Laſchen⸗Bibliothek 3 der wiicchtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, 4 4 d Erfindung der Buchdrnckerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Berf a ß von 5 Mehrren, und herausgegeben 4 von Joachim Heinrich Jäck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 40. Baͤndchen. Mit 1 Kupfer. 3 III. Thetl. 2. Bändchen von der Türkei. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und vont Ebner. 1 8 2 B3— Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen . in die 8 Türkei. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt „. von Mehren, und herausgegeben . von . Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. „ III. Theil. 2. Baͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1 1 8 2 0 „Reiſe nach Griechenland und der Türkei auf Befehl K. Ludwigs XVI. unternommen von C. S. Sonnini*) in den Jahren 1778— 1780. Mitgetheilt von M. Fiedler. — J. Nachdem ich Aegypten durchreiſt hatte, ſo war der eigentliche Zweck meiner Sendung erfuͤllt. Aber ein koͤniglicher Befehl berechtigte mich doch, die Reiſe noch fortzuſetzen, und alle Laͤnder zu beſuchen, wo ich *) Man vergleiche Sonnini's Reiſe durch Ae⸗ gypten im 27. Baͤndchen S. 681.— Voyage en Gréce et en Turquie fait par ordre de I,ouis XVI., et avec autorisation de la cour ottoman- ne. Paris 1801. 8. 2 vol. Ueberſetzt in das Eng⸗ liſche. London 1801. 3., und in das Teutſche mit Anmerkungen von Ch. Weyland. Berlin 1801 8. — Derſelbe Verfaſſer gab waͤhrend der Revolu⸗ tion mehrere ſelbſtſtändige naturhiſtoriſche Schrif⸗ ten heraus, und vom Konſulate Napoleons nahm er an mehreren Zeitſchriften v. Herbin, Rozier, Thouin ꝛc. Theil. 118 Stoff zu intereſſanten Bemerkungen und Unterſuchun⸗ gen zu finden glaubte. Vor allen zog das einſt durch Wiſſenſchaft und Kuͤnſte verherrlichte Griechen⸗ land, welches in ſeinem Schooſe ſo viele Helden und große Maͤnner erzeugt hatte, meine Aufmerkſam⸗ keit an ſich. Die Wellen des griechiſchen Meeres, durch eine zahlloſe Menge von Inſeln vergehens auf⸗ gehalten, waͤlzen ſich auf die flachen Kuͤſten Aegyy⸗ tens; ein ſchmaler Raum treunt dieſe Laͤnder, auf welche beide das Alterthum ſtolz iſt. Da ich bei meiner Abreiſe aus Aegypten kei⸗ nen andern Zweck hatte, als durch Griechenland und einige andere tuͤrkiſche Provi nzen zu reiſen; ſo war mir ganz gleichguͤltig, welchen Ort ich zuerſt be⸗ ſuchte. Ich benutzte daher das erſte Schiff, welches aus dem Hafen von Alexandrien abfuhr, ging den 17. Oktober 4778 unter Segel, und verlor bald die Sandhuͤgel und die beruͤhmte Saͤule aus den Augen, welche den Schiffen, wenn ſie Alexandrien ſich naͤhern, zum Wahrzeichen dienen. n II. Der kleine Vorrath von Lebens⸗Mitteln, wel⸗ chen ich in das Schiff nahm, beſtand groͤßtentheils aus lebendigen, bei Aegypten gefangenen Wach⸗ teln. Sie wandern wie andere Zugvögel regelmaͤßig aus. Obgleich ſie ſich muͤhſam in die Hoͤhe heben, immer niedrig, und nie lange fliegen, ſo unterneh⸗ men ſie doch Reiſen in die entfernteſten Laͤnder. Sie ſtreifen immer auf der Oberfͤche des Waſſers, be⸗ —— 11¹9 benutzen jeden Ruhepunkt, welchen ſie in dieſen mit Inſeln und Schiffen bedeckten Meeren haͤufig finden, und kommen endlich von Inſel zu Inſel, und von Schiff zu Schiff in Aegypten an. Viele indeſſen werden durch heftige Windſtoͤße in die Meeres⸗Wellen geſchleudert, andere werden, wenn ſie Ruhe ſuchen, den Menſchen zur Beute. In Aegypten faͤngt man ſie mit Netzen, und bewahrt ſie in Kaͤfichen aus Weiden, deren obere Wand aus Leinwand beſteht, damit die Wachteln, wenn ſie ſchuell aufwaͤrts flie⸗ gen, ſich die Koͤpfe nicht einſtoßen. Andere Voͤgel belebten unſere Einſamkeit, ver⸗ zehrten auf den Verdecken den Reſt unſerer Mahlzei⸗ ten, und verminderten die uns laͤſtigen Inſekten. Mit dem Weſtwinde verließen uns unſere gefiederten Begleiter, und flogen gegen die Kuͤſten Syriens und die Inſel Cypern, welche wir auch bald er⸗ reichten. III. Die Inſel Cypern liegt in dem unermeb⸗ lichen Meerbuſen, in welchen ſich oͤſtlich das mittel⸗ laͤndiſche Meer verengt, und uͤber welchen ſie zu herr⸗ ſchen beſtimmt ſcheint. Ihre noͤrdliche Breite iſt 350, und ihre Laͤnge 500. Nicht weit von ihr liegen gegen Norden die gekruͤmmten Kuͤſten von Karamanien, dem alten Cilieien, ſuͤdlich aber entfernter, die Kuͤſten Aegyptens, und nicht weit gegen Oſten die flachen Kuͤſten Syraens, welche dem mittellan⸗ diſchen Meere Grenzen ſetzen. Nach dem Glauben 120 der Alten ſoll Cypern in ſehr fruͤhen Zeiten mit Syrien ganz zuſammen gehangen, und burch eine Erderſchuͤtterung getrennt worden ſeyn. Dieſe Inſel hatte ſehr viele Namen, deren Pli⸗ nius eine ſehr große Menge anfuͤhrt, ohue alle an⸗ zugeben. Die alten Griechen kannten ſie allgemein unter dem Namen Kupros, uͤber deſſen Beuennung die Ausleger verſchiedener Meinung ſind. Einige lei⸗ ten das Wort von der Menge und Schoͤnheit des Ku⸗ pfers her, welches auf dieſer Inſel geſunden wird; andere hingegen finden den Urſprung des Namens Kupros in einem, bei den Alten ſehr beruͤhmten Baum(dem Henné der Araber), deſſen ſich die heutigen Orientalen haͤufig bedienen, mit welchem Cypern ehemals einen betraͤchtlichen Handel getrie⸗ ben hat. Auch hieß dieſe Inſel Makaria,(die gluͤckſelige Inſel), welchen Namen ſie der Fruchtbarkeit des Bo⸗ dens, der Milde des Klimas, der unausſprechlichen Schoͤnheit ihrer Ebenen, und ihrem Reichthume an Produkten verdankte. Die Phantaſie der Dichter ſchuf dieſe Inſek in die Wiege der Mutter der Lie⸗ besgoͤtter um, und ſchmuͤckte dieſe Idee mit den lieb⸗ lichſten Dichtungen aus. „Auf dieſem ehemaligen Schauplatze des Gluͤckes herrſchen jetzt Banbaren, welche die prachtvollen Tem⸗ zel und Gebaͤude, in denen die ſchoͤnſte und liebens⸗ wuͤrdigſte der Goͤttinnen verehrt wurde, zerſtoͤrten 121 die Ruinen derſelben noch immer verſtuͤmmeln, und zu den gemeinſten Zwecken verwenden. Wo ſonſt die Grazien herrſchten, gebietet jetzt ein alter Moslem, vor welchem ſie fliehen. Die Reichthuͤmer, welche die Inſel in dem In⸗ nern ihrer Gebirge verſchließt, aufzuſuchen, verbietet auf das ſtrengſte der Despotismus der Regierung. Das Kupfer, welches ehemals in ſo großer Menge auf der Inſel gewonnen wurde, daß ihr die Alten deßhalb den Beinamen: Beroſa.(Kupfer⸗Inſel) ga⸗ ben, liegt jetzt vergebens in dem Schooſe der Berge, wie das Eiſen, der Zink, das Zinn, nebſt einer Menge anderer Mineralien.— Von den alten Gold⸗Minen findet man jetzt keine Spuren mehr, noch von den ehemaligen Arbeiten. Doch iſt wahrſcheinlich, daß ſie in der Gegend von Chruſoceo, einem Dorfe an dem Meerbuſen die⸗ ſes Namens zu ſuchen ſind; auch gab es dergleichen in der Naͤhe von Tamaſſus(dem heutigen Fa⸗ maguſta) und an dem Fuße des Olymp. Das cypriſche Kupfer war in dem Alterthume das vorzuͤglichſte auf der Welt; man brauchte es be⸗ ſonders zur Bereitung des korinthiſchen Erzes, einer Miſchung von Kupfer, Gold und Silber, auf welches die Griechen einen außerordentlichen Werth legten. Hin und wieder findet man auch ergiebige Minen von Eiſen⸗Erz; in den Felſen guch ſehr ſchoͤnen Berg⸗ eryſtall, Baffiſcher Diamant genannt, weil er 12² hauotfächlich in der Gegend von Baffa(dem alten Paphos) gefunden wird. Die hohen Gebirge enthalten außer den Erzgru⸗ ben, auch Smaragde, Opale, Amethiſte u. ſ. w. Der eypriſche Jaspis kam bei den Alten unmittelbar nach dem ſeythiſchen, welcher fuͤr den beſten gehalten wurde. Der Amiant findet ſich noch eben ſo haͤufig, wie ehemals; der Bruch deſſelben befindet ſich in dem Berge Akamantis bei dem Vorgebirge Chroma⸗ hiti. Kalk findet ſich im Ueberfluße, beſonders bei Lar⸗ naca, und wird zum Uebertüͤnchen der Haͤuſer ge⸗ braucht. Gypsbruͤche giebt es in Menge; von den Marmor⸗Bruͤchen werden nur die ſchlechteſten etwas bearbeitet. Von allen Schaͤtzen, welche der Schoos der Erde verbirgt, geſtatten die Tuͤrken den ungluͤcklichen In⸗ ſel⸗Bewohnern nur den Handel mit. Berggelb, Um⸗ ber⸗Erde und Berggruͤn, welche zu groben Malereien gebraucht werden. Auch darf noch See⸗Salz ausgefuͤhrt werden, welches unter der Herrſchaft europaͤiſcher Fuͤrſten einſt die Quelle betraͤchtlicher Einkuͤnfte war. Der große See, in welchem es bereitet wird, hatte, ehemals 3 Stunden im Umfange, wurde aber durch die Ab⸗ nahme der Salz⸗Ausfuhr ſo vermindert, daß er jetzt kaum eine Meile groß iſt, indem er theils ausgetrock⸗ 123 net, theils angebaut wurde. Das Meer⸗ und Regen⸗ waffer, welches ſich in demſelben ſammelt, verduͤn⸗ ſtet unter dem brennenden Himmel bald; dann bleibt eine dicke Salzrinde zuruͤck, welche im September, d. i. vor dem Anfang der Regenzeit weggenommen, und in Pyramiden aufgeſchuͤttet wird. Hier werden 4 die Salzhaufen an der Luft hart, widerſtehen ſogar den Winter⸗Regen, und werden im Fruͤh⸗Jahre in kleinen Kaͤhnen auf die benachbarten Kuͤſten verfuͤhrt. Die Regierung giebt dieſe natuͤrlichen Salzwerke im⸗ mer auf ein Jahr in Pacht, deren Ertrag unverhaͤlt⸗ nißmaͤßig geringer iſt, als ehemals. Jetzt ſind einige wenige Kaͤhne zur Ausfuhr hinreichend; die Venetia⸗ ner hatten ſonſt jaͤhrlich uͤber 70 große Schiffe damit befrachtet. 4. Der Ackerbau, welcher ſich der reichſten Geſchenke der Natur zu erfreuen haben wuͤrde, wird durch Un⸗ wiſſenheit und grauſame Barbarei vernachlaͤſſigt. Die Oliven⸗Baͤume, welche ehemals ſehr zahlreich waren, liefern jetzt kaum genug Oel zum eigenen Verbrauche der Einwohner. Von dem ehemals aͤußerſt betraͤcht⸗ lichen Handel mit demſelben findet man noch die uͤberzeugendſten Spuren. In der Gegend von Lar⸗ naka exiſtiren noch ungeheuer große Behaͤlter in der Form von Ciſternen mit einem undurchdringlichen Moͤrtel zur Aufbewahrung des Oeles. Noch jetzt iſt das Erdreich den Oliven⸗Baͤumen ſo zutraͤglich; ſie 124 ſind oft ſo dick, daß kaum zwei Menſchen ſie umſpan⸗ uen koͤnnen. In einigen Gegenden der Inſel trift man noch kleine Waͤlder von Maulbeer⸗Baͤumen an, deren An⸗ bau man uͤberhaupt gaͤnzlich vernachlaͤßigt. Nichts deſto weniger wird der Seidenbau ſtark getrieben, obgleich der Handel mit der Seide nicht mehr ſo bluͤ⸗ hend iſt. In mehreren Gegenden waͤchſt fehr haͤufig der Johannesbrod⸗Baum(Ceratonia Siliqua Linn.). Fremde Schiffe bringen die langen dicken Schoten dieſes Baumes nach Syrien und Alexandrien, wo die Einwohner das in den Schoten befindliche ſaftige Fleifch eſſen. Die Baumwolle, ehemals eines der vorzuͤglichſten Produkte der Inſel, verlor heut zu Tage viel au ihrer Quantitaͤt. Die ganze Inſel liefert kaum noch 3000 Ballen, jeden zu 300 Pfund im Handel, da hingegen unter der Regierung der Venetianer jaͤhrlich uͤber 30,000 Ballen ausgefuͤhrt wurden. Die cypriſche Baumwolle iſt die ſchoͤnſte und geſuchteſte in der gan⸗ zen Levante. Alle im Orient gewonnene Baumwolle kommt von der jaͤhrlichen Baumpflanze(Gossypium herba- eeum Lin.), und nicht wie in den amerikaniſchen Kolonien von dem Baumwollen⸗Baum(Gossybium arboreum Lin.). Die Zucker⸗Pflanzungen und Ratnerien. der Ve⸗ 1 125 netianer zerſtrten die Barbaren mit Feuer und Schwert. Die Gaͤrten liefern Beweiſe von der vor⸗ puͤglichen Guͤte des Bodens. Alle Gemuͤſe ſind vor⸗ trefflich, und gedeihen in großer Menge. Balſami⸗ ſche Kraͤuter und die mannigfaltigſten Blumen erfuͤl⸗ len die Luft weit umher mit Wohlgeruͤchen. Ehemals waren der Weizen und die Gerſte die vorzuͤglichſten Artikel der Ausfuhr; jetzt reichen ſie kaum zum Unterhalte der Einwohner zu, wenn ſie auch von dicken Wolken der Heuſchrecken verſchont bleiben. 