aATATMTAUATiEHEATLACAEATATATATATAATATATATAnr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „,„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. .„ 2„ 30„ 2, 12„„ 45 ararararaanr „ „ 1„.—„ 36„ 2,„ 8„, Larn nnanhnmanananananandnnnhr POraaraanr 8 ——⁸neneeennsneenn — 8 8—q— — 2aeacacchee, cattdee ch 2. 5 C Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Vuchprweterkänſt bis auf unſere eiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen * Abbildungen. BVerfaßt von Meh r en, und herausgegeben — von Joachim Heinrich Jäck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 57. Baͤndchen. Miteinem Kupfer. II. Theil. 2. Bändchen von China. ———— Nürnberg. Verlegt von Heinrich Haubenſtricker. 1830. Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch China. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt von Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 2. Bäͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Heinrich Haubenſtricker. 1 8 . 1 Fortſetzung von John Barrow's Reiſe nach Cochinchina in den Jahren 1792 und 1793. — Daß Cochinchina noch einige wenige Jahrhunderte nach der chriſtlichen Zeitrechnung einen Theil des Chineſiſchen Reiches ausgemacht habe, iſt eine allgemein bekannte Sache. Noch bis auf den heutigen Tag findet man in den Geſichtszuͤgen der Eingebornen, in vielen ihrer Gebraͤuche, in ihrer geſchriebenen Spra⸗ che und in den noch von ihnen beibehaltenen religioͤ⸗ ſen Zeremonien die unverkennbarſten Spuren ihres Chineſiſchen Urſprungs. Dieſe ſind jedoch in den noͤrd⸗ lichen Provinzen noch viel deutlicher und auffallender, als in den ſuͤdlichen. Die naͤmlichen charakteriſtiſchen Zuͤge ſindet man, nur in einem geringen Grade, auch in Siam, welches eigentlich Se⸗Yan oder das weſtliche Land heißt, ferner in Pegu, wahrſchein⸗ lich Pe⸗Quo oder die noͤrdliche Provinz, in 126 Ava, und uͤberhaupt in den uͤbrigen kleinen Staaten, welche jetzt zu dem Birmaniſchen Reiche gehoͤren. Die Cochinchineſen zu Tuxron haben, ungeach⸗ tet der freien Sitte des weiblichen Geſchlechtes, noch die meiſte Aehnlichkeit mit ihrem Originale beibehalten, obgleich ſie auch in manchen Stuͤcken weſentlich von demſelben abgewichen ſind. Sie beobachten z. B. die naͤmlichen Gebraͤuche bei Verheirathungen und Leichen⸗ begaͤngniſſen; ſie haben groͤßtentheils den naͤmlichen religioͤſen Aberglauben; ſie bringen ihren Goͤtzenbildern die naͤmlichen Opfer dar, fragen ebenfalls die Orakel um Rath, und haben einen unbeſiegbaren Haug, durch das Looſewerfen die Zukunft zu erforſchen; ſie ſuchen Krankheiten durch Zaubermittel zu heilen, genießen die naͤmlichen Arten von Lebensmitteln, und haben auch dieſelbe Bereitungsart. Man findet bei ihnen die naͤmlichen Beluſtigungen und Vergnuͤgungen; ſie ſind ebenſo geſchickt in Erfindung und Verfertigung von Feuerwerken, beſitzen endlich die naͤmlichen muſi⸗ kaliſchen Inſtrumente, die naͤmlichen Hazardſpiele, und auch die naͤmliche Liebhaberei an Hahnen⸗ und Wachtel⸗Kaͤmpfen. Die Sprache der Cochinchine ſen weicht ſo ſehr von der chineſiſchen ab, daß ſie von einem Chi⸗ neſen gar nicht oder doch nur mit der groͤßten Muͤhe verſtanden werden kann. Ihre Schriftſprache und ihre Schriftzeichen ſind noch vollkommner als die chineſi⸗ ſchen. Alle Tempel, welche wir ſahen, waxen niedrige 127. und beſcheidene Gebaͤude; in mehrern Gegenden des Landes ſcheinen Kloͤſter vorhanden zu ſeyn, welche ſehr groß und geraͤumig und mit Mauren umgeben ſind. Die meiſten Haͤuſer der Co chinchineſen in der Naͤhe von Turon beſtehen nur aus vier Lehmmauern, welche mit Rohr gedeckt ſind. Die Cochinchineſen tragen weder dicke Schuhe, noch ausgenaͤhte Struͤmpfe, noch kurze Stiefel von Atlas, noch auch mit Watte ausgeſtopfte Roͤcke wie die Chineſen, ſondern ſie gehen groͤßtentheils bar⸗ fuß. Ihre langen und ſchwarzen Haare flechten ſie gewoͤhnlich in einen Knoten zuſammen, und befeſtigen dieſen auf dem Wirbel des Kopfes. So trugen auch die Chineſen ihre Haare, ehe ſie von Tataren bezwungen worden ſind. Das Syſtem der Moral gruͤndet ſich hier, ebenſo wie in China auf die Lehren und Vorſchriften des Confucius. Die Cochinchineſen ſind wie die Franzoſen immer luſtig, und plaudern faſt unaufhoͤr⸗ lich, offenherzig und zutraulich. Ein Chine ſewuͤrde es fuͤr eine Schande halten, eine wichtige Angelegenheit durch ein Frauenzimmer beſorgen zu laſſen; die Cochin⸗ chineſen dagegen haben die Meinung, daß die wichtig⸗ ſten Angelegenheiten einer Familie ſich gerade am be⸗ ſten fuͤr die Frauensperſonen ſchicken; daher uͤberlaſſen ſie ihnen auch ausſchließlich die Beſorgung derſelben. Bei den Chineſen duͤrfen die Frauensperſonen nicht ſprechen, bis ſie gefragt werden, niemals lachen, 2 128 ſondern nur laͤcheln, nicht eher ſingen, bis die auwe⸗ ſenden Mannsperſonen es wuͤnſchen. Im Betreffe des Tanzens ſind ſie ſchon vermoͤge der Beſchaffenheit ihrer Fuͤſſe zu dieſer Art von Bewegung ſchlechterdings nicht geeignet. In Cochinchina hingegen ſind die Frau⸗ ensperſonen luſtig und froͤhlich, und leben auch ſo zwanglos, wie die Mannsperſonen. Wie in China, muͤſſen auch in Cochinchina die Frauensperſonen alle Arbeiten des Ackerbaues, wie uͤberhaupt alle Arten von Geſchaͤften, welche mit der Landwirthſchaft verbunden ſind, verrichten. Der Fleiß und die Thaͤtigkeit der Frauensperſonen iſt ſo uner⸗ ſchoͤpflich, ihre Geſchaͤfte ſind ſo zahllos, und die An⸗ ſtrengungen, denen ſie ſich unterziehen muͤſſen, ſo aͤu⸗ ßerſt ermuͤdend, daß die Cochinchineſen ſagen: „eine Frauensperſon hat neun Leben, und kann man⸗ chen Streich vertragen, ehe ſie umkommt. Der Cochinchineſe kann ſo viel Weiber neh⸗ men, als ſeine Lage geſtattet. Die Trauungs⸗Zere⸗ monie iſt einfach; ſehr leicht iſt es, die eingegangene Verbindung aufzuloͤſen. Ein Stuͤck Kupfer⸗Muͤnze in Gegenwart einiger Zeugen entzwei gebrochen, gilt als Aufloͤſung der vorigen Vertraͤgs und als foͤrmliche Eheſcheidung. In Cochinchina iſt das weibliche Geſchlecht des freien Gebrauches ſeiner Glieder und ſeiner Freiheit nicht im Geringſten beraubt. Den Frauensperſonen iſt verſtattet, ohne Zwang und ganz ohne Scheu alle 129 Arten von Ausſchweifungen zu begehen. In keinem Lande auf der Welt ſind die Frauenzimmer weniger gewiſſenhaft und zuruͤckhaltend, und die Maͤnner nach⸗ ſichtiger und gefaͤlliger, als in der Gegend der Tu⸗ rons⸗Bai. Die ſonderbare Beguͤnſtigung, welche in Solon's Geſetzen den jungen Frauensperſonen geſtattet wurde, daß ſie perſoͤnliche Gunſtbezeigungen nach Gutduͤnken verwilligen durften, um durch dieſe ſich und ihren Familien die nothwendigſten Beduͤrf⸗ niſſe des Lebens zu verſchaffen, hat auch in Cochin⸗ china ſtatt, und zwar ohne alle Einſchraͤnkung in Ruͤckſicht auf Perſonen, Alter und Verhaͤltniſſe. We⸗ der der Ehemann, noch der Vater ſcheint das geringſte Bedenken zu tragen, ſeine Frau oder Tochter Jedem, welcher ſie haben will, Preis zu geben. Dieſer Fall iſt bei allen Staͤnden. Das ganze Aeußere der Cochinchineſen hat wenig Einnehmendes. Das weibliche Geſchlecht hat hier keine großen Anſpruͤche auf Schoͤnheit zu machen; doch erſetzen ſie dieſen Mangel durch ihren lebhaften und froͤhlichen Charakter. Beide Geſchlechter haben ſehr grobe Geſichtszuͤge und eine beinahe ebenſo dunkle Geſichtsfarbe, wie die Nalayen. Durch das beſtaͤn⸗ dige Kauen von Areca⸗Nuͤſſen und Betel werden ihre Lippen roth, und die Zaͤhne ganz ſchwarz. Die ge⸗ woͤhnliche Kleidung des weiblichen Geſchlechtes beſteht in einem weiten baumwollenen Kittel von brauner oder blauer Farbe, welcher bis auf die Mitte der Schen⸗ —xI—— 130 kel herabreicht, und in einem Paare ſehr weiter Ho⸗ ſen von ſchwarzem Nankin. Den Gebrauch von Schu⸗ hen und Struͤmpfen kennen ſie nicht; nur die Vor⸗ nehmeren tragen eine Art Sandalen. An Feſttagen zie⸗ hen die wohlhabenden Frauen drei bis vier ſolcher Kittel von verſchiedener Farbe und Laͤnge uͤber einan⸗ der an, und zwar ſo, daß der kuͤrzeſte immer der ober⸗ ſte iſt. Ihre langen ſchwarzen Haare flechten ſie zu⸗ weilen in einen Knoten, oder laſſen ſie in langen Flech⸗ ten uͤber den Ruͤcken herabhaͤngen. Kurze Haare gel⸗ ten ihnen als Zeichen der Gemeinheit und Ausartung. Die Kleidung der Mannsperſonen iſt von jener des andern Geſchlechts wenig verſchieden. In der Naͤhe der Turous⸗Bai trafen wir nur einige Doͤrfer(obgleich dieſer Ort vor alten Zeiten der Hauptmarktplatz fuͤr den ganzen Handel dieſes Lan⸗ des mit China und Japon geweſen iſt), deren groͤßtes hundert mit Stroh gedeckte Haͤuſer enthielt. Unter vielen Ruinen ſahen wir jedoch keine einzige, welche einen ehemaligen vorzuͤglichen Reichthum und Wohlſtand verrathen, oder welche den Gedanken an eine verfallene Pracht und Herrlichkeit in uns rege gemacht haͤtte. Die Huͤtten der Cochinchineſen ſind im Gan⸗ zen beguem und reinlich, und auch dicht genug, um ihre Bewohner in der einen Jahreszeit gegen die Hitze der Sonne, und in der andern gegen die Regenguͤſfe gehoͤrig zu ſchuͤtzen. Das Land bringt eine ſehr große 131 Menge Erzeugniſſe aller Art hervor, theils zum Un⸗ terhalte des gemeinen Volkes, theils zum Luxus der Reichern und Vornehmen. Alle Arten von Hausthie⸗ ren, Schafe ausgenommen, ſcheinen die Einwohner im Ueberfluſſe zu beſitzen. Sie eſſen Hunde, ebenſo wie die Chineſen, und Froͤſche ſind bei ihnen eine gewoͤhnliche Speiſe. Fuͤr die Kuͤſten⸗Bewohner iſt das Meer eine nie verſiegende Quelle von Lebensmit⸗ teln.. Gewoͤhnlich bedienen ſich die Einwohner zu ihrem Fiſchfange der Netze, haͤufig aber auch einer Art von geflochtenen Koͤrben, welche viel Aehnlichkeit mit un⸗ ſern Maͤuſefallen aus Draht haben. Auch ſahen wir die Einwohner eine Menge fliegender Fiſche fangen, indem ſie tiefe irdene Kruͤge mit engen Haͤlſen in das Meer legten, und einen Koͤder von Schweinefleiſch oder von Fiſchen in dieſelben legten. Auch bedienen ſich die Cochinchineſen mehrerer Molusken⸗Arten als Nahrungsmittel. Alle gallertartigen Subſtanzen, welche aus der See gewonnen werden, ſie moͤgen thie⸗ riſcher oder vegetabiliſcher Natur ſeyn, halten ſie fuͤr die nahrhafteſten unter allen Arten von Lebensmitteln, deßhalb nehmen auch verſchiedene Arten von Meer⸗ mooſen, und beſonders diejenigen, welche unter dem Ramen Fucus und Ulva bekannt ſind, eine wich⸗ tige Stelle in dem Verzeichniſſe ihrer Pflanzen ein. Auch genießen ſie den Meer⸗Fenchel entweder roh yder in Suppe gekocht, und ſuchen dem Reis, ihrem Hauptnahrungsmittel, durch denſelben mehr Wohlge⸗ ſchmack zu geben. Sie beſitzen die Kunſt von dieſem letzten Getreide eine Art durchſichtiger Nudeln, Lock Soy, zu verfertigen. Jaͤhrlich werden dieſe in be⸗ traͤchtlicher Menge nach China ausgefuͤhrt. Sie theilen der Suppe eine gallertartige Konſiſtenz mit, waͤhrend ſie doch zu gleicher Zeit ihre Form und Durchſichtigkeit vollkommen behalten. In Cochinchina werden jaͤhrlich zwei reiche Ernten von Reis gewonnen, eine im April, und die andere im October. Außerdem gibt es im ganzen Lande Fruͤchte von aller Art im Ueberfluſſe, als Orangen, Bananen, Feigen, Ananas, Granataͤpfel und noch viele andere von geringerem Werthe. Die vortreffli⸗ chen Yamswurzeln und ſuͤſſen Pataten werden in Men⸗ ge daſelbſt gefunden. In der Gegend von Turon ſahen wir mehrere Pflanzungen von Zuckerrohr und Tabak. Allein außer dieſer geringen Anzahl von Pflanzungen ſieht man im Lande nur wenige Spuren von Ackerbau. Kuͤnſte und Manufakturen befinden ſich in einem hoͤchſt elenden Zuſtande. In den Huͤtten der Einwohner erblickt man nur ſehr wenig und aͤußerſt plump gearbeitete Geraͤth⸗ ſchaften. Ihre Kuͤchengeraͤthſchaften beſtehen groͤßten⸗ theils in einem irdenen Topfe, in welchem die Gerich⸗ te gedaͤmpft werden; in einem eiſernen Topfe zum Reiskochen; in einer Pfanne, welche wie ein Uringlas geſtaltet iſt, in welcher ſie ihre Vegetabilien in Oel 133 ſchmoren, und in einigen wenigen vorzellanenen Be⸗ chern und Schalen. Ihre Geraͤthſchaften von gegoſſe⸗ nen Eiſen koͤnnen in Ruͤckſicht ihrer Qualitaͤt den chi⸗ neſiſchen ganz an die Seite geſetzt werden; dagegen ſind ihre irdenen Geſchirre von weit geringerer Guͤte. Ueberhaupt ſcheinen ſie im Verarbeiten der Metalle, und im Bereiten der Matten ziemlich viele Geſchick⸗ lichkeit zu haben. Unter allen Kuͤnſten iſt die Schiffbaukunſt dieje⸗ nige, in welcher noch heute die Cochinchineſen am vortheilhafteſten ſich auszeichnen. Ihre Ruderſchiffe, welche zu ihrem Vergnuͤgen dienen, ſind wirklich au⸗ ßerordentlich ſchoͤn. Am Vorder⸗ und Hintertheile find dieſe Fahrzeuge betraͤchtlich hoch, und auf eine ſonderbare Art in Figuren von Drachen, Schlangen und andern Ungeheuern, welche bunt gemalt oder ver⸗ goldet werden, ausgeſchnitten. An mehrern hohen Stangen wehen Flaggen und Wimpeln auf denſelben, und an beiden Enden ſind hoheStaͤbe aufgerichtet, welche mit Buͤſchen von roth bemalten Kuͤhe⸗Schwaͤnzen ver⸗ ziert ſind, und auf denen Laternen, Sonnenſchirme und andere Auszeichnungen, welche den Rang und die Wuͤrde des Eigenthuͤmers bezeichnen, angebracht wer⸗ den. In dieſen Boͤten ſitzt die Geſellſchaft nur auf dem Vordertheile, und da es gegen allen Anſtand waͤre, wenn die Ruderer der Geſellſchaft den Ruͤcken zukehr⸗ ten, ſo ſtehen dieſe immer mit dem Geſichte gegen das Bug des Schiffes gerichtet, und ſtoßen die Ruder 134 „von der Geſellſchaft weg, anſtatt gegen dieſelbe. Die Dienerſchaft und das Gepaͤcke befinden ſich im Hin⸗ tertheile des Schiffes. Die Schiffe zum Kuͤſtenhandel und die Fiſcherkaͤhne ſind von ſehr mannigfaltiger Ge⸗ ſtalt und Bauart. Ihre Kauffahrtei⸗Schiffe, welche in fremde Laͤnder ſegeln, ſind nach dem naͤmlichen Plane, wie die chineſiſchen Junken erbaut. Sie ſind zwar ihrer Form und Bauart nach keine Muſter einer vollkommenen Schiffbaukunſt; aber doch in Ruͤckſicht des hohen Alters ihrer Erfindung ehrwuͤrdig, weil ſie ſchon mehrere tauſend Jahre ohne alle Veraͤnderung fortgedauert haben.. Der jetzige Koͤnig von Cochinchina hat zwar in Ruͤckſicht auf die Bauart der Kriegsſchiffe die Feſ⸗ ſeln der Gewohnheit zum Theil zerbrochen; aber die Volksvorurtheile nicht ganz aus den Augen gelaffen. Bei der Sprache der Cochinchineſen iſt zu bemerken, daß ſie die drei Conſonanten B. D. und R. in ihre Sprache aufgenommen haben, und ſich der⸗ ſelben ohne Schwierigkeit bedienen. Auch in der Kon⸗ ſtruktion der Worte iſt zwiſchen der chineſiſchen und eochinchineſiſchen Sprache ein bedeutender Unterſchied. Die Religion der Co chinchineſen iſt eine Mo⸗ dification der weit verbreiteten Lehre des Budha. Ihrer Schutzgottheit bringen ſie die Erſtlinge der Heerden und aller ihrer Fruͤchte zum Opfer. Mit gro⸗ ber Ehrerbietung werden dieſe Erſtlinge vor dem Kaͤſt⸗ 135 chen niedergelegt, in welchem das heilige Bildniß ſich befindet. Auf der Nordkuͤſte von der Turons⸗B a ĩ hatte ich Gelegenheit, ein ſolches Opfer auzuſehen. Der Gott Budha oder To befand ſich auf einem Bananen⸗Baum, in einem großen Kaͤfig von Gitter⸗ werk, welcher zwei Fluͤgelthuͤren hatte. Ein Prieſter in einem langen gelblichen Kleide, welches bis auf den Boden reichte, mit bloßem, vollkommen glatt ge⸗ ſchornem Kopfe wurde von wenigen Bauern begleitet, welche ihm ehrerbietig nachfolgten. Bei dem Baume angekommen, lehnten die Bauern eine Leiter an den Baum; ein anderer ſtieg uͤber dieſelbe hinauf, und legte zwei Schalen mit Reis, einen Becher mit Zucker, und einen mit Salz vor das Goͤtzenbild in den Kaͤfig. Waͤhrend dieſes geſchah, hielt der Prieſter beſtaͤndig die Arme empor, hatte die Augen gegen den Himmel gerichtet, und murmelte etwas in einem dumpfen Tone vor ſich hin. Der Mann, welcher die Leiter getragen hatte, war auf die Knie gefallen, und hatte ſich waͤhrend des Opfers neunmal mit dem ganzen Koͤrper auf die Erde niedergeworfen. Ein kleiner Junge ſtand mit einer metallenen Schaale voll gluͤhen⸗ der Kohlen dicht vor dem Prieſter. In der Gegend der Turons⸗Bai ſieht man an einem der aͤußerſten Baͤume von jeder noch ſo unbe⸗ deutenden Baumgruppe Kaͤſtchen aus Holz oder ge⸗ flochtene Koͤrbe zwiſchen den Hauptzweigen, in deren einigen ſich Bilder befinden, welche aus verſchiedenen — ———— — 136 Materialien verfertigt ſind, in andern aber verſchiede⸗ ne, in gemaltes Goldpapier ausgeſchnittene Figuren, Stuͤckchen Holz mit Inſchriften in chineſiſchen Cha⸗ rakteren u. ſ. w. Ein Kaͤſtchen, welches oft nicht groͤßer iſt, als eine Schnupftabaksdoſe enthaͤlt ſehr oft eine Lieblingsgottheit der Cochinchineſenz eine Schutzgottheit der ſelben kann ohne die geringſte Unbe⸗ quemlichkeit in jedem Winkel des Hauſes aufgeſtellt, oder auch zur Noth in der Taſche nachgetragen werden. Die Cochinchineſen ſind außerordentlich aber⸗ glaͤubiſch; der boͤſe Geiſt wird bei ihnen weit mehr gefuͤrchtet, als der gute verehrt. Große hoͤlzerne Pfaͤhle oder Saͤulen ſind in dem Lande errichtet, um den boͤſen Geiſt, durch welchen nach ihrer Meinung ein Ungluͤck bewirkt worden iſt, zu verſoͤhnen. Eben ſo glauben ſie auch, wenn ein Kind ſtirbt, daß die Ael⸗ tern deſſelben den Zorn eines feindſeligen Gottes ſich zugezogen haben. Sie ſuchen dann durch Opfer von Reis, Oel, Thee, Gold u. ſ. w. den Zorn des belei⸗ digten Gottes abzuwenden. Eine der vorzuͤglichſten Bedingungen des Tracta⸗ tes, welchen Ludwig XIV. durch den Biſchof An⸗ dran mit dem Koͤnige von Cochinchina ſchließen ließ, war, daß die Halbinſel Turon an Frank⸗ reich abgetreten werden ſollte. Das halbinſelfoͤrmige Vorgebirge Turon(oder Hanſan) iſt fuͤr Cochin⸗ china, was Gibraltar fuͤr Spanien iſt. Tu⸗ ron hat guch einen großen Seehafen, welcher gegen 137 alle Winde geſchuͤtzt iſt; die Schiffe koͤnnen zu jeder Zeit einlaufen und daſelbſt ausgebeſſert werden. Die verſchiedenen Thaͤler, welche ſich gegen die Kuͤſte der Bai oͤffnen, werden durch eine Menge von vortreff⸗ lichen kryſtallhellen Waſſerbaͤchen befruchtet. Wenn Frankreich in Beſitz dieſer Landenge gekommen waͤre, ſo haͤtte es ſich leicht eine bleibende dauerhafte Nie⸗ derlage in dem Orient verſchaffen koͤnnen. Außerdem war auch noch die kleine Inſel Callas, welche un⸗ gefaͤhr ſechs teutſche Meien gegen Suͤd von der Tu⸗ ronsbai liegt, in dem Gebiete begriffen, welches an Frankreich abgetreten werden ſollte. Dieſe Inſel beherrſcht vollkommen die Einfahrt in den Hauptarm des Fluſſes, an welchem Fai⸗Foo, der alte Markt⸗ pla, fuͤr den geſammten auswaͤrtigen Handel liegt. Doch wurde dieſem Vertrage durch verſchiedene hin⸗ dernde Umſtaͤnde nie nachgekommen. Der Zuſtand des Handels von Cochinchina, ſo wie er im Jahre 1793 geweſen iſt, koͤnnte wahrſchein⸗ lich in keinem Lande der Welt bedeutend genannt wer⸗ den. Die große Revolution und die dieſer folgende ſchreckliche Verwirrung, welche eine ſo lange Reihe von Jahren angedauert hat, muͤſſen nothwendig den Ackerbau und den Handel gaͤnzlich in demſelben zer⸗ ſtoͤrt haben. Wirklich beſchraͤnkte ſich der letztere waͤh⸗ rend unſerer Anweſenheit bloß auf wenige chineſi⸗ ſche Jonken, auf einige engliſche und portugie⸗ ſiſche Schiffe. 57. B. China. II. 2. 2 138 Den 16. Juni ſegelten wir von Turon ab, und erblickten den 19. ſchon die Latronen⸗Inſeln und das feſte Land von China. Dann fuhren wir durch die Straſſe von Formoſa in das gelbe Meer, welches bei dieſer Gelegenheit zum erſten Mal von europaͤiſchen Schiffen befahren worden iſt, und von da nach Chinag. 139 Aeneas Anderſon's Beſchreibung der britiſchen Geſandſchaftsreiſe nach China in den Jahren 1792, 1793 und 1794. Die engliſche Regierung, uͤberzeugt von der großen Wichtigkeit einer Handelsverbindung mit dem Hofe von Peking, ſchickte ſchon im Jahre 1788 den aus⸗ gezeichneten Mann, Colonel Catheart nach Chi⸗ na. Sein ploͤtzlicher Tod aber verhinderte den Zweck der Sendung und begrub mit der Aſche des Verbliche⸗ nen die Fortſchritte ſeiner Geſandtſchaft an den Ufern des chineſiſchen Reiches. Das Nachdenken der engliſchen Regierung wurde indeſſen nicht von einer ſo wichtigen Angelegenheit abgelenkt; der Charakter eines Geſandten lebte mit neuem Glanze in der Per⸗ ſon des Lord Macartney wieder auf. In ſeinem Gefolge befanden ſich auch John Barrow, deſſen Reiſebericht wir bereits mitgetheilt haben, und Aen eas 140 Anderſon, deſſen Beſchreibung vom chineſiſchen Reiche wir jetzt folgen laſſen. Vom gelben Meere ſegelten wir in die Ja⸗ gangfoe⸗Bai, und waren nur zwei Meilen von den Ufern der Mettow⸗Inſeln entfernt, welche uns noͤrdlich lagen. Wir ſchickten den Lieutenant Campbell in einem Cutter nach Mettow, um Nachricht einzuziehen, ob das Kriegsſchiff Lion bie in den Fluß gehen koͤnnte, oder ob es einen andern, fuͤr ſo große Fahrzeuge ſchiffbaren Fluß an der Kuͤſte gebe, auf welchem es naͤher zur Hauptſtadt ſegeln koͤnnte. Bei der Ruͤckkehr unſerer Leute erhielten wit die angenehmſten Nachrichten von der Gaſtfreiheit der Chineſen zu Mettow, welche ihnen alle Be⸗ guemlichkeiten und Lebensmittel im Ueberfluſſe vert ſchafft hatten. Wegen der vielen Sandbaͤnke nach der Muͤndung des Fluſſes, und wegen des geringen Waſſer⸗ ſtandes mietheten ſie große Junken von Mettow zur Aufnahme der Geſandtſchaft. Die Anzahl ſolcher iudiſcher Schiffe, welche wir für uns noͤthig hatten, betrug zwanzig Segel, jedes zu hundert Tonen Laſt. Die Stadt Mettow fanden wir zwar groß, aber keineswegs ſchoͤn oder einfoͤrmig. Sie liegt auf einem moraſtigen Boden, welcher durch den haͤufigen Aus⸗ tritt des Meeres entſteht. Alle Haͤuſer ſind von Schlamm mit Bambo⸗Daͤchern gebaut, ſehr niedrig und ohne Zimmer und gepflaſterten Boden. Die Haͤuſer der Mandarine liegen in einer kleinen Entfernung von . 