ſah den grimmigen Hunger von ſeiner Thuͤre ab⸗ 13³ gehalten, denn er konnte nun Brod— Brod genug kaufen, und mehr verlangte er nicht. Der Taglöhner— ach der arme Taglöhner! Wie traurig iſt ſein Leben in dem reichſten, gewerbſamſten und mildthätigſten Lande der Welt! Es iſt nicht allein das harte raſtloſe Mühen um das tägliche Brod, was ſein Loos ſo traurig macht, nicht der Mangel an jeder weſentlichen Be⸗ quemlichkeit, an Erholung, an hinreichender Nahrung und Wärme, an Krankenpflege für ſich und ſeine Kinder, kurz an Allem, was einem Lebensgenuſſe gleinkommt, wohl aber die Entziehung jeder Hoffaung, jeder Ausſicht, die Ver⸗ nichtung nicht allein der vorliegenden Ernte, ſondern auch jeder künftigen Ausſaat. Und iſt dies etwa ein übertriebenes Gemälde?— Das moͤge der beantworten, der ſo wie ich lange Zeit unter den niedern Klaſſen gewohnt hat. Was hat der brittiſche Ar⸗ beiter ſein ganzes Leben lang zu erwarten? Was ſteht ihm für alle Zeit in Ausſicht?— Ein Leben unaufhörlicher, ſchlechtbelohnter Plackerei, fortwährende Noth, ohne jemals im Stande zu ſeyn, ſich einen Vorrath für die ſchlimmen Tage zu ſammeln, in ſeiner Wohnung Kälte, an ſeinem Tiſche Mangel, in deſſen Folge Krankheit, Vernachläßigung auf dem Krankenbette und endlich Alter, Gebrechlichkeit und Tod in dem harten Gefängniſſe des Armenhauſes. Dem⸗ ſelben Looſe muß der Arme auch noch ſeine Kinder entgegen gehen ſehen; auch ſie ſollen leben ohne Hoffnung, ſollen wie er ſelbſt als Bettler ſterben! Dies ſind die Ausſichten des brittiſchen Arbeiters, und 13⁴ ich fordere Jeden auf, mir zu beweiſen, ob ſeine Lage im Allgemeinen beſſer iſt. Nehmet dem Menſchen die Hoffnung, und ihr macht ihn zum Teufel. Das haben wir gethan; wir thun es noch immer und wundern uns dann, wenn wir Scheunen und Getreideſchober in Flammen aufgehen ſehen. Laßt uns dafür ſorgen, ehe es zu ſpät iſt, damit ſich der Brand nicht noch weiter ausbreite! In Marokko herrſchte früher der alte Brauch, zum Tod verurtheilte Verbrecher durch kleine Portionen Kuskuſſuh noch länger am Leben zu erhalten und ihre Qual zu verlängern; allein die weiſen Geſetzgeber jenes Landes ſpießten doch wenigſtens jene Unglücklichen zuvor, ſo daß ſte nicht auf ihre Henker losſpringen konnten, wogegen wir unſere Armen zu derſelben Diät verdammen und ſie faſt dem nämlichen Elende überlaſſen, ohne ſie auf einen Pfahl zu heften und uns vor ihnen ſicher zu ſtellen. Ben Halliday fühlte ſich wie geſagt vergleichungsweiſe glücklich. Als er mit Allan Fairfar zuſammentraf, hatte er keinen Groſchen in der Taſche, keinen Laib Brod im Hauſe; zum Lohne für ſechsthätiges raſtloſes Arbeiten erhielt er wöchentlich ſteben Schillinge, und davon ſollte er ſich ſelbſt, ſein Weib, einen Sohn, der noch nichts erwerben konnte, und eine ſterbende Tochter ernähren! Sein Herr, welcher einer der Armenpfleger war, hatte ihm geſagt, auch wenn er ſich an die Union wende, werde er keine Unterſtützung von ihr erhalten, wenn er nicht mit Frau und Kindern ins Armen⸗ haus ziehe, und falls er dies thue, werde er von ſeinen An⸗ gehörigen getrennt und ſo elend werden, daß er bald wieder 135 froh wäre, die Armenpflege zu verlaſſen.“— So war ſein Zuſtand, als Fairfax ihn traf; und jetzt hatte er mehr als dreizehn Schillinge im Hauſe und noch überdies die Aus⸗ ſicht, blos durch die Pflege eines mißrathenen Simpels noch weitere fünf Schillinge wöchentlich zu verdienen. Für ihn war das Wohlſtand— es war Reichthum— es war Glück! Allan Fairfax erſchien der ganzen Familie wie ein Schutzengel, der zu ihrer Rettung herbeigekommen war, und Alle flehten des Himmels Segen auf ihn herab. Am nächſten Morgen war Ben vor Tagesanbruch auf, und ſäuberte den Schuppen, um ihn zur Aufnahme für Tommy Hicks herzurichten; noch ehe die Sonne aufging und die Stunde ſeines Tagewerks zurückkehrte, hatte er alle Ar⸗ beit beendigt, die ſich ohne Bretter und Nägel verrichten ließ. Am Abend ging er nach Braunſchweig, um mit dem Vormunde des Simpels den ganzen Handel abzuſchließen, und Nachts ſetzte er mit ſeinem Vetter Jakob die Kammer vollends in Stand, nachdem ſein Weib unterdeſſen die nö⸗ thigen Materialien herbeigeſchafft hatte. Am andern Mor⸗ gen ſtand Alles in Bereitſchaft, die Stube war warm und wohlverwahrt, und am dritten Tage wurde der Simpel förmlich in Ben Halliday's Wohnung inſtallirt, und Bett * Dies iſt keine Erdichtung: meine eigene Erfahrung hat ei⸗ nen ähnlichen Fall erlebt. Der Taglöhner hatte drei Kinder, der Arbeitslohn war ſieben Schillinge wöchentlich, des Pächters Ant⸗ wort war genau wie oben— nur war es eine andere Grafſchaft als Cumberland. 136 und Kleidungsſtüͤcke deſſelben in die neue Behauſung herbei⸗ gebracht. Anfangs ging Alles gut: Vater, Mutter und Kinder thaten das Mögliche, um es dem unglücklichen Menſchen behaglich zu machen, und die Verſetzung aus des alten Grimley's Hütte in die Halliday'ſche Wohnung ſchien ihm auch wirklich zu gefallen. Er lachte und plauderte erſtaun⸗ lich viel, und erklärte unter fürchterlichem Schielen, er werde hier ganz luſtig ſeyn und wolle ihnen die ſchönſten Streiche vormachen. Nur in einem Punkte gerieth Ben Halliday in Streit mit ihm: er faßte nämlich eine beſondere Vorliebe für Mr. Fairfax Felleiſen und wollte ſich ſonſt nirgends niederſetzen; nahm man es ihm weg, ſo wurde er verdrieß⸗ lich und verließ das Haus, wobei er oft halbe Tage lang ausblieb. Er pflegte ſich jedoch nicht weit zu entfernen, denn mitten unter ſeinen Wanderungen fand er zweimal den Weg nach Jakob Hallidays Hütte, und ſchien geneigt, ſich bei deſ⸗ ſen Familie einzuſchmeicheln, indem er deſſen Sohne Bill einen Stock in verſchiedenen grotesken Formen ausſchnitzte, in welcher Kunſt er ausnehmend geſchickt war. Von Fairfax ferneren Schritten nach dem Tage ſeiner Rückkehr nach Cumberland wurde bis jetzt nichts weiter geſagt, als was der Leſer aus deſſen Billet an Margarethe entnehmen konnte; wir dürfen jedoch nicht vergeſſen zu erwähnen, daß er den Tag nach ſeinem erſten Beſuche zu Ben Halliday's Hütte zurückkehrte, und etliche Kleidungsſtücke nebſt einem Toilettenetui aus ſeinem Felleiſen nahm, die er durch einen kleinen Jungen aus dem Dorfe in den Gaſthof nach Braun⸗ 137 ſchweig tragen ließ. Auch noch einige Tage ſpaͤter wurde er mehreremale geſehen, verſchwand aber dann auf längere Zeit. Jakob Halliday begann mittlerweile zu bereuen, daß er die Pflege des Simpels nicht ſelbſt übernommen hatte, denn Tommy Hicks ſchien ſich mit einem bei ſolchen Menſchen kei⸗ neswegs ungewoͤhnlichen Eigenſinne in eben dem Maße an Jakob anzuſchließen, als dieſer ihn mit Drohungen und Wider⸗ willen von ſich trieb. Ueberdies ſah es um Jakobs Finanzen um kein Haar beſſer aus, als bei ſeinem Vetter: er hatte zwar nur ein einziges Kind; dafür aber war ſein Weib keine ſo thätige Haushälterin wie Ben Halliday's Frau, und wußte auch ihr Elend nicht mit ſolcher Milde zu tragen. Noth und Kummer hatten in ſeiner Hütte den höchſten Grad erreicht: ihre Bewohner hatten kaum noch ein Bett oder wenige ärmliche Kleidungsſtücke übrig behalten, und Jakobs Ungeduld knirſchte unter dem ihm auferlegten Joche. Man bekam bei ihm öfters raſche zornige Worte zu hören, bis er ſich endlich zu dem Pächter verfügte, bei welchem er und ſein Vetter in Dienſten ſtand, und ihm mit Heftigkeit aber nicht ohne rohe Beredſamkeit ſeine Lage vorſtellte. Pachter Stumps war höchlich erzürnt, und drohte ihn gänzlich zu entlaſſen, wenn er noch fernere Klagen hören ließe; Jakob maß ihn eine Weile mit ſtrengem Blick, drehte ſich dann plötzlich um und verließ ihn, indem er im Weiter⸗ gehen mehr als einmal vor ſich hinmurmelte: James. Margarethe Graham. 10 138 „Wir müſſen ſie eines Beſſeren belehren 14 Zwei Tage ſpäter ſchien ſeine Frau zufriedener und er ſelbſt in beſſerer Laune; ja eines Abends brachte er ſogar der armen Suſanne einen Topf voll trefflicher Suppe. Das Mädchen war ganz entzückt und erklärte, noch nie etwas Beſſeres gekoſtet zu haben: Jakob lachte und meinte, es ſey nichts Anderes dabei, als was draußen auf dem Felde wachſe. Auch der Simpel nahm einen Löffel voll und bemerkte dann laut auflachend: „Ja, ja, mit Pelz und Federn ſtatt der Blätter.“ Jakob entfernte ſich ohne eine Erwiederung zu geben, und zwei Tage ſpäter brachte Tommy Hicks, nachdem er bis zum Einbruche der Nacht ausgeblieben war, ein Paar Ka⸗ ninchen nach Haus, indem er mit gräulichem Grinſen und munterem Springen eine Falle nach ſeiner eigenen Erfin⸗ dung vorzeigte, welche ganz dazu eingerichtet war, um Ha⸗ ſen oder ähnliche Thiere, wie er ſie eben erwiſcht hatte, darin einzufangen. Ben Halliday ſuchte ihm umſonſt begreiflich zu machen, daß er ſich durch ſolche Schritte in Gefahr bringe; auch ſeine Frau weigerte ſich vergeblich, das Ka⸗ ninchen für ihn zu braten: Tommy machte ſich ſelbſt an die Arbeit, zog die Thiere ab und kochte ſie nach ſeiner eigenen Weiſe, worauf er ſie beide mit nicht weniger Behagen ver⸗ ſchlang, als ſelbſt ein verſtändigerer Menſch wie er an ſeiner eigenen Jägerbeute gefunden hätte. So weit ging Alles gut in Ben Halliday's Hütte, bis drei Tage vor Margarethens Hochzeittage der kleine Charley gegen neun Uhr Abends nach dem Fenſter deutend, ausrief: 139 „Schau, ſchau, Aeddi! welch' ſchöne Farbe am Him⸗ mel: faſt ſcheint's, als ob der Morgen ſchon anbreche.“ „Das ſind, glaub' ich, Nordlichter,“ bemerkte Ben Halliday, auf die Thüre zugehend und hinausſehend.„Nein,“ fuhr er einen Augenblick ſpäter fort,„ich glaube wahrhaftig, es iſt irgendwo ein großer Brand ausgebrochen!“ und ohne ſich lange nach ſeinem Hute umzuſehen, rannte er hinaus, und ging ſo weit, bis er das Moor deutlich überſehen konnte. Der Weg, den er einſchlug, war nicht derſelbe, auf welchem er neulich Mr. Fairfax getroffen hatte, denn wie ich, glaub' ich, ſchon früher erklärt habe, dehnte ſich das Moor weithin an den Hügelreihen aus, und war nur hie und da von einzelnen Waldſtrichen und Kulturflecken unterbrochen, ſo daß er in etwa fünf Minuten die ganze Strecke bis nach Braunſchweig hin deutlich vor ſich ſah. Am Fuße des Abhanges lag der bedeutendſte Hof ſeines jetzigen Herrn, von Scheunen und Ställen rings umgeben; von dort erhob ſich die mächtige Flamme, welche den ganzen Himmel erleuchtete und ihm die Umriſſe von Schobern und Stallungen, Haus⸗ gipfeln und Bäumen nebſt den wellenfoͤrmigen Wendungen des Moors auf anderthalb Meilen Entfernung in rothen Lich⸗ tern und tiefen Schatten vor Augen ſtellte. Zwei Scheunen ſtanden bereits in Flammen; der Wind blies kalt und heftig über den Hof und die Gebäude, und ohne ſich länger zu be⸗ finnen, rannte Ben Halliday, ſo raſch er konnte, um den Bedrängten Hülfe zu leiſten. Wie er näher kam, vernahm er laute Stimmen, Fluͤche 10* 140 und Drohungen; da aber der Schauplatz des Brandes für den Augenblick durch eine Hecke und etliche hohe Bäume vor ihm verdeckt war, ſo konnte er nicht bemerken, was dort vor⸗ ging; ſobald er jedoch dieſen Schirm hinter ſich hatte, bot ſich ſeinen Augen ein Anblick dar, wie er ſich ſeitdem in vielen engliſchen Grafſchaften mehr als einmal bemerklich machte. Drei große Scheunen ſtanden in Brand: der Wind trieb die Funken wie die flammenden Strohwiſche gerades⸗ wegs gegen die letzten werthvollen Reſte der neulichen Jah⸗ resernte. Der Pächter war mit ſeinem Sohne und etlichen Knechten mit Löſchen der Flamme beſchäftigt, indem er mit wüthender Haſt die brennenden Kornbündel einriß, wodurch er jedoch die Heſtigkeit des Feuers nur noch vermehrte und auch ſeine übrige Habe in Gefahr brachte. Ringsumher ſtanden nicht weniger als zwanzig Arbeiter aus dieſem und den benachbarten Höfen; alle hatten die Arme über die Bruſt gekreuzt, keiner rührte einen Finger, um dem hartherzigen, reichen Manne ſeinen Wohlſtand zu retten; ſein Fluchen, ſein Drohen und Bitten blieb gleich vergeblich; kein Einziger rührte ſich vom Fleck. „Ihr Schurken!“ ſchrie er,„ihr habt, glaub' ich, die Scheunen ſelber angezündet!“ „Nein, nein, Meiſter Stumps,“ gab ein derber Burſche zur Antwort;„ſo geht's nicht. Wir haben's nicht ange⸗ zündet, wollens aber auch nicht auslöſchen. Ihr helft uns nicht— warum ſollten wir Euch helfen?“ „Da brennt das Blut und der Schweiß manches armen ehrlichen Mannes zum Himmel empor, um dort zu erzählen, 141 wie Ihr, Pachter Stumps, mit ihm umgegangen ſeyd,“ ſagte ein Anderer. „Wir hätten doch nie ein Büſchel davon bekommen,“ rief ein Dritter;„ſo laßt Euch von denen helfen, denen es ohnehin zugefallen wäre.“ „Schämt euch! ſchämt euch doch, ihr Leute!“ mahnte Ben Halliday, der in dieſem Augenblicke mitten unter ſie einbrach;„wer wird hier müßig hinſtehen und einem Nach⸗ bar ſein Korn abbrennen ſehen! Glaubt ihr etwa, das Brod würde wohlfeiler, wenn alle Höfe im Lande in Flam⸗ men ſtünden?“ „Nein, aber die Löhne würden höher werden, wenn man die Herren lehrte, daß ſie ihre Leute nicht aushungern ſollen,“ erwiederte nicht weit davon eine Stimme, welche von mehreren der Bauern mit lautem Lachen begleitet wurde. Ben Halliday hörte nicht auf dieſe Erwiederung, ſon⸗ dern ſprang über die niedere Umfaſſungsmauer. „Halt, Meiſter Stumps,“ rief er dem Pächter zu; „um's Himmels willen, ſtiert nicht auf dieſe Art im Feuer. Ihr habt ja eine Maſſe von Scheunentüchern; zieht ſie her⸗ aus, taucht ſte in den Brunnen und breitet ſte uͤber den näch⸗ ſten Schuppen. Dafür haben wir Hände genug, ſelbſt wenn jene Burſche nicht helfen wollen; auch können wir ſie mit Waſſereimern ſo lange naß erhalten, bis die Feuerſpritze von Braunſchweig herbeikommt.“ „Das iſt ein guter Gedanke— ein verteufelt guter Gedanke!“ ſchwor der Pächter.„Ihr ſeyd ein kapitaler Burſche, Ben. Helft uns nur die Tücher herabbringen.“ 14² „Ciner holt die Leitern!“ befahl der Taglöhner, indem er mit dem Pächter nach der Bühne des Speichers rannte, wo die Scheunentücher aufbewahrt wurden. Sein einfacher Rath änderte alsbald das Anſehen der Dinge. Die ſchweren Tücher wurden raſch hervorgezogen, in den benachbarten Brunnen getaucht, und dann nicht ohne große Mühe und Anſtrengung über den nächſten Schuppen gelegt. Mehrere Knechte waren damit beſchäftigt, ſie fort⸗ während feucht zu erhalten; die übrigen ſpritzten Waſſer über die Enden der dem Feuer zunächſt ſtehenden Speicher, und des Pächters Weib mit Töchtern und Mägden, welche alle in der höchſten Verwirrung und Aufregung waren, mußte das Dach des Wohnhauſes bewachen und dafür ſor⸗ gen, daß die Funken nicht deſſen Sparren ergriffen. Ben Halliday half überall und bei jedem Geſchäfte ſo gut wie nur Einer, ohne daß ſein Beiſpiel die übrigen Tagloͤhner zur Nachahmung ermunterte, denn als dieſe ſahen, daß das Feuer nicht leicht weitern Schaden anrichten würde, entfernte ſich einer nach dem andern, ſobald ſte die Feuerſpritze auf der Straße herankommen hörten. Es iſt eine traurige Erfahrung, die ſich nur zu haͤufig beſtätigt, daß wer Anderen bei irgend einer Gelegenheit die meiſten Dienſte erweist, am Ende allein zu leiden hat, als ob eine gewiſſe Summe von Unglück unvermeidlich wäre, und der, welcher das Unheil von Freunden oder Nachbarn, von ſeinem Lande oder der Geſellſchaft abwendet, daſſelbe auf ſeine eigenen Schultern zu nehmen hätte. Wir wiſſen zwar Gott⸗ lob, daß dies nicht der Fall iſt, daß vielmehr alles von einer 143 weiſen, gnädigen Vorſehung geordnet wird; aber dennoch lehrt die Erfahrung, wie geſagt, daß die größten Wohlthäter am übelſten belohnt werden, und meiſt unter ihren eigenen Bemühungen zum Wohle Anderer zu leiden haben. O der trüben, düſteren Erfahrung! der grauſamen, furchtbaren Wahrheit! Der arme Ben Halliday hatte mitten unter Hitze und Flammen faſt anderthalb Stunden gearbeitet, war von dem Waſſer durchnäßt, das er vom Brunnen herbeiholte, erhitzt von dem Feuer und der gewaltigen Anſtrengung, und als nun Alles vorüber war und er den Reſt von des Pächters Habe gerettet ſah, ließ man ihn kaum beachtet mit ſpäͤrlichem Danke von dannen ziehen, und er wendete ſich in tiefen Ge⸗ danken über das Moor nach ſeiner eigenen, ärmlichen Be⸗ hauſung. Es wehte ein ſcharfer, heftiger Nachtwind; aber er ging dennoch langſam, denn er war müde und traurig. An Stoff zum Nachdenken fehlte es ihm nicht, denn eine wohlbekannte Stimme war ihm zu Ohren gedrungen und hatte ſchmerzliche Zweifel und argen Verdacht in ihm erweckt. Bald aber beſchleunigte er ſeine Schritte, denn er ſpürte, wie der eiſige Wind ihn erkältete, und als er ſich auf ſein hartes, ärmliches Lager zur Ruhe niederlegte, fühlte er ſich von einem Fieberſchauer ergriffen. Schwach und krank erhob er ſich am andern Morgen, ging aber wie gewöhnlich an ſeine Arbeit, um nur noch lei⸗ dender zurückzukehren. Aber noch immer mochte er ſich nicht an die Union um Beiſtand wenden, denn er hatte noch nie eine Hülfe von ihr empfangen, und der bloße Gedanke 144 war ihm zuwider, bis ihn zuletzt der Schmerz in der Seite, die Beklemmung des Athems und ſeine völlige Kraftloſigkeit überzeugte, daß er ſehr krank war. Er glaubte ſich am Sterben, und willigte zuletzt ein, daß ſein Weib die Hülfe des Gemeindearztes nachſuchte. Ihr Verlangen war der Art, daß man es nicht abſchlagen konnte, und dennoch hatte ſte, wie wir geſehen haben, faſt zwanzig Meilen weit zu ge⸗ hen, und mußte den ganzen Tag von Haus abweſend ſeyn, um es zuletzt doch nicht erfüllt zu ſehen!* Die gute Frau beachtete nicht dieſe Mühe, grämte ſich nicht einmal, als ſie Ben Halliday's Namen in dem Bettler⸗ verzeichniß eingetragen ſah, wenn ſie nur raſche Hülfe für ihn erlangte: als ſie aber nach Braunſchweig kam und dort jede weitere Hülfe noch um achtzehn Stunden hinausgeſcho⸗ ben ſah, da begann der Armen der Muth zu finken. Die Armenpfleger gingen nämlich darauf aus, die *² Dieſer Fall hat ſich wirklich ereignet. Eine arme Frau aus dem Flecken S.., deren Mann von einer Entzündungskrankheit ergriffen war, ging von da nach N....., um von dem Armen⸗ pfleger eine Anweiſuug an den Arzt zu erhalten— die Entfernung hin und zurück betrug fünf Meilen. Ebenſo weit hatte ſie nach E... zu dem Arzte, der ihr jedoch erwiederte, daß ihre Gemeinde nicht in ſeinem Diſtrikte liege, ſo daß ſie wieder fünf Meilen nach N.. zurückzugehen hatte. Der Armenpfleger ſchickte ſie von da zwei Meilen weiter nach D... zu dem dortigen Arzte. Dieſer war nicht zu Haus, und ohne für jene Nacht die geringſte Hülfe erlangt zu haben, kehrte ſie— drei weitere Meilen— in die Hei⸗ math zurück. Erſt am andern Mittag kam endlich der erſehnte Doktor, nachdem ſie neben den zwanzig Meilen von geſtern noch acht weitere zurückgelegt hatte. 145 Steuern zu verringern; dies war der Zweck der Einrichtung— ſte hielten es für den einzigen— denn ſie wußten recht wohl, daß der Kommiſſionsbericht im Parlament ein Unſinn und daß es gänzlich undenkbar war, den Charakter des Arbeiters dadurch verbeſſern zu wollen, daß man ihn mehr ſeiner ei⸗ genen Anſtrengung überließ. Daß dieſe ſo fruchtlos wie möglich würde, dazu trug jeder nach ſeinen Kräften bei, wobei ſie ſich von dem neuen Geſetze wie von der Zunahme der Bevölkerung trefflich unterſtützt ſahen. Das alte Geſetz diente in ſeiner leichten konſtitutionellen und bei weiſer Ver⸗ waltung höchſt heilſamen Faſſung als Schranke gegen den Geiz des Brodherrn, indem es dafür ſorgte, daß, was nicht am Lohne bezahlt wurde, als Armenſteuer entrichtet werden mußte; dieſes Geſetz war aber abgeſchafft und das neue hatte blos die Verminderung der Steuern im Auge. So ſetzten ſie denn jede Unterſtützung und unter Anderem auch den Gehalt der Armenärzte auf ein Minimum herab: ihnen war es um Ouackſalber zu thun; ſie verlangten kein Zeugniß über Geſchick und Fähigkeit, noch über einen freundlichen, gewiſſenhaften Charakter— Alles, was ſie verlangten, war Wohlfeilheit. Der billigſte Mann in Braunſchweig war aber Mr. M'Swine, Chirurg und Apotheker, und er wurde angeſtellt. Mr. M'Swine hatte jedoch gar keine Luſt, ſich ſolchem Bet⸗ telvolke zu lieb ſonderlich zu verunköſtigen: er hatte ſie um die Durchſchnittsſumme von zwei ein halb Groſchen per Kopf für Wartung und Medizin gepachtet, und ſo ließ ſich nicht erwarten, daß er ihnen von beidem beſonders viel zukommen 146 laſſen würde, denn in letzterer Beziehung befolgte er ein ächt homöopathiſches Syſtem, und was die erſtere betrifft, ſo beſuchte er die Kranken, wenn es ihm gerade gelegen war— je mehr von ihnen ſtarben, deſto beſſer für ihn, wenn ihm nämlich nicht nachgewieſen werden konnte, daß es ſein Fehler geweſen. Es iſt wohl ganz gut, die Menſchen nicht fär Schurken zu halten; aber weit beſſer iſt es noch, ſie nicht in Verſu⸗ chung zu führen, daß ſie ſich als ſolche bewähren. Mr. M'Swine war zu Haus, als Halliday's Frau mit der An⸗ weiſung anlangte; ſein Ladendiener hatte jedoch genaue Wei⸗ ſung, was er in ſolchen Fällen ſagen ſollte, und ſo kam es, daß die beklagenswerthe Gattin des beſten Mannes, welcher jemals exiſtirte, voll Verzweiflung vor ſeiner Thüre ſtand. Sie ſah Jemand bei Doktor Kenmore anläuten; ſie kannte dieſen als einen guten, freundlichen, und trotz ſeines rauhen Weſens ſehr humanen Mann, und ging nach kurzem Beſin⸗ nen zu ihm hinüber, indem ſie ihren letzten Muth zuſammen⸗ raffte. Wie der gute Doktor ſie aufnahm, haben wir bereits geſehen; von dem erhaltenen Weine neu belebt, wendete ſie ihre Schritte mit friſcherwachter Hoffnung nach der Heimath. Ihr kranker Mann wälzte ſich unterdeſſen ängſtlich in ſeinem Bett, und verſuchte es, wiewohl vergeblich, mit jeder Lage, die ihm das Athmen erleichtern ſollte; die beiden Kinder ſaßen dicht neben ſeinem Bett, das kranke Mädchen oben am Kopf⸗ ende, der kleine Charley unten an den Füßen. In der hinteren Ecke des Zimmers ſah man den Simpel Tommy Hicks auf dem 147 geliebten Felleiſen, waͤhrend er leiſe mit ſich ſelber ſprach und nach ſeiner Gewohnheit einen Stock ſchnitzte. Ben Halliday's erſte Frage war: „Wird Mr. M'Swine kommen, Bella?⸗ Wenn er ſich nicht beeilt, wird es zu ſpät werden.“ „Nein, Ben, aber Doktor Kenmore kommt,“ gab ſein Weib zur Antwort, indem ſie ſich neben dem Bette nieder⸗ ließ;„er wird ſogleich hier feyn, wofür ihn Gott ſegnen möge; und denk nur, er gab mir ein Glas Wein zur Er⸗ quickung.“. „Ja, er iſt ein guter Mann,“ ſagte Ben Halliday; „wenn Einer mich kuriren kann, ſo wird er es thun. Lauf hinaus, Charley,“ fuhr er mit leiſerer Stimme fort,„und ſieh nach, was Tommy Hicks unter das Dach verſteckt hat. Er iſt wie ein zahmer Rabe, und hat immer etwas zu ver⸗ tuſchen.“ Der Knabe gehorchte; ſobald ihn jedoch der Simpel dem Dache nahe kommen ſah, ſprang er auf, um ihm zu folgen. „Setz' Dich, Tommy Hicks,“ rief Mrs. Halliday in gebietendem Tone, ihn ſtark firirend, und der Simpel nahm ſeinen Sitz wieder ein, ohne ein Wort zu erwiedern. In der nächſten Minute kehrte Charley mi teinem Tiſch⸗ meſſer zurück, das Tommy Hicks unter dem Dache verſteckt hatte, und nachdem die Frau mittlerweile ein Licht ange⸗ zündet hatte, bereitete ſie ſich eine Taſſe Thee als Erquickung nach ihrer langen Wanderung. Abkürzung für— Arabella. D. Ueberſ. 148 Drei Viertelſtunden verſtrichen, während ſich Ben Halliday mit all der Ungeduld eines Fieberkranken nach Doktor Kenmore's Ankunft ſehnte. Der kleine Junge ward ausgeſchickt, um ſich im-Mondlicht auf der Straße nach ihm umzuſehen; aber außer dem Vetter Jakob, welcher langſam nach dem Moore hinſchlenderte, war Niemand zu gewahren. Nach einer Pauſe von mehreren Minuten ging der Knabe abermals vor die Thüre, kehrte aber diesmal augenblicklich mit der Meldung zurück: „Dort kommt er— dort kommt er, den Stock an der Naſe; ich ſehe ihn ganz deutlich.“ Das kranke Mädchen ſtand vom Stuhle auf, um dem Doktor den Platz neben ihrem Vater einzuräumen, und Charley öffnete die Thüre, ſobald er ſeinen Schritt näher kommen hörte. Kaum war er jedoch eingetreten, als Tommy Hicks mit lautem Lachen aufſprang und dem guten alten Arzte mit dem Stocke, den er ſchnitzelte, zwiſchen die Beine fuhr, ſo daß er ihn faſt umgeworfen hätte. „Nur hereingeritten, Doktor Kenmore!“ rief der Boͤ⸗ ſewicht. Der gute Mann, welchem er dieſen Streich ſpielte, war von Natur ziemlich jähzornig, und es war heute ſo Nanches zuſammengetroffen, um ihm einen Tag zu verderben, den er als einen Tag des Glückes hatte feiern wollen. Ohne ſich alſo lange zu beſinnen, hob er ſeinen Stock und verſetzte Tommy Hicks einen derben Schlag über den Rücken. „Ich will Dich lehren,“ ſchalt der Ehrenmann,„mir ſolche Streiche zu ſpielen, Du boshafter Teufel!“ — 149 Vor Schmerz und Wuth heulend, rannte der Simpel aus der Hütte, und Doktor Kenmore ſetzte ſich an Ben Hal⸗ liday's Bette nieder, indem er neben dem Kranken alsbald wieder ſein freundliches Weſen annahm. „So ſo, mein armer Mann, Ihr ſeyd alſo ſchlimm daran,“ bemerkte er.„Ihr habt Euch bei Pachter Stumps durch das Löſchen des Feuers eine Lungenentzündung ge⸗ holt.“. Mit dieſen Worten fühlte er dem Kranken den Puls, und der Taglöhner erwiederte: „Ich weiß nicht, was es iſt, Doktor; aber mir iſt ſehr ſchlecht— ich hab' mich noch nie ſo ſchlimm gefühlt.“ „Nun, nun, Ihr ſollt diesmal nicht ſterben, Ben,“ verſetzte Doktor Kenmore, mit der Hand in ſeinen Taſchen ſuchend;„reicht mir eine Schüſſel, Mrs. Halliday; wir müſſen Euch tüchtig zur Ader laſſen, Ben.“ So ſprechend, zog er ſein Etui und zwei Selbendrollen aus der Taſche, breitete ſte auf dem Bette aus und griff nach einer Lanzette. Ben Halliday mußte den Aermel auf⸗ ſtreifen, ſein muskuloͤſer Arm griff nach des Doktors Stocke, und eine Minute ſpäter ſtrömte das dicke, ſchwarze Blut in die Schüſſel, als ob es aus einer Spritze käme. Doktor Kenmore ließ ihm mehrere Minuten lang freien Lauf, wäh⸗ rend er des Taglöhners Geſicht mit ernſter Aufmerkſamkeit betrachtete, bis Halliday endlich mit einem Seufzer der Er⸗ leichterung bemerkte: „O das thut gut! Mir iſt, als ob mir Jemand kaltes Waſſer auf die heiße Stelle in der Seite göße.“ 150 „Weiß ſchon,“ gab Doktor Kenmore zur Antwort; „wir müſſen jedoch fortfahren, bis Ihr Euch ſchwach fühlt— morgen iſt die Operation zu wiederholen, denn in fol⸗ chen Fällen kann jede Halbheit nur ſchaden. Oeffnet und ſchließt die Hand an meinem Stock— iſt Euch nicht etwas ohnmächtig?“ „Ein Bischen, Sir, aber nicht viel,“ gab der Kranke leiſe zur Antwort, ſank aber im nächſten Augenblick auf das Bett zurück. „So iſt's ganz recht,“ ſagte der Doktor, den Daumen auf die Ader haltend. Mrs. Halliday war nicht wenig erſchrocken; ſie hegte jedoch großes Zutrauen zu dem Doktor, und ihr Gatte kam auch wirklich nach einigen Minuten wieder zur Beſinnung und erklärte, daß er ſich vergleichungsweiſe wohl fühle. „Ja, ja, Ben, Ihr habt aber morgen einen aberma⸗ ligen Aderlaß nöthig,“ erwiederte Doktor Kenmore.„Wir müſſen übrigens die Sache pfiffig anfangen. Wenn Mr. M'Swine morgen vor zwolf nicht nach ihm ſieht, ſo laßt mich's wiſſen; im andern Falle ſagt ihm, ich habe erklärt, man duͤrfe Ben kein Blut mehr abzapfen, dann wird er ihm ganz beſtimmt eine Ader öffnen.