— — 5 h 3 Ü, 4 aa, Wausee, Aoze(feleea 1 4 3 3 8(f 7) ene geocnen Zowodn Laken— getnene e Vaean, 5 2 Oh, —2 laaztege. 5 Taſchen⸗ Bibliothek der wfchtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Buchdruckerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaß t von Mehren, und herausgegeben Fen V Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 60. Baͤndchen. Mit einem Kupfer. II. Theil. 3. Bändchen von China. ———— Nürnberg. Verlegt von hüuri Hanbenſtricker. * Taſchen⸗ Wibliothef wichtigſten und nretsfanteſter Reiſen durch CThina. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt von Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 3. Bändchen. Nürnberg. Verlegt von Heinrich Haubenſtricker. 1 830. 2 André Eykrard Wan⸗Braam⸗ Houck⸗ geeſt' s Reiſebeſchreibung der Geſandtſchaft der holländiſch⸗ oſtindiſchen Kom⸗ pagnie an den Kaiſer von China⸗ in den Jahren 1794 und 1795. Man den noͤthigen Geſcheuken und Schreiben an den Kaiſer von China verſehen, fuhren wir den 13. Okto⸗ ber 1794 im Angeſichte der Faktoreien und der Stadt Kanton in die Vorſtadt Honam in die Pagode Hauy⸗NYong⸗tſi, wo uns einige hundert chine⸗ fifche Soldaten empfingen. Am Eingange in die Pagode war ein breites doppeltes Zelt aufgeſchlagen; von der einen Seite bedeckte es das kaiſerliche Mittags⸗ mahl, welches ſchon in Ordnung aufgetragen war, und von der andern eine Art von Salon mit Tapeten und Stuͤhlen fuͤr die Mandarine, fur den Geſandten und fun mich. Dieſe Sitze, beinahe einen Halbkreis bil⸗ dend, waren ſo geordnet, daß der Dfong⸗kou, 4* 2⁵4 (Vice⸗Koͤnig, welcher eine Provinz regiert), der Fou⸗ vuen(Gouverneur) und der Hou pou(Oberzollauf⸗ ſeher) die 3 Stuͤhle im Mittelpunkte einnehmen, und daß Se. Excellenz und ich ihnen zur Rechten in einer kleinen Entfernung und ein wenig nach ihnen zugekehrt ſitzen ſollten, waͤhrend zu ihrer Linken 4 Sitze fuͤr den Pau⸗tchong⸗tſu, den On⸗tcha⸗ſu(Juſtizchef in einer Provinz), den Gimouan⸗tſu und den Leong⸗ t au beſtimmt waren. 7⸗ Nach der Begruͤßungszeremonie vor dem Namen des Kaiſers wurden wir zum Eſſen geladen, fuͤr wel⸗ ches wir uns ſehr bedankten. Die Feſtlichkeiten in dem Garten der Pagode dauerten bis 14 Uhr; hierauf kehr⸗ ten wir in unſere Faktorei zuruͤck. Als unſer Geſandte dem Tſong⸗tou, dem Fou⸗ ven und dem Houpou in der Stadt einen Beſuch abſtatten wollte, ſo ließ ihm der Vizekoͤnig bemerken, es ſey ihm nach den chineſiſchen Gebraͤuchen nicht erlaubt, Se, Exeellenz in ſeinem Palaſte, noch mit der Achtung zu empfangen, welche er verdiene; der Vize⸗ könig wuͤnſche daher, daß es der Geſandte nicht unguͤ⸗ tig nehme, wenn er ſich durch einen ſeiner Mandarine an der Thuͤre ſeines Palaſtes entſchuldigen laſſe, in welche Etiquette wir uns auch fuͤgten. — Den 13. November erhielten wir die guͤnſtige Ant⸗ wort des Kaiſers, noch vor Antritt des neuen Jahres nach Pecking zu kommen, damit er uns an dieſem feierlichen Feſte alle Pracht ſeines Hofes zeigen und 25⁵5 Se. Excellenz an den Feſtlichkeiten und Vergnuͤgungen des Hofes Antheil nehmen koͤnne; auch wuͤnſchte der Kaiſer, unſer Geſandte moͤchte 2 des Chineſiſchen kundige Europaͤer mitbringen, damit ſie im Noth⸗ falle als Dolmetſcher dienen koͤnnten. Da der 14. ein Tag von denjenigen war, welchen die Chineſen zu ihren Unternehmungen fuͤr guͤnſtig hal⸗ ten, ſo fing man an, die fuͤr den Kaiſer beſtimmten Geſchenke einzuſchiffen; den 19. gingen alle großen Ge⸗ ſchenke auf s Champanen unter der Begleitung eines vornehmen Mandarin mit dem weißen Knopfe und dreier anderer Mandarinen mit einem vergoldeten Knopfe nach Pe⸗king ab. Unſere Abſchiedsaudienz fand in der naͤmlichen Pagode ſtatt. Der Tſong⸗tou empfing uns ſehr liebreich und bezeigte ſeine Zufriedenheit, als wir uns zur Abreiſe bereit erklaͤrten. In dieſem Augenblicke gab man kleine Schuͤſſeln mit ſehr wohlſchmeckender Suppe, welche aus dem Mehle einer kleinen Erbſen⸗ art bereitet war, im Kreiſe herum, hernach Taſſen mit Thee. Bei dem Geraͤuſche eines Gomgom ſtand der Vizekoͤnig mit den Mandarinen auf; wir folgten ſei⸗ nem Beiſpiele. Sie ſtellten ſich auf die rechte Seite des Weges, wir nahmen die Linke ein, aufrecht ſte⸗ hend, und das Geſicht einander zugekehrt. Als die Begleitung, welche immer vorwaͤrts ruͤckte, zu uns kam, ſah ich, daß es der Brief des Kaiſers war, wel⸗ chen 8 Culis in ihren Amtskleidern auf einer Art 256 D. 3— 8 Tragſeſſel brachten, vor welchen 20 Diener in derſel⸗ ben Kleidung gingen. Es befand ſich auch ein Trag⸗ altar bei demſelben, auf welchem ein Gefaͤß Raͤucher⸗ werk duftete. Als der Brief, welcher ſich in einem langen, run⸗ den, mit gelber Seide uͤberzogenem Gefaͤſſe befand, bei uns voruͤberging, fielen alle Mandarine auf die Kuie; wir folgten ihrem Beiſpiele. Nach verſchiedenen Ze⸗ remenien wurde uns der Brief vorgeleſen und wir zu Diſche geladen, bei welchem wir noch mehr Pracht, als das erſte Mal fanden. Als wir die Gluͤckwuͤnſche der Mandarine unſerer Seits erwiedert hatten, folg⸗ ten wir 2 Fuͤhrern in den Garten Lopqua, wo eine ſolche Mahlzeit, wie die vorige, aufgetragen wurde, waͤhrend welcher Theaterſtuͤcke aufgefuͤhrt und geſchickte Wendungen und Spruͤnge gemacht wurden. * Den 24. begleiteten uns alle Perſonen, welche zur hollaͤndiſchen Kompagnie gehoͤrten, bis zu den Blu⸗ mengaͤrten, einem Orte eine Meile(10 Li) von der Stadt Kanton entfernt. Den 22. reiſten wir von hier ab. Die kleine Flotte beſtand aus mehr als 30 Fahrzeugen, von welchen die uns begleitenden Man⸗ darine und ihr Gefolge die meiſten einnahmen, denn wir hatten nur 12 Fahrzeuge fuͤr den Geſandten Iſaak Titſin und ſein Gefolge verlangt. Von Faa⸗ti(den Baumſchulen) ſetzten wir un⸗ ſere Reiſe 2 Stunden lang gegen Suͤd, hernach gegen Weſt und endlich gegen Nord fort. In der Nacht 257 fuhren wir bei der beruͤhmten Stadt Fohan, und den 23. vor Tſay⸗ nam, einem ziemlich betraͤchtlichen und ſehr angenehm laͤngs des Fluſſes gelegenen Orte bin und kamen um 9 Uhr fruͤhe zu Sau⸗cheuye⸗ hing⸗tauy an, welches 1/4 Stunde vor der Stadt San⸗cheuyeschen liegt. Bei erſterem machten wir Halt. Als unſere Fahrzeuge an dieſem Orte vor⸗ üͤberfuhren, ſtellte ſich die Beſatzung von San⸗cheuye⸗ chen in Parade auf dem Damme. Ich begab mich in die alte Stadt San⸗cheuye⸗ chen, welche nicht weit von dem ufer in einem ſchoͤ⸗ nen Thale liegt. Bei dem Thore angekommen, gab mir die Wache zu verſtehen, ich koͤnnte nicht hinein⸗ gehen. Als ich ihr aber auf eine hoͤfliche Art zeigte, daß ſie ſich vor mir nicht zu fuͤrchten habe, durchlief ſie mit mir einige Straßen. Von dem Dorfe Af⸗fauy⸗ſtauy laͤngs des Fluſ⸗ ſes gelegen, ſahen wir am 24. gegen Weſt eine lange Reihe ziemlich hoher Berge, welche Chac⸗cok⸗hu hießen, auf deren mitternaͤchtlichen Theile man einen Thurm von s Stockwerken erbaut hat. Der Fluß iſt hier im Allgemeinen nicht tief, aber voller Sandbaͤnke; ſeine Morgenſeite beſteht aus einer Thonerde, mit Sandlagern untermiſcht. Man baut in dieſem Theil eine große Menge Waizen und andere Getreidearten; wegen ſeiner hohen Lage iſt der Boden nicht zum Reisbau geſchickt. Gegen Mittag fuhren wir vor dem kleinen Dorfe 258 8 Tay⸗in⸗tſan vorbei, welches in der Naͤhe einet Hauptwache liegt, deren Soldaten ſich bei unſerer Ankunft zeigten. Die Gegenden um die zahlreichen Fluͤſſe und um die Straßen haben im ganzen Umfange des Reiches dergleichen Hauptwachen, immer eine Meile von einander entfernt; die Wache beſteht ge woͤhnlich aus 10 Mann und einem Offizier. Man ſieht in China ganze Felder mit ſchwarzem Waizen beſaͤet; auch die Zuckerrohrpflanzungen ſind ſehr zahlreich. Wir beſuchten den 24. eine Zuckermuͤhle, deren Zuſammenſetzung und Verrichtung ſehr einfach war. Dieſe Muͤhle hat 2 Walzen, welche mit 2 gro⸗ ßen Keſſeln alle Werkzeuge dieſer Manufaktur ausma⸗ chen. Das Rohr wird gepreßt, indem es zwiſchen bei⸗ den ſehr ſchweren Zylindern durchgeht, welche durch Hilfe eines Querbaumes von 2 Buͤffeln in Bewegung geſetzt werden. Der Saft aus dem Zuckerrohre wird dann in 2 Keſſeln gekocht, fuͤr welche man Loͤcher in die Erde gegraben hat. In der Stadt Tſing⸗yun:-chen hielten wir uns eine Stunde auf und befanden uns am 28. mit —-— Tagesanbruch bri dem Dorfe Pac⸗migo⸗ſan am weſtlichen Ufer des Fluſſes. Wir ſetzten unſere Reiſe durch den beruͤhmten Durchgang Tſang⸗nun⸗-hab, welcher durch 2 Reihen ſehr hoher und ſteiler Felſen gebildet wird. Der Fluß iſt an dieſem Durchgange gewoͤhnlich 750 Toiſen breit. Beide Ufer gewaͤhren einen erhabenen Anblick. In der Mitte dieſes Durch⸗ 259 ganges befindet ſich im W. das Kloſter Fi⸗lauy⸗tſi in einer ſolchen Lage, daß man es mit ſeinem Ruͤcken an dem Berge unter dem dichten Schatten der Baͤume angelehnt halten ſollte. Den ganzen Dag hindurch erblickten wir an beiden Seiten viele Berge; gegen Weſt ſind mehrere ihrer Hoͤhe wegen merkwurdig. Bei dem Dorfe Tay⸗pehing⸗cok im Weſten des Fluſ⸗ ſes befinden ſich viele Sandbaͤnke. Gegen Untergang der Sonne befanden wir uns an einer andern ſehr en⸗ gen Stelle zwiſchen 2 Reihen ſehr zerriſſener und un⸗ gleicher Felſengebirge. Der Weg ging dann bei ebenen Drten vorbei, außer in der Nacht, wo wir noch durch einen Durchgang mußten, deſſen ſehr hohe und her⸗ abhaͤngende Felſen einen unwillkuͤhrlichen Schauder erregten. Dieſer Ort heißt Ang⸗vong⸗hab. Von nun an ſahen wir wieder nichts als frucht⸗ bare Ebenen, beſonders gegen Oſten. Da ich der ho⸗ hen Ufer wegen die Fluren nicht recht uͤberſehen konnte, begab ich mich an das Land. Soweit mein Auge reichte, erblickte ich nichts als vortrefflich angebaute Felder, welche mich an die Provinz Utrecht erinnerten und in mir das ſuͤße Andenken an mein Geburtsland her⸗ vorriefen. Eine augenehme Abwechslung erblickte das Auge ringsum, wo man nicht den kleinſten Winkel vernachlaͤßigt oder unangebaut fand. Van der Stadt In⸗te ⸗chen iſt der Boden des gluſfes ganz mit großen Kieſelſteinen angefuͤllt. Sein 260 Bett iſt zu V'ong⸗hou⸗cong ſehr breit, aber vol von Sandbaͤnken. Den 26. ſahen wir einen Fiſcher mit abgerichteten Voͤgeln fiſchen; in der Nacht fuhren wir vor den be⸗ kuͤhmten Felſen vorbei, welche den Tempel der Goͤt⸗ tin Coun⸗y am einſchließen. Den 27. bemerkten wir bei dem Doͤrfchen Tein⸗v'ong⸗tſauy⸗ſan mehrere Berge von ſonderbarer Geſtalt hinter uns, un⸗ ter welchen viele einzeln ſtanden. Wohin wir auf bei⸗ den Seiten blickten, wurden wir eine Bergkette in einer Entfernung gewahr, welche uns dieſelben in einem wahrhaft maleriſchen Anblick zeigte, und uͤber welche nichts von der Art in einem Theile der Erde gehen konnte. Dem artig beſchatteten Doͤrfchen Tan⸗tchi⸗ki gegenuͤber auf der andern Seite des Fluſſes befindet ſich ein einzelner Felſen, deſſen Hoͤhe man mit den Augen nicht erreichen kann und der gerade am Rande des Waſſers ſteht, als wenn er einem fenkrechten Al⸗ ſchneiden unterworfen geweſen waͤre. Drei Viertheile von ſeiner Hoͤhe nach ſeinem Gipfel zu iſt ein großer weißer Fleck, welcher eine Grube zeigt; wie es auch um ihren Urſprung beſchaffen ſeyn mag, ſo ſind doch ihre Geſtalt und Schattirungen merkwuͤrdig. Bei dem Flecken Cok⸗cou⸗un⸗im fau befindet ſich am Ufer ein großes kaiſerliches Salzmagazin, zu welchem eine ſehr breite von Quaderſteinen erbaute Treppe vom Waſſer an fuͤhrrt.U 4 S? 261 Bei der Stadt Chao⸗tcheou⸗fou theilt ſich der Fluß in 2 Arme, deren einer, welchem wir folg⸗ ten, nach Nordoſt geht, waͤhrend der andere im Suͤ⸗ den der Stadt vorbeilaͤuft und ſeinen Lauf nach Weſt richtet. Gerade der Theilung des Fluſſes gegenuͤber erhebt ſich in der Mitte ſeines Bettes eine kleine hohe Inſel mit einem seckigen dburi, welcher 7 Stock⸗ wenke hoch iſt. Die Stadt Cbaoet eotefh. faſt ein wenig Maßeton als Kanton, hat ein kaiſerliches Zollhaus und eine ſtarke Beſatzung. Wenn man ſie von ihrer Außenſeite betrachtet, bemerkt man nichts, als ihren Wall wegen der niedrigen Haͤuſer und die Daͤcher der Tempel und Palaͤſte der Mandarine. Ihr Wall macht eine Kruͤmmung, und von Suͤd nach Nord betrachtet ſtellt ſie eine laͤngliche Figur vor. An ihrem aͤußerſten Ende iſt eine große Schiffsbruͤcke bei dem Zollhauſe des Houpou; an demſelben Punkte liegt eine ſehr ge⸗ raͤumige Vorſtadt auf Pfaͤhlen erbaut. Gegen die Mit⸗ ternachtſeite am Ende eines hohen Berges rblieet man einen geſchmackloſen dreiſtoͤckigen Thurm. Weil der Fluß nicht mehr tief genug war, um unſere Fahrzeuge zu tragen, ſo mußten wir kleinere nehmen, ſo daß unſere Flotte beinahe noch einmal ſo groß war. Die Matroſen entwiſchten, ſobald ſe he⸗ nahlt waren. Nachdem wir bei vielen und ſchoͤnen Doͤrfern vor⸗ beigereiſt waren, kamen wir zur ziemlich großen und nicht unanſehnlichen Stadt Nan⸗hiong⸗fon an. Die Beſatzung ſtand in Parade unter den Waffen am Ufer des Fluſſes hin und der Geſandte wurde mit 2 Salven empfangen, wie es bei allen Hauptwachen von Chao⸗tcheau⸗fou an der Fall geweſen war. Wir ſchifften uns aus und wurden von dem erſten Manda⸗ rin der Stadt in einem großen und artigen Gebaͤude empfangen, welches man ausdruͤcklich zur Aufnahme Chineſiſcher Großen, wenn ſie reiſen, erbaut hatte. Sobald man alles zubereitet hatte, was zur Fortſetzung unſerer Reiſe uͤber das Gebirg Moiling⸗ chan noͤthig war, verabſchiedeten wir uns von dem Mandarin und ſetzten uns in unſere Palankins. Außer⸗ halb der Stadt verließen wir jedoch dieſelben, weil der Weg gut war und weil uns die Gegend die praͤch⸗ tigſten Ausſichten gewaͤhrte. 4i Ueber verſchiedene Döͤrfer langten wir von der Stadt Moiling⸗chun an dem Fuße des Gebirges au. Der Weg uͤber dieſes Gebirge iſt ganz mit Qua⸗ derſteinen gepflaſtert, wie auch die ganze Straße zwi⸗ ſchen den Staͤdten Nan⸗biong⸗fou und Nan⸗ nang⸗fou, um das ſtaͤte Fortſchaffen der Waaren zu erleichtern. Bei der Hoͤhe des Engpaſſes findet man ſehr nahe am Wege einen von Felſen umringten Tem⸗ pel, welcher dem Cong⸗fu⸗thé gewidmet iſt. Nicht weit von dieſem Denkmale iſt die Pforte, welche die Provinz Quang-tong von der Provinz Kiang⸗ ſi ſcheidet. 225 263 Kaum hatten wir dieſe Pforte verlaſſen, als wir die lebhafteſte Ueberraſchung fuͤhlten, indem wir ſo⸗ gleich das praͤchtige Schauſpiel einer ungeheuern Ebene genoßen, welche am Fuße des Gebirges anfing und gluͤcklich von uns erreicht wurde. Mit Hilfe angezuͤn⸗ deter Fackeln ſetzten wir in der dunkeln Nacht unſere Reiſe fort, bis wir uns außerhalb des Walles der noͤrdlichen Vorſtadt der Stadt Nan⸗nang⸗fon befanden. Wegen des großen Handelsverkehres findet man allenthalben laͤngs des Weges hin, ausgenommen wo der Berg gar zu abſchuͤſſig iſt, unzaͤhliche Wirths⸗ haͤuſer fuͤr Reiſende. Den 4. Dezember fuhren wir vor San⸗chan⸗ tong vorbei, welches laͤngs des Fluſſes liegt und einen angenehmen Anblick gewaͤhrt; gegen 9 Uhr Morgens erblickten wir auf einem hohen Berge einen dicken Thurm mit 7 Stockwerken. Die Felder waren an beiden Ufern mit Zuckerrohr und Tabak, welcher hier haͤuſig waͤchst, obgleich er nicht ſo gemein iſt, als das Zuckerrohr, bepflanzt. Ich bemerkte an dieſem Orte viele Muͤhlen, welche das Waſſer des Fluſſes uͤber ſeine Ufer treiben, von welchen es ſich in Waſſerbe⸗ baͤlter ergießt, um durch Kanaͤle oder Waſſerleitungen in die Felder geleitet zu werden.— 4 „Nicht weit im Angeſicht des Ortes, bei welchem wir anhielten, beſuchte ich einen Tempel, welcher dem Kong⸗fun⸗the gewidmet iſt; er iſt ſehr groß und im guten baulichen Zuſtande. Der Saal, in welchem 264 der Name des Philoſophen auf einem Taͤfelchen auf⸗ geſtellt iſt, endigt ſich in einem praͤchtigen, achteckigen Dom, wie ich noch in keiner Pagode bemerkt hatte. Die Kuppel des Domes iſt ſtark vergoldet und durch Malereien verſchoͤnert; an ihrer Einfaſſung ſieht man an den Punkten, welche den Seiten des Achteckes entſprechen, goldene Charaktere. Nicht weit von die⸗ ſen zaͤhlte ich 62 Taͤfelchen auf kleinen Fußgeſtellen mit goldenen Charakteren, welche Namen von beruͤhmten Schuͤlern des Cong⸗fu⸗ thé enthalten ſollen. Den z. Dezember ſahen wir den ganzen Morgen jeden Augenblick bald ein Dorf, bald einen Weiler, bald eine Zurkermuͤhle, bald eine Ziegelſcheune oder eine andere aͤhnliche Anſtalt. Alles gab uns zu erken⸗ nen, daß das Land allgemein bewohnt und angebaut ſey. Beſonders zog der große, wohlgebaute Ort Yen⸗ cok⸗tchoun am Ufer des Fluſſes unſere Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich. Das ſtaͤte Gedraͤnge von Menſchen und die zahlreichen Fahrzeuge laͤngs des Ufers gaben einen lebhaften Handel zu erkennen. In der ziemlich großen und mit guten Manern verſehenen Stadt Kantcheou⸗fou draͤngten die neu⸗ gjerigen Zuſchauer ſich zu Tauſenden herbei, um die Fremden zu unterſuchen. In der Stadt erblickt man einen Thurm mit 8 Stockwerken, waͤhrend ein ande⸗ rer mit 9 Stockwerken auf einem Huͤgel am Ufer des Fluſſes, ungefaͤhr eine halbe Stunde Weges nach der linken Seite der Stadt zu, ſich zeigt. Die Spitze des 3 — 265 letztern iſt ganz mit Geſtraͤuchen bedeckt, einer ziemlich gemeinen Sache bei allen dieſen Thuͤrmen, welche von oben bis unten mit Moos bedeckt ſind. In dem großen Dorfe Tchu⸗tam⸗thong bega⸗ ben ſich alle unſere Chineſen in die Pagode des Tay⸗houong, des Schutzheiligen des gefaͤhrlichen Weges Thin⸗tſu⸗thaan. In der Chat verdient in der uͤblen Jahreszeit dieſe fuͤrchterliche Stelle dieſen Namen, weil der ganze Fluß voll ſpitziger Felſen iſt, deren Spitzen 2 ½ bis 3 Fuß uͤber die Waſſerflaͤche hervorragen und nur einen einzigen Ort laſſen, wel⸗ cher etwas tief iſt. Die Beſchaffenheit des Fluſſes aͤn⸗ dert ſich bei der Durchfahrt 2 Stunden lange nicht. Vermoͤge des guͤnſtigen Wetters, der Seichtigkeit des Waſſers und des hellen Tages kamen wir ohne Anſtoß durch. Nach dieſer gefaͤhrlichen Stelle hatten wir an beiden Seiten hohe mit Baͤumen beſetzte Berge, auf welchen man hie und da mehrere Weiler und viele Land⸗ haͤuſer entdeckte. Unter dieſen Bergen waren Einige bis an ihrem Gipfel mit einem kleinen Oelſtrauch be⸗ wachſen, welcher ganz mit Bluͤthen bedeckt, ein ent⸗ zuͤckendes Schauſpiel gewaͤhrte. Bei mehrern volkreichen Orten vorbei gelangten wir den 6. Dezember zu einer zweiten Pagode, welche dem Heiligen Tay⸗houong geweiht iſt. Die Fuͤh⸗ rer unſerer Champanen ſchlugen aus Ehrfurcht auf ihr Gomron und verbrannten ihm zu Ehren Papier fuͤr den geleiſteten Schutz. In der Stadt Van⸗ngan⸗ 60. Bd. China. II. 3. 2 266 chen, welche nach ihrem Walle zu urtheilen, denn dieſen konnten wir allein ſehen, nicht unbetraͤchtlich ſeyn muß, wurde der Geſandte mit einer dreifachen Salve bewillkommnet. Bei unſerer Abreiſe verließen uns die Berge, ſo daß das Auge frei bis an den Ho⸗ rizont herumſchweben konnte. Die Stadt Tay⸗ho⸗ chen einige Li von dem Ufer des Fluſſes in der Ebene gegen Weſt gewaͤhrte uns einen angenehmen Anblick. Kurz vor dem Weiler Tun⸗tchin⸗paa wurde das weſtliche Ufer des Fluſſes wieder gebirgig und ſteinig und dauerte bis Faa⸗chak⸗tong fort. Den 1. wurde die Stadt Ki⸗ngan⸗fu unſer Zu⸗ fluchtsort. Wir wurden mit einer dreimaligen Salve empfangen. Ein großes Gedraͤnge und eine allgemeine Erleuchtung zeichneten unſere Gegenwart aus; nichts deſto weniger konnten wir etwas deutlich von dieſet Stadt ſehen, außer daß ſie betraͤchtlich lang iſt und am Ufer des Fluſſes hinlaͤuft, auf welchem ſich mehrert 100 Fahrzeuge befanden. Die Entfernung zwiſchen Tay⸗ho⸗chen und Ki⸗ngan⸗fu rechnet man auj 180 Li(28 Meilen). Den 8. waren wir fruͤhe vor der kleinen Stadt Kia⸗kiang⸗chan, deren Wall und Mauer betraͤcht⸗ lich iſt: dieſe zieht ſich ſogar uͤber den Gipfel zwein hoher Berge, an deren Fuße Haͤuſer ſtehen. Um die Stadt erblickt man mehrere ſchoͤne von Baͤumen beſchat⸗ tete Landhaͤuſer. Ein aͤhnliches Gemaͤlde bietet das oͤſtliche Ufer des Fluſſes dar. Da wir uns wegen der * 26) Seichtigkeit des Fluſſes im Oſten der Stadt Sin⸗ tu⸗chen nicht naͤhern konnten, ſo waren am weſtli⸗ chen Ufer Zelte zu unſerm Empfang aufgeſchlagen, Triumphbogen errichtet und alles zu unſerer Aufnahme vorbereitet.— Die Lage Tchong⸗eck's am Fluſſe, obgleich man es fuͤr keine Stadt haͤlt, betraͤgt mehr als 800 Toiſen. Das Ufer des Fluſſes, an welchem viele Gebaͤude ſind, iſt mit der groͤßten Sorgfalt un⸗ terhalten. Tchong⸗eck auf der Oſtſeite des Fluſſes iſt von der Stadt Sin⸗tu-chen 60 Li(10 Meilen) entfernt. Aaeber mehrere Doͤrfer und der Stadt Tong⸗chin⸗ chen kamen wir nach Nan⸗tcha ng⸗ fu, der Haupt⸗ ſtadt der Provinz Kiang-ſi, voon welcher aus man izu Fuß nach Pe⸗king reiſen muß, indem der Weg nach der Berechnung unſeres erſten Mandarin 28 Tage betraͤgt. Bei unſerm Austritte aus dieſer Provinzhauptſtadt fanden wir 2 Ehrenbogen hinter einander, zwiſchen wel⸗ chen 200 Soldaten in 3 Gliedern ſtanden. Bei jedem Ehrenbogen gab man eine dreimalige Salve. Wir ſetz⸗ ten unſere Reiſe fort bald durch an ſehnliche Orte, bald durch Weiler, unter welchen es mehrere ziemlich artige gab. Wir befanden uns in einer Gegend von ungleichem Boden, wo man kleine Berge erblickte; allenthalben war das Land angebaut. Den 15. kamen wir von der Stadt Kien⸗tchan⸗chen nach Ta⸗ ngan⸗chen und hatten viele Hinderniſſe wegen Fort⸗ 268 bringung des Gepaͤckes zu uͤberwinden, indem die Man⸗ darine wenig Macht uͤber die hindernden Coulis zu beſitzen ſchienen. Auf den Huͤgeln gibt es viele Stechpalmen, Schlag⸗ bolz, Eichen und Fahrenkraut. Auch bemerkte ich, daß die Schweine dieſer Gegend von jenen in Quang⸗ tong abweichen. Sie ſind ganz ſchwarz, haben keinen Haͤngebauch, einen kurzen und eingekehrten Ruͤſſel und lange, herabhaͤngende Haare. 3 Die Bewohner ſind hier im Allgemeinen von einer mehr dunkelrothen Farbe, als die mittaͤglichen Bewoh⸗ ner.— Unter den Wagen dieſer Provinz iſt eine ſon⸗ derbare Art Schubkarren, welche, nachdem ſie mehr oder minder beladen ſind, von einer oder zwei Perfo⸗ nen gelenkt werden, von deuen die erſte den Karren hinter ſich herzieht, waͤhrend die andere ihn bei den Handbaͤumen fortſchiebt. Das Rad, nach dem Ver⸗ baͤltniſſe des Karren ſehr groß, iſt im Mittelpunkte angebracht, wo die Laſt ruht, ſo daß die ganze Schwere auf der Achſe liegt, und die Schubkarrenkaͤrner den⸗ ſelben fortruͤcken zu laſſen und im Gleichgewichte zu erhalten brauchen. Das Rad iſt wie ein kleines 5 Rahm eingefuͤgt. Zur Aufnahme der Laſt iſt an bei⸗ den Seiten des Schubkarrens ein Vorſprung, in wel⸗ chen die Sachen gelegt werden oder auch Perſonen ſitzen koͤnnen. Von dem 12. Dezember bis zum 16.,„dem Tage unſerer Ankunft in der Provinz Kiang⸗nam, in 269 welcher die Hauptſtadt Con⸗ding⸗fu, bekannter unter dem Namen Nam⸗king iſt, hatten wir uns in beklagen uͤber ſchlechtes Nachtquartier, uͤber Unge⸗ horſam der Coulis und uͤber ſchlechtes Wetter. In dem Gebiete dieſer Provinz gingen wir mei⸗ ſtentheils auf ſteinernen Bruͤcken mit s„2, 8 oder einer noch geringern Anzahl von Pfeilern uͤber mehrere Arme von Fluͤſſen. Keine Bruͤcke iſt hier gewoͤlbt. Ueber 2 Fluͤſſe fanden wir Bruͤcken, welche auf ſchwimmen⸗ den Bambus ruhten. In vielen Orten trafen wir bluͤ⸗ hende Fabriken und betriebſame Einwohner. Von der großen Stadt Tay⸗-ha⸗chen auf einer Inſel zwi⸗ ſchen 2 Armen des Fluſſes kamen wir nach Tcheou⸗ tfi⸗eck. Auch ſahen wir 4 ſteinerne Triumphbogen von ſehr hohem Alter in einem noch guten Zuſtande. Bei der Stadt Tſien⸗chan⸗chen bemerkte ich einen ſechseckigen, ſechs Stockwerk hohen Thurm, welcher ſich von andern durch ſeine Spitze, welche in eine Laterne endigte, unterſchied. Unſere heutige Reiſe war groͤß⸗ tentheils uͤber Gebirge gegangen, auf welchen der kleinſte Fleck angebaut iſt.