Taſchen⸗Bibliother der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der zuidenilertunſt bis auf unſere eiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen bbildungen. Verfaßt 4 von Mehren, und herausgegeben 4 von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 55. Bändchen. Mit einem Kupfer. II. Theil. 3. Bändchen von Perſten. ——— Nürnberg. Verlegt von Heinrich Haubenſtricker. 1 8 3 * ₰ Taſchen⸗Bibliothek der. wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen . durch Perſien. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Berfaßt von Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 3. Baͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Heinrich Haubenſtricker. 1830. 2 Des Ritters Johann Chardin Reiſe nach Perſien 1671— 1677. J. Nao meiner Ruͤckkehr aus Indien beſchloß ich zu Paris, weil ich wegen meiner Religion zu *) Zu Paris den 16. November 1643 geboren, erhtelt er als Sohn eines Juwelirers eine ſolche Bil⸗ dung, daß er 1664— 70, und 41671— 77 zwer ſehr wichtige Reiſen nach Perſten, wohin er von dem Malex Joſeph Grelot zur Abzeichnung der merkwuͤrdigſten Gegenſtaͤnde begleitet wurde, unternehmen konnte. Im J. 1681 begab er ſich nach England, wo Koͤnig Karl II. ihn zum Rit⸗ ter ernannte, und 1683 als Agent der engliſch⸗ oſtindiſchen Handelsgefellſchaft nach Haag ſen⸗ dete. Er ſtarb am 5. Januar 1743. Von ſeinem: ournal du voyage en Perse et aux dines orien- tales, par la mer Noire et par la Colchide, erſchienen zu London und Amſterdam 1686 in Fo; 1714 in 42., 1735 in 4. mehrere reich mit Luvfern ausgeſtattete Ausgaben, zu Rouen auch ein Nachdruck, und in mehrern Laͤndern ſogar Ueberſetzungen. Ehardin's genaue Kennturs 254 keinem Staatsamte gelangen konnte, wieder nach In⸗ dien zu reiſen. Daſelbſt iſt der Kaufmannsſtand ſehr geehrt, und ſelbſt ſouveraine Haͤupter ſchaͤmen ſich nicht, Handelſchaft zu treiben. Schon im J. 1666 wurde ich von dem Koͤnige Perſiens beauftragt, an ſeinen Hof als Kaufmann zu kommen, Kleinodien von ſehr großem Werthe ſchnei⸗ den, und nach der eigenen Handzeichnung ſeiner Ma⸗ zeſtaͤt bearbeiten zu laſſen. In dieſer Unternehmung von der Madame Lescot unterſtuͤtzt, durchreiſte ich mit dem Gefaͤhrten meiner erſten Reiſe, Roiſin aus Lyon, in einem Jahre und zwei Monaten die reichſten und vorzuͤglichſten Laͤnder Suropa's, um die ſchoͤn⸗ ſten und groͤßten Juwelen, große und runde Perlen und kuͤnſtlich gearbeitete Korallen zu kaufen. Wir lie⸗ fen uͤberdieß noch bei den Goldarbeitern die ſchoͤnſten Arbeiten und praͤchtige Uhren verfertigen, und ſchick⸗ ten einen Vorrath von 12,000 Dukaten nach Ita⸗ lien. Mein Gekfaͤhrte reiſte vor mir von Genua nach Livorno, ich gegen Ende Oktobers nach Mai⸗ land und Florenz. Den 10. November fuhren wir mit einer Kauf⸗ fahrteiflotte nach Smyrna bei Meſine, Zante mehrerer orientaliſcher Sprachen erleichterte ſeinen Zutritt bet mehrern Miniſtern, durch welche er mit den Verhaltniſſen der Laͤnder vor anderen Reiſenden bekannt werden konnte. 2⁵⁵ und andern Inſeln des Archipels vorbei, und ge⸗ riethen bei Micone mit einem Seeraͤuber von Li⸗ vorno in Streit. Man findet uͤberhaupt vierzig chriſtliche Seeräͤn⸗ ber auf dem Archipel, deren einige aus Majorka und Ville Franche, andere aus Livorno und Malta auslaufen. Ihre Schiffe ſind klein, ſchlecht verproviantirt, aber ihre Mannſchaft iſt ſtreitbar, und obwohl Chriſten, dennoch unerhoͤrt grauſam gegen die Einwohner der an dem Archipel gelegenen Inſeln. Nachdem wir vier Monate geſegelt waren, und große Kaͤlte und viele Seeſtuͤrme ausgeſtanden hatten, langten wir den:. Maͤrz 1672 in Smyrna an. Dieſe beruͤhmte Stadt treibt ſehr ſtarken Handel mit den Englaͤndern, Hollaͤndern, einen unbedeutenden aber mit den Genueſern. Nach einem zwoͤlftaͤgigem Aufenthalt zu Smyrna ſegelte ich nach Konſtantinopel, und kam den 9. Maͤrz 1672 daſelbſt an, wo ich meine Kiſten und Kaͤ⸗ ſten mit dem Wappen des franzoͤſiſchen Geſandten, Herrn v. Nointel, zeichnen ließ; denn die an der Pforte befindlichen Geſandten haben das Privilegium, daß ihre Guͤter, und jene der Fremden auf ihren Na⸗ men, von Abgaben frei ſind. Wegen der abgebrochenen Unterhandlungen des franzoͤſiſchen Geſandten mit dem Großvezir, ſchwebte ich in großer Furcht. Dem Geruͤchte nach wollte der Großvezir den franzoͤſiſchen Geſandten und alle zu 256 Konſtantinopel wohnenden franzoͤſiſche Untertha⸗ nen gefangen nehmen laſſen. Mein bedeutender Vor⸗ rath an Mobilien benahm mir die Hoffnung zu Flucht; auch konnte ich mich, wenn ich zu Land nach Per⸗ ſien reiſen wollte, in drei Monaten aus der Tuͤr⸗ kei nicht entfernen. In dieſer mir beſchwerlichen Verwirrung zeigte mir der Hoͤchſte, welcher in den groͤßten Widerwaͤrtigkeiten mir Beiſtand geleiſtet hatte, einen Weg, wie ich am ſicherſten aus Konſtanti⸗ nopel kommen koͤnnte. Ungefaͤhr 20 Meilen von Tanais hat der Groß⸗ Sultan eine Feſtung, welche Azag heißt; jaͤhrlich wird ein Commandant mit Geld und Leuten dahin geſchickt. Theils wegen der Kuͤrze des Weges, denn es werden nur 1300 Meilen dahin gerechnet, theils wegen des Beſorgniſſes zu Lande in die Haͤnde der Tartaren, Koſaken und Moskowiten zu gerathen, wird die Reiſe zur See dahin gemacht. Eine Art kuͤrkiſcher Schiffe, Saiques, auf welchen der Commandant faͤhrt, darf von den Mauth⸗ und Zollaufſehern nicht beſichtigt werden, alle Guͤter auf denſelben ſind frei, und der Commandant iſt nur allein Aufſeher. Dieſe Saiaue ſegelt bei Kaffa, einer beruͤhmten Stadt und einem Hafen in der krimmiſchen Tartarei vor⸗ bei. Dieſer Weg iſt der bequemſte und kuͤrzeſte von Konſtantinopel nach Perſien. Die Verweigerung eines Paſſes verurſachte mir vielen Kummer. Endlich entſchloß ich mich in Ge⸗ — 257 ſellſchaft eines griechiſchen Kaufmanns, welcher nach Kolchis ging, die Reiſe uͤber das ſchwarze Meer zu machen. Dem 19. Juli brachte mir der griechiſche Kauf⸗ man die Nachricht, daß unſere Saique bei der Enge des ſchwarzen Meeres ſegelfertig liege, und nur auf guten Wind warte. Um nicht von den Tuͤrken ent⸗ deeckt zu werden, hielt ich mich drei Tage bei dem Geſandten Sinibaldi Fieſchi in einem an dem Bosphorus gelegenem Luſthauſe auf, und noch vier Tage in einem griechiſchen Kloſter an dem Ende des Kanals auf der europaͤiſchen Seite unſerm Schiffe ge⸗ genuͤber. Der thraziſche Bosphoros iſt einer der ſchoͤnſten Plaͤtze in der Welt. Der Kanal iſt 15 Mei⸗ len lang und 2 breit, jedoch an einem Orte ſchmaͤler und breiter, als an dem anderen. An beiden Seiten der Ufer ſind Luſthaͤuſer, dickes Gebuͤſche, Thiergaͤr⸗ ten, Waͤlder mit Quellen und Blumengaͤrten. Die von dem Kanale 2 Meilen entfernte, und uͤberaus ſchoͤne Gegend der Stadt Konſtantinopel iſt un⸗ vergleichlich, und gewaͤhrt eine herrliche Anſicht. Die ganze an dem Bosphorus befindliche Gegend iſt we⸗ gen ihrer Kruͤmmungen ſehr ſchoͤn, und wird bei hei⸗ terem Wetter von vielen hundert zierlichen Barken befahren. II. Den 11. ging ich unter Segel; auf unſerm Schiffe befanden ſich 200 Perſonen. Ich und mein 258 Gehuͤlfe hatten drei Kammern, welche ſehr enge und unbequem waren. Das Beſchwerlichſte iſt noch auf den tuͤrkiſchen Schiffen, daß man fuͤr alles ſelbſt ſor⸗ gen muß. Die Saiaues(kleine griechiſche Kaufmannsſchiffe) haben zwei Maſte und nur zwei Segeltuͤcher, und keine Strickleitern an den Tauen, durch welche der Maſtbaum befeſtigt wird. Den Maſt⸗ und Segelbaͤu⸗ men fehlt der Korb Aus den türkiſchen Schiffen wird das Waſſer mit Eimern geſchoͤpft. Die Anker werden auf folgende Weiſe geſenkt und gehoben: am Hintertheile des Schiffes geht um zwei Rollen das Ankertau; ſoll der Anker gehoben werden, ſo muͤſſen 20— 30 Menſchen an demſelben ziehen. Wenn ein Schiff unverſehrt in den Hafen eingelaufen iſt, ſo wird es mit vier Ankern feſtgemacht, von denen zwei am Vorder⸗ und zwei am Hintertheile des Schiffes ſich befinden. Die Tuͤrken ſind unerfahren im See⸗ weſen, gebrauchen keine Seekarten, und wiſſen von dem Compaſſe nur ſo viel, daß er gegen Norden ge⸗ richtet ſey. Nur in Meerengen richten ſie ſich nach dem Compaſſe; auf der hohen See entfernen ſie ſich nicht weit vom Ufer. Nach einer achttaͤgigen Fahrt kamen wir den 3. Auguſt nach Kaffa, und ſahen den fuͤnften Tag die tauriſche Halbinſel(Cherſoneſus Taurika). Sie hat ihren Namen von den ehemals an den Sei⸗ ten des Berges Tauris lebenden Bewohnern; liegt 259 von Oſt gegen Nord, und hat 250 Meilen im Um⸗ fange. Die Enge, wo ſie an das Feſtland ſtoͤßt, iſt nur eine Meile breit, und wird zum Unterſchiede von dem Feſtlande und den auf demſelben befindlichen Staͤdten, nebſt den in demſelben meiſtens des Win⸗ tters ſich aufhaltenden Nogayes, oder Tataren⸗ Horden, die tatariſche Krimm, oder Preco⸗ peuſer Tatarei genannt. Das Land der Preco⸗ penſer und Noyaſeer Tatarei iſt klein, und die heutige kleine Tatarei. Auf den Seiten der Precopenſer Halbinſel ſind hohe Ufer, und mit Waͤldern und Doͤrfern bedeckte Gebirge. Bei unſerer Landung zu Kaffa kamen uns viele kleine Barken entgegen, um die Leute und Waaren an das Land zu ſetzen. Die große Stadt Kaffa auf einem Huͤgel iſt laͤnger, als breit, und von Suͤd ge⸗ gen Nord mit ſchoͤnen ſtarken Mauern umgeben. An beiden Ecken derſelben ſind zwei in die See ragende Schloͤſſer. Von dem ſehr großen ſuͤdlich gelegenem Schloſſe kann die ganze umliegende Gegend beſtrichen werden. Das⸗andere kleinere mit trefflichem Geſchuͤtze wird an einer Seite vom Meere beſpuͤlt. Von den 4000 Haͤuſern der Stadt gehoͤren 3200 den uͤrken und Tataren, soo den Griechen und Armeniern; die Anzahl der Armenier iſt groͤßer, als jene der Griechen. Die Marktplaͤtze, Tempel und Baͤder ſind aus Thon und Lehmen geflochten; nur einige eingefallene chriſt⸗ liche Kirchen ſind aus Stein. 260 Kaffa, vor Alters Theodoſia genannt, ward im fuͤnften Jahrhunderte von den Griechen erbaut, in der Folge von den Genueſen, und zu Ende des 16. Jahrhunderts von Mahomet II. exrobert, und Kaffa genannt. Der Boden der Stadt iſt ſandig und duͤrr, das Waſſer ſehr unrein, die Luft heiter und rein. In ihrer Umgebung ſind wenige Gaͤrten, die Lebensmit⸗ tel ſehr wohlfeil, die Fiſche aber theuer. Die Klei⸗ dung der Einwohner iſt verſchieden. Die meiſten tra⸗ gen kleine Muͤtzen aus Tuch, welche mit Schaffellen gefuͤttert ſind. Die Einwohner von Kaffa muͤſſen ein kleines Stuͤck Tuch an dieſelben befeſtigen, um die Mahumetaner von den Chriſten zu unterſcheiden, obwohl die Chriſten im ganzen Aſien ſolche Muͤ⸗ tzen tragen. Das Geſtade und der Buſen von Kaffa iſt ge⸗ gen alle Sturmwinde frei; die Schiffe liegen nicht weit vom Ufer uͤber einem fetten und ſchlammigen Boden auf der Rhede. Hier wird großer Handel ge⸗ trieben, vorzuͤglich mit geduͤrrten und eingeſalzenen Fiſchen und Kaviar. Die Butter in Kaffa wird fuͤr die beſte in der Tuͤrkei gehalten, und Salz und Getraide zu den vorzuͤglichſten Handelsartikeln ge⸗ rechnet. Der mich begleitende Grieche ſuchte den Zollauffeher von Kaffa dadurch zu hintergehen, daß wir Papas ſeven und unbedeutende Sachen in ein Kloſter brin⸗ 261 gen wollten. Papas nennen die Tuͤrken ſowohl alle orientaliſchen Chriſten, als auch ſolche, welche mit Kirchen⸗Ceremonien zu thun haben. Der Zollauf⸗ ſeber oͤffnete zum Gluͤcke einige Kiſten, in welchen ſich blos Buͤcher und einige mathematiſche Inſtru⸗ mente befanden. Als er nach Durchſuchung der gan⸗ zen Kiſte nichts anderes fand, ſagte er: es waͤre der Muͤhe nicht werth, ſolche Dinge aus Europa nach Mingrelien zu fuͤhren. Wir gaben ihm und dem Schreiber ein kleines Geſchenk. Den 2s. Auguſt ſegelte das Schiff, auf welchem ich nach Kaffa gekommen war, nach der Feſtung Azac. Die Einwohner rechnen zur See 460 Meilen, auf dem Lande braucht man nur 12— 13 Tage dahin. Der Kanal zwiſchen dem Macotiſchen See und dem ſchwarzen Meere erſtreckt ſich s Meilen und fuͤhrt den Namen Enge bei Kaffa, oder Mund des heiligen Johannes. Die großen nach Azae ſegelnden Schiffe ankern meiſtens zu Pa⸗ leſtra, welches 40 Meilen von der Feſtung entfernt iſt; Azac aber liegt 15 Meilen vom Strome. Durch ꝛ kleine Feſtungen ſchuͤtzten die Tuͤrken den engen Eingang des Tanais. Dieſer Strom von den Al⸗ ten Orxentis, von den jetzigen Bewohnern Don genannt, iſt ungefaͤhr 8o Meilen lang. Die Tuͤrken ſperren dieſen Schlund mit einer ſtarken Kette, und vorhindern die Moskowiter und Kirkaſier mit ihren großen Barken auf dem Maeotiſchen See und 262 auf dem Meere zu kreuzen. Die 3 Meilen von dem See gelegene Feſtung Tang, von dem Tanais ſo genaunt, iſt zerſtoͤrt. Iſgaour iſt ein oͤder Ort und bewohnt; man bauk Huͤtten von Baumaͤſten bei der Ankunft von Kaufleuten, um vor den Abcaſſinern ſicher zu ſeyn. III. Die Landſchaft Kolchis liegt an dem ſchwarzen Meere, wird gegen OÖſten von einem klei⸗ nen Koͤnigreiche, einem Theile Georgiens, welches die Einwohner Imirette, die Tuͤrken aber Pa⸗ chatchoue oder Pacha Koutchoue(kleiner Prinz) nennen, eingeſchloſſen grenzt gegen Suͤden an das ſchwarze Meer, gegen Weſten an Abcaſſinien und gegen Norden an den Kaukaſus. Es liegt ſeiner Laͤnge nach zwiſchen dem Meere und dem Ge⸗ birge, ſeiner Breite nach erſtreckt es ſich von dem Lande der Abcaſſiuier bis an das Koͤnigreich Imiret. Der Corax und Pbhaſis bei den Alten ſo beruͤhmte Stroͤme, jetzt Codours und Rione genennt, bil⸗ den deſſen Grenze. Der Codours ſcheidet Col⸗ chis von Abeaſſinien, der Rione von Imi⸗ ret. Seine Laͤnge erſtreckt ſich auf 110, die Breite auf 60 Meilen. Ehmals war gegen Norden eine 60 Meilen lange Mauer gegen die Abeaſſinier er⸗ baut, unterlag aber ſchon lange den Stuͤrmen der Zeit. Die Allanes, die Bewohner des Kauka⸗ ſus, grenzen gſeichfalls an Kolchis. Die gegen Nor⸗ 263 den wohnenden Kirkaſſter nennen die Tuͤrken Kara Cherkes, ſchwarze Kirkaſier, wegen des vie⸗ len Nebels in dieſem Lande, obwohl ſie ein ſchoͤnes Volk ſind. Sie haben keine Religion, leben blos vom Raube, gehen faſt nackt und wiſſen von keiner Kunſt und Wiſſenſchaft. Sie uͤbertreffen durch Koͤr⸗ pers⸗Groͤße die andern Voͤlker. 1 Das ehemals beruͤhmte Koͤnigreich Kolchis nen⸗ nen die Orientalen Odiſche und die Einwohner Mingrels. Das Land iſt uneben und gebirgig, und beinahe ganz mit Waͤldern bedeckt, das Klima feucht und ungeſund. An Waſſer hat es großen Ueber⸗ fluß. Aus dem Kaukaſus entſpringen die ſchoͤnſten und groͤßten Quellen, welche in Stroͤme vereint ſich in das ſchwarze Meer ergießen. Die vorzuͤglichſten Fluͤſſe ſind der Codours und Socom. Der Boden iſt unfruchtbar, die Fruͤchte ſind wild und unſchmackhaft. Sehr gut aber gedeiht der Weinbau. Die Einwohner bedienen ſich ausgehoͤhlter Baͤume, ſtatt der Faͤſſer; in dieſen preſſen ſie die Trauben, gie⸗ ßen dann den Saft in große irdene Gefaͤße und gra⸗ ben ſie nicht weit von ihren Haͤußern in die Erde. Das gemeine Getreide, Gom genannt, iſt klein und ſieht dem Hirſe aͤhnlich. Es wird im Sommer, wie der Reis geſaͤet. Aus dem Teiche des Kornes wird ein ſehr weißes, feines Brod bereitet. Wenn man davon ißt, muß man ein wenig reinen Wein trinken, um die Kaͤlte und 264 das Abfuͤhrende deſſelben zu vermindern. Außerdem waͤchſt zu Mingrelien etwas Reis. 2 Die gewoͤhnlichen Speiſen des Landes beſtehen in Rind⸗ und Schweinefeiſch. Gefluͤgel findet man ſelten, das Wildprett iſt ſehr ſchmackhaft. Der Mingreliſche Adel beſchaͤftigt ſich bloß mit Jagen und Hetzen und bedient ſich bei der Jagd ab⸗ gerichteter Falken. Man findet viele und gute Pferde, ſie werden nicht beſchlagen, und ſo bald man von ih⸗ nen abgeſtiegen iſt, nimmt man ihnen Sattel und Zaum und treibt ſie auf die Weide, von welcher ſie allein leben muͤſſen. Den 30. Auguſt ſegelten wir nach dem Hafen Douſſa(Salzgrube). Dieſe ſind große und ſalzige Moraͤſte, 60 Meilen von Kaffa. Das Salz kann man nach Belieben nehmen, weil es von Niemand bewacht wird. Dieſe Salzgruben koſten nichts zu un⸗ terhalten. Man leitet das Meerwaſſer auf den ſchlam⸗ migten Grund der Moraͤſte. Bei den Strahlen der Sonne laͤuft das Salz zuſammen, wird hart, weiß und ſchoͤn. Eine Meile von dieſen Salzufern wohnen Tataren. In dieſer Gegend ſah ich wenige Haͤuſer, aber ſehr viele Zelte, welche nach Tatariſcher Art ge⸗ baut ſind. Dieſe koͤnnen in kurzer Zeit abgebrochen werden. Ihr Fuhrwerk beſteht in Pferden und Och⸗ ſen zugleich, die Bewohner ſind Mahumetaner und ſehr aberglaͤubiſch. 265 Den 8. September entdeckten wir die an dem Ka⸗ nale des Maeotiſchen Sees gelegenen ſehr hohen Kuͤ⸗ ſten, obwol wir noch 30 Meilen davon entfernt wa⸗ ren. Abends waren wir nicht weit vom Kap Cuo⸗ dos, dem Coro condama des Ptolemaͤuszes geht weit in die See. Die herumliegenden Laͤnder koͤnnen we⸗ gen ihrer Hoͤhe von weitem geſehen werden. Wir ſegelten von Kaffa bis an das Vorgebirge immer in dem Kanale, und gingen von da bis Mingre⸗ lien am Ufer von einem Orte zum andern. Von Kaffa bis nach dem Maeotiſchen Ka⸗ nal ſind 120 Meilen. Das zwiſchen beiden gelegene Land iſt dem tuͤrkiſchen Sultane unterworfen, und wird von den Tataren nur an wenigen Orten, weil es meiſtens oͤde und wuͤſt iſt, bewohnt. Von dem Maeotiſchen Kanale bis Mingrelien rechnet man 600 Meilen. Man ſchifft an den, auf Seiten mit ſchoͤnem Gebuͤſche und Waͤldern bedeckten Gebir⸗ gen, welche von Kirkaſſiern bewohnt werden, hin. Dieſe Voͤlker nennen die Tuͤrken Cherkes, die Alten Za⸗ geens; ſie ſind von der Pforte unabhaͤngig. Das Klima iſt ungeſund, feucht und kalt; Getreide waͤchſt hier nicht. Dieſe Voͤlker von Natur wild und roh, haben, obwohl ſie ehemals Chriſten waren, jetzt keine Reli⸗ gion. Sie wohnen in hoͤlzernen Huͤtten, gehen bei⸗ nahe ganz nackt, und ſind Feinde der benachbarten Voͤlker. Sie verkaufen einander als Sklaven an die 53. B. Perſten. II. 3. 