7 at N Unter den uͤbrigen Produkten Cyperns will ich noch die Faͤrberroͤthe(Ali-Zary) anfuͤhren, welche zum Rothfaͤrben des ſogenannten tuͤrkiſchen Garnes gebraucht wird; ferner die Coloquinte, welche faßß ohne alle Kultur fortkommt; das Ladangummi, und endlich das Kali oder Salz⸗Kraut, welches waͤhrend des Sommers verbrannt, deſſen Aſche unter dem Na⸗ men Soda nach Europa geſchickt, und in den Sei⸗ fenſiedereien verbraucht wird. Die Waͤlder liefern vortreffliches Bau⸗ und Nutz⸗Holz, Theer und Pech. Der eypriſche Terpentin iſt der porzuͤglichſte auf der Erde. Die Schafbeerden liefern viele Wolle.— Auf den Weinbau verwenden die Einwohner Ey⸗ derns immer noch viele Sorgfalt. Er iſt ein noch immer ſehr vortheilhafter Handels⸗Artikel, obwohl die unkluge Barbarei ihm ſehr vielen Schaden ge⸗ zhan hat. Der vorzuͤglichſte waͤchſt in dem Bezirke, 126 welcher den Namen Comthurei fuͤhrt, weil er einſt zur Comthurei der Tempel⸗Herren und Mal⸗ theſer⸗Ritter gehoͤrte, und zwiſchen dem Berge Olymp und den Staͤdten Limaſſol und Paphos liegt. Der cypriſche Wein iſt ſehr leicht, wenn er jung iſt; und wird erſt nach einem gewiſſen Alter das treffliche Getraͤnk, welches mit Recht ſo beruͤhmt iſt. Bei den Einwohnern iſt Sitte, bei der Geburt eines Kindes ein Gefaͤß mit Wein in die Erde zu vergra⸗ ben, und erſt bei der Hochzeit des Kindes wieder heraus zu nehmen. Da nun die Luft auf dieſen Wein nicht wirken kann, ſo wird er von ganz außerordent⸗ licher Guͤte. Sehr wenige Küͤnſte werden auf der Inſel uͤber⸗ haupt getrieben, und außer der Bereitung des Saf⸗ fians verdient keine einzige beſonders erwaͤhnt zu wer⸗ den. Der hier bereitete Saffian hat lebhaftere und glaͤnzendere Farben, als der Saffian aus der ganzen uͤbrigen Tuͤrkei, wo er doch außerordentlich ſchoͤn iſt. — Fur die angefuͤhrten Produkte der Natur und der Kunſt erhalten die Einwohner von den europaͤiſchen Nationen Tuͤcher, Atlas, leichte ſeidene Zeuge, Treſſen, Metalle, indiſche Gewuͤrze, Kolonialwan⸗ ren u. dgl.— IV. Was das Klima der Inſel C ypexn betrifft, ſo herrſcht im Sommer eine faſt unertraͤgliche Hitze, welche in verſchiedenen Theilen durch die Winde ge⸗ maͤßigt wird. In der noͤrdlichen Haͤlfte bewirken ſie 127 auch waͤhrend des Winters einen betraͤchtlichen Grad von Kaͤlte, und ſind Urſache, daß die hoͤchſten Gipfel der Berge faſt das ganze Jahr nie voͤllig von Eis und Schnee befreit ſind. Dieſe noͤrdliche Haͤlfte iſt uͤber⸗ haupt die bergigſte, holzreichſte, und im Ganzen ge⸗ nommen die kultivirteſte. In den ſuͤdlichen Ebenen wirkt die Hitze der Sonne in ihrer ganzen Kraft, weil die nackten Fel⸗ ſenwaͤnde auf dieſer Seite die Winde abhalten. In dieſer Jahres⸗Zeit regnet es aͤußerſt ſelten, und die hierdurch entſtehende, lange und ſchreckliche Duͤrre macht oft alle Gewaͤchſe vertrocknen, und glanhſam von der Erde verſchwinden. Den ganz niedergeſchlagenen und muthloſen Ein⸗ wohnern faͤllt es nicht ein, die lechzenden Felder zu begießen. Waͤhrend dieſes ſchrecklichen Waſſer⸗Man⸗ gels machen in einigen Bezirken ſtehende und faule Gewaͤſſer den Aufenthalt aͤußerſt ungeſund. Fließende Vaͤſſer ſind ſelten, weil die meiſten Fluͤße Waldſtroͤ⸗ me ſind, deren Bett im Sommer ganz trocken iſt. Die griechiſchen Einwohner der Inſel ſind groß und ſchoͤn ewachäen von einnehmendem Geſicht und edlem Anſtande. Sie ſollen alle Griechen an Liſt und Betrug uͤbertreffen; doch machen ſie auf der andern Seite durch Gaſtfreundſchaft, welche ſie mit der edel⸗ ſten Großmuth uͤben, ihre Fehler wieder vergeſſen. Sie ſind uͤbrigens aͤußerſt froͤhlich, und haben einen großen Hang zu Vergnuͤgungen. 128 Ehemals waren die eypriſchen Frauen beruͤhmt durch ihre Reitze, und auch jetzt noch ſind dieſe nicht ganz erloſchen. Beſonders wenden die Schoͤnen viele Sorgfalt auf den Putz, an welchem nie Blumen feb⸗ len, weil ſie dieſe fuͤr einen weſentlichen Theil des weiblichen Schmuckes halten. Den Wunſch zu gefal⸗ len aͤußern ſie mit einer liebenswuͤrdigen Offenherzig⸗ keit. Sie baben zwar jetzt weniger Freiheit, als ſie vielleicht ſonſt moͤgen gehabt haben; doch iſt der Zwang, welchen die Gewohnheit ihnen auflegt, noch ganz er⸗ traͤglich. Unter den Bergen, welche die Inſel Cypern nach der Laͤnge durchſchneiden, iſt der Olymp der höchſte und merkwuͤrdigſte, welchen die Alten zum Unterſchiede von zwei andern Bergen gleiches Na⸗ mens,(einer iſt in Anatolien, der andere in Ma⸗ eedonien,) kleinen Olymp nannten. Den Venus⸗Tempel auf ſeinem Gipfel durften die Weiber nicht betreten, ſelbſt ihn anzuſehen war ihnen unter⸗ ſagt. In der Folge traten Klöſter an ſeine Stelle, deren arbeitſame Moͤnche die ganze Seite des Berges in fruchtbare Felder und Gaͤrten verwandelten. Aber die gefuͤhlloſen Tuͤrken verwuͤſteten dieſe ſchoͤnen An⸗ lagen, zerſtoͤrten die Kloͤſter, und verwandelten den ganzen Bezirk in eine Einoͤde.— Die Laͤnge der Inſel betraͤgt von Oſten nach We⸗ ſten beilaͤufig o Stunden, ihre groͤßte Breite von Sid nach Nord 30, und ihr Umkreis ungefaͤhr 180 ———— 129 Stunden von dem Vorgebirge St. Andreas, dem alten Dinarete, auf der ſuͤdlichen Kuͤſte der Inſel fortgehend, ſtoͤßt man an dem außerſten Ende deſſel⸗ ben auf einen großen Meerbuſen, welchen dieſes ver⸗ laͤngerte Vorgebirge und das Cap. della griega (Throni der Alten) bilden, auf welchem nach Pto⸗ lemaͤus eine Stadt dieſes Namens geſtanden haben ſoll. In der Vertiefung dieſes Buſens liegt Fama⸗ guſta,(eine neue Stadt auf den Ruinen des alten Arſinoe) mit einem ſichern, aber nicht geraͤumigen, und jetzt zur Haͤlfte verſchlemmten Hafen, Die Stadt und der Hafen wird vertheidigt durch Feſtungswerke der Luſignans, Genueſen und Venktianer, welche nach einander im Beſitze der Inſel geweſen waren; die Tuͤrken hingegen ließen dieſe Feſtungs⸗ werke gaͤnzlich verfallen. Nordoͤſtlich von Famaguſta erſtreckt ſich eine Ebene, welche das alte Koͤnigreich Salamin, das Deucer, der Gefaͤhrte des Ajax ſtiftete, und der Stadt, welche er baute, den Namen der Inſel bei⸗ legte, auf der er geboren wurde. Nur einige we⸗ nige Spuren verrathen noch den Ort, wo ſie geſtan⸗ den iſt; allein die Ebene iſt gut bebaut, aͤußerſt frucht⸗ bar, und der beſte Bezirk in der ganzen Inſel. Ungefaͤhr 20 Stunden von Famaguſta in der Mitte der Inſel, liegt Nikoſia, die Hauptſtadt der⸗ ſelben. Ihre durch die Schoͤnheit der Baukunſt merk⸗ wuͤrdigen Palaͤſte gerathen nach und nach in Verfall. 4oſtes B. Türkei, III. 2. 2 Die praͤchtige Sophien⸗Kirche, in welcher die chriſtlichen Koͤnige gekroͤnt wurden, iſt in eine Mo⸗ ſchee verwandelt, und dadurch gegen die Zerſtoͤrung geſichert. Die Lage der Stadt iſt ſehr angenehm; ſie iſt mit Gaͤrten umringt, und die Gegend außerſt fruchtbar.— Etwas weiter auf der ſuͤdlichen Kuͤſte liegt Lar⸗ naca, der Aufenthaltsort der Konſuln und Kaufleute verſchiedener europaͤiſcher Nationen, mit einer ſchoͤ⸗ nen Rhede, welche am meiſten unter allen beſucht wird; auch wird ein ziemlich betraͤchtlicher Handel daſelbſt getrieben. Die Umgegend traͤgt das Gepraͤge von dem Verheerungs⸗Syſteme der Tuͤrken; da in der ganzen Umgegend kein Waſſer vorhanden iſt, ſo wird man von einer faſt erſtickenden Hitze zu Boden gedruͤckt. Dicht bei Larnaca lag Citium, eine ahonizi⸗ ſche Kolonie, und eine beruͤhmte Stadt des Alter⸗ thums; in ihr erblickte der Philoſoph Zeno das Ta⸗ geslicht, und endete der beruͤhmte Feldherr der Athe⸗ ner, Cimon, ſein Leben. Man mag um Larnaca graben, wo man will, ſo findet man Ueberbleibſel dieſer alten Stadt. Allein Nachſuchungen anſtellen, welche ein Gewinn fuͤr die Kuͤnſte und die Geſchichte ſeyn wuͤrden, hindert der Argwohn der Tuͤrken. ſ Eine halbe Stunde von Larngea liegt der Fle⸗ cken Salines, welcher von dem in der Naͤhe be⸗ findlichen Salz⸗See ſeinen Namen hat. In der Rhe⸗ ———y—— 131 de von Salines liegen die Schiffe vor Anker, wel⸗ che fuͤr die Hauptſtadt der Inſel befrachtet ſind, wie die Kriegsſchiffe, welche dieſelben begleiten. Auch ha⸗ ben die Kaufleute von Larn aca ihre Magazine da⸗ ſelbſt. Limaſol, ehemals Nemoſia, eine elende Stadt, beſteht uͤber die Haͤlfte aus Ruinen und Schutt. Aus ihrem ziemlich beſuchten Hafen werden Getreide, Baumwolle und andere Produkte der Inſeld verfahren. In ihrer Gegend waͤchſt der beſte Wein; ſie iſt uͤberhaupt die Niederlage von allem Weine, welcher in den Handel kommt. Nicht weit von Na⸗ moſia lag das alte Limaſſol, welches vor noch uͤltern Zeiten Amathus hieß, und wegen eines der Venus und dem Ad onis geweihten Tempel be⸗ ruͤhmt war. Sie iſt, wie viele andere Orte, welche die Grazien verſchoͤnerten, von der Oberflaͤche der In⸗ ſel vertilgt. 1 8 in Oeſtlich von Limaſſol liegt das ſuͤdlichſte Vor⸗ gebirge der Inſel; es iſt eine Halbinſel, weiche nur durch eine ſchmale Zunge mit dem feſten Land zu⸗ ſammen haͤngt. Ehemals hieß es das Vorgebirge Agrotiri, jetzt Katzenkap, von der großen Men⸗ ge der Katzen, welche die Moͤnche auf dem Olym unterhielten, um die Schlangen zu verfolgen, welche auf eine furchtbare Art ſich vermehrt hatten, und die keine groͤßeren Feinde haben ſollen, ais die Katzen, wie man behauptet. 112 * 132 Nach dem Katzenkap erhebt ſich die Kuͤſte wie⸗ der nord⸗weſtwaͤrts mit einem elenden Hafen in einer kleinen Bucht, deſſen Grund mit Klippen bedeckt iſt. In der Vertiefung der Bucht lag Paphos, wo Ve⸗ nus nach ihrer Geburt zuerſt an das Land geſtiegen war. Ein praͤchtiger Tempel war zu ihrem Dienſt er⸗ baut, in welchem nie blutige Opfer gebracht wurden. Dieſer Ort war ehemals ein Aufenthaltsort des Ver⸗ gnuͤgens und der Freude. Heute ſindet man nichts als Ruinen und Schutt, ein elendes Dorf, ein zer⸗ fallenes Schloß, einige den Einſturz drohende grie⸗ chiſche Kirchen, Armuth und Elend uͤberall, und den harten Namen Baffa oder Baffo.