= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oklmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 83. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————x— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Wer. 50 f. 2 Wer.— Pf. 3 3 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ac.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des hunten verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — G. P. U. James' neueſte Romane, in deutſchen Uebertragungen. SEo* Erſtes bis viertes Bändchen. 0O Eo Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Buchhandlung. 1 18 47. Der Ueberwieſene. Roman von G. P. R. James. Aus dem Engliſchen. Rechtmäßige Ausgabe. SGo⸗ 9 Stuttgart. Verlag der J. B. Metzler'ſchen Vuchhandlung.— 18 47. Vorrede. Eine durchaus einfache Geſchichte auf die einfachſt mögliche Weiſe zu erzählen— dies war des Verfaſſers Abſicht beim Niederſchreiben dieſes Werkes. Darum bedarf es auch nur weniger Worte zur Vorrede; ich hätte dieſe wohl gar völlig unterlaſſen, wenn man mich nicht aufmerkſam gemacht hätte, daß man einen der Charaktere meiner Erzählung als Typus eines ganzen Standes nehmen könnte, während er in der That nur orträdas Pt eines Individuums iſt. Den Prieſter, der darin vorkommt, habe ich nach Grundſätzen handeln laſſen, wie ich ſie mit eigenen Ohren von einem Lebenden aufſtellen hörte; eben ſo laſſen ſich die Thaten, die er verrichtet, recht gut als James. Der Ueberwieſene. 1 2 von wirklichen Menſchen vollzogen denken. Ein Proteſtant hätte unter gewöhnlichen Umſtänden keine ähnlichen Handlungen begehen können, weil ihm nicht 4 dieſelben Mittel zur Einwirkung auf fremde Gemüther zu Gebot geſtanden wären; jedenfalls aber muß ich mich entſchieden gegen die Anſicht verwahren, wie wenn ich obige Perſon als Probeſtück römiſch⸗katho⸗ liſcher Prieſter aufgeſtellt hätte, während doch viele Männer dieſes Standes zu den achtungswertheſten Menſchen gehören, die ich jemals gekannt habe. — —,— Erſtes Kapitel. Es mag in den meiſten Fällen recht gut ſeyn, nach der Regel des lateiniſchen Dichters in medias res hineinzu⸗ plumpen; oder wäre wohl auch zu empfehlen, nach Graf Anton Hamilton's Anweiſung, mit dem Anfange zu be⸗ ginnen: aber es gibt auch Fälle, wo die eigentliche Ge⸗ ſchichte ihre Vorläufer hat, die man kennen muß, wenn man das Ganze richtig verſtehen will. Aus dieſem Grunde werde ich meiner Geſchichte eine kurze Scene voranſchicken, die mit dem Folgenden nicht in ſtrengem Zuſammenhange ſteht. In einem kleinen hohen Gemache im älteſten Theile von St. John's Kollegium zu Cambridge ſaß an einem warmen, glühenden Vorfrühlingstage gegen ſieben Uhr Morgens ein junger Mann, den Kopf auf die Hand geſtützt, und die Augen auf ein offenes Buch geheftet. Viele andere Hefte lagen offen oder verſchloſſen auf dem Tiſch umher, hie und da mit Papierfetzen vermiſcht, auf denen die ſonderbarſten geometriſchen Figuren verzeichnet ſtanden; auch das Buch, 1* 4 an dem ſeine Blicke hingen, war faſt eben ſo voll von Zif⸗ fern als von Worten, und die ganze Umgebung bewies, daß der Bewohner diefes Zimmers ſich nur den abſtrakteſten Studien widmete. Und doch, wenn man ihn ſo daſitzen ſah und die Züge ſeines Geſichts, die Entfaltung der Gehirnorgane aufmerk⸗ ſam betrachtete, ſo mußte ſelbſt der Phyſiognome oder Phre⸗ nologe auf den erſten Blick erklären, daß der junge Mann, wenn auch in keinem Geiſtesvermögen vernachläßigt, von Natur gleichwohl eher für die Freuden der Fantaſie als für die trockenen und weniger anregenden, wenn auch befriedi⸗ genderen Reſultate der Wiſſenſchaft beſtimmt war. Auch ſein Zimmer verrieth einige leiſe Spuren ſolcher Vorliebe und Geſchmacksrichtung: in einem halb mit Waſſer gefüllten Glaſe ſtanden etliche Frühlingsblumen ſo zuſammengeſtellt, daß jede Farbe durch den Gegenſatz neben ſich nur noch an Schönheit gewann; eine Flöte und einige Noten lagen auf einem fernen Tiſche; das eine Fenſter, das auf den Garten hinausging und den Geſang der Vögel und den duftenden Odem der Felder einließ, war weit geöffnet, während das andere, auf Höfe und Nebengebäude hinausſchauend, ge⸗ ſchloſſen und mit Vorhängen maskirt war. Wer ihn übri⸗ gens ſeit ſeinem Aufſtehen beobachtet hätte, würde gefunden haben, daß er von fünf Uhr an unabläßig an ſeiner Aufgabe ſaß, ohne ſeine Gedanken abſchweifen zu laſſen, ohne ſich vom Tiſche zu erheben oder die Augen auch nur ein einziges Mal auf die ihm ſo werthe Schönheit der äußern Natur zu richten. Die weiche Luft, die von Außen eindrang, fächelte 5 ſeine Wangen und ſpielte mit den ſchwarzen Haarlocken; der Blumenduft liebkoste ſeinen Sinnen; der Vögel Stimmen tönten melodiſch in ſeine Ohren: aber weder Luft, noch Wohlgeruch, noch Vogelgeſang vermochte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit von der ſchweren trockenen Aufgabe vor ihm abzu⸗ lenken. Seine Wange war blaß von Nachdenken, ſeine ſchönen Augen, wenn auch immer noch glänzend, ſchienen doch vom Studiren angegriffen und die breitgewölbte Stirne ſchmerzte von den Arbeiten ſo vieler Tage und Nächte— Arbeiten, deren Ende er noch nicht abſah, und von denen er kaum ein großes Reſultat erwartete. Von hohem männ⸗ lichem Wuchs, allem Anſchein nach für ſtarke Körperübun⸗ gen geeignet, mit einer dem Genuſſe jeder feinen, anmuthigen Freude offenen Seele ausgeſtattet, hatte er den Körper und faſt möcht' ich ſagen den Geiſt der harten Gefangenſchaft angeſtrengten Studiums hingegeben, in der Hoffnung, ſich eines Tags einen großen Namen zu erwerben und aus den Händen des Glücks jenen Wohlſtand, jene Stellung wieder zu gewinnen, welche ſonſt das Erbe ſeiner Vorfahren ge⸗ weſen. Aber bei all' dem fühlte er ſich ermüdet und herzkrank; hoffnungsloſe Kleinmüthigkeit hielt ihn gefeſſelt und hatte er gleich mit unerſchütterlicher Ausdauer manch' langes Jahr hindurch denſelben mühſamen Pfad verfolgt, ſo fühlte er dennoch, daß er zu anderen Dingen beſtimmt ſey und be⸗ dauerte, daß die Kraft ſeines Weſens mit lauter Gegenſtänden zu kämpfen hatte, die ihn eigentlich ſeinem Geſchmack nach anekelten. An der Thür ließ ſich ein Pochen vernehmen, nicht leis und ſchüchtern, ſondern ſtark und wohl vertraut. Ohne die Blicke zu erheben rief er:„Herein“ und im nächſten Augen⸗ blicke ſah man einen ältlichen Herrn in ſchwarzer Robe und Mütze eintreten, deſſen röthliches, joviales Geſicht den Hauptcharaker des Wohlwollens an ſich trug: ſeine Stirn war hoch, ſehr breit über den Brauen und von Zügen des Nachdenkens durchfurcht, die ſich neben dem munteren faſt ſcherzhaften Ausdrucke der Lippen und Augen ziemlich ſon⸗ derbar ausnahmen. In der That war er ein in der Wiſ⸗ ſenſchaft höchſt bedeutender Mann, der in früheren Jahren alle Schwierigkeiten des anſtrengendſten Studiums durch⸗ gemacht hatte, und der deßhalb unter einer Laſt, die manchen Anderen überwältigt hätte, ihm aber vertraut geworden und in Wirklichkeit keine Laſt für ihn war, weil er ſich längſt daran gewöhnt hatte, leicht und munter einherſchritt. „Nun, Edward,“ ſagte er— der junge Mann war nämlich ein entfernter Verwandter von ihm—„immer und immer über den Büchern! Du mußt die Sache nicht zu weit treiben, liebſter Junge. Du haſt ſchon viel, ſehr viel gethan, und mußt auch an Deine Geſundheit denken.“ Der Jüngling erhob ſich mit ſchwachem Lächeln, um ſeinem betagten Verwandten einen Stuhl zu ſtellen. „Ihr Beiſpiel wie Ihre Lehre, theuerſter Sir,“ er⸗ wiederke er,„fordern mich auf, die eingeſchlagene Bahn un⸗ abläßig zu verfolgen. Sie erzählten mir vor etwa vier Jahren, daß Sie ſchon vor meinem damaligen Alter hohe Ehren an dieſer Uniyerſität eingeerntet hätten. Erſt ver⸗ 7 gangenes Jahr konnte mir Gleiches gelingen, und Sie haben ja oft geſagt, daß unaufhörliches Studium in der Jugend das einzige Mittel ſey, ſich für ein ſpäteres Alter das Recht zur Erholung und zum Genuſſe zu erwerben. Ueberdieß muß ich tüchtig ſtudiren, um die verlorene Zeit wieder ein⸗ zubringen, und mich für meine Laufbahn tauglich zu machen.“ „Wahr, wahr, vollkommen wahr,“ verſetzte der Ael⸗ tere;„Du haſt nun aber faſt ſechs Jahre lang emſig ſtudirt. Du haſt nicht früh genug angefangen— das war der Haupt⸗ fehler; Dein Vater hätte Dich zwei Jahre früher, als Du kamſt, hieher ſchicken ſollen. Laß ſehen: Du biſt jetzt ſechs und zwanzig und wer ſich im Gelehrtenberufe ſeinen Weg durchkämpfen will, kann nie früh genug anfangen zu ar⸗ beiten.“ „Ja, weder mein Vater noch ich ſelbſt ließ ſich jemals träumen,“ entgegnete der Jüngling,„daß ich— wie Sie's ſo richtig nannten— meinen Weg in einem der gelehrten Fächer würde durchzukämpfen haben. Damals war ich noch der Erbe von ſechs bis ſieben Tauſend des Jahrs; jetzt habe ich nichts, als ein Stipendium und auch das hätte ich nicht bekommen, wenn ich nicht durch Ihre Güte hier unter⸗ ſtützt worden wäre.“ „Sprechen wir nicht davon, Edward,“ erwiederte der Andere;„nicht rückwaͤrts ſollſt Du ſchauen, mein Junge: Du haſt für jetzt genug gethan, haſt Dich hier ausgezeichnet⸗ und wirſt nach der langen Erledigung zur Advokatur berufen werden, wo Glanz und Ehre Deiner warten. Noch haſt Du einige ſchwere Stufen zu erklimmen, wozu es eben ſo — — ſehr körperlicher wie geiſtiger Kraft bedarf, und Leib und Seele muß ja darunter leiden, wenn Du noch länger alſo fortfährſt.— Komm, ich habe Dir etwas vorzuſchlagen, was Dir hoffentlich eben ſo angenehm ſeyn ſoll, als es Dir ſicherlich gut bekommen wird. Die Freunde eines jungen Edelmannes, deſſen Vater ich genau kannte, haben ſich mit der Bitte an mich gewendet, ich möchte ihnen zur Beglei⸗ tung ihres Verwandten auf einer kurzen Tour, die er un⸗ verzüglich nach dem Feſtlande antreten ſoll, eine paſſende Perſon vorſchlagen. Die geſtellten Bedingungen find ſehr anſtändig, der Ausflug kann nur ein angenehmer ſeyn, und wenn Du die Aufgabe übernehmen willſt, ſo wird es Dich körperlich und geiſtig ſtärken und erfriſchen. Der junge Mann wird auf den Herbſt volljährig und ſoll faſt um die⸗ ſelbe Zeit zurückkehren, da Du zur Advokatur berufen werden wirſt. Du erlangſt ſehr gute Connexionen und ohne maͤchtige Freunde kommen ja nur die Wenigſten im Leben empor: Du biſt durch Wiſſen wie durch Charakter dem anvertrauten Amte gewachſen und mein Rath iſt, das Anerbieten ohne Zögern anzunehmen. Du weißt, daß ich Dir nicht leicht etwas ohne gehoͤrige Berückfichtigung aller Umſtände an⸗ empfehle.“. Der junge Mann ſchwieg nachdenklich: die Verſuchung war zu ſtark, um ihr widerſtehen zu können. Damals, als er alle ſeine Lebensausſichten vernichtet ſah, hatte er ſich eben auch zu einer ſolchen Tour vorbereitet und dazumal hatten ihm noch alle Hülfsquellen des Reichthums zu Gebot geſtanden. Jetzt freilich waren die Umſtände ganz anders; 9 aber gleichwohl hatten die Freuden, wie er ſie damals er⸗ wartete, mit Wohlhabenheit nichts zu ſchaffen, die er nur als Mittel betrachtete. Hatte er ja doch nicht glänzen oder mit vollen Händen verſchwenden wollen: ſein einziger Ge⸗ danke war geweſen, ſchöne Gegenden oder hiſtoriſch merk⸗ würdige Punkte zu beſuchen, die Stellen zu betreten, wo große Männer gewandelt waren, eine Zeitlang da zu woh⸗ nen, wo große Thaten verrichtet worden, das Antlitz der Erde von ſeinen ſchönſten großartigſten Seiten kennen zu lernen — und das Alles lag jetzt vor ihm. Gleichwohl empfand er einen gewiſſen Widerwillen gegen die Idee der Abhängigkeit, gegen den Gedanken, ſich, wenn auch nur für einige Zeit an einen Menſchen zu feſſeln, von deſſen Charakter, Benehmen und Abſichten er nichts wußte, und ſeine erſte Antwort fiel deßhalb zweifelhaft aus. „Wer iſt dieſer junge Lord, theuerſter Sir?“ fragte eer.„Ich würde recht gerne gehen, da Sie es für gut er⸗ achten— denn offen geſtanden, habe ich dieſes Leben herzlich ſatt, das nur der herbe Drang der Nothwendigkeit mich führen ließ— allein Sie werden leicht begreifen, daß ich nicht den nächſten beſten jungen Mann durch Europa geleiten mmag; ich tauge nicht zum Bärenführer, wie Sie wiſſen,“ fuhr er mit melancholiſchem Lächeln fort,„und es gibt auf dieſer Welt ſo viele Bären in hohen Stellen.“ „Richtig bemerkt,“ erwiederte ſein Verwandter mit ziemlich ſarkaſtiſchem Schmunzeln und einem Anſtriche jener unauslöſchlichen Eiferſucht, wie ſte zwiſchen dem St. John's⸗ und einem andern großen Kollegium beſteht—„richtig, das 10 ſehen wir alle Tage am Trinity⸗Kolleg. Jener junge Mann iſt aber kein Bär noch eines Bären Brut— auf alle Fälle iſt er wohlgeleckt. Ich meine den jungen Lord Had⸗ ley, den Du geſehen haben mußt.“ „O ich kenne ihn wohl,“ meinte der Student mit wohl⸗ zufriedenem Blick;„wenn auch nichts Ausgezeichnetes, ſo iſt er doch um Vieles beſſer als die meiſten jungen Maͤnner heutzutage— etwas raſch, etwas verſchwenderiſch vielleicht, aber das Herz hat er auf dem rechten Fleck; er iſt zwar ſehr leicht zu leiten, wird aber doch, glaub' ich, das Recht immer dem Unrechte vorziehen.“ „Was Hitzköpfigkeit betrifft,“ bemerkte ſein Gefährte, „ſo biſt Du ſelber raſch genug, und läßt er ſich leicht leiten, ſo iſt dies für Dich ja nur ein Vortheil. Du beſitzeſt jene Entſchiedenheit des Charakters, die ihm abgeht, und es wird Dir gewiß gelingen, ſeiner Berſchwendungsſucht Einhalt zu thun und jene Feſtigkeit die3ihm fehlt wenigſtens fuͤr die Zeit Eures Zuſammenſeyns zu erſetzen. Ich ſeh' Dir's an, daß Du bereit biſt, dieſes Amt zu übernehmen, und ſo will ich denn in dieſem Sinne ſchreiben.“ Mit dieſen Worten wendete er ſich nach der Thüre, hielt aber nach etlichen Schritten inne und kehrte zu dem Tiſche zurück, auf den er ein Stück Papier, das er— als eine jener ſonderbaren Spielereien, von denen beinahe jeder Menſch eine oder die andere an ſich hat— faſt während der ganzen Unterredung bald um dieſen, bald um jenen Finger gewickelt hatte, mit den Worten niederlegte: „Du wirſt für Deine Vorbereitung eines Zuſchuſſes 11 bedürfen, mein lieber Junge: hier iſt eine Anbbeiſung auf ein paar hundert Pfund. Wenn Du einmal Richter biſt, kannſt Du mir's heimzahlen.“ „In der That, ich brauche ſie nicht,“ gab der Andere mit leichtem Erröthen zur Antwort;„ich habe vollkommen genug.“ „Pah, Unſinn!“ meinte der Alte;„wenn Du ohne ſie genug haſt, ei ſo kauf' Dir Orangen drum.“ Und ohne eine fernere Erwiederung abzuwarten, ver⸗ ließ er das Zimmer. Zweites Kapitel. Es war eine finſtere Herbſtnacht, der Wind fegte in wilden Stößen über Fluren und Felder, Zweige und welke 7 Blätter von den Bäumen reißend und hauste garſtig längs der Felſen und ſpitzen abſchüſfigen Klippen auf einem hohen eiſengebundenen Theile der engliſchen Küſte. Kein Mond ließ ſich am Himmel blicken; nur das plötzliche Erſcheinen und Verſchwinden eines Sterns zeigte von Zeit zu Zeit, wie pfeilſchnell die ſchweren grauen Wolken über das Antlitz des Himmels hinjagten, und das Aechzen der Bäume und Büſche, das noch in das ſchrille Pfeifen des Sturmes hineintönte, bewies, wie ſehr dieſer die ſtillen ruhigen feſtgewurzelten Weſen der Schöpfung in ſeiner rauhen Wuth mißhandelte. Auf dem Gipfel eines der höchſten Punkte an der Küſte fand ſich ein kleiner Einſchnitt, der von der oberſten Spitze 12 bis zum Rand der Klippe herabreichte, wo er etwas nie⸗ driger als an andern Stellen war. Dieſe kleine Schlucht war mit Ausnahme des Weſtwinds faſt vor allen anderen Stürmen geſichert und in Folge dieſes Schutzes hatten ſich einige niedere, verkrüppelte Baͤume wie in einem Aſyle allda verſammelt, die zwar ihre Häupter nie über die benach⸗ barten Abhänge emporſtreckten, aber in dem tieferen Theile der Höhlung ſich breit und ziemlich maſſig ausdehnten. Von ihnen aus führte nach beiden Seiten ein Fußpfad, einestheils nach der Spitze des Abgrunds, anderntheils nach der etwa eine halbe Meile entfernten Heerſtraße. Der Pfad ſchien wenig beſucht und das kurze Berggras, das ihn hier und dort über⸗ wucherte, machte ſeine Spur faſt unkenntlich; gegen die Spitze der Klippe mußte er ſich zwiſchen großen Steinen und Felſen, hie und da auch unter dem Schatten zerſtreuter Bäume durchwinden. Neben einem dieſer Felſen und durch ihn vor dem ge⸗ raden Anprallen des Sturmes geſichert, ſaßen in jener Nacht drei rieſige Männer, deren jeder die Mittellinie des Lebens erreicht zu haben ſchien. Sie hatten eine Laterne bei ſich und einer von ihnen ſaß zwiſchen dieſer und der Straße, mit dem Rücken nach der Letzteren gewendet, während ſeine linke Schulter an dem Felſen lehnte und ſein Geſicht auf die See geheftet war. So konnte Keiner, der von der Oſt⸗ ſeite herkam, das Licht ſelbſt gewahren, höchſtens daß er einen ſchwachen Schimmer bemerkte, wogegen die Laterne von der See aus auf mehr als halbe Meile Entfernung zu un⸗ terſcheiden, innerhalb dieſer Strecke aber durch die dazwiſchen⸗ 13 tretende Klippe vor dem Auge jedes Schiffers verdeckt war. Die Männer warteten offenbar auf etwas und ihre Unterhalung war, wie dies in ſolchen Momenten der Span⸗ nung gewöhnlich iſt, unintereſſant und abgeriſſen. Keiner von ihnen ſchien bewaffnet; zwei derſelben trugen Ma⸗ troſenjacken, der Dritte dagegen einen weiten langhaarigen Oberrock, wie ſich damals die Lootſen zu kleiden pflegten. Er war ein hoch und kräftig gewachſener, ziemlich gutmüthig ausſehender Mann von dunkler Geſichtsfarbe, welche er⸗ kennen ließ, daß er gegen jede Art von Wetter abgehärtet war und in dem Schimmer der Laterne und durch den Kon⸗ traſt gegen ſeine langen grauen Haarlocken, die im Nacht⸗ winde flatterten, vielleicht noch rauher und gerötheter er⸗ ſchien, als dies wirklich der Fall ſeyn mochte. Die Andern waren gewöoͤhnliche Menſchen mit harten Geſichtszügen und jenem ernſten gewiegten Weſen, das bei Seeleuten aller Klaſſen keineswegs ungewöhnlich iſt— Männer von wenig Worten, aber um ſo friſcherer That, die mit ihren Gefäͤhrten vielleicht ein Liedchen trillern oder auch einen Spaß treiben können, aber unter allen Dingen dieſer Welt von den Ma⸗ troſen, wie man ſie in Romanen oder Schauſpielen vorfin⸗ det, am weiteſten entfernt ſind. Dagegen hatte der in dem groben Oberrock etwas an ſich, das ſelbſt ein nicht ſehr ſcharfſichtiger Beobachter nicht ohne Aufmerkſamkeit bemerkt haͤtte; was dies aber war, iſt ſehr ſchwer zu beſchreiben, denn während er ſo vollkommen ſtill und ruhig daſaß, war allem Anſchein nach nichts Sonderlichas an ihm zu gewahren. 14 Gleichwohl hätte man ihn wiederum in jenem Augenblicke nicht beobachten können ohne zu empfinden, daß ſeine Geſtalt etwas Eindruckvolles— eine gewiſſe Würde des Anblicks, wie man es nennen könnte und wie es ſelbſt der Roheſte und wenigſt Gebildete beſitzen kann— an ſich hatte. Der Wind pfiff laut und ſtark: man höoͤrte ihn weiter unten ſauſen und brüllen und hoch über den ſchwarzen Hü⸗ gelſpitzen ſchrillen und kreiſchen in troſtloſen, verzweifelnden Weiſen, die zugleich Warnung und nahendes Wehe zu verkünden ſchienen. Wohl mochte der Reiſende mit raſche⸗ ren Schritten dem Ziel ſeiner Fahrt entgegeneilen, und der ermüdete heimathloſe Wanderer den Schutz einer Hütte, eines Nebenhauſes oder die warme Seite einer Pächterſcheune aufſuchen— jene drei Männer blieben dagegen immer noch regungslos ſitzen. Der Fels ſchützte ſte in gewiſſem Grade, und nur zuweilen brach ein Windſtoß um die Klippe und faßte ſie in ſeine eiskalten Arme. Sie waren ſehr ſchweigſam und ſeit zehn Minuten war keine Sylbe zwiſchen ihnen geſprochen worden, als endlich der Eine gegen den Andern bemerkte: „Es geht nicht; der Wind dreht ſich gen Süden, und wenn er nur noch um einen Punkt umſpringt, ſo kann das Boot unmöglich beilegen.“ „Wir müſſen warten und zuſehen,“ ſagte der Mann im groben Rock.„Ich hoffe, ſie verſuchen's nicht, wenn der Wind umſpringt.“ „Er iſt ſchon umgeſprungen,“ meinte der Dritte,„und kommt jetzt grad vom großen Haus herüber.“ 15⁵ Keine Antwort erfolgte und alle Drei verſanken wieder in Stillſchweigen. „Eure Leute halten hoffentlich einen guten Ausgucker, Miſter Clive,“ ſagte einer der beiden Matroſen nach langer Pauſe.„Hörte ich nicht, Ihr hättet Eure beiden jungen Männer nach Dorcheſter hinübergeſchickt?“ „Das that ich abſichtlich,“ erwiederte der Andere;„doch ſorgt nicht um den Ausgucker. Das Amt iſt einem Manne anvertraut, der es nicht an Aufmerkſamkeit fehlen laſſen wird.“ „Es wäre infam, wenn wir einem von ihnen in die Krallen ſielen,“ meinte der Erſte. „Das dürften ſie bereuen,“ entgegnete der im Lootſen⸗ rock und das Geſpräch hatte abermals ein Ende. Etwa drei Minuten ſpäter hörte man ein lautes Halloh von der Heerſtraße herüber, und einer der Männer ſprang empor; doch der, den ſie Clive nannten, rief in leiſem Tone: „Legt Euch nieder; raſch nieder! Ich kenne die Stimme nicht; vielleicht ein betrunkener Narr, der ſeinen Weg ver⸗ loren hat; wir werden bald ſehen.“ Zu gleicher Zeit zog er die Laterne näher an ſich, fuhr mit der Hand in eine der Taſchen ſeines langen Oberrocks und zog eine Piſtole hervor, die er bei dem düſteren Lichte ſcharf beſichtigte. Im nächſten Moment wurde das Halloh wiederholt und man hörte den Hahn der Piſtole knacken. „Sie kommen dort herüber,“ bemerkte einer der Ma⸗ troſen.„Thäten wir nicht beſſer, das Licht auszulöſchen, Meiſter Clive?“ 16 „Nein,“ erwiederte der Andere ſtreng;„ſoll ich etwa das Boot und unſere Freunde darauf in Gefahr bringen, um mich ſelbſt einer kleinen Verlegenheit zu entziehen?“ Hier hörte man Schritte um den Huͤgel herumkommen und im nächſten Augenblicke eine Stimme laut rufen: „Iſt hier Jemand Namens Clive?“ Der Ton war der eines Gentlemans— keine Spur von ländlichem Accent oder breiter Ausſprache. „Ja,“ rief Clive, augenblicklich aufſpringend;„was wollen Sie von mir?“ 3 „Ich muß Ihnen leider melden,“ erwiederte die frühere Stimme,„daß Ihre Tochter ein Unfall betroffen hat“— zugleich ſah man einen hohen, kräftig gewachſenen, hübſchen jungen Mann dem Lichte ſich näͤhern.„Es iſt hoffentlich nicht ſehr bedenklich,“ fuhr er in freundlichem Tone fort, als ob er die durch ſeine anfänglichen Worte erregten Beſorg⸗ niſſe beſchwichtigen wollte:„ich fürchte, ſie hat den rechten Arm gebrochen; ſonſt klagt ſte aber über keine Verletzung.“ Der alte Mann ſtellte den Hahn ſeiner Piſtole in Ruhe und ſteckte dieſe wieder in die Taſche, indem er das Geſicht des Fremden mit einem Blicke von Beſorgniß und Neugier muſterte, ohne jedoch ſeine Rede alsbald zu erwiedern. „Sprechen Sie auch die Wahrheit, Sir?“ fragte er endlich.* 3 „Gewiß,“ verſicherte der Fremde;„nicht um die Welt möchte ich Sie taͤuſchen. Der Herr, mit dem ich reiste, war mit mir aus dem Wagen geſtiegen, um den Hügel hinanzu⸗ gehen, als ich, auf deſſen Gipfel angekommen, neben der 17 Straße Etwas liegen ſah und ein Stöhnen zu vernehmen glaubte. Wie ich näher kam, fand ich ein Mädchen, halb mit Schutt und Steinen bedeckt und offenbar außer Stande, ſich darunter hervorzuwinden. Sie ſagte, ſte ſey nicht ſchwer verletzt, könne aber die auf ſie gefallene Maſſe nicht abſchüt⸗ teln, da ſie unfähig ſey, den rechten Arm zu gebrauchen.“ „Da iſt die verteufelte Mauer über ihr zuſammenge⸗ fallen,“ bemerkte einer der Matroſen;„ich wußte wohl, daß ſte beim erſten beſten Sturm einſtürzen würde, denn ſie hing ja ganz vorn über und beſtand höchſtens noch aus lockeren Steinen.“ „Ganz richtig,“ erwiederte der Unbekannte:„ſo lau⸗ tete auch der Bericht, den ſie ſelbſt von dem Unfalle gab; nur ſcheint es, daß die Mauer auch einen Theil der Erdwand mit ſich riß, ſo daß die Steine ſte vermuthlich nicht ſo ſchwer verletzen konnten.“ „Wo iſt ſie?“ fragte Clive plötzlich. „In unſerem Wagen, gerade da, wo der Fußpfad in die Heerſtraße ausmündet. Wir wollten ſie ſo ſchnell wie möglich nach Haus bringen, da bat ſte mich aber, hierher zu gehen, und Sie von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen, indem ſie ſagte, Sie müßten es nothwendig wiſſen.“ „Ach ſie iſt ein liebes gutes Mädchen,“ erklärte der Vater,„ſie iſt immer auf Alles bedacht; dafür will ich jetzt auch für ſie denken und mit Ihnen gehen, Sir.— Ihr bleibt hier, Burſche, und haltet gute Wache, bis die Flut vorüber iſt; länger zu warten wäre nutzlos.“ Mit raſchem Schritte ging er längs dem Nande der James. Der Usberwieſens 2 18 kleinen Schlucht voran, einen viel kürzeren Weg einſchlagend, als ihn der Gaſt bei ſeiner Aufſpürung verfolgt hatte. Un⸗ terwegs ſtellte Clive mehrere kurze und abgeriſſene aber wohl berechnete Fragen, nach jeder Antwort wieder in Nach⸗ denken verſinkend. Wahrſcheinlich war es die Beſorgniß um ſein Kind, die ihn in dieſen ſtummen Pauſen beſchäftigte, denn ein zärtliches Herz wird ſich niemals auch mit der wahrſten umſtändlichſten Erzählung begnügen, wenn ein ge⸗ liebter Gegenſtand zu Schaden gekommen iſt. Wir fragen uns immer: iſt nicht noch etwas zurück? Endlich beim Erklimmen des Hügels ließen ſich auf der Heerſtraße ganz nahe zwei helle Wagenlaternen gewahren, Clive ſprang jetzt haſtig vorwärts und ſtand im nächſten Augenblicke neben dem Fuhrwerk. Zwei Diener, der eine als Kourier gekleidet mit einem goldenen Band um die Mütze und vielen ſchwarzſeidenen Litzen auf dem Rock, befanden ſich neben dem Wagen, und einer derſelben öffnete alsbald den Schlag. „Ich bin nicht verletzt, theuerſter Vater,“ rief eine weiche ſüße Stimme von Innen—„das heißt, nur ganz wenig. Dieſe beiden Herren waren ſehr gütig gegen mich und wollten mich durchaus nach Haus bringen, ſonſt wäre ich gewiß nicht weggegangen.“ „Du hätteſt ſehr Unrecht gethan, mein Kind, noch län⸗ ger hier zu bleiben,“ gab Clive zur Antwort,„und ich danke den Herren ſehr für ihre Güte.— Kannſt Du jetzt gehen, Helene?“ „Sie ſoll heute Nacht keinen Schritt mehr gehen⸗ 4 19 Mr. Clive,“ erklärte ein junger Gentleman, der in der hin⸗ tern Ecke des Wagens ſaß;„ſie iſt es außer Stande und wir dulden nicht dergleichen. Ich glaube ſogar, es wäre viel beſſer, wenn Sie einſtiegen und das Mädchen nach Haus brächten. Ich kann mit meinem Freunde ganz gut zu Fuß nachfolgen; es iſt ja nicht weit und ſie hat mir den Weg be⸗ ſchrieben. He, Muller, öffne die Thüre.“ Und ehe ihn Jemand zurückhalten konnte, war er aus dem Wagen geſprungen. Clive machte zwar einige Einwendungen, ließ ſich aber von den beiden Herrn gern eines Beſſeren bereden; ſchon nach zwei Minuten ſaß er neben ſeiner Tochter in dem hüb⸗ ſchen Reiſewagen, der ſie hierher gebracht hatte und rollte nach ſeinem eigenen Hauſe voran, wohin die Poſtillons den Weg ganz gut zu kennen ſchienen. Die beiden jungen Gentlemen ſchlenderten langſam zu Fuße nach und beſprachen ſich über den Vorfall, der ihrer Reiſe dieſe Abwechslung bereitet hatte. „Sie ſcheint mir ausnehmend hübſch zu ſeyn,“ bemerkte der Jüngere, der mit ihr im Wagen geblieben war, waͤhrend der Andere Clive aufgeſucht hatte. „Auch Sprache und Manieren,“ erwiederte dieſer,„ſind weit feiner als ſich nach ihres Vaters anſcheinender Stellung erwarten läßt. Was ums Himmelswillen konnte ſie in die⸗ ſer Stunde der Nacht hier außen vorhaben?“ „Vielleicht nach ihrem Liebhaber ſchauen,“ meinte der Jüngere lachend. „Nein, nein,“ verſetzte ſein Gefährte;„ihre eigenen, 2 8 1 20 wie ihres Vaters Worte wollen eine ſolche Vermuthung nicht zulaſſen. Ueber ſein Treiben ſind mir zwar allerhand Zweifel aufgeſtiegen; aber ſie ſcheint doch wenig geeignet, daran Theil zu nehmen, wenn meine Vermuthung auch rich⸗ tig iſt.— Wiſſen Sie auch wohl den rechten Weg?“ „O ganz genau,“ antwortete der Andere;„wir gehen ſo lange, bis wir auf einen Wegweiſer ſtoßen, und wenden uns dann abwärts auf dem Pfade zur Linken. Der führt uns ans Haus, denn ſie ſagt, es ſey kein zweites vorhanden.“ „Der Mond geht glaub ich auf, um uns zu leiten,“ be⸗ merkte der Aeltere der beiden Männer und fuhr nach augen⸗ blicklichem Stillſchweigen, das ſeine Gedanken weit zu ent⸗ führen ſchien, alſo fort:„ich denke, in dem Hauſe läßt ſich einige Kunde über das Treiben dieſes guten Meiſters Clive erlangen. Er hielt eine geſpannte Piſtole in der Hand, als ich ihn erreichte, und ſchien über meine Störung keineswegs erfreut zu ſeyn.“ Unter ſolchem Geplauder zogen ſte weiter, waͤhrend der Mond langſam heraufſtieg und ſein Silberlicht über die Landſchaft ausbreitete, zuweilen auf Augenblicke von vor⸗ überziehenden Wolken verdeckt, aber mit der dieſem ſanften Geſtirne eigenthümlichen Gewalt die Dünſte, die ihn zu ver⸗ dunkeln ſtrebten, mit ſeinen Strahlen einſaugend— gerade wie die ruhige Wahrheit die Nebel des Vorurtheils und des Jrrthums, womit die Leidenſchaften des Menſchen ſie zu ver⸗ ſchleiern ſuchen, verzehrt, und je hoͤher ſie ſteigt, deſto glan⸗ zender wird. In einer Viertelſtunde etwa erreichten ſie den erwähnten 21 Wegweiſer und fanden daſelbſt einen Diener ihrer harrend, um ihnen den Weg zu zeigen. Von ihm erfuhren ſie, daß das Haus nicht über eine Viertelmeile weit entfernt ſey, und wenn auch einer der jungen Männer meinte, man hätte den Wagen eben ſo gut auf die Heerſtraße zurückbeordern kön⸗ nen, ſobald er das arme Mädchen und deren Vater abgeſetzt hätte, ſo machte doch der Andere geltend, daß es weit paſ⸗ ſender ſey, nach ihrem Befinden zu ſehen, da ſich vielleicht kein Wundarzt in der Nachbarſchaft befinde und ſie dann vielleicht einigen Beiſtand leiſten könnten. Kurz darauf führte die Straße nach dem Rande eines engen dicht bewaldeten Thaͤlchens, auf deſſen gegenüber lie⸗ gendem Abhange ein hohes, flaches und mit Ausnahme der Nebengebäude nicht ſehr maleriſches Haus aus den Bäumen hervorragte, deſſen eine den Wanderern zugekehrte Seite jetzt eben vom vollen Mondlichte beſchienen war. Die Straße wand ſich, um die Thalſchlucht zu vermeiden, um den Rand derſelben, und führte nach der anderen Seite des Gebäudes, wo ſie durch einen großen Pächterhof kamen, während die Hunde mit ſehr lautem Gebell ihren Proteſt gegen die Zu⸗ laſſung von Fremden zu erkennen gaben, trotzdem daß eine alte Dienerin, das Licht mit der Schürze bedeckend, die er⸗ warteten Gäſte am Thore empfing. Das Haus, das ſie nunmehr betraten, war offenbar ein großer höchſt behaglich anzuſchauender Pachthof und mochte in früheren Zeiten wohl gar der Sitz eines wenig begüterten Landedelmannes geweſen ſeyn, denn das Zimmer links vom Gange, wo ſie eintraten, war mit hübſchem Eichengetäfel 22 ausgelegt, deſſen Felder von zierlich geſchnitzten Blumen⸗ guirlanden umgeben waren. Auch ſah man einen kleinen Seitentiſch, theilweiſe mit chineſtſchem Porzellan und höchſt ungleichartigem Glaswerk bedeckt, woran man beinahe die Geſchichte der Glaskunſt von den Zeiten des Mittelalters abwärts hätte ſtudiren können. So fanden ſich ſchlanke Venetianergläſer, zu roſenfarbenen vergoldeten Flaſchen ge⸗ ſchnitten; ferner ſah man das weite lieblich anzuſchauende Sektglas, ſo leicht, daß es das Gewicht des eingegoſſenen Weins kaum vermehrte, mit einer weißen Spirallinie am Fuße und allerlei kleinen Sternen an den zarten Seiten. Weiterhin war ein großer etwas gelblicher Pokal zu bemer⸗ ken, roh und ſchwerfällig geſchliffen und polirt, faſt wie ein Becher von Bergkryſtall anzuſehen; in der Mitte ſtand ein ausnehmend ſchöner großer Kelch, reich verziert und vergol⸗ det und von äußerſt zarter Form. Dazwiſchen fanden ſich Gegenſtände gewöhnlichen Gebrauchs, die einen ziemlich huͤbſch in ihrer Art, die andern aber auch wieder von einer Form, wie man ſie in den Körben herumziehender Töpfer und Karaffenhändler anzutreffen gewohnt iſt. Ich könnte noch weiter gehen und viele andere merk⸗ würdige Dingerchen in dieſem Zimmer beſchreiben, womit daſſelbe vollgepfropft war; allein das Seitherige iſt hinrei⸗ chend, um einen Begriff von dem Orte zu geben, und ich ſchildere es nicht ohne Abſicht, denn richtig geleſen kenne ich wenige Dinge, die den Charakter eigenthümlicher Perſonen — wenn ſie nämlich überhaupt Charakter befitzen, was nicht immer der Fall iſt— deutlicher bezeichneten, als eben die 23 Gegenſtände, mit denen ſie ſich in ihrer Häuslichkeit um⸗ geben. Die beiden jungen Maͤnner hatten übrigens kaum Zeit, ſich einigermaßen umzuſchauen, als eine zweite Thüre ſich öffnete und Clive ſelbſt hereintrat. Er hatte ſeinen ſchweren Oberrock abgelegt und erſchien nunmehr in der Tracht eines wohlhabenden Pächters, worin ſich der kräftig gebaute, gut ausſehende Mann würdig genug ausnahm. Seinen Ma⸗ nieren fehlte es nicht an Leichtigkeit, obwohl ſte nicht im Geringſten familiär oder ſelbſtgenügſam waren. Das Be⸗ wußtſeyn großer körperlicher wie geiſtiger Kräfte ſchien al⸗ lerdings aus ihm zu reden— eine Zuverſicht in ſeine eigene Natur, die in ſeinem Benehmen nicht die mindeſte Spur von Verlegenheit zurückließ. Er ſchien nie daran zu zweifeln, daß was er that oder ſagte recht war, ohne ſich aber einzu⸗ bilden, daß es überhaupt etwas Außerordentliches oder Vor⸗ treffliches ſeyn müſſe. „Ich bin den beiden Herrn und insbeſondere Ihnen, Sir, zu tiefem Danke verpflichtet,“ begann er an den aͤlteren der Jünglinge ſich wendend.„Meine Tochter hat, Gott ſey Dank, keinen ſchweren Schaden genommen; ihr Arm iſt zwar gebrochen, allein ich hoffe ihn bald eingerichtet zu ſehen.“ „Sie haben hoffentlich einen Wundarzt hier,“ bemerkte der jüngere Gentleman;„denn was geſchehen muß, geſchieht am beſten ſogleich.“ „Der nächſte iſt der in der Stadt und das iſt ſieben Meilen,“ verſetzte Clive;„zu allem Unglück habe ich auch meine beiden Knechte ausgeſchickt; doch ließ ich durch eines 24 2 der Mädchen den Hirten herbeirufen, damit er den Doktor alsbald herbringe.“ „Warum nicht lieber einen der Poſtknechte abſchicken?“ entgegnete der ſeitherige Sprecher;„er iſt ſchon beritten und zwei Pferde werden uns leicht weiter bringen, denn wir können nicht über zwei bis drei Meilen zu fahren haben.“ Der Vorſchlag wurde mit vielem Danke angenommen und der Poſtknecht demgemäß entſendet, worauf der Pächter, wie wir ihn nennen müſſen, ohne die beiden Fremden mit weiteren Dankbezeugungen zu überſchütten— denn dies ver⸗ bot ihm ſein natürliches Schicklichkeitsgefühl— den Jüng⸗ lingen eröffnete, daß ſeine Tochter ſie vor ihrem Abgange gerne noch ſehen moͤchte, um ihnen perſönlich für den gelei⸗ ſteten Dienſt zu danken.. „Sie befindet ſich im näͤchſten Zimmer,“ bemerkte er, „und wird ſich nicht eher zufrieden geben, als bis ich Sie hinbringe.“ Die Angeredeten leiſteten nicht lange Widerſtand, denn der jüngere Mann wünſchte dringend bei voller Beleuch⸗ tung zu ſehen, ob ſie wirklich ſo ſchön ſey, wie ſie geſchienen hatte, während ſein Gefährte jene Art von Theilnahme für ſte empfand, wie ſie ein edles Gemüth faſt immer an Solchen nimmt, denen eine Wohlthat erwieſen worden. Das Gemach, in dem ſie ſich befand, ſtieß an das erſt⸗ genannte und war ſehr niedlich aber einfach als eine Art von Beſuchzimmer ausgeſtattet. Das Mäͤdchen ſelbſt ſaß auf einem kleinen mit Zitz überzogenen Sofa; ihr rechter Arm ruhte auf einem Kiſſen und eins ihrer zarten Füßchen 25⁵ auf einem Stuhle. Sie war in der That ausgezeichnet ſchön, mit großen ſchwarzen, ſchmachtenden Augen, dunkeln Brauen und Augenliedern, aber mit hellbraunem Haar und ausnehmend klarem Teint. Eine förmliche Miſchung der Ragen war an ihr zu bemerken, denn zu den Haaren und der Geſichtsfarbe des ſächſiſchen geſellten ſich, doch keines⸗ wegs unharmoniſch, die ſchwarzen Augen eines ſüdlicheren Volksſtammes. Ihre Hand war ſchmal und zart, ihre Fi⸗ gur zierlich aber klein; auch ihre einfache Kleidung war ſehr gut gemacht und anſtändig, wie denn überhaupt Alles, was ſie ſahen, darauf berechnet war, die Verwunderung der Fremden nur noch zu vermehren, daß ſie in einer kalten Herbſtnacht allein auf der Heerſtraße, offenbar in der Abſicht etwas zu erwarten, getroffen worden war. Mit Anmuth und feinem Gefühl dankte ſie den beiden Herren, beſonders dem älteren, daß ſie durch ihre Hülfe aus ſchmerzlicher und gefährlicher Lage befreit worden war, wie auch für die Güte und Rückſicht, die ſie ihr ſpäter bewieſen hatten. Dies Alles geſchah nicht ohne öfteren Wechſel der Farbe, und nachdem die beiden Fremdlinge als Antwort auf ihre Frage die Verſicherung erhalten hatten, daß ſie nur ſehr wenig leide und mit Ausnahme ihres gebrochenen Arms und einer leichten Quetſchung am linken Fuß ſonſt unver⸗ letzt ſey, verabſchiedeten ſie ſich, um ihre Reiſe von Neuem aufzunehmen. Drittes Kapitel. In einem großen Landhauſe, der Heerſtraße nach nicht über drei Meilen von dem Punkte entfernt, wo die letzten Ereigniſſe ſtattgefunden hatten, finden wir eine kleine Ge⸗ ſellſchaft beiſammen. Es war ein ſehr ausgedehntes und ſehr altmodiſches Backſteingebäude. Altmodiſch!— welch' ſonderbarer Ausdruck! Das Haus war kaum über ein Jahr⸗ hundert alt; ein Vater hätte es aufbauen ſehen, ein Sohn vielleicht ſchon altmodiſch nennen hören können, denn der Reiz der Nenheit bei irdiſchen Dingen verfliegt ſo raſch, daß was unſere Eltern als die vollendetſte Geſchicklichkeit und Bequemlichkeit anſahen, von uns nur als eine ſchwache An⸗ näherung an unſere eigene Vollkommenheit betrachtet wird. Und doch waren es höchſt bequeme Wohnungen— jene al⸗ ten Häuſer aus Georgs I. und II. Regierungszeiten, mit ihren ſoliden Mauern, ihren breiten und feſtſchließenden Fen⸗ ſtern, dem hohen Plafond, den breiten und niederen Treppen⸗ ſtufen, mit ihren vielen Gemächern und ſtarken Scheidewän⸗ den. Zwar hatten ſte nur wenig Gyps⸗ und Lattenwerk, faſt nichts von Flitter und hellen Farben an ſich; dafür aber gaben ſie ein Bild nüchterner ſolider Größe, das mehr auf Bequemlichkeit als auf Zierlichkeit, mehr auf Dauer als auf Wohlfeilheit ausging, was ſte ſo angenehm zum Bewoh⸗ nen machte und noch heutigen Tags dafür gelten läßt. Nichts was auf Bequemlichkeit abzielte, fehlte in dem erwähnten Hauſe; ſeine Feſtigkeit ſchien den Winden, den 27 Stürmen wie der Zeit Trotz zu bieten; ſeine beiden Kamine lachten dem Froſt und der Kälte ins Geſicht und hießen ſie einen Ort verlaſſen, wo ihres Bleibens nicht ſeyn konnte. Türkiſche Teppiche bedeckten die meiſten Fußböden, ſogar in den Zimmern, die von der Mode, dieſem Draco⸗ähnlichen Diktator, zur Bedeckung mit ſogenannten Brüſſeler Tapeten verdammt ſind, obwohl die Stadt, die ihnen den Namen gab, vielleicht noch nie eine Elle davon erzeugte. Die Türken, die ſie fabrizirten, mußten ſich gewaltig verwundert haben, was nur die Chriſtenhunde mit ſo großen Treppichen anfangen mochten, denn der in dem erwähnten Gemache, das ein Ge⸗ ſellſchaftszimmer hieß, obwohl ſeine Wände mit Büchern garnirt waren, mußte wenigſtens vierzig Fuß lang und dreißig breit ſeyn, wobei immer noch ein leerer Rand bis zu den Bücherkäſten übrig blieb. Vier Fenſter begrenzten die eine Seite des Zimmers; die Thüre rechter Hand führte in die Bibliothek, die zur Linken in das Speiſezimmer und eine dritte Thüre den Fenſtern gegenüber ging auf einen großen Vorplatz, der durch einen mit Glaswerk gefüllten Schrein von einer ſteinernen Halle geſchieden war. Auf einer der Feuerſtellen des Gemaches brannte ein helles Holzfeuer, neben welchem ein ſehr fein ausſehender wohlgekleideter Mann, weit über die Mitteljahre hinaus, in einem Armſtuhle lehnte; er war mit Leſen beſchäftigt, wäh⸗ rend er ſeine Füße, auf einem niederen Stuhle gekreuzt, an der Flamme wärmte. Der andere Kamin war nicht ſo wohl gehalten, aber gleichwohl loderte auch er ziemlich helle und neben ihm ſaßen zwei junge Leutchen, die ſich an jenem 28 Abende, der durch Erwartung etwas langweilig geworden war, ſo gut ſie konnten zu amüſtren ſuchten. Bald ſah man ſie am Schachbrett ſich gutmüthig auslachen und herumzanken; bald las das Eine, das Andere ſchrieb, oder ſie zeichnete, während er las, oder ſie plauderten leiſe zuſammen und be⸗ gleiteten ihr Geſpräch mit munterem Lachen. Sie waren ſo ziemlich von gleichem Alter, d. h. es waren nicht über zwei Jahre Unterſchied zwiſchen Beiden, aber dieſe beiden Jahre waren der Art, daß ſie in Betracht ihres verſchiedenen Ge⸗ ſchlechts eine Differenz von fünfen bis ſechſen ausmachten. Die Dame war nämlich die Aeltere von Beiden; ſie mochte nahezu einundzwanzig Jahre haben, während der junge Mann wenige Monate über neunzehn zählte. Sie ſchienen ſich gegenſeitig gewogen zu ſeyn, doch nur mit einer Art Geſchwiſterliebe, obwohl ſie nicht Bruder und Schweſter waren; und doch hätte wenigſtens für den jungen Mann ihre nahe Verwandtſchaft, ihr beſtändiges Beiſammenſeyn ohne das Vorwalten ſonſtiger Umſtände höchſt gefährlich werden koͤnnen, denn ein lieblicheres, anziehenderes Weſen als das, mit dem er in der ungehinderten Vertrautheit naher Ver⸗ wandtſchaft zuſammen ſaß, war noch ſelten geſehen worden. Sie ſchien wenigſtens ihrer äußeren Erſcheinung nach das gerade Gegenſtück von dem oben beſchriebenen Mädchen. Ihr Haar konnte kaum ſchwarz genannt werden, denn bei gewiſſer Beleuchtung ſah man einen dunkelbraunen Glanz darüber ſchimmern, Augenbrauen und Wimpern dagegen waren ſchwarz, wie die Nacht, und ihr Teint, obwohl keines⸗ wegs brünett, zeigte trotz der roſiggefärbten Wangen jene 29 bei ſchwarzen Haaren gewöhnliche Schattirung. Ihre Augen waren blau— von ſolch tiefer Bläue, daß ſie bei ihren nächtlichen Wimpern und der eigenen dunkeln Färbung von Vielen für ſchwarz gehalten wurden: und doch waren ſie blau — dunkelblau wie ein italieniſcher Himmel, wenn die Sonne eben hinter den höchſten Hügeln hinabgeſunken iſt und der Horizont in ſeiner ganzen Tiefe, ſeinem vollen Glanze leuch⸗ tet. Ihr Wuchs war höher als der der mediceiſchen Venus, fiel aber nicht auf durch ſeine Größe, was wohl von dem vollendeten Ebenmaße ihrer Geſtalt oder von einer beſondern Eigenthümlichkeit in den Verhältniſſen herrühren mochte. Wenn ſie las oder meditirte, wenn ſie ſchrieb oder ſang, war ein Ernſt, eine tiefe Ruhe über ihr ausgegoſſen, daß man ſie für ein Weſen von ſehr nachdenklichem faſt ernſtem Charak⸗ ter hätte halten können; im Geſpräche aber und bei allen ge⸗ wöhnlichen Gelegenheiten ſah ſie ganz anders aus— mun⸗ ter, beweglich, leuchtend von Geiſt und Fröhlichkeit. Im Zuſtande der Ruhe bildeten die Umriſſe ihrer Geſtalt ſo leichte anmuthige Linien und ſchienen ſo voll von ſtiller Schöne, daß Jeder als vorherrſchenden Charakterzug den kalter Ruhe bei ihr erwartet hätte; ſobald ſte ſich jedoch be⸗ ſonders in augenblicklicher Aufregung bewegte, ſah man ſie durch die leichte Elaſticität jeder Gebärde urplötzlich zu einem ganz anderen Weſen umgewandelt. Ihr jugendlicher Gefährte war in jeder Hinſicht von ihr verſchieden. Sein helles Haar wogte anmuthig um eine feine hohe Stirne; ſeine blauen Augen, ſanft und freundlich, Lippen und Naſe mit äußerſter Zartheit gemeiſelt, hätten 30 ebenſo wie ſeine ſchöne faſt weibliche Geſichtsfarbe weit beſſer in ein Frauenantlitz als in das eines Mannes gepaßt. Noch war keine Spur von Bart vorhanden, der ſeinem Geſichte etwas Männliches gegeben hätte; die kleine Figur, die weiche Atlashaut ließen ihn noch jünger erſcheinen als er wirklich war, denn ſo hätte man ihn kaum fur ſechzehn gehalten. Gleichwohl ſchlummerten unter dieſer ſchönen und zarten Hülle viele ſtarke edelmüthige Triebe, ſeſte Entſchlüſſe und große Plane, ja ſelbſt ein kuͤhner Geiſt in ſeltſamen Gemiſche mit einer Zärtlichkeit, einer Hingebung, wie man ſie ſelten bei einem erwachſenen gewiegten Manne findet, mit einem Grade von Einfalt, der nichts mit Schwäche gemein hatte, ſondern nur von Jugend und Unerfahrenheit herrührte. 1 „Ich kümmere mich nichts drum, Edgar,“ bemerkte die Dame in leiſem Tone als Antwort auf des Andern Rede;„mag er kommen oder gehen, wie's ihm beliebt— ich werde kaum einen Augenblick daran denken. Du kannſt mich nicht quälen, Vetter, denn mich intereſſirt die Gach⸗ gar nicht; ich kann Dich verſichern.“ „Das weiß ich beſſer, kleine Ketzerin,“ erwiederte ihr junger Freund;„Du möchteſt mich gerne glauben machen, Eda, als ob Du kalt wie Eis wäreſt; aber ich weiß es beſſer. Wir werden das Feuer ſchon noch auflodern ſehen.“ „Sehr wahrſcheinlich,“ meinte die Dame lächelnd; „aber Du weißt, Edgar, daß ſelbſt dieſer merkwürdige ſchwarze Stein, welcher England ausdrucklich zu dem Zwecke verliehen zu ſeyn ſcheint, um in unſerem feuchten Klima Trockenheit und Wärme zu verbreiten— daß dieſer Stein, 31 der unſer Getäfel ſchwärzt und unſere Hände beſchmutzt, gleichfals eiskalt iſt, bis er angezündet wird.“ „Aber es kann auch ſo etwas wie ein verborgenes Feuer geben, ſchöne Baſe,“ verſetzte der junge Mann lachend. Des Mädchens Wange röthete ſich ein wenig; aber augenblicklich von der Vertheidigung zum Angriffe über⸗ gehend, erwiederte ſie faſt flüſternd und mit einem Blick nach dem am Feuer leſenden Herrn: „Ja, Edgar, das gibt es allerdings.— Nimm Dich in Acht, Du kecker Knabe, denn wenn Du mir den Krieg er⸗ klärſt, ſo werde ich ihn in Dein eigenes Land überſpielen.“ Der junge Mann ſah ſich haſtig um in derſelben Rich⸗ tung wie früher ſeine Freundin, und ſeine Wange erröthete wie die eines jungen Mädchens beim erſten Liebeskuſſe. Die Dame ſah, daß ſie ihr Ziel nicht verfehlt hatte und ließ bos⸗ hafter Weiſe dem erſten Pfeile einen zweiten folgen. „Wo warſt Du heute Morgen um acht Uhr?“ befragte ſie ihn eben ſo leiſe,„und geſtern und vorgeſtern?— Aha, Meiſter Edgar! ſpiele nicht mit ſchneidenden Werkzeugen oder lerne ſie wenigſtens beſſer gebrauchen, ſonſt wirſt Du Dich in die Finger ſchneiden, theurer Knabe!“. „Pſch, Pſch!“ flüſterte der junge Mann, offenbar nicht wenig aufgeregt;„laß uns Friede ſchließen, Eda.“ „Du haſt die Feindſeligkeiten begonnen,“ erwiederte ſte, nicht unzufrieden, daß ſie ſich jene Oberherrſchaft über ihren jungen Gefährten, wie ſte die Mädchen keineswegs ungerne haben, und zwar durch das bei ihnen beliebteſte Mit⸗ tel— durch den Beſitz eines Geheimniſſes— geſichert hatte. Faſt im ſelben Augenblicke legte der ältere Herr am Feuer ſein Buch nieder, und zog die Uhr aus der Taſche. „Höchſt auffallend,“ ſagte er, den Kopf umdrehend; „faſt zehn Uhr— ich bin froh, daß wir dinirt haben.— Du ſiehſt, Eda, daß man ſich auf das Kommen junger Herren nicht verlaſſen kann.“ „Beſonders, theuerſter Onkel, wenn ſchlechte Straßen, ſchlechte Pferde und hohe Hügel damit im Bunde ſtehen,“ erwiederte das Mädchen.„Ich wollte wetten, wenn Lord Hadley ankommt, werden Sie lange Geſchichten von geſtürzten Mähren ſo wie allerlei Schmähreden über träge Poſtknechte und langſame Wirthe zu hören bekommen.— Doch horch! hier kommt er, oder wenigſtens ſein Wagen, denn Karren ſind um dieſe Stunde der Nacht zur Ruhe gegangen.“ „Und fliegen auch nicht mit ſolcher Geſchwindigkeit durch die Allee einher,“ ergänzte ihr Vetter Edgar;„es iſt ſicherlich das erwartete Schiff und wir werden bald deſſen Ladung zu Geſicht bekommen.“ Die beiden Herren blickten nach der Thüre und horchten, während die Dame ihre Arbeit ruhig fortſetzte— ſie war nämlich damit beſchäftigt, von einem reichverzierten rothge⸗ ränderten Papier einige Noten abzuſchreiben— und es er⸗ folgte eine jener kleinen Pauſen, wie ſte zwiſchen der Ankunft eines erwarteten Gaſtes an der Hausthür und deſſen Er⸗ ſcheinen im Wohnzimmer einzutreten pflegen. Es mochte einige Minuten gedauert haben, man hatte auf dem Gange einige Beſehle ertheilen und etliche Fragen ſtellen hören: dann ging die Zimmerthure auf und ein Diener in 33 reichem Dreſſenrocke rief die Namen Lord Hadley und Mr. Dudley. Hätte ein fremder Blick die Miene der Dame beobach⸗ tet, er hätte ohne Zweifel in jenem Momente eine tiefe Be⸗ wegung in ihrem Herzen vor ſich gehend geglaubt, denn ihre Wange wurde erſt ſehr blaß und färbte ſich dann hochroth; aber er hätte ebenſo bemerken können, daß dieſer Farben⸗ wechſel nicht bei dem erſten Namen erſichtlich wurde, ſondern daß der zweite daran Schuld war, und daß ihr zu gleicher Zeit die Feder auf das Notenpapier entſank und die eben verzeichnete Note auswiſchte. Der Name Dudley rief auch bei ihrem Oheim einen wenn auch nur augenblicklichen Wechſel des Ausdrucks her⸗ vor: ſeine Stirne zog ſich in Falten, ſein Geſicht wurde blaß, doch alsbald kehrte ein verſöhnlicher Ausdruck zurück und mit hoͤflichem Lächeln ging er den beiden eintretenden Herren entgegen. Es waren dieſelben, denen wir auf der Straße und in Mr. Clive's Hauſe begegneten und die zweite von den beiden— das will ich bemerken, um dem Leſer die Mühe des Zurückſchlagens zu erſparen— war kein Anderer als der Student, auf deſſen Zimmer zu Cambridge ich ihn an⸗ fänglich einführte. Lord Hadley, ein junger kleiner modiſcher Mann mit reichem hellem wohlgeglätteten und ſchön geordnetem Haar und ſtarkem niedlich gekräuſeltem Backenbart näherte ſich alsbald dem ältern Herrn, den er Sir Arthur Adelon nannte, und ſchüttelte ihm herzlich die Hand. Dann reichte er ſie deſſen Sohne, den er gleichfalls wohl ſchon zu kennen ſchien, James. Der Ueberwieſene. 3 und warf dabei einen Blick— aber nicht des Erkennens— auf das Antlitz der Dame. Sir Arthur nahm ihn ſogleich ſanft am Arme und führte ihn zu ihr mit den Worten: „Liebſte Eda, laß mich Dir meinen Freund Lord Hadley vorſtellen— Lord Hadley, meine Nichte Miß Brandon.“ Lord Hadley verbeugte ſich, die Dame machte einen ernſten Knix, aber ohne daß bei dieſer Vorſtellung ihrerſeits die mindeſte Erſchütterung zu bemerken war. Mittlerweile war Mr. Dudley in der unerfreulichſten Lage von der Welt— nämlich der des Nichtsthuns, während von Anderen Notiz genommen wird— dageſtanden; einen Augenblick ſpäter wendete ſich Sir Arthur Adelon auch an ihn, und bemerkte mit höflicher nur etwas förmlicher Ver⸗ beugung: „Ich ſchätze mich glücklich, Sie zu ſehen, Mr. Dudley; erlauben Sie, daß ich Sie meinem Sohne und meiner Nichte vorſtelle.“ „Ich habe bereits das Vergnügen, Miß Brandon zu kennen,“ erwiederte der Hofmeiſter, ihr näher tretend und herzlich ihre Hand ſchüttelnd. 4 Fühlte ſte wirklich in jenem Augenblick eine tiefe Bw⸗ wegung, ſo wußte ſie ſte wenigſtens wohl zu verbergen; Mr. Dudley wandte ſich wieder zu dem Baronet und endigte mit graziöſer Leichtigkeit die ſchon begonnene Rede. „Ich wußte nicht, Sir Arthur, daß Miß Brandon Ihre Nichte iſt, denn dieſe Entdeckung würde das Vergnügen, Lord Hadley zu egleiten, noch weſentlich vermehrt haben—ein Ver⸗ gnügen das groͤßer iſt, als Sie vielleicht wiſſen, da es mir Ge⸗ 35 legenheit gibt, einem alten Freunde und Wohlthäter meines armen Vaters meinen Dank auszudrücken.“ Der Angeredete war offenbar in einiger Verlegenheit, wiewohl man den Grund davon nicht deutlich gewahren konnte. Sein Geſicht wurde abermals ziemlich bleich und er zögerte mit ſeiner Antwort. „O, in der That,“ ſagte er endlich;„ſo ſind Sie der Sohn Mr. Dudley's von St. Auſtin's. Nun da freue ich mich um ſo mehr, Sie zu ſehen,“ indem er ihm, aber ohne alle Wärme, die Hand reichte und gleich darauf fortfuhr: „Sie ſind aber ſpät daran, Gentlemen. Wir warteten eine Stunde lang mit dem Mittageſſen und hatten ſogar die Hoffnung aufgegeben, Sie noch heute Nacht zu ſehen.“ „Es thut mir in der That ſehr leid, Sie aufgehalten zu haben,“ erwiederte Lord Hadley;„wir hatten jedoch zwei Abenteuer oder vielmehr einen Aufenthalt und ein Abenteuer. Erſtlich waren zu Dorcheſter alle Poſtpferde zu einer Revüe, einem Wettrennen, einem Bogenſchützenmeeting oder einem der vielen langweiligen Dinge— welchem weiß ich nicht— abgegangen, wodurch die Poſtpferde immer den Orten entführt werden, wo ſie eigentlich hingehören; und dann fanden wir nicht weit von hier ein junges Mädchen, die es beinahe dahin ge⸗ bracht hätte, daß ſie unter einer Mauer, welche nebſt einer ganzen Erdſchichte herabgeſtürzt war, erdrückt worden wäre.“ Alsbald ließen ſich Rufe der Ueberraſchung und Theil⸗ nahme vernehmen und der junge Edelmann der die Aufmerk⸗ ſamkeit gar nicht ungerne auf ſich lenkte, fuhr nach Be⸗ ſchreibung des Ortes, wo ſie das arme Mädchen entdeckten, 3* 36 in offenherziger ungeſtümer Rede in ſeiner Erzählung alſo fort: „In der That, ſie hat ihr Leben meinem Freunde Dud⸗ ley zu verdanken, denn ich in meiner gewöhnlichen Gedanken⸗ loſigkeit wollte ſie eben ſo raſch wie möglich unter dem auf ſte gefallenen Schutte hervorziehen, als er mich zurückhielt, indem er mir zeigte, daß dieſer Verſuch den ganzen Ueberreſt der Mauer nach ſich ziehen würde; dann machte er ſich ſelbſt an die Arbeit, wie wenn er ein gelernter Ingenieur wäre, und ſicherte ſie vor allem vor jedem neuen Einſturze. Sie war nicht ſo ſchwer verletzt, als man wohl hätte erwar⸗ ten können, obgleich leider ihr kleiner Arm gebrochen war.“ Auf den ältlichen Herrn hatte die Erzählung wenig Eindruck gemacht; bei Eda Brandon hatte ſie Gefühle des Mitleids und der Theilnahme erregt; dagegen war der junge Edgar weit ſichtlicher davon ergriffen. Zum Glück ſah Niemand auf ihn und er hatte nicht ſo viel Stimme, um auch nur durch die einfachſte Frage die Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken, obwohl er Welten darum gegeben hätte, wenn er nur eine einzige hätte ſtellen können. „Was haben Sie denn mit ihr angefangen?“ forſchte Eda Brandon haſtig.„Wenn der Ort nicht zu weit ent⸗ fernt war, hätten Sie ſie hieher bringen ſollen, denn wir hätten bald einen Wundarzt hier gehabt und würden ſie ge⸗ wiß gut verpſlegt haben.“ „Weder Weg noch Entfernung war uns bekannt, Miß Brandon,“ entgegnete Dudley;„wir thaten jedoch was un⸗ ter allen Umſtänden vorausſichtlich das Beſte war: wir 37 brachten ſte in ihres Vaters Haus und Lord Hadley war ſo gütig, einen der Poſtknechte abzuſchicken, um Jemand zum Einrichten des Armes herbeizuholen.“ „Ohne Zweifel iſt es Helene Clive, von der er ſpricht,“ bemerkte dicht hinter Dudley eine Stimme von ſo eigenthüm⸗ lichem Gepräge, ſo leis, ſo deutlich und ſilberhell, daß wer ſie einmal gehört hatte, ſie nie wieder vergeſſen konnte. Dudley wendete ſich raſch um und gewahrte einen Mann in mittleren Jahren, in langem geradgeſchnittenen ſchwarzen Rock, mit einem Halstuch von gleicher Farbe ohne vorſchauen⸗ den Hemdkragen. Sein blaſſes Geſicht war ſorgfältig rafirt, obwohl der blaue Bart darunter vorſchimmerte; ſeine Augen waren ſchön, die Stirne breit und voll entwickelt, der Mund aber klein und eingekniffen, als ob dieſer Theil des Geſichtes, der nebſt den Augenbrauen im Ausdrucke der Lei⸗ denſchaft verrätheriſcher iſt als jeder andere, unter ſtrenger längſt gewohnter Herrſchaft ſtünde. Er ging— ſey's nun aus Schwäche oder Gewohnheit— etwas gebückt, ſchien überhaupt keineswegs kräftig von Geſtalt; gleichwohl lag etwas Feſtes, Entſchloſſenes in ſeinem Weſen, ein Blick wohlbewußter Macht, als ob ſein Wille nur ſelten vereitelt worden wäre. Die grauen Augenbrauen die das ſchwarze Auge beſchatteten und deſſen Feuer zu verſchleiern ſchienen, ertheilten dem ganzen Geſichte einen Ausdruck forſchenden Scharfblicks, der einem mehr den Eindruck von Verſtand als von Aufrichtigkeit zurückließ. Außer Sir Arthur Adelon, deſſen Geſicht nach der Thüre gerichtet war, hatte Niemand ſeinen Eintritt geſehen oder gehört, und doch war er ſchon 38 ſeit drei Minuten dicht hinter der Gruppe geſtanden, ehe er durch ſeine Worte die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich lenkte. Lord Hadley folgte der Richtung ſeines Hofmeiſters und betrachtete den neuen Ankömmling nicht ohne Neugierde. „Ja,“ erwiederte er,„ihr Name war Clive und ich glaube, der alte Herr nannte ſie Helene.“ „Wenn ſie Clive hieß,“ verſetzte der Angeredete,„ſo war es ſicherlich Helene Clive, denn es gibt nur einen Mr. Clive in der Nachbarſchaft und der hat blos ein einziges Kind.“ „In der That, Sir, ich bin hocherfreut, daß Sie ſo viel von ihm wiſſen,“ bemerkte Lord Hadley,„denn, ehrlich geſtanden, er ſowohl wie ſeine Tochter hat meine Neugier und Theilnahme in nicht geringem Grade erweckt.“ „Wie ſo?“ fragte der Fremde kurz angebunden und in trockenem unangenehmen Tone. „O ganz einfach, weil wir ſie Nachts um neun Uhr auf der Heerſtraße unter einer lockeren Steinmauer ſitzend trafen, während ſie irgend etwas oder irgend jemand erwar⸗ tete,“ ſo lautete der erſte Theil von Lord Hadleys Antwort, denn dieſen wollte des Fremden Ton ziemlich unpaſſend be⸗ dünken.„So viel zur Rechtfertigung meiner Neugier,“ fuhr er fort.„Was ferner meine Theilnahme betrifft, mein theurer Sir, ſo war das Mädchen erſtens ausnehmend hübſch, zweitens in Betracht der Umſtände, in denen wir ſie antrafen, wunderbar vornehm; dann hatte ſie auch den Arm gebrochen, was, wenn auch nicht eben ſo poetiſch wie andere Unglücks⸗ fälle, doch jedenfalls hinreichte, um einige Sympathie für 39 ſte zu erregen; überdies traf Dudley ihren Vater, wie er auf dem Gipfel der Klippe ſaß und die geſpannte Piſtole in der Hand auf die See hinaus ſchaute.“ „Was ihre Schönheit betrifft,“ erwiederte der Fremde, „mit der hab' ich nichts zu ſchaffen. Die Theilnahme, die Sie empfinden, iſt ohne Zweifel würdig und wohlverdient, und was Ihre Verwunderung betrifft, Sir, ſo mögen Sie ſich darauf verlaſſen, daß Helene Clive, was ſie auch immer thun mag, ihre guten Gründe dafür hat, und zwar Gründe, die, wenn ſie ſie Ihnen erläutern wollte, Ihre Ueberraſchung ſehr bald beſchwichtigen würden.“ Mr. Dudley, der an dem Geſpräche keinen Antheil ge⸗ nommen hatte, hörte mit Lächeln, wie ein völlig Fremder gegen Lord Hadley ſogleich jenen Ton ruhiger Ueberlegenheit annahm, der, wie er wußte, auf ſeinen Zögling die meiſte Wirkung äußerte. Der junge Edelmann wollte eben antworten, als ihm Sir Arthur Adelon mit den Worten in die Rede ſiel: „Mylord, ich hätte Ihnen ſchon eher unſern Freund, Seine Ehrwürden Mr. Filmer, vorſtellen ſollen— Mr. Filmer— Lord Hadley.“ Der junge Lord verbeugte ſich und der Andere trat ihm einen Schritt näher; im Vorübergehen bemerkte Dudley, daß auf ſeinem Scheitel ein kleiner Fleck in der Größe eines Kronenthalers glatt geſchoren war, woran er alsbald den römiſch katholiſchen Prieſter erkannte, und ſich mit raſcher Combination Verſchiedenes, was ihm bisher dunkel geweſen, klar machte. 40 Der Prieſter zeigte ſich jetzt wieder milder in ſeinem Benehmen und war in wenigen Minuten mit Lord Hadley und ihrem Wirthe in vollem Geſpräche begriffen. Der junge Edgar Adelon näherte ſich ihnen mit ſchüchterner Zaghaftig⸗ keit, während Dudley an den Tiſch trat, neben welchem Miß Brandon noch immer ſtand, und vielleicht in leiſerem Tone, als bei ſonſtigen Veranlaſſungen üblich iſt, einige wenige Worte an ſtie richtete. Keines von beiden wußte, daß ſie leiſe ſprachen; aber Regungen des Herzens üben eine unge⸗ heure Herrſchaft über den Klang der Stimme, und waren die geſprochenen Worte auch nichts anderes als Gemeinplätze der Ueberraſchung und Freude über ihr unerwartetes Zuſam⸗ mentreffen, Fragen und Erklärungen über ihre gegenſeitigen Erlebniſſe, ſeitdem ſie ſich zum letztenmal geſehen hatten, ſo fuͤhlten ſie ſich gleichwohl bewegt durch die unausgeſprochene Beredtſamkeit ihrer Herzen. Gleich darauf, eben als Lord Hadley ſich auf ſein Zim⸗ mer zurückziehen wollte, um ſeine Toilette in Ordnung zu bringen, wurde das Nachteſſen angemeldet, und ſein Vorha⸗ ben aufgebend bot er Miß Brandon den Arm und führte ſie in das Nebenzimmer. Sir Arthur Adelon und Mr. Dudley folgten; der Prieſter zögerte noch eine Weile im Ge⸗ ſpräche mit des Baronets Sohne und eilte dann raſchen Schrittes in das Speiſezimmer. Dort ſegnete er das Mahl mit allen Zeichen von Frömmigkeit, und Dudley's Auge, das gar Vieles merkte, gewahrte, wie Sir Arthur und ſein Sohn das Zeichen des Kreuzes machten, was aber Eda Brandon unterließ, wie er mit vieler Freude wahrnahm. 41 Das Mahl wurde in ſeinem Verlaufe äußerſt heiter, je mehr die beiden Gäſte die anfängliche Fremdheit ablegten. Scherz und Fröhlichkeit folgten auf das ernſtere Geſpräch; ein Gegenſtand nach dem andern wurde auf's Tapet gebracht und mit jener ungezwungenen Leichtigkeit— jenem großen Reize der Unterhaltung— wieder verlaſſen. Der Herr des Hauſes war zwar ziemlich ſteif und förmlich, aber die drei jungen Männer ließen ſich durch ſeine würdige Miene nicht einſchüchtern. Der Prieſter war ein Mann von umfaſſender und höchſt mannigfaltiger Bildung, und hatte nicht allein die gewöhnlichen Zuſtände der Geſellſchaft, ſondern auch die Seelen⸗ und Gemüthsbewegungen von Tauſenden von Men⸗ ſchen geſehen und ſtudirt. Da war nicht ein Gegenſtand, ob nun heiteren oder ernſten Inhalts, vom Garderobezimmer des Theaters oder Opernhauſes bis zu den Kabineten der Staats⸗ männer und dem Salon der Monarchen, worüber er nicht zu ſprechen wußte. Seine Unterhaltung war zugleich an⸗ muthig und leicht, fließend und anſtändig, und war auch ein gewiſſer ſarkaſtiſcher Witz darin zu bemerken, der ſie nach Dudley's Anſicht faſt allzu pikant machte, ſo konnte er doch, wenn er ſich das Geſprochene überlegte, kein einziges Wort entdecken, das für einen wohlerzogenen Mann und Prieſter ungeziemend geweſen wäre. Dabei ward auch der ſtechendſte Spott, der beißendſte Witz mit ſolcher Ruhe preisgegeben, daß der junge Hofmeiſter zuweilen dachte, eben dieſe Weiſe müſſe dem Ganzen ſeine beſondere Pointe geben, wiewohl er ſich nicht erinnern konnte, daß auf irgend ein Wort ein eigent⸗ licher Nachdruck gelegt worden wäre. 4² So kam es denn, daß er, als er ſich zur Ruhe verfügte, viel Stoff zum Nachdenken über das eben Geſehene, manch tiefes wieder erwachtes Gefühl in ſeinem Herzen vorfand, das er durch Vernunft und den Kampf eines ſtarken Gemüths gegen eine enthuſtaſtiſche Neigung zur Ruhe gebracht zu ha⸗ ben meinte. Viertes Kapitel. Der Wind hatte die Wolken, welche die Nacht zuvor am Himmel gehangen, verjagt. Der Morgen brach an, hell und glänzend, eine ſcharfe Briſe bewegte die Luft und gab der ganzen Landſchaft ein klares, friſches, froſtiges Anſehen. Dudley war frühzeitig aufgeſtanden— das war ihm für immer zur Gewohnheit geworden— und trat an's Fenſter, um eine Scene zu betrachten, von der er in der dunklen Stunde ſeiner Ankunft nur wenig hatte entdecken können. Ich will mich nicht mit Beſchreibung alles deſſen, was er ſah, aufhalten, denn der Geſchmack des Publikums iſt bei Gegenſtänden der Dichtung eben ſo launenhaft, wie bei der Mode der Trachten: detaillirte Schilderungen einer Land⸗ ſchaft— die Gemälde mit der Feder— welche das eine⸗ mal recht wohl gefallen, können ein andermal langweilig er⸗ ſcheinen. Wir leben ja ohnehin im Jahrhundert der Eiſen⸗ bahnen— alle Welt will vorwärts, und wir eilen unbarm⸗ herzig an allen feineren Charakterzügen vorüber, welche unſeren Vorfahren Stoff zum Nachdenken und Studium 43 gewährt hatten, gerade wie der Reiſende mit dem langen, krei⸗ ſchenden, ächzenden, dampfenden Bahnzug an jenen ſüßen ſchönen Stellen, bei denen der beſchauliche Menſch frühe⸗ rer Tage ſtille zu ſtehen und nachzuſinnen gewohnt war, im Sturmſchritte vorübergeriſſen wird. Nur bei einem kleinen Theile der Landſchaft muß ich verweilen, da ich ſogleich davon ſprechen und ſpäter mehr als einmal darauf zurückkommen werde. Das Herrenhaus lag in einem ausgedehnten Park, und eine lange Lindenallee, nicht vollkommen gerade, ſondern in anmuthigem Bogen über den wellenförmigen Grund hinziehend, führte hinab zu dem Parkhäuschen und an die Thore der Umfaſſung. Nicht weit von dieſem Häuschen ſah man ein kleines Dickicht an die Allee ſtoßen und dieſelbe in regelloſen Maſſen bis zu der Parkmauer begleiten. Dieſe Gegenſtände— die Allee, die grünen Parkhügel, das ferne Dickicht und der obere Rand der Parkmauer— ſie waren es eben, auf denen Dudley's Auge zuerſt ruhte. Verlängerte er den Blick in derſelben Richtung über den Park hinaus, ſo begegnete er dicht am Parke einer mannig⸗ faltigen anſcheinend ziemlich fruchtbaren und wohlbebauten Landſchaft, die aber, weiterhin plötzlich wilder und rauher werdend, in einigen hochaufgethürmten Dünen endigte, welche Dudley in der geſtrigen Nacht durchzogen zu haben ſich er⸗ innerte. Dem Leſer iſt wohlbekannt, daß einige Buchengattungen ihre Blätter länger behalten als faſt alle anderen Bäume oder Geſträuche, die immergrünen ausgenommen; dem Froſte, 44 dem Wind und Regen zum Trotz ſieht man die gelben Blät⸗ ter an den winterigen Zweigen hängen, bis das Hervorbre⸗ chen neuer, grüner Knoſpen, dem Aufwachſen ehrgeiziger Kinder ähnlich, die Vorgänger zu Boden wirft. Die Allee war ſo dicht davon bedeckt, daß man lange Zeit darin hätte wandeln können, ohne vom Hauſe oder Parke aus geſehen zu werden. Bei Dudley war der Fall ein anderer: als näm⸗ lich Lord Hadley auf ſeiner Rückreiſe vom Feſtlande die freundliche, wenn auch nicht ganz uneigennützige Einladung nach Brandon— ſo hieß der Ort— angenommen, hatte er bloß erwähnt, daß ſein Hofmeiſter bei ihm ſei, und dieſem Hofmeiſter hatte man ein weit höher gelegenes Zimmer, als man ſonſt bei vornehmen Gäſten zu thun pflegte, angewieſen. Dudley war hierüber nichts weniger als mißvergnügt, denn er genoß auf dieſe Art eine wahre Vogelperſpektive über die Allee und die entfernter gelegene Landſchaft. Da er erfahren hatte, daß die Familie ſich nicht vor halb neun zum Frühſtück verſammle, ſo beſchloß er, weil es kaum erſt ſechs Uhr war, ſich ſogleich anzukleiden und ein Paar Stunden durch den Park zu ſchwärmen, vielleicht auch ſeinen Ausflug über deſſen Mauern auszudehnen. Eines der erſten Geſchäfte und zwar das widerwärtigſte bei der Toilette des Mannes— ich ſage dieß zum Nutzen der Damen, denen man wohl nicht zumuthen kann, dieſe Geheim⸗ niſſe zu kennen— iſt das Raſiren. Mir iſt nicht bekannt, welche barbariſche Grille es dahin gebracht hat, daß die Männer ihr Antlitz zu verweiblichen trachten, indem ſie das⸗ ſelbe eines Schmuckes und Unterſcheidungszeichens berauben, 45 womit die Natur es verziert hat; allein es iſt einmal ſo: der Mann verurtheilt ſich jeden Morgen zu einer viertelſtündigen Tortur, in der ausdrücklichen Abſicht, ſein Kinn ſo glatt und dem erwachſenen Manne, wie Gott ihn geſchaffen, ſo unähn⸗ lich als möglich zu machen. Dudley beſaß einen dichten, ſchwarzen Bart, der ſorg⸗ fältigen Raſirens bedurſte. So öffnete er denn ein ſehr hübſches Toilette⸗Etui— ein früheres Geſchenk aus glückli⸗ cheren Tagen; er nahm zuerſt einen kleinen, feinpolirten Spie⸗ gel, den er der größeren Helle wegen an das linke Fenſter des Zimmers befeſtigte, und machte ſich dann mit einem Stück⸗ chen neapolitaniſcher Seife, die er aus der Syrenenſtadt mit⸗ gebracht hatte, einem weichen Pinſel von Dachshaaren und kaltem Waſſer(denn um dieſe frühe Morgenſtunde mochte er noch keinen Diener heraufſchellen) an die Arbeit, um ein Ge⸗ ſicht, ſo ſchön wie er es nur je geſehen hatte, gehörig einzu⸗ reiben. Pinſel und Seife waren gut und brachten trotz des kal⸗ ten Waſſers einen ſteifen Schaum zuwege; wie er nun nach dem Raſſirmeſſer griff, das er auf ein Tiſchchen am Fenſter gelegt hatte, fielen ſeine Augen unwillkührlich auf den Theil des untengelegenen Parkes, wo die Allee dicht vor dem Hauſe ein Ende nahm. Da ſah er denn eine menſchliche Geſtalt pfeilſchnell aus dem Herrenhauſe unter den Buchenſchatten hingleiten, und erkannte augenblicklich den jungen Edgar Adelon, den Sohn des Hauſes. Die Sache hatte gerade nichts Außergewöhnliches an ſich, allein Dudley beſaß einen durch Gewohnheit nachdenk⸗ lichen Geiſt, und während er die borſtige Ernte auf ſeinem 46 Kinn abmähte, meditirte er über Edgar Adelon, ſeine äußere Erſcheinung, ſeinen Charakter und ſeine Unterhaltung, und ging dann von dem Jünglinge zu einem zweiten Gegenſtande — zu Eda Brandon— über, mit der er ſich heute Nacht und auch ſchon am Morgen angelegentlich beſchäftigt hatte. Wie auch ſeine Betrachtungen beſchaffen ſeyn mochten, ſie endigten mit einem Seufzer, der zuweilen einer Schranke vor einem gefährlichen Pfade ähnlich iſt und wie ſie die War⸗ nung ausſpricht, nicht weiter in dieſer Richtung vorzudringen. Als er abermals zum Fenſter hinausſchaute und den Lauf der Allee mit den Augen verfolgte, erblickte er abermals den jungen Gentleman, wie er ſo raſch als möglich dahin⸗ eilte. Er hatte weder Jagdgewehr noch Hunde bei ſich und eine kleine Neugierde regte ſich in dem Hofmeiſter, worüber er ſich gewiß ausgelacht hätte, wenn ſie anders als unbedeu⸗ tend geweſen wäre. Kurz darauf verlor er die Figur, die das Dickicht zur Rechten der Allee betreten zu haben ſchien, aus dem Geſichte, und Dudley dachte bei ſich: „Armer Junge! ſchien er doch geſtern Abend, ſo glän⸗ zend und beredt er auch zuweilen war, ſo oft zerſtreut und ſogar traurig. Er geht vielleicht, um über ſeine Liebe nachzuſtnnen; ach, er weiß nicht, wie viel Seelenleiden ihm noch vorbehalten ſeyn mögen oder wie bald ſein Schickſal eine düſtere Wendung nehmen kann.— War ich ja doch einſt ebenſo vom Glück begünſtigt wie er, und nun“— Hier brach er ab, denn ſein hochfinniger Charakter brachte es mit ſich, daß er über dieſen Punkt ſich niemals grämen wollte. Während er jedoch im Zimmer auf⸗ und abging, ——— 47 ſchaute er von Zeit zu Zeit immer wieder durchs Fenſter, und eben als er den Rock anzog, ſah er plötzlich aus dem der Parkmauer zunächſt gelegenen Dickicht eine Geſtalt hervortre⸗ ten, welche leichtfüßig über die Umfaſſung wegkletterte, als ob dies auf einer Stiege oder Leiter geſchähe und dann ver⸗ ſchwand. Ob es Edgar Adelon war oder nicht, konnte er auf ſolche Entfernung nicht unterſcheiden; jedenfalls kam ihm aber das ganze Mansver auffallend vor, und er verfolgte die Sache in ſeinen Gedanken, das Geſicht nach dem Fenſter gewendet, als er ein Klopfen an ſeiner Thür vernahm und auf ſein Herein Se. Ehrwürden Mr. Filmer eintreten ſah. „Ich hörte Sie auf Ihrem Zimmer, das an das meinige ſtößt, auf⸗ und abgehen, Mr. Dudley,“ begann der Prieſter mit ſeinem ruhigen Lächeln und leiſem Schritte ſich nähernd; „und wollte Ihnen alſo einen guten Morgen wünſchen und Ihnen bemerken, daß ich mich ſehr glücklich ſchätzen werde, wenn ich Ihnen durch Angabe der mancherlei intereſſanten Punkte in unſerer Nachbarſchaft von Nutzen ſeyn kann. Mein Zimmer beherbergt auch eine ſehr gute, wenn auch nicht ſon⸗ derlich ausgedehnte Bücherſammlung, mit zum Theil ſehr ſeltenen Exemplaren, und wenn wir auch, wie ich vermuthe, verſchiedenen Kirchen angehören, ſo ſind Sie doch gewiß viel zu ſehr Mann von Welt, um hiedurch eine Enifremdung zwi⸗ ſchen uns aufkommen zu laſſen.“ „Das wäre keinen Falls möglich, mein theurer Sir, auch wenn Ihre Vermuthung richtig wäre,“ erwiederte Dud⸗ ley;„ich bin jedoch kein Hochkirchlicher und kann Sie ver⸗ ſichern, daß ich Ihre Kirche keineswegs mit bigotten Augen anſehe; ja ich bedaure ſogar aufrichtig, daß die etwas zu engen Deſinitionen des Tridentiner Concils eine unüberſteig⸗ liche Scheidewand zwiſchen beiden Kirchen begründet haben.“ „Enge Definitionen ſind immer ein ſchlimmes Ding,“ meinte der Prieſter;„ſte ſind ſogar das gerade Gegentheil von der Ordnung der Natur, denn in ihr gibt es keine harten Scheidelinien; jede Klaſſe exiſtirender Weſen, alle Gegen⸗ ſtände, alle Töne gehen gemildert ſtufenweiſe in einander über, als ob ſie uns beweiſen wollten, daß in Gottes eigenen Werken keinerlei Härte auffommen könne. Nur der Menſch bewirkt ſolche Scheidungen und ſchließt ſich von ſeinem Ne⸗ benmenſchen ab.“ Dudley hörte ſeinen neuen Bekannten nicht ungerne ſeine Anſichten erklären, bemerkte aber wohl, daß er keinen beſonderen Punkt berührte, ſondern ſich mehr an das All⸗ gemeine hielt, und da er ſelbſt keine Luſt zu religiöſen Streitigkeiten hatte, ſo dankte er Mr. Filmer'n abermals für ſeine Güte und fragte ihn, ob man auf einem kurzen Spaziergang vor dem Frühſtück vielleicht einen beſonders intereſſanten Punkt erreichen könnte. „Allerdings,“ erwiederte der Prieſter,„wenigſtens ei⸗ nen, der für mich ſehr viel Intereſſe hat, nämlich die Ruinen einer Abtei mit dazu gehöriger Kirche, dicht vor der Park⸗ mauer gelegen. Wenn's Ihnen gefällig iſt, ſo bin ich be⸗ reit, gleich jetzt Ihr Führer zu ſeyn.“ Dudley war es vollkommen zufrieden. Mr. Filmer holte ſeinen Hut und in wenigen Minuten befanden ſie ſich im Freien. 49 Sie ſchlugen den Weg zur Rechten ein, die Allee links liegen laſſend, und erreichten auf einem viel betretenen über die grasbedeckten Parkhügel führenden Wege in kurzer Zeit die Mauer, die ſie auf einer ſteinernen Treppe überſchritten und dann einige hundert Gänge in ein kleines von einem ſehr hellen, aber ſchmalen Bächlein durchzogenes Waldthälchen hinabſtiegen. Ein wohlgehaltener Pfad durch das Dickicht brachte ſie nach weiteren fünf Minuten auf einen offenen vom Wald umſäumten Raume, worauf die Ruine ſtand. Dieſe war ein ſchönes nur ſehr zerfallenes Ueberbleib⸗ ſel des ſogenannten normänniſchen Bauſtyls; eine Anzahl von Spitzbogen und tiefes ausnehmend fein gemeiſeltes Ge⸗ ſims war noch wohl erhalten. Dudley blieb von Zeit zu Zeit ſtehen, um ſich ſeiner Bewunderung zu überlaſſen und wurde von ſeinem Gefaͤhrten nach dem Haupteingang der Kirche geführt, über welchem ſich noch ein völlig unverſehrtes Tympanum erhob. Es war mit rohen Figuren reich ver⸗ ziert, und der Hofmeiſter betrachtete es eine Zeitlang ſchwei⸗ gend, indem er ſich die Bedeutung der verſchiedenen darge⸗ ſtellten Perſonen klar zu machen ſuchte, worin ihn Mr. Fil⸗ mer mit feinem Lächeln eine Weile ohne Unterbrechung ge⸗ währen ließ. „Wir haben hier ein ſehr merkwürdiges Stück Skulp⸗ tur,“ begann er endlich.„Bemerken Sie wohl, hier rechter Hand iſt eine Jagd dargeſtellt; Sie ſehen das Wild vor den Hunden fliehen und eine Anzahl Bewaffneter zu Pferd nach⸗ folgen. Im nächſten Felde gewahren Sie abermals Hunde James. Der Ueberwieſene. 4 50 und Menſchen und einen Mann, der von einem Wurſſpieße getroffen am Boden liegt.“ „Das dritte dagegen zeigt einen ganz anderen Gegen⸗ ſtand,“ meinte Dudley—„eine Frau, anſcheinend ſingend und die Harfe ſpielend, von einer Anzahl Cherubine um⸗ ringt, während ein Engel eine Phiole hält; das vierte Feld i*ſt wieder anders— es zeigt zwei Hauptfiguren, die ſich in⸗ mitten mehrerer anderer Geſtalten, offenbar bloßer Zuſchauer, umarmen.“ „Gleichwohl bilden ſte alle nur eine Geſchichte, und zwar die Gründungsgeſchichte dieſer Kirche und Abtei, an die ſich eine merkwürdige Legende, drei Familien aus dieſer Nachbarſchaft betreffend, knüpft, deren jede Ihnen einiger⸗ maßen bekannt iſt. Ich will ſie Ihnen auf dem Rückwege erzählen; erſt aber laſſen Sie uns rings herum bis auf die andere Seite gehen, wo ſich ein Fragment von einem ſehr ſchönen Fenſter befindet.“ Dudley gab ſich nicht eher zufrieden, als bis er die ganze Ruine durchſtöbert hatte; erſt als er damit fertig war, kehrten ſie nach dem Parke zurück und Mr. Filmer begann ſeine Erzählung folgendermaßen: „Faſt auf demſelben Punkte, wo jetzt das Herrenhaus ſteht, ragte früher das Schloß Brandon, deſſen Gebieter, wie es ſcheint, ein hitziger ungeſtümer Mann war, der dem rohen Jagdvergnügen, das in den Zwiſchenpauſen des Krie⸗ ges die Hauptbeſchäftigung unſeres alten Adels ausmachte, mit Leidenſchaft oblag. In der Nachbarſchaft lebte eine Ritterfamilie Clive, deren Haupt in den Kriegen zwiſchen 4 Stephan und Mathilde dem benachbarten Baron das Leben gerettet hatte und ſein theuerſter obwohl vergleichungsweiſe ein untergeordneter Freund geworden war. Wenn auch nicht geradezu ein irreligiöſer Mann, ſo war doch Lord Brandon daſür bekannt, daß er über die Kirche ſpottete und deren Diener zuweilen mißhandelte. Er hatte ſich in ein Edel⸗ fräulein, Namens Eda Adelon, die Erbin weitläufiger nur etwa dreißig Meilen von ſeinem Schloſſe entfernter Beſitzun⸗ gen verliebt und auch die Zuſicherung auf ihre Hand erhal⸗ ten; eines Tags jedoch hatte er ſie in Betreff einer Abtei, zu deren Gründung ſie vornehmlich beigetragen, ſo ſchwer beleidigt, daß ſie ihr Verſprechen zu erfüllen verweigerte und ſelbſt in die Schweſterſchaft eintrat, indem ſie ihm prophe⸗ zeite, daß die Zeit noch kommen würde, wo auch er Klöſter gründen und zu deren Gebeten ſeine Zuflucht nehmen würde. „Fünf bis ſechs Jahre verſtrichen und der Baron, von jeher heftig und zornſüchtig, wurde dies noch mehr durch die Täuſchung, die er erfahren hatte. Die einzige Perſon, die einige Gewalt über ihn zu haben ſchien, und zwar jene Ue⸗ bermacht, wie ſie ein ſanftes Gemüth zuweilen über ein hef⸗ tiges ausübt, war der junge Sir William Clive, ſein Ge⸗ fährte. Seine Hauptbeluſtigung bildete, wie geſagt, die Jagd, und ſo hatte er denn eines Tags einen Hirſch meilen⸗ weit durch die Gegend getrieben, war aber durch die Liſt und Schnelligkeit des Thieres immer wieder getäuſcht wor⸗ denz ſchon viele Wurfſpieße hatte er nach ihm abgeſchleu⸗ dert, ſtets in der Meinung, ſeines Zieles gewiß zu ſeyn; aber immer wieder zeigte ſich das Thier unverwundet, bis es end⸗ 4* 52 lich in die Schlucht brach, wo die Priorei Brandon ſtand, und eben in dem Augenblicke, als der Baron dicht auf ſeiner Ferſe war, in das Dickicht ſetzte. Aus Furcht, ihn aber⸗ mals zu verfehlen, warf er in zorniger Haſt einen letzten Speer und rief mit gräulichem Fluche:„Dießmal wenigſtens will ich etwas tödten!“— Ein ſchwacher Schrei gab ihm alsbald Antwort, und im nächſten Augenblick wankte Sir William Clive, von ſeines Freundes Speere getroffen, aus dem Walde und ſank allem Anſchein nach ſterbend vor den Füßen ſeines Roſſes zuſammen.“ „Hiemit haben Sie die Erklärung der zwei erſten Bil⸗ der; ich will nun zu den beiden andern übergehen.— Der mächtige Lord war halb wahnſinnig über ſeine That; der Verwundete wurde aufgehoben und ins Schloß getragen; geſchickte Aerzte wurden herbeigeholt, verſuchten aber ihre Kunſt vergeblich, denn der junge Ritter blieb ſprach⸗ und bewegungslos, ohne ein anderes Lebenszeichen als hie und da einen tiefgeholten Seufzer und ein ſchwaches Herzpochen von ſich zu geben, ſo daß endlich einer der Chirurgen, ein Geiſtlicher, die Erklärung wagte:„ich weiß Niemand außer der Aebtiſſin Eda, die ihn noch zu retten vermöchte.“— Eda Adelon war nämlich mittlerweile in den Geruch höchſter Hei⸗ ligkeit gelangt, ja ſie ſollte ſogar ſchon in der Heilung von Schwachen und Kranken wahre Wunder verrichtet haben. Voller Herzensangſt für den Freund und von Gewiſſens⸗ biſſen über ſeine That getrieben, ſtieg der Baron unverzüglich zu Pferde und ritt ſpornſtreichs nach der Abtei, wo er ſich 5³ vor der Aebtiſſin auf die Kniee warf und ihr das erlebte Mißgeſchick erzählte.“ „Kniet vor Gott und nicht vor mir,“ ermahnte die Aebtiſſin;„demüthiget Euer Herz und betet zu dem All⸗ mächtigen. Vielleicht daß er Erbarmen mit Euch hat.“ „Betet für mich,“ flehte der Baron;„werden Eure Bitten erhört, Eda, ſo gelobe ich bei unſerer lieben Frau und allen Heiligen, in Zukunft ein neues beſſeres Leben zu führen und da, wo mein armer Freund fiel, eine Priorei zu gründen, wo zwölf heilige Männer zum Gedäͤchtniſſe der mir erwieſenen Gnade Tag und Nacht Meſſen leſen ſollen.”“ „Ich will für Euch beten,“ verſicherte die Aebtiſſin, „„wartet hier eine Weile; vielleicht kann ich mit guter Bot⸗ ſchaft zurückkommen.“ „Während er alſo allein war, hörte der Baron, wie plötzlich die ſchönſte feierlichſte Muſik ertönte und die Aeb⸗ tiſſin Eda mit ihrer zarten Stimme einen Kirchengeſang an⸗ ſtimmte. Nach einer Stunde etwa kam ſie mit einer Phiole voll der köſtlichſten Arznei zurück, die ſie ihn, ſobald er ſein Schloß erreichte, ſeinem Freunde einzugeben anwies. Die Legende ſagt, als Antwort auf ihr Gebet habe ihr ein En⸗ gel dieſe Phiole vom Himmel gebracht; ſo viel iſt aber gewiß, daß der Verwundete von dem Augenblick, da ihm dieſe Arznei gereicht wurde, zu geneſen begann und bald wieder völlig hergeſtellt war.“ „Der Baron vergaß ſein Gelübde nicht, ſondern baute die Priorei, deren Trümmer Sie geſehen haben, und ließ zum Andenken an dieſes Ereigniß das Tympanum von einem 54 geſchickten Maurer ausmeiſeln. Weiter finden wir noch, daß er dem jungen Sir William Clive die Hand ſeiner ein⸗ zigen Schweſter bewilligte, und die böͤſen Zungen der dama⸗ ligen Zeit ſcheuten ſich nicht zu behaupten, das junge Fräu⸗ lein ſey mit dem galanten Ritter in demſelben Augenblick im Walde luſtgewandelt, da dieſer jene Wunde davongetra⸗ gen habe.“ Der Prieſter ſchloß mit ruhigem Lächeln und Dudley erwiederte mit jener Theilnahme, wie ein romantiſcher Geiſt ſte faſt immer für eine derartige Legende empfinden wird: „Wenn ſolche Geſchichten in einer Famtlie exiſtiren, dann wundere ich mich nicht mehr, wenn ſie trotz all der Veränderungen, welche ringsum vor ſich gehen, dem alten Glauben, mit dem ſte verknüpft find, noch immer anhängt.“ „Ach mein theurer Sir,“ verſetzte der Prieſter,„das iſt hier gerade gar nicht der Fall. Die Adelon's und Cli⸗ ve's ſind zwar bei unſerer Kirche geblieben; die Brandon's dagegen haben ſie längſt verlaſſen. Sogar jenes ſchöne Mädchen, Sir Arthurs Nichte, iſt in Ihrem Glauben auf⸗ erzogen“— hier ſchwieg er eine Weile und fuhr dann ſeuf⸗ zend fort—„und beharrt bei demſelben.“ Dudley konnte nicht ſagen, daß er dies gerade ungern vernahm, wurde indeß der Nothwendigkeit einer Antwort durch die Annäherung eines Dritten enthoben, in welchem er alsbald den Vater des Mädchens erkannte, das er in der verwichenen Nacht aus großer Gefahr zu befreien geholfen hatte. „Ah! Mr. Clive,“ rief er dem Näͤherkommenden ent⸗ ℳ 5⁵ gegen,„ich bin ſehr froh, Sie zu ſehen; ich wäre heute Morgen zu Ihnen gekommen, um mich nach Ihrer Tochter zu erkundigen. Ich hoffe, ſie hat nicht viel gelitten und der erwartete Wundarzt iſt bald eingetroffen.“ „Nach etwa zwei Stunden, Mylord,“ erwiederte Clive;„dieſe Landärzte ſind nicht immer ſo leicht aufzuſin⸗ den. Der Aufſchub that jedoch keinen Schaden; der gebro⸗ chene Arm wurde leicht eingerichtet, und außerdem daß mein armes Mädchen den nächſten Monat oder drüber blos mit einer Hand herumgehen muß, hat ihr der Unfall nicht wei⸗ ter geſchadet.“ „Sie halten mich irrigerweiſe für den Herrn, der bei mir geweſen, Mr. Clive,“ erklärte Dudley;„er iſt Lord Hadley, ich aber bin nur ein ganz demüthiges Individuum ohne Rang oder Ehrenſtelle.“ „Dafür beſitzen Sie den Adel des Herzens, Sir, und die Chren, wie ſie ungefordert einem hohen Geiſte erwieſen wer⸗ den,“ erwiederte Clive.„Ich weiß nicht warum, aber ich ſowohl wie meine Tochter bildeten uns ein, Sie ſeyen der Edelmann und der Andere der Freund.“ „Gerade umgekehrt,“ gab Dudley zur Antwort;„er iſt der Edelmann und ich bin blos ſein Hofmeiſter.“ „Nun ich vermuthe, in den Augen des großen Verthei⸗ lers der Gaben und Ehren iſt Alles gut und recht,“ bemerkte der alte Mann nach langem tiefem Nachdenken.„Ich bitte übrigens um Verzeihung, Sir, daß ich Ihnen einen Titel gab, der Ihnen nicht gebührt, was, wie ich weiß, eine grö⸗ ßere Beleidigung iſt, als wenn ich Sie zu gering tarirt 56 hätte, denn gegen das eine Unrecht iſt der Mann durch ſei⸗ nen Stolz geſchützt, während er durch ſeine Eitelkeit dem anderen preisgegeben iſt.— Mr. Filmer, ich möchte wo möglich ein Wörtchen mit Ihnen reden.“ „Ei freilich,“ verſetzte der Prieſter;„wollen Sie nur eine kurze Strecke vorangehen, Mr. Dudley, ſo werde ich mit Mr. Clive ſprechen und Sie alsbald wieder einholen. Einſtweilen bitte ich unſern kurzen Ausflug zu entſchuldigen; nach dem Frühſtück oder auch gegen Abend wollen wir einen längeren veranſtalten.“ Dudley verbeugte ſich und ging voran, ohne jedoch zu erwarten. daß der Prieſter ihn noch vor dein Hauſe errei⸗ chen würde. Hierin hatte er ſich jedoch verrechnet, denn kaum waren fünf Minuten verſtrichen, als ihn Mr. Filmer mit dem ihm eigenthümlichen aber raſchen und leiſen Schritt wieder einholte. Der Hofmeiſter hatte ſich gleich von Anfang gedacht, daß Mr. Filmer in die Angelegenheiten aller römiſch⸗katho⸗ liſchen Familien der Nachbarſchaft tief eingeweiht ſeyn müſſe. In einem Lande, wo die große Mehrzahl der Be⸗ völkerung einer andern Kirche angehört, bringt das Be⸗ kenntniß des römiſch⸗katholiſchen Glaubens einen großen Uebelſtand mit ſich. Der nächſte Prieſter iſt nämlich der Vertraute für Aller Geheimniſſe und es hängt von der Pflichttreue dieſes Einzigen ab, ob die Privatangelegenhei⸗ ten jeder einzelnen Familie in der ganzen Umgebung ausge⸗ ſprengt werden oder nicht. In Ländern, wo die Bevölke⸗ rung groͤßtentheils papiſtiſch iſt, kommt dies nicht vor, denn 57 vort theilt ſich eine Unzahl von Prieſtern in die Geheimniſſe der Einwohnerſchaft und es geſchieht nur ſelten, daß ein Einziger ſo viele anvertraut erhält, daß es der Mühe werth wäre, die Verhältniſſe der ihm anhängenden Familien aus⸗ zuplaudern, ſelbſt wenn ſeine Lippen in wichtigeren Dingen nicht durch die Vorſchriften der Kirche verſchloſſen wären. Dudley hätte gerne eine Aufklärung über die Umſtände gehabt, unter denen er die Nacht zuvor Vater Clive und deſſen Tochter angetroffen hatte; aber ſein Zartgefühl verbot ihm, über dieſen Gegenſtand eine Frage an Mr. Filmer zu richten und er erlaubte ſich deßhalb im Weitergehen blos die Be⸗ merkung: „Der Herr, den wir vorhin ſahen, iſt vermuthlich ein Abkömmling des in Ihrer Legende erwähnten Mannes?“ „Ja und zwar in direkter Abſtammung,“ gab der Prie⸗ ſter zur Antwort.„Es iſt nur wenig bekannt, wie viel edles Blut noch unter der ſogenannten engliſchen Neomanry anzutreffen iſt. Wenn der alte normäniſche Stamm noch immer als ehrwürdig betrachtet würde, ſo müßte mancher ſtolze Peer vor dem Pächter den Hut abnehmen. Mr. Clive bebaut jedoch ſein eigenes Land, wie dies in früheren Zeiten allgemein der Fall war.“ „Nach dem Orte und der Stellung, wie ich ihn geſtern Nacht antraf,“ bemerkte Dudley lachend,„hätt' ich beinahe gedacht, daß er noch andere nicht weniger alte, wenn auch minder edle Geſchäfte damit verbinde.“ Mr. Filmer wendete ſich nach ihm um, und betrachtete hin mit nicht geringer Ueberraſchung, gab aber keine Antwort, 58 und da ſie mittlerweile in die Nähe des Hauſes gelangt wa⸗ ren, ſo nahm das Geſpräch hier ſein Ende. Fünftes Kapitel. Raſchen Schrittes verfolgte Edgar Adelon ſeinen Weg auf wohlbekannten Pfaden längs der Allee, durch das Dickicht und auf einer ſteinernen Stiege über die Parkmauer; ſein Athem ging und kam in ſtuͤrmiſcher Haſt— ſein Herz⸗ pochen und nicht die Schnelligkeit ſeines Laufes verurſachte dies. Er wußte nicht, daß er von irgend Jemand beobach⸗ tet war, und mit jener Intenſität des Gefühls, deren nur Wenige fäͤhig ſind und wie ſie vielleicht die Wenigſten zu ihrem eigenen Glücke wünſchen würden, waren Geiſt und Gedanken nur von einem Gegenſtande erfüllt, ſo daß er auf Nichts, was um ihn vorging, Acht haben konnte. Er ſchritt einen ſehr engen ſchattigen Pfad hinab, der ihn auf weit kürzerem Wege als Lord Hadley's Wagen vergangene Nacht zu Mr. Clive's Hauſe führte; eben hatte er eine Wieſe am Abhange des Hügels erreicht, ohne zu bemerken, daß Jemand in der Nähe war, als ihn plötzlich eine Stimme beim Namen rief. Er wendete ſich um und gewahrte den hochgewach⸗ ſenen alten Mann ſelbſt, auf den er augenblicklich zuging und haſtig ſeine Hand faßte. „Wie geht's, Helene?“ fragte er—„wie befindet ſich Miß Clive? Lord Hadley und Mr. Dudley erzählten uns geſtern Nacht von ihrem Unfall und ich habe ſeither in 59 einem wahren Fieber gelegen, bis ich mehr von ihr erfahren konnte. Sie ſagten zwar, ſie ſey nicht ſchwer verletzt und ich hoffe es auch; aber ich muß jedenfalls hinabgehen und ſie ſehen.“ Der alte Mann hatte ihn während dieſer Rede mit feſtem ſtarrem Blicke voller Theilnahme aber nicht ohne Trauer angeſehen.„Sie iſt nicht ſchwer verletzt, Edgar,“ antwortete er;„den Arm hat ſie gebrochen; das wird jedoch bald wieder in Ordnung ſeyn— ſonſt iſt fie unbeſchädigt. Aber was haben Sie vor, mein theurer Junge? Das kann nicht ſo fortgehen. Heute mögen Sie wohl hinabgehen und ſie beſuchen, denn ich weiß, Sie wünſchen ihr weder Schmerz noch Uebles zu bereiten; Sie müſſen es jedoch Ihrem Vater ſagen, daß Sie hier waren. Darauf beſtehe ich, ſonſt dulde ich nicht, daß Sie wieder kommen.“ „Ich will, ich will ja,“ verſicherte Edgar Adelon;„das wird Sie doch beruhigen.— Ihr Uebles zufuͤgen!— nicht um die ganze Welt— nein, nicht für alle Schätze dieſer Erde!“ „Nun gut; wenn Ihr Vater darum weiß, Edgar, dann hab' ich nichts dagegen,“ wiederholte der alte Mann;„und daß Sie es ihm ſagen, dafür bürgt mir Ihr Wort. Was er ſodann mit offenen Augen thut, iſt ſein Fehler, nicht der unſere— ich will nur, daß keine Täuſchung ſtattfinde.“ „Sie ſollen's von ihm ſelber hören, daß ich's ihm ge⸗ ſagt habe,“ verſetzte der junge Mann mit glüͤhender Wange; „doch verſtehen Sie mich recht, Clive: ich ſage nicht immer, wenn ich Ihr Haus beſuche, ſo wenig als wenn ich anders⸗ 60 wohin gehe. Erfordert es die Veranlaſſung, ſo ſpreche ich; wo nicht, ſo bleib' ich ſtumm.“ Clive maß ihn abermals mit feſtem Blick, als ob er eine ernſte Bemerkung beizufügen beabſichtige, legte ihm aber plötzlich die Hand auf die Schulter und ſchüttelte ſie ihm freundlich mit den Worten:„gut, mein Knabe, gut!“ Dann wandte er ſich um und verließ ihn. Mit heiterem Lächeln und leichten Schritten verfolgte Edgar Adelon ſeinen Weg. Die Unterredung mit Clive war ihm ein wahrer Troſt, etwas das er ſchon lange vor⸗ hergeſehen, was er gefürchtet hatte und was nunmehr vor⸗ über war. Nach fünf Minuten kam ihm das Haus zu Geſicht, dem ſeine Schritte entgegenſtrebten, und mit freudigem Herz⸗ klopfen ſtand er einen Augenblick ſtille, um es zu betrachten, wie ſich's auf der Thalwand gegenüber aus den Bäͤumen erhob, als ob es auf den Gipfel einer hohen das Thal über⸗ hängenden Klippe geklebt wäre, obwohl in Wirklichkeit der waldbedeckte Abhang in ſanfter Senkung, von mannigfachen Pfaden und Spaziergängen durchſchnitten, an den Rand des kleinen Flüßchens hinabführte. Es iſt ein angenehmer Moment, wenn man inne hält, um den funkelnden Wein in dem Becher der Freude zu be⸗ trachten, ehe man ihn ausſchlürft. Dieß that auch Edgar Adelon in jenem Augenblicke, wenn gleich ſein ganzes Herz von jenen zitternden Regungen erbebte, wie nur die tiefe durſtige Erwartung der Jugend ſie hervorruft. Dann mit wildem Sprunge die Straße hinabfliegend, eilte er uͤber die 61 kleine Brücke und rannte den gegenüberliegenden Abhang hinauf. Die Hunde gaben keinen Laut, als er den Hof be⸗ trat; ein kleiner Dachs kam wedelnd herbei und die große Bulldogge kroch langſam aus ihrem Stalle und ſtreckte ſich in der Morgenſonne. Edgar Adelon mußte oft hier geweſen ſeyn, denn er trat auch ohne weitere Umſtände ins Haus und richtete an die erſte Dienerin, die ihm begegnete, die Frage: „wo iſt Helene?— wo iſt Miß Clive?“ wiederholte er, ſich augenblicklich verbeſſernd. Das Mädchen lächelte ſchalkhaft und ſagte ihm, wo ihre Gebieterin zu finden ſey. Einen Augenblick ſpäter ſaß Edgar neben ihr auf dem Sofa, in dem kleinen ſchon früher beſchriebenen Beſuchzimmer. Ich weiß nicht, ob es auch ganz recht oder zu entſchuldigen wäre, wenn ich Alies, was zwiſchen ihnen vorſiel, erzählen wollte; ſo viel darf ich wohl ſagen, daß Edgar's Arm ſich um des ſchönen Mädchens Hüfte ſchlang, daß er ihr in die ſchwarzen Augen ſchaute und die Flamme der Liebe darin gewahrte. Er ließ ſich von ihr alles Vorgefallene erzählen— d. h. alles, was ſie erzählen mochte, denn ſie wollte nicht ſagen, warum ſie in jener ſpäten Abendſtunde auf der Heerſtraße gewartet habe. Er war jedoch ein vertrauendes Gemüth, und als ſie mit neckendem Blicke erzählte:„Ganz gewiß, Edgar, ich wollte einen Liebhaber treffen,“ lachte er bloß und küßte ihre Wange mit den Worten: „Du kannſt mich nicht eiferſüchtig machen, Helene.“ „Das heißt vermuthlich, weil Du mich nicht genugſam liebſt,“ meinte das Mädchen. 62 „Nein, Liebe,“ erwiederte er,„ſondern weil ich Dich zu ſehr verehre.“ Und nun bat er ſie, ihm zu erzählen, wann der Arzt ge⸗ kommen ſey, ob das Einrichten des Armes ihr viel Schmer⸗ zen verurſacht habe und ob ſie auch ganz, ganz ſicher ſey, daß ſie nicht noch weiter beſchädigt worden. „Mein Fuß ein Bischen,“ bemerkte ſeine ſchöne Ge⸗ fahrtin;„er iſt etwas angeſchwollen— ſiehſt Du's nicht, Edgar?“ Und er kniete nieder, um darnach zu ſchauen und küßte ihn mit derſelben Andacht, wie nur je ein Pilger ſeines Glaubens dem Pabſte den Pantoffel geküßt hat. Dann folgte die Schilderung ihrer Befreiung aus der gefährlichen Lage, in der ſie ſich befunden hatte. „Weißt Du,“ erzählte ſte,„wäre ich nicht zu ſehr er⸗ ſchrocken und auch ein wenig beſchädigt geweſen, ich hätte lachen können, wie ich ſo da lag, denn es war wahrlich lä⸗ cherlich genug, ſich ſolchermaßen halb begraben zu ſehen und ſich nicht im Geringſten rühren zu koͤnnen. Zum Glück war zuerſt nur die Erde und dann erſt die Steine auf mich ge⸗ fallen, ſo daß ich bloß die Arme bewegen konnte; erſt als ich dies verſuchte, rollten einige weitere Steine über mich, die meinen Arm zerſchmetterten. Ich lag nun ganz ruhig und dachte, irgend Jemand muß wohl früher oder ſpäter herbei⸗ kommen, bis ich einen Wagen den Hügel heraufrollen hörte und bei dem Lichte ſeiner Laternen zwei Herren demſelben raſch vorangehen ſah. Ich rief ihnen ſo laut ich konnte und Beide eilten herbei. Der Eine war recht freundlich und 63 wollte mich ſogleich hervorziehen, was, wenn er's gethan hätte, wahrſcheinlich ihn und mich und ſeinen Gefährten ge⸗ tödtet oder wenigſtens ſchwer verwundet haben würde. Der Andere jedoch that ihm Einhalt, ſuchte erſt mit der größten Aufopferung und Einſicht alle noch überhängenden Mauer⸗ trümmer zu ſichern, bis er mich ohne Gefahr herausbringen konnte; dann lüftete er die Steine einen nach dem andern, er und der Diener und der andere Herr ſchafften die Erdmaſſe bei Seite und hoben mich auf und während dieſer ganzen Zeit ſprach er ſo freundlich mit mir und ſuchte mich zu tröſten und zu erheitern, ſo daß ich ihm bis zum letzten Tage meines Lebens im höchſten Grade dankbar ſeyn werde.“ „Und ſo auch ich, meine ſüße Helene,“ verſicherte Edgar Adelon eifrig;„welcher war es denn— der Schwarze oder der Schöne?“ „O der Schwarze,“ erwiederte das Mädchen;„der größere von beiden— Lord Hadley, wie der Poſtknecht mei⸗ nem Vater erzählte.“ „Nein, nein,“ verſetzte ihr Geliebter;„der Schöne iſt Lord Hadley, der Schwarze aber ein Herr Dudley, ſein Hof⸗ meiſter; ich bin recht froh darüber, erſtens weil ich ihn ſehr wohl leiden mag und zweitens, weil ich ſo eher Gelegenheit habe, ihm meine Dankbarkeit für das, was er an Dir, theu⸗ res Mädchen, gethan hat, zu beweiſen. Finde ich je⸗ mals ſolche Gelegenheit, ſo werde ich ſie nicht verſäumen, Helene.“ „Das darfſt Du nicht und Du wirſt es auch gewiß nicht, Edgar,“ antwortete ſie.„Ich meine, Charakter und 64 Weſen eines Menſchen offenbaren lſich oft mehr durch die Art, wie er etwas thut, als durch die That ſelber, denn wenn ich auch für meine Befreiung gewiß dankbar war, ſo war ich es aufrichtig geſtanden doch noch weit mehr für die Zart⸗ heit und Freundlichkeit, mit der er zu mir ſprach, mich fragte, ob ich großen Schaden genommen, und mir ſagte, ich ſolle mich nicht fürchten, ſte würden mich bald befreien. Ja während er die beſten Mittel zu meiner Erlöſung anwendete, wurde er nicht müde, die ganze Zeit ſo munter mit mir zu plaudern.“ „Gott ſegne ihn!“ rief Edgar Adelon.„Dieſen Mann werd' ich lieben, das weiß ich gewiß.“ „Und dann,“ fuhr Helene fort,„als ſie mich in den Wagen gebracht hatten und wir etwa eine halbe Meile fort⸗ gefahren waren, bat ich ſie, zu halten und meinem Vater den Vorfall durch einen ihrer Diener melden zu laſſen. Der junge mit den hellen Haaren wollte eben einen Diener Na⸗ mens Müller abſchicken; der Andere aber ſagte:„Nein, nein! ich will ſelber gehen. Der Mann würde am Ende Ihren Vater nur erſchrecken.“ Und ſo oͤffnete er den Schlag und ſprang hinaus, als ob er ein wahres Vergnügen daran fände, alle ſeine Kräfte für ein armes Mädchen aufzubieten, das er ſo wenig wie deren Vater jemals geſehen hatte.“ „Das iſt die ächte Geſinnung eines Gentleman,“ be⸗ merkte Edgar—„eine beſſere Adelskrone, meine Helene, als wenn ſie durch vergoldete Blätter und Purpurſammt gebildet wäre.— Aber erzäͤhle mir noch mehr von Dir ſelbſt. Wann, ſagt der Arzt, daß Dein Arm wieder heil 65⁵ ſeyn wird? Wann kannſt Du wieder zu einem Morgenſpazier⸗ gange ausgehen?“ „O gehen kann ich ganz gut,“ gab Helene zur Antwort; „Fuß und Knöchel find ein bischen gequetſcht, das iſt aber Alles. Mit meinem Arm wird's wohl, wie Mr. Sukely ſagt, ſechs bis acht Wochen dauern, bis ich ihn wieder brau⸗ chen kann; ſo darf ich alſo lange Zeit nicht mehr Guitarre ſpielen, Edgar.“ „Nun wir müſſen eben Geduld haben,“ meinte Edgar Adelon.„Es iſt zwar lieblich, meine Helene, Dich, wie der Dichter ſagt, ſüße Muſik machen und gleich einer Lerche im Frühjahr wirbeln zu hören; aber dennoch weiß ich nicht, ob nicht die ſchönſte Harmonie, die mein Ohr kennt, in den ge⸗ ſprochenen Worten liegt, wenn ſich Dein holder Mund zu jenen Tönen der Liebe und des Vertrauens öffnet. Doch komm, wir wollen unſern Morgenſpaziergang antreten; die glücklichſte Stunde meines ganzen Tages iſt mir die zwiſchen ſteben und acht.“ „Ich will nur meinen Hut holen,“ gab Helene zur Antwort, das Zimmer verlaſſend. Während Edgar allein war, blätterte er einen Augen⸗ blick in dem Buche, das ſie geleſen hatte, die Bemerkungen eines Liebenden auf den Rand ſchreibend, als eine der Thüren ſich öffnete und er aufſprang in der Meinung, Helene ſey ſchon fertig und zurück. Nicht ohne Ueberraſchung gewahrte er jedoch einen großen derb gewachſenen breitſchulterigen Mann in den Vierzigen, wohl gekleidet und ganz von dem Ausſehen eines Gentleman. Sein kluges Geſicht hatte jedoch James. Der Ueberwieſene. 5 66 keinen ſehr angenehmen Ausdruck; der Kopf war rund, die Stirne vierkantig und maſſiv, die Kinnbacken breit und recht⸗ winklig, die Augen grau aber ſcharf und blitzend, die Brauen buſchig und überhängend und das röthlich graue Haar, kurz geſchnitten, ſteif und borſtig, während ein ungeheurer Backen⸗ bart von derſelben Farbe faſt die ganze Wange bedeckte. Der junge Edelmann konnte ihn zwar nur oberflächlich beaugenſcheinigen, denn der Fremde zog ſich alsbald wieder zurück, ſo wie er ſah, daß Jemand im Zimmer war, und ſchloß die Thüre. Edgar war nicht wenig überraſcht und neugierig, denn zu dieſer Morgenſtunde hatte er außer Mr. Clive ſelber, deſſen Knechten und Taglöhnern nebſt Helenen noch nie Jemand anders in deſſen Hauſe geſehen und mit der raſchen Divinationsgabe der Fantaſte brachte er die Erſcheinung dieſes Unbekannten mit den Ereigniſſen der verfloſſenen Nacht in Verbindung. Er hatte nicht viel Zeit zur Ueberlegung, denn Helene Clive kehrte bald zurück, und er erzählte ihr ſogleich, was vorgefallen war und forſchte, wer der Gaſt geweſen. „Frage mich nicht, Edgar,“ erwiederte Helene,„frag' lieber meinen Vater; aber jedenfalls bitte ich Dich, erwähne gegen Niemand, daß Du eine ſolche Perſon hier geſehen haſt.“ Edgar ſchwieg und wanderte mit ihr ins Freie. Er war nachdenklicher als er es vielleicht je zuvor in Helenens Geſellſchaft geweſen; doch dieſe Stimmung ging bald vor⸗ über, und Seit' an Seite wie gewöhnlich gingen ſie neben⸗ einander in tiefem Geſpräche begriffen, das für ſie viel zu 67 intereſſant war, als daß es dem Leſer eines ſolchen Buches ſonderlich merkwürdig ſeyn könnte. Aber, alles Schöne muß ſterben', ſagt der Dichter und auch dieſe ſüße Stunde, die ſie vielleicht nur zu oft gefeiert, ſollte nur allzufrüh für ſie enden; der von Leidenſchaft ge⸗ triebene Knabe nahm ſeinen Weg nach Brandon zurück, von wirren glänzenden Träumen der Liebe und des Glückes um⸗ geben. Er war etwas über ſeine Zeit ausgeblieben und fand die ganze Geſellſchaft ſchon beim Frühſtück, als er endlich das Haus erreichte. „Ei, ei, wo biſt Du geweſen?“ fragte Sir Arthur; „Du gehſt ja recht früh luſtwandeln.“ „O das thu' ich oft,“ gab Edgar zur Antwort und fuhr ſeines Verſprechens gegen Clive gedenkend fort:„Ich war in Knights⸗hyde Grange unten, um die arme Helene Clive nach dem Unfall der letzten Nacht zu beſuchen.“ Sir Arthur Adelon ſchien weder überraſcht noch un⸗ zufrieden. „Wie geht's ihr?“ fragte er.„Nicht ſchwer verletzt hoffentlich?“ „Nicht ſehr,“ erwiederte Edgar, durch ſeines Vaters Ruhe ermuthigt;„das theure Mädchen hat den Arm ge⸗ brochen und den Fuß ein wenig gequetſcht— das iſt aber Alles.“ Seine Wange röthete ſich etwas bei dieſen Worten, da er nicht nur die dunkelblauen Augen ſeiner ſchönen Baſe, ſondern auch die des Prieſters auf ſich gerichtet ſah. 5* 68 „Haſt Du auch Mr. Clive geſehen?“ fragte Sir Arthur, ohne hievon Notiz zu nehmen. „Ja, ich traf ihn, während er eben hieher unterwegs war,“ gab der junge Mann zur Antwort. „Ich muß ihn heute ſelber ſehen,“ erklärte der Baronet, „und ich meine, aus Galanterie ſollte ich hinabgehen und mich auch nach Deiner ſchönen Spielgefährtin erkundigen, Edgar. Sie waren als Kinder zuſammen,“ ſetzte er hinzu, an Lord Hadley ſich wendend,„und haben manch' wildes Rennen im Parke gehalten, als mein armer Schwager Brandon noch lebte. Clive und er waren verwandt, denn es gibt kein beſſeres Blut im ganzen Lande, als es in den Adern jenes bäuriſch ausſehenden Mannes fließt, den Sie geſtern Nacht getroffen haben.“ „Wir wollen Alle hinabgehen und ſie beſuchen, mein theurer Onkel,“ meinte Eda Brandon;„ich habe Helenen ſchon lange nicht mehr geſehen.“ Der Vorſchlag wurde angenommen und das Frühſtück nahm ſeinen Fortgang: allein einem der Anweſenden ſchien das frohe Morgenmahl nicht eben erfreulich zu ſeyn. Mr. Dudley aß wenig und ſprach noch weniger, und doch ſchien wenig Urſache vorhanden für die Düſterheit, die über ihm zu hängen ſchien. Jedermann behandelte ihn mit der äußerſten Güte und Höflichkeit; er ſaß zunächſt neben Sir Arthur Adelon, zwiſchen dieſem und Mr. Filmer; Lord Hadley ſchien ihn in ſeiner gutmüthigen Weiſe nicht als Hofmeiſter zu betrachten, ſondern nannte ihn mehr als einmal mein Freund Dudley; der junge Edgar Adelon vollends bewies 69 ihm in ſeinen Worten eine Wärme und dabei eine Ehrer⸗ bietung, die ihm nur ſchmeichelhaft ſeyn mußte. Konnte die Urſache ſeiner Melancholie wohl daher rühren, daß Lord Hadley zunächſt neben Eda Brandon ſaß und in Blicken und Weſen erkennen ließ, daß er ſie ſehr ſchön fand? Was es auch ſeyn mochte, Dudley zog ſich nach be⸗ endigtem Frühſtück alsbald auf ſein Zimmer zuruck; dort ſchloß er die Thüre und ſtand eine Weile mit gefalteten Händen den Boden anſtarrend. „Das iſt ſchlimmer als nutzlos,“ ſagte er endlich;„es iſt Thorheit— iſt Wahnſinn. Wollte Gott, ich wäre nicht hierher gekommen; aber ich muß es ausreißen, darf mich nicht länger träumeriſchen Hoffnungen und Gefühlen zum Opfer hingeben, welche keinerlei Grundlage haben, welche nie erfüllt werden können und denen nachzuhängen wahre Raſerei wäre.“ So ſetzte er ſich denn zum Leſen nieder; doch ſein Geiſt hatte die gewohnte Stärke verloren und er konnte ſeine Ge⸗ danken nicht auf das Buch heften. Dreiviertel Stunden mochten etwa verſtrichen ſeyn, als Jemand an die Thüre pochte und Edgar Adelon eintrat. „Wir ſind alle zum Gehen bereit, Mr. Dudley,“ ſagte er;„wollen Sie nicht mit uns kommen?“ „Ich denke nicht,“ erwiederte Dudley;„ich bin nicht eben in der munterſten Laune. Es iſt heute der Jahrestag großer Unglücksfälle für mich, Mr. Adelon, und es wäre Unrecht, wenn ich Anderer Fröhlichkeit durch meine ernſte Miene trüben wollte.“ 70 „O, werfen Sie die Trauergedanken von ſich,“ meinte Sdgar;„ſind es Erinnerungen der Vergangenheit, ſo ſind ſie ja bloße Schatten; betreffen ſte die Zukunft— leichte Morgenwolken.“ „Wolken, welche ſchwere Stürme mit ſich führen koͤn⸗ nen,“ bemerkte Dudley traurig. „Wer weiß?“ rief der junge Mann in Begeiſterung; „und wenn ſie ſie auch mit ſich führen, wie oft haben nicht ſchon die Regentropfen des Mißgeſchicks das Feld bewäſſert und die Ernte großen künftigen Glückes befördert? Ich hab' es geleſen, ich habe davon gehört und bin überzeugt, daß es wahr iſt. Kommen Sie, Mr. Dudley, kommen Sie; denn wer ſich dem Kummer hingibt, ſchließt einen Bund mit ſeinem Feinde, während ein rettender Engel ſeiner wartet. Hoffnung iſt Thatkraft, Thatkraft iſt Leben, Leben aber iſt Gluck, wenn es recht angewendet wird. Wir verwunden den Schoos der Erde, um Blumen und Fruͤchte zu gewinnen; ſo zieht auch der Himmel in unſeren Herzen zuweilen die Furchen des Grams, um ſpäter eine reiche Ernte der Freude reifen zu laſſen.“— „Dank, Dank, mein junger Freund,“ rief Dudley, ihm warm die Hand drückend;„ich will mitgehen. Ich konnte freilich nicht erwarten, ſo aufmunternde und dabei ſo weiſe Lehre von einem ſo jungen Manne zu erhalten.“ „Die Philoſophie der Jugend iſt glaub ich die beſte, denn ſie iſt uns von Gott eingepflanzt,“ gab Edgar lachend zur Antwort.„Es iſt ein Inſtinkt glücklich zu ſeyn, und wo wäre die Vernunft, die dem Inſtinkte gleich käme?“ —,— 71 „Nirgend— und ſo will ich dem meinigen folgen,“ ſchloß Dudley, und griff lächelnd nach ſeinem Hut. Sechstes Kapitel. Ich muß den Leſer um die Erlaubniß bitten, der von Brandon aufbrechenden Geſellſchaft voraneilen zu dürfen, um ihm in Mr. Clive's Hauſe eine Scene vor Augen zu füh⸗ ren, welche kurz vor deren Ankunft ſtatt hatte. Eine Viertelſtunde etwa nach Edgar's Heimkehr trat Mr. Clive in Helenen's Zimmer und ſetzte ſich ihr gegen⸗ über. Bei dem Mädchen war keine Spur von Verſchämt⸗ heit zu bemerken, denn ſie war ſeit Jahren an das Kommen und Gehen ihres Geliebten gewöohnt; ihre gegenſeitige Nei⸗ gung war ſo allmälig entſtanden oder hatte ſich vielmehr ſo ſachte entwickelt, daß ſie kaum die Zeit anzugeben wußte, wo ſie ſich nicht geliebt hätten; da war keine jener plötzlichen Aenderung eingetreten, welche die ſchüchterne Leidenſchaft erſchrecken— weder ihr Vater, noch Sir Arthur Adelon hatte jemals über ihr häuſiges Zuſammenkommen eine Be⸗ ſorgniß blicken laſſen, welche in ihrer eigenen Bruſt irgend eine Aengſtlichkeit oder gar Furcht hätte hervorrufen können. So ſchaute ſie denn ihrem Vater offen in's Geſicht, indem ſte bemerkte: „Edgar iſt hier geweſen, mein theurer Bater, und un⸗ glücklicherweiſe öffnete Mr. Norries die Thüre und kam herein, während er im Zimmer war; ich bin jedoch über⸗ 72 zeugt, daß Du nichts zu fürchten haſt, denn ich bat Edgar, mit Niemand hievon zu reden, und er gab mir ſein Wort, daß er's nicht thun wollte.“ Mr. Clive ſenkte die Blicke zu Boden und verharrte mehrere Minuten in ſtummem Nachdenken, bis er endlich, mehr zu ſich ſelbſt als an ſeine Tochter gewendet, in unruhi⸗ gem Tone murmelte: „Das iſt ſchlimm— das trifft ſich unglücklich: nicht daß ich an Edgar zweifelte, meine Helene; aber ich muß mit Norries darüber reden— er iſt offenbar zu unbeſonnen und könnte ſich auch vor anderen weniger zuverläſſigen Perſonen zeigen. Daß ich Edgarn vertraue, kannſt Du Dir wohl denken, mein theures Kind, ſonſt würde er nicht ſo oft hier⸗ her kommen.“ Bei dieſen Worten richtete er einen ängſtlichen Blick auf ſeine Tochter und man ſah die weißen Brauen ſich hoch über die Augen emporziehen.—„Ich weiß nicht, ob ich recht daran thue, meine Helene,“ fuhr er fort;„faſt fang ich an, das Gegentheil zu fürchten. Das Beſte wäre freilich, wenn ich den jungen Mann bäte, uns ſeltenere und kürzere Beſuche abzuſtatten; und doch möchte ich ihm nicht gerne weh thun, denn er iſt freundlich, gut und ehrenhaft— aber am Ende wird es doch ſeyn muſſen, Helene.“ „O nein, mein Vater, nein!“ rief Helene in flehendem Tone.„Warum wollteſt Du das thun?“ „Höre mich, Helene,“ ſagte ihr Vater;„Du haſt die Sache nicht gehörig überlegt. Er liebt Dich, Helene.“ „Ich weiß es,“ rief das Mädchen, während ihr das auf⸗ richtige Blut in die Wange ſtieg,—„ich weiß es und ich 73 liebe ihn wieder; aber warum ſollte ihn das am Kommen hindern— warum ſollte uns das gerade desjenigen Glückes berauben, wie ſolche Liebe es gewährt?“ „Weil es nicht glücklich enden kann, meine Helene,“ gab ihr Vater zur Antwort;„weil er ein hochgeborner Edelmann, Du aber blos die Tochter eines Neomans biſt.“ „Mein Vater,“ begann Helene aufſtehend und die ge⸗ ſunde Hand auf des Alten Arm legend,„habe ich Dich nicht ſagen hören, daß das Blut des Nomans Clive eben ſo rein wie das des Hauſes Adelon und zwar noch älteren Urſprungs ſey? Iſt nicht das Land, das Du bebaueſt, Dein eigen, ſo gut oder noch beſſer als das ſeine, das er an Andere verpach⸗ tet? Zwiſchen uns beſteht kein ſolcher Unterſchied, daß ver⸗ nünftigerweiſe eine Scheidewand daraus werden könnte; aber wenn dies auch wäre, was könnteſt Du durch unſere Tren⸗ nung bezwecken?“ „Dein eigen Glück, mein Kind,“ war Clive's ernſte Antwort. „Indem Du uns Beide auf Jahre, Monate oder Wo⸗ chen elend machteſt, bevor wir es ohnehin würden?“ erwie⸗ derte Helene eifrig.„Das iſt Alles, was jetzt noch geſchehen kann. Wir lieben uns mit der vollen Innigkeit unſerer Her⸗ zen, und ſo lange wir nichts Unrechtes thun, Nichts was die Pflichten gegen Dich oder ſeinen Vater verletzte, ſo lange laß uns das wenige Glück, deſſen wir ſicher ſind, genießen, und das Uebrige der Zukunft und Gottes Gnade anheim⸗ ſtellen.“ Während ſie mit hochgerötheten Wangen, das Auge 74 ſtrahlend von Feuer und die ſchönen Lippen vor Aufregung bebend, ſo eifrig perorirte, konnte ſich Clive eines gewiſſen Vaterſtolzes nicht erwehren, der für ſein Kind in die Schran⸗ nen trat. Er mußte ſich ſagen, während er ſie ſo in ihrer Schönheit vor ſich ſah:„ſie iſt werth, die Braut des größten Lords im ganzen Lande zu werden.“ „Nun gut, Helene, gut,“ bemerkte er endlich;„ich muß euch Beiden vertrauen; aber bedenke wohl, mein Kind, in⸗ dem ich Dir die Sorge für Dein eigenes Glück anheimgebe, ſtelle ich auch das meine in Deine Obhut, denn es iſt innig mit dem Deinen verwachſen.— Doch horch, da oben geht Norries in ſeinem Zimmer auf und ab. Ich muß mit ihm ſprechen, denn dieſer wilde Geiſt wird ſeine Gefangenſchaft nicht lange mehr ertragen.“ Mit dieſen Worten verließ er die Tochter und ſtieg die Treppe hinan zu dem gerade über ihrem Zimmer gelegenen Gemach. „Ah! endlich kommt Ihr zurück, Clive,“ rief ihm der finſtere, rauhe Mann entgegen.„Nun, was habt Ihr ge⸗ hört?— waren all' die Bewegungen, die Euch geſtern Nacht ſo ſehr beunruhigten, nichts als eitel Gerüchte?“ „Nein,“ gab Clive zur Antwort;„aber ich weiß jetzt wenigſtens, daß Ihr nicht der Gegenſtand derſelben waret. Weiter abwärts an der Küſte wurde ein Haufen Schmuggler abgefangen, und der Wink, den ſie, wie mir der Beamte ſo geheimnißvoll andeutete, erhalten hatten, bezog ſich auf jene Geſchichte.“ „In der That,“ erwiederte ſein Gefaͤhrte,„ſte glauben 75 mich Alle in den Vereinigten Staaten. Niemand als Ihr hat jemals erfahren, daß ich während deſſen in Frankreich war.“ „Ich kann mich des Gedankens nicht enthalten, beſter Freund,“ verſetzte Clive,„daß Ihr beſſer dort geblieben wä⸗ ret. Ihr wißt, Ihr ſeyd hier in Gefahr und könnt jeden Augenblick erkannt werden.“ „Wohl, wohl, Clive,“ erwiederte der Andere,„ich will Euch nicht länger gefährden; es iſt meine Abſicht, noch heute Nacht zu gehen— Ihr braucht Euch alſo nicht zu beunruhi⸗ gen. Ich danke Euch ſehr für Alles was Ihr an mir ge⸗ than habt, was in der That mehr iſ, als ich erwarten konnte, und bedaure nur, daß die arme Helene um meinetwillen zu Schaden kam.“ Clive fixirte ihn einen Augenblick mit ſeinem gewohn⸗ ten, ruhigen, feſten, ernſten Blick und erwiederte dann mit unmerklichem Laͤcheln: „Es iſt merkwürdig, Norries, wenn einer von ſeinen beſten Freunden wegen einer thörichten Handlung, die er be⸗ gangen, getadelt, oder vor einer Uebereilung, die er zu be⸗ gehen entſchloſſen iſt, gewarnt wird, wie er ſich dann anſtellt, als ob er ſeinen Rathgeber von perſönlichen Gefühlen gelei⸗ tet glaubte, und ſich überredet, daß ſein Rath nicht gut ſey, weil er ihn nicht nach Grundſätzen der Vernunft, ſondern nach den eigenen Vorurtheilen ſchätzen will. Ich hege keine perſönliche Furcht in der Sache, beſorge keine Gefahr für mich oder meine Familie, was Ihr auch gar nicht glauben ſolltet. Geſtern Nacht hätte ich mein Blut für Eure Sicher⸗ 76 heit vergoſſen, was ich ſicherlich nicht leicht gethan hätte, wenn ich der kaltberechnende Mann wäre, wie Ihr Euch vorſtellt.“ „Wohl, wohl, wohl, Clive,“ unterbrach ihn Norries, „ich hatte Unrecht, wirklich Unrecht,— denkt nicht weiter daran; man begegnet in dieſem Leben ſo oft jener kalten Berechnung, daß ſich unſer Herz gegen die beſten Freunde verſchließt. Mein Kommen könnte allerdings, wie Ihr ſagt, eine Unbeſonnenheit ſeyn, was die Welt ſo nennt; aber jeder Verſuch muß erſt nach ſeinem Ziele bemeſſen werden, und ehe Ihr das meine kennt, dürft Ihr mich nicht haſtig beurtheilen. Mein Unrecht beſtand darin, daß ich Euch meine Abſicht nicht genügend andeutete, ſo daß Ihr Alles hättet vorbereiten und mich wiſſen laſſen mögen, wenn ich ohne Gefahr landen konnte; allein mein Bote wurde einen vollen Tag mit der Ueberfahrt hingehalten, und dieſer Tag machte einen großen Unterſchied.“ „Allerdings,“ entgegnete Clive,„denn ich hatte kaum Zeit, meine beiden Knechte zu entfernen, und andere zuver⸗ läſſigere zu meiner Hulfe aufzubieten. Ebenſo war ich nicht im Stande, Euch vor dem geſchäftigen Treiben zu Barhamp⸗ ton zu warnen und Euch wiſſen zu laſſen, daß die Beamten offenbar Jemand an der Küſte auflauerten. Ihr ſagtet blos, Ihr würdet zwiſchen neun und zehn in der Bucht landen, und ich ſollte zu Eurer Orientirung öſtlich von der Mündung ein Licht brennen laſſen, da bis dahin noch kein Mond ſcheine. So blieb mir nichts übrig, als mich gegen einen Angriff in Verfaſſung zu ſetzen, damit Ihr auf das Boot zurückkehren konntet, falls Ihr von jenen Leuten geſucht worden wäret. Jetzt aber, Norries, bin ich ſehr begierig, den Zweck Eurer Reiſe kennen zu lernen, denn es muß wohl ein großer ſeyn, da er Euch zu einem ſolchen Wagniſſe veranlaßte.“ „Es iſt ein großer,“ gab Norries zur Antwort, wäh⸗ rend die grauen Augen unter der gerunzelten Stirne ihre Blitze ſchoſſen—„nichts Geringeres als die Rettung meines Vaterlandes, Clive. Die unbeſonnenen Thoren aus den Mannfakturdiſtrikten haben das letztemal allen Rathſchlägen zuwider, noch ehe der Plan zur Hälfte reif war, losgeſchla⸗ gen; man erkennt eben immer noch den Leichtfinn der alten Gallier— entſchloſſen im Angriffe, beim erſten Fehlſchlagen entmuthigt und zahm, und kriechend bei einer Niederlage. Hätten ſie ſich wie Männer benommen, ſo wäre ich bis zum letzten Augenblick bei ihnen geblieben, um mit ihnen zu leiden oder unterzugehen; ſo aber war's keine Schande, jene Wichte zu verlaſſen, die beim erſten Stirnrunzeln der Glücksgöttin ihre eigene Sache aufgaben. Jetzt iſt übrigens eine frohere Ausſicht für mich und England aufgegangen: ernſtere, ruhi⸗ gere, entſchloſſenere Geiſter haben ſich gefunden, die unter dem feſtlichen Baue der Verderbniß und der Tyrannei, wie er von unſern ſchurkiſchen Staatsmännern in dieſem Lande aufgerichtet worden, eine Mine zu graben und dieſelbe in die Luft zu ſprengen bereit ſind. Die gerühmte Verfaſſung Eng⸗ lands, welche ein Geſchlecht privilegirter Unterdrücker ſchützt und ernährt, während ſie der großen Maſſe des Volkes Ge⸗ rechtigkeit, ja faſt die Nahrung verweigert, gleicht einem der Feudalſchlöſſer der alten Landesbarone, hoch und ſtark ge⸗ 78 baut, um ſie in ihren Uebergriffen gegen ihre Nachbarn und in der deſpotiſchen Beherrſchung ihrer Leibeigenen zu ſchützen. Allein bei uns, wie in anderen Ländern, hat es Zeiten ge⸗ geben, wo dieſe Leibeigenen, durch die unerträgliche Tyrannei zur Verzweiflung getrieben, mit ihren gewohnten Werkzeu⸗ gen, dem Karſt und der Art, die Mauern jener Zwingveſten untergraben und ſie in Trümmer geworfen haben.— Das wollen auch wir, Clive— das wollen auch wir!“ Clive kreuzte die Arme über der Bruſt und betrachtete den Sprecher mit melancholiſchem Blick; als jener geendet, ſchüttelte er traurig das Haupt, als ob ſeine Seele an den enthuſtaſtiſchen Erwartungen ſeines Gefährten nicht Theil nehmen könnte. „Warum ſchüttelt Ihr den Kopf, Clive?“ fragte Nor⸗ ries ungeduldig. „Weil ich lange genug gelebt habe, mein Freund,“ ver⸗ ſetzte Clive,„um zu ſehen, wie ſchon Hunderte ſolcher Plane erſonnen, ausgeheckt und vollzogen wurden, die ihren Ur⸗ hebern jedesmal den Untergang brachten und doch keine Beſ⸗ ſerung in den Inſtitutionen des Landes herbeiführten.“ „Blos weil die Menſchen das erlittene Unrecht geduldig hinnehmen, weil ſie ſich jeder Unbild unterwerfen, weil unter Zehn nicht Einer einen richtigen Begriff von der Würde der Menſchennatur, eine klare Idee über Menſchenrecht hat,“ deklamirte Norries in grimmigem Eifer.„Aber die Augen wurden ihnen geöffnet, Clive, die Bürde iſt unerträglich ge⸗ worden; gerade die Anſtrengungen, welche gemacht, die Kämpfe, welche vereitelt wurden, haben unſere Landsleute 79 belehrt, daß ein Grund zum Kämpfen vorhanden, ein großes Ziel zum Ringen offen iſt. Sie haben ſich gefragt, welches? und wir haben's ihnen geſagt. Ein Erfolg— nur einziger großer Erfolg und die ungeheure Mehrheit aller Derer, die mit dem elenden verdorbenen Regierungsſyſteme mit Recht unzufrieden find, aber durch das wiederholte Fehlſchlagen eingeſchüchtert wurden, wird ſich wie ein Mann erheben und verlangen, was dem ganzen Menſchengeſchlechte gebührt, in⸗ dem alle Hinderniſſe mit der Macht und der Majeſtät eines Stromes niedergeworfen werden. Auch Ihr, Clive, auch Ihr ſeyd gewiß nicht unempfindlich für das Unrecht, das wir alle erleiden.“ „Ich weiß recht wohl, daß das Geſetz nicht nur viele Uebel duldet, ſondern auch manche Unbilligkeiten ſanktionirt,“ erwiederte Clive;„ebenſo erkenne ich die Nothwendigkeit ihrer Aufhebung, bin aber zu gleicher Zeit vollkommen über⸗ zeugt, daß es hiezu einen Weg gibt— und zwar den ein⸗ zigen, auf dem ſie jemals aufgehoben werden können— ohne Blutvergießen oder Gewalt, ohne all' die Gräͤuel und Schrecken aufzubieten, welche immer einen Volksaufſtand begleiten werden. Wenn das engliſche Volk— ich meine die große Maſſe des Volks— für gut findet, ſeine Stimme ver⸗ nehmbar zu machen, ſo iſt dieſe ſtark genug, um langſam aber ſicher jedes der Uebel, worüber wir uns zu beklagen haben, zu entfernen.“ „Aber wie kann ſie ſich hörbar machen— dieſe Stimme des engliſchen Volks?“ fragte Norries;„wo kann fie ſich hörbar machen? Das Volk von England— die Menge, 80 die Stärke des Landes, der arme Arbeiter— hat weder im Senat noch auf der Gerichtsbank eine Stimme. Die Kirche der Mehrheit iſt die Kirche des Reichen, das Geſetz des Lan⸗ des iſt das Geſetz des Reichen, unſer Parlament iſt des Rei⸗ chen Parlament. Doch wozu ſoll ich jetzt dieſe Dinge mit Euch beſprechen?— Kommt und hört uns nur eine einzige Nacht— hört unſere Gründe, hört unſere Entſchlüͤſſe und Ihr werdet nicht zaudern, Euch an uns anzuſchließen.“ „Nein,“ erklärte Clive in feſtem Tone;„ich will nicht, Norries; eher würde ich mich der ruhigen beſonnenen Be⸗ rathung als ſolchem aufregendem Predigen oder glatter Ue⸗ berredung anvertrauen. Ihr wißt ja wohl, Norries, und ich weiß es nur zu lange, daß ich von heftiger ungeſtümer Natur bin, die ſich zu leicht bewegen läßt, als daß ich mich von ſelbſt der Verſuchung ausſetzen dürfte. Wenn ich ruhig mit mir ſelbſt disputire, ſo bin ich immer noch mein eigener Herr; ſobald ich aber auf Andere höre, erwachen die ſtar⸗ ken Leidenſchaften meiner jungen Jahre. Ich halte mich fern von allen Zänkereien und ſtreite mit Niemand, denn in meinem früheren Leben ließ ich den Ausbruch des Zorns nur zu oft der ruhigeren Vorſtellung voraneilen und hatte mehr als einmal Veranlaſſung, mich meines Ungeſtüms zu ſchä⸗ men, auch wenn ich mich keines ungerechten Eingriffs zu beſchuldigen hatte.