2 266 Tuͤrken und Tataren. Die Weiber beſorgen den Ackerbau. Sie leben von einem gebackenen Teig von gewiſſen Koͤrnern, welcher dem Honig⸗Kuchen aͤhnlich ſchmek⸗ ken ſoll.. Die Laͤnder der Abeaſſinier grenzen an die Provinzen der Kirkaſſier. Das zwiſchen ihnen ge⸗ legene Land an der Seekuͤſte erſtreckt ſich 100 Meilen zwiſchen Mingrelien und Kirkaſſien. Die Ein⸗ wohner ſind nicht ſo wild und barbariſch, wie die Kir⸗ kaſſier, aber ſehr diebiſch und raͤuberiſch. IVv. Den 10. September kamen wir nach Is⸗ gaour, einem ſehr bequemen Geſtade Mingreliens in der Sommerszeit, weil alle nach Kolchis ſegeln⸗ den Kauffahrtei⸗Schiffe daſelbſt zu ankern pflegen. Mingrelien hat weder Staͤdte noch Flecken, ſondern nur 2 am Ufer des Meeres gelegene Doͤrfer. Die Haͤuſer liegen ſehr zerſtreut, oft in 1000 Schrit⸗ ten nur 2— 3 beiſammen. Es ſind daſelbſt 9— 10 Schloͤſſer, deren vorzuͤglichſtes Nues, die Reſideni des Priuzen von Mingrelien iſt. Daſſelbe iſt mit ei⸗ ner duͤnnen Mauer aus Steinen umgeben, und mit einigen Feldſtuͤcken verſehen. Die Bauart iſt folgende: In einem dichten Gehoͤlze findet man auf einer Ebene einen 30— 40 Fuß bohen Thurm als Schutzwehr; in demſelben koͤnnen 60— 60 Menſchen leben, und es befindet ſich da der Reichthum des Regenten und ſei⸗ ner Schuͤtzlinge. Nabe bei dieſem Thurme ſtehen noch 267 5— s kleine Thuͤrme aus Holz, welche im Nothfalle zu Magazinen und Wohnungen der Frauen dienen muͤſſen. Nebſt dieſen ſind noch auf der Ebene ver⸗ ſchiedene Huͤtten, theils aus Holz und Baumaͤſten, theils aus Rohr und Schilf erbaut. Die Gegend iſt durch einen ſtarken Zaun und dicken Wald geſich⸗ ert. Nur bei der Gefahr eines feindlichen Ueber⸗ falles fluͤchten die Kolchier in dieſe Schloͤſſer. Die Haͤuſer der Einwohner ſind alle aus Holz er⸗ baut; die Haͤuſer des Volkes haben ein, jene des Adels zwei Stockwerke. Die Einwohner, beſonders die Wei⸗ ber, ſind ſehr ſchoͤn und wohl geſtaltet. Mit ihrer natuͤrlichen Schoͤnheit verbinden die Weiber einen holden, und zur Liebe reitzenden Blick. Die Haͤßlichen ſchminken die Augenbraunen, Wangen, Naſe und Stirne mit verſchiedenen Farben; die jungen und ſcho⸗ nen nur die Augenbraunen. Ihre Kleidung iſt mit der Perſiſchen zu vergleichen; ihr Kopfputz kommt mit dem der Europaͤerinnen uͤberein. Eine Florkappe be⸗ deckt das Geſicht und den Hintertheil des Kopfes. Sie ſind von Natur ſcharffinnig, hoͤflich, aber auch ſtolz, grauſam und unzuͤchtig. Sie wenden alle Mit⸗ tel an, um die Maͤnner in ihr Netz zu ziehen. Die Maͤnner ſind ſchlechter und hinterliſtiger, als die Wei⸗ ber. Raub, Mord, Ehebruch, Huren und Blutſchande werden als Tugenden geprieſen. Trifft ein Mann ſein Weib im Ehebruche, ſo muß der Ehebrecher ein Schwein geben, und dieſes verzehren ſie alle drei mit 268 einander. Sie halten ſo viele Weiber und Beiſchlaͤ⸗ ferinnen, als ſie ernaͤhren koͤnnen; ſie glauben ihre Liebe dadurch auszudruͤcken, daß ſie die erſtgebornen Kinder umbringen, wenn ſie ſolche nicht ernaͤhren koͤnnen, oder den Kranken morden, deſſen Krankheit unheilbar iſt. Die Adeligen haben Macht uͤber Leben und Tod der Unterthanen und ſind ſehr ſtreitſuͤchtig. Ihre Waffen beſtehen in einem Speere, in Bogen und Pfeilen, in einem geraden Saͤbel, Kolben und Schilde. Sie ſind gute Fußgaͤnger und geſchickte Reiter. Nur die Geiſtlichkeit laͤßt den Bart wachſen; ſte ſcheeren das Obertheil des Hauptes in Geſtalt einer Krone, laſſen das uͤbrige Haar rings um den Kopf bis auf die Augen wachſen, und bedecken das Haupt mit einer ſehr feinen Filzmuͤtze in Geſtalt eis nes Halbmondes; bei Regenwetter ſtecken ſie die Nuͤtze in die Taſche, und laſſen ſich den Kopf bereg⸗ nen. Sie tragen kleine Hemden, welche bis an die Knie ſich erſtrecken, und unten zuſammengezogen find. Auch umwinden ſie ſich mit einem Stricke, um an demſelben ihre Gefangenen und uͤbrige Beute zu be⸗ feſtigen. Der Arme geht beinahe nackt; zuweilen hat er ein altes Stuͤck, welches nur einen Theil des Koͤr⸗ pers bedeckt, und nach dem Winde gehaͤngt werden muß. Wer ein Hemd und weites Beinkleid beſitzt, gilt fuͤr reich; alle gehen beinahe barfuß. Mann und Weib, reich und arm, hat niemals mehr, als ein Hemd und ein weites Beinkleid anz 269 dieſe muͤſſen ein ganzes Jahr aushalten. Die Vor⸗ nehmen ſitzen auf Teppichen und ſpeiſen nach Art al⸗ ler Morgenlaͤnder. Die Mingrelier und ihre Nach⸗ barn uͤbertreffen die Teutſchen und alle Abendlaͤnder im Trinken. Wenn ſie erhitzt ſind, trinken ſie nicht mehr aus Bechern und Kannen, ſondern aus Schuͤf⸗ ſeln und Kruͤgen. Sie noͤthigen ihre Gaͤſte gleich falls zum Trinken, machen keine Komplimente bei der Ta⸗ fel, und unterhalten ſich uͤber Raub, Diebereien, ge⸗ fuͤhrte Kriege, Mord und Sklavenverkaͤufe. Das Geſpraͤche mit den Weibern iſt ziemlich unehrbar; ihre Kinder lallen dieſe Schandreden nach. Der Vater zieht das Kind zur Dieberei, die Mutter zur Geilheit und Unzucht auf. Mingrelien iſt heut zu Tage ſchlecht bewohnt, und zaͤhlt nicht uͤber 20,000 Einwohner. Durch Krieg und den Verkauf der Einwohner von dem Adel wird ihre Zahl ſehr vermindert. Der Handel in Mingrelien beſteht im Tauſchhandel. In ihren Kriegen zeigen die Mingrelier Muth; ſie rauben, brennen und fuͤh⸗ ren Menſchen und Vieh weg. Die Einkuͤnfte des Fuͤrſten betragen jaͤhrlich hoͤch⸗ ſtens 20,000 Thaler, und kommen von der Mauth, dem Schiff⸗ und Hafenzoll. Dieſe Abgaben werden in einen Kaſten geſchlagen, und nichts davon genom⸗ men, weil die Unterthanen alle Dienſte ohne Lohn verrichten muͤſſen, und weil der Koͤnig von ſeinen Laͤndereien ſo viel Eßwaren erhaͤlt, daß er und ſeine 270 Familie noch großen Ueberfluß haben. Sein Hofſtaat beſteht bei feſtlichen Tagen aus s00 Edelleuten, an ge⸗ woͤhnlichen Tagen aus 26; jener ſeiner Gemah⸗ lin aus 100 Adelichen maͤnnlichen und weiblichen Ge⸗ ſchlechts. Die Religion der Einwohner von Kol⸗ chos war ehemals keine andere, als jene der Griechen. Nahe an dem Meeresſtrande, und nahe bei dem Fluße Corax zeigen die Mingrelier einen Ort, Pigivi⸗ tas genannt, und neben ihm eine Kirche mit 3 Ge⸗ woͤlben und Schwibboͤgen: hier ſoll der heilige An⸗ dreas gepredigt haben. Was ich von Religion bei ih⸗ nen geſehen habe, beſteht darin, daß die Weiber zu⸗ weilen kleine Wachslichter anzuͤnden, dieſelben an ihre Haus⸗ oder Kirchthuͤre ankleben, bisweilen etwas Weihrauch anzuͤnden, ſich gegen die Sonne wenden, tief verneigen, und große Kreuze vom Kopfe bis auf die Fuͤße machen. Ihre Prieſter und Biſchoͤfe ver⸗ richten die kirchlichen Gebraͤuche, taufen und leſen Meſſe. Wenn einem Weibe der Mann, oder ein naher Blutsverwandter ſtirbt, zerreißt ſie ihr Kleid, entbloͤßt ſich bis an den Guͤrtel, reißt die Haare aus dem Haupte, zerfleiſcht den Leib und das Geſicht, ſchlaͤgt ſich auf die Bruͤſte, ſchreit, heult, knirſcht mit den Zaͤhnen, ſchaͤumt mit dem Munde, und ſtellt ſich, als ſey ſie beſeſſen. Die Maͤnner bezeugen ihr Leid auf eine eben ſo barbariſche Art. Die Trauer dauert 40 Tage, nimmt jedoch waͤhrend dieſer Zeit ab. Die erſten zehn 271 Tage kommen die naͤchſten Anverwandten mit einer großen Anzahl Maͤnner und Weiber jedes Standes zuſammen, um den Todten zu beweinen. Den 40. Tag wird die Leiche begraben, und darauf ein Trau⸗ ermal gehalten; die Weiber ſpeißen allein. Der Bi⸗ ſchof liest Meſſe, und nimmt nach Landesſitte alles zu ſich, deſſen der Verſtorbene im Leben ſich bedient hat. Dieſe koſtbaren Male richten große und kleine Familien zu Grunde. Wenn ein Biſchof ſtirbt, ſo zieht der Landesherr deſſen Guͤter an ſich. V. Die Landſchaft Guriel naͤchſt Mingre⸗ lien iſt klein, grenzt gegen Nord an das Koͤnigreich Imirette, gegen Oſt an einen Theil des Kauka⸗ ſus, gegen Weſt an Mingrelien, und gegen Suͤd an das ſchwarze Meer. Sie liegt der Laͤnge nach am ſchwarzen Meere vom Phaſis bis zu einem an⸗ dern Fluße, welcher eine Meile bei dem tuͤrkiſchen Schloſſe Gonie, das 40 Meilen vom Phaſis entfernt liegt, vorbeilauft. Die Einwohner von Gu⸗ riel kommen hinſichtlich ihrer Sitten und Gebraͤuche jenen von Mingrelien gleich. Das Koͤnigreich Imirette, groͤßer als Guriel, iſt das alte Iberia. Es liegt zwiſchen dem Kau⸗ kaſus, Colchis, dem ſchwarzen Meere, Gu⸗ riel und den Geogriſchen Laͤndern in der Mitte. Seine Laͤnge betraͤgt 120, ſeine Breite so Meilen. Die Bewohner des Kaukaſus ſind die Georgier 272 und die ſuͤdlich gelegenen Tuͤrken, gegen Suͤd die Oſſi und die Caracioles, oder Characherkes der Tuͤrken. Ihr Sprache iſt halb tuͤrkiſch. Imirette iſt, wie Mingrelien, voll dichter Waͤlder und hoher Gebirge, hat aber auch ſehr anmu⸗ thige Thaͤler, wohlriechende Wieſen und Ebenen. Man findet Lebensmittel in Menge, auch Eiſenberg⸗ werke. Man muͤnzt Geld, und hat Verkehr mit Gold und Silber. Es herrſchen gleiche Sitten, wie in Mingrelien. Man trifft Flecken und Doͤrfer an. Der Koͤnig hat 3 gut befeſtigte Kaſtelle; das eine, Scander genannt, liegt in einem Thale, die beiden andern erheben ſich auf dem Kaukaſus, ſind von Natur ſehr feſt, und fuͤhren die Namen Regia und Seorgia, unterhalb laͤuft der Phaſis. Dieſe Laͤnder ſtehen unter tuͤrkiſcher Herrſchaft und bezahlen Tribut. Der Koͤuig von Imirette muß dem Sultan so Kinder, Knaben und Maͤdchen von 10— 20 Jahren geben; der Prinz von Guriel 46 deſſelben Alters; der Prinz von Mingrelien 60,000 Klafter feiner im Lande geſponnener Leinwand liefern. Die ehemals zinsbaren Abcaſſinier ſind vom Tribute frei. Dieſe Prinzen fuͤhren den Beinamen Dadian, d. i. Haupt der Gerechtigkeit. Deßwegen wurde auch das erſte Geſchlecht der Perſiſchen Koͤnige Pich⸗Dadian(Obergerechtigkeit) genannt, um da⸗ durch anzuzeigen, daß ſie zuerſt den Unterthanen Recht wiederfahren ließen, und deſſen Habe ſchuͤtzten. 273 Der Koͤnig von Imirette fuͤhrt den Titel Meppe, d. h. Koͤnig der Georgier. Dieſer Meppe und der Dadian wollen in gerader Linie vom Koͤnige David abſtammen. Die uralten Koͤnige von Georgien ruͤhmen ſich auch, aus dieſem Geſchlechte entſproſſen zu ſeyn, und der Kan von Georgien laͤßt ſich unter ſeinen Titeln das Praͤdikat beilegen, von Salomo abzuſtammen. Sobald unſer Schiff in den obengenannten Hafen Iſgaour eingelaufen war, trat ich mit meinem grie⸗ chiſchen Kaufmanne an das Land, und fand die ganze Landſchaft mit Waͤldern bedeckt. Ungefaͤhr 100 Schritte vom Ufer iſt ein 250 Schritte langer und 50 breiter, ebener Platz, welcher der Markt von Min⸗ grelien genannt wird. Da iſt eine Straße, auf de⸗ ren beiden Seiten einige hundert kleine Huͤtten aus Baumaͤſten zu finden ſind. Die Kaufleute wohnen in denſelben und verkaufen ihre Waaren. Der Mangel an Lebensmitteln und der Krieg der Tuͤrken mit dem Prinzen von Guriel verurſachte mir keinen geringen Kummer. In dieſer Noth ſchickte ich zu den Theatiner⸗Miſſionarien in Min⸗ grelien, bei welchen ich ein großes Kapital nieder⸗ gelegt hatte, in der Hoffnung, daß ſie mir bei mei⸗ nem Vorhaben, nach Perſien zu reiſen, den groͤß⸗ ten Dienſt thun wuͤrden. Ihre Wohnung liegt zu Lande 40 Meilen von J ſgaour, zu Waſſer 5s Mei⸗ len entfernt. Ich kam traurig auf das Schiff, weil ich keine Lebensmittel und Wohnung erhalten konnte; nichts deſto weniger blieb ich feſten und unbeweglichen Gemuͤthes. Den 4 Oktober kam der Bote mit dem Vorſteher der Theatiner Don Maria Joſeph Zampy. Er empfing mich ſehr doͤflich, und machte mich mit der Gefahr, in dieſem Lande zu reiſen, bekannt; ich ver⸗ mochte ihn endlich durch viele Vorſtellungen, daß er mich in ſeine Wohnung aufnahm. Froh war ich dem Geſtanke und der Unflaͤtherei auf dem Schiffe ent⸗ kommen zu ſeyn. Wir hatten guten Wind, und un⸗ ſere Barke ſegelte ruhig fort. Um Mitternacht kamen wir bei dem Schlunde des Fluſſes Aſtolphe an, die Mingrelier nennen ihn Lang urz er iſt einer der groͤß⸗ ten Stroͤme Mingreliens. Wir ſendeten zwei von unſern Schiffleuten nach Anarghie, um zu ſehen, wie es mit dem Feinde ſtehe. Das Dorf Anarghie, zwei Meilen vom Meere entfernt, das vorzuͤglichſte dieſer Landſchaft, iſt groß⸗ und hat uͤber 100 Haͤuſer, welche ſo weit von einan⸗ der gebaut ſind, daß man vom erſten Hauſe bis zum letzten wohl zwei Meilen zuruͤcklegen muß. In dieſem Dorfe befinden ſich allzeit Tuͤrken, um Sklaven einzu⸗ kaufen. Die Nachricht von dem Kriegsſchauplatze war beruhigend, und wir beeilten uns, bei dem Dorfe zu landen. Auf Ermahnen des Pater Zampy leerte ich im Angeſichte meines Wirthes eine Kiſte von Buͤchern aus. Er verwunderte ſich, ſo viele Buͤcher beiſammen 275 zu ſehen, und glaubte, es ſeyen auch in den uͤbrigen Kiſten Buͤcher. Zu Anarghie hatte ich Ueberfluß an Fleiſch und Wein; dagegen fehlte das Brod. Eine Vezirs⸗Wittwe ſendete, mir taͤglich ½ Pfund Brod, und ich machte ihr dafuͤr andere Geſchenke. Der Pa⸗ ter Zampy gab mich fuͤr einen Kapuziner aus, und rieth mir, um nicht entdeckt zu werden, einen arm⸗ ſeligen Anzug zu waͤhlen. Ich ſpielte meine Rolle klug, aber meine Diener machten mich durch ihre Ge⸗ fraͤßigkeit und Ueppigkeit verdaͤchtig. VI. Den 14. reiſten wir von Anarghie weg, legten auf dem Fluſſe Aſtolphe zwei Meilen zu⸗ ruͤck, luden dann unſere Waaren auf Wagen, und langten endlich mit Untergang der Sonne zu Sa⸗ pias an. So iſt der Name von zwei kleinen Kir⸗ chen, von denen eine die Pfarrkirche von Mingre⸗ lien iſt, die andere aber den Theatinern gehoͤrt. Letztere iſt dieſen mit einem umzaͤunten Platze von ziemlicher Groͤße und einigen bedeutenden hoͤlzernen Haͤuſern eingeraͤumt worden. Sie kamen 1627 nach Mingrelien, wurden als Aerzte aufgenommen, und von dem Prinzen mit Laͤndereien beſchenkt. Die Theatiner ſind arm, werden beraubt, ſchlecht behan⸗ delt, und nur wegen ihrer mediziniſchen Keuntniſſe etwas geehrt. Den 18. kam die Prinzeſſin von Mingrelien bei den Theatinern an; ſie fuͤhrte, wie die benachbar⸗ 276 ten Prinzeſſinnen den Namen Dedopale, welches in georgiſcher Sprache Koͤnigin heißt. Sie war zu Pferd von acht berittenen Frauensperſonen umgeben, und hatte eben ſo viele Maͤnner zu Fuß als Diener bei ſich. Sie ſprach: ihre Lebensmittel von Kon⸗ ſtantinopel und einige Europaͤer mit Wagen ſeyen gekommen, welche ſie zu ſehen wuͤnſcht. Ich wurde ſogleich gerufen, und Pater Zampy gab mir zu ver⸗ ſtehen, daß ich ihr einige Geſchenke geben muͤßte. Ich ließ ſie durch den Pater dahin vermoͤgen, daß ſie erlaubte, ihr in ihrer Reſidenz einige Geſchenke dar⸗ zubringen. Auf die Frage, weſſen Standes und Her⸗ kommens ich ſey, antwortete ich: ich ſey ein Kapuzi⸗ ner, und ging mit heiligen Verrichtungen um. Allein ſie ſchien es nicht zu glauben, weil ſie meiſtens von Lie⸗ besgegenſtaͤnden redete. Sie ließ mich fragen, ob ich keine Empfaͤnglichkeit fuͤr die Liebe haͤtte, und ob man ohne Liebe und Frauen ſeyn koͤnnte ꝛc. Endlich begab ſie ſich mit Gottes Huͤlfe fort. Den 19. ließ ſie mich zur Mittagstafel einladen. Ich erſchien mit dem Pater Zampy und einem an⸗ dern Theatiner. Die Prinzeſſin war ganz in Gold gekleidet; ihr Kopfſchmuck beſtand in Juwelen, ihr Schleier war ſehr fein gearbeitet. Sie ſaß auf einer Tapete, ihr zur Seite befanden ſich 9— 10 Kam⸗ merfrauen. Der Saal war mit halbnackten Zigeu⸗ nern, in welchen ihr Hofſtaat beſtand, angefuͤllt. Man fragte gleich nach dem Geſchenke, ehe ich noch 277 einen Fuß in den Hof geſetzt hatte. Die Prinzeſſin hieruͤber ſehr erfreut, hieß mich nicht weit von ihr auf eine Bank ſetzen, und ſagte, ſie ſey geneigt, mich mit einer ihrer Freundinnen zu vermaͤhlen, ſey auch geſonnen, mich nicht aus ihrem Lande zu laſſen, und mit Haͤuſern, Sklaven und Laͤndereien verſehen zu laſſen. Waͤhrend dieſes Geſpraͤches wurden wir zur Tafel gerufen. Die Prinzeſſin ſetzte ſich, und in einer Entfer nung von vier Schritten ihre Kammerfrauen auf Ta⸗ peten. Ungefaͤhr so Zigeuner lagerten ſich ringsum auf Grashaufen; mir und den Theatinern wurden zwei Baͤnke, eine als Tiſch, die andere zum ſitzen ge⸗ bracht. Nachdem die Prinzeſſin ſich geſetzt hatte, wurde vor ihr ein langes gemaltes Tuch ausgebreitet, und in einem Winkel der Schenktiſch geſtellt. Einige Diener brachten zu den Gaͤſten Bretter als LTiſche. Hierauf wurden zwei Keſſel mit Gom oder Kuchen von vier großen Maͤnnern, und noch ein kleinerer ebenfalls mit Gom von zwei Maͤnnern gebracht; hier⸗ auf trugen zwei andere ein ganzes Schwein, und vier einen großen Krug Wein. Dann reichte man eine große Schuͤſſel mit Brod und ſtarken Koͤrnern, um Eßluſt zu erregen, umher, und in einer ſilbernen Schuͤſſel verſchiedenes Gefluͤgel, theils geſotten, theils gebraten, mit einer uͤbelſchmeckenden Bruͤhe. Die Tafel dauerte zwei Stunden. Die Prinzeſ⸗ ſin ließ mir drei Mal aus ihrer Mundſchale Wein 278 reichen. Als ich Waſſer in den Wein goß, wunderte ſie ſich ſehr, weil ſie und ihre Frauenzimmer denſel⸗ ben rein und in großem Ueberfluſſe tranken. Bald nach der Tafel fragte ſie nach Porzellain⸗Geſchirren, und redete von meiner Heirath. Als ſie bei einer ſehr tiefen Verbeugung mein feines Hemd ſah, nahm ſie mich bei der Hand, ſtreifte mir den Aermel bis an den Ellenbogen, hielt mich eine geraume Zeit bei dem Arme, und redete mit einer ihrer Frauen ganz heimlich. Oefters warf ſie Liebesblicke auf mich, naͤ⸗ herte ſich dann dem Pater Zampy, und ſagte: ich ſehe wohl, daß ich von euch beiden betrogen bin; Sonntags fruͤhe will ich bei euch erſcheinen, und mir von dieſem neuen Geiſtlichen eine Meſſe leſen laſſen. Der Pater wollte darauf antworten, aber die Priu⸗ zeſſin kehrte ihm den Ruͤcken. Beſorgt deßwegen, ließ ich meine koſtbaren Uhr⸗ werke, 12,000 Dukaten ꝛc. vergraben. Die uͤbrigen Sachen, welche leicht und von hohem Werthe waren, nahmen wir zu uns, die andern gaben wir den Thea⸗ tinern aufzuheben. Den 23. wurden wir von Bewaff⸗ neten uͤberfallen, unſere Sachen durchſucht, und wir gewaltſam behandelt. In der Angſt warf ich ein Paͤckchen mit 285,000 Thalern in den Garten, und hielt es ſchon fuͤr verloren, bis es endlich mein treuer Diener wieder fand. Als ich bei dem Prinzen um Genug⸗ thuung nachſuchte, mußte ich gleichfalls Geſchenke mMachen, ohne dieſelbe zu erhalten. 