— Wir ſahen auch den 17. mehrere ſteinerne Triumph⸗ bogen. Nahe bei der Stadt Tſien⸗chan⸗chen ſte⸗ hen fuͤnf nahe beinahe beiſammen; vier befinden ſich am Nande des Weges, der fuͤnfte aber in der Mitte des Weges. Auf mein Nachfragen erfuhr ich, daß dieſe Werke der Baukunſt dem Andenken tugendhafter Perſonen gewidmet ſeyen. Der Kalſer ſorgt felbſt fuͤr 270 deren Erhaltung, Zu den tugendhaften Perſonen werden gerechnet: 1) Hundertjaͤhrige, weil man nach der Meinung der Chineſen nur durch eine maͤßige und tugendhafte Lebensart dahin gelangen koͤnne; 2) die Kinder, welche ſchoͤne Zuͤge kindlicher Liebe gegeben haben; 3) durch Keuſchheit ausgezeichnete Frauen; 4) Mandarine, welche in dem ganzen Umfange des ihren Befehlen anvertrauten Gebietes mit Treue und Gerechtigkeit regiert haben; 5) durch wichtige Dienſte, Thaten und Erfindungen ausgezeichnete Perſonen. Seit der Zeit unſerer Landreiſe habe ich bis jetzt 25 ſolcher Denkmaͤler angetroffen. Den 18. ſahen wir mehrere Weiler und 1 Ehren⸗ bogen. Abends uͤberſchickte uns der Fou⸗g uen des Bezirkes 100 Schinken und 100 eingeſalzene Enten mit Thee und Zucker auf die Rei e. Den 1¹9. entwiſchten 7 von meinen Coulis, und die andern s ſetzten mich 1/2 Meile von der Stadt Ton⸗ching⸗chen mitten in den Koth. Auf dem außerordentlich ſchlechten Wege nach Gu⸗ching⸗chen gingen die Coulis bis zum halben Fuße im Kothe und ſchwebten ſtets in Gefahr zu fallen wegen der Schluͤpfrigkeit des Weges. Dieß geſchah auch viermal und der Sitz, auf welchem ich ſaß, zerbrach ganz. Eine elende Kuͤche und die ſchlechte Wohnung ließen die eintretende Kaͤlte uns ſehr fuͤh⸗ len; alles war wie in der Mitte des Winters mit Glatteis bedeckt. Die Felder und die Baͤume waren ganz mit einem glaͤnzenden Weiß uͤberkleidet. Ueber 271 einen Berg fuͤhrte ein beſchwerlicher Weg. Zum er⸗ ſtenmal bemerkte ich heute eine Veraͤnderung an den Hunden; bis dieſen Augenblick und in den ſuͤdlichen Theilen des Reiches erblickte ich nur Pudel mit gerade ſtehenden Ohren; hier haben ſie herabhaͤngende Ohren und einen duͤnnen Schwanz; ſind gaͤnzlich von dem Pudel verſchieden und auch groͤßer als dieſer. Wegen Mangel an Coulis, denn um unſere Ge⸗ ſchenke zu dem Kaiſer zu bringen, waren geſtern 1000 Coulis nothwendig, mußten wir uns laͤnger aufhalten. Auch erfuhren wir, daß die Einrichtungen zu den Her⸗ bergen auf der Reiſe ganz und gar nicht von unſern Fuͤhrern und Mandarinen, ſondern von den Manda⸗ rinen jeder Provinz abhaͤngen. Den 22. ſtand der Reaum. Thermometer 2 8/% Grad unter dem Gefrierpunkte. Das Reiſen war wegen des holprigen Weges ſehr beſchwerlich. Wir gingen immer auf Ebenen mit kleinen Erhoͤhungen und Abhaͤngen hin; Berge ſahen wir nur in weiter Ferne und trafen auch wenig Fluͤſſe an. Ju der ziemlich großen Stadt Tau⸗chanschen ſah ich zum erſtenmale in kleinen Buden Mais, ſo wie eine Art kleiner platter Boh⸗ nen, welche in China, ſo wie der Mais fremd ſind und eingefuͤhrt werden. Ich zaͤhlte heute s ſteinerne Triumphbogen. Den 23. langten wir bei der Stadt Liu⸗tcheou⸗ fu an, und uͤbernachteten zu Tin⸗fau⸗ſé. Der Mandarin von Fong⸗vong⸗fu, einen hellblauen 272 Knopf tragend, ſtattete uns einen Beſuch ab und kuͤndigte uns die Abſetzung des Mandarin von Nu⸗ chin⸗chen wegen ſeines unhoͤflichen Betragens gegen uns an. Er beſchenkte uns mit 27 Kleidern von Schaf⸗ fellen fuͤr unſere Diener und Soldaten und einiges Obſt fuͤr uns. Das Fahrenh. Thermometer ſtand auf 22 Grad. Bei der Fortſetzung unſerer Reiſe unterſchied ſich die Beſchaffenheit der Orte nicht von jener, wel⸗ che wir heute durchreiſten. Auf unſerm Wege ſahen wir 7 ſteinerne Ehrenbogen, und zum erſtenmal einen Karren mit 2 Pferden: das eine war an die Deichſel, das andere an die Seite geſpannt. Er hatte viel Aehnlichkeit mit dem Fuhrwerk und den Karren in Geldern. Den 25. kamen wir gegen Mittag in die Stadt Ding⸗yung⸗chen, welche einen ſechseckigen Thurm von 7 Stockwerken ohne Spitze nicht weit von ihren Mauern hat. Wir hatten noch immer Verdruͤßlichket⸗ ten mit den Mandarinen, theils wegen der ſchlechten Speiſen, theils wegen der ſchlechten Wohnung, theils wegen der Coulis. Als die Herren van Braam und Dozy aus der Vorſtadt gingen und Verſuche mit den Schlittſchuhen machten, war das Erſtaunen der Chineſen uͤber ihre Geſchicklichkeit fo groß, daß ſie von allen Seiten herbeiſtroͤmten. In der ziemlich großen Stadt Hong⸗chanschen, welche 2 Thore aber keine Mauern hatte, hielten wir ſtill. Die Stadt Lin⸗ouay⸗chen liegt am Ufer eines ſebhr breiten 273 Fluſſes, uͤber welchen wir auf einer, auf 50 Schiffen ruhenden Bruͤcke gingen. Den 21. gingen wir auf einer außerordentlich lan⸗ gen Bruͤcke uͤber einen ſehr breiten Fluß. Sie iſt theils aus Werkſtuͤcken, theils aus Backſteinen erbaut, 205 Fuß lang, nach dem bloßen Anblicke zu urtheilen 20 Fuß breit, und hat eine laͤnglich gewundene Geſtalt. Sie hat 15 Joche, welche nicht an einander ſtehen, weil es an verſchiedenen Punkten s Abſaͤtze ohne Joche und Oeffn ungen gibt. Dieß iſt die groͤßte Bruͤcke, welche ich in China geſehen habe. In der Stadt Siu⸗tcheou, in deren Naͤhe wir noch drei Ehrenbogen fanden, ließen wir uns einen Hirsbrei bereiten; denn der Hirſe iſt hier die gewoͤhn⸗ liche Nahrung des Volkes, weil der Boden zu keiner groͤßern Getreide⸗Art geeignet iſt. Das Verſprechen der Mandarine uns Senften zu verſchaffen, welche von Maulthieren getragen werden ſollten, war groͤßer⸗ als daß ſie es halten konnten, denn der Gebrauch die⸗ ſer Thiere war auf dem Wege, welchen wir gingen, ganz unbekannt. Wir griffen daher wieder zu unſern Palankinen, und ſetzten auf Faͤhren uͤber den Fluß⸗ welcher ſehr breit war und Eisſcholen trieb. Nachmittags gingen wir uͤber eine ſchoͤne Bruͤcke, welche, ganz aus Werkſtuͤcken erbaut, die beiden Sei⸗ ten eines Thales mit einander verbindet, 35 Fuß breit, beinahe 800 Toiſen lang iſt und 100 nicht gewoͤlbte Joche hat. An beiden Seiten iſt ein ſteinernes Ge⸗ 274 laͤnder angebracht, welches 24/2 Fuß hoch und alle 15 Schritte mit einem liegenden, aber ſchlechtgehaue⸗ nen Loͤwen geziert iſt. An beiden Enden der Bruͤcke ſteht ein praͤchtiger Ehrenbogen mit 3 Durchgaͤngen; auf beiden Seiten derſelben iſt eine Art ſechseckigen offenen Pavillons mit einer Inſchrift zu Ehren des Baumeiſters. Zu meinem groͤßten Erſtaunen erblickte ich den 31. Dezember eine ganze Flotte von Schubkarren, alle von einerlei Groͤße; eine Flotte?— ja; denn ſie ſegel⸗ ten und hatten einen kleinen Maſtbaum, welcher ſorg⸗ faͤltig in einem getheerten Tuche oder an einer Kette an den vordern Theil des Karrens feſtgemacht war. Dieſer kleine Maſt hatte ein Segel von Matte oder noch gewoͤhnlicher von Leinwand und iſt 5— 6 Schuh hoch, 3—4 Schuh breit, und mit Schleifen, Segel⸗ ſtangen und Seilen verſehen, wie die chineſiſchen Fahr⸗ zeuge. Die Seile reichen bis an die Hebebaͤume des Schubkarrens und durch ſie lenkt der Kaͤrner die Maſchine. Gegen Abend betraten wir das Gebiet der Provinz Chan⸗tong; auch trafen unſere Mandarine einige beſtimmtere Anordnungen zur Beſchleunigung unſerer Reiſe.. Seit 3 Tagen bemerkte ich laͤngs der Heeresſtraße in allen Staͤdten, Doͤrfern und an andern Orten viele alte Schloͤſſer, welche denen glichen, welche urſpruͤng⸗ lich in Holland gefunden werden. Ich ſah manch⸗ 275 mal ſogar 3 an einem Orte. Da die Chineſen in ihrem Kriege keine Kanonen brauchen, ſo koͤnnen dieſe feſten Schloͤſſer Schutzorte ſeyn. Mit Anfang des Jahres 179 uͤbernachteten wir in der Stadt Tſeo⸗schen, welche außer einem hohen Thurm und einem Triumphbogen nichts Merkwuͤrdi⸗ ges enthaͤlt. Wir fanden keine Betten und mußten auf dem Boden ſchlafen. Die Haͤuſer der Stadt ver⸗ riethen Armuth, und dieſes war der Charakter aller Doͤrfer, welche wir heute durchreiſten. Im Hofe vor dem großen Betſaal des noch gut erhaltenen Tempels ſtehen 2 Cypreſſen, welche 400 Jahre alt ſeyn ſollen. Vor dem Tempel ſtehen 2 praͤchtige Triumphbogen, welche dem Andenken des Mong⸗fou⸗tſu, welcher fuͤr den groͤßten Philoſophen nach dem Confucins gehalten wird, geweiht iſt. Den 2. Januar reiſten wir von Yen⸗tcheou⸗ fou ab, dem Geburtsorte des großen Confucius uͤber eine ſehr ſchoͤne ſteinerne Bruͤcke, welche 260 Schritte lang und 32 Fuß breit iſt. Ueber die Staͤdte Quen⸗chang⸗chen, Tong⸗ ping⸗tcheou, Tong⸗ngoschen kamen wir in die Vorſtadt von Gin⸗ping-chen. Ein Mandarin mit einem blauen durchſichtigen Knopfe bezeugte uns ſeine Ehrerbietung und entfernte ſich gleich wieder. Ohne Zweifel hatte er der Wache Befehl gegeben, den Geſandten mit einer dreimaligen Salve zu empfangen, wenn er vorbeireiſte, denn es war das erſtemal, daß 2765 man ihm dieſe Ehre erzeigte, ſo lange wir zu Lande reiſten.— 8 In der Stadt Kao⸗tang⸗tcheou ſah ich einen achteckigen Thurm mit 12 Stockwerken, welcher der hoͤchſte war, den ich bemerkt habe. Die Doͤrfer und Weiler, welche wir den 4. ange⸗ troffen hatten, ſcheinen immerfort aͤrmlich und nur Huͤtten in dem ſchlechteſten und baufaͤlligſten Zuſtande zu ſeyn. In der ganzen Provinz Chang⸗tong be⸗ ſtehen die Haͤuſer aus einer trocknen Thonerde, welche bei ſtarkem Regen ſtarke Veraͤnderung erleiden; daher darf man ſich nicht wundern, wenn man in den Staͤd⸗ ten ſo viele eingefallene Haͤuſer ſieht. Ueber die unbedeutenden Staͤdte Nghen⸗chen und Te⸗cheou kamen wir den z. in das Gebiet der Provinz Tche⸗li. Auch in dieſer Provinz hatten die Doͤrfer und Weiler ein armſeliges Ausſehen und die Staͤdte ſchienen ſich ihrem Verfalle zu nahen. In die⸗ fer kalten Jahreszeit ſchickte uns ein Mandarin 2 rothe mit Pelz gefuͤtterte Maͤntel fuͤr mich und den Geſand⸗ ren und 27 andere Pelze fuͤr die uͤbrigen Herren und Perſonen unſeres Gefolges. Da beſonders fruͤhe eine druͤckende Kaͤlte berrſchte, ſo lernten wir den Werth dieſer Gabe um deſto mehr ſchaͤtzen. Den 9. durchreiſten wir die Stadt T ſo⸗tcheou, welche viel Handel zu treiben ſcheint. Beim Austritte aus der Stadt gingen wir uͤber eine ziemlich artige ſteinerne Bruͤcke, welche oso Fuß lang und z2 Fuß 277 breit war; 200 Fuß von ihrer Laͤnge waren gebogen, waͤhrend die beiden aͤußerſten Ende platt und ohne ſicht⸗ bare Neigung ſind. Hinter der kleinen Stadt Fee⸗ching-⸗ſés kamen wir durch ein ſandiges Thal zur Straße, welche bis vor das Thor von Pe⸗king geht. Ein praͤchtiger ſteinerner Triumphbogen mit 4 Durchgaͤngen eroͤffnet dieſelbe. In der Naͤhe dieſes Thores ſind 2 gleich viereckige Pavillons mit gelblakirten Ziegeln gedeckt; einige Theile ſind kuͤnſtlich gehauen und ganz vergol⸗ det. Eine Juſchrift enthaͤlt das Lob desjenigen, wel⸗ cher die Straße hat anlegen laſſen. Ich ſchaͤtze die gepflaſterte Breite des Weges auf 30 Fuß. Man kann ſich gar nicht vorſtellen, welche unzaͤhlbare Menge von Dromedaren, Pferden, Mauleſeln und Karren wir auf dieſem Wege antrafen. Alles verrteth deutlich die Naͤhe der kaiſerlichen Reſidenzſtadt. Nahe am Wege, nicht weit vom Thore der Vor⸗ ſtadt von Pe⸗king, ſahen wir einen achteckigen Thurm in 2 Theile abgetheilt; der unterſte Theil enthaͤlt nur ein einziges Stockwerk, waͤhrend der oberſte 13 Stock⸗ werke hatte. rn Bei dem Eintritte in die Vorſtadt ſtaunten wir, daß wir ſie nicht gepflaſtert fanden, da doch die Heeres⸗ ſtraße außerhalb der Stadt ein ſo ſchoͤnes Pflaſter hatte. Die Vorſtadt fuͤhrt den Namen Agauy⸗lau⸗tching. Nachdem wir in dieſer Straße ungefaͤhr 3/4 Stunden in der Richtung gegen Oft fortgereiſt und 10 Minuten 278 lang nordwaͤrts gegangen waren, kamen wir zum Thore der Stadt Chun⸗-ting⸗-fu oder Pe⸗king, welche auch King⸗tching genaunt wird. Wir waren nicht weit mehr von dieſem Thore weg, als der Befehl kam, daß wir in die Vorſtadt zuruͤckgetragen werden ſollten, was auch geſchah. Wir mußten hier zu unſerm groͤßten Erſtaunen in dem Wirthshauſe der Kaͤrner einkehren. Als wir un⸗ ſere Unwilligkeit uͤber dieſe Behandlung;aͤußerten, er⸗ hielten wir die Antwort, die Thore der Stadt ſeyen bereits geſchloſſen„ und wir muͤßten uns bis zu dem andern Tag gedulden, an welchem wir unſere Woh⸗ nung in der Stadt beziehen koͤnnten. Wir mußten mit unſern Kleidern auf dem Boden ſchlafen. Auf unſerer ganzen Reiſe haben wir nirgends ſoviel Unan⸗ nehmlichkeiten erduldet, als in der Provinz Tché⸗li. Auf Karren, deren Aeußeres nett iſt, fuhr man uns nebſt dem ganzen Gefolge durch die Stadt, deren Straße eben ſo breit iſt, wie jene der Vorſtadt. Die ſelten zweiſtoͤckigen Haͤuſer ſind nicht regelmaͤßiger ge⸗ baut, als in der Vorſtadt, indeſſen haben ſie einen allgemeinen Glanz, welchen man an den Haͤuſern der Vorſtadt nicht bemerkt. Die Vorderſeiten vieler der⸗ ſelben ſind mit Werken der Bildhauerkunſt geziert. Die Straße und ihre ungepflaſterten Theile waren mit Zelten bedeckt, in welchen Kaufleute feil hatten. Nach einer viertelſtuͤndigen Reiſe genoſſen wir von einer herrlichen Bruͤcke den herrlichen Anblick von einem 279 Theile der Gebaͤude des nicht weit entfernten kaifer⸗ lichen Palaſtes. Kaum hatten wir den Ehrenbogen am Ende der Bruͤcke verlaſſen, ſo hielten unſere klei⸗ nen Karren in einer engen Gaſſe ſtill. Aber in welches Erſtaunen geriethen wir, als wir abſteigen wollten und die Antwort erhielten, das Haus ſey noch nicht ein⸗ gerichtet. Wir mußten eine Stunde warten und fan⸗ den dann unſere kleinen Zimmer voll Staub. Den Boden von Stein bedeckten wir mit Matten; der gro⸗ ßen Kaͤlte ungeachtet dauerte es lange, bis wir etwas Feuer und die unentbehrlichſten Nothwendigkeiten er⸗ hielten. Drotz aller ausgeſtandenen Muͤhſeligkeiten langte die ganze Reiſegeſellſchaft geſund zu Pekingan. Den 11. Januar ſchickte der Kaiſer unſerm Ge⸗ ſandten einen praͤchtigen Stoer zum Geſchenke, wel⸗ cher wenigſtens 12 Fuß lang war, 200 Pfund wog und ganz gefroren war. Dieſes iſt eine der ausge⸗ zeichnetſten Gunſtbezeugungen des Kaiſers, weil dieſer Fiſch nur allein fuͤr ihn gefangen wird und ſeine Guͤnſt⸗ linge ihn nur von dem Kaiſer erhalten. Man machte uns auf dieſe Beſonderheit aufmerkſam und ſetzte hin⸗ zu, Se. Majeſtaͤt behandle uns guͤnſtiger als die Eng⸗ laͤnder im vorigen Jahre, welche niemals eine ſo ausgezeichnete Gunſtbezeugung erhalten haͤtten. Nichts deſto weniger war unſere Mahlzeit in der Hauptſtadt eben ſo ſchlecht, als auf der Reiſe. Den 12. mußten wir vor dem Kaiſer erſcheinen. Auf unſere Entſchuldigung, daß mehrere Herren we⸗ gen ihrer ſchlechten Kleidung,(denn der giößte Theil von unſerm Gepaͤcke war noch nicht gekommen), nicht erſcheinen koͤnnten, hieß es:„der Kaiſer wuͤnſche un⸗ ſere Perſon, nicht unſere Kleider zu ſehen.“ Durch das weſtliche Thor fuͤhrte man uns der Kaͤlte wegen in ein geheiztes Zimmer, deſſen ſchlechtes Ausſehen uns auffiel. Endlich fuͤhrte man uns auf den Platz vor dem Thore zuruͤck, um dem Kaiſer bei ſeinem Vorbeigehen den Brief der Generalkommiſſaͤre der hollaͤnd. Geſellſchaft zu Batavia zu uͤber⸗ geben. Wir ſtaunten uͤber die Art dieſes Zeremoniels, weil wir dieſen Brief in Linem der Saͤle des Palaſtes zu uͤberreichen erwarteten. Man ließ uns wenigſtens zwanzigmal den Ort und die Vtenu veraͤndern. Wir waren ſtets von einer unbeſchreiblichen Menge Zu⸗ ſchauer umringt; unter dieſen befanden ſich auch zahl⸗ reiche Abgeſandte von benachbarten Nationen und Mandarine in ihrer eigenthuͤmlichen Kleidung. Kach einer halben Stunde kam der Kaiſer durch das weſtliche Thor; er ſaß in einem gelben Palankin, welcher mit Seide uͤberzogen war und von 8 Traͤgern getragen wurde. Bei ſeiner Ankunft hieß man uns niederknieen und der Geſandte hielt mit beiden Haͤn⸗ den die vergoldete Buͤchſe in die Hoͤhe, in welcher der Brief an den Monarchen lag. Als der Kaiſer bei uns anlangte, hielt er ſtille, der zweite Miniſter nahm dem Geſandten die Buͤchſe aus der Hand und uͤber⸗ reichte ſie dem Kaiſer. Wir neigten dann das Haupt 281 dreimal bis auf die Erde. Nach dieſer Ehrfurchtsbe⸗ zeugung redete der Kaiſer mit dem Geſandten; erkun⸗ digte ſich nach ſeiner und ſeines Gefolges Geſundheit, und fragte nach dem Alter unſeres Regenten und des Geſandten. Nach Beantwortung dieſer Fragen ließ ſich der Kaiſer forttragen, wir bezeugten ihm unſere Ehrerbietung mit einer einzigen Kopfbeugung. Den Kaiſer trug man geradewegs gegen Weſten in einen, an ſeinen Palaſt angrenzenden Garten. Wir mußten ihm folgen, indem jeden von uns ein Man⸗ darin nahm und bei dem Arme fortſchleppte. Bei einem großen gefrorenen Deiche ſetzte ſich der Kaiſer in einen bedeckten Lehnſtuhl, welcher auf einem mit gelbem Stoffe beſetzten und gezierten Schlitten ſtand. In dieſem fuhr man ihn an den andern Punkt des Teiches, wo er ausſtieg und ſich in einen Saal be⸗ gab, um zu fruͤhſtuͤcken. Auch uns fuͤhrte man in ein Zimmer, welches ſo elend war, daß wir es auf der Reiſe kaum angenom⸗ men haben wuͤrden. Als es uns beſchwerlich fiel nach Chineſiſcher Art zu ſitzen, ſo fuͤhrte man uns nach einem Pavillon, welcher ziemlich gut ausſah und an einem verſchloſſenen Garten lag. Man brachte uns in ein eben ſo ſchlechtes Zimmer, jedoch hatte es wenig⸗ ſtens Baͤnke und alte Tiſche. Um das Eindringen der Kaͤlte durch die Papierfenſter zu verhuͤten, brachte man uns Lichter auf großen hoͤlzernen Leuchtern. Die Ge⸗ 60. Bd. China. II. 3. 3 2 282 raͤthſchaften dieſes Orts erinnerten ganz an die Mo⸗ bilien einer hollaͤndiſchen Hauptwache. Nach dem Fruͤhſtuͤcke, waͤhrend delen wir vom Kaiſer 2 Schuͤſſeln Zuckerwerk(eine ſehr hohe Gunſt) geſchickt erhielten, lud man uns auf das Eis, auf welchem eine Menge Schlittſchuhlaͤufer ſich befanden. Ihre Schlittſchuhe unterſcheiden ſich von den euro⸗ paͤiſchen, daß dieſe vorne mit einem Eiſen endigen, waͤhrend jene an ihrem Ende ein Stuͤck Eiſen haben, welches rechtwinklig in die Hoͤhe ſteigt. Da man erfahren hatte, daß unſere Herren auch Schlittſchuh laufen koͤnnten, ſo wurden ſie zu einer Fahrt einge⸗ laden und erwarben ſich die große Bewunderung des Kaiſers und ſeines Hofes. Man hatte die Aufmerkſam⸗ keit, uns nahe an den Schlitten des Kaiſers zu ſtellen, Von dem Deiche fuͤhrte man uns zu einer Pforte von Bambusrohr, in deren Mitte lederne Kugeln auß gehaͤngt waren. Auch hier ſtanden wir neben dem Kaiſer, welcher mehrmals auf uns zu blicken geruhte Nun kamen Soldaten, je zwei, mit einem Bogen und Pfeil in der Hand und ſchoßen eiligſt laufend, der eine auf die lederne Kugel, der andere auf einen leder⸗ nen Hut, welcher nicht weit von der Pforte auf dem Eiſe lag. Dieſen folgte ein Haufe junger Leute und Kinder, welche beinahe alle das Ziel trafen. Die Kinder zeigten vorzuͤglich eine große Geſchicklichkeit. Waͤhrend dieſer Art von Beluſtigung ſah ich, daß der Teich, auf welchem wir waren, mit dem Waſſer — 283 zuſammenhing, uͤber deſſen praͤchtige Bruͤcke wir vor⸗ geſtern gefahren waren. In der Mitte dieſes Teiches liegt eine ſteinigte Inſel und auf dieſer ein ſchoͤner ſechseckiger Pavillon, in welchem der Kaiſer zuweilen mit dem Fiſchfange ſich ergoͤtzt. Nach dieſen ſonderbaren Uebungen machten wir dem erſten Miniſter unſere Aufwartung, weicher uns freundlich aufnahm, ſich nach dem Befinden eines je⸗ den erkundigte und fragte, ob es uns ohne Pelzklei⸗ der nicht froͤre. Ueber letztern Punkt hatte uns auch der Kaiſer gefragt. In dem zweiten Hofe des kaiſerlichen Palaſtes ſind die Gebaͤude von den s Reichsgerichtshoͤfen, naͤmlich 1) das Tribunal des Ly⸗pu oder der Staatsregierung; 2) des Hu⸗pu(die Schatzkammer); 3) des Li⸗pu (der Ceremonien und Gebraͤuche); 4) des Ping⸗pu (des Kriegsrathes); 5) des Hong⸗pu(der Gerech⸗ tigkeit); und 6) des Cong⸗ pu(der allgemeinen Po⸗ lizei). Der kaiſerliche Palaſt macht fuͤr ſich eine kleine Stadt aus, welche von einer ſehr hohen Mauer ein⸗ geſchloſſen wird. Im Junern des Palaſtes ſtehen einige hundert Gebaͤude von einem herrlichen aͤußern Anſehen, welche durch Werke der Bildhauerkunſt verſchoͤnert werden. Reiche Vergoldung und ein Firniß von einer Art ro⸗ then und gruͤnen Lakes erhoͤht ihre Schoͤnheit, ihre Daͤcher ſind mit gelb lakirten Ziegeln gedeckt. Ein Kanal durchwindet ſchlangenartig den Palaſt. Wir 284 erblickten in der Ferne noch andere Gebaͤude, welche erſteren an Schoͤnheit nicht nachſtehen; aber auch an einigen Orten zwiſchen großen Gebaͤuden elende Huͤt⸗ ten und Haufen Unrath. Unſere mechaniſchen Kunſtwerke, welche durch das Tragen der Coulis ſehr beſchaͤdigt waren, bedauerten wir ſehr.. Bei mehrern Beſuchen, ſowohl bei dem erſten als zweiten Miniſter, hatten wir zu bemerken die Gele⸗ genheit, wie wenig das Innere der Gebaͤude dem Aeußern derſelben entſpricht. Die Zimmer der Mini⸗ ſter ſind ſo einfach und ohne allen Schmuck, daß man es kaum glauben kann, daß ſie dem kaiſerlichen Pa⸗ laſte angehoͤren. Wir gingen durch einige enge Orte, bei welchen wir Haͤuſer ſahen, die mehr den Sitz der Armuth, als den Aufenthalt eines Kaiſers verriethen, Der Kaiſer und die Miniſter waren mit unſerm Benehmen ſehr zufrieden und erkundigten ſich oft nach unſerm Beſinden. Den 46. Januar ſchickte mir der Kaiſer einen großen gelben Sack mit Weintrauben aus der Tarta⸗ rei, welche einen angenehmen Geſchmack hatten, aber klein und ohne Koͤrner waren. Die Mandarinen ſag⸗ ten mir, dieſe Trauben ſeyen gut fuͤr die Bruſt, Se⸗ Majeſtaͤt haͤtten mir dieſelben wegen meiner Heiſerkeit geſchickt. Ich machte dem Kaiſer den Ehrengruß, un meine Erkenntlichkeit zu bezengen. Wenn man von dem Kaiſer ein Geſchenk erhaͤlt, ſo iſt es ſtrenge Sitte⸗ 285 daß man das auf einen Tiſch ſetzt, auf die Knie nie⸗ derfaͤllt und ſich dreimal mit dem Haupte gegen die Erde beugt, indem man ſich auf die Haͤnde ſtutzt. Trotz aller Aufmerkſamkeit, welche man uns ſchenkte, hielt man uns doch auf der andern Seite wie Gefangene einſchloſſen. Einen Brief an die Mif⸗ ſionaͤre zu ſchreiben, hatten wir nicht die geringſte Ge⸗ legenheit. Keiner unſerer chineſiſchen Diener durfte es wagen, auf die Straßen zu gehen. Wahrſcheinlich befuͤrchteten unſere Fuͤhrer, durch die Miſſionaͤre moͤchte das Betragen der Mandarine zu Canton entſchleiert werden. Den 18. Jan. wurden die vorzuͤglichſten Geſchenke dem erſten Miniſter uͤberliefert; das Zimmer, in wel⸗ chem er krank lag, war ſo klein, daß kaum 6 Perſonen vor ſeinem Bette ſtehen konnten. Als ich ſein Zim⸗ mer verließ, zog mich Jemand bei Seite. Zu meiner großen Freude war dieß ein po rtugieſiſcher Miſ⸗ ſionaͤr, welchen ich fruͤher im Palaſte zu ſehen die Gelegenheit gehabt hatte. Ich druͤckte ihm die Hand und aͤußerte den lebhaften Wunſch, uns bei den Miſ⸗ ſionaͤren zu ſehen. Ich hatte kaum Zeit, ihm ein Billet zu uͤberliefern, als man mich mit Gewalt von ihm riß und hinausfuͤhrte. Einen Augenblick ſpaͤter ſah ich mein Billet in den Haͤnden eines der erſten Mandarine⸗ Unſere Geſchenke wurden von dem Kaiſer mit großer Zufriedenheit aufgenommen. Unſer Geſandte 286 befand ſich noch immer in krankhaften Umſtaͤnden; er trug mir deßhalb auf, fuͤr ihn die Beſuche zu machen. Den 1¹9. fuͤhrte man mich laͤngs des Walles des weſtlichen Thores nach Suͤd dann gegen Oſt bis zu einem andern großen Thore mit 3 Eingaͤngen. Durch dieſes kamen wir auf einen großen Platz in der Geſtalt eines laͤnglichen Viereckes, welcher gegen Mittag des Palaſtes liegt. Oeſtlich von dieſem Platze iſt ein Tem⸗ pel, in welchem auf Taͤfelchen die Namen der ver⸗ ſtorbenen Kaiſer ſtehen. Bei dem ſchwachen Lichte der Sterne(es war fruͤhe um ½ 5 Uhr) konnte ich ſo viel ſehen, daß an dreien ſeiner Seiten ein wenig erhabene Gebaͤude ſind, laͤngs welchen eine Gallerie binlaͤuft, welche auf Saͤulen geſtuͤtzt iſt, ausgenommen in der Mitte des ſuͤdlichen Theiles, an welchem ein 2 Stockwerk hohes Gelaͤude ſteht. um 6 Uhr wurde ich wieder auf den Platz zuruͤckgefuͤhrt, um die Ankunft des Kaiſers zu erwarten. Ich bemerkte, daß die Mauer des Palaſtes im Suͤden fortlaͤuft und 2 regelmaͤßige Flügel bildet, welche ich wenigſtens 150 Schritte lang und 120 Schritte von einander entfernt ſchaͤtze. In der Mitte dieſes Platzes iſt ein Thor mit 3 Eingaͤngen welche durch mit Eiſen beſchlagene Thuͤren geſchloſ⸗ ſen ſind. Ueber jedem dieſer Thore ſtehen 2 Stockwerk hohe Gebaͤude. In dieſem Theile iſt alles vollkommen ſymmetriſch und alles hat ein Auſehen von Groͤße. Nach meiner Schaͤtzung betraͤgt die Mauer des Palaſtes ungefähr 287 Schuhe. Ihre aͤußere Seite iſt, wie alle Mauern des kaiſerlichen Palaſtes, mit Gyps uͤberzogen und blaß⸗ roth angeſtrichen. Um 6 Uhr beſuchte der Kaiſer den Palaſt ſeiner Vorfahren und fragte nach ſeiner Ruͤck⸗ kunft nach den Geſundheitsumſtaͤnden des Geſandten. Als er meine Antwort erhalten hatte, entfernte er ſich. Unſer Oberaufſeher fuͤhrte uns durch ein Thor ge⸗ gen Suͤden und dann durch eines gegen Weſten in unſere Wohnung zuruͤck. Nach einer Stunde holte man uns ab, um uns in den Palaſt zu bringen. Durch ein Thor gelangten wir in die Naͤhe der kaiſerlichen Wohnzummer, denn wir trafen eine große Menge Ver⸗ ſchnittener an. Wir gingen durch mehrere von Oſten nach Norden laufende Durchgaͤnge und drangen immer tiefer in das Innere des Palaſtes. In einer dieſer Gaſſen, denn dieſen Namen verdienen ſie, ſprach ich mit dem 17ten Sohne des Kaiſers; er hatte eine ange⸗ nehme Geſichtsbildung und war ungefaͤhr 30 Jahre alt. Nach einigen angenehmen Kruͤmmungen kam ich in das Zimmer, in welchem ſich der Kaiſer aufhielt. Es wurde ein Luſtſpiel aufgefuͤhrt. Nachdem die Mongoliſchen und Coreiſchen Geſandten dem Kaiſer ihre Ehrfurcht bezeugt hatten, wurde ich dem alten Monarchen vorgeſtellt. Er ſaß mit kreuzweis geſchlagenen Beinen auf einem Sopha. Der Kaiſer ließ mir ſagen:„er habe ſein ssſtes Jahr erreicht, und Ich ſey der erſte Hollaͤnder, welcher das Gluͤck habe, ihm ſo nahe zu ſeyn.“ Nach einem 288 ehrfurchtsvollen Danke fuͤr dieſe ausgezeichnete Gnade ſtellte man mich zu den Abgeordneten. Man ließ uns alle auf den Boden ſetzen und brachte kleine Naͤſche⸗ reien, mit welchen der Kaiſer die Abgeordneten be⸗ ſchenkte. Auch ſchickte er uns 2 kleine Schuͤſſeln mit einer vortrefflichen gelben Gallerte. Nachdem der Kaiſer eine Taſſe Bohnenmilch getrunken hatte, brachte man uns eine Taſſe mit eben demſelben Getraͤnke. Alles dieſes uͤberreichten uns die vornehmſten Perſonen. Endlich theilte der Kaiſer an die Abgeordneten Geſchenke aus, welche vorzuͤglich in Saͤckchen mit Ta⸗ bak und in kleinen Glasbouteillen mit Schnupftabak beſtanden. Ich und mein Neffe erhielten eine gleiche Portion. Sie beſtand in kleinen geſtickten Beuteln, in einer Bouteille Schnupftabak, 2 Buͤchſen mit Thee, 2 Naͤpfen von blauen Porzellan und einer kleinen Por⸗ zellanſchuͤſſel mit 6 Apfelſinen. Wir bezeugten ſitzend unſere Ehrerbietung. 