“ „Ihr hattet jedenfalls genug zu tragen, Clive, wie ich von meiner armen dahingeſchiedenen Mary, Eurer theuren Schweſter, weiß,“ verſetzte Norries—„des Unterdrückers Unbill, des Stolzen Schimpf die Unverſchämtheit der Beamten 81 und die Schmach, welche geduldiges Verdienſt vom Un⸗ würdigen leidet. Ihr mit dem alten Sachſenblute in den Adern, der alten Sachſenfreiheit, in Eurem Herzen pochend — waret Ihr und die Euren von Geſchlecht zu Geſchlecht nicht dem vorherrſchenden Einfluſſe normänniſcher Unter⸗ drückung unterworfen, und ſteht Ihr nicht noch immer unter ihrer Ruthe? Doch horch— ich höre Leute vor der Thüre und zwar viele. Vielleicht find ſie gekommen, um mich zu ſuchen.“ Clive eilte haſtig ans Fenſter und ſchaute hinaus, kehrte aber alsbald mit den Worten zuruͤck: „Nein, es find die Bewohner von Brandon⸗Houſe— Sir Arthur Adelon und die Uebrigen— vermuthlich um ſich nach Helenen zu erkundigen, die ſie Alle wie billig ſehr lieb haben.“ „Sir Arthur Adelonl4 rief Norries lächelnd;„das iſt mir lieb. Ich muß ihn doch ſehen“— und auch er näherte ſich dem Fenſter.„Er iſt ſehr verändert,“ fuhr er im Hin⸗ ausſchauen fort;„vielleicht eben ſo ſehr an Geiſt wie im Aeußeren— aber dennoch muß ich ihn bei uns haben, Clive. Er muß uns ſeine Unterſtützung gewähren, denn ſelbſt die Fahne der Freiheit bedarf des Goldes und Flitters.“ „Fehlgeſchoſſen, fehlgeſchoſſen, Norries,“ rief Clive laut lachend;„wenn Ihr ſo raſch calculirt, dann ſind Eure Plane allerdings eitel. Sir Arthur Adelon iſt ein bloßer Welt⸗ mann, zwar freundlich und gutmüthig, aber ohne Energie und Entſchloſſenheit, wie ſie für Solche, die ſich an großen Unternehmungen betheiligen, durchaus nöthig find.“ Fames. Der Ueberwieſene. 6 8² „Im Gegentheil, Ihr irrt Euch, Clive, denn Ihr ſeht blos die Außenſeite,“ erwiederte Norries;„unter dieſer. Oberfläche ruhen ſtarke Gefühle mit ſchwachen vermengt, mächtige ausdauernde Leidenſchaften. Ihr ſollt ſehen: dieſer Mann, trotz ſeiner hohen Stellung, ſeines Wohlſtan⸗ des und Namens wird ſichmeinem Unternehmen anſchließen und uns im Nothfalle, wenn ein Theil unſerer Plane vor erlangter Reife entdeckt werden ſollte, Schirm und Schutz gewähren. Ich muß ihn noch heute ſprechen, ehe ich nach Barhampton gehe, denn dorthin muß ich jedenfalls heute Nacht.“ „Wohl, Norries, wohl; Ihr müßt's am beſten wiſſen,“ entgegnete Clive lächelnd;„wenn ich erſt ſolche Wunder ſehe, dann kann ich mehr Vertrauen faſſen. Bis dahin ſage ich Euch offen, daß mir alle Eure Plane übereilt, ja beinahe wahnſinnig vorkommen.— Jetzt muß ich übrigens zu ihrem Empfange hinunter, denn ich höre, ſie ſind eingetreten. Soll ich Sir Arthur ſagen, daß Ihr ihn zu ſprechen wünſcht, Norries?“ „Nein,“ gab dieſer ſich befinnend zur Antwort;„ich will meinen eigenen Weg wählen.“ Und ſo entfernte ſich Clive und ließ ihn allein. Siebentes Kapitel.. Ich kenne kein köſtlicheres Gefühl auf der Welt, als wenn ein Weſen, das wir lieben, unter unſern Augen, aber „— 83 ohne zu wiſſen, daß wir es beobachten, die hohen Erwartun⸗ gen, die wir von ihm hegen, aufs Glänzendſte erfüllt, wäh⸗ rend wir in Ton, in Handlung und Gebärde die Beſtätigung alles deſſen finden, was wir je von Trefflichkeit des Geiſtes und Herzens Ideales geahnt oder geträumt haben. Ed⸗ ward Dudley liebte Eda Brandon, und Alles was ſie that oder ſagte, fand bei ihm natürlich die innigſte Theilnahme; wenn er ſie auch nicht förmlich bewachte, ſo beobachtete er doch ihr Benehmen an jenem Morgen und beſonders wäh⸗ rend ihres Beſuchs zu Grange, wie Mr. Clive's Haus ge⸗ nannt wurde. Seine Bewunderung nannte ihr Betragen vollkommen und ſo war es vielleicht auch, ſo weit etwas Irdiſches vollkommen ſeyn kann; war auch kein großes Er⸗ eigniß vorhanden, das ſtarke Gefühle ins Leben rufen konnte, ergab ſich auch nichts, was einem gewoͤhnlichen Blicke wie eine Probe des Charakters vorkommen mochte, ſo gewahrte er doch Vieles, woran ſein ſcharfblickender feinfühlender Geiſt große Eigenſchaften aus kleinen Zügen zu erkennen vermochte. Helene Clive befand ſich neben Eda Brandon in einer untergeordneten Stellung. Zwar war der Unterſchied nur ſehr gering, denn ihr Vater bebaute ſeine eigenen Ländereien, und ſie zeigte die Erziehung und die Manieren einer Dame von Rang; aber eben die Unmerklichkeit dieſes Unterſchieds konnte das Benehmen der Einen gegen die Andere— falls es nicht etwa blos paſſend(was die Welt ſo nennt) ſon⸗ dern vollkommen ſeyn wollte— nur um ſo mehr erſchweren. Es konnte zu kalt, konnte zu familiär ausfallen, denn es gibt 6 8 84 eine Familiarität, die von Stolz herrührt, ſo daß der Gegen⸗ ſtand derſelben ſich leicht noch mehr als durch hochmüthiges Benehmen durch ſie verletzt fühlt. Bei Eda Brandon war jedoch nichts der Art zu ge⸗ wahren: ſte behandelte Helenen in jeder Hinſicht als ihres Gleichen, als eine Freundin, mit der ſie lange auf dem ver⸗ trauteſten Fuße geſtanden und die keines neuen Beweiſes bedurfte, daß ſie zwiſchen der Stellung von Mr. Clive's Tochter und jener der Erbin von Brandon und all ſeines Reichthums von keinem Unterſchied wiſſe. Da war weder Hochmuth noch auch eine Spur von Herablaſſung— jenem übermüthigſten Zeichen des Stolzes. Ihr Benehmen war freundlich, ungezwungen, vollkommen ruhig und einer gebil⸗ deten Dame würdig, und zeigte ſich Helene auch anfangs et⸗ was ängſtlich, nicht wegen ihrer Stellung, ſondern wegen der Zahl der angelangten Gäſte, ſo wußte Eda ſie bald voll⸗ kommen zu beruhigen. Das Einzige, was ſie etwas außer Faſſung zu bringen ſchien, war eine gewiſſe vertrauliche Galanterie, welche Lord Hadley in ſeinem Weſen blicken ließ, und die einen andern Anweſenden noch mehr als Eda ſchmerzte. Aber ich habe es jetzt vornehmlich mit Dudley und Eda zu thun, und hier muß ich vor Allem etwas bemerken, was zwar auffallend erſcheinen mag, in Wirklichkeit aber nicht ſo war. Dudley beobachtete, wie geſagt, Eda Brandon's Be⸗ nehmen gegen Helene Clive mit wahrem Entzücken; allein eine traurige Empfindung der Muthloſigkeit miſchte ſich in dieſe Freude und machte ſie mehr als melancholiſch. Sein — 8⁵ Gefuͤhl hatte Aehnlichkeit mit dem eines ſterbenden Vaters, der das Wachſen und Heranblühen eines Kindes beobachtet und dabei weiß, daß ſeine eigenen Augen ſich bald ſchließen und die Ruhmeslaufbahn des geliebten Weſens nicht mehr verfolgen werden.„Sie kann niemals die Meine werden,“ ſagte er zu ſich ſelbſt:„nur lange Jahre der Mühe und Arbeit, harte Kämpfe mit einem ſchwierigen Beruf, öftere Glücksfälle mit manch' langen Perioden dazwiſchen könnten mich in die Lage verſetzen, nach ihrer Liebe zu ſtreben oder um ihre Hand zu werben; während deſſen aber muß ihr Schickſal längſt entſchieden ſeyn.“ Auf dem Herwege war Lord Hadley fortwährend an ihrer Seite gegangen und ſchien offenbar von ihrer Schön⸗ heit betroffen und gefeſſelt. Er hatte einen undeutlichen Wink fallen laſſen, daß gütige umſichtige Freunde eine Ver⸗ bindung zwiſchen ihm und der Erbin von Brandon berath⸗ ſchlagt hätten, und ein bedeutungsvolles Lächeln auf des jungen Edgars Lippen, als er Lord Hadley zu ſeiner Cou⸗ ſine ſich herabbeugen und ihr anſcheinend etwas ſehr Zärt⸗ liches ins Ohr flüſtern ſah, hatte den armen Dudley mit einer Herzensangſt erfüllt, die ihm ſein junger Gefährte ge⸗ wiß um jeden Preis erſpart hätte, wenn ihm die Umſtände bekannt geweſen wären. „Es iſt unmoͤglich,“ ſagte ſich Dudley immer und im⸗ mer wieder.„Wie kann ich— warum ſollte ich irgend eine Erwartung hegen? Der Krieger geht gewappnet in den Kampf, der Renner wird zum Laufe trainirt und vorbereitet ich habe keine Waffen zum Streit, keine Vorbereitung zum 86⁶ Wettlauf, wenn auch der Preis Alles umſchließt, was das Leben Wünſchenswerthes hat. Ich will dieſen nutzloſen 5 Wettkampf aufgeben, will mich von einem Schauplatze ent⸗ fernen, wo mir aus Allem nur Gram und Schmerz entge⸗ gentritt. Die Sache läßt ſich leicht ausführen: der Termin meines Engagements bei Lord Hadley iſt beinahe zu Ende, und ich kann leicht wichtige Geſchäfte vorſchützen, um ihn jetzt, da unſere Tour beendigt iſt, hier zu verlaſſen und wieder zu meinen Büchern zurückzukehren, wo ich in Geduld ab⸗ warten will, bis die Zeit des thätigen Lebens in der harten Welt der Wirklichkeit herannaht, das hoffentlich alle Ge⸗ fühle beſchäftigen, alle Gedanken in Anſpruch nehmen wird.“ 3 Dies waren ſeine Erwägungen und Beſchlüſſe, als die 6 Geſellſchaft, nachdem ſie ſich von Helenen und Mr. Clive verabſchiedet, das Thor von Grange verließ, um nach Bran⸗ don⸗Houſe zurückzukehren. Ich habe ſchon oft gedacht, daß alle Erwägungen eitel, alle Entſchlüſſe ſchlimmer als nutz⸗ los find: die erſteren kommen mir vor wie die Spiele unſerer 5 Kindheit— die Erbauung von Kartenhäuſern aus Stoffen ohne alle Solidität, die zweiten gar wie Federbälle zwiſchen den Raketten der Umſtände.— So wenigſtens bewährten ſich beide für unſeren Dudley. Che ich jedoch weiter gehe, muß ich die Stellung der Parteien, während man das Haus verließ, näher berühren. Eda und ihr Oheim gingen voran, Dudley folgte einen hal⸗ ben Schritt hinter ihnen und dann erſt kam Lord Hadley und Edgar. Während Dudley mit zu Boden gerichteten Blicken dahinwandelte, hörte er Sir Arthurs Sohn ausrufen: 87 „Eda, Eda, wir gehen nach dem Strome hinab, Lord Hadley und ich, um die Ruinen der Priorei zu ſehen. Laßt uns alle zuſammen gehen!“ „Nein, lieber Edgar,“ gab Miß Brandon zur Ant⸗ wort,„ich kann heute Deiner Wanderluſt nicht nachgeben. Ich werde ſchon müde genug bis ich nach Haus komme und habe noch einen Brief zu ſchreiben.“ „Auch ich kann nicht mitgehen, Edgar,“ ſagte ſein Va⸗ ter,„da ich noch viele Geſchäfte abzumachen habe.“ „Nun, Mr. Dudley, auf alle Fälle werden Sie mit⸗ gehen,“ meinte Edgar Adelon; aber Dudley erwiederte, er habe ſchon heute Morgen eine ziemliche Zeit bei der Abtei zugebracht. „Nun denn, ſo kommen Sie, Lord Hadley,“ rief Edgar in munterem Tone;„ſo langweilige Leute habe ich in meinem Leben noch nicht geſehen und Sie ſollen jetzt auch den Genuß meiner Unterhaltung ganz allein haben. Ich werde Ihnen die Legende erzählen und zeigen, welch' ein Geſchlecht dieſe Brandon's ſeit den älteſten Zeiten geweſen.“ Lord Hadley lehnte es nicht ab und Beide folgten dem Lauf des Flüßchens, während Sir Arthur und ſeine Nichte von Dudley begleitet ihre Wanderung nach Brandon fort⸗ ſetzten. Etwa halbwegs zwiſchen Grange und den Park⸗ thoren ließ ſich ein raſcher aber ſchwerfälliger Schritt hinter ihnen vernehmen, und als Dudley den Kopf umwandte, ſah er einen handfeſten Hofknecht etwas außer Athem ihnen nachfolgen. Der Mann ging gerade auf Sir Arthur Adelon zu und übergab ihm ein Billet mit den Worten: 88 „Das ſoll ich Euer Gnaden ſogleich übergeben.“ Sir Arthur nahm das Billet und betrachtete die Adreſſe, anſcheinend in aller Ruhe; ſo wie er es aber öffnete, änderte ſich ſein Ausdruck gewaltig, und er hielt plötzlich inne, indem er zögernd bemerkte: „Ich muß zurück— ich muß noch einmal zurück.“ „O,'s iſt ja nur eine kurze Strecke,“ meinte Eda; „wir können mit Ihnen umkehren.“ „Nein, Liebſte, nein,“ antwortete ihr Oheim mit ziem⸗ licher Verlegenheit in ſeiner Miene;„Du thuſt beſſer, nach Brandon zu gehen; Mr. Dudley wird Dich ohne Zweifel begleiten.“ „Ganz gewiß,“ verſicherte Dudley ernſthaft. „Ich werde vielleicht bis zum Luncheon noch nicht zu⸗ rück ſeyn,“ fuhr Sir Arthur fort;„Du brauchſt aber nicht zu warten, Eda.“ 5 Mit dieſen Worten drehte er ſich um und eilte raſchen Schrittes auf der Straße nach Clive's Hauſe zurück. Es ſchien ſich in der That Alles verſchworen zu haben, um Edward Dudley mit Eda Brandon allein zu laſſen. Hätte er Jahre lang nach einem ſolchen Zufalle geſtrebt, er wäre vielleicht niemals eingetreten. Er bot jedoch Eda nicht den Arm und ſo ſehr auch ſein Herz von Gefühlen er⸗ füllt war, welche laut zu werden drängten, ſo ging er doch wenigſtens hundertundfünfzig Schritte weiter, ohne daß von beiden Seiten ein Wort geſprochen worden wäre. Frauen fühlen jedoch das Peinliche des Schweigens mehr als Män⸗ 89 3 ner und Eda begann endlich, ſo ſehr ſie auch— ihr ſelbſt ein Räthſel!— erſchüttert war: „Ich fürchte, Mr. Dudley, was Sie hier finden, iſt nicht ſo ſchön und intereſſant, wie die Gegenden, die Sie erſt kürzlich verließen. Sie pflegten ſonſt, wie ich mich erinnere, ein ſehr enthuſtaſtiſcher Bewunderer von Natur⸗ ſchönheiten zu ſeyn.“ Dudley erhob ſeine ſchönen Augen zu ihrem Antlitze und betrachtete ſie eine kleine Weile mit melancholiſchem Ernſt. „Alles was ich damals bewunderte,“ ſagte er endlich, „bewundere ich noch jetzt. Was ich damals liebte, theure Miß Brandon— ich liebe es noch. Nur die Umſtände haben ſich verändert, nicht ich.“ „Ich wußte nicht, daß die Umſtände ſich geändert ha⸗ ben,“ erwiederte Eda in leiſem ſüßen Tone, als ob ſie in der That mit dem Kummer, der aus ſeinem Weſen ſprach, Mitleid fühle.„Ich hatte gehört, daß einige Zeit zuvor eine traurige ſchreckliche Veränderung der Umſtände einge⸗ treten war, aber ich wußte keineswegs, daß ein neuer Grund des Grams oder der Enttäuſchung dazu gekommen.“ Dudley beſann ſich abermals, ehe er antwortete; aber es war kein berechnendes Nachden ken, oder wenn auch, ſo be⸗ rechnete er bloß, wie er ruhig antworten— wie er die wahren Empfindungen ſeines Herzens mit Mäßigung und Sanft⸗ muth ausſprechen, keineswegs aber, ob er dieſe Gefühle überhaupt äußern wollte oder nicht. „Sie haben Recht, Miß Brandon,“ ſagte er,„die Ver⸗ 90 änderung meiner Umſtände hatte vorher ſtattgefunden; aber jedes Ding hat ſeine Folgen, und die Reſultate jenes we⸗ ſentlichen Umſchwunges in Vermögen und Stellung, der mich betroffen hatte, mußten mir erſt noch klarer und von mir durchgearbeitet werden. Als wir uns zum erſtenmal trafen, da waren Sie ſehr jung— kaum ſechzehn, glaube ich— und auch ich war noch nicht alt: ein heiterer Frühling blühte vor meinen Augen und Alles war ſo hoffnungsvoll und vielverſprechend. Damals leuchteten mir noch zwei Glücksſterne: weltlicher Reichthum und ein noch größerer Schatz von glücklichen Hoffnungen und Erwartungen— das glänzende übermüthige Erbe unerfahrener Jugend. Bon Zeit zu Zeit ſahen wir uns wieder, bis beim letztenmal das weltliche Glück von mir gewichen war— der Schatz von irdiſchen Gütern war dahin, und wenn auch nicht geradezu ein Bettler, ſo befand ſich doch mein Vater und ich in einem Zuſtande äußerſter Armuth. Aber jener andere Schatz, das reiche Vermächtniß jugendlicher Hoffnung und unerfahrener Erwartung war, wiewohl vermindert, doch noch nicht ganz geſchwunden. Ich glaubte in den Augen der Edlen und Guten könne Wohlſtand keinen Unterſchied machen, denn er hatte bei mir auf meine Schätzung Anderer nie einen Einfluß geübt; ich dachte mir, jene Eigenſchaften, welche Manche an mir geſchätzt und geliebt hatten, würden mir wenigſtens meine Freunde erhalten— nie ließ ich mir einen Augenblick träumen, daß der Diamant der Liebe davon angegriffen werden könnte oder müßte. Ich hätte in jenen Tagen bei⸗ nahe eine Uebereilung begangen; aber Sie verließen London, 91 und ich fing bald an zu bemerken, daß ich mich bitter ge⸗ täuſcht hatte.“ „Sie haben an mir nie einen Unterſchied bemerkt,“ rief Eda, und die Erſchütterung, die in ihrer Stimme bebte, ſchien jede Zurückhaltung bei ihr zu verſcheuchen.„Sie wollen doch nicht ſagen, Mr. Dudley, Sie hätten in meinem Weſen jene niedrige Schwäche geſehen oder zu ſehen geglaubt, welche in meinen Augen einem Glücksumſchwunge auch nur den geringſten Werth beilegte, der diejenigen, die ich— die ich— Und als wollte ſie den Gedanken von ſich abſchütteln, machte ſie mit der Linken eine abweiſende Gebärde und wandte ſich ab, in tiefer Betrübniß das Köpfchen ſchüttelnd, während ihre Augen voll Thränen ſtanden. „Nein, nein, Miß Brandon,“ verſetzte Dudley— „nein, nein, Eda, ſo ſagte ich nicht. Nur die Welt hat mich dieſe ihre Anſichten kennen gelernt; ja noch mehr, ich warf den Tadel, dieſe Anſichten mißverſtanden zu haben, auf mich ſelbſt und nicht auf Andere. Ich entdeckte ſogar einige Ver⸗ nunft in dieſen Anſichten, die mich von meinem Glücke aus⸗ ſchloßen; ich empfand den wahren Werth von Stellung und Vermoͤgen erſt als ich beide verloren hatte, während ich früher nichts davon wußte.— Aber hören Sie mich noch einen Augenblick mit Geduld. Meine Erwartung war noch nicht völlig erſtorben. Ich ſagte zu mir ſelbſt: ich will mir eine Stellung machen, will den verlorenen Wohlſtand wieder erringen; dann vielleicht kann die Liebe die Fackel der Hoff⸗ 92 nung an ihrer eigenen Flamme wieder anzünden und alles wird wieder licht und hell werden.“ „Liebe!“ murmelte Eda leiſe, während er einen Augen⸗ blick inne hielt; doch Dudley fuhr fort: „Die herbſte Lehre blieb mir noch übrig— die nämlich, wie langſam, wie hoffnungslos langſam der Fortſchritt auf dem ſteilen Hügel iſt, der in dieſer Welt zu Ruhm und Reichthum führt— wie vergeblich die Anſtrengungen ſind, mit einem Schritt die Höhe gewinnen zu wollen. Ich hatte noch zu lernen, was aufreibendes Nachdenken, bittere Sorge und tiefe Enttäuſchung, was hoffnungsloſe Liebe und die Pein der Reue nur irgend zu leiſten vermögen, um auch den ſtärk⸗ ſten Körper zu ermüden, das feſteſte Herz zu martern, die lockendſten Erwartungen zu vernichten und den Born des Lebens und der Hoffnung unter der ſchweren Laſt der Um⸗ ſtände zu verſchließen.“ „O Dudley, Dudley!“ rief Eda,„warum— warum wollten Sie ſo finſteren Eindrücken nachgeben?“ „Eda,“ fragte Dudley,„hätten Sie denn gewünſcht, daß ich gehofft hätte?“ „Ja, ja,“ gab ſte mit glühenden Wangen und thränen⸗ vollen Blicken zur Antwort, während ſie die Parkthore paſ⸗ firten und in die Allee eintraten.„Hoffen Sie! ja hoffen Sie nur immer und laſſen Sie einen edlen Geiſt, ein großes Herz nicht durch widrige Umſtände niederdrücken.— Sehen Sie, dort kommt Mr. Filmer auf uns zu; ich muß dieſe thö⸗ richten Thränen aus den Augen wiſchen. Aber noch eine Ermahnung laſſen Sie mich beifügen. Ich ſagte vorhin— 93 ein großes Herz, weil ich das Ihre immer dafür gehalten; aber, Dudley, es war kaum groß zu nennen, daß Sie glau⸗ ben konnten, Diejenigen, die Sie Ihrer Liebe, Ihrer Ach⸗ tung für werth hielten, würden ſich durch einen Umſchwung der Glücksumſtände auch nur zu der geringſten Aenderung in ihrem Benehmen oder ihrer Betrachtungsweiſe verleiten laſ⸗ ſen. Das hätten Sie nie glauben ſollen und dürfen es nie — niemals wieder glauben. Ich kann mir kaum denken,“ fuhr ſie fort, ihn mit lieblichem Lächeln anſehend, während ſie Worte des Vorwurfs ausſprach, die, wie ſie wußte, nicht ganz gerecht waren, ſolcher Weiſe den bitteren Theil ihrer Rede durch jenen ermunternden Blick verſüßend—„ich kann mir kaum denken, daß Sie wiſſen, was wahre Liebe heißt, ſonſt könnten Sie ja nicht vergeſſen, daß ſie, wie Sie ſelber ſagten, von Diamant iſt— unveränderlich und ewig dauernd. Auf ſie kann weder Verläͤumdung noch Falſchheit Eindruck machen; die Stürme und Wirren der Welt, die Bemü⸗ hungen der Schwätzer und Lügner, der ſcharfe Meißel des Spottes, der Mahlzahn des Verſtandes und der Wider⸗ ſetzlichkeit— ſie alle bleiben wirkungslos. So iſt ſtarke, ächte Liebe: ſte muß auf Achtung und Vertrauen gegründet ſeyn— aber dann, glauben Sie mirr, iſt ſie unerſchütterlich. Wenn Sie jemals lieben, gedenken Sie deſſen.“ „Wenn ich jemals liebe, Eda!“ wiederholte Dudley ſie anſchauend;„Sie wiſſen nur zu gut, daß ich liebe, daß ich ſeit Jahren geliebt habe.“ „Ich glaubte es einſt,“ erwiederte Eda leiſe;„doch ſtill, Dudley, ſtill! wir müſſen uns zuſammennehmen— er iſt ſchon nahe.“ „Er ſieht uns nicht,“ meinte Dudley,„ſeine Augen ſind zu Boden geheftet. Können wir ihm nicht ausweichen und die Allee verlaſſen?“ „Nein, nein,“ gab Miß Brandon zur Antwort;„er ſieht Alles! Glauben Sie nur nicht, daß ſeine Augen, auch wenn ſie niedergeſchlagen ſind, unthätig bleiben: er iſt all⸗ ſehend und nie kann man ihm vertrauen.— Iſt meine Wange geröthet? ſie muß es wohl ſeyn,“ fuhr ſie fort, während ſie die geſprochenen Worte überdachte,—„gewiß iſt ſie es, denn ich fühle ſie noch glühen.“ „Ein wenig,“ verſetzte Dudley, ſie mit einem Blick dank⸗ barer Liebe betrachtend;„er wird es aber nicht bemerken.“ „O ganz gewiß wird er,“ meinte Eda, mit ſchüchternem Auge zu Dudley emporſehend und dann den Schleier über ihr Geſicht ziehend.„Ihre Wange iſt ganz blaß.“ „Das kommt von tiefer Erregung,“ verſicherte Dudley; „Regungen der Liebe und Dankbarkeit.“ „Pſch! Pſch!“ ermahnte ſie;„nichts mehr davon, wir können ja ſpäter weiter reden.— Welch' ſchöner Tag iſt doch auf dieſe ſtürmiſche Nacht gefolgt! Faſt könnte man glauben, der Frühling ſey zurückgekehrt,— wenn nur ein Vogel ſei⸗ nen Geſang begänne.“ „Ach nein,“ erwiederte Dudley nicht ohne Trauer; „zwar haben beide Jahreszeiten ihre braunen Tinten: aber die Färbung des Herbſtes iſt ſehr verſchieden von der des Frühjahrs; dieſes zeigt das Kolorit der erwachenden Hoff⸗ 95 nung, während jenes nur welkenden Verfall ſehen läßt, und iſt auch ein Herbſthimmel prächtig anzuſchauen, ſo möchte ich ihn doch nur im Frühlinge ſüß nennen.“ Sie waren jetzt nur noch etliche zwanzig bis dreißig Schritte von Mr. Filmer entfernt, der ſtill und ruhig mit zu Boden gehefteten Blicken dahinwandelte, als ob er in tiefes, feierliches Nachdenken verſunken wäre. Indem er ſo zwiſchen den Bäumen hinſchritt, verlieh die wechſelnde Beleuchtung ſeiner hohen, dunklen Geſtalt und dem blaſſen Geſichte ein geſpenſterartiges Ausſehen; in ſeinen Zügen lag eine rauhe, ernſte Strenge, die jeden zufälligen Beobachter auf den Glauben hätte bringen können, als ob er den ärgſten Ascetiker vor ſich hätte. Eda, welche ihn genau kannte und ſeinen Charakter tiefer als er ahnte erforſcht hatte, ging geraden Wegs auf ihn zu, obgleich ſie vorher auf der andern Seite der Allee gewandelt hatten, als ob ſie entſchloſſen wäre, ihn nicht paſ⸗ firen zu laſſen, ohne daß er Notiz von ihnen nähme. Erſt als ſie auf drei Schritte vor ihm ſtanden, ſchaute er plötzlich empor und ſagte: „Ah, meine theure, junge Lady, ich habe Sie nicht ge⸗ ſehen.— Ci, Ihre Geſellſchaft iſt recht klein geworden!“ Und indem er dieſes ſprach, nahm ſein Geſicht einen Anſtrich verbindlicher Höflichkeit an, der deſſen Ausdruck dem früher gezeigten ſo unähnlich als nur möglich machte. „Edgar und Lord Hadley haben die Priorei aufgeſucht,“ gab Eda zur Antwort;„mein Oheim wollte mit uns nach 96 Haus gehen, als ihn ploͤtzlich Jemand in Geſchäften anhielt und uns entführte.“ „Mr. Dudley und ich beſuchten die Priorei heute Mor⸗ gen,“ erwiederte Filmer,„und wie ich zu meiner Freude ſagen darf, ſchien er ausnehmendes Wohlgeſallen daran zu finden.“ „Das war auch wirklich der Fall, mein verehrter Freund,“ verficherte Dudley.„Ich nehme großes Intereſſe an all' dieſen Ueberbleibſeln früherer Zeiten, da Alles noch eine friſche, eine kräftige Identität an ſich trug, die bei dem jetzi⸗ gen Zuſtande der Civiliſation gänzlich verloren gegangen iſt. Ich weiß nicht mehr, wer die Menſchen der jetzigen verfeiner⸗ ten und verkünſtelten Tage mit einem abgegriffenen Schillinge vergleicht, der jede Spur des früheren Stempels eingebüßt hat; aber das Gleichniß hat mich oft durch ſeine Wahrheit betroffen. Ich ſehe gern das urſprüngliche Wappen, und Alles was meiner Seele jene kräftige, rüſtige Vergangen⸗ heit zurückruſt, wird Tauſende moderner Bauten bei mir aufwiegen. Sogar die Univerſttät, wo ich erzogen wurde, liebe ich nicht ſo wohl wegen ihrer Anknüpfungspunkte an mich ſelbſt, als wegen ihres Zuſammenhanges mit einer früheren Periode, denn einige ihrer Collegien haben eine klö⸗ ſterliche abgeſchloſſene Ruhe an ſich, welche ſtets eine faſt melancholiſche, aber ſtets erfreuliche Wirkung auf mich äußerte.“ Mr. Filmer antwortete in ungezwungenem Tone, als ob er nichts gewahr geworden wäre; aber dennoch hatte er, ſogar ohne die Augen aufzuſchlagen, bemerkt, daß Eda 3 97 beim Näherkommen ihr Geſicht verſchleiert hatte, und daß beider Mienen Spuren von Aufregung an ſich trugen. Er bemerkte noch weiter, daß Dudley den ganzen Abend über ſich immer beredter über mancherlei Gegenſtände ausſprach, daß in ſeinem ganzen Weſen, in allen ſeinen Worten eine gewiſſe Erleichterung ſich fühlbar machte, und der Schluß, den er hieraus zog, ſtreifte ſehr nahe an die Wahrheit. Ein ſolcher Schluß aus ſolchen geringfügigen Indicien iſt keineswegs ungewöhnlich bei Menſchen, deren Erziehung darauf berechnet iſt, daß ſie die kleinſte Eigenthümlichkeit des Weſens, die geringſte Aenderung in dem Benehmen ihrer Nebenmenſchen gewahr werden, um für ihre eigenen Zwecke Vortheil daraus zu ziehen. So ſetzte er auch im vorliegen⸗ den Falle ſeine Beobachtungen mit aller Ruhe fort, ohne Jemand merken zu laſſen, daß er überhaupt wachſam war, wobei jedoch kein Wort, kein Blick oder Ton der beiden Liebenden ſeiner ſcharfen Forſchergabe entging. Mr. Filmer oder Vater Peter— wie er zuweilen von Sir Arthurs Dienern genannt wurde— kehrte mit Miß Brandon und ihrem Geliebten nach Haus zurück, und ge⸗ leitete das Pärchen bis an die Thüre, wo er ihnen vorſchlug, noch eine kleine Quelle im Parke aufzuſuchen, die er dem Hof⸗ meiſter in ihrer urſprünglichen Steinfaſſung, noch mit dem alten Kreuze verſehen, als höchſt beachtenswerth ſchilderte. Eda beſtätigte ſein Lob auf deren Schönheit, ſagte aber, ſie müſſe zurückbleiben, da ſie ziemlich ermüdet ſey und noch einen Brief zu ſchreiben habe. Sie rieth jedoch Dudley, die Quelle aufzuſuchen; denn offen geſagt, vermied ſie nicht ungern des James. Der Ueberwieſene. 7 98 Prieſters Geſellſchaft, da ſie in deſſen Gegenwart ſogar dann, wenn ſie keine Wachſamkeit von ſeiner Seite bemerken konnte, einen unüberwindlichen Zwang empfand. Sie wußte, daß er mit den ruhigen, liſtigen Augen Roms beobachtete, und dieſes Bewußtſeyn allein brachte ſie ſchon in Verlegenheit. Dudley hatte keinen Vorwand zum Zurückbleiben und begleitete den Prieſter auf ſeinem Spaziergange, indem er ſich über gleichgültige Gegenſtände unterhielt, ohne ſo recht zu merken, daß jeder ſeiner Blicke, jedes ſeiner Worte von einem Manne bewacht wurde, der nichts unbeobachtet zu Boden fallen ließ. So gingen die beiden Herren einige hun⸗ dert Schritte ſchweigend neben einander her, bis Mr. Filmer, um ſeine eigenen Forſchungen zu vervollſtändigen, in nach⸗ denklichem Tone bemerkte: „Was ſie doch ein ſüßes, reizendes Mädchen iſt!— Ich glaube gehört zu haben, daß Sie ſchon lange mit ihr bekannt waren, Mr. Dudley.“ „Seit vielen Jahren,“ erwiederte ſein Gefährte.„Als ich ſte zum erſtenmale ſah, war ſie noch ganz jung— faſt noch Kind, aber auch da ſchon ſehr lieblich; ich ließ mir je⸗ doch nicht träumen, daß ſie Sir Arthur Adelons Nichte ſey.“ „Ihre Mutter war ſeine Schweſter,“ verſetzte Mr. Fil⸗ mer;„Sir Arthurs Mündel aber wurde ſie folgendermaßen: ihr Vater ſtarb in ihrer früheſten Jugend und überließ ſie ganz der Leitung ihrer Mutter, als einziger Vormünderin und Teſtamentsvollſtreckerin. Sie war eine ſehr liebenswür⸗ dige Frau, dieſe Mrs. Brandon, nur hatte ſie ſich unglück⸗ licherweiſe durch ihren Gatten zu Ihrer Kirche bekehren laſſen. 99 Dieſen Abfall, glaub' ich, hat ſie vor ihrem Tode ſehr be⸗ reut; jedenfalls überließ ſie Miß Brandon, nebſt der vollen Verwaltung ihres Vermögens, der Vormundſchaft ihres Bruders Sir Arthur.“ „Vermuthlich blos bis ſie volljährig wird,“ bemerkte Dudley, als der Andere ſtill ſchwieg. „Ja, aber vor dieſer Zeit wird ſie ſich vermuthlich ver⸗ heirathen,“ gab der Prieſter zur Antwort. „An Lord Hadley, denken Sie vielleicht?“ verſetzte Dudley mit ganz anderen Empfindungen, als er dieſe Worte ſonſt wohl vor zwei, drei Stunden ausgeſprochen hätte. „O nein,“ gab Mr. Filmer ruhig zur Antwort;„ich glaube nicht, daß Sir Arthur ihre Heirath mit einem Prote⸗ ſtanten zugeben würde. Ich weiß, daß er es lieber ſähe, wenn ſie auch dem niederſten katholiſchen Edelmanne des Landes ihre Hand reichte.“ Dudley ward einigermaßen irre, denn wenn man ſich auf des Prieſters Behauptung verlaſſen durfte— warum hatte dann Sir Arthur Adelon ſeinen Zögling mit ſolcher Oſtentation zu ſich eingeladen? Der Prieſter ſprach in natürlichem, ungezwungenem Tone; aber gleichwohl fühlte Dudley in gewiſſem Grade, daß er ſelbſt Geheimniſſe aus Mr. Filmer hatte herauslocken wollen, und daß der Verſuch bei einem römiſch⸗katholiſchen Prieſter, wie er, nicht ohne Ge⸗ fahr ſchien. Er war ſogar nicht einmal ganz ſicher, ob er bei dieſem Beſtreben, von den Abfichten Anderer Kunde zu erlangen, nicht einen Theil ſeiner eigenen Geheimniſſe ver⸗ rathen habe. 7* 100 „Ich haͤtte Sir Arthur Adelons Empfindungsweiſe für liberaler gehalten, beſonders da er Sie immer um ſich hat,“ bemerkte Dudley mit einem leichten Neigen des Kopfes. „Sie erweiſen mir mehr als Gerechtigket, mein junger Freund,“ verſetzte Mr. Filmer;„in dieſen Zeiten, wo ein Geiſt der Verfolgung und Unterdrückung umhergeht, iſt un⸗ ſererſeits der Wunſch gewiß natürlich, eine Erbin von be⸗ trächtlichem Vermögen, deren Gatte bedeutenden Einfluß ge⸗ winnen muß, ihre Hand einer Perſon unſeres eigenen Glau⸗ bens reichen zu ſehen. Ich meine, auch ohne den geringſten Grad von Bigotterie, ohne die mindeſte Abſicht, Proſelyten zu machen, koͤnne man ſo empfinden. Dieſes letztere Stre⸗ ben iſt mir fremd, das kann ich Sie verſtchern, und Sie werden ſich von der Wahrheit meiner Behauptung überzeu⸗ gen, wenn ich Ihnen ſage, daß einer meiner beſten Freunde und treueſten Gefährten der Pfarrer jener Kirche iſt, deren Thurmſpitze Sie dort über jenen kleinen Hügel hervorragen ſehen. Meiner Anſicht nach iſt der Unterſchied zwiſchen bei⸗ den Kirchen, wenn auch die Ihrige in manchen Punkten et⸗ was ketzeriſch iſt, nicht bedeutend genug, um zwiſchen recht⸗ lichen, wohlmeinenden Männern irgend eine Zwietracht zu veranlaſſen; überdies wünſche ich zwar allerdings, daß An⸗ dere das, was ich für richtige Anſichten halte, annehmen; aber gleichwohl muß ich bekennen, daß mir der Zweck ihrer Bekehrung nicht groß genug ſcheint, um zu deren Erreichung auch nur die mindeſte Mißhelligkeit zu riskiren.“ „Das find in der That höchſt freiſinnige Anſichten,“ erwiederte Dudley,„und wenn ich auch weiß, daß viele 101 Laien der römiſchen Kirche ihnen huldigen, ſo war mir doch unbekannt, daß ſie unter dem Klerus verbreitet find.“ „Mehr als Sie glauben, mein junger Freund,“ ant⸗ wortete der Prieſter;„ja ſelbſt die Häupter der Kirche ſind nicht ſo intolerant, als Sie vermuthen. Beſtimmte Regeln wurden freilich feſtgeſetzt, Definitionen wurden gegeben, aber es liegt immer in der Macht der Kirche, ihre eigenen Beſtim⸗ mungen zu erleichtern, und wenn ſie bei Jemand frommes, aufrichtiges Chriſtenthum, ein Gefühl für das was recht⸗ gläubig iſt und Verehrung für jene Traditionen vorfindet, welche, aus dem Munde der Heiligen und Märtyrer von Generation zu Generation fortgepflanzt, für ebenſo rein wie die heilige Schrift ſelbſt gelten können, ſo iſt ſie ſtets bereit, ihm die Rückkehr in ihren Schoos ſo viel als thunlich zu er⸗ leichtern, ihm all' jene formellen Punkte der Diseiplin, die ſeinen Vorurtheilen anſtößig ſeyn könnten, zu erlaſſen, und die Strenge derjenigen Auslegungen, deren einſchneidende Klar⸗ heit dem noch unbefeſtigten Gemüthe widerſtrebt, zu mildern.“ Dudley ſchwieg in großer Ueberraſchung und fragte ſich: wo will er hinaus?— eine Frage, die man ſich nur ſelten ſtellt, wenn man nicht an der Aufrichtigkeit Deſſen, mit dem man ſpricht, einen ſtarken Zweifel hegt. „Wo will er hinaus?“ dachte Dudley.„Hofft er wirklich, mich durch die Macht ſeiner eigenen Beredtſamkeit und den Zauber des Vermögens meiner reizenden Eda zu bekehren?“ Er beſchloß jedoch, ſeine wahre Anſicht über die gebrauchten Beweismittel nicht preiszugeben, ſondern den würdigen Prieſter ſeinen eigenen Weg verfolgen und ſeine 10²2 Abſichten erklären zu laſſen.„Früher oder ſpäter muß er's doch thun,“ meinte er,„und dann werde ich entdecken, was dieſer langen Rede kurzer Sinn war. Eda's Vertrauen zu mir, meine Liebe zu ihr kann er ja doch nicht erſchüttern.“ „Ich höre mit wahrem Vergnügen, daß ſo durchaus richtige und liberale Anſichten bei Ihnen vorherrſchen,“ fuhr er endlich laut fort;„denn allerdings find die Erklärungen des Tridentiner Coneils für alle Diejenigen, welche gern eine Lehre, von der ſie keineswegs überzeugt ſind, verlaſſen und dafür eine andere ergreifen möchten, die von einer Kirche herſtammt, welche ſich vor Allem ihrer unveränderlichen Selbſtkonſiſtenz rühmt— einer der hauptſächlichſten Steine des Anſtoßes geweſen.“ Der Prieſter betrachtete ihn mit ungewiſſem, zögerndem Blick. Er fürchtete vielleicht, zu viel von der Politik der römiſchen Kirche gezeigt zu haben, und hielt inne, wie er jedesmal that, wenn das Kundgeben ſeiner Anſichten der verfochtenen Sache ſchaden konnte und nicht ein großes Ziel zu erreichen war. In vorliegendem Falle meinte er freilich, man könnte noch etwas mehr wagen, hielt es aber doch für kluger, eine Weile zu warten, da bei gehöriger Vorſicht die wachſende Leidenſchaft des jungen Mannes das Werk der Ueberzeugung ergänzen konnte. So beſichtigte er denn mit Dudley die kleine Quelle und kehrte dann nach Haus zurück, indem er das Geſpräch auf ganz andere, zwar ernſte aber nicht ascetiſche Gegenſtände lenkte, die er mit einem eigenen außerordentlichen Reize zu umgeben wußte. Der Zauber ſeines Weſens und ſeiner Unterhaltung 103 war in der That auffallend. Wer zum erſtenmale deſſen Macht in ſeiner empfänglichen Seele aufnahm, ſuchte denſelben alsbald zu erfaſſen und zu analyſiren, um zu erfahren, worin er beſtand; aber gleichwie die feinen zarten Eſſenzen der Chemiker jeder Analyſe Trotz bieten, ſo wußte ſich auch ein gewiſſes Etwas und zwar gerade das Wichtigſte, was dem Ganzen Leben und Wirkſamkeit verlieh, der Beobachtung zu entziehen. Die Worte an ſich ſchienen nichts— ein Bischen ſpitzfindig vielleicht— etwas vag— nicht ganz deutlich; dabei war ſein ganzes Weſen ſanft und ruhig, ſeine Miene nur in ſeltenen Augenblicken pathetiſch: aber gleichwohl lebte in dem Ganzen ein Geiſt, welcher ſchmachtend und ent⸗ nervend, jeden Widerſtand entwaffnend, überredend mehr als überzeugend und die Sinne eher in liebliche Träume hüllend als greifbare Gegenſtände für dieſelbe darbietend in Herz und Gehirn zu gleiten ſchien. Jener Geiſt glich den feinen Düften unſichtbarer Pflanzen, die, ſich durch die Nacht⸗ luft heranſtehlend, uns mehr einſchläfernd als balſamiſch wohlthuend umfangen und uns in tödtlichen Schlaf lullen, ohne daß wir wiſſen, woher ſie kamen, ja ohne daß wir die Wirkung empfinden, als bis es zu ſpät iſt. Achtes Kapitel. Nachdem Sir Arthur Adelon die beiden Liebenden allein gelaſſen, eilte er ſo raſch er gehen konnte nach Mr. Clive's Hauſe zurück, ſo daß er ſogar den Mann einholte, der ihm das Billet überbracht hatte, das er noch immer feſt in der Hand hielt. Er war offenbar tief aufgeregt, als er dieſen Gang antrat— ſeine Geſichtsmuskeln arbeiteten, ſeine Stirne war gerunzelt und abgebrochene Worte entſchlüpften ſeinen Lippen. Aus dieſem Zuſtande ſchien er in tiefes Nach⸗ denken zu verſinken. Die Erſchütterung war wahrſcheinlich nicht weniger intenſiv, nur tiefer, und als er die Nähe des Hauſes erreichte, hielt er inne und lehnte ſich einen Augen⸗ blick an das Thor, indem er vor ſich hinmurmelte:„was kann es nur ſeyn?“ Nach kurzer Pauſe zog er die Glocke und fragte die aufwartende Dienerin, wo der Herr ſey, der ihm jenen Brief geſchickt habe. Die Frau ſchien etwas verwirrt, meinte, ſte wiſſe von Niemand, der ihm einen Brief geſandt habe, Mr. Clive befinde ſich jedoch mit ſeiner Tochter im Beſuchzimmer. Ihre wie des Baronets Verlegenheit wurde jedoch alsbald gehoben, denn faſt während fie noch die letzten Worte ſprach, hörte man eine Stimme von oben rufen: „Sir Arthur Adelon, wollen Sie mir die Ehre erwei⸗ ſen, heraufzuſpazieren?“ Der Baronet folgte augenblicklich aber mit ſehr blaſſem Geſichte der Einladung, und befand ſich im nächſten Augen⸗ blicke vor Norries in deſſen Zimmer. Leetzterer hatte ſich in dasjenige Gemach zurückgezogen, wo ſeine Conferenz mit Clive ſtattgefunden hatte, und heftete einen feſten Blick auf den eintretenden Baronet; dann nach der Thüre ſich wendend, ſchloß er dieſe und wies ſeinem Gaſte einen Stuhl, während er ſelbſt einen zweiten einnahm und immer noch ſeine hellen 1 1 f. —— 105 grauen Augen auf dem Geſicht des Baronets ruhen ließ. Bis hierher war kein Wort geſprochen worden; Norries ſchwieg noch einige Augenblicke länger, bis er endlich anhub: „Aus Ihrem Kommen ſowohl wie aus Ihrem jetzigen Benehmen erkenne ich, Sir Arthur Adelon, daß Sie mich nicht vergeſſen haben.“ „O nein, Mr. Norries,“ erwiederte der Baronet;„ich erinnere mich Ihrer ganz wohl und bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen. Iſt es aber nicht etwas gefährlich für Sie, gerade jetzt England zu beſuchen?“ „Nicht im Geringſten,“ meinte Norries.„Ich bin Ihnen für Ihre Theilnahme verbunden, Sir Arthur; hätten Sie ſich zwölf Monate früher thätig gezeigt, ſo würden Sie mir York⸗Caſtle erſpart haben.“ „Ich ſehe wahrhaftig nicht ein, wie ich Ihnen hätte dienen können,“ gab Sir Arthur Adelon zur Antwort— „auch wußte ich kein Wort davon, daß Sie im Kaſtell zu York gefangen ſaßen.“ „Nur drei Tage,“ lautete Norries lakoniſche Erwiede⸗ rung.„Das iſt jedoch gleichgültig; laſſen Sie mich von wichtigeren Dingen reden.— Da Ihr Gedächtniß ſo gut iſt, ſo haben Sie wahrſcheinlich nicht vergeſſen, was vor acht und vor ſechs Jahren in Betreff des ſeitdem verſtorbenen Charles Dudley, Esquire, vor ſich ging?“ „Wohl, Sir, wohl,“ rief Sir Arthur—„was ſoll's damit?“ „Sie erkundigten ſich einſt nach der Correſpondenz über 106 jene Affäre,“ bemerkte Norries;„ich glaube, Ihnen einige Andeutungen hierüber geben zu können.“ „Wurde ſie nicht verbrannt?“ rief Sir Arthur.„Sie ſagten mir doch, ſie ſey verbrannt.“ „Entſchuldigen Sie, Sir Arthur,“ erwiederte Norries; nich habe Ihnen nie ſo etwas geſagt. Mein College ſagte es, aber er log hierin wie in vielen andern Fällen, und ich, der ich damals nur wenig von der Intrigue wußte, fand die Papiere nach ſeinem Tode und habe ſie ſicher in meiner Ver⸗ wahrung.“ Auf dem Tiſche lag etwas unüberſchriebenes Papier; ohne zu wiſſen was er that, nahm es Sir Arthur Adelon in die Hand und nach zwei Minuten war es zu jeder erdenkli⸗ chen Form zuſammen geknittert. Norries ſah ihm dabei zu, indem er ſein Lächeln ſo gut es ging zu unterdrücken ſuchte, bis er endlich bemerkte: „Ich fürchte, Sir Arthur, dieſes Papier wird nicht mehr zu brauchen ſeyn; wir können aber noch mehr be⸗ kommen.“ „Pah!“ rief Sir Arthur Adelon;„laßt uns an ernſt⸗ hafte Dinge denken, Mr. Norries: jene Briefe müſſen zerſtört werden. Sagten Sie nicht, ſte ſeyen alle erhalten?“ „Alle, alle,“ gab Norries zur Antwort—„ja noch mehr: ich habe von acht und von ſechs Jahren geſprochen; allein unter den Dokumenten finden ſich mehrere aus einer früheren Periode, welche beweiſen, daß die damals ausge⸗ führten Plane längſt entworfen, der damals erreichte Zweck ſchon lange beabſichtigt war. Auch die Beweggründe werden 107 aus einigen Stellen vollkommen klar, und ich ſage Ihnen jetzt, Sir Arthur Adelon, daß wenn ich die Geſchichte— d. h. die ganze Geſchichte— gemerkt hätte, jener Plan nie ausgeführt, jener Zweck gewiß vereitelt worden wäre.“ Und er betrachtete den Baron mit ſtrengem Blick, voll Ingrimm die Zähne über einander beißend. „Mein College, Mr. Sherborne,“ fuhr Norries nach längerer Pauſe fort, während deren ſein Gefährte keine Silbe geäußert, ſondern mit niedergeſchlagenen Augen an der Unterlippe gekaut hatte—„mein College, Mr. Sher⸗ borne war ein großer Schurke, wie Sie wiſſen, Sir Arthur. In der That, Sie wußten es damals, als Sie ſeine Dienſte gebrauchten.“ „Nein, Sir, ich wußte es nicht,“ rief Sir Arthur, das letzte Wort aufſchnappend. „Ja, Sir Arthur, Sie wußten es,“ entgegnete Norries in feſtem Tone,„ſonſt würden Sie ihn nicht in einer ſo ſpitz⸗ bübiſchen Sache verwendet haben.“ „Er hat mir Alles was geſchah, angerathen,“ verſicherte der Baronet eifrig. „In Folge eines geheimen Geſprächs, das er hinterher aufzeichnete und eines noch aufbewahrten Briefes, der jenes Memorandum ſo vollkommen beſtätigt, daß über deſſen Ge⸗ nauigkeit kein Zweifel obwalten kann.“ Sir Arthur Adelon wurde gluthroth; er war nicht ohne eine gewiſſe Art von Muth und erwiederte hochmüthig: „Ich glaube, Sie wollen mich beleidigen, Sir. Be⸗ denken Sie wohl, was Sie thun.“ 108 „Ich bedenke es genau,“ gab Norries mit leiſem Kopf⸗ nicken zur Antwort;„auch wünſche ich Sie keineswegs zu beleidigen, Sir Arthur. Ich ſpreche die Wahrheit in deut⸗ lichen Worten, denn unter Sorgen und Widerwaͤrtigkeiten hab' ich gelernt, daß dies der einzige richtige Weg iſt. Nach Recht und Geſetz ſollte ich alle jene Papiere in die Hände eines Gentlemans niederlegen, der mit jenem Mr. Dudley nahe verwandt iſt— ſeinen Sohn meine ich.“ „Sie würden ihn nichts nützen,“ rief der Baronet; „das Ding iſt vorüber und vergangen; der Vater ruinirt und todt; zu erlangen iſt ja in keinem Fall etwas. Dieſer Mr. Dudley könnte nicht einen Schilling, nicht einen Mor⸗ gen von ſeines Vaters Eigenthum zurückbekommen, wie Sie wohl wiſſen.“ „Richtig,“ erwiederte Norries;„es gibt gewiſſe Dinge in unſerm Recht, wofür kein Heilmittel zuläßig iſt, wie ich wohl weiß; aber es iſt billig, daß der Sohn wiſſe, wer ſeinen Vater ruinirte, und er hätte es ſchon längſt erfahren, wenn nicht ein Umſtand wäre, der vielleicht jetzt noch weiter wirken kann.“ „Was iſt das?“ fragte der Baronet haſtig.„Ich weigere mich keineswegs, eine beträchtliche Summe für den Beſitz jener Papiere zu geben.— Sie können Niemand als mir von einigem Nutzen ſeyn. Kommen Sie, Mr. Norries, laſſen Sie uns vernünftig reden— wir wollen einmal ſagen — ein Tauſend Pfündchen.“ „Geld reicht hier nicht aus, Sir,“ gab der Andere in verächtlichem Tone zur Antwort;„es hätte bei Mr. Sher⸗ 109 borne, der ein Schurke war ſeine Wirkung gethan, hilft aber nichts bei ſeinem Collegen, der ein Ehrenmann iſt.“ „Aber ums Himmels Willen— was verlangen Sie dann?“ rief Sir Arthur Adelon. „Sie Ihre Gelöbniſſe halten zu ſehen, Sir Arthur— das verlang ich,“ erklärte Norries.„Bei der Wahl, mit welcher des armen Mr. Dudley Ruine anhub und die ich einigermaßen zu Ihrem Vortheil lenkte, bekannten Sie ſich und ich glaube aufrichtig— denn ich meine, hierin wenig⸗ ſtens waren Sie aufrichtig— zu Grundſätzen einer feſten ergebenen Anhänglichkeit an die Sache des Volkes. Sie erklärten, wenn man Sie nur wieder ins Parlament ſchicke, wollen Sie alle Maßregeln zu Gunſten der Rechte und Freiheiten des Volkes vertreten; Sie waren mehr als was man einen Radikalen nennt— Sie waren ein Reformer im wahren Sinne des Worts; Sie rühmten ſich Ihrer Abkunft vom alten Sachſenſtamme, bemerkten mit Stolz, daß ſogar Ihr Name nur aus dem eines unſerer letzten ſächſiſchen Fürſten corrumpirt ſey, und verſprachen Ihr Beſtes zu thun, um dem Volke jene vollkommene Freiheit wieder zu geben, welche ein unveräußerliches Erbe des ſächſiſchen Blutes iſt. Sie nannten Ihren Sohn Edgar zum Andenken an Edgar Atheling, und gelobten vor meinen eigenen Ohren, jene Grundſätze zu allen Zeiten und unter allen Umſtänden mit Ihrer Stimme, Ihrer Hand, ja mit Ihrem Herzblute auf⸗ recht zu erhalten. Jetzt, Sir Arthur, fordere ich Sie auf, jenes Gelübde zu löſen; wenn Sie es thun, wie ich's Ihnen andeuten werde, ſo ſollen Sie jene Papiere erhalten. Ich habe 110 ſie ihm, dem ſie vielleicht rechtmäßiger Weiſe gebühren, vorenthalten, weil ich den Namen eines Mannes, den ich für einen ächten Patrioten halte, nicht anſchwärzen mochte. Ich fand Entſchuldigungen für Sie in Ihrer eigenen Seele, um jenes Vorenthalten vor mir ſelbſt zu rechtfertigen. Ich kannte Sie als einen Mann der ſtarke Leidenſchaften unter einem ruhigen Aeußern verbirgt; ich wußte, daß ſtarke Lei⸗ denſchaften, wenn ſie erſt Meiſter über uns werden, zu ſiche⸗ ren Deſpoten heranwachſen, und ich glaubte, Sie ſeyen gegen jenen Mann von einem überwältigenden Einfluſſe hin⸗ geriſſen worden— von dem Einfluſſe der ſtärkſten und un⸗ überwindlichſten aller Leidenſchaften— dem Durſt nach Rache.“ „Rache!“ rief Sir Arthur.„Wer ſagte Ihnen, daß ich von Rache getrieben wurde?“ „Niemand ſagte mir's,“ erwiederte Norries—„ich wußte es. Ich konnte es aus jeder Linie jener Briefe her⸗ ausleſen, konnte es an jeder Ihrer Thaten erkennen; und dann kam noch ein früherer Theil Ihrer Geſchichte, Sir Arthur, die ich durch meine Verbindung mit dieſem Land⸗ ſtriche kannte, und die mir, nachdem einmal die Machinationen vor meinen Augen enthüllt lagen, den Schlüſſel zu Allem in die Hand gab. Ich frage Sie, Sir Arthur Adelon, ob nicht Charles Dudley vor ſechs⸗ bis ſiebenunzwanzig Jah⸗ ren die Dame, an die Sie Ihr Herz gehängt hatten, Ihrer Bewerbung entzog?“ Des Baronets ſonſt ſo friedliches Geſicht gewann hier den Ausdruck eines Daͤmons, und ohne läͤnger ſeine Augen 111 von Norries. ſtrengem feſten Blicke abzulenken, ſtarrte er ihm gerade ins Geſicht und neigte ſachte ſein Haupt. Er ſprach kein Wort, aber jener Blick und jene Gebärde waren klar genug— ſie ſagten deutlicher als alle Worte es hätten thun können: „Er hat Alles errathen und iſt dem düſteren Geheim⸗ niſſe meines Herzens bis auf den Grund gekommen.“ „Wohl, Sir Arthur,“ fuhr Norries mit ſanfterer Miene fort,„ich kann ſtarke Leidenſchaften entſchuldigen, da ich ſelbſt ſolche beſitze und weiß, daß ſie zu Zeiten unwider⸗ ſtehlich find. In Ihrem Falle war ich ſicher, daß Sie da⸗ durch bewogen worden waren. Ich betrachtete Sie als einen dem Dienſte ſeines Vaterlandes ergebenen Mann, und glaubte in einem Falle, wo alle andern Rückſichten den Intereſſen meines Vaterlandes weichen müſſen, wäre es Unrecht, den Na⸗ men eines Mannes für immer zu verdammen, der ihm den beſten und höchſten der Dienſte erweiſen kann. Es war nur Eines, was mich Ihre Aufrichtigkeit bezweifeln ließ.“ „Sie ſollten ſie nicht bezweifeln,“ verſicherte Sir Ar⸗ thur;„ich bin meinem Vaterlande ſo aufrichtig wie immer ergeben.“ „Es iſt Ihre Aufrichtigkeit im Allgemeinen, auf die ich anſpiele,“ erklärte der geradſinnige Norries,„und der Grund, warum ich daran zweifelte, iſt dieſer:— Nachdem Sie Ihren Zweck erreicht— nachdem Sie einen braven gu⸗ ten Mann, obzwar ein Normann und Ariſtokrat, ruinirt hatten— überließen Sie ihn nicht kühn und furchtlos ſei⸗ nem Schickſal, ſondern gewährten ihm noch Unterſtützung, — 112 um einen elenden Ueberreſt ſeines Eigenthums zu retten, und heuchelten Wohlwollen und Freundlichkeit gegen einen Mann, den Sie haßten. Ich begreife es wohl, Sir Arthur — es war nicht unnatürlich, aber ſehr unaufrichtig.“ „Wir hatten ſeit vielen Jahren auf gutem Fuße ge⸗ ſtanden,“ erwiederte der Baron, der jetzt ſeine gewohnte Selbſtbeherrſchung wieder erlangt hatte. „Gutem Fuße!“ wiederholte Norries lachend:„nun meinetwegen. Sie geben ſich jetzt den Anſchein, als wollten Sie ſich mit der Regierung, der Sie früher opponirten und von der Sie in jedenfalls aufrühreriſchen, wie mans nennt, vielleicht gar in verrätheriſchen Reden ſprechen, gleichfalls auf guten Fuß ſtellen.— Wie geſagt, das hat meinen Zweifel aufgeregt, dieſer Zweiſel muß gehoben werden, nicht durch Worte und Verſicherungen, nicht durch Vorwände und Aus⸗ flüchte, ſondern durch Thaten.“ „Sprechen Sie offen,“ ſagte Sir Arthur Adelon;„was iſt's, das Sie verlangen?“ „Heute Nacht um zwölf Uhr wird in dem Städtchen Barhampton ein Meeting gehalten,“ erklärte Norries,„wo verſchiedene Gentlemen, genau von denſelben Anſichten, wie Sie ſie vor acht Jahren vor dem Volke von Yorkſhire be⸗ kannten, ſolche entſcheidende Maßregeln, wie ſie zur Crrei⸗ chung der früher von Ihnen erſtrebten oder wenigſtens vor⸗ gegebenen Zwecke ergriffen werden können, in Erwägung ziehen wollen. Ich verlange, daß Sie gleichfalls daran Theil nehmen und einer der Unſeren werden ſollen.“ „Unmöglich!“ ſchrie Sir Arthur Adelon mit einem 113 Blicke des Erſtaunens und der Beſtürzung.„Sie wollten, daß ich um Mitternacht ein aufrühreriſches Meeting mit einem Manne beſuche, der dem Arme der Juſtiz entronnen iſt?— Ich, eine Magiſtratsperſon der Geſellſchaft?“ Ein bitteres Lächeln zuckte über die Lippen ſeines Ge⸗ fährten; doch erwiederte er augenblicklich: „Aufs Haar ſo, Sir Arthur— das eben will ich. Wie's ſcheint, iſt bei Ihnen der Geiſt der Vaterlandsliebe nicht ſo ſtark, wie der der Rache, ſonſt würden Sie nicht zaudern. Aber die Sache muß auf die eine oder andere Weiſe entſchieden werden— entweder Sie kommen und er⸗ halten in dem Falle, daß Sie kommen und ſich aufrichtig an uns anſchließen, die oben erwähnten Papiere, oder Sie blei⸗ ben weg und Mr. Edward Dudley erhält ſie.“ „Das iſt unedel,“ rief Sir Arthur Adelon. „Unedel!“ entgegnete Norries;„in wiefern unedel, Sir? Ich handle nach meinem Gewiſſen, wie Sie auch im⸗ mer verfahren mögen. Der einzige Grund, warum ich dieſe Briefe dem Manne, der ein Recht auf ſie hat, vorenthielt, wenn das Beſte meines Vaterlandes nicht deren Unterdrückung verlangt, iſt, weil ich hoffe, daß Sie, deſſen Name und Stel⸗ lung uns als ſpäterer Führer des Volks unendlichen Vor⸗ theil verſpräche, ſich in eine Lage verſetzen werden, wo von keinem Mangel an moraliſchem Muth, von keinem Schwan⸗ ken und Zaudern die Rede ſeyn kann. Weigern Sie ſich, ſolches zu thun, ſo nehmen Sie mir den einzigen Beweg⸗ grund, weßhalb ich ſie nicht dem Manne gab, der ſie gehörig zu gebrauchen wiſſen wird. Sie zeigen ſich dann eben ſo James Der Ueberwieſene. 8 ¹ G 114 unaufrichtig in Ihren Gelöbniſſen von Vaterlandsliebe, wie Sie es in Ihren Freundſchaftsverficherungen waren, und ich werde Sie dann mit Verachtung betrachten und Sie ohne weitere Rückſicht behandeln.“ In ſeinem Weſen lag eine ernſte gebietende Energie, welche das zornige Gefühl, das ſeine ungeſtümen Worte in Sir Arthur Adelon's Bruſt hervorgerufen hatten, alsbald niederſchlug. In Gegenwart dieſes kühnen furchtloſen Mannes fühlte er ſich eingeſchuͤchtert, denn er erinnerte ſich aus früheren Zeiten verſchiedener Züge ſeiner Entſchloſſen⸗ heit und unerſchütterlichen Heftigkeit, und war überzeugt, daß er wohl gar noch mehr, als was er verſprochen, halten würde. Im Anfang war allerdings der Zorn bei dem Ba⸗ ronet vorherrſchend; er ſammelte ſich gleichſam wie zum Sprung, aber der Muth entſank ihm, und er erwiederte in mildem Tone: „Sie ſind zu haſtig— Sie ſind zu haſtig! Laſſen Sie mich einen Augenblick erwägen, wie ſich die Sache arran⸗ giren läßt; ich bin ſo willig wie nur Einer, zum Vortheile meines Vaterlandes Opfer zu bringen; aber erſt überfallen Sie mich förmlich durch Ueberraſchung und dann kommen Sie mit Worten und verfahren auf eine Weiſe, welche mich ſchwerlich veranlaſſen dürfte, mich Ihrer Führung anzu⸗ vertrauen.“ Er glaubte einen Vortheil erlangt zu haben und wollte eben in noch würdevollerem Tone fortfahren, als Norries ihm in die Rede fiel: „Es gibt Zeiten und Umſtände, Sir Arthur Adelon, 115 die ſchon durch ſich ſelbſt und durch ihren eigenen Drang alle Ceremonien abkürzen. Stünde Ihr Haus in Flammen und wären Sie in Gefahr, darin umzukommen, ſo würde ich nicht zuerſt nach der Etikette fragen, ſondern Sie mit dem unhöflichen Rufe aufwecken: lauft, lauft, rettet Guer Leben und Eure Familie. Nun ſag' ich Ihnen, Sir, England ſteht in Flammen und die Zeit iſt gekommen, wo jeder Mann ſeine Partei ergreifen muß. Die Tage ſchwachmüthiger Gleichgültigkeit find vorüber; die Zeit des Entſchluſſes und der That iſt gekommen. Nichtsdeſtoweniger will ich Ihnen keine Entſchuldigung übrig laſſen, ſondern Sie demüthig bitten, heute Nacht bei unſerem Meeting zu erſcheinen und jene Grundſätze, die Sie bei andern Veranlaſſungen ſo warm betheuerten, durch Ihre Gegenwart, Ihre Stimme und Ih⸗ ren Einfluß aufrecht zu erhalten.“ „Aber es wird nur ſehr ſchwer einzurichten ſeyn,“ meinte Sir Arthur Adelon;„ich habe Gäſte in meinem Hauſe, die ich Höflichkeits halber nicht ohne entſchieden trif⸗ tigen Grund verlaſſen darf. Ich bin nicht gewohnt, zu ſol⸗ chen Stunden der Nacht auszugehen, und wenn ich es thue, ſo muß es ja beſonders unter jetzigen Umſtänden ver⸗ dächtig erſcheinen.“ „Das Alles läßt ſich leicht arrangiren,“ antwortete Norries.„Sie ſind ja eine Magiſtratsperſon, wie Sie ſagen, und können alſo bei dringenden Veranlaſſungen zu jeder Stunde gerufen werden. Sie theilen natürlich Ihrer Familie oder Ihren Gäſten nicht immer mit, was für Ge⸗ ſchäfte Sie abrufen oder warum Sie gerade jetzt und nicht 8* 4 Geſpräch angeregt hat. Die Erinnerungen und Gefühle zu anderer Stunde ausgehen; ſollte es jedoch noch eines Mittels bedürfen, um Ihnen den Weg zu ebnen, ſo will ich augenblicklich einen Brief ſchreiben und Sie darin auffor⸗ dern, heute Nacht um zwölf Uhr in dringenden Geſchäften zu Barhampton zu erſcheinen. Ich glaube kaum,“ fuhr er mit höhniſchem Lächeln fort,„daß ſelbſt Ihr Beichtvater es wagen wird, einen Herrn von Ihrer Unabhängigkeit in einer Sache, die ihn nichts angeht, ins Gebet zu nehmen.“ „Gewiß nicht,“ verſetzte Sir Arthur Adelon,„und ich habe gegen mein Kommen nichts einzuwenden, nur kann ich mich zu nichts verbindlich machen, bis ich höre, zu was für Maßregeln Ihre Freunde ſich entſchließen.“ „Dann kann auch ich mich zu nichts verbindlich machen, bis ich höre, zu was ſie ſich entſchließen,“ ſpottete Norries. „Die Papiere gehören Ihnen, ſobald Sie Ihren Gelübden gemäß handeln— mehr verlange ich nicht, Sir Adelon. Ich beſitze eine Abſchrift Ihrer Rede bei einer Ihnen wohl erinnerlichen Veranlaſſung; ich will nicht weiter von Ihnen fordern, als daß Sie die dort gegebenen Verpflichtungen er⸗ füllen: ſobald Sie beweiſen, daß Sie hiezu bereit ſind, werde ich Ihnen jene Briefe einhändigen, welche Andere nicht ſo günſtig beurtheilen dürften, als ich hiezu geneigt bin.— Verſprechen Sie, zu kommen?“ „Ja,“ gab Sir Arthur Adelon in feſterem Tone als ſeither, doch auch mit einer gewiſſen Bitterkeit zur Antwort. „Aber, Norries, da erheben ſich noch vielerlei andere Gedan⸗ ken und höchſt wichtige Betrachtungen, die unſer heutiges 117 früherer Jahre ſind wieder wach in mir geworden. Sie hätten bedenken ſollen, daß dieſe Dinge ſchon lange aus meiner Seele gewichen waren, daß von den Planen und Hoffnungen, den Entwürfen und Leidenſchaften jener Tage die einen in Erfüllung gegangen und nahezu vergeſſen wur⸗ den, während andere bei der gänzlichen Hoffnungsloſigkeit ihrer Ausführung meinem Gedächtniſſe entſchwanden und mehr einem Traume als der Wirklichkeit ähnlich wurden. Was thut nicht ein Mann, wenn er von dem ſtürmiſchen Triebe friſcher Empfindungen, ſcharfer Discuſſionen und von der Begeiſterung ſeiner Umgebung ins Feuer gedrängt wird? Laßt dieſe Zubehör wegfallen und die Abſichten ſelber verſinken in Schlummer, aus dem ſie ſich nicht ohne ihre gehörige Zeit und Vorbereitung wieder zu kräftigem ener⸗ giſchem Daſeyn erwecken laſſen.— Das hätten Sie beden⸗ ken und mich nicht ohne Vorbereitung ſo heftig drängen ſollen.“ „Vielleicht ja,“ erwiederte Norries;„allein, Sir Arthur, Sie kennen mich ja ſchon lange und wiſſen, daß ich raſch und kurz angebunden bin. Meine Plane werden niemals einſchlummern, meine Zwecke niemals hinſchwin⸗ den; jener alles überwältigende Gegenſtand— meines Va⸗ terlandes Geſchick und meiner Nebenmenſchen Wohlergehen — iſt in meinen Augen nie ein vorübergehender Traum, ſondern eine ſtets gegenwärtige Wirklichkeit, ſo daß ich nur wenig fähig bin, das Schwanken anderer Menſchen zu be⸗ greifen.“ Sir Arthur Adelon hatte während des Anderen Rede 118 die Blicke nachdenklich zu Boden geheftet, als ob er den Worten ſeines Gefährten nur wenig Aufmerkſamkeit ſchenke; ſobald dieſer jedoch ſtille ſchwieg, bemerkte er im Tone der Zerſtreuung: „Dieſer Dudley— er hat ſich auch in meine Familie eingedrängt. Er befindet ſich gegenwärtig zu Brandon, wie Sie ohne Zweifel gehört haben. Die eiskalte Hand ſchien abermals nach meinem Herzen zu faſſen, als ich ſeiner anſichtig ward. Mir war, als hätte ich die Brut der Viper vor Augen und als wäre ſie beſtimmt, dies Geſchlecht ewig fortleben und meinen Frieden vergiften zu laſſen, ſogar nachdem die Schlange, die mich zuerſt geſtochen, zertreten worden.“ Norries betrachtete ihn mit gerunzelter Stirne und feſtem geſpanntem forſchendem Blick. „Ich bitte Sie, Sir Arthur Adelon,“ erwiederte er dann,„verbannen Sie ſolche Gedanken— laſſen Sie die Fehler der Todten— wenn es überhaupt Fehler waren— bei den Todten ruhen. Ich denke, Sie glauben doch an einen Gott— nicht wahr? Nun, Sir, es iſt ein Gott, der ihn und Sie richten wird. Er iſt dahingegangen, um ſein Urtheil zu empfangen; bald wird die Zeit kommen, wo Sie das Ihrige vernehmen werden. Unterdeſſen thun Sie einem Menſchen nichts zu Leide, der Sie niemals beleidigt hat, und verfolgen Sie dieſe grauſame gehäſſige Rache nicht fer⸗ ner gegen den Sohn einer Frau, die Sie einſt liebten—“ „Und eines Mannes, den ich ſtets haßte,“ antwortete der Baronet, den Satz ſtatt ſeiner beendend.„Wiſſen Sie 119 denn nicht, Norries, daß gleichwie der ſüßeſte Wein am früheſten zu Eſſig wird, ſo auch die beleidigte verſchmähte Liebe in den bitterſten Haß übergeht? Uebrigens beabſichtige ich keinerlei Rache gegen den jungen Mann. Ich wollte, er verließe mein Haus, denn ſchon das Gefühl, daß ich ein höfliches, ſanftes Benehmen gegen ihn beobachten muß, vermehrt den Druck, unter dem ich ihn betrachte. Das iſt Alles— das iſt Alles, ich verſichere Sie; ich möchte ihm nichts zu Leid thun, aber gleichwohl liebe ich ihn auch nicht.“ „Das merke ich, Sir Arthur Adelon,“ antwortete ſein Gefährte,„und überdies bemerke ich ein düſteres un⸗ heimliches Feuer in Ihren Augen, das ich ſchon früher einmal gewahrte, als Sie in meiner Gegenwart zum erſtenmal Mr. Dudley's Namen gegen meinen Collegen erwähnten. Jener Erwähnung folgten Thaten, die ich Ihnen nicht ins Ge⸗ dächtniß zurückzurufen brauche. Ich hoffe, daß jetzt nichts Aehnliches— ja nicht einmal der Verſuch dazu— beab⸗ ſichtigt wird; ſollte es dennoch geſchehen, ſo werd' ich's verhindern. Ich bin kein ſo guter Advokat— verſtehe in der That nur wenig von dieſem Handwerk— ich bin, wie geſagt, kein ſo guter Advokat wie Mr. Sherborne; aber ich bin ein keckerer, entſchloſſenerer und ehrlicherer Mann. Jedenfalls werde ich Sie heute Nacht ſehen— nicht wahr?“ „Unfehlbar,“ gab Sir Arthur Adelon zur Antwort; „aber Sie haben mir noch nicht geſagt, wo ich Sie zu Bar⸗ hampton treffen werde.“ „Sie gehen am beſten in den kleinen Gaſthof— die Roſe heißt er glaub ich— es gibt nur den einen,“ erwie⸗ derte Norries.„Dort ſoll Einer erſcheinen, der Sie zu uns führen wird; denn wir ſind auf unſerer Hut, Sir Arthur, und entſchloſſen, uns weder, wie es früher Einigen geſche⸗ hen, unvermuthet überfallen noch zu unbeſonnenen Hand⸗ lungen hinreißen zu laſſen und das Verderben auf unſere eigenen Köpfe herabzuziehen, wie jene gedankenloſen, ſchwach⸗ köpfigen, armſeligen Menſchen in Yorkſhire es thaten.“ „Ich bin ſehr froh, dies zu vernehmen,“ ſchloß der Baronet in aufrichtigem Tone.„Ich werde etwas vor zwöoͤlf eintreffen; bis dahin leben Sie wohl.“ Mit dieſen Worten ſchüttelte er Norries mit allen Zeichen ungeheuchelter Herzlichkeit die Hand und verließ ihn, um nach Brandon zurückzukehren. Sobald er jedoch ſein Haus erreicht hatte, zog er ſich eine Zeit lang in ſeine Bibliothek zurück, nicht um ſein künftiges Benehmen zu erwägen, ſondern um die Vergan⸗ genheit an ſich vorübergehen zu laſſen. Es war wirkliche Wahrheit, daß das Geſpräch von heute Morgen finſtere, bittere und ſtödtliche Empfindungen, die ſeit Jahren ge⸗ ſchlummert, wieder erweckt hatte, und er fühlte, daß er Mr. Dudley nicht ſehen könne, ohne ſich vorher zu beruhi⸗ gen, damit nicht Regungen zum Vorſchein kämen, die er ſorgfältig vor Aller Augen zu verbergen wünſchte. — 121 Neuntes Kapitel. Mit ſtiller, katzenähnlicher Wachſamkeit beobachtete Mr. Filmer Alles, was zwiſchen Eda Brandon und Ed⸗ ward Dudley vorging. Nicht Worte waren es, die er be⸗ wachte, ſondern Blicke und Gebärden, unwillkürliche ſo gut wie willkürliche, die unbedeutenden eben ſo wohl wie die wichtigeren— Nichts entging ihm; nicht der zufälligſte Zug, noch das leiſeſte Zeichen einer vorübergehenden Er⸗ ſchütterung— nicht der raſche Blick des Auges, zurückge⸗ zogen ſo ſchnell wie geſpendet, nicht die zitternde Hand, noch die bebende Lippe, noch der unwillkürliche Seufzer— nicht die Zerſtreutheit, noch das plötzliche Aufſchlagen des Blickes nach dem geliebten Antlitze entſchlüpfte dem Manne, der die menſchliche Natur gar wohl kannte und das Beob⸗ achten zu ſeinem Gewerbe gemacht hatte.„Sie lieben,“ lautete ſein Schluß,„und ſind mit einander einverſtanden. Der heutige Rückweg hat beſchloſſen, was ſchon ſeit lange begonnen zu ſeyn ſcheint.— Was läßt ſich nun Gutes aus dieſer Sache ziehen?“ Es iſt eine ganz gewöhnliche Berechnung, die er hier anſtellte, die aber ſehr häufig auch irre führt. Wer Andere nach Befriedigung ihrer Leidenſchaften ſtreben ſieht, wird durch die Gelegenheit gar oft verleitet, ſie nach ſeinen eige⸗ nen Zwecken leiten zu wollen; was dann auch immer ſich zutragen mag, er wird ſich ſtets dabei fragen: was läßt ſich Gutes aus dieſer Sache ableiten?' ſtatt— was weit ſicherer wäre— zu forſchen: läßt ſich mit Ehre und Anſtand 4 122 irgend etwas daraus machen?* Früge er ſo, dann könnte es ihm vielleicht gelingen, während er auf die andere Art faſt jeden Tag Rückſchläge erlebt. Mr. Filmer hatte jedoch ſeine eigenthümlichen Abſich⸗ ten, die ihm eine eigenthümliche Bahn vorzeichneten, und eben dieſe Lage gab allen ſeinen Handlungen die beſtimmte Richtung. Der römiſche Prieſter ſteht allein inmitten der Welt, von den theuerſten Banden unſerer Natur durch eine unüberſteigliche Schranke geſchieden; er mag Sympathien nähren, aber ſie ſind jedenfalls nur eng und verſtümmelt; er mag Neigungen empfinden, doch muß er ſie feſſeln und beſchränken. Ein vorherrſchendes Ziel ſchwebt ihm vor Augen— nur eine Laufbahn iſt ſeinen Anſtrengungen er⸗ öffnet. Er ſteht allein in der Welt, nicht ſowohl ein Diener Gottes, als vielmehr der einer Hierarchie, deren Vergröße⸗ rung und deren Intereſſen ſeine ganze Thatkraft gewidmet ſeyn muß, und für deren Zwecke er alle ſeine Talente aufzu⸗ bieten hat. So lange er die Befriedigung jeder Neigung oder Leidenſchaft in den Kreis, worein der ganze Verlauf ſeiner Erziehung von den früheſten Jahren an ſein Pflicht⸗ gefühl eingeengt hat, zu bringen vermag, kann er ſie viel⸗ leicht gerade um des engen Bereiches willen um ſo inten⸗ ſiver— faſt hätt' ich geſagt um ſo wilder und ſchranken⸗ loſer— gewähren laſſen; ſobald er jedoch jene Grenze über⸗ ſchreiten will, erfaßt ihn der verſteinernde Einfluß einer Alles bewältigenden Kirche, und verwandelt den Menſchen in den bloßen Repräſentanten eines Syſtems. Dies war auch Mr. Filmer's Lage. Er war keineswegs 123 ohne feurige, heftige, ungeſtüme Leidenſchaften, nur waren ſie einer ſtrikten Regel unterworfen, und von dieſem mächtigen Siege ausgehend, war es ihm im Allgemeinen leichter, auch die Gemüther Anderer zu unterjochen. Er war nicht ohne be⸗ deutende Fähigkeiten— Fähigkeiten, die ihn beinahe zum Genie ſtempelten: mit einem Wort, er hätte ein großer Mann ſeyn können, wäre er nicht genöthigt geweſen, den Argliſtigen zu machen. Alllein ein Prieſter dieſer Kirche, mitten unter einer abgeneigten Bevölkerung, kann unmöglich anders ſeyn: ſeine Religion iſt nicht die der Offenheit und Reinheit; ihre Mittel ſind verhüllt, ihr Pfad gekrümmt und nie gerade. Selbſt in dem Falle mit Dudley blieben ſeine Leidenſchaften nicht ſtumm; aber er war darauf gefaßt, dem großen Zwecke ſeines Daſeyns jedes perſönliche Gefühl zu opfern, und er bewachte ihn, wie geſagt, indem er ſich fragte:„Wozu laſſen ſich wohl die eintretenden Ereigniſſe benützen?“ Dudley war jedoch nicht der Einzige, den er bewachte, auch nicht Dudley und Eda— Sir Arthur Adelon war ebenſo während des ganzen Abends für ihn ein Gegenſtand aufmerkſamer Erwägung. Es lag etwas in ſeinem Weſen, was dem ſcharfen Auge des Prieſters bewies, daß ihm nicht wohl zu Muthe war, daß etwas in der Bruſt des Baronets arbeitete, und er wunderte ſich, daß es ihm nicht ſogleich enthüllt wurde, da Sir Arthur Adelon das Geheimniß ſeiner Gedanken nicht oft vor ihm zu verhehlen pflegte. Sein gan⸗ zes früheres Leben lag vor Filmers Augen ausgebreitet, und vieles von dem, was geſchehen, war zwiſchen Beiden zu wiederholten Malen beſprochen worden: inſofern war alſo 124 nichts zu verhehlen, und der Prieſter ſah mit Staunen, wie Sir Adelon, wenn wirklich etwas auf ſeinem Morgenaus⸗ fluge ſchief gegangen war, mehrere Stunden lang daſitzen konnte, ohne ihm die Sache mitzutheilen. Sir Adelon zögerte jedoch noch immer; nicht daß er auf die Vergangenheit zurückzukommen fürchtete— er ſcheute ſich blos, ſeine noch unſicheren Abſichten für die Zukunft preis⸗ zugeben. Er wußte, daß Filmer ein feſterer, entſchloſſenerer Mann war als er, und zweifelte, ob dieſer auch nur das geringſte Zugeſtändniß an die Furcht billigen würde. Daß er politiſch und abgefeimt war, wußte er; daß er dieſe Politik und Ab⸗ gefeimtheit zum Beſten ſe nes Gönners aufbieten würde— davon war er gleichfalls überzeugt: allein ihn peinigte die Beſorgniß, daß der Prieſter Maßregeln anrathen würde, die wenigſtens jetzt für ſeine Nerven zu kühn ſchienen. Wäre Sir Adelon zu einer kräftigen Vertheidigung gezwungen ge⸗ weſen, dann würde er wohl ſogleich des Prieſters Rath auf⸗ geſucht haben; aber ſo hatte er die Wahl zwiſchen zwei Wegen; er zögerte; Zögern iſt immer eine Schwäche und wird als ſolche auch immer die minder kluge Bahn ein⸗ ſchlagen. Schon zweimal während des heutigen Abends hatte er Filmers Auge mit forſchendem Blicke auf ſich ruhen ſehen. Er ſchloß daraus, daß jener etwas argwöhnte, und faßte ſomit den endlichen Beſchluß, ihm einen Theil zu enthüllen — ein halbes Vertrauen zu beweiſen; aber hierin betrog er ſich, wie alle Leute in ſolchen Umſtänden ſich betrügen, wenn ſie glauben, daß man einen Filmer, nachdem man ſeinen 125⁵ hellen, durchdringenden Blick ſchon ſtebenundzwanzig Jahre gekannt hat, auch nur einigermaßen irreführen könne. Das Mittageſſen verſtrich unter großer Fröhlichkeit, wovon nur der Hausherr ſich ausſchloß. Lord Hadley war in der beſten Laune; er ſaß neben Eda und machte ſich ſo angenehm, als mäßige Talente, feine Manieren und kein ſehr entſchiedener Charakter dies nur irgend erlaubten. Dud⸗ ley war ruhig, nicht ſo munter wie ſein junger Gefährte, aber gleichwohl mußte die Wonne, die in ſeinem Herzen lebte, gleich der Lampe in einer Alabaſterurne Helle und Frohſinn rings um ſich verbreiten. Filmer war wie gewöhnlich ſtill und geſetzt in ſeinem Weſen; zuweilen eindrucksvoll in ſeiner Sprache, wußte er oft die Heiterkeit der Anderen durch einen leiſen Scherz oder ein witziges Epigramm zu vermehren, deren Wirkung dadurch noch verſtärkt wurde, daß er von einer ſolchen gar nichts zu ahnen ſchien. Eda ſtand ſehr bald, nachdem das Deſſert ſervirt wor⸗ den, von der Tafel auf. Sie befand ſich in einem Seelen⸗ zuſtande, daß ſie ſich nach der Einſamkeit ihres eigenen Zim⸗ mers ſehnte; denn Nachdenken, ruhiges, ununterbrochenes Nachdenken mußte ihr in jenem Augenblick ſehr ſüß erſcheinen. Sie liebte und wurde geliebt, und empfand es mit unend⸗ licher Befriedigung, daß es in ihrer Macht ſtand, ihn, dem ſie ihre Neigung ſeit Jahren gewidmet hatte, der ihre höchſte Achtung beſaß und, wie ſie wußte, eine hohe Stellung wohl verdiente, aus unverdientem Unglück zu der Höhe zu er⸗ heben, die er zu ſchmücken von Geburt beſtimmt war. Der Gedanke gewährte ihr in der That eine tiefe Wonne, und 126 Eda hing ihm ſo lange nach, bis ihre Augen ſich mit Freu⸗ denthränen füllten. Noch eine Viertelſtunde nach ihrem Abgange hielt Sir Arthur Adelon an der Tafel aus, indem er den Wein mit etwas nervöſer Haſt umhergehen ließ und ein abgebrochenes Geſpräch unterhielt, wobei ſeine Gedanken gar oft abweſend waren, bis er endlich laut über den Tiſch hinüberrief: „Filmer, mein verehrter Freund, ich wünſche Sie auf einige Minuten zu ſprechen.— Lord Hadley, Mr. Dudley, Sie müſſen den Wein während unſerer Abweſenheit nicht ſtehen laſſen; ich werde unverzüglich wieder zurückkommen.“ Hiemit brach er auf und ging dem Beichtvater voran, der ihm mit ruhigem Lächeln nach der Bibliothek folgte und unterwegs vor ſich hinmurmelte: „Was die Männer ſchüchtern thun, fangen ſie immer auch ungeſchickt an; ſie unterſcheiden ſich hierin weſentlich von den Frauen, bei denen Schüchternheit zur Grazie wird. Adelon hat zwanzigmal Gelegenheit gehabt, mit mir zu re⸗ den, und hat jetzt natürlich die allerunpaſſendſte gewählt.“ „Nun, Filmer,“ begann der Baronet, faſt noch ehe er die Thüre geſchloſſen hatte,„ich habe über etwas von der höchſten Wichtigkeit mit Ihnen zu reden.“ „Das dachte ich mir, Sir Arthur,“ gab Mr. Filmer zur Antwort.„Was iſt es?“ „Warun dachten Sie's?“ forſchte ſein Freund, nicht wenig überraſcht und einigermaßen ängftlich. „Weil mir ſchien, als ob Sie über etwas verdrießlich wären,“ verſetzte Filmer.„Es läßt ſich leicht— nur zu 127 leicht bemerken, wenn Ihnen nicht wohl zu Muthe iſt, Sir Arthur. Der harmloſen Jugend mögen ſolche Dinge nicht auffallen; aber wer ſo viele Jahre, ich darf wohl ſagen, Ihr Freund geweſen, wird Ihnen jeden Verdruß im Au⸗ genblick anmerken; und ein ſehr ſcharffinniger Beobachter von Gefühlen und Handlungen— was ich jedoch keines⸗ wegs zu ſeyn behaupte— würde Ihr Unbehagen ohne Zwei⸗ fel entdeckt haben, auch ohne des Vortheils einer ſo langen Bekanntſchaft zu genießen.“ Dieſe Worte— und das hatte er beabſichtigt— ſtei⸗ gerten Sir Arthur's Verlegenheit immer mehr; gleichwohl verfolgte er ſeinen Weg und ſuchte ſo gut wie möglich zu verbergen, daß er überhaupt etwas im Rückhalt hatte. „Ei, Filmer,“ verſetzte er,„Sie wiſſen ja, der Menſch kann ſeine Natur nicht ändern und die Sache iſt der Art, daß ſie wohl Unruhe erzeugen kann. Sie erinnern ſich doch der Geſchichte mit Charles Dudley und zweifeln gewiß nicht, daß dies ſein Sohn iſt, den wir hier haben?“ „Nein,“ gab Filmer trocken zur Antwort;„das wußten wir aber ſchon geſtern Abend. Ich war meiner Sache ſicher, ſobald ich das Hintertheil ſeines Kopfes ſah, und Ihre Miene ließ keinen Zweifel übrig, daß Sie dieſelbe Entdeckung ge⸗ macht hatten.“ „Sein erſter Anblick und die Gefühle, die dieſer Anblick hervorrief, verkündeten mir unwiderleglich, wer vor mir ſtand,“ bekannte Sir Arthur Adelon in bitterem Tone.„Aber hören Sie mich einen Augenblick, Filmer— nur einen Augenblick hören Sie mich: es ſteckt noch mehr dahinter. 128 Sie erinnern ſich doch gewiß noch der Geſchichte mit Charles Dudley— der mein Freund war und Gefährte, mein Ne⸗ benbuhler und Feind und endlich mein Bekannter—“ „Und Ihr Opfer,“ murmelte Filmer ſo leiſe, daß Sir Arthur Adelon die Worte nicht vernahm, ſondern fortfuhr: „Und mein Schuldner. Sie erinnern ſich ebenſo ge⸗ wiß der Wahl, um die wir uns ſtritten, und meiner Advo⸗ katen, der Herren Sherborne und Norries?“ „Gewiß,“ antwortete Filmer,„der Eine die Seele der liſtigſten Intriguen— abgefeimt, durchdringend, pfiffig und treulos; der Andere die Verkörperung republikaniſcher That⸗ kraft und Entſchloſſenheit— raſch und unüberlegt, aber voll Feuer und Fähigkeit. Er war vor Kurzem in den Chartiſten⸗ aufſtand verwickelt, wurde mit ſeinen Genoſſen ergriffen und— wenn ich mich recht erinnere— in das Gefängniß zu York geſperrt—“. 3 „Woraus er nach zwei bis drei Tagen entkam,“ vollen⸗ dete Sir Athur Adelon.„Das müßte in der That ein feſter Kerker ſeyn, der ihn zurückhalten ſollte. Sherborne iſt todt; Norries aber lebt, beſindet ſich wohl und iſt in dieſem Lande.“ „Das hat nicht viel zu bedeuten,“ meinte Filmer; „Sherborne war der einzige Gefährliche, und er iſt fort. Ihre ganze Verbindung beſtand bloß mit ihm, beſter Freund — wenigſtens ſo weit ich weiß, und ich denke, ich habe jeden Brief geſehen.“ Die Worte ich denke ſprach er in etwas zweifelhaftem Tone, als ob er des vollen Maaßes von Sir Arthur's 129 Vertrauen nicht ganz gewiß wäre; der Baronet verſicherte jedoch aufs Eifrigſte: „Jeden, mein Freund, jeden; viele, wie Sie wiſſen, waren ja von Ihnen ſelbſt diktirt.“ „Richtig!“ bemerkte der Prieſter—„richtig! Ich bin froh, daß es ſo iſt— ich ſage, ich bin froh, Sir Arthur, weil es nicht mehr als billig war, daß jener Mann einen Stoß erlitt. Nicht zufrieden, eine reiche Katholikin, die von ihren Verwandten einem Manne ihres eigenen alleinſelig⸗ machenden Glaubens verſprochen war, geheirathet zu haben, verleitete er ſie vom Pfade der Wahrheit auf den des Irr⸗ thums und hatte ſchon nach zwölf Monaten ihre Seele mit all den falſchen ketzeriſchen Lehren angefüllt, worin er ſelbſt auferzogen worden. Es war gerecht und billig, Sir Arthur, daß man ihn nicht auf dieſer Bahn fortfahren, ſondern ge⸗ rade hier die Folgen jener Handlungen empfinden ließ.“ „Ja,“ erwiederte Sir Arthur Adelon;„aber laſſen Sie ſich ſagen, mein theurer Freund, jene Papiere find von großer Wichtigkeit. Ihr Ruf wie der meine iſt comprom⸗ mittirt, wenn ſie jemals ans Licht kommen ſollten—“ „Sie ſagten mir ja, ſie ſeyen verbrannt,“ entgegnete Filmer, deſſen Miene nicht mehr ſo feſt und ruhig war, wie zuvor.. „Ja, ſo hat Sherborne aufs Feierlichſte verſichert, und gleichwohl war es nicht die Wahrheit,“ erklärte Sir Arthur Adelon.„Sie befinden ſich alle in den Händen dieſes Norries und er gebraucht jedes erdenkliche Mittel, um ſie für ſeine Zwecke nutzbar zu machen.“ James. Der Ueberwieſene. 9 Dies war, wie der Leſer weiß, im Weſentlichen richtig, denn Sir Arthur Adelon gehörte zu den Menſchen, die nicht gerne eine offenbare Lüge ſagen, auch wenn ſie einen Betrug in Abſicht haben; er wollte dem Prieſter mit ſeinen Worten eine ganz andere Meinung von Norries' Planen beibringen, während er immer noch auf die eigentlichen Bedingungen zurückkommen und eine ausführlichere Erklärung beifügen konnte, als Mr. Filmer für jetzt vorausſichtlich von ſelbſt zu geben vermochte. Der Prieſter beſann ſich. „Was kann er damit anfangen?“ fragte er endlich, noch immer in nachdenklichem Tone„Sie können ihm nur wenig nützen: die Zeit iſt längſt verſtrichen— die Umſtände gänzlich vergeſſen; Charles Dudley von St. Auſtin's iſt todt—“ 3 „Aber ſein Sohn lebt,“ ſiel der Baronet hitzig ein, ungeduldig daß ſein Gefährte die Wichtigkeit der Dokumente nicht alsbald erkannte—„ſein Sohn lebt. Norries weiß, daß er hier iſt, und droht, ihm die Papiere ſammt und ſon⸗ ders einzuhändigen.“ „Das wäre allerdings unangenehm,“ meinte Filmer. „Sie hatten zwar vollkommen Recht, ſo zu handeln, wie Sie gethan haben— wenigſtens iſt dieß meine demüthige Mei⸗ nung; aber jedenfalls hat man es nicht gerne, alle geheimen und vertrauten Mittheilungen an ſeinen Anwalt dem Sohne des Gegners bloßgelegt zu ſehen.“ „Gerne— nicht gerne!“ rief Sir Arthur heftig; „Sie bedienen ſich heute Abend wunderbar kalter Ausdrücke, 131 Mr. Filmer. Ha, es waͤre mein Untergang, meine Ver⸗ nichtung! Ich bitte Sie, rufen Sie ſich nur alle Einzelheiten der Sache ins Gedächtniß. Erinnern Sie ſich, was geſchah, um ihn bei der Wahl von einer Ausgabe zur andern zu verleiten. Erinnern Sie ſich alles deſſen, was Sherborne angab und was hernach ausgeführt wurde.— Auch jener Petition gegen ſeine Wiedererwählung bedenken Sie und was zwiſchen unſern Leuten und ſeinen Agenten verabredet wurde; endlich die Geſchichte mit der Annullirung ſeiner Dokumente— Sie müſſen es wohl vergeſſen haben.“ „O nein,“ behauptete der Prieſter;„ich habe es nicht vergeſſen, Sir Arthur, und ich wiederhole, es wäre unan⸗ genehm, ſehr unangenehm.— Was verlangt dieſer Norries für die Papiere?“ „O ſehr viel,“ verſetzte Sir Arthur Adelon noch immer mit jener Art geiſtigen Vorbehalts, die er bei Zeiten gelernt hatte;„mehr— weit mehr, als ich zu bewilligen geneigt bin; aber ich werde ihn heute Nacht noch ſehen. Wir haben ein Stelldichein zu Barhampton und ich werde dort erfahren, wie weit ſeine wahre Forderung ſich erſtreckt.“ Der Prieſter beſann ſich mehrere Minuten mit ernſter etwas ängſtlicher Miene. „Norries,“ ſagte er endlich,„war ein wilder ziemlich excentriſcher, aber— ſo weit ich beurtheilen konnte— ein billiger ehrlicher Mann. Auch ſeine Abſichten, wenn gleich einigermaßen ausſchweifend, wie denn ſeine Handlungen manchmal unzeitig waren, hatten wenigſtens alle die rechte 9 2 Richtung. Ich fürchte, Sir Arthur, wir haben das früher gewonnene Terrain wieder verloren.— Die Sache iſt die, mein trefflicher Freund: Die römiſche Kirche, wie man ſie nennt, die katholiſche Kirche, was ſie in Wirklichkeit iſt, hegt nicht, wie die Leute glauben, jenes Streben nach ariſtokrati⸗ ſcher Auszeichnung, wie ſie ſich hier zu Lande geltend ge⸗ macht hat. Sie könnte recht wohl die Worte bürgerliche Freiheit, geiſtige Unterwerfung' auf ihr Banner ſetzen. Sie achtet alles Althergebrachte, darunter auch altes Blut, iſt aber ſicherlich der Gegner einer aus dem Volke entſpringen⸗ den und auf Reichthum gegründeten Ariſtokratie, wenn ſte auch an ſich ſelbſt eine geiſtige Republik genannt werden kann, wo jeder nach ſeinen Gaben und Fäͤhigkeiten mit Got⸗ tes Gnade den höͤchſten aller Grade, ſogar St. Petersſtuhl ſelber erringen kann, wie wir ſchon oft geſehen haben.— Wie in allen Republiken ſo wird aber auch hier vollendete Unterwerfung unter die herrſchende Gewalt verlangt, obwohl in den Synoden und Concilien ein Correctivmittel gegen den Mißbrauch der oberſten Gewalt gegeben iſt. Es iſt allerdings eine Hierarchie, aber eine, die allen Menſchen offen ſteht, und als ſolche ein Gegner aller Laiengewalt, welche immer zum Widerſtand gegen den milderen Einfluß geiſtiger Macht ge⸗ geneigt iſt.“ „Was hat aber dies Alles mit unſerer Frage zu ſchaffen?“ rief Sir Arthur Adelon, nicht begreifend, was der Leſer wohl bereits bemerkt hat, daß nämlich der Prieſter ſeine mit den unmittelbaren Gegenſtänden nur loſe zuſam⸗ menhaͤngenden Gedanken in Worte kleidete, während er im 133 Geiſte all die ſchwierigen Punkte die vor ihm lagen noch ge⸗ nauer überlegte. „Was ich damit ſagen will, iſt dieſes,“ erklärte Mr. Filmer:„Man findet es auffallend, daß die Katholiken von Zeit zu Zeit Bewegungen unterſtützen, welche nach Repu⸗ blikanismus ſchmecken, und daß Demagogen ſich häufig aufs Engſte mit Katholiken verbinden; aber, wie ich oben gezeigt, jenes Bündniß iſt nichts weniger als unnatürlich, und die Abſichten dieſes guten Mannes Norries dürften wohl wie ſchon früher ſo auch jetzt von uns unterſtützt werden, ſogar wenn es nicht vollkommen gerecht und zu entſchuldigen wäre, ſich zu Erreichung eines großen über Alles wichtigen reli⸗ giöſen Zweckes, ſogar mit Männern, die in den untergeord⸗ neten Punkten der Politik unſeren Anſichten ſchnurgerade zuwider find, gemeinſame Sache zu machen, ſobald wir die Möglichkeit vorausſehen, die Wahrheit hiedurch fördern zu können.“ „Wie! Sie wollten alſo, daß ich mich jetzt mit ihm verbände?“ rief Sir Arthur höͤchlich überraſcht, denn Vater Peters Beweiſe ſtimmten mit Norries' Beweggründen ſo genau überein, daß ſich der Baronet kaum überreden konnte, ob nicht eine Mittheilung zwiſchen dem Chartiſten und dem Prieſter ſtattgefunden habe. „Das ſagte ich nicht geradezu,“ meinte Filmer.„Der Menſch ändert ſeine Anſichten haͤufig im Laufe weniger Jahre. Wie die jenes Mannes jetzt beſchaffen ſeyn mögen, weiß ich nicht; früher war er ein eifriger Verfechter der vollkommenſten Freiheit in religiöſen Meinungen— er war 134 damals dafür, daß man die ſogenannte Staatskirche völlig umſtürzen und es jedem Einzelnen überlaſſen ſolle, dem Glauben zu folgen, der ihm der beſte dünke.“ „Aber, mein ehrwürdiger Freund,“ rief Sir Arthur Adelon,„das ſind doch gewiß Grundſätze, die Sie niemals unterſtützen, ja nicht einmal dulden würden Gerade die religiöſen Anſichten waren es einzig, worin ich mich von Norries unterſchied.“ Der Prieſter lächelte mit jenem ruhigen ſüßſauren Zucken(wie Heine es ſchimpft), das einen gewiſſen, obwohl mäßigen Grad von Triumph an ſich trägt— den Triumph nämlich überlegener Pfiffigkeit. „Ich würde ſie unterſtützen, bis ihre Stunde gekommen wäre,“ bemerkte er.„Ich erinnere mich eines weiſen Stratagems, das einſt ein großer General bei Belagerung einer rebelliſchen Stadt anwendete. Die Einwohner hatten den an einer Seite der Stadt vorüberſtrömenden Fluß ein⸗ gedämmt und ſo dieſen Theil ihrer Mauern vor jedem An⸗ griffe geſichert; der aufgeworfene Damm lag unter dem direkten Feuer eines ihrer ſtärkſten Werke und wurde dadurch unangreifbar. Der oben erwähnte General wußte jedoch durch lange angeſtrengte Arbeit den Lauf eines noch größeren Stromes in jenen erſtgenannten zu leiten; die mächtige Waſſermaſſe riß alle Schranken nieder, der Fluß nahm wie⸗ der ſein gewohntes Bette ein, und die angreifende Armee eroberte die Stadt im Sturme gerade von der Seite, wo man ſie für uneinnehmbar gehalten hatte.— Nun ſehen Sie, mein theurer Freund, die katholiſche Religion iſt die 135 angreifende Armee; die rebelliſche und belagerte Stadt iſt dieſes England; der überſchwemmte Strom, der uns ver⸗ theidigt, iſt die Mäßigkeit und Tolerenz der Anſichten; der Damm, der die Waſſer angeſchwellt hält, iſt die ketzeriſche Kirche dieſes Landes und wir brauchen alſo, um unſerer Armee eine freie Bahn zu öffnen und den endlichen Triumph zu ſichern, nichts weiter zu thun, als den Strom zügelloſer Freiheit gegen jenen Damm loszulaſſen, bis dieſer völlig umgeſtürzt iſt.“ Der Baronet ſchwieg und überlegte mehrere Minuten theils die neuen Anſichten, die ſein Gefährte ihm vorgewogen hatte, theils auch die Frage, ob er in ſeinem Vertrauen wei⸗ ter gehen ſollte, als er urſprünglich beabſichtigt hatte. Che er jedoch zum Sprechen kam, fuhr Mr. Filmer alſo fort: „Ich will nun keineswegs ſagen, Sir Arthur, daß ich Ihnen irgend raſche oder gefährliche Schritte anrathen möochte; im Gegentheil, glaube ich, thäten Sie weit beſſer, wenn Sie zwar die geiſtige Bewegung ermuthigten, aber jeder Berufung an die Gewalt aufs Stärkſte widerſtrebten, bis das Land viel beſſer als eben jetzt hiezu vorbereitet iſt. Zeigen Sie ſich auf der Chartiſten Seite, ſo kann dies ihren Schritten Kraft verleihen, kann viele Anhänger, die jetzt bloß durch Schüchternheit und Furcht zurückgehalten werden, zum offe⸗ nen Beitritte bewegen, und ihnen im Zuſtandebringen jenes Gaukelwerks von Macht, Anſehen und Ueberzahl behulflich ſeyn, das— wofern es ſich erlangen läßt— am Ende jeden Widerſtand beſiegt. Der Geiſt dieſes Volkes iſt, wie Sie wohl wiſſen, ſo ſonderbar geſtaltet, daß ſelbſt die abſurdeſte 136 Frage, die falſcheſte Anſicht, die ſchlimmſte verderblichſte Maßregel den Anhang der großen Menge gewinnen kann, ſobald man dieſe durch Wahrheit oder Falſchheit zum Glau⸗ ben bringt, daß Sie durch Anſehen und Ueberzahl geſtützt werde. Ich bin überzeugt, wenn ich das Volk von England überreden könnte, daß eine bis zwei Millionen Atheiſten im Lande die Aufhebung jeglicher religiöſen Verehrung ver⸗ langten, ſo ließe ſich die große Mehrheit des Volkes gewiß dazu bringen, ihrem Gotte zu entſagen und jede Spur von Religion im Lande zu verwiſchen, denn auf der ganzen Welt gibt es kein Weſen, das für moraliſche Anſteckung empfäng⸗ licher waͤre, als der Engländer.“ „Das iſt eine düſtere Anſicht von der Sache,“ meinte Sir Arthur Adelon. „Aber eine wahre,“ antwortete Filmer,„ſonſt wäre England noch jetzt katholiſch.— Doch um auf die Papiere zurückzukommen: Sie werden, wie Sie ſagen, Norries heute Nacht noch ſehen; dann müſſen Sie entdecken, wie weit ſeine Forderung geht. Ich würde ihm an Ihrer Stelle keinerlei Verſprechen leiſten, bis ich Zeit zum Nachdenken und zur Ueber⸗ legung gehabt hätte— aber ebenſowenig würde ich ihm ſein Verlangen— d. h. geradezu— abſchlagen, bis wir zuſam⸗ men berathen haben.— Ich will mit Ihnen gehen, wenn Sie mit ihm ſprechen wollen.“ „Ich glaube kaum, daß er ſeine Abſichten vor einem Dritten eröffnen würde,“ fiel Sir Arthur haſtig ein;„da es aber immer gut iſt, mein ehrwürdiger Freund, auch auf das Schlimmſte gefaßt zu ſeyn, ſo laßt uns betrachten, was ge⸗ 137 ſchehen muß, wenn dieſer Mann übermäßige Forderungen ſtellen und mir jede Zeit zur Ueberlegung verweigern ſollte.“ „Dann ſagen Sie natürlich Nein,“ erwiederte Filmer; „wir wollen dann ſeine Maßregeln durch die unſeren beant⸗ worten.“ 4 „Ich ſehe nur nicht ein, welche Maßregeln wir ergrei⸗ fen können,“ gab der Baron finſter zur Antwort.„Er würde die Papiere augenblicklich dieſem jungen Manne einhändigen, und unſere Schmach, unſer Untergang und Verderben wären die Folgen davon.“ „Sollten Sie finden, daß ein ſo raſches Verfahren von ihm zu beſorgen iſt,“ lautete Filmers Rath,„ſo müſſen wir dieſen Dudley ſelber an uns zu feſſeln ſuchen, entweder in⸗ dem wir ihn zum wahren Glauben zurückbringen, oder—“ „Dazu iſt keine Ausſicht— dafür iſt keine Möglichkeit!“ rief der Baronet, ihn mit ungeduldiger Gebärde unterbre⸗ chend.„Sie glauben, Filmer, Ihre Beredtſamkeit vermöge Alles; aber eben ſo gut könnten Sie die St. Peterskirche vom Flecke rücken und in der Hauptſtadt Englands nieder⸗ ſetzen, als Sie einen dieſes halsſtarrigen Ketzergeſchlechtes zum wahren Glauben zurückbrächten!“ „Sie ſind durch Vorurtheile eingenommen, mein Freund,“ verſetzte Filmer ruhig:„doch glauben Sie ja nicht, daß ich mich auf meine eigene Beredtſamkeit verlaſſe. Sie vermag ja ohnehin nichts ohne die Hülfe von Oben, und die Stimme der ächten Kirche iſt mächtig. Aber auch zeitliche Mittel dürfen nicht verſäumt werden, und ich ſehe einen Weg vor mir, um ihn trotz aller Urſachen, die er zur Feind⸗ 138 ſeligkeit haben mag, ſo vollſtändig dahin zu bewegen, daß er die Handlungen der Vergangenheit in Vergeſſenheit be⸗ gräbt und lieber Ihre Freundſchaft als Ihren Haß ſucht; ſelbſt was ſeine Rückkehr in den Schoos der Kirche betrifft, bin ich nicht ohne große Hoffnungen auf Erfolg. Sollten ſich übrigens dieſe Hoffnungen als eitel bewähren, mein theurer Sir Arthur— ſollte er ſich taub zeigen gegen die Stimme der Wahrheit, hartnäckig in ſeinem Irrthum und rachſüch⸗ tigen, erbitterten Gemüths, ſo müſſen wir das Recht der Selbſtvertheidigung, das jedem Geſchöpfe zuſteht, gebrauchen, und mit feſtem entſchloſſenem Geiſt, aber mit Klugheit und Geſchick alle ſeine Angriffe auf ihn ſelbſt zurückſchleudern, und ihm ohne Zoögern oder Furcht Schlag auf Schlag ver⸗ ſetzen, bis er entweder dem Sturme unterliegt, oder ſeiner Sicherheit halber zur Flucht gezwungen wird.“ Seine Stirn zog ſich in ſtrenge entſchloſſene Falten, während er alſo ſprach, und Sir Arthur Adelon war mit ſeiner unerſchütterlichen Entſchloſſenheit in der Stunde der Gefahr, mit ſeiner freien umſichtigen Politik in Zeiten der Noth ſo wohl vertraut, daß er neuen Muth aus dem Muthe ſeines Gefährten ſchöpfte und ſich mit einem Laͤcheln bitte⸗ rer Freude dem Gedanken hingab, wie die Rache, die er bereits auf den Vater gehäuft, auch zur Vernichtung des Sohnes fortgeſetzt werden könnte. Für jetzt begnügte er ſich jedoch mit der Bemerkung: „Wie dieſe beiden Zwecke erreicht werden ſollen, kann ich nicht abſehen.“ „Das überlaſſen Sie mir,“ gab Filmer mit zuverſicht⸗ 139 lichem Tone zur Antwort.„Ich denke, Sir Arthur, Sie haben noch nie erlebt, daß ich hinter dem, was ich zu leiſten verſprochen, zurückgeblieben wäre. Ich will meine Plane zur Reife bringen, will mir den Boden für beide Wege eb⸗ nen, und trotz mancher Hinderniſſe, die einen ſchwachen, unentſchloſſenen oder unerfahrenen Mann einſchüchtern könn⸗ ten, werde ich mich nicht beunruhigen laſſen. Im Gegentheil betrachte ich es oft als einen wahren Segen Gottes, daß ich in eine ſtille, ruhige Lebensſtelle verſetzt bin und einen hei⸗ ligen Beruf gewählt habe, der die ſtürmiſchen Bewegungen unſerer Natur regelt und ordnet; denn ich finde immer eine Art Triumph und Herzensfreude daran, wenn die Umſtände mich nöthigen, gegen verwickelte und bedenkliche Schwierig⸗ keiten zu kämpfen und hartnäckige anſcheinend unüberſteig⸗ liche Hinderniſſe zu überwinden, die mich— falls ich von dieſen weltlichen Dingen nicht ausgeſchloſſen wäre— zu dem Kampf und der Mühe, zu der entwürdigenden Groͤße irdi⸗ ſchen Ehrgeizes hätten verlocken können.“ Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß er wirklich glaubte, was er hier ſagte, denn es gibt keinen Menſchen, der ſich nicht mehr oder weniger ſelber täuſchte. Wer aus Leiden⸗ ſchaft oder Intereſſe, durch ſeine Erziehung oder ſonſtige ſchlimme Beweggründe in die düſterſten Irrthümer verfällt, hat ſolchen Selbſtbetrug am allermeiſten nöthig. Das tiefe Nachdenken, in das er nunmehr verſank, war von einem finſteren Blicke des Stolzes begleitet, als ob er eher be⸗ dauerte, worüber er ſich eben ſo zufrieden geſtellt hatte— es war, als ob ein Schatten von der Schwinge des ge⸗ 14⁴0 fallenen Erzengels ſein Antlitz berührte. Plötzlich aber fuhr er wieder empor und ſchloß in ſeinem gewohnten gefaßten Tone: „Morgen früh wollen wir unſere alten Plane wieder beſprechen, Sir Arthur; für jetzt würden Sie ſich wohl beſſer zu Ihrer Conferenz wenden.“ „Noch nicht,“ verſetzte der Baronet aufſtehend.„Sie ſoll erſt um zwölf Uhr beginnen. Wir müſſen jedoch zu den jungen Leuten zurückkehren, ſonſt könnte ihnen unſer langes Ausbleiben auffallen.“ So ſprechend ging er nach der Thüre voran, und Fil⸗ mer hielt ihn blos noch ſo lange zurück, um ihm die Worte zuzuflüſtern: „Seyen Sie eingedenk, ſich unter keiner Bedingung bloßzuſtellen!“. 3 Zehntes Kapitel. Das Städtchen Barhampton— oder vielmehr der Ort, den ich ſo nennen will— iſt von ſehr unbedeutender Größe und treibt auch keinen ſonderlichen Handel, da die Eiſen⸗ bahnen es bis jetzt noch nicht erreicht haben; der nächſte Punkt bis zu einer dieſer ſonderbaren Anſtalten die den Menſchen durchs Leben und durchs Land hetzen, lag zu der Zeit, von der ich rede, faſt fünfzig Meilen von Barhampton entfernt. Gleichwohl war die Stadt ein Seehafen, und hätte ſie in der Nähe der Hauptſtadt, nicht fern von einer 141 andern wichtigen Stadt oder in einem bevölkerteren Diſtrikte gelegen, ſo wäre ihr wohl bei den beträchtlichen Vortheilen, deren ſie ſonſt genoß, aller Wahrſcheinlichkeit nach ein aus⸗ gedehnter, gewinnreicher Handel gewiß geweſen. Sie beſaß nämlich einen recht hübſchen, kleinen Hafen, für den der Menſch einiges, die Natur aber ſehr viel gethan hatte. Sein Waſſer war tief, und hätte eines der ſchwerfälligen Ungeheuer der Tieſe Raum darin gehabt, ſo hätte ſich ein Dreidecker mit ſechs Faden unter dem Kiel daſelbſt vor Anker legen können. Allein der Hafen war ſehr klein, und wäre ein Linienſchiff wirklich ſo kühn geweſen, ſo hätte es mit ſeiner Leeſegelſpiere vermuthlich des Hafenmeiſters Bureau am Ende des kleinen Dammes eingeſtoßen, während ſein Bugſpriet im Gaſthof zum Lord Nelſon zu den Fenſtern des erſten Stockwerks eingedrungen wäre. So waren denn zu allen Flutzeiten nur Boote und Käſtenfahrer von dreißig bis neun⸗ zig Tonnen, nie aber größere Schiffe im Hafen zu Bar⸗ hampton zu ſehen. Außerhalb des Hafens, in der ſogenannten Bai, war jedoch öfter, beſonders wenn der Wind geradezu aus Süd⸗ weſten kam, ein ganz ander Schauſpiel zu gewahren, denn dort ſchien die Natur allein nach weit größerem Maßſtabe gearbeitet zu haben. Zwei hohe, felſige Vorgebirge, an eini⸗ gen Punkten gegen anderthalb Meilen aus einander, liefen von der Hauptrichtung der Küſte gleich zwei rieſigen Mo⸗ los in die See hinaus. Das eine, das der Linie des ihn krönenden Höherückens folgte, war nahezu gerade; das an⸗ dere ſchwang ſich in einem weiten Kreisbogen viel tiefer in 142 den Ocean hinaus, näherte ſich aber allmälig wieder ſeinem Kameraden, ſo daß die Durchfahrt am Eingange dieſer prächtigen Bucht nicht über eine halbe Meile breit war. Von allen Winden, die von den Seeleuten mit beſonderen Namen getauft worden, waren es nur wenige, welche die tiefen, ſtillen Waſſer in dieſem von hohen Bergen eingeſchloſſenen Kreiſe heimſuchten, und dort ſah man denn bei tobenden Stürmen den reichen Kauffahrer wie das ſtattliche Kriegs⸗ ſchiff in ruhiger Sicherheit vor Anker liegen.— Die Ladungen kleiner den Hafen betretenden Fahrzeuge ausgenommen, wur⸗ den zu keiner Zeit andere von Barhampton ausgeſchifft, und jene erſteren hatten alſo die Stadt und das benachbarte Land mit einer Maſſe der verſchiedenſten Gebrauchsartikel zu ver⸗ ſehen. 4 ½ Gleichwohl mußte die Stadt in früheren Zeiten, wie es ſchien, ein Ort von ziemlicher Bedeutung geweſen ſeyn. Vom Rande des Hafens, an den Abhängen der Hügel hinanſtei⸗ gend, reichten ihre krummen, ſchlecht beleuchteten, ungekehrten und zerfallen ausſehenden Straßen bis zum Gipfel der Höhe, wo ſich eine Anzahl brſſerer Häuſer vorfand, ziemlich ſtatt⸗ lich von Ausſehen, altmodiſch in der Form und kalt und förm⸗ lich in ihrem Aeußern, wenn nicht etwa ein kleiner, zierlicher Garten davor lag, der mit chineſiſchen Aſtern, mit Dahlien und andern Herſtblumen prangte. Aber auch ſie konnten dem Ganzen keinen Anſtrich von Leben verleihen, oder wenn es geſchah, ſo war es jedenfalls nur ein Pflanzenleben. Keine Bewegung, keine Rührigkeit war in dem Orte zu bemerken; es ſchien als ob Alles ausgeſtorben ſey, und als ob die weni⸗ 143 gen Lebenden nur gekommen wären, um die Uebrigen zu be⸗ graben. Ueber dieſe Häuſer der beſſeren Klaſſen, wie man die reichen Leute nennt, ſah man noch einige ärmere Woh⸗ nungen den entgegengeſetzten Abhang des Höhenrückens hinablaufen und erſt jenſeits deſſelben kamen die alten Stadt⸗ mauern, zu einer Zeit erbaut und vervollſtändigt, da Bar⸗ hampton noch ein feſter Ort geweſen. Auch jetzt waren die Feſtungswerke noch nicht geſchleift, ſondern nur entwaffnet; ſtatt großer Kanonen und der frü⸗ heren Krieger, bärtig trotz der Parder ſah man jetzt auf den breiten Wällen nichts als Kindsmädchen und die Kleinen der Bürgerſchaft mit Lehrlingen kokettiren oder zu den leeren Schießſcharten hinausſchauen; Sonntags dagegen ſpazierte daſelbſt die große Maſſe der Stadtbewohner in heiterem Aufzuge, um die reine Luft und die weite Ausſicht zu ge⸗ nießen. Rings herum faſt in Geſtalt eines Hufeiſens von einer Hafenſpitze zur andern reichend und die ganze Stadt — wenn man ſie ſo nennen konnte— in ihrem Bereich ein⸗ ſchließend, liefen dieſe alten von der Zeit zernagten mit Moos bedeckten und vom Löwenmaul überwucherten Wälle. Keine Maurerkelle, kein geſchäftiger Meiſel hatte ſie ſeit mehr als zwei Jahrhunderten berührt, und Oliver Crom⸗ wells Kanonen, die ſo hart an ihnen angepocht, hatten noch immer Spuren hinterlaſſen, die ſogar durch die alles aus⸗ gleichende Hand der Zeit noch nicht verwiſcht waren. Der äußere Anblick des Platzes war keineswegs trü⸗ geriſch. Der Fortſchritt der Verbeſſerung war zu Bar⸗ hampton kein ſehr raſcher Schritt, wie denn in der That in 144 einem Zeitraume von fünfzig Jahren nur eine Verbeſſerung in der Stadt zu Stande gekommen, und der reformirende Ma⸗ jor, der dieſe Neuerung anempfohlen, genehmigt und glücklich durchgeführt hatte, für ſeine Kühnheit dadurch beſtraft wor⸗ den war, daß er von einem höchſt beträchtlichen Theile ſeiner Stadtgenoſſen für immer verabſcheut wurde. Die Groß⸗ that, von der ich rede, beſtand in der Erweiterung und an⸗ nähernden Geradlegung der Hochſtraße. Jetzt konnten allent⸗ halben auf derſelben zwei Kutſchen oder ſogar Wagen neben einander fahren, während früher höchſtens eine zu paſſiren vermochte; nur an gewiſſen Stellen hatte man der Straße eine gewiſſe Breite gegeben, um die Ab⸗ und Zugehenden zu hindern, daß ſie ſich unbeweglich in einander einzwängten. In früheren Zeiten hatte dieſe Straße eine gewiſſe Zickzack⸗ richtung verfolgt, die ihre Länge beinahe verdoppelte, und dies war offenbar geſchehen, nicht um die ſteilen Stellen zu vermeiden, ſondern eher um ſie aufzuſuchen, denn ſelbſt wenn man den Hügel hinabfuhr, hatte der Wagen eben ſo oft bergan, nur nicht gerade ſo lang als bergab zu fahren, und beim Heraufſteigen ſchien eine Höhe nur immer darum über⸗ wunden zu werden, damit man wieder hinabfahren und eine zweite aufſuchen konnte. 1 Dieſelbe neuerungsſüchtige Magiſtratsperſon die den gehäſſigen Akt der Straßenerweiterung vollzogen, hatte auch einen Widerwillen gegen die alten Stadtthore mit ihren ſchweren eiſernen Thüren, ihren Fallgattern und Zugbrücken blicken laſſen; aber da erhob ſich die ganze Stadt wie ein Mann, um ſeinem übereilten ſchauderhaften Vorhaben zu 145 widerſtehen. Umſonſt bewies er, daß mehr als ein Pferd vor der raſſelnden gebrechlichen Brücke zurückgeſcheut, um⸗ ſonſt machte er darauf aufmerkſam, daß eine höchſt achtungs⸗ werthe Dame an demſelben Fleck durch einen Fall in den Gra⸗ ben den Hals gebrochen hatte: das Volk meinte, die Pferde müßten toll, die Dame aber betrunken ſeyn, um ſo etwas zu thun, und der Major ſtarb gleich allen großen Patrioten, ehe er ſeine Plane zur Verbeſſerung ſeines Geburtsortes zu vollem Leben gedeihen ſah. Dreißig Jahre waren ſeit der Regierung dieſes Poten⸗ taten verſtrichen und über den Geiſt des Volkes zu Bar⸗ hampton war eine gewaltige Veränderung gekommen. Viele große Reformer lebten in dem Orte— Maͤnner, die nach einem vollſtändigen Umſturze aller Dinge ſeufzten— für die Rechte und Freiheiten des Volkes aufſtanden— welche ge⸗ wollt hätten, daß jeder Mann, ſo früh er nur immer wollte und bis zur ſpäteſten Stunde der Nacht Wachholderbrannt⸗ wein und andere herzſtärkende Getraͤnke verkaufen dürfe— welche Munizipalmißbräuche verbeſſerten und verdorbene Ge⸗ meindebeamte züchtigten— dem Bürgermeiſter und dem Alderman das Leben ſauer machten, die Grafſchaftsbehörden und Parlamentsmitglieder anbohrten, die Armenpfleger aus⸗ ſchimpften und ſogar den Büttel nichts mehr gelten ließen. Allein bei der Verbeſſerung ihrer Mittel und Wege vergaßen ſie gleichwohl, die Wege der Stadt zu verbeſſern: das ge⸗ hörte nicht unter ihre Reformanſichten. Verweigerten ſie ja doch eine Kirchenſteuer— wie konnte man alſo erwarten, daß ſie eine Pflaſter⸗ und Beleuchtungsſteuer votiren wür⸗ James. Der Ueberwieſene. 10 146 den? Sie waren gegen jede Art von Taxen, am meiſten aber gegen das Selbſttariren. Auflagen umgingen ſte, wo fie nur immer konnten; brummend entrichteten ſie ſolche, die ſte zu bezahlen gezwungen waren, betrogen die Mauth durch Verjährung, die Acciſe mit Liſt und hielten ſich für rein und mackellos, ſo lange ſie blos den Staat betrogen und dem Geſetze entwiſchten. Wie oft geſchieht es nicht bei den Menſchen, daß die Strafe weit eher als das Verbrechen für ſchimpflich gehalten wird! Es iſt mir jedoch nicht erlaubt, über die kleine Gemeinde zu Barhampton zu moraliſtren, und ich fahre alſo in der Geſchichte fort. Mit den Reformern gings immer beſſer und gedeihlicher: Anfangs wurden ſie offenbar von dem bloßen Geiſte der Neuerung getrieben; aber unter ihnen be⸗ fanden ſich einige Männer von groͤßerem Geiſt als die Ue⸗ brigen, und nachdem man ſich über die Nothwendigkeit großer durchgreifender Veränderung in Kirche, Staat und Muni⸗ eipalität verſtändigt hatte, ging man weiter und forſchte, welche Art von Veränderung wünſchenswerth ſey. Sie belehrten ſich über die Forderungen anderer Leute, und ſo ſchied ſich die Reformpartei der Stadt in drei abgeſonderte Theile, aus Whigs, Radikalen und Chartiſten beſtehend. Unter den Erſteren befanden ſich einige der achtbarſten und dummſten Männer der Stadt: die Radikalen begriffen die Mehrheit der Pöbelherrſchaft. Die Chartiſten waren Männer von enthuſiaſtiſchem Temperament, aufrichtigem Charakter und von einer in manchen Fällen auffallenden Geiſtesſtarke. Sie ſahen große ſociale Uebel vor ſich und 147 vergrößerten deren Ausdehnung mit Hülfe der Fantaſie; unvertraut mit den Einzelheiten öffentlicher Geſchäftsfüh⸗ rung, gewahrten ſie nur ein Heilmittel für die Krankheit des Staats, und bildeten ſich ein, dieſes Mittel ſey eine Panacee für ſämmtliche Leiden. Moraliſche Kraft war zwar in ihren Augen ein gutes Ding, aber phyſiſche Stärke hielten ſie doch noch für beſſer. Sie glaubten ſich gegen alle Nöthen ge⸗ wappnet und bereit, ihr Blut zur Unterſtützung deſſen, was ſie immer für gut gehalten hatten, zu vergießen, träͤumten von der Märtyrerkrone, im Dienſte ihres Vaterlandes er⸗ rungen— kurz es waren politiſche Fanatiker, obwohl ihrem ſehnlichen Verlangen nach Revolution kein geringer Theil ächter Vaterlandsliebe zu Grunde lag.— Die Radikalen ſtimmten bei den meiſten Veranlaſſungen mit ihnen, und darum betrachteten die Chartiſten jene damals als Brüder: der Bund war jedoch kein feſter, und in wichtigeren An⸗ gelegenheiten waren die Radikalen nicht uͤbel geneigt, es mit den Whigs zu halten. Dieſe Thatſache begann ſich kurze Zeit vor der Periode meiner Erzählung fühlbar zu machen. Die Chartiſten glaubten nämlich in vielen Punkten eine größere Ueberein⸗ ſtimmung zwiſchen ſich und den Tories als zwiſchen ihrer Partei und den Whigs zu finden; es hieß damals, manche Perſonen von toriſtiſchen Grundſätzen beſäßen mehr ächte Philantropie und wünſchten aufrichtiger als jede andere Klaſſe, die Lage der unteren Stände weſentlich verbeſſert zu ſehen. Dagegen beſtanden auch wieder fundamentale Ver⸗ ſchiedenheiten, die eine vollkommene Aſſimilation unmöglich 10* 148 machten, ſo daß ſie die Tories zwar mit freundlichen Augen betrachteten, ſich aber doch zu keinem großen Zwecke mit ihnen verbinden mochten. Dies war in Kurzem der phyſiſche und moraliſche Zu⸗ ſtand der Stadt, als Sir Arthur Adelon's Wagen durch ihre Thore rollte, welche ſeit einem halben Jahrhundert nicht mehr geſchloſſen worden waren, und nach eingelegtem Rad⸗ ſchuh die Hauptſtraße des Orts langſam hinabzufahren an⸗ fing. In dieſer Hauptſtraße lag der kleine Gaſthof zur Roſe, der neben vielen ſonſtigen Wirthshäuſern das einzige war, das Poſtpferde hielt und ſich mit dem Namen Hotel ehrte. Die Straßen waren erbärmlich finſter und beinahe leer, und Sir Arthur Adelon war nicht wenig unruhig bei dem Gedanken an das, was ihm bevorſtand. In der Hitze des Bluts und im Parteikampf geht der Mann kühn und geradezu auf das Ziel los, das ſeine eigenen Grundſätze ihm vorzeichnen, und wird mit Gefahr ſeines Lebens, ſeines Vermögens und alles deſſen, was Leben und Vermögen wünſchenswerth macht, jenes Ziel zu erreichen und ſeine Prinzipien zu bethäͤtigen ſuchen. Man laſſe ihn aber nach einem langen Stillſtande des Kampfes und Strei⸗ tes in friedlicher Ruhe zu denſelben Pfaden zurückkehren, und er wird mit ganz anderen Gefühlen darauf wandeln, auch wenn ſeine Hauptanſichten ſich nicht verändert haben, und ſeine Zwecke ihm noch ſo lobenswerth wie früher er⸗ ſcheinen. So war die Lage unſeres Baronets. Wer ihm hätte ins Herz blicken und nicht allein ſeinen jetzigen Zuſtand, 149 ſondern auch die Geſchichte ſeiner Empfindungsweiſe— wie ichs nennen möchte— hätte ſehen können, würde entdeckt haben, daß ſeine Anhänglichkeit an die extremen Anſichten, die er unterhielt, aus gekränkter Eitelkeit und einem verbit⸗ terten Geiſte hervorgegangen waren. Frühzeitige Täuſchungen hatten bei ſeinem hochmüthigen und etwas rachſüchtigen Weſen ſeine Gefühle gegen die Geſellſchaft im Allgemeinen erbittert, und als ihm ſpäͤter eine Peersſtelle die er wohl verdient zu haben glaubte, abgeſchlagen wurde, da ergriff ihn ein finſterer Mißmuth gegen Inſtitutionen, durch die er von der hohen Stellung, die er ſuchte, ausgeſchloſſen war, und er ſehnte ſich nun darnach, Andere von einer Höhe herab⸗ zuſtürzen, die er ſelbſt nicht zu erreichen vermochte. Es war kein regelmäßiger Vernunftſchluß aus ſolchen Vorderſätzen, der ihn zu den entſchieden demokratiſchen An⸗ ſichten, die er öfter laut geäußert hatte, führte; vielmehr gaben die Ereigniſſe ſeines fruͤheren Lebens ſeinen Gedanken jene allgemeine Richtung, die ihn Schritt für Schritt zu den extremen Gefinnungen verleitete, wie er ſie bei den beiden beſtrittenen Wahlen zu Yorkſhire ausgeſprochen hatte. Auch jetzt, obwohl in vorläuſige Apathie verſunken, wurde ſeine Ueberzeugung weder durch Jahre noch durch Erfahrung im Geringſten gemäßigt: er hatte zwar keine Luſt, ſo viel zu riskiren oder ſich in ſo unüberlegte Unternehmungen einzu⸗ laſſen, wie er es in den unbeſonnenen Tagen ſeiner Jugend gethan hätte; aber die lange vergrabene Saat ſchlummerte noch immer in ſeiner Seele und bedurfte nur der Wärme und Pflege, um ſo friſch und grün wie immer emporzuſchießen. 150 Gleichwohl ſah er nur mit großer Aengſtlichkeit Be⸗ rathungen entgegen, die ihn, wie er fühlte, nur allzuleicht über den Punkt, wo die Klugheit ihm inne zu halten befahl, hinausführen konnten, und als ſein Wagen am Thore des Gaſthofs anhielt und außer der einſamen Lampe über dem kleinen Thürvorſprung kein weiteres Zeichen wachenden Le⸗ bens zu bemerken war, hoffte er beinahe, ein Zufall möchte das Meeting verhindert haben. Im nächſten Augenblick ſchimmerte jedoch ein Licht durch die Glasthüre, und ein Kellner näherte ſich dem Kutſchentritt mit der Meldung: „Der Gentleman gebot mir, Sir Arthur zu ſagen, daß er in wenig Minuten zurück ſeyn werde.“ An ein Entrinnen war nicht mehr zu denken. Der Baronet biß fich auf die Lippe und folgte dem Kellner in das Gaſtzimmer, wo er ſich etwas Xeres beſtellte und zwei bis drei Gläſer davon zu ſich nahm, ohne daß dies ſeinen Muth ſonderlich gehoben hätte. Die Stadt war ſtumm wie das Grab; kein Laut ließ ſich vernehmen, nur das Seufzen der Briſe aus der Bai und ein ſchwaches Murmeln— viel⸗ leicht der Wind im Kamin oder das Branden der See am Ufer— unterbrach die Stille. Langſam und feierlich, nach jedem Streiche in der Luft fortzitternd, ſchlug die große Glocke auf der alten Kirche zwölf, und Sir Arthur Adelon brummte vor ſich hin: „Jedenfalls will ich nicht warten— ſie können nicht hoffen, daß ich über die beſtimmte Zeit ausharren werde.“ 8 Eine, zwei, drei Minuten verſtrichen, der Baronet 151 ſtand auf und näherte ſich der Schelle, als der Kellner die Treppe heraufrannte und die Thüre öffnete. „Der Gentleman, Sir,“ verkündigte der Kellner, und herein trat ein handfeſter rothhaariger Mann mit harten Geſichtszügen, gut gekleidet und trotz ſeines plumpen Wuch⸗ ſes nicht unfein in ſeinem Aeußeren. Sir Arthur hatte ſein Geſicht noch nie geſehen und betrachtete ihn mit einiger Ue⸗ berraſchung; der Fremde wartete jedoch, bis die Thüre wieder zu war, und näherte ſich dann mit leichter Verbeugung, indem er fragte: „Sir Arthur Adelon, wie ich vermuthe?“ „Der Nämliche, Sir,“ verſetzte der Baronet.„Ich erwartete, einen anderen Herrn hier zu finden.— Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?“ „Ich heiße Mae Dermot, Sir,“ erwiederte der Fremde; „mein Freund, Mr. Norries— das iſt wahrſcheinlich die Perſon, auf die Sie anſpielen— wollte ſelbſt hier ſeyn, um Sie zu empfangen, wurde aber durch einige vorläufige Ge⸗ ſchäfte abgehalten, und bat mich, Sie etwas weiter in die Stadt hinabzuführen.“ Der vernommene Name ſagte dem Baronet deutlich genug, wen er vor ſich hatte, nämlich einen der Hauptführer der großen nur etwas wilden und ſchlecht geleiteten Bewe⸗ gung, an der er bis jetzt nur ſehr geringen Antheil genom⸗ men hatte. Er fühlte wohl, daß ſchon ſein bloßes Zuſammenſeyn mit einem ſolchen Manne ihn in hohem Grade compromittire, und ehe er weiter ging, hätte er gerne erfahren, wie viel Mae Dermot bereits von ſeinen Angelegenheiten wiſſe. 15⁵² „Ich bin ſehr erfreut, Sie zu ſehen, Mr. Mac Dermot,“ begann er deßhalb, während er ſachte ſeine Handſchuhe an⸗ zog und nach dem Hute griff.„Vermuthlich hat Sie mein alter Bekannter, Mr. Norries, mit den verſchiedenen Ver⸗ hältniſſen bekannt gemacht, unter denen er mit mir in Ver⸗ bindung geſtanden?“ „Nur ganz flüchtig,“ erwiederte ſein Begleiter.„Er hat uns benachrichtigt, daß er eine Zeitlang, während Sie in Yorkſhire wohnten, Ihr Anwalt geweſen, und hat uns verſchiedene damals von Ihnen gehaltene Reden vorgelegt, mit denen ich— wie ich verſichern darf— ſchon vorher ge⸗ nau bekannt war, die aber allen Anweſenden die höchſt er⸗ freuliche Ausſicht eröffneten, einen Edelmann von ſo hohem Rang und Einfluß, der unſere eigenen Geſinnungen mit ſolcher Beredtſamkeit auszudrücken vermag, abermals als Vertreter der Volksſache gegen deren Unterdrücker mit uns verbunden zu ſehen. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen den Weg zu zeigen?“ Sir Arthur Adelon hatte ſich jedes ſeiner Worte mit beſonderer Aufmerkſamkeit gemerkt, und Mac Dermot's Erwiederung war für ihn ein großer Troſt. Norries hatte alſo der Gewalt, die er über ihn beſaß, nicht erwähnt; über⸗ dies ſchienen ihm die Worte Vertreter der Volksſache an⸗ zudeuten, daß nichts Gewaltſames, kein Ausbruch phyfiſcher Macht beabſichtigt wurde, ſondern daß die Führer der Be⸗ wegung bloß dahin ſtrebten, ſich durch bündige Beweisfüh⸗ rung und moraliſche Kraft in der öffentlichen Meinung zu ſtaͤrken. 4 153 So folgte er denn dem Chartiſten mit leichterem Schritt, und wurde durch verſchiedene enge gewundene Straßen und Hintergäßchen zu einem Hauſe geführt, das— ſo weit man in der Dunkelheit der Nacht erkennen konnte— nicht ſon⸗ derlich impoſant ausſah. Die enge niedere Thure ſtand halb offen, und als ſie Mac Dermot vollends aufriß und Sir Arthur mittelſt eines hinten brennenden Lichtes den ſchmalen Hausgang vor ſich betrachtete, dachte er:„Hier kann kein ſehr furchtbares Meeting ſtattfinden— ſcheint ja doch im ganzen Hauſe kaum für ein Dutzend Menſchen Raum vorhanden.“ Durch den Gang ſchritten ſie nach einer eben ſo engen Treppe, die zu einer rings um einen Hof laufenden Gallerie führte, an deren Ende ſich eine Thüre befand, durch welche Mac Dermot den Baronet vorangehen ließ, worauf er ſie zuriegelte und ihn mit den Worten„hierher, Sir,“ zu einer zweiten Thüre führte, vor der ein Mann mit einer Lampe in der Hand unbeweglich Wache hielt. Mac Dermot klopfte, worauf die Thuͤre von innen aufgeſchloſſen und geöffnet wurde. Einige Augenblicke ſpäter befand ſich Sir Arthur Ade⸗ lon in einem ſehr großen niedrig getäfelten unförmlichen Saal, mit einer langen Tafel in der Mitte. Mehrere Talgkerzen brannten an den Waͤnden, einen höchſt widrigen Geruch verbreitend und die Geſichter von dreißig bis vierzig Men⸗ ſchen die in verſchiedenen Stellungen um die Tafel ſaßen, mit einem rothen undeutlichen Schimmer beleuchtend. Oben am Tiſche in einem Armſtuhl zeigte ſich Norries, wie wir ihn oben beſchrieben haben; dagegen wäre es ein 154 vergeblicher Verſuch, die anderen Gruppen im Zimmer zeich⸗ nen zu wollen, da von dem ſcharfen pfiffigen Antlitz erfah⸗ renen Alters bis zu den zarten Zügen bartloſer Jugend, von der ſtattlichen ſtahlharten Geſtalt des kecken Neoman bis zu der ſchwachen kränklichen Figur des abgerackerten ſtädti⸗ ſchen Handwerkers jegliche Art von Geſicht, von Tracht und Figur, wie ſie England nur irgend aufzuweiſen hat, daſelbſt verſammelt war. Hier ſah man Einen in ſchwarzem Rock und weißer Halsbinde, wie ſie gewöhnlich von Dienern der Kirche getragen wird, dort einen Mann im Kittel des Fabrikarbeiters; anderswo ſpreizte ſich ein äußerſt blanker Herr mit blauem atlaſſenem Taſchentuche und gelben Hand⸗ ſchuhen, und dicht neben ihm ein derber Grobſchmied, der, nach ſeinen braunen ſchmierigen Händen zu ſchließen, eben erſt aus der Eſſe kam. Ein ältlicher Mann in einer abge⸗ tragenen Flachsperücke und großen glänzend ſchwarzen Au⸗ gen hätte ſeiner Kleidung nach für einen unbedeutenden Winkeladvokaten gelten können; ihm gegenüber ſaß ein breit⸗ ſchultriger Kerl von ſechs Fuß zwei Zoll Höhe in blauem Rock, Lederhoſen und Kappenſtiefeln— wahrſcheinlich ein wohlhabender Pächter aus der Nachbarſchaft. Neben dem Vorſitzenden ſtanden noch zwei Stühle leer, und während Mac Dermot die Thüre ſchloß und alle An⸗ weſenden ſich erhoben, ging Sir Arthur Adelon mit ſeinem ſtattlichen Schritt und der ariſtokratiſchen Miene, aber— wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll— nicht ohne Widerwillen und Aengſtlichkeit im Herzen, nach dem oberen Ende der Ta⸗ fel, ſchüttelte Norries die Hand, und ließ ſich auf einen der —— 1⁵⁵ leeren Sitze nieder. Der andere wurde alsbald von Mac Dermot eingenommen, und der Präſident erhob ſich ſofort mit den Worten: „Meine Herren, ich habe die Ehre, Ihnen Sir Arthur Adelon vorzuſtellen, deſſen Stellung und Vermögen noch den geringſten Theil ſeines Anſpruches auf Ihre Achtung bilden. Weit höher an Geiſt als an Rang— weit reicher an edlen Eigenſchaften und Gaben der Seele als an Glücks⸗ gütern, hat er ſich jederzeit als Freund jenes großen maje⸗ ſtätiſchen Körpers— ich meine das Volk dieſes Landes— bewährt, hat von jeher dieſelben Geſinnungen, die wir in un⸗ ſerem Herzen tragen, bekannt und unerſchrocken behauptet, und iſt, wie ich gewiß bin, bereit, bei allen billigen und ver⸗ nünftigen Maßregeln zum Schutze unſerer Rechte und Frei⸗ heiten Hand in Hand mit uns zu gehen.“ Die ganze Verſammlung erhob ein ſtürmiſches Hurrah für den Baronet, und die Empfindungen, mit denen Sir Arthur eingetreten war, begannen ſchon jetzt in der erſten Aufregung des Augenblicks zu ſchwinden. Ich muß hier übrigens den Vorhang vor einer Seene fallen laſſen, an welcher der Leſer wahrſcheinlich genug gehabt hat, um zu anderen nicht minder wichtigen Ereigniſſen dieſer Erzählung überzugehen. Eilftes Kapitel. Es iſt das ſchwierigſte Ding von der Welt, dem Leſer in einer eiligen Skizze den Begriff ausgedehnten Raumes 156 begreiflich zu machen. Mag man auch ſagen, Tage und Wochen verſtrichen— der Leſer glaubt kein Wort davon, ſondern nimmt die Erzählung da auf, wo er ſie verließ, und ſlößt er auf eine abſtrakte Angabe, ſo will er ſie zu keiner ihrer Konſequenzen verfolgen. Er erwägt keinen Augenblick, wenn mans ihm nicht deutlich erläutert, welchen Einfluß dieſe Tage und Wochen mit allen inbegriffenen Ereigniſſen auf die Charaktere, die Umſtände und verſchiedenen Stele lungen der betreffenden Perſonen ausübten. Eine bloße Pinſelſkizze iſt weit leichter: da läßt man durch leichtere Li⸗ nien und feinere Töne die ferneren Gegenſtände zurücktreten, während man die näheren und deutlichen durch keckere Striche und ſtärkere Schatten in den Vordergrund ſetzt. Gleichwohl muß ichs verſuchen, in eiligem Fluge über mehrere Tage wegzueilen, indem ich mit Vermeidung jeder unnöthigen’ Weitſchweifigkeit und Detailirung nur ſo lange bei den ein⸗ zelnen Ereigniſſen verweile, um dem Leſer begreiflich zu machen, daß die Zeit vorüberging und auf ihrer ſtürmiſchen Springflut eine Maſſe kleiner Gegenſtände mit ſich trug, welche Jedem insbeſondere das Vorrücken der Zeit gegen die Ewigkeit andeutete. Ein Tag nach dem andern verſtrich zu Brandon⸗Houſe unter den gewoͤhnlichen Beſchäftigungen eines Landaufent⸗ halts. Spaziergänge und Luſtfahrten, Ausflüge zu Pferd und Jagdpartien wechſelten mit einander ab, wobei für Dudley das Wichtigſte war, daß er häufig länger als eine Stunde mit Eda Brandon allein ſeyn durfte. Hier kam es dann zur Erklärung und Verſtändigung, und das Gelübde 157 der Treue wurde geleiſtet. In weniger als zwei Monaten wurde ſie volljährig und konnte über Hand und Vermögen verfügen; Dudley fühlte erſt jetzt einen Ingrimm gegen ſich ſelbſt, ſo ſehr bedauerte er, daß er nicht noch die alten Län⸗ dereien ſeines Hauſes beſaß, um ſich— wie ſein Stolz es nannte— auf gleiche Bedingungen für immer mit ihr ver⸗ binden zu können. Es waren glückliche ſelige Stunden, die ſie bald auf dem grünen Raſen oder in den ſchattigen Laubgängen des Parks, bald in der Bibliothek oder im Beſuchzimmer allein mit einander verlebten; ein andermal ſaßen ſie auch wieder am Fluſſe oder im tiefen Walde und ſprachen mit melancho⸗ liſcher Freude über die Vergangenheit oder ſchauten mit froher Hoffnung in die Zukunft. Sie wunderten ſich wohl zuweilen, daß dieſe Zuſammenkünfte ſo ſelten unterbrochen wurden, und Niemand ſie zu beobachten oder zu ſtören ver⸗ ſuchte; allein Sir Arthur Adelon war, wie er ſagte, häufig in Geſchäften abweſend; Lord Hadley war von einer früher nicht gekannten Leidenſchaft zu ländlichen Streifzügen er⸗ griffen, und Edgar Adelon ſchien von einer gewiſſen reiz⸗ baren Düſternheit überfallen, deren Urſache er zwar Nie⸗ mand geſtand, die aber von ſeiner Baſe ſehr leicht erkannt wurde. Er ſuchte die Einſamkeit, ſchloß ſich häuſig in ſein Zimmer ein, ſonderte ſich auch, wenn er ausging, von den Uebrigen ab, und ſchien ſelbſt dann, wenn Eda mit ihm und Dudley ohne Zeugen zuſammen war, in Gedanken ver⸗ ſunken. Trotzdem war er derjenige, der das Zuſammenſeyn der 158 beiden Liebenden am häufigſten unterbrach oder ihnen die Gelegenheit entzog, wenn ihnen die goldene Frucht ſchon vor den Augen winkte. Er ſchien für Lord Hadleys Hofmeiſter eine eigenthümliche außerordentliche Vorliebe gefaßt zu ha⸗ ben; die vertrauensvolle Zuverſicht, die rückhaltloſe Offen⸗ heit ſeiner Freundſchaft mußte Dudley wohlgefallen und er konnte ſich nicht entſchließen, ihr ſelbſt um den Preis öfteren Zuſammenſeyns mit Eda Brandon Einhalt zu thun. So ſiels dem jungen Manne plötzlich ein, ihn zum Spazierengehen aufzufordern, oder ſonſt ſeine Geſellſchaft und Unterhaltung zu ſuchen, wobei er ihm ſeine Anerkennung, ja ſogar ſeine Bewunderung mit einer Wärme und Auf⸗ richtigkeit ausdrückte, die dem älteren Freunde, der von der Urſache ſolcher Gefühlsweiſe nichts wußte, für einen Jüngling auf der Schwelle zum Manne faſt noch zu viel von kindiſcher Einfalt zu verrathen ſchienen. Seine Unterhaltung war jedoch höchſt intereſſant— voll wilder fantaſtiſcher Einfälle, gewählt und bilderreich im Ausdrucke und von dem tie⸗ fen Strome des Herzens überfließend. Er beſtand darauf, daß ſein Gefährte ihn Edgar nennen ſollte und wollte ihn ſeiner Seits immer mit Dudley anreden; manchen Rath holte er ſich bei ihm und horchte auf ſeine Weiſungen mit jener tiefen Achtſamkeit, welche bewies, daß Ehrfurcht mit ſeiner Neigung im Bunde ſtand, was auch der Grund davon ſeyn mochte. Dieſe außerordentliche Theilnahme war Dudley zuwei⸗ len unerklärlich. Er fragte ſich, ob Edgar ſeine und Eda's Liebe bemerkt und aus Rückficht für ſeine ſchöne Baſe zu 159 dem, den ſie liebte, auch ſeiner Seits Liebe gefaßt haben könne. Allein wenn ſie beiſammen waren, ſah man auch keine Spur eines ſolchen Wiſſens hervortreten; nicht ein Wort, nicht ein Lächeln, nicht der ruhigſte Scherz ließ eine ſolche Kenntniß ahnen, und Dudley gelangte endlich zu dem Schluſſe, es müſſe wohl eine jener Knabenfreundſchaften ſeyn, welche plötzlich gefaßt und durch langen ſpäteren Ver⸗ kehr genährt, gar häufig die Grundlage eines lebensläng⸗ lichen Bandes werden. Eine zweite Perſon, welche gleichfalls in Dudley ver⸗ narrt ſchien und einen ziemlichen Theil ſeiner Zeit in Anſpruch nahm, war Mr. Filmer; doch fand Mr. Dudley ehrlich ge⸗ ſtanden an ſeiner Geſellſchaft weniger Gefallen als an der Edgar Adelon's. Der Prieſter war immer freundlich, glatt und angenehm; nichts Gezwungenes in ſeiner Unterhaltung, nichts Steifes, durchaus nichts Beſonderes in ſeinem Be⸗ nehmen. Er war gelehrt, witzig, voller Fantaſie; in ſeine Einfälle voll ruhiger Heiterkeit und harmloſen Frohſinns miſchten ſich zuweilen ſo tiefe, grandioſe und doch ſo helle und durchſichtige Gedanken, daß ſich der Hörer in Entzücken und Bewunderung hingeriſſen fühlte. Er ſprach gerne über religiöſe und alle ſonſtigen Gegenſtände, die in ſeiner Kirche hiemit verknüpft waren. Eine beſondere Vorliebe hegte er für die mittelalterliche Baukunſt, mit der er in all ihren Zweigen aufs Innigſte vertraut war; er wußte damit Hypo⸗ theſen, Theorien oder Fantaſtereien— wie der Leſer es nennen will— zu verbinden, welche jedem Theile eines alten Gebäudes eine gewiſſe myſtiſche Bedeutung beilegten und 160 den Entwurf wie die Ausführung des Ganzen gleichſam in einen religiöſen Schimmer einkleideten. Jede Kirche, Abtei oder Kathedrale, die in den rein katholiſchen Zeiten errichtet worden, repräſentirte in ſeinen Augen ein Symbol der gei⸗ ſtigen Kirche— gleichſam ein Hierarchie in Steinen.