279 Wegen eines bevorſtehen den Einbruches der Tuͤr⸗ ken fluͤchteten wir und die Einwohner in die Waͤlder. Der Anblick der Fluͤchtlinge war erbaͤrmlich. Weiber mit Kindern, Maͤnner mit Geraͤthſchaften ſah man in Eile fliehen. Der eine trieb Vieh in das Gehoͤlz, ein anderer ſchleppte einen mit Mobilien beladenen Karn. Viele ſah man aus Mattigkeit unterwegs ver⸗ ſchmachten; Kinder und Leute, welche nicht fortkom⸗ men konnten, fleheten mit erbaͤrmlicher Stimme um Rettung. Durch die ausgeſtandenen Drangſale ward ich ganz unempfindlich. Unſer Zufluchtsort war in der Mitte des Waldes eine Feſtung nach der Art, wie ich oben bemerkt habe. Der Herr des Ortes, Sa⸗ batar, nahm uns wilig auf; die Feſtung war ganz angefuͤllt, und wir hatten dem Sabatar zu verdanken, daß wir in einer elenden Kammer von dem Volke abgeſondert waren. Den 29. kam ein mingreliſcher Edelmann mit 36 ſeiner Leute, zerſchlug und zertrümmerte alles, und ſuchte in meiner Kammer. Er nahm die noch uͤbri⸗ gen Geraͤthſchaften, welche die Tuͤrken ihrer Schwere wegen nicht mit fortnehmen konnten. Weil er in der Nacht kam und kein Licht hatte, nahm er meine Schriften und Buͤcher, riß von letztern die vergolde⸗ ten Einbaͤnde, und gebrauchte ſie als Lichter. Nach vielen ausgeſtandenen Gefahren mußte ich mich entſchließen, wieder in die Tuͤrkei zu reiſen, und 280 . einen Umweg von 20 Meilen zu machen. Ich ging nach Anarghie, miethete eine tuͤrkiſche Feluke, um nach Gonie zu fahren, und kehrte wieder zu den Theatinern in die Feſtung des Sabatar. VII. Den 10. November reiſte ich in Begleitung des Pater Zampy ab, mußte aber an vielen Orten gehen, in den ſumpfigen und moraſtigen Waͤldern uͤber den Koth bis an die Knie waden; endlich kamen wir durchnaͤßt zu Anarghie an, welches 6 Meilen von Sabatar entfernt iſt. Den 27. ſegelten wir von Anarghie ab, und kamen nach einer Stunde auf die hohe See; den 28. ſahen wir bei dem heiteren Wetter auf einer Seite die Kuͤſten von Trapezunt, und auf der andern die Landſchaft der Abea ſſinier, weil das ſchwarze Meer anfaͤngt, ſich auf die Seite der Abeaſſinier zu lenken. Das ganze ſchwarze Meer wird vom Großſultan beherrſcht, und um gegen See⸗ raͤuber ſicher zu ſeyn, muß man ſich eines tuͤrkiſchen Paſſes bedienen. Obgleich uns der Wind immer ent⸗ gegen war, kamen wir in den Strom Kelmhel, welcher ſo tief und breit, als der Langur, aber nicht ſo reißend, als derſelbe iſt; den 28. in den Fluß Phaſis, und landeten bei den Haͤuſern, wo der Herr der Fe⸗ luke Kaufmannsguͤter auszuladen hatte. Der Phaſis entſpringt auf dem Berge Kau⸗ kaſus, heißt bei den Tuͤrken Faohs, bei den Ein⸗ wohnern Rioſo; er ſtuͤrzt mit großem Ungeſtuͤme in 4 281 einen Kanal, und iſt zuweilen ſo klein, daß man ihn durchwaden kann. Dieſer Kanal, wo er ſich in das Meer ergießt, iſt 90 Meilen von Cotatis entfernt, und 1 1/½ Meile breit. Seine Groͤße waͤchſt durch mehrere, ſich in denſelben ergießenden Fluͤſſe; er hat ſeinen Lauf von Oſt gegen Weſt. Sein Waſſer iſt ſehr lieblich und angenehm zu trinken, obwohl es truͤbe, dick und lehmfarbig iſt. Bei dem Eingange in den Strom befinden ſich viele kleine und ſchoͤne In⸗ ſeln, welche mit Gebuͤſche und Waͤldern bedeckt ſind; auf der groͤßten derſelben wurde gegen Weſt 1578 von dem tuͤrkiſchen Sultan Murat eine Feſtung erbaut, in der Folge aber durch den Prinzen von Imirette eingenommen und zerſtoͤrt. Ich umſegelte die ganze Phaſis⸗Inſel, um die Reſte des Tempels der be⸗ beruͤhmten Rea zu ſehen, von denen Arian ſchreibt, daß ſie noch zu ſeiner Zeit vorhanden waren, ich konnte aber nicht das Mindeſte finden. Hier ſah ich an dem ſchwarzen Meere ſehr viele Phaſanen. Martial ſchreibt, daß die Argonauten dieſe Noͤgel nach Griechenland gebracht, und ihnen den Namen Pha⸗ ſan gegeben haͤtten, weil ſie am Ufer des Phaſis gefangen worden ſeyen. Dieſer Strom ſcheidet Min⸗ grelien von Guriel und Imirette; Anarghie iſt nur 36 Meilen von demſelben entfernt. Die Seite deſſelben iſt niedriges, ſandiges Land, mit ſehr dich⸗ ten Waͤldern. Um Mitternacht paſſirten wir den Ha⸗ fen Copolette, welcher dem Prinzen von Guriel 53. B. Perſien II. 3. 3 282 gehoͤrte, und kamen den 30. nach Gonie, welches 40 Meilen vom Phaſis entfernt iſt. Dieſe Gegenden ſind ſehr hoch, mit Felſen und Klippen uͤberſaͤet; an⸗ dere dagegen ganz eben und niedrig. Gonie iſt ein großes, von ſtarken, breiten und dicken Sandſteinen erbautes Schloß auf einem ſandi⸗ gen Boden am Meere, hat weder Mauern, noch Vor⸗ werke, ſondern beſteht nur in vier Mauern, von de⸗ nen zwei gegen Oſt und die Meeresſeite, die andern gegen Nord erbaut ſind. Janitſcharen, in 30 kleinen, aus Brettern erbauten Huͤtten wohnend, vertheidigen daſſelbe. Nicht weit davon liegtt ein Dorf, welches eben ſo viele Haͤuſer hat, und deſſen meiſte Einwohner Schiffleute(Lazi) und Muhamedaner ſind. Der Ort und die Gegend heißt von ihnen Lazi. In dem Zollhauſe zu Gonje wurden meine Ge⸗ raͤthſchaften unterſucht, und nichts Verdaͤchtiges un⸗ ter denſelben gefunden; nur mein Sattel, in welchem die groͤßten Koſtbarkeiten verborgen waren, ſchien we⸗ gen ſeiner Schwere verdaͤchtig; die Zollaufſeher befuͤhl⸗ ten ihn uͤberall, ließen ihn aber, weil ſie nichts als Haare fanden, liegen. In der Feluke hatte ich ei⸗ nen Sack mit 400 Piſtoletten und andern Kleinigkei⸗ ten. Der Aufſeher verlangte 22 Piſtoletten, obgleich Geld nicht verzollt wird, und ein Paar Piſtolen, und bot mir dann mehrmal ſeine Wohnung an, welches ich jedoch ausſchlug.— Wegen Einbruchs der Nacht mußte ich in eine 283 ſchlecht gedeckte, ſtinkende Huͤtte aus Stroh mieine Waaren bringen laſſen. Gleich darauf wurde ich von zwei Janitſcharen zu dem Lieutenant des Gouverneurs geladen, welcher in der Abweſenheit dieles ſeine Stelle vertritt, und mußte, von meinem treuloſen Diener verrathen, obgleich ich mich ſehr entgegenſtellte, bis endlich Feſſeln zur Nachgiebigkeit zwangen, 100 Du⸗ katen demſelben bezahlen. Des andern Dags kam eine Wache an meine Huͤtte, um mich zu beobachten, wenn ich abreiſen wuͤrde. Sie unterſuchte meinen Sattel, druͤckte ihn auf alle Weiſe; hinſichtlich der Schwere gab ich ih⸗ nen zur Antwort, daß ich ihn deßwegen ſo ſchwer haͤtte machen laſſen, um mich deſſelben auch bei Maul⸗ thieren zu bedienen. Als ſie auch meine Taſche un⸗ terſuchen wollten, riß ich meinen Rock auf, und befreite mich durch dieſe Dreiſtigkeit von fernerem Unterſuchen. Begleitet von zwei Dienern des Zollaufſehers und mit einem Paſſe verſehen, brach ich nach Akalzike auf. Hier fing ich nun wieder an zu athmen, und meine abgematteten Lebensgeiſter zu erquicken. Fuͤnf ganze Monate ſchwebte ich in Angſt und Schrecken. Die ſchaͤndlichen Konſiskationen der Guͤter, die Ge⸗ fahr auf dem ſchwarzen Meere, die mir oft bevorſte⸗ hende Sklaverei, die Drohung mit einer mingreliſchen Megaͤre verheirathet zu werden, der Verluſt ſo vieler Guͤter und meiner Freiheit, hatten meine Gemuͤths⸗ ruhe ziemlich geſtoͤrt. 284 VIII. Von dem bisher erlittenen Ungemache fand ich mich dieſen Tag gleichſam auf einmal befreit, und beſtieg deßwegen die abſchuͤſſigen Felſen des hohen Kaukaſus leicht und muthig. Vier Meilen mußte ich uͤber dieſes hohe Gebirge reiſen, bis ich an den erſt genannten Sirom kam, welcher die Tuͤrkei von Guriel ſcheidet. Den 3. ging der Weg uͤber ſteile Felſen; den 4. uͤbernachteten wir in einem von Chri⸗ ſten bewohnten Dorfe. In drei Tagen erreichten wir endlich nach einem beſchwerlichen Wege den Gipfel des Kaukaſus. Vier Meilen abwaͤrts ſahen wir auf der Haͤlfte des Weges viele Bruchſtuͤcke von alten Schlöſſern und Kirchen. Nach der Sage der Einwoh⸗ ner ſollen daſelbſt viele gefunden, und von den Tuͤr⸗ ken verwuͤſtet worden ſeyn. Am Fuße dieſes Gebir⸗ ges breitet ſich eine ſchoͤne, drei Meilen lange, frucht⸗ bare Ebene aus, in welcher ſich viele Doͤrfer befinden, welche der Fluß Kur durchſchneidet und bewaͤſſert. Der Kaukaſus iſt eines der hoͤchſten und un⸗ wegſamſten Gebirge, ganz mit Felſen und Klippen bedeckt. Bei meinem Uebergange lag der Schnee zu⸗ weilen zehn Fuß hoch. Meine Begleiter bedienten ſich gewiſſer, zur Tiefe des Schnees zubereiteter Schuhe. Die Sohle war, der Breite und Geſtalt nach, einer Raquete ohne Stiel gleich, der Bezug etwas ſchlaffer. Sie koͤnnen damit ſchnell laufen, und laſſen eine ſehr kleine und unkenntliche Spur zuruͤck, weil dieſe Art Schuhe ganz rund iſt, und weder Vorder⸗ noch Hin⸗ 285 tertheile hat. Der Gipfel des Kaukaſus iſt immer mit Schnee bedeckt, und uͤber acht Meilen weit unbe⸗ wohnt. Nachts legte ich mich auf abgehauene Tan⸗ nenſtraͤuche, und ließ Feuer machen. Auf dem Gipfel des Kaukaſus machten meine Begleiter lange Ge⸗ bete an ihre Bilder, um Schutz gegen Wind und Sturm zu erhalten. Unſere Pferde ſielen oft ſo tief in den Schnee, daß wir an ihrem Herauskommen zweifelten. Ich ging immer zu Fuße, und legte, acht Meilen ausgenommen, welche ich zu Pferd machte, 36 Meilen uͤber dieſes Gebirge zuruͤck; waͤhrend der zwei letzten glaubte ich an die Wolken zu reichen, und konnte kaum 20 Schritte vor mir etwas ſehen. Der Kaukaſus iſt bis an ſeinen Gipfel ziemlich fruchtbar, hat Ueberfluß an Honig, Getreide und Gom, ſehr ſchoͤne Quellen, wohlſchmeckendes Waſſer und viele Doͤrfer. Die Weinrebe windet ſich an den Staͤmmen der Baͤume bis zu ihren Gipfeln. Wenn der Landmann ſeinen Wein nicht verkaufen kann, ſo laͤßt er die Trauben an der Rebe verwelken. Die Bauern wohnen in kleinen hoͤlzernen Huͤtten, de⸗ ren jede Familie 4—s hat. In der groͤßten ſetzen ſie ſich um ein Feuer, die Weiber mahlen ſo viel Koͤr⸗ ner, als ſie Brod zu ihrem Unterhalte noͤthig haben, legen den Teig in ſteinerne Formen, welche ſie mit heißer Aſche und gluͤhenden Kohlen bedecken. Die Einwohner dieſer Gebirge, meiſtens Chriſten und dem Glauben der Georgier zugethan, ſind ſchoͤn 286 und beſonders ihre Weiber von ausgezeichneter Schoͤn⸗ heit. 1 3 Den 9. reiſte ich fuͤnf Meilen uͤber genannte Ebe⸗ ne; ihr Boden iſt zum Ackerbaue tauglich; die rings⸗ um gelegenen Huͤgeln und Trifften naͤhren Vieh ver⸗ ſchiedener Art. Abends erreichte ich Akalzike, eine auf dem Kaukaſus zwiſchen 20 Huͤgeln gelegene Fe⸗ ſtung, mit einer doppelten Ringmauer und einigen Thuͤrmen. Man ſieht hier zwei armeniſche Kirchen. Das Schloß bewohnen Tuͤrken, Armenier, Georgier, Griechen und Juden. Die Chriſten haben ihre Kir⸗ chen, die Juden eine Synagoge. Ein neues, kleines Karawanſerai iſt ſehr gut gebaut. Der Kur, der alte Cyrus oder Korus, deſſen Quelle auf dem Kaukaſus iſt, fließt nahe vorbef. Der Paſcha von Akalzike wohnt in der Fe⸗ ſtung, die Offiziere und Soldaten in den umliegenden Doͤrfern. Den 13. reiſten wir gegen Oſt drei Meilen auf dieſer ſchoͤnen Flaͤche, welche allmaͤhlig ſchmaͤter zu werden aufing, ſo daß ihre Breite nicht uͤber 1½ Meile betrug. Man ſieht daſelbſt ein tuͤrkiſches Schloß auf ei⸗ nem Felſen an dem rechten Ufer des Kur. Der Fel⸗ ſen iſt an ſeinem Grunde mit einer doppelten Mauer umgeben, welche die kleine Stadt Usker einſchließt. Zwei Meilen jenſeit der Uskar fuͤhrt der Weg uͤber ein Gebirge, welches Perſien von der Tuͤrkei 287 ſcheidet. Wir durchreiſten daſſelbe ganz, und fanden viele Doͤrfer; am Fuße deſſelben fließt der Kur vor⸗ bei. Auch findet man viele Truͤmmer alter Schloöͤſſer, Feſtungen und Kirchen als traurige Denkmaͤler der ehemaligen Georgiſchen Macht. Den 14. konnten wir wegen des ſchlechten und ungebahnten Weges in dieſen Gebirgen nur vier Mei⸗ len zuruͤcklegen, ſahen viele zerſtoͤrte Feſtungen, und blieben auf der Ebene von Surham in einem gro⸗ ßen, nicht weit von der Feſtung Surham gelegenem Dorfe. Dieſe Ebene und die Landſchaft iſt ſehr ſchoͤn und reizend mit kleinen Waͤldern, Doͤrfern, Huͤgeln, und kleinen, den Georgiern gehoͤrigen Schloͤſſern ver⸗ ſehen. Den 16. reiſte ich zehn Meilen in dieſer ſchoͤnen Ebene, zuletzt uͤber einen Berg, welcher jene von Gory ſcheidet. An allen links und rechts gelegenen Orten waren ſchoͤne Doͤrfer und wohl angebaute Aecker. Ehe man in das Gebirge reiſt, liegt rechts eine beinahe ganz zerſtoͤrte Stadt der Georgier, welche ehemals 12,000 Haͤuſer gezählt haben ſoll. Den 16. machten wir ſieben Meilen laͤngs des Fluſſes Kur. Der Weg war ſchoͤn und eben, immer mit fruchtbaren und volkreichen Ebenen verſehen. Wir durchreiſten die ziemlich zerſtoͤrte Stadt Cali⸗cala, welche vier Meilen von Gory entfernt iſt. Den 47. war der Weg eben, zuweilen aber ſteinigt. Auf der Haͤlfte des Weges ſahen wir die Pfarrkirche von 288 Georgien am Ufer des Kur. Die Haͤlfte der Kirche iſt zerſtoͤrt, die andere ſcheint von der Ferne ſchoͤn. Abends kam ich zu Tifflis an.. IX. Daſelbſt ging ich zu den Kapuzinern, be⸗ nachrichtigte dieſelben von der Gefahr meiner Sachen in Mingrelien, und holte bei ihnen Rath. Um meinen Zweck deſto ſicherer zu erreichen, gab ich mich fuͤr einen Theatiner aus, und reiſte mit einem Or⸗ densbruder ab. Wir erhielten wider Vermuthen Pfer⸗ de, und hielten den 22. in einem Dorfe, ſechs Mei⸗ len von Gory; ließen dann die Straße nach Akal⸗ zike zur Linken, und kamen in die kleine Stadt Aly, welche neun Meilen zwiſchen den Gebirgen gelegen iſt. Zwei Meilen jenſeits dieſes Ortes mußten wir durch eine enge Straße, welche durch ein hoͤlzernes Thor geſchuͤtzt war, und zugleich Georgien von Imirette ſcheidet. Den 24. fuͤhrte der Weg uͤber den mit Schnee bedeckten Kauka ſus, bis uns end⸗ lich das Dorf Colbaure aufnahm. Dieſes hat faſt 200 Haͤuſer, welche in einer Reihe ſehr weit von ein⸗ ander entfernt liegen. Unſer Weg wurde die folgenden Tage durch Schnee, Kaͤlte und Duͤrftigkeit nur langſam fortgeſetzt, bis wir endlich von den hohen Bergen in ein ſchoͤnes Thal kamen, und in dem Dorfe Seſano blieben. Das Thal iſt beinahe eine Meile breit, ſehr ſchoͤn und fruchtbar, wird von filberklaren Baͤchen bewaͤſſert, 289 und erſtreckt ſich bis Mingrelien. Die umher lie⸗ genden Gebirge ſind mit Gebuͤſchen und Doͤrfern be⸗ deckt, und meiſtens mit Reben bepflauzt. Die Luft iſt ſehr rein und geſund. Hier erfuhr ich von einem Kapuziner aus Gory, daß mein entlaſſener Diener von Tifflis nach Gory gekommen ſey, und alles geſagt habe, was er von mir wiſſe. Den 28. legten wir uͤber die genannte Ebene fuͤnf Meilen zuruͤck, ſie iſt auf allen Seiten mit Doͤrfern und Waͤldern angefuͤllt, der Boden ſehr fett und weich. Nach zwei Meilen ſahen wir die Feſtung Scander, welche Alexander der Große erbaut haben ſoll. Sie beſteht aus zwei Thuͤrmen ohne Ring⸗ mauer. Eine Meile entfernt liegt Chicaris, ein Dorf von ungefaͤhr s0 Haͤuſern. Den 31. ſetzten wir uͤber drei breite und reißende Stroͤme, und kamen gegen Abend nach Cotatis, ei⸗ nem Marktflecken auf einem Huͤgel am Ufer des Pha⸗ ſis, von 200 Haͤuſern. In einiger Entfernung lie⸗ gen die koͤnigliche Reſidenz, und die Haͤuſer der vor⸗ nehmſten Hofbedienten in einem Kreiſe. An der Seite des Stromes, dem offenen Flecken gegenuͤber, er⸗ hebt ſich auf einer noch hoͤheren Anhoͤhe die Feſtung Cotatisz ſie iſt mit einigen Thuͤrmen, einem Vor⸗ werke und einer hohen und dicken Mauer verſehen. Den 1. Januar 1673 kam mein verraͤtheriſcher Diener mit einem Armenier von Akalzike und ei⸗ nem Prieſter von Catatis, und verlangte, ich ſollte 290 mit ihm zu dem Paſcha von Akalzike reiſen. Deß⸗ wegen beſorgt befahl ich einem meiner Kapuziner, die Reiſe nach Mingrelien portzuſetzen, und zog mit meinem andern Reiſegefaͤhrten nach Chioaris, welches acht Meilen von Cotatis entfernt iſt. Den 5. luden der Biſchof und die Prinzeſſin von Cotatis uns zur Tafel. Dieſes wird hier fuͤr keine große Gnade gehalten, weil die geringſten Untertha⸗ nen, ja ihre Diener ſelbſt, mit ihnen zu ſpeiſen pfle⸗ gen. Die Koͤnigin war ſehr ſchoͤn, aber ihre Geberden und Stellungen ſehr uͤppig und unverſchaͤmt, ihre Reden unverſchaͤmt und unzuͤchtig. Ihr Biſchof Ja⸗ natelle ſah ſie oft mit ſehr unkeuſchen Blicken an. Dieſes Betragen der Vornehmſten iſt in dieſem Lande gar nicht aͤrgerlich, weil alles, groß und klein, der Wohlluſt und der Ueppigkeit ergeben iſt. Den 42. ſah ich den Koͤnig; er war ein junger, ſchoͤner Mann, ſein Geſicht oben mit einem Tuche be⸗ deckt, um das Graͤuliche ſeiner ausgeſtochenen Augen zu verbergen. Er war ſehr luſtig, und ſcherzte mit dem Kapuziner, daß er ihn verheirathen wolle. Auf die entgegengeſtellte Verbindlichkeit ſeines Geluͤbdes antwortete der Koͤnig: jeder unſerer Biſchoͤfe hat neun Weiber, die Frauen unſerer Nachbarn abgerechnet. Als der abgeſchickte Bruder mit der Haͤlfte mei⸗ ner verborgenen Schaͤtze nach Cotatis gekommen war, ſo trat mein entlaſſener Diener mit 20 Janit⸗ ſcharen in das Zimmer, ſchrie ſehr tobend: wo iſt 291 mein Herr, er hat mich ermorden wollen, der Streich iſt ihm mißlungen; allein ich will ihn ſicher treffen. In der Hoffnung Jemanden zu finden, durchſuchte er alle Kammern. Der Bruder fiel ihm zu Fuß, und ich brachte ihn dahin, daß er die Janitſcharen von ſich ließ. Dann ging er in den Saal, ließ den Bruder ergreifen und wegfuͤhren. Die Janitſcharen ſahen ſich uͤberall im Zimmer um, da ſie aber nichts als unſere Filzmaͤntel gewahr wurden, beruͤhrten ſie nicht einmal die uͤberbrachten Saͤcke, in welchen 30,0b0 Thaler an Gold und Perlen befindlich waren. Gleich nach der Abfuͤhrung des Bruders, ſchickte ich mich eilends zur Flucht an, und rettete ſo meine Habe. Der Bruder wurde durch die Koͤnigin wieder befreit, und ich ruͤſtete mich, nach Tifflis zu reiſen. X. Georgien, d. i. die ganze den Perſern un⸗ terworfene Landſchaft, grenzt gegen Oſt an das Land der Kirkaſſier und Moſkowiter, gegen Weſt an Klein⸗Armenien, gegen Suͤd an Groß⸗ Armenien, gegen Nord an das ſchwarze Meer. Es erſtreckte ſich bei den Alten uͤber das Tauris⸗Ge⸗ birge und Erzerum bis an den Tangis und hieß Albanien. Das Land hat Waldungen und Gebirge und zwiſchen dieſen ſchoͤne, lange, aber nicht breite Wieſen und Auen. Der mittlere Theil Geor⸗ giens iſt ebener und mehr angebaut, als die uͤbrigen, und wird von dem Fluße Kur in zwei gleiche Haͤlf⸗ 292 ten getheilt; dieſer entſpringt auf dem Kau kaſus, V und faͤllt in das ſchwaze Meer. Auf vielen alten perſiſchen Landkarten fand ich Georgien in der Provinz von Großarmenien. Die jetzigen Erdbeſchreiber machen eine beſondere Pro⸗ vinz daraus, welche ſie Gurgiſtan nennen, und theilen ſie in vier Landſchaften, deren erſte Imi⸗ rerte, die andere das Land Guriel, die dritte das Koͤnigreich Caket, das alte Iberia, und die letzte Carthuel oder Georgien iſt. Kaket und Car⸗ thuel liegen im perſiſchen Reiche; die Perſer nennen das Land Gurgiſtan. Die Georgier nennen ſich Carthueli. Georgien hat wenige Staͤdte; Kaket hatte vor Zeiten viele, welche bis auf die Hauptſtadt Caket zerſtoͤrt ſind. Die Provinz Carthuel hat nur vier Staͤdte: Gory, Suram, Aly, und Tifflis. Gory iſt eine kleine Stadt auf einer Ebene zii⸗ ſchen zwei Bergen an dem Kur, mit einer Feſtung, welche die Perſer erbauten. Die Stadt iſt klein, die Haͤuſer ſind aus Lehmen erbaut; die Einwohner Kauf⸗ leute und reich. Suram, ein Marktflecken, nur halb ſo groß als Gory, mit einer Feſtung iſt groß und ſchoͤn ge⸗ baut. In beiden Feſtungen liegen 100 Mann als Be⸗ ſatzung. 