3 Dieſe ganze Zeit uͤber hoͤrten die e Schauſpieler nicht auf zu ſpielen. Als wir in unſere Wohnung wieder zuruͤckgebracht waren, erhielten wir einiges Backwerk und ein Stuͤck Schweinefleiſch zum Geſchenke. Das Zimmer, in welchem ſich der Kaiſer befand, iſt enge und nicht hoch. An den Seiten waren groͤßere Zimmer und ich entdeckte in einem derſelben durch kleine Oeffnungen eine Menge Damen, welche uns neugierig betrachteten. Links war ein Zimmer mit . 289 vielen europaͤiſchen Glocken und mehrern praͤchtigen Sachen. Unſer Geſandte, welcher ſich von ſeiner Krankheit erholt hatte, machte den 20. Januar in meiner Be⸗ gleitung dem Kaiſer ſeine Aufwartung. Man fuͤhrte uns nach den kaiſerlichen Wohnungen uͤber 2 große und breite Treppen in einen Saal, in welchem der kaiſerliche Thron auf einer 6 Fuß hohen Altane ſteht. Zu dieſem fuͤhren 3 kleine ganz vergoldete Leitern. Die Altaue iſt mit einem Teppich bedeckt und mit einem Gelaͤnder verſehen, an welchem Bildhauerei angebracht iſt. Hinter dem Thrane hing eine gelbe Tapete und an den Seiten der Altane waren einige Gefaͤſſe mit natuͤrlichen Blumen und 2 metallene Gefaͤſſe mit Weih⸗ rauch angebracht. Die beiden Ende der Gallerien außer⸗ halb des Saales ſind mit ſehr glatten Steinen gepfla⸗ ſtert. Hier ſtehen große muſtkaliſche Inſtrumente. Dem Throne gegenuͤber war ein großes Zelt von gelber Leinwand aufgeſchlagen; in welches man den Scheuktiſch ſetzte. Hierauf ſtellte man in den Hof ooor einem Pavillon vier Reihen niedriger Tiſche, welche mit grobem Leinenzeuge gedeckt und ſo geſtellt waren, daß immer ein Tiſch zwiſchen 2 Gaͤſten zu ſtehen kam; ich und der Geſandte bekamen jeder einen Tiſch. Dieſer Hof war mit Perſonen aus allen Klaſſen umringt; es waren Poſſenreißer und Diener zugegen. Ich fand einen großen Unterſchied zwiſchen dem geſtri⸗ gen Fruͤhſtuͤcke und dieſem, Um s Uhr kam der Kai⸗ 1 290 ſer unter Begleitung von Muſik und ſetzte ſich auf den Thron; alles bezeugte dem Kaiſer ſeine Ehrerbietung. Ein Tiſch wurde fuͤr den Kaiſer zubereitet; er nahm verſchiedene Sachen von demſelben und dieß war das Zeichen fuͤr die Gaͤſte, welche ſich den Tiſchen naͤher⸗ ten und begierig aßen. Ich bemerkte, daß auf jedem Tiſche 50 Schuͤſſeln ſtanden.— Nach einiger Zeit brachte man dem Kaiſer eine Taſſe zum Trinken und nach ihm erbielten alle Gaͤſte Getraͤnke. Jeder bezeugte ſitzend ſeine Ehrfurcht, in⸗ dem er blof einmal ſein Haupt neigte. Das Getraͤnke war ein chineſiſcher Wein, welchen die Chineſen ſelbſt nebſt der Traube bereiten und der viel Aehnlich⸗ keit mit dem Maderawein auf dem Kap hatte. Kurz hernach mußten ſich auf Befehl des Kaiſers die z coreiſchen und die beiden Hollaͤndiſchen Abgeordneten dem Throne naͤhern. Einer nach dem andern wurde an den Seitenleitern hinaufgefuͤhrt und machte bei dem Seſſel den Ehrengruß. Se. Majeſtaͤt ſprach dann mit jedem von uns und gab uns mit eigener Hand eine Taſſe Wein. Dieß war fuͤr uns eine neue Gelegenheit, den Ehrengruß zu erneuern. Als die Reihe, wegen der Taſſe Wein meine Ehr⸗ furcht zu bezeugen, an mich kam, ſtieg ich hinauf und warf mich mit bedecktem Haupte zu Boden; da aber mein Hut nicht feſt ſaß, ſo fiel er herab. Der zweite Miniſter ſetzte denſelben auf das Haupt. Der Kaiſer laͤchelte und fragte mich in ſeiner Sprache:„ob ich 291 Chineſiſch verſtaͤnde?“ Poton erwiederte ich; das heißt auf Chineſiſch:„ich verſtehe es nicht.“ Se. Majeſtaͤt lachten deßhalb noch mehr und betrachteten mich ſtets, waͤhrend ich trank und machten mir ein freundliches Geſicht. 2. In dieſem Augeublicke fing man an, ſchlechte Schauſpiele aufzufuͤhren, in welche ſich Poſſenreißer, Taͤnzer und Muſiker miſchten, welche dem Auge und Ohre der Europaͤer erbaͤrmlich vorkommen mußten.— Ich erhielt den 20. Abends Beſuch von einigen Mandarinen, welche wiederholt die Zufriedenheit des Kaiſers mit meinem Betragen ausſprachen und ſagten, daß Poton das Wort des Tages geworden ſey. Je⸗ der wuͤnſchte mir wegen der Gunſt, zu welcher ich bei Sr. Majeſtaͤt gelangt bin, Gluͤck. Am Neujahrstag war in der Hauptſtadt alles ru⸗ hig, waͤhrend zu Kanton die Kunſtfeuer faſt 14 Tage andauern. Vielleicht ruͤhrt dieſe Stille von der heuti⸗ gen Finſterniß der Sonne her, weil dieſes Ereigniß fuͤr die chineſiſche Nation und vorzuͤglich füͤr den Kaiſer ein Gegenſtand der Trauer und Betruͤbniß iſt. Er zieht ſich in das Innere ſeines Palaſtes zuruͤck und verrichtet zu Gunſten der Sonne oder des Mondes aberglaͤubiſche Gebraͤuche, damit ihm das Licht dieſer Geſtirne wieder leuchte. Den 25. brachte man 2 mechaniſche Kunſtſachen in unſere Wohnung, um ſie auszubeſſern. Man drang wiederholt in uns, unſer Mechanikus ſollte 3 chineſiſche 292 Uhrenmacher als Gehilfen nehmen; allein er ſchlug es immer aus, und verlangte 2 Miſſionaͤre, damit ſeine Arbeit bald fertig wuͤrde. Zie Nachricht, daß unſer Schiff bis Kanton von allen Abgaben frei ſey, war uns ſehr augenehm und erſpart der hollaͤndiſchen Geſellſchaft wenig⸗ ſtens 80,000 Taels(60,000 Livres Tournois). Den 28. meldete uns ein Mandarin, daß wir den 27. in den Palaſt fruͤhe um 3 Uhr uns verfuͤgen ſoll⸗ ten, um bei dem Aufbruche Sr. Majeſtaͤt zugegen zu ſeyn, wenn er ſich in den Sonnentempel begaͤbe, um dem Allmaͤchtigen als oberſter Prieſter des ganzen Rei⸗ ches ſeine Huldigung zu bringen. Da der Kaiſer 24 Stunden in dem Tempel bleiben muß, ſo fuͤgte er hinzu, daß wir uͤbermorgen, wieder im Palaſte bei der Ruͤckkehr des Kaiſers erſcheinen muͤßten. Auch erhielten wir die Erlaubniß, das kaiſerliche Luſtſchloß Yuen⸗ming⸗guen beſuchen zu duͤrfen, da S. Ma⸗ jaſtaͤt uns eine ganz beſondere Aufnahme erweiſen und Alles zeigen laſſen wolle, was dieſer Ort enthaͤlt. Den 27. Januar erſchien der Kaiſer in der Klei⸗ dung des oberſten Prieſters; er ſaß in einem ſehr gro⸗ fen und hohen Lehnſtuhle, welcher die Geſtalt eines Tempels hatte und von 32 Coulis getragen wurde. Vor dem Kaiſer ritt ein langes Gefolge, welches Dinge ſowohl zum Gebrauche des Kaiſers, als zur Zeremonie gehoͤrig trug. Das Erſte war ein gelber vergoldeter Stuhl, welcher zuſammengelegt werden 293 konnte, und ein niedriger Tiſch. Dann kamen 2 gol⸗ dene Gefaͤſſe, 2 Buͤchſen mit Betel und 4 große Schuͤſ⸗ ſeln mit wohlriechenden Sachen. Alle dieſe Gefaͤſſe waren von Gold. Ehe der Kaiſer noch in dem Tem⸗ pel angekommen war, wurden wir in unſere Woh⸗ nung gebracht.. Kaum in derſelben angelangt, erhielten wir vom Kaiſer ein Fruͤhſtuͤck zum Geſchenke. Es beſtand in einer Schuͤffel kalter Fleiſchbruͤhe, und in einem Deller mit gekochten Mehlkloͤſen. Das Fleiſch war ein Rippen⸗ ſtaͤkk, auf welchem ein mageres, nicht 4⁄2 Zoll dickes Fleiſch lag; 4—5 Schoͤpſenknochen ſchienen ſchon be⸗ nagt zu ſeyn. Das Ganze lag auf einem ſchmutzigen Teller. Den 28. kam der Kaiſer aus dem Tempel des Him⸗ mels zuruͤck, welcher an dem ſuͤdlichen Ende der Vor⸗ ſtadt 10 Li von dem Palaſte liegt. Sowohl bei dieſer Gelegenheit, als bei andern Feierlichkeiten habe ich niemals bei dem Kaiſer eine militaͤriſche Wache geſe⸗ hen. Man findet nicht einmal Soldatenhauptwachen an den Thoren des Palaſtes. Den 29. mußten wir wieder in dem Palaſte erſchei⸗ nen. Wir fuhren in kleinen Karren uͤber die praͤchtige ſteinerne Bruͤcke und kamen durch die ſuͤdliche Seite der Straße an ein Thor, welches roth angeſtrichene Fluͤgel mit gelben Knoͤpfen hatte. Durch dieſes ge⸗ langten wir auf einen freien Platz und erwarteten in der Nachbarſchaft einer kleinen Pagode die Ankunft 1 294 des Kaiſers, welcher uns wie fruͤher wohlgefaͤllig auf⸗ nahm. Zu unſern Geſchenken erhielten wir auch eines für den Prinzen Statthalter, eine Art von chin eſi⸗ ſchen Szepter, welcher aus praͤchtigem gruͤnlichen durchſichtigen Steine beſtand, welcher dem Achat aͤhn⸗ lich iſt und ſehr praͤchtig gearbeitet und geglaͤttet war. Man ſchaͤtzt es auf 2000 Piaſter(44,000 Livres). Es war mit 55 Rollen verſchiedener ſeidener Zeuge be⸗ gleitet. Dann erhielt der Geſandte 25 Rollen, ich 8, und 40 bekamen die uͤbrigen Herren; auch kamen noch hinzu 72 Stuͤck Ponche(feine Seide) und 72 Stuͤck braunen Nam⸗kings fuͤr unſern Mechaniker und un⸗ ſere 17 Diener. Nach Beendigung dieſer Zeremonie lies uns der Kaiſer verſchiedene Tempel innerhalb der Mauern ſei⸗ nes Palaſtes zeigen. Zuerſt fuͤhrte man uns zu einem Tempel des Houning-on⸗tſu, dem vornehmſten Gotte der Lamas. Der Tempel beſteht aus 2 Gebaͤu⸗ den, deren eines am Fuße eines kleinen Berges und deren anderes auf ſeiner Spitze liegt. Das Goͤtzenbild iſt eine koloſſale Figur, ganz vergoldet und ſitzt mit einer luſtigen Miene auf einem Kiſſen. Von dem Tempel am Fuße des Berges gelangten wir auf 180 ſehr kleinen Stufen zu dem obern Tempel. Um die viereckige Baſis, auf welcher der Dom deſſel⸗ ben ruht, iſt eine breite Gallerie mit einem Gelaͤnder. Von dieſer Gallerie zeigte man uns den Ort, an wel⸗ chem ſich der letzte Kaiſer der chineſiſchen Dynaſtie 295 1 erhaͤngt hatte. Im Tempel ſelbſt, welchen dieſes Vier⸗ eck bildet, ſteht auf einem Altare ein Goͤtzenbild von unfoͤrmlicher Geſtalt und einer Hoͤhe von 5 Fußen; es hat mehrere Arme und Fuͤße, und iſt vortrefflich aus Bronce gegoſſen. Vor dem Altare ſitzen 4 ausgeſtopfte Tiger und an den Mauern des Tempels haͤngen Bo⸗ gen und Pfeile. Die Thuͤren, die Pfeiler und Fen⸗ ſterrahmen dieſes Tempels ſind von ſchoͤner Bronce⸗ Arbeit. Der Dom des Tempels ſteigt immer dicker empor, um ſich in einem ſphaͤriſchen Kaͤppchen zu endigen, aus deſſen Mitte ein Halbmond auf einer Spitze empor ſteigt. Dieſer Tempel iſt im Geſchmacke der Lamas erbaut. In einem dritten Tempel von chineſiſcher Bauart zeigte man uns ein weibliches Goͤtzenbild. Von die⸗ ſem Tempel fuͤhrte man uns auf einem Schlitten nach einem zirkelfoͤrmigen, am Rande des Waſſers erbauten Gebaͤude. In dem Teiche bemerkte ich s ſehr ſchoͤne Pavillous, welche ſorgfaͤltig vergoldet und durch einen gruͤnen oder rothen Firniß verſchoͤnert ſind. An dem andern uſer des Teiches beſuchten wir den Tempel Kik⸗lok⸗thay⸗kay, in deſſen Mitte ein Fels auſgerichtet iſt, welcher bis an das Dach reicht. Auf dieſem Felſen ſtehen Baͤume und kuͤnſt⸗ liche Blumen. In den Hoͤhlen an verſchiedenen Punk⸗ ten ſtehen eine große Menge Jos Bilder. Zwiſchen den Steinen fuͤhrt ein euger und krummer Weg zu dem Gipfel, auf welchem ſich eine weibliche Figur befindet. 295 Von hier fuͤhrte man uns zu dem Tempel der 10,000 Göoͤtzenbilderz er iſt 3 Stockwerk hoch, deren jedes einen beſondern Saal bildet, in welchem Altaͤre und Goͤtzenbilder ſtehen. Unter den vorzuͤglichſten ver⸗ goldeten Statuen findet man in jedem der drei ſchoͤ⸗ nen Stockwerke 3 außerordentlich große und s kleine Goͤtzenbilder. Die Mauern ſind außerhalb rundum mit kleinen Niſchen verſehen; zwiſchen den kleinen Stufen und in jeder Niſche ſteht ein ungefaͤhr 6 Zoll hohes Bild eines Jos. Das oberſte Gebaͤude fanden wir betraͤchtlich hoch, und im unterſten Stocke 2 praͤchtige achteckige Thuͤrme 17— 18 Fuß aus braunem Holz mit 10 Stockwerken. In dem Tempel Tay⸗ſay⸗-tin iſt das vorzuͤg⸗ lichſte Bild eine ſitzende Frau; ſie iſt ungefaͤhr 38 fran⸗ zoͤſiſche Fuß hoch; ihr Kopf beſteht aus s vereinigten Koͤpfen, welche nach s verſchiedenen Punkten hinſehen; gus 2 wohl proportionirten Armen ragen an jeder Seite 500 andere Arme hervor. Ueber den Koͤpfen iſt eine Pyramide, welche wenigſtens 500 kleine Koͤpfe zu ha⸗ ben ſcheint. Vor und an den Seiten des Altars ſtehen 2 Bronce⸗Thuͤrme auf der Erde, ihre Baſis betraͤgt 6 1/½ Fuß im Durchmeſſer und ihre Hoͤhe ungefaͤhr 15 Fuß. Die Arbeit an denſelben iſt durchſichtig und mit Verzierungen von getriebener Arbeit und ſehr an⸗ dern merkwuͤrdigen Sonderbarkeiten verziert. An der 297 Seite dieſer Thuͤrme ſtehen noch 2 ſchöͤn gearbeitete Bronce⸗Tempel. Dieſe Tempel ſind ſowohl auswendig als inwendig mit einem verſchwenderiſchen Reichthume geziert; die Zierathen der Bildhauer ſind mit einer ſo glaͤnzenden Vergoldung und mit ſo viel lebhaften Farben uͤber⸗ zogen, daß ſie eine erſtaunliche Pracht gewaͤhren. Alle Zugaͤnge zu dieſen Gebaͤuden und alle angrenzenden Zwiſchenraͤume ſind ſehr geſchmackvoll eingerichtet. Bald ſieht man einen Felſen, bald Orte voll Steine⸗ welche der Natur mit ſo viel Geſchicklichkeit nachge⸗ ahmt ſind, daß den Chineſen in dieſem Punkte nicht leicht ein Volk gleich koͤmmt.— 3 Bei der Ruͤckkehr in unſere Wohnung fanden wir die Straße, auf welcher wir gingen, mit gelbem Sand beſtreut und zur Durchreiſe des Kaiſers zubereitet. Zur Erhaltung der Reinlichkeit der Straßen zu Pe⸗king werden 4000 Sklaven gehalten. Den 30. Januar trat der Kaiſer die Reiſe in ſein Luſtſchloß mit einem gro⸗ ßen Gefolge an. Wir ſchickten uns an, ihm bald zu folgen und langten auch den 31. in dem Luſtſchloſſe Kuen⸗ming⸗yuen an, wo wir vom Kaiſer wieder zum Fruͤhſtuͤcke geladen worden waren. Die Zeremo⸗ nien waren dieſelben, wie oben. Nachdem der Kaiſer ſich entfernt hatte, zeigte uns der erſte Miniſter die kleinen Zimmer, welche der Kaiſer taͤglich bewohnte. Sie ſind zahlreich, praͤchtig im chineſiſchen Geſchmacke geziert, und enthalten die 60. Bd. China. II. 3. 4 298 coſtbarſten Seltenheiten und einige Buͤcher. Nur in dreien dieſer Zimmer ſind europaͤiſche Pendeluhren. In jedem Zimmer iſt fuͤr den Kaiſer ein Kanape nebſt 2 niedrigen Seſſeln. Von dieſem Gebaͤude gelangten wir nach einer viertelſtündigen Wanderung an der Hauptſtraße zu einem großen und praͤchtigen Palaſt mit einem großen Vorplatze. An jeder Seite dieſes Platzes iſt ein gepfla⸗ ſterter und ziemlich geraͤumiger Hof, welcher an den einen Fluͤgel des Gebaͤudes ſtoͤßt. Im Hofe ſtehen 2 Fußgeſtelle von weißem Marmor mit 2 Lowen von Bronce. Der erſte Saal auf der Oſtſeite des Gebaͤudes iſt ſehr groß und mit vielen chineſiſchen Laternen verſehen. Durch dieſen Saal kamen wir in einen ge⸗ raͤumigen Hof im Innern; die Gebaͤude, welche im Nord und Weſt um denſelben ſtehen, geben eine eben ſo ſchoͤne und reiche Anſicht, als die Vorder ſeite im Oſten; auf der Suͤdſeite ſieht man nur das große Eingangsthor und auf jeder Seite deſſelben Wohnun⸗ gen fuͤr Diener. Inwendig an dieſem Thore, der Nordſeite gerade gegenuͤber, ruht ein Felsblock auf einer ſteinernen Grundlage, deſſen Herbeiſchaffung unendliche Muͤhe und Arbeit gekoſtet haben muß. Selbſt Aufſchriften von der Hand des Kaiſers und mehrern andern Per⸗ ſonen vom hoͤchſten Range ſchmuͤcken dieſen Fels von allen Seiten und machen ihn beruͤhmt. An einigen 299 Orten ſtehen kleine Baͤume und Blumen auf dem⸗ ſelben. In dieſem Hofe ſieht man in der Mitte der noͤrd⸗ lichen Vorderſeite 2kleine Hirſche und 2 Kraniche von Bronce, welche nur eine mittelmaͤßige Arbeit verra⸗ then. Das Gebaͤude im Norden enthaͤlt einen großen Audienzſaal mit einem Chrone, auf deſſen linken Seite nach der Mauer hin der Wagen ſteht, welchen im vo⸗ rigen Jahre Lord Macartney dem Kaiſer zum Ge⸗ ſchenke gemacht hatte. Dieſem gegenuͤber ſteht ein chineſiſcher Karren mit 4 gleichhohen Raͤdern, welcher ſehr gemein und gruͤn angeſtrichen iſt. Dieſes iſt der Wagen, welchen der Kaiſer bei der jaͤhrlichen Zere⸗ monie gebraucht, wenn er in dem Tempel der Erde dem Ackerbau feierlich ſeine Ehrfurcht darlegt. Durch verſchiedene Zimmer kamen wir zu dem dritten Hauptgebaͤude im Weſten, welches bloß einen Saal in ſeiner Mitte und noch eine Menge ineinan⸗ der gehender kleiner Zimmer hat. Von da beſahen wir das Lieblingskabinet des Kaiſers, welches Tien (Himmel) heißt. Es liegt in einem Theile des Ge⸗ baͤudes, deſſen Mauern von einem großen See beſpuͤhlt werden. In ſeiner Mitte liegt eine ziemlich große Inſel mit mehrern Haͤuſern, welche von großen dich⸗ ten Baͤumen umſchattet werden. Eine Bruͤcke von 1 Jochen verbindet ſie mit dem Feſtlande. Wendet man ſich nach Weſten, ſo ſieht man einen noch kleinern See, vom erſtern nur durch einen brei⸗ ten Weg getrennt. In der Mitte dieſes Sees ſteht eine Art Zitadelle und in ihrem Mittelpunkte ein ſchoͤ⸗ nes Haus. Noch weiter gegen Weſten begrenzen 2 hohe Thuͤr⸗ me auf Bergen die Ausſicht. Gegen Nordweſt gehoͤrt eine praͤchtige Haͤuſerreihe zu den Tempeln, welche man am Fuße, in der Mitte und auf dem Gipfel eines ganz durch Kunſt aus na⸗ tuͤrlichen Felſenſtuͤckes gebildeten Berges ſieht. Die Vereinigung von Gebaͤuden und die maleriſchen Ver⸗ ſchoͤnerungen dieſes Berges und der Berg ſelbſt machen ein Gemaͤlde, deſſen Eindruck man unmoͤglich mitthei⸗ len kann. 8 Sein Inneres iſt mit einer Bibliothek und einem offenen Schranke verſchoͤnert, in welchem die koſtbar⸗ ſten und ſeltenſten chineſiſchen Steine und Alterthuͤ⸗ mer ſich beſinden. Auf einem Schlitten fuhren wir zu genaunten Tempeln. Es ſind fuͤnf einzeln ſtehende Pagoden; 2 liegen am Fuße des Berges, 2 in der Mitte und die faͤnfte beüindet ſich auf dem Gipfel. Sie ſind eben ſo ſchoͤn vergoldet und bunt bemalt, wie jene im kaiſer⸗ lichen Palaſte zu Pe⸗king, und enthalten eben ſo koloſſale und ungeſtaltete Goͤtzenbilder, 3. B. eine 60 Fuß hohe weibliche Figur mit 6 Koͤpfen und 1000 Ar⸗ men; eine andere 90 Fuß hohe mit 4 Geſichtern und 34 Armen u. ſ. w. Jeder dieſer Tempel hat uberdieß 8 301 noch einen Vorhof und eine Hauptthuͤre und einige Verſchoͤnerungen im Innern des Vorhofes. Auf dem Gipfel der rieſenfoͤrmig auf einander ge⸗ thuͤruten Felſen ſtehen 2 offene Sommerhaͤuſer mit 2 kleinen thurmartig geſtalteten Haͤuſern. Ihre Daͤ⸗ cher werden durch gelb⸗, gruͤn⸗ und blaulakirte Ziegel verſchoͤnert, welche manchmal viereekige Figuren oder ſymmetriſche Abtheilungen bilden, wo dieſe verſchiede⸗ nen Schattirungen zuſammenlaufen, aber nur gleich⸗ farbig ſind. Man fuͤhrte uns zu noch mehrern Haͤuſern, in welchen uns der erſte Miniſter erwartete, welchem wir unſere Ehrerbietung mit einem Kniebeugen bezeugten, denn dieſer Miniſter heißt der zweite Kaiſer und erhaͤlt in gewiſſen Ruͤckſichten eben ſo viel Ehre, wie der Kaiſer ſelbſt. Wir gaben unſere Zufriedenheit und unſer gerechtes Lob vorzüͤglich uͤber das kleine Kabinet des Kaiſers zu erkennen. Er antwortete uns:„der Kaiſer habe uns Beweiſe, ſowohl von ſeiner Gnade, als von ſeiner Zuneigung geben wollen; er habe uns daher mehr bewilligt, als irgend einem andern Frem⸗ den, da noch nie ein Auslaͤnder einen. Fuß in dieſe Gemaͤcher Sr. Majeſtaͤt geſetzt habe.“ Wir bemuͤhten uns, unſern ehrerbietigen Dank fuͤr ſo viele Gefaͤllig⸗ keiten auszuſprechen. Um dieſe Vorliebe noch deutli⸗ cher zu beweiſen, machte uns der erſte Miniſter im Namen des Kaiſers ein Geſchenk, welches in Rollen Stoff, einigen geſtickten Beuteln mit Tabak ec. beſtand. 1 — 302 4 Nach einigen eingenommenen Erfriſchungen ſtand unſer Geſandte auf, naͤherte ſich dem Miniſter, bot ihm die Geſchenke, welche die hollaͤndiſch⸗indi⸗ ſche Kompagie fuͤr ihn beſtimmt hatte, noch ein⸗ mal an, erhielt aber zum zweiten Male eine ab⸗ ſchlaͤgige Antwort. Hierauf kehrten ich und der Ge⸗ ſandte in unſere Wohnung zuruͤck. Wir ſpeiſten noch oͤfter bei dem Kaiſer und erhielten den 3 Februar die Weiſung, unſere Ruͤckreiſe ſolle die erſten 18 Tage zu Lande, hernach aber ſtets zu Waſſer Statt finden. An dieſem Tage ſahen wir einen ernſten Tanz, wel⸗ cher noch niemals bei den vorhergehenden Feſtlichkeiten Statt gefunden hatte. Er wurde von einer Anzahl Mandarine aufgefuͤhrt, welche zuerſt, je zwei zu zwei hervortraten, dann einige abgemeſſene Bewegungen mit den Armen und Beinen machten, den durch die Muſik angegebenen Takt hielten, aber ohne die Stelle zu veraͤndern, ſich bloß um ſich ſelbſt herumdrehend. Jedes Daͤnzerpaar bewegte ſich ſo einige Minuten und eutfernte ſich unter dem Ehrengruße. Dieſe Taͤnzer, Chiouais genannt, ſind Soͤhne vornehmer Mandarine, bilden eine eigene Geſellſchaft und werden in 3 Klaſſen eingetheilt. Die erſte bilden die nchin⸗Chiouais; ſie bewachen die Thore im Innern des Palaſtes und halten ſich immer in der Naͤhe des Kaiſers auf; ihr Knopf iſt von rother Ko⸗ ralle. Zur zweiten Klaſſe gehoͤren die Tinchin⸗Chiou⸗ gis, welchen die Bewachung der aͤußern Thore des 303 Palaſtes anvertraut iſt; ihr Knopf iſt dunkelblau; zur Dritten werden gerechnet die gemeinen Chiouais; ſie begleiten den Palankin des Kaiſers entweder zu Pferde oder zu Fuß und ſind mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, wenn der Kaiſer große Reiſen macht; ihr Knopf iſt matt milchweiß. Der Gegenſtand ihres Tanzes iſt eine jaͤhrliche Ehrfurchtkeitsbezeugung, welche ſie dem Kaiſer nur einmal an dieſem Orte darbringen, um zu zeigen, daß ſie immer zum Schutze ſeines Lebens bereit ſind. Ich muß mich hier ſelbſt verbeſſern, indem ich oben bemerkte, daß es keine kaiſerliche Leibwache gaͤbe. Dieſe 3 Klaſſen bilden die Leibwache. Die Urſache, warum wir unſere Ruͤckreiſe 18 Tage zu Land machen ſollten, war, weil vor 6 Wochen die Fluͤſſe wegen des Eiſes noch nicht ſchiffbar ſind. Wir werden daher eines Theils einen andern Weg ein⸗ ſchlagen, als denjenigen, welcher uns nach Peking gefuͤhrt hat, und durch die Provinz Chang⸗tong reiſen. Wir werden auch Gegenden ſehen, welche kein Auslaͤnder geſehen hat, und uns zu Von⸗ca⸗ ſen, der Provinz Kiang⸗nam einſchiffen. Unſere Bitte, die auf dem kaiſerlichen Landhauſe im europaͤiſchen Geſchmacke gebauten Landhaͤuſer zu ſehen, wurde uns aus dem Grunde nicht gewaͤhrt, weil ſie von den Frauen des Kaiſers bewohnt wurden. Wir wohnten noch einem Feuerwerke bei, welches aber 1 30⁰4 beim Tage abgebrannt wurde, weil der alte Kaiſer Nachts leicht eine Feuersgefahr befuͤrchtete. Den 6. Februar kehrten wir nach Pe⸗king zu⸗ ruͤck und ſahen auf dem Ruͤckwege die Pagode Tay⸗ chong⸗mia, in welcher die in China ſo beruͤhmte Glocke aufbewahrt werden ſoll. In Peking ange⸗ langt fuͤhrte man uns durch eine Straße, welche wir noch nicht geſehen hatten und die noch eine andere groͤßere durchſchueidet. Dieſen Kreuzweg verſchoͤnerte man mit 4 Triumphbogen, an welchen man Male⸗ reien, Vergoldungen, Bildhauerwerke angebracht hat. Dieſe Triumphbogen ſtehen einander gegenuͤber und ſind nach den Haͤuſern der ſich kreuzenden Straßen abgemeſſen. Man traf hier eine Menge Volkes und kleine Zelte mit verſchiedenen Waaren an, wie es auf allen Straßen von Peking der Fall iſt. Bei der Abſchieds⸗Audienz, welche in dem kai⸗ ſerlichen Luſtſchloſſe Statt fand, ließ der Kaiſer dem Geſandten durch den erſten Miniſter ſagen:„wir ſoll⸗ ten unſerm Prinzen erzaͤhlen, wie wir Se. Majeſtaͤt bei unſerer Ankunft gefunden, wie wir behandelt worden waͤren und was wir alles geſehen haͤtten. Unſer Geſandte ließ dem Kaiſer fuͤr alle erhaltenen Gunſtbezeugungen danken und ein langes gluͤckliches Leben zu ſeiner Regierungsfortdauer wuͤnſchen. Wir erhielten nach Beendigung dieſer Rede Boh⸗ nenmilch und Backereſen. Waͤhrend wir dieſes Veſper⸗ brod aßen, traten Kaͤmpfer, Muſiker und Taſchen⸗ ſpieler auf, auf deren laͤcherlichen Zeitvertreib wir gar nicht achteten, obgleich der alte Kaiſer ein ſolches Vergnuͤgen an ihren Spielen fand, daß er Geld unter dieſe Leute austheilen ließ. Nach dem Feuerwerke folgten wir dem Kaiſer auf ſeinem platten Schlitten nach und ſtiegen bei einem erleuchteten Hauſe ab, als wir zuvor laͤngs eines praͤchtigen ſich ſchlaͤngeln den Kanales unter Baͤumen hingefahren waren. Der Um⸗ fang des kaiſerlichen Luſtſchloſſes, von deſſen Schoͤn⸗ heiten wir kaum den zwanzigſten Theil geſehen hatten, ſoll 3o Meilen,(beinahe 300 Li) betragen. 3 Den 10. wurden wir von dem Liepu⸗chong⸗ tſu(dem oberſten Zeremonienmeiſter) zum letzten Male nach Hof gefuͤhrt. Wir brachten dem Kaiſer den Ehreugruß und erhielten die letzten Geſchenke, und zwar fuͤr den Prinzen von Oranien 8o Rollen ver⸗ ſchiedener Stoffe und 2 kleine Gefaͤſſe von dem Steine Nuschi, fuͤr den Geſandten 34 Rollen Stoffe und 150 Taels feinen Silbers,(ein Tael betraͤgt nach un⸗ ſerm Gelde 2 Rthlr. 3 1/½ Gr.); fuͤr mich s Rollen Stoffe und so Taels Silber; fuͤr die s Perſonen vom Gefolge der Geſandtſchaft: jeder Perſon 3 Nollen Stoffe und 40 Taels Silber, und endlich fuͤr den Mechanikus und fuͤr die 17 Soldaten und Diener: jedem a kleine Rollen Panche und 4s Taels Silber. Dieſe Zeremonie endigten wir mit dem Ehrengruße und kehrten durch das weſtliche Thor in unſere Wohnung zuruͤck. Endlich bewogen wir die Miniſter, unſere Ge⸗ 306 ſchenke in Form eines Dauſches anzunehmen, um den Befehl des Kaiſers nicht zu uͤbertreten, dem gemaͤß jeder Mandarin bei der Annahme eines Geſchenkes ſein Amt und ſeine Wuͤrde verliert. Auch erhielten wir die Erlaubniß, Briefe an die Miſſionaͤre zu ſchicken und mit einem ½ Stunde ſprechen zu duͤrfen, waͤh⸗ rend welcher aller Augen auszuſpaͤhen ſuchten, ob wir dem Miſſionaͤr Roux nicht irgend ein Papier uͤber⸗ gaͤben oden ob wir nicht einander etwas mittheilten. Dieſe Unterhaltung war aber eigentlich gar nicht noͤ⸗ thig, da wir ſchon fruͤher mit ihnen heimlich Briefe gewechſelt hatten. Die große Glocke und einige Tem⸗ pel, die ich noch zu ſehen gewuͤnſcht haͤtte, zeigte man uns nicht.