— Ebenſo liebte er geiſtliche Muſik; da war kein Lied oder Canon, kein Choral, keine Meſſe oder Trauergeſang, die er nicht kannte und mit Beredſamkeit zu rühmen oder auch, wenn gleich ohne große Fertigkeit ſo doch mit ausgeſuchtem Geſchmacke, zu ſpielen wußte, wobei er an manchen Stellen ſeine ſtarke wohltönende Stimme ohne den geringſten Antheil von Eitelkeit oder Schaugepränge, ſondern bloß als ob er dem Zuhörer eine Idee von der Compoſition geben wollte, einfallen ließ. Dies Alles war höchſt bezaubernd, und dennoch war ein gewiſſes Etwas, was Dudley dem freien offenen unbe⸗ kümmerten Geſpräche ſeines Freundes Edgar den Vorzug geben ließ. Was es eigentlich war, wußte er nicht recht; er konnte es nicht Studirtheit nennen, aber doch war Alles an dem Prieſter zu beſtimmt, zu ſehr von Regeln umſchrieben, zu ſehr auf Plane und Abſichten berechnet, die nur in einer beſtimmten Richtung ſich auszulaſſen erlaubten. Man konnte es gewiß nicht Affectation nennen, aber gleichwohl ſchien Alles, was er ſagte, eine Abſicht zu haben— kurz alles ließ ſich auf eine vorherrſchende Idee zurückführen, und dies beraubte ſeine Unterhaltung jener weiten natürlichen Reg⸗ ſamkeit, jenes freien ungehemmten Redefluſſes, der einen der größten Reize freundſchaftlichen Verkehrs bildet. Man fühlte 161 daß er wohl in der Welt aber nicht von der Welt war— nur in ganz anderem Sinne, als dieſe ſchönen Worte ur⸗ ſprünglich gemeint geweſen. Die Zeit kam raſch herbei, da Vieles, was noch dunkel war, erklärt werden ſollte; allein wir müſſen uns zu einem anderen unſerer Charaktere wenden, deſſen Schickſal mit dem Edward Dudley's innig verwoben war. Lord Hadley war wie geſagt häufig von Brandon⸗Houſe abweſend, und zeigte er ſich auch gelegentlich, ſo lag doch etwas in ſeinem Weſen, was eine Veränderung ſeiner Gedanken oder Gefühle bewies. Er ſuchte mit Eda Brandon zu kokettiren, was zu allen Zeiten ſchwer, unter den jetzigen Umſtänden aber und vornehmlich da er ſich dazu zwang, beſonders ſchwierig war. Auch ſein Benehmen gegen Dudley war ein anderes gewor⸗ den: er ſuchte nur ſelten deſſen Geſellſchaft, war tadelſüchtig in ſeiner Unterhaltung und etwas barſch in ſeinen Antwor⸗ ten. Er ſchien es nicht gerne zu ſehen, wenn ſein Hofmeiſter mit Eda zuſammen war und zeigte ſeine Gefühle ſo deutlich, daß Dudley zuweilen ſogar fürchten wollte, ſein Zoͤgling habe zu dem Gegenſtand ſeiner eigenen Liebe eine Neigung ge⸗ faßt. Dagegen geſchah es auch wieder zweimal, daß Lord Hadley, während ſie eben im Park vor dem Hauſe dahin⸗ ſchlenderten, ihn unter Entſchuldigungen mit Miß Brandon allein ließ, und nach dem Meierhofe davon eilte, wo er zwei bis drei Stunden zu verweilen pflegte. Unterdeſſen verbreitete ſich das Gerücht und die Zei⸗ tungen kündigten an, daß in den Mannfakturdiſtrikten drohende Zeichen bemerkt würden; große Handwerkerzu⸗ James. Der Ueberwieſene. 11 162 ſammenkünfte ſollten öffentlich wie privatim gehalten werden; das Volk habe beſchloſſen, einen Feſttag' wie man's nannte zu halten; große Verſuche zu einem Volksaufſtande würden von jenen ungeheuren Maſſen beabſichtigt, welche, auf einen engen Raum zuſammengepreßt, die Mittel raſcher Communi⸗ kation ſtets offen haben, und deren Verſtand gerade ſo weit reicht, um die Uebel die ſie leiden, und das Unrecht, dem ſie unterworfen ſind, zu empfinden, ohne über die beſten Wege zur Erleichterung der einen oder zum Abwerfen des andern klar zu ſeyn. Auch die raſchen entſchiedenen Regierungs⸗ maßregeln wurden in öffentlichen Blättern auseinanderge⸗ ſetzt; man ſprach von dem Marſche mehrerer Regimenter, und einzelne Theile des großen Plans, die der große Meiſter der Strategie zur Unterdrückung jeden Ausbruches entworfen hatte, wurden entwickelt, ſo daß Jeder— wenn er nicht anders durch falſche Hoffnungen verblendet war— ſich über⸗ zeugen mußte, daß die Volksbewegung, ſobald ſie die Grenze des Geſetzes überſchritte, höchſt wirkſam gehemmt werden würde. Der Mehrzahl von Brandon's Bewohnern kamen dieſe Berichte ungefähr eben ſo vor, wie einem um den Familien⸗ herd verſammelten Kreiſe das Brüllen des ſtürmiſchen Oceans klingen mag. Sie waren von dem Schauplatze des vorausſichtlichen Kampfes weit entfernt, und hegten volles Vertrauen zu der Macht und Weisheit der Regierung. Auf viele Zeilen in der Runde gab es keine Mannfakturen; der nächſte Punkt, wo Kohlenminen und Töpferfabriken vor⸗ 4 handen waren, lag zwanzig bis dreißig Meilen landeinwärts. 163 Nichts deſtoweniger bemerkte Eda, daß ihr Oheim Alles was ſich auf das Mißvergnügen der Bevölkerung bezog, mit der tiefſten Aufmerkſamkeit las: auch ſah ſie, daß er unruhig war und eine ihr unerklärliche Raſtloſtgkeit und Ungeduld blicken ließ. Sie machte Dudley, dem die Sache gleichfalls auffiel, darauf aufmerkſam. „Ich habe ihn ſeit Jahren nicht in dieſem Zuſtande geſehen,“ erklärte ſie,„und kann nicht anders glauben, als daß etwas von großer Wichtigkeit auf ſeiner Seele laſtet.“ „Ich habe gehört,“ erwiederte Dudley,„er habe früher ſehr warmen faſt möcht' ich ſagen heftigen Antheil an poli⸗ tiſchen Angelegenheiten genommen, und als Anwalt der ertremſten Volksanſprüche eine beſtrittene Wahl im Norden durchgeſetzt. Ich habe Urſache, mich jener Zeit zu erinnern, theure Eda, denn mit jener Wahl begann der Ruin meines armen Vaters. Er hatte die Stadt ſeit vielen Jahren im Parlament vertreten, als plötzlich Ihr Onkel mit faſt repu⸗ blikaniſchen Grundſätzen wider ihn auftrat. Da ſie von Kindheit an Freunde geweſen, ſo wurde der Streit, ſo hitzig er auch von ihrem Anhange durchgefochten ward, von ihnen ſelbſt nur mit Höflichkeit und Freundlichkeit geführt— ſo weit dieſelben nämlich unter ſolchen Umſtänden zwiſchen Män⸗ nern der entgegengeſetzteſten Prinzipien beſtehen konnten. Mein Vater ward wieder gewählt, aber einige der Wähler hielten für paſſend, dagegen zu proteſtiren und ſeine Agenten der ausgedehnteſten Beſtechung und Corruption anzuklagen. Die Bevölkerung war ſehr beträchtlich und in ihren Anſichten ziemlich gleich getheilt; die Koſten der Wahl beliefen ſich 11* 164 alſo ins Ungeheure; zahlloſe Zeugen wurden von beiden Seiten vor das Commitee gebracht; die Unterſuchung dauerte Monate lang, die berühmteſten Advokaten waren um enormen Preis gewonnen— mein Vater behielt zwar ſeinen Sitz, aber Wahl und Unterſuchung hatten eine Auslage von faſt dreißigtauſend Pfund verurſacht. Zur Beſtreitung dieſer Koſten wollte mein Vater ſeine Ländereien verpfänden, und Ihr würdiger Oheim, der vielleicht fühlen mochte, daß ſeine Anhänger meinen Vater nicht gut behandelt hatten, erbot ſich, das vorgeſchlagene Pfand zu niedern Zinſen anzunehmen. Hiezu war es jedoch nöthig, die Eigenthumsdokumente genau zu unterſuchen, was durch ſeinen Advokaten, einen Schuft Namens Sherborne geſchah, der, eben ſo pfiffig und abge⸗ geführt als grundſatzlos, einen Mangel in den Dokumenten entdeckte, und ſtatt Ihrem Oheim blos zu rathen, das Pfand nicht anzunehmen, einer anderen Parthei die Thatſache mit⸗ theilte, woraus ein langer Prozeß entſtand, der damit endete, daß wir unſeres Eigenthums, das mein Großvater gekauft und bezahlt hatte, beraubt wurden. Mein Vater war nun noch überdieß mit einer ſehr großen Schuldenmaſſe belaſtet, die er nicht zu bezahlen vermochte, und ſeine Geiſteskraft wie ſeine Geſundheit unterlagen dieſem Schlage. Unter ſolchen Umſtänden bewies uns Sir Arthur Adelon einen Grad von Freundlichkeit, den ich nie vergeſſen werde: er kaufte nämlich ein kleines Beſitzthum, das ich von meiner Mutter ererbt hatte, um mehr als den wirklichen Werth, und wartete mit der Uebernahme nicht einmal, bis ich volljährig war, ſondern bezahlte alsbald das Geld. So beſaß ich doch wenigſtens 165 die Mittel, meinen Vater während ſeiner gezwungenen Ab⸗ weſenheit von England und während der langen Krankheit, die ſeinem Tode voranging, zu tröſten und zu pflegen. So⸗ bald ich majorenn war, überließ ich das Gut Ihrem Onkel und ſchrieb ihm bei meines Vaters Tode, obwohl ich ihn nie geſehen hatte, um ihm meinen Dank zu ſagen; er hat jedoch meinen Brief nicht beantwortet und— was mir einiger⸗ maßen auffällt— auch ſeit ich hier bin, nie auf den Gegen⸗ ſtand angeſpielt; vielleicht denkt er mit Recht, daß es mir ſehr peinlich ſeyn müßte.— Ich bin zu einer langen Er⸗ zählung veranlaßt worden.“ fuhr er fort,„während ich Ihnen bloß zu zeigen wünſchte, wie Sir Arthur dafür be⸗ kannt iſt, daß er ſich des Volkes Rechte und Anſprüche ſehr zu Herzen nimmt. Daß er mit dieſen armen Leuten in den Mannfakturdiſtrikten aufs Innigſte ſympathiſirt, läßt ſich nicht bezweifeln, und ich glaube eher, daß ſeine Unruhe und Aengſt⸗ lichkeit der Theilnahme, die er ihnen widmet, zuzuſchreiben iſt.“ Sda ſchwieg nachdenklich. Sie war ſehr anhänglich an ihren Onkel, der ſeit vielen Jahren Vaterſtelle bei ihr vertreten hatte; gleichwohl mochte ſie ſeinen Charakter beſſer als Dudley kennen und nicht ohne Grund zweifeln, daß er von ſolchen Gefühlen, wie dieſer ſie ihm beilegte, bewegt werde. Sie wollte jedoch ihren Zweifel nicht äußern, und das Geſpräch nahm eine andere Wendung. Der fünfte Tag ihres Aufenthaltes zu Brandon war ein Sonntag und begann mit einem furchtbaren Wind⸗ und Regenſturm. Die nächſte Dorfkirche lag immerhin eine Strecke entfernt und Sir Arthur Adelon bot zwar Denen, die den Morgengottesdienſt zu beſuchen wünſchten, aus Artigkeit ſeinen Wagen an, ließ aber doch einige Bemerkungen über den Zuſtand des Wetters fallen, und wie die Diener wahr⸗ ſcheinlich ganz durchnäßt würden, ſo daß Niemand ſein An⸗ erbieten annehmen wollte. Zu Brandon ſelbſt war ein Zimmer als Hauskapelle eingerichtet, und Mr. Filmer er⸗ ſchien zur gewohnten Stunde, um die Meſſe daſelbſt ab⸗ zuhalten. Eda Brandon war nicht anweſend, denn ſie hatte, wie ſie Dudley ſagte, ihrer Mutter vor deren Tode verſprochen, dem Gottesdienſt der römiſch⸗katholiſchen Kirche niemals anzuwohnen. Lord Hadley und ſein Hofmeiſter, von weni⸗ ger ſtrengen Anſichten ausgehend, begleiteten jedoch Sir Arthur und die Mehrzahl der Dienerſchaft nach der Kapelle, und zu Dudley's nicht geringem Erſtaunen erſchien auch bald darauf Mr. Clive und deſſen Tochter trotz des Sturmes, der draußen wüthete. Dudley empfand Ehrfurcht für die Religion unter allen ihren Formen; die Verehrung Gottes blieb bei ihm immer die Verehrung Gottes, und wenn er ſich auch keineswegs anſtellte, als ob er in einer Oblate wirklich die Gegen⸗ wart ſeines Erlöſers anbete, ſo benahm er ſich doch während der ganzen Ceremonie mit Ernſt und Anſtand. Lord Hadley dagegen behandelte die ganze Sache ziemlich obenhin, ſchenkte dem Gottesdienſt nur wenig Aufmerkſamkeit, und hielt ſeine Blicke mit einem Ausdruck, der ſeinem Hofmeiſter durchaus nicht behagen wollte, faſt immer auf Helene Clive geheftet. Auch Edgar Adelon ſchien keinen Gefallen daran zu finden, 167 denn als er einen Augenblick nach Lord Hadley hinüber⸗ ſchaute, ſah Dudley, wie ſeine Augen Flammen ſchoßen und ſeine Wangen ſich plötzlich rötheten— eine Entdeckung, die ihn zum erſtenmal ahnen ließ, was in des Jünglings Bruſt vorging. ⸗ Nachdem die Meſſe zu Ende war, nahm Sir Arthur den Yeoman vertraulich unterm Arm und führte ihn in die Bibliothek, indem er ihn bat, ehe der Sturm vorüber ſey, mit Helenen nicht nach ſeinem Gute zurückzukehren. Mr. Clive weigerte ſich jedoch zu bleiben, indem er ſagte, er ſelbſt ſpüre das Wetter nicht, und da ſie in ihrer eigenen Droſchke ge⸗ kommen, ſo werde auch Helene auf dem Rückweg wohl ge⸗ ſchützt ſeyn. Der Tag verſtrich wie andere Tage, nur während des Nachmittags ſchenkte Mr. Filmer unſerem Dudley beſondere Aufmerkſamkeit, und war überhaupt auf⸗ gelegter und heiterer, als er ſeit längerer Zeit geweſen, wie wenn ihm die Ausübung ſeiner Religion wahres Vergnügen gewährten, deſſen Nachwirkung noch mehrere Stunden dauerte. Zwölftes Kapitel. Der Morgen des folgenden Tags war abermals hell und klar angebrochen, und Dudley überlegte ſich auf ſeinem Zimmer ſo Vieles, was ſich in letzter Zeit ereignet hatte. Nach dem, was er geſtern beobachtet, fürchtete er, daß Lord Hadley's Benehmen gegen Helene Clive nichts weniger als 168 lobenswerth ſey, und wenn er auch tief bedauert häͤtte, Eda in dieſem Augenblick verlaſſen zu müſſen, ſo hätte er ſich doch durch kein perſönliches Gefühl abhalten laſſen, ſeinen Zögling aus einer anſcheinend gefährlichen Lage zu entfernen, wenn ihm nicht beigefallen wäre, daß der junge Edelmann mit Nächſtem volljährig war, und ſich alſo vermuthlich ſeiner Einmiſchung widerſetzt hätte. Er überlegte eben, was ihm in dieſem Falle zu thun bleibe, als Mr. Filmer abermals als Beſuch bei ihm eintrat, um ihn zu einem Spaziergange in der friſchen Morgenluft einzuladen. — Wie bei den meiſten Menſchen, ſo äußerte auch bei Dudley das angeſtrengte Nachdenken und die Beſorgniß der Seele einen ſehr weſentlichen Einfluß auf den Körper— er fühlte ſich erhitzt und beinahe ſieberiſch. Auch hoffte er, von dem Prieſter im Laufe ihres Spazierganges vielleicht wei⸗ tere Kunde über ſeines Zöglings Benehmen einziehen zu können, da er wohl wußte, wie der römiſche Klerus es faſt als eine Art Pflicht zu betrachten pflegt, ſich von Allem, was Mitglieder ſeiner Heerde betrifft, fortwährend zu unter⸗ richten. Er nahm daher ohne Weiteres den Vorſchlag an, und beſann ſich ſchon im Eingange der Unterredung, wie er wohl den Gegenſtand, den er zu beſprechen wünſchte, am beſten auf's Tapet brächte. Während ſie alſo dahinwandelten, ſchwebten einzelne Wolkenmaſſen, die der Sturm von geſtern übrig gelaſſen, in ſchwerem Zuge uber ihren Häuptern hin; die Schatten⸗ und Lichtſtreifen der Landſchaft waren in raſchem Wechſel be⸗ griffen, und enthüllten dadurch manche ſchöne Punkte, die 169 im hellen Sonnenſcheine des Sommers oder unter der kalten grauen Decke des Winterhimmels nicht bemerkbar waren. „Die Sceuerie des Parks iſt in der That ſehr lieblich,“ bemerkte Dudley.„Der Park iſt abwechſelnder und aus⸗ gedehnter als alle andern, die ich bis jetzt in England ge⸗ ſehen habe.“ „Ja er iſt ſehr ſchön,“ erwiederte der Prieſter in gleich⸗ gültigem Converſationstone;„das ganze Beſitzthum iſt über⸗ haupt ein ſtattliches zu nennen, und es gibt wenig Erbinnen in England, die ſich eines ähnlichen Landgutes wie Miß Brandon zu rühmen hätten.“ „Miß Brandon!“ rief Dudley im Tone der Ueber⸗ raſchung.„Sie wollen doch nicht ſagen, daß ſie die Be⸗ ſitzerin dieſes ſchönen Gntes ſey? Ich glaubte, es gehöre ihrem Oheim.“ Der Prieſter richtete einen kurzen, raſchen Blick nach ſeines Begleiters Geſicht, und erwiederte dann höchſt bedeu⸗ tungsvoll, aber immer noch mit ſeinem wohlzufriedenen Lächeln: „Ich vernehme mit Vergnügen, daß Sie dies glaubten, mein junger Freund; doch um auf Ihre Frage zu antworten — das Gut hier gehört Miß Brandon, und Sir Arthur iſt blos als ihr Vormund hier. Es war nämlich der Wunſch ihrer Mutter, daß ſie bis zu ihrer Verheirathung bei ihm wohnen moͤchte; zu gleicher Zeit äußerte ſie aber auch das dringende Verlangen, daß ſie ihren Hauptſitz zu Brandon nehmen ſollte. Sir Arthur iſt ein höchſt gewiſſenhafter Mann, und nachdem er einmal das Amt des Vormunds ———— 170 übernommen, vollzieht er auch ſeiner Schweſter Abſichten mit einer Pünktlichkeit, wie wohl nur die wenigſten Men⸗ ſchen zu thun bereit wären. Der Haupttheil ſeines Familien⸗ beſitzes liegt, wie Sie vermuthlich wiſſen, in Yorkſhire; aber er hält ſich blos einen Monat des Jahrs daſelbſt auf, und verlebt den Reſt ſeiner Zeit zu Brandon oder London.“ „Darf ich fragen,“ verſetzte Dudley,„was Ihnen meine Meinung, als ob dieſes Gut Sir Arthur Adelon gehöre, ſo beſonders erfreulich machte?“ „Es wäre vielleicht höflicher,“ verſetzte Mr. Filmer lächelnd,„Ihre Frage unbeantwortet zu laſſen; aber gleich⸗ wohl will ich keine Rückhaltung heucheln. Ich betrachte es nämlich unter gewöhnlichen Umſtänden eher als ein Unglück, wenn eine junge Dame ein großes Vermögen erbt, denn es gibt alsdann nur drei ſehr häufig eintreffende Möglichkeiten. Entweder ihre Freunde und Verwandten arrangiren für ſie eine Heirath mit einem Manne, der vielleicht unter allen Lebenden am wenigſten für ſie paßt— einem rohen, gemei⸗ nen Geldſack oder liederlichen Peer. Oder ſie wird die Beute eines liſtigen Betrügers, ohne Chre, ohne Anſtand und Charakter, in Geburt und Geſinnung ſo tief ſtehend wie im Vermögen. Oder endlich, wenn ſie dieſen Gefahren ent⸗ rinnt und unvermählt das Alter der Vernunft erreicht, iſt ſie eben durch dieſe Fährlichkeiten, denen ſie entgangen, voll Argwohn gegen jeden Herrn, der ſich ihr nähert, bezweifelt die Aufrichtigkeit Aller, die ſie zu lieben vorgeben, und glaubt, ihr Reichthum und nicht ihr Herz ſey das Ziel, wor⸗ nach ſte ſtreben. Ich weiß kaum, welches dieſer Reſultate 171 am meiſten zu bedauern iſt.“ Hier ſchwieg er eine Weile und fuhr dann lächelnd fort:„Daß Sie nicht wußten, daß dieſes Gut ihr gehöre, beweist, daß Sie blos von Beweg⸗ gründen getrieben ſeyn können, die ihr erfreulich ſeyn müſſen.“ Dudley heftete die Blicke zu Boden und ſchwieg mehrere Minuten. Er konnte ſich nicht erinnern, daß ſein Beneh⸗ men gegen Eda der Art geweſen wäre, um ſelbſt dem ſchärf⸗ ſten Beohachter das Geheimniß ihrer Herzen zu enthüllen, und er war keineswegs angenehm überraſcht, als er fand, daß der liſtige Prieſter es mit einem Blicke durchſchaut hatte. Da er keine Antwort gab, ſo fuhr Mr. Filmer in offenem, ja ſogar freundlichem Tone fort: 4 „Nach dem, was ich ſo eben fallen ließ, brauche ich Ihnen nicht zu ſagen, Mr. Dudley, daß ich Ihnen nicht mit der raſchen Begeiſterung eines Jünglings zu Gun⸗ ſten eines Freundes, wohl aber nach ruhiger reiflicher Er⸗ wäͤgung einen glücklichen Erfolg wünſche. Sie ſind durch Geburt ebenſowohl als durch Erziehung ein Gentleman von edler Geſinnung und vollſter Chrenhaftigkeit, wie ich aufrich⸗ tig glaube, während dieſer Lord Hadley in keiner Hinſicht für ſte paßt. Leicht und fla terhaft, wie ein verwelktes Blatt, ohne feſte Grundſätze, ohne warmes religisſes Gefühl, voll ungezügelter Leidenſchaften und Gelüſte, die von Kindheit an in ihm groß gezogen wurden, wird ihm der Reichthum und die hohe Stellung— dieſe beiden großen Probirſteine des menſc lichen Charakters— nur zum Verderben gereichen. Er iſt auf dem beſten Weg, ein vollendeter Wüſtling zu wer⸗ den, und geht eben in dieſem Augenblick darauf aus, den 172 Frieden einer glücklichen, weit älteren und ehrbareren Fa⸗ milie als die ſeinige iſt, zu zerſtören und Zwietracht in unſerer ſtillen Nachbarſchaft zu ſtiften, wo wir zum Glücke nur we⸗ nige Menſchen ſeines Gleichen haben, welche die zornigen Gefühle unſerer Natur aufſtörten.“ „Sie haben hier einen Gegenſtand berührt. mein theu⸗ rer Sir,“ erwiederte Dudley, der ſich durch viele der gehor⸗ ten Ausdrücke nicht anders als geſchmeichelt fühlen konnte, „über den ich dringend mit Ihnen zu ſprechen wünſchte; ja ich überlegte mir dieſe Sache eben als Sie in mein Zimmer traten. Es iſt mir ſeit einigen Tagen aufgefallen, daß Lord Hadley von dem Hauſe, wo er zu Beſuch iſt, häufig abwe⸗ ſend war, und zwar in einem Grade, daß es beinahe un⸗ höflich erſcheint; geſtern in der Kapelle mußte ich ſogar An⸗ zeichen von Gefühlen bemerken, die ich mit großem Bedauern gewahrte und in Betreff derer Sie nunmehr meinen Verdacht beſtätigt haben.“ „Dort war ſein Benehmen im hoͤchſten Grade tadelne⸗ werth,“ verſicherte Mr. Filmer in ernſtem Tone.„Die Zeit ſeiner hauſigen Abweſenheit von Brandon benützt er ent⸗ weder zu Beſuchen in Mr. Clive's Hauſe, oder er paßt der armen Helene auf ihren Spaziergängen auf. Seine Abſicht iſt nicht zu verkennen, jeder Menſch von gewöhnlichem Scharf⸗ blick und nur einiger Weltkenntniß muß ihn durchſchauen; aber Clive, obwohl ein ſehr verſtändiger Mann, merkt es dennoch nicht. Sie müſſen wohl ſchon erfahren haben, wie blind manche Eltern unter ſolchen Umſtänden zu ſeyn pflegen; er betrachtet Lord Hadley als bloßen Knaben von offenem, 173 angenehmem Weſen, und glaubt deſſen Beſuche gelten ihm; auch trägt der junge Herr mit mehr Liſt, als man ihm wohl zugetraut hätte, immer Sorge, ſein Haus dann zu beſuchen, wenn er weiß, daß der Herr ausgegangen iſt, wo er denn immer eine Entſchuldigung in Bereitſchaft hält, um Clive's Rückkehr abzuwarten.“) „Nach dem, was Sie mir ſagen,“ meinte Dudley, „ſcheint mir durchaus nothwendig, daß ich entweder Lord Hadley zur augenblicklichen Entfernung von Brandon zu bewegen ſuche— was er jedoch wahrſcheinlich verweigern wird, da er in wenigen Wochen volljährig iſt— oder daß Mr. Clive gewarnt wird und Maßregeln ergreift, um den Beſuchen dieſes jungen Mannes Einhalt zu thun.“ „Ich wüßte nicht, daß eines von beiden nöthig wäre,“ gab Mr. Filmer zur Antwort;„auch würden beide Maß⸗ regeln nicht die gewünſchte Wirkung haben. Lord Had⸗ ley würde entweder nicht gehen, oder ſobald er ſein eigener Herr iſt, zurückkehren, um die alte Geſchichte von Neuem zu beginnen; was die Warnung an Clive betrifft, ſo hätte ich es ſchon eher gethan, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß dies gefaͤhrlich ausfallen könnte. Er iſt ein Mann von ſehr heftigem, unbeſonnenem Temperament— feſt, kühn, ent⸗ ſchloſſen, wird er von Allem, was einer Beſchimpfung ähnlich ſteht, nur allzuleicht zu leidenſchaftlichen Ausbrüchen hinge⸗ riſſen, von denen Sie ſich keinen Begriff machen können, da Sie ihn niemals im Zuſtande der Aufregung ſahen. Für Helenen hege ich nicht die geringſte Beſorgniß; denn nicht allein, daß ſte von hoher Geſinnung und einem reinen, edlen 174 Herzen beſchirmt wird, kommen auch noch andere Gefühle bei ihr in's Spiel, die oft eines Weibes beſte Schutzwache ſind. So wird demnach Lord Hadley ſeine Plane vereitelt ſehen, und ich glaube nicht, daß er das Mädchen auf irgend eine Weiſe zu beſchimpfen wagen wird.“ Dudley ſchwieg eine Weile, da er von ſeinem Zögling während ihrer Reiſe auf dem Feſtland mehr kennen gelernt hatte, als dies vor Uebernahme des Führeramtes der Fall geweſen war. „Ich weiß nicht,“ meinte er in zweifelhaftem Tone— „weiß doch nicht!“ „Er thäte beſſer, es zu unterlaſſen,“ erwiederte Filmer ſtreng;„aber glauben Sie mir, mein theurer junger Freund, alle ſeine Handlungen werden von einem nicht leicht zu ver⸗ blendenden Auge bewacht werden. Das Intereſſe, das Sie an dieſer Sache nehmen, hebt Sie in meiner Achtung noch mehr als zuvor, und ich will Ihnen geſtehen, daß ich zwi⸗ ſchen Ihrem geſtrigen Benehmen in der Kapelle und dem ſeinigen eine unwillkührliche Vergleichung anſtellte, die für dieſen jungen Lord ſehr ungünſtig ausftel. Ehrfurcht vor religiöſen Ceremonien verlangt ſchon der bloße Anſtand; allein in Ihrem Benehmen lag noch etwas mehr, was mich mit Grund hoffen ließ, daß wenn Sie dem Gottesdienſt unſerer Kirche oͤfter anwohnen, wenn Sie nur wenig Unter⸗ weiſung in unſeren Lehren empfangen, die Vorunrtheile der Erziehung von ſich abwerfen und unbefangen üͤber die Haupt⸗ unterſchiede zwiſchen unſerer Kirche und der Ihrigen— na⸗ türlich nicht ohne vollſtändige Erklärung aller unſerer An⸗ 175 ſichten über diejenigen Lehren, die von den meiſten proteſtan⸗ tiſchen Schriftſtellern ſo irrig aufgefaßt werden— nachdenken, Ihr Benehmen gab mir wie geſagt die Hoffnung, daß Sie unter ſolchen Umſtänden für jenen wahren Glauben wieder zu gewinnen wären, deſſen größte Zierde viele Ihrer Vor⸗ fahren geweſen ſind.“ Dudley lächelte. Jetzt war das Geheimniß heraus! Der Prieſter hatte wirklich den Plan gefaßt, ihn zu bekehren, und ſeine volle, tiefe Anhänglichkeit an den proteſtantiſchen Glauben, der ihn die Irrthümer der römiſchen Kirche un⸗ barmherzig verdammen ließ, machte, daß der bloße Gedanke in ſeinen Augen lächerlich erſchien. „Ich fürchte, mein theurer Sir,“ erwiederte er, nach⸗ dem das Lächeln verſchwunden war,„Ihre Erwartung iſt gänzlich eitel, denn ich kann Sie verſichern, es iſt auch nicht die mindeſte Möglichkeit, daß ich den Glauben, in dem ich auferzogen wurde, jemals verlaſſen könnte.“ „Seyen Sie nicht allzuſtcher, mein Freund,“ warnte Mr. Filmer gleichfalls lächelnd;„ich habe ſchon hartnäcki⸗ gere Ketzer als Sie zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen ſehen, und zweifle keineswegs an Ihnen. Sie ſind frei von vielen Vorurtheilen, wie ſie anderen Ihres Glaubens ankleben; Sie ſind nicht im geringſten bigott oder intolerant, und betrachten dieſe Dinge ſo ruhig und doch mit ſolcher Frömmigkeit, daß ich nach vielem Studium und Nachdenken mit meiner vollſten Ueberzeugung glaube, daß Sie, wenn Sie die Sache nur ernſtlich in's Auge faſſen, zum rechten Schluſſe gelangen müſſen.“ „Ich hoffe allerdings, daß dies der Fall ſeyn wird,“ war Dudley's Antwort;„aber ich glaube, mein theurer Sir, daß ich bereits beim rechten Schluſſe angekommen bin. Dies geſchah nicht ohne tiefes Studium, und zwar nicht ſowohl proteſtantiſcher Schriftſteller, als vielmehr der Werke Ihrer eigenen Kirche, von denen ich viele mit großer Aufmerkſam⸗ keit geprüft habe, und die mich blos in meiner Ueberzeugung beſtärkten. Je unpartheiiſcher ein Mann im Formiren ſeiner Anſichten, je leidenſchaftsloſer er in deren Bekräftigung iſt, deſto feſter wird er ſich auch zeigen, nachdem ſie einmal ge⸗ bildet ſind, deſto ſtandhafter wird er in deren Behauptung bleiben.“ Sie hatten mittlerweile die andere Seite des Parks erreicht, und traten durch ein kleines Pförtchen auf die Straße jenſeits der Mauer. Filmers Lippen waren zuſam⸗ mengepreßt, während er dem Andern zuhorchte, und er ſchien gegen eine ſtarke Empfindung anzukämpfen; doch eben in dieſem Augenblick ließen ſich zahlreiche Fußtritte vernehmen, und als ſie die Straße hinaufſchauten, gewahrten ſie eine Maſſe Volks in der Tracht von Arbeitern und Taglöhnern in raſchem Schritte je zwei und zwei in ordentlichem, an⸗ ſtändigem Aufzuge daherkommen. Filmer und ſein Gefährte blieben ſtehen, um ſie vorbei⸗ zulaſſen, und waͤhrend ſie untereinander plaudernd vorüber⸗ gingen, bemerkte und gedankenvollen, bei andern wieder einen aufgeregten enthuſtaſtiſchen Ausdruck, welcher anzudeuten ſchien, daß ſie nicht in gewöhnlichen Geſchäften begriffen waren. Sie 8 Filmer in vielen Geſichtern einen ernſten 177 zogen vorüber, ohne von den beiden Herrn die geringſte Notiz zu nehmen, nur hörte Dudley zwei oder dreimal Sir Arthur Adelon's Namen unter ihnen erwähnen, und ſobald der Letzte verſchwunden war, fragte er, nicht ungerne den Gegenſtand des Geſpräches ändernd: „Wer können dieſe Männer ſeyn, und was mögen ſie mit dieſem ſonderbaren Aufzuge beabſichtigen?“ „Ich weiß wahrhaftig nicht,“ gab Mr. Filmer zur Antwort;„es ſollte mich jedoch nicht überraſchen, wenn es Chartiſten wären.“ „Haben Sie viele hier in der Gegend?“ fragte Dudley. „O ja,“ verſetzte der Prieſter,„ſte ſind ſehr zahlreich, ſowohl unter dem Landvolk wie unter den Stadtbewohnern: dieſe mögen wohl zu einem ihrer Meetings auf den Dünen ausgezogen ſeyn. Sie zeigen ſich jedoch in unſerer Gegend ſämmtlich ſehr ordentlich und ruhig, und bilden den beſter⸗ zogenen und achtbarſten Theil unſerer Bevölkerung.— Eine große Begeiſterung iſt oft außerordentlich nützlich, denn die ſie empfinden, werden hiedurch oft von allen nie⸗ drigen Handlungen abgehalten, die den großen Endzweck, der ſie antreibt, entehren könnten. Solche Gewalt, mein junger Freund, ſoll auch die Religion über unſer Herz aus⸗ üben, und wie Sie wohl ſelbſt geſehen haben müſſen, iſt dies bei vielen Geiſtlichen meiner Kirche wirklich der Fall. Schlechte niedrige Menſchen finden ſich wohl in jedem Lande und müſſen jedem Glauben zur Schande gereichen; aber wenn Sie einige Werke, die ich Ihnen leihen will, wirklich James. Der Ueberwieſene. 12 178 leſen und ſtudiren wollen, ſo werden Sie beſtimmt finden, daß das natürliche Beſtreben jeder Lehre der katholiſchen Religion dahin geht, die Herzen der Menſchen zu erheben und zu läutern und jede ſchlimme Neigung zu tödten und zu unterjochen. Ich weiß,“ fuhr er fort,„daß proteſtantiſche Schriftſteller das gerade Gegentheil behauptet haben; aber ſie haben ſich geirrt— ich will keinen härteren Ausdruck gebrauchen und blos noch beifügen: ſtudiren Sie und Sie werden ſehen.“ „Die Bücher will ich gewiß mit großem Vergnügen leſen,“ erklärte Dudley,„darf Sie aber zu gleicher Zeit auch nicht einen Augenblick zu der Erwartung verleiten, daß Sie eine Aenderung in meinen Anſichten hervorbringen werden.“ Dies ſagte er in entſchiedenſtem Tone und Filmer er⸗ wiederte mit leichtem Stirnrunzeln und ſehr ernſtem gewich⸗ tigem Weſen: „Dann, fürchte ich, werden Ihre theuerſten Hoffnungen getäuſcht werden.“ Dudley fühlte einigen Unwillen über dieſe verſteckte Drohung, wurde aber durch Lord Hadley's Erſcheinen an einer Erwiederung verhindert. Letzterer kam— nicht von der Seite von Brandon— auf ſie zu und kehrte in ihrer Geſellſchaft nach dem Herrenhauſe zurück, indem er, einen ungewöhnlichen Grad von Luſtigkeit affectirend, auf eine Weiſe lachte und ſcherzte, wie es mit den ernſteren Gedanken ſeiner beiden Gefährten nur ſchlecht zuſammenſtimmte. Im Verlauf des Geſprächs kam die Rede zufällig auch auf die Meſſe, der ſie geſtern angewohnt hatten, und ging von da 179 auf die Ceremonien der römiſch⸗katholiſchen Kirche in andern Ländern über. „Ohne Ihre Mummereien könnte ich ſie für eine ganz gute Religion, ja wahrhaftig eine kapitale Religion halten, Mr. Filmer,“ bemerkte der junge Peer lachend.„Es iſt ſo angenehm zu denken, daß man alle ſeine kleinen Sünden auf die Schultern eines Andern abladen kann, daß ich mich wun⸗ dere, wer nicht gerne ein Katholik wäre, wenn er nur könnte.“ Ein ſcheeler feindſeliger Blick zuckte einen Augenblick über die Miene des Prieſters, und Dudley, der ihn bemerkt hatte, war nicht wenig überraſcht, Filmer im nächſten Mo⸗ ment mit mildem Lächeln ſagen zu hören: „Sie beſinden ſich mit Ihren Anſichten einigermaßen im Irrthum, Mylord, und wenn Sie die Sache unter einem competenten Lehrer genau unterſuchen wollten, ſo würden Sie die Stellung eines Katholiken wohl nicht ſo ſchwer fin⸗ den, wie Sie ſich denken.“ „Ich würde jedenfalls eine Lehrerin vorziehen,“ meinte Lord Hadley lachend. Mr. Filmer gab keine weitere Antwort, da er es viel⸗ leicht allzuſchwierig fand, ſeine Beweiſe vor zwei Männern von ſo total verſchiedenen Charakteren und Anſichten wie der junge Lord und ſein Hofmeiſter weiter auszuführen. Der Reſt ihres Spaziergangs durch den Park verlief faſt in voͤl⸗ ligem Stillſchweigen; nur gelangte Dudley durch verſchie⸗ dene Anzeichen zu dem Schluſſe, daß Lord Hadley's früͤhere Heiterkeit mehr affectirt als ernſtlich gemeint geweſen war. 12* Dreizehntes Kapitel. Wer mit dem Leben und dem menſchlichen Charakter unbekannt wäre, müßte es wohl auffallend finden, wie einer mit allen Zeichen der Leidenſchaft ein Weib verfolgen, und ſich zu gleicher Zeit nicht allein um die Liebe einer Anderen bewerben, ſondern auch Gefühle der Eiferſucht bei jedem Zei⸗ chen der Begünſtigung eines Nebenbuhlers blicken laſſen mag. Und doch geſchieht dies alle Tage, und war auch bei Lord Hadley der Fall. Hätte man ihn gefragt, wen er am meiſten bewundere, Helene Clive oder Eda Brandon, ſo würde er— wenn er anders aufrichtig ſeyn wollte— He⸗ lenen genannt haben; allein ſie war in ſeinen Augen ein bloßes Spielzeug, das man beſaß, mit dem man ſich be⸗ luſtigte und das man hinterher wegwarf. Cda dagegen be⸗ trachtete er in ganz anderem Lichte— ſie konnte ſeinen Reichthum durch den ihrigen vermehren, konnte durch ihre Schönheit und Grazie als ſein Weib ſeiner Eitelkeit ſchmei⸗ cheln; eine Verbindung der Hadley's, welche ehrlich geſtan⸗ den des Aufpfropfens ihres jungen Zweiges auf einen älteren Stammbaum gar ſehr bedurften, mit dem Blute der Bran⸗ dons, einer der älteſten Familien des Landes, mußte ſeinen Stolz befriedigen. Welche Gefühle er auch für ſie hegen mochte— ſie erreichten zwar nicht die Höhe der Leidenſchaft; aber dennoch ſuchte er in Eda's Nähe ihre Beachtung auf ſich zu ziehen, und es war klar, daß der Vorzug, welchen ſie Dudley bewies, ihm keineswegs gefallen wollte. 181 Sir Arthur Adelon ſah, daß bei ſeinem jungen edlen Gaſte irgend etwas ſchief gegangen war, und erwog eben während ſie— nicht mit den friedlichſten Gefühlen von Seiten Lord Hadley's gegen ſeinen Hofmeiſter— beim Luncheon ſaßen, was die Urſache des kalten hochmüthigen Tones, der ihm auffiel, ſeyn könne, als ein eintretender Diener unſerem Dudley meldete, daß ein Herr Namens Norries ihn auf we⸗ nige Augenblicke im Bibliothekzimmer zu ſprechen wünſche. Sir Arthur wurde todtenblaß, erholte ſich jedoch im Augenblick wieder, und ſprang auf, ehe ſein Gaſt etwas er⸗ wiedern konnte. „Ich bitte zehntauſendmal um Verzeihung, Mr. Dud⸗ ley,“ ſagte er;„ich habe jedoch Mr. Norries etwas ſehr Wichtiges zu ſagen, und wenn Sie mir erlauben, will ich ſeine Zeit nur für ein paar Augenblicke in Anſpruch nehmen, während Sie Ihr Frühſtück beendigen, denn ich habe ſpäter Geſchäfte, die mich augenblicklich abrufen, und Ihre Unter⸗ redung mit ihm könnte vielleicht etwas lange dauern.“ Dudley erwiederte, er wiſſe in der That nicht, was Mr. Norries mit ihm zu ſchaffen haben köonne, da eine ſolche Perſon ihm gar nicht bekannt ſey. „Ich werde ihn kaum drei Minuten aufhalten,“ rief Sir Arthur mit vertranlichem Kopfnicken und eilte aus dem Zimmer, gefolgt von dem ſcharfen kalten Blicke des Prieſters, .„Wer iſt Mr. Norries, Vater?“ fragte Eda Brandon. „Ich habe nie zuvor von ihm gehört.“ „Ein alter Bekannter Sir Arthurs,“ gab Mr. Filmer in ſeinem gewöhnlichen Tone zur Antwort.„Er war glaub' ich früher Advokat, aber zu ehrlich für dieſen Stand, von dem er ſich ſeit einiger Zeit zurückzog.“ Kaum waren zwei Minuten verſtrichen, als Sir Arthur Adelon wieder im Zimmer erſchien. Seine Konferenz mit Mr. Norries war in der That kurz geweſen, ſchien aber befriedigend ausgefallen zu ſeyn, denn als er zurückkam, lag ein Lächeln auf ſeinen Lippen, wiewohl ſein Geſicht wie von friſcher heftiger Aufregung ziemlich geröthet war. „Sie werden Norries im Bibliothekzimmer finden, Mr. Dudley,“ ſagte der Baronet, ſobald er eintrat, und während Dudley aufſtand und nach der Thuüre ging, ſetzte ſich Sir Arthur am Tiſche nieder, und verſiel in tiefe Gedanken. Wäͤhrend deſſen verfügte ſich Dudley nach dem ihm an⸗ gewieſenen Zimmer, und fand daſelbſt denſelben gewaltigen impoſanten Mann, wie ich ihn oben beſchrieben habe, ſeiner harrend. Norries' ſcharfe graue Augen waren auf die Thüre geheſtet und bei Dudley's Eintritt zog eine leichte Röthe über ſeine Wangen. „Mr. Dudley,“ hub er an,„es iſt kein Zweifel. Sie ſind Ihrem Vater ſehr aͤhnlich.“ „Ich glanbe ſo, Mr. Norries,“ erwiederte Dudley— „bitte, nehmen Sie Platz. Sie waren vermuthlich mit meinem armen Vater genau bekannt.“ „Nein, ich hatte nicht die Ehre, Sir,“ gab Norries zur Antwort;;„als Compagnon von Mr. Sherborne, Sir Ar⸗ thur Adelon's Anwalt zu Yorkſhire, habe ich ihn jedoch mehr als einmal geſehen.“ Dudley's Antlitz verfinſterte ſich, und er machte eine 183 Bewegung, als ob er aufſtehen wollte, begnügte ſich aber mit der Bemerkung: 4 „Mr. Sherborne's Name iſt für mich höͤchſt unerfreu⸗ lich, Sir. Ich möchte gegen ſeinen Compagnon nicht gerne meine Meinung über ihn ausſprechen, würde ſie ihm aber ohne Zweifel in eigener Perſon zu erkennen geben, wenn er noch am Leben wäre.“ „Ich war ſein Compagnon in Geſchäften, Sir, nicht aber in einer Schurkerei,“ erwiederte Norries,„deren volles Maß ich erſt nach ſeinem Tode kennen lernte. Die Natur hat mich nicht zum Advokaten beſtimmt, Mr. Dudley, und das Studium jenes Berufes hat mir blos gezeigt, daß die Geſetze dieſes Landes entweder durch urſprünglich fehler⸗ hafte Anlage oder in Folge von Verdrehungen, die ſich durch die Mißdeutungen der Richter eingeſchlichen haben, keine Sicherheit gegen Unbill, keinen Erſatz für begangenes Un⸗ recht, daß ſie dem Unſchuldigen nicht Schutz, dem Schuldigen nicht Strafe, überhaupt in allen Beziehungen zwiſchen Menſch und Menſch keine Gleichheit gewähren. Bei dieſer Anſicht der Sache konnte ich einem Berufe nicht treu bleiben, der unbillige Geſetze auf unbillige Weiſe durchſetzen hilft, und demgemäß gab ich ihn auf, mußte aber zuvor ſämmtliche Papiere von mir wie von meinem verſtorbenen Genoſſen unterſuchen— von vielen der letzteren hatte ich nie zuvor gehört oder geſehen. Hiebei fand ich nun mehrere Briefe, die Ihren Vater berühren, Sir, und unter anderen ver⸗ ſchiedene von ihm ſelbſt, die mir von Wichtigkeit ſchienen. Letztere ſollen Sie haben; die andern Papiere, die ſich auf 184 eine beſtrittene Wahl, an der er Theil nahm, beziehen, ſind mir ſelbſt für jetzt unentbehrlich.“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Mr. Norries,“ ver⸗ ſetzte Dudley.„Ich bin natürlich ſehr froh, meines ar⸗ men Vaters Briefe zu erhalten. Was die andern auf die Wahl ſich beziehenden Papiere betrifft, ſo können ſie mir nicht von Nutzen ſeyn, da dies eine längſt abgemachte Sache iſt und ich alte Streitigkeiten nicht wieder anfzuwärmen wünſche. Ich befinde mich gegenwärtig in dem Hauſe von dem damaligen Gegner meines Vaters, und weiß recht gut, daß er bei jener Veranlaſſung ehrenhaft verfuhr und ſpäter äußerſt freundlich und zuvorkommend an meinem armen Va⸗ ter handelte.“ Norries runzelte die Stirne und biß die Zähne über⸗ einander, ließ ſich aber keine Bemerkung entſchlüpfen, und Dudley fuhr alſo fort: „Deßhalb wünſche ich keinen Augenblick, irgend welche unfreundliche Erinnerungen in Beziehung auf jenen Streit wieder aufzufriſchen, und meine, jene Papiere ſeyen bei Ihnen eben ſo gut wie bei mir aufgehoben.— War dies Alles, worüber Sie mit mir zu ſprechen wünſchten?“ „Ich habe nichts weiter zu ſagen, Mr. Dudley,“ er⸗ wiederte Norries aufſtehend,„als daß ich Ihnen in wenigen Tagen Ihres Vaters Briefe an jeden Ort, den Sie mir zu bezeichnen belieben, überſchicken werde.“ Nachdem er ſofort Dudley's Adreſſe im St. John’'s⸗ Kollegium zu Cambridge erhalten hatte, beabſchiedete er ſich und verließ das Zimmer. Im Hinausgehen blieb er 185 einen Augenblick wie ſich beſinnend ſtehen, murmelte etwas vor ſich hin, entfernte ſich aber, ohne etwas Weiteres ver⸗ nehmen zu laſſen. Von Brandon⸗Houſe nahm Norries ſeinen Weg durch die ſchon öfter erwähnte Allee, unter deren Schatten er ra⸗ ſchen Schrittes davoneilte und darauf in einen Pfad einbog, der durch das Gebüſch zur Rechten zu einer von den Mauer⸗ ſtaffeln führte. Seine Richtung leitete nach dem Meierhofe, doch folgte er nicht demſelben Wege, den Edgar Adelon früher eingeſchlagen hatte. Ungefähr hundert Schritte aufwärts lag der Eingang eines anderen ſchmalen Fußpfads, der tief zwiſchen zwei Abhängen eingeſchnitten und oben durch eine Hecke begrenzt war. Für einen Reiter auf der Fuchsjagd war dies eine höchſt unwillkommene gefährliche Schlucht, und es ging auch wirk⸗ lich die Sage, daß zwei Herren vor etwa fünfzig Jahren beim Sprung über die Hecke plötzlich in dieſen ungeſehenen Hohlweg geſtürzt waren und den Hals gebrochen hatten. Mr. Norries eilte raſchen Schrittes durch, bis ſich der Weg auf einen kleinen Raſen öffnete, wo zwei völlig zerfallene Hütten ſtanden, zu denen jener Hohlweg in früheren Jahren vermuthlich den näheren Zugang von der Heerſtraße her hatte bilden ſollen. Auf der andern Seite der Wieſe ſah man einen offeneren Fußpfad über die Höhe und durch die Felder ſich hinſchlängeln; unten am Abhang waren Staffeln eingeſchnitten, auf denen bei Norries' Ankunft ein kurzer ſchmächtiger Mann mit ſcharfem Geſicht und ſchwarzen glü⸗ henden Augen ſaß. 186 „Nun, Nichols,“ rief Norries im Nähertreten—„ich habe Euch nicht lange aufgehalten— nicht wahr?“ „Nein, nein,“ gab der Andere raſch zur Antwort; „aber was bringen Sie für Neuigkeiten— was für Neuig⸗ keiten, Mr. Norries?“ „Nun, er will kommen, Nichols, ohne Zögern oder Aufſchub, ſobald wir die Parole geben,“ antwortete Norries. „Wirklich!“ rief der Andere—„das lautet beſſer als ich gedacht hätte. Ich fürchtete, er werde von ſeinen neu⸗ lichen Verſicherungen wieder zurückhufen oder ſich wenigſtens ſo lange beſinnen, bis wir die beſte Gelegenheit verloren hätten.“ „Ich ergriff Maßregeln, um ſeinen Entſchluß zu be⸗ ſchleunigen,“ bemerkte Norries.„Aber laßt uns aufbrechen, Nichols, denn ich erwarts Convay und Mae Dermot zu einer Berathung in Clive's Hauſe, und wir müſſen uns dann bis auf morgen Nacht trennen.“ „Sind wir aber bei Clive auch ſicher 2“ fragte Nichols, dem Anderen, welcher raſch voranging, folgend.„Sie wiſſen ja, Norries, er hat uns gänzlich abgeſagt.“ „Wird aber nie einen Menſchen verrathen,“ behauptete Norries;„überdies iſt er in der Stadt und wird vor zwei bis drei Stunden nicht zurückkehren.“ Von hier an wurde nichts weiter geſprochen, bis ſie Grange erreichten, wo ſie ohne weitere Umſtände eintraten. „Ich kann doch in die obere Stube gehen, die ich ftüher inne hatte— nicht wahr, liebſte Helene?“ rief Norries, den Kopf in des Mädchens Zimmer ſtreckend. —— 187 „Ei freilich!“ gab Helene zur Antwort.„Es iſt noch Alles gerade wie Sie's verlaſſen haben; aber mein Vater iſt nicht zu Haus und wird erſt in einigen Stunden heim⸗ kehren.“— „Hat nichts zu ſagen,“ meinte Norries, der ſofort eine der Mägde anwies, die Herren, die etwa nach ihm fragen würden, zu ihm hinaufzuſchicken, worauf er den Mann Na⸗ mens Nichols in das Zimmer führte, wo ſeine Konferenz mit Sir Arthur Adelon ſtattgefunden hatte. Helene blieb unterdeſſen unten; ſte hatte zwar ein Buch vor ſich, ſah aber nur ſelten hinein, und ſchien blos mit ih⸗ ren Gedanken beſchäftigt. Sie ſaß mit dem Geſicht dem Fenſter zugekehrt, das die Ausſicht in den Garten und durch die Baͤume jenſeits des Fluſſes bis zu dem gegenaberliegen⸗ den Abhang des kleinen Thälchens geſtattete. Den einen Arm in der Schlinge, den andern auf Buch und Tiſch ge⸗ lehnt, ſchaute ſie durch das Fenſter, jenen Thalhang mit geſpannter faſt furchtſamer Miene bewachend, und ihre Blicke jedesmal, ſo oft ſie auf das Buch fielen, alsbald wieder zum Fenſter zurückwendend. Noch waren keine drei Minuten ſeit Norries' Ankunft verfloſſen, als man eine Geſtalt undeutlich die Hoͤhe herab⸗ kommen ſah, worauf Helene emporſpringend ausrief:„Da iſt er wieder! Das iſt doch gar zu garſtig! Ich bin nur froh, daß mein Oheim hier iſt.“ Doch noch ehe ſie die Worte ganz ausgeſprochen hatte, wurde die Geſtalt vollſtändig ſichtbar und Helene ſah, daß ſie ihr vollkommen fremd war. Eine zweite gleich unbe⸗ 188 kannte folgte dicht hinter der erſten, und das Mädchen ſetzte ſich wieder nieder, indem ſie mit ſchwachem Lächeln vor ſich hinmurmelte: „Ich ängſtige mich unnöthig.— Aber es iſt auch gar zu hart, ſo behandelt zu werden— ich weiß nicht, was ich thun ſoll. Wollte ich's meinem Vater erzäͤhlen, was er geſagt und wie er ſich gegen mich betragen hat— er würde ihn auf der Stelle umbringen, und erfährt es Edgar, ſo wird er ſich ganz beſtimmt mit ihm ſchlagen. Der arme liebe großherzige Edgar! ich ſehe wohl, wie er unruhig iſt, und darf doch nicht ſprechen. Es iſt ſehr auffallend, daß Vater Peter die Sache mit ſolcher Gleichgültigkeit behan⸗ delt.— Ich glaube, das Beſte wäre, wenn ich mit meinem Onkel ſpräche.“ Während ſie ſo in abgebrochenen Sätzen vor ſich hin flüſterte, näherten ſich die beiden Unbekannten dem Hauſe, zogen die Glocke, und Helene konnte ihren ſchweren Fußtritt die Treppe hinauf hören. Sie hatte ihren Kopf der Thüre zugewendet, als jene ins Haus traten; ſobald jedoch ihre Augen wieder zum Fen⸗ ſter zurückkehrten, ſah ſie Lord Hadley mit ſtolzem leichtem ſelbſtvertrauendem Schritt den Pfad herabkommen, und abermals aufſpringend ſchloß ſie das Buch und rannte aus dem Zimmer. Eine Dienerin ſtand auf dem Gange, und in haſtigem erſchrockenem Tone rief ihr das ſchöne Mädchen zu: „Berichte ihm genau, was ich Dir ſage, Margarethe. Wenn er nach mir fragt, ſo ſage nur, ich wolle ihn nicht ——— — —,— — 189 ſehen. Es bedarf gar keiner Ausrede; Du brauchſt nur offen und gerade zu ſagen, ich wolle nicht.“ „Wird geſchehen, Miß Helene,“ gab die Dienerin herzhaft zur Antwort.„Soll ich Ben, dem Pflugknecht, ſagen, daß er ihn durchwalkt, wenn er nicht gehen will?“ „Ich wollte beim Himmel, er thäte es,“ war Helenens erſter Gedanke; ſie unterdrückte ihn jedoch und erwiederte: „nein, keine Gewaltthätigkeit, Margarethe.“ Mit dieſem Rufe lief ſte nach ihrem eigenen Zimmer hinauf, und ſetzte ſich dort an einen kleinen Tiſch, nachdem ſie die Thüre verſchloſſen hatte. Was unten vorging, konnte ſie nicht hören; dagegen befand ſich zwiſchen ihrem und dem anſtoßenden Zimmer nur eine Scheidewand von alten, ſchwarzen Eichenbrettern, die nicht wie unten in Felder abgetheilt waren, ſondern in lan⸗ gen, polirten Planken von der Decke bis zum Boden reich⸗ ten und der Verzierung halber an den Rändern leicht ausge⸗ ſchnitzt waren. Sie ſchienen feſt zuſammengefügt; gleichwohl war jedes laute Wort, das im anderen Zimmer geſprochen wurde, auch in dem ihrigen zu vernehmen, und nach dem hellen Klange der drei Stimmen nebenan kam es Helenen vor, als ob wenigſtens einer der Gäſte in ihres Onkels Zimmer ziemlich harthörig ſeyn müſſe. Unmittelbar nach dem Eintritt waren ihre Gedanken zu ſehr aufgeregt, als daß ſie dem Geſpräche die geringſte Aufmerkſamkeit ſchenken konnte; unten aber blieb Alles ſtill und ſie ſagte zu ſich ſelbſt: „Er iſt eingetreten, um auf meinen Vater zu warten, oder um ſich niederzuſetzen und ſelbſt auszuruhen, wie er 190 vorgibt— der Unverſchämte. Ich kann nicht begreifen, wie ein Gentleman zu ſo falſchen Ausflüchten ſeine Zuflucht nehmen kann— und ich muß hier gefangen bleiben, bis ihm wieder zu gehen beliebt.“ Während dieſes Selbſtgeſprächs drangen ihr einige Worte aus dem Nebenzimmer zu Ohren und feſſelten augen⸗ blicklich ihre Aufmerkſamkeit: ſie horchte, ohne es zu wollen — der Drang war ein unwiderſtehlicher. Ihre Wange wurde bläſſer denn zuvor; ihre Lippen öffneten ſich in Haſt und anſcheinender Angſt, und ſie legte plötzlich die Hand auf die Stirne. „Gütiger Himmel,“ murmelte ſie,„ich hoffe, mein Vater hat keinen Theil daran. Ich müßte ihn ja auf mei⸗ nen Knieen bitten, ſich nicht darein zu miſchen.“ Im nächſten Augenblick wurden andere Worte vernehm⸗ bar, und der Ausdruck des Schreckens ſchwand aus ihrem ſchönen Antlitze, wie eine dunkle Wolke den Sommerhimmel verläßt. Dann wurde wieder Sir Arthur Adelons Name ſehr häufig erwähnt, und die Wolke kam abermals über Helenens ſchöne Stirne; diesmal aber war es Ueberraſchung, die ſich in ihre Furcht miſchte, denn es kam ihr wunderbar vor, wie ein ſo reicher, hochgeſtellter und angeſehener Mann ſo tief in jene Plane verwickelt ſeyn ſollte. So verſtrich etwa eine halbe Stunde; dann kam ihre Dienerin und pochte mit den Worten:„er iſt fort, Miß Helene,“ an ihre Thüre. Die ſchöne Gefangene war deſſen herzlich froh; ſie öffnete die Thuͤre und ging wieder in das Beſuchzimmer hinab. — 191 „Was ſoll ich thun? wie ſoll ich handeln?“ war Hele⸗ nens erſter Gedanke.„Sie der Juſtiz angeben, kann und darf ich nicht; und doch iſt es ſchauderhaft. Das wird ja ein furchtbares Blutbad geben!— Und auch Sir Arthur Adelon— wer hätte jemals gedacht, daß er ſich an ſie an⸗ ſchließen würde? O ich wollte, man könnte ihn warnen! — Ich will es Eda ſagen: ſie hat mehr Gewalt über ihn als alle Andern, und kann ihn vielleicht zum Rücktritt über⸗ reden.— Mein Oheim wird auf ſeiner Bahn beharren, das weiß ich wohl— nichts wird ihn davon abbringen, und er muß ſich zuletzt noch den Untergang bereiten; aber ich hoffe zuverſichtlich, daß er keinen Einfluß auf meinen Vater haben wird.— O nein! die Männer ſagten ja, er wolle nichts da⸗ mit zu thun haben.— Aber horch!“ Man hörte Schritte herabkommen: zwei bis drei Män⸗ ner verließen das Haus, und nach einem Zwiſchenraume von wenigen Minuten trat Norries mit ruhiger, ſogar heiterer Miene in's Zimmer und ſetzte ſich neben Helenen. „Was iſt Dir, mein Lämmchen?“ hub er an.„Du ſcheinſt ja ängſtlich und traurig.— Schmerzt Dich Dein Arm, Liebſte?“. „O nein,“ verſetzte Helene;„ſeitdem er eingerichtet iſt, hat er mir nie wieder weh gethan. Ich glaube, er iſt jetzt * ganz geheilt.“ „Wer war es denn, der vor einer halben Stunde in's Haus kam?“ fragte Norries plötzlich.„Ich hörte die Glocke ziehen und einen Männerſchritt auf dem Gange dröhnen.“ „Lord Hadley war es,“ gab Helene ſchon bei der 19²2 bloßen Erwähnung ſeines Namens erröthend zur Antwort. „Er kam vermuthlich, um auf meinen Vater zu warten, oder unter einem ähnlichen Vorwande.“ „Meine theure Helene,“ ermahnte Norries, ſeine Hand ruhig auf die ihrige legend,„mache Dir ja nichts mit ihm zu ſchaffen— ſieh ihn ſo ſelten wie möglich! Wer Dich kennt, wird Dich zwar nie eines Unrechtes zeihen, mein theures Kind; allein die häufigen Beſuche von Männern, die in unſerem verdorbenen Geſellſchaftszuſtande einen weit höheren Rang, wie wir ſelbſt, einnehmen, und beſonders von ſo lüderlichen, gedankenloſen Jungen, wie dieſer, könnte Deinem reinen Rufe bei Solchen, die Dich nicht kennen, ſchaden.“ Der freundliche Ton, in dem er ſprach, ermuthigte Helenen, und ſie erwiederte, ihm feſt in's Geſicht ſehend: „Das iſt ein Gegenſtand, worüber ich gerne mit Ihnen ſprechen möchte, denn meinem Vater wag ichs nicht zu ſagen. — Ich empfing Lord Hadley nicht, mein theurer Onkel, denn ſobald ich ihn kommen ſah, zog ich mich auf mein Zimmer zurück, und befahl dem Mädchen, wenn er nach mir fragte, ihm zu ſagen, daß ich ihn nicht ſehen wolle— mit dieſen klaren Worten.“ „In der That!“ rief Norries, der ſich nun erſt für die Sache intereſſirte;„dann muß er etwas ſehr Schlimmes gethan haben, Helene.“ 3 „Er hat Dinge zu mir geſprochen, die ich nicht wieder⸗ holen kann, mein theurer Oheim,“ erwiederte ſie mit er⸗ glühender Wange.„Er wollte mich überreden, meines 193 Vaters Haus zu verlaſſen und mit ihm nach London zu gehen und— und— kurz, er hat ſich ſehr garſtig gegen mich be⸗ nommen.“ „Das wagte er?“ rief ihr Onkel mit funkelnden Augen und hochrothem Geſicht.„Das muß Dein Vater wiſſen, Helene.“ „Ach nein, nein!“ rief dieſe;„ich wag' es ihm wirklich nicht zu ſagen, denn wenn er's erführe, würde er ihn auf der Stelle tödten. Sie wiſſen ja, wie heftig er in ſeinem Zorne iſt, und wie furchtbar er zürnen würde, wenn er wüßte, daß ich alſo beſchimpft worden.“ „Wohl weiß ichs, Helene,“ erwiederte Norries nach⸗ denklich,„und ich gebe zu, Du befindeſt Dich in einer ſchwie⸗ rigen Lage. Du biſt keine Kokette, mein theures Kind, daß Du dieſem Manne gleich zu Anfang irgend eine Ermunte⸗ rung gegeben hätteſt, ehe er ſich in ſeiner wahren Farbe vor Dir zeigte; auch bin ich überzeugt, Du haſt Alles gethan, um ihn von Deinem Hauſe fern zu halten.“ „Gewiß, das that ich,“ verſicherte Helene Clive;„ich konnte ihn von Anfang an nicht leiden, obwohl ich für die Güte, die mir von ihm und ſeinem Freunde Mr. Dudley erwieſen wurde, dankbar war, wie ichs ihm auch bezeugte. Ach! wie ganz anders iſt doch Mr. Dudley's Benehmen von jeher geweſen. Ihm verdankte ich in der That meine Ret⸗ tung, wenn gleich der Andere damals auch freundlich war; aber ſchon in der Nacht, da ſie mich hierher brachten, warf er mir Blicke zu— ich kann ſie nicht beſchreiben— aber es war mir ſehr unbehaglich dabei zu Muth.“ James. Der Ueberwieſene. 13 194 „Und Mr. Dudley iſt immer gütig geblieben?“ fragte ihr Onkel. „Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie lieb,“ antwortete Helene.„Sein Weſen war immer ſo ſanft, ſo ganz wie ein Gentleman; er ſchien ſo warmen Antheil an mir zu nehmen, ſowohl da er mich aus dem Haufen von Steinen und Erde hervorzog, wie auch ſpäter, als ich meinem Vater den Vor⸗ fall, den ich nie vergeſſen werde, mitzutheilen wünſchte. Als ich ihn darauf am anderen Tage wieder ſah, da war ein ſolcher Unterſchied in ſeinem und Lord Hadley's Betragen, daß ich mich in jedem Augenblick der Gefahr wie zu einem Bruder zu ihm hätte flüchten können, während ich vor dem bloßen Blick des anderen zurückbebte.— Damals wußte ich nicht warum, jetzt aber weiß ichs.“ „Das ſieht dieſem Geſchlechte der Dudley's ähnlich,“ erwiederte Norries, den Kopf auf die Hand ſtützend und in tiefes, anſcheinend bitteres Nachdenken verfinkend.— „Wie man doch ſo leicht in argen Irrthum gerathen kann!“ rief er endlich.„Helene, Dein Vater muß all' das erfah⸗ ren; aber ich wills ihm erzählen und ihm dabei ſagen, war⸗ um Du's nicht gewagt haſt. Das allein ſchon wird ihn zurückhalten, denn wenn ein hochherziger Mann, wie er, die Folgen ſeiner Leidenſchaften gewahr wird, ſo muß er ſtie auch bedauern und ſich davor ſcheuen. Fürchte nichts, mein Täubchen; ich werde Sorge tragen, es ihm nur dann zu ſagen, wenn er, bevor er handelt, Zeit zu ruhigem Nach⸗ denken vor ſich hat.— Es muß ſeyn, Helene! Eine Tochter darf ihrem Vater keinen Mangel an Vertrauen beweiſen.“ 195 „Nicht um die Welt möcht' ich das,“ betheuerte das Mädchen;„nur ſeyen Sie behutſam, theuerſter Oheim, denn ich kann nur mit Zittern an die Folgen denken.“ „Ich will behutſam ſeyn, armes Ding,“ erklärte Nor⸗ ries;„wo übrigens Recht und Pflicht ins Spiel kommen, da dürfen wir nie an die Folgen denken, liebe Helene— und ſomit lebe wohl!“ Mit dieſen Worten verabſchiedete er ſich, und verließ das Mädchen, das in ängſtlichen Gedanken und mit tiefbe⸗ wegtem Herzen der kommenden Ereigniſſe harrte. Vierzehntes Kapitel. 1 Der Nachmittag war hell und ſogar warm geweſen; jede Wolke war am Himmel verſchwunden, und als ſich Eda Brandon gegen dreiviertel auf Sechs auf ihr Zimmer begab, um ſich zur Mittagstafel anzukleiden, hatte die Sonne, die etwa eine Viertelſtunde zuvor untergegangen war, einen ſternenbeſäeten Horizont zurückgelaſſen. Sie liebte es, das Firmament zu betrachten, und ihre Fenſtervorhänge waren nicht herabgelaſſen, ſo daß ſie vom Toilettetiſche aus, wo die Kammerjungfer ihr das ſchöne Haar ordnete, die Ge⸗ ſtirne des Himmels betrachten konnte, der gleich einer mit feurigen Charakteren beſchriebenen Rolle vor ihren Augen funkelte. Es war jedoch ſehr ſinſter, denn— wie der mit dem Mondeslauf vertraute Leſer aus dem im Anfange der 13* Erzählung Geſagten entnehmen wird— das ſchöne Nacht⸗ geſtirn war noch nicht aufgegangen. Indem Gda fort⸗ während hinausſtarrte, ſah ſie plötzlich durch das Dunkel einen hellen, glänzenden Feuerball aufſchießen, der eine Weile frei in der Luft ſchwebte und dann in tauſend glitzernde Funken zerplatzte, welche ſich wieder langſam gegen die Erde herabſenkten. „Was kann das ſeyn!“ rief Eda. „O, eine Rakete, Ma'am,“ meinte das Mädchen.„Es ſollte mich nicht wundern, wenn es eines der Signale dieſer Chartiſten wäre. Sie machen jetzt eben einen großen Lärm in der Gegend, das kann ich Ihnen ſagen, Miß Eda, und ich fürchte mich entſetzlich vor dem, was ſich in nächſter Zeit ereignen wird.“ „Willſt Du damit ſagen, als ob ſolche Dinge in unſe⸗ rer Nachbarſchaft vorgingen 2“ fragte Eda ziemlich überraſcht. „Du verwechſelſt es wohl mit den Berichten aus den Manu⸗ fakturdiſtriften.“ „Ach nein, Ma'am 1“ rief das Mädchen.„Mein Bruder, der bei Mr. Gaſpey Bedienter iſt, erzählte mir geſtern, er habe ihrer fünfzig je zwei und zwei zu einem ihrer Meetings ausziehen ſehen, und er, wie ſein Herr, glauben Beide, daß es einen Spektakel geben werde.— Da ſehen Sie! eine zweite Rakete— das ſind die Chartiſten, verlaſſen Sie ſich drauf.“ „Das kann nicht ſeyn,“ antwortete Eda.„Jene Rake⸗ ten müſſen wohl von der See aufſteigen; vielleicht daß ein — 197 Schiff in Gefahr iſt.— Oeffne das Fenſter und hore, ob ſich nicht Kanonendonner vernehmen läßt.“ Die Dienerin gehorchte, aber Alles war ſtumm, trotz⸗ dem daß der Wind von der Seeküſte herwehte; und nachdem Eda ihre Toilette beendigt hatte, begab ſte ſich in das Be⸗ ſuchzimmer hinab. Von der benachbarten Gentry waren heute mehrere nach Brandon zu Tiſch geladen, und die Tafel war beinahe ganz voll. Sobald am Tiſche jene Pauſe eingetreten war, welche immer zu folgen pflegt, wenn die Schmanſenden den erſten Hunger geſtillt und keinen andern Zweck mehr vor ſich haben, als den, ihrem Leckergaumen Genüge zu leiſten, belebte ſich das ſeither ziemlich flaue Geſpräch, und man unterhielt ſich über die in verſchiedenen Theilen des Landes ſtattfindenden Be⸗ wegungen, über die Plane der Chartiſten und über die drohende Ausſicht, daß der Feſttag des Volkes in Anar⸗ chie und Blutvergießen enden würde. Eda beobachtete ihren Oheim, denn ſie wußte wohl, daß ſeine politiſchen Anſichten von denen ſeiner Gäſte ge⸗ waltig abwichen. Sir Arthur wechſelte öfter die Farbe, ſo lange der Gegenſtand beſprochen wurde, bis endlich ein jun⸗ ger Militär in raſchem Ungeſtüm ausrief: „Verlaſſen Sie ſich drauf, das iſt eine Krankheit, die einen Aderlaß verlangt. Ein paar Zoll kalten Eiſens, beim erſten Angriffe angewendet, wird der Sache bald ein Ende machen.“ Sir Arthur wurde Feuer und Flamme bei dieſer Rede und entgegnete eifrig: 198 „Ich bin ganz anderer Anſicht, Sir. Wenn es über⸗ haupt eine Krankheit iſt, ſo gehört ſie zu denen, welche am Ende zum Heil ausſchlagen, indem ſie eine Maſſe von Uebeln entfernen, die ſich in der engbrüſtigen, überladenen Konſti⸗ tution dieſes Landes angehäuft haben.— Da jedoch die An⸗ ſichten am Tiſche ſehr weit aus einander gehen,“ fuhr er in gemäßigtem Tone fort,„ſo dürfte es beſſer ſeyn, die Politik ganz fallen zu laſſen.“ „Vielleicht wohl,“ erwiederte der junge Offizier mit höflicher Verbeugung, und zu Eda's großer Erleichterung blieb der Gegenſtand fortan ruhen. Sie ſollte jedoch im Verlauf dieſes Abends einem neuen Gegenſtand der Angſt und des Verdruſſes begegnen. Lord Hadley nahm nämlich nach Tiſch ſo viel Wein zu ſich, daß er, wenn auch nicht gerade bedapst, doch jedenfalls anmaßend und reizbar war, und als ſich daher Dudley auf einen Augenblick zu ihr ins Beſuchzimmer ſetzte und einige leiſe Worte mit ihr ſprach, unterbrach der Peer ihre Unterredung kurzweg, in⸗ dem er mit hochmüthigem, herriſchem Tone einer Verſiche⸗ rung ſeines Hofmeiſters geradezu widerſprach. Dudley war zwar von liebenswürdigem und für ge⸗ wöhnlich ſehr friedlichem Temperament, wies aber gleichwohl ſeinen Zögling mit ſtrengen Worten zurück, da ſeine zuneh⸗ mende Verachtung gegen den jungen Peer die gewohnte Selbſtbeherrſchung überwältigte. Lord Hadley wurde laut und immer lauter, Edgar Adelon und der junge Offizier traten näher, und Erſterer vernahm mit offenbarer Freude, welch' ſtrenge Zurechtweiſung der Peer von Mr. Dudley ——⏑⏑⏑ö-—.— 199 erhielt. Sie wurde auf ſchonungsloſe, höchſt eindringliche Weiſe ertheilt, ohne daß jedoch der Sprechende das Gleich⸗ gewicht verloren hätte; der junge Mann, beinahe wüthend, gab ſich immer mehr Blößen, während Edgar Adelons ver⸗ ächtliches Lächeln ſeine Züchtigung nur noch bitterer machte. Miß Brandons Gegenwart diente noch als eine Art von Schranke, und als ſich endlich die Augen mehrerer Damen auf die Sprechenden richteten, drehte Lord Hadley mit bren⸗ nendem Herzen und flammendem Geſichte um und verließ das Zimmer, während Edgar lachend vor ſich hinmurmelte: „das wird ihm gut thun,“ und Dudley ſein Geſpräch mit Eda ruhig wieder aufnahm. Miß Brandon war jedoch ſehr aufgeregt und geängſtigt, und da ſich die Geſellſchaft im Laufe des Abends von Zeit zu Zeit in einzelne Gruppen ſonderte, ſo ergriff ſie die Gelegenheit, ihm in einem unbeobachteten Augenblicke zu ſagen: „Ums Himmelswillen, Edward, laſſen Sie dieſen Streit mit jenem thörichten jungen Mann nicht weiter kommen. Bedenken Sie, daß er an Geiſt blos ein Knabe und Ihrer Beachtung gänzlich unwerth iſt.“ „Fürchten Sie nichts, theuerſte Eda,“ erwiederte Dudley;„um Ihretwillen, wenn auch aus keinem andern Grunde wüͤrde ich nicht zugeben, daß ein ſo nichtiger Diſput in einen wirklichen Streit ausarte. Das Verhältniß zwi⸗ ſchen ihm und mir muß jedoch alsbald geändert werden: ſo lange er für gut fand, ſich als Gentleman und Mann von Ehre zu benehmen, ſchien in der Stellung, die ich einnehme, 8* 200 nichts Erniedrigendes zu liegen— jetzt aber iſt der Fall ein anderer.“ Ihr Geſpräch wurde durch Hinzutretende geſtört, und nachdem die Gäſte ſich verabſchiedet hatten, zog ſich Eda zurück, nicht um zu ruhen, wohl aber, um über die letzten Ereigniſſe nachzudenken, die ihr nicht geringe Beſorgniß ein⸗ flößten. Sie entkleidete ſich langſam und entließ ſodann ihr Mädchen, worauf ſie ſich im Schlafrock an den Tiſch ſetzte, um ſich ihren peinlichen Gedanken über den wahrſcheinlichen Ausgang zu überlaſſen. Die Augenblicke pflegen bei angeſtrengtem Nachdenken oeft eben ſo raſch wie bei thätiger Arbeit zu entſchwinden, und Eda hörte mit Ueberraſchung ein Uhr ſchlagen, während ſte noch immer am Tiſche ſaß. Sie erhob ſich, um zu Bette zu gehen: aber in dieſem Augenblick drang ihr ein ſonder⸗ bares Geräuſch zu Ohren. Es ſchien aus dem Parke zu kommen und glich einem dumpfen ſchweren Trampeln, bald lauter bald ſchwächer werdend, jetzt deutlich abgemeſſen und dann wieder in bloßes Raſcheln übergehend. Der Lärm kam ihr ſehr ſonderbar vor; ſie ſuchte ſich zwar zu überreden, daß eine Heerde Wild über den Sand der Allee hintrabe, war aber doch nicht ganz ruhig dabei und trat ans Fenſter, deſſen Vorhänge ſie zurückſchlug und hinausſchaute. Noch ließ ſich kein Mond am Himmel blicken, doch ſah man durch ſein nahendes Licht eine gewiſſe Helle ringsum⸗ her verbreitet. Die Nacht war in der That heller als ſie kurz nach Sonnenuntergange geſchienen hatte, und das Flimmern der Sterne war ſchwächer und blaſſer geworden. 201 Von der linken Seite des Parks quer über den weiten offenen Raum vor dem Herrenhauſe ſah man auf nur hundert Schritte Entfernung einen dunklen Strom von Menſchen⸗ geſtalten nach der entgegengeſetzten Richtung ſich hinbewegen, wo die Treppe in das kleine Thal mit dem Flüßchen und der alten Priorei führte. Es ſchienen zwiſchen zwei bis drei⸗ hundert Menſchen zu ſeyn; ſie marſchirten faſt durchgängig je zwei und zwei, nur hie und da war ein kleines Häuſchen in der Linie zu bemerken, das offenbar eine ſchwere Maſſe auf den Schultern trug. Auf einer vom Fenſter aus ſichtbaren Stelle machten ſie Halt, und eine jener Laſten wurde auf die Schultern friſcher Träger abgeladen, wobei Eda einen Gegenſtand be⸗ merkte, der ihrer Fantaſte ganz wie die Geſtalt eines Men⸗ ſchen vorkam; ſie ſchien jevoch ſehr ſchwer und erforderte wenigſtens acht bis zehn Perſonen zum Fortſchleppen, brauchte auch ziemliche Zeit, bis ſie von den Schultern der einen auf die der andern Gruppe abgeladen war. „Das muß ein Zug dieſer irregeleiteten Leute, der Chartiſten, ſeyn,“ dachte Eda, als die Haufen wieder auf⸗ brachen.„Welche Keckheit, hier durch den Park zu ziehen! Ich hoffe, mein Onkel hat nichts mit ihnen zu ſchaffen— faſt muß ich jedoch etwas der Art fürchten.“ Während dieſer Gedanke durch ihre Seele zog, verließ eine einzelne Geſtalt dicht unter ihrem Fenſter die Terraſſe und folgte der Spur der Anderen. Für Sir Arthur Adelon war die Geſtalt zu ſchmächtig und graziös, ſchien vielmehr einem jungen zierlichen Manne anzugehören, und Eda er⸗ 20² kannte augenblicklich ihren Vetter Edgar. Alsbald öffnete ſie das Fenſter und rief ihm in leiſem Tone zu: „Was ſoll das Alles bedeuten, Edgar? Wer ſind dieſe Leute und was haben ſie vor?“ „Ich weiß es nicht, ſchöne Baſe, will aber gehen, um es zu erfahren,“ gab er zur Antwort. „Ums Himmelswillen, nimm Dich in Acht,“ rief Eda. „Du thäteſt am Beſten, ſie gar nicht zu beachten; es ſind ihrer zwei bis dreihundert— ſie könnten Dich ja ermorden.“ „Pah! pah!“ meinte Edgar;„geh zu Bett, liebe Eda: Du wirſt Dich erkälten und dann wird mich morgen Jemand ſchelten.“ Mit dieſen Worten ging er davon und den Männern nach, die auch er von ſeinem Zimmer aus, wo er nachdenklich am Fenſter geſeſſen, wahrgenommen hatte. Die Fremd⸗ linge ſchienen den Park ziemlich genau zu kennen; aber Edgar Adelon kannte ihn noch beſſer, und hier einen Winkel ab⸗ ſchneidend, dort eine nähere Biegung einſchlagend— bald durch das Hagdorngebüſch— um eine Gruppe von Wall⸗ nußbäumen— bald durch ein Dickicht oder über einen Hügel eilend, wußte er ſte fortwährend im Auge zu behalten, ohne ſelbſt geſehen zu werden, bis ſie endlich die ſteinerne Treppe erreichten, und in einer ungeregelten Maſſe davor ſtehen blieben. Der junge Edelmann lehnte in dieſem Augenblick mit dem Rücken an einer großen wilden Kaſtanie, und konnte durchaus nicht ausfindig machen, was für Manöver nun⸗ mehr erfolgten. Einige dieſer Männer ſtanden oben auf der — 203 Stiege und ſchienen mit großer Mühe und Anſtrengung einen großen ſehr gewichtigen Gegenſtand über die Mauer zu heben; dann kam ein zweiter Verſuch gleicher Art, und nun erſt begannen die Leute nach der Straße jenſeits des Parks hinabzueilen. Sobald der Letzte verſchwunden war, ſtürzte der junge Edgar Adelon aus ſeinem Verſteck und folgte ihnen; bis er jedoch den Pfad erreichte, war keine Spur mehr von der Menge zu entdecken, obſchon der Mond unterdeſſen aufge⸗ gangen war. Er wollte ſich eben zur Linken wenden, als plötzlich ein Murmeln von Stimmen aus dem unten gelege⸗ nen Thaldickicht die Richtung bezeichnete, die er einzuſchlagen hatte. Durch jenes Dickicht führten mehrere Wege, die blos ihm und den Wildhütern bekannt waren— wenn nicht etwa einige der benachbarten Wilddiebe mit deſſen Schlupfwinkeln ebenſo bewandert ſeyn mochten; einem dieſer Pfade folgend, erblickte er bald den offenen Raum vor der Priorei und auf ihm eine Scene, die ihm nicht wenig ſonderbar vorkam. Volle zweihundert Menſchen waren daſelbſt verſammelt: die einen ſaßen auf Trümmern der alten Ruine, die andern ſchlenderten müßig auf der kleinen Wieſe umher, während noch andere ihre Hände im Fluſſe badeten, der nicht allein von dem reinen blaſſen Lichte des friſch aufgeſtiegenen Mon⸗ des, ſondern auch von dem einiger eben angezündeten Fackeln erhellt war. In der Mitte befand ſich eine Gruppe von etlichen dreißig höchſt geſchäftigen Perſonen, welche die vor⸗ hin erwähnten Fackeln trugen: Edgar Adelon konnte nun 204 beim Fackelſchein zum erſtenmal die ſchweren Gegenſtände, welche die Männer getragen hatten, deutlich erkennen und entdecken, was ſie damit vornahmen. Auf dem Boden lagen nämlich zwei kleine Feldſtücke, anſcheinend aus Meſſing, von ihren Lavetten abgemacht, die man in Stücke auseinander gelegt hatte, welche die Menge nunmehr wieder emſig zuſammenſetzte. Die Leute bewieſen hiebei eine merkwürdige Geſchicklichkeit, und in den rauhen ehernen Geſichtern der Männer, welche dabei zuſahen oder von Zeit zu Zeit Hand anlegten, war tiefer Eifer und Ernſt zu erkennen. Das Zuſammenfügen der Lavetten war bald vollendet; dann kam das mühſamere Geſchäft, die Geſchütz⸗ röhre einzuwiegen und in der rechten Lage zu befeſtigen, was nicht ohne große Schwierigkeit von Statten ging. Edgar Adelon fühlte ſich ſchon geneigt, umzudrehen und nach Haus zurückzukehren, als plötzlich eine laute Stimme rief: „Nun führt ſie unter dieſe alten Winkel zurück, und ver⸗ ſammelt euch dann, um ein paar Worte anzuhören.“ Acht bis zehn Mann ſchickten ſich alsbald an, die Feld⸗ ſtücke unter die Gewölbe der Ruine zu ziehen, und kamen bald wieder zum Vorſchein, um ſich um den Sprecher zu verſammeln. Er ſtellte ſich auf einen hohen Vorſprung des verfallenen Mauerwerks und hielt in lautem hellen Tone und in mächtiger energiſcher Sprache eine Anrede, aus wel⸗ cher Edgar Adelon mit Erſtaunen vernahm, daß ſein Vater als Führer dieſer unbeſonnenen Leute und als künftiger Schirm und Schutz bei Planen betrachtet wurde, die ſeinem friſchen, jugendlichen Geiſte als baarer Wahnfinn vorkamen. 205 Zwar wurde diesmal nur ein Theil dieſer Plane und Ab⸗ ſichten entwickelt; aber Edgar Adelon trat gleichwohl mit einem von Angſt und Schrecken für ſeinen Vater erfüllten Herzen den Rückweg durch das Dickicht nach Brandon⸗ Houſe an, indem er ſich fragte, was er hier thun könne, und ſich endlich entſchloß, den Prieſter, ſobald er morgen früh zu ſehen wäre, um Rath zu fragen. Fünfzehntes Kapitel. Welch' launiſches Ding iſt doch dieſe ſonderbare Mi⸗ ſchung— Menſch genannt. Die Urelemente ſeiner Natur, wenn gleich mit eiſernen Reifen zuſammengebunden, liegen dennoch in gegenſeitigem Krieg miteinander: Geiſt und Kör⸗ per ſind in beſtändigem Kampfe, und die Thätigkeit des einen bedingt oft das Ruhen des andern.— Eda Brandon konnte nicht einſchlafen, nachdem Edgar Adelon ſie verlaſſen hatte: ihre ſtets rege Fantaſte malte ihr fortwährend die furcht⸗ barſten, ſchrecklichſten Scenen vor, worin Galgen, Beil und das tödtliche Blei die Hauptrolle ſpielten, ſte ſah ihren Onkel als Verbrecher vor ſich, auf ein paar Stunden aus finſterem Kerker entlaſſen, um die Qual eines öffentlichen Verhörs zu erdulden. Sie beurtheilte Alles, was ſie bis jetzt wußte, wie ein Weib urtheilt— mit ſcharfer Vorausſicht und durch⸗ dringendem Blick, aber ohne genügende Erfahrung, um aus dieſer Einſicht Nutzen zu ziehen. Ihre Einbildungskraft, 206 war nun einmal geſchäftig und hielt ſie wach, ſo daß ſte über eine Stunde nicht ſchlafen konnte, ſo ſehr ſie ſich auch darnach ſehnte, da ſie früh am andern Morgen und ſobald ſte wußte, daß die, deren Rath einzuholen ſie entſchloſſen war, munter wären— aufzuſtehen vorhatte. Derlei Entſchlüſſe ſind aber meiſt eitel. Anſtrengung und Erſchöpfung riefen gebieteriſch zur Ruhe, und als ſie endlich die Augen ſchloß, verſank ſie trotz aller Vorſätze zu wachen in tiefen Schlummer, der länger als eine Stunde über ihre gewohnte Zeit andauerte. Ein Morgen voll Haſt und Aengſtlichkeit folgte: Dudley war mit Edgar und den Wildhütern bereits zur Jagd ausgegangen, Lord Hadley lag noch zu Bett, Mr. Filmer war mit Tagesanbruch zu einem Sterbenden gerufen worden. Sir Arthur zeigte ſich beim Frühſtück in Papiere und Journale vertieft, und ſo ſehr ihn Eda auch liebte, ſo hegte ſie doch noch ihre ſtillen Zweifel, die ſie abhielten, mit ihrem Onkel über den vorherrſchenden Gegenſtand ihrer Gedanken zu ſprechen. Endlich ſchaute er auf ſeine Uhr und erhob ſich plötzlich mit den Worten: „Ich muß Dich verlaſſen, theure Eda. Es iſt auf⸗ fallend, daß Mr. Norries nicht angelangt iſt, da ich ihn doch in Geſchäften erwartete.“ Von dem eigenthümlichen Einfluſſe des Einen dieſer Beiden über den Andern ward keine Silbe geſprochen, und der Ton ſeiner Stimme war dabei ſo ruhig, daß Eda zu glauben anfing, ſie ſey zu hellſehend geweſen und habe Dinge 207 entdeckt, welche gar nicht exiſtirten. So ſah ſie denn ihren Onkel mit ziemlicher Ruhe abgehen und ſuchte faſt eine Stunde lang ihre Einſamkeit mit den gewöhnlichen Morgen⸗ beſchäftigungen auszufüllen, bis ihr Mädchen mit der Mel⸗ dung— Miß Clive, Ma'am— die Thüre ihres kleinen Boudoirs öffnete und Helene alsbald vor Eda Brandon erſchien. „Was gibt es, liebſte Helene?“ fragte Eda, ſobald ſich die Freundin auf ihre Einladung neben ihr auf den Sofa geſetzt hatte.„Du ſiehſt blaß und biſt gewiß tief bewegt, denn ſo ſehr wir ſie auch zu verbergen ſtreben, theure Helene, und ſo ſchwer ſie auch in Miene oder Geſichtszügen zu ent⸗ decken ſeyn mag— die Furcht des Herzens wird ſich dennoch in ſchwachen aber ſehr deutlichen Charakteren auf unſerem Antlitze ausprägen.— Du ängſtigſt Dich aus irgend einem Grunde, Helene; es muß etwas ſchief gegangen ſeyn. Er⸗ zähle mir's, theures Mädchen, denn ich brauche Dir wohl nicht zu ſagen, daß wenn Eda Brandon zu tröſten oder zu helfen vermag, Du blos zu ſagen haſt, wie es geſchehen kann.“ „Du biſt immer gütig gegen Deine kleine Helene, wie Du mich in meiner Kindheit zu nennen pflegteſt,“ erwiederte ihre ſchöne Gefährtin.„Du warſt damals auch blos Kind; aber ſeit jenen Tagen bis heute iſt keine Veränderung bei Dir eingetreten, und es iſt Zeit, daß ich dieſe Freundlichkeit zu erwiedern ſuche. Theuerſte Eda, Du biſt es oder we⸗ nigſtens die Deinen, um die ich mich ängſtige; ich muß Dir ſagen, was ich weiß, da ich hoffe, daß Du die Gefahr ab⸗ wenden kannſt: Du mußt mir aber erſt verſprechen, keine 208 Sylbe von dem, was ich Dir anvertrauen will, gegen irgend Jemand zu erwähnen.“ „Aber, theuerſte Helene, wie kann ich Gefahren ab⸗ wenden, wenn ich der Sache gegen Niemand erwähnen darf?“ forſchte Eda.„Ich bin ein ſehr ſchwaches machtloſes Ge⸗ ſchöpf, Helene, und da Du ſagſt, daß die Gefahr die Mei⸗ nigen mehr als mich ſelbſt betrifft— wie kann ich ſie warnen, wenn ich mit keinem davon reden ſoll?“ „Höre mich, höre nur, Eda,“ war die Antwort.„Du darfſt allerdings von dem Geſagten nur das, was ich andeu⸗ ten werde, erzählen; Du wirſt jedoch Gelegenheit genug haben, Die, die Du liebſt, vor der Gefahr zu warnen, welche ihre eigenen Handlungen über ſie bringen werden.— Ver⸗ ſprichſt Du mir das, Eda?“ 3 „Gewiß, Helene;“ verſetzte Eda Brandon;„es ſteht bei Dir, zu ſprechen oder zu ſchweigen, und ich muß Deine Nachricht auf Deine eigenen Bedingungen annehmen. Gleich⸗ wohl glaube ich, Du könnteſt es mir ganz überlaſſen, nach beſter Einſicht zu handeln, Helene.“ „Ich darf nicht,“ verſicherte dieſe.„Was ich zu ſagen habe, könnte auch das Leben Anderer verwirken.— Doch höre, Eda. Dein Onkel Sir Arthur iſt in Plane verwickelt, welche ſicherlich nur zu ſeinem Untergang führen können. Er geht noch heute Abend an einen Ort, von wo er nicht zu⸗ rückkommt, ohne große Schuld oder Gefahr auf ſein Haupt geladen zu haben— vielleicht daß er gar nicht wiederkehrt! So viel darfſt Du mir glauben— wenn er geht, wird Friede und Sicherheit fuͤr immer von ihm verbannt ſeyn. Bewege ——— 209 ihn, nicht zu gehen, Eda!— Das iſt das Einzige, was ihn zu retten vermag.“ 4 Sie ſagte dies voll der tiefſten Theilnahme und ihrem Blicke, ihrem Tone, wie ihrem ganzen Weſen nach ſchien es unmöglich, auch nur einen Augenblick zu zweifeln, daß ſie von der Wahrheit ihrer Worte vollkommen überzeugt war. Ohnehin war Eda nicht frei von Beſorgniß, denn Alles, was ſie heute Nacht geſehen, Alles, was ſie ſeit meh⸗ reren Tagen an ihres Onkels Benehmen bemerkt hatte, zeigte ihr nicht nur, daß Grund zu Helenens Verſicherung vor⸗ handen war, ſondern leitete auch ihren Verdacht nach der wahren Richtung. Sie ſchwieg eine Zeit lang, nicht weil ſie zweifelte, ſondern um zu erwägen, wie ſie ohne Argliſt von ihrer Freundin, die nicht hiezu geneigt ſchien, fernere Nach⸗ richt erhalten könnte. „Ohne weit genauere Kunde, als Du ſie gegeben, kann ich ihn nicht überreden, Helene,“ bemerkte ſie endlich in trau⸗ rigem Tone;„er würde mich nur auslachen— ja dies wird vielleicht der Fall ſeyn, auch wenn Du mir Alles mittheilſt, was Du weißt. Die Männer ſind leider oft ſehr hartnäckig und verlachen die ahnungsvolle Furcht einer Frau, welche die Ereigniſſe, an denen der Mann ſich betheiligen ſoll, von denen ſie aber ausgeſchloſſen iſt, nicht ſelten richtiger als jener beurtheilt, gerade weil ſie blos Zuſchauerin iſt. Du haſt mir weder den Ort, wohin er geht, noch die Stunde, noch den Zweck oder Beweggrund genannt. Beweggrund,“ fuhr ſie nachdenklich und wie mit ſich ſelber redend fort—„wie kann mein Onkel, der durch ſolche Schritte Alles zu James. Der Ueberwieſene. 14 verlieren und Nichts zu gewinnen hat, einen genügenden Be⸗ weggrund ſinden, um ſich an einem dieſer unbeſonnenen Plane zu betheiligen?“ „Ich ſehe, daß Du ſelbſt ſchon Deine Beſorgniſſe ge⸗ habt haſt, und daß ſie Dich nicht weit von der Wahrheit ab⸗ lenkten,“ erwiederte Helene.„Was alſo den Beweggrund betrifft, Eda—“ „O ja! ſprich mir davon,“ bat Miß Brandon;„wenn ich weiß, was es iſt, dann kann ich das Unheil vielleicht noch ferne halten.“ „Vielleicht,“ meinte Helene nachdenklich, und ſchwieg dann eine Weile, um ſich zu beſinnen.„Ich glaube ja, Du kannſt, Eda,“ fuhr ſie fort;„wenn ich mich auf Stimme und Blicke verſtehe, ſo vermagſt Du's gewiß. Wie vermuthlich überall, ſo ſind auch hier mehrere Beweggründe thätig. Da iſt glaub' ich die Eitelkeit, als ſtandhafter Anhänger früher bekannter Anſichten zu gelten, ſo ſehr auch Menſchen, Zeiten und Umſtände ſich geändert haben mögen; das wäre jedoch nichts, wenn ſie ihn nicht von That zu That geführt, und ſo oft er wankte— ſo oft er bedachte, wie viel er bei dieſem faſt hoffnungsloſen Unternehmen riskire— durch Furcht weiter getrieben hätten.“ „Durch Furcht,“ rief Eda.„Wovor? vor wem? Wen hat Sir Arthur Adelon zu fürchten? was hat er zu beſorgen?“ Sie ſagte dies nicht ohne Stolz, und Helene betrachtete ſie mit traurigem aber zärtlichem Blick, während ſie mit we⸗ nigen kurzen Worten erwiederte: „Er, den er fürchtet, iſt einer, den er bei großmüuthiger 211 Behandlung durchaus nicht zu fürchten hätte. Sein Name iſt Dudley, Eda! Was er fürchtet, iſt, daß Mr. Dudley einige finſtere Handlungen aus früheren Zeiten— was, weiß ich nicht, da ſie deſſen nicht erwähnten— entdecken möchte, wo⸗ für dieſe Männer die Beweiſe in Händen haben.“ Stumm vor Beſtürzung ſaß Eda mehrere Augenblicke vor ihr; dann aber fuhr ſie mit der Hand über die Stirne, und bald kam ein Lächeln der ſüßeſten Hoffnung über ihre Mienen. „Wenn dies der Grund iſt,“ ſagte ſie—„der läßt ſich glaub' ich leicht heben, theure Helene. Du ſprachſt aber von Anderem; werden ſie wohl nicht ſtark genug ſeyn, ihn dennoch auf derſelben Bahn fortzureißen?“ „O nein,“ erwiederte Helene;„das iſt die Hauptur⸗ ſache. Nimm dieſe weg und er iſt ſicher. Sprich erſt mit Mr. Dudley, Eda, und bringe ihn dahin, daß er ungefähr alſo zu Sir Arthur ſagte: Ich habe von einigen Papieren gehört, Sir Arthur Adelon, welche längſt vergangene Fra⸗ gen berühren und mir in wenigen Tagen zugeſtellt werden ſollen; ich halte es jedoch für Recht, ein für allemal zu er⸗ klären, daß ich all dieſe vergangenen Geſchichten in Vergeſ⸗ ſenheit begraben will, und gebe Ihnen deßhalb mein Wort, daß ich jene Papiere, ſobald ſie mir übergeben ſind, vernich⸗ ten werde, ohne einen Blick darein zu werfen.“ „Das heißt viel verlangt, Helene,“ rief Eda mit zwei⸗ felndem Blick;„wie kann ich ſagen, daß jene Papiere nicht ſeine theuerſten Intereſſen berühren? Ich erinnere mich wohl, daß ſein Vater vor einigen Jahren durch einen Pro⸗ 14* 212 zeß ein ſchönes Beſitzthum verlor. Können ſich dieſe näm⸗ lichen Papiere nicht hierauf beziehen, können ſie ihm nicht vielleicht Mittel gewähren, ſein Eigenthum wieder zu er⸗ langen?“ I Ie„Nein— nein,“ antwortete Helene eifrig,„und wenn auch— würde er's Dir nicht dennoch verſprechen, Eda?“ Dieſes Dir ſprach ſte mit ſolcher Betonung, daß es Eda alle Röthe ins Geſicht jagte, denn ſie ſah, daß das Auge des Weibes ihr Herz alsbald durchſchaut hatte. Den⸗ noch ſcheute ſie ſich, ihr Liebesverhältniß mit Dudley einzu⸗ geſtehen, und erwiederte lieber: „Ich thäte wohl beſſer, meinen Vetter Edgar zu bitten, daß er mit Mr. Dudley darüber ſpreche.“ 8☛„Sprich ſelber mit ihm,“ bat Helene mit ſchwachem Lächeln;„Deine Stimme wird eindringlicher ſeyn.— Doch laß mich fortfahren, denn ich muß unverzüglich wieder nach Haus. Wenn Du Mr. Dudley's Verſprechen haſt, daß er, ſo wie ich ſagte, mit Deinem Onkel reden will, dann bitte Sir Arthur ſelbſt, daß er heute Nacht nicht an jenen Ort gehe. Kümmere Dich nicht darum, Eda, ob er lacht oder zuͤrnt— ſuche ihn nur durch jedes Mittel zurückzuhalten.“ 3.„Wenn er aber gar nicht nach Haus kommt,“ meinte Eda;„das wäre keineswegs unmöglich. Er iſt in letzter Zeit bei Tag wie bei Nacht ſehr häufig ausgegangen, und wir Alle wiſſen nicht, wohin er ſich bei ſolchen Gängen wendet.“ Helene beſann ſich abermals, ehe ſie antwortete, und ſagte dann offenbar mit ängſtlichem Zögern: 213 „Dann mußt Du Leute ausſchicken und ihn ſuchen laſ⸗ ſen, theure Eda. Sende ſie nur gegen acht Uhr Abends nach dem ſogenannten Angerhof, halbwegs zwiſchen hier und Barhampton. Dort iſt eine große leere Scheune, in deren Nähe ſie zwei oder drei Männer ſinden werden, die ſie nicht eher paſſtren laſſen, als bis ſie die Loſung Gerechtigkeit ge⸗ geben haben. Wenn ſie dann auf dem Pfade gegen Bar⸗ hampton weiter gehen, werden ſie die geſuchte Perſon tref⸗ fen. Aber ol ich hoffe, Eda, er wird vorher gefunden, denn dann wird es faſt zu ſpät ſeyn.“ „Wen kann ich abſchicken?“ fragte Eda leiſe, als ob ſie mit ſich ſelbſt ſpräche; Helene vernahm aber jene Worte und erwiederte in flehendem Tone: „Nicht Mr. Arthur, Eda— nicht Deinen Vetter. Er könnte mit ſeinem Vater verleitet und mit ihm in den Unter⸗ gang gezogen werden.“ Mit ſüßem Lächeln und ſanftem warmem Drucke legte Eda ihre Hand auf die der Freundin; aber während ſie dies that, ſtiegen einige ſchmerzliche Ahnungen über das Schickſal ihrer ſchönen hochbegabten Gefährtin in ihrer Seele auf, und ſte bemerkte ſeufzend:„Weißt Du denn wohl, Helene, daß auch ich beinahe eine Chartiſtin bin?“ „Wirklich!“ rief Helene betroffen.„Ich verſtehe nicht, was Du meinſt, Eda.“ „Ich wünſch te, theure Helene,“ verſetzte Miß Brandon, „daß es außer Tugend, außer Trefflichkeit des Herzens und hohen Geiſtesvorzügen keine andern Auszeichnungen auf Er⸗ den gäbe.“ 214 Helene begriff ſie jetzt und ſenkte die Blicke erröthend und mit Seufzen zu Boden. „In Zeiten der Noth komm zu mir, meine Helene,“ fuhr Eda fort, ihren Arm um der Freundin Nacken ſchlin⸗ gend.„Erzähle mir dann Alles und vornehmlich, wie ich Dir dienen kann; Du ſollſt ſinden, daß Eda Brandon nicht läſſig iſt. Doch horch— Lord Hadley's Stimme in der Halle unten.“ „Er wird doch nicht hierher kommen?“ rief Helene Clive zitternd und blaß werdend.„Laß ihn nicht eintreten. — O wie ſoll ich fortkommen?“ „Nun was haſt Du denn?“ fragte Eda überraſcht; doch bevor Helene antworten konnte, hörte man eine zweite volle und wohlklingende Stimme in ernſtem faſt ſtrengem Tone ſagen: „Entſchuldigen Sie, Mylord, das iſt eine Sache, welche keinen Verzug leidet. Ich muß Sie wiederholt erſuchen, mir unverzüglich auf einige Minuten Gehör zu ſchenken.“ Man vernahm nur noch, wie Lord Hadley in ſcharfem Tone erwiederte; dann verſtummten die Stimmen, als ob ſich die Sprechenden in eines der untern Zimmer zurückge⸗ zogen hätten. „Du ſcheinſt für Lord Hadley nicht eingenommen zu ſeyn, Helene,“ bemerkte Eda in nachdenklichem Tone. „Ich verabſcheue ihn und nicht ohne Urſache,“ war die Antwort.„Jetzt muß ich aber nach dem Meierhofe zurück und möchte Dich um die Gunſt bitten, theure Eda, mir Je⸗ mand zur Begleitung mitzugeben. Es iſt arg genug, wenn 215 ein Mädchen wie ich gewöhnt iſt, frei wie der Vogel herum⸗ zuſchweifen, ohne an Gefahr oder Beläſtigung zu denken, und nun auf einmal zu ängſtlich wird, um allein auszugehen; aber ich zittere bei jedem Schritte, den ich jetzt thue, und betrachte jede nahende Geſtalt mit Beſorgniß.“ „Und hat jener junge Mann ſolches bewirkt?“ fragte Eda Brandon.„Das iſt traurig, ſehr traurig; doch Du ſollſt Schutz haben, Helene.“ Letztere gab keine Antwort, worauf Eda die Glocke zog und Befehl ertheilte, daß einer der alten Diener, welche ſeit zwanzig Jahren in ihres Vaters Hauſe gelebt hatten, Helene nach dem Meierhofe zurückgeleiten ſollte. Und ſo ſchieden ſte denn nach wenigen kurzen Abſchieds⸗ worten; doch eben als Helene den Fuß der Treppe erreichte, wo der Diener ihrer harrte, wurde die Thüre des Bibliothek⸗ zimmers heftig aufgeriſſen und Lord Hadley kam mit zorn⸗ flammendem Geſichte zum Vorſchein; Mr. Dudley ſtand zwei bis drei Schritte hinter ihm, und auch ſeine Wange war hochroth, auch ſeine Stirn war gerunzelt. Ohne Helene gewahr zu werden, denn in der blinden Wuth der Leidenſchaft nahm er von Niemand Notiz, drehte ſich der junge Edelmann vor dem Bibliothekzimmer um und ſchrie mit drohender Gebärde nach Mr. Dudley ſich wendend: „Ihre Unverſchämtheit, Sir, ſoll nicht ungeahndet blei⸗ ben. Glauben Sie ja nicht, daß Ihre voreiligen geldgierigen Anmaßungen meinem Auge entgangen ſind; verlaſſen Sie ſich darauf, daß ſie die gebührende Verachtung ſinden wer⸗ den. Ich will dafür ſorgen, daß ſie nicht weiter gehen koͤn⸗ 216 nen, denn noch heute ſoll ſte Sir Arthur Adelon er⸗ fahren.“ „Eure Lordſchaft wuͤrden beſſer dafür ſorgen, daß Sie meinen Namen nur mit Vorſicht gebrauchen,“ erwiederte Dudley, mit ſtrengem Blicke einen Schritt vortretend;„denn ſeyen Sie gewiß, ich werde Sie dafür zu beſtrafen wiſſen, falls Sie ihn mit Mißachtung behandeln.“ Dieſer Wortwechſel hätte wahrſcheinlich noch zornigere Worte zur Folge gehabt, wenn nicht im ſelben Augenblicke zwei weitere Perſonen, nämlich Mr. Filmer von der Außen⸗ halle und der Tafeldecker von den Bedientenwohnungen mit einem Packe Briefe auf einem Speiſebrett herbeigekommen waͤren. „Zwei Briefe für Eure Lordſchaft,“ bemerkte der Die⸗ ner in gleichguͤltigem Tone, als ob er von dem zornigen Auf⸗ tritte nichts gemerkt hätte.„Ein Brief für Sie, Sir,“ fuhr er zu Dudley gewendet fort, ſobald Lord Hadley den ſeinigen empfangen hatte. Der junge Edelmann blickte ſich haſtig um, und dieſe kurze Pauſe genügte, um ihn zur Beſinnung kommen zu laſ⸗ ſen. Mr. Filmer ſprach indeſſen mit Helene Clive, und ſie ſowohl wie der Prieſter gingen raſchen Schrittes auf die Hauptpforte zu; doch ſchon die Gegenwart der beiden Die⸗ ner war hinreichend, um Lord Hadley's Ungeſtüm zurückzu⸗ halten, und ohne die Briefe zu öffnen, eilte er nach ſeinem Schlafzimmer, indem er Dudley in der Bibliothek allein ließ. Der Tafeldecker ſchloß die Thüre und rannte alsbald zu der Haushälterin und einigen weitern Kollegen, um ihnen Alles, 217 was er geſehen und gehört, aber nicht zu bemerken geſchienen hatte, haarklein zu erzählen. In bittere Gedanken verſunken legte Dudley den em⸗ pfangenen Brief auf den Tiſch. Bei aller Selbſtbeherr⸗ ſchung, die er ſich in der langen Periode der Widerwärtigkeit erworben hatte, war er von raſchem heftigen Temperament, und ein gewaltiger Kampf tobte in jenem Augenblick in ſei⸗ ner Bruſt, bis die Vernunft die Obergewalt über die Leiden⸗ ſchaft errungen hatte. „Nein,“ ſagte er endlich—„nein. Ich will noch einen Verſuch machen, um ihn zurückzurufen. Ohne mich durch ſein beleidigendes Benehmen abſchrecken zu laſſen, will ich ihm die Thorheit und Verruchtheit ſeines Beginnens vor Augen halten und ihn zur Chre und zum Rechte zurückzu⸗ führen ſuchen.“ Dieſer Entſchluß allein ſchon diente dazu, ihn zu be⸗ ruhigen und den vor ihm liegenden Brief betrachtend nahm er ihn auf, indem er bemerkte: „Woher mag er wohl kommen? Die Handſchrift iſt mir nicht bekannt. Das Siegel iſt ſchwarz— laß doch ſehen.“ Hiemit öffnete er den Brief und fand darin folgende Worte: „Theurer Sir „Wir haben die traurige Aufgabe, Sie von dem plötz⸗ lichen Hinſcheiden unſeres hochverehrten Freundes und Clien⸗ ten, des ehrwürdigen Doctor Dudley zu benachrichtigen; derſelbe ſtarb geſtern Abend um halb zehn im St. John's Collegium, als er ſich eben zur Ruhe begeben wollte. Wir 218 wiſſen zwar, daß dieſes beklagenswerthe Ereigniß Sie in hohem Grade betrüben wird, muͤſſen aber gleichwohl in Fol⸗ gendem Ihre Aufmerkſamkeit auf einige Geſchäfte lenken. Unſer verehrter Client fühlte vor etwa vierzehn Tagen einige apoplektiſche Symptome und hielt deßhalb für gerathen, Mr. Emerſon von unſerer Firma rufen zu laſſen, um ſein Teſta⸗ ment aufzuſetzen, welches auch in gehöriger Form unterzeich⸗ net, beſiegelt und ausgehändigt wurde. Sie ſind darin zum einzigen Exekutor beſtimmt und ſein ganzes Beſitzthum, Rea⸗ lien wie Perſonalien, iſt Ihnen mit Ausnahme einiger klei⸗ nen Legate vermacht. Ebenſo verlangte er von Ihnen, daß Sie alle Anordnungen zu ſeinem Leichenbegängniſſe ganz nach Ihrem eigenen Ermeſſen treffen mögen, wobei er nur den einen Wunſch ausſprach, daß es einfach und prunklos gehalten werden ſolle. Aus dieſem Grunde iſt es dringend nöthig, daß Sie ſobald wie möglich nach Cambridge zurück⸗ kehren oder Ihre Weiſungen ſchriftlich einſenden. Mittler⸗ weile werden wir alle erforderlichen Schritte thun, und hof⸗ fen mit Ihrem Vertrauen ebenſo beehrt zu werden, wie dieß von Seiten Ihres vielbeweinten Verwandten ſeit vielen Jah⸗ ren der Fall war.“ 5 Der Brief trug die Unterſchrift einer wohlbekannten Rechtsfirma aus Cambridge. Dudley's erſte Regung war die des tiefſten lauterſten Kummers über den Verluſt eines Mannes, den er wahrhaft geliebt hatte; die nächſte war ein Gefühl der Vereinzelung — ſein Stab war gebrochen, ſeine Stütze dahin; der Ein⸗ zige auf dieſer Welt, der ſeit langen langen Jahren freund⸗ 219 lich, ja faſt väterlich an ihm gehandelt hatte, war nicht mehr. Er fühlte ſich wie geſagt einſam, denn wenn auch Eda Bran⸗ don's Liebe— jene Liebe, welche ſie Beide insgeheim genährt hatten— ein großer Troſt für ihn war, ſo unterſchied ſie ſich doch in ihrer Art wie in ihrer Intenſität ſo weſentlich von der Neigung, die ſein einziger Verwandter für ihn gehegt hatte, daß ſich die eine mit der andern unmöglich vergleichen ließ. Alte Bande können durch neue Neigungen nie voll⸗ ſtändig aufgewogen werden; ſte nehmen einen andern, viel⸗ leicht einen größern Naum in unſerm Herzen ein, aber die frühern Stellen bleiben dennoch leer. Sein Kummer war in der That aufrichtig und es dauerte längere Zeit, bis er ſich erinnerte— was ein weltliche⸗ res Gemüth viel früher gethan hätte— daß ihm nunmehr jene Reichthümer der Erde zugefallen ſeyen, die zwar in ei⸗ nem edlen Gemüthe mit den Neigungen, die über dieſe Welt hinausreichen, niemals zu wetteifern vermögen, aber gleich⸗ wohl einen ſo gewaltigen Einfluß auf den Verlauf menſch⸗ lichen Lebens und ſterblichen Glückes ausüben. Jetzt war er nicht mehr der arme Student, der durch harte Mühe die Stellung, welche ſeine Familie einſt behauptet, zu er⸗ ringen hatte; er war nicht allein unabhängig, ſondern ſogar wohlhabend, und ſtand er auch mit der Erbin weitläufiger Familiengüter nicht geradezu auf gleicher Vermögensſtufe, ſo war er doch jedenfalls kein hungriger Abenteurer, der ſeiner Stellung durch ihr Gold aufzuhelfen nöthig hatte. Er wußte, daß ſeines Vaters Geſchwiſterkind ein ſehr ſchönes Landgut geerbt hatte, daß er reichliche Einkünfte und einträgliche Aem⸗ 8 220 ter beſaß und daß er bei aller Gutherzigkeit und Freigebig⸗ keit gleichwohl ein ſehr kluger Mann geweſen war und ohne Zweiſel ein Beträchtliches von ſeiner Rente aufgeſteckt hatte. So durfte er alſo eines mehr als mäßigen Vermögens ge⸗ wiß ſeyn, und wenn es auch Thorheit wäre zu läugnen, daß dieſe Ueberzeugung ein Troſt für ihn war, ſo blieb doch das aufrichtigſte Bedauern bei ihm vorherrſchend, und er fühlte, daß der durch das Hinſcheiden eines Freundes erworbene Reichthum deſſen Verluſt in keiner Weiſe aufzuwiegen ver⸗ mochte. Während er alſo nachſann, vernahm er einen raſchen aber ſchweren Tritt auf der Treppe; die Glasthüre zwiſchen der Halle und dem Vorplatze wurde mit einer Heftigkeit zu⸗ geworfen, daß die Scheiben beinahe aus den Rahmen ge⸗ ſprungen waͤren, und einen Augenblick ſpäter ſah er Lord Hadley's Geſtalt an den Fenſtern des Bibliothekzimmers vorüberkommen. Dudley nahm augenblicklich ſeinen Hut und eilte hinaus; der junge Edelmann war jedoch verſchwunden und da der Hofmeiſter einen von den Wildhütern, der heute Morgen mit ihm und Edgar auf der Jagd geweſen, ſich lang⸗ ſam vom Hauſe entfernen ſah, ſo fragte er ihn, welchen Weg der junge Lord eingſchlagen habe. Sein Weſen war raſch und haſtig, die Wolke des Kum⸗ mers hing noch auf ſeiner Stirne, ſo daß ihn der Mann eine Weile mit Ueberraſchung betrachtete, ehe er ihm Antwort gab. Dudley wollte eben die bezeichnete Richtung einſchla⸗ gen, als der Tafeldecker auf die Terraſſe herauskam und mit tiefer Verbeugung meldete: * 221 „Miß Brandon wünſcht Sie auf einige Augenblicke zu ſprechen, Sir, wenn Sie nicht anderweitig in Anſpruch ge⸗ nommen find.“ „Wenn das Geſchäft nicht ſehr wichtig iſt,“ gab Dudley zur Antwort,„will ich lieber erſt in zehn Minuten zurück⸗ kehren.“ „Es iſt glaub' ich nichts Beſonderes, Sir,“ erwiederte der Diener;„ſie erhielt nur eben ein Billet von Sir Arthur, daß dieſer nicht zum Mittageſſen zurückkomme. Ich glaube, das iſt Alles.“ „Dann ſagen Sie, ich wolle ihr in zehn Minuten auf⸗ warten,“ erwiederte Dudley,„ich wünſche Lord Hadley für einen Augenblick einzuholen, ehe er weiter geht. Wir haben etwas mit einander zu ſprechen, was ſogleich abgemacht wer⸗ den muß.“ Und eilends ſchlug er den Weg ein, den ihm der Wild⸗ hüter angegeben hatte— er führte nach dem Meierhofe. Zehn Minuten verſtrichen, eine Viertelſtunde, eine halbe Stunde, eine Stunde verſtrich— Dudley war noch nicht zu⸗ rück, und als er endlich erſchien, war er offenbar ſehr aufge⸗ regt. Er ſuchte jedoch den innern Seelenſturm ſo gut wie möglich zu beſchwichtigen und ließ Miß Brandon unverzüg⸗ lich um eine Unterredung bitten; dieſe traf ihn im Bibliothek⸗ zimmer, wo ſie faſt bis zum Mittageſſen beiſammen blieben. Endlich wurden ſie durch den Prieſter unterbrochen, der nach einem Buche ſuchte, und kurz darauf hörte man die Mittags⸗ glocke läuten. Lord Hadley erſchien erſt ſpät bei Tiſch und war düſter 222 und nachdenklich; er richtete nie ein Wort an Dudley und ſprach nur wenig mit Eda oder dem Prieſter, welche das eine Ende des Tiſches einnahmen. Edgar Adelon ſuchte keines⸗ wegs eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen, und wenn je ein Wort zwiſchen ihnen gewechſelt wurde, ſo war es ſo ſcharf und ſpitzig, als es die gute Sitte der Geſellſchaft nur immer erlaubte. Dudley war ſehr ernſt und wenn er an Lord Hadley's Benehmen noch einiges Intereſſe nahm, ſo konnte es ihn nicht erfreuen, ihn ſo viel Wein trinken zu ſehen. Sobald Eda das Zimmer verlaſſen hatte, erhob ſich Dudley und erklaͤrte, daß er ſich mit Mr. Filmer's Erlaubniß zurückziehen wolle, da er noch einen kurzen Ausgang zu machen habe; auch Lord Hadley verließ die Tafel, nachdem er noch zwei Gläſer geleert hatte und die Geſellſchaft brach auf. Der junge Peer nahm auf dem Vorplatze ſeinen Hut und trat auf die Terraſſe, indem er einen der Leute in der Halle fragte, ob er geſehen, welchen Weg Mr. Dudley ein⸗ geſchlagen habe. „Die Allee hinauf, Mylord,“ gab der Mann zur Ant⸗ wort und Lord Hadley ſchlug denſelben Pfad ein, um nie mehr wieder zu kehren. Sechzehntes Kapitel. Es war eine ſchöne aber finſtere Nacht; unzählige Sterne funkelten am Himmel, als in der Nähe eines Pacht⸗ 4 223 hofes neben einer großen alten Scheune vier Männer Wache hielten. Der Ort beherbergte zwar eine menſchliche Woh⸗ nung, bot aber gleichwohl einen hoöchſt einſamen verödeten Anblick dar. Die Päͤchterwohnung mit ihren Ställen und Schobern war das einzige Zeichen, daß hier der Fleiß des Menſchen waltete; außer ihr war kein weiteres Haus, nicht einmal eine Taglöhnershütte zu gewahren; der Boden war ſogar in der nächſten Nähe unbebaut, zeigte keine heimiſchen behaglichen Hecken und bot eben ſo wenig Schutz gegen die ſchneidenden Winde, die über die anliegenden Dünen daher⸗ fegten. Rings um das Haus war der hie und da ſich ſenkende Grund mit kurzem Raſen bedeckt, während der Sandboden an manchen gelben Stellen und nackten Strichen hervor⸗ guckte; zwiſchen zweien derſelben ſah man eine gute breite Straße ſich hinſchlängeln, die aber mit Wagen oder Karren nur ſchwer zu befahren war. Etwa zwanzig bis dreißig Schritte von dieſer Straße entfernt ſtand die oben erwähnte unförmliche Scheune, mit ihren an vielen Stellen durch⸗ löcherten Wänden und dem in hohem Grade zerfallenen Ziegeldach. Zwiſchen ihr und der Straße, auf der nicht über drei Schuh hohen Sandſtrecke ſaßen die Männer, die wie oben geſagt als Wache ausgeſtellt waren, und nach dem öfteren Unterbrechen ihres leiſen Geſpräches und der Auf⸗ merkſamkeit, mit der fie auf das Wörtchen Pſch' achten, ſchien es offenbar, als ob ſie von Zeit zu Zeit auf ferne Töne lauſchten. „Sie können noch nicht dort ſeyn, William,“ bemerkte 224 einer der Leute.„Bedenke nur, es find ja mehr als drei Meilen.“ „Ja, aber ſie werden ſie raſch zurücklegen,“ meinte der Andere. „Beim erſten Aufbruche wohl,“ meinte der Erſtere; „ſpäter aber wird ihr Marſch ſchon langſamer werden. Es iſt Deine Ungeduld und nicht Dein Verſtand, welche diesmal die Zeit berechnen.“. „Ich wollte lieber dort mit ihnen handthieren,“ fiel ein Dritter ein,„als hier meine Zeit mit Nichtsthun ver⸗ trändeln.“ „Wir haben einen wichtigeren und vielleicht auch ge⸗ fährlicheren Poſten inne,“ bemerkte der zweite Sprecher. „Der Erfolg des Ganzen kann von uns abhängen.— Horch!— da naht ein Schritt! Vielleicht die Soldaten, von denen ſie ſprachen. Jetzt niedergeduckt, ihr Jungen, und zu den Waffen gegriffen. Vergeßt nicht— Du, William, gibſt das Zeichen, ſo wie Du ſie gewahr wirſt, während wir ſie ſo lang wie möglich durch Geſpräch auf⸗ halten.“ Mit dieſen Worten griff er nach der neben ihm liegen⸗ den Muskete und ſprang eilends auf die Straße hinab. Wen oder was ſie auch immer erwarten mochten— es kam nur eine einzige Geſtalt zum Vorſchein, und als ſte auf dem ſandigen Pfade auf ſie zuſchritt, vernahm man den lauten Ruf: „Halt! gebt die Loſung!“ „Gerechtigkeit,“ erwiederte die helle volle Stimme 225 Dudley's, der geradenwegs auf die Maͤnner zuging, welche hier die Straße verſperrten. „Das iſt allerdings die Parole,“ meinte einer derſelben in leiſem Tone;„aber er hat keine Waffen und ſteht nicht aus wie unſere Leute.“ „Er wird wohl zu Sir Arthur gehören,“ erwiederte ein Anderer, worauf ſte ihn nach kurzem Zögern paſſiren ließen. Dudley blieb jedoch vor ihnen ſtehen und fragte in vertraulichem Tone: „Welchen Weg haben ſie eingeſchlagen?“ „Gradaus, Ihr könnt nicht fehlen,“ lautete die Ant⸗ wort und Dudley eilte in demſelben raſchen Schritte, der ihn hieher gebracht hatte, in der angegebenen Richtung weiter. So ging er faſt zwei Meilen, ohne daß irgend ein Laut oder ein Zeichen ihm angedeutet hätte, daß er ſich dem Schauplatze eines wichtigen Ereigniſſes nähere. Die Straße lief bald uͤber einen Theil nackter Dünen, bald ſchlängelte ſte ſich zwiſchen Hecken und kleinen Gehölzen durch, das einemal den Abhang eines Hügels überſchreitend und dann wieder um den Fuß eines anderen herumführend. Endlich ließ fich jedoch ein fernes Geräuſch vernehmen, wie wenn eine Maſſe Menſchen lärmend zuſammenſpräche, und als der Wanderer aus dem kleinen Thale heraustrat, durch welches der ſeit⸗ herige Fußpfad hinzog, trat ihm ein fremdartiger und kei⸗ neswegs unmaleriſcher Anblick vor Augen. Er ſtand jetzt am Fuße der ſteilen Höhe, die zu den alten Thoren des Städtchens Barhampton hinanführte, deſſen verfallene Mauern man mit ihren Flankenthürmen auf etwas James. Der Ueberwieſene 15 mehr als eine Viertelmeile Entfernung den Höhenrücken be⸗ krönen ſah. Die Nacht war zwar ſehr finſter und der Mond noch nicht aufgegangen; dennoch waren wie geſagt die zer⸗ brückelnden Feſtungswerke deutlich zu gewahren, doch nicht bei dem milden friedlichen Lichte jenes ſchönen Geſtirnes, wohl aber bei dem von hundert Pechfackeln, die mit ihrem rothen rauchigen Schimmer vor dem Thore und unter den Wällen loderten. Dieſelbe wechſelnde Beleuchtung ließ eine Maſſe von Menſchengeſtalten erkennen, welche theils zu Roß, theils zu Fuß hin und her wogten, und je nachdem die Gruppen in ihren äußeren Formen ſich änderten oder die Fackeln von Ort zu Ort getragen wurden, die mannigfaltigg ſten ſchlagendſten Licht⸗- und Schatteneffekte darboten. Zu gleicher Zeit ließ ſich ein dumpfes unterdrücktes Murmeln vernehmen, als ob viele Perſonen eifrig zuſammenredeten, und hie und da drang ein einzelner Schrei aus der Menge, wie wenn Befehle oder Weiſungen ertheilt würden. Ohne ſich einen Augenblick mit Betrachtung dieſer Scene — ſo auffallend und intereſſant ſte auch war— aufzuhal⸗ ten, eilte Dudley bald im Schritt und bald im Lauf den Hügel hinauf, bis er die Vorpoſten des Haufens erreichte, wo eine Anzahl der weniger eifrigen und energiſchen Theilnehmer, die einen mit Waffen aller Art— Musketen, Vogelflinten, Piken, Saͤbeln, aufrechten Sicheln, Piſtolen, Dolchen oder großen Meſſern— bewehrt, die andern gänzlich unbewaffnet wie er ſelbſt oder auch blos mit einem Knuttel verſehen, müßig um⸗ herſtanden. Weiter vorn ſah man einen dichteren Menſchen⸗ knäuel ſchreiend und laͤrmend hin und her wogen, und es ſchien, 227 als ob die Leute die Kommando's, die von Zeit zu Zeit von einzelnen Berittenen ertheilt wurden, nur wenig beachteten. Die Verwirrung war unbeſchreiblich, ſo daß von dem, was vorn geſchah, nur wenig bemerkt wurde, obwohl das Fackel⸗ licht zwei bis drei Banner mit goldener Aufſchrift, ſo wie die Figuren der Reiter, die aus der Maſſe von Fußgängern auftauchten, hell beleuchtete. Zu einem der Letzteren ſuchte ſich Dudley mit Gewalt Bahn zu brechen; doch vermochte er nur mit Mühe einen Schritt vorwärts zu thun, bis er endlich in der Mitte der dichteſten Menſchenmaſſe plötzlich auf einen Sechspfünder von ziemlich alterthümlicher Form ſtieß, welchen zwei Pferde den Hügel hinan geſchleppt hatten. Etwas weiter vorn ſchien ein zweiter zu fahren; da jedoch Dudley auf der andern Seite der Kanone etwas freien Raum gewahrte, ſo ſprang er darüber weg, und eilte jetzt ungehinderter auf die Geſtalt zu, auf die er ſeine Augen gerichtet hatte, und die er, trotz eines ſchwachen Verſuches ſich zu verkleiden, alsbald er⸗ kannte. Während er jedoch an dem anderen Feldſtücke vor⸗ beirannte, wurde er von einem ausländiſch gekleideten Manne mit großem Schnurrbart angehalten, der ihm in rauhem Tone auf Franzöſiſch zurückzubleiben befahl. „Ich muß weiter, Sir. Ich wünſche mit jenem Herrn zu reden,“ erwiederte Dudley in derſelben Sprache und ſchob den Anderen, der lange nicht ſo ſtark war wie er, bei Seite. Schon fand er ſich in Sir Arthur Adelon's Nähe, als plötz⸗ lich, gerade unter dem Bogen des alten Thorweges, eine helle Flamme aufblitzte und eine laute Stimme rief: 15* „Das wird ſie bald niederbrennen.“ Die Menge wich etwas zurück und Dudley gewahrte auf einen Augenblick einen rieſigen Haufen trockener Reiſig⸗ bündel, welche vor dem alten Thore aufgehäuft und mit Pulver angezündet worden waren. Im nächſten Moment ſtand er neben Sir Arthur und entdeckte nun zum erſtenmale etwas vor dem Baronet den Advokaten Norries, der offen⸗ bar den Führer der Menge machte und eben in jenem Augen⸗ blick Befehl ertheilte, die Mündungen der beiden Feldſtücke gegen die Thore zu richten, ſobald dieſe durch die Flammen zerſtört ſeyn würden. Der Lärm und Tumult war ſo groß, daß Dudley den Baronet dreimal anreden mußte, bis dieſer endlich die Augen nach ihm wandte. „Hören Sie mich einen Augenblick, Sir Arthur,“ be⸗ gann Dudley;„neigen Sie ſich zu mir und vernehmen Sie, was ich zu ſagen habe.“— Der Baronet, der beim erſten Anblicke des Jünglings zuſammengefahren und ſehr blaß geworden war, that an⸗ ſcheinend unwillkürlich wie dieſer verlangte, und Dudley fuhr leiſe fort: „Benützen Sie die erſte Gelegenheit, Ihr Pferd zu wenden und davonzureiten; ſeyen Sie überzeugt—“ „ unmöglich, Sir, unmöglich!“ gab Sir Arthur im ſelben Tone zur Antwort. „Seyen Sie überzeugt,“ fuhr Dudley fort, ohne ſeine Erwiederung zu beachten,„wenn Sie es nicht thun, werden 229 Sie es bitter zu bereuen haben. Hoͤren Sie mich nur einen Augenblick, Sir, ehe Sie antworten.“ „Ein Theil des Thores iſt eingeſlürzt,“ hörte man Norries laut rufen.„Schwenkt die Kanonen raſcher herum — habt ihr denn Arme und Hände verloren?“ „Sir Arthur Adelon,“ begann Dudley abermals in ernſtem Tone,„die mich geſendet, haben eine Frage an mich geſtellt, die ich mit aufrichtigem Herzen beantwortete. In Folge dieſer Antwort habe ich Ihnen Folgendes zu erklären: ich habe gehört, daß mir in wenigen Tagen einige Papiere zugeſtellt werden ſollen, welche längſt abgemachte Fragen be⸗ rühren; ich verſichere Sie jedoch ſchon jetzt, daß ich all jene vergangenen Geſchichten in Vergeſſenheit zu begraben wünſche, und wenn Sie ſich ſogleich von dieſem Schauplatze verräthe⸗ riſcher Gewaltthat entfernen, ſo gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich jene Papiere, ſobald ſie mir überliefert ſind, vernichten will, ohne einen Blick darein zu werfen.“ „Dann hat er mich verrathen!“ murmelte Sir Arthur mit wüthendem Blicke gegen Norries;„er hat mich zu dieſen Thaten gedrängt und dann verrathen! Aber es iſt zu ſpät,“ ſuhr er laut fort— die früheren Worte hatte er nämlich ſehr leiſe geſprochen, wiewohl Dudley ſie dennoch vernommen hatte.„Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Sir. Sind Sie hierher gekommen, um mir Räthſel vorzulegen, ſo bin ich zu beſchäftigt, um ſolche zu löſen. Mir iſt es gleichgültig, ob Sie Papiere durchſehen oder nicht— das iſt Ihre eigene Sache.“ 3 Mit dieſen Worten brach er haſtig ab, ſtarrte aber noch immer mit düſterem Blicke auf Norries, und murmelte etwas zwiſchen den Zähnen, wovon Dudley blos das Wort— „Rache— verſtand. Er hatte zwei Halfter am Sattelbug, wie ſie gewöhn⸗ lich bei unſerer freiwilligen Cavallerie üblich ſind, und indem er ſprach, fuhr Sir Arthur Adelon mit der Rechten in eines derſelben, während er mit der andern Hand ſein Pferd lenkte. „Noch ein Wort, Sir Arthur, dann muß ich gehen,“ ſprach Dudley, nach ſeinem Zügel greifend.„Sie ſchweben in großer Gefahr,“ fuhr er in leiſerem Tone fort.„Nicht allein daß Truppen in der Stadt ſtehen— in fünf Minuten werden Sie auch die Neomanry auf dem Halſe haben, wie ich heute erfuhr. Um Ihrer ſelbſt— um Ihrer Familie willen, folgen Sie meinem Rathe: wenden Sie Ihr Roß, entfernen Sie ſich von dem Hanfen und eilen Sie ſo raſch wie möglich nach Brandon.“ Sir Arthur betrachtete ihn mit einem Blicke ſtumpfen Erſtaunens; ehe er jedoch antworten konnte, jauchzte eine fremde Stimme:„das Thor iſt geſtürzt!— das Thor liegt darnieder!“— und die Hinteren, welche den Ruf gehört, ohne zu ſehen, was ſich vorn ereignet hatte, begannen als⸗ bald vorwärts zu drängen. „Ordnung! Ordnung!“ donnerte Norries;„laßt die Kanonen vorangehen.“ Aber indem er noch ſprach, vernahm man hinter dem Thorweg ein lautes Knacken von Infanteriegewehren, die in Bereitſchaft geſetzt wurden, worauf ein paar vereinzelte Schüſſe folgten. Ein Mann unter den Aufrührern ſiel; ein — — 231 Anderer wankte, drückte ſeine Hand an die Seite und ſtürzte gleichfalls; auch Norries' Pferd fing plötzlich an zu ſteigen und that dann einen donnernden Fall. Im ſelben Augenblicke hörte man ein wildes Hurrah und das Klappern galoppirender Pferde von den Hügeln zur Linken: eine zweite Salve brach durch den Thorweg, und dann rückte mit lautem Cheer ein kleiner aber com pakter Haufen Infanterie mit aufgepflanzten Bayonetten hinter den Wällen zum Angriffe vor. Die zweite Salve hatte abermals zwei von den Charti⸗ ſten niedergeſtreckt; das Geſchrei—„die Reiterei kommt über uns“— verbreitete ſich unter ihnen; die Aeußerſten des Haufens begannen zu laufen; das Centrum blieb einen Augenblick feſt, mehr aus Unentſchloſſenheit als aus Muth — im nächſten Moment hatte Alle ein paniſcher Schrecken ergriffen und eine Scene der gräulichſten Flucht und Ver⸗ wirrung folgte. Dudley richtete noch einmal ſeinen Blick auf Sir Ar⸗ thur Adelon und ſah, wie er auf ſeinem flinken Roſſe längs des Abhanges in die Nacht hineinſprengte, während hinter ihm von der andern Seite eine Linie wohldisciplinirter Land⸗ wehrreiterei vorrückte. Jetzt war es Zeit, daß Dudley auch an ſeine eigene Sicherheit dachte. Er befand ſich mitten in einem Haufen von Aufrührern, deren Handlungen an Hochverrath an⸗ ſtreiften, wiewohl ihnen ſpäter unter dem wohlthätigen Ein⸗ fluſſe moderner Civiliſation eine mildere Deutung gegeben wurde. Mit raſchem Schritte, doch ohne zu laufen, folgte 232 er der von dem Baronet eingeſchlagenen Richtung, und eilte um die Stadt bis an das Weſtende derſelben, wo er zu ei⸗ nigen außerhalb der Mauern erbauten Häuſern gelangte und von da aus ſeinen Rückweg antrat, wie wenn er von der Stadt her nach dem Schauplatze des Auflaufs käme. Die Hauptmaſſe des Pöbels war den Hügel hinab ge⸗ gen die Dörfer und Gehüſche im Inneren geflohen und die Yeomanry, in ſolchem Dienſte unerfahren, machte im Ver⸗ gleich zu der Anzahl der Angreifer nur wenige Gefangene. Nur wirres Getöſe von galoppirenden Roſſen, Geſchrei und Jauchzen drang Dudley zu Ohren; er hielt ſich jedoch zur Rechten und vermied den Raum, wo die Verfolgung vor ſich ging, indem er zu gleicher Zeit die nach Brandon füh⸗ rende Straße wieder zu erreichen ſuchte. Er bedurfte einiger Zeit, bis er fie fand, und ſelbſt als er ſie erreicht hatte, war er noch nicht gewiß, ob er auch recht ſey, bis er etwa nach einer Viertelmeile einen hohen Wegweiſer von ei⸗ genthümlicher Geſtalt bemerkte, der ihm ſchon beim Herkom⸗ men aufgefallen war. Die Straße war völlig einſam; nur vor ſich glaubte er haſtige Schritte zu hören und Dudley begegnete auch wirklich auf dem ganzen ſieben Meilen langen Wege keiner lebenden Seele, bis er endlich die Thore des Brandonparkes vor ſich hatte.. Düſter und traurig waren die Gedanken, die ihm auf dem Wege von jenem Schauplatze wahnfinniger Gewaltthat Ge⸗ ſellſchaft leiſteten. Er überdachte das Loos der irregeleiteten Männer, welche gefallen oder gefangen genommen worden 233 waren, und mit noch bekümmerterer Seele erinnerte er ſich der künftigen Lage der Eltern, der Wittwen und Waiſen jener Todten und aller derer, die mit den Gefangenen verwandt oder von ihrem Leben abhängig waren. Da ich es jedoch mit ſeinem eigenen Geſchicke und nicht mit ſeinen bloßen Betrachtungen zu thun habe, ſo will ich ihn ohne Weiteres an dem etwa halbwegs gelegenen einſa⸗ men Pächterhauſe und deſſen alter Scheune vorüber führen und vor die Thore des Parks verſetzen. Der Mond war eben im Aufſteigen begriffen, aber auch in dem Parkhäus⸗ chen brannte ein Licht, und das kleine Pförtchen neben dem Haupteingange ſtand offen. Dudley trat ein und ging durch die Allee nach dem Wohnhauſe hinauf, war aber noch keine zweihundert Schritte weit gekommen, als zwei Männer hin⸗ ter den Väumen hervorbrachen und ihn an der Schulter faßten. „Mr. Edward Dudley,“ ſagte der Eine,„ich verhaſte Sie im Namen der Königin. Hier iſt der Verhaftsbefehl.“ „Auf welche Anklage?“ fragte Dudley, ohnenden ge⸗ ringſten Widerſtand zu leiſten. „Hm, es kann Mord, es kann Todtſchlag ſeyn,“ er⸗ wiederte der Konſtable,„das bleibt noch zu unterſuchen. Sie müſſen für heute Nacht in das Parkhäuschen mitgehen, Sir, denn ich habe Befehl, Sie dort in dem kleinen Stübchen mit dem runden Fenſter hinten in ſicherer Verwahrung zu behalten.“ 234 Siebenzehntes Kapitel. Wir müſſen Dudley für jetzt in den Händen der Kon⸗ ſtabler laſſen, um die Geſchichte einer andern Perſon in un⸗ ſerer Erzählung wieder aufzunehmen. Sir Arthur Adelon jagte ſpornſtreichs in einem Athem über die Dünen hin, faſt ohne einen andern Gedanken zu haben als den, ſich durch augenblickliche Anſtrengung per⸗ ſönlicher Gefahr zu entziehen. Die erſten zwei Meilen glaubte er den Lärm der Verfolgung hinter ſich zu hoͤren; da aber Niemand ſich zeigte und auch ſeine geſchaͤrfteſte Aufmerkſamkeit die Eindrücke, welche die Furcht veranlaßt hatte, nicht beſtätigte, ſo überzeugte er ſich allmälig, daß er der unmittelbaren Gefangennehmung entgangen war, und erſt jetzt fing er an, die gefahrvolle Zukunft ins Auge zu faſſen, während er ſein Roß immer noch in wilder Eile vor⸗ warts trieb. 3 Er nahm ſeinen Weg längs eines ſchmalen über die Dünen führenden Pfades, mit deſſen Wendungen er voll⸗ kommen vertraut war, der aber die noch zurüͤckzulegende Strecke faſt um zwei Meilen verlängerte. Den äußeren Gegenſtänden ſchenkte er wenig Aufmerkſamkeit; Eines nur konnte ſeinem Auge nicht entgehen, während er über die Hochebene längs der See hinritt— ein ſchwaches Licht nämlich, etwa eine Meile von der Küſte entfernt, das, wie er recht wohl wußte, von einer kleinen franzöſiſchen Brigg herrührte, welche die Nacht zuvor die beiden Feldſtücke her⸗ 23⁵ übergebracht hatte. gab ihm Ihr Anblick den Gedanken ein, aus England zu fliehen; aber ehe ein ſolcher Schritt möglich ſchien, waren noch viele ſchwierige und gefährliche Punkte zu erwägen, und er zügelte nunmehr ſeines Roſſes Eile und überlegte, noch immer in ſcharfem Trabe beharrend in an⸗ geſtrengten aber wirr umherſchweifeuden Gedanken die Um⸗ ſtände, in denen er ſich befand. Er wäre freilich gerne geflohen, aber da fiel ihm ein, daß er ſich hiedurch unwiederbringlich den Verdacht der Theilnahme an den Verbrechen dieſer Nacht auf den Hals laden würde, daß er wohl lange Jahre nicht mehr in ſein Vaterland zurückkehren könnte, und vielleicht den Reſt ſeiner Tage im Schmerze der Verbannung verleben müßte. Auch erinnerte er ſich, daß er ſich bei dem Angriffe auf die Stadt Barhampton damals, als der Magiſtrat auf den Wällen erſchien und die Menge zum ruhigen Auseinandergehen auf⸗ forderte, ziemlich im Hintergrund gehalten hatte, und glaubte, daß er in einem weiten Oberrock, mit einem an ihm unge⸗ wohnten Hute und dem über den Untertheil ſeines Geſichts geknüpften Taſchentuch verkleidet, der Aufmerkſamkeit der Mehrzahl der Aufwiegler entgangen ſeyn mochte. Allein Dudley hatte ihn geſehen, ihn erkannt und mit ihm geſpro⸗ chen; er war nebſt Norries der Einzige, der um ſeine dama⸗ lige Anweſenheit wußte. Letzteren hatte Sir Arthur, wie er glaubte unter dem Feuer der Truppen fallen ſehen, und wenn alſo Dudley zum Stillſchweigen zu bewegen war, ſo konnte Alles noch gut gehen. Der Baronet zögerte und unterhandelte noch immer, 236 ja er war ſogar noch unentſchloſſen, als ſchon die Thore des Brandonparkes vor ſeinen Augen ſtanden. Ein augenblick⸗ licher Entſchluß war übrigens nothwendig; aber immer noch konnte er zu keiner Entſcheidung kommen, bis er endlich gleich den meiſten Zweiflern in ſolcher Lage beſchloß, die Bürde der Beſchlußnahme auf einen Andern zu werfen.„Ich will mit Filmer reden,“ dachte er;„nach ſeinem Rathe will ich handeln.“. Die Thore wurden augenblicklich geöffnet, ſowie er die Glocke zog— der Parkhüter wußte nämlich, daß er abwe⸗ ſend war und hatte auf ſeine Ruͤckkehr gewartet— und Sir Arthur erreichte nach ſcharfem Ritte durch die Allee das Haus ſeiner Nichte etwas nach eilf Uhr. Als er deſſen Schwelle betrat, überfiel ihn ein abermaliges Schwanken, ob er Vater Peter zu Rathe ziehen ſollte oder nicht; aber die erſten Worte des Tafeldeckers, der hinter dem die Thüre öffnenden Diener ſtand, machten dieſem Zweifel alsbald ein Ende. „O Sir Arthur!“ rief der Mann mit ſehr ernſtem Geſicht,„ſchreckliche Dinge ſind vorgefallen—“ „Ich weiß— ich weiß,“ erwiederte Sir Arthur ihn haſtig unterbrechend, und nicht wenig überraſcht, daß die Nachricht ſich ſo ſchnell verbreitet hatte.„Wo iſt Mr. Fil⸗ mer? Ich muß ihn ſogleich ſprechen. Nuft ihn augenblick⸗ lich her.“ „Er iſt in der Bibliothek, Sir,“ antwortete der Diener. Eiligen Schrittes verfügte ſich der Baronet nach jenem Zimmer, wo er den Prieſter beim Eintritte mit dem Kopf 237 auf die Hand geſtützt an dem großen Schreibtiſche ſitzen ſah. Als Filmer ſeine Augen zu Sir Arthur erhob, während das Licht der großen Lampe ſeine breite Stirne hell beleuchtete, lag ein Ausdruck tiefen, ſtrengen Nachdenkens in ſeiner Miene, ſo daß Sir Arthur alsbald fühlte, daß er weit eher vor ſei⸗ nem Herrn als vor ſeinem Freunde ſtehe. Er ſchloß die Thüre und ſah nach, ob ſie feſt zu ſey, worauf er ſich raſch dem Tiſche näherte. „Was gibt es, Sir Arthur?“ fragte Filmer.„Sie ſind bleich und hager und offenbar tief bewegt.“ „Haben Sie nicht gehört, mein guter Vater?“ fragte der Baronet.„Man ſagt mir ja, das Gerücht habe Bran⸗ don bereits erreicht.“ „Ich habe Vieles gehört,“ erwiederte der Prieſter; „jetzt aber wünſchte ich zu erfahren, was Sie ſo ſehr ange⸗ griffen hat.„Mein Sohn,“ fuhr er fort, indem er ſich er⸗ hob und Sir Arthur ernſthaft ins Geſicht ſchaute,„wenn Sie von Ihrem alten langerprobten Freund und geiſtlichen Führer Beruhigung, Troſt und Rath haben wollen, ſo müſ⸗ ſen Sie Vertrauen zu ihm faſſen. An dieſem Vertrauen aber hat es Ihnen in neuerer Zeit gemangelt: Sie haben mir nur halb geſtanden, während ich das Ganze wußte, haben meinen Rath eher vermieden als aufgeſucht, und ich wollte Ihnen denſelben nicht aufdringen, obwohl ich wußte, daß Sie in Unternehmungen— gefährlich für Sie ſelbſt wie für Andere— verwickelt waren, und auch die Beweggründe kannte, welche Sie vorwärts trieben— Beweggründe, de⸗ ren Laſt ich Ihnen hätte abnehmen können, wenn Sie von 238 mir hätten geleitet ſeyn wollen. Das Einzige, was ich nicht wußte, war, daß der unbeſonnene Verſuch heute Nacht ge⸗ macht werden ſollte. An Ihrer Kleidung, an Ibrem Ge⸗ ſicht und Weſen ſehe ich, daß dies wirklich geſchah, und ich befrage Sie nun um den Ausgang, nicht aus müßiger Neu⸗ gier, ſondern um Sie aus den Nöthen zu befreien, worein Sie Ihr eigener Mangel an Vertrauen geführt hat. Reden Sie; jedes Ihrer Worte ſoll ſo heilig bewahrt werden, als ob es unter dem Siegel der Beichte geſprochen wäre.“ „Der Ausgang, mein beſter Freund, iſt unheilvoller, als man ſich nur irgend vorſtellen kann,“ erwiederte Sir Arthur, indem er ihm in ſeiner eigenen Weiſe über Alles, was vorgefallen war, Bericht erſtattete, wobei er beſonders bei Dudley's Erſcheinen unter den Aufrührern und bei den Worten verweilte, welche jener geſprochen hatte. Filmer ließ ihn zu Ende reden, ohne eine einzige Zwi⸗ ſchenfrage zu ſtellen, ja er verwirrte ihn nicht einmal durch einen Blick, ſondern hielt ſeine Augen nachdenklich auf den Tiſch geheftet und den Kopf in lauſchender Stellung vor⸗ wäris geneigt, nachdem er ſeinen Sitz wieder eingenommen⸗ hatte. „Und nun— was ſoll ich thun?