141 der Stadt, und haben ein beſſeres Anſehen. Sie ſind aus Stein und Holz gebaut; viereckig, und haben drei Stockwerke, deren jedes mit Paliſaden umgeben iſt, welche reich vergoldet und ſchoͤn ausgemalt ſind. Der unterſte Stock iſt mit bedeckten, ebenſo gezierten Gaͤn⸗ gen umgeben. Jeder Mandarin wird von vielen Leu⸗ ten zu Pferd und zu Fuſſe begleitet, welche in Zel⸗ ten um ſeinen Pallaſt wohnen. Das einzige Fort dieſer Stadt beſteht aus einem viereckigen Thurm, und iſt am Rande des Meeres und am Eingange des Fluſſes errichtet. Die Breite des Fluſſes an dieſem Orte iſt etwa /1 Meile. Die Farbe des Waſſers iſt truͤbe und moraſtig, wie jene des gel⸗ ben Meeres, mit welchem es ſich vermiſcht. Die Tiefe des Fluſſes iſt an verſchiedenen Orten verſchie⸗ den. Die umliegenden Gegenden der Stadt an beiden Seiten des Fluſſes erſtrecken ſich in weite Ebenen; der Boden iſt auſſerordentlich fruchtbar. Am Abende nach der Landung ſchickte uns der Mau⸗ darin, welcher vom Kaiſer den Auftrag hatte, das ganze Geſchaͤft der Geſandtſchaft zu fuͤhren und zu be⸗ ſorgen, ein ſehr angenehmes Geſchenk von Speiſen und Fruͤchten. Am folgenden Tag erhielten wir zur Mittagszeit eine große Quantitaͤt rohen Rindfleiſches mit Brod und Fruͤchten. Das Brod aber war fuͤr uns unſchmackhaft, weil die Chineſen keine Hefen ge⸗ brauchen, und daſſelbe nicht im Ofen backen. Die Geſtalt des Brodes gleicht einer in zwei Stuͤcke ge⸗ theilten Waſchkugel, welches aus Mehl und Waſſer bereitet, und auf Stangen uͤber eine eiſerne Pfanne mit Waſſer geſetzt wird. Wenn nun das Waſſer kocht, wird die Pfanne bedeckt, und der Dampf des Waſſers iſt das ganze Backen, welches das Brod erhaͤlt. Auch erhielten wir ferner gebratenes Fleiſch, welches ein ſon⸗ derbares Anſehen hatte, weil die Chineſen bei der Zubereitung ein gewiſſes Oel brauchen, welches dem Braten mit dem Glanze eines Firniſſes umgibt. Als wir aber hoͤrten, daß die Chineſen nicht nur alle Thiere ohne Unterſchied, ſondern auch die an Seuchen gefallenen eſſen, wurden wir ſehr behutſam und eckel. Am 8. Auguſt verließen wir Mettow. Kaum hatten wir einige Meilen auf dem Fluſſe zuruͤckgelegt, als die Landſchaft uns die ſchoͤnſten und reitzendſten Ausſichten darbot. Von allen Seiten erblickten wir wohlbeſtellte Felder und Wieſen mit den ſchoͤnſten Vieh⸗ und Schafheerden. Die Gaͤrten ſchienen ſowohl fuͤr das Vergnuͤgen als zum Nutzen eingerichtet zu ſeyn. Indem wir einen Ueberfluß von Gartengewaͤch⸗ ſen und Fruͤchten bemerkten, wurde das Auge durch die Schoͤnheit ihrer Anlage und ihrer Verzierungen ent⸗ zuͤckt. Waͤhrend des Tages zog die Leibwache laͤngs den ufern des Fluſſes hin, in der Nacht aber ſchlug ſie ihre Zelte dem Orte gegenuͤber auf, an welchem die Junken vor Anker lagen. Die Vorderſeite eines jeden Zeltes war mit Laternen beſetzt, ſo daß das Lager am 143 uUfer und die Flotte auf dem Waſſer eine große Er⸗ leuchtung machten, welche einen ungewoͤhnlich ſchoͤnen Anblick gewaͤhrte. In abgemeſſenen Zwiſchenraͤumen ſchlagen die Wachen am Ufer mit einem Hammer auf einen hohlen Bambuſtock zum Zeichen ihrer Wachſam⸗ keit und ihrer Pflichterfuͤllung. An beiden Seiten des Fluſſes ſahen wir bei unſe⸗ rer fernern Fahrt viele volkreiche Staͤdte in einiger Entfernung von den Ufern. Jedoch empfing der Ge⸗ ſandte Ehrenbezeichnungen von den Soldaten, welche zu den Staͤdten gehoͤrten, und von einer unermeßlichen Menge der Zuſchauer umgeben waren. Die Uniform der Soldaten beſteht aus einem Paare weiter, ſchwar⸗ zer Beinkleider, welche ſie in eine Art baumwollener, ſtiefelartig gebildeter Struͤmpfe ſtecken. Sie huͤllen ihre Fuͤſſe in einen baumwollenen Zeug, ehe ſie dieſe Stiefel uͤber die Hoſen ziehen, und legen ein Paar grober Schuhe an, deren Sohlen ſehr dick, und an den Ecken ſehr breit ſind. Dte Beinkleider werden mit einem Stuͤcke gemeinen Bandes befeſtigt, an wel⸗ chem ein lederner Beutel oder eine Boͤrſe mit Geld haͤngt. Hemden, Weſten und Halsbinden haben die Soldaten nicht, ſondern einen langen Mantel von ſchwarzem Nankinzeuge mit weiten Aufſchlaͤgen, wel⸗ che vorne roth eingefaßt ſind. Um die Mitte des Lei⸗ bes geht ein breiter Guͤrtel, welcher mit einer harten, aus Reis gemachten Subſtanz von der Groͤße eines halben Kronenſluͤckes geziert iſt. Von dieſem Guͤrtel 144 haͤngt an einer Seite, eine Pfeife und ein Tabacks⸗ beutel, und an der andern ein Faͤcher. Der Kaiſer verwilligt jedem Soldaten taͤglich eine Portion Tabak. Die Chineſiſchen Soldaten zogen, ſo viel Anderſon ſah, allemal in einzelnen Gliedern auf, und hatten eine Menge Fahnen von gruͤner Seide, welche roth eingefaßt, und mit goldenen Charakteren geziert find. Sie tragen den Degen an der linken Seite, und zwar den Griff ruͤck⸗, und die Spitze vor⸗ waͤrts. Unter ihrem linken Arme iſt ein Bogen, und uͤber dem Nuͤcken haͤngt ein Koͤcher mit zwoͤlf Pfeilen. Andere ſind mit roſtigen Gewehren bewaffnet. Ein niedlicher Strohhut wird unter dem Kinne mit einem Stricke zugebunden, und iſt mit einem Buſche roth⸗ gefaͤrbter Kamelhaare geziert. Bei allen ſolchen feierlichen Vorfaͤllen, welche die Truppen an das Ufer bringen, wird ein Bogen mit Seide bedeckt, unter welchem die Mandarine ſitzen, aufgezogen. Wenn nun die zu begruͤßende Perſon er⸗ ſcheint, treten ſie hervor, und laſſen ſich ſehen. Ne⸗ ben dieſem Bogen ſtehen drei kleine Kanonen, unge⸗ faͤhr dreißig Zoll lang, welche in der Erde ſo befeſtigt ſind, daß die Muͤndung allein heraus ſteht. Wenn die zu begruͤßende Perſon vorbeifaͤhrt, werden ſie abgefeu⸗ ert. Die Chineſen beobachten dieſe Art des Feu⸗ erns, um Ungluͤcksfaͤllen vorzubeugen, mit dem Be⸗ merken, daß eine geladene Kanone nur gegen einen Feind gerichtet werden ſolle. 145 DdiEe meiſten Haͤuſer, welche wir hie und da auf der Reiſe zerſtreut liegen ſahen, waren aus Schlamm gebaut. Die Frauenzimmer an dieſen Orten, deren wir ſehr viele ſahen, haben ihre Fuͤße und Schenkel durchgaͤngig mit einem rothen Bande umwunden, um zu verhuͤten, daß ſie nicht zur natuͤrlichen Groͤße an⸗ wachſen. Wenn man dieſe Behandlung ihrer Fuͤße und ihren Kopfſchuck abrechnet, ſo findet man wenig Unterſchied zwiſchen dem Anzuge der Manns⸗ und Weiboperſonen. Nach der Laͤnge dieſer Tagreiſe zu ſehließen, glaubte ich, daß wir nicht uͤber 24 Meilen zuruͤckgelegt hatten. Waͤhrend derſelben ſah ich wenigſtens 600 Junken bei uns voruͤber fahren, und wenigſtens zweimal ſo viel vor Anker liegen, und nach einer maͤßigen Berechnung wenigſtens 1⁄½ Millionen Menſchen. Der Fluß windet ſich in ſeinem Laufe in den angenehmſten ſchlaͤngeln⸗ den Irrgaͤngen; ſeine Ufer ſind an beiden Seiten mit ſchoͤnen Landhaͤuſern und Gaͤrten beſetzt, und die ent⸗ fernte Ausſicht eroͤffnet reiche Kultur und landſchaft⸗ liche Schoͤnheiten. Den 11. Auguſt naͤherten wir uns der Stadt Tyen⸗ſing, bei welcher uns ein Haufe von Zu⸗ ſchauern in Junken und an den Ufern begegneten. Wir ſahen eine lange Reihe von Salzhaufen, jeden derſelben in s0 Saͤulen aufgethuͤrmt; dieſe Haufen ſind 48— 20 Fuß im Viereck breit, 24 Fuß hoch, und mit Matten bedeckt, um gegen die Witterung geſchuͤtzt 146 zu ſeyn. Ohne Unterbrechung erſtrecken ſich die Hau⸗ fen,(ieder erhielt 500 Tonnen Salz) zwei Meilen lang am Ufer hin. Zu welchem Zwecke dieſe unermeßliche Salzmenge aufgehaͤuft war, konnten wir nicht er⸗ fahren. Unter dem Laͤrmen und Zuſjauchzen einiger hun⸗ dert tauſend Zuſchauer zogen wir in die große und volkreiche Stadt. Die Haͤuſer ſind von Ziegelſteinen, zwei Stockwerke hoch, mit Daͤchern von Schindeln erbaut. Sie waren alle niedlich und bleifarben. Die Straſſen ſind jedoch ſo enge, daß kaum zwei Perſonen neben einander gehen koͤnnen. Unſer Geſandte wurde von dem oberſten Mandarin mit kalter Kuͤche, Thee, Fruͤchten und mit vielem Backwerke bewirthet. Auch wurde bei dieſer Gelegenheit ein Schauſpiel aufgefuͤhrt, welches ein vorzuͤgliches Merkmal der Achtung und Aufmerkſamkeit gegen den vornehmen Gaſt ſeyn ſollte. Unſer Geſandte wurde bei der Ankunft und bei dem Weggehen mit drei Kanonenſchuͤſſen begruͤßt. Die Soldaten waren hier blau und weiß gekleidet mit rothen Borden; einige derſelben mußten den Andrang des Volkes mit langen Pettſchen abhalten. Den 13. Auguſt fuhren wir bei einigen volkreichen Doͤrfern vorbei, obgleich, ſo weit wir die Erfahrung machen konnten, kein einziges Dorf in China iſt, welches nicht volkreich waͤre. Unter allen Wundern dieſes Lan⸗ des iſt die Bevoͤlkerung vielleicht das groͤßte. Die Ufer waren an dieſem Tage mit unbeſchreiblich vielen 147 Menſchen angefuͤllt; die Anzahl der Junken, bei wel⸗ chen wir vorbei fuhren, belief ſich wenigſtens auf 4000. Nachts konnten wir wegen der Hitze und der Mus⸗ kiten kaum ſchlafen. Den 14. Auguſt fuhren wir bei der großen Stadt Cho⸗tung⸗poa oorbeiz ſie liegt ſchoͤn an den Ufern eines Fluſſes, und hat einen großen Umfang. Die Haͤufer ſiud von Ziegelſteinen erbaut, und nicht uͤber ein Stockwerk hoch. Vor jedem Hauſe war eine Mauer aufgefuͤhrt, von welcher herab die Frauensperſonen unſern Zug anſahen. Wir kamen zu einer Abtheilung des Fluſſes, uͤber deſſen eine Seite zwei Bruͤcken mit zwei Bogen geſchlagen waren; ſie waren aus Stein in einer angenehmen Form gebaut. In einer kleinen Entfernung ſahen wir die Druͤmmer einer andern Bruͤcke, welche nur einen Bogen hatte, und aus ge⸗ hauenenen Steinen erbaut war. Kaum waren wir an das ufer geſtiegen, ſo ſtat⸗ tete der große Mandarin von Tyen⸗ſing mit einer zahlreichen Begleitung dem britiſchen Geſandten einen Beſuch ab. Eine Anzahl Soldaten verkuͤndete auf dem Wege laut die Ankunft des Mandarin, damit der Weg von Voruͤbergehenden rein gehalten werden moͤch⸗ te. Nicht weit von dieſen kamen zwei Maͤnner, wel⸗ che große ſeidene Sonnenſchirme mit einem breiten Vorhauge von Seide trugen, um den Palanquin ge⸗ gen die brennenden Strahlen der Sonne zu ſchuͤtzen. Hierauf folgten Fahnentraͤger und Soldaten; alsdann 148 erſchien der Palaquin mit dem Mandarin, und eine Schaar von Reitern ſchloß den Zug. So pflegen Vor⸗ nehme in China zu reiſen, und ihr Rang und Stand wird durch die Anzahl der Begleiter bezeichnet. Bei der Ruͤckkehr des Mandarin machte eine große Anzahl von Fackeltraͤgern den Aufzug ſehr glaͤnzend. Je weiter wir auf unſerer Reiſe kamen, deſto zahlreicher wurden die Doͤrfer und ihre Bewohner. Wir empfingen ſtets unſere beſtimmte Gabe an Fleiſch, Federvieh, Garten⸗Gemuͤſe und Fruͤchten. Den 46. Auguſt kamen wir in die Stadt Tong⸗tchew, wel⸗ che zwoͤlf Meilen von Pekin liegt und bei welcher wir unſere Reiſe auf dieſem ſchoͤnen Fluſſe endigten. Als wir an das Land geſtiegen waren, fuͤhrten uns die Chineſen zu dem Platze, welcher zur Aufnahme der Geſandtſchafts⸗Geſchenke beſtimmt war. Er ent⸗ hielt ungefaͤhr einen Acker Landes, welcher mit Mat⸗ ten eingezaͤunt war, und auf welchem lange Huͤtten von Brettern mit Decken von Matten errichtet waren. Der Grund war ganz mit Matten bedeckt, und der Platz ſelbſt auf allen Seiten von kleinen Mandarinen und Soldaten bewacht. Am Eingange der Einfaſ⸗ ſung ſtanden zwei chineſiſche Offiziere, welche alle von den Schiffen kommenden Kiſten und Packete, unter⸗ ſuchten, das Maß von denſelben nahmen, dann ihre Bemeſſung zu Papier brachten, und jedem Artikel ihre niedergeſchriebenen Bemerkungen anklebten. Man ſagte mir, der Kaiſer habe dieſes ausdruͤcklich befohlen, um 149 die Anzahl der Geſchenke, und die Geraͤthſchaften der Geſandtſchaft mit Gewißheit beſtimmen zu konnen. Ein Tempel, welcher 3/4 Meilen vom Fluſſe, und eine Meile von der Stadt entfernt war, wurde dem britiſchen Geſandten zum Wohnorte angewieſen. Das Gebaͤude hat ein niedliches Anſehen, iſt aber nur ein Stockwerk hoch. Ein Hof, welcher an dieſen Tempel ſoͤßt, wird von Chineſen bewohnt, und als Kuͤche gebraucht; ein kreisfoͤrmiger Eingang zu dem Theile des Hofes, welcher dem Geſandten und ſeinem Ge⸗ folge beſtimmt war, iſt nicht von genannten Hofe. Dieſer Theil geht um einen ſehr ſchoͤnen und geraͤu⸗ migen Hof, welcher bei dieſer Gelegenheit in ein Speiſezimmer verwandelt wurde; auf einer Seite erhob ſich uͤber zwei Stufen ein bedeckter Gang mit einem ſchoͤnen Dache, welches von vier vergoldeten Saͤulen getragen wurde. Ueber den ganzen Hof war eine Decke zum Schutze gegen die Hitze der Sonne gezogen. Auch ſah man in regelmaͤßiger Ordnung Laternen zur Erleuchtung angebracht, welche aus Rahmen von Buchsbaumholz mit durchſichtiger Seide und bebluͤmten Flor uͤberzogen ſind. Lord Macart⸗ ney und Sir Georg Staunton bewohnten einen beſonders abgeſchiedenen Fluͤgel des Gebaͤudes. Um zwei Uhr wurde das Mittageſſen aufgetragen. Es be⸗ ſtand aus hundert verſchiedenen Schuͤſſeln, welche nach der Kochkunſt des Landes bereitet waren. 4 Die Stadt Tong⸗tchew fand Anderſon im 150 Vierecke gebaut, und durch eine hohe Mauer mit einem tiefen Graben an der Außenſeite bei den zugaͤnglich⸗ ſten Theilen befeſtigt. Die Mauer hat einen Umfang von ſechs Meilen, iſt dreißig Fuß hoch und ſechs breit; drei ſtark befeſtigte Thore haben Baſtionen mit Kano⸗ nen, und auf jeder Seite nach der Stadt eine Be⸗ ſatzung. Das aͤußere Anſehen der Haͤuſer iſt wegen der ſchoͤnen Verzierungen ſehr angenehm; inwendig aber die Einrichtung derſelben ſchlecht Tong⸗tchew iſt eine große Handelſtadt, und mag weuigſtens eine halbe Millionen Menſchen enthalten. In den Sommer⸗ und Herbſtmonaten iſt die Hitze ſehr druͤckend; im Winter herrſcht aber eine ſehr ſtren⸗ ge Kaͤlte; im Sommer wird in unterirdiſchen Hoͤlen Eis von einer Dicke zu 30 Zoll aufbewahrt, welches von dem Volke als Luxusartikel betrachtet wird, in⸗ dem es in der heißen Jahreszeit dem Getraͤnke eine angenehme Kuͤhlung verſchafft. Waͤhrend Anderſon in der Stadt herumging, ſuchte er ſich mit der Beſchaffenheit der Polizei und der Stadtregierung bekannt zu machen. Alle Civil⸗ angelegenheiten werden durch eine gewiße Anzahl nie⸗ driger Mandarine im Juſtiz⸗Amte abgemacht. Ihre Ausſpruͤche unterliegen der Reviſion des oberſten Man⸗ darin des Ortes; und dieſer iſt wieder dem Unterkoͤnig der ganzen Provinz unterworfen, von welchem in allen Civilprozeſſen keine weitere Berufung ſtatt findet. 151 In Kriminalfaͤllen haͤngt alles von dem Ausſpruche des Kaiſers ab. Selten wird aber ein Verbrecher zum Tode verurtheilt. Sollte ein ſolcher Fall ſich ereignen, ſo muß man ſich erſt an den Kaiſer wenden, um das Urtheil zu lindern oder zu beſtaͤtigen. Ermuͤdet durch die Beſchwerlichkeit des Wenes, und durch die Neugierde des Volkes kehrte Ander⸗ ſon in ſeine Wohnung zuruͤck. Oft umgaben ihn 20 bis 30 Perſonen, und noͤthigten ihn, zu Kauflaͤden ſeine Zuflucht zu nehmen, bis die Menge ſich wieder zerſtreute. Aus Dankbarkeit kaufte er fuͤr den erwie⸗ ſenen Schutz einige Faͤcher und Tabackpfeifen, welche mit beſonderer Niedlichkeit und Feinheit gemacht waren. Am 241. Auguſt wurde das Zeichen zum Aufbruche gegeben. Nachdem wir Tong⸗tchew verlaſſen hat⸗ ten, kamen wir in ſchoͤne Felder, in welchen wir auf einer Straſſe von ungemeiner Breite und Schoͤnheit reiſten. Ein ſechs Ellen weites Pflaſter nahm die Mitte derſelben ein und auf jeder Seite hatten einige Wagen nebeneinander Platz. Aehnliche Straſſen fuͤhren von den vorzuͤglichſten Staͤdten zur Hauptſtadt des Reiches. Wir erreichten die große und volkreiche Stadt Kiyeng⸗Foo um ſieben Uhr des Morgens. Das Zuſammenſtroͤmen des Volkes war unermeßlich, jedoch bemerkten wir zu unſerm Leidweſen, daß unſer An⸗ blick dem Volke mehr Lachen, als Achtung erregte; 152 und Ausbruͤche von Gelaͤchter begleiteten jeden fluͤchti⸗ gen Blick auf unſere elenden Fahrzeuge.— Unter eini⸗ gen ſchoͤnen Triumphbogen fuhren wir durch die Vor⸗ ſtaͤdte der eigentlichen Stadt. Die Haͤuſer der Vor⸗ ſtaͤdte ſind aus Holz gebaut, zwei Stockwerke hoch, und verſchieden bemalt. Die geraͤumigen Straſſen waren bei unſerer Ankunft mit Soldaten beſetzt, ohne deren Beiſtand wir unmoͤglich haͤtten vom Platze kom⸗ men koͤnnen. Um zwei Uhr Nachmittags erreichten wir die Thore der kaiſerlichen Reſidenzſtadt Pekin, oder wie es die Chineſen ausſprechen Pit⸗chin. Die Mauern der Stadt ſchließen einen Raum von zwoͤlf Meilen ein, und ſind mit hohen Thuͤrmen und Thoren geziert. In der Mitte eines jeden Winkels iſt ein großes Thor, und ein kleineres an jeder Ecke der Waͤlle; Soldaten und Geſchuͤtz dienen zur Vertheidigung der erſteren. Die Waͤlle ſind ſehr hoch und von maſſiver Dicke; die Grundlage iſt aus Stein, und der auf derſelben aufgefuͤhrte Bau iſt ganz von Ziegelſteinen. Außen⸗ werke und Batterien in kurzen Zwiſchenraͤumen ver⸗ mehren die Staͤrke der Waͤlle. Unſer Weg durch Pekin betrug von dem fudli⸗ chen Thore bis zum oͤſtlichen wenigſtens zehn Meilen. Die Straſſen waren geraͤumig, reinlich, bequem und wohlgepflaſtert. Ueberall herrſcht wegen der guten Handhabung der Polizei Ordnung, Reinlichkeit und Thaͤtigkeit. Ganze Heere von Menſchen ſind zur Rei⸗ 153 nigung der Straſſen augewieſen; andere beſprengen die Straſſen mit Waſſer, damit der Staub den Fuß⸗ gaͤngern nicht beſchwerlich falle. In der Hauptſtadt, und faſt in jeder Stadt Chinas prangen die Kauf⸗ laͤden am meiſten durch Bauſchoͤnheit und Verzierun⸗ gen. Die Handelsleute verwenden die meiſten Koſten auf das Gemach, welches ihnen den groͤßten Vortheil bringt; ihre uͤbrigen haͤuslichen Bequemlichkeiten ſind weder zahlreich noch groß. Die Haͤuſer in Pekin ſind niedrig, aber an der vordern Seite mit Saͤulen⸗ gaͤngen, Gemaͤlden und goldenen Inſchriften geziert. Vor den Thuͤren der Laͤden ſind ſchwere Pfeiler errich⸗ tet, welche eine Flagge tragen, den Namen und das Handelsgeſchaͤfte des Hausherrn anzeigend. Die ungeheuer langen Hauptſtraſſen werden durch Thore mit Schwibbogen abgetheilt, unter deren jedem der Name der Unterabtheilung der Straſſe mit golde⸗ nen Buchſtaben geſchrieben iſt. Die Querſtraſſen endi⸗ gen ſich in kleine durchgitterte Thorwege, welche Nachts verſchloſſen werden. Die in Europa verbreitete Meinung, daß das chineſiſche Frauenzimmer allein wohne, und dem Auge entzogen werde, iſt falſch. Die chineſiſchen Frauensperſonen zeigen ſich haͤufig auf den Gallerien der Vorderſeite ihrer Haͤufer; und bei dem unendlichen Zulaufe neugieriger Zuſchauer auf unſerem Zug waren vielleicht nach Verhaͤltniß mehr Frauensperſonen, als 57. Bd. Chiun. II, 2. 3 „ 154 wir in einer Hauptſtadt Europa's geſehen haben wuͤrden. Die meiſten Damen in Pekin haben feine und zaͤrtliche Geſichtszuͤge, deren Wirkung ſie durch Schmin⸗ ke erhoͤhen. Ihre Lippen werden roth gefaͤrbt, ihre Augen ſind klein, aber ſehr ausdrucksvoll; eine Schnep⸗ pe von ſchwarzer Seide, welche mit edlen Steinen beſetzt iſt, haͤngt von der Stirne bis zur Naſe herab⸗ Ihre Fuͤſſe ſcheinen die natuͤrliche Groͤße zu haben. Dem Anſehen nach genießen die Frauenzimmer viele Freiheit; Eiferſucht ſchien uns keine herrſchende Lei⸗ denſchaft der Maͤnner zu ſeyn. Als wir einen Haufen von Weibern bemerkten, redeten wir ſie mit dem Wor⸗ te Chou⸗au(Schoͤn) an; ſogleich kamen ſie mit beſcheidener Artigkeit uns naͤher, unterſuchten das Gewebe und die Verfertigung unſerer Kleider, und ſchienen ſehr vergnuͤgt zu ſeyn. Bei dem Abſchiede ſtraͤnbten ſie ſich nicht gegen einen zaͤrtlichen Haͤnde⸗ druck, und ihre Maͤnner, welche gegenwaͤrtig waren, ſchienen uͤber unſere Aufmerkſamkeit auf ihre Herab⸗ laſſung nicht im Geringſten ungehalten zu ſeyn. Als wir die oͤſtlichen Vorſtaͤdte durchwandert hat⸗ ten, kamen wir wieder auf reiche und ſchoͤne Felder, und bald hernach zu einem der kaiſerlichen Palaͤſte, DYeumen⸗manyeumen, welcher fuͤnf Meilen von der Stadt entfernt iſt. Dieſer Palaſt hat eine ſehr niedrige, und wegen zwei ſtehender Gewaͤſſer ungeſun⸗ de Lage. Hundertfuͤſſe, Seoxpionen, Musaquiten und 155 andere Inſekten befeinden ſich in jedem Theile des Palaſtes. Ein gemeiner Thorweg aus Steinen fuͤhrt zu dem Palaſte, welcher in zwei viereckige Hoͤfe ge⸗ theilt iſt, denen es fowohl an Schoͤnheit als Bequem⸗ lichkeit fehlt. Die Fenſter der Zimmer ſind Gitter⸗ werk mit einem Ueberzuge von glaſirtem und gemaltem Papier; in allen Zimmern war kein anderer Hausrath, als einige gemeine Stuͤhle und Tiſche. An keinem Orte war eine Bettſtelle zu finden. 