“ Doktor Kenmore kannte ſeinen Kollegen genau, und nachdem er noch etliche Weiſungen gegeben und ein Pflaſter, das er für Mr. Graham mitgebracht, zurückgelaſſen batte, um es dem Kranken auf die Seite zu legen, verabſchiedete er ſich von der dankbaren Familie, und machte ſich auf den Heimweg gegen Allenchurch. An dem Kreuzwege zweier 151 Straßen wurde er noch von einem Diener des Fabrikanten, welcher Mr. Grahams früheres Wohnhaus gekauft hatte, und ebenſo eine Viertelmeile weiter, gerade am Rande des Moo⸗ res, von einem Taglöhner und einem kleinen Jungen geſe⸗ hen— ſie waren, wie es ſcheint, die Einzigen, bis auf einen, welche Doktor Kenmorn noch lebend begegneten. Zehntes Kapitel. Die verwittwete Braut. Laßt uns zu Margarethen zurückkehren. Als die eilfte Stunde herannahte, wurde ſte etwas ängſtlich, tröſtete ſich aber immer noch mit dem Gedanken, daß der arme Ben Halliday wahrſcheinlich einer unmittel⸗ bareren und anhaltenderen Aufmerkſamkeit als ihr Vater bedürfe. Allein es ſchlug zwölf; Doktor Kenmore kam nicht, jede Botſchaft von ihm blieb aus, und jetzt fing ſte an, ſich ernſtlich zu beunruhigen. Die nächſte Frage war, was ſie thun ſollte. Ihr Vater ſchlief noch immer; allein es waren blos zwei Mädchen im Haus und die nächſte Hütte lag faſt eine halbe Meile entfernt. Etwas mußte jedoch ge⸗ ſchehen, und nachdem ſie die Sache eine Zeitlang überlegt hatte, ſchickte ſte die aͤltere Dienerin in das Pfarrhaus nach Allenchurch mit der Weiſung, den Geiſtlichen, einen ſehr würdigen Mann, herauszurufen und ihm Alles zu erzählen. Der Pfarrer war zum Glück eben an ſeiner Predigt und alſo noch nicht zu Bett; er nahm alsbald Hut und Man⸗ 15² tel und verfügte ſich unverzüglich mit ſeinem Diener in Mr. Graham's Wohnung. Dort berieth er ſich freundlich mit Margarethen und verſuchte ihre Beſorgniſſe ſo gut wie mög⸗ lich zu beſchwichtigen, worauf er ſeinen Diener in dem Glau⸗ ben, Doktor Kenmore könnte nach Haus zurückgekehrt ſeyn, um Arznei für die beiden Kranken zu holen, nach Braun⸗ ſchweig ſchickte. Dieſer kehrte jedoch nach Verlauf einer Stunde mit des würdigen Doktors Kutſcher zurück, welcher die Nachricht brachte, daß ſein Herr zu Braunſchweig nichts habe von ſich hören laſſen. Jetzt wurde die Sache bedenklich, denn es war mittler⸗ weile Zwei geworden, und Margarethe war überzeugt, daß Doktor Kenmore, wenn er je ſo lange aufgehalten war, ihr gewiß Jemand mit dieſer Nachricht geſchickt haben würde. Einige Taglöhner wurden aus den Betten geruſen, Later⸗ nen wurden herbeigeſchafft, und von dem Pfarrer in eigener Perſon angeführt, brach der ganze Haufe von Allenchurch auf, um den Weg bis zu Ben Hallidays Hauſe abzuſuchen. Zu beiden Seiten ſich ausbreitend, verfolgten ſie die Straße und erreichten den Gipfel der Hügel, ohne etwas von dem Geſuchten zu gewahren. Der gute Geiſtliche begann ſchon zu hoffen, daß ſie ihn in der Hütte treffen würden; aber dort war alles finſter, als ſie dieſelbe endlich erreichten. Um ihrer Sache ganz gewiß zu ſeyn, klopften fie an und vernahmen alsbald Ben's Stimme, wie er ſeiner Frau zurief: „Da klopft Jemand an der Thüre, Bella. Lege einige 153 Kleidungsſtücke an und ſieh, was man um dieſe Stunde der Nacht wollen kann.“ „Wir möchten gerne wiſſen, ob Doktor Kenmore hier iſt,“ rief der Pfarrer durch die Thüre herein,„Ihr braucht Euch nicht mit Thüröffnen zu bemühen, Mrs. Halliday— ſagt uns nur, wo der Doktor iſt, wenn Ihr's wißt.“ „O, theuerſter Sir, er iſt ſchon vor fünf bis ſechs Stunden von hier aufgebrochen,“ gab Ben Hallidays Weib zur Antwort.„Iſt er nicht zurückgekommen?“— indem ſie zu gleicher Zeit die Thüre öffnete. „Ich muß leider mit Nein antworten,“ verſetzte der Pfarrer von Allenchurch. „Dann muß er bei Mr. Graham ſeyn,“ erwiederte Mrs. Halliday, als ob dieſer Gedanke ihr plötzlich beifiele; „ich weiß, dorthin ging er, ſo wenigſtens hörte ich ihn ſagen.“ „Er wurde erwartet, iſt aber nicht zurückgekehrt,“ gab der Geiſtliche zur Antwort;„vielleicht daß er die kürzeren Pfade uͤber das Moor einſchlug.— Wir wollen gehen und nachſehen.“ Nun gab es aber zwiſchen Allenchurch und dem Dorfe oben im Moor zwei Pfade für Fußgänger, wie für einzelne Reiter, welche beide zu Ben Hallidays Hütte führten: die Hauptſtraße war der bequemſte, um den Hügel hinanzu⸗ ſteigen, da ſie nicht ſo ſteil war, wie der andere, der nicht für Wagen taugte. Der Pfarrer hatte mehr aus Gewohn⸗ heit, als aus einem andern Grunde auf dem Herweg den breiten Pfad eingeſchlagen— wogegen er jetzt das ſchma⸗ lere Sumpfleis gegen Allenchurch verfolgte. James. Mergarethe Graham⸗ 11 1⁵4 Die Fußwege nach dem Moore boten Nichts, was ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm; kaum waren ſie aber den Hügel etliche fünfhundert Schritte hinabgeſtiegen, als ſte dicht neben der Stelle, wo die Trümmer einer längſt verlaſſenen Hütte ſtanden, im Mondſchein etwas Dunkles auf der Straße liegen ſahen. Einer der Maͤnner lief raſch darauf zu und rief alsbald: „Hier iſt er. Armer, alter Herr! er iſt in Ohnmacht gefallen.“ „Rührt ihn nicht an,“ gebot der Pfarrer, der von Mar⸗ garethen erfahren hatte, daß der Doktor, als er Allen⸗ church verließ, eine große Summe Geldes bei ſich trug. Der Geiſtliche näherte ſich eilends mit den Laternen, und beugte ſich über den Körper des Ohnmächtigen. „Hier iſt Blut,“ ſagte er, ihn betrachtend;„das iſt keine Ohnmacht.“ Doktor Kenmore lag mit dem Geſichte zu Boden gekehrt, den Kopf gegen Allenchurch gerichtet, als ob er im Hinab⸗ ſteigen gefallen wäre. Sein Hut lag wenigſtens zehn Schritte weiter weg, und anfänglich glaubten alle Anwe⸗ ſenden, er ſey ſeit ſeinem Falle nicht von der Stelle gerückt worden; die nächſte Beſichtigung bewies jedoch, daß dies nicht der Fall war. Seine Rocktaſchen eben ſo wie die der Beinkleider waren auswärts gekehrt; nur ſeine goldene Uhr und Kette, an der man ganz deutlich die Siegel hängen ſah, hatte man ihm ſonderbarer Weiſe nicht abgenommen; dage⸗ gen ſehlten die Silberſchnallen an den Schuhen, und an ſei⸗ 155 nem Stocke, welcher unter ihm lag, war der goldene Knopf abgeſchraubt. Bei näherer Unterſuchung fand ſich hinten an ſeinem Kopfe eine ſchwere Quetſchwunde, wie die Aerzte es nennen; der Schädel war eingeſchlagen und ſein Geſicht war offenbar beim Falle vom Sande etwas aufgeſchürft. Die Wunde hatte ſtark geblutet und die Straße benetzt; aber nirgends in der Naͤhe war ein Werkzeug zu entdecken, das ſie verur⸗ ſacht haben konnte— einen großen Stein von fünfzehn bis zwanzig Pfund Schwere etwa ausgenommen, der neben dem Pfade lag, aber weder Haare noch Blutſpuren entdecken ließ. Der Hut war jedoch eingebogen und auf der inneren Seite mit Blut befleckt— er hatte ihn alſo augenſcheinlich auf dem Kopfe gehabt, als er den tödtlichen Schlag erhielt. Von Fußſpuren oder irgend einem Zeichen eines ſtattgehab⸗ ten Kampfes war nirgends etwas zu gewahren: das Ver⸗ brechen ſchien plötzlich begangen zu ſeyn und der Mörder ſein Opfer völlig überraſcht zu haben. Der Pfarrer von Allenchurch unterſuchte alle einzelnen Umſtände auf's Genaueſte, und die Landleute, die den alten Mann lieb hatten, ſo wie ſein eigener Diener ergoßen ſich in Worte des Mitleids und Bedauerns. Der Geiſtliche machte blos eine Bemerkung— wie es ihm auffalle, daß man dem Todten ſeine Uhr gelaſſen habe, und gab dann Befehl, die Leiche, an der man alle Lebenszeichen bis zu völliger Erſtarrung der Glieder erloſchen fand, nach Braun⸗ ſchweig zu ſchaffen. Noch blieb dem guten Geiſtlichen eine ieiteund ſchmerz⸗ 156 lichere Aufgabe als die, den Leichnam des unglücklichen Arztes nach ſeiner letzten Heimath zu begleiten— er hatte Marga⸗ rethe Graham die Trauerbotſchaft zu überbringen, und die klare Einſicht in das menſchliche Herz, wie er ſte durch den langen und vertrauten Umgang mit ſeinen Mitgeſchöpfen ge⸗ wonnen hatte, ließ ihn nicht daran zweifeln, daß die Nach⸗ richt ſie ſchwer betrüben würde. Daß ſie Doktor Kenmore mit der tiefen leidenſchaftlichen Anhänglichkeit der Jugend geliebt hatte, glaubte er keineswegs, und Margarethe hatte auch niemals eine ſolche Liebe affektirt; daß ſie aber eine aufrichtige innige Freundſchaft, ja ſogar eine zärtliche Ruͤck⸗ ſicht, ſtärker wenn auch nicht wärmer als Freundſchaft für ihn hege, davon war er feſt überzeugt und wußte, daß ſie ſein Schickſal kaum weniger ſchmerzlich beklagen würde, als wenn ſie ihren Vater verloren hätte. Auch war die Art und Weiſe ſeines Todes ſehr peinlich zu erzählen, und während er in Begleitung ſeines Dieners nachdenklich ſeines Weges dahinging, beſchloß er, ihr ohne weitere Einzelnheiten nur ſo viel mitzutheilen, daß ihr Gatte auf der Straße todt an⸗ getroffen worden und daß unverzüglich eine Coroners⸗Jury berufen werden würde, um die Urſache ſeines Todes zu unterſuchen. Das lautete allerdings traurig genug; aber der Geiſt⸗ liche hat ja gar oft derlei Aufgaben zu erfüllen, und wird zu häufig bei allerlei traurigen Veranlaſſungen zum Troſte Anderer aufgerufen, um ſich in dieſem Falle in Verlegenheit zu fühlen. Er ſah nur eine Schwierigkeit vor ſich— die nämlich, daß ſeine Tröſtung nicht zu alltäglich ausfalle, da⸗ — 15⁵57 mit nicht Margarethe, deren Charakter und Gefühlsweiſe er aufrichtig hochachtete, in dem Glauben, als ob er ihre Vermählung mit dem alten Doktor hart und unrichtig beur⸗ theile, ſeine Troſtesworte zurückweiſe; ebenſowenig durfte er ihr aber auch eine Wärme der Zuneigung zuſchreiben, welche, wie er wohl fühlte, nicht exiſtiren konnte. Der Gegenſtand all dieſer Erwägungen kam ihm mit bleichem ängſtlichem Geſichte am Eingange des kleinen Be⸗ ſuchzimmers entgegen; der würdige Pfarrherr verſchob jedoch ſeine Antwort auf ihre Fragen, indem er ſich zuerſt freund⸗ lich nach ihrem Vater erkundigte. „Er befindet ſich weit beſſer,“ gab ſie zur Antwort; „er erwachte vor etwa einer Stunde bei vollem Bewußtſeyn, und iſt ſeit der Zeit aufs Neue eingeſchlafen— aber mein theurer Sir——“ „Ich bin ſehr froh über dieſe Nachricht, denn ſte wird Ihnen wenigſtens einigen Troſt verleihen,“ erwiederte der Geiſtliche.„Ich hoffe, Ihr beſter und früheſter Freund wird Ihnen noch manches Jahr erhalten bleiben.— Setzen Sie ſich, liebſtes Frauchen, und hören Sie mich an. Sie haben einen Mann verloren, welcher verdientermaßen Allen, die ihn kannten und Ihnen insbeſondere theuer war; Sie müſſen ſich aber nicht gegen Gottes Willen ſträuben, und da Sie wiſſen, daß unſer guter Doktor der treueſte beſte Chriſt auf Erden geweſen, ſo dürfen Sie ſich dem Glauben überlaſſen, daß er blos einen Schauplatz verlaſſen hat, wo das Glück nie ohne Schmerz bleiben wird, um dafür im Schoße ſeines Erlöſers die reinſte vollkommenſte Wonne zu finden.“ 158 Margarethe ſetzte ſich ruhig nieder und brach in bitteres Weinen aus. „Erzählen Sie mir Alles.— Wie hat ſich's zugetragen?“ fragte ſie leiſe, dem wuͤrdigen Geiſtlichen die Hand reichend. „Die Einzelheiten ſind uns noch unbekannt, Verehrteſte,“ verſetzte der Pfarrer.„Es ſcheint, er hat den ſchmaleren Fußpfad von des armen Hallidays Hütte über das Moor eingeſchlagen; wir hatten im Hinweg die Landſtraße verfolgt, und fanden ihn erſt, als wir auf dem andern Wege zurück⸗ kehrten. Er war auf ſeinem Pfade gefallen, und hat ſich ſpäter wahrſcheinlich nicht mehr gerührt.“ „Aber ſind Sie auch ganz ſicher?“ rief Margarethe. „Iſt keine Hoffanng, ihn ins Leben zurückzurufen? Ich habe gehört—— „Ganz vergeblich,“ erklärte der Pfarrherr;„als wir ihn trafen, war das Leben ſchon ſeit mehreren Stunden er⸗ loſchen. Geben Sie ſich nicht falſchen Hoffnungen hin, denn nichts kann Ihnen den Freund zurückrufen, den Sie für dieſes Leben verloren haben, und die Pflege Ihres guten Vaters muß von nun an Ihr Hauptgedanke ſeyn. Natür⸗ lich muß eine Leichenſchau veranſtaltet werden; dann werden wir vielleicht mehr erfahren, als wir bis jetzt wiſſen.“ Margarethe ſtellte noch vielerlei Fragen, die der Geiſt⸗ liche mit Klugheit beantwortete; nie aber nahmen ihre Ge⸗ danken jene peinliche Richtung, von der ſie ihr Freund ab⸗ zulenken ſuchte. Nach den Anfällen, welche ihr Vater in neuerer Zeit gehabt hatte, dachte ſie ſich als unzweifelhaft, daß Ken⸗ 159 more einem ähnlichen Schlage, wo er von jeder Hülfe ferne war, unterlegen ſey, und ſie blieb in dieſem Glauben, bis ihr der folgende Tag die näheren Umſtände von dem Tode ihres Gatten enthüllte. Dieſe Nachricht mußte ſie allerdings aufs Tiefſte er⸗ ſchüttern und ihr Kummer war um ſo ſchmerzlicher, als ſie auch noch— um Zeugniß abzulegen— vor die Coroners⸗ Jury berufen wurde. Sie erfüllte dieſe Aufgabe wie über⸗ haupt Alles, was ihr in dieſer Periode ihres Lebens zufiel, mit Ruhe, Anmuth und merkwürdiger Faſſung, und ihre ernſte Trauer war von ſo viel ächtem Gefühl durchwoben, daß ſie Niemand ſelbſt nicht in ſeinen geheimſten Gedanken der Gefühllofigkeit anklagte. Sie erzählte, daß Doktor Kenmore, als er ihres Vaters Landhäuschen verließ, eine beträchtliche Geldſumme bei ſich gehabt, daß aber, ſo viel ſie glaube, außer ihr und dem Herrn, der ihm die Rechnung bezahlt, ſonſt Niemand darum gewußt habe. Höchſtens daß ſein Diener eingeweiht geweſen; dieſer aber war von Braunſchweig nach Allenchurch zurückgeſchickt worden, und konnte leicht beweiſen, daß er das Haus ſeines Gebieters nicht eher verlaſſen hatte, als bis er zu deſſen Aufſuchung befehligt worden war. Die drei Perſonen, denen der alte Doktor oben im Moore begeg⸗ net war, bezeugten ſämmtlich, daß ſie ihn feſten Schrittes hatten dahinwandeln ſehen— ein weiteres Zeugniß war nicht zu erlangen. Der Verdacht gegen den Mörder nahm ver⸗ ſchiedene Richtungen; die allgemeine Anſicht der Nachbarn ging jedoch dahin, wie es auch von dem Landmanne, der mit 160 ſeinem kleinen Jungen den guten Doktor zuletzt geſehen hatte, in den Worten ausgedrückt wurde: „Ich bin überzeugt, der Mörder muß ein Fremder ge⸗ weſen ſeyn, denn in der ganzen Gegend gibt es keinen Men⸗ ſchen, der unſerm Doktor Kenmore etwas zu Leid gethan hätte.“ Da jedoch die Leichenſchau zu keinem beſtimmteren Ur⸗ theile zu gelangen vermochte, ſo war ſie genöͤthigt, ein Ver⸗ dikt des Mordes gegen eine oder mehrere unbekannte Per⸗ ſonen auszuſprechen. Die Geſchichte von der Heirath und dem gleichzeitigen Tode des alten Doktors Kenmore bildete wie gewöhnlich eine Woche lang das allgemeine Geſpräch der Umgegend, und war dann bei allen nicht unmittelbar Betheiligten vergeſſen. Margarethe wußte nicht recht, was ſie unter den eigen⸗ thümlichen Umſtänden, in denen ſie ſich befand, zu thun hatte, und faßte daher den beſten Entſchluß, welcher ihr offen ſtand, nämlich den, den Pfarrer von Allenchurch und den Anwalt ihres verſtorbenen Gatten zu bitten, daß ſie für ſie handeln möchten. Das Leichenbegängniß wurde ſo einfach wie möglich gehalten, wobei jedoch viele Hunderte von den Einwohnern Braunſchweigs und der Nachbarſchaft die Leiche freiwillig zu Grabe geleiteten. Der eiſerne Behalter, worin der Verſtorbene ſeine Papiere aufbewahrt hatte, wurde er⸗ brochen, da der Schlüſſel nicht zu finden war, und das Erſte, was man entdeckte, war ſein Teſtament, worin er Marga⸗ rethe Graham, ſeiner Verlobten oder— falls die vorgeſchlagene Heirath vor ſeinem Tode ſtatthaben ſollte— ſeinem Weibe 161 Margarethe ſein ſämmtliches Eigenthum, Realien wie Per⸗ ſonalien hinterließ, und ſie zur einzigen Erbin und Voll⸗ ſtreckerin des Teſtamentes ernannte, wobei er Sorge trug, ſte vor allen Advokatenkniffen ſicher zu ſtellen, als ob er das Schickſal, das ihn befallen, zum Voraus geahnt hätte. Wie hoch ſich ſein Vermögen— die Erſparniß eines langen fleißigen Lebens, das jedoch nie durch Kargheit oder Geiz befleckt worden— belief, war vor ſeinem Tode nur ihm bekannt geweſen; doch ſand ſich Alles in guter Ordnung, und es ſtellte ſich endlich heraus, daß ſeine Wohlhabenheit weit beträchtlicher war, als man vermuthet hatte. Nach Unterſuchung ſämmtlicher Papiere fand ſich Margarethe im Beſitze von weit mehr als tauſend Pfund jährlich— ein Einkommen, das theils in den öffentlichen Fonds angelegt war, zum größeren Theile aber aus Ländereien in der Nähe von Braunſchweig erwuchs. Eine Stelle im Teſtament rührte die Erbin bis zu Thränen, denn ſie gab ihr einen Beweis von dem Vertrauen des Hingeſchiedenen, den ſie aufs Tiefſte empfand. „Da ich meine theure Margarethe Graham kenne“— ſo hatte der gute Mann am Schluſſe des Dokuments mit eigener Hand niedergeſchrieben—„ſo weiß ich für meine alten Diener nicht beſſer zu ſorgen, als indem ich ſie ihrer Berückſichtigung überlaſſe, und ſie bitte, dieſelben in dem Verhäͤltniß, als ihre Dienſte es zu verdienen ſcheinen, zu belohnen.“ Die Diener hatten keine Urſache, ſich darüber zu bekla⸗ gen, daß ihr ehemaliger Gebieter nicht ſpezieller für ſie 162 geſorgt hatte, denn ſie blieben alle im Hauſe Derjenigen, deren Sorgfalt ſte anvertraut worden waren. Margarethen's Kummer war übrigens noch nicht zu Ende. Doktor Kenmore's Schickſal mußte natürlich Mr. Graham mitgetheilt werden, und die Nachricht erſchütterte ihn ſogar noch tiefer, als Margarethe erwartet hatte; die düſterſte Stimmung ſchien ſich ſeiner völlig zu bemächtigen, und er vermochte mehrere Wochen lang den trüben Eindruck nicht abzuſchütteln. Die Sorgfalt und Hingebung ſeiner Tochter war grenzenlos; ihre ganze Zeit, alle ihre Gedanken waren ihm gewidmet; gleichwohl gelang es ihr nicht, ihn aus ſeiner Erſtarrung zu wecken, bis ſie auf den Gedanken verſiel, ihn wegen der Verwaltung der Ländereien, die ihr ſo unerwartet zugefallen waren, um Rath zu fragen. Von dieſem Augenblicke ſchien Mr. Graham wenigſtens einen Theil ſeiner früheren Thatkraft erlangt zu haben. Sein alter Diener Ben Halliday wurde zum Beiſtande und zur Ober⸗ leitung berufen; Verbeſſerungsplane wurden entworfen, deren Ausführung ward alsbald begonnen und Ben, der die Rolle eines Oberknechts übernahm, bezog das Landhäuschen zu Allenchurch, das Margarethe ſo lange mit ihrem Vater bewohnt hatte, während ſie ſelbſt die niedliche Wohnung im Weſtende von Braunſchweig in Beſitz nahm. So ſchien das Glück aufs Neue zu lächeln, als etwa ſechs Monate nach Doktor Kenmore's Tode ſein alter Schul⸗ genoſſe eines Morgens todt im Bette gefunden wurde; ein ſtilles Lächeln lag auf ſeinen Mienen, die Augen waren feſt geſchloſſen, als ob er mitten im feſteſten Schlafe, den ſelbſt 163 der Tod nicht zu unterbrechen vermochte, verſchieden wäre. Margarethen's Thränen floſſen aufs Neue, ſo ſehr ſie auch Gott dankte, daß ihrem Vater eine kurze Periode erneuerten Glückes, ein heller Sonnenſtrahl am Ende eines ſtürmiſchen Tages vor gänzlichem Einbruche der Nacht beſchieden wor⸗ den war. Sie ſtand nun allein in der Welt, ohne Bekannte oder Verwandte, denn das Benehmen, welches Letztere in den Tagen des Unglücks gegen ſie beobachtet, hatte das Band zwiſchen ihr und ihnen für immer gelöst. Ob wohl Margarethe jemals an Allan Fairfar dachte?— Wir wollen nicht allzugenau nachforſchen. Wenn ſie's auch that, ſo ſuchte ſte es wenigſtens aus allen Kräften zu ver⸗ meiden. Aber wie ſollte ſie es verhindern? Er war ihre erſte— ihre einzige Liebe. Sie hatte nur einmal geliebt— ſie liebte nicht wieder. 5 Dritter Cheil. Letzte Prüfung. Eilftes Kapitel. Mittel bei Enttäuſchung. Mit des Leſers gütiger Erlaubniß will ich nunmehr auf eine Weile zu Allan Fairfax zurückkehren, von dem ich ſchon längere Zeit nicht mehr geſprochen habe. Ich kann ſeine Geſchichte nicht gerade bei dem Punkte aufnehmen, wo ich ſie verlaſſen habe, obwohl ſie eine höchſt intereſſante Scene 8 enthält, die ich ſehr gerne ſchon hier mittheilen möchte. Der Gang meiner Erzählung will ſolches nicht geſtatten, doch verſpreche ich, ſpäter des Näheren darauf zurückzukommen. So muß ich denn etwa vierzehn Tage mit Stillſchweigen übergehen, indem ich es für jetzt der Einbildungskraft des Leſers überlaſſe, ſich dieſen Zwiſchenraum nach Belieben auszufüllen. Kaum graute der Tag am Morgen nach Doktor Ken⸗ more's Ermordung, als Jemand an Ben Hallidays Thüre 165 pochte; der kleine Charley, welcher ſchon auf war, öffnete ſte und gewahrte Mr. Fairfax mit einem der Knechte aus dem weißen Löwen hinter ſich. Des jungen Gentlemans Geſicht war bleich und hager, ſein Anzug nicht ſo niedlich wie ge⸗ wöhnlich, ja ſeine Augen zeigten einen Ausdruck tiefer Me⸗ lancholie, welcher ſogar dem kleinen Jungen auffiel. „Iſt Dein Vater ſchon an die Arbeit gegangen?“ fragte Fairfax, ſobald er ſeiner anſichtig wurde;„ich will mein Felleiſen abholen, Charley, und ihm Lebewohl ſagen, denn ich ziehe weit übers Meer nach dem Lande der Löwen und Tiger.“ „Ach nein, der Vater iſt nicht an der Arbeit,“ verſetzte der Knabe;„er kann ja nicht ausgehen. Er iſt ſehr krank und war faſt am Sterben, bis Doktor Kenmore ihm zur Ader ließ.“ Ueber Fairfar' Lippen brach etwas wie ein Seufzer; doch im ſelben Augenblick erhob Ben Halliday ſeine Stimme, und ſagte in ſchwachem von Huſten unterbrochenem Tone: „Wollen Sie nicht eintreten, Sir?— mein Weib wird im Augenblick hier ſeyn.“ Fairfax trat in die Hütte und näherte ſich dem Bette des Kranken, ohne ein Wort zu ſprechen. So verharrte er ſchweigend mehrere Minuten und betrachtete Ben Halliday mit zerſtreutem Blick, bis er ſich endlich mit großer Anſtren⸗ gung aufraffte. „Ihr ſeyd alſo krank, Halliday?“ fragte er.„Was iſt Euch denn zugeſtoßen?“ „Ach mein Gott! ich bin froh, Sie zu ſehen, Sir,“ 166 rief Mrs. Halliday, welche eben in die Hütte trat;„mein armer Mann ſtand am Rande des Grabes— eine Lungen⸗ entzündung, wie der Doktlor ſagt; er iſt aber jetzt etwas beſſer, nur der Huſten beläſtigt ihn noch: aller Schmerz iſt gewichen, und er kann wieder leichter athmen.“ „Das iſt ein Unglück, Mrs. Halliday,“ bemerkte Fair⸗ fax;„er wird eine Zeit lang arbeitsunfähig ſeyn.“ Hier beſann er ſich mehrere Minuten.„Nehmt mein Felleiſen und tragt es hinunter,“ fuhr er endlich zu dem Knechte ge⸗ wendet fort;„laßt es mit dem Uebrigen auf den Wagen legen, ich werde faſt gleichzeitig mit Euch eintreffen.“ Der Mann hob die Laſt auf ſeine Schulter und ent⸗ fernte ſich. „Ich kann mich diesmal nicht aufhalten, ihr guten Leute,“ fuhr Fairfax fort, indem er ſich eine Weile nieder⸗ ſetzte;„eure Lage betrübt mich aber ſehr, und ich möchte gerne nach Kräften zu eurer Unterſtützung beitragen. Hier ſind fünf Sovereigns, Mrs. Halliday, um Euch während Eures Gatten Krankheit durchzuhelfen. Ich bin jetzt etwas reicher, als früher, Halliday, und ihr dürft alſo kecklich mein Anerbieten annehmen.“ „Ach, Mr. Fairfar, ich kann's wahrhaftig nicht,“ meinte der Taglöhner; doch Fairfax winkte ſeiner Frau und fie als weiſe Haushälterin ließ ſich das Geld in die Hand drücken, indem ſie ihm tauſendmal für ſeine Güte dankte. Fairfax blieb noch etliche Minuten, faſt die ganze Zeit über in tiefe Gedanken verſunken, und erhob ſich dann plötz⸗ lich, um Abſchied zu nehmen. 167 „Gott ſegne Sie, Sir!“ ſagte Ben Halliday, als der junge Edelmann ihm die Hand ſchüttelte.„Gott ſegne Sie,“ ſagte auch deſſen Frau, und die Kinder ſchauten ihm ernſt⸗ haft ins Geſicht, als ob ſie gerne den gleichen Wunſch aus⸗ ſprächen, wenn ſie ſich nicht geſcheut hätten. Im ſelben Augenblick fuhr aber ein Kopf zur anderen Thüre herein, und Tommy Hicks rief mit boshaft grinſendem Geſicht: „Ihr habt meinen Sitz fortgeſchickt und ſollt mir's ent⸗ gelten, wenn ich Euch kriege.“ 3 Fairfar drohte ihm mit der Fauſt und eilte, nachdem er ſich von der Familie verabſchiedet, mit haſtigen Schritten nach der Stadt zurück. „Wie übel Mr. Fairfax ausfieht!“ bemerkte Mrs. Hal⸗ liday gegen ihren Gatten—„und ſo traurig!“ „Ja, Bella,“ gab Ben Halliday mit düſterem Kopf⸗ ſchütteln zur Antwort;„auch unter den Großen und Reichen gibts eben ſo gut wie unter den Armen und Niedriggebore⸗ nen manch traurige Geſchichte zu erzählen. Ein feiner Rock bedeckt oft ein trauerndes Herz, und ich fürchte, Mr. Fairfar hat Urſache zu bereuen, daß er jemals nach Braun⸗ ſchweig kam. Wahrlich er iſt ein feiner edler Herr— Gott möge ihn ſegnen!“ Der Jüngling, von welchem hier die Rede war, ver⸗ folgte mittlerweile ſeinen Weg, bis er die Stadt Braun⸗ ſchweig und daſelbſt den weißen Löwen erreichte, vor welchem der Frühwagen der Londonerpoſt ſtand, an dem die Pferde eben angeſpannt wurden. Fairfax bemerkte kaum, daß zahl⸗ reiche Gruppen der Stadtbewohner an den Straßenecken 168 beiſammenſtanden und ſich emfig miteinander beſprachen; auch der Poſtkondukteur und der Kutſcher wechſelten mit einigen in der Naͤhe ſtehenden Müſſiggäͤngern allerlei Reden, während ſite um den Wagen beſchäftigt waren oder auf dem Büreau ab und zugingen; allein Fairfax hörte nicht ein Wort von dem, was geſprochen wurde, ſondern rief unter der Thüre des Gaſthofes nach ſeiner Rechnung, bezahlte ſte ohne einzutreten, gab Kellner, Stubenmädchen und Stiefel⸗ putzer das gewöhnliche Trinkgeld, und fragte blos, ob ſein Gepäck auf den Wagen beſorgt worden, während er einen dicken Oberrock anzog, der ihm von einigen Leuten des Gaſt⸗ hofs höchſt dienſtfertig hingehalten wurde, und dann ſeinen Sitz auf dem Kutſchenbocke einnahm. Kurz darauf ſaß der Kutſcher neben ihm; zwei fette ältliche Damen watſchelten aus dem Büreau in den Wagen; ein mürriſch ausſehender Mann ſtieg auf die Imperiale, und fort gings nach London, ſo raſch die vier Grauſchimmel zu traben vermochten. Die Reiſe ſelbſt bot nicht das geringſte Abenteuer, das den Leſer irgend intereſſtren könnte. Allan Fairfax erreichte wohlbehalten die Rieſenſtadt am folgenden Tage gegen drei Uhr, und verfügte ſich augenblicklich zu ſeinem Advokaten in Grays⸗Inn, wo er allerhand Weiſungen ertheilte und meh⸗ rere Papiere unterzeichnete, bis er endlich bemerkte: „Meine übrigen Angelegenheiten überlaſſe ich ſämmt⸗ lich Ihrer Beſorgung, Mr. Tindle, da ich morgen früh nach Plymouth aufbrechen werde, wo ich den Oſtindienfahrer „John Green' zu treffen und in wenig Monaten mein Regi⸗ ment in Indien zu erreichen hoffe.“ 169 „Mein Gott, Sir, Sie überraſchen mich!“ rief der Anwalt;„als Sie London verließen, wollten Sie ja Ihre Stelle ganz verkaufen, und ich kann in dieſer wie in jeder anderen Angelegenheit ohne eine Anwaltsvollmacht unmög⸗ lich thätig ſeyn.“ „Gleichviel, Mr. Tindle,“ erwiederte Fairfax;„meine Plane haben ſich gänzlich geändert. Iſt eine Anwaltsvoll⸗ macht von Nöthen, ſo müſſen Sie dieſelbe augenblicklich ausfertigen und mir noch. heute Nacht in meinen Gaſthof in der City zuſenden, wo ich ſie unverzüglich unterzeichnen werde.“ „Aber wollen Sie denn nicht Ihre Brüder beſuchen, Sir?“ fragte der Advokat;„Sie haben doch in dieſer Gaͤche recht hübſch gehandelt.“ „Weil ſte nicht anders konnten,“ gab Fairfax bitter zur Antwort.„Sie werden mir vielleicht entgegenhalten, ſie hätten die Sache durch einen Prozeß hinausſchieben können; allein ich kann nicht vergeſſen, Mr. Tindle, daß ſte jedes Band zwiſchen uns gelöst haben, indem fie zu glauben vor⸗ gaben, als ob meines Vaters tolle— faſt muß ich ſagen unſinnige— Einbildung in Betreff meiner Geburt nicht ganz ohne Grund ſey, und dieſe Anſicht dazu benützten, um mir ſo lange Zeit ſogar den gleichen Antheil an ſeinem Vermö⸗ gen vorzuenthalten. Ich wünſche keineswegs auch nur ben mindeſten Streit mit ihnen anzufangen, und hoffe, wenn ich je wieder aus Indien zurückkehre, daß wir auf ſreundlichem Fuße leben werden; aber ich kann das Vergangene nicht vergeſſen, und werde mich deßhalb nicht von ihnen verab⸗ James. Margarethe Graham. 12 170 ſchieden. Sie können ihnen meiner Seits jede Artigkeit ſagen, die Sie für gut halten, wenn ſte die ganze Geſchichte mit Ihnen abmachen; für mich jedoch iſt es jedenfalls beſſer, ſte für jetzt nicht zu ſehen.“ „Werden Sie aber nicht Geld bedürfen, werther Sir?“ fragte der Rechtsanwalt.„Sie haben ja neulich ſelbſt ge⸗ funden, daß ſich in dieſer Welt lediglich Nichts ohne Geld ausrichten läßt. Seyen Sie überzeugt, wenn iih unter den jetzigen Umſtänden irgend von Nutzen ſeyn kann——* „Nein, nein,“ erwiederte Fairfar,„für den Augenblick hab' ich genug. Nehmen Sie übrigens meinen Dank für Ihr Anerbieten. Iſt das Ganze beendigt, ſo mögen Sie meinem Agenten etwa tauſend Pfund einhändigen, da ich bei meiner Ankunft in Kalkutta Pferde und ſonſtige Erforder⸗ niſſe einzukaufen habe; nur laſſen Sie mich noch bitten, daß Sie die Papiere unverzüglich bereit halten, damit nicht ein Aufſchub eintritt, denn morgen Früh um fünf Uhr reiſe ich ab, ob ich nun unterzeichnet habe oder nicht.