“ ſchloß Sir Arthur; „ich will mich ganz von Ihrem Rathe leiten laſſen. An der Küſte liegt die franzöſiſche Brigg, die durch Vermittlung der Société Démocratique von einigen dieſer Leute gemiethet wurde; ein Boot bringt mich in einer halben Stunde an deren Bord, und ich werde in Frankreich ſicher ſeyn, da 239 Flüchtlinge, welche blos politiſcher Verbrechen angeklagt ſind, nicht reklamirt werden können.“ „Wollen Sie ſich für immer ruiniren?“ fragte Pater Filmer;„wollen Sie ein unauslöſchliches Brandmal an Ihren Namen heften? Laſſen Sie dieſen Gedanken fallen, und beantworten Sie mir nur ein paar Fragen.— Sind Sie gewiß, daß Norries todt iſt?“ „Ich ſah ihn mit meinen eigenen Augen fallen,“ ver⸗ ſetzte der Baronet,„und ich glaube, auch eine der Kanonen i*ſt über ihn gegangen, da die Pferde beim Feuern ſcheu wurden.“ „Norries würde Sie, glaub' ich, nicht verrathen,“ meinte Mr. Filmer nachdenklich;„ich meine, auch wenn er am Leben waͤre, würde er Sie nicht verrathen.“ „Aber er hat mich bereits an dieſen jungen Dudley verrathen,“ gab Sir Arthur Adelon ſcharf zur Antwort. „Des Jünglings Worte zeigten mir deutlich, daß er von Allem, was vor ſechs Jahren vorſiel, unterrichtet iſt. Er, der Sohn meines ärgſten Feindes, hat mich alſo völlig in ſeiner Gewalt, und dies eben macht meine Flucht ſo noth⸗ wendig denn er ſah mich, er ſprach mit mir und kann meine Anweſenheit dort beſchwören.“ „Aber er iſt der Einzige, wie Sie meinen?“ fragte der Prieſter in forſchendem Tone. „Gewiß,“ erwiederte Sir Arthur.„Ich bin blos bei zweien ihrer Meetings geweſen; beim letzten rieth ich ihnen dringend von ihrem Vorhaben ab, und erklärte, daß ich nicht Theil daran nehmen werde, was Norries drohenden Beſuch 240 in meinem Hauſe veranlaßte— meine ſonſtigen Mitthei⸗ lungen find ſämmtlich durch ſeine Hände gegangen.“ „Dann ſind Sie ſicher,“ erklärte der Prieſter.„Hat Sie auch zufällig Jemand erkannt, ſo kann man leicht ſagen, Sie ſeyen dort geweſen, um dem Volke ſeinen unbeſonnenen Verſuch auszureden; und daß Sie dies früher gethan, dafür können Sie ja Zeugen aufrufen.“ „Aber Dudley!— Dudley!“ rief der Baronet faſt un⸗ geduldig,„er hat Beweiſe für Alles.“ „Für ihn will ich ſorgen,“ bemerkte der Prieſter mit auffallendem Nachdruck und bitterem Lächeln.„Für ihn ſoll geſorgt werden.“ „Aber wie— wie?“ rief Sir Arthur. „Kommen Sie mit mir, und ich wills Ihnen zeigen,“ gab Filmer zur Antwort, indem er eine Wachskerze an der Lampe anſteckte und nach der Halle voranging. Sir Arthur folgte voll Zweifel und Verwunderung; der Prieſter öffnete die Thüre des Speiſezimmers und trat ein. Sir Arthurs Blicke ſielen ſogleich auf die große Tafel, die mit einem weißen Tuche bedeckt war, und einen großen Gegenſtand— faſt ſchiens die Geſtalt eines Menſchen— zu verbergen ſchien. Mr. Filmer ſtellte ſein Licht auf den Seitentiſch, wo zwei andere Wachskerzen brannten, näherte ſich dann mit leiſem, feſtem Schritte und ernſter Miene dem Ende der Tafel und ſchlug das Tuch zurück. Sir Arthur war ihm Schritt für Schritt gefolgt— wie groß war aber ſein Schrecken und ſein Erſtaunen, als er die kalten, leb⸗ loſen Züge Lord Hadley's, Kopf und Stirne mit Blut 1 241 bedeckt, und die Kleider gleichfalls mit Staub und geronne⸗ nem Blute beſchmutzt, vor ſich ſah! „Gütiger Himmel!“ jammerte er,„wie iſt dies zuge⸗ gangen, und wie ſoll dies mit meinem eigenen Schickſal zu⸗ ſammenhängen 2 ℳ „Wie es zugegangen, ſoll und wird unterſucht werden,“ gab Filmer zur Antwort;„wie es aber mit Ihrem Schickſal zuſammenhängt, das überlaſſe ich wenigſtens für jetzt Ihrem eigenen Ahnungsvermögen. Dieſer unglückliche junge Mann hatte heute Morgen einen ſcharfen, heftigen Streit mit Mr. Dudley. Der Gegenſtand war Helene Clive, welche der Hierliegende in den niederträchtigſten Abſichten verfolgte und mit Vertraulichkeiten und Anträgen beſchimpfte, die ein ſo hochherziges Gemüth empören mußten. Der Streit führte auf beiden Seiten zu wilden, zornigen Drohungen; Dudley vergaß ſeiner gewohnten Mäßigung, und die ſchar fen Aus⸗ drücke, die er gebrauchte, wurden von mir und zwei Andern gehört. Bei Tiſche waren Beide kalt und abſtoßend gegen einander; nach der Tafel gegen acht Uhr verließ Mr. Dudley das Haus— in welcher Abſicht weiß ich nicht. Dieſer unglückliche Jüngling folgte ihm, erkundigte ſich, welchen Weg er eingeſchlagen, und ich höre, daß man Beide an dem Parkhäuschen vorüber und gegen die Dünen gehen ſah. Da⸗ mals waren ſie in hitzigem Geſpräch, ihre Stimme wie ihre heftigen Gebärden zeugten von großer Aufregung, obwohl ihre Worte nicht zu vernehmen waren. Vor etwa zwei Stunden brachten die Bootsleute— Fiſcher oder Schmugg⸗ ler, welches nun der Fali ſeyn mag— dieſen lebloſen Leich⸗ James. Der Ueberwieſene. 16 nam, aus dem der Lebensfunke ſchon damals völlig entwichen war. Ihr Bericht lautete folgendermaßen: Einer von ihnen habe, als er eben eine franzöſiſche Brigg, die eine Meile von der Küſte entfernt lag, beobachtete, zornige Worte auf der Klippe über ſeinem Haupte vernommen. Er habe auch einen Hülferuf zu hören geglaubt und beim Aufſchauen zwei Män⸗ ner am Rande des Abgrundes geſehen, obwohl er in der Dunkelheit blos die Umriſſe ihrer Geſtalten am Horizonte wahrnehmen konnte. Es ſey ihm vorgekommen, als ob da oben ein verzweifeltes Handgemeng ſtattfände und gleich dar⸗ auf ſey der eine verſchwunden, denn die ſchwarze Stirn des Felſens habe ſeinen Fall nicht gewahren laſſen; aber ein lauter Schrei und dann ein ſchwerer Fall und ein tödtliches Röcheln habe ihn nach der Stelle gelockt, wo er dieſen Jüng⸗ ling in ſeinem Blute ſchwimmend antraf.“ Der Prieſter ſchwieg eine Weile, während Sir Arthur Adelon näher trat und ſein Haupt über den Todten beugte. „Mr. Dudley wird genug zu thun haben,“ fuhr Fil⸗ mer mit bedeutungsvollem Blicke fort.„Es findet ſich keine andere Wunde, als die der Sturz verurſachte,“ fügte er bei, als er bemerkte, daß Sir Arthur die Leiche noch immer ge⸗ nau betrachtete.„Der Schädel iſt geſprengt, der rechte Schenkel gebrochen, das Gehirn ſchwer verletzt: der Tod muß ſehr raſch eingetreten ſeyn, obwohl er bei dem Ein⸗ treffen der Fiſcher noch am Leben war, aber keine Silbe mehr ſprechen konnte.— Die Folgen dieſer That ſind für Sie ſehr wichtig, mein Sohn.“ „Aber war es Dudley, der ihn tödtete?“ fragte der 243 Baronet mit geſpanntem Blick.„Ich kanns nicht glauben, und kann ebenſowenig wünſchen, ſein Blut auf mein Haupt zu laden, ſogar um mein eigenes dadurch zu retten. Die Ereigniſſe dieſer Nacht,“ fuhr er fort, indem er des Prieſters Hände ergriff und heftig drückte,„haben ſonderbare Em⸗ pfindungen in mir angeregt, Filmer. Ich habe, wenn auch nicht in Folge meiner Handlungen, ſo doch in Folge von Thaten, an denen ich Theil nahm⸗ mehr als einen Menſchen ſterben ſehen, und kann und will keine weitere Laſt auf mein Gewiſſen laden, ſelbſt wenn es die Rettung meines eigenen Lebens gälte.“ „Für Alles, was Sie in dieſem Falle thun, ja noch für weit mehr als ich Ihnen zu thun rathe, hat die Kirche die Macht, Sie zu abſolviren,“ erwiederte Filmer.„Dieſer Dudley iſt ein verſtockter Ketzer, der die Mittel zur Erleuch⸗ tung gehabt und zurückgewieſen hat, und wenn es auch unter jetzigen Zeitumſtänden nothwendig erſcheint, ſich der gerech⸗ ten Strenge zu enthalten, wie ſie in beſſeren, frommeren Tagen gegen jede unbußfertige Perſon in ſeiner Lage zur Anwendung kam, ſo können wir ihn doch natürlich nicht mit denſelben Gefühlen betrachten oder uns durch dieſelben Bande an ihn geknüpft glauben, die zwiſchen uns und einem katho⸗ liſchen Chriſten beſtünden. Er iſt mit Leib und Seele der Verdammniß verfallen, und wir haben nicht nöthig, unſere eigene Bahn zu verlaſſen, um ihn in irgend einer Weiſe vor den Geſetzen ſeines ketzeriſchen Landes zu beſchirmen— eines Landes, das den wahren Glauben ſeit Jahrhunderten Ver⸗ folgungen und Ungerechtigkeit jeder Art unterworfen hat, 16* Laſſen wir ihn für ſich ſelbſt ſorgen— mehr verlange ich nicht von Ihnen. Der Verdacht ſpricht ſehr ſtark gegen ihn: keine andere Perſon wurde in der Nähe dieſes unglücklichen Mannes geſehen; zwiſchen dem fatalen Ereigniſſe ſelbſt und dem Augenblick, da man ſie offenbar in heftigem Streite zu⸗ ſammen ſah, konnte nur ſehr kurze Zeit verſtrichen ſeyn; weitere Beweiſe mögen noch auftauchen, und er mag nun ſchuldig oder unſchuldig erfunden werden, ſo muß man ihn auf alle Fälle verhören und die Zeit dieſes Verhörs kann noch ziemlich entfernt ſeyn. Die erſten Prozeſſe, die man vornimmt, werden ohne Zweifel dieſe Aufſtände betreffen, und dann wird der einzige direkte Zeuge gegen Sie im Ge⸗ fängniſſe ſchmachten.“ „Aber was ſoll ich bei dieſem Handel für eine Rolle ſpielen, mein Freund?“ fragte Sir Arthur Adelon.„Als Magiſtratsperſon und Beſitzer des Hauſes, wo ſich Beide, der Todte wie der Lebende, aufhielten, werde ich fortwährend zur Anweſenheit beim Prozeſſſe aufgerufen werden, und meine Rolle wird mir entſetzlich ſchwer fallen.“ „Nicht im Geringſten,“ verſicherte Filmer.„Sie müſ⸗ ſen ſich weigern, ſelbſt wenn Sie aufgerufen würden, als Magiſtratsperſon aufzutreten, indem Sie Ihre Bekannt⸗ ſchaft mit beiden Theilen und Ihre natürliche Theilnahme für Mr. Dudley, den Sohn Ihres alten Freundes, als ge⸗ nügende Entſchuldigung anführen. Haben Sie Zeugniß für den Angeklagten abzulegen, ſo muß dies im höchſten Grade günſtig lauten— die Beweiſe gegen ihn ſind ohnehin ſtark genug, verlaſſen Sie ſich drauf.“ 245 „Halten Sie ihn alſo wirklich für ſchuldig?“ fragte der Baronet, den Prieſter nicht ohne Zweifel betrachtend, wie ihn die lange Bekanntſchaft mit deſſen Charakter ſogar in dem Gemüthe dieſes nicht ſehr ſcharffichtigen Mannes zu⸗ nückgelaſſen hatte. „Ich ſtelle keinerlei Praͤjudiz in der Frage,“ erwiederte Filmer.„Für jetzt haben wir noch zu wenig Grund, um darauf zu fußen, und ich kann blos ſagen, daß der Verdacht ſehr ſtark iſt. Ihnen würde ich unter allen Umſtänden rathen, unverzüglich zu Ihrem nächſten Nachbar, Mr. Conway, zu ſchicken, ihm die Sache zu übertragen und ſeinem Urtheile anheimzugeben, ob es nicht nöthig ſeyn dürfte, alsbald einen Verhaftsbefehl gegen Mr. Dudley zu erlaſſen. Es wäre beſſer, keinen Augenblick darüber zu verlieren, denn wenn Sie auch, wie ich vermuthe, ſcharf geritten ſind, ſo kann es doch nicht lange anſtehen, bis die beargwöhnte Perſon zu⸗ ruͤckkehrt.“ „Vielleicht daß er gar nicht wieder kommt,“ meinte Sir Arthur.„Zu Fuß und unbewaffnet, wie er war, iſt es mehr als wahrſcheinlich, daß er als einer der Aufwiegler ergriffen wurde— auf alle Fälle können wir aber Conway holen laſſen.“ Mit dieſen Worten zog er er heſtig die Glocke und er⸗ theilte die nöthigen Befehle. „Nun aber,“ fuhr der Baronet fort, ſobald der Diener das Zimmer verlaſſen hatte, zu dem für ihn wichtigſten Ge⸗ genſtande zurückkehrend—„wie ſoll ich mich in Betreff des An⸗ griffs gegen Barhampton verhalten?“ „Wir müſſen ſehen,“ erwiederte der Prieſter.„Sollte Norries todt oder gar entkommen ſeyn, ſo müſſen Sie eine kecke Haltung annehmen; Sie geben dann zu, daß Ihre An⸗ ſichten in den allgemeinen Prinzipien mit denen jener un⸗ glücklichen Leute übereinſtimmen, erklären aber offen, daß Sie ſich jederzeit der Anwendung phyſiſcher Gewalt bei Kund⸗ gebung politiſcher Meinungen widerſetzt haben, und rufen Ihre Zeugen dafür auf, daß Sie dem Volke jeden Gewalt⸗ ſtreich auszureden ſuchten und Ihrerſeits jede Theilnahme daran verweigerten. Das alles lͤßt ſich leicht machen, und ſollte einer mit der Behauptung auftreten, daß ſie bei dem Angriff zugegen geweſen, ſo können Sie darthun, daß Sie auf das Gerücht, daß ein ſolcher beabſichtigt werde, herbei⸗ geeilt ſeyen, um die Menge mit allen Ihnen zu Gebot ſtehenden Mitteln von Ausführung ihrer Abſichten abzu⸗ halten.“ „Wie kann ich das aber beweiſen?“ fragte Sir Ar⸗ thur.. „Wir wollen ſchon einen Weg finden,“ meinte Filmer, „das läßt ſich aber morgen beſprechen. Ich muß noch aus⸗ gehen, um einige Glieder meiner kleinen Heerde, welche in Trübſal leiden, zu tröſten. Mittlerweile müſſen Sie dieſe Unterſuchung auf ſich nehmen: Zeugen ſind der alte Park⸗ hüter, Ihr Tafeldecker, Brown der erſte Lakai, und die Fi⸗ ſcher, die noch in der Bedientenhalle warten.“ 4 Während dieſer Rede wandte er ſich nach der Thüre. Sir Arthur hätte ihn noch gerne einen Augenblick zurückge⸗ halten, um weitere Fragen an ihn zu richten; allein Filmer 247 legte ihm die Hand auf den Arm und verließ ihn mit den Worten: „Nur feſt, nur feſt geblieben!“ Achtzehntes Kapitel. Eine Viertelmeile etwa von dem Clive'ſchen Meierhofe ſtand eine Gruppe von ſechs bis ſieben Hütten von nettem behaglichem Ausſehen. Sie wurden von Clive's Taglöhnern, lauter ehrbaren fleißigen Leuten, bewohnt, und da der Guts⸗ herr beſonders in religiöſen Dingen nicht ohne Vorurtheile war, ſo hatte er es ſo eingerichtet, daß die meiſten ſeiner Leute aus Katholiken beſtanden. In dem Theile des Landes, worin er wohnte, war dieſe Confeſſion nur ſchwach vertreten, und ſo geſchah es, daß manche dieſer Leute aus der Ferne herge⸗ kommen waren. Zwar pflegte Clive einen guten Arbeiter und dabei redlichen Menſchen nicht gerade deßhalb zurückzu⸗ weiſen, weil er ein Proteſtant war; aber er hegte doch eine natürliche Vorliebe für Perſonen ſeines eigenen Glaubens und gab ihnen unter ſonſt gleichen Umſtänden faſt immer den Vorzug vor jenen. Dies war auch allenthalben bekannt, und wenn einer ſeiner ferner wohnenden Freunde einen ehr⸗ baren Katholiken zu einer Stelle empfehlen wollte, wo er ge⸗ wiß war, daß er gut behandelt wurde, ſo ſchrieb er nur an Mr. Clive, ſo daß es dieſem ſelten an Auswahl gebrach. In einer dieſer Hütten ſah man in der oben erwähnten Nacht zu ungewöhnlich ſpäter Stunde ein Licht brennen, bei 248 welchem neben der rauchenden Aſche eines kleinen Holzfeuers ein hochgewachſener Mann von mittleren Jahren ſaß. Er hatte beſonders tiefliegende blaue Augen von ſchwarzen Wimpern eingefaßt, was unter der iriſchen Race ſehr haufig getroffen wird; ſeine Geſtalt war an den Herd gelehnt und ſeine Hände über die dampfenden Kohlen ausgeſtreckt, um das Bischen Hitze, das ſie von ſich gaben, nicht zu verlieren, waͤhrend ſeine Augen die rothen Funken in dem weißen Aſchenhaufen mit ernſtem nachdenklichem Blicke be⸗ trachteten. Er ſchien ziemlich ſtumpfſinnig und melancho⸗ liſch, und man hörte ihn von Zeit zu Zeit mit der ſeinen Landsleuten eigenthümlichen Betonung einige Worte vor ſich hinmurmeln. „Ai!“ ſagte er, als ob ihm in dem halberloſchenen Feuer etwas aufgefallen wäre—„auch dieſer eine iſt ausgegangen. Wenn der Prieſter noch länger zögert, werden's all ausgehen einer nach dem andern.— Nun was ſchad't's?; einmal müſſen wir doch auch ausgehen und ſehr oft, wenn wir am hellſten zu brennen glauben. Da iſt z. B. dieſer junge Burſche — der dachte gewiß nicht d'ran, als er ſeinen Spaziergang antrat, daß er den Hals brechen würde, ehe er heim käme. Ach Herr Jemine!— und er hat doch nur gekriegt, was er verdiente und ich hätt's fur ihn gethan, wenn der Meiſter nicht— St!— das muß des Prieſters Schritt ſeyn, der da die Hügel herabkommt. Er iſt der einzige Mann in die⸗ ſer Gegend, der mit ſo leiſem Schritt und noch ſo ſpät aus⸗ geht, obwohl die Burſchen wies heißt heut Nacht ein Bischen Rumor machen.“ 7 249 Einen Augenblick darauf hob ſich die Schnalle, die Thüre ging auf und Mr. Filmer trat ein. Der Taglöhner ſtand ſo⸗ gleich auf, und ſtellte ſeinem Paſtor einen hölzernen Stuhl neben das Feuer. „Gut Nacht, Euer Ehrwürden,“ ſagte er;„'s iſt mäch⸗ tig kalt heut Abend.“ „Find' es nicht ſonderlich, Dan,“ gab Filmer zur Ant⸗ wort;„Du mußt aber wohl frieren, da Du bei dem Bischen Feuer ganz allein hier fitzeſt. Ich fürchtete ſchon, Du wür⸗ deſt des Wartens müde werden und zu Bette gehen, und ich bin Dir ſehr dankbar, daß Du, wie ich Dir ſagte, aufgeblie⸗ ben biſt.“ „O, natürlich that ich wie Euer Ehrwürden mich an⸗ gewieſen,“ gab Daniel Connor zur Antwort.„Ich bin ge⸗ gen meinen Prieſter immer gehorſam.“ „Das iſt Recht, Daniel,“ lobte Mr. Filmer.„Ich bin auch gekommen, um Dir zu ſagen, was Du als ein braver Burſche zu thun haſt.“ „Alles was Euer Ehrwürden mir ſagt, bin ich zu thun bereit,“ erklärte der Irländer.„Ich hielt die Sache auch ganz geheim, wie Sie mich angewieſen haben; kein Wörtchen kam vor dieſen Dienern über meine Lippen: ich mag nichts äußern, was meinem Herrn ſchaden könnte, denn einen beſſe⸗ ren als ihn hats noch gar nicht gegeben.“ „Nein, Daniel,“ erwiederte der Prieſter;„ich will Dir aber ſagen, was Du thun mußt— Du mußt ein paar Wört⸗ chen ſagen, um ihm zu helfen.“ Bei dieſen Worten heftete Filmer ſeine Augen ſcharf auf des Mannes Geſicht, in welchem augenblicklich ein ſehr verſchmitztes munteres Laͤcheln aufleuchtete, während er er⸗ wiederte: „Das will ich von ganzem Herzen thun, Euer Ehr⸗ würden. Man braucht mir blos anzugeben, was ich ſagen ſoll und ich will's ſagen.“ 4 „Wohlan denn, mein guter Daniel,“ fuhr Filmer fort; „ſiehſt Du, wenn wir nicht ſehr geſchickt zu Werke gehen, ſo kann es für Mr. Clive eine ſchlimme Geſchichte geben. Er ſelbſt iſt etwas hartnäckig, und wird ſich nur ſchwer über⸗ reden laſſen, diejenige Art von Vertheidigung, wie ſie zu ſei⸗ ner Sicherheit nöthig iſt, zu ergreifen. Das Erſte, was hier vorgenommen werden wird, iſt die Coroner's Unterſuchung“.“ „Ai ja! ſo denk ich,“ verſetzte Connor;„aber ſte ſollen aus mir nichts herausbringen, dafür ſtehe ich. Wenn ich will, kann ich blind und taub ſeyn trotz einem Maulwurf.“ „Aber Du mußt noch etwas mehr ſeyn, Daniel,“ lau⸗ tete des Prieſters Antwort.„Siehſt Du, wenn der Verdacht ſich auf Niemand heftet und die Jury ein Verdict wegen muthwilligen Mords gegen eine oder mehrere unbekannte Perſonen erläßt, ſo wird die Obrigkeit nicht eher mit Nach⸗ ſpüren ruhen, bis man an Deinem armen Herrn hängen bleibt. Wir müſſen alſo den erſten Argwohn auf Jemand an⸗ ders lenken, ſo daß Mr. Clive ganz davon frei bleibt— dann erſt iſt er ſicher zu nennen.“ „Iſt das nicht ſo ziemlich ebenſo viel wie Nord, Euer Ehrwürden?“ fragte Connor plötzlich mit ſehr ernſter Miene. * Leichenſchau. 4 D. U. 251 „So was hab ich noch nie gethan, und ich glaube,'s iſt eine Sünde— nicht?“ 3 „Die Sünde komme über mich,“ gab Filmer ſtreng zur Antwort.„Kann ich Dich für das, was ich Dich thun heiße, nicht abſolviren, Daniel Connor? Willſt auch Du ein Ketzer werden? Zweifelſt Du, daß die Kirche Macht hat, Dich von Deinen Sünden loszuſprechen, oder daß auf dem Wege, den ſie Dir anweist, der Ausgang nicht die Mittel rechtfertigt.“ „Ach nein! die lieben Heiligen mögen's verhüten!“ rief Connor eifrig.„Ich zweifle nicht im Geringſten und bin ganz ſicher, daß Euer Ehrwürden Recht hat— ich wollte Sie ja nur drüber fragen.“ „O wenn das Alles iſt,“ meinte Filmer,„wenn Du nicht anfängſt, in Folge Deines langen Aufenthaltes unter den Ketzern ſchändliche Zweifel zu hegen, dann will ich Deine Frage deutlich beantworten. Die Sache ſieht keineswegs einem Morde ähnlich, auch iſt nicht die geringſte Sünde da⸗ bei. Der Mann, auf den wahrſcheinlich der Verdacht fällt, wird leicht im Stande ſeyn, ſich am Ende zu rechtfertigen, ſo daß er keine weitere Gefahr läuft, als eine kurze Ein⸗ ſperrung, die vielleicht ſeinem Seelenheile zu gut kommt, da ich nicht ermangeln werde, ihn zu beſuchen und ihm den Weg zum wahren Lichte zu zeigen. Mittlerweile wird Deinem Herrn jede Gefahr erſpart, und wenn Du die Sache als ächter Sohn der Kirche betrachteſt, ſo wirſt Du ſehen, daß zwiſchen einem Gläubigen wie Mr. Clive und einem ver⸗ ſtockten Ketzer und Ungläubigen wie dieſer Andere gar keine Wahl ſeyn kann.“ 25² „Ja wenn's ein Ketzer iſt!“ rief Connor lachend,„das ändert die Sache; ich wußte nicht, daß ſich's um einen Ketzer handelt.“ „Du wirſt doch hoffentlich nicht glauben,“ erwiederte Mr. Filmer,„daß ich ſo etwas vorgeſchlagen hätte, wenn das nicht wäre. Alle meine Kinder— ob nun hoch oder niedrig— ſind mir gleich theuer, und ich möchte keines der⸗ ſelben in Gefahr bringen, um ein anderes dadurch zu retten.“ „Nun wohl, Euer Chrwürden, ich bin ganz bereit zu thun, was Sie mich anweiſen,“ erbot ſich Connor,„und wenn Sie mir nur einen Begriff von dem rechten Wege ge⸗ ben, ſo will ich ſo ſchnurgerade wie eine Soldatenrotte dar⸗ auf fortwandeln.“ „Die Sache iſt die,“ erklaͤrte der Prieſter:„zwiſchen die⸗ ſem jungen Lord und Mr. Dudley gab's heute Streit, der mehr oder weniger den ganzen Tag fortdauerte. Dudley ging gegen acht Uhr aus, Lord Hadley folgte ihm, holte ihn ein, und Beide gingen zankend ihres Weges weiter. Kurz darauf wurde der junge Lord todt gefunden. Natürlich wer⸗ den nun die Leute denken, Mr. Dudley habe ihn getödtet, denn außer Dir, Deinem Herrn und Miß Clive hat ihn ſpäter Niemand geſehen, bis er ſprachlos war. Dein Ver⸗ fahren wäre alſo folgendes: Wenn Du hörſt, daß des Co⸗ roners Gericht begonnen hat, mußt Du auftreten und Dich zur Zeugſchaft anbieten; Du mußt den Richtern genau er⸗ zählen, wo Du ſtandeſt, als der junge Lord bis zum Gipfel der Klippe heraufkam; dann mußt Du ſagen, Du habeſt einen Mann zu ihm treten und einen Streit beginnen ſehen, 25⁵³3 zwei bis drei Streiche ſeyen gefallen und der unglückliche Jüngling ſofort über die Klippe hinabgeſtürzt.“ „Und nicht ein Wort von Miß Helene?“ fragte der Mann. „Keine Sylbe,“ gab Filmer zur Antwort.„Du hältſt Dich blos an das Faktum, daß Du einen Mann, von An⸗ ſehen wie ein Gentleman, bemerkt habeſt—“ „O das iſt er auch, jeder Zoll ein Gentleman,“ rief Connor;„daran iſt kein Zweifel, Euer Ehrwürden.“ „So kannſt Du's um ſo beſſer behaupten,“ fuhr der Prie⸗ ſter fort;„nimm Dich nur in Acht, daß Du Dich nicht zu viel in Einzelheiten einläßſt; Du kannſt ja ſagen, Du habeſt ihn nur undeutlich geſehen.“ „Das iſt auch wahr,“ rief der Taglöhner;„es war eine dunkle Nacht, ich ſtand tief unten in der Schlucht und er hoch oben am Abhang des Hügels, ſo daß ich ſo zu ſagen nur einen Schimmer von ihm gewahrte. Aber der Meiſter war's gleichwohl— das weiß ich ganz gewiß, oder müßt's nur der Teufel in ſeiner Geſtalt geweſen ſeyn. Aber bei allen Heiligen, ich glaub auch nicht, daß es der Teufel ſeyn konnte, denn er that was jeder Mann an ſeiner Stelle⸗ und was auch ich, wenn er nicht gekommen wäre, in der nächſten Minute gethan hätte, denn ich hätte nicht ruhig mit ange⸗ ſehen, wie das junge Fräulein mißhandelt wurde— wahr⸗ haftig nicht.“ „Ohne Zweifel,“ gab der Prieſter zur Antwort,„und es wäre haxt, wenn das Leben eines ſolchen Mannes blos deßhalb, weil er ſein eigen Kind vertheidigte, geopfert würde.“ 25⁴ „O nein, das darf nicht ſeyn,“ rief Connor,„ſo lange mein Wort es verhindern kann; und ſo, Vater,“ fuhr er mit pfiffigem Blicke fort, wäͤre es vermuthlich das Beſte, wenn ich auf Befragen ſagte, ich habe den Herrn, der es that, nicht deutlich bemerkt, er habe aber wie ein ächter Gentleman ausgeſehen und ſey ungefähr von Mr. Dudley's Größe ge⸗ weſen. Ich ſah ihn zweimal auf unſerem Hofe, und wenn er im Zimmer iſt, ſo kann ich ihn als den bezeichnen, der je⸗ nem Manne an Größe gleichkomme; das iſt überdies keine Lüge, denn ſie ſind ſich wenigſtens an Länge ſehr ähnlich; keiner von Beiden wird wohl unter ſechs Fuß meſſen. Gegen ihn ſchwören moͤcht' ich lieber nicht, denn das waͤre doch ſchlimm.“ „Ei bewahre,“ ermahnte der Prieſter.„Halte Dich nur an allgemeine Thatſachen; das kann blos Verdacht er⸗ regen. Ich will dem jungen Manne nicht Unrecht thun, ſondern nur den Argwohn auf ihn ſtatt auf Clive lenken; dadurch wird Mr. Dudley zu einer Art unfreiwilliger Buße verurtheilt, welche ſein verhärtetes Herz vielleicht für unſere Kirche, die ſeine Väter thörichter Weiſe verlaſſen haben, ſänf⸗ tigen und ihm eine weitere Ausſicht zur Erlöſung gewähren kann, wenn er ſolche annehmen will. Es iſt doch ein hartes Ding, Daniel Connor, viele tauſend Jahre lang in den Flammen des Fegfeuers zu braten, wo jeder Augenblick durch unbeſchreibliche Qualen bezeichnet und verlängert wird, ſtatt in die ewige Glüͤckſeligkeit einzugehen, wo jeder Begriff von Zeit in der unausſprechlichen Freude von Ewigkeit zu Ewigkeit verloren geht; aber noch weit haͤrter iſt es, zu ewi⸗ 2⁵⁵ ger Höllenſtrafe verdammt zu ſeyn, wo ſich Gottes voller Zorn und Ingrimm über das Haupt der Unbußfertigen und Halsſtarrigen für immer und ewig ergießen wird.“ „Ja wahrlich, es iſt mächtig hart,“ verſetzte der Tag⸗ löhner ſich bekreuzend.„Die heilige Jungfrau bewahre uns Alle vor ſolchem Schickſal.“ „Davon wuünſche ich ihn eben zu erretten,“ verſicherte Mr. Filmer:„aber erſt muß ſein Herz gedemüthigt werden, denn Du weißt ja wohl, Daniel, daß bei allen dieſen Ketzern der Stolz die Quelle des Unglaubens iſt. Sie halten ihre eigenen Anſichten für weit beſſer, als die Lehren der Kirche, die Entſcheidungen der Concilien oder die Auslegung der Väter, und dieſelbe Sünde, welche den Sturz der Engel ver⸗ urſacht, hat auch ſie zum Abfall vom Glauben gebracht. Daß nur nie ein ächter Sohn der Kirche ihrem ſchlimmen Be⸗ ſpiele folge! ihr wißt ja, daß alles nur auf den Glauben an⸗ kommt, und daß die Kirche, die ſchon in der Schrift erwähnte Auslegerin iſt: ſo müßt Ihr alſo Eure irrige menſchliche Ver⸗ nunft unbedingt jener hohen heiligen Autorität unterwerfen, womit der Nachfolger der Apoſtel und das Kirchenconeil beklei⸗ det iſt, denn dort findet Ihr den einzigen unfehlbaren Führer.“ „Ach ich wills ja gewiß thun,“ verſicherte Connor eif⸗ rig; und dennoch ſchien ihn ein Schatten von Zweifel zu ängſtigen, denn er fuhr gleich darauf ſort:„aber Euer Ehr⸗ würden wiſſen ja, daß ſie, falls es zum Eide kommt, mich ſchwören laſſen, die ganze Wahrheit anzugeben, und wenn ich nicht ſage, daß ich Mr. Clive erkannt habe, ſo iſt es ja ein falſcher Schwur.“ 256 „Laß Dich das nicht anfechten,“ gab Filmer in ſtrengem Tone zur Antwort.„Habe ich Dir nicht geſagt, ich wolle und werde Dich abſolviren? Ueberdies wie kannſt Du etwas beſchwören, was Du blos glaubſt und nicht gewiß weißt. Du erzählteſt mir ja heut in der Halle, Du habeſt Deines Herrn Geſicht nicht geſehen, als er den Streich verſetzte.“ „Ja aber als er hinaufging, ſah ich ſein Geſicht deut⸗ lich genug,“ erwiederte der Taglöhner. „Das beweist noch nicht, daß er derſelbe war, der die That beging,“ meinte Filmer.„Ein Anderer konnte plötzlich, ohne daß Du bemerkteſt wie, herbeigekommen ſeyn.“ „eEr ſah aber jedenfalls dem Meiſter mächtig ähnlich,“ verſicherte der Mann leiſe;„aber ich will gerade ſo ſagen, wie Euer Chrwürden mich anweiſen.“ „Thue das,“ ſchloß Filmer ſich zum Gehen wendend; „die Kirche ſpricht durch meine Stimme und verflucht ſeyen Alle, die ihr nicht gehorchen!“ Der ſtrenge Ernſt, mit dem er ſprach, die zweifelloſe Zuverſicht, die ihn durch Worte und Blicke in ſeiner vollen Macht als Prieſter jener Kirche darſtellte, welche das end⸗ liche Schickſal aller Weſen in ihrer Hand zu halten behaup⸗ tet, wie der eigene Glaube, den er in dieſe weit umfaſſende gottesläſterliche Anmaßung zu faſſen ſchien, äußerten ihre volle Wirkung auf ſeinen Zuhörer, der, wenn auch ein gu⸗ ter, ein pfiffiger und nicht ganz unerleuchteter Menſch, ſolche Lehren ſchon mit der Muttermilch eingeſogen hatte, ſo daß ſie gleichſam ein Theil ſeiner eigentlichen Natur wurden. „Ganz gewiß werde ich gehorchen,“ erkläͤrte Connor; 257 „es iſt ja nicht meine Sünde, wenn ein Unheil daraus entſteht. Das iſt jedenfalls des Prieſters Sache.“ Und hiemit legte er ſich beruhigt zu Bett. b Neunzehntes Kapitel. Von Connors Hütte aus wendete ſich Vater Peter zur Rechten, denn er war noch nicht fertig— er hatte für heute Nacht noch eine ganz andere Rolle zu ſpielen. Die Geiſtesgeſchmeidigkeit der römiſchen Kirche iſt eine ihrer ge⸗ fährlichſten Eigenſchaften. Der Grundſatz, daß der Zweck die Mittel heilige, läßt es allen Anhängern dieſer Lehre als recht erſcheinen, wenn ſie die Worte des Apoſtels— Allen Alles zu ſeyn— in einem der urſprünglichen Abſicht ganz entgegengeſetzten Sinne deuten, Fünf Minuten ſpäter ſtand Mr. Filmer vor dem Thore des Meierhofs, und ſah ſich auf jener Seite des Hauſes wie wohl vergeblich nach einem Lichte um. Einer der großen Hunde kam wedelnd herbeigelaufen, alle übrigen ſchwiegen, denn es war wirklich wunderbar, wie leicht und ſchnell er alle Geſchöpfe an ſeinen Einfluß gewöhnte; ſein leiſer ruhiger aber feſter Tritt war unter dieſen Thieren ſowohl bekannt wie der ihres Gebieters oder Edgar Adelons, und ſchon auf zwei⸗ bis dreihundert Schritte waren ſie ihrer Sache gewiß geweſen. Nach kurzer Ueberlegung zog Filmer ſachte die Glocke, worauf alsbald Clive ſelber mit einem Lichte in der Hand James. Der Ueberwieſene, 17 — 258 zum Vorſchein kam. Er war vollſtändig angekleidet, ſein Geſicht war ernſt und gefaßt. „Ach Vater,“ ſagte er, ſobald er den Beſuch erkannte, „das iſt ſehr gütig von Ihnen.— Treten Sie ein; Helene iſt noch nicht zu Bett gegangen.“ „Das höͤr' ich mit Vergnügen, mein Sohn,“ verſetzte Filmer,„denn ich habe mit Euch Beiden einige Wortezu reden.“ So ſprechend trat er vor Mr. Clive in das Zimmer, wo Helene zu ſitzen pflegte. Er traf ſie mit thränenloſen aber rothgeweinten Augen und ſetzte ſich freundlich neben ſie, indem er bemerkte: „Gräme Dich nicht, mein liebes Kind, was auch vor⸗ gefallen ſeyn mag. Wer da glaubt, wird immer Troſt finden.“ 3 „Ja Sie wiſſen noch nicht, was ſich zugetragen hat, Vater,“ verſetzte Helene mit einem Blick nach Mr. Clive. „Sie werden es jedoch bald erfahren.“ „Ich weiß was vorgefallen iſt, Helene,“ verſicherte der Prieſter,„wenn gleich nicht mit allen Einzelheiten, und ich bin ſogleich herabgekommen, um Euch Troſt und Rath zu ertheilen.— Erzählen Sie mir, mein Sohn, wie dieſes traurige Ereigniß ſich zugetragen hat.“ „Das Gerücht iſt alſo wie es ſcheint ſehr raſch gewe⸗ ſen,“ bemerkte Clive in düſterem Tone.„Ich ſagte Dir ja, Helene, daß ein Geheimhalten hoffnungslos ſey, obwohl wir glaubten, daß nur unſer eigenes und das Auge Deſſen, der Alles ſieht und die Herausforderung ſo gut wie die Strafe richten wird, jene ſinſtere That wahrgenommen habe.“ — 259 „Ein Geheimhalten iſt nicht hoffnungslos, mein Sohn,“ verſetzte Filmer,„wenn es überhaupt, wie ich fürchte, nöthig ſeyn ſollte. Nur ein Menſch hat euch geſehen, und er kam ſogleich, um es mir zu erzählen und mich zu Eurem Troſte herbeizuholen, denn er iſt ein getreues Kind unſerer heiligen Mutter der Kirche und wird Niemand verrathen. Aber er⸗ zählen Sie mir Alles, Clive.— Bin ich nicht eben ſo gut Ihr Freund wie Ihr Beichtiger?“ „Erzähl's ihm, Helene— erzähl's dem guten Vater,“ bat Clive ſich an den Tiſch ſetzend und den Kopf auf die Hand ſtützend.„Ich habe nicht das Herz, davon zu reden.“ Der Prieſter richtete ſeine Blicke auf Helene, welche augenblicklich die Erzählung, die ihr Vater zu geben ver⸗ weigerte, aufnahm. „Ich glaube, ich ſelbſt bin bei der Sache zu tadeln,“ begann ſie in leiſem, ſanftem Tone;„aber Gott weiß, ich dachte nicht daran, was mein Ausgehen für Folgen haben könnte. Ich muß Ihnen jedoch berichten, warum ich es that. Mein Vater und ich hatten den ganzen Abend von dem wilden, unruhigen Zuſtande des Landes, wie von den vorausſichtlichen Vorfällen zu Barhampton geſprochen.“ „Jene Vorfälle ſind eingetreten,“ verſetzte Pater Fil⸗ mer;„die Behörden waren aber auf die Sache vorbereitet, die Truppen haben auf das Volk gefeuert und manches koſt⸗ bare Leben ging verloren.“ „Das wars, was wir fürchteten,“ fuhr Helene traurig fort.„Ach! daß Menſchen ſo wilde geſetzloſe Dinge thun mögen! Eben wegen dieſes Tumultes war mein Vater 17* 260 ängſtlich und unruhig und ging gegen halb ſechs Uhr aus, um wo möglich meinen Onkel Norries zu treffen, und auf alle Fälle vom Gipfel der Dünen gegen Barhampton hinabzu⸗ lugen.— Er verſprach mir, daß er keinenfalls weiter als bis zur alten Mauer gehen und in einer halben Stunde zu⸗ rückkehren würde; aber mehr als eine Stunde verſtrich und ich ängſtigte mich entſetzlich, bis ich endlich Daniel Connor nach meinem Vater ausſchickte. Auch er ſchien lange aus⸗ zubleiben, wenn er's vielleicht auch nicht war, und ſo be⸗ ſchloß ich, ſelbſt zu gehen; ich hegte nicht die geringſte Furcht, denn ich hatte nie gehört, daß Lord Hadley des Nachts aus⸗ ſchwärme— ich glaubte ihn bei Tiſch und mich vollkommen ſicher— ja ſicherer noch als bei Tag. Nur um meinen Vater war ich beſorgt, aber um ihn auch im höchſten Grade. Ich ging ſehr raſch und gelangte bald auf die Dünen, konnte aber Niemand gewahren; ſo ſchlug ich den Querpfad zur Höhe ein, und erreichte gerade den Rand der Klippe, von wo ich über die See zum Barhampton⸗Head hinüberſchaute. Auch dort war nichts zu ſehen; nur auf einem Schiffe in der See ließ ſich ein Licht bemerken. Das erſchreckte mich noch mehr als früher, denn ich hatte ſicher geglaubt, meinen Va⸗ ter hier zu treffen; in der Meinung, er habe ſich irgendwo niedergeſetzt, rief ich ihm laut und bat ihn heimzukommen. Keine Antwort erfolgte; dagegen hörte ich einen Schritt den Pfad heraufkommen, der zwiſchen den zwei Abhängen hinläuft und über den unteren zerriſſenen Theil der Klippe ans Seeufer führt. Ich war überzeugt, daß es blos mein Pater oder Connor, oder einer der Bootsleute— die mir 261 gewiß nichts zu Leid gethan hätten— ſeyn könne, und wollte mich eben nach jenem Wege hinabwenden, als Lord Hadley auf die Höhe heraufſprang und mich bei der Hand faßte. Ich erſuchte ihn, mich gehen zu laſſen, und jetzt war ich frei⸗ lich ſehr erſchrocken, ſo daß ich kaum wußte oder weiß, was ich that oder ſagte. Nur deſſen bin ich noch bewußt, daß er mich zu überreden ſuchte, mit ihm nach Frankreich zu gehen, und daß er mir erzählte, draußen in der See liege ein nach jenem Lande beſtimmtes Schiff, deſſen Boot mit den Matro⸗ ſen am Ufer haare— er hatte nämlich am Morgen mit ihnen geſprochen. Er ſagte noch gar Vieles, was ich ver⸗ gaß, unter Anderem— er wolle mich ſogleich nach unſerer Ankunft in Frankreich heirathen; allein ich war ſehr zornig — zu zornig vielleicht— und was ich erwiederte, ſchien ihn ganz wüthend zu machen, denn er betheuerte mit einem furchtbaren Fluche, ich müſſe mitgehen. Ich verſuchte zu entſpringen; allein er hielt mich feſt an der Hand, ſchlang den andern Arm um mich, und ſchleppte mich den Pfad nach dem Strande hinab, als plötzlich mein Vater heraufkam und nach ihm ſchlug. Ich hatte wegen meines gebrochenen Ar⸗ mes nicht viel Widerſtand leiſten können; ſobald jedoch mein Vater herbeikam, ließ er mich los und erwiederte den Schlag, den er empfangen hatte. Wir ſtanden damals dicht am Rande der Klippe, und dort, wo der Pfad ſich zu ſenken beginnt, iſt, wenn Sie ſich erinnern, ein niederes Geländer. Mein Vater ſchlug ihn zu wiederholten Malen, und endlich ſiel er wider das Gitter, das glaub' ich unter ſeiner Laſt einbrach, ſo daß ich ihn häuptlings über die Klippe ſtürzen 262 ſah. Ich meinte in jenem Augenblick zu ſterben, und ehe ich mich erholte, hatte mich mein Vater bei der Hand ge⸗ nommen und fortgeführt. Nachdem wir etliche hundert Schritte zurückgelegt hatten, blieb ich ſtehen und fragte, ob es nicht beſſer wäre, nach dem Strande hinabzugehen oder wenigſtens nachſehen zu laſſen, ob ihm nicht noch Hülfe ge⸗ leiſtet werden könne. Mein Vater ſagte, er habe die Boots⸗ leute ihm beiſpringen hören und das ſey genug.“ „Vollkommen genug!“ rief Clive in ſtrengem Tone, indem er bei dieſen letzten Worten die Augen aufſchlug, die er waͤhrend Helenens Erzählung mit der Hand bedeckt hatte. „Er hat ſein Schickſal wohl verdient. Zwar hab' ich ſeinen Tod nicht beabſichtigt, aber— ob nun lebend oder nicht— er empfing nur die Strafe, die er verdiente. Erſt wenige Stunden früher hatte ich ſein ganzes ſchändliches Benehmen gegen dieſes theure Kind erfahren— hatte erfahren, daß er ſte beleidigt, beſchimpft und verfolgt hatte, und wenn ich auch Norries verſprochen, ihn nicht zu tödten, ſo war ich doch entſchloſſen, ihn bei unſerem erſten Zuſammentreffen bis aufs Blut durchzupeitſchen. Da traf ich ihn, wie er ſie abermals beleidigte, und ich frage nun: kann mich irgend ein Menſch eines Unrechts zeihen, wenn ich den elenden Schuft auf der Stelle beſtrafte? Ich bereue es nicht— ich würde es wieder thun, was auch die Folgen ſeyn mögen und ſo werde ich auch vor Richter und Jury erklären, ſobald ich zum Reden aufge⸗ fordert werde.“ „Ich hoffe, das ſoll nie geſchehen,“ antwortete der Prieſter, ihn mit einem Ausdrucke melancholiſcher Theilnahme ——.— ——.— 263 betrachtend;„ich zweifle nicht im Geringſten, daß, wenn Sie meinem Rathe folgen, der Verdacht gar nicht auf Sie fallen wird.“ „Ich werde Ihren Rath mit Freuden hören, Vater,“ antwortete Clive,„habe aber auch keine ſonderliche Furcht vor ſchlimmen Folgen. Man kann mich nicht tadeln, daß ich den Mann ſchlug, der mein Kind beleidigte und zu be⸗ ſchimpfen trachtete. Ich vertheidigte blos mein eigen Blut und meine Ehre, und das iſt kein Verbrechen.“ „Man findet häuſig ein Verbrechen, wo keines iſt, Clive,“ entgegnete Filmer.„Der junge Mann iſt todt, und Sie dürfen nicht vergeſſen, daß er ein Peer von England war.“ 8 „Das macht keinen Unterſchied,“ rief Clive.„Wir leben Gott ſey Dank in einem Lande, wo ſich der Peer ſo wenig wie der Bauer ein Unrecht erlauben darf. Es thut mir leid, daß er todt iſt, denn ich hatte nicht die Abſicht, ihn zu ermorden, aber er hat ſeinen Tod wohl verdient und ſeine Stellung macht keinen Unterſchied.“ „Nicht in den Augen des Geſetzes,“ behauptete Mr. Filmer ernſthaft,„wohl aber in den Ohren der Jury. Ich verſtehe mich genau auf dieſe Dinge, Clive, und wenn die Sache in jetziger Zeit beſonders nach dieſen wilden Volks⸗ ausbrüchen vor einen Gerichtshof kommt, ſo verlaſſen Sie ſich drauf— Sie ſind verloren. Erſtlich können Sie nicht beweiſen, daß Sie blos Ihre Tochter vertheidigten—“ „Ei, mein Kind war ja dabei und hat Alles mit ange⸗ ſehen!“ rief Clive, ihn unterbrechend. 4 „Ihr Zeugniß wird nur wenig gelten,“ meinte der Prieſter,„und Ihre eigene Aufrichtigkeit würde Sie ruiniren, denn ich weiß, daß Sie die That nicht in Abrede ziehen wür⸗ den. Die beſte Anſicht, die eine Jury— auch angenommen, daß der Rang des Todten keinen Einfluß auf ſie übte— von Ihrer Sache faſſen würde, könnte blos ein Verdict wegen Todſchlags bewirken, das Sie lebenslänglich in eine Strafkolonie brächte, um dort wie ein Sklave— vielleicht gar in Ketten— zu arbeiten.“ Clive fuhr empor und ſtarrte dem Sprecher ängſtlich ins Geſicht, wie wenn dieſe Anſicht der Sache ihm vli neu wäre. „Lieber ſterben!“ rief er.„Lieber ſterben!“ „Ganz gewiß,“ beſtätigte Filmer.„Aber warum ſich einer von beiden Gefahren ausſetzen? Ich ſage Ihnen, wenn Sie meinen Rath befolgen, werden Sie ganz vom Verdacht verſchont bleiben.“ „Unmöglich, Vater, unmöglich!“ entgegnete Clive faſt ungeduldig die Hand ſchüttelnd.„Ich bin nicht der Mann, der ſich einen Zaum an den Mund legen kann, und würde von Zeit zu Zeit Dinge ſagen, welche die Sache nur zu bald bekannt werden ließen. Ich könnte mit keinem meiner Nach⸗ barn hier reden, ohne mich zu verrathen.“ „Dann müſſen Sie eine Zeit lang fort,“ erwiederte Filmer.„Das eben war der Rath, den ich Ihnen geben wollte. Wenn Sie mit Entſchloſſenheit handeln und das Land auf kurze Zeit verlaſſen, ſo will ich dafür ſtehen, daß kein Zweifel Ihnen nahen ſoll.“ ———— „Das iſt ja gerade der Weg, um den Verdacht auf mich zu leiten,“ verſetzte Clive mit kurzem bitterem Lachen.„Würde nicht Jedermann fragen, warum Clive davon rannte?“ „Die Antwort wäre dann einfach die, er ſey vermuthlich davon gegangen, weil er mit ſeinem Schwager Norries in dieſe unbeſonnenen Oppoſitionsplane, welche heute Nacht ſo auffallend vereitelt wurden, verwickelt geweſen,“ meinte der Prieſter. „Ein Verbrechen ſtatt eines andern!“ brummte Clive in düſterem Tone, das Geſicht abermals in den Händen ver⸗ grabend. „Nur mit dem Unterſchied,“ fuhr Filmer fort,„daß das eine bald und leicht verziehen, das andere aber nie ge⸗ ſühnt wird; daß Sie wegen des einen nicht bis in's Ausland verfolgt, wegen des andern aber auch dort ausgeliefert wür⸗ den; daß dieſes keine Schande auf Ihren Namen bringt, während Sie jenes als einen Verbrecher brandmarkt, Ihrer Tochter ſogar eine Mackel aufheftet, ſie eines Vaters beraubt und ihr Glück fur immer zerſtört.“ „O fliehe, Vater, fliehe!“ rief Helene.„Rette Dich vor ſo furchtbarem Schickſal.“ „Wie! und Dich ſchutzlos zurücklaſſen!“ fragte Clive. „O nein! laß mich mit Dir ziehen,“ flehte Helene. „Natürlich,“ beſchwichtigte der Prieſter;„Sie können und dürfen nicht allein gehen. Nehmen Sie Helenen mit und ſeyen Sie überzeugt, daß ihre Ergebenheit gegen Sie die tiefe Neigung, die ſie einem Jünglinge eingeflößt, der eben ſo ihrer wie ſie ſeiner würdig iſt, nur vermehren wird. Ich habe Ihnen verſprochen, Clive— oder beſſer geſagt, ich habe Sie verſichert— daß Ihre Tochter die Gattin deſ⸗ ſen, der ſie liebt, und zwar mit voller Zuſtimmung ſeines Vaters, werden ſoll.— Folgen Sie meinem Rathe, ſo ſoll es geſchehen; aber glauben Sie nicht, daß Sir Arthur je⸗ mals zugeben würde, daß ſich ſein Sohn mit der Tochter eines Ueberwieſenen vermähle. Bis jetzt weiß er, daß Ihr Blut ſo gut wie ſein eigenes iſt und der einzige Unterſchied blos im Vermögen beruht; aber mit beflecktem Namen wäre der Fall ein anderer: dies gäbe für ihre Vereinigung eine unüberſteigliche Schranke, und Sie würden ebenſo das ganze Leben Ihrer Tochter dem Elende weihen, wie Sie Ihr eige⸗ nes Glück für immer von ſich ſtießen.“ „Wie kann ich aber fliehen?“ fragte Clive.„Bis morgen wird das Ding ruchbar, und ehe ich London erreiche, werde ich verfolgt und gefangen.“ 4 7 „Es gibt einen kürzeren Weg, der Ihnen nicht fehlen kann,“ meinte Filmer. „Das franzöſiſche Schiff!“ rief Helene mit freudigem Blick. „Das meine ich,“ erwiederte der Prieſter;„es wird in wenigen Stunden abſegeln. Sie haben nichts zu thun, als das nöthige Gepäck ſo raſch wie möglich abzuſchicken, ſich in einem der Boote hinausrudern zu laſſen und einzu⸗ ſchiffen, dann find Sie ſicher. Ich werde Ihnen Briefe an einen Freund in der Bretagne mitgeben, der Ihnen jede denkbare Gefälligkeit erweiſen wird, und bei dem Sie in ———ÿ—ÿ—ÿ—ñ:U—— 267 Frieden bleiben mögen, bis ich Ihnen melde, daß Sie mit Sicherheit zurückkehren können.“ Clive ſchwieg und ſchien einen Augenblick zu zaudern; aber Helene ſchaute ihm flehend ins Geſicht, und er ſchlang endlich ſeinen Arm um ſie, indem er ſagte: „Ich will gehen, mein Kind; ich habe kein Recht, auch Dich elend zu machen. Handelte es ſich um mich allein, ſo würde mich Niemand zur Flucht bewegen; aber jetzt ſoll Nichts mich verleiten, Dich zu opfern. Geh', Helene; mach Dich raſch fertig— vielleicht glauben ſie, ich habe Antheil an dieſem Tumulte gehabt, und der Verdacht geht dann auf dieſe Weiſe vorüber.“ „Ohne Zweifel werden ſte's glauben,“ verſicherte Mr. Filmer,„und ich will Sorge tragen, ihrem Zweiſel dieſe Richtung zu geben.— Beeile Dich, Helene! aber brauchſt Du nicht Jemand zur Unterſtützung?“ „Ich will Margarethen rufen,“ verſetzte das Mädchen, „denn ich bin ſehr hülflos.“ Hiemit ſchloß ſie die Thüre auf und entfernte ſich. „Was ſoll ich mit dem Meierhofe anfangen?“ fragte Clive, ſobald ſie fort war.„Ich fürchte, da wird Alles dem Untergang entgegengehen.“ „Nicht ſo, nicht ſo,“ gab der Pater in ermunterndem Tone zur Antwort.„Ich will darauf ſehen, daß er wohl beaufſichtigt wird; zwar mag wohl Manches ſchief gehen, was nur des Beſitzers Auge verhindern könnte, aber doch ſoll von Ruin nicht die Rede ſeyn. Und nun tummeln Sie ſich, Clive, Ihre eigenen Vorkehrungen zu treffen. Wir 268 haben keine Zeit zu verlieren, denn wenn die Schiffsmann⸗ ſchaft hört, daß der Angriff gegen Barhampton fehlgeſchla⸗ gen hat, ſo werden ſie vielleicht früher als ausgemacht war von dannen ſegeln. Ich will unterdeſſen den Brief ſchreiben und euch dann an die Küſte begleiten, um euch dort ab⸗ fahren zu ſehen.“ Faſt dreiviertel Stunden verſtrichen in nicht geringer Haſt und Verwirrung, bis Clive und deſſen Tochter zum Abgange bereit waren. Der Prieſter ſchrieb und ſiegelte ſeinen Brief; ein Mann wurde beauftragt, etliche Schach⸗ teln und Koffer an den Strand hinabzutragen, und Clive ertheilte noch verſchiedene Befehle und Weiſungen wegen Führung der Haushaltung während ſeiner Abweſenheit. Die Diener ſchienen erſtaunt, wagten aber nicht zu fra⸗ gen, und Mr. Filmer ließ geſchickt einige Worte fallen, welche ſpäter Mr. Clive's Flucht mit dem tollen Verſuche gegen Barhampton in Verbindung zu bringen geeignet waren. Als endlich Alles bereinigt war, machten ſie ſich zu Fuß auf den Weg, und verfolgten die engen Seitenpfade in der Nachbarſchaft des Hauſes, bis ſie die Heerſtraße erreich⸗ ten, und dann durch eine der kleinen Dünenſchluchten auf einem ziemlich zerriſſenen Pfade nach dem Meeresufer hinab⸗ ſtiegen. Einige der Bootsleute waren eben daran, in See zu ſtechen, und da Clive ſehr oft gegen ſie alle freundlich ge⸗ weſen, ſo wurde ſein Wunſch ohne Schwierigkeit erfüllt. Das Meer war ruhig und glatt wie ein Landſee; das Waſ⸗ ſer war zwar zu ſeicht, um mit einem größeren Boot abzu⸗ ſtoßen, dafür wurde aber eines der kleineren uͤber den Sand 269 gezogen, und Helene und ihr Vater ſtanden eben zum Ein⸗ ſchiffen bereit, als man einen eiligen Schritt über den Strand daherkommen hörte. „Raſch, raſch ins Boot und abgeſtoßen!“ rief Filmer. „Das iſt Edgars Schritt,“ rief Helnene zögernd.„O laßt mich warten und ihm Lebewohl ſagen! Ich weiß ge⸗ wiß, es iſt Edgar!“ „Liebe hört ſcharf,“ bemerkte Filmer;„ich hätte ihn nicht erkannt,“ und im nächſten Augenblick ſtand Edgar Ade⸗ lon vor ihnen. „Ich war auf dem Hofe,“ hub er an;„dort ſagte man mir, wo ich Sie treffen würde.“ „Wird find durch widrige Umſtände genöthigt, auf einige Zeit zu verreiſen, Mr. Adelon,“ bemerkte Clive ernſthaft. „Ich weiß— ich weiß Alles,“ gab Edgar raſch zur Antwort.„Ich beobachtete vom Hügel aus den ganzen An⸗ griff; es war ein merkwürdiger, geiſterhafter Anblick, und ich will Sie nicht aufhalten, Mr. Clive, denn hier zu bleiben wäre Ihr Untergang. Laſſen Sie mich nur noch ein Wort mit meiner theuren Helene reden— nur ein Wort, ich will Sie gewiß nicht zurückhalten.“ Der Vater machte keine Einwendung, denn er wußte, was ächte Liebe war, und wollte ihrem bitteren Scheiden das Bischen Troſt nicht vorenthalten. Edgar zog das ſchöne Mädchen einge Schritte bei Seite, und ſie ſprachen dann mehrere Minuten ernſthaft zuſammen; voll Zärtlichkeit drückte er ihr die Hand, Jedes wiederholte— rauf ewig!'— dann 270 führte er ſte nach dem Boote zurück, das bereits von der Flut gehoben wurde, und ſchüttelte Clive herzlich die Hand mit den Worten: „Gott ſegne und beſchütze Sie! ich will ſie ins Boot ſchaffen!“ Und ehe Jemand antworten konnte, hatte er Helenen zärt⸗ lich auf ſeine Arme gehoben und ging mit ihr durch das Waſ⸗ ſer bis an die kleine Barke, wo er ſie ſachte niederſetzte. Clive folgte, nachdem er noch einige Worte mit Mr. Filmer ge⸗ wechſelt, die Bootsleute ſtießen ab, und der Nachen zog glitzernd durch die Wogen. Edgar Adelon ſchaute ihm nach, bis Filmer ihn mit den Worten: kommen Sie, mein Sohn!' am Arme be⸗ rührte, worauf ihm der junge Mann mit tiefem Seufzer nach der Klippe folgte. „Ich muß nach dem Meierhofe zurück, um mein Pferd zu holen,“ bemerkte Edgar, als ſich der Prieſter auf der Heerſtraße gegen Brandon wandte. „Beſſer Sie laſſen es durch einen Diener zurückbrin⸗ gen,“ meinte Filmer.„Ihr Vater iſt heimgekommen und könnte nach Ihnen fragen.“ „Es iſt doch ſonderbar,“ meinte Edgar ihm folgend; „ich hätte darauf ſchwören können, daß ich ſein hochbeiniges, braunes Jagdroß unter dem Volke zu Barhampton ſah.“ „Da werden Sie ſich wohl geirrt haben,“ antwortete Filmer;„was Sie aber auch ſahen, Edgar, hören Sie mei⸗ nen Rath und äußern Sie gegen Niemand— ſogar nicht gegen Eda, daß Sie irgend etwas geſehen haben.“ ——— 271 Cbgar gab keine Antwort und Beide legten ſchweigend ihren Weg zurück, bis ſie die Parkthore erreichten. Dieſe waren offen, und unter der Thür des Parkhüters ſtand ein Mann, mit welchem der Prieſter einen Augenblick ſprach, während Edgar auf ſeine Bitte weiter ging. Mr. Filmer holte den jungen Mann ein, noch ehe er hundert Schritte zurückgelegt hatte, und als ſie fich dem Hauſe näherten, be⸗ merkte er: „Es iſt wohl am Beſten, Edgar, Sie gehen geradezu auf Ihr Zimmer und zu Bett. Unerfreuliche Dinge ſind vorgefallen: Eda hat ſich zurückgezogen, Ihr Vater hat eine andere Magiſtratsperſon bei ſich, und weder Ihre noch meine Gegenwart würde ihm angenehm ſeyn.“ „Auf mein Zimmer allerdings,“ gab Edgar Adelon zur Antwort;„aber nicht zu Bett, mein Vater. Nach⸗ denken iſt mir nöthiger als Ruhe.“ Und ſobald die Thüre geöffnet war, ging er geradenwegs durch die Halle, nahm von dem Diener ein Licht und ſtieg die Treppe nach ſeinem eigenen Zimmer hinauf. Zwanzigſtes Kapitel. Wir müſſen nunmehr auf kurze Zeit zu Dudley zurück⸗ kehren, nachdem wir die wichtigſten Perſonen unſerer Er⸗ zählung auf denſelben Punkt geleitet haben, wo wir ihn zuletzt verließen. Sobald er, von den beiden Konſtablen bewacht, das Parkhäuschen betreten hatte, verlangte er in ruhigem Tone ihren Verhaftsbefehl zu ſehen, da er kaum daran zweifelte, daß er wegen Theilnahme an den Unruhen, deren Zeuge er geweſen, verhaftet worden ſey, und daß nur die Unwiſſenheit ſeiner Wächter ſo vage und unbefriedigende Ausdrücke wie Mord oder Todtſchlag veranlaßt habe. Wie groß war aber ſein Erſtaunen, als er folgendes las: „Dem Konſtable von dem Hundert— in der Graſſchaft — und allen ſonſtigen Friedensbeamten derſelben Graf⸗ ſchaft! „Sintemalen Patrik Ferrers aus der Gemeinde Bran⸗ don in beſagter Grafſchaft, Diener, unter dem heutigen Da⸗ tum vor mir, Stephan Conway, Esquire, einem Ihrer Majeſtät Friedensrichter in und für beſagte Grafſchaft— angegeben hat, er habe gerechte Urſache zu vermuthen und ver⸗ muthe wirklich, daß Edward Dudley Esquire am— im Jahre unſeres Herrn 18— an einem Orte Namens Clive Düne in beſagter Gemeinde Brandon in beſagter Grafſchaft oder in deſſen Nähe auf verbrecheriſche, muthwillige und boshafte Weiſe Lord Henry Hadley getödtet habe, indem er ihm mehrere Schläge verſetzte und ihn über die Klippe an beſag⸗ tem Orte hinabwarf, woran obiger Lord Hadley augen⸗ blicklich geſtorben: als ergeht in Ihrer Majeſtät Namen an Euch oder einen von Euch der Befehl, den Körper des be⸗ ſagten Edward Dudley ſofort zu ergreifen und vor mich oder einen andern von Ihrer Majeſtät Friedensrichtern in und für beſagte Grafſchaft zu bringen, auf daß er ſich gegen obige Anklage verantworte, und damit dem Geſetze gemäß ferner mit ihm verfahren werde. Laßts hierin nicht fehlen!“ à 273 „Gerechter Himmel!“ rief Dudley im Tone unverſtell⸗ ten Erſtaunens,„ſoll das wohl bedeuten, daß Lord Hadley getödtet wurde?“ „Geht, geht, Meiſter, das hilft Euch nichts,“ ſcherzte das brutale Vieh, in deſſen Hände er gefallen war.„Ihr wißt's recht wohl, möcht' ich behaupten. Ihr müßt bis mor⸗ gen früh in dieſes Hinterzimmer marſchiren, denn es wäͤre umſonſt, Euch zwanzig Meilen weit ins Gefängniß abzufüh⸗ ren, da man Euch morgen zur Coroners Inſpizirung doch wieder zurückbringen müßte.“ Nur mit großer Mühe vermochte Dudley ſeinen Un⸗ willen zurückzuhalten. Die Anklage erſchien ihm beim erſten Anblick lächerlich, und er würde darüber geſpottet haben, wenn nicht das Entſetzen über das Loos ſeines unglücklichen Zöglings ſeine Seele ſo vollſtändig beſchäftigt hätte, daß kein leichtfertiger Gedanke Raum finden konnte. „Ich erſuche Sie hoͤflich, Sir,“ wiederholte er, während er ſich fortwährend unter Begleitung der Konſtables in das angedeutete Zimmer verfügte,„mir Aufſchluß über That⸗ ſachen zu geben, die ich morgen früh wiſſen muß und bei de⸗ nen ich tief betheiligt bin. Wollen Sie ſo unhöflich ſeyn und mir eine Antwort verweigern, ſo kann ich Sie freilich nicht zwingen; aber gewiß gäbe es außer Ihnen ſonſt Nie⸗ mand auf Erden, der daran denken könnte, mir eine Erklä⸗ rung über das Loos eines Freundes zu verweigern, der, wie ich aus Ihrem Verhaftsbefehle erſehe, getödtet wurde.“ „Hübſches Freundesſtückchen das!— ihn über die Klippe hinabzuſtoßen!“ höhnte der Konſtable.„Sey's wie's James. Der Ueberwieſene. 18 wolle, die Obrigkeit weiß Alles, und Ihr thätet beſſer zu war⸗ ten und mit ihr zu plaudern, denn wenn Ihr noch länger mit mir redet, ſo werde ich die Handſchellen holen laſſen— Thor der ich war, ſie nicht gleich mitzubringen. Wir werden Euch abwechslungsweiſe Geſellſchaft leiſten, denn ich habe nicht Luſt, Euch entwiſchen zu laſſen, Meiſter, darauf könnt Ihr Euch verlaſſen.“ Dudley antwortete blos mit einem verächtlichen Lächeln und warf ſich auf einen Stuhl, wo er ſich ſeinen Gedanken überließ, während der eine Konſtable ſich ihm gegenüber ſetzte und der andere ſich entfernte und die Thüre abſchloß. Wohl länger als zwei Stunden erwog Dudley in tiefen Gedanken die wunderbare Wendung, welche ſein Schickſal ge⸗ nommen hatte; ſeine Lage begann ein bedenklicheres Aus⸗ ſehen anzunehmen, als dies im Anfange der Fall geweſen, je mehr er ſich die einzelnen Vorfälle dieſes Abends ins Ge⸗ dächtniß zurückrief. Nicht daß er auch nur einen Augenblick an die geringſte Gefahr für ſich dachte, denn das Bewußt⸗ ſeyn ſeiner Unſchuld war zu mächtig, als daß er hätte glau⸗ ben können, wenn er erſt ſein ganzes Benehmen erklärt hätte, könne irgend ein Verdacht auf ihm liegen bleiben; allein er erinnerte ſich des heftigen Wortwechſels, den er in Gegenwart mehrerer Zeugen am Morgen mit Lord Hadley gehabt, und rief ſich auch ins Gedächtniß zurück, daß dieſer, als er nach Tiſche ausgegangen war, um ſein Verſprechen gegen Eda zu erfüllen, ihn verfolgt und eingeholt, ja daß wenigſtens der Anfang ihres Abendgeſprächs einen ſcharfen hitzigen Cha⸗ rakter an ſich getragen hatte. Er entſann ſich auch, wie ſie 275 mehreren Leuten begegnet waren, wie der junge Edelmann endlich durch ſeine Vorſtellung gerührt und durch ſein ent⸗ ſchiedenes Ablehnen jeder ferneren Verantwortlichkeit in Be⸗ treff ſeines Betragens überraſcht und gekränkt geſchienen, daß aber Niemand ihr freundlicheres Einvernehmen beim Abſchiede mit angeſehen hatte, ja daß er nicht einmal bewei⸗ ſen konnte, daß ſie ſich vor dem fatalen Ereigniſſe, das man ihm blos im Allgemeinen angedeutet, überhaupt nur getrennt hatten. Der Verſuch, aus dem Konſtable etwas Weiteres heraus⸗ zubringen, war, wie er wohl einſah, vergeblich, ſo ſehr er auch nach Nachrichten dürſtete, und ſeine Gedanken kehrten natürlich, nachdem ſie eine Zeit lang bei ſeinem eigenen Falle verweilt hatten, zu dem unglücklichen Jünglinge zurück, der ſo frühzeitig mitten aus ſeiner Laufbahn der Thorheit und des Laſters herausgeriſſen worden war. Er konnte einen Seufzer über dieſen Ausgang nicht unterdrücken, denn trotz mancher halsſtarrigen Leidenſchaften und eines gewiſſen Gra⸗ des von Charakterſchwäche, welche Lord Hadley nie zu einem großen Mann hätten werden laſſen, hatte Dudley in ſeinem Weſen auch wieder manche Züge von Gutmüthigkeit bemerkt, die ihn bei richtiger Leitung entweder von Seite kluger ver⸗ ſtändiger Freunde oder durch die Zuchtruthe des Mißgeſchicks zu einem achtbaren nützlichen Mitgliede der Geſellſchaft hätten machen können. Er gedachte aus ſeiner eigenen Ju⸗ gendzeit ſo mancher wilder Plane und unbeſonnener Unter⸗ nehmungen, ſo mancher Fehler und Thorheiten, die er jetzt ſchwer bereute, ſo daß er ſich unwillkürlich ſagte:„Wenn ich 18* als verzogenes Glückskind ſo fortgefahren hätte, ſo waͤre ich vielleicht ebenſo geworden.“— Hierin that er ſich aller⸗ 1 dings Unrecht, aber die Vergleichung war dennoch natürlich und er empfand wenigſtens, daß das Reſultat des Unglücks in ſeinem Falle ein günſtiges geweſen. Leib und Seele behandeln ſich gegenſeitig als Sklaven: iſt die Seele durch ſtarken Kraftaufwand aufgeſtachelt, ſo be⸗ zwingt ſie den Korper; wird dagegen dieſer durch Ermüdung und Krankheit niedergedrückt, ſo überwältigt er den Geiſt; Beider Vermögen ſcheinen aber zuweilen auch zumal erſchöpft und dann iſt Schlaf das einzige Hilfsmittel— jener ſchwere übermächtige Schlummer,— der zeitweiſe Tod aller Fähige keiten— wo weder das Gedächtniß des Vergangenen noch das Bewußtſeyn der Gegenwart oder die Erwartung der Zukunft unſere Fantaſte durch Träume aus dem betäuben⸗ den Nebel, der uns überſchattet, erweckt. Dies war auch Dudley's Fall nach Ablauf jener zwei Stunden. Er war heute Morgen bei guter Zeit der geſun⸗ den Uebung der Jagd nachgegangen; aber ſchon dieſes Herum⸗. ſtreifen mit Edgar Adelon hatte Dinge angeregt, die ihn tief bewegten. Sein junger Gefährte hatte ihm mit all der⸗ warmen Begeiſterung und dem vollen Vertrauen ſeines Cha⸗ rakters die ganze Laſt von Kummer, Angſt und Unwillen eröff⸗ net, die ſich ſeit der erſten Entdeckung von Lord Hadley's Be⸗ werbung um Helene unter Geheimniß und Schweigen in ſeiner Bruſt angeſammelt hatte. Dudley war warm in ſeine Gefühle eingegangen und hatte alsbald den Entſchluß gefaßt, mit Entſchiedenheit zu ſeinem Zöglinge zu reden, ihm 277 die Schändlichkeit und Verruchtheit ſeines Beginnens vor Augen zu halten und zu verlangen, daß er entweder ſogleich damit innehalte oder Brandon verlaſſe; falls er ſich weigerte, wollte er ſein Amt bei ihm völlig niederlegen und des jungen Peers Verwandte zu London unverzüglich ſowohl hievon als von dem Grunde ſeines Verfahrens benachrichtigen.— Dann war jener heftige ärgerliche Streit mit Lord Hadley ausgebrochen, gleich darauf ein erſchütterndes Geſpräch mit Sda; ein zweiter, oielleicht noch peinlicherer Diſput mit ſei⸗ nem Zögling, endlich der eilige, aufregende Gang nach Bar⸗ hampton und die wirre Scene, welche allda ſtattgefunden hatte.— Er war körperlich wie geiſtig erſchöpft und ſchlief endlich ein, indem er den Kopf auf die gekreuzten Arme legte, ſo ſtill und ruhig fortſchlummernd, daß es ſchien, als ob nicht der Schlaf, ſondern vielmehr der Tod ihn überfallen hätte. Sein Schlummer dauerte lange, und er erwachte erſt, als ihn Jemand am folgenden Morgen derb an der Schulter ſchüttelte. Dudley fuhr auf, und wußte nicht gleich wo er war; allmälig aber kam ihm die Erinnerung wieder, und des Mannes Worte:„kommt, Meiſter, der Coroner ſitzt ſchon“— bedurften keiner nähern Erklärung. Zu Dudley's nicht geringer Ueberraſchuug fand er Sir Arthur Adelon's Wagen vor der Thüre des Parkhäuschens ſeiner harrend; er ſlieg mit einem der Konſtables ein, wäh⸗ rend der andere ſich auf den Bock ſetzte, und fuhr die Allee gegen Brandon⸗Houſe hinauf. Die Diener zeigten ihm ganz den frühern Reſpekt, und er wurde augenblicklich zwiſchen ſeinen beiden Wächtern in das Bibliothekzimmer geführt, in deſſen Hintergrunde er eine Maſſe von Perſonen in wirrem Haufen verſammelt fand, wäͤhrend die Coroners⸗Jury um den runden Tiſch neben den Fenſtern ſaß. In der Mitte ſah er einen ſtattlichen Mann in weißer Weſte mit gravitätiſchem weinrothem Geſicht und völlig kah⸗ lem Kopfe, den er mit Recht für den Coroner hielt. Ver⸗ ſchiedene Magiſtratsperſonen befanden ſich noch im Zimmer, unter ihnen auch zwei, mit denen er vor wenigen Tagen an Sir Arthur Adelon's Tafel geſpeist hatte; nur nach dem Baronet ſelbſt oder ſonſt einem freundlichen, bekannten Ge⸗ ſichte ſah er ſich vergeblich um. Zwar bedurfte er keiner Stütze, denn er war nicht ängſtlich von Natur und blieb ſich ſeiner Unſchuld bewußt; aber dennoch wäre es ihm lieb ge⸗ weſen, einige Freunde um ſich zu haben. Einer der Beamten ſchüttelte ihm jedoch die Hand, der andere verbeugte ſich, während verſchiedene Herren in der Nähe des Coroners die⸗ ſem ins Ohr flüſterten, worauf deſſen Augen ſich alsbald auf den neuen Ankömmling hefteten. „Mr. Edward Dudley, wie ich glaube,“ begann der Coroner laut, und fuhr, nachdem Dudley ſeine Frage mit einer Verbeugung beantwortet hatte, alſo fort: „Wenn auch nicht unbedingt nothwendig, Sir, inſofern die heutige Unterſuchung blos zum Zwecke hat, uns zu über⸗ zeugen, wie eine gewiſſe Perſon vom Tod überfallen wurde, und wir alſo noch nichts von Angeklagten oder Anklägern wiſſen, habe ich gleichwohl fürs Beſte gehalten, da ich erfuhr, daß von meinem würdigen Freunde Mr. Conway ein Ver⸗ — 279 haftsbefehl zu Ihrer Ergreifung erlaſſen worden, Sie der heutigen Verhandlung anwohnen zu laſſen, damit Sie ein Ver⸗ fahren, bei dem Sie ſo tief intereſſirt ſind, genau bewachen mögen. Sie brauchen für heute gar nicht zu ſprechen, wenn Sie's nicht wünſchen, und es bleibt ganz Ihrem Ermeſſen anheimgeſtellt, ob Sie es thun wollen.“ „Ich danke Ihnen für Ihre Vorſicht, Sir,“ erwiederte Dudley,„obwohl Sie bei mir, der ich zum Advokaten erzogen bin, nicht ſo nöthig iſt, wie in manchen anderen Fällen. Ich habe keine Kenntniß von den Umſtänden, welche einen Ver⸗ dacht auf mich fallen ließen, und werde mit Intereſſe die Zeugniſſe über Thatſachen anhören, die mir vor der Hand völlig fremd ſind.“ „Hm!“ erwiederte der Coroner.—„Wir wollen nun die Zeugen nach der natürlichen Reihenfolge anhören, meine Herren von der Jury. Unter der natürlichen Reihenfolge verſtehe ich die, in welcher ſich die mit der Entdeckung ver⸗ bundene Thatſachen zutrugen. Unſere erſte Frage wird ſeyn, wo und wie die Leiche gefunden wurde; dann wem dieſelbe angehört— denn bemerken Sie wohl, Gentlemen von der Jury, wir wiſſen bis jetzt blos, daß die Leiche eines Todten unter äußerſt verdächtigen Umſtänden angetroffen wurde, und ſie muß alſo erſt identificirt werden; dann haben wir nachzuforſchen, wie er zu ſeinem Tode kam.— Wenn die Perſon, die den Leichnam zuerſt aufgefunden, anweſend iſt, ſo laßt ſie vortreten.“ Ein Mann von etwas über ſechs Fuß Höhe in runder Jacke und einem Hute von Wachstaffet trat an den Tiſch, um ſein Zeugniß in klaren verſtändigen Worten abzu⸗ geben. „Ich ſtand geſtern Nacht auf dem Sand, nicht weit vom Ebbgrund,“ begann er— „Wo?“ fragte der Coroner.„Beſchreibt den Ort ſo genau wie möglich.“ „Nun gerade zwiſchen Gullpoint und unſeren Hütten zu St. Martins,“ ergänzte der Bootsmann;„es mochte ſo gegen acht Uhr ſeyn— das Waſſer war noch nicht ganz ab⸗ gelaufen, ſo muß es alſo gegen Acht gegangen ſeyn. Ich ſah mich nach der franzöſiſchen Brigg um, die mit Lichtern von verſchiedenen Farben allerlei Signale gab, die ich nicht verſtand, als ich kaum eine Minute drauf Jemand einen lauten Schrei ausſtoßen hörte, wie wenn er erſchrocken wäre oder Schaden genommen hätte. Es kam vom Lande her und ich hörte es ganz deutlich, denn der Wind wehte von der Küſte; ich drehe mich um und gucke in der Richtung, woher der Ton zu kom⸗ men ſchien—“ „War eben Mondſchein?“ forſchte der Coroner. „Ach Gott bewahre, Sir,“ verſetzte der Bootsmann; „die Nacht war aber deßhalb doch nicht finſter. Wie ich mich alſo umdrehe, höre ich auf der Klippe einen ziemlichen Spektakel: zwei Männer ſtanden da oben dicht neben ein⸗ ander— der Eine ein langer Mann, der Andere etwas kürzer; der Lange ſchlug den Kürzern zwei bis dreimal und dann fiel dieſer nieder. Ich konnte ihn ſtürzen ſehen, verlor ihn dann aber aus dem Geſicht, denn ſehen Sie, Sir, am Fuße der Klippe, wo er herabſtürzte, war es dunkler wie 281 oben, denn dort hatten ſie den Himmel hinter ſich, waͤhrend er nachher in die Finſterniß taumelte. Wie geſagt, ich ſah nichts mehr von ihm, bis ich einen Schrei faſt wie den einer Moͤve nur lauter vernahm und ſo ſchnell ich konnte hinzu⸗ eilte. Wie ich über die Singeln in der Nähe der Klippe wegſpringe, höre ich ihn ein bis zweimal laut ſtöhnen, und finde den jungen Mann, der dort im anderen Zimmer liegt, gerade am Fuße des Felſens, die Füße nach der Bucht, den Kopf nach der Klippe gekehrt, ſo daß er ſich beim Herab⸗ ſtürzen wenigſtens einmal überſchlagen haben muß.“ „In welcher Entfernung ſtandet Ihr von der Klippe, als Ihr die beiden Männer im Handgemenge ſahet?“ wollte der Coroner wiſſen. „Ho, etwa hundert Schritt oder mehr,“ erwiederte der Fiſcher;„vielleicht zwei.⸗ „Und ſaht Ihr ſie deutlich?“ forſchte der Beamte. „Deutlich genug um zu ſehen, was ſie anſtellten,“ ant⸗ wortete der Gefragte,„doch nicht ſo, daß ich die Geſichter unterſcheiden konnte.“ „Ihr ſagtet, der Eine ſey lang, der Andere kürzer ge⸗ weſen,“ fuhr der Richter fort;„könnt Ihr hier irgend Je⸗ mand von dem Wuchſe des Größeren bemerken, ſo weit Ihr dies zu beurtheilen vermögt?“ Der Mann ſchaute ſich um, und das Unglück wollte, daß Dudley in geſpannter Erwartung und Neugier einige Schritte vorgetreten war. Des Bootsmanns Augen ſielen augenblicklich auf ihn, 3 4 „So ziemlich von der Größe dieſes Herrn, ſollt' ich meinen,“ ſagte er, mit der Hand nach ihm deutend. „Wollt Ihr damit ſagen, Ihr glaubet, er ſey es ge⸗ weſen?“ fragte der Coroner, während ein leichter Ausdruck von Unwillen Dudley's Züge beſchattete. „Nein, das iſt wieder'ne andere Sache,“ meinte der handfeſte Fiſcher.„Alles, was ich ſehen konnte, war, daß der Eine um ein gutes Stück größer als der Andere war, und daß der Große den Kurzen über die Klippe hinabwarf.“ Die drei folgenden Zeugen waren vom ſelben Stand und Gewerbe, wie der erſte, bewieſen aber nichts weiter als das Auffinden des Verwundeten, ſeinen bewußtloſen Zuſtand, als ſte herbeikamen, und ſeinen Tod, welcher auf dem Herwege nach Brandon⸗Houſe erfolgte, ohne daß er eine Silbe ge⸗ ſprochen hätte.. „Ich denke, wir muͤſſen Sir Arthur Adelon's Zeugniß hören,“ bemerkte der Richter, indem er einen der anweſenden Diener des Hauſes ins Auge faßte.„Ueberbringen Sie ihm mein Kompliment und ſagen Sie ihm, ich würde ihm ver⸗ bunden ſeyn, wenn er uns auf wenige Minuten ſeine Gegen⸗ wart ſchenken wollte.“ Sir Arthur Adelon erſchien jedoch nicht ſogleich, und als er eintrat, war weit mehr Aufregung in ſeinem Weſen wahrnehmbar, als er eigentlich hätte wünſchen können. Er ſchüttelte zuerſt Dudley freundlich, ja ſogar herzlich die Hand; der Coroner ſtand auf, verbeugte ſich tief vor einem der großen Männer der Nachbarſchaft, und entſchul⸗ digte ſich wegen der Mühe, die er ihm verurſache. 283 „Ich muß einige wenige Fragen an Sie ſtellen, Sir Arthur,“ bemerkte er.“„Man ſagt mir nämlich, der un⸗ glückliche junge Edelmann, der geſtern Nacht auf ſo tragiſche Weiſe ſeinen Tod fand, habe eben ſo, wie der Herr, der dem Verdachte unterliegt, ſeit einigen Tagen in Ihrem Hauſe ge⸗ wohnt, und ich wünſchte demnach zu erfahren, ob Ihnen irgend ein Umſtand bewußt iſt, der die Anklage verſtärken könnte— ich meine ein Hader oder ein ähnlicher Vorfall zwiſchen den beiden Partheien, der ein ſo verhängnißvolles Ende hätte hervorrufen können.“ „Nicht das Geringſte iſt mir bekannt,“ erwiederte Sir Arthur Adelon in offenherzigem Tone.„Lord Hadley und mein Freund Mr. Dudley ſchienen wenigſtens in meiner Ge⸗ genwart ſtets auf dem beſten Fuße zu ſtehen. Was geſtern vorfiel, weiß ich nicht, denn ich war den größeren Theil des Tags bis ſpät am Abend abweſend, da ich ſehr unerfreuliche Gerüchte, die ſich ſeitdem leider nur zu ſehr bewaͤhrten, ver⸗ nommen hatte, und mich von den Thatſachen überzeugen und nachſehen wollte, was wohl am beſten zum Wohle des Gan⸗ zen geſchehen könnte.“ Während er die letzten ziemlich allgemeinen und doppel⸗ ſinnigen Worte ſprach, richtete ſich ſein Auge auf Dudley's Geſicht, das aber vollkommen ruhig und feſt blieb, und nicht die mindeſte Aenderung des Ausdrucks wahrnehmen ließ. „So haben Sie demnach keinen Grund, Sir Arthur, Mr. Dudley überhaupt in die Sache verwickelt zu glauben?“ erkundigte ſich der Richter. „So weit meine perſönliche Kenntniß reicht— nicht den mindeſten,“ erwiederte der Baronet.„Sobald eine That geſchehen iſt, kommen immer auch Gerüchte in Umlauf; wenn jedoch meine wohl erwogene Anſicht irgend von Gewicht ſeyn könnte, ſo würde ich ſagen, Mr. Dudley iſt vollkommen un⸗ fähig, irgend Jemand abſichtlich zu verletzen. Daß er vieles thun würde, um einen Nebenmenſchen zu retten oder ihm zu dienen— das glaub' ich; zu ſeiner Beeinträchtigung aber thut er gewiß nichts.“ „Hohes Zeugniß,“ erklärte der Coroner in pomp⸗ haftem Tone.„Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Sir Arthur.“ Er zog nun einen Papierſtreifen, den er in der Hand hielt, zu Rath, und verlas den Namen Patrik Ferrers. Der Tafeldecker zu Brandon⸗Houſe trat augenblicklich vor, und machte ohne viele Zwiſchenfragen etwa folgende Angabe: „Ich kannte den verſtorbenen Lord Hadley, ſeit er Brandon⸗Houſe bewohnte. Es war derſelbe Herr, deſſen Leichnam jetzt im Speiſezimmer liegt. Er hat ſich etwa ſeit zehn Tagen hier aufgehalten. Ich kenne auch den Ge⸗ fangenen Mr. Dudley. Ich ſah nie einen Streit zwiſchen Beiden; nur geſtern bemerkte ich ſo etwas, als Mr. Dudley und Lord Hadley faſt zur ſelben Zeit nach Hauſe kamen, und Mr. Dudley darauf beſtand, den Lord insgeheim zu ſpre⸗ chen. Erſterer ſchien etwas böſe und ſie traten zuſammen in dieſes Zimmer. Ich holte unterdeſſen einige Briefe, die während ihrer Abweſenheit gehracht worden waren. Bei meiner Rückkehr ſah ich Lord Hadley anſcheinend in großer Wuth aus der Bibliothek kommen; er ſchüttelte gegen Mr. 285 Dudley die Fauſt, und ſchien ſich ſehr harter Worte zu bedie⸗ nen, die ich aber nicht verſtand. Mr. Dudley befand ſich einen oder zwei Schritte hinter ihm; auch er ſchien ſehr zornig, doch nicht ſo arg wie Seine Lordſchaft; ich konnte jedes ſeiner Worte vernehmen, und wenn ich mich vielleicht auch nicht mehr ganz genau erinnere, ſo lauteten ſie doch etwa folgendermaßen: Sie werden wohlthun, Mylord, nur mit Vorſicht von mir zu reden, denn wenn Sie mich unehrerbietig behandeln, ſo werde ich Sie beſtrafen, verlaſſen Sie ſich darauf.“ Der Coroner ſchaute nach Mr. Dudley, welcher in ruhigem Tone bemerkte: „Die Worte waren nicht ganz dieſelben, aber der Sinn iſt mit ziemlicher Genauigkeit gegeben.“ „Fahren Sie fort,“ ermahnte der Richter.„Haben Sie waͤhrend des übrigen Theiles des Tags etwas Aehnli⸗ ches bemerkt?“ „Etwa eine Stunde ſpäter,“ erzählte der Tafeldecker weiter,„ging Lord Hadley abermals aus; Mr. Dudley folgte ihm und ich hörte den Wildhüter ſagen—“ „Nichts da von Hörenſagen,“ rief der Coroner;„der Wildhüter kann ohne Zweifel für ſich ſelbſt antworten. Er⸗ zählen Sie nur, was Sie ſelber wiſſen.“ „Als Mr. Dudley zurückkam, befand ich mich eben in der Halle. Der Thürſteher ließ ihn ein, aber wir Beide bemerkten, daß er ziemlich verſtört ausſah. Bei Tiſche ſchien er und Lord Hadley ſehr ſpitzig gegen einander; unmittelbar nach dem Eſſen ging Mr. Dudley aus, Lord Hadley kam hintendrein und fragte Brown, den erſten Lakai, welchen Weg der andere Herr eingeſchlagen habe. Dies hörte ich ſelbſt, ſo daß ichs wohl ſagen kann.— Das iſt Alles, was ich ſah und hörte, bis Seiner Lordſchaft Leichnam geſtern Nacht eingebracht wurde, und Mr. Dudley heute Morgen hier anlangte.“ „John Brown!“ rief der Richter, und der erſte Lakai trat vor. Er beſtätigte großentheils des Tafeldeckers Zeugniß, und fügte faſt nichts weiter bei, als ſeine Ueberzeugung, daß der junge Lord und Mr. Dudley den ganzen vorhergehenden Tag eaus einander geweſen— wie ers nannte. Der Wildhüter ward nunmehr aufgerufen und erzählte, daß er mit Mr. Dudley und Mr. Adelon den ganzen Morgen über aus geweſen und eben habe heimkehren wollen, als Erſterer ihn raſchen Schrittes eingeholt und gefragt habe, welche Richtung der junge Edelmann genommen, worauf er dieſem, ſo ſchnell ſeine Beine ihn trugen, gefolgt ſey. Der Parkhüter und deſſen Frau bezeugten, daß fie geſtern Abend etwas vor acht Uhr eben unter der Thüre ihrer Hütte geſtanden ſeyen, als der junge Peer und Mr. Dudley den Park verlaſſen haben. Der Mann ſagte, ſie hätten ſehr zornig zuſammen geſprochen; die Frau behaup⸗ tete, ſte hätten ſehr raſch geplaudert und erinnerte ſich ge⸗ hört zu haben, wie Mr. Dudley ſagte: ein ſolches Benehmen iſt höchſt tadelnswerth, Mylord, und wird früher oder ſpäter die verdiente Strafe finden. Sie wie ihr Gatte erklärte, 287 der junge Peer und Mr. Dudley hätten den Weg nach den Dünen eingeſchlagen. Ein Taglöhner bezeugte gleichfalls, daß er zwei Gentle⸗ men in derſelben Richtung habe gehen ſehen, wovon der eine größere dem Gefangenen ähnlich geweſen, der andere aber etwas kürzer geweſen ſey.„Sie ſprachen damals raſch und hitzig,“ ſagte er,„und einer von ihnen geſtikulirte ge⸗ waltig mit den Armen.“ Eine kurze Pauſe folgte; dann erhob der Coroner abermals die Stimme und ſprach: „Iſt ſonſt noch Jemand anweſend, der Zeugniß in dieſer Sache ablegen könnte? Erinnert euch wohl, daß es die Pflicht jedes Mannes iſt, bei einem begangenen Verbrechen zur Beibringung des Thäters behülflich zu ſeyn.“ „Mit Euer Ehren Erlaubniß,“ ſagte ein großer grob⸗ knochiger Mann, der Tafel ſich nähernd,„ich glaube, ich könnte ein paar Wörtchen ſagen, wenn Sie ſo gut wären, mich anzuhören.“ „Wir ſind hier, um Jeden zu hören, der neue Thatſachen uͤber den Tod des jungen unglücklichen Cdelmannes, deſſen Leichnam vorhin von der Jury beſichtigt wurde, beizubringen vermag,“ war des Coroners Antwort.„Haltet Euch blos an Thutſachen, ohne Euch auf Hörenſagen einzulaſſen, mein guter Mann, und vor Allem ſagt uns, wie Ihr heißt und was Ihr ſeyd.“ „Ich bin ein Taglöhner von Handwerk und mein Name iſt Daniel Connor,“ verſetzte der Zeuge;„was die Thatſachen betrifft, ſo wyllte ich eben von ihnen reden, denn ich glaube, außer dem Bootsmann bin ich der Einzige, der das Ding mit anſah. Ich machte eben meinen ruhigen Spaziergang auf den Dünen oberhalb St. Martin's, als ich den jungen Lord— ich bin ihm früher oft auf Mr. Clive's Hofe begegnet— ſo recht mürriſch daherkommen ſah. Ich bemerkte ihn ganz gut, wenn er mich gleich nicht ſah, denn er wanderte auf dem Wege in der kleinen Schlucht, und ich ſaß weiter oben.“ „Ei, ich meine, Ihr ſagtet, Ihr ſeyd ſpazieren ge⸗ gangen,“ ſiel der Richter ein. „Allerdings that ich das— was denn ſonſt?“ gab Daniel Connor zur Antwort.„Ich ging ſpazieren und ſetzte mich nieder, Euer Ehren, wie wohl mancher Mann thut.“ „War noch ſonſt Jemand bei Lord Hadley?“ forſchte der Coroner. 4 „Das kann ich nicht ſagen,“ erwiederte Connor.„Dicht neben ihm war Niemand, ſonſt hätte ich ſie beide zugleich geſehen; nicht weit davon mochte wohl Jemand ſeyn, was auch wirklich der Fall war; aber ſehen Sie, ich lehnte mich auf den Raſen zurück, denn ich wollte in meinen Betrach⸗ tungen nicht geſtört werden.“ „Aha!“ meinte der Richter;„fahrt fort, mein Mann.“ „Nun eine Minute ſpäter— es mochten vielleicht auch zwei Minuten ſeyn, denn ich kanns nicht ſo gar genau an⸗ geben— hörte ich zwei Männer mit einander ſtreiten, und wie ich in die Luft hinaus ſchaue, ſehe ich ſie ganz deutlich.“ „Wie, in der Luft?“ rief der Coroner. — 8* 289 „Nein, gegen dieſe,“ verſetzte der Zeuge;„Beider Füße waren damals auf dem Boden gerade am Rande der Klippe, wo ein Stück Geländer ſteht. Sie rauften tüchtig mit einander, und da ich überhaupt ein friedlicher Mann bin und in meinem eigenen Lande— das iſt nämlich Irland, Euer Ehren— Schläge genug davon getragen habe, ſo blieb ich ganz ruhig ſitzen, und der Eine gab dem Andern einen derben Stoß, und fort flog er über den Zaun, und ſo ging ich ruhig nach Haus und ſah nichts mehr.“ „Seyd ſo gut und beſchreibt den Mann, der den Andern ſchlug und über die Klippe hinabſtieß,“ befahl der Richter. „Ai, das iſt mächtig ſchwer,“ gab Daniel Connor zur Antwort,„in Betracht, daß ſie fünfzig Schritte oder mehr von mir weg waren, und wie zwei ſchwarze Schatten an der Wand ausſahen.“ „Habt Ihr ihn je zuvor geſehen?“ forſchte der Kron⸗ beamte etwas ungeduldig. „Mag ſeyn— ja,“ verſetzte der Zeuge;„doch möͤcht' ich's nicht für gewiß behaupten.“ „Aber mit Lord Hadley wart Ihr doch nicht im Zwei⸗ fel,“ machte der Coroner geltend. „Das war auch natürlich,“ meinte der Irländer;„denn er kam auf zehn Schritt an mir vorüber, während der andere ein gut's Stück weiter weg war, als ich ihn ſah.“ „Laſſen Sie mich's verſuchen, Mr. Coroner,“ bat der Obmann der Jury.„War er ein großer oder ein kleiner Mann, Zeuge?“ James. Der Ueberwieſene. 19 290 „O,'s war ein großer Mann, war er,“ erwiederte Connor;„ich möchte ſagen, einen Zoll höher als ich, und ich bin doch auch kein Zwerg.“ „Habt Ihr dieſen Herrn je zuvor geſehen?“ fuhr der Obmann fort, nach Dudley deutend. „Ich denke— ja, Euer Gnaden,“ gab der Zeuge zur Antwort. „War er der Mann, den Ihr mit Lord Hadley auf der Klippe ſahet?“ fragte der Coroner in ſtrengem Tone. „Ich möchte nicht gerade drauf ſchwören,“ verſicherte Daniel Connor,„aber jedenfalls iſt er ihm nicht unähnlich.“ Zum erſtenmal ſtieg eine Ahnung von Gefahr in Dud⸗ ley auf; er trat vor, ſtellte ſich gerade vor den Zeugen und blickte ihm ernſt ins Geſicht. Es überſiel ihn eine Anwand⸗ lung— ein Gefühl ohne anſcheinende Urſache, das er ſich nicht zu erklären wußte— daß der Mann abſichtlich unwah⸗ res Zeugniß ablege. Sein ſtrenger forſchender Blick that jedoch bei Daniel Connor keine Wirkung, denn er ſtand unter einem mächtige⸗ ren Einfluſſe, und wenn auch in Wirklichkeit keineswegs ein ſchlechter oder boshafter Menſch, ſo verließ er ſich doch auf die Verficherung des Prieſters und betrachtete den Handel zwiſchen Dudley und ihm mehr wie ein Spiel, denn als eine ernſte Sache. Er warf einen Blick in des Gefangenen Ge⸗ ſicht, und daſſelbe verſchmitzte Lächeln, das er geſtern Nacht während ſeiner Unterredung mit dem Prieſter gezeigt hatte, zog auch jetzt einen Augenblick über ſein Antlitz, während er wie's ſchien, als Antwort auf Dudley's Blick bemerkte: —— 1 1 291 „Ja— ja, Sir, Sie ſehen ihm jedenfalle mächtig ähnlich; beſchwören moͤcht' ich's aber drum doch nicht.“ „Wollen Sie mir erlauben, Sir, einige Fragen an dieſen Mann zu ſtellen?“ erkundigte ſich Dudley, zu dem Coroner gewendet. „Ohne Zweiſel,“ erwiederte die ſer Beamte;„die Jury wird ſich glücklich ſchätzen, jede Erklärung, die Sie über die Sache zu geben haben, anzuhören.“ „Nun, antwortet mir getreulich,“ begann Dudley— „was machtet Ihr in jener Stunde der Nacht auf den Dünen?“ „Nichts als ſpazieren gehen, Euer Gnaden,“ erwiederte der Mann. „Und was hattet Ihr den Tag über vorgenommen?“ forſchte Dudley weiter.. „Ich hatte den ganzen Morgen von Tagesanbruch bis zur Mittagsſtunde gepflügt,“ verſicherte Connor;„nachher hatte ich eine Menge kleiner Geſchäfte auf dem Hofe beſorgt.“ „Und dennoch habt Ihr ſpäter noch einen langen Spa⸗ ziergang auf den Dünen gemacht,“ bemerkte Dudley zwei⸗ felnd.—„Wollt Ihr beſchwören, daß Lord Hadley die er⸗ wähnte Straße nicht allein heraufkam?“ „Nein, ich will nicht drauf ſchwören,“ erwiederte Con⸗ nor,„denn ich hab's nicht geſehen. Er war allerdings al⸗ lein, als ich zuerſt ſeiner anſichtig ward; aber ſehen Euer Gnaden, es muß doch einer ſehr nahe bei ihm geweſen ſeyn, denn eine oder zwei Minuten ſpäter wurde er ja über die Klippe hinabgeſtoßen.“ 5 19° 292 „Ging er raſch oder langſam?“ inquirirte Dudley. „Mächtig langſam für jene kalte Nacht wenigſtens,“ behauptete der Zeuge. „Und dennoch beliebte es Euch, bei ſo kalter Nacht Euch niederzuſetzen und Euch Euern Gedanken zu überlaſſen!“ bemerkte Dudley.—„Habt Ihr etwa vernommen, ob zwiſchen dem jungen Edelmann und dem, der ihn tödtete, Worte ge⸗ wechſelt wurden?“ „O ja! es wurde viel geplaudert,“ verſicherte Connor; „ich hörte aber nicht, was ſie ſprachen.“ „Nun ſagtet Ihr aber, Ihr habet Lord Hadley ſogleich erkannt,“ fuhr Dudley fort;„es war eine finſtere Nacht, und wie Ihr verſichert, ging er auf der Straße unter Euch; dennoch erklärt Ihr, Ihr ſeyet nicht ſicher, wer der Mann, der ihn ſchlug, geweſen, trotzdem daß Beide ſich damals ganz klar am Horizonte abſpiegelten.“ „Ich ſagte nicht, ich ſey nicht ſicher,“ gab der Zeuge ziemlich boshaft zur Antwort.„Ich kann wohl ſicher ſeyn und drum doch nicht ſchwören mögen, Euer Gnaden.“ Dudley ſtellte noch mehrere andere Fragen; aber ſie blieben ohne Erfolg oder dienten nur dazu, den bereits her⸗ vorgebrachten Eindruck zu verſtärken. Er ſelbſt empfand, daß es ſo war, und mit einem Reſte jener heftigen Ungeduld, welche früher, ehe das Unglück ihn gezähmt hatte, bei ihm vorherrſchend geweſen war, rief er, an die Jury ſich wen⸗ dend: „Ich weiß nicht, Gentlemen, was dieſes Mannes Ab⸗ ſicht iſt— vielleicht ſollte ich gar nicht annehmen, daß er eine 293 Abſicht hat— aber alle ſeine Worte ſind offenbar darauf be⸗ rechnet, Ihnen eine falſche Meinung von der Sache beizu⸗ bringen. Wie ſchon von andern Perſonen beſchworen wurde, ging ich geſtern unmittelbar nach Tiſche aus, wobei Lord Hadley zu mir ſtieß. Unterwegs hatten wir allerdings eine kleine Diskuſſion, doch war ſie nicht ſo heftig wie die am Morgen, und geſtatten Sie mir noch zu ſagen, der ganze Streit zwiſchen uns war nur der zwiſchen Hofmeiſter und Zoͤgling: ich fand nämlich füͤr nothig, Lord Hadley's Beneh⸗ men in gewiſſen Punkten zu tadeln, und er, der ſehr nahe an ſeiner Volljährigkeit ſteht, widerſetzte ſich ärgerlich jeder Au⸗ torität und weigerke ſich auf meinen Rath zu hören. Wäͤh⸗ rend wir geſtern Nacht mit einander dahingingen, kamen zwar manchmal noch leidenſchaftliche Ausbrüche bei ihm vor, aber gleichwohl glaubte ich, meine Vorſtellungen ſeyen nicht ohne Wirkung geblieben, und wir trennten uns an der Stelle, wo die Landſtraße gegen Barhampton von dem Fußpfade durchſchnitten wird, der von Clive's Meierhofe über die Dü⸗ nen und durch die Schlucht an die Küſte führt. Er war damals ruhig, nur etwas düſter; ich ging faſt bis Barhamp⸗ ton, wo ich Zeuge eines ſehr ernſten Volksauflaufes war. Ich kehrte unverzüglich nach Brandon zurück, und wurde in der Allee von zwei Konſtablen ergriffen, die mir außer dem Vorweiſe ihres Verhaftsbefehls jede weitere Erklärung ver⸗ weigerten. Ich rufe Gott zum Zeugen, daß ich Lord Had⸗ ley nach unſerer Trennung am Kreuzwege nicht mehr geſehen habe.— Das iſt Alles, was ich zu ſagen weiß und die einzige Erklärung meines Benehmens, welche gegeben werden kann.“ 294 „Vielleicht haben Sie die Güte, Sir, uns zu erklären, was Sie zu ſo ſpäter Stunde nach Barhampton geführt hat,“ verſetzte der Coroner. Sir Arthur Adelon hatte bis jetzt neben der Tafel ge⸗ ſtanden, trat aber jetzt in den Hintergrund des Zimmers zu⸗ rück, als ob er ſich entfernen wollte, blieb jedoch, ehe er die Thüre erreichte, unter der Menge ſtehen. Dudley bemerkte dieſe Anwandlung von Furcht recht wohl, war aber entſchloſ⸗ ſen, ihn keinenfalls zu verrathen, und erwiederte alſo nach kurzer Pauſe: „Ich ging in Privatgeſchaͤften, Sir.“ „Eine ſonderbare Stunde, um Geſchaͤfte abzumachen,“ bemerkte der Coroner.„Können Sie nicht die Art der⸗ ſelben, wenn auch nur in allgemeinen Ausdrücken erklären?“ „In gewiſſem Grade habe ich nichts dawider,“ verſetzte Dudley.„Mein Geſchäft betraf gewiſſe meinem verſtorbe⸗ nen Vater angehörige Papiere, und ich wünſchte hierüber einige Worte mit einem Gentleman zu reden, den ich noth⸗ wendiger Weiſe in jener Nacht ſehen mußte. Früher ſpre⸗ chen konnte ich ihn nicht, ſonſt würde ich dies in jeder Hinſicht vorgezogen haben.“ Der Coroner ſchwieg einige Augenblicke nachdenklich, bis er von Neuem fragte: „Haben Sie noch irgend etwas beizuſügen, Sir?“ Dudley verneinte dies durch ein Zeichen, und es erging nun der Befehl, das Zimmer zu räumen. Sobald der Coroner mit ſeiner Jury allein war, hielt er einen ziemlich langen ſalbungsreichen Vortrag, da er ſehr 29⁵ gerne ſeine eigene Beredſamkeit bewunderte. Seine Bemer⸗ kungen über die allgemeinen Pflichten der Geſchworenen können wir dem Leſer erſparen; nachdem er jedoch dieſen Gegenſtand eine Zeit lang beſprochen hatte, begann er ſich über den Fall ſelbſt folgendermaßen auszulaſſen: „Es iſt erwieſen,“ fuhr er fort,„daß Mr. Dudley und der unglückliche junge Edelmann den ganzen Tag über auf ſchlechtem Fuße zuſammengeſtanden, daß ſie ſich gezankt und drohender Worte gegen einander bedient, ja daß ſie ihren Diſput bis zum letzten Augenblick, da ſie zuſammen geſehen wurden, fortgeſetzt hatten. Ich wünſche die Sache nicht ſchlimmer zu machen als ſie iſt, meine Herren von der Jury, und ich will nicht ſagen, daß Mr. Dudley irgend mit ſchlim⸗ men Abſichten gegen ſeinen Zögling ausgegangen ſey. Ein animus injuriandi iſt nicht erwieſen, und es muß noch erin⸗ nert werden, daß er zuerſt ausging und Seine Lordſchaft ihm folgte; ich will nur ſo viel ſagen, daß Beide ſich in ei⸗ nem Gemüthezuſtande befanden, der einen Streit der ernſt⸗ lichſten Art ſelbſt bis zu Handlungen der Gewaltthätigkeit ausnehmend wahrſcheinlich machte. Auf der Straße zu dem Punkte, wo das fatale Creigniß ſtatt hatte, können wir Beide noch eine Strecke weit verfolgen. Sogar nach Mr. Dud⸗ ley's Bericht konnten zwiſchen der Zeit, da ſte, wie er ſagt, ſich trennten, und dem Augenblick, wo Lord Hadley ſeinen Tod fand, nicht viele Minuten— ja kaum ſo viel Zeit ver⸗ ſtrichen ſeyn, daß der junge Edelmann einem Anderen hätte begegnen und Händel mit ihm anfangen können. Weiter haben wir noch das Zeugniß des Fiſchers oder Bootsmannes, 296 ſo wie das des Taglöhners Daniel Connor, deren Berichte ſich gegenſeitig beſtätigen. Der Eine ſagt, ein großer Mann, etwa von der Höhe Mr. Dudley's habe den tödtlichen Streich geführt; der Andere behauptet, die Perſon, die ſich mit Lord Hadley gerauft und ihn zuletzt getödtet habe, ſey ein hoch⸗ gewachſener Mann und Mr. Dudley ſehr ähnlich geweſen, obwohl er wegen der Finſterniß der Nacht nicht gerade drauf ſchwören will.— Das iſt nun, meine Herren von der Jury, eine ſehr folgerichtige Reihe von Beweiſen, die ſich hier von ſelbſt ergeben; zuvor wollen wir jedoch Mr. Dudleys eigene Angabe unterſuchen. Er geſteht alle obigen Thatſachen zu: den Zank am Morgen, das Ausgehen bei Nacht, Lord Had⸗ ley's Nachſolgen, ihren gemeinſamen Spaziergang nach der entſcheidenden Stelle und ihre Ankunſt an einem Orte, der, ſo weit meine Erinnerung reicht, nur wenige hundert Schritte von dem Schauplatze der Tragödie entfernt iſt. Mr. Dud⸗ ley ſagt nun, dort habe er Lord Hadley verlaſſen und ſey in Geſchäften, die er nicht näher angeben will, gegen Bar⸗ hampton hingegangen. Nach Barhampton mochte er nun ganz wohl gehen, und daß er irgendwohin ging, iſt auch völlig klar, denn wie wir hören, kehrte er erſt gegen Mitter⸗ nacht nach Brandon⸗Park zurück; es iſt aber eben ſo wahr⸗ ſcheinlich als nicht, daß er nach einem Akte, der nun einmal unläugbar von irgend Jemand begangen wurde, noch län⸗ gere Zeit umherwanderte, und daß er dies that, liefert für ihn nicht die geringſte Präͤſumtion von Unſchuld, wohl aber vielleicht das Gegentheil.— Da haben wir ferner Lord Had⸗ ley's Benehmen ſelbſt zu betrachten, und uns zu fragen: 297 war es wahrſcheinlich, daß er nach der Trennung von Mr. Dudley in einer kalten unangenehmen Nacht ohne irgend einen weiteren Zweck— ſo weit wir's nämlich wiſſen— auf den Dünen umherſchlenderte? Als er zuletzt von Hauſe wegging, folgte er ſeinem Hofmeiſter, offenbar um über die⸗ ſelben peinlichen Gegenſtände, die ſchon am Morgen ſo hefti⸗ ges Zerwürfniß verurſacht hatten, mit ihm zu ſprechen. War ihre Diskuſſton zu Ende, ſo dürfte es uns weit wahrſcheinli⸗ cher vorkommen, daß er nach Brandon⸗Houſe umgekehrt wäre, wo ein freundlicher Familienkreis ſeiner Rückkehr harrte. So wäre vermuthlich ſein Benehmen geweſen, wenn Mr. Dudley's Angaben richtig wären: drängt ſich Ihnen aber nicht von ſelbſt die Vermuthung als die weit wahrſcheinli⸗ chere auf, daß der Streit zwiſchen den beiden Gentlemen mit Heftigkeit fortdauerte, daß der junge Gdelmann den Pfad über die Dünen einſchlug, daß ſein Hofmeiſter ihm in kurzer Entfernung folgte, daß noch aufreizendere Worte gewechſelt wurden, als ſie den Gipfel erreichten, und daß dann der Schlag geſchah, der den jungen Lord in die Ewigkeit beför⸗ derte?— An Ihnen iſt es nun, Gentlemen von der Jury, alle dieſe Thatſachen zu erwägen, und über ihr Verdict zu entſcheiden. Glauben Sie, daß Mr. Dudley's Hand den jun⸗ gen Edelmann, deſſen Todesart der Gegenſtand vorliegender Unterſuchung iſt, wirklich erſchlug, ſo haben Sie zwiſchen zwei Wegen zu wählen: entweder hegte Mr. Dudley den vorgefaßten Plan, ſeinen Zögling zu tödten— wovon ich übrigens keine Spur eines Beweiſes zu ſehen geſtehe— ſo haben Sie das Verdict Muthwilliger Mord' auszuſprechen, 298 oder Sie glauben im Gegentheil, daß die That in einem Augenblick heftiger Leidenſchaft begangen wurde— denn. wohl bemerkt, das Faktum, daß der Schlag nicht die Abſicht hatte, den Tod zu geben, iſt keine Rechtfertigung— dann wird Ihr Spruch auf Todtſchlag' lauten. Welcher Anſicht Sie übrigens auch folgen mögen, ſo werden Sie nicht ver⸗ geſſen, daß dies blos eine vorläufige Unterſuchung iſt, und daß die Perſon, auf die der Verdacht fällt, in ſpäterer Zeit Gelegenheit hat, jedes beliebige Zeugniß zum Beweiſe ſeiner Unſchuld vorzubringen.“ Die Juny brauchte nur ſehr wenig Zeit zur Berathung. 3 Sie beſtand meiſt aus verſtändigen Männern in achtbarer Stellung, die ſich nur durch die Anſichten eines Höheren vielleicht etwas zu leicht bewegen ließen; allein wenn auch des Coroners eigene Betrachtungsweiſe des Falles nicht ſo klar geweſen wäre, ſo würden ſie wahrſcheinlich doch zu dem⸗ ſelben Schluſſe gekommen ſeyn. Nachdem ſie wenige Worte unter einander gewechſelt, um ſich zu überzeugen, ob ſie alle derſelben Meinung ſeyen, ſprach ihr Obmann das Verdict: „Todtſchlag gegen Edward Dudley.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Als der Unglückliche das Bibliothekzimmer verließ, wo die Leichenſchaukommiſſton ſaß, ſah er ſich alsbald in der Halle von verſchiedenen Perſonen umgeben, die ihn ſehr an⸗ gelegentlich zu ſprechen wünſchten. Mr. Conway, der den 299 Verhaftsbefehl wider ihn unterzeichnet hatte, ſprach gut ge⸗ launt mit ihm und drückte ihm ſein Bedauern aus, daß er eine ſo unerfreuliche Pflicht an ihm zu erfällen gehabt habe. Dudley antwortete nur durch eine ſteife Verbeugung, denn weder der Akt noch die Entſchuldigung wollte ihm ſonderlich gefallen. Unmittelbar darauf kam ein zweiter Beamter, der mit eben ſo viel Freundlichkeit und noch größerer Um⸗ ſicht in ihn drang, ſich alle auch die kleinſten Details während ſeines geſtrigen Spazierganges ins Gedächtniß zurückzuru⸗ fen und ſie niederzuſchreiben, ſo lange ſie ihm noch friſch vor den Augen ſtünden; auch ſollte er ſich auf jeden Einzelnen, den er ſeit ſeinem Aufbruche von Brandon geſehen oder ge⸗ ſprochen habe, zu beſinnen ſuchen, um zu ſeiner Vertheidi⸗ gung eine ununterbrochene Kette von Beweiſen herzuſtellen. „Ich weiß, daß Einer ſein Leben dadurch rettete,“ ſagte er, „daß er ſich ein Notizbuch hielt, worin er jede Nacht die Vorfälle des vorangegangenen Tages aufzuzeichnen pflegte.“ Dudley dankte ihm für ſeinen Rath und fühlte wohl, daß jener ihn nicht für ſchuldig hielt, daß er aber auch von der Jury einen Spruch gegen den Angeklagten erwartete. Faſt im ſelben Augenblick näherte ſich ihm Sir Arthur Ade⸗ lon, und drückte ihm ohne zu ſprechen mit höchſt eigenthüm⸗ lichem Ausdrucke die Hand. 4 Gleich darauf kam Edgar aus dem Park durch die Glasthüre. Sein ganzes Ausſehen verrieth große Aufre⸗ gung: mit leuchtenden Blicken und flammenden Wangen, mit einem nervoſen Beben der Lippen— lauter Zeichen ſeiner tiefen Erſchütterung— näherte er ſich Dudley und preßte 300 dem Gefangenen mit ſchwimmenden Augen, deren er ſich zu ſchämen ſchien, die Hand. Die Worte verſagten ihm, als er zu ſprechen verſuchte. „O, Dudley!“ war Alles, was er zu ſagen vermochte. „Sie halten mich gewiß nicht fur ſchuldig, mein junger Freund,“ bemerkte Dudley. „Schuldig!“ rief Edgar—„ſchuldig! o nein, nein; ein zu edles hochgeſinntes Herz, das iſt Ihre einzige Schuld. Seit ich dieſe furchtbare Geſchichte vernahm, bin ich den ganzen Morgen umhergeſtreift, um auf⸗Ihrem geſtrigen Pfade nach Beweismitteln zu ſuchen; aber ich habe nichts gefunden. Welchen Weg nahmen Sie, als Sie das Park⸗ häuschen verließen?“ „Das iſt fur jetzt gleichgültig, Edgar,“ antwortete Dudley.„Tauſend Dank für Ihre Güte; aber das Alles muß ſpäter überlegt werden. Ich kann mir leicht denken, wie ſich jene gute Herren ausſprechen werden, und ich muß einen Anwalt aus London kommen laſſen, der die nöthigen Zeugniſſe ſammeln wird, um meine Unſchuld an einer That zu beweiſen, an die ich auch nie im Traume gedacht habe. Im Verlaufe der Sache werde ich auch wohl zu Ihrer Güte meine Zuflucht nehmen, Edgar.“ 4 „Glauben Sie mir, mein theurer Sir,“ verſicherte Sir Arthur Adelon,„von meiner Seite ſoll Nichts unter⸗ laſſen werden, um Ihnen jeden Beiſtand zu gewäͤhren. Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß ich, wie ich vorhin vor der Jury erklärte, vollkommen von Ihrer Unſchuld überzeugt bin und immer bleiben werde, da ich— ſo wie ich Ihren Charakter „— 301 kenne— ganz gewiß weiß, daß Sie ſelbſt in einem Augen⸗ blick des Zorns einer ſolchen Handlung gänzlich unfähig wären.“ „Laſſen Sie auch mich die gleiche Verſicherung beifügen, Mr. Dudley,“ ſagte der Prieſter, mit ruhigem Schritte ſich nähernd.„Sie ſind nicht der Mann, der heftigen Aus⸗ brüchen der Leidenſchaft gehorchte.“ „Ich hoffe nicht, Mr. Filmer, und im vorliegenden Falle war nicht einmal eine Veranlaſſung hiezu,“ erwiederte Dud⸗ ley.„Am Morgen hatte ſich Lord Hadley allerdings ſehr un⸗ gemäßigter Ausdrücke gegen mich bedient; Nachts aber hatte er zwar offenbar mehr Wein getrunken, als ihm gut war, doch hatte dies bei ihm, wie ich ſchon früher öfter bemerkte, nur die Wirkung, ihn verſöhnlicher zu machen und ſeine Laune zu mildern.“ „Zum Beweiſe, daß er nicht ſchlecht von Herzen war,“ ſtel Mr. Conway ein—„in vino veritas,* Mr. Dudley.“ „Ich glaube auch keineswegs, daß er ein ſchlimmes Herz hatte,“ erklärte der Hofmeiſter.„Aeußeres Glück und Charakterſchwäche haben Vieles von den Sünden zu tragen, die man ſonſt einem ſchlimmen Gemüth in die Schuhe zu ſchieben pflegt. Ich hoffe, Sie werden die Güte haben, Sir Arthur,“ fuhr er fort,„der armen Lady Hadley dieſes traurige Ereigniß mitzutheilen; ſie hat zwar, dem Himmel ſey Dank, noch andere Kinder, die ſie tröſten können, wird aber dieſen Verluſt ſehr ſchmerzlich empfinden.“ *„Der Wein erfindet nicht, er ſpricht nur aus,“ wie Schiller ſagt. 2 D. U. 30² So dauerte die Unterhaltung noch ziemlich lange fort; 1 dieſelbe Gruppe blieb um den Gefangenen verſammelt, wäh⸗ rend Edgar Adelon ſeine Stelle neben Dudley mit einer Ungeduld und Aengſtlichkeit behauptete, welche Letzteren auf den Glauben brachte, daß ſein junger Freund ihm etwas Wichtiges mitzutheilen habe. Es war mittlerweil halb Neun geworden; die gewohnte Frühſtückſtunde zu Brandon⸗Houſe hatte geſchlagen, und die Stelle, wo Dudley ſich befand, lag dem Fuße der großen Treppe gerade gegenüber. Die beiden Konſtables ſtanden dicht hinter ihm, und die Beamten und übrigen Zuſchauer bei dem Verhöre waren wie geſagt in der Halle bei ihm ge⸗. blieben, da ſie nicht erwarteten, daß des Coroners Anrede an ſeine Jury ſo entſetzlich lange dauern würde. „Die brauchen aber lange, bis ſte ihren Spruch ſin⸗ den,“ bemerkte eine der Magiſtratsperſonen. „Wäre es nicht beſſer,“ redete während deſſen Edgar ſeinen Vater an,„wenn wir in Ihrem Gerichtszimmer war⸗ teten? Eda wird ſogleich herabkommen.“ „Das hab' ich wahrhaftig vergeſſen,“ verſetzte der Baronet.„Beſſer ich gehe und theile ihr das Vorgefal⸗ lene mit.“ 2 „Weiß ſie nichts?“ fragte Dudley. „Nichts— nichts“— erwiederte Sir Arthur und wollte ſich eben nach der Treppe wenden; aber es war zu ſpät, denn Miß Brandon hatte, ehe er deren Fuß erreichte, von ihrem Zimmer aus die erſte Abtheilung bereits zurück⸗ gelegt. Beim Anblicke ſo vieler Perſonen in der Halle blieb 30⁰³ ſte einen Augenblick ſtehen, ging aber dann mit ängſtlichem Ausdrucke weiter, da dieſe Scene bei ihr Beſorgniſſe für ihren Onkel erregte, obgleich ſie, bevor ſie ſich zur Ruhe begab, erfahren hatte, daß derſelbe ſicher und wohlbehalten heimgekehrt war. Der Baronet ging ihr entgegen, und Dudley, dem Drange ſeines Herzens nachgebend, that einige Schritte vorwärts, um ihr vielleicht auf mehrere Monate zum letzten Male einige Worte zuzuflüſtern. Eda's Augen waren auf ihn geheftet, während ſte die beiden letzten Stufen herab⸗ kam; aber ehe er ſie erreichen konnte, faßte ihn der oberſte Konſtable roh beim Kragen und ſchrie: „Kommt, kommt, Meiſter, ich muß Euch in der Hand behalten, da ſich's hier um einen Mord handelt.“ Eda ſtarrte einen Augenblick wild in Dudley's Geſicht, und ſank dann ohnmächtig auf die Flur der Halle. „Sehen Sie nach ihr, Edgar— ſehen Sie nach ihr,“ bat Dudley leiſe.„Dulden Sie nicht, daß ſie ſich alſo be⸗ unruhigt. Sagen Sie ihr um's Himmels willen, daß die Anklage falſch, ja abgeſchmackt iſt.“ Viele der Anweſenden eilten Miß Brandon zu Hülfe, und führten ſie in das Frühſtückzimmer. Im ſelben Augen⸗ blick ging die Bibliothekthüre auf, und die Konſtables wur⸗ den beordert, den Gefangenen vorzuführen. Sie drängten ihn ohne Umſtände hinein, und er fand die Geſchworenen noch immer um den Tiſch ſitzend, und den Coroner mit einem überſchriebenen Papiere in der Hand unten ſtehend. „Das Verdict der Jury lautet,“ las er mit feſter Stimme—„Todtſchag gegen Edward Dudley, Esquire.“ — Konſtables, ich habe hier einen Erlaß zur Ueberlieferung dieſes Herrn in das Grafſchaftsgefängniß niedergeſchrieben; wenn jedoch die Beamten, die ſeine Verhaftung anordneten, für paſſend erachten, mit ihrer eigenen Unterſuchung des Falles fortzufahren, ſo iſt es natürlich eure Pflicht, ſie wegen der Zeit ſeiner Abführung um ihren Willen zu befragen, und ich habe noch beizufügen, daß ihr ihm keinerlei Be⸗ quemlichkeit, die ſich mit ſeiner ſicheren Bewahrung verträgt, zu verweigern habt— ein Verfahren, was ihr, wie ich ſagen muß, ſeither nicht befolgt zu haben ſcheint.“ Der oberſte Konſtable ſenkte den Kopf mit einem wah⸗ ren Bullenbeißerblick, ohne jedoch ein Wort zu reden; Mr. Conway trat vor, und redete den Coroner mit den Wor⸗ ten an: „Als der Beamte, der den Verhaftsbefehl erlaſſen, habe ich zu erklären, Sir, daß ich keine Nothwendigkeit einſehe, dieſe Sache überhaupt den Händen Ihres Gerichts zu ent⸗ ziehen. Der Fall hat hier eine ſehr genaue und wohlge⸗ führte Unterſuchung gefunden, und ich meine, es laſſe ſich nichts mehr beifügen, was nicht eben ſo gut vor den Aſſiſen angebracht werden könnte.“ Die beiden Herren bekomplimentirten ſich noch gegen⸗ ſeitig mit höflichen Redensarten, und Dudley ward der Be⸗ wachung der beiden Beamten übergeben.* „Das Narrenpack!“ murmelte Edgar ziemlich hörbar, und folgte Dudley aus dem Gemache, nach dem Frühſtück⸗ zimmer ſich wendend, während die Konſtables in ziemlicher — 30⁵ Verlegenheit ſchienen, wie ſie mit dem Gefangenen verfah⸗ ren ſollten. Gleich darauf kehrte jedoch Edgar mit ſeinem Vater zurück, der ſich alsbald an Dudley wendete: „Ich bedaure ſehr, Mr. Dudley, daß die Jury einen ſolchen Schluß beliebte; Sie müſſen jedenfalls meinen Wagen nach— annehmen, und da ich einer der viſittrenden Beam⸗ ten bin, ſo will ich Sorge tragen, daß Ihnen der kurze nothgedrungene Aufenthalt im Gefängniß ſo viel wie immer möglich erleichtert werde.“ Dudley dankte ihm für ſeine Güte, nahm Abſchied von Edgar, und rollte nach wenigen Minuten nach der etwa ſechzehn Meilen entfernten Stadt, wobei der eine Konſtable neben ihm, der andere aber auf dem Bocke ſaß. Die erſten Betrachtungen des Gefangenen waren natür⸗ lich nicht ſehr erfreulicher Art, und die ihnen ſpäter folgten, waren es noch weniger. Ein hartes Schickſal ſchien ihn zu verfolgen. Zu hoher Stellung, zu Reichthum und Wohl⸗ leben geboren, hatte ihn das Leben mit ſchönen Hoffnungen und freundlichen Erwartungen begrüßt; der funkelnde Kelch der Jugend hatte voll lieblicher Tropfen geſchienen, und er hätte ſich nicht träumen laſſen, daß unter dieſer vielver⸗ ſprechenden Oberfläche ein ſo bitterer Trank verborgen ſeyn könne. Er hatte manch toller, jugendlicher Laune gefröhnt, und geſättigt, wenn auch nicht verwöhnt von dem Becher des Glücks, hatte er ſich wie jeder junge Mann nach Ver⸗ änderung, nach neuen Freuden, nach anderen Beſtrebungen, nach Genüſſen, die ihm wenigſtens den Reiz der Neuheit böten, geſehnt. James, Der Ueberwieſene, 20 Ach wie wenig weiß der Jüngling, der nach Verände⸗ rung ſeiner Lage ſtrebt, was er ſich eigentlich wuͤnſcht! Auch wenn uns der Wechſel, den wir erſehnen, gelingt— wie oft finden wir ihn mit unvorhergeſehenen Uebeln, mit Aengſten und Sorgen, die wir nicht bemerkt, ja wohl gar mit Folgen beladen, welche all' unſere frohen Erwartungen zerſtören! Wie oft begegnet es aber auch dem vollgeſättigten Glücke, das aus Ueberdruß, aus dem Wunſche friſchen Genuſſes nach völliger Umgeſtaltung verlangt, daß die züchtigende Hand von Oben bittere Widerwärtigkeiten ſendet, um uns den Werth der verſchmähten Segnungen ſchätzen zu lehren, und uns zu jenem demüthigen Dankgefühle zu führen, das in dem undankbaren Herzen des Glückskindes ſo ſelten getroffen wird! Ihn hatte frühzeitig ſolches Mißgeſchick heimgeſucht, und bei ſeinem ſtarken, nachdenklichen Geiſte war die volle Frucht der Lektion zur Reife gediehen. Reichthum mit allem, was daran hängt, war für ihn verloren gegangen, ja ſelbſt der Geſellſchaft eines reichen, zärtlichen Verwandten hatte ihn das Schickſal beraubt. Er hatte die letzten Stun⸗ den eines geliebten Vaters während einer langen Krankheit zu verſüßen, hatte mit Mühen und Schwierigkeiten zu käm⸗ pfen gehabt, an die er beim Antritte ſeiner Laufbahn nicht gedacht hatte, und jetzt, da ihm Liebe und Reichthum gleich einem Sonnenſtrahl aus ſtürmiſcher Wolke auf einen Augen⸗ blick zulächelten, ſchien das Licht alsbald wieder zu ver⸗ ſchwinden, die Flamme der Hoffnung— kaum entzündet— zu verlöſchen. Aber er hatte den Nutzen des Mißgeſchicks empfunden und anerkannt, und wenn er auch anfangs mit dem natürlichen Aberglauben, der in jeder Bruſt wohnt und den Menſchen in alten wie in neuen Zeiten an den Einfluß eines günſtigen oder ungünſtigen Geſtirnes glauben läßt, zu der Vermuthung geneigt war, daß ſein Unglück ihn allent⸗ halben als unvermeidliches Geſchick verfolge, ſo lehrten ihn doch wieder Vernunft und Religion, daß die Sorgen, die der Allmächtige uns ſchickt, aus Gnade über uns verhängt wer⸗ den, und er vermochte endlich zu ſich ſelbſt zu ſagen:„auch das kann vielleicht zu meinem Heile gereichen.“ Die erſte Frucht ächt chriſtlicher Reſignation iſt ein männliches Aufbieten der Kräfte. Auch Dudley entſagte jedem unnützen Brüten über die Vergangenheit, und richtete während ſeiner Fahrt die Gedanken auf die Zukunft: aber ſo ſonderbar dies klingt— ſie wurden mehr und mehr düſter und beklommen. Er ſuchte in ſeinem Geiſte alle Beweis⸗ mittel zu ſeiner Vertheidigung zu ſammeln und zu ordnen; aber mit einer Anwandlung von Schmerz und Beſorgniß, der er nie zuvor nachgegeben hatte, gewahrte er lediglich Nichts, was er ſeiner ſo eben in Gegenwart der Coroners⸗ Jury vorgebrachten Beweisführung vor den Affiſen noch weiter beifügen konnte. Er war von der Zeit, da Lord Hadley ihn verlaſſen, Lis zu dem Augenblick, da er mit den Wachpoſten beim Angerhofe zuſammengetroffen war, auf Niemand geſtoßen. Von letzteren kannte er Keinen auch nur dem Namen nach, und er war zu ſcharffichtig, um nicht ſo⸗ gar in ſeinem eigenen Falle zu erkennen, wie auch ſein ſpäteres Zuſammentreffen mit ihnen noch keinerlei Beweis 20* dafür lieferte, daß er die That, deren man ihn beſchuldigte, nicht dennoch vorher begangen habe. Den Zweck ſeines Ausgehens zu ſo ſpäter Abendſtunde anzugeben, mochte aller⸗ dings nicht ohne Wirkung bleiben; aber er fühlte, daß er um ſeiner eigenen Chre willen für ſo geringen Vortheil das in ihn geſetzte Vertrauen unmöglich täuſchen und Sir Arthur Adelon ohne weſentlichen Nutzen für ihn ſelbſt ruiniren könne. Eine geringe Wahrſcheinlichkeit zu ſeinen Gunſten ließ ſich allerdings daraus ableiten, daß er die Urſache ſeines Zer⸗ würfniſſes mit Lord Hadley angab; aber auch hiegegen em⸗ pfand er einen Widerwillen— er mochte weder einen Makel auf den Todten werfen, noch auch Helene Clive's Namen unter ſolchen Umſtaͤnden vor die Oeffentlichkeit bringen. Zwar hegte er keineswegs ſo romantiſche Begriffe von Ehre und Ritterlichkeit, daß er Beides, wenn ſeine eigene Rettung durchaus davon abhing, für unentſchuldbar gehalten hätte; für jetzt beſchloß er jedoch, ſeinen Anwalt über die Nothwen⸗ digkeit dieſes Schritts zu Rathe zu ziehen, und dann Mr. Clive wiſſen zu laſſen, daß ſolches der Fall war.— Mit dieſer einzigen Ausnahme hatte er dem bereits Geſagten Nichts beizufügen, und wenn es auch zu ſeinen Gunſten ſprechen mochte, daß die Veranlaſſung des Streites mit ſeinem Zögling ihm ſelbſt zur Ehre gereichte und ihn als einen Charafter darſtellte, der nicht leicht ein Verbrechen begehen konnte, ſo ſah er doch ſehr deutlich, daß ſolches keinen vollen Beweis fuͤr ſeine Unſchuld abgab. Dieſer Gedanke beſchäftigte ihn ſehr lange; ſeine Be⸗ gleiter waren zwar höflicher als zuvor, aber gleichwohl noch 7 309 düſter und mürriſch, und Dudley überlegte noch immer, welchen Weg er wohl einzuſchlagen habe, als ihm die erſten Häuſer eines Städtchens und bald darauf ein großes ſtei⸗ nernes Gebäude mit den ſymboliſchen Feſſeln über dem Thore vor Augen kam. Zwei Minuten ſpäter befand er ſich in den Mauern eines Gefängniſſes. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Auf zwei Perſonen in Brandon⸗Houſe hatte Dudley's Abführung in's Gefängniß einen tiefen, ſchmerzlichen Ein⸗ druck gemacht, und jede von Beiden machte ſich irriger Weiſe Vorwürfe— wie nur zartfühlende Gemüther ſie erheben werden— daß ſie ihn, den ſie liebte, ohne Wiſſen und Wil⸗ len in eine gefährliche, peinliche Lage gebracht habe. Eda Brandon dachte:„hätte ich nicht ſeine Großmuth in An⸗ ſpruch genommen, daß er ohne zu forſchen Beleidigungen, deren Maaß er nicht kannte, verzieh und zur Rettung eben des Mannes auszog, von dem jene Kränkungen herſtamm⸗ ten, ſo hätte dieſe falſche Anklage nie wider ihn erhoben werden können.“ Edgar Adelon ſagte zu ſich ſelbſt:„hätte ich ihm nicht meinen ganzen Verdacht über das Benehmen dieſes jungen, ſchlangengleichen Lords gegen meine ſüße Helene mitgetheilt, ſo würde er nicht in einem Ausbruche edelmüthigen Unwillens Schritte gethan haben, die ihn jetzt in Sorge und Gefahr verſenken. O, daß ich einen andern Freund zur Hand gehabt 310 hätte, um ihn über mein Benehmen um Rath zu fragen! Ach, daß Helene mir Alles geſagt und mir das Recht gege⸗ ben hätte, jene Schlange aus dem Hauſe meiner Baſe zu verjagen! oder wenn nur Vater Peter die Geſchichte all' der Beſchimpfungen, die ſie erlitt, nicht ſo lange verſchwiegen hätte, bis es für mich zu ſpät zum Handeln war, und ein Anderer den Verbrecher beſtrafte, was mir eigentlich zuge⸗ kommen wäre!“ Solche Gedanken beſchäftigten ſeine Seele in den näch⸗ ſten zwei Stunden nach Dudley's Entfernung von Brandon waͤhrend Eda noch immer auf ihrem Zimmer weilte, wohin man ſie gebracht hatte, ſobald das Haus in ſeinen ge⸗ wohnten Zuſtand zurückgekehrt war. Mr. Filmer hatte ſich mit Sir Arthur Adelon im Bibliothekzimmer eingeſchloſſen, und ihre Unterredung hatte bis jetzt blos das eine ſichtbare Reſultat gehabt, daß einer der Reitknechte ſo raſch wie mög⸗ lich nach Barhampton geſchickt worden war, um vier Poſt⸗ pferde zu holen, die den Baronet nach London bringen ſollten. „Was kann ich thun? Wie ſoll ich handeln?“ fragte ſich Edgar Adelon.„Ich muß Jemand zu Rathe ziehen und weiß doch nicht— wen. Ich kann nicht glauben, daß mein Vater dieſen Dudley aufrichtig liebt, denn ich habe geſehen, wie er ihn mit einem Ausdrucke des Mißfallens betrachtete. Dem Prieſter mag ich auch nicht vertrauen; er iſt zwar ein guter Mann, aber ſeine Politik iſt immer ſo fein. Es iſt Schade, daß er ſich bei den Italienern, unter denen er ſo lange lebte, jene krumme verdeckte Handlungsweiſe angewöhnte. Seine Zwecke und Abſichten find, glaub' ich, immer rechtlich 311 — zi rechtlich und ehrbar, um auf ſolchen Nebenpfaden er⸗ ſtrebt zu werden.— Ich muß mit Eda reden; ſie iſt die Wahrheit und Aufrichtigkeit ſelbſt, und beſitzt doch Verſtand genug, um Filmer's Kunſtgriffe alle zu nichte zu machen. Mit ihr will ich reden“— und mit ſeiner gewohnten haſti⸗ gen Entſchloſſenheit wollte er eben ſeine Abſicht ins Werk ſetzen, als er ſeinen Vater aus der Bibliothek kommen, die Treppe hinaufgehen und an der Thüre ſeiner Baſe anklopfen hörte. Sir Arthur verweilte lange bei ſeiner Nichte und Edgar, der eine Zeitlang in dem Zimmer unten wartete, glaubte ſeines Vaters Stimme ungewöhnlich laut werden zu hören; ein andermal klang ſie wieder wie leiſes Murmeln, als ob er lange ernſte Vorſtellungen machte. Der junge Mann ward endlich ungeduldig und eilte in den Park, wo er faſt eine Stunde umherwanderte; bei ſeiner Ruckkehr fand er Sir Arthur's Poſtchaiſe vor der Thüre, im Begriff ihn davon zu fuͤhren. „Ihr Vater wartet auf Sie, Mr. Adelon,“ meldete der Tafeldecker.„Er befindet ſich im Frühſtückzimmer.“ Dorthin lenkte Edgar alsbald ſeine Schritte, ohne wei⸗ tere Fragen zu ſtellen. „Ci, Edgar, wußteſt Du nicht, daß ich fortgehe?“ fragte der Baronet, ſobald ſein Sohn erſchien, fuhr aber ohne eine Erwiederung abzuwarten fort:„Ich muß ſogleich nach Lon⸗ don, mein lieber Junge, um Lord Hadley's armer Mutter die Trauerbotſchaft von ſeinem Tode zu überbringen. Mitt⸗ lerweile halte ich es an Deiner Stelle für beſſer— fär 312 ſchicklicher und paſſender, Dich ſo wenig wie möglich in die Angelegenheiten eines Mannes zu miſchen, der des Mor⸗ des angeklagt iſt, wenigſtens bis die Unterſuchung ge⸗ ſchloſſen und er entweder freigeſprochen oder ſchuldig gefun⸗ den wird. Ich habe noch andere wichtige Geſchäfte in Lon⸗ don abzumachen, hoffe aber noch zeitlich genug zurückzukeh⸗ ren, um dem Leichenbegängniſſe— falls es hier gehalten werden muß— anzuwohnen. Mr. Filmer wird nach den Weiſungen, die er erhalten ſoll, alle nöthigen Anordnungen treffen.“ Edgar Adelon war gleich den meiſten jungen Leuten ziemlich ſtarrköpfig. Seine Charakteranlage war zu feſt und großherzig, als daß er, wie man's nennt, verdorben werden konnte; aber man hatte ihm doch von jeher zuviel nachge⸗ ſehen, und ſo war er gewohnt, ſeinen eigenen Weg zu gehen. Zwar ließ er es gegen ſeinen Vater weder in Reden noch im Benehmen im Geringſten am Reſpekt fehlen; aber in der Regel beſchränkte ſich ſeine Chrerbietung mehr auf Worte als auf Handlungen, und er folgte meiſtens dem Plane, der ihm am beſten zuſagte. Auch jetzt machte er nicht die min⸗ deſte Einwendung, blieb aber gleichwohl bei ſeinem Ent⸗ ſchluſſe, jedem Widerſtande zum Trotz alle ſeine Kräfte für Dudley aufzubieten. Nach einigen weiteren Ermahnungen von Seite Sir Arthur's begleitete Edgar ſeinen Vater an den Wagen, nahm von ihm Abſchied und ſtieg dann alsbald zu Eda's Zimmer hinauf. „Geh nur in mein kleines Boudoir, Edgar,“ ſagte Eda, die ſeinen Tritt kannte;„ich werde ſogleich zu Dir kom⸗ 1 —-,— 3¹3 men, denn ich wünſche ſehnlich mit Dir zu ſprechen, mein theurer Vetter.“ Eda ließ ihn jedoch ziemlich lange warten, und als ſie endlich kam, ſah Edgar, daß ſie kaum zuvor geweint haben mußte. „Gräme Dich nicht, theuerſte Eda,“ begann Edgar voll Freundlichkeit ihre Hand faſſend.„Das alles wird vorüber⸗ gehen; nur müſſen wir jetzt zuſammenſitzen und berathen, was für den armen Dudley am beſten geſchehen kann. Er wird gewiß losgeſprochen, ſo mein'’ ich wenigſtens— ja ich bin deſſen gewiß.“ „Ich weiß nicht, Edgar,“ erwiederte Eda;„in der Zwiſchenzeit müſſen wir jedoch Alles thun, um ihm zu helfen und ihn tröſten. Eben deßhalb wünſcht' ich ſo ſehr Dich zu ſprechen, denn ich kenne hier Niemand als Dich, der ihn zu lieben ſcheint.“ „O ja! ich weiß noch Jemand, Eda, der ihn glaub' ich ſehr lieb hat,“ gab Edgar lächelnd zur Antwort. Die Röthe ſtieg in des Mädchens Wangen, aber ſte ſchlug ihre Augen zu ihrem Vetter empor und antwortete offen: „Allerdings, Edgar, und ich habe es ſo eben auch Dei⸗ nem Vater geſagt. Ich bekenne es um ſo offener, Edgar, als es jetzt dringend nöthig iſt, keine Geheimniſſe vor einander zu haben, wenn wir ihm wirklich dienen wollen. Wir haben über ſolche Dinge geſcherzt und gelacht, Edgar; jetzt aber müſſen wir Deine wie meine Lage ernſtlich beſprechen.“ „So erzähle mir denn zuerſt, was mein Vater ſagte,“ 3ʃ4 bat Edgar.„Ich verſpreche Dir, iheuerſte Eda, Dir gewiß nichts zu verhehlen. Du biſt ein ſüßes, liebes, zärtliches Mädchen, wie nur je eines lebte, und kennſt weder Stolz noch Vorurtheile, die mich von einem offenen Geſtändniſſe meiner Gefühle zurückſchrecken könnten. Laß hören, was mein Vater antwortete, als Du ihm von Dudley erzaͤhlteſt, und was Du ihm darauf erwiederteſt.“ „Er ſagte Vieles, Edgar, was höchſt unerfreulich war,“ verſetzte Eda;„doch laß mich nicht dabei verweilen. Er fand mich feſter als er erwartete, und iſt nun vollſtändig von mei⸗ nen Abſichten und deren Unerſchütterlichkeit unterrichtet— wenigſtens hoffe ich ſo, denn was ich ſagte, ſollte keinen Zweifel übrig laſſen. Nun aber zu andern Dingen. Ich denke, Du hegſt eine aufrichtige Neigung zu Dudley— nicht wahr?“ „Ich würde mein Leben für ihn hingeben,“ verſcherte Edgar.„Wenn ich aber vorhin ſagte, ich kenne noch Jemand, der ihn gleich falls lieb habe, ſo meinte ich nicht ſowohl Dich, Eda, als vielmehr Mr. Filmer.“ Eda ſchüttelte das Köpfchen und machte mit der Hand eine ablehnende Gebärde. „Deine religiöſen Gefühle verblenden Dich, Edgar,“ meinte ſie:„Mr. Filmer liebt ihn nicht, hat ihn nie geliebt. Gleich im erſten Augenblicke, da er Dudley ſah, kam ein eigen⸗ thümlicher Ausdruck in ſeine Züge, den Du nicht bemerkteſt, der aber mir nicht entging, und den ich ſchon mehr als ein⸗ mal beobachtet habe, wenn Jemand, den er haßt, ihm nahe kommt. Die Veränderung dauert nur einen Moment, iſt 315 aber unverkennbar, und ich habe noch ſelten erlebt, daß irgend einer dieſen Ausdruck hervorgerufen hätte und nicht auf irgend eine Weiſe in Unglück gerathen wäre. Erinnerſt Du Dich des Pächters Hadyer auf Deines Vaters Gute in Yorkſhire und wie er nach der größten Wohlhabenheit ſehr bald dem völligen Untergange anheim ſiel? Siehſt Du— das erſte⸗ mal da ich den armen Mann in Filmers Gegenwart mit Deinem Vater ſprechen ſah, hatte des Prieſters Geſicht gleich⸗ falls jenen Ausdruck angenommen.“ „Ei nein, Du biſt hier von Vorurtheilen befangen,“ erwiederte ihr Vetter.„Welche Veranlaſſung konnte der arme Hadyer dem Vater Peter gegeben, und wie konnte er zu deſſen Untergange beigetragen haben?“ „Sein Weib war eine Katholikin geweſen und war das Jahr zuvor proteſtantiſch geworden,“ gab Eda zur Antwort. „Wie ſein Rain bewerkſtelligt wurde, weiß ich nicht; doch hörte ich recht wohl, wie Mr. Filmer Deinem Vater die Be⸗ willigung von Hadyer's Forderung, die mir blos gerecht und billig ſchien, ausredete. Vor ihm ſelbſt ſagte er kein Wort; als aber der Mann fort war und Filmer fand, daß Dein Vater zur Bewilligung geneigt war, da ſtellte er ihm vor, daß wenn er ei⸗ nem Pächter einen halbjährigen Zins nachlaſſe, weil die Ueber⸗ ſchwemmung ihm den doppelten Betrag an Korn mitgenom⸗ men, ganz gewiß jedes Jahr einem ſeiner Bauern ein ähn⸗ licher Unfall zuſtoßen werde.— Das Alles iſt jedoch unbe⸗ deutend; Mr. Filmer liebt ihn nicht— davon bin ich feſt über⸗ zeugt. Wir müſſen andern Rath ſuchen, Edgar, und Mittel finden, um Dudley's Unſchuld zu beweiſen. Ich weiß glaub ich 316 eine Perſon, die uns helfen kann, wenn ſie will, und Du mußt zu ihr gehen und ſie drum bitten, denn ich weiß gewiß,“ fuhr Eda fort, indem ſie lächelnd ihre Augen auf ihn heftete, „Deine Stimme wird bei ihr mächtiger ſeyn, als die jedes anderen menſchlichen Weſens.“ „Du meinſt Helene Clive,“ erwiederte Edgar.„Du haſt Dein Geſtändniß abgelegt, Eda; das meinige iſt gleich zu Ende. Helene Clive wird mein Weib, welche Hinderniſſe ſich mir auch in den Weg ſtellen mögen. Sie würde ganz gewiß, wenn ſie könnte, genügende Rechtfertigung für Dud⸗ ley's That abgeben, denn es war ja nichts als rechtmäßige Vergeltung an einem Niederträchtigen, wie noch kein zweiter gelebt hat.“ „Was meinſt Du, Edgar?“ rief Eda Brandon, ihn mit brennender Wange und leuchtenden Augen betrachtend. „Du glaubſt doch nicht in der That, daß Dudley dieſen un⸗ glüͤcklichen jungen Mann tödete?“ „O ja, Eda,“ erwiederte ihr Vetter,„hör' mich nur an.“ Er erzählte ihr nun Alles— und es war nur ein Theil des Ganzen— was er von Lord Hadley's Benehmen gegen Helene Clive wußte. Auch ſprach er davon, wie er geſtern Morgen Dudley ſelbſt von dieſen Thatſachen benachrichtigt, ihm ſeine Liebe zu Helene geſtanden und ſeinen Freund um Rath gebeten habe, wie er ſich zunächſt zu benehmen hätte. „Er beſänftigte, tröſtete, beruhigte mich, Eda,“ fuhr der junge Mann fort,„und ſagte mir endlich, ich möchte die Sache nur ihm überlaſſen, er wolle Sorge tragen, daß meine liebe ſanfte Helene nicht weiter beſchimpft werde. Aus dem 317 Zeugniſſe der Diener geht hervor, daß Dudley und der Andere über dieſes ſelbe Thema einen bittern Streit hatten, daß der Urheber des Unrechts noch unverſchämt war, und ſeinen Er⸗ mahner bis zum Reißen jeder Geduld herausforderte. Dud⸗ ley iſt von Natur heftig und ungeſtüm, Eda, und glaube mir, ſie trafen geſtern Nacht auf einander; jener ſchändliche Peer höhnte ſeinen edleren Freund, und Dudley that einen Streich, der jenen, obgleich unabſichtlich, beſtrafte wie er's verdiente.“ Eda ſchwieg eine Weile in trauriges Nachdenken ver⸗ tieft. 3 „Nein, Edgar, nein!“ erwiederte ſte dann.„Dein Vater ſagte mir, Dudley ziehe die That feierlich in Abrede. Wäre es, wie Du ſagſt, ſo würde er's nicht geleugnet haben. Un⸗ geſtüm mag er wohl ſeyn; aber er iſt auch und war von jeher unerſchütterlich im Recht und in der Wahrheit. Er hätte die Sache erzählt, wie ſie ſich zugetragen; That und Beweg⸗ grund hätte er klar angegeben und das Uebrige dem Schick⸗ ſal überlaſſen. Aber neben dieſem Allem weiß ich gewiß, daß er's nicht gethan hat. Er ging auf meine Bitte einem Geſchäfte nach, von welchem ihn nichts abbringen konnte. Das Mittageſſen ſiel etwas ſpät, die feſtgeſetzte Stunde nahte raſch heran und ich bemerkte wohl, wie es ihn zu gehen drängte. Ich weiß gewiß, er wäre in jenem Augenblick um keinen Preis der Welt auch nur zehn Schritte aus ſeiner Bahn gewichen.— Nein, Edgar, er that es nicht, und Helene kann uns vielleicht zu den Beweiſen verhelfen, denn ſie muß wiſſen, wer die Männer waren, welche Dudley beim Anger⸗ hofe treffen ſollte., Außer ihnen müſſen noch Andere in der 318 Nähe geweſen ſeyn, und mit Hülfe ihres Zeugniſſes können wir vielleicht Schritt für Schritt jeden Fuß breit von Dudley's Wege nachweiſen. Geh zu ihr, Edgar— geh gleich zu ihr. Warum ſchüttelſt Du den Kopf?“ „Weil Helene nicht länger in meinem Bereiche iſt, theure Eda,“ erwiederte Edgar Adelon;„fie ſchiffte ſich geſtern Nacht mit ihrem Vater ein, der in dieſen wahn⸗ ſinnigen Aufſtand und Angriff gegen Barhampton verwickelt war.