Taſchen⸗Bibliothet der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Buchdruckerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Plamen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt 5 von Mehre n, und herauzgegeben Joachim Heinrich Ja ck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 49. Bäͤndchen. Mit einem Kupfer. II. Theil. 3. Bändchen von Griechenland. ——— Nuürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebhner. 1830. Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch Griechenland. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt 3 von 4 3 M e her e;, . und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 3. Baͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 18 30. Reiſe des Grafen von M. A. G. L. Choiſeul⸗Gouffier durch Griechenland und Klein⸗Aſien im J. 1776). Vom Herausgeber. Im Maͤrz 1776 ſegelte ich von Toulon auf der Fregatte Atalante an der Seite des Akademikers und *) Voyage pittoresque de la Gréce à Paris 1779— 33. Pol. 12 cahiers, von welchen ein Theil durch den Gothger Bibliothekar Reichard in das Teutſche uͤberſetzt wurde. Gotha 1780— 82. 8. 2 Theile. Zu großer Aufwand des Verfaſſers auf die Kupferſtiche mag die Erſcheinung des Ganzen gehemmt haben. Reber den Werth dieſes Werkes haben ſich die Goͤtting'ſchen gelehrten Anzeigen 1779— 83 ausgeſprochen. Dieſer Pair Chotſeul von Frankr. war 1752 geboren, und hatte ſich bei ſei⸗ 246 Marquis von Chabert als koͤniglichen Schiffs⸗Haupt⸗ manns ab, landete in Sardinien, Sieilien und Maltha und entdeckte die griechiſchen Inſeln. Waͤhrend eines großen Sturmes bemuͤhten wir uns vergebens die ner Vermaͤhlung den Namen ſeiner Frau Gouffier beigelegt. Duͤrch ſeine Reiſe⸗Beſchreibung wurde er Mitglied der Akademie zu Paris. 4784 begab er ſich als Botſchafter nach Konſtantinopel, und nahm piele Gelehrte und Kuͤnſtler mit, in deren Geſellſchaft er ſich waͤhrend ſeiner freien Muſe mit gelehrten Unterſuchungen beſchaͤftigte. 4794 wurde er zwar zum Geſandten am engliſchen Hofe ernannt, allein er blieb zu Konſtautinopel, und richtete alle ſeine Noten an die damals in Teutſchland lebenden Bruͤder Koͤnigs Ludwig⸗XVI. Bei dem Ruͤckzuge der Alliirten aber fiel ſein Briefwechſel in die Haͤnde der Republikaner, und am 22. Okt. 1792 ſwuͤrde von dem Convente Ver⸗ haft gegen ihn beſchloſſen. Er verlteß deßwegen Konſtantinopel und begab ſich nach Rußland, wo die Katſerin Katharina II. ihm etne ſehr ſchmeichelhafte Aufnahme ſchenkte, und zugleich ihm als Akademiker eine Penſion zugeſtanden. Im Febr. 1797 wurde er vom Kaiſer Paul I. zum geh. „Nathe ernannt. 1802 kehrte er nach Frankreich zuruͤck; 1803 nahm er als ehemaliges Mitglied der Akademie ſeinen Sitz im National⸗Inſtitute, und nach der Reſtauration der Bourbone auch in der Akademte wieder ein, und las im Auguſt 18416 eine Abhandlung uͤber den Homer vor. Er ſtarb im Sommer 1817.(S. Enchelopaͤdie.). 247 Hafen von Zante und Modon zu gewinnen. Der Wind zwang uns in den ehemals meſſeniſchen Hafen einzulaufen, und wir legten uns bei der Stadt Co⸗ ron vor Anker. Ihr Schloß liegt an der Spitze einer Erdzunge, welche ſich in den Meerbuſen erſtreckt. Es hat die Geßalt eines ungleichen Dreiecks: ein Winkel ſtoͤßt an einen jaͤhen Felſen, auf welchem die Vene⸗ tianer 1463 einen großen Thurm errichtet hatten. Dieſer wurde ſpaͤter durch ein großes Bollwerk erſetzt, welches in ſeiner guten Anlage dem ruſſiſchen Ge⸗ ſchuͤtze widerſtand. Coron theilte immer das Schick⸗ ſal von Morea, und kam in den Beſitz der Genue⸗ fer, Venetianer und Tuͤrken. Die Spanier nahmen es 1533 nur auf kurze Zeit weg; der venetianiſche Prokurator Fr. Moroſini 168s ebenfalls: es kehrte immer bald wieder in die Herrſchaft der Tuͤrken zuruͤck. Bei meiner Ankunft bot das ganze Land noch ſchreckliche Seenen eines verheerenden Krieges dar. Die griechiſche unter den Kanonen des Schloſſes lie⸗ gende Stadt war ein Haufen Schutt geworden. Die Umgebung, wie ganz Griechenland, war durch alba⸗ niſche Horden verheert, welche die Ruſſen vertreiben, und die empoͤrenden Griechen unterjochen ſollten, wel⸗ che ſich eher niederhauen ließen, als daß ſie ſich ver⸗ theidigten. Des andern Tages nach unſerer Abfahrt von Co⸗ ron waren wir im Angeſichte des Vorgebirges Ma⸗ 248 tapan, dieſer aͤußerſten Spitze der Taigetiſchen Berge, welche von den beruͤchtigten Magnoten be⸗ wohnt werden. Ein Theil dieſer Bewohner beſchaͤftigt ſich auf offener See mit dem Naube, der andere lauert in Felſen⸗Schluchten auf Schiffe, welche an ihren Kuͤſten ſcheitern. Ohne Ruͤckſicht auf dieſe allen Seefahrern ſchauderhaften Kuͤſten landete von Cha⸗ bert, um ihre Lage durch ſeine aſtronomiſchen Beob⸗ achtungen naͤher zu beſtimmen. So reitzend Pau⸗ ſanias die Denkmaͤler daſelbſt beſchrieb, fand ich doch weder die Bildſaͤule Arion's, welcher auf dem Delphin ſitzend die Leyer ſpielt, noch die wunderbare Quelle, noch eine Spur vom Tempel Neptun's, welcher von ungeheuren Felſen uͤber das umliegende Meer herrſchte, und den Reiſenden eine ſichere Frei⸗ ſtaͤtte darbot. Wir waren gluͤcklich genug, unentdeckt die Fregatte wieder zu erreichen, und wir erſuhren ſpaͤter, daß die haͤrteſte Sklaverei noch die geringſte der Gefahren war, welchen wir ausgeſetzt waren. Wir fuhren nahe bei Cerigo vorbei, welches die Dichter zum liebſten Aufenthalte der Goͤttin der Liele erhoben hatten. Dieſe unfruchtbare Klippe iſt der ge⸗ woͤhnliche Schlupfwinkel der Seeraͤuber unter dem ge woͤhnlichen Schutze des Venetianiſchen Proveditors. Wir wurden vom Winde ſehr heftig erſchuͤttert, fuh⸗ ren an die Inſel Cervi an, und landeten zu Ar⸗ gientera, einſt Cimolis, jetzt Kimoli genannt. Nene Benennung ſtammt von fianzoͤſiſchen Seefahrern, welche daſelbſt Bergwerke entdeckten, die jetzt wieder verſchuͤttet ſind. Aus Furcht, zur neuen Bearbeitung derſelben, verheimlichen die jetzigen Bewohner ſogar ihre Kenntniß davon. Die Inſel ſtimmt unwillkuͤhr⸗ lich zur Schwermuth; kein Baum gedeihet auf den rauhen Felſen; nur wenige Gerſten⸗ oder Baumwolle⸗ Felder umkreiſen die elenden Huͤtten, in welchen Weiber, Kinder und Vieh beiſammen ſind. Die Weibsperſonen ſind mit einer ungeheuren Maſſe ſchmutziger Leinwand bedeckt; ein kurzes roth brodirtes Hemd zeigt ihre Beine, deren zu große Dicke in ihren Augen eine Seltenheit iſt. Jene, welche ſich dieſes Vorzugs der Natur nicht erfreuen, ſuchen den Man⸗ gel durch 3— a recht dicke Struͤmpfe zu erſetzen. Da aber das Bein zugleich durchaus dick ſeyn muß, wenn an ſeiner Vollkommenheit nichts fehlen ſoll, ſo tragen manche ſogar geſtickte, und mit kleinen ſilbernen Knoͤpfen beſetzte Halbſtruͤmpfe oder Stiefelchen von pikirtem Sammt. Die chriſtlichen Seeraͤuber, welche ehemals den Archipel unſicher machten, hielten ihre Winter⸗Quartiere zu Argientera, verzehrten da⸗ ſelbſt ihre Beute, und ließen Reichthuͤmer zuruͤck. Sie verehelichen ſich, wie zu Madagaskar, gewoͤhnlich nur fuͤr die Zeit ihres Aufenthaltes, weßwegen die Einwohner der Abfahrt jedes Capitaines ſehnſuchtsvoll entgegen ſehen, um ihre Weiber wieder zu gewinnen. Manche ſind ſo reitzend, daß ſie ungeachtet des eckel⸗ haften Anzuges auch anderen, als den Seeraͤubern 250 gefallen koͤnnen. Die Zahl der Einwohner hat ſich auf 200 vermindert; die Katholiken, welche zur Zeit Tournefort's noch hier lebten, haben ſich fuͤr die griechiſche Glaubens⸗Lehre erklaͤrt. Einſt war dieſe Inſel Cimolis wegen der Walkerde gleiches Na⸗ mens zur Reinigung der Leinwand beruͤhmt. Dieſelbe iſt weißer Thon, vielleicht mit Metall⸗Cheilchen ver⸗ miſcht. Die Inſel Milo, einſt Melos, hat ihren alten Glanz und Reichthum ganz verloren; ſelbſt ihre Lage, Fruchtbarkeit und die Schoͤnheit ihres Hafens gewaͤhrt keinen Vortheil mehr; was Mißverhaͤltniſſe des Han⸗ dels uͤbrig ließen, raubte nech die unvermuthete Em⸗ poͤrung. Von 5000 Bewohnern der Stadt, welche Sournefort noch fand, ſind keine 200 mehr uͤbrig, deren ſchwuͤlſtiges und bleiches Ausſehen auf baldigen Untergang ſchließen laͤßt. Ihre ungeheuren Baͤuche und auf das entſetzlichſte geſchwollene Beine, erlauben ihnen kaum mehr, auf den Truͤmmern der in Schutt verwandelten Stadt umher zu kriechen. Blos das Kloſter und die Kirche der Kapuziner und einige andere Gebaͤude haben ſich erhalten. Ich landete an der Sbitze, welche ſich Argientera mehr naͤhert, und nur eine ſehr enge Durchfahrt geſtattet. In der Mitte ragen fuͤrchterliche Kliypen empor; die von beiden Inſeln eingeengten Wellen brechen ſich wuͤthend dar⸗ an, ſtuͤrzen wirbelnd in die Tiefen der Abgruͤnde, rauſchen ſchauerlich wieder hervor, erheben ſich boch 251 in die Luͤfte, und uͤberziehen dieſe gefaͤhrlichen Kuͤſten mit weißem Schaume. Man darf ſich nicht wundern, daß die erhitzte Einbildungskraft der Alten in dieſen Klippen reiſſende Ungeheuer erblickte, welche die Schiffe zu verſchlingen drohten, und durch ihr Gehenl Schrecken umher verbreiteten. Nur in der Naͤhe des Hafens ſind die Urſachen der grauſamen Krankheiten zu ſuchen, unter welchen die Bewohner ſchmachten. Ueberall ſind die auffallendſten Kennzeichen algemeiner Gaͤhrung und Entzuͤndung. Die Duͤnſte, welche als eben ſo viele Muffeten aus dem Boden durch die viel⸗ faͤltigen Springe emporſteigen, und die in der ganzen Umgebung ſprudelnden eiſen⸗ und ſchwefelhaltigen Quellen, welche theils im Sande kochen, und kleine Suͤmpfe bilden, theils aus dem Grunde des Meeres uͤber die Oberflaͤche des Waſſers ſich erheben, ſind ſchon untruͤgliche Beweiſe. Hierzu kommt noch der uͤberfluͤſſige Alaun, welchen man bei jedem Fußtritte antrifft, und der Schwefel, welcher ſich uͤberall ſub⸗ limirt, und die Waͤnder der Gewoͤlber uͤberzieht. Die Zeit dieſes peſtartigen Einfluſſes faͤllt in jene des neuen Vulkans, welcher im Angeſichte von Santorin ei⸗ nen Weg durch das Waſſer bahnte, unter einem Strome von Feuer, und unter einer laͤrmenden Er⸗ ſchuͤtterung, von welcher alle benachbarten Inſeln erbebten, eine neue Inſel ausſpie. Dieſe unterirdiſche Entzuͤndung hat ſicheohne Zweifel bis Milo mittelſt des brennbaren Stoffes fortgepflanzt, welchen der 252 daſige Boden in ſich ſchließt, und welcher eine Fort⸗ ſetzung der naͤmlichen Schichten iſt, welche die Ent⸗ ſtehung des Vulkans veranlaßte. Die boͤsartigen Duͤnſte, welche aus dieſen ungeheuren Oeffnungen ſich erheben, verunreinigen die Luft, mindern ihre Spannkraft, und naͤhren unaufhoͤrlich ihre verheeren⸗ den Einfluͤſſe. Die Umgebung des Hafens und der Stadt, wo dieſe Ausduͤnſtungen haͤufiger ſind, hat zuerſt ihre ſchaͤdliche Wirkung erfahren. Vielleicht werden dieſe Feuer ſich nach und nach uͤber die ganze Oberflaͤche der Inſel verbreiten, und durch Vergiftung der Luft zuletzt auch die etwas entfernten 2— 3 Doͤr⸗ fer verwuͤſten. Der Hafen iſt ſo geraͤumig, daß er die zahlreich⸗ ſten Geſchwader beherbergen kann, und vor allen Winden ſichert. Nur iſt zu bedauern, daß er ge⸗ ſchloſſen werden kann, oder wenigſtens die Ausfahrt aus demſelben durch noͤrdliche Winde ſehr erſchwert iſt. Der Berg zur Rechten wird von einem kleinen Dorfe gekroͤnt, welches die Provenzalen Stfours nach einem bei Toulon gelegenen Dorfe nannten. Die Inſel, welche ſich uͤberhalb der Einfahrt in den Hafen befindet, iſt die Klippe Antimtlo und un⸗ bewohnbar. Nachdem ich den Riß des Haſe s gezeich et hatte, wurde ich in einer Entfernung vem Ufer zu einer intereſſanten Hoͤhle gefuͤhrt, welche ich auch zeichnete. Sie diente Hirten, welche hier ihre Milch ſieden ließen, zum Aufenthalte, und zum Vorgebaͤude ge⸗ wiſſer Gaͤnge, deren Benutzung ſchwer zu bezeichnen ſeyn duͤrfte, wenn nicht Steine zum Baue der Stadt aus ihnen genommen wurden. Dieſe ſind leicht, ſchwammicht, und tragen die Spuren der Zerſtoͤrung an ſich, wie die aͤußeren Felſen. Unterirdiſche Feuer nagen an ihnen ſo ſehr, daß ein ploͤtzliches Verſinken der Inſel zu befuͤrchten iſt. Die Gaͤnge dieſer Stein⸗ bruͤche moͤgen 4 Fuß breit, und s— s hoch ſeyn. Alle Waͤnde ſind mit Alaun bedeckt, welcher hier ſtets er⸗ zeugt wird. Hier iſt der echte Feder⸗Alaun, welcher dem Aſbeſt gleicht. Die Alten haben ſchon den Alaun von Me los ſehr hoch geſchaͤtzt. Am Rande des Meeres liegt eine Hoͤhle, welche von einer warmen, reichhaltigen und ſchwefelichten OQuelle ganz angefuͤlt iſt, deren Duͤnſte dieſen Platz in eine natuͤrliche Badeſtube verwandeln, und vorzuͤg⸗ lich gegen Krankheiten wirken, die aus einer Ver⸗ ſcchleimung der Fluͤſſigkeiten abzuleiten ſind. In den letzten Jahren pflegte man ſie wegen eines Uebels zu beſuchen, welches nur wirkſamere Mittel verdraͤngen, und dieſe Baͤder ſchleuniger entwickeln. Sie ſind dienlicher in Krankheiten der Raute, und die Bewoh⸗ ner der benachbarten Inſeln bedienen ſich ihrer noch. Ich kehrte zur Fregatte zuruͤck, welche zu Ar⸗ gientera geblieben war, wo v. Chabert wegen aſtronomiſchen Beobachtungen noch einige Tage ver⸗ weilte. Waͤhrend derſelben fuhr ich mit einiger Be⸗ 254 gleitung auf einem gemietheten griechiſchen Fahrzeuge durch einen Theil der Cyeladen. Bei dem kleinen Schiffe und bei ſo geringem Segelwerke konnte ich mich den Winden nicht widerſetzen, ſondern mußte ihnen folgen; ein Suͤd⸗Wind befoͤrderte mich nach Siphanto, einſt Siphnos genannt. Daſelbſt iſt ein ſchoͤnes Grabmal, wahrſcheinlich fuͤr einen Helden errichtet, welches die Barbarei der Bewohner zum niedrigſten Zwecke beſtimmte. Leider trifft dieſes Loos die meiſten Denkmaͤler Griechenlands: ſogar die Staͤlle ſind aus den praͤchtigſten Truͤmmern zuſam⸗ mengeſetzt, und oft Bildſaͤulen in die Mauern geſtellt. Ueberall ſtoͤßt man auf Meiſterſtuͤcke, aus welchen man ſchließen kann, welchen Bildungs⸗Grad dieſes Land errungen hatte, und wie tief es jetzt geſunken iſt. Als ich die auf einer ungeheuern Maſſe von Fel⸗ ſen ruhende Stadt Sipbanto betrat, fand ich die vornehmſten Einwohner unter einer Art von Bogen⸗ gang verſammelt. Dieſe fragten mich, welchen Scha⸗ den ihr Handel aus einem Kriege von Algier und Spanien durch deren Flotten leiden koͤnnte. Meine Antwort wurde beſtritten, zergliedert, uͤberlegt, bis die Aelteſten ibre Meinungen aͤußerten, welche von den Uebrigen mit Ehrfurcht angenommen wurden. Dieſer Auftritt verſetzte mich in Griechenlands ſchoͤ⸗ nes Alter zuruͤck. Dieſer Bogengang, dieſe Verſamm⸗ lung, dieſe Greiſe, welche man mit ehrerbietigem Schweigen anboͤrte, ihre Geſtalt, ihre Kleidung und . 255 und ihre Sprache erinnerte mich an Athen, Korinth und jene oͤffentlichen Plaͤtze, wo ein auf Neuigkeiten haſchendes Volk die Fremden und Reiſenden um⸗ kreiste. Meine Daͤuſchung wurde noch erhoͤht, als man mir mit beſonderem Eifer die Gaſtfreiheit anbot. Schon war ich in das Haus eines der Aelteſten ge⸗ folgt, da zwei Franzoſen als Landsleute auf das Vor⸗ techt zu meiner Bewirthung Anſpruch machten. Sie gaben mir die zarteſten Beweiſe von Aufmerkſamkeit, und wuͤrden mich gerne einige Tage bei ſich behalten haben, wenn ſie mich nicht zur Abreiſe ganz ent⸗ ſchloſſen gefunden haͤtten. Sie rechneten ſich dann zum Vergnuͤgen, mich wenigſtens auf meiner Wan⸗ derung um die Stadt zu begleiten. Ich beſuchte einige Graͤber, Truͤmmer von Bildſaͤulen, Ruinen des Tempels Pan, welcher Gott zu Siphnos immer vorzugsweis verehrt wurde. Das Klima iſt ſo ange⸗ nehm, daß man es ungerne verlaͤßt. Die Einwohner haben ſich ſtets des heiterſten Himmels zu erfreuen. wie des fruchtbarſten Bodens. Da ſie keine Schiffe aufnehmen koͤnnen, ſo ſind ſie durch dieſe Wohlthat der Natur der traurigen Folgen des letzten Krieges uͤberhoben geweſen. Die Zahl der Einwohner der Inſel belauft ſich nur auf 4000, welche 14 /2 Beutel als Kopfgeld(Karaſch) eutrichten; der Beutel macht 1500 Franes. Vor dem Kriege, welcher ſie verarmte, hatten ſie weit bedeutendere Auflagen. Das enteh⸗ 256 rende Kopfgeld, welches den Charakter der Sklaverei mit ſich verbindet, ſteht blos den Griechen, Juden und Armeniern zu. Es wird druͤrkend durch die Ty⸗ rannei jener, welche das Einkommen pachten. Die Griechen tragen ihre Quittung auf jedem Ausgange bei ſich, und ſind doch nicht genug geſichert gegen die erfindungsreiche Habſucht der Einnehmer. Die Be⸗ wohner der griechiſchen Inſeln kennen den Betrag ihrer Abgabe genau oder ſind ſelbſt Paͤchter oder Ein⸗ nehmer derſelben, und uͤberliefern ſie dem Kapitain Paſcha bei ſeiner Kreuzfahrt durch den Archipel. Deſſen Ankunft verbreitet uͤberall Schrecken: denn er ſpaͤhet ihr Vermoͤgen aus, ſo arm ſie ſich auch ſtellen, und laͤßt ſie an einem Tage die Ruhe bezah⸗ len, welcher ſie ſich des ganzen Jahres erfreuen. Von den in der Vorzeit geruͤhmten Gold⸗ und Silber⸗Minen in Siphnos weiß man jetzt nichts mehr. Durch heftige Erdbeben und Ueberſchwem⸗ mung iſt vielleicht auch die Stadt Apollonig verwuͤſtet worden, welche vielleicht auf dem Platze von Siphanto gelegen iſt. Das weibliche Ge⸗ ſchlecht daſelbſt iſt beſſer gekleidet, als zu Argien⸗ tera und Milo, faſt im aͤcht griechiſchen Geſchmacke; die meiſten waren groß, huͤbſch und ſchlank. Fuͤr die Kinder ſind die Haͤngematten in vielen Inſeln des Archipels gebraͤuchlich: doch nirgends habe ich ſo hohe, breite und unbequeme Betten gefunden, als hier. Die Frauenzimmer binden ihre Haare durch 257 Streifen Wolle, und bilden emporragende Rollen oder Wuͤrſte auf dem Kopfe. Gehen ſie auf das Feld, ſo ſichern ſte ihren Teint gegen die Sonne durch Strei⸗ fen von Tuch, welche ſie unter dem Kinne binden. Wir fuhren von Siphanto bei Policandro, der eiſernen Inſel vorbei, deren Zugang durch ſteile Felſen erſchwert wird. Ich landete zu Sikinos, und wollte die ſteilen Felſen erklettern. Allein kaum hat⸗ ten einige Einwohner mein Boot annaͤhern geſehen, ſo vertheilten ſie ſich auf dem Berge, um mir den Zutritt zu verſperren. Zwanzig gegen mich zielende Flinten bewogen mich zum Ruͤckzuge, ſobald ich nur eine kleine Zeichnung von ihr entworfen hatte. Deſſen ungeachtet kann ich die Sikineſer nicht tadeln: denn in dem letzten Kriege mußten ſie von griechi⸗ ſchen Korſaren ſo viel leiden, daß ihre jetzige Furcht⸗ ſamkeit und Vorſicht wohl zu entſchuldigen iſt. Durch Homer s Tod erlangte die Inſel Jos einen unſterblichen Ruhm;* Staͤdte wetteiferten mit ihr um die Ehre, ihn zur Welt befoͤrdert zu haben, obſchon ſie allein den Vorzug behauptet, ſeine Aſche zu bewahren. Die Stadt Jos lag vielleicht da, vo jetzt Nio ſteht. Nach Homer's Leben, wellhes dem Herodot mit unrecht zugeſchrieben wird, be⸗ gaben ſich die Einwohner an den Hafen zu ſeiner Pflege; allein ihre Bemuͤhnng war vergeblich, und wurde nur durch die Hoffnung verſuͤßt, daß ihr 49ſteb B. Griechenkano. II. 3, 2 2 Schmerz verewigt werden wuͤrde. Das von ihnen erri chtete Grabmal ohne Inſchrift hat der Zahn der Zeit zernagt, und die Unwiſſenheit hat ſogar das An⸗ denken an Homer bei den Einwohnern erſtickt. Dfe Stadt Argos hatte in grauer Vorzeit alle 5 Jahre Abgeordnete nach Jos zur Opferung auf dieſem Grabe befoͤrdert, welches damals der Gegenſtand ab⸗ gemeiner Verehrung war. Die Kleidung der Frauen⸗ zimmer daſelbſt iſt ziemlich angenehm; ihr. Wuchs. iſt durch einen bloßen Wams micht beengt, und doch kenntlich; ihre kurzen Roͤcke bezeugen vielmehr die Reinheit ihrer Sitten, ſtatt die Ehrbarkeit zu beleidi⸗ gen. Die Art, wie die Einwohner mit einander leben, und den Fremden begegnen, erinnerte mich an die Einfalt des erſten Zeitalters. Die ganze Familie war eifrig⸗ mich zu bedienen, und betrübt, nicht jeden meiner Wuͤnſche aus ihrem Vorrathe⸗ befriedigen zu koͤnnen; ſie war voll Wohlwollen und Menſchen⸗ liebe ohne Eigennutz, ſie gab ein edles Bild der alten Gaſtfreiheit; ſie ließ ſich durch keine Belohnung ent⸗ ſchaͤdigen, ſondern verlangte blos. ein Zeugniß meiner. Zufriedenheit. Die urſpruͤngliche Geſtalt der Inſel Thera iſt durch vulkaniſche Ausbruͤche ganz wie ein Halbmond veraͤndert worden. Die ganie Kuͤſte dieſes Meerbu⸗ ſens iſt aus jaͤhen, ſchwarzen und kalzinirten Felſen zuſammen geſetzt, und bildet den Rand dieſes unge⸗ heuern Brennheerds, gleichſam die inneren Waͤnde des 3 259 Schmelztiegels, in welchem dieſe Zerſtoͤrung ſtatt fand. Dieſer Rand iſt mehr als 300 Fuß uͤher dem Meere erhaben, und beſteht aus Lava, Bimsſtein, und geſchmoljenem oder vergiaſtem Granit. Vorzuͤglich merkivuͤrdig iſt die unermeßliche Tiefe des Abgrundes, welche mit dem Senkbler noch icht erforſcht werden konnte. Man kann auf die Hoͤhe der Berge, deren Gipfel jetzt neue Inſeln bilden, und auf die Wirk⸗ ſamkeit der Feuer ſchließen, welche eine ſo ungehenre Waſſer Maſſe heizen koͤnnen. Santorin beweiſet, daß die Vulkane Berge hervor⸗ gebracht haben, wo vorher keine waren. Plinius meldet die Zeit der erſten Umſtaltung der Inſel Dhera, daß naͤmlich Sberaſia von Dhera 237 Jahre vor Chriſtus ge⸗ trennt wurde. Im J. 187 erſchien die Intel Hiera zwiſchen den beiden vorigen; ihr Name wurde wegen des Wunderbaren gewaͤhlt; jetzt heißt ſie die gro ße Verbrennte. Man hat die Erſchuͤtrerung zu ho⸗ dus und in ganz Aſien gefuͤhlt, indem viele Staͤdte verwuͤſtet, und einige ganz zerſtoͤrt wurden. Unter der Regierung des K. Claudius im J. as erſchien eine neue Inſel, welche Thia oder die Goͤttliche ge⸗ nannt wurde. Wahrſcheinlich wurde ſie in einer der beiden folgenden Revolutionen mit Hiera vercinigt, von welcher ſie nur zwei Stadien oder 190 Toiſen entfernt war. Im J. 1427 wurde Hiera durch Ausbruche ſehr vergroͤßert, und 152: erſchien nach einem ſehr heftigen 260 Ausbruche die kleine Inſel Cammeni. Im J. 1650 