3 Unſer Geſandte, welcher eine ſolche Lage nicht nur der Geſundheit nachtheilig, ſondern auch ſeiner per⸗ ſoͤnlichen Wuͤrde und der Ehre ſeines Landes zuwider hielt, bewirkte durch ernſthafte Vorſtellungen, daß der Wohnort geaͤndert wurde. Am 26. traten wir den Nuͤckzug nach Pekin an, und zogen an demſelben Tage durch das noͤrdliche Thor der Stadt ein. Hier erblickten wir die erſte Pagode ſeit unſerm Aufenthalte in Chinas Hauptſtadt. Sie ſtand in einem ſchoͤnen Garten, war viereckig gebaut, erhob ſich allmaͤhlig vom Boden, und endigte in eine Kugel. Sie hatte ſieben Stockwerke, und auf der Spitze eine Gallerie, welche mit einem Gitterwerke eingefaßt war. Bald langten wir bei einem Pakaſte an, welcher dem Vicekoͤnige von Canton gehoͤrte, und aus zwoͤlf großen und ſechs kleinen Hoͤfen beſtand. Er iſt von graufarbenen Ziegelſteinen mit vieler Kunſt erbaut, und war mit Ausnahme zwei abgeſonderter Gebaͤude nur zwei Stockwerke hoch. Die Verzierun⸗ 156 gen waren vom beſten chineſiſchen Geſchmacke und von ausgezeichneter Farbenpracht. Die Japan iſcheGlaͤtte iſt uͤberall ohne Firniß ſichtbar. Die Zimmer waren ſehr geraͤumig und mit den ſchoͤnſten vergoldeten Pa⸗ pier⸗Tapeten umgeben. Die Wohnung des Lord Macartney war vorzuͤglich groß und koſtbar, und enthielt ein Privattheater. Jedoch war auch hier der Hausrath weder praͤchtig, noch im Ueberfluſſe vorhan⸗ den. Unter dem Boden eines jeden Zimmers iſt ein Ofen, welcher durch eine kreisfoͤrmige Roͤhre jedem Theile des Zimmers warme Luft mittheilt. Wir ſahen keine Feuerreſſen in dieſem Lande, und hoͤrten, daß Oefen mit Holzkohlen allgemein im Gebrauche ſeien⸗ Am 28. Auguſt brachte uns ein Mandarin die Nachricht, daß der Kaiſer bereit waͤre, uns in der Tatarei zu empfangen. Nach einer Reiſe von ſechs Meilen erreichten wir das Dorf Chin⸗giho, in welchem wir ein Fruͤhſtuͤck zu uns nahmen; ſetzten un⸗ ſere Reiſe durch mehrere volkreiche Doͤrfer fort, und ſchlugen unſer Nachtlager in dem kaiſerlichen Palaſt Nanſhighee auf. Unſer wohlgeſinnter Fuͤhrer Vau⸗ Tadge⸗In ſchien in eben dem Verhaͤltniſſe ſeine Aufmerkſamkeit gegen uns zu verdoppeln, als wir dem Kaiſer naͤher kamen. Unſere Reiſe bis Jehol, dem Platze unſerer end⸗ lichen Beſtimmung, welcher 160 Meilen von Pekin entfernt iſt, hatte man in ſieben Tagreiſen abgetheilt⸗ 157 damit wir den Vortheil genießen moͤchten, eine jede Nacht in einem kaiſerlichen Palaſte zu ſchlafen. Die⸗ ſes ſchmeichelhafte Zeichen der Achtung ſcheint das hoͤchſte zu ſeyn, welches man hier gegen irgend Jemand blicken laſſen kann. Selbſt die vornehmſten Mandarine koͤnnen ſich nie deſſelben ruͤhmen. Der Palaſt, in wel⸗ chem wir die erſte Nacht zugebracht hatten, war nicht anziehend fuͤr unſere Beobachtung. Am folgenden Morgen fruͤhſtuͤckten wir in der Stadt Wheazon, und langten, ſehr geplagt von der brennenden Hitze der Sonne in dem Palaſte Chan⸗ Chin an. Dieſes geraͤumige Gebaͤude iſt mit ſchoͤ⸗ nen Gaͤrten und Pflanzungen verſehen; das umher⸗ liegende Land iſt in eingeſchloſſene Felder vertheilt, und gehoͤrt zu den fruchtbarſten Gegenden, welche wir geſehen haben. Es ernaͤhrt zahlloſe Viehheerden, und beſonders fettſchwaͤnzige Schafe. Auf unſerer dritten Tagreiſe ſahen wir die Frucht⸗ barkeit merklich abnehmen und die Doͤrfer ſeltener werden. Mittags erbliekten wir die Stadt Caung⸗ chumfog, welche groß zu ſeyn ſcheint, und aͤhnliche Waͤlle, wie Pekin hat. Die Behandlung in dem Palaſte Caungchumfog entſorach in jeder Ruͤckſicht der Aufnahme, welche wir fruͤher erfahren hatten. Den folgenden Morgen machten wir uns fruͤhe auf den Weg; das Land bekam ein gebirgiges Anſehen, und die Straſſen verſchlechterten ſich. Nicht weit von Waung⸗Chanyeng werden zwei Huͤgel durch ei⸗ 158 nen gewaltigen Bogen mit einander verbunden. Den weiter entfernt liegenden Huͤgel ziert eine kleine Fe⸗ ſtung, deren Schanzen ſich ſehr weit erſtrecken. Am Fuße dieſes befeſtigten Platzes laͤuft ein ſehr ſteiler und gefaͤhr⸗ licher Weg den Huͤgel hinab. Tief in einem romanti⸗ ſchen Thale liegt die unregelmaͤßig gebaute Stadt Waung⸗Chanyeng, welche ungefaͤhr eine Meile lang iſt, und anſehnlichen Handel und Reichthum verraͤth. Am Ende dieſer Stadt fanden wir einen Triumphbogen zur Ehre der Geſandtſchaft errichtet, welcher mit ſehr ſchoͤnen ſeidenen Wimpeln geſchmuͤckt war. Der Geſandte wurde mit einigen Kanonen⸗ ſchuͤſſen begruͤßt, und von einer doppelten Linie Sol⸗ daten empfangen. Wir naͤherten uns der weltberuͤhmten Chineſi⸗ ſchen Mauer, welche China von der Tata⸗ rei trennt. Sie iſt ſicher das erſtaunungswuͤrdigſte Werk, welches der Menſch je zu Stande gebracht hat. Die uͤber 1200 Meilen lange Mauer nimmt nach der Beſchaffenheit des Bodens ab und zu. Einer von un⸗ ſern Leuten, welcher dieſelbe erſtiegen hatte, fand ſie an dieſer Stelle uͤber 3o Fuß hoch, und ungefaͤhr 24 Fuß breit. Sie ruht auf großen Quaderſteinen, iſt aus Backſteinen zuſammengeſetzt, und zeigt im Mit⸗ telpunkt ihrer Breite eine Art von Mörtel, welcher mit Fließen bedeckt worden iſt. Eine Bruſtwehr von ungewoͤhnlicher Staͤrke iſt an beiden Seiten der Mauer, wo der Feind angreifen und angegriffen werden kann. — 159 Dieſe ungeheuere Maſſe durchkreutt auf Schwibbogen von verhaͤltnißmaͤßiger Groͤße die breiteſten Fluͤſſe, ver⸗ bindet Berge, ſteigt die hoͤchſten Huͤgel hinauf, und lauft in die tiefſten Thaͤler hinab. . Der Weg, welchen wir neben dieſer Mauer an⸗ trafen, iſt gut, laͤuft von einem Ende des Koͤnigrei⸗ ches zum andern, und dient zu einer militaͤriſchen Straſſe. Nach den beſten Nachrichten, welche wir einziehen konnten, ſoll dieſe Mauer ſchon 2000 Jahre ſtehen. 4 Das Land auf der andern Seite der Mauer nahm ein neues Anſehen an. An der Stelle bebauter Ebe⸗ nen, beguͤterter Plaͤtze, und des Geraͤuſches des Handels traten duͤrre Wuͤſteneien, welche noch nicht die Kunſt mit ihrem magiſchen Zauber belebt hatte. Doch findet bier der Freund der Natur alles, was groß und erha⸗ ben iſt in allen ſeinen maleriſchen Geſtalten. Ungefaͤhr ſieben Meilen von der großen Mauer trafen wir einen Berg, durch welchen die Chineſen eine dreißig Fuß breite Straſſe gehauen hatten. Auf der andern Seite dieſes Berges ſieht man in einiger Entfernung den Palaſt Chaung⸗Schanuve, wel⸗ cher aus vielen Hoͤfen beſteht, die von einer hohen Mauer eingeſchloſſen werden. In dieſen wohnten viele Weiber des Kaiſers; ſie wurden von Verſchnittenen bewacht. Unſere Zimmer waren von den ihrigen ge⸗ trennt; doch bemerkten wir, daß einige Frauen aus 160 Neugierde uͤber ihre Scheidewand blickten, welche un⸗ ſer Zimmer von den ihrigen abſonderte. Der Weg von Chaung⸗Schanuve traͤgt das Gepraͤge des Landes an ſich, welches uͤberall gebrochen und bergig iſt. So wuͤſte es auch ausſah, ſo war doch jeder zum Ackerbaue taugliche Platz mit Getreide be⸗ deckt; manche Strecken, welche ſo ſteil lagen, daß wir nicht wußten, wie die Leute dieſelben nur errei⸗ chen konnten, waren bebaut. Die Politik Chinas aͤußert ſich auf die vortheilhafteſte Weiſe in der Art, daß der groͤßte Theil der Abgaben mit den natuͤrlichen Fruͤchten des Feldes bezahlt werden muß. Dieſer Um⸗ ſtand ſpornt den Chineſiſchen Unterthan zur Anſtren⸗ gung ſeiner geiſtigen und koͤrperlichen Kraͤfte. In dem Palaſte Callachottuang, welcher zwiſchen zwei hohen Huͤgeln ſteht, brachten wir den Reſt des Tages zu. Am 11. September ſetzten wir unſere Reiſe uͤber ein huͤglichtes Land fort, indem die Luft ſchneidend kalt war. Wir kamen durch verſchie⸗ dene bevoͤlkerte Doͤrfer; aber weder das Land, noch die Einwohner deſſelben ſind ſo, wie jene auf der an⸗ dern Seite der Mauer beſchaffen. Den Palaſt Cal⸗ lachotreshangſu fanden wir von Eichhoͤrnlein bewohnt, welche in den Hoͤfen umherſprangen, und die Zimmer beſuchten. In dem Dorfe Quoangho, welches nur eine Meile von der Reſidenz Jehol entfernt iſt, ſtellte ſich unſer Zug in Ordnung. Die Soldaten der koͤnig⸗ 7 161 lichen Artillerie bildeten den vorderſten Theil des Zu⸗ ges, an ſie ſchloß ſich die leichte Reiterei und das Fußvolk; nach dieſer kamen die Diener des Geſandten je zwei zu zwei; die Kouriers; die Mechaniker in Paa⸗ ren; die Herren von dem Gefolge in Paaren. Sir Georg Staunton wurde in einem Palanquin ge⸗ tragen; der Geſandte mit Staunton's Sohne in einer Poſtkutſche,(hinten auf derſelben ſtand ein ſchwar⸗ zer Junge mit einem Durban,) ſchloßen den Zug. Langſamen Schrittes zogen wir zu Jehol ein, und ſtellten uns vor dem Palaſte, welcher zur Aufnah⸗ me der Geſandtſchaft beſtimmt war, in Ordnung. Zu unſerm großen Erſtaunen ließ ſich kein einziger Mandarin ſehen, um den Geſandten zu empfangen; wir ſetzten uns daher, ohne die Zeremonie des Will⸗ kommens, in den Beſitz des Palaſtes. Ein hoͤlzernes Thor fuͤhrte nach einem großen Hofe, an deſſen ſaͤmmt⸗ lichen Seiten Gallerien angebracht waren, welche von hoͤlzernen Saͤulen getragen werden, und mit glaͤnzen⸗ den ſchwarzen Ziegelſteinen bedeckt ſind. Alle zu dem Palaſte gehoͤrigen Hoͤfe werden von einer hohen Mauer umgeben. Ueberfluß herrſchte in unſern Zimmern, aber keiner bekam die Erlaubniß auszugehen. Den zweiten Tag nach unſerer Ankunft erhielt der Geſandte einen Beſuch von einem Mandarin, welcher ein zahlreiches Gefolge bei ſich hatte. Die Unterredung dauerte faſt eine Stunde; das Reſultat derſelben wur⸗ de zwar nicht allgemein bekannt, doch ſchien es uns 162 nicht erfreulich zu werden. An der Stelle des Ueber⸗ fluſſes, welcher bisher auf unſerer Tafel herrſchte, trat ein gewiſſer Mangel an Lebensmitteln, ſo zwar, daß faſt eine Haͤlfte der zur Geſandtſchaft gehoͤrigen nie⸗ drigen Klaſſe Mittags ihren Hunger nicht befriedigen konnte. Man hatte es uns aber ſchon im Voraus be⸗ kannt gemacht,(warum? konnten wir nicht errathen) daß im Falle es an Lebensmitteln fehlen würde, ſollte dieß unmittelbar dem Geſandten allein gemeldet wer⸗ den, und das Mahl unberuͤhrt bleiben. Wir kamen dieſer Beſtimmung nach, und ließen das Eſſen unan⸗ geruͤhrt ſtehen. Nach einigen Vorſtellungen kehrte in wenigen Minuten die gewoͤhnliche Verſchiedenheit von warmen Speiſen mit dem gewoͤhnlichen Ueberfluſſe an unſere Tafel zuruͤck. Die Geſchenke, welche wir von Pekin kommen ließen, beſtanden aus einer großen Anzahl grober, be⸗ ſonders ſchwarzer und blauer Tuͤcher, aus zwei Te⸗ leskopen, zwei Windbuͤchſen, zwei Vogelflinten, vier Sattelpiſtolen, zwei Kiſten von irelaͤndiſchen Tabbine⸗ te, zwei großen Kiſten von britiſcher Manufaktur, und zwei ſehr praͤchtigen Saͤtteln. Am 11. September benachrichtigte ein Mandarin vom erſten Range den Geſandten, daß Sr. kaiſerliche Majeſtaͤt am 14. ihm eine Audienz ertheilen wollte. Der erſte Beſuch dauerte nicht lange, weil er bloße Foͤrmlichkeiten zum Zwecke hatte. Bei unſerer Zuruͤck⸗ kunft erblickten wir, denn es war bereits Tag, die 163 große und volkreiche, aber unregelmaͤßig gebaute Stadt. Die Haͤuſer ſind niedrig und groͤßtentheils aus Holz. Die Straſſen ſind nur in der Naͤhe der Reſidenz ge⸗ pflaſtert. Bald nach der Nuͤckkehr des Geſandten kamen viele ſchaͤtzbare Geſchenke vom Hofe, welche aus Sam⸗ met, Seidenzeugen, Geldbeuteln und Thee beſtanden;z letzterer war in fuͤnf Kuchen umgeformet, und gehoͤrte zu den beſten chineſiſchen Produkten dieſer Art. Am naͤchſten Morgen ſtattete der Geſandte ſeinen zweiten Beſuch bei dem Kaiſer ab, um nach Moͤglich⸗ keit ſein Anliegen zu eroͤffnen. Die Unterredung dau⸗ erte ſchon einige Stunden, und ſchien einen gluͤcklichen Erfolg um ſo mehr zu verſprechen, als eine zweite Ladung von Geſchenken kam; ſie beſtand aus Seiden⸗ zeugen, chineſiſchen Lampen, ſchaͤtzbaren Porzellan, und aus einer großen Anzahl Kalibaſch⸗Kiſten. Den 11. September begab ſich der Geſandte zur Feier des Geburtstages des Kaiſers fruͤh um 4 Uhr in den kaiſerlichen Palaſt. Dieſer hat eine erhabene La⸗ ge, und gewaͤhrt weite Ausſichten. Er enthaͤlt eine zahlreiche Reihe von Hoͤfen mit Nebengebaͤuden, von welchen aber keines ein praͤchtiges Anſehen hatte, ob⸗ gleich ſie alle mit Farben und Vergoldungen außeror⸗ ordentlich verziert waren. Er iſt von Gaͤrten umge⸗ ben, welche ſich auf einige Meilen erſtrecken, und von einer 3o Fuß hohen Mauer eingeſchloſſen. An der 164 Vorderſeite des Palaſtes liegt in der Mitte einer ſchoͤ⸗ nen und großen Ebene ein Teich. Bei der Ankunft des Kaiſers fielen die ihn er⸗ wartenden Mandarine nieder. Keine aͤußerliche Pracht, kein Merkmal der Wuͤrde zeichnete ſeine Kleidung und Reiſegeraͤthe aus. Der Kaiſer liebt vorzuͤglich, unnoͤ⸗ thige Ausgaben zu erſparen, und Sparſamkeit und Fleiß in allen Provinzen ſeines Reiches zu befoͤrdern. Er hatte gerade jetzt das 8s. Jahr ſeines Alters, und das 57. ſeiner Regierung geendigt. Der Palanquin, in welchem er ſaß, ließ nichts als ſein Antlitz ſehen. Es war voll Leben, obgleich kleine Spuren ſeines hohen Alters zu ſehen waren. Der durchdringende Blick ſei⸗ ner ſchwarzen Augen und ſein ganzes Benehmen druͤck⸗ te eine Wuͤrde aus, welche nur aus dem Bewußtſeyn der Tugend und Rechtſchaffenheit entſpringen kann. Als wir zuruͤckkehrten, erhielten wir Geſchenke von der vorigen Art, aber in verſchiedenen Muſtern und Farben, welche noch mit vielen Fruͤchten und Backwerken verſehen waren. Da der Geſandte hoͤrte, daß der Kaiſer bald nach Pekin zuruͤckkehren werde, begab er ſich zu ihm, um im Stillen Abſchied zu nehmen. Um den hohen Grad von perſoͤnlicher Achtung, welche der Kaiſer fuͤr den König von Großbritannien fuͤhlte, erkennen zu geben, uͤberreichte er dem Geſandten ein ſehr ſchaͤtzba⸗ res Kaͤſtchen, welches die Bildniſſe aller vorhergehen⸗ den Kaiſer in Miniatur enthielt. Bei jedem Bilde 165 ſteht der Charakter des Monarchen in Verſen geſchrie⸗ ben, welche jeder derſelben ſelbſt verfertigt und ge⸗ ſchrieben hatte.— Am folgenden Tage erhielten wir Pfeifen und Taback in ſolcher Menge vom Hofe, daß jedes Individuum bei der Geſandſchaft hinlaͤnglich ver⸗ ſorgt werden konnte. Auch ſtatteten einige Manda⸗ rine bei dem Geſandten ihren Beſuch ab. Hier be⸗ merkten wir, wie wenig die Chine ſen auf Kleider⸗ pracht halten; denn die Mandarine aͤnderten nie ihren Anzug. Sogar der Hofſtaat unterſcheidet ſich wenig von der taͤglichen Kleidung. Erſterer beſteht in einem weißen Mantel, welcher bis auf die Wade herabfaͤllt, und mittelſt einiger Baͤnder unter dem Halſe befeſtigt wird. Ueber der Bruſt liegt ein Quadrat von Gold⸗ brocade oder Seiden⸗Arbeit in verſchiedenen Farben. Auf dem Ruͤcken und dem erſten gerade gegenuͤber iſt eine aͤhnliche Zierrath angebracht. Beide Zeichen deu⸗ ten den Rang des Traͤgers an. Der Guͤrtel, welcher gewoͤhnlich den Leib umſchlingt, iſt jetzt am Hofe au⸗ ßer Gebrauch. Ein engliſcher Soldat, welcher durch die Beihilke eines chineſiſchen ſich eine Quantitaͤt Samt⸗thoo verſchafft hatte, wurde verurtheilt, so Hiebe auf den bloßen Ruͤcken zu erhalten. Bei Vollziehung der Stra⸗ fe aͤußerte ſich der Abſchen der Chineſen deutlich in Worten und Mienen. Einer der vornehmſten Man⸗ darine, welcher etwas Engliſch verſtand, druͤckte 166 den allgemeinen Unwillen auf folgende Weiſe aus: Englishman too much cruel too much badz;(ber Englaͤnder zu grauſam, zu boͤſe). Ehe wir Jehol verlaſſen, wird es nicht unſchick⸗ lich ſeyn, etwas von zwei außerordentlichen Felſen in der Nachbarſchaft Jehol's zu ſagen. Der eine Fel⸗ ſen, Panſuiaſhung von den Chineſen genannt, gleicht einem ſteinernen Pfeiler, welcher ungefaͤhr 100 Fuß hoch, an ſeiner Baſis, duͤnne iſt, bis an ſeinen Gipfel allmaͤhlig an Ausdehnung zunimmt, und oben aus einigen Stellen Stroͤme des reinſten Waſſers her⸗ abgießt. Dieſer erhabene Gegenſtand ruhet auf der Zinne eines Berges; der obere Theil dieſes Felſens ſcheint flach, und mit gruͤnem Laube und Strauchwer⸗ ke bedeckt zu ſeyn; er iſt aber ganz unzugaͤnglich. Die Chineſen ſehen ihn mit Recht als die vorzuͤglichſte natuͤrliche Merkwuͤrdigkeit ihres Landes an, Der andere, traubenfoͤrmig geſtaltete Felfen iſt faſt 200 Fuß hoch, ſteht gleichfalls auf der Spitze eines Berges, und ſcheint von der einen Seite betrachtet, eine dichte Maſſe zu ſeyn. Nach einer Sraatsgefargenſchaft von 14 Tagen, (denn die uns verſprochene Freiheit wurde uns nie eingeraͤumt,) reiſten wir von Jehol ab, und langten auf dem fruͤher beſchriebenen Wege den 26. zu Pekin an. Am 1. Oktober brachte ein Mandarin im Namen des Kaiſers die Bitte vor, daß die Geſchenke, welche 167 in grobem Geſchuͤtze beſtaͤnden, nach dem Palaſt Neu⸗ menmanyeumen gebracht werden moͤchten. Den folgenden Tag wurde der Geſandte zu dem Kaiſer ge⸗ rufen, deſſen Palaſt in Pekins Mitte ſteht, und von einer hohen Mauer umgeben iſt; mit Einſchluß der Gaͤrten ſoll er ſieben Meilen im Umfange haben. Ein⸗ von großen Steinen gewoͤlbter Weg fuͤhrt zum Ein⸗ gange in den Palaſt. Die Reihe von Gebaͤuden, wel⸗ che demſelben gegenuͤber ſtehen, hat eine Hoͤhe von drei Stockwerken, und iſt mit Gallerien, Vergoldun⸗ gen und Malereien verſchoͤnert. Das Dach iſt mit gelben glaͤnzenden Ziegeln gedeckt, die Auſſenwaͤnde ſind mit verſchiedenen Farben uͤberſtrichen, und haben mancherlei Verzierungen. Eine auſehnliche Menge von Soldaten bewacht den Eingang, und mehrere Manda⸗ rine erſter Klaſſe ſtehen beſtaͤndig zum Aufwarten be⸗ reit. Am 5. beſuchte der Kaiſer den Palaſt Veumen⸗ manyeumen. Er trug ein langes Gewand von gelber Seide, und eine Kappe von ſchwarzem Sam⸗ met, auf deren Mitte oben eine rothe Kugel ruhte, welche mit einer Pfauenfeder geziert war. Er hatte ſeidene, mit Gold geſtickte Stiefel, und den Leib mit einem blauen ſeidenen Guͤrtel umbunden. Unter die gegenwaͤrtigen Englaͤnder ließ er gnaͤdigſt einige Sil⸗ berſtuͤcke vertheilen. Faſt alle Geſchenke wurden an⸗ genommen, mit Ausnahme von zweien, welche als Kin⸗ derſpiele zuruͤckgegeben wurden. 168 Das Geruͤcht, daß wir bald Pekin verlaſſen muͤß⸗ ten, beſtaͤttigte ſich auch. Denn unſer Geſandte er⸗ hielt Befehl, ſich auf die naͤchſte Mittwoche zur Ab⸗ reiſe anzuſchicken. Wir waren ſehr erſtaunt und befan⸗ gen; und es war nunmehr offenbar, daß der große Zweck unſerer Reiſe nicht errreicht wurde. Als wir nachſuchten, bleiben zu duͤrfen, bis unſere Sachen ge⸗ hoͤrig geordnet, und aufgepackt waͤren, und da uns der Groß⸗Choulaa his Freitag zu bleiben erlaubte; ſo wurde dieſer Befehl zu unſerm groͤßten Erſtaunen vom Kaiſer ſelbſt widerrufen, und uns ausdruͤcklich an⸗ gekuͤndigt. Die Urſachen, welche dieſen unerwarteten Befehl veranlaßt haben moͤgen, vermochten wir nicht zu ent⸗ raͤthſeln. Eine ſolche Entlaſſung aber war fuͤr die Ge⸗ ſandtſchaft unangenehm und hoͤchſt kraͤnkend. In die⸗ ſer Lage der Dinge ſchickte Lord Macartney ſeinen Staatswagen dem Groß⸗Choulaa zum Geſchenke. Als wir aber Pekin verlaſſen hatten, ſo fanden wir ihn auf dem Wege, und waren dadurch ſehr betroffen. Unſere unangenehmen Gefuͤhle wurden auf der Ruͤck⸗ reiſe noch mehr vergroͤßert durch die demuͤthigende und nachlaͤſſige Bewirthung, welche wir nunmehr antrafen. Man nahm uns nicht mehr in Palaͤſten oder wenig⸗ ſtens anſehnlichen Gebaͤuden, ſondern in Huͤtten auf, welche fuͤr uns aufgerichtet, und mit Stoohinattan tapeziert waren. Den 15. verließen wir den Kanal des Flußfes, und 169 kamen in einen Kanal, welcher unendliche Muͤhe und Koſten erfordert haben muß. Er lauft uͤberall inner⸗ halb gemauerter Seiten, und hat einige, in der Ge⸗ ſtalt eines Halbmondes einwaͤrts gebogene Kruͤmmun⸗ gen, welche in gewiſſen Entfernungen von einander angebracht ſind, und das Waſſer in der Mitte zuſam⸗ mendruͤcken, daß es einen ungefaͤhr drei Fuß hohen Waſſerfall bildet. Um die Fahrzeuge gegen den Scha⸗ den zu ſichern, welchen ſie von dem Anprellen an die Mauern des Waſſerſchloſſes erhalten koͤnnten; ſo ſtehen uͤberall an dieſen Stellen Leute, welche durch große lederne Kiſſen den Stoß voͤllig entkraͤften. Einige Tage ſegelten wir zwiſchen wohl bebauten und gut bevoͤlker⸗ ten Gegenden. Die Chineſen hatten nun der Ge⸗ ſandſchaft nicht nur die aͤußern Merkmale der Achtung gaͤnzlich verſagt, ſondern gaben auch uns Lebeusmittel, welchen es an Quantitaͤt und Qualitaͤt fehlte. Den 23, erblickten wir eine Pagode, welche acht Stockwerke hoch war; am folgenden Tage auf der neben dem Kanale laufenden Straſſe die chineſiſche Poſt. Die Briefe werden in einem Bambuskorbe, welcher Reifen von Rohr hat, eingeſchloſſen. Der Schluͤſſel wird einem Soldaten zur Verwahrung ge⸗ geben, welcher ihn dem Poſtmeiſter uͤberliefert. Der Koörb wird an die Schulter des reitenden Boten mit Riemen befeſtigt; da dieſer mit einer Menge kleiner Glocken verziert iſt, ſo macht er bei jedem Tritte des iende. ein Geklingel, welches die Ankunft der Poſt „ Bd. Chinn. II. 2. 4 170 verkuͤndigt. Fuͤnf Maͤnner leichter Reiterei begleiten den Poſtboten. Da man fuͤr ihn allemal die ſchnellſten Pferde ausſucht, ſo iſt die Geſchwindigkeit mit wel⸗ cher man in China Nachrichten verbreiten kann, au⸗ ßerordentlich groß. Am Abende des folgenden Tages landeten unſere Junken im Herzen einer großen Stadt, durch welche der Kanal fließt. Eine lange Reihe von Bruͤcken ver⸗ bindet die Ufer; an den Bruͤcken ſtehen Soldaten, wel che kein Schiff durchlaſſen, ehe es von dem Mandarin unterſucht worden iſt. Unſere Flotte wurde hier von drei Kanonen begruͤßt; am Rande des Waſſers waren viele Soldaten in langen Reihen aufgeſtellt. In der Stadt Kord⸗cheaung, welche in der Naͤhe erſterer Stadt liegt, und mit ihr gleiche Groͤße hat, erblick ten wir eine zehn Stockwerke hohe Pagode, deren jedes mit einer Gallerie umgeben war. Nachdem wir an dieſem Tage verſchiedene große Staͤdte durchreif hatten, ankerten wir in Le e⸗y auugoa, welcher On zur Ehre des Geſandten erleuchtet war. Von dieſem Orte bemerkten wir haͤufigere und mehr zeremoniellt Seichen der oͤffentlichen Aufmerkſamkeit. Durch die Stadt Kaunghoo windet ſich der Kanal, und ſeine Ufer kruͤmmen ſich auf eine recht angenehme Art nach dem Waſſer herab. Den 2. No vember erreichten wir eine ſehr große Handelsſtadt. In derſelben vereinigen ſich viele Kanaͤle, und an daß fuͤdlichen Seite hat ſie einen Buſen, welcher mit den 171 gelben Fluſſe in Verbindung ſteht. Die benach⸗ barten Huͤgel haben ein angenehmes Gruͤn; ihre Gipfel ſind mit Pagoden geziert, waͤhrend ihre niedern Kruͤm⸗ mungen mit Landguͤtern und Gaͤrten verſchoͤnert wer⸗ den. Von der Bai kamen wir in einen großen Flutz (den gelben), und fanden uns wieder in der Mitte eines reichen und herrlichen Landes. Eine Stadt nach der andern ſtellte ſich unſern bezauberten Sinnen dar, und keine Worte koͤnnen die maleriſch ſchoͤnen Seenen beſchreiben, welche wir ſahen. Ungefaͤhr um Mittag kamen wir zu einer Stadt von ungewoͤhnlicher Groͤße und Schoͤnheit. Der Fluß legt in derſelben einen Weg von drei Meilen zuruͤck. Die Haͤuſer waren ſaͤmmtlich von Ziegelſtein, welche ſich mit blaͤulichten Steinen untermiſchten, gebaut, und gewoͤhnlich zwei Stockwerke hoch. 3 Den 3. enrdeckten wir, einem Sumpfe gegenuͤber, die Stadt Chun⸗foongz ſie iſt von dunkelfarbigen Steinen erbaut, und ihre Daͤcher ſind mit Steinen von derſelben Farbe gedeckt. Sie ſcheint einen Um⸗ fang von acht Meilen zu haben. Den naͤchſten Dag ſſetzten wir uͤber zwei große Landſeen, und erreichten bald die große und mit Waͤllen umgebene Stadt Ki⸗ angfou. Von Kiangfoun kamen wir in eine große und ſchoͤnere Stadt als die vorhergehende war. Wir hatten hier das Vergnuͤgen, viele Perſonen des ſchoͤnen Geſchlechtes zu ſehen, deren Geſichtsbildung 1172 etwas außerordentlich Einnehmendes enthuͤllte. Nach⸗ mittags kamen wir in eine Stadt, deren Umfang nicht weniger als neun Meilen betragen mochte. Ihre Waͤlle waren ungemein hoch, und ſchienen alt zu ſeyn. Den 5. befanden wir und auf einem See, welcher mit „vielen ſchoͤnen Inſeln verſehen war. Die anſehnlichſte derſelben enthaͤlt den Palaſt eines Mandarin, nebſt ſchoͤnen Sommerhaͤuſern, Anlagen und Gaͤrten. Ein hoher Fels ragte zwiſchen den Baͤumen hervor, und trug auf ſeinem Scheitel eine praͤchtige Pagode. Wir kamen bald an einen andern Fluß, deſſen Ufer hoͤchſt maleriſch waren, und mit den in der Naͤhe liegenden Huͤgeln eine Menge von Landguͤtern enthiel⸗ ten, deren Daͤcher mit vergoldeten Pyramiden im go⸗ thiſchen Geſchmacke geniert waren. In der Stadt Mee⸗you⸗mee-aung verſahen wir uns mit Le⸗ bensmitteln. Dieſer Platz ſcheint von Natur zur Schif⸗ fahrt, und die in der Naͤhe liegende Gegend zum Sitze laͤndlicher Schoͤnheit beſtimmt zu ſeyn.