“ Eda ſaß ſprachlos vor Ueberraſchung und Beſtürzung. Ihre ganze Hoffnung, Dudley's Unſchuld zu beweiſen, hatte ſich auf die von Helene Clive zu erlangende Nachweiſung ge⸗ gründet, und ſie wollte beinahe verzweifeln, als ſie fand, daß ihre Freundin und zwar ſo weit fortgegangen war. Von ihrem Oheim und den Dienern hatte ſie ſich einen ſehr ge⸗ nauen Begriff von ſämmtlichen vor der Coroners Jury ab⸗ gelegten Zeugniſſen verſchafft, und hatte von Anfang die Schwierigkeiten in Dudl y's Lage mit weit größerer Unruhe erkannt, als er ſelbſt ſie empfunden hatte; aber ihr Geiſt war raſch und behende und begann nach der erſten Pauſe der Beſtürzung alsbald zu überlegen, was ſich wohl zunäͤchſt thun laſſe. 4 „Fürchte nichts, theuerſte Eda,“ fuhr Edgar fort, als er den Ausdruck von Angſt in ihrem Geſichte wahrnahm; „ich muß bald erfahren, wo Helene iſt: ſie hat mir zu ſchrei⸗ ben verſprochen, ſobald ſie in Frankreich anlangt, und will mich wiſſen laſſen, wo ſte zu finden iſt. Auf alle Fälle muß es der Prieſter wiſſen,“ 5 319 „Halt, halt, Edgar,“ rief Eda.„Helenens Zeugniß käme zu ſpät. Mein Onkel ſagt mir, die Aſſiſen würden in zehn Tagen gehalten, und Filmern darfſt Du in Nichts ver⸗ trauen. Du glaubſt, ich ſey gegen ihn eingenommen— dem iſt aber nicht ſo; ich kenne ihn, mein theurer Vetter.— Ich weiß einen andern Weg: wenn wir nur einen Mann Namens Norries auffinden könnten— der würde uns beiſtehen.“ „Ei, das war ja eben der Führer jener Leute,“ be⸗ merkte Edgar etwas ſcharf.„Ich hörte ſelbſt, wie er ſie vorgeſtern Nacht auf der kleinen Wieſe vor der alten Priorei anredete und meines Vaters Namen auf falſche ſchamloſe Weiſe mißbrauchte.“ „Ach nicht falſch, Edgar— nur allzuwahr,“ antwor⸗ tete Eda.„Ich muß Dir Alles ſagen, Edgar, denn Dudley darf nicht geopfert werden. Seine Abſicht bei jenem nächt⸗ lichen Gange war die, meinen Oheim von der Theilnahme an Handlungen zurückzuhalten, welche das Verderben auf ſein Haupt bringen konnten. Ob es ihm gelang, ihn zum Abſtehen davon zu überreden, weiß ich nicht, denn ich wagte Deinen Vater nicht darüber zu befragen; aber ſey verſichert, Edgar, geſtern Nacht von acht Uhr an beabſichtigte Sir Arthur bei dem Angriffe auf Barhampton anweſend zu ſeyn, wenn nicht gar denſelben zu leiten. Ich war es, welche Dudley zu gehen drängte.“ „Was konnte er aber thun?“ fragte Edgar.„Du weißt, mein Vater hört in ſolchen Dingen auf keinen Rath.“ „Wohl wahr,“ erwiederte Eda;„aber Dudley beſaß Macht über ihn, Edgar.“— — 320 Hiemit fuhr ſie fort, ihm Alles zu erklären, was ſie ſelbſt von den finſtern Handlungen wußte, worein Sir Arthur Adelon in früheren Jahren verwickelt geweſen. Sie behandelte das Ganze mit Sanftmuth und Güte, nicht als eine Anklage, ſondern als ein unglückliches Faktum und er⸗ zählte ſodann, mit welchem Edelmuthe Dudley, ſobald er die Mittel erfuhr, welche Norries angewendet hatte, um ihren Onkel auf der fatalen Bahn vorwärts zu drängen, ohne Zögern verſprach, Sir Arthur mit ſeinem Ehrenworte zu verſichern, daß er die erwähnten Papiere vernichten werde, ohne auch nur einen Blick darein zu werfen. Edgar wurde erſt roth und dann blaß und bedeckte end⸗ lich ſeine Augen mit den Händen, in tiefes Nachdenken be⸗ graben. „Helene ſagte mir,“ fuhr Eda fort, um ſeine Gedanken von dem peinlicheren Theile der Sache abzulenken,„daß der Bote an meinen Onkel in der Nähe des ſogenannten Anger⸗ hofes auf mehrere Männer ſtoßen würde. Wie ſie behaup⸗ tete, waren auf der ganzen Straßenlinie Wachen aufgeſtellt — einige von ihnen mußten Dudley paſſiren ſehen. Wenn irgend Jemand Auskunft ertheilen kann, ſo iſt es Norries, und die einzige Schwierigkeit wird ſeyn, ihn aufzufinden.“ „Ich will ihn finden,“ rief Edgar aufſpringend;„aber,“ fuhr er fort,„vielleicht hat er gleichfalls das Land verlaſſen. Auf alle Fälle will ich ihn ſuchen, wo er auch ſeyn mag und liegt es irgend in Menſchenmacht, ſo werd' ich ihn entdecken, denn Dudley ſoll für ſeine edle großmüthige Aufopferung nicht Unrecht leiden.“ —— 321 „Aber laß uns erwägen, Edgar, wie Du am eheſten von Norries hören kannſt,“ meinte Eda; doch Edgar winkte ihr mit dem freudigen ſieghaften Lächeln jugendlicher Zu⸗ verſicht und rief: „Ich will ihn finden, theures Mädchen— ich will ihn finden. Ich weiß mehrere von den Leuten, die bei ihm waren, denn ich habe ihre Geſichter damals vor der Abtei erkannt. Doch will ich mich ſogleich daran machen, denn es iſt keine Zeit zu verlieren.“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Es war eine finſtere Sturmesnacht, als Edgar Adelon auf einem kräftigen Roſſe, das von der langen Reiſe ermüdet ſchien, ſich einem Dörfchen in der Nähe der Seeküſte näherte, das etwa zwölf Meilen von Brandon entfernt lag. Der Negen goß in Strömen herab, und ſchlug ihm in ſein ſchönes Ge⸗ ſicht, Roß und Mann beinahe blendend; der Wind zauste ihm die weichen Haarlocken gleich Wimpeln um den Kopf; weder Ueberrock noch Mantel ſchützte ſeine zarte Geſtalt vor dem Sturme und der Sündflut von oben: aber dennoch ſpornte er ſein Roß weiter, und ſchien den Sturm, der um ihn raste, nicht zu beachten. Er gelangte in die Gaſſe des Dörſchens, ritt an dem kleinen Bierhauſe, wo Lichter ſchim⸗ merten und lachende Stimmen erſchollen, vorüber und hielt nicht eher den Zügel an, als bis er die vorletzte Hütte rech⸗ ter Hand erreicht hatte, wo er ſein Roß plötzlich parirte und James. Der Ueberwieſene. 21 322 zu Boden ſprang. Den Zügel um den Zaum ſchlingend klopfte er alsbald an die Thüre, hob die Schnalle und trat ein. „Martin Oldkirk wohnt hier— nicht wahr?“ fragte er. Ein kurzer vierſchrötiger kräftig ausſehender Mann er⸗ hob ſich vom Herde und betrachtete den Eintretenden mit mißtrauiſchem Blick. Er hatte bei dem Lichte einer einzigen Talgkerze in einem kleinen anſcheinend ſchlecht gedruckten Zeitungsblatte geleſen, ſchob aber das Papier alsbald auf die Seite, und legte die Hand über die Augen, um ſeinen Gaſt zu beaugenſcheinigen. „Ja,“ brummte er endlich,„mein Name iſt Martin Oldkirk.— Was wollt Ihr von mir?“ „Einige Worte mit Euch reden,“ gab Edgar Adelon zur Antwort, indem er die Thüre hinter ſich zuzog und ſich dem Tiſche näherte.„Ihr kennt, glaub' ich, einen Herrn Namens Norries?“ 3 „Solch' eine Perſon hab ich wohl geſehen, wie ich mich erinnere,“ verſetzte der Mann zögernd.„Er ſprach einmal bei mir vor.— Das iſt aber Alles.“ „Mich kennt Ihr aber vermuthlich?“ fuhr Edgar fort. „Ja, ich glaube Euch früher irgendwo geſehen zu ha⸗ ben,“ erwiederte Oldkirk mit gleichgültigem Tone.„Ihr ſeyd glaub ich des Baronets Sohn in Brandon da drüben.“ „So iſt's,“ beſtätigte der junge Edelmann;„Harry Craves, der bei Mr. Mead arbeitet, ſagte mir, Ihr könntet mir Auskunft geben.“ „Worüber?“ fragte der Mann kurz angebunden. 323 „Ueber dieſen nämlichen Mr. Norries,“ verſetzte Edgar Adelon, ihn mit den Augen fixirend.„Ich ſpüre ſchon ſeit acht Tagen nach ihm und finde jetzt, daß Ihr der Einzige ſeyd, der um ſeinen Aufenthalt weiß.“ „Das iſt auf alle Fälle erlogen!“ antwortete der Mann in unverſchämtem patzigen Ton—„Das könnt Ihr meinet⸗ wegen Harry Craves wieder ſagen.“ „Auf alle Faͤlle wißt Ihr, wo er zu ſinden iſt,“ fuhr Edgar fort, ſeinen Unwillen über des Anderen Brutalität beſchwichtigend,„und Ihr müßt mir ſagen, wo er iſt, denn ich habe ihn ſogle ch in wichtigen Geſchäften zu ſprechen.“ „Von mir werdet Ihr Nichts erfahren,“ verſicherte der Mann,„denn ich weiß nicht, wo er iſt. Wenn Ihr ihn braucht, ſo müßt Ihr ihn eben ſelber finden.“ „Nein,“ herrſchte Edgar ſtreng.„Ihr müßt ihn für mich auffinden, oder wenn Ihrs nicht thut, ſo mögt Ihr auch die Folgen auf Euch nehmen.“ „Und die wären?“ fragte der Taglöhner mit derſelben Unverſchämtheit wie früher, während zu gleicher Zeit ein verächtliches Lächeln um ſeine Lippen ſpielte. „Ganz einfach, daß ich Euch als einen der Aufrührer, welche die Stadt Barhampton verrätheriſcher Weiſe an⸗ griffen, dem Gerichte überliefere,“ gab Edgar Adelon zur Antwort. 3 „Das moͤchte ſchwer zu beweiſen ſeyn,“ ſpotiete der Andere,„da ich nicht dort war.“ „Nicht ſo ſchwer als Ihr denkt,“ verſetzte der junge Edelmann.„Ich habe das ſchriftliche Zeugniß dreier Zeu⸗ 21* 324 gen, daß Ihr anweſend waret, und thut Ihr nicht, was ich verlange, ſo verlaßt Euch drauf, daß ich dieſe Mittel zu Eurer Ueberführung gebrauchen werde.“ Der Mann war zwei Schritte hinter den Tiſch ge⸗ treten, und ſprang jetzt zwiſchen Edgar und die Thüre mit dem Rufe: „Dann hol' mich der Teufel, wenn ich Euch nicht für Eure Mühe das Hirn einſchlage. Ich laß mich nicht auf ſolche Weiſe ins Bockshorn jagen.“ Mit dieſen Worten ging er auf den jungen Mann los; als er jedoch bis auf zwei Schritte herangekommen war, zog Edgar plötzlich eine Piſtole hervor, die er, um ſie trocken zu erhalten, zwiſchen Weſte und Hemd verborgen hatte, ſpannte ſie mit lautem Knacken, und hielt ſie Oldkirk vor die Naſe. „Auf all das bin ich gefaßt,“ bemerkte er mit bitterem Lächeln.„Man ſagte mir, Ihr ſeyd ein verzweifelter Burſche, und Jedermann fürchte ſich, Euch nahe zu kommen.— Noch einen Schritt und Ihr ſeyd ein todter Mann.“ Martin Oldkirk blieb ſtehen und betrachtete ihn mit einem Blick, worin eine gewiſſe Art von Bewunderung mit Ueberraſchung ſich mengte. „Bei meinem Leben!“ rief er endlich,„Ihr ſeyd ein herzhaftes Teufelchen; das iſt aber nicht ſchön von Euch, Sir. Laßt uns niederſetzen und die Sache beſprechen. Ich ſehe wohl, was Ihr für ein Kerlchen ſeyd, und glaube nicht, daß Ihr was Unrechtes thätet oder mich dazu veleiten moͤchtet.“ „Wohlan, ſo bleibt mir vom Leib,“ befahl Edgar Ade⸗ 32⁵ lon;„Ihr ſeyd ſtärker als ich, die Piſtole allein kann den Unterſchied ausgleichen. Uebrigens habe ich durchaus nicht die Abſicht, Euch zu etwas Unrechtem zu verleiten— im Gegentheil wünſche ich, daß Ihr das Rechte thut.“ Oldkirk zog ſich in ſeine frühere Stellung zurück und wartete ohne Erwiederung, bis Edgar Adelon fortfuhr. „Ihr habt mein Verlangen gehört,“ hub der junge Edelmann an, indem er ſich ihm gegenüber ſetzte,„daß Ihr mir ſagen, mir zeigen oder mich dahin führen ſollt, wo Mr. Norries verborgen liegt. Nun habe ich nicht im Mindeſten die Abſicht, dieſem Herrn auf irgend eine Weiſe zu ſchaden; nichts würde mich dazu bringen, ihn zu verrathen, und ich gebe Euch mein Chrenwort, daß ſein Geheimniß bei mir eben ſo ſicher, wie bei Guch aufgehoben ſeyn ſoll.“ „Nun bei näherem Beſinnen ſollte ich es allerdings glauben,“ verſetzte der Bauer,„denn was ihm ſchadet, könnte Euren eigenen Vater in Verlegenheit bringen, Mr. Adelon — vielleicht wollt Ihr über Eures Vaters Angelegenheiten mit ihm reden.“ Edgar biß die Zähne übereinander und erwiederte nach kurzer Pauſe: „Ich weiß nichts von meines Vaters Angelegenheiten, Mr. Oldkirk, und will Euch nicht hierüber täuſchen. Mein Geſchäft mit Mr. Norries hat mit denen meines Vaters nichts zu ſchaffen, denn ich wünſche über Dinge mit ihm zu reden, an denen er gleichfalls Antheil nimmt. Ein ſehr theurer intimer Freund von mir wurde nämlich wegen einer That, die er nicht beging, und worüber Mr. Norries ver⸗ ſſ 326 muthlich Auskunft zu geben vermag, die zur Vertheidigung meines Freundes dienen könnte— gefangen genommen und dem Gerichte übergeben.“ „Das thut er nicht,“ behauptete Oldkirk kurzweg.„Er wird gegen Niemand angeben, dafür will ich ſtehen!“ „Ihr mißverſteht und unterbrecht mich,“ bemerkte Ed⸗ gar Adelon nicht ohne einen Anflug von Hochmuth in ſeinem Weſen.„Ich erwarte und verlange nicht, daß er den An⸗ geber mache, glaube aber, daß er mir die Namen mehrerer Perſonen anführen kann, die meinen Freund in der fraglichen Nacht ſahen, und Zeugniß ablegen können, wo er ſich zu ge⸗ wiſſen Zeiten befand, ſo daß hiedurch erwieſen würde, wie er das Verbrechen, deſſen man ihn beſchuldigt, unmöglich be⸗ gehen konnte.“ „Das iſt was Anderes,“ erwiederte Martin Oldkirk; „und wenn Ihr mir auf Euer Ehrenwort verfichern koͤnnt, daß dies Euer einziger Zweck iſt, ſo habe ich nichts dawider, Euch in der Sache behülflich zu ſeyn; aber ſeht Ihr, Mr. Adelon, wenn mir einmal etwas anvertraut iſt, ſo darf ich's andern Leuten nicht eher ſagen, als bis ich um Erlaubniß gefragt habe.“ „Das iſt ganz in der Ordnung,“ beſtätigte Edgar Ade⸗ lon;„ich gebe Euch mein Chrenwort, daß ich bei Mr. Nor⸗ ries' Aufſuchung keinen andern Zweck habe, als den ich Euch vorhin nannte; auch habe ich gar nichts dagegen, Euch die weiteren Umſtände der Sache anzuvertrauen, damit Ihr ſte Mr. Norries ſelber vor meinem Beſuche mittheilen könnt.“ „O das iſt nicht nöthig, Sir,“ meinte der Mann.„Ich 327 errathe ſchon, um wen ſich's handelt— vermuthlich jener Herr, welcher angeklagt iſt, den jungen Mann droben bei Brandon, der neulich begraben wurde, getödtet zu haben. Ich glaube kaum, daß Ihr deßhalb Euren Kopf ſo ſehr an⸗ zuſtrengen braucht, denn Jedermann weiß recht wohl, daß ers nicht that, und ſie werden keine Jury zuſammenbringen, die ihn verdammen möchte: was aber die Sache ſelbſt betrifft, ſo tadle ich Keinen, wenn er einem Freunde und noch dazu einem ſo ſchuldloſen Manne in einer ſolchen Noth zu helfen ſucht.— Ihr werdet aber einen weiten Marſch zu machen haben, Sir; doch liegt es ganz auf Eurem Heimweg.“ „Mir gilt es gleich, wie weit der Pfad ſeyn mag, und ob es auf meinem Wege liegt oder nicht,“ gab Edgar zur Antwort.„Mr. Norries will ich ſehen und zwar noch heute Nacht, wenn's möglich iſt. Ich bin augenblicklich bereit zu gehen, wenn Ihr wollt.“ „So iſt's recht,“ verſetzte Oldkirk.„Das gefällt mir, wenn Einer, um einem Freunde zu dienen, Alles zu thun bereit iſt. So kommt denn, wir wollen uns gleich daran machen; Ihr müßt aber vielleicht zehn Minuten warten, während ich um Erlaubniß frage. Bekomm' ich ſie— gut; wo nicht, dann wird vermuthlich der Tanz zwiſchen uns los⸗ gehen.“ „Das will ich mir unterwegs überlegen,“ gab Edgar Adelon zur Antwort;„auf alle Fälle haben wir Waffen⸗ ſtillſtand und ehrlich Spiel auf beiden Seiten, bis Ihr von Eurer Sendung zurückkommt, mein guter Freund.“ „Zugeſtanden,“ erwiederte Oldkirk. 328 Der junge Edelmann ſteckte ſeine Piſtole wieder in die Taſche, und folgte ihm ruhig aus dem Hauſe, ſchlang den Zügel ſeines Pferdes über den Arm, und ging mit vollkom⸗ menem Vertrauen neben dem Manne her. Dieſes Benehmen ſchien dem Alten nicht wenig zu ge⸗ fallen, denn er war jetzt weit offener und geſprächiger als anfangs, nahm ſich aber dennoch in ſeinen Mittheilungen noch ſehr in Acht, um kein Wort zu äußern, das ſeinen Be⸗ gleiter hätte ahnen laſſen, wo Norries verborgen lag. Der Weg war lang und der ſtrömende Regen goß auf die beiden Wanderer herab, während ſie länger als eine Stunde auf den ſchmalen Fußpfaden und zwiſchen den hohen Heckenreihen, welche die inneren Theile dieſer Gegend cha⸗ rakteriſiren, neben einander herzogen. Sie kamen an einem Dorfe, einem Weiler und etlichen zerſtreuten Häuſern vor⸗ über, und dgar, der ſich auf ſeinen Wanderungen mit je⸗ dem Pfade in der Umgegend von Brandon bekannt gemacht hatte, bemerkte alsbald, daß ihn jeder Schritt ſeiner Heimath näher brachte. Endlich noch etwa fünf Meilen von dem Parkthore ent⸗ fernt, blieb Martin Oldkirk neben einer kleinen Kirche ſtehen und bemerkte:. „Hier müßt Ihr auf mich warten, Meiſter, bis ich Erlaubniß erhalte, Euch mitzubringen. Ihr ſeyd aber ganz durchnäßt, und das iſt für einen zarten Jungen, wie Ihr, ein ſchlimmes Ding. Wenn Ihr wollt, kann ich Euch ein Glas Branntwein aus jenem Pächterhauſe holen, wo Ihr das Licht ſchimmern ſeht.“ 329 „Es wäre vielleicht beſſer, wenn ich dort einträͤte und Euch allda erwartete,“ meinte Edgar;„ich mache mir zwar nicht viel aus ſchlechtem Wetter, da ich mein Leben lang ge⸗ wöhnt war, ihm Trotz zu bieten; aber es iſt doch nicht an⸗ genehm, wenn Einem der Regen ſo derb ins Geſicht ſchlägt.“ „Das geht nicht, Sir,“ erwiederte der Mann;„wenn man uns Beide zuſammen ſähe, könnte man uns auf die Spur kommen.“* „Wohlan, ſo will ich mein Roß unter jenen Ciben⸗ baum ſtellen, und für meine eigene Perſon unter das Kir⸗ chenportal treten,“ verſetzte der junge Edelmann;„Brannt⸗ wein trinke ich nie und werde mich auch ohne ihn behelfen können.“. „O in einer Regennacht gibt's noch ſchlimmere Dinge, als das,“ meinte Oldkirk, den jungen Mann ſeinem eigenen Willen überlaſſend. Das erwähnte Kirchenportal war ein tiefer alter nor⸗ männiſcher Vorſprung an der vordern Fagade des Gebäudes; er ſtammte zum größeren Theil aus neuer Zeit, denn die ſpäteren Kirchenvorſteher hatten abwechslungsweiſe jeder ſein Beſtes gethan, um das früher nur kleine aber ſehr ſchöne Kirchlein durch Anbau und Verbeſſerung zu verderben. Je⸗ denfalls fand Edgar Adelon unter dem runden reich ver⸗ zierten Bogen ein zeitweiſes Obdach, während ein alter Eibenbaum, wahrſcheinlich von ſächſiſchen Händen gepflanzt, ſein Pferd vor der Wuth des Sturmes ſchützte. Die Zeit ſchien ſeinem ungeduldigen Geiſte ſehr lang⸗ ſam zu verſtreichen, und da das Portal dicht an die Straße 33⁰0 ſtieß, ſo horchte er— obwohl ziemlich vergebens— auf einen nahenden Schritt. Endlich hörte er einen aus der Ferne daher kommen, und nach zwei Minuten ſtand ſein Führer neben ihm. „Nun, was für Neuigkeiten?“ rief Edgar haſtig. „Heut' Nacht geht's nicht, Sir,“ erwiederte der Mann;„ich ſoll Euch ſagen, daß Ihr für jetzt nicht kom⸗ men dürft; wenn Ihr aber morgen Abend um neun dort ſeyn wollt, ſo ſollt Ihr ihn nicht nur ſehen, ſondern auch jede Auftkläͤrung, die er zu geben vermag, erhalten.“ „Das trifft ſich ſehr ungluͤcklich,“ gab Edgar zur Ant⸗ wort;„die Aſſiſen werden übermorgen eröffnet, jener Pro⸗ zeß wird aller Wahrſcheinlichkeit nach einer der erſten ſeyn, und wir haben dann keine Zeit mehr zur Vorbereitung. Ich werde natürlich überall eintreffen, wo Ihr mich hinbeſtellt — oder wollt Ihr vielleicht kommen und mich führen?“ „Ich will Euch dort erwarten,“ erwiederte der Andere; „Ihr müßt jedoch ſchwören, keiner Seele aus irgend einem Grunde ein Wort zu vertrauen, das zur Auffindung jenes Herrn führen könnte.“. „Recht gerne,“ verſetzte Edgar;„unter keinerlei Um⸗ ſtänden, weder durch Wort noch durch Blick oder Zeichen will ich den Ort ſeines Verſteckes verrathen— auf meine Ehre.“ „Das genügt,“ verſicherte Oldkirk.„Und nun laßt Euch ſagen, wo Ihr hinkommen müßt.— Ich denke, Ihr kennt die Gegend ziemlich genau?“ „O ja,“ gab der junge Edelmann zur Antwort;„auf 331 zwanzig Meilen in der Runde gibt es nur wenige Strecken, wo ich mich nicht zurecht zu finden wüßte.“ „Nun wohl— kennt Ihr das alte Arbeitshaus zu Lang⸗ ley?“ fragte der Bauer;„es ſteht gerade hinter dem Dorfe.“ „Ganz genau,“ verſicherte Edgar.„Soll ich mich dort einfinden?“ „Morgen um neun werdet Ihr mich in der Nähe der Thüre treffen,“ verſprach Oldkirk.„Und nun, Meiſter— wißt Ihr wohl Euren Heimweg zu finden?“ „So gut wie am hellen Tag,“ behauptete ſein Ge⸗ fährte.„Zuvor aber laßt Euch ſagen, Oldkirk, es thut mir leid, daß ich eine Drohung gegen Euch gebrauchte und Ihr müßt ſie mir vergeben; wenn man ſich aber ſo tief wie ich dafür intereſſirt, die Unſchuld eines Freundes zu beweiſen, ſo wird man oft Dinge ſagen, an die man zu andern Zeiten nicht gedacht hätte!“ „Ei was, ſprecht nicht weiter davon,“ verſetzte der An⸗ dere.„Mag ſeyn, daß Ihr mir ein andermal auch behülf⸗ lich ſeyd, und das wird unſere Rechnung ausgleichen— ſomit gute Nacht, Sir.“ Edgar ſagte ihm Lebewohl, ſetzte ſich auf ſein Roß und ſprengte gegen Brandon, ohne bis auf hundert Schritte vor dem Parkthor einem lebenden Weſen zu begegnen. Er fühlte ſein Herz erleichtert, und ſein tief herabgedruckter Muth ſtieg wieder hoch bei dem Gedanken, daß er einem Manne, für den er von Anfang an in ſeiner jugendlichen Begeiſterung die wärmſte Freundſchaft gefaßt hatte, nun dennoch dienen— ja ihn wohl gar erretten könne. 332 Der Wind hatte etwas nachgelaſſen, der Regen dauerte aber immer noch fort, als er ſich dem Park näherte, und die Nacht war ſo finſter, daß ſein Pferd dicht auf einen Fuß⸗ gänger ſtieß, ohne daß er ihn vorher gewahr geworden wäre. Der Wanderer ging langſam unter einem Regenſchirm, welcher Kopf und Schultern bedeckte; der Klang der Huftritte weckte ihn jedoch auf und er machte einen Seitenſprung, eben als Gdgar ſein Roß anhielt. „Sind Sie es, Edgar?“ rief Filmer, ſich umwendend, worauf der Jüngling alsbald zu Boden ſprang und ſich ent⸗ ſchuldigte, daß er ihn beinahe niedergeritten hätte. „Ich beeilte mich nämlich, Vater,“ erklärte er,„um Eda noch vor Bettgehen zu treffen und ihr eine Botſchaft zu überbringen, die mich ſehr freudig geſtimmt hat.“ „Laſſen Sie mich daran Theil nehmen,“ bat Pater Filmer,„denn wenn ich recht urtheile, ſo wird ſie auch mir erfreulich ſeyn.“ „O ganz gewiß,“ rief Edgar, im Frohſinne des Au⸗ genblicks die Vorſicht vergeſſend, welche Eda ihm angerathen hatte.„Morgen um dieſe Zeit hoffe ich im Stande zu ſeyn, Dudley's Unſchuld als unzweifelhaft darzuſtellen.“ „Das lautet in der That ſehr befriedigend,“ gab der Prieſter zur Antwort.„Sind Sie aber auch ganz ſicher, mein junger Freund? Die Jugend iſt gar gerne ſanguiniſch — ja nur zu ſanguiniſch, um nicht öfterer Taͤuſchung zu be⸗ gegnen.“ „Ich hoffe, das wird diesmal nicht der Fall ſeyn,“ gab Edgar Adelon zur Antwort,„denn morgen um neun treffe 333 ich Jemand, der mir, wenn er will, den nöthigen Aufſchluß geben kann.“ Mr. Filmer wußte recht wohl, daß er den jungen Edel⸗ mann, der nun an ſeiner Seite ging, weit weniger in ſeiner Gewalt hatte, als er ſich deſſen bei Daniel Connor, bei Sir Arthur Adelon, ja ſogar bei Mr. Clive rühmen durſte. Er wußte, daß der Verſuch, dem jungen Manne ſein Geheimniß unter dem Vorwande einer religiöſen Pflicht abzunöthigen, von Edgar alsbald als lächerliche Anmaßung behandelt werden würde, und daß er alſo bei ihm einen andern Weg als ſeit⸗ her bei den Uebrigen einſchlagen müſſe. Dieſelbe Maxime haben wir jedoch ſchon früher an ihm bemerkt, denn da wa⸗ ren nicht zwei unter den ſeitherigen Werkzeugen ſeines Ein⸗ fluſſes, gegen die er ganz dieſelben Beweggründe geltend gemacht hätte; nur die Hauptrichtung blieb dieſelbe, wurde aber in allen Einzelheiten bei jedem Individuum wieder be⸗ ſonders modiſicirt.— Hier war er jedoch genöthigt, gewiſ⸗ ſermaßen eine ganz neue Bahn einzuſchlagen. „Ich ſuche kein Vertrauen, mein Sohn,“ begann er, „als das mir freiwillig gewährt wird. Sie find zwar in neuerer Zeit etwas zurückhaltend geweſen; das hat jedoch nichts zu ſagen, wiewohl ich Ihnen mehr als Sie wiſſen hätte helfen können. Wenn ich Sie alſo frage, wer die Perſon iſt, welche Sie treffen und wo Sie dieſelbe treffen ſollen, ſo brauchen Sie mir nichts zu ſagen, was Sie zu ver⸗ hehlen wünſchen; Sie ſollen nur Ihre eigene Sicherheit im Auge behalten, denn Sie dürfen nicht vergeſſen, Edgar, daß wir in gefahrvollen Zeiten leben, und daß die Leute, mit de⸗ 334 nen Sie zu thun haben— hierin irre ich mich wohl nicht— raſcher und heftiger Natur ſind und vor nichts zurückſcheuen, was zu ihren Zwecken dienen könnte.“ „Es iſt nicht die geringſte Gefahr dabei,“ verſicherte Edgar Adelon.„Ich weiß recht gut, wer und was ſie ſind, und auch ſie wiſſen, daß ich ſie um keinen Preis verrathen würde. Was mich abhält, Ihnen zu ſagen, wen ich morgen Abend treffen werde, iſt nichts Anderes, als was mich ſeither verhindert hat, ſo offen, wie ich wohl wünſchte, mit Ihnen zu reden— nämlich daß die Angelegenheiten, mit denen ich zu thun habe, nicht meine eigenen find, und daß noch andere Perſonen von der Sache berührt werden. Aus dieſem Grunde konnte ich Ihnen Ehre halber nichts Näheres mit⸗ theilen, und bin in dieſem Falle insbeſondere durch das feier⸗ lichſte Verſprechen verbunden, auch keiner Seele etwas an⸗ zuvertrauen.“ „Ganz gut,“ erwiederte der Prieſter.„Ich bin nicht neugierig, und werde ganz zufrieden ſeyn, wenn Sie bewei⸗ ſen fönnen, daß unſer junger Freund völlig unſchuldig iſt. — Alſo um neun Uhr morgen? nun gut, möge es Ihnen glücken, denn ich meines Theils bin von Mr. Dudley's Un⸗ ſchuld vollkommen überzeugt und hoffe daher, daß ſie klar erwieſen werden möge. Deßhalb thäten Sie wohl beſſer, wieder zu Pferde zu ſteigen, um Ihre ſchöne Couſine ſobald wie möglich zu treffen, denn ich weiß, daß ſie ſich— ganz umſonſt, wie ich glaube— ängſtigt; aber der Vernünftigere muß immer nachgeben.“ Mit dieſen Worten ſchien er den Gegenſtand fallen zu 335⁵ laſſen; Edgar Adelon ging noch einige Schritte mit ihm, ſchwang ſich dann aber in den Sattel, und ritt nach Bran⸗ don⸗Park hinauf. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Um halb neun Uhr ſtand Edgar an der Thüre des alten Arbeitshauſes zu Langley. Das Gebäude war längſt außer Gebrauch gekommen, konnte aber gleichwohl noch nicht für verfallen gelten, wenn ſich's auch nicht in der allerbeſten Ordnung befand. Zur Zeit da ein hartes geiziges Geſetz an die Stelle einer an ſich trefflichen nur durch langen Miß⸗ brauch verdorbenen Verordnung trat, da die Armuth der That nach als Verbrechen erklärt und geſetzlich beſtraft wurde, da die Laſter der Vergangenheit und die Thorheiten reicher Behoͤrden an der gegenwärtigen Generation und an den Häuptern der Armen heimgeſucht wurden; zur Zeit da die⸗ jenigen, die Gott zuſammengefügt, durch Menſchenſatzung ge⸗ trennt wurden, und da ein Parlament, das dem Volke un⸗ mittelbar nicht verantwortlich iſt, für Leute, denen im Senat oder bei der Wahl jede Stimme verweigert wird, Geſetze und Verordnungen zu machen hatte; damals als man die Pflege der Kranken und Bedürftigen im Abſchlag verakkor⸗ dirte, etwa wie man Ochſen und Schaafe beim Zollamte aus⸗ löst, als die Mildthätigkeit eines Pedanten Rock umwarf und das Wohlwollen der Nation von eiſernen Theorien ge⸗ feſſelt war— hatte man auch die Armen zu Langley in das 336 Unionshaus transportirt und das alte Arbeitshaus war ver⸗ auktionirt worden. Die Perſon, die es kaufte— ein geſcheidter aber excen⸗ triſcher Philanthrop, der ſich einbildete, die eigenſinnige Na⸗ tur der Menſchen für ſeine eigenen utopiſchen Plane irdi⸗ ſcher Vortrefflichkeit gewinnen zu können— wollte eine Schule daſelbſt errichten. Wie ſich jedoch erwarten ließ, machte dieſe totales Fiasco, ſo daß er ſie nach zwei Jahren in der Verzweiflung aufgeben mußte. Kein Käͤufer fand ſich, der ihm das Gebäude abgenommen hätte, ſo daß er es der Obhut eines alten Chepaares anvertraute, und es wohl gänzlich vergeſſen hätte, wenn er nicht jährlich einige Pfund hätte bezahlen müſſen, um dem weiteren Verfall der Ruine Einhalt zu thun.. Rings um dieſelbe lief ein offener Raum, von einer Mauer eingefaßt; hinter letzterer ſtand Edgar Adelon die Ankunft ſeines Führers erwartend. Er zweifelte nicht, daß die Per⸗ ſon, die er ſuchte, in dem großen, weitläufigen, alten Gebaͤude zu finden ſey, und da er ſah, daß ſeine Ungeduld ihn viel zu früh hergeführt hatte, ſo wanderte er mehrmals um das Haus und ſchaute nach den Fenſtern empor, um zu ſehen, ob er nicht das von Norries bewohnte Zimmer entdecken könne. Alles war jedoch finſter; nur aus einem Zimmer zu ebe⸗ ner Erde, dicht neben der Thür ſah man ein einſames Licht hervorſchimmern, und als der junge Nann die Stufen hinauf⸗ ſtieg und hineinſchaute, gewahrte er die beiden alten Leutchen um ihr Feuer ſitzend. Jetzt ſing er an zu zweifeln, daß Norries ſich hier finden 337 dürfte; vielleicht war der Ort blos zum Stelldichein beſtimmt. Die Zeit, bis ſein Führer eintraf, däuchte ihn ſehr lange, und am Ende glaubte er gar, er werde nicht einmal kommen. Die jetzige Nacht— ſo ruhig, ſchön und klar— bildete einen ſtarken Gegenſatz gegen die vorige— und endlich hörte er aus ziemlicher Entfernung einen raſchen Schritt heran⸗ nahen. Edgar mochte den Ankömmling nicht am Hauſe erwarten, ſondern ging ihm entgegen, und konnte in wenigen Minuten Martin Oldkirk's Geſtalt unterſcheiden. „Ihr ſeyd zu früh daran, Sir,“ ſagte der Mann. „Auch ich komme vor der Zeit; doch folgt mir und wir wol⸗ len bald den Geſuchten finden.— Hier müßt Ihr eine Mi⸗ nute auf mich warten,“ fuhr er fort, als ſie die Thüre des Arbeitshauſes erreichten, und verſchwand hierauf hinter der Räckſeite des Gebäudes. Nach ſünf Minuten ungeduldigen Wartens glaubte Edgar einen Riegel zurückſchieben zu hören, und hoffte end⸗ lich zugelaſſen zu werden; allein das Geräuſch ſchwieg als⸗ bald, und einen Augenblick darauf vernahm er abermals ei⸗ nen Schritt. Eine Weile ſpäͤter rief ihm Oldkirk's Stimme und er traf den Bauer an der weſtlichen Ecke der alten Lotter⸗ falle. „Haltet eine Minute, Mr. Adelon,“ bemerkte der Mann; „ſeyd Ihr ganz gewiß, daß Ihr das Geheimniß vor Nie⸗ mand auskommen ließet.“ „Vor keiner menſchlichen Seele,“ gab Edgar zur Ant⸗ wort.„Ihr werdet mich doch einer ſolchen Niederträchtig⸗ keit nicht für fäͤhig halten?“ James. Der Ueberwieſene. 22 338 „Nein, Sir, eine Niederträchtigkeit traue ich Euch nicht zu,“ erwiederte Oldkirk;„aber die jungen Herren find zu⸗ weilen unklug.“ „In dieſem Falle war ich's jedenfalls nicht,“ verſicherte Edgar.„Ich habe keinem Menſchen ein Wort geſagt, das nur im Geringſten andeuten könnte, wohin mein Weg mich führen ſollte.“ „Es iſt doch auffallend,“ meinte der Andere nachdenk⸗ lich;„da oben an der Straßenecke ſtehen zwei Maͤnner und ein kleiner Bube und plaudern zuſammen, zu dieſer ſpaͤten Abendſtunde. Sie ſcheinen nichts zu thun, ich kann mir nicht denken, was ſie wohl vorhaben.“ „Gewiß nichts, was auf mich Bezug hätte,“ verſetzte Edgar, etwas ungeduldig werdend.„Mir ſcheint es nichts Ungewöhnliches, daß zwei Maͤnner dort zuſammen plau⸗ dern.“ „Ja, aber der Knabe kommt aus einem Orte in der Nähe von Brandon,“ meinte Oldkirk;„doch mag wohl Alles in Ordnung ſeyn und ſo wollen wir denn eintreten.“ Mit dieſen Worten trat er zu der Thüre, neben welcher Edgar gewartet hatte und öffnete dieſelbe. Das erſte Zim⸗ mer, in das ſie gelangten, war eine kleine ſteinerne Halle, wo die Armen früher ihre taͤgliche Portion Brod, Fleiſch, Suppe oder Mediein erhalten hatten. Hier blieb Edgar Adelon ſtehen, während Oldlirk die Thüre ſchloß und zu⸗ riegelte. „Wir muͤſſen unſern Weg im Finſtern ſuchen,“ ſagte der Letztere, ſobald er mit ſeinem Geſchaͤfte zu Ende war, 339 „Es geht nicht wohl an, ein Licht mitzunehmen. Haltet Euch alſo dicht hinter mir, Sir.“ Edgar folgte ſeinen Fußſtapfen und kam durch eine Thüre, die ſich mit einem gewichtigen Zuge ſchloß; dann ging's durch einen ſteinernen Gang, an deſſen Ende der Fuhrer be⸗ merkte:„hier iſt die Treppe.“ Sie hatten etwa zwanzig Stu⸗ fen zu ſteigen, bis ſie in das obere Stockwerk des Gebäudes gelangten. So weit der Jüngling beurtheilen konnte, ſchien es ein ſonderbarer verworrener Ort zu ſeyn, mit Zimmern zur Rechten und Linken und gepflaſterten Gängen dazwiſchen; Oldkirk fuhrte ihn über mehrere der letzteren, bis er endlich plötzlich ſtehen blieb. „Hier will ich Euch erwarten, Sir,“ bemerkte er.„Geht nur gradaus, Sir, bis Ihr durch das Schlüſſelloch einer Thüre ein Licht ſchimmern ſeht; öffnet die Thuͤre und tretet ein; haltet Euch aber nicht unnöthig auf.“ Edgar folgte ſeiner Weiſung ohne eine Erwiederung zu geben, und als der Gang einen Augenblick ſpäter zur Linken bog, ſah er das erwähnte Licht nicht allein durch das Schlüſſel⸗ loch, ſondern auch durch die Spalte der halboffenen Thüre ſchimmern. Er öffaete dieſe, wie man ihn angewieſen hatte, und trat einen Schritt vor— eine widrige peinliche Scene ſtand ihm vor Augen. Das Zimmer war ein viereckiges Stübchen, mit ſchmutzi⸗ gen Tapeten verhängt, und gleich dem übrigen Theil des Gebäudes mit Stein gepflaſtert. Der Regen der verfloſſenen Nacht war in einer Ecke durch das Dach gedrungen, und hatte Decke und Waͤnde üͤberſchwemmt; das einzige Fenſter 22* 340 des Gemaches war nicht allein mit einem großen beweglichen Bretterladen, ſondern auch durch eine mit zwei Gabeln zu⸗ ſammengeheftete Wollendecke verſchloſſen, ſo daß nicht der geringſte Lichtſtrahl durch die Spalten hinausdringen konnte. Eine heiße, beklemmende Stickluft herrſchte im Zimmer, ob⸗ wohl die Nacht draußen kalt und weder Feuer noch Herd in der Stube zu ſehen war. In einer Ecke ſtand ein höchſt ärmliches Bett ohne Vorhänge; daneben ſah man einen Stuhl und Tiſch, auf letzterem etliche halbgefüllte Arznei⸗ flaſchen, eine Theetaſſe und eine einzige Talgkerze mit langem, ungeputztem Docht, in einem hohen, ſchmutzigen, zinnernen Leuchter. Das Bettzeug ſchien aus einer Matraze oder Strohſack, der zum Theil zum Vorſchein kam, aus zwei bis drei groben Bettdecken und einem Leintuche nebſt einem ſchlecht⸗ gefüllten Polſter zu beſtehen, das zur Unterſtützung des Kopfes umgebogen war. Unmittelbar nach Edgars Eintritte ſah man einen Mann langſam und ſchmerzlich im Bette ſich aufrichten und auf den rechten Arm ſich ſtützen, während ein paar hohle Augen den Ankömmling ernſthaft anſtarrten. Sein Kopf war mit einer Binde umgeben, die von dem wilden grauen Haare loſe umflattert wurde; unter ihr kam ein äußerſt verſtändi⸗ ges, aber wie es ſchien, von Krankheit und Leiden abgezehr⸗ tes hageres Geſicht zum Vorſchein. Die Farbe kräftiger Geſundheit war völlig dahin; der blaſſe, gelbe, wäͤchſerne Teint wurde durch ein ſchwarzes, uüber die eine Wange lau⸗ fendes Pflaſter, ſo wie durch den röthlichgrauen wohl acht bis neun Tage alten Bart noch greller hervorgehoben. 341 Niemand, der Norries in ſeinen geſunden Tagen geſe⸗ hen, würde ihn in jenen Augenblicken erkannt haben, und Edgar, der ihn nur einmal als Knabe beſucht hatte, glaubte anfangs, hier müſſe ein Irrthum obwalten. Die Ideenver⸗ bindung— wie man's nennt— iſt vielleicht eine der außer⸗ ordentlichſten Erſcheinungen der menſchlichen Seelenlehre, nicht blos durch die Schnelligkeit, mit der ſie die Erinnerung aus Jahre langem Schlummer weckt und zu der Vergangen⸗ heit zurück führt, ſondern auch durch die auffallende Man⸗ nigfaltigkeit der Mittel, wodurch ſie erregt wird. Bei dem Einen iſt's ein Anblick, bei dem Andern ein Ton, hier ein Geruch, dort ein Geſchmack, was uns plötzlich Scenen und Umſtände oder Perſonen vor die Seele ruft, welche im Laufe der Jahre unter dem Gerümpel vergangener Dinge längſt begraben lagen. Bei Edgar Adelon war faſt immer das Gehör das anregende Werkzeug, und ſo wie Mr. Norries den Mund aufthat, erinnerte er ſich ſeiner Stimme und des Orts, wo er ihn zuletzt geſehen hatte, ja Alles was damals vorgegangen, drängte ſich wie in einem Traum vor ſein Gedächtniß. „Sind Sie Mr. Adelon?“ fragte der Verwundete. „Ja,“ gab Edgar zur Antwort. „Wie! doch nicht der Knabe, der vor ſechs bis ſteben Jahren mit Sir Arthur Adelon meinen Collegen Mr. Sher⸗ borne beſuchte?“ rief Norries.„Wie Sie ſich verändert haben!“ „Wohl ſehr, ich glaub's,“ verſetzte Edgar;„aber auch 342 Sie haben ſich gewaltig geändert, Mr. Norries, und ich ſehe mit Bedauern, daß Krankheit daran Schuld iſt.“ „Ja!“ gab der Andere düſter zur Antwort;„ſie haben den ſtarken Mann zur Schwäche des Kindes, ſie haben den Kuhnen dahin gebracht, daß er ſich in einer ſolchen Höhle verkriecht. Wären Andere eben ſo entſchloſſen und energiſch geweſen, ſo wäre die Sache anders ausgefallen. Ich be⸗ klage es nicht wegen meiner ſelbſt; ich beklage nur, daß aber⸗ mals eine Gelegenheit für mein Vaterland verloren gegangen — eine Gelegenheit, wie ſie vielleicht nie wiederkehrt. Ich beklage, daß meine Landsleute in ihrer Furcht und Schwäche den goldenen Moment entſchlüpfen ließen, nachdem ſie vor⸗ her geprahlt hatten, daß ſtie ihn ergreifen und alle Unfäͤlle riskiren wollten, um ihn für das gemeine Beſte nutzbar zu machen. Sie flohen, Sir, gleich einer Heerde Schafe, vor einer Hand voll Rothröcke, und ich muß faſt jeder Hoffnung auf ſie entſagen. Zwar wurde mein Pferd unter mir er⸗ ſchoſſen, und ich ſtürzte faſt als einer der Erſten mit einer ſchweren Wunde in der Seite; aber wären ſie damals drauf losgegangen, und hätten ſie mir auch die Seele aus dem Leib getreten— ſie hätten doch den Tag gewonnen und ich hätte ſie geſegnet!— Nichtsdeſtoweniger kann die Zeit noch kom⸗ men, und für ſie will ich leben. Nur ein einziger Erfolg, um ihnen Vertrauen zu ſich ſelbſt einzuflößen, um ſie anein⸗ ander zu ketten und ihnen zu zeigen, daß ſie fechten und ſiegen können, wenn ſte wollen— nur dies Eine, und Alles iſt gewonnen. Die Neuheit der Sache iſt's, die ſte abſchreckt — und dieſe Franzoſen, die gleich beim erſten Schuſſe da⸗ 343 vonliefen, was verdienen ſie?— Doch ich vergeſſe; wir kommen von unſerem Gegenſtande ab.“ „Sie ſcheinen in der That ſchwer verwundet,“ erwie⸗ derte Edgar, als der Kranke, von der Heftigkeit ſeines eigenen Ausbruches erſchöpft, auf das Kiſſen zurückſank;„aber ſagen Sie mir, Mr. Norries, haben Sie hier auch gehörige Pflege? Solche Wunden, wie die Ihrigen, erfordern einen geſchick⸗ ten Arzt.“ „Sie waren freilich ſcharf und zahlreich,“ gab Norries zur Antwort.„Ich hatte mich eben aufgerafft und wollte einige feſte Herzen um mich verſammeln, als die Reiterei unter uns einbrach. Einer hieb nach mir und ſtreifte mir die Wange, ein Anderer ſchlug mich mit einem Hieb über den Kopf zu Boden. Sie hielten mich für todt und zogen weiter, und todt wär' ich auch bald geweſen, wenn nicht Oldkirk, der brave Burſche, mich von dem Orte wegge⸗ ſchleppt, uns Beide in einer trockenen Grube verborgen, und dort meine Wunden verbunden und das Blut geſtillt bätte. Schon Mancher wurde wegen einer geringeren Handlung in den Adelſtand erhoben, und er wird hier oder dort ſeinen Lohn finden. Auch die Leute hier find ſehr freundlich gegen mich. Mit den wenigen juridiſchen Brocken, die ich lernte, rettete ich früher ihr kleines Beſitzthum, wofür ſie ſich höchſt dankbar zeigen.—'s iſt doch merkwürdig, wie's in dieſer Welt zugeht! Ich habe einen Arzt aus einer entfernten Stadt und trinke ſeine Arzneien, laſſe ihn meine Wunden ſondiren und mich foltern, ſo viel er will— nicht weil ich den geringſten Glauben an ihn hätte, ſondern weil die guten 344 Leute es wünſchen, da ſie dann glauben, daß etwas zu meiner Erleichterung geſchehe.— Ich bedarf keines Arztes, Mr. Adelon; meine Natur, meine ſtarke Conſtitution hilft ſich ſelbſt. Aerzte und Advokaten— ˙s iſt doch nur ein und daſſelbe Gelichter; die einen foltern und zerſtören den Kör⸗ per, die andern die Seele— beides ein ſchuftiges Hand⸗ werk! Doch laßt uns an andere Sachen denken.— Sie haben mich geſucht— warum?“. „Ich dachte, Oldkirk hätt' es Ihnen geſagt,“ erwiederte Edgar;„ich habe ihm geſtern Nacht alles Nothige erzählt.“ „Er berichtete mir Einiges, aber nicht das Ganze,“ gab Norries zur Antwort.„Ueberdies bin ich vergeßlich geworden. Während ich hier auf dem düſteren Kranken⸗ lager liege, ſchweifen meine Gedanken allenthalben, gleich der Taube der Sündflut, welche keinen Ort zum Ausruhen findet.— Laſſen Sie mich die Sache aus Ihrem eigenen Munde vernehmen.“. „Sie iſt ſehr einfach,“ verſetzte Edgar Adelon.„Ein Freund, für den ich mich wärmer als für irgend einen Mann intereſſtre, iſt angeklagt, den jungen Lord Hadley in der⸗ ſelben Nacht, da der Angriff gegen Barhampton ſtatthatte, getödtet zu haben. Er verließ Brandon gegen acht Uhr Abends; der Lord folgte ihm und man ſah Beide in hefti⸗ gem Diſpute an dem Parkhäuschen vorüber in's Freie wan⸗ dern. Lord Hadley wurde todt nach Hauſe gebracht, nach⸗ dem er von Jemand— der Coroners⸗Juny beliebte es (allerdings nicht ganz ohne Grund) meinen Freund hiefür zu nehmen— über die Klippe hinabgeſtürzt worden war.“ 345 Edgar fuhr nun fort, die ganze ſeitherige Beweislaſt zu detailliren, indem er alle Umſtände ſorgfältig hervorhob, um Norries zu zeigen, in welch' gefährlicher Lage ſich Dudley befand.„Mein Freund,“ fuhr er fort,„erklärt, daß er in jener Nacht bis vor die Thore von Barhampton gegangen ſey, daß Lord Hadley ſich an der Stelle, wo der Fußpfad vom Meierhofe die Heerſtraße durchſchneidet, ſich von ihm getrennt und er nichts mehr von ihm geſehen habe. Beim Angerhofe ſtieß er, wie es ſcheint, auf mehrere Männer; wir haben jedoch Urſache zu glauben, daß längs der Stra⸗ ßenlinie noch Andere zerſtreut ſtanden, und daß einige von ihnen ſeine Trennung von Lord Hadley geſehen haben müſ⸗ ſen, und Zeugniß in der Sache ablegen könnten. Wenn Sie nun, wie wir glauben, jene Männer kennen, wenn Sie uns Nachweiſung zu geben vermögen, ſo daß deren Zeug⸗ niß ſich erlangen läßt, ſo beſchwöre ich Sie, Mr. Norries, dies zu thun, denn die Advokaten aus London verſichern uns, daß dies die einzige Hoffnung ſey, einen günſtigen Spruch für meinen Freund, Mr. Dudley, auszuwirken.“ „Dudley der Freund eines Adelon!“ erwiederte Nor⸗ ries in leiſem, verwundertem Tone;„das iſt eine auffallende Erſcheinung! Ein Adelon ſucht einen Dudley zu retten— das iſt noch auffallender. Doch freilich, Ihre Mutter war von ſanfterem Blute. Weiß Ihr Vater um das, was Sie thun?“ „Mein Vater weilt in London, von wichtigen Geſchäf⸗ ten zurückgehalten,“ gab Edgar zur Antwort;“ ich verſtehe jedoch, auf was Sie anſpielen, Mr. Norries. In früheren 4 346 Jahren beſtand allerdings ein Streit zwiſchen meinem und Dudley's Vater; das iſt übrigens kein Grund zur Feindſchaft zwiſchen ihren Kindern.“ „Ein Streit!“ rief Norries, ſich abermals in ſeinem Bette aufrichtend.„Wiſſen Sie, Mr. Adelon, daß Ihr Vater den ſeinigen ruinirte? Wiſſen Sie— doch nein, Sie wiſſens nicht; ich will's Ihnen aber ſagen. Dudley's Mut⸗ ter war Ihres Vaters erſte Liebe. Beide hatten ſchon in der Schule und auf der Univerſität um Ehren gewetteifert, jetzt wurden ſie Nebenbuhler um ihre Hand. Sir Adelon war von der Mutter begünſtigt, Charles Dudley aber wurde von der Tochter geliebt. So war er auch hier, wie früher überall, ſtegreich, und Ihr Vater, Sir, iſt nicht der Mann, der ſo etwas vergäße. Er ruinirte ihn, wie geſagt.“ „Das iſt falſch!“ rief Edgar,„das kann nicht wahr ſeyn!“ „Nicht wahr!“ rief Norries;„Sie wagen mir zu ſagen, es ſey nicht wahr?— Doch was hilfts?— Hülflos, wie ich hier liege, kann mich jedes Kind nach Belieben inſultiren. Ich ſage Ihnen, es iſt wahr, und ich habe die Beweis⸗ papiere in Händen. Die Rache ließ lange auf ſich warten; endlich aber kam ſie doch. Er benützte die augenblickliche Noth ſeines Feindes, die er durch ſeine eigenen Handlungen ver⸗ anlaßt hatte, und erbot ſich in freundlichen Worten, ihm gegen Verpfändung Geld zu leihen, in der einzigen Abſicht, Dudley's Erbdokumente in ſeines Advokaten Häͤnde zu bringen, denn dieſer liſtige Anwalt hatte ihn belehrt, daß es kein Dokument gebe, wo ſich nicht ein Formfehler auffinden laſſe. 347 Alles geſchah auf ſeinen Rath— Alles nur zu dem einen Zweck. Jener Fehler ward entdeckt, das Dokument annul⸗ lirt, das Geheimniß den nächſten Erben mitgetheilt, und Mr. Dudley war ruinirt. Ich kann ſämmtliche Intriguen von Anfang bis zu Ende Schritt für Schritt beweiſen, denn jener Advokat war mein Partner, und die Papiere befinden ſich jetzt in meinem Beſitze.“ „Und Sie gebrauchten ſie, Mr. Norries,“ erwiederte Edgar mit einer Miſchung von Zorn und Kummer in ſeinem Tone,„um meinen Vater zu Maßregeln zu zwingen, die ihm den Untergang bereiten können. Reden Sie nicht von ungroßmüthigem Benehmen, denn das war gewiß nicht edelmüthig.“ „Ich gebrauchte ſie, Sir,“ entgegnete Norries ſtreng, „um ihn an Grundſätze zu ketten, zu denen er ſich lange zu⸗ vor bekannt hatte, um die Befreiung meines Vaterlandes zu fördern, und des Volkes Recht zu begünſtigen.— Daß ich es that, habe ich ſeither vielleicht bedauert, denn ich bin ſchwach, wie andere Menſchen, und nachdem das Reſultat unglücklich ausgefallen, wünſche ich zuweilen ſelbſt, daß ich jene Mittel— ſo ſehr der Zweck ſie auch rechtfertigte— nicht angewendet hätte. Ich mußte jene Briefe eigentlich Mr. Dudley überliefern und will es auch thun— falls wir Beide am Leben bleiben. Und nun, Sir, da Sie alles Noͤthige wiſſen, will ich helfen, den jungen Mann zu retten, wenn Sie's wünſchen.“ Edgar blieb eine Weile ſtumm, die Augen ſtarr auf 348 die Wand gerichtet und Norries wiederholte endlich ſeine Frage: „Was ſagen Sie?— wollen Sie ihn retten?“ „Gewiß!“ erwiederte Edgar Adelon zuſammenfahrend; „können Sie daran zweifeln? Welches auch die Folgen ſeyn mögen— können Sie glauben, daß ich zögern würde, mei⸗ nen Freund zu befreien, oder daß ich einen Unſchuldigen für ein Verbrechen, woran er keinen Theil hatte, büßen ſehen möchte?“ „Dann ſind Sie eines der ächten, edlen Herzen, der wenigen, ach ſo wenigen reinen Seelen,“ verſicherte Nor⸗ ries in warmem Eifer.„Reichen Sie mir die Hand, Mr. Adelon, und vergeben Sie mir, daß ich Sie durch ſo ſchlimme Wahrheiten betrübt habe.“ Edgar gab ihm die Hand, drehte aber den Kopf ſeufzend bei Seite, und Norries fuhr fort: „Daß jedes meiner Worte wahr iſt, dafür ſollen Sie die Beweiſe haben. Wenn ich am Leben bleibe, will ich Ihnen jene Briefe zeigen.“ „Nein!“ fiel Edgar heftig ein;„ich will nichts davon wiſſen. Was er auch gethan haben mag, Sir, er iſt mein Vater, hat für mich keine Fehler, und ebenſowenig möchte ich in ſeinem Benehmen gegen Andere ſolche gewahren. Wollen Sie mir behülflich ſeyn, Dudley's Unſchuld zu be⸗ weiſen, ſo werde ich Ihnen aus tiefſtem Herzen danken, Mr. Norries; von meinem Vater oder meines Vaters Handlun⸗ gen dürfen Sie aber nicht mehr reden.“ „So ſey's,“ gab Norries zur Antwort;„wenden wir 349 uns alſo zu Mr. Dudley's Angelegenheiten. Für's erſte ſeyen Sie überzeugt, daß er Lord Hadley nicht tödtete; viel⸗ leicht weiß ich— oder kann wenigſtens ahnen— wer es that. Davon aber kann ich nichts beweiſen. Zweitens war, ſo weit ich mich erinnere, nur ein Mann in der Näͤhe des Punktes, wo die beiden Straßen ſich kreuzen; doch konnens auch zwei geweſen ſeyn, denn meine Erinnerung aus jener Nacht iſt etwas undeutlich. Einer davon war jedenfalls der Grobſchmied Edward Lane; der andere ein Mann Namens Herries, nahe bei Barhampton wohnend, deſſen Aufenthalts⸗ ort mir jedoch unbekannt iſt. Suchen Sie zuerſt Lane aus⸗ ſindig zu machen, und ſagen Sie ihm, ich ſchicke Sie mit der Bitte, daß er freiwillig ſein Zeugniß ablege; er muß freilich eine Entſchuldigung dafur vorbringen, daß er ſich zu jener Stunde der Nacht dort aufhielt. Er iſt keck und ent⸗ ſchloſſen, nur etwas eigenfinnig, und Sie werden Mühe mit ihm haben; doch wird mein Name ihn hoffentlich befriedigen. Der Andere wird Ihnen ſogleich ſagen, ob er dort war oder nicht, wenn Sie ihm nur melden, daß ich es wünſche. Ver⸗ ſichern Sie Mr. Dudley von meiner Seite, daß ich den Vorfall ſehr bedauere, und ihm nicht weiter dienen könne.— Sie ſagen, er ſey bis vor die Thore von Barhampton gekommen — ich weiß nicht, was ihn dorthin führen konnte, und hab ihn jedenfalls nicht geſehen; doch das iſt kein Wunder, denn ich hatte damals viel zu thun.“ „Er ging in gütiger Abſicht, Mr. Norries,“ verſetzte Edgar,„und war gewiß dort, denn er ſagte es, und Dudley's Wort iſt nicht zu bezweifeln. Ich will Sie jedoch nicht länger 3⁵0 aufhalten, da Sie erſchöpft ſcheinen, und unſere Unterredung vielleicht ſchon allzu lange gedauert hat. Ich danke Ihnen ſehr für die Auskunft, die Sie mir ertheilt haben, und bin gewiß, daß auch Dudley dankbar ſeyn wird.“ Mit dieſen Worten ſchüttelte der junge Edelmann dem Kranken die Hand und verließ ihn. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Am Ende des Ganges fand Edgar den alten Oldkirk ſeiner harrend; ſte gingen ſchweigend weiter, und verließen das alte Arbeitshaus, doch nicht durch den vorderen Ein⸗ gang, ſondern durch eine kleine Hinterthüre, deren Schluſſel der Bauer zu ſeinem eigenen Gebrauche zu beſitzen ſchien, da er ihn abzog und in die Taſche ſteckte.— „Ich muß Lane, den Grobſchmied, heute Nacht noch auffinden,“ bemerkte Edgar, ſobald ſie das Gebäude verlaſſen hatten, an ſeinen Gefährten ſich wendend.„Mein kürzeſter Weg führt, glaub ich, durch Langley?“ „Nein, Sir, ich will Euch einen näheren zeigen; ich gehe am beſten lieber auch mit Euch, denn wenn ichs nicht thue, ſo werdet Ihr bei Edward Lane nicht viel ausrichten. Wir müſſen den erſten Seitenpfad über die Felder einſchla⸗ gen, ein paar hundert Schritte weiter oben ſteht ein Weg⸗ weiſer.“ Ohne weitere Erwiederung verfolgte Edgar ſeine 351 Straße, und ſie hatten den erwähnten Wegweiſer beinahe erreicht, als vier bis fünf Männer und ein kleiner Junge hinter der Hecke auf ſie losſprangen. Zwei von ihnen packten Edgar beim Kragen; er ſuchte ſie zwar von ſich abzuſchüt⸗ teln, hätte aber wahrſcheinlich keinen heftigen Widerſtand geleiſtet, wenn nicht Oldkirk wie wüthend rechts und links um ſich gehauen, einen der Angreifer niedergeſchlagen und einen andern ſchwer verletzt hätte. Die Männer ſetzten ſich zur Wehre, und es entſtand ein allgemeines Handgemenge, wobei Edgar ohne zu wiſſen woher einen tüchtigen Stockhieb über den Kopf bekam. Das Feuer fuhr ihm aus den Augen, ſein Gehirn ſchien ſich im Ringe zu drehen, alles ſchwand ihm vor den Blicken und er ſiel bewußtlos zu Boden. Als er wieder zu Beſinnung kam, konnte er mehrere Minuten lang nicht begreifen, wo er war, denn alle Gegen⸗ ſtände um ihn her ſchienen ihm neu und auffallend. Er lag auf einem Bett in einem großen niederen Zimmer; neben ihm ſtanden eine Frau und zwei Mäͤnner, welche kalte Um⸗ ſchläge um ſeinen Kopf legten. Sein Gehirn ſchien noch wirr und ſchwindlig, und ein heftiges Kopfweh über die Augen zeigte, daß man ihm ſehr unſanft mitgeſpielt hatte. Die Erinnerung an das Vorgefallene kehrte jedoch faſt augenblicklich wieder; er wendete ſich an einen von den Männern und fragte, wo er ſey und warum man ihn ſo an⸗ gegriffen habe. „Ihr ſeyd für jetzt bei Pächter Grange, Meiſter,“ ver⸗ ſetzte der Mann;„es hätte Euch Niemand was zu Leid ge⸗ than, wenn Ihr CEuch nicht widerſetzt hättet. Wir zogen 3⁵² aus, um einen Haufen von den Chartiſten einzufangen, die der Theilnahme an jener Geſchichte zu Barhampton ange⸗ klagt ſind; wenn Ihr Euch mit ſolchen Menſchen einlaßt, ſo müßt Ihr auch die Folgen auf Euch nehmen.“ „Habt Ihr einen Verhaftsbeſehl?“ fragte Edgar ſich im Bette aufrichtend. „Wir haben Beſehle gegen fünf bis ſechs von ihnen— Martin Oldkirk, Neddy Lane, Eaton und Andere,“ ver⸗ ſicherte der Mann. „Habt Ihr einen Verhaftsbefehl gegen mich?“ forſchte Edgar;„ich brauche das gar nicht zu fragen, denn ich weiß recht wohl, daß Ihr keinen habt.“ „Das kann ich nicht ſagen,“ lautete die Antwort,„denn ich weiß noch gar nicht, wer Ihr ſeyd; aber Ihr habt Cuch auf alle Fälle mit einem von ihnen abgegeben.“ „Ihr wißt recht wohl, daß ich Sir Arthur Adelon's Sohn bin, und ich verlange, daß Ihr mir Euern Verhafts⸗ beſehl gegen mich vorweist,“ befahl der junge Edelmann. „Habt Ihr einen ſolchen, ſo werd' ich mich natürlich dem Geſetze unterwerfen; wo nicht, ſo beſtehe ich darauf, daß Ihr mich augenblicklich nach Haus gehen laßt.“ „Das werd' ich wohl bleiben laſſen,“ verſicherte der Mann.„Ich weiß nicht, wer noch was Ihr ſeyd, und werde jedenfalls warten, bis der Konſtable vom Hundert zurück⸗ kommt. Er iſt nach Barhampton, um einen Chirurgen für Euch zu holen, denn man hätt' Euch beinahe gegen unſern Willen den Kopf eingeſchlagen. Er wird wohl nicht mehr 353³ lange ausbleiben, und bis er zurückkommt, nuͦßt Ihr Guch ruhig verhalten.“ Widerſtand war vergeblich, wie Edgar recht wohl wußte, und er mußte ſich unterwerfen, ſo ungern er es auch that. Bald wurde er jedoch von einer ſtärkeren Macht überwältigt, denn heftiges Kopfweh trat bei ihm ein, eine Anwandlung fieberiſcher Mattigkeit breitete ſich über ſeine Glieder, und als die kleine Uhr, die neben ihm an der Wand pickte, zwei ſchlug, fuͤhlte er, daß er faſt unfähig war, ſich von der Stelle zu rühren. Etwa eine halbe Stunde ſpäter kam der Hauptkonſtable mit Sir Arthur Adelon's Familienchirurgen von Barhamp⸗ ton zurück, welch Letzterer alsbald, nachdem er Kopf und Puls ſeines Patienten unterſucht und ihn gefragt hatte, wie ihm überhaupt zu Muthe ſey, ſeine Lancette hervorzog und ſich anſchickte, bei dem Kranken nach der altmodiſchen Praxis einen reichlichen Aderlaß vorzunehmen. Wie nun auch dieſer Gebrauch beſchaffen ſeyn mag, ob gut oder ſchlimm— Edgar Adelon fühlte ſich ſehr dadurch erleichtert, nur merkte er, daß ihn zu gleicher Zeit eine ge⸗ wiſſe Schläͤfrigkeit überſiel. Auf ſeine Frage, ob er nicht nach Brandon geſchafft werden könne, erwiederte der Arzt kopfſchüttelnd ſein„Unmöglich“, und Edgar fuhr dann fort, ſich üͤber die Behandlung des Konſtables und ſeiner Begleiter zu beklagen; allein mitten in ſeiner Rede wurde ſowohl ſein Zorn über das ſelbſt Erduldete, ſo wie die Aengftlichkeit für ſeinen Freund von der überhandnehmenden Müdigkeit über⸗ James. Der Ueberwieſene. 23 354 wältigt, die ſchweren Augenlieder ſchloßen ſich allmälig, und er verſank in tiefen Schlummer. Als er am andern Morgen erwachte, war es heller Tag und Mr. Filmer ſaß an ſeinem Bett. Sein Kopf ſchmerzte ihn noch immer, doch fühlte er ſich beſſer als geſtern Nacht, und er gab nun eine lange Erklärung über die Vorfälle, die ihn in ſeinen jetzigen Zuſtand verſetzt hatten. Da offenbar kein Verhaftsbefehl wider ihn beſtand, und die Leute, die ihn gefangen genommen, ſich nicht ohne Beſorgniß über die Folge ihrer Handlung von dem Pächterhauſe entfernt hatten, ſo erklärte Edgar ſeinen Entſchluß, augenblicklich aufzuſtehen und das Ziel, das er bei ſeiner Gefangennehmung im Auge gehabt, weiter zu verfolgen. Er erläuterte dem Prieſter in allgemeinen Ausdrücken die Art ſeines Geſchäfts, und die Gründe des Letzeren, als da waren der Zuſtand ſeiner Ge⸗ ſundheit und die Gefährlichkeit des Schrittes, den er vor hatte, würden keinen Eindruck auf ihn gemacht haben, wenn Filmer nicht die Verſicherung beigefügt hätte, daß Mr. Dudley's Prozeß in den nächſten Tagen noch nicht vor⸗ kommen werde; wie er nämlich erſt heute Morgen erfahren, ſtehe er ganz unten auf der Liſte, und ſämmtliche Chartiſten, welche zu Barhampton gefangen worden, ſollten zuerſt vor⸗ genommen werden. „Ueberdies läßt ſich der Zweck, den Sie vorhaben, viel⸗ leicht mit einfacheren Mitteln erreichen, Edgar,“ bemerkte er.„Wenn Sie mir den Namen des Mannes, den Sie ſuchen, ſagen wollen, ſo werde ich ſelbſt zu ihm gehen, und 35⁵ auf eine oder die andere Weiſe Mittel finden, ihn zu Ihnen hierher zu bringen.“ Der Gedanke ſchien Edgar gut, denn er fühlte ſich auch in Wahrheit ſeiner Aufgabe kaum gewachſen, und nach weni⸗ gen erklärenden Worten machte ſich Filmer an ſeinen Auf⸗ trag. Als er aufbrach, ſah Edgar auf die Uhr, und bemerkte zu ſeiner Ueberraſchung, daß es nahezu Mittag war; der Prieſter kehrte jedoch erſt zurück, als der Himmel ſich ſchon zu verdüſtern begann, und brachte die unerfreuliche Nach⸗ richt, daß Edward Lane nirgends zu finden ſey. „Wahrſcheinlich hat er vernommen, daß ein Verhafts⸗ befehl wider ihn ergangen iſt,“ meinte Mr. Filmer,„und hält ſich verſteckt, bis dieſe Aſſiſen vorüber ſind, denn er wird wohl wiſſen, was uns Allen bekannt iſt, daß es eine der ſchlimmen Einrichtungen dieſes Landes ausmacht, politiſche Vergehen, gegen welche Regierung ſie auch begangen werden mögen, nur allzuleicht durchſchlüpfen zu laſſen, wenn der Verbrecher nur dem erſten Anlaufe der Juſtiz ausweicht, während auf die zu Anfang Verhafteten das Geſetz nicht nur nach ſeiner ganzen Strenge, ſondern ſogar mit Leiden⸗ ſchaft angewendet wird.“ „Ich muß ihn auf alle Fäͤlle finden, und zwar ſchnell,“ verſicherte Edgar. „Morgen Früh werde ich erfahren, wo er iſt,“ bemerkte Filmer mit bedeutungsvollem Lächeln.„Ich habe mehrere pfiffige und zuverläßige Glieder meiner eigenen Heerde ange⸗ wieſen, über ihn, den ſie kennen, Nachricht einziehen, und ſie mir ſogleich mitzutheilen. Dieſe will ich ihnen ſogleich 23* 356 zu wiſſen thun, mein lieber Sohn, und nun beruhigen Sie ſich, denn ſobald ich die Kunde erhalte, ſoll keine Stunde vergehen, bevor ſie in Ihren Händen iſt.“ Abermals ließ ſich Edgar Adelon durch Verſlcherungen hinhalten, welche gewiß keinen Einfluß auf ihn gehabt hätten, wenn er nicht durch Krankheit geſchwächt geweſen wäre. Als er am nächſten Morgen erwachte, war ſein Kopf⸗ weh verſchwunden, ſein Geiſt war wieder friſch und klar, nur fühlte er ſich ſehr ſchwach und blieb geduldig im Bette, bis ihm die gute Pächtersfrau das Fruhſtück brachte und die Stunde für den Beſuch des Arztes beinahe geſchlagen hatte. Er wunderte ſich, daß Mr. Filmer noch nicht bei ihm ge⸗ weſen, daß Eda nichts von ſich ſehen noch hören ließ, und die Zweifel, welche dieſe gegen des Prieſters Aufrichtigkeit erhoben, fingen wieder an höchſt bedrohend in ſeiner Seele aufzuſteigen. Er wurde unruhig und ungeduldig, und als der Arzt endlich dreiviertel Stunden nach ſeiner gewohnten Zeit anlangte, ſchüttelte er den Kopf und meinte: „Sie ſind heute nicht ſo ganz gut, Mr. Adelon, und müſſen ſich vollkommen ruhig verhalten.“ „Ach, das Stillliegen iſt ſo läſtig, während ich viele wichtige Geſchäfte vor mir habe,“ verſetzte Edgar.„Ich würde gewiß ganz geſund, wenn ich auf wäͤre.“ „Sie dürfen heute um keinen Preis aufſtehen,“ erklärte der Arzt,„und ich bin ſehr froh, daß Sie's nicht gethan haben, was ich halb und halb fürchtete, da ich etwas ſpäͤter wie ſonſt daran bin. Ich kenne Ihre Ungeduld von früher, mein junger Freund,“ ſetzte er ſcherzend bei, ——— 3⁵7 „Ich glaubte ſchon, Sie würden gar nicht mehr kom⸗ men,“ verſicherte Edgar. „Die Sache iſt die,“ erzählte der Arzt, welcher ſchon fürchtete, den Sohn eines wohlhabenden Kunden beleidigt zu haben, und ſich deßhalb zur Erklärung beeilte—„ich wollte den Prozeß einiger dieſer Chartiſten mit anhören, und ritt deßhalb heute früh nach— hinüber. Ich wurde dort über Erwarten lange von einer armen Frau aufgehalten, welche ſehr an—“ „Nun was wurde aus ihnen,“ ſiel Edgar haſtig ein, da er wohl wußte, daß wenn der Ehrenmann auf einen inter⸗ eſſanten Fall ſeiner Kunſt gerieth, kein Ende mehr abzu⸗ ſehen war.„Die Chartiſten meine ich.— War ſchon einer von den Prozeſſen vorüber?“ „O nein!“ gab der Arzt zur Antwort.„Sie ſind bis zu den nächſten Aſſiſen verſchoben. Der Fall Ihres Be⸗ kannten Mr. Dudley war eben an der Tagesordnung. Ich waͤre geblieben, um ihn anzuhören, wenn ich Zeit gehabt hätte; da ich aber verſprach, um eilf Uhr hier zu ſeyn, ſo machte ich mich eilends davon, ſonſt hätte ich Ihnen ſchon jetzt die Nachricht mitgebracht.“ Dies Alles ſagte er mit dem gleichgültigſten Tone von der Welt, und Edgar haßte ihn in jenem Augenblicke tödtlich, ſprach aber kein weiteres Wort, und hielt, ſo lange der Arzt noch blieb, die Augen faſt immer geſchloſſen, als ob er Luſt hätte, wieder einzuſchlafen. Kaum hatte ſich jedoch ſein Aesculap verabſchiedet, ſo ſprang er aus dem Bett, fuhr in die Kleider, ohne an ein Waſchen oder Haarauskämmen zu 358 denken, und erſchien zur großen Ueberraſchung der Hausfrau plötzlich in der Küche. „Ei, Sir!“ rief ſte,„ich freue mich, Sie wieder auf zu ſehen. Ich hoffe, Sie befinden ſich wieder beſſer.“ „O ja, ganz wohl, Dank Ihnen, Mrs. Grange,“ ver⸗ ſicherte der junge Mann, trotzdem daß ihm der Kopf ſchwin⸗ delte und die Mattigkeit in allen Gliedern ſaß.„Ich möchte gerne einen Spazierritt machen, wenn Ihr Mann mir ein Pferd leihen will.“ „Das wird er freilich, Sir,“ antwortete die Pächters⸗ frau, und nach dem Küchenfenſter rennend, kreiſchte ſie in den Hof hinaus:„Grange! Grange! da iſt Mr. Adelon wieder ganz wohl auf und möchte gerne, daß Du ihm Deinen Klepper zu einem Spazierritte lieheſt⸗ „Gewiß, Mutter,“ verſetzte der Pächter, indem er aus einer Scheune auf der entgegengeſetzten Seite des Hofes hervortrat.„Wann will er ihn haben?“ „Sogleich,“ gab Edgar Adelon eifrig zur Antwort, über der Pächterin Schulter hinausrufend;„es wird mich erfriſchen und mir gewiß gut thun.“ „Dann ſoll er in einer Minute parat ſtehen,“ verſicherte der Pächter.„Ich bin erfreut, Sie wieder wohl zu ſehen. Ich will ihm nur einige Haare an den Feſſeln abſchneiden und ſeine Mähne ein Bischen auskämmen.“ Doch Edgar hörte nicht länger auf ihn, ſondern eilte ins Zimmer zurück und ſuchte ſeinen Hut, den er übel zer⸗ knittet und beſchmutzt fand. Ohne ſo lange zu warten, bis der Staub abgebürſtet war, ſtieg er zu Roß, ſobald er es das Schickſal ſeines Freundes in Gefahr war, und ſeine Un⸗ 359 haben konnte, um alle unnöthigen Vorbereitungen des Päch⸗ ters abzuſchneiden, und ritt in raſchem Trabe in der Rich⸗ tung des Grafſchaftſtädtchens davon. Er wußte nicht, was er ſuchte, er hatte keinen beſtimm⸗ ten Zweck vor Augen; er fühlte nur, daß man ihn ge⸗ täuſcht, daß man ihn in Unthätigkeit erhalten hatte, während geduld wuchs mit jedem Augenblick, bis ſich der Pächters⸗ klepper in einen höchſt ungewohnten Galopp verſetzt ſah. Er verminderte zwar ſeine Haſt, als er das Städtchen be⸗ trat, ritt aber noch eilig genug vor das Wirthshaus, dicht neben dem Gerichtshof, wo er wüthend die Glocke zog und ſein Pferd dem Hausknecht übergab. In wenigen Minuten drang er durch die Menge unter dem Eingang, und im nächſten Augenblick gewahrte er Dudley, der mit gekreuzten Armen daſtand und ſeine Augen auf den Juryverſchlag geheftet hielt. Seine Stirne war ruhig, aber ſehr ſtreng, es lag keine Furcht in ſei 1 aber ſie waren ernſt bis zur Trau die Jury, deren Obmann ſich etwas vor neigte und in ſelbem Augenblicke hörte man eine Stimme dicht unter der Gerichtsbank in lautem Tone fragen: „Wie ſagt ihr, Gentlemen von der Jury— ſchuldig oder nicht ſchuldig?“ „Schuldig des Todſchlags, Mylord,“ erwiederte der Obmann. Edgars Augen verdüſterten ſich, ſein Gehirn ging im 360 Kreiſe, und er ſank rückwärts unter die Menge, ohne ein Wort zu ſprechen. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Zwei Jahre waren verſtrichen. Zwei Jahre. Was ſind ſie?— Wer kann es ſagen? Unähnlich jedem Weſen in dem ganzen weiten Kreiſe des Univerſums. Die Zeit iſt das ächte Chamäͤleon und ent⸗ lehnt ihre Farbe ganz und gar der Umgebung, durch welche ſie hingleitet: hier grau und düſter, dort hell und glänzend, bald im Purpurſcheine mit dem gemiſchten Kolorite der An⸗ ſtrengung und des Glückes, roſig von Liebe und Hoffnung oder azurblau als Zeichen der Treue und Beſtändigkeit. Jahre— was ſind ſie? Nichts für ſo Viele, für die ſte gar Punkte in dem weiten Meere der Ewig⸗ des Mathematikers abſtrakteſte Begriffe vom Punkte, als dem, was keinen Theil und keine Größe— weder Länge, Breite noch Tiefe hat— realiſiren. Wie wichtig dagegen werden ſolche einzelne Jahre für Andere— wie voll von Ereigniſſen, Empfindungen und Handlungen! Wie oft geſchieht es, daß ſich in dem kurzen Zeitraum zweier Jahre ein ganzes Leben zuſammendrängt, ſo daß wir beim Ruͤckblicke auf die ſterbliche Griſtenz das ganze thätige Da⸗ ſeyn eines Menſchen in dieſe vierundzwanzig Monate einge⸗ ſchloſſen finden, während der Reſt, dem breiten Sahlbande 361 an den ſchmalen Tuchſtreifen vergleichbar, nichts als Leere und Oede darſtellt! Von verſchiedenen Geſichtspunkten aus ſetrachtet— wie verſchieden können da zwei Jahre erſcheinen! Blicken wir vorwärts oder blicken wir rückwaͤrts— wie ſind ſie ſo durch⸗ aus verändert! Es iſt ganz eben ſo, als ob man einen Hügel hinab und hinauſſchaut, denn die Perſpektive der Zeit iſt gar verſchieden von jener der weſenhaften Dinge. Der entſchwin⸗ dende Punkt kommt dem Auge ganz nahe, wenn wir zurück⸗ blicken, iſt dagegen weit, weit entfernt, ſobald wir vorwärts ſchauen; auch wechſelt er mit jeder neuen Lebensperiode, mit jedem Gefühle unſeres Herzens, mit jeder Leidenſchaft in unſerem Inneren. Dem jungen Manne ſind die kaum ver⸗ ſtrichenen zwei Jahre ein weiter Zeitraum voller gedenkens⸗ werther Zwiſchenfälle und durch ihre Neuheit glänzender Erſcheinungen. Für das Alter ſind ſte nur eine Spanne und auch dieſe Spanne iſt leer; er glaubt kaum, do die Zeit ſchon verſtrichen iſt, die ihn dem Grabe um zwei Jah her gebracht hat. Saget dem warmen ungeſt linge: zwei Jahre müſſen vorübergehen, bis Du die Ge⸗ liebte Deines Herzens beſitzen kannſt— und ihr habt eine Ewigkeit voller Gefahren und Täuſchungen vor ihm ausge⸗ breitet. Saget dem furchtſamen Greiſe, der ſich an des Lebens gebrechlichen Faden anklammert, er habe blos noch zwei Jahre zu athmen und das Ende wird ihm vor der Thüre zu ſtehen ſcheinen. Schmerz, Freude, Hoffnung, Furcht, Nachdenken und Studium, Sorge und Angſt, gei⸗ ſtige Gewöhnung oder körperliche Anſtrengung, unſere dur⸗ 36² 3 ſligen Wünſche, unſere geſättigke Gleichgültigkeit— dies Alles wird die elaſtiſche Sphäre der Zeit zuſammenziehen oder ausdehnen, bis wir endlich blos noch ein Phantasma in ihr erkennen, deſſen bloßes Daſeyn dem Wechſel unter⸗ worfen iſt. Nicht allein daß das große Ganze nie zwei voll⸗ kommen gleiche Weſen aufweist; auch jedes Ding in dieſem Ganzen und dieſes Ganze ſelbſt ändert ſich mit jedem Augen⸗ blick, ja in jedem Bruchtheile eines Augenblicks, und dies eben gibt die unendliche Mannigfaltigkeit. Auf und in und um dieſe Erde iſt Alles in fortwährender Bewegung; Alles iſt dem Wechſel unterworfen; aber eben die Ausdehnung, die Gewaltſamkeit und Schnelligkeit dieſes Wechſels iſt es, was ihn, oder mit andern Worten, das Weiterſchreiten des Schattens charakteriſirt. Zwei Jahre waren verſtrichen mit ihren Veränderun⸗ gen— pon dieſen werde ich ſpäter reden. Die Sonne war auf⸗ und niedergegangen; Tag und Nacht war geweſen; Mond een auf Wochen gefolgt; Herzen waren kalt, welche s noch warm, Augen waren düſter oder gebro⸗ chen, welche früher ſo hell geweſen; der graue Schatten des Winters war über das glänzende Haar der Jugend ge⸗ kommen; Wohlſeyn und Krankheit hatten gar vielfach ihre Stellen gewechſelt; Staaten hatten Revolutionen erlebt; Menſchen waren entſtanden und vergangen; Tugend und Laſter hatten triumphirt oder waren unterlegen; Monarchen waren geſtorben und gute weiſe Männer heimgegangen; Schifforuch und Feuersbrunſt, Krieg und Peſtilenz, Unglück und Kummer hatten das Ihrige gethan, und aus tauſend — 363 verſchiedenen Quellen hervorbrechend war das unvertilg⸗ liche Leben der Erde ans Tageslicht gedrungen und glänzte in der Sonne, als ob es um des erlittenen Verluſtes willen nur um ſo üppiger emporſprieße. Die Welt war älter aber darum nicht leerer geworden, und die am Werke geholfen und die Veraͤnderung mitgemacht hatten, wußten kaum, daß eine ſolche ſtattgefunden hatte. gwei Jahre waren verſtrichen. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Es war Abend; der Himmel ſchwamm in tiefem Pur⸗ purroth, wie man es in der nördlichen Hemiſphäre nur ſelten antrifft. Am weſtlichen Horizonte leuchtete eine helle Linie, nicht gelb, nicht roth, ich weiß keinen andern Namen— es war des erſterbenden Tages Farbe, das letzte Erglimmen der verſchwindenden Tageshelle. Alles war feierlich und groß⸗ artig. In der Luft war eine tiefe Stille— in dem weiten Raum eine Unbegrenztheit— in der Färbung jedes Gegen⸗ ſtandes eine Tiefe— im Ganzen ein Schweigen und eine Größe, die ſich mächtig in die Seele ſenkten und ſie mit traurigen aber großartigen Bildern erfüllten. Man hätte daſtehen und ſich vorſtellen können, als ob man das erſte oder letzte der erſchaffenen Weſen wäre, und den erſten oder letzten Sonnenuntergang vor ſich hätte. Ein hoher Berggipfel, ſenkrecht und abſchüſſig aus der Umgebung emporſtrebend, ragte weithin über das umgebende 364 Land: wohin das Auge ſich wenden mochte— da war keine Straße, war kein lebendes Weſen, war nirgends eine menſchliche Wohnung. In der Luft hörte man kein Inſekt — keinen Wind am Himmel— die Baͤume blieben regungs⸗ los— nicht einmal eine Eidechſe raſchelte über die Felſen. Dunkle Wogen großartiger Vegetation fluteten gleich einer See dem Beſchauer zu Füßen, und ein ferner Schimmer des Auſtraloceans, deſſen einſame Fläche eben noch von der letz⸗ ten Glut des Sonnenuntergangs leuchtete, war das Einzige, was die prachtvolle Eintönigkeit unterbrach; und doch wars nur eine See ohne Segel— ja ohne Ruder. Zehn Schritte weiter— und der Gipfel iſt erſtiegen und Alles gewinnt ein anderes Anſehen. Eine Scene liegt hier vor Augen, unendlich in ihrer Abwechslung, prachtvoll in ihrer Färbung und von Leben beſeelt. Aber welchem Le⸗ ben?— nicht von dem des Menſchen, noch irgend eines Geſchöpfes, das freundlichen Verkehr mit jenem unterhält. Das wilde Thier, der Vogel der Wüſte— ja; aber weder zahme Heerden noch Hütte oder Wohnung oder irgend ein Zeichen, daß des Menſchen Fuß jemals dieſen ſchönen aber grauenvollen Schauplatz betreten habe. Hier hatte in längſtverfloſſenen Jahrhunderten der wilde Vulkan ſein mächtiges Leuchtfeuer aus der jungfräulichen See des fernen Südens emporgehoben. Hier waren die Ströme der rothen Lava herabgefloſſen— hier hatte das Erdbeben geſchnauft und getobt, ehe das Feuer losbrach- hier waren vielleicht in dem letzten wilden Kampfe, der die Thore des Kerkers ſprengte und den raſenden Geiſt der 365 Flamme befreite, aus der Tiefe des Oceans jene mächtigen Felsmaſſen emporgeſchleudert und Berg über Berg. Ab⸗ grund über Abgrund auf einander gethürmt worden; hier lag noch immer Koralle und Lava, Kalkſtein und Baſalt, die Gewächſe der Waſſerwelt in zerriſſenen Maſſen zwiſchen den Schranken, die ſie einfaßten, durch einen Strom man⸗ nigfaltiger durch das innere Feuer vermiſchter Materialien zuſammengekittet. In wilden unregelmäßigen Wänden von jeder denkbaren Form, aber immer gigantiſch in ihrer Größe, umringten die Lavatrümmer ein weites tiefes Becken— den Krater des erloſchenen Vulkans. Felſenzacken und Abgründe, ſich wech⸗ ſelſeitig überragend, bildeten die Wälle und Bollwerke dieſer Wüſtenveſte, während das Auge des Wanderers tief unten den geraden Gegenſatz zu dieſem Anblicke, nämlich einen weichen grünen Sammetraſen gewahrte, der das Innere der Höhle auskleidete, bis er den Rand eines tiefen ſchwarzen See's, der die Hälfte des Raumes ausfüllte, erreichte. Ge⸗ rade gegenüber war der See auf drei Seiten von ſenkrechten weißen Korallenklippen eingefaßt, die zwiſchen ſiebzig bis achtzig Fuß Höhe erreichten und ſich in der Oberfläche des Waſſers ſpiegelten— und als wollte er das feierliche Dü⸗ ſter dieſes ſtillen Moores in beſſeren Einklang mit ihnen bringen, ſegelte hie und da ein großer weißer Vogel über die Wellen hin, einen langen Lichtſtreifen nach ſich ziehend. Unter der nächſten Gruppe hoher Bäume, welche weit auseinander über den Raſen zerſtreut waren, regte ſich Et⸗ was; aber die Felsmaſſe, die des Wanderers Fuß losgelöst, 366 wilden Rieſenſprünge zeigten ihm alsbald, daß es nicht— wie er geglaubt und gefürchtet hatte— ein menſchliches Weſen wie er ſelber war. Er hatte nur wenig Grund zu ſolcher Furcht, denn nie war dieſe Stelle von einem dem Menſchen ähnlichen Weſen beſucht worden, wenn nicht etwa der Wildeſte und Niedrigſte des Geſchlechts, der auſtraliſche Wilde— aber auch dieſer nur ſelten, wenn es überhaupt geſchah— bis hierher ſtreifte. Unter den einſamen Gipfeln des Gambierberges ſtand jener Wanderer allein, vielleicht der Erſte, der ſeit der Schöͤpfung den Fuß hierher geſetzt hatte. Die Sonne ſank unter, als er gegen Weſten blickte, und ein grünlicher Schatten breitete ſich über das Blau des Him⸗ mels. Seine Augen ſchweiften über das Land, das er kürz⸗ lich durchzogen hatte— Alles war nur eine grauliche un⸗ deutliche Maſſe. Er ſchaute hinab in die weite Höhlung der Hügel: das Abendroth war plötzlich verſchwunden, und Fin⸗ ſterniß füllte den Abgrund. Doch gleich darauf— als wollten ſie den Verluſt ausgleichen— erſchienen die Sterne groß und glänzend, alle zumal hervorbrechend und die Decke des Himmels wie die Tiefe des unten liegenden See's mit ihrem Strahlenmantel überziehend. „Hier will ich leben ober ſterben!— es gilt mir gleich, das Eine wie das Andere,“ ſagte der Wanderer und legte ſich unter den Vorſprung des Felſens, ſeinen Bündel unter den Kopf ſchiebend und an den Himmel hinaufſtarrend. verſcheuchte das Geſchöpf, das ſein Auge bemerkte, und die 367 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Ein ſtarker Thau ſiel während der Nacht, und als der Wanderer, den wir am Abend zuvor den ſteilen Hügel hin⸗ anklimmen ſahen, am andern Tage erwachte, waren ſeine Kleider durchnäßt und ſeine Glieder ſteif und müde. War er die Nacht zuvor muthlos geweſen, ſo grenzte ſeine jetzige Stimmung geradezu an Verzweiflung. Langſam ſich erhebend ſchaute er über die Scene in die weite tonloſe Ein⸗ ſamkeit hinaus— und da war nirgends ein Troſt für ihn. Er fuhlte, wie der Geiſt der Hoffnungsloſigkeit ſeine eiſigen Arme mit jedem Augenblick feſter um ſein Herz ſchlang; er wußte, daß jener, wenn er ihm nur im Geringſten nachgäbe, ihn völlig überwältigen, alle Stärke, alle Hoffnung und Thatkraft— ja das Leben ſelbſt auslöſchen würde. Und doch wußte er kaum, warum er noch kämpfen ſollte; die Stimme der Verzweiflung fragte immer wieder: wofür er denn noch zu leben habe, nachdem jeder irdiſche Gegenſtand des Strebens verloren ſchien; warum er noch ringen ſolle, um ein Ding, das werthlos geworden war, zu erhalten?„Wer ſehnt ſich wohl nach dem Beſitz einer Wüſte?“ fragte er ſich ſelbſt;„und was iſt mir das Leben Anderes, als eine öde ausgedorrte Sandſtrecke?“ Sonderbar, wie leicht ein kleines Stäubchen die Schaale ſinken macht, wenn die Stimmung genau im Gleich⸗ gewichte ſchwebt! Eine Erinnerunz erguif ihn, als jene Worte uͤber ſeine Lippen kamen, eine Erinnerung aus frü⸗ 368 heren Jahren, da er ſich mit dem kecken Muthwillen des Jünglings, ja faſt des Knaben, das freie Leben der Kinder Ismaels als Ziel ſeiner wilden Wünſche vorgeſtellt hatte— und jetzt fragte er ſich:„Wer wird ſich wohl nach dem Be⸗ ſitz einer Wüſte ſehnen?“ Er erinnerte ſich aus jenen Ju⸗ gendträumen, wie er auf ſeinem flüchtigen Roſſe die weiten Sandebenen durchſtreift, wie er die rohen Felſen erklommen, in ſeinem leichten Zelte geruht und ein Leben freien Genuſſes und ungehemmter Thatkraft geführt hatte. Dieſer Gedanke änderte den Gang ſeiner Gefühle, und während er den Schauplatz vor ſich betrachtete, der von der aufgehenden Sonne erhellt und überglänzt war, kam die zweite Frage:„warum ſollte ich nicht mitten in dieſer großen ſchönen Einöde die Träume meiner Jugend verwirklichen?“ Ach! ſeit damals hatten ihm Erfahrung und Leiden⸗ ſchaft und manche ſüße wie bittere Lehre den Schluſſel zu anderen Genüſſen in die Häͤnde gegeben. Er hatte von dem Apfel genoſſen, der die Jugendfreuden unſchmackhaft macht, und als er jetzt wieder jener ſo gar einfachen Träume ge⸗ dachte, da empfand er, daß ihm auch bei ihrer Erfüllung immer noch etwas fehlen würde.— Wo waren die freund⸗ lichen und heiteren Genoſſen? wo die glänzende Geſtalt der Geliebten? wo die theuren Kameraden? die erhebende Ge⸗ ſellſchaft? wo war da Nahrung für den Gedanken— Be⸗ ſchäftigung für den Geiſt? und vor Allem— wo war der geehrte Name, wo die Achtung, der Reſpekt, wie er ſie ſonſt beſeſſen hatte?— Ach er fühlte nur zu bitter, daß er das, was er beſeſſen, ſelbſt um des eigenen Friedens willen 369 wieder beſitzen müſſe, daß deſſen Mangel nicht ein Entziehen von Freuden, ſondern ein totales Entbehren— das abſolute Elend war. Und konnte er unter ſolchen Umſtänden noch fortleben? Gab es denn im Bereiche der Wahrſcheinlichkeit noch irgend Etwas, was das Leben erträglich geſtalten mochte? Konnte er ſich zu den unreinen Freuden ſeiner Umgebung erniedri⸗ gen? Konnte er ein Leben der Arbeit und Sklaverei durch⸗ machen, und am Ende einer Laufbahn der Mühe und des Gehorſams immer wieder dieſelbe Schranke vor ſich ſehen, die ſeine höchſte Hoffnung und Erwartung auf den freien Umgang mit Gemeinheit und Niederträchtigkeit, ja vielleicht auf den Gipfel der Schmach— unter den Niedrigſten ſeines Geſchlechts ein großer Mann zu werden— einſchränkte? Daran war nicht zu denken, und was blieb ihm dann übrig? Ein Zigeunerleben ohne Genoſſen, wenn er nicht etwa den grauſamſten entartetſten Wilden hiezu rechnen wollte — ein Leben ohne Freunde, ohne Bekannte— ohne geſelli⸗ ges Leben, ohne Liebe— ein Leben, das vor dem Anblicke gebildeter Menſchen wie vor der Peſt entfloh— das allein ſtand ihm in Ausſicht. Einſamkeit, Einſamkeit! Ja für ab⸗ ſtrakte Betrachtung iſt ſie ein gar liebliches Ding. So lange man den großen Verſuch nicht zu wagen braucht, betrachtet man ſie wie jedes bedeutende Unternehmen, und erwartet auch von ihr einen Lohn, der den Hinderniſſen und Schwie⸗ rigkeiten entſpreche; rückt ſte uns aber naͤher— bis in den Bereich unſerer Anſtrengung, dann fühlen wir uns zu ſchwach James. Der Ueberwieſene. 24 370 für dieſe mächtige Aufgabe: das verwöhnte Herz bebt davor zurück, auch die feſteſte Seele zweifelt und zoͤgert. Wir em⸗ pfinden, wie traurig und furchtbar es iſt, allein zu ſeyn; wir erkennen, daß Einſamkeit der wahre Gegenſatz unſerer Natur iſt. So, dachte er, wäre es beſſer zu ſterben, denn jenſeits des Grabes gab es noch Hoffnungen, die ihn belehrten, daß Tod nicht Einſamkeit ſey, daß freundliche Stimmen ihn bewill⸗ kommen würden, und daß Freundſchaft, hoch und heilig, geläutert von aller irdiſchen Unvollkommenheit— die Freund⸗ ſchaft des Gerechten, der zur Vollendung eingegangen— ihn für den Verluſt irdiſcher Achtung entſchädigen könne. Aber da war auch Liebe— menſchliche leidenſchaftliche Liebe, und als er ſich fragte, was ihn für ſie ſchadlos halten ſolle, da ſchwieg ſein Geiſt und vertiefte ſich abermals in Nach⸗ denken. Tadeln wir ihn nicht, daß er noch immer ein Weſen von Fleiſch und Blut war, daß er die Neigungen dieſer Erde nicht abſchütteln, daß er ſich nicht geradezu den Tod wünſchen konnte, während tiefe und ſtarke Bande ihn noch immer an ein Daſeyn feſſelten, in welches Gott ihn verſetzt hatte. Liebe war das einzige Band, das ihn noch an das Leben kettete, aber als das letzte war es auch das ſtärkſte. Wie oft hatte er über dieſe Dinge nachgedacht, wie oft ſich gefragt: wird auch ſie mich ſchuldig glauben? wird ſie mich von ihrem Herzen ſtoßen, wie die Geſellſchaft mich aus ihrem Schooße verſtoßen hat, und wird ſie mich vergeſſen, ſich mit einem Andern vermählen? und die tiefe Liebe in ſeiner Bruſt 371 glaubte die einer anderen antworten zu hören:„nein, nein, nein! es kann nicht ſeyn!“ Dieſe Stimme war noch immer lebendig; aber doch hatte ſich eine Mattigkeit, eine Muthloſigkeit ſeines ganzen Weſens bemächtigt, welche ſein Ohr ſogar der Syrenenſtimme der Hoffaung verſchloß. Auch wenn ſie ihn liebte, ſagte die Verzweiflung, welche Ausſicht war vorhanden, daß er ſie je wieder ſehen würde? Auf Lebenslang verurtheilt, als Ver⸗ brecher gebrandmarkt, als Ueberwieſener nach fernem Lande verbannt, ohne Mittel, ohne Zweck für eine Rückkehr— was konnte er thun? Der Muth entſank ihm bei dem Gedanken. Hier mußte er hinwelken— hier in der Mitte dieſer wilden Einſamkeit, vor dem Vorrücken der Civiliſation mit jedem Tage weiter zurückweichend, um ein Erkanntwerden und neue Seelenqual zu vermeiden. Er dachte in der That daran, die Hand wider ſein ei⸗ genes Leben zu erheben; doch unterlag er nie der Verlockung, denn er beſaß zu viel Glauben: nur dazu fühlte er ſich ge⸗ neigt, jede weitere Anſtrengung aufzugeben, ohne ferneren Kampf ſeinem widrigen Geſchicke zu weichen— er wollte ſich niederlegen und ſterben. Aber immer wieder ſprach die Stimme:„lebe!“ und der letzte Funke menſchlicher Hoffnung ward zur Flamme angefacht, die wenn auch ſchwach, doch hinreichend war, um ihm zu weiteren Anſtrengungen zu leuchten. Mit ſchwachen Händen und müden Gliedern öffnete er den Ranzen, den er mitgebracht hatte, nahm erſt das Beil, 24* 372 das oben auf lag, und dann einige Leinen und Fiſchhamen heraus, indem er bemerkte: „Der gute alte Mann glaubte mir ein unſchätzbares Geſchenk zu machen, als er mir dieſe Mittel zum Lebens⸗ ¹unterhalt überreichte, und doch konnie ich ihm kaum dankbar ſeyn für ſein Geſchenk. Da ich übrigens zwiſchen beiden Wegen gewählt und mich fürs Leben entſchieden habe, ſo will ich nicht länger zögern, ſondern jede nöthige Anſtren⸗ gung machen, um das Leben zu retten.“ Er wußte übrigens nicht ſo recht, wie er dieſe Aufgabe angreifen ſollte. Das erſte Bedürfniß war, ſich eine Hütte zu bauen: er waͤhlte ſich einen Einſchnitt im Felſen, in welchen die Feuchtigkeit nicht durchgeſikert zu ſeyn ſchien, und beſchloß wenigſtens für den Anfang ſeine Wohnung hier auf⸗ zuſchlagen, wodurch er ſich viele Arbeit erſparte, da er ſie blos auf einer Seite einzufaſſen brauchte. Unter der Un⸗ zahl von Geſträuch, das ringsumher wuchs, las er ſich junge ſchwache Bäume aus, und ſpitzte ſie theilweiſe zu Paliſſaden, nachdem er ſie mit dem Beile umgehauen hatte; aber noch ehe die nöthigen Vorbereitungen zur Hälfte voll⸗ endet waren, fühlte er ſich ſchwach und ermüdet, und ohne Hunger zu empfinden, beſchloß er dennoch, ſich nach etwas Nahrung umzuſehen, um ſeine Kraft wieder zu erneuen. Er wählte ſich eine dünne, biegſame Gerte und ſtieg ſachte und mit vieler Mühe zu dem See hinab, denn der natürlichen Pfade waren nur wenige und der ſchauerlichen Abgründe ſehr viele. Endlich kam er auch hiemit zu Stande; als er aber das Becken des klaren, ſpiegelhellen Waſſers er⸗ 373 reichte, da erhob ſich die Frage, was er als Koͤder gebrau⸗ chen ſollte. Die Sorge, die an Verzweiflung ſtreift, iſt oft am erfindungsreichſten, und während er den Kopf in die Hand ſtützte und nachſann, gedachte er der vielerlei Lockſpei⸗ ſen, womit der Menſch von ſeinem Erbfeinde in der Welt geködert wird, und über ſein ſchönes aber abgezehrtes Geſicht ſah man oft ein reuevolles Lächeln hinſtreifen, zum Zeichen, daß dieſer bittere Sarkasmus über ſeinen Nebenmenſchen theilweiſe auch ihm ſelbſt und einzelnen Stellen aus ſeiner Vergangenheit galt. Während er ſo ſeine Zeit verſchwendete, erhob ſich die Sonne und goß ihr glühendes Licht bis auf den Abgrund des Kraters. Er war ſehr durſtig und knieete am Rande des Sees auf den weichen Raſen nieder, um von dem klaren Waſſer zu trinken. Indem er dies that, ſah er eine große Fliege von eigenthümlicher Goldfarbe aufſchwirren und ſich nicht weit von ihm auf den regungsloſen Waſſerſpiegel nie⸗ derſetzen, aus welchem alsbald ein Fiſch hervorſchoß und ſie mit ſeinem gefräßigen Rachen einſchnappte.„Wir find all⸗ ſammt Zerſtörer,“ dachte der Wanderer, und ſah ſich am Ufer nach einem ähnlichen Inſekte um, das er an den Haken ſeiner Leine, dieſe aber an die Ruthe befeſtigte, worauf er die geſpickte Angel über den klaren Waſſerſpiegel auswarf. Die lebenden Jagdgegenſtände der Menſchen haben ohne Zweifel ihre Traditionen; nur der Fiſch dieſes Sees hatte Argliſt noch nicht erfahren, und ſobald der Haken das Wuſſer berührte, ſah man auch ein großes Thier daran hän⸗ gen. Den ſchwachen, ermüdeten Mann koſtete es keine ge⸗ 374 ringe Anſtrengung, den Fiſch an's Ufer zu ziehen; bald darauf fing er einen zweiten und dritten, beide beträchtlich kleiner als der erſte, und mit ſeiner Beute zufrieden, ſtieg er auf dem ſteilen Pfade wieder ſachte nach der Stelle hinan, wo er ſich eine Hütte zu erbauen angefangen hatte. Nicht weit davon war ihm ein Baum aufgefallen, wo der Blitz einige Aeſte abgeſchlagen hatte; ſie verwendete er zu einem kleinen Feuer und bereitete daran ſein Mahl.— Nach dieſem frugalen Fruͤhſtück machte er ſich abermals an ſeine Arbeit, um eine Wohnung zu Stande zu bringen, die ihm Obdach gegen die in dieſem Lande ſehr häufigen Stürme und bei Nacht gegen wilde Thiere oder noch wildere Men⸗ ſchen Schutz gewähren ſollte. Sie war, wie man ſich denken kann, von der roheſten, einfachſten Art. Er pflanzte die Pfaͤhle nicht weit vom Felſen dicht neben einander, da wo eine Korallenſchichte von meh⸗ reren Fuß Höhe den Raſen faſt um zwei Schuh überragte, und ſo eine Art von Dach bildete. Die Thüre ſetzte ihn nicht wenig in Verlegenheit, denn wiewohl er ſich des von dem einſamen Matroſen auf Juan Fernandez gebrauchten Hülfs⸗ mittels erinnerte, und zwiſchen ſeiner eigenen und Cruſve's Lage gar oft eine Vergleichung anſtellte, ſo entbehrte er doch mancher Hülfsmittel, welche jene Anderen beſeſſen hatten, da ein Beil und zwei Bohrer, die ihm ein alter Einwohner in einem ſehr entfernten Theile der Kolonie aus Nitleid ge⸗ ſchenkt hatte, nebſt einem großen Miſſer ſeinen ge ſammten Vorrath bildeten. Nachdem die Paliſſade fertig und der Raum zwiſchen 375 der Korallenſchichte und ſeinen Pfoſten mit verſchlungenen Zweigen ausgefüllt war, fühlte er das Bischen Kraft, das ihm geblieben, völlig erſchöpft, und er legte ſich in den Schatten eines Fichtenbaumes zum Ausruhen nieder. Es war gegen drei Uhr; ſeine Ruthe und Fiſcherleine nebſt dem Beile, mit dem er gearbeitet, und den Spänen und dem Ab⸗ falle der umgehauenen Bäumchen lagen um ihn her zerſtreut: Hitze und Müdigkeit äußerte bald ihre gewohnte Wirkung und er ſchlief ein. Er hatte eine volle Stunde geſchlafen und während dieſer Zeit war auf dem Schauplatze eine für ihn höchſt wichtige Veränderung eingetreten. Kein menſchliches Auge gewahrte ſie, aber ein großer Raubvogel, der über den Höhen des Gambierberges kreiste, ſah einen Haufen von Reitern raſch über die Ebene dahereilen und an der erſten Höhe des Berges Halt machen. Die Geſellſchaft beſtand aus ſechs Perſonen, von denen nur Eine von höherem Range ſchien, zählte jedoch neun Pferde, worunter drei mit Säcken, Schachteln und Bündeln ſchwer beladen waren. Jeder der Reiter hatte eine Flinte über der Schulter; kaum hatten ſie angehalten, ſo ſprangen ſie zu Boden und begannen das Gepäck abzuladen, worunter ſich ein kleines Zelt vorfand, das nichts als einen Pfahl, wie er in den benachbarten Ge⸗ hölzen leicht zu bekommen war, zu ſeiner Aufrichtung bedurfte. „Wir haben Zeit genug, bevor es dunkel wird, hinauf⸗ zugehen und wieder zurückzukommen,“ bemerkte die Haupt⸗ perſon der Geſellſchaft gegen einen Zweiten, der nur ein Diener zu ſeyn ſchien.„Gib mir das andere Gewehr, Mac 376 Lane; wir finden vielleicht einige weitere Eremplare, was ohnehin nöthig iſt, da die bisherigen nichts taugen.“ Nach einigen ferneren Weiſungen für die übrigen Mäͤn⸗ ner hegann der Führer mit zwei Anderen den Hügel hinan⸗ zuſteigen, der ſich von dem Punkte, den ſie bereits erreicht hatten, nicht über dreiviertel Stunden bis zum Gipfel er⸗ ſtreckte. „Wie prachtvoll!“ ſagte der Fremde vor ſich hin, als er ſich endlich auf der Höhe umſchaute. „Ich glaube, es wäre beſſer, wir gingen weiter, Kapi⸗ tän,“ bemerkte ſein Diener Mac Lane.„Die Sonne iſt am Untergehen und wir haben nicht viele Zeit übrig.“ „Pah, Unfinn,“ erwiederte der Andere, indem er auf die Uhr ſchaute,„es iſt erſt fünf Minuten über Vier. Wir haben heute den einundzwanzigſten Dezember, ſomit den längſten Tag, und werden alſo bis halb Neun oder länger hell behalten.“ „Wir ſind um ein gut Stuͤck weiter nördlicher, als wir vor fünf Tagen in Hobart Town waren, Sir,“ verſetzte der Diener, als er ſah, daß ſein Herr ſich immer noch mit Umſchauen aufhielt,„und werden nicht ſo lange hell haben, wie Sie glauben.“ „Ci, das hat auch nichts zu ſagen,“ entgegnete der Offizier, ein gut ausſehender Mann mit ſehr verſtändigem und wohlwollendem Geſicht.„Wir können unſern Heimweg wohl auch im Dunkeln finden, beſonders wenn ſie ein Feuer anmachen um das Känguruh daran zu braten.“ Hier ſchwieg er eine Weile und bemerkte dann in nachdenklichem Tone: 377 „ich moͤchte behaupten, daß wir die erſten menſchlichen Weſen, ſicherlich aber die erſten Europäer ſind, die jemals ihren Fuß auf dieſen Hügel geſetzt haben.“ „Das glaub' ich nicht, Sir,“ erwiederte Mac Lane, der den hohen, abſchüſſigen Felſen, die den weiten Krater um⸗ gaben, um einige Schritte näher gekommen war. „Wirklich!“ rief ſein Gebieter.„Was veranlaßt Dich zu ſolchem Glauben, mein guter Freund?“ „Dies da, Kapitän,“ gab der Mann zur Antwort, in⸗ dem er mit dem Finger nach einer Stelle auf dem Boden etwas rechts von ihm und ſeinem Herrn deutete, wo Kapi⸗ tän M.. bei näherem Hinſchauen ein Stück überſchriebe⸗ nen Papiers liegen ſah. Er nahm es auf und fand, daß es ein Theil von der Rückſeite eines Briefes mit deutlichem engliſchem Poſtzeichen war. Das Geſchriebene ſchien ein Theil der urſprünglichen Adreſſe und beſtand blos aus den paar Worten oder viel⸗ mehr Bruchſtücken von Worten:„dley Esq.,— Brandon⸗ Houſe— onſhire.“ Für den jetzigen Leſer hatten dieſe Worte allerdings wenig Bedeutung, denn er wußte nicht, wo Brandon⸗Houſe lag oder wem es gehörte; aber dennoch erweckte der Anblick dieſes Briefs in ſeiner Bruſt die ſonderbarſten Empfindun⸗ gen. Wo war der Schreiber— wo war der Empfänger dieſes Briefs? Wer konnte es ſeyn? was war aus ihm geworden? was hatte ihn hierher gebracht?— Dies waren Fragen, deren Beantwortung augenblicklich eine Theilnahme in ihm hervorrief wie ſie Niemand begreifen kann, der nicht 378 viele tauſend Meilen von der Heimath entfernt geweſen und ſie mit allen ihren Gedanken durch einen unbedeutenden Zu⸗ fall, wie den eben erzählten, vor ſeine Seele gerufen ſah. Die Flinte unter den Arm nehmend und das Papier noch immer in der Hand haltend, ging Kapitän M... lang⸗ ſam und gedankenvoll weiter, und erreichte eine Oeffnung in der hohen Felswand, durch die er in das Becken des Vulkans hinabſchauen konnte. Die Großartigkeit dieſes An⸗ blicks zog ſeinen Geiſt nach und nach von anderen Gedanken ab, als der Diener plötzlich ſeinen Arm berührte und ihm zuflüſterte: „Wir dürfen wohl auf unſerer Hut ſeyn, Sir, denn es gibt mehr Leute um uns her, als wir wiſſen, und ich habe gehört, unſere Freunde, die Buſchritter, ſeyen noch ärgere Teufel als die Eingebornen des Landes, und dieſe ſind ſchon ſchlimm genug. Schauen Sie einmal da hin⸗ unter— ſehen Sie, die Art iſt hier geſchäftig geweſen— ei und dort unter dem Baum liegt gar ein Menſch. Er ſieht ganz aus, als ob er todt wäre.“ „Ich ſehe, ich ſehe ſchon,“ gab Kapitän M... zur Antwort.„Bleibe Du mit Johnſtone hier, während ich vorangehe. Ladet eine Kugel in eure Gewehre, um auf das Schlimmſte gefaßt zu ſeyn, obwohl ich nicht glaube, daß ſie wohlbewaffnete Männer zu kraͤnken ſuchen werden, wenn wir ihnen nicht zuerſt ein Leid zufügen.“ „Ich möchte ihnen nicht trauen,“ verſicherte der Die⸗ ner;„wir wollen Sie ſchon im Auge behalten, Sir, und auf 379 ſolche Entfernung könnte ich ja einen Apfel mit meiner Kugel erreichen.“ Kapitän M... näherte ſich leiſe, da er den Mann, wenn er wirklich ſchlief, nicht aufwecken wollte. Jener ſchlief in der That ſo feſt, daß der Fremde bis dicht zu ihm herkam und ihn faſt eine Minute lang betrachtete, ohne daß er ſein Näherkommen hörte, ſo daß der Offtzier ſich endlich bückte und ihn ſanft am Arme ſchüttelte. Der Andere fuhr augen⸗ blicklich auf und legte die Hand auf die neben ihm liegende Art, wogegen ihn Kapitän M... in freundlichem Tone an⸗ redete: „Fürchten Sie ſich nicht,“ ſagte er,„es iſt ein Freund.“ „Ein Freund!“ wiederholte der Fremde, mit dem Beil in der Hand in ſeiner vollen Höhe ſich aufrichtend und ihn von Kopf bis zu Fuß betrachtend.„Das iſt zwar leicht geſagt, kann aber hier nicht wahr ſeyn; ich habe keine Freunde, Sir.“ „Hierin möchten Sie ſich vielleicht doch irren,“ verſetzte Kapitän M...;„was mich betrifft, ſo weiß ich gewiß, daß ich ein Freund des ganzen Menſchengeſchlechts bin; was ich aber zunächſt ſagen wollte, war, daß Sie keinen Feind in mir ſehen.“ „Das läßt ſich noch begreifen,“ erwiederte der Andere; „nur iſt auch das etwas ſchwer in einem Lande, wo die Na⸗ tur Feindſeligkeit und Betrug gepflanzt zu haben ſcheint, und wohin andere Länder den Abſchaum ihrer Bevölkerung ausſenden, um neue Frevel zu verbreiten und die barbariſche Verruchtheit, die ſie vorfinden, noch tiefer herabzudrücken.“ Die Worte und die Erſcheinung ſeines fremden Gefährten 380 mußten dem jungen Offizier höchlich auffallen. Sein Ton war ſtolz und würdevoll, ſein Blick ernſthaft und gedanken⸗ ſchwer, und wenn auch eine gewiſſe Bitterkeit in ſeinen Worten nicht zu verkennen war, ſo lag doch im Ganzen jene vornehme Würde, worin man ſich nicht täuſchen konnte. „Es iſt mir auffallend, Sir, Sie an dieſem Orte zu treffen,“ bemerkte Kapitän M... nach augenblicklichem Nach⸗ denken.„Kaum vorhin hatte ich noch geglaubt, ich ſey der erſte Europäer, der jemals dieſen Hügel erklommen.“ „Sie ſind, glaub' ich, der zweite,“ lautete des Frem⸗ den Antwort.„Ich bin der erſte— wenigſtens kann ich keine Spur von einem jenes abenteureriſchen Geſchlechtes ge⸗ wahren, das aus Durſt nach Reichthum oder Herrſchaft, nach Wiſſen, nach Geſundheit oder Vergnügen faſt in alle Theile der bekannten Welt eingedrungen iſt.“ „So ſind Sie alſo allein?“ fragte der Beſuch. „Ganz allein,“ entgegnete der Andere.„Sie haben Begleiter bei ſich, wie ich ſehe,“ indem er ſeine Blicke auf den in der Naͤhe ſtehenden Diener und deſſen Gefährten richtete.„Welches auch Ihre Abſicht ſeyn mag, ob Sie nun gekommen ſind, um mich zu überfallen, oder blos aus Neugierde, welche die Hälfte unſerer Landsleute durch die Welt treibt— Sie haben es blos mit einem einzelnen und zwar mit einem müden, erſchöpften Manne zu thun.“ „Beruhigen Sie ſich,“ bemerkte der Kapitän M... da er ſah, daß in der Bruſt des Fremden noch immer einiger Verdacht in Betreff ſeiner Abſichten lauerte,„ich habe keinen Auftrag und noch weniger den Wunſch, Sie in irgend einer 381 Weiſe zu ſtoͤren; auch bin ich nicht aus bloßer Neugier in dieſe Gegenden gekommen. Der Wunſch, meinen Mitge⸗ ſchöpfen zu nützen und die lebhafte Theilnahme an dem Schick⸗ ſale von Menſchen, die ſich durch ihre Verbrechen von dem allgemeinen Kreiſe der Geſellſchaft, aber hoffentlich nicht von dem Mitleide ihrer Brüder oder von der Gnade ihres Got⸗ tes ausgeſchloſſen ſehen, führte mich zuerſt zu einer benach⸗ barten Inſel, und ich habe meine Wanderungen über dieſes unbebaute, aber ſchöne Land ausgedehnt in der Hoffnung, meine Beobachtungen für Andere nutzbar zu machen. Viel⸗ leicht können Sie mir weitere Belehrung geben, und ich ver⸗ ſpreche Ihnen als Gentleman wie als Mann von Ehre, vor Niemand irgend ein Wort zu ſagen, das Ihnen den gering⸗ ſten Schaden bringen könnte. Ich ſehe, Sie müſſen ein Mann von weit beſſerer Erziehung und— ich ſollte meinen— auch von höherem Range ſeyn, als man ſie gewöhnlich hier zu Lande trifft, und nach der offenen Erklärung meiner Abſich⸗ ten und dem Unterpfand, das ich Ihnen gegeben habe, wer⸗ den Sie gewiß keinen Anſtand nehmen, das Ihrige zur För⸗ derung meiner Plane beizutragen.“ „Ich habe nichts zu ſagen,“ antwortete der Einſied⸗ ler, indem er ſich auf die Stelle niederſetzte, wo er vorhin gelegen hatte.„Ich weiß wenig, erfuhr nur wenig, aber alles, was ich ſah, war Ungerechtigkeit, Schurkerei, Laſter, Thor⸗ heit, Unwiſſenheit bei Hohen und Niedern, Meiſtern und Knechten, Verbrechern und Tyrannen. Ich habe Luſt mit dem Pſalmiſten auszurufen: Da iſt keiner, welcher Gutes thäte, nein, auch nicht Einer.“ 382 „Ich fürchte, Sie haben ganz Recht,“ erwiederte Kapi⸗ tain M.. mit traurigem Lächeln,„und es war längſt meine Ueberzeugung, daß das Syſtem der ſogenannten Straftis⸗ ciplin in dieſen Kolonien nicht allein nichts zur Beſſerung eines Uebelthäters beiträgt, ſondern vielmehr gerade darauf ausgeht, ihre Moralität auf's Tiefſte zu erniedrigen. Ebenſo glaube ich, daß die in einer ſehr rohen Periode unſerer Geſchichte befolgte Sitte, den zur Deportation Verurtheilten als wirklichen Sklaven an den amerikaniſchen Pflanzer zu verkaufen— ſo ſchändlich und abſcheulich ſie auch ſcheint— in Wirklichkeit dem unglücklichen Verbrecher weniger ver⸗ derblich war, als wir ſie nunmehr bei ihm befolgen. Ich habe immer dafür gehalten, daß wir kein Recht beſitzen, eines Menſchen Seele ebenſo wie ſeinen Körper zu verdammen, und ich ſehe nunmehr, daß wir auf ſolche Weiſe Leute die wir aus unſerm Vaterlande verbannen, in Laſter und Ver⸗ brechen ſtürzen, weit ſchauderhafter als ſie ſte jemals beab⸗ ſichtigten, da ſie die That begingen, die ſie hierher gebracht hat.“ 3 „Sie ſcheinen mir der erſte, wirklich wohlwollende und vernünftige Mann zu ſeyn, der jemals einen ſolchen Ort des Gräuels beſucht hat,“ bemerkte der Fremde mit auffallend freundlichem Lächeln.„Aber auch Sie haben vielleicht nicht Alles in Betracht gezogen; d'rum will ich Ihnen das We⸗ nige, was ich zu ſagen habe, nicht vorenthalten. Rufen Sie Ihre Männer von da oben herab, und ſetzen Sie ſich zu mir, dann will ich Ihnen im Angeſichte Gottes und der Natur der Wahrheit gemäß und ohne einen Schatten von Betrug b b b 383 Alles erzählen, was meine eigene lurze Erfahrung mich ge⸗ lehrt hat.“ „Für jetzt iſt dies unmöglich,“ erwiederte Kapitain M.., „denn ich habe unten noch mehr Begleiter und muß zu ihnen hinabgehen, ehe es dunkel wird, ſonſt kommen ſie wahrſchein⸗ lich, um mich zu ſuchen. Aber wollen Sie nicht mit uns kommen? Sie ſollen die freundlichſte Behandlung finden, das verſpreche ich Ihnen, und ungehindert zurückkehren dür⸗ fen, ſobald es Ihnen beliebt.“ „Nein,“ ſagte der Fremde kopfſchüttelnd;„ich will nie wieder einen Menſchen aufſuchen— gleich dem Thiere des Feldes will ich mich in meinem eigenen Lager niederlegen. Hier hab' ich unbefleckte Schönheit und Trefflichkeit um mich, wogegen überall wo des Menſchen Fuß hintritt, Ge⸗ waltthätigkeit, Uebel und Verdorbenheit aufſprießen.“ „Wohl,“ erwiederte der junge Offizier,„ich will nicht in Sie dringen, da Sie's nicht gerne haben. Wenn Sie mir aber erlauben, ſo will ich morgen wieder heraufkommen, und all' dieſe Gegenſtände gründlich mit Ihnen beſprechen, ehe ich nach Tasmania zurückkehre. Nicht weit von der Küſte erwartet mich ein Vermeſſungsſchiff; jedenfalls möchte ich aber gerne wiſſen, was Sie damit meinen, wenn Sie aus Veranlaſſung der Uebel und Abſcheulichkeiten unſerer Straf⸗ kolonien ſagten, ich ſcheine noch nicht Alles in Erwägung gezogen zu haben. Es iſt wohl möglich, daß dies ſo iſt, ob⸗ wohl ich dem Gegenſtand große Aufmerkſamkeit ſchenkte, und darum wünſche ich zu wiſſen, worauf Sie vornehmlich an⸗ ſpielten.“ 384 „Bei der Gebrechlichkeit menſchlichen Urtheils, bei der Schwierigkeit der Beweisführung und der Unvollkommenheit des Geſetzes muß es oft geſchehen und geſchieht auch wirk⸗ lich, daß ein völlig Schuldloſer zugleich mit dem Schuldigen verdammt wird,“ bemerkte der Fremde, ſeine Hand auf den Arm des Kapitäns legend.„Hätte nur er perſönlich unter dieſem traurigen Mißverſtändniſſe zu leiden, ſo wäre der Vorfall wohl zu beklagen, aber vielleicht immer noch zu entſchuldigen: allein was haben ſich jene Geſetzgeber und Staatsmänner vor⸗ zuwerfen, die ein Syſtem zuſammengeſlickt haben, das in allen Fällen, wo ein ſolcher Irrthum vorkommt, für das ewige Seelenheil des ungerecht Verurtheilten verderblich werden muß, indem es ihn in eine Atmoſphäre verſenkt, die auf jede gute Empfindung des Herzens, auf jede hohe Gefinnung, auf jeden frommen Gedanken nicht anders als eine Peſt ein⸗ wirken kann! Wiſſen ſie denn nicht, daß das Laſter an⸗ ſteckend iſt? haben ſie nicht Hunderten dieſes Siechthum der Seele eingeimpft? haben ſie nicht ſogar den Kranken in dem gräßlichen Spitale, worin ſie ihn einſperren, die Hülfe geiſtiger Aerzte verſagt? Ich ſage Ihnen, Sir, dies iſt der Grund, warum ich geflohen bin. Unſchuldig jeglichen Ver⸗ brechens an meinem Nebenmenſchen, wenn auch ohne Zweifel vielfach ſündhaft vor meinem Schöpfer, hätte ich Arbeit, Sklaverei und Schande— wenn auch nicht ohne Murren, ſo doch mit Geduld— ertragen können: als ich aber fand⸗ daß ich mit gebundenen Händen und Füßen unter unheilbaren Verbrechern verweilen, daß ich Augen und Seele täglich an Scenen gewöhnen ſollte, welche kein hohes heiliges Gefühl 385⁵ in meinem Herzen unangetaſtet ließen— da ſagte ich mir: der Menſch hat kein Recht ſolches zu thun'— und brach meine Kette.“ Kapitän M.. ſchien tief erſchüttert und ſchüttelte dem Fremden heftig die Hand. „Ich beklage Sie, Sir,“ ſagte er,„ich beklage Sie von Herzen. Morgen will ich heraufkommen und weiter mit Ih⸗ nen reden. Unterdeſſen ſagen Sie mir, wie ich Sie bei mir ſelbſt nennen ſoll— ich weiß, daß viele in Ihrer Lage einen angenommenen Namen gebrauchen. Den allein meine ich.“ „Ich habe keinen angenommen,“ gab der Fremde mit traurigem Lächeln zur Antwort, und auf den Fiſch deutend, der im Graſe vor ihm lag, fuhr er fort:„Sollten wir uns nie wieder begegnen, ſo gedenken Sie meiner als des namen⸗ loſen Fiſchers am namenloſen See.“ „Nein, wir werden uns morgen ſehen, wenn Sie noch hier ſind,“ meinte der Kapitän. „Ich werde hier ſeyn, falls ich am Leben bleibe,“ ver⸗ ſetzte der Fremde,„morgen und übermorgen und die nächſten Monde und Jahre, bis der Tod mich erlöst. Aber vielleicht nimmt Alles ſchon vor dem Morgen ein Ende zich war krank, der Koͤrper mußte dem Geiſte unterliegen, der ſtarke Marſch hat das ſchwache Roß beinahe getödtet, und heute Morgen war mir zu Muth, als ob ich jeder weiteren Anſtrengung un⸗ fähig wäre. Ich habe es gleichwohl verſucht, und fühle mich nach der Arbeit etwas beſſer. Doch nun Adieu. Die Sonne wird ſchnell vollends untergehen und die Dunkelheit wird Sie überraſchen, wenn Sie noch weit zu wandern haben.“ James. Der Ueberwieſene. 1 25 386 „Leben Sie wohl,“ verſetzte Kapitaͤn M...;„ich gehe nur ungern, um Sie hier allein zu laſſen, deſſen nicht zu ge⸗ denken, was Sie in dieſer Einſamkeit werden zu dulden ha⸗ ben, wenn Sie auf dem Hierbleiben beſtehen ſollten. Wie Sie ſich Nahrung, Obdach oder Kleidung verſchaffen wollen, kann ich nicht begreifen.“ „Die Felle von Thieren geben mir Kleidung, gut genug für meinen Zuſtand, der Fiſch des See's muß mir Nahrung reichen,“ erklärte der Arme.„Brod werde ich allerdings nie wieder koſten; doch finden ſich Früchte und Wurzeln, die deſſen Stelle vertreten können. Was das Obdach betrifft, ſo ſind da Felsſpalten und die Höhlen des Gebirgs, die mir alles Nöthige darreichen, und die Natur muß mich die Mittel und Vortheile lehren, um dieſe Dinge nutzbar für mich zu machen. Gewiß bin ich nicht hülfloſer als die Wilden dieſes Landes: ſie leben, und ich werde auch leben— jedenfalls langer, als mir wünſchenswerth iſt. Fahren Sie wohl.“ Nachdem ſich der Kapitän abermals bis morgen von ihm verabſchiedet, verließ er ihn und kehrte zu ſeinen Leuten zurück. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Die Regungen, mit denen Edward Dudley die Fremden abziehen ſah, waren ſehr tief und erſchütternd. Ihm war zu Muth, als ob er den letzten Schimmer eiviliſtrten Lebens — 387 vor ſich geſehen haͤtte. Die Begegnung brachte ihm die glücklichen Stunden der Vergangenheit, die frohen Gedanken früherer Tage ins Gedächtniß, und da er nicht wollte, daß irgend Jemand die gewaltige Bewegung ſeines Herzens wahrnahm, ſo wartete er mehrere Minuten, bis er den Frem⸗ den und deſſen Begleiter eine Strecke weit hinabgeſtiegen glaubte, und verfolgte durch die Oeffnung der Felſen den Weg, den ſie eingeſchlagen hatten, bis ſein Auge ſie erreichte und auf ihrem Wege begleitete, ſo lange ſie nicht unter den Baͤumen, die ihr jetziges kleines Lager umgaben, verſchwun⸗ den waren. Dann kehrte er nach der Wohnung zurück, die er ſich auserleſen hatte, überſchüttete den Raſen zwiſchen den Waͤnden mit den Blättern, die er von den Zweigen abge⸗ ſtreift, und kniete außerhalb der Einpfählung nieder, um ſein kurzes Abendgebet zu ſprechen. Als er ſich wieder erhob, bewachte er den Himmel, der eben faſt alle Schattirungen des Regenbogens durchmachte, und endlich in ein düſteres Grau überging. Jetzt, wußte er, mußte in fünf Minuten die Dunkelheit hereinbrechen, und ſo ſtellte er ſeinen Ranzen als Kiſſen auf die Blätter und legte ſich abermals zum Schlummer nieder.. Dieſer wollte ſich jedoch nicht ſo raſch einſtellen, wie er's die Nacht zuvor gethan hatte: er fühlte ſich körperlich beſſer, aber dafür geiſtig um ſo muthloſer. Der Beſuch der Fremden hatte ihn eher geſtört als beruhigt, hatte Wünſche in ihm wach gerufen, die er zu verbannen geſtrebt hatte, hatte ihm gewaltſamer als jemals den Werth alles deſſen gezeigt, was er für immer verloren, ſo daß er über eine 25* 388 Stunde lang von peinlichen Gedanken hin⸗ und hergeworfen wurde. Endlich ſchlief er ein, und dauerte ſein Schlummer auch nicht lange, ſo war er doch wenigſtens erfriſchend. Kurz nach Tagesanbruch war er wieder auf den Beinen, und fühlte ſich leichter und kräftiger als am Tage zuvor. Gebet war ſein erſtes Geſchäft; dann ging er an's Ufer des See's hinab, entkleidete ſich und ſchwamm alsbald mit keckem Muthe in den Wellen des See's— eine Uebung, die er ſich als Student in einem eiviliſirten Lande angewöhnt hatte. Das Waſſer war ſehr kalt, aber die kühle Welle gewährte ihm eine kräftigende Erfriſchung; der Rückweg auf die Höhe er⸗ wärmte ihn wieder, und das beglückende Gefühl wiederkeh⸗ render Kraft verminderte vor den Blicken ſeiner Fantaſte die Gefahren der Vergangenheit und den Gram der Zukunft. Sobald er ſeine Hütte erreichte, zündete er wie früher ſein Feuer an, legte einen der Fiſche darauf, um ihn in der Aſche zu braten, und fing dann an zu überlegen, was jetzt zunächſt zu thun ſey. Es gebrach ihm an Werkzeugen jeder Art, wie auch an Waffen zur Jagd, und er erkannte jetzt, daß der Euro⸗ päer, der für jeden Artikel, den er braucht, den Fleiß von tauſend Händen in Anſpruch zu nehmen pflegt, trotz aller Vortheile der Erziehung neben dem Wilden, der nur von ſich ſelbſt abzuhängen gewöhnt iſt, bedeutend im Nachtheil ſteht. Er hatte übrigens ſchon manche der natürlichen Hülfs⸗ quellen des Landes, ſo wie deſſen freiwillige Erzeugniſſe zum Lebensunterhalt kennen gelernt, und zweifelte nicht, daß — 389 er, bis der Winter käme, im Stande waͤre, ſich mit allem Nöthigen zu verſehen. Die Zwiſchenzeit wollte er zu Vorkeh⸗ rungen gegen jene traurige Periode verwenden, wo Baum und Strauch jeden Tribut verweigerte, und höchſtens die Jagd ergiebiger zu werden verſprach. Er wollte ſich einen Bogen herrichten, lang und ſtark, wie er ihn in den Tagen ſeiner Jugend gehabt hatte; er wollte Schlingen legen und Netze, die ſich vielleicht aus der faſerigen Rinde der Bäume herſtellen ließen. Das erbeutete Wild ſollte ihm Kleidung gewähren, und gleich den Jägern in alten Zeiten wollte er den Kreaturen des Waldes auflauern. Er lächelte bei dieſem Gedanken, aber es lag noch viel Bitterkeit in dieſem Lächeln, und er ſtand auf, um ſeine Ar⸗ beit, die den geſtrigen Abend unvollendet geblieben war, vol⸗ lends zu ergänzen. Kaum hatte er jedoch damit angefangen, als ihm der Klang mehrerer Stimmen zu Ohren drang, und indem er zu ſeiner Hütte hinausſchaute, gewahrte er ſeinen geſtrigen⸗ Beſuch mit drei Mäͤnnern, von denen jeder mit einem Bün⸗ del beladen war. Dudley ſtellte ſeine Arbeit ein, ohne ihnen jedoch entgegenzugehen: die Geſellſchaft eines Einzigen konnte er ertragen, die Gegenwart Mehrerer war ihm zur Laſt. „Dort legt Eure Päcke unter dem Baume nieder,“ befahl Kapitän M..., nachdem ſie etwa auf hundert Schritte nahe gekommen waren;„dann geht und thut, wie ich Euch geheißen habe; nehmt Euch aber in Acht, wenn Ihr eines der erwähnten Exemplare antrefft, daß Ihr die Kryſtalle nicht zerbrecht. Gegen zwei koͤnnt Ihr zurückkehren; bis 390 dahin laßt mich ohne Unterbrechung hier verweilen, wenn nicht ein dringender Fall eintreten ſollte.“ Die Männer legten ihre Ladung auf den Boden, und der junge Offizier näherte ſich ſeinem neuen Bekannten, dem er mit offener Herzlichkeit die Hand reichte. „Dieſes wilde Leben hat einen merkwürdigen Reiz,“ ſagte er.„Ich glaube, ich lönnte in dieſen Gegenden herum⸗ ſtreifen, ſo lange Leben und Geſundheit es nur irgend er⸗ laubten.“ „Sehen Sie dort die Sonne, wie ſie gleich dem Adler aus ſeinem Neſte an dem dunkeln Horizonte emporſteigt?“ fragte Dudley.„Glauben Sie ja nicht, daß das, was Licht und Schönheit ausſtrömt, in dieſer Umgebung liege— die Sonne iſt im Herzen des Menſchen. Sie haben keine fin⸗ ſteren Schatten in ſich— weder angeborene noch zufällige. Sie haben keinen ſchlimmen Gedanken zu beklagen, wie ſo Manche in dieſen Ländern; Ihr Ruf wird nicht wie der meine von ſchwarzer Wolke verdüſtert, die mir das Leben für immer vergiftet; Sie wiſſen nichts von getäuſchtem Hoffen, von fruchtloſem Sehnen nach Freundſchaft und Liebe, die ich für immer verlor; für Sie iſt der goldene Himmelspfad von keinem grauen Nebel verdunkelt. Wohl mag Ihnen Alles glänzend erſcheinen— Sie wiſſen nichts von Verzweiflung.“ „Der Menſch ſollte niemals verzweifeln, ſo lange noch ein reiner Fleck in ſeinem Herzen iſt,“ verſetzte Kapitän M...:„am wenigſten von allen aber darf es der unſchul⸗ dig Verurtheilte, da er weiß, daß Einer über ihm iſt, der ſieht, wo Menſchen nicht ſehen, und der in ſeiner Weisheit 391 wohl züchtigt, aber wenn's Zeit iſt, den Geprüften auch trö⸗ ſten und wieder aufrichten wird.“ „Dieſer Glaube allein gibt mir Kraft zu leben,“ ver⸗ ſicherte Dudley;„aber mein Glaube iſt dennoch traurig— ſo traurig, daß er Alles um mich her verfinſtert. Ohne jene Möglichkeit einer Veränderung hienieden, wie ſie die Hoff⸗ nung dem Menſchen, der nicht gänzlich verloren iſt, fortwäh⸗ rend vor Angen hält, ohne die Gewißheit einer Aenderung dort oben, wie ſie den Chriſten ſein Glaube gewährt, wäre dieſes Leben für einen ungerecht Gebrandmarkten wie ich ein Geſchenk, das kaum die Mühe des Erhaltens lohnte. Was ſteht mir in Ausſicht?— ein Leben der Einſamkeit, wobei ich ohne Geſellſchaft, ohne Sympathie, ohne Sprache, ohne irgend ein Ziel oder eine Belohnung jeden Tag um das nackte Daſeyn zu kämpfen habe, und wo ſogar das hohe Vorrecht des Denkens nur Schmerz und Bitterkeit, ſonſt aber keinen Nutzen für mich hat. Wenn erſt die Zeit des Alters und der Kränklichkeit herannaht, was ſoll dann aus mir werden?— Doch daran will ich gar nicht denken, denn ehe dies geſchieht, werde ich zum Idioten, oder was noch weit ſchlimmer, zum Wilden.“. „Ich hoffe— nie,“ gab der Kapitän zur Antwort; „wenn Sie, wie Sie ſagen, unſchuldig ſind, ſo muß Ihre Unſchuld früher oder ſpäter an den Tag kommen und—“ „Unmoͤglich,“ erwiederte Dudley;„ich hatte offenes unpartheiiſches Verhör— eine geſchickte wohlgeleitete Ver⸗ theidigung— die Jury beſtand aus redlichen vernünftigen Maͤnnern— der Richter war mild und billig. Alles ge⸗ 392 ſchah, was nur irgend geſchehen konnte, und von dieſer Seite iſt jede Hoffnung vergeblich.“ „Dann müſſen Sie lernen, Ihr Loos zu erdulden und es durch Ihre eigene Anſtrengung ſo erträglich als möglich zu machen,“ ermahnte der Kapitän ernſthaft.„Ich kann nur wenig thun, um Ihnen zu helfen oder Ihr Leben zu er⸗ leichtern; aber dieſes Wenige will ich auch thun. Ich habe Ihnen Einiges mit heraufgebracht, was Ihnen wenigſtens eine Zeitlang von Nutzen ſeyn wird, und wieder Anderes, das Ihnen dauernderen Vortheil gewähren dürfte. Ich kann es wohl entbehren, da ich mich heute Abend einſchiffen werde und mir das Nöthigſte ſehr leicht zu verſchaffen vermag. Kommen Sie mit und ſehen Sie den geringen Vorrath von Kleinigkeiten, die Ihnen mindeſtens ſo lange, bis Sie ſich allmälig an das Loos, das Ihnen zugefallen, gewöhnt ha⸗ ben, nicht ohne Nutzen ſeyn werden.“ Dudley folgte ihm mit übervollem Herzen; der Kapi⸗ täͤn ſetzte ſich bei den Bündeln nieder und zeigte ſeinem Ge⸗ fährten, was einem Manne unter ſo eigenthümlichen furcht⸗ baren Umſtänden in der That wie ein wahrer Schatz vor⸗ kommen mußte. Da waren Wollendecken und ein dicker Oberrock gegen die Winterkälte, eine kleine Hausapotheke in weißer niedlicher Holzſchachtel, eine Handſäge nebſt gu⸗ tem Meſſer und Maßſtab und etlichen weiteren Werkzeugen — eine Flaſche mit Trinkbecher und etwas Linnenzeug nicht zu vergeſſen. „Dieſes zweite Paket,“ fuhr Kapitän M... fort, venthält einige Bücher— eines über die Botanik dieſer Kolonie, das Ihnen ſehr nützlich werden kann— einen Band Betrachtungen— einige Predigten für Sträflinge geſchrie⸗ ben, den Vikar von Wakeſield und eine Bibel.“ „Das find für mich lauter Schätze,“ rief Dudley mit frohem Blick.„Eine Bibel beſttze ich ſchon; ſie iſt mir übrig geblieben, nachdem ich alles Andere verloren, und ich bin Ihnen höchſt dankbar für eine Güte, Sir, worauf ich gar kein Recht, ja keinerlei Anſpruch beſitze.“ „Jeder Menſch hat ein Recht, von ſeinem Nebenbruder Aehnliches zu erwarten,“ gab der Kapitän zur Antwort; „ich wäre ja ſchlimmer als das unvernünftige Vieh, wenn ich es einem Manne in Ihrer Lage, deſſen Unſchuld ich nicht bezweifle, abſchlagen könnte.“ 3 „Das iſt ſonderbar,“ meinte Dudley nachdenklich,„daß ein Mann, ohne mich zu kennen, nicht hieran zweifelt, wäh⸗ rend Andere, die mich wohl kannten, dennoch gezweifelt haben.“ „Und gleichwohl verfahre ich nicht ohne Grund,“ er⸗ wiederte ſein Gefährte.„Ich habe mich gewöhnt, die Menſchen und deren Handlungsweiſe unter beſonderen Um⸗ ſtänden genau zu beobachten, und habe noch nie Jemand ge⸗ ſehen, der ſein Verhör in allen Einzelnheiten als unpar⸗ theiiſch zugegeben und ſich dennoch für unſchuldig erklärt hätte, ohne daß er wirklich unſchuldig war. Da gab es immer etwas, was der Verurtheilte als Unrecht bezeichnete — ein Grund, der ihn— wie man's nennt— geworfen hatte; da war bald der Richter, bald die Jury falſch ge⸗ weſen, oder die Zeugen waren meineidig oder der Staats⸗ 394 anwalt hatte unredlich gehandelt, oder dies oder jenes hatte dem Prozeß eine ungünſtige Wendung gegeben.— Ich bitte Sie, dieſe wenigen Artikel anzunehmen und auch dieſe kleine Schreibmappe, die mich ſeither auf meiner Reiſe begleitet, nicht zu verſchmähen. Ich weiß freilich nicht, ob ſie Ihnen für jetzt irgend von Nutzen ſeyn wird, da ich mit den näheren Umſtänden Ihres Falles gänzlich unbekannt bin; ſpaͤter aber dürfte Sie Ihnen ſehr zweckdienlich erſcheinen, und wenn Sie vielleicht jetzt Luſt haben, einem Freunde in England etliche Zeilen zu ſchreiben, ſo will ich Ihren Brief auf die nächſte Poſt befördern und Sorge tragen, daß er an den Ort ſeiner Beſtimmung gelangt.“ „Was kann ich ſagen?⸗ fragte Dudley, die Hand wie im Selbſtgeſpräche an die Stirne legend.„Nichts deſto⸗ weniger will ich ſchreiben, und waͤren es auch nur wenige Worte, um ihnen zu ſagen, daß ich noch am Leben bin;“ und dem Kapitän beſonders für dieſe letzte Gabe zu wieder⸗ holtenmalen dankend, ſetzte er ſich nieder und ſchrieb wie folgt: „Theurer Edgar!“ „Ich durfte Sie zwar vor meinem Abgange nicht mehr ſehen, habe aber Ihre Güte dennoch erfahren, und mein Herz wird Ihnen ſtets dankbar ſeyn. Ich weiß, Sie haben nie an meiner Unſchuld gezweifelt, und Eda ebenſowenig. Sagen Sie ihr ſtatt meiner, daß ich unſchuldig bin— dieſe Unſchuld und mein Glaube ſind meine einzige Stütze. Ich habe die Kolonie, wohin ich geſendet wurde, verlaſſen— habe die Bande, in die ſie mich ſchlugen, gebrochen und lebe nun in völliger Einſamkeit. Sagen Sie ihr, daß ich ſie noch immer liebe, daß ich ſte ewig lieben werde. Aber ſagen Sie ihr auch, ſie möge mich vergeſſen, denn was anderes als Schmerz kann ihr die Erinnerung an einen Mann gewähren, der für Hoffnung und Alles, was das Leben erheitert, ſo gänzlich verloren iſt, wie Edward Dudley.“ Er legte den Brief zuſammen und adreſſirte ihn, ſchaute ſich dann aber einen Augenblick voll Verlegenheit um. „Wie ſoll ich ihn fiegeln?“ fragte er endlich. „Oben im Schiebfache werden Sie Siegellack und Fenerzeug ſinden,“ bemerkte Kapitän M... mit Lächeln. „Was mir auf einer langen Reiſe unter civiliſtrten Menſchen, wie in der wilden Natur diente, kann Ihnen in dieſer Ein⸗ ſamkeit auf viele Monate nützlich ſeyn.“ „Auf viele Jahre,“ gab Dadley traurig zur Antwort; „aber immer wird es ein Schatz und ein Troſt für mich ſeyn. Schon die Möglichkeit, ſich das Vorübergehen der Tage auf⸗ zuzeichnen, iſt Etwas, und ich danke Ihnen aus der vollen Tiefe meines Herzens.“ Mit dieſen Worten ſiegelte er den Brief und überlieferte ihn dem Kapitän, der die Adreſſe mit beſonderer Theilnahme las und ſich dabei in ſeinem Inneren ſagte:„Dieſen Fall muß ich unterſuchen, denn er kommt mir ſehr auffallend vor.“ Mittlerweile betrachtete Dudley das Feuerzeug mit ge⸗ dankenvoller Miene. „Auch dieſes wird mir von großem Nutzen ſeyn,“ ſagte er endlich,„denn für den Winter ſehe ich voraus, daß ich 396 mir nur ſehr ſchwer werde Feuer verſchaffen können. Gs gibt hier keine Kieſelſteine, und wenn auch die Wilden, wie ich weiß, durch Reiben von trockenem Holz ein Feuer zuwege bringen, ſo habe ich hier wenigſtens noch keine hiezu taug⸗ lichen Holzgattungen entdeckt. Schon geſtern verurſachte mir mein Feuer viele Mühe, und die dürren Zweige, die es mir allein möglich machten, werden bald zu Ende ſeyn. Ich muß dieſe kleine Büchſe ſorgfältig vor jeder Feuchtigkeit bewahren; ohne Zweifel wird ihr Inhalt für den nächſten Winter aus⸗ reichen.“ „Es thut mir leid, daß es nicht mehr iſt,“ erklarte Ka⸗ pitän M...;„auf alle Fälle werden Sie dadurch Zeit be⸗ kommen, ſich auf andere Hülfsmittel zu beſinnen, Ich weiß auch noch nicht, wie Sie ſich Nahrung verſchaffen werden, denn Sie wollen doch vermuthlich nicht ausſchließlich von dem Ertrage des Seees leben?“ „Das habe ich nicht im Sinn,“ gab Dudley zur Ant⸗ wort,„zumal da ich zu gewiſſen Jahreszeiten auf dieſe Art ganz leer ausginge; ich muß mich eben an die urſprünglichen Werkzeuge— an Bogen und Pfeile oder auch an Schlingen halten,“ fuhr er mit trübem Lächeln fort. Kapitän M.. betrachtete eine Weile die ſchöne Dop⸗ pelflinte, welche neben ihm lag, bis er endlich ſeine Augen mit offenem, freundlichem Ausdrucke zu Dudley erhob, und dann erwiederte: „Vielleicht thue ich Unrecht, aber ich kann mich nicht entſchließen, Sie auf ſo höchſt prekäre Unterhaltsmittel be⸗ ſchränkt zu ſehen. Ich ſagte ſchon früher, daß ich Sie un⸗ 397 ſchuldig glaube; laſſen Sie mich noch beifügen, daß ich Sie für einen Mann von Ehre halte, und wenn Sie mir ver⸗ ſprechen, dieſes Gewehr nie anders als zur Selbſtvertheidi⸗ gung und beſonders nicht gegen Solche, die zu Ihrer Ab⸗ holung beſtimmt wären— falls etwas Aehnliches eintreten ſollte— zu gebrauchen, ſo will ich es Ihnen nebſt der nöthigen Munition überlaſſen; dann werden Sie wenigſtens immer im Stande ſeyn, ſich Nahrung zu verſchaffen.“ Dudley leiſtete gerne das verlangte Verſprechen, ohne jedoch etwas weiteres beizufügen, da ihn das Gefühl der Dankbarkeit für ſo viel Güte beinahe völlig überwältigte. Den Kopf in die Hand geſtützt, blieb er in tiefes Nachdenken verſunken, und wer vermöchte dem wilden Flug ſeiner Gedanken während jener Minuten des Schweigens zu folgen! Sein Ge⸗ fährte ſah, daß ſeine Güte ihn in jene düſtere Stimmung verſetzt hatte, wie ſie oft gerade durch die zarteſten edelſten Gefühle hervorgerufen wird, wenn ſie mit einer dunklen un⸗ heilbaren Parthie unſeres Schickſales in zu ſtarkem Kontraſte ſtehen, und um den Aermſten aus ſeiner düſteren Träumerei zu erwecken, fragte er endlich: „Sie find vermuthlich an die Handhabung von Feuer⸗ waffen gewöhnt?“ „Ich wills Ihnen beweiſen,“ erwiederte Dudley, der gewiß einer der geſchickteſten Schützen ſeiner Zeit war.„Wir wollen den Hügel hinabgehen; unten wird uns ohne Zweifel irgend ein Wild aufſtoßen, und wenn Sie mir erlauben, ſo will ich Ihnen zeigen, daß Sie Ihr Gewehr nicht in uner⸗ fahrenen Händen zurücklaſſen.