* Auf der noͤrdlichen Kuͤſte befindet ſich außer Ge⸗ rines, dem alten Ceraunia, kein merkwuͤrdiger 1 Ort; es hat, wie Paphos, nur noch Ruinen ſei⸗ b ner ehemaligen Groͤße aufzuweiſen. Ein ſchlechter Hafen dient nur zum Verkehre der Inſel mit Kara⸗ manien, deſſen Berge man von den Anhoͤhen bei Gerines ſehen kann. Die Verbindung zwiſchen dieſem Hafen und dem von Selefkeh iſt uͤbrigens ſehr ſtark. Ehemals war dieſe Inſel in neun Koͤnigreiche ge⸗ theilt, und ſtand nach und nach unter der Herrſchaft der Aegypter, Phoͤnizier, Perſer, Macedo⸗ nier, Roͤmer, der abendlaͤndiſchen Kaiſer und der Araber. Zur Zeit der Kreuzzuͤge wurde ſie eini⸗ gen europaͤtſchen Fuͤrſten eingeraͤumt, welche ſie in 133 der Folge an die Venetianer abtraten. Sultan Soliman entriß ſie 1570 denſelben, und verband ſie mit dem tuͤrkiſchen Reiche, zu welchem ſie noch jetzt gehoͤrt. V. Die Kraͤfte der Natur ſind in Cypern nicht nur in Ruͤckſicht auf die Produkte des Bodens ge⸗ laͤhmt, ſondern auch in Nuͤckſicht auf die Kuͤnſte, wel⸗ che unter dem Drucke der deſpotiſchen Regierung faſt gaͤnzlich zu Grunde gehen. Der Handel nimmt von Tag zu Tag mehr ab, das Land wird duͤrrer, der Ackerbau ſchlechter und der Kunſtfleiß unbedeutender. Dle ſchoͤnſten Thaͤler, noch vor Kurzem von nuͤtzlichen Baͤumen beſchattet, oder mit reichlichen Erndten ge⸗ ſegnet, ſind jetzt oͤde und mit Diſteln bedeckt. Man⸗ kann ganze Dage reiſen, ohne etwas anderes, als ſolche verlaſſenen Ebenen und Haiden zu ſehen. Auch die Bevoͤlkerung nimmt taͤglich auf eine merkliche Art ab. Schaarenweiſe verlaſſen die Einwohner dieſes zu Grunde gerichtete Land, und ſuchen ſich Wohnſitze in gluͤcklichern, weniger unterdruͤckten Laͤndern. Die Anzahl der Thiere hat ſich eben falls vermin⸗ dert, und iſt in Ruͤckſicht der Schoͤnheit ſehr gusgear⸗ tet. Die Seiden Wuͤrmer pflanzen ſich nicht mehr ſo ſtark fort; weil die Maulbeer⸗Plantagen zur Haͤlfte zu Grunde gerichtet ſind. Die Kermes, die Neben⸗ buhler der Cochenille, ſind faſt ganz ausgegangen. Das Wildpret wird von Jahr zu Jahr ſeltener, und die Zugvogel laſſen ſich uicht mehr in ſo großer Meu⸗ 134 ge nieder, weil ſie den Ueberftuß an Nahrung, und die vielen ſchuͤtenden Waldungen nicht mehr finden. Dagegen hat alles Schaͤdliche und Verderbliche uͤberhand genommen. Die Schlangen, welche ſich gerne unter Schutt und verwachſenen Gebuͤſchen auf⸗ halten,„Aanzen ſich ſo ungehindert fort, daß man aufs neue ſeine Zuſlucht zu den Katzen wird nehmen muͤſſen, um die Inſel von ihnen zu reinigen. Die Taranteln mit ſchwarzem, haarigten Koͤrper und gel⸗ ben feurigen Augen, ſind keine Seltenheit auf dieſer Inſel; man findet auch daſelbſt, obgleich nur ſelten, die ſchreckliche Art von Spinnen, deren Gift alles toͤdtet, was es beruͤhrt. Pallas(im 3. Theile ſei⸗ ner Reiſe durch verſchiedene Provinzen des ruſſiſchen Reiches) nennt ſie Skorpion⸗Spinne(Phalan- gium Araneodes). Die Farbe dieſes Inſektes iſt fahlgelb; es iſt mit langen Haaren, und hin und wieder mit Stacheln verſehen; ſeine Groͤße betraͤgt ungefaͤhr einen Zoll. Es lauft mit einer außerordent⸗ lichen Schnelligkeit, und iſt deßwegen ſchwerer zu vertilgen. Sein Biß iſt aͤußerſt gefaͤhrlich; der gebiſ⸗ ſene Theil ſchwillt ploͤtzlich auf, verurſacht unausſteh⸗ liche Schmerzen, und wenn man nicht ſchnell die gehoͤrigen Gegenmittel anwendet, unter welchen Oel⸗ umſchlaͤge, ſtaͤrkende und Schweiß treibende Mittel die bewaͤhrteſten ſind, ſo erfolgt der Tod unvermeidlich. Man findet die Skorpion⸗Spinne in mehreren Gegenden der Levante, in Arabien, Syrien, 135 Perſien, Klein⸗Aſien, am kaſpiſchen Mee⸗ re, und in den Laͤndern zwiſchen dem Don und der Wolga. In den letztern werden dieſe Inſekten im⸗ mer haͤufiger. Die Araber kennen kein Mittel gegen den Biß dieſes Thieres, und fuͤrchten ſich daher auch ſehr vor ihm.. Der Weſtwind, welcher gerade von der Inſel Candia wehte, hielt uns ab, dieſer Inſel uns zu naͤhern. Am 20. Oktober erblickten wir die Kuͤſten von Karamanien; dieſe ſind nach der Sprache der Seefahrer rein, d. h. ſie ſind mit tiefem Waſſer umgeben, und die Schiffe koͤnnen an ihnen fahren ohne Furcht vor Sandbänken und gefaͤhrlichen Klip⸗ pen. Sie ſind im Ganzen ſteil, duͤrre und unfrucht⸗ bar, und haben eine Menge von Einſchnitten und Vertiefungen. Die Bergkette, welche ſich hinter die⸗ ſen Kuͤſten hinzieht, iſt mit unermeßlichen Waldungen bedeckt, welche fuͤr den Schiffbau unendlich wichtig ſind, aber von den Kuͤrken theils vernachlaͤſſigt, theils ausgehauen werden. Wir kamen endlich an das oͤſtliche Kap des Meer⸗ buſens von Satalie, und erblickten bald auch, dem ehemals ſogenannten heiligen Vorgebirge gegenuͤber, die kleine Inſel Kaſtel Roſſo, welche kaum merk⸗ lich von der Kuͤſte getrennt iſt. Sie hat einen ſehr guten Hafen, und man muß mit 60—80 Klafter die Anker werfen. Auf der Spitze des Felſen, aus wel⸗ chem die Inſel beſteht, liegt ein feſtes Schloß von 136 geringer Bedeutung. Warum man ſie die rothe Inſel nennt, findet man keinen Grund; wahrſchein⸗ lich iſt ſie, wie auch Pococke vermuthet, die Inſel Rhoge des Plinius, daher der gegenwaͤrtige Na⸗ me eine Verfaͤlſchung iſt. Am 22. gegen Abend ſahen wir neben unſerem Schiffe eine Menge Thunfiſche von der kleinen Art, woelche mit einer außerordentlichen Schnelligkeit die DOberflaͤche des Meeres durchſchnitten, und ſehr haͤu⸗ fig hoch uͤber das Waſſer herausſprangen. Dieſes wird von den Seeleuten fuͤr ein ſicheres Anzeigen ei⸗ nes herannghenden Sturmes gehalten. Der Horizont uͤberzog ſich wirklich mit ſchwarzen Wolken, und in Nord⸗Weſten blitzte es ſtark und haͤufig. Zitternd ließ deßhalb der Kapitaͤn mehrere Segel einziehen, ſo ſchoͤn auch das Wetter noch war, und traf eine Men⸗ ge anderer Vorkehrungen, welche am Ende doch nichts halfen. Am 23. Morgen 2 Uhr weckte mich ein gro⸗ ber Laͤrm und das Geſchrei auf: zu den Aexten! Haut ab! Haut abl Denn der Kapitaͤn ließ ſich, ungeachtet ſeiner vorſichtig getroffenen Maßregeln, von einem ſo heſtigen Windſtoße uͤberfallen, daß das Schiff ſchon zur Haͤlfte geſunken, und im Begriffe war, ganz in den Wellen begraben zu werden. Durch Abſchneidung einiges Tackelwerkes und einiger Segel gluͤckte es uns, das Schiff wieder aufzurichten; einige Augenblicke ſpaͤter haͤtten wir im Meere unſer Grab gefunden. Vormittags naͤherten wir uns der Inſel 137 4 Rhodus; des ungeſtümmen Meeres wegen waren wir genoͤthigt in den Hafen Rhodus einzulaufen, wo wir am 24. gegen Abend vor Anker legten. VI. Die Kuͤſten von Karamanien ſind von Caſtel⸗Roſſo bis an den Meerbuſen von Macri weniger hoch, als oſtwaͤrts dieſer Inſel; uͤbrigens ſind ſie eben ſo ſteil abgeſchnitten haben eine Menge Ver⸗ klefungen, und beſtehen aus einem weißen, kahlen Geſteine. 4 In dem Meerbuſen von Maeri finden die Schif⸗ fe vortreffliche Haͤfen; ehemals hieß er Sinus Glaucus, von dem Fluſſe G laucus, welcher ſich in denſelben ergießt. In der Tiefe deſſelben findet man unter den Ruinen der alten Stadt Telmi ſ⸗ ſus ſehr ſchaͤtzbare Alterthuͤmer. Ich verließ das Schiff, ſobald es in dem Hafen von Rhodus die Anker geworfen hatte, und begab mich ſogleich zu dem franzoͤſiſchen Viceconſul von Frankreich, welcher außerhalb der Mauern von Rho⸗ dus in einem kleinen griechiſchen Dorfe, welches fuͤr eine Vorſtadt derſelben gelten konnte, wohnte. Die Inſel Rhodus liegt unter dem 360 28“ der Breite; ihre groͤßte Laͤnge von Nord nach Suͤd betraͤgt ungefaͤhr 12 Stunden, ihre Vreite aber nur s, und ihr Umkreis 24. Ihre Form iſt dreieckig, daher ſte auch im Alterthume, wie noch mehrere andere Inſeln Trinakria hieß. Die Stadt Rhodus, die Hauptſtadt der Inſel, 138 liegt nordoͤſtlich auf derſelsen. Sie iſt befeſtigt; aber ihre Waͤlle ſind verfallen, und in einem elenden Zu⸗ ſtande. Die Geſchichte hat uns viele von den Wun⸗ dern der Tapferkeit aufbewahrt, welche die Johan⸗ niter⸗Ritter bei der Vertheidigung von Rhodus bewieſen haben. Solimann beſleckte aber auch ſei⸗ uen Triumph, welcher ihm 100,000 Maun ſeiner be⸗ ſten Soldaten koſtete, durch keine Grauſamkeit. Er wußte den Werth der Tapferkeit ſelbſt in ſeinen Fein⸗ den zu ehren, und uͤberhaͤufte den mit Lorbeern be⸗ deckten, durch ſein Alter ehrwuͤrdigen Großmeiſter, Villiers de l'Jle⸗Adam mit Beweiſen von Achtung, und bemuͤhte ſich durch alle Arten von Ge⸗ faͤlligkeiten ihn das Ungluͤck vergeſſen zu machen, in welches ihn der widrige Ausſchlag der Waffen geſtuͤrst hatte. Verlaſſen von dem uͤbrigen Suropa, begaben ſich die dem Schwerte der Muſelmaͤnner entronnenen Johanniter⸗Ritter nach Malta. In Rhodus heißt gegenwaͤrtig noch eine lange Straße die Ritter⸗ Straßez; an den meiſten Haͤuſern derſelben ſieht man auch noch die Wapen der alten Ritter; au eini⸗ geu iſt ſogar das Wapen des Papſtes befindlich, wel⸗ ches die Tuͤrken, obgleich Meiſter in der K Kunſt zu zerſtoͤren, und den Papſt fuͤr ihren natuͤrlichen und unverſoͤhnlichen Feind der Religion haltend, noch nicht vertilgt haben. 