— Den 14. Februar erhielten wir den Brief des Kai⸗ ſers an den Statthalter in einem Bambus⸗ Umſchlage. Der Brief ſteht ganz auf der einen Seite eines großen Blattes chineſiſchen, farbigen und durchſichtigen Papieres in chineſiſcher, tatariſcher und lateiniſcher Sprache ge⸗ ſchrieben. Auch war demſelben ein Verzeichniß der ge⸗ machten Geſchenke beigefuͤgt. Nachdem ihn der Geſandte durchgeleſen hatte(beſonders fand er die lateiniſche Ueber⸗ ſetzung ſon derbar) wurde der Brief in einen gelben Um⸗ ſchlag gewickelt, von einem Mandarin genommen, um uns denſelben in Kanton wieder zu uͤberliefern. Den 15. traten wir unſere Ruͤckreiſe aus Peking durch das Thor Tchun⸗moun an und erblickten an der Oſtſeite die Kirche und das Obſervatorium der 307 vortugieſiſchen Miſſionaͤre; die Kirche iſt ein ſchoͤnes Gebaͤude mit einem kreuz oͤrmigen Dache. Als in der Vorſtadt Agauy⸗lau⸗tching mein Fuhrmann von der Hauptſtraße ablenkte, bemerkte ich, daß die Seitengaſſen ſehr enge, unregelmaͤßig und von deu Hauptſtraßen, welche nach den 4 Weltgegenden, zu⸗ gehen, ganz verſchieden ſind. In der Vorſtadt be⸗ merkte ich ferner große, ganz leere Plaͤtze, Gaͤrten hin⸗ ter den Haͤuſern, einige Orte mit kleinen Bergen oder ſteilen Abhaͤngen, ſo daß ich im Freien zu ſeyn glaubte. Vom 15. bis 22. Februar legten die Ruͤckreiſenden denſelben Weg zuruͤck, welchen ſie auf ihrer Hinreiſe gemacht hatten, wir ſetzen daher dieſes Tagebdch mit dem 22. Februar fort. In der Provinz Thé⸗li, faͤhrt der Verfſtr fort, bemerkte ich mit Erſtaunen den ſchlechten Zuſtand der Hauptwachen. Selten kamen 3 oder 4 Soldaten aus denſelben und zwar in einer Provinz, in welcher der Kaiſer ſeinen Sitz hat. Wir waͤhlten der Abwechslung wegen den Weg durch die Mitte der Provinz Chan⸗tong. Bei Be⸗ ſchreibung dieſer Ruͤckreiſe beſchraͤnken wir uns bloß auf dir merkwuͤrdigſten Gegenſtaͤnde und uͤbergehen die bloßen Benennungen von Doͤrfern, Weilern u. dal. Auch uͤbergehen wir die ſo oft wiederkehrenden Em⸗ pfangs⸗ und Verabſchiedungszeremonien. Die Gegenden um die Stadt Ping⸗yuen⸗chen ſind bezaubernd ſchoͤn; Baͤume ſowohl an Art, als 1 308 Geſtalt von einander verſchieden; Weiler mit Zedern, Waͤldchen und Zypreſſengebuͤſche beſchattet, gewaͤhrten einen ſehr intereſſanten Anblick, welchen die unter⸗ gehende Sonne durch ihr ſtrahlendes Licht noch mehr verſchoͤnerte. Die Stadt, ein laͤngliches Viereck bil⸗ dend, hat einen ſchoͤnen Wall, aber nur die Haͤlfte ihres Innern iſt bebaut. Mehrere Triumphbogen zeu⸗ gen von den angeſehenen Perſonen, deren Tugend man erheben wollte. In unſerer Wohnung bewahrte man in einem Saale Saͤrge auf: eine Lieblingsge⸗ wohnheit der Chineſen hohen Ranges. Der Chineſe, der nur eine geringe Summe Geldes beſitzt, kauft noch bei ſeinen Lebzeiten das beßte Holz fuͤr ſich und ſeine Familie und bewahrt es auf, um aus demſelben ſeine letzte irdiſche Wohnung verfertigen zu laſſen. Dieſer Theil der Prooinz enthaͤlt weit mehr Land⸗ bebauer, als ihr weſtlicher. Ich zaͤhlte in dem Um⸗ fange von ungefaͤhr 31 Theilen eines Zirkels von dem Horizonte 24 Doͤrfer und eine Stunde nachher zaͤhlte ich ebenſoviel. Die Stadt Hu⸗hing-⸗chen, bei welcher wir vorbei reiſten, ſchien groß zu ſeyn, hatte einen ſchoͤnen Wall und vor ihrem ſuͤdlichen und oͤſtli⸗ chen Thore 2 praͤchtige Tempel nebſt den ihnen zuge⸗ hoͤrigen Gebaͤuden. Den 25. Febr. ſahen wir oͤſtlich von dem Flecken Chang⸗-tſin⸗chen auf einem ziemlich hohen, mit Zypreſſen beſchatteten Berg einen praͤchtigen Tempel mit einer Mauer, welcher einen herrlichen Anblick 309 gewaͤhrt. Nach. ½ Stunde gingen wir auf einer ganz flachen Bruͤcke uͤber einen Fluß; in derſelben ſind 37 Durchgaͤnge fuͤr das Waſſer; alle Steine ſind betraͤcht⸗ lich und durch eiſerne Schwalbenſchwaͤnze zuſammen⸗ gehalten, was ich noch nirgends bemerkt habe.— Auch fiel mir auf, daß die Haͤuſer ſehr hohe Daͤcher haben und mit Stroh oder Ziegeln gedeckt ſind, und keine platten Daͤcher, wie in den weſtl. Orten der Provinz Chan⸗ton und Thée⸗ti. Auch findet man hier jene feſten Schlöſſer nicht, wie wir in genannten Provinzen ſo oft ſahen. Den 26. reiſten wir zwiſchen Bergen, welche duͤrr und voller Felſen waren. Die Witterung wurde jetzt zelinder; um 4 Uhr Nachmittags ſtand das Farenh. Thermometer auf 640(42 8% Reaum.) Den 21. langten wir Abends 4 1/¼4 Uhr in der Stadt Nong⸗lau⸗chen an, dem ſiebenten Orte, welchen wir dieſen Nachmittag geſehen hatten und in welchem wir uͤbernachteten. Die Stadt ſcheint ziem⸗ lich groß und bevoͤlkert zu ſeyn; im Norden ſieht man eine gemeinſchaftliche Mauer, einen praͤchtigen Tem⸗ pel und ein Kloſter. Den 2:. ging unſer Weg faſt den ganzen Tag nach S. ¼ O. und nach nach O. S. O. Mehrere ſchoͤne Gemaͤlde, durch das Abwechſelnde der Gebirge hervor⸗ gebracht, die Fortdauer der guten Witterung, ein ſanftes Klima, machten unſere Reiſe angenehmer und bequemer. 310 Den 1. Maͤrz ging unſer Weg theils uͤber Ebenen, theils uͤber einen ſehr ungleichen Boden. Wir ſahen beute mehr Wohnungen als geſtern, und bemerkten, daß, viele Weiber und auch einige Maͤnner große Kroͤpfe am Halſe haben, wie wir nirgends geſehen hatten. Der letzte Ort in der Prodinz Chan⸗tong war das Dorf Kiang⸗vho⸗fan⸗y, welches wir den 4. Maͤrz verließen. Wir betraten nun die Provinz Kiang⸗nan. Unſer Weg war ſandig, holprig und ungleich. Wir trafen auch am Vormittage des aten groͤßere und hoͤhere Baumgaͤrten an, als wir bisher geſehen hatten. Den 6, kamen wir in das Dorf Sang⸗ hau⸗ché, welchem faſt gegenuͤber am Abhange eines Huͤgels die Stadt Su⸗tſien⸗chen liegt. Dieſer Huͤgel befindet ſich am Ufer des Hoang⸗hau(gel⸗ ben Fluſſes). An der Seite des gelben Fluſſes reiſten wir den ganzen Nachmittag in der Richtung von Suͤdoſt. Den 6. haben wir 120 Li immer Oftwaͤrts am gelben Fluſſe hin zuruͤckgelegt, auf deſſen Damme wir zwei⸗ mal 2 große Strecken gelaufen ſind. Der gelbe Fluß itt der groͤßte unter allen Fluͤſ⸗ ſen des chineſiſchen Reiches, und wegen des unge⸗ ſtuͤmen Laufes durch ſeine Ueberſchwemmungen der fuͤrchterlichſte. Zwei Daͤmme ſind errichtet, um ihn aufzuhalten; der innere iſt fuͤr das gewoͤhnliche An⸗ ſchwellen des Waſſers berechnet, waͤhrend man bei Errichtung des Aeußeren auf außerordentliche Faͤlle Ruͤckſicht genommen hat. Die Aufſicht uͤber dieſe 311 Daͤmme iſt dreien Tſong⸗tou anvertraut, welche den Titel Hau⸗cong⸗Tſong⸗-tou fuͤhren. Den 7. Maͤrz ſchifften wir uns zu Von⸗ea⸗ſen ein. Alle Staͤdte, welche auf unſerer Fahrt hin liegen, muͤſſen zu Herbeiſchaffung von Lebensmitteln beitra⸗ gen. Den 9. Maͤrz reiſten wir von der Stadt Houay⸗ ngan⸗fou ab; ſie ſcheint ſehr groß und bevoͤlkert zu ſeyn; ihr Wall iſt ſehr im Verfall, und die oͤffent⸗ lichen Gebaͤude ſind in keinem beſſern Zuſtande. Die Chineſen ſcheinen ſich wenig aus ihren Al⸗ terthuͤmern zu machen. Alte Gebaͤude und andere Ge⸗ genſtaͤnde, welche ihren Talenten zur Ehre gerei⸗ chen, ſind wie verlaſſen und Niemand bekuͤmmert ſich um ihren Einſturz. Wir haben laͤngs des Weges hin hundert ſolcher Steine, welche ein wichtiges Ereigniß in das Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen beſtimmt ſind, im Zuſtande des Verfalles angetroffen. Auf der Nord⸗ ſeite der Stadt iſt innerhalb des Walles ein achtecki⸗ ger Thurm, deſſen s Stockwerke zuſammen nicht 60 Fuß hoch ſind, obgleich der Umfang ſeiner Baſis mehr als zweimal ſo groß iſt. Den 10. fanden wir das Land an der oͤſtlichen Seite des Kanales um 20 Fuß niedriger, als die Oberflaͤche des Waſſers. Alles iſt von vortrefflicher Beſchaffenheit fuͤr den Ackerbau. Alle Augenblicke ſieht man in die⸗ ſem Bezirke Doͤrfer und Weiler in großer Anzahl, welches von allen Seiten einen praͤchtigen Anblick ge⸗ waͤhrt. Man hat, wo es noͤthig iſt, Schleußen in 1 312. dem oͤſtlichen Damme erbaut, welche von Quaderſtei⸗ nen ſind. Die Art, unſere Schiffe zu regieren, iſt ſehr ſon⸗ derbar, aber der Beſchaffenheit der Fahrt angemeſſen. Sie werden von oder 8 Mann an Seilen fortgezogen, waͤhrend 4 andere laͤngs des Dammes an der Seite der Jacht hingehen und 2 leichte Anker von Holz tra⸗ gen, deren Seile an ſehr ſtarken Pfoſten feſtgemacht ſind, welche auf den Kaſtellen ſtehen. Auf Befehl des Steuermannes legt man die Anker auf die Erde, da⸗ mit der vordere oder hintere Theil ſich dem Damme naͤhere, je nachdem man die Richtung des Schiffes wuͤnſcht. 4 Den 12. erreichten wir die Vorſtadt von Yang⸗ tcheou⸗fon, jenſeits welcher wir zwiſchen dem Rau⸗ me dieſer Vorſtadt und dem Kloſter He⸗ung⸗fau⸗ tſi ſtill hielten. Ich beſuchte dieſes Kloſter. Bei meinem Eintritte in den Tempel ſtimmten ungefaͤhr 20 Bonzen, welche in 2 Reihen ſtanden, einen Geſang an. Vor dem Chap des Kaiſers(ein Taͤfelchen mit dem Namen des Kaiſers) machte ich den Ehrengruß und beſah hierauf das zweite und dritte Tempelge⸗ baͤude. Man zeigte mir einen Stein mit einer Schrift von der Hand des jetzigen Kaiſers. Nachdem ich alles geſehen hatte, wurde ich in dem Beſuchſaal mit Fruͤch⸗ ten bewirthet. An den beiden Seiten des erſten Stockwerkes ſte⸗ hen die 4 großen gewoͤhnlichen Figuren der Tempelhuͤter, 343 welche unter dem Namen Ci⸗tay tyem⸗cong be⸗ kannt ſind. Im zweiten Stockwerke ſieht man an beiden Seiten 18 Bilder von alten Goͤttern(Sapat lohong) ſehr reich vergoldet und um die Haͤlfte groͤßer, als die gewoͤhnliche Geſtalt iſt. Nebſt dem befinden ſich in dieſer Pagode noch 5 andere Goͤtzen. Die Stadt Nang⸗tcheou⸗fu an der Weſtſeite des Fluſſes ſcheint groß zu ſeyn: große Schiffe, Jach⸗ ten und große Nachen lagen bei hunderten an den Ufern, und die Volksmenge an beiden Ufern war un⸗ zaͤhlbar. Auf unſerer Fahrt den Kanal hinab ſahen wir mehrere Pagoden und Kloͤſter, welche zu dirter Stadt gehoͤren. An einem Punkt, wo der Fluß ſich in 2 Aume theilt, iſt ein praͤchtiges kaiſerliches Luſthaus mit meh⸗ rern Wohnungen fuͤr die Prinzen und einem achtecki⸗ gen Thurme mit Stockwerken. Auf ſeiner Spitze iſt ein Stuͤck Bronce von Ringen umgeben, welches mit einem großen kupfernen Knopf endigt; das Ganze iſt ſehr reich vergoldet. Von der Spitze laufen Ket⸗ ten bis zu den 8 Dachſpitzen, welche den 8 Winkeln des Thurmes entſprechen, von welchen s kleine me⸗ tallene Glocken herabhaͤngen. Der Thurm iſt oben ſo breit als unten. An der Seite dieſes Thurmes ſteht ein, von alten Baͤumen umſchatteter, Tempel; andere Baͤume um die Gebaͤude herum vergroͤßern die Schoͤn⸗ heiten des Ganzen. Der Name dieſes Luſthauſes, welches ungefaͤhr 60. Bd. China, H. 3. 6 1 314 1500 Toiſen im Umfange hat, iſt Cau⸗ming⸗tſi. Es hat zwiſchen zwei Kanaͤlen und im Angeſichte eines dritten eine angenehme Lage und man gibt ihm ein Alter von 1160 Jahren, da es unter dem Kaiſer Yong⸗ erong erbaut iſt. Ungefaͤhr so Schritte von dem Haupteingange des Hofes fuͤhrt eine praͤchtige ſteinerne Treppe zu dem Fluſſe, und dieſer gerade gegenuͤber ruht ein ſechsecki⸗ ger Dom auf 6 Pfeilern, in deren Mitte mau einen Stein mit einer Inſchrift ſieht. 3 Vor dem Gebaͤude liegt an der Oſtſeite des Kanals ein Kloſter. Die Provinzen Kiang⸗nam, Tché⸗kiang und Fo⸗king ſind die 3 vorzuͤglichſten in China, weil ſie rohe Seide, baumwollene Zeuge, Nanking und verſchiedene Thee⸗Arten liefern. Der Kanal, auf welchem wir jetzt fuhren, betraͤgt in ſeiner Laͤnge mehr als 1000 Li. Wir ſahen den 13. Maͤrz mehr als 60 Fahrzeuge mit Reis fuͤr den kaiferlichen Hof voruͤberfahren. Der Kaiſer ſoll jaͤhr⸗ lich 10,000 Schiffe von der Art in Chaͤtigkeit halten. Die Schiffe ſind 58— 100 Fuß lang und 22— 25 Fuß breit. Die Kapitaͤne und Steuermaͤnner haben ihre Frauen und Kinder an Bord. Ich bemerkte mehrere diefer Frauen, welche ſehr artig waren und gut aus⸗ ſahen. Die Laſt befindet ſich in dieſen platten und faſt viereckigen Fahrzeugen auf dem Boden; der sbere Theil iſt zur Wohnung eingerichtet. Das Verdeck 4 315 lauft in der Laͤnge des Schiffes hin; der Kapitaͤn be⸗ wohnt das Hintertheil deſſelben, uͤber ihm wohnt der Steuermann. Das ganze Vordertheil iſt fuͤr das Reiſegeraͤthe eingerichtet. Die Kuͤchen befinden ſich zwiſchen der Wohnung des K Kapitaͤns und der Matroſen. Der Kaiſer hat 200,000 Menſchen zum Reis⸗Traus⸗ port noͤthig; dieſe werden mit ihren Familien auf Koſten des Staates ernaͤhrt. Die Menge Reis, welche jährlich nach Pe⸗king geſchafft wird, betraͤgt 150 Mil⸗ lionen Pfund. Mit dieſem Reis wird der groͤßte Theil der Armee und was zum Hofe gehoͤrt, bezahlt. Den 217. liefen wir aus dem Kanal in den Kiang ein, welcher vermoͤge ſeiner Groͤße der zweite Fluß des Reiches und hier ſehr breit iſt. Seine Ufer find eben und mit Baͤumen bepflanzt, in einer gewiſſen Entfer⸗ nung aber ſah man in Suͤd und Suͤdweſt viele Berge, welche ſich bis nach Oſt erſtreckten und ſich dem Fluſſe in letzter Richtung naͤherten. Wir fuhren dann bei der Stadt Qua⸗tcheou⸗ welche im Norden lag, und bei der Inſel Kian⸗ tſang⸗tſi, welche aus Felſen beſteht und als ein ehemaliger Luſtort viele ſchoͤne Gebaͤude enthaͤlt, vor⸗ bei. Ungefaͤhr 3 Li weiter gegen Oſten von dieſer Inſel faͤngt die Vorſtadt von Ching⸗kiang⸗fon an, welche laͤngs der Felſen am Ufer erbaut iſt. Laͤngs der Vorſtadt fuhren wir in einen Kanal, wel⸗ cher ungefaͤhr 200 Toiſen lang von dem Fluſſe durch einen hohen und ſchoͤnen, mit Schilfrohr durchſtochenen „ 316 Damm getrennt wird. Als wir eine Strecke laͤngs der Vorſtadt hingeſegelt waren, fuhren wir durch eine Schleuße, welche nicht breiter als ein Reisſchiff iſt. Nach einiger Zeit langten wir an der Baſtei auf der Nordweſtſeite der Stadt an, wo eine Menge Kriegs⸗ fahne auf dem Walle aufgepflanzt waren, waͤhrend viele Soldaten in den Schießſcharten ſtacken und in große Seemuſchel, wie in Trompeten, bließen. Wir ſetzten noch ſehr lange laͤngs des Dammes unſere Reiſe fort; aus dieſem Umſtande kann man auf die Groͤße der Stadt ſchließen. 1 Den 19. fuhren wir um 3 Uhr laͤngs der Stadt Chang⸗tcheou⸗fu hin und erreichten erſt um s Uhr das Ende der Vorſtadt. Im Suͤden der Stadt wird der Kanal noch zweimal ſo breit, als er vorher war. Man ſieht viele Doͤrfer und Weiler, welche ein gutes Anſehen haben. 8 3 Da das Land, welches wir durchreiſten, in einem bluͤhenden Zuſtande war, ſo vermehrten ſich auch die Tempel und waren beſſer unterhalten, als in duͤrren weſtlichen Theilen. Die Menge der Bonzen zeigt, daß ſie ihres Unterhaltes gewiß ſind. 8 Den 20. ſetzten wir unſere Fahrt auf dem Kanale fort, deſſen Lauf immer fortfaͤhrt ſuͤdoͤſtlich zu gehen. Das Land iſt im Allgemeinen ungleicher, als geſtern. Man ſieht eine Menge Huͤgel und kleiner Berge, welche Graͤber andeuten. Die Doͤrfer ſind weniger zahlreich⸗ aber deſto haͤufiger kleine Kanaͤle und Graͤben, welche 317 mit dem großen Kanal in Verbindung ſtehen. Die ziemlich zahlreichen Baͤume raubten oft die Ausſicht in entfernte Gegenden. Acht Li hinter Sou⸗tcheou 2zhuye⸗quan, bei welchem an dem aͤußerſten 2 ſehr ſchoͤne Tempel ſtehen, reißt ſich gegen Weſten ein anderer Kanal von dem los, auf welchem wir fuhren. Ein s Fuß breiter Damm trennt beide. Wir fuhren vor 2 Begraͤbniſſen angeſehener Perſonen vorbei. Nahe an den Graͤbern ſind s Paar ſteinerne Statuen aufgerichtet; naͤmlich 2 ſitzende Loͤwen, 2 liegende Widder, 2 aufrecht ſte⸗ hende Pferde, 2 Elephanten und 2 Mandarine; aͤhn⸗ liche Statuen ſah ich auch an andern Orten. Bei unſerer Ankunft zu Sou⸗tcheou⸗cau⸗pau⸗ kiou wimmelte es auf unſerm Wege von Neugieri⸗ gen beiderlei Geſchlechts; die Haͤuſer waren von oben bis unten mit Zuſchauern angefuͤllt. Wir ſahen zu⸗ weilen einige Schoͤnen von artiger Geſichtsbildung; der groͤßte Theil von ihnen war geſchminkt; beſonders iſt die weiße Farbe ſo blendend, daß man ohne Ueber⸗ treibung behaupten darf, man koͤnne ſchon 100 Schritt weit die Figur unterſcheiden, welche man uͤbertuͤncht hat. um 5 Uhr langten wir beim Eingange in die Vor⸗ ſtadt von Sou⸗tcheou⸗fou an, wo wir unter einer Bruͤcke von 3 Jochen hinfuhren, welche von einer edeln und zugleich ſchoͤnen Bauart war. Die Mandarine aͤußerten nochmals die Zufriedenheit des Kaiſers, luden uns zum Eſſen ein und lieben unſertwegen Spiele 318 auffuͤhren. Wir beſahen die Stadt und fanden ſie ſo merkwuͤrdig, daß wir gar nicht zu begreifen wußten, wie die Stadt zu dem Ruhme gelangt ſey, in welchem ſie ſteht. Man behauptet, das andere Geſchlecht uͤber⸗ treffe in dieſer Stadt alle andern Chineſinnen in den uͤbrigen Provinzen des Reiches an Schoͤnheit, und der Nuf der Stadt ſolle von der Schoͤnheit der Frauen herruͤhren... Der Handel mit Frauenzimmern iſt ein Haupt⸗ handelszweig dieſer Stadt, ſo wie auch jener der Stadt Hang⸗tcheou⸗fu in der Provinz Sche⸗kiang. Eine große Anzahl Menſchen macht in der Abſicht Rei⸗ ſen, um den armen Bewohnern ihre ſchoͤnen Kinder abzukaufen. Sie erziehen dieſe jungen Maͤdchen mit der groͤßten Sorgfalt, kleiden ſie mir Geſchmack, laſſen ihnen alle Arten von Stickereien, und mehrere muſikali⸗ ſche Inſtrumente lernen, um ihre Reize und Talente angenehm zu machen. Die ſchoͤnſten dieſer Maͤdchen werden gewoͤhnlich fuͤr den Hof oder fuͤr die Manda⸗ rine erſter Klaſſe gekauft. Eine Schoͤne, welche zu⸗ gieich anmuthig iſt, koſtet 450— 700 franz. Louisd'or, waͤhrend eine andere nur 100 Louisd'or koſtet. Den 22. ſahen wir die Stadt Uu⸗kiang⸗chen, von deren Vorſtadt eine große ſteinerne Bruͤcke mit 4 Jochen nicht weit abliegt. Das Land, welches wir heute ſahen, iſt weniger hoch, als jenes am Tage vorher; es wurde von einer Menge kleiner Graͤben durchſchnitten. Der Boden iſt noch immer ungleich * 319 und erhaͤlt durch viele Begraͤbniſſe und Baͤume eine ſehr angenehme Abwechslung. Mir fiel es hier auf, die Saͤrge auf die Ober⸗ faͤhhe der Erde geſetzt zu ſehen. Reiche Leute laſſen um den Sarg eine kleine viereckige Mauer fuͤhren, welche eben ſo hoch; andere bedecken den Sarg mit Stroh oder mit einer Matte, waͤhrend Leute von der geringen Klaſſe bloß eine Raſenſchicht oben auf den Sarg legen. Wir ſind ſeit 2 Tagen bei mehrern ſol⸗ chen Begraͤbniſſen voruͤber gereiſt. 3 Da die Chineſen eine außerordentliche Ehrfurcht gegen Verſtorbene hegen, ſo ſetzte mich dieſer Gebrauch in Erſtaunen. Als ich nach der Urſache fragte, erhielt ich folgenden Aufſchluß: der Grund ruͤhre von der niedrigen Lage des Landes her, ſo zwar daß man die Todten nicht beerdigen koͤnne, weil man ſogleich auf Waſſer ſtoße. Dieſer Gedanke iſt den Chineſen un⸗ ertraͤglich, weil ſie die Ueberzeugung hegen, die Tod⸗ ten lieben einen trocknen Aufenthaltsort. Nach einem gewiſſen Zeitraume verbrennt man die Saͤrge mit ihren Leichnamen und ſammelt die Aſche in eine Urne, welche nachher zur Haͤlfte in die Erde vergraben wird. Ich ſah mehrere ſolcher Urnen. Zum erſten Male erfuhr ich alſo heute, daß auch die Chineſen den Gebrauch kennen, die Todten zu verbrennen und ihre Aſche zu ſammeln. Ich erinnere mich, nie etwas Aehnliches in den Buͤchern, welche ich uͤber China geleſen, gefunden zu haben. Auch 2 320 hoͤrte ich nichts ſeit den 36 Jahren, da ich nun China ſelbſt geſehen habe, ungeachtet ich bei den Gelehrten ten, Geſchichte und Eigenheiten ihres Landes Bezug hatte. Dieſe Thatſache beweist, daß ſehr wenige Chineſen eine allgemeine Kennrniß von dem ganzen Reiche haben, und daß ſie die Sitten und Gebraͤuche der Provinzen, in welchen ſie nicht wohnen, auch nicht kennen. Die Hauptwachen in der Provinz Kiang⸗nam ſind alle im beßten Zuſtande und hinlaͤnglich mit Trup⸗ pen verſehen. Das erſte Dorf in der Provinz Tche⸗kiang, welches wir um 1½ 4 Uhr erreichten, heißt Quon⸗ con⸗canz es hat einen ſchoͤnen ſteinernen Triumph⸗ bogen, eine kleine Pagode und in ſeiner Naͤhe 3 ſtei⸗ nerne Bruͤcken. Man verfertigt hier die beßten Gom⸗ goms. Bei Untergang der Sonne bemerkte ich am 23. daß das Land ungleich geworden ſey. Man erblickte viele kleine, mit Baͤumen beſetzte Huͤgel, unter wel⸗ eine ſehr große Anzahl Fruchtbaͤume unterſchied; da⸗ gegen ſah man wenig Ackerland. Wegen der Menge von Baͤumen und Geſtraͤuchen hatten wir keine weite Ausſicht an den beiden Seiten des Kanales. Die Seide von Thée⸗chiang iſt die ſchoͤnſte und koſtbarſte Reiſe fortruͤckten, deſto mehr Maulbeerbaͤume erblickten und Weiſen mich nach allem erkundigte, was auf Sit⸗ chen man ganze Pflanzungen von Maulbeerbaͤumen und in der bekannten Welt. Je weiter wir auf unſerer 321 wir; gegen Mittag fanden wir, daß alles Erdreich mit ihnen bepflanzt war. In der Provinz Tche⸗kiang wird auch Indigo gebaut, welchen die Chineſen nicht in Kuchen oder Stuͤcken verfahren, ſondern ſie laſſen ihn in einer feuchten Thonerde und ſchaffen denſelben in Koͤrben in die Fabriken. Auch die Provinz Quang⸗-tong liefert eine Menge von dieſem Faͤrbematerial. Bei einem Orte, an welchem wir vorbeifuhren, ſahen wir wieder Saͤrge auf der Erde ſtehen und wei⸗ terhin halbvergrabene Aſchenkruͤge; noch weiter erhe⸗ ben ſich auf demſelben Platze 3 ſchoͤne, 70— 12 Fuß hohe Saͤulen von Stein mit 6 Seiten. Alle ſind ohne Verzierungen. Jede hat einen Knauf aus einem ein⸗ zigen wenig dicken und gebogenen Stein, in deſſen Mitte ein doppelt gehauener Knopf ſteht. Auf dem Vordertheile der Saͤulen ſteht eine Iuſchrift. Die Stadt Che⸗menschen iſt ziemlich groß und hat einen Wall, welcher Kennzeichen ſeines Alters an ſich traͤgt. Ein Tempel in dieſer Stadt iſt dem Chriſten Kiam⸗loug⸗eitay⸗ouang geweiht, de⸗ ren wir ſchon mehrere ihm gewidmete auf unſerer Ruͤckreiſe geſehen hatten. Das Land iſt wie geſtern von Kanaͤlen durchſchnitten. Wir ſahen viele Triumph⸗ bogen. Das Land war den 24. an der Weſtſeite des Ka⸗ nales höher, als an der Oflſeite; ſpaͤter erhoͤhte ſich dieſe Seite, und man erblickte die gruͤnen Maulbeer⸗ 7 322 baͤume wieder. An beiden Seiten des Kanales ſah man bluͤhende Pfirſichbaͤume in Menge und noch viele andere Baͤume, welche einen ſehr angenehmen Anblick gewaͤhrten. Wir fuhren den Vormittag bei mehrern Begraͤbniſſen voruͤber, welche mit praͤchtigen ſteiner⸗ nen Saͤulen geſchmuͤckt waren, in welchen Aſchen⸗ kruͤge ſtehen. Wir trafen auch mehr als ein Dutzend Kloͤſter und Pagoden in gutem Zuſtande, aber nicht einen einzigen Triumphbogen. Um 12 Uor gelangten wir zur Vorſtadt des beruͤhmten Hong-tcheou⸗fou. Wir wurden in dieſer Stadt mit der groͤßten Feier⸗ lichkeit empfangen, auf ausdruͤcklichen Befehl des Kaiſers herrlich bewirthet und mit Geſchenken beehrt. Auch ſagte man uns auf eine ſehr gefaͤllige Weiſe, der Kaiſer habe zwei Mandarinen befohlen, uns an einige ſehenswerthe Orte zu fuͤhren. Hong⸗tcheou⸗fou mit einem Umfange von 5 franz. Meilen, hat eine unregelmaͤßige Form. Das Innere der Stadt iſt ziemlich gut bebaut und enthaͤlt mehrere ſchoͤne Haͤuſer; verſchiedene Graͤben durch⸗ ſchneiden dieſelbe. Bei meiner Durchreiſe bemerkte ich unter vielen andern Kramlaͤden 3 Gewoͤlbe mit Uhren und eine große Anzahl anderer mit Schinken; ſo daß man ſagen koͤnnte:„Weſtphalen liege in China und in der Nachbarſchaft dieſer Stadt.“ In einer der Straßen bemerkte ich auch eine mu⸗ hametaniſche Moſchee. Außerhalb der Stadt be⸗ ſuchten wir die Luſthaͤuſer des Kaiſers und den ſo be⸗ 323 ruͤhmten See Tſay⸗vou⸗cang, welcher ſich zwi⸗ ſchen der Stadt im Oſten und den hohen Vergen, welche von dem nordweſtlichen Ende der Stadt bis an ihr ſuͤdliches laufen, befindet. 4 Auf dem See ſind 3 Inſeln mit mehrern Luſt⸗ ſchloͤſern des Kaiſers; auf derjenigen, welche am weiteſten gegen Norden liegt, ſteht ein Berg. Durch den See gehen 2 Wege, welche in der Mitte gepfla⸗ ſtert ſind; an ihren Seiten ſtehen Weiden, Adams⸗ feigen, Pfirſich⸗ und andere Fruchtbaͤume. Man ſieht hier auch viele ſteinerne Bruͤcken mit einem Joche. Auf dem Gipfel der Berge iſt von dem Thurme Pau⸗ſok⸗tap nichts als die Quermauer und die ſchoͤne Spitze von gegoſſenem Metall uͤbrig. Als wir an den Bergen hingingen, trafen wir ein großes Klo⸗ ſter an und in deſſen Nachbarſchaft ſchoͤne Tempel. Am Fuße und auf der Spitze des Berges ſieht man viele kleine und niedrige Gebaͤude, in welchen man Saͤrge mit Leichnamen antrifft, welche bis zu ihrer Beerdigung aufbewahrt werden. Bei der Kruͤmmung, welche die Berge im Nord⸗ weſt machen, zeigte man uns das Begraͤbuiß des be⸗ ruͤhmten Ngok⸗ſi, welcher durch ſchaͤndliche Ver⸗ laͤumdung ſein Leben verlor. Spaͤter kam jedoch ſeine Unſchuld an den Tag und der Sohn dieſes Ungluͤck⸗ lichen Mandarin ward erhoben. Sein Grab beſteht aus Backſteinen und bildet eine Halbkugel. Auf der linken Seite deſſelben iſt das etwas kleinere Grab 1. 324 ſeines Sohnes. Beide ſind auf einer Erhoͤhung ge⸗ baut und werden durch eine Mauer mit einem Thore von einem großen viereckigen Vorhofe getrennt, in deſſen Mitte man von dem erſten Eingangsthore bis an das Innere mehrere antike Figuren von Werkſtuͤcken antrifft. An den beiden Seiten des erſten Eingangs⸗ thores ſieht man die metallenen Statuen ſeiner 4 Ver⸗ laͤumder; je zwei liegen auf den Knien beiſammen, die Haͤnde ſind auf den Ruͤcken gebunden, das Geſicht iſt dem Grabmale zugekehrt, und ihre Namen ſtehen auf der Bruſt. Wenn die Chineſen vor dem Grabe opfern, ſo ſchlagen ſie zum Zeichen des Abſcheues vor dieſem Verbrechen mit einem Stuͤck Holz oder einem Steine an die Stirne der Boͤſewichte. Das Grahmal iſt mit Mauern und einigen Baͤu⸗ men umgeben. Von dem Grabe fuͤhrte man uns nach der Mittagſeite des See's, um die vorzuͤglichſten kai⸗ ſerlichen Gebaͤude und andere Merkwuͤrdigkeiten zu ſehen. Die Inſel iſt bis an ihren Gipfel mit Baͤu⸗ men bewachſen. Die kaiſerlichen Gebaͤude nebſt den Gaͤrten gewaͤhren von der Suͤdſeite einen herrlichen Anblick. Im Norden und Often trifft man weit we⸗ niger Wohnungen an, aber eine Menge kleiner Haͤu⸗ ſer fuͤr Aufbewahrung der Saͤrge. Die reizende Mannigfaltigkeit der Seenen gewaͤhrt einen hinreißenden Aublick. Befindet man ſich in den Pavillons und den hie und da am Abhange des Berges erbauten Domen, ſo kann das Auge den ganzen See mit 325. ſeinen Inſeln, und an der andern Seite die umlie⸗ genden Berge, die verſchiedenen Gebaͤude, Kloͤſter, die Groͤber und Thuͤrme uͤberſehen. Zu bedauern iſt jedoch, daß dieſe Luſtorte im Allgemeinen ſo viele Spuren der Vernachlaͤßigung und des Verfalles au ſich tragen. Die Urſache deſſelben iſt die zwoͤlfjaͤhrige Abweſenheit des Kaiſers und die Meinung, daß dieſer Monarch durch das Alter gehindert werde, denſelben mehr zu beſuchen. 