“ 398 „Recht gerne,“ verſicherte der Kapitän, indem er vom Boden aufſtand.„Ich bedaure nur, daß ich nicht mehr Pulver und Blei bei mir habe; doch will ich auf der Stelle, wo unſere kleine Reiſegeſellſchaft ihr Lager bezogen hat, den ganzen Reſt, den wir noch beſitzen, zurücklaſſen, und nur wenige Ladungen mitnehmen, die wir etwa bis an die See⸗ küſte brauchen könnten. Wenn Sie ſparſam ſind, ſo wird das ſchon einige Zeit ausreichen, und bald wird eine Be⸗ völkerung um Sie heranwachſen, von der Sie ſich friſchen Vorrath verſchaffen können. Dieſes Land muß beſtimmt ſeyn, weit dichter bevölkert zu werden; das Menſchenge⸗ ſchlecht iſt auf allen Seiten im Vorrücken begriffen und ſchon ſein feitheriges Fortſchreiten grenzt ans Wunderbare.“ „Das iſt gerade die ſchrecklichſte von all den vielen Be⸗ trachtungen, die ſich dem Beobachter des jetzigen Zuſtandes der Kolonie aufdrängen müſſen,“ erwiederte Dudley.„Wenn man dieſen raſchen Fortſchritt, wenn man die Maſſen be⸗ denkt, welche hier einer Waizenernte ähnlich emporſchießen, wenn man ſich erinnert, daß faſt jede Ausſaat krankhaft iſt, daß der Seelenzuſtand faſt jedes Einzelnen entweder ſchon bei ſeiner Ankunft verdorben oder bald darauf durch den anſteckenden Einfluß, dem er ausgeſetzt iſt, befleckt zu werden beſtimmt iſt— was koͤnnen wir Anderes in der Zukunft er⸗ blicken als eine vollendete Hölle? Dürfen wir erwarten, daß ohne wirkſame Leitung, mit nur wenigen Mitteln religiöſer Belehrung, ohne geiſtige Schranken, ohne einen andern lei⸗ tenden Grundſatz, als die Furcht vor körperlicher Züchti⸗ gung, auch der gewohnten Chrfurcht vor der Reolichkeit 399 entbehrend, an Orten zuſammengedrängt, wo Tugend, Ehre und Rechtſchaffenheit nur zu Spott und Vorwurf gereichen, wo die hoͤchſte Laſterhaftigkeit und Geſchicklichkeit im Ver⸗ brechen als erſte Auszeichnung gilt— dürfen wir da erwar⸗ ten, daß ein Menſch, der ſpäter gar wohl Vater werden kann, ſein Kind, ſo wie er ſollte, erziehen werde— wird er es nicht vielmehr mit ſeinen eigenen Laſtern anſtecken, wird es nicht ebenſo von anderen vielleicht noch größeren Ver⸗ brechern in dieſer Schule erzogen und zum Schurken reif werden? Es iſt eine bekannte Thatſache, Sir, daß in der benachbarten Kolonie Ban Diemens⸗Land der freie Ginwan⸗ derer aus den niedern Ständen mit weit mehr Argwohn be⸗ trachtet wird als der Verbrecher, und unter zehn Fällen ge⸗ wiß neunmal mehr entartet iſt wie dieſer. Was muß aus einer ſolchen Kolonie werden, und wie furchtbar iſt die Ver⸗ antwortung einer Nation, welche ein weites, faſt möcht' ich ſagen unermeßliches Gebiet des ſchönſten, fruchtbarſten Bodens beſitzt, und als Keim für künftige Nationen nichts als den niedrigſten, abſcheulichſten Auswurf des Mutter⸗ landes darin anpflanzt, den Elenden„die ſte ausſendet, die Mittel zur Beſſerung verweigert, und dieſe Peſtilenz durch alle Geſetze und Verordnungen von einem auf den andern überträgt, bis außer Denen, die durch groͤßeres Vermsgen oder höhere Bildung über der Verſuchung ſtehen— ſonſt Niemand von der geiſtigen Krankheit frei bleibt, welche weit furchtbarer wirkt als alle Peſtilenz, die noch jemals die Welt verwüſtete?“ 400 „Wie läßt ſich aber dem abhelfen?“ fragte Kapitän M... „Wo wären die Mittel?“ „Sie verlangen reifliche Ueberlegung,“ erwiederte Dudley.„Der wirkliche Zuſtand der Dinge iſt es, der uns zuerſt auffällt; nach den Mitteln zur Abhülfe kann man noch lange ſuchen. Dies iſt beſonders da der Fall, wo ein eigen⸗ thümliches Syſtem ſchon lange beſtanden und jeder Verſuch zu einer Reform die ſchon vorhandenen Uebel nur durch neue vermehrt hat, bis das Ganze endlich unerträglich ge⸗ worden iſt. Der natürliche Prozeß iſt leicht zu ſchildern, und nur durch hiſtoriſche Würdigung der Frage wird es uns möglich zu begreifen, wie ſo monſtröſe Abſcheulichkeiten entſtehen konnten. Solche Dinge geſchehen nämlich nicht als ein Ganzes, ſondern Schritt für Schritt. Wenn ſich Giner ruhig niederſetzte, um zu berathſchlagen, was unter gewiſſen Umſtänden das Beſte wäre, wenn er das Ziel, das er zu erreichen trachtet, mit geſundem Verſtande ins Auge faßte, und die Reſultate ſeiner zeitlichen Beſtrebungen— ſo weit die Kurzſichtigkeit der Menſchen es erlaubt— voraus⸗ zuſehen ſich bemühte: müßte er da nicht, wenn auch kein voll⸗ kommenes, ſo doch ein ſolches Syſtem zu Stande bringen, deſſen Gebrechen vergleichungsweiſe wenige und leicht zu heilen wären? Was iſt aber in der Regel der Verlauf der Sache?— Nur die zeitlichen Zwecke werden, und zwar nicht einmal mit geſundem Verſtande, in Betracht gezogen. Bei der erſten Deportationseinrichtung ſchien der Zweck ein doppelter zu ſeyn: nämlich die Schuldigen zu beſtrafen und ihr Vaterland von deren Gegenwart zu befreien. Gewöhnliche 401 Verbannung wäre die einfachſte Form geweſen, unter der ſich ſolches hätte erreichen laſſen: die nächſte war das Verkaufen des Ueberwieſenen als Sklaven; dann kam die De⸗ portation in eine Kolonie des Mutterlandes mit dem Ver⸗ bote der Rückkehr, ſonſt auch die Bevölkerung einer Kolonie mit den Laſterhaften und Verbrechern. Zu der bloßen Transportation kam nun noch das Strafſyſtem in der Kolonie ſelbſt, und bei all dieſen Schritten wurde kein anderer Zweck verfolgt als der, den Verbrecher zu züchtigen und ſein Ge⸗ burtsland zu erleichtern. An ſeine Beſſerung wurde nie ge⸗ dacht, vor Verſchlimmerung wurde er nie bewahrt, der mo⸗ raliſche Zuſtand des Straͤflings, ſeine religiöſe Ausbildung ward nie in Betracht gezogen, und erſt in den letzten paar Jahren ſchien der Geiſt der Menſchen zur Auffaſſung des weſentlich⸗ ſten Punktes der ganzen Frage zu gelangen, des Punktes nämlich, daß er überall, wo er auch hingehe, das Mitglied einer weitverbreiteten Gemeinde werde, deren Zuſtand noch Jahre lang mit dem des Landes, das ihn ausgetrieben, in enger Verbindung ſtehen muß. Nichts von all dem wurde jemals bedacht, noch viel weniger die hohe und gebieteriſche Pflicht gewürdigt, welche jedem Geſetzgeber das Beſtreben auferlegt, die Strafe zugleich als Beſſerungsmittel einzu⸗ richten— eine Pflicht, die ihnen nicht allein vor ihrem Va⸗ terlande und ihrem Nebenmenſchen, ſondern auch vor ihrem Gotte obliegt.“ 3 Kapitän M.. ſchien einige Augenblicke über die Worte ſeines Gefährten nachzudenken, worauf er erwiederte: „Ich zweifle nicht, daß was Sie ſagten wahr iſt. Die James. Der Ueberwieſene. 26 —— —õ — 40² Uebel, von denen Sie reden, find großentheils dadurch ent⸗ ſtanden, daß man den ganzen Zweck, den man erreichen wollte, nicht richtig auffaßte, und keiner genügenden Ueberlegung unterzog. Wären ſie übrigens die einzigen Uebel des be⸗ ſtehenden Syſtems— denen ließe ſich raſch abhelfen; allein ich furchte, da iſt noch ein anderer großer Irrthum, in den die Staatsmänner gerathen find, und der, ſo lange man auf ihm beharrt, jeder Reform unüberſteigliche Hinderniſſe in den Weg legen muß. Der Irrthum, auf den ich anſpiele, iſt die Meinung, als ob körperliche Züchtigung zur Beſſe⸗ rung beitrage, während ich feſt überzeugt bin, daß ſie blos die eine Folge hat, die Perſon, über welche ſie verhängt wird, nur tiefer zu erniedrigen und noch laſterhafter zu machen. Daß ſie beſtehen muß, will ich nicht läugnen, denn die Ausſicht auf ſie muß dem Verbrecher vor Augen ſchwe⸗ ben, um ihn vor friſchen Unthaten abzuſchrecken; aber die Hauptmittel, die ich anwenden würde, wären ausſchließlich moraliſcher Natur, Aufmunterung zum rechten Wege, Er⸗ mahnung und Belehrung, ſo daß jene Armen allmälig wie⸗ der den Sinn für moraliſche Würde erlangten, deſſen Mangel die Quelle alles Uebels iſt.“ „Eine Theorie, welche, obwohl trefflich an ſich ſelbſt, doch auch zu weit getrieben werden kann,“ bemerkte Dudley. „Strafe iſt ohne Zweifel nothwendig, ſowohl als Schranke, wie als Akt der Gerechtigkeit; aber ebenſo glauben Sie mir, daß Zwang als Mittel gleichfalls erfordert wird. Ich bin überzeugt, daß wir bei all dieſen Dingen zu ſehr in's All⸗ gemeine gerathen, Betrachten wir die unendliche Mannig⸗ — e— — 403 faltigkeit menſchlicher Charaktere, ſo werden wir ſehen, daß jede größere Menſchenmaſſe eine ebenſo unendliche Reichhal⸗ tigkeit von Mitteln zu ihrer Leitung verlangt. Wenn man erwarten wollte, daß jeder Mann oder jede Körperſchaft im Stande ſey, den Charakter eines einzelnen Verbrechers ſo zu durchſchauen, daß gerade die für ſeinen beſonderen Fall paſſende Behandlungsmethode auf ihn angewendet würde, ſo hieße dies freilich viel zu viel verlangen; gleichwohl aber ſollten die Regeln und Verordnungen, die eine Regierung fur ihre Kolonie annimmt und durch ihre Beamten ausfüh⸗ ren läßt, der Art ſeyn, daß die Anwendung beſonderer Mittel ſo viel wie moͤglich erleichtert würde. Waͤre die Aufſicht wohl unterrichteten, verſtändigen Männern anvertraut, ſo ließe ſich aus des Sträflings Benehmen während der Ueberfahrt, wie aus der Art ſeines Verbrechens recht wohl eine allge⸗ meine Kenntniß des Charakters von jedem einzelnen Verur⸗ theilten erlangen. Die alſo erhaltenen Berichte gäben die Grundlage für eine genaue Klaſſifizirung bei Ankunft jedes Schiffes, und eben nach dieſer Klaſſifikation ſollte auch die ſpätere Vertheilung der Unglücklichen vorgenommen werden. So ließen ſich die vergleichungsweiſe Reinen vor Anſteckung bewahren, und die Zahl Derer, welche ſtrenger Aufſicht und Einſchränkung bedürfen, würde auf das Minimum beſchränkt. Man hätte die Macht, ſogleich die zweckdienlichſten Maß⸗ regeln anzuwenden, man wüßte, wo moraliſche Mittel am wirkſamſten, wo Zwang am nöthigſten wäre, und beſäße einen Leitfaden, um ſein Benehmen nach den Erforderniſſen jedes einzelnen Falles einzurichten.— Ich weiß zwar, daß 26* 404 eine Klaſſifikation gemacht wird; ſie iſt aber im hoͤchſten Grade unvollkommen, und ſie eben betrachte ich als eine der Urſachen des totalen Mißlingens unſeres Deportationsſyſtems. Auch glaube ich, die Maßregeln zur Beſſerung der morali⸗ ſchen Aufführung der Verbrecher, wie zur Verhütung neuer Frevel nach deren Ankunft in der Kolonie, ſind vom erſten Anfange an durchaus unpaſſend geweſen. Ich bin der An⸗ ſicht, daß eines der Hauptmittel, um zu verhüten, daß der Ungläckliche in der erſten Zeit ſeiner Ankunft in der Kolonie nicht auf ſchlimme Wege geräth, darin beſteht, daß man ihn fortwährender thätiger Ueberwachung unterwirft. Ihn vom Begehen des Uebels zu entwöhnen, das iſt— glauben Sie mir— der erſte Schritt, um ihn wieder an das Gute zu gewöhnen: aber was geſchah?— Als die erſten Ver⸗ brecher vor nicht gar langer Zeit hierher geſchickt wurden, da ſchien es Denen, die ſie abſandten, nicht im Schlafe ein⸗ zufallen, daß man ihnen irgend eine religiöſe Unterweiſung gewähren müſſe, und man verdankt es blos den Anſtrengun⸗ gen eines Privatmannes, daß wenigſtens einigermaßen für Mittel geiſtiger Beſſerung geſorgt wurde. Nun beläuft ſich die Zahl der unglücklichen Einwanderer in Van Diemens⸗ Land zwiſchen fünf⸗ und neuntauſend jährlich, und wenn wir die Gelegenheit zu religiöſer Erziehung, die ſie dort vorfin⸗ den, wenn wir die Gewalt betrachten, die der Lokalregierung zur fortwährenden Ueberwachung ſogar der verſtockteſten und unverbeſſerlichſten Individuen eingeräumt iſt, ſo finden wir, daß ſie zu der Zahl derſelben im höchſten Mißverhältniſſe ſtehen. Was kann das Reſultat ſeyn? Welches Recht . haben wir, etwas Anderes, als wir es vor uns ſehen, zu er⸗ ¼ warten? Bei einem urſprünglich auf eine unvollkommene Anſicht des Falles gegründeten Syſtem, bei einer mangel⸗ haften Klaſſiſikation der davon berührten Perſonen, und be den höchſt unwirkſamen Mitteln, welche die Ausführung der Zwecke, die man immer im Auge haben ſollte, verhindern — iſt das Mißlingen unvermeidlich, und ſo wurde der Ort, der zur Aufnahme von Verbrechern beſtimmt war, die man nicht allein hätte beſtrafen, ſondern auch beſſern ſollen, ein bloßes Neſt unheilbarer Schurken und eine Pflanzſchule für jede Art von Laſter und Gottloſigkeit, wie ſie nur je das Men⸗ 6 ſchengeſchlecht zu erniedrigen und ewiges Verderben über die Seele des Menſchen zu bringen vermögen. Die Art, wie mit dieſen Kolonien verfahren wurde— ich nehme keinen An⸗ ſtand, dies zu erklären— iſt eine große Nationalſünde, deren Strafe nicht ausbleiben kann.“ In dieſer Art dauerte die Unterhaltung noch längere Zeit fort, während Beide langſam nach dem Ufer des Sees hinabwandelten, wobei ſie bald einen grünen Pfad zwiſchen den mächtigen Stein⸗ und Felſenmaſſen verfolgten, bald auf 8* den natürlichen Stufen in der Korallenbildung abwärts ſtie⸗ gen oder auch zu Zeiten ſtillſtanden, um voll Neugierde in eine der tiefen Höhlen zu ſchauen, welche dieſe Seite des Abgrunds durchlöcherten, wo das Licht von der Farbe der inneren Wände einen tiefen, röthlichen Schimmer annahm. 3 Für zwei warmherzige, enthuſiaſtiſche Männer mußte, wie 1 man ſich leicht denken kann, ein Geſpräch, das die beſten Intereſſen ihrer Mitmenſchen ſo tief berührte, im höchſten 406 Grade anziehend ſeyn, und in der wilden Großartigkeit und Einſamkeit der Scene lag etwas, was ihre Gedanken zu er⸗ heben und zu erweitern ſchien, während ſie über die Be⸗ ſtimmung der Volksmaſſen räſonnirten, welche die Väter einer Bevölkerung werden ſollten, die ſich über kurz oder lang über ihre weite, unbebaute Umgebung ausbreiten mußte. Es war ein balſamiſcher, erfriſchender Morgen; die Sonne war noch nicht hoch genug geſtiegen, um die Hitze läſtig zu machen, und da ihr Weg um die Oſtſeite des wei⸗ ten Baſins herumlief, ſo hatten ſie noch die kühlen Schatten der Felſen, der Hügel und Bäume, die ſich in langen, blauen Streifen über die zerriſſenen Abgründe und den üppigen Ra⸗ ſen zu ihren Füßen erſtreckten. Eine Zeitlang hatten ſie den Zweck ihres Spaziergangs gänzlich vergeſſen, bis Dudley endlich nach einem Punkte am Himmel deutete, indem er bemerkte: „Dort iſt ein Geier, und wenn Sie erlauben, will ich an ihm meine Geſchicklichkeit verſuchen. Er wird bald näher kommen, denn ich habe auf meiner Herreiſe bemerkt, daß die Raubvögel in dieſem Lande ſehr raſch herbeiſtürzen, ſo⸗ wie ſie einen Gegenſtand ſich rühren ſehen. Die Schlächter der Luft haben noch nicht gelernt, daß es hier unten noch mäͤchtigere Schlächter gibt, wie ſie ſelber.“ „Wär' es nicht beſſer, die Kugel auszuziehen und dafür einige Poſten zu laden?“ meinte Kapitän M..., ihm die Doppelflinte einhändigend;„ich glaube zwar, er wird gar nicht bis auf Schußweite herankommen.“ „Ich will die Kugel an ihm probiren,“ erwiederte 407 Dudley;„ich pflegte ſonſt mein Ziel nicht oft zu verfehlen, nur ſind es ſchon zwei Jahre, ſeit ich Büchſe oder Flinte in der Hand hatte;“ und während er die prächtig gearbeitete Vogelflinte betrachtete, gedachte er des Morgens, da er mit Edgar Adelon auf die Jagd gegangen, und all' der finſte⸗ ren, ſchrecklichen Ereigniſſe, die auf jene Jagd gefolgt waren. Doch plötzlich ſich aufraffend, ſah er abermals prüfend an den Himmel und bemerkte, daß der Vogel viel näher ge⸗ kommen war und eben über dem Gipfel der hochragenden Felszacken kreiste, wäͤhrend er ſie mit gekrümmtem Nacken und vorgebeugtem Kopfe im Vorüberfliegen beäugelte. Dud⸗ ley ſchlug auf ihn an, und trotzdem, daß Kapitän M... be⸗ merkte:„er iſt noch viel zu weit“— drückte er nach kurzer Pauſe los. Kaum hörte man den Knall, als man den Tyrannen des Gebirgs mit den breiten Schwingen krampfhaft flattern, dann zuſammenſinken und ſich in der Luft überſchlagen ſah, bis er etwa dreißig Schritte vor ihnen mit gewaltigem Ge⸗ polter herabſtürzte. Er war ſchon völlig todt, als ſie ihn erreichten, nur die gelben Augen rollten noch in dem zer⸗ ſchoſſenen Kopfe. Die Kugel war ſchnurgerade durch dieſen eingedrungen; doch ſchien es, als ob er den kaum empfan⸗ genen Tod kurz vorher über ein anderes Geſchöpf verhängt hätte, denn ſein ſtarker Hornſchnabel und ſeine Krallen waren roth von Blut, das ſeiner friſchen Farbe nach nicht ſehr lange vergoſſen ſeyn konnte. „Das muß eine Gattung der Condors ſeyn,“ ſagte Kapitän M.., nachdem er ihn forgfältig unterſucht hatte. 40⁰8 „Welch' ungeheure Ausdehnung der Schwingen!— den muß ich als ſeltenes Exemplar mit mir nehmen.“ „Ich glaubte, der Condor finde ſich ausſchließlich in Südamerika,“ verſetzte Dudley;„doch bin ich in ſolchen Dingen ſehr unwiſſend, und werde mich hier ganz gewiß nicht verſucht fühlen, mir ein naturhiſtoriſches Muſeum an⸗ zulegen. Ich muß Alles, was Sie mir von Pulver und Blei überlaſſen können, zum einzigen Zwecke meiner Nahrung aufſparen, und darf mich nicht darauf einlaſſen, es an mei⸗ nen Raubgenoſſen, den Thieren, zu verſchwenden.“ „Es iſt wahrhaftig ein Condor,“ verſicherte ſein Ge⸗ fährte,„und ich glaube, dieſe Gattung iſt weit allgemeiner als man weiß über die alte wie über die neue Welt verbrei⸗ tet, kommt aber überall äußerſt ſelten vor.“ „Ich habe viele, dieſem ſehr ähnliche Exemplare über jenen Klippen und dem Gipfel des benachbarten Hügels kreiſen ſehen,“ antwortete Dudley,„konnte aber natürlich bis jetzt keinem nahe kommen, denn ſie machten keine Anſtalt, mich anzugreifen, und ich beſaß kein Mittel, ſie herabzu⸗ bringen. Wir wollen ihn mit heimnehmen, aber erſt muß ich Ihnen ein Mittageſſen verſchaffen, und da iſt der See mein einziges Hulfsmittel. Einige der Federn dieſes edlen Herrn werden wohl eine künſtliche Fliege abgeben, die denen, die ich geſtern am Ufer ſah, nicht ſo gar unähnlich iſt.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich bei dem todten Geier nieder, und brachte bald ein Inſekt zu Stande, das mit denen, wie ſie die gefräßigen Bewohner des Waſſers zu ver⸗ ſchlingen gewohnt waren, ziemlich täuſchende Aehnlichkeit 409 4 hatte. Nach einer Stunde Angelns ſah er ſich durch fün „ bis ſechs große, den Forellen nahe kommende Fiſche be⸗ lohnt; dann machten ſich beide Wanderer, jeder mit ſeiner beſonderen Bürde beladen, auf den Rückweg nach dem Punkte, 3 wo Dudley geſtern ſein Feuer angezündet hatte. Ihr Mahl war in der That frugal genug, denn Brod hatten ſie keines, und das Getränke mußte eine kleine Fel⸗ ſenquelle ſpenden; gleichwohl ſchien es Beiden Freude zu machen, und Kapitän M... bemerkte mit Lächeln, als er ſeinen Gefährten in Verlegenheit ſah, wie er die Speiſe ver⸗ theilen ſollte: 3„Ich ſehe wohl, Sie ſind an dieſes Wüſtenleben noch nicht gewöhnt. Die Erinnerung alter Gebräuche klebt Ihnen noch an, und ſo weit meine Erfahrung reicht, iſt ſie bei Ungebildeten unendlich weniger hartnäckig als bei gebil⸗ deten Gemüthern. Wenige Monate reichen vollkommen hin, um einen gewöͤhnlichen Verbrecher zum Buſchklepper um⸗ zuwandeln.“ „ Bei mir würde es Jahre erfordern,“ erwiederte Dud⸗ ley.„Ich affektire gewiß keinen beſonderen Grad von Ver⸗ feinerung; aber ich halte überhaupt die Feinheiten des Lebens für einen der größten Reize der Geſellſchaft, und fie find imn der That auf höhere Grundſätze bafirt, als es im Anfange ſcheinen möchte. Meiner Anſicht nach ſind ſie alle auf die Maxime gegründet: nichts zu ſeyn, noch zu ſcheinen oder zu thun, woran Andere unnöthigerweiſe Anſtoß nehmen könn⸗ ten. Dies hat weder eine Aufopferung von Grundſätzen, noch eine unvernünftige Unterwuͤrſigkeit der Manieren zur 41⁰ Folge; denn von dem Augenblick, da man das, was recht ſſt, dem blos Höflichen unterzuordnen ſtrebt, wird die Höf⸗ lichkeit zum Laſter; allein ich habe noch nie eine vernünftige Meinung gehört, die ſich nicht auch ſo ausdrücken ließ, daß ſie keinen vernünftigen Menſchen beleidigte, und ſo wäre auch das Unterlaſſen der untergeordneten, conventionellen Artigkeiten, wenn nämlich kein Unrecht damit verknüpft iſt, eine Verletzung deſſen, was wir unſern Nebenmenſchen wie uns ſelber ſchuldig find. Gleichwohl dürfen Sie in der Wüſte keine Handtücher oder Waſſerbecken erwarten, um ſich zu waſchen, nachdem Sie mit den Fingern gegeſſen haben, eben⸗ ſowenig als Sie Brod verlangen dürfen, wo es keine Oefen gibt, oder gar Wein, wo keine Trauben wachſen.“ „Ich bin vollkommen zufrieden und werde dort in dem kleinen Bache mein Fingerglas und auf dem grünen Graſe meine Serviette finden,“ gab der Kapitän in heiterm Tone zur Antwort.„Bei all' dem fällt mir aber ein, beſter Freund, daß ich in meinem kleinen Lager dort unten noch mancherlei Kleinigkeiten beſitze, die Ihnen noch ſehr nützlich werden kön⸗ nen. Da ich ſobald zurückkehre, brauche ich ſie nicht länger und ich glaube wahrhaftig, es werden ſich nicht weniger als drei bis fünf runde, ſpitzige Tiſchmeſſer und mindeſtens zwei zweizinkige Gabeln darunter ſinden. Auch etliche Handtücher werden nicht unwillkommen ſeyn, die zugleich als Servietten dienen können, wenn Sie wieder Tiſchgeſellſchaft bei ſich haben. Ich will das Alles bei meinem Aufbruche dort un⸗ ten zurücklaſſen, und Sie mögen nach Belieben Beſitz davon nehmen. Von dem Schiffe könntgeich Ihnen auch eine ——— 411 Schachtel mit Nägeln verſchaffen, nur weiß ich nicht, wie ich ſte herbringen ſoll, ohne denen am Bord Ihren Aufenthalt zu verrathen, da Sie wohl ohne Zweifel mit der Schiffs⸗ mannſchaft nicht in allzunahe Berührung zu kommen wün⸗ ſchen, beſonders weil dieſe Befehl hat, einen entwiſchten Ver⸗ brecher Namens Brady, einen deſparaten Burſchen, der ſeit⸗ her alle Verſuche zu ſeiner Ergreifung vereitelt hat, aufzu⸗ ſuchen und wieder einzufangen. Er hat, wie ich höre, von Van Diemens⸗Land ſeinen Weg uber dieſe Gegend eingeſchla⸗ gen— wenigſtens glaubt man ſo.“ „Hierher iſt er nicht gekommen, ſo viel ich geſehen habe,“ verſetzte Dudley;„jedenfalls aber wäre es beſſer, jedes Er⸗ kanntwerden zu vermeiden— und doch muß ich geſtehen, dieſe Nägelſchachtel, von der Sie reden, waͤre für mich von größerem Werthe als eine Schachtel mit lauterem Golde, und wenn Sie ſie an der Stelle des Ufers, wo dieſe beiden Hügel in gerader Linie mit einander ſtehen, deponiren wollen, ſo will ich ſie ſuchen und mit heim nehmen. Ich möchte gerne ſa⸗ gen, ich wolle ſpäter Mittel finden, Ihnen meine Dankbar⸗ keit zu beweiſen; aber ich habe ja nicht die geringſte Hoff⸗ nung, dies jemals thun zu können. Ich kann Ihnen alſo blos hundert⸗ und tauſendmal danken und Ihnen meinen Wunſch ausdrücken, daß ich jemals im Stande wäre, fur Sie und die Ihrigen das zu thun, was mein Herz mir ein⸗ gibt, was aber meine Mittel mir nicht zulaſſen.“ „Nicht für immer, nicht für immer,“ verſicherte Kapi⸗ tän M...;„ich weiß gewiß, wenn Sie nur dabei beharren, ſich von jedem Uebel ferne zu halten, ſo wird eine Zeit kom⸗ 1* 1 412 men, wo der Irrihum ſchwindet und die Aahrheit an's Tageslicht gelangt.“ „Jenſeits des Grabes— ja,“ gab Dabley zur Ant⸗ wort, änderte aber dann plötzlich den Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs, und führte dieſes in weniger ernſthaftem Tone wei⸗ ter, bis der Kapitän endlich aufbrach. Beide ſchieden wie zwei alte Freunde, die ſich wohl nie mehr ſehen werden, und während der eine das Gefühl tiefer Neugier und Sympathie mit ſich nahm, ſah ſich der andere von einer Troftllofigkeit überfallen, tiefer und ſchmerzlicher, als er ſie je empfunden hatte. Dreißigſtes Kapitel. Langſam verſtrichen die Tage. Läßt ſich auch nicht läug⸗ nen, daß angeſtrengte Thätigkeit— und hieran fehlte es Dudley nicht— der beſte irdiſche Balſam für ein verwunde⸗ tes Gemüth iſt, ſo gibt es doch bei ſo ausſchließlicher Einſam⸗ keit auch wieder Augenblicke, wo das Nachdenken zurückkehrt und die Wunde abermals aufreißt. Er kämpfte dagegen ſo viel ein Mann nur immer kämpfen konnte, arbeitete unauf⸗ hörlich, mehr um ſeinen Geiſt mit etwas Anderem, denn mit ſeinem eigenen dunklen Schickſale zu beſchäftigen, als um ſich ſeinen Aufenthalt behaglicher zu machen und wenn er dann Nachts erwachte und jene Gedanken wieder auftauchten, ſo ſuchte er um jeden Preis ihnen eine andere Richtung als die der Erinnerung zu geben. —— — 413³ Aber all' ſeiner Anſtrengung zum Trotze, pflegte letzte⸗ res Thema doch öfter wieder zu kehren: umſonſt verſuchte er über abſtraktere Fragen der Kunſt und Wiſſenſchaft oder der Philoſophie nachzuſinnen, umſonſt ſeinen Geiſt auf die Gegenwart und deren Bedürfniſſe— ſo düſter dieſe auch war — zu lenken: das vergangene Glück, die frohen aber ver⸗ nichteten Hoffnungen kamen immer wieder wie Geſpenſter, um Friede und Ruhe aus ſeinem Herzen zu ſcheuchen. Zuweilen ſuchte er wohl auch in ſeiner Bruſt eine An⸗ wandlung von Furcht bei der Ausſicht auf den kommenden Winter hervorzurufen— jener traurigen Jahreszeit, da er mitten unter Stürmen und Schneeſtürzen auf dieſem einſa⸗ men Schauplatze allein blieb, da der Fruchtbaum wie die See ihm ihren Tribut verſagten, da Winde und Stürme um ſeine gebrechliche Wohnung tobten und die lange Nacht keinen Troſt und keine andere Beſchäftigung darbot als die, dem Heulen des Orkans zuzuhören: dann nahm er ſich vor, alle ſeine Gedanken und Anſtrengungen darauf zu richten, wie er ſich gegen das Herannahen dieſes ſchlimmen Gaſtes vorſehen wollte. Er verfügte ſich nach der Stelle, wo Kapitän M... ſein Zelt aufgeſchlagen und neue Beweiſe ſeiner Güte für ihn zurückgelaſſen hatte; denn neben dem, daß er Alles, was er irgend entbehren konnte, hier deponirt, hatte er auch noch einige Worte auf einen Fetzen Papier geſchrieben, worin er dem einſamen Freunde ſeine Adreſſe nebſt der Verſicherung zurückließ, daß wenn er ihm zu irgend einer Zeit dienen lönne, er dieß mit wahrer Freude thun werde. 414 Nunmehr mit friſchen Mitteln und beſſeren Werkzeugen als dem bloßen Beile verſehen, womit er ſeine Arbeit ange⸗ fangen hatte, begann der arme Dudley aus Leibeskräften, zu arbeiten, um ſeine Wohnung gegen Sturm und Feinde un⸗ durchdringlich zu machen; aber da wurde ihm bald der Man⸗ gel an Naͤgeln fühlbar, und er brach nach der Seeküſte auf, indem er dachte:„ſeine Güte wird mich nicht vergeſſen haben.“ Und ſie hatte auch nicht— denn nach einem Wege von zwanzig Meilen fand er nicht allein die verſprochene Schach⸗ tel, ſondern zwei weitere Geſchenke von eben ſo großem Werthe— einen großen Sack mit friſchem Zwieback und eine Handlampe vom Schiff mit ſchwerem dickem Glaſe. Er betrachtete ſie mit trübem Lächeln, wie er oft that, wenn er der Hülfsmittel gedachte, zu denen er ſeine Zuflucht neh⸗ men mußte. „Wo werde ich Oel oder etwas der Art finden, um die Flamme zu naͤhren?“ feagte er ſich ſelbſt.„Unter all' den vielen Kindern dieſer weiten Forſte müſſen ſich doch auch ölhaltige Bäume oder Geſträuche vorfinden. Ich muß noch manches Gewerbe lernen, bis ich fertig bin, und mir vorerſt eine Oelmühle zu konſtruiren ſuchen. Wenn alles fehlſchlägt, muß ich eben mit dem Herannahen des Winters hierher kom⸗ men und ſehen, ob ich nicht ein Seekalb am Ufer überraſchen kann.“ In dieſen Gedanken ſetzte er ſich nieder und aß einen der Zwiebacke, und der Genuß der reinen Waizenfrucht ge⸗ währte ihm dabei ein Vergnügen, wie er es nie empfunden 2— — 415⁵ hatte. Seit den letzten acht Tagen hatte er nichts als Fiſch oder Fleiſch geſpeist, und fand nun, daß Brod in der That des Lebens Stab iſt, denn er erhob ſich leichter und erquickter von dieſem einfachen Mahle am Meeresufer, als ihm ſeit dem Beginne ſeines Wanderlebens zu Muthe geweſen war. Vor Antritt ſeines Rückmarſches ſuchte er ſofort die Laſt, die er zu tragen hatte, ſo zu ordnen, daß ihr Druck moͤglichſt gleich vertheilt wäre, wobei ihm ſeine mathemati⸗ ſchen Studien unter den jetzigen Verhältniſſen weit nützlicher wurden, als er je für möglich gehalten hätte. Er hatte ſie immer als feine Abſtraktionen betrachtet, deren Hauptnutzen für einen Mann in ſeiner angebornen Stellung darin beſtand, daß ſie ihn an ein logiſches Denken gewöͤhnten; nun aber da er Gelegenheit fand, ſie praktiſch anzuwenden, empfand er erſt, wie werthvoll ſie unter allen Verhäͤltniſſen des Le⸗ bens ſind. Mit der Flinte unter'm Arm und mit einer Laſt von achtzig bis neunzig Pfunden beladen, ging er langſam ſeines Weges, indem er fortwährend den Gipfel des Ge⸗ birges im Auge behielt. Sein Pfad führte im Anfang über einen dürren Landſtrich in der Nähe der Küſte, ohne andere Vegetation als einige dünne hohe Grasſtengel, und mit kleinen, flachen, kreisförmigen Steinen, genau von der Form eines Zwiebacks, dicht überſät. Je mehr der Grund anſtieg, deſto fruchtbarer wurde der Boden, und er kam bald an die ſogenannte Geſtrüppregion, wo ihn hohe Baͤume, Ge⸗ büſche und tauſenderlei Früchte⸗ und Blumentragende Ge⸗ ſträuche auf jeder Seite umringten und ihm haͤufig den An⸗ 416 blick des Gambierberges verdeckten. Doch fanden ſich immer wieder lange Striche oder Pfade durch das Dickicht; hie und da kamen auch meilenlange Strecken, wo ſich die Vegetation dünner zeigte, ſo daß er nach dem Lauf der Sonne und mit Berechnung der verſtrichenen Zeit eine ſchnurgerade Linie verfolgte, ſo weit nämlich die Beſchaffenheit des Bodens es zuließ und ihm den Anblick der hohen Kraterfelſen, welche zuweilen über die Blätterwildniß emportauchten, möglich machte. Hie und da fand ſich ein heller, grüner Wieſenfleck, und hier warf er dann die Bürde von ſeinen Schultern und ſetzte ſich zum Ausruhen nieder, ehe er den Forſt von neuem betrat, denn die Anſtrengungen, die er in neuerer Zeit durch⸗ gemacht hatte, waren ſehr bedeutend geweſen. Nach etwa einer halben Stunde fand er die Luft durch den tieferen Stand der Sonne und die allmälige Verlänge⸗ rung des Schattens ziemlich abgekühlt; eine friſche Briſe wehte von der Seeküſte und ſchüttelte die Wipfel der höheren Bäume. Dudley ſtand auf, um ſeine Wanderung von neuem anzutreten, da er immer noch einen Weg von mehr als zwei Stunden vor ſich hatte; mit der Flinte unter'm Arm wollte er eben den Sack mit Zwiebacken aufheben, als er plötzlich einen Schritt vernahm. Es war der eines Menſchen und ſeinem Ohre alſo weit unwillkommener, als wenn er das wildeſte, grauſamſte Raubthier gehört hätte; er griff augen⸗ blicklich nach ſeinem Gewehre, deſſen beide Hahnen er ſogleich ſpannte. Im naäͤchſten Augenblick ſah er mit raſchem Schritte aus einer der Lichtungen des benachbarten Gehölzes eine 417 Geſtalt hervortreten, deren Aeußeres keineswegs zur Zer⸗ ſtreuung irgend einer Beſorgniß geeignet war. Ein großer, kräftiggewachſener Mann mit der uneinnehmendſten Miene von der Welt ſtand vor ihm zer war offenbar ein Europaͤer, wenn gleich die Farbe ſeiner Haut durch den langen Aufent⸗ halt im Freien faſt eben ſo dunkel wie die der Eingebornen des Landes geworden war. Sein ſchwarzes Haar, das länger als ſechs Monate nicht mehr geſchnitten worden, fiel wild über Stirne und Schultern, und ſein gleichfalls ungeſchorner Bart reichte ihm beinahe bis auf die Bruſt herab. Aus dieſem Wuſt von Haaren, der ſein Geſicht bedeckte, ſchauten die ſcharfen adleraͤhnlichen Züge wie durch eine Maske, und das Ganze der wilden, trotzigen Erſcheinung machte ei⸗ nen Eindruck, als ob man plötzlich ein wildes Thier aus ei⸗ nem Buſche hervorlugen ſehe. Er war mit einem alten, zerriſſenen Mantel bedeckt und hatte einen Gürtel um die Hüfte und einen zweiten um die Schultern geſchlungen; in erſterem ſteckten ein paar Piſtolen, an dem zweiten hing ein Ranzen, eine große Kürbisflaſche und mehrere andere Arti⸗ kel von verſchiedenem Gebrauch. Bei dem Anblicke eines Fremden blieb er augenblicklich ſtehen, und ohne zu bedenken, daß ſein eigener Anblick kaum weniger wild und auffallend erſcheinen mochte, richtete Dudley mit dem Rufe:„halt, wer Ihr auch ſeyn mögt!“ ſeine Doppelflinte auf den Unbekannten. „Iſt der bei Sinnen! Willkommen, Burſche!“ rief der Mann lachend, ihm alsbald näher tretend.„Seht Ihr denn nicht, daß ich kein Beamter bin 2„ 3 James. Der Ueberwieſene. 27 418 „ Das weiß ich nicht,“ gab Dudley zur Antwort;„je⸗ denfalls müßt Ihr halten, bis ich erfahren, wer Ihr ſeyd— beim erſten Schritte drücke ich los.“ Der Mann ſtand ſtill, denn er ſtand außer Piſtolen⸗ ſchußweite, aber ganz im Bereiche von Dudley's Flinte, ſonſt wäre wohl ſein Schuß die nächſte Antwort geweſen. „Ich ſage Euch, ich bin ein armer Teufel, wie Ihr ſelbſt,“ erwiederte er,„der ſich von jenen eingefleiſchten Teufeln auf Norfolk Island losgemacht hat und auf ſeinem Streifzuge hierher gekommen iſt. Ich bin halb todt vor Hunger, denn ich habe mich blos von rohen Papageien ge⸗ nährt, ſo lange ich welche haben konnte, und ſeit zwei Tagen iſt kein Biſſen über meine Lippen gekommen.“ „Das iſt was Anderes,“ meinte Dudley, ſeine Flinte wieder abſetzend;„ich kann Euch helfen und das iſt mir ge⸗ nug. Ich habe hier Zwieback bei mir; kommt und nehmt Euch.“ Kurze Unterhandlung und raſche Annäherung bilden die Regel in den wilderen Theilen der Kolonie, wo jeder, der auch nur einen Funken von Bildung beſitzt, gar oft von Ande⸗ ren abhängt, wenn er ſich nämlich der wenigen Vortheile der Geſelligkeit, die hier zu haben ſind, erfreuen will, und es iſt dabei auffallend, daß wo die Barbarei am ärgſten und ge⸗ waltthäͤtigſten auftritt, auch die milde Sitte der Gaſtfreund⸗ ſchaft am offenſten und bereitwilligſten gewährt wird. Der Fremde ſchob alsbald die Piſtole, die er halb aus dem Gürtel gezogen hatte, wieder zurück, näherte ſich Dudley und ſchüttelte ihm herzhaft die Hand mit den Worten: ——⏑—’Op⸗jꝛñn-——,5ãõ— 419 „Ihr müßt ganz neu an dieſem Orte ſeyn— vermuth⸗ lich eben erſt von Norfolk gekommen?— Gebt mir ein Stück Zwieback, Mann, denn ich bin wahrhaftig ganz ausge⸗ hungert.“ Dudley öffnete den Sack, in den der Andere alsbald mit der Hand hineinfuhr und mehrere Zwiebacke herauszog, die er mit großer Gier zu verſchlingen begann. „Das iſt ein kapitales Freſſen,“ verſicherte er mit furchtbarem Fluche.„Es geht doch nichts über den Zwie⸗ back— ich bin nur froh, daß Ihr nicht losdrücktet, denn ich will doch lieber dieſes Brod als ein Stück Blei im Magen haben; es hätte mich ebenfalls einen Schuß gekoſtet, wäh⸗ rend ich ehrlich geſtanden nur einen übrig habe, denn außer meinen geladenen Piſtolen beſitze ich kein Pulver und eine derſelben muß ich für Mac Sweeny aufheben. Vielleicht braucht er gar zwei, doch glaub ich ſchwerlich.“ „Wer iſt denn das?“ fragte Dudley. „Ho! der Mann, der mich einſt verrieth,“ erwiederte ſein Gefäͤhrte,„ein Krämer, dem ich vertraute und der mich verkaufte. In jener Nacht hat er ſich ſelbſt getödtet und das weiß er, ſo wartet er blos, bis ich einen freien Augen⸗ blick habe, dann wollen wir unſere Rechnung ins Reine bringen.“ „Demnach habt Ihr vor, ihn zu tödten?“ forſchte Dudley, der die Meinung des Andern nur halb und halb errieth.. „Ganz gewiß,“ gab dieſer zur Antwort.„Er ſoll 27* 420 nächſtens aus der Kolonie geſtrichen ſeyn.— Doch kommt; ich muß noch einen Zwieback haben.“ „So viel Ihr möͤgt,“ verſicherte Dudley;„nehmt Euch noch einige mit, wenn Ihr wollt; wenn Ihr aber Waſſer in jener Flaſche habt, ſo könnt Ihr mir etwas davon geben, denn ich bin eben ſo durſtig wie Ihr hungrig ſeyd.“ „Ja, Waſeer iſt wohl drin,“ verſetzte der Andere, die Flaſche losmachend und ſie dem Gefährten überreichend.„Es iſt noch nicht lange, ſo war etwas Beſſeres drin— ächter bengaliſcher Branntwein; doch der ging nur zu bald zu Ende.— Herr Gott!'s iſt mir nur noch wie ein Traum, wie ich den austrank— aber ſo wie's nun einmal iſt, ſollt Ihr ſte haben.“ Dudley ſtillte ſeinen Durſt und ſtellte dem Mann ſeine Flaſche zurück. „Das iſt beſſer als Branntwein,“ bemerkte er,„und glau⸗ bet mir, Freund, Friede iſt beſſer als Rache. Sie gleicht dem Branntwein, von dem Ihr ſprecht; Ihr wollt Euren Durſt damit löſchen, und ſie hinterläßt Euch einen verzehrenderen Durſt, als Ihr ihn zuvor empfunden. Von dem Augenblick, da Ihr ſie befriedigt habt, werdet Ihr ein Brennen in Eurem Herzen empfinden, das Nichts zu kühlen vermag und Ihr werdet ſterben, vollgepfropft mit Verbrechen, ohne Friede in der Gegenwart, ohne Friede in Eurer Vergangenheit wie ohne Friede in der Zukunft.“ Der Mann betrachtete ihn mit einem Blicke des höchſten Erſtaunens. „Nein, ich werd nicht,“ erwiederte er;„ich werde ge⸗ 421 henkt. Das iſt mein Tod. Ich hab' es nie anders ge⸗ wollt.“ „Aber habt Ihr auch jemals erwogen,“ mahnte Dudley, „daß dieſes Leben nicht Alles iſt, daß noch ein zweites kommt, in Vergleich mit dem die Schmerzen oder Freuden dieſes Lebens als ein Nichts erſcheinen?“ „Seyd Ihr ein methodiſtiſcher Prediger, junger Mann?“ fragte der Fremde die Stirne runzelnd. „Nein, nichts der Art,“ gab Dudley zur Antwort.„Ich bin ein einfacher Mann wie Ihr, habe aber gelernt, den Willen Gottes zu verehren, an die Zukunft ebenſowohl wie an die Gegenwart zu denken, und mich bei allen meinen Handlungen zu erinnern, daß ſie Beziehung auf ein Jenſeits haben, mit dem ſich dieſes Leben und Alles, was es uns bietet, nicht vergleichen läßt.“ „Was Teufels brachte Euch dann hierher?“ fragte der Fremde, und fuhr nach augenblicklicher Pauſe fort:„Ich habe wohl auch von ſolchen Dingen gehört— das Alles iſt aber nur gerathen. Noch kam kein Todter zurück, der mir geſagt hätte, was ihm begegnet ſey, nachdem er einmal fort war— Alles fault, ſo viel ich ſehe, ſobald es in den Boden geſteckt wird; das Uebrige iſt blos'ne Möglichkeit oder'ne alte Weibergeſchichte. Ein Vogel in der Hand iſt beſſer als zwei im Buſch, und ſo will ich meinen Willen haben, ſo lang ich lebe— ſpäter mag kommen was will: ich will's riskiren.“ „Habt Ihr auch jemals bedacht, wie viel Ihr riskirt?“ fuhr Dudley ernſthaft fort.„Kennt Ihr Norfolk Island? Gut, ſo denkt Euch einen Augenblick, daß Alles, was man 422 den Menſchen dort erdulden la ſſen kann, noch tauſendfach geſteigert wird und eine Ewigkeit fortdauert, ohne die Mög⸗ lichkeit, dieſer Strafe ſelbſt durch den iſt's, was Ihr riskirt und no nicht.“ „Pah! Unfinn,“ antwortele der Mann.„Kein Menſch könnte das aushalten. Seht Ihr, ſte hatten mich gefangen, nachdem ich durchgegangen war, hatten meine Hände mit einem ſtarken Strick gefeſſelt, und ich ſtand mit dem Rücken gegen das Feuer; aber lieber als daß ich eine Nacht dort ge⸗ blieben ware, hielt ich meine Fäuſte in die Flamme, bis der Strick verſengt war. Da ſind noch die Spuren,“ indem er ſeine verbrannten abgedorrten Arme entblößte.„Doch laßt uns von was Anderem reden: ſeyd Ihr auch kein Prediger, ſo ſprecht Ihr wenigſtens ganz wie ein ſolcher, und ich haſſe das Geſindel.— Wegen was wurdet Ihr denn verurtheilt?“ „Wegen Todtſchlags,“ gab Dudley zur Antwort. „Ei, das war doch der Mühe werth,“ meinte ſein Ge⸗ fährte.„Euren Reden nach zu urtheilen hätt' ich geglaubt, es ſey wegen Diebſtahls oder etwas Aehnlichem geſchehen. — Was habt Ihr denn aber jetzt vor? Ihr ſeyd naturlich davongelaufen, und das iſt auch ganz recht; aber's iſt doch ein hartes Leben, beſonders hier herum. Ich habe ſchon halb und halb bedauert, daß ich nicht auf der andern Inſel blieb; aber ſie haben mich ſo hitzig verfolgt, daß ich, als ich ein Schiff erreichte, das mich aufnehmen wollte— und das war ein großer Zufall— ˙3 war nämlich ein Wallfiſch⸗ fänger, der ſein Boot ans Ufer ſandte— ein längeres Blei⸗ Tod zu entrinnen. Das ch weit mehr— vergeßt es 423 ben nicht der Mühe werth erachtete. Ich fand jedoch, daß ſte meine Fährte verfolgten, und ſo bin ich lieber ſechs bis ſiebenhundert Meilen fortgewandert, als daß ich nach dem verfluchten Orte zurückgekehrt wäre. Sie hätten mich doch nur in eine Kettenrotte geſteckt, und da hab' ich Dinge ge⸗ ſehen, die ich nicht wieder erleben will. Ich darf wohl ſagen, ich weiß mehr davon als Ihr, denn Ihr ſcheint mir noch ein Neuling. Ich will Euch erzählen, was ich einmal mit anſah. Ich ſah, wie zwei Männer— ſie ſtanden mit mir ſelber in einer Rotte— mit einem kupfernen Halbgroſchenſtück darum losten. wer dem andern das Hirn einſchlagen und dann dofür gehenkt werden ſollte. Das Loos ſiel auf James Mills, und er machte ſeine Sache ganz hübſch, denn er ſchlug dem andern Burſchen Namens Czechiel Barclay mit einem Hiebe ſeiner Axt zu Boden, und als er zu Hobart Town gehenkt wurde, erzählte er vor allem Volk, wie es zugegangen ſey und warum er's gethan habe, ſo daß viele von ihnen geſagt haben ſollen, es ſey'ne rechte Schande, wenn man die Leute ſo weit treibe, daß der Eine ſich lieber den Schädel einſchla⸗ gen und der Andere den Hals umdrehen laſſe, als daß ſie noch länger in dieſer Sklaverei leben möchten.“ Dudley ſchauderte ſo ſichtlich zuſammen, daß ſein ver⸗ härteter Begleiter laut auflachte. „Wartet nur ein Bischen, und Ihr werdet Euch ſchon an das Leben hier gewöhnen,“ meinte er.„Ich kann Euch ſagen, ich wandere aufwärts nach einem cioiliſirteren Platze; ich habe genug und übrig genug an dieſem Leben gehabt, und wenn ich finde, daß ich gefangen werden ſoll, ſo will ich 424 wenigſtens etwas thun, damit ſie mich hängen, eingefangen haben. Es hilft doch nichts, immer auf dieſem Wege fortzugehen.— Wie kamt Ihr aber zu dieſem Zwie⸗ back? Ihr habt vermuthlich Geld gehabt?“ wenn ſie mich wenn Ihr „ daß ich weiter „Ich wandere nach dem Fuße jener Hügel,“ verſetzte Dudley, der gerne einen Eindruck auf des Fremden Gemüͤth gemacht und ihn von ſeinem furchtbaren Vorhaben abge⸗ bracht hätte.„Wenn Ihr mit mir kommen wollt, kann ich Euch ein Nachtlager anbieten.“ „Fürchtet Ihr Euch nicht?“ rief dieſer, ihn mit hoͤchſt eigenthümlichem Lächeln angrinſend.„Wißt Ihr, daß ich Jack Brady bin?“ 3 „Fürchten?— nicht im Geringſten,“ verſicherte Dudley. „Wir ſind Leidensgefäͤhrten, und Ihr ſeyd gewiß nicht der Mann, der mir etwas zu leid thaͤte oder mich verriethe, was Ihr auch ſonſt ihun möget.“ „Das nenn' ich herzhaft,⸗ meinte der Mann, ihm die Hand hinſtreckend„ Ich würd' Euch nicht verrathen, auch wenn Ihr meinen Bruder gelödtet hättet, und Euch etwas A— 425 zu leid thun?— Ich habe noch nie einen Menſchen gekränkt, der mich freundlich behandelt hatte.“ „Ich vertraue Euch auch ganz und gar,“ erwiederte Dudley.„Ich bin Eurer ganz ſicher, und meinen kleinen Vor⸗ rath, wie er nun eben iſt, ſollt Ihr mit mir theilen.“ „Vielleicht kann ich Euch Dinge angeben, die Euch nicht wenig von Nutzen ſind,“ meinte Jack Brady;„ſo kommt denn— es wird ſpät, und ich ſchätze, bis zu jenen Hügeln ſind's noch ſechs Meilen oder drüber.“ „Ja, ganz gewiß,“ verſicherte Dudley aufſtehend.„Ich bin bereit; laßt uns gehen.“ Wenn er auch vielleicht nicht ſo ganz ruhig war, wie er behauptet hatte, ſo erwog er gleichwohl, daß ſie ſich blos Mann gegen Mann gegenüber ſtanden, und das Leben war in ſeinen Augen nicht ſo koſtbar, um es nicht gerne zu wagen, wenn er Gutes thun konnte. „Ich will Euch die Laterne tragen,“ ſagte der Mann, dieſelbe zur Hand nehmend.„Habt Ihr denn auch Oel?“ „Nein,“ gab Dudley zur Antwort.„Das bringt mich eben in Verlegenheit; aber ich denke, ich werde wohl einen Seehund an der Käſte treffen.“ „O das könnt Ihr bequemer haben,“ verſicherte der Andere.„Ich will Euch ein halb Dutzend Bäume zeigen, von denen Ihr Euch Oel verſchaffen könnt, und einige andere, die eine Art Fett enthalten, wovon Ihr Euch Kerzen machen könnt.'s iſt hier ein koſtbarer Ort für Gewächſe; die Na⸗ tur iſt ſehr gütig geweſen, nur der Menſch iſt an allem Un⸗ heil Schuld.“. 8 426 „Das iſt überall der gleiche Fall,“ bemerkte Dudley. „Laßt uns Sorge tragen, daß wir uns nicht ſelbſt tadeln.“ „'s iſt freilich Wahrheit an der Sache,“ beſtätigte Brady;„doch kommt nur weiter; Ihr werdet bald ein fa⸗ moſer Buſchritter werden, denn Euer Predigen werdet Ihr bald vergeſſen, wenn Ihr Niemand habt, dem Ihr vorleiern könnt.“ „Es wird mir wenig helfen, mein Freund,“ verſetzte Dudley im Weitergehen,„Euch oder irgend Jemand vorzu⸗ predigen, da ich dafür doch nicht bezahlt werde und auch keine Bezahlung zu hoffen habe; das aber glaubet mir, wenn in unſeren Strafanſtalten mehr ſolcher Prediger und auch mehr Zuhörer für ſte da wären, ſo würde es weit beſſer mit ihnen ausſehen. Gutes Benehmen gegen unſere Nebenmen⸗ ſchen und Ehrfurcht vor Gott find die Quellen jeden Gluͤckes auf Erden.“ „Ich liebe meine Nebenmenſchen wohl und würde Alles thun, um ihnen zu helfen,“ behauptete der Fremde.„Kein Menſch kann ſagen, daß ich einem Armen je einen Pfennig abgenommen oder einen Schwachen beleidigt hätte. Das iſt gegen meine Grundſätze, Sir, was Ihr auch denken mö⸗ get; aber viele von denen, die hier ſind, betrachte ich gar nicht als Menſchen. Teufel in Menſchengeſtalt ſind ſie, und weiter nichts. Mit ihnen lebe ich und werde ich immer im Kriege leben, und wer mich verräth, der ſtirbt, ſo lang ich das Daſeyn behalte. Davon läßt ſich nicht weiter reden, ich bin einmal dazu entſchloſſen.“ Dies ſagte er in feſtem beſtimmtem Tone und ſein Ge⸗ — 427 ſicht nahm einen Ausdruck dämoniſcher Wildheit an, als er auf den erlittenen Verrath anſpielte; doch bald ging dieſer Eindruck wieder voräber, und als ob er über einen Gegen⸗ ſtand, über den er ſeinen Entſchluß gefaßt hatte, nicht weiter ſtreiten wollte, begann er ſich unter den Baͤumen und Ge⸗ büſchen umzuſchauen, bis er Dudley endlich auf einen der⸗ ſelben aufmerkſam machte. „Da ſeht einmal jene kleinen Beeren,“ bemerkte er. „Laßt ſie nur reif werden— in einer oder zwei Wochen ſind fie faſt ganz ſchwarz— und wenn Ihr ſie dann zwiſchen zwei Steinen zerdrückt und in einem Keſſel über ſchwaches Feuer ſtellt, ſo werdet Ihr Oel genug bekommen. Uebrigens ſcheint es hier nicht ſo viel gute Baͤume und Pflanzenſorten zu ge⸗ ben, wie auf der andern Seite drüben. Wenn nicht ein ſehr trockenes Jahr eintritt, ſo kann einer von dem, was er hier wild wachſend findet, viele Monate leben. Ihr werdet's jedoch auch hier nicht übel haben, und ich glaube weiter ein⸗ wärts werdet Ihr dieſelben Sorten von Geſträuchen finden, wie drüben bei Port⸗Philipp. Da iſt der große lange Gummi⸗ baum und Cypreſſen ſehe ich auch, nur nicht ſo viele, wie in Neu⸗Südwales.'s iſt wahrlich ein ſchönes Land, und ich hab' es lieber, denn dort find gar zu viele Menſchen. Hier ſcheint es außer Euch und mir Niemand zu geben, wenig⸗ ſtens habe ich die letzten dreihundert Meilen oder drüber außer Euch nur noch eine lebende Seele getroffen.“ „Iſt es für einen mit der Botanik unbekannten Frem⸗ den nicht gefäͤhrlich, ſich von den Früchten eines ihm völlig unbekannten Landes zu nähren?“ fragte Dudley. „ 428 „O nein, mein Beſter!“ gab Brady zur Antwort.„Die einen Stein in ſich haben, könnt Ihr kecklich eſſen und auch die meiſten, die Ihr mit harter Schaale antrefft. Ich ſpreche nicht von Bohnen, denn wißt Ihr, von denen find allerdings viele giftig— ich meine Nüſſe u. dgl. Ich will Euch je⸗ doch erzählen, was ein früherer Bekannter von mir that, und's war gar kein ungeſcheiter Streich, den Ihr auch an⸗ wenden könnt, wenn Ihr lange hier bleibt. Er fing ein junges Käͤnguruh, als es noch ganz klein war, und zog es auf, daß es wie ein Hund, der ſeine Vorderbeine verloren, um ſeine Wohnung herumhüpfte. Was er nun das Känguruh eſſen ſah, das, wußte er, durfte er auch genießen, denn es iſt eine Art menſchlichen Geſchöpfes. Ich hab' es mein Leben⸗ lang nie leiden können, wenn man ein ſolches Thier ſchoß.“ Dudley dachte, wie ſonderbar es doch ſey, daß ein Mann, der aus Rache oder Leidenſchaft ſeines Nebenmen⸗ ſchen Blut wie Waſſer vergoſſen hätte, gegen das Tödten eines bloßen Thieres gleichwohl Widerwillen empfand, weil er ihm eine Aehnlichkeit mit dem Menſchengeſchlechte an⸗ dichtete. Aber ſo ſind nun einmal die Inkonſequenzen un⸗ ſerer Natur, und wir können mit jedem Tage neuen be⸗ gegnen. „Uebrigens iſt es ſehr gut zu eſſen,“ fuhr ſein Begleiter fort,„und ich möchte behaupten, der Menſch iſt auch kein übles Freſſen— wenigſtens habe ich einen der ſchwarzen Burſche ſo ſagen hören. Aber was von allen Dingen in dieſem Lande das Beſte iſt, das iſt der Wombat. Ich ſollte meinen, es müßte eine ziemliche Menge hier herum geben, 429 denn ich habe eine große Zahl von ihren Löchern wahrge⸗ nommen.“ „Wie fieht er aus?“ fragte Dudley;„ich habe noch keinen getroffen.“ „In der Größe iſt er wie ein Dachs, und an Geſtalt einer großen Ratte ziemlich ähnlich,“ erklärte Brady;„wenn er aber geröſtet iſt, ſo wird ihn Jedermann für ein Span⸗ ferkel halten, und Ihr würdet kaum einen Unterſchied finden, wenn nicht etwa, daß er nicht ganz ſo fett iſt. Sobald Ihr einen Bau ſeht, wo friſche Spuren einwärts gehen, ſo grabt den Burſchen aus und bratet ihn; Ihr werdet mir dann für das beſte Mittageſſen danken, das Ihr je in Eurem Leben eingenommen habt.— Er beißt aber teufelmäßig, das kann ich Euch ſagen; ſo nehmt alſo nur Eure Hände in Acht.“ „Ich muß mir für den Winter einen Vorrath von Le⸗ bensmitteln anlegen,“ bemerkte Dudley,„weiß aber nicht, wie ich ſie aufbewahren ſoll, wenn ich mir nicht an der See eine Salzpfanne grabe.“ „Warum nicht gar— Unfinn!“ rief der Mann.„Ihr findet ja Salzpfannen genug fertig:'s gibt nur zu viele hier herum. Ich könnte nicht ſagen, daß das Ding gut wäre, denn es iſt meiſt etwas Bitteres darunter gemiſcht; aber man darf in dieſen Gegenden nicht ſo heikel ſeyn. Ihr dürft Euch nur umſchauen, und werdet manche Strecke von zwanzig Morgen oder drüber antreffen, wo das Salz eben ſo hart wie Eis iſt; Ihr braucht dann nichts weiter zu thun, als Euch ein kleines Becken aus dem Korallen⸗Kalkſtein auszu⸗ ſchneiden, dann habt Ihr die beſte Pöckelpfanne von der Welt.“ 430 „Ich fürchte, das gäbe eine mühſame Arbeit, da ich keine geeigneten Werkzeuge habe,“ warf Dudley ein. „Seh mir einer die Einfalt! Ihr könnt ihn ja wie Käs zerſchneiden,“ lachte der Buſchklepper.„Ihr braucht ihn dann blos eine Weile an der Luft ſtehen zu laſſen, und er wird ſo hart wie Kieſelſtein. Der Mann, von dem ich Euch ſagte, daß ich ihn zwiſchen hier und Adelaide ſah, hat ſich ein ganzes Haus davon gebaut— Alles mit ſeinen ei⸗ genen Händen.“ Sie erreichten unterdeſſen den Gipfel einer kleinen An⸗ höhe, von wo ſich das Land in ſehr ſanften Wellenlinien fünf bis ſechs Meilen weit abwärts ſenkte. Der Shanckberg mit ſeinem abgeſtumpftem Kegel und der Gambier mit den hohen Felszacken ragten gegen Oſten über ein wildes weitgedehntes Waldgeſtrüppe hervor; auch die blauen Gipfel mehrerer fer⸗ nen Hügel wurden ſichtbar, und die Niederung zwiſchen ihnen und dem Fuße des Gambier zeigte die ſchönſte prächtigſte Abwechslung von reichem Wieſengrün und mannigfaltigen Gruppen, ſowie kleine Gehölze dunkler Rieſenbäume, deren lange Schatten ſich auf dem üppigen Raſen wie auf grünem Sammet abhoben. „Ei das iſt mächtig hübſch!“ rief der Buſchritter, wäh⸗ rend er und Dudley ſtehen blieb und ſich umſchauten.„Es er⸗ innert mich an England— Euch nicht auch? Sieht es nicht ganz dem Parke eines großen Edelmanns ähnlich? 's iſt doch ein ſchöner Ort— das England, wahrhaftig! Ich habe nie etwas geſehen, was ihm gleich käme. Hol' ſie der Henker, daß ſie mich fortgeſchickt haben, ſag' ich!“ 431 „Welch ungeheure Abwechslung der verſchiedenſten Pflanzengattungen!“ rief Dudley,„Was ſind das für ſchwarze düſter ausſehende Bäume dort im Weſten?“ „Man nennt ihn den Theebaum,“ gab ſein Gefährte zur Antwort:„müßte aber einen ſchlechten Thee geben. Der da, unter dem wir ſtehen— weiß der Himmel, wie hoch er iſt, denn es ſieht ja aus, als ob er ſich da oben nach den Wolken umſchauen wollte— heißt der Klebrindenbaum, und die gerade da unten liefern das Paliſſanderholz. Die kleinen Burſche, die Ihr dort auf den Wieſen ſeht, wo die Blättchen alle ſo ſchnurgerade am Stängel ſtehen, nennt man hier zu Lande Mimoſen— ihren rechten Namen kenne ich nicht; was aber beſſer iſt als alles Andere— Ihr habt hier ganze Maſſen von Wachholderſträuchen— all' jene Büſche, die Ihr dort ſeht, und wenn ihre Beeren reif ſind und Ihr etwas Melaſſen oder Mais oder etwas der Art bekämet, ſo dürft Ihr nur aus einem alten Keſſel einen Deſtilirkolben machen, dann könntet Ihr Euch den koſtbarſten Wachholderbranntwein brennen, und wäret dabei ſo fröhlich wie ein König.“ „Ohne Unterthanen,“ lachte Dudley. „Gerade deßhalb nur um ſo fröhlicher,“ meinte der Buſchklepper.„Ich hatte nie Luſt zum Schweinetreiben, und eine Heerde Menſchen zu regieren, von denen jeder ſeinen eigenen Kopf hat, muß wohl ebenſo ſchlimm, wo nicht ſchlim⸗ mer ſeyn.—'s iſt aber gewiß ein ſchönes Land, und ich glaube, man könnte hier ſehr behaglich leben, wenn nicht der landſtreicheriſche Geiſt immer an Einem triebe. Vielleicht könnte man ſogar beſſer werden, wenn Einen die Leute nur V 5 43² gehen ließen; aber das iſt in dieſem Lande unmöglich. Ich war ſchlimm genug, als ich hierher kam; aber ich bin jetzt zehnmal ſchlimmer und werde mit jedem Tage ärger, bis man mich aufhenkt.“ „Habt Ihr jemals beſſer zu werden verſucht?“ fragte Dudley.„Verlaßt Euch drauf, Ihr würdet Euern Vor⸗ theil dabei finden.“ „'s hilft nichts,“ meinte der Mann;„das werdet auch Ihr eines Tags zu Eurem Schaden entdecken. Ihr habt ganz recht gethan, an einen Ort zu flüchten, wo außer Euch kein Weißer iſt; ſte werden Euch aber bald hier ausfinden, und wenn ich hier bleiben wollte, ſo würden ſie mich in Kur⸗ zem einfangen und in eine Kettenrotte ſtecken, und dann wäre ich wieder toller als zuvor. Meine einzige Sicherheit be⸗ ſteht in dieſem Umherſchweifen, denn dann iſt's ſchwer, mir auf die Spur zu kommen. Eben ſo gut wie von den Leuten dieſer Kolonie, könntet Ihr wohl auch von Teufeln erwarten, daß fie gut werden, denn wenn ſie auch wollten, ſo find wie⸗ der andere Teufel zu dem Zwecke aufgeſtellt, ſie daran zu verhindern.— Doch laßt uns lieber von dem Orte und nicht von den Menſchen reden; ich haſſe dieſe Art von Geſpräch.“ Während des Schluſſes dieſer Rede waren ſie ſachte unter den wechſelndſten Baumgattungen durch den ſchönen Landſtrich hinabgeſtiegen, während das Abendgezirpe der Grille die Luft mit melancholiſchem Säuſeln bewegte, wäh⸗ rend Hunderte von ſchwarzen und weißen Kakadus umher⸗ ſchwirrten und Papageien von jeder Farbe in den Zweigen flatterten. Aus dem langen dichten Graſe am Fuße des — 4³³ Abhangs fuhr ein ſchlankes Emu empor, und galovppirte auf ſeinen langen Beinen über die Ebene. Alle Augenblick ſtießen ſie auf ein mit den reizendſten Blumen bedecktes Dickicht; das Ufer eines Flüßchens fanden ſie mit den ſchön⸗ ſten Murraylilien eingefaßt, und an manchen Stellen von einem Strauche mit kleinen Purpurblättchen geziert. Auch das Eiskraut ſah man hie und da, und für ein frohes unge⸗ trübtes Gemüth ließ ſich kaum etwas Köſtlicheres auf Erden denken, als ein Spaziergang auf dieſem lieblichen Schau⸗ platze. Ein Geiſt der Milde und des Friedens ſchien Alles zu durchdringen, und Dudley erinnerte ſich hier unwillkühr⸗ lich an die eindrucksvolle Stelle eines ungeſtümen aber zart⸗ fühlenden Dichters: „Göttlich iſt Alles, nur nicht Gottes Bild.“ Nichts deſto weniger blieb der Eindruck all dieſer Schönheit und der Geiſt der Ruhe, den ſie zu athmen ſchien, ſogar bei ſeinem rohen Begleiter nicht ganz ohne Wirkung. Er ging eine Weile ſchweigend einher, indem er ſich nach allen Seiten umſchaute, bis er endlich ſagte: „Ich glaube, man weiß nur halb, wie das Land ſo ſchön iſt, wenn man immer in den Städten lebt. Ich denke oft, es wäre beſſer, wenn man überhaupt nicht in Städten wohnte, denn ſeht Ihr, da hängt man ſich an alle mögliche Dinge, an die man auf dem Lande nicht denken würde.“ „Ohne Zweifel gibt es weit mehr Verlockungen in d Städten,“ erwiederte Dudley,„und was noch ſchlimmer 1 Alles— der Menſch hat dort weit weniger Gelegenheit, James. Der Ueberwieſene. 28 434 ruhig mit ſeinen Gedanken zu verkehren. Ich bin feſt über⸗ zeugt, wenn Einer, ehe er handelte, immer zuvor mit ſich zu Rathe ginge, ſo geſchähe nicht halb ſo viel Unheil in der Welt. Die Gelegenheit zu ſolchem Nachdenken iſt ein gro⸗ ßer Segen und ein noch größerer iſt der, wenn es einem erſt zur Gewohnheit geworden iſt.“ „Ich bin nicht ganz gewiß, ob dies die wahre Urſache des Unglücks iſt,“ gab der Buſchritter zur Antwort.„Man thut nur ſelten Alles auf einmal— Schritt für Schritt geht der Menſch weiter. Tritt einer z. B. in ein Haus und nimmt ein Glas Wachholderbeerſaft oder Branntwein— was nun der Fall ſeyn mag— ſo geſchieht das nicht, um ſich zu betrinken, und er würde höchſt wahrſcheinlich daſſelbe thun, auch wenn er eine ganze Stunde zum Befinnen gehabt hätte; er will nur ſeinen Geiſt munter erhalten, wenn er etwa muthlos zu werden anfängt. Dort findet er nun einen Freund; er nimmt ein zweites Glas, und während ſie plaudern, ein drittes, bis Glas um Glas in ſeinen Mund und dann in den Kopf eingeht, und nun kein Menſch mehr weiß, was ge⸗ ſchehen wird. So geht's gerade auch mit andern Dingen— Schluck für Schluck— ſo iſt's mit Allem. Ueberdies glaube ich, in manchen Leuten ſteckt der Teufel— in mir vielleicht, wie Ihr gewiß denken werdet.— Da find z. B. die Wilden hier zu Land— die Eingeborenen, wie man ſte nennt; wenn der Teufel nicht in denen ſteckt, ſo weiß ich nicht mehr was. Sie haben nie Unterricht genoſſen, und doch thun ſie oft Dinge, wovon Ihr gar keinen Begriff habt. Ich hab' es erlebt, daß ſie Einem mit den Zehen die Taſche ſo ſauber 43⁵ ausleerten, wie nur je ein Bruder Langſinger in London mit ſeinen Händen thun könnte; dann ſchleudern ſie Euch auch ihre langen Speere aus ſo weiter Ferne in den Räcken, daß man glauben ſollte, ſte könnten kaum einen Berg damit treffen. So gehört es ferner zu ihren teufliſchen Stücken, daß ſie einen Menſchen nur ſeines Fettes willen, gerade wie die Koloniſten einen Ochſen wegen ſeines Talgs ſchlachten, und ſich damit einſchmieren, um endlich noch rothen Oker darauf zu ſtreuen. Ihr müßt Euch ſcharf nach ihnen um⸗ ſehen, denn man darf ihnen nicht trauen, und nicht weit von hier haust ein ganzer Haufe, beſonders das Volk, das man die Milmenduras nennt, große ſchlanke Burſche mit krauſen Haaren; dann gibts auch noch die Satagaries, doch halt' ich dieſe nicht für ſo ſchlimm, wie die andern. Ich bin unter⸗ wegs auf einige ihrer Wohnſtätten geſtoßen. Es ſind in der That gräuliche Wilde, und das einzige Mittel, ſie fern von ſich zu halten, iſt das, daß man ſie glauben macht, man ſey, was ſie einen Muldthorpe nennen— nämlich eine Art von Teufel. Das glauben ſie von mir, und darum wagen ſte's nicht, mich anzurühren.“ „Ich würde ſie eher glauben machen, ich ſey ein guter und nicht ein böſer Engel,“ meinte Dudley. „Dafür würden ſie Euch tödten und auffreſſen,“ ver⸗ ſicherte der Andere mit lautem Lachen.„Sie denken gerade ſo, wie's die Aufſeher auch von uns glauben, daß man nur den zu reſpektiren für die Mühe werth hält, der uns ſttaft und peinigt. Um die guten Geiſter kümmern ſie ſich blut⸗ wenig; nur die ſchlimmen werden von ihnen beachtet.— Da 28* 436 ſchaut, dort drüben guckt ehen einer aus dem kleinen Gehölz! Wirdürfen uns vor ſeinem Speer in Acht nehmen.— Nein, 's iſt ein Känguruh, bei meinem Leben! Seht, wie es davon⸗ hüpft, dreißig Fuß mit einem Sprung; aber ſo weit ſie auch ſpringen mögen, werden ſie doch zuweilen von den wilden Hunden eingefangen, wie jene Hunde in der Kolonie mich einfangen werden, bevor ich fertig bin, und ob Ihr mir noch ſo viel Raum geſtattet. Ich weiß,'s iſt mein Schickſal, und ſo kann ich eben ſo gut noch eine Weile meinen eigenen Willen haben.“ Dies war nicht gerade der Schluß, zu welchem Dudley ihn zu führen gehofft hatte. Er glaubte mitten unter der großen Maſſe von Schlimmem doch auch einen kleinen Theil von etwas Beſſerem in der Natur des Mannes zu entdecken; aber er wußte nicht, wie ſchwierig es iſt, das Unkraut das Jahr für Jahr ſogar in einem Boden, der zu anderer Zeit mit weit beſſeren Dingen hätte befruchtet werden können, aufgewachſen iſt— mit der Wurzel auszureißen. Auch hatte er zu wenig Erfahrung bei ſolchen Charakteren geſam⸗ melt, um die beſten Mittel, ihnen beſſere Gedanken einzupflan⸗ zen, zu kennen. So oft er einen Verſuch dazu machte, ſprang ſein Begleiter, feſt entſchloſſen, nicht auf ihn zu hören, von dem Gegenſtand ab, und ſo hatten ſie den Fuß des Gam⸗ bierberges erreicht, ohne daß Dudley den geringſten Fort⸗ ſchritt gemacht hätte. „Ci, Ihr wohnt doch nicht da oben— oder?“ rief der Buſchklepper, als Daudley den Hügel hinanzuklimmen be⸗ gann. 43³⁷ „O ja, gerade auf dem Gipfel,“ erwiederte Dudley. „O dann dürft Ihr mich hängen, wenn ich weiter gehe,“ verſicherte Brady.„Ich bin müde und ſchläfrig, und hab' nicht nöthig, meinen morgigen Weg für nichts und wieder nichts zu verlängern. Es find volle vierzig Meilen bis zu Mr. Norries, wo ich zu übernachten gedenke. Den Tag darauf kann ich mir wohl ein Pferd ſtehlen: ich weiß, es ſteht eines auf Pringle's Schaafhofe, und das ſoll mich in den Buſch nahe bei Adelaide tragen. Ich brauche gewiß drei Wochen, bis ich dorthin gelange, und wenn Ihr mir alſo auf ein bis zwei Tage Zwieback mitgeben wollt, ſo werd' ich's Euch danken.“ „Von ganzem Herzen,“ antwortete Dudley, der mittler⸗ weile alle Hoffnung aufgegeben hatte, einen Eindruck auf ſeinen Begleiter zu machen.„Nehmt lieber einen tüchtigen Vorrath, da Ihr einen ſo langen Weg vor Euch habt“ „Nein,'s taugt nichts, ſich mit dem Zeuge zu ſchleppen,“ verſicherte Brady.„Gebt mir ein Dutzend; das reicht für drei Tage, vier auf den Tag gerechnet, und ehe ich die ge⸗ geſſen habe, bin ich vielleicht maustodt. Ueberdies wird mich morgen Mr. Norries füttern, und übermorgen muß Pringle dran glauben.“ „Und wer iſt denn dieſer Mr. Norries,“ fragte Dudley, dem der Name einigermaßen auffiel.„Iſt er auch ein ent⸗ laufener Sträfling, wie wir?“ „Ein Sträfling iſt er allerdings,“ erklärte Brady; „am Ende des erſten Jahres wurde er jedoch wegen guter Aufführung und weil er dem Sekretär des Gouverneurs aus 438 der Noth geholfen, begnadigt— wie man's nennt. Ueber⸗ dies iſt er zwar auf lebenelang verurtheilt, hat aber im Ganzen nichts Schlimmes begangen. Er war ſo was wie ein Advokat, ſeht Ihr, und gerieth in ein ſchreckliches Kom⸗ plott, was ſie einen Chartiſten heißen— hol' mich der Teu⸗ fel, wenn ich recht weiß, was dies bedeutet. Als ich mich auf meine Reiſen machte, gabs in England noch keine Char⸗ tiſten; gleichwohl wurde er geworfen und nach Hobart Towu geſchickt, das er eben erreichte, als ich vor etwa fünf⸗ zehn Monaten aufbrach. Ich erinnere mich, gehört zu haben, daß ſie Alle ſehr höflich gegen ihn ſeyen; denn, was ſie auch ſagen mögen— es werden auch hier Unterſcheidungen ge⸗ macht.“ Dudley horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit und war nicht wenig unſchlüſſig, was er wohl in Folge dieſer uner⸗ warteten Nachricht thun ſollte. Er fühlte den Durſt nach einem Umgange mit Menſchen, und da er erfuhr, daß ein wohlerzogener, verſtändiger, wenn auch irregeleiteter Mann nur eine kurze Strecke— was wenigſtens in dieſem wilden, dünnbevölkerten Landſtriche für kurz galt— von ihm entfernt war, ſo erwachte in ihm der heiße Wunſch, eine Verbindung mit ihm zu eroͤffnen, und die Neugierde wegen ſo mancher früheren Vorfälle machte dieſen Wunſch geradezu unwider⸗ ſtehlich. Aber er zögerte auch wieder voller Beſorgniß, denn der Gedanke, verrathen und wieder in die Feſſeln geſchmie⸗ det zu werden, denen er kaum erſt entronnen, war ihm gräß⸗ lich. Nach längerem Zögern entſchloß er ſich, dem Advo⸗ katen durch ſeinen landflüchtigen Begleiter eine kurze und 439 nicht ſehr deutliche Botſchaft zu überſenden, in der Hoffnung, ſich hiedurch um ſo beſſer vor ſpäterer Ueberraſchung zu ſichern. „Sagt Mr. Norries, daß hier Jemand wohnt, der ihn in früheren Tagen einigermaßen kannte, und den er eben in der Zeit, da er mit jenen Planen umging, die ſo übel ausgeſchlagen haben, zum letztenmal beſuchte.“ „Ihr wollt vermuthlich Euren Namen nicht nennen?“ fragte Brady. „Nein, das iſt nicht nothig,“ erwiederte Dudley.„Wenn er's erräth, ſo iſt's gut— wo nicht, ſo hat's auch nichts zu bedeuten.“ „Nun, ich denke, Ihr müßt mir noch ein paar Lodungen Pulver für meine Mühe geben,“ meinte der Buſchklepper. „Recht gern,“ erwiederte Dudley,„auch Schrot, wenn Ihr wollt. Kugeln hab' ich keine bei mir, als die hier im Laufe ſtecken.“ „Schon gut, ſchon gut,“ war die Antwort, worauf der wilde geſetzloſe Menſch, nachdem er ſeine Gabe empfangen und ſeinem unglücklichen Gefährten die Hand geſchüttelt hatte, ſich mit der Bemerkung entfernte, er werde ſich nach einem niederen Baume umſehen und dort ſeine Schlafſtätte aufſchlagen, während Dudley ſeinen einſamen Weg auf den Berggipfel verfolgte. —— —— 440 Einunddreißigſtes Kapitel. Das Denken— ſo werden wir von manchen Schrift⸗ ſtellern belehrt— iſt das hohe und charakteriſtiſche Vorrecht des Menſchen. Die Wahrheit des Satzes wird nicht allge⸗ mein zugegeben, und wenn fie's auch ware, ſo könnte ich blos ſagen, daß das Denken, gleich ſo manchen anderen hohen und charakteriſtiſchen Privilegien, ſehr läſtig werden kann, wenn deſſen Ausübung fortwährend erzwungen wer⸗ den muß. Ich kann nicht umhin, zu glauben, daß der ara⸗ biſche Mährchenerzähler mit ſeiner Geſchichte von Sindbad dem Seefahrer, der auf ein ödes Eiland verſchlagen und von einem alten Manne verfolgt wird, der, wenn er ihm erſt auf der Schulter ſaß, nicht eher abgeworfen werden konnte, als bis er betrunken gemacht war— das Schickſal eines zu einſamem Nachdenken Verurtheilten verſinnlichen und vielleicht das einzige Mittel andeuten wollte, das er zur Be⸗ freiung von dieſer laͤſtigen Tyrannei für erreichbar hielt. Dudley war abermals allein, und mußte wohl unwill⸗ kührlich die Worte und Handlungen der beiden Maͤnner, die an dieſem abgelegenen Orte ſeine einzigen Gäͤſte geweſen waren, überlegen und mit einander vergleichen. Darüber, daß der letzte der Beiden ihn verlaſſen, empfand er zwar keineswegs das Bedauern, das ihn bei der Abreiſe des Erſtern überfallen hatte; aber die Thatſache ihres Beſuches ſelbſt erweckte anfangs viele Beſorgniſſe in ihm. Er hatte ſich einen Zufluchtsort ausgeſucht, den, wie er glaubte, des Menſchen Fuß noch nie betreten hatte, noch auch— für ———— 441 lange Jahre wenigſtens— betreten würde: und nun hatten ihn im Laufe einer Woche zwei Fremde daſelbſt aufgefunden und mit ihm geſprochen. Jeder von Beiden konnte das Ge⸗ heimniß ſeines Aufenthaltes verrathen, und wie mancher Andere mochte durch Zufall oder Neugier, im Verfolge der Jagd oder aus einem der vielen Gründe, die den Menſchen zu einem unſtäten Wanderleben veranlaſſen, hieher geführt werden? Das war eine Frage, die ihn beunruhigte, und wie geſagt, er war im Anfange nicht ohne Furcht und Beſorg⸗ niſſe; doch dieſes Gefühl ſchwand allmälig, als ein Tag nach dem andern, eine Stunde nach der andern ihn immer mehr und mehr dem Ueberdruſſe des Denkens überlieferte. Die Sorge für die Bedürfniſſe des Tages oder der Zukunft, die Sicherung ſeines Obdaches gegen Sturm und Winter, die Bereitung der nöthigen Werkzeuge aus Felſen, Lehm oder aus dem Stamme der Ceder oder Eiche gewaͤhrten ihm nicht genügende Beſchäftigung, um ſeinen Geiſt einen vollen Tag von allen anderen Gedanken abzuziehen. Wenn er unten am See fiſchte, wenn er ſich mit der Flinte auf dem An⸗ ſtande befand, wenn er Ciſternen aus den Felſen aushieb oder mit ſeiner Art die harte Kruſte des Salzteiches aufbrach — dann kam immer wieder der ſchwere Andrang ſeiner Ge⸗ danken und wurde mit jedem Tage trüber und finſterer. Den Klang der ſüßen Menſchenſtimme zu vernehmen, die Gefühle oder die Fantaſiebilder ſeiner Bruſt zu erzählen, ſchien ihm mit jedem Augenblicke ein begehrenswertheres Vor⸗ recht, und er empfand es bitter, daß der Menſch zur Ge⸗ — 442 ſelligkeit gemacht iſt, und daß gänzliche Einſamkeit einer totalen Troſtloſigkeit gleichkommt. Ein Monat verſtrich ſeit ſeiner Zuſammenkunſt mit Brady, ohne daß er ein einziges menſchliches Weſen geſehen hätte, ja ohne ſogar den Klang ſeiner eigenen Stimme zu vernehmen, und man wird die Wirkung auf ſein Gemüth begreifen, wenn ich ſage, daß er endlich beim Niederknieen zum Gebet vor ſich hinmurmelte:„ich will wenigſtens mein Gebet laut ſprechen, um nicht den Gebrauch der Rede zu verlieren.“ Aber ſelbſt das war ihm kein Troſt, und ſeine Betrach⸗ tungen wurden immer dunkler und trauriger, als die Blätter allmälig braun wurden, und das Gras eine gelbliche Fär⸗ bung annahm, als die Blumen im Walde allenthalben den Beeren Platz machten und die Sonne immer ſpäter aufſtand und früher zur Ruhe ging. Zuletzt konnte er es nicht länger ertragen, und er ſagte:„ Ich will ausziehen und dieſen Norries aufſuchen, denn ich glaube, wenn ich hier noch länger der bittern Betrachtung von Vergangenheit und Zu⸗ kunft überlaſſen bleibe, ſo werde ich noch überworfen und wahnfinnig.“ Die Flinte auf der Schulter, das Pulverhorn nebſt Schrotbeutel und einer großen ledernen Reiſetaſche mit dem nöthigen Vorrathe an Zwiebacken an der Seite, brach er ſofort am anderen Morgen auf und nahm ſeinen Weg in der von dem Buſchklepper früher angedeuteten Richtung. Die Luft war friſch und kühl, hie und da war noch ein Sternchen 443 am Himmel zu gewahren, das vor der Annäherung der Sonne ſein unwirkſames Feuer auslöſchte.“ Drei Stunden ſchritt er friſch und leichtfüßig dahin; dann aber wurde die Hitze ſchon ſehr bedeutend, und ehe eine weitere Stunde um war, brannte ihm die Sonne ſo heftig auf den Kopf, daß er froh war, ſich in den Schatten eines hohen, einſamen Baumes ſetzen zu können, wo vom Oceane her, deſſen Brüllen man in geringer Entfernung vernahm, ein erfriſchender Wind die Hitze kühlte. Er konnte ſich den⸗ ken, wie furchtbar es ſeyn mußte, in der heißen Jahreszeit eine jener weiten, ausgetrockneten Wüſten zu durchziehen, welche einen beträchtlichen Theil von Neu⸗Holland ausmachen, und deren eine, wie er wußte, dicht an dem öftlichen Rande des fruchtbaren Landſtriches lag, wo er ſeine Wohnung auf⸗ geſchlagen hatte. Dort, hieß es, dehnten ſich Kalkſteinhügel ohne Gras, ohne Baum oder Waſſer in einer Länge von ſiebzig bis achtzig Meilen; auf der ganzen Strecke keine Pflanze, kein Strauch, kein lebendes Weſen, höchſtens daß hie und da Eidechſen oder Skorpione ſich blicken laſſen; und als er nach Südoſten ſchaute und am Horizonte einen röthlich⸗ gelben Streifen mit ſcharfem Rande vom Himmel ſich ab⸗ trennen ſah, da dachte er:„Ich muß mich in Acht nehmen, daß ich mich nicht in eine ſolche Wildniß verirre. Vor Durſt zu ſterben, muß ja ein furchtbarer Tod ſeyn.“ Und inſtinkt⸗ artig ſich erhebend, wandelte er nach einer Stelle in der Ebene, wo ſich das Gras etwas grüner zeigte, und die Baäume ein üppigeres Laubdach beldeten. Wie er erwartet hatte, fand er ein kleines, von der 444 neulichen Hitze zwar etwas eingeſchrumpftes, aber immer noch mit ſchoͤnem, klarem Waſſer angefülltes Bächlein; er watete durch das Röhricht bis an das von hohen Baͤumen beſchattete Ufer, und wollte eben ſeine Kürbisflaſche füllen, als plötzlich eine Kitte Voögel von der Gattung der Enten dicht neben ihm aufflog. Er ſetzte raſch die Flinte an die Schulter, feuerte ab und erlegte zwei Stücke mit einem Schuß. Es waren ſchöne Thiere von kohlſchwarzem Ge⸗ fieder, und überdies recht fett und wohlbeleibt; nachdem er ſte am Strande niedergelegt hatte, bückte er ſich abermals über den Bach und füllte ſeine Flaſche. Als er wieder zuruͤck⸗ kam, fand er eine große Schlange, die mit aufgehobenem Kopfe die todten Vogel ziſchend anzüngelte, als ob ſte kaum begreifen könne, warum ſie ſo ſtill dalägen. Die Schlange ſchien ſeine Annäherung nicht zu vernehmen, und er tödtete ſie ohne Mühe mit dem Kolben ſeiner Flinte, indem er in die bittern Worte ausbrach:„Mord, Todtſchlag! das Leben iſt doch nur ein Krieg, der gegen den Starken vertheidigend, gegen den Schwachen aber angriffsweiſe geführt wird. Es iſt ein ſonderbarer Zuſtand!“ Faſt in ſelbem Augenblick drang ihm ein lauter Ruf zu Ohren, und er lud haſtig ſeine Flinte von Neuem, da er vermuthete, der Schrei könnte von einem der wilden Einge⸗ bornen hergekommen ſeyn. Er horchte aufmerkſam, und ver⸗ nahm bald darauf ein Raſcheln in den Büſchen weiter oben am Bache. Das konnten doch nicht wohl Wilde ſeyn, denn er hatte ſich oft erzählen laſſen, daß dieſe ſo ſachte auf dem Bauche daherzukriechen pflegen, daß ſie das Laub kaum wie 44⁵ ein leiſes Lüftchen aufſtören, und hier ſchien es offenbar, als ob die nahende Perſon ſich keineswegs Mühe gebe, ihr Vor⸗ rücken zu verhehlen, ſondern mit haſtigem Schritt durch das dichte Unterholz breche, und die Aufmerkſamkeit eher auf ſich zu ziehen als von ſich abzulenken ſuche. „Kann mich wohl Jemand verfolgen?“ dachte Dudley; doch im nächſten Augenblick rief eine laute Stimme auf Eng⸗ liſch:„Wer hat hier gefeuert?“ und gleich darauf trat Mr. Norries mit einem Gewehr in der Hand und zwei Hunde hinter ihm aus den Büſchen hervor, und ſtellte ſich unter einen der großen vereinzelten Bäume, um ſich dort in der Umgegend umzuſchauen. Seine Augen fielen alsbald auf Dudley; aber dieſer hatte ſich im Aeußern ſo ſehr verändert, daß ihn Norries anfänglich nicht erkannte, und mit geſpanntem Hahn vor⸗ ſichtig näher kam, während ſeine breite, gerunzelte Stirne einen zweifelnden, forſchenden Ausdruck zeigte. Er ſelbſt war nach der Sitte der Kolonie in ein leichtes, leinenes Jägerhemd, baumwollene Beinkleider und einen großen Strohhut ſauber und reinlich gekleidet, wogegen ſich Dud⸗ ley in ſeinem fremdartigen Aufzug, der großentheils aus den Fellen eines Känguruhs beſtand, während die Mütze auf ſeinem Kopfe— ſein eigenes Fabrikat— aus der inneren Rinde einiger der Bäume, die er gefällt hatte, gebildet war, ſo ziemlich wie Robinſon Cruſoe ausnahm. Einen Augenblick ſpäter ſchien ihn jedoch Norries plötzlich zu erkennen, denn er nahm die Flinte unter den Arm, und kam geradenwegs durch den Bach zu ihm herüber. 4 446 „Ah, Mr. Dubley! funden habe,“ hub er an. ſobald die Witterung etw jener Brady, der teufliſch Engländer, der mich kenne, und ſeiner Beſchreibung na ſeyn müßten.“ ich bin froh, daß ich Sie hier ge⸗ „Ich hatte vor, Sie aufzuſuchen, as kühler geworden wäre, denn e Spitzbube, erzählte mir, ein wohne auf dem Berge Gambier, ch zweifelte ich nicht, daß Sie es „Ich hieß ihn, Ihnen von mir erzählen,“ gab Dudley zur Antwort,„mochte ihm aber meinen Namen nicht mit⸗ theilen— nicht weil ich glaube, daß er mich oder irgend Jemand verrathen würde, denn der Mann iſt nicht ohne gute Eigenſchaften, und ich bin ihm ſehr dankbar, daß er ſich meiner Botſchaft erinnerte.“ „Verrathen hätte er Sie gewiß nicht,“ „denn Verrath war keiner ſeiner Fehler, und im Gegentheil bitter genug, deckte. Sie hörten doch, verließ?“ „Seit ich ihn ſah, habe ich nichts mehr gehört,“ ver⸗ ficherte Dudley;„aber Sie reden ja, als ob der Mann todt wäre.“ „Ja, er wird jetzt wohl gehenkt ſeyn,“ erzählte Nor⸗ ries.„Den Tag, nachdem er mein Haus verlaſſen, ſtahl er ein Pferd auf Pringle's Schafhofe, und ritt, glaub“ ich, Tag und Nacht drauf los, um Rache an einem ebenſo ſchlim⸗ men oder noch ſchlimmeren Manne, wie er ſelbſt, zu nehmen. Es war ein Kraͤmer Namens Mac Sweeny, und er ſcheint den Brady der Juſtiz überliefert zu haben. Er ſaß eben meinte Norries, er beſtrafte ihn wenn er ihn an Anderen ent⸗ was er that, nachdem er mich 447 ruhig in ſeinem Laden mit einem alten Manne und ſeinem Jungen beim Trunke beiſammen, als Brady gegen neun Uhr Abends an der Thüre erſchien. Es wurden nur wenige Worte zwiſchen ihnen gewechſelt, denn Brady's Gruß lau⸗ tete blos:„Mac Sweeny, ich brauche Euch.“ Er hatte eine geſpannte Piſtole in der Hand; doch Sweeny ging mit ſtörriſcher Entſchloſſenbeit hinaus und fragte:„Was wollt Ihr, Brady?“— Ich gebe Euch fünf Minuten, um Euer Gebet zu ſprechen,“ erwiederte der Mörder.—„Ich brauche nicht fünf und brauche nicht eine,“ gab Mac Sweeny zur Antwort.„Ich bin kein Betbruder, und wie ich lebe, ſo will ich ſterben.“— Weiter ward nichts geſprochen, aber ein Schuß wurde abgefeuert, und als ſie aus dem Hauſe ſtürz⸗ ten, fanden ſie Mae Sweeny mit zerſchmettertem Hirn vor ſeiner eigenen Thürſchwelle liegend. Das ganze Land war in Waffen zur Verfolgung des Mörders, und die letzte Nachricht, die ich vernahm, lautete, er ſey eingefangen und nach Hobart Town geliefert worden, wo er gewiß ſchon ge⸗ henkt wurde, wie er es wünſchte und verdiente.— Doch ſprechen wir nicht länger von einem ſolchen Menſchen, Mr. Dudley. Im Reiche des Geiſtes, wie in dem blos anima⸗ liſchen Daſeyn gibt es verſchiedene Stufen und Klaſſen, und wir ſchätzen ein Individuum nach dem Range, den es darin einnimmt. Wer wird es nicht unbekümmert mit anſehen, wenn eine Schlange eine Eidechſe verſchlingt, oder wenn ein Chamäͤleon eine Ziege ausſaugt? Das Leben, das hier ver⸗ loren geht, iſt ſo geringfügig, daß es keiner Beachtung werth iſt, und dieſes Menſchen Daſeyn war es ſogar noch 448 weniger, denn Alles, was an ihm nicht verächtlich war, zeigte ſich wenigſtens als ſchädlich. Ich reichte ihm Nahrung und Obdach, als er es brauchte, und der höchſte Grad ſei⸗ ner Dankbarkeit gegen mich beſtand darin, daß er mich nicht beſtahl, als er wieder abzog.— Laſſen Sie uns übrigens von anderen Dingen reden. Sie werden ohne Zweifel bald in Ihr Vaterland zurückkehren— ich aber nie wieder.“ Das ganze Weſen ſeines Gefährten, ſein Ton wie ſeine Sprache überraſchten Dudley nicht wenig. Es war eine Er⸗ hebung, eine ſtille Würde an ihm zu bemerken, die er durch die gerichtliche Verurtheilung eher gänzlich erloſchen zu fin⸗ den erwartete; allein Dudley hatte Norries⸗ Charakter nicht ganz richtig aufgefaßt. Es gibt Menſchen— und Norries gehoͤrte zu ihnen— welche einen großen, ſey es nun religiö⸗ ſen, moraliſchen oder politiſchen Zweck in ihr Herz aufneh⸗ men, und ihre Belohnung, ihre Ermuthigung und ihren Troſt darin finden, daß ſie ſeinen Geboten folgen und dem Ziele, das er ihnen vor Augen hält, auf jede Weiſe nachſtre⸗ ben. Sie erbauen ſich in Gedanken eine Pyramide, deren Groͤße jedes andere Ding zu eitler Nichtigkeit herabdruckt. Ich habe ſchon oben gezeigt, welchen Grundſätzen Norries folgte, welchen Planen er nachſtrebte und man darf nicht glauben, daß er irgend perſönlichem Ehrgeize oder Traͤu⸗ men eigener, künftiger Größe froͤhnte, weil er ſein Ziel zu⸗ weilen durch Mittel zu erreichen ſuchte, welche ſein Herz hin⸗ terher verdammte— es war ein Irrthum, der in der Poli⸗ tik wie in der Religion nicht ſelten getroffen wird, zu glauben, daß der Zweck die Mittel nicht allein rechtfertige, ſondern ſo⸗ — — — 449 gar heilige. So kam es, daß er jedes Opfer, das er dem einen großen Zwecke brachte, mit wahrem Stolze betrachtete. Die Aufopferung von Wohlſtand und Stellung, von Vor⸗ urtheilen oder Meinungen, das Aufgeben von Beruf und Freundſchaft, der Verluſt der Freiheit, ja ſogar des Lebens — dies Alles war ehrenvoll in ſeinen Augen, da es ihn blos bei Durchführung ſeines großen Lebenszweckes betroffen hatte. Als Verbrecher gebrandmarkt, als Strafgefangener aus ſeinem Vaterland verbannt zu ſeyn, ja ſogar als Sklave zu arbeiten, galt— wenn es als Conſequenz ſeiner wilden Freiheitsanſichten von ihm verlangt wurde— in ſeinen Au⸗ gen blos als eine Erhöhung ſeiner perſönlichen Würde und der Heiligkeit der Sache, für die er duldete. Dudley war früher noch nie auf einen politiſchen Schwärmer geſtoßen, und wenn er die Gefühle ſeines Ge⸗ fährten auch bald begreifen lernte, ſo mußte es ihm doch an⸗ fangs gewaltig auffallen, daß er ihn hier, einen Gefangenen im fernen Lande, ſtolzer in ſeinem Weſen und gebietender in ſeinem Tone fand, als er ihn früher getroffen hatte, da er noch frei im Vaterlande umhergegangen war. Als Erwie⸗ derung auf ſeine letzten Worte, die ihn eben ſo ſehr wie die Zuverſicht, mit der ſie ausgeſprochen wurden, überraſchten, ſagte er übrigens: „Zu meiner Rückkehr ins Vaterland iſt nicht die ge⸗ ringſte Wahrſcheinlichkeit vorhanden, Mr. Norries. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ich wegen eines Verbrechens, wo⸗ ran ich keinen Theil hatte, zu lebenslänglicher Deportation verurtheilt wurde. Angewidert von dem Aufenthalte, zu dem James. Der Ueberwieſene. 29 450 ich verdammt war, entrüſtet über die grauſame Tyrannei auf der einen, übr die Verruchtheit und Laſterhaftigkeit auf der andern Seite, gelang es mir zu entfliehen, und am Bord eines Wallſiſchfängers verſteckt hierher zu gelangen, weßhalb ich Sie bitten muß, gegen Niemand zu erwähnen, daß Sie mich geſehen haben.— Ich finde aber jetzt, daß Einſam⸗ keit eine der furchtbarſten von allen Strafen iſt, und wollte Sie eben beſuchen, um mich nur auf einen Tag bei Ihnen zu erleichtern, als ich hier mit Ihnen zuſammentraf.— Daß ich aber jemals England wieder zu beſuchen wagen könnte, dazu iſt wie geſagt keine Ausſicht vorhanden.“ Norries lächelte. „Magna est veritas et prevalebit,“ erwiederte er. „Sie ſind unſchuldig und werden als unſchuldig erkannt wer⸗ den. Ich dagegen war ſchuldig, inſofern ſchlechte Geſetze einen Mann, der gegen Unterdrückung ankämpft, ſchuldig machen können. Ich läugnete nicht das glänzende Verbre⸗ chen, das fie mir zur Laſt legten, und hier ſtehe ich, um mich deſſen zu rühmen. Hier will ich auch für immer bleiben, will neue Nationen um mich erſtehen ſehen, und ihrer That⸗ kraft ſchon in der Kindheit eine ſolche Richtung zu geben ſu⸗ chen, daß ſie in ihrem Mannesalter den bloßen Namen der Unterdrückung aus ihrem Lande ausrotten werden, daß jeder Mann frei und in ſeiner Freiheit tugendhaft ſeyn ſoll. Ich ſchämte mich nicht, gleich wie fich der Erzvater Joſeph durch ſeine Weisheit die Gunſt derer gewann, denen er als Sklave verkauft worden, ſo auch meinerſeits meinem Brodherrn mich *†„Groß iſt die Wahrheit und wird endlich ſiegen.“ 451 nützlich zu machen, und dadurch die Feſſeln, die ich nicht bre⸗ chen konnte, von meiner Hand abzuſchütteln; aber mit Eng⸗ land habe ich abgeſchloſſen für immer. Zweimal habe ich für ſeine Freiheit gekämpft, zweimal ſind ſie, die mich hätten unterſtützen ſollen, bei der erſten Ahnung einer Gefahr ent⸗ flohen. Ich will jetzt ſehen, was ein neues Geſchlecht thun wird.— Da Sie übrigens ſchon ſo weit auf dem Wege nach meiner Wohnung ſind, Mr. Dudley, ſo kommen Sie entweder mit mir oder ich will mit Ihnen zurückgehen.— Doch nein, es wäre beſſer, Sie kämen mit mir, denn ich habe über Vieles mit Ihnen zu ſprechen und Ihnen Einiges zu überliefern.— Erinnern Sie ſich nicht, daß ich Ihnen ge⸗ wiſſe Papiere verſprach? Sie ruhen in ſicherer Hand und Sie ſollen ſie jetzt erhalten: die beiden wichtigſten habe ich hier bei mir.“ „Wie fingen Sie's nur an, ſie zurückzubehalten?“ fragte Dudley.„Mir hat man Alles abgenommen.“ „O es gab ſchon Mittel und Wege,“ erwiederte Nor⸗ ries.„Ich habe ſie bald in der Sohle meines Schuhs, bald in dem Futter meines Rockes verſteckt, und ſo wurden ſie ge⸗ rettet und ſollen Ihnen zugeſtellt werden. Die andern wur⸗ den in Clive's Hauſe zurückgelaſſen, und werden Ihnen bei Ihrer Rückkehr übergeben werden.“ „Ach, Mr. Norries, nähren Sie doch nicht Hoffnungen, welche getäuſcht werden können— ja ſogar müſſen,“ bat Dudley.„Alles was geſchehen konnte, um mich vor Schmach und Strafe zu bewahren, iſt bei meinem Prozeſſe geſchehen. Jeder Beweis, der nur irgend aufzutreiben war, wurde zu 29* 45² meinen Gunſten geltend gemacht, und der arme Edgar Ade⸗ lon hat nichts unterlaſſen, was mir nur irgend dienen konnte. Auch mein Anwalt war der erſte des Landes, und als Rechts⸗ verſtändiger muß ich zugeben, daß abgeſehen von meinem Charakter, der weder dem Richter noch der Jury genügend bekannt ſeyn konnte, die Indicien wider mich allerdings zu meiner Verurtheilung hinreichend waren.“ „Und dennoch waren Sie unſchuldig, Mr. Dudley,“ ver⸗ ſetzte Norries.„Das ſollte Ihnen beweiſen, wie es um dieſe Ge⸗ ſetze ſteht. Edgar Adelon that wahrhaftig Alles, was er konnte, und ich half ihm mit den beſten Kräften, obwohl ich wegen der erhaltenen Wunden nicht von der Stelle konnte; doch alle Anſtrengungen jenes guten, wohlgefinnten Jünglings waren vergebens und wären auch fruchtlos geblieben, ſelbſt wenn er die Männer, die er ſuchte, gefunden hätte. Ich ſprach ſpäter mit ihnen, und Keiner hatte Sie in jener fatalen Nacht geſehen, ſo daß ſie auch nichts beweiſen konnten. All' ſeine Mühe hatte blos den Erfolg, erſtlich mich hierher zu bringen — denn durch ſeine Nachforſchungen wurden Andere auf meinen Verſteck aufmerkſam— und zweitens ihn ſelbſt über den wahren Charakter der Schlange aufzuklären, welche Ihr Daſeyn, wie ſie glaubte, für immer vergiftet hat.“ „Wen meinen Sie?“ fragte Dudley in geſpannter Neu⸗ gier.„Ich kenne Niemand, der nicht Alles gethan häͤtte, was zu meinem Vortheile noͤthig war. Sir Arthur Adelon war allerdings affaullend lange abweſend; aber doch zeugte Alles, was er that und wahrſcheinlich thun konnte, von ſeiner Güte und Großmuth. Meinen Sie ihn?“ 453 „Nein!“ gab Norries ziemlich ſtreng zur Antwort,„den meine ich nicht. Er lag in den Ketten der Furcht, hätte je⸗ doch am Ende vielleicht wohl etwas riskirt, aber dann war es zu ſpät. Nein, ich meine den Mann, der die ganze Anklage einleitete, der ihr Wahrſcheinlichkeit verlieh, der die Beweiſe Ihrer Unſchuld aus dem Wege räumte, der ſtill und leiſe und wohlbedacht jene Schlingen um Sie zog, denen Sie nicht entrinnen konnten, und dann die Hunde der Juſtiz auf Sie losließ, um Sie nach Belieben zu hetzen.“ „Das iſt doch höchſt auffallend!“ rief Dudley.„Ich hatte keine Ahnung von ſolchen Intriguen. Wollen Sie etwa damit andeuten, ich ſey das Opfer einer Verſchwörung ge⸗ weſen?“ „Nein,“ meinte Norries;„zu einer Verſchwörung ge⸗ hören Mehrere, die auf ein wohlbewußtes Ziel hinarbeiten. Hier aber war es nur Einer, der andere nach einem Ziele lenkte, deſſen ſie ſich nicht bewußt waren. Sir Arthur Adelon ſelber war eines jener Werkzeuge.“ „Können Sie Filmer meinen?“ forſchte Dudley. „Er iſt es,“ gab Norries zur Antwort;„doch folgen Sie mir nach meinem Hauſe, und ich will Ihnen Alles er⸗ zählen. Da ich nämlich erſt nach dem Schluſſe der Aſſiſen feſtgenommen wurde, ſo war ich lange im Gefängniß und erfuhr mancherlei Thatſachen welche, geſchickt zuſammenge⸗ ſtellt, den ganzen Plan enthüllten.“ „Thäͤten wir nicht beſſer, hier auszuruhen, bis die Hitze des Tags vorüber iſt?“ meinte Dudley.„Wir haben friſches * ————⏑·⏑—— ÿ— Waſſer hier, ich beſitze etwas Zwieback; Fiſche finden wir im Bache und gebraten find ſie auch bald.“ „Wie ſich doch der Menſch ſo bald an die Umſtände ge⸗ wöhnt!“ bemerkte Norries lächelnd.„Was hätten Sie noch vor zwei Jahren zu einem ſolchen Mahle geſagt, Mr. Dud⸗ ley? Harter Zwieback, gemeine Braſſen und kaltes Waſſer! Ich vermag Sie übrigens beſſer zu bewirthen und kann Ih⸗ nen einen Pfad zu meiner Wohnung zeigen, der, von hohen Bäumen beſchattet, die Sonne blos auf der Strecke einer halben Meile durchläßt und den jede Briſe vom Meere her erreicht. Auch ſinden wir unterwegs einen kleinen See, auf dem ich ein Canoe habe, worin wir bequem fortrudern und fünf Meilen Marſchierens erſparen. Dieſe Vogel wollen wir übrigens mitnehmen: ſte werden unſern Abendtiſch be⸗ reichern, denn ihr Fleiſch iſt eben ſo gut, wie ihr Geſieder ſchön iſt.“ Mit dieſen Worten packte er die Enten bei den Füßen und wanderte ſtromaufwärts, während Dudley, in Gedanken über das eben Vernommene vertieft, ihm nachfolgte. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Im Government⸗Houſe zu Hobart⸗Town war heute Ball, und hätte Einer den Wunſcheteppich des orientaliſchen Prinzen beſeſſen und wäre in einem Nu von Paris oder vom St. Jamespalaſt nach den Küſten von Van Diemens⸗Land geflogen, er würde zwar in der Verſammlung Toiletten, 45⁵ welche wenigſtens zwoͤlf Monate hinter der Mode drein ka⸗ men und gänzlich veralteten Haarputz getroffen haben, wie⸗ wohl das Ganze einen ſehr heiteren interefſanten Anblick ge⸗ währt, und die Leute ſich eben ſo gut zu amüſtren ſchie⸗ nen, als ob ſie ſich im Salon eines königlichen Palaſtes befunden hätten und nichts als Lords und Ladies vorhanden geweſen wären. Die Geſellſchaft begriff die Elite der Ein⸗ wohnerſchaft, hatte in den Dekorationen großen Geſchmack entfaltet und obgleich nach der, faſt möcht ich ſagen, unver⸗ änderlichen Regel einer Kolonie die Regierungsbeamten und deren Frauen unter einander nie ohne Neid, Haß, Bosheit und Liebloſigkeit jeder Art waren, ſo wurde doch jedenfalls der Geiſt des Stichelns und Bekrittelns, der in wenigen Stunden freien Lauf haben ſollte, für jetzt noch zurückgehal⸗ ten, und man konnte unmöglich höflicher ſeyn als Mrs. So und ſo gegen Mrs. So und ſo, oder artiger als der General⸗ anwalt gegen den Kolonialſchatzmeiſter. Es waren eine große Anzahl junger und recht hübſcher Frauen anweſend, die ſich in der Wildniß von blühenden Ge⸗ ſträuchen, mit denen die Zimmer verziert waren, wie die ſchönſten Blumen ausnahmen; dabei ließ ſich jedoch bemer⸗ ken, daß mehrere der jüngſten und hübſcheſten ihre Augen nach einer Stelle des Zimmers weit häufiger als nach jeder anderen richteten. Allerdings war jene Stelle ganz in der Nähe des Gouverneurs, doch war es wohl ſchwerlich dieſer ſelbſt, den ſie beäugelten, denn er war ein ernſter ältlicher Herr von nicht ſehr anziehendem Weſen, wogegen nur zwei * 456 Schritte von ihm weg ein junger Gentleman von weit feſſelnderer Erſcheinung ſtand. Er ſchien kaum einundzwanzig Jahre alt, war klein von Geſtalt, aber ſehr hübſch von Zügen, mit hellbraunem Haar, das ihm in ſchönen glänzenden Locken um die Stirne fiel und gleichfarbigem wohlgekräuſelten Backenbart. Er war nach der neueſten engliſchen Mode gekleidet, und gewiß iſt kein Menſch auf der Erde— nicht einmal eine Pariſer Dame — ſo gut und mit ſo feinem Geſchmacke angezogen wie ein vollendeter engliſcher Dandy. Der ſchwarze Frack, leicht und bequem, aber dabei untadelhaft fitzend, die ſchneeweiße Weſte, das Hemd von außerordentlicher Feinheit, ſo weiß wie friſchgefallener Schnee, die ſauberen Manſchetten, die ſchön gemachten Handſchuhe und Stiefeln— dies Alles zu⸗ ſammenwirkend mit jener Leichtigkeit und Grazie, welche— wenn auch nur uneigentlich ein Theil der Kleidung— dem Ganzen doch allein ſeinen Werth verleihen, unterſchied den jungen Mann von allen Uebrigen und bezeichnete ihn als einen der Hervorragenden in der Hauptſtadt der Nationen. Auch in dem Ausdrucke ſeines Geſichtes, wie in der Haltung überhaupt lag etwas, das die Aufmerkſamkeit zu erregen geeignet war. Der raſche, glänzende, aufmerkſame Blick ſeines Auges, der auf die Thüre geheftet war, durch welche die Beſuchenden eintraten, ſchien einen ſcharfen ver⸗ ſtändigen Geiſt, wenn nicht ſogar ein augenblickliches Ziel ängſtlicher Spannung zu verrathen, und die leichte Falte zwiſchen den Brauen der ſchönen breiten Stirne, ſo wie das feſte Zuſammenpreſſen der Zähne und die ſchoͤngeſchnittenen 457 Lippen mochten den Phyfiognomikern der Geſellſchaft einen raſch entſchloſſenen, ausdauernden Charakter andeuten. Ohne jenen Ausdruck wäre ſein Geſicht bei ſeinen feinen Zügen und der zarten weichen Haut faſt etwas zu weibiſch geweſen. Dieſem jungen Fremden, der noch ganz neu in der Kolonie war, ſtellte der Gouverneur einige ſeiner ausgezeich⸗ netſten Gäſte vor; er ſprach dann ernſthaft, aber artig und mit einem gewiſſen fantaſtiſchen Witze mit dieſen neuen Be⸗ kannten, und letzterer ſchien ihm ſo geläͤufig zu ſeyn, daß er nicht einmal ein Lächeln auf ſeine Lippen hervorrief, während die Andern laut auflachten, wie denn in der That auch ſeine harmloſen und ungezwungenen Worte nichts als der Aus⸗ druck ſeiner leicht aufgeregten Gedanken waren. Endlich trat ein zweiter Gentleman ins Zimmer, ſo ziemlich im ſelben Style wie er ſelbſt gekleidet und denſelben Anſtrich feiner Bildung an ſich tragend. Er ging gerades⸗ wegs auf den Gouverneur zu, ſchüttelte ihm als altem Freunde die Hand und wendete ſich dann weg— nach eini⸗ gen ſpäter geäͤußerten Worten ſchien es nämlich, daß ſie am Morgen eine lange Conferenz zuſammen gehabt hatten— der Stellvertreter der Krone hielt jedoch den Neuangekomme⸗ nen mit den Worten zurück: „Kapitän M..., ich muß Sie einem jungen Freunde vorſtellen, der geſtern auf der Cambria anlangte. Er reist, wie er mir ſagt, zum Vergnügen wie zu Belehrung, und wenn er auch hier nicht viel davon ſinden wird, wie denn der Ort etwas ſonderbar gewaͤhlt ſcheint, ſo möchte ich ihm doch jede mögliche Gelegenheit hiezu verſchaffen, und da 458 kenne ich Niemand, der geeigneter waͤre wie Sie. Mr. Adelon, erlauben Sie mir, Ihnen meinen Freund Kapitän M... Aufenthaltes vor Ihnen voraus hat.“ „Ich hatte das Vergnügen, ſchon öfter von Ihnen zu höͤren, Kapitan M...,“ verſicherte Edgar Adelon, ſeinem neuen Bekannten die Hand reichend.„Einige von den Herren, die wir am Kap einnahmen, beſonders der Arzt, waren mit Ihren wohlwollenden Bemühungen ſehr genau vertraut. Ich hoffe, Sie werden mir das Vergnügen Ihrer Bekanntſchaſt vergönnen.“ Kapitän M... hatte ihn mit vielem Intereſſe, ja wohl gar etwas aufmerkſamer betrachtet, als die Höflichkeit es er⸗ laubte, und erwiederte nunmehr: „Alles, was ich zu Ihrem Beiſtande thun kann, ſoll mit dem größten Vergnügen geſchehen. Ich habe, glaub ich, von Ihrer Familie gehört. Sie ſind ein Mr. Adelon von Brandon— nicht wahr?“ „Mein Vater hat vor einigen Jahren zu Brandon ge⸗ wohnt,“ erwiederte Edgar;„das Gut gehoͤrt aber meiner Couſine, deren Vormund er iſt. Unſer Familienſitz iſt Overbridge in Yorkſhire.“ „Befindet ſich Ihr Vater gegenwärtig zu Brandon?“ fragte der Kapitän. 1 „Nein, er iſt weit weg,“ erwiederte Edgar.„Der Ge⸗ ſundheitszuſtand meiner Coufine verlangte eine Luftveräͤnde⸗ 459 rung, und ſo iſt er weit und breit mit ihr umhergewandert Der letzte Brief, den ich von ihm erhielt, war aus Jeruſalem datirt.“ „Dann haben Sie ſie wohl nicht begleitet,“ meinte der Gouverneur,„und doch hätte ich gedacht, Mr. Adelon, auf einer ſolchen Tour, wie Ihre Verwandten ſte machten, ließe ſich mehr Vergnügen und Belehrung einſammeln, als auf einer langweiligen Reiſe nach Van Diemens⸗Land.“ „Einige Leute trinken garner Sodawaſſer, andere Champagner,“ gab Edgar lächelnd zur Antwort.„Zur Zeit ihrer Abreiſe hielten mich Geſchäfte der dringendſten Art in England zurück; einige weitere Umſtände gaben mei⸗ ner Neigung dieſe Richtung, und drei Tage, nachdem ich meinen Entſchluß gefaßt hatte, war ich ſchon unterwegs. Die Reiſe war allerdings langweilig, das will ich zugeben; aber ich hoffe, Sir, daß ich nunmehr die Nuß aufgeknackt habe und zu deren Kerne gelangen werde.“ „Ich meine, Ihres Vaters Name iſt Edgar?“ fuhr der Kapitän fort, nicht ohne Abſicht zu ſeinen Fragen zurück⸗ kehrend.„Mr. Edgar Adelon, wenn ich nicht irre?“ „Nein,“ erwiederte der junge Edelmann,„das iſt ſein Fehler und mein Unglück. Sein Name iſt Sir Arthur Adelon, mich aber hat er leider Gottes Edgar taufen laſſen.“ „Ich ſehe nicht ein, warum Sie das bedauern ſollten,“ verſetzte der Gouverneur.„Es iſt ja ein guter und wohl⸗ klingender Name.“ „Es gibt gewiſſe Leute, mein theurer Sir Georg,“ ver⸗ ſetzte Edgar,„welche tief in der Geſchichte hewandert find 460 und mich deßhalb mit Ebgar Atheling verwechſeln, indem ſie mir einen hiſtoriſchen Werth beilegen, den ich nicht beſttze. Der würdige Herr, für den ſie mich halten, iſt zwar aller⸗ dings ſeine tauſend Jahre alt; aber die Leute ſind nun ein⸗ mal durch die Eiſenbahnen gewoͤhnt, ebenſo raſch zu denken, wie ſie ihren Leib dahinfahren laſſen, und ſo haben ſie nicht Zeit, ſich mit derlei Kleinigkeiten aufzuhalten. Ein tauſend Jährchen— was will das heißen? Ja neulich erlebte ich, daß ſich eine Dame aufs Genaueſte in dieſen Theil meiner Familiengeſchichte mit mir einließ, offenbar in der Meinung, wenn ich nicht ſelber der Mann ſey, ſo müſſe er wenigſtens mein Onkel geweſen ſeyn. Ich bat fie ſehr demüthig um Verzeihung, daß ich ſte hierin berichtigen müſſe, verſicherte ihr aber, daß die Verwandtſchaft nicht ganz ſo nahe ſey, wie ſie glaube. Sie ſagte, das ſey immer eins, wenn nur überhaupt eine Verwandtſchaft beſtehe, und hierüber ver⸗ wies ich ſie an meinen Vater, der Letzteres glaubt, obwohl ich es bezweifle.“ Hier wurde die Aufmerkſamkeit des Gouverneurs ander⸗ weitig in Anſpruch genommen, und Edgar und der Kapitän blieben allein beiſammen ſtehen. „Ich fürchte, Mr. Adelon,“ hob Erſterer an,„Sie haben meine Fragen ſehr unpaſſend gefunden— ich hatte jedoch meine beſonderen Gründe.“ „Die hat wohl Jedermann,“ erwiederte Edgar;„ebenſo könnten Sie meine Antwort nicht minder unpaſſend gefunden haben, Kapitän M...; aber auch ich hatte meinen Grund, womit ich Sie vielleicht noch beläſtigen werde, wenn wir uns 461 erſt näher kennen. Auch fühle ich mich etwas ärgerlich und getäuſcht, ſeit ich hier bin, und wünſche keineswegs den wür⸗ digen Gouverneur der, wie ich glaube, ein trefflicher Mann ſeyn mag, meine Gefühle und Abſichten durchſchauen zu laſſen.“ „Schon jetzt getäuſcht— das iſt ſehr früh,“ meinte Kapitän M... „Allerdings,“ verſetzte Edgar,„und dennoch iſt es ſo. Getäuſcht aber nicht abgeſchreckt; denn der Grund, der mich herführte, war zu gewichtig, als daß ichdie Verfolgung meines Zweckes ſo leicht aufgaͤbe.— Sie ſehen, ich bin offenherzig gegen Sie.“ „Und ich will es gegen Sie ſeyn, Mr. Adelon,“ ſagte Kapitän M.. leiſe.„Die Sache iſt die: ich habe einen Brief für Sie, und wünſche mich zu überzeugen, ob Sie die Perſon ſind, an die er adreſſirt iſt.“ „Für mich!“ rief Edgar haſtig.„Von wem?“ „Ich muß Ihnen eine ſonderbare Antwort geben,“ verſetzte der Kapitän.„Er kommt vom namenloſen Fiſcher am namenloſen See.“ „Das iſt keine Aufklärung,“ erwiederte Edgar.„Ha⸗ ben Sie ihn hier? Könnten wir nicht in ein anderes Zimmer gehen?“ „Ich habe ihn hier in Hobart⸗Town,“ gab Kapitän M.. zur Antwort,„habe ihn aber natürlich nicht in des Gouverneurs Wohnung mitgenommen. Sie müſſen ſich ein wenig gedulden, mein beſter Sir; morgen will ich Ihnen den Brief bringen, und ehrlich geſtanden, da ich Sie ſo un⸗ 2 462 erwartet getroffen habe, ſo muß ich mir etwas Zeit zum Nachdenken nehmen, denn es knüpfen ſich Umſtände an jenen Brief, welche wohl ſchwierig zu löſen ſeyn dürften.“ „Wenn der Brief an mich adreſſirt iſt, ſo muß er mir natürlich übergeben werden,“ bemerkte Edgar ziemlich ſcharf. „Ohne Zweifel,“ meinte der Kapitän;„aber vielleicht fühle ich mich nicht geneigt oder nicht berufen, Ihnen weitere Nachrichten, als der Brief gerade enthält, zu ertheilen.“ „Das wird gewiß genügen,“ gab Edgar mit befriedig⸗ terer Miene zur Antwort;„auf alle Fälle kann ich Ihnen, glaub' ich, Gründe angeben, Kapitän M...„ welche einen Mann von Ihrem Charakter vollkommen zufrieden ſtellen und ihn beſtimmen werden, mir jede nur irgend mögliche Nachweiſung zu verſchaffen— wenn jener Brief nämlich das iſt, was ich vermuthe.“ „Wir werden ſehen,“ verſetzte der Kapitän;„in der Zwiſchenzeit will ich mir, wie geſagt, die Umſtände überle⸗ gen.— Wann kann ich Sie morgen beſuchen?“ „Sobald es Ihnen gefällig iſt— je früher deſto beſſer,“ verſicherte Edgar.„Wollen wir ſagen, um ſechs Uhr Morgens?“ „Iſt ziemlich früh,“ meinte Kapitän M...;„doch ſey es ſo.— Dort drüben fangen ſie an zu tanzen, wie ich ſehe. Iſt das nicht eine Ihrer Vergnügungen?“ „Für heute nicht,“ gab Edgar zur Antwort und fuhr dann nach kurzer Pauſe in leiſem gedankenvollem Tone fort: „der namenloſe Fiſcher am namenloſen See! War's nicht ein hochgewachſener ausnehmend hübſcher Mann— ein 463 Gentleman in Wort, in Blick und Gebärde, mit dem ausge⸗ wählteſten Geſchmack in ſeiner Kleidung?“ Hier wurde er von einem ſchwachen und faſt traurigen Lächeln auf des Kapitäns Lippen unterbrochen. „Er iſt allerdings ſehr groß und offenbar von feiner Erziehung,“ bemerkte der junge Offizier.„Ohne Zweifel iſt er auch ſehr hübſch geweſen; als ich ihn jedoch ſah, war er entſetzlich abgemagert, bleich und hohläugig, und was ſeine Kleidung betrifft, ſo war ſie nicht ganz ſo nett und pünktlich, wie Sie ſie ſchildern— er trug zum Theil das Koſtüm eines Sträflings, zum Theil das eines Wilden, und ſein Bart war wenigſtens einen Monat alt.“ „Ich hatte vergeſſen,“ rief Edgar heftig die Hand vor die Augen haltend—„ich hatte vergeſſen, wie er gekränkt, unterdrückt und mit Füßen getreten worden, und welche Ver⸗ änderungen ſolche Mißhandlung und Unterdrückung ſogar bei dem edlen, dem unſchuldigen und großherzigen Manne her⸗ vorrufen muß.“ Der Ungeflüm ſeiner Gebärde und die Wärme, mit der er ſprach, lenkte manches Auge auf ihn, und im nächſten Augenblick wendete er ſich haſtig um und trat in ein Seiten⸗ gemach zur Linken des Gouverneurs. Kapitän M... folgte ihm, indem er ſeinen Charakter erſt jetzt zu begreifen und zu ſchätzen anfing. Da erſt wenige Leute angelangt waren, ſo ſtand das Zimmer leer, und Bede ſetzten ſich an einen Spieltiſch nie⸗ der und begannen ein ernſthaftes Geſpräch, das faſt eine Stunde leiſe fortgeſetzt wurde, und als endlich andere Per⸗ 4 464 ſonen hinzukamen, ſah man ſie mit viel heiterer Miene denn zuvor in den Ballſaal zurückkehren. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Im Oſten war erſt eine ſchwache Spur des grauen Morgenlichtes zu gewahren; die Sterne funkelten groß und hell in kaum vermindertem Glanze, als zwei Männer ein Haus inmitten wilder Waldungen und ſchöner Savannen verließen und ihren Weg über eine Strecke halb angebauten Landes einſchlugen, das bis dicht an die Thüre des Pflanzer⸗ ſitzes reichte. Die Hauptwohnung beſtand aus einem lan⸗ gen einſtockigen Gebaͤude, aus ſchneeweißen nett behauenen und ſcharf angepaßten Steinen zuſammengefügt, worüber, wie es ſchien, ein einzelnes Dachſtübchen mit zwei unver⸗ glasten Fenſtern und flachem Dache emporragte. Längs der Fronte des Gebäudes lief ein kleiner Balkon, aus rohen Baumſtämmen errichtet und mit wildem Weine verziert, während der Rand der ſorgfältig angelegten Wege in dem oben erwähnten Kulturſtriche mit leichten Geländern aus Latten und Zweigen beſetzt war, an denen ſich eine Maſſe der verſchiedenſten Schlingpflanzen emporrankten. Das Ganze hatte einen Anſtrich von Behaglichkeit und Sauber⸗ keit, ja gleichſam von Sicherheit, der ſich der Umgebung als ein Ausfluß des ſocialen Geiſtes mittheilte und ihr jeden Schein von Verödung benahm, wie ihn Dudley an ſeiner eigenen wilderen, aber weit ſchoͤneren Behauſung ſo ſchwer empfand. 46⁵ Nachdem Norries ſeinen Gaſt etwa fünf Meilen be⸗ gleitet hatte, gelangten ſie mitten im dichteſten Theile des Geſtrüppes an den Rand eines tiefen melancholiſchen See's, worin ſich die dunkelblauen Farben eines ſchweren Morgen⸗ himmels neben einigen helleren Streifen— wie eben die aufgehende Sonne die Ränder der dunklen Wolken beleuch⸗ tete— abſpiegelten. Drei große ſchneeweiße Vögel ſtrichen über die Oberfläche des düſteren Gewäſſers, und eine tief⸗ gelbe Stelle der Waldlichtung am jenſeitigen Ufer bezeichnete den Theil des Horizonts, wo der Tag ſo eben anbrach. Das Canoe wurde da geſunden, wo ſie es am geſtrigen Abend gelaſſen hatten, und als ſie die gebrechliche Barke be⸗ ſtiegen, bemerkte Norries: „Das wird Ihnen fünfzehn Meilen beſchwerlichen Mar⸗ ſches erſparen, denn das Moor iſt hier ſehr ſchmal, zu Fuß aber müſſen Sie den ganzen Umweg zurücklegen, ſo daß die Strecke zwiſchen meiner Wohnung und dem Gambierberge wohl nahezu ſechzig Meilen betragen mag. Ich bin zwar nie ſelbſt dort geweſen, aber der Schurke Brady hat ſo be⸗ hauptet.“ „So weit iſt s glaub' ich nicht,“ erwiederte Dudley; „doch hoffe ich, Mr. Norries, Sie werden mich bald in mei⸗ ner einſamen Behauſung beſuchen; denn ſo traurig und ver⸗ laſſen mein Wohnſitz früher war, ſo wird er es jetzt noch mehr ſeyn. Mein eigenes Schickſal erſchien mir ſeither wie ein ſchwarzer Schatten, aber ich hatte doch noch Vertrauen zur menſchlichen Natur; ich wußte freilich, daß ſie bei ſtar⸗ ker Verſuchung oder plötzlichen Ausbrüchen der Leidenſchaft James. Der Ueberwieſene. 30 466 gar mancher Verbrechen fähig iſt: aber die dunkle Seite im Charakter des Menſchen, die Sie vor mir aufſchlugen, hat mich noch trauriger geſtimmt, als ich zuvor geweſen. Ich habe abermals ein Vertrauen eingebüßt, Mr. Norries, und. das iſt ſchmerzlich,“ „Wir werden mit den Jahren ernſthaft,“ gab Norries zur Antwort, ſein Canoe mit nicht geringer Geſchicklichkeit handhabend,„weil wir die Illuſionen verlieren, welche die Jugend mit Lächeln erfüllen; werden wir aber nicht auch weiſer, Sir? Laſſen Sie ſich gleichwohl durch die Entdeckung ſo mancher Dinge, die Ihnen auf der Welt noch neu waren, nicht zu allzu ſtarkem Urtheile hinreißen, weil Sie früher zu mild geurtheilt haben, denn nur in der richtigen Schätzung von Menſchen und Dingen beruht die Weisheit, die uns zwar nicht froh, aber ſehr ruhig ſtimmt. Ich habe, wie Sie ſelbſt, Mr. Dudley, in letzterer Zeit manche harte Lehre er⸗ halten, ohne daß mich das zum Menſchenfeinde machte. Ich habe gefunden, daß es ſchlimmere, daß es ſchwächere Menſchen, daß es ärgere Verbrechen und Thorheiten gibt, als ich geglaubt hatte; zur ſelben Zeit lernte ich aber auch weit tiefere reinere Ergebenheit, unbeſtechlichere Rechtſchaf⸗ fenheit und beſonders in der Einfalt eine weit höhere Weis⸗ heit kennen, als ſelbſt mein Enthuſiasmus ſich jemals vor⸗ zuſtellen wagte. Es iſt eben ſo unrecht, einen Menſchen zu überſchätzen, als ihn zu gering zu taxiren; eben ſo falſch, wenn man zu wenig, als wenn man zu viel von ihnen er⸗ wartet. Für Sie aber werden ganz gewiß noch frohere Tage und mit ihnen Hoffnungen und heitere Ausſichten anbrechen, die 467 gleich Blumen vom Thau erfriſcht, wieder aufleben, ſobald ſich die Sonne des Glückes erhebt. Ich bin zu alt für ſolche Dinge, aber ich hoffe endlich Friede gefunden zu haben.“ „In Ihrem Falle mag es wohl ſo ſeyn,“ erwiederte Dudley,„aber ich meines Theils will mich keinen Hoffnungen hingeben. Man hat mich mit dem Namen eines Verbrechers gebrandmarkt— können Sie dieſen Makel je wieder abwi⸗ ſchen? Sie haben Bande gelöst, die ſich ſchwerlich wieder zuſammenfügen laſſen. Zwar kenne ich jetzt nicht einmal die Ausdehnung dieſes Uebels, und nach meiner ſeitherigen Auslegung bin ich geneigt zu glauben, daß die menſchliche Hoffnung ſogar in der Verzweiflung die Wahrſcheinlichkeit ſo ſehr überſteigt, daß man, wenn einmal Uebel irgend einer Art zu erdulden find, dieſelben immer weit größer findet, als man im Anfange gerechnet hatte.“ „Das iſt in der That eine trübe Anſicht vom Leben,“ antwortete Norries;„ich hoffe jedoch, Sie werden ſicherlich noch finden, daß Sie ſich irren. Gewiß behaupten kann es freilich Niemand, und da ich ſelbſt durch Andere getäuſcht wurde, ſo will ich wenigſtens meines Theils nichts dazu bei⸗ tragen, Sie irre zu führen.“ Hier verſtummte das Geſpräch und wurde nicht eher wieder aufgenommen, als bis ſie ſich dem Seeufer zunächſt dem Berge Gambier näherten. Dort ſetzte Norries ſeinen Gaſt ans Land, gab ihm noch etliche Lehren der Vorſicht in Betreff der Produkte, des Klimas und der Einwohner von Neu⸗Holland, und ſagte ihm dann ein herzliches Lebewohl, 30* * 468 worauf er ſein Canoe herumſchwenkte und nach der andern Seite des Sees zurückruderte oder vielmehr watete. Dudley zog mit der Flinte unterm Arm weiter, wäh⸗ rend die aufgehende Sonne ihren vollen Glanz über die ganze Landſchaft ergoß; eine friſche Morgenluft wehte ihn an, und er fühlte ſich neu geſtärkt durch die Ruhe und die Spannung auf das, was kommen ſollte; doch war ſein Geiſt immer noch ſehr niedergedrückt und ſeine Blicke viel häufiger zu Boden geſchlagen als auf die Waldeswelt ringsum oder hinauf nach dem prachtvollen Himmel ge⸗ richtet. Endlich jedoch, etwa vier Stunden vor der Mittags⸗ zeit, blieb er einen Augenblick in der Mitte einer weiten Sa⸗ vanne ſtehen, welche allenthalben von herrlichen Bäumen umringt war, um das parkähnliche Anſehen der Landſchaft zu betrachten, das ihn, wie es ſchon früher bei Brady der Fall geweſen war, durch ſeine Aehnlichkeit mit manchen der ſchönſten Theile ſeines Vaterlands ſehr lebhaft anheimelte. Es waren ſüße Erinnerungen, welche hiedurch in ihm ge⸗ weckt wurden; aber das Andenken an die Vergangenheit er⸗ öffnete ihm nur eine neue Quelle der Bitterkeit, die ihm den ganzen Lebensbecher in Galle verkehrte. Wie er ſich ſo allenthalben aufmerkſam umſah, glaubte er unter den hohen Baumſtämmen am Nande der weiten Wieſen eine düſtere Schattengeſtalt hingleiten zu ſehen. Wenn ſeine Augen ihn nicht täuſchten, ſo war es die Figur eines großen Mannes, die ſich zwiſchen der zweiten bis dritten Cedernreihe des dichten Waldes fortſtahl; allein ſo ſorgſam er ſie auch bewachte, ſo kam ſie ihm nicht zum zweitenmale 469 zu Geſicht, und er konnte blos errathen, daß es Einer der Eingeborenen ſey, der ſich bei dem Anblicke eines weißen Mannes in den ferneren Theil des Dickichts vertieft oder hinter einem Baume oder Strauche verſteckt hatte. Er wußte, daß die Bewohner des Landes, beſonders die Milmendus, welche die Nachbarſchaft des Gambier beſuchten, ein wilder liſtiger Volksſtamm ſeyn ſollten; aber er war ja wohl bewaffnet und fühlte keine ſonderliche Be⸗ ſorgniß, da er gehört hatte, daß ſich die Mehrzahl des Stammes unten am Coorcey, einer großen viele Meilen ent⸗ fernten Salzbucht oder an den Seen in deren Nachbarſchaft aufhalte. Mit Einem oder Zweien dachte er es wenigſtens auf offenem Felde wohl aufnehmen zu können, und ſetzte ſo⸗ mit ſeine Wanderung ohne eine Spur von Argwohn fort, obwohl er die Augen fortwährend auf das Dickicht geheftet hielt, wie wenn er ſich dort nach einem Wilde umſchaute. Der Cedernwald wurde bald von einer weiten Strecke hoher Kleb⸗ rindenbäume ohne Unterholz abgelöst, und dort bekam er wieder zweimal die dunkle Figur zu Geſicht, die faſt Schritt für Schritt in ſeiner eigenen Höhe weiter huſchte und ſich dann hinter einen der dicken Baumſtämme ſtellte. Jetzt zweifelte er nicht länger, daß der Mann ihn beobachte, was allerdings nichts weniger als erfreulich war, da die dunkle Hautfarbe der Eingeborenen im Schatten des Waldes den Gegenſtänden, unter denen er hinglitt, ſo ſehr ähnlich ſah, daß er ſie nur mit der größten Mühe zu unterſcheiden ver⸗ mochte. Sobald Dudley das Ende der Savanne erreichte, wählte 470 er ſich einen Pfad durch den offeneren Theil des Wäldergür⸗ tels, der jenen von einer noch ausgedehnteren Strecke von Grasland ſchied, und behielt den rechten Rand ſcharf im Auge, um nicht unvorbereitet überfallen zu werden. Die nächſten fünf bis ſechshundert Schritte ſah und hörte er nichts, bis er eben auf die jenſeitigen Wieſen gelangte und das Auge auf die Spitze des Gambierberges richtete, der aus den wellenſörmigen Umriſſen der Waldlandſchaft her⸗ vortrat. Hier aber ließ ſich ein Schrei, weit ähnlicher dem plötzlichen Kläffen eines getroffenen Hundes als dem Tone einer menſchlichen Kehle vernehmen, und ziſchend kam etwas durch die Bäume gegen ihn herangeſchoſſen. Der nächſte Impuls war der, bei Seite zu ſpringen; doͤch ehe er noch dazu gelangte, fuhr ein langer, und wie es ſchien, ſchwerer Speer zwei Schritte vor ihm in den Boden, ſeine ſcharfe Spitze tief in den Grund einbohrend, bis er noch zitternd gleich einem jungen friſch gepflanzten Baum faſt aufrecht vor ihm ſtand. Dudley ſpannte alsbald die beiden Hahne ſeines Ge⸗ wehrs, und ſchaute nach der Richtung, wo das Geſchoß her⸗ kam, ſah aber nichts als Baumſtämme, hie und da von einem kleinen Fleckchen Unterholz unterbrochen; nirgends rührte ſich etwas, hoͤchſtens daß die Zweige von der friſchen Mor⸗ genluft ſanft bewegt wurden. Der Wanderer zog den Wurf⸗ ſpieß aus dem Boden und nahm ihn nebſt ſeiner Flinte mit ſich; er eilte nun raſch ſeines Weges weiter, um ſo ſchnell als möglich den offenen Grund zu erreichen, der nun unun⸗ terbrochen in der Länge von faſt drei Meilen vor ihm lag. 471 Zu ſeiner Rechten dehnte ſich ein Wald von hohen Baͤumen; links lief ein Stück unebenen Buſchlandes zwiſchen der Wieſe und der unfruchtbaren Ebene, die ſich nach dem Meerbuſen ſenkte; zwiſchen beiden Waldſtrichen dehnte ſich der offene Wieſengrund, nur hier und dort von einem ein⸗ zelnen Baum unterbrochen, in der Breite von einer bis an⸗ derthalb Meilen, ſo daß er, wenn er deren Mitte einhielt, außerhalb des Bereiches der Pfeile oder Speere blieb, die etwa unter den Bäumen abgeſchickt werden mochten. So ging er denn ruhig weiter, indem er ſich zwar von Zeit zu Zeit umſchaute, aber ohne ein Zeichen von Furcht oder Haſt zu verrathen, während er mehr als einmal im Walde einen Eingeborenen zu bemerken glaubte, der nicht auf die offene Wieſe hervorzukommen wagte. Indem er ſich dem Ende der Savanne auf fünf bis ſechshundert Schritt näherte, hatte die Sonne bereits große Macht erlangt, und die Länge der Schatten hatte ſich be⸗ trächtlich vermindert. Vor ihm lag ein wellenförmiger aus Wald und Wieſe gemiſchter Landſtrich von mehreren Meilen Länge, der mit vielen zerſtreuten Bäumen und großen Mi⸗ moſen⸗ und Cederngruppen, nebſt zahlreichen Gebüſchen und Wachholdergeſträuch von ungewöhnlicher Höhe bewachſen war. Daß ſich wenigſtens ein Feind in der Naͤhe befand, davon hatte er genügende Proben, und die Strecke, die er bis zu ſeiner Bergwohnung zurückzulegen hatte, war ohne Zweifel für den Angriff eines verſteckten Gegners nur allzu wohl geeignet; er betrat jetzt eine Gegend, die er ſchon häu⸗ ſig durchſtreift hatte, und wußte recht wohl, daß es dort 472 tauſend Stellen gab, wo ein hinterliſtiger Feind einen der furchtbaren Speere des Landes auf ihn ſchleudern konnte, ohne ſich ſelbſt im Geringſten bloßzuſtellen. Nach kurzer Berathung beſchloß Dudley, auf einem kleinen von zwei bis drei Mimoſen beſchatteten Savannen⸗ hügel, volle dreihundert Schritte vom Walde entfernt, ſeine Mittagsruhe zu halten, in der Hoffnung, daß der Wilde, der ihn beobachtete— falls er nämlich allein war— des langen Wartens müde werden und ihn ſeine Reiſe ohne fernere Be⸗ läſtigung fortſetzen laſſen würde.— So ſetzte er ſich denn nieder, legte Flinte und Speer neben ſich, behielt aber das Beil'im Gürtel, um es raſcher bei der Hand zu haben, in⸗ dem er einige Lebensmittel aus ſeiner Reiſetaſche zog und ſich zu ſeinem frugalen Mahle anſchickte, wobei er die Umgebung ſcharf im Auge behielt. Er hatte eben ſeine Mahlzeit beendigt und ſeine Kür⸗ bisflaſche halb ausgetrunken, als er nicht weit von ſich in dem langen trockenen Graſe eine ſonderbare wellenförmige Bewegung zu bemerken glaubte. Der Wind hatte gänzlich aufgehört, ſo daß es nicht von ihm herrühren konnte, und er war überzeugt, daß eine Schlange, ſo groß ſte auch ſeyn mochte, ohne ſolche ſichtbaren Zeichen ihres Fortſchritts wei⸗ ter gekrochen wäre. Als er ſich etwas zur Linken umſchaute, ſah er das lange Gras auf ähnliche Weiſe ſich rühren, und jetzt ſprang er auf, ſpannte ſeine Flinte abermals und zielte nach einer der Stellen, wo er die Bewegung gewahr wurde. Durch das Aufſtehen hatte er eine beſſere Ueberſicht erlangt und ſah nun deutlich, ſo oft das Gras etwas bei Seite 473 geſchoben wurde, mehrere dunkle Gegenſtände gegen ſich herankommen. Er zögerte einen Augenblick, weil er nicht gerne Menſchenleben opfern wollte; da er jedoch wußte, daß ſein eigenes nur von ſeiner Thatkraft abhing— denn ſowohl der früher abgeſchickte Speer als die jetzige heim⸗ tückiſche Annäherung zeigten zur Genüge, daß die Männer, welche hier herankrochen, Feinde ſeyn mußten— ſo faßte er ſeinen Entſchluß, und feuerte nach ſcharfem Zielen auf den Gegenſtand, der zuerſt ſeine Aufmerkſamkeit erregt hatte. Im nächſten Augenblick ſah er ſechs bis ſieben ſchlank gewachſene furchtbar anzuſehende Wilde mit langem krauſem Haar, den Leib mit Fett und Oker überſtrichen, mit wildem Gällen emporſpringen. Einer derſelben ſtürzte augenblick⸗ lich wieder ins Gras nieder; die andern aber wiegten raſch ihre Speere und ſchleuderten ſie alle zumal mit furchtbarer Sicherheit gegen Dudley ab. Die kurze Pauſe, die ſie ſich zum Zielen genommen, gab ihm jedoch Zeit, hinter den näch⸗ ſten Baum zu ſpringen. Drei Speere fuhren auf der einen, ein vierter auf der andern Seite vorüber; zwei ſchlugen in den Baum und riſſen ein großes Stück Rinde ab. Der Wanderer hatte blos kurze Zeit zur Ueberlegung, denn nachdem ſie ihre Speere abgeſchleudert hatten, ſtürzten die Wilden unter lautem Geſchrei und wildem Jubel mit Keulen und anderen Waffen ihrer eigenen Erfindung her⸗ bei, und ſeinen eigenen Speer aufraffend, ſtellte er ſich mit dem Rücken gegen den Baum, den zweiten Lauf ſeines Ge⸗ wehrs auf den Vorderſten, einer hohen rieſigen Burſchen, anſchlagend, welcher der Anführer des Haufens zu ſeyn ſchien. 474 Seine Lage war in der That verzweifelt; aber er be⸗ ſchloß, ſein Leben theuer zu verkaufen. Mit ſeiner Flinte Art und Speer zwei weitere zu Boden ſchlagen könnte; allein auch wenn dies gelang, ſo blieben immer noch drei unverſehrte Feinde übrig, und da er den Wurfſpieß nicht mit derſelben Kraft und Sicherheit zu handhaben wußte, ſo hatten die Wilden, ſobald ſein Gewehr losgefeuert war, ei⸗ nen Vortheil über ihn, der endlich allen Widerſtand über⸗ wältigen mußte. Der Anführer der Eingeborenen, der den Lauf der Vogelflinte auf ſich gerichtet ſah und ihre verderbliche Wir⸗ kung vermuthlich aus dem, was er heute geſehen, ſo wie von früher her vollkommen kannte, blieb plötzlich ſtehen und rief ſeinen Gefährten einige Worte in ſeiner Sprache zu, welche einen augenblicklichen Wechſel der Scene zur Folge hatten. Die Männer trennten fich alsbald und liefen mit hochge⸗ ſchwungenem zweitem Speere um die Baumgruppe herum, um ihr Geſchoß abermals aus der Ferne von allen Seiten auf ihn abzuſchleudern, ſo daß einer wenigſtens ſeines Er⸗ folges gewiß war. Dudley ſah, daß der Tod unvermeidlich war, zielte aber dennoch auf den Führer und wollte eben losdrücken, als die⸗ ſer zu ſeiner Ueberraſchung mit lautem Schrei zu Boden ſtürzte; er wäre wohl verſucht geweſen, dies für eine Finte zur Vermeidung ſeines Feuerns zu halten, wenn er nicht zur ſelben Zeit den lauten Knall eines Gewehrs und gleich darauf einen zweiten gehört hätte, auf den alsbald ein anderer der hatte er einen der Feinde ſicher, und er rechnete, daß er mit 475 Wilden mit ſurchtbarem Geheul in die Hoͤhe ſprang und ſeine Lanze fallen ließ. Ein lautes Hurrah brach ſofort aus den niederen Büſchen, und da ſich die Feinde von Gegnern, die ihnen an Zahl und Waffen überlegen waren, angegriffen ſa⸗ hen, flohen ſie ſo raſch ſie konnten, indem einer noch in der Haſt ſeinen Speer nach Dudley ſchleuderte, der dieſen aber, ſchlecht gezielt wie er war, nur leicht an der Schulter ſtreifte. Gott laut für ſeine Rettung dankend, wandte ſich Dud⸗ ley nach der Stelle, von wo er das Hurrah ausgehen hörte, und ſah ein Häuſchen von fünf bis ſechs Männern aus dem Dickicht hervorkommen. Ein Einziger ging zu Fuß, die An⸗ dern waren alle beritten, und Dudley erkannte zu ſeiner Ueberraſchung in dem Fußgänger die hohe, kraͤftige Geſtalt ſeines Freundes Norries, den er volle zwanzig Meilen ent⸗ fernt geglaubt hatte. Der junge Wanderer verließ alsbald ſeine Mimoſengruppe und eilte den Befreiern entgegen; wie er jedoch näher kam, ſchien ihm einer der Reiter bekannt zu ſeyn; ſüße glückliche Erinnerungen, die er ſeit Jahren unter⸗ drückt hatte, ſtiegen in ihm auf; vage, unbeſtimmte Hoffnun⸗ gen ſchwammen ihm vor Augen, und mit klopfendem Herzen und ſchwindelndem Gehirn, unfähig einen weitern Schritt vorwärts zu thun, blieb Dudley endlich ſtehen. Vierunddreißigſtes Kapitel. Im ſelben Augenblicke hielt der Reitersmann, der rechts neben Norries daherſprengte, die Zügel an und ſprang zu 476 Boden; zwiſchen ihm und ſeinen Begleitern wurden nur ei⸗ nige Worte gewechſelt, die von heftigen Geberden begleitet waren, dann eilte er vorwärts und faßte krampfhaft Dud⸗ ley's Hand. „Dudley! Edgar!“ war Alles, was Beide zu ſprechen vermochten, denn die überwaͤltigende Erſchütterung in ihrer Bruſt machte jedes weitere Wort unmöglich. Norries' Her⸗ ankommen war für Beide eine Erleichterung, obwohl er von mehreren Fremden begleitet war, in deren einem Dudley einen Offtzier des Gouverneurs, den er zu Hobart⸗Town geſehen hatte zu erkennen glaubte. „Sagte ich Ihnen nicht, Mr. Dudley,“ rief Norries in ſeiner kurzangebundenen Weiſe,„daß trotz all' der Bos⸗ heit und Frevelhaftigkeit der Welt, trotz der Thorheit, Schwäche und Selbſtſucht, wie fie in jeder Klaſſe des Lebens vorkommen, doch immer noch mehr reine, tiefe Ergebenheit, mehr unbeſtechliche Rechtſchaffenheit und eine Weisheit fort⸗ lebt, welche in ihrer Einfalt weit ſchöner iſt, als ſich's die Begeiſterung der Unerfahrenheit in dem Herzen der Jugend auszumalen vermag?“ „Das ſagten Sie allerdings,“ gab Dudley mit ver⸗ wirrtem Blicke zur Antwort,„aber von all' dem begreife ich nichts. In's Himmels Namen, Edgar, wie kamen Sie hier⸗ her? was führte Sie an dieſen Ort?“ „Sie wollte ich ſehen, Dudley,“ antwortete Edgar ihm abermals die Hand drückend,„gute Nachrichten wollte ich Ihnen bringen, Troſt und— „Ja, ja,“ rief Norries ihn unterbrechend,„das wollen 4☛ ——— 477 wir ſpäter beſprechen. Sehen Sie nicht, daß Mr. Dudley durch all das ziemlich außer Faſſung ſcheint? Er iſt hoch erfreut, einen alten Freund aus England wieder zu ſehen, und das allein iſt genug, um eines Mannes Herz zu erſchüt⸗ tern, der ſeit manchem langen Monat nicht mehr weiß, was Freude iſt.— Ueberdies hatte er ſein Leben gegen eine ganze Horde dieſer Wilden zu vertheidigen. Meine Flinte kam ge⸗ rade noch recht, Mr. Dudley, und zwei von den Kugeln, die Sie mir geſtern Abend zu meiner eigenen Vertheidigung ga⸗ ben, wurden nunmehr zu der Ihrigen verwendet. Doch laßt uns einmal den Schauplatz des Kampfes aufſuchen und ſehen, was das Reſultat war: ich habe glaub ich zwei von den Männern niedergeſtreckt.“ „Ich einen,“ erwiederte Dudley;„von den dreien war jedoch einer blos verwundet, und iſt glaub ich mit den andern entflohen. Ihre Speere ſind übrigens furchtbare Dinger, und ſie hatten ſchon fünf auf einmal gegen mich abgeſchleu⸗ dert; damals ſchützte mich der Baum, aber ich hätte Ihnen nicht wieder auf dieſelbe Weiſe entrinnen können, und hätte ohne Ihre wunderbare Ankunft, gerade in dem Augenblick, da mein Schickſal in der Schwebe ſtand, ohne Gnade hier ſterben müſſen.“ „Da war durchaus nichts Wunderbares d'ran,“ meinte Norries.„Sobald ich nämlich heute Morgen nach der Tren⸗ nung von Ihnen die andere Seite des Sees erreichte, fand ich Mr. Adelon mit dieſen andern Herren von meinem Hauſe herkommend, wo ſie mich aufgeſucht hatten, um Erkundigun⸗ gen über Sie und den Weg zu Ihnen einzuziehen; ich ruderte 478 alſo wieder zurück, während ſte um das Moor ritten, und ſo folgten wir Ihnen dicht auf den Ferſen. Wir ſahen einige der Eingebornen herumſtreifen, und vermutheten, daß ſie uns bewachten, weßhalb wir unſern Schritt beſchleunigten und den Weg durch das niedere Gebüſch zwiſchen der Wieſe und dem Seeufer einſchlugen. Als wir den Knall einer Flinte und das Gekläffe der ſchwarzen Hunde vernahmen, da wuß⸗ ten wir gewiß, daß ein Europäer in Gefahr war, und ſo ſchlugen wir uns ſo ſchnell wie möglich durch das Gebüſche, und bekamen unſere Freunde mit den Speeren eben im rech⸗ ten Augenblicke zu Geſicht. Sie müſſen ſehr langſam gegan⸗ gen ſeyn oder irgendwo Halt gemacht haben, da Sie doch eine ganze Stunde Vorſprung vor uns hatten.“ „Ich ging langſam,“ antwortete Dudley,„und ſetzte mich zum Ausruhen unter den Bäumen nieder, in der Hoff⸗ nung, daß die Wilden, da ſie kein Gebüſch zu ihrer Deckung vorfänden und ſich, wie ich glaubte, vor einem Feuergewehre ſcheuten, mich von ihrer unerfreulichen Geſellſchaft befreien und meinen Weg auf den Abend in Ruhe fortſetzen laſſen würden. Aber es ſcheint, ſie bedürfen nur geringer Deckung, denn ohne einen Buſch oder Strauch irgend einer Art waren fie mir bis auf hundert Schritte nahe gekommen, ehe ich etwas von ihrer Annäherung gewahr wurde.“ „Du lieber Himmel, Sir,“ rief der Regierungsbeamte, der ihnen langſam nach den Mimoſenbäumen folgte,„fie kriechen trotz einer Klapperſchlange durch das lange Gras; da liegt einer maustodt, wie ich glaube.“. Mit dieſen Worten ſtieg er ab, um den Körper eines 479 der Wilden mit dem Fuße umzuwenden. Der Mann war offenbar ſchnell und ohne Schmerz geſtorben, denn Norries' Kugel war ihm durch's Herz gedrungen, und die an ſich ſchon ſchauderhaften Züge waren wenigſtens nicht verzerrt. Ein zweiter Leichnam mit derſelben niedern widrigen Stirne, die ſich in ſcharfem Winkel an den Augen zurückbog, wurde ei⸗ nen Augenblick ſpäter entdeckt, und Norries wendete ſich nach kurzer Betrachtung des Todten an Dudley mit der Be⸗ merkung: „Ihre Freunde werden ſie ſchon holen, und Sie können ſie dann nächſtens zwiſchen zwei Büſchen aufgehängt ſehen, wie man in England eine Vogelſcheuche auf's Feld pflanzt. Nun aber hielte ich für beſſer, Mr. Dudley, wenn wir ins⸗ geſammt nach Ihrer Behauſung aufbrächen, denn dies iſt für mich wohl die einzige Gelegenheit, Ihnen den geſtrigen Beſuch heimzugeben.“ „Ich werde mit größtem Vergnügen Alles zu der Be⸗ quemlichkeit meiner Gäſte aufbieten,“ erwiederte Dudley, die zahlreiche Geſellſchaft nicht ohne Bedenklichkeit betrachtend; „nur glaube ich, ſie würden es bei Ihnen bequemer finden, Mr. Norries, denn ich habe für mich ſelbſt nur eine Felſen⸗ höhle zur Wohnung.“ „Das geht nicht wohl an,“ flüſterte Norries.„Zu mir kommen gar oft ſo manche arme, entlaufene Teufel, und Sie ſehen ja, daß einige Leute des Gouverneurs dabei ſind.“ „O laſſen Sie ſich das nicht anſechten, Sir!“ rief gleich⸗ zeitig der Regierungsbeamte.„Wir find lauter Buſchmenſchen, nur Mr. Adelon und ſeinen Diener ausgenommen, und wenn . 480 Sie dieſe Beiden unterbringen können, ſo werden wir uns ganz gut mit einem Bivouak behelfen.“ „Das läßt ſich ſchon machen, nur finden Sie nicht das weichſte Lager. Sie wiſſen nicht, Edgar,“ fuhr er an ſeinen jungen Freund ſich wendend fort,„was es heißt, in dieſer Gegend ein Buſchleben zu führen.“ „O es iſt ein Leben, das mir wenigſtens für kurze Zeit über Alles gefiele,“ verſicherte Edgar Adelon, während der Offizier faſt zur ſelben Zeit mit bedeutungsvollem Lächeln gegen Dudley bemerkte: „Sie haben es jedenfalls ſchon drei volle Monate ver⸗ ſucht, Sir.“ Dudley wußte kaum, wie er ſich das Weſen des Andern erklären ſollte, denn es lag ein pfiffiger, wohlbewußter Aus⸗ druck in des Mannes Geſicht, ſo oft er ihn anredete, zum deutlichen Beweis, daß er ihn recht wohl als entlaufenen Sträfling oder Deſerteur— wie es in der Sprache der Ko⸗ lonie häufig genannt wird— kannte; dabei war aber ſein ganzes Benehmen achtungsvoll und nicht im Geringſten dro⸗ hend, ſo daß Dudley, ſowohl nach ſeinem Betragen überhaupt, wie auch nach der Geſellſchaft, mit der er gekommen, keinen Augenblick annehmen konnte, daß er ihn zu ergreifen und in eine Strafanſtalt zurückzuführen beabſichtige. Was ſollte er aber denken? Er wagte nicht, ſich aufs Neue einer Hoffnung hinzugeben, denn dieſe freundliche Verſprecherin hatte ihn ſchon ſo oft getäuſcht, daß er ihr nicht mehr trauen mochte, und er bebte ſogar vor dem erſten Flüſtern ihrer ſüßen, be⸗ ruhigenden Stimme zurück, als hätte er einen Vampirflügel 481 berührt, der ihn zu tödtlicher Ruhe einlullen wollte. Die Hoffnung war in der That der Feind, den er am meiſten fürchtete, denn er wußte, daß ihre ſüße Stimme ſein Herz bit⸗ terer als ſogar der ärgſte Haß verrathen konnte. Und doch konnte er nicht begreifen, wie ſein Schickſal ſich geändert haben mochte, und während er zu ſich ſelber ſagte:„Nein, ich will keiner Hoffnung Gehör geben,“ vertraute er ihr den⸗ noch im Stillen. 3 Sein Pferd dem nachfolgenden Diener übergebend, wandelte Edgar Adelon bald plaudernd, bald in Schweigen vertieft an Dudley's Seite. Beide betrachteten ſich oft mit ängftlichen Blicken, als ob ſie ſich vieles zu ſagen, manche Fragen zu ſtellen und Nachrichten mitzutheilen hätten; aber ſie waren fortwährend von ſo vielen Zuhörern umgeben, daß es ſchwer geweſen wäre, ein unbelauſchtes Wort zuſammen zu reden, und doch waren ihre gemeinſamen Gefühle und Gedanken der Art, daß ſie nicht für gleichgültige Ohren taugten. So hatten ſie etwa zehn bis zwoͤlf Meilen zurückgelegt, und Dudley glaubte zu bemerken, daß Edgar nur noch imit Muhe fortkam, als ſie das Ufer eines breiten, doch nicht ſehr ⸗ tiefen Fluſſes— offenbar eines Nebenarmes des Murray oder Clenely— erreichten. Dudley hatte ihn geſtern durch⸗ watet und wußte, daß er an keiner Stelle mehr als Knietiefe beſaß; er wollte eben in's Waſſer gehen, als Edgar zum Trinken am Ufer niederkniete, indem er bemerkte: „Ich bin furchtbar durſtig und hungrig, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, denn wir erwarteten in Ihrer Woh⸗ James. Der Ueberwieſene. 31 482 nung, Mr. Norries, Vorräthe anzutreffen, ſahen uns aber getäuſcht, da wir Sie nicht zu Hauſe fanden.“ „Ei, Sie hätten eintreten und zugreifen ſollen, junger Herr,“ meinte der Pflanzer;„wir hier zu Lande beſinnen uns da keinen Augenblick. Bei uns iſt Jeder willkommen, und Alles, was das Haus vermag, ſteht ſeinem Hunger zu Gebot. Ich glaube jedoch, Mr. Dudley hat etwas Zwie⸗ back in ſeiner Taſche.— Sie ſehen ja aus, als wären Sie halb ohnmächtig.“ „Er hat den ganzen Tag keinen Biſſen angerührt, ſo ungeduldig war er, weiter zu kommen— wir konnten ihn nicht zum Eſſen bewegen,“ verſicherte der Offtzier. „Ich habe blos drei harte Zwiebacke übrig,“ gab Dud⸗ ley zur Antwort;„doch halt— hier gibt es noch andere Mittel, ſich nahrhafte Koſt zu verſchaffen. Ich habe geſtern Fiſche in dieſem Fluſſe geſehen, und ſie müſſen eben jetzt auf Futter aus ſeyn. Wenn Sie ein Feuer anzünden wollen, will ich bald einige haben.“ Mit dieſen Worten zog er eine ſtarke Leine aus der Taſche, und ſuchte am Ufer nach einem Köder. Eine eigen⸗ thümliche Art von Raupen zeigte ſich in Menge am Fuße der Bäume, und während ſich Edgar zum Ausruhen am Ufer niederlegte, ſchnitt ſich Dudley eine Gerte und verſuchte abermals ſein Glück, um eine Mahlzeit aus dem Waſſer zu erlangen. Das erſte Auswerfen ſeiner Leine blieb ohne Erfolg, und wäͤhrend ſte ſachte abwärts ſchwamm und der Fiſchende ſie eben zum zweiten Male auswerfen wollte, ſpürte er plötz⸗ 483 lich ein Zerren, das ihm beinahe die Gerte aus der Hand geriſſen hätte. Der Offizier und einer ſeiner Begleiter ſahen ſeinem Treiben zu. und ſo viel ſich Dudley auch Mühe gab, ſeine Leine vor dem Abreißen zu bewahren und den Fiſch an's Ufer zu ziehen, ſo erkannte er doch bald, daß es ihm „ohne Haſpel oder ein gehöriges Tau nicht gelingen würde, bis der Offizier mit dem Rufe:„ich will ihn tödten“— in den Fluß ſprang und mit der linken Hand an der Leine hin⸗ abfuhr, während er mit der andern ein großes Schnapp⸗ meſſer öffnete. Er mußte jedoch den Verſuch theuer bezah⸗ len, denn kaum hatte er ſeine Arme in's Waſſer getaucht, als er ſie mit der Bemerkung:„er hat mich bis auf den Knochen gebiſſen“— wieder herauszog. Aber voll Ent⸗ ſchloſſenheit verſuchte er das kecke Stückchen zum zweiten Mal, und nun ſchien's ihm zu glücken, denn bald darauf machte er ſein Meſſer wieder zu, und zog die Leine langſam bei Seite, bis es ihm mit Dudley's Beiſtand gelang, einen ungeheuren Fiſch aus dem Barſchengeſchlecht von wenigſtens fünfzig Pfund Schwere“ aus dem Waſſer zu heben. Ein Feuer war mittlerweile angezündet worden, der Fiſch wurde in Stücke zerſchnitten und daran geröſtet, ſo daß die ganze Geſellſchaft nach wenigen Minuten ein reichliches Mahl vor ſich hatte. „Jetzt fühle ich mich wieder kräftiger, Dudley— Dank ² Dieſe Fiſche erreichen im Morrumbidgee⸗ und Yasfluſſe zu⸗ weilen ein Gewicht von hundert bis hundertundzwanzig Pfund. Die Koloniſten nennen ſie zwar Stockfiſche, buch gehören ſie offen⸗ bar zu der Gattung der Barſche. 31* 484 ſey es dem namenloſen Fiſcher am namenloſen See,“ be⸗ merkte Edgar Adelon, ſobald er fich etwas erholt hatte, dem Freunde in dieſen wenigen Worten wenigſtens einen Theil ſeiner Geſchichte ſeit ſeiner Ankunft enthüllend. Nachdem die Geſellſchaft etwa anderthalb Stunden ausgeruht hatte, brach ſte wieder auf, und verfolgte ihren Weg nach dem Fuße des Gambierberges, der ſich allmälig vor ihnen aufzuthürmen begann; und als die übrigen nach Zurücklaſſung der Pferde und einiger Diener den Gipfel er⸗ reichten, zeigte ſich vor Edgars Blicken, von der untergehen⸗ den Sonne beleuchtet, dieſelbe wilde aber großartige Ausſicht, welche auch Dudley am erſten Tage ſeiner Ankunft begrüßt hatte. Bei einem warmen, empfänglichen Gemüth wie das ſeine, mußte ſie eine gewaltige Wirkung hervorbringen, und Edgar rief auch wirklich: „Wahrhaftig, Dudley, mich dünkt, es müſſe nicht ſo hart ſeyn, ſeine Tage an einem ſolchen Orte zu verleben.“ „Ja, wenn dies der einzige Anblick des Ortes wäre,“ gab Dudley zur Antwort, ſeine Hand dem Freunde auf den Arm legend.— „Das trifft ſich allenthalben im Leben nicht anders,“ meinte Norries.„Es gibt ja kaum irgend ein Ding oder einen Zuſtand, der ſo unveränderlich ſchön oder häßlich wäre, daß die Beleuchtung, in der wir die Sache erblicken, ſie unſerem Auge nicht erfreulich oder widerlich zu machen ver⸗ möchte.“ „ ‚Hier iſt noch gar Manches zu bemerken Edgar,“ fuhr Dudley fort.„Wie überall, ſo hängt auch hier die Joten⸗ 485 ſität gar ſehr von den Zugaben ab, denn alle Zuſtände des menſchlichen Herzens haben ſolche Zugaben aufzuweiſen. Denken Sie ſich nur einen Augenblick meine Gemüthsſtim⸗ mung an dieſem Orte, und Sie werden begreifen, daß ein Paradies mir hier zur Wüſte werden mußte.“ „Wahr, wahr,“ murmelte Edgar, die Hand vor die Augen preſſend;„doch das iſt jetzt vorüber,“ fuhr er ſeuf⸗ zend fort. „Hören Sie meinen Rath, Mr. Adelon,“ bat Norries. „Gehen Sie in die Hütte und legen Sie ſich zum Schlummer nieder, ohne ferner an etwas Anderes zu denken. So viel ich heute von Ihnen bemerkt, erkenne ich deutlich, daß Sie ſich zu ſehr ermüdet und aufgeregt haben. In zehn Minu⸗ ten iſt es Nacht, und friſch geſtärkt werden Sie morgen auf⸗ ſtehen, um bei dem Lichte des neuen Tages Ihre Geſchichte zu erzählen. Ich will hier vußen auf dem ſanften Raſen ſchlafen.“ „Ich glaube, ich werde nicht ſchlafen können,“ meinte Edgar. „Verſuchen Sie es dennoch,“ mahnte Dudley, den Freund in ſeine rohe Behauſung führend, um ihm ſein ärm⸗ liches Lager aus getrockneten Gräſern und Kräutern, mit den Fellen von Kängurus bedeckt, anzuweiſen.„Da ruhen Sie aus, Edgar,“ ſagte er;„ich habe manch' lange ſchlaf⸗ loſe Nacht hier gelegen; doch Ihre Augen wird der Schlum⸗ mer wohl williger heimſuchen, denn ſolche Freundlichkeit hat ihren eigenen Balſam, und wer zu Anderer Troſt und Er⸗ 486 heiterung aus ſo weiter Ferne daherkommt, darf mit Recht Friede und Erholung für ſich ſelbſt erwarten.“ Er wollte eben die Hütte verlaſſen, als Edgar ihn auf einen Augenblick zurückhielt. „So laſſen Sie mich erſt zu Ihrem Troſt und Ihrer Erheiterung beitragen, Dudley, indem ich Ihnen gleich jetzt meine beſten Nachrichten mittheile. Sie ſind nicht länger ein Verbannter, brauchen nicht ferner in Einſamkeit zu leben, denn Sie ſind frei, und ich habe Ihre volle Begnadi⸗ gung bei mir.“ Dudley war nicht undankbar weder gegen Gott noch gegen Menſchen, und vernahm die Nachricht gewiß als einen Troſt; aber in jenem Augenblick war das Gefühl, Unrecht erlitten zu haben, ſtärker als jemals. Die Unbill erſchien ihm nicht vollſtändig gehoben und er wiederholte: „Begnadigt! begnadigt!— was hab' ich gethan, das einer Begnadigung bedürfte?“ „Nichts, Dudley,“ erwiederte Edgar—„aber da iſt gar Vieles zu erzählen, gar Manches zu erwägen.— Doch nicht jetzt, mein Freund; denn ich fühle, daß Mr. Norries Rath gut iſt, und ich muß Ruhe haben.“ Fünfunddreißigſtes Kapitel. Es iſt ein eigener, merkwürdiger Unterſchied zwiſchen dem Lichte des Morgens und dem des Abends. Dieſelbe Sonne ſtrahlt beide aus, dieſelbe Flut von Glorie breitet 487 ſich über den Himmel, der nämliche Schauplat drat ar⸗ unter, derſelbe Horizont begränzt ihn. Man ſieht blos, duß die Lichtſpenderin das einemal im Oſten, das anderemal im Weſten ſich beſindet, und keine genügende Urſache wird uns deutlich, welche dieſen außerordentlichen Unterſchied in der Färbung der Luft und der Erde erklärte. Es war Morgen und das ſanfte Dämmerlicht ſtahl ſich leiſe durch die Blätter der Bäume, durch die Oeffnungen der Felſen, hinab in die tiefen Becken der Hügel, in die rothen Lavahöhlen und über die glatte, leicht gekräuſelte Oberfläche des Sees; Edward Dudley und Edgar Adelon ſaßen zuſammen auf dem Gipfel der kühnen Felszacken, die über den Krater des erloſchenen Bulkans emporragten. Die ganze Scene erſchien ihren Augen in einem ſanfteren Lichte, ein leichter Nebel hing über der Waldeswelt auf der einen, tiefe Schatten, nur hie und da durch einen Morgen⸗ ſtrahl erhellt, ruhten in dem tiefen Abgrunde der anderen Seite. Es war ein geeigneter Schauplatz für eine Unter⸗ redung, wie ſie ſie vorhatten, und Dudley horchte, den Kopf auf die Hand geſtützt, mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf die Worte ſeines jungen Freundes, ihn nur zuweilen durch eine Frage unterbrechend, da ihm ſeine tiefe Bewegung keine öfteren Einreden erlaubte. 4 „So liebt ſie mich denn,“ ſagte er,„ſte liebt mich alſo noch immer?“ „So tief und hingebend wie nur jemals,“ gab Edgar zur Antwort,„und Sie haben ihr Unrecht gethan, wenn Sie je daran zweifelten, Dudley.“ 3 488 „Nie, viemals,“ murmelte dieſer. waſſen Sie mich fortfahren,“ bat Edgar Adelon.„So blieben die Dinge mehrere Monate lang, ich genas vollſtaͤn⸗ dig von meinem Fieber. Die Prozeſſe der Empörer zu Barhampton nahmen ihren Anfang, und faſt jeder der Be⸗ theiligten wurde von dem Gerichte verurtheilt. Man hielt die Regierung für ſehr milde, daß ſie ihnen kein ſchwereres Verbrechen zur Laſt legte, und lebenslängliche Verbannung wurde als ein ſehr gnädiger Spruch betrachtet. Von Mr. Clive wie von Helenen vernahm ich keine Silbe, und Sie können ſich denken, Dudley, wie meine Ungeduld eine ſolche Span⸗ nung ertrug. Ich erkundigte mich bei Filmer, fragte Jeden, der mit dem Meierhofe nur irgend in Verbindung ſtand, ohne aber den geringſten Aufſchluß zu erhalten. Der Prie⸗ ſter erklärte mir, daß er für Mr. Clive's Beſtes arbeite, aber außer den Weiſungen jener fatalen Nacht, die ſo viel Jammer in ihrem Gefolge gebracht hatte, keine fernere Er⸗ mächtigung erhalten habe— und doch hatte mir Helene zu ſchreiben verſprochen, und ich hatte nie erlebt, daß ſie ihr Wort gebrochen hätte. Mein Vater kehrte endlich nach lan⸗ gem Aufenthalte zu London nach Brandon zurück— dies geſchah erſt nach dem Aufrührerprozeß,“ fuhr er mit trü⸗ bem aber bedeutungsvollem Blicke fort,„und da er die arme Eda in dem traurigen, muthloſen Zuſtande traf, wie ich ihn vorhin beſchrieben habe, ſo nahm er ſie mit nach Yorkſhire, um ihren Geiſt wo möglich von dem Gegen⸗ ſtande abzulenken, auf dem ihre ſchmerzlichen Gedanken weil⸗ ten. Er ſelbſt fühlte ſich jedoch weder wohl noch glücklich, 489 ſo viel war wenigſtens meinem Blicke klar geworden. Die Urſache konnte ich wohl errathen, doch iſt dies ein Theil der Geſchichte, auf den ich nicht weiter eingehen kann, Dudley. Sie konnen das Ganze vielleicht ahnen; ich darf aber nicht davon reden. Ich benützte dieſe Veränderung des Wohn⸗ ſitzes, und erlangte von meinem Vater die Erlaubniß zu einer mehrmonatlichen Reiſe auf dem Feſtlande. Er ließ ſich freilich nicht träumen, warum ich ging oder was ich ſuchte; allein ein Verdacht war in meiner Seele aufgeſtiegen, der ſich hinterher als richtig bewährte. Wie er entſtand, kann ich nicht recht erklären: es gibt gewiſſe Dinge, die einer Offenbarung ſo ähnlich ſehen, daß ich kaum zweifeln kann, daß unſere Seele weit bedeutenders Vermoͤgen beſitzt, als die Philoſophen zugeben wollen. Mir wenigſtens war eines Tags im Geſpräche mit Filmer die Ahnung der Wahrheit gleich einem Blitzſtrahle in die Seele gedrungen. Des armen Clive's lange Abweſenheir— war Alles, was er da⸗ mals ſagte; aber war's nun der Ton ſeiner Stimme oder der eigenthümliche Blick, mit dem er jene Worte begleitete — ich weiß es nicht, aber ich fragte mich ſogleich: ſſteht wohl Clive's Abweſenheit mit Dudley's Schickſale in Ver⸗ bindung?““ „Sagen Sie mir nur, Edgar,“ rief Dudley,„haben Sie nie geargwöhnt, daß Filmer ſelbſt darauf hingearbeitet hatte, mich der Beweiſe meiner Unſchuld zu berauben?“ „Niemals,“ gab Edgar zur Antwort.„Eda hatte ihn freilich im Verdacht; doch hielt ich ſie hierin immer für par⸗ theiiſch. Ich beargwöhnte ihn wohl, aber nicht in dieſem * 490 Punkte: ich glaubte nämlich, er habe an mir einen frommen Betrug verübt.“ „Mr. Norries ſagte mir,“ erklärte Dudley,„Filmer habe in der That Maßregeln ergriffen, um Ihrem Verkehre mit den Männern Einhalt zu thun, die vielleicht einzig häͤtten Zeugniß ablegen können, daß ich Lord Hadley genau auf der Stelle, wie ich es behauptete, verlaſſen hatte, und gegen Barhampton weiter gegangen war.“ „Dies that er allerdings,“ erwiederte Edgar,„und ich entdeckte es auch ſpäter; nur dürfen Sie nicht vergeſſen, daß ich durch einen Schlag auf den Kopf ſchwer verletzt war, und Filmers Benehmen ſeinem Wunſche zuſchrieb, zu einer Zeit, da ich allerdings nicht hiefür taugte, einem Handeln von meiner Seite vorzubeugen. Ich war ärgerlich, daß er es that, und hielt es ihm auch vor; er wußte ſich jedoch keck zu rechtfertigen, indem er mich fragte, ob die Anſtrengungen, die ich gemacht, mich nicht beinahe getödtet hätten, und was wohl die Folgen geweſen wären, wenn ich jenen Verſuch zwei Tage früher gewagt hätte.— Dies beruhigte mich, Dudley, und vor jenem eben erwähnten Augenblick war mir nie eine Ahnung von der Wahrheit in den Sinn gekommen. Hatte ich frͤher ſehnlichſt gewünſcht, Clive's Aufenthalt zu entdecken, ſo war ich jetzt entſchloſſen, es durchzuſetzen und machte mich ſobald wie möglich an die Arbeit. Einer der Empörer hatte im Verhöre bekannt, daß ſie von Frankreich aus mit Waffen verſehen worden waren, die ein von den Kommuniſten jenes Landes in dem Hafen zu Nantes gemiethe⸗ tes Schiff herübergebracht hatte. Das war, wie ich wußte, — — 491 daſſelbe, auf welchem Mr. Clive und Helene England ver⸗ laſſen hatten, und ſo wandte ich mich denn zuerſt nach Nan⸗ tes, nachdem ich mir zuvor über den Eigenthümer des Schif⸗ fes jeden möglichen Aufſchluß verſchafft hatte. Die eingezo⸗ genen Nachrichten halfen mir aber nur wenig, denn alle meine Anſtrengungen zur Entdeckung der Flüchtlinge blieben vergebens. Ich durchreiste die ganze Bretagne, die Vendée, die Normandie und Tourraine— Alles umſonſt: jenſeits Nantes ging jede Spur verloren, und ſo mußte ich zuletzt vergangenes Jahr gegen Ende des Frühlings nach England zurückkehren. Mein Vater und Eda befanden ſich damals in London— Filmer war in Frankreich abweſend. Ich er⸗ zählte Eda Alles, was ich gethan hatte, und ſuchte ſie mit der Hoffaung zu tröſten, daß Ihre Unſchuld gewiß noch an's „Licht kommen würde. Dies war der einzige Troſt, den das gute Mädchen kannte, denn mein Vater, der ihr Herz nicht richtig beurtheilte und ihre düſteren Gedanken zu zerſtreuen wünſchte, zwang ſie in die Geſellſchaft; ſein Haus wurde vom Morgen bis zum Abend nicht leer von Beſuchen: aber Eda blieb faſt immer in ihrem Zimmer eingeſchloſſen, und wollte an keinen öffentlichen Ort, zu keiner Luſtparthie aus⸗ gehen.— Sie hatte nie geglaubt, daß Filmer ſich Ihre Rettung jemals habe angelegen ſeyn laſſen; ihre Zweifel ſteckten nun auch mich an, und ein neuer Argwohn draͤngte ſich mir auf. Er hatte zwargegen meinen Vater ganz andere Geſchäfte in Frankreich vorgeſchützt, mir war jedoch alsbald die Vermuthung gekommen, daß er Clive aufgeſucht habe, und als mir mein Vater eines Tags einen Brief von ihm einhändigte, * 492 der mehrere intereſſante Nachrichten über den Zuſtand von Frankreich enthielt— ſolche Beobachtungrn anzuſtellen, iſt allerdings Niemand geeigneter als er— da ſah ich genau nach dem Poſtzeichen des Briefs und entdeckte das Wort Angers“, während bei dem Datum die Stadt Tours zu leſen war. Das war eine Entdeckung: er betrog alſo meinen Vater eben ſo gut wie mich! Ich ließ mich jedoch nicht zu raſchen Anklagen hinreißen— ich bin wunderbar klug ge⸗ worden, Dudley— und wollte nicht einmal an Clive ſchrei⸗ ben, bis ich wußte, daß Filmer ihn verlaſſen hatte— wenn dieſer nämlich, wie ich vermuthete, zu Angers bei ihm war. So verſtrich abermals ein Monat in ungeduldiger Erwartung, und mein Vater ließ manchmal einen Wink von Touren nach verſchiedenen Theilen Europa's fallen, durch welche er Eda aufzuheitern hoffte. Es wurden ſogar ſchon Vorbereitun⸗ gen zur Reiſe getroffen, als Filmer plötzlich wieder unter uns erſchien. Noch in derſelben Nacht benachrichtigte mich Sir Arthur, daß er nach Italien und von da über die joni⸗ ſchen Inſeln und Griechenland nach Konſtantinopel zu reiſen gedenke; Eda und Filmer ſollten ihn begleiten, und meine Gegenwart— ſo dachte man ſich— verſtand ſich von ſelbſt; ich wurde nicht einmal eingeladen— das wurde als abge⸗ macht betrachtet. Ich dagegen war entſchloſſen, nicht zu gehen— wenigſtens nicht ſogleich— und trug deßhalb Sorge, mich in allerlei Verbindlichkeiten einzulaſſen, die nicht ſo leicht zu löſen waren. So machte ich mit einem Bekannten eine ſehr bedeutende Wette über den Ausgang eines dreitägigen Enten⸗ ſchießens, verſprach meinem Freunde Eldred ſeiner Vermählung 493 anzuwohnen, kurz ich ſchuf für mich ſo viele Entſchuldigungen, daß mein Vater ſelbſt zuzugeben genöthigt war, daß ich zu⸗ rückbleiben und erſt ſpäter zu Neapel mit ihnen zuſammen⸗ treffen müßte. Ich konnte wohl bemerken, wie Mr. Filmer's Miene ſich veränderte, als er von dieſer Anordnung hörte, und wie ein Ausdruck finſterer Bitterkeit ſich darin ausſprach, der meinen früheren Zweifel nur noch beſtärkte. Ohne erſt ihre Abreiſe zu erwarten, ſchrieb ich ſogleich einen Brief an Clive, und adreſſirte ihn nach Angers; ich war jetzt übri⸗ gens argwöhniſch gegen Jedermann geworden, und trug den Brief ſelbſt auf die Poſt. In meinem Schreiben hatte ich Alles erzählt, was Ihnen begegnet war und hatte Clive ge⸗ beten, ſeine Antwort an ein Hotel in London zu adreſſiren.— Ein Tag nach dem andern verſtrich; mein Vater hatte mit ſeinen Begleitern die entworfene Reiſe angetreten und ich glaubte ſchon, ich habe mich getäuſcht, da kein Brief anlan⸗ gen wollte. So beſchloß ich ſelbſt nach Angers zu gehen, und ſaß eben in dem Speiſezimmer von meines Vaters Hauſe — dem einzigen größern Gemache, das nach ſeiner Abreiſe offen geblieben war— in düſteres Nachſinnen über mein und meines Freundes Schickſal verloren, als ich auf der andern Seite der Straße eine Figur bemerkte, die mich augenblicklich an's Fenſter zog. Es war Clive in eigener Perſon, und er betrachtete ſich eben die verſchloſſenen Fenſter des Hauſes in der Meinung— wie er mir ſpäter ſagte— es müſſe Nie⸗ mand von uns in der Stadt ſeyn, weßwegen er eben nach Brandon gehen und mich dort aufſuchen wollte. Er hatte meinen Brief erhalten, und war ſo bald als moͤglich ſelbſt 494 gekommen, indem er meine geliebte Helene in Frankreich zurückließ.— Alles Weitere, was nunmehr folgte, brauche ich Ihnen nicht im Einzelnen zu erzählen, denn wir werden hoffentlich Zeit genug haben, bei den näheren Details, die Sie ſehr intereſſiren werden, zu verweilen: ſo viel aber muß ich Ihnen ſagen, daß der edeldenkende alte Mann keine Silbe davon wußte, wie man eine That, die er ſelbſt begangen und die an ihm eine Handlung der Gerechtigkeit war, bei Ihnen aber als Verbrechen gelten konnte, einem Andern zur Laſt gelegt hatte. Er erzählte mir, Helene habe mir oft geſchrie⸗ ben, und wenn er ihre Worte auch nie geſehen, ſo ſey er doch überzeugt, daß ſie Ausdrücke gebraucht habe, die mich ſo⸗ gleich hätten merken laſſen, wie Lord Hadley zu ſeinem Tode gekommen ſey.“ „Wie war das?“ rief Dudley, ihm in die Rede fallend; „doch ich kanns errathen— ja, ja. Fahren Sie fort, Edgar.“ „Ich bin bald zu Ende,“ verſicherte dieſer.„Clive hatte in derſelben Nacht durch Mr. Norries erfahren, welch' ſchamloſe Verfolgung meine ſüße Helene von Lord Hadley erduldet hatte, und war eben mit einem Herzen voll Ingrimm über die Klippen gegangen, als er einen Hülferuf vernahm und alsbald ſeiner Tochter Stimme erkannte. Er eilte herbei und traf den Elenden, wie er ſie eben nach der Seeküſte ſchleppte, wo er, wie es ſcheint, ein Boot zu treffen erwar⸗ tete, das Beide nach Frankreich führen ſollte. Clive verſetzte ihm alsbald einen wüthenden Streich; Lord Hadley erwie⸗ derte ihn, indem er Helene losließ, und Clive gab ihm den 495 zweiten und diesmal tödtlichen Schlag. Nur dieſe drei Streiche waren gefallen, aber beim dritten hatte Clive's mächtiger Arm den unglücklichen Verbrecher auf das Gelän⸗ der am Klippenrande geworfen, dieſes hatte nachgegeben und er war häuptlings in die Tieſe geſtürzt. So lautete die Geſchichte von Lord Hadley's Tode; Sie ſelbſt, Dudley, haben Clive genugſam kennen gelernt, um überzeugt zu ſeyn, daß die That nicht mit ſeinem Wiſſen oder Willen auf Sie abgeleitet wurde. Sobald er aus meinem Briefe erſah, daß dies der Fall war, kam er herüber, um Sie zu rechtfertigen und ſich ſelbſt anzugeben, und da er von den für ſolche Fälle erforderlichen Maßregeln nur wenig verſtand, ſo ſuchte er mich zuerſt in dem Hotel, wohin ich ſeine Briefe beſtellt hatte, und war von dort in meiners Vaters Stadtwohnung gewie⸗ ſen worden. Mehr aus Zufall als weil ich es beſſer wie er wußte, rieth ich ihm, was ſich ſpäter als der beſte Weg, den er hätte einſchlagen können, erwieſen hat. Ich war nämlich überzeugt, daß unter den jetzigen Umſtänden ein offenes Be⸗ kenntniß des Ganzen, wozu er ſich erbot, keinen ſchlimmen Ausgang für ihn haben könne, und ſchlug ihm vor, unver⸗ züglich mit ihm zum Staatsſekretär, den ich perſönlich kenne, zu gehen und dieſem den ganzen Thatbeſtand zu erzählen: er war vollkommen hiemit einverſtanden, und wir brachen ſo⸗ gleich auf.— Sie kennen Clive's geradſinnige faſt übereilte Handlungsweiſe; in dieſem Falle verfuhr er jedoch vorſichtig und mit aller Ueberlegung. Der Sekretär ſtellte an ihn nur wenige Fragen; Clive legte ihm meinen Brief vor, ſagte ihm, wie dies die erſte Nachricht geweſen, daß ein Unſchul⸗ 3 496 diger wegen einer That, die er ſelbſt begangen, angeklagt und verurtheilt worden ſey, weßhalb er augenblicklich von Frank⸗ reich herübergekommen, um die volle Wahrheit einzugeſtehen. Seine Erzählung war ſo einfach, Clive's Aufrichtigkeit ſo ſonnenklar, daß alle Zweifel über Ihren Antheil an der Sache mit einemmale gehoben wurden. Die einzige Frage war die, wie Clive’s Fall zu behandeln ſeyn möchte, und der Sekretar beſchloß, ihn ſo lange in Freiheit zu laſſen, bis ſeine Tochter und ein Taglöhner vom Meierhofe Namens Daniel Connor nach London gebracht werden könnten, wogegen Clive verſprach, auf die erſte Aufforderung zu erſcheinen und in der Zwiſchenzeit mit keinem der beiden Zeugen Gemein⸗ ſchaft zu pflegen.— Später wurde auf dem Staatsſekreta⸗ riate eine vollſtändige Unterſuchung eingeleitet, wobei ein Polizeibeamter von großem Geſchick und Scharfblick zuge⸗ zogen ward; Helene und Daniel Connor's Verhör wurde beſonders vorgenommen, ohne daß Clive eines von Beiden zuvor geſehen hätte. Helene erzählte die Geſchichte einfach und gerade ſo, wie ihr Vater fie berichtet hatte, und der Taglöhner beſtätigte dieſelbe nach augenblicklichem Zögern und vielerlei Ausflüchten in allen Einzelnheiten, ſobald er erfuhr, daß Clive ſelbſt gekommen ſey und die ganze Geſchichte freiwillig angegeben habe. Sein Zeugniß wurde mit jenem verglichen, das er vor der Coroners⸗Jury und bei Ihrem Prozeſſe niedergelegt hatte, und es fand ſich, daß er der That zwar offenbar eine unrichtige Färbung gegeben, aber doch nicht geradezu einen falſchen Eid abgelegt habe. Seine Abſicht, Ihre Verurtheilung zu bewirken, ſchien jedoch ſo 497 unleugbar, daß dies zu weiteren Nachforſchungen führte, da der Mann in jeder anderen Hinſicht ehrlich und wohlmeinend erſchien, und in der Umgegend des beſten Rufes genoß. Seine Rückſtcht und Verehrung für Clive konnte das frühere Benehmen nicht genügend erklären, und als er tüchtig ins Verhör genommen wurde, geſtand er, daß ihm gerathen worden war, ſein Zeugniß ſo, wie Sie's gehört haben, ab⸗ zulegen, und ich muß zu meinem Bedauern bemerken, daß der Rathgeber ein Mann war, deſſen Beruf und Charakter am allerwenigſten durch ſolche Handlungen hätte beſchmutzt wer⸗ den ſollen.“ „Ich kann mir denken, wen Sie meinen,“ erwiederte Dudley;„doch hier kommt Norries ſelber und auch ihm möcht' ich gerne eine Frage vorlegen, nämlich warum er Ihnen damals, da Sie ihn wegen gewiſſer Zeugen zum Be⸗ hufe meiner Vertheidigung aufſuchten, nicht ſelber ſagte, daß Clive die That begangen oder warum er Letzterem nicht mit⸗ theilte, daß man mich, wenn gleich unſchuldig, prozeſſirt und verurtheilt hatte.“ Indem er noch ſprach, kam Norries und ſetzte ſich neben ihnen nieder; da er jedoch nicht antwortete, trotzdem daß er einen Theil des Geſagten gehört haben mußte, ſo wieder⸗ holte Dudley ſeine Frage vor ihm ſelbſt. „Wie raſch doch alle Menſchen bei der Hand find, auf ungenügende Gründe hin zu urtheilen!“ erwiederte er lä⸗ chelnd.„So ſind Sie ſelbſt, Mr. Dudley, plötzlich zu dem Schluſſe gerathen, als ob ich von Thatſachen gewußt hätte, James. Der Ueberwieſene. 32 498 welche keineswegs zu meiner Kenntniß gelangt waren. Ich will zwar nicht läugnen, daß ich den ſtaͤrkſten Verdacht hegte, mein Schwager Clive könne jenen Lord Hadley getödtet ha⸗ ben, da ich die Heftigkeit ſeines Weſens, ſeine warme Zärt⸗ lichkeit für ſeine Tochter und die groben Beleidigungen, die ſie erduldet, kannte: allein ich beſaß kein Recht, Andere auf meinen Verdacht zu leiten, und Clive's Aufenthaltsort hab' ich erſt geſtern erfahren. Das wußte ich jedoch ſicher, daß er Ihnen— wo er auch war— früher oder ſpäter Gerech⸗ tigkeit erweiſen werde, und in der That weiß ich auch nicht und kann es nicht begreifen, wie der aufrichtigſte ehr⸗ lichſte Mann, der jemals lebte, entweder mit Willen oder aus Nachläſſigkeit es dulden konnte, daß ein Anderer die Folgen ſeiner That tragen ſollte.“ „Er wurde getäuſcht und ohne Nachricht gelaſſen,“ gab Edgar Adelon zur Antwort.„Man hatte ihn glauben ge⸗ macht, der Verdacht ruhe auf ihm, und wenn er nach Eng⸗ land zurückkehre, ſo würde er Schimpf und Schande auf ſei⸗ nen ehrlichen Namen und Schmach auf ſeine eigene Tochter laden. Er wußte nicht, daß Dudley jemals prozeſſirt, noch weniger, daß er verurtheilt worden, und es iſt erwieſen, daß Helenens Briefe an mich ſämmtlich aufgefangen und zerſtört wurden.“ „Von wem?“ fragte Norries. „Von dem Prieſter,“ erwiederte Edgar. „Aha, ich beſinne mich,“ verſetzte Norries nachdenklich. „Es pflegte damals ein Prieſter ins Haus zu kommen; ſie nannien ihn Vater Peter— ein liſtiger Mann, ſo weit ich 499 beurtheilen konnte, obwohl Clive ihn als einen aufrichtigen hochgeſinnten Mann darſtellte.“ „Jetzt weiß er's beſſer,“ bemerkte Edgar,„denn viele von Filmer's trügeriſchen Handlungen ſind nunmehr ſo vollſtändig enthüllt, daß auch das ſchwärzeſte Gewebe, das jemals von Loyola's feinen Schülern gefertigt wurde, de⸗ ren Falſchheit und Niederträchtigkeit nicht mehr verbergen kann.“ „Filmer, Filmer!“ meinte Norries ſich beſinnend.„Iſt das der Mann, den ſie Vater Peter nennen?“ „Derſelbe,“ verſetzte Cdgar;„doch um auf meine Er⸗ zaͤhlung zurückzukommen, Dudley: Clive's offenherziger Be⸗ richt und Helenens klares aufrichtiges Zeugniß, unterſtützt von vielen Angaben der Diener des Meierhofes, welche mit Lord Hadley's Benehmen gegen fie mehr oder minder be⸗ kannt waren, überzeugten den Staatsſekretär, daß kein Grund für die Krone vorlag, um gegen einen Mann, der einen Anderen in der Vertheidigung ſeines eigenen Kin⸗ des erſchlagen hatte, einzuſchreiten. Er überließ es den Verwandten des Todten, nach Belieben zu handeln; dieſen wurde jedoch nach einer klaren Ueberſicht des Falles gera⸗ then, von der Klage abzuſtehen, und ſo endete die Sache für Clive.— Für Sie wurde unverzüglich eine volle Begnadi⸗ gung erlaſſen und mit dem großen Siegel bekräftigt; auch beſitze ich die ſtärkſten und poſttivſten ſchriftlichen Verſiche⸗ rungen, daß alsbald nach Ihrer Rückkehr Alles geſchehen ſoll, um Ihren Ruf auch von dem geringſten Makel zu rei⸗ nigen.— Ich ſelbſt fühlte,“ fuhr Edgar fort, indem er 32° * 500 Dudley's Hand ergriff,„daß Ihre Theilnahme für mich und Ihr Unwillen über die ſchändliche Behandlung meiner Geliebten wenigſtens einigermaßen dazu beigetragen hatten, ſo viel Unglück auf Ihr Haupt zu häufen, und ich beſchloß deßhalb, Sie ſogleich aufzuſuchen und Ihnen die Freuden⸗ botſchaft Ihrer Freiſprechung perſönlich zu überbringen. Helene fürchtete zwar einigermaßen fuͤr meine Sicherheit und Geſundheit während einer langen Reiſe, und hätte es für ihre Perſon vielleicht gerner geſehen, wenn ich in Eng⸗ land geblieben wäre; doch war ſie weit entfernt, mir davon abzurathen, und nachdem ich ſomit ſie und ihren Vater glück⸗ lich auf den Meierhof zurückgekehrt ſah, brach ich nach die⸗ ſem fernen Lande auf, ſobald ich ein Schiff hierher finden konnte. Kurz vor meiner Abreiſe erhielt ich einen Brief von meinem Vater, der mittlerweile nach Syrien aufgebro⸗ chen war. Er drückte mir ſeine Verwunderung darüber aus, daß ich nicht mit ihm und Eda zuſammengetroffen ſey; aber ohne Zweifel mochte er noch mehr überraſcht ſeyn,“ fuhr der junge Mann lächelnd fort,„als mein nächſter Brief ihn benachrichtigte, daß ich nach Auſtralien abgeſegelt ſey. Ich gab ihm dabei keinen näheren Grund meines Handelns an, da ich Ihnen, Dudley, in jeder Beziehung freie Hand laſſen und mich mit Ihnen über mein eigenes ferneres Benehmen wie über das Ihrige berathen wollte. Da Clive's Unter⸗ ſuchung privatim geführt wurde, ſo iſt keine Wahrſcheinlich⸗ keit vorhanden, daß die Nachricht ſeines Geſtändniſſes und Ihrer Freiſprechung meinem Vater aus öffentlicher Quelle zukommen ird, und ich hatte Helenen wie ihrem Vater 501 noch beſonders das Verfprechen abgenommen, daß ſie bis zu meiner Rückkehr kein Wort über die Sache verlauten laſſen wollten. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß wir Beide noch auf Gefahren und Schwierigkeiten ſtoßen dürf⸗ ten, denn Vorurtheile mancher Art ſind zu überwinden, und die Liſt und Geſchicklichkeit eines feinen Gegners iſt noch zu vereiteln. Ich kenne ihn jetzt, und glauben Sie mir, er wird es nie verzeihen, daß ich ſeine Falſchheit und Niederträch⸗ tigkeit aufgedeckt habe.“ „Filmer,“ ſagte Norries, der ſchon ſeit mehreren Mi⸗ nuten in tiefes Nachſinnen verſunken geweſen,„Filmer?— Vater Peter?— nun das wird bald heraus ſeyn. Mr. Dudley, ich wünſchte Sie auf ein paar Augenklicke allein zu ſprechen; nachher wollen wir uns ans Frühſtück ſetzen, denn dieſe Bergluft macht einem ſcharfen Appetit.“ „Erſt muß ich Ihnen ein Frühſtück fangen oder ſchießen,“ erwiederte Dudley,„wenn Sie ſich nicht mit etwas Ginge⸗ ſalzenem begnügen wollen, das ich mir hier zurückgelegt habe.“ „Laßt uns zuſammen nach dem See hinabgehen,“ meinte Norries.„Wir können uns unterwegs beſprechen, und während Sie uns Ihre Geſchicklichkeit im Angeln zei⸗ gen, will ich Ihnen Einiges mittheilen, was nicht ohne Nutzen ſeyn dürfte.“ Dudley willigte gerne ein, und als er mit Norries nach mehr als einer Stunde Abweſenheit zu der Geſellſchaft zu⸗ rückkam, brachten ſie nicht nur eine Maſſe Fiſche mit, ſon⸗ dern Dudley's Miene zeigte einen Ausdruck gedankenvoller 50² Befriedigung, als ob ſein Geſpräch mit Norries zu Edgars Nachrichten noch einen neuen Troſt hinzugefügt hätte. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Eda Brandon ſaß allein in ihrem Zimmer. Ihr ſchoͤnes Antlitz war etwas blaſſer, als da wir es zum erſtenmale dem Auge des Leſers vorführten, und jener Anſtrich ſtrahlender Heiterkeit war daraus verſchwunden; es war ſehr nachdenk⸗ lich geworden, aber wer ſte noch vor vier Tagen geſehen hatte, mußte bemerken, daß ſtatt des früheren Ausdruckes gänzlicher Muthloſigkeit ein Schimmer erneuerter Hoffnung in ihren feinen Mienen eingezogen war. Man darf nicht glauben, daß Eda während der langen Pilgerfahrt, die ſie mit ihrem Oheim anſtellte, der Melan⸗ cholie, die fie uberfallen, abſichtlich nachgehängt, daß ſie ir⸗ gend eine vernunftige Gelegenheit, ihre Gedanken von dem bitteren Gegenſtande einer hoffnungsloſen Leidenſchaft ab⸗ zulenken, vernachläßigt habe. Jede Schönheit in der Na⸗ tur, jeder feine bewundernswerthe Gegenſtand der Kunſt, Alles, was durch ſeine Gedankenverbindung anziehend oder durch das Gedächtniß der Geſchichte geweiht war, wurde emſig von ihr aufgeſucht und ruhig betrachtet, da ſie wohl fühlte, daß dieſe Gegenſtände dem Geiſte Beſchäftigung ge⸗ währten, ohne gleichwohl gegen die traurige Stimmung, die immer wieder in ihrem Herzen aufſtieg, anzukämpfen. Nur die Geſellſchaft vermied ſie— die Geſellſchaft der Welt, 503 welche in Wirklichkeit gar keine Geſellſchaft iſt, denn das bloße Zuſammenpferchen einer gewiſſen Anzahl von Men⸗ ſchen, die kaum einen Gedanken oder ein Gefühl gemeinſam haben, verdient doch wohl einen ganz anderen Namen. Zu dieſer Scheu vor der gemiſchten Menge mochte ſie wohl noch einen andern Grund haben, denn ſie ahnte, daß ihr Oheim in der eitlen Erwartung, ihr Herz von einer Lei⸗ denſchaft zu entwöhnen, deren zwar zwiſchen ihnen niemals gedacht worden war, die er aber, wie ſie wohl fuͤhlte, ent⸗ deckt haben mußte— ſie zu einer Parthie zu zwingen ſuchen würde, und da ſie mit jedem Augenblick mehr empfand, daß ihre Liebe für Dudley niemals ſterben konnte— da ſie ſich mit jedem Tage mehr bei ihm zu ſeyn ſehnte, ſo ſuchte ſie Alles zu vermeiden, was irgend Diskuſſionen herbeiführen konnte, welche für ſie, wie für Sir Arthur, gleich peinlich ſeyn mußten. So war ihre Reiſe unter Beſichtigung mancher fernen Gegenden verſtrichen und ſo weit dies überhaupt Un⸗ terhaltung gewähren konnte, hatte Eda allerdings durch den fortwährenden Wechſel Manches gewonnen; ſobald ſie aber wieder anhielten, kehrte die alte düſtere Stimmung zurück, und wurde um ſo hoffnungsloſer, als ſie nach Beendigung ihrer Tour die ſogar noch länger, als ſie anfänglich vorge⸗ habt hatten, ausgefallen war, auf ihrem früheren Wohnſitze Brandon anlangten. Mit der ihn charakterifirenden Hartnäckigkeit und jener undurchdringlichen Blindheitin der Schätzung Anderer, wie ſte bei eitlen ſelbſtgenügſamen Menſchen allgemein iſt, verfolgte Sir Arthur mit Eda noch immer die nämlichen Plane, und 504 in der Meinung, das Leben auf einem Landſitze könnte die⸗ ſelben beſonders begünſtigen, füllte er ſein Haus mit hei⸗ rathsluſtigen Herren, deren jeder, wie er glaubte, eine paſ⸗ ſende Parthie für ſeine ſchöne Nichte abgäbe, und welche auch wirklich für die Vortheile, wie ſte die Erheirathung ausgedehnter Ländereien und wohlgeſparter Einkünfte ge⸗ währen mochte, keineswegs gleichgültig ſchienen. Da war ein Peer in mittleren Jahren, ſerner ein junger wohlhaben⸗ der Baronet, ein einfacher Squire, enorm reich an Allem, nur nicht an Verſtand, und ein Dragonerkapitän, der Neffe und muthmaßliche Erbe eines Herzogs, der auch in der That der beſte von allen war, da er ſich als Mann von Gefühl, von Verſtand und Charakter, in ſeinen Anſichten zwar etwas wild und enthufiaſtiſch, aber in allen ſeinen Beſtrebungen immer nur auf das Höchſte und Edelſte gerichtet zeigte. Er war der Einzige, der Edas Aufmerkſamkeit länger als blos für einen Augenblick zu feſſeln wußte, was ihm unter ziemlich ſonderbaren Umſtänden gelungen war, da weder ſeine Ta⸗ lente, ſein Reichthum, ſeine Fantaſie, noch der edle Cha⸗ rakter, der aus ſeiner Unterhaltung hervorleuchtete, ihre Beachtung erregt hatte, ſie vielmehr eine Zeitlang geneigt geweſen war, ſich von ihm entſchiedener als von den Uebri⸗ gen zurückzuziehen, weil ſte anfangs ſah, daß er ihre Geſell⸗ ſchaft ſehr emfig aufſuchte, bis er eines Tags kurz nach ſei⸗ ner Ankunft ziemlich abgeriſſen bemerkte: „Sie ſind ſehr traurig, Miß Brandon, und ich ſehe wohl, daß all dieſe Leute Sie beläſtigen. Ich kann mir die Urſache wohl denken; aber ich bitte Sie, ſtellen Sie mich 50⁵ nicht in eine Klaſſe mit ihnen, denn Sie irren ſich, wenn Sie glauben, daß ich aus denſelben Abſichten wie jene gekom⸗ men ſey.“ „Ich verſtehe Sie nicht recht,“ erwiederte Eda ernſt⸗ haft,„und kann auch nicht gerade zugeben, daß meines On⸗ kels Freunde mich beläſtigen. Ich liebe nur nicht große Geſellſchaft— das iſt Alles.“ „Es gibt ein Mittel, Miß Brandon, Ihnen meine Meinung zu erklaͤren, ſo daß Sie mich begreifen werden, ohne zu anderer Leute Anſichten Ihre Zuflucht zu nehmen,“ verſetzte der Kapitän,„indem ich Sie nämlich zur Vertrau⸗ ten eines wichtigen Geheimniſſes mache. Ich bin ſchon länger als zwei Jahre mit einer Dame verlobt, die ich auf richtig liebe; ſie iſt nicht reich und ich bin ſehr arm, weßhalb wir nichts von unſerem gegenſeitigen Einverſtändniſſe laut werden laſſen, um meinen Oheim, von dem meine Ausſichten auf Vermögen abhängen, nicht zu erzürnen. Ich habe es Ihnen mitgetheilt, weil ich glaube, daß es Sie wenigſtens über mich beruhigen wird, und weil ich mit Ihnen gerne allein über einen anderen intereſſanten Gegenſtand ſprechen mochte, der mehr Zeit erfordern dürfte, als uns vor der Hand zu Gebot ſteht.— Ich wußte es ja wohl, hier kommt ſchon Lord Kingsland, um Ihnen ſeine ſüßen Nichtigkeiten vorzuplaudern.“ „Die ich gewiß nicht abwarten werde,“ erwiederte Eda lächelnd. Dieſes kurze Geſpräch hatte den Tag zuvor ſtattgefun⸗ den, und nun ſaß Eda mit einem offenen Briefe vor ihr, 506 den ſte von ihrem Vetter Edgar erhalten hatte. Er war in leichtem heiterem Tone geſchrieben, zwar nicht ſehr klar, enthielt aber doch einige Worte, die ſte mehr ahnen ließen, als er eigentlich anzudeuten ſchien.„Ueberlaſſe Dich nicht dem Trübſinne, meine ſüße Couſtne,“ ſo ſagte er unter Anderem;„ſchüttle ſie ab, die Trauer, die noch bei Deiner Abreiſe über Dir hing, denn Du haſt jetzt keine Urſache zur Melancholie, Deine Trauer iſt durchaus nutzlos. Sturmes⸗ wolken dauern nur ein paar Tage, Eda: der Wind hat ſich aufgemacht und die Deinigen vertrieben.“ Eda wußte, daß Edgar ihr nicht alſo geſchrieben haben würde, wenn er ihr nicht beſſere Hoffnungen zu geben hatte, als er für jetzt ausdrücken mochte, und wenn ſie auch ihres Onkels Ueberraſchung getheilt hatte, als dieſer das erſtemal von Edgars Reiſe nach Auſtralien hörte, ſo fühlte ſie gleich⸗ wohl, was Sir Arthur nicht empfand, daß er jene Reiſe nicht ohne gewichtigen Zweck unternommen hatte. Es war Frühjahr, die Tage hatten noch nicht bedeu⸗ tend zugenommen, und die Stunde des Mittageſſens fiel noch in die Dunkelheit. Eda hatte am Tage zuvor auf ihrem eigenen Zimmer geſpeist; nun aber ſchickte ſie ſich an, mit leichterem Herzen, als dies ſeit langen langen Monaten der Fall geweſen, zu Tiſche hinabzugehen; ſie laͤutete deßhalb ihrem Maͤdchen, und unterhielt ſich von Zeit zu Zeit mit ihr, während dieſe ihr Haar machte. Die Zofe bemerkte wohl die Aenderung in dem Weſen ihrer Herrin, und kaum hatte ſie ihre Aufgabe beendigt, als ſie zu der Haushaͤlterin hinab⸗ 507 eilte, um ihrer guten alten Kamerädin mit liſtigem ſelbſtge⸗ nügſamen Blicke mitzutheilen: „Miß Brandon iſt drüber weg, das kann ich Euch ſa⸗ gen, Miſtreß Geyſon. Der Kapitän wird ihr Mann, da will ich drauf ſchwören.“ Mittlerweile verfügte ſich Eda mit erleichtertem Herzen in das Wohnzimmer, und ſuchte ſich die Augenblicke ſteifen Ceremoniells, welche immer eintreten, wenn die Leute auf ihr Mittagsmahl warten, dadurch abzukürzen, daß ſie bei Sir Arthurs Gäſten die etwa gehegten Hoffnungen zu däm⸗ pfen, wenn nicht gar auszulöoͤſchen ſich bemühte. „In der That, Sie ſtrahlen ja förmlich heute Abend, Miß Brandon,“ bemerkte der Peer, ſich neben ſie ſetzend. „Die Landluft ſcheint Sie völlig erfriſcht zu haben.“ „Ich hoffe, ſie wird dieſelbe Wirkung auch bei Eurer Lordſchaft äußern,“ erwiederte Eda, und ein leichtes Lächeln, das um die Lippen des jungen Dragoneroffiziers ſpielte, machte ihre Worte noch ſpitziger, als ſie wohl anfangs be⸗ abſichtigt hatte. Lord Kingsland ließ ſich jedoch nicht ſo leicht von ſeinem Angriff abwendig machen, ſondern erwiederte: „O ich glaube, die Landluft hat bei mir gar keine Wirkung. Ich bin ſo ſehr gewöhnt, das ganze Frühjahr in London zuzubringen, daß mir die Atmoſphäre der großen Stadt in jener Jahreszeit aus Gewohnheit beſſer zuſagt als alle Landluft.“ „Mit mir iſt es gerade umgekehrt,“ verſetzte Eda. „Nach meiner eigenen Erfahrung hätte ich geglaubt, daß 508 fünfzig bis ſechzig Frühlinge, in London zugebracht, einen förmlich zur Mumie eindorren müßten.“ „Miß Brandon, Miß Brandon!“ rief der Peer mit einem Lächeln, das zwar höflich und gut gelaunt ſeyn ſollte, das aber die erlittene Kränkung nicht völlig zu verbergen vermochte—„ich ſehe, die Luft muß unſerem Ausſehenj je⸗ denfalls verderblich ſeyn, ſonſt würden Sie wohl nicht ſo viele Jahre auf mein Haupt häufen.“ Eda hätte ſich gerne entſchuldigt und näher erklärt; allein Lord Kingsland hatte für heute Abend genug von ihrer Unterhaltung genoſſen und ging bald darauf weiter. Der Geldmenſch kam nun zunächſt, nach der allerneu⸗ ſten Mode gekleidet, und fing an von der Schönheit und Fruchtbarkeit der Brandon'ſchen Güter zu reden, indem er bemerkte, welch weiten Raum ſie auf der in der Halle hän⸗ genden Karte einnahmen. „Ja ſte ſind von ziemlicher Länge und Breite,“ erwie⸗ derte Eda,„nur faſt zu ausgedehnt für eine einzige Perſon. Ich verſtehe mich hinlänglich auf Politik, um zu glauben, daß es beſſer wäre, ſolch große Beſitzthümer nicht noch ver⸗ mehren zu laſſen. Mäßiges Vermögen in den Händen Vie⸗ ler muß für ein Land weit zuträglicher ſeyn, als unermeß⸗ liche Reichthümer in den Händen Weniger.“ „Sehr ſpartaniſche Anſichten!“meinte der junge Edelmann, „die Sie aber wohl ſchwerlich in praxi ausführen würden.“ „Ohne Zweifel,“ gab Eda munter zur Antwort.„Ich würde jeden Mann von großem Beſitzthum abhalten, auf irgend eine Weiſe noch mehr zu erwerben.“ 509 Gegen eine ſo kühne Verſicherung ließ ſich nichts ein⸗ wenden, und der Baronet ſchien bereits eine ſo entſchiedene Meinungsäußerung auf ſich zu beziehen, als das Mittageſſen angekündigt wurde, und der Peer ſein Vorrecht in Anſpruch nahm, Miß Brandon zu Tiſche zu führen. Das Mahl verlief ziemlich ſtill und langweilig, und Pud⸗ ding und Torte waren eben abgetragen worden, als ein ſchwe⸗ rer dumpfer Donner wie der einer Kanone die Fenſter in ihren Rahmen erklirren machte. Niemand nahm übrigens Notiz davon, denn Mr. Filmer ſchilderte gerade mit mächtiger Be⸗ redtſamkeit eine der Ceremonien der römiſchen Kirche, welcher er und Sir Arthur zu Rom angewohnt hatten. Nach einer Minute wurde jedoch jener Donner wiederholt und nach ei⸗ ner abermaligen Pauſe vernahm man ihn zum drittenmale. „Das ſind leichte Kanonen,“ bemerkte Sir Arthur Ade⸗ lon.„Gewiß iſt ein Schiff auf die Hundsbank gerathen, und der Wind weht überdies noch ſehr heftig.“ „Waͤhrend ich heute Abend über die Dünen ſchlenderte, ſah ich eine ſtattliche, große Barke eben um die Landſpitze herumkommen,“ erzählte Lord Kingsland.„Vermuthlich ſind es ihre Kanonen, die wir vernehmen, denn von einem andern Schiffe war nirgends etwas zu ſehen.“ „Dann iſt ſie weit über den Hund hinausgerathen,“ verſetzte Mr. Filmer,„und iſt vermuthlich auf der Spitze jenſeits Beach⸗Rock aufgelaufen. Von dort weht der Wind, weßhalb wir auch die Kanonen ſo deutlich, wie eben jetzt⸗ vernehmen.“ 5¹⁰ „Noch wahrſcheinlicher iſt das Schiff geradezu auf’'s Ufer oder auf die niederen Riffe gerannt, welche zwei⸗ bis dreihundert Schritte auswärts liegen,“ meinte Sir Arthur. „Es wird ſich wohl ſo nah wie möglich an's Land gehalten haben, um in die Bai einzulaufen und der Wuth des Stur⸗ mes auszuweichen.“ Während dieſe Meinungen von allen Seiten zuſammen⸗ trafen, ließen ſich ganz deutlich noch mehrere Schüſſe ver⸗ nehmen, und Eda, deren Antlitz ſchon beim Auftragen des Deſſerts ſehr blaß geworden war, zog ſich mit den Worten zurück: „Ich will einige Diener ausſenden, mein theurer Onkel. Sie können vielleicht den Fiſchersleuten im Falle der Notlh Huͤlfe leiſten.“ „Sie werden nicht mehr zur Zeit anlangen, Liebſte, wenn jene an's Land gelaufen find,“ erwiederte Sir Arthur. „Es muß volle zwölf Meilen oder mehr bis zur Spitze ſeyn — doch thue, wie Du willſt.“ „Ich will jedenfalls ausſenden, wenn Sie nichts da⸗ wieder haben,“ erwiederte Eda.„Die Leute können vielleicht zur Rettung eines Menſchenlebens behülflich ſeyn, und im Vergleich damit iſt ein Gang oder Ritt von zwölf Meilen gewiß unbedeutend.“ Mit dieſen Worten eilte Eda in das Wohnzimmer, zog die Glocke, indem ſie Befehl gab, daß alle entbehrlichen Diener auffitzen und ſo raſch wie möglich in der Richtung, woher die Kanonenſchüſſe kamen, davonſprengen ſollten. Ihre Befehle waren ruhig, klar und deutlich, wiewohl die 511 Bläſſe ihres Antlitzes und das Zittern ihrer Hand zu bewei⸗ ſen ſchienen, daß ſie ſehr erſchüttert war. „Ruft im Vorbeigehen die Landleute auf,“ ſagte ſie; „heißt ſie hinabeilen und mit Allem, was ihnen ihre Erfah⸗ rung an die Hand gibt, Beiſtand leiſten. Ich weiß,“ ſuhr ſie fort,„daß Rettung von Menſchenleben von der Regierung oder dem Geſetz nicht belohnt wird, während enorme Preiſe für Rettung des Eigenthums ausgeſetzt ſind. Aber ſagt den Leuten, daß ich für jedes Leben, das durch ihre Anſtrengun⸗ gen gerettet wird, zehn Guineen gebe.“ „Zehn Guineen, Ma am!“ rief der Tafeldecker, an den der Befehl gerichtet war.„Das iſt ſehr viel.“ „Zehn Guineen oder mehr, wenn es nöthig wäre, ihre Bemühungen zu beſchleunigen,“ verſicherte Eda.—„Nun aber ſputet euch.“ Als ſte die Augen nach der Thüre aufſchlug, ſah ſie den jungen Dragonerkapitän innerhalb der Schwelle ſtehen. Sie erröthete ein wenig bei ſeinem Anblick, denn wahrer Enthu⸗ ſiasmus iſt in der Regel von einer gewiſſen Scheu begleitet; ſobald ſie jedoch zu ſprechen aufgehört hatte, näherte ſich der Offizier mit den Worten: „Ich will mit den Leuten gehen, Miß Brandon. Sie bedürfen Jemand, der ſie führt und leitet, und ich bin nicht unvertraut mit ſolchen Vorgängen.— Horch! die Kanonen ſcheinen verſtummt zu ſeyn; aber das iſt noch kein Zeichen, daß die armen Seelen außer Gefahr find, und ich will augen⸗ blicklich aufbrechen.“ „Ich will Ihnen nicht danken, Kapitän M...“ ſagte * 51² Eda Brandon,„denn ich habe kein perſönliches Intereſſe für die armen Leute; aber Ihr eigenes Herz wird Ihnen danken, und Gott wird Sie ſegnen für Ihre Bereitwilligkeit bei dieſer Veranlaſſung.“ Er verließ ſie und Eda ſaß faſt eine halbe Stunde allein, das Haupt in die Hand geſtützt, indem ſie ſich von Regungen und Empfindungen bewegt fühlte, für welche ſie keinen ver⸗ nünftigen Grund anzugeben vermochte— geſpenſtiſche Be⸗ ſorgniſſe, die aus der Tiefe der Nacht aufzuſteigen ſchienen, ohne von einer greifbaren Urſache erweckt worden zu ſeyn. Endlich ſtieß die übrige Geſellſchaft zu ihr, und Eda ſuchte ein ruhiges, gleichmäßiges Benehmen zu beobachten, obwohl die ringsum wahrnehmbare gänzliche Gleichgültigkeit über das Schickſal ſo vieler Mitmenſchen, die vielleicht eben jetzt nur wenige Meilen von hier umkamen, ihre Erſchütterung eher zu vermehren, als zu vermindern geeignet war. Mr. Filmer ſetzte ſich mit dem jüngeren Baronet zum Schachſpiel nieder, indem er ihm als Zeichen ſeiner Ueberlegenheit eine Figur vorgab; Sir Arthur und Lord Kingsland ſpielten Piquet, und ſo blieb ſie der zärtlichen Gnade des reichen, jun⸗ gen Bürgerlichen überlaſſen, der ſte mit einer Abhandlung über Grasanpflanzung und Fichtenanflug unterhielt, ihr eine Lektion über Kulturgärten ertheilte und ſogar zu der Rinder⸗ und Schweinezucht abzuſchweifen drohte, als Eda der Unter⸗ haltung eine andere Wendung gab. Eilf Uhr kam heran, und Niemand erſchien, ohne daß Eda eine Bewegung zum Aufbruch gemacht hätte. Die Schachſpieler hatten ihre Aufgabe beendigt; drei Parthien 5¹3 Piquet waren abgeſpielt und Sir Arthur hatte ſich eben Wein und Waſſer beſtellt, als Kapitän M... mit ruhiger, heiterer Miene in's Zimmer trat und ſogleich auf Eda zu⸗ ging, ohne ſonſt von Jemand Notiz zu nehmen. „In der Bibliothek iſt Jemand, der ſich freuen wird, Sie zu ſehen,“ meldete er leiſe,„und den auch Sie mit Freuden ſehen werden.— Beunruhigen Sie ſich nicht,“ fuhr er fort, als er ſah, wie heftig ſie zitterte.„Alles iſt in Si⸗ cherheit.“ Ehe ich jedoch weiter in der Erzählung fortfahre, muß ich die Ereigniſſe berichten, welche zwiſchen der Zeit, da Ka⸗ pitän M.. auf ſeine Expedition auszog und bis er wieder zurückkehrte, ſtattgefunden hatten. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Die Nacht war ſehr finſter und draußen tobte ein hef⸗ tiger Sturmwind. Zwar wehte er nicht gegen den Punkt der Küſte, der Brandon zunächſt lag; aber etwa ſieben Mei⸗ len öſtlich davon bog ſich das Land gegen Süden und bildete einen niederen Singelnſtrand mit einer Sandzunge, die eine volle halbe Meile über die ſüdlichſte Spitze des Ufers in die See hinauslief, und gegen dieſen Singelnſtrand ſtürmte der Wind mit ſeiner vollen Wucht ſchnurgerade einher. . Die Entfernung von Brandon⸗Houſe bis zur Küſte betrug in gerader Linie blos zwei Meilen; allein Kapitän James, Der Ueberwieſene. 33 * 514 M... ſchlug mit ſeinen fünf bis ſechs Begleitern den Weg quer durch's Land gegen denjenigen Theil des Strandes ein, wo, wie er glaubte, das Schiff geſcheitert ſeyn mußte. Sein eiliger Ritt führte ihn in etwa dreiviertel Stunden an ein Dorf, das ungefähr acht Meilen von Brandon entfernt lag und wo er beim Anklopfen an die Häuſer alle Männer auf die Mahnung der Unglücksfignale an die Küſte geeilt fand, um dort Beiſtand zu leiſten. Er erfuhr zugleich einige nä⸗ here Details über das eingetretene Unglück, wie über den Punkt, wo es ſtattgefunden hatte. Ohne weiteren Aufent⸗ halt ritt er ſofort durch das Dörſchen, wo— beiläufig ge⸗ ſagt— Edgar Adelon ſeine erſte Zuſammenkunft mit Mar⸗ tin Oldkirk gehalten hatte, und gelangte, ſo wie er am äußer⸗ ſten Ende ausmündete, an das Seeufer, wo eine angezündete Theertonne und mehrere Pechfackeln die Schreckensſeene mit ihrem rothen Schimmer erhellten, während auch vom Monde zuweilen einzelne Streiflichter darauf fielen, wenn die grauen Wolken im eiligen Vorüberjagen ſeine glänzende Scheibe auf einen Augenblick ſichtbar machten und ſie dann abermals unter ihrem ſchwarzen Schleier verbargen. Draußen in der See, kaum hundert Schritte vom Strande, war ein ſchönes, ſchlankes Schiff auf den Grund gerathen; die Maſten ſtanden noch alle, und das feine Spitzen⸗ werk der Takelage, das in der Beleuchtung vom Ufer aus theilweiſe hervortrat, wurde dann und wann vollkommen ſichtbar, wenn das Mondlicht für einen Augenblick ſtegreich war und den ſtürmiſchen Himmel erhellte. Rings um die Theertonne ſtanden mehrere Gruppen von Männern mit 515 Frauen und Kindern; weiter unten am Strand mitten in Schaum und Giſcht ſah man andere, deren Einer eine von den Sturzwellen halb ausgelöſchte Pechfackel in die Höhe hielt. Eine furchtbare Brandung ſtürzte donnernd gegen das Ufer, und jeder neue Wogenberg traf das verunglückte Schiff am Spiegel und auf der Luvſeite, und überſtürzte es ſogar völ⸗ lig, da es ſich ſchon gegen das Land umlegte. Wenn der Mond hinter Wolken ſteckte, ſo ſah man bei den Lichtern vom Ufer aus blos den Spiegel und Beſanmaſt; der übrige Theil des Schiffs blieb in Dunkelheit gehüllt, wenn nicht die weiße Brandung ſich über den Rumpf ergoß und glitzernd zwiſchen der Takelage hinaufſprang; ſobald aber der Mond auf Augenblicke hervorkam, gewahrte man Segel, Stengen und viele Theile des Tauwerks mit menſchlichen Weſen be⸗ laden, welche in Todesangſt dem Schickſal, das ſie alle zu bedrohen ſchien, zu entrinnen ſtrebten. Lautes Jammern und Hülferufe miſchten ſich in die Kommandowörter und Weiſun⸗ gen, wurde aber vom Lärm des heulenden Windes und dem Donner der Wogen am Ufer dermaßen verwiſcht, daß an der Stelle, wo der junge Offizier angelangt war, Alles nur wie ein lautes undeutliches Kreiſchen vernommen wurde. Sein Roß anhaltend, ſchaute er ſich einen Augenblick um, überlegend, was wohl am beſten zu thun ſey; in demſelben Augenblicke bemerkte er einige Männer, welche mit jener feſten unerſchrockenen Kühnheit, wie ſie die Bootsleute an der eng⸗ liſchen Küſte charakteriſirt, etwas windwärts von dem ge⸗ ſtrandeten Schiffe ein Boot in die See hinabzulaſſen verſuchten. Mit lautem Cheer ſtießen ſie es ins Waſſer, als eben eine 3 * * 516 Woge zurückwich, und ruderten es mit rieſenmäßiger An⸗ ſtrengung hinaus, als die Deiningen noch furchtbarer zurück⸗ kehrten, das Boot im Augenblick umſtülpten, worauf mehrere Sekunden lang nichts mehr zu ſehen war, als der ſchwarze Rumpf des Fahrzeugs, von den wirbelnden Kreiſen der zurück⸗ weichenden Welle umringt, und die Geſtalten der Maͤnner, die in der Brandung kämpften. Einen Augenblick ſchien es, als ob etliche der muthigen Burſche verloren waͤren; doch einige klammerten ſich an's Boot, die andern krochen nach dem Ufer zurück, und der Einzige, der in die See hinausge⸗ riſſen worden war, kämpfte dort muthvoll um ſein Leben, wurde von einer zweiten Welle erfaßt und blutend und faſt bewußtlos auf den Strand zurückgeſchleudert. Zugleich mit mehreren von den Dienern vom Pferde ſpringend eilte Kapitän M.. zu der Hauptgruppe am Strande; dort richtete er etliche Fragen an die Leute, deren Zweck dieſe jedoch anfänglich nicht erkannten, weßhalb ſie ziemlich mürriſch antworteten. „Mein guter Sir,“ ſagte er, an einen breiten vierſchrö⸗ tigen Mann von mittlerer Größe ſich wendend, der einer der angeſeheneren Bootsleute zu ſeyn ſchien,„ich bin an ſolche Dinge gewöhnt und habe ſchon manches Menſchenleben, an weit ſchlimmerer Kuͤſte wie dieſe retten helfen; dieſelben Mit⸗ tel werden ſich auch hier wirkſam erweiſen, wir muͤſſen ſie nur ſchnell ergreifen, ſonſt wird das Schiff ein vollkommenes Wrack.“ „In zwei Stunden ſind nicht zwei ſeiner Hölzer mehr beiſammen,“ gab der Mann brummend zur Antwort. 517 „Dann iſt es um ſo nöthiger, die Mannſchaft alsbald zu retten,“ ſagte Kapitän M... „Ja, wenn Ihr das könnt,“ erwiederte der Bootsmann ſich wegwendend. „Halt einen Augenblick,“ rief der junge Offizier in be⸗ fehlendem Tone.„Hat irgend einer eine Flinte mit weiter Mündung, und einen guten langen Schlag feſten aber dün⸗ nen Seils?“ Die Sache ſchien dem Manne plötzlich einzuleuchten, und raſch ſich umwendend legte er dem jungen Offtzier ſeine Hand auf die Schulter, indem er mit einem Fluche betheuerte: „Das iſt ein guter Gedanke. Meine große Entenflinte taugt prächtig dazu, und was das Seil betrifft, ſo könnt Ihr nirgends was Beſſeres bekommen als unſere Fiſcher⸗ leinen, denn ſie find leicht und ſtark zugleich.“ In einem Augenblick gewann alles ein anderes Anſehen: die Anſtrengung der Menge war nach einer neuen Richtung hingeleitet, friſche Hoffnung ſchien zu erwachen: eine Anzahl Fiſcherleinen wurde herbeigebracht, die ſchwere Flinte wurde den Händen des Kapitäns übergeben, Pulver herbeigeſchafft, eine Kugel durchbohrt und an das eine Ende des ſtarken Seils befeſtigt, während das andere um ein dickes Tau leicht geknüpft wurde. Jedermann half und Kapitän M.. trat mit dem geladenen Gewehr ſo weit wie möglich an den Strand vor, ſo daß die heranſtrömenden Wellen ſeine Füße netzten, und machte ſich zum Feuern bereit. Zuvor aber wendete er ſich an die hinter ihm Stehenden, indem er ſagte: „wir werden es wohl mehreremal verſuchen müſſen, bis es 518 uns gelingt; laßt Euch alſo nicht entmuthigen, wenn der erſte Schuß fehl ſchlägt.“ Dann richtete er die Flinte in die Höhe und drückte los, in der Hoffnung, daß die Kugel die Leine über die Takelage des Schiffs mitnehmen werde. Wie er jedoch vorher geſehen hatte, blieb der erſte Ver⸗ ſuch ohne Erfolg: die plötzliche Exploſton des Pulvers zer⸗ riß die Leine, noch ehe die Kugel einen Fuß über die Mün⸗ dung gelangt war. „Wir müſſen weniger Pulver und eine kleinere Kugel nehmen,“ bemerkte der junge Offizier.„Schneide einer ein Stück aus meinem Handſchuh hier, damit ich ſie drein wickle. Vielleicht wird's uns diesmal beſſer gelingen.“ Und er täuſchte ſich nicht; die Kugel führte die Leine gerade über das Schiff zwiſchen den Haupt⸗ und Beſanmaſt, und ſiel eine Strecke jenſeits in's Waſſer. Die unglücklichen Neiſenden ſchienen die zu ihrer Ret⸗ tung gemachten Anſtrengungen begriffen zu haben, und hat⸗ ten in tiefem Schweigen und angeſtrengter Aufmerkſamkeit alles Vorgefallene beobachtet. Von dem Augenblicke, da der erſte Schuß abgefeuert worden, hatte man kein Wort, keinen Schrei mehr von ihnen vernommen, und auch als der zweite glücklichere Verſuch gemacht wurde, blieben ſie alle noch ſtumm, denn die Leine war ſo fein, daß ſie nicht eher bemerkten, wie die Bemühungen ihrer Freunde am Ufer geglückt waren, bis die Gebärden der Menge noch mehr als die Stimme eines der Bootsleute, der ihnen durch's Sprachrohr zurief, die Aufmerkſamkeit eines Matroſen nach dem Punkte lenkte, wo⸗ hin die Leine gefallen war. Jetzt erfolgte die Weiſung, das 519 Seil um eine Walze zu ſchlingen und das Tau ſachte einzu⸗ halen; ſobald dies beendigt war, wurde das Tau an beiden Enden befeſtigt, und ein wenn auch zerbrechliches Verbin⸗ dungsmittel mit dem Ufer war hergeſtellt. Ein Freudengeſchrei erhob ſich unter der Schiffsmann⸗ ſchaft, und wurde vom Ufer her mit einem noch lauteren Cheer beantwortet. Uebrigens waren noch viele Schwierigkei⸗ ten zu überwinden, denn da das Schiff von den anprallenden Wellen hin und hergerüttelt wurde, ſo war Gefahr vorhan⸗ den, daß das Tau, beſonders wenn es von der Laſt eines Menſchen beſchwert war, abreißen könnte; doch einer von den Bootsmannsſöhnen, ein Junge von etwa dreizehn Jahren, erbot ſich freiwillig, mit einer leichten Halſe, die er um den Leib geſchlungen hatte, den gefährlichen Pfad zu verſuchen. Langſam und mit vieler Mühe gelang es ihm, mit Händen und Füßen die gefährliche Aufgabe zu vollenden, und ſobald die Halſe feſtgemacht war, kehrte er mit dem andern Ende des zuerſt ausgeworfenen Taues, das ſo um einen Flaſchen⸗ zug geſchlungen war, daß es leicht ſpielen konnte, an das Ufer zurück Nun konnten mehrere von der Schiffsmannſchaft ohne große Schwierigkeit denſelben Weg verſuchen; allein dieſe Methode war ſo langwierig, daß Kapitän M... einen an⸗ dern Vorſchlag machte, der augenblicklich angenommen wurde, ſobald man erfuhr, daß viele Weiber und Kinder ſich auf dem Schiffe befanden. Eines der Segel eines kleinen Lug⸗ gers ward von der Raa abgemacht und die Hörner zu⸗ ſammengeſchlungen und feſtgebunden; es wurde nun um die 520 Halſe geknüpft, mit dem Tau durch die Winde gezogen, ſo daß es ſich leicht zwiſchen Schiff und Ufer hin⸗ und herbe⸗ wegen konnte. So war es möglich, zwei bis drei Menſchen auf einmal zu landen, und unter den armen Geängſtigten, welche alſo dem ſicheren Grabe entriſſen wurden, gaben ſich Freude und Entzücken unter jeder Form und Geſtalt zu er⸗ kennen. Wäͤhrend der ganzen Zeit, da dies Alles vor ſich ging, ſah man am Beſanmaſt zwei Männer beiſammenſtehen, die ſich zwar ſehr geſchäftig gezeigt und bei Befeſtigung der Halſe und beim Durchziehen der Taue kräftigen Beiſtand geleiſtet hatten, aber keinerlei Aengſtlichkeit für ihre Rettung bewieſen ſondern Frauen und Kinder in die Segel ſetzen halfen und vollkommen ruhig und regungslos verblieben, während die Andern ans Ufer gelangten. Es lag etwas in ihrem Weſen und in ihrer Erſcheinung, was Kapitän M... nicht wenig auffiel, und er fragte deßhalb eine der zuerſt an⸗ gekommenen Perſonen, wer jene beide Gentlemen ſeyen. „Paſſagiere aus Sidney, Sir,“ erwiederte der Mann; „Beide vollkommene Gentlemen und brave Burſche, wie ich ſie nur je geſehen habe, denn ohne ſie hätten wir alle längſt den Muth verloren.“ Während er noch ſprach, ſchienen einige der an Bord Zurückgebliebenen die beiden Gentlemen durch Gebärden auf⸗ zufordern, gleichfalls ans Land zu gehen, und der Kleinere von den Zweien nahm von einem der Matroſen das einzige noch zurückgebliebene Kind, trat in das Segel und wurde raſch ans Land gezogen, während er ſich am Taue oben feſt 521 hielt. Eine Fran, welche eine Weile vorher mit zwei an⸗ deren Kindern herübergeſchafft worden war, ſtürzte ihm faſt bis in die See entgegen, als dieſe neue Ladung herannahte, wie wenn ſie fürchtete, der Mann mochte das Kind fallen laſſen. Der junge Gentleman— denn er ſchien ſehr jung und war offenbar von höherem Range— legte ihr jedoch den kleinen Knaben wohlbehalten auf die Arme, indem er be⸗ merkte: „Er iſt ganz geſund und warm.“ Die Frau flehte des Himmels Segen auf ihn herab, und im ſelben Augenblicke faßte ihn Kapitän M... bei der Hand und ſchüttelte ſie herzlich, während einer von den Die⸗ nern ausrief: „Mr. Adelon! Hurrah! Hurrah!“ worauf das Volk am Ufer den Ruf wiederholte und voll Jubel die Hüte ſchwang. Kapitän M... und Edgar Adelon ſprachen leiſe und eifrig zuſammen, während erſterer mehreremal nach dem Beſanmaſt des geſtrandeten Schiffes deutete, als ob er ſeinem Freunde erklärte, daß einer, den ſie Beide kannten, ſich dort befinde. Mehrere andere Perſonen landeten noch, ſo daß die Zahl am Ufer ſich außer den Bewohnern der benachbar⸗ ten Hütten und Weiler nahezu auf ſechzig belief. Unter den Letzten der Angelangten befand ſich Edward Dudley, und wurde von Kapitän M... herzlich begrüßt, obwohl ſeine Erſcheinung nunmehr trotzdem, daß er etwas ermüdet und vom Sturme gerüttelt ausſah, von der des namenloſen Fi⸗ ſchers am namenloſen See ſehr verſchieden war. Sir Arthur Adelon's Diener ſtanden etwas abſeits, 5²2 ſo lange ihr junger Herr ſich mit Kapitän M... unterhielt. Dudley nahm den Letztern am Arm und ging mit ihm lang⸗ ſam am Strande hinauf und aus dem Scheine des Feuers, während Edgar ſich an einige ſeiner Mitreiſenden wendete und ihnen freundliche Weiſungen zu ihrem Troſte und ihrer Unterkunft ertheilte. „Ich wünſche nicht, ſchon jetzt erkannt zu werden,“ be⸗ merkte Dudley mit Kapitän M... ſprechend.„Ich will mir meine eigene Zeit und meine eigene Weiſe wählen, und Sie werden ohne Zweifel die Gründe errathen, da ich weiß, daß Sie mit einem beträchtlichen Theile meiner Geſchichte bekannt gemacht wurden.“ „Ich kann leicht begreifen,“ erwiederte Kapitän M.. „daß Sie noch viele peinliche unerfreuliche Dinge durchzu⸗ machen haben, die Sie auf Ihre eigene Weiſe zu erledigen wünſchen; aber jedenfalls gratulire ich Ihnen aufrichtig, Mr. Dudley, nicht allein zu Ihrer Rettung heute Nacht, ſondern auch, daß Sie Ihr Eigenthum und Ihren Ruf, Ihr Vaterland und Ihre Freunde wieder gewonnen haben.“ „Das weiß Gott!“ verſetzte Dudley;„in Zukunft aber, mein theurer Sir, werde ich der Hoffnung wie der Ver⸗ zweiflung gewiß weniger als in früheren Jahren Raum geben.“ „Die Hoffnung iſt das Beſſere von beiden,“ entgegnete der junge Offtzier in leichterem Tone.„Sie ſtammt vom Himmel, und bildet bei Allem, was gut, was hehr und hei⸗ lig iſt, mehr oder weniger die weſentliche Lürze. Die an⸗ dere kommt aus der Tiefe, und füͤhrt blos zu dem, was 523 ſchlimm, was düſter und unheilvoll iſt. So wählen Sie denn die Hoffnung, mein guter Freund; doch hier kommt einer raſch hinter uns drein: ich hoffe, es iſt doch Niemand ſchwer verletzt.“ „Von den Lebenden nicht,“ erwiederte Dudley ernſt⸗ haft;„wohl aber ſind bei dem erſten Aufrennen des Schiffes zwanzig bis dreißig Perſonen umgekommen.“ „Mr. Arthur ſendet mich, Sir,“ ſagte eine rauhe aber nicht unangenehme Stimme,„um einem der beiden Herrn den Weg zu meiner Hütte zu zeigen— er meint den, der auf dem Wracke war,“ fuhr er fort, auf Dudley blickend, der ſich ſofort bereit erklärte, ihm überall zu folgen, wohin er ihn führen würde. „Dann willl ich Sie jetzt verlaſſen,“ bemerkte Kapitän M.. leiſe:„Ihr Geheimniß iſt bei mir vollkommen ſicher, darauf dürfen Sie ſich verlaſſen: ich hoffe jedoch, daß wir uns vor meiner Abreiſe nach London wieder ſehen, oder je⸗ denfalls dort in der großen Stadt treffen werden.“ „Ich werde Sie gewiß aufſuchen,“ verſicherte Dudley, „denn der Schauplatz und die Umſtände, unter denen wir uns zuerſt trafen, werden ſich nie in meinem Gedächtniſſe verwiſchen, eben ſo wenig als die Güte, mit der Sie mich in einem Augenblick, da ich nirgend einen Helfer um mich glaabte, an tröſten und zu erleichtern wußten.“ So ſchieden ſie, und nachdem Dudley dem derben un⸗ terſetzten Landmanne, der zu ihm geſendet worden, einige Schritte gefolgt war, fragte er, wie weit ſie wohl von Bran⸗ don entfernt ſeyen. 524 „Gut zwölf Meilen,“ gab der Mann zur Antwort. „Dann muß der Ort, wo wir aufrannten, die ſoge⸗ nannte Strandfelſenſpitze ſeyn,“ bemerkte Dudley. „So iſt's, Sir,“ beſtätigte der Bauer;„der Fels, der ihr den Namen gab, liegt etwa zwei Meilen weiter unten, wir nennen's blos die andere Seite der Spitze; das Dorf ſteht hart über ihm, nicht mehr als eine Viertelmeile land⸗ einwärts.“ „Kennt Ihr einen Mann Namens Martin Oldkirk?“ fragte Dudley, nachdem fie einige Schritte weiter gekommen waren.„Er muß glaub' ich in jenem Dorfe wohnen.“ „Ja, ich kenne ihn, Sir,“ gab der Landmann ziemlich wortkarg zur Antwort.„Was wollen Sie von ihm?“ „Ich habe mit ihm zu ſprechen,“ verſetzte Dudley. „Ich bringe ihm Nachrichten von fernen Freunden, und hatte ſogar einen Brief für ihn; der liegt jedoch mit dem Reſte meines Gepäcks in dem verunglückten Schiff, das noch vor morgen ein völliges Wrack ſeyn wird.“ „Das thut mir leid, Sir,“ ſagte ſein Begleiter,„denn ehrlich geſtanden— ich ſelbſt bin Martin Oldkirk; ſo reden Sie nur friſch von der Leber weg, ſo viel's Ihnen beliebt.“ „Soll mit der Zeit ſchon geſchehen,“ meinte Dudley; „denn ich werde ſehr froh ſeyn, Oldkirk, wenn Ihr mich für ein paar Nächte in Eurer Hütte aufnehmen könnt. Auf alle Fälle werdet Ihr mir erlauben, meine Kleider dort zu trocknen, und während deſſen können wir von anderen Din⸗ gen reden.“ 3 „Ich moͤchte Sie ja gewiß gerne aufnehmen, Sir,“ 525 erwiederte der Mann in höflichem Tone,„aber Du lieber Gott, meine Hütte iſt nicht für Ihres Gleichen und das ganze Neſt beherbergt blos ein Bett nebſt einer leeren Bettſtatt.“ „O, die leere Bettſtatt iſt mir ganz recht,“ verſicherte Dudley,„wenigſtens für jetzt— morgen werdet Ihr viel⸗ leicht im Stande ſeyn, mir etwas Anderes zu verſchaffen. Heute Nacht freilich wird jedes Haus und jedes Bett in dem Orte mehr als genug Bewohner finden.“ „Ja, das iſt ſicher,“ antwortete Martin Oldkirk;„aber ich kann Ihnen gutes Heu und ein paar reine Betttücher geben; nehmen wir dann noch eine Maſſe Kleider u. dergl., um Sie warm zu halten, ſo haben Sie immer noch eine beſſere Wohnung, als ſie Ihnen noch vor ein paar Stunden bevorſtand.“ „Ja wahrhaftig,“ verſicherte Dudley,„ich wäre ein Thor, wenn ich murren wollte.— Ihr kennt doch einen ge⸗ wiſſen Mr. Norries, Oldkirk, nicht wahr?“ „Ja wohl,“ rief der Mann plötzlich zuſammenfahrend. „Armer Herr! ich bedaure ihn. Er verdiente was Beſſeres, hätte aber auch noch ſchlimmer wegkommen können. Eines jedoch wird ſein Herz immer erleichtern: er hat nie Jemand verrathen, obwohl er für ſeine Perſon hätte durchſchlüpfen können, wenn er Andere angegeben hätte— aber er war immer ein aufrichtiger Mann, der lieber ſich ſelbſt als ſonſt Jemand wehe that. Ich muß oft an ihn denken, und da fällt mir immer ein, wie hart es iſt, daß er da draußen ſeyn und wie ein Galeerenſklave arbeiten ſoll, während er blos ſein Vaterland frei zu ſehen wünſchte. Er wird wohl 526 recht traurig ſeyn, nicht wahr, Sir? denn ich nehme als gewiß, daß Sie von dort herkommen— oder nicht?“ „Beruhigt Euch über ſein Schickſal,“ antwortete Dud⸗ ley;„er war geſund und glücklich, als ich ihn ſah, und würde, glaub' ich, nicht wieder nach England zurückkehren, ſelbſt wenn ſie ihn gehen ließen. Er unterliegt keinem weite⸗ ren Zwange, als dem, daß er als Verbannter nicht in's Vaterland zurückkehren darf.“ „O ſie werden ſchon noch erkennen, welch' einen Mann ſie verloren haben,“ verſicherte Oldkirk.„Ich hätte wahr⸗ lich gerne ſeine Handſchrift wieder einmal geſehen.— Doch hier ſtehen wir vor der Hütte. In einer Minute will ich Ihnen ein Feuer anblaſen, und dann ſo Allerlei, was Sie brauchen, herbeiholen— ein Glas Branntwein und Waſſer würde nicht ſchaden, und auch nicht gegen Vater Mathew verſtoßen, denn ich bin überzeugt, daß ſogar der Doktor es Ihnen nach ſolcher Strapaze verordnen würde.“ „Ich bin an Entbehrung in Sturm und Unwetter ge⸗ wöhnt,“ erwiederte Dudley, die Hütte betretend;„Ihr braucht Euch alſo nicht viel um Lebensmittel zu bemühen, mein guter Freund.“ 4 Allein was auch der Grund ſeyn mochte, Martin Old⸗ kirk, obwohl ſonſt nicht von übertriebener Höflichkeit, war diesmal entſchloſſen, Alles aufzubieten, um ſeinen Gaſt be⸗ quem zu logiren, und nachdem er die dampfende Aſche ſeines Feuers zur Flamme angeblaſen und eine Maſſe von Kohlen und Holz darauf gethürmt hatte, ging er fort, um ſeine gaſtlichen Abſichten auszuführen. * 527 Dudley legte Rock und Weſte ab, um ſie am Feuer zu trocknen; aus erſterem zog er eine Brieftaſche, und unter⸗ ſuchte ſorgfältig die darin enthaltenen Papiere, um ſich zu überzeugen, ob ſie nicht durch das Seewaſſer Schaden ge⸗ litten hätten, da der Wogengiſcht mehrere Stunden über ihn hereingeſchlagen hatte. Die Lederdecke war vollkommen durchnäßt, die Briefe aber unverletzt, und nachdem er noch einige offenbar amtliche Dokumente nachgeſehen hatte, über⸗ las er beim Schein einer Kerze, die ſein Wirth angeſteckt, mehrere Notizen, die eine feſte Advokatenhand aufgezeichnet hatte. „Ja, wenn er mir antworten will,“ murmelte er als Bemerkung auf das Geleſene;„aber daran zweifle ich eben. Der Verluſt meines Gepäcks trifft ſich in der That ſehr unglücklich; doch das iſt nicht mehr anders zu machen, und im Ganzen iſt es ja nicht Rache, was ich ſuche.— Gleichwohl waͤre es ſchon etwas werth, die ſchlimmen Plane dieſes Menſchen durchkreuzen zu können.“ In ſolchen Gedanken ſetzte er ſich am Herde nieder, und wurde erſt nach zwanzig Minuten durch den plöͤtzlichen Eintritt Edgar Adelons und Kapitän M..'s aus ſeinen Grübeleien aufgeweckt. „Sie ſind alle ſicher,“ ſagte Edgar,„und nun— was wollen Sie thun, Dudley? Ich will ſogleich nach Bran⸗ don reiten.“ „Und ich will hier bleiben, Edgar,“ erwiederte der Andere,„wenn Sie nämlich ganz ſicher find, daß keiner der 528 Diener mich erkannte— des Tafeldeckers habe ich mich ſo⸗ gleich erinnert.“ „Ich glaube nicht, daß irgend einer Sie geſehen,“ ver⸗ ſetzte Edgar,„und ich meine, der beſte Plan wäre der, wie er ſchon früher ausgemacht war, denn unſer Schiffbruch hier,“ fügte er lächelnd bei,„hat uns nur hundert Meilen näher bei Brandon an's Land geſetzt.“ „Das Nothwendigſte für jetzt iſt, daß Sie gegen Niemand meiner Rückkehr nach England erwähnen, bis ich Zeit habe, alle meine Plane zu ordnen,“ bemerkte Dudley; „auch dürfen Sie nicht ſagen, daß Sie mich überhaupt ge⸗ troffen oder irgend etwas von mir gehört haben.“ „Aber Eda,“ meinte der junge Edelmann—„was iſt's mit ihr, Dudley?“ „O, der ſagen Sie's natürlich,“ verſetzte ſein Freund. „Ich möchte nicht, daß ſie ſich einen Augenblick unnöthig ängſtete, und ſie wird die Nothwendigkeit einſehen, vor den Andern von mir zu ſchweigen.“ Kapitän M... konnte beim Anhören dieſes Geſprächs ein leiſes Lächeln nicht unterdrücken. 5 „Ich weiß nicht, ob Ihnen bekannt iſt,“ ſagte er,„daß gegenwärtig viele Gäſte— offenbare Bewerber um die Hand der jungen Dame— zu Brandon ſich aufhalten, das in der That der Halle des Ulyſſes während ſeiner Abweſenheit auf⸗ fallend ähnlich ſieht; ich vermuthe jedoch,“ fuhr er mit munterem Blicke gegen Dudley fort,„der wandernde König von Ithaka wird nächſtens zurückkehren, wird ſein Eigen⸗ 1 529 thum zurückfordern und jene kühnen Sterblichen aus den Choren des Schloſſes hinaustreiben.“ Seine Worte konnten Dudley nicht erheitern, denn auf ſeinem Pfade lagen noch zu viele Schwierigkeiten, ſeine Lage war noch von zu peinlichen Umſtänden umringt, als daß die heitere Hoffnung das umwölkte Anſehen ſeines Schickſals hätte aufhellen können, und da er ſelbſt keine Antwort gab, ſo kam Edgar auf das früher Beſprochene zurück. „Wohlan, ſo will ich denn ſogleich fortreiten,“ ſagte er;„von Ihren weiteren Schritten werde ich vermuthlich zu hören bekommen.“— „O ja, ich werde leicht einen Boten finden,“ erwiederte Dudley, worauf beide Gäſte ihn verließen, nachdem er ihnen noch herzlich die Hand geſchüttelt hatte. Kapitän M... und Edgar Adelon hielten ſich unter⸗ wegs nicht auf, obwohl Letzterer ſehr geneigt war, den Seitenpfad, der rechts von der Heerſtraße von Barhampton nach dem Meierhofe abführte, einzuſchlagen. Er unterließ es jedoch, da er ſich erinnerte, daß ſein Vater von dem Schiffbruche hoͤren mußte, und vielleicht erfahren könnte, daß er an Bord geweſen war. Bei ihrer Ankunft zu Bran⸗ don⸗Houſe bewies jedoch alsbald die Ruhe der ganzen Um⸗ gebung und des Dieners Bericht, daß Sir Arthur eben Piquet ſpiele, wie keine ſonderliche Aengſtlichkeit um ſeinet⸗ willen in ſeines Vaters Bruſt Platz gegriffen hatte, und er verfügte ſich deßhalb in die Bibliothek, indem er den Kapi⸗ tän erſuchte, Eda— wie er auch wirklich that— zu ihm Fames. Der Ueberwieſene. 34 530 herüber zu ſchicken. Sobald fie erſchien, nahm er ſie in die Arme und küßte ſie mit brüderlicher Zaͤrtlichkeit. „Ich bin ſo eben erſt dem Tode entronnen, theuerſte Eda,“ hub er an,„und wollte Dich zuerſt ſehen, ehe ich ſonſt Jemand begrüßte, denn ich habe gute Nachrichten für Dich. Dudley iſt wohl— iſt hier in England— und hat volle Begnadigung erhalten.“ Eda ward todtenblaß, drückte ihre Hand auf's Herz und griff nach dem Lehnſtuhl, um ſich darauf zu ſtützen. „Halt, halt, Edgar,“ rief ſte,„ſag' mir nicht zu viel auf einmal.— Volle Begnadigung, ſagſt Du? Aber der Makel wird dennoch auf ſeinem Namen bleiben.“ Cdgar trat einen Schritt zurück und betrachtete ſie mit ernſtem, faſt ſtrengem Blick. „Und würde das einen Unterſchied bei Dir machen, Eda, da Du ihn doch kennſt und weißt, daß er unſchuldig iſt?“ fragte er. „Nein, Edgar, nein,“ erwiederte ſie mit einer Gebärde des Vorwurfs.„Du kannſt keinen Augenblick ſo etwas von mir glauben; aber für ihn wird es einen großen Unterſchied ausmachen, denn ich kenne Dudley genau und weiß gewiß, daß dieſe Ereigniſſe einen Schatten über ſein ganzes Leben werfen müſſen, wenn ſeine Unſchuld nicht klar erwieſen wer⸗ den kann.— Doch nein, ich will mich nicht darüber grämen!“ rief ſie mit heiterem Blicke ſich aufrichtend und ihre Hand dem Vetter auf den Arm legend.„So werde ich das beſte Mittel haben, theurer Edgar, ihm zu beweiſen, welcher Hin⸗ gebung, welcher Anhänglichkeit ein Frauenherz fähig iſt. 53³¹ Der Traum meiner jungen Liebe, als wir uns vor acht Jah⸗ ren zum erſtenmal trafen, wird ſich nun in der That ver⸗ wirklichen. Damals dachte ich mir, wie glücklich es mich machen würde, einem ſolchen Manne, wie ihm, zu zeigen, daß keine Glücksumſtände, keine unwurdigen Hinderniſſe, keine Veranlaſſung irgend einer Art meine Anhänglichkeit im Geringſten berühren könnten, ſobald ich ſie auf rechtmäßige Weiſe einem Manne gewidmet hätte. Nun kann ich ihm das Alles beweiſen und ich bin bereit, es in vollem Maße zu thun.“ „Es thut mir leid, theures Mädchen, daß ich Deine Träume von Hingebung vernichten muß,“ fiel Edgar in munterem Tone ein.„Du kannſt ihn zwar ſo glücklich ma⸗ chen, wie ein Mann durch Deine ſchöne Hand und Dein treues Herz nur immer werden muß; aber ihn gegen den Zweifel und Argwohn der Welt aufheitern— das kannſt Du nicht, denn davon iſt er bereits völlig befreit. Seine Begnadigung wurde nicht eher gewährt, als bis ſeine Unſchuld durch das Geſtändniß deſſen, der die That begangen, für die er ſo ſchwer zu dulden hatte, über allen Zweifel erwieſen war; und er wird ſich ganz gewiß nicht eher beruhigen, als bis ſeine Verurtheilung durch Parlamentsakte umgeſtoßen iſt. Ich will Dir ſpäter mehr hievon erzählen, liebſte Couſine; jetzt aber will ich mich nach paſſenderen Kleidern umſehen, mit denen ich in dieſem feinen Hauſe auftreten kann; denn wäh⸗ rend der letzten anderthalb Jahre war ich weit mehr daran gewöhnt, in Schiffskajüten zu erſcheinen oder in wilden Wäͤldern umherzuſtreifen, als meinen Platz in einem heiteren 34° Salon einzunehmen. Vergiß nicht, Eda— kein Wort von Dudley's Rückkehr oder ſeiner Begnadigung; es iſt noch gar Vieles zu thun und zu bedenken.“ Eda hätte gerne noch Näheres über ihres Vetters Schiffbruch vernommen; doch Edgar antwortete lachend: „das alles will ich vor der verſammelten Menge im Wohn⸗ zimmer erzählen.“ Dafür begann er nun aber ſeine Fragen über den Meierhof und deſſen Bewohner; allein Eda gab ihm in ſei⸗ nem eigenen Tone zur Antwort: „Das alles will ich Dir morgen erzählen, Edgar.— Du kannſt Helene heute Nacht, ja ſogar morgen noch nicht ſehen, denn ſo viel ich weiß, iſt ſie mit ihrem Vater abwe⸗ ſend und wird nicht vor Ende der Woche zurückkehren.“ Mit dieſen Worten trennten ſie ſich. Achtunddreißigſtes Kapitel. Etwa anderthalb Stunden, nachdem Edgar ihn ver⸗ laſſen hatte, ſaß Dudley mit Martin Oldkirk bei einem ſehr behaglichen Mahle zuſammen; es war zwar einfach aber gut, und der Gentleman hatte die kleine Portion Branntwein, die der Taglöhner herbeigeſchafft, mehr als zur Hälfte aus⸗ getrunken, ſo daß er— ob dies nun natürlich oder mehr an⸗ genommen ſeyn mochte— eine weit beſſere Laune und größere Fröhlichkeit an den Tag legte. Er war von Natur frank und frei, wie der gute alte engliſche Ausdruck es nennt, und 53³3 nur frühzeitiges Unglück hatte, wie wir ſchon in ſeinem Zim⸗ mer zu Cambridge gezeigt, ſeinem romantiſchen Gemüth einen nachdenklichen Anſtrich verliehen. Erſchien er auch zuweilen etwas ſtolz und hochmüthig, ſo geſchah dies nur gegen ſeines Gleichen oder Höherſtehende, wenn ihn das Gefühl, daß ſeine verſchlimmerten Umſtände jene zu einer Anwandlung von Herablaſſung verleiten könnten, ihn zu einer gewiſſen Kälte des Benehmens veranlaßte, um jene eitelſte Form des Stolzes von ſich abzuweiſen. Mit Solchen, die unter ihm ſtanden, war ſein Benehmen ganz anders: ruhig, ſorglos, ſeiner eigenen Stellung und der Achtung An⸗ derer gewiß, ſah er keine Veranlaſſung, ſeine Geſellſchafter durch zu große Vertraulichkeit zu beleidigen oder durch zu weit getriebene Zurückhaltung abzuſtoßen. Er wußte recht wohl, daß die niederen Stände weit ſchärfere Beobachter ſind, als man ihnen in der Regel zutraut, daß ihre Taxirung der Vornehmen ſich meiſt auf weit richtigere Gründe ſtützt, als diejenigen, die nach blos konventionellem Maßſtabe zu urtheilen gewohnt ſind, ſie nur allzuhäufig befolgen. Auch dem alten Oldkirk war es in ſeiner Geſellſchaft wohl geworden, und Beider Geſpräch hatte, wenn auch nicht gerade einen fröhlichen, ſo doch einen heiteren und anziehen⸗ den Ton angenommen. Dudley ſchilderte ihm das Haus, das Norries ſich erbaut hatte, ſeine Sitte und Lebensweiſe, die Schwierigkeiten und Gefahren, die Freuden und die wilde Freiheit eines auſtraliſchen Pflanzers, und Martin Oldkirk fragte und erzählte und plauderte, wie wenn ſein Geſell⸗ ſchafter ein alter Freund von ihm geweſen wäre. Sie hiel⸗ 53³⁴ ten ihre Füße an's Feuer, ſchauten in die glühenden Kohlen, waͤhrend ſie ſich in nachdenklichem Geplauder über den Tiſch lehnten, wobei der hochgeborne, fein erzogene Edelmann merkte, daß er mit einem Manne von geſundem Menſchen⸗ verſtande ſprach, der, wenn gleich ungebildet, doch keines⸗ wegs unwiſſend ſchien, und ob auch nicht immer höflich, auch niemals gemein wurde. Dudley zog endlich ſeine Brieftaſche hervor und nahm die früher unterſuchten Notizen zur Hand, die er einen Augenblick überlas, und dann in unbefangenem Tone fragte: „Sagt mir einmal, kanntet Ihr jemals einen Mann Namens Filmer— Peter Filmer? Der Mann fuhr von ſeinem Stuhle auf, als ob ihn Jemand geſchlagen hätte; ſein ganzes Geſicht arbeitete, die Lippen bebten, die Stirne runzelte ſich und ſeine ſcharfen Augen hefteten ſich mit wildem zornigem Blicke auf Dudley. Es ſchien, als ob er völlig ſprachlos geworden wäre, denn ſein Unterkinn bewegte ſich zwar, wie wenn er ſprechen wollte, aber er ſprach dennoch nicht, ſondern ſchlug mit geballter Fauſt wild auf den Tiſch. „Was habt Ihr denn?“ rief Dudley.„Ich wollte Euch nicht auf ſolche Weiſe in Aufruhr bringen, denn ich hatte keinen Begriff davon, daß ſo einfache Worte eine ſolche Erſchütternng veranlaſſen könnten.“ Martin Oldkirk warf ſich wieder in den Stuhl, von dem er aufgeſprungen war, und drückte die Hand vor die Augen, ließ aber Dudley nicht ausreden, ſondern rief mit lautem barſchem Tone: e 53⁵ „Haltet's Maul, haltet's Maul! Ihr habt einen Feind genannt und einen ſolchen in mir geweckt!“ „Ich kann Euch verſichern, das hab' ich nicht beabſich⸗ tigt,“ erwiederte Dudley.„Laßt uns von etwas Anderem reden.“ „Nein, nein!“ ſchrie der Mann.„Jetzt, da der Name genannt iſt, kann ich von nichts Anderem reden, an nichts Anderes denken.— Laſſen Sie mich das Papier betrachten und ſehen, was darauf ſteht!“ „Da hab' ich nichts entgegen,“ gab Dudley zur Ant⸗ wort;„wenn es Euch aber dermaßen aufregt, ſo wär' es in der That beſſer, wenn Ihr's unterließet.“ Der Mann gab keine Erwiederung, ſondern ſtreckte Dudley nur die Hand hin und ließ ſich das Papier geben, das er ſofort vor ſich niederlegte. Die einzelne Kerze näher zu ſich herziehend, die breite Stirne auf die gefalteten Hände ſtätzend, und die Ellbogen auf den Tiſch lehnend, begann er ſofort die Notizen mit hohlem, ſtarrem Blicke zu betrachten. In dieſer Stellung blieb er volle zehn Minuten, ohne eine Silbe zu aͤußern; dann ſchob er dem Anderen das Papier wieder zu, indem er in ruhigerem Tone bemerkte: „Das iſt Mr. Norries Handſchrift?“ „Ja,“ gab Dudley zur Antwort;„aber er hat ſich gewiß nicht traͤumen laſſen, daß die Fragen, die er hier für mich ausgeſetzt, Euch ſo furchtbar erſchüttern würden.“ „Er hätt' es wiſſen ſollen, er hätt' es wiſſen ſollen,“ verſetzte Martin Oldkirk mit ſtrenger Bitterkeit;„doch gleich⸗ viel. Bis morgen Früh werd' ich mich erholt haben, und 536 dann wollen wir mehr daruͤber reden.— Aber erſt ſagen Sie mir, was haben Sie mit dieſem Manne zu ſchaffen— dieſ— dieſ— dieſ—“ allein er ſchien das Wort nicht aus⸗ ſprechen zu können, und fuhr alſo, ſeinen Satz kurz abbre⸗ chend, fort:„Haben Sie ihn je geſehen? kennen Sie ihn?“ „Ich hab' ihn geſehen und kenne ihn,“ antwortete Dud⸗ ley,„ja, ich habe allen Grund zu glauben, daß er mich auf die niederträchtigſte Weiſe zu kränken trachtete.“ Hier ſchwieg Dudley und beſann ſich eine Weile, wor⸗ auf er fortfuhr: „Es iſt vielleicht beſſer, wenn ich Euch erzähle— wie, denn Ihr waret auch bei der Sache betheiligt.“ „Ich! ich!“ rief Martin Oldkirk.„Was hatte ich mit ihm und Ihnen zu ſchaffen? Ich habe ihn ja ſeit langen Jahren nicht mehr geſehen. Ich wußte wohl, daß Sir Arthur Adelon hier wohnt, ging ihm aber aus dem Wege; der Prieſter iſt jedoch gewiß nicht bei ihm.“ „Der Prieſter i ſt bei ihm,“ erwiederte Dudley,„und hat ihn nie verlaſſen.“ „O ja, er hat, ja, er hat!“ entgegnete der Bauer.„Er war zwei volle Jahre fort, das weiß ich. Ich glaubte, er ſey gegangen, um Buße zu thun, wie er's nennen würde, und um nie wieder in der Welt zu erſcheinen. Hätt' er das gethan, hätt' er in Schweigen und Einſamkeit ſeine ganze ſchändliche Laufbahn beweint, ſo hätt' ich es vergeſſen— nein, nicht vergeſſen— vielleicht aber verzeihen können, denn vergeſſen werde ich es nie.— Alſo er iſt hier— hier in dieſem Lande— in des Baronets Hauſe?“ 537 „Das kann ich Euch nicht geradezu bejahen,“ verſetzte Dnudley;„ich weiß es nicht und möchte Euch um keinen Preis hintergehen; aber vor zwei Jahren oder etwas früher war er hier, denn im Herbſt war es, wo er alles, was er nur konnte, aufbot, um mich zu kränken, obgleich Leben oder Tod auf dem Spiele ſtand.“ „Ei das iſt auffallend,“ meinte Martin Oldkirk.„Darf ich wohl fragen, wie Sie heißen, Sir? denn das iſt mir bis jetzt noch unbekannt.“ „Mein Name iſt Dudley,“ erwiederte ſein Gefährte; „Ihr werdet Euch vielleicht meiner noch erinnern.“ „So ſind Sie der Mann, der wegen der Ermordung des jungen Lords auf den Klippen prozeſſirt und verurtheilt wurde?“ rief Martin Oldkirk, ihn unterbrechend. „Derſelbe,“ gab Dudley zur Antwort.„Ich wurde allerdings für eine Handlung, mit der ich nichts zu ſchaffen hatte, gerichtet und verurtheilt. Von Pater Filmer hab' ich wenig oder nichts geſehen, als da er mich im Gefängniſſe beſuchte und mich zum katholiſchen Glauben bekehren wollte.“ „Ja, ja, das hat er nie aus den Augen verloren,“ bemerkte Oldkirk.—„Was hatten Sie aber bei alldem mit ihm zu ſchaffen?“ „Das ſollt Ihr bald hören,“ verſetzte Dudley;„laßt mich nur meine Geſchichte zu Ende bringen. Erinnert Ihr Euch noch der Nacht, da Edgar Adelon Euch beſuchte, wobei Ihr ihm ſo redlichen Beiſtand geleiſtet?“ „O ja, ganz gut!“ gab der Mann zur Antwort.„Ich 538 glaubte anfänglich, es ſey irgend ein Streich dabei im Spiele, und wollte nicht viel ſagen, allein ich hatte meinen Mann bald weg, und war dann alsbald bereit, Alles, was ich konnte, für ihn zu thun, denn ich gedachte dabei ſeiner Mutter. Es iſt Schade, daß ich nicht mehr für den armen Jungen thun konnte; aber ich glaubte, Mr. Norries werde ſchon wiſſen, was zu machen ſey.“ „Mr. Norries wußte wenig von der Sache, bis ſie erſt lange Zeit nachher ans Licht kam,“ erklärte Dudley;„jetzt aber wünſcht er als mein Freund, mir ſolche Nachweiſungen zu verſchaffen, daß ich die Plane dieſes Mr. Filmer vereiteln kann, und er wußte mich dabei an keinen Beſſeren zu weiſen, als an Euch, mein guter Oldkirk.“ „Wenn ich nur den Brief ſehen könnte!“ meinte der Taglöhner. „Ich fürchte, das kann nicht wohl ſeyn,“ erwiederte Dudley;„wie geſagt, mein Gepäͤck liegt jetzt ohne Zweifel auf dem Grunde der See; aber Ihr kennt ja Mr. Norries' Handſchrift, und werdet nicht bezweifeln, daß dieſe Notizen von ihm niedergeſchrieben wurden.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr,“ verſetzte der Mann; naber dennoch mochte ich gerne den Brief ſehen. Wie dem auch ſey— laßt uns nicht länger von Dingen reden, die ſchon ſo lange vergangen ſind. Morgen, wenn ich mir's überlegt habe, will ich Euch meine Antwort geben. Mittler⸗ weile möchte ich gar gerne erfahren, wie ſich's vor zwei Jahren mit jener Geſchichte verhielt. Ich erinnere mich des Prozeſſes ſehr wohl, und wie Mr. Adelon zu mir kam, um 53³9 Erkundigung bei mir einzuziehen, und wie ich ihn anfangs ſo rauh abſpeiste; aber er war ſo offen und ſo verzweifelt darauf aus, daß ich's ihm nicht wohl abſchlagen konnte, und endlich mit ihm zu Norries ging.— Nur das kann ich nicht einſehen, wie dieſer heuchleriſche Prieſter etwas damit zu ſchaffen hatte.“ „Welchen Zweck und welches Intereſſe er haben konnte, iſt mir unbekannt,“ erwiederte Dudley, der durch die ab⸗ ſchweifende Manier ſeines Gefährten einigermaßen in Ver⸗ legenheit gerieth.„Ich kann blos ſagen, was er wirklich that, und das, ſagt Mr. Adelon, ſey nicht zu bezweifeln; erſtlich als Edgar mit Euch zum zweitenmale bei dem alten Arbeits⸗ hauſe in— den Namen hab' ich vergeſſen— zuſammentraf, wurde er auf Mr. Filmer's Befehl von einem kleinen Kna⸗ ben verfolgt, welcher angewieſen war, ſobald er das Haus, das jener betreten, entdeckt hätte, den Ortskonſtable, der ſchon zum Voraus aufmerkſam gemacht war, hievon zu be⸗ nachrichtigen, damit er Mr. Adelon und jeden, den er bei ihm treffe, unter dem Vorwande, daß Letzterer in das Char⸗ tiſtenkomplott verwickelt ſey, in Verhaft nehme.“ „Ja, ja, ich habe dem Meiſter Konſtable für ſeine Mühe den Kopf eingeſchlagen,“ rief Oldkirk.„Nur weiter, Sir.“ „Dann täuſchte er Mr. Adelon über die Zeit des Pro⸗ zeſſes,“ fuhr Dudley fort,„und ſpäter benachrichtigte er einen Grobſchmid Namens Edward Lane, der wichtiges Zeugniß hätte ablegen können, daß die Juſtizbeamten nach ihm ſuchen. So überredete Mr. Filmer auch den alten Clive und deſſen Tochter, die meine unſchuld gleichfalls hätten be⸗ 540 weiſen können und ſeither auch bewieſen haben, daß fie aus England flohen, und verleitete einen Mann Namens Daniel Connor zu einer Zeugſchaft, die einem Meineid ſo nahe wie moͤglich kommt.“ „Er haßte Sie von Herzen,“ ſagte Martin Oldkirk in grimmigem Tone,„und er kann Niemand haſſen, ohne daß er ihn auch zu vernichten ſucht.“ „Er ſcheint mich allerdings aus irgend einem Grunde zu haſſen, und ob er Macht hat oder nicht, mich ferner zu verfolgen, weiß ich nicht,“ erklärte Dudley;„auf alle Fäͤlle wird er's verſuchen, das iſt meine und Mr. Adelon's Anſicht, und zwar vielleicht in Dingen, die mein Wohl auf's Tiefſte berühren. Mr. Norries, den ich früher zu Rathe zog, ſagte mir, ich ſollte mir von Euch einige frühere Vorgänge aus des Prieſters Leben erzählen laſſen; dieſe, glaubte er, wür⸗ den Sir Arthur Adelon wohl endlich über den wahren Cha⸗ rakter des Mannes aufklären.“ „Ein junger Hund iſt blos neun Tage blind,“ bemerkte Oldkirk mit bitterem Lächeln,„Sir Arthur Adelon war es aber ſeit zwanzig Jahren, und Sie werden es ſehr ſchwer finden, ihm die Augen zu oͤffnen. Hat ihm ſein Sohn er⸗ zählt, was der Prieſter in Ihrem Falle that?“ „Nein,“ antwortete Dudley;„er unterließ es um mei⸗ netwillen, denn mehrere Wochen nach meiner Verurtheilung lag er krank und gelangte erſt allmälig zur Erkenntniß der vollen Wahrheit. Jetzt will er es übrigens thun, und ich wünſchte ſehr, ſeine Angaben wider dieſen Mann durch alle 4 541 früheren Umſtände, welche die Falſchheit und Hinterliſt des Prieſters zu beweiſen geeignet wären, verſtaͤrken zu können.“ „Sagen Sie es ja nicht vor Sir Arthur allein,“ meinte Oldkirk in nachdenklichem Tone.„Er iſt zu ſchwach, um einen tiefen Eindruck lang in ſich zu behalten; er glaubt vielleicht anfangs einen Theil von dem, was Sie ſagen, aber ſeine eigentliche Neigung iſt jedenfalls die, es nicht zu glau⸗ ben, und wenn ſein beſſeres Urtheil und ſeine Ueberzeugung nicht durch die Meinung Anderer geſtützt werden, ſo ſind Sie bei ihm bald vergeſſen. Ich habe das ſelbſt bei ihm geſehen. — Was das Uebrige betrifft, ſo will ich mir's überlegen, Sir, und ſehen, was zu thun iſt. Es iſt ſchon gar lange, ſeit ich die⸗ ſen verhaßten Namen nicht mehr hörte, und er hat Empfin⸗ dungen in mir geweckt, die ich längſt todt glaubte. Ich will bis morgen ruhiger zu werden ſuchen.— Ich wußte nicht, daß die Schlange mir ſo nahe iſt, ſonſt würde ich ihr früher den Kopf zertreten haben. Zwar war mir bekannt, daß Sir Arthur ſich häufig hier aufhält; aber ihn ſelbſt hab ich blos einmal und zwar nur von Weitem geſehen. Den Sohn bekam ich oft zu Geſicht, da er viel in der Gegend herumritt, und ich dachte oft, wie ſehr er ſeiner armen Mutter ähnlich ſehe; geſprochen hab' ich ihn jedoch nie, bis er in jener Nacht zu mir kam, denn ich wollte nichts mehr mit ihnen zu thun haben.“ „Hat Euch denn Niemand geſagt, daß ſie einen Prie⸗ ſter bei ſich haben?“ fragte Dudley. „O ja, ich hörte es wohl,“ erwiederte Martin Oldkirk; „aber es gibt gar viele Prieſter in Rom; es war mir bekannt, * 54⁴² daß dieſer Mann nach der armen Lady Adelon Tode lange Zeit abweſend war, und ſo dachte ich nie, daß es der Naͤm⸗ liche ſeyn koͤnne.— Hat Ihnen Mr. Norries noch weitere Fragen für mich aufgeſchrieben?“ „Ja,“ entgegnete Dudley;„er ſagte, Ihr hättet ge⸗ wiſſe Papiere für mich in Verwahrung.“ „Sie wurden mir von Norries übergeben,“ erklärte Oldkirk„und ich werde ſte ganz gewiß ohne ſeinen Befehl an Niemand ausliefern.“ „Ihr habt vielleicht Recht,“ meinte Dudley;„und ehr⸗ lich geſtanden, liegt mir auch nicht viel daran, denn ſie ſchei⸗ nen nur eine Thatſache zu beweiſen, die ich ſchon längſt wußte, daß nämlich ſtarke Leidenſchaften ein ſchwaches Gemüth eben ſo dauernd wie einen kräftigeren Geiſt erfaſſen. Sie könnten mir allerdings ein gewiſſes Anſehen und Einfluß ſichern, wenn ich deſſen am nöthigſten bedürfte— das iſt jedoch Alles.“ „Treffen Sie dieſen Filmer, ihn müſſen Sie treffen,“ erwiederte Martin Oldkirk ſcharf;„glauben Sie mir, Sir, dieſer Mann hat in dem Baronet jede ſchlimme Pflanze großgezogen, bis ſie üble Früchte getragen hat.— Was Sie übrigens auch thun mögen— thun Sie es nie anders als vor vielen Zeugen: wählen Sie ſich einen öffentlichen Ort, ein allgemeines Meeting, und dann halten Sie ihm vor der Menge ſeine ganze Verruchtheit vor; reißen Sie ihm die Maske ab, und machen Sie ihn zum Geſpött, zum Sprich⸗ worte für die Menge.— Es iſt jedoch ſpät geworden, Sir; Sie müſſen wohl müde ſeyn, und morgen haben wir noch gar Vieles zu beſprechen. Ich pflege es immer ſo zu halten: —,y 5⁴³3 wenn mich etwas tief bewegt, ſo leg ich mich zur Ruhe nieder— ich ſchlafe wie ein Sack, wenn ich arg erſchüttert bin, und wenn ich wieder aufſtehe, ſind meine Gedanken friſch und klar. Ihr Bett iſt hergerichtet, ſo gut ich's vermag, und ich denke, die Muͤdigkeit wird heute ſo gut ſeyn wie ein Feder⸗ kiſſen.— Warten Sie, ich will Ihnen noch ein Licht anſtecken, denn gewiß ſind Sie früher nie bei einer einzigen Kerze aufgeblieben.“ „Ach mein Freund, manch' lange Nacht hab ich ohne Licht zugebracht,“ belehrte ihn Dudley.„Ihr vergeßt, was es heißt, ein Züchtling in einer Strafkolonie zu ſeyn, und wißt noch weniger, wie's einem entflohenen Sträfling mitten in Wüſten und Wildniſſen, die des Menſchen Fuß nur ſelten betreten, ergehen mag— und das war mein Loos.“ „Ja freilich, das hab' ich vergeſſen,“ erwiederte Mar⸗ tin Oldkirk.„Sie haben ein hartes Schickſal durchgemacht, Sir.“ Mit dieſen Worten trennten ſie ſich für die Nacht. Die Sonne ſtand ſchon über eine Stunde am Himmel, als Dudley am folgenden Morgen erwachte, und während er ſich im Hinterſtübchen der Hütte— ſeinem jetzigen Schlaf⸗ zimmer— ankleidete, hörte er Stimmen im Nebenzimmer und konnte die Worte unterſcheiden: „Ich hoffe, der Herr wird ſich unſerer Mühe erinnern, denn ſeht Ihr, Martin, die Schlöſſer ſind nicht aufgebro⸗ chen, und wir haben nicht einmal einen Blick hineinge⸗ worfen.“ „Dafür will ich ſtehen,“ erwiederte Martin Oldkirk's 544 Stimme;„ihr dürft euch darauf verlaſſen, er wird euch gut bezahlen;“ und dann unterſchied er ein lautes Rutſchen, wie wenn mehrere ſchwere Gegenſtäͤnde langſam von einer Seite des Zimmers zur andern gezogen würden. Als Dudley in das vordere Zimmer trat, gewahrte er zur Linken zwei große Kiſten, auf welche Martin Oldkirk mit freudigem Blicke hindeutete. „Wir haben ſie herausbekommen, Sir, wenn auch nicht ohne Mühe, denn ſte ſchienen tuͤchtig in's Seewaſſer einge⸗ drungen. Jetzt, da die Flut vorüber i*ſt, ſteht das Schiff ganz trocken auf einer Seite— d. h. was davon noch übrig iſt, denn die Maſten find alle fort und es iſt entzweigeborſten. Noch eine Flut, wenn der Wind auf dieſe Weiſe fortbläst, und es bleibt kein Stückchen mehr beiſammen. Bis jetzt iſt übrigens ſchon ziemlich viel gerettet, gewiß ein Drittel ſeiner Ladung und das meiſte Paſſagiergut.“ „Das iſt in der That ein wichtiger Dienſt, Oldkirk,“ verſetzte Dudley.„Jetzt ſollt Ihr Norries Brief erhalten, nur müſſen wir die Kiſte aufbrechen, da ich meinen Schlüſſe verloren habe.“— Sein Vorſchlag war bald ausgeführt: die Koffer wur⸗ den gewaltſam geöffnet, ihr Inhalt zum Trocknen heraus⸗ genommen, und der ſo oft erwähnte Brief Oldkirks Händen überliefert. Er nahm ihn an's Fenſter und las ihn emfig, bis er zuletzt ausrief: „'s iſt doch ein guter Mann, wahrlich ein guter Mann, Sir! Er iſt der einzige Advokat, den ich jemals kannte, der einem armen Manne ohne Lohn oder Speſen geholfen 545 hätte. Er rettete mich vom Untergange: das Wenige, was ich habe, verdanke ich ihm, und ich will thun, was er mich anweist.— Jetzt ſollen Sie Alles erfahren, Sir— jedes Wort; aber erſt laſſen Sie uns frühſtücken.“ Neununddreißigſtes Kapitel. Das ſanfte Abendlicht ſchimmerte ruhig über Park und Thal, über Wälder und hohe, nackte Dünen; ein ſtarker Wind trieb die flockigen Wolken am Himmel, deren Schatten ſich auf der Erde gleich den Kindern beim Spielen weiter jagten; hie und da trat die Sonne hell und glänzend da⸗ zwiſchen hervor, und ihre Strahlen, kaum zwei Finger breit über dem Horizonte ruhend, vergoldeten in ſchiefen Linien die Weſtſeite der Bäume, daß ihre Blätter gleich Diamanten funkelten. In Eda Brandons Herzen wechſelten die ſchat⸗ tigen Wolken mannigfacher Regungen ſo raſch wie jene Dünſte am Himmel; aber die Sonne der Hoffnung leuchtete daraus hervor, und erhellte die kleine Welt in ihrer Bruſt nicht minder glänzend und feurig⸗ wie das wirkliche Tags⸗ geſtirn die Scene um ſie her beleuchtete. Er war gerettet, war ſicher in der Heimath und ihr nahe; jeder Tadel war von ihm genommen, ſeine Unſchuld vor den Augen der gan⸗ zen Welt geoffenbart. Sie konnte mit Stolz ſogar auf ſeine Leiden und ihre eigene Liebe zurückblicken; ſie konnte ſagen: er wurde verletzt, verrathen und gekränkt, aber er iſt un⸗ ſchuldig und ich habe ihn immer geliebt. James. Der Ueberwieſene. 3⁵ Ach wie ſelig war der Gedanke, ihn ſein ganzes Leben lang für alles erlittene Unrecht zu tröſten, wie ſüß die Hoff⸗ nung, ihn wieder zu ſehen— ſie ging nämlich auf Edgar's Arm gelehnt mit raſchen Schritten durch den Park nach der alten Priorei— allein jene Empfindungen waren auch tief erſchütternd. Wohl behauptete die Freude ihren Platz und Alles ſchien dann heiter und glücklich; aber dann kamen auch Momente, wo die Tiefe ihrer Liebe eine Höhe erreichte, welche beinahe ſchmerzlich wurde, und zuweilen überfiel ſie eine Anwandlung von Schwäche, daß ſie ſtille ſtehen und Athem holen mußte. Edgar empfand mit ihr, denn ſo ſehr er ſich auch ſeit dem Augenblick, da wir ihn dem Leſer zum erſtenmal vor⸗ führten, geändert hatte, obgleich Erfahrung und thätiges Handeln— dieſes Prüfungsfeuer des Jünglings— ſeinem Charakter Feſtigkeit und Entſchiedenheit gegeben, obgleich ſie ſeinem Geiſte mehr Kraft und ſeinem Aeußeren größere Männlichkeit verliehen hatten, ſo war doch kein einziges von den warmen enthuſiaſtiſchen Gefühlen ſeines Herzens ver⸗ loren gegangen, und er konnte begreifen, was es hieß, mit Empfindungen, die faſt an Furcht anſtreiften, dem Gelieb⸗ ten unter Umſtänden wie die ihrigen entgegenzugehen. Er ſuchte ſie voll Freundlichkeit und Zärtlichkeit zu beſänftigen, ſie mit Allem, was ſeine reiche Phantaſte ihm eingab, zu erheitern; aber er wagte kein Lachen, keinen Scherz, wie er es wohl ſonſt gethan haͤtte, denn er ſah und fühlte, daß jene Regungen zu ernſt, daß die Waſſer des Herzens zu tief V 547 waren, um muthwillig von leichten Winden aufgeregt zu werden. Endlich hatten ſte die Gränzen des Parkes erreicht, und verließen denſelben. Er eilte raſch durch das kleine Ge⸗ hölz, obgleich Eda flüſterte:„o Edgar!“ und gerne einen Augenblick ſtill geſtanden wäre, denn er dachte, ſie würde ſich wohler, ſtärker und glücklicher fühlen, wenn das erſte Zuſammentreffen vorüber wäre.— Noch eine Minute, und die graue Ruine mit ihrem Epheu, der kleine Raſen vor der reichverzierten Pforte und der Bach, der von jenſeits her⸗ überglänzte, lag vor ihren Augen, und Eda erblickte die Geſtalt Dudley's, der ſich von einem Haufen von Bau⸗ trümmern, worauf er geſeſſen hatte, erhob. Auf ihrem Gange hierher war ſie wie geſagt von vielen Regungen erſchüttert worden; Freude und Aengſtlichkeit und allerlei unklare Beſorgniſſe hatten in ihrem Herzen getobt; ſobald ſie aber des Geliebten anſichtig ward, lebte nur noch eine Empfindung in ihrem Herzen: ſie dachte an Alles, was er erduldet und wie er es erduldet hatte. Wie ein Strom kam es in einem großen Bilde über ſie hergeſtürzt, die Angſt, die Entrüſtung, die Entbehrungen und Sorgen, die Ungerechtigkeiten, die er empfunden und getragen hatte; und nur dem einen Impulſe ihres Herzens gehorchend und alle conventionellen Formen und die kalten berechneten Ceremo⸗ nien der Welt vergeſſend, eilte ſie ihm entgegen, warf ſich in ſeine Arme und weinte vor Kummer und Freude. Eine lange, lange Pauſe folgte, denn Keines von Bei⸗ den vermochte zu ſprechen, und Edgar vermied es abſichtlich. 35° * 548 Auch in Dudley's Augen traten Thränen— nicht die Thrä⸗ nen jener ſchwächeren Regungen, wie ſie leichte und zärtliche Gemüther beim Wiederſehen Derer, die ſie lieben, empfin⸗ den; nein, die Thränen ſtarken, mächtigen, alles überwäl⸗ tigenden Dankes für die Gnade, welche Gott ihm erwieſen, für die Hoffanung und Glückſeligkeit, die er ihm wieder ge⸗ ſchenkt hatte. Aus übervollem Herzen dankte er dem all⸗ mächtigen Lenker unſeres Geſchicks, daß er ſein Vaterland wieder geſehen— dankte ihm für die Befreiung aus Schmach und Kummer und unverdienter Strafe— dankte für ſeinen gereinigten Ruf, für ſeinen hergeſtellten, hohen Namen, für Chre und Friede und neu aufdämmernde Wonne—. und mehr vielleicht als Alles dankte er ihm dafür, daß er ihm die Liebe, die ausharrende, ergebungsvolle, unveränderliche Liebe eines Weſens, das er ſo tief verehrte, geſchenkt hatte. Das war in der That der kroͤnende Segen des Ganzen, der ihm allein das Leben heiter und erfreulich machen konnte, und während er ſeine Arme um ſie geſchlungen hielt, während er ſte an ſein Herz drückte und ihre ſanfte Wange küßte, fühlte er, daß von all' den Segnungen, welche der große Schöpfer dem Menſchen in dem irdiſchen Paradieſe vorbe⸗ halten, keine einzige jener letzten und größten gleichkomme, deren der Mann ſogar in jenem Eden zu ſeinem Troſte und ſeiner Beglückung bedurfte. Ihre Empfindungen fanden endlich Worte; fie ſetzten ſich auf denſelben ſchattigen Trümmerhaufen, wo Dudley die Ankunft Eda's und ihres Vetters erwartet hatte, und be⸗ gannen über Vergangenheit und Zukunft zu reden. Von 549 Erſterer weiß der Leſer bereits das Meiſte, und braucht deß⸗ halb ihrem Geſpräche nicht zuzuhorchen. Dudley verweilte ohnehin nicht lange bei ihr, da er wußte, daß Eda's Zeit nur kurz war, und daß ſie bald zurückkehren mußte, um ſich abermals in heitere Scenen zu miſchen, an denen ſie nur geringen Antheil nahm. Dafür wandte er ſich bald zu der wichtigeren Gegenwart, von der ſo Vieles abhing, und bat Eda, nicht ein Wort davon zu ſagen, wie ſie ihn geſehen hatte, und keinen Wink darüber fallen zu laſſen, daß er nach England zurückgekehrt ſey. „Es gibt noch gar Vieles, theuerſte Eda,“ ſagte er, „was ich zuvor abzumachen wünſche, ehe ich offen in der Welt auftrete. Ich muß erſtens mein Eigenthum von der Krone zurückverlangen und Maßregeln ergreifen, um die Wiedereinſetzung in alle meine Rechte und die Ruckerſtattung meines ehrlichen Namens ſo offen und vollſtändig wie mög⸗ lich zu machen. Aus dieſem Grunde muß ich auch Mr. Clive aufſuchen, der aber, wie ich höre, abweſend iſt. Glauben Sie, er werde bald zurückkehren?“ „Nicht vor Ende der Woche, Dudley; doch kann ich leicht ſeine Adreſſe erhalten,“ antwortete Miß Brandon. „Sind Sie auch ganz gewiß, theure Eda,“ fragte Dudley,„daß er die Thatſachen über Lord Hadley's Tod nicht anderen und weniger verſchwiegenen Perſonen als Ihnen — beſonders Mr. Filmer nicht mitgetheilt hat?“ „Gewiß nicht, wenn nicht etwa ſchriftlich,“ verſetzte Eda,„denn Mr. Clive und Helene waren Beide abweſend, als wir anlangten. Ich habe mich in vielen Hütten der 5⁵⁰ Nachbarſchaft nach dem Grunde ihrer Abweſenheit erkundigt, finde aber nicht, daß irgend Jemand die geringſte Ahnung von dem hätte, was nach Edgars Bericht in London ſiatt⸗ fand, und ich bin feſt überzeugt, daß weder mein Onkel, noch Mr. Filmer die mindeſte Kenntniß von dem Um⸗ ſchwunge unſerer Verhältniſſe beſitzt. Ich glaube, es wäre beſſer,“ fuhr ſie ſort und ſchwieg dann zögernd, wäh⸗ rend eine reizende Röthe ihre Wangen und Schlaͤfe färbte; „ich hielte es für beſſer— warum ſollte ich zögern, es zu ſagen?— wenn Sie ſogleich nach Brandon kämen und mich zur Gattin begehrten. Es ſind dort verſchiedene Perſo⸗ nen, von denen einige— ich glaube mit meines Onkels Er⸗ munterung— Erwartungen hegen, die nie erfüllt werden können, und ich möchte es gerne ein für allemal bekannt wiſſen, Dudley, daß meine Hand einem Anderen zugeſagt iſt, und daß nichts meine Achtung für einen Mann zu er⸗ ſchüttern vermochte, deſſen Benehmen in Kleinigkeiten mir ſchon in früheren Jahren das ſicherſte Unterpfand lieferte, wie er ſich ſpäͤter bei wichtigeren, wenn auch peinlicheren Anläſſen bewähren würde.“ „Das iſt eine ſtarke Verlockung, geliebte Eda,“ ſagte Dudley, ihre Hand an ſeine Lippen drückend;„aber laſſen Sie uns wohl bedenken, was wir thun. Ihr Oheim weiß glaub ich nicht, daß meine Unſchuld erwieſen und daß mir Begnadigung gewährt iſt?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete Eda.„Wäaͤhrend mehrerer Monate, die wir hin und her gewandert, bekam er — — 55¹ die Zeitungen nur in Zwiſchenräumen zu Geſicht, und ich weiß nicht, ob des Falles überhaupt darin erwähnt wurde.“ „Angedeutet war er in einem der Morgenblätter,“ ſagte Edgar Adelon;„die ganze Verhandlung wurde jedoch privatim geführt— zwar ohne alle Geheimthuerei, aber doch mit Ruhe und ohne alles Aufſehen, und der Staats⸗ ſekretär glaubte, nachdem Alles entſchieden war, es dürfte beſſer ſeyn, der Sache vor Dudley's Rückkehr nicht öffentlich zu erwähnen, denn dann, meinte er, könnten Sie ſelbſt diejeni⸗ gen Maßregeln ergreifen, die Sie für die räthlichſten hielten.“ Dudley war während Edgar's Rede in ein Träumen verſunken, raffte ſich aber alsbald wieder empor, und bemerkte in demſelben leiſen Tone wie ſeither— denn der Eindruck ihrer heimlichen Zuſammenkunft erſtreckte ſich ſogar auf ihr Geſpräch, obwohl Niemand ſie hoͤren konnte: „Vielleicht wäre es beſſer, wie Eda ſagt; wenn ich mich übrigens entſchließe, dieſen Plan zu verfolgen, ſo machen Sie ſich auf unerwartete vielleicht wohl gar unangenehme Scenen gefaßt, Liebe. Ihr Onkel wird mich natürlich anfangs für einen entlaufenen Sträfling halten; er wird empört ſeyn, daß ich mich in ſeinem Hauſe zeige, und noch weit mehr über meine übereilte Anmaßung, wie ers nennen wird, zürnen; er kann ſich durch ſeinen Unwillen zu heftigen Maßregeln und harten Ausdrücken hinreißen laſſen, und wenn Sie dabei anweſend ſind, ſo könnte Sie das in eine unerfreuliche Lage verſetzen.“ „Ich fürchte nicht,“ gab Eda zur Antwort;„das Ganze wird ſich leicht erklären laſſen, und wenn er auch ohne Zwei⸗ fel Einwendungen macht, und ich in Dingen, die nicht mein ganzes Wohlergehen berühren, den Rath eines Mannes, der mir ein Vater geweſen, nur ſehr ungerne zurückweiſen möchte, ſo werden ihn doch in dieſem Falle ſeine Einwen⸗ dungen nichts nützen, Dudley. Ich habe mein Herz geprüft, ich kenne und verſtehe meine Gefühle und bin bereit, meine Rolle ſogleich zu übernehmen und ſie zu Ende zu führen.“ „Aber die Frage iſt die,“ ſagte Dudley:„können Sie es thun, meine Eda, wenn ich aus beſonderen Beweggrün⸗ den für paſſend halte, weder Ihrem Onkel noch einem der Anweſenden irgend eine Erklärung zu geben— für paſſend halte, das Mißverſtändniß ſeinen Weg gehen und die Ver⸗ wirrung durch ſtufenweiſe natürliche Mittel ſich aufklären zu laſſen?“ „Was für Beweggründe, Dudley?“ fragte Eda in ängſtlichem Tone.„Wie ſollten Sie Mißverſtändniſſe noch beſtehen laſſen, da doch ein leichter Weg zu deren Aufklärung vorhanden iſt?“ 1— „Nicht deßhalb, glauben Sie mir, theures Mädchen,“ verſetzte Dudley,„um zu zeigen, wie groß die Macht Ihrer Anhänglichkeit iſt, und Sie zum Geſtändniſſe Ihrer uner⸗ ſchüͤtterten Neigung für einen Ueberwieſenen zu veranlaſſen; auch nicht in der Abſicht, damit ſich Ihr Oheim von ſeiner Ungerechtigkeit gegen mich überzeuge, wohl aber um ihm die Augen über das Benehmen eines ſchändlichen Heuchlers, der ihn lange getäuſcht hatte, zu öffnen. Der Plan, den ich vorhabe, ſcheint mir der paſſendſte von allen; doch will ich den Ihrigen bis morgen Früh überlegen, Eda.— Könnten 5⁵³ Sie nicht eine oder zwei Stunden vor dem Frühſtück Ihren Morgenſpaziergang hierher lenken?“ „Gewiß,“ verſicherte Edgar, ſatt ſeiner Baſe das Verſprechen gebend.„Alle unſere Gäſte find arge Lang⸗ ſchläfer und werden uns gewiß nicht unterbrechen, höchſtens unſer guter Freund Kapitän M...— und den können wir leicht los werden.“ „Wohlan, ich will mir's heute Abend überlegen 7“ ver⸗ ſetzte Dudley.„Clive hätte ich freilich gerne zuvor geſehen; da er jedoch abweſend iſt, ſo brauchen wir ſeine Ankunft nicht abzuwarten. Nur vergeſſen Sie nicht, keinerlei Erklärung zu geben, bis ich es ſelbſt für nöthig erachte— ich denke, Eda wird ihre Liebe unter keinen Umſtänden verleugnen wollen.“ „Gewiß nicht,“ verſicherte Eda.„Einer von den Dienern ſagte mir übrigens geſtern, Mr. Clive und Helene würden halb und halb ſchon morgen auf dem Meierhofe zu⸗ rück erwartet— eine Nachricht, welche Edgars Herz den ganzen Tag ſchon in Jubel verſetzt hat,“ indem ſie ihren Vetter mit frohem Lächeln anſah. „Bei unſerem morgigen Wiederſehen werde ich Ihnen mehr zu ſagen im Stande ſeyn, Dudley,“ behauptete Ed⸗ gar;„ehrlich geſtanden, ich denke Ihr Plan iſt der allerbeſte, der ſich entwerfen ließ, denn ob Clive hier iſt oder nicht, ich kann ja doch alle Thatſachen beweiſen, da ich eine Abſchrift von den Gerichtsakten beſitze. „Es handelt ſich um mehr Thatſachen, als Sie wiſſen, Edgar,“ erwiederte Dudley in ziemlich hartem Tone, ſo daß Eda, davon betroffen, etwas bei Seite trat, indem ſie ſagte: 554 „Auf einen Augenklick, Dudley— Sie gewiß nichts thun wollen,“ fuhr ſte leiſe fort Onkel kränken könnte. Sie werden viellei erhalten haben, von denen früher ſo viel die Rede war; aber ich glaube— ja ich bin feſt überzeugt— daß Sie dieſelben nicht zu ſeinem Schaden verwenden werden.“ „Weh thun muß ich ihm, Eda,“ „kränken aber will ich ihn nicht im G der Schmerz ſoll zu ſeinem Wohle, j gereichen, denn bei all ſeinem Woh werden doch „„was meinen cht die Papiere abſchiedete ſich von ihnen, indem er mit la fie ſeither geſprochen hatten, beifügte: „Morgen um acht Uhr werd ich Sie alſo hier ſehen, und wir wollen dann über unſer künftiges Verfahren ent⸗ ſcheiden.