— Den 6. November exreichten wir eine Stadt, de⸗ ren Haͤuſer aus ſchwarzen Ziegelſteinen erbaut waren. Da dieſe hoͤher als gewoͤhnlich waren, ſo machte ihr onderbares Ausſehen einen deſto ſtaͤrkeren Eindruck. Eine Reihe von Staͤdten, Kanalſchloͤſſern, Bruͤcken und Pagoden verwirreten auf einige Stunden unſere Augen. Weiterhin erhoben ſich die Ufer des Fluſſes uͤber uns mit einer ſolchen Kuͤhnheit, daß wir aller Ausſicht nach dem Lande beraubt wurden. Den fol⸗ 173 genden Tag waren wir bald in einer andern Stadt, deren Haͤuſer ſchwarz uͤbertuͤncht waren. Am Eingan⸗ ge und Ende dieſer großen Stadt ſegelten wir durch einen ſchoͤnen Bogen. Den 10. kamen wir, nachdem verſchiedene Talgbaum⸗Pflanzungen von uns in Au⸗ genſchein genommen worden waren, in Hoang⸗ tchew an. Die Straſſen dieſer Stadt ſind enge, aber gut gepflaſtert, die Haͤuſer zwei bis drei Stockwerke hoch; und die Pracht der Kauflaͤden uͤberſteigt alles, was wir bisher geſehen hatten. Vom gruͤnen Fluſſe ging unſere Reiſe zwiſchen Bergketten fort, welche eine hoͤchſt romantiſche Scene bildeten. Die Thaͤler waren mit Maulbeer⸗ und Talg⸗ baͤumen bedeckt. Letztere ſehen außerordentlich ſchoͤn, haben ſcharlachfarbene Blaͤtter mit gelben Raͤndern und purpurfarbige Bluͤten. Der Fluß, auf welchem wir jetzt ſegelten, war ungefaͤhr drei Fuß tief, hatte eine gruͤne Farbe und ein ſandiges Bett. Den 15. war die Stadt Zanguoa erleuchtet, und gewaͤhrte einen herrlichen Anblick. Zahlreiche Haufen von Soldaten ſtanden laͤngs des Ufers in Reihen, und trugen Later⸗ nen aus Papier. Den 20. fuͤhrte unſer Weg in eine große und ſchoͤne Stadt, welche an der Seite eines Fluſſes lag; hohe ſen krechte Huͤgel begraͤnzten die Ausſicht. Wir reiſten nun zu Land nach Chanſoiyeng, und kamen von dieſer Stadt durch andere mit Waͤllen umgebene Staͤdte, und durch verſchiedene Doͤrfer, 174 bis wir in der Stadt Yooſaun eintrafen. Den 24. befanden wir uns in der Stadt Mammenog. Der Strom wendete ſich nun zwiſchen ſchrecklichen Stein⸗ maſſen fort, und bildete eine Scene, welche einem vulkaniſchen Ausbruche nahe kam. Einige dieſer ge⸗ waltigen Felſen waren zu Wohnplaͤtzen ausgehoͤlt, und jeder zwiſchen ihnen liegende Grundfleck war mit Gar⸗ tenfruͤchten beſetzt. Dieſe erſtaunliche Seene erſtreckte ſich einige Meilen weit. Von der Stadt Hoa⸗Nuoo abgereiſt, erblickten wir am 27. ein von kothiger Erde zuſammengeſetztes Dorf, deſſen Bewohner gerade ſo erbaͤrmlich, als ihre Haͤuſer ſchmutzig ausſahen. Bei der Stadt Tyanng⸗ſhi⸗ſennau lagen wenigſtens tauſend Junken vor Anker. Sie liegt am Zuſammenfluſſe verſchiedener Stroͤme, und genießt die Vortheile eines ſehr ausgebreiteten Handels. Den 29. war fuͤr uns ein Dorf von blauen Ziegeln gebaut, und mit blauen Dachſteinen gedeckt, ein neuer Gegen⸗ ſtand. Am folgenden Tage reiſten wir durch eine von ſchoͤnen Wieſen und Baumgaͤrten umgebene Stadt, welche ungefaͤhr zwei Meilen vom Fluſſe entfernt iſt. Hinter ihr erhoben ſich große Gebirge, hohe Waͤlder bewegten ſich wellenfoͤrmig auf ihren gekruͤmmten Ruͤcken, und Heerden von Vieh und Schafen bedeck⸗ ten die Thaͤler. Den 1. Dezember ſegelten wir bei der Stadt Saunt⸗yo-tamn vorbei, in welcher ſich verſchie⸗ dene praͤchtige Pagoden uͤber die umherliegenden Hai⸗ 175 ne erhoben. Zahlreiche Holzgaͤrten bedeckten die Ufer des Fluſſes, und eine große Menge Bauholz lag un⸗ ter dem Waſſer im Strome. Die Staͤdte Loo Dichean, Morriun⸗Dew und Chiea⸗foo grenzen aneinander. Natur und Kunſt haben ſich vereinigt, um die Schoͤnheit dieſer benachbarten Plaͤtze zu erhoͤhen. Den 2. Dezember tra⸗ fen wir auf die Stadt Fie⸗cho⸗jeunau, welche in der Mitte vieler Pflanzungen liegt. In der betraͤcht⸗ lichen Stadt Vang-on⸗chean, welche an der einen Seite von einem Fluſſe, und an der andern von einer Reihe hoher Berge begrenzt wird, erhielt unſer Ge⸗ ſandte von dem Mandarin einen Beſuch. Eine Menge auf einander folgender Staͤdte und Doͤrfer belebte un⸗ ſere Reiſe am folgenden Tage. Das Land wurde uͤberall hoͤckerig, und verlor ſich in Huͤgel. Bei der Stadt Joo⸗jen⸗nau am Fuſſe eines erhabenen Berges bemerkten wir, daß der Fluß, auf welchem wir geſe⸗ gelt waren, mit einem andern Fluſſe von gleicher Groͤße in Berbindung ſtehe. Dieſer Fluß wird weiter unten und nach ſeiner Vereinigung durch eine kleine ſchoͤne Inſel in zwei Arme getheilt. Abends ſtellte die Stadt Kaung⸗joo⸗foo das herrliche Schauſpiel einer naͤchtlichen Erleuchtung dar, welche alles uͤbertraf, was wir bis jetzt in dieſer Art geſehen hatten. Dieſer große Beweis von Aufmerk⸗ ſamkeit wurde noch durch Geſchenke von Fruͤchten und Backwerk, welche der Mandarin machte, be⸗ 176 traͤchtlich vermehrt. Das ſchoͤne Dorf Shai⸗boo jenſeits des Fluſſes auf einer kuͤhnen Anhoͤhe beſchaͤff⸗ tigte ſo lauge unſere Aufmerkſamkeit, bis die Pagode Taus⸗ay dieſelbe auf ſich zog. Der obere Theil dieſes Gebaͤudes lag in Ruinen, und ſtimmte mit dem klei⸗ nen unten gelegenen Todtenacker gut zuſammen*). Die Stadt Whan⸗ting war die einzige, welche wir waͤhrend dieſer Tagereiſe antrafen; Doͤrfer waren zahl⸗ reich; aber auch einige Huͤtten von der ſchlechteſten Bauart erſchienen wieder. Der folgende Tag war fuͤr uns der merkwuͤrdigſte; denn an demſelben erblickten wir weder Staͤdte noch Doͤrfer, einige einzeln liegende, uͤber die Oberflaͤche des Landes zerſtreute Haͤuſer ausgenommen. Die Ufer des Fluſſes waren erhaben, und bildeten gleich⸗ ſam eine Mauer, welche aus rother Erde beſtand, und mit horizontalen, in geraden Linien fortlaufenden Steinadern geſtreift war. Dieſe natuͤrliche Merkwuͤr⸗ digkeit erſtreckte ſich einige Meilen weit. Die Gegend nahm nun eine andere Geſtalt an, ſtatt des flachen Landes ſtellten ſich unſern Augen von allen Seiten nur duͤrre Gebirge dar, welche durch un⸗ fruchtbare Thaͤler von einander getrennt waren. Ei⸗ nige Attichbaͤume unterbrachen das Schroffe in den *) Es gibt in China keine oͤffentlichen Todtenaͤcker, als in der Naͤhe volkreicher Plaͤtze. Aus dieſem Grunde kann man das ganze Land als einen be⸗ ſtaͤndigen Todtenacker betrachten. 2nt 177 Bergkruͤmmungen, und brachten vermittelſt einiger bier und da zerſtteuten Pagoden Leben in das Ge⸗ maͤlde. Von der Stadt Naung⸗aum⸗foo machten wir eine Tagereiſe zu Land. Wir erhielten Pferde, erreg⸗ ten aber bei dem chineſiſchen Poͤbel, welcher wohl nie etwas der Art geſehen hatte, durch unſern grotesken Anzug das groͤßte Gelaͤchter. Die Pferde waren voll Muth, viele aber unſerer Reiter, nicht an die chine⸗ ſiſche Art zu reiten gewoͤhnt, ſchrien aus Furcht; an⸗ dere ſchrien, weil ſie das Lachen nicht verbergen konn⸗ ten. Bei dem Fuße eines erhabenen Berges mußten wir abſteigen, kamen von der Hoͤhe deſſelben durch verſchiedene Doͤrfer, und hielten in der Stadt Lee cou⸗au unſer Mittagsmahl. 3 An die Stelle wohlbebauter Gefilde trat nun eine nackte bergige Gegend; das Auge erblickte nichts, als große, mit Kampfer⸗ und andern Baͤumen bedeckte Plaͤtze. Mit Untergang der Sonne trafen wir in der Stadt Naung⸗-chin⸗oa ein. Sie ſteht auf einer Ebene, welche an drei Seiten von Huͤgeln und an der vierten von einem Fluſſe umgeben iſt, auf wel⸗ chem wir unſere Reiſe fortſetzen ſollten. Die zwei Stockwerke hohen Haͤuſer ſind von Holz erbaut; die Straßen enge, aber gut gepflaſtert. Durch zwei Rei⸗ hen von Soldaten zogen wir in den Palaſt des Man⸗ darin, welcher uns mit einem praͤchtigen Gaſtmahle bewirthete. Die Zimmer, in welchen wir uns befan⸗ 178 den, waren mit ſo ſtarken Erleuchtungen verſchoͤnert, daß man nie wohl bei irgend einer Gelegenheit etwas Aehnliches in Europa ſehen wird. Am 14. December ſchifften wir uns ein, und un⸗ ter einer hoͤlzernen Bruͤcke durch, welche auf ſieben Bogen und ſteinernen Pfeilern ruhte, und an beiden Seiten mit ſtarken Wachen bedeckt war. Jenſeits dieſer Bruͤcke theilte ſich der Fluß in zwei Arme, de⸗ ren jeder nach einer faſt entgegengeſetzten Richtung floß. Die Stadt Chang⸗fang war der einzige Ort von Bedeutung auf unſerer heutigen Reiſe. Begraͤb⸗ nißplaͤtze ſahen wir vorzuͤglich den naͤchſten Tag. Das einzige Neue, welches uns aufſtieß, waren Holtfloſſe, welche bei dem Dorfe Ty⸗ang⸗koa voruͤber fuh⸗ ren, auf welchen verſchiedene wohlbevoͤlkerte Huͤtten ſtanden. Von der Stadt Shaw reiſten wir durch ein Land, in welchem viele unfruchtbare Berge mit wenig be⸗ bauten Plaͤtzen abwechſelten. Gegen Abend naͤherten ſich allmaͤhlig die Huͤgel dem Ufer des Fluſſes, und ſchienen ſich ſo aneinander zu ſchließen, daß gerade der Fluß nur zwiſchen ihnen durchdringen konnte. Endlich erſchien ein fuͤrchterlich hoher, ſenkrechter Berg, deſſen oberer Theil ſich uͤber den Strom zu nei⸗ gen ſchien. Seine Seitenflaͤchen waren ſteinig, und mit langhaarigen Laubwerke bewachſen. Ihr Umriß betrug faſt zwei Meilen. Er endigt ſich in eine, nicht allmaͤhlich abnehmende, Spitze, ſondern war, wie ſein 179 Anfang, abgeſtumpft. Oben auf ſeinem Gipfel erhebt ſich ein pyramidenfoͤrmiger Felſen, welcher von einem anderen Felſen derſelben Art, aber in verſchiedener Geſtalt durch eine dazwiſchen liegende Ebene ge⸗ trennt iſt. Nachdem wir dieſes fuͤrchterlich Große in der Na⸗ tur verlaſſen hatten, ſtand wieder eine neue Kette von Huͤgeln da, und ſchnitt uns die Ausſicht in das of⸗ fene Land ab. Kaum aber hatten wir das letzte Glied dieſer Kette erreicht, als ploͤtzlich ein Meer brennender Lampen, welches einige Meilen weit uͤber Berge und Thaͤler hinſtroͤmte, unſere Sinne mit Entzuͤcken be⸗ rauſchte. Die auf einander folgenden Lichtwellen wa⸗ pen von einem ſtarken Strahlenfeuer umgeben, daß keine Worte den Eindruck ſchildern koͤnnen, welchen dieſer erhabene Anblick auf uns machte. Zahlloſe, auf den Gipfeln der Berge lodernde, Freudenfeuer roͤthe⸗ ten die Wolken, waͤhrend kreiſelnde Feuerſtroͤme ſich an den Bergen hinaufſchlaͤngelten, oder von denſelben in die Thaͤler hinabſchoſſen. Das Schoͤne dieſes Schauſpieles erhoͤhten noch eine ungeheuere Anzahl von Fackeln und Laternen; die Artillerie ließ nach und nach ihren Donner erſchallen, und ploͤtzlich entwich uns die Nacht unter dem Glanze dieſes kuͤnſtlichen Feuers. Am 15. December nahm die Geſandtſchaft den merkwuͤrdigen Berg Koan⸗yeng in Augenſchein. Er hat, vom Waſſer an gerechnet, eine ſenkrechte Hoͤhe, und endigt ſich in eine Spitze. Fuͤrchterliche Maſſen 180 neigen ſich von ſeinem Gipfel uͤber den Strom. Er enthaͤlt verſchiedene natuͤrliche Hoͤhlen, deren eine un⸗ gefaͤhr 40 Fuß uͤber der Flaͤche des Waſſers liegt. Als wir die Leiter, welche zu dieſer fuͤhrt, erſtiegen hat⸗ ten, erblickten wir ein geraͤumiges, in den Felſen ge⸗ pauenes Zimmer, und in dieſem ein Goͤtzenbild. Zu noch zwei andern Zimmern fuͤhrte gleichfalls eine kuͤnſt⸗ liche Treppe. Von der ſchoͤn gelegenen Stadt Shizing⸗ta⸗ beng kamen wir in die wohlbefeſtigte und volkreiche Stadt Tfing⸗yan⸗yeun. An den flachen Ufern des Fluſſes ſtanden verſchiedene ſchoͤne Triumphbo⸗ gen und einige Regimenter Soldaten beehrten uns mit ihrem militaͤriſchen Gruße. Von dieſer Stadt nahm der Fluß einige Meilen weit zwiſchen fruchtba⸗ ren, und ſehr wohl bebauten Feldern einen ganz ge⸗ raden Lauf. Die Berge ſtanden im Hintergrunde. Den 11. waren wir in dem großen Dorfe Oug⸗ chouaa, in welchem man viele Manufakturen ange⸗ legt hat. Das Land gewann ein fruchtbares und ſchoͤ⸗ nes Anſehen. Abends erreichten wir Sangs⸗we⸗ venno, eine große Handesſtadt, welche zu unſerer Ehre ganz vortrefflich erleuchtet war. Den folgenden Morgen kamen wir bei einer Reihe ſehr großer und volkreicher Staͤdte vorbei, welche ſo enge mit einander verbunden waren, daß wir einige Stunden durch eine ungeheuer große Stadt zu ſegeln ſchienen. Das Kanonenfeuer hoͤrte waͤhrend dieſet 181 Zeit faſt nie auf, und Tauſende von Einwohnern ka⸗ men aus jedem dieſer Plaͤtze, um wenigſtens einen fluͤchtigen Blick von einer europaͤiſchen Geſandtſchaft zu haben. Wir naͤherten uns nun der betraͤchtlichen Handels⸗ ſtadt Tayn⸗tſyn⸗tan, deren Vorſtaͤdte an beiden Seiten des Fluſſes liegen, und ihn einige Meilen weit begleiten. Was Umfang, Bevoͤlkerung und Handel betrifft, kann dieſe Stadt nur von Pekin oder Kan⸗ ton uͤbertroffen werden. Mehr als tauſend Junken bedeckten den Fluß an verſchiedenen Stellen. Bald langten wir in Kanton anz an den ufern des Fluſſes ſtanden Soldaten in Reihen; die Menge auf einander folgender Feſtungen donnerten uns ohne Aufhoͤren ihr Willkommen entgegen. Am 8. Jannar 4794 begab ſich der Geſandte nach Whampoa, und dieß war der Ort, an welchem Van Tadge dem Geſandten ſein Lebewohl ſagte. Waͤhrend der Ruͤckreiſe, ſchließt Anderſon ſeinen Be⸗ richt, ſiel nichts Merkwuͤrdiges vor. Am 3. Septem⸗ ber kam die Geſandtſchaft zu Spithead in England ſicher vor Anker, nachdem ſie faſt zwei Jahre von ih⸗ rem Vaterlande entfernt war. 5 11 13 2 6 ½ —— J gy ann. — 4 Die erſte Nachricht uͤber dieſes noch nicht genau be⸗ ſchriebene Land verbreitete der beruͤhmte Venezianer Marco Paolo. Dann folgten die erſten Berichte der jeſuitiſchen Miſſionaͤre 1849— 74, deren ſpaniſche Ausgabe Alcala von E. Acoſta in das Lateiniſche uͤber:⸗ ſetzt, durch Deutſchland und Italien ſehr verbreitet wurde. Die Berichte der portugieſiſchen Jeſuiten von 1574— 90, deren groͤßten Theil Ludw. Froͤs ver⸗ faßt hat, wurden in das Italieniſche und Lateiniſche uͤberſetzt, zu Rom, Venedig und Koͤln gedruckt.— Eingeborne Japaneſer ſchilderten dem P. Gregor XIII. das Land ſo lebhaft, daß deſſen Sekretaͤr G. Gual⸗ tieri 1585 dem Publikum eine Mittheilung machen konnte.— Die Briefe des roͤmiſchen Jeſuiten J. B. Peruſch von 1592— 95 wurden nach der italteniſchen Ausgabe, Rom 1698. 8., im folgenden Jahre zu Maint; 183 jene des ſchottiſchen Jeſuiten Joh. Hay 1605 zu Ant⸗ verpen und Koͤln; jene des Fr. Paſius aus Bologna 1610 zu Mainz lateiniſch mitgetheilt.— Die Ausſagen des Japaneſiſchen Geſandten Ph. Fr. Taxicara an P. Paul V. machten ſo tiefen Eindruck, daß weder deren italiſche Ausgabe zu Rom 1615. 4., noch die deutſche zu Rothweil 1617. 8. genuͤgte, ſondern auch eine ſpaniſche und lateiniſche Ueberſetzung zu Mexiko 1626 erfolgte.— Was Nik. Trigault von den Fort⸗ ſchritten des Chriſtenthums in Japan 1609— 20 be⸗ richtete, hat M. Rader mit Kupferſtichen von Sa⸗ deler 1623. 4. zu Muͤnchen wiederholt.— Sehr cha⸗ rakteriſtiſch ſind die Briefe der Jeſuiten Lud. Piney⸗ ro, Pet. Morejon und Diego de San Fran⸗ eiseo, welche zu Madrid, Liſſabon, Mailand und Manila 1647— 25 erſchienen.— Die Erfahrungen des Jeſ. A. Palmiero 4628— 30 in Japan erſchie⸗ nen gleichzeitig 1635, italiſch zu Mailand, franzoͤſiſch zu Paris, und lateiniſch zu Antverpen. Die Kirchen⸗ Geſchichten des Jeſ. Solier, und des Dominikaner Jak. Orfanel und O. Cal lado lieferten viele Bei⸗ traͤge zur Erd⸗ und Voͤlkerkunde Japans, obſchon ſie einander nach dem Geiſte beider Orten ſehr widerſpra⸗ chen.— So einfach die hollaͤndiſche Beſchreibung Ja⸗ pan's von Ph. Lucas und Fr. Caron war, ſo wur⸗ de ſie doch in das Engliſche, Deutſche und Franzoͤſi⸗ ſche uͤberſetzt, und noch in zwei Sammlungen aufge⸗ nommen.— Auch der Bericht des portugieſiſchen Je⸗ 1484 ſuiten A. Fr. Cardim, wurde in das Frauzoͤſiſche und Italiſche uͤberſetzt.— Der Auszug Arn. Maon⸗ tan's aus den hollaͤndiſchen Geſandtſchafts⸗Berichten wurde auch in das Franzoͤſtſche uͤberſetzt, und zu Amſterdam 1669— S0, zu Leyden 41686 und zu Pa⸗ ris 4687 aufgelegt. Craſſeit's franzoͤſiſche Kirchen⸗ Geſchichte von Japan wurde in das Italiſche, Portu⸗ gieſiſche und Deutſche uͤberſetzt, obſchon ſie groͤßten⸗ theils nur ein Widerhall der Stimme Solier's war.— Doch alle dieſe Berichte waren nur von ein⸗ ſeitigem Intereſſe katholiſcher Geiſtlichen diktirt; ein ganz unbefangener erfolgte erſt aus der Feder des deut⸗ ſchen Arztes Eng. Kaͤmpfer, welcher nach ſechsjaͤh⸗ rigen Reiſen durch Aſten und Afrika 1690— 92 in Japan alles genau unterſuchte. Erſt 14 Jahre nach ſeinem Tode lieferte der beruͤhmte Naturforſcher J. K. Scheuchzer zu London 172 eine engliſche Ueber⸗ ſetzung; aus dieſer folgte zu Haag 1729 eine franzoͤſi⸗ ſche, zu Amſterdam 4733 eine hollaͤndiſche, und zu Roſtock 4749 eine deutſche, bis Chr. W. Dohm die Handſchrift des Verfaſſers fuͤr eine neue Ausgabe zu Lemgp 1777— 19 benutzen konnte. Die Widerſpruͤche des Jeſuiten Charlevoix moͤgen vorzuͤglich beige⸗ tragen haben, daß Kaͤmpfer's Reiſen nach dieſer viel⸗ fachen Verbreitung erſt noch in drei Sammlungen aufgenommen, und mit erneuertem Vergnuͤgen geleſen wurden.— Eben ſo guͤnſtig wurden die Unterſuchun⸗ gen v. Haren's uͤber den kirchlichen Zuſtand von 185 Japan aufgenommen.— Die Reiſe des ruſſiſchen Grafen von Benjowsky wurde durch Liebeskind und⸗ Forſter, jene von Thunberg durch Groͤning, und die von Rikord durch Kotzebue auch den Deutſchen mitgetheilt. 57. B. China. II. 2 2 186 Karl Peter Thunbergs*) Reiſen nach China und Japan in den Jahren 1772— 1779. — Erſter Theil. I. Au Doctor der Arzneiwiſſenſchaft erhielt ich auf drei Jahre ein Stipendium von 330 ſaͤchſiſchen Thalern fuͤr eine gelehrte Reiſe. Ich begab mich am 13. Auguſt 4770 üuber Amſterdam, Leiden, Rouen nach Paris, wo Profeſſor Burmann bewirkte, * *) Geboren in Schottland 41743, zeigte ſchon in fruͤ⸗ her Jugend große Neigung fuͤr die Naturgeſchich⸗ te, und wurde bald einer der ausgezeichneteſten Schuͤler Linnée’s; 1770 ging er nach Frank⸗ reich zur hoͤheren Bildung; da ſein Freund Bur⸗ mann, Profeſſor der Botanik zu Amſterdam, einige Hollaͤnder gewann, ihn auf ihre Koſten nach Japan reiſen zu laſſen, ſo begab er ſich 4772 daß ich auf Rechnung der Oſtindiſchen Compagnie von Holland nach Afrika und Aſien reiſen konnte. Am 30. Dezember 1774 lief das Schiff aus dem Texel, am 22. Februar 1772 fuhren wir uͤber die Linie, und am 16. April kamen wir auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung bei der Dafelbai an. Die uͤble Jahreszeit erlaubte noch keine Ausfluͤge in das Innere von Afrika; daher begnuͤgte ich mich mit der Kenntniß der Stadt und ihrer Umgebung. Man findet hier verſchiedene Gemuͤſe, fuͤr welche die Saa⸗ men jaͤhrlich aus Holland geliefert werden, wie die Aepfel⸗, Birn⸗, Pfirſchig⸗, Pappel⸗ und Eichbaͤume. Der untere Theil der die Stadt umkreiſenden Huͤgel beſteht aus roth geſprengter Thonerde, welche durch die eiſenhaltige Saͤure des herabfließenden Waſſers ge faͤrbt wird.. Die Zitadelle liegt oſtwaͤrts der Stadt am Stran⸗ de, iſt mit hohen Mauren und tiefen Graͤben umge⸗ ben, und mit geraͤumigen Wohnungen fuͤr die Sol⸗ daten verſehen. Weder Ofen noch Kamine ſind in dieſem Lande ein Beduͤrfniß; wo ſie ſich finden, ſind nach dem Vorgebirge der guten Hoffnung ſowohl, als nach Japan und Ceylou. 4779 kehrte er zu⸗ ruͤck, und nahm bald Linnse’s Lehrſtuhl ein, in welchem er 1822 ſein sojaͤhriges Jubelfeſt als gkademiſcher Lehrer feierte. Seine Flora Japo⸗ nica enthaͤlt mehr als 300 vorher unbekannte Ar⸗ ten von Pflanzen. 188 ſie nur zur Zierde der Saͤle. Waͤhrend des Winters, beſonders in den Morgen und Abenden des Auguſts und Septembers ſetzen die meiſten Frauenzimmer ein verſchloſſenes Kohlenbecken fuͤr ihre Erwaͤrmung unter ihre Kleider. Spaͤter regnet es entweder oder ein hef⸗ tig ſchneidender Wind ſtreift durch die duͤnne Beklet⸗ dung. Die Temperatur der Luft iſt waͤhrend des Win⸗ ters auf dem Vorgebirge der guten Hoffnung gerade ſo, wie in Schweden waͤhrend des Auguſts, Septembers, Oktobers. Die Muͤtter halten hier ſel⸗ ten Ammen. Kinder von ſchwarzer Abkunft mit En⸗ ropaͤern vermiſcht, haben im erſten Grade eine dunkle Farbe, und werden bis zum dritten Geſchlecht ganz weiß. Im Garten der Kompagnie leiſten ſehr viele Skla⸗ ven verſchiedene Dienſte; die meiſten kommen aus Madagaskar, und werden von Offizieren der aus Indien kommenden Schiffe gekauft. Die Schiffs⸗ Offiziere verkaufen die europaͤlſchen Waaren ſehr vor⸗ theilhaft, z. B. Wein, Bier, Tabak, Eiſengeraͤthe, Kleider, Schuhe, Glas, Hausgeraͤthe, eingeſalzene Schinken, Fleiſch, Wuͤrſte, Zungen, Heringe, Stock⸗ fiſche, Lax ꝛc. Die hollaͤndiſchen Schiffe bringen ge⸗ woͤhnlich mehr kranke Mannſchaft, als andere, weil ſie zu ſtarke, zu dicke, und zu unſchicklich bearbeitete Taue haben. Sklaven verſchiedenen Geſchlechts, welche zwei Herren gehoͤren, ſind zu deren Freude oft zaͤrtlich mit 189 einander; Kinder derſelben gehoͤren ihnen. Kinder eines freigelaſſenen oder freigekauften Sklaven, welche er mit einer Sklavin erzeugt, werden ebenfalls ſo zu Sklaven erzogen, wie die Frucht eines Europaͤers mit einer Leibeigenen. Ein Herr kann feinen Sklaven zwar durch die Peitſche zuͤchtigen, aber uͤber das Leben deſſelben erhaͤlt er erſt Gewalt durch die Obrigkeit. Wird ein Leibeigener von ſeinem Herrn zu hart be⸗ handelt, ſo kann er ſich vor dem Fiskale beſchweren, und der Herr wird dann mit viel Geld beſtraft. Er⸗ bebt ein Sklave ſeine Hand gegen einen Europaͤer, ſo iſt er des Todes ſchuldig. Ein Leibeigener kann vor Gericht kein Zeugniß ablegen, noch eine Gewaͤhrſchaft leiſten, noch etwas beſitzen. Jeder Sklave iſt unbe⸗ waffnet und barfuͤſſig. Sobald er frei iſt, zieht er ſogleich Schuhe und Struͤmpfe an, und ſetzt einen Hut zum Zeichen ſeiner Freiheit auf. Alle europaͤiſche Waaren entrichten dem Fiskal fuͤnf Procente, und werden mit 30— 80— 100 Procente Gewinn verkauft. Die dicken Bambusſtaͤbe ſind, ob⸗ gleich roͤhrig, doch ſehr dauerhaft, und werden zu Lei⸗ terbaͤumen, auch zu Tragbaͤumen an Zubern und Kiſten gebraucht. Zaͤrtere und duͤnnere Baͤume benutzt man fuͤr Zaͤune und Waͤnde. Die Saamenzapfen des Sil⸗ berbaums werden zuweilen als Brennholz verwendet. Die einen Finger lange Schote eines Gewaͤchſes auf den Sandhuͤgeln um die Stadt verbreitet einen ange⸗ nehmen Geruch, wie die Erdbeeren, durch das ganze 190 Zimmer, und wird von den Frauenzimmern als Le⸗ ckerei angeſehen. Auf den Thonhuͤgeln vor der Zitadelle wurde eine Erde ausgegraben, welche mit vielen Schneckenſchalen vermiſcht war, ſie wurde in Koͤrbe gefuͤllt, und mit Waſſer geſchlaͤmmt, damit die Schalen allein uͤbrig blieben. Eben ſo wurden die am Strande haͤuſig auf⸗ geworfenen Schalen geſammelt, und zur Trocknung hoch aufgeſchuͤttet; aus denſelben wird der Kalk zu den Gebaͤuden gebrennt. Im Sommer iſt der gewoͤhnliche Wind ſuͤdoͤſtlich, im Winter nordweſtlich; fangt der Oſt⸗ oder Suͤd⸗Weſt⸗ Wind an, ſo treibt er die Wolken gegen die Berge, wo man dann einen feinen Staubregen wahrnimmt; ſpaͤter zerſtreuen ſich die Wolken unter dem Gipfel der Berge; ſind ſie aber vertrieben, ſo wehet nur der Wind fort, waͤhrend der Himmel ſich aushellt. Die Stadt hat eine reformirte und lutheriſche Kirche nebſt ihren Geiſtlichen. Im Krankenhauſe wer⸗ den die Leidenden nicht gut gepflegt, obſchon die Kom⸗ pagnie keine Koſten ſcheut, theils weil die meiſten Aerzte zu wenige Kenntniſſe beſitzen, theils weil ſie viele Arzneien verrechnen, welche die Leidenden nicht erhal⸗ ten. Blattern und Maſern ſind hier die gefaͤhrlichſten Krankheiten; man fuͤrchtet ſie, wie anderwo die Peſt. Kommt ein Schiff mit einem ſolchen Kranken an, ſo wird es an einen entfernten Ankerplatz verwieſen, und dort mit den noͤthigſten Huͤlfsmitteln verſehen. Im 191 Jahre 1743 wurden die erſten Blattern, durch ein daͤ⸗ niſches Schiff hieher gepflanzt, und richteten unter den Europaͤern und Hottentoten eine ſolche Verwuͤſtung an, daß nur drei Haͤuſer verſchont bliehen, und die meiſten Hottentoten, auf dem Felde oder Wege liegen blieben ohne begraben zu werden. In den Jahren 1155 und 1767 wurden ſie wieder durch daͤniſche Schiffe ein⸗ gefuͤhrt; ſeitdem ſind ſie nicht mehr erſchienen. Die letztern Ausbruͤche der Maſern ſind nur durch die Un⸗ geſchicklichkeit der Aerzte verheerend geworden. Einige Staſſen der Stadt ſind mit Kanaͤlen ver⸗ ſehen, welche aus den benachbarten Bergen gefuͤllt werden. Die Stadt hat drei große Marktplaͤtze, der erſte iſt durch die reformirte Kirche und ein Waſſer⸗ werk, der zweite durch das Rathhaus ausgezeichnet, auf dem dritten verkaufen die Landleute neben einer Kaſerne. Auf dem Strande ſind mehrere Batterien angelegt, welche gegen die Schiffe fremder Nationen dienen. Die Zitadelle iſt geſichert gegen inlaͤndiſche, wie gegen auswaͤrtige Feinde. II. Auf dem Paartberge iſt die Kaͤlte des Morgens und Abends weit ſtaͤrker als auf dem Kap, und der Reif ſchadet dem Gemuͤſe in den Gaͤrten ſehr viel. Der Oſtwind ſoll zuweilen ſo heftig ſeyn, daß die Koͤrner aus dem Waitzen geblaſen werden. Die meiſten Gaͤrten liegen am Fuſſe des Berges, und wer⸗ den durch die von ihm herab rinnenden Baͤche gewaͤſ⸗ * 14092 ſert. Der uͤbrigens gute Boden wuͤrde mehr bebaut werden, wenn der Mangel an Waſſer die Magerkeit deſſelben befoͤrderte. Jeder Landmann ſelbſt baut ſein Haus aus Ziegeln oder Lehm, Koth und Sand. Alle haben viele Pferde, Ochſen, Kuͤhe, Schafe, Ziegen, Enten und Gaͤnſe, welche am Morgen auf die Huͤgel geſchickt, und von einem Sklaven gehuͤtet, Abends aber wieder nach Hauſe getrieben werden, wo ſie in⸗ nerhalb einer Lehmwand unter freiem Himmel liegen. Um Woͤlfe zu fangen, erbaut man ein viereckiges Haus aus Ziegeln oder Lehm, und deckt es nur mit einigen Baumzweigen. Daſſelbe bekommt eine niedere Oeff⸗ nung, vor welcher eine Fallthuͤre uͤber ein Loch befind⸗ lich iſt. In der Huͤtte iſt eine Lockſpeiſe an einem Stricke und Zapfen befeſtigt; ſo bald der Wolf dieſe beruͤhrt, iſt er gefangen. Obſchon auf dem Paart⸗ berge erſt vor 50 Jahren Reben gepflanzt wurden, ſo iſt doch der Weinbau ſchon hoͤchſt bluͤhend. Jede— eingeſenkte Rebe traͤgt ſchon im folgenden Jahre Fruͤchte. Alle Landbauern oder Koloniſten ſind Buͤrger und Soldaten zugleich, welche auf jeden Befehl das Land vertheidigen muͤſſen. In ploͤtzlicher Gefahr vor Fein⸗ den wird durch Kanonenſchuͤſſe und Aufſtecken der Flaggen ſchnell das ganze Landvolk aufgeboten. Deß⸗ wegen liegen Kanonen, neben welchen eine Flagge ſteht, in beſtimmter Entfernung von einander. Durch die Flagge wird jedoch auch die Ankunft einer großen fremden Flotte angekuͤndigt. 193 Gegen den hier haͤufigen Biß der Schlangen wird das Blut der Waſſeerſchildkroͤte als das wirkſamſte Mittel geruͤhmt. Man trocknet es zu duͤnnen Schup⸗ pen, in welcher Geſtalt es die Landleute auf Reiſen mit ſich tragen. Wird Jemand von einer Schlange gebiſſen, ſo belegt er die Wunde nur mit dieſem trock⸗ nen Blute. Gicht, Podagra und Waſſerſucht ſind unter dem gemeinen Volke ſehr haͤufige Erſcheinungen, theils wegen des haͤufigen Genuſſes von Wein, theils wegen der oft wechſelnden kalten Winde. Das Gras gedeihet hier zwiſchen dem hellen San⸗ de ſo duͤnn, daß man nicht mit Vergnuͤgen darauf ruht. Die Gerſte wird wegen ihres ſchnellen Wuchſes gewöhnlich zweimal geſchroͤpft, und den Pferden vor⸗ gelegt. Kommen dieſe Abends von der Weide zuruͤck, ſo werden gewoͤhnlich einige Buͤnde geſchroͤpfter Ger⸗ ſte ihnen gereicht. Die Kunſt, aus dieſer Frucht Bier zu brauen, kenut man auf dem platten Lande noch nicht; daher deſſen Bewohner ſeinen Durſt mit Waſſer, Thee, Kaffee und Wein ſtillet. In der Stadt iſt zwar eine große Brauerei angelegt; allein das Bier blaͤhet außerordentlich, und wird ſo ſchnell ſauer, daß das engliſche, daͤniſche und hollaͤndiſche deſto hoͤher geſchaͤtzt wird. Die Weinberge werden jaͤhrlich umgegraben; doch ohne daß die Weinſoͤcke beſchaͤdigt oder verruͤckt werden. Bei dem Duͤngen wird die alte Erde um die Weinſtoͤcke weggegraben, und in dieſe Grube der Duͤn⸗ ger geworfen. Stirbt ein Weinſtock aus, ſo biegt man 194 einen Zweig des naͤchſten Stockes in die Grube; die ſer treibt dann bald hervor, und wird bloß beſchnitten. Am Ende Juni kehrte ich in die Kapſtadt zuruͤck. Bei meiner Ankunft wurden 59 Hottentotten einge⸗ fuͤhrt, welche im tiefen Innern des Landes an den Koloniſten große Gewaltthaͤtigkeiten veruͤbt hatten. Sie waren von Kapitain Kes in einer Bergkluft ge⸗ fangen worden, weil ſie zweien Koloniſten das Vieh geſtohlen, mehrere Bauern erſchlagen, die Haͤuſer ge⸗ pluͤndert, und ſich mit Schießgewehr verſehen hatten. Sie leugneten zwar ihr Verbrechen nicht; entſchuldig⸗ ten es aber durch die jaͤhrlich zunehmenden Anmaßun⸗ gen der Europaͤer gegen ihre Beſitzungen, von welchen ſie immer tiefer in das Land— waͤhrend ſie ſelber von andern Höttentotten zuruͤck getrieben, und ermordet wuͤrden. Dieſe Menſchen waren ſchwarzbraun, ganz nackt, um die Lende mit einer Binde verſehen, und hatten auf dem Ruͤcken ein Schaffell, welches ſich vorn in einer Muͤtze uͤber dem Kopfe endigte. Auf den Schul⸗ tern der Weiber, oͤfters von 11— 12 Jahren, ſaßen deren Kinder; alle waren mit Ohrgehaͤngen und brei⸗ ten Metallringen an den Armen geziert. Der Mund und die Backenknochen ſtanden ſehr hervor, und gaben ihnen dadurch eine Aehnlichkeit mit den Affen. Am 28. Juni feierten die Einwohner von Java ihr Neujahr. Sie hatten ein Zimmer mit Teppichen, an den Waͤnden, der Decke, und auf dem Fußboden verziert. An der vordern Wand war ein Altar errich⸗ 195 tet, in deſſen Mitte ein bis zur Decke ſich erhebender Pfeiler ſtand, und mit ſchmalen Streifen von Gold⸗ papier und Seidenzeug behaͤngt war. Unten ſtanden Flaſchen mit Bluͤthenzweigen. Vor dem Altare lag ein Polſter, auf dieſem ein grofes Buch, vermuthlich der Koran. Die im Zimmer ſtehenden oder ſitzenden Weiber waren ſehr geputzt, und die Maͤnner hatten ſich in ihre Talare aus Katun oder Seidenzeug gehuͤllt. Mehrere gelbe Wachslichter wurden angebrannt, auch Rauchwerk in dem Zimmer angebracht. Viele wehten ſich durch Sonnenfaͤcher einige Kuͤhlung zu, welche wegen der großen Menge Volkes ſehr noͤthig war. Zwei Prieſter mit Infeln unterſchieden ſich von den uͤbrigen, welche nur ein um den Kopf gewickeltes Tuch in der Form eines Turbans trugen. Um acht Uhr er⸗ oͤffnete ſich der Gottesdienſt, mit bald hoͤherem, bald tieferem Geſange des Prieſters, oder der ganzen Ver⸗ ſammlung; dann las jener aus dem großen Buche etwas vor, was dieſe oͤfters nachlallte. Waͤhrend des Leſens und Singens tranken ſie zugleich Kaffee, und der Vornehmſte ſpielte auf einer Art von Violine. Auf der oͤſtlichen Seite, laͤngs dem Tafelberge herrſchte der Suͤdoſtwind nicht ſo ſtark, wie auf dem Kap'; deßwegen findet man auch hier Gebuͤſche und Waͤlder; unter andern auch Fichten mit vortrefflichen Thronen. Die wilden Traubenſtoͤcke prangten im Juni mit rothen Beeren, welche wie die Kirſchen gegeſſen werden. * 1496 Im Anfange des Juli machte ich eine Wanderung nach Konſtantia, und den umher liegenden Haͤfen.* Die an einigen Orten herabrinnenden Baͤche erſchwer⸗ ten das Fortkommen ſehr. Eiſenhaltige Steine finden ſich hier ſowohl, als naͤher gegen das Kap. Die leich⸗ ten hellen Wolken hatten einen ganz entgegengeſetzten Lauf; die untern kamen aus Suͤdoſt, und die obern aus Nordweſt. Das Vieh wird hier waͤhrend der Nacht in einer offenen Schuppe verwahrt. Am 21. Juli reiſte ich nach Paarl und Stel⸗ lenboſch. Auf dem Kap ſieht man, wie der Hori⸗ zont der Landſeite ſich mit einem hohen Gebirge en⸗ digt, welches ſich uͤber das ganze Land fortzieht. Die⸗ ſe Strecke einer Sandwuͤſte hat großen Mangel an Waſſer. Reiſende, welche kein Waſſer mit ſich tragen, koͤnnen den brennendſten Durſt nur durch Huͤlfe der ſchwarzen Hirter loͤſchen; waͤhrend des Winters aber ſteht faſt der ganze Bezirk unter Waſſer. Im April und Mai pfluͤgt und ſaͤet man; im Juni und Juli werden 10— 12— 16 Jahre brach gelegene Aecker umgearbeitet. Die groͤßeren Straͤuche werden vorher ausgereutet; die kleineren dem Pfluge uͤberlaſſen; alle aber geſammelt und auf dem Acker verbrannt, weil die Aſche als guter Duͤnger betrachtet wird. Die Brandſtelle zeichnet ſich immer durch haͤufigeres und beſſeres Gras, wie ein Huͤgel vor dem uͤbrigen Felde aus. Der Waizen gibt hier nicht nur das achte oder zehnte, ſondern auch das zwanzigſte oder fuͤnf und zwan⸗ ⸗ zigſte Korn; an andern Orten noch mehr. Der Amei⸗ ſenfreſſer graͤbt ſich große Hoͤhlen in die Erde, um ſich waͤhrend des Tages gegen ſeine Feinde zu ſichern. Von ſeinem Fleiſche ſind beſonders die geraͤucherten Schinken beliebt. Er lebt von verſchiedenen Arten der Ameiſen; beſo ders naͤhrt er ſich von jenen großen rothen, welche hier ſehr zahlreich ſind, und ihre Woh⸗ nung aus Thon bauen. Wird die Tochter eines Anſiedlers hier von einem ſchwarzen Sklaven geſchwaͤngert, ſo wird dieſer ge⸗ woͤhnlich weggejagt; ſobald ſie ſich gegen eine beſtimmte Summe einen andern Mann gekauft hat. Die Land⸗ leute ſind ungemein gaſtfrei; ſie verpflegen jeden Rei⸗ ſenden unentgeldlich auch bei laͤngerem Aufenthalte; deſto theuerer iſt die Wohnung und Koſt in der Kap⸗ Stadt ſelbſt. Unter 14/2 Thaler kann man nicht leben⸗ Der Landmann genießt gewoͤhnlich um 7 Uhr ſein Fruͤhſtuͤk, um 11 Mittag, um 4 Uhr Veſper, und um 8 Uhr Abendbrod. Wenige Soldaten koͤnnen ſich vortheilhaft verehe⸗ lichen; denn da er mit der Frau außer der Zitadelle wohnen muß, ſo geraͤth er in Schulden, wegen wel⸗ cher er dann nach Batavia geſchickt wird. Deſſen ungeachtet wuͤrde die Kolonie durch die zahlreiche Ver⸗ ehelichung der Soldaten gewinnen. III. Im Auguſt endigt ſich der Winter; die Flu⸗ ren prangten ſchon mit bluͤhenden Pflanzen; ich mußte 1983 alſo meine Reiſe in das Innere des Landes vorberei⸗ ten. Ich verſah mich mit den noͤthigen Kleidungs⸗ ſtuͤcken, mit Kaͤſten und Saͤcken fuͤr Zwiebeln und Saͤ⸗ mereien, mit vielen Schachteln und Nadeln fuͤr In⸗ ſekten, mit einem Faͤßchen Arak, um Schlangen und andere Amphibien aufzubewahren; mit Baumoͤl und Kiſten fuͤr die Ausſtopfung und Aufbewahrung der Voͤgel; mit ſteifem Papier fuͤr das Auftrocknen der Pflanzen, mit Thee und Zwieback fuͤr mich ſelbſt, mit Tabak fuͤr die Hottentotten, endlich mit Gewehren, Pulver und Kugeln, und vielen Schuhen, welche fuͤr vier Monate zureichen ſollten. Denn das in Indien bereitete Leder iſt gewoͤhnlich nicht ſehr ſtark, und die ſcharfen Steine auf den Bergen nutzen die Schuhe ſehr bald ab. Ich nahm ein Reitpferd, und einen mit Segeltuch beſpannten Ruͤſtwagen, welchen drei paar Ochſen waͤhrend der Reiſe ziehen ſollten. Mei⸗ ne Gefaͤhrten waren der Gaͤrtner Auge, welcher ſchon achtzehn Jahre Reiſen in das Innere gemacht hatte; der Lieutenant Immelmann und der Ser⸗ geant Leonhardi, welche beide ihre Jagdluſt be⸗ friedigen wollten, und endlich zwei Hottentotten, deren einer Kutſcher, der andere Ochſentreiber war. Der Pferde bedient man ſich nur zum Reiten; in der Stadt werden die Laſten auf den Schultern fortge⸗ ſchafft. Wollen entfernte Landleute in die Stadt ſich begeben, ſo haben ſie gewoͤhnlich— 8 unangeſpannte 199 Ochſen bei ſich, damit ſie waͤhrend der Reiſe wechſeln koͤnnen. „Am 1. September brachen wir auf. Vom Kap kamen wir nach Jan Beſis Kraal, dann nach Grone Kloof, wo wir eine Woche verweilen muß⸗ ten, weil das Zuruͤckprallen der Sonnenſtrahlen von dem Sande meine Augen ſehr heftig entzuͤndet hatte. Am 14. kamen wir nach Saldanhabei, wo man weder Weingaͤrten noch Saataͤcker, aber deſto mehr Vieh ſieht; doch wird die gute Buttermilch nur den Kaͤlbern und⸗ Hunden gereicht. Wir fuhren uͤber die Bai zu einem Poſten der Kompagnie, wo wir einige Tage verweilten. In der Bai waren viele Sandbaͤnke, auf deren Inſeln wuchs ſehr viel Gras, aher es fehlt an Schafen und Ochſen, es zu verzehren. Um die In⸗ ſel werden viele Robben gefangen, aus deren Speck ein guter und brauchbarer Thran bereitet wird. Die Haut der kleinen wird zu Jaͤgertaſchen und Tabaks⸗ beuteln benutzt; die groͤßern ſind oͤfters 14— 1500 Pfund ſchwer. Einſt ward ein Soldat auf die Rob⸗ benjagd ausgeſchickt, und hatte ein Thier erlegt, wel⸗ ches ihm ganz todt ſchien. Er wollte alſo die Adern zur Abzapfung des Blutes aufſchlitzen, weil ſonſt der Thran nicht gut wird; allein in dieſem Augenblicke faßte der Robbe ſeine Hand; ſo ſchnell er ſie auch zuruͤckzog, ſo hatte er doch den Daumen verloren, welcher mit den Sehnen nach der Laͤnge heraus geriſ⸗ ſen wurde. 200 Von Saldanhabai begaben wir uns nach Thee⸗Fontain zuruͤck, und dann mittelſt einer Faͤbre uͤber den Bergbezirk. Die Kluft, durch welche wir von dem niedrigen Sandfelde kamen, iſt eine der wenigen Stellen, uͤber welche man mit einem Wagen kommen kann. Sobald wir die Berge uͤberſchritten hatten, ſchien uns das jenſeitige Land noch hoͤher zu ſeyn. Auf einer Seite wird es von Bergen einge⸗ ſchloſſen, welche waͤhrend des ganzen Jahres mit Schnee bedeckt ſind. Auf der andern iſt es offen, und bat nur ein Vorgebirge, welches ſich immer mehr in die Breite nach Suͤden ausdehnt. Am 1. Oktober gingen wir uͤber den Witſenberg, jenſeits deſſen eine Flaͤche war. Auf dieſer Hoͤhe ſahen wir den Ta⸗ felberg am Kap. Wegen der Kaͤlte und des ſpaͤten Sommers bluͤhen hier die Pflanzen einen Monat ſpa⸗ ter, als am Kap. Der Schuee faͤllt oͤfters drei Fuß boch, und bleibt mehrere Tage liegen; weiter oben baͤlt er ſich noch laͤnger. Hinter dieſem Thale thuͤr⸗ welcher das Bakefeld iſt. Nach meiner Ruͤckkehr ſah ich den bekannten Schlan⸗ genſtein, welcher von der malabariſchen Kuͤſte um 10 bis 12 Thaler eingefuͤhrt wird. Er iſt rund, kugelicht, ſchwarz, mit einem aſchfarbenen Flecken in der Mitte, und zugleich ſehr feinroͤhrig. Legt man ihn in Waſſer, ſo erprobt ſich ſeine Guͤte aus der Menge aufſteigender Blaſentz zugleich aber muß er am Gaumen kleben, en ſich mehrere Reihen von Gebirgen auf, jenſeits — 201 wenn man ihn in den Mund nimmt. Legt man ihn auf die von einer Schlange gebißene Stelle, ſo ſaugt er ſich in die Wunde feſt, und zieht das Gift hervor; iſt er damit geſaͤttiget, ſo faͤllt er von ſelbſt wieder ab; wird er alsdann in Milch gelegt, ſo ſoll er dieſe blau faͤrben, und ſich von ſeinem eingeſogenen Gifte reini⸗ gen. Wird ein Hottentott von einer Schlange gebif⸗ ſen, ſo ſucht er einen Froſch und reibt mit demſelben ſeine Wunde, wenn er nicht die Kunſt verſteht, das Gift mit dem Munde aus der Wunde zu ſaugen. Auf gleiche Art vertreiben auch die Einwohner von Indien die Schlangen mit Zwiebeln und Knoblauch. Wir kamen an einen Bergruͤcken, auf deſſen einer Seite eine große und tief eindringende Spalte ſich befindet, in welche alle Schlangen der Umgebung waͤh⸗ rend des Herbſtes kriechen, um ihren Winterſchlaf zu finden. Sobald im Fruͤhlinge die Waͤrme zunimmt, ſieht man viele Schlangen verſchie dener Art, oft in ungeheuere Knaͤueln mit einander verwickelt, aus die⸗ ſer Gegend ſich hervorwaͤlzen, worauf dann jede ihre Rahrung und Schlupfwinkel wieder ſucht. Das warme Bad entſpringt am Fuſſe des Ber⸗ ges, auf der Oſtſeite in einem ſandigen Boden. Von den ſieben Quellen iſt eine groͤßer und ſiedet ſtaͤrker, als die andere. Das Waſſer ſteigt, wie ein Dunſt, aus einem kochenden Topfe hervor, welcher ſich auch uͤber den ablaufenden Rinnen auf zwei Buͤchſenſchuͤſſe zeigt. Obſchon die Waͤnde und der Boden der Rinnen 57. Bd. China. II. 2. 6 202 keinen Satz haben, ſo hatten doch die Steine derſelben, welche uͤber die Oberflaͤche des Waſſers etwas hervor⸗ ragten, eine graue Rinde. Ein Knaͤuel blauer Wolle aͤnderte im Waſſer ſeine Farbe ſo wenig, als blaues Zuckerparier, zum Beweiſe, daß keine Saͤure darinn enthalten war. Durch beigemiſchten Bleizucker bekam das Waſſer eine Milchfarbe, und China⸗Pulver mach⸗ te es etwas braun. Die Quelle lauft allzeit gleich ſtark, und iſt im Sommer heißer. Man kann Lein⸗ wand in dem Waſſer reinigen, ohne daß ſie ſich etwas faͤrbt; auch laͤßt ſich Fleiſch dariun kochen, ohne daß es unſchmackhaft wird. Alles dieſes beweiſet die Rein⸗ heit des Waſſers. Aus den Quellenadern ſammelt ſich das Waſſer in groͤßeren oder geringeren Hoͤhlen, in welche man ſich ſetzen kann, wenn man das Bad be⸗ nutzen will. Ueber einige Hoͤhlen ſind kleine Huͤtten gebaut, neben welchen kaltes Waſſer von den Bergen herabgeleitet wird. Wer dieſes Bad unbedingt ge⸗ braucht, ſetzt ſich einer großen Gefahr aus; denn die Hitze des Waſſers vermehrt das Herzklopfen, treibt das Blut nach der Oberflaͤche und den hoͤheren Thei⸗ len des Koͤrpers, und zieht es immer ſtaͤrker vom Kopfe ab; weßwegen oͤfters Ohnmachten, Eckel und Erbre⸗ chen folgen. Am 16. Oktober gingen wir uͤber einen ſehr tie⸗ fen Fluß auf Philipp⸗ und Jaeob⸗Bota. In dieſer Gegend ſah ich Katzen⸗Silber, mit durchſich⸗ tigem kryſtalliſirtem Kalkſpathe gemiſcht; auch Bergpech⸗ 203 welches die Landleute fuͤr verdickten Urin des großen Kap'ſchen Meerſchweines halten. Dieſes Peches, wel⸗ ches in Bergritzen ſehr haͤufig gefunden wird„bedie⸗ nen ſich die Landleute, beſonders bei Beinbruͤchen. Der Wachsſtrauch, deſſen Beere mit einer dem Wach⸗ ſe aͤhnlichen Fette umgeben ſind, wird ganz im Waſſer geſotten, um die Fettigkeit ſchmelzen und abſchaumen zu koͤnnen. Was man abſchoͤpft, hat das Anſehen ei⸗ nes grauen unreinen Wachſes, iſt haͤrter als Talg, und etwas lockerer als Wachs. Die Bauern bedienen ſich derſelben zur Beleuchtung, die Hottentotten aber eſſen es, wie ein Stuͤck Brod, mit oder ohne Fleiſch. Am 18. Oktober kamen wir nach Swellendam dem Sitze eines Landdroſtes, wo wir einige Tage zur Ausbeſſerung unſers ſchlechten Fuhrwerkes verweilten. In dieſer Gegend iſt das Landgras reicher, und mehr einer Wieſe aͤhnlich. Die Berge fingen an in großen Abſaͤtzen und Vorſpringen zu endigen. Die Viehheer⸗ den wurden groͤßer und haͤufiger, aber die Wein⸗ und Saatfelder ſeltener. Unter mehreren Arten der Vieh⸗ ſeuche iſt vorzuͤglich die Brandſeuche herrſchend, wel⸗ che zuerſt die Lunge und Leber, dann den ganzen Koͤr⸗ per ergreift, und das Fleiſch ſo muͤrbe macht, daß es gar nicht mehr zuſammenhaͤngt, und auseinander faͤllt. Wir nahmen auf dem Gute der Kompagnie einen groͤßern mit Segeltuch uͤberſpannten Wagen, nebſt zehn andern Ochſen, um unſere Reiſe nach dem Lande der Kaffern fortzuſetzen. Hier ſahen wir, wie die 204 aus Lehm erbauten Huͤhnerhaͤuſer in der Form der Backoͤfen durch das Anzuͤnden einigen Strohes von dem Urgeziefer gereinigt werden. Das daſelbſt befind⸗ liche Kamaſſie⸗Holz wird zu Schraͤnken und Meub⸗ les verwendet, wie das dem Wallnußbaume gleichende ſtinkende Holz. Das gelbe Holz iſt ſehr ſchwer, licht⸗ gelb, und wird zu Diſchen und Baͤnken verarbeitet, wie das weiße und ſchwere Holz des Oelbaums zu Stuͤhlen. Obſchon der Boden ſo fruchtbar iſt, und die Wurzeln eines jeden duͤnn geſaͤeten Getreides ſo haͤu⸗ ſig ausſchlugen, daß jedes Korn viele Aehren trug, ſo gab es doch nur ſehr wenig Waizen. Waͤhrend ich mich wunderte, vierzig Waizenaͤhren aus einem Korne zu zaͤhlen, ſagte man mir, daß die Zahl derſelben zuwei⸗ len auf achtzig ſich belaufe. Am 29. Oktober beſchloſſen wir, unſern Wagen mit Herrn Immelmann voran zu ſchicken. Wir ſelbſt wollten auf einem Umwege durch das grasreiche und waldige Land zur Rechten, gegen den Strand reiten, dann an einer andern Stelle uͤber die Berge ſteigen, um unſern Wagen einzuhohlen. Das ganze Land war erhaben, und beſtand faſt nur aus flachen grasreichen Feldern, kleinen Huͤgeln und waldigen, waſſerreichen Thaͤlern.— Geſchwendetes Land bemerk⸗ te man hier an mehreren Orten, obwohl es dem im Norden verbrannten Schwendlande nicht gleich kommt. Verſchiedene Striche haben ein ſehr hohes ſieifes und rauhes Gras, welches fuͤr das Vieh untaug⸗ 205 lich iſt, das Aufkommen des guten Graſes hindert, und zugleich viele Schlangen und Raubthiere in ſich verbirgt. Ein ſolches muß immer erſt in Brand ge⸗ ſteckt werden, damit das junge Gras aus der Wurzel aufſchießen kann. Waͤhrend unſerer Wanderung wurden wir faſt taͤglich von fallenden Regenſchauern benaͤßt, mit wel⸗ chen öͤfters auch Gewitter verbunden waren. Da um dieſe Zeit auf dem Kap ſtets helles Wetter iſt, ſo ſcheint es, als hoͤre der Winter in naſſer Jahreszeit nie auf. Der Regen war uns um ſo laͤſtiger, je ſel⸗ tener wir ein Obdach fanden, und je kuͤrzere Zeit die Sonne zwiſchen den Schauern ſchien, um unſere uaſ⸗ ſen Koͤrper zu trocknen. Auch war der Boden beſon⸗ ders auf Anhoͤhen ſo feucht und ſchluͤpfrig, daß die unbeſchlagenen Pferde ſtets ausglitten, und wir oͤfters in Gefahr waren, unſere Arme und Beine zu brechen. Im Aufange November ſetzten wir uͤber verſchie⸗ dene Fluͤſſe, und durch Waͤlder voll dornigen Geſtraͤu⸗ ches. Wir konnten nicht anders durchkommen, als auf den Steigen der Hottentotten, auf welchen wir aber mehr kriechen als geben, und unſere Pferde hin⸗ ter uns leiten mußten. Schon im erſten Walde hat⸗ ten wir das Ungluͤck, auf einen großen wilden Buͤffel zu ſtoßen, welcher allein auf einer etwas freien Stelle lag. Der voran reitende Gaͤrtner Auge hatte ihn nicht wahrgenommen, als er ſchon mit einem ſchreck⸗ lichen Gebruͤlle ihm entgegen kam. Er ſchwang ſich 206 mit ſeinem Pferde hinter einen dicken Baum ſo ſchnell, daß der Buͤffel ihn nicht mehr ſah, ſondern das Pferd des Sergeanten ſo heftig in den Leib ſtieß, daß es ſogleich auf den Ruͤcken ſiel, die vier Fuͤſſe aus⸗ ſtreckte, und nach ausgeſchuͤtteten Gedaͤrmen ſeinen Geiſt aufgab. Indeſſen war der Gaͤrtner und der Ser⸗ geant guf den Baum geklettert, wo ſie ſich ſicher glaubten. Da ich Pflanzen in mein Sacktuch ſammel⸗ te, ſo war ich, wie gewoͤhnlich, auch dieſes Mal et⸗ was zuruͤckgeblieben. Sobald der Buͤffel das zweite Pferd des Sergeanten wahrnahm, ſiel er es mit ſol⸗ cher Wildheit an, daß er mit den Hoͤrnern nicht allein die Bruſt, ſondern auch den Sattel durchſtieß, und es ſo heftig auf den Boden warf, daß es ſogleich todt war. In dieſem Augenblicke kam ich aus der Oeff⸗ nung des Waldes hervor, aber bei einem ſolchen dich⸗ ten Geſtraͤuche, daß ich weder mein Pferd lenken, noch ſelbſt auf die Seite kommen konnte. Ich mußte es alſo ſeinem Schickſale uͤberlaſſen, und mich auf einen andern großen Baum fluͤchten. Erſt durch ſtarkes Rufen konnte ich mich des Lebens meiner vor Angſt zitternden Gefaͤhrten verſichern. Durch einige Hotten⸗ totten ließen wir unſere Saͤttel uͤbernehmen, und kehrten nach der Entfernung des Buͤffels an einen Maierhof zuruͤck. Wir draͤngten uns durch dichte Ge⸗ ſtraͤuche, und kamen an den Fuß eines Berges voll Klippen, auf welchem Robben lagen und ſchliefen, weßwegen er auch der Robbenberg genannt wird⸗ 207 Er erſtreckt ſich, wie eine Halbinſel in die See, und iſt von allen Bergen verſchieden, die ich in Afrika geſehen habe. Die mittlere Schicht beſteht aus harten Konkretionen runder und eckiger Kie elſteine unbeſtimm⸗ ter Figur und aus verhaͤrtetem Kalke. Die oberſte Schicht ſchien ein brauner Fels zu ſeyn, die unterſte war Sandſtein. Auf einer andern Seite des Berges befand ſich ein verhaͤrteter, vom Meere ausgeſtoßener Sand, welcher manchmal mit Thonerde verwachſen, in roͤhrichter Geſtalt, und in abgeſonderten Stuͤcken war. Am flachen Fuſſe des Berges auf der Seeſeite befanden ſich mehrere Gruben, theils von ganz runder, theils von laͤnglichter Geſtalt. Auf einer Seite war das Waſſerbett ein weißgrauer, fetter Quarz. Nebſt dem hatte der Berg lange Kluͤfte und Spalten, in welchen dicke, mit feinen Flocken uͤberzogene, und bis⸗ weilen grauliche Stalaktiten haͤngen. IV. Nach vielen Beſchwerden kamen wir im Jaͤn⸗ ner 1713 wieder in die Stadt; mein erſtes Geſchaͤft war, die geſammelten Thiere, Gewaͤchſe und Saamen zu ordnen, und mit den nach Europa beſtimmten Schiffen abgehen zu laſſen. In der Mitte Jaͤnners beſtieg ich in Geſellſchaft des beruͤhmten Reiſenden Sonnerat den Tafelberg; er hatte fruͤher noch keine Gelegenheit gehabt, Bergpflanzen zu ſammeln, und brachte an dieſem einzigen Tage mehr als 300 Arten zuſammen, mußte aber barfuß zuruͤckkehren, 208 ohngeachtet er drei Paar Schuhe mitgenommen hatte. Denn das oberſte Lager des Tafelberges ziehet ſich horizontal, das unterſte ſteht aufrecht und jaͤhe. Die oberſten Steinarten ſcheinen vulkaniſche Aſche, die mittleren Trapp, die untern Gaͤnge Schiefer zu enthalten. Auf dem obern Tafelberge findet man einzelne ſchon verwitterte Steine, und hervorſtehende feſte Felſen. Die großen am Fuſſe des Berges liegen⸗ den ſehen wie urſpruͤngliche, ſchon etwas verwittert: Gebirgsarten aus. Die Quarzſteine, welche ſowohl inwendig, als auf der Oberflaͤche ſitzen, ſcheinen hier nicht gebildet zu ſeyn, indem ſie von den Steinarten nur eingeſchloſſen, und nicht mit ihnen ſelbſt verwach⸗ ſen, und zuſammen geleimt ſind. Dieſe ſind in den niedrigſten Lagern ganz locker, dunkler Farbe, leicht zerreibbar, und verwittern ſowohl durch die Luft, als durch das Waſſer. Auch dieſer Gang ſtreicht von Suͤ⸗ den gegen Norden, iſt nicht immer horizontal, ſon⸗ dern neigt ſich gegen Weſt, und ſteht gegen Oſt, mit verwitterten Lamellen aufrecht, welche ſich ſelbſt unter die Meeresflaͤche erſtrecken. Auf meinen vielen Reiſen an der Kuͤſte von Afri⸗ ka wurde ich immer mehr uberzeugt, daß das ganze Gebiet des Kap's nur ein Berg iſt; denn die groͤßten wie die kleinſten Bergruͤcken erſtrecken ſich von Suͤdoſt nach Nordweſt, und halten den naͤmlichen Strich,⸗ wie die hier herrſchenden Winde. Sie liegen zwar einander parallel, doch in ſo ungleichen Abſtaͤnden, 209 daß einige Thaͤler ſchmaͤler, andere breiter, und oͤfters gut angebaut ſind. Merkwuͤrdig iſt, daß wenn man von der Stadt in das Land reiſend, uͤber einen Berg ſchreitet, das Land jenſeits immer hoͤher wird, je wei⸗ ter man kommt. Deßwegen wird das Klima auf den Bergen immer kaͤlter; im Winter faͤllt dort Schnee, bisweilen auch Hagel einen Fuß hoch, welcher mehrere Tage oder Wochen liegen bleibt, ohne zu ſchmelzen. Noch im October ſah ich auf den beſchueiten Berg⸗ ſpitzen Hagel liegen, waͤhrend das unten liegende Land in der ſchoͤnſten Sommerbluͤthe war. Daraus mag er⸗ hellen, warum ein Bezirk auf einer Seite hoͤchſt frucht⸗ bar und angebaut, auf der andern nackt, verdorrt, oͤde und unzugaͤnglich iſt. Im Maͤrz brachte ich einen Tag auf dem Tafel⸗ berg zu, und hatte des Abends auf der Ruͤckkehr ei⸗ nen eben ſo ſonderbaren, als ſchoͤnen Anblick. Die im Oſten aufgehende Sonne ſchreitet naͤmlich nicht, wie in Europa, gegen Suͤd fort, ſondern gegen Nord, und ſinkt endlich auf der weſtlichen Seite des Berges in den Ozean. Daher iſt erklaͤrbar, daß der Morgen auf der nordoͤſtlichen Seite eher eintritt, und die Son⸗ ne auch eher ſcheint, waͤhrend auf der ſuͤdweſtlichen Seite die Sonne ſpaͤter untergeht, und der Abend ſich verlaͤngert. Auf der Spitze des Tafelberges ſah man um 5 Uhr Abends gleichſam zwei verſchiedene Welten; die weſtliche prangte mit dem hellſten Horizonte und dem ſchoͤnſten Glanze der Sonne; waͤhrend die oͤſtliche .210 in Finſterniß, und in einen dieken uͤberhangenden Nebel gehuͤllt war. Dieſer ſtieg aus dem erhitzten Lande auf, verdickte ſich in der ſchleunig abgekuͤhlten Luft, und wurde ſo ſtark, daß man von dem ganzen Lande nichts ſah, ſondern alles eine ebene Wolke ſchien, und daß die vorher ziemlich gleiche Ausſicht auf beiden Seiten des Berges jetzt hoͤchſt verſchieden wurde. Im Man beſchaͤfftigte ich mich vorzuͤglich mit dem Botaniſiren. Eingeweihte wiſſen, daß man das Oeff⸗ nen und Schließen der Blumen als eine Uhr anſehen kann, um die Stunden des Tages zu beſtimmen, und zugleich heiteres und ungeſtuͤmes Wetter vorher zu ſagen, So oͤffnet ſich die Moeraea undulata nicht eher, als um 9 Uhr des Morgens, und ſchließt ſich um 4 Uhr Abends. Dagegen oͤffnet ſich die Ixia cin- namomoca um 4 Uhr Abends, und verbreitet waͤh⸗ rend der ganzen Nacht den angenehmſten Geruch. Mehrere Blumen der Zwiebelgewaͤchſe zeigen die Wit⸗ terung dadurch an, daß ſie ſich jenen Morgen nicht oͤffnen, an welchem Tage Regen bevorſteht, und daß ſie ſich allzeit eine Stunde vorher ſchließen, ehe der Regen kommt. V. Im Anfange September erinnerte mich der reitzende Fruͤhling an die Pflicht, eine neue und große Reiſe in das Innere von Afrika zu machen; allein ohne Vermoͤgen war dieſes nur durch Unter⸗ 211 ſtuͤtzung meiner hohen Goͤnner zu Amſterdam moͤg⸗ lich. Da aber die beiden mir guͤnſtigen Gouverneurs geſtorben waren, ſo war ich außer aller Verbindung mit jenen; und da die Uebergabe der Muſter⸗Rollen der Schiffmannſchaft bei der Abfahrt aus dem Texel vergeſſen war, ſo blieb dieſelbige einige Jahre ohne Sold, und mußte ihr Leben nur durch Schulden friſten. Auch mir blieb kein anderes Mittel uͤbrig, als meine ſchon bedeutende Schulden durch neue An⸗ lehen zu vermehren, welche mir der Polizei⸗Seeretair Bergh ſehr gerne machte. Obſchon ich mich allein dieſes Mal in meinen Wagen ſetzte; ſo hatte ich doch den vom Koͤnig in England geſendeten Gaͤrtner Maſ⸗ ſon zum Gefaͤhrten, welcher mit Forſter, Sparr⸗ mann und Cook auf dem Kap angekommen war, als dieſe ihre Reiſe um die Welt und gegen den Suͤd⸗ pol machten. Jeder von uns hatte ein Reitpferd und einige Paar Ochſen vor ſeinem Wagen. Schon am dritten Tage beſuchten wir den Salz⸗ Teich, in welchen das Seewaſſer geleitet wird, wel⸗ ches beſonders nach Winterregen einen Rahm auf der Oberflaͤche mit der ſtaͤrkſten Kriſtalliſation bildet. Die⸗ ſer ſenkt ſich allmaͤhlig zu Boden, haͤuft ſich immer mehr an, und wird ſo grob, daß jeder Einwohner ihn zum Salzen verwenden kann. In dieſer Gegend bluͤ⸗ hen die meiſten Pflanzen bloß im Fruͤhlinge und An⸗ fange des Sommers; ſpaͤter trocknen die Suͤdoſtwinde alles aus, und zerſtreuen den Samen noch unreif. 212 In der Gegend von Swellendam iindet ſich eine ſehr große Menge von Aloeſtraͤuchen deren Saft durch Sklaven abgezapft und gekocht wird. Man waͤhlt gewoͤhnlich windſtille und helle Tage, weil bei ſtuͤr⸗ miſchem Wetter die Blaͤtter gerne zuſammen rollen, und der Saft ſich vermindert. Das zuerſt abgeſchnit⸗ tene Blatt wird als Rinne gebraucht, auf welche die folgenden Blaͤtter mit den Ecken einwaͤrts ſo gelegt werden, daß der Saft aus den oben liegenden in die Hoͤhle des unterſten Blattes troͤpfelt. Ein fleißiger Arbeiter kann taͤglich einen Eimer dieſes Saftes ge⸗ winnen, der dann zu Hauſe in engliſchen eiſernen Toͤpfen ſo lange gekocht wird, bis er ſo dicht iſt, daß er von einem eingeſteckten hoͤlzeren Staͤbchen nicht mehr abfließt. Die auf der Oberflaͤche ſchwimmende Unreinigkeit wird waͤhrend des Kochens abgeſchaumt. Iſt der Saft zur Haͤlfte eingekocht, ſo wird er in boͤlzerne Kiſten geſchuͤttet, in welchen er gerinnt und ſteif wird; aus drei Theilen wird gewoͤhnlich ein Theil ſteifes Harz bereitet. Jeder Kaſten enthaͤlt 3— 400 deutſche Pfund, und jedes Pfund wird in der Stadt an die Fremden fuͤr 2— 3— 4 Stuͤber verkauft. Eines Abends, als wir uns auf einem Bauernhofe aufhielten, und unſer Vieh auf das Feld nicht weit vom Hofe getrieben hatten, war es ungewoͤhnlich fin⸗ ſter. Die Hunde bellten und heulten fuͤrchterlich, und das Vieh draͤngte ſich Haufen weiſe um den Hof zu⸗ ſammen, ohne daß wir es in der großen Finſterniß 213 durch unſere Gewehre ſchuͤtzen, oder die Veranlaſſung dieſer ungewoͤhnlichen Erſcheinung wahrnehmen konn⸗ ten. Erſt des andern Morgens ſahen wir, daß eine Hyaͤne das Vieh verfolgt hatte. Einer meiner Och⸗ ſen war in die Weiche gebiſſen, daß die Haut ſechs Zolle herab hieng; indeſſen war die Wunde nicht ganz durchgedrungen. Die Hyaͤne iſt ein ſehr dreiſtes und liſtiges Thier, welches den unter freiem Himmel ſchla⸗ fenden Reiſenden die Schuhe von den Fuͤſſen und den Sattel unter dem Kopfe des Reiſenden wegfrißt; kommt ſie unter eine Heerde von Schafen, ſo bringt ſie nicht nur viele um, ſondern ſchuͤchtert ſie auch ſo ein, daß ſie ſich bis zum Erſticken zuſammendraͤngen. In ſumpfigen und binſenreichen Gegenden ſah ich einen huͤbſchen Kernbeißer(Loxia macroura). Er war dem Kruͤnitz in ſeiner rothen ſchoͤnen Sommerkleidung ſehr aͤhnlich, unterſchied ſich aber durch ſeinen Schwanz, der viel laͤnger, als der Koͤrper ſelbſt war. Er iſt im Winter grau, wie das Weibchen ohne langen Schwanz waͤhrend des ganzen Jahres. Er ſchien von dem lan⸗ gen Schwanze immer herab gezogen zu werden, und konnte nicht gerade fliegen, ſondern immer nur in Winkeln, bald auf, bald abwaͤrts. Bei ſtarkem Win⸗ de wurde ſein Flug durch den langen Schwanz ſo ge⸗ hemmt, daß er nie nach beliebiger Richtung fliegen konnte, ſondern immer auf die Seite geworfen wurde. Sein langſamer Flug erleichtert das Herabſchießen 214 deſſelben; bei ungeſtuͤmen Wetter kann man ihn im Springen faſt mit Haͤnden erhaſchen. Je tiefer wir in das Land eindrangen, deſto we⸗ niger glaubten wir genug bewaffnet zu ſeyn; auch hielten wir uns gegen die Einwohner ſelbſt, deren Sprache unſere Hottentotten nicht mehr gut verſtan⸗ den, gut geſichert. Wir entſchloſſen uns alſo, noch mehrere Hottentotten zu locken, und verſprachen ihnen, ſie mit Taback zu belohnen, und eine hinreichende Menge Buͤffel fuͤr ſie zu ſchießen. Dadurch wurde un⸗ ſer Zug auf mehr als hundert Perſonen vermehrt. Wirklich gelang es uns, aus einer Heerde etlicher hun⸗ dert Buͤffeln einen, nebſt einer Kuhe und einem Kal⸗ be bald zu erlegen. Am 30. Dezember beſuchten wir das warme Bad, im Bezirke Olifant. Die Gebirgsart beſteht hier aus einem ſchwarzen Eiſenerze, welches mit dem Ei⸗ ſenſchlacken Aehnlichkeit hat. Die Erde umher iſt braun, auch der Ruͤcken des Berges umher enthaͤlt viel wei⸗ ßen Quarz. Das Waſſer war ſo maͤßig warm, daß man an den drei Quellen darin ſitzen konnte. Auf der Oberflaͤche deſſelben erſcheint ein blaues, duͤnnes, fei⸗ nes Haͤutchen, und auf die Steine und Zweige, wel⸗ che man einwirft, ſetzt ſich ein ſafrangelber Ocker. Der Geſchmack war tintenartig, und der Geruch ſehr beftig. Durch beigemiſchtes Theewaſſer wurde es blaͤu, licht, durch China⸗Pulver ſchwaͤrzlich, weßwegen es eiſenhaltig ſeyn muß. Die braͤunliche Erde, welche 215 um die Quelladern befindlich war, enthielt ſchoͤne Salzkryſtalle, wie auch das in das Waſſer gelegte Holz Eiſentheilchen, welche ſich wie Schuppen anſetzten. Mat bediente ſich des Bades vor dem Aufgange der Sonne, oder Abends in der Kuͤhlung, weil waͤhrend des Tages die Hitze zu groß iſt. Erſt nach einer Reiſe von fuͤnf Monaten kebhrte ich an das Kap zuruͤck, um auf den im Anfange des Jahres 1774 nach Europa ſegelnden Schiffen meine anſehnliche Sammlung von Zwiebeln, Pflanzen, Sa⸗ men, lebenden Gewaͤchſen, Inſekten, ausgeſtopften Voͤgeln und ſeltenen Thieren zu ſenden. Waͤhrend des Winters beſuchte ich die umliegenden Huͤgel, Ber⸗ ge und Felder um ſo fleißiger, als ich durch einen ledigen Sklaven unterſtuͤtzt wurde, welcher, obſchon ein Deutſcher, durch widrige Schickſale hieher gekom⸗ men ar. VI. Im September 1714 machte ich in Geſell⸗ ſchaft meines vorigen Begleiters Maſſon wieder eine Reiſe in das Innere auf einer andern Seite, und hatte mit vielen neuen Muͤhſeligkeiten faſt taͤglich zu kaͤmpfen; dem ungeachtet wurde ich fuͤr dieſe we⸗ der durch intereſſante Entdeckungen und Beobachtun⸗ gen, noch durch wichtige Sammlungen entſchaͤdigt. Gewoͤhnlich kamen wir in Gegenden, wo wir zugleich den groͤßten Mangel an Waſſer litten. So kamen wir auf den duͤrren und mageren Kar ro in eine brennend E““ 3 4 2¹6 beiße Einöde, welche von allen Geſchoͤpfen ſo leer war, daß nur noch einige Ratzen ſich zeigten, welche mit den ſaftvollen Blaͤttern einiger Geſtraͤucher ihren Hun⸗ ger und Durſt zugleich ſtillen mußten. Bei dem Auf⸗ gange der Sonne kamen ſie aus ihren Höhlen, deren Bau immer ſenkrecht nieder ging, und ſich oberwaͤrts etwas nach Oſten bog. Sie zogen ſich, ſobald wir ſie nur wahrnahmen, mit ſolcher Schnelligkeit zuruͤck, daß wir ſie nicht einmal erſchießen konnten. Wir kehrten aber dießmal um ſo fruͤher zuruͤck, da wir keine weitere Hoffnung zu beſſerer Aernte hegen konnten. Waͤhrend dieſer letzten Reiſe war ich aus Amſter⸗ dam nicht nur mit vielen Geld unterſtuͤtzt, ſondern auch mit Empfehlungs⸗Briefen an den Gouverneur Van der Parra in Batavia verſehen; daher ich mich zur Reiſe nach Japan bereiten mußte. Waͤh⸗. rend meines dreijaͤhrigen Aufenthaltes hatte ich ſo viele Gefilde des ſuͤdlichen Afrika durchſtreift, als mit ei⸗ ner ſehr mittelmaͤßigen Ausruͤſtung geſchehen konnte. Zugleich war ich von dem Gouverneur wie von den Mitgliedern der Regierung, von meinen Landsleuten und den Einwohnern des Landes, ſo vielfach unter⸗ ſtuͤtzt worden, daß ich nur mit innigſter Erkenntilchs keit mich daran erinnere. 217 Zweiter Theil. I. Am 2. Maͤrz 177s ſegelte ich als außerordent⸗ licher Wundarzt auf dem Schiffe Loo unter dem Ka⸗ pitain Bergh, vom Kap nach Batavia. Auf dieſem Schiffe befand ſich ein junger Graf von Loͤ⸗ wenſtein, welcher ungluͤcklicher Weiſe in die Haͤnde eines Werbers(Seelenverkaͤufers) gerathen war, nach dem Kap abgeſchickt, und daſelbſt gezwungen wurde ſogar nach Java ſich zu begeben, ohne daß der Gou⸗ verneur gewagt haͤtte, ihn ſogleich nach Holland zuruͤck zu ſchicken. Nach ſeiner Erzaͤhlung war er mit ſeinem Bedienten auf der Reiſe nach Nimwegen in das Haus eines Seelenverkaͤufers gekommen, wel⸗ cher ihm alles raubte, ihn drei Tage einſperrte, und nach Amſterdam zu einem andern Werber ſchickte, von welchem er nach drei woͤchentlicher Einſperrung auf das Schiff geſchickt wurde, ohne vorher im oſtin⸗ diſchen Hauſe, oder bei der Muſterung geweſen zu ſeyn. Er hatte nichts erhalten koͤnnen, als ſein rothes Kleid, und einen ſehr koſtbaren Ring. Waͤhrend der Seereiſe iſt ſein Bedienter geſtorben; er ſelbſt war auch ſtets krank, und wurde deßwegen in das Spital auf 51. Bd. China. II. 2, 7 3 218 dem Kap gebracht, wo er von einigen ſeiner Lands⸗ leute erkannt wurde. Sobald die Regierung ſeine Umſtaͤnde erfahren hatte, ſchickte ſie ihn als Reiſenden nach Batavia; doch ſpeiſte er waͤhrend der Fahrt an dem Offizierstiſche. 5 Wir ſegelten mit ſo guͤnſtigem Winde, daß wir ſchon zwiſchen 5— 6. April den Inſeln St. Paul und Amſterdam ooruͤber fuhren, und am 3. Mai aus dem Maſtkorbe die Inſel Java entdeckten, am 9. zwiſchen ihr und der Prinzeninſel fuhren, und am 12. ſchon unſere Briefe nach Batavia ſchicken konnten. Am 14. wurden wir von den Javanern mit gruͤnen Fruͤchten in ihren Nachen uͤberraſcht, gegen deren haͤufigen Genuß aber wegen der drohenden Ruhr ſehr gewarut wurde. Am 419. begab ich mich mit dem Kapitain in die nicht gepflaſterte Stadt, welche von Menſchen aller Nationen und Sprachen bewohnt iſt. Die vielen Chi⸗ neſen machen einen weſentlichen Theil der Einwohner aus, treiben, wie die Juden in Holland einen aus⸗ gebreiteten Handel, und die meiſten Kuͤnſte und Hand⸗ werke. Mit den Sklaven und andern Indiern ſpricht man in ganz Oſt⸗, und einem Theile Weſt⸗Indien nur die malayſche Sprache. Von dem Gouverneur und andern Perſonen, an welche ich empfohlen war, wurde ich gut aufgenom⸗ men. Da vor drei Monaten kein Schiff nach Japan ſegelte, ſo benutzte ich dieſe Zeit zum Botaniſiren in 219 der Umgebung dieſer Stadt, worin ich durch einen beſcheidenen und eingeweihten Javaner beſtens unter⸗ ſtuͤtzt wurde. Der groͤßte Baum, den ich geſehen habe, war Casuarina equisetifolia, welcher am Fluſſe ſtand, und ſeine weiten Aeſte ſehr ſtark ausbreitete. Die in der Stadt herrſchende Hitze iſt nicht an ſich ſehr laͤſtig, ſondern nur dadurch, daß die Stadt niedrig am Strande liegt, und daß die waͤſſerichten Duͤnſte und Nebel ſich gewoͤhnlich in der Luft anhaͤu⸗ fen, ohne durch einen betraͤchtlichen Wind⸗ zerſtreut zu werden. Man mag ſich daher auch noch ſo duͤnne kleiden, ſo kann man doch zwiſchen 9— 4 des Tages im Freien nicht wandern, ohne vor Hitze und Schweiß zu erkranken. Standesperſonen bedienen ſich bedeckter Waͤgen, mit duͤnnen Gardinen; aber der Rang wird ſo ſtreng beobachtet, daß nur diejenigen vergoldete, bemalte und unbemalte Waͤgen haben duͤrfen, welchen ſie gebuͤhren; vor jenen der Rathsherren ſind auch Lau⸗ fer zu ſehen. Die Gaſtfreiheit iſt hier ungemein groß; vorneh⸗ mere halten woͤchentlich eine bis zwei Tafeln, an wel⸗ chen gebetene und ungebetene Gaͤſte willkommen ſind. Sobald der Fremde ein kleines Haus gemiethet, und einen Sklaven zu ſeiner Bedienung gekauft hat, ſo bedarf er zu ſeiner uͤbrigen Unterhaltung ſehr wenig. Denn jeder Goͤnner, welchem er zwiſchen 11— 12 Uhr aufwartet, ladet ihn zum Tiſche. Das reine Waſſer iſt zu ſalzicht, und bewirkt bei Fremden gewoͤhn⸗ 220 lich rothe Ruhr, weßwegen die Einwohner erſt gluͤhen⸗ de Eiſenſtangen darin abloͤſchen, ehe ſie ſich deſſen bedienen. Die in Batavia gangbaren Muͤnzen ſind theils indiſche, theils europaͤiſche. Hollaͤndiſche Dukaten waren zu meiner Zeit ſeltener, als Dukatons und Piaſter, Schillinge und Rundſtuͤcke der Kompagnie. Die im Handel gehraͤuchlichſten Muͤnzen waren goldene und ſilberne Roupien, welche, unter dem Namen des Prinzen von Matura geſchlagen, durch die bei⸗ gefetzte chriſtliche Jahreszahl unterſchieden werden. Die den Indiern angenehmen ſpaniſchen Piaſter ſind gewoͤhnlich abgehauen, kommen uͤber die Manili⸗ ſchen Inſeln, und enthalten ſehr feines Silber. Doch gibt es auch kleine Landmuͤnzen hier wie in Suma⸗ tra und Borneo. An den Kanaͤlen innerhalb der Stadt ſind kleine ſteinerne Schanzen errichtet, und mit Kanonen ver⸗ ſehen; wie auch auf den Straſſen in beſtimmter Ent⸗ fernung Kanonen aufgeſtellt ſind, damit bei einem Aufruhre der Indier und Sklaven in den Straſſen ſchnell Schrecken verbreitet werden kann. So noth⸗ wendig dieſe Anſtalten ſind, ſo verbittern ſie doch den Lebensgenuß jedes gefuͤhlvollen Europaͤers. Einige der zahlreichen Chineſen, welche ihre Waaren uͤberall feil zu bieten herum laufen, beſchaͤfftigen ſich mit Retnigung der Ohreu durch feine Inſtrumente, in welchem Geſchaͤfte ſie ſehr geſchickt ſind. — 221 Zu den augenehmſten Fruͤchten gehoͤren der Piſang, die Ananas, Kokusnuß, die der Pflaume aͤhnliche Jambo und Jambobal, welcher die Groͤße einer Birne hat, in Scheiben geſchnitten und im rothen Weine gekocht, genoſſen wird. Der dem Bombax aͤhnliche Baum Ka⸗ tappa hat laͤngliche und etwas platte Fruͤchte, mit ei⸗ nem auch zwei Kernen, welche ſo fuͤß wie Mandeln, und ſehr nahrhaft ſind. Die reife Papaya iſt gelb, und ſo groß, wie eine Melone, ihr Fleiſch ſchmeckt auch wie dieſe. Karambola iſt eirund, gelblich, fuͤnf⸗ eckig mit ſcharf vorſtehenden Spitzen, hat eine ange⸗ nehme Saͤure, und wird ſowohl roh, als gekocht ge⸗ noſſen. Bilimbing iſt laͤnglich, fingerdick und ſauer, wird zerſchnitten, in Suppe gelegt oder in Syrup mitgetheilt; von dem Safte dieſer Frucht wird mit Zucker ein Syrup bereitet, welcher in Fiebern unge⸗ mein Durſt loͤſchend iſt. Rotting hat die Form ei⸗ ner Haſelnuß, mit kleinen glaͤnzenden Schuppen, und inwendig einen ſaͤuerlichen Brei, welcher zum Loͤſchen des Durſtes ausgeſogen wird. Rambutan waͤchſt in großen Trauben, und enthaͤlt einen ſaͤuerlich ſuͤſſen Saft, welcher allgemein gegen den Durſt gebraucht wird. Die Indier und Sklaven bedienen ſich beſonders der Brodfrucht, und der ſtinkenden Durio; beide ſind zroͤßer als ein Kindskopf, und mit einer ſtachlich⸗ ten Schale uͤberzogen, das Innere wird theils roh, theils auf irgend eine Art zubereitet genoſſen. Auch glaubt man, daß der Durio den Schweiß und Urin treibe, undgegen Blaͤhungen vortheilhaft angewendet werde. Den Fremden ſind zwei Spitaͤler geoͤffnet, deren eines fuͤr die Geneſenden beſtimmt iſt; noch ein Kran⸗ kenhaus fuͤr die Mohren, und eines fuͤr die Chineſen. Die ſtete Hitze und feuchten Duͤnſte vermehren die Krankheiten und Todesfaͤlle, beſonders der Europaͤer, welche zu ſorglos leben. Faulfſieber ſind herrſchend, und oͤfters in zwei Tagen toͤdtend; wer ſich ihnen ent⸗ reißt, bekommt zwar einen ſehr geſunden Leib, hat aber ſtets mit Verſtopfung einzelner Eingeweide zu kaͤmpfen. Wie im ganzen Morgenlande, ſo iſt auch hier gebraͤuchlich, daß das Opium ſowohl zum Ueber⸗ zuge des Rauchtabaks, als zum Kauen verwendet wird, welches viele Menſchen bis zur Raſerei berauſcht. Er⸗ ſcheint ein vom Opium Berauſchter auf der Straſſe; ſo iſt er ſchon durch das Geſetz fuͤr vogelfrei erklaͤrt, und Jedermann ihn zu toͤdten berechtigt; denn die aus dem Genuſſe entſtehende Raſerei iſt gewoͤhnlich mit einer außerordentlichen Mordſucht verbunden. Die Bewohner der heißen Laͤnder ſtehen den En⸗ ropaͤern an durchdringenden Verſtand und der Unter⸗ haltung weit nach, und die meiſten ſind traͤge, ſchlaͤf⸗ rig und wohlluͤſtig. Wie alle Fremde an Thaͤtigkeit und Munterkeit verlieren, ſobald ſie dieſe Laͤnder be⸗ treten haben, ſo iſt dieſer Fall um ſo mehr bet den Eingebornen. — 223 II. Am 22. Juni 1775 begab ich mich an Bord eines der Schiffe, welche nach Japan beſtimmt waren. Ich hatte mich als erſter Schiffs⸗Wundarzt der Kom⸗ pagnie verpflichtet, nach unſerer gluͤcklichen Ankunft in Japau ein Jahr zu verweilen, und als Geſandt⸗ ſchafts⸗Arzt den Schiffkapitain an den kaiſerlichen Hof zu begleiten. Nebſt dem hatte ich zu Amſter⸗ dam verſprochen, fuͤr den botaniſchen Garten, und einige vornehme Naturforſcher lebende Gewaͤchſe, be⸗ ſonders von Straͤuchern und Baͤumen in Japan zu ſammeln und nach Europa zu ſenden. Am 10. Auguſt fahen wir das feſte Land von Ch i⸗ na; am 12. hatten wir einen in dieſer Gegend gewoͤhn⸗ lichen Sturm. Der kluge Kaͤpitain unſeres Schiffes ließ ſogleich die Segel am ſtaͤrkſten Theile befeſtigen, die Spitze des Maſtes abnehmen, und die Rahen ein⸗ ziehen. Waͤhrend dieſer Zeit ſahen wir, daß die Spitzen der Maſten des andern Schiffes abriſſen, ein Maſt um den andern verloren ging, und das Schiff ſo beſchaͤs digt wurde, daß es mit Noth in den Hafen von Ma⸗ kao einlaufen konnte. Von hier wurde es zur Aus⸗ beſſerung nach Kanton gebracht, dann ſegelte es aber nach Japan fort. Die meiſte Ladung derſelben aus Puder⸗Zucker war faſt gaͤnzlich verdorben. Am 17. hatten wir einen andern Sturm, welcher zwei Tage mit ſtarkem Gewitter ohne Regen dauerte, dadurch wurden unſere meiſten Waaren durchnaͤßt und verdorben. Die Krebſe und Seethiere, welche ich zum 224 Trocknen und Aufbewahren ausgewaͤhlt habe, erleuch⸗ teten Abends, ſo bald es dunkel wurde, meine Kajuͤte mit einem blaͤulichen Phosphorſcheine, welcher zwei Tage fortdauerte. Rieb ich einen leichten Flecken mit den Naͤgeln, ſo wurde das Licht weder geſchwaͤcht noch veraͤndert. Es iſt bekannt, daß alle thieriſchen Subſtanzen mehr oder wenigere phosphoriſche Saͤure enthalten, daß ſie ſelbſt in den Knochen, Graͤten und Schaalen der Thiere ſich findet, und bei der Zer ſetzung der Organiſation durch die Faͤulung aus der vorigen Verbindung losgeriſſen wird. Da die Faͤulung zugleich viel Brennbares verfluͤchtiget, ſo verbindet es ſich wohl mit einigen Theilen der Phospherſaͤure, und 1 verurſacht ein Leuchten, durch welches öfters ganze Stellen auf der Oberflaͤche des Meeres glaͤnzend werden. Oft leuchten auch geſalzene und zum Trocknen auf⸗ gehaͤngte Fiſche ſehr ſtark. Seit unſerer Abfahrt von Batavia waren die Matroſen vorzuͤglich von Wechſelfiebern gequaͤlt; ſobald aber die Kaͤlte und ſtarken Winde zunahmen, hoͤrte dieſe Krankheit auf. In Batavia ſtand das Ther⸗ mometer auf 3800— 860, and auf der Hoͤße, wo wir uns jetzt befanden, hatte es 780— 790. Am 26. ſegelten wir in den Sund der Inſel For⸗ moſa. Vom 30. hatten wir mehrere Stuͤrme mit Regen bis zum 7. Auguſt. Die Wellen ſchlugen ſtets uͤber das Schiff zuſammen; Offiziere und Matroſen wur⸗ den krank, weil ſie keine Kleider trocken halten konnten. —————— 225 Das kleinſte Segel zwiſchen dem Hintermaſte allein konnten wir aufſetzen, um das Schiff gegen Wind und Wogen zu erhalten. Da die See ſo heftig tobte, daß das Schiff immer hin und her geworfen wurde, ſo hielt ich mich gewoͤhnlich auf dem freien Verdecke auf. Um hier einigen Schutz gegen die uͤberſtroͤmenden Wellen zu haben, benutzte ich auf der Seite des Backbords, wo das Seil aufgefetzt wird, ein Stuͤck Segeltuch zum Obdache gegen die Wogen. Allein bei einer hef⸗ tigen Erſchuͤtterung des Schiffes wurde ich aus mei⸗ nem Schlupfwinkel uͤber das erhabene und vom Re⸗ genwaſſer ſchluͤpfrige Verdeck ſo heftig auf die andere Seite geworfen, daß ich beinahe in das Meer gefallen waͤre. Am 10: hatten wir noch einen ſo heftigen Sturm, welcher 24 Stunden dauerte. Die bisherige Erfahrung hat gelehrt, daß von fuͤnf Schiffen, welche nach Ja⸗ pan beſtimmt ſind, eines verloren gehe. Am 13. ſahen wir das feſte Land von Japan; Abends ließen wir am Eingange des Hafens von Nan⸗ gaſacki Anker werfen. Wir bemerkten, daß verſchie⸗ dene Wachen unſere Ankunft durch Fernrohre wahr⸗ genommen, dem Gouverneur gemeldet, und verſchie⸗ dene Feuer angezuͤndet hatten. Heute wurden die Ge⸗ betbuͤcher und Bibeln der Matroſen geſammelt, in eine Kiſte gelegt, und dieſe vernagelt, dann den Japanern uͤbergeben, von welchen ſie erſt bei unſerer Abreiſe zuruͤck erſtattetwurden, weil kein chriſtliches Buch in Japan an den Tag kommen darf. Auf dem Verdecke wurde eine 226 Bettſtelle mit einem Himmel ohne Vorhaͤnge aufge⸗ ſtellt, auf welcher der japaneſiſche Offizier ſitzen ſollte. Auch wurde ein Verzeichniß unſerer 110 Mann und 34 Sklaven, mit dem Alter eines Jeden zur Uebergabe gefertigt. Nach demſelben wurde die Mannſchaft je⸗ den Morgen und Abend von den Japanern gemuſtert. Am 14. kam ein ſo heftiger Sturm, daß man den Anker nicht aufwinden konnte, ſondern das Seil ab⸗ hauen, und unter Segel gehen mußte. Sogleich naͤher⸗ te ſich uns ein Boot vom Lande. Der Kapitain be⸗ deckte ſich daher mit einem blauſeidenen, von Silber beſetzten Kleidee, welches ſehr groß und weit, uͤberall ausgeſtopft, und vorn mit einem großen Kiſſen ver⸗ ſehen war. Dieſes Kleid ſicherte von jeher gegen den Schleichhandel, indem die Chefs und Kapitains nicht unterſucht wurden. Gewoͤhnlich machte der unſrige in dießen Anzuge taͤglich drei Wanderungen von dem Schiffe in die Faktorei, und war mit Waaren ſo ſchwer belaſtet, daß er von zwei Matroſen unter den Armen unterſtuͤtzt werden mußte, wenn er an das Land kam. Sobald wir zu den aiſerlichen Wachen auf beiden Seiten des Hafens kamen, ließen wir Kanonen zu ihrer Begruͤßung loͤſen. Waͤhrend wir im Hafen ſegel⸗ ten, genoſſen wir die entzuͤckendſte Ausſicht auf die umliegenden Berge und Huͤgel, welche alle bis auf die Spitze bebaut waren. Mittags legten wir in der Entfernung eines Buͤchſenſchußes von der Stadt Nan⸗ gaſacki, und eben ſo weit von der Inſel Dezima, 5 227 auf welcher die hollaͤndiſche Faktorei liegt, vor Anker. Kaum hatten die Kommiſſaires der Faktorei unſere Papiere unterſucht, ſo vernahmen wir, daß der Hof den Schleichhandel ſehr ſtreng verboten habe, und ſo⸗ wohl der Chef als der Kapitain ſich des großen Klei⸗ des euthalten, und entweder ſtets am Bord bleiben, oder wenn er auf dem Lande ſeyn wollte, nicht mehr als zweimal auf das Schiff zuruͤckkehren duͤrfte. Dieſe Strenge war durch die Entdeckung verſchie⸗ dener Kontrebande veranlaßt, welche das geſtrandete Schiff Burg 1772 enthalten hatte. Eine Kiſte des Chefs voll falſchem Som, welches als Arzueimittel ſchlechthin nicht eingefuͤhrt werden darf, hatte den Zorn der Japaner ſo ſehr gereitzt, daß dieſelbe vor dem Hafen der Faktorei verbrannt wurde. Sobald das Schiff geankert hatte, kamen japane⸗ ſiſche Ober⸗ und Unteroffiziere mit Dollmetſchern und Bedienten an Bord, um alle Waaren und Perſonen, welche man an das Land oder vom Lande braͤchte, zu unterſuchen, und alle Paͤſſe und Papiere zu unterzeich⸗ nen; dann mußten wir ihnen den Reſt von Pulver, Kugeln und Gewehren, nebſt der Buͤcherkiſte zur Ver⸗ wahrung uͤbergeben. Da dieſelben jeden Abend auf das Land zuruͤckkehrten, ſo legten ſich zwei große und mehrere kleine Wachſchiffe um das hollaͤndiſche, und ruderten ſtuͤndlich Nachts nahe um daſſelbe. Am 15. wurden unſere aus Batavia gebrachten Ochſen, Kaͤl⸗ ber, Schweine, Ziegen, Schafe und Rehe in die Staͤlle —‿ der Inſel zur Fuͤtterung gegeben. Da ich nicht bota⸗ niſiren durfte, ſo unterſuchte ich das Futter des Vie⸗ hes taͤglich dreimal, und ſammelte aus demſelben viele ſeltene Gewaͤchſe fuͤr die europaͤiſchen Gaͤrten. Am 4. September wurde das Schiff von den Japanern un⸗ terſucht, und dann die Waaren der Priyatperſonen⸗ welche nicht verkauft werden ſollten, an das Land ge⸗ bracht. Sobald das Schiff zur Haͤlfte ausgeladen war, begann das Einladen des Stabkupfers in Kiſten, deren jede 120 Pfund wog. In dieſem Jahre wurden 6700 Kiſten eingeladen, weil nur ein einziges Schiff gekommen war. Wird nichts aus⸗ oder eingeladen, ſo darf weder ein Japaner noch ein Hollaͤnder zu oder von dem Schiffe, und das Thor der Inſel gegen das Meer iſt beſkaͤndig verſchloſſen. Iſt der Kapitain oder Arzt dieß⸗ oder jenſeits unentbehrlich; ſo muß die Er⸗ laubniß des Gouverneurs der Stadt eingeholt werden und Dollmetſcher nebſt Offizieren die fragliche Perſon begleiten. Zoͤlle und andere Abgaben ſind an der Kuͤſte, wie in ganz Japan unbekannt. Deſſen ungeachtet iſt die Unterſuchung ſo ſtrenge, daß nicht nur der bloße Koͤr⸗ per betaſtet, ſondern auch ein Theil unſerer Eter zer⸗ ſchlagen ward. Privatperſonen duͤrfen kein Geld in das Land bringen, ſondern es wird bis zur Abreiſe in Verwahrung genommenz; ſelbſt Briefe werden geoͤffnet und von Dollmetſchern geleſen. Buͤcher, welche nicht hollaͤndiſch gedruckt ſind, koͤnnen ungehindert einge⸗ —— —— —O— 4 22²9 fuͤhrt werden, weil die Dollmetſcher ſie nicht verſte⸗ hen. Privatperſonen duͤrfen keinen Handel mit Gam⸗ pfer von Sumatra und mit Schaalen der Schild⸗ kroͤten treiben, weil die Kompagnie allein ſich dieſel⸗ ben vorbehalten hat. In Japan werden die eingefuͤhrten Waaren nur im Wege der Verſteigerung verkauft, und mit inlaͤn⸗ diſchen Produkten gleichſam tauſchweiſe bezahlt. Dage⸗ gen werden jene welche von den Dollmetſchern ſelbſt, oder durch deren Begüuͤnſtigung von den Hollaͤndern eingeſchwaͤrzt ſind, nur mit baarem Gelde und viel theuerer bezahlt. Deßwegen ſind große Strafen auf den Schleichhandel geſetzt. Um den Fremden die Gelegen⸗ heit zur Erlernung der japaniſchen Sprache zu beneh⸗ men, duͤrfen die Hollaͤnder keiner andern Dollmetſcher ſich bedienen, als der Japaner. Dieſe ſind abgetheilt in drei Klaſſen, naͤmlich in Ober⸗ und Unterdollmet⸗ ſcher und Lehrlinge. Die erſteren ſind gewandt im Schreiben der hollaͤndiſchen Sprache von der Linken zur Rechten, wie die Europaͤer. Die Erlaubniß zu botaniſiren konnte ich erſt nach vielen Umſtaͤnden erhalten; weßwegen ich durch die Dollmetſcher, welchen ich taͤglich Unterricht in der Chirurgie und Medizin gab, Gewaͤchſe mit Blaͤtter⸗ bluͤthen und Fruͤchte vom Felde bringen ließ. Der Hafen von Nangaſaki iſt der einzige, in welchen die einheimiſchen, wie die fremden Schiffe einlaufen. Die Stadt iſt eine der vornehmſten und 4 230 wegen ihres Handels mit Auslaͤndern die beruͤhmteſte. Sie gehoͤrt dem weltlichen Kaiſer, welcher zur Regie⸗ rung derſelben im Oktober jedes Jahres einen neuen Gouverneur ſchickt, deſſen gewoͤhnliche Einkuͤnfte auf 10,000 Thlr. ſich belaufen, moͤgen. Die Inſel Dezi⸗ ma iſt als eine Vorſtadt zu betrachten, welche an die hollaͤndiſche Faktorei verpachtet, 300 Ellen lang und 120 breit, und rings herum mit Blanken verſehen iſt, durch welche zwei Thore theils auf das Meer, theils auf die Stadtbruͤcke fuͤhren. Die Iuſel iſt mit einem feuerfeſten Packhauſe und mehreren kleinen Waarenhaͤuſern, mit Kramlaͤden, Staͤllen, Vorraths⸗ haͤuſern und einem Krankenhauſe aus Fachwerk und Lehm verſehen, welche alle mit Ziegeln bedeckt ſind, Papierfenſter und Strohmatten auf dem Fußboden haben. Die Dollmetſcher beſitzen auch ein anſehnliches Haus, Kollegium genannt, in welchem ſie ſich waͤh⸗ rend des Handels zahlreich verſammeln, und welches in Abweſenheit der hollaͤndiſchen Handelsſchiffe nur von einem oder dem andern beſucht wird. In einem andern Hauſe befinden ſich die Kundſchafter der Re⸗ gierung, welche dem Gouverneur in der Stadt alle Ereigniſſe berichten. Innerhalb dieſes kleinen Be⸗ zirkes muͤſſen die Hollaͤnder ſich gefallen laſſen, zu ver⸗ weilen. Ehemals wurde ein Chef von einer einzigen Reiſe bereichert; ſeitdem aber die Handelsvortheile ſehr vermindert ſind, erſcheint mancher Chef 3.— 4 mal. Die Waaren, welche die hollaͤndiſche Kompagnie die⸗ — 231 ſes Jahr nach Japan ſchickte, beſtanden in einer großen Menge Poudrezucker und Elfenbein, rothem Braſilienholz zum Faͤrben, Zinn, Blei, Stangeneiſen, feinen Zitz, Kleidern, Raſch, Seidenzeuge, Mutter⸗ nelken, Schaalen der Schildkroͤte ꝛe. Von Privaten wurden zugleich eingefuͤhrt Saffran, Theriak, Lakritzen⸗ Saft, Brillen, Spiegel, Taſchen⸗Uhren ꝛc. Nach einer Vorſchrift der Regierung vom Jahre 1685 durfte der Be⸗ trag der von der Kompagnie verkauften Waaren nicht uͤber 300,000 Thlr. ſteigen. Muſter ſind bei dem Gou⸗ verneur niedergelegt, nach welchen die Kaufleute in Nangaſaki ſteigern, die Zahlung geſchah nach Maß⸗ z. B. fuͤr ein Maß Einhorn acht Maß Silber. Die Japaner legen dem Einhorn die Kraft bei, das Leben zu verlaͤngern, die Kraͤfte zu ſtaͤrken, das Ge⸗ daͤchtniß zu erhalten, und alle Kraͤmpfe zu beſeitigen. Die Ninziwurzel wird hier nicht geringe bezahlt. Die Chineſen bringen ſie aus dem naͤchſten China und aus Korea unverfaͤlſcht, die Hollaͤnder aber bringen die unaͤchte, welche ſie von den Franzoſen aus Ame⸗ rika erhalten. Dagegen iſt verboten, Muͤnzen, Land⸗ karten, Buͤcher mit Nachrichten vom Lande und der Regierung derſelben, und alle Arten von Gewehren auszufuͤhren, beſonders die vortrefflichen Saͤbel, wel⸗ che nirgends ſo gut verfertigt werden. So nahe die Laͤnder China und Japan ſich ſind, ſo ſind doch deren Bewohner in Allem von einan⸗ der verſchieden. Erſtere tragen ein Wambs, weite 232 lange Beinkleinder und leinerne Stiefeln, oder Schuhe mit Oberleder; letztere aber Schlafroͤcke und bloße Socken mit Schuhſohlen. Beide haben einerlei Farbe, Bildung und Schreibart, aber verſchiedene Religionen und Sekten. Ehemals genoſſen die Chineſen große Handelsvortheile in Japan; ſeitdem ſie aber katho⸗ liſche in China gedruckte Buͤcher einfuͤhrten, ſind ſie derſelben verluſtig geworden. 3 Durch meinen Unterricht uͤber Arzneiwiſſenſchaft und Kraͤuter an die Dollmetſcher gewannen dieſe eine ſehr eintraͤgliche Praxis in der Stadt. Sie bewießen ſich mir erkenntlich durch viele Buͤcher, durch eine Menge ſchoͤner ſeltener und dem Lande eigenthuͤmlicher Gewaͤchſe, und endlich durch zuverlaͤſſige Nachrichten von der Regierung, dem Gottesdienſte, der Sprache, den Sitten und der Haushaltung des Landes. Die Japauer beſuchen ſich nicht wechſelſeitig ohue ein geringes Geſchenk voraus zu ſchicken, z. B. einen friſchen Fiſch in niedlich gefaltetem Papier eingefaßt. 3 Wenn die Vornehmſten des Landes, welche als Prin⸗ zen angeſehen werden, an Bord kamen, um ihre Neu⸗ gierde am Schiffe zu befriedigen, ſo ſchickte jeder vor⸗ her dem Kapitain eine Tonne Sacki und einige ge⸗ duͤrrte Fiſche, welche die Lieblingsſpeiſe der Japaner ſind... Die Stadt Nangaſaki liegt offen, hat gar keine Feſtungswerke, und ihre Straſſen ſind winkelig. Ka⸗ naͤle leiten das Waſſer, welches von den Bergen herab⸗ — — 233 rinnt, bis zu dem Hafen. In und um die Stadt ſind ſehr viele Tempel, an jedem Ende der Straſſen iſt ein hoͤlzernes Thor, welches Nachts geſchloſſen wird. Fuͤr jede Straſſe, welche ſich ſelten uͤber 30— 40 Klaf⸗ ter erſtreckt, iſt ein Polizei⸗Beamter angeſtellt. In jeder Straſſe iſt ein Haus mit Feuergeraͤthen verſehen, wenige Haͤuſer ſind zwei Stockwerke hoch. Die Stadt wird von vier Buͤrgermeiſtern regiert, welche durch ihre zahlreichen Untergeordneten fuͤr die beſte Ordnung und Sicherheit ſorgen. Im Jahre 1776 war der 19. Februar jener des neuen Jahres der Japaner; deßwegen mußten alle Rechnungen abgeſchloſſen, und alle Schulden bezahlt werden; der neue Kredit erſtreckte ſich bis zum Juni, in welchem wieder bezahlt wurde. Am Neujahrstag gehen alle Japaner in weiß und blau wuͤrfelichten Klei⸗ dern feſtlich geſchmuͤckt herum, ſich Gluͤck zu wuͤnſchen. Ihr Jahr wird nach dem Laufe des Mondes einge⸗ theilt; daher manches zwoͤlf, manches dreizehn Mona⸗ te hat, und bald im Februar, bald im Maͤrz ſich en⸗ digt. Sie haben keine Wochen, ſondern nur Ruhe⸗ tage am 1. und 15. des Monats. Jeder Tag und jede Nacht wird in zwoͤlf Stunden getheilt; die Stunden werden weder mit einer Uhr, noch mit einem Glaſe abgemeſſen, ſondern mit brennenden Lunden. Die Kinder werden am Schluſſe jedes Jahres ein Jahr aͤlter bezeichnet, ſie moͤgen im Anfange, in der Mit⸗ te, oder am Ende deſſelben geboren ſeyn. Einige 57. B. China. II. 2. 8 234 Tage nach dem neuen Jahre muͤſſen alle das Kruzifir und die Maria mit dem Kinde mit Fuͤſſen treten, damit der Abſcheu gegen die durch die Portugieſen verbreitete chriſtliche Religion erhalten werde. Am 4. Maͤrz betrat der hollaͤndiſche Geſandte, der Handels⸗Chef, der Sekretaire, und ich als Legations⸗ Arzt, die Reiſe nach Hof, in Geſellſchaft von mehr als zwei hundert japaniſchen Geſchaͤftsleuten, Doll⸗ metſchern und Bedienten. Wir vier wurden in Saͤnf⸗ ten getragen, welche aus duͤnnen Brettern und Bam⸗ bus⸗Rohren in laͤnglichen Vierecken, und zu beiden Seiten mit Fenſtern verſehen ſind. Auf der langen Reiſe von 240 Meilen war unſer ganzes Geſchaͤft Eſſen, Trinken, Leſen, Schreiben, Schlafen und Umkleiden und uͤberall Zeichen der groͤßten Ehrfurcht einnehmen, welche nur den Fuͤrſten des Landes gezollt wird. Wir reiſten uͤber Fimi, Jagami, Sinon⸗ gi, Oriſſino, wo ein ſchwefelhaltiges, warmes Bad iſt. Dieſes war rings herum eingezaͤunt und hatte ein ſchoͤnes Haus zur Bequemlichkeit der Kran⸗ ken, welche es beſuchten; ſie konnten ſich aus zwei Haͤhnen warmes und kaltes Waſſer nach Belieben ab⸗ zapfen. Solche Baͤder ſind zahlreich im Lande, und werden vorzuͤglich gegen Kraͤtze, Luſtſeuche, Lehmun⸗ gen, Rheumatismen und andere Uebel gebraucht. Bisher war das Land bergig, ſteinig und ermuͤdend; aber fruchtbarer, ſchoͤner, bebauter, und volkreicher, ſobald wir Fiſen beruͤhrten, wo vortreffliches Por⸗ 235 zellain bereitet wird. Am 7. Maͤrz kamen wir uͤber den großen Fluß Kaſſagaba zur Stadt Sanga, welche der Sitz des Landesfuͤrſten, mit Graͤben und Waͤllen umgeben iſt, und Wache in den Thoren hat. Die verehelichten Frauenzimmer daſelbſt hatten alle Haare aus den Augenbraunen gerupft, wie jene zu Nangaſacki vom Brauttage an ihre Zaͤhne kuͤnſtlich ſchwaͤrzen. Am 8. kamen wir zur Stadt Itska. Die Straſſen ſind hier ungemein gut, reinlich, mit Meilenzeigern verſehen, und jeder Reiſende nach Hof iſt auf die linke Seite gewieſen, wie die zuruͤckkehren⸗ den auf die rechte. Am 9. kamen wir zum Fluſſe No⸗ gata, und in die große und reiche Handelsſtadt Ko⸗ kura. Am 1. erreichten wir die Stadt Simono⸗ ſeki, am 12. beſtiegen wir ein großes japaniſches Fahrzeug von 90 Fuß in der Laͤnge. Ueber Kamiro ſegelten wir nach Nakaſſima und Kaminoſeki, wo wir wegen widriger Winde faſt drei Wochen ver⸗ weilen mußten. Wir fuhren dann nach Dſinoka⸗ meru bis Miterai, welcher Hafen ſehr groß und ſicher iſt.— Wiur ſetzten nun unſere Reiſe zur See mit guͤnſti⸗ gerem Winde bis Fiogo fort, wo wir nach einer ge⸗ faͤhrlichen Reiſe von 26 Tagen ankamen. Dieſes hat einen großen Hafen, welcher gegen Suͤden off n iſt, und auf Befehl des Kaiſers Feki außerordentlich gut verdammt wurde, damit die Meereswogen nicht ein⸗ dringen koͤnnten. Am 8. April gelangten wir nach 235 Ifonomia und dann nach Oſakka, wo wir mit Apfelſinen, Feigen und andern angenehmen Fruͤchten gegen unſere vornehmen Geſchenke uͤberraſcht wurden. Oſakka iſt eine der beruͤhmteſten Handelsplaͤtze eine der fuͤnf Reichsſtaͤdte, gehoͤrt dem weltlichen Kaiſer, und wird in ſeinem Namen von zwei Gouverneurs regiert. Wegen der Waarenzufuhr aus allen Theilen des Reichs ſind die Lebensmittel hier ungemein wohl⸗ feil, und die reichſten Kuͤnſtler und Kaufleute zu fin⸗ den. Der Fluß Jedogava, auf welchem wir bis zur Stadt ſegelten, ſtreicht durch deren Straſſen, und iſt deßwegen in verſchiedene Arme abgetheilt. Die Zitadelle auf einer Seite der Stadt hat faſt eine Qua⸗ dratmeile im Umfange. Hier wohnen viele reiche Privatleute, um ihre Renten zu verzehren, weil dieſe Stadt den angenehmſten Aufenthalt darbietet, und fuͤr Japan gerade das iſt, was Paris für Europa. Die Zitadelle ſteht nicht unter der Leitung des Gou⸗ verneurs der Stadt, ſondern hat zwei beſondere Kom⸗ mandanten, welche einander alle drei Jahre abloͤſen, ohne ſich zu beſprechen. Einer muß ſich ſtets am Hofe aufhalten, und darf nicht eher in die Zitadelle ziehen, bis der andere ausgezogen iſt. Am 9. April zogen wir von Oſakka nach Miako durch eine ſo vortrefflich bebaute und bevoͤlkerte Gegend, daß man glaubt nach Holland verſetzt zu ſeyn.— In dem Fluſſe Miako hielten ſich ſehr viele Pe⸗ likane auf, welche ihre Neſter auf den Fichten laͤngs — 237 des Weges gebaut hatten. Auf dem ganzen Wege dieſes Landes ſah ich weder unbekannte, noch ſeltene Gewaͤchſe, noch Unkraut, noch Zaͤune. Das Getreide wird in ſchmalen Beeten geſaͤet, welche ohngefaͤhr ei⸗ nen Fuͤß breit, und durch einen Rain von einander getrennt ſind, welcher auch einen Fuß breit iſt. Iſt das Getreide eine halbe Elle empor geſchoſſen, ſo nimmt man die Erde von dem Raine weg, und legt ſie rings um die neue Saat, welche auf dieſe Art neuen Duͤn⸗ ger erhaͤlt. Mittelſt dieſer muͤhſamen Arbeit erhalten die Aecker das Anſehen der Kohlbeete. Sind ſie mit Reis beſaͤet, ſo wird Waſſer auf die Aecker geleitet, und der Reis durch dieſe erhalten. Im Anfange Aprils faͤngt der Landmann an, das Land umzugraben, wel⸗ ches zum Reis beſtimmt iſt; dieſes ſtand jetzt mit ſei⸗ nen erhoͤhten Seiten faſt ganz unter Waſſer. Die uͤbrigen Aecker waren mit morgenlaͤndiſchem Kohle be⸗ ſaͤet, und von deſſen Bluͤthen ſo vergoldet, daß ſte ſchon in weiter Ferne leuchteten. Das aus dem Saa⸗ men bereitete Oel wird gewoͤhnlich zum Brennen in Lampen verwendet. Waͤhrend der Landmann hier mit Graben ſich beſchaͤfftigte, gingen ſchoͤne weiße Reiher hinter ihm, welche die aufgegrabene Erde von den Maden reinigten, und ſehr zahm waren. In Miako haͤlt ſich der geiſtliche Kaiſer auf. Wir hatten Audienz bei dem Oberrichter, und den beiden Gouverneurs der Stadt. Erſterer iſt faſt die einzige Mannsperſon am Hofe des Dairi oder geiſt⸗ 238 lichen Kaiſers, gleichſam deſſen Generalvikar oder Hof⸗ marſchall, welcher in deſſen Namen alles beſorgt. Er ertheilt Allen Paͤſſe, welche an den Hof des weltlichen Kaiſers reiſen wollen. Er wird aber nicht von dem Dairi ſelbſt, ſondern von dem Kubo ernannt, und iſt gewoͤhnlich ein alter verdienter Offizier vom Ran⸗ ge, obſchon ſeine Einkuͤnfte gering werden. Der Dairi hat ſein Schloß in der Stadt, wel⸗ ches eine eigene Stadt bildet, und mit Graben und Mauren umgeben iſt; wir konnten ſie nur von Ferne ſehen. Er bringt ſeine ganze Lebenszeit daſelbſt zu, und entfernt ſich nie; will er aus ſeinem Zimmer in die Gaͤrten ſpatzieren, ſo wird dieſes ſogleich durch ein Zeichen bekannt gemacht, damit Niemand ſich naͤ⸗ here, und dieſen ehemaligen Regenten des Landes er⸗ blicke, welcher jetzt nur noch in geiſtlichen Sachen un⸗ umſchraͤnkt iſt. Der weltliche Kaiſer oder Kubo hat zwar die hoͤchſte Macht, allein die groͤßte Wuͤrde bleibt doch bei dem Stande des Dairi. Im Anfange der letzten Revolution reiſte der Kubo jaͤhrlich nach Miako, zum Beſuche des Dairi, allein in ſpaͤtern Zeiten unterblieb dieſer Beſuch. Miako iſt die aͤlteſte Hauptſtadt des Reichs und der vornehmſte Handelsplatz. Sie liegt ohngefaͤhr in der Mitte des Landes uͤber eine Flaͤche ausgedehnt, und beilaͤufig eine deutſche Meile lang und eine halbe breit. Hier befinden ſich die anſehnlichſten Kaufleute, Kuͤnſtler und Handwerker und zahlreiche Fabriken fuͤr 239 die Veredlung der Produkte und Waaren des Landes; zugleich iſt der Hof des Dairi als die einzige Akade⸗ mie des Landes zu betrachten, denn alle Buͤcher wer⸗ den daſelbſt gedruckt. Am 14. April reiſten wir uͤber die Stadt Oits durch die fruchtbaren Landſchaften Omi, Iſi und Kwana. In der Umgebung der letzteren Stadt wur⸗ de gerade der Reis gepflanzt, welcher zuerſt in Beete dick geſaͤet wird; ſobald er aufgeſchoſſen iſt, werden die zu dichten neben einander ſtehenden Halme ausge⸗ riſſen, und in ein anderes Land verpflanzt, welches gewoͤhnlich auf die Entfernung einer viertels Meile unter Waſſer ſteht. In allen Doͤrfern fanden wir viele Aepfel⸗, Birn⸗, Pflaumen⸗, Kirſchen⸗, Mandel⸗ und Pfirſchig⸗Baͤume. Eben ſo wurden auch uͤberall Reiſeſchuhe, aus Stroh geflochten, verkauft, in wel⸗ chen man bei kothigem Wetter die Fuͤſſe ſtets benaßte. Auch den Pferden bindet man ſtatt des Beſchlags die⸗ ſe ſtrohenen Hufe an die Fuͤſſe, damit ſie vor dem Straucheln geſchuͤtzt werden. Am 20 April kamen wir durch die große und feſte Stadt Kakegaba an den ſehr großen Fluß Oygaba, wo viele Menſchen, welche das Bett genau kennen, bereit ſeyn mußten, die Reiſenden und deren Gepaͤcke hinuͤber zu tragen, und mit ihrem Leben zu haften, daß kein Ungluͤck ge⸗ ſchehe. Ihre Belohnung wird nach der Hoͤhe des Waſſers und nach der Gefahr ſelbſt bemeſſen. Bis Farra wandelten wir immer neben der See⸗ 240 kuͤſte, aber von da uͤber eine bergige Strecke. Am 25. uͤberſtieg ich den Fakonieberg meiſtentheils zu Fuß, um die zahlreiche Menge von Geſtraͤuchen und Baͤu⸗ men zu unterſuchen, deren viele zur Ueberlieferung nach Nangaſaki angeordnet wurden. Am Dorfe Fakoni wurden wir von einer kaiſerlichen Wache ſtreng unterſucht, welche beſonders keine Frauenzim⸗ mer durchſchluͤpfen laͤßt, die als Pfaͤnder der Treue ihrer Maͤnner gegen den Kaiſer am Hofe bleiben muͤſ⸗ ſen. Am 27. April naͤherten wir uns der Reſidenz Jeddo, deren Vorſtaͤdte laͤngs dem Strande ſich be⸗ finden. Der Hafen iſt ſo verſchlammt und moraſtig, daß die Schiffe oͤfters fuͤnf Meilen entfernt bleiben muͤſſen. Weßwegen die Stadt gegen die Seeſeite vor feindlichen Angriffen ganz ſicher iſt. Wir uͤberſchritten die beruͤhmte Bruͤcke, von welcher alle Wege des Reichs gemeſſen werden. Bald wurden wir am Eingange der Stadt in unſere Herberge getragen, deren wenige Gemaͤcher meiner Erwartung von dem Empfange einer Geſandt ſchaft im Morgenlande nicht entſprachen. Zuerſt wurden wir mit ausdruͤcklicher Erlaubniß der Regie⸗ rung von fuͤnf Aerzten und zwei Aſtronomen beſucht, welche uͤber unſere Ankunft ihre Freude aͤußerten. Die Aſtronomen wollten uͤber die Beſtimmung der Zeit nach Minuten belehrt ſeyn, welches wegen mei⸗ ner Unkunde nicht moͤglich war. Die Aerzte wollten vorzuͤglich wiſſen, wie Krebsſchaͤden, Beinbruͤche, Na⸗ ſenbluten, Geſchwuͤre, Verengung der Vorhaut, Hals⸗ — 241 Geſchwulſt, Zahnſchmerz und Haͤmorrhoiden behandelt werden muͤſſen. Da zwei derfelben die hollaͤndiſche Sprache verſtanden, ſo beſuchten ſie mich taͤglich zur Unterredung uͤber Phyſik, Oekonomie, Botanik, Chi⸗ rurgie und Medizin. Das durch die Dollmetſcher ver⸗ breitete. Geruͤcht meiner Gelehrſamkeit wurde durch die ſchoͤnen chirurgiſchen Werkzeuge aus Paris und Amſterdam, welche ich vorzeigte, ſehr erhoͤht. Sie brachten mir theils zum Beſchauen, theils als Ge⸗ ſchenke kleine Sammlungen von Arzneimitteln, Mi⸗ neralien und Pflanzen, fuͤr deren japaniſchen Namen ich die lateiniſchen und hollaͤndiſchen mittheilte. Sie hatten ſich bereits von Hollaͤndern erworben, die Na⸗ turgeſchichte von Johuſton, das Kraͤuterbuch von Dodonaͤus, die mediziniſche Schatzkammer von Wolſt und die Chirurgie von Heiſter. Ich erhielt verſchiedeue naturgeſchichtliche Werke, unter welchen eines uͤber japaniſche Fiſche durch ſo ſchoͤn geſtochene und illuminirte Figuren ſich auszeichnete, daß es ſelbſt in Europa geachtet werden wuͤrde.. In jeder Strage iſt ein eigener Nachtwaͤchter und ein Brandwaͤchter. Auf jedem Dache iſt ein viereckiger mit einem Gelaͤnder umgebener Platz, auf welchem ein Geſchirr voll Waſſer gegen Feuer bereit iſt. An ſehr vielen Orten ſind keuerfeſte ſteinerne Backhaͤufer errichtet, wohin die Waaren bei Feuersnoth gebracht werden. An den Mauern mehrerer Haͤuſer befinden ſich eiſerne Haken, an welche naſſe Motton gehaͤngt werden, um das euer abzuhalten. Die gewoͤhnlichen Haͤuſer ſind mit holzernen Schindeln bedeckt, und zwei Stockwerke hoch, von welchem das obere ſelten be⸗ wohnt wird. Feuersbruͤnſte ſind nicht ſelten, doch werden ſie ſchnell geloͤſcht.. Muͤnzen aus Gold, Silber, Eiſen, Meſſing und Kupfer erwarb ich theils von Aerzten, theils von Doll⸗ metſchern. Eine Art braͤunlichen Papiers mit mehre⸗ ren dunklen Streifen wird in der Lange und Breite 242 einer halben Elle zuſammen geklebt und zu Schlaf⸗ roͤcken verwendet, welche nur alte Leute tragen duͤrfen. Dieſes und eine Art von gewebten ſchneeweißen aus der Rinde und Faͤden der Papierſtaude wurde mir geſchenkt. Am 18. Mai wurden wir zur Audienz bei dem Kaiſer gerufen, und mehr als eine Stunde vor der Ankunft am kaiſerlichen Palaſte getragen, welcher durch Waſſergraͤben, Zugbruͤcken und ſteinerne Mauern von der Stadt geſondert iſt, und fuͤnf Meilen im Umkrei⸗ ſe haben ſoll. Er iſt von jenem des Kronprinzen durch breite Graben, große Mauern, Thore und Bollwerke getrennt. In der großen aͤußern Zitadelle ſind ſchoͤne Haͤuſer der Landesfuͤrſten, Reichsrathe und andern hoͤheren Staatsdiener. Am außerſten Thore war eine zahlreiche Wache; jene an den uͤbrigen Thoren ſoll taͤglich auf tauſend Mann ſich belaufen. Wir ſtiegen aus unſerer Saͤnfte herab, und giengen durch zwei Reihen bewaffneter Soldaten bis zur Thuͤre des Pal laſtes. Dieſer liegt auf einer Anhoͤhe, und iſt nur ein Stockwerk hoch. Waͤhrend wir warteten, beſuchten uns verſchiedene Landesfuͤrſten und neugieriges Volk; ſte freuten ſich vorzuͤglich uͤber unſere Art zu ſchreiben; weßwegen wir auf die Sonnefaͤcher eines jeden etwas ſchreiben mußten. Sie zeigten uns andere Sonne⸗ faͤcher, welche ſie als große Seltenheiten aufbewahr⸗ ten. weil andere Hollaͤnder vor uns ſie uͤberſchrieben hatten. 4 Endlich kam der Augenblick, wo der Geſandte zur Audienz gelaſſen wurde, welche nicht lange dauerte; dann mußten wir noch geraume Zeit im Vorzimmer verweilen, um den Beſuch mehrerer Hoͤflinge anzu⸗ nehmen, und deren Fragen zu beantworten. Endlich erhielten wir die Erlaubniß, verſchiedene Zimmer des Pallaſtes und beſonders das Audienzzimmer zu beſehen. Dieſes hatte drei Abtheilungen, deren jede um eine Stufe erhoͤht war, und 30 Schritte in der Lange betrug; wehwegen. der Geſandte faſt 30 Schritte vom Kaiſer ent⸗ 243 fernt war, welcher mit dem Kronprinzen zur Rechten waͤhrend der Audienz ſtehen bleibt. Dieſe beſteht nur darin, daß der Geſandte bei dem Eintritte in das Zimmer auf die Knie faͤllt, die Haͤnde auf die Fuß⸗ matte legt, und den Kopf ebenſo zur Erde beugt, wie die Japaner dem Kaiſer Ehrfurcht und Unterwuͤrfig⸗ keit bezeigen. Dann ſteht der Geſandte auf, und kehrt in das Vorzimmer zuruͤck, wie er gekommen iſt. Zur Rechten dieſes Zimmers iſt ein Saal 300 Ellen lang, und 150 breit mit 100 Matten bedeckt, wo die vor⸗ nehmſten Staatsdiener, Raͤthe und Fuͤrſten bei feier⸗ lichen Gelegenheiten ſich verſammeln. Die uͤbrigen von uns geſehenen Zimmer hatten keine Mobilten; ihr Boden war mit großen und ganz weißen Matten belegt, und die Leiſten und Thuͤren lackirt, und ſehr ſchoͤn vergoldet.— 3 Dann wurden wir in den Pallaſt des Kronprin⸗ zen, und in die Haͤuſer der ſechs ordentlichen ſowohl, als der ſechs außerordentlichen Reichsraͤthe zur Auf⸗ wartung gebracht. Da dieſe Herren vom Hofe noch nicht zuruͤck waren, ſo wurden wir uͤberall von zwei Bevollmaͤchtigten hoͤflichſt empfangen, mit warmen gruͤnen Thee, Tabak und Gebackenem bewirthet, waͤh⸗ rend die Frauenzimmer und Kinder durch duͤnne Vor⸗ haͤnge uns betrachteten. Bei unſerer Ruͤckkehr hatten wir das unausſprechliche Vergnuͤgen, auf einer An⸗ höhe die große Stadt, welche 24 Meilen oder Stun⸗ den in ihrem Umfange haben ſoll, zu uͤberſehen. es andern Tags beſuchten wir die ſogenannten Tempelherren, die zwei Gouverneurs und die Komiſſa⸗ rien uͤber die Fremden. Am 25. machten wir unſere Abſchieds⸗Audienz bei dem Kaiſer und Kronprinzen, welche uns mit Schlafroͤcken von dem feinſten japani⸗ ſchen, theils ſchwarzen, theils verſchieden geblumten Seidenzeuge mit ſehr weiten Aermeln und mit Seide oder baumwollener Watte ausgeſtopft, beſchenkten. Ebenſo erhielten wir von den Reichsraͤthen und uͤbri⸗ 244 gen hoͤheren Staatsbeamten nach ihrem verſchiedenen auge 2— 10 Schlafroͤcke. Die Japaner haben gar keinen Begriff von der Anatomié, und kennen nicht einmal den Kreislauf des Blutes, ſie fuͤhlen den Puls ihrer Kranken zuerſt an einem, und dann am andern Arme, wenigſtens eine Viertelſtunde. Hoͤchſt ſelten und mit großer Aengſt⸗ lichkeit laſſen ſie zur Ader. Ich belehrte die zwei jun⸗ en Hofarzte, welche meine eifrigſten Schuͤler gewor⸗ den waren, von der Nothwendigkeit des Aderlaſſens in gewiſſen Faͤllen, und ſchenkte ihnen meinen eigenen Schnaͤpper und andere chirurgiſche Werkzeuge.. Ein Freund ſchenkte mir einen großen Kalkſtein, dergleichen in dem Magen der Pferde, welche in der Umgebung von Jeddo auf dem Stalle ſtehen, gefun⸗ den werden ſollen. Dieſe Steine beſtehen groͤßten⸗ theils aus Schichten ohne Kern, und ſollen zuweilen die Groͤße eines Kindskopf erreichen. Ich vermuthe, daß das Waſſer, welches die Pferde trinken, viel Kalk⸗Erde enthaͤlt, und daß das Stillſtehen derſelben das Anwachſen des Steins vermehrt. Andere Japa⸗ ner gaben mir Golderz, Asbest, Kupferkies, weihen und mehlichten Porzellain⸗Thon, rothen Arſenitk, Speckſtein, Pimsſtein, runden Quarz, weißen Mar⸗ mor, feines Bergoͤl, verſteinerte Blaͤtter, eine Tubi⸗ pore, einen Seeſchwamm, rothe Korallen, und end⸗ lich Kupfererz aus China, welches viel Schwefel ent⸗ haͤlt, und deſſen gebranntes Pulver gegen den Huſten angewendet wird. Alle dieſe Gegenſtaͤnde ließ ich durch den Ritter Bergmann dem Naturalienkabi⸗ nete zu Upſala uͤbergeben.. Am 25. Mai mußten wir von Jeddo abreiſen, denn der 30. Mai war fuͤr die Abreiſe des weltlichen Kaiſers zum großen Niko⸗Tempel beſtimmt, welcher 36 Meilen öſtlich von Jeddo entfernt iſt, und wo eine große Feierlichkeit ſeyn ſollte. Dieſe Reiſe war ſchon ſeit drei Jahren beſtimmt, und mit großen Ko⸗ — ſeiner Beherbergung gebaut, und 245 ſten vorbereitet, aber von einem Jahre zum andern aufgeſchoben worden. Man hatte auf dem Wege, wel⸗ chen der Monarch nehmen mußte, neue Haͤuſer zu ir alle Bedurfniſſe uͤberfluͤſſig geſorgt. Waͤhrend ſei bweſenheit wur⸗ de die kaiſerliche Zitadelle dem Fuͤrſten der Landſchaft Mito, und die Regierung ſelbſt verſchiedenen Reichs⸗ rathen uͤbergeben. Obſchon dieſe Reiſe ſieben Tage dauern ſollte, ſo war doch fuͤr den Kaiſer und deſſen ltelih Gefolge der Aufwand von 4,680,000 Thaler noͤthig.— Am 25. Mai reiſfen wir von Jeddo nach Nan⸗ gaſaki auf dem naͤmlichen Wege, auf welchem wir gekommen waren. Ich bemerkte eine außexrordentliche Induſtrie der Landleute, welche ihre Aecker mittelſt eines loͤffelartigen Gefaͤßes noch duͤngten, als die Saat ſchon aufgeſchoſſen war. Auf dieſer Ruͤckkehr wurden uns weit mehr Freiheiten geſtattet, als vorher; wir durften die groͤßten und ſchoͤnſten Tempel in Miakko beſchauen, die meiſten liegen auf Anhoͤhen und gewaͤh⸗ ren die erfreulichſte Ausſicht. Ich ſah auch die kunſt⸗ lichen Waſſerbehalter, in welchen die Moͤnche ſchwarze Schildkroͤten fuͤr ihr Vergnuͤgen unterhalten. Der groͤßte Tempel iſt jener des Daibud; er ruht auf 96 Pfeilern, und hat mehrere ſehr hohe und ſchmale Eingaͤnge. Er beſteht gleichtam aus zwei Stockwerken, und hat ein doppeltes Dach, deſſen Bber⸗ ſtes durch vieie Pfeiler unternuͤtzt iſt. Der Boden iſt mit viereckigen Marmorſteinen belegt. Leider hat die⸗ ſes praͤchtige Gebaͤude zu wenig Licht. Das Goͤtzen⸗ bild des Daibud in der Mitte des Tempels war ſo ungeheuer groß, daß nach der Verſicherung der Doll⸗ metſcher in der Handwurzel ſechs Menſchen ganz be⸗ quem auf japaniſche Art atzen koͤnnen. 4 In Oſakka beluchten wir mehrere Komoͤdien, lernten die japaniſchen Taͤnze keunen, in welchen die 8 Maͤdchen 10, 20, 30 Kleider uͤber einander tragen, 246 welche ſie waͤhrend des Tanzes nach einander abſtrei⸗ fen, und vom Guͤrtel herab haͤngen laſſen. Sie ſind aber ſo duͤnn, daß man ſie kaum wahrnehmen kann. Im ganzen Lande herrſchte der Gebrauch, daß die Kleider und alles andere Geraͤthe mit den Wappen der Eigenthuͤmer verſeben wurden. Als wir zu Nan⸗ gaſaki ankamen, wurden unſere Kiſten verſiegelt, damit ſie im Magazine nicht mehr unterſucht werden durften. Indeſſen wurden wir ſelbſt und unſere Saͤnf⸗ ten und Gepaͤcke genau unterſucht. „Japan iſt ſehr bergig und uneben; beſonders gibt es um die Kuͤſten ſehr viele Felſen, und die Haͤ⸗ fen ſind mit Klippen und Sandbaͤnken erfuͤllt. Der Boden iſt im Ganzen unfruchtbar, indem er groͤßten⸗ theils aus Sand und Thonerde beſteht; aber durch Fleitz und guten Duͤnger, durch Waͤrme und hinlaͤng⸗ lichen Regen wird er ſehr fruchtbar. Im Sommer iſt die Hitze ſo heftig, als im Winter die Kaͤlte. Die Witterung iſt ſehr wechſelnd, faſt das ganze Jahr reg⸗ nig, vorzuͤglich in den Sommermonaten Gewitter; Stuͤrme und Erdbeben ſind nicht ſelten. Die Japaner beweiſen ſich in allen Unternehmun⸗ gen viel gebildeter und geſitleter, als andere Natio⸗ nen Aſiens und Afrikas. Itt gleichwohl ihre Frei⸗ heit durch die Geſetze ſehr eingeſchraͤnkt; ſo veral⸗ ſcheuen ſie doch die Grauſamkeiten der Hollaͤnder ruͤck⸗ ſichtlich des Sklavenhandels, und ſichern ſich gegen die Bedruͤckungen und Aumaßungen der Auslaͤnder. Unterwuͤrfigkeit gegen die Obern, und Gehor ſam ge⸗ gen die Aeltern wird den Kindern ſchon in fruͤher Jugend eingepraͤgt. Die Geſetze der Hoͤſlichkeit find ſtreng und unverbruͤchlich. Die Sparſamkeit iſt eine berrſchende Tugend, deßwegen iſt Theurung und Hun⸗ ersnoth ganz unbekannt, Voͤllerei und Trunkenheit ehr ſeltene Erſcheinungen. Ihre Reinlichkeit erſtreckt ſich nicht bloß auf den Koͤrper, ſondern auch auf ihre —.,—— —— —— 4 247 Kleider, Wohnungen, Speiſen und Getraͤnke nebſt den Geſchirren.. 4 Sie ſind ſehr gutmuͤthig und lieben die Gerech⸗ tigkeit auf das Aeußerſte. Noch nie haben ihre Mo⸗ narchen zuerſt einen Nachbarn angegriffen oder die Grenzen ihres Reiches zu erweitern geſucht. Von Diebſtaͤhlen und Raubereien weiß man in Japau nichts; doch ſind ſie ſehr mißtrauiſch gegen die Aus⸗ laͤnder. Nach den verkehrten Grundſaͤtzen, welche ihre Prieſter dem Volke beibringen, iſt natuͤrlich, daß der Aberglaube die hoͤchſte Stufe erreicht hat. Ihr gren⸗ zeuloſer Stolz gruͤndet ſich auf die Meinung, daß ſie Nachkommen der Goͤtter des Himmels, der Sonne, dec Aäpnde, und uͤber alle andere Menſchen erhoben ſind.. Die Benennung der Japaner iſt ganz verſchieden von der europaͤiſchen. Der Familienname bleibt im⸗ mer unveraͤndert, wird aber nur in Unterſchriften mit beigedrucktem Siegel gebraucht, und allzeit vor dem andern Namen geſetzt. Der Zuname wird von der Geburt bis zur Mannbarkeit behalten; dann mit jedem neuen Amte veraͤndert. Selbſt Kaiſer und Fuͤrſten bekommen nach ihrem Tode neue Namen. Der Name der Frauenzimmer wird oͤfters von ſchoͤnen Blumen abgenommen. 7 4 1 Alle Staͤnde beider Geſchlechter kleiden ſich ſeit Jahrtauſenden einfoͤrmig in langen und weiten Schlaf⸗ röcken aus Seide oder Baumwolle. Vornehmere tra⸗ gen dieſe Kleider laͤnger, als gemeine Leute, Manns⸗ perſonen einfaͤrbig, Frauenzimmer gebluͤmt. Im Som⸗ mer ſind dieſe Kleider gar nicht, oder ſehr duͤnn ge⸗ fuͤttert, im Winter aber mit Watte. Mannsperſonen tragen ſelten mehr als ein Kleid, Frauenzimmer oͤfters 30— 50 üͤber einander, jedoch ſo duͤnne, daß alle zu⸗ ſammen kaum 4— s deutſche Pfunde wiegen. Der unterſte Schlafrock vertritt die Stelle des Hemdes, und iſt entweder weiß oder blaulich, und meiſtentbeils 248 durchſichtig. Alle dieſe Kleider werden durch einen Guͤrtel befeſtiget, welcher bei Mannsperſonen eine Hand, bei Frauenzimmern aber eine halbe Elle breit iſt, und in mehrern Schleifen gebunden wird, welche bei Verheiratheten vorn, bei Unverheiratheten hinten ſind. In dieſen Guͤrtel ſtecken Mannsperſonen ihren Saͤbel, ihre Sonnefaͤcher, Tahacksyfeife; Beutel und Arzneiſchachtel. Am Halſe ſind die Kleider ausgeſchnit⸗ ten, und vorne ſehr weit offen. Die Aermel ſind ſehr weit und beſonders bei Maͤdchen ſo lang, daß ſie bis auf die Erde reichen. Manche Leute tragen anch nur halbe Schlafroͤcke bis an die Lenden aus duͤnnem Zeu⸗ ge wie Flor, und haben Beinkleider aus einer Art Hanf, welche bloß zwiſchen den Beinen etwas zuſam⸗ men genaͤht ſind. 8 Die Mannsperſonen rupfen faſt alle ihre Honre aus dem Koofe; blos am Nacken laſſen ſie dieſelben ſtehen, ſchmieren ſie ein und ſtreichen ſie gegen den Kopf hinauf. Auf dem Scheitel werden die Haare mit Papier zuſammen gebunden, die Spitzen abgeſchnitten, und wieder zuruͤckgebogen. Dieſe Verzierung der Haare wird taͤglich ſehr gut beſorgt. Die Geiſtlichen und Aerzte haben einen ganz kahlen Kopf, die Knaben behalten die Haare des Hauptes bis zur Mannbarkeit, die Frauenzimmer ſtreichen ſie glatt in die Hoͤhe, und befeſtigen ſie auf der Mitte des Kopfes durch einen Schurz, vor welchen ein Kamm aus Schildkroͤte oder lackirtem Holze geſteckt wird. Geſchiedene Weiber ſcheeren ſich das Haupt ganz ab.