8 Nachdem wir einige Erfriſchungen zu uns genom⸗ men hatten, begaben wir uns in ein ſehr beruͤhmtes Kloſter und in einen Tempel, deſſen vornehmſten Saͤle ſehr groß und praͤchtig ſind. In einem ziemlich gro⸗ ßen viereckigen Seitengebaͤude ſieht man s00 Figuren von Heiligen, welche beinahe die natuͤrliche Groͤße haben und in verſchiedenen Lagen ſitzen; einige der⸗ ſelben ſind bemalt und gefirnißt; der groͤßte Theil iſt aber ganz vergoldet. 6 Man machte uns aufmerkſam, daß der jetzige Kai⸗ ſer ſchon unter die Heiligen aufgenommen ſey. Durch ein kleines Zimmer gelaugten wir zu einem Brunnen, um uns bei dem Scheine eines Lichtes ei⸗ nen Baum zu zeigen, welcher in deſſen Mitte ſteht. Er iſt wagrecht durchſaͤgt und hat einen Fuß im Durchmeſſer. Man erzaͤhlte uns, dieſer Baum habe in der Tiefe des Brunnens nicht aufgehoͤrt zu wach⸗ ſen bis er gerade ſoviel Holz geliefert habe, als man zur Erbauung des Tempels gebraucht habe; hierauf 326 ſey er in demjenigen Zuſtande geblieben, in welchem wir ihn erblickten!— Wir gingen dann zu den Ruinen des Thurmes Lau⸗ y⸗hong⸗thap, welcher 1500 Jahre alt ſeyn ſoll. Auf einem hohen Berge uͤberſah ich die ganze Stadt und konnte ſo ihre Geſtalt, ihre Bauart und ihren unermeßlichen Umfang beurtheilen. Den 25. Maͤrz verließen wir dieſe Stadt und be⸗ merkten in dem Fluſſe Ebbe und Fluth, weil wir nur noch 40 Li vom Meere entfernt waren. Die Gebraͤuche der Bewohner der verſchiedenen Provinzen ſind einander ſo unaͤhnlich, daß man aum glauben ſollte, daß ſie zu einem Volke gehoͤrten. Sprache, Kleidung, Kopfputz, Verwaltungsform, Ackerbau, alles in jeder Provinz verſchieden. Die Sprache der Mandarine bleibt ſich im ganzen Reiche gleich, aber von einer Provinz zur andern herrſcht eine Verſchiedenheit der Dialekte, ſo daß unſere Die⸗ ner von Canton nur mit vieler Muͤhe die Sprache der Chineſen in andern Theilen des Reiches ver⸗ ſtanden. Von der Provinz Tche⸗kiang kamen wir in die Provinz Kiang⸗ſi und Quang⸗ton. Zum Schluſſe bemerken wir noch, daß die Staͤdte, welche ſich auf fou endigen, Staͤdte erſten Ranges ſind; tcheou zeigt Staͤdte vom zweiten und die Endung chen ſolche vom dritten Range an. 4 327 Des John Dundar Couchrane, Ca⸗ pitains von der königlich engliſchen Marine Fußreiſe von der Chineſiſchen Grenze nach dem Eismeer und Kamtſchatka, in den Jahren 1820, 1821 und 1822. (Aus dem Engliſchen.) Jo war, zwar nicht ohne Abentheuer, aber doch ge⸗ ſund an Geiſt und Koͤrper, uͤber Riga, St. Peters⸗ burg, Niſchnei, Nowgorod u. ſ. w. nach To⸗ bolsk gekommen, wo ich mich zur weitern Reiſe durch Einziehung von Nachrichten, und Anſchaffung mehrerer Reauiſiten vorbereitete. Der Gouverneur gab mir einen Koſaken, und einen Befehl an alle Behoͤs⸗ den mit, mir in jeder Hinſicht Beiſtand zu leiſten. Nachdem ich Tobolsk Lebewohl geſagt hatte, trat ich den Weg nach Omsk an, immer den Irtiſch verfolgend, den ich bei mancher Faͤhre überſetzen mußte. Einige Kloͤſter, und gaſttreundliche Tartaren⸗Doͤrfer 328 belebten die ziemlich romantiſche Gegend. Die Tracht der Tartaren⸗Frauen beſteht aus einem einfachen, weißen Hemde, und einer Leibbinde, auf welcher der Buſen ruht. Außer dieſem, und dem Kopftuch, geht ihnen jedes andere Kleidungsſtuͤck ab. Ihre Geſichts⸗ bildung iſt fein, die Gliedmaſſen aber ſtark, und ihre Hauptfarbe ſehr gebraͤunt.— Die weiß getuͤnchten Kamine und Oefen erinnerten mich hier an die meines Vaterlandes.—. Iſchim it ein erbaͤrmliches Staͤdtchen am gleich⸗ namigen Fluſſe. Ich erwaͤhne dieſes Ortes blos wegen der Unhoͤflichkeit ſeiner Bewohner, die ich, mit Ein⸗ ſchluß des Commiſſaͤrs und Doctors, ſaͤmmtlich be⸗ trunken fand. 4 4 Als ich die Burg von Omsk erblickte, ſah ich mich in einer ungemein fruchtbaren Gegend, voll Ge⸗ treidelaͤnderei verſetzt. Die Burg liegt noͤrdlich; die Stadt ſuͤdlich von dem Ohm. Gegenöuͤber faͤngt das Gebiet der noma⸗ diſchen Kirgiſen an; mit ihnen, und den ſuͤdlich wohnenden Kalmukken beſteht ein bedeutender Han⸗ dels⸗Verkehr, wobei Vieh u. ſ. w. gegen Tabak und Brandwein eingetauſcht werden. Von beiden Staͤm⸗ men kann man zu Omsk genug Kinder ſehen, welche von ihren Eltern füͤr ein Pfund Tabak, oder ein Glas Schnaps verkauft werden. Dieſe Sklaven befinden ſich jedoch beſſer, als ihre wandernden Landsleute. Man gibt dieſen Voͤlkern Schuld, daß ſie Chriſten 329 rauben und verkaufen. Ueberhaupt ſind⸗ die Kirgiſen die haͤßlichſten und unreinlichſten Leute, die ſich bei warmen Wetter anſtandshaßber nicht einmal mit Ho⸗ ſen bekleiden. In ihren jaͤmmerlichen Zelten findet man kein anderes Geraͤthe, als einen großen eiſernen Keſſel, und hoͤlzerne Loͤffel. Indeſſen ſind ſie vor⸗ tvoffliche Reitex. Soemipalatinsk itt nett gebaut, befeſtiget und hat 1000 Mann Garniſon.— Zu Pojanojarsk ſah ich in dieſem Lande die erſten Melonen; ſie ſind von uft⸗ geheuven Umfang, und bilden, nebſt Gurken und Brod⸗ im Sommer die Hauptnahrung der Einwohner. Die Gegend, welche ſich von Ubinsk bis To⸗ bolsk und an das Eismeer, und vom Ural⸗Gebirge weit uͤber Tomsk oͤttich erſtreckt, iſt, wie faſt durch⸗ gehends unfruchtbare Ebene; gegen Uwarowa wird ſie ein angenehm abwechſelndes Bergland, mit vielen angebauten Laͤndereien, und einigen Waldungen. Bukhtarminsk hat am rechten Ufer des Ir⸗ tiſch eine ungemein romantiſche Lage; rings umher ſteigen die praͤchtigſten Berge an. Der Ort ſelbſt aber iſtjaͤmmerlich, und der ſchlechteſte in dem ganzen Graͤnz⸗ kordon. Obwohl ſich hier ein Feſtungs⸗Kommandant mit 300 Leuten befindet, ſo iſt doch das Vieh den Diebſtaͤhlen von Seite der Kirgiſen ſehr blosgeſtellt, welche in keinem Falle mehr, als die Haͤlfte von ihrem Naube zuruͤck geben. Man koͤnnte auf dieſem Punkte einen betraͤchtlichen Handel zwiſchen dem ruſſiſchen und 66. Bd. China. II. 3. 6 1 330 chineſiſchen Reiche einleiten, wodurch die Uferlaͤnder des Irtiſch zu einem reichen Gebiete ſich erheben wuͤrden. Aus allen Laͤndern wuͤrden ſich Coloniſten in dieſem fuͤr Getreidebau und Viehweide gleich geſchick⸗ ten ungeheuren Reiche niederlaſſen. Auch iſt das Klima nicht unguͤnſtig: 180 Reaum. iſt der hoͤchſte und tiefſte Thermometerſtand; der Winter beginnt im November und endigt im April. Ich wollte mich nun nach der ruſſiſch⸗chineſiſchen Graͤnze begeben, ſetzte uͤber das Fluͤßchen Bukhtarma und gelangte auf gutem Wege zu dem Dorfe Wo⸗ ronia. Ich bekam dort Johannisbeeren, Milch, Me⸗ lonen und Honig. Hier ſchien mir die naturgemaße Wohnung des Menſchen zu ſeyn; dieſes Land war un⸗ gemein ſchoͤn. Der letzte ruſſiſche Graͤnzort iſt Ma⸗ laja⸗Narymka. Ein ſchwacher Militaͤr⸗Poſten be⸗ zeichnet hier die Stelle, wo die zwei groͤßten Reiche der Welt an einander ſtoßen. Ich ging durch einen kleinen Fluß, welcher die eigentliche Graͤnze bildet, fetzte mich am linken Ufer auf einen Stein, und hieng meinen Gedanken nach. Es war faſt Mitternacht; der Vollmond prangte am Himmel; die Scene war unbe⸗ greiflich ſchoͤn. Gewaltige Granitberge ſtiegen auf ver⸗ ſchiedenen Seiten empor, und zwiſchen ihnen dehnten ſich die uͤppigſten, leider unbewohnten, Thaͤler aus. Dieſes ganze herrliche Reich wird den wilden Thieren Preiß gegeben, blos um neutrales Gebiet zu bilden! Bis zur naͤchſten chineſiſchen Niederlaſſung ſind 331 30 Meilen. Ich haͤtte ſie gern beſucht, wagte es aber nicht ohne Meldung. Fruͤher war der vorderſte Poſten an der Stelle, wo ich ſaß, und es machte mir einiges Vergnuͤgen, mich in dem himmliſchen Reiche zu befin⸗ den. Der Peckinger Hof zog dieſen Poſten zuruͤck, da⸗ mit ſeine Unterthanen durchaus keinen Verkehr mit Fremden haben ſollten. Der befehlende Offizier iſt ein Mandarin, welcher, wie die uͤbrigen Soldaten, ohne Sold leben muß. Da aber dieſe Stelle in der Regel mit einem zum Tode verdammten Verbrecher beſetzt wird, ſo fehlt es nie an ſolchen, die den Par⸗ don unter der Bedingung annehmen, daß ſie hier 10 Jahre als wachhabende Offieiere dienen. Die Chine⸗ ſen beſitzen dort ein nettes Dorf, und haben Fruͤchte, Fleiſch und Gemuͤße in Menge. Bukhtarma wird des ſchlechten Waſſers wegen fuͤr ungeſund gehalten. Der Angabe nach gibt es im Gebirge viele Rennthiere und einige wilde Schaafe. Das unreife Gehoͤrn der erſtern wird von den Chineſen gut bezahlt. Sie bereiten eine Lieblingsmedizin dar⸗ aus, und es wird um ſo mehr geſchaͤtzt, je kuͤrzer⸗die Zeit iſt, feitdem das Thier das vorige Geweih abge⸗ worfen hat. Der Irtiſch iſt von hohem Werthe; da dieſer Fluß eine faſt ununterbrochene Communikation von der chineſiſchen Graͤnze bis zu dem Eismeere bidet, ſo koͤnnte ein Dampfboot zwiſchen Bukhtarmindk und Tobolsk hin und her gehen. Brennholz iſ uber⸗ 4 332 guͤſſig vorhanden. Mit dem kasgiſchen, baltiſchen und weißen Meere beſteht eine Communikation. Den aͤuf⸗ ſerſt fruchtbaren Boden bildet eine ſchwarze Damm⸗ erde. Ich kam durch das bedeutende Dorf Michai⸗ lofsky, deſſen Bewohner Bergbau auf Silber trei⸗ ben, nachdem ich uber die Ulba geſetzt hatte. Behaup⸗ ten laͤßt ſich, daß in Sibirien das Gold einen zwoͤlf⸗ mal hoͤhern Weth hat, als in England, daher ſind die Wirthshaͤuſer in der Regel ſehr wohlfeil. Zmegewa iſt ein großer, aber zerſtreut liegender Ort; ohngefaͤhr 6000 Einwohner ſind wohlhabend. In der Nachbarſchaft beſinden ſich viele gehaltvolle Silber⸗ und Kupfer⸗Minen, deren Ausbeute die wichtigſten in der ganzen Provinz ſeyn ſollen. Barnaul liegt ungemein regelmaͤßig am Ob, gerade an dem Punkte, wo ſich der kleine Fluß Bar⸗ naul hineinwindet. Die Minenarbeiten und Huͤtten⸗ werke ſind hier Tag und Nacht im Gange. Das Sil⸗ ber wird zu Klumpen verarbeitet, und ſo nach St. Petersburg verſchiekt; dagegen wird das ausgebeu⸗ tete Kupfer gemuͤnzt, und zur Zahlung der Beamten und Arbeiten verwandt. Dem Kaiſer ſtehen hier 32 Minen zu, und es werden beſtaͤndig noch neue ent⸗ deckt, ſo daß man fuͤglich ſagen kann, der ganze Di⸗ ſtrikt laſſe ſich verſilbern. Der hieſige Bergbau ge⸗ waͤhrt ſicher ein reines Einkommen von 4 Millionen; 333 3,000 Bewohner, von 82,600 der Provinz, gehoͤren ausſchließlich zum Bargbau. Ich reiste nach Tomsk, der Hauptſtadt einer gleichnamigen Provinz, welche 500,000 Einwohner zaͤhlt. Sie hat viele Kirchen und ſchoͤne Gebaͤude, iſt aber im Ganzen ein haͤßlicher Ort. Von Kolionskaja erhebt ſich das Land ein we⸗ nig; allein die Wege ſind in ſo ſchlechtem Zuſtande, daß man zu Fuß und zu Pferde kaum darauf fortkom⸗ men kann. Die Einwohner, ein traͤger Schlag Men⸗ ſchen, ſind Nachkommen verbannter Ruſſen. Viehzucht und ein wenig Gemuͤſebau bilden, außer Schnapstrin⸗ ken, ihre einzige Beſchaͤftigung, und die Weiber ha⸗ ben alle Haͤnde voll zu thun, um Kleider und Lebens⸗ mittel fuͤr ihre traͤge Maͤuner zu ſchaffen. Zwiſchen Chornaretsk und Malokemt⸗ ſchutska erhielt ich auf meiner Telega ſolche Stoͤße, daß ich ausſtieg. Ich fand die Stationen zu lang. Dieſem minde⸗ duͤrfte jedoch dadurch bald aufgehol⸗ fen ſeyn, d ß jetzt beſtaͤndig neue Doͤrfer entſtehen. Bei B Dtcher Kemtſchutska begegnete ich einer Caravane, welche von den chineſiſchen Graͤnzen nach Moskau Thee, Seidenzeug und Nankings fuͤhrte, und aus einigen hundert Karren beſtand. Als ich zu Krasnojarsk ankam, war ich gegen die Moskitos, nach Landesgebrauch, wie eine Nonne verſchleiert. Vor der Stadt traf ich eine uͤppige Ge⸗ gend, durch welche der maleriſche Jeniſſey ſtroͤmt. 334 Die daraus aufſteigende Duͤuſte ſind ſehr ungeſund. Als die aͤußerſten Grade der Temparatur werden 320 Waͤrme und 400 Kaͤlte augegeben. In der Stadt herr⸗ ſchen Fieber; in den benachbarten Thaͤlern iſt die Luft geſunder. Man braut ein treffliches Bier; Kornbrannt⸗ wein und Lebensmittel uͤberhaupt ſind ſpottwohlfeil. Ich ſetzte meine Reiſe bald fort, und gelangte an die Grenze der Provinz Irkatzk. Die Witterung wurde hier kalt und windig; doch nahm der Weg an Guͤte und die Gegend an Fruchtbarkeit zu, je mehr ich mich der Hauptſtadt naͤherte, die mit der Provinz glei⸗ chen Namen hat. Ich erreichte ſie, nachdem ich vor⸗ her die Angara uͤberſchifft hatte, von welcher eben dicke Nebel aufgeſtiegen waren. Die Merkwuͤrdigkeiten dieſer Stadt ſind nicht viel, doch liegen ſie deſto wei⸗ ter von einander. Die Bevoͤlkerung beſteht aus 15000 Einwohnern; die oͤffentlichen Gebaͤude ſind ſchoͤn, dar⸗ unter ſind wenigſtens 12 Kirchen. Wenn dieſe gleich keine Reliquien enthalten, ſo ſteht doch der Biſchof ſeinem Amte eben ſo wuͤrdig vor, als irgend einer. Ich beſuchte das Gefaͤngniß, welches geraͤumig iſt, und viele friſche Luft hat. Die Gefangenen erhalten geſunde Nahrung im Ueberfluſſe; Ketten tragen ſie nur, wenn ſie auswaͤrts arbeiten. Die meiſten Handwerker ſind verbannte Verbrecher, die hier zu ihren und des Publikums Nutzen einen gezwungenen Wohnort haben. Viele erwerben ſich auf dieſe Weiſe ein betraͤchtliches Vermögen; uͤbrigens iſt dafuͤr geſorgt, daß ſich keiner 335 den Muͤfnggang angewoͤhnt. Das hoͤlzerne Gebaͤude, in dem ſich dieſe Anſtalt befindet, gehoͤrt der Stadt; die Zimmer ſind zu feſtgeſetzten Preiſen vermiethet, und ein gewiſſer Theil von dem, was erworben wird, fließt in die milde Kaſſe. Das Kapital iſt ſchon aͤußerſt betraͤchtlich*). Ich hielt mich in Irkutzk eine Woche auf, er⸗ hielt dann einen friſchen Koſaken und alles Mogliche, was mir zu meiner Reiſe bis zum Fluß Lena befoͤr⸗ derlich ſeyn konnte. Nachdem ich uͤber dieſen Fluß geſetzt hatte, befand ich mich in Werſcholensk, einer großen, volkreichen Stadt. Von dort an hoͤren die Landſtraßen auf; ich fuhr in einem Kahn 8o Meilen Stromabwaͤrts, bis zum Dorfe Uſtiuga, und dann wieder weiter bis Kiren⸗ ga. Das Wetter war kalt, die Gegend durchgehends bergig, aber ſtets wechſelnd. Gewoͤhnlich legte ich taͤg⸗ lich 100— 120 Meilen zuruͤck. Wer in Rußland reiſet, er ſey nun Landeskind oder Fremder, ſindet jedesmal, wenn er vorlaͤuſtg von ſeinen Freunden Abſchied genommen hat, in ſeiner Woh⸗ nung, ſoviel Lebensmittel vor, als er zur Reiſe bedarf⸗ und zugleich eine Anweiſung auf Quartier in demjeni⸗ *) Dieſe gemeinnuͤtzige Einrichtung verdient uͤberall Nachahmung, wo man Verbrecher zu beſtrafen und Arme zu unterſtuͤtzen hat. 336 gen Orte, welchen er zunaͤchſt zu beſuchen gedenkt.— Zudem nahmen mich, wo ich hinkam, die Koloniſten gaſtfrei anf.— Auf dem Wege nach Kireusk liegen die Doͤr⸗ fern 15— 18 Meilen von einander; der Ort fuͤhrt den Namen einer Hauptſtadt, zaͤhlt aber nur 100 Haͤuſer, 1 Kirche, 1 Kloſter und 500 Einwohner. Von dort weg war ich auf das erſte Tunguſiſche Dorf vorgeruͤckt, als der Kahn ein Leck bekam; nun mußte ich die Reiſe zu Land fortſetzen. Ueber die ar⸗ men Tunguſen uͤbte mein Koſak ſein Gewalt auf eine barbariſche Art aus; ſie fuͤrchten ſich aber auch von denſelben ſehr. Die Koſacken ſind inzwiſchen hier ein nothwendiges Uebel. Kein Beamter kann ohne dieſel⸗ ben etwas ausrichten, Pferde, Lebeusmittel und Beiſtand erhalten, Befehle ertheilen, Strafen aufer⸗ jegen, Kuriere abſenden; kurz, der Koſack iſt zu Allem noͤthig, und deßhalb in Sibirien gefuͤrchtet. Auf der Hauptſtraße ſteht er, da er hier beſtaͤndig mit unwiſ⸗ ſenden, halsſtarrigen Menſchen und Verbrechern zu thun hat, nicht in dem beſten Rufe. 3 Zu Wittim traf ich zum erſtenmale, doch nicht in großer Menge, Eis, welches dem Fluß hinab trieb; bisher hatte ich ſchoͤnes, obwohl kaltes Herbſtwetter.— Die gemeinen Menſchen rauchen hier, ſtatt Tabak, groͤßtentheils Birkenholzſpaͤhne; unvermiſchter Tabak iſt hier außerordentlich theuer. Auf der naͤchſten Station fand ich weder ein Pferd⸗ 337 noch ein Boot, nur ein alter Jakuten⸗Knaͤs beſat ein ſolches, wollte es aber nicht herausgeben. Der Koſak zeigte ſich ſogleich bereit, dem Fuͤrſten dazu mit dem Stocke zu zwingen; allein, ich entſchloß mich, zu Fuße weiter zu reiſen. So wanderte ich am Fluſſe hin bis Jerbat und ſah dort eine, von dem Jakuten fuͤr heilig gehaltene Grotte. Die Decke derſelben bietet einen herrlichen Anblick dar; ſie war mit kronleuchter⸗ artigen Eiszacken beſetzt. Aus der Grotte drang ein ungemeiner kalter Luftzug. Jerbat iſt die Grenze zwiſchen den Sunguſen und Jakuten. Jene ſind faſt durchgehends Nomaden, und man findet unter ih⸗ nen nur ſehr geringe Spuren von Kunſtfleiß. Sie zer⸗ fallen in die Wald⸗ und Steppentunguſen. Erſiere beſchaͤftigen ſich mit der Fiſcherei und Jagd, und hal⸗ ten nur wenig Rennthiere; die letztern leben nur einzig von der Rennthierzucht, und wandern mit ihren Heer⸗ den und Zelten von einer Trift zur andern. Nur ſehr wenige ſind getauft, die uͤbrigen Goͤtzendiener. Sie reden die Sprache der Mantſchuren. Einen Tunguſen zu ſchlagen, wird fuͤr ein großes Verbrechen angeſehen und oft furchtbar geraͤcht. Er iſt aͤußerſt zornig und kann nur durch gute Worte ge⸗ leitet werden. Sie ſind klein von Koͤrper, außeror⸗ dentlich unreinlich und gefraͤßig. Ihre Ausduͤnſtungen ſind gewaltig uͤbelriechend. Sie gelten fuͤr gute Sol⸗ daten, und ſollen ſowohl mit dem Bogen, als mit der Buͤchſe vortrefflich ſchießen. 338 Nachdem ich die Dunguſen verlaſſen, befand ich mich lange unter den Jakuten. Jakutzk iſt zwygr ein betraͤchtlicher Handelsort, und ein Hauptſtapel der amerikaniſchen Geſellſchaft, allein uͤbel, und ſehr zerſtreut gebaut. Es hat eine aͤußerſt rauhe Lage am linken Ufer der Lena, die im Sommer 4, im Winter 2 1/2 Meilen breit, und einer der herrlichſten Stroͤme der Welt iſt. Von ihrer Quelle bis zum Eismeer legt ſie mehr als 3000 Meilen zuruͤck. Der durch Hauſirer betriebene Handel iſt, wegen Ueberfluß an Pelzwerk aller Art, ſehr betraͤchtlich. Thee, Tabak, Zucker, Branntwein, Nankinge, Cat⸗ tune, Keſſel, Meſſer u. dgl. werden im Lande herum⸗ getragen, und dagegen Pelze von Baͤren, Woͤlfen, Zobeln, Flußottern, Mardern, Fuͤchſen, Luchſen, Eich⸗ hoͤrnchen und Hermelinen zu Spottpreiſen in Empfang genommen. Ich hielt mich in Jakutzk 3 Wochen auf, und traf die fuͤr meine Winterreiſe noͤthigen Vorkehrungen. Die Kaͤlte moͤchte allerdings ſo groß werden, daß ich unter Wegs erfroͤre. In dieſem Falle hatte ich den Troſt, bis zum juͤngſten Tage eine wohlerhaltene Mu⸗ mie zu bleiben, da hier die Erde 2 ½ Schuh unter der Oberflaͤche beſtaͤndig gefroren iſt, und daher ein ſo tief begrabener Leichnam nicht verweſet. Nachdem die Lena von Obrigkeitswegen geyruͤtft, und fuͤr geſchloſſen erklaͤrt worden war, packte ich mei⸗ nen Ranzen. Mein guͤtiger Wirth hatte mich mit 339 ein Paar Saͤcken ſchwarzen Zwieback, einem Stůͤck Nindsbraten, getrockneten Fiſchen, Thee, Kandis⸗ zucker, Tabak und einem Faͤßchen Branntwein verſe⸗ hen, ohne welches Letztere ich, ſowodl um meiner, als um Anderer willen, unmoͤglich haͤtte abreiſen koͤn⸗ nen. Uebrigens hatte ich Stahl, Stein, eine Axt, und zum Begleiten einen Koſaken, der mir unſchaͤtz⸗ bare Dienſte leiſtete. Meine Reiſe fiel in die kaͤlteſte Jahreszeit, und fuͤhrte mich durch den rauheſten Theil des noͤrdlichen Aſieus; doch hatte ich deßwegen keine Gorzen⸗ d g ich glaubte 500 Kaͤlte ertragen zu koͤnnen. Am 31. October reiſte ich bei 270 ab. Ich hatte nun die aͤußerſee Grenze der Civiltſation uͤberſchritten.— Da ich im Schlitten gewaltig fror, und das Eis der Leua ſehr rauh war, ſo ſtieg ich aus. Viele Freude machie mir das freundliche Benehmen der Jakuten, welche mich, ſobald ich ankam, mit Milch, Fleiſch und oft mit gerongenem Rahm bewirtheten. So ſetzte ich meine Reiſe bis zum Aldan fort, über welchen ich den 6. November ging. Zehn Meilen weiter fruͤh⸗ ſtuͤckte ich in einer einzelnen Jurte, wo ein freundliches Feuer, eine Schaale Thee, und ein geſunder Schlaf mir fuͤr den folgenden Tag neue Kraͤfte gaben. Das Land war zuletzt eben; nun befand ich mich zwiſchen hohen Bergen. Das Gebirg hieß Tukulan. Am Fuße einer Kuppe mußte ich die erſte Nacht unter dech freien Himmel zubringen. Die Jakuten fingen an, Baͤume zu faͤllen, waͤhrend ich und mein 340 Koſak den 2 Fuß tiefen Schnee mit hoͤlzernen Spaten wegraͤumten; dann breiteten wir Fichtenzweige aus, um uns gegen die Feuchtigkeit und Kaͤlte der Erde zu verwahren. Bald loderte ein autes Feuer, und jeder holte ſich einen ledernen Sack zum Sitze. Dann wurde der Keſſel auf das Feuer geſtellt, und der Ruhe ge⸗ pflegt. Zuweilen war das Wetter ſo kalt, daß wir faſt in das Feuer hineinkriechen mußten; es war gerade moͤglich, die eine Seite des Koͤrpers vor dem Erfrie⸗ ren zu ſchuͤtzen, waͤhrend die andre gebraten wurde. Die Jakuten pflegen ſich ſo zu ſetzen, daß der Wind zu ihnen uͤber das Feuer hinweg muß; ſie ziehen ſich daun aus, und beſchuͤtzen mit ihren Kleidern die aͤußere Seite des Koͤrpers.— Der Thermometer⸗Stand hatte ſich heute zwiſchen 20 und 350 gehalten. Am folgenden Dage raſteten wir wieder nach einem Marſche von 30 Meilen*) unter freiem Himmel. Mit Einbr uch der dritten Nacht erreichte ich den Fuß eines Gebtrgpaſſes, welcher gleichſam den Eingang zu Nord⸗ ſibirien bildet.— Tags darauf erreichten wir eine ſo⸗ genannte Barmherzigkeits⸗Jurte, die zum Beßten der Reiſenden hier angelegt war. Eine ſolche beſteht aus einem Zimmer und aus einer Vorkammer. Sie hat kein Fenſter, ſondern eine große Oeffnung im Dache. In der Mitte befindet ſich ein netter Herd, und um den⸗ *) Engliſche Meilen; ungefaͤhr s Stunden. 341 ſelben find 6 Bettſtellen angebracht. Von außen iſt das Haͤuschen aus Sehnse errichtet, und das Dach gleichfalls damit bedeckt Wir brachten die n. acht in Geſellſchaft anderer, nach Jakutzk gehenden Reiſenden leidlich hin, und brachen am andern Morgen bei ſchoͤnem Wetter wie⸗ der auf. So langten wir nach 6 Tagen, bald unter freiem Himmel, bald in einer unbewohnten Jurte uͤbernachtend, zu Baralaß au. Ein Jakutenknaͤs nahm mich hoͤflich und gaſtfrei auf, und gab mir auf meine Reiſe nach Tabalak noch eine Quantitaͤt ge⸗ froruer Milch mit. Wir kamen in den folgenden Ta⸗ gen vor mehrern Jakuten⸗Wohnungen vorbei, wo man uns jederzeit Quartier und Nahrungsmittel an⸗ bot; auch erhielt ich immer den beßten Platz, naͤmlich den in der Ecke des Zimmers, wo der Hausgoͤtze ſteht, . dem Feuer gerade gegenuͤber. Am Ufer des Borulak ſah ich mit an, wie die Jakuten ein Stuͤck Wild mit der Buͤchſe erlegten; den koͤſtlichſen Theil davon, das Mark der Vorderbeine erhielt ich als Geſchenk. Dasſelbe wird roh, und noch lebenswarm genoſſen; es ſchmeckte mir lieblich, ge⸗ froren muß es ein wahrer Leckerbiſſen ſeyn. Von Baralaß aus erreichte ich am 6. Tage Ta⸗ balak. Die Einwohner zeichnen ſich hier durch einen nnglaublichen Appetit aus. Von Fiſchen und Fleiſch exiſtirt nichts, es ſey ſo ſtinkend und faul, als es wolle, was ihnen nicht gut bekömmt. Nach der Mahle 342 zeit ſind die magerſten Leute zu Dickbaͤuchen geworden. Thee und Suppe eſſen ſie ſiedend heiß; es war mir unmoͤglich, davon nur zu nippen. Drei ſolcher Viel⸗ fraͤße verſchlangen ohne abzuſetzen ein Rennthier.— Hier wohnt ein Koſaken Corporal, der den Poſten, und die benachbarten Jakuten befehliget. Er iſt ver⸗ heirathet, und ſcheint hier recht bequem zu leben. In der Gegend beſinden ſich eine Menge Seen mit vielen und vortrefflichen Fiſchen. Nach ein Paar Tagen kam ich uͤber das Flußthal der Dogdoa, und bald befanden wir uns auf dem Fluſſe ſelbſt. Wir mußten das Eis erſt mit Beilen rauh hacken, um die Pferde hinuͤber bringen zu koͤn⸗ nen; es war ſo ſchluͤpfrig, als ob man Oel daruͤber gegoſſen haͤtte. Wir banden den Thieren Tuch unter die Fuͤße; und doch ſielen ſie ſtets aͤchzend unter ihrer Laſt zuſammen. Zunaͤchſt ging der Weg an den kleinen Fluͤſſen Kabbregah, Roſoka und Kamenda⸗Maslo hin. Alsdann betraten wir eine weite Ebene. Am Ufer des letzten Fluſſes gewinnt man ein Foſſil, wel⸗ ches die Ruſſen Kamennoje Maslo(Steinbutter) nennen, und hier auf verſchiedene Weiſe genoſſen wird. Es hat eine gelbliche Rahmfarbe, und einen nicht unangenehmen Geſchmack. Es iſt ein fluͤſſiges Mineral⸗Salz, und ſickert in vielen Gegenden Sibi⸗ riens aus Felſen. Die Reiſe fuͤhrte mich nun durch eine Gegend 343 wo Berg und Thal angenehm abwechſeln, erſt am Fluſſe Binkhals, und dann an der Bludenaja hin, wo ich in einem ausnehmend ſchoͤnen, engen, von waldigen Bergen eingeſchloſſenen Thale uͤbernachtete. Bald befand ich mich hierauf an dem ufer der Chubukalah, und der bedeutenden Galanima, erreichte die reißende Indigirka, und zog dann in die Stadt Zaſchiwersk ein. Dieſer erſte Ruheylatz ſeit Jakutzk iſt der halbe Weg nach Niſchney⸗Ko⸗ lymsk, und 1000 Meilen von dem naͤchſten eiviliſir⸗ ten Orte entfernt. Er enthaͤlt* hoͤchſt erbaͤrmliche Wohnungen, in denen 2 Geiſtliche, ein Ofſizier, ein Poſtmeiſter, ein Kaufmann und eine alte Wittwe woh⸗ nen. Noch nie war mir eine Stadt vorgekommen, die nur 7 Bewohner gezaͤhlt hatte. Von Tabalak bis hieher(250 Meilen) trifft man kein einziges be⸗ wohntes Haus, und nur* Zufluchtsjurten. Die Wit⸗ terung war im Allgemeinen ruhig, der Thermometer ſelten unter 25⁰0 R. Kaͤlte. Ich blieb drei Tage, und hatte vollauf zu leben: Haaſen, Woͤlfe, Baͤren, Renn⸗ thiere und Elenns. Rennthierfleiſch iſt eine Leckerei, Elennſleiſch das koͤſtlichſte, ſo kraͤftig als Rindfleiſch, und ſehr zart. Den 3. December verließ ich Zaſchiwersk; die armen Einwohner hatten mir eine Menge Fiſche mit⸗ gegeben; die hier roh gegeſſen werden, und koͤſtlich ſchmecken. Ich verzehrte auf eine Mahlzeit einen drei⸗ pfuͤndigen Fiſch, mit Zwiebak und einem Glas Korn⸗ 344 branntwein. Die Fiſche ſind weiß und gehoͤren einer Art von Stoͤr an. Mit einem ledernen Sack voll verfehen, reiſte ich an dem Kriſtallſpiegel der Indigirka wei⸗ ter. Hier reiſet man gewoͤhnlich mit Hunden, denen man alles Gepaͤck und oft die Reiſenden ſelbſt aufladet. Am 6ten Tage ward der Weg ſehr muͤhſelig. In einer jaͤmmerlichen Wohnung fanden wir Leute, welche dem Verhungern nahe waren. Wir ließen ſie ein Paar Taſſen warmen Thee genießen. Am 3ten Tage er⸗ reichte ich Sordak, nach großen Muͤhſeligkeiten, wegen des ungewoͤhnlich tiefen Schnees. Zu Sordak befindet ſich ein Poſthaus und Ko⸗ ſaken⸗Korporal, ſo wie einige Jurten fuͤr die Jaku⸗ ten, welche Heu und Brennholz hauen und herbei ſchaffen. Ich befand mich am 22. December ein we⸗ nig noͤrdlich vom Polarkreiſe, und doch war die Sonne ſichtbar, ein Beweis, wie ſehr in den arktiſchen Brei⸗ 7 ten die Sonnenſtrahlen gebrochen werden. Nachdem wir uns an dem Fleiſche eines Wolſes und Pferdes, die ſich einander den Tag zuvor toͤdtlich verwundet, erquickt hatten, reiſten wir nach der Ko⸗ lyma ab. Ich ging uͤber die Alezea, einen betraͤcht⸗ lichen, dem Eismeere zuſtroͤmenden Fluß. Es gibt hier ungemein viel Fiſche, Wild und Vieh. Nach einer Reiſe von 150 Meilen erreichte ich Sredne⸗Kvlymsk. Das Wetter war aͤußerſt kalt, jedoch ohne Wind. Dieſer Ort liegt am Ufer der Kolyma, und dient einem Commiſſaͤr nebſt Sekretar 345 und einigen Koſaken zum Anfenthaltsort. Er hat 15 Wohnhaͤuſer und etwa 100 Einwohner.. Zwanzig Meilen weiter beſuchte ich einen alten, mehr als sojaͤhrigen Jakutenfuͤrſten, der ſich noch im ungeſchmaͤlerten Beſitze ſeiner Kraͤfte befand. Er hatte einmal eine Expedition nach dem Eismeer begleitet.— Ich verließ hier den Fluß, und legte in einer flachen Gegend 40 Meilen bei 350 R. zuruͤck. Nach drei Ta⸗ gen fand ich die Wohnungen durchgehends bequemer, ſo wie auch die Bewohner reinlicher und beſſer geklei⸗ det. Eines Nachmittages tranken wir in einem Ge⸗ buͤſche Thee, und erreichten hierauf ſehr erſchoͤpft die Station Malone. Von dortaus reiſt man ſelten mit Pferden; man verſchaffte mir alſo 13 Hunde und einen Treiber, nebſt einem Fuhrwerk. In dieſem wurde mir der Mangel an Bewegung hoͤchſt unertraͤglich; es fror und biß mich fuͤrchterlich im Geſichte. Als wir Niſchney⸗Kolymst erreichten, zeig⸗ ten die Weingeiſt⸗Thermometer 420 R. Somit war meine sltaͤgige Reiſe von Jakutzk bis Niſchnei⸗ Kolymsk, wo ich 20 Naͤchte unter freiem Himmel zubringen mußte, geendet. Ich beſchloß nun, laͤngere Zeit hier zu verweilen, um mich wieder zu erholen. Im Januar und Februar war die Kaͤlte grimmig; doch hielt ſie mich nur an ſehr windigen Tagen von Spaziergaͤngen zuruͤck. Bei 40° R. und ſtiller Witte⸗ rung hatten wir weniger zu leiden, als an einem ſtuͤr⸗ miſchen Tage bei 10— 150 Kalte. Doch verließ ich an 80. Bd. Chinn. II. 3. 7 346 jedem Tage das Bett, um das Nordlicht zu beobach⸗ ten, welches ſich jedoch nur im Oetober und Novem⸗ ber im hoͤchſten Glanze zeigen ſoll. Das praͤchtigſte Nordlicht ſah ich den erſten Maͤrz. Ich befand mich gleichſam in einem erleuchteten, unten mit Feuer⸗ Franzen und Girlanden beſetzten Zelte. Die Erſchei⸗ nung dauerte 2 Stunden. Ich habe geſehen, daß vor Kaͤlte Aexte zerſprangen, und wenn man Eiſen oder Glas mit bloßer Hand beruͤhrte, daß die Haut daran kleben blieb. Niſchney⸗Kolymsk kann in dieſem entlege⸗ nen Theile der Welt fuͤr eine große Stadt gelten. Es zaͤhlt faſt 50 Wohnhaͤuſer und 400 Einwohner. Die Stadt liegt auf einer Inſel der Kolyma, wo uͤbrigens nur niedriges Kruͤppelholz waͤchſt; der Fluß ſelbſt aber floͤßt ſchoͤne Staͤmme herab. Der Fiſchfang kann als Hauptbeſchaͤftigung betrachtet werden; Maͤn⸗ ner, Weiber und Hunde ſind dabei thaͤtig. Die Kü⸗ ſten des Eismeers wimmeln von weißen, blauen und rothen Fuͤchſen, und in der Naͤhe der Waldungen trifft man treffliche Zobel. An den Fluͤſſen haͤlt ſich der ſehr geſchaͤtzte Widra(Flußotter) auf. Schwuͤne, Gaͤnſe, Enten, Schnepfen, Trappen und Rebhuͤhner ſind in großer Menge vorhanden. Die Stadt ſowohl, als der ganze Diſtrikt ſcheint nicht des geſuͤndeſten Klima's zu genießen. Haͤufig herr⸗ ſchen Schlagfluͤſſe, Ausſatz und Skorbut. Den letzten verſtehen die Einwohner durch den Genuß von rohen 347 Fiſchen zu heilen. Die mit dem Ausſatze Behafteten leiden zugleich unaufhoͤrlich am Schlucken, ſo daß der Glaube allgemein iſt, ein ſolcher Kranker habe den boͤſen Geiſt im Leibe. Niſchney⸗Kolymsk war fruͤher dadurch beruͤhmt, daß vornehme Perſonen hie⸗ her verbannt wurden. Der beruͤhmte General Graf Golowkin, Miniſter von Catharina II. ſtarb hier. An ihrem Geburts⸗, Namens⸗ und Kroͤnungs⸗ tage trug er immer Trauer. Dieſe Halsſtarrigkeit konnte freilich die Kaiſerin nicht verſoͤhnen. Am 4. Maͤrz verließ ich die Kolyma, doch mußte ich ſchon noch 1s Meilen an dem Ufer eines See's halten, da man wegen Schneegeſtoͤber den Weg Richt mehr erkennen konnte. Wir fuhren auf dem Anuy hin, und ließen die Hochlaͤnder zur Linken liegen. Der kleine An uy itt ein reißender, gefaͤhrlicher Strom. Wir uͤbernachteten in einer Zufluchts⸗Jurte, und ge⸗ noßen daſelbſt ein gutes Mahl.— Am dritten Tase erreichten wir eine bewohnte Jurte, wo viele Kaufleute warteten, die ſich zu dem Tſchuktſchen⸗Markte bege⸗ ben wollten. Der Fluß war ihrem Vorruͤcken hinder⸗ lich, da ſich auf demſelben bei ſeiner reißenden Stroͤ⸗ mung, ein feſtes Eis bildete. Zwei Kaufleute hatten den Uebergang verſucht, waren aber durchgebrochen, und mit genauer Noth gerettet worden. Ich ſah hier Nebenſonnen und Nebenmonde. Am 8. Maͤrz erreichten wir die Burg Oſtrowaaja, 150 Meilen von der Kolyma. Man findet daſelbſt 20 348 zurten, etwa z00 Einwohner, und ein großes hoͤlzer⸗ nes Gebaͤude, in welchem man ſich aber gegen keinen Feind halten kann. Gras findet ſich in geringer Menge herum; deſto mehr Moos. Am andern Tage eroͤffnete ein Commiſſaͤr den Tſchuktſchen⸗Markt. Er fing damit an, zwei Haͤupt⸗ linge der Tſchuktſchen mit Medaillen und Saͤbemn zu beſchenken; hierauf wurden ſie getauft mit ihren Frauen ud drei Kindern. Zu dieſem Zwecke wurde im gro⸗ ßen Vorrathshaufe ein Altar mit Heiligenbildern er⸗ richtet. Statt ſie aber blos mit Waſſer zu beſprengen, mußten ſie ſich ſaͤmmtlich bis auf die Hoſen ausziehen, bei 350 R. in einen großen eiſernen Keſſel mit Schnee⸗ waſſer untertauchen, und zuletzt ihre Fuͤße in demſel⸗ ben kalten Waſſer waſchen. Ich bemitleidete ſehr die Frauen und Kinder; da ſie lange Haare trugen, ſo wurde ihr Kopf ringsum mit Eiszapfen umhuͤllt. Die Feierlichkeit endigte damit, daß jedem ein kleines Kreuz um den Hals gehaͤugt, und weitlaͤuſig auseinander geſetzt wurde, wie ſein neuer Name ausgeſprochen werde. Dann wurde jedem Neubekehrten eine Quan⸗ titaͤt Tabak geſchenkt. Hierauf erklaͤrte der Kommiſſaͤr, der Markt koͤnne nicht eher eroͤffnet werden, bis der fuͤr den Kaiſer be⸗ ſimmte Tribut erlegt waͤre, worauf die vorzuͤglichſten Pelzhaͤndler hervortraten, und jeder einen Fuchsbalg vor den Commiſſaͤr hinlegten. Der Name der Geber und der Werth der Baͤlge wurde eingeſchrieben. Dann 349 trat der Geiſtliche hervor und ertheilte ſeinen Segen, ſo daß die Armen unwiſſenden Geſchoͤpfe ganz gluͤcklich und ſtolz wurden, und ſich zuletzt tuͤchtig betranken. Am folgenden Tage beſuchte ich das 2½2 Meilen entfernte Lager der Tſchuktſchen; es beſtand aus 3 gro⸗ ßen und 3 kleinen Zellen. In den erſten befand ſich die Hauptmaſſe der Leute, in den letztern waren die Hauptleute und Vornehmern einguartirt. Jene wa⸗ ren recht eckelhaft ſchmutzig; dieſe dagegen aͤußerſt nett, ſauber und warm, obwohl ſich bei 350 Kaͤlte kein Feuer darin befand. Das Bett, worin immer 3—4 zu ſam⸗ mengekeilt lagen, beſtand aus Rennthierhaͤuten, die Decken waren mit weißem Fuchs gefuͤttert. Auch die kleinen Zelte waren aus doppelten Rennthierhaͤuten gemacht, ſo daß die haarige Seite ſich aus⸗ und in⸗ wendig befand. Eine mit Wallſiſch⸗Thran unterhal⸗ tene große Lampe diente zur Erleuchtung und Erwaͤr⸗ mung. Als ich in eine dieſer kleinen Behauſungen kroch, fand ich den Haͤuptling nebſt Frau und neun⸗ jabrigen Tochter vollkommen nackt; auch ließen ſie ſich durch meine Gegenwart durchaus nicht ſtoͤren, ſie koch⸗ ten, nackt wie ſie waren, etwas Rennthierfleiſch an einem neben dem Zelte brennenden Feuer. Mit die⸗ ſem halbgekochten Fleiſche wurde ich bewirthet; nach⸗ dem ich ungefaͤhr eine Viertelſtunde auf dem Bette gelegen hatte. Der Markt bietet einen beſondern Anblick dar. Die Tſchuktſchen bleiben bei ihren, mit Pelzwerk be⸗ 350 ladenen Narten; die Ruſſen ſchleifen ihren Tabak hin und her. Geiſtliche, Beamte, Koſaken und Kaufleute, Maͤnner, Weiber und Kinder gehen ſaͤmmtlich mit Handelsartikeln fantaſtiſch beladen umher; die origi⸗ nelſten Hauſirer haben ſogar Schellen, Pfeifen und Korallen an ſich haͤngen. Der Markt dauert gewoͤhn⸗ lich 4, oft auch 7 Tage. Die Ruſſen bringen Tabak, Keſſel, Meſſer Spieße, Nadeln, Schellen, Scheeren, Pfeifen, Aexte, Loffel, Korallen und andern Putz; Nanquin und Cattun. Die Lſchuktſchen vertauſchen dagegen ihr Rauchwerk, viele tauſend Stuͤcke vom ſchwarzen, braunen, blauen, rothen und weißen Fuchs, Marder, Biber, Flußotter, Baͤren, Woͤlfen, Seehun⸗ den und Wallroßfellen, Wallroßzaͤhne und Rennthier⸗ leder. Der Markt iſt gewoͤhnlich mit Tabak ſo uͤber⸗ fuͤllt, daß kaum die Haͤlfte davon abgeſetzt wird. Auch die Tſchuktſchen ſetzen von ihren koſtbaren Fellen nur ein Drittel ab. Sie beſuchten den diesjaͤhrigen Markt mit 250 Narten; dabei befanden ſich 500 Rennthiere, 68 Maͤnner, so Frauen und ss Kinder. Unter denſel⸗ ben waren drei Haͤuptlinge. Der ganze Tſchuktſchen⸗ Stamm mag ungefaͤhr 5000 betragen; ſie genießen eine Art Freiheit, die ſie aber gewiß verlieren wuͤrden, wenn ſie ſich beigehen ließen, nicht mehr mit Ruß⸗ land zu handeln. Sie ſind nicht ſonderlich groß; doch gibt ihnen der bauſchige Anzug ein rieſenhaftes An⸗ ſehen. Ibre Tracht iſt reinlich, ihre Haut weiß, ihr Betragen wild und roh. Sie ſind kuͤhn, mißtrauiſch, 351 zornig, und bei aller Habſucht durchaus ehrlich, und ziemlich gaſtfrei. Ich glaubte bei ihnen viel Anlage zur Mechanik zu entdecken; ihre zahlreichen Narten ſind aͤußerſt nett gebaut; eben ſo Kleider, Zelte, Waf⸗ fen ꝛc. Eine Religion geht ihnen gaͤnzlich ab; dagegen haben ſie eine gewiſſe Ehrfurcht vor ihren Zauberern. Die Zahl ihrer Weiber belaͤuft ſich hoͤchſtens auf 5; ſie duͤrfen ſie ohne Weiters toͤdten, falls ſie dieſe auf Ehebruch ertappen. Oft zwingen ſie ſelbe aber ſelbſt dazu, wenn ſie eines Erben oder Sohnes beduͤrfen.— Tabak iſt ihr Hauptbeduͤrfniß; er wird von ihnen ge⸗ eſſen, gekaut, geraucht und geſchnupft. Nachdem der Markt geendet war, ging ich wieder an die Kolyma zuruͤck. Noch herrſchte der Winter in aller ſeiner Strenge; ich hatte mir jedoch vorge⸗ nommen, geraden Wegs nach Ochotzk zu reiſen. Ich fuhr am 27. Maͤrz in einer koͤniglichen, das iſt, von 13 Hunden ge ogenen Narte ab; und legte an demſel⸗ ben Tage noch 8o Meilen zuruͤck. Nach 3 Tagen er⸗ reichte ich Lapteff, das 180 Meilen von Niſchney⸗ Kolymsk entfernt iſt. Das Wetter war ungemein veraͤnderlich. Fruͤhe Morgens hatten wir 150 Kaͤlte, um Mittag eben ſo viel Waͤrme, und Abends wieder 100 Kaͤlte. Ehe ſich des Morgens die Sonne zeigte, war die Kaͤlte empfindlicher, als bei 400. 3 Auf der Fortſetzung meiner Reiſe nach Sredne⸗ Kolymsk brachte man mir von allen Seiten die Erſt⸗ linge von Haſen und Rebhuͤhnern, welche die Son⸗ 352 nenwaͤrme hervorgelockt hatte. Zu Kaſachey an der Kolyma fand ich eine Menge fuͤr die Sommerfiſche⸗ rei beſtimmte Gebaͤude. Nachfolgend kam ich uͤber viele bedeutende Seen und reiches Weideland. In der Umgegend leben viele Jakuten, welche ſich mit Fiſcherei, Baͤren⸗, Renn⸗ thier⸗, Zobel⸗ und Eichhornjagd beſchaͤftigen. Der letzten gibt es hier eine ungeheure Menge. Nachmit⸗ tags geriethen wir in eine Schneegrube, wo ich bei einem Sturz aus dem Sattel geworfen wurde. Erſt ſpaͤt nahm uns eine gaſtliche Jurte auf. Am folgen⸗ den Tage legten wir 60 Meilen uͤber eine mit Ge⸗ ſtruͤpp bedeckte Haide zuruͤck, wobei wir eine ſchoͤne Ausſicht auf die ſuͤdoͤſtlichen Berge hatten. Am vier⸗ ten Tage erreichte ich ſpaͤt Abends Werchne⸗Ko⸗ lymsk; von Naſe und Lippen war mir die Haut abgeſprungen, was mir viel Schmerzen verurſachte. Der Ort zaͤhlt 15 Wohnhaͤuſer und 200 Einwohner. Die Umgegend iſt kahl und rauh⸗ Meine Reiſe ging nun nach dem Kuſſul Bo⸗ luktak, einem See, welcher dieſen Namen von einem Fiſche hat; nachhin erreichte ich Zyzauska, den letzten Ort im Diſtrikte Kolyma. Von der Zyzanska abgehend, begab ich mich in eine enge Schlucht. Wir lebten nun von Rebhuͤhnern und Ha⸗ ſen, die wir in den Barmherzigkeitsfallen vorfanden. Die Voͤgel fangen ſich dadurch, daß ſie eine kleine, hoͤlzerne Gabel beruͤhren, durch die ein Klotz geſtuͤtzt 353 wird, der bei dem Niederfallen das Thier augenblick⸗ lich toͤdtet. Man trifft dieſer Fallen ſehr viele; ſie ſind zu Jedermanns Nutzen aufgeſtellt, nur iſt dabei die Bediugniß, daß wer ſie benuͤtzt, dieſelben auch wieder in Stand ſetzen muß. Bald nachher befanden wir uns auf dem Fluſſe Kulgall und in dem romantiſchen Thale Boluktak; als wir hierauf das Gebirge erſtiegen hatten, uͤberfiel uns die Nacht. Das Schneegeſtoͤber vereitelte jeden Verſuch, ein Feuer anzuzuͤnden. Ich behalf mich alſo ſo gut ich konnte; waͤhrend einer meiner Begleiter, ein Jakute, zum Zeitvertreib wenigſtens 20 Pfund ge⸗ frornes Pferdefleiſch verzehrte.— Am folgenden Tage gingen wir vollends uͤber die Kurnack⸗Berge; da war das Eis durch die Sonnenwaͤrme(27° R.) ſehr ſchnell aufgeloͤſt worden, weßwegen der Uebergang ſehr große Schwierigkeiten hatte. Zunaͤchſt gelangten wir an den Terachtak und Utachan⸗Torun⸗Oraet; welche letztere Benen⸗ nung in der Jakutenſprache großer Eisfluß be⸗ deutet.— Nachdem ich am Uſer des Kurdak uͤber⸗ nachtet, Terachtak zuruͤckgelegt, uͤber den Ambar⸗ dach und Chusgindrach gegangen war, erreichte ich im guten Wohlſeyn die Nera, welche der Indi⸗ girka zuſtroͤmt. Man empfing mich gaſtfrei in einer freundlichen Jurte, und verſchaffte mir zwei friſche Pferde, worauf ich meine Reiſe zu Fus fortſetzte. Ich freute mich, am folgenden Tage von Zeit zu Zeit vor 354 mir Rauch zu erblicken: es war das Zeichen, daß ich bald unter anſaͤßige oder nomadiſtrende Menſchen kom⸗ men ſollee. Zwoͤlf Tage hatte ich einzig vom rohen Pferdefleiſch gelebt, ohne daß meine Geſundheit das Geringſte gelitten hatte. Noch vor Abend raßete ich bei einem Jakuten⸗Knaͤs, der mir ein halbes Renn⸗ thier ſchenkte, mich mit Milch und Thee bewirthete, und ſo zum gluͤckli ſten Menſchen unter der Sonne machte. Außer den Lebensmitteln wurden mir noch zwei Bälge vom rothen Fuchs aufgedrungen, und zwar von einem recht huͤbſchen Jakuten Maͤdchen, deſſen Vater mich nach der Reſidenz des Knaͤs von Omekon begleitete. Dort langten wir am folgenden Tage an. Gewiß kann Niemand auf den Furſtentitel billiger Anſpluͤche machen, als dieſe Leute; denn ſie beſitzen Menſchlichkeit, Gerechtigkeit, und geſunden Verſtand. Nachdem ich unausgeſetzt 1s Tage in dem Schnee uͤbernachtet hatte, behagte mir ein Bett von Renn⸗ thierfellen vortrefflich. Das Thal des Omekon iſt romantiſch und hoͤchſt fruchtbar; dahin gehoͤren 500 Leute, welche mit ihren zahlreichen Viehheerden bald da⸗ bald dorthin ziehen. Ein reicher Jakute beſitzt oft 3000 Stuten und 2000 Kuͤhe. Drei Tage lang fuͤhrte mich ſo meine Reiſe durch lachende Thaͤler; ich ging dann uͤber viele Seen, welche noch mit Eis bedeckt waren. Nachdem ich den Omekon verlaſſen, kam ich am Kuduſu an, der jetzt zu einem großen, reiſſen⸗ 355 den Strome geworden, und mit Treibeis bedeckt war. Von hier aus fand ich das Land 20 Meilen weit ganz unter Waſſer; viele Wohnungen waren rings umf uthet. Ich ſchlug alſo den Weg am rechten Ufer der Kuru⸗ nakſuta ein, und legte hierauf in einem, von hohen Bergſpitzen eingeſchloſſenen Thale 30 Meilen zuruͤck. An der romantiſchen Stelle, wo der Kuduſu eine brauſende Stromſchnelle bildet, bemerkte ich ein net⸗ tes, mit einem Kreuz bezeichnetes Grab; es war das eines Dunguſiſchen Fuͤrſten, welcher hier vor einigen Jahren, als ihn ſein Nomadenleben in dieſe Gegend gefuͤhrt hatte, geſtorben war. Dann trat ich den Weg durch ein hohes Berg⸗ Thal an, wo der Schuee weich, und von gefaͤhrlicher Diefe, aber kein Futter fuͤr die Pferde, und kein Brennmaterial zu ſinden war. Faſt kein Ort iſt mir vorgekommen, wo ſich die Pferde nicht ihr Futter unter dem Schnee haͤtten hervorſcharren koͤnnen; hier lag derſelbe aber ſo tief, daß es nicht anging; die ar⸗ men Thiere ſchienen das zu wiſſen, und verſchwende⸗ ten keine Muͤhe an fruchtloſe Verſuche. Um es ihnen zu erleichtern, ſetzten wir die Reiſe zu Fuße fort. Meine Schneeſchuhe hatte ich einem der Fuͤhrer, einem ſehr ſchwerfaͤlligen Menſchen abgetreten, da ich ſelbſt, ohne einzuſinken, uͤber den Schnee gehen konnte. Ich war bereits darauf geuͤbt, nach der Oberflaͤche zu er⸗ kennen, ob der Schnee tragen werde oder nicht. Die Pferde, wolche dieſelbe Scharfſichtigkeit beſitzen, woll⸗ 356 ten zuweilen nicht vorwaͤrts; auch fuͤhrt ein guter Vorderhund den Schlitten nie in tiefen Schnee oder Waſſer hinein. 3 Am dritten, fuͤrchterlichen Tage gelangten wir zu einem einzelnen Baume, der mit einer Menge als Opfer dargebrachter Pferdehaare behangen war, und am Abend erreichten wir eine fruchtbare Stelle am Ufer eines See's, aus welchem die Ochota und der Kuduſu nach entgegengeſetzten Richtungen ſtroͤmen ſollen. Am andern Morgen um 4 Uhr ſtand der R. Ther⸗ mometer auf 130 Kaͤlte, und um Mittag auf 189 Waͤrme. Nachdem wir 40 Meilen weit unter großer Anſtrengung vorgeruͤckt, erreichten wir endlich den Fluß, an deſſen Muͤndung Ochotzk liegt, und wel⸗ cher dieſer hoͤchſt muͤhſeligen Reiſe ein Ziel ſetzen ſollte. Waͤhrend wir niedergeſchlagen unſern Weg fortſetzten, begegneten wir zwei nach Norden wan⸗ dernden weißen Baͤren, die uns, wie wir ihnen, auswichen. Wir legten 25 Wellen zuruͤck; die Pferde fanden reichliche Nahrung, allein unſere Lebensmittel gingen ſtark auf die Neige. Wir waren von Regen uͤberfallen worden, in Folge deſſen die Fluͤſſe ſchleu⸗ nig anſchwollen. Der Reſt unſers Rennthierfleiſches war ſo angegangen, daß ich nichts davon genießen konnte; die Jukuten eſſen jedoch das faule Fleiſch ſo gerne, daß ſie nichts davon uͤbrig laſſen. Am folgenden Tage legten wir ohne Nahrung 357 und unter Stromon von Regen durch zo kleine Gieß⸗ haͤche wadend oder ſchwimmend, faſt s0 Meilen zu⸗ rück. Nach unſaͤglichen Strapazen erreichten wir die Furth der Ochota. Wir fanden eine Stelle, wo man am entgegengeſetzten Ufer einen Kahn bemerkte. Wir nahmen den Pferden das Gepaͤcke ab, trieben ſie in den Fluß, und ſahen ſie ſaͤmmtlich wohlbehal⸗ ten am andern Ufer anlangen. Nun handelte es ſich darum, den Kahn heruͤber zu bringen. Außer mir konnte Niemand ſchwimmen; allein das Waſſer war noch ſo kalt, daß ich mich nicht hineinbegeben mochte⸗ Doch nachdem ich ein dickes Stuͤck Treibholz aufge⸗ funden, band ich mich an dieſem mit dem Niemen feſt und ſetzte an einer ſchmalen Stelle des Stromes uͤber. Ich wurde durch die ſchnelle Stroͤmung wohl 120 Schritt weit hinabgetrieben; uͤbrigens hielten die Jukuten eine Leine, an der ſie mich haͤtten zuruͤckzie⸗ hen koͤnnen. Ich errrichte jedoch das jenſeitige Ufer richtig, warf meine Kleider ab, und machte eine ſtarke Bewegung. Die erſtaunten Jukuten bezeigten mir wegen dieſes Wageſtuͤcks ihren Dank, als ich mit dem ſehr brauchbaren Kahn zuruͤck kehrte. Nach einem ermuͤdenden Marſche von 20 Meilen langten wir in einem im Sommer von Fiſchern be⸗ wohnten Dorfe an Ich ſuchte in allen Kellern nach Fiſchen, fand aber auch nicht das Geringſte. Der folgende Tag fuͤhrte uns durch eine rauhe Gegend; wir raſteten erſt an dem linken ufer des 1 358 Modon. Unſer Mundvorrath war ſo ziemlich zu Ende; fuͤr diesmal mußten unſerer Vier mit einem einzigen Rebhuhn vorlieb nehmen. Ich wollte uns durch die Jagd Vorrath verſchaffen; allein das in einen Lappen eingeſchlagene Pulver war durch die Naͤſſe unbrauchbar geworden. Es blieb uns daher, außer den vier wohlbeleibten Pferden nichts als Geduld uͤbrig. Die armen Jakuten wuͤrden dieſelben gerne haben ſchlachten laſſen; allein es iſt bei ihnen Ge⸗ brauch, daß ſie zuvor 9 Tage hungern muͤſſen. Viele Meilen reiſten wir noch an einem oͤden Ge⸗ hoͤlze hin, und erſt am folgenden Tage erreichten wir die Stelle, wo ſich Arka und Ochota vereinigen. Beide Fluͤſſe waren ſo vom Regen angeſchwollen, daß es unmoͤglich war, uͤber dieſelben zu ſetzen; wir hatten alfo nur die Wahl, hier zu verhungern, oder zu ertrinken. Doch die Verzweiflung laͤßt das Aeuſ⸗ ſerſte wagen. Wir fingen an, Baͤume zu einem Floße zu faͤllen; nach zweien Tagen, waͤhrend wir nichts zu eſſen hatten, war der Floß fertig. Wir waren entſchloſſen, die Ueberfahrt zu verſuchen, verſahen uns mit jungen Staͤmmen zum Rudern, und im Falle eines Ungluͤcks, um uns damit zu retten. Meine Pa⸗ piere hatte ich mir um den Leib gebunden. Wegen der vielen Strudel hatten wir große Muͤhe, den Floß in das eigentliche Fahrwaſſer zu bringen. Nachdem wir jedoch hineingelangt, wurden wir mit ſolcher Schnelle hinab geriſſen, daß uns der Kopf 359 ſchwindelte, waͤhrend wir an den Baͤumen, Felſen oder Inſeln voruͤberfuhren. Als wir eine Landſpitze umfuhren, bemerkten wir einen großen, in das Waſ⸗ ſer gefallenen Baum, an welchem ſich eine fuͤrchterliche Brandung brach. Wegen der Zweige konnte der Floß unmoͤglich uͤber die Krone hinweg fahren, und dieſe lag ſo tief im Waſſer, daß wir uns fuͤr verloren hal⸗ ten mußten. Der Koſake und die Jakuten bekreuzten ſich, waͤhrend ich auf dem Bug den Ausgang abwar⸗ tete. Wir rannten an und wurden mit ſolcher Kraft zuruͤck geſchleudert, daß der Floß zuletzt umſchlug. Wir ſchwammen nun alle den Strom hinab, und wurden zum Gluͤcke, etwa einen Buͤchſenſchuß tiefer, an eine Inſel getrieben. Durch eine kraͤftige Bewe⸗ gung, von der offenbar die Rettung meines Lebens abhing, gelang es mir, das ufer zu erklettern. Ich hatte noch Kraͤfte genug; meinen Gefaͤhrten beizu⸗ ſtehen, und auch diefe erreichten gluͤcklich das Land. Ein Theil des Floßes, worauf unſer Gepaͤck war, wurde gleichfalls an die Inſel getrieben, und ſomit hatten wir nichts, als unſere Pferde verloren. Wir befanden uns jedoch auf der Inſel in einer keineswegs erfreulichen Lage. Zu beiden Seiten be⸗ fand ſich eine reißende Stroͤmung, und nur wenn wir zu dem rechten Ufer gelangten, konnten wir hof⸗ fen, recht bald menſchliche Wohnungen zu erreichen; denn auf dem linken waren die naͤchſten s00 Meilen entfernt. Ich hatte nichts Angelegentlicheres zu thun, 360 als mich durch koͤrperliche Bewegungen zu erwaͤrmen. Alsdann wurde das uͤbrige Gepaͤck und der Reſt des Floßes, ſoviel moͤglich an das Land gebracht, was noch vor Sonnenuntergang geſchah. Es wurde ſehr kalt, und da die Witterung regneriſch zu werden be⸗ gann, ſo mußten wir befuͤrchten, daß die Inſel waͤh⸗ rend der Nacht uͤberſchwemmt wuͤrde. „Wir beſchloßen alſo, keinen Augenblick zu ver⸗ ſaͤumen, um unſere Rettung zu verſuchen. Ich be⸗ merkte, daß am jenſeitigen Ufer ein großer Baum mit ſeiner breiten Krone zwerch in den Fluß geſtuͤrzt war, gerade an einem Punkte, wo die Inſel eine Landſpitze bildete. Dahin waren kaum 100 Schritte; aber die Stroͤmung mißrieth das Hinuͤberſchwimmen. Wir zerſchnitten unſere Schlaͤuche, machten Riemen daraus, und knuͤpften ſie ſo lange an einander, als wir glaubten, daß ſie hinuͤber reichen wuͤrden. Dann befeſtigte ich an das eine Ende einen Stein, und warf ihn in die Mitte der Baumkrone. Bald gewahrte ich, daß unſere Leine ſich feſt verwickelt habe in dem aͤſti⸗ gen Gebuͤſche, und nun fingen wir an, unſern Floß gaͤnzlich zu zerſtuͤckeln, und Stamm fuͤr Stamm in den Fluß zu bringen. Wir befeſtigten dieſelben immer voͤrwaͤrts arbeitend an die Riemen, und kletterten auf den immer vorwaͤrts geſchobenen Balken nach. So errichteten wir in Zeit einiger Stunden eine Art Bruͤcke, auf der wir gluͤcklich das jenſeitige Ufer, ſammt unſerm Gebpaͤcke, erreichten. Es war 10 Uhr 361 Abends; ich ſank auf die Knie nieder und dankte Gott fuͤr meine zweimalige, wunderbare Rettung.