3 293 Nicht weit von Suram liegt eine Gegend Se⸗ mache genannt; dieſes georgiſche Wort heißt Drei⸗ ſchloͤſſer. Hier ſoll nach der Sage der Einwohner, Noa nach der Fluth gewohnt, und ſeine Soͤhne drei Schloͤſſer erbaut haben. Die Luft in Georgien iſt im Sommer trocken und heiß, im Winter ſehr kalt. Der Boden frucht⸗ bar, die Fruͤchte wohlſchmeckend. Großes und kleines Vieh findet ſich in Menge, gleichfalls Gefluͤgel und Schweine, letztere ſind beſonders ſchmackhaft. In keinem Lande wird man ein beſſeres Waſſer antreffen. Der Wein iſt vortrefflich, die Reben winden ſich um die Baͤume. Der Ueberfluß von Seide, deren Zu⸗ bereitung die Einwohner nicht recht kennen, wird in die Tuͤrkei und nach Erzerum gefuͤhrt. Alle Einwohner ſind ſehr ſchoͤn und das weibliche Geſchlecht von ſo ausgezeichneter Schoͤnheit, daß man es, ohne in daſſelbe verliebt zu werden, nicht anſehen kann. Das Holde und Bezaubernde ihrer Augen, ihr ſchlanker, zierlich gebauter Koͤrper, die Geſchmei⸗ digkeit deſſelben, ihre runden Huͤften, bei welchen man nicht das Geringſte hervorragen ſieht, machen die Frauenzimmer zu den reitzendſten Weſen. Eine uͤble Gewohnheit iſt, daß ſie ihr Geſicht, ſo ſchoͤn es auch immer ſeyn mag, ſchminken; hierin beſteht eigentlich ihr Putz.. Die Georgiſchen Voͤlker ſind klug und ſcharffin⸗ nig; aber vermoͤge ihrer ſchlechten Erziehung, arg⸗ 294 liſtig, betruͤgeriſch, meineidig und treulos, der Trun⸗ kenheit und Wohlluſt ergeben. Die Geiſtlichen betrin⸗ ken ſich ebenſo wie der Poͤbel, und halten ſchoͤne Skla⸗ vinen als Beiſchlaͤferinnen. Kein Menſch aͤrgert ſich daran, weil es Gewohnheit und von den Vornehm⸗ ſten eingefuͤhrt iſt. Nach der Ausſage des Oberen der Kapuziner, ſoll der Catholicos, d. i. der Patriarch von Georgien, bekannt gemacht haben, daß wer an hohen Feſt⸗ und Feiertagen ſich nicht toll und voll ſaufe, fuͤr keinen Chriſten zu achten ſey. Die Georgier ſind große Wucherer. Das weibliche Geſchlecht iſt ſehr boͤſe, laſterhaft und wohlluͤſtig. Uebrigens aber ſind ſie auch hoͤflich und freundlich, ehrbar und ernſthaft. Ihre Gebraͤuche ſind ein Gemiſche von ihren und der Nachbarn Sitten. Man findet auch Armenier, Griechen, Juden, Tuͤrken, Perfer, Indier, Tataren, Moskowiter und Europaͤer. Die Armenier uͤbertreffen hinſichtlich ihrer Anzahl die Georgier. Beide haſſen einander wegen der Ungleichheit ihres Gemuͤthes, ihrer Sitten und ihres Glaubens. Sie haben gegen einander einen na⸗ tuͤrlichen Abſcheu, und heirathen nie zuſammen. Die Wohnungen der Großen, wie alle oͤffentlichen Gebaͤude und Pläͤtze ſind nach Art der Perſer gebaut. Der Adel des Landes beherrſcht die Unterthanen auf eine grauſame und tyranniſche Art. Er hat Recht uber Habe und Gut, Freiheit und Leben ſeiner Untertha⸗ 295 nen, verkauft nach Gefallen ihre Kinder, oder macht ſie zu Leibeigenen. Der Glaube und Gottesdienſt der Georgier kommt mit jenem der Mingrelier uͤberein. l. Tifflis iſt eine der ſchoͤnſten und zierlichſt gebauten Staͤdte Perſiens, obgleich nicht gar zu groß. Sie liegt am Fuße eines Berges, welcher ge⸗ gen Oſt von dem Fluße Kur beſpuͤhlt wird; er ent⸗ ſpringt auf den Bergen Georgiens und vereinigt ſich ſpaͤter mit dem Araxes. Der groͤßere Theil der Haͤuſer an der Seite dieſes Stromes auf einem Fel⸗ ſen gebaut, iſt an der Landſeite mit einer ſtarken und ſchoͤnen Mauer umgeben. Sie liegt der Laͤnge nach von Suͤd gegen Nord, und hat gegen Suͤd eine große, an dem Berge abwaͤrts erbaute Feſtung, welche von eingebornen Perſern beſetzt iſt. In Kriegszeiten iſt ſie ein Zufluchtsort; Verbrecher und Schuldenmacher koͤnnen in derſelben ungekraͤnkt leben. Tifflis hat 14 Kirchen; 6 gehoͤren den Geor⸗ giern, die uͤbrigen den Armeniern. Man findet keine Moſchee, weil das Volk den Bau derfelben nicht zu⸗ laͤßt, aber ſehr ſchoͤne Gebaͤude und Plaͤtze; die Ba⸗ ſars ſind aus Steinen erbaut, die Karavanſeraien be⸗ quem. Baͤder gibt es wenige, weil die Einwohner die Mineralbaͤder in der Feſtung beſuchen. Unſtreitig das ſchoͤnſte Gebaͤude in Tifflis iſt die Reſidenz des Prinzen. Dieſelbe iſt mit großen Saͤlen und Galle⸗ rien geziert. Vor dem fuͤrchterlichen Pallafte iſt ein großer viereckiger Platz rings mit Kauflaͤden umge⸗ ben, welche ſich bis an die Pforte des Palaſtes er⸗ ſtrecken. Der Vicekoͤnig von Caket hat gleichfalls am Ende der Stadt einen Palaſt, welcher auch wegen ſeiner beſondern Verzierung und ſeiner perſpectivi⸗ ſchen Anlage geſehen zu werden verdient. Die Um⸗ gegend von Tifflis hat ſchoͤne Luſthaͤuſer und Gaͤrten. Die Stadt iſt ſehr volkreich, und wird ſtark von Handel treibenden Auslaͤndern beſucht. Die Georgier nennen ſie nicht Tifflis, ſondern Cala, d. i. Feſtung oder Stadt. Dieſen Namen geben ſie allen großen, mit einer Mauer umgebenen Oertern. Zweimal war ſie in tuͤrkiſcher Gewalt. Das erſte Mal unter der Regierung Ismaels II., Koͤnigs in Perſien; das andere Mal unter der Regierung So⸗ limanns. Ihre Laͤnge betraͤgt auf den perſiſchen Charten 83, die Breite 430°. Sie fuͤhrt auch den Na⸗ men Dar el Melec, d. i. koͤnigliche Stadr, weil ſie die Hauptſtadt eines Koͤnigreiches iſt. Weil dem Prinzen von Tifflis meine Ankunft nicht verborgen bleiben konnte, ſo bezeugte ich ihm meine Ehrfurcht, und zeigte die Paͤſſe, welche ich von dem Koͤnige von Perſien erhalten hatte. Der Prinz hieruͤber ſehr erfreut', lud mich an ſeinen Hof. Bei unſerer Ankunft ging er in einem Saale auf und ab, welcher 140 Fuß lang und 40 breit war. Die Grund⸗ feſte des Gebaͤudes war Moſaik, und auf verſchiedene gemahlte und vergoldete, 35— 40 Schuh hohe Pfeiler gegruͤndet; er war mit den ſchoͤnſten und kuͤnſtlichſt 297 gearbeiteten Tapeten geziert. Der Prinz und die Vor⸗ nehmſten des Hofes ſaßen bei 3 kleinen Kaminen, durch welche der ganze Saal erwaͤrmt wurde. Ich machte gegen den Prinzen, Chanavas⸗Can, drei ſehr tiefe Verbeugungen; zwei Hofjunker machten mir gleichfalls eine Verbeugung, und fuͤhrten mich an mei⸗ nen Platz. Inzwiſchen brachte ein Hofjunker mein Kreditivſchreiben des Koͤnigs von Perſieu, und die von mir dem Prinzen gemachten Geſchenke, welche derſelbe laͤchelnd empfing. Als ich zu dem Vicekoͤnige gefuͤhrt ward, verbeugte ich mich vor demſelben gar tief ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen; er ſelbſt redete kein Wort, und gab, als ihm bei der Tafel vorgelegt wurde, durch ein Zetchen zu verſtehen, mir auf einem ganz goldenen Deller die Haͤlfte eines großen Brodes, welches vor ihm lag, zu bringen, und nieß ſagen, ich ſey willkommen. Hierauf ließ er fra⸗ gen, wie es im tuͤrkiſch⸗polniſchen Kriege ausſehe? Bei der zweiten Lieferung der Speiſen ließ er mir ſeine, mit Rubinen und Tuͤrkiſen beſetzte Mundſchale, und Wein in einer großen vergoldeten Flaſche reichen. Der Hofjunker, welcher uns einſchenkte, ſagte, der Prinz ließe uns melden, wir ſollten luſtig ſeyn, und uns die Speiſen wohl ſchmecken laſſen. Bei der dritten Lieferung ſendete uns der Prinz einen Theil von gebratenem Fleiſche, welches ihm ſelbſt aufgetra⸗ gen worden war, und ließ uns ſagen: daß das Ge⸗ fluͤgel bei einem Trunke Weins nicht uͤbel ſchmecke. 53. B. Perſten. II. 3. 4 298 Ich nahm dieſe Ehre mit ſehr tiefen Verbeugungen an, ohne ein Wort zu reden. Bei der Tafel wurde ſehr ſtark getrunken, und eine ganz ungemeine Anzahl von Speiſen aufgetragen. Nach drei Stunden ſtan⸗ den wir von der Tafel auf; der Prinz ließ noch ein⸗ mal entbieten, daß ich willkommen ſey, und mich in meine Wohnung begleiten. Den 14. ſchickte mir der Prinz zwei große Fla⸗ ſchen Weins, und bot mir ſeinen Keller an. Den 16. ließ er mich zur Hochzeit einer ſeiner Baſen einladen. Bei unſerer Ankunft waren die Trauungs⸗Zeremonien faſt ſchon vorbei, und wurden in unſerem fruͤheren Syeiſeſaale gehalten. Die Hochzeit wurde auf einem etwas erhabenen Orte des Palaſtes gehalten, welcher von einem zier⸗ lich geſchnitzten Gitterwerke umgeben, das zwei Fuß hoch und ſechs tief war. Er war mit einem Vor⸗ hange bedeckt, und ruhte auf 5 faſt 22 Fuß bohen Pfeilern, welche fuͤnf Daumen dick waren. Dieſes Zelt war inwendig mit goldenen und ſilbernen Stof⸗ ſen, mit Sammt und ſchoͤn gemalter Leinwand be⸗ deckt. In der Mitte des Saales ſtand ein großes Becken mit Waſſer. Der Fußboden war mit ſchoͤnen Tapeten belegt, und das ganie Zimmer von großen brennenden Fakeln erleuchtet. Die Eingeladenen nahmen einen etwas erhoͤhten Sitz ein, der Print faß noch hoͤher unter einem gewoͤlbten Throne. Seine Prinzen und Bruͤder ſtanden zu ſeiner Rechten, die 299 Biſchoͤfe aber zur Linken, der Braͤutigam in ihrer Mitte; die Muſiker ſaßen ganz tief. Der Braͤutigam trat mit dem Katholikos ein, und ihm uͤberreichten die Vettern des Prinzen anſehnliche Geſchenke, ihnen folgte jeder Eingeladene nach. Die Geſchenke beſtan⸗ den in goldenen und ſilbernen Muͤnzen, und in klei⸗ nen ſilbernen Schalen. Inzwiſchen wurden die Tafeln zur Abendmahlzeit zugerichtet; an drei verſchiedenen Orten die Tafeltuͤ⸗ cher ausgebreitet, und auf dieſelben drei verſchiedene Arten ſehr feinen Brodes geſetzt, die Speiſen in gro⸗ ßen ſilbernen, oben geſchloſſenen Becken aufgetragen. Die Auftraͤger ſetzten die Schuͤſſeln bei der Thuͤre auf ein Tafeltuch, hier wurden die Teller angefuͤllt, und den Speiſenden, zuerſt den Prinzen und ſo nach dem Range vorgelegt. Es wurde dreimal, immer in 6o großen Schuͤſſeln aufgetragen. Bei dem Eſſen wurde die groͤßte Stille beobachtet. Das Wunderbarſte ſchien der Schenktiſch zu ſeyn. Er war beilaͤufig mit 120 Trinkgeſchirren beſetzt, die ſilber⸗ nen Becher und Schalen waren mit koſtbaren Stei⸗ nen geziert, ebenſo die Trinkhoͤrner. Sie waren von ungleicher Groͤße, meiſtens acht Daumen lang, zwei breit, ſchwarz und glaͤnzend. Man findet einige von Nashoͤrnern und wilden Thieren, die gewoͤhnlichen ſind aus Hoͤrnern von Boͤcken und Ochſen gemacht. Beim dritten Gange wurde auf eine beſondere Art Geſundheit getrunken. Es wurden lacht Perſonen, 300 welche dem Printen am naͤchſten ſaßen, und zwar vier zur Rechten und vier zur Linken, s Schalen von glei⸗ cher Groͤße mit Wein gefuͤllt gegeben. Sie ſtanden auf, und blieben ſo lange ſtehen, bis ſie ausgetrunken hatten. Die vier zur Rechten tranken zuerſt und zu⸗ gleich; die andern vier zur Linken thaten denſelben Beſcheid. Hierauf ſetzten ſie ſich zugleich nieder, die acht Schalen wurden wieder gefuͤllt, und den acht naͤchſten gegeben, und ſo ging es fort, bis ſie alle herumgetrunken hatten. Wir wurden von dem Ge⸗ ſundheit⸗Trinken verſchont: ich wuͤrde ohne Zweifel geſtorben ſeyn, wenn ich haͤtte mittrinken muͤſſen. Bei dem Geſundheit⸗Trinken ertoͤnten zugleich die muſikaliſchen Inſtrumente. Um Mitternacht nahmen wir von dem Prinzen Abſchied. Er fragte mich noch, was der Koͤnig von Spanien, ſein Vetter mache, und trank deſſen Geſundheit aus einer goldenen Schale. Wegen der Vetterſchaft des Prinzen mit dem Koͤnige von Spanien ſagten mir die Kapuziner, daß Clemens VIII. dem Taimuras in ſeinen an ihn geſchickten Schreiben das Praͤdikat eines Vettern K. Philipps II. beigelegt habe. Mit einem Diener des Prinzen und mit einem Empfehlungsſchreiben verſehen, reiſte ich den 28. von Tifflis weg. Mein Begleiter reiſte voraus, um den Maut⸗ und Zolleinnehmern zu bedeuten, daß ſit mit kleinen Forderungen, welche von allen aus der Stadt kommenden beladenen Pferden verlangt werden⸗ 301 mich verſchonen moͤchten. Leute dieſer Art heißen Mehemander, d. i. einer, welcher fuͤr Jemanden einen Wirth ſucht, und werden auslaͤndiſchen Geſand⸗ ten und anderen Perſonen von Bedeutung gegeben. XII. An dem Tage meiner Abreiſe legte ich noch zwei Meilen auf dem ſuͤdlich der Stadt gegenuͤber gelegenen Gebirge zuruͤck, und blieb in dem großen Dorf Sogan-lou(SZweifels⸗Stadt) am Fluſſe Kur. Den 1. Maͤrz zog ſich der Weg acht Meilen uͤber eine ſchoͤne Ebene, welche ſich gegen Nordoſt erſtreckte, und fuͤhrte zum Dorfe Cuprikent mit 150 Haͤuſern, d. i. Bruͤckedorf von der nahe gelegenen Bruͤcke, welche uͤber den Fluß Dabadi fuͤhrt; ſie iſt zwiſchen zwei Gebirgen, welche der Fiuß trennt. Sie hat vier an Hoͤhe und Dicke ungleiche Bogen, welche an beiden Enden hohl, auf beiden Seiten offen ſind, und den Reiſenden zur Herberge dienen. An die Bruͤcke ſtoͤßt ein ziemlich zerfallenes Karawanſerai von praͤch⸗ tiger Bauart. Den 2. langten wir nach einem 9 Meilen langen Wege uͤber ein unebenes und felſigtes Gebirge Abends in dem großen Dorfe Melikent(Koͤnigsdorf) auf der Spitze eines hohen Gebirges an. Den 3. legten wir auf demſelben beſchwerlichen Wege bis zum Dorfe Chinear acht Meilen zuruͤck⸗ 302 Den 4. kamen wir zum Flecken Dilyjan, welcher uͤber 300 Haͤuſer hatte. Er liegt an dem Fluße Acal⸗ ſtapha, am Fuße eines ſehr hohen und ſchrecklichen Gebirges. Die Kaͤlte und der Schnee ſetzten uns empfindlich zu. An Waſſer fehlt es nicht, zwiſchen dem Gebirge findet man noch immer fruchtbare Felder und Doͤrfer. Der groͤßte Theil dieſer Doͤrfer iſt von georgiſchen und armeniſchen Chriſten bewohnt. Man findet da weder einige Karawanſerais, noch andere oͤffentliche Plaͤtze; man kehrt bei den Bauern ein. Der groͤßere Theil der Haͤuſer ſind nichts anders, als in die Erde gegrabene Hoͤhlen. Andere ſind aus Bal⸗ ken auf einer Anhoͤhe erbaut, und mit Raſen bedeckt; durch ein Loch in der Mitte faͤllt das Licht ein, und geht der Rauch hinaus. Im Winter ſind ſie warm, im Sommer kuͤhl. Der Flecken Delyjan und das ſechs Meilen gegen Nord und Suͤd gelegene Land ge⸗ hoͤrt dem Camchican, und heißt Land von Caſac es iſt ein Lehen des perſiſchen Reiches. Die Voͤlker von Caſae ſind frech und wilder Gemuͤthsart, und ſtammen von den gegen Nord an dem kaſpiſchen Meere wohnenden Koſaken her. Den 6. reiſten wir fuͤnf Meilen uͤber dieſe ſteilen Gebirge. Unſer Weg war ein ſchmaler Fußſteig, auf welchem der Schnee durch die Fuͤße der Pferde und Fußgaͤnger gehaͤrtet war. Verfehlte man den Fuß⸗ ſteig, ſo fiel man bis an den Guͤrtel in den Schnee. Dieſes große Gebirg ſcheidet Georgien von Arme⸗ 3⁰³ nien. Wir blieben in dem großen Dorfe Kara⸗ Kechichs am Fuße des Gebirges naͤchſt dem Strome Zengui, welcher einen Theil von Groß⸗ Armenien bewaͤſſert. Den 6. ſetzte ich meine Reiſe, obgleich von der großen Kaͤlte und Krankheit ſehr ge⸗ ſchwaͤcht, weiter fort, und erseichte in vier Meilen den Marktflecken Bichni am Zengui. Wir wohnten in einem ſchoͤnen, den Armeniern gehoͤrigen, zwiſchen dem Marktflecken und dem Gebirge gelegenem Kloſter. Den 1. reiſte i 9 Meilen uͤber ganz mit Schnee be⸗ deckte Ebenen und kam mit Einbruche der Nacht zu Srivan oder Irivan an. Diefe große, aber haͤß⸗ liche und kothige Stadt beſteht meiſtens in Gaͤrten und Weinbergen, und liegt in einer rings von Ber⸗ gen eingeſchloſſenen Ebene. Der Fluß Zeng ui laͤuft gegen Nordoſt und der Queurk⸗boulak, d. i. 40 Springbrunnen, gegen Suͤdoſt. Die Feſtung iſt ſo groß wie eine Stadt, im Kreiſe gebaut, hat 4000 Schritte im Umfange, und bei 800 Haͤuſer. In derſelben wohnen nur eingeborne Per⸗ ſer. Sie iſt aus getrockneten Backſteinen aufgefuͤhrt, und nach der alten orientaliſchen Art gebaut. In der Feſtung liegen 2000 Mann als Beſatzung. Die Reſidenz des Gouverneurs dieſer Provinz iſt gleichfalls in der Feſtung groß und ſchoͤn. Ungefaͤhr 1000 Schritte gegen die Nordſeite, nahe bei der Feſtung, iſt ein Huͤgel, und auf demſelben eine Feſtung. Dieler Ort hat eine doppelte Ringmauer⸗ 304 iſt mit Artillerie und Kanonen verſehen, und beißt Queutchy⸗cala. Die Stadt iſt ziemlich weit von der Feſtung ent⸗ fernt, und hat zwei armeniſche Kirchen. Nahe bei der Wohnung des Biſchofs ſteht ein alter Thurm aus Quaderſteinen von beſonderer Bauart. Aus den rings⸗ um liegenden Bruchſtuͤcken kann man ſchließen, daß es der Thurm eines alten Kioſters geweſen ſey. Man findet viele Baͤder in der Stadt und in der Feſtung, und verſchiedene Karawanſeraien. Die Elevation des Poles betraͤgt zu Erivan 41 Grade und 15 Minuten; die Laͤnge des Landes 18 Grade und 20 Minuten. Die Luft iſt geſund, aber kalt und dicht; das Land ſchoͤn und fruchtbar. Die zwei an der Seite rauſchenden Fluͤſſe nebſt einem Wei⸗ her liefern ſehr ſchoͤne Fiſche, welche wegen ihres vor⸗ trefflichen Geſchmackes im Oriente ſehr beruͤhmt ſind. Der Weiher, von den Perſern Deria⸗chirin (ſuͤßer Wether), von den Armeniern Kiagar⸗couni⸗ ſou genannt, hat ſeinen Namen von ſeinem ſuͤßen Waſſer, iſt 25 Meilen groß und ſehr tief. In der Mitte deſſelben erhebt ſich auf einer kleinen Inſel ein Kloſter, welches vor 600 Jahren erbaut worden, deſ⸗ ſen Vorſtand Erzbiſchof iſt, und wie ein Patriarch verehrt ſeyn will. Der Zengui durchfließt einen Theil Armeniens, vereinigt ſich nahe bei dem kaspi⸗ ſchen Meere mit dem Araxes, mit welchen er ſich in daſſelee ergießt. 305 XIII. Zwei Meilen von Erivan liegt das be⸗ ruͤhmte Kloſter Dreikirchen. Die Armenier neu⸗ nen es Ees⸗miazin, ſo viel als die Niederkunft des Sohnes Gottes, weil hier Chriſtus dem heil. Gregor erſchienen ſeyn ſoll; die Tuͤrken aber Utch⸗clisſie, d. i. Drei Kirchen, weil nabe bei der Hauptkirche des Kloſters noch zwei Kirchen liegen. Die erſte und vorzuͤglichſte iſt ein großes, dunkles Gebaͤude aus großen Quaderſteinen, inwendig ohne das geringſte Bild und Schnitzwerk. Die Ka⸗ pellen ſind gegen Oſt, und zwar drei derſelben am aͤußerſten Theile der Kirche. In der Sakriſtei zeigen die Moͤnche viele Schaͤtze, zum Theile von der Freige⸗ bigkeit der Paͤbſte. In der Landſchaft Erivan findet man 23 Moͤnchs⸗ und s Nonnenkloͤſter; ſie ſind arm, und haben wenig zu leben. 3 Zu Eſt, zwoͤlf Meilen von Erivan, ſieht man das beruͤhmte Gebirge, auf welches die Arche Noga's ſich niedergelaſſen haben ſoll. Die Tuͤtken nennen es Agridag, dick erhabenes Gebirge, die Arme⸗ nier und Perſer Macis, und leiten dieſen Namen von Mas oder Meſech ab, einem Sohne des Aram, welcher der Nation den Urſprung gegeben haben ſoll. Dieſes Gebirge hat in der perſiſchen Sprache noch zwei Namen, naͤmlich: Cou⸗nouh, Berg Noa's, und Sahat⸗toppus, gluͤcklicher Huͤgel. Am Fuße des Gebirges iſt in einem chriſtlichen Dorfe das 3⁰6 Kloſter Arak⸗ilvane, in welchem Orte nach der Meinung der Armenier Noa nach der Fluth gewohnt, und ſein Opfer verrichtet haben ſoll. In Erivan beſuchte ich den Gouverneur; er fuͤhrt den Namen Becler⸗Beg, welches Herr der Herren heißt. Durch dieſen Namen unterſchei⸗ den ſich die Gouverneurs von den Canen. Er lud mich zur Hochzeit ſeines Bruders ein. Die Hochzei⸗ ten koſten in Perſien ſehr viel, und oft erſchoͤpfen ſich die Heirathenden dadurch. XIV. Die Mahomedaner, welche der Lehre des Aly anhaͤngen, nehmen ſich auf dreierlei Art Wei⸗ ber, indem ſie dieſelben kaufen, miethen oder ehelich ſich beilegen laſſen. Die Kinder, welche aus einer ſolchen Vermiſchung geboren ſind, werden fuͤr recht⸗ maͤßig angeſehen. Die Weiber, welche Sklavinnen ſind, heißen Canize. Das Geſetz erlaubt ſo viele zu nehmen, als man ernaͤhren kann. Der Mann hat Gewalt uͤber Leben und Tod der Frau. Einer Skla⸗ vin in den Morgenlaͤndern iſt nicht ſchimpflich, die Beiſchlaͤferin ihres Herrn zu ſeyn, ja ſie hat es ſich als großes Gluͤck und als große Ehre zuzuſchreiben. Denn ſobald der Herr bei ihr ſchlaͤft, wird ſie viel ſchoͤner gekleidet, uͤber Maͤgde hat ſie zu gebieten, und beſondere Zimmer ſind zu ihrer Bequemlichkeit einge⸗ richtet.. Die gemietheten Weiber, Moutaa und Amouad, 307 Kebsweib und Dienerin, genannt, kann man ſo lange behalten, als ſie einem gefallen. Die ehe⸗ liche Verbindung iſt nichts anders, als ein buͤrger⸗ licher Vertrag. Die rechtmaͤßigen Weiber heißen Nekaa. Die Heirathen werden in Perſien meiſtens durch Anwalde geſchloſſen. Es verſammeln ſich die Aeltern, Freunde und Beiſtaͤnde in der Wohnung des Braͤuti⸗ gams. Ein Prieſter ſetzt den Heirathsvertrag auf⸗ Sobald man wegen der Bedingungen eins geworden iſt, ſchickt der Braͤutigam der Braut den Trauring und andere Geſchenke. Die Braut ſendet ihm dage⸗ gen verſchiedene feine Arbeiten, als ausgenaͤhte Tuͤch⸗ lein ꝛc., welche ſie gewoͤhnlich ſelbſt gefertigt hat. Die Hochzeit geſchieht bei dem Braͤutigam und dauert zehn Tage; den letzten ſendet man dem Braͤu⸗ tigam das Schurztuch der Braut, welches in Kleino⸗ dien beſteht, nebſt Mobilien, Sklaven und Verſchnit⸗ tenen; es wird von Kameelen unter dem Klange der Inſtrumente uͤberbracht. Wenn es Nacht geworden iſt, fuͤhrt man die Braut zu dem Braͤutigam in dem Cagiavat, einer Art Wiege, welche von zwei Ka⸗ meelen getragen wird. Perſonen geringen Standes gehen entweder zu Fuß dahin, oder bedienen ſich der Pferde. Es wird Muſik gemacht, und Weiber fol⸗ gen mit brennenden Kerzen. Die Braut iſt vom Kopfe bis zu den Fuͤßen verſchleiert; geht ſie, ſo wird ſie von zwei Weibern am Arme gefuͤhrt; iſt ſie zu 308 Pferde, ſo fuͤhrt ein Caſtrat daſſelbe. Eine Stunde nach der Ankunft in dem Hauſe des Braͤutigams wird ſie von alten Frauen in das Ehebett gefuͤhrt, bis auf das Nachtkleid ausgezogen; hierauf fuͤhrt man den Braͤutigam gleichfalls durch alte Weiber oder Verſchnit⸗ tene dahin; jedoch iſt alles finſter und dunkel, wenn die Heimfuͤhrung geſchieht. Oft geſchieht es, daß der Mann ſeine Frau erſt nach einigen Tagen ſieht, vor⸗ tuͤglich, wenn ſie ſchoͤn iſt; ſie ſuchen ſich anfangs der ehelichen Pflicht zu entziehen, um nicht fuͤr geil und unzuͤchtig gehalten zu werden, wenn ſie gleich vorher ſehr verſchwenderiſch mit der Blume der Jungfrau⸗ ſchaft umgingen. Vorzuͤglich iſt dieſer Fall bei Prin⸗ zeſſinnen; oft hat der Gemahl mehrere Monate noͤthig, um ſeine Gemahlin zur Abſtattung der ehelichen Pflicht zu bereden.. Bei den Vermaͤhlungen der ſchlechten und gerin⸗ gen Leute pflegt das Gegentheil zu geſchehen. Denn wenn der Ehemann zu einem groͤßeren Leibgedinge verbunden wurde, als er zu geben vermag, ſo ver⸗ ſperrt er, wenn die Braut hineingefuͤhrt iſt, die Haus⸗ thuͤre, und ſagt, daß er fuͤr ſie ein großes Geld nicht habe. Hierauf entſteht von beiden Seiten ein großer Streit, die Aeltern der Braut laſſen etwas an dem Leibgedinge nach, weil es ſowohl fuͤr die Aeltern, als fuͤr die Braut ſchimpflich ſeyn wuͤrde, wenn ſie unge⸗ traut wieder nach Hauſe gefuͤhrt werden ſollte. Die mahomedaniſche Religion erlaubt den Scheidebrief, 309 und die Trennung kann der geringſten Urſache wegen geſchehen. Nach der Trennung koͤnnen die Getrenn⸗ ten ſich wieder heirathen. XV. Nachdem ich bei dem Gourerneur oͤfters eingeladen worden war, an ihn auch einiges verkauft, und ein Empfehlungsſchreiben an ſeine Soͤhne erhal⸗ ten hatte, reiſte ich den s. April vier Meilen uͤber Huͤgel und durch viele Doͤrfer, und blieb in dem ſchoͤ⸗ nen und großen Dorfe Daivin; den 9. in einem fruchtbaren, ebenen und rings von Bergen umgebenen Lande, zur Rechten lag der Berg Noa's; das Nacht⸗ lager bot das Dorf Kainer dar. Den 10. ließen wir auf der Haͤlfte des Weges den Marktflecken Se⸗ darec liegen, und kamen auf Charour, der Refi⸗ denz und Hauptſtadt dieſer Gegend Armeniens; den 11. ging der Weg auf derſelben Straße uͤber huͤg⸗ liges und ſteiniges Land; wir ſetzten uͤber den Fluß Harpaſouy, er ſcheidet das Gebiet dieſes Theils von Armenien, in welchem Erivan die Haupt⸗ ſtadt iſt, von dem andern, welcher Nacchivan zur Hauptſtadt hat. Nacchivan, wo wir den 12. ankamen, iſt eine große verwuͤſtete Stadt. Der mittlere Theil derſelben iſt wieder etwas angebaut, es ſind fuͤnf Karavanſe⸗ rais, viele Baͤder, Marktplaͤtze, große Tabacks⸗ und Kaffeehaͤuſer, aber Wohnhaͤuſer nur etwa 2000 da. Die perſiſchen Geſchichten geben die Zahl der fruͤhe⸗ 310 ren Haͤuſer auf 40,000 an. Außer der Stadt ſieht man die Bruchſtuͤcke einer großen Feſtung und einiger Schloͤſſer, welche Abas am Ende des vorigen Jahr⸗ hunderts, weil er ſie gegen die Tuͤrken nicht zu be⸗ haupten vermochte, ſchleifen und ſprengen ließ. Ich halte dieſe Stadt fuͤr das alte, beruͤhmte griechiſche Artaxate. Die Elevation des Poles uͤber ſeinen Horizont geben die Perſer auf 38 Grade und 40 Mi⸗ nuten, die Laͤnge aber auf 31 Grade und 34 Minuten an. Die Stadt hat einen Can zum Gouverneur. Fuͤnf Meilen noͤrdlich von Naechivan liegt das große Dorf Abrener(fruchtbares Feld); die Ein⸗ wohner deſſelben nebſt ſieben nahe gelegenen Doͤrfern ſind römiſch⸗katholiſch⸗-— Den 13. reiſten wir von Nacchi van weg, leg⸗ ten noch ſieben Meilen zuruͤck, und mußten bei der erſten uͤber eine Bruͤcke reiten; der Strom hieß Strom von Nacchivan. Der Boden dieſer Landſchaft war duͤrr, unfruchtbar und mit Kieſelſteinen bedeckt. Wir bielten unſer Nachtlager an dem Ufer des Araxes, welchen die Morgenlaͤnder Aras oder Ares nennen, ſetzten dann uͤber denſelben, und kamen nach Esqui⸗ julfa, einer ſehr alten und zerſtoͤrten Stadt. Aus den Truͤmmern kann man ihre alte Groͤße erkennen; ſie fuͤhrt, zum Unterſchiede von jenem Julfa in der Naͤhe Hispahans, den Namen Alt⸗Julfa. Sie hatte nach Ausſage der Armenier 4000 Haͤuſer. Dieſe Stadt war in der Geſtalt eines Amphitheaters erbaut; 311 jetzt befindatt ſich noch dreißig armeniſche Familien da. Jul fa wurde von dem Großen Abas zerſtoͤrt. Der Araxes ſcheidet Armenien von Medien, entſpringt auf dem Gebirge, auf welchem die Arche Noass ſich niedergelaſſen haben ſoll, und ergießt ſich in das kaspiſche Meer; er iſt groß, reißend, und ver⸗ theilt ſich in viele kleine Arme, welche keinen Na⸗ men haben. Wir ſetzten uͤber den Fluß, und reiſten den 414. fuͤnf Meilen durch eine huͤgelige und gegen Nordoſt gelegene Landſchaft, und ließen auf der Seite ein großes Feld liegen, auf welchem im vorigen Jahr⸗ bunderte viele Schlachten mit den Tuͤrken vorgefallen ſind. Das Gebiet, welches wir durchreiſt hatten, en⸗ digte ſich zu Alacou. Die Perſer ſagen, dieſer Ort foll von Alacou, einem maͤchtigen tatnriſchen Prin⸗ zen, welcher einen großen Theil Perſiens bezwang, und eine Stadt daſelbſt erbaute, welche von den Tuͤr⸗ ken und Perſern zerſtoͤrt wurde, ibhren Namen haben. XVI. Den 15. blieben wir in der ſchoͤnen Stadt Marand von 2500 Haͤuſern und vielen Gaͤrten; ſie liegt am Fuße eines Berges an einer ſchoͤnen, eine Meile breiten und fuͤnf Meilen langen Wieſe. Der kleine Fluß Zelou⸗ lou theilt ſie in der Mitte, und bewaͤſſerte ſie. Die Stadt iſt bevoͤlkerter und ſchoͤner als Nacchivan; man ſieht hier die Coche⸗ nille, mit welcher der Scharlach gefaͤrbt wird. Die 31² Verſer nennen die Cochenille Quermis oder Querm, d. i. Wurm. Die Polhöhe der Stadt Marand iſt nach der Beobachtung der Perſer in der Breite 37 Grade und s0 Minuten, und in der Laͤnge 81 Grade und 50 Minuten.. Den 16. reiſten wir vier Meilen uͤber das Ge⸗ birge, und kamen gegen Mittag zur Stadt Sofian, welche auf einem waſſer⸗ und felderreichen Boden liegt, und den 17. in Tauris an, nachdem wir ſechs Meilen auf ſchoͤnen und fruchtbaren Ebenenk, welche viele Doͤrfer verſchoͤnerten, zuruͤckgelegt hatten. Von Erivan bis Tauris rechnet man 63 perſiſche Mei⸗ len; eine perſiſche Meile betraͤgt 5,000 Schritte. Tauris, eine ſehr große und reiche Stadt, durch Handel und Bevoͤlkerung ausgezeichnet, iſt auf einer Ebene am Fuße des Berges Orentes oder Baron⸗ tes gebaut. Sie iſt weder mit Mauern, noch mit andern Vertheidigungswerken verſehen. Der kleine Fluß Spingtcha durchſtroͤmt ſie, ein anderer fließt gegen Nord nahe bei der Stadt vorbei, und iſt von dem Fruͤhlinge bis zum Herbſt nicht breiter, als die Seine zu Paris waͤhrend des Winters. Die Stadt mit 15,000 Haͤuſern und 15,000 Kauflaͤden, iſt in neun Bezirke, und beinahe wie alle perſiſchen Staͤdte in Haydar und Neamet⸗Olahy eingetheilt. Hay⸗ dar und Neamet ſind die Namen zweier einander anfeindenden Partheien im 1s. Jahrbunderte, wie die 313 Gelphen und Gibelinen in Italien. Die Batars oder Marktplaͤtze liegen in der Mitte der Stadt, die Haͤuſer aber auswaͤrts, beinahe jedes mit einem Gar⸗ ten. Die oͤffentlichen Gebaͤnde und Handels⸗Nieder⸗ lagen, mit Ausnahme des Kaiſerie, doͤniglichen Markiplatzes, welcher achteckig, ſehr ſchoͤn und geraͤu⸗ mig iſt, zeichnen ſich gleichfalls durch Schoͤnheit und verſchiedene Seltenheiten aus. Es werden 300 Kara⸗ vanſerais, in deren jedem 300 Perſonen wohnen koͤn⸗ nen, nebſt vielen Kaffeehaͤuſern und 250 Moſcheen ge⸗ zaͤhlt. Außerhalb Tauris liegen gegen Oſt die Truͤm⸗ mer des verwuͤſteten Schloſſes Cala Rachidie, wel⸗ ches vor 400 Jahren von Coje Rechid, dem Groß⸗ vezire des Koͤniges Cazan erbaut wurde. Gegen Suͤd außerhalb der Stadt ſieht man die Ruinen des Pala⸗ laſtes der alten perſiſchen Köoͤnige, und gegen Oſt nach Vermuthung der Armenier die eingefallenen Mauern des Palaſtes des Koͤniges Cosroes. Der große Marktplatz uͤbertrifft an Groͤße jenen iu Ispahan. Oft haben die Duͤrken 30,000 Mann in Schlachtordnung aufgeſtellt. Auf demſelben werden Spiele gegeben, Stierkaͤmpfe, Wolfstaͤnze ꝛc. ge⸗ halten. Der Poͤbel ſtroͤmt in großer Menge dahin. Die Stadt enthaͤlt mehr als 550,000 Menſchen. Es kommen Fremde aus allen Gegenden Aſiens dahin. Gold⸗ und Seidenwirker findet man in Menge; die ſchoͤnſten perſiſchen Turbane werden hier verfertigt. 53. B. Perſien. II. 3. 5 314 Die Luft iſt kalt und trocken, aber ſehr gut und geſund. Die Breite der Stadt betraͤgt 38, die Laͤnge 82 Grade. Lebensmittel findet man im Ueberfluſſe, ſehr wohlfeil und gut. In einiger Entfernung von der Stadt ſteht man große, weiße Marmorbruͤche, etwas weiter Salz⸗ und und Goldadern. Man findet auch Mineralquellen; die beruͤhmteſten ſind ½ Meile von Dauris, und hei⸗ hen die Baringſchen, die andern, welche ſechs Meilen entfernt ſind, die Seid⸗Kentiſchen Baͤ⸗ der; ſie fuͤhren viel Schwefel mit ſich, manche ſind kalt und heiß zugleich. Dieſe Stadt iſt nach mei⸗ ner Meinung das beruͤhmte Eebatana der Al⸗ ten, wurde im Jahre 16s der perſiſchen Hegira ge⸗ gründet, litt viel durch Erdbeben, und war bald in der Perſer und Tuͤrken Gewalt, bis letztere endlich unterlagen. Das Gonvernement der Provinz Tauris traͤgt jaͤhrlich 30,00 Tomans, d. i. 1,350,000 Gul⸗ den. Der Gouverneur fuͤhrt den Namen Begler⸗ beg, haͤlt 3000 Mann zu Pferd, und hat die Caue von Cars, Oroumi, Maruga und Ardevil nebſt zwanzig Sultanen unter ſeiner Botmaͤßigkeit. XVII. Zu Tauris nahm ich meinen Aufenthalt bei den Kapuzinern, und wollte, bis ich meine Sachen geordnet haͤtte, verborgen bleiben. Allein meine An⸗ kunft wurde bald dem Mirzathger, dem Sohne des 315 Intendanten und Obereinnehmers der Provinz bekannt. Ich mußte den 23. meine Aufwartung bei ihm ma⸗ chen, wurde hoͤflich empfangen, und ſogleich erkannt. Er konnte arabiſch, perſiſch und tuͤrkiſch ſprechen, und hatte von einem Kapuziner innerhalb weniger Jahren die ganze orientaliſche Philoſophie erlernt. Nachdem ich mehrere Große beſucht, und bei ihnen einige Koſt⸗ barkeiten verkauft hatte, verließ ich den 18. den Mir⸗ tathaer mit einem Empfehlungsſchreiben verſehen. Wegen der Gefahr, von Naͤubern uͤberfallen zu wen den, blieb ich bis den 28. zu Tauris, und reiſte mit dem Oberaufſeher der Kaufleute, welcher 14 Pferde und 10 Knechte bei ſich hatte. Wir gingen drei Mei⸗ len in ſchoͤnen Ebenen, und fuͤtterten zu Vaspinge einem großen Marktflecken, welcher gegen 600 Haͤuſer hatte; um denſelben ſchlaͤngeln ſich viele ſilberklare Baͤche, und bewaͤſſern die Gaͤrten der Bewohner. Den 29. reiſten wir durch die ſchoͤnſten, frucht⸗ barſten und mit Doͤrfern angefuͤllten Auen, und blie⸗ ben zu Agi⸗agach. Dieſe Ebenen ſind die ſchoͤnſten Trifften in ganz Medien; man ſieht auf ihnen eine große Anzahl der herrlichſten Pferde weiden. Es iſt Sitte in Perſten, vom April bis in den Juni die Pferde auf die Weide zu ſchicken. Den 30. ging der Weg uͤber Ebenen, und nach zwei Stunden zu den Truͤmmern einer alten Stadt, welche Abas der Große zerſtoͤrt hatte. Au der linken Seite des Weges ſtehr man große aus Quaderſteinen erbaute runde Gebaͤude. 316 Die Perſer ſagen, dieſe ſeyen die Stellen, wo die Caous, als ſie in Medien Krieg fuͤhrten, Kriegs⸗ rath gehalten haͤtten; denn es ſey damals Gebrauch geweſen, daß jeder Befehlshaber einen Stein in den Kriegsrath gebracht habe, um ſich darauf zu ſetzen. Wir trafen auf dem Wege drei Karavanſerais an, und übernachteten in dem Dorfe Caratchiman in einem Thale; es war zwar nicht ſo groß als Vaspinge, aber eben ſo ſchoͤn gebaut. Den 31. Mai reiſten wir vier Meilen durch ſchoͤne und fruchtbare Thaͤler und uͤber Huͤgel. Auf halbem Wege ſtießen wir auf das in der Mitte von Gaͤrten und Weidenbuͤſchen gelegene, und von ſchoͤnen Baͤchen umfloſſene Dorf Turciman, welches von den vielen Schaͤfern und Schaͤfereien ſeinen Namen hat. In dem Dorfe Pervare, in einem Thale, welches ein klarer Strom bewaͤſſert, wurde gefuͤttert. XVIII. Den 1. Juni reiſten wir zwei Meilen in einem ebenen und fruchtbaren Lande, durch welches ſich ein reißender Strom ſchlaͤngelt, und noch vier zwiſchen rauhen und ſteilen Gebirgen. Wir blieben in dem Marktſlecken Miane, welcher auf einer ſchoͤ⸗ nen und fruchtbaren Wieſe rings von Gebirgen umge⸗ ben iſt, welche Medien von Parthien ſcheiden. Miane heißt die Mitte. In dem Zollhauſe wur⸗ den wir nicht angehalten: denn es iſt in Perſien ein⸗ gefuͤhrt, daß die Zolleinnehmer von Standesperſonen, 317 und beſonders von koͤniglichen Dienern, nicht das Ge⸗ ringſte fordern duͤrfen. Den 2. ſetzten wir mit Gefahr unſerer Pferde uͤber den Fluß Mianaz er iſt eine Meile vom Marktflecken entfernt, ſehr reißend und breit, und wir mußten dann fuͤnf Stunden auf dem hohen und rauhen Ge⸗ birge zubringen, welches Medien von Perſien ſcheidet. Dieſe zwei großen Provinzen trennt eine Bergkette, welche ein Arm des Taurus it, und ſich von Euxropa bis in das Koͤnigreich China, durch Moskovien, Kirkaſſien, Mingrelien, Geor⸗ gien, Parthien, Baktrien, die Provinz Can⸗ tahar, ja bis nach Indien erſtreckt. Auf dem Gipfel des Gebirges ſahen wir ein zerſtoͤrtes Schloß, welches die Perſer Jungfernſchloß nennen, weil Artaxerres es als Gefaͤngniß fuͤr eine ſeiner Prin⸗ zeſſinnen habe erbauen laſſen. Am Ende unſerer Tag⸗ reife kamen wir an eine ſchoͤne und uͤber den großen Strom Keſil⸗beuze geſchlagene Bruͤcke, und blie⸗ ben Nachts zu Semele. Der Keſil⸗beuze iſt viel breiter und reißender als der Miane, und bildet die Grenze zwiſchen Me⸗ dien und Parthien. Sobald man uͤber denſelben geſetzt iſt, merkt man ſchon eine Veraͤnderung der Luft; in Medien iſt ſie feucht und nebelig, in Par⸗ thien dagegen im hoͤchſten Grade heiß und trocken. Die Landſchaft der Parther, die groͤßte und vorzuͤglichſte Provinz des perſiſchen Reiches, iſt Eigen⸗ 318 genthum des Koͤnigs. Gegen Oſt begrentt ſie die Pro⸗ vinz Caraſſon oder Coromitrene, gegen Suͤd die Provinz Fars(das eigentliche Perſien), gegen Weſt Azerbeigan(Medien) und gegen Nord Guilan und Mazanderaan(Hyrkanien). Die Provinz iſt 200 Meilen lang und 180 breit; die Luft geſund und trocken; ſie hat unfruchtbare Gebirge, aber fruchtbare Felder in der Nahe von Fluͤſſen, und enthaͤlt mehr als 40 Staͤdte. Die Morgenlaͤnder nennen Parthien Arak⸗ Agem, perſiſches Arak, zum Unterſchiede von Arabien, welches ſie Arak⸗Arab nennen. Den 3. Juni reiſten wir gegen Suͤd auf der Straße, auf welcher wir von Tauris abgegangen waren, hatten zur Rechten und Linken hohe Gebirge, und fuͤtterten zu Sircham. Nicht weit von drei Doͤrfern waren große Karavanſerais; den 4. wander⸗ ten wir uͤber Haiden und ſandige Orte, fanden frucht⸗ bare Felder und ſchoͤn gebaute Doͤrfer. Der Strom Zenjam bewaͤſſert die ganze Gegend. Wir blieben in dem großen Karavanſerai Niche zwiſchen fuͤnf gro⸗ ßen Doͤrfern. Den 5. kamen wir auf den ſchoͤnſten und geradeſten Wegen zur kleinen Stadt Zerigan mit 2000 Haͤuſern auf einer ſchmalen Ebene gegen das Gebirge hin. Der Boden iſt ſehr fruchtbar und au⸗ muthig, die Luft im Winter kuͤhl. Außerhalb der Stadt ſind ziemlich ſchoͤne Gaͤrten, innerhalb derſelben lauter Truͤmmer und eingefallene Haͤuſer; ſie ſoll de⸗ 319 ren 20,000 gezaͤhlt haben, und wurde von Tamerlan zerſtoͤrt. Den 6. trafen wir ein ſehr ſchoͤnes und angeneh⸗ mes Land. Man findet ſo viele ſchoͤne Baͤche, Fluͤſſe und Doͤrfer, daß man ſie kaum zaͤhlen kann; alle mit ſehr ſchoͤnen Weidenbuͤſchen und Gaͤrten umgeben. Nach fuͤnf Meilen ſtiegen wir dei der großen Kara⸗ vanſerai Queurq⸗boulay ab, welche in einiger Entfernung von Sultania liegt. Dieſe Stadt liegt am Fuße eines Berges, gewaͤhrt von der Ferne einen ſchoͤnen Anblick, welcher bei all⸗ maͤhligem Naͤherkommen verſchwindet, und zaͤhlt noch 3000 Haͤuſer. Von der Groͤße dieſer ehemaligen Haupt⸗ ſtadt des perſiſchen Reiches reden ihre Truͤmmer. Ihre Breite betraͤgt 36 Grade 18 Minuten; ihre Laͤnge 48 Grade und 5 Minuten; ſie wird von einem Sultan regiert. Den 1. reiſten wir in einem viel ſchoͤnerem und angebauterem