tobte es zu Santorin ſehr heftig, und 1707 er⸗ ſchien nach einem Ausbruche eine neue Inſel zwiſchen der großen und kleinen Cammeni. Dieſes Schau⸗ ſpiel waͤhrend eines Jahres eben ſo praͤchtig als fuͤrch⸗ terlich zu machen, vereinigte ſich ein fuͤrchterliches Gebruͤlle und verdoppelte Schlaͤge des unterirdiſchen Donners, Schwefelſtroͤme, welche das Waſſer faͤrbten, und Feuerbaͤche, welche ſich uͤber die Flaͤche des ſie⸗ denden Meeres ergoſſen. Der Stoff, welcher das Meer in der Bai von Santorin uͤberzog, beſtand aus Erd⸗Pech, Berg⸗Bel, Naphta, und geſchmolze⸗ nem Schwefel, welche der Vulkan bald aus ſeinem Schlunde, bald aus den Oeffnungen ſeiner Seiten, bald aus der Mitte der Meeres⸗Fluten ſelbſt ſpie. Die unreine Luft, welche den Bewohnern von Scaro ſo aͤußerſt nachtheilig wurde, Silber und Kupfer ſchwaͤrzte, und die Weingaͤrten verwuͤſtete, beſtand nur in dem Dampfe des in der Verbrennung begriffenen Schwefels, und in den unertraͤglichen Ausduͤnſtungen, welche der Wind nach dieſer Seite trieb. Der Flecken St. Nikolg liegt an der Spitze von Santorin, Apanomeria genannt, und auf ungeheuren, äberall zerriſſenen, verbrannten und kal⸗ nirten Felſen. Ein ſchmaler und nicht tiefer Kanal, in welchem die Fahrieuge ſicher vor Anker liegen, ſcheidet die Klippe Theraſia, welche ein Cheil der 261 Inſel Santorin iſt. Die Ausſicht von der Kuͤſte von Santorin und dem Schloſſe Scaro auf der Seite des Meeres ſtellt faſt die ganze Kuͤſte des Meel⸗ buſens im verbrennten und verheerten Zuſtande dar. In der Entfernung ſieht man die Spitze Apano⸗ meria und den Flecken St. Nicolo; in der Mitte die ſchreckliche Lage des Schloſſes Searo; weiter den Flecken Pyrgos mit einer kleinen Bucht, wo die Fahrzeuge aber nur bei ruhigem Winde einfahren koͤnnen. Sobald aber dieſer ſich nur ein wenig er⸗ bebt, muͤſſen ſie eine ſichere Zuflucht in der Enge von St. Nikolo ſuchen, wie unſer Schiff, welches ich bei meiner Abreiſe dort auffuchen mußte. Nie habe ich eine leichtere und unſicherere Fahrt gemacht. Wir traten in einen Nachen, welcher zur Sicherheit gegen die Fluthen auf den Sand gezogen war. Man ließ uns horizontal einen auf den anderen darin nieder legen, und 2 Griechen, welche den Kahn mit Gewalt fortſtießen, ſchleuderten uns in die See. Die Wellen erhoben ſich; ein einziger Fuͤhrer leitete unſeren Lauf mit zwei Rudern, welche nicht groͤßer als die Hand waren, und ſchaͤrfte uns ſehr ein, nicht die geringſee Bewegung zu machen. Dieſe Warnung war ſehr nothwendig: denn kaum wollte ſich einer meiner Gefaͤhrten ein wenig aufrichten, ſo waͤre der Nachen faſt umgeſchlagen. Die Felſen dieſer Kuͤſte und die Waͤnde des alten Vulkans ſind ein ſchwarzer, glaſirter und im Bruche glaͤnzender Stoff. Ihre Bruchſtuͤcke gleichen den glaͤ⸗ ſernen, und ſind mehr oder weniger convex oder con⸗ cav. Sie zerſplittert ſich unter der Moͤrſel⸗Keule wie Glas, und dieſe Splitter haben immer ſchnei⸗ dende Winkel. Andere Granitſtuͤcke ſind nur geduͤrrt, und die Wirkung des Feuers war an dem Platze ihrer Lage nicht heftig genug, um ihre Natur ganz um⸗ ſtalten zu koͤnnen. Die Lava aus dem Inneren der Inſel iſt noch weit dichter, feſter und haͤrter. Sie giebt dem Stahle Feuer, und widerſteht ſogar dem Hammer. Mauchmal findet man in ihr kleine Kro⸗ ſtale, welche in das Gelbliche uͤbergehen, und durch⸗ ſichtig ſind, wie Topaſe. Man zaͤhlt gegenwaͤrtig auf Santorin 8000 Einwohner, von welchen kaum 7— 800 Katholiken ſind. Bekanntlich ſchaden ſich die Anhaͤnger der griechiſchen und roͤmiſchen Religion mehr durch wechſelſeitigen Haß, als durch Verſchiedenheit der religioͤſen Mei⸗ nungen. Sie gleichen zwei Bruͤdern, welche ſich ent⸗ zweiten, und neue Beweggruͤnde zur Feindſchaft in der Erinnerung ihrer alten Eintracht finden. Die ganze Religion der unwiſſenden Griechen beſteht in uͤbertriebener Enthaltſamkeit und blindem Haſſe gegen die Lateiner. Letztere moͤchten gerne ihre Herrſchaft erweitern, und kaͤmpfen uͤber den Beſitz mehrerer Ka⸗ vpellen, welche auf den Feldern zerſtreut liegen, und deren Zahl faſt jener der Einwohner gleich kommt. Doch artet der Kampf beider Partheien nicht in 263 Stoͤrung der oͤffentlichen Ruhe aus, ſondern jede haͤlt die andere durch Wetteifer fuͤr oͤffentliche Ordnung im Zaum. Denn beide fuͤrchten die tuͤrkiſchen Rich⸗ ter, welche beide Theile zu Grunde richten wuͤrden. Ich nahm eine Zeichnung von den beiden Schwe⸗ ſtern meines Wirthes, des Biſchofes; eine war geklei⸗ det, die andere im Nachtkleid. Ihr haͤusliches Elend verſchwand unter dem Luxus und unter der angeerb⸗ ten Koketterie der Griechinnen. Sie ſelbſt ſchienen ſich durch ihren prachtvollen Anzug ihre Armuth ver⸗ hehlen zu wollen. Sie vergaßen aus Eitelkeit ihre wirklichen Beduͤrfniſſe, oder ſie kannten kein groͤßeres als den Putz. Der neue Biſchof kannte erſt den blo⸗ ben Umfang ſeiner Pflichten, und war eben mit den Verrichtungen ſeines Amtes beſchaͤftigt. Als er den Altar verließ, begab er ſich im Pontifikal⸗Anzuge zu mir in ſein Haus, wo alles ſo einfach war, wie es ſich von ſſeinen Einkuͤnften zu kaum 1200 Franes er⸗ warten ließ. Seine Schweſtern legten ihre Eitelkeit und ſchönen Kleider einige Augenblicke weg, und be⸗ reiteten das Mittags⸗Eſſen zu. Sein Geſinde war nicht zahlreich, aber nach der hierarchiſchen Ordnung gereihet. Sein Pfarrer war zugleich Haushofmeiſter, und benahm ſich wuͤrdig dieſes Amtes; der Diakon, mit dem Teller unter dem Arme, wartete mir auf, wie der Suhdiakon meinem Reiſe⸗Gefaͤhrten. Sie waren in ihrer Bedienung am Diſche eben ſo eifrig. 264 wie kurz vorher am Altare. Ich wuͤnſchte das Innere der Inſel zu ſehen, und der Biſchof wollte mich be⸗ gleiten. Der ſtets fertige Diakou fuͤhrte mir ſogleich einen angeſchirrten Mauleſel vor, hielt mir den Steig⸗ buͤgel, und erbot ſich, denſelben anzufeuern. Ich war ſo verlegen uͤber dieſe Gefaͤlligkeit, daß der Biſchof noͤthig fand, mich durch die Belehrung aufzuhei⸗ tern, daß dieſe ſtreuge Subordination noch eine koſt⸗ bare Reliquie des Geiſtes der erſten Kirche ſey, welche man ſorgfaͤltig bewahren muͤſſe. Wir durchwanderten einen Theil der Inſel. Die der vulkaniſchen entgegen geſetzte Seite iſt ziemlich fruchtbar, und der mit Bims⸗Steinen bedeckte Boden traͤgt viele Weinſtoͤcke, welche einen ſehr guten Wein hervor bringen. Dieſer ſieht aus wie Rheinwein, iſt feurig und betaͤubend, weßwegen er durch den ganzen Archipel bis Konſtantinopel verfuͤhrt wird. Manche Einwohner haben ſich in den Felſen Hoͤhlen zu Wohnungen gegraben, welche wie Dachs⸗Loͤcher oder eine Art chemiſcher Oefen(Athanaros genannt) ausſehen. Ich beſuchte den Stephans⸗Berg im Suͤd⸗ Oſt, welcher ein Klumpen ungeheurer Felſen iſt, die zum Theile wieder mit einer unendlichen Zahl von Bims⸗Steinen ledeckt ſind, durch welche der Zutritt erſchwert wird. Die am Fuße deſſelben be⸗ findliche Ebene iſt mit Weinſtoͤcken, Oliven⸗ und Granat⸗Baͤumen beſetzt. So iſt die hoͤchſte Unfrucht⸗ barkeit und der Ueberfluß mit einem Blicke zu uͤber⸗ 205 ſehen. Diefer Berg iſt von Truͤmmern bekraͤnzt, welche von dem Daſeyn einer ehemals praͤchtigen Stadt zeugen, welche nach Herodot, Pauſanias und Strabo durch Teras den Sohn Anteſions gegruͤndet worden ſeyn ſoll. Dieſe Stadt Thera bluͤhte bis zu den roͤmiſchen Kaiſern, wie aus den Inſchriften erwieſen iſt, welche Spon und Tourne fort bekannt gemacht haben. Ich fand die beiden Bildfaͤulen, welche von dem Volke zu Thera den beiden Kaiſern M. Auret und An⸗ tonin errichtet waren. Beide ſind zwar ohne Kopf, allein einer war nicht abgebrochen, ſondern abgenonm⸗ men worden; vielleicht war dieſer aus Gold, Elfen⸗ bein, oder einer edleren Marmor⸗Art, als der uͤbrige Theil der Bildſaͤulen. Unter den Ruinen ſind die Reſte eines Tempels der Minerva oder Neptuns leicht zu unterſcheiden, obſchon die Saͤulen, Statuen und ſchoͤnſten Truͤmmer von den Ruſſen abgefuͤhrt wunden. In kleiner Entfernung iſt die Kapelle des h. Ste⸗ phan, in deren Hintergrunde ein Altar mit Opfern und Kraͤnzen neben einer ſchoͤnen weiblichen Status ſich befindet, welche die Griechen ſehr verſtuͤmmelten, damit ſie deſto eher eine Lampe trage, welche hier brennt. Nur ein kleines Bild der Marin giebt eine Sout des Chriſtenthumes. Das der Venus heilige CEythere iſt ſett nur noch ein unfruchtbarer Felſen; Gnidus iſt von Wellen begraben worden; und das praͤchtige Cyſicon hinterließ kaum Spuren ſeiner Truͤmmer. Naxos erinnert noch an Bacchaus Aufenthalt und Wohl⸗ thaten: ihm waren deſſen Einwohner mehr als ir⸗ gendwo ergeben. Sie machten ſogar den Hoͤhlen von Nyſa und dem Berge Meros die Ehre ſtreitig, ſeine Kindheit beſchuͤtzt zu haben. Hier ſoll er auch die verlaſſene Ariadnee angetroffen, und mit der Unſterblichkeit beguͤnſtigt haben. Naxos war, wie die uͤbrigen Inſeln des Aegaͤi⸗ ſchen Meeres, bald frei, bald den Athenern unter⸗ worfen, bald wurde dieſe Inſel von den Perſern ge⸗ pluͤndert, deren erſte Anfalle an der Tapferkeit der Einwohner ſcheiterten. Sie wurde gleichzeitig mit dem uͤbrigen Griechenland von den Roͤmern unter⸗ jocht. M axre Anton ubergab ſie, nach der Schlacht bei Philippi, an die Rhodier, welche ſie durch ihre Haͤrte bald wieder verloren. Der Archipel machte dann einen Theil des griechiſchen Kaiſerthumes aus, bis die Franken Konſtantinopel eroberten. Marco Sannudo, ein edler Venetianer, bemaͤchtigte ſich in dieſer Zeit der Inſel Naxos und der benachbar⸗ ten Inſeln, und wurde vom Kaiſer Heinrich zum Herzoge des Archipels erhoben. Seine Nachfolger regierten daſelbſt 300 Jahre lbis auf Jakob IV. aus der Familie Criſpo, welchen Sultan Selim II. verdraͤngte. Der jetzige lateiniſche Biſchof zu Naxos äſt noch ein Nachkomme dieſer Familie. 267 Alterthuͤmer giebt es zu Naxos nicht; dafur wird man durch herrliche, von ſehr vielen Baͤchen bewaͤſſerte Thaͤler und Haine von Orangen⸗, Feigen⸗ und Granataͤpfel⸗Baͤumen, durch hoͤchſt fruchtbaren Boden, durch viel Vieh und Wild, durch uͤberfuͤtſiges Korn, Oel, Wein, Feigen und Seide reichlich ent⸗ ſchaͤdigt. Wegen dieſer vielen Vorzuͤge wurde die Inſel von den Alten das kleine Sizilien genannt, und von griechiſchen und lateiniſchen Dichtern bhe⸗ ſungen. Der Wein, welchen Athenaͤus zum Nektar der Goͤtter erhob, iſt ſo delikat, daß er nicht einmal auf die naͤchten Inſeln verfuͤhrt werden kann. Na⸗ ros iſt durch ihre gluͤckliche Lage fuͤr die Unterdruͤck⸗ ung entſchaͤdigt, obſchon nur kleine Fahrzeuge ihren Ueberfluß auf andere Inſeln bringen und keine große Schiffe anfahren koͤnnen. Man zaͤhlt 6000 Einwohner, von welchen 1290 katholiſch ſeyn moͤgen. Es giebt einige Nonnen⸗ und ein Kaputinerkloſter daſelbſt; ehemals auch ein Jeſuiten⸗Hoſpiz, welche in weltli⸗ chem Anzuge noch daſelbſt fortwirken. Die Katholiken baben einen Erzbiſchof, wie die Griechen, aber von maͤßigen Einkuͤnften, obſchon die geiſtliche Herrſchaft deſſelben ſich uͤber alle Cyeladen verbreitet. Die ganze Inſel zahlt dem Kapitain Paſcha ohngefaͤhr zehn Beutel. Auf der rechten Seite des Hafens von Naxia iſt eine Klippe, auf welcher der Baechus Tempel ſtand. Sie hing mit der Inſel Naxos durch eine 268 Bruͤcke zuſammen, von welcher noch Spuren uͤbrig ſind. Dieſe Bruͤcke diente zugleich, das Waſſer einer reichhaltigen Quelle an den Tempel zu befoͤrdern, welches durch eine andere Leitung uͤber eine Stunde hergebracht war. Vom Dempel iſt nur noch die Dhuͤre uͤbrig, welche aus 2 ungeheuern Marmor⸗Bloͤcken beſteht; er war 84 Fuß lang und s0 breit. Die Frau⸗ enzimmer dafelbſt kleiden ſich in ſchwarzen Sammet in einem erkuͤnſtelten Vierecke. Ein bloßer Flor ver⸗ büllt den Buſen der Griechinnen von Smorna; aber die ſtrengen Naxiottinnen vertheidigen ihn durch ein Mieder von Sammet mit Stickerei und kleinen Perlen uͤberdeckt. Von hinten dreht ſich eine Art von Fiſchbeinrock um ihre Huͤften. Ungeachtet dieſes ſchrecklichen Anzuges ſind ſie doch im hoͤchſten Grade kokett. Sie legen Roth auf ihre Wangen, ſchwaͤrzen ſich die Augenlieder und Augenbraunen, und bedecken das Geſicht noch mit Schoͤnpflaͤſterchen. Dazu bedie⸗ nen ſie ſich der Blaͤtter eines ſchwarzen und glaͤnzen⸗ den Talkſteines, welcher in ihrer Inſel gefunden wird. Allein dieſe Pflaͤſterchen baben keine beſtimmte Form, ſondern der veraͤnderliche Geſchmack beſtimmt auch ihre wechſelnden Geſtalten; bald ſind ſie Dreiecke, bald Sterne. Ein ſolcher Halbmond, zwiſchen die Augen gelegt, ſcheint ihnen das unwiderſtehlichſte Verfuͤhrungs⸗Mittel zur Liebe zu ſeyn. Die Frauenzimmer von Tine aber bhaben das ſchoͤnſte Ebenmaß in den Formen, Regelmaͤßigkeit in 1 269 den Zuͤgen, und eine jener auffallenden Phyſtognomien, welche die Schoͤnheit ſo oft erſetzen, und immer er⸗ hoͤhen. Der wohlluͤſtigſte Anzug bedeckt ihre Reize, aber er verbirgt ſie nicht.. In Ti ne iſt die Thaͤtigkeit und Induſtrie aller Einwohner muſterhaft. Frauenzimmer, welche nach ihrer Geburt oder den Standes⸗Verhaͤltniſſen in an⸗ deren Laͤndern hoͤchſt unthaͤtig ſeyn wuͤrden, ſind mit dem Hausweſen beſchaͤftigt, oder arbeiten mit Ver⸗ gnuͤgen an den Kleidern ihrer Kinder. Sobald die Hitze nachlaͤßt, und die Strahlen der ſcheidenden Sonne ihre Arbeit noch erhellen, ohne ihren Reizen nachtheilig zu ſeyn, ſo ſetzen ſie ſich vor ihre Haus⸗ thuͤren, ſpinnen oder wickeln Seide, oder bereiten Maulbeer⸗Blaͤtter, waͤhrend die alte Mutter Maͤhr⸗ ſchen erzaͤhlt, und deren Pauſen durch Geſaͤnge der zungen Schoͤnen ausgefuͤllt werden. Hier kann man ſich uͤberzeugen, daß jene herrlichen Gemaͤlde der grie⸗ ſchiſchen Schriftſteller weniger das Produkt der Ein⸗ bildungskraft, als die treue Nachahmung der Natur waren. Das weibliche Geſinde vorrichtet nur leichte Arbeiten, daher es ſich auch in ſeinen natuͤrlichen Annehmlichkeiten und Reizen erhaͤlt. Ihre einzige Beſchaͤftigung iſt, Seide zu ſpinnen, und die Seiden⸗ Wuͤrmer zu fuͤttern. Auch herrſcht hier uͤberall jene muſterhafte Reinlichkeit, welche den Reiſenden ſo an⸗ ziehend, das ſichere Zeichen der Gluͤckſeligkeit eines 270 Volkes iſt, und die leichte Anſchaffung der erſten Be⸗ duͤrfniſſe voraus ſetzt. Der gluͤckliche Bewohner Hol⸗ lands kuͤndigt ſeinen. Rehchrin durch das Einfache ſeines Aeußeren an; der Bewohner Spaniens und Italiens behaͤngt ſein hens mit goldenen Lumpen. Die Einwohner von Dine ſind reich genug, um nicht erſt in Verſuchung gerathen zunduͤrfen, es ſcheinen zu wollen. Kaum moͤchten die Bewohner einer andern grie⸗ chiſchen Inſel jene von Dine an Vaterlandsliebe uͤbertreffen. Sogar das weibliche Geſinde, welches ſich zahlreich außerhalb der Inſel verdingt, und in der ganzen Levande wegen ſeiner Tracht, Treue und Einſicht geſchaͤtzt iſt, hegt ſtets eine Sehnſucht nach dem W terlande, wo es Fruͤchte ſeines Fleißes im Wohlbehagen genießen moͤchte. Tine war am laͤugſten im Beſitze der Republik Venedig, welche ſie durch die Schwachheit des Proveditors Bern. Balbi 17114 verlor, der ſich auf die erſte Aufforderung des tuͤrkiſchen Admirals ergab, ungeachtet er in der Tapferkeit ſeiner Soldaten und in der Anhaͤnglichkeit der Einwohner Stuͤtzen genug gefunden haͤtte, ſich ſo lange zu vertheidigen, bis neue Truppen angekommen naͤren. Sie iſt eine der reichſten und angenehmſten von ganz Griechenland; was ihr an Umfang abgeht, wird durch die Frucht⸗ barkeit erſetzt. In dem kleinen Umkreiſe von 12 Stun⸗ den wohnen mehr als 20,000 Menſchen in 60 Doͤrfein 7 271 zerſtreut. Obſchon viele Seide gebaut wird, ſo reicht ſie doch nicht fuͤr den Fleiß der Einwohner zu. Eine große Quantitaͤt wird noch aus Andros zur Verfer⸗ tigung der vielen Struͤmpfe geliefert, mit welchen die Tinioten die ganze Levante uͤberſchwemmen. An⸗ derthalb Stunden ven St. Nicolo ſteht die alte von den Venetianern erbaute Citadelle auf einem hohen Berge, wo man die ganze Inſel uͤberſehen kann. Der gebildete Reiſende wird faſt auf allen In⸗ ſeln des Archipels von den angenehmſten Empfindun⸗ gen bezaubert. Zu Paros wurde der Dichter Ar⸗ chilogus geboren, welcher mit Homer die Ehre theilte, die Grenzen der Kunſt erweitert zu haben. Zu Cros wird er an Simonides, den Lehrer Pindar's an ſeinen Nebenbuhler Bachylides, und an Prodicus erinnert, welcher durch Sophis⸗ men und Beredſamkeit gleich beruͤhmt war. Cos war die Wiege des groͤßten Arztes Hippocratesz Samos der Geburtsort des Philoſophen Pythago⸗ ras, wie Lesbos des Dichters Alceus und der Sapho, und Seyros des Philoſophen Phere⸗ eides, dieſes unſterblichen Lehrers von Pytha⸗ goras. Syra iſt jetzt nur eine kleine an einer Bergſpitze gelegenen Stadt; verſchieden von Seyros bei Neg⸗ roponte, jetzt St. Georg von Skiro, welche durch die Liebſchaft des Achilles mit Deidamia ⸗ 272 ſo verrnfen geworden iſt. Die 4000 katholiſche Ein⸗ wohner von Syra ſind blos in der Stadt, indem ſie die Doͤrfer verlaſſen haben. Obſchon dieſer kleine Staat des ganzen tuͤrkiſchen Reiches der einzige iſt, wo nur einerlei Gottesdienſt Statt ſindet, ſo ſind doch die Einwohner dieſer Juſel nicht friedlicher zuſammen, als im uͤbrigen Griechenland. Deſto mehr triumphiren die griechiſchen Prieſter, dieſelben im religioͤſen Zwie⸗ tracht zu ſehen. Deßwegen hat die Regierung vor Kurzem ſie durch Gewalt vereinigt; der Biſchof wurde abgeſetzt, mehrere gleich ſchuldige Prieſter verbannt, und die vornehmſten Einwohner auf die Galeeren ge⸗ ſchickt. Die Truͤmmer, mit welchen Delos bedeckt iſt, ſind kraͤftigere Beweiſe der großen Ehrfurcht der Al⸗ ten fuͤr dieſe Inſel als Oden von Pindar und Cal⸗ limachus. Wie alle Dichter ſich beeiferten ſie zu be⸗ ſingen, ſo haben ſich auch alle Voͤlker verbunden, ſie zu bereichern. Diana und Apoll wurden daſelbſt geboren; darum wurde ſe durch den allgemeinſten Gottesdienſt geheiligt. Guys und Barthelemy haben die daſelbſt gehaltenen Feſte mit ungemeiner Anmuth beſchrieben. Als ich daſelbſt eintraf, fuhr ich an der wuͤſten Inſel Rhenea vorbei, deren Kuͤſte noch mit den Graͤbern bedeckt iſt, welche die Athener bei der Reinigung der Inſel Delos hinöuͤber ſchaffen ließen. Thueydides erzaͤhlt, man habe in dieſen Graͤbern nur Karier und Phoͤnizier gefunden, und er⸗ 273 ſtere an ihrer Ruͤſtung, letztere an ihrer Lage gegen Weſt erkannt. 3 An dem Kanal, welcher die beiden Deli ſcheidet, ſind zwei Klippen, Rematiari nach dem durchflie⸗ henden Strome genannt, deren groͤßte im Alterthum der Diana geheiligt war; daher Tournefort in der Etymologie ihrer Benennung ſich irrte. Ich lan⸗ dete in einem kleinen Hafen, wo die Fahrzeuge in Sicherheit ſind. Man findet am Strande Saͤulen und einige Granitpfeiler, dann Ruinen der weitlaͤufi⸗ gen Bogengaͤnge, welche der Koͤnig Philipp von Mazedonien errichten ließ. Die Saͤulen derſelben ſind von korinthiſcher Ordnung, am obern Theile ge⸗ riefelt, und vieleckig ſo zugehauen, daß ihre horizon⸗ tale Kuppel ein Vieleck bildet. Links ſtand Apollo's beruͤhmter Tempel, deſſen doriſche Bauart aus den wenigen Truͤmmern nicht mehr erkannt werden koͤnnte, wenn Pauſanias und Vitruo nicht davon be⸗ richtet haͤtten. Nach Le Roy hatten die Saͤulen mit den Kapitaͤlern 14 ½ Fuß; da ihr unterſter Durch. meſſer nicht 2 Fuß 8 Z. iſt, ſo konnte ihre Hoͤhe keine s im Durchmeſſer haben. Die Saͤule iſt nach der ganzen Laͤnge glatt, und hat nur Riefen an den En⸗ den. Unter dieſem Haufen von Truͤmmern findet man noch die Ueberbleibſel einer Bildſaͤule Apollo's. Dieſer aus einem einzigen Marmor⸗Klotze bearbeitete Koloß maß wenigſtens 24 Fuß in der Hoͤhe, und hat die Inſchrift:„die Naxioten dem Apollo.“ Hiuter 49ſtes B. Griechenland. II. 3.. 3 274 dem Tempel ſind die Reſte der alten Stadt Delos. Links iſt ein ovales Becken, welches dem Volke zum Schauſpiele jener Seetreffen gedient haben ſoll, nach welchen es ſo begierig war. Dieſes hat im groͤßten Durchſchnitte 48 Toiſen und 1 Fuß, und iſt 4 Fuß tief. Wenn es auch ſeit tauſend Jahren ziemlich ver⸗ ſchuͤttet wurde, ſo konnten doch nur ſehr kleine Ga⸗ leeren zu die ſem Schauſpiele dienen. Nach der Lage deſſel⸗ ben am Gymnaſium mag es vielmehr zur Bildung der Juͤnglinge daſelbſt in der Kunſt, in welcher die Einwoh⸗ ner von Delos ſich ſo ſehr auszeichneten, gedient ha⸗ ben. Vermuthlich war dieſe Naumachie mit Saͤulen umgeben. Noch war ein Theil der Inſchrift zu leſen, welche nach Spon und Wheeler von dem Gym⸗ naſiarchen Seleucus aus Marathon dem Mi⸗ thridates geweiht ſeyn mochte. Etwas ferner im Hintergrunde war der Name Dionys Eutiches an puaͤchtigen Truͤmmern zu leſen, welcher vielleicht einer der Fuͤrſten war. Mehr noͤrdlich und gegen das Meer ſind die Ueberbleibſel eines weitlaͤufigen Gebaͤudes, welches vielleicht ein Gomnaſium war, wie es wirklich jetzt noch von den Griechen die Schule genannt wird. Unter den ſehr anſehnlichen Ruinen haben ſich nur eilf Granit⸗Saͤu⸗ len erhalten. Der ganze obere Theil der Inſel iß mit Truͤmmern beſaͤt. Gegen Nord⸗Oſt zeigen ſich die Grundlagen einer ungeheuern Einfaſſung. Man weiß nicht, ob ſie die Grundlagen zu Bogengaͤngen 8 waren, oder ob ſie einen von den Tempeln einſchlof⸗ ſen, mit welchen K. Hadrian ſeine neue Stadt bereicherte. Dieſer Kaiſer war nicht zufrieden, dem Staate Athen deſſen Geſetze und Freiheiten zu ruͤck gegeben zu haben, ſondern er wollte uͤber das ganze Griechenland Wohlthaten verbreiten. Er ließ zu De⸗ los eine Stadt unter dem Namen Otympeion oder Neu⸗Griechenland errichten, einen Tem⸗ vel dem Herkules, einen andern dem Neptun geweiht ſeyn. 2111 1 Auf der im Nord⸗Oſt der Inſel gelegenen Erdzunge befindet ſich der kleine Bach Inopus, welcher am Hafen Fourni in das Meer ſich ergießt. Seine Ufer ſind mit Schilf und einem gruͤnen und dichten Graſe bekleidet; er lief in einem ziemlich breiten Graben, deſſen Seiten von dem wilden Waſſer des Winters ausgeriſſen zu ſeyn ſcheinen. Etwas gegen Mittag und nahe an der Muͤndung iſt eine Erhoͤhung, auf welcher ein praͤchtiges Gebaͤude ſtand. Der Graben iſt mit deſſen Truͤmmern gefuͤllt, welche durch ein Erdbeben hinein geworfen zu ſeyn ſcheinen. Der mit⸗ taͤgliche Theil der Inſel iſt mit dickem Buſchwerk uͤberwachſen. Gegen Nord iſt das beruͤhmte Theater aus weißem Marmor von 280 Fuß im Durchſchnitte; gegenuͤber iſt ein unterirdiſcher Bau mit 9 Abtheilun⸗ gen, deren Beſtimmung unbekannt iſt. Man hat die natuͤrliche Abhaͤngigkeit des Bodens benutzt, um das Theater anzulehnen. Steigt man weiter gufwaͤrts, 276 ſo gelangt man durch einen in Granit gehauenen Weg auf den Berg Cynthus, und uͤber alte marmorne Stufen endlich auf deſſen Gipfel, wo ein Thor von der alten Citadelle noch zeugt. Der ganze Platz iſt mit Marmor⸗ und Granit⸗Platten, Saͤulen und Spu⸗ ren von Moſaik bedeckt. Uebrigens wimmelt es noch von Kanihchen, welche von Apollo geſchützt waren. 1 8 296 Unter den Cyeladen zeichnete ſich Paros vorzuͤg⸗ lich aus, ſowohl durch uͤberwiegende Reichthuͤmer und Volksmenge, als durch ausharrenden Muth, welcher thr Gluͤck, und ihre Freiheit ſicherte. Milthiades machte einen vergeblichen Angriff auf dieſe Inſel; erſt Themiſtokles kannte ſie den Athenern unter⸗ jochen Mithridates zaͤhlte ſie unter ſeine zahl⸗ reichen Beſitzungen, bis er den Waffen Sylla's und Lucull's weichen mußte, und alle Inſeln des Aegaͤiſchen Meeres nur einen ſchwachen Theil einer roͤmiſchen Provinz ausmachten. Ihre Bevoͤlkerung iſt nicht groß; deßwegen waͤhlten die Ruſſen dieſe Inſel zum Stappelplatz ihrer Macht; allein ſie waren ſolche Verwuͤſter, daß die Einwohner fluͤchtig wurden. Die Inſel iſt mit vortrefflichen Truͤmmern bedeckt, welche ſeit Jahrhunderten zum Baus der elendeſten Huͤtten verwendet wurden. Parechia, auf den Ruinen des alten Paros, iſt noch der anſehnlichſte Ort mit einem Schloſſe, welches ganz auf Koſten der herrlichſten Gebaͤude des Alterthums errichtet iſt. Die Mauern 277 beſtehen aus Saͤulen und auf einander gehaͤuften Ka⸗ bitaͤlern; oͤfters iſt eine Bildſaͤule zwiſchen zuwvei Karnie⸗ ſen von der vollkommenſten Bildhauer⸗Arbeit gedraͤngt. Wahrſcheinlich gehoͤrten dieſe Ruinen zum beruͤhmten Tempel der Goͤttin Ceres. b Eine Kirche der b. Maria wurde aus einem an⸗ dern Theile dieſer Truͤmmer aufgefuͤhrt; ſie iſt von großem Umfange, und wuͤrde auch ſchoͤn ſeyn, wenn die alten Marmor⸗ und Bruchſtuͤcke mit weniger Un⸗ wiſſenheit und minder ſchlechtem Geſchmacke auf ein⸗ ander geſetzt worden waͤren. Sie liegt unterhalb der Stadt, und fuͤhrt den Namen Katapoliani. Et⸗ was tiefer ſtand ein Kapuziner⸗Kloſter, welches die in ruſſiſchem Dienſte geweſenen Albaneſer zerſtoͤrten. Die Inſel Paros bietet auf allen Seiten den Schif⸗ fen ſichere Zufluchtsorte dar; uͤberall kann man Anker werfen, und mehrere Haͤfen koͤnnen die zahlreichſten Geſchwader aufnehmen; unter dieſen iſt jener von Nauſſa der beauemſte und geraͤumlichſte. Gegen Morgen vor Naxia iſt der Hafen Sta. Ma ria, aber nicht ſo ſicher als jener von Treo gegen Mit⸗ tag. Nahe am Flecken Chepido und auf einer Hoͤhe am Strande des Meeres war das Schloß Kephalo. welches der edle Venetianer Veneri mit großer Hartnaͤckigkeit gegen die gante Macht des Barba⸗ koſſa vertheidigte. Jetzt iſt der Schauplatz aller die⸗ ſer Thaten nur durch eine Herberge feligioͤſer Nuͤßig⸗ gaͤnger verewigt. Das Innere der Inſel iſt bergicht, 278 mit Kloͤſtern, Kirchen und Kapellen uberſaͤt. Muͤßig⸗ gang und Aberglauben entvoͤlkerten das Land ſeit Jahrhunderten, um die nun auch faſt veroͤdeten Kloͤ⸗ ſter zu fuͤllen. Vielleicht ſind kaum 2000 Einwohner auf der ganzen Inſel. Der ſchmutzige Satyriker Ar⸗ chilochus, welcher fuͤr den Erfinder der Jambiſchen Verſe gehalten wird, wurde hier in der XV. Olym⸗ piade, etwa 120 Jahre vor Chriſtus, geboren; nach einem unſtaten Leben wurde er durch einen Bewohner von Naxos erſchlagen. Auch der elegiſche Dichter Evenus, der Bildhauer Agoracrites, Schuͤler des Phidias, und die encauſtiſchen Maler Polyg⸗ notes, Arceſilas und Nieanor wurden hier geboren. Außer dieſen Schriftſtellern und Kuͤnſtlern, deren Werke verloren gingen, vexehrt die gelehrte Welt noch einen unbekannten Chronik⸗Schreiber, deſſen Werk im XVII. Jahrhundert zu Paros gefun⸗ den, durch Selden, Lydiat, Marsham, Pri⸗ deaux und viele andere erlaͤutert wurde. Dieſes verbreitete neues Licht in der Zeitrechnung, enthaͤlt die Hauptepochen der griechiſchen Regierung von Ce⸗ crops, dem Stifter Athens bis Alexander. Sie umfaßt einen Zeitraum von 1318 Jahren bis auf das Jahr 28s vor Chriſtus; aber der Zahn der Zeit bat die letzten Epochen verwiſcht, und die Aufſchrift durch Luͤcken unterbrochen, uͤber deren Ausfuͤllung die Kritiker ſich quaͤlen. Das Original iſt zu Oxfordz der Graf v. Arundel brachte es mit vielen in der 279 Levante gefundenen Inſchriften aus Smyrma, aber der reiche und liberale Parlamentsrath v. Peirese zu Airy hatte es entdeckt. Deſſen Commiſſionaire wollten es im Hafen von Smyrna einacken laſſen, als ſeine Feinde oder Glaͤubiger ihn gefangen nehmen ließen. Die Marmore geriethen nach England, ohne daß er ſelbſt es wußte. Nach einiger Zeit erhielt er den Kommentar ſeines Freundes Selden uͤber die Marmor⸗Tafeln Arundel's. Obſchon er bis dahin noch immer mit Ungeduld auf die Marmore gewartet, und ſie aus den Addruͤcken ſogleich erkannt hatte, ſo beklagte er doch nicht mehr ihren Verluſt, ſobald er den guten Gebrauch ſah, welchen England von den⸗ ſelben gemacht hatte. Denn er liebte die Kuͤnſte an ſich, freute ſich ihrer in allen Fortſchritten, und be⸗ nutzte ſie zu ſeiner eigenen Bildung, nicht um gegen Andere zu prahlen. Der Marmor von Paros war bei den Alten ſo hoch geſchaͤtzt, daß er zu den vornehmſten Tempeln und Denkmaͤlern in ganz Griechenland benutzt wurde. Deſſen ungeachtet verdiente er dieſe Auszeichnung nicht: er hat zwar einen Glanz und Schimmer, durch welchen die Schoͤnheit eines Gebaͤudes gehoben werden kann, aber er hauͤlt die feine Bearbeitung eines zarten Meiſels nicht aus. Er blaͤttert ſich zu leicht, und taͤuſcht die Abſicht des Kuͤnſtlers, deßwegen haben die Bildhauer jenen des Berges Pentheli bei Athen immer vorgezogen. In den zwei groͤßten Steinbruͤ⸗ 280 chen am Fuße des Berges Capreſſo ſind die Ein⸗ gaͤnge von angehaͤuften Bruchſtuͤcken ſo uͤberfuͤllt, daß man nur mit großer Muͤhe durchdringen kann. Einige unſerer Begleiter konnten gar nicht folgen, und ich kam uͤberall zerſtoßen und verwundet zuruͤck. An einem dieſer Steinbruͤche ſieht man ein altes Bas⸗ Relief im Marmor⸗Blocke ſelbſt. Es ſtellt eine Art von Bachanal vor; Nymphen tanzen mit einem Bac⸗ chus oder Silen; die Inſchrift heißt:„Adamas, Odryſes,“ den Nymphen des Landes. Der nahe Hafen Nauſſa liegt in der Mitte der Cyeladen, welche er beſchuͤtzen kann; er iſt wegen ſeiner Geſtalt leicht zu vertheidigen, und die Inſel bietet zur Unter⸗ haltung der Truppen alle Unterſtuͤtzung dar, weßwegen die Ruſſen ſo viele Werke anlegten. Das Dorf Nauſſa iſt ſehr klein, aber man hatte Kaſernen von einem betraͤchtlichen Umfaͤnge angelegt, in wel⸗ chen 4000 regulirte Ruſſen, 1000 Matroſen, 12,000 Albaneſer und 3000 Griechen einquartirt waren. Die Ruſſen konnten aber die Hitze eines von dem ihrigen ſo verſchiedenen Klima's nicht vertragen, und ſtarben ſehr zahlreich, obgleich die Befehlshaber alles aufbo⸗ ten, die Seuche zu beſchraͤnken. Die Hoͤhle von Antiparos, welche Tourne⸗ fort ſo wahrheitswidrig ſchilderte, war keine 250 Fuß tief. Daher keinen meiner 30 Begleiter eine Bangigkeit oder Muthloſigkeit anwandelte, ungeach⸗ tet wir alle uns an einem einzigen Seile binab rutſchen 281 ließen, nachdem wir auf der Platt⸗Form angekommen waren. Die Matroſen waren die erſten, und blieben von Zeit zu Zeit, mit breunenden Fakeln haltend. So geſchah unſere Hinabfahrt auf einem ſehr jaͤhen Abſchuſſe von 12 Toiſen ſenkrechter Hoͤhe, welche einzige Stelle mit Gefahr verbunden iſt. Man kommt auf einen Felſen, deſſen oberer Theil rund wie ein Backofen iſt; durch das von allen Seiten fallende Waſſer wird er ſehr glitſchig. Zur rechten ſind Ab⸗ gruͤnde, deren Tiefe die Finſterniß zu erkennen hin⸗ dert. Da der Felſen nach dieſer Seite ſich neigt, ſo wuͤrde jeder, welcher ſich gegen die andere wenden wollte, in Gefahr ſeyn hinab zu ſtuͤrzen. Man rutſcht nun 12— 15 Fuß ſenkrecht, indem man ſich feſt am Seile haͤlt, wenn man ſich keiner Strickleiter bedient. Von hier zieht ſich ein ſteiler Abhang hinab; aber der Weg iſt breit; man kann ſich auf die linke Seite neigen, und ſo von den Untiefen entfernen, welche zur rechten ſich fortziehen. Bald faͤngt es an, weniger jaͤh abſchuͤſſig zu werden, weßwegen uns das Seil eine uͤberfluͤſſige Hilfe ſchien. Hier iſt das Ge⸗ woͤlbe weit hoͤher, obgleich man ſeine Hoͤhe nicht be⸗ ſtimmen kann. Denn die Fackeln geben nur ein blaſſes und dumpfes Licht in dem Nebel dieſer unterirdiſchen Kluͤfte, welcher noch vom Fackeldampfe vermehrt wird. Wir gingen um einen dicken Felſen, welcher bei dem erſten Blicke den Weg abiuſchneiden ſcheint, 982 und gelangten endlich in den Saal, welcher dieſe unterirdiſchen Gaͤnge endigt. Obgleich die Hoͤhle auf Antiparos die reichhaltigſte iſt, ſo iſt ſie doch noch von keinem Reiſenden nach ihrem wahren Zu⸗ ſtande beſchrieben worden. Die Kompoſitionen ſind nicht ſo ſchimmernd, als man ſie beſchrieb; deſſen ungeachtet intereſſiren ſie durch ihre mannigfaltige Bildung. Dieſe Maſſen einer unvollkommenen Kri⸗ ſtaliſirung wechſeln nach der mehr oder weniger ver⸗ engten Form der Oeffnungen, durch welche das Waſ⸗ ſer filtrirt. Dieſes Waſſer, welches durch die ganze Maſſe der obern Schichten dringt, und ſchon an ſich mit Luft verſetzt und im Zuſtande der Saͤure iſt, wird ein wahres Aufloͤſungs⸗Mittel fuͤr die Kalkſtein⸗Arten. Es ſeigt durch ihre Lagen durch, nimmt ſtets von ih⸗ ren Theilen an, und kommt endlich an die innere Außenflaͤche der Spalten oder Felſen⸗Gewoͤlbe. Hier ſammelt es ſich nach und nach in Tropfen; aber bald zerſtoͤrt die Wirkung der atmosphaͤriſchen Luft auf einen dieſer Tropfen auch ihren Beſtand. Die firs Luft, welche ſeine Theile verband, zerreiſſet ihre Feſ⸗ ſeln und verfliegt. Der Tropfen Waſſer iſt nun der Berührung der freien Luft auf allen Seiten ausgeſetzt, und verfliegt auch; aber das Theilchen Erde, welches er aufgeloͤst hat, haͤngt ſich da am Gewoͤlbe an, wo der durchgeſeigte Tropfen verweilte. So vergroͤßert ſich dieſer Anſatz durch neue Tropfen, und durch die DOauer der Filtrirung. Gleich dem Eiszapfen an einem 5 283 Felſen, uͤber welchen ein Strom im Winter ſich er⸗ goß, nehmen dieſe Stalaktiten immer zu, und ver⸗ laͤngern unaufhoͤrlich ihre Kegel⸗Geſtalt, welche ſie nach dem Mechanismus ihrer Entſtehung haben. Der Hafen von Skyros hat fuͤr die Inſulaner keinen Nutzen mehr, deren Marine in einigen kleinen Fahrzeugen beſteht, welche bei der ſtuͤrmiſchen See auf das Land gezogen werden, oder leicht Schutz hin⸗ ter den Klippen finden. Jene Bewohner, welche ſich nach der mitternaͤchtigen Spitze gefluͤchtet haben, ſor⸗ gen fuͤr nichts, als wie ſie ſich gegen den Geitz ihrer Herren und gegen die allgemeine Seeraͤuberei ſchuͤtzen wollen, welche den Griechen gleichſam angeerbt iſt. Das Dorf St. Georg auf einem hohen Felſen iſt zihr Zufluchtsort. Sind gleichwohl ihre Wohnungen am Abhange des Berges und bis an das Geſtade zer⸗ ſtreut, ſo hat doch jeder in der Hoͤhe noch eine Huͤtte, wohin er ſich im Nothfalle mit ſeinen beſten Geraͤthen fluͤhhtet. Ihre Weine und Kaͤſe, welche ſie nach Semyrna und Salonichi fuͤhren, ſind ihr einziger Handlungszweig. Der Aberglaube aller Einwohner von Skyros uͤbertrifft noch den der uͤbrigen Griechen, und wird noch durch die Moͤnche des Kloſters des h. Georg ſehr genaͤhrt. Dieſes iſt eine Kolonie der Moͤnche⸗Republick des Berges Athos, von welchem es auch ſeinen Obern erhaͤlt. Dieſer regiert deſpotiſch auf der Inſel, deren Bewohner nur fuͤr ihn arbeiten. Dagegen verſpricht er ihnen die Gnade des h. Georgs⸗ 284 und entzieht ſie allen, welche deſſen wunderbarem Bildniſſe kaͤrglich opfern, und von ihren Gaben abbre⸗ chen. Das ſchreckliche Beiſpiel von Ananias iſt zu Skyros der Deyt aller Predigten. 365 Kapellen um⸗ kreiſen das Kloſter: die Einwohner koͤnnen die Vereh⸗ rung fuͤr die vielen darin angeſtellten Heiligen am beſten nur durch Arbeit fuͤr ihre Herren ausdrucken. Die Inſel ſcheint reich an Kupferadern zu ſeyn; man findet viele vulkaniſche Steine. Außer dem er⸗ waͤhnten Hafen iſt noch einer zu den drei Muͤn⸗ dungenz; in dieſen begeben ſich beſonders die Freibeu⸗ ter und Galiotten des Großherrn, um die europaͤiſchen Fahrzeuge zu pluͤndern oder zu vernichten. Dieſe Ga⸗ liotten ſind eigentlich beſtimmt, gegen die verbotene Ausfuhr des Getraides zu wachen. Die Schiffe aber, die einen Schleichhandel mit Getraide treiben„ finden ſich mit den Kapitaͤnen der erſten Galiotten ab, wel⸗ chen ſie begegnen: dieſe benachrichtigen ihre Kamera⸗ den, damit ſie auch den Schleichhaͤndler zehnten, wel⸗ cher oͤfters ſeinen Gewinn und einen Theil der Ladung durch die vielfaͤltigen Plagen verliert. Der aus dem Himmel verſtoßene Vulkan ſoll ſeine erſte Schmiede zu Lemnos errichtet haben. Dieſe Inſel wurde auch durch ihr Labyrinth beruͤhmt, von welchem nichts mehr uͤbrig iſt. Die Zeit zerſtoͤrt Denkmaͤler, und heiligt Vorurtheile. Jene Erde von Lemnos, welche den Philoktetes heilte, und zu deren Unterſuchung Galenus reiſte, wird von den 285 Griechen noch immer als wirkſam erkannt, an einem Tage im Jahre und mit großer Feier geſammelt, in kleine Kugeln gedruckt, mit dem Siegel des Groß⸗ herrn geſtempelt, und nach ganz Europa geſendet. Der vorurtheilsloſe Chemiker ſieht in ihr aber nur eine Thonart, welche ganz unfaͤhig iſt, die durch Vor⸗ urtheile geruͤhmten Wirkungen zu leiſten. Der Hafen des h. Anton iſt geraͤumig, und koͤnnte einem Geſchwader dienen, welches im Beſitze des Archipels, die Dardanellen beunruhigen, und die Verbindung mit Konſtantinopel unterbrechen wollte. Doch wuͤrde der Hafen von Tenedos dieſem Zwecke noch mehr entſprechen. Von Pergamus kam ich nach Lesbos, und ſann nur wie ich meine Gefaͤhrten nach Smyrna befoͤrdern wollte, welche alle zugleich, und unter fuͤrchterlichen Symptomen krank geworden waren. Mytilene ſſt als tuͤrkiſche Feſtung jetzt blos zu betrachten. Die Enge, welche ſie von Lesbos ſchied, iſt jetzt gefuͤllt, und beide Hafen, welche durch diefen Kanal ehemals zuſammen hingen, ſind nun getrennt. Ich begab mich in den mittaͤglichen Hafen, in wel⸗ chen nur kleine Schiffe einfahren koͤnnen; im anderen, welcher tiefer und geraͤumiger iſt, fand ich verſchiedene Galeeren des Großherrn. Der Molo, deſſen ſchon 5 Strabo erwaͤhnt, iſt noch uͤbrig; ein Leuchtthurm ſteht auf ſeinem Ende. Die Stadt Metelin ruht auf den Truͤmmern der alten Mytilene. Die Pracht 286 und Menge der Ruinen, welche ſich uͤberall zeigen, entſprechen der Idee vollkommen, welche Strabo, Vitruv und Cicero davon mittheilen. Lesbos hat ſich durch einige ſeiner Mitbuͤrger verewigt. Pittaecus wird zu den Weiſen Griechenlands ge⸗ zaͤhlt, und die Menſchheit verehrt ihn als ihren Wohl⸗ thaͤter. Er allein gab das ſeltene Beiſpiel eines Phi⸗ loſophen, die Tyrannen zu verjagen, ſich der oberſten Gewalt zu bemeiſtern, um ſeinem Vaterlande weiſete Geſetze zu geben; auf die Verbeſſerung der Sittlichkeit und Regierung eine Geſetzgebung zu gruͤnden, welche allen kuͤnftigen Eindruͤcken ſteuern kann; die oͤffent⸗ liche Freiheit zu unterdruͤcken ſcheinen, um ſie auf einen dauerhaften Fuß zu ſetzen; ſich endlich auf einige Zeit nicht der Rache, ſondern der noch ſchrecklicheren Verachtung ſeiner Mitbuͤrger Preis zu geben, in der Hoffnung, ihnen kuͤnftig noch mehr zu nuͤtzen. Neben dem großen Pittakus ſpielt freilich die Dichterin Sapho, Arion und der erſte Tonkuͤnſtler Ter⸗ panter eine unbedeutende Rolle. Iſt gleichwohl das Zeitalter nicht zu beſtimmen, wann die Inſel Lesbos den Namen Mytilene erhielt, ſo iſt doch wahrſcheinlich, daß erſtere Stadt in der Mitte der Inſel angelegt war, und letztere ihre Bewohner von jeuer durch allmaͤhlige Auswanderung erhielt. Am Eingange des Smyrna'ſchen Meerbuſens verließ ich die Koͤnigliche Fregatte, und begab mich in dieſe Stadt. Ich verweilte nur, um Anſtalten zu 1 287 einem Zug durch Klein⸗Aſien zu treffen. Der fran⸗ zoͤſiſche Konſul v. Pyyſſonel erleichterte ſie mir durch den Credit, deſſen er ſich bei allen Haͤuptern des Landes zu erfreuen hat. Er ſchickte einen Grie⸗ chen voraus, welcher ſeinen Weg uͤber Epheſus, Milet und Miloſſa nahm, und mich im Meer⸗ buſen von Macri erwartete, wohin ich ſchiffte, in⸗ dem ich die naͤchſt der Kuͤſte liegenden Inſeln be⸗ ſuchte. Ich miethete ein franzoͤſiſches Schiff fuͤr mich und mein kleines Gefolge, welches durch einen Janit⸗ ſcharen, armeniſchen Bedienten und tuͤrkiſchen Kauf⸗ mann verſtaͤrkt worden war, welcher durch ſeinen Handel in die naͤmliche Gegend zu reiſen veranlaßt war, und welcher mir ſeine Dienſte verſprach. Wir gingen am 13. Juni unter Segel, und ankerten nach dreitaͤgigem Kampfe mit den Winden im Hafen von Scio. Dieſer hat ſehr viele Aehnlichkeit mit jenem von Genua. Zwei weit vorſtehende Leucht⸗Thuͤrme zeigen den Schiffen die Richtung, und ein Damm ſchließt den Hafen gegen Mittag. Dieſer iſt faßt immer auch durch einige Galeeren des Großherrn belebt, und wird von allen Schiffen beſucht, welche aus Aegypten nach Konſtantinopel ſegeln. Scio iſt die beſtens gebaute Stadt in der ganzen Levante. Ihre von Venetianern und Genueſern ge⸗ bauten Haͤuſer zeichnen ſich durch Verzierungen und Bequemlichkeiten aus, welche man im Archipel nicht zu finden hofft. Die Inſel wird von mehreren ſehr 288 duͤrren Bergketten durchſchnitten, aber die von vielen Baͤchen durchſchlaͤngelten Thaͤler ſtehen voll Orangen⸗, Citronen⸗ und Granat⸗Baͤumen. Ueberall bilden dieſe Gefilde die reizendſten Gemaͤlde. Die Weingar⸗ ten von Seio waren ſonſt beruͤhmt, und machen noch den vorzuͤglichſten Reichthum der Inſel aus. Man verfertigt auch zu Seio viele ſeidene, Gold⸗ und Silber⸗Stoffe, obſchon die Zahl der Arbeiter in den letzten Jahren abgenommen hat. Deſto eintraͤglicher iſt die Pflege der Maſtix⸗Baͤume. Die tuͤrkiſchen und griechiſchen Damen kauen ſtets dieſen Gummi zum groͤßten Nachtheile der Zaͤhne, blos in der eiteln Abſicht, ihrem Athem einen aromatiſchen Geruch zu geben. Des Maſtix bedient man ſich auch in der Arzneikunde; er ſoll in Pillen vorzüglich gegen Ma⸗ gen⸗Schmerzen wirkſam ſeyn. Jetzt wird er vorzuͤglich von Kuͤnſtlern fuͤr die Firniſſe verwendet. Er loͤſt ſich vor vielen anderen Spezereien im Weingeiſte auf. Man richtet ſich mit der Quantitaͤt des Maſtix nach der Natur der Arbeiten, fuͤr welche man ihn beſtimmt. Zwar liefert Seio auch oiel Terpentin, aber nicht in ſo großer Quantitaͤt, weil man nicht genug fuͤr die Vermehrung der Baͤume ſorgt. Zwei Meilen von der Stadt iſt ein wegen ſeiner betraͤchtlichen Einkunfte und großen Zahl der Moͤnche ſehr anſehnliches Klo⸗ ſter, welches K. Konſtantin geſtiftet und gebaut hat. Die Kirche iſt groß, praͤchtig, mit Moſaik ge⸗ ſchmuͤckt, und mit verſchiedenem Marmor inkruſtirt. 289 DObgleich viele Tuͤrken zu Seio ſich aufhalten, ſo iſt doch das weibliche Geſchlecht im Genuſſe der groͤßten Freiheit. Die hieſigen Frauenzimmer ſind munter, lebhaft und voll Neckereien; aber hoͤchſt ver⸗ nunftwidrig und unbequem gekleidet, und wiſſen ihre Annehmlichkeiten durch den Reiz des wohlluuͤſtigſten Aeußerlichen nicht zu heben, wie ihre Nachbarinnen zu Smyrna und auf andern Inſeln des Archipels. Sie gleichen jenen Damen, welchen die ausgeſuchteſte Coilette nicht ſo gut ſteht, als ein einfaches Negligs. Sie bezaubern jeden Zuſchauer, wenn ſie zahlreich vor den Thuͤren ſitzen, und ſingend arbeiten. Ihre natuͤr⸗ liche Munterkeit, vereint mit dem regen Streben, ihre Arbek. zu verkaufen, ſetzt ſie mit Fremden ſchnell in Bekanntſchaft, welche ſie, wie unſere Kraͤmerinnen, im Palais zu Paris, wetteifernd anrufen, und ſogar bei de. Hand nehmen, um ſie zu ſich zu locken. Man koͤnnte ſte dem Scheine nach in Verdacht ziehen, als ob ſie ihre Freundlichkeit zu weit trieben; allein man wuͤrde ſich ſehr irren: denn nirgends ſind die Frauen⸗ timmer zuͤchtiger, und doch zugleich freier. Die Natur hat faſt alle Landhaͤuſer von Scio mit Gaͤrten umgeben, welche durch Induſtrie wenig gewinnen. Ein mit irdenen Toͤpfen behaͤngtes Rad, welches große Aehnlichkeit mit einem Schoͤpfrade hat, bebt das Waſſer eines Baches oder Brunnens einige Fuß in die Hoͤhe, um es durch den ganzen Garten 49ten B. Griechentauo. II. 3. 4 290, zu vertheilen, und deſſen Orangen⸗, Citronen⸗ und Granat⸗Baͤume zu befeuchten. Unter ihren Schatten gedeihen mancherlei Gemuͤſe, beſonders Melonen und Kuͤrbiſſe im Ueberfluſſe. Dieſe Maſchine iſt faſt ſo eingerichtet, wie jene in Aegypten, durch welche das Waſſer aus dem Nil in die benachbarten Felder ver⸗ breitet wird. 5 Seio gegenuͤber, auf der Kuͤſte von Aſien, iſt eine kleine Stadt, welche ehemals unter dem Namen Cyſſus und durch den Sieg bekannt war, welchen die Roͤmer hier uͤber die Flotte des K. Antioch us 191 Jahre vor Chriſtus erfochten haben. In den neu⸗ eren Zeiten wurde ſie als Tchesme durch die gaͤnz liche Niederlage der tuͤrkiſchen Flotte im Kampfe mit der ruſſiſchen 1770 beruͤhmt, indem das geladene Ge⸗ ſchuͤtz der erſteren waͤhrend des Brennens der Schiffe faſt die ganze Stadt und Feſtung Tchesme zuſam⸗ men ſchoß. Bald waͤre ich bei Samos, dem Vaterlande des Pythagoras, voruͤber gefahren, ohne zu landen, weil weder Denkmaͤler ſeiner Schule, noch andere Ueberbleibſel der Stadt als einige Steinhaufen, noch mehr als eine halb zertruͤmmerte Saͤule des einſt ſo beruͤhmten Tempels der Juno uͤbrig war. Das Vor⸗ gebirge Am pelos, ehemals Cantharlus und jetzt Samos oder St. Dominik genannt, theilt ſeinen Namen mit einer Bergkette, welche die Inſel durch⸗ 291 ſchneidet. Der von Plinius erwaͤhnte Berg Cer⸗ eetius mag jener ſeyn, welcher von Tou rnefort. mit dem Namen Calabacte bezeichnet iſt. Alle Produkte der benachbarten Inſeln finden ſich in Sa⸗ mosz aber nur wenige Bewohner genießen die Vor⸗ theile des ſo fruchtbaren Bodens und des reinſten Aethers. Der erſte Tempel der Juno war von den Perſern beraubt und angezuͤndet, der zweite, noch praͤchtigere, von Verres gepluͤndert und ſo zerſtoͤrt, daß kaum die Grundſteine uͤbrig blieben. Die noch uͤbrige Saͤule, deren Wuͤrfel die Tuͤrken durch Kano⸗ nenſchuͤſſe verruͤckt haben, hat eine ſo zierliche Pro⸗ portion der Ordnung, ſolche Verzierungen des Kapi⸗ tals und Fußgeſtelles, deren ſich die Griechen bei der Doriſchen Ordnung nie bedient haben, daß viele Rei⸗ ſende ſchon geneigt wurden, dieſe Truͤmmer nicht in⸗ ein ſo graues Alter zuruͤck zu verſetzen⸗ Dem Buche des h. Johannes von der Offen⸗ barung verdankt die Inſel Pathmos ſeine Beruͤhmt⸗ beit ſeit 1800 Jahren; denn ſie iſt nur ein Felſenklotz, aller Kultur unfaͤhig. Aus der Mitte der Inſel ſteigt ein Berg hervor, auf deſſen Spitze das Kloſter des b. Johannes wie eine Fezung ſich zeigt. Die Bewohner deſſelben wuͤrden aber verhungern, wenn ſie nicht in den benachbarten Inſeln und im Aber⸗ glauben der Griechen als eifriger Bewunderer dieſes Heiligen noch beſondere Einkuͤnfte haͤtten. Wie ganz 292 Griechenland mit Moͤnchen angefuͤllt iſt, welche weder leſen noch ſchreiben, aber die Suͤnden vergeben, und die Gnade des Himmels wilkuͤhrlich vertheilen koͤn⸗ nen, ſo hat auch jedes Schiff der Seeraͤuber ſeinen Pope bei ſich, welcher es im Augenblieke der ſchaͤnd⸗ lichen Handlung wieder von der Suͤnde losſpricht, oder ihnen die Losſprechung ſchon vorher verheißt. Laufen die Schiffer mit Raub in einen Hafen, ſo legen ſie den dem Prieſter gehörigen Theil zuerſt zu⸗ rüͤck, fuͤr welche Sorgfalt er ihnen im Namen Got⸗ tes, ſobald ſie ſich vor ſeinen Fuͤßen nieder geworfen haben, das Recht ertheilt, auf neuen Raub auszu⸗ fahren. Mit Paͤſſen fuͤr den Himmel verſehen, mit der vorgeſchoſſenen Vergebung fuͤr Raub, Mord, Nothzucht und andere Laſter ausgeruͤſtet, ſtechen ſie dann unter ruhigem Gewiſſen wieder in die See, und rufen ſogar Gott ag, er moͤge ihren Raub ſegnen. Sobald meine Schiffer geankert hatten, eilte ich dem Kloſter zu. Ich naͤherte mich dem Berge, und nahm einen Möoͤnch wahr, der mir in italiſcher Spra⸗ che zurief: aus welchem Lande ich ſey? woher ich kaͤme? was ſeit 7 Jahren in Europa vorgefallen ſey? Kaum vernahm er, ich ſey ein Franzos, ſo riet er: Sagen Sie mir, lebt Voltaire noch? Man ſtelle ſich mein Erſtaunen vor: voll Verwunderung fragte ich: wer ſind Sie? Sie, ein Moͤnch und Bewohner dieſer Felſen, der Sie einen Namen ausſprechen, 293 welchen man hier nicht erwarten koͤnnte. Ich bin, erwiederte er, das ungluͤcklichſte Geſchoͤpf, welches Sie jemals antrafen; aber antworten Sie, und be⸗ friedigen Sie meine Beſorgniſſe:„leben die beiden Wohlthaͤter der menſchlichen Geſellſchaft, Voltaire und Rouſſeau noch?“ Ich troͤſtete ihn mit der Nachricht, daß beide noch leben. Er antwortete: „Sie leben alſo! Die Menſchheit hat alſo noch Ver⸗ theidiger ihrer Rechte, die Unſchuld noch Beſchuͤtzer, der Fanatismus und die Unduldſamkeit noch Wider⸗ ſprecher, die zu ihrem Angriffe geruͤſtet ſind. Moͤchten ſte doch lange genug leben, um ſie ganz ausrotten, und andere von den Uebeln bewahren zu koͤnnen, welche ich erduldet habe.“ So machte er noch meh⸗ rere heftige und uͤbertriebene Ausbruͤche ſeiner Laune, welche ſeinen aufbrauſenden Charakter, ſeine lebhafte, geſpannte und durch Ungluͤcksfalle verbitterte Einbil⸗ dungskraft beurkundeten. Anfangs hatte ich ihn be⸗ wundert, aber bald gewann er auch meine Theilnahme. Ich drang in ihn, mir zu offenbaren, durch welche Widerwaͤrtigkeiten ein Mann von ſeiner Denkart und Sprache auf den Felſen von Pathmos gebannt worden ſey, ſich in die Tracht der Moͤnche zu huͤllen. Er erwiederte; ich bin auf dem Archipel geboren, aber ſchon von meiner erſten Jugend fuͤhlte ich in mir den Trieb, mich aus dem Stande der Erniedri⸗ gung, in welchem meine Landsleute ſchmachten, zu erheben. Ich begab mich nach Italien, widmete mich 294 den Wiſſenſchaften und wurde ſehr gelehrt: ich kann ſo ſprechen, weil auf dieſem Felſen, den ich nicht mehr verlaſſen werde, Eigenliebe nie Anſpruch macht. Ich hatte kein Vermoͤgen, und bemuͤhte mich um eine Stelle welche meinen Beduͤrfniſſen abhelfen, und meine Leidenſchaft fur das Studieren befriedigen köͤnnte. Bald bot ſich mir eine Stelle dar, wie ich ſie kaum beſſer wuͤnſchen konnte. Ein Kardinal wollte mich zum Bibliothekar ernennen, aber unter der ent⸗ ehrenden Bedingung, daß ich der Religion meiner Vaͤter entſagen ſollte. Zwar haͤnge ich ihr nicht blind an, und ich glaube, daß dem von mir verehrten Gott alle Arten von Verehrung gleich ſind. Mir iſt ganz gleichgultig, ob ich das Kreuz mit der rechten oder linken Hand mache, ob ich Mittwoche oder Sonn⸗ abends faſte; allein mir war doch der Preis meines Abfalles zu bedenklich. Ich litt eher den aͤußerſten Mangel, kehrte nach Griechenland zuruͤck, und ſuchte meine Zuflucht in einem Kloſter, von deſſen 80 Moͤn⸗ chen nur drei leſen koͤnnen. Aber was liegt daran? Wir haben nur wenige Buͤcher, aber zu welchem Zwecke ſollten viele dienen? Das Vergangene inter⸗ eſſirt wenig, wenn das Gegenwaͤrtige nichts fuͤr uns iſt. Die Handarbeit, welche vom Nachdenken abhaͤlt, paßt mehr fuͤr meinen Stand; auch mir iſt ſie Troſt.“ Ich wurde durch dieſe Aeußerung ſo innig ge⸗ ruͤhrt, daß der Moͤnch ſelbſt es wahrnahm. Er fuhr 295 fort:„bedauern Sie mich nicht ſo hertlich, mein Schickſal wird jeden Tag weniger traurig. In den erſten Jahren dieſer Gefangenſchaft war ich der un⸗ gluͤcklichſte Menſch; zwanzig Male war ich im Be⸗ griffe, mein Leben und meine Widerwaͤrtigkeiten zu beendigen. Jetzt habe ich das meiſte meines Wiſſens wieder vergeſſen; ich habe die Gaben des Verſtandes verloren, mit welchen die Natur mich vielleicht aus⸗ geruͤſtet hatte; ich nahere mich ſchon dem bloͤs vege⸗ tirenden Zuſtande meiner Mitbruͤder; bald werde ich ihnen ganz gleichen, und nicht mehr ungluͤcklich 4 ſeyn.“ Je laͤnger dieſer außerordentliche Mann ſprach⸗ deſto mehr feſſelte er mich, und meine Theilnahme an ihm wuchs noch mehr, als er ſogar das Geſchenk, welches ich ihm anbot, ausſchlug. Da ich mich dem erſten Eindrucke uͤberließ, welchen ein Ungluͤcklicher auf uns machen kann, ſo wollte ich ihm eben das Anerbieten machen, ihn ſeinem Felſen zu entreißen, und ihn zu einem beſſeren Leben zuruͤck zu fuͤhren. Schon freute ich mich, ihn ſeinen Drangſalen zu ent⸗ reißen; allein in der ferneren Unterredung uͤberzeugte ich mich, daß er entweder nie ganz richtigen Verſtand hatte, oder daß ſeine Unfaͤlle den ſelben raubten. Ich beklagte ihn jetzt noch mehr, aber ich hatte keine Luſt mehr, ihn zum Reiſe⸗Gefaͤhrten zu waͤhlen. Seine Aeußerungen wurden ſtets uͤberſpannter, ſein Blick war ſchrecklich, und es koſtete ihm Gewalt, den 296 inneren Drange nachzugeben, und ſein Inneres an dieſem Orte der Verbannung auszugießen. Ich ging mit ihm in das Kloſter, wo ich vom Oberen empfan⸗ gen wurde, welcher an dem Staube der wahrhaft thieriſchen Dummheit zu kleben ſchien. Ich hoffte, von dieſem einige Aufklaͤrung uͤber die im Kloſter verwahrten Handſchriften zu erhalten, allein er er⸗ wiederte hochmuͤthig, daß er ſie nicht leſen koͤnne. Die Einſiedelei des h. Johannes liegt am Ab⸗ hange des Berges zwiſchen dem Hafen de la Seala und dem Kloſter. Die Kirche lehnt ſich an einen Felſen, deſſen Hoͤhle dem Heiligen zum Zufluchts⸗ Orte gedient haben ſoll. Hier ſoll er ſeine Offenba⸗ rung geſchrieben habenz, man zeigte mir ſogar die Oeffnung, durch welche der h. Geiſt ihm zufluͤſterte. Ein Stuͤckchen dieſes Felſens ſchuͤtzt untruͤglich gegen 1000 Krankheiten und gegen alle boͤſe Geiſter. Die griechiſchen Moͤnche treiben mit den Felſen⸗Stuͤcken oͤffentlich gerade einen ſolchen Handel, wie ſie die Losſprechung von Suͤnden ſich abkaufen laſſen. Man verkauft das Waſſer des Ganges in Indien an die Voͤlker, welche deſſen Ufer bewohnen; die Prieſter des Lapplandes beherrſchen die Winde des Nords; und der ſchwache Einwohner von Thibet kauft mit großen Koſten, was ihm die Gottheit des großen Lama ſehr verdaͤchtig machen ſollte. Der abſichtliche⸗ Betrug auf der einen, und die Leichtglaͤubigkeit auf der anderen Seite herrſchen in allen Laͤndern. 297 Tournefort ſchilderte das weibliche Geſchlecht von Pathmos ſo zuvorkommend, daß wir eine weit beſſere Aufnahme hofften, als wir erhielten. Zu ſeiner Zeit bemuͤhten ſich die Frauenzimmer, den Fremden zu gefallen, weil ſie dieſen Abſichten zum Eheſtande zumutheten. Allein entweder haben ſie ſich bisher in ihren Hoffnungen getaͤuſcht, oder unſer Anzug war ihnen zu abſchreckend. Denn ſie waren wilder und ſproͤder, als wir je kennen lernten; kaum ließen wir uns nur in einer Gaſſe blicken, ſo verſchloſſen ſie ihre Thuͤren. Da uns ſchon mehrere Tage Brod mangelte, ſo ſuchten wir uns daſſelbe zu verſchaffen; allein ohne Vermittlung unſeres Moͤnches wuͤrden unſere Bemuͤ⸗ hungen fruchtlos geweſen ſeyn. Ein heftiger Wind hatte uns genoͤthigt, im Ha⸗ fen Grieu auf Pathmos einzulaufen, deſſen Ge⸗ ſtalt und Kliopen Furcht einjagen. Wir verließen ihn nicht ohne viele Anſtrengung, erreichten jedoch ohne einen Unfall das hohe Meer, ſegelten den Inſeln Ceros und Calymna oorbei, und ankerten bei der Inſel Cos, dem Geburtsorte beruͤhmter Maͤnner. Hippokrates, das groͤßte Genie, iſt nach 3000 jaͤh⸗ rigen Forſchungen das Orakel der Wiſſenſchaft noch, welche er ſchuf. Leider koͤnnen wir das Verdienſt des großen Appelles nur nach den Lobſpruͤchen wuͤrdigen, welche ihm aus der gebildetſten Zeit Grie⸗ chenlands zuſtroͤmten. Dieſe Inſel hat uͤbrigens gar nichts Anziehendes, außer dem uͤberall gleich ſchoͤnen 298 Klima, fruchtbaren Boden, und Ueberfluß an Fruͤch⸗ ten. Nimmt man Pathmos und einige andere Klippen aus, ſo war die Natur greich verſchwenderiſch in ihren Wohlthaten fuͤr ganz Griechenland. Die Stadt Cos liegt am Ufer; ihr Hafen iſt bequem, die ganze Kuͤſte mit Orangen⸗ und Citronen⸗Baͤumen beſetzt, welches einen hoͤchſt reizenden Anblick gewaͤhrt. Der Markt⸗ oder oͤffentliche Platz iſt ungemein ſchoͤn; in deſſen Mitte iſt ein Ahorn⸗Baum, deſſen weit verbreitete Aeſte ihn ganz bedecken, und mit Wohlge⸗ ruch erfuͤllen. Waͤren die Einwohner nicht aus Ver⸗ ehrung fuͤr den Baum auf die Richtung der Aeſte ſorgfaͤltig, ſo wuͤrden ſie unter der Laſt ihrer Schwere erliegen. Auch hier erinnern praͤchtige Saͤulen aus Marmor oder Granit, welche dieſem Baume zur Stuͤtze jetzt dienen, an die Groͤße der Vorzeit. Eine reichlich ſtroͤmende Quelle erhoͤht noch die Annehm⸗ lichkeit des Aufenthaltes an dem Platze, wo die Ein⸗ wohner ihre Geſchaͤfte mit einander machen, waͤhrend ſie ſich zugleich gegen die ſchwuͤle Hitze ſchuͤtzen. In Cos herrſchen zwei Muͤnzen: auf einer ſteht der Kopf Aeſkulapes mit der Schlange, dem Namen Gortes als Erloͤſers auf der Kehrſeite. Auf der zweiten findet ſich der Kopf des Herkules mit der Loͤwen⸗Haut, eine Krabbe mit dem Namen einer Magiſtrats⸗Perſon auf der Kehrſeite. Der Name der Inſel Rhodus mag am natuͤr⸗ lichſten von der Menge Roſen abgeleitet werden, wel⸗ 299 che auf dieſer Inſel gedeihen. Dieſe Blume war das Sinnbild der Rhodier, wie die Sonne ihr Schutzgott, deſſen erwärmendes Prinzip alle Menſchen begeiſtert. Kein Klima mag auch mehr geeignet ſeyn, fuͤr die Sonne als Gottheit empfaͤnglich zu werden. In die⸗ ſem praͤchtigen Lande, welches eben ſo weit vom kal⸗ ten Nord⸗Pole, als vom brennenden Aequator iſt, wo alle nuͤtzlichen Produkte und alle angenehme Em⸗ pfindungen vereinigt werden, konnte der maͤchtig wir⸗ kenden Sonne die unwandelbare Verehrung nicht entgehen. In Rhodus weiß man weder von der Strenge des Winters, noch von den Regen⸗Guͤffen unſerer Herbſte; ſogar die Hitze der Sonne wird durch ſchoͤne Gehoͤlze, viele Quellen und eben ſo geſunde als erfriſchende Fruͤchte gemuͤßigt. „Unter den Tempeln, welche die Inſel Rhodus in der Zeit ihres hoͤthſten Flores verberrlichten, gleicht keiner an Pracht dem Tempel der Sonne. Er war noch reicher an Gaben der Kuͤnſtler, als an Geſchen⸗ ken der Koͤnige. Man ſah hier die Werke des Zeu⸗ ris und Parrhaſius, die Meiſterſtuͤcke des Apel⸗ les, und jenes Gemaͤlde des Prokogenes, an welchem ein Zulall ausfuͤhrte, was die Kunſt nicht leiſten konnte. Die Stadt Rhodus, welche mit Kunſtwerken aller Art verſehen war, wurde ſelbſt ein Wunder. Das große Vergnuͤgen, in einer ſo herrli⸗ chen Stadt zu wohnen, wurde noc durch den Um⸗ gang mit vielen Philoſophen, Dichtern und Rednern 300, geſteigert. Rhodus war der Geburtsort vieler gro⸗ ßer Maͤnner, und wurde die Zuſluchtſtaͤtte aller, welche den Druck der Noͤmer ſcheuten, ja dieſer ſelbſt, als nach dem Sturze der Freiheit die wahren Pa⸗ trioten, die eifrigſten Republikaner freiwillig Rom und ganz Italien verließen. Aber vor dieſer Epoche, als dieſe Tyrannen der Welt auch Griechenland un⸗ terjocht hatten, war Rhodus der Mittelpunkt der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, wie der Freiheit geworden. Dieſe Stellung war ſo feſt begruͤndet, daß ſie ſich faſt noch ein ganzes Jahrhundert, gegen Roms Gluͤck kaͤmpfend, erhielt. Die erſte Quelle ſo vieler Vortheile war ein blu⸗ hender Handel. Schon vom IX. Jahrhundert vor Chriſtus hatten die Rhodier durch ihre Schiffahrt und ihren Handel eine Menge Pflanzſtaͤdte gegruͤndet, und auf den Kuͤſten von Cilizien, Italien, Sizilien und Spanien ausgebreitet. Nach Strabo's Verſiche⸗ rung ſtifteten ſie Soli in CEilizien, Parthenope (Neapel) in Kampanien, und Roſes auf Spa⸗ nien's oͤſtlicher Kuͤſte. Je mehr Reichthuͤmer ſich auf Rho dus anhaͤuften, deſto mehr wurde die Habſucht benachbarter Fuͤrſten gereizt. Demetrius machte die wuͤthigſten Angriffe, aber nach einem Jahre von Anſtrengung ſah er ſich genoͤthigt, Friede zu machen, und ſogar ſeine Belagerungs⸗Maſchinen zuruͤck zu laſſen, deren Ausbeute die Rhodier zu dem beruͤhmten Koloſſe, einer Statue, verwendeten. Dieſe war von 304 den Alten unter die Wunder der Welt gezaͤhlt, und vom Buͤrger Chares aus Lindus, einer betraͤcht⸗ lichen Stadt der Inſel Rhodus gegoſſen. Nach Plinius war dieſelbe vielleicht 105 Fuß hoch; ſie wurde durch ein Erdbeben umgeworfen, und brach uͤber den Knieen. Ihre zerſtreuten Glieder blieben noch lange ein Gegenſtand der Bewunderung, und waren noch bei der Eroberung der Inſel durch die Sarazenen 672, in dem erſten Jahre des vierten Ka⸗ lifen Othman und in dem zweiten der Regierung Konſtantin's, alſo 900 Jahre nach dem Umſturze vorhanden. Der Koloß ſtand am Ufer des Meeres, am Eingange des Hafens. Der Graf Caylus mein⸗ te, er ſey ſtuͤckweiſe gegoſſen, und dann zuſammen geſetzt worden. Nachdem Rhodus den Griechen, Arabern und Genueſern zugefallen war, kam es in den Beſitz der Krieger, welche zum Schutze der Pilger beſtimmt, die furchtbarſten Gegner der Muſelmaͤnner wurden. Die Johanniter⸗Ritter, welche nach dem Verluſte von Akra aus Palaͤſtina vertrieben waren, bemaͤch⸗ tigten ſich der Inſel Rhodus, und behaupteten ſich gegen die wuͤthigſten Angriffe bis 15822. Noch giebt es eine Ritter⸗Straße, noch ſind viele Haͤuſer mit ihren Wapen und Namen uͤberſchrieben. Das Spital iſt in einen Fruchtboden, und die Kirche des h. Jo⸗ hannes in eine Moſchee verwandelt. Die Bevoͤl⸗ kerung war ſtets im Abnehmen; die Erbauung der 1 302 Schiffe uͤberlaͤßt der Naſir dem Wenigſtnehmenden, damit er deſto mehr uͤbrig behaͤlt. Das aus Karama⸗ nien gelieferte Getreide wird von der Obrigkeit im hoͤchſten Preiſe an die Einwohner verkauft. Das im Inneren der Inſel geſchlagene Holz wird durch Froh⸗ nen nach Rhodus gedracht, und die Arbeiter erhalten nur ein Drittheil des bedungenen Lohnes. Daher gerathen die Schiffe oft ſchon vor der Vollendung in Faͤulniß, haben ein hoͤchſt unvortheilhaftes Maſt⸗ und Tauwerk, langſame und zaghafte Kanonire, und die Kapitaͤne ſind hoͤchſt unwiſſend, daher die Seemacht der Tuͤrken gegen jene anderer Nationen gar nicht zu achten iſt.. Der Thurm des h. Nikolaus wurde unter dem Großmeiſter der Johanniter, Raimund Zacoſta, durch die Freigebigkeit Phi lipps, des Herzogs von Burgund, erbaut, welcher die Abſichten Mahomelsll. auf Rhodus fuͤrchtete, und 12000 Goldthaler zur Be⸗ feſtigung des Platzes vorſchoß. In der Nachbarſchaft liegt die Inſel Symio, deren Einwohner als Taucher ſich vorzuͤglich naͤhren; ſelbſt die Weibsperſonen treiben dieſes gar nicht an⸗ ſtehende Geſchaͤft halber Amphibien. Mit der Koral⸗ len⸗ und Schwamm⸗Fiſcherei, welche in dieſer Gegend ſehr geſegnet iſt, verbinden die Einwohner noch die Fertigkeit, von Schiffbruͤchen Vortheile zu ziehen. Porcauhi giebt der Inſel Symio einen Umfang von drei Meilen. Am Geſtade des Meeres ſteht noch 303. ein altes Schloß. Der Wein iſt gut, und die Ein⸗ wohner pflegen viele Ziegen. Ich begab mich am 28. Juni von Rhodus in das Innere des Meerbuſens von Macri, wo ich noch unbekannte Alterthuͤmer zu finden hoffte. Wir ſegel⸗ ten an deſſen Eingange zwiſchen zwei Iuſeln, welche die Telondria und Enagera des Plinius ſeyn moͤ⸗ gen. Gegen Nord derſelben iſt ein Vorgebirge Pen⸗ tules, welcher Name vielleicht aus Pedalium entſtand, wie man im Plinius und Pomponius Mela lieſt. Nach Strabo hieß daſſelbe Artemi⸗ ſium von einem Tempel der Diana, welcher hier ſtand, und bei welchem der h. Hain der Latona ſich befand. Im weiteren Fortſchreiten durch den Meer⸗ buſen und an der linken Kuͤſte iſt das Vorgebirge Crya, von der nahen Stadt Cryaſſus, wie Plu⸗ tarch, Poliaͤnus und Stephan von Byzanz ſie nannten. Ptolomaͤus aber bezeichnete ſie durch Carva, woher der Name Cari in d⸗Anville’s Karte des Archipels kommen mag. Cryaſſus mit den auf dieſer Kuͤſte gelegenen Staͤdten bildet die Landſchaft Peraͤa, welche der Inſel Rhodus untergeordnet war, an der Grenze von Dorien bei dem Gebirge Phoͤnix begann, und bei dem Schloſſe Daͤdala endigte. Der Meerbuſen von Maeri vertauſchte ſeinen alten Namen, Fluß Glaukus, mit jenem einer 304 kleinen Inſel, welche im Angeſichte der jetzt zerſtoͤrten Stadt Telmiſſus liegt. Am Abhange eines benach⸗ barten Huͤgels findet man viele Graͤber aus grauem Steine verſchiedener Geſtalt und Groͤße. An einem anderen Abhange iſt aus grauem harten Steine das Theater von Telmiſſus angelegt, wie das des Bacchus zu Athen. Der ganze Zirkel, auf welchem die Zuſchauer ſaßen, iſt noch ziemlich gut erhalten; aber die aͤußeren Seiten, welche an die Buͤhne ſtie⸗ ßen, und von dem Boden nicht geſtuͤtzt wurden, ſind gaͤnzlich zerſtoͤrt. Dieſer ganze Theil, wie die Buͤhne, iſt mit Truͤmmern angefuͤllt, welche verhindern, den Grund zu unterſuchen. Am 30. Juni Nachts 141 Uhr verließen wir unter Anfuͤhrung eines Griechen, welcher uns aus Smyrna entgegen geſchickt war, die Truͤmmer von Telmiſ⸗ ſus. Wir beſuchten die kleine Stadt Maceri wegen daſelbſt nicht zu findender Alterthuͤmer gar nicht, ſondern wendeten uns links gegen die Bucht, und ſetzten unſere Reiſe nordwaͤrts fort. Waͤhrend der Nacht ſetzten wir uͤber zwei Baͤche, welche den Fluß Glaukus bilden, durch kaum gebahnte Wege, uͤber gebirgiges und unbewohntes Land. Waͤhrend des an⸗ deren Tages verweilten wir in einem Gehoͤlze, wel⸗ ches uns wenig gegen die druͤckende Hitze ſchuͤtzte; um 4 Uhr Nachmittags ſtiegen wir wieder zu Pferd. Wir fanden auf unſerem Wege ein in Felſen gehaue⸗ nes Grab, wie jenes zu Telmiſſus, aber von dori⸗ 305 ſcher Ordnung und nur wenige Schuhe uͤber den Boden erhaben. Am 2. Juli uͤberſchritten wir einen Bach, welche einſt Lyzien von Karien trennte, und an dem Orte in das Meer ſich ergießt, wo das Schloß Daͤ⸗ dala ſtand. Karien war eine der Provinzen, wel⸗ cher Mithridates, waͤhrend der Zwiſte zwiſchen Marius und Sylla, ſich bemaͤchtigte; zu Stra⸗ tonicea ſah und liebte er die ungluͤckliche Moni⸗ me. Karien war den Rhodiern unterworfen, durch Veſpaſian den Roͤmern bis zur Zeit, als die Kreuzfahrer ſich vom wahren Ziele ihrer Zuͤge ent⸗ fernten, Konſtantinopel einnahmen, und einen chriſt⸗ lichen Fuͤrſten vertrieben, welcher ſie menſchenfreund⸗ lich aufgenommen hatte. In Karien hatten wir einen beſchwerlichen Weg uͤber die mit Holz bedeckten Gebirge. Dann eroͤffnete ſich eine weite Ebene mit ODleander⸗, Myrthen⸗ und Granat⸗Baͤumen bedeckt. Wir uͤberſchritten den Fluß Axon, an deſſen Geſtade wir ruhten. Zur Rechten erhob ſich die Kette hoher Gebirge, welche nach der zerſtoͤrten Stadt Calvnda genannt werden. Nach einigen Abwechslungen von Ebenen und Gebir⸗ gen gelangten wir durch das Dorf Dur lach in ein Ge⸗ boͤlz, wo wir einen Tag und eine Nacht luſtwandelnd ver⸗ weilten. Lebensmittel fehlten uns ſelten: denn wir trafen in allen bewohnten Orten Huͤhner an, welche wir um einen geringen Preis von den armen Bewoh⸗ 498es B. Griechenland. II. 3. 5 306⸗ nern kaufen konnten. Wir waren auch mit Schlaͤu⸗ chen verſehen, welche wir bei guter Gelegenheit mit Wein fuͤllten. Daher mir dieſer ganze Theil meiner⸗ Reiſe nur als angenehmer Spatziergang. vorkam, wenn ich ihn mit den großen Muͤhſeligkeiten vergleiche, welche ich einige Monate ſpaͤter in Ober⸗Griechenland und auf dem Wege von Salonichy nach Spa⸗ latro, durch Servien und. Bosnien zu leiden hatte. Wir reiſten nach Moglad, der auf den Numen von Alindar ſtehenden Stadt. Sie wird vom Aga⸗ Haſſan Tſchauſch Oglu bewohnt, welcher ſich durch ſeinen Muth und ſeine Reichthuͤmer von der⸗ Pforte unabhaͤngig gemacht hat. Er hatte bereits das goſte Jahr erreicht; ſein ehrwuͤrdiges Alter ſchien ſeine Macht noch erhoͤht zu haben. Er hatte ſeinen Sohn gelehrt, wie er ſich gleichfalls nach ihm gegen die Pforte erhalten koͤnne. Seine Enkel waren ſeine Lieutenants: er hatte ihnen die benachbarten Flecken und Doͤrfer zum Unterhalte uͤberlaſſen. Wir erreichten die Stadt am fruͤhen Morgen, und ſtiegen im Karwanſerai ab. Bei dem Eintreten nahm ich Jemanden in einer Kleidung wahr, welcher ſich die Dollmetſcher und Aerzte des Orients gewoͤhulich bedienen. Er naͤherte ſich, begruͤßte mich in italiſcher. Mundart und bot mir ſeine Dienſte an. Ich uͤber⸗ haufte ihn mit Fragen, deſto begieriger war er, mich naͤher kennen zu lernen; in ½ Stunde war wir ſchon 307 ganz harmoniſch. Er war Araber, und hatte große Fertig⸗ keit in allen Sprachen der Levante. Er gab vor, er habe zwei Jahre zu Padua die Arznei⸗Wiſſenſchaft ſtu⸗ dirt, wovon er wenige Spuren zeigte. Mehrere Uu⸗ faͤlle noͤthigten ihn zur Flucht in dieſes Land, wo er Leibarzt des Aga von Mylaſſa geworden iſt. Von dieſem wurde er vor einem Monate zum Aga von Mog lad geſendet, deſſen Geſundheit durch Ausſchwei⸗ fungen erſchuͤttert war„ welche einem ſolchen Greiſe faſt unverzeihlich ſind. 3. Der Arzt uͤbernahm, dem Haſfan unſere An künft zu eroͤffnen, und um eine Stunde zu erſuchen, in welcher ich ihn ſprechen koͤnnte. Ich verfuͤgte mich des Morgens 10 Uhr in ſeinen Palaſt. Ich wanderte durch einen Hof, in welchem mehr als 100 praͤchtig geſchirrte Pferde angebunden waren, bei der Thuͤre des Hatems voruͤber, vor welcher mehrere ſchwarze Verſchuittene ſtanden, und die Tieppe hinauf. Zwar war der ganze Palaſt aus Holz gebaut; allein die große Treppe, und die weittaͤufigen Galerien von Außen, welche mit vielen Tuͤrken, Negern und Tar⸗ taren beſetzt waren, machren ihn anſehnlich. Alle draͤngten ſich vor, mich zu ſehen, zu beruͤhten, meine Kleider und A ffen zu kennen, und redeten mich in ihren mir anverſtaͤndlichen Sprachen an. Nachdem ich dieſe ſtuͤrmiſche Hoͤflichkeit faſt eine halbe Stunde ausgehalten hatte, wurde mir endlich die Er⸗ laubniß ertheilt, meine Beſuche zu beginnen, und 3⁰⁸ zwar zuerſt bei dem Kihaya oder dem erſten Offiziere des Aga, dann bei dem Sohne, und endlich bei dem Vater. Dieſer ſaß am Ende eines ſehr großen Saales auf einem Sopha mit einem Urenkel auf dem Schooße. Ich ſetzte mich zur Seite mit quer gelegten Fuͤßen. Der Dolmetſcher kniete zwiſchen uns auf einem Tep⸗ piche, und hielt ſeine Haͤnde in den wechſelſeitigen Aermeln des Rockes zum Zeichen der tiefſten Ehrfurcht, waͤhrend dem Aga meine Geſchenke uͤberbracht wurden. Dieſe beſtanden in einer goldenen Uhr, einem Paar Piſtolen, einigen ſeidenen Stoffen mit Gold durchwirkt für zwei Kleider ſeiner Weiber, und in einer Kiſte mit Syrup und trocknem Konfekt. Haſſan erkun⸗ digte ſich uͤber viele Gegenſtaͤnde; durch meine Ant⸗ worten wurde ſeine Verwunderung ſehr erhoͤht, daß ich aus bloßer Neugierde eine ſo beſchwerliche Reiſe machte. Ich ließ es nicht an Erhebung des beruͤhmten Landes und ſeiner gluͤcklichen Unabhaͤngigkeit fehlen⸗ was ihm ſehr gefiel. Er gab den Umſtehenden einen Wink zur Entfernung, und wurde vertraulicher, waͤh⸗ rend ich muthiger wurde. Er bekannte offen, ſeine Reichthuͤmer ſeyen die erſte Quelle ſeines Ruhmes und Anſehens geweſen, und haͤzten ſeine Macht be⸗ guͤndet; er babe die Angriffe der umliegenden Paſchen durch ſeine Tapferkeit vereitelt, und in dieſem von Bergen eingeſchloſſenen Bezirke einen kleinen Staat nach einer beſondern Regierungs⸗Form gebildet. Er habe ſich gegen ungerechte Angriffe vertheidigt, und dadurch alle Unterdruͤckte zu Freunden gewonnen. Er habe den Einwohnern die Haͤlfte der Abgaben nachge⸗ laſſen, weßwegen ſie ihn fuͤr einen beſſern Herrn hal⸗ ten. Er beſchuͤtze ſeine Freunde, und ließe ſeine Feinde erwuͤrgen, ſobald ſie verdaͤchtig ſind. Er ſey im hoͤchſten Alter von Freunden geliebt, von Feinden gefuͤrchtet; er habe dem Sultan nie ein Leidweſen zugefuͤgt, und habe auch nie etwas von ihm zu fuͤrch⸗ ten. Denn er habe immer jene, welche in ſeinem vor⸗ geblichen Namen ihm den Kopf abſchlagen wollten, von der Grenze abgehalten. Er wuͤnſchte nur, daß ſein Sohn ſeine Macht bis auf dieſes Kind fortpflan⸗ zen moͤge. Er verſprach mir bei dem Abſchiede einen Mann als ſicheren Begleiter. Kaum war ich eine Stunde in die Karwanſerai zuruͤck gekommen, ſendete mir Haſſan unter beſonderer Feierlichkeit ein ſchoͤnes iſabell⸗farbiges Pferd, welches Geſchenk in den Augen der Moslims zur großen Ehre und Hochachtung ge⸗ reicht. Die uͤbrige Zeit des Tages benutzte ich zu Er⸗ kundigungen uͤber die Landſchaft, welche der Dol⸗ metſcher gerne ertheilte. Er ließ ſich bewegen, mich nach Mylaſa zu begleiten, indem Haſſan ſeiner nicht mehr bedurfte. In dieſem Augenblicke wurde ihm gemeldet, daß einer ſeiner Kranken, welchen er mit Rhabarbar behandelte, zunehmenden Schmerzen an den Nieren habe. Er bekannte offen, daß ſeine 310 ganze Apothekerkenntniß ſich auf dieſes einzige Mittel beſchraͤnke, und bat mich um Unterſtuͤtzung durch meine Keuntniſſe. Ich verordnete daher Aderlaß und Baͤder, theilte Salben und Seifen⸗Billen aus, und kam nach wenigen Stunden in ſo hohen Ruf eines geſchickten Arztes, daß ich raͤthlich fand, Nachts mich zu entfer⸗ nen. Mit Anbruche des Tages kamen wir nach Eski⸗ Hiſſar, wo die alte Stadt Stratonicea gelegen ſeyn ſoll, welche die Gemaylin von Antiochus So⸗ ter, gleiches Namens, geſtiftet haben ſoll. Alle Mo⸗ narchen von Seleucis wetteiferten fuͤr ihre Verſchoͤ⸗ nerung; die Roͤmer ehrten ihre Freiheit, in welcher ſie ſich lange erhielt; der K. Hadrian baute ſie zum Theil wieder auf. Die um die Stadt ſich ziehenden Gebirge ſind die Schluß⸗Steine der Bergkette von Taurus, welche ſich bis an das aͤußerſte Ende von Indien erſtreckt. Die Stratonizaͤer hatten einen Tempel der He⸗ cate auf dem Wege nach Epheſus, und einen des Jupiter Chryſgorens nahe an der Hauptſtadt, wohin alle kariſchen Staͤdte ihre Abgeordnete zum ge⸗ meinſchaftlichen Opfer an einem Tage, und zur Ab⸗ handlana der alaemeinen Angelegenheiten der verbuͤn⸗ deten Republik ſendeten. In einer Inſchrift ſtand: „Da dieſe Gottheiten die Stadt vor ſehr großen Ge⸗ fahren behuͤteten, und das Volk ſeinen Dank durch die Menge der Opfer und durch den Weihrauch be⸗ zeige, welcher in ihren Tempeln brenne; ſo habe der — 8 311 Senat befohlen, daß taͤglich 3o Kinder der vornehm⸗ ſten Familien, mit Oelzweigen bekraͤnzt und weiß ge⸗ kleidet, mit ihren Erziehern und unter dem Vortritte eeines Harfenſpielers und Herolds, im geſchloſſenen Zuge in den Senat ziehen, und eine von Soſander verfaßte Hymne ſingen ſollen.“ Jetzt findet man keine Spur dieſer Tempel mehr. dachdem ich den ganzen Tag mit Meſſung der Trüͤmmer zugebracht hatte, beſuchte ich den Aga, wel⸗ cher ein dummer und haͤßlicher Enkel des Haſſan Tſchauſch Oglu war. Er empfing mich ſehr hoch⸗ muͤthig, und hielt fuͤr naͤrriſch der bloßen Neugierde wegen zu reiſen. Doch war er von dem Augenblicke, als er den Zweck meiner Wanderung vernommen hatte, artig, und lud mich zu einem Feſte ein, welches er ſich bereiten ließ. Ich ließ mehrere Ruinen von Stra⸗ tonicea abzeichnen, und kaufte einige alte Muͤnzen. Waͤhrend der Nacht kamen wir von Eski⸗Hiſſar nach Melaſo, dem ehemaligen Mylaſa, welche von Mithridates und Labienus eingenommen, und von Hybreas muthig vertheidigt wurde. Stra⸗ bo meldet, ſie ſey eine der praͤchtigſten Staͤdte des Alterthums und eine der reichſten an Tempeln, Bo⸗ gen⸗Gaͤngen und Denkmaͤlern aller Art geweſen, zu welchen ein Bruch weißen Marmors in der Naͤhe der Stadt den Stoff geliefert hatte. Die Roͤmer goͤnnten ihr die Freiheit, deren ſie ſich durch ſo große Bemuͤ⸗ hungen um ihre Erhaltung wuͤrdig gemacht hatte. 312 * Die Bewohner der Stadt und Gegend von My⸗ laſa beſuchten gerne zwei dem Jupiter geweihte Tempel. Der in der Stadt ſelbſt befindliche hieß Oſagoz der andere auf dem Berg, 60 Stadien von ihr entfernt auf dem Wege nach Alabanda war dem kriegeriſchen Jupiter(Stratios) geweihet; zu dieſem fuͤhrte ein beſonderer gepflaſterter Weg von Mylaſa. Von beiden Dempeln iſt keine Spur mehr ſichtbar; ſelbſt von dem ſchoͤnen Denkmale, welches dem K. Auguſt und der Gottheit Roms geweihet, von Pococke noch geſehen war, iſt nichts mehr uͤbrig, indem ſeine Truͤmmer zu einer Moſchee verwendet wurden. Eine Viertels⸗Meile von der Stadt ſteht ein Gebaͤude aus weißem Marmor, intereſſant in der Form und Ausfuͤhrung. Das Untergeſchoß bildet eine Grundmauer, und war fuͤr die Aſche oder Leichname der Todten beſtimmt. Eine Treppe fuͤhrt nicht zum oberen Theile; doch moͤgen die Verſtorbenen ſich zu⸗ weilen daſelbſt verſammelt haben. Die Grundmauer traͤgt 8 Saͤulen und 4 Pfeiler von korinthiſcher Ord⸗ nung, und das Grabmal endigt ſich als Pyramide. Gegen Öſt der Stadt Mylaſa iſt ein Thor aus weißem Marmor, deſſen Abriß und Verhaͤltniſſe ſchoͤn ſind. Die Gebaͤude welche mit ihm verbunden waren, und wovon nur noch die Grundlagen uͤbrig ſind, ſchie⸗ nen eher den Eingang zu einem Palaſt als zu einer 313 Stadt zu bilden. Die dabei beſindlichen Kapitaͤler und Kaͤmpfer ſind von guter Zuſammenſetzung und ſteißiger Ausfuͤhrung. Oſtwaͤrts eine Meile von der Stadt ſieht man noch ein Grabmal, welches in einen Berg gehauen, und den Graͤbern zu Telmiſſus aͤhnlich iſt. Die Bewohner dieſer Gegend waren nach Strabo, Homer, Titus Livius und Pompo⸗ uius Mela immer kriegeriſch. Ihre ſtete Uebung⸗ im Kriege veranlaßte ſie zur Verbeſſerung und Ver⸗ ſchoͤnerung der Waffen. Raubſucht bewog ſie, Soͤld⸗ linge zu werden, und dem zu dienen, welcher ſie am beſten zahlte; ſie trugen einen ſchwarzen Turban. Am 71. Juli des Morgens 2 Uhr brachen wir in Begleitung des arabiſchen Arztes auf, welcher noch einige Tage an unſerer Seite bleiben wollte. Wir ritten durch eine ſchoͤnet, von einem Bache durch⸗ ſchlaͤngelte Ebene, welche von Gebirgen eingeſchloſſen war, und kamen Vormittags 9. Uhr nach Carowa, einem Landgute des Agg von Mylaſaz ein Mohr, der uns auf ſeinen Befehl begleitete, ließ uns bis Abends hier ausruhen. Wir mußten nun uͤber ſchlim⸗ me Pfade ziehen, und erreichten die Berge, als unſere Pferde ganz ermuͤdet waren. Waͤhrend wir dieſen einige Ruhe goͤnnten, ſpeiſten wir einige Huͤhner, und ſchliefen bis zum Aufgange der Sonne. Nach einem hoͤchſt beſchwerlichen Marſche von 8 Stunden in ſteilen Gebirgen erreichten wir Budrun, eine der reichſten Staͤdte Klein⸗Aſiens, beruͤhmt als Hali⸗ 3 „ a. 314 earnaß und Geburtsſtaͤtte von Herodot und Dio⸗ nys, und durch das praͤchtige Mauſoleum oder Denkmal der Wehmuth Artemiſien“s uͤber ihren Gemahl Mauſolus, welche Koͤnigin den Perſern die wichtigſten Dienſte leiſtete, und in der Schlacht bei Salamin mit groͤßtem Muthe focht. Unter der Regierung eines Enkels dieſes Fuͤrſten verbannte ſich Herodot freiwillig aus ſeinem Vaterlande, um nicht deſſen Feſſeln zu theilen. Die Ritter des Jo⸗ hannes⸗Ordens erbauten die jetzige Feſtung, nann⸗ ten ſie das Kaſtell St. Pedro, welches die Tuͤrken anfangs in Bedro, und endlich in Budrun ver⸗ wandelten. Von hier kehrten wir nach Melaſſo auf dem naͤmlichen Wege zuruͤck; wir verweilten daſelbſt noch einenTag, und verließen ſie des anderen Morgens um 3 Uhr. In 5 Stunden erreichten wir Aſſem⸗ Kalaſi, wo man nur noch Truͤmmer jener Stadt findet, welche einſtens auf den Ruinen von Jaſus erbaut worden war. Wenige armſelige Griechen leben unter den Truͤmmern der alten Denkmaͤler vom Fange der Fiſche, welcher immer der ergiebigſte Nah⸗ rungszweig war. Dieſe Stadt glich nach ihrer Lage ziemlich der Stadt Metelin, und ſtand ehemals auf feiner kleinen Inſel, welche jetzt mit dem feſten Lande zuſammenhaͤngt. Der kleine Arm des Meeres, welcher ſie von Aſien trennte, wurde entweder bei den 315 verſchiedenen Belagerungen der Stadt Jaſus ver⸗ ſchuͤttet, oder durch den nahen Bach verſandet. Das aͤußere Ufer der Inſel iſt mit einer dicken Mauer bekleidet, und in der Mitte findet man noch die Ue⸗ berbleibſel einer Feſtung, bei welcher auch die Druͤm⸗ mer eines marmornen Theaters zu ſeben ſind. Savary's Reiſe nach Griechenland im J. 1779, bearb. v. Dr. Leutbecher⸗). S gvary verließ Alexandrien im September 1779 auf einem neutralen Schiffe, weil er wegen des Krieges kein franzoͤſiſches Poſtſchiff zu dieſer Reiſe bereit fand. Er verband ſich daher mit einem Kapitaͤn *) Savary iſt geboren 1748 zu Vitry in Bre⸗ tagne, und ſtudierte zu Rennes. Er reiſte zuerſt nach Aegypten, und verweilte dort 3 Jahre; er kehrte uͤber die Inſeln des Archipel zuruͤck, wo er ſich noch 15 Monate aufhielt. Im J. 1780 kam er nach Frankreich wieder⸗ arbeitete an einer arabiſchen Sprachlehre nebi einem großen Woͤrterbuche; waͤhrend dieſer Beſchaͤftigung uͤberſetzte er auch den Koran, und arb zu Paris den 4. Febr. 1788 im 4oſten Jahre. Das Verzeichniß ſeiner Schriften findet lch in Erſch gel. Frankreich Th. I1I. 432. Das bier vorkommende Werk detitelt ſich: 347 von Zante, welches damals der Republik Venedig gehoͤrte, daß dieſer ihn nach Kandia uͤberſetzte. Ein guͤnſtiger Wind blies ihn vom Ufer, und an dem Demant, einem an der Spitze der Inſel Pharos befindlichen Felſen vorbei. Dieſer unge⸗ heure Felſenblock, bei ruhigem Meere ſichtbar und Grauſen erregend, bei ſtuͤrmender Fluth aber von den Wellen uͤberbraſet, muß umfahren werden, wenn man in den Hafen will; indeß kennen die Seeleute ſeine Lage genau, und weichen ihm mit Sicher⸗ heit aus. Der Reiſende hatte zwar fuͤnf Tage den Wind ſtets im Ruͤcken, aber dieſer wehete ihn doch nicht, was leicht moͤglich geweſen waͤre, in dieſer Zeit nach Kandia, weil er zu ſchwach war. Auch war das Meer außerordentlich ruhig, und das Schiff glitt nur ſanft dahin, als befaͤnde es ſich auf einem Strome. Endlich braͤunte der Himmel ſich gar im Weſten; dicke Wolken zogen auf, und die Seeleute befuͤrchteten einen Sturm. Der von Oſt wehende ſanfte Zephyr verlor ſich, und ein ungeſtuͤmer Weſtwind noͤthigte das Schiff zu einem fruchtloſen ſiebentaͤgigen Laviren. Bei dieſer Gelegenbeit machte Savary die Bemer⸗ Lettres sur la Grèce, fais, suite de celles sur T'Bgypte. Paris 1788. 8. wovon ſogleich sine engliſche und teutſche Reberſeung ſegte. Jaͤck. 318 kung, wie wenig man auf den Reiſen zur See vor⸗ ruͤcke, wenn die Seeleute, ihr Schiff nicht zu lenken verſtaͤnden, und der Kapitaͤn weder Oktanten, noch Quadrauten am Bord habe, um die Hoͤhe nehmen zu koͤnnen z noch Seekarten kenne, und verſtehe, den Lauf des Schiffs mittelſt des Logs zu berechnen. Dieſer Fall war mit ſeinem Kapitaͤn, welcher ſich bei Tage nach der Sonne, bei der Nacht nach den Sternen, und bei umwoͤlktem Himmel nach dem Kompaß rich⸗ tete, ohne die Abweichung der Nadel zu kennen. Savary reiſte alſo wie die alten homeriſchen Helden mit einem homeriſchen Steuermanne Zuletzt beſchloß der Zantiote, an die Kuͤſte von Klein⸗Aſien zu ſegeln, und dort in irgend einem Hafen beſſeren Wind zu erwarten Als ſich der Himmel wieder aufhellte, die wachhabenden Matroſen Land! riefen, und das Schiff die Richtung dahin hielt; kam man an die Inſel Kaſtello roſſo, in deren Hafen man waͤh⸗ rend des Dunkels der Nacht einlief. Das Schiff blieb drei Tage im Hafen, und Sa⸗ vary benuͤtzte dieſe Zeit zur Erkuͤndigung der Inſel. Dieſe liegt nach ſeinem Berichte in dem weſtlichen Theile eines Meerbuſeus, den die Kuͤſte Karama⸗ nien's(des alten Lykien s) in Form eines Halb⸗ zirkels gebildet hat. Der Umfang derſelben betraͤgt kaum eine halbe Meile. Von dem feſten Lande iſt ſie blos durch einen ſchmalen Kanal geſondert. Ihre Ufer ſind unzugaͤnglich bis auf die Seite des Hafens, 319 wo der kleine Flecken gleiches Namens auf einem Felſen liegt, deſſen Spitze eine tuͤrkiſche Schanze traͤgt, zum Schrecken der Korſaren. Der Raum, welchen der Flecken einnimmt, iſt theils vom Meere, theils durch einen rauhen, 300 Fuß hohen Berg beengt. Savary beſtieg dieſen Berg und fand oben eine große Ebene, eine armſelige Kapelle, gegen Weſt und Suͤd eine offene Ausſicht in das mittellaͤndiſche Meer, uͤbrigens aber den Horizont von dem hohen Bergruͤcken des Taurus begrenzt. In dem Flecken ſelbſt glaubt man ſich in einen Trichter verſetzt: ſo iſt er von ſtei⸗ len Felſenwaͤnden umgeben, ſo iſt ihm die Ausſicht nach dem Himmel benommen. Die Felſen ſelbſt ſind ohne Gruͤn, und werfen die Strahlen der Sonne ſo blendend zuruͤck, daß die Augen wehe thun. Wenn ja an dem Rande dieſer ſteiten Abhaͤnge etwas waͤchſt, ſo ſind es nur Dornen, oder zwiebelartige Pflanzen⸗ Produkte. Caſtello iſt uͤberhaupt das Bild einer ewigen Unfruchtbarkeit, und man kann ſich folglich leicht denken, wie hart das Loos der hier wohnenden Griechen ſeyn mag. Sie koͤnnen weder ſaͤen noch ernten. Da gedeiht kein Gemuͤſe, keine Frucht und kein Korn. Das Einzige, was ſie beſitzen, ſind Zieger, die an den Felſen umherklettern, und einige wenige Olivenbaͤume. Auch haben ſie nur eine einzige Quelle, aus welcher ſelbſt mit Gefahr des Lebens das Waſſer in die Wohnungen getragen wird. Das ſchoͤnſte Haus in Caſtello roſſo koſtet das Jahr kaum zwoͤlf 326 Franken Mierhe, und eine junge Braut, die einen Oelbaum und eine Ziege zur Ausſteuer bekommt, gilt fuͤr reich. Doch— die Einwohner von Caſtello haben faule Nachbarn, und das erſetzt ihren Mangel. Denn kommt die Erntezeit herbei, ſo ziehen ſie nach Kara⸗ manien, und beſorgen fuͤr die Tuͤrken das Ernte⸗ Geſchaͤft. So bringen ſie Korn, Wein und anderen Lebensbedarf nach Hauſe. Außerdem ſind ſie See⸗ leute, deren meiſte einen Holzhandel treiben. Dieſes Holz kaufen ſie wohlfeil ein, und verkaufen es dann theuer in Alexandrien. Auch hilft der Fiſchfang ihren Beduͤrfniſſen etwas ab. Uebrigens lebt man auf orientaliſche Weiſe; man ißt auf dem Boden des Zimmers, trinkt aus einem gemeinſchaftlichen Becher, und raucht ſeinen Tabak. Von Caſtello roſſo machte Sawary einen Ausflug auf das nahe feſte Land Pataraͤ, um ſchoͤne Ruinen aus alter Zeit zu ſehen. Dieſe Ruinen, un⸗ ter denen ſich beſonders ein großes und ſchoͤnes Am⸗ phiteater befand, moͤgen wohl von dem alten aus Strabo und Pomponius Mela beruͤhmten, durch Erdbeben zerſtoͤrten Patara noch Ueberbleibſel ſeyn. Sie liegen oöͤſtlich von Caſtello roſſo au einem Buſen, der wahrſcheinlich einſt Phoͤnikunt hieß. Aus dem Hafen von Caſtello roſſo ſegelte der Zantiote an der Kůſte hin, ohne ſich auf das hohe „ 321 Meer zu wagen. Waͤre die Kuͤſte bewohnt, bewaldet oder ſonſt anmuthig geweſen; ſo haͤtte die Fahrt ge⸗ wiß auch gefallen. Aber hier ſah das Auge nur Fel⸗ ſen und verbranntes Gras in den Spalten derſelben, und auch keine Spur mehr von den ſchattigen lyki⸗ ſchen Hainen, worin einſt, nach dem roͤmiſchen Dich⸗ ter Horaz, Apollo ſo gerne verweilte. Dieſe Waͤlder ſind alle verkauft. So reiſte man ſiebenzehn Tage lang. Da aber die Lebensmittel auf dem Schiffe ein Ende zu nehmen ſchienen, ſo ſehnte man ſich nach Rhodus, deſſen Gebirge man auch endlich gewahr wurde. Das Einzige, was auf dieſer Fahrt unſerem Reiſenden einiges Vergnügen machte, war ein Zug blendend weißer Schwaͤne, die der Winter aus den noͤrdlichen Laͤndern uͤber dieſe Fluthen in waͤrmere Gegenden trieb, und die eben ſo geordnet flogen, wie die Kraniche zu thun pflegen, in einem Dreiecke naͤm⸗ lich, wovon der ſchaͤrfſte Winkel die Spitze des ganzen Schwarmes bildete.— Jetzt ſah man Rhodus ganz. In der Geſtalt eines Amphitheaters zogen ſich Huͤgel umher, und endigten in einem hohen Berge.— Man hoffte noch vor Abends in den Hafen zu gelangen; allein der Wind ſetzte um, und noͤthigte das Schiff zu laviren. Dadurch entfernte ſich der Zantiote zu weit wieder von der Inſel, und er ſah ſich endlich genoͤthigt, zum zweiten Male an die aſiatiſche Kuͤſte zu ſteuern, und ſeine Zuflucht vor dem hemmenden Weſtwinde in dem Meerbuſen Macri zu nehmen. 49ſtes B. Griechenland. II, 3. 6 3222 Der Meerbuſen Maeri, einſt Glaukus ge⸗ nannt, erſtreckt ſich zwei Meilen in das Land. Die Ufer zu beiden Seiten, gegen Morgen und gegen Abend, ſind ſehr hoch. Allmaͤhlig verengert er ſich und ſchließt zuletzt mit einem ſchoͤnen Thale, in wel⸗ chem gleich vorne ein kleines von Griechen bewohntes Dorf ſich befand. Man eilte, daſelbſt zu landen, und Erfriſchungen einzunehmen. Allein eine tuͤrkiſche, in dem Hafen vor Anker liegende Karabelle hatte berrits allen Vorrath von Lebensmitteln gekauft, und der Santiote mit ſeinen Leuten mußte warten, bis friſches Brod gebacken war. Unterdeſſen beſah Savary das liebliche That an dem Bache, der ehemals Glaukus hieß. Er fand einige Feigenbaͤume und Weinſtoͤcke an denſelben mit reifen Fruͤchten, ſtillte ſeinen Hunger, und wan⸗ derte dann weiter an den Fuß eines Huͤgels, der das Thal gegen Oſt begrenzt, wo einſt die durch ihre Wahrſager beruͤhmte Stadt Telmefſus lag, und einen durchaus windſicheren Hafen hatte. Die Ruit nen der Stadt ſind nicht unbetraͤchtlich, in demſelben Geſchmacke und von derſelben Wuͤrde, wie die von Pataraͤ.— Das Thal ſelbſt fand Savary ſchoͤn, wie vor Alters von der Sonne beſchienen, und uͤppig vegetirend. Allein nirgends ſah er⸗ eine Spur davon, daß die Hand des Menſchen der Natur zu Huͤlfe kaͤme, und da Kornfelder anlegte, wo Binſen wuch⸗ ſen,— Myrthen, Pomeranzen und Granaten pflanzte, 323 wo Dornenbuͤſche ſtanden.—„Doch“— bemerkt er hierbei,—„was ſollten die Griechen auch unterneh⸗ men? Wollten ſie ſaͤen und pflanzen, ſo wuͤrde man ſie fuͤr reich halten, und dann wuͤrde der Aga ihre Guͤter verſchlingen. Der Bauer laͤßt ſeinen Schweiß nur alsdann auf die Erde triefen, wann er Fruͤchte von ihr ernten darf.“— Zum zweiten Male war der Zantiote im Begriffe, in den Hafen von Rhodus zu laufen, als wieder ein heftiger Wind in die hohe See ihn trieb. Endlich gewann man aber doch mit vieler Muͤhe das Land, und ankerte eine Meile mittagwaͤrts von der Stadt in einer kleinen von der Kuͤſte gebildeten Ver⸗ tiefung. Die heutige Stadt Rhodus iſt auf den Ruinen der alten, dreimal groͤßeren erbaut. Sie hat kein einziges Gebaͤude von Werth. Alle Statuen, Koloſſe u. dgl. ſind fortgefuͤhrt. Das alte, nach architektoni⸗ ſcher Ordnung gebaute Rhodus iſt jetzt ganz ord⸗ nungslos; die Gaſſen ſind krumm, die Haͤuſer ohne Geſchmack. Hin und wieder dient dieſen Letzteren ein in erhabener Arbeit auf Marmor gehauenes Wap⸗ penſchild irgend eines Rhodiſchen Ritters zur Zierde. Die Mauern der Stadt ſind allein noch in ihrer alten Trefflichkeit vorhanden, und tragen ruͤhmliche Merk⸗ male von der hartnaͤckigen Vertheidigung der Ritter gegen die Tuͤrken. Die Kirche von St. Johannes indeſſen iſt eine Moſchee geworden, das große Hoſpita aber ein Kornmagazin der Tuͤrken. Rhodus hat nur zwei Haͤfen. Der kleinere nach Oſt heißt Darca. Felſen an ſeinem Eingange er⸗ ſchweren das Einlaufen, und laſſen jedes Mal nur Ein Schift durchkommen. An den Seiten ſind hohe Daͤmme gefuͤhrt, um ihn vor den Winden zu ſichern. Er iſt nicht fuͤr große und ſchwer beladene Schiffe, doch ließe er ſich fuͤr ſolche einrichten. Der groͤßer⸗ fuͤhrt den Namen der Stadt, und kann Fregatten von dreißig Kanonen aufnehmen. Hier ſind indeſſen die Schiffe nur vor den Weſtwinden geſichert: denn der Nord und Oſt koͤnnen daſelbſt die Schiffe an den Mauern der Stadt, oder an den Felſen zertruͤmmern. Die Stadt ſelbſt iſt in Form eines Amphitheaters gelaut, und ihre Mauern und Thuͤrme ruhen auf gewaltigen Felſenmaſſen. So hat ſie das Anſehn, als ſey ſie unuͤberwindlich ſtark; allein die Schanzen ſind entweder ohne alle Vertheidiger, oder dieſe ſind die undiſeiplinirteſten Wildlinge aus Karamanien. Ein unumſchraͤnkter Paſcha iſt Gouverneur der Inſel. Er vergiebt die Unteraͤmter, und ſpricht die Todes⸗Urtheile, ohne noͤthig zu haben, kuͤnftige Re⸗ chenſchaft zu fuͤrchten. In Religionsſachen ſteht ihm ein Mufti zur Seite; in andern Streitigkeiten hilft ihm ein Kadi. Die Griechen und Juden haben einen eigenen General⸗Intendanten, einen Muteweli. Dieſer nimmt die ihnen auferlegte Kopfſteuer, Cha⸗ 325 ratſch, ein, und ſchlichtet die Zwiſtigkeiten, die unter dieſen vorfallen. Alle Beamten der Inſel aber ſchei⸗ nen es auf das Verderben derſelben gemeinſchaftlich angelegt zu haben: denn ſie muntern auch nicht im geringſten dazu auf, den uͤberaus fruchtbaren Boden der Inſel gehoͤrig zu bebauen, und kaufen lieber den Getreide⸗Bedarf in Karamanien, um ihn an die Bewohner der Stadt mit Wucher zu verkaufen, ſtatt ſie noch mehr, als Rhodus beduͤrfte, in der Inſel ſelbſt erzielen koͤnnten. 3 Die Inſel Rhodus hat zwei Staͤdte, die Hauptſtadt, von der wir geſprochen, und das alte Lindus. Die erſtere wird von Tuͤrken, und von einigen Griechen und Juden bewohnt. Auch fuͤnf Doͤrfer der Inſel ſind von Kuͤrken bewohnt; fuͤnf andere Flecken aber, und ein und vierzig Doͤrfer ſind im Beſitze der Griechen. Die ganze Inſel hat etwa gegen 36,500 Einwohner. Der Umfang der Inſel be⸗ traͤgt 40 franzoͤſiſche Meilen. Dieſe Infel bringt jaͤhrlich dem Großherrn an 48,000 Laubthaler Reve⸗ nuen baar in den Schatz. Angenommen auch, daß davon auf die Verwaltung der Inſel nach Savary 27,500 Laubthaler wieder verwendet werden, ſo bleibt doch noch eine ſchoͤne Summe, die indeſſen noch groͤ⸗ ßer ausfallen wuͤrde, waͤre die Inſel, wie ſie es ver⸗ dient, gebaut und bevoͤlkert. Von den drei Staͤdten auf der Inſel, welche nach der Fabel von den Soͤhnen der Sonne erbaut wurden, 326 und Lin dus, Jalyſus und Kamirus hießen, ſind die beiden letzt genannten gaͤnzlich terſtoͤrt. Die Truͤmmer und Heberreſte von⸗ Lindus verratheu aͤgyptiſchen Baugeſchmack, und liegen an einem Huͤ⸗ gel. Am Fuße dieſes Berges liegt auch Neu⸗Lin⸗ dus, welche Stadt eine tiefe Bai hat, worin die Schiffe einen Ankerplatz auf 8— 12 Klafter Tiefe finden, und vor den Suͤdweſtwinden geſichert ſind. Auf der Mitte der Inſel erhebt ſich ein hoher Berg, von dem man die ganze Inſel uͤberſehen kann. Man nennt ihn Arte mira, und er iſt vielleicht der Atabyris des Strabo. Auf ſeinem Gipfel iſt eine Wallfahrts⸗Kapelle fuͤr die Griechen. Er iſt ſehr ſteil, und man bedarf vier Stunden, ehe man hinauf klimmt. Doch die Ausſicht lohnt die Muͤhe. Nach Nordoſt ſieht man die Gipfel des Kragus, gegen Nord die hohe karamaniſche Kuͤſte, gegen Nordweſt einige Inſeln des Archipelagus, gegen Suͤdweſt das mit Wolken umkroͤnte Haupt des Ida, gegen Mittag aber und gegen Suͤdoſt die große See⸗ flaͤche, welche die Kuͤſte Afrika's beſpuͤlt. Dann ſieht man auch von dieſer Hoͤhe auf die Inſel ſelbſt, und deren ntedrigeren Berge, auf welchen die Natur einſt Tannen pflanzte, der Tuͤrke aber, nachdem er dieſe zum Bau der Karabellen fuͤr den Sultan ver⸗ braucht hat, keine mehr nachzieht. Jenſeits dieſer niedrigeren Berge bilden ſich dann mehrere Amphi⸗ theater von Huͤgeln, die ſich gegen die Kuͤſte verſenken, 327 und allmaͤhlig untertauchen. Die meiſten dieſer Ab⸗ haͤnge ſind mit Dornen bewachſen, oder oͤde Haiden. Auf einigen waͤchſt jedoch noch immer der liebliche Rhodiſer Wein, deſſen Bau leicht ſtaͤrker betrieben werden koͤnnte. Von den ſchattigen Hoͤhen des Artemira fließen viele Quellen befruchtend in die Ebenen der Inſel herab. Um die Doͤrfer der Inſel iſt das Feld gebaut, und man gewinnt Feigen, Granaten und Pomeranzen, auch Pfirſiche. Man trifft wohl auch Palmbaͤume, aber ſie tragen nur Bluͤthen; die Frucht ſelbſt reift nicht. So herrlich aber die ganze Inſel iſt; ſo artige Thaͤler ſie hat; ſo lieblich die Roſen wild an dem Fuße der Felſen bluͤhen; ſo balſamiſchen Duft die bluͤhende Myrthe haucht; ſo ſchoͤn die Oleander mit ihren praͤchtigen Blumen den Rand der Baͤche um⸗ ſaͤumen: ſo bindet doch das verderbliche Monopol des Paſcha dem Griechen die Haͤnde zum Anbau ſeiner Erde, deren Huld ihm entgegen winkt. Der beſtaͤn⸗ dige Frohndienſt des Nazir geſtattet ihnen keine Zeit dazu. Denn auf ſeinen Wink muͤſſen ſie Holz nach Rhodus ſchleppen, ſollten ihnen auch die Glieder zerbrechen.„Doch“— ſetzt Savary hinzu—„die Wirkungen dieſes Deſpotismus ſind nahe, die Pforte wird in ſich ſelbſt nur zu bald verſinken.“ Der Nationalcharakter der Rhodier richtet ſich, wie bei andern Nationen, nach dem Klima, nach der 328 Regierungs⸗Form, und nach der Religion. Das ge⸗ maͤßigte Klima floͤßt Luſt und Vergnuͤgen ein. Die reine und geſunde Luft verbannt alles Siechthum. Der die Sommer⸗Hitze niaͤßigende Weſtwind geſtattet kein Auszehren der Kraͤfte. Der Menſch unf Rhodus iſt daher friſch, munter, ſtark und geſund, ſanft und höflich. Der Grieche lebt gluͤcklich im Schoße ſeiner Familie; da vergißt er alles Andre, was ihn druͤckt. Auch iſt er gegen ſeines Gleichen redlich und leutſee⸗ lig; falſch, luͤgenhaft und ſchurkiſch gegen ſeinen Zwingherrn, oder deſſen Knechte; auch niedertraͤchtig und kriechend, waͤhrend er gegen ſeines Gleichen viel⸗ leicht ſeine Wuͤrde behaupten würde. Wandelt ihn einmal die Luſt, ſich zu vergnuͤgen, an; ſo tanzt auf Augenblicke der Sklave in ſeinen Ketten. Als nun nach mehrtaͤgigem Aufenthalte der Zan⸗ tiote wieder von Rhodus abreiſete, und Savary mit ihm; ſo mußte er ſich gefallen laſſen, daß der Wind ihn durch die Meerenge blies, welche dieſe Inſel von dem aſiatiſchen feſten Lande trennt.„Haͤtte Rhodus“— bemerkt hier Savary—„eine See⸗ macht, ſo wuͤrde es hier den Eingang in den A rch i⸗ pel von der oͤſtlichen Seite nach Belieben verſchließen koͤnnen.“— Die Fahrt ging langſam; der Wind war durch die hohen Kuͤſten gehemmt, und deßhalb zu ſchwach. Endlich hoͤrte er gar auf zu wehen, und das Schiff war gleich ſaut, wie befeſtigt auf dem 329 Spiegel der See, ſo ſchwach war ſeine Bewegung. Dadurch hatte man Muße genug, die nahen Inſeln, Felſen und Klippen, und wieder an andern Orten das feſte Land zu betrachten; denn dieſes alles ſieht man in dieſem Gewaͤſſer ſtets. Ein guͤnſtiger Land⸗ wind fuͤhrte zuletzt doch das Schiff an dem durch ſeine Schwaͤmme beruͤhmten Syme vorbei. Gegen Mit⸗ tag ließ man Telos liegen, und war, in dieſer Richtung fortſegelnd, bemuͤht, in den Meerbuſen von Cos, Stancho genannt, einzulaufen. Allein der Wind gebrach, und man mußte vor Niſyros liegen bleiben. Windſtille verkuͤndete Sturm und im Weſten woͤlkte ſich der Himmel. Ein ſtoßender Weſtwind erhob ſich, der Steuermann wendete das Schiff, und ließ es, ſtatt den Hafen von Niſyros zu gewinnen, in eine Bucht der Inſel Some treiben. Dieſe hat ihren Namen von einem Sohne des Jalyſus erhalten, und ſteht unter der Gerichtsbar⸗ keit von Rhodus. Sie iſt ein bloßer Felſen von maͤßigem Umfange. Der ſteinigte Boden traͤgt kein Getreide; nur etwas Weinbau geſtattet er. Die Schwaͤmme, welche haͤufig um die Inſel wachfen, ſtnd der einzige Nahrungszweig der Einwohner. Die⸗ ſen ſuchen aber auch alle, Maͤnner, Weiber und Kin⸗ der, die ſaͤmmtlich gute Taucher ſind, unter dem Waſfer oft mit vieler Lebensgefahr. Dieſe Taucher wohnen in aͤrmlichen Huͤtten, wohin kaum ein Strahl 330 der Sonne faͤllt. Man ſieht den Leuten auch an, wie ſie ihrem. Elende erliegen: denn ihre Miene iſt ſteis traurig und ſtill. Maͤnner und Frauen tragen einerlei Kleidung, einen langen Rock, einen Guͤrtel, und einen Schal um den Kopf; nur an den Geſichts⸗Zuͤgen laſſen ſie ſich unterſcheiden. Die Krankheit, deren ſie faſt nie frei werden, iſt der Ausſatz, obgleich die damit Behafteten ſtreng abgeſondert werden. Drei Tage war das Schiff in dem Hafen von Syme geblieben. Von da wollte der Zantiote den Meerbuſen von Cos bhinauffahren, um nordwaͤrts dieſer Inſel in die hohe See, und ſo weiter nach Kandia zu kommen; allein der Wind war wieder dagegen. Das Schiff richtete daher ſeinen Lauf nach der Suͤdſpitze von Stancho, und dann geraden Weges nach der Inſel Kreta. Der Wind blies ſtark aus Nord⸗Weſt, und mit Tages Anbruche entdeckte man die Inſel Dia, gewoͤhnlich Standia genannt, wo die nach Kandia gehenden Schiffe anzulegen pflegen, um einen Theil ihrer Waaren auszuladen; denn der Hafen der Hauptſtadt iſt zu ſeicht geworden, um Schiffe von 200 Tonnen tragen zu koͤnnen. Man hatte noch eine Stunde bis zum Beſtimmungsorte, und Alles war froh, dem Ziele ſo nahe zu ſeyn, als ploͤtzlich der Wind nach Weſt umſetzte, und das Schiff mit Heftigkeit von ſeiner Bahn abbrachte. Der Ka⸗ „pitaͤn lavirte, und kam wirklich der Inſel Kreta ſo 331 nahe, daß man das Gruͤne erkannte. Allein das Schiff war zu ſchwer beladen, die Wellen tobten; und weil es ſich mehrmals zwiſchen Waſſerbergen verlor, ſo gab der Zantiote dem Sturme nach, lief vor dem Winde, und trieb ſo nach der Inſel Kaſos, wo man un⸗ glaublich ſchnell und mit der Beſorgniß, Schiffbruch zu leiden, auf die Rhede getrieben ward, aber noch zur rechten Zeit das Schiff wendend, gluͤcklich ankerte. Bis jetzt waren die Reiſenden funf und vierzig Tage das Spiel der Winde, und ſuchten ihr Ziel, wie einſt Odyſſeus ſein Ithaka, vergeblich. Ja das Schiffs⸗ volk hielt nach ſo anhaltendem Mißgeſchicke das Schiff fuͤr behext, und ließ zuletzt hier einen Prieſter kom⸗ men, die Behexung deſſelben durch Weihwaſſer, Raͤu⸗ chern und Gebetsformeln unwirkſam zu machen. Die Inſel⸗Kaſos iſt eine von den Cykladen. „Sie liegt von Karpato oder Scarpanto zwei und eine halbe Meile, und neun Meilen von Samo⸗ nium oder Cap Salomon, einem Vorgebirge von Kreta, entfernt. Sie hat drei Meilen im Umfange, und ein Dorf gleiches Namens. Um ſie liegen meh⸗ rere kleine Eilande. Sie iſt zwar unter tuͤrkiſcher Botmaͤßigkeit, aber doch nicht von Tuͤrken bewohnt, weil ſie keinen feſten Punkt hat, und ſo keinen Schutz gegen Korſaren gewaͤhrt. Sie iſt am Geſtade ſehr felſig, und nur an einem einzigen Orte zugaͤnglich. Der ganze Eingang iſt nur zwoͤlf Schuhe breit, und kaum mit einer Barke zu paſſiren. Mit Huͤlfe einiger Kaſioten, die auch die Einfahrt⸗Stelle bezeichneten, landete Savary. Die Nachricht, Fremde ſeyen an⸗ gekommen, war gleich im Dorfe verbreitet, und ſeine ganze Einwohnerſchaft hatte ſich auf dem nahen Huͤ⸗ gel neugierig verſammelt. Der Fuͤhrer Savary's war einer von den Reichen der Inſel, lud ihn in ſein Haus ein, und bewirthete ihn mit Eiern, Feigen und Weintrauben in einem reinlichen, ringsum mit So⸗ phas verſehenen Saale. Bald fullte ſich der ganze Raum mit Frauen, die neugierig und oft mit ſchalk⸗ baftem Laͤcheln die franzoͤſiſche Kleidung unſeres Rei⸗ ſenden muſterten. Savarn ſelbſt fand indeſſen Ver⸗ gnuͤgen an der Schoͤnheit ſeiner Bewunderinnen, und an der Stickerei ihrer Kleidung, welche aus einem langen baumwollenen Rocke, einem Leibchen und einem Guͤrtel beſtand. Ihre Haare ließen die meiſten dieſer lieblichen, und Zutrauen einfloͤßenden Weſen in Zoͤpfen uͤber die Schultern herab haͤngen; andere trugen die⸗ ſelben aber auch auf dem Kopfe zuſammen gebunden, oder frei flatternd. 6. Die Inſel naͤher kennen zu lernen, ſtieg Savary auf einen vom Dorfe eine Stunde Weges entfernten boben Berg, den hoͤchſten der Inſel. Von hier ſah er die von Oſt nach Weſt ſich ziehende Inſel Kar⸗ patho, im Oſt, Weſt und Nord drei kleine ungebaute nur Buſchwerke tragende Eilande, unterbalb ſeines 333 Standpunktes eine kleine Kapelle, mit Feigenbaͤumen umgeben, und dann eine von einer Huͤgelkette um⸗ ſchloſſene, mit vieler Muͤhe urbar gemachte Ebene, welche, in Faͤcher abgetheilt, zum Gerſten⸗ und Korn⸗ Baue benutzt wurde. An den Abhaͤngen der Huͤgel wurde Wein gebaut. Wieder zuruͤck gekehrt in das Dorf nahm Sa⸗ vary mit ſeinen Gaſtfreunden ein Mittagsmahl ein. Er wurde auf orientaliſche Weiſe geſpeiſet; ein Huhn mit Reis, friſche Eier, Tauben, Kaͤſe und guter Wein; alles mundete vortrefflich. Die Mannsperſonen aßen in einem beſonderen Zimmer, und die Frauenzimmer eben ſo in einem eigenen Gemache. Nach der Tafel gab es Muſik. Ein junger Menſch mit einer Leyer trat ein, und ihm folgten zwanzig junge Maͤdchen, alle weiß gekleidet in lange fliegende Roͤcke, und gs⸗ flochtene Haare tragend. Dieſe ſtellten ſich in die Runde; Savary wurde bald zum Tanze aufgefordert, und er lehnte es nicht ab, ob er gleich die Touren des Tanzes nicht kannte. Das Dorf hatte etwa hundert Haͤuſer; jedes Haus ſeinen eigenen Backofen und ſeine eigene Ci⸗ ſterne. Savary beſuchte mehrere Haͤuſer, und fand die Weibsleute entweder am Spinnrocken, oder ſtik⸗ kend, oder hinter den Webeſtuͤhlen, auf welchen ſie den Stoff zu ihren Kleidern weben, waͤhrend der groͤßte Theil der Kaſioten nach vollzogenen Feld⸗ 334 arbeiten im Archipel, von ihren Knaben begleitet, Handel trieben. Der Kaſiote ſelbſt, der weder ein niedertraͤchti⸗ ger Sklave, noch ein Speichellecker iſt, erroͤthet nie vor ſeinem Nebenmenſchen: denn er kennt in ſeiner Republik kein Laſter; nur die Zufriedenheit und Thaͤ⸗ tigkeit, als die Grundſaͤulen ihres Fortbeſtehens. Dieſer gerade Sinn des Kiſioten aber iſt es auch, der ihm das Herz ſeiner Kaſiotin ſo ganz zuwendet, daß ſie mit ihm gehen kann in Grab und Tod.— O daß auf eine Inſel, wie Kaſos iſt, nie ein Kadi, nie ein Muteweli, nie ein Paſcha kommen, und den Charakter dieſer gluͤcklichen Griechen, ihren Edelſinn und ihre Freiheit zu Grabe tragen moͤchte! Nach achttaͤgigem Aufenthalt auf dieſem ſeligen Eilande ward die Reiſe mit guͤnſtigem Winde nach Standia in einem Tage vollzogen. Dia iſt vier Meilen von Kandia entfernt, und ganz unfruchtbar. Es hat daſelbſt weder Dorf noch Einwohner. Nie⸗ driges Gebuͤſch bekleidet die Felſen, und dient den wilden Ziegen, deren es viele giebt, zur Nahrung. Stathia hat indeſſen doch drei Haͤfen, wo die nach Kandia laufenden Schiffe anlanden koͤnnen. Weil es Sturmwetter war, ſo hielt der Zantiote ſich auf Standia, und ſegelte erſt den vierten Tag nach Kandia, nachdem er von Alerandrien bis dahin volle zwei Monate zugebracht hatte. 335— Die Inſel Kandia hat ihren Namen von der Hauptſtadt, welche die Stelle des alten Heraklea⸗ einnimmt. Die Stadt hat uͤber eine Meile im Um⸗ fange, ihre Mauern ſind gut, mit tiefen Graͤben um⸗ geben, aber ohne alles Auſtenwerk. Auf der Seeſeite iſt ihr nicht beizukommen, weil das Wäſſer zu ſeicht iſt. Gewoͤhnlich ſchickt die Pforte einen Paſcha von drei Roßſchweifen, als Statthalter dahin. Die erſten unterbefehlshaber und die verſchiedenen Korps der ottomaniſchen Miliz ſind alsdann in dieſer Stadt bei⸗ ſammen. Als ſie noch der Republik Venedig ge⸗ hoͤrte, war Reichthum daſelbſt und bluͤhender Haͤndel. Sie iſt aber, wie alle anderen bluͤhenden Staͤdte, welche unter tuͤrkiſchen Scepter kommen, von ihrer ehemaligen Macht ſehr geſunken. Ihr ſicherer Hafen, ein großes Becken, wird taͤglich ſeichter, und traͤgt nur noch kleine Faͤhrzeuge. Die Zahl der Einwohner iſt auch geringer als ſonſt, und es herrſcht lange nicht mehr die fruͤhere Lebhaftigkeit in den Straßen. Die chriſtlichen Kirchen ſind in Moſcheen verwandelt, die Griechen haben nur noch zwei Gotteshaͤuſer, die Ar⸗ menier nur noch eines, und die Zuden nur noch eine Synagoge⸗ Weſtlich von Kandia zieht ſich eine Bergkette hin, die vom Ida herabkommt, und deren Spitze das Vorgebirge Dion bildet. Ehe man dahin gelangt, goͤßt man auf Palaͤo⸗Caſtro; ſo nennen die heu⸗ zigen Griechen alle alten Plaͤtzen Seine Lage⸗ trifft. 336 mit der von Panormos uͤberein, welches einſt nord⸗ weſtlich von Heraclea lag. Weſtwaͤrts von Kandia iſt ein Fluß, der ehemals Triton hieß, weiterhin der Loaxus. Eine Meile nach Oſt, in einem anmuthigen Thale, fließt der Ke⸗ ratusz noch mehr jenſeits ein Bach, den Savary fuͤr den Fluß Therenus nimmt. Ueber eine halbe Meile im Umkreiſe von Kan⸗ dia trifft man keinen Baum an; die Tuͤrken hauen bei einer Belagerung alles nieder. Weiter hinaus aber giebt es viele Fruchtbaͤume und Kornfelder. Die nahen Huͤgel geben den Malvaſier⸗Wein, wohl werth, auf der Tafel der Weinkenner zu ſtehen und zu locken. Da Savary Willens war, die beruͤhmteſten Oerter der Inſel zu beſuchen, ſo bewaffnete er ſich gut— die beſte Art, in einem tuͤrkiſchen Lande zu reiſen,— und machte ſich mit eilf Gefaͤhrten, eben auch bewaffnet, auf den Weg. Er wendete ſich zuerſt nach Gortyna, und kam noch bei guter Tages⸗Zeit zu den Ruinen von Knoſſus, von den jetzigen Grie⸗ chen Knoſſu genannt, wo einſt Minos ſeine be⸗ ruͤhmten Geſetze gab. Im dreizehnten Jahre der Re⸗ gierung des roͤmiſchen Kaiſers Nero ward dieſe einſt große und maͤchtige Stadt durch ein Erdbeben zerſtoͤrt. Seit dieſer Zeit liegt ſie in Staub.— Man ließ nun Knoſſu links, und wanderte weiter. Auf den Huͤ⸗ geln am oͤſtlichen Fuße des Ida genoß man eine 337 herrliche Ausſicht auf gruͤne Thaͤler, an deren Baͤchen kleine Doͤrfer, mit Gaͤrten, hier und da mit Gebuͤſch umgeben, lagen. Vier Meilen ſuͤdoͤſtlich von Kandia kletterte man einen jaͤhen Fußſteig hinan zum Grabe Jupiter's, wie einen Haufen von Steinen die Leute dieſe Gegend nennen, um wenigſtens den Namen eines Mannes nicht in Vergeſſenheit gerathen zu laſſen, der in uralter Zeit um Kreta ſich durch irgend eine Segensthat verdient gemacht haben mag, und hier einen Tempel und eines der ſchoͤnſten Grabmaͤler Griechenland's gehabt haben ſoll. In die Ebene her⸗ abgekommen, beſchloſſen die Wanderer im Kloſter St. Georg zu uͤbernachten. Sie hatten bis dahin drei Meilen. Der Weyg fuͤhrte uͤber die Huͤgelreihen am oͤſtlichen Fuße des Ida, durch maleriſches Land, und durch tiefe Thaͤler, welche mit Fruchtbaͤumen und bluͤhendem Geſtraͤuche beladen waren. Gegen den Abend kam man in dem Kloſter an, nachdem man den Tag uͤber 10 franzoͤſiſche Meilen umher gezogen war. Die Moͤnche oder Kalogeren machten ankaͤnglich Schwierigkeiten, die Reiſenden aufzunehmen, weil ihnen der bewaffneten Gaͤſte uͤber Nacht zu viele wa⸗ ren; doch wurden ſie endlich geneigt. Waͤhrend das Abendeſſen zubereitet wurde, verweilte man in der Celle eines Religioſen, der nichts lieber zu haben ſchien, als die Flaſche, und die Reiſenden dahin ein⸗ geladen hatte, um ihnen ſeinen Wein koſten zu laſſen. Hier erfuhr Savary, daß die Kalogeren dieſes Klo⸗ 4gſtes B. Griechenland. II. 3. 7 338 ſters bedeutende Laͤndereien und zahlreiche Heerden darauf beſaßen; von denſelben aber auch Korn, Gerſte, Wein, Oel und Honig im Ueberfluſſe gewannen. Dieſes alles haben ihnen die Tuͤrken gelaſſen, damit ſie ſich gegen Reiſende gaſtfreundlich bezeigen ſollen, was ſie auch gerne thun.— Das Abendeſſen wurde eingenommen. Es beſtand aus einem gebratenen Spanferkel, aus vortrefflichem Schaafsfleiſch, aus Tauben und anderem Gefluͤgel, aus Granataͤpfeln, Mandelkernen, Trauben, Oliven und Honig: Dieſer war kriſtallhell, und von einem koͤſtlichen Geſchmacke. Der Wein, den man trank, war ebenfalls vortrefflich,, und wuchs in der Inſel! Nach dem Eſſen ward den Reiſenden ein geraͤumiger Saal mit ziemlich guten Betten angewieſen, und man legte ſich zur Ruhe, nachdem man vorher noch verabredet hatte, den naͤch⸗ ſten Morgen nach Gortyna und dem Labyrinth, aufzubrechen. Dankbar verließ man auch wirklich den naͤchſten: Tag ſehr zeitig die gaſtfreie Herberge der gutmuͤthigen und fleißigen Kalogeren, und zog von dem Kloſter zwei Stunden Weges abwaͤrts, bis man in die Ebene gelangte. Der nicht unangenehme Weg fuͤhrte durch ſchoͤne Laͤndereien voller Doͤrfer, die meiſtens auf den Abhaͤngen der Huͤgel rechts und links lagen, und einen freundlichen Anblick gewaͤhrten. Unterwegs⸗ lagerte man ſich in der Naͤhe einer friſchen Quelle⸗ unter einem ſchattigen Platanus, um von den aus 339 dem Kloſter mitgenommenen Lebensmitteln zu fruͤh⸗ ſtuͤcken. Dann wanderte man uͤber einen ebenen Bo⸗ den zwiſchen zwei Bergketten weiter. Ohne es zu merken(denn auf allen Seiten ergoͤtzten ſich die Au⸗ gen der Reiſenden an anmuthigen und abwechſelnden Lagen) legten ſie in kurzer Zeit eine gute Strecke zuruͤck. Es war Mittag, und ſieben Stunden waren verſtrichen, als ſie bei einem großen Dorfe anlangten, deſſen Einwohner ſich nach der Sage viel mit dem Auspluͤndern der Reiſenden abgaben. Mau beſchloß indeſſen doch, ſich auf ſeine Waffen verlaſſend, in dem Flecken Mittags zu ſpeiſen. An verſchiedenen Haͤuſern wurden die Reiſenden abgewieſen. Endlich fanden ſte jedoch einen Bewohner, der ihnen gegen gutes Geld Eier, Oliven, Honig und Kaͤſe auftiſchte. Als ſte das Dorf verließen, folgten ihnen mehrere Ein⸗ wohner deſſelben, Haͤndel ſuchend, mit Schimpfreden; doch trauten ſie dem bloßen Saͤbel der die Reiſenden begleitenden Janitſcharen und den Waffen der Wan⸗ derer nichts Gutes zu, und ſo ſchwiegen ſie wieder ſtille. Dieſelben kamen in die Ebene von Meſſara, welche ſieben Meilen lang ſuͤdwaͤrts bis an die See ſich binzieht. Dieſe Ebene iſt außerordentlich frucht⸗ bar, und die Ernte taͤuſcht nie die Hoffnungen des Landmannes. Ein ſchnurgerader Weg fuͤhrte von da nach Gortona, einer uralten, ſchon zu Homer s Zeit beruͤhmten Stadt, die jetzt in praͤchtigen Truͤm⸗ mern vor den Augen der Reiſenden lag. Sie iſt fuͤnf 340 Meilen von der See entfernt, und hatte einſt uͤber zwei Meilen im Umfange, zwei Haͤfen, Lebena und Metalla, viele Goͤtter⸗Tempel, ein Orakel u. ſ. f. In ihrer Naͤhe floß der Lethe, deſſen Ufer ſehr ſchon, ſich den Wanderern zeigten. Aus der Ebeue von Gortyna eine Stunde weiter, gelangte man auf ungebahntem und ſteilem Wege an den Eingang des beruͤhmten Labyrinthes, welcher von der Natur gemacht, und nicht gar breit iſt. Die Reiſenden hatten eine 400 Toiſen lange Schnur mitgebracht, und Fackeln bei ſich. Die Schnur wurde am Ein⸗ gange befeſtigt, und nun wagten ſie ſich in die ver⸗ worrenen Felſengaͤnge, durch deren Dunkel kaum das Licht der Fackeln drang. Nachdem die Reiſenden alle Hoͤblen, ſelbſt die des Minotaurus, und noch an⸗ dere ſchreckliche unterirdiſche Gaͤnge, welche die Natur ſelbſt gebaut, und hie und da Menſchenhaͤnde erwei⸗ tert haben mochten, und von unzaͤhligen Fledermaͤufen bewohnt waren, mit Huͤlfe des Fadens der Ariadne durchlucht hatten— denn ohne dieſen iſt nicht moͤg⸗ lich, dieſe Irrgaͤnge zu durchwandern,— traten ſie allmaͤhlig wieder heraus, froh der friſchen Luft, welche ſie nun athmeten. Der Gewinn, welchen Savary von dieſer unterirdiſchen Wallfahrt hatte, war die Ueberzeugung, daß dieſe Gaͤnge und Hoͤhlen weder Steinbruͤche, noch das Meiſterſtuͤck der architektoniſchen Kunſt des Daͤdalns ſeyen; ſondern nur ein erhaben ſchrecklicher Wunderbau der Natur ſelbſt. Das daͤda⸗ 341 liſche Labyrinth war ein Gefaͤngniß zu Knoſſu, wo Theſeus gefangen ſaß, bis ihn die Liebe und ſein Muth befreiten; dieſes Irrgebaͤude aber hat die Zeit vernichtet. Nach dieſem vollbrachten Tagewerke kehrten die Reiſenden bei einem tuͤrkiſchen Paͤchter ein, ſich be⸗ wirthen und uͤber Nacht beherbergen zu laſſen. Sie befanden ſich wohl bei ſeiner Koſt, und verguͤteten ihm ſeine gaſtfreie Geſinnung am andern Morgen, ſo gut ſie es konnten. Die Reiſe ward fortgeſetzt; der Weg war anfaͤnglich beauem und aumutbig durch die Ebene; aber nach einigen Stunden wurde er rauher, und fuͤhrte zu den Huͤgeln, in welche der Ida auf der ſüdlichen Seite auslauft. Zwiſchen unſeren Rei⸗ ſenden und jenem Berge bildeten zwei andere Hoͤhen⸗ ketten ein doppeltes Amphitheater, uͤber welchem er dann ſein majeſtaͤtiſches Haupt in die Wolken hob, die anfangs einen ſilbernen Krauz um denſelben bil⸗ deten, darauf aber dem Geſetze der Anziehung folgten, und ſich in Tropfen aufloͤſeten, um anderen Wolken, die denſelben Segen verbreiten wollten, Platz zu machen. Indem die Wanderer um den Ida herumzogen, bemerkten ſie, daß der oberſte Theil deſſelben allmaͤhlig ſich verdunkelte, und dicht in Nebel huͤllte. Bald ſahen ſie, wie ſein kahles Haupt von Schneegeſtoͤber weiß ward, waͤhrend unten, wo die Reiſenden ſich 342 befanden, eine angenehme Temperatur der Luft herrſch⸗ te, uͤbrigens der Himmel rein und heiter war, die Sonne in voller Pracht das azurne Gewoͤlbe durchzog, und in den Thaͤlern zur linken Seite Myrthen und Roſen die Flußbette umſaͤumten, und gruͤnende Baͤums der Novemberzeit das Kleid eines Fruͤhlings anzule⸗ gen ſchienen. Der Fda beginnt in der Gegend von Kandia, und zieht ſich von Oſt nach Weſt bis an die weißen Berge. Er erſtreckt ſich von dem noͤrdlichen bis zu dem ſuͤdlichen Meere. Er iſt ſo hoch, daß an manchen Orten das ganze Jahr der Schnee nicht verſchwindet⸗ daß man zugleich das kretiſche und das lybiſche Meer, in dem Archipel die Inſeln Cythere, Miilo, Argientiera u. n. a. von ſeinem Gipfel erblicken kann, außer den vielen andern herrlichen Ausſichten, die er gewaͤhrt. Er hat große kraͤuterreiche Weideplaͤtze und Ebenen. Gegen Kandia hat er Waldungen, beſonders viel Ahorn⸗Baͤume und Stein⸗ eichen. Gegen Suͤd traͤgt er Erdbeer⸗Baͤume, An⸗ drachnen, Ciſten und Alaternen. Gegen Morgen ſchmuͤcken ihn Cedern, Tannen und Cypreſſen. Im Weſten zeigt er unerſteigliche Felſen. Uebrigens iſt er eine wahre Schatzkammer fuͤr Botaniker und Mi⸗ neralogen. Seine Halden, wo die Sonne wirken kann, tragen Weinſtoͤcke, und auf ſeinen Ebenen ſtehen DOeibaͤume in Menge. 3 343 Von dem Ida, deſſen Gipfel zuweilen gefaͤhrlich zu beſteigen war, kehrten die Reiſenden mit Einbruch der Nacht zuruͤck. Die Nacht brachten ſie in dem griechiſchen Kloſter Aſomatos zu, wo man ſich wechſelſeitig mit den Kalogeren an Geſang und Ge⸗ ſpraͤch ergoͤtzte, bis Zeit war, in geraͤumigem Saale der Ruhe zu pflegen. Das Kloſter Aſomatos liegt unten an der Mittagſeite des Ida, deſſen Felſen daſſelbe jeden Augenblick zu zertruͤmmern drohen, auf der Seite naͤmlich, wo es angebaut iſt; denn die freie Seite des Kloſters hat viel Annehmlichkeiten, Baumgaͤrten mit vielen Pomeranzen⸗, Citronen⸗ und Mandel⸗ Baͤumen. Den undern Morgen machten ſich die Reiſenden gegen ſieben Uhr auf den Weg. Sie waren geſonnen, in Arkadi, dem ſchoͤnſten Kloſter der Inſel zu fruͤh⸗ ſtuͤcken, weil ſie nur drei Meilen bis dahin zu gehen hatten; allein die Wege waren erſchrecklich, ſehr ſteil, ſo oft in den Felſen gehauen, daß man nicht ſelten in Gefahr war, Hals und Beine zu brechen. Doch fuͤr alle dieſe Beſchwerden und Gefaͤhrlichkeiten des Weges entſchaͤdigten die entzuͤckendſten Parthien. Im Kloſter angekommen, empfing ſie der Prior der Kalogeren freundlich, und ließ ihnen ein Fruͤhſtuͤck zubereiten, das ihnen allen vortrefflich behagte. Die Haͤuſer, welche das Kloſter ausmachen, ſind um einen geraͤumigen Hof gebaut. Die Anzahl der Religioſen 344 iſt groß; doch ſind die wenigſten derſelben Prieſter. Die meiſten leben daſelbſt unter dem Namen Bruͤ⸗ der, ohne eine geiſtliche Weihe anzunehmen, und beſorgen die baͤrteſten Arbeiten des Feldbaues, deſſen viel da iſt. Als die Reifenden das Kloſter, welches ndeſſen uͤber Verdienſt geruͤhmt wird, verließen, zogen ſie eine Stunde bergab, bis ſie die Ebene erreichten. Die Gefilde, durch welche ſie kamen, waren kuͤhl und fruchtbar, und hatten viel Aehnliches mit der Gegend von Avignon. Die Temperatur des Klima's war mild, die Luft rein, und auf allen Seiten dufteten die Pflanzen balſamiſchen Wohlgeruch. Weil unter unſern Reiſenden auch ein franzoͤſiſcher Konful war, und die Griechen, wie Tuͤrken und Juden, von ſolchen Leuten ſtets irgend einen Vortheil hoffen, ſo hatte dies Mal zu Retimo(denn dahin ging die Reiſe) ein reicher Jude treffliche Anſtalten gemacht zum Empfange der Neiſenden. Er hatte ſchon davon er⸗ fahren, und wußte, daß in dieſer Geſellſchaft auch der Konſul ſich befand. Dieſem ſchickte er ein praͤchtig geſchirrtes Pferd entgegen; da die anderen Reiſenden ebenfalls beritten waren, ſo entſtand dadurch ein ſiatt⸗ licher Einzug in die Stadt. Das Haus des Juden war aͤußerſt bequem eingerichtet. Um die angenehme Kuͤhle des Abends zu genießen, ward die Mahlzeit in der Hausflur aufgetragen: dieſe hatte eine offene Ausſicht nach dem Hofe⸗ und nach einem ſchoͤnen . 345 Garten mit Pomeranzen⸗Baͤumen. Die Mahlzeit ſelbſt war feſtlich, und der Jude wendete wirklich viel auf ſeine Gaͤſte, zwei gefuͤllte Laͤmmer, drei Piphaͤhne, ſechs Rebhuͤhner, ſechs junge Huͤhner, ein Dutzend Wachteln, Fruͤchte, Konfituren, Backwerk pon Man⸗ deln und Piſtacien, und noch eine Menge anderer Leckerbiſſen. Zudem hatte er einen Geſetz⸗Wein oder Koſcher⸗Wein, der vortrefflich war. Alles mundete aber auch den Reiſenden nach dem zuruͤckgelegten ſtei⸗ len Gebirgszuge vorzuͤglich. Waͤhrend der Mahlzeit ſpielte ein herbeigerufener Tuͤrke, der keine Note kannte, und nur aus der Phantaſie feine Kunſt betrieb, ſehr anmuthig auf einer Violine, und ſein Spiel war bald entzuͤckend, bald auch tiefes Gefuͤhl erweckend. Gegen Mitternacht begab man ſich zur Ruhe in ſehr nette Gemaͤcher, wo die weichen Betten reichlich erquickten. Retimo iſt das alte Rhitymnia des Geogra⸗ phen Stephau, das Rhitymna des Ptolo⸗ maͤus. Die Stadt iſt artig, und liegt im Anfange einer durchaus fruchtbaren Ebene. Die Zahl der Ein⸗ wohner belauft ſich ohngefaͤhr auf ſechstauſend. Sie dat eine Citadelle; allein ſie gewaͤhrt wenig Schutz, da ſie von einem hohen Berge tuͤchtig beſtrichen wer⸗ den kann. Der faſt ganz verſtopfte Hafen kann nur Barken faſſen, koͤnnte aber wohl zur Aufnahme groͤ⸗ ßerer Schiffe hergerichtet werden, wenn die Faulheit der Tuͤrken es zuließe. Die Herſtellung des Hafens waͤre indeſſen von Wichtigkeit, da die Ebenen Pro⸗ dukte in Menge tragen, als: Oel, Baumwolle, Saf⸗ ran, Wachs, Granaten, Mandeln, Piſtacien und Po⸗ meranzen, auch Aprikoſen und Pfirſiche. Fuͤnf Meilen von der Stadt oͤffnet ſich eine unab⸗ ſehliche Landſchaft zwiſchen dem weſtlichen Ende des Ida und der erſten Reihe der weißen Berge. In dieſem Thale liegt das Dorf Marguarites, das bewohnteſte auf der ganzen Inſel. Es leben da⸗ ſelbſt gegen 40,000 Griechen, welche die umherliegende fruchtbare Ebene bauen. Dieſer Flecken iſt nur zwei Meilen vom noͤrdlichen Meere entfernt, und nicht weit von der Straße nach Kandia. Bei demſelben fließt abſatzweiſe von den Bergen ein angenehmer Bach herab, und das Klima iſt ſehr freundlich. Einſt hatten hier die Venetianer viele Landhaͤuſer, die jetzt zum Theile, was man aber ungerne ſieht, von rohen Tuͤr⸗ ken bewohnt werden. Aus den Oliven, welche die Griechen hier pflanzen, bereitet man ein angenehmes Getraͤnk. Es iſt nur Schade, daß dieſes fruchtbare Land eine Appanage der Sultanin Wa lide iſt, und Tribut geben muß, wobei es oft ſehr ungerecht zu⸗ geht, wenn er durch einen beſondern Beamten einge⸗ ſammelt wird. Die Paſcha's von Retimo und Kandia ſelbſt haben hier nichts zu befehlen. Man wollte von hier nach Kanea, und brach dahin den andern Morgen auch zeitig auf. Von Re⸗ timo hatten die Reiſenden zwei Meilen ſchlimmen 347 Weg uͤber Felſen. Als ſie von den Anhoͤhen herab gekommen waren, zogen ſie drei Stunden am Seeufer hin. Nachdem ſie den Ruͤcken der weißen Berge erreicht hatten, welche mit ihrem vorderen Theile nordwaͤrts in das Vorgebirge Depraſſum auslau⸗ fen, mußten ſie immerfort bald hohe Felſen hinauf klimmen, bald wieder in tiefe Thaͤler hinab klettern. Die Reiſe war alſo aͤußerſt muͤhſam. Endlich ruhte man an einer Quelle in friſchem Graſe unter dem Schatten eines Oelbaumes, fruͤhſtuͤckte, und ſetzte dann den Weg weiter fort. Noch ſechs ganze Meilen war die Reiſe hoͤchſt beſchwerlich. Gegen die Nacht kamen ſie in ein erzieltes Dorf, fanden aber alle Einwohner ſchon im Bette, und wenige Lebensmittel, ob ſie gleich großen Hunger fuͤhlten. Sie raſteten einige Stunden auf Matratzen, und verließen ſchon um drei Uhr Morgens das harte Lager wieder, um ſobald als moͤg⸗ lich nach Kanea zu kommen. Sie hatten noch fuͤnf Meilen dahin. Eine halbe Meile von dem Dorfe mußten ſie einen tiefen Bach paſſiren. Um wieder auf die Hauptſtraße zu kommen, von der ſie ſich Abends vorher, um eine Nuachtherberge zu haben, entfernt hatten, zogen ſie durch Berge, wo kaum ein gebahnter Fußweg war. Wie gefaͤhrlich ſie alſo in dem Dunkel der Nacht reiſten, laͤßt ſich leicht denken. Doch end⸗ lich zeigte ſich auf dem oberſten Theile der Berge die Sonne wie eine Feuerkugel, und verjagte mit ihren Lichtſtrahlen alle Schreckbilder der Nacht. Die Voͤgel 348 ſangen ihr Morgenlied, in den Ebenen bloͤckten die Rinder, und alles wurde lebendig; ſelbſt die ſchlaͤfrigen Sinne der Reiſenden wurden wach. In die Haupt⸗ ſtraße eingelenkt, entdeckten ſie bald den Meerbuſen von Suda und das Schloß, welches deſſen Muͤndung beſtreichet. Jenſeits ſahen ſie den oberſten Theil vom Kap Melek, welches mit Felſenſpitzen beſetzt iſt. Nun begaben ſie ſich in die nach Kanea fuͤhrende Ebene herab, und wurden eine halbe Meile von der Stadt von dem damaligen Vize⸗Konſul bewillkommt. Die Stadt Canea iſt das alte Cydonia, wel⸗ ches einen vortrefflichen Hafen hatte, den die Ein⸗ wohner mit Ketten ſperrten. Die Muͤndung des heutigen Hafens von Kanea iſt ſehr enge, und koͤnnte leicht eben ſo verſchloſſen werben. Der Ur⸗ tprung dieſer Stadt iſt unbekannt. Nach Stepban von Byzanz hieß ſie ehemals, von einem Sohne Apollo's, Apolloniag. Nach Pauſanias er⸗ baute ſte Cydon, ein Sohn des Tegetus, der ſich nach Kreta begeben hatte; nach dem Berichte He⸗ rodots aber iſt ſie von Samiern erbaut worden. Gewiß iſt, daß ein gewiſſer Cydon ihr Erbauer war, es mag nun dieſer ein Sohn Apollo's, oder Mer⸗ kurs, oder eines Tegetus geweſen ſeyn oder nicht. Das heutige Cydon oder Kanea iſt von den Ve netianern gebaut, und bat zwei Meilen im Umfange. Auf der Landſeite iſt die Stadt nur mit einer ein⸗ fachen Mauer umgeben, die aber dick iſt, und von 349 einem ſtarken und breiten in Felſen gehauenen Gra⸗ ben beſchuͤtzt wird. Sie hat nur ein einzigs Thor, welches von einem Halbmonde gedeckt iſt. Dieſer iſt das einzige Außenwerk. Gegen die Seeſeite iſt die Stadt beſſer befeſtigt. Kanea iſt uͤberhaupt auf eine gute Art durchſchnitten. Die Straßen ſind nach der Schnur gezogen, und die großen Plaͤtze mit Fontaͤnen geziert. Dennoch hat ſie keine anſehnlichen Gebaͤude und die meiſten ſind nur ein Stockwerk hoch, ſo ge⸗ baut, daß man uͤber Stufen zu dem Eingange ſteigen muß. Die Haͤuſer nach dem Hafen haben Gallerien, und gewaͤhren eine ſchoͤne Ausſicht auf den durch die Vorgebirge Melek und Spada formirten Buſen. Die Einwohnerſchaft zaͤhlt 48000 Seelen. Die Tuͤrken auf Kandia— ich will hier nach Savary's Vorgange einige allgemeite Bemerkungen aͤber dieſe Inſel einſchalten— ſind den Befehlen des Sultans nicht ſo ſehr, wie die in andern Provinzen des Reichs unterworfen. Die Luft der Inſel macht ſie in gewiſſer Art etwas republikaniſch. Von ihrer Geburt an Janitſcharen, beugen ſie ihren Nacken nicht immer gegen die Gewalt des Paſcha, und ſie ſind leicht zum Aufruhre gereizt. Savary war mehrmals Augenzeuge von ſolchen Ausſchweifungen der Tuͤrken, die, durch eine Ungerechtigkeit des Paſcha's veranlaßt, mit aller Grauſamkeit vollzogen wurden.— Die Luft auf Kandia iſt ſehr geſund und angenehm gemaͤßigt. Die Hitze erreicht nie den hoͤchſten Grad, und die 7 350 Kaͤlte wird in den Ebenen in ihrer Strenge nicht geſpuͤrt. Vom Monate Maͤrz bis zum Monate No⸗ vember war Savary's Thermometer ſtets vom 20. bis zum 27. Grade uͤber dem Gefrierpunkte veraͤndert. In den heißen Sommertagen wird die Atmoſphaͤre durch Seewinde gekuͤhlt. Der eigentliche Winter beginnt erſt im Dezember, und im Januar hoͤrt er ſchon wieder auf; er bringt ſelten Schnee und Eis in den Ebenen, nur haͤufig Regen und wolkenreichen Himmel. Vom Februar an ſchmuͤckt ſich die Erde mit Blumen und Fruͤchten. Dann iſt der Himmel beſtaͤndig heiter und klar. Die Winde ſind gelinde und gemaͤßigt; die Naͤchte ſchoͤn und lau. Zu dieſen Annehmlichkeiten des Klima's geſellen ſich noch andere Vortheile. Die Inſel Kreta hat faſt gar keine Suͤmpfe: denn alle Gewaͤſſer kommen von den Hoͤhen berab, und wandern in das Meer. Dazu haben alle Baͤche und Fluͤſſe einen ſchnellen Lauf. Deßwegen koͤnnen die Inſekten ihre Eier nicht in dieſelben legen. Kreta iſt daher frei von den unzaͤhligen Muͤcken⸗ ſchwaͤrmen anderer Gegenden und von boͤſen Marem⸗ maduͤnſten. Kreta's Berge und Huͤgelruͤcken tragen die verſchiedenſten Pflanzen, duftenden Thymian, Sa⸗ turey, wilden Quendel, ſtarkriechende Ciſtenroſen. Morthen und Lorbeer umſaumen die Baͤche der Thaͤ⸗ ler. In den Ebenen bluͤhen Pomeranzen⸗, Citronen⸗ und Mandel⸗Baͤume, Jesmine und Veilchen. Ganze Strecken ſind mit Safran bewa hſen. Der lieblich 351 riechende Dietam bekleidet Felſen, kurz: Berge, Ebe⸗ nen und Thaͤler athmen die lieblichſten Wohlge⸗ ruͤche aus. Der Menſch in Kreta iſt ſtark und geſund. Der Tuͤrke hat weniger Ehrſucht und Golddurſt, als in andern Gegenden, kennt weniger den Geiſt der Ju⸗ trigue, noch den Neid; er waͤchſt ungeſtoͤrt von Lei⸗ denſchaft zu einem Koloſſe empor, lebt friedlich, und bleibt munter bis in das hohe Alter. Die Jugend iſt friſch, und hat eine lebhafte Fleiſchfarbe, ein volles feuriges Auge; ihr Gang iſt angenehm und edel; alle ihre Stellungen und Bewegungen verrathen Kraft und Geſundheit. Die Arme ſind nervicht, die Schul⸗ tern breit, die Bruſt iſt hoch, der Hals von keinem Stricke der Mode umgeben. Kurz: der Menſch in Kreta gleicht den alten Statuen, und wohl waren es aͤhnliche Muſter, nach denen die Alten arbeiteten. Die Frauen ſind ſchoͤn und voll Anmuth. Ihre Klei⸗ dung bindert keinen einzigen Theil ihres Koͤrpers aut Wachsthum, und dieſer iſt ganz im beſten Verhaͤlt⸗ niſſe. Ueberhaupt haben die Kretenſerinnen ei⸗ nen ungemein ſchoͤnen Buſen, einen anmuthig gerun⸗ deten Hals, ſchwarze feurige Augen, einen kleinen Mund, eine vollkommen wohlgebaute Naſe und Wan⸗ gen mit einem geſunden Incarnate. Dabei iſt das ganze Geſicht ein entzuͤckendes Oval. Die Griechen in Kandia genießen in Abſicht auf Witterung, Luft und Klima gleiche Vortheile mit 2 7 8252 den Duͤrken, leben jedoch bedruͤckt von ihren Tyrannen. Ihre Tage ſind Unruhe und Furcht, nicht ſelten Ver⸗ zweiflung. Auf ihrem Geſichte zeigt ſich das Gepraͤge der Sklaverei. Ihre Blicke ſind niedergeſchlagen. Schurkerei und Niedertraͤchtigkeit entſtellen ihre Zuͤge. Kur die Spachioten haben etwas freieres, weil ſie wentger gedruͤckt ſind in ihren Bergen. Die Inſel Kandia hat nicht viele giftige Thiere, wenige und kleine Schlangen, die Ophis, Schen⸗ dra und Ephloti ihren Namen nach unterſchieden ſind. Außerdem giebt es eine Art Spinnen, Pha⸗ langion genannt, deren Gift toͤdlich ſeyn ſoll.— Die vierfuͤßigen Thiere der Inſel bringen dem Men⸗ ſchen keinen Schaden, denn es giebt keine Naubthiere, keine Loͤwen, Diger, Hyaͤnen u. d. m. Steinboͤcke, Ziegen, Haſen, Schafe, Nuuder und Pferde ſind nuͤtzlich. Da die Luft der Inſel ſo rein iſt, ſo kommen in Kreta nicht viele Krankheiten vor. Im Sommer herrſchen wohl Fieber daſelbſt, ſie ſind aber nicht ge⸗ faͤhrlich, und eine Peſt kann daſelbſt nur durch Ver⸗ nachlaͤßigung der Anſtalten dagegen entſtehen und eingebracht werden. Da Savary ſechszehn Jahre auf dieſer Inſel lebte, und in dieſer Zeit Muße hatte, die Natur der⸗ ſelben mit allen ihren Schoͤnheiten kennen zu lernen; da er wirklich auch einen Spatziergang von Kanea beſchreibt, der außerordentlich ſchoͤn ſeyn muß, und X 353 uns dem Lande, wo er ſo froh war, befreunden kann; ſo will ich denſelben nicht mit Stillſchweigen uͤber⸗ gehen, und ihn groͤßtentheils mit Savary's eigenen Worten mittheilen, beſonders da er uns einen Theil des Landes kennen lehrt, von dem bisher nicht die Rede war. Von Kanea an dem Seeufer auf der ſüdweſtli⸗ chen Seite laͤßt man rechts das Lazareth, einen im Meere ſtehenden Felſen, liegen. Hier hielten ehe⸗ mals die Venetianer die Schiffe zur Quarantaine an. Eine Meile davon iſt der Felſen des h. Theodor, den einſt die Ottomanen bei der Belagerung der Stadt vertbeidigten. Dieſe Inſel und die, welche das Lazareth heißt, wurden einſt Leukes genannt, und ſind wegen des fabelhaften Streites der Sire⸗ nen mit den Muſen beruͤhmt. 7 Geht man an dem Meerbuſen fort, ſo ſieht man gegen Weſt eine lange Bergreihe, die endlich ſpitzig auslaͤuft und das Cap Spada, einſt Dietynna, bildet. Dieſes iſt ein Arm von den weißen Ber⸗ gen, von Strabo einſt Korykus genannt. Nun naͤhert man ſich dem Fluſſe Platania und dem Walde gleiches Namens, drei Meilen hinter Kanea. Weſtwaͤrts hat man die See und Berge, gegen Oſt dickes Gebuͤſche. Zwiſchen dem Seeufer und dem Walde iſt der Boden ſandig, eine Viertels⸗Meile breit, und hat von einer Seite zur andern Lorber⸗ Roſen⸗Gebuͤſche. Nichts friſcheres laͤßt ſich denken, 49ſteo B. Griechentand. II. 3. 8 354 als das helle Gruͤne ihres Laubwerkes; nichts ſchoͤne⸗ res, als ihre purpurrothen Blumen. Brennt hier den Bewunderer der Natur die Sonne, ſo tritt er etwas weiter in einen ſchattigen Ahornwald, deſſen meiſte Baͤume ſiebenzig Schuhe hoch ſind, ſtark wie unſre Ulmen, und nicht minder edel am Wuchſe. Um jeden dieſer gegen Sturm und Wetter feſt zufammen hal⸗ tenden Baͤume ſind Weinſtoͤcke gepflanzt, deren Reben vier Zoll im Durchſchnitte halten, und gleich den Tauen, welche die Schiffs⸗Maſten feſt halten, in die Hoͤhe ſteigen. Ein jeder dieſer Baͤume iſt eine Laube, die ſelten einen Sonnenſtrahl eindringen laͤßt. Unter einer ſolchen Laube ſitzend, ſieht der Reiſende uͤber ſeinem Haupte Weintrauben bisweilen von zwei Fuß in der Laͤnge, und von den verſchiedenſten Farben prangen, die zwar ſpaͤter als die auf den ſonnigen Huͤgelruͤcken reifen, aber einen vortrefflichen Geſchmack haben. Und unter dieſem Schatten, wo man ſo froh ſeyn kann, freuen ſich mit dem Reiſenden Nachtigalle, Grasmuͤcken, Stieglitze und Amſeln, ungeſtoͤrt der Liebe pfiegend, und in voller Freiheit des Lebens ihre melodiſchen Lieder ſingend, die das Echo wiederholt. An dem Nande dieſes herrlichen Gehoͤlzes laͤuft der Fluß PNlatania. Er iſt nicht tief, aber ſeine Wellen ſind ſpiegelklar. Das Laub des Ahorns und die Trauben malen ſich auf ſeiner Kryftallflaͤche⸗ Stellenweiſe ſind ſeine Ufer mit Baͤumen bepflanzt. Still murmelnd ſchleicht er unter der dicken und ihn 355— verdunkelnden Woͤlbung dieſes Laubgemaches hinaus in freiere Raͤume, wo er blos den Himmel zur Decke hat, und die Heiterkeit der Luͤfte ſeinen Silberfluthen harmonirt. Hier war es, wo nach der Fabel die Europa badete, und den Jupiter entzuͤckte; es iſt in der That keine Gegend mehr fuͤr die ſuͤßen Ge⸗ heimniſſe der Liebe gemacht, wie dieſe. Will nun der Reiſende, ſo tritt er wieder in hei⸗ lige und undurchdringliche Schatten, deren Stille das Herz durchſchauern mit den Wonnegefuͤhlen emer ſeligen Einſamkeit; in Schatten, deren Kuͤhle ſo er⸗ quickend iſt. Geht man indeſſen unter den Woͤlbungen der Platania fort, nach der Quelle des Fluſſes hin; ſo oͤffnen ſich an einigen Orten die den Waid umge⸗ benden Huͤgel ſo, daß man ferne Rebenhuͤgel, Huͤtten und herabhaͤngende Felſen in ihrer Naͤhe erblickt, und die vergnuͤgt am Rande der jaͤhen Steinmaſſen ſcher⸗ zenden und weidenden Ziegen betrachten kann. Iſt man durch den Wald gekommen, ſo oͤffnet ſich eine Ebene von drei Meilen im Umfange von hoben Huͤgeln umgeben, uͤber welchen die weißen Berge ihre beſchneiten Haͤupter in den Wolken ver⸗ bergen moͤchten. Von allen Seiten des Horizontes laufen ſchmale und tiefe Thaler in die Ebene, und bringen den Zoll ihrer Waͤſſer: Lorber⸗Roſen bezeich⸗ nen die Umriſſe derſelben, und bilden einen bluͤhenden Saum um ihre Flanken. Dieſe Roſenſchaͤrpen, von der Natur gewebt, ſtechen auf eine vortreffiiche Weiſe mit dem ſie umgebenden Gruͤne ab, und das Auge kann ſich nicht ſaͤttigen. In der Ebene ſtehen bluͤ⸗ hende Myrthen⸗Gebuͤſche, und bilden die lieblichſten Haine, worin man nicht muͤde wird ſpazieren zu gehen, ſo ſchoͤn iſt ihr Laub, ſo ſuͤß und balſamiſch die Ausduͤnſtung ihrer Blumen. So lange die Ebene iſt, ſo lange zieht ſich auch ein Bach durch. Die Ufer deſſelben ſind mit Lorber⸗Roſen⸗Baͤumen um⸗ ſaumt. Die Schoͤnheit ihrer Blumen, wie ſie von einer Entfernung zur andern hinter den bluͤhenden Myrthen⸗Straͤuchen hervorblicken, bildet eine Scene, welche den Pinſel eines geſchickten Malers zu be⸗ ſchaͤftigen werth waͤre. Doch das Vergnuͤgen des Auges iſt noch gering gegen das des Geruchs. Solche Gegenden, ſolche Natur ſah Sa vary, und wer moͤchte ihn nicht darum beneiden! Wer moͤchte nicht mit ihm gewandert ſeyn! Doch verſichert uns eben dieſer Reiſende, daß nicht alle Gegenden gleich entzuͤckend ſeyen; deſſen ohngeachtet aber haͤtten die Alten in ihren Natur⸗Schilderungen nie etwas anders, als die Natur ſelbſt dargeſtellt. Gehoͤrte dieſe Inſel einem gebildeten Volke, wie wuͤrde ſis noch ſchoͤner ſeyn! Die weißen Berge hat man, ſobald man aus Kanea heraus kommt, vor ſich, und ſie heißen jetzt die Berge von Sphachia. Sie bilden eine Kette, deren Hoͤhe dem Ida nichts nachgiebt, und die laͤngſte der Inſel iſt. Oeſtlich von Suda beginnt 357 ſie bei dem Cap Depranum:; von da zieht ſie ſich ſuͤdlich, wo der Flecken Sphachia liegt, und durch eine Schanze gegen Korſaren geſchuͤtzt iſt. Von dieſem hohen Mittelpunkte laufen zwei Arme nach dem Pe⸗ loponnes vor, von denen einer in das Cap Spada, der andere in das Cap Suſa auslauft. Dieſe weſt⸗ lichen Arme des Gebirges hießen einſt Tityrus und Kadiscus. Die Bergreihe Titvrus endete im Cap Spada, einſt Dietynna; der Kadiscus endete im Cap gleiches Namens, oder in dem jetzt Suſa genannten Vorgebirge. Beide Gebirge ſind ſteil, und tragen wenige Produkte, hier und da Cy⸗ preſſen, Fichten und einige Arten Laubholz. Die Doͤrfer daran ſind gering und ſchlecht bewohnt. Der Reiſende findet daſelbſt keine Stadt. Hinten in dem von dieſen Bergen umſchloſſenen Meerbuſen liegt der Flecken Ciſams, mit einem ſchlechten Hafen und verfallenem Schloſſe. Bei dem Vorgebirge Suſa ſieht man die auf einem Felſen angelegte Feſtung G r a⸗ buſa, in welcher ſich die Venetianer lange gegen die Ottomannen hielten, bis der Kommandant derſel⸗ ben den Verraͤther ſpielte. Das Gebirge bildet vor Kanea eine unabſehbare Vormauer, die bis in die Wolken reicht, und die Stadt von dem uͤbrigen Theile der Inſel abzuſchneiden ſcheint. Die niedrigſte Ge⸗ birgsreihe iſt nur zwei Meilen von der Stadt entfernt⸗ und gegen 300 Toiſen hoch. Zwiſchen dieſer und der zweiten oͤffnet ſich eine drei Meilen breite Ebene von 3⁵⁸ anſehnlicher Laͤnge; die zweite Reihe der Berge iſt ſchon betraͤchtlich hoͤher. Weiter hin kommen dann die hohen Berge, welche den Namen der weißen Berge fuͤhren von dem Schnee, mit dem ſie einen Theil des Jahres bedeckt ſind. Alle dieſe Berge ſind eine Apanage der Sultanin Walide, die ihren Guͤnſt⸗ ling jederzeit zur Verwaltung und Erhebung des Tri⸗ bats, den die Bewohner deſſelben geben muͤſſen, ab⸗ ſendet; ſie ſind alſo außer dem Befehle der Paſchen dieſer Inſel.. 4 Die Bewohner dieſer Gebirge ſind Griechen, und beißen Sphachioten. Sie haben zahlreiche Ziegen⸗ und Schafherden, treiben Bienenzucht, machen guten dem Parmeſan ahnlichen Kaͤſe, und verkaufen von den Produkten, was ſie entbehren koͤnnen, in den benach⸗ barten Flecken und Doͤrfern. Sie machen einen eige⸗ nen Volksſtamm der Griechen aus, reden ihren eigenen Dlalekt, und haben manche Gebraͤuche aus alter Zeit beibeyalten. Sie ſind ſtark, muthig, und treffliche Schuͤtzen und Jaͤger. Eigen iſt ihnen eine Art von Nationaltanz, den ſie aus dem Alterthume beibehalten baben, und Pyrrhicha nennen. Sie erſcheinen dabei in alterthuͤmlicher Tracht. Ein Guͤrtel haͤlt ihren Rock zuſammen; Ihre uͤbrige Kleidung ſind Hoſen und Halbſtiefel. Auf der Schulter haͤngt ein Koͤcher mit Pfeilen, und am Arme ein geſpannter Bogen. Ihre Huͤfte ziert ein langer Degen. So beginnen ſie den Tanz, der drei verſchiedene Taktweiſen hat. Die 359 erſte giebt die Schritte an, und ſie heben einen Fuß um den andern, wie etwa bei den deutſchen Taͤnzen geſchieht. Die zweite Taktweiſe macht ſtaͤrkere Bewe⸗ gangen, und der Tanz bekommt Aehulichkeit mit dem der Nieder⸗Bretagner. Bei der dritten Takt⸗ weiſe ſpringen ſie zuerſt mit dem einen, dann mit dem andern Fuße bald vorwaͤrts, bald ruͤckwaͤrts, ohne ſich beſonders auzugreifen⸗ Dieſelben Schritte und Bewe⸗ gungen machen die Taͤnzer von der Gegenparthei nach. „Dabei wird geſungen, und genau auf die Menſur der Muſik geachtet. Die Formen des Tanzes ſelbſt ſind verſchieden; bald bildet man einen Kreis, bald Reihen; bald fordert man ſich zu Kaͤmpfen heraus, und koͤmpft auch wohl gar dabei. Man darf indeſſen nicht ſchlie⸗ ßen, daß Leute, die ſolche Waffentaͤnze halten, eben auich kriegeriſch ſeyen. Ehemals waren wohl die Srha⸗ chioten ſtark und muthig gegen ihre Unterdruͤcker; jetzt zahlen ſie aber ihren Charatſch ſo gut, wie die andern Griechen, und man kann nicht ſagen, wann dieſelben ihr Joch wie Helden⸗ und muthig wie ihre Ahnen abſchuͤtteln werden. Wir wenden uns jetzt mit den Reiſenden an das Cap Melek, welches ſich nord⸗ und oſtwaͤrts von Kanea fortzieht, und ehemals das Vorgebirge Cia⸗ mum hieß. Der vordere Theil deſſelben hat ſechs Meilen im Umfange. Die Seefahrer, die ſich ihm naͤhern, ſehen freilich nichts als ſpitzig in die Hoͤhe ſteigende Felſen und fuͤrchterliche Klippen; allein in 360 Lande hat man zwiſchen den Bergen doch Gegenden, die der Aufmerkſamkeit und des Durchwan derns werth ſind.— Der oͤſtliche Theil bildet eine der Seiten des Meerbuſens von Suda, unfern deſſen Muͤndung ein Schloß gleiches Namens den tuͤrkiſchen Waffen viele Jahre widerſtand. Dieſes Fort Suda, leicht un⸗ uͤberwindlich zu machen, iſt einer der wichtigſten Plaͤtze in Kandia. Jenſeits dieſes Forts iſt ein Ankerplatz von einer ſolchen Weite, daß daſelbſt die zahlreichſte Flotte Stand halten kann, dabei vor allen Winden ſicher, und ſo gut als in einem Baſſin eingefangen iſt. Der aͤußerſte Theil des Meerbuſens von Suda heißt Kulate, und iſt nur anderthalb Meilen von dem Hafen von Kanea entfernt. Es koͤnnte zwiſchen beiden Haͤfen leicht eine Verbindung hergeſtellt werden, durch einen kurzen Kanal. Der Vortheil iſt nicht ge⸗ ring zu achten. 1 idum dnn zrgnt en Zu den hoͤheren Gegenden des Cap Me lek iſt der Weg beſchwerlich. Er fuͤhrt uͤber ſteile und unfrucht⸗ bare Berge, wo es Rebhuͤner und Haſen im Ueberfluſſe giebt, wo aber der Ackersmamn wenig ernten wuͤrde. Iſt man hinauf, ſo zieht ſich der Weg in eine Ebene hinab, die ihre Fruchtbarkeit einem Moͤnchs⸗Konvente zu danken hat, Wein, Korn, Gerſte, Oliven und Man⸗ deln tragen. Durch eine lan ge Allee von hochſtaͤmmi⸗ gen Cypreſſen kömmt man in das Dreie inigkeits⸗ Kloſter, welches ein laͤngl iches Viereck bildet mit ſeinem Hofe, in welchem eine Kirche und viele Cellen 361 7 der Religioſen ſinde Das Kloſter iſt mit allen zum Ackerbau noͤthigen Geraͤthen verſehen, und waͤhrend die Prieſter den Gottesdienſt beſorgen, bauen die Layen⸗ bruͤder das Feld. Das ganze Kloſter iſt eine Republik, deren Reichthum durch Arbeit erworben, und in Zu⸗ friedenheit verzehrt wird. Incn Ueber rauhe Wege kommt man in einer Stunde von dieſem Kloſter in jenes von St. Johannes, das, auf der hoͤchſten Spitze des Cap Melek ſteht, und eine freie Ausſicht in die Umgegend gewaͤhrt. Gegen Suͤd ſieht man die weißen Berge, gegen Weſt die Moſcheen⸗Thuͤrme von Kanea, gegen Nord die ferne Spitze des Cap Spada und die Schiffe, die in jenen Gewaͤſſern fahren. Nimmt man den Ho⸗ rizont enger, ſo erblickt man Huͤgel⸗Reihen mit Wein⸗ bergen, Berge voll Felſenſpitzen, und in der Ebene Schloͤſſer, von Buſchwerk umgeben. Noch naͤher hat man nichts als ſehr jaͤhe Abhaͤnge, kaleinirte Felſen und rieſig aufgethuͤrmte, Schauer erregende, und un⸗ fruchtbare Berge. 4 46 al nt Von dieſer Einſiedelei fuͤhrt ein ſchmaler, ſtellen⸗ weiſe durch Felſen gehauener Pfad nach einer von der Natur verzierten Grotte, zu deren Eingang ein jaͤher Hohlweg hinabfuͤhrt. Die glaͤnzendſten Stalactiten ſind der Schmuck ihres Innern, und bilden mancherlei Geſtultenn 10 0 dürzan dat enee. aun Geht man aber von dem Cap Melek wieder herab nach Kanen, ſo trifft man unterwegs auf das Frau⸗ 362 enkloſter Akrotiri. Um daſſelbe herum ſind traurige Felſen, an deren Fuß Quendel, Heidekraut, Thymian, Ladanum⸗Baͤume, und Erdbeer⸗Gebuͤſche wachſen. Die daſſelbe bewohnenden Frauen ſind eigentlich keine Nonnen, und haben blos das Geluͤbde der Jungfrau⸗ ſchaft abgelegt. Sie leben in kleinen Haͤuschen, die um die Kapelle herum ſtehen, in welcher ihnen ein griechiſcher Papas die Meſſe ließt. In jeder Celle, wo immer zwei Nonnen wohnen, iſt eine Ciſterne, die in dieſen hohen Gegenden noͤthig, ein Backofen und ein Webeſtuhl. Sie ziehen Seidenwuͤrmer, Baum⸗ wolle, und dann macht eine Schweſter das Geſpinnſt, die andre das Gewebe. Was ſie fertigen, verkaufen ſie in der Stadt. Uebrigens ſind die Cellen von allem unnuͤtzen Geraͤthe frei, und ſehr reinlich. Die Schwe⸗ ſtern ſelbſt ſind ſauft, beſcheiden und anmuthig. Die Inſel Kreia wird durch drei⸗Paſchen regiert, die zu Kandia, Kanea und Retimo wohnen. Der erſte derſelben fuͤhrt ſtets drei Roßſchweife, und iſt gleichſam der Vicekoͤnig. Er hat die oberſte Gewalt, beaufſichtigt die Schanzen und Zeughaͤuſer, vergiebt die Aemter bei dem Militaͤr und bei den Buͤrgerlichen. Die Gouverneure der Schanzen heißen Bey's. Unter dieſen ſtehen ein Kaſtellan und drei Stabsoffiziern fuͤr die Artillerie, Kavallerie und Janitſcharen. Der Staatsrath des Paſcha beſteht aus einem Kigia, durch deſſen Haͤnde alle Geſchaͤfte gehen; aus einem Janitſcharen⸗Aga oder General⸗Oberſten 363 der Truppen und der Polizei; aus zwei Talpid ſch i⸗ Baſchi, aus einem Defterdar oder Schatzmeiſter, und aus den vornehmſten Offizieren der Armee. Die Verfaſſung iſt alſo militaͤriſch.— Die Rechtsgelehrten ſind der Mufti, Oberhaupt der Religion, und der Kadi. Jener entſcheidet alle buͤrgerlichen und kirch⸗ lichen Rechtshaͤndel, und dieſer iſt blos Referendar der Streitfaͤlle und Vollſtrecker des Urtheils. Ohne dieſe beiden Richter entſcheidet der Paſcha jedoch nicht nur der Paſcha von drei Roßſchweifen uͤbergeht ſio nach Gutduͤnken, obgleich auch er es eigentlich nicht thun darf. 18* Alle Moſcheen haben ihren Imam oder Pfarrer, der den Gottesdienſt beſorgt. Auch iſt in jedem Stadt⸗ viertel ein Effendi oder Schulmeiſter. Dieſe Maͤnner ſtehen in der Tuͤrkei in großem Anſehen.. Die Truppen in der Inſel belaufen ſich gegen die Zahl von 10,000 Mann, liegen jedoch nicht alle in den Staͤdten, koͤnnen aber leicht zuſammengezogen werden. Sie bekommen alle Vierteljahre ihren Sold, ſind aber nicht ſehr furchtbar: denn ſie werden nicht in millitaͤ⸗ riſchen Bewegungen geuͤbt, und ſind ohne alle Taktik. Durch die Bedruͤckungen und Habſucht aller drei Paſchen vermindert ſich die Zahl der griechiſchen Ein⸗ wohner auf der Inſel faſt ſichtbar. Man zaͤhlt kaum 150,000, von welcher Zahl 65,000 den Charatſch bezahlen. Die Anzahl der Tuͤrken bingegen, weil ſie weniger Plackereien unterliegen, vermehrt ſich und 364 belaͤuft ſich etwa auf 200,000. Alle dieſe gruͤnden ihren Wohlſtand auf den Ruin der Griechen. Die Juden ſind nicht zahlreich, und es giebt ihrer daſelbſt nicht uͤber 200. Die ganze Bevoͤlkerung betraͤgt ſonach 380,200 Seelen, auf einer Inſel von 250 Meilen im Umkreiſe. Und iſt dieſe Zahl nicht Beweis einer ſchlechten Re⸗ gierung 8 Einſt hatte Kreta hundert Staͤdte, und manche derſelben dreißig tauſend Bewohner, außerdem noch viele Doͤrfer und Flecken, vielleicht uͤber eine Million Einwohner. Noch zur Zeit der Venetianer zaͤhlte man 99s Doͤrfer, und wo ſind dieſe jetzt? An⸗ genommen, daß viele Kandioten durch lange Kriege mit ihren Zwingherren und durch Peſt, welche ihnen zugefuͤhrt wurde, zu Grunde gingen, wie viel hat dann doch noch der Deſpotismus geſchlachtet? Wwohl haben die Tuͤrken die Unteriochten bei der freien Ausuͤbung der Religion gelaſſen; allein ohne um theures Geld erkaufte Erlaubniß geſtattet umn den Armen keine Reparatur in ihren Bethaͤufern, und ſo zerfallen ſelbſt dieſe. Die zwoͤlf Biſchoͤfe der Inſel und der Erzbiſchof von Gortyna, der zu Kandia ſeinen Sitz hat, haben gegen die Frechheit der Unter⸗ drücker zu wenig Anſehn, um mit Erfolg wirken zu können. So aber laüft alles dem Untergange zu. Wite betraͤchtlich koͤnnte der Handel ſeyn, zu Folge tbres Produkten⸗Reichthums, wenn er nicht in den Haͤnden der Tuͤrken waͤre, die nichrs von Kuͤnſten und 365 Ackerbau verſtehen, oder in den Haͤnden einiger Grie⸗ chen, die den Muth nicht haben duͤrfen, reich zu ſeyn! Wie koͤnnte das Land noch kultivirt, und die Induſtrie in demſelben gehoben werden! Als die Venetianer die Inſel noch beſaßen, fuͤhrte ſie Korn aus; jetzt laͤßt ſie es nach Kanea in ganzen Laſten bringen. Und wer traͤgt davon die Schuld?— Einzig die tyranniſche Beſchaffenheit der Regierung. Die fruchtbarſten Land⸗ ſtriche ſind unbebaut, die ſchoͤnen und vortrefflichen Seehaͤfen zu Palio⸗Caſtro, Cap Salomon, Spina longa, Suda, Grabuſa, welche die Na⸗ tur an der noͤrdlichen, oͤſtlichen und weſtlichen Seite der Inſel bildete, ſind verwahrloſet, und werden ihre Beſtimmung, in alle Welttheile, nach Europa⸗ Aſien und Afrika Schiffe zu befrachten, nur erſt unter einer guten Regierung, nie aber unter dem Scepter der Barbaren erfuͤllen. 8 Ie Savary begab ſich nach einem langen Aufent⸗ halte auf Kreta, in Geſellſchaft des aͤltenen Sohnes vom franzoͤſiſchen Viceconſul in Argentiera, Herrn Breſt und zweier nach Konſtant inopel reiſender Handelsleute, auf einen Kuͤſtenfahrer, der kaum fuͤnf⸗ zehn Schuhe lang und fuͤnf breit war⸗ und keinen Raum zwiſchen dem Verdecke hatte. Dieſer Schiffe giebt es viele, und es iſt gefaͤhrlich und unbegquem auf ihnen zu reiſen, weil man meiſtens der Sonne und dem Wetter ausgeſetzt iſt, und ein leichter Windſtoß dieſelben umwerfen, oder doch wenigſtens mit einer 366 Welle uͤberſchuͤtten kann. Man begiebt ſich daher nur dann auf dieſelben, wenn der Wind guͤnſtig iſt, und die Fahrt nicht weit geht⸗ Mit Aufgange der Sonne verließen unſere Rei⸗ ſenden den Hafen von Suda. Ein kuͤhler Wind blies guͤnſtig in die Segel, und trieb das Fahrzeug nach Argentiera, wohin es beſtimmt war. Lange ſah man im Ruͤcken das Cap Melek und das hohe Ge⸗ biege von Sybachia, wie ſte ſich in den Wolken verhargen, und beim Vorruͤcken des Schiffes immer unſichtbarer wurden. Gegen Mittagszeit waren fie ganz verſchwunden. Da der Wind guͤnſtig blieb und der Himmel heiter, ſo kam man Abends um 9 Uhr nach einem zuruͤckgelegten Wege von 30 Seemeilen in dem Hafen von Argentiera vor Anker. Der Vice⸗ conſul empfing und bewirthete die Reiſenden mit vieler Hoͤflichkeit. Savary wollte nach Konſtantinopel, hoͤrte aber hier, daß dort die Peſt wuͤthete, und gab ſogleich deshalb ſein Vorhaben auf. Die Reiſe⸗Gefaͤhrten redeten ihm zu; allein er hatte das Uebel in der Naͤhe ſchon kennen gelernt, und wuͤnſchte ihnen die gluͤck⸗ lichſte Reiſe. Er blieh alſo zunuͤck, und beſah Ar⸗ gentiera. Die kleine Inſel, einſt Cimolis genannt, hat nur ſechs Meilen im umfange. Der Boden iſt duͤrre, 367 und es mangelt an Quellen. Man hat nur Ciſternen⸗ Waſſer oder ſolches, was von Milos gebracht wird⸗ Berge, Thaͤler und offenes Land ſind baͤumelos. Die Einwohner wollen lieber keine Pflanzungen haben, als etwas gewinnen, und dann das Doppelte davon Tri⸗ but zahlen. Die Huͤgel der Inſel ſind voll ſpitziger Felſen und ohne Gruͤn. Der Boden liefert nicht mehr, als was die Einwohner brauchen; ſie wollen auch nicht mehr. Die uͤbrigen Produkte der Inſel ſind Federvieh, Ziegen, Schafe, Wachteln, Haſen, Reb⸗ buͤhner, Fiſche und ein ordinaͤrer Wein. Eben aber⸗ weil die Inſel nichts liefert, die Einwohner nichts erzielen wollen, und kein Fort auf derſelben iſt, darum ſind keine Aga's und keine Kadi's hier. Doch ſind ſie nicht von dem Charatſch frei; dieſer wird jaͤhrlich durch Abgeordnete eingeſammelt⸗ 5 Vor Argentiera liegt eine lange duͤrre Klippe, welche die verbrannte Inſel genannt wird. In dem Kanal dazwiſchen finden die Schiffe einen guten Ankerplatz. Uebrigens iſt das Ufer um die ganze In⸗ ſel ſteil und unzugaͤnglich. Zu Argentiera ſieht man auf die Inſel Mi⸗ los, welche nur eine halbe Meile entfernt iſt; jetzt heißt ſie Milo oder Mila⸗ Ehemals hatte ſie eine von den Phoͤniziern erbaute Stadt gleiches Namens. Sie hat einen ſchoͤnen Hafen, deſſen Muͤndung nach Nordweſt ſieht, und ein geraͤumiges Becken oͤffnet⸗ 368 worin eine zahlreiche Flotte ſicher vor Anker legen kann. Die Inſel war ehemals fruchtbar und volk⸗ reich; auf einem Raume von 18 Meilen im Umfange leben, ſeit dieſes Eiland unter tuͤrkiſchem Scepter ſteht, kaum noch 70o Einwohner;z fruͤher aber belief ſich ihre Zahl uͤber 5000. Die Felder liegen ungebaut, und fruchtbare Thaͤler werden Moraͤſte. Die minera⸗ liſchen Quellen, die warmen Baͤder werden vernach⸗ laͤſſigt, die Salzlachen vermehren ſich, die ſchwefelich⸗ ten Duͤnſte, die uͤberall aufſteigen, tragen das Ihrige dazu bei, daß die Inſel wuͤſte wird, und Fieber die wenigen Einwohner vollends aufreiben, welche der Deſpotismus der Tuͤrken bis dahin verſchonte. Einſ waren auf der Iuſel, obgleich ihre Luft nicht durchaus geſund iſt, gegen 20,000 Einwohner, und ſie lebten; warum iſt die Inſel jetzt ſo leer?— Wo der Tuͤrke ſeinen Fuß hinſetzte, da floß Blut. Die Gewalt iſt ſein Geſetz, und der Saͤbel ſeine Gerechtigkeit! ———-