“ Und ſo geſchah es auch wirklich; Allan Fairfax fuhr nach Plymouth, wo er das erwartete Schiff noch vorfand und auf demſelben ſeinen Beſtimmungsort Kalkutta in Sicher⸗ heit erreichte. Seine Reiſegefährten bemerkten wohl, wie kalt, ernſt und verdroſſen er war, und ſeine Regimentska⸗ meraden entdeckten mit Verwunderung, wie ſehr Fairfax ſich verändert hatte: ſein Frohſinn, ſeine Heiterkeit war da⸗ hin; die glänzende Fantaſte, welche ſonſt mit allen Dingen ſpielte, war aus ſeiner Unterhaltung verſchwunden; fin⸗ ſteres Grübeln ſchien ſich ſeiner bemächtigt zu haben, und — 171 ihn wie an einer Kelte gefeſſelt zu halten. Fairfax war von jeher wegen ſeiner Tapferkeit bekannt; jetzt aber war er förmlich tollkühn, und in den Siegesdepeſchen, die in den letzten Jahren aus Indien einliefen, ward Fairfar' Namen zweimal erwähnt, das erſtemal als einer von denen, welche ſich durch ihre Dienſte vor dem Feind den öffentlichen Dank des Parlaments verdienten, das zweitemal wurde er unter den ſchwer Verwundeten aufgeführt. Aber in England gab es ein Auge, welches jene Depeſche las, und eine Wange, welche bei der Erwähnung ſeiner rit⸗ terlichen Kühnheit hoch erglühte! Als es jedoch an die Liſte der Getödteten und Verwundeten kam, und Margarethe Graham die Worte las: Kapitän Allan Fairfax ſchwer bleſſirt'— da ſtelen Thränen auf das Papier, und mit tiefem Seufzer legte ſie es nieder. Zwei Jahre waren nunmehr verſtrichen, ſeit Fairfar Braunſchweig zum zweitenmale verlaſſen und Margarethe hatte ihre Wittwentrauer abgelegt. Jung, ſchön, anmuthig, mit glänzenden Vorzügen begabt— wie hätten ſich nicht alle freien Herzen um ſie bewerben ſollen? Sie führte je⸗ doch ein ſo zurückgezogenes Leben, daß Niemand Gelegenheit hatte, ſich um ihre Liebe zu bemühen, denn ſie kam den Leuten in der Nachbarſchaft nur auf Augenblicke zu Geſicht. Frei⸗ lich mußten manche Perſonen in Geſchäften zugelaſſen wer⸗ den: der Pfarrer von Allenchurch und der Vikar von Aller⸗ dale ſpeisten häufig mit ihren Frauen bei ihr, wobei Letzterer noch ſeine Tochter mitbrachte(der Pfarrer ſelbſt war ohne Kinder). Margarethe hatte jedoch einen ſtrengen Pakt mit 12* 172 ihnen geſchloſſen, daß ſie von Beiden nicht zu gleichem Zwecke eingeladen werden durfte. Außer ihnen war nur noch eine Perſon, welche ſie häufig bei ſich ſah— Miß Harding nämlich, welche bei ihrer Trauung mit Doktor Kenmore die Stelle der Brautjungfer verſehen hatte. Sie war die Tochter eines Geiſtlichen aus der Nachbarſchaft, von dem ſie bei ſeinem Tode in großer Armuth zurückgelaſſen worden; da ſie jedoch eine ſehr gute Erziehung genoſſen hatte und recht hübſch ſingen konnte, ſo hatte ſie ſich ohne Zögern entſchloſſen, durch Muſikunterricht ihr Brod zu verdienen, und war auch wirklich Margarethens erſte Leh⸗ rerin geweſen. Ihr Benehmen hatte ſich in jeder Hinſicht als preiswürdig erwieſen; ihre Manieren waren anmuthig und voller Anſtand, und trotz eines Altersunterſchiedes von fünfzehn bis ſechzehn Jahren hatten beide Mädchen einen Freundſchaftsbund geſchloſſen, welchen Mr. Graham ſtets begünſtigt hatte, obwohl ſeine Gemahlin ihn nicht ſonderlich zu billigen ſchien. In den Tagen des Unglücks hatte ſich Miß Harding ſehr hülfreich gezeigt, und leiſtete Margarethen in ihrer Einſamkeit häufig Geſellſchaft, indem ſie an ihren Vergnügungen Antheil nahm und mit ihrem ſanften Froh⸗ ſinne ein Haus erheiterte, in welchem melancholiſche Gedan⸗ ken noch gar häufig Zutritt erhielten. So ſaß ſie eines Tags bei ihrer Freundin, kurz nachdem die Nachricht von oben erwähnter Schlacht in England ein⸗ getroffen war, als ſie ihr Zeitungsleſen plötzlich mit der Frage unterbrach: 173 „Kannteſt Du nicht einſt einen Mr. Fairfax, Mar⸗ garethe?“ „O ja,“ gab dieſe betroffen zur Antwort.„Steht etwas über ihn in der Zeitung?— das müßte ich überſehen haben.“ „Es betrifft vermuthlich einen ſeiner Verwandten,“ erwiederte Miß Harding.„Sieh her— Tod des Sir William Fairfar.— Wir haben zu unſerem Leidweſen an⸗ zuzeigen, daß Sir William Fairfar, Parlamentsmitglied für den weſtlichen Theil der Grafſchaft—— letzten Dienſtag in ſeinem Hauſe auf Portland⸗Place mit Tod abgegangen. Da der verſtorbene Baronet blos Töochter hinterläßt, ver⸗ erbt ſich ſein Titel mit den Familiengütern auf ſeinen Vetter, Kapitän Allan Fairfar, welcher ſich neulich in Indien ſo ſehr ausgezeichnet hat. Sir Allan wird täglich in England erwartet.“ Margarethe war eben mit Zeichnen beſchäftigt und fuhr in ihrer Arbeit fort, erhob ſich aber nach wenigen Minuten, um das Zimmer zu verlaſſen, und als ſie zurückkehrte, glaubte Miß Harding Spuren von Thränen an ihr zu bemerken. Von dieſem Augenblicke an wurde Fairfax' Namen von ihr nie wieder vor Margarethe ausgeſprochen. Zwei weitere Monate verſtrichen ohne irgend ein Er⸗ eigniß, und Margarethe Graham erreichte ihren vierund⸗ zwanzigſten Geburtstag. Miß Harding feierte den Tag bei ihr, und Margarethe hätte ſie gerne veranlaßt, noch länger in ihrem Hauſe zu bleiben, allein die Freundin erwiederte: „Ich kann nicht, Margarethe. Ich bin auf Morgen Abend zur Sir Wild Clerk's verſagt; weißt Du, ich habe 174 dort zu ſingen,“ fuhr ſie lächelnd fort,„denn ich muß mir noch immer mein Brod verdienen.“ 4 1„Das brauchteſt Du nicht, wenn Du nicht wollteſt, Eliza,“ bemerkte Margarethe. „Soll ich etwa die Freundin gegen die Clientin ver⸗ tauſchen, Margarethe?“ fragte Miß Harding;„nein, nein, ſo iſt's beſſer. Auf alle Fälle muß ich zu den guten Leuten gehen, da ich's verſprochen habe; wenn Dir's übrigens recht iſt, ſo will ich am andern Morgen wieder kommen.“ „Freilich iſt mir's recht,“ verſicherte Margarethe lä⸗ chelnd, und hiemit war die Sache abgemacht. Zwölftes Kapitel. Ein Ball auf dem Lande. Die Geſellſchaft bei Sir Wild Clerk's war ſo zahlreich, als die Nachbarſchaft von Braunſchweig es nur immer ge⸗ ſtattete. Ein wohlhabender Mann aus einer alten Familte der Grafſchaft war er in der That der beſte Menſch von der Welt, nur hatte er ſich in den Kopf geſetzt, ſeinen älteſten Sohn, einen ungeſchickten kaum aus dem Kollegium entlaſ⸗ ſenen Burſchen im Parlamente zu ſehen, und dies war der Grund, warum er ſein Haus monatlich ein⸗ bis zweimal mit Menſchen vollſtopfte. Miß Harding war unterwegs aufgehalten worden und langte erſt an, als die Hälfte der Geladenen bereits am Platze war. Sie erwartete keine ſehr große Aufmerkſamkeit, 175 denn ſie wußte, daß ſie, da ſte kein Votum abzugeben hatte, blos um ihrer Stimme willen eingeladen war, und daß man ſie, wenn ſie die Geſellſchaft nicht durch ihren Geſang hätte ergötzen können, überhaupt gar nicht gebeten haben würde. Sie war daran gewöhnt— war in dieſem Punkte reſignirt und darum keineswegs überraſcht, als mit Ausnahme einiger ihrer Zöglinge, welche ihr in der freundlichen Einfalt eines Mädchenherzens mit warmem Gruße entgegenkamen— ſonſt Niemand Notiz von ihr nahm, bis ſie von Lady Clerk gebe⸗ ten wurde, ſich ans Klavier zu ſetzen, worauf ſie eine kleine Ballade ſang, die zu ihren und Margarethens Lieblings⸗ ſtucken gehörte.* Als ſie am Schluſſe des erſten Verſes aufſchaute, ſah ſie einen Gentleman, welcher neben der Dame des Hauſes (welche ihm große Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien), mit einem Blicke tiefer Spannung, zu ihr herüͤberſchauen. Er kam ihr auffallend hübſch vor, und es lag wirklich etwas in ſeiner Miene wie in ſeinem Weſen, was ihn vor der ganzen übrigen Geſellſchaft auszeichnete. Er war ein junger Mann, ſchlank und mager von Geſtalt, mit ſehr bleichem Geſicht und einer Miene nachdenklichen Ernſtes, welche immer etwas Würdevolles an ſich hat. Sobald ihre Blicke den ſeinigen begegneten, wandte er ſte weg und fuhr in ſeinem Geſpräche mit Lady Clerk fort, indem er mit einem Anſtriche von Zer⸗ ſtreuung, welcher von keiner großen Achtſamkeit zeugte, auf deren Worte zu hören ſchien. Sobald die Sängerin ihr Lied beendigt hatte, kam die Hausfrau zu ihrer Ueberraſchung auf ſte zu, um ihr ihren 176 Dank auszudrücken; der Fremde folgte und wurde ihr vor⸗ geſtellt, ohne daß ſie ſeinen Namen verſtand, denn im ſelben Augenblick näherte ſich eine junge Lady— ſie gehörte zu der Klaſſe der Kennerinnen und Beſchützerinnen der Künſte— um ihr ihr Entzücken zu erklären und ſie zu bitten, daß ſie das nächſtemal das Liedchen So und ſo ſingen möchte. Miß Harding ſang es alsbald, trotzdem, daß ſie es nicht leiden konnte, und zog ſich dann ruhig in das Nebenzimmer zurück, bis ſie von Neuem aufgefordert würde. Auf der einen Seite neben ihr ſtand ein leerer Stuhl, auf der andern ſaß eine taube alte Dame, welche ſogleich fragte, warum ſie houte Abend nicht finge, und während ſie ihr erklärte— ſo weit dies bei einer Nichthörenden möglich war— daß ſie ſo eben erſt geſungen habe, kam der vorhin präſentirte Gentleman und ſetzte ſich neben ſie. „Das iſt eine koſtbare Ballade, Miß Harding,“ be⸗ merkte er:„ich meine die erſte, welche Sie ſangen, denn die zweite hat mir nicht ſo gut gefallen. Könnte ich ſie wohl von Ihnen erhalten? Ich habe ſie früher einmal gehört, und ſie machte mir heute ganz dieſelbe Wirkung, wie in den indiſchen Gewäſſern jene balſamiſchen Winde der Dichter, welche die Düfte weit entfernter ſonniger Länder über die breite Waſſerfläche dahertragen. Sie hat mir glückliche Tage zurückgerufen, welche nie wiederkehren werden.“ „Ich wüßte nicht, daß irgend Jemand außer mir und einer Freundin eine Kopie davon beſäße,“ verſetzte Miß Harding;„die Melodie wurde von meinem verſtorbenen Va⸗ 177 ter komponirt, die Worte,“ fuhr ſie ſeufzend fort,„ſind von einem jungen Freunde, welcher gleichfalls todt iſt.“ „Darf ich wohl fragen, wer ſo glücklich iſt, die andere Abſchrift zu beſitzen?“ erkundigte ſich der Gentleman. „O ja,“ gab ſie zur Antwort,„Mrs. Kenmore, früher Miß Graham. Vielleicht haben Sie die Ballade von ihr fingen hören.“ Des Fremden Wange erglühte eine Weile, als ob ſich plötzlich ein Feuerſtrom darüber ergöße, und wurde dann todtenbleich, ohne daß er ein Wort erwiederte. Endlich er⸗ mannte er ſich zu der ziemlich abgeriſſenen Frage: „wLebt ſie noch immer in der Nachbarſchaft?“ „O ja,“ erwiederte die Gefragte,„ſte wohnt in ihrem Hauſe zu Nutley, etwa zwei Meilen von hier, und verläßt es in der That kaum einen Augenblick.“ „Ich habe ſo eben gehört,“ ſagte der Fremde eben ſo kurz angebunden wie früher,„daß ihr Gatte todt iſt.“ Miß Harding betrachtete ihn einen Augenblick, denn ſein Ton kam ihr ſehr ſonderbar vor, und ſie ſah, daß ſeine Augen auf den Boden geheftet waren, während ſeine Lippe wie von tiefer Aufregung erzitterte. „Ja,“ erwiederte ſie kalt,„ſeit länger als zwei Jahren iſt er todt. Er wurde an ſeinem Hochzeitstage ermordet.“ Der Fremde fuhr zuſammen, wie wenn ſie ihm einen Schlag verſetzt hätte, ſprach aber mehrere Minuten keine Sylbe, und da ihr der Unbekannte nicht nur ſonderbar, ſondern auch unangenehm vorkam, ſo wollte ſie eben nach der anderen Seite des Zimmers gehen, wo fie einige Be⸗ 178 kannte bemerkte, als der Gentleman das Geſpräch in ganz verändertem Tone wieder aufnahm. „Ich muß Ihnen wohl hoͤchſt ſonderbar erſcheinen,“ hub er an;„aber zuerſt Ihr Geſang und dann Ihre Worte haben längſt vergangene Zeiten und lang entſchwundene Perſonen in meinem Gedächtniſſe aufgefriſcht. Ich möchte nicht, daß Sie mich geradezu für einen Wilden hielten, ob⸗ wohl ich lange Zeit an höchſt unkultivirten Orten zugebracht habe, was das Fremdartige in meinem Weſen in Ihren Au⸗ gen entſchuldigen muß. Der Anblick von Weißen, welchen man auf Straßen und Plätzen begegnet, vermag Einem nicht ſogleich die europäiſchen Anſichten und Sitten zurück⸗ zurufen.“ „Haben Sie denn ſo viele Jahre unter Schwarzen ge⸗ lebt?“ fragte Miß Harding;„ich ſollte meinen, Sie hätten kaum Zeit gehabt, die Sitten unſeres Vaterlandes zu ver⸗ geſſen, will aber keineswegs damit ſagen, als ob Sie dies ge⸗ than hätten, wenn auch einige Ihrer Fragen ziemlich kurz an⸗ gebunden waren.“ „Zeit zu vergeſſen!“ wiederholte ihr Gefährte;„das Vergeſſen hängt nicht von der Zeit ab, meine Theuerſte. Sie verwiſcht nur langſam die Züge der Vergangenheit; dafür gibt es aber Ereigniſſe, welche jene in einem Augenblick vernichten. Lang gehegte Gewohnheiten, theuer gewordene Gedanken, Gefühle, die wir mit unſerem Weſen völlig verwachſen glau⸗ ben, müſſen oft bitteren Sorgen, ſchweren Enttäuſchungen oder Handlungen weichen, welche die Welt unſeres Herzens 179 gleich einem Orkane verheeren und außer ihnen ſelbſt keine Spur im Gedächtniſſe zurücklaſſen.“ „Ich weiß es,“ bemerkte Miß Harding. „Wirklich?“ forſchte der Unbekannte;„das thut mir leid, denn Niemand kann Solches wiſſen und begreifen, als wer es ſelbſt erduldet hat.“ „Wir Frauen haben oft mehr zu erdulden, als die Männer wiſſen,“ verſetzte ſeine Gefährtin;„aber wir be⸗ ſitzen auch größere Kraft zur Unterwerfung, wenn ich mich ſo ausdrücken darf. Der Inſtinkt lehrt uns, daß wir zum Ertragen geboren ſind, und ſo tragen wir auch geduldiger als die Mäͤnner.“ „Oder vielleicht, als dieſe zu begreifen vermögen,“ er⸗ wiederte er. „O gewiß,“ gab die Dame zur Antwort;„ein Bei⸗ ſpiel hiefür haben wir ganz in der Naͤhe. Ich glaube kaum, daß irgend ein Mann, wenn er es nicht Schritt für Schritt geſehen und erlebt hätte, ſich einen Begriff davon machen könnte, was Alles meine Freundin mit wandelloſer Geduld und hoher Entſchloſſenheit getragen hat— Margarethe Graham meine ich: ich muß ſie nämlich immer noch ſo nen⸗ nen, denn für mich iſt ſte ſtets meine theure Margarethe.“ „O ja, nennen Sie ſie ſo, nennen Sie ſie ſo,“ bat der Fremde ſo ernſt und dringend, daß die Dame ihn aufs Neue— aber diesmal nicht mehr mit Verwunderung— betrachtete. „Sie müſſen fie genau gekannt haben,“ fuhr ſie fort. Der Fremde gab eine Zeit lang keine Antwort, bis er endlich leiſe erwiederte: 180 „Ich glaubte es wenigſtens.“ „Dann haben Sie ſie auch gekannt,“ ſiel Miß Harding in warmem Tone ein,„denn Niemand kann ſich jemals in Margarethe Graham täuſchen.“ „Haben Sie wohl ſchon die Wolken beobachtet,“ fragte der Fremde,„wenn Sie an einem ruhigen Herbſttage lang⸗ ſam am Rande des Abendhimmels hinſchweben, jeden Au⸗ genblick ihre Formen wechſelnd und uns bald Schneegebirge und himmelhohe Alpen, bald Schlöͤſſer und Paläſte, Königs⸗ throne und Rieſenhäupter, jetzt Löwen, Wölfe oder Kroko⸗ dille und dann wieder ein mächtiges Auge zeigen, welches mitten aus dem dicken Schleier auf uns herableuchtet? Wer kann ſagen, wie viel von dem, was wir ſehen, das Werk un⸗ ſerer eigenen Fantaſie iſt, und was wohl von jenen Formen der Wirklichkeit angehört?“ „Allerdings habe ich es bemerkt,“ gab ſie zur Antwort, „und habe dabei oft gedacht, wie jene Wolkengeſtalten eigent⸗ lich die Gegenſtände unſerer menſchlichen Wünſche in treuen Bildern wiederſpiegeln. Allein Margarethe gehört nicht zu jenen Geſtalten, denn die feinſten Eſſenzen ſind oft in den feſteſten Subſtanzen geborgen. Mag auch ihre Fantaſie ſo vielgeſtaltig ſeyn wie jene Wolken, von denen Sie geſpro⸗ chen— die Schönheit ihres Charakters beſteht gleichwohl gerade in ſeiner Wirklichkeit.“ „Ich habe meine Vergleichungen auf mich ſelbſt und nicht auf ſie angewendet,“ verbeſſerte der Fremde.„Ich mag mir Dinge gedacht haben, welche nicht exiſtiren; iſt es mir doch an lebloſen Gegenſtänden ſo haͤufig begegnet— 181 warum nicht auch an einem denkenden Weſen, ohne daß die⸗ ſes Weſen an der Täuſchung betheiligt wäre?“ „Ihr Warum nicht' vermag ich nicht zu beantworten,“ entgegnete die Dame;„aber dennoch kann ich es nicht glau⸗ ben, denn in Margarethens Wahrhaftigkeit liegt eine Kraft der Ueberzeugung, welche mir ein Mißverſtehen Ihres We⸗ ſens als baare Unmoglichkeit erſcheinen läßt.“ „Und lebt ſie ganz allein?“ fragte der Andere, den Gegenſtand von einer neuen Seite anfaſſend. „Ich bin oft bei ihr,“ erzählte Miß Harding;„ſonſt aber lebt fie völlig einſam.“ „Und iſt ſie glücklich?“ forſchte der Fremde. „Aber welche Frage!“ rief Miß Harding lächelnd; „erſt wenn Sie mir Ihren Begriff von Gluck näher definiren, bin ich vielleicht im Stande, Ihnen zu antworten.“ „Das iſt unmöglich,“ gab der Andere zurück;„Glück i*ſt einer jener einfachen Begriffe, die gleich den großen Thatſachen abſtrakter Wiſſenſchaft nur empfunden, aber nicht definirt werden können. Wir wiſſen, worin ſie beſtehen, und nehmen ſie ohne Weiteres in unſerem Geiſte auf. Es find Wahrheiten— für das moraliſche Bewußtſeyn des Men⸗ ſchen daſſelbe, was ein Ariom für ſeinen Verſtand iſt. Wir bezweifeln ſie nicht, obwohl man fſie uns nicht erklären kann, obwohl wir ſie Anderen nicht zu erläutern vermögen. Was Glück ſey, habe ich an mir ſelbſt erfahren; ich habe es ge⸗ ſehen, nur wird es von Solchen, welche es am beſten ver⸗ dienen, in dieſer Welt leider nur ſelten errungen— aber eine andere iſt uns noch übrig.“ 182 Miß Harding war im Begriffe zu antworten, als ſie von einer der Töchter des Hauſes aufs Neue um ein Lied gebeten wurde, ſo daß das Geſpräch ein Ende nahm. „Wer iſt dieſer Herr?“ fragte ſie ihre junge Freundin, während ſie mit ihr ans Klavier trat;„ich habe ſeinen Na⸗ men nicht gehört, als Lady Clerk mir ihn vorſtellte.“ „Ei, das wiſſen Sie nicht?“ wunderte ſich das Mäd⸗ chen;„es iſt ja der Held aus Indien, Sir Allan Fairfar.“ Miß Harding wurde nachdenklich, ohne jedoch eine Antwort zu geben. Dreizehntes Kapitel. Ein wiedervereintes Liebespaar. „Komm, Eliza, nimm Deinen Hut und begleite mich nach Halliday's Hütte,“ ſagte Margarethe am Morgen nach dem eben geſchilderten Balle. „Warte nur noch eine Weile, bis ich dieſes Lied abge⸗ ſchrieben habe,“ bat ihre Freundin;„wir haben ja noch viele Zeit vor uns.“ Margarethe gehorchte; allein Miß Harding brauchte ſehr lange zum Abſchreiben ihres Liedes, länger als es Mar⸗ garethe jemals bei einer ähnlichen Aufgabe an ihr erlebt hatte. Als ſie endlich fertig war, hatte ſie noch allerlei an⸗ dere Kleinigkeiten zu beſorgen, und auch hier war ſie ſehr langſam. Margarethe fragte ſich verwundert, was wobl 183 Schuld daran ſeyn könne, bis ſich ihre Freundin endlich ſeufzend erhob, und aus dem Fenſter des Wohnzimmers ſchaute. „Glaubſt Du, es werde ſchön bleiben?“ fragte ſie. „O ja,“ erwiederte Margarethe,„es iſt kein Wölkchen am Himmel. Komm, Eliza, Du biſt heute Morgen träge gelaunt, oder von der geſtrigen Abendparthie ermüdet: die Luft wird Dir gut thun.“ Miß Harding entſchloß ſich endlich, Hut und Shawl zu nehmen, indem ſie vor ſich hinmurmelte: „Jetzt wird er kommen, während wir fort find. Ich glaube wahrhaftig, es waltet ein eigener Unſtern über ihnen.“ Sie beeilte ſich übrigens keineswegs: aber dennoch war ihre Toilette beendigt und ſie hatte mit ihrer Freundin das Gartenpförtchen paſſirt, ohne daß ſich ein Beſuch haͤtte blicken laſſen. Ihr Weg führte über reichbewachſene grüne Pfade, die ſich bald durch tiefe Schluchten, welche jede Ausſicht ab⸗ ſchnitten, durchwanden, bald die Anhöhe hinanſtiegen und über Hecken und durch die Bäume einen freien Blick über die Nie⸗ derung gewährten, während im Hintergrunde Hügel und Moor im Purpurlichte ſchimmerten. Wie ſchön doch oft die Natur ihre Gemaͤlde einzurahmen verſteht!— Hier ſind es grüne Zweige oder graue Felſen, dort ein altes Kirchenfen ſter oder ein finſterer Spitzbogen, welche dieſe Einfaſſung 4 bilden, wodurch die Bilder weit mehr als durch alles Schnitzen und Vergolden gewinnen. Es war ein ſchöner heller Sommertag, nicht mehr ſo 184 wolkenlos wie im Anfange, denn einige weißgeränderte in der Mitte braunflockige Dunſtmaſſen hingen tief am Himmel herab und ſegelten langſam durch die Luft, ihre blauen Schat⸗ ten über die Erde hinwerfend. Margarethe blieb oft ſtehen, um ſich die Landſchaft zu betrachten, denn ſie hatte viel von der Poeſte des Malers in ihrem Weſen. Bei Miß Harding war dies weniger der Fall: ſte war mehr mit einem ſcharfen Ohr als mit einem künſtleriſchen Blicke begabt; ihre Fan⸗ taſte wurde mehr durch Töne geweckt, und ſie pflegte dann die Augen zu ſchließen, nicht um wie ſo manche Andere das Gebilde ihrer Einbildungskraft ungeſtörter zu betrachten, ſondern um deren Geſängen zu lauſchen. Ueberdies war ihr daran gelegen, ſobald wie möglich zurückzukehren, ſo daß ſie ihre ſchöne Gefährtin zu öfteren Malen weiter rief, wenn dieſe, welche nicht wußte, was in deren Buſen vor ſich ging, noch gerne ſtehen geblieben wäre, um die Natur nachdenklich zu betrachten und ihren ſüßen, von traurigen Erinnerungen geſänftigten Träumen über ſo Manches, was hätte eintreten können, nachzuhängen. Vierundzwanzig Jahre ſind wahrlich ein ſchönes Alter: von einer Abnahme iſt noch keine Spur vorhanden, die Blüthe hat ſich in vollem Wachsthume entfaltet, noch kein Blättchen trägt ein Zeichen des Verwelkens, die duftige Hoffnung lebt noch im Herzen der Blume, wenn ſie nicht durch furchtbare Stürme gänzlich vernichtet iſt. Margarethens Ausſehen war an jenem Morgen lieblicher denn je: ob ſte nun dem Chamaͤleone ähnlich das Kolorit ihrer Umgebung annahm und durch die Lieblichkeit des Tages ſelbſt reizender wurde, 185 oder ob eine geheimnißvolle Sympathie ihr zuflüſterte, daß ein Wechſel für fie herannahe, ſo daß ihre Blicke von Hoff⸗ nung und Erwartung leuchteten— ich weiß es nicht und kann nur ſo viel ſagen, daß ſie in jenem Augenblicke ſehr ſchöͤn war. Sie hatten faſt eine Meile zurückgelegt und waren kaum einen Buchſenſchuß von Ben Halliday's behaglichem Wohn⸗ hauſe entfernt, als plötzlich neben einem hohen Eſchenbaume die breite unterſetzte Geſtalt und das widrige weitmaulige ſchielende Geſicht des Simpels Tommy Hicks auftauchte. Den Abhang herabſpringend, ſtand er mit einem Male dicht vor ihnen auf dem Wege, und Miß Harding blieb ſtehen, indem ſie bemerkte: „Ach, da iſt wieder der abſcheuliche Menſch. Er er⸗ ſchreckt mich doch immer. Man ſollte ihn in der That ein⸗ ſperren.“ „O er wird uns nichts zu Leid thun,“ meinte Marga⸗ rethe lähelnd.„Er iſt freilich etwas boshaft, doch wie ich glaube mehr zum Scherz, als daß es ihm Ernſt wäre. Komm nur und laß Dir keine Angſt anmerken, denn das reizt ihn jedesmal..) Mittlerweiſe kam ihnen Tommy Hicks immer näher; halb lachend, halb ſluchend, murmelte er fortwährend vor ſich hin, wie er denn in ſeinen Ausdrücken nie ſonderlich heikel war. „Ei, meine ſchöne Maid,“ rief er auf Margarethe zu⸗ gehend,„ſo geht Ihr alſo ſpazieren?“ James. Margarethe Graham. 13 186 „Ja,“ gab Margarethe zur Antwort, indem ſie vorbei⸗ zukommen ſuchte,„es iſt ein ſchöner Tag, wie Ihr ſeht.“ „O ja, für Vögelchen, welche ſich nach ihrem Männ⸗ chen umſehen,“ meinte Tommy.„Aber Ihr ſollt ihn nicht haben; ich werde nie meine Einwilligung gehen— alles Plaudern iſt vergeblich; wär' er auch Sonne, Mond und Sterne— Ihr ſollt ihn dennoch nicht haben, und um es zu verhindern, ſollt Ihr mich heirathen— ſo kommt nur mit.“ „Ich fürchte, für heute Morgen iſt das unmöglich, Tommy,“ lautete Margarethens ſanfte Erwiederung;„Ihr müßt mich paſſiren laſſen, guter Mann, denn ich bin in Ge⸗ ſchäften.“ „Nein, ich will nicht,“ trotzte der Simpel,„mein Ge⸗ ſchäft kommt zuerſt: Ihr ſollt mich heirathen, hier unter dem grünen Baume; Ihr könnt dann nicht zwei Männer an einem Tage haben, und ich bin entſchloſſen, daß jener Burſche das hübſche Gretchen von Allerdale nicht heimführen ſoll. Mög ihn der——“ hier begann der Simpel gräulich zu toben und zu fluchen.„Ich ſag Euch, Ihr könnt nicht zwei Männer an einem Tage haben, das iſt gegen das Geſetz. König Georg hätte daſſelbe gethan, wenn er gekonnt hätte; aber ſie ließen's nicht zu. König David hatte freilich neun Weiber und ſeine Söhne wuchſen und mehrten ſich— doch das iſt ſchon gar lange her.“ „Laßt mich paſſtren, Sir,“ rief Margarethe mit ſtren⸗ gem Blicke ihn ſixirend.„Ihr ſollt mir augenblicklich Platz machen.“ Allein Simpel und Wahnſinnige beſitzen eine unge⸗ —ꝗq——ÿ 187 wöhnliche Divinationsgabe und merken im Augenblick, ob diejenigen, welche ihnen zu befehlen ſuchen, ſich wirklich vor ihnen fürchten oder nicht; ſo hatte auch Tommy Hicks ſo⸗ gleich weg, daß Margarethe trotz ihrer angenommenen Ruhe nicht wenig Angſt empfand. „Ich mag nicht,“ rief er mit lantem Lachen;„noch in dieſer Minute ſollt Ihr mein Weib werden. Ich nehme Euch als meine angetraute Frau.“ Im namlichen Augenblick ſtreckte er ſeine Hand aus und packte ſie feſt am Arme. Margarethe ſchrie nicht, deſto lauter aber Miß Harding. „Wollt Ir's Maul halten?“ tobte der Simpel, ohne Margarethens Arm loszulaſſen;„wollt Ihr's Maul halten, oder ich ſchlag Euch den Schädel ein. Iſt das eine Manier für Brautjungfern, bei der Hochzeit alſo aufzukreiſchen?“ Indem er noch ſprach, hörte man einen Reiter raſch herangaloppiren, und als ſich Miß Harding in jener Richtung umſchaute, ſah ſie einen Herrn zu Pferd, mit einem Diener hinter ſich, offenbar von ihrem Schreien beunruhigt in voller Haſt herbeiſprengen. Im nächſten Augenblick hatte er ſie erreicht; er ſprang aus dem Sattel, und gl ich darauf fuhr ſeine Peitſche dem Tommy Hicks ſo gewaltig um die Schul⸗ ter, daß dieſer heulend den Pfad hinabtaumelte. Margarethe Graham wurde todtenbleich; der Herr aber ließ mit der linken Hand den Zügel los, übergab ſein Pferd dem Diener, und bot ihr ohne Zögern die Hand. „Margarethe,“ ſagte er leiſe,„kennen Sie mich nicht mehr?“ 1 13* 188 Das Blut ſtieg dem armen Mädchen ins Geſicht, die Geſchichte ihres Herzens in glühenden Zügen auf Wange, Stirn und Schläfe malend.. „O ja, ich kenne Sie,“ erwiederte ſie, ihm die Hand reichend;„aber ich wurde erſchreckt und fühle mich noch ſchwach und angegriffen.“ „Stützen Sie ſich auf mich,“ bat Fairfax mit zärtlichem Blicke ihren Arm in den ſeinen legend. Dann aber ſich er⸗ innernd, daß noch andere Perſonen anweſend ſeyen, wendete er ſich lächelnd an Miß Harding, indem er ihr gleichfalls die Hand reichte und fortfuhr:„auch hier muß ich die Rechte eines Bekannten anſprechen.“ „Welche mit Freuden anerkannt werden,“ erwiederte Miß Harding, ihm die Hand ſchüttelnd;„aber ich glaube wahrhaftig, Sir Allan, wir thäten beſſer, ſobald als mög⸗ lich mit Margarethen heimzukehren, denn wir haben uns Beide ſchrecklich geängſtigt.“ „Wenn ſie ſo weit gehen kann, iſt dies allerdings der beſte Plan, den wir befolgen können,“ gab Fairfar zur Ant⸗ wort.„Ich war in Ihrem Hauſe,“ fuhr er an das ſchöne Maͤdchen neben ihm gewendet fort,„und erkundigte mich zu allem Glück bei dem Diener, welcher mir von Ihrem Spa⸗ ziergange berichtete, welchen Weg Sie eingeſchlagen hätten. — Können Sie gehen, Margarethe, oder ſoll ich nach einem Wagen ſenden?“ „Ich kann gehen,“ erwiederte dieſe mit zitternder Stimme,„ich kann ganz gut gehen. Mir wird bald beſſer werden. Ich wollte nach Halliday's Wohnung, um in 189 Betreff des Gutes einige Geſchäfte mit ihm zu beſprechen; vielleicht iſt's aber beſſer, wenn ich heimgehe.“ „Gewiß,“ verſicherte Fairfar, den Weg nach ihrem Hauſe einſchlagend und ſeinen Diener anweiſend, daß er mit den Pferden nachfolge. So ging er volle fuͤnf Minuten in völligem Stillſchwei⸗ gen neben Margarethen her; da ſie jedoch auf ſeinen linken Arm ſich ſtützte, ſo konnte ſte aus dem Pochen ſeines Herzens recht wohl abnehmen, wie tief erſchüttert er ſeyn mußte. O welches Heer von Gefühlen mochte in jenem Augen⸗ blick in Fairfar' Bruſt toben! und auch die arme Margarethe — was mußte ſie empfinden! Zwiſchen Beiden war nie ein Wort von Liebe geſprochen worden; aber es gibt eine Sprache ohne Worte, und ſie wußte, daß ſie geliebt wurde. Das letzte Mal als ſie ihn ſah, hatte er ſie Miß Graham genannt, und jetzt hatte er ſchon dreimal Margarethe geſagt. Wie ſollte ſte das deuten?— wie anders, als daß ſie in ſeinen Gedanken immer Margarethe Graham geblieben, daß ſie noch jetzt trotz allen Gefahren und Leiden einer langen fünf⸗ jährigen Trennung ſortwährend ſeine Margarethe war. Sie vergab ihm gerne, daß er ſie ſo nannte; ſie begriff, ſie fühlte, daß er ihr keinen anderen Namen geben konnte, und ſo wandelten ſi ſchweigend weiter. Die arme Miß Harding hätte Alles darum gegeben, wenn ſie anderswo geweſen wäre, doch klug und weiſe wie ſie war, faßte ſie, ſobald ſte ihren Gedanken Gehöͤr ſchenken konnte, den Entſchluß, ſich anzuſtellen, als ob ſie nicht ſaͤhe, was ſie doch nothwendig ſehen mußte, und da Keines von ———— 190 Beiden geneigt ſchien, das Geſpräch zu erneuern, ſo begann ſte endlich ſelbſt daſſelbe wieder auf die Beine zu bringen. „Es iſt doch wirklich recht arg, Sir Allan,“ hub ſie an,„daß man ein ſo gefährliches Geſchöpf, wie jenen Sim⸗ pel, frei im Lande umherlaufen läßt. Ich bin überzeugt, es muß erſt irgend ein ſchrecklicher Unfall eintreten, bis die Obrigkeit die Thorheit ihres Benehmens einſieht.“ „Ich will die Sache bei dem Magiſtrate anzuregen ſuchen,“ verſicherte Fairfar;„ſchon um des Simpels ſelber willen ſollte man Acht auf ihn haben.— Erinnern Sie ſich noch jenes ſonderbaren faſt lächerlichen Auftrittes, Marga⸗ rethe, der einſt zu Brugh mit ihm ſtatthatte?“ „Ich werde jenen Tag nie vergeſſen,“ gab Margarethe zur Antwort:„die geringſten Umſtände ſtehen noch ſo leb⸗ haft vor meinem Gedächtniß, als ob Alles erſt geſtern ge⸗ ſchehen wäre.“ „So geht es auch mir,“ bemerkte Fairfax traurig.„Es war ein ominöſer Tag: im Anfange ſo hell, ſo voller Freude, voll Hoffaung und Erwartung; am Ende ſo ſtürmiſch und finſter, ſo trüb und verzweiflungsvoll!“ „Sie haben die Geſellſchaft geſtern Nacht ſehr früh⸗ zeitig verlaſſen,“ ſiel Miß Harding ein;„wenigſtens ſah ich Sie nicht mehr, nachdem ich mein drittes Lied geſungen hatte.“ „Ich ging zu Bett,“ erwiederte Fairfax,„ich war er⸗ müdet und hielt für beſſer, mich niederzulegen, um wenigſtens auszuruhen, wenn ich auch nicht ſchlafen konnte; ehrlich ge⸗ ſtanden, da ich nicht hoffen durfte, wieder in Ihre Nähe zu 191 kommen, ſo hatte ich von der übrigen neugierigen Menge nur wenig Vergnügen zu erwarten.“ „So haben Sie ſich bei Sir Wild Clerks getroffen, und Du haſt mir nicht einmal erzählt, Eliza, daß er dort war?