Lande; alle 1000 Schritte trifft man ein Dorf, ſieht herrliche und ſchoͤne Pappelweiden in gro⸗ ßer Anzahl. In dem Dorfe Hihie, in der Naͤhe des volkreichen und mit einer Mauer umgebenen Fleckens San cala, wurde uͤbernachtet. Den s. Juni konnten unſere Pferde aus Mattig⸗ keit uns nur bis zur kleinen Stadt Ebher mit 2600 Haͤuſern bringen. Sie wird von dem Fluſſe gleiches Namens in zwei gleiche Haͤlften getheilt, hat eine ſchoͤne und angenehme Lage, geſunde Luft, einen I N 320 fruchtbaren Boden, drei große Moſcheen, und in der Mitte der Stadt ein altes, in Truͤmmern liegendes Schloß. Sie iſt von dem Aequator 36 Grade und 45 Minuten, von den gluͤcklichen Inſeln aber 48 Grade und 30 Minuten entfernt. Dieſe Abmeſſungen ſind nach perſiſchen Charten. Die Stadt wird von einem Dorogue(Rektor) regiert. Von Ebher bis In⸗ dien herrſcht die perſiſche Sprache, nicht mehr mit der tuͤrkiſchen vermiſcht. XIX. Den 9. legten wir neun Meilen uͤber wun⸗ derſchoͤne Ebenen zuruͤck, kamen in den erſten drei Meilen durch den Flecken Parſae, und ließen etwas weiter hinauf Casbin zur Linken. Dieſe Stadt iſt groß, auf einer ſchoͤnen Ebene, drei Meilen vom Berge Alouvent von Norden gegen Suͤden gelegen, ohne Mauern, mit 12,000 Haͤuſern und ungefaͤhr 100,000 Einwohnern, unter welchen etwa 40 chriſtliche und 100 juͤdiſche Familien in groͤßter Duͤrftigkeit le⸗ ben. Die merkwuͤrdigſten Plaͤtze ſind der Hippo⸗ dromus, Maydan⸗cha, koͤniglicher Platz, welcher 700 Schritte lang und 250 breit, und nach Art des ſchoͤnen Platzes zu Ispahan gebaut iſt, und der koͤnigliche Palaſt mit ſieben Pforten. Man findet wenige Moſcheen, aber viele ſchoͤne Gebaͤude und ei⸗ nige Karavanſeraien. Die Anzahl praͤchtiger, von den Großen des Landes bewohnter Palaͤſte iſt groß, und gibt der Stadt ein glaͤnzendes Anſehen. Es fließt ein 321 Arm der Charoudis vorbei; das Waſſer wird durch Roͤhren, Keriſes, in die Stadt geleitet, iſt kuͤhl, aber unſchmackhaft; die Luft ſehr dick und ungeſund. Nichts deſtoweniger gibt es im Ueberfluſſe Lebensmit⸗ tel und Erdgewaͤchſe wegen der Umgegend. Man fin⸗ det die ſchoͤnſten Trauben; ſie heißen Chaboni, koͤ⸗ nigliche. Der verſchiedenen und wiederholten Verheerun⸗ gen ungeachtet, wurde Casbin immer wieder aut das neue erbaut, und hat wegen ſeiner zum Handez bequemen Lage ſich großen Reichthum erworben. Es iſt der Geburtsort des beruͤhmten perſiſchen Fabeldich⸗ ters Lokman und anderer gelehrter Maͤnner. Der Oberbefehlshaber der Stadt fuͤhrt den Titel Daro⸗ gue; alle zwei Jahre wird ein neuer gewaͤhlt; ſeine Einkuͤnfte betragen 9000 Thaler. In den gerichtlichen Akten fuͤhrt die Stadt den Beinamen Da rel⸗ſel⸗ tenet, koͤniglicher Sitz, weil die perſiſchen Koͤ⸗ nige im 15. und 16. Jahrhunderte da reſidirt haben. Unſere Tagreiſe endigte zu Kiare, einem Flecken von 500 Haͤuſern mit einem zerfallenen Schloſſe aus Lehmen in ſeiner Mitte. Solche Schloͤſſer kann man noch in allen Marktflecken und großen Doͤrfern in der Gegend von Casbin ſehen. XX. Den 10. legten wir vier Meilen in einem ebenen, gegen Suͤden gelegenem Lande zuruͤck. Wegen 322 der beſchwerlichen Jahreszeit reiſten wir meiſtens zur Nachtzeit. Wir ſtiegen in dem großen Flecken Seg s⸗abad, Wohnung der Hunde ab; er lag mit vielen Doͤrfern in einer ſchoͤnen Ebene; man findet weder da, noch zu Kiare Karawanſerais, ſondern in beiden 15— 20 Haͤuſer zum Gebrauche fuͤr Reiſende beſtimmt. Den 11. ging die Reiſe uͤber Huͤgel und frucht⸗ bare, mit Doͤrfern beſetzte Ebenen; auf dieſen ſoll die Schlacht zwiſchen Lukull und Mithridat vorge⸗ fallen ſeyn, und Craſſus eine große Niederlage er⸗ litten haben. Wir ſtiegen bei der Karawanſerai Kos⸗ keirou ab, ſie hatte zwei ſchoͤne Gaͤrten zwei Ciſter⸗ nen, ein Bad und einen kleinen Kanal, und wurde von einer der vornehmſten Gemahlinnen des Großen Abas erbaut; der Bau derſelben ſoll 180,000 Gulden gekoſtet haben. Durch die Nachlaͤſſigkeit der Vorſteher geht ſie allmaͤhlig ein. Den 12. kamen wir nach acht Meilen zur großen Stadt Sava auf einer ſandigen und unfruchtbaren Ebene gegen den Berg Alouvent. Sie hat zwei Meilen, iſt mit einer Mauer umgeben, aber nicht ſtark bewahrt. Die Luft iſt nicht recht geſund; die Breite derſelben betraͤgt 3s Gr. und 60 Min. 85 Gr. und 88 Min. Sie wird von einem Derogue regiert.— Gegen den Weſten der Stadt Sava iſt die Woh⸗ nung eines Pilgers, Schmouil d.i. Samuel genannt, wegen der Andacht der Perſer merkwuͤrdig. Die Per⸗ 323 fer glauben, hier ſey der Prophet Samnel begraben, und errichteten deßwegen in der Mitte einer Moſchee ein praͤchtiges Grabmal. Neun Meilen von Sava gegen Oſt ſind Spuren der beruͤhmten Stadt Rey, welches die groͤßte Stadt in Aſien geweſen ſeyn ſoll. Rach perſiſchen Geographen, ſoll Rey zur Zeit des Califen Mehdy⸗billa⸗ abou Mohamed⸗De⸗ vanick, welcher im IX. Jahrhunderte nach Chri⸗ ſtus lebte, in 96 Viertel abgetheilt geweſen ſeyn; jedes habe 46 Gaſſen gehabt, und jede Gaſſe 400 Haͤu⸗ ſer und 10 Moſcheen. Ferner ſeyen in derſelben 6400 Kollegien, 16,600 Baͤder, 415,000 Tempel⸗Thuͤrme, 12,000 Muͤhlen, 1700 Kanaͤle und 13,000 Karavanſe⸗ rais geweſen. Durch Religions⸗Spaldungen wurde dieſe beruͤhmte Stadt anfangs ſehr geſchwaͤcht, und endlich ganz zerſtoͤrt. Ptolemaͤus nennt ſie Ra⸗ quaia. Die Breite derſelben betraͤgt 35 gr. und 35 min., ihre Laͤnge 76 gr. 20 m. Ihr Boden iſt fruchtbar und reitzend, und bringt ſchoͤne Fruͤchte und Gewaͤchſe hervor. Die Luft iſt ungeſund, erzeugt eine gelbe Geſichtsfarbe und viele Fieber. In dieſer Stadt wurden viele beruͤhmte Maͤnner geboren. XXI. Den 13. machten wir ſechs Meilen in ei⸗ ner ſehr ſchoͤnen Ebene. Die Landſtraße macht wegen des Laufes eines Fluſſes viele Kruͤmungen. Wir mußten uͤber eine große und viele kleine Bruͤcken, und fuͤtterten bei der Karawanſerai Jafer⸗abad, d. i. 324 die Wohnung Jaffers eines perſiſchen Großen⸗. welcher hier die erſten Karawanſerais bauen ließ. Den 14. ſetzten wir unſere Reiſe auf dieſer Ebene fort; auf der Haͤlfte des Weges mußten wir uͤber den kleinen Berg Couh⸗telisme, Berg des Talis⸗ manns ſteigen; er liegt zur Linken, wenn man nach Kom reiſt. Je naͤher man dieſer Stadt kommt, de⸗ ſto mehr Grabmaͤler und Moſcheen ſieht man, in wel⸗ chen die Nachkoͤmmlinge Alys begraben liegen ſollen. Die Perſer nennen alle Kinder des Kalifen Im am⸗ Zade, Kinder der Apoſtel, die Anzahl dieſer perſiſchen Heiligen iſt ſehr groß. Bei dem Abſteigen in einer Karawan ſerai zu Kom, haͤtte ich in der Finſterniß der Nacht bald mein Leben durch den Aus⸗ ſchlag eines Pferdes verloren.. Dieſe Stadt iſt groß, auf einer an einem Fluſſe gelegenen Ebene gebaut, welche zwei Meilen von dem hohen Gebirge entfernt iſt. Ihre Geſtalt iſt laͤnglich und viereckig; ſie erſtreckt ſich von Oſt gegen Weſt, hat nach Ausſage der Einwohner 15,000 Haͤuſer, ei⸗ nen Graben und eine Mauer mit baufaͤlligen Thuͤr⸗ und liegt in der Mitte von Gaͤrten. In dem Mauſoleum des Ruſtan⸗can, eines georgiſchen Prinzen, pflegt das Volk ſpazieren zu gehen. Man ſieht zwei ſchoͤne Mauern an dem Fluß hinab, welche ſo lange, wie die Stadt, am Ende gegen Oſten durch eine ſchoͤne Bruͤcke verbunden ſind. Kom, obgleich eine unbedeu⸗ tende Handelsſtadt, bat die beſte Seife und die beſten 325 Klingen in Perſien. In dem weißen irdenen Ge⸗ ſchirre, welches hier ausgefuͤhrt wird, bleibt im Som⸗ mer das Waſſer kuͤhl, weil daſſelbe poroͤs iſt, und durch die Luft immer angefriſcht werden kann. Um neuen Gefaͤßen den Geſchmack zu nehmen, fuͤllt man ſie mit Roſenwaſſer, und haͤngt ſie mit einem feuch⸗ ten Duche bedeckt, an die Luft; vier Stunden nach⸗ her iſt der vierte Theil des Waſſers verduͤnſtet, bis endlich die Luft durch die dicke und grobe Feuchtigkeit verſtopft wird. Wenn die Verduͤnſtung des Waſſers in den Geſchirren verhindert iſt, wird das Waſſer ſtinkend, und man muß ſich neuer Gefaͤße bedienen. Kom hat bequeme Karawanſerais und ſchoͤne Mo⸗ ſcheen; die ſchoͤnſte iſt diejenige, in welcher der zuletzt verſtorbene perſiſche Koͤnig begraben liegt. Sie hat vier ſchoͤne Hoͤfe; der erſte iſt mit Baͤumen und Blumen beſetzt viereckig; der mittelſte Gang ge⸗ pflaſtert; an beiden Seiten ſind ſchoͤne von Quader⸗ ſteinen eingefaßte Hoͤhen. Sie ſind ſo lang als der Hof und drei Fuß hoch, uͤber denſelben zwanzig ge⸗ woͤlbte Gemaͤcher, neun Fuß lang und viereckig ge⸗ baut; ein Kamin, und eine verdeckte lange Sommer⸗ laube. Bei der Pforte und dem Eingange des Hofes iſt ein tiefer Brunnen; aus einem Kanale ergießt ſich ein ſilberklarer Strom bei dem Eingange in ein er⸗ habenes Becken. An dem Eingange iſt eine Inſchrift in perſiſcher Sprache. Der andere Hof ſteht dem erſten an Schoͤnheit nach, der dritte kommt dem er⸗ 326 ſten gleich; eine marmorne Treppe von zwoͤlf Stufen fuͤhrt zu dem vierten. Das dafelbſt befindliche Por⸗ tal iſt mit weißem, durchſichtigen Marmor bedeckt; die Decke gewölbt und mit blauen und goldenen Ge⸗ maͤlden geziert, der vierte Hof hat unten und ſeit⸗ waͤrts ſchoͤne Gemaͤcher, und dient den Geiſtlichen, den Regenten und den von den Einkuͤnften dieſes Ortes lebenden Studenten zur Wohnung. Das vor⸗ zuͤglichſte des Gebaͤudes beſteht in drei großen, in ei⸗ ner Linie an einander gebauten Kapellen; die mittlere hat einen achtzehn Fuß hohen Eingang, iſt ſehr pracht⸗ voll gebaut, und mit weißem Marmor uͤberzogen. Die gewoͤlbte Decke mit Schwibbogen verſehen, mit Porzellan⸗ und Gypsarbeiten herrlich ausgeſchmuͤckt und bemalt; inwendig ganz blau und vergoldet. Die Pforte iſt zwoͤlf Fuß hoch und ſechs breit. Die bei⸗ den obern Fluͤgel derſelben ſind ſtark mit Silber be⸗ legt, mit vielen zierlichen Arbeiten verſehen. Die Kapelle iſt achteckig, der Boden mit marmoriten Por⸗ phirtafeln und Gold und Blumen belegt. Das Ober⸗ theil derſelben von goldenen und blauen Gipswerken ausgeziert, die Decke groß und ſchoͤn, und wie das Portal von Außen gearbeitet. Ober dem Portale iſt ein halber Mond auf einem Geſimſe, welches ſehr dick iſt und aus aufgehauften Kugeln von feinem Golde beſteht, und mehr als 20 Fuß betraͤgt. In der Mitte der Kapelle iſt das Grab der Fathme, einer Tochter des Mouſa Cazem, ei⸗ 327 nes der zwoͤlf Kalifen, welchen die Perſer fuͤr den rechtmaͤßigen Nachfolger Mohamets nach dem To⸗ de ſeines Eidames Aly halten. Es iſt 8 Fuß lang, s breit und s boch, mit Porzellanwerken verſehen, be⸗ malt, und mit einem ganz ſilbernen acht Fuß hohen Gitterwerke von gediegener Arbeit umgeben, welches an allen Ecken, mit großen aus feinem Golde gemach⸗ ten Aepfeln geziert. Gruͤne Vorhaͤnge, welche dieſes Gitter umgeben, werden den Fremden aus Hoͤflichkeit geoͤffnet. Ueberhalb des Begraͤbniſſes haͤngen viele ſilberne Lampen, welche keinen Boden haben. Das Grabmal der Fathme wurde dreimal von neuem er⸗ baut. An den Seiten der daſelbſt gelegenen Kapellen ſind die Graͤber der beiden juͤngſt verſtorbenen perſi⸗ ſchen Koͤnige zu finden. Kom hat auch ſonſt ſchoͤne und koſtbare Gebaͤude; der dabei befindliche Strom iſt im Sommer nur ein kleiner Bach; im Winter ſchwillt er durch den Ge⸗ birgsſchnee ſehr an, und wird ſo breit wie die Seine zu Paris. Man nennt ihn gewoͤhnlich den Fluß von Kom, ſein wahrer Name aber iſt Jou⸗ badgam. Die Laͤnge der Stadt betraͤgt 85 gr. und 4s min.; die Breite 34 gr. und 30 min. Die Luft iſt geſund, die Einwohner ſind ſehr freundlich und hoͤflich, Le⸗ bensmittel gibt es im Ueberfluſſe. XXII. Den 18. brachen wir von Kom auf, rei⸗ ſten vier Meilen uͤber ſchoͤne und mit Doͤrfern ange⸗ 328 gebaute Ebenen fort. Das Korn wurde hier nach der Aernte, wie bei uns gedroſchen. Wir blieben in dem Marktflecken Caſſemabad mit 300 Haͤuſern; er gehoͤrt der Mutter des Koͤnigs. Den 11. fuͤtterten wir an dem Orte Abchiri⸗ nus, ſuͤßes Waſſer, welcher ſeinen Namen von ſeinen Quellen ſuͤßen Waſſers erhaͤlt, erreichten den 18. Cachan, und ließen auf der Haͤlfte des Weges zur Linken die Stadt Saron am Fuße eines Ber⸗ ges liegen. Die Stadt Cachan liegt auf einer großen Ebene, ſehr nahe an einem hohen Berge; iſt eine Meile lang und 1⁄4 Meile breit, erſtreckt ſich von Oſt gegen Weſt, und erſcheint aus der Ferne in der Geſtalt ei⸗ Halbmondes. Der Stadt fehlt ein Fluß, ſie hat aber viele unter der Erde verdeckte Kanaͤle, eine doppelte Mauer mit alten runden Thuͤrmen, und fuͤnf Thore. In der Stadt und den Vorſtaͤdten, welche die Stadt an Schoͤnheit uͤbertreffen, ſind 6500 Haͤuſer, 40 Mo⸗ ſcheen, drei Kollegien, und mehr als 200 Grabmaͤler der Nachkommenſchaft Alys. Die Haͤuſer ſind aus Lehmen und Backſteinen, und nicht ſchoͤn; die Baͤder dagegen ſehr zierlich er⸗ baut. Die Koͤnigliche, außerhalb der Stadt gelegene, Karawanſerai iſt die ſchoͤnſte in ganz Perſien. Die Stadt Cachan hat geſunde Luft; im Som⸗ mer iſt die Hitze ſehr groß. Den 20. brachen wir auf, legten Meilen anfangs uͤber Ebenen, dann uͤber ein 329 Gebirge zuruͤck, kamen in ein enges, eine Meile langes Thal, welches mit Haͤuſern, Weinbergen und Gaͤrten angefuͤllt war, und blieben in der Karawanſerai Ca⸗ rou. In dieſem Thale ſoll der Koͤnig Darius ſein Leben durch Meuchelmoͤrder verloren haben. Den 21. kamen wir uͤber ſchöne Ebenen zur Ka⸗ rawanſerai Aga⸗Kemal, welche von einem reichen Kaufmanne erbaut worden war; den 22. zu dem gro⸗ ben Dorfe Moutckacour mit mehr als 600 Haͤu⸗ ſern nebſt vielen Karawanſerais, ſchoͤnen Gaͤrten und vielem Waſſer. Den 23. reiſten wir neun Meilen ge⸗ gen Suͤd uͤber ſchoͤne bewaͤſſerte Auen, zogen bei vie⸗ len Karawanſerais und vielen Doͤrfern und Flecken in der Naͤhe von Ispahan vorbei, ſo daß wir in ei⸗ uer Entfernung von zwei Stunden in den Vorſtaͤdten dieſer großen Stadt zu ſeyn glaubten, bis wir end⸗ lich dieſelbe betraten. 4 incf 58. B. Perſten. II. 23, 330 Reiſe durch Rußland nach Perſien in den Jahren 1743 bis 45 von Jonas Hanway“). Aus dem Engliſchen überſetzt. I. Dee Veranlaſſung zu Hanway's Reiſe war die Begruͤndung eines Handels am kaspiſchen ——— *) J. H. war geboren zu Portsmouth 4712, wo ſein Vater Seeofſizier war. Er erlernte vom Jahre 1729 die Handlung zu Liſſabon, ließ ſich vorerſt zu London, und endlich als Verbuͤndeter eines engliſchen Handlungs⸗Hauſes zu Petersburg nieder. Sein lebhaftes Intereſſe am ruſſiſchen Handel uͤber das kaſpiſche Meer nach Perſien, veranlaßte die engliſche Faktorei, ihn mit einer Waaren⸗Karavane dahin zu ſenden. 1760 kam er uͤber das europaͤlſche Feſtland nach England zu⸗ ruͤck. Seine Reiſebeſchreibung in 4 Quartb. mit Kupfern bereicherte die Geſchichte, Geographie und Handelswiſſenſchaft, weßwegen ſie in das Hol⸗ ländtſche und Deutſche aͤberſetzt, und oft aufge⸗ 331 Meere. Verſuche dazu wurden ſchon vom Jahre 1553 bis 1738 gemacht. Man wollte naͤmlich nach Perſien alle Arten wollener und anderer Waaren aus den eng⸗ liſchen Manufakturen wohlfeiler liefern, und in groͤ⸗ ßerer Menge als bisher aus der Tuͤrkei geſchehen war. Der Weg ſollte durch Rußland und uͤber das kas⸗ piſche Meer nach Aſtrabad, und von da nach al⸗ len perſiſchen Laͤndereien gehen. Herr Elton erhielt nach faſt unuͤberwindlichen Hinderniſſen von Mirza⸗ Kouli⸗Khan, dem Beherrſcher Perſiens, ei⸗ nen Freibrief zum Beſten der engliſchen Kaufleute. Kaum war er aber in Ghilan angekommen, ſo ent⸗ ſtand zwiſchen ihm und dem ruſſiſchen Konſul Un⸗ einigkeit. Um nun Mißhelligkeiten von Seiten des legt wurde. Er und J. Spranger ſorgten fuͤr beſſere Straßen zu London; er gruͤndete eine Ge⸗ ſellſchaft zur Bildung junger Seeleute, wachte für die Erztehung armer Juͤnglinge, wurde 4758 Vorſtand des Londoner Findelhaufes, und be⸗ wirkte die Ernaͤhrung armer Kinder durch jedes Kirchſpiel. 1761 trug er vorzuͤglich zur Vermin⸗ derung der Geſinde⸗Trinkgelder, zur Verbeſſe⸗ rung des Magdalenen⸗Hoſpitals und anderer ſol⸗ cher Anſtalten bei. 1762 wurde er Proviant⸗Kom⸗ miſſair einer Flotte ohne Eigennutz; ſpaͤter gruͤn⸗ dete er Sonntagsſchulen fuͤr duͤrftige Kinder, und verbeſſerte die ſchreckliche Lage der armen Jungen von 5— 12 Jahren, welche die Schorn⸗ keine fegen. Er ſtarb 4786. 3³² ruſſiſchen Hofes vorzubeugen, wurde Hanwar abgeſchickt. Im April ging er auf ein nach Riga beſtimmtes Schiff, und wurde auf eine ſehr empfindliche Art von der Seekrankheit befallen. Auf dem baltiſchen Meere wehte im Monate Mai ein kalter Wind, und das Eis war noch kaum zergangen. Von da gelangte er in den Sund zwiſchen Schweden und Daͤne⸗ mark, und ankerte gegen Ende Mais in dem Meer⸗ buſen von Riga. An dem Schloſſe Duͤnamuͤnde mußte er eine ſcharfe Unterſuchung aushalten, und da gerade Rußland mit Schweden im Kriege verwickelt war, ſo wollte man wegen Mangels eines Paſſes die Weiterreiſe unterſagen. Doch dieſes Hin⸗ derniß hob ein Stuͤck Geld. In Riga, der Hauptſtadt Lieflands unter 67° Br., hielt der Statthalter unſern Reiſenden zur großen Verwunderung 47 Tage auf. Zu dieſem Ver⸗ fahren gegen Fremde hatte er eine beſondere Verord⸗ nung. Jedoch machte das ſchoͤne Wetter ſeinen Aufenthalt angenehm. Peter der Große nahm im J. 4710 die Stadt nach einer harten Belagerung von drei Monaten den Schweden ab. Noch ſieht man au manchen Haͤuſern die Kennzeichen der ruſſiſchen Bom⸗ bardirung. Der Fluß Düna faͤllt in den Meerbuſen bei Niga; an ſeinen Ufern ſteht die Stadt. Seit des Veifabes des Handels der vereinigten Nieder⸗ 333 lande nahm auch hier der Handel ab. Die Sprache iſt hier, wie an vielen andern Orten Lieflands, deutſch. Von dort reiſte Hanway nach Narva, der ar⸗ tigen und wohlbefeſtigten Hauptſtadt Eſtonia's. Hier trieben, in dem denkwuͤrdigen Jahre 1700, we⸗ nige Schweden 100,000 Ruſſen vor ſich her. Doch nach vier Jahren nahmen die Ruſſen die Stadt, und haben ſie noch immer. Am 10. Juli langte unſer Reiſender in Petersburg an. Peter, der Grohe, erbaute dieſe Stadt nach dem Muſter der Stadt Amſterdam. Kanaͤle durchſchneiden die ſchoͤne Hauptſtadt Rußlands. Holzerne Haͤuſer wer⸗ den gegenwaͤrtig nur in den Vorfaaͤdten geſtattet. Die Stadt hat alle Nothwendigkeiten des Lebens im Ueber⸗ fluſſe, und liegt in einer geſunden Gegend. Nach gluͤcklicher Verrichtung ſeiner Geſchaͤfte ver⸗ ließ Hanway Petersburg, und ſchickte ſich zur Reiſe nach Perſien an. In Moskau traf er noch verſchiedene Spuren alt ruſſiſcher Gebraͤuche, welche man in Petersburg nicht gewahr wird. Non Moskau fuͤhrte ein Weg durch verſchiedene kleine Doͤrfer zur ſchoͤnen Stadt Kolumna. Von hier begab er ſich durch andere Doͤrfer, welche ſo armſelig, wie ihre Bewohner ausſehen. Ueber den Grenzort Novochoppirskaja an dem Fluße Chopen kam er zu dem Koſakendorfe urjupin, und fand die Leute beſonders ſauber und rein, bauptſaͤchlich aber 334 die Weibsperſonen wohlgeſtaltet und huͤbſch. Sie tragen eine Kappe, welche uͤber der Stirne acht Zolle rothen Kreuze. Unverheirathete Weibsperſonen tra⸗ gen das Haar nach ruſſiſcher Art, hinten geflochten. Die Koſaken Cihr Name bedeutet Freibeuter) ſind tapfer, geſittet, und dem ruſſiſchen Reiche an⸗ Nach dem Uebergange uͤber den Choper und Don erreichte er die Stadt Grigoriskoi, wo man Krebſe, Fiſche und Voͤgel, in großer Menge findet. Die Einwohner heirathen ſehr jung. An den Linien welche von dem Don nach der Wolga aufgeworfen ſind, wo Pe ter der Große, einen Kanal angefan⸗ gen hatte, um dieſe Fluͤſſe zu vereinigen, waren vor Alters die Kuban⸗ Dataren ſehr furchtbar. Auf den Ebenen nahe bei Zanitzen werden Dromedare gezogen. II. Zanitzen, beinahe 700 Meilen von Mos⸗ kau auf einem hohen Ufer der Wolga, gewaͤhrt eine uͤberaus anmuthige Ausſicht. In einem Thale an der Mittagsſeite der Wolga ſtehen die Zelte der Kalmuͤck⸗ Tataren. Sie haben ein Buͤndniß mit den Ruſſen, und ſind ein wildes Volk. Sie eſſen alle Thiere, moͤgen ſie getoͤdtet werden oder an einer Krankheit geſtorben ſeyn. Ihre Leichen werfen ſie 335 den Hunden vor; freſſen mehr als ſechs derſelben da⸗ ran, ſo halten es die Anverwandten fuͤr eine Ehre. Ein Schimpf iſt, wenn es weniger, als ſechs ſind. Kleine hoͤlzerne Bilder kleiden ſie mit alten Lumpen, und liebkoſen ſie im Gluͤcke; im Ungluͤcke aber gehen ſie veraͤchtlich mit ihnen um. Um das kuͤuftige Leben kekuͤmmern ſie ſich nicht. Von Zaritzen reiſte Hanway an der Wolga hinab, obwohl wegen Ranbluſt der Kalmuͤck⸗Ta⸗ raren der Weg unſicher wird. Ihre Grauſamkeiten gegen Fremde ſind ſehr groß; daher ſind auch ihre Strafen eben ſo. Ein ergriffener Naͤuber wird leben⸗ diz an einen Galgen gehaͤngt, welcher auf einem hie⸗ zu erbauten Kahne aufgerichtet iſt. Der Kahn wird dinn vom Ufer abge und ſo leben die Ver⸗ biecher unter der entſeßzlichſten Pein oft fuͤnf Tage, o)ne daß ihnen Jemand Huͤlfe leiſten darf, wenn er nicht die gleiche Strafe erwarten will. Auf dem Wege traf unſer Reiſender einige Voͤgel a:, welche gröͤßer als die Schwaͤne, doch an den Fuͤ⸗ ßin und Schnaͤbeln denſelben gleich waren. Die Ruſ⸗ ſai nennen ſie Dika Baba(wildes altes Weib) und gebrauchen ihr Fett bei Schmerzen und Kon⸗ tuſionen. Zwiſchen Zaritzen und Aſtrachau liegt Cher⸗ noyare. Auf dem Wege nach letzterer Stadt trafen ſie unter Weges nichts an, auſſer einen großen Hau⸗ fen Truͤmmer auf beiden Seiten des Fluſſes und die 336 darin liegenden Staͤdte und Doͤrfer vom Feuer ſehr beſchaͤdigt. Dieß ſind die Spuren des letzten Duͤr⸗ keukrieges. Aſtrachan hat mit ſeinen Vorſtaͤdten ungefaͤhr fuͤnf Meilen im Umfange. Ehemals gehoͤrte dieſe Stadt den Tataren, jetzt ſteht ſie unter ruſſi⸗ ſcher Herrſchaft. Das Land iſt fruchtbar, aber das Klima ungeſund wegen der vielen Moraͤſte in der Um⸗ gegend, und wegen der großen Ueberſchwemmungen im Herbſte. Vom Juli bis September richten die Heuſchrecken große Verwuͤſtungen Knf. Der Handel der Stadt beſchraͤnkt ſich auf das ruſſiſche Gebiet und auf Perſien; uur wird er duſch die Meutereien der Tataren ſehr geſtoͤrt. Indiſche Heiden beten in dieſer Stadt in ci⸗ nem Tempel ein haͤßlich geſtaltetes Goͤtzenbild an. Ihre Andacht beſteht im Stillſchweigen und Nieder⸗ fallen. Nur der Prieſter wendet ſich verſchiedete Male an den Herrn der Natur durch Mahomeds Vermittelung. Wenn eine ihrer Toͤchter heirathbar iſt, ſo uͤbe⸗ decken ſie ihr Zelt mit weißer Leinwand, und mit ei⸗ nem bunten Tuche oben auf der Spitze, welches mit rothen Baͤndern gebunden iſt. An der Seite des Zal⸗ tes ſteht ein bunter Wagen, als ihr Heirathsgut. Wer dem Vater das groͤßte Geſchenk bietet, bekommt zie Tochter zur Ehe. Ihre Graͤber ſind ſehr tief, nit Ziegeln eingefaßt, inwendig uͤbertuͤncht, und mit ei⸗ 337 nem Deckel verſehen. Jedes Grab iſt mit einer ſtar⸗ ken Mauer umbaut, und hat nach dem Stande des Verſtorbenen eine oder mehrere Fahnen. III. Von Aſtrachan ſetzte Hanway ſeine Reiſe an dem Wolga⸗Fluſſe weiter fort. Der Wolga, vor Alters Rha genannt, braucht beinahe 3000 engliſche Meilen bis zu ſeinem Erguſſe in das kaspiſche Meer. Er befoͤrdert den ruſſiſchen Han⸗ del, und wird au ſeinen Ufern von Kalmuͤcken be⸗ wohnt, welche als arme Leute ſich vom Fiſchfange naͤhren. Sie treiben einen anſehnlichen Handel mit Kaviar, fuͤr deſſen Zubereitung ſie eine beſondere Geſchicklichkeit zeigen. Am 3 December langte Hanway in dem Meer⸗ buſen von Langarood an, und erreichte in einigen Tagen die Stadt Aſtrabad an der Suͤd⸗Oſtecke des kaspiſchen Meeres. Auf dieſer Reiſe ſah er lange den merkwuͤrdigen Berg Demoan, auf welchem nach Angabe der Perſer, die Arche Noass geruht ha⸗ ben ſoll! Etwa 4— 5 Meilen vom Ufer erhebt er ſich, wie eine Pyramide. In dem Meerbuſen von Aſtrabad erſchwerten Einriſſe der See das Landen. An manchen Orten be⸗ deckten ganze Bloͤcke von Baͤumen das Ufer. Haͤufige Feuer an der Kuͤſte erregten bei den Einwohnern den Verdacht, daß Seeraͤuber kämen. Auf die Erklaͤrung, daß Hanwapy keine feindſeligen Abſichten hege, * 338 brachten die Einwohner freudig ihn zur Stadt. Als er wegen Verzoͤgerung in einem Zelte uͤbernachtete, tanzten die Einwohner freudig um ihn her, und ſan⸗ gen Lieder, welche Ehrenbezeugungen auf ihn enthiel⸗ ten. Nachts ſtoͤrte ihn das Geheul von Affen, welche in dieſer Gegend ſehr haͤufig ſind. In Aſtrabad machte Hanway dem Stadthal⸗ ter ſeine Aufwartung, und wurde von demſeiben ſehr gut bewirthet. Die Einwohner der Stadt hatten eine beſondere Liebe zum Rauchtabak. Einige zogen den Rauch ſo heftig in ſich, daß ſie denſelben wieder aus der Naſe bließen. Die Perſer ſind zart vom Leibe, und haben eine regelmaͤßige Bildung. Sie ſind gegen Fremde ſehr hoͤflich und zuneigend, obwohl Zweideutigkeit und Argliſt verborgen iſt. Bet dem Bewillkommen legen ſie die Hand auf die Bruſt, und buͤcken ſich mit dem Haupte. Naͤhere Bekannte druͤcken des einen Hand zwiſchen ihre beiden Haͤnde, und heben ſie an ihre Stirne, als Zeichen ihrer herzlichen Liebe. Als Hanway Aſtrabad verlaſfen wollte, hielt ihn ein Aufruhr zuruͤck. Die ſchlecht vertheidigte Stadt wurde nach einem lebhaften, aber unordent⸗ lichen Kleingewehrfeuer den Rebellen uͤbergeben. Der Statthalter und ſein Sekretaͤr entflohen als verklei⸗ dete Bauern. Die Aufruͤhrer bemaͤchtigten ſich der Stadt⸗Trommeln, und rannten mit wildem Getoͤße durch die Straßen. Vierzehn Bewaffnete nebſt zwei Perſonen hohen Ranges an ihrer Spitze verlangten von unſerem Reiſenden die Habſeligkeiten, ohne ihm ſonſt Gewalt anzuthun. Auch verſicherten ſie ihn, ſeine Karavane, ſobald die Regierung in Ordnung waͤre, zu bezahlen. Außer dem Verluſte ſeiner Guͤter, wurde Hanway auch noch aus dem bewohnbaren Theile ſeines Hauſes geſperrt. Die Haͤndel und Zaͤn⸗ kereien der Turkomannen noͤthigten ihn zur Ab⸗ reiſe. Er machte ſich durch Geſchenke einige Freunde unter den Haͤuptern der Rebellen, und er⸗ langte auch eine Bedeckung von 25 Mann, unter wel⸗ chen 20 gemeine Bauern waren. Vermittelſt ſeines Kredites erhielt er 160 Kronen nebſt ſeinen Reiſege⸗ raͤthe und Gewehre wieder. Beſonders ſchwer empfand der Reiſende den Ver⸗ luſt ſeines Pferdes, welches ihm die Rebellen abge⸗ nommen hatten. Ueber verſchiedene Graͤben und un⸗ wegſame Waͤlder brachten ihn die Bauern zu einer wuͤſten Landmanns⸗Wohnung. Hier trugen die Af⸗ fen Nachts das Reiſegeraͤthe fort. Sie ſind begierig nach Leder, und halten ſich deßwegen ſehr nahe bei den Haͤuſern auf, ſo daß ſie oft Nachts uͤber das Bett Hanway's wegliefen. Auf ſeiner weiteren Reiſe ſah er die Ruinen von Tarabad, einem ehe⸗ maligen Sitze der perſiſchen Koͤnige. Es litt oft durch die Pluͤnderungen der Turkomannen, und iſt deßwe⸗ gen beinahe verlaſſen.. Das Verſprechen der Bauern, Hanway bis 340 Balfruſch, der Hauptſtadt von Mazanderan zu begleiten, ward durch die Nachricht von einer Trup⸗ ven⸗Zuſammenziehung in der Umgegend nichtig gemacht. Doch brachten ſie Bitten und Drohungen dahin, daß ſie ihn zu einer kleinen Huͤtte wieſen, welche ſich nach einigen Meilen an den Ufern des Fluſſes befand, wo er uͤber denſelben ſetzte, und mit ſanften Morgen⸗ winde nach Meſchedizar kam. In Meſchedizar erhielt er von den Offizieren durch Vorſtellung ſeiner mißlichen Lage ein Pferd, und fuͤr ſeine Diener vier Maulthiere, Auf ſeinem Wege nach Balfruſch gerjeth er in Gefahr, noch einmal gepluͤndert zu werden. Die Turkomannen drangen ſchon in das eine Thor der Stadt, waͤhrend der Khau aus dem andern entfloh. Han way machte mit ihm Geſellſchaft, und verließ ſich auf die Verſprechungen des Khau. Mit dieſem reiſte er einige Tage, bis ſie das Haus des Veziers erreichten, wo ſie uͤbernachte⸗ ten. Ungeachtet aller Verſprechungen machte der Khan um Mitternacht ſich wieder auf den Weg, und nahm alle Habſeligkeiten, Pferde, Waffen und Sachen von Wer⸗ the mit ſich. Unſern Reiſenden ließ er nur mit drei Bedienten zuruͤck; er konnte nur zu Fuß weiter kom⸗ men. Nichts deſtoweniger eilte er in einer uͤberaus finſtern und regneriſchen Nacht nach, und erreichte gluͤcklich ſeinen Zweck. Durch ſchr demuͤthige Vor⸗ ſtelungen brachte er es dahin, daß ihm Pferde gege⸗ ben wurden, fuͤr welche er jedoch einen ſehr hohen 341 Preis bezah en ſollte. Dieſes konnte er vermoͤge der kleinen Summe Geldes, welche er in Aſtrabad em⸗ pfangen, und vermoͤge einiger Stuͤcke Silberſtoff⸗ welche er gegen das ſchlechte Wetter um den Leib ge⸗ wickelt hatte. Sehr viele Fluͤſſe, uͤber welche in dieſer Jahres⸗ zeit ſchwer zu ſchreiten iſt, machten den Weg be⸗ ſchwerlich. Der Nordwind erregte ſo große Wellen, daß viele Pferde in denſelben ertranken. Die Furcht machte den Khan ſo aͤngſtlich, daß er die Luſt zum Reiſen verlor. Er begab ſich nach Tunikabune un⸗ ter dem Vorwande, dem Vorruͤcken der Feinde noch geſchwinder Einhalt zu thun. Seine Abreiſe war fuͤr unſern Wanderer ein großes Gluͤck. Der nachfolgende Befehlshaber begegnete ihm ſehr freundſchaftlich, und verſchaffte ihm etwas zu eſſen, nachdem er ſeit mehr als 40 Stunden keinen Biſſen erhalten hatte. Der Weg durch moraſtige Waͤlder ward noch be⸗ ſchwerlicher gemacht durch die von den Fluthen um⸗ geworſenen Baͤume. Jedoch war die Luft anmuthig kuͤhl, und man genoß eine ſchoͤne Ausſicht auf ver⸗ ſchiedene Berge in der Ferne, welche mit Weinſtoͤcken, Pomeranzen⸗ und Zitronenbaͤumen bepflanzt waren. Endlich hatten ſie ohne weitere große Beſchwerlichkei⸗ ten die ganze Landſchaft Nazanderan bis Langa⸗ rood zuruͤckgelegt. Hier ſchaffte Hanway ſich Vieh und Lebensmittel an, und reiſte dann eiligſt nach dem Lager. Denn man ſchmeichelte ihm noch immer mit 342 wiederholten Verſicherungen, daß der Schach ihn ſei⸗ nes erlittenen Verluſtes wegen ſchadlos halten wuͤrde. Die Landſchaft Ghilan, welche er bei dieſer Gele⸗ genheit durchſtreifte, fand er in ſehr ſchlechten um⸗ ſtaͤnden, obwohl man ſie ſich in einem beſſern Zuſtan⸗ de, als jede andere perſiſche Provinz gedacht hatte. Die Einwohner ſind ſehr ſtolz auf das Alter ih⸗ res Reiches und auf ihre Regierungsform. Bei Un⸗ terhaltungen, wenn die Geſellſchaft auch noch ſo zahl⸗ reich iſt, begegnen ſie dem Aelteſten, wenn er reden will, mit einer beſonderen Aufmerkſamkeit, er ſey ſo gering und arm, als er nur wolle. Die Perſer halten es fuͤr ein Greuel, zugerich⸗ tetes Brod oder Fleiſch zu zerſchneiden. Daher wird erſteres in duͤnnen Kuchen gebacken, um leichter ge⸗ brochen werden zu koͤnnen; letzteres aber ſo eingerich⸗ tet, daß man es mit den Fingern klein machen kann. IV. Von Ghi lan fuͤhrte ein beſchwerlicher Weg nach Reſchd. Ungeachtet einige Bruͤcken ſich auf der Straße befanden, ſo waren ſie doch gaͤnzlich vernach⸗ laͤffigt. Obwohl es ferner Februar war, ſo machte das heiße Wetter ſehr muͤde. In der Stadt Reſchd verſorgte er ſich mit Zelten, Maulthieren, Pferden, Waffen und andern Nothwendigkeiten, und begab ſich ohne Verzug nach dem Lager. In der angrenzenden Landſchaft befinden ſich viele Reisfelder, und große Pflanzgaͤrten von Maulbeerbaͤu⸗ men. Manche Berge ſind mit Cypreſſen bedeckt; an⸗ derwaͤrts ſind kahle Felſen, welche, einer uͤber dem andern, zu einer ungeheneren Hoͤhe emporſt eigen. Einige Meilen davon iſt die zerſtoͤrte Karavan⸗ ſerai Ruſtumabad, ehemals der Verſammlungsplatz von Naͤubern. Von da begab ſich Hanway nach Roodbar an den Ufern des Fluſſes Kizilaſan. In dieſer Gegend wachſen viele Oel⸗ und Ponmieran⸗ zenbaͤume. Ueber den Fluß geſetzt, fand unſer Reiſen⸗ der die Luft voͤllig veraͤndert. Die Gegend war ganz bergig, und der Wind ſo heftig, daß er oft die Rei⸗ ſenden zum Abſteigen zwang, um nicht in die Tiefe geworfen zu werden. Ueber die verſchiedenen Arme des Kizilaſan mußte er in zwei Stunden mehr als dreißig Male ſetzen, da die Straße ſehr unordentlich war, und die Felſen an manchen Stellen aus dem Waſſer in gerader Linie in die Hoͤhe ſtiegen. Auf der Ebene von Kasbin fand Hanway den Boden drei Fuß hoch mit Schnee bedeckt, und die Herbergen eingefallen. Die Doͤrfer und Staͤdte, welche er durchreiſte, waren außerordentlich ſchlecht. Die Haͤuſer auf dieſer Ebene ſtanden halb unter der Erde, und hatten oben die Geſtalt eines Kegels, damit der Schnee beauemer herabgeſchafft werden kann. Einige Meilen uͤber genannte Ebene ſteht die Stadt Kas⸗ bin ſehr hoch, und iſt einige Meilen weit mit Ber⸗ gen umringt. Die reine Luft bei Tage iſt Nachts uͤberaus ſcharf. Viele Reiſende ſchrieben Nachrichten 344 von ihren Krankheiten, welche die plötzliche Veraͤnde⸗ rung der Luft erzeugte, an die Wand der Karavanſe⸗ raien. Die Haͤuſer ſtehen tief in der Erde, der Be⸗ quemlichkeit wegen, um Waſſer zu haben. Sie ſind aus Ziegeln erbaut, welche an der Sonne getrocknet ünd; auf ihren flachen Daͤchern ſchlafen die Einwoh⸗ ner oͤfters. In einem Theile des Hauſes wird gegeſ⸗ ſen, und die Geſchaͤfte verrichtet. Der andere Theil, Haram genannt(den Maͤnner verboten bedeutendo, „ darf außer dem Hausherrn von keinem Manne beſucht werden.. Grobe, wollene Teppiche bedecken den Fußboden. Vertiefungen in der Mauer vertreten die Stelle der Tiſche; an den Seiten des Zimmers liegen dicke und weiche Filze von Wolle oder Kameelhaaren, etwa eine Meßruthe breit, und 2— 3 Ellen lang zum ſitzen. Hier wird, wie in den meiſten Orten des Orients, zwei Mal des Tages gegeſſen. Die Abendmahlzeit iſt ge⸗ woͤhnlich die vornehmſte. Das Mittagsmahl, welches gewoͤhnlich um 14 Uhr gehalten wird, beſteht in Kaͤſe, eingemachten Fruͤchten, Brodkuchen, und auf verſchie⸗ dene Art zugerichteten Milchſpeiſen. Nach dieſem Mahle ſchlafen in dieſen Monaten die Einwohner ge⸗ woͤhnlich 2— 3 Stunden. 3 Ehemals trieb die engliſche Geſellſchaft einen ſtar⸗ ken Handel nach Ispahan und Kasbin. Beide Staͤdte ſind ſehr beragekommen; eine hat von 12,000 ——— „ ——᷑————Q—˖QQQ—CQOꝭQ˖B—OCOꝭpQꝑ—ʒQ—C—— 345 ſchoͤnen Haͤuſern noch etwa 1100, und die andere von 100,000 nur eine kleine Zahl von 6000. Zum neuen Palaſt, welchen Schach Nadir an die Stelle des alten erbaut hatte, fuͤhren hohe Baͤume. Die Mauer um ihn herum hat 1 ½ engliſche Meile im Umfange; ein gewoͤlbtes Thor iſt der einzige Ein⸗ gang. Oben darauf ſind verſchiedene Vierecke mit ho⸗ hen Baͤumen, Springbrunnen und Flußwaſſer verſehen. Die Zimmer ſind mehr als ſechs Fuß uͤber dem Erd⸗ boden erhoͤht, und nach indiſchem Geſchmacke einge⸗ richtet. Die Decken haben mehrere Abtheilungen mit verſchiedenen lehrreichen Spruͤche. Die Fenſter meiſtens aus Glas mit einer truͤben Farbe ſind ſo kuͤnſtlich gemalt, daß das Glas in die verſchiedenen Bilder, welche es darſtellen ſoll, zerſchnitten zu ſeyn ſcheint. Die Zimmer ſind mit Gypsarbeit, welche ganz ſonderbar gemalt iſt, eingefaßt, und in die Mauern Spiegelglaͤſer nebſt Kaminſtuͤcken von verſchie⸗ dener Groͤße eingeſetzt. Unter der Erde ſind vortreff⸗ lich kuͤhle Gemaͤcher mit einigen Bildern von europaͤi⸗ ſchen Kuͤnſtlern, deren Ausfuͤhrung nicht ſonderlich iſt. Der Schach ſoll irgendwo einen Schatz von mehr als zwanzig Millionen Kronen daſelbſt vergraben haben. Die Stadt umfaßt eine Mauer von mehr als ei⸗ ner Meile in jedem Vierecke, mit vielen regelmaͤßi⸗ gen kleinen Thuͤrmen und Schießloͤchern zu Pfeilen. Sie hat den Ruhm, eine der groͤßten Staͤdte des al⸗ ten Parthien, der Sitz vieler perſiſcher Koͤnige 53. B. Perſten. II. 3. 7 346 und der Ort geweſen zu ſeyn, wo Hephaeſtion, der Liebling Alexander des Großen, begraben wurde. v. Nach einem Aufenthalte von wenigen Tagen aͤnderte ſich das Wetter. Der Schnee ſchmolz mei⸗ ſtens. Da eine Karavane mit 500,000 Kronen unter Bedeckung von 8o0o Afghauen in das Lager des Schach ging, ſo benutzte Hanway dieſen Vortheil. Auf dieſer Straße bemerkte er die Truͤmmer verſchiedener Staͤdte und Doͤrfer. Die Luft war ſehr gemaͤßigt und der Boden fruchtbar. Viele Elendthiere(Gigan bei den Perſern) halten ſich hier auf; ſie ſind ſo ſchnell, daß kein Pferd im Laufe ihnen gleich kommen kann. Die Perſer glauben, es ſey Biſam in ihren Schwaͤnzen. In Perſien iſt die Gewohnheit der Soldaten, wo ihr Zug hinkommt, alles zu pluͤndern, oder we⸗ nigſtens die Bauern zu zwingen, daß ſie ihnen Lebens⸗ mittel ſchaffen. Dadurch verlieren ſie alles Gefuͤhl fuͤr Menſchlichkeit und Gaſtfreiheit, und entfliehen bei Ankunft der Reiſenden. Nebſt andern Ungluͤcksfaͤllen ſind die meiſten Staͤdte und Doͤrfer an den tuͤrkiſchen Grenzen von den Tuͤrken zerſtoͤrt, und ihre Bewoh⸗ ner als Sklaven weggefuͤhrt worden. Daher mußte die Karavane oft aͤußerſt zerſtoͤrte Orte zu ihrem Auf⸗ enthalte waͤhlen. Endlich machte Hanway die Be⸗ merkung, daß alle ſeine perſiſchen Reiſegefaͤhrten als Gefangene unter der Aufſicht eines Offiziers in das 347 Lager gebracht wurden. Einer der Gefangenen eroͤff⸗ nete Hanway, daß er ſich zum Tode vorbereitete. Deßwegen beſtrebte er ſich, ein Gebet auswendig zu lernen, welches von Huſein, einem der Soͤhne Ali's herruͤhrte. Wenn man dieſes in Gegenwart des Koͤnigs richtig wiederholt, ſo wendet es deſſen Zorn ab. Eine andere Art, Gnade zu erlangen, iſt die Wiederholung von zehn beſonderen Buchſtaben aus dem Alphabete bei dem Eingange in das koͤnigliche Zelt. Bei jedem mußte ein Finger eingebeugt, und die Faͤuſte feſt zuſammen gehalten werden, bis der Verbrecher an den Thron kam. Alsdann mußte er durch ploͤtzliche Eroͤffnung der Haͤnde den Zorn des Koͤnigs bezwingen. Die Perſer ſind in vielen Faͤllen ausſchweifend aberglaͤubiſch. So wird oͤfteres Nieſen fuͤr ein ſchlim⸗ mes Zeichen gehalten. Legt Jemand die Finger zwi⸗ ſchen einander, und macht etwa beſondere Stellungen mit dem Koͤrper, ſo haͤlt man dieſes fuͤr einen ge⸗ faͤhrlichen Zauber, wenn man ſich deſſen bedienen wollte. Eine Sternſchnuppe iſt nach ihren Gedanken ein Schlag, welchen ein Engel einem Teufel auf den Kopf gibt, der in die Geheimniſſe des Paradieſes ſe⸗ hen will.. Durch eine fuͤrchterliche Wuͤſte ging die Weiter⸗ reiſe. In zerſtoͤrten Staͤdten hielten ſich Raͤuberban⸗ den auf. Man fand deutliche Spuren, theils von ih⸗ rem vorigen Wohlſtande, theils von ihrem letzigen 348 Elende und Verfalle. In ein kleines Dorf gekommen, fanden ſie einen Vorpoſten der Armee zum Schutze der Bauern. Dieſes iſt Gebrauch, wenn das Lager in der Naͤhe ſteht. Etwa eine Meile gegen Suͤd vom Lager ſtand Hamadan, der angebliche Begraͤbnißort von Eſther und Mardochaͤus. Jetzt iſt er der Ver⸗ wahrungsplatz fuͤr das Geſchuͤtz des Schach, welches nur bei einer Belagerung, oder bei gußerordentlichen Unternehmungen in das Lager gebracht wird. Durch den Miniſter, welchem die Aufuahme der Fremden uͤbergeben iſt, ward Hanway dem Schach vorgeſtellt. Er erwirkte einen Befehl an den Gene⸗ ral, daß die ſer ihm ausliefern ſollte, was noch von ſeinen Guͤtern vorhanden waͤre; das Fehlende ſollte aus dem eingezogenen Vermoͤgen der Rebellen bis auf den letzten Heller erſetzt werden. „Bei der Einrichtung des Lagers war die genaueſte Ordnung beobachtet. Die Zelte der vornehmſten Of⸗ fiziere des Schach waren vor ſeinem Hauptquartiere, oder rechts und links an demſelben geſchlagen, damit ſie gleich nahe ſeyn konnten. Das Audienzzelt des Schach ruht auf drei Stangen, welche oben mit gol⸗ denen Knoͤpfen geziert ſind. Die Decke beſteht in baumwollenem Zeuge von Ziegelfarbe mit dunkler Seide eingefaßt. Zuweilen ſitzt der Schach auf einem breiten Sopha, zuweilen auf dem Boden. Hinter dieſem ſtanden die geheimen Zelte, wohin er ſich zur Tafel begab, und etwas weiter die Zelte ſeiner Frauen. 349 Nur Offiziere, welche die unmittelbare Aufwartung haben, duͤrfen in das große Zelt treten. Die uͤbrigen bilden vor demſelben einen Halbkreis. Auf dem Lagermarkte findet man alle Lebensmit⸗ tel und Nothwendigkeiten. Den Preis derſelben be⸗ ſtimmt der Schach, und jede Ueberſteigung wird ſtark beſtraft. 3 Die kaiſerlichen Fahnen ſind ſo groß, daß man zwoͤlf Leute braucht, um ſie in die Hoͤhe zu heben. Dadurch ſoll verhindert werden, daß der Feind ſie nicht fortbringen kann. Bei dem Aufbruche aus dem Lager wird eine Fahne zum Zeichen herab genommen. Die große Armee begibt ſich immer einige Stunden vor dem Schach auf den Weg, weil er auf der Reiſe ſcharf zu reiten pflegt. Sechzig Weiber und faſt eben ſo viele Verſchnittene dienen immer zur Aufwartung. Vor ihm gehen die leichten Truppen zu Fuße und die Leibwache, welche ganze Meilen vorher die Straße be⸗ ſetzen. Wer nicht ausweicht, wird zu Boden gewor⸗ fen. Reiſet der Schach mit ſeinen Frauen, ſo bleibt die Armee eine Meile weit entfernt. Die Frauen reiten auf weißen Roſſen, wie die Maͤnner. Bei nicht gefaͤhrlichen Unternehmungen ſind im ganzen Lager gewoͤhnlich noch einmal ſo viel Weiber als Maͤnner. Der Schach hatte 200,000 Mann, zu deren Unter⸗ haltung ganz Perſien verheert ward, und Indien 120 Millionen Pfd. Sterling nebſt vielen tauſend Seelen bergeben mußte. Der Sold der Soldaten, einen mit 350 den andern gerechnet, betraͤgt fuͤr den Mann jedes Jahr 100 Kronen. Hiebei wird jedem eine gewiſſe Gabe an Reis gereicht. Die Theuerung der Lebens⸗ mittel, und die koſtbare Art zu leben macht dieſes un⸗ umgaͤnglich nothwendig. Die ganze Armee war durch den Schach mit dem Gebrauche des koſtbarſten Ge⸗ ſchirres ſehr aufgemuntert. Der Schach iſt ſehr gei⸗ tzig; ſeine Unmenſchlichkeit war zuweilen ſo groß, daß er die empfindlichſten fuͤr die Verbrecher ausfann, die Vollſtreckung derſelben mit dem groͤßten Entzuͤcken anſah, und ſogar die Ungluͤcklichen in ihrer Pein verſpottete. VI. Bei ſeiner Ruͤckreiſe nach Aſtrabad mußte Hauway wegen Unſicherheit der Berge um Kasbin von Seite der Straßenraͤuber einen andern Weg ein⸗ ſchlagen. Er wandte ſich daher nach Ghilan. Einige Meilen ging der Weg uͤber Berge, wo der Wind ſo heftig und empfindlich bließ, daß unſer Rei⸗ ſender kaum athmen konnte. Jedoch erholte er ſich bald wieder in dem Dorfe Abai, welches in einem uͤberaus anmuthigen Thale liegt. An Aeſten der Baͤu⸗ me bemerkte er viele zerriſſene Kleidungsſtuͤcke, welche als Zaubermittel von Abgehenden aus Ghilan zu⸗ ruͤck gelaſſen worden waren. Der ſchlangenmaͤßige Graben des Kizilaſan nebſt den abwechſelnden Ge⸗ genden und Waͤldern verurſachte einen erfreulichen Anblick. Nervritt: 351 In dem angenehmen Dorfe Arſevil waren Oel⸗ baͤume, und die Gaͤrten mit Reben beſetzt; die Frucht⸗ baͤume ſtanden in der Bluͤthe, und die Einwohner wa⸗ ren ſehr gaſtfrei. Die Landſchaft Ghilan, welche Hanway ge⸗ nau beſah, iſt an der einen Seite mit Bergen umge⸗ ben. Die vielen Waͤlder und die verſchiedenen Aus⸗ ſichten gewaͤhren das ſchoͤnſte Anſehen von der Welt. Der Meerbuſen daſelbſt iſt ein heißes Bad, und das gelbe Waſſer wegen ſeinen vielen Eigenſchaften zum Nutzen der menſchlichen Geſellſchaft beruͤhmt. Die Hauptſtadt dieſer Landſchaft Reſchid, fruͤher mit ungeſundem Holze umgeben, wurde ſpaͤter von den Ruſſen durch Wegraͤumung des Holzes in ih⸗ rer Lage ſehr verbeſſert. Die Ueberſchwemmungen des kaspiſchen Meeres verurſachen durch ihre Moraͤſte viele Krankheiten. Der Boden traͤgt ohne Anbau Hauf, Hopfen und faſt alle Arten von Fruͤchten. Po⸗ meranzen, Zitronen, Pfrſiche, Granataͤpfel und Wein⸗ trauben ſtehen wild in den Bergen. Die Fluͤſſe lie⸗ fern unter andern Fiſchen vorzuͤgliche Karpfen, Hechte, eine Art von Stockfiſchen, und den fetten Fiſch, Kottoorne, welche die Perſer beſonders hoch achten. 3 Des Muͤſſiganges muͤde beſchloß Hanway, ſeine Reiſe nach Aſtrabad anzutreten. Die Weg⸗ weiſer, welche ſie mitgenommen hatten, waren ent⸗ laufer. In dieſen bedenklichen Umſtaͤnden wand er 352 ſich nach einer Bauernhuͤtte, deren Eingang er fark mit Pfaͤhlen verſchanzt fand. Als alle Reden vergeb⸗ lich waren, den Eigenthuͤmer zur Wegweiſe zu bere⸗ den, ſo drangen die Diener in das Haus, banden den Hausherrn an einen Strick, und zwangen ihn den Weg zu weiſen. Hanway durchwanderte bei uͤberaus ſchoͤnem Wetter die Landſchaft Mazanderan. Er fand das Land viel gefuͤnder und eben ſo fruchtbar als Ghi⸗ lan. Der Boden erzeugt eine große Menge Baum⸗ wolle, welche nach Reſchd zum Verkaufe gebracht wird. Je tiefer Hanway in das Land kam, deſto groͤber wurden die Bauern. Sie ermorden die Rei⸗ ſenden durchgaͤngig, um den Nachſuchungen zu ent⸗ gehen. Werden ſie aber auf der That ergriffen, deſto ſchwerer iſt ihre Strafe. 3 In der Stadt Amul, am Fuße des Taurus, war die Gegend noch viel angenehmer. In Perſien er⸗ zaͤhlt man, daß die Armee Alexanders des Gro⸗ ßen daſelbſt gelagert habe. Die Stadt bewaͤſſert ein Strom, uͤber welchen eine koſtbare Bruͤcke von ſwoͤlf Bogen fuͤhrt. Wegen der Meinung, daß jeder Be⸗ fehlshaber, welcher uͤber dieſen Strom reitet, in Kur⸗ zem ſein Amt und ſein Leben verliert, reiten die Per⸗ ſer gerade durch den ſchnelllaufenden Strom. Hier ſteht eine alte Feſte, welche ſchon ſeit 4000 Jahren er⸗ baut worden ſeyn ſoll. 3⁵³ Amul, eine der alten Staͤdte Perſiens ſteht ihrer Lage wegen in großem Anſehen. Sie hat einen praͤch⸗ tigen Palaſt mit einer uͤberaus ſchoͤnen Ausſicht. Die Einwohner begeben ſich in dem Monate Mai auf die Berge, leben in Zelten, und genießen die kuͤhle Luft, angenehme Schatten, reiche Fruͤchte, und das fuͤßeſte Waſſer. Sie haben eine Menge Reis, Weitzen, und treiben mit gedruckten Kattunen Handel in die be⸗ nachbarten Laͤnder. Nahe bei der Stadt ſind ergie⸗ bige Eiſenbergwerke, wo der Schach ſeine Kanonen gießen laͤßt. VII. Nach einer kurzen Tagreiſe kam Hanway durch eine ſchoͤne Gegend nach Balfruſch. Hier erfuhr er die Bezwingung der Rebellen und beinahe gaͤnzliche Zerſtoͤrung von Aſtrabad. Von dem Stadt⸗ balter Mahomet Khan erhielt er eine Wache bis Aſtrabad. In dieſer Gegend iſt der von Schach Abbas, dem Großen, erbaute Damm merkwuͤr⸗ dig. Er erſtreckt ſich 3oo engliſche Meilen weit, und iſt an manchen Orten uͤber 20 Ruthen breit. Es ſind auf demſelben verſchiedene Bruͤcken, unter welchen das Waſſer nach den Reisfeldern geht. Einige Meilen weiter iſt die alte Stadt Sari mit vier Tempeln der Feueranbeter. Dieſe Gebaͤude ſind rund, und haben im Durchſchnitte dreißig Fuß. In der Hoͤhe gehen. ſie faſt mehr als 120 Fuß ſpitzig hinaus. In Aſchreef, durch welches Hauway reiſte, ſteht ein praͤchtiger von Schach Abbas erbauter Pa⸗ 354 laſt, welcher alle uͤbrigen an der kaſpiſchen Kuͤſte uͤber⸗ trifft. Ueber dem Thore iſt das perſiſche Wappen; ein Loͤwe mit einer hinter ihm aufgehenden Sonne als Bild der Macht und Herrlichkeit des perſiſchen Reiches. Verſchiedene Gaͤnge führen nach ſehr praͤch⸗ tigen Zimmern. Im Garten ſind Fichten in Menge, Pomeranzen und andere Fruͤchte nebſt Waſſerbaͤchen. Waſſerfaͤlle zieren denſelben; auch iſt ein ſchoͤner Di⸗ van daſelbſt. In einem andern faſt ebenſo angelegten Garten ſteht das Gebaͤude fuͤr Frauenzimmer. Von Aſchreef ging der Weg nach Kolebawd, durch welches ein Strom fließt, der die Landſchaft von Maſanderan und Aſtrabad ſcheidet. Wegen be⸗ ſtaͤndiger Raubereien, beſonders von Seite der ogurt⸗ joyiſchen Seeraͤuber iſt dieſes Dorf immer leer. Bei ſeiner Ankunft in Aſtrabad fand Hanway an jeder Seite des Einganges eine ſteinerne Pyramide voll Vertiefungen. Sie hatte im Durchſchnitte am Fuße faſt zwanzig Fuß, und ging nach und nach faſt 40 Fuß in die Hoͤhe ſpitz zu. Auf der Spitze war ein einzelner Kopf. Die Vollſtreckung der Todesſtrafen an den An⸗ fuͤhrern ging nunmehr zu Ende. Verſchiedene hatten lange Baͤrte, welches den Anblick davon uͤberaus fuͤrchterlich machte. Die Strafen am Tage ſeiner An⸗ kunft beſtanden darin, daß man dreißig Menſchen das linke Aug ausſchnitt, vier enthauptete und einen le⸗ bendig verbrannte.— 355 vIII. Als Hanway das Schreiben des Schach üͤberreichte, empfing er nach dem Verlaufe einiger Tage fuͤr ſeinen Verluſt 3000 Kronen, und ungefaͤhr eben ſo viel an Waare und Reiſegeraͤthe. Wegen der vielen Geſchenke, welche man fuͤr die ausgeliefer⸗ ten Waaren forderte, brachte er dieſe in das Schiff eines Freundes, welches in dem Meerbuſen lag. Un⸗ geachtet der genauen Verordnungen des Schach, war ihm doch der Schaden nicht ganz erſetzt wor⸗ den. Man troͤſtete ihn von Zeit zu Zeit auf wei⸗ tere Zahlung. Des Wartens muͤde ſorgte Hanway fuͤr eine Bedeckung von fuͤnf Mann zu Pferd und zeyn zu Fuß, nebſt ſeinen eigenen Dienern. Er nahm ſieben Ballen Tuͤcher und neun Beutel Geld nebſt andern Sachen mit, deren Summe ſich auf 14,000 Kronen belief. Kaum war er uͤber Kourdimalla hinaus, ſo verließ ihn die Bedeckung ploͤtzlich in einem dicken Gehoͤlze. Nichts deſtoweniger kam er wider Vermuthen gluͤcklich an das Schiff. Er fuhr nach Ghilan, und kehrte nach Aſtrabad zuruͤck, um noch eine Summe Geldes zu bekommen. Er erhielt daruͤber einen Brief von dem Vetter des Koͤnigs, mit einer Verſicherung, in zehn Tagen befriedigt zu wer⸗ den. Bei dieſer Gelegenheit bekam er eine Kenntniß von der perſiſchen Art zu ſchreiben. Das perſiſche Papier aus baumwollenen und ſei⸗ denen Lumpen verfertigt, wird durch Glaͤtten ſehr ge⸗ ſchmeidig gemacht, und dann zuſammengerollt. Die 356 Buchſtaben ſind mehr gemalt, als geſchrieben. Die biezu noͤthigen Federn ſind Rohr, welches in den ſuͤdlichen Gegenden Perſiens waͤchſt. Ein Achat, gewoͤhnlich in den Ningen, vertritt die Stelle des Pettſchafts. Es ſind guf demſelben oft die eigenen Namen und einige Worte aus dem Koran eingegraben. Die Sendſchreiben beſtehen aus kleinen Papterſtuͤcken, und ſind mit großem Fleiße, in wenig Worten und ohne Unterſcheidungszeichen oder Abſatz geſchrieben. Alsdann werden ſie in eine 6 Zoll lange Rolle zuſam⸗ mengewickelt, und mit einem Streife Papier rund mit Gummi feſtgemacht. Statt eines Siegels dient ein Dintenfleck, da die Dinte einigermaßen unſerer Druck⸗ farbe voͤllig aͤhnlich iſt. Sie dient nicht bloß zum Schreiben, ſondern auch zum Unterzeichnen mit dem Pettſchaft. Denn viele Perſer, ſogar ſolche, welche bohe Aemter verwalten, koͤnnen gar nicht ſchreiben. In Aſtrabad erhielt H an way aufs Neue 5000 Kronen, und di Verſicherung, naͤchſtens mehr zu erhalten. Auf die Nachricht, daß Herr Elron ge⸗ faͤhrlich krank ſey, ſchiffte er ſich in dem Meerbuſen ein, und gerieth in große Gefahr, von 7 ogurjo⸗ hiſchen Seeraͤuberkaͤhnen ausgepluͤndert zu werden. Da er Anſtalten zu einem kecken Widerſtande zeigte, zogen ſie ſich zuruͤck. In einer Zeit von ſechs Tagen legte er ſich noch einmal vor Anker an der Meſchedizar⸗Straße, und begruͤßte Mahomed Khan nebſt Elton mit drei Ka⸗ 357 nonenſchuͤſſen, welche der Khan erwiederte. Obwohl Elton in ſehr ſchlechten Geſundheits⸗Umſtaͤnden war, ſo mußte er doch dreißig Zimmerleute nach Ghilan fuͤhren. Waͤhrend der Reiſe ſtarb einer derſelben. Seine Freunde legten ſein Geſicht ſehr ſorgfaͤltig ge⸗ gen Morgen, wollten aber ſeinen Koͤrper nicht an⸗ ruͤhren, um ſich nicht zu verunreinigen, und auch nicht zugeben, daß der Leichnam uͤber Bord geworfen wuͤrde. Die Perſer werden am Sterbetage Abends begra⸗ ben, aber vorher gewaſchen. Vor der Beerdigung wird die Leiche in ein baumwollenes Tuch gewickelt, auf welches verſchiedene Stuͤcke aus dem Koran ge⸗ druckt ſind. Einige Verwandten mit dem Mullah begleiten die Leiche, und ſingen Stuͤcke aus dem Koran. In Langarood angekommen, wurde Hanway krank, und miethete ſich zur Herſtellung ſeiner Ge⸗ ſundheit in Lahijan, ſieben Meilen von Langa⸗ rood, eine Wohnung. Es iſt der geſundeſte Ort in dieſer Gegend, und wurde von Schach Abbas dem Großen unterworfen. Es war ehemals die Hauptſtadt der Landſchaft, und der Sitz ihres Koͤnigs. Han⸗ way zerſiel hier mit Herrn Elton, ſo daß zwiſchen ihnen ein voͤlliger Bruch entſtand. Ix. Er war nicht lange daſelbſt, ſo kam ein Ab⸗ geordneter von Aſtrabad mit einer ferneren Summe von 9000 Kronen. Geneſen ging er wieder nach 358 Reſchd, wo er Gelegenheit hatte, Verſchiedenes uͤber die Gemuͤthsart und die Sitten der Perſer zu bemerken. 4 Der jetzige Perſer iſt lang und wohlgewachſen; ſtark, kriegeriſch, arbeitſam und tapfer. Seine Farbe iſt ſchwarzlich, beſonders in den ſuͤdlichen Gegenden; die Augen und Haare ſind ſchwarz. Die Perſer ſchee⸗ ren die Köͤpfe bis auf die Haut, nur junge Leute laſ⸗ ſen an jedem Schlafe eine Locke ſtehen, und halten es fuͤr eine Zierde des Geſichtes. Ihre Backen ſind geſchoren, und doch reichen die Baͤrte bis an die Stirne. Sie tragen Tuchmuͤtzen, zehn Zoll hoch, oben mit vier Ecken. Die gewoͤhnliche Farlbe der Kleider iſt karmoiſin, und in der Trauer dunkelblau. Leute vornehmen Standes tragen eine Binde von khermani⸗ ſcher Wolle um das Haupt nach Art eines Turbaus. Dieſe ziehen ſie vor dem Koͤnige ab. Ihre reiche Kleidung iſt durchgaͤngig leicht, und reicht nur bis an die Knie. Ihre Hemden ſind von bunter Seide oder Baum⸗ wolle; der Hals bleibt beſtaͤndig bloß. Bisweilen tra⸗ gen ſie Tuchſtruͤmpfe, welche locker an ihnen liegen, wie Stiefel. Der ent ſetzlichen Hitze wegen tragen ſie weite Beinkleider. Die Tracht der Frauenzimmer iſt ein wenig veraͤndert, doch ſehr ſchlecht. Sie tragen große Ohrenriuge und manche goldene Ringe in der Naſe. Ihre Hemden ſind von dem ſelben Zeuge wie jene der Maͤnner, und faſt ebenſo gemacht, nur daß 359 ſie bis an den Buſen offen bleiben. Sie bedienen ſich der Beinkleider und Pantoffeln, wie die Maͤnner. Wenn ſie den Hoͤchſten anrufen, ſo waſchen ſie ſich jedes Mal, und kaͤmmen den Bart. Sie ſind fer⸗ ner gewohnt, ihr Gebet nach dem Pater Noſter abzu⸗ zaͤhlen. Bei gewiſſen Stuͤcken derſelben ſtehen ſie, knien oder fallen auf die Erde; dabei legen ſie die Stirne auf ein Stuͤck Erde. Sie glauben, es ſey von Mekka gebracht, und habe eine gewiſſe Zauber⸗ kraft; es wird beſtaͤndig oben an den Arm gebunden herumgetragen. Der Name Gottes wird nie anders, als mit Ehrerbietung und bei feierlichen Gelegenheiten ausgeſprochen. Im gemeinen Leben redet der Perſer tuͤrkiſch; doch bei gelehrten Sachen bedient man ſich der arabiſchen Sprache, in welcher das meiſte ihrer Wiſſenſchaft ent⸗ balten iſt. Die gebraͤuchliche Verehrung des Feuers wurde ſchon oben angefuͤhrt. Hier Einiges von dem Feuer zu Baku, welches ſie das ewige nennen. Dieſer Gegenſtand der Andacht iſt ein kleiner ſteinener Tem⸗ pel, und in demſelben ein Altar, auf welchem eine helle blaue Flamme lodert, welche die Indier jetzt noch verehren. Sie glauben, es beſtehe ſeit der Weltſchoͤ⸗ pfung, und werde immer fortdauern. Viele wallfahr⸗ ten hierher, um Vergebung der Suͤnden zu erhalten. Bei dieſer Gelegenheit bezeichnen ſie den Leib mit Safran, und haben eine große Hochachtung fuͤr eine 360 rothe Kuh. Waͤhrend dieſer Zeit leben ſie von wilden Kraͤutern und von einer Art Artiſchocken aus Jeru⸗ ſalem. Nicht weit von dieſem Orte ſtehen mehrere Tempel, in welchen gleichfalls Feuer brennt. Der Erdboden hat, mehr als zwei Meilen im Um⸗ fange, eine wunderbare Eigenſchaft. Wenn man zwei oder drei Zolle oben wegnimmt, oder eine brennende Kohle dahin bringt, ſo faͤngt der alſo aufgedeckte Theil augenblicklich Feuer. Die Flamme erhitzt zwar den Boden; doch verzehrt ſie ihn nicht. Was darneben iſt, wird davon nicht im Mindeſten erwaͤrmt. Der⸗ gleichen Feuer bricht auch aus Roͤhren hervor, wenn man ſie zwei Zolle in die Erde ſetzt, ohne daran zu ruͤhren. Es muͤſſen aber die Raͤnder mit Erde beſtri⸗ chen werden. Dieſer Gewohnheit bedienen ſie ſich, in ihren Keſſeln zu kochen, und ihre Speiſe zuzurichten. Man findet hier auch ſehr oft Naphtha⸗Quellen. Die Ruͤckreiſe ging durch Rußlan d, Preußen, Sachſen und Holland. —O-’