1 Die ehemalige St. Johannes⸗Kirche iſt jett die —— ———— 8 139 Hauptmoſchee; das Hoſpital iſt in einen Korndoden verwandelt, der Palaſt des Großmeiſters faſt ganz un⸗ be vohnt, und zur Haͤlfte verfallen. Ehemals fanden Schiffe jeder Groͤße in dem Hafen den vollkommen⸗ ſten Schutz; jetzt muͤßen die Kriegsſchiffe außerhalb deſſelben Anker werfen, und ſind nur hier durch ei⸗ nige Landſpitzen und Kliypen ziemlich ſchlecht gegen die Winde geſchuͤtzt. Zur Vertheidigung des Hafens dient auf einer Sezte ein von einem Großmeiſter des Ordens erbauter viereckiger Thurm, welchen die Duͤr⸗ ken noch jetzt St. Johan nes⸗Thurm nennen, ob⸗ gleich ihm die Griechen in der Levante allgemein den Namen des h. Nikolaus beigelegt haben. Auf der audern Seite iſt gleichfalls ein Thurm, welcher aber weniger feſt und hoch, Engels⸗ oder St. M i ch a⸗ els⸗Thurm heißt. Außer dem großen Hafen war ehemals auf jeder Seite deſſelben auch noch ein klei⸗ nerer; einer war fuͤr die Galeeren beſtimmt, wo ſie aber jetzt nicht mehr einlaufen koͤnnen; der andere aber iſt verſchuͤttet, und faſt ganz trocken. VII. In Rhodus ſind Werfte fuͤr die otto⸗ manniſche Marine; das Holz zu dem Schiffbaue wird theils aus den herrlichen Waldungen in Karama⸗ nien geholt, theils aus der Inſel ſelbſt genommen. Die Waͤlder von Rhodus ſind dadurch faſt voͤllig zu Grunde gerichtet worden. Die Schiffe werden ſo langſam und von ſo ſchlechtem Holze gebaut, daß ſie nicht ſelten vor ihrer Vollend ung zur Haͤlfte verfauit 140 ſind. Die Tuͤrken faͤllen die Baͤume zu jeder Jahres⸗ zeit, es mag Saft in denſelben ſeyn oder nicht, und brauchen ohne Auswahl ganz gruͤnes Holz, das ſich biegt, wirft und bald verfault. Die groͤßte Unord⸗ nung herrſcht bei der Verwaltung dieſer Werfte: denn alze bei ihr Angeſtellten ſtehlen um die Wette. Der beruͤhmte Koloß von Rhodus iſt alge⸗ mein bekannt, und ſoll nach Plinius Berichte von Chares, einem Schuͤler des Lyſipy, aus Lind 08, einer Stadt auf der Inſel Rhodus, verfertigt wor⸗ den ſeyn. Zwoͤlf Jahre brauchte man zu ſeiner Auf⸗ richtung. Er ſoll 410 Fuß, nach andern 150 hoch ge⸗ weſen ſeyn. Er ſtand 56 Jahre, und wurde durch ein Erdbeben umgeworfen. In dem Innern ſeiner abgebrochenen Theile ſah man große Hoͤhlungen mit Felsſtuͤcken gefulit, um ihm durch Vermehrung ſeines Gewichts mehr Feſtigkeit zu geben. Neunhundert Jahre blieb er auf der Erde liegen, und wurde erſt 672 von den Arabern bei Eroberung der Inſel weg⸗ geſchleppt; neunhundert Kamele waren erforderlich, 8 Laſt weg zu ſchaffen; die Laſt eines jeden Kame⸗ les ſoll So0 Pfund betragen haben. Die Meinung, daß der Koloß am Eingange des Hafens geſtanden, und die Schiffe mit vollen Segeln darch ſeine Beine gefahren ſeyen, iſt ganz falſch. Mehrere Geiehrte, beſonders Herr v. Caylus, ſetzten mit groͤßerer Wahrſcheinlichkeit dieſes Denkmal in einiger Eutfer⸗ nung von dem Hafen. 141 Nebſt dem Koloſſe gab es noch eine Menge ande⸗ rer, wentger große, koloſſale Figuren in verſchiedenen Gegenden der Stadt, wie uns Plinius berichtet, von welchen auch die Einwohner derſelben den Bei⸗ namen Koloſſier erhielten. Mit gluͤcklichem Er⸗ folge und großer Thaͤtigkeit wurden im Alterthume die Kuͤnſte auf dieſer Inſel ſo betrieben, daß die Al⸗ ten die Anzahl der gewoͤhnlichen Statuen, welche da⸗ ſelbſt vorhanden waren, mit jener der Einwohner ver⸗ glichen. Die aͤlteſte Schule der Malerei bluͤhte zur Zeit Anakreons auf Rhodus, und Protoge⸗ nes, einer der beruͤhmteſten Maler des Alterthums, verfertigte hier ſeine Meiſterſtuͤcke. 344 Unter den vielen Namen, welche die Inſel im Alterthume fuͤhrte, iſt der Name Makaria(die Gluͤckſelige), den ſte mit der Inſel Cypern gemein hat, der merkwuͤrdigſte, weil er auf die Beſchaffen⸗ heit ihres Klima's und ihres Bodens Bezug hat. Sie hat jedoch große Vorzuͤge vor der letztern Inſel, weil ihr Klima weit milder und anmuthiger und die Hitze nicht ſo uͤbermaͤßig iſt.— Das Gluͤck bewohnt nicht mehr dieſes einſt gluͤckſelige Land, und an die Stelle des goldenen Regens, welchen die Dichter des Alterthums als ein Sinnbild des Reichthums und der vorzuͤglichen Beguͤnſtigung auf der Inſel nie der⸗ tallen ließen, ſind jetzt verheerende Stuͤrme getreten. Der Name der Inſel ſcheint von dem griechi⸗ ſchen Worte Rhodos(Roſe) abzuſtammen, weil 142 dieſe Blume ſehr haͤuſig auf der Inſel waͤchſt, und man ſie auf vielen alten Muͤnzen derſelben algebil⸗ det ſieht. VIII. Auffer Rhodus gab es vor alten Zeiten noch drei audere Staͤdte daſelbſt, welche aber ſchon zu Pliniuns Zeit nicht mehr vorhanden waren. Die anſehnlichſte derſelben war Lindos mit einem praͤch⸗ tigen Minerva⸗Dempel. Spuren dieſes Namens fin⸗ det man in dem Flecken Lindo auf der oͤſtlichen Kü⸗ ſte der Inſel, welchen nur Griechen bewohnen, die. beinahe alle Handel und die Kuͤſtenfahrt treiben. Sie bedienen ſich hiezu leichter, ſelbſtgebauter Schiffe. Die zweite dieſer Staͤdte hieß Camyros, auf der Weſtkuͤſte, Lindos faſt gerade gegenüber. Spu⸗ ren dieſes Namens findet man noch in dem Dorfe Lamyro, welches auf derſelben Stelle ſteht. Von Jalyſſos, der aͤlteſten dieſer drei Staͤdte, weiß man bloß, daß ſie auf der Nord⸗Kuͤſte der In⸗ ſel geſtanden war. 4 Die Alten nannten auch dieſe Infel Pelagia, Tochter des Meeres, weil ſie glaubten, daß ſie durch ein Erdbeben aus dem Grunde des Meeres her⸗ vor gegangen ſey. Allein ihre große Nahe mit dem Feſtlande und das weit vorſpringende Kap, welches die Verbindung der Inſel mit dem Feſtlande genlacht zu haben ſcheint, laſſen kaum einen Zm eifel uͤbrig, daß ſie mit demſelben zuſammen gehaugen, und ein großes Vorgebirge von Klein⸗Aſten ausgemacht hat. 143 Jetzt wird die Inſel nicht mehr vom Erdheben heim⸗ geſucht, dagegen erfuͤllen ſie 2 noch furchtbarere Ue⸗ bel, die Peſt und der ottomanniſche Despotismus, mit Schrecken und Elend. 1 1 Die Stadt Rhodus bewohnen faſt nur Tuͤrken, die ganze uͤbrige Inſel aber Griechen, die Abkoͤmm⸗ linge jener tapfern und kunſtliebenden Rhodie r. Bei den Griechen der Inſel Rhodus findet man kaum noch einen Schatten der großen Energie ihrer Ahnen, und nur allein in ihrer Neigung fuͤr das Seeweſen findet man noch einige Spur. Sie ſind noch immer muthige und geſchickte Seeleute, und verſtehen ſich gut auf den Schiffbau. Die Nachbar⸗ ſchaft einer langen Strecke vom feſten Lande und ei⸗ ner Menge Inſeln, verbunden mit dem Reichthume an trefflichem Schiffbau⸗Holze, ſcheinen die Einwoh⸗ ner von Rhodus zu einer Nation von Seelenten beſtimmt zu haben. Mehrere Haͤfen auf der Inſel befoͤrdern und erleichtern den Handel, und die Men⸗ ge von Vorgebirgen, welche der Inſel eine aͤußerſt unregelmaͤßige Geſtalt geben„bilden unzaͤhlbare Rhe⸗ den, Haͤfen und Buchten, in welchen die Schiffe ihre Waaren ein⸗ und ausladen, ſich mit vortrefflichem Waſſer und allen Arten von Lebens⸗Mitteln verſehen, und gegen Wetter und Sturm Schutz finden koͤnnen. Einer der vorzuͤglichſten Haͤfen iſt jener bei Lin⸗ do, welcher halb verſchuͤttet iſt; noͤrdlich von Lin⸗ dos iſt ein groͤßerer Meerbuſen zwiſchen den Vorge⸗ 5 144 birgen Paradie und Tenda, und ſuͤdlich von dem⸗ ſelben liegt die Bay St. Nikolaus. Noch weiter gegen Suͤden findet man das Vorgebirge St. Jo⸗ hannes, vor welchem auf einer kleinen Inſel ein Thurm als Leuchtthurm diente. Das ſuͤdlichſte und auch das betraͤchtlichſte Vorgebirge der Inſel heißt das ruhige(capo tranquillo); es macht mit dem Kap Candura eine große, ſehr weit geoͤffnete Bay. Auf der Weſtkuͤſte gibt es noch einige mehr oder weniger große und ſichere Haͤfen; ſie iſt im Ganzen ſandig, das Waſſer an derſelben tief, und, wie die Seeleute ſagen, rein. Der Fluß Candura bei dem Vorgebirge, dem er den Namen gibt, iſt der einzige auf der Inſel; dage⸗ gen durchſchneiden die Inſel viele Baͤche, welche den, obgleich bergigen Boden fruchtbar machen. Unter den Produkten der Inſel iſt auch der Wein, welcher bei den Alten ſo ſehr geruͤhmt wurde, merkwuͤrdig. In den vielen Baumgaͤrten, welche die Stadt, Flecken und Doͤrfer von Rhodus umringen, wer⸗ den Blumen und Kuͤchengewaͤchſe mit großer Sorg⸗ falt erzogen. Hirſche und Wildpret gibt es in großer Menge, beſonders ſehr viele Bartavellen oder griechiſche Rebhuͤhner. Die Gaͤrten um Rhodus bevoͤlkern eine Menge Turteltauben mit roͤthlich grauem Gefieder und einem ſchwarzen Halsbande. Die Wachteln welche auf 14 ihrem Zuge von Europa nach Afrika, auf mey⸗ reren Inſeln verweilen, um auszuruhen, halten ſich niemals an der Inſel Rhodus auf, und kommen niemals dahin. Die Schnepfen hingegen kommen jaͤhrlich in großer Menge, ſtellen ſich im November ein, und bleiben ungefaͤhr einen Monat daſelbſt. Der Fiſchfang an den Kuͤſten von Rhodus iſt außerordentlich ergiebig; daher auch dieſe Inſel die Fiſchreiche hieß. Auch liefert das Meer daſelbſt Korallen und ſchoͤne Schwaͤmme; das Innere der Er⸗ de iſt reich an Foſſilien aller Art. IX. Am 28. Okt. verließen wir mit einem guͤn⸗ ſtigen Suͤdwinde den Hafen von Rhodus. Von ei⸗ ner kleinen Fiſcherbarke, welche an unſer Schiff kam, kaufte ich eine Muraͤne von der Art, welche den Namen Waſſerſchlange fuͤhrt, weil ſie nicht nur die Geſtalt und die wellenfoͤrmigen Bewegungen der Schlangen, ſondern auch ihre ſchoͤnen und glaͤn⸗ zenden Farben hat. Man hat behauptet, der Biß die⸗ ſer Muraͤne ſey giftig und ihr Fleiſch ungefund; al⸗ lein wenn auch dieſes falſch iſt, ſo verurſachen doch ihre furchtbaren Zaͤhne, welche aͤußerſt ſpitzig und von verſchiedener Groͤße ſind, die fuͤrchterlichſten Schmer⸗ zen. Zur Zeit der roͤm. Kaiſer wurden die zum Tode verurtheilten Sklaven oft in Teiche geworfen, welche mit Muraͤnen angefuͤllt waren; dieſe ſetzten ſich ſo⸗ gleich in Menge an alle Theile ihres Koͤrpers, und zerfraßen die Ungluͤcklichen lebendig. 4oſtes B. Türkei, III. 2, 3 146 Die Griechen auf den Inſeln des Archipels nennen dieſe Art von Muraͤnen Smirnaria, und hehaupten(was aber falſch iſt), daß ſie ſich mit den Landſchlangen begatten. Ihr Fleifch iſt weich und zart; allein wegen der vielen in demſelben befindli⸗ chen Graͤten unangenehm zu eſſen. Dieſe Fiſche ſind an der Kuͤſte von Natolien und im Archiyel ſehr haͤufig. NRachdem wir das Vorgebirge St. Anton, das noͤrdlichſte auf der Inſel Rhodus, welches nur 3 Stunden von dem feſten Lande eutfernt iſt, umſegelt hatten, befanden wir uns in der Meerenge, welche der Kanal von Rhodus, falſch aber von einigen Geographen das karpathiſche Meer genannt wird. Dieſe, von der in demfelben liegenden Inſel Karpa⸗ thos,(heut zu Tage Skarpen to) ſo genannt, kiegt naͤchſt dieſer Inſel fuͤdweſtlich von der Inſel Rhodus, zwiſchen dieſer und der Inſel Kandia. Hinter uns ließen wir die kleine Inſel Eleuſa an der Kuͤſte Klein⸗Aſtens bei dem Eingange des Meer⸗ buſens Marmoro oder Marmgriſſo, welche nicht mehr als eine halbe Srunde im Umkreiſe hat. Nicht weit von dieſem Meerbuſen lag der Berg Phoͤ⸗ nix mit einer befeſtigten Stadt gleiches Namens. Ein wenig weiter gegen Weſt wird dieſer Theil von Karamanien durch das Kay Volpe, vor Alters Kynomeſſa, eingeſchloſſen, welches der Inſet Rhodus am naͤchſten liegt. Unterhalb deſſelben iſt — 147 der Hafen Chavalier, welchen haͤufig. Kriegsſchiffe beſuchen. Dus Meer in dieſem Kanale zwiſchen Karam g⸗ nien und Rhodus wird durch die Stroͤmungen, welche in dieſem mit Inſeln und Landſpitzen durch⸗ ſchnittenem Meere verſchiedene Richtungen haben, und oft gegen einander ſtoſſen, und die unregelmaͤßi⸗ gen und unbeſtaͤndigen Winde aͤußerſt unge tuͤm. Nicht ſelten weht auf mehreren Punkten des naͤm li⸗ chen Kanals ein ganz verſchiedener Wind; ſogar herrſcht in einer Gegend deſſelben eine vollkommene Windſtille, waͤhrend in der andern der heftigſte Sturm tobt. Oft folgen auf die tiefſte Stille ploͤtz⸗ liche heftige Windſtoͤße, welche doch nicht ſelten durch untruͤgliche Zeichen angekuͤndigt werden. Ueber den Bergen, welche faſt die ganze Kuͤſte von Karama⸗ uien bedecken, ſſieht man zuweilen bei ganz hellem Himmel eine ſehr kleine ſchwarze