“ Gehölz. Dudley ſchaute ihnen nach, bis ſt jungen grünen Zweigen verdeckt wurden, langſam in der Richtung des ſogenannten dannen. Mehrere Minuten, ſtumm und ſchweigſam. ſich von den leichten Frühl, e von den und wandelte dann Strandfelſens von nachdem er fort war, blieb Alles Die roſigen Abendſtrahlen zogen ingswolken zurück, die Nachtigall — —— 5⁵⁵ ſchläpfte in den Wald, die ganze Landſchaft verlor ihren Glanz, in das Grau der Nacht verfinkend, und die Fleder⸗ maus— ein ſichererer Verkündiger des Sommers, als ſelbſt die Schwalbe— ſchwirrte ruhig über dem Raume vor der Ruine, um dem Inſektenraube nachzuziehen. Nach Verfluß dieſer wenigen Minuten wurden jedoch die Epheuzweige, die ſich über den verfallenen Thorweg geſchlungen hatten, plötz⸗ lich zurückgeſchoben; eine dunkle Schattengeſtalt trat in das graue Zwielicht hervor und man ſah ſie einen Augenblick mit gekreuzten Armen daſtehen. Es war die eines Mannes in langem geradgeſchnitte⸗ nem ſchwarzen Rock mit weißer dicht um den Hals geknüpfter Kravatte. Sonſt war nichts Auffallendes in ſeiner Er⸗ ſcheinung, und er blickte ruhig erſt links nach der Straße, die Edgar und Eda eingeſchlagen hatten, und dann rechts nach der Stelle, wo Dudley verſchwunden war; dann ver⸗ ſank er wieder in Gedanken, deren Inhalt ſchwer zu errathen wäre.„So, ſo! morgen um acht Uhr,“ ſagte er endlich mit leiſem widrigen Lachen und ging in derſelben Richtung weiter, welche Miß Brandon und ihr Vetter genommen hatten, verfolgte aber eine Zeitlang die Straße unter der Parkmauer, und überſtieg dieſe auf einer Treppe weiter oben. 556 Vierzigſtes Kapitel. Es war noch eine halbe Stunde bis acht Uhr, als Dudley am folgenden Morgen auf der Straße vom Strand⸗ felſen herankam. Er war nicht allein, denn neben ihm wanderte Martin Oldkirk, deſſen ſtrenge aber nicht unange⸗ nehme Züge von einem Ausdrucke hoher Freude ſtrahlten. In der Entfernung einer halben Stunde von der Abtei blie⸗ ben die beiden Fußgänger ſtehen, und Dudley ſchlug den Seitenpfad über die Felder nach der Ruine ein, während Oldkirk gradaus ging; einen Augenblick ſpäter beſann ſich jedoch der junge Gentleman, und rief ſeinem Begleiter nach: „Ich glaube, Ihr kämet raſcher zu Stande, wenn Ihr zurückginget und den Wagen nähmet, den wir zu Seaſield zurückließen. Ich möchte gern Alle bis halb neun zu Bran⸗ don haben.“ „Ich gehe raſcher zu Fuß, Sir,“ verſetzte Oldkirk. „Nach Seafield ſinds anderthalb Meilen, und das wäͤre lauter verlorene Zeit.“ Ohne fernere Erwiederung ging er weiter, und mit leichtem Herzen die Treppe hinaufſpringend, erreichte Dud⸗ ley in Kurzem das Ufer des Bächleins, das ſeinen Pfad begleitete. Von hier an langſamer voranſchreitend, betrachtete er ſich im Weitergehen die tanzenden Wellen, die in der Morgenſonne ſchimmerten, während das Gehölz gerade vor ihm lag, und eine Ecke der Ruine ſich gerade aus den grü⸗ nen Blättern hervorhob. Die Stunde, der Schauplatz, die 5⁵⁷ Jahreszeit— alles harmonirte vollkommen mit den Em⸗ pfindungen ſeines Herzens: ſollte er ja doch die Geliebte an dem hellen Morgen der hoffnungsvollſten Zeit des Jahres wiederſehen, und ſein Herz bebte voll der ſüßen Regungen des glücklichſten Traumes im Leben. So erreichte er die kleine Wieſe, die ſich von dem alten Portal bis an den Rand des Baches ausbreitete, und da er wußte, daß die Stunde noch nicht geſchlagen hatte, ſo wollte er ſich eben auf der Stelle niederlaſſen, die er geſtern Nacht gewählt hatte, um in hoffendem Träumen auf ſeine Freunde zu warten, als ein Mann mit zoͤgernder heimtückiſcher Miene aus einem der Winkel des Gebäudes hervortrat. „Das iſt unangenehm!“ dachte Dudley.„Doch es hat nichts zu ſagen: da ich meinen Entſchluß gefaßt habe, ſo will ich weiter gehen. Ich werde, ſie gewiß im Parke treffen.“ In dieſen Gedanken ging er über die Wieſe gegen das Dickicht, als ihm der Mann nachrief: „Sir, Sir! ich habe Sie etwas zu fragen.“ Dudley blieb augenblicklich ſtehen und drehte ſich um, als im ſelben Augenblick ein zweiter Mann erſchien, und der erſte ſich ihm mit den Worten näherte: „Iſt Ihr Name nicht Dudley, Sir?“ „Ja,“ erwiederte er;„was könnt Ihr von mir wollen?“ „Ich verhafte Sie im Namen der Königin,“ rief der Fremde, ihn am Arme faſſend, und einen Konſtablesſtab hervorziehend.„Folgen Sie mir.“ „Wo iſt Euer Verhaftsbefehl?“ erkundigte ſich Dud⸗ 5⁵8 ley mit vollkommener Gelaſſenheit, waͤhrend der zweite Mann herankam. „Ich brauche keinen Verhaftsbefehl,“ antwortete der Konſtable;„ich weiß, daß Sie ein zurückgekehrter Sträfling ſind, und werde Sie ſogleich zu Mr. Conway führen.“ „Nein, das werdet Ihr nicht,“ verſetzte Dudley, die Beiden ſich etwas vom Leibe haltend;„es iſt Eure Pflicht, mich vor die nächſte Magiſtratsperſon zu führen. Das iſt Sir Arthur Adelon und Ihr habt keinen Vorwand, mich vier Meilen gehen zu laſſen, waͤhrend ein Friedensrichter ganz in der Nähe iſt.“ „Nun meinetwegen, dagegen läßt ſich nichts ſagen,“ meinte der Konſtable, wogegen der Andere mit der leiſen Bemerkung einfiel: „Er ſagte, zu Mr. Conway.“ „Darum kümmere ich mich nichts,“ erwiederte der Erſte, „ich habe keine Befehle von ihm anzunehmen— erklärte er, warum?“ „Ich ſagte Euch, was Eure Pflicht verlangt,“ hub Dudley wieder an,„und Ihr kennt fie auch als ſolche. Miß⸗ achtet Ihr dieſelbe, ſo geſchieht es auf Eure Gefahr, denn Ihr werdet in ſehr kurzer Zeit finden, daß Ihr bei dieſem Handel völlig Unrecht habt; unterwerft Ihr mich einer Unbequemlichkeit, die nicht nöthig iſt, ſo werde ich Euch ficherlich zur Strafe ziehen—“ „Auf alle Fälle werde ich Ihnen die Handſchellen an⸗ legen, mein jnnger Geſell,“ fiel der Andere barſch ein,„dazu hab' ich ein Recht.“ 559 „Nein, Ihr habt es nicht,“ entgegnete Dudley, der einen derben Stock in der Hand hatte,„und Ihr werdet es bleiben laſſen. Ich ſage Guch, ich bin kein entronnener Sträfling, bin aber bereit, ohne den geringſten Widerſtand zu Sir Arthur Adelon zu gehen. Jedem Verſuche, mir unwürdig zu begegnen, werde ich mich bis aufs Aeußerſte widerſetzen; ich bin in meinem Recht, und die Folgen kom⸗ men auf Euren Kopf, denn käme es zum Kampf, ſo ruht die Verantwortung auf Euch, wer auch von uns Dreien dabei verletzt würde.“— Es iſt ein Unglück, daß die untergeordneten Gerichts⸗ beamten nur ſelten eine genaue Kenntniß des Geſetzes, das ſte auszuüben haben, beſitzen, was ihr Verfahren in der Regel übereilt und gewaltthätig oder ſchwach und zoögernd macht. 8 „Gut, Sir,“ erwiederte der Konſtable nach kurzem Beſinnen,„wenn Sie ruhig mitgehen wollen, iſt mir's ei⸗ nerlei.“ „Ich werde ganz ruhig mitgehen,“ verſicherte Dudley; „und zu Eurer Beruhigung könnt Ihr zu beiden Seiten neben mir herwandeln; aber wohl gemerkt, wenn einer von Euch mich anzurühren ſucht, ſo ſchlag ich ihn nieder.“ Nachdem man ſo weit übereingekommen war, verfügter ſich alle Drei mit ziemlicher Vorſicht durch das kleine Ge⸗ hölz über die Straße und in den Park. Sie waren kaum hundert Schritte gegangen, als Dudley die erwarteten Freunde auf ſich zukommen ſah. Ohne die geringſte Notiz davon zu nehmen, ging er mit ruhigem bedächtigem Schritte weiter und konnte ſogleich bemerken, wie Edgar ſeinen Schritt beſchleunigte. Als ſie etwas naͤher gekommen wa⸗ ren, ließ Sir Arthur Adelon's Sohn ſeine Couſine unter einem der Kaſtanienbäume, ſprang Dudley entgegen und ſchüttelte ihm herzlich die Hand. Die beiden Konſtables ſahen einander mit ziemlicher Ueberraſchung an, denn das war eine Art des Wiedererkennens, wie ſie ſie nicht im Ge⸗ ringſten erwartet hatten, und ſie machten keinerlei Miene, das leiſe Geſpräch zwiſchen ihrem Gefangenen und deſſen Freunde, das einige Minuten lang fortdauerte, zu unterbrechen. „Ich wills ihm ſagen, ich werde nicht ermangeln, es ihm zu ſagen,“ verſicherte Edgar.„Ich werde mit Eda ſo ſchnell wie möglich zurückgehen und ihn noch vor Ihrer An⸗ kunft ſprechen.— Leben Sie wohl, auf Wiederſehen.“ So endete ihre kurze Unterredung und Dudley erklärte ſich gegen die Konſtables bereit, weiter zu gehen. Es war offenbar, daß die beiden Männer zu zweifeln anfingen, ob ſie auch wirklich in ihrem Rechte ſeyen; doch Dudley gab ihnen keine Gelegenheit, ſich näher hievon zu überzeugen, ſondern ging langſam weiter, ſo daß Eda und ihr Vetter das Haus vor ihm erreichten. Von den Dienern ließen ſich nur wenige blicken, und der Thürſteher, der auf das Anzie⸗ hen der Hausglocke erſchien, war Dudley unbekannt. Ein kleines Zimmer in Brandon⸗Houſe war als Ge⸗ richtsſtube eingerichtet; als jedoch der Diener die Konſtables mit ihrem Gefangenen dahinführte, fand er die Thüre ver⸗ ſchloſſen und wies ſie deshalb in die Bibliothek. 561 „Sir Arthur iſt noch nicht unten,“ erklärte der Mann, „ich wills ihm aber melden, ſobald er auf iſt.“ „Sagen Sie's Mr. Filmer,“ erwiederte der Konſtable; „der iſt gewiß ſchon auf.“ Dudley lauſchte mit ſtillem Lächeln, ohne jedoch eine Bemerkung laut werden zu laſſen, indem er irriger Weiſe dachte:„einer von den Dienern wird mich wohl in der Nacht des Schiffbruchs geſehen und es dem Prieſter mitge⸗ theilt haben.“ Nachdem ſie etliche Minuten gewartet hatten, kam der nämliche Diener zurück, und winkte einem der Konſtables aus dem Zimmer. Der Gerichtsdiener war faſt eine Vier⸗ telſtunde abwefend, und ging bei ſeiner Rückkehr gerades Wegs auf Dudley los, indem er ihn anherrſchte: „Ich ſoll Sie zu Mr. Conway führen, Sir, denn Sir Arthur will, wie ſie ſagen, mit der Sache nichts zu ſchaffen haben, weil er Sie kennt.“ „Ich fürchte, er muß wohl,“ entgegnete Dudley feſt. „Ich bin hier im Hauſe eines Friedensrichters, und werde es ſicherlich nicht verlaſſen, bis er entſchieden hat, ob Grund zu meiner Arretirung vorhanden iſt oder nicht. Ihr braucht kein weiteres Wort in der Sache zu verlieren, mein Freund, denn ich bin entſchloſſen, hier zu bleiben.“ Der Mann ſah ziemlich verlegen aus, und gab ſeinem Kameraden einen bezeichnenden Wink, worauf er abermals das Zimmer verließ, aber nach kurzer Zeit zurückkehrte und ſich etwas entfernt vom Gefangenen niederſetzte, indem er mit den Fingern auf dem Deckel ſeines Hutes trommelte. James. Der Ueberwieſene. 36 2 562 Man hoͤrte jetzt viele Perſonen im Haus herumgehen; ein junger Mann mit rundem Kopf und fettem Geſicht in einem Meltonrock, Kappenſtiefeln und weißen baumwollenen Beinkleidern trat ein, ſchaute ſich um, und entfernte ſich wieder. Ein Anderer ging unter dem Fenſter vorüber, in⸗ dem er eine jener endloſen Arien pfiff, die unſere neueren Opern zieren und für den gemeinen Geſchmack ſo paſſend ſind, daß Jedermann ſie pfeifen kann und auch wirklich pfeift. Einen Augenblick ſpäter hörte man Sir Arthur's Stimme in der Halle zu einem der Diener ſagen: „Läute nur zum Frühſtück; wir werden wohl nicht lange aufgehalten werden;— wißt Ihr, um was es ſich handelt? Wer iſt der Mann?“ „Er ſieht aus wie ein Gentleman, Sir,“ berichtete der Diener;„gefragt habe ich aber nicht. Mr. Filmer hat mit den Konſtables geſprochen.“ „Gut, ſendet mir Mr. Filmer,“ ſagte Sir Arthur Adelon.—„Guten Morgen, Mylord. Guten Morgen, Kapi⸗ tän M... Die Konſtables haben einen Gefangenen einge⸗ bracht; ich muß geſchwind nachſehen, wer es iſt, werde aber in wenigen Minuten beim Frühſtück erſcheinen.“ „Sie halten vermuthlich offenes Gericht, Sir Arthur,“ ſagte Kapitän M..'s Stimme;„wenn Sie erlauben, will ich zuſehen, wie Sie derlei Geſchäfte hier betreiben.“ „Natürlich, natürlich,“ erwiederte Sir Arthur Adelon, und öffnete die Bibliothekthüre, indem er mit Lord Kings⸗ land und Kapitän M.. eintrat. 3 Sobald des Baronets Augen auf Dudley fielen, war 563 eine Veränderung in ſeinem Geſichte zu bemerken; er wurde ſehr bleich und ſeine Lippe zitterte; aber er erholte ſich ſehr raſch, und den Gefangenen mit hochmüthiger Verbeugung begrüßend, ſagte er: „Ich erwartete nicht, Sie hier zu ſehen, Sir,“ indem er zu gleicher Zeit auf einen großen Armſtuhl zuging, der neben dem Bibliothektiſche ſtand. Kapitän M... richtete ſeine Augen mit unmerklichem Lächeln auf Dudley, nahm aber keine weitere Notiz von ihm, und ſetzte ſich neben den Baronet. „Das glaub' ich wohl, Sir Adelon,“ erwiederte Dudley. „Mein Hieherkommen in dieſem Augenblick war mir ſelbſt unerwartet, obwohl ich Sie in kurzer Zeit mit einem Beſuche beläftigt hätte. Dieſen beiden würdigen Herren verdanke ich das Vergnügen, Sie früher, als ich beabſichtigte, zu be⸗ grüßen.“ „Hm!“ meinte Sir Arthur mit kaltem Blick,„ich muß alſo wohl glauben, Sir, daß die Konſtables Sie hierher gebracht haben, worin ſie vermuthlich nur ihre Pflicht tha⸗ ten.— Auf welche Anklage habt Ihr dieſen— dieſen— Gentleman vor mich gebracht,“ fuhr er fort, ſich an die Gerichtsdiener wendend. „Ei, Euer Gnaden, Sir Arthur,“ erwiederte der eine⸗ ich erhielt die Anzeige, daß dieſer Gentleman, dieſer Mr. Dudley, ein entlaufener Sträfling iſt— derſelbe, der vor zwei bis drei Jahren vor den Aſſiſen verurtheilt wurde.— Wenn er's nicht iſt, ſo ſieht er ihm wenigſtens ſehr ähn⸗ lich.“ 36* * „Was ſagen Sie zu dieſer Anklage, Sir?“ fragte Sir Arthur Adelon, Dudley mit demſelben kalten Weſen an⸗ ſchauend. „Mit Ihrer Erlaubniß, Sir Arthur,“ verſetzte Dudley, „ich will dieſem Manne nur eine Frage vorlegen.“ „O, ſo viele Sie wollen,“ antwortete der Baronet, ſich offenbar nicht in der beſten Laune in ſeinen Stuhl zurück⸗ legend. „Wohlan, ſo ſagt mir denn, mein guter Freund Kon⸗ ſtable,“ fuhr Dudley fort—„wer gab Euch den Befehl zu meiner Arretirung?“ „Ci, Niemand gab mir Befehl und dergleichen,“ erwie⸗ derte der Konſtable;„ich hatte nur Nachricht und dergleichen.“ „Von wem?“ fragte Dudley.„Das iſt's gerade, was ich wiſſen will.“ Der Mann ſah etwas verwirrt aus, ſagte aber endlich: „Hm, man hieß mich nichts davon ſagen.“ „Ja, aber Ihr müßt hier etwas ſagen,“ erklärte Dudley.„Ich beſtehe darauf, daß Ihr Sir Arthur Adelon benachrichtigt, wer Euch jene Angabe gemacht hat.“ „Nun, wenn ich's ſagen muß— es war Mr. Filmer— Vater Peter, wie man ihn nennt,“ geſtand der Konſtable. „Ich ſehe nicht ein, warum er mich deßhalb tadeln ſollte.“ „Ich zweiſle ſehr, ob es ihm ſehr angenehm ſeyn wird,“ bemerkte Dudley;„doch damit haben wir nichts zu ſchaffen.“ „Ich meines Theils ſehe nicht, was wir überhaupt damit zu ſchaffen haben,“ ſagte Sir Arthur Adelon.„Mir ſcheint es nicht von Wichtigkeit.“ 565 „Fuͤr Sie eben iſt es von der allerhöchſten Wichtigkeit,“ entgegnete Dudley.„Ich frage in der ausdrücklichen Abſicht, um zu der vollſtändigen Enthüllung eines ſchurkiſchen Cha⸗ rakters zu führen. Ich muß bitten, Sir, daß Sie nach Mr. Filmer ſenden.“ „Ich habe ihn bereits rufen laſſen,“ verſetzte Sir Arthur ſpitzig;„die Frage iſt jedoch, ob Sie ein entronnener Sträf⸗ ling ſind oder nicht, Sir, und hiemit hat Mr. Filmer nichts zu ſchaffen.“ „Das iſt nicht die ganze Frage,“ entgegnete Dudley. „Wenn dies Alles klar geworden iſt, ſo bleibt noch zu unter⸗ ſuchen, ob dieſe Leute richtig gehandelt haben, als ſie mich ohne Verhaftsbefehl oder eidliche Angabe in Verwahrung nahmen. Ebenſo möchte ich noch beiſügen, daß ſie mich an⸗ fänglich— ohne Zweifel auf den Rath deſſelben würdigen Angebers— vier Meilen von hier zu Mr. Conway führen wollten, da ſie mich doch auf dem Grund und Boden von Brandon gefangen nahmen.“ „Das war ſehr Unrecht,“ erklärte Sir Arthur.„Sagt mir, wer hieß Euch alſo handeln, Konſtables?“ „Ei, Mr. Filmer, Sir,“ verſetzte der Mann. 3„Ah, hier kommt er, um für ſich ſelbſt zu antworten,“ ſagte der Baronet, als die Thüre aufging. Allein ſtatt Mr. Filmer's trat ſein Sohn ins Zimmer, ging gerade auf Dudley zu, und reichte ihm freundlich die Hand. Sir Arthur betrachtete ihn eine Weile mit unzufrie⸗ denem Blick, und hätte wohl gerne die Thüre des Bibliothek⸗ 566 zimmers vor jedem weiteren Zuhörer verſchloſſen, wenn er nicht gefühlt hätte, daß ein ſolcher Schritt aus vielen Gründen unüberlegt wäre. Er wendete ſich alſo haſtig an einen der Konſtables mit dem Befehl: „Sendet noch einmal nach Mr. Filmer und ſagt ihm, daß ich ihn zu ſprechen wünſche.— Bitte, nehmen Sie Platz, Mr. Dudley,“ fuhr er in höflicherem Tone, als er es ſeither gethan, fort.„Ich hätte allerdings gewünſcht, daß dieſer Fall, ſtatt an mich, lieber an Mr. Conway oder einen andern Friedensrichter gekommen wäre, denn die freund⸗ ſchaftlichen Gefühle, die ich immer für Sie unterhalten habe, könnten den Verdacht der Partheilichkeit auf mein Verfahren werfen. Ich will dies jedoch ſo viel wie möglich zu vermei⸗ den und die vorliegende Sache nach den Grundſätzen der Gerechtigkeit und des geſunden Menſchenverſtandes zu be⸗ handeln ſuchen.“ Dudley fühlte ſich nicht wenig empört über dieſe Rede, denn er verſtand wohl die Art von Freundſchaft, welche Sir Arthur gegen ihn hegte; auch eine gewiſſe Verachtung miſchte ſich in ſeinen Unwillen, denn er wußte recht gut, daß Heuchelei ihren Urſprung häufiger in der Schwäche als im Herzen hat. Liſt iſt die Zuflucht der Schwachen. So ſetzte er ſich denn ſchweigend mit bloßem Kopfnicken nieder, und einen Augenblick darauf trat Mr. Filmer in's Zimmer. Ob er einen Wink über das, was vorging, erhalten, oder ob ſein abgefeimter Verſtand die Stelle dieſes Winkes vertreten hatte, weiß ich nicht; aber von dem Augenblicke an, da er in's Zimmer trat, hatte er ſich offenbar ſein Benehmen — 567 vorgezeichnet. Sein Schritt war wie gewöhnlich ruhig und leicht, leiſe, aber feſt; mit einem kalten, ſtrengen Seitenblicke nach Dudley näherte er ſich der Tafel, wo Sir Arthur Adelon ſaß, und begann ſogleich, ohne Jemand Zeit zur Erklärung zu laſſen: „Ich ſehe mit Vergnügen, Sir Arthur, daß die Kon⸗ ſtables auf die Angabe, die ich ihnen geſtern Nacht machte, ihre Pflicht gethan haben, obwohl ich bemerke, daß ſie meine Warnung nicht befolgt und dieſen Fall, deſſen Entſcheidung, wie ich wußte, Ihnen ſehr peinlich fallen muß, nicht vor Mr. Conway gebracht haben.“ Indem er ſprach, wendeten ſich ſeine Augen nach Dudley, und er gewahrte in deſſen Geſichte einen Ausdruck ſtiller, faſt verächtlicher Gelaſſenheit, der ihm keineswegs wohl geſtel, denn Dudley ſchien ſich beinahe über ihn zu beluſtigen. Aber wenn dem Prieſter der Blick des Gefangenen nicht er⸗ freulich dünkte, ſo war dies noch weit weniger der Fall mit einem Worte, das ihm ganz nahe in die Ohren klang.— „Heuchler!“ ſagte nämlich eine leiſe Stimme, und als er ſich umwendete, gewahrte er Edgar Adelon dicht neben ſich. „Haben Sie dieſen Ausdruck auf mich angewendet, mein Sohn?“ fragte Mr. Filmer faſt flüſternd. Mit finſterem Stirnrunzeln nickte der junge Mann zum Zeichen der Bejahung und trat dann einen Schritt zurück, indem er ihn allein ſtehen ließ. „Erlauben Sie, Mr. Filmer,“ ſagte Dudley aufſtehend, „obwohl die Frage etwas regelwidrig und nicht zu unſerem Zwecke gehörig ſcheinen könnte— wie erhielten Sie Nach⸗ „ 568 richt von meiner Rückkehr, ſo daß Sie ohne Eidesleiſtung oder ohne einen Verhaftsbefehl gegen mich zu bewirken, die Konſtables zu meiner Arretirung ausſenden konnten?“ „Die Frage iſt wider die Regel,“ verſetzte der Prieſter ſtreng, fuhr aber einen Augenblick ſpäter fort, indem ein Schimmer bitterer Schadenfreude in ſeinen Augen auf⸗ leuchtete:„gleichwohl kann ich's Ihnen ſagen, wenn Sie es wünſchen; falls ſie jedoch meinen Rath hören wollen, forſchen Sie nicht weiter.“ Hier ſchaute er ſich mit ſeinem höhniſchen Schlangen⸗ lächeln um, das durch die angenommene Milde und Ruhe aller Züge— mit Ausnahme der Lippe— nur um ſo ſchneidender wurde. Edgar, dem ſein Blick gegolten, verließ augenblicklich das Zimmer, während Dudley erwiederte: „Da ich lediglich nichts zu fürchten habe, ſo muß ich Sie bitten, Sir, die verlangte Mittheilung zu machen.“ Mr. Filmer ſchien einen Augenblick zu zögern, und ſah Sir Arthur Adelon an, der aber alsbald antwortete: „Bitte, thun Sie es! Die Sache muß bis auf den Grund unterſucht werden.“ „So ſey es denn,“ begann Mr. Filmer.„Geſtern Abend ging ich, wie ich häͤufig pflege, nach der alten Priorei, da ich dort kurze Zeit in Nachdenken, vielleicht in Gebet zu⸗ zubringen wünſchte— und wer wollte das nicht wünſchen? auf dem Punkte und mitten auf dem Schauplatze, wo heilige Maͤnner und ſogar Märtyrer den Boden mit ihren Füßen berührt, ihn mit ihrem Blute gedüngt und ihre Gebete zum Himmel geſendet haben!— Ich ſaß in Gedanken verloren, — 569 als ich Stimmen in der Nähe vernahm, und wie ich auf⸗ blicke, ſehe ich eine Gruppe, beſtehend aus zwei Herren und einer Dame.— Soll ich die Namen nennen?“ fuhr er fort, die Augen feſt auf Dudley geheftet. „Gewiß,“ erwiederte der Gefangene, obwohl ihm, ehrlich geſtanden, der Gedanke nicht ſehr erfreulich war, daß Filmer ſein ganzes Geſpräch mit Eda mitangehört hatte. „Natürlich, natürlich,“ fiel Lord Kingsland ein, der für den Augenblick von einem ganz parlamentariſchen Geiſt ergriffen zu ſeyn ſchien—„die Namen— die Namen.“ „Bitte, nennen Sie ſie,“ ſagte Sir Arthur Adelon trotz dem, daß ihm bei der Sache gar nicht wohl zu Muth war. „Der eine Herr,“ fuhr der Prieſter langſam fort,„war Mr. Dudley, der andere Ihr Sohn, Sir Arthur— den Namen der Dame will ich lieber verſchweigen.“ „Sie wird ihn ſelber nennen,“ ſagte Eda Brandon, an Edgars Arme ins Zimmer tretend.„Ich war es, mein theurer Onkel, die mit Edgar und Mr. Dudley an der Priorei zuſammentraf, und ich war ausnehmend erfreut,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich Dudley näherte und ihm die Hand reichte,„ihm zu ſeiner ſicheren Rückkehr nach England Gluͤck wünſchen zu können.“ Dudley behielt das ſchöne kleine Händchen, das ſie ihm bot, einige Augenblicke in der ſeinen, und dann blieben Beide neben einander ſtehen— ſie mit hochgerötheten Wangen, und er mit Augen, die vor Stolz und Freude leuchteten. Es hatte ſie eine große Anſtrengung gekoſtet, aber Alles, was 570 ſte geſagt, war ruhig und vollkommen weiblich: Sie hatte kein Liebesgeſtändniß abgelegt, hatte ſogar den Ton, den Blick und das Weſen der Liebe zu verbannen geſucht; wer jedoch in ihrer Nähe war und das Erroͤthen ihrer Wangen, das Leuchten in Dudley's Augen bemerkte, der zweifelte nicht länger an dem Borne einer Liebe, aus deſſen Tiefe dieſe glänzenden Perlen zur Oberfläche emporſtiegen. Sir Arthur Adelon ſchien im höchſten Grade verwirrt, und da Eda nicht ohne Verlegenheit bemerkte, daß Aller Augen auf fie gerichtet waren, ſo fuhr ſie anfangs zwar mit wankendem, ſpäter aber mit immer feſterem Tone fort: „Ich bedaure, mein theurer Onkel, daß ich mich an einem Orte eindrängte, wo ich nur wenig zu ſchaffen habe; Edgar ſagte mir in ſeiner enthuſtaſtiſchen Weiſe, Mr. Filmer wolle vermuthlich ein Geheimniß aus einer Sache machen, wo gar keines vorhanden iſt, und ich komme, um dem ein Ziel zu ſetzen, denn es gibt nichts, was mir unangenehmer wäre, als wenn irgend eine meiner Handlungen wie ein Geheimniß behandelt würde.— Wenn dies Alles vorüber iſt. Mr. Dudley,“ fuhr ſie an dieſen gewendet fort,„ſo werde ich mich ſehr glücklich fühlen, Sie in Brandon willkommen zu heißen.— In der That erwartet uns bereits das Früh⸗ ſtück.“ Mit dieſen Worten wollte ſie eben das Zimmer ver⸗ laſſen, als ihr Onkel ihr nachrief: „Bleib, Eda, bleibe! Das iſt ja höchſt ungewöhnlich! Sage mir— wußteſt Du, daß dieſer Gentleman zurück⸗ gekehrt iſt?“ — 571 „Gewiß,“ gab Eda zur Antwort.„Ich hatte erfahren, daß er in demſelben Schiffe mit Edgar zurückkehrte, daß er mit ihm Schiffbruch erlitt, nachdem er zwei Jahre unver⸗ dienten Unglücks erduldet hatte, das die ſchändlichen Intri⸗ guen eines ränkevollen Mannes auf ihn häufen durften.“ Sie mochte Filmern nicht anſehen, während ſie alſo⸗ ſprach, denn die ſtrenge rechtliche Liebe in ihrem Herzen hatte den Geiſt des Unwillens in ihr erregt, den ſie nicht allzudeutlich hervortreten laſſen wollte, weßhalb ſie das Bibliothekzimmer verließ. „Was ſoll das Alles bedeuten?“ fragte Sir Arthur Adelon, ſeinen Sohn anſehend.„Faſt ſcheint eine ernſtliche Anklage wider Jemand beabſichtigt zu werden; nur kann ich nicht begreifen, worin ſte beſteht.“ „Es iſt, glaub' ich, ein Fall, der nur zu häufig vor⸗ kommt,“ bemerkte Mr. Filmer.—„Undankbarkeit gegen die, ſo uns gedient und Wohlthaten erwieſen haben, Argwohn gegen Solche, welche ſogar gegen unſere Neigung mit beſtem Wiſſen für unſer Wohl gehandelt haben, und Ver⸗ leumdung der Unſchuldigen, um die Schuldigen zu ſchützen. Ohne jedoch ſo eitle Angriffe wider mich zu beachten, ohne mich in eine ebenſo nutzloſe Vertheidigung einzulaſſen, beſteht, glaube ich, die einfache Frage, die uns vorliegt, darin, ob jene Perſon ein unter dem Spruche des Geſetzes ſtehender Verbrecher ſey oder nicht, der aus dem Lande und von dem Strafplatze geflohen iſt, wohin das Geſetz ihn gewieſen.“ „Dieſe Frage kann ich ſogleich beantworten,“ ſagte Kapitän M...„und Sie müſſen mir verzeihen, liebſter 572 Dudley, wenn ich Ihrer Botſchaft zum Trotz das Wortergreife. — Ich kannte dieſen Herrn zuerſt als den namenloſen Fiſcher am namenloſen See. Ich hatte ſpäter das Vergnügen, Sir Arthur, ihn mit völlig gereinigtem Charakter und mit ebenſo ehrenvollem ſtolzem Namen, wie ihn nur je ein Gent⸗ leman in dieſem Land beſitzt, im Hauſe des Gouverneurs zu Hobart⸗Town wieder zu ſehen.— Ich kann bezeugen, daß ſeine Begnadigung mit dem großen Staatsſiegel bekräftigt wurde, da ſeine Unſchuld an einem Verbrechen, wegen deſſen er mit Unrecht verurtheilt worden, aufs Klarſte erwieſen ward.“ „Dann habe ich hier nichts weiter zu thun,“ ſagte Mr. Filmer mit vollkommener Faſſung in Ton und Blick.„Ich konnte nicht wiſſen, unter welchen Umſtänden Mr. Dudley zurückgekehrt war, und es wird wohl Niemand läugnen, daß ich geziemend handelte, als ich dem Juſtizbeamten eine Perſon anzeigte, die ich der gerechten Strafe eines großen Verbrechens entronnen glaubte.“ „Halten Sie einen Augenblick,“ rief Dudley;„ich bin mit Ihnen noch nicht zu Ende, Sir. Ich habe eine Anklage, und zwar eine ſehr ſchwere wider Sie vorzubringen.“ Filmer's Geſicht mochte etwas blaſſer werden, denn es iſt ſchwer, ein ganzes Leben lang eine tief verbrecheriſche Rolle zu ſpielen, und ſelbſt nur die Möglichkeit einer Bloß⸗ ſtellung vor ſich zu ſehen, ohne daß das Herz ſeine Unter⸗ jochung ſo vergäße, daß ſich das Blut nicht ſtürmiſch dahin zurückflüchtete. Gewohnheit des Er folgs mag wohl etwas thun; die Zuverſicht auf erprobte Geſchicklichkeit und —,— * 573 wohlbekannte Macht gleichfalls nicht wirkungslos bleiben, und die längſt angewöhnte Unterdrückung jeder Erſchütte⸗ rung mag Wort und Stimme, Handlungen, ja ſogar Blicke beherrſchen; allein jenes zarte Etwas, was es auch ſeyn mag, das zuweilen den warmen Lebensſtrom in einem Augen⸗ blick durch alle Adern des Geſichts leitet und ihn ein ander⸗ mal ebenſo plöotzlich in den tiefen Born des Herzens zurück⸗ ruft, läßt ſich nicht ſo willenlos beherrſchen. Schon die All⸗ gemeinheit einer Anklage muß deren Schrecken bei einem Menſchen vergrößern, der von Anfang an ein Heuchler ge⸗ weſen. Alle ſeine Geiſteskräfte, ſo groß ſie auch ſeyn mögen, ſind nur wie eine ſchwache Beſatzung in einer zertrümmerten Feſte, die von einer großen Armee belagert wird. Jede ſchlimme That, die er begangen, jedes falſche Wort, das er geſprochen, hat in ſeine eigenen Vertheidigungswälle eine Breſche gelegt; er weiß nicht, auf welchem ſchwachen unbe⸗ ſchützten Punkte er angegriffen werden mag, denn er ſelbſt hat zahlloſe Feinde zum Sturme wider ſich aufgerufen, die eigenen Verbrechen ſind ſeine ſchlimmſten Gegner, und ſeine Angſt muß ſich im Verhaͤltniß zu deren Menge ſteigern. Filmer wurde etwas blaſſer denn zuvor, aber ſo ruhig war ſeine ganze Erſcheinung, daß außer Dudley und Edgar Adelon, deren ſcharfe Blicke die ganze Zeit über auf ſein Geſicht geheftet geweſen, ſonſt Niemand eine Veränderung bemerkte. „Wohlan, Sir,“ ſagte er, ſich gegen ſeine Ankläger wendend,„ich bin bereit, die Anklage zu hören und zu beant⸗ worten, da ich weiß, daß ſie grundlos ſeyn muß; nur wer⸗ V — —ᷓ 574 den Sie mir die Bemerkung erlauben, daß dieß zu einer ſpäteren Stunde des Tages geſchehen ſollte. Sie wiſſen, daß ich frühe aufzuſtehen pflege; ich habe noch nicht gefruͤh⸗ ſtückt, und mein Appetit iſt für meine Jahre ſehr gut.“ „Es ſcheint, Sir, Sie wollten den meinen durch einen Spaziergang von vier Meilen vermehren,“ erwiederte Dud⸗ ley;„die Sache iſt jedoch von ernſter Wichtigkeit, und darf nicht ſo obenhin abgewälzt werden. Ich werde die Anklage vorbringen, ſobald es Sir Arthur Adelon gefällig iſt, ſie an⸗ zuhören, werde Sie aber nicht aus den Augen verlieren, bis ſie erhoben iſt.“ „Dann muß ich wohl annehmen, daß ſie crimineller Natur und dem Erkenntniß der Obrigkeit unterworfen iſt?“ fragte der Baronet im höchſten Grade beunruhigt. „Sie iſt der Art, daß Sie, wenn ſie auch nur theil⸗ weiſe erwieſen wird, dieſen Mann dem Gefängniſſe über⸗ liefern, oder auf alle Fälle eine Bürgſchaft für ſein Erſchei⸗ nen vor Gericht verlangen müſſen,“ erwiederte Dudley. „Dann würde ich vorziehen, wenn die Klage vor einem andern Richter vorgebracht würde,“ erklärte Sir Arthur; doch Dudley, Edgar und der Prieſter unterbrachen ihn, die beiden Erſten ziemlich haſtig, der Letztere in jenem ſarkaſti⸗ 4 ſchen Tone, der ſeine Antworten bezeichnete, wenn ihm nicht wohl zu Muthe war. „Da mein Ankläger nichts dagegen einzuwenden hat, Sir Arthur, ſo muß ich meine Stimme mit der ſeinigen vereinen,“ begann der Prieſter abermals.„Ich wenigſtens werde Sie nicht der Partheilichkeit beſchuldigen. Allein fuͤr — 575 mich iſt die Hauptfrage für jetzt das Frühſtück; ich weiß, Sie ſelbſt haben noch nichts zu ſich genommen, mein gütiger Freund, und wenn ich auch Mr. Dudley keineswegs gram bin, weil er entweder zum Zeitvertreibe oder aus Rache Anklagen wider mich erhebt, ſo werde ich es ihm doch im höchſten Grade verdenken, wenn er unſer freundliches Mor⸗ genmahl unterbricht, das, wie ich ſagen muß, immer ein höchſt friedliches geweſen, bis er zum erſtenmal ſeinen Fuß über dieſe Schwelle ſetzte.“ „Das wenigſtens iſt wahr,“ murmelte Sir Arthur leiſe; doch Edgar ſiel ihm abermals in die Rede. „Wir thäten vielleicht beſſer, uns zu Eda in das Früh⸗ ſtückzimmer zu verfügen, mein theurer Vater,“ bemerkte er. „Wie Sie ſchon gehört, Dudley, wird ſie ſich glücklich ſchätzen, Sie dort zu ſehen, und nach dem Mahle können wir ja in dieſem unglückſeligen Geſchäfte fortfahren.“ „Ein ausnehmend guter Vorſchlag, für den ich ganz gewiß ſtimmen werde!“ rief Lord Kingsland aufſtehend, in⸗ dem er zu Kapitän M... gewendet fortfuhr:„ich denke, M.. wenn wir jemals beabſichtigten, auf der Privat⸗ bühne zu Brandon als Nebenbuhler zu ſpielen, ſo dürfen wir uns jetzt die Mühe erſparen.“ „Ich hatte keine Rolle dabei übernommen,“ erwiederte Kapitän M...,„bin aber vollkommen überzeugt, mein guter Lord, daß in jedem Hauſe des Landes mehr Dinge über die geheime Bühne ziehen, als wir uns in der Regel traͤumen laſſen.“ „Immer Moral! nichts als Moral!“ verſetzte der Peer mit ſpöttiſcher Miene, und ging nach dem Frühſtück⸗ zimmer voran, wohin die übrige Geſellſchaft ihm nachfolgte. Einundvierzigſtes Kapitel. Als dieſe von dem Bibliothekzimmer in das Gemach trat, wo Eda ſaß, war eine gewiſſe Erſchütterung auf deren ſchönem Antlitze nicht zu verkennen; doch vermochte dieſe Bewegung die Grazie ihres Benehmens nicht zu vermindern, und nach wenigen Minuten hatten ſich alle am Tiſche nieder⸗ gelaſſen. Wie gewöhnlich wenn wie bei Lord Kingsland die Eitelkeit vorherrſcht, war dieſe auch hier mit einem gewiſſen Trotze verbunden, der ſich bei gegenwärtiger Veranlaſſung thätig zeigte. Er fühlte ſich gekränkt, daß er die Hand der Erbin von Brandon verlieren ſollte, und trug Sorge, die Perſon, welche jenen Verluſt wahrſcheinlich veranlaßte, das Peinliche ihrer Stellung bis aufs Aeußerſte empfinden zu laſſen. Nicht daß er je im Traume glaubte, Eda würde einem früheren Sträflinge ihre Hand reichen oder Sir Arthur würde ſolches dulden— das ſtand ſeiner Anſicht nach gänzlich außer Frage, und er wäre alſo vermuthlich nicht geneigt ge⸗ weſen, die begonnene Bewerbung ſo leicht einzuſtellen, da er die Verbindung mit Eda immer nur als bloße Sache der Convenienz betrachtet hatte: allein jeder Mann hegt in ſeinem Innern eigenthümliche Vorurtheile von der Art, die man gewöhnlich Grillen nennt, meiſt aus Citelkeit und in 84 577 ſeinem Falle aus nichts Anderem entſpringend. So hielt er Eda Brandon zwar für auenehmend ſchön, hatte aber doch die zarten Empfindungen des Herzens nie ſo ſorgſam gehegt, daß er der Liebe fähig geweſen waͤre: trotz deſſen hätte Lord Kingsland nie eine Frau genommen, die ſchon einen Andern geliebt hatte. Er wollte nicht, daß irgend ein Mann der Welt von ſeinem Weibe behaupten könnte: ſie war einſt mit mir verlobt, und noch viel weniger wollte er ſich nachſagen laſſen, daß Lady Kingsland mit einem Ueberwieſenen in einem Liebesverhäliniß geſtanden habe. Da Solches nicht anging, ſo beſtand ſein einziger Troſt für dieſe kleine Enttäuſchung darin, daß er Eda und Dudley fühlen ließ, wie Letzterer ein Ueberwieſener geweſen war und von ſeinen Nebenmenſchen immer als ſolcher betrachtet werden würde. Er zeigte ſich plötzlich ausnehmend neugierig, Nachrich⸗ tenüber Van Diemen's Land zu hören, ſtellte unzählige Fragen über Hobart⸗Town und ſchweifte ſelbſt auf Norfolk Island über; die Strafdisziplin bekam für ihn mit einem Male ein beſonderes Intereſſe, und wenn man ihn über die Sache— von der er nichts verſtand— ſprechen hörte, ſo hätte man glau⸗ ben können, er müſſe ein großer menſchenfreundlicher Geſetz⸗ geber ſeyn. Dudley beantwortete ſeine Fragen mit ruhigem Ernſt, konnte ſich aber doch des peinlichen Gefühles nicht erwehren, daß die Welt, die bittere verläumderiſche Welt, ihre Krallen in ſein Fleiſch eingeſchlagen hatte und ihn mit unerſchüt⸗ terlicher Hartnäckigkeit feſtbielt— das Geſühl, daß ſeinem Namen höchſt ungerechter Weiſe ein Makel aufgeheſtet wor⸗ James. Der Ueberwieſene. 37 578 den, der, wenn auch ausgerottet, doch immer eine Spur zurücklaſſen würde. Mit dem klaren Scharfblicke des Weibes erkannte Eda ſogleich die Beweggründe, welche des Peers Benehmen lei⸗ teten, und fühlte Zorn und Verachtung in ihrem Weſen aufſteigen; die einzige Wirkung, die er übrigens in ihrem Betragen hervorbrachte, war die, daß ſie in ihrem Weſen gegen Dudley nur noch zarter und markirter auftrat. Eda Brandon war niemals Kokette, und in ihrem Benehmen lag etwas, was ſie ſehr deutlich von einer ſolchen unterſchied; allein ſie empfand, daß ſte es Dudley ſchuldig ſey, da ſie ihn ſo unedel gequält ſah, ſich gleichſam neben ihn zu ſtellen und ihre Neigung für ihn ganz unverholen hervortreten zu laſſen. Die anderen Gäſte, welche dem früheren Auftritte in der Bibliothek nicht angewohnt hatten, ſchienen aufs Höchſte verwirrt von Allem, was ſie nunmehr mit anſahen. Hiezu kam noch, daß Sir Arthur Adelon ſehr ſchlechter Laune und auch Edgar finſter, ſchweigſam und faſt ſchneidend in ſeinen Antworten war, wenn er jemals zu ſprechen genöthigt wurde. Mr. Filmer war der Einzige, der ſeinem gewohnten ruhigen Benehmen treu blieb, und dies gelang ihm auch vollkommen, denn es iſt leider ein ſehr großer Irrthum, zu glauben, daß der äußere Anſtrich von Ruhe immer auch ein Zeichen eines friedſamen Herzens ſey. Der Prieſter ließ ſich das Frühſtück mehr wie gewoͤhnlich ſchmecken, unterhielt ſich freundlich mit ſeiner Umgebung, und ließ ſich nichts davon anmerken, daß er irgend einen Grund zu innerlicher Furcht oder auch nur zu tiefem Nachdenken habe, Ehe noch das 579 Mahl ganz vorüber war, brachte ein Diener die Meldung, daß Mr. Clive und deſſen Tochter angekommen ſey, und Dudley konnte bemerken, wie Filmer diesmaltodtenblaß wurde. „Führt ſie herein,“ gebot Sir Arthur;„ich bin ſehr erfreut über ihre Ruͤckkehr.“ „Wer iſt Mr. Clive?“ fragte der junge, früher er⸗ wähnte Baronet, und während Sir Arthur erwiederte:„O er iſt ein Gentleman von ſehr alter Familie, aber etwas zurückgekommenen Verhältniſſen“— ſtand der Prieſter ganz ruhig auf und ſagte leiſe: „Auch ich bin froh, daß ſie gekommen ſind; ich wünſche ſehr, einige Minuten mit Mr. Clive zu reden.“ Da fuhr aber Edgar Adelon plötzlich vom Tiſche auf, und ſtellte ſich dem Prieſter in den Weg, während dieſer in ſeinem gewohnten geräuſchloſen Schritte auf die Thüre zuging. „Das kann nicht geſtattet werden,“ rief er.„Sie müſſen hier bleiben, Sir.“ „Sie, Edgar— das wird mir von Ihnen!“ rief Mr. Filmer mit einer Miene des Erſtaunens zurücktretend⸗ das, wenn auch nicht wirklich empfunden, doch ſehr täuſchend nachgeahmt war. „Ja und noch mehr,“ gab Edgar zur Antwort,„denn wen ich einſt achtete—“ Hier wurde ſeine Rede durch den Eintritt Clive's und Helenens unterbrochen⸗ welch Letztere auf Eda Brandon wie auf eine Schweſter zueilte. Sir Arthur begrüßte Mr. Clive mit ſeiner gewohnten freundlichen, nur etwas ſteifen Miene, und Mr. Filmer näherte ſich ihm mit einer gewiſſen Haſt⸗ 37* 580 die bei ihm keine geringe Aufregung verrieih, als wollte er Mr. Clive bewillkommen, indem er ihm zu gleicher Zeit die Hand hinſtreckte. Allein Clive trat mit einem ſtrengen Blick auf den Prieſter zurück, indem er bemerkte: „Entſchuldigen Sie, Sir; es gibt gewiſſe Dinge, welche erſt eine Erflärung verlangen, bevor ich Sie als meinen Freund betrachten oder wie meinen Beichtiger behandeln kann.“ „Was kann nur das Alles bedeuten?“ rief Sir Arthur. —„Erklären Sie, Clive— ich ſchwebe im Dunkeln.“ „Ja, laßt ihn erklären,“ ſagte Mr. Filmer, die Lippen feſt zuſammenpreſſend;„ich kann mein eigenes Benehmen wie meine Beweggründe rechtfertigen, und habe keine Auf⸗ klärung zu fürchten;“ allein ſeine finſtere Stirne und die ungewohnte Heftigkeit bewies, daß er gerne etwas verhehlt geſehen hätte, was aber nicht länger zu verbergen war. „Wenn Sie es wünſchen, Sir,“ verſetzte Clive—„die Erklärung iſt leicht gegeben.“ Hiemit wendete er ſich nach Sir Arthur und wollte eben ſeine Erzählung beginnen, als ſeine Augen plötzlich auf Dudley ſielen; er ging ſogleich auf ihn zu, nahm ihn bei der Hand, und drückte dieſe mit ernſtem Blicke. „Ich bin hoch erfreut, Mr. Dudley,“ ſagte er,„Sie frei und jedes Vorwurfs oder Makels ledig in Ihr Vater⸗ land zurückgekehrt zu ſehen. Glauben Sie mir, haͤtte ich gewußt, daß eine falſche Anklage wider Sie erhoben worden — waͤre dies nicht durch die argliſtigſten, infamſten Mittel ſorgfältig vor mir geheim gehalten worden— Sie haͤtten 581 gewiß auch keine Stunde lang unter einem Verdachte leiden ſollen, von dem ich Sie befreien konnte. Das wiſſen Sie wohl auch, und wiſſen noch ferner, wer jene That beging, für die Sie ſo ſchwer gelitten haben; was Sie aber viel⸗ leicht noch nicht wiſſen, iſt, daß dieſer Mann, den wir hier vor uns ſtehen ſehen, mich zur Flucht drängte, obwohl er wußte, daß ich der Thäter war, und noch in derſelben Nacht Maßregeln erſann, um die Anklage wider Sie zu wenden.“ „Clive, Clive, mein Freund!“ rief Mr. Filmer mit feierlichem, eindringlichem Tone, dem Sprechenden einen Schritt näher tretend;„Sie laſſen ſich von einer edelmü⸗ thigen Natur zu höchſt unedlen Handlungen hinreißen. Ich wünſchte, dieſe Worte wären von ketzeriſchen Lippen und nicht von den Ihrigen gekommen. Haben Sie nicht mehr Achtung vor der Religion, die Sie bekennen oder vor deren Dienern, als daß Sie, wenn einer derſelben eine freundliche Handlung gegen Sie beging, dieſe nunmehr als Anklage wider ihn kehren? Sagen Sie mir, kam ich nicht im Augen⸗ blick, ſobald ich erfuhr, was Sie gethan hatten— kam ich nicht in ſpaͤter Stunde der Nacht zu Ihnen, um Sie zu tröſten und mit Ihnen zu berathſchlagen? Ja, ich geſtehe es, ich rieth Ihnen zur Flucht, aber nur aus Rückſicht für Ihre eigene Sicherheit hab' ich's gethan, denn laſſen Sie mich Ihnen ſagen, mein Sohn, daß es ſogar in dieſem Lande, das ſich auf ſeine Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Geſetz ſo Vieles zu gut thut, keine Kleinigkeit iſt, einen Peer des Königreichs zu tödten. Sobald ich erfuhr, wer jene That begangen, eilte ich zu Ihnen in der einzigen Abſicht, Ihnen als letztes Mit⸗ tel, um Sie vor Entdeckung und Strafe zu retten, die Flucht anzurathen.“ „Da dies mehr eine Erklärung als ein Verhör zu ſeyn ſcheint— darf ich wohl fragen, Sir, wer der Mann war, der Ihnen jene Angabe machte?“ bemerkte Dudley. „Es ſcheint, Sir, Sie find ſehr unwißſſend in den Regeln und Grundſätzen einer Kirche, von der Sie nur mit Verach⸗ tung und Abſcheu zu reden gewohnt find,“ erwiederte Filmer in vorwurfsvollem Tone,„ſonſt müßten Sie wiſſen, daß ein Prieſter das Siegel der Beichte niemals bricht. Ihnen oder irgend Jemand den Namen zu ſagen, wäre eine Verletzung jenes wichtigen Geſetzes.“ „Und wußten Sie wirklich, wer Lord Hadley getödtet hatte?“ fragte Sir Arthur Adelon im Tone der Ueber⸗ raſchung. „Ja, Sir— was weiter?“ erwiederte Filmer mit ftrengem Blick und drohender Betonung ſeiner Worte. „Nichts, nichts,“ verſetzte Sir Arthur Adelon, waäh⸗ rend Dudley fortfuhr: „Sie brauchen das Siegel der Beichte nicht zu brechen, Mr. Filmer, denn wir kennen bereits den Namen Ihres An⸗ gebers, und in dieſem Protokolle werden Sie alle Thatſachen vorfinden. Faſt möchte ich glauben, daß Daniel Connor ſich eben jetzt in dieſem Hauſe befindet; wenn Sie jedoch dieſes Papier unterſuchen wollen, ſo werden Sie finden, daß er bereits eingeſtanden hat, wie er Ihnen die ganze Geſchichte mittheilte, und wie Sie ſpaͤter zu ihm kamen und ihn verlei⸗ teten, ſein Zeugniß ſo abzufaſſen, daß die Anklage mehr auf 58³ mich als auf Mr. Clive falle.— Dies ſieht aber einer Ver⸗ leitung und Beſtechung von Zeugen ſehr ähnlich, Sir Arthur Adelon, und die Sache läßt ſich durch das eigene Geſtändniß des Mannes erweiſen.“ „Sie laboriren hier an einem Mißverſtändniſſe, junger Herr,“ erwiederte der bedrängte Filmer haſtig.„Um ſeiner ſelbſt— um ſeiner eigenen Rettung willen empfahl ich aller⸗ dings Daniel Connor, ſein Zeugniß freiwillig abzulegen, damit ſich der Verdacht nicht auf ihn ſelber heſte. Wenn ich mich recht erinnere, ſo ſagte er, der Mann, der die That begangen, ſey ſo ziemlich von Ihrer Größe geweſen, und als er dies beſchwor, hat er doch richtig geſchworen.“ „Ohne Zweifel,“ verſetzte Dudley;„aber er behauptet, er hätte den Thäter genau angeben können und würde es auch gethan haben, wenn Sie ihn nicht zum Gegentheil überredet hätten.“ „Das ſcheint ein ſehr ſchlimmer Fall.“ meinte Lord Kings⸗ land, an Edgar Adelon ſich wendend.„Wenn ſich der animus nachweiſen läßt, ſo gibt das eine bedenkliche Verwicklung.“ Ohne hierauf eine direkte Erwiederung zu geben, trat Edgar vor, um ſich mit der Frage an Mr. Filmer zu wenden: „Sagen Sie mir, Sir, als Sie erfuhren, daß ich nach Zeugen ſuchte, um vor der Jury die Unmöglichkeit von Mr. Dudley's Verbrechen nachzuweiſen, als Sie erfuhren, daß ich nahe daran war, dieſe Zeugen aufzutreiben— ſagen Sie mir, Sir, haben Sie mich da nicht bewachen, verfolgen und nach einem Handgemenge, wo mein Leben beinahe in Gefahr kam, ergreifen laſſen? Haben Sie mich nicht ſpäter über die 584 Zeit des Prozeſſes auf's Gröbſte irre geführt, und ſich jedes Mittels bedient, um mich an der Ausführung meiner Abſicht zu verhindern?— Sie können es nicht läͤugnen, Sir, und wenn auch, ſo will ich Sie durch das Zeugniß Ihres eigenen Spions überweiſen. Ihr Benehmen gegen Mitglieder Ihrer eigenen Heerde läßt ſich vielleicht noch erklären: aber dieſe Entdeckung kann wenigſtens Ihre Abſicht, wenn auch nicht Ihre Beweggründe beweiſen.“ „Sind Sie nicht auch von meiner Heerde?“ fragte Filmer im Tone des Vorwurfs.„Mein Sohn, ich muß es beklagen, daß ich ſolche Verirrung mitanhoͤren mußte.“ Edgar ſchwieg eine Weile, ihm ſtumm ins Geſicht ſchauend, bis er plötzlich wieder auffuhr. „Ich will die Frage nicht von ihrer geraden Bahn ab⸗ lenken laſſen,“ rief er.„Ihre Abſicht war, wie geſagt, einen Unſchuldigen mit falſcher Anklage zu belaſten, ihn jedes Mittels zur Nachweiſung ſeiner Unſchuld zu berauben, und ihn für eine That, deren Sie ihn ſchuldlos wußten, verur⸗ theilen und bäßen zu laſſen.“ Dies Alles ſagte er im höchſten Ungeſtüm; aber es lag eine Wahrheit, ein Ernſt, eine Aufrichtigkeit im Thun und Weſen des Jünglings, daß er alle Zuhoͤrer dadurch über⸗ zeugte, und Filmer mit einem Blicke aus den Mienen des ziemlich zahlreichen Auditoriums entnahm, daß er von dem Urtheil der Anweſenden gerichtet war. Aber er wich nicht zurück; ſeine Stirne wurde finſter, ſein Blick ſogar über⸗ müthig, und er erwiederte in lautem, faſt gebietendem Tone: „Meine Abſicht war, Sir, Sie und dieſe Dame vor . 585 den Kunſtgriffen argliſtigen Ehrgeizes zu bewahren— das iſt der große Zweck, den ich bei allen meinen Handlungen gegen jene Perſon im Auge hatte.“ Allein ſeine Antwort erhöhte Edgar's Entrüſtung nur noch mehr. „Von mir, Sir, mögen Sie ſagen, was Sie wollen,“ donnerte er;„aber wagen Sie es nicht, meiner theuren Cou⸗ ſine Namen mit Ihren Ränken zu vermiſchen. Mit ihr wenigſtens haben Sie nichts zu ſchaffen, wenn nicht etwa, daß ſie einen Menſchen, den ſie ſchon längſt als das, was er iſt, erkannte, aus bloßer Achtung für meinen Vater in ihrem Hauſe duldete; hätte ſie aber und hätte mein Vater gewußt, wie ſchändlich, wie ſchamlos Sie ihn und eine zweite, die jetzt eine Heilige im Himmel iſt, gekränkt haben— ſie würde Sie nie über dieſe Schwelle gelaſſen, und er würde Sie aus dem Hauſe gepeitſcht haben“ „Was meinſt Du, Edgar? was meinſt Du?“ rief Sir Arthur Adelon mit todtenbleichem Geſicht und hohlem geſpanntem Blicke vortretend.„Wen meinſt Du, mein Sohn? wen meinſt Du, mein Edgar?“ „Meine Mutter,“ gab dieſer leiſe und feierlich zur Antwort, und faſt waͤhrend er noch die Worte ſprach, ſank Sir Arthur ohnmächtig zu ſeinen Füßen nieder. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Die Verwirrung, welche dieſem Auftritte folgte, läßt ſich nicht beſchreiben. Alle ſammelten ſich um Sir Arthur Ade⸗ 586 lon; er ward augenblicklich aufgehoben und auf den Sofa gelegt. Man rief die Diener, ſprengte ihm Waſſer ins Ge⸗ ſicht, und alle gewöͤhnlichen Belebungsmittel wurden eine Zeitlang vergeblich an ihm verſchwendet. Zwar machte er einen Augenblick lang einen Verſuch, die Augen zu öffnen, ſchien aber alsbald in den alten Zuſtaud zurückzuſinken, und ein Diener wurde in aller Eile nach Barhampton geſchickt, um den Hausarzt zu holen, denn der Einzige, der den Anfall wirklich für eine gewöhnliche, wenn auch ſehr ſchwere Ohn⸗ macht zu halten ſchien, war Kapitän M...⸗ welcher Eda und Edgar mit freundlichen, umſichtigen Worten zur Fort⸗ ſetzung ihrer Anſtrengungen ermunterte und ihnen einen endlichen Erfolg mit Sicherheit in Ausſicht ſtellte. Nach Verfluß einer halben Stunde kam Sir Arthur endlich zu ſich, und einige der Gäſte, welche ſeither ihre Be⸗ quemlichkeit der Höflichkeit hintangeſetzt hatten, räumten das Zimmer, ſo daß nur Kapitän M. mit Edgar und Dudley nebſt Eda und Helenen zurückblieb. Eine Zeit lang ſchien der Baronet unfähig zu ſprechen; „er ſchaute ſich nur von Zeit zu Zeit mit ängſtlichem Blicke um, blieb aber bei allen Fragen über ſein Befinden voll⸗ kommen ſchweigſam, und als er endlich ſprach, waren gleich ſeine erſten Worte der Art, daß ſie den Gegenſtand zurückriefen, der ſte Alle unmittelbar vor ſeiner Ohnmacht ſo tief intereſſirt hatte. „Wo iſt der Prieſter?“ rief er,„wo iſt Vater Peter?“ und Alle ſchauten ſich alsbald um und bemerkten jetzt zum erſtenmale, daß er fort war. 587 Edahäͤite ihres Onkels Aufmerkſamkeit gerne von Dingen abgelenkt, die ihm ſo höchſt peinlich ſeyn mußten; aber Sir Adelon erhob ſich langſam auf dem Sofa, und wäre wohl ganz aufgeſtanden, wenn ſeine Kraft es erlaubt hätte, wäh⸗ rend er wiederholte:„wo iſt er? wo iſt er?— ſucht ihn, ſucht ihn! Laßt ihn nicht entwiſchen!“ dann aber, die Hand vor die Stirne drückend, fuhr er fort:„wäre es wirklich? Als furchtbarer Traum hat mich's ſchon manches lange Jahr verfolgt; ſucht ihn, ſchafft ihn her!— Ha, wenn es wahr iſt, ſo will ich ihm das Herz aus der Bruſt reißen.“ Dudley und Kapitän M... eilten augenblicklich aus dem Zimmer, um nach dem Prieſter zu fragen, während Eda verſicherte, daß ſie nicht an deſſen Auffindung zweifle, und Odgar hinter dem Sofa, wo er ſich aufgeſtellt hatte, mit ernſter, trauriger Miene den Kopf ſchüttelte, als ob er ſehr bezweifelte, daß dies der Fall ſeyn würde. Von den Dienern ließ ſich jedoch nur wenig über Pater Filmer's Schritte in Erfahrung bringen. Einige hatten ihn wohl das Frühſtückzimmer verlaſſen ſehen; da ſie jedoch nicht wußten, daß eine Klage wider ihn vorlag, ſo hatten ſte von⸗ einem ſo alltäglichen Vorfalle keine Notiz genommen. Andere hatten ihn die Treppe nach ſeinem eigenen Zimmer hinan⸗ ſteigen ſehen; als man aber dort nach ihm ſuchte, war er nicht zu finden. Niemand wußte zu ſagen, ob er das Haus verlaſſen hatte, und ſo ſcharf man auch zwei von den Leuten, die erſt kürzlich durch die Allee oder aus dem Parke gekommen, ausdrücklich über dieſen Gegenſtand examinirte, ſo wußte 888 doch Keiner Auskunft zu geben, und jedes Zimmer, wo man ihn etwa vermuthen konnte, ward vergeblich durchſucht. Da ſie ſomit alle ihre Nachforſchungen fruchtlos ſahen, kehrten die beiden Herren endlich in das Frühſtückzimmer zu⸗ rück, und fanden Sir Arthur halb ſitzend, halb liegend, aber viel ruhiger, als er zuvor geweſen, auf ſeinem Sofa. Ohne zu ſprechen, warf er einen harten Blick auf Dudley, als ob er ſich ſelbſt zu beherrſchen ſuche, und ſagte dann in kaltem, förmlichem Tone: „Bitte, nehmen Sie Platz, Sir. Sie haben mehrere ernſte Anklagen gegen einen Herrn vorgebracht, der lange— ja über fünfundzwanzig Jahre— als Freund mit mir gelebt hat.— Waren Sie zu Ende mit Allem, was Sie ſagen wollten?“ „Nein, ich hatte noch weitere Klagen, Sir Adelon,“ erwiederte Dudley,„die in Ihren Augen weit gewichtiger erſcheinen würden. Die ſeitherigen betreffen nur mich allein; doch iſt ſein Benehmen gegen mich, wenn auch vielleicht als annaͤhernde oder wohl völlige Verleitung eines Zeugen un⸗ mittelbarer dem Geſetze verfallen, meiner Anſicht nach we⸗ niger verbrecheriſch, als ſein Betragen gegen Sie, den er ſeit dieſen funfundzwanzig Jahren, wie Sie ſo eben geſagt, betrogen, gekränkt und verrathen hat. Da ich jedoch ſehe, Sir Arthur, daß dieſer Gegenſtand Sie ſehr angreiſt, ſo wollen wir ihn lieber für ſpäter aufſparen. Die Klagen, die ich ſeither vorgebracht habe, kann ich augenblicklich bewei⸗ ſen: Mr. Clive z. B., der im naͤchſten Zimmer iſt, oder ſogar dieſe junge Dame,“ fuhr er, auf Helenen deutend, fort,„kann — 589 deren volle Richtigkeit beſtätigen.— Aber auch dies wird wohl beſſer auf eine andere Gelegenheit verſchoben, wenn Sie dem Gegenſtande mehr Aufmerkſamkeit zu ſchenken im Stande ſind.“ „Seine Gegenwart wäre dabei nothwendig,“ meinte der Baronet, den Kopf auf die Hand ſtützend;„doch hab ich noch eine Frage, Sir— eine einzige Frage, dann bin ich für jetzt zu Ende. Waren Sie es, Sir, von dem mein Sohn jene Angabe erfuhr, die ihn zu ſeinen letzten Worten veran⸗ laßte.“ „Nein, gewiß nicht,“ verſicherte Dudley;„doch ſehe ich deutlich, daß ſeine Worte auf denſelben peinlichen Gegen⸗ ſtand zielen, über den ich gleichfalls die ernſteſten Anklagen vorzubringen habe. Woher er die Nachricht hat, kann ich nicht ſagen.“ „Aus derſelben Quelle, Dudley, aus der die Ihrigen ſtammen,“ erwiederte Edgar.„Zwar wurden nur wenige Worte geſprochen; aber mit einigen alten Briefen meiner ſeligen Mutter zuſammengehalten, genügten ſie vollkommen, um mich über gar vielerlei Umſtände einer dunkeln Vergan⸗ genheit aufzuklären.“ Sir Adelon winkte mit der Hand, während ſein Sohn ſprach, indem er endlich bemerkte: „Ich kann es jetzt nicht wagen— ich will mich auf mein eigenes Zimmer begeben. Komm mit mir, Edgar.— Ich werde die Ehre haben, Sir, Sie heute Abend wieder zu ſehen,“ fuhr er, zu Dudley gewendet, fort, der nicht ohne Verlegenheit erwiederte: 890 „Wenn Sie es wünſchen, Sir Arihur, allerdings; wenn jedoch unſere fernere Unterredung heute Abend ſtatt⸗ finden ſoll, ſo muß ich, wie ich fürchte, bis dahin dieſem Hauſe läſig fallen, denn meine jetzige Wohnung iſt zwölf Meilen von hier in der Naͤhe des Ortes, wo wir Schifforuch litten.“ Sir Arthur Adelon fühlte ſich zwar ſchwach, aufgeregt und erſchüttert, konnte aber dennoch eine Anwandlung ſeines ſich ſelbſt überſchätzenden Stolzes nicht unterdrücken, und erwiederte mit keineswegs erfreuter oder höflicher Miene auf Eda deutend, während er auf ſeines Sohnes Arm geſtützt nach der Thüre wandelte: 4 „Dieſe Dame iſt Herrin ihrer ſelbſt und dieſes Hauſes, und wird ſich ohne Zweifel glücklich ſchätzen, Ihre Geſell⸗ ſchaft zu genießen.“ „Ach, mein theurer Oheim!“ rief Eda mit ſchmerzli⸗ chem Blicke aufſpringend,„wie können Sie ſo unfreundliche Worte gebrauchen.“ „Nun, nun,“ erwiederte ihr Onkel, ſie auf die Stirne küſſend,„ich glaube, daß Du mich liebſt, Eda; doch für jetzt Nichts weiter.“ Mit dieſen Worten verließ er langſam das Zimmer. Sobald er fort war, wendete ſich Eda mit ſehr gemiſch⸗ ten Gefühlen zu Dudley. Ohne die Gegenwart Fremder würde ſie wahrſcheinlich in Thränen und an ſeiner Bruſt Erleichterung geſucht haben; ſo aber reichte ſie ihm blos die Hand und ſagte: 581 „Sie bleiben natürlich, Dudley, und ich hoffe auf einige Tage.“ „Ich muß bleiben, bis dieſe Aufgabe vollendet iſt,“ erwiederte er, und hätte gerne jenen theuren Namen beige⸗ fügt, mit dem er ſie immer in ſeinem Herzen anredete, doch Kapitän M..'s Anweſenheit hielt ihn zurück, und Miß Bran⸗ don mochte er ſie nicht nennen.„Ich wußte nicht,“ fuhr er fort,„daß die Angabe, die ich Ihrem Onkel zu machen habe, ihn ſo tief ergreifen würde, wie die wenigen Worte Edgars mich fürchten laſſen, ſonſt hätte ich die Sache gar nicht un⸗ ternommen.— Ich glaube, wir begehen bei Beurtheilung Anderer gar oft die traurigſten Mißgriffe im Leben, denn wir ſind nur zu geneigt zu der Annahme, daß eine große vor⸗ herrſchende Leidenſchaft oder Schwäche alle übrigen ver⸗ ſchlinge, während ich überzeugt bin, daß wir, wenn wir jedem Menſchen— und wäre er auch noch ſo ehrſüchtig, eitel, geizig oder ſtolz— ins Herz ſehen könnten, unter dem Ge⸗ rümpel des Lebens manche Quelle der Zärtlichkeit verſteckt fänden, welche, neu geuffnet, den reinſten, friſcheſten Strom von ſich geben und Alles um ſich her beleben und verſchönern würde.“ „Ach wenn es nur viele Forſcher gaͤbe, die nach ſolchen Quellen ſuchten!“ meinte Eda;„aber mir ſcheint im Ge⸗ gentheil, daß der Menſch im Umgange mit ſeinen Neben⸗ menſchen dieſelben eher zu verdecken und zu verbergen trach⸗ tet.— Was kann wohl aus Mr. Filmer geworden ſeyn? Glauben Sie, daß er entflohen iſt?“ „Faſt ſcheint es ſo,“ gab Dudley zur Antwort;„und 592 doch kann ich mir kaum denken, daß ein Mann, der ſeine Heuchelei ſo viele Jahre glücklich durchgeführt hat, nach ſo kurzem Kampfe das Feld räumen konnte.“ „Weiß doch nicht,“ bemerkte Kapitän M....„Er findet ſich vielleicht völlig durchſchaut, und welche Maſſe von Sünde und Betrug muß ſich dann ſeinem Gedächtniſſe auf⸗ drängen und ihn mit der Ausſicht auf Bloßſtellung und Strafe ſchrecken. Ich bemerkte, wie er allen vorgebrachten Anklagen in Betreff ſeines ſchändlichen verbrecheriſchen Be⸗ nehmens gegen Sie, Dudley, trotzig die Stirne bot; es ſchien, als ob er aus irgend einem Grunde jene niederträch⸗ tigen Handlungen— wenigſtens vor ſich ſelbſt— rechtfer⸗ tigen könne; als aber Mr. Adelon jene wenigen Worte über ſeine Mutter ſprach, da war es aus mit ſeiner Faſſung. Mein Auge ruhte damals auf ihm; ich ſah ihn an allen Gliedern erbeben, und hätte ihn ganz gewiß ſcharf bewacht, um ſein Entkommen zu verhindern, wenn nicht Sir Arthur meine ganze Aufmerkſamkeit beſchäͤftigt hätte. Jetzt aber will ich zu Pferde ſteigen, und die Umgegend auf die näch⸗ ſten Meilen abpatrouilliren, um Auskunft über den Ver⸗ ſteck dieſes Mannes zu erhalten. Es wird doch wohl bier nicht ſo ſchwer ſeyn, Dudley, einen Buſchklepper einzuholen, als ich dies im fünften Welttheile gefunden habe.“ Wäͤhrend er noch ſprach, trat Edgar mit raſchem Schritte ins Zimmer; diesmal aber war's Helene, zu der er ſich wandte. Er hatte während der ſeitherigen Auftritte nur wenige Worte mit ihr gewechſelt und ſie blos mit Blicken begrüßt; aber Blick und Worte zeugten beide von ſeiner 593 Liebe: jetzt aber führte er ſie in die Fenſtervertiefung, und ſprach eifrig mit ihr, wobei Fragen über die verſchiedenſten Gegenſtände mit Ausdrücken der Liebe und Zärtlichkeit ab⸗ wechſelten. „Dieſer ſchlechte Mann muß aufgefunden werden, theure Helene,“ ſagte er.„Du ſiehſt blaß und ängſtlich, Liebe.— Ich ſuche ihn um ſo eifriger zu finden, Geliebte, als er den Glauben, dem wir angehören, geſchändet und ſeine reinen Vorſchriften einzig nur den ſchwarzen niederträchtigen Planen ſeines Herzens zu lieb verdreht hat. Auch wenn dies nicht der Fall wäre, meine Helene, würde ich ihn den⸗ noch mein ganzes Leben lang verfolgen, denn er hat das Gluůck meiner theuren Mutter vergiftet und die edle Natur meines Vaters zu einem Fluche umgewandelt.— Nein, ſchau mir nicht ſo flehend ins Geſicht, mein ſüßes Leben— nicht mit dieſen theuren vorwurfsvollen Blicken, als ob Du Deinen Edgar hart und ſtreng glaubteſt. Ich bin nur heflig, He⸗ lene— ſehr heftig— das bin ich immer geweſen— heftig in Liebe, heftig in Verfolgung des Rechts und der Billig⸗ keit, heftig in Vertheidigung der Unſchuld, und ſo darf ich wohl auch heftig ſeyn in Beſtrafung des Frevels und des Verbrechens. Gewiß wird mir Helene hierin nicht ſo Un⸗ recht geben.“ „Unrecht, Edgar?“ erwiederte Helene,„weißt Du nicht, daß ich Alles, was Du thuſt, für Recht halte? Seit unſerer Kindheit bis auf den heutigen Tag ſah ich Dich nie etwas thun, was Unrecht war.“ „O manches doch,“ verſetzte Edgar, und fuhr dann James. Der Ueberwieſens. 38 594 leiſer fort:„als ich zum erſtenmal dieſe ſüß ſchmollenden Lippen küßte, ſagteſt Du da nicht, ich thue ſehr Unrecht? Aber wir müſſen dieſen Mann auffinden, wo er auch ſeyn mag. Ich werde nicht eher ruhen, als bis ich ihn mitt ſei⸗ nen eigenen Lippen das Unrecht, das er gegen meine Mutter beging, wieder gut machen höre. Du kennſt ja ſeine Gänge: ſage mir, Liebe, wohin Du glaubſt, daß er ſich am wahr⸗ ſcheinlichſten gewendet hat.“ „Zu uns gewiß nicht,“ verſicherte Helene,„da er jetzt weiß, daß mir in ſeine ganze Niederträchtigkeit gegen den armen Mr. Dudley eingeweiht ſind: auch nicht zu Connor's „Hütte, wenn er ihm nicht etwa Vorwürfe machen will, daß jener ihn bloßſeellte. Ich weiß in der That nicht, wo er wohl ſeyn mag— doch wohl nicht in der Priorei?“ „Nein, ich glaube kaum,“ verſetzte Edgar nachſinnend, „doch hier kommt Dein Vater: dieſe Nacht ſoll ſein Herz zur Ruhe bringen.“ „Das wird nie geſchehen,“ verſetzte Helene mit tiefbe⸗ kümmertem Blick.„Der Tod jenes unglücklichen jungen Mannes ruht noch immer wie eine ſchwere Laſt auf ihm. Du brauchſt ihm nur ins Geſicht zu ſehen, um zu gewahren, daß es ihn ganz zu Boden drückt.“ „Ich hoffe, Dein Glück, theure Helene, wird ihn er⸗ heitern,“ antwortete ihr Liebhaber,„und dieſes Glück zu ſichern, ſey Edgars Aufgabe.“— So ſprechend ging er Clive entgegen und ſtellte an ihn faſt dieſelben Fragen über den Weg, den Mr. Filmer eingeſchlagen haben mochte. 595 „Ich hätte gedacht, er würde eher Stand halten als fliehen,“ meinte Mr. Clive;„aber wenn er geflohen iſt, ſo iſt es weit, das dürfen Sie glauben.“ „Um ſo mehr haben wir Urſache, ihn augenblicklich aufzuſuchen,“ erwiederte Edgar.„Kommen Sie, Kapitän M.„ laſſen Sie uns aufbrechen. Finde ich ihn, ſo will ich ihn ohne Verhaftsbefehl feſtnehmen und Alles riskiren, was auch daraus folgen möge.“ „Riskirt mag es allerdings ſeyn,“ verſetzte der Ka⸗ pitän,„denn es ſcheint mir, er hat kein Verbrechen began⸗ gen, das geradezu vor die Obrigkeit gehörte, wie denn manche der größten Uebelthaten, deren ſich der Menſch ſchuldig machen kann, dem Arme des Geſetzes noch immer entrinnen. — Doch laßt uns gehen; ich will einen Theil der Verant⸗ wortlid keit auf mich nehmen.“ Mit dieſen Worten verließen ſie die Geſellſchaft im Frühſtückzimmer, um ihre Nachforſchung weiter fortzu⸗ ſetzen. — Dreiundoierzigſtes Kavitel. Die von Sir Arthur Adelon zu Brandon⸗Honſe be⸗ wohnten Gemäͤcher beſtanden aus einer großen Garderobe und einem altmodiſchen mit Eichenholz getäfelten Zimmer im erſten Stork, mit reichem Gypsylafond verziert, an wel⸗ chem Liebesgötter und Najaden und viele andere ziemlich heterogene Gottheiten. mit Blumen und Früchten in den 38* 596 Häͤnden um das ganze Stuckgefimſe herumtanzten. Ein Bett mit altmodiſchen Zizvorhängen ſtand in der einen Ecke des Zimmers, und nahm ſich in dem großen Raume ſehr klein und beſcheiden aus. Dem Fuße des Bettes gegenüber war ein Kamin mit Feuerböcken für Brennholz angebracht, und neben dieſem ſah man zwei Thüren, deren eine in die erwähnte Garderobe, die andere aber in ein bequemes Kloſet führte. Das Zimmer hatte drei Fenſter; die dicht verſchloſ⸗ ſenen Vorhänge waren von demſelben dicken Zizſtoffe, aus dem die Bettvorhänge beſtanden, ſo daß ſehr wenig Licht durch die Scheiben eindrang. obwohl die Vorhänge wenig⸗ ſtens in ſo weit durchſichtig waren, daß man von Innen die Veränderung von Licht und Schatten, wenn etwa draußen Wolken vorüberzogen, recht wohl bemerken konnte. Die Thüre des Ankleidezimmers ſtand auf und eines der Fenſter war halb geöoffnet, ſo daß die eben damals ziemlich ſchwere und drückende Frühlingsluft eindringen konnte. Die Mittagsſtunde war noch nicht lange vorüber, als Edgar Adelon und ſein Gefährte aus dem Hofe von Bran⸗ don abritten, und Sir Arthur ſaß um jene Zeit, den Kopf auf die Hand geſtützt und die Augen halb geſchloffen, in ſeinem Stuhle am Tiſche. Peinliche Regungen ſchienen durch ſeine Seele zu ziehen, denn die Muskeln ſeines Ge⸗ ſichts arbeiteten, und hie und da hörte man ihn einen tiefen Seufzer holen. Wer vermöchte zu ſagen, was in ſeinen Gedanken vor⸗ ging? Ueberlegte er wohl, wie er ſein Leben in nichtigen Guelkeiten, die ſich noch ſchlimmer als leere Aſche bewaͤhrt, 597 zugebracht, wie er ſeine Zeit zur Ausſaat von gar bitteren Früchten verſchwendet hatte? Ließ er vielleicht die lange Vergangenheit an ſeinen Blicken vorüberziehen wie ſie jeder denkende Menſch in Augenblicken ſchweigſamer ſchlafloſer Einſamkeit ins Auge faßt? Ueberdachte er wohl, wie ſelbſt großer Reichthum und hohe Stellung, wie feſte Geſundheit und Erziehung, wie jeder Vortheil, jede Gabe, die das Loos des Menſchen zu zieren vermögen, durch eine einzige ſchlimme Leidenſchaft, durch eine einzige Eitelkeit oder Thorheit für den Beſitzer ſelbſt wie für Andere nutzlos werden könne?— Vielleicht that ers; aber wenn er es that, wenn ſeine Au⸗ gen ſcharf genug, ſeine Einſicht zur richtigen Würdigung der Vergangenheit gehörig klar und offen war, ſo mußte er er⸗ kennen, daß ſeine Schwächen und Fehler von einem höheren Verſtande benützt worden waren, um ihn durch ſie den Pla⸗ nen und Abſichten Anderer, deren Motive er ſogar jetzt noch nicht klar unterſchied, dienſtbar zu machen. „Wenn er das that, dann iſt er wahrhaftig ein Schurke.* murmelte Sir Arthur leiſe.„Er iſt ein Schurke,“ fuhr er im nächſten Augenblick fort,„das iſt klar; denn wer an⸗ ders als ein Schurke könnte zu irgend einem Zwecke das Zeugniß gegen einen Unſchuldigen verfälſchen?“ Während jedoch dieſer Gedanke durch ſeine Seele flog⸗ kam ein ängſtlicher Ausdruck in ſeine Züge⸗ denn er fühlte vielleicht, daß er Theilhaber und Mitſchuldiger an den Thaten war, welche er ſelbſt verdammte. Er mochte wohl em⸗ pfinden, daß es Abſichten und Leidenſchaften gab. die ihn in den kräfligeren Tagen ſeines Lebens zu kaum minder ſchlim⸗ 3 598 men Handlungen und eben ſo krummen Pfaden, wie er ſie eben mit Schaudern an einem Andern bemerkt, verleitet ha⸗ ben würden— ja ſogar wirklich verleitet hatten. Aber wohin er auch im weiten Kreiſe der Vergangen⸗ heit die Blicke wenden mochte— überall ſtand jener Andere neben ihm, ermunterte ihn zu Allem, was er jetzt bereute, legte ihm den Gedanken zur That in die Seele, gab ihm die Mittel dazu in die Hand, und wußte die Zweifel ſeines Herzens und Gewiſſens, wenn dieſe als Hinderniſſe wider ſeine Plane emporſtiegen, mit hinterliſtiger Beredtſamkeit zu entfernen. Er erkannte, daß nur mit Hülfe jenes Andern das Werk des Erzfeindes vollendet, daß ſeine Laſter und Fehler nur dazu benützt worden waren, um neue Auswüchſe zu erzeugen und ſein Herz den Gewiſſensbiſſen zum Raube zu überlaſſen. So dauerte die traurige und bittere Betrachtung wohl über eine Stunde. Ein Diener öffnete leiſe die Thür, und da er ihn nicht ſchlafend, ſondern außer dem Bette fand, ſo meldete er ihm, daß der Arzt aus Barhampton gekommen ſey; doch Sir Arthur winkte ihm mit der Hand und ſagte, er ſey beſchäftigt und wolle ganz allein ſeyn.„Ich brauche keinen Arzt,“ bemerkte er, und verſank alsbald in die alte Träͤumerei, ſobald der Diener ſich entfernt hatte. Sie dauerte abermels eine halbe Stunde, bis er, von dem Widerſtreite ſeiner Gedanken ermüdet, ſein Bett auf⸗ ſuchte.„Ich will mich niederlegen und ſchlafen, wenn ich kann,“ ſagte er;„dann werde ich eher im Stande ſeyn, die Aufgabe dieſes Abends durchzuführen, denn ich muß und will Alles aufgeklärt ſehen.— Es wird dunkel; die Däm⸗ 599 merung kann doch noch nicht anbrechen,“ und als er nach der Uhr ſchaute, fand er, daß es kaum zwei Uhr war. So legte er ſich im Schlafrock nieder, noch eine halbe Stunde von ſeinen Gedanken hin⸗ und hergeworfen, als endlich der Schlaf ſeine Augen heimſuchte; doch das ge⸗ ſchäftige Gehirn arbeitete noch immer, uur daß die Gedan⸗ ken wechſelten und ihre Stelle änderten, bis ſie ſich endlich ganz verwirrten. Er dachte an Eda und Dudley, an die Einflüſterungen, welche der Prieſter hingeworfen hatte, und die Citelkeit, die noch immer auf dem Grund ſeines Herzens ruhte, ergoß ſich von Neuem in bitteren Worten.„Un⸗ möglich!“ ſagte er zu ſich ſelbſt;„ſie kann, ſie will und darf keinen Ueberwieſenen heirathen; und doch kann ſie nach Belieben ſchalten— ich habe keine Autorität über ſie; auch hat mich dieſer Mann in ſeiner Gewalt, und er weiß es, das konnte ich heute aus ſeiner kecken Haltung entnehmen. Aber ich mag nicht an alle dieſe Dinge denken, ich will ſchla⸗ fen; das Alles muß ſpaͤter geordnet werden.— Und dann mein Edgar— der iſt ein zweiter Dorn in meinem Fleiſche; doch mach' ich mir nicht ſo viel daraus, denn Clive iſt von ſo altem Blute, wie nur einer im Lande— und was ſeine Armuth betrifft, die kann ſeine Abkunft nicht beeinträchtigen. Ich wollte, es wäre anders gegangen, und war thöricht genug, dem Dinge ſeinen Lauf zu laſſen: aber der eine Troſt iſt wenigſtens dabei— ſie iſt eine Katholikin. Es hätte noch ſchlimmer gehen können.— Ich finde es ſehr warm, ich will noch ein Fenſter öffnen;“ während er jedoch aufſtehen 600 wollte, um dies zu thun, ſchloßen ſich ſeine Augenlieder und er verſank in ruhigen Schlummer. Indem er ſo da lag, und die Hand theilweiſe über die Seite des Betts herabhing, ſchien ſich die Helle im Zimmer zu verfinſtern, und einige große ſchwere Regentropfen ſchlu⸗ gen gegen das Fenſter, von ſchwachem Wetterleuchten und fernem Donner begleitet, ohne daß der Baronet daran er⸗ wachte. Zwei Minuten ſpäter ward die Kloſetthüre langſam und geräuſchlos geöffnet, und mit leiſem, verſchwiegenem Schritte trat eine Geſtalt in's Zimmer. Es war die des Prieſters in ſeinem gewohnten ſchwar⸗ zen Anzug mit einer Papierrolle in der Hand. Eine Weile ſtand er ſtill und ſchaute ſich im Zimmer um; dann näherte er ſich dem Tiſch und legte mit den Worten:„das iſt eben ſo gut“ das Papier darauf nieder. Im naͤchſten Augenblicke ſiel ſein Auge auf Sir Arthur Adelons Hand, welche, wie ge⸗ ſagt, über das Bett herabhing, und mit bitterem Lächeln nahte ſi h Filmer und betrachtete das ſchlafende Antlitz deſſen, der einſt ſein vertrauteſter Freund geweſen war. Die klare, durchſichtige Wange war noch immer etwas bleich von den Regungen des Tags, und ſeine Stirne trug noch die Spur der erlebten Erſchütterung an ſich; auch ſein Mund bewegte ſich von Zeit zu Zeit, als ob die geſchaͤftigen Gedanken noch immer in ihm arbeiteten und Worte erſännen, welche die gefeſſelte Livpe auszuſprechen verweigerte. Des Prieſters Blick wurde ſtreng und faſt trotzig; es ſchien, als ob ſich ſeiner Seele Gedanken aufdrängten, die er hinterher wieder verwarf, denn er hob den Arm und 601 winkte mit der Hand, als ob er etwas von ſich abweiſe, in⸗ dem er leiſe ein„Nein!“ murmelte. Gleich darauf kam ein heller Blitzſtrahl, welcher trotz des Schattens der Vorhänge das ganze Zimmer erleuchtete und das Geſicht des Schlafenden wie eines Todten Antlitz er⸗ ſcheinen ließ. Das Rollen des Donners erſchütterte das ganze Haus, und Sir Arthur Adelon fuhr zuſammen und wendete ſich um, wie wenn er vom Bette aufſtehen wollte. Der Prieſter legte ihm augenblicklich die Hand auf den Arm und ſagte: „Mein Sohn!“ Sir Arthur betrachtete ihn mit wirren Blicken, bis ploͤtzlich ein ſcharfer, zorniger Ausdruck in ſeine Züge kam. „Ah! find Sie es?“ rief er.„Man glaubte, Sie ſeyen fort.“ „Man irrte ſich,“ erwiederte der Prieſter.„Sitzen Sie ſtill und hören Sie mich, denn ich habe Vieles zu ſagen. Ihre unverbeſſerliche Schwäche beweist mir, daß es ver⸗ geblich wäre, länger bei Ihnen zu bleiben. Ich kann Sie nicht zu dem machen, der Sie ſeyn ſollten, und überlaſſe Sie nunmehr Ihrer eigenen Leitung.“ „Was ich ſeyn ſollte!“ wiederholte Sir Arthur Adelon, auf ſeinen Arm ſich ſtützend.„Haben Sie nicht Alles aus mir gemacht, was ich nicht ſeyn ſollte?“ f „Gleich wie die koſtbarſten Arzneien für gewiſſe Kon⸗ ſtitutionen zum tödtlichſten Gifte werden, ſo bringen die beſten Rathſchläge bei manchen Menſchen die ſchlimmſten Reſultate hervor,“ antwortete der Prieſter.„Dies war Ihr 60² Fall, denn die angeborne Schwäche Ihres Geiſtes war nicht fähig, die ſtarke Nahrung, wie ſie der meine ihm gerne gege⸗ ben häͤtte, zu ertragen.“ „Das heißt die Schamloſtgkeit zu weit getrieben!“ rief der Baronet, ſih noch höher aufrichtend, und die Hand nach der Glocke ausſtreckend; doch Filmer packte ſeinen Arm mit drohender Gebäͤrde und ſprach: „Halt ein, Mann, und bedenke, was die Folgen meines Hierbleibens ſeyn müſſen. Wenn ich gehe, ſo iſt es aus Barmherzigkeit für Sie, denn ſollte ich bleiben, ſo geſchähe es blos, um von Anfang bis zu Ende die Thaten eines Le⸗ bens aufzudecken, deſſen Erinnerungen ich hier niedergeſchrie⸗ ben habe, falls etwa Ihr eigenes Gedächtniß verrätheriſcher als das meine ſeyn ſollte. Erinnern Sie ſich— ich wie⸗ derhole es— daß Alles in meinen Händen ruht, und daß ich, wenn es mir beliebt, das Käͤſtchen öffnen und alle guten Thaten des ſtolzen Sir Arthur Adelon als Juwelen vor den bewundernden Blicken der ganzen Welt auslegen kann. Be⸗ denken Sie, daß Sie gegen den Coder der Ehre, gegen die Geſetze des Landes wie gegen die Gebote der Religion gleich ſehr gefrevelt haben, und daß ich, wenn ich bleibe, dies Alles aufdecken werde.“ Der Baronet bebte ſichtlich vor ihm zurück, und aber⸗ mals auf ſein Kiſſen niederſinkend, ſchaute er ihm eine Weile ſtumm ins Geſicht, bis er zuletzt anhub: „Schlimmer abſcheulicher Menſch, der Sie ſind, ſpre⸗ chen Sie nicht von Religion noch Geſetzen! Wenn Sie vor Ihrem Scheiden noch einen Akt der Barmherzigkeit ver⸗⸗ 603 richten wollen, ſo erklären Sie lieber mir als Andern die düſterſte und traurigſte Seite meiner Lebensgeſchichte. Er⸗ löſen Sie meine Seele von den ſchweren Aengſten und Zwei⸗ feln, welche trotz aller Ihrer Muthmaßungen ſo manches lange Jahr darauf gelaſtet haben— ja, ſo bitter es auch ſeyn mag— ſagen Sie mir lieber, daß das Weib, das ich ſo zaͤrtlich liebte, wirklich ſchuldig war— ſchuldig jeden Ver⸗ brechens eher, als daß ich denken müßte, meine Unfreund⸗ lichkeit habe ſie unrechtmäßiger Weiſe getödtet.— Sprich, Mann, o ſprich: ſteh nicht hier lächelnd wie der böſe Feind⸗ ſondern ſage mir, war ſie ſchuldig oder nicht?“ „So unſchuldig, wie das reinſte Werk Gottes,“ ver⸗ ſetzte der Prieſter. Bei dieſen Worten lief ein heſtiger Schauder über den ganzen Köͤrper des Baronets; ſein Geſicht wurde von wech⸗ ſelnden Leidenſchaften, von Kummer, Wuth und Gewiſſens⸗ biſſen verzerrt. 3 „Schurke, Schurke, Schurke!“ ſchrie er.„Warum haſt Du mich denn ſo ſchändlich getäuſcht?“ „So haben Sie demnach Martin Oldkirk nicht geſe⸗ hen?“ fragte Filmer, nicht ohne Ueberraſchung.„Er iſt hier, in dieſem Hauſe, und wird Ihnen bald Alles erzählen.“ „Wie, Martin Oldkirk, mein ehmaliger Diener?“ rief der Baronet.„Ah! ich ſehe das ganze ſchändliche Kom⸗ plott— Sie— Sie haben ihn beſtochen.“ —„Nein, nicht ſo,“ gab Filmer in ſtillem bitterem ver⸗ aͤchtlichem Tone zur Antwort;„Ihre eigene thoͤrichte Ei⸗ ferſucht hat ſeine Worte verdreht und falſch gedeutet, hat 604 Ihren Verdacht beſtätigt, während ſie blos Ihr Vertrauen hätten beſtärken ſollen.“ „Auf Deine Eingebung, Du Teufel!“ kreiſchte Sir Arthur in wildem Zorn;„ich weiß noch Alles, als ob es erſt geſtern geweſen wäre. O Thor, der ich war!“ und ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirne ſchlagend, ſank er abermals auf das Bett zurück, auf dem er ſich theilweiſe aufgerichtet hatte. „Und Thor, der Sie immer bleiben werden,“ wieder⸗ holte Filmer mit einem Blicke der Verachtung.„Wäͤre je⸗ nes Weib noch ein Jahr länger um Sie geweſen, ſie hätte Sie ebenſo zum Ketzer gemacht, wie ſie es ſelbſt in ihrem Herzen war.“ Allein ſeine Worte waren vor tauben Ohren geſprochen, denn der Baronet war in denſelben Zuſtand zurückgeſunken, worin wir ihn am Morgen geſehen haben. Der Prieſter betrachtete ihn mit ſtrenger gedankenvoller Miene, als er bemerkte, daß er von Neuem in Ohnmacht lag; allmälig ſpielte ein leiſes unmerkliches Lächeln um ſeine Lippen, und er ließ ſeine Gedanken von Neuem laut werden. „Was ſoll ich thun? Da liegt er wieder in Ohnmacht. — Pahl er wird es überſtehen, wie er ſchon Vieles über⸗ ſtanden hat. Armer unglücklicher Mann! ohne Fſtigkeit zum Guten wie zum Schlimmen! Wäre er feſt geblieben— halb Yorkſhire wäre jetzt katholiſch, und ich vielleicht Kar⸗ dinal— mit der Macht ausgerüſtet, die Anſtrengungen der wahren Kerche zu lenken, wodurch ihr die Rückkehr dieſes ver⸗ finſterten Landes in ihren mütter lichen Schoos geſichertwuͤrde.“ 60⁵ Letzteres war ohne Zweifel nur ein Hintergedanke, denn man darf nicht vergeſſen, daß in allen Hierarchien, wo man von den Menſchen erwartet, daß ſie ihre perſönlichen Wünſche und Leidenſchaften den Zwecken einer großen Geſammtheit unterordnen— jene Leidenſchaften und Wünſche gleichwohl noch übrig bleiben, nur daß ſich die Einzelnen mit liſtiger Selbſttäuſchung überreden, daß ſie nur dazu dienſtbar ſeyen, um den allgemeinen Planen und Abſichten, welche das Ganze zum Zwecke haben, einen Raum zu eröffnen. Es trifft ſich nur ſelten, daß ein Mann in Wahrheit und Aufiichtigkeit ſagen kann:„Ich wünſche Biſchof oder Kardinal zu werden und zwar blos zum Beſten der Religion.“ Fülmer empfand vielleicht dieſe Wahrheit ſo gut wie irgend einer, überredete ſich aber dennoch, daß er Recht habe, oder ſtellte ſich wenigſtens, als glaube er alſo, denn das trügeriſche Gaukelſpiel, das der Menſch mit ſeinem eigenen Herzen treibt, iſt faſt überall, wo ſtarke Leidenſchaften ins Spiel kommen, mehr oder weniger erfolgreich, und ſtarke Leidenſchaften waren wirklich bei jeder von Filmers Hand⸗ lungen thätig. Wer ihn genau hätte prüfen können, würde gefunden haben, daß die Fördernng der Kirchenzwecke bei vielen ſeiner Schritte nur ſehr geringen Antheil hatte, unddennoch machte er ſich ſelber weiß, als ob ſie das große einzige und ausſchließliche Ziel ſeiner Bemühungen ſeyen. Wäͤhrend er ſo daſtand und Sir Arthur Adelons Ge⸗ ſicht, das wie die Maske eines Todten vor ihm lag, betrach⸗ tete, grollte der fruͤher nur leiſe Donner gewalliger über 606 ſeinem Haupte, die ſchweren Regentropfen begannen wie eine Sündflut gegen das Fenſter zu praſſeln und auf den Raſen des Parkes niederzuplatſchen.„Es kommt noch mehr hinter den Hügeln,“ dachte er,„und ich muß mich beeilen, ſonſt werde ich durch die angeſchwollenen Flüſſe aufgehalten. Ich möchte wiſſen, welchen Weg die Thoren zu meiner Verfol⸗ gung eingeſchlagen haben. Die Diener müſſen ihr Mittag⸗ eſſen beendigt haben— doch gleichviel: ſie werden ſich mir nicht zu widerſetzen wagen, auch wenn mich einer ſehen ſollte, und Oldkirk, der brutale Schwachkopf, wird wohl fort ſeyn. — Ich muß mich entſchließen: wer wird ſich um das Blitzen kümmern?“ und doch— ſo iſt die menſchliche Natur— der nächſte Blitzſtrahl machte ihn erblaſſen, daß er die Hände zitternd vor die Augen hielt. „Es blitzt furchtbar,“ ſagte er.„Die Menſchen glau⸗ ben, dieſe Artillerie des Himmels donnere blos zur Strafe der Schuldigen— ſey eine unmittelbare Vergeltung von Opven. Wenn dem ſo wäre, wie könnte ſie ſich dann ihr Ziel ſo unglücklich wählen? Habe ich nicht die Lieblichſten und Reinſten davon getroffen geſehen, während der Mörder⸗ der Schurke und falſche Prophet unberührt darunter weg⸗ ging. Doch ich will fort, damit nicht ein ſchlimmeres Loos als das eines Blitzſtreiches mich erreiche.— Fahre wohl, alter Mann,“ fuhr er fork, nach dem Lager ſich wendend, auf welchem Sir Arthur lag.„Nach vielen Jahren gemein⸗ ſamen Aufenthaltes auf Erden werden wir uns wohl nie mehr begegnen. Hätte unwandelbare Freundſchaft, hätten die wichtigſten Dienſte, die beſten Rathſchläge irgend etwas 6⁰⁷ aus Dir machen können— Du hätteſt ſte haben ſollen— ja Du haſt ſie gehabt, warſt aber zu eitel und zu ſchwach, um ſogar aus Erfahrung Nutzen zusziehen: ſtatt voller Zu⸗ verſicht gabſt Du halbes Vertrauen, ſtatt vollen Gehorſams nichts als zweifelhafte Unterſtützung, und die Kirche muß triumphiren, wohin ſie auch ihren Fuß ſetzen mag, ſonſt iſt der Tag ihres Unterganges gekommen.“ Mit dieſer unveränderlichen Maxime der roͤmiſchen Kirche verließ er den Baronet, indem er die mitgebrachten Papiere ruhig auf den Tiſch legte, und die Klauen des Din⸗ tenzeugs zu deren Sicherung darauf ſtellte. Er entfernte ſich mit denſelben Mitteln, wodurch er ſich Eintritt verſcafft hatte, öffnete ohne die geringſte Spur von Haſt oder Aengſt⸗ lichkeit die erſte Thüre, und ſchloß ſie hinter ſich ab, ſchob dann das geheime Pförtchen, das eine Verbindung zwiſchen ſeiner Wohnung und der des Baronets unterhielt, zurück, und ſtieg eine Treppenflucht hinan, die nach den oberen Ge⸗ mächern führte. Unten blieb Alles ſtumm und ruhig. Mr. Filmer trat ſofort in den Hof, und hatte nach wenigen Minuten ohne den mindeſten Widerſtand ein Pferd beſtiegen, das während ſeines Aufenthaltes zu Brandon zu ſeinem beſonderen Ge⸗ brauche beſtimmt blieb; mit ihm nahm er eine Richtung, welche der von Edgar und ſeinem Freunde eingeſchlagenen ge⸗ rade entgegengeſetzt war. — 608 Vierundvierzigſtes Kapitel. Sie hielten zuerſt an den Parkthoren— nämlich Ed⸗ gar Adelon und Kapitän N.. ⸗— und fragten in ruhigem unbefangenem Tone, ob Mr. Filmer in neuerer Zeit vorbei⸗ gekommen ſey.„Nein,“ war die Antwort, wie ſich der Le⸗ ſer leicht denken kann, und ſie trennten ſich nunmehr, um die ganze Ausdehnung des weiten von den Parkmauern einge⸗ ſchloſſenen Raumes, der nicht weniger als vier bis fünf Quadratmeilen umfaßte, abzuſuchen, und bei jeder Perſon, die ſie trafen, an jeder Hütte, wo ſie vorüberkamen, nach dem Prieſter zu fragen, ohne jedoch irgend eine Anstonſ zu erlangen. Nachdem ſie dieſe Streife beendet hatten, ritten ſie zu⸗ ſammen nach Clive's Meierhofe, wo Edgar von allen Die⸗ nern mit der größten Freude empfangen wurde, aber auch hier keine weitere Kunde erhielt, bis endlich eine der Mägde von dem Pflugknecht gehört haben wollte, daß er, wie er glaube, Vater Petern über die Dünen gegen Barhampton habe gehen ſehen. Mit ſeinem gewoͤhnlichen Ungeſtüm wollte Edgar un⸗ verzüglich dahin aufbrechen; der Kapitän hielt ihn jedoch zurück, um ſich näher über die Sache zu erkundigen, nament⸗ lich um zu erfahren, wann Filmer geſehen worden ſey. Das konnte das Mädchen nicht genau angeben, ſondern wußte blos, daß der Mann heute beim Mittageſſen davon geſpro⸗ chen, indem ſie beifügte, daß jener zu ſeiner Arbeit zurück⸗ 609 gekehrt ſey. Da ſie übrigens fanden, daß der Punkt be⸗ trächtlich von ihrem Wege ablag, ſo brachen die beiden Gentlemen von Neuem auf, und klopften im Vorüberkom⸗, men an Daniel Connor's Hütte an, die ſie jedoch geſchloſſen und unbewohnt fanden. Zu Barhampton blieb kein Viertel ununterſucht, wo ſie irgend vermuthen konnten, daß eine Nachricht über den Ge⸗ ſuchten zu erhalten wäre; ihre Nachforſchungen blieben je⸗ doch nicht minder fruchtlos, und nach einer halben Stunde vergeblichen Suchens wendeten ſie ihre Roſſe wieder gegen Brandon zurück, indem ſie ſich unterwegs beſprachen, was wohl zunächſt zu thun ſeyn möchte. Mittlerweile waren am Himmel allerlei Vorzeichen ei⸗ nes nahenden Sturmes zu gewahren; ſchwere Wolken, nicht von den flockigen Rändern des ſanſten Frühlings bedeckt, ſondern hart abgegrenzt und von dunkelblauer Farbe, ſtie⸗ gen raſch aus Süden empor, und während Edgar mit ſeinem Freunde von den Anhöhen vor den Thoren von Barhamp⸗ ton den weiten Schauplatz, der ſich dort dem Auge darbot, überſchaute, breitete ſich ein eigenthümliches Purpurlicht über das Ganze, Feld und Hügel und Baum jenes tiefe Colorit mittheilend, das in ſüdlichen Ländern weit öfter als in un⸗ ſerem Norden getroffen wird. 4 „Erinnert Sie das nicht an Auſtralien?“ fragte Ka⸗ pitän M... im Weiterreiten. „Einigermaßen— ja,“ verſetzte Edgar;„aber ich müßte mich ſehr irren, wenn wir nicht nächſtens einen tüch⸗ tigen Sturm auf den Hals bekämen. Wir laſſen lieber die James. Der Ueberwieſene. 39 640 Dünen rechts liegen und reiten abermals bei Clive's Hofe über den Fluß— das erſpart uns eine Meile.“ Der vorgeſchlagene Plan wurde befolgt; doch hatten ſte den Strom noch lange nicht erreicht, als der Sturm, der ihnen gerade entgegenkam, in voller Wuth über ihren Häup⸗ tern ausbrach: der Blitz leuchtete, der Donner rollte, aber am meiſten hatten ſie vom Regen auszuſtehen, der mit rie⸗ ſengroßen Hagelkörnern vermiſcht in Strömen herabſchüttete. Heulend fuhr der Orkan über das Land, das noch kaum zu⸗ vor ſo hell und ſonnig geweſen, jeder Funke von Licht er⸗ loſch, und Alles war in ſchwarzen Nebel gehüllt, worin ſich nur noch die dunklen Linien des niederfallenden Hagels un⸗ terſcheiden ließen. Die beiden Reiter trieben ihre Roſſe an dem Angerhofe vorbei und längs dem Hügelrande, der den Fluß überragte, in raſchem Trabe weiter, um die Brücke oberhalb Clive's Wohnung zu erreichen; ſie bemerkten im Weitterreiten, wie unten das ſonſt ſo helle und durchſichtige Waſſer in rothen trüben Wirbeln an den Ufern vorüberſchoß und in der Mitte des Bettes in wilden Schaum⸗ und Staubwirbeln hin⸗ rannte. „Das iſt ja ein wahrer Gebirgsſtrom,“ ſagte Kapitän M...;„als wir heute Morgen voruͤberkamen, war es nichts als ein klarer Forellenbach.“ „O, er iſt manchmal recht wild, wenn ſtarker Regen zwiſchen den Hügeln fällt,“ bemerkte Edgar.„Ich erinnere mich, wie er einmal weiter oben eine Mühle mit ſich riß: der Müͤller mit Frau und Knecht ſchwammen in der gebrech⸗ 61¹ lichen Wohnung herunter und— was wohl ſonderbar klingt— kein Einziges war ertrunken.“ „Sehen Sie, da drüben kommt Mr. Clive mit ſeiner Tochter den Abhang herab,“ erwähnte der junge Offizier. „Gütiger Himmel! Helene muß ja in dieſer Sündflut ertrinken,“ rief Edgar, und ſpornte eben ſein Roß zu ra⸗ ſcherem Schritte, als ein Ereigniß eintrat, das ihn für den Augent lick förmlich in Stein zu verwandeln ſchien. Helene und ihr Vater erreichten den Fuß des Abhangs, und hatten bereits zwei Drittel der Brücke hinter ſich, um deren alte Pfeiler der rothe Strom ſich zornig drängte, als plötzlich das noch vor ihnen liegende Stück nachgab, und in einer gewaltigen Maſſe in den Fluß flürzte. Clive faßte ſeiner Tochter Arm, und wollte zurückeilen, doch im nächſten Au⸗ genblick krachte es unter ihren Füßen, der Bogen lehnte ſich über die Seite, und riß die beiden Wanderer unaufhaltſam in die kämpfenden Wogen. Einen Augenblick ſchien, wie geſagt, der Anblick der ſo Heißgeliebten, welche hier dem Untergange zu verfallen drohte, den armen Edgar in Stein zu verwandeln; aber es dauerte nur einen Moment, dann ſprang er mit einem Satze vom Pferde, ſtürzte ans Ufer und mitten in den Strom. Er er⸗ blickte alsbald ein Stück von Helenens Kleidung, als ſie wieder im Waſſer auftauchte, und kämpfte ſich mit aller Macht zu ihr hin, voll Verzweiflung mit der Wuth des Stromes ringend, bis er endlich das Mädchen erreichte. Beim erſten Griffe verfehlte er ſie⸗ beim zweiten faßte er ſie aber am Arm, und ihren Kopf über den Strom empor 39 612 hebend, ſchwamm er nach dem Ufer hinüber, indem er ſie weit von ſich weg hielt, damit ſie ihn nicht im Schreck und in der Verwirrung des Augenblicks an ihrer eigenen Rettung ver⸗ hindere; mit wunderbarer Geiſtesgegenwart machte jedoch Helene gar keinen Verſuch, ihn zu berühren. Das Strombette war, wie oben beſchrieben, ſehr ſchmal, und die Wogen hatten das Mädchen glücklicherweiſe nach der Seite des Meierhofes getrieben; ſo erreichte Edgar nach kurzem Schwimmen das Ufer, das dort nicht ſehr ſteil war, hob ſie ohne große Schwie⸗ rigkeit aus dem Strom, und war ſo glücklich, ſie lebendig in den Armen zu halten. Edgar hatte unterdeſſen von Allem, was um ihn vor⸗ ging, nichts bemerkt: ſobald er jedoch am Ufer war, richteten ſich ſeine Gedanken auf Helenens Vater, und er ſchaute ſich haſtig um. Hier ſah er denn zu ſeiner großen Freude, wie Kapitän M... ganz nahe bei ihnen dem alten Manne ans Ufer half, und erfuhr ſpäter, daß ſein Freund in demſelben Augenblicke, wie er in den Fluß geſprungen war, ſich aber etwas entfernt von Clive gehalten hatte, da er fand, daß dieſer, ein rüſtiger Schwimmer, dem Ufer zuſtrebte, bis er bemerkte, daß der alte Mann ganz nahe davor zu ſinken be⸗ gann. Helene war matt und ſchwach, fand aber doch Kraft genug, um zu ihrem Vater hinzueilen, während dieſer von Kapitän M.. geſtützt auf dem Raſen ſaß. Ihre erſte Re⸗ gung war Freude und Wonne, daß ſie ihn noch am Leben traf. Er antwortete jedoch nicht, als ſie ihn anredete, ſon⸗ dern preßte die Hand ſtark auf die Seite, und ſchien nur mit 6¹³ Mühe zu athmen: im nächſten Augenblick ſah Helene das Blut an ſeinen Fingern herabträufeln. „O Edgar!“ rief ſie händeringend aus,„er iſt verwun⸗ det, er iſt ſchwer verwundet!“ „Ein wenig, theures Kind, ein wenig,“ ſagte Clive mit großer Anſtrengung;„mir wird bald beſſer ſeyn, aber man könnte doch einige Leute vom Hofe holen, um mich hinaufzutragen, denn ich bin zu ſchwach zum Gehen.— Gott ſey Dank, Du biſt gerettet, liebes Kind!— jener ſchwere Balken hat mich im Fallen getroffen.“* Edgar eilte ſogleich nach dem Hauſe, und kehrte in kurzer Zeit mit einigen Männern zurück, welche ein Sofa trugen, auf das der große ſchwere Clive alsbald gelegt, nach dem Meierhofe gebracht und ins Bett geſchafft wurde. Dort fand man, daß er eine tiefe Rißwunde auf der linken Seite der Bruſt hatte und auch eine Einbiegung war zu bemerken, welche zu beweiſen ſchien, daß er mehrere Nippen gebrochen haben mußte. Unverzüglich wurde ein Mann nach dem nächſten Wundarzte abgeſchickt, und Edgar harrte ängſtlich mit Helenen am Bette des Verwundeten, waͤhrend der Blitz noch immer durchs Zimmer zuckte und der Donner über ihren Häuptern rollte, als plötzlich eine der Mägde den Kopf zur Thüre hereinſtreckte. „Ach Mr. Adelon!“ rief ſie,„da draußen iſt einer Ihrer Diener, der Sie zu ſprechen wünſcht.“ Des Mädchens Miene verrieth Angſt und Entſetzen. Sdgar fuhr auf und fragte, was es gebe. „Ach, Sir, er ſagt, Brandon ſey vom Blitze getroffen,“ — 614 verſetzte die Dienerin,„und man wünſche deßhalb, daß Sie ſogleich hinaufkommen.“ Edgar warf einen Blick auf Clive, welcher ſogleich wie zur Antwort hierauf erwiederte: „Gehen Sie, Edgar, gehen Sie. Eilen Sie über die ſteinerne Brücke weiter oben— nur noch ein Wort, mein theurer Junge, ehe Sie ſcheiden.“ Edgar trat dicht an das Bett und neigte den Kopf über den Kranken. „Wir werden uns vielleicht nicht wieder ſehen,“ ſprach dieſer mit tiefer Unruhe.„Meine Helene, Edgar! was wird aus ihr werden, wenn ich ihr entriſſen würde?“ „Eda wird ihr eine Schweſter ſeyn,“ erwiederte Ed⸗ gar, ſeine Hand ergreiſend und herzlich drückend,„und ich werde ihr Gatte— und bis dahin ihr Bruder.“ „Gehen Sie,“ verſetzte Clive,„ziehen Sie mit Gott! Sein Wille geſchehe— ich weiß, ich darf Ihnen vertrauen, Edgar.“ „Bei meiner Ehre, bei meinem Leben und Allem, was mir theuer iſt,“ ſchwur Edgar und eilte mit einem Scheide⸗ gruße für Helenen aus dem Zimmer. Kapitän M.. wartete unten mit dem Diener, welcher eben die Erzaͤhlung des Unglückes zu Brandon beginnen wollte, als Edgar ſeine Rede kurzweg mit der Frage abſchnitt:„wo waren die Pferde?“ „Sie ſind hier im Hofe,“ gab der Kapitän zur Ant⸗ wort.„Das Ihrige hat den Weg gezeigt und das meine folgte. Das iſt in der That ein Tag des Unheils; ich hoffe 61⁵ jedoch, daß Brandon keinen ſchweren Schaden erlitt, denn dieſer Regen muß das Feuer niedergehalten haben.“ „O es brannte lichterloh, wie hundert Kalkgruben, Sir, als ich von dort abgeſchickt wurde,“ erzählte der Die⸗ ner, indem er ihnen zu den Pferden folgte. „Es wurden doch Alle gerettet?“ fragte Edgar ha⸗ ſtig; allein der Diener vermochte ihm keinen befriedigenden Aufſchluß über die Bewohner zu geben und wußte blos, daß der Blitz den älteren Theil des Gebäudes auf der Rück⸗ ſeite getroffen, und daß ſich die Flammen augenblicklich mit der äußerſten Wuth und Heftigkeit von Zimmer zu Zimmer verbreitet hatten. Die Pferde waren nicht abgeſattelt worden, und ſo ritten ſte ohne Zeit zu verlieren, am Strom hinauf über eine etwa eine halbe Meile entfernte Steinbrücke, und erreichten bald die Thore des Brandonparkes. Das Häuschen des Parkhüters war leer, die Thore ſtanden offen, und während ſie durch die Allee nach dem offenen Raume ſprengten, wo das Haus zuerſt ſichtbar wurde, bot Edgar alle Sehkraft auf, um ſich zu überzeugen, ob der Brand noch immer fort⸗ daure. Flammen waren nirgends zu ſehen; nur dichter Rauch qualmte aus einem Theile des Gebäudes, und der Diener drängte ſich an Edgars Seite, in frohem Tone ausrufend: „Sie haben das Feuer bewältigt, Sir, denn es ſteht jetzt ganz anders aus, als da ich es vorhin verließ.“ Ohne ihm jedoch Gehör zu ſchenken, jagte ſein Gebie⸗ ter nach der Terraſſe, wo man eine Maſſe von Leuten in 616 bunter Verwirrung hin und her rennen ſah, worunter ſich eine Gruppe bemerkbar machte, welche etwas wie eine Matratze nach dem Hof und gegen die Pferdeſtälle zu tragen ſchien. Edgar dachte an ſeinen Vater, und fühlte ſein Herz von je⸗ ner eiſigen Empfindung ergriffen, die uns zuweilen als Vorbote eines nahenden Kummers überfallen ſoll. Als er näher kam, ſah er Dudley und Eda jener erſten Gruppe in den Hof nachfolgen; er rief ihnen mit lauter Stimme, da ſie ſein Näherkommen nicht bemerkt hatten, und Dudley wendete ſich augenblicklich nach ihm um, indem er Eda ein paar Worte zuflüſterte und ohne Verzug ihrem Vetter entgegeneilte. „Das Feuer iſt gelöſcht, Edgar,“ benachrichtigte er ihn in ernſtem Tone.„Nur das zweite und ein Theil des erſten Stockwerks iſt zerſtört— kommen Sie mit und Sie ſollen es ſehen.“ e. „Sind alle gerettet?“ fragte Edgar, Dudley ins Ge⸗ ſicht ſehend, fuhr jedoch fort, noch ehe dieſer antworten konnte.„Mein Vater?— wo iſt mein Vater?“ Dudley erwiederte nicht ſogleich, und Gdgar ſtürzte eilends nach dem Hofe, als ihm ſein Freund die Hand auf den Arm legte: 44 „Gehen Sie nicht dorthin, Edgar,“ bat er.„Kommen Sie mit mir, und ich will Ihnen Alles erzählen.“ „Ich will, ich muß ſogleich dorthin!“ rief Edgar Ade⸗ lon, mit raſchem Schritte über die Terraſſe und um die Ecke des Hauſes nach dem Haupteingang des Hofes eilend. Rechts ſtand ein großes Gebande, das als Billardzimmer benützt 617 wurde, und unter deſſen verziertem Portale Edgar ſeine Bafe mit weinendem Geſichte ſtehen ſah. Sie eilte ihm ſogleich mit der Bitte entgegen: „Warte einige Augenblicke, Edgar— gehe jetzt nicht hinein, mein theurer Vetter.“ „Einmal muß es doch kommen, Eda— warum nicht jetzt?“ rief Edgar mit traurigem Blicke an ihr vorüber⸗ gehend. Beim Eintreten fand er fünf bis ſechs Männer, die eine Matratze mit einigen Betttüchern darüber auf den Bil⸗ lardtiſch legten, und als er die Leute bei Seite ſchob, ſah er ſeinen Vater kalt und ſteif, aber ohne eine Spur von Brand oder ſonſtiger Verletzung mit ruhiger friedlicher Miene auf dem Tiſche ausgeſtreckt. Der junge Mann betrachtete eine Weile ſeines Vaters Geſicht in ernſtem traurigem Nachdenken, während ſich die anweſenden Diener und Arbeiter zurückzogen, ſobald ſie be⸗ merkten, wer ſie in ihrem leidigen Geſchäfte unterbrochen hatte. Mancherlei Erinnerungen drängten ſich ihm auf, Grinnerungen väterlicher Liebe und Zärtlichkeit, unzählige ſüße häusliche Scenen, längſt geſprochene Worte, freund⸗ liche Blicke, Töne der Liebe, und mit jenem traurigen Ge⸗ fühle, das uns immer ergreift, wenn die Kette, die uns mit unſern nächſten Lieben verband, zerriſſen wird, ſtiegen Edgar die Thränen in die Augen und fielen auf die Hand des Todten nieder. Er mochte ſich nicht weinend blicken laſſen, und wandte ſich ohne eine Sylbe zu ſprechen ab, indem er Eda und 618 Dudley, welche dicht hinter ihm geſtanden hatten, die Hand reichte und die Todtenkammer mit ihnen verließ. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Noch vor ſechs bis acht Stunden war Brandon einer der bequemſten, wohnlichſten Landſitze der ganzen Graf⸗ ſchaft geweſen; das ganze Haus hatte jenen Anſtrich alter, unverminderter Ehrbarkeit und Wohlhabenheit an ſich ge⸗ tragen, wie er noch vor dreißig Jahren das charakteriſtiſche Merkmal eines engliſchen Edelmannsſitzes bildete, und als jetzt Edgar mit Eda und Dudley die Halle betrat, ſchien trotz⸗ dem, daß das Feuer dieſe gar nicht erreicht und das obere Stockwerk nur theilweiſe zerſtört hatte, die Verwirrung und Unordnung kaum eine Spur des früheren Zuſtandes zurück⸗ gelaſſen zu haben. Große Maſſen von Geraͤthen, Bücher, Schubladen mit Papier, werthvolle Gemälde und Kunſt⸗ gegenſtände waren ohne Ordnung und Regelmäßigkeit in der Halle und den verſchiedenen anſtoßenden Zimmern auf⸗ geſchichtet, Ströme von Waſſer überſchwemmten den Mar⸗ morboden des Vorplatzes und durchnäßten die dicken Teppiche des Salons, des Bibliothek⸗ und Speiſezimmers. Unter allen Zeiten, da die Geiſtesleeren und Selbſtſüch⸗ tigen— von jeher das erbliche Geſchmeiſe der Geſellſchaft — uns läſtig fallen, iſt die Zeit des Kummers die allerem⸗ pfindlichſte. In ſonſtigen Augenblicken ſind wir genöthigt, ſte als eines der Uebel eines hochverfeinerten Zuſtandes zu 619 dulden— man halte dies ja nicht für eine paradore Behaup⸗ tung, denn die Thatſache läßt ſich nicht läugnen, daß gleich⸗ wie die Sonne an einem todten Hunde Maden ausbrütet (ich weiß nicht, ob ich ganz genau die rechten Worte anführe), ebenſo auch ein ſehr verfeinerter Zuſtand der Geſellſchaft hohle Köpfe und leere Herzen erzeugen muß— ſonſt dulden wir ſie, wie geſagt, als eines der Uebel unſeres ſocialen Zu⸗ ſtandes: aber in Zeiten des Unglücks werden ſie rein uner⸗ träglich, denn dann finden wir, daß es menſchliche Weſen gibt, welche zwar in äußeren Formen und Zügen mit uns über⸗ einſtimmen, aber gleichwohl mit unſerer Natur, ja ſogar mit unſerer Race nichts Gemeinſames haben— wir bilden uns ein, daß Affen unter ihnen noch wahre Prinzen wären. Eda hatte an jenem Tage von dieſen Geſchöpfen Vieles auszuſtehen. Der Peer, der Baronet und der wohlhabende Squire waren zeitig genug von ihren verſchiedenen Gängen zurückgekehrt, um noch der Feuersbrunſt zu Brandon anzu⸗ wohnen; nachdem ſie ihre Pferde und Wagen nebſt allen übrigen Effekten geſichert, hatten ſie ſich unter die Diener und Landleute gemiſcht, um ihnen ihren Beiſtand zu leihen, d. h., um Confuſion und Wirrwarr unter ihnen anzurichten. Sobald ſie jedoch Eda mit ihrem Vetter und Mr. Dudley in das Haus treten ſahen, folgten ſie ihr Artigkeitshalber, um der Beſitzerin ihr Beileid auszudrücken, und wenn Eda auch die Plage mit wunderbarer Geduld hinnahm, ſo war doch Edgar von dieſem Charakter eines Hiob himmelweit entfernt. Seene heftigen Ausbrüche verſcheuchten bald die Ueberläſti⸗ gen, und nachdem ſie auf ſehr hoͤfliche Weiſe verſichert, daß 620 das Feuer gänzlich gelöſcht ſey, verabſchiedeten ſich die drei Herrn, beſtellten ihre Wagen und Pferde und fuhren davon. Dudley machte keine Miene zu gehen, denn er wußte, daß er noch immer ein willkommener Gaſt war, und auch Kapitän M... blieb, doch erſt, nachdem er von Edgar drin⸗ gend hiezu eingeladen worden war. „Wir können Sie ſchon irgendwo unterbringen,“ ſagte dieſer,„und es gibt noch allerlei zu unterſuchen, wobei Sie mir vielleicht behülflich ſeyn können. Bleiben Sie hier bei uns in der Bibliothek, M..., nachdem jenes läſtige Volk fort iſt, und laſſen Sie mich unterſuchen, wie das Feuer entſtanden und wie mein armer Vater vom Tode überfallen wurde.— Ich kann das Alles nicht begreifen,“ fuhr er ſtreng und feierlich fort.„An meinem Vater iſt keine Spur vom Brande zu bemerken; ich hege ſonderbaren Argwohn, und ehe ich dem Kummer nachgebe, muß ich zuvor an Ge⸗ rechtigkeit denken. Ich muß die Leute ſehen, welche zuerſt ſein Zimmer betraten,“ und hiemit ging er nach der Thüre und ertheilte einem der in der Halle befindlichen Diener den Be⸗ fehl, alle jene, die dem erſten Theile der Kataſtrophe ange⸗ wohnt hatten, in das Bibliothekzimmer zu führen.„Das iſt für uns alle ein trauriges Geſchäft, liebſte Eda,“ bemerkte er gegen ſeine Couſine, die in einer der Fenſtervertiefungen ſaß und ſich von Zeit zu Zeit Thräͤnen aus den Augen wiſchte. „Dein Haus iſt nahezu zerſtört.“ „Wollte der Himmel, daß Dein Verluſt ſo leicht zu erſetzen wäre, wie ſich der meinige ausgleichen läßt,“ gab Eda zur Antwort. 621 „Es muß Ihnen einigen Troſt gewähren, Edgar,“ ſagte Dudley, der bis jetzt kaum ein Wort geſprochen hatte,„wenn Sie erfahren, daß Ihr Vater nicht gelitten haben muß. Es kann ihm undenkbar etwas Gewaltſames widerfahren ſeyn; ebenſo unmöglich iſt es, daß das Feuer ihn erreichen und auf irgend eine Weiſe beſchädigen konnte, und ich bin geneigt zu glauben, daß er gar nichts davon wußte, denn ich war einer der erſten, der ſein Zimmer betrat— nur zwei Männer waren vor mir die Treppe hinaufgegangen— und als ich ihn zu erwecken ſuchte, fand ich, daß ſeine Hand ſchon ganz kalt und der Baronet nicht mehr am Leben war. Das Zimmer war allerdings voller Rauch, aber die Luft doch nicht der Art, daß irgend Jemand daran erſticken konnte, wenn er nicht etwa in Ohnmacht lag oder ausnehmend geſchwächt war.“ „Wer war der Erſte?“ fragte Edgar. „Der Tafeldecker und Martin Oldkirk eilten zuſammen hinauf,“ erwiederte Dudley;„ich folgte ihnen nach, ſobald ich Eda nach der Terraſſe geſchafft hatte. Wir wollten eine Zeit lang gar nicht glauben, daß das Haus in Flammen ſtand, obwohl ein ſtarker Brandgeruch ſich fühlbar machte; zuletzt kam aber der Rauch in ganzen Schichten die Treppe herab, und zu gleicher Zeit ſtürzte, glaub ich, einer der Park⸗ hüter in die Küche mit der Meldung, daß das ganze Dach unter Feuer ſtehe.“ „Ah! hier kommen die Leute!“ rief Edgar.„Tretet vor, Martin Oldkirk, und erzählt mir, mein Freund, was Ihr entdecktet, als Ihr zuerſt in meines Vaters Zimmer tratet.“ 62²2 „Der Tafeldecker war der Erſte, Sir,“ berichtete Mar⸗ tin Oldkirk.„Ich wartete, wie man mich angewieſen hatte, in ſeiner Speiſekammer; beim erſten Feuerlaͤrm rannte er mit dem Rufe—„wir müſſen Sir Arthur retten“— davon und ich folgte. Im Zimmer war ein ſtarker Rauch, aber kein Feuer, wie es denn noch jetzt ganz unverſehrt iſt. Wir beide eilten an das Bett, auf dem wir Sir Arthur ohne ein Lebenszeichen daliegend fanden; im nächſten Augenblick kam Mr. Dudley und gleich darauf der Kammerdiener herbei. Sir Arthur war angekleidet, wie er noch jetzt iſt; wir hoben ihn auf und trugen ihn zuerſt in die Speiſehalle, und dann, wie Sie ſahen, in das Billardzimmer hinab.“ „Ihr ſeyd doch gewiß, daß bei Eurem Eintritte Nie⸗ mand im Zimmer war?“ forſchte Edgar Adelon. „Niemand, Sir,“ erwiederte Oldkirk;„auf dem Tiſche lag aber ein Bündel Papiere von einer mir wohlbekannten Hand überſchrieben— den nahm ich und hab' ihn hier mit⸗ gebracht.“ „Gebt ihn her,“ ſagte Edgar.„Das t Filmers Hand⸗ ſchrift,“ rief er, ſobald er die erſten Linien betrachtet hatte— „der muß alſo im Haus geweſen ſeyn, als wir fortritten. Der Brief iſt von heute datirt, und war noch nicht dort, als ich meinen Vater verließ. Ich fordere Euch feierlich auf, meine Freunde, mir zu ſagen, ob einer von euch jenen Mann in den letzten vier Stunden geſehen hat.“ „O ja, Mr. Edgar,“ erklärte einer der Stallknechte vortretend.„Vor etwa anderthalb bis zwei Stunden iſt er fortgeritten— ich ſelbſt habe ihm ſein Pferd geſattelt.“ 623 „Ich weiß, daß er gerade um die Zeit des Luncheon in Sir Arthur's Zimmer war,“ berichtete der Kammerdiener, „denn da ich ſah, daß mein Herr unwohl war, ſo ging ich hinauf um nachzufragen, ob er etwas bedürfe, und weil ich ihn nicht ſtören mochte, ſo horchte ich an der Thüre. Ich hörte laut im Zimmer reden, und kann darauf ſchwören, daß Vater Peter einer der Sprechenden geweſen ſeyn muß. Es war gerade um die Zeit, als der Sturm losbrach.“ Edgar blickte düſter zu Boden, und Dudley fragte: „Vernahmen Sie etwa Worte, welche geſprochen wur⸗ den, Sir?“ „Ja,“ erwiederte der Mann,„Sir Arthur ſchien ſehr zornig und ich hörte ihn ausrufen:„Schurke, Schurke, Schurke! Ich wollte die Thüre öffnen und hatte ſchon die Hand auf der Schnalle, da fing aber Sir Arthur an, ruhiger zu ſprechen, woran ich merkte, daß Niemand ihn verletze.“ „Laßt uns lieber unterſuchen, wie das Feuer urſprüng⸗ lich entſtand,“ bemerkte Kapitän M...,„denn dieſe Ge⸗ ſchichte ſcheint mir ein ſehr ernſtes Anſehen zu gewinnen, wenn ſich nicht nachweiſen läßt, daß der Brand, wie wir ſeither glaubten, durch den Blitz entzündet worden.“ „O du lieber Gott! freilich iſt der Blitz daran Schuld,“ rief einer von den Parkhütern.„Ich ſtand eben auf dem Littlegreen Hügel, wie wir ihn nennen, gerade auf der andern Seite des Parks nach hinten; da ſah ich einen ganzen Strom aus der Luft herabkommen, ungefähr ebenſo, wie ich ſchon einen Löffel voll brennenden Pechs ausſchöpfen ſah, nur zehnmal ſchneller; es traf die Ecke des Daches, und in einem 624 Augenblick waren alle Schieferplatten wie Spreu ausein⸗ ander geflogen und dann ſchlug an derſelben Stelle die Flamme empor. So machte ich mich denn auf die Beine ſo ſchnell ich konnte, und hörte nicht eher auf zu laufen, als bis ich die Bedientenhalle erreicht hatte; aber da ſtand ſchon das ganze Haus in Flammen.“ „Das lautet ſoweit befriedigend,“ verſetzte Kapitän M...„und ich glaube, mein theurer Adelon, Sie werden zu dem Schluß gelangen, daß das traurige Ereigniß, das wir alle beklagen, durch natürliche Urſachen hervorgerufen wurde. Daß die Unterredung zwiſchen Ihrem Vater und Mr. Filmer einen zornigen aufregenden Charakter an ſich trug, iſt wahr⸗ ſcheinlich; Sir Arthur, der ſchon am Morgen ſehr erſchüttert ſchien, war wenig im Stande, neue Angſt und Betrübniß zu er⸗ tragen; er mag alſo vor oder nach dem Abgange des Prieſters in Ohnmacht gefallen ſeyn, und der erſtickende Rauch das Uebrige gethan haben. Sie würden Ihren eigenen Kummer, der ohne⸗ hin ſchmerzlich genug ſeyn muß, durch einen Argwohn, wozu ich für jetzt keine Urſache einſehe, nur unnöthig vermehren.“ „Keine Urſache, mein Freund,“ rief Edgar.„Wenn Sie dieſes Papier, das ich hier in der Hand halte, das ich aber Niemand zu zeigen wage, leſen könnten, dann würden Sie alsbald erkennen, daß ich Urſache habe, jenen ſchlechten Menſchen jeder Schandthat für fähig zu halten, denn da iſt kein Frevel, keine Verruchtheit, die er nicht ſelbſt begangen oder Anderen angerathen hätte, und das Alles bekennt er hier als Mittel zu einem großen End⸗ zweck. Der Zweck verdient in der That unſern Fluch, wozu ſolche Mittel nöthig ſind; was ſo unheilige Pfade betritt, kann unmöglich heilig ſeyn. Dieſes Papier gibt mir Veran⸗ laſſung zu tiefem Nachdenken;“ es kann eine Aenderung aller * Die kurze Geſchichte eines Lebens, wie es hier angedeutet wurde, wird dem Publikum vielleicht ſpäter übergeben werden, da ſie wohl ebenſo intereſſant als belehrend ausfallen dürfte, läßt ſich aber aus verſchiedenen Gründen für jetzt noch nicht dem Drucke anvertrauen. 4 625 meiner Anſichten bewirken, und wird mich vielleicht zum Aufgeben mancher von Jugend an eingeſogener Meinungen bewegen, wenn ich finden ſollte, daß eine Religion, die ich ſeither als rein und heilig betrachtet habe, zu ihrer natür⸗ lichen Stütze des Betrugs, der Unwiſſenheit und des Un⸗ rechts bedarf. Ich ſage nicht, wie ich handeln werde, denn dies weiß ich ſelbſt noch nicht; aber ich ſage und ich weiß ſo viel, daß mich dieſes Dokument zu einer Reviſion aller meiner früheren Ueberzeugungen zwingt, und ich hoffe, Gott wird mir Einſicht verleihen, um am Ende richtig zu urtheilen.“ „Bitte Gott, daß dies geſchieht,“ mahnte Eda Bran⸗ don, ohne etwas weiteres beizufugen, obwohl ſie fahlte und immer gefuhlt hatte, daß eine Reltgion, welche auf Offen⸗ barungen zu beruhen vorgibt und dieſe Offenbarungen der großen Maſſe des Volkes dennoch vorenthält, ſchon von vorn herein mit einem Irrthume beginnt, welcher auch das heidniſche Götzenthum charakterifirt hatte, und zu den graſſeſten Be⸗ griffen, zu den gräulichſten Mißbräuchen den Weg bahnte. Es ennſtand eine allgemeine Pauſe, bis Edgar die Diener mit einem Winke entließ, indem er bemerkte: „Ich will euch nicht länger aufhalten, meine Freunde. Vielleicht daß euer Zeugniß ſpäter bei einem förmlichen Ver⸗ hore verlangt wird; in der Zwiſchenzeit vergeſſet nicht, daß dieſer Mann, dieſer Mr. Filmer, den wir Alle irriger Weiſe zu verehren gewohnt waren, der gräulichſten Betrügereien ſchuldig erwieſen und der ernſteſten Verbrechen angeklagt iſt. Sollte alſo einer von euch ihm begegnen, von ihm hören oder wiſſen, wo er zu finden iſt, ſo iſt es eure Pflicht, ihn der Juſtiz zu überliefern, damit die Anklagen wider ihn ge⸗ hörig unterſucht werden können. Für jetzt mögt ihr gehen und nach ſo vielen Mühen einige Erfriſchung zu euch neh⸗ men; ich bin überzeugt, meine Coufine wird euch ſeiner Zeit für die geleiſteten Dienſte danken und belohnen.“ Die höchſte geiſtige Anſtrengung ſchien ihn ſeither auf⸗ James. Der Ueberwieſene. 40 recht erhalten zu haben, bis die Diener und die übrigen Zu⸗ hörer das Bibliothekzimmer verlaſſen hatten; ſobald ſie jedoch fort waren, warf er ſich vor dem großen Tiſche in den Stuhl, wo ſein Vater ſo oft geſeſſen hatte, ſenkte den Kopf auf die gekreuzten Arme, und blieb mehrere Minuten lang ſtumm, während Eda, Dudley und Kapitän M.... ſich ernſthaft, aber leiſe beſprachen. Mittlerweile hatte der Regen zwar nachgelaſſen, aber die Wolken waren noch immer ſchwer und dunkel, und die Schatten des Abends begannen am Himmel heraufzuziehen; nur gegen Weſten ſah man unten am Horizont ein gel⸗ bes Licht, und Dudley bemerkte gegen Eda, indem er ihr die Hand auf's Haupt legte: „Sehen Sie, Eda, ſo leuchtet die Hoffnung mitten aus den Wolken des Kummers— ich will gehen und unſern Edgar anreden. Es gibt unter den heutigen Ereigniſſen noch Manches, was weit ſchmerzlicher iſt, als ſelbſt der Tod eines geliebten Vaters. Er muß durch neue Reizungen zum Han⸗ deln angeſpornt werden, und Veranlaſſung zur Thätigkeit iſt genug vorhanden.“ Und Edgar einige Schritte näher tretend, legte er ihm ſanft die Hand auf die Schulter, indem er begann: „Laſſen Sie ſich nicht vom Schmerze überwältigen, mein Freund. Schwerer Kummer hat Sie betroffen; aber Sie haben auch Pflichten zu erfüllen, Anſtrengungen zu machen, wichtige Schritte zu überlegen. In dem Zuſtande, in welchem ſich Brandon Houſe beſindet, kann Eda nicht wohl hier bleiben: unſer Freund Kapitän M... ſagt mir, dem armen Mr. Clive ſey ein ſchrecklicher Unfall zugeſtoßen, und er meint, Ihre Helene dürfte wohl einem neuen Kummer anheimfallen und ſich am Ende ohne Schutz ſehen.“ Dieſe Worte hatten neues Leben in Edgar geweckt, und er raffte ſich auf, während Dudley alſo fortfuhr: „Unter dieſen Umſtänden iſt Eda geneigt, auf dem Meierhofe, wo Raum genug vorhanden iſt, Zuflucht zu ſu⸗ ö *— & 627 chen; ſie wuürde dies nicht thun, wenn ſte und Helene ſich nicht gegenſeitig als Schweſtern betrachteten.“ In ſeiner ungeſtümen Weiſe ſtürzte Edgar zu ſeiner ſchönen Coufine, und drückte ihre Hand an ſeine Lippen, während ihm die Thränen in den Augen ſtanden. „Dank, Eda, Dank,“ rief er—„Dank für Helene wie für mich. Ich weiß, was Dich nach dem Meierhofe führt, und ich werde mit Dir gehen.“ „Wir wollenallehingehen,“ erklärte Dudley.„Ich hoffe⸗ daß unſere ſchlimmen Ahnungen voreilig erfunden werden; aber ſollte das Schlimmſteeintreten, ſo wird Helene allen Troſt finden, der ihr nur irgend gereicht werden kann. Erſt aber iſt bier noch Vieles zu bereinigen, Edgar, und wenn ich jetzt auch kühn mein Recht, für Eda aufzutreten, in Anſpruch nehme, ſo iſt es doch am paſſendſten, wenn ihr nächſter und liebſter Anverwandter in Allem, was geſchieht, ſeine Stimme mit der meinigen vereinigt: Außerdem haben wir noch eine letzte Aufgabe, Edgar, die Sie mir anvertrauen müſſen: ſo ſchmerzlich ſie auch iſt, ſo glaube ich Ihnen verſprechen zu können, daß ich ſie ganz nach Ihren eigenen Wünſchen loͤſen werde; ſollte ſich irgend ein Anſtand erheben, ſo werde ich mich deßhalb an Sie wenden.“ „Dudley, wir ſind Brüder,“ murmelte Edgar, ihm warm die Hand drückend: dieſer wendete ſich einen Augen⸗ blick bei Seite, indem er antwortete: „Kommen Sie, Edgar, wir müſſen Weiſungen erthei⸗ len, um bier einige Ordnung wiederherzuſtellen; auch müſſen wir eine Wache aufſtellen, daß das Feuer, wenn es irgendwo aus der Aſche wieder auflodern ſollte, ſogleich geloͤſcht wer⸗ den kann. Iſt dies geſchehen, ſo wollen wir alle auf den Meierhof gehen, und nachdem wir uns von Mr. Clive's Zu⸗ ſtande überzeugt, wird Kapitän M.. und ich Sie mit Eda dort zurücklaſſen und irgendwo für die Nacht ein Unterkom⸗ men finden. 40* Sechsundvierzigſtes Kapitel. Die Wolken hatten den Himmel geräumt, die Sterne ſchienen hell und klar, als Edgar Adelon mit ſeiner Baſe Eda nebſt Dudley und Helenen an Mr. Clive's Bette ſtand; aber die Wolken des Kummers waren nicht aus ihrer Seele gewichen, der Stern der Hoffnung hatte ſich verſteckt, wenn er auch am Himmel ſeyn mochte. Neben dem Kranken ſaß ein Arzt, welcher ihm den Puls fühlte; Helenens Blicke waren voller Spannung auf das Geſicht des Doktors geheftet, der ſeine Augen nach einer Weile zu ihr emporſchlug und ernſt⸗ haft mit dem Kopfe ſchüttelte. „Es iſt umſonſt, mein Kind,“ ſagte Clive in leiſem, ſchwachem Tone.„Ich ſtehe am Vorabende der langen Reiſe; das Leben und mit ihm manche Angſt und Sorge geht zu Ende; ich fühle, wie der Tod mich raſch erfaßt. Ich gehe an einen glücklicheren Ort, wo mich Nichts von dem Allem ſtören kann, und wo Deine geliebte Mutter mich ſchon lange erwartet. Dieſes Gefühl, dieſe Hoffnung würden mich wohl ruhig von hinnen ziehen laſſen, Helene, wenn nicht gerade jetzt alle zärtlichen Bekümmerniſſe eines Vaterherzens um das Woblergehen ſeines Kindes ſtärker als je in mir auf⸗ lebten. O, wer kann jemals wiſſen, wenn er es nicht ſelbſt erlebt hat, welche Aengſte, welche Hoffnungen, welche Ge⸗ danken und Bekümmerniſſe um unſere Lieben in jedem Au⸗ genblicke des Daſeyns eines Vaters Herz bewegen und ſein Leben zu einer langen Sorge für ſie machen. Ich ſollte mich allerdings in dieſer letzten feierlichſten Stunde nicht durch ſie ſtören laſſen; aber dennoch, Helene, iſt Dein Schickſal meine Bekümmerniß, mein einziges Anliegen.“ Helene weinte; doch Edgar Adelon trat abermals an das Bett des Sterbenden, und ſagte mit ernſter, flüſternder Stimme: „Aengſtigen Sie ſich nicht, Mr. Clive; werfen Sie dieſe Sorge von ſich. Helene iſt die Meine, ſobald ſie nur — — 727m 629 immer will. Ich bin jetzt leider mein eigener Herr, kann thun, was ich fuͤr's Beſte halte— und dies, weiß ich gewiß, iſt das Beſte,“ indem er Helenens Hand ergriff und küßte. „Uebrigens kann es noch weitere Beſorgniſſe für Sie geben, Mr. Clive,“ fuhr er fort.„Sie können denken, daß Helene, auch wenn ſie Edgar Adelons Weib iſt, doch immer ein un⸗ glückliches Weib ſeyn kann; aber ich gelobe Ihnen ſo feierlich als der Mann überhaupt geloben kann, daß mein ganzes Daſeyn ihrem Glücke geweiht ſeyn ſoll. Wenn jemals etwas vorfallen ſollte, was, wie man ſagt, die häusliche Ruhe trüben könnte, ein haſtiges Wort, eine zornige Laune, ein unzufriedener Gedanke— meine tiefe Liebe ſagt mir zwar, daß dies nicht möglich iſt— ſo will ich dieſes Augenblicks, will meines Verſprechens und des Schickſals meiner eigenen theuern Mutter gedenken, und mich von ganzem Herzen be⸗ eilen, Helenen zu verſöhnen. Sie kennen mich, Mr. Clive, Sie wiſſen, wie ich ſie von Kindheit an geliebt habe, und Sie werden wohl nicht zweifeln, daß ich ſie bis an s Ende lieben werde.“ „Ich zweifle nicht an Ihnen, Edgar,“ ſagte Clive ſehr, ſehr ſchwach.„Ich habe Sie, wie Sie ſagen, ſeit Ihren Knabenjahren gekannt und bewacht; ich weiß, daß Ihr Ent⸗ huſiasmus in Liebe und Freundſchaft nicht allein warm, ſondern auch dauernd iſt. Auch der meine war es, nur war er mit zu viel Heſtigkeit verbunden. Ich zweifle nicht im Geringſten an Ihren Abſichten; ich zweifle nur, ob nicht Andere ſich einmiſchen und Ihnen verbieten werden, was Sie für ſich ſelbſt gewiß zu thun geneigt wären.— Sie ſagen, Sie ſeyen Ihr eigener Herr; ich weiß nicht, was Sie damit meinen.“ „Mein Vater iſt hingegangen, wohin ihr Vater gehen wird,“ erwiederte Edgar traurig den Kopf ſchüttelnd:„wir waren Kinder zuſammen und ſollen auch zuſammen Waiſen werden— unſer Schickſal wird in Allem nur eines ſeyn. Sie iſt mein, ich gehöre ihr mit Herz und Sinn, in Liebe 630 und Wahrheit, in Hoffnung und Furcht, in Freude und Kummer dieſer Erde, und ich hoffe auch im Himmel werden wir nur Eins ſeyn.“ „Amen!“ ſprach Clive und hob die Hand, als wollte er ſeinen feierlichen Segen geben, während ſein Haupt auf das Kiſſen zurückſank, und der Geiſt enifloh. Zu Brandon⸗Houſe, wie auf dem Meierhofe wurden viele Thränen vergoſſen, und an einem und demſelben Tage, von den nämlichen Leidtragenden begleitet, wurden die Re⸗ präſentanten der alten und edlen Häuſer Adelon und Clive auf dem gleichen Begräbnißplatze— der alten Abtei— der Erde übergeben. Sie waren in demſelben Glauben geſtorben, in welchem ſie und ihre Vorfahrer aelebt hatten, und ein katho⸗ liſcher Prieſter— ein eben ſo trefflicher und liebenswürdiger Mann, wie der, den mir eine peinliche Aufgabe zu ſchildern gebot, ſchlecht und niederträchtig war— verrichtete unter den zerfallenen Ueberreſten vergangener Jahrhunderte die letzten Gebräuche ſeiner Kirche. Mehrere Monate verſtrichen; Eda Brandon und Helene Clive hielten ihre Trauerzeit auf dem Meierhofe, während Edgar ſeine Wohnung in dem Parkhäuschen zu Brandon aufſchlug, und mitten unter ſeinen Büchern ſich ſelbſt in tie⸗ fen Studien zu vergeſſen ſchien, wenn er nicht ſeine Stunden bei der Geliebten zubrachte. Dudley war mehr als einmal abweſend, und blieb mehrere Wochen aus; doch glaubte Eda Brandon ſeine Leidenſchaft darum nicht kälter, und wußte recht wohl, daß ſie keinen Grund zu dieſer Vermuthung hatte, denn er war damit beſchäftigt, die letzte Spur des Ueber⸗ wieſenen von ſeinem Namen abauſtreifen, und die Beweiſe ſeiner Unſchuld vor der Welt ſo klar zu machen, daß Zweifel oder Beſchämung ihn nie mehr heimſuchen konnten. Ebenſo hatte er ſein Eigenthum zurückzufordern, und erhielt es auch wirklich, was jeden Verdacht, als ob er bei ſeiner Heirath 631 mit Eda Brandon eher Reichthum als Liebe ſuche, von ihm ferne hielt, und gegen den Herbſt, faſt um dieſelbe Zeit des Jahres, da er Brandonpark zum erſtenmale beſucht hatte, wurde ſein Schickſal am gleichen Tage, da Helene Edgar Adelons Gattin wurde, mit dem ihrigen vereinigt. Wollten wir behaupten, daß jede Spur jener Ereigniſſe, welche ſein früheres Leben mit ſo dunklen Wolken beſchattet hat⸗ ten, in der tiefen Wonne ſeiner Verbindung mit der Geliebten gänzlich verwiſcht worden ſey, ſo wäre dies unrichtig, denn ein Schatten ruhte immer über ihm; aber wenn ſein Glück viel⸗ leicht auch ernſterer Art war, als es wohl geworden waͤre, wenn eine ſtets wolkenloſe Sonne ſeine ganze Laufbahn be⸗ ſchienen hätte, ſo war es darum nicht weniger tief, nicht weniger voll und dauernd. Edgar Adelons Verbindung mit Helene war Clive mit helleren, glänzenderen Tagen geſegnet, nur man wunderte ſich nicht wenig, daß die Weihe der römiſchen Kirche zu ihrer Trauung nicht eingeholt wurde; doch ging ſehr bald das Gerücht, daß Beide wenige Tage zuvor den Irrthümern, in denen ſie auferzogen worden, im Stillen und ohne irgend Aufſehen zu erregen, entſagt hatten. Edgars Nachforſchun⸗ gen hatten ihn endlich zur Ueberzeugung gebracht, und Beide handelten mit offenem, ungetrübtem Gewiſſen in dem Be⸗ wußtſeyn, daß weder Ueberredung, noch Sophiſterei oder Eigennutz irgend einen Einfluß auf ſie gehabt hatte, daß vielmehr das einfache Studium des heiligen Wortes, das in ſo vielen Ländern der Erde dem Wahrheit Suchenden ent⸗ zogen wird, dieſe letztere ihnen geöffnet hatte und durch Nie⸗ mand mehr geraubt werden konnte. 4 Mr. Filmers Schickſal blieb ein Geheimniß. In Eng⸗ land wurde er nie wieder geſehen; doch ſchrieb Kapitän M.. ſeinen Freunden zu Brandon, daß er auf ſeiner Braut⸗ reiſe durch Italien unter den Mönchen zu Camaldoli ein Geſicht bemerkt habe, welches Niemandals Vater Petern ange⸗ hört haben fonnte. So viel iſt gewiß, daß Daniel Connor 632 nicht lange nachher ſich nach Rom aufmachte— das Reiſe⸗ geld hatte er aus jenem Lande erhalten— und für ſeine eigene Perſon in den ſtrengſten Büßerorden eintrat. Norries lebt noch in Auſtralien. Man glaubt, er hätte vor einiger Zeit volle Begnadigung erhalten fönnen, wenn er darum nachgeſucht hätte; aber er that es nicht, iſt viel⸗ mehr da, no er wohnt, vollkommen zufrieden, während er eine neue Bevölkerung rings um ſich aufwachſen ſieht, welcher er von Zeit zu Zeit ſeine ausſchweifenden Anſichten üͤber poli⸗ tiſche Gegenſtaͤnde mittheilt. Er hat jedoch Erfahrung aus der Vergangenheit geſchöpft, und was er auch für ſich ſelbſt ſuchen mag und Andere zu ſuchen lehrt, ſo hält er doch im⸗ mer an der Maxime feſt, daß moraliſche Nöthigung das einzige gerechte Mittel ſey, wodurch man über Unbilligkeit oder Unrecht triumphiren könne. „Die Axt, das Schwert und die Pike,“ ſagt er,„ge⸗ hören den Jahrhunderten an, wo phyſiſche Gewalt über die geiſtige obſiegte. Das Zeitalter der Vernunft und morali⸗ ſcher Macht hat begonnen, Wahrheit und Ueberzeugung find die Waffen, won it die Guten ſich zum Kampfe wappnen und die Schlimmen beſiegen müſſen. Die Stimme einer Nation iſt ein Donner, der das Gebrüll von tauſend Kano⸗ nen aufwiegt, und Rechtſchaffenheit, Wiſſenſchaft und Kennt⸗ niſſe bilden Armeen, denen kein Heer der Welt zu wider⸗ ſtehen vermag.“ Ende. Nmſiſſſnſſſſſſſ 12 1 Wrnaganunnnnpmnnnn 8 9 10 11 14 15 1 1 3 6