— Wir griffen ſogleich nach Stahl und Stein, um Feuer anzumachen, fanden dies aber unmoͤglich, da unſer Zunder naß war. Ein Jakute erzeugte endlich durch Reibung duͤrrer Baumſtaͤmme Feuer. Aus der Gefahr zu erfrieren kamen wir nun ploͤtzlich in die zu ver⸗ brennen. Das um uns befindliche hohe Gras und die Holzung waren ſo trocken, daß bald der ganze Wald lichterloh brannte, und wir uns nur mit großer An⸗ ſtrengung retten konnten. Es gelang uns jedoch, in Zeit von 24 Stunden eine menſchliche Wohnung zu treffen. Wir brachten nun einen Tag und eine Nacht damit zu, unſere Kleider zu trocknen, und unſern Leib durch einige, obwohl wenige Speiſen zu ſtaͤrken; denn es war bereits der vierte Tag, ſeit wir etwas genoſ⸗ ſen hatten. Dann reiſten wir 40 Meilen durch ein unfruchtbares Bergland, und gelangten zu der Woh⸗ nung eines Jakuten⸗Fuͤrſten, welche ſich auf einer Inſel der Ochota befand. Der Wirth war weder hoͤflich noch gaſtfrei, und halb mit Gewalt erhielt ich von ihm etwas Pferdefleiſch, welches ich damals fuͤr eine große Leckerei hielt. Nachdem ich mich wieder mit Pferden verſorgt hatte, reiſte ich weiter auf Ochotzk zu. Der Weg fuͤhrte durch eine ſchoͤne, parkaͤhnliche Gegend; es regnete ſtark. Schon am andern Morgen ruderte ich mich, mit Hilfe eines Jakuten, nach der alten Stadt 60. Bd. China. II. 3. 3 362 Ochotzk. Ich beſuchte ſogleich den Polizeimeiſter, und den Gouverneur, welcher mit einem hoͤchſt ern⸗ ſten Aeußern ein biederes Herz beſitzt. Ich erhielt ein Logis in der Wohnung des erſtern. Man war uͤber mein klaͤgliches Anſehen ſehr verwundert; die Haut meines Geſichtes war von der Kaͤlte ganz aufgeſprun⸗ gen; mein langer, fuchſiger Bart, meine noch laͤn⸗ gern rothen Locken erinnerten mich jetzt daran, daß es wohl Zeit ſey, mich zu raſiren, und die Haare beſchneiden zu laſſen. Nachdem ich noch einen Man⸗ tel und ein Paar Hoſen geſchenkt bekommen, konnte ich wieder anſtaͤndig erſcheinen. Bald wurde ich mit den Offizieren, und den Civilbeamten von Ochotz bekannt..* Dieſe Stadt liegt in dem nordweſtlichen Winkel einer durch die Fluͤſſe Ochota und Kuktui gebil deten Bucht, und zaͤhlt 1800 Einwohner. Die Ge⸗ gend enthaͤlt viel ſchoͤnes Bauholz, und es ſind dahen Schiffswerfte angelegt, aus denen ſchon manches ſchoͤne Fahrzeug hervorgegangen iſt. Die Regierung bedient ſich der Schiffe, um Idgiga und Kamt⸗ ſchatka zu verproviantiren. Auch befinden ſich hier 600 Matroſen und Handwerker, und ungefaͤhr 90 Verbrecher, die unter dem Befehl eines Offiziers fuͤr das Salz ſorgen muͤſſen. Sie erhalten Lebensmittel, Kleider und Taſchengeld, und in Hinſicht der ſchwe⸗ ren Arbeit doppelte Rationen.— Fiſche gibt es biet ——————————— — 363 in Menge; damit werden das Jahr hindurch wohl 1500 Hunde gefuͤttert. Ueber das geſellige Leben laͤßt ſich zu Ochotzk wenig ſagen; es wohnen keine Kaufleute dort, und von den Civilbeamten ſind nun 3—4 verheirathet. Indeß wohnte ich hier 3 Monate, binnen welchen ich von dem Gouverneur, deſſen Gemahlin und Offizieren ſehr zuvorkommend behandelt wurde; was mir nur irgend zu Liebe geſchehen konnte, geſchah. Mit Gewerbsfleiß, Kraft und Talent kann Je⸗ mand zu Ochotzk ſein Gluͤck machen. Die Stadt iſt im Aufnehmen, und hat eine geſunde Lage. In den Gaͤrten wird einiges, wiewohl verkuͤmmertes Gemuͤſe gebaut; vortreffliche Schwaͤmme gibt es in Menge. Am 2a⸗Aug. ſchiffte ich mich ein, um nach St. Peter und Paulshaven zu reiſen. Um Mittag ſegelten wir ab, und befanden uns bald mitten in dem gefaͤhrlichen Flußbeete, wo die See binnen 6 Stunden ein⸗ und ausſtroͤmt. Die Bank iſt gewoͤhnlich waͤhrend der Ebbezeit ſo trocken, daß ich mich zu Fuße an das Land begab, um den Gouverneur zu ſprechen. Den 25ten Nachmittags brachten wir erſt beim Anſteigen der . Fluth die Brigg in tiefes Waſſer, und ſetzten dann unſere Reiſe fort. Sie dauerte bei mildem, guͤnſtigem und nur ſelten neblichtem Wetter 14 Tage; wir ſchifften an den Kuriliſchen Inſeln hin, und befanden uns dem Berge Awatſcha gegenuͤber. Ich fand nach unſerer Landung bei dem Gouverneur eine gaſt⸗ 1 364. freie Aufnahme, und wohnte ſogleich dem wegen des Namenstags ſeiner Gemahlin veranſtalteten Gaſtmahle bei, wo ich die ganze ſchöne Welt von St. Peter und Paulshaven verſammelt ſah. Angenehm war es mir, daſelbſt mehrere Lands⸗ leute zu treffen, einen Kaufmann, der hier Conſul war, einen Boſtonianer mit Frau und 6 Kindern, und einen gebornen Londoner, welcher wegen Verfaͤlſchung von London verbannt war. Obgleich er ausgepeitſcht und mit Ruthen gezuͤchtigt worden, ſo wurde er dennoch hier in jeder Geſellſchaft gelitten. In Sibirien wer⸗ den die Verbrecher, wenn ſie nehmlich fruͤher auſtaͤn⸗ dige Leute geweſen, gut aufgenommen. Die Zeit verſtrich mir hier ſehr ſchnell; unaufhoͤr⸗ lich gab es Baͤlle, Geſellſchaften, Gaſtmahle, Maske⸗ raden, welche bald dieſer, bald jener Offizier gab. Sogar der Repraͤſentant der farbigen Majeſtaͤt von den Sandwichs⸗Inſeln veranſtaltete ein glaͤnzendes Fruͤhſtuͤck. Auf dieſe Weiſe verſtrichen zwei Monate, waͤh⸗ rend deren ich ungeſtoͤrt eine Neigung naͤhren konnte, die mich zuletzt zum Altare fuͤhrte. Meine Luftſchloͤſ⸗ ſer, kuͤhnen Wuͤnſche und excentriſchen Richtungen wurden auf einmal durch ein Weib umgeſtaltet. Ich beſchloß nach Europa zuruͤckzukehren. Vorher wollte ich aber noch eine Reiſe durch die Halbinſel machen. Ich verließ den Hafen in Geſellſchaft von 11 365 Schlitten, welche von Offizieren, zwei Meilen weit aber von Damen gelenkt wurden. Bald befanden wir uns in Awatſcha, von wo aus ich am 20. Nov. nunmehr mit einem einzigen Koſaken reiste. Ueber Oſtrog Koraki und Nichiekin kam ich nach Bolſcheretzk, welches ehemals die Haupt⸗ ſtadt von Kamtſchatka war, jetzt aber nur ein kleines Dorf iſt von etwa 14 Haͤuſern und 116 Ein⸗ wohner. Der Weg dahin fuͤhrte laͤngs dem Fluſſe uͤber eine platte Ebene. Nach meines jetzigen Schwie⸗ gervaters Hauſe zu lenkte ich den Schlitten ſelbſt. Sein treuherziges Benehmen, ſeine zahlreichen, ge⸗ ſunden und freundlichen Kinder, und ein tuͤchtiges Fruͤhſtuͤck gewaͤhrten mir reichlichen Erſatz fuͤr die Muͤhſeligkeiten der letzten zwei Tage.. Ich fand die Einwohner, welche ſaͤmmtlich Ruſſen ſind, hoͤflich; allein im entgegengeſetzten Falle ließt ſich denken, daß ich den Ort nicht herabſetzen wuͤrde, da meine Frau hier das Licht der Welt erblickte. Ich mußte in einem Orte, wo ſeit 3 Monaten kein Menſch Taback, Thee oder Brantwein gekoſtet hatte, ohnſtreitig ein willkommener Gaſt ſeyn, und ließ meinen Freunden Einiges davon zuruͤck, wogegen ich einige Zobel⸗ und Fuchspelze erhielt. Der Fluß war ſo beſchaffen, daß ich unter zwei Tagen nicht weiter reiſen konnte. Dieſe brachte ich ſehr vergnuͤgt zu; nachdem aber fuͤr Kaͤhne geſorgt war, ſetzte ich meine Reiſe waͤhrend eines heftigen Schneeſchauers 366 fort, fuhr uͤber drei Arme des Fluſſes, und kam dann in ein ſpurloſes Labyrinth von Schnee, der— 6 Fuß tief lag. Ich hatte mit ſo vielen Schwierigkeiten zu kaͤmpfen, daß ich das 15 Meilen entfernte Utka⸗ Oſtrog erſt am folgenden Tag erreichte. Ich ſetzte nun mit Hunden meine Reiſe fort, nach dem unanſehnlichen Ki ckchick und Kolowsky⸗ Oſtrog. In der Nachbarſchaft befinden ſich mehrere ſchoͤne Seen, die nie zugefrieren, und in denen man den ganzen Winter Forellen faͤngt. Rennthiere und wilde Schaafe finden ſich in den Bergen und Waͤl⸗ dern haͤufig; an den Kuͤſten dehnt ſich fortwaͤhrend ein ſchoͤnes Wieſenland aus. Als ich in W orowskov⸗Oſtrog anlangte, bemerkte ich 40 Stuͤck Rindvieh; eine Seltenheit in Kamtſchatka, weßwegen die wenigen Einwohner fuͤr ſehr wohlhabend gehalten werden. Von Krutochorowa aus ſieht man den beruͤhm⸗ ten Sopka(brennenden Berg) von Itſchinsk. Obwohl die Gegend uͤppig iſt, ſo trifft man doch nicht ein einziges Stuͤck Rindvieh. Der Weg war ungemein gut, und das Wetter ſehr kalt, 25° unter Null. Ich begab mich nach Moroſoſchna und Belagolowsk⸗Oſtroy, wurde aber auf dieſer Station zweimal in dem Fluſſe umge⸗ worfen. Da ich mich weder trocknen, noch umkleiden konnte, ſo hatte ich, zumal an den Fuͤßen, viel zu leiden. 367 Der Weg war immer noch gut, enthielt aber mehrere Stellen, die man zur Nachtzeit nicht bereiſen konnte. Das Eis hatte wegen der reißenden Stroͤ⸗ mung noch ſo wenig Feſtigkeit, daß es ſich mehrmals unter uns ſenkte. Allein bei der Schnelligkeit, mit welcher wir fuhren, geſchah kein Ungluͤck. Um Mitternacht reiste ich nach Kowranskoy⸗ Oſtrog. Die Kamtſchatkiſchen Toions(Haͤuptlinge) ſind geſetzlich verpflichtet, nach jedem Schneegeſtoͤber binnen 24 Stunden den Weg herzuſtellen. Der hie⸗ ſige war ſeiner Verbindlichkeit nicht nachgekommen; er fuͤrchtete ſich ſehr vor der Strafe, und wanderte gerne auf Schneeſchuhen vor uns her. Nach großen Muͤhſeligkeiten langten wir zu Napanas an. Vor⸗ her war ich eine 100 Fuß hohe Schneewand hinab⸗ gerutſcht, an deren Fuße ich, der Fuͤhrer, die Hunde und die Narte in einem Haufen zuſammenlagen. So ſehr ich zum Aerger aufgelegt war, ſo mußte ich doch lachen. Napanas zaͤhlt 8 Haͤuſer, und der ungemein guͤtige Tvion ließ uns von ſeinen Leuten den Na⸗ tionaltanz auffuͤhren. Er beſteht darin, daß die Glie⸗ der und Geſichtszuͤge auf verſchiedene Weiſe verzerrt werden. Die Frauensperſon, welche die Hauptrolle ſpielt, eroͤffnet den Tanz damit, daß ſie, ohngefaͤhr wie bei unſern Shayltaͤnzen, ein Halstuch zwiſchen den beiden Haͤnden ausgeſtreckt haͤlt, und damit ihr Geſicht bald vor dem einen, bald vor dem audern 368 Taͤnzer verbirgt. Dabei zeichnet ſie aber immer denje⸗ nigen aus, welchen ſie ſich zum Taͤnzer erwaͤhlen will. Von der Mitte der Stube aus naͤhert ſie ſich dem Liebling in einer hoͤchſt unanſtaͤndigen Stellung. Mit nachdenklicher Miene laͤßt ſie den Kopf bald auf die eine Bruſt oder Schulter, bald auf die andere ſinken, waͤhrend ſie mit den Haͤnden die unzuͤchtigſten Dinge vornimmt. Nachdem der Mann das Halstuch gefaßt hat, faͤngt er an, mit ihr zu tanzen; die Weibsperſon ſcheint ſich bald von ihm trennen zu wol⸗ len, bald ihn wieder begierig zu ſuchen. Dieſe Stel⸗ lungen werden fortgeſetzt, bis die Taͤnzerin gleichſam ermattet auf die Knie faͤllt, und waͤhrend des Zu⸗ ſammenſinkens von dem Manne geſchickt aufgehoben wird. So endigt der Tanz. 4 Ich fuhr andern Tags nach Tygilsk, welcher Ort 30 Meilen von der See am Fluſſe Dygil liegt. Die Bewohner ſind ſaͤmmtlich Ruſſen„und ihre Nach⸗ barn ſind die Koriaͤken. Dieſe ſcheinen ſich wenig um jene zu kuͤmmern, und wenn die Bewohner von Tygilsk ihnen nicht genug Branntwein und Tabak zukommen laſſen, wogegen ſie Pelzwerk austauſchen, ſo fangen ſie Krieg an. Zu Sedan ka erhielten wir fuͤr die naͤchſte Sta⸗ tion von 100 Meilen, welche uͤber das Gebirge fuͤhrt⸗ Zughunde. Fruͤh Morgens kamen wir an das Lager der Koriaͤken, und verfolgten dann den Fluß Se⸗ danka 40 Meilen weit, worauf wir Noſorchna ⸗ 369 erreichten. Nachher mußten wir uͤber eine lange Steppe, unter einem beſtaͤndigen Schneegeſtoͤber, das ſie Purga nennen. Zuweilen ſind dieſe Purgas ſo furchtbar, daß Berge von Schnee aufgeweht, oder gewaltige Thaͤler zugeweht werden. Schneewirbel⸗ winde hemmen den Reiſenden in ſeinem Laufe, oder begraben ihn ſammt den Hunden. Nur in großen Sandwuͤſten richtet der Wind aͤhnliche Verwuͤſtungen an. Wegen der grimmigen Kaͤlte konnten wir nicht einmal Feuer anzuͤnden, um eine Taſſe Thee zu ge⸗ nießen. Nachdem wir unter unendlicher Anſtrengung noch eine Wuͤſte im Ruͤcken gelaſſen hatten, betraten wir eine ungemein praͤchtige Gegend. Auf der rechten Seite des Thales erhoben ſich gewaltige Tannen; die linke war mit Lerchen, Erlen und Birken beſetzt. Waͤhrend wir ſchnell durch die milchweißen Thaͤler fuhren, wechſelten die angenehmſten Contraſte. Nach⸗ dem wir die Wuͤſte durchgefahren, hatten Schneien und Winde alsbald aufgehoͤrt und ſchoͤnem kaltem Wetter Platz gemacht. So erreichten wir das ange⸗ nehme Dorf Telofka und Niſchnei⸗Kam⸗ tſchatzk, welches vor Alters die Hauptſtadt der Halb⸗ inſel war. Das Thermometer zeigte 36 Waͤrme. Am folgenden Tage hatten wir wieder tiefen Schnee; die Hunde hatten weder Spur noch Witterung, und die Treiber ſanken ſammt den Schneeſchuhen zwei Fuß tief unter. Ich ſah mich alſo zum Umkehren ge⸗ noͤthigt. In der folgenden Nacht erreichte ich Kliut⸗ ſchie, nachdem ich uͤber einige Seen und einen halb zugefrornen Fluß geſetzt. Dieſes Dorf iſt mit ruſ⸗ ſiſchen Bauern bevoͤlkert, und zaͤhlt 180 Einwohner. Es liegt am Fuße des hohen Piks Kliutſchie; an⸗ gehlich iſt dieß der hoͤchſte auf der Halbinſel, und ſeine Spitze ſoll 15000 Fuß uͤber dem Meeresſpiegel hervorragen. Er hat haͤuſig Feuer, Lava und Aſche ausgeworfen. Am 44. Dez. erreichte ich Oſtrog Kreſtova und Uſchkielowa, wo alle Einwohner ohne Aus⸗ nahme krank in ihren Jurten lagen. Die Blattern richteten laͤngs dem Ufer der Kamſchatka unglaub⸗ liche Verwuͤſtungen an. Von dort aus erblickte ich bald ſchoͤne und weitlaͤuſige Weidegruͤnde, auch praͤch⸗ tige Waͤlder. In manchen Jahren, wenn der Schnee nicht beſonders tief liegt, koͤnnte ſich das Vieh den ganzen Winter auswaͤrts durchbringen. Zuletzt fuͤhrte der Weg bei dickem Nebel durch einen dichten Wald, und da die Hunde ſehr ſchnell liefen, ſo erhielt ich mehrere harte Stoͤße. Zuwei⸗ len gingen ſie auch durch, wenn ſie einen Fuchs „der Zobel witterten. Ich gelangte zu mehreren Doͤrfern: Stſchappi⸗ nat, Maſſura, Kirgannik, Milkawa, Sche⸗. row und Puſtſchin. Hier hatte ich einen geringen Zwiſt mit dem Toion. Der arme Mann hatte ge⸗ hoͤrt, daß ich kommen wuͤrde, und ein gutes Mittag⸗ 371 eſſen zubereiten laſſen; allein da er mich nicht einlud, ſo genoß ich es auch nicht. Ein anderer, aͤrmerer Mann lud mich ein, und ich begab mich in ſeine jaͤm⸗ merliche Wohnung. Dieß wunderte den Haͤuptling, und aͤrgerte ihn noch mehr, da es ihn in der Meinung ſeiner Untergebenen herabſetzen mußte. Ich erfuhr ſpaͤter, dieſer Toion ſei einer der aͤlteſten Kamtſcha⸗ dalen, und habe mich, einer Urſitte des Landes ge⸗ maͤß, als Fremden, nicht eingeladen, in der Voraus⸗ ſetzung, daß ich ein volles Recht habe, zuzulangen, und noͤthigen Falls auch den Eigenthuͤmer aus dem Hauſe zu jagen. Ich durchreiste nun den romantiſchen Landſtrich Ganal in der heitern Ausſicht, meine Reiſe bald beendigt zu ſehen; ich legte auch dieſelbe von Malka bis St. Peter und Paulshaven bei ſchoͤner Wit⸗ terung durch ein ungemein mahleriſches Thal zuruͤck. Bald befand ich mich in Nachikin und Koraki, wechſelte dann die Hunde, und ruͤckte mit vieler Be⸗ haglichkeit vor, bis unſere gute Laune um Mitternacht durch ein Schneegeſtoͤber einigermaſſen geſtoͤrt wurde. Wir ließen die Hunde ausruhen, und ſchliefen ſelbſt bis zur erſten Morgendaͤmmerung. Um Mittag er⸗ reichten wir Aratſcha, wo wir nur 3 Hunde auf⸗ treiben konnten. Dieſe mußten mein Gepaͤcke ziehen, ich ſelbſt aber ging zu Fuß, und erreichte den Hafen etwa um 3 Uhr. Mein ſtiller, unbemerkter Einzug ſtach von meinem Auszuge eben ſo ſehr ab, als meine 372 fruͤhern Empfindungen von den damaligen. Bei der Abreiſe betruͤbte mich die Trennung von der Verlob⸗ ten, und nun hatte ich eine lange und muͤhſelige Reiſe beſtanden, fand meine Braut treu, und ſah meiner nahen Verbindung entgegen. Kamtſchatka iſt eine bedeutende Halbinſel, wo Getreide und Gemuͤſe nie zur Vollkommenheit ge⸗ deihen koͤnnen; denn der Boden findet ſich zu allen Jahreszeiten in der Tiefe von 2— 21 ½ Fuß gefreren. Kartoffeln werden nie reif; der Kohl bildet keine Koͤpfe, und die Erbſen ſetzen keine Schoten an. Da⸗ gegen gedeihen Ruͤben und Radischen vortrefflich, und ungemein kraͤftiges Gras iſt ſowohl auf den zahl⸗ reichen Wieſen, als in den Waͤldern in uͤberſchweng⸗ licher Menge vorhanden. 3 Der Winter nimmt etwa die Haͤlfte des Jahres in Anſpruch; in den ſüdlichen Diſtrikten der Halb⸗ inſel zeigt das R. Thermometer nie unter 200, ſelten unter 12 und 150. Der Fruͤhling iſt die angenehmſte Jahreszeit; dann treiben die Knospen und die Fiſcherei faͤngt an. Dagegen iſt der Sommer wegen der ſchwe⸗ ren Regenguͤſſe und Nebel am wenigſten angenehm. Der waͤrmſte Monat iſt der Juli; das Thermometer zeigt dann 270 R.. An wilden Gewaͤchſen, von denen einige mit Baumrinde vermiſcht, von den Einwohnern gegeſſen werden, iſt Kamtſchatka reich; doch beſteht der Haupt⸗ reichthum in den jagdbaren Thieren, die es in ſolcher 373 Menge gibt, daß nicht genug Einwohner da ſind, um ſie zu fangen. Die ſchaͤtzbarſten ſind Fuͤchſe von ver⸗ ſchiedenen Farben, und Zobel in ungeheurer Menge. Auch gibt es Baͤren, Woͤlfe, Rennthiere, Bergſchaafe und hin und wieder Luchſe. debſt dem Pelzwerk ſind die Hunde von vorzuͤg⸗ lichem Werth. Dieſe treuen und nuͤtzlichen Thiere werden zum Transport der Fiſche, um das Haus mit Waſſer, das Vieh mit Heu zu verſorgen, kurz zu jeder Arbeit gebraucht, welche in Europa von Pferden geleiſtet wird. Von Juli bis Oktober muͤſſen ſie ſich obendrein ſelbſt bekoͤſtigen. Sie haben ein ungeſchlach⸗ tetes Anſehen, und kommen in Geſtalt den gewoͤhn⸗ lichen Bauernhunden nah. Noch hat Kamtſchatka erſtaunlich viele Gaͤnſe, Enten, Schwaͤne, Schnepfen und wilde Huͤhner. Dieſe bewahrt man durch Einlegen in Waſſer auf, welches den ganzen Winter gefroren bleibt. Auch der Wallfiſchfang kommt den Einwohnern gut zu ſtatten. Der Kamtſchatkale iſt traͤg, ſklaviſch und dem Trunk ergeben. Seine Urſprache iſt zwar nicht aus⸗ geſtorben; doch ſprechen fan ſaͤmmtliche Eingeborne ruſſiſch. Die meiſten ſind getauft. Ihre Tracht be⸗ ſteht im Winter aus Thierfellen, im Sommer aus Nanking. Die koſtbarſten Pelze gaben ſie fuͤr eine Lumperei, fuͤr ein Glas Schnaps hin. 374 Gaſtfreundſchaft iſt der hervorſtechendſte Zug ihres Charakters. Man wird von dem Wirthe an der Thuͤr ehrfurchtsvoll bewillkommt. Der Gaſt macht der Ka⸗ ſaika oder Wirthin ſein Kompliment, legt in dem bequemſten Zimmer des Hauſes ſeine Winterkleider ab, und beſtellt mit befehlendem Tone, je nach der Tageszeit ein Mittags⸗ oder Abendeſſen, und Futter fuͤr ſeine Hunde. Der Wirth nimmt das Oberkleid, reinigt es von Schnee, und haͤngt es waͤhrend der Nacht an die Luft; denn man hat den Glauben, die Kleider hielten um deſto waͤrmer, je kaͤlter man ſie anlege. Die Wirthin kratzt dem Reiſenden den Schnee von den Stiefeln, damit derſelbe nicht in dem Ge⸗ mache ſchmilzt. Nachdem der Fremde gut geeſſen und getrunken, legt er ſich in das fuͤr ihn bereitete Bett, und erhaͤlt am Morgen ein Fruͤhſtuͤck von Wild⸗ pret. Fuͤr alles dieſes bietet er ſeinen Wirthen nur ein Glas Schnaps oder ein Blatt Tabak, ja vielleicht nicht einmal ein„Hab' Dank.“ Die Zahl der eigentlichen Kamtſchadalen betraͤgt ohngefaͤhr 2760 Seelen; ſie unterhalten 2208 Hunde. Urſpruͤngliche Geſetze findet man bei ihnen wenig; ſte bekennen ſich ziemlich zu dem chineſiſchen Wahl⸗ ſpruch: Gutes mit Gutem und Boͤſes mit Boͤſem zu vergelten.——. Die Zahl der Ruſſen wird auf 1260 angegeben. Noͤrdlich von Dygilsk wohnen 498 Leute, und in den Koriaͤken⸗Doͤrfern zuſammen 400. Hinſichtlich 375 der bedeutenden Abnahme der Ureinwohner will ich blos erwaͤhnen, daß zur Zeit der Entdeckung dieſes Landes nicht weniger als 116 Doͤrfer an den Ufern des Fluſſes Kamtſchatka ſtanden. Krankheiten und das Blutbad vom J. 1734 entvoͤlkerten ſie. Am 8. Januar fand meine Hochzeit ſtatt; ſie wurde mit mehr Prunk begangen, als dieß in England der Fall geweſen ſeyn wuͤrde. Ich bin wahrſcheinlich der erſte Englaͤnder, der eine Kamtſchadalin geheira⸗ thet hat, aber meine Frau iſt gewiß die erſte Einge⸗ borne jener Halbinſel, die das gluͤckliche Brittanien beſuchte. Der Winter ging unter beſtaͤndigen Schmau⸗ ſereien und im Genuſſe mannigfacher Beauemlichkeiten hin; allein es ereignete ſich faſt gar nichts Merkwuͤr⸗ diges. Drei Erdſtoͤße wurden gefuͤhlt, wovon zwei ſehr bedeutend waren. Zu Ende May war aller Schnee verſchwunden, und binnen wenigen Tagen hatte die Gegend ein fruͤhlingsartiges Anſehen. Ueberall ſproßten wilde*) Blumen und Kraͤuter hervor, und belebten das ſeit 7 Monaten oͤde Land. Innerhalb des Hafens erſchienen Heringe, mehr ſeewaͤrts Stock⸗ ſiſche, und uͤberall Seehunde, mit deren Fang die Einwobner vollauf beſchaͤftigt waren. Manche begaben ſich nach den Inſeln, und brachten tauſende von *) Was der Englaͤnder wohl unter wilden Blu⸗ men verſteht? 376 Eiern zuruͤck, waͤhrend Andere Jagdparthien veran⸗ ſtalteten, Schnepfen, wilde Enten und Rebhuͤhner in die Stadt ſchickten. Eilf Monate lang genoß ich die Gaſtfreundſchaft der Kamtſchadalen; endlich entſchloß ich mich, mit meiner Gattin abzureiſen und nach Europa zuruͤck⸗ zukehren. Am 5. Juli 1822 lichteten wir die Anker, worauf uns ein ſanfter Nordwind von dem Lande eutfernte. Waͤhrend wir an der Kuͤſte hinfuhren, erfreuten wir uns an dem lebhaften Gruͤn, und nur die hohen Berge zeigten ſich noch mit Schnee bedeckt. In der fuͤnften Nacht nahm der Himmel eine unge⸗ woͤhnlich rothe Faͤrbung an; die dunkeln zerriſſenen Wolken boten einen herrlichen Anblick dar, der aber auf ein furchtbares Naturereigniß deutete. Noch ehe wir nach Ochotzk gelangten, hatte man auch dort erſahren, daß der ungeheure Wald im Norden der Bay Awatſcha großentheils verbrannt ſei. Zum Gluͤck fuͤr uns wehte der Wind nicht nach dieſem Uſer zu, ſonſt wuͤrden wir verloren geweſen ſeyn. Am achten Tage fuhren wir durch eine fuͤrchter⸗ liche Brandung mit Lebensgefahr an das Land; ſechs Menſchen gingen dabei zu Grunde. Ich wollte mich zu Ochotzk nicht lange verwei⸗ len, und traf unverzuͤglich Anſtalten zu meiner Reiſe nach Takutzk. Wir ſtießen nach ein paar Tagen zu einer Caravane von 200 Pferden; die meinigen belte⸗ fen ſich auf 13; ich fuͤhrte zwei Zelte, das eine fuͤr 377 meine Treiber und Koſacken, das andere fuͤr mich und meine Frau. Ich hatte mich auf 6 Wochen mit Lebensmitteln verſehen. Die Lage, in welcher ich Ochotzk jetzt verließ, war von der meiner erſten An⸗ kunft fehr verſchieden. Damals irrte ich allein, un⸗ bekuͤmmert um Vergangenheit und Zukunft, und gleichſam wie die Thiere des Feldes nur fuͤr den Au⸗ genblick lebend; jetzt hatte ich eine junge Frau auf einer aͤußerſt muͤhſeligen Reiſe zu Pferde, und in einer kalten Jahreszeit zu beſchuͤtzen, und fuͤhlte tief⸗ wie noͤthig mir Klugheit und Vorſicht ſei. Sie, die in ihrem Leben nicht mehr als 3—4 Pferde geſehen, war natuͤrlich nicht wenig verzagt; allein was ließe ſich durch Standhaftigkeit nicht uͤberwinden! Die Beſchwerden der Reiſe griffen zwar ihre zarte Conſti⸗ tution an; allein nie hoͤrte ich ſie klagen; je groͤßer die Schwierigkeiten waren, deſto mehr Muth und Er⸗ gebung zeigte ſie. Sie hatte nach einigen Tagen die Unklugheit, ihr erſtes und gutes Pferd gegen ein an⸗ deres zu vertauſchen, welches ſie ſo gewaltſam ab⸗ warf, daß ſie 12 Stunden lang ohne Beſinnung dar⸗ nieder lag. Zwei Aerzte, welche mit uns reisten, ſtellten ſie jedoch ſo ziemlich wieder, her, obwohl ſie mit einem Schmerz an dem recht en Schlafe behaftet blieb. 3 Man macht ſich keinen Begriff, uͤber wie viele Fluͤſſe und Flußarme der Reuſende auf dem Wege von Ochotzk nach Irkutzk folgen muß; man ver⸗ 60. Bd. China. II. 3. 9 4 378 ſicherte mich, deren ſeien wenigſtens tauſend. Bei vielen iſt ein hoher Grad von Geiſtesgegenwart von Seite der Reiſenden erfoderlich.— Wir kamen in das Land der wilden Beeren, und vorzuͤglich der Johannisbeeren; auch zeigten ſich Faͤhrten von 2 dfen hind Wären 8 Am 2. September begruͤßte uns der Winter zuer mit einem ſtarken Schneeſchauer; in einer Nacht zeiſ die ſchoͤne, herbſtliche Gegend in eine traurige Win⸗ terlandſchaft verwandelt. Am folgenden Tage ſtuͤrmte es fuͤrchterlich. Wir mußten in unſern Zelten bleiben, und uns mit dem Trockuen der Kleider beſchaͤftigen. Unter großer Anſtrengung und vielem Zagen von Seite unſerer Frauen ſetzten wir uͤber die Udoma. Meine Frau wurde zu Pferde von zwei Jakuten uͤber den Fluß geleitet. Wir erhielten zu Udoma einen Vorrath an fii⸗ ſchem Fleiſche und wilden Beeren, und nachdem ſich die Pferde ein Paar Tage ausgeruht und ausgefüttent hatten, traten wir unſere Reiſe nach dem 130 Meilen entfernten Alackjuna an. Gleich die erſten Tage verloren wir 3 Pferde, welche durch das Eis brachen, und nicht wieder herausgearbeitet werden konnten. Die Kaͤlte betrug nur 66 K. und doch war das Eis 20 Zoll dick. Nachdem wir durch mehrere Thaͤler ge⸗ reiſt, hielten wir neben einer furchtbaren, durch zwei hohe Berghaͤnge gebildeten Schlucht.. Von hier aus wurde unſere Reiſe langweilig, und aͤußerſt beſchwerlich, da die Pferde u ſchwer beladen waren. Wir hatten einen fuͤrchterlichen Weg zuruͤck⸗ gelegt, als wir Alak Juna erreichten, und Tags darauf Tſchorno⸗Ließ(Schwarzwald). Der Weg fuͤhrte Anfangs am kleinen Fluſſe Chakdalka, und dann am weißen Fluſſe hin, die beide in den Aldan fallen. Alsdann erreichten wir Chekonoi oder das Land des Weinens; es hat dieſen Namen derhalb, 379 weil die Jakuten in den dortigen halbgefrornen Mo⸗ raͤſten ſo viele Pferde verlieren; mir ſelbſt wurden wieder 4 unbrauchbar. Man findet gute Weide; allein die Pferde muͤſſen ſo lange in einem tiefen Sumpfe waden, daß der Froſt ſich zuletzt in ihren Hufen feſt⸗ ſetzt, dieſelben durchdringt, und die Thiere alsdann ſicher aufreibt.. Auch wir fingen bald an, die Folgen der Muͤb⸗ ſeligkeiten und kalten Witterung zu fuͤhlen. Darunter will ich eigentlich mich ſelbſt nicht verſtehen; denn ich befand mich nie beſſer und zufriedener; allein fuͤr ein Frauenzimmer war es gewiß hart, daß ſie bei 15. bis 180 Kaͤlte reiten und die Nacht in dem Schnee zubringen mußte. Ich befand mich im Zelte nie ſo wohl, als unter freiem Himmel; denn der hinein⸗ ſtaͤubende Schnee wird von dem Feuer aufgeloͤst und verurſacht eine unbehagliche Feuchtigkeit. Deßwegen legte ich mich an der dem Winde entgegengeſetzten Seite eines Feuers ſchlafen, und wendete mich um, je nachdem eine Seite zu erfrieren oder die andere zu⸗ verbrennen anfiug. Indeſſen war es ſo ſpaͤt im Jahre geworden, daß wir fuͤrchten mußten, einen Monjat und daruͤber an dem rechten Ufer der Lena aufgehal⸗ ten zu werden, und deßwegen eilten wir ſo ſchnell als moͤglich vorwaͤrts.. Unſerer Pferde waren nach und nach ſo wenige geworden, daß wir unſer Gepaͤck von Ochſen ziehen laſſen mußten; nur ein einziges von jenen erreichte Jakutzk, als wir in dieſem am 1. Oetober einzogen⸗ zur Zeit, wo der Fluß wegen der großen Menge von gewaltigen Treireisbloͤcken faſt nicht zu paſſiren war. Der Gouverneur hatte die Guͤte gehabt, mir ein gü⸗ tes und beguemes Quartier zu beſoͤrgen; ich entließ meine Jakuten, mit deren Betragen ich vollkommen zufrieden geweſen war, obgleich ſie einen Ochſen⸗ ein Pferd und 4 Zentner Rindfleiſch verzehrt hatten. 380 Obwohl ich zu Jakutzk recht gut aufgenommen worden war, ſo reiſſe ich doch ſchon mit dem erſten Schlitten am 15. November ab. Gewoͤhnlich kann man jedoch die Lena ſchon am 1. November befahren. Binnen 24 Stunden erreichte ich Taſtakinskoi, und am folgenden Tage Kieſik(220 M.). Der Weg war ſehr ſchlecht, denn ſonſt iſt es in dieſem Lande nichts ungewoͤhnliches, wenn man an einem Tage 380 Werſte, oder mehr als 200 Meilen zuruͤck legt. Von St. Petersburg machte ein Courier die Reiſe bis Kamtſchatka in 103 Tagen; die Entfernung betraͤgt 13,000 Werſte.— Wir beobachteten unter Wegs mehrere Nebenſonnen, und erreichten am vier⸗ ten Tage HOlekminsk, wo ich meinen unbrauchba⸗ ren Schlitten gegen einen andern umtauſchte. Man reiſt mit ſolcher Geſchwindigkeit, daß die dadurch eut⸗ ſtehende Zugluft ſchon unertraͤglich wird. Auch wird die Fahrt deßwegen ſchon gefaͤhrlicher, weil der Kut⸗ ſcher nicht gerade aus ſehen kann, ſondern das Geſicht weg wenden, und die Pferde auf das Geradewohl laufen laſſen muß.— 3 Am 22. November erreichten wir Wittim, wel⸗ ches deßwegen beruͤhmt iſt, weil dort die ſchoͤnſten Zobel von der Welt gefangen werden. Dieſe Pelze erſter Guͤte ſind jedoch ſo ſelten, daß nicht viele Leute Maͤntel davon tragen, ſelbſt wenn man das Geid nicht ſchonen wollte.— Von Wirtim aus hatten wir ſehr ſirenges Wetter, und das Thermometer wechſelte zwiſchen 32 bis 380.— Wir machten nun gewoͤhnlich um 8 Uhr Morgens Halt, um Thee zu kochen, den wir nebſt etwas hartem Brode und gedoͤrrtem Fiſch zum Fruͤhſtuͤck genoſſen. Bei dem Mittggeſſen hatten wir gleichfalls etwas Thee, und Abends uͤberdem etwas gedaͤmpftes Rindfleiſch. Weiter ruhten wir nicht aus. Es zeigte ſich, daß meine Frau die Strapazen beſſer ertragen konnte als ich ſelbſt, und ich wollte deßhalb — 381 wegen meiner eigenen Beguemlichkeit nicht mehr Zeit verlieren. Wiewohl wir wenig oder keinen Mond⸗ ſchein hatten, ſo konnten wir doch bei Nacht fortreiten, da der Weg durch Baumzweige bezeichnet war. Am zwoͤlften Tage erreichte ich Kirenga, dann Kutſchuga, und das große volkreiche Dorf Wer⸗ cholensk. Dasſelbe liegt in einer ſchoͤnen Gegend, in welcher brauchbares Getreide und noch mehr Heu gewonnen wird. Man wird mit Hoͤflichkeit empfangen, und mit Gaſtfreundſchaft uͤberhaͤuft. Die Dorfaͤlteſten zeigten ſich zu allen Dienſten bereitwillig und luden mich ſogar ein, die Nacht in ihren bequemen Woh⸗ nungen zuzubringen. Das Land hat Ueberfluß an Vieh und die Doͤrfer ſind ungemein wohlhabend. Hier ſagte ich der Lena für immer Lebewohl, und fuhr dann bei Nacht ohne alle Schwierigkeit durch die Steppe Bratsky. Am Morgen des 17ten Tages erreichten wir Irkutzt Der Gouverneur bot mir ſogleich ein Logis in ſeinem ſtattlichen Hauſe an, was mir um ſo lieber war, da meine junge, mit der Welt unbekannte Frau durch den Umgang mit ſeinen weiblichen Hausgenoſſen nur getwinnen konnte. Mein Aufenthalt in Irkutzk dauerte bis zum 7. Januar, an welchem Tage ich in Geſellſchaft von zwei Poſtinſpectoren abreiſte. Wir kamen durch die wohlangebauten Ufer der Angora, und viele volk⸗ reiche Doͤrfer. Jedes Haͤuschen hat ſeinen Garten, und uͤberall bemerkt man Zeichen von außerordentli⸗ cher Arbeitsliebe. Wir begegneten Tauſenden von Karren und Pferden, welche von oder nach dem Markte von Kiaͤchta gingen. 3 Wir mußten uͤber einen 40 Meilen breiten See. Das Eis war ſo durchſichtig und ſchluͤpfrig, daß ich mich nicht auf den Fuͤßen balten konnte; dagegen ſind die Pferde ſo daran gewoͤhnt, daß ſie faſt nie ſtuͤrzen. Es iſt unmoͤglich, die Schlittenpferde zum Stillſtande 382 zu bringen; auch habe ich geſehen, wie die Schlitten ſo in Schuß kamen, daß ſie die Pferde einholten, herumriſſen, und zuletzt einen vollkommnen Kreis beſchrieben. 4 Wir erreichten Werchney⸗Udinsk, eine große volkreiche, und wohlhabende Stadt, auf dem rechten Ufer der Selenga. Sie iſt der Hauptſtappelplatz zwiſchen Irkutzk und Klaͤchta, und hat als Grenz⸗ ort eine ſtarke Garniſon. 1 Bis Selenginsk ſind 70 Meilen; ich legte ſte auf der ſpiegelhellen Selenga binnen 7 Stunden zuruͤck. Daſelbſt angekommen, begab ich mich ſogleich nach der Wohnung der hier angeſiedelten engliſchen Miſſionaͤre und wurde guͤtig aufgenommen. Sie bil⸗ den gleichſam eine rings von Halbbarbaren umgebene engliſche Colonie, und machten es ſich zur Aufgabe, das Heidenthum der Buriaͤten zu bekaͤmpfen. Ich verlebte bei dieſen frommen Menſchen und ihrer zahl⸗ reichen Familie ein Paar hoͤchſt angenehme Tage. Ste ſind gegenwaͤrtig der ſchwierigen, mongoliſchen Spra⸗ che faſt vollkommen maͤchtig, und man muß erſtaunen, daß ſie in kurzer Zeit ziemlich vollſtaändige Woͤrterbu⸗ cher und Grammatiken zuſammenſtellen konnten. Sie baben, um mit den Haͤuptlingen ſowohl, als den Lamas oder Prieſtern, Bekanntſchaften anzuknuͤpfen, viele Reiſen in das Innere unternommen; allein noch iſt es ihnen nicht gelungen, einen einzigen Proſelyten zu machen, und es iſt auch wenig Hoffnung dazu, da die Buriaͤten erſt vor kurzer Zeit gegen 42000 Stück Rind⸗ vieh und 30 Wagenladungen religioͤſer Schriften aus Thibet erhalten haben. Man hat die Schriften der Miſſionaͤre angenommen, aber nur ein einziger Buriaͤte hat ſie geleſen, und lacht uͤber die Thorheiten der fremden Maͤnner. 4 1 Die Buriaͤten ſind im Allgemeinen ſolche Hunger⸗ leider, daß ſie s Tage in der Woche faſt nichts ge⸗ 383 nießen, als ſchlechten Thee; die Armen bekommen nur ſelten Fleiſch zu koſten. Gewoͤhnlich ſchmelzen ſie den Thee mit Fett ein, und eſſen ihn als Gemuͤſe; ſo gibt er ein ziemlich nahrhaftes Gericht. Der Reich⸗ thum der Haͤuptlinge beſteht in bedeutenden Viehheer⸗ den und Pelzwerk; die Schafe und Ziegen ſind in un⸗ geheurer Menge, Hornvieh und Pferde gleichfalls reich⸗ lich vorhanden. Die Buriaͤten ſcheinen faul, unrein⸗ lich, aber ziemlich zufrieden, und eben ſo ſtlaviſch und feig, wie die Kamtſchadalen zu ſeyn. Selenginsk ſelbſt iſt ein erbäͤrmlicher, herab⸗ gekommener Ort, der jedoch 1000 Mann Garniſon als Grenzwache enthaͤlt. Indeßz iſt die Umgegend gut be⸗ völkert, und die Nachkommen der polniſchen Koloni⸗ ſten(4794 hieher verpflanzt) bauen viel Getreide. Sie ſind die einzigen in Sibirien vorkommenden Leute, welche ihr Land duͤngen. Die Ufer der Selenga ſind mit ungeheuren Porphyr⸗Bergen befetzt, und fuͤhrt.— Wir reiſten nach Nertſchinsk ab; die Gegend war maleriſch, bis wir die Buriaͤten⸗Steppe erreichten, auf welcher ſich durchaus kein Landbau, fondern nur uͤppiger Graswuchs findet. Wir hatten wegen Mangel an Schnee uͤble Bahn. So legten wir 100 Meilen zuruͤck, und ſprachen dann bei einem Buriaͤten⸗Haͤuptling ein, deſſen Stamm ſich auf 23 Tauſend Koͤpfe belaufen ſoll. Dieſer Taiſcha iſt ein junger, aufgeweckter Mann. Ich begab mich nach ſeiner Kanzlet, fand ihn aber nicht zu Hauſe. Indeß wurde mir von ſeinem Sekretar ein Paß in mongo⸗ liſcher Sprache ausgefertigt, durch welchen der ganze Stamm verbindlich gemacht wurde, mir hilfreiche Hand zu leiſten, und mir mit Achtung zu begegnen.— er Haͤuptling hat 2 Frauen, die ſich wohl mit ein⸗ ander vertragen. Er iſt den Miſſionaren, welche ihn 2 384 oft auf ganze Wochen beſuchen, ſehr gewogen, und mit der engliſchen Sprache ſchon recht vertraut. Seine reichen Eltern hat er erſt vor kurzer Zeit verloren; allein ſeine reiche Mutter vermachte ihre ungeheuern Beſitzthuͤmer den Prieſtern. Ihm gehoͤren etwa 3000 Schafe, 300 Pferde, und 200 Stuͤck Rindvieh, woge⸗ gen ſeine Mutter 40000 Schafe, 10000 Pferde und 3000 Stuͤck Rindvieh und uͤberdies eine gewaltige Meuge Pelze beſaß. Eine ſeiner Schweſtern, welche vor Kurzem einen andern Haͤuptling heirathete, erhielt als Mitgaft 40 Kittel von dem ausgeſuchteſten Pelz⸗ werke. Man traͤgt dieſelben ſo lange, bis ſie von dem Leibe fallen, und hiernach kann man ſich einen Begriff von der eckelhaft nachlaͤßigen Lebensweiſe der Buriaͤten machen. Bei der Hochzeit ſind die Frauen in mit Pelz beſetzten Atlas gekleidet. Ebenſo ſtattlich zieht man ſich an dem religtoͤſen Hauptfeſte au, welches von den Chineſen angenommen worden iſt. A Ich reiſte von dort aus der Ingoda entlaug, welche in den Amur faͤllt, und mit dieſem dem oͤſt⸗ lichen Ocean zuſtroͤmt. Sie wird nach Oſten immer breiter und iſt bei Nertſchinsk ein betraͤchtlicher Strom, Ich erreichte dieſe Stadt ſpaͤt Abends, lah aber folgend, daß es ein ſchlechter, zerſtreuter Ort iſt⸗ der eine unguͤnſtige Lage hat. Mein Hauptzweck war aber die große Fabrik Bolſchoi⸗Zaͤwod von hier aus zu beſuchen, das vorzuͤglichſte Silberſchmelzwerk Sibirtens. Das Thermometer ſiel jetzt 35, ſo daß die Luft einen ungewoͤhnlich ſcharfen Eindruck machte. Abends befand ich mich am Ziel meiner Reife. Diefe große Fabrik iſt das groͤßte, aber zugleich erbaͤumiſchſte Aggregar von Huͤtten, welches ich je gefehen habe. Sie wird nur voͤn Verbrechern bearbeitet, die eigene Beamte zur Aufſicht haben. Aber ſelbſt die Wohn⸗ haͤuſer der Chef's gleichen nur zufammengebauten Jur⸗ ten. Alles, was ich zu Nerſchinsk ſah, fioͤßte mir * 3 385 Verachtung und Unwillen ein gegen die dortigen Be⸗ amten, welche die armen Verbrecher hoͤchſt ſchonungs⸗ los behandeln. Man macht ſich keinen Begriff davon, wie ausgehungert, abgeriſſen und jaͤmmerlich in jeder Hinſicht dieſe Unglücklichen ſind. Was ſie auch im⸗ mer verbrochen haben moͤgen, ſo laͤßt ſich doch damit eine ſo ſchonungsloſe Behandlung nicht rechtfertigen. Knuten und Peitſchenhiebe, Brandmarken und An⸗ ſchmieden halten keinen Vergleich aus mit der unaus⸗ geſetzten Arbeit, welche die Gefangenen ein halb Jahr lang von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang leiſten muͤſſen, waͤhrend ſie den Reſt des Jahres vollkommen unthaͤtis zubringen. Von dem Holzhacken, Heumachen und Aufwaͤrterdienſte ſind ſie faſt ganz ausgeſchloſſen, da man fuͤrchtet, ſie moͤchten entlaufen. Wohin koͤn⸗ nen ſie aber fluͤchten? Wer dazu verdammt iſt, den Reſt ſeines Lebens in den Nertſchinsker Minen zu vertrauern, deſſen Tage ſind gezaͤhlt. Was iſt aus den vielen Tauſenden, die jaͤhrlich hieher transportirt werden, was aus ihren Weibern und Kindern gewor⸗ den? Die Arbeiten muͤßten in Stocken gerathen, wenn nicht immer friſche Schlachtopfer anlaugten. 8 Die Hauptfabrik zaͤhlt ungefaͤhr 400 Jurten und 3000 Bewohner. Der Boden iſt ſo rauh und das Klima ſo ſtreng, daß kein Balken von mehr als 8— 10 Fuß Laͤnge zu haben iſt. Der Ort liegt in einem von kah⸗ len, hohen Felſen umgebenen, hoͤchſt unwirthlichen Thale. Jeder Verbrecher erhaͤlt jaͤhrlich 35 Rubel⸗ wovon er Koſt, Kleidung, Feuerung und Wohnung beſtreiten muß. un i n 3 Ich war froh, aus dieſem Aufenthalte des Jam⸗ mers wieder zu kommen, beſuchte Dzurukkaitu⸗ leſsk, das ein großes Dorf, oder eine ſogenaunnte Feſtung am Ufer des Argun iſt, und reiste dann an den Glaͤnzdoͤrfern weiter..— Kondu erreichte ich auf einem ſchoͤnen Wege; 386 vorher war ich durch eine kleine Fabrik gekommen. Der Ort hat ein hohes Alter, und ſoll mit Sſchin⸗ dat⸗Turukuy, dem Geburtsorte des Eroberers von China, identiſch ſeyn. Ich bemerkte viele Ueber⸗ reſte von großen, tartartſchen Brennoͤfen; allein ganz vorzuͤglich zog mich eine Frau von 93 Jahren an. Sie war in der Nachbarſchaft von Nertſchinsk gebo⸗ ren, und beſaß zur Zeit, als ich ſie ſah, nicht nur ihre vollen Geiſteskraͤfte, ſondern war noch ſo ruͤſtig, daß ſie ihrer Wirthſchaft gehoͤrig vorſtehen konnte. Sie bereitete mir eigenhaͤndig ein vorzuͤgliches Mit⸗ tagsmahl, und dann ſetzte ich vergnuͤgt meine Reiſe durch ein ungeheures Weideland fort, nach welchem ich die Feſtung Tſchindat erreichte. Nun gebrach es gaͤnzlich an Schuee, weßwegen ich mich ſtatt des Schlittens eines Raͤderfuhrwerkes, einer gewoͤhnlichen, offenen Telega bedienen mußte. Der Winter war dießmal ungewoͤhnlich arm an Schnee, ja ſelbſt auf den Bergen bemerkte man keine Spur davon. Ich kam hierauf in die Naͤhe von Aſchenginsky, der ſuͤdoͤſtlichen Graͤnzfeſtung zwiſchen dem chineſiſchen und ruſſiſchen Reich. Die Beſatzung beſteht aus 60 Koſaken und einem Offizier. Der Ort ſelbſt hat eine angenehme Lage; jenſeits desſelben wird Niemanden geſtattet, ſich anzuſiedeln. Von hier bis Kiaächta beünden ſich noch 3 Feſtungen. Der Weg fuͤhrt an dem Fuße der Berge hin, welche das chineſiſche und ruffiſche Reich trennen. Kiaͤchta war noch 500 M. entfernt, und da man die Pferde nicht wechſeln kann, ſo braucht man zu dieſer Reiſe wenigſtens 10 Tage. So viele Zeit hatte ich nicht uͤbrig; ich ging alſo nach Mogoitu zuruͤck. Dort feierte ich meiner Frau Ge⸗ burtstag durch ein gutes Abendeſſen und ein Glas unſch. Mein Wirth hielt mich jedoch fuͤr einen unggeſellen.. 387 Als ich von dort weg an die Gudoga kam, traf ich wieder ſo viel Schnee, daß ich zu Schlirten rei⸗ ſen lonnte; ſo erreichte ich Tſchitta und Udinsk, und zuletzt die Baͤder des letzten Ortes. Das Waſſer hat 1600 Waͤrme. Man empfiehlt es recht ſehr gegen alle chroniſchen und rheumatiſchen Leiden, ſo wie gegen veneriſche Uebel. Es enthaͤlt viel Schwefel. Ueber den Quellen liegt beſtändig ein dicker Nebel, der wohl das Seinige dazu beitraͤgt, daß hier ſo treffliches Ge⸗ muͤſe gebaut wird. Der Ort ſelbſt lient 3 Meilen von Baikal, in einer hoͤchſt mahleriſchen Gegend. In den Monaten Maͤrz und April, nach der Kiaͤch⸗ kaer Meſſe ſind alle Badezimmer, und ſowohl die offentlichen als Privat⸗Gebaͤude mit Kaufleuten und deren Familien uͤberfuͤllt. Auf dem Wege zuruͤck nach Werchney⸗Udinsk hatte ich Poſtillone, die eben ſo daran gewoͤhnt waren, die Peitſche zu fuͤhren, als ſie zu bekommen. Sie waren Verbrecher, ein ſchaͤdlicher Schlag Menſchen, welche dieſen Dienſt verſehen mußten. Nach Mitter⸗ nacht kam ich uͤber viele Seen, von denen manche ſo ſchaͤdliches Waſſer enthalten, daß viele Verbrecher dadurch ſchon das Leben verloren. Enten, Gaͤnſe und andere Voͤgel ſterben nach dem Genuſſe dieſes Waſſers, welches jedoch auf die Schwaͤne keinen Ein⸗ fluß zu haben ſcheint. Ich ſah eine große Menge da⸗ von auf dem Hauptſee ſchwimmen, und die Einge⸗ bornen ſtellen ihnen aus Furcht niemals nach. Die Leute, welche hier leben, ſind ruſſiſche Ver⸗ brecher und Schismatiker; nie iſt mir ein aͤrgeres Diebsgeſindel vorgekommen. Wehe dem, der hier zu Lande ohne eigene Lebensmittel reist; gewoͤhnlich wollen ſie gar nichts verkaufen, und wenn es ge⸗ ſchieht, ſo laſſen ſie ſich den ſechsfachen Werth bezah⸗ len. Deßwegen faſtete ich in vielen Doͤrfern. So kam ich nach Werchnev⸗Winsk zum vier⸗ 388 ten Male, und nun wollte ich mich von hier aus nach Kiaͤchta begeben. Ich fuhr theils auf der Gelen⸗ ga, theils durch oͤde Gegenden mit wenigen ſchlechten Doͤrfern, bis ich den Punkt erreichte, wo der Weg von dem Fluſſe abgeht, und nach der chineſiſchen Gräͤnze zu durch eine offenere und waldigere Gegend fuͤhrt. In der Naͤhe von Kiaͤchta ſteigen die Berge wieder kuͤhn an, und bilden ſchoͤne, aber unfruchtbare Thaler. Man glaubt es der Gegend anſehen zu koͤn⸗ nen, daß ſie ſich an der Graͤnze zweier maͤchtiger Reiche befindet. Kiaͤchta iſt regelmaͤßig gebaut, und enthaͤlt 4000 Einwohner. Der Bach gleichen Namens bildet die Graͤnze zwiſchen China und Nußland, und die Feſtung erhebt ſich am rechten Ufer. Geſundes Waſſer muß man 2 Meilen weit herholen, und das Brennholz 20 Meilen weit; auch der Boden iſt unfruchtbar. Steinerne Haͤuſer duͤrfen, auſſer der Kirche, ſo lange die Chineſen bei ihrer neidiſchen Polltik beharren, nicht errichtet werden. Jenſeits der Feſtung liegt die Handelsſtadt, welche Altklaͤchta heißt und nur von Kaufleuten bewohnt wird. Nach dem zwiſchen beiden Reichen beſtehenden Kontrakt darf daſelbſt kein Beamter oder Fremder uͤber Nacht bleiben. Der Ort hat 4s anſehnliche Haͤuſer, in denen ſich aͤußerſt be⸗ deutende Waarenlager befinden. Ich hatte Gelegenheit, mich nach der ſogenannten chineſiſchen Feſtung, welche von Allkiaͤchta etwa 600 Schritte entfernt liegt, zu begeben. Nie iſt mir ein Ort vorgekommen, der bei ſo großem Rufe an ſich ſo wenig Merkwuͤrdiges beſaͤße, als dieß Maimat⸗ ſchin. Man findet eine kleine ſchlechtgebaute Lehm⸗ ſtadt mit vier engen, rechtwinklichten Straßen, die mit ungebrannten Ziegeln gepflaſtert ſind. Waͤhrend der Meſſe halten ſich daſelbſt bei 1500 Maͤnner auf; Frauensperſonen werden nicht eingelaſſen. Die Haͤu⸗ 389 ſer ſind ohne Fenſter, doch ſind die Straßen reinlich, und die Haͤuſer haben einen engen Hof, zu deſſen bei⸗ den Seiten ſich Waaren⸗Niederlagen befinden. Mitten in dieſem laͤnglichten Viereck befindet ſich das eigent⸗ liche Wohnhaus, wo die Chineſen eſſen, trinken, ſchla⸗ fen, rauchen und ihre Geſchaͤfte treiben. Es zerfaͤllt in zwei Zimmer; der erſte iſt auf eine phantaſtiſche Weiſe mit Waaren aufgeputzt und dient als Laden. In allen Ecken, ſo wie in der Mitte erblickt man Feuer, brennende Lichter, meſſingene Oefen, damit man uͤberall nach Belieben ſeine Pfeife anzuͤnden koͤnne. In dem andern Zimmer werden die Gaͤſte bewirther, weswegen ein Theil des Fußbodens, wo geeſſen und geſchlafen wird, erhaben iſt. Bei Tage liegen auf demſelben die Decken, Polſter und Kiſſen nert aufge⸗ rollt. Die in beiden Zimmern befindlichen eleganten Meubels, ſind von Mahagoni und herrlich polirt. Die Chineſen waren unternehmend, hoͤflich und geſpraͤchig; allein ſie aͤrgerten ſich, als ich ſagte: ich habe zu Irbutzk einen Chineſen zum Bedienten ge⸗ habt und konnten nicht begreifen, wie ein Menſch, der im himmliſchen Reiche geboren ſey, unter den Ruſſen leben konne. Viele der chineſtſchen Kaufleute ſprachen gut ruſ⸗ ſiſch; von allen wurde ich freundlich und gaſtfrei auf⸗ genommen, mit Thee, Liqueurs, gebackenem Obſte, Kuchen, Punſch und Cigarren verſorgt. 3 In regelmaͤßigen Eutfernungen von einander ſtehen Laternen, die zu gewiſſen Zeiten mit Licht verſehen werden, und um die Hauſer her haͤngen baumwollene und ſeidene Beutel, falſche Glocken und andere ge⸗ ſchmackloſe Verzierungen. Ich beſuchte den Tempel, der trotz ſeiner abgoͤttiſchen Beſtimmung viel von dem katholiſchen Charakter hat. Bildſaͤulen von weiblichen Heiligen ſahe ich nicht; allein gigantiſche Manner und und Maͤnnerſtatuen in Menge, ſo wie Schnitzwerk, Flitter und Vergoldungen— Maimatchin hat durchaus keine Feſtungswerke; alein es bleiben im Kruͤhlahre, Sommer und Herbſte 500 Leute daſelbſt. Der Handel hat das ganze Jahr bindurch ſeinen Fortaang, und der Eintritt in das ruſſiſche, wie in das chineſiſche Dorf iſt jeden unver⸗ wehrt. Es herrſcht gegenſeitig das beſte Vernehmen, und ein Theil gibt dem andern zuweilen Feſte. Da⸗ mals vertrieben ſich die Chineſen mit Karten⸗, Da⸗ men⸗ und Schachſptel, mit Trinken, Tanzen und Singen die Zeit. Im Februar, dem fogenannten weiſ⸗ ſen Mongte, in welchen das neue Jahr faͤllt, begehen ſie ihr Hauptfeſt. Dieß dauert drei Tage, dann be⸗ ginnt die Meſſe. 3 Peking iſt 1500 Meilen entfernt; ein Kourier legt ſie in 10, ein Kaufmann in 30 Tagen zurück. Vorzuͤglich werden nach Rußland eingefuhrt Thee, Kattun, Nankin, Seidenzeuge, zumal gurer Atlas, Rhabarbar, kuͤnſtliche Spielwaaren u. ſ. w. Dagegen fuhren die Nuſſen meiſt Pelzwerk aus: Fuchs, Zobel, See⸗ und Flutotter, Wildkatzen, Biber, und Millio⸗ nen von Eichhornsfellen. Ihrer Leichtigkeit, Waͤrme, Dauerhaftigkeit und Wohlfeilheir halber, ſind die letz⸗ ten bei den Chineſen ſehr beltebt, und merkwuͤrdiger Weiſe bezahlen ſte gerade das ſeltenſte und koſtbarſte Rauchwerk nicht nach ſeinem wahren Werthe, ſondern begehren mehr die ſchlechteſten und gemeinſten Sorten. Die Beſten gelangen nach Moskau und Niſchnen⸗ Nowgorod.— Das von beiden Seiten unmge⸗ Kente apiiat betraͤgt jährlich ohngefaͤhr 30 Millionen Rubel.— 1 3 Ich Hürre ſpaͤt Abends von der chineſiſchen Stadt zuruͤck und brachte zwei Tage in der Geſellſchaft des gaſtfreten Direktors zu. Von dieſem guͤtigen Manne erhielt ich eine merkwuͤrdige Charte von dem chineſt⸗ ſchen Reiche mit ruſſiſchen Anmerkungen, welche ſich jetzt in dem brittiſchen Muſeum befindet. 391 Nachdem ich alles geſehen hatte, was ich in Kiaͤchta fuͤr merkwuͤrdig hielt, verließ ich die Stadt am dritten Tage. Mein Weg fuͤhrte am rechten Ufer der Selenga durch eine uͤppige, mit Buriaͤten Doͤrfern beſetzte Weidegegend, bis ich einen ſandigen, bergigen Boden erreichte, der mich bis Werchey⸗ Udinsk zuruͤckführte. Von dort reiſte ich wieder nach Irkutzk, nachdem ich uͤber den Baikal gegangen war, wo ich ein paar Felle von dem dort haͤufigen Silberſeehund(Phoca siberica) kaufte. Irkutzk hatte ich am 7. Februar erreicht. Nach⸗ dem ich mich ein wenig erholt, traf ich Anſtalten zu meiner Ruͤckreiſe nach Europa, die ich noch im Schlit⸗ ten zu machen hatte. Am 10. Februar fiel eine bedeu⸗ tende Menge Schnee, und doch erreichte ich gluͤcklich die(von Irkutzk 40 Meilen entfernte) kaiſerliche Glashuͤtte und Tuchfabrik. Es wird daſelbſt ein ſt T⸗ kes grobes Tuch von grauer Farbe fuͤr die übiriſche Armee bereitet. Das Wetter war kalt; aber bei dem aͤußerſt guten Wege erreichten wir Niſchney⸗Udinsk ſchon am 13. Februar Morgens bei 320 Kaͤlte. Bei dem Eintritte in das Gouvernement Jeniſ⸗ ſeisk ſchlug ich den Weg nach Kanskoi ein wel⸗ ches auf dem linken Ufer des Kan, des ſibiriſchen Styr, liegt. Die Gegend war allgemein ſchoͤn, bis ich in die ſandige Umgebung vor K rasnojarsk ge⸗ langte. Das Wetter war ſehr kalt, und ich ſehr froh⸗ daß ich um Mitternacht ein beguemes Quartier erhieit, und dem Diebsgeſindel von Verbrechern. welches die Bevoͤlkerung vieler Doͤrfer ausmacht, entkommen war. Ich hatte einen gutmuͤthigen Koſaken bei mir, mit dem ich ſehr zufrieden war; allein in den Doͤrfern von dem Gouvernement Jeniſſeisk und Tomsk pruͤgelte er ein fuͤr allemal die Leute, welche fuͤr die Poſtpferde zu ſorgen hatten, und zog ſie bei den Haa⸗ 392 ren, Ohren, oder an der Naſe herum, ohne daß er hiezu genoͤthigt ſchien. Er entſchuldigte ſich damit, daß ſonſt die Leute keine Pferde, oder ſpaͤt braͤchten, und man dann ſtatt 200 Meilen nur 80 zuruͤcklegen wuͤrde. Ich befahl thm, einmal von ſeiner Gewohn⸗ heit zu pruͤgeln abzuweichen, und den Erfolg abzuwar⸗ ten.— In dem befehlendſten Tone wurde der Dorfaͤl⸗ teſte beguftragt, ſo ſchnell als moͤglich, Pferde herbei⸗ zu ſchaffen, der es auch willig verſprach. Allein nach zivei Stunden war noch kein Pferd da, und der Dorf⸗ alſo zu ſeiner gewohnten Ark zuruͤck, und pruͤgelte die Leute ohne Unterſchied barbariſch durch, worauf ſo⸗ gleich die Pferde vorgeſpannt wurden. alteſte ſaß in der Branntweinſtube. Der Koſak kehrte Der Bauer im ruſſiſchen Reiche, wenn er auch hart behandelt wird, und ſich dennoch vor den Hö⸗ hern ſeiner Nation willig beugt, ſo laͤßt er ſich doch von Fremden keine aͤhnliche Handlung gefallen. Das Gefuͤhl der beleidigten Ehre erwacht in ihm, und er ſucht ſich zu raͤchen. Ein engliſcher Kaufmann ſchlug einmal ſeinen Poſtillon; dieſer klagte bei dem Naviſta (Dorfaͤlteſten), und der Englaͤnder war in Gefahr, 13 Hiebe mit ledernen Kiemen zu bekommen, von welchem er ſich mit 250 Rubeln loskaufen mußte. Nun fuͤhrte mich meine Reiſe faſt wieder ganz auf die nehmlichen Wege, die ich fruͤher gemacht habe, und welche ich ferner nicht beſchreiben will. Ich ſchlug jedoch von Tobolsi direkte nach Mos⸗ kau, und von dort nach St. Petersburg ein, verweilte mich aber in dieſen beiden Hauptſtaͤdten laͤngere Zeit, und geuoß viele Ehrenbezeugungen. Hiefuͤr mit dankbarem Herzen allen meinen Goͤnnern Lebewohl ſagend, ging ich zu Schiffe, um nach Eng⸗ land zu kommen, meinem gluͤcklichen Vaterlande. — — —— ——;——