“ fragte Margarethe, ihre Freundin anſehend. „Ich war überzeugt, daß Sir Allan ſelbſt kommen würde, um es Dir zu ſagen,“ verſetzte Miß Harding;„ſo mochte ich nicht mit der Thüre ins Haus fallen und eine angenehme Ueberraſchung ſtören.“ „Das war in der That ſehr freundlich,“ bemerkte Fair⸗ fax, ihr mit leuchtenden Blicken dankend.„Ueberdies, was hätte ſte ſagen können?“ fuhr er an Margarethen ſich wen⸗ dend fort—„höchſtens, daß fie einen Fremden, einen bar⸗ ſchen unangenehmen Menſchen traf, der ſie eine halbe Stunde lang zu einer Unterhaltung nöthigte, wie man ſie noch nie auf Bällen und Geſellſchaften gehört hatte.“ „Allerdings mußte ich Sie wenigſtens zehn Minuten lang für den unangenehmſten Mann halten, der mir noch jemals vorgekommen war,“ gab Miß Harding lachend zur Antwort. Margarethe betrachtete ſte mit einem Ausdrucke des Erſtaunens, der ihre Freundin ſehr ergötzte, während Fair⸗ fax bemerkte: „Sie hatte ganz Recht, Margarethe, denn ich ſelbſt empfand, daß meine Unterhaltung höchſt ſonderbar war. Ich habe in Indien erlebt, daß Durſtige in der Nähe eines Brun⸗ nens Alles um ſich her rauh bei Seite ſtießen, um einen Zug aus der Quelle zu thun— ſo erging es mir geſtern: ſie 192 ſprach von Dingen, nach denen ich gewaltig dürſtete, ſo daß ich Artigkeit und Geſellſchaftsformen— kurz alles Andere vergaß und ſie auf höchſt tölpiſche Weiſe ausfragte.“ Margarethe ſchlug die Augen nieder, bis die ſeidenen Franſen auf ihren Wangen ruhten, ohne jedoch nach dem Gegenſtande zu fragen, von welchem ſie geſprochen hatten. Ihre Unterhaltung wurde allmälig ungezwungener, und blieb ſo, bis ſie ihre Wohnung zu Geſicht bekamen. Mar⸗ garethens Muth kehrte zurück, ihre Schüchternheit vermin⸗ derte ſich einigermaßen, und ſie vermochte es ſogar heiter zu lächeln, als ſte Fairfax einlud, ihre beſcheidene Behauſung zu betreten. Die geheime Urſache jenes Lächelns konnte ſie allein— und vielleicht auch ſie nicht einmal— angeben; jedenfalls war es ein Zeichen ihres wiederkehrenden Ver⸗ trauens: ſie wollte vermuthlich einen alten Freund damit be⸗ willkommnen. Miß Harding ſah darin ein Verſprechen für den Liebhaber und entfernte ſich, ſobald ſie das Wohnzimmer erreicht hatten, um Hut und Shawl abzulegen. Das Zimmer war zwar nicht groß aber hell und in ſchönen Verhältniſſen gebaut, ohne jeden Anſtrich düſterer Trauer. Margarethe ſetzte ſich mit bleichem Geſichte auf ihren gewohnten Stuhl; Fairfax ſtand neben ihr und be⸗ trachtete ſie mit einem Ausdrucke tiefer Melancholie, bis die Aufregung, welche ſie empfand, trotz ihrer gewohnten Selbſt⸗ beherrſchung eine äußerliche Erleichterung verlangte und ihre Hand, welche auf der Stuhllehne ruhte, zu zittern an⸗ fing, ſo daß ſte genöthigt war, ſie zurückzuziehen und auf den Schoos fallen zu laſſen. Dieſe Bewegung rief ihren Lieb⸗ — 193 haber zu ſich ſelbſt zurück, denn ſte zeigte ihm, wie tief er⸗ ſchüttert ihr Weſen war; er ſtellte einen Stuhl neben ſie, und nahm die Hand, welche ſie zuruckgezogen hatte, indem er ſie an die Lippen drückte. „Margarethe,“ ſagte er,„werden Sie mich vielleicht für allzu ſelbſtvertrauend— werden Sie mich für zu kühn hal⸗ ten, wenn ich Ihnen nach einer Abweſenheit von fünf Jahren alſo begegne?— Hören Sie mich, ehe Sie mir antworten; vernehmen Sie erſt, warum ich ſo und nicht anders handle. Sie können und werden es nicht bezweifeln, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Sie mehr als jedes andere Gut der Erde liebte mit der erſten tiefen aufrichtigen glühenden Regung eines Her⸗ zens, welches noch keiner Anderen angehört hatte. Jene Liebe ſchien Ihnen nicht zu mißfallen, und ich behandle Sie jetzt, als ob nur wenige Tage zwiſchen unſerem erſten Be⸗ gegnen und Scheiden verfloſſen wären, weil die Zeit, welche unterdeſſen verſtrich, obwohl ſie meine Außenſeite verän⸗ derte und den leichten Frohſinn, der einſt jedem Mißgeſchicke ſpottete, niederbeugte und zu Boden trat, doch gleichwohl mein Herz und deſſen Liebe zu Margarethe Graham nicht im Mindeſten zu berühren vermochte. Mir iſt, als wäre kaum eine Stunde vexſtrichen, ſeit ich Sie an den Thoren von Al⸗ lerdale vom Pferde hob, als wäre es unmöglich, daß in un⸗ ſerer Bruſt ein anderes Gefühl herrſchen könne als damals in jener nun ſo fernen Stunde. Ja, Margarethe, wenn auch Umſtände eintraten, bei denen ich nicht verweilen will, um nicht von Ihnen mißverſtanden zu werden; wenn gleich Sie ſelbſt unwiſſentlich, wie ich glaube, meinen Irrthum beſtärkten 194 und mein Herz mit Füßen traten, ſo daß ich als einziges Pfand aus der Hand des Glückes den Tod auf dem Schlacht⸗ felde ſuchte——“ „O Fairfax! o Allan!“ rief Margarethe, ihre Hand auf die ſeinige legend,„ums Himmels willen, ſprechen Sie nicht alſo! So elend ich auch war— jener Gedanke hätte mich ſicherlich getödtet, wenn er meinen Kummer noch ver⸗ mehrt haͤtte.“ Das arme Mädchen brach in Thränen aus; Fairfax ſchlang ſeine Arme um ſie, und drückte ſeine Lippen auf die ihrigen. „So kannſt Du meine Liebe erwiedern, theures ange⸗ betetes Mädchen?“ rief er.„Und doch,“ fuhr er fort,„wie konnteſt Du etwas anderes glauben, Margarethe? Sahſt Du denn nicht, daß ich Dich liebte? Ahnteſt Du nichts von dem Geheimniſſe meines Herzens? Nach dem was ich Dir geſchrieben habe— konnteſt Du da noch zweifeln, daß meine Liebe der Art war, daß eine Enttäuſchung mir das Leben verhaßt machen mußte?“ 1 „Geſchrieben!“ ſtaunte Margarethe—„mir von Liebe geſchrieben? Ich erhielt nur ein kurzes Billet von Ihnen— es find jetzt beinahe dritthalb Jahre— und darin ſtand kein Wort von Liebe.“ „Ich ſchrieb Ihnen zwei Tage, nachdem ich Allerdale verlaſſen, und trotz dem, daß mein Brief unbeantwortet blieb, hoffte ich noch immer. Doch gleichviel; nach dem Benehmen Ihrer Mutter gegen mich kann ich leicht begreifen, daß der Brief nie in Ihre Hände gelangte. Ich ſchrieb nicht, ——O——— 195 Margarethe, um von Ihnen zu verlangen, daß Sie etwas Unrechtes thun ſollten: ich ſchilderte Ihnen blos meine Liebe und ſuchte Ihnen deren Stärke zu beweiſen; falls Sie füͤhl⸗ ten, daß Sie dieſelbe erwiedern könnten, bat ich Sie, von der Entſcheidung Ihrer Mutter, die, wie ich überzeugt war, ohne Wiſſen oder Zuſtimmung Ihres trefflichen Vaters aus⸗ geſprochen ward, an dieſen Letzteren, ſobald er wohl genug wäre, zu appelliren. Ich glaubte, Mittel ergriffen zu haben, um den Brief ſicher in Ihre Hände gelangen zu laſſen, was aber, wie es ſcheint, dennoch nicht geſchah.“ „Niemals,“ verſicherte Margarethe eifrig,„niemals, Fairfax. Waͤre er mir je zu Geſicht gekommen— mir wäre viel Kummer erſpart geweſen, denn ich hegte ſo feſtes Ver⸗ trauen zu Ihrer Ehre, daß ich in all der Noth und Sorge, welche mich bald darauf umlagerte, ohne Zögern an Sie ge⸗ ſchrieben und mir Hulfe, Troſt oder Nath von Ihnen erbeten hätte. Ich glaubte— nein, ich wußte gewiß, daß Sie mich liebten, Fairfax; allein Sie hatten es mir nie geſtanden, und man hatte mir geſagt, daß die Liebe beim Manne meiſt eine flüchtige veränderliche Leidenſchaft ſey. Ich dachte, das könnte auch bei Ihnen der Fall ſeyn, als ich über zwei Jahre nichts mehr von Ihnen hörte.“ „Ich war weit weg,“ erzählte Allan Fairfax.„Einen Monat wartete ich in Hoffnung auf eine Antwort; dann be⸗ ſchloß ich, noch immer nicht ohne Hoffnung, mir in meinem Berufe, ſo weit dies möglich wäre, Ehre und Vermögen zu erringen, denn ich glaubte Sie von Anderen an einer Er⸗ wiederung gehindert. Das Unglück, welches Sie betroffen, 196 Margarethe, erfuhr ich erſt, als ich zwei Jahre ſpäter ſo arm wie vorher zurückkehrte. Ich hatte damals nur mit Mühe Urlaub erhalten, um ein wichtiges Geſchäft abzumachen, denn ich hatte unterdeſſen in Indien von einem alten ſpitz⸗ bübiſchen Geſchäftsführer meines Vaters einen Brief er⸗ halten, worin er mir mittheilte, daß er mich in den Beſitz von Papieren zu ſetzen vermöge, welche die Ungerechtigkeit, die mein Vater in grauſamem Wahne an mir begangen, aufheben und beweiſen könnten, daß mein Vater vor ſeinem Tode jenem Wahne entſagt und Schritte zur Vergeltung des Unrechts gethan hatte. Jenes Verfahren meines Vaters gegen mich iſt eine lange Geſchichte, die ich Ihnen ein an⸗ dermal erzählen will; für jetzt genüge Ihnen zu erfahren, daß ich bei meiner Ankunft in London jenen Advokaten im Schuldthurme fand, wo er für die Papiere, welche er beſaß, die Summe von hundert Pfund verlangte. Der Gedanke an Margarethe Graham hatte mich zurückgeführt; der Ge⸗ danke an Margarethe Graham brachte mich zu dem Ent⸗ ſchluſſe, jene Papiere um jeden Preis zu erlangen: allein ich hatte mein Regiment in höchſter Eile verlaſſen, mein baarer Geldvorrath war auf der Heimreiſe faſt gänzlich aufgegan⸗ gen, mein trefflicher alter Onkel war todt und ich hatte nir⸗ gends auf der Welt über hundert Pfund zu verfügen. Hiezu kam noch, daß mir der Schurke drohte, wenn er die Summe innerhalb zehn Tagen nicht erhalte, werde er die Papiere ent⸗ weder zerſtören oder in andere Hände überliefern. So be⸗ ſchloß ich, meine Stelle zu verkaufen, um das Geld aufzu⸗ treiben; aber eben in jenem Augenblick vernahm ich zufällig, V b V 197 was Ihnen und Ihrem Vater begegnet ſeyn ſollte. Es war nur ein Theil Ihrer Geſchichte, was ich erfuhr: gleichwohl eilte ich hieher, indem ich es meinem Anwalte überließ, jenes Geſchäft in London für mich abzumachen. Hier drang mir denn eine Kunde zu Ohren, welche mich in Schrecken und Erſtaunen ſetzte. Ich forſchte weiter und fand das Gerücht faſt in jedem Munde anders geſtaltet. Zwar hatte ich noch Nichts als Hoffnungen zu bieten; aber ſie wenigſtens wollte ich Ihnen zu Füßen legen, und wenn ſie auch fehlſchlügen, Sie dennoch bitten, Ihr Schickſal an das meine zu ketten und mich zu Ihrer und Ihres Vaters Unterſtützung arbeiten zu laſſen. Ich ſchrieb Ihnen— die Antwort, die ich erhielt, kennen Sie. O, Margarethe, ſie hat mich faſt wahnfinnig gemacht!“ „Ich konnte nicht anders,“ rief Margarethe,„wahr⸗ haftig, Fairfax, ich konnte nicht anders! Ich will Ihnen nachher Alles erzählen; doch nun fahren Sie fort. Wenn Sie mich hören, werden Sie mir verzeihen, werden gewiß eine Entſchuldigung für mich finden.— Was thaten Sie auf jene Antwort?“ „Kaum weiß ich es ſelbſt,“ fuhr Fairfax fort;„wie ein Wahnfinniger eitte ich nach London, wo ich mich durch einen ſonderbaren Zufall, den ich jetzt nicht erzählen kann, mit einem Male im Beſitz der verlangten Summe ſah. Ich ſlog nach der Kings⸗Bench, erhielt die Papiere, und fand darunter ein eigenhändiges Schreiben meines Vaters, worin er be⸗ kannte, daß er ſich getäuſcht habe— daß ſein Glaube, als ob ich nur ein Wechſelbalg ſey, ein Hirngeſpinnſt war, weß⸗ 198 halb er mir von ſeinem großen Vermögen den gleichen Antheil wie meinen Brüdern vermachte. Die Letzteren vermochten nichts dawider einzuwenden und mußten meine Anſprüche anerkennen; mein Sachwalter ſtreckte mir Geld vor; ich glaubte, es ſey noch Zeit: allein es war zu ſpät— Marga⸗ rethe hatte ihre Hand einem Andern gegeben— die ganze Welt war für mich eine leere Karte geworden.“ Er ſchwieg in bitteren Gedanken, und Margarethe be⸗ trachtete ihn mit thränenden Blicken. „Nun hören Sie mich, Fairfax,“ erwiederte ſie;„Sie find wohl überzeugt, daß ich Ihnen die lautere Wahrheit ſagen werde?“ „Ja, das will ich beſchwören, theure Margarethe,“ verſicherte er;„es iſt in der That kaum nöthig, daß Sie mir weiter erzählen, denn ich habe ſeitdem Vieles von der eigent⸗ lichen Wahrheit vernommen. Ich war damals hier und hätte ſte ſchon längſt erfahren, wenn ich nicht alsbald einen Schauplatz geflohen hätte, wo ich alle meine Hoffnungen vernichtet glaubte, um mich mit jedem Looſe zu begnügen, das mich von meinen Gedanken erlöſen könnte.— Nur von jenem Briefe ſprechen Sie, Margarethe, denn ach, er war doch gar zu kalt!“ „Hätten Sie gewußt, wie er mir das Herz zerſchnitt, Fairfar— Sie hätten mir nicht gezürnt, ſondern mich be⸗ mitleidet,“ entgegnete Margarethe.„Wir haben jedoch von peinlichen Gegenſtänden zu reden, und darum will ich lieber ſogleich anfangen. Mein Vater war am Bettelſtabe— ja das iſt das rechte Wort; krank, unfaͤhig ſich zu rühren oder 199 ſich ſelbſt zu helfen, hing er gänzlich von meiner Pflege ab. Ich konnte ihn nicht verlaſſen, um als Erzieherin zu dienen — es hätte ihm wie mir das Herz gebrochen. Ich konnte nicht einmal, um Unterricht zu ertheilen, den Tag über ab⸗ weſend ſeyn, denn er hatte Niemand als mich zu ſeiner Hülfe. Von dreißig Pfund jährlich ſollten wir leben— es war dies eine Leibrente, auf einen jüngern Mann als mein Vater ver⸗ ſichert; zur Wohnung hatte uns ſein Hausarzt, ein gütiger alter Freund und ehemaliger Schulgenoſſe, ſein meublirtes Landhäuschen geliehen— jene Miethe war Alles, was mein Vater überhaupt annehmen wollte. Ich that, was ich konnte, verkaufte meine Zeichnungen, um unſer dürftiges Einkommen zu vermehren; aber plötzlich ging auch die Leib⸗ rente verloren, und das Arbeitshaus war das Einzige, was wir noch vor uns hatten. Da kam jener gütige alte Mann, den ich von Kindheit an gekannt, der mich bei meiner Geburt in ſeinen Armen empfangen hatte, nachdem er uns das Ausbleiben der Leibrente zu verhehlen, nachdem er überhaupt Alles verſucht hatte, um meinen Vater zur Annahme ſeiner Beihuͤlfe zu veranlaſſen— da kam er, um mir als einziges Mittel, meinem ſterbenden Vater eine behagliche Heimath zu gewähren, die Heirath mit ihm vorzuſchlagen. Waͤre er jänger geweſen, Fairfar— mein Herz hätte ſich weit mehr dagegen geſträubt als es wirklich that, ſo ſonderbar dies auch klingen mag: ſo aber war er der beſte, der gütigſte, der großmüthigſte der Männer.“ Fairfax wurde ſehr bleich, und Margarethe, welche dies bemerkte, eilte raſch in ihrer Erzählung weiter, um ihn nicht mehr als nöthig war zu foltern. „Er bat mich nicht um Liebe— es war blos Rückſicht, was er verlangte, ſonſt hätte ich Nein ſagen müſſen. Es galt die Rettung meines Vaters: daß ich von ihm, den ich liebte, wieder geliebt wurde, wußte ich nicht, und ſo ſagte ich Ja. Mein Wort, einmal gegeben, konnte nicht mehr unge⸗ ſchehen gemacht werden: keine Rückſicht der Welt hätte mich zu einem Bruche meines Verſprechens bewogen; Sie hätten mich nicht lieben— hätten mich nicht achten können, Fair⸗ fax, wenn ich es gethan hätte.— Jetzt kam Ihr Brief und ſein Ton war der der Freundſchaft, nicht der Liebe; wie er mich aber bewegte wie erſchütterte, hat Niemand erfahren, kann Niemand wiſſen. Ich beſchloß jedes Schwanken, jede Hoffnung und Zuneigung, die ich in meiner Lage für ver⸗ brecheriſch hielt, niederzutreten, obwohl ich mit ihr mein ei⸗ genes Herz mit Füßen trat; aber ach, ich wußte nicht, Fair⸗ fax, daß ich auch das Ihrige folterte, ſonſt würde mich jene Stunde wohl getödtet haben.— Der Reſt meiner Geſchichte iſt Ihnen glaub ich bekannt, und ich will bei jenem ſchreckli⸗ chen Vermählungstage und ſeinem entſetzlichen Schluſſe nicht länger verweilen. Nun ſagen Sie mir— konnte ich anders handeln als ich that?— wäre ich noch der Achtung eines Ehrenmannes würdig geweſen, wenn ich anders gehandelt hätte?“ „Nein, Margarethe, nein!“ rief Fairfar plötzlich ſein Haupt erhebend, das er ſeither in den Händen begraben hatte.„Sie ſind ein Engel. O laſſen Sie mich hoffen, 201 theures herrlichen Mädchen, daß es mir beſchieden ſeyn ſoll, Sie Alles, was Sie erduldet haben, vergeſſen zu laſſen oder deſſen Erinnerung wenigſtens in Ihrer Seele zu mildern. — Margarethe, biſt Du mein?“ „Kannſt Du fragen?“ flüſterte ſie.„Ich habe Dir ja mein ganzes Herz eröffnet.“ Fairfar drückte ſie an ſeine Bruſt, und Margarethe ruhte in ſeinen Armen, das Haupt an ſeinem Buſen verber⸗ gend, während tauſend ſüße Regungen die warmen Thränen aus ihren Augen preßten. Miß Harding ließ das Liebespaar über eine Stunde allein, und als ſie endlich zurückkam, ruhte Margarethens Hand in der des Geliebten, ohne daß ſie dieſelbe zurückzu⸗ ziehen verſuchte. Vierzehntes Kapitel. Erfüllte Hoffnu ngen. Erſt jetzt fühlte Margarethe, wie tief ſie geliebt hatte. Ihr Charakter war nicht der Art, daß ſie Empfindungen, welche ihrer eigenen Ruhe gefährlich oder der vollen Erfül⸗ lung ihrer Pflichten gegen Andere hinderlich ſeyn konnten, er⸗ muthigt oder mit Vorliebe genährt haͤtte, und ſo war es auch in dieſem Falle nicht geſchehen. Sie hatte im Gegentheil feſt und ſtandhaft gekämpft, um ihre Gedanken nicht bei ihrer Zuneigung zu Allan Fairfax verweilen zu laſſen— ich FJames. Margarethe Graham. 14 20²2 will nicht ſagen, daß es ihr vollſtändig gelang, aber ſie ver⸗ ſuchte es wenigſtens. Ihr Gedächtniß rief freilich öfters ſein Bild zurück, die Fantaſie weilte manchmal bei den Ta⸗ gen der Vergangenheit, und wollte Hoffnungen für die Zu⸗ kunft daraus ableiten; aber ſo oft ſie ihren Geiſt über ſolchen Gedanken betraf, ſo oft ſte entdeckte, daß ihr Herz ſie ſolcher⸗ geſtalt um ihren Frieden zu bringen ſtrebe, hatte fie jedes⸗ mal die wandernden Gedanken mit aller Anſtrengung zurück⸗ gerufen, um ſie durch andere Dinge zu beſchäftigen. Sie hatte immer gefühlt, daß fie ihn liebe; wie innig fie aber empfand, das wußte ſie nicht— ja ſie wußte nicht einmal, wie tief ſie zu empfinden fähig ſey, bis ihr Lieben ein glück⸗ liches geworden. Aber dann— wie fühlte ſie ſich davon überwältigt! Wie gerne verweilte ſie auf jedem Ton und Blick! Wie gab ſie Herz und Seele ſo ganz der einen zärt⸗ lichen und wonnigen Neigung hin! Noch nie— ſelbſt nicht in der langen Periode ihres Kummers und Unglücks— hatte Margarethe ſo viel geweint, wie in der Nacht, nachdem Fairfax ſie verlaſſen hatte; aber es war ein aufklärender Regenſchauer— jener Thränenguß, und die Welt erſchien ihr lächelnd und wonneſtrahlend, als er endlich vorüber war. Als Fairfax am andern Tage um die Eſſensſtunde ſich von ihr trennen und Artigkeits halber zu Wild Clerk's zurück⸗ kehren mußte, ließ er ſich von ihr verſprechen, daß ſie am anderen Morgen den Tag ihrer Verbindung feſtſetzen wollte. 8„Ich halte es für paſſend, meine Geliebte, meinen ehr⸗ baren Wirth ſchon heute von unſerer nunmehrigen Stellung zu benachrichtigen, damit weder er noch Lady Clerk meine 203 fortgeſetzte Abweſenheit als auffallend oder unhoͤflich be⸗ trachte. Wir haben ja Nichts zu verbergen, und wollen darum unſer Geheimniß lieber veröffentlichen: ich bin zu ſtolz auf meine Margarethe, wie auf meine Liebe zu ihr, als daß ich nicht gerne bekannt werden ließe, wie ſie meine Nei⸗ gung erwiedert und die Meine ſeyn will.“ Margarethens Augen füllten ſich mit Thränen. „Gewiß hab' auch ich Urſache, ſtolz zu ſeyn,“ ſagte ſie;„thue wie Du willſt, Fairfar— wie es Dir beliebt, ſo iſt es mir recht. Die Clerk'ſche Familie war immer ſehr freundlich gegen mich, hat mich oft beſucht und mehr als ein⸗ mal zu ſich eingeladen; aber ich weiß nicht, warum mir jede andere Geſellſchaft als die unſerer theuren Freundin hier“ — indem ſie ihre liebevollen Blicke auf Miß Harding rich⸗ tete—„gaͤnzlich zuwider war.“ Fairfar nahm dieſe bei der Hand und dankte ihr mit beſonderer Warme für Alles, was ſie an Margarethe gethan hatte. „Ich bin hoffentlich nicht undankbar gegen Die, ſo mir Freundlichkeit erweiſen,“ bemerkte er;„doch ſind ihre Dienſte in meinen Augen ziemlich werthlos, meine theure Miß Har⸗ ding, wenn ich ſie mit den Beweiſen von Freundſchaft ver⸗ gleiche, welche Sie dieſem theuren Mädchen gegeben haben. Ich hoffe, ich werde volle Gelegenheit finden, um Ihnen meine Dankbarkeit nicht blos in Worten zu bewähren, ſon⸗ dern Ihnen zu beweiſen, daß der unangenehmſte Mann auf der Welt nicht zugleich auch der fühlloſeſte iſt.“ Er lächelte heiter bei dieſer Anſpielung auf Miß 14* 204 Harding's eigene Worte, und ſtieg dann zu Pferd, um zu Sir Wild Clerk's zurückzureiten. Ueber Tiſch bemerkte Jedermann, daß Sir Allan Fair⸗ fax, obwohl zuweilen noch nachdenklich, im Geſpräche doch unendlich munterer und fröhlicher als am Tage zuvor war. Eine von den Töchtern des Hauſes, ein leichtmüthiges ver⸗ trauliches luſtiges Mädchen, zog ihn über ſeine glückſeligen Blicke auf und erklärte ihre Ueberzeugung, daß ihm auf ſei⸗ nem Morgenritte ein erfreuliches Abenteuer aufgeſtoßen ſeyn müſſe, das ſie durchaus erfahren wolle. „Laſſen Sie uns bis nach Tiſch Waffenſtillſtand ſchließen,“ erwiederte Fairfax;„wenn wir nicht mehr ſo viele Augen und Ohren um uns haben, dann will ichs Ihnen erzählen— bei meiner Chre!“ „O, dann iſt es ein Liebesabenteuer,“ meinte die junge Dame. „Ei, iſt denn die Liebe das Einzige, was Verſchwie⸗ genheit verlangt?“ entgegnete Fairfax;„vergeſſen Sie übri⸗ gens nicht, was es auch ſey, Sie müſſen es geheim halten.“ Nach Tiſche erzählte er ihr ganz im engſten Vertrauen, daß er ſeine erſte und einzige Liebe, deren Namen er ihr nannte, heimzuführen gedenke. So ſonderbar ſein Verfah⸗ ren auch ſcheinen mag— Fairfax hatte richtig gerechnet, denn noch ehe die Geſellſchaft auseinanderging, war ſein Geheimniß in Jedermanns Munde, ohne daß er ſich weiter darum zu bemühen brauchte. Von nun an brachte er Tag für Tag bei ſeiner Mar⸗ garethe zu, und nachdem die Zeit ſeines Beſuches bei Lady V 205⁵ Clerk abgelaufen war, ſiedelte er ſich wieder im weißen Loͤ⸗ wen an, wo er eher ſein eigener Herr war. Margarethe war ſehr glücklich, und Fairfar war ihr Alles in Allem. Er hatte ſich freilich ſeit der Zeit, da fie ihn zu erſtenmale ſah, ziemlich verändert, war ernſt, ja faſt trübſinnig geworden, und es ſchien, als ob ſein jetziges Glück die Spuren, welche früherer Kummer in ſeinem Herzen zu⸗ rückgelaſſen, nur mühſam zu verwiſchen vermöge. Auch be⸗ merkte ſie und ſo auch Andere, daß er Kenmore's Namen nie in den Mund nahm, und Miß Harding machte ſie nicht ohne Lächeln drauf aufmerkſam, daß er niemals in irgend einer Weiſe auf die Zeit oder die Umſtände von Margarethens Vermaͤhlung mit dem alten Arzte zurückkam. „Was doch dieſe Männer eiferſüchtige Geſchöpfe find,“ dachte ſie;„er kann offenbar den Gedanken nicht ertragen, daß ſte— wenn auch nur dem Namen nach— das Weib eines Andern geweſen.“ Es koſtete Fairfax allerdings nicht wenig Mühe, um den Namen, den er zu haſſen ſchien, zu vermeiden; aber er blieb hartnäckig dem einmal angenommenen Verfahren ge⸗ treu, und nannte ſeine Braut vor ihr und ihrer Freundin immer nur Margarethe; hatte er dagegen vor Fremden von ihr zu ſprechen, ſo gebrauchte er alle möglichen Umſchrei⸗ bungen, indem er ſte die früͤhere Miß Graham' oder Mr. Graham's Tochter von Allerdale' nannte, und zu ihren Dienern fortwährend nur als von eihrer Gebieterin' ſprach. Dieſe Hartnäckigkeit ſchmerzte Margarethe einigermaßen, da ſie ihr unmöͤglich entgehen konnte und ihre eigenen Gefühle 206 gegen den alten Doktor Kenmore, die der Dankbarkeit und Hochachtung waren. Sie ließ ſich jedoch dadurch in ihrem Glücke nicht ſtören, denn ſie dachte, wenn ſie erſt verheirathet wären, müſſe die Urſache ſolchen Benehmens von ſelbſt weg⸗ fallen, und beſtimmte zur Verbindung mit dem Geliebten den früheſten Tag, den ſie nur wählen konnte, wie denn Marga⸗ rethe nichts von Affektation wußte. Sämmtliche Nachbarn wurden erſtaunlich freundlich, als ſie erfuhren, daß Mrs. Kenmore ſich mit Allan Fairfar vermählen werde; Margarethe ließ ſich— nicht ohne eine Anwandlung von Schüchternheit in Folge ihrer langen Ab⸗ ſchließung— zum Wiederbeſuche der Geſellſchaft überreden und fand auch wirklich immer mehr Gefallen daran, denn Jedermann wetteiferte im Lobe ihres künftigen Gatten, und nur ein einziges Mal erfuhr ſie eine jener kleinen Proben von Uebelwollen, denen man auf Seiten der Unzufriedenen beim Anblicke von fremdem Glück ſo häufig begegnet. „Es iſt doch ſonderbar, meine theure Mrs. Kenmore,“ bemerkte Lady Clerk,„daß Sir Allan Sie nie mit Ihrem jetzigen Namen anredet und keine Sylbe über Ihren früheren Gatten verlauten läßt— es iſt in der That merkwürdig.“ Margarethe fühlte die ganze Rohheit und Unfreundlich⸗ keit dieſer Worte, erwiederte aber dennoch in mildem Tone: „Seine Gedanken verweilen lieber bei früheren und glücklicheren Tagen, meine theure Madame. Es iſt in der That für uns Beide weit erfreulicher, ſo wenig wie möglich auf eine Zeit des Mißgeſchicks, des Kummers und der Leiden zurückzukommen und die Erinnerung eher bei den heiteren 207 Stunden verweilen zu laſſen, da ich noch Margarethe Graham und er einfach Allan Fairfax war.“ Von da an war Margarethe nie wieder bei Lady Clerk zu ſehen. Mittlerweile waren alle Anordnungen getroffen; der Tag der Vermählung nahte raſch heran, und die Aufregung, welche Margarethe empfand— jene wonnige, ſelige, zitternde Aufregung— konnte ihr den Unterſchied zwiſchen Liebe und Freundſchaft erſt recht klar machen. Einer von Sir Allan's Waffengefährten kam von London herbei, um der Ceremonie anzuwohnen; Margarethe wählte ſich blos eine Braut⸗ jungfer, dieſelbe, die ihr auch fruͤher das Geleite an den Altar gegeben hatte, und als ſich Fairfax am Tage vor der Trauung von ihr verabſchieden wollte, wendete er ſich an Miß Harding, indem er ihr ein Paket, das den ganzen Mor⸗ gen auf dem Tiſche gelegen hatte, mit den Worten über⸗ reichte: „Theure Miß Harding, Sie müſſen Margarethe und mir beweiſen, daß Sie ſich gegen zwei alte Freunde nicht ſtolz zeigen, ſondern dieſen kleinen Beweis unſerer Achtung und Zuneigung annehmen wollen.“ „Ich muß wiſſen, was es iſt, Sir Allan,“ verſetzte Miß Harding;„ſtolz ſollen Sie mich gewiß nicht finden; aber es gibt gleichwohl gewiſſe Dinge und Empfindungen, von denen Sie ſelbſt gewiß nicht wünſchen würden, daß ich ſie ſogar um Ihretwillen aufgäbe.“ „Ich wünſchte blos, daß Sie dieſes Paket annähmen,“ erwiederte Fairfax laͤchelnd;„das iſt auch Margarethen's 208 Wunſch, den Sie ihr, wie ich feſt überzeugt bin, am Vor⸗ abend ihres Vermählungstages gewiß nicht verweigern werden.“ „Was iſt es denn?“ rief Miß Harding etwas aufgeregt, was gegen ihre ſonſtige Ruhe beſonders abſtach. „Oeffne und lies, Eliza,“ bat Margarethe:„ich kann blos ſagen, daß Fairfax und ich während dieſes letzten Mo⸗ nats unſer Beſtes gethan haben, um unſere Wünſche für Dich in Erfüllung zu bringen, und Du würdeſt uns durch Deine Weigerung in der That großen Schmerz verurſachen.“ Mit zitternder Hand öffnete Miß Harding den dicken Umſchlag, fand aber nichts als etliche alte und neue Perga⸗ mentblätter und einen Papierſtreifen, welcher offenbar eine Liſte des Ganzen enthielt. Obenan ſtand geſchrieben: Ueber⸗ tragung des Adam Bernan, Esquire, zugehörigen Landgüt⸗ chens an Jungfrau Eliſabeth Harding.' Dann kam Lehen⸗ geld und Heimfall u. ſ. w. u. ſ. w., wovon die Beſchenkte kein Wort verſtand. „Das Alles begreife ich nicht,“ bemerkte ſte, ihre beiden Freunde mit verwirrten Blicken betrachtend. „Es iſt die Schenkungsurkunde jenes Landhäuschens ganz in der Nähe von Braunſchweig, das Du immer ſo ſehr bewundert haſt, meine theure Eliza,“ erklärte Marga⸗ rethe;„ein Vermächtniß von uns Beiden, an dem glücklich⸗ ſten Tage unſeres Lebens einer geliebten Perſon vermacht, welche mir in der Zeit des Unglücks und Kummers als Freundin zur Seite geſtanden. Du darfſt unſere Gabe nicht aus⸗ ſchlagen.“ 209 „Ich will es auch nicht, Margarethe,“ verſicherte Miß Harding, ihre Freundin mit zärtlichen Küſſen umarmend. „Dankbarkeit kann ich wohl ertragen, denn ſte iſt himmelweit von Abhängigkeit verſchieden.“ Als jedoch Miß Harding ſpäter den Betrag dieſes Geſchenkes näher unterſuchte, fand ſie, daß das hübſche Land⸗ haͤuschen auf das Schönſte möblirt war und daß nicht allein der davor gelegene Garten, ſondern auch ringsum ſämmtliche Felder dazu gehörten, was ſie bei ihren mäßigen Anſprüchen von der Welt gänzlich unabhängig machte. Der heiterſte Morgen begrüßte den Tag der Vermäh⸗ lung; die Kirche war dichter mit Zuſchauern beſetzt, als Mar⸗ garethe und ihr Bräutigam wünſchten, und die übliche Cere⸗ monie wurde vollzogen, durch welche Margarethe und Fair⸗ far Mann und Frau werden ſollten. Mit einem Herzen, das trotz der feierlichen Erinnerungen, die ſich mit ihrem jetzigen Glücke vermengten, um nichts weniger freudig und dankbar zum Himmel emporjubelte, ließ ſich Margarethe aus der Sakriſtei an den ihrer harrenden Wagen geleiten, um die Heimath mit dem ſo lange und zärtlich Geliebten auf kurze Zeit zu verlaſſen. Nach Verfluß des ſogenannten Honig⸗ monats ſollten ſie zurückkehren und ihr Haus in der Nähe von Braunſchweig ſo lange bewohnen, bis der alte in letzter Zeit etwas vernachläſſigte Familienſitz ihres Gatten voll⸗ ſtändig hergerichtet wäre. Wir übergehen die Zeit, welche ihrer Vermählung bis zu der Rückkehr der beiden Gatten folgte, und begnügen uns mit der Bemerkung, daß Miß Harding, als ſte Margarethen 210 bei Bewillkommnung ihrer Freundin ins Auge ſchaute, um die Geſchichte ihres Herzens darin zu leſen, in jedem Blicke derſelben nichts als die reinſte lauterſte Freude entdeckte.— Wie gerne möchten wir unſere Erzählung auf dem Punkte beſchließen, wo ſolche Geſchichten in der Regel abzubrechen pflegen: allein Margarethen's Bekümmerniſſe waren noch nicht zu Ende, und wir müſſen den Verlauf ihres Lebens noch eine Strecke weiter verfolgen. Fünfzehntes Kapitel. Erſte Wolke. Fünf bis ſechs Tage verſtrichen; Beſuche wurden ge⸗ macht und empfangen. Allan Fairfax ging mehr als einmal nach Braunſchweig, ohne Margarethen den Grund hievon anzugeben, beſuchte auch ſeinen alten Bekannten Ben Halli⸗ day mehrmals in deſſen Wohnung, wo wichtige Berathungen vor ſich zu gehen ſchienen. Margarethe bemerkte, daß es ſich um ein Geheimniß handle, ließ aber die Betheiligten mit Lächeln gewähren, da ſie überzeugt war, daß ſie es ſchon noch erfahren würde, und ſich ſo über alle Maßen glücklich fühlte, daß ihr Alles in den heiteren Farben ihrer eigenen Gemüthsſtimmung erſchien. Endlich am Dienſtag Morgen, nachdem ſich Fairfar einige Minuten aus dem Wohnzimmer entfernt hatte, kehrte er mit einem offenen Briefe in der Hand zu ſeinem ſchönen Weibe zurück. 211 „Ich muß ſogleich nach Braunſchweig hinüber, Theuer⸗ ſte,“ ſagte er und fuhr dann, ſeine Arme um ſie ſchlingend und ſie zärtlich küſſend, alſo fort:„Ich will Dir nun erzäh⸗ len, meine Margarethe, ich habe Allerdale gekauft, um in Zukunft an den geliebten Orten, wo wir uns zuerſt trafen, einen Theil des Jahres mit Dir zuzubringen.“ „Ach, das freut mich, das freut mich!“ erwiederte Margarethe;„aber das Geld, Allan? Ich weiß, daß Aller⸗ dale um fünfzigtauſend Pfund verkauft wurde: ich hoffe, Du haſt Dein altes Familiengut nicht veräußert, blos um mir eine Freude zu machen.“ „Nicht einen Morgen, theuerſte Margarethe,“ gab Fairfax zur Antwort.„Ich erzählte Dir ja vor einiger Zeit, daß ein Umſtand, den ich nicht näher angeben kann, mir eben in dem Augenblick, da mein Schickſal aus Mangel an Geld in der Schwebe ſtand, die Summe von hundert Pfund in die Hände führte— eine Summe, welche mir eine Maſſe von alten Briefſchaften meines Vaters verſchaffte, die ſein Geſchäftsführer zurückbehalten oder vielmehr geſtohlen hatte. Jene Papiere zwangen meine Brüder, meines Vaters Hin⸗ terlaſſenſchaft mit mir zu theilen, was auf meiner Seite über vierzigtauſend, Pfund ausmachte. Seit jener Zeit iſt ſchon einiger Zins aufgewachſen, ſo daß nur noch wenig an dem für Allerdale geforderten Kaufſchilling fehlt. Ueberdies iſt ausgemacht, daß ein Theil des Letzteren als Hypothek auf dem Gute ruhen bleibt, und ich glaubte mein Geld nicht beſſer anwenden zu können, als indem ich einen uns Beiden 212 ſo theuren Ort ankaufte. Jetzt muß ich aber ſogleich nach Braunſchweig hinüber, um den Handel abzuſchließen.“ Margarethe fühlte ſich ſehr glücklich über dieſe Anord⸗ nung, denn ihr Allerdale hatte nur ſüße Erinnerungen für ſie. Sie hatte dort die früheſten glücklichſten Tage des Lebens zugebracht, hatte dort in den Zeiten ihrer Wohlhabenheit die Geſellſchaft ihres gütigen hochſinnigen Vaters genoſſen, war daſelbſt zuerſt mit ihrem jetzigen Gatten bekannt geworden und dankte Fairfax für den Gedanken, ihres Vaters Gut wieder an ſich zu bringen, als ob dies ausſchließlich blos eine ihr erwieſene Gunſt wäre. Bald ſtand ſein Pferd vor der Thüre, der Reitknecht war genau zur befohlenen Minute in Bereitſchaft, und Allan Fairfax trabte haſtig nach Braunſchweig, wo er vor die Thüre des zu der groͤßten Fabrik in der Stadt gehörigen Wohnhauſes ſprengte. Dort kam ein Diener in ſchim⸗ mernder Livree zum Vorſchein und benachrichtigte Sir Allan, daß Mr. Hankum nicht zu Hauſe ſey, aber für den Fall, daß man nach ihm frage, hinterlaſſen habe, daß man ihn bei der Rathsverſammlung auf dem Stadtgerichte aufſuchen möchte. Dorthin ritt Sir Allan und ſchickte Mr. Hankum ſeine Karte in das Gerichtszimmer, worauf ihm jener Herr alsbald mit ausnehmender Höflichkeit entgegen kam, den jungen Baronet in ein Ausſchußzimmer führte und dort Platz zu nehmen bat. „Nun, Sir Allan,“ begann er,„ich denke, bis auf das Unterzeichnen der Kaufsbedingungen wäre Alles im Reinen. Es iſt ein ſchönes Gut und ich ließe mich gewiß durch nichts zu deſſen Verkaufe veranlaſſen, wenn ich nicht fände, daß es 213 mich von meinem Geſchäfte abhält. Jedenfalls bin ich hoch⸗ erfreut, daß es in die Hände eines ſo ausgezeichneten Edel⸗ mannes und Freundes unſeres armen Graham's fällt, der, wie ich wohl ſagen darf, die ganze Schöpfung hervorgerufen hat.“ „Sie ſind ſehr gütig,“ erwiederte Sir Allan,„und ich denke, wir könnten die Kaufsurkunde ſogleich aufſetzen. Sie ſind in ſolchen Dingen bewanderter als ich und hätten viel⸗ leicht die Güte, dies zu beſorgen.“ „Ei freilich, freilich,“ gab der Fabrikant zur Antwort, und begann nach kurzer Einleitung die feſtgeſetzten Bedin⸗ gungen niederzuſchreiben. Gleich bei der erſten erhob ſich jedoch eine Meinungs⸗ verſchiedenheit zwiſchen ihm und Fairfax, nämlich darüber, ob das fällbare Holz um die erwähnte Summe in den Kauf einzuſchließen ſey oder nicht. Mr. Hankum glaubte dies in ſeinem erſten Briefe ausdrücklich ausbedungen zu haben, was Fairfar in Abrede zog, worauf Mr. Hankum mit den höflichſten Worten den Brief zu ſehen verlangte, indem er ſich bereit erklärte, Alles, was dort geſagt ſey, als ausge⸗ macht anzunehmen. Sir Allan verſetzte, er habe den Brief nicht bei ſich könne ihn aber in kurzer Zeit herbeiſchaffen und wolle ihn durch ſeinen Diener holen laſſen, während ſte über die übrigen Bedingungen überein kämen. Er griff deß⸗ halb zur Feder und ſchrieb wie folgt: „Theuerſte Margarethe! „Oeffne meinen Schreibpult, deſſen Schlüſſel ich Dir 214 ſende, und nimm das Brieſpaket heraus, das Du im oberſten Fache rechter Hand finden wirſt. Falls Du in Zweifel dar⸗ über wäreſt, welches ich meine, darfſt Du nur nach der Un⸗ terſchrift Joſtah Hankum ſehen. Sende mir das Paket durch den Reitknecht, der mein Billet überbringt. Dein zartlicher Gatte, Allan Fairfax. Den Schlüſſel zum Schreibpult in das Billet einſchlie⸗ ßend, ſtegelte er es und übergab es ſeinem Reitknecht mit dem Befehle, ſich zu ſputen und eine Antwort zurückzu⸗ bringen. Nachdem dies geſchehen war, wurden die übrigen Be⸗ dingungen des Kontraktes berathen, womit Beide in weniger als zehn Minuten fertig waren, da ſich keine weitere Schwie⸗ rigkeit zwiſchen ihnen erhob. „Ich bitte, daß Sie ſich durch mich nicht von Geſchäf⸗ ten abhalten laſſen, Mr. Hankum,“ bemerkte Fairfax, ſobald Alles zu Ende war;„ich will hier warten und Sie rufen laſſen, ſobald mein Diener zurückkehrt.“ „Warum nicht lieber in das Gerichtszimmer treten, Sir Allan?“ ſagte der Fabrikant;„Sie werden ohnehin bald auf der Gerichtsbank ſitzen, und überdies wird eben ein Fall verhandelt, welcher Sie vielleicht intereſſtrt, denn der Mann, ein berüchtigter Wilderer, iſt geſtern hinter meinen Wildſtand gerathen, der, wie ich hoffe, in Kurzem der Ihrige ſeyn ſoll.“ „Wie heißt der Mann?“ fragte Fairfar. 215 „Jakob Halliday,“ erwiederte Mr. Hankum„„ein Vetter, wie ich glaube, von Lady Fairfax' Gutsverwalter.“ „Armer Burſche,“ verſetzte Fairfar im Tone des Be⸗ dauerns;„es thut mir leid um ihn; er wurde, wie ich er⸗ fuhr, von ſeinem Dienſtherrn, dem Pächter, ſehr hart be⸗ handelt und zur Verzweiflung getrieben.“ Mr. Hankum war es gar nicht unlieb, auf ſolche Weiſe die Anſicht ſeines Gefährten zu erfahren, denn er war ſehr geneigt, ſich um die Freundſchaft des jungen Baronets. welcher bald ſein Nachbar werden ſollte, zu bewerben, und ging ihm nach dem Gerichtszimmer voran, feſt entſchloſſen, Jakob Halliday's Sache ſo glimpflich wie möglich zu betrachten. Sie wurde ſchon vor dem Magiſtrate verhandelt, als die beiden Herren eintraten; das Verfahren wurde jedoch augen⸗ blicklich durch ihr Erſcheinen unterbrochen, indem Mr. Han⸗ kum den jungen Baronet dem Vorſitzenden, Sir Stephen Grizley, Ritter, einem fetten, pfiffigausſehenden Manne mit kleinen Augen vorſtellte. Er war ein höchſt komiſcher Richter, ſehr nachſichtig in ſeinen Urtheilen, wie er denn ſolche Gerichtsverhandlungen als den größten Spaß von der Welt zu betrachten ſchien. Wir haben wohl ſchon Alle bei Land⸗ gerichten ſolche Männer geſehen, und brauchen darum nicht länger bei deſſen Schilderung zu verweilen, indem wir nur noch anmerken, daß er trotz ſeiner Nachſicht und Lachluſt doch großen Takt im Auffinden der Wahrheit beſaß, auch wenn ſie nicht immer durch das übliche förmliche Verfahren zu Tage gefördert wurde. Sobald die Magiſtratsperſonen und Fairfax mit ihnen 216 ſich wieder geſetzt hatten, wurde Jakob Halliday's Fall von Neuem vorgenommen. Der Arme ſtand eben mit wildem und hagerem aber nicht unentſchloſſenem Geſichte vor den Richtern, und wendete ſeine Blicke mit einem Ausdrucke von Hoffnung auf den jungen Baronet, wie wenn er bei ihm wenigſtens Theilnahme zu finden erwarte. Ein Wildhüter und ein Flurſchütz deponirten ſo eben, daß ſie den Gefangenen während der verfloſſenen Nacht in einem der Gebüſche von Allerdale getroffen und nicht weit davon einen Haſen in der Schlinge gefunden hätten; über⸗ dies habe Jakob Halliday verſchiedene höchſt verdächtige Stücke Bindfaden bei ſich gehabt, ohne daß dieſe jedoch zu Schlaufen, Maſchen oder Schlingen verarbeitet geweſen wären; auch habe er kein Wild bei ſich getragen. Dies war Alles, was gegen ihn bewieſen werden konnte, und das Ganze alſo einer jener Fälle, wo das eine Gericht je nach den beſonderen Vorurtheilen den Angeklagten für ſchuldig er⸗ klären mochte, während vielleicht ein anderes ihn völlig freiſprach. „Nun, Jakob,“ begann Sir Stephen Grizley,„Ihr wißt, mein guter Burſche, Ihr ſeyd ein ſchrecklicher Wilddieb.“ „Mag ſeyn, daß ichs bin, Euer Ehrwürden,“ verſetzte Halliday;„aber wenn ichs auch bin, ſo möcht ich wohl wiſſen, was mich dazu gemacht hat?“ „Mein guter Freund, Ihr müßt nicht ſolche ungeſchickte Fragen an das Gericht ſtellen,“ ermahnte Sir Stephen kichernd;„Ihr mögt vielleicht ſagen, Pachter Stumps ſey es geweſen— Stumps iſt ein harter Burſche. Vielleicht 217 gar das neue Armengeſetz— auch dieſes iſt ein harter Burſche; allein ich fürchte, wir dürfen hungrige Mäuler und leere Börſen nicht als Entſchuldigung für Wilderei gelten laſſen.“ „Aber ich habe diesmal nicht gewildert,“ verficherte Halliday. „Jedenfalls wurdet Ihr auf unerlaubtem Gebiete ge⸗ troffen,“ bemerkte einer der Magiſtratsherrn. „Das iſt nicht wahr,“ verſetzte der Gefangene;„es i*ſt ein gebahnter Pfad, wie Jedermann in der Umgegend wohl weiß.“ „Ich denke, das kann ich ſelbſt beſtaͤtigen,“ meinte Fairfax;„ich ſelbſt bin auf dieſem Wege mehr als einmal durch das Gebuſch gegangen.“ „Wie, bei Nacht?⸗ fragte Sir Stephen. „O ja, auch bei Nacht,“ erwiederte Fairfar,„wenn ich nämlich die Beſchreibung richtig verſtehe.“ „Es iſt der Pfad, der von dem rothen Pfoſten ausläuft,“ beſchrieb der Wildhüter in mürriſchem Tone;„ich weiß, daß die Leute darauf wandeln, aber ſte haben kein Recht dazu und mögen ſich wohl hüten, ſich dort von mir erwiſchen zu laſſen.“ „Was dgs Recht betrifft,“ entgegnete der junge Baro⸗ net,„ſo kann ich hieruͤber nicht urtheilen; ich weiß blos, daß der Weg häufig von Perſonen aller Klaſſen betreten wird und daß er mir von dem verſtorbenen Mr. Graham als der kärzeſte Pfad von ſeinem Hauſe nach dem Moor gewieſen wurde.“. „Was haben Sie dagegen zu ſagen, Hankum?“ fragte James. Margarethe Graham. 15 218 der luſtige Vorſitzer;„falls Sie gebratene Faſanen lieben, müſſen Sie, denk' ich, den Pfad abſperren.“ „Ich glaube auch, Sir Stephen, die Sache läßt ſich nicht durchführen,“ meinte Mr. Hankum.„Ich liebe aller⸗ dings die Faſanen, aber die Gerechtigkeit noch mehr.“ „Bravo!“ rief der Ritter.„Hat der Gefangene irgend Widerſtand geleiſtet, Wildhüter?“ „Das könnt ich nicht ſagen,“ erwiederte der Gefragte; „es geſchah aber blos, weil er wußte, daß er nichts bei ſich trug. Hätte er ein Wild gehabt, ſo hätt' es eine hübſche Arbeit gegeben.“ „Der Angeſchuldigte iſt freigeſprochen,“ erklärte Sir Stephen;„aber nehmt meinen Rath, Meiſter Jakob, und gewoͤhnt Euch Eure Vorliebe für's Wildbret ab.“ „Ich will mich keineswegs verſtockt zeigen, Sir,“ er⸗ wiederte Jakob Halliday,„denn Sie ſind ein guter freund⸗ licher Herr, der den Armen eben ſo bereitwillig wie den Reichen Gerechtigkeit erweist. Aber ich muß doch Weib und Kind auf irgend eine Weiſe ernähren, und wenn dieſer Burſche mich wieder einmal auf jenem Pfade anhaͤlt, ſo mag er auf ſeine Beine Acht haben.“ „Ich werde Dich anhalten, wo ich Dich finde,“ erwie⸗ derte der Wildhüter, worauf Beide mit dieſen gegenſeitigen Anzeichen freundlicher Geſinnung das Gerichtszimmer ver⸗ ließen. Eben ſollte ein zweiter Fall vorgetragen werden, als Sir Allans Reitknecht zurückkehrte und ſeinem Herrn das Briefpaket in den Gerichtsſaal hineinſchickte. Fairfax zog — 219 ſich mit Mr. Hankum in das Ausſchußzimmer zurück, und der erſte Vorſchlag des Fabrikanten wurde vorgeleſen. Es ergab ſich, daß die Sache weder für noch gegen Fairfax ſprach, denn die Stipulation in Betreff des Holzes war nicht ganz deutlich geſtellt, ließ ſich aber doch zu Gunſten des Fa⸗ brikanten auslegen, weßhalb beide Kontrahenten dahin über⸗ einkamen, daß man das Holz abſchätzen und daß Sir Allan weg; dann ſtieg Fairfax zu Pferde und ritt nach Haus, um den Sonnenſchein ſeiner Häuslichkeitvöllig verfinſtert zu finden. „Ich muß leider bemerken, Sir, daß Mylady ſehr krank iſt,“ meldete der erſte Diener, den er in der Halle traf. „Krank“ rief Fairfax in großer Unruhe;„was fehlt ihr?“ „Sie iſt zweimal in Ohnmacht gefallen, Sir,“ erzaͤhlte der Mann,„und was wir auch vornehmen, wir köͤnnen ſie diesmal nicht zur Beſinnung zurückbringen.“ Mit Gefühlen, wie er ſte noch nie in ſeinem Leben empfunden hatte, eilte Fairfax die Treppe nach Margare⸗ then's Schlafzimmer hinauf. „—— Sechzehntes Kapitel. Aergſter Sturm. Margarethe Graham ſaß etwa eine Stunde nach dem Abgange ihres Gatten ruhig an ihrem Schreibtiſche, als ein Diener mit einem Paket in der Hand eintrat. 15° —,— 220 „John ſagt, Mylady,“ ſo meldete er,„Sir Allan wünſche umgehende Antwort.“ Die Dame öffnete den Brief, und fand jene Worte, welche ihr Gatte, wie wir oben ſahen, auf dem Stadtgerichte geſchrieben hatte. „Wartet einen Augenblick,“ befahl ſie,„ich will die Papiere ſogleich bringen.“ Mit dieſen Worten ging ſie mit dem kleinen Schlüſſel in der Hand nach dem Zimmer, das während ihrer Abweſen⸗ heit ausdrücklich für Fairfax eingerichtet worden, und trat an den Tiſch, auf welchem der Schreibpult ſtand, um den Schlüſſel ins Schloß zu ſtecken. Dieſes öffnete ſich nur mühſam, denn es war auf den Feldzügen, die es mitgemacht hatte, ziemlich beſchädigt worden, und bei der Gewalt, mit welcher Margarethe es aufſchließen mußte, wäre der Pult beinahe vom Tiſche gefallen. Endlich ging es jedoch auf, und die erwähnten Papiere wurden pünktlich zuſammen⸗ gebunden vorgefunden. Ohne den Pult zu ſchließen, ging ſie nach der Thüre, um den Diener zu rufen und ihm das Paket für ſeinen Herrn zu übergeben; dann kehrte ſie zuruͤck, ſchloß den Deckel des Pults und drückte ihn nieder, um den Schlüſſel umzudrehen. Hiebei brachte ſie jedoch den Schreibpult aus dem Gleich⸗ gewicht, ſo daß er zu Boden und ihr faſt auf den Fuß ſiel⸗ wobei der obere wie der untere Theil aufſprang, viele Papiere auf den Boden flogen, und ein geheimes Schiebfach, wie es, glaub' ich, an allen Schreibpulten üblich iſt, theilweiſe zum Vorſchein kam. Margarethe beeilte ſich, die Papiere aufzuleſen 221 und auf den Tiſch zu legen, worauf ſie den Pult aufhob, während das Schiebfach noch weiter hervortrat, und deſſen Inhalt ihr unwillkürlich vor Augen trat. Wie ſonderbar iſt doch oft unſere Gedankenverbindung! In dem Schiebfache lag Nichts, als ein Paar altmodiſche filberne Schuhſchnallen, und gleichwohl begann Margarethe bei deren Anblick augenblicklich auf's heftigſte zu zittern. Sie wandte die Augen weg, und wollte die Schnallen anfänglich nicht länger betrachten, ſondern ſammelte mit marmorbleicher Wange und bebender Hand die auf dem Tiſche liegenden Papiere und ſteckte ſie in bunter Verwirrung in den unteren Theil des Schreibpults. Die Schnallen lagen noch immer da und ſtarrten ihr ins Geſicht, es ſchien, als ob ſie ihre Blicke mit eigenthümlicher Gewalt auf ſich zögen, bis ſie endlich, unfähig, den Pult zu ſchließen, ſtille ſtand und ſie betrachtete. Sie konnte nicht widerſtehen— ſie nahm ſie heraus und drehte ſie um. Auf einer derſelben zeigte ſich eine Spur, als ob ein blutiger Finger ſie berührt hätte; aauf dem inneren Rande von Beiden waren die Buchſtaben: A. K— Andrew Kenmore eingravirt. Die Sache war nicht länger zu bezweifeln, es waren die Schuhſchnallen, welche ihr ermordeter Gatte zur Zeit ſeines Todes getragen hatte— die Spur ſeines Blutes klebte noch an ihnen! Margarethe ſchob ſie haſtig in das Fach, ſchloß dieſes wie den Pult, und blieb dann in tiefen Gedanken auf den . Tiſch gelehnt ſtehen. „Wie kann Fairfax dazu gekommen ſeyn?“ fragte ſie 222 ſich, während eine Maſſe der peinlichſten ſchrecklichſten Erin⸗ nerungen auf ſie einſtürmte;„dies kann zur Entdeckung des Mörders führen. Fairfax ſtreifte damals in der Gegend herum— Doktor Kenmore hat ihn ja ſelbſt geſehen. Wo kann er die Schnallen gefunden haben? Ich muß ihm den Vorfall mittheilen und ihn fragen— aber ich wage es kaum, denn jede Erinnerung an jene Zeit wie an den armen alten Mann ſcheint ihn zu ſchmerzen oder zu erzürnen. Die Pflicht verlangt es jedoch, und ich muß es thun. Es iſt überhaupt ſonderbar, daß er ſo ungerne von einem Gegen⸗ ſtande ſpricht, der doch offenbar keine Eiferſucht in ſeinem Herzen wecken kann.“ Margarethens Gedanken berührten bereits gefährlichen Boden. Bis jetzt kam ihre Erſchütterung blos von den Bildern, welche der Anblick in ihr hervorgerufen hatte. Was überzog aber plötzlich ihre Wange mit dieſer Todtenbläſſe?— Das erſte Flüſtern eines Zweifels ließ ſich vernehmen— eines Zweifels, den ſte im nächſten Augenblick in tiefem Unwillen mit trotzig aufgeworfener Lippe zurückwies, wie wenn ein fremder Mund einen Verdacht gegen ihren Geliebten geäußert hätte. Es war Thorheit— war Wahnfinn, an ſo etwas zu denken— Fairfar, der tapfere edle großherzige Mann ſollte einen armen Greis verletzt haben! Aber ach, wie feſt hängt ſich der Zweifel, dieſe boshafte Kleite, an das menſchliche Gemüth, ſobald er auch nur den geringſten Anhaltspunkt darin gewonnen hat! Sie fragte ſich, ob ihr Geliebter nicht zufällig mit dem Gatten zuſam⸗ mengetroffen, ob nicht ein Streit daraus entſtanden ſeyn 223 könne. Ein zufälliger Schlag!— Himmel und Erde, wie ihr Gehirn wankte! Jene räthſelhaften hundert Pfund, de⸗ ren er mehr als einmal erwähnt hatte, ohne ihr zu ſagen wie er dazu gekommen ſey— ſein Widerwille vor der Erwäh⸗ nung ihrer unglückſeligen Heirath— ja vor dem bloßen Namen Kenmore— dies Alles trat ihr in einem Augenblick vors Gedächtniß. „Unfinn, Unſinn!“ rief ſte; aber die Erſchütterung bei dieſem Gedanken war zu groß, und ſte ſiel ohnmaͤchtig zu Boden. Sie blieb nicht lange liegen, denn der Diener ſuchte fie, um ihr zu melden, daß Ben Halliday ſie zu ſprechen wünſche. Als er ſeine ſchöne Gebieterin ohnmächtig auf dem Teppich liegen ſah, zog er die Glocke und rief um Hülfe, worauf Halliday mit dem Mädchen herbeirannte. Margarethe wurde aufs Sofa gelegt, man ſpritzte ihr Waſſer ins Ge⸗ ſicht, was ſie bald wieder zum Bewußtſeyn brachte, und jetzt da die volle Erinnerung in ihr erwachte, ſchäͤmte ſie ſich der Erſchütterung, die ſie um ſolcher Urſache willen erfahren hatte. Voller Anmuth von ihrem Lager ſich erhebend, dankte ſie den treuen Dienern für ihre Bemühung und erklärte ihnen, daß ſie ſich wohler fühle. Als ſie Halliday's anſichtig wurde, fragte ſie ihn, ob er etwas von ihr wünſche. „Ja, Mylady,“ erwiederte der gute Mann;„ich kanns aber auch ein andermal vorbringen.“ „Nein, Halliday, nein,“ gab ſte zur Antwort;„ich bin jetzt faſt ganz hergeſtellt. Ich will im Augenblick mit Euch ſprechen,“ indem ſie die Hand auf die Stirne preßte, ſo 224 wie derſelbe Gedankengang, den ſie zu verbannen ſuchte, zurückkehren wollte.—„Was iſt es, Halliday?“ forſchte ſie. Der Mann ſchwieg mit einem Blicke auf den Diener, bis er endlich erwiederte: „Ein andermal iſt's eben ſo gut, Mylady.“ „Verlaßt uns, William und auch Du, Marthe,“ ge⸗ bot Margarethe den beiden Dienern;„und nun, Halliday, was gibt es?“ „Ci, ich wollte zuerſt wegen meines Vetters Jakob mit Mylady reden,“ erwiederte Halliday:„ich mochte Sie bis jetzt nicht erſuchen, ihm Arbeit zu geben, denn der arme Teufel hat ſich durch ſeine Armuth und noch andere Umſtände zu allerlei Unrecht verführen laſſen, und ich habe ihm ſeither ausgeholfen, ſo gut ich konnte. Neulich aber ſprach er mit mir darüber und ſchien ſehr unglücklich, daß er ſein Brod nicht ehrlich verdienen könne; er gab mir ſein Wort darauf, nie wieder etwas Schlimmes zu beginnen, wenn Sie es ein⸗ mal mit ihm verſuchen wollten. Ich ſagte ihm, ich würde ihm Ihre Entſcheidung mittheilen, dürfe Ihnen aber nicht verbergen, daß er ein arger Wilderer geweſen, wiewohl ich glaube, daß er es blos deßhalb that, um Weib und Kind zu ernähren.“ „Ei ſo verſuchts mit ihm, Ben,“ erwiederte Lady Fair⸗ far mit zerſtreuter Miene;„Ihr müßt nur darauf ſehen, daß er ſein Wort hält.— Hattet Ihr mir ſonſt noch etwas zu ſagen?“ „Nein, Mylady,“ erwiederte Ben Halliday;„ich wollte nur Sir Allan, wenn er zu Haus geweſen wäre, etwas zu⸗ 225 rückgeben, was er vor eiwa zwei bis drei Jahren eines Mor⸗ gens in meiner Hütte zurückließ.“. „So— wann war das?“ fragte Margarethe haſtig. „O, Ma am, es war zu einer Zeit, von der man nicht gerne ſpricht,“ erwiederte der gute Mann;„er kam ſo freund⸗ lich— es war gerade am Morgen nachher, der Tag war kaum angebrochen, und als er fand, wie krank ich war, ſchenkte er mir fünf Sovereigns. Sobald er fort war, fanden wir gerade da, wo er geſeſſen hatte, einen Schlüſſel auf dem Boden. Er muß ihm wohl entfallen ſeyn, als er ſeine Börſe herauszog, und ich hätte ihn immer gerne zurückgegeben, habe es aber ſeither vergeſſen.“ „Den Morgen nachher?“ fragte Margarethe, ihn mit geſpanntem Blicke betrachtend—„nach was meint Ihr?“ „Nach einer ſehr traurigen Nacht, Mylady,“ verſetzte Halliday,„da wir alle einen ſehr gütigen Freund verloren.“ „Ein Schlüſſel!“ ſagte Margarethe;„ein Schluͤſſel! Laßt mich doch ſehen.“ „Ja, Mylady,“ erwiederte der Bauersmann in ſeinen Taſchen ſuchend.„Da iſt er,“ indem er einen ſtarken ei⸗ genthümlich geformten Schlüſſel hervorzog. „Er iſt mein,“ rief Margarethe auffahrend und ihn zur Hand nehmend, indem ſie ihn mit tiefer Trauer betrachtete, ver iſt mein!“ Sie kannte ihn nur allzuwobl: es war der Schlüſſel zu Kenmore's eiſerner Kaſſe, und Margarethe fiel im nächſten Augenblick in eine abermalige todtähnliche Ohnmacht. „Welch ein Thor war ich doch, des guten Doktors Er⸗ 226 mordung vor ihr zu erwähnen,“ meinte Halliday, den Die⸗ ner herbeiholend. Dießmal blieben jedoch ihre Anſtrengungen, die Gebie⸗ terin ins Leben zurückzurufen, vergeblich, und kaum fünf Minuten, nachdem ſie Margarethe in ihr Schlafzimmer ge⸗ ſchafft hatten, kehrte Fairfar aus der Stadt zurück. Im nächſten Augenblick war er bei ihr, hielt ſie in ſei⸗ nen Armen, traf raſche und umſichtige Maßregeln zu ihrer Wiederbelebung, und nach einer Viertelſtunde öffnete Mar⸗ garethe die Augen, und ihr Haupt ruhte an der Bruſt ihres Gatten. Wer vermag die Regungen jenes Augenblicks zu ſchil⸗ dern? Liebe, Vertrauen, Furcht, Zweifel, Argwohn— Alles wogte bei ihr in einem furchtbaren Chaos. Schluchzend lag ſie in den Armen ihres Gatten, welcher ſie ſtützte und beſänf⸗ tigte und von Allem, was vorgegangen, nicht eine Sylbe wußte. Sie wurde etwas ruhiger, nur ſah er ſie manchmal von Anfällen tiefen Nachſinnens ergriffen, welche er nicht begrei⸗ fen konnte; ſie erklärte zwar, ſie fühle ſich beſſer und ſtand auf, indem ſie verſuchte, ihr gewohntes Weſen wieder anzu⸗ nehmen; allein ihre Weiſe war von jener der offenen gerad⸗ finnigen warmherzigen Margarethe Graham ſo himmelweit verſchieden, daß ihr Gemahl es nicht ohne Schmerz und Un⸗ ruhe anſehen konnte. Sie war kalt, zerſtreut, nachdenklich, wobei ſie ihn manchmal mit Blicken voll Zärtlichkeit und Liebe betrachtete, und dann wieder mit eiſigem Schauder vor ihm zurückzubeben ſchien. Ein andermal verſank ſie in ſo 227 tiefe Träumerei, daß fie nicht hoͤrte, wenn er mit ihr ſprach, und beim Wiederholen ſeiner Worte zuſammenfuhr, als wäre ſte über einem Verbrechen ertappt worden. So dauerte der furchtbare Kampf in ihrer Bruſt den ganzen lieben langen Tag und die darauf folgende Nacht, indem Regungen der verſchiedenſten Art bald alle zumal, bald wieder einzeln, ihre Seele überfielen. Hatte die Liebe triumphirt, hatte, ſie ſich geſagt, eine Schuld auf Fairfax' Seite ſey unmöglich, ſolche Thaten lägen nicht in ſeiner Na⸗ tur, war ſte eben im Begriff, ihm Alles zu erzählen: ſo kam ihr alsbald wieder ins Gedächtniß, wie er ihr geſagt hatte, daß die Nachricht ihrer Vermählung mit einem Andern ihn beinahe wahnfinnig gemacht— daß ſie ſein Weſen und ſei⸗ nen Charakter völlig ausgewechſelt, ſo daß er eine Zeit lang kaum gewußt, was er gethan habe. Dann fragte ſte ſich: „wenn ich's ihm ſage, wenn der furchtbare Verdacht ſich be⸗ ſtätigt— was ſoll dann erfolgen?“ Dieſer Gedanke drohte ſte gänzlich zu verwirren; aber fie zögerte noch immer, um alle Umſtände zu erwägen, alle Ereigniſſe zu überlegen, und immer ſchrecklichere Beweiſe drängten ſich ihr auf, gegen welche ſte nichts als Liebe und Vertrauen aufzubieten hatte. Einen Augenblick lang glaubte ſte, Alles ſey beſſer als dieſer furchtbare Zweifel, und ſte beſchloß mit Fairfar zu ſprechen; allein der Muth verließ fie, ſie fühlte, daß ſie es nicht wagen koͤnne— ihr ſchien, als ob die erſten Worte ihr ganzes Glück für immer vernichten müßten— es kam ihr vor, wie wenn ſte die Frucht vom Baume der Erkenntniß pflücken wollte, deren Genuß den 228 Tod in das Eden ihrer Liebe bringen würde. Sie erwog, was wohl ihre Empfindungen ſeyn müßten, wenn er zau⸗ derte oder wankte, wenn ſich nicht Alles ſonnenklar erklären ließe. Wie ſollte ihr Benehmen werden, wenn ihre argen Zweifel ſich beſtätigten?— Sie dachte an die neuen Kämpfe, denen ſie unterliegen, an die Angſt und Beſorgniß, welche ihr bevorſtehen würde, und ſie meinte zuletzt, Unwiſſenheit — ja ſogar theilweiſe Unwiſſenheit ſey hier der vollſtändigeren Kenntniß vorzuziehen, bis ſte zuletzt beſchloß, an ſeine Un⸗ ſchuld zu glauben, zu vergeſſen, was ſie geſehen und erfahren hatte, und blindlings darauf zu bauen, daß Alles genügend erklärt werden würde. Glauben, Vergeſſen, Vertrauen! das ſind Dinge, welche über den Willen des Menſchen hinausreichen. Sie fühlte es— ja ſie empfand, daß wenn ſie glauben, vertrauen und vergeſſen könne, ſte eben ſo gut auch mit ihm ſprechen dürfe: aber hiezu fehlte ihr der Muth, und ihre Seele ſchwankte zwiſchen Ueberzeugungen und Entſchlüſſen, welche mit ein⸗ ander unverträglich waren. Kein Schlaf beſuchte ihr Auge in jener Nacht, und ſie erhob ſich bleich und erſchöpft, noch fortwährend traurig und nachdenklich. Fairfar ſchickte nach einem Arzte; allein was ver⸗ mochte hier alle Heilkunde der Welt? Er fühlte ihren Puls und erklärte das Ganze für hyſteriſche Anfälle— mehr konnte er nicht ſehen. Er verordnete ihr einen unſchädlichen Trank— weniger konnte er nicht vornehmen. Fairfax er⸗ kundigte ſich bei den Dienern, ob irgend etwas vorgefallen ſey, was ihre Gebieterin waͤhrend ſeiner Abweſenheit er⸗ 229 ſchreckt und beunruhigt habe: ſte wußten von Nichts. Er fragte Margarethen ſelbſt: ſie brach in Thränen aus, gab aber keine Antwort. Ihre Seelenſtimmung war durch dieſe Kämpfe gänzlich erſchüttert; die natürliche Freimüthigkeit ihres Weſens war durch den gewaltigen Schreck überwältigt, und ſo ſehr ſie ſich auch darnach ſehnte, mit ihm zu ſprechen — ſie vermochte es nicht. Fairfax fühlte ſich verwirrt, betrübt, beunruhigt, faſt beleidigt. Ein zweiter, ein dritter Tag verſtrich; der Arzt beſuchte ſte zweimal und gab endlich zu verſtehen, daß keine Krankheit, wohl aber eine geiſtige Erſchütterung vorhanden ſey. Fairfax ſuchte ſie zu beſänftigen; allein der Aufſchub hatte indeſſen den anfänglich gefaßten Entſchluß weit ſchwie⸗ riger gemacht und ihren Argwohn nur noch tiefere Wurzeln in ihrer Seele faſſen laſſen. Die Thatſachen hatten ſich kla⸗ rer in ihrem Geiſte geordnet: ſo viel war offenbar, daß ihr Gatte zweierlei dem Todten angehörige Effekten in Beſitz hatte; er ſelbſt hatte zugegeben, mit einemmale zu einer Geloſumme gelangt zu ſeyn, welche, wie ſie wußte, der dem Ermordeten geraubten ziemlich gleichkam; er mußte ſich da⸗ mals in der Nähe befunden haben; er wollte nie erklären, wie er zu jener Summe gekommen ſey, und vermied es ſorg⸗ fältig, ſogar den Namen des Todten zu erwähnen. Sie kämpfte aus allen Kräften, um es nicht zu glauben, um nicht zu zweifeln und zu argwöhnen, konnte aber dennoch, wenn er ſte berührte, eine Anwandlung der Furcht und des Schau⸗ ders nicht unterdrücken. Fairfar bemerkte es und ſein Stolz faßte Feuer; auch 230 er ſchien jetzt die Faſſung zu verlieren: er wurde kalt, ſtreng und zurückhaltend, nannte Margarethe— ſeine Margarethe Madame,, bis er endlich am Morgen des fünften Tages das Lager, das für ihn ein wahres Folterbette geworden war und welches Margarethe mit ihren Thränen benetzt hatte, verließ und mit der Weiſung an die Diener, daß er wahr⸗ ſcheinlich den ganzen Tag nicht zurückkehren werde, aus dem Hauſe aufbrach, um auf dem Moore ſeinen einzigen Troſt— die Einſamkeit aufzuſuchen. Vierter Cheil. Der Tag hellt ſich auf. Siebenzehntes Kapitel. Entdeckung. Es war ein heller friſcher Herbſtmorgen; die Luft war kalt und klar, der Himmel mit vorüberziehenden Wolken be⸗ deckt. Fairfar nahm den Hut ab, um ſich die brennende Stirne vom Winde kühlen zu laſſen. Dies ſchien ihn neu zu beleben und ſeine Gedanken zu beruhigen, ſo daß ſie end⸗ lich einen regelmäßigen Gang annahmen, während er weiter ging und den Hügel hinanzuklimmen begann. „Hier liegt irgend ein finſteres Geheimniß verborgen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Was kann es wohl ſeyn? Marga⸗ rethe eines Verbrechens oder Betruges ſchuldig zu glauben iſt unmöglich— und doch iſt ihr Benehmen zu auffallend. Was hab' ich gethan, um mir ihre Neigung und zwar ſo 23² plötzlich zu entfremden? In einem Augenblicke— einem einzigen kurzen Augenblicke— mitten in unſerer höchſten Liebeswonne eine ſo vollſtändige und ſchreckliche Verände⸗ rung vor ſich gehen zu ſehen, iſt in der That unerklärlich. Dieſer Zuſtand iſt nicht länger zu ertragen— ihre Neigung, ihr Vertrauen iſt dahin. Sie bebt vor mir zurück— will ſich mir nicht vertrauen. Wir müſſen uns trennen,“ fuhr Fair⸗ fax wehmüthig fort, ſeine geſcheiterten Hoffnungen betrach⸗ tend.„Wir müſſen uns trennen,“ wiederholte er,„nach ei⸗ ner ſo kurzen Periode des Glücks, nach dieſem raſchen Traume leidenſchaftlicher Liebe müſſen wir ſcheiden! Ich werde ſie zwar immer lieben, aber ſie ſoll nie mehr vor mir zurück⸗ beben, ſoll nie mehr zittern, wenn der Gatte ihrer Wahl ſich ihr nähern will.— O Gott! das iſt ſchwer zu tragen!“ Unter ſolchen Selbſtgeſprächen verfolgte er den ſchma⸗ len Fußpfad, welchen der arme Doktor Kenmore in der Nacht ſeiner Ermordung eingeſchlagen hatte. Ohne die Umge⸗ bung ſonderlich zu beachten— denn hiezu war er mit ſeiner inneren Welt zu ſehr beſchäftigt— äußerte dennoch die ſchöne Natur, welche gleich der Sprache der Muſik, auch wenn wir nicht auf ſie horchen oder nur mit Widerſtreben hören, uns dennoch in Frieden lullt, ihren Einfluß auf ihn. Die weite offene Landſchaft, das Moor vom blühenden Heide⸗ kraut mit einer Purpurdecke überkleidet, die langen Licht⸗ und Schattenlinien, der blaue Duft, der ſich über das Ganze ausbreitete, die fluͤchtige Schattirung, welche jeden Augen⸗ blick vor ſeinem unachtſamen Auge wechſelte, die friſche be⸗ lebende Luft ſtimmten ſein Gemüth zu ſanfter Ruhe: jede 233 Härte in ſeinen Gedanken wurde von Gottes ſchöner Schö⸗ pfung gemildert; ein heiligerer wohlwollenderer Geiſt als dort in den Wohnungen von Menſchenhänden gemacht, ſchien hier im Freien die Atmoſphäre zu durchdringen, und er hatte den Gipfel des Hügels noch nicht erreicht, als er ſtille hielt und ſich auf die Grenzſteine zweier Gemeindemarkungen nieder⸗ ſetzte.. „Arme Margarethe!“ ſagte er,„ich will noch einen Verſuch machen. Sie muß wohl ſchwer leiden: ich will es noch einmal probiren.“ Ein ſonderbarer Zufall wollte, daß er ſich kaum zwei Schritte von dem Punkte niedergeſetzt hatte, wo früher Doktor Kenmore's Leichnam gefunden worden war; den Rücken hatte er der eben erwähnten eingefallenen Hütte zu⸗ gewendet, während er mit dem Geſicht gegen Allenchurch und Braunſchweig hinſchaute. Alles war ſtill und ſchweig⸗ ſam; nur die Heuſchrecke ließ fich vernehmen und eine Krähe flog langſam vorüber: ſonſt rührte ſich Nichts am weiten Himmelsraume und von der Erde ſah man blos eine blaue Rauchwolke emporſteigen, welche weit unten aus dem Ka⸗ mine einer Hütte aufdampfte und ſich langſam emporkraͤu⸗ ſelte, bis ſie die Hügellinie paſſirt hatte und ſich in der reinen Luft verlor.* Es war ſo ſtill, daß man das Scharren eines Käfers hätte hören können, und Fairfax vernahm auch wirklich hinter ſich einen ſchweren plumpen Fußtritt, ähnlich dem eines Landmannes; da er ſich aber nicht einmal durch ein rauhes James. Margarethe Graham. 16 234 „Guten Morgen“ in ſeinen Gedanken ſtören laſſen mochte, ſo ſchenkte er ihm keine Aufmerkſamkeit, ſondern ließ ſeine Blicke vorwärts über den Abhang des Moores hinſchweiſen. Der Tritt kam näher und immer näher, ſo daß Fairfax end⸗ lich dachte:„der Burſche wird mich noch überrennen,“ als er plötzlich ein Raſcheln, ein Handgemenge und zuletzt den lauten Ruf vernahm: „Verdammter Schlingel, möchteſt Du ihn tödten, wie Du den alten Doktor getödtet haſt?“ Im ſelben Augenblicke flog ein ſchwerer Stein an ihm vorüber, welcher ſeine Schulter leicht ſtreifte und ſeine Wange ſchürfte. Man kann ſich denken, wie Fairfax aufſprang und ſich umwandte, um zwei Schritte vor ſich den Simpel Tommy Hicks unter Jakob Halliday's ſtarker Fauſt ſich krümmen zu ſehen. „Bei meinem Leben,“ rief der Mann den Simpel ſeſt⸗ haltend,„es wäre ihm beinahe gelungen. Ich hoffe, er hat Sie nicht getroffen, Sir: noch eine Minute— und er hätte Ihnen das Hirn zerſchmettert.“ „Tauſend Dank, Halliday,“ erwiederte Fairfar;„aber ſo darfs nicht länger fortgehen. Der unglückliche Menſch muß eingeſperrt werden: wir müſſen ihn in Verwahrung nehmen. Da habt Ihr mein ſeidenes Taſchentuch; wir bin⸗ den ihm dann die Arme und führen ihn nach Braunſchweig. Man hätte ihn ſchon ſeit Jahren an irgend einem Zufluchts⸗ orte unterbringen ſollen.“ „Das hätte man freilich ſollen,“ meinte Jakob Halli⸗ 23⁵ day, indem er den Simpel binden half, was aber nicht ohne gewaltigen Kampf gelang.„Ich habe es immer geſagt.“ „Jetzt ſeine Beine,“ befahl Fairfax;„ſeine eigene Halsbinde kann uns hiezu dienen.“ „Wenn wir ihm aber die Beine binden, Sir, wie ſoll er dann nach Braunſchweig kommen?“ fragte Halliday ſehr natürlich. „Thut's nur für den Augenblick,“ ermahnte Fairfax, „wir können's ja ſpäter lockerer machen.“ Jakob that, wie ihm befohlen worden, und war ſehr raſch damit fertig, obgleich der Simpel heftigen Widerſtand leiſtete und fortwäͤhrend vor ſich hinbrüllte: „Ich will nicht gehenkt werden, ich will nicht gehenkt werden, Du Schlange. Zuvor muß eine Leichenſchau kom⸗ men— ich will nicht gehenkt werden!“ Da Fairfax ſah, daß der Unglückliche keinen andern Gedanken hatte, als daß ſie ihn zu hängen beabſichtigten, ſo verſicherte er ihn, daß ſolches nicht nur nicht der Fall ſey, ſondern daß überhaupt Niemand darauf ausgehe, ihm ein Leid zuzufügen. Sobald der Arme vollſtändig gefeſſelt war, ſo daß er weder Hand noch Fuß zu rühren vermochte, winkte Fairfax dem wackeren Jakob, indem er ſagte: „Tretet etwas bei Seite. Ich wünſche Euch einen Augenblick zu ſprechen.“ „Jetzt holen ſie einen Strick,“ jammerte Tommy Hicks. „” ich will nicht gehenkt werden— ich will nicht, ich mag nicht,“ nud indem er einen Verſuch zum Davonlaufen machte, ſiel er aufs Geſtcht und lag heulend am Boden. 16 —õ—·— 236 „Nun ſagt mir einmal, Halliday,“ begann Fairfar, nachdem ſie ſich etwa fünfzig Schritte entfernt hatten,„Ihr habt vorhin, als Ihr dem armen Unglücklichen zuriefet, ein höchſt befremdendes aber äußerſt wichtiges Wort geſprochen. Ich hörte Euch deutlich ſagen: moͤchteſt Du ihn tödten, wie Du den alten Doktor getödtet haſt?“ „Es war dumm genug, daß ich das ſagte, Sir,“ ver⸗ ſetzte der Mann, mürriſch zu Boden ſchauend. „Ich denke nicht, Halliday,“ entgegnete Allan Fairfax. „Ihr habt weſentlich dazu beigetragen, mich aus einer Le⸗ bensgefahr zu erretten, und ſeyd in dem, was Ihr geſagt, nur einem guten edelmüthigen Triebe gefolgt.“ „Zehn gegen Eins habe ich Ihnen das Leben gerettet, Sir Allan,“ gab der Mann zur Antwort,„denn eine Mi⸗ nute ſpäter hätte er Ihnen mit jenem Ungeheuer von einem Steine das Hirn eingeſchlagen; aber gleichwohl war ich ein Narr, als ich jene Worte ſprach, denn natuͤrlich werden Sie jetzt hingehen und Alles erzählen, ich werde dann gleichfalls zu ſprechen genöthigt und komme dadurch nur in Ungele⸗ gen heiten.“ „Für die Rettung meines Lebens ſollt Ihr gut belohnt werden,“ erwiederte Fairfar;„ſonſt aber verlangt das eng⸗ liſche Geſetz keineswegs, daß ſich einer ſelbſt in Ungelegen⸗ heit bringe, wie Ihr's nennt, denn Ihr dürft nicht aufgefor⸗ dert werden, irgend etwas zu ſagen, was Euch ſelber eine Verlegenheit zuziehen könnte. Nach dem, was ich von Eu⸗ rem Lebenswandel erfahren, kann ich Eure Einwendungen zum Theil wohl errathen; während Ihr jedoch über die 237 ſchauderhafte That, auf welche Ihr anſpieltet, Zeugniß ab⸗ leget, iſt es Niemand erlaubt, mit Fragen in Euch zu drin⸗ gen, welche Euch ſelbſt eines Unrechts beſchuldigen könnten— dafür gebe ich Euch mein Wort, und könnte es Euch noch weiter erklären, wenn mir die Umſtände bekannt wären.“ „Nun meinetwegen, Sir,“ ſagte Jakob Halliday endlich, ſich hinter den Ohren kratzend.„Sie haben mir vor etlichen Tagen einen freundlichen Dienſt erwieſen, und ich halte Sie für einen Mann von Ehre, der ohne meine Einwilligung kein Wort von meiner Ausſage wiederholen wird.“ „Das verſpreche ich Euch mit meinem Ehrenwort,“ verſetzte Fairfar;„aber ich erkläre Euch offen, Halliday, ich werde der Obrigkeit unverzüglich anzeigen, was Ihr zu dem Simpel ſagtet, als Ihr mir zu Hülfe kamt, ſo daß ein Ver⸗ hör vorgenommen werden muß, und es iſt weit beſſer für Euch, wenn Ihr über Euer Verfahren während der Unter⸗ ſuchung meinen freundlichen Rath erhaltet, als wenn Ihr unvorbereitet dazu kommt und Euch vielleicht ſelbſt kom⸗ promittiret.“ „Das iſt ganz richtig, Sir,“ meinte Jakob Halliday, „in der That ganz richtig; ich habe auch oft daran gedacht, die ganze Geſchichte zu erzählen, und hätte es auch gethan, wenn ich nicht befürchtet hätte, mich ſelbſt dadurch in Ver⸗ legenheit zu bringen. Ich ware jedoch ohne Bedenken vorge⸗ treten, wenn ich einen andern armen Burſchen angeklagt ge⸗ ſehen hätte; allein ich dachte, es helfe doch nichts, da blos der Simpel betheiligt ſey, denn er war es, der jene That begangen, wie ich ſelbſt geſehen habe.“ 238 „Nun ſo kommt, Halliday, erzählt mir die ganze Ge⸗ ſchichte,“ verlangte Fairfar.„Ihr hättet Euch in ſehr un⸗ angenehme Umſtände verſetzen können.“ „O nein,“ erwiederte der Taglöhner;„ich habe nie einen Pfennig davon angerührt und wußte überhaupt nicht weiter, als daß und durch wen es geſchah. Die Sache ereig⸗ nete ſich folgendermaßen, Sir: ich will Ihnen Alles erzählen, vertraue aber zu Ihrer Ehre, daß Sie kein Wort davon ſagen werden.— Wie das Unthier da drüben heult; ich wollte, er hielte das Maul.“ Nach dieſer Bemerkung machte er ſich an ſeine Ge⸗ ſchichte. Jakob Halliday's Erzählung. „Sehen Sie, Sir, ich war zur Verzweiflung getrieben: ich hatte mein Weib und meinen Buben, von denen keines im Stande war, mir durch ſeine Handarbeit zu helfen, zu nähren und zu kleiden; mein Lohn betrug ſieben Schillinge wöchent⸗ lich, wovon anderthalb als Miethe für meine Wohnung abgingen— ſo blieben mir noch fünf ein halb übrig, um drei Perſonen damit zu erhalten, und auch das blos ſo lange, als ich ſelbſt friſch und geſund war. Mein Vetter Ben und ich ſprachen deßhalb mit unſerm Brodherrn, welcher uns aber wie Hunde behandelte, weil er wußte, daß wir von der Union keine Unterſtützung erhalten konnten, und daß wir lieber Alles andere thun würden, um nur nicht unſer kleines Beſitzthum verkaufen und von Weib und Kindern ge⸗ trennt an einem Orte leben zu müſſen, welcher ſchlimmer als 239 ein Gefängniß iſt.— Eines Tags fluchte unſer Pächter über das Wild, das ſeine Saaten beſchädigt hatte, und äußerte ſeine Verwunderung, daß die Taglöhner, während ſie wegen der niederen Löhne über ihn ſchimpften, ſich nicht lieber zu Lebensmitteln verhälfen, welche in Hülle und Fülle auf den Feldern herumliefen. Das ließ ich mir nicht zweimal ſagen, Sir, und ſo wurde ich Wilderer, ohne jedoch Pachter Stumps Dank hiefür zu wiſſen, denn ich dachte gar oft und ſagte es auch, er ſollte eigentlich zuerſt dafür beſtraft werden, daß er die Leute zum Unrechte antreibt, nur um ihnen etwas von ihrem Lohne abzuzwacken.“ „um dieſe Zeit kam Tomy Hicks zu meinem Vetter Ben in die Koſt. Seine Aufnahme um fünf Schillinge wöchentlich war zuerſt mir angeboten worden; allein mein Weib behauptete, ſie könne nie mehr einen Biſſen eſſen, wenn der Burſche ins Haus käme, und ich ſelbſt hatte einen großen Haß gegen den Taugenichts. Da ich ihn jedoch öfter bei Ben traf, ſo faßte er— warum weiß ich ſelber nicht— eine gewiſſe Vorliebe für mich, und machte bald ausfindig, daß ich dem Wilde nachſtellte, denn trotz ſeiner Schwach⸗ köpfigkeit iſt er gleichwohl ſo liſtig wie der Teufel. Von da an zog er mit mir aus, um mir zu helfen, und es war wirk⸗ lich wunderbar, wie trefflich er hiezu taugte; ich dachte mir oft, er müſſe ſelbſt ſo eine Art von Wild ſeyn, ſo genau kannte er alle ihre Gänge und Wechſel. Später kam der Brand von Pachter Stumps Getreideſchobern; ich weiß, daß man mich immer deßhalb perdächtigt hat. Ich habe jedoch das Feuer nicht angeſteckt, darauf kann ich Ihnen 240 mein Ehrenwort geben; ich wußte allerdings, daß man etwas der Art vor hatte— das will ich nicht läugnen. Jedenfalls war ich überzeugt, daß ich ſchlimm wegkäme, wenn ich über dem Wildern ertappt würde, ließ aber darum doch nicht davon ab, und pflegte trotz der ſchlechten Jahreszeit faſt jeden Abend auszugehen, um den Fleiſchtopf warm zu erhalten. Mein günſtigſter Standort war immer jene alte halb verfallene Hütte, denn dort iſt ein regelmäßiger Wechſel für alle Gat⸗ tungen von Wild von dem großen weſtlichen Gebüſch bis zu Pembertons Fruchtfeldern in der Schlucht da unten.“ „So kam ich denn auch in der Nacht, da der arme Ben ſo krank war, hierher, um alle meine Schlingen und Fallen zurechtzulegen; ſobald ich damit fertig war, trat ich in die Hütte, um den Erfolg zu beobachten, und wenige Minuten ſpäter ſtieß Tommy zu mir. Ich fand ihn in jener Nacht in einer kurioſen Stimmung— wo möglich noch toller als ſonſt; es war ihm nämlich bei Ben etwas Unangenehmes widerfahren, und ſo brummte, fluchte und lachte er denn, daß er mich ſogar beinahe erſchreckt hätte und nur mit Mühe zur Ruhe angehalten werden konnte. Endlich vernahmen wir ein Flattern und Zerren, woran ich erkannte, daß ein alter Faſan in meine Schlinge, welche ich ihm gerade auf ſeinem Wege zwiſchen zwei Büſchen geſtellt hatte, gerathen war; ich lief hinzu und machte ihn haſtig los, denn ich hatte keine Aus⸗ ſicht, noch viele weitere Exemplare zu bekommen; ſchon dieſer eine Fang war ein wahres Wunder, da die Brutzeit bereits vorüber war, auch fand ich hintennach, daß er einen lahmen Flügel hatte, was ſeine Verſpätung hinlänglich erklärte.“ 241 „Ich hätte ſchon früher bemerken ſollen, daß es eine ſehr helle Mondnacht war als ich meinen Vogel los⸗ gemacht hatte, blickte ich zufällig gegen Oſten und ſah einen Mann den Pfad herabkommen, weßhalb ich auf Knieen und Händen nach der Hütte zurückrutſchte. Bei meiner Rückkehr war Tommy Hicks nicht mehr vorhanden. Man wußte bei ihm nie, was er in der näͤchſten Minute vornehmen werde, und ich war deßhalb entſchloſſen, nach ihm zu ſehen, ſobald der Mann vorüber wäre, denn ich dachte, er könnte mir meine Jagd verderben.“ „Wie ich ſo durch die Thürſpalte hinausſchaute, er⸗ kannte ich in dem näher Kommenden den guten alten Doktor Kenmore, ohne ihn jedoch weiter zu beachten, da ich glaubte, er würde bald vorübergehen, und ich könnte mich dann nach dem Simpel umſchauen. Kaum hatte aber der Doktor jenes hohe Gebüſch, das Sie dort drüben ſehen, erreicht, als Tommy Hicks dahinter emporſprang und ihm mit einem Steine ſo groß wie ein tüchtiger Brodlaib einen ſchweren Schlag auf den Hinterkopf verſetzte, ſo daß der arme alte Herr wie der Ochs vor der Fleiſchbank lautlos niederſtürzte.“ „Ich eilte ſo raſch ich konnte herbei und packte den Teufelsburſchen, als er eben den Stein wieder aufnahm, um den Aermſten abermals zu treffen. Es entſtand natürlich ein ſchwerer Hader zwiſchen uns, und ich hatte große Luſt, mit dem Schlingel ein Ende zu machen, denn er antwortete wie ein ächter Narr, er habe ein Recht, den Doktor zu ſchlagen, da dieſer auch ihn geſchlagen habe— ſo fand ich keinen 242 Grund in meinem Herzen, dem Schwachkopfe etwas zu leid zu thun.“ „Als ich den armen alten Mann unterſuchte, fand ich, daß er maustodt war; keine Spur von Athem war mehr zu bemerken, und ich fühlte mich ſo herzkrank, daß ich nicht wußte, was ich thun ſollte. Tommy Hicks hatte ſich mittler⸗ weile davon geſchlichen, und nachdem ich den Leichnam etwa fünf Minuten betrachtet hatte, hörte ich einige Leute in der Entfernung plaudern und hielt meiner Seits für das Beſte, ſo ſchnell wie möglich nach Haus zu rennen. Dort, ſagte ich zu mir ſelbſt, konnte ich mich bis zum nächſten Morgen darüber beſinnen, was ich in der Sache thun ſollte, und ich verlebte auch wirklich eine ſehr ſchlimme Nacht. Als aber der Morgen kam, da meinte ich, es wäre zwecklos, den Sim⸗ pel anzugeben, ſo lange nicht ein Anderer angeklagt wäre, und ich hielt mir immer vor: wenn du was ſagſt, ſo fragt man dich aus, was du bei der Hütte zu ſchaffen hatteſt und dann kommſt du nur in Verlegenheit.“— So kam es, daß ich bis auf den heutigen Tag ſtillſchwieg.“ „Ich habe aber gehört, der Ermordete ſey auch aus⸗ geraubt und ihm eine große Geldſumme abgenommen wor⸗ den,“ bemerkte Fairfax. „So wars auch wirklich, Sir,“ gab Jakob Halliday zur Antwort;„der Simpel hat jedoch Alles allein gethan, denn er iſt ganz verteufelt auf das Eigenthum, wie er's nennt, verſeſſen, und es wäre ein gutes Werk, wenn man ihn zu der Angabe bewegen könnte, wohin er die Sachen geſteckt hat. Ich habe ihn mehr als einmal darüber befragt, konnte 243 aber nie darauf kommen, denn er iſt liſtig trotz einer Elſter und birgt ſeinen Raub in jeder Art von Löchern.— Und nun, Sir, moͤchte ich gerne erfahren, was ich wohl am Beſten zu thun hätte.“ „Mir ſcheint, Halliday, Euch bleibt nur ein einziger Weg übrig, nämlich der, mich unverzüglich vor die Obrig⸗ keit zu begleiten. Ich werde den Angriff, welchen der Sim⸗ pel auf mich machte, zu Protokoll geben, werde erzaͤhlen, wie Ihr zu meiner Rettung ins Mittel tratet, und beim Herbeieilen dem Unglücklichen jene Worte zuriefet. Ihr müßt ſodann Euer Zeugniß über den Tod des alten Mannes abgeben: fragt man Euch, was Ihr in der Hütte zu ſchaf⸗ fen hattet, ſo könnt Ihr die Antwort darauf ablehnen, denn Niemand hat das Recht, Euch zu zwingen, und wir werden durch Eure Angabe vielleicht in den Stand geſetzt, einige von den dem Todten abgenommenen Effekten zu entdecken, ſo daß man das Verbrechen entſchiedener auf Tommy Hicks wälzen kann, als Euer vereinzeltes Zeugniß dies erlauben würde.“ „Wenn dies aber nicht geſchieht,— glauben Sie dann, Sir, daß man mich in der Sache beargwöhnen würde,“ fragte Jakob Halliday nachdenklich. „Ich denke nicht,“ meinte Fairfax,„denn gerade Euer unwillkürlicher Ausruf gilt als vorläufiger Beweis, daß Ihr keinen Antheil an der That hattet.“ „So iſt’s auch, Sir,“ erwiederte Halliday—„wenig⸗ ſtens ſollte es ſo ſeyn.“ „Und es wird auch ſo geſchehen,“ verficherte Fairfax; 244 „jedenfalls müßt Ihr aber einſehen, daß die Sache vollſtändig unterſucht werden muß, und das einzige Mittel, Eurer Seits jedem Verdachte zu entgehen, beſteht darin, daß Ihr jeglichen Beweis, der Euch zu Gebot ſteht, herbeiſchafft, natürlich ohne irgend etwas zu thun, was Euch ſelbſt des Unrechts verklagte.— Ich fürchte nur, wir werden Mühe haben, den Burſchen nach Braunſchweig hinabzubringen; doch können wir zu Allenchurch Beiſtand requiriren.“ „O ja, wir können einen Karren bekommen, Sir,“ er⸗ wiederte Jakob Halliday, welcher endlich von dem Rathe ſeines Gefäͤhrten befriedigt ſchien.„In der That, es iſt hohe Zeit, daß Meiſter Tommy eingeſperrt wird, denn wenn wir ihn jetzt laufen ließen, würde er nur noch mehr Unheil anrichten.“ „Er hat bereits zu viel angerichtet,“ meinte Fairfax. „Wahrhaftig, die Wege der Vorſehung ſind befremdend und wunderbar!— Wie vieler Menſchen Geſchick wurde durch die Thaten dieſes jämmerlichen Wahnfinnigen berührt!“ Und doch wußte er ſelbſt noch nicht, wie weit dies mit ſeinem eigenen Schickſale, mit ſeinem eigenen Glücke der Fall geweſen war. Der Simpel rechtfertigte die Erwartungen des jungen Baronets in Betreff der Schwierigkeiten, ihn nach Braun⸗ ſchweig zu ſchaffen, in vollem Maße. Er weigerte ſich ge⸗ radezu, weiter zu gehen, warf ſich auf den Boden, biß wie ein wildes Thier um ſich, wenn man ihn aufzuheben ver⸗ ſuchte, und erſt als zwei weitere ſtarke Männer zum Bei⸗ ſtande herbeigekommen waren, gelang es, ihn wenigſtens bis 245 nach Allenchurch zu bringen, wo ein leichtes Fuhrwerk auf⸗ getrieben, und Tommy Hicks darauf geſetzt wurde, ſo daß der Reſt des Weges leichter zurückzulegen war. Groß war die Verwunderung der Stadtbewohner, als ſie den wohlbekannten Simpel an Händen und Füßen ge⸗ bunden auf das Rathhaus ſchaffen ſahen, während Sir Allan Fairfax mit einer friſchen Schmarre auf der Wange dem Zuge nachfolgte. Ein großer Volkshaufe ſammelte ſich um den Karren, und war ſchon bis auf viele Hunderte ange⸗ wachſen, als der Wagen endlich das Thor des Stadtgerichtes erreichte. Tauſenderlei Fragen liefen von Mund zu Mund; man konnte jedoch blos ſo viel herausbringen, daß Tommy Hicks dem jungen Baronet mit einem großen Stein das Hirn habe einſchlagen wollen, und der Simpel wurde mitten im Lärmen und der Verwirrung aus dem Wagen gehoben, indem er ſich noch nach Kraͤften ſträubte, worauf man ihn in das Nebenzimmer des großen Gerichtſaales ſchaffte. Den Ereigniſſen in dem Gerichtszimmer ſelbſt müſſen wir jedoch ein eigenes Kapitel widmen. 6 Achtzehntes Kapitel. Entdeckung des Mörders. „Sagt mir, welche Magiſtratsperſonen find jetzt eben verſammelt?“ fragte Allan Fairfar den Konſtable, den er in der Halle antraf. 246 „Sir Stephen Grizly und Mr. Hankum, Sir,“ er⸗ wiederte dieſer;„ſte warten eben noch auf Mr. Greenſides.“ „So ſeyd ſo gut, die Herren zu benachrichtigen, daß ich ſie augenblicklich zu ſprechen wünſche,“ befahl Fairfax. Eine Minute ſpäter wurde er vor die beiden Richter geführt, welche ihn herzlich begrüßten und ihr Bedauern über Lady Fairfax' Uebelbefinden ausdrückten. Der junge Baronet brach jedoch dieſen Gegenſtand ziemlich mürriſch ab, wogegen er alſo fortfuhr: „Ich bin gekommen, ihr Herren, um gegen einen Toll⸗ häusler aus dieſer Nachbarſchaft, der mir mit einem Steine den Kopf einzuſchlagen verſuchte, eine Anklage wegen Mord⸗ verſuches vorzubringen. Er iſt ein ſehr gefährlicher Menſch, und ich kann meine Verwunderung darüber nicht unter⸗ drücken, daß man ihn ſo lange frei in der Gegend umher⸗ wandern ließ.“ „Ach, mein theurer Sir Allan,“ unterbrach ihn der Vorſitzende mit lautem Lachen,„Sie wiſſen ja, jedes Land⸗ ſtädtchen muß wenigſtens einen Narren frei umhergehen laſſen. Nun find die Leute zu Braunſchweig alleſammt ſo weiſe, daß wir kein harmloſeres Individuum aufzufinden vermochten, dem wir die Freiheit unſerer Stadt gewähren konnten. Um übrigens ernſtlich zu reden— die Sache hätte früher aufgenommen werden müſſen und ſoll jetzt für immer abgemacht werden.“ „Dann thut es mir nur leid, daß dieſe Verſäumniß eine Kataſtrophe der ſchmerzlichſten Art herbeiführen mußte,“ bemerkte Allan Fairfax.„Ich ſelbſt bin mit den Formen des 247 Gerichtsverfahrens unbekannt, habe jedoch eine Angabe zu machen, welche ſich wohl ſpäter in geeignetere Form bringen läßt und welche hoffentlich dazu beitragen wird, über den vor etwa dritthalb Jahren eingetretenen gewaltſamen Todes⸗ fall eines Gentlemans aus dieſer Stadt ein neues Licht zu verbreiten.“ Die ſteife zögernde Weiſe, womit Fairfax von der Sache ſprach, zeigte hinlänglich, wie peinlich es ihm noch immer fiel, von einem Manne zu reden, welcher Margarethe Gra⸗ ham einſtens, wenn auch nur auf wenige Stunden ſein Weib genannt hatte; allein die Gerichtsherren, deren Neugier er plötzlich erweckt hatte, ſchenkten dieſem Umſtande keine Auf⸗ merkſamkeit, ſondern beſtürmten ihn augenblicklich mit ihren Fragen. Er antwortete kurz und bündig, indem er blos er⸗ zählte, was ihm auf dem Moore zugeſtoßen war und welche Worte Jakob Halliday geäußert hatte. „Ich bin geneigt zu glauben,“ ſchloß er,„daß Halliday ſein Zeugniß ohne Ausflüchte oder Verſtellung abzugeben geneigt iſt. Was er erzählte, kann ich natürlich nicht wieder⸗ holen, auch wurde dies gar nichts nützen; aber ich bin über⸗ zeugt, er wird auf näheres Befragen ein Ereigniß, welches ſeither in Dunkel gehüllt war, ans Licht ziehen. Auch halte ich es nicht für unmöglich, durch kluges Verfahren von dem unglücklichen Geiſteskranken ſelbſt vielleicht einige Auskunft über die Geldſumme zu erhalten, welche der Verſtorbene bei ſich trug, oder jedenfalls genauere Beweiſe von den That⸗ ſachen zu erlangen, als die vereinzelte Angabe eines nicht ſonderlich gut renommirten Zeugen ſie zu gewaͤhren vermag.“ 248 4 2 „Ueberlaßt ihn nur mir, uͤberlaßt ihn nur mir,“ rief Sir Stephen Grizly;„ich weiß meinen Freund Tommy wohl zu behandeln und werde ſchon auf irgend eine Weiſe die Wahrheit aus ihm Herausbringen; erſt aber wollen wir Halliday's Angabe anhören. Der Burſche iſt ein gefährlicher Feind für Haſen und Kaninchen, iſt aber ſonſt nicht ſo ſchlimm, wie man glaubt, wogegen ſich der arme Tommy, wie es ſcheint, bedenklicher hekansſtellen dürfte, als wir bis jetzt annahmen. Sie müſſen mich jedoch gewaͤhren laſſen, Gent⸗ lemen, wenn ich mit Meiſter Hicks ohne die nöthige Forma⸗ lität umſpringe, denn Narren ſind, wie Sie wohl einſehen, keine Formenmenſchen, ſo daß wir ihnen ein wenig nach⸗ geben müſſen.— Ah,„hier kommt Mr. Greenſieds.— Konſtable, bringt Tommy Hicks und Jakob Halliday herein, und während wir Sir Allans Angabe niederſchreiben, mögt Ihr unſern Freund Tom in der Ecke ſo gut unterhalten, als Ihrs nur immer im Stalſde ſeyd.“ „Er iſt ſchrecklich aiefähreriſch⸗ Gnerashrnisge meinte der Konſtable. „Um ſo mehr Grunde iſt vorzandes. ihn in gutt, Laune zu verſetzen,“ erwiederte Sir Stephen;„zeigt ihm meinen Stock mit dem geſchnitzten⸗Knopfe, und fragt ihn, ob er nicht ſeinem Herrn ähnlich ſehe. Die Thüren dürft Ihr natürlich nicht verſchließen, denn das würde einſchlimmes Ausſehen gewinnen; Ihr könnt jedoch die guten Leute ferne halten und ihnen ſagen, ſie ſollen ein anderwal wiederkommell.“ Während man den Gefangenen und ſeine Ankläger hereinführte, wurde der eben eingetretene Mr. Greenſides . 249 mit dem Falle bekannt gemacht, Fairfar wiederholte ſeine Angabe, und das Gericht konſtituirte ſich, indem ſich der junge Baronet an der Ecke des Tiſches niederſetzte. Tommy Hicks ſchrie und polterte in voller Tollheit, als er hereinge⸗ führt wurde; der Konſtable verſuchte jedoch ſeine Kunſt nicht vergeblich an ihm, und während Halliday vortrat, ging die Wuth des Simpels allmälig in ein wildes unzuſammen⸗ hängendes Geſpräch mit dem Gerichtsdiener und einigen anderen Männern über, welche man für den Nothfall zu deſſen Zähmung zugelaſſen hatte, und nach etwa zehn Minuten hörte man ihn ſogar laut auflachen.. Halliday machte unterdeſſen ſeine Algabe, ohne im Geringſten von der früher gegebenen Erzählung abzuweichen, wobei er nur die Urſache, welche ihn nach der zertrümmerten Hütte auf dem Moore geführt hatte, ausließ, und als Mr. Hankum ihn darüber ausholte, ganz einfach erwiederte: „Darnach, dachte ich, würde man mich nicht fragen.“ „Ihr braucht nicht darauf zu antworten, wenn Ihr nicht wollt,“ verſetzte Sir Stephen Grizly;„Magiſtrats⸗ perſonen, mein guter Jakob, dürfen nach Allem fragen; es i*ſt aber ein großer Unterſchied, ob der Zeuge auch darauf antworten muß.“ „Nun wohl, ſo will ich's mit Euer Ehrwürden Erlaubniß lieber bleiben laſſen,“ erklärte Halliday mit einer tiefen Ver⸗ beugung gegen Mr. Hankum. „Dagegen ſteht es dem Gerichte frei, Jakob, Eure Beweggründe zu errathen, was uns im vorliegenden Falle nicht ſonderlich ſchwer wird,“ meinte Sir Stephen, ihm James. Margarethe Graham. 17 250 zuwinkend.„Jetzt aber ſagt mir, was aus all' dem Geld und den übrigen Effekten wurde, welche der arme Doktor Kenmore zur Zeit ſeiner Ermordung bei ſich trug.— Ak⸗ tuar, haben Sie nicht eine Abſchrift der von der Leichenſchau gemachten Angabe bei der Hand?“ „O ja, Euer Ehrwürden,“ erwiederte der Gefragte und holte das Verlangte herbei, während Halliday ſeiner⸗ ſeits antwortete: „Ich weiß es nicht, Sir. Ich habe nur einmal etwas davon geſehen, als ich Tommy über der Betrachtung eines Stockknopfes überraſchte, welcher— ich könnte darauf ſchwö⸗ ren— dem armen alten Gentleman gehört haben muß. Er lief davon, ſobald er ſah, daß ich ihn beobachtete, und rannte in Mrs. Grimsditche’s Hütte, wo er gegenwärtig wohnt, ſeitdem er meinen Vetter Ben verlaſſen hat. Es ſollte mich nicht wundern, wenn er dort irgenwo verſteckt wäre.“ „Könnt Ihr uns vielleicht angeben— wo?“ fragte der Richter;„iſt Euch jene Hütte näher bekannt?“ „Könnt's nicht ſagen,“ erwiederte Jakob Halliday; „ich bin ſeit zehn Jahren nicht dort geweſen, denn ſehen Euer Ehrwürden, die Frau iſt meines Weibes Muhme, und wir haben Streit mit einander.“ „Ein vortrefflicher Grund,“ meinte Sir Stephen— „und von dem Reſte der Habe wißt Ihr alſo durchaus nichts?“ „Nicht das Geringſte,“ gab Halliday zur Antwort. „Dann könnt Ihr etwas zurücktreten,“ erwiederte der Richter;„bleibt aber in der Nähe, denn Ihr müßt Eure 251 Angabe unterſchreiben, und es gibt vielleicht noch einige Fragen an Euch zu richten. Die Hütte muß jedenfalls durchſucht werden.“ Halliday verließ das Zimmer nicht eben in der behag⸗ lichſten Stimmung von der Welt, denn er fühlte wohl, daß einiger Verdacht auf ihm ruhte, den er nicht abzuſchütteln vermochte, und er hätte mehr als einen Finger ſeiner Hand darum gegeben, wenn er ſicher gewußt hätte, daß die Schuld durch irgend ein Zwiſchenereigniß mit größerer Beſtimmtheit auf Tommy Hicks fixirt würde. „Nun ſagt meinem Freunde Tommy,“ rief Sir Stephen Grizly, ſobald der Andere fort war,„daß ich wegen des Stocks ein Wort mit ihm zu ſprechen wünſche.“ Der Simpel hatte unterdeſſen ſeinen Schrecken gänzlich vergeſſen, und näherte ſich ohne Zögern dem Gerichtstiſche, ſo wie er die eigenen Worte des Richters vernahm: „Ah Tommy, wie gehts Dir?“ hub Sir Stephen an; „ſetz Dich, Tommy— gebt Mr. Hicks einen Stuhl, und laßt uns einmal den Stock betrachten. Nun ſag' einmal, Tommy, haſt Du jemals auf einem Stock einen hübſcheren Knopf ge⸗ ſehen?— ſieh nur, was er eine große Naſe hat. Nun ſage 'mal, wenn ich Luſt zum Tauſche hätte, würdeſt Du mir wohl den Stockknopf des alten Doktors Kenmore drum geben?“ „Nein, nein,“ erwiederte Tommy Hicks laut lachend mit kurzem Kopfſchütteln. Etwas war ſchon gewonnen, denn daß er ihn wegzuge⸗ ben hatte, ſchien hiedurch gewiſſermaßen zugegeben. Seine 17* 252 nächſte Antwort ſollte jedoch dieſen Eindruck alsbald wieder zerſtoͤren. „Und warum nicht, Tommy?“ fragte Sir Stephen. „Weil der ſeine ganz von Gold war und dieſer da blos von Holz iſt,“ verſetzte Tommy Hicks;„ich habe den des Doktors gar oft geſehen.“ „Aber geſetzt, ich laſſe den da mit Naſe und Allem ganz mit Gold überziehen?“ fuhr der hartnäckige Richter fort. Des Simpels Augen blinzelten, aber er war doch zu liſtig für die Schlinge und meinte: „Nein, nein, das geht nicht.“ „Und weßhalb nicht?“ wurde wieder gefragt.„Ich moͤchte jenen Knopf gar gerne, und Du kannſt doch nichts damit anfangen.“ „O ja, ich kann,“ rief Tommy Hicks ſeine Behutſam⸗ keit vergeſſend;„aber wozu wollt Ihr ihn denn?“ „Ich ſammle Alles, was ich von Doktor Kenmore's Habſeligkeiten bekommen kann,“ erwiederte Sir Stephen, indem er ſich den Anſchein gab, als ob er Tommy's anfäng⸗ liche Antwort nicht beachtet hätte;„ich hab' mir's einmal in den Kopf geſetzt, Tommy. Ich möchte gerne wiſſen, was daraus geworden iſt, und werde Jedem, der mir etwas dar⸗ über mittheilen kann, ein ſehr hübſches Geſchenk machen.“ Zu gleicher Zeit winkte er dem Konſtable und flüſterte längere Zeit mit dieſem, was den Simpel nicht wenig zu beunruhigen ſchien, denn er rutſchte auf ſeinem Stuhle hin und her und rief endlich: „Was habt Ihr denn vor?“ 3 253 „Nichts was Dich angeht, Tommy,“ erwiederte Sir Stephen;„ich will dieſen Herrn etwas Marmelade geben laſſen.“ „Orangenmarmelade?“ fragte Tommy Hicks mit aͤußerſt gieriger Miene. „Ja,“ verſetzte Sir Stephen;„magſt Du das?— Bringt die Marmelade, Konſtable.— Nun will ich Dir etwas ſagen, Tommy: ich gebe Dir ein ganzes Pfund der köſtlichſten Orangenmarmelade, wenn Du mir erzählſt, wo⸗ hin Du alle die Dinge ſteckteſt, welche der alte Doktor bei ſich trug, als Du ihn auf dem Moore trafſt.“ Der Simpel ſchüttelte jedoch blos den Kopf und blieb ſtandhaft, bis der Konſtable mit einer ungeheuren Schüſſel voll Eingemachtem zurückkehrte, und Sir Stephen mit dem Löffel eine Portion auf einen Teller legte, um ihn Mr. Green⸗ ſides präſentiren zu laſſen. „Ich will's erzählen,“ ſchrie Tommy Hicks beim An⸗ blicke einer Lockſpeiſe, welcher er nicht widerſtehen konnte. „Ich wills erzählen, wenn Ihr mir verſprecht, daß Ihr mich nicht hängen wollt, denn Jakob Halliday ſagt immer, ich ſollte dafür gehenkt werden.“ „Gott bewahre,“ verſicherte Sir Stephen;„Jakob iſt ein Narr. Wir werden Dich gewiß nicht hängen, Tommy.“ „Auch nicht ins Loch ſtecken, wie der alte Jenkins that?“ fragte Tommy Hicks. „Nein, auch nicht ins Loch ſtecken,“ verſicherte der Rich⸗ ter und tauchte zu gleicher Zeit mit dem Loffel in die Schüſſel. 254 „Ich will's erzählen!“ ſchrie der Simpel.„Gebt mir die Schüſſel.“ „Nichts da, Tommy: erſt erzählt und dann gefrühſtückt,“ verſetzte Sir Stephen, fuhr aber alsbald fort, ſo wie er ei⸗ nen düſteren Schatten auf dem Geſichte des unglücklichen Menſchen aufziehen ſah:„verſuchen will ich Dichs laſſen, nur um Deine Zunge einzurichten. Gebt ihm den Löffel voll, Konſtable.“ Der Befehl wurde augenblicklich vollzogen; allein die Portion war geſchickter Weiſe ſo bemeſſen, daß ſein Appetit dadurch eher gereizt als geſtillt wurde, und nachdem Tommy Hicks das Ganze mit einem großen Schluck verſchlungen hatte, rief er: „Jetzt will ichs erzählen. Aber Ihr gebt mir den gan⸗ zen Topf— nicht wahr?“ „Den ganzen,“ verſicherte Sir Stephen.„Es ſoll ſonſt Niemand einen Löffel voll davon bekommen, ſo lange Du nicht mit Antworten inne hältſt; dann freilich werde ich's vertheilen, bis nichts mehr übrig iſt.— Nun ſage mir, Tommy, wie ein Mann, wo Du die Noten und das Geld hinſteckteſt.“ „Die gelben in das Dach von Ben's Hütte, das Silber in meine Taſche,“ gab Tommy Hicks zur Antwort.„Die gelben find noch dort; ich hab ſie erſt geſtern beim Mondſchein gezählt.“ Der Richter überlas die Notizen aus dem Protokolle der Leichenſchau und fragte weiter: „Der Stockknopf— was haſt Du mit dem angefangen?“ 2⁵⁵ „Der iſt bei Mutter Grimsditche in einem Loch neben dem Schweinſtall,“ erklärte der Simpel.„Aha, darnach ſucht Ihr eben, ich merk' es wohl.“ „Und die Schuhſchnallen?“ forſchte Sir Stephen. Tommy Hicks gab lange Zeit keine Antwort, ſondern ſchielte mit finſterem keineswegs wohlwollendem Ausdruck nach Fairfax hinüber. Der Richter ſteckte abermals den Löffel in die Schüſſel, und der Simpel rief haſtig auf den jungen Baronet deutend: „Ich ſteckte ſie durch die Spalte in ſeinen Lederkoffer; dann kam er und nahm ihn weg und ſtahl die Schnallen.“ Fairfax beſaß in der Regel einen guten Theil Selbſt⸗ beherrſchung, wenn nicht gerade ſolche Vorurtheile oder lange genährte und krankhaft empfindliche Seiten, wie ſie faſt jeder Menſch in ſeinem Charakter aufzuweiſen hat, verwundet wurden; diesmal aber ſprang er von ſeinem Stuhle auf und rief:. „Barmherziger Himmel!“ Im nächſten Augenblicke ſetzte er ſich wieder nieder, und ohne dieſen kleinen Zwiſchenfall zu beachten, fuhr Sir Stephen in ſeinem Verhöre fort: „Laß mal ſehen. Seine Uhr— haſt Du nicht ſeine Uhr genommen?“ „Nein, nein,“ gab Tommy Hicks mit wunderbar liſti⸗ gem Blick zur Antwort.„So dumm bin ich nicht. Eine Uhr ſchwatzt aus. Das geht immer Tiktak, Tiktak— ſolche Ddinge brauch' ich nicht.“ „Dank Dir, Tommy, danke,“ ſchloß der Richter.„Ich 256 denke, das wird genügen. Ihr koͤnnt ihm den Topf geben, Konſtable— doch halt: haſt Du ſonſt noch etwas genom⸗ men?“ „Nichts als den großen Schlüſſel, und den ließ ich noch in derſelben Nacht in Ben's Hütte fallen; als ich ihn am andern Tage in Bellas Händen ſah, mochte ich nicht dar⸗ nach fragen, weil Jakob geſagt hatte, ich würde gehenkt werden, wenn man entdeckte, wie ich den alten Doktor trak⸗ tirt habe. Ei was, er traf mich mit dem Stock, und ich traf ihn mit dem Stein— das iſt ganz in der Ordnung.“ „Reicht ihm den Topf,“ befahl Sir Stephen.„Ich denke, wir müſſen ihn dem Gerichte überantworten, Gentle⸗ men, aber wohlgemerkt, ohne etwas von der Marmelade zu ſagen.“ „Ohne welche wir wahrſcheinlich zu keinem Reſultate gelangt wären,“ meinte Mr. Hankum. „Die großen Triebfedern werden nur ſelten ſichtbar,“ erwiederte der Vorſitzende, welcher im Grunde ein höchſt verſtändiger Mann war;„aber es iſt nicht allein das: ein Schriftſteller beweist ſeine Umſicht dadurch, daß er Alles ausläßt, was ſeiner Erzählung kein Intereſſe zu verleihen vermag. Jeder wichtige Gegenſtand hat auf dieſer Welt etwas Lächerliches— man könnte ſagen ſeine eigenthümliche Marmelade an ſich, aber die Geſchichte unterdrückt dieſes Lächerliche, und ſo wollen auch wir die Marmelade unter⸗ drücken, damit nicht ein thörichter Schreiber das Protokoll aufgreift und uns als die Marmeladenrichter der Nachwelt üͤberliefert.— Jetzt bedürfen wir nur noch eines Zeugniſſes. 257 Setzen Eie den Verhaftsbefehl auf, Herr Aktuar.— Darf ich wohl Sir Allan Fairfax fragen, ob er die Angabe dieſes ar⸗ men Menſchen in Betreff der Schußſchnallen beſtätigen kann.“ „In ſo ferne ich in meinem Felleiſen ein paar große ſilberne Schnallen fand, von denen mir nichts bewußt war — allerdings,“ erwiederte Fairfax.„Ich hatte mein Fell⸗ eiſen mehrere Tage lang in Ben Halliday's Hütte gelaſſen, und holte es erſt am Vorabend meiner Abfahrt nach Indien. Es wurde längere Zeit nicht geöffnet, weil ich außerdem noch andere Effekten bei mir hatte, welche beſſer für die Seefahrt geeignet waren; als ich es aber aufmachte, fand ich die Schnal⸗ len und legte ſie in mein Schreibpult, wo ſie ſich noch jetzt befinden, denn ich war neugierig zu erfahren, auf welche Weiſe ſie in mein Felleiſen gerathen waren.“ „Haben Sie damals, als Sie das Felleiſen wegnah⸗ men, um Doktor Kenmore's Tod gewußt, Sir Allan?“ fragte Mr. Greenſides. „Gewiß nicht,“ gab Fairfax zur Antwort, während ihm das heiße Blut in die Wangen ſchoß, ohne daß er den Grund davon anzugeben wußte.„Ich habe erſt vor etwa vier Monaten bei meiner Rückkehr nach England von ſeinem Tode erzählen hören.“ „Sonſt hätte er wahrſcheinlich das Felleiſen gar nicht fortgenommen,“ flüſterte Sir Stephen ſeinem Nachbar Han⸗ kum in die Ohren.„Mich dünkt, er ſollte eigentlich dem Simpel was Tüchtiges ſchenken; wir aber müſſen dem Bur⸗ ſchen einen Raum im Gefängniſſe anweiſen.— Nun höͤre, 258 Tommy, als fernere Belohnung dafür, daß Du die ganze Wahrheit erzählt haſt, will ich Dir noch ſagen, daß Du von Mrs. Grimsditche, welche Dir, wie ich weiß, verhaßt iſt, in ein ſchönes luftiges Zimmer zu Braunſchweig verſetzt und von Deinem dankbaren Vaterlande genährt und gekleidet werden ſollſt.“ „Vielleicht mit einem hanfenen Halsband,“ flüſterte Mr. Greenſides. „Wo denken Sie hin, Theuerſter?“ antwortete der würdige Richter;„in England wird jede Art von Thorheit beſtraft, die größte von allen ausgenommen. Tommy Hicks' Weisheit iſt zu wohl bekannt, als daß er irgend Gefahr lau⸗ fen könnte.“ Der Verhaftsbefehl wurde dem Präſidenten vorgelegt und von ihm unterſchrieben; Tommy Hicks verließ ruhig das Gerichtszimmer, fortwährend mit ſeiner Marmelade be⸗ ſchäftigt. Jakob Halliday wurde ſofort hereingerufen, um ſeine Angabe zu unterzeichnen, und an den von dem Simpel angegebenen Orten ward unverzüglich eine Nachſuchung nach dem geſtohlenen Eigenthum angeordnet. „Die Schnallen will ich ſogleich herſenden,“ bemerkte Sir Allan Fairfax, während er ſich zum Abſchiede erhob; „falls die Herren nicht mehr verſammelt ſind, wird ſie mein Diener wohl au beſten dem Schreiber übergeben?“ „Dazu iſt's morgen noch Zeit genug,“ meinte Sir Stephen,„denn ich denke, wir wollen ſogleich aufbrechen. Wir könnten in der That ſo lange ſitzen, wie eine Henne, ohne eine zweite Brut gleich der heutigen auszuhecken. Wir 259 ſind Ihnen in der That ſehr verbunden, Sir Allan, daß Sie dieſe dunkle Geſchichte an's Licht zogen, denn in einer kleinen Nachbarſchaft wie die unſere kann es nichts Unangenehme⸗ res, ja ich moͤchte ſagen, nichts Peinlicheres geben, als wenn der Argwohn fortwährend gleich finſteren Wolken umher⸗ ſpuckt, und von Zeit zu Zeit die achtungswertheſten Leute überſchattet.“ Fairfax erklärte ſich gerne hiemit einverſtanden und entfernte ſich nachdenklich. Die Ereigniſſe, welche ſo eben aufgeklaͤrt worden wa⸗ ren, mußten wohl, wie er undeutlich fühlte, auf irgend eine Weiſe mit der unglückſeligen Veränderung in ſeinem häus⸗ lichen Leben in Verbindung ſtehen. Er fragte ſich, ob wohl Margarethe die Schnallen in ſeinem Schreibpulte geſehen habe, denn er erinnerte ſich, daß der Wechſel in ihrem gan⸗ zen Benehmen von jenem Tage datirte, da er ihr den Schlüſ⸗ ſel überſchickt hatte. Aber dann fragte er ſich wieder und dieſe Fragen fielen ihm höchſt ſchmerzlich:„Kann Marga⸗ rethe Graham außer den Papieren, auf welche ich ihre Auf⸗ merkſamkeit lenkte, noch nach anderen Dingen in meinem Pulte geſucht haben? und wenn auch— wenn ſte auch die Schnallen fand und ſie erkannte— ſah es Margarethe Gra⸗ ham ähnlich, ihren Gatten— ihn, den ſie vor allen Maͤn⸗ nern zu lieben und zu verehren vorgab— um einer ſo zu⸗ fälligen Urſache willen zu beargwoͤhnen?“ So fuhr er fort zu räſonniren, ohne die eigentlichen Thatſachen zu kennen und ſein eigenes Herz mit Fragen zu martern, welche er nicht zu beantworten vermochte— ein Ver⸗ . 260 fahren, wozu man zuweilen gezwungen iſt, das aber auch ſonſt weit öfter als nöthig wäre, befolgt wird. Nichts deſto weniger— denn Fairfax' Charakter war in manchen Punkten höchſt eigener Art— ſchöpfte er einigen Troſt aus dieſer vermutheten Erklärung, welche er ſich über Margarethens Benehmen gab: daß eine Urſache— wenn auch eine unge⸗ nügende— vorhanden war, gewährte ihm immerhin einige Erleichterung, und als er die Gartenpforte betrat, dachte er bei ſich: „Wir müſſen eine offene Erklärung haben: Freimü⸗ thigkeit auf beiden Seiten iſt das einzige Mittel, uns vor Elend zu bewahren. Bald werde ich erfahren, ob ich mein Lebenlang vernichtet oder glücklich ſeyn ſoll.— Wo iſt Deine Gebieterin?“ fragte er den Diener in der Halle. „In ihrem Boudoir, Sir,“ erwiederte der Mann;„ſie befahl mir, Ihnen zu ſagen, daß ſie Euer Gnaden zu ſpre⸗ chen wünſche, ſobald Sie zurückkämen.“ „Ganz gut,“ rief Fairfax, nach der Treppe ſich wen⸗⸗ dend. Neunzehntes Kapitel. Entfernung der Zweifel. Mit ſchwerem Herzen, mit brennendem Kopfe und müden Augen ſtand Margarethe bald nachdem Fairfax ſie verlaſſen hatte vom Bette auf. Sie kleidete ſich langſam 261 an, ohne mit der Dienerin, welche ihr das ſchöne Haar ord⸗ nete, eine Sylbe zu ſprechen, und ging dann in das Früh⸗ ſtückzimmer hinab, um mechaniſch die gewohnte Morgenauf⸗ gabe zu übernehmen. „Meldet Sir Allan, daß das Frühſtück bereit iſt,“ ſagte ſie, dem Diener klingelnd, und verſank wieder in ihre Gedan⸗ ken, aus denen ſie jedoch alsbald durch die Erwiederung des Mannes erweckt wurde. „Sir Allan iſt ausgegangen, Mylady,“ meldete er, „und ſagte, er würde vor Nacht nicht zurückkehren.“ „Vor Nacht nicht zurückkehren!“ rief Margarethe. „Wißt Ihr, wohin er gegangen iſt?“ „Nein, Mylady,“ gab der Mann zur Antwort;„er hat das Haus zu Fuß verlaſſen.“ Da Margarethe nichts weiter erwiederte, ſo verließ der Diener das Zimmer. „Was thue ich?“ dachte Margarethe—„was habe ich gethan? Ich habe mir ſeine Neigung entfremdet: das ſehe ich deutlich in ſeinen Augen, an jedem ſeiner Blicke, an ſei⸗ nem ganzen Weſen, und ich liebe ihn immer noch ſo zärtlich. Zum erſten Mal in meinem Leben habe ich es gegen ein Weſen, das ich liebe, an Vertrauen und Offenheit fehlen laſſen, und wie ſchrecklich ſind die Folgen! O Gott! was ſoll ich thun? Ich will ihm Alles erzählen— ich will überlegen — will verſuchen, ob mein Gehirn noch eine Spur von Kraft übrig behalten hat— will einen Entſchluß faſſen und feſt dabei beharren. Iſt es denkbar, daß Allan Fairfax eine ſolche That begehen konnte? Denkbar, daß er ſich durch ir⸗ — —— 26²2 gend eine Herausforderung oder Verſuchung verleiten ließ, einen armen alten Mann wie dieſen zu beſchädigen? Wie! er der Edle, der Tapfere, er der freundliche und großmüthige Mann ſollte ſich alſo vergehen können? Um keinen Preis der Welt! nein, nein, nein, nein!— Aber jene Beweiſe— doch ich will nicht daran denken, es iſt unmöglich. Ich habe ihm Unrecht gethan und muß ihn wieder verſöhnen. Ich will ihm Alles erzählen, will mich vor ihm demüthigen, auf meinen Knieen will ich ihn um Verzeihung anflehen und ihn bitten, daß er mir ſeine Liebe nicht entzieht, weil ich ſchwach und wahnfinnig genug war, ihn zu beargwöhnen— ja, ja, doch ich will nicht weiter daran denken. Nichts mehr von dieſer Zweifelſucht; ich will ihm Alles erzählen, und bis ich's ge⸗ than habe, ſoll mein Herz nicht weiter darnach fragen.“ Auf dieſen Entſchluß hin wurde ſie ruhiger, und ver⸗ ſuchte zu frühſtücken; ſte probirte es mit Leſen, und bemühte ſich, ihre Zeit ſo gut ſte konnte auszufüllen, damit ihre Ge⸗ danken nicht wider ihren Willen zu Gegenſtänden zurückkehrten, an welche ſie um keinen Preis denken mochte.„Die Zeit wird mir furchtbar lange vorkommen, bis er zuruͤckkehrt,“ fagte ſte zu ſich ſelbſt, indem ſie nur mühſam Athem holte. „Nicht vor Nacht! Gerechter Himmel, wenn er gar nicht wieder käme!— Aber auch daran darf ich nicht denken— das wäre mein Tod!“ Gleich darauf zog ſie die Glocke und befahl dem Diener, ſeinem Herrn bei deſſen Rückkehr alsbald zu melden, daß ſie ihn ſogleich zu ſprechen wünſche; dann verfügte ſie ſich in ihr Boudoir, wo ihre kleine Bibliothek aufgeſtellt war und — 263 nahm ein Buch nach dem andern zur Hand, um darin zu blättern, ohne jedoch einen Buchſtaben zu unterſcheiden. So dauerte es zwei Stunden; ſie zog unzählige Mal die Uhr hervor, um den Verlauf der Zeit zu beobachten, und es kam ihr vor, als ob der Tag nimmer enden wolle. Es ſchlug Eilf— Zwölf— halb Eins, und ſie dachte: „Der Himmel ſey Dank! halb iſt er vorüber— doch horch! Das iſt ſein Schritt im Garten— er iſt früher zu⸗ rückgekommen— er hat ſeine arme Margarethe nicht ganz verworfen.“ Dieſer Gedanke durchzuckte ſie wie ein Strahl von Hoffnung; aber dennoch fing ſie heftig an zu zittern. In der nächſten Minute vernahm ſie ſeinen Tritt in der Halle; ſie hörte den Diener ſeine Botſchaft ausrichten, und rang gewaltſam nach Faſſung. Sie war entſchloſſen, was ſie thun wollte, und ihre einzige Furcht war die, daß ihr ſchwindelnder Kopf, die zitternden Glieder und der ſtockende Athem ſie nicht vollenden laſſen würden. Raſchen Schrittes trat Fairfax ins Zimmer und ſeine Augen waren mit ängſtlichem Blicke auf ſie geheftet. Schon dieſe Aengſtlichkeit zeugte dafür, daß ſeine Liebe noch nicht erloſchen war, und ſie fühlte ſich dadurch geſtärkt und getrö⸗ ſtet. Sie erhob ſich von ihrem Stuhle, hielt ſich am Tiſche feſt, während ſie ihm einige Schritte entgegen ging, und ſank dann langſam vor ihm auf die Kniee, ſeine Hand mit der ihren umfaſſend. „Vergib mir, Allan,“ flehte ſie,„vergib mir. Ich habe Dich unglücklich gemacht, habe unrecht an Dir gehandelt— 264 es fehlte mir an Vertrauen— thöricht und wahnſinnig wie ich war, habe ich geſchwankt und„gezweifelt. Vergib mir, vergib Deiner Margarethe und nimm— o nimm Deine Liebe nicht von mir.“ Er hob ſie in ſeine Arme, preßte ſeine Lippen auf die ihren, indem er ſie an ſein Herz drückte und erwiederte: „Alles, Margarethe, wenn Du mich nur liebſt.“ „Dank Dir, o Dank Dir, Allan,“ rief ſie;„aber höre mich an. Laß mich Alles erzählen, ſo lange ich noch Kraft und Entſchloſſenheit beſitze, und dann habe Mitleid mit mei⸗ ner Schwäche, vergib mir um all der Leiden willen, welche ich während dieſer letzten fünf Schreckenstage erduldet, ver⸗ gib Deiner armen Margarethe, wenn Du ſie auch voll Un⸗ willen wahnſinnig ſchiltſt, weil ſte Gedanken Gehör gab, die ſte beinahe zum Irrſinne getrieben hätten. Du willſt mich hören, Fairfar, bis zu Ende— nicht wahr? Du willſt mich Alles erzählen laſſen, ohne eine Frage zu thun, bis ich fertig bin, damit meine Kraft mich nicht verläßt, und dann wirſt Du mir Alles vergeben, Allan.“ „So habe doch nur Vertrauen zu mir, theures Mäd⸗ chen,“ bat er ſie beſänftigend;„ich kann ja faſt Alles ver⸗ zeihen.“ „Ach, das iſt gerade mein Fehler,“ jammerte Marga⸗ rethe mit Thränen in den Augen;„es fehlte mir an Ver⸗ trauen— zum erſten Male in meinem Leben wagte ich meine Gedanken nicht auszuſprechen— und das dem einzigen Manne gegenüber, den ich jemals geliebt habe. Doch jetzt will ichs gut machen— ich will Dir Alles erzählen; aber 265 erſt denke an die Strafe, die ich erduldet— denk an die Qualen der letzten fünf⸗Tage, und laß Dein Mitleid meinen Fürſprecher ſeyn. Nun will ich Dir erzählen.“ „Nein, ſetze Dich neben mich,“ ſagte Fairfar,„Du zitterſt ja, Liebe.“ „Ich moͤchte gerne knieend meine Beichte vor Dir ab⸗ legen,“ erwiederte Margarethe,„denn jetzt, da ich meine Erzählung beginnen will, empfinde ich erſt, wie Unrecht ich that, jemals an Dir zu zweifeln, und ich fürchte, ich werde Dir meine Empfindungen nicht deutlich machen können— werde Dir nicht ſagen können, wie ich mich darnach ſehnte, mit Dir zu ſprechen, aber immer wieder von tauſend pein⸗ lichen Schrecken zurückgehalten wurde.“ „Beruhige Dich, meine Margarethe, beruhige Dich,“ ſagte Fairfax zärtlich;„ſprich offen und aufrichtig, denn Du kannſt nicht wohl glauben, daß ich es jemals gegen Dich an Freundlichkeit oder Sanftmuth fehlen laſſen werde. Zuerſt aber laß Dir dafür danken, daß Du dieſe Erklärung herbei⸗ zuführen ſuchteſt, ohne daß ich ſie zu veranlaſſen brauchte, wie ich noch heute gethan haben würde. Und nun, meine Liebe, erzähle mir Alles.“ „Ich will, ich will,“ antwortete ſie;„aber ich muß gleich zu Anfang von einem Gegenſtande ſprechen, welcher Dir, wie ich weiß, unangenehm iſt, Allan. Du biſt ihm vor mir und Anderen immer ausgewichen; manche Perſonen waren ſogar kühn genug, über dieſe Deine Scheu vor einem gewiſſen Namen und einer einzigen Perſon ihre Bemerkungen zu machen, und auch mir iſt es als ſonderbar aufgefallen, da James. Margarethe Graham. 18 266 mein theurer Gatte in Betreff der Vergangenheit auch nicht die geringſte Eiferſucht empfinden ſollte, denn Du mußt ja wiſſen, Du mußt fühlen, daß ich nie jemand Anders als Dich geliebt habe— daß ich ganz Dein— und von Anfang an nie anders geweſen bin.“ „Ich will zugeben,“ verſetzte Fairfar,„ich bin eifer⸗ ſüchtig darauf, daß irgend Jemand Dich auch nur für eine Stunde ſein Eigenthum genannt hat. Ich weiß, Du biſt mein, Margarethe— ausſchließlich mein; und doch moͤchte ich, daß Du nie einen anderen Namen als den der Marga⸗ rethe Graham und jetzt der Margarethe Fairfax getragen hätteſt. Es iſt dies ſehr albern— ich bin ein großer Thor geweſen und will es nicht wieder ſeyn. Sprich, Liebe, die Sache ſoll mich jetzt nicht mehr zurückſchrecken— was weiter?“ „Du erinnerſt Dich, Allan,“ fuhr ſie fort, wäͤhrend ihre Hand in der ſeinigen ruhte,„wie Du mir eines Tages zu Anfang dieſer Woche den Schlüſſel Deines Schreibpultes überſchickteſt, um dort nach Papieren zu ſuchen. Nun ſiehſt Du, die Papiere fand ich alsbald, ſo wie ich den Pult ge⸗ öffnet hatte; ihn zu öffnen iſt aber ein ſchweres Stück Arbeit.“ „Ich weiß— ich hätte daran denken ſollen,“ beſtä⸗ tigte Fairfax. „Ich reichte William die Papiere,“ erzählte Marga⸗ rethe weiter,„und kehrte dann zurück, um den Pult zu ſchließen. Mehr wollte ich nicht, liebſter Allan, darauf gebe ich Dir mein heiliges Ehrenwort; ich hätte mich ja ſelbſt haſſen müſſen, wenn ich die geringſte Neugier empfun⸗ 267 den hätte; allein ſchon beim Oeffnen hatte ich den Pult theilweiſe über den Tiſch herausgezerrt, und als ich ihn zu ſchließen verſuchte, drückte ich ihn vollends herab.“ „Ich verſtehe,“ verſetzte ihr Gatte—„er fiel zu Boden.“ „Ja,“ beſtätigte Margarethe,„und hiebei kam ein ge⸗ heimes Schiebfach zum Vorſchein, worin ich——“⸗ „Ein Paar ſilberne Schuhſchnallen bemerkte,“ ergänzte Fairfax in feſtem Tone,„welche dem armen Kenmore ange⸗ hört hatten— ich weiß es.“ „Gott ſey Dank!“ murmelte Margarethe leiſe, als ſte ihn den Namen ſo ruhig ausſprechen hörte, und fuhr dann laut fort:„und welche er an ſich trug, als er mich am Abend jenes verhängnißvollen Hochzeittages verließ— ſie zeigen noch jetzt die Spuren ſeines Blutes.“ „So? das habe ich nicht bemerkt,“ gab Fairfar zur Antwort;„aber gewiß, Margarethe, das konnte doch nicht—— ℳ „Höre mich, Allan— höre mich zu Ende,“ bat Mar⸗ garethe.„Meine erſte Empfindung war die des Schreckens bei einem Anblicke, der mir mit einemmale jene ſchauder⸗ hafte That ins Gedächtniß zurückrief. Ich las die Papiere haſtig zuſammen, ſteckte ſie wieder an ihren Ort und ſchloß den Pult. Nun aber erhob ſich mit einemmale die Frage— kwie waren die Schnallen hineingekommen? Eine wirre Maſſe ſchrecklicher Bilder drängte ſich vor meine Seele. Mir ſchien, als ob Dich Jemand anklagte; ich war darüber nicht minder empört, wie wenn die Klage gegen mich ſelbſt ge⸗ lautet hätte. Ein böſer Dämon ſchien mir alle jene Schreckens⸗ 18* —— 268 momente zurückzurufen: wie Du ſtets ſeinen Namen vermie⸗ den— wie Du damals in der Nachbarſchaft geweſen— wie Du plötzlich eine Geldſumme in demſelben Betrage, wie ſie der Ermordete bei ſich getragen, empfangen hatteſt, worüber Du Dich niemals ausſprechen wollteſt— Alles wirbelte mir in einem Strome durch die Gedanken. Ich fühlte mich krank und ſchwindlig und ſank in Ohnmacht.“ „Argwohn— o welch' ſchreckliches Ding iſt der Arg⸗ wohn!“ rief Fairfax. „Graͤßlich iſt er,“ verſicherte Margarethe;„aber glaube nicht, daß ich ihm nachgab: ſobald ich mich wieder erholt hatte, ja ſogar während ich mich erholte, kämpfte ich mit Macht, um ihn von mir zu ſcheuchen. Ich nannte ihn Thor⸗ heit— Wahnſinn; aber immer kehrte er in neuer Ge⸗ ſtalt zurück— ich wußte, daß Du von heftigem Tempera⸗ mente biſt— wußte, daß Du mich ſogar damals nur allzu tief liebteſt— Du hatteſt mir geſagt, die Nachricht meiner Vermählung habe Dich beinahe wahnwitzig gemacht, ſo daß Du anfänglich kaum gewußt, was Du begonnen. Ich dachte mir, ihr Beide könntet zuſammengetroffen ſeyn; ein Streit — ein zufälliger Schlag— ich weiß nicht, was ich nicht Alles dachte oder wogegen ich nicht ankämpfte.“ „Ich ſehe Alles, meine arme Margarethe,“ ſagte Fairfax. „Nein, nicht Alles,“ verſetzte Margarethe;„höre mich noch einen Augenblick. Unter denen, die mich auf dem Boden liegend antrafen, war auch der arme Ben Halliday, der, wie mir geſagt wurde, in Geſchäften mit mir ſprechen wollte; ſobald ich wieder etwas bei mir war, entſchloß ich mich ihn 269 anzuhören, in der Hoffnung, jene furchtbaren Gedanken aus meiner Seele zu verbannen. Wovon er zuerſt ſprach, hab' ich vergeſſen; als er aber damit fertig war, ſagte er mir, er habe Dich ſehen wollen, denn vor drittehalb Jahren— er bezeichnete mir den Tag mit furchtbarer Beſtimmtheit— ſeyeſt Du beim Grauen des Morgens an ſeine Hütte gekom⸗ men und habeſt einen Schlüſſel fallen laſſen, den er Dir gerne zurückſtellen möchte. Er zeigte mir den Schlüſſel, Allan— er gehört zu der eiſernen Kaſſe, welche in des alten armen Mannes Hauſe zu Braunſchweig in die Wand einge⸗ laſſen iſt; er hatte mir ihn noch am Tage ſeines Todes ge⸗ zeigt, und trug ihn bei ſich, als er getödtet wurde. Hier iſt er, denn ich entriß ihn dem guten Ben, aus Furcht, er könnte gegen Dich zeugen, und fiel dann abermals in Ohn⸗ macht.“ 3 Fairfax drückte ſie an ſeine Bruſt. „Du hatteſt in der That Urſache genug, Dein Herz zu martern, meine Margarethe,“ ſagte er;„aber warum haſt Du mir dies Alles nicht ſogleich geſagt?“ „Das eben iſt mein Unrecht,“ gab ſie zur Antwort; „aber bedenke auch, Fairfar— was hatte ich nicht Alles zu fürchten, wenn ich meine Gefühle ausſprach? Ich hatte von einem Gegenſtande zu reden, den Du verabſcheuteſt; konnteſt Du mir auch Alles erklären, ſo durfteſt Du mich um meiner Zweifel willen haſſen. Wurde nicht Alles von Dir aufge⸗ klärt— was mußte aus dieſem Zweifel werden? Was ich auch that— ich fürchtete Dich jedenfalls zu verlieren, und ich zögerte und zitterte und zog mich in mich ſelbſt zurück, ——— — 270 fühlte wohl, daß ich ſchwach war, konnte aber meine Schwäche nicht überwinden— wußte, daß Du unſchuldig ſeyn mußteſt, während der Zweifel noch immer in meine Ohren gellte. Ich hatte Unrecht, ſehr Unrecht, Allan; aber ach! wenn Du wüßteſt, wie ich gelitten, welche Angſt ich Tag für Tag und Nacht für Nacht erlitten habe— Du würdeſt mich bemit⸗ leiden und mir vergeben. O vergib mir, mein Allan, ver⸗ gib mir!“ „Von Herzen, meine Margarethe,“ gab Fairfar zärt⸗ lich zur Antwort;„ich finde Dich ſogar in Allem nahezu ent⸗ ſchuldigt, nur nicht darin, daß Du mir nicht unverzüglich Alles anvertrauteſt, und auch hier ſpricht Vieles zu Deiner Rechtfertigung. Aber daß Du nie mehr an mir zweifelſt, Margarethe, mir nie mehr Dein Vertrauen vorenthältſt. Ich kann Dir jetzt Gottlob Alles erklären, was ich geſtern noch nicht vermocht hätte.“ „Noch ein Wort,“ bat Margarethe;„ich bedarf keiner Erklärung, Fairfax. Geſtern Nacht warſt Du zornig auf mich, wie ich wohl ſehen konnte; heute Morgen verließeſt Du mich, um erſt auf den Abend zurückzukehren. Ich ſetzte mich nieder und kämpfte mit mir ſelbſt— ich ſiegte: ich fühlte, daß an meinem Allan keine Schuld haften konnte, und daß ich unter allen Umſtänden nichts Nachtheiliges von ihm glauben durfte; ich glaubte auch wirklich nichts, und beſchloß um jeden Preis Dich zu ſprechen und Deine Ver⸗ zeihung zu erflehen. Ich habe die Aufgabe vollendet, habe meinen Buſen von einer Schlange befreit, welche nie wieder Zutritt darin erhalten ſoll: ich verlange keine Erkärung, 271 auch wenn die ganze Welt Dich ſchuldig nennen wollte— ich würde es doch nicht glauben.“ „Aber Du mußt das Ganze hören, Liebe,“ verſetzte Fairfax.„Den Schlüſſel hab' ich nie geſehen; der gute Mann beging hier ein Mißverſtändniß. Er war in ſeiner Hütte derſelben Perſon entfallen, welche auch jene Schuh⸗ ſchnallen in mein dort zurückgelaſſenes Felleiſen ſteckte. Jener, meine Margarethe, war der Mörder des alten Doktor Kenmore, den ich nicht Deinen Gatten nennen will, weil er es nicht war. Erſt heute Morgen habe ich den Mörder entdeckt und die Sache ans Licht gebracht, Marga⸗ rethe; aber— ſo ſonderbar dies auch klingt— erſt vor einer Stunde, da der Mörder ſeine That eingeſtand, habe ich er⸗ fahren, daß jene Schnallen dem guten alten Manne gehört hatten.“ „So hat er's bekannt!“ rief Margarethe mit einem Rufe der Freude,„er hat es bekannt! Es kann alſo kein Zweifel mehr obwalten?“ „Nein,“ erwiederte Fairfax,„denn er hat eingeſtan⸗ den, wo er die Habſeligkeiten des Todten verſteckte, wenn er auch die That nicht geradezu bekannte.“ „Wie haſt Du es aber entdeckt,“ rief Margarethe, „da doch ſeither jede Nachforſchung vergeblich geweſen?“ „Durch den ſonderbarſten Zufall von der Welt, meine Theure,“ erwiederte Fairfar mit ſchwachem Lächeln, indem er zugleich ſeinen Arm um ſie ſchlang und ſie ans Herz drückte.„Weißt Du wohl, Liebe, daß Du in demſelben Augenblicke, da ich auf dem Moore ſaß und daran dachte, —— 272 wie ich ohne Margarethen nicht leben könne, aber dennoch lieber ſterben als ohne ihre Liebe leben wolle— faſt zum zweitenmale und zwar auf derſelben Stelle und durch die gleiche Hand wie den erſten, beinahe auch einen zweiten Gatten verloren hätteſt?“ Margarethe wurde marmorbleich, und Fairfar drückte ſte näher an ſich, indem er ſte mit den Worten zu beſchwich⸗ tigen ſuchte: 3 „Aengſtige Dich nicht, Liebe: Du ſiehſt ja, ich bin hier— ſicher und unverletzt.“ „O Fairfax,“ antwortete ſie mit leiſer zitternder Stimme,„wenn Du damals geſtorben wäreſt, während ich noch Dein Herz durch beleidigende Zweifel und ſchwaches Zögern peinigte— was wäre mein Schickſal geweſen?— Nichts anderes als Wahnwitz oder Tod. Gerechter Himmel, Du haſt ja eine Schramme im Geſicht: er muß Dich alſo doch getroffen haben. O Allan, Allan!“ Und ſie barg ihr Haupt an ſeinem Buſen und weinte. „Er hat mich nur geſtreift,“ verſetzte Fairfar;„denn in dem Augenblick, da er einen großen Stein gegen meinen Kopf ſchleudern wollte, wurde er von einem armen Manne Namens Jakob Halliday ergriffen. Er warf ſein Geſchoß zwar mit aller Kraft, aber es verfehlte mich und ſchürfte mir nur die Wange.“ „Der Simpel, es war der Simvel,“ rief Margarethe emporſchauend, indem die ihr wohlbekannte Bosheit des unglücklichen Menſchen ſie ſogleich zu dem richtigen Schluſſe führte.„Du ſchlugſt ihn, Allan, und ich habe immer ge⸗ 273 hört, daß er einen Schlag niemals vergibt. Doch wie ent⸗ deckteſt Du das andere Verbrechen?“ „Das will ich Dir ſagen, Theuerſte,“ verſetzte ihr Gatte und erzählte ihr nun in Kurzem den ganzen Vorfall mit moͤglichſter Genauigkeit, um ihr zu beweiſen, daß jeder Zweifel über die Ermordung des alten Mannes gehoben ſey. „Und nun,“ fuhr Fairfar fort,„bleiben nur noch zwei Dinge zu erklären. Das eine wird mir vielleicht ſchwer werden zu erläutern— Andere würden es nicht begreifen, Du aber wirſt es. Das zweite muß für jetzt, vielleicht auf Jahre— vielleicht für immer unaufgeklärt bleiben: aber Margarethe wird jetzt nicht mehr an mir zweifeln—— 4 „O nein, nie, nie mehr!“ rief ſie,„und Du verzeihſt mir, Allan, und vergißt wo moͤglich, daß ich jemals ſo ſchwach geweſen bin, ſo unrecht an Dir gehandelt habe.“ „ Ich werde nie darauf zurückkommen oder daran denken, meine Liebe,“ gelobte Fairfar,„das heißt, meine Gedanken ſollen keine Minute lang darauf verweilen. Nun aber zu meiner Erklärung. Meine Liebe zu Dir, Margarethe, war von Anfang an nicht gewöhnlicher Art: fie war die einzige Leidenſchaft meines ganzen Lebens; Du, Du allein warſt der ausſchließliche Gegenſtand meiner tiefſten Neigung. Unſere Verbindung macht mich ſo glücklich, wie meine glänzendſten Träume mich nicht ahnen ließen; allein faſt an jedem Him⸗ mel hängt eine Wolke, und wäre ſie auch nicht größer als eines Mannes Hand— es waͤre nicht gut für uns, wenn es anders wäre. Ich fühle und habe immer gefühlt, daß Du mein— ganz allein mein ſeyn würdeſt.“ 274 „Und ich bin es ja,“ rief Margarethe—„bin es immer geweſen.“ „Aber ein Anderer hat Dich ſein Weib, hat Dich Mar⸗ garethe genannt,“ ſagte Fairfax. „Das that er ſeit meiner Geburt, Allan,“ erwiederte ſie;„ebenſo gut könnteſt Du auf meinen Vater eiferſüchtig ſeyn.“ „Es iſt nicht Eiferſucht, theures Mädchen,“ entgegnete er;„doch was es auch ſey— ich will es verbannen, denn es hat ſchlimme Früchte getragen, und ich fühle, daß es Unrecht iſt. Allein ſo war nun einmal meine Empfindung, Liebe, ſo daß mir der bloße Gedanke an jene traurige Zeit verhaßt wurde; ich konnte es nicht ertragen, Dich mir anders als Margarethe Graham— als meine Margarethe zu den⸗ ken oder ſo von Dir zu ſprechen. Es war eine krankhafte Thorheit— ſie ſoll und wird geheilt werden. Aber ſogar Irrthümer haben zuweilen wohlthätige Folgen, meine Mar⸗ garethe; hätte ich nicht dieſen Fehler gegen Dich begangen — und ich fühle wohl, daß es ein Fehler gegen Dich iſt— ſo hätte ich es vielleicht härter und ſtrenger aufgenommen, daß Du, die Du ſonſt ſo offen und aufrichtig biſt, dem Ge⸗ liebten nicht ſogleich alle Deine Gedanken anvertrauteſt.“ „O Allan, die Liebe kann ſo innig ſeyn, daß ſie ſchüch⸗ tern wird,“ verſetzte Margarethe;„ja ich glaube ſogar, daß dieſe Schüchternheit beim Weibe mit jener Innigkeit im Verhältniſſe ſteht. Ich will Dir jedoch zweierlei verſprechen, Fairfar: erſtlich, daß ich Dir nie wieder ein Gefühl oder einen Gedanken verhehlen, und zweitens, daß ich nie mehr — 275 auf jene unglückſelige Heirath oder den guten alten Mann zurückkommen will, der, wie ich glaube, jene Verbindung blos aus Mitleid und Wohlwollen vorſchlug.“ „Nein, nein, Margarethe,“ erwiederte ihr Gatte. „Das erſte Verſprechen nehme ich an, meine Liebe; des zwei⸗ ten aber will ich Dich nicht nur entbinden, ſondern will ſo⸗ gar ſelbſt von Doktor Kenmore mit Dir reden. Du haſt Dich ſelbſt überwunden, theures Mädchen: Dein Freimuth und Deine Aufrichtigkeit triumphirten zuletzt über Furcht, Schüchternheit und Zweifel, wozu Du allerdings Urſache genug hatteſt. Auch ich will mich überwinden, und bald ſoll es Nichts mehr geben, was nicht zwiſchen Margarethen und ihrem Gatten beſprochen werden könnte.“ Zwanzigſtes Kapitel. Schluß. Es bleibt uns faſt nichts mehr von Margarethe Gra⸗ ham's Geſchichte übrig, als die kurze Erklärung, welche ihr Fairfax noch zwei bis drei Jahre vorenthalten mußte, und die wir deßhalb am Schluſſe unſerer Erzählung geben wollen. Zuvor aber dürfte es am Platze ſeyn, noch einiger Nebenum⸗ ſtände zu erwähnen, welche mehrere Perſonen unſerer Er⸗ zählung berühren. Der Simpel Tommy Hicks, der bei allen Ereigniſſen derſelben eine ſo hervorragende Rolle ſpielte, ward wegen —— 276 Ermordung des alten Doktors Kenmore vor Gericht geſtellt; das Geld, der Stockknopf und alle übrigen geſtohlenen Ef⸗ fekten waren nach den von ihm gegebenen Andeutungen auf⸗ gefunden worden, und da ſein Gemüthszuſtand klar vor Augen lag, ſo ſiel es der Jury nicht ſchwer, ihren Spruch über ihn zu fällen. Er wurde lebenslänglich an einem Zu⸗ fluchtsorte untergebracht, wo er nicht ferner Unheil anzu⸗ richten vermag, ſo daß auch hier— wie dies in England gar häufig geſchieht— das Pferd beim Schwanze aufge⸗ zäumt wurde. Bei dem Verhöre kamen noch etliche weitere Umſtände ans Tageslicht, welche Urſache zu dem Verdachte gaben, daß der Brand in Pachter Stumps' Getreideſchobern von Tommy Hicks herrührte; die Sache wurde natürlich wie immer bedeutend vergrößert, ſo daß nunmehr alle die zahlreichen Feuersbrünſte der vorangegangenen Jahre dem Anſtifter jener einen zur Laſt gelegt wurden. Jakob Halliday entging nicht ganz dem Verdachte, nicht daß er den Simpel abſichtlich zu der That veranlaßt, wohl aber daß er ſie durch ſeine trotzigen Deklamationen wider die Tyrannei, welcher die Armen verſielen, hervor⸗ gerufen habe. Er hatte mittlerweile auf Lady Fairfar' Gütern hinreichende Beſchäftigung gefunden, um ſich mit ſeiner Familie recht behaglich durchzubringen; allein Jakob war von höchſt unruhigem Charakter: er hatte viel davon gehört, wie leicht man ſich Wohlſtand und Unabhängigkeit in einem anderen Welttheile erringen könne, und ſo zog er mit Unterſtützung ſeines Vetters Ben, welcher nunmehr ein 277 wohlhäbiger Mann iſt, in das Land der Freiheit und der Heimzahlungsweigerung. Ben Halliday befindet ſich wohl und behaglich. Sein älteſter Sohn verließ mit Freuden die Manunfakturdiſtrikte, um im ländlichen Berufe Ruhe und Geſundheit wieder zu erlangen. Seine Schweſter Suſanne ſchwebte mehrere Mo⸗ nate zwiſchen Tod und Leben; aber gleichwie bei allen Magen⸗, Herz⸗ und Bruſtkrankheiten äußeres Glück und Wohlergehen die wirkſamſte Arznei abgibt, ſo ging es auch ihr und ſie genas. Charley iſt zu einem hübſchen kräftigen Jungen herangewachſen, der ſeinem Vater bereits in vielen Dingen zu helfen im Stande iſt. So hätten wir außer Sir Allan und Lady Fairfax nur noch zwei Perſonen, an denen der Leſer, wie ich glaube, einiges Intereſſe nehmen wird. Sir Stephen Grizly war damals ein kinderloſer Wittwer, und fand dieſen Zuſtand, worin man alle die kleinen Freuden und Leiden des ehelichen Lebens(von wichtigeren Dingen gar nicht zu reden) ver⸗ mißt, im höchſten Grade unbehaglich. Unſer Daſeyn wird dabei nur allzu leicht zu einem ſtehenden Sumpfe, welcher des Aufrührens bedarf, und Sir Stephen beſchloß, einen friſchen Strom durch den ſeinigen zu leiten und fich deßhalb wieder zu vekheirathen. Er bewies mit einemmale eine wunderbare Theilnahme an allen Anordnungen, welche Miß Harding auf ihrem neu erworbenen Landgute traf: er bot ihr in manchen Dingen ſeinen guten Rath, den ſte in Vielem nicht annahm und bot ihr zuletzt ſeine Hand, welche ſie nach kurzer Erwägung nicht ausſchlug. Sie war zwar vierzig 278 vorüber, zeigte aber immer noch Spuren von Schönheit; Sir Stephen zählte zweiundfünfzig, ohne jemals huͤbſch geweſen zu ſeyn— dafür war er ein trefflicher liebenswür⸗ diger Mann, und wenn auch in ſeiner Art ein Original, doch gleichwohl von frohem Temperament und feinen Ma⸗ nieren. Es war eine keineswegs unpaſſende Verbindung, welche ſich zuletzt als höchſt glücklich erwies. Allerdale⸗Houſe und die damit verbundenen Ländereien wurden das Eigenthum von Sir Allan Fairfax. Er hob einige von Mr. Hankum's Verbeſſerungen wieder auf, än⸗ derte aber ſonſt nichts weiter an den Gebäuden oder den Gü⸗ tern, als daß er beide wieder in den Zuſtand ſetzte, wie Mr. Graham ſie verlaſſen hatte. Margarethe fühlte, daß dies aus Rückſicht für ihres Vaters Andenken geſchah, und war ihm dafür höchſt dankbar, obwohl Beide keine Sylbe darüber äußerten. Der Ort war ihnen Beiden ſehr lieb; ſie zogen jedes Jahr im Frühherbſt hin, um mit ewig neuer Liebe all, jene Schauplätze zu beſuchen, welche ihre Neigung hatten entſtehen ſehen, und wo ihnen jeder Gegenſtand eine glück⸗ liche Hoffnung früherer Jahre zurückrief, welche der nun⸗ mehrigen Periode der Reife vermehrten Glanz verlieh. So finden wir denn im Monat September gegen neun Uhr Abends unſeren Freund Fairfar mit ſeinem ſchönen Weibe und einem alten Kameraden zuſammen; Letzterer war Major in ſeinem Regiment geweſen und war erſt heute in ziemlich leidendem Zuſtande angekommen, um einige Wochen bei ſeinen Bekannten zu verleben. Sie hatten um ſechs ge⸗ ſpeist, waren aber unter heiterem Geplauder beim Deſſert 279 ſitzen geblieben, indem ſie ſich frühere Ereigniſſe zurückriefen und die ehemaligen Feldzüge noch einmal durchmachten. Margarethe hörte mit Theilnahme, mit Liebe und Stolz ihren Erzählungen zu, denn Alles, was ſie vernahm, ge⸗ reichte zum Ruhme ihres geliebten Gatten, und ſie fragte zuweilen nach den näheren Einzelnheiten mancher Abenteuer, welche die beiden Offiziere nur obenhin berührten; zuweilen ſchwiegen ſte auf einige Minuten, um uͤber die Vergangen⸗ heit nachzuſinnen oder um die Gegenwart zu genießen, wäh⸗ rend ſich für Beide der ſchattige Hintergrund des Speiſe⸗ zimmers mit den Bildern der Erinnerung und der Fantaſie bevölkerte. „Wiſſen Sie wohl, Fairfax,“ fragte endlich der alte Major,„daß der arme Harrington todt iſt?“ „Nein, davon hab' ich nichts gehört,“ gab Fairfax zur Antwort.„Wo ſtarb er denn?“ „In Paris,“ erwiederte der Andere.„In der Zei⸗ tung ſtand blos, er ſey plötzlich geſtorben; man ſagt jedoch, er habe ſich ſelbſt getödtet.“ „Ich hoffe nicht,“ rief Sir Allan;„das wäre ein trauriger Schluß einer nicht ſehr befriedigenden Laufbahn. Ich traf ihn noch einmal, nachdem er ſich bei uns ausge⸗ kauft hatte, uͤnd wir verlebten einen Abend zuſammen im Gaſthof. Er war damals in guter Laune, weil ſeine Börſe gefüllt war; Sie wiſſen ja, Leslie, daß er ſich nur dann melancholiſch zeigte, wenn ſeine Taſche leer war— ſonſt ſchien ihn nichts auf der Welt zu berühren.“ „Der arme Burſche! es thut mir leid um ihn,“ klagte — 280 der alte Offizier;„er war zwar ein wilder, gedankenloſer Sauſewind, aber gleichwohl ein feiner, ehrenwerther Burſche.“ Fairfax ſchwieg, bis er endlich bemerkte: „Er war edel geſinnt und gutherzig, aber ſehr ſchwach, was ihn oft in höchſt unerfreuliche Lagen verſetzte. In Allem was er unternahm, war er ungemein geſchickt; aber ich kenne für den Betheiligten ſelbſt wie für Andere keine gefährlichere Zuſammenſtellung, als die der Fähigkeit und Schwäche.“ „Ich glaube, Sie haben Recht,“ gab der Major zur Antwort;„und bei dem armen Harrington war allerdings beides der Fall.“ Hier nahm das Geſpräch über den Verſtorbenen ein Ende, und man zog ſich bald darauf in das Wohnzimmer zurück; aber auch hier blieb man nicht mehr lange auf, denn Lady Fairfax befand ſich in zarten Umſtänden, und ſo begab man ſich um halb zehn zur Ruhe. Margarethe war noch nicht lange in ihrem Zimmer, als ihr Gatte eintrat, und ſich neben ihr aufs Sofa ſetzte, wo ſie ſich niedergelegt hatte. „Leslie iſt zu Bett gegangen,“ begann er,„denn die Geſundheit des armen Mannes iſt ſehr zerrüttet; ſo bin ich denn gekommen, Margarethe, um Dir eine Geſchichte zu erzählen.“ „Wirklich!“ ſagte ſie.„Iſt es ein orientaliſches Mähr⸗ chen oder eine Novelle aus unſerem eigenen Lande?“ „Von Beidem ein wenig, mein theures Mädchen,“ gab er zur Antwort.„Du hörteſt doch unſer Geſpräch über Kapitän Harrington?“ — 8 „Ja wohl, und ich bedauerte den armen Mann,“ ver⸗ ſetzte Margarethe. „Nun denn, meine Liebe, an ſeinem Leben hing das einzige Geheimniß, das ich vor meiner Margarethe hatte,“ bemerkte Fairfar.„Ich gab mein Ehrenwort, ſo lange er lebte, es nie, nicht einmal unter Verſchweigung des Namens zu enthüllen, denn ein Theil der Geſchichte war ſo bekannt, daß der andere bei dieſer Enthüllung ſicherlich an ihm hängen geblieben wäre.“ „Ich trat noch als ſehr junger Mann in eines der aus⸗ gezeichnetſten Infanterieregimenter, womir mein guter Oheim eine Stelle kaufte, was er bei ſeiner ſonſtigen ſorgloſen Frei⸗ gebigkeit, welche eigentlich jedes Vermoͤgen unzureichend für ihn gemacht hätte, nur durch die ſtrengſte Sparſamkeit zu erreichen vermochte. Als ich Dich zuerſt kennen lernte, ſtand ich eben bei jenem Regiment, und Harrington war einer meiner früheſten Kameraden, während wir Beide noch Fahnen⸗ junker waren. Einige Jahre, bevor ich hieher kam, war er in ein Reiterregiment übergetreten, während ich bei meiner alten Truppe blieb, weil ich nicht die Mittel beſaß, die Diffe⸗ renz der Kaufſumme zu bezahlen. Nach der ſcharfen Ver⸗ abſchiedung von Seiten Deiner Mutter und dem Verſchwin⸗ den jeder Hoffnung, von Dir und Deinem Vater zu hören, verſank ich in ſo düſtere Stimmung, daß mein Onkel ſich nach der Urſache erkundigte, worauf ich ihm ſagte, ich wünſche ſehnlich ins Feld zu ziehen, um daſelbſt Gelegenheit zur Auszeichnung zu haben. Hiefür ſtand aber blos Indien offen, und der gute alte Mann fand Mittel, auf ſeine Bücher James. Margarethe Graham. 19 —õn— 282 und Gemälde, welche nach ſeinem Tode ein kleines Ver⸗ mögen für mich hätten abwerfen ſollen, die erforderliche Summe aufzunehmen, um mir in demſelben Regimente, in welches Harrington verſetzt worden war, eine Stelle zu kaufen.“ „Es freute mich ſehr, Letzteren bei meinem Eintreffen im Regimente zu finden, denn er war ein äußerſt angenehmer Menſch, und die Schattenſeiten ſeines Charakters waren während unſerer erſten Bekanntſchaft noch nicht hervorge⸗ treten. Allein ich fand ihn ſehr verändert: er liebte Spiel und Pferderennen, war ein rechter Prahlhans geworden, und bei allen ſeinen großen Fähigkeiten und einem Herzen, das noch zuweilen und auf Augenblicke edlen Eingebungen gehorchte, fühlte ich dennoch, daß ein Mann von ſo lockeren Grundſätzen nicht zu meinem Freunde taugte. Die Zurück⸗ haltung, die er in meinem Weſen bemerkte, mochte ihn wohl etwas ärgern; er nahm jedoch keine Notiz davon, und wir blieben gegenſeitig auf höflichem freundlichem Fuße. Eines Abends rühmte er ſich eines ſolchen Kartenglückes, wie er es nannte, daß er bei zehnmaligem Umſchlagen der Karten eine beſtimmte Anzahl von Honneurs garantiren zu können behaup⸗ tete. Die Sache kam mir lächerlich vor, und von dem Geſpräche gereizt, rief ich endlich:„Unſinn, Harrington, Unfinn. Ich wette hundert Pfund dagegen.“—„Topp!“ ſagte er alsbald— ich konnte nicht mehr zurück, und am andern Abend wurde der Verſuch auf ſeinem Zimmer in Gegenwart mehrerer Kameraden angeſtellt. Er gewann die Wette, und ich be⸗ zahlte meine hundert Pfund, was mich für die nächſten zwölf — 47 4 283 Monate auf ein höchſt kümmerliches Auskommen beſchränkte. Die Sache war abgemacht; ich dachte nicht mehr daran und betrachtete ſie von meiner Seite als einen Narrenſtreich, von deſſen Wiederholung mich die erlittene Strafe für mein ganzes Leben kuriren ſollte.“ „Harrington kaufte ſich einige Zeit ſpäter aus dem Re⸗ giment und kehrte nach Europa zurück, wohin ich ihm ſechs bis acht Monate ſpäter auf Urlaub nachfolgte. Mein armer Oheim war unterdeſſen geſtorben; ich hatte neben meinem Solde nur noch eine ſehr unbedeutende Jahresrente, mein Geldvorrath war bei meiner Ankunft in England beinahe erſchöpft, und ich beſaß nicht die Mittel, um jene Papiere, von denen, wie ſich ſpäter erwies, mein Gluͤck abhing, zu kaufen— ſo will ich wenigſtens den Handel mit dem ſchuf⸗ tigen Anwalte nennen, welcher zwar behauptete, daß er ſte für eine Klage, die er für meinen Vater beſorgt, deren Honorirung aber die Teſtamentsvollſtrecker verweigerten, an Zahlungsſtatt zurückhalte, was jedoch blos ein Vorwand war. Sobald ich Deines Vaters Unglück erfuhr, eilte ich unverzüglich nach Cumberland. Ich ſchrieb Dir und kehrte nach Empfang Deiner Antwort wie ein Raſender nach London zurück, um den Verkauf meiner Stelle zu beſchleu⸗ nigen— ein Schritt, welcher durch das Ereigniß, das ich Dir erzählen will, nur um ſo nöthiger gemacht wurde.“ „Bei einem Städtchen in Huntingdonſhire brach gegen neun Uhr Abends die Achſe unſeres Wagens, ſo daß ich, bis der Schaden ausgebeſſert war, in einem Gaſthofe ab⸗ ſteigen mußte. Dort traf ich unter der Thüre meinen alten 19* 284 Kriegskameraden Harrington, welcher über meinen Anblick ausnehmend erfreut ſchien, und es, wie ich glaube, auch wirklich war, mich auf ſein Zimmer einlud und daſelbſt be⸗ wirthete, ſo gut der Ort es nur immer erlaubte. Da er jedoch ſah, daß ich ſehr niedergedrückt war und mich nach der Weiterreiſe ſehnte, ſo richtete er allerhand Fragen an mich, wobei er ſich jedoch mit mehr Zartſinn benahm, als ich nach den früheren Vorgängen erwartet hätte. Ich antwortete ihm offenherzig, daß ich nach London eile, um meine Stelle zu verkaufen, weil alle meine künftigen Lebensausſichten von dem Auſtreiben einer kleinen Geldſumme, welche ich nicht beſaß, abhingen. Er bot mir alsbald ſeinen Beiſtand an, was ich jedoch entſchieden ablehnte, da er nicht der Mann war, gegen den ich mir eine Verpflichtung auferlegen mochte. Ich ſagte ihm, es ſey gegen meinen Grundſatz, Geld zu borgen, und dieſe Antwort ſchien ihn in tieferes Nachſinnen zu verſenken, als ich es jemals an ihm erlebt hatte. Er hielt mir entgegen, wie es gar nichts auf ſich habe, wenn ich von einem alten Freunde ein Darlehen von einigen hundert Pfunden annähme, welche ja eben durch den übereilten Schritt, den ich ohne Noth zu thun beabſichtige, jederzeit leicht zurückbezahlt werden könnten. Ich erwiederte ihm, hundert Pfund ſey Alles, was ich bedürfe, aber auch ſte moge ich nicht entlehnen.“ „Er gerieth abermals in noch tieferes Nachgrübeln, und ließ dann Wein herbeiholen, wovon er eine gute Portion zu ſich nahm. Ich hatte früher oft bemerkt, daß unter dem Einfluſſe des Weines ein von Natur offener großherziger ———— — —— Charakter bei ihm zum Vorſchein kam, welchen erſt ſeine ſpäteren Schwächen und Laſter ſo traurig entſtellt hatten; auch diesmal drang er, je wärmer er wurde, deſto heftiger in mich, jene Geldſumme, deren ich bedürfe, von ihm anzu⸗ nehmen. Ich widerſtand noch immer, und erklärte ihm, mein Entſchluß ſey unabänderlich, bis er zuletzt gewaltig aufge⸗ regt wurde. Er ſtand auf, ſchritt im Zimmer auf und ab und ſagte endlich meine Hand faſſend: Nimm das Geld, Fairfar, nimm es, um meine Seele von einer ſchweren Laſt zu befreien.“ Ich erwiederte lächelnd, ich ſehe nicht ein, wie ich ſein Gemüth durch Belaſtung des meinigen erleichtern könne; mein Entſchluß ſtehe feſt, kein Geld zu borgen, ſelbſt wenn mein ganzes Lebensglück davon abhinge.“ „Ich kann Dir nicht alles erzählen, was endlich den Schluß herbeiführte. Er griff zu wiederholtenmalen zum Glaſe, ſchien immer noch zu wanken und zu zögern, und ſein Verlangen, mir eine Hülfe aufzudrängen, deren Annahme ich ſo entſchieden verweigerte, ſchien mir ſo auffallend, daß ich zu glauben anfing, ſein Verſtand müſſe Noth gelitten haben, als er ſich plötzlich vollkommen gefaßt niederſetzte und alſo anhub: „Fairfax, Du mußt das Geld nehmen und ich will Dir auch ſagen— warum; aber Du mußt mir Dein Ehrenwort darauf geben, das, was ich Dir ſagen werde, ſo lange ich lebe, vor Niemand zu wiederholen.““ Ich verſprach es ihm gerne, und er fuhr alſo fort:„Ich kann dieſes Gefühl nicht länger ertragen, Fairfax. Ich ſpielte Dir einſt einen ſehr ſchnöden Streich, und ſuchte mir die Sache anfänglich als 4 6 4 4 1 4 286 einen guten Witz auszureden;z ich dachte, ich könnte Dich zu jeder Zeit beſuchen, und Dir die Geſchichte eines Tags mit⸗ theilen: allein Monat auf Monat verſtrich und ich ſagte es nicht; ich kaufte mich aus, und wir wurden getrennt; ich ſchämte mich, Dir zu ſchreiben, war aber immer entſchloſſen, Dir die ganze Sache zu erzählen und den Schaden, ſobald ich Dich ſah, wieder gut zu machen. Ich hätte es bereits gethan, wenn es nicht geſchienen hätte, als ob Du mir einen Mittelweg offen laſſen wollteſt, ſo daß ich Dir Dein Eigen⸗ thum zurückſtellen könnte, ohne Deine gute Meinung für immer aufs Spiel zu ſetzen. Erinnerſt Du Dich noch, wie wir eines Tags über eine beſtimmte Anzahl von Honneurs, welche ich hinter einander umzuſchlagen übernahm, eine Wette machten, wobei ich hundert Pfund von Dir gewann?¹“ „O ja, ganz genau, war meine Erwiederung.“ „Nun denn, Fairfax, ich ſage Dir, jene Summe war nicht ehrlich gewonnen. Du hatteſt mich durch Deinen Widerſpruch gegen meine Behauptung eines wandelloſen Glückes vor der ganzen Tiſchgeſellſchaft gereizt, und ich be⸗ ſchloß, daß Du Deine Wette auf die eine oder andere Weiſe verlieren ſollteſt. Ich markirte die Karten, Fairfax, indem ich durch jedes Bild eine Nadel ſteckte, und ſte dann ſorgfäl⸗ tig in die Envelope einhuͤllte, ſo daß ich Dich und die An⸗ weſenden vollſtändig täuſchte— natürlich konnt' ich mir umſchlagen, was ich nur wollte, und gewann Dein Geld auf höchſt unredliche Weiſe.— Jetzt kannſt Du wohl nichts mehr dagegen haben, daſſelbe von mir zurückzuempfangen.““ „Anfänglich wollte ich ihm kaum glauben, und dachte, — V 4 V 2 — —— 287 er ſuche mir in ſeiner Großmuth eine Schlinge zu legen; allein er verſicherte mir aufs Feierlichſte, daß er nur Wahr⸗ heit berichtet habe, und wie Du Dir leicht denken kannſt, meine Liebe, machte ich keine weitere Einwendung, mein Eigenthum zurückzunehmen. Er erinnerte mich an mein Ge⸗ lübde, ſein Geſtändniß, ſo lange er lebe, vor Niemand zu wiederholen, und ich gab ihm aufs Neue mein Wort mit dem feſten Entſchluſſe, es unverletzt zu erhalten. Ich hätte die Geſchichte um keinen Preis der Welt vor ſeinem Tode erzählt, und würde es auch jetzt nicht gethan haben, wenn ich nicht fühlte, daß es keinen Gegenſtand geben darf, wel⸗ chen ich und Margarethe nicht zuſammen beſprechen dürften. Nur Du, mein Maͤdchen, ſollſt jene Geſchichte erfahren, denn wenn ich auch mit Leslie nicht darin übereinſtimme, daß ich den armen Harrington für einen feinen ehrenwerthen Burſchen halte, ſo glaube ich doch, daß in ihm, wie in einem großen Theile der beſſern Klaſſen in England viel Stoff zum Guten ſteckte, obgleich die beſſeren Eigenſchaften in ſeinem Falle von Laſtern, Thorheiten und angenommenem Weſen verdorben waren.“ So lautete Fairfax' Erzählung über einen Vorfall, welchen ich in einem früheren Kapitel meines Werkes ſo gerne berichtet hätte, und auch ſpäter zu erzählen verſprach; da aber der Beſitzer des Geheimniſſes daſſelbe damals zu verbreiten nicht für gut fand— wie hätte ich es thun können? Ende. Druck der J. B. Metz ler'ſchen Buchdruckerei in Stuttgart. Eaaanunn 17 18 Fſſſinſſnſne ſnenmim 5 16 9 10 11 12 13 14 1