Wolke, welche oft nicht groͤßer als ein Vogel zu ſeyn ſcheint. Dieſe kleine Dunſtkugel dehnt ſich ploͤtzlich aus, ſammelt ſich wieder, verſchwindet zuweilen hinter den Bergen, erſcheint wieder und aͤndert in jedem Augenblick ihre Geſtalt. Einen ploͤtzlichen und heftigen Windſtoß kann man dann mit Gewißheit erwarten. Am 28. Oktober uͤberfiel uns ſelbſt ein ſolcher Sturm, und zwar nach einer Windſtille, welche uns dem Kap Crio, einem großen Vorgebirge Karama⸗ niens gegenuͤber, feſt gehalten hatte, Am 30. legte ſich zwar der Wind; allein er war uns noch immer entgegen. Wir waren wider unſern Willen vor der kleinen, ehemals trefflich angebauten Inſel Symi, vorbei geſegelt. Ihre Einwohner, die kuͤhnſten und geſchickteſten Taucher, legen ſich hauptſaͤchlich auf die Fiſcherei der Schwaͤmme, mit welchen rings um die Inſel der felſige Meeres⸗Grund bedeckt iſt. Die Symioten ſind ſtark gebaut, und ſchoͤn gewachſen, und entwickeln durch ihr arbeitſames Le⸗ ben alle Kraͤfte ihres Koͤrpers. Schon Homer ruͤhmt die Schoͤnheit des Nireus, Koͤnigs von Symi. Die Lebensart der Einwohner iſt aͤußerſt einfach. Die Tyrannei, welche ſo ſchwer auf ihren Nachbarn laſtet, hat dieſes Volk allein verſchont. Denn ſie fand bei ihm keine Reichthuͤmer, ſondern nur ſtrenge Sitten und muͤhſame Arbeiten. Die Inſel Symi liegt ſehr nahe an der Kuͤſte des feſten Landes, am Eingange eines ihr benachbar⸗ ten Meerbuſens. Er iſt zwar nur zwei Stunden lang und eine breit, hat aber 2 ſehr gute Haͤfen fuͤr große Schiffe, und noch außerdem mehrere kleine Bayen zum Schutze fuͤr Kaͤhne und andere kleine Fahrzeuge. Auf der andern Seite, Symi gegenuͤber, wird der Meerbuſen durch das Kap Crio(vor Alters Triopium in Dorien, einer Provinz Kariens) ge⸗ bildet, auf deſſen aͤußerſter Spitze die beruͤhmte Stadt Gnidus ſtand, in welcher die Venus verehrt wur⸗ de, deren Bildſaͤule das groͤßte Meiſterſtuͤck des Pra⸗ — 149 riteles war. Anſehnliche Summen Geldes wurden den Gnidiern fuͤr dieſe Bildſaͤule geboten; aber von ihnen immer ausgeſchlagen. Jetzt iſt die Stelle, wo das einſt ſo beruͤhmte Gnidus ſtand, mit Ruinen und Schutt bedeckt. 3 Das Meer liefert bei Gnidus eine ungeheure Menge Fiſche.— Die gnidiſchen Weine waren ehe⸗ mals ſehr beruͤhmt; auch die gnidiſchen Zwiebeln lobt Theophraſt ganz beſonders, weil ſie nicht weinen machten. 3 Am 3. November erreichten wir endlich die In⸗ ſel Stanchio. Ehe ich noch ausfuͤhrlicher von die⸗ ſer rede, muß ich noch einmal zuruͤck kehren, um ei⸗ niger anderer Inſeln zu erwaͤhnen, welche wir ſuͤd⸗ waͤrts auf unſerer Fahrt hatten liegen laſſen. Wenn man einen Blick auf die unermeßliche Menge von Inſeln, Bergſpitzen und Klippen wirft, welche ohne Ordnung und nahe bei einander den oͤſt⸗ lichen Theil des mittellaͤndiſchen Meeres faſt ganz bedecken, ſo kann man ſich des Gedankens nicht er⸗ wehren, daß dieſes ganze Meer in den aͤlteſten Zeiten ein feſtes Land geweſen iſt, welches durch Erdbeben, oder Vulkane, oder auch durch einen ſchnellen An⸗ drang der Gewaͤſſer des ſchwarzen Meeres uͤber⸗ ſchwemmt, und in zahlloſe Stuͤcke zerriſſen worden iſt. Ein großer Theil von dieſem Kontinent iſt ganz untergegangen, und nur einzelne Theile ſind davon uͤbrig geblieben. 150 Von der ſuͤdlichen Spitze des Rhodus ſcheint die Inſel Searpanto(Karpathus) losgeriſſen zu ſeyn. Sie hat ungefaͤhr dieſelbe Geſtalt; ihre Laͤnge betraͤgt nur 7— 8, und ihre Breite nicht mehr als 3 Stunden. Strabo fuͤhrte ſie unter dem Namen Tetrapolis auf, weil ſie 4 Staͤdte in ſich begriff. Mehrere ſehr gute Haͤfen ſind auf der Inſel. Ihre hohen Berge ſind reich an Mineralien, fruchtbar, und ernaͤhren viel Wildpret. Ihre Einwohner ſind nur Griechen.. Zwiſchen dem Kap Porniſa, dem fuͤdlichſten dieſer Inſel, und dem Kap Sidero, dem oͤſtlichſten auf der Inſel Kandia, liegt die Inſel Caſo, Ka⸗ ſos oder Kaſus vor Alters, jedoch naͤher der erſte⸗ ren. Von der Stadt gleiches Namens iſt keine Spur mehr vorhanden. Die Groͤße der Inſel betraͤgt nur 3 Stunden im Umfange; ihre Beroͤlkerung iſt nicht betraͤchtlich, und beſteht aus thaͤtigen Griechen. Auf dem ſteinigten Boden der Inſel waͤchſt unter andern guter Wein, und der Honig iſt noch wie im Alter⸗ thume von vorzuͤglicher Guͤte. Die Einwohner trei⸗ ben auch Handel und Schiffahrt, jedoch nicht weit uͤber die Grenzen des Archipels. Weſtlich von Scarpanto liegen mehrere wuͤſte und unbewohnte kleine Inſeln. Die erſte, welche wir nach der Abreiſe von Rho⸗ dus rechts liegen ließen, war Limonia, welche nicht groß und mehr lang, als breit iſt. Auf ihrer 151 oͤſtlichen Kuͤſte iſt ein kleiner, durch Felſen geſicherter Hafen, mit einem Dorfe, dem einzigen auf der Inſel. Nicht weit von Limonia liegt die kleine Inſel Narke oder Karki, vor Alters Chalca oder Chaleis genannt. Mehrere uͤber das Meer hervor⸗ ragende Klippen beweiſen die ehemalige Verbindung von Limonia und Narki. Etwas weiter gegen Norden, ungefaͤhr in der Mitte zwiſchen Rhodus und Stanchio liegt die Inſel Piſeopia mit einem ziemlich guten Hafen und mehreren ſehr bequemen Ankerplaͤtzen. Die Alten nannten ſie Telos, und ſchaͤtzten den auf ihr berei⸗ teten wohlriechenden Weihrauch ſehr. Die Inſel Niſari, vor Alters Niſyros, liegt dem Kap Crio gegenuͤber, und von demſelben nur 3 Stunden entfernt. Sie iſt von der Inſel Stan⸗ chio abgeriſſen, hoch liegend, ſteinigt, und nicht groß. Sie hat heiße Quellen und Spuren von Vul⸗ kanen, allerlei Arten von Lebens⸗Mitteln im Ueber⸗ fluße, aber keinen ſichern Hafen zum Ankern. Zwiſchen Niſari und der Inſel Stampala ſind eine Menge kleiner Inſeln und Klippen. Unter den letztern iſt eine ſehr merkwuͤrdig, die Europaͤer nennen ſie Madona, die Griechen aber Panagia. Sie iſt die Spitze eines aͤußerſt hohen Berges in dem ganzen, vom Meere verſchlungenen, Feſtlande Grie⸗ chenlands; eine ungeheuer große, ganz kahle, von allen Seiten ſenkrecht abgeſchnittene, und faſt unzu⸗ 152 gaͤngliche Felſenmaſſe, auf welcher einige griechiſche Moͤnche eine der Jungfrau Maria geweihte Kapelle nebſt einer Wohnung erbaut haben. X. Die Inſel Stanchio oder Staneo fuͤhrt dieſen Namen nur bei den europaͤiſchen Seefahrern: denn bei den Griechen hieß ſie von alten Zeiten her, und jetzt noch die Inſel Kos. Auf ihr wurden der große Arzt Hippokrates, und der beruͤhmte Maler Apelles geboren. Die alte Stadt Kos war praͤchtig in ihrem Innern, ihre Lage aͤußerſt angenehm, und ihr Hafen einer der ſchoͤnſten und befruchtetſten in dieſen Meeren. Von ihr iſt keine Spur mehr uͤbrig. Die heutige Stadt Stanchio auf dem Platze der alten Stadt, iſt klein, und ohne merkwuͤrdige Gebaͤude. Citronen und Orangen⸗Gaͤrten, welche ſie umgeben, erfuͤllen die Luft mit ihren balſamiſchen Geruͤchen, und erzeugen deren erquickenden Fruͤchte in ſo großer Menge, daß ganze Schiffsladungen da⸗ von in verſchiedene Gegenden der Tuͤrkei, beſonders aber nach Smyrna und Konſtantinopel ge⸗ bracht werden.. In den ſonſt tiefen und ſichern Hafen, welchen ein halb verfallenes Schloß vertheidigt, koͤnnen jetzt nur kleine Schiffe einlaufen. Die groͤßeren finden außerhalb des Hafens eine ſehr gute Rhede, koͤnnen aber in der ſchlimmen Jahres⸗Zeit nicht in ihr aus⸗ —— halten, weil ſie den Nord⸗ und Weſt⸗Winden offen ſteht. Die Bevoͤlkerung der Stadt Stanchio beſteht groͤßtentheils aus Tuͤrken; die ganze uͤbrige Inſel be⸗ wohnen Griechen. Die Volksmenge iſt uͤberhaupt nicht ſehr zahlreich; die Inſel nicht beſonders groß, und mehr lang, als breit. Was aͤltere Reiſebeſchrei⸗ ber von der ungeſunden Luft und den haͤufig herr⸗ ſchenden anſteckenden Krankheiten auf Stanchio behaupten, iſt ungegruͤndet, und wird von neueren, weit beſſer unterrichteten Reiſenden widerlegt. Auch die Alten haben immer nur Unannehmlichkeiten der Inſel Kos erwaͤhnt, ohne je von ihrer Ungeſundheit Meldung zu thun. In dem ſuͤdlichen Theile der Inſel ſind einige hohe Berge, und auf dieſer Seite ein vortrefflicher Zufluchtsort fuͤr die Seefahrer in dem kleinen Hafen Safodino. Die ganze uͤbrige Inſel iſt eine ſchoͤne Ebene, deren verborgene Schaͤtze auf einen gluͤckli⸗ chern Wechſel der Dinge warten, um den Fleiß des Menſchen zu belohnen. Die Baumfruͤchte ſind von vorzuͤglicher Guͤte, die Trauben beſonders koͤſtlich, und der daraus bereitete Wein gibt den beſten Weinen in Griechenland nichts nach. Die Gaͤrten ſind mit Blu⸗ men, Bluͤten und Fruͤchten geſchmuͤckt; und wenn eine weiſe und gluͤckliche Freiheit ſtatt haben koͤnnte, ſo wuͤrde das Vaterland von Hippokrates und Apelles ein anmuthiger, bezaubernder Aufenthalt werden. Noch im vorletzten Jahrhunderte lieferte Stan⸗ chio eine ſehr betraͤchtliche Quantitaͤt Seide in den Handel; allein ſeit einer Reihe von Jahren iſt dieſes Produkt gar nicht mehr daſelbſt vorhanden, obgleich das Klima ſowohl der Kultur der Maulbeerbaͤume, als den Seiden⸗Wuͤrmern ſehr guͤnſtig iſt. Ariſto⸗ teles ſchreibt die Erfindung, die Baͤlge der Seiden⸗ Wuͤrmer abzuhaſpeln und Zeuge aus ihnen zu ver⸗ fertigen, der Pamphila, einer Tochter Latons, einem Einwohner der Inſel Kos zu. Bemerkens⸗ werth iſt aber, was Plinius von den Seiden⸗Wuͤr⸗ mern ſagt, die in Kos nach ſeinem Berichte auf Ei⸗ chen, Cypreſſen, und Terpentin⸗Baͤumen ſich auf⸗ hielten. 3 In Geſellſchaft des Agenten Maſſe durchſtreifte ich die herrliche Gegend der Stadt, und ſah unter andern auch den beruͤhmten Platanus(Platanns orientalis Lin.), welcher mit ſeinen alten Aeſten den kleinen in der Stadt befindlichen Platz ganz bedeekt, und durch ſeine dichten Schatten eine erquickende Kuͤhle hervorbringt. Um die ſchweren Aeſte des Bau⸗ mes zu unterſtuͤtzen, richteten die Einwohner Bruch⸗ ſtuͤcke von Marmor⸗ und Granit⸗Saͤulen auf.— Es war ſchon tief in der Nacht, als ich zufrieden mit meinem verlebten Tage, und beſonders, daß mich die Furcht von der Peſt nicht abhielt, an das Land zu 155 ſteigen, mich in das Schiff zuruͤck begab. Ich beru⸗ higte das Schiffsvolk durch die Erzaͤhlung von den Vorkehrungen, welche ich gegen die Gefahr der An⸗ ſteckungen getroffen haͤtte, nd wir lichteten am 3. vor Tages⸗Anbruch die Anker. Bei dem Auslaufen aus der Rhede, oder auch beim Durchfahren durch den engen Kanal, welcher die Inſel Stanchio vom feſten Lande trennt, muß ein Schiff mit aller Sorgfalt eine hoͤchſt gefaͤhrliche und niedrige Landſpitze zu vermeiden ſuchen, welche von dem weſtlichen Kap hervorragt. Dieſes Kap iſt nicht uͤber eine halbe Stunde von dem Kap Patera, welches mit dem Kap Crio einen tiefen Meerbuſen in Klein⸗Aſien bildet. Jetzt heißt er von der Inſel, welche vor ſeinem Eingange liegt, der Meer⸗ buſen von Stanchio. Im Alterthume fuͤhrte er den Namen karamiſcher Meerbuſen von der Seeſtadt Karamus in Karien, von der jetzt in dem unbedeu⸗ tenden Dorfe Keramo nur noch der Name uͤbrig iſt, und machte die Grenze zwiſchen Karien und Dorien. Schwerer waͤre es in dem Namen Bodru aͤder Budron, die Stadt Halikarnas zu erkennen. Sie war eine der bluͤhendſten Staͤdte des Alterthums, und viele praͤchtige Ruinen beweiſen noch jetzt ihre ehemalige Pracht. Sie war ferner der Geburtsort der Geſchichtsſchreiber Herodot und Dionys; in ihr ließ Artemeſia ihrem koͤniglichen Gemahle Mau⸗ 156 ſolus ein praͤchtiges Grabmal errichten, welches zu den 7. Wundern Griechenlands gerechnet worden iſt. An dem Eingange des jetzigen Hafens von Bo⸗ dru erbauten die Johanniter⸗Ritter eine Fe⸗ ſtung, als ſie nach den erſten Kreuzzuͤgen Rhodus erobert, und ſich der Stadt Bodru bemaͤchtigt hat⸗ ten. Sie erbauten dieſe Citadelle auf den Grund des Mauſoleums, und legten ihr den Namen Ka⸗ ſtel⸗San⸗Pedro bei. An ſehr vielen Haͤuſern erkennt man die Haͤuſer der Johanniter⸗Ritter. Das große Vorgebirge oder die Halbinſel, welche die nordliche Seite des Buſens von Stanchio aus⸗ macht, laͤuft nordwaͤrts, und auf der entgegengeſetz⸗ ten Seite von Patera in ein Kap aus, welches Gumichli oder Angeli heißt, und wieder einen Meerbuſen eroͤffnet, welchen die Alten von der in ſeiner Vertiefung gelegenen Stadt Jaſſus, Si⸗ nus Jaſſius nannten. Zwiſchen dem Kap Gumichli und Patera iſt das Meer mit Klippen bedeckt, welche man die Inſeln Salvadigo nennt, und fuͤr die Seefahrer außerſt gefaͤhrlich ſind. Am 4. November warf uns ein heftiger Sturm auf die Kuͤſten von Kandia. Wir mußten uns gluͤcklich preiſen, daß wir am Ende noch in den Ha⸗ fen von Suda einlaufen konnten, nachdem wir in Gefahr waren, auf den Klippen des Vorgebirges Ma⸗ leea zu ſcheitern. —.,— —jꝛ— A XI. Die erſte Inſel, auf welche man von Stan⸗ chio abſegelnd trift, iſt Capra, und neben dieſer liegt die etwas groͤßere Caprone, auf deren unzu⸗ gaͤnglichen Felſen nur Ziegen herumklettern. Weiter⸗ hin iſt die Inſel Calamo oder Calimene, welche nicht mehr als 5—6 Stunden im Umfange hat, und von den Alten Claros genannt wurde, ſie iſt mit hohen Bergen bedeckt, die Anzahl ihrer Einwohner unbetraͤchtlich. Auf der weſtlichen Kuͤſte findet man die Ruinen einer alten Stadt, und an der oͤſtlichen ſteht auf dem Gipfel eines Berges das Dorf Cala⸗ mo. Nicht weit davon iſt ein ziemlich guter Hafen, welcher aber wenig beſucht wird. Die Inſel Lero, zwiſchen welcher und der Inſel Calamo wir auf dem Wege nach Kandia fuh⸗ ren, iſt weder groͤßer, noch reichlicher von der Natur ausgeſtattet, hat ebenfalls einen ziemlich guten Ha⸗ fen, hohe Berge, in welchen Erze und Marmor in Menge vorhanden ſind, einen undankbaren Boden, wenig Verkehr mit fremden Schiffen, und gleicht darin der Inſel Calamo, daß die Einwohner außer⸗ halb der Inſel durch Schiffahrt und Handlung ihren Unterhalt zu verdienen ſuchen muͤßen. den Hierauf kamen wir zwiſchen den Inſeln Stam⸗ vala und Amorgus vorbek. In dem Namen Stampala erkennt man noch den ehemaligen Na⸗ men der Inſel Aſtypalda; man nannte ſie wegen ihres reichen und fruchtbaren Bodens Theon tra⸗ 158 veza(Eoͤttertiſch). Ihre Geſtalt iſt aͤußerſt unre⸗ gelmaͤßig; ihre Ufer ſind wie ausgeriſſen, und bilden eine Menge Spitzen und Vertiefungen, aus welchen eben ſo viele Bayen oder Buchten entſtehen, die mehr oder weniger gute Ankerplaͤtze ſind. Die Inſel hat 2 Haͤfen, einen gegen Norden und einen gegen Suͤden: ſie iſt nur 2 Stunden breit und s lang, uͤberhaupt niedrig; und eine der fruchtbarſten Inſeln des Archi⸗ pel. Ihr mildes Clima geht auch auf den Charakter der Einwohner uͤher, welcher weit weniger rauh und milder iſt, als jener der Bewohner von Leno und⸗ Calamo. Allein dieſen von der Natur ſo ſehr beguͤnſtigten Laͤndern gereicht eine ausgezeichnete Fruchtbarkeit zum Verderben. Je ſchoͤner, fruchtbarer und reicher ein Land iſt, deſto haͤufiger beſuchen es ſeine unſinnigen Barbaren, und richten durch Erpreſſungen und Bar⸗ barei den Ackerbau und alle noch uͤbrigen Zweige der Induſtrie immer mehr zu Grunde. Sorgfaͤltig ver⸗ meiden ſie alle unfruchtbaren Laͤnder, weil ihre Hab⸗ ſucht keine Befriedigung findet, und weil ſie die Ein⸗ wohner fuͤrchten, die groͤßtentheils in Gebirgen mu⸗ thig, arm und unabhaͤngig leben. Das Meer iſt nirgends fiſchreicher, als an den Ufern dieſer Inſel; am haͤufigſten ſah ich da den Drachenfiſch oder Meerdrachen(Trachinus draco Lin,); die Meeraͤſche, Meeralant oder Meeralet(Mu- 159 gil cephalus Lin.), und den Seebraſſen(Sparu⸗ Morm yrus Lin.) fangen. Nordweſtlich von Stampala liegt die Inſel Amorgus, weniger groß, als Stampalz; ihre Ufer ſind nicht ſo ſehr gekruͤmmt, und bieten deßhalb auch den Schiffern weniger Zufluchtsorte an. Sie hat nur auf der weſtlichen Seite 2 bequeme Haͤfen, deren einer gegen Norden St. Anna, und der andere weit beſſere gegen Suͤden Vathi heißt. Die Einwohner von Amorgus, ehemals Freun⸗ 6 de der Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, ſind in tiefer un⸗ wiſſenheit und Aberglauben. In dem Lande, welches den beruͤhmten elegiſchen Dichter Simonides her⸗ vorgebracht hatte, findet man jetzt nichts, als geiſt⸗ und kenntnißloſe Popen und Moͤnche, welche den Aber⸗ glauben des Volks befoͤrdern und unterhalten. In einer kleinen Kapelle zeigen ſie ein Gefaͤß als unfehl⸗ bares Orakel bei vorhabenden Reiſen oder ſonſtigen Unternehmungen. Wenn das Gefaͤß von ſelbſt faſt ganz mit Waſſer angefuͤllt iſt, ſo deutet es auf einen gluͤcklichen Erfolg; iſt es aber weniger voll, oder faſt ganz leer, ſo iſt es ein Zeichen, daß die Unternehmung ein mehr oder weniger gaͤnſtiges Ende nehmen wird. Von den dret alten Staͤdten: Arceſſine, Mi⸗ na und Aegiale, weiß man nicht mehr die Stelle anzugeben, auf welcher ſie geſtanden waren. Auf der Inſel finden ſich nur ein Dorf und einige Kloͤſter, in 160 welchen Wunder die weſentlichſte Beſchaͤftigung und die vorzuͤglichſten Einkuͤnfte der Moͤnche ausmachen. Einige Theile der Inſel ſind mit hohen Bergen, und kahlen, ſteilen Felſen bedeckt; andere hingegen ſind eben, und von einer ungemeinen Fruchtbarkeit. Die Inſel bringt weit mehr Oel, Wein, Getreide und Feldfruͤchte,(dieſerwegen war ſie bei den Alten beruͤhmt,) hervor, als ſie braucht. Die Art von Trauben, welche ovale Beeren und ein ſaftiges, ge⸗ wuͤrzhaftes Fleiſch haben, und wir unter dem Namen Trauben von Alexandrien kennen, werden auf dieſer Inſel beſonders groß und koͤſtlich. Man verfertigt jetzt nicht mehr die koſtbaren Zeu⸗ ge, welche unter dem Namen Amorgis, ſowohl wegen der Feinheit ihres Gewebes, als auch wegen der Feinheit ihrer Farben ſo beruͤhmt waren. Die Einwohner faͤrben zwar noch immer etwas und berei⸗ ten beſonders eine ſchoͤne rothe Farbe aus der Orſeille (Ligen roccella Lin.), einer Art Flechten, welche im Handel unter dem Namen Kraͤuter⸗Orſeille be⸗ kannt iſt. Dieſe Pflanze bedeckt nicht nur gaͤnzlich alle Felſen um Amorgus, ſondern waͤchſt auf meh⸗ reren andern Inſeln des Archipel, beſonders auf Ar⸗ gentiere, Tine und Policandro. Die Ein⸗ wohner dieſer Inſel hielten dieſe Pflanze fuͤr ein un⸗ nuüͤtzes Moos, wußten nicht einmal ihren Namen, und erfuhren erſt den Gebrauch derſelben 4776 und 1779,— als die Englaͤnder ihnen dieſelbe abkauften. 161 Die naͤmlichen engliſchen Schiffe luden zugleich auch Meerzwiebeln(Scilla maritima Lin.), welche daſelbſt haͤufig auf den Bergen und zwiſchen den Klip⸗ pen wachſen. Die Griechen nennen ſie Kurwara Skilla(knaulfoͤrmige Meerzwiebel, von Kuwarg, Knaͤul). Sie geben aber den Namen Skilla auch noch einer andern Pflanze, einer Orchis⸗Art,(Satyri- um Orchicides Lin.), welche ſie zum Unterſchiede von der wahren Skilla, Orchida Skilla(ho⸗ denfoͤrmige Meerzwiebel) nennen, weil ihre laͤnglich runden Zwiebeln Aehnlichkeit mit den Hoden der Haͤmmel haben. Sie werden im Archipel fuͤr ein vorzuͤgliches Mittel gegen die Flechten gehalten, und ich habe es ſelbſt in mehreren Faͤllen beſtaͤttigt gefun⸗ den, wo das Blut noch nicht allzuſehr verdorben war. Sie legen auch dieſer Orchis⸗Art die Kraft bei, die Zaͤhne des Menſchen weiß und geſund zu erhalten, nicht nur durch das Reiben mit der Pflanze, ſondern auch dadurch, daß man ſich vor einer jungen Pflanze, wenn ſie eben aus der Erde kommt, niederwirft, und tuͤchtig hineinbeißt!— Unter die Vorzuͤge von Am orgus gehoͤren vorzuͤglich auch die Leutſeligkeit der Einwohner und die Schoͤnheit der Frauenzimmer. Allein dieſe ſchoͤ⸗ nen Inſulanerinnen kleiden ſich auf eine ſo auffallende Art, daß ein Europaͤer Muͤhe hat, ſich daran zu ge⸗ woͤhnen. Ihr Koſtuͤme hat viele Aehnlichkeit mit dem auf den Inſeln Milo und Argentiere. Es 4oſtes B. Türkei. III, 2. 4 162 weicht nur in ſofern ab, daß die Frauensperſoren auf Amorgus mit einem gelben Shawl den untern Theil des Geſichtes und den Kopf in der Form eines Turban umwickeln, es hinten in eine Schleife binden, und ein langes Ende davon uͤber den Ruͤcken herab⸗ haͤngen laſſen. Suͤdlich von Amorgus, ungefaͤhr 3 Stunden entfernt, liegt die kleine, unbewohnte Inſel Klein⸗ Amorgus. Weſtlich und gegen die Inſel Naxos liegen noch mehrere kleine unbewohnte Inſeln, deren einige mit Maſtix⸗Baͤumen, kleinen Cedern und Cypreſſeu⸗ Blaͤttern und andern wilden Pflanzen bedeckt ſind, und betraͤchtliche Viehheerden, von den benachbarten groͤßern Inſeln unterhalten werden; andere hingegen ſind bloß kahle Felſen⸗Maſſen ohne eine Spur von Vegetation, ein Aufenthalt zahlloſer Heere von Raubvoͤgeln. XII. Der Kanal, welchen die Inſel Stampa⸗ la und Amor gus bilden, wird noch durch die In⸗ ſeln Namphio und Nio verlaͤngert. Die erſtere liegt ſuͤdweſtlich von Stampala, und hat kaum 1 Stunden im Umkreiſe. Ihr erſter Name war Mem⸗ bliaros von einem Phoͤnizier gleiches Namens; in der Folge hieß ſie Anaphos;(im Phoͤniziſchen be⸗ ſchattet, dunkel,) von den dicken Waͤldern mit wel⸗ chen dieſe Inſel bedeckt war; von dieſen findet man jedoch jetzt keine Spur mehr, ſondern nur noch ein⸗ 163 zelne zerſtreute Baͤume. Der Ackerbau iſt in elendem Zuſtande, und ungeachtet des fruchtbaren Bodens wird daſelbſt nur Gerſte gebaut. Rothe Rebhuͤhner (Petras rufus Lin.) ſind hier, wie uͤberhaupt auf den Inſeln des Archipels, fehr vorhanden.— Ein kleiner Theil auf dem ſuͤdlichen Theile der Inſel faßt alle Einwohner in ſich. Weſtlich von Namphio, und ſuͤdlich von Amorgus liegt die fruchtbarere und beruͤhmtere In⸗ ſel Nio. Sie hieß bei den Alten Jos, weil ſie von den Joniern bevoͤlkert worden war; in dem Hafen dieſer Inſel ſtarb Homer, als er von Samos nach Athen zuruͤck reiſte. Von einem ihm errichteten Denkmale iſt keine Spur mehr vorhanden. Die neu⸗ eren Griechen wiſſen nicht einmal mehr, daß der be⸗ ruͤhmteſte Dichter des Alterthums auf ihrer Inſel be graben worden iſt. Der Flecken Nio auf der Inſel liegt auf einer Anhoͤhe, und iſt durch die Gaſtfreiheit ſeiner Ein⸗ wohner beruͤhmt. Die Inſel iſt weniger bergigt, als die bisher beſchriebenen. Einen Theil des Ueberfluſſes ihres Getreides verkaufen die Einwohner in das Ausland. Ich befand mich gerade auf der Inſel Nio, als das Feſt des h. Gregor gefeiert wurde, ein Feſt, welches in gewiſſer Art den Lichtſchaben, dieſem eckel⸗ haften und beſchwerlichen Inſekte, welches waͤhrend des Sommers in dieſen Gegenden zahlreich vorhan⸗ den iſt, gewidmet wird. Am Vorabende vor dem Fe⸗ ſte ſchafft jede Haushaltung ihren Vorrath von Kraͤu⸗ tern und Waſſer in das Haus; geſchaͤhe dieſes erſt am Feſte, ſo wuͤrde man glauben, das ganze Haus muͤße voll von dieſen Inſekten werden. Jeder Haus⸗ vater wirft dann auch zwei oder drei ſolcher Thiere, in ein Rohr geſteckt, unter tauſend Verfluchungen in das Meer. Ein anderer Aberglaube beſteht darin, daß ſie den Tag ſorgfaͤltig merken, an welchem das Feſt Johannes des Taͤufers faͤllt. An dieſem Tage unternehmen ſie keine Reiſe, keine Arbeit und keine Beſchaͤftigung, weil ſie uͤberzeugt ſind, daß ſie ungluͤcklich ablaufen wuͤrde. Die Frauenzimmer zu Nio verbergen nicht, wie jene zu Amorgus, einen Theil ihres ſchoͤnen Ge⸗ ſichtes durch ein laͤſtiges Stuͤck Zeug; ihre Stirne iſt ganz frei und unter dem Shawl, mit welchem ſie den Kopf umwickeln, ragt ein Streif von ſchoͤnen Haaren hervor, die glaͤnzend ſchwarz und ſo fein, wie Seide ſind. Ihr Rock geht nur bis auf die Kniee, unter demſelben tragen ſie, wie alle Frauen des Orients, weite Beinkleider, welche bei einigen lang, bei andern kurz ſind, und oberhalb der Huͤfte durch einen ſeidenen oder baumwollenen Guͤrtel feſtgehalten werden. Auf den Inſeln ſind zwar die Beinkleider ſehr weit, gehen aber nur bis uͤber die Kniee, und werden mit Baͤndern zuſammen gebunden, die von den Struͤmpfen be⸗ deckt ſind. Auf der Inſel Santorin ſind die Kleider der Frauenzimmer laͤnger: ihr Kopf iſt mit einem langen auf der Oberflaͤche des Meeres eine 7 165 Shawl, wie ein Turban umwickelt, welches noch ge⸗ woͤhnlich unter dem Kinn hingezogen wird. Sie ver⸗ fertigen beſonders Zeuge aus Baumwolle, welche vor⸗ trefflich auf der Inſel gedeiht; jene ſind unter dem Namen, Dimiten oder Eskamiten bekannt. Die Inſel Santorin, ehemals Thera und noch fruͤher Kalliſta, die Schoͤne genannt, erlitt ſonderbare Veraͤnderungen durch unterirdiſche Feuer. Nach dem Berichte der Alten ſtieg ſie aus dem Meere hervor, wurde aber 237 vor Chriſto wieder von dem⸗ ſelben verſchlungen, und von der kleinen Inſel The⸗ raſia, jetzt Aſproniſi, abgeriſſen und getrennt. Nach und nach ereigneten ſich immer neue Revolutlo⸗ nen in dieſer Gegend, und das ſchreckliche Schauſpiel von Zerruͤttungen in der Natur. Vierzig Jahre, nachdem Thera und Sheraſia von einander abge⸗ riſſen worden war, erhob ſich eine neue Inſel uͤber die Meeresflaͤche, welche man wegen ihres hoͤchſt wunderbaren Urſprunges Hi era, Heilige nannte, und dem Hoͤllengotte weihte. Die verkalkten Sub⸗ ſtanzen, aus welchen ſie beſteht, gaben ihr ſeitdem den Namen Kammeni, oder die Verbrannte. Nach mehr oder weniger betraͤchtlichen Veraͤnde⸗ rungen in der Geſtalt der Inſel erſchien 1573 ploͤtzlich neue Inſel, wel⸗ che die Griechen zum Unterſchiede von erſterer Mi⸗ kri⸗Kammeni, die kleine Verbrannte, nannten. Endlich kam im Anfange des verfloſſenen Jahr⸗ 166 hunderts eine neue kleine Inſel zwiſchen der großen und kleinen Kammeni, ungefaͤhr eine Stunde von Santorin zum Vorſchein. Dieſe neue Inſel fuhr nach ihrer Entſtehung noch lange fort, Flammen, di⸗ cke Rauchwolken und große Stein maßen auszuwerfen. Nach und nach wurden dieſe Ausbruͤche weniger hef⸗ tig, und hoͤrten endlich ganz auf; man hoͤrte nichts mehr als ein dumpfes Getoͤſe von dem Sieden der Materien, welche ein unterirdiſches Feuer in einer unermeßlichen Tiefe unter der Erde beſtaͤndig im Fluße erhaͤlt. Gegenwaͤrtig iſt der Vulkan von Au⸗ ßen wenigſtens gaͤnzlich unthaͤtig; die kleine Inſel ru⸗ hig, aber von fuͤrchterlichem Anſehen. In der Ferne ſieht ſie ganz ſchwarz aus. Alles iſt auf der Inſel verbrannt, kaleinirt, und ein Bild des ſchrecklichen Brandes, welchen die Natur in der Mitte des Erd⸗ balls angezuͤndet hat. Die aberglaͤubigen Griechen halten die neue In⸗ ſel fuͤr ein Werk der Hoͤlle, und fuͤr die Wohnſtaͤtte der Teufel; nach ihrer Meinung verurſachten dieſe den furchtbaren Laͤrm daſelbſt, und machten ſich das teuf⸗ liſche Vergnuͤgen, die Anker der Schiffe loszureißen, welche man daſelbſt auswuͤrfe. Von Zeit zu Zeit be⸗ gibt ſich daher der griechiſche Biſchof von Santo⸗ rin dahin, um die Macht des Exoreismus gegen die⸗ es hoͤlliſche Heer auszuuͤben. Die neue Inſel hat ungefaͤhr eine Stunde im Umfange. Dicht um dieſelbe zeigt das Senkblei 3— 5 Klaftern, weiterhin findet man aber keinen Grund 167 mehr. Oft loͤſet ſich von der Inſel eine Menge Bimsſtein ab, welcher auf dem Meere fortſchwimmt, und durch die Winde gegen die Inſeln des Archipels getrieben wird, wo ich ſelbſt dergleichen ankommen ſah. Noch bedeckt keine Pflanzen⸗Erde dieſen kaleinir⸗ ten Boden; die kleine Kammeni iſt ebenfalls nackt; allein die große iſt mit einer duͤnnen Schichte von Staub bedeckt, in der einige Pflanzen wachſen. Die Inſel Aproniſi hingegen hat eine vollkommene gruͤne Decke, und ſogar einige Baͤume. Die Inſel Santorin, nach ihrer Schutzheili⸗ gen Irene genannt, bietet nebſt den Verwuͤſtungen der Vulkane auch einige ſehr fruchtbare Diſtrikte dar. Die Getreide⸗Arten kommen in dieſem aus Aſche und Bimsſtein beſtehenden Boden ſehr gut fort, auch gedeiht die Baumwolle vortrefflich; hie und da faſſen Obſtbaͤu⸗ me Wurzel; die Weinberge liefern einen ſehr guten, aber ein wenig nach Schwefel ſchmeckenden Wein. Die Einwohner haben kein anderes Waſſer, als jenes, welches ſie in Ciſternen auffangen; in die kal⸗ einirten Felſen bauen ſie ihre Haͤuſer, welche alle das Anſehen gewoͤlbter Hoͤhlen haben. Auf der Suͤdſeite der Inſel ſtand auf dem St. Stephausberg die praͤchtige Stadt Thera. Man hatte in Thera einen aͤußerſt ſonderbaren Gebrauch: man beweinte naͤmlich die Kinder nicht, welche vor dem 7. Jahre ihres Alters ſtarben, noch die Erwach⸗ ſenen, welche nach dem s0. Jahre die Welt verlie⸗ 168 ßen; dieſe hatten nach ihrer Meinung genug gelebt, jene noch gar nicht. Der angenehmſte Ort auf der Inſel iſt der Fle⸗ cken Pyrgos auf einer Anhoͤhe, von welcher man den ſchoͤnſten Theil der Inſel und beide Meere uͤber⸗ ſehen kann. Am Fuhße deſſelben iſt eine Bucht; je⸗ doch nur fuͤr kleine Kaͤhne; ſobald ein Sturm ſich er⸗ hebt, muͤßen ſie eine zwar kleine, aber tiefere und ſchwerere Bucht, noͤrdlich vom Kap Aponomeria und unterhalb St. Nikolo ſuchen. Dieſer Flecken liegt aͤußerſt hoch auf einer Gruppe verbrannter Kalk⸗ ſtuͤcke, welche gegen das Meer zu ſenkrecht abgeſchnit⸗ ten, und in beſtaͤndiger Gefahr ſind, von dem Ab⸗ grunde verſchlungen zu werden. In der Mitte des Hufeiſens, welches die oͤſtliche Kuͤſte von Santorin bildet, und auf einem gegen die beiden Inſeln Kammeni hervorſtehenden Felſen, liegt das Schloß Scaro, deſſen Lage noch weit ſchauderhafter iſt, als die von St, Nikolo. Pyrgos, St. Nikolo und Skaro ſind die 3 einzigen bemerkenswerthen Orte auf der Inſel; im Innern liegen noch einige Doͤrfer. Die ganze Bevoͤl⸗ kerung beſteht ungefaͤhr aus 8— 10,000 Seelen: die Einwohner ſind fleißig und thaͤtig; ein Theil derſel⸗ ben bekennt ſich zur griechiſchen, der andere zur roͤ⸗ miſchen Kirche. Auf Santorin halten ſich keine Tuͤrken auf, ſie hat keine eigentlichen Haͤfen; daher kommen nie Kriegsſchiffe, und ſelten Europaͤer hin. 169 XIII. Die Inſel hat ungefaͤhr 7—s Stunden im Umfange; auf ihren Bergen kann man die 18 Stun⸗ den entfernte Inſel Kandia ſehen, und ſuͤdweſtlich von ihr liegen die 2 unbedeutenden Inſeln Groß⸗ und Klein Chriſtiana.. Da ich 3 Reiſen nach Kandia machte, ſo werde ich hier, ohne jedoch uͤber Kandia zu ausfuͤhrlich zu werden, alles Merkwuͤrdige zuſammen ſtellen, was ich in verſchiedenen Epochen geſammelt habe, und man wird mit mir gerne in dem beruͤhmten Lande verwei⸗ len, welches durch die Geſetze Minos und die hun⸗ dert Staͤdte, welche es ehemals enthielt, ſo beruͤhmt geworden iſt. Kandia, die groͤßte unter den mittellaͤndiſchen Inſeln, iſt viel laͤnger als breit; ihr Umfang betraͤgt 200 Stunden; ſie liegt zum Theile im 310 der Brei⸗ te, und zwiſchen dem 41 und 440 der Laͤnge. Es iſt jedoch eine ſehr wichtige und noch nirgends gemachte Bemerkung, daß alle andern Inſeln in dieſem Meere ſich ihrer Laͤnge nach von Suͤd nach Nord erſtrecken, mit mehr oder weniger Abweichung gegen Oſt oder Weſt, der Plan der Inſel Kandia hingegen ſich von Oſt nach Weſt zieht. Sie ſcheint eine lange Baſis zu ſeyn, auf welcher der ganze Archipel ruht. Dieſe beſondere Richtung verraͤth auch einen beſondern Ur⸗ ſprung. Die Inſeln des aͤgaͤiſchen Meeres ſind die Berggipfel eines Landes, deſſen Ebenen durch die ploͤtzlich eingebrochenen Gewaͤſſer des Pontus Eu⸗ 170 rxinus uͤberſchwemmt worden ſind. Einen Beweis von dieſer furchtbaren Ueberſchwemmung liefert vor⸗ zuͤglich die Geſtalt der noch uͤbrig gebliebenen Maſſen, welche alle einen mit der reißenden Stroͤmung, durch welche ſie getrennt wurden, parallel laufenden Plan haben. Wenn man ſich von Weſt der Inſel naͤhert, ſo erblickt man zuerſt eine weit in das Meer hervor ra⸗ gende Felſenſpitze, das Kap Spadaz es iſt das alte Vorgebirge Pſacum. Dieſe Spitze macht mit dem Kap Melecca oder Melek, vor Alters Klamum,“ eine ſehr große Bucht, in deren Vertiefung der Ha⸗ fen und die Stadt Canea ſich befinden; ſie enthaͤlt nichts Merkwuͤrdiges. Die Bauart ihrer Haͤuſer iſt die naͤmliche, wie in dem ganzen Orient. In Geſellſchaft des franzoͤſiſchen Konſuls beſuchte ich das eine halbe Tagreiſe von Canea entfernte Kloſter der Dreieinigkeit, welches auf einer ſtei⸗ len Felſenwand liegt. Durch gut angebaute Felder und Weinberge fuͤhrt eine koͤſtliche Cypreſſen⸗Allee bis zur großen Stiege des Kloſters, um welches ebenfalls Cypreſſen⸗ und Orangen⸗Baͤume ſtanden. Das Klo⸗ ſter iſt ein Werk der Venetiauer und macht ein laͤng⸗ lichtes Viereck aus, die Kirche iſt beſonders ſchoͤn gebaut, aber nicht ganz vollendet. Das Innere iſt huͤbſch ausgeſchmuͤckt, und mit einigen griechiſchen und lateiniſchen Inſchriften, welche die Namen der 171 Erbauer aufbewahren, verſehen. Das Wichtigſte aber, die Jahreszahl, iſt vergeſſen. Vor alten Zeiten waren 100 Moͤnche in dem Klo⸗ ſter; ich aber fand deren nicht mehr als zwoͤlf. Die Moͤnche haben Gewaltthaͤtigkeiten von Seite der Tuͤr⸗ ken, der Bewohner aller Staͤdte auf der Inſel, aus⸗ zuſtehen. Sie fuͤhren dem Anſcheine nach, um den tuͤrkiſchen Erpreſſungen zu entgehen, ein armſeliges Leben. Bei den Griechen herrſcht hier ein einziger Orden, jener des h. Baſilius; alle Moͤnche haben einerlei Regel und einerlei Tracht. Sie ſind uͤbri⸗ gens aͤußerſt haͤßlich und ſchmutzig, und reinigen ſich weder Haare, noch Bart. Heuchelei, Stolz, grobe Unwiſſenheit, und Treuloſigkeit machen ihren Cha⸗ rakter aus. Ohne die geringſten Kenntniße zu beſi⸗ tzen, wollen ſie in den Augen des Volkes fuͤr Maͤn⸗ ner von großen Einſichten gelten, und durch den Ge⸗ ruch von Heiligkeit Ehrfurcht einfloͤßen. Ihre Geluͤbde beſtehen in Gehorſam, Enthaltſam⸗ keit und Keuſchheit; die beiden erſtern werden ziem⸗ lich genau erfuͤllt, letzteres hingegen ſoll nicht ſo ge⸗ nau beobachtet werden.— Die griechiſchen Weltgeiſt⸗ lichen(Popen) koͤnnen, ehe ſie die Prieſter⸗Wuͤrde erhalten, heirathen, aber nach dem Tode der erſten Frau keine zweite mehr nehmen. Die Frau eines Papa heißt Papadia, und genießt die naͤmliche Achtung wie ihr Mann. Daher ſtreben die griechi⸗ ſchen Maͤdchen außerordentlich nach der Ehre, einen 172 Diener der Gottheit zu heirathen, und gewoͤhnlich werden die jüngſten und ſchoͤnſten Gattinnen von Maͤnnern, die nicht nur meiſtens ſchon bei Jahren, ſondern eben ſo ſchmutzig und eckelhaft, wie die Möoͤnche(Kaloyers) ſind. Von dem Dreieinigkeits⸗Kloſter ſetzten wir unſere Reiſe nach der Spitze des Vorgebirges Melek auf Wegen fort, die uͤber Felſenmaſſen gingen, und ſchwer zu beſteigen waren. Auf der Hoͤhe des Gebirges liegt ein dem h. Johannes geweihtes Kloſter, welches gleichfalls von den Venetianern erbaut, aber nicht zur Haͤlfte vollendet worden iſt. Außer der ſchoͤnen Ausſicht uͤber die Meeresflaͤche hat es gar kein Inter⸗ eſſe. Es geht von hier immer bergab, um auf die Spitze des Vorgebirges zu kommen. An dem Fuße eines dieſer Berge liegt ein kleines Kloſter, ebenfalls St. Johannes genannt; der Bezirk, in welchem es liegt, heißt Katholiko. Wegen der Seeraͤuber, die an den nahen Kuͤſten landeten, iſt es voͤllig leer. Neben der Kapelle des Kloſters fuͤhrt ein Eingang zu einer großen Hoͤhle mit einer zahlloſen Menge von Tropfſtein⸗Saͤulen und andern, zum Theile hoͤchſt ſonderbaren Geſtaltungen, z. B. Koͤpfen, Thieren u. ſ. w. Die Farbe dieſer Tropfſteine iſt im Ganzen ge⸗ nommen gelblich und glanzlos; aber auch blendend weiße ſind unter denſelben, welche den ſchoͤnſten Ala⸗ baſter uͤbertreffen. 2 Ungern verließ ich die Einoͤde von Katboliko; 173 ich ſtieg die 180 Stufen hohe Stiege, welche von dem Felſen in dieſe Gegend herab fuͤhrt, wieder hinauf, und beſah noch eine andere Hoͤhle, deren Gewölbe außerſt hoch, die aber nicht ſo groß iſt, als die vorige. Bei dem Eingange faͤllt einem die Aehnlichkeit eines daliegenden großen Blockes mit einem Baͤren auf, woher ſie auch den Namen Baͤrenhoͤhle erhalten hat; neben derſelben iſt eine in den Felſen gehauene Einſiedelei. Hierauf nahmen wir in dem großen Jo⸗ hannes⸗Kloſter unſere Pferde wieder, brachten die Nacht in dem h. Dreieinigkeits⸗Kloſter zu, und kamen den andern Tag nach Kanea zuruͤck.. XIV. Der Hafen von Kanea hat, außerdem daß keine Sorgfalt auf ihn verwendet wird, auch noch den Nachtheil, daß er den Nord⸗Winden zu ſehr ausgeſetzt iſt. 1 4. 1n 1 In dem Meerbuſen, weſtlich vom Hafen, liegt die kleine Inſel, Sant⸗Odero, oder St. Theo⸗ dor, mit einem von den Venetianern erbauten, aber jetzt gaͤnzlich zerſtoͤrten Schloße. Groͤßere Schiffe fin⸗ den hier einen ziemlich guten Ankerplatz, ſie laufen aber lieber in den Hafen von Suda, wo ſie in der vollkommenſten Sicherheit find. Bei der Einfahrt in die Bay von Suda und an dem Fuße des Kap Melek liegt eine Inſel von un⸗ gefaͤhr einer Viertelſtunde im Umfange. Der Hafen wird durch eine Feſtung vertheidigt, und iſt einer der beſten und groͤßten im ganzen mittellaͤndiſchen Meere. 174 Dieſe Kuͤſte iſt uͤbrigens nicht bewohnt, und man fin⸗ det daſelbſt kein anderes Vergnuͤgen, als die Jagd. Auf den Wuͤſten und ſteinigen Huͤgeln, mit welchen die Bay umringt iſt, wimmelt es von Haſen, Wach⸗ teln und Rebhuͤhnern, und auf einem daſelbſt befind⸗ lichen Teiche findet man eine Menge Schnepfen und Waſſerhuͤhner. Das Meer iſt außerordentlich fiſchreich, beſonders gibt es ſehr viele Sardellen in demſelben, in dem von dem Meere beſpuͤhlten Klippen findet man eine Menge Dattelſchnecken, und auf der Küſte ſehr wohlſchmeckende See⸗Igel.. Von der innerſten Tiefe des Meerbuf fens bis nach Kanea rechnet man eine Stunde Weges: die Ebe⸗ ne, welche bis dahin fuͤhrt, iſt angenehm und ſehr fruchtbar. Allein wenn man der Stadt ſich naͤhert, ſieht man auf beiden Seiten der Straße Huͤtten, in welchen die ungluͤcklichen, durch den Ausſatz verpeſte⸗ ten Einwohner ſich aufhalten. Die Kranken muͤßen ſogleich die Stadt verlaſſen und eine Huͤtte beziehen. Sobald ſie Jemanden kommen ſehen, ſo gehen ſie ihm entgegen, und flehen ihn um ſein Mitleid an. Man kann ſie ohne den heftigſten Abſcheu nicht an⸗ ſehen. Bei den Tuͤrken iſt der Haß gegen die Chri⸗ ſten ſo eingewurzelt, daß einige Ausſaͤtzige noch auf uns ſchimpften, indem ſie ein Almoſen forderten. Mehrmals wurde mir zugerufen:„Unglaͤubiger Hund, ich bitte dich, ſchenke mir einen Para.“ Auf dem Lande bei Kanea ſah ich zum erſten Male die Romeea, einen mit Geſaͤngen untermiſch⸗ ten Tanz, welchen die heutigen Griechen von ihren Vorfahren bekommen, und beinaghe ganz ſo, wie er einſt war, beibehalten haben. Er iſt einfach und edel, ſein Alter macht ihn ehrwuͤrdig. Doch kann man nicht laͤugnen, daß er zu ernſthaft und zu wenig froͤhlich iſt. Auch der Geſang hat keinen raſchen Gang, ſondern iſt langſam und ſchmachtend, und wird durch die Gewohnheit der Griechen, durch die Naſe zu ſingen, ſchleppender. Die Gaͤrten um Kanea ſind aͤußerſt angenehm, man findet in denſelben keine Spur von Regelmaͤ⸗ Higkeit, uͤberall herrſcht die Symetrie der Natur. In dem aͤußerſt fruchtbaren Boden gedeihen die koͤſt⸗ lichſten Gewaͤchſe. Die Annehmlichkeit der Gaͤrten erhoͤht noch das Heer von buntfarbigen Voͤgeln; man findet mit Vergnuͤgen die Voͤgel, welche man in ſei⸗ nem Vaterlande gekannt hat, als Haͤnflinge, Nachti⸗ gallen, Grasmuͤcken, Diſtelfinken, u. ſ. w. wieder. Allein auf den nahe gelegenen Bergen haͤlt ſich die melodiſche Berg⸗ oder Stein⸗Amſel(Turdus cyanus Lin.) auf; ihr Geſang iſt fchmachtend und hoͤchſt lieb⸗ lich; ſie wird deßwegen in den groͤßten Staͤdten der Tuͤrkei haͤufig als Stubenvogel gehalten, und oft eine mit hundert Piaſter bezahlt. Blumen und aromati⸗ ſche Kraͤuter findet man im Ueberfluße. Die Berge ſind mit dem beruͤhmten kretiſchen Diptam oder der 176 Eſchwurz, welche die Alten ſo hoch ſchaͤtzten, bedeckt. Der Diptam iſt ein vortreffliches Wundmittel, und eine heilſame Magen⸗Arzenei. Durch eine ſolche außerordentliche Menge wohl⸗ thaͤtiger Pflanzen wird das Klima auf der Inſel Kandia eines der geſuͤndeſten in der Welt. Schon Hippokrates ſchickte ſeine Kranken dahin, damit ſie mit der Luft die heilſamen Duͤnſte einathmen ſoll⸗ len. Die Tuͤrken, ſchon im Allgemeinen ein ſchoͤner Menſchenſchlag, gewinnen durch den Einfluß des gluͤck⸗ lichen Klimas auf ihre aͤußere Bildung noch mehr, die Griechen ſcheinen dagegen ausgeartet zu ſeyn. Daſ⸗ ſelbe gilt auch fuͤr das weibliche Geſchlecht beider Na⸗ tionen; die Tuͤrkinnen ſind hier ſchoͤner, als in ir⸗ gend einem andern Theile des Orientes, und die Griechinnen ſind es im Ganzen genommen, weniger, als in andern Theilen von Griechenland. AUnter die jetzigen vorzuͤglichen Landes⸗Produkte gehoͤrt hauptſaͤchlich das Oel; auch die Baumwolle gedeiht vortrefflich, obwohl ihr Anbau aͤußerſt ver⸗ nachlaͤſſigt wird. Denn bei dem Drucke der Skla⸗ verei fehlt es dem Ackerbau ſo gut, wie der Indu⸗ ſtrie an Armen, daher liegen unuͤberſehbare Ebenen, welche den Fleiß der Menſchen reichlich belohnen wuͤr⸗ den, ganz verlaſſen und wuͤſte. Unter allen Produkten hat der Wein ſeinen alten Ruhm beibehalten. Homer ſchon hat den Wein von Kandia geruͤhmt, und Jupiter ſelbſt ſoll keinen — 177 andern Nektar getrunken haben, ſo lange er ſich auf der Inſel aufgehalten hatte. Der kandiſche Wein uͤbertrifft an Geiſt, Wohlgeſchmack und balſamiſcher Sußigkeit alle bekannten Weine. Er muß aber aͤu⸗ herſt maͤßig getrunken werden. Denn er hat unglaub⸗ liches Feuer, und greift das ganze Nerven⸗Syſtem au. Viele Berge in Kandia ſind mit Waͤldern von Fichten, Tannen und Cedern bedeckt, deren gerade und hohe Staͤmme, ſo wie auch das Harz, das her⸗ ausfließt, von unſchaͤtzbarem Werthe fuͤr den Schiff⸗ bau ſind. 3 Ie Auf den Gebirgen bei Kanea und dem Fuße des Berges Ida waͤchſt das Ciſtenroͤschen(Cistus ladani- fera Lin.), aus welchem das Ladangummi, ein kle⸗ beriges Harz gewonnen wird, aus welchem man wohlriechende Harze und verſchiedene Arzeneien berei⸗ tet. Bei der Sammlung dieſes Gummi bedient man ſich einer Peitſche mit einem langen Stiele, welche aus einer doppelten Reihe von langen Riemen beſteht. Bei der groͤßten Hitze und zur heißeſten Jahreszeit wirft man dieſe Riemen auf den Ciſtenroͤschen hin und her; an dieſe ſetzt ſich nun der Saft, welcher bei der Spitze aus dem Gewaͤchſe ſchwitzt, in großen Tropfen an, die glaͤnzend und hell, wie Terpentin ſind. Die Griechen vermiſchen ihn aus Betrug mit b 4 Die Pferde auf Kandia, obwohl ſie von den Pferden aus der Berberei abſtammen, ſind in Nuͤck⸗ 5 & 4oſtes B. Türkei. III. 2. 178 ſicht ihrer Schoͤnheit aͤußerſt ausgeartet. Was ihnen jedoch an Schoͤnheit abgeht, erſetzen ſie durch eine ſolche Staͤrke in den Beinen und einen ſo außeror⸗ dentlich ſichern Gang, daß ſie vielleicht von keiner andern Pferde⸗Rage uͤbertroffen werden. Neber die ſteilſten Berge gehen ſie ſo feſten Schrittes, daß ſie auch an den ſchwierigſten Stellen nicht ſtraucheln. Die Hunde auf dieſer Inſel waren ehemals wegen ihrer Geſchwindigkeit und Leichtigkeit nach den lace⸗ daͤmoniſchen die beſten in ganz Griechenland. Allein ſie arteten aus, ſeitdem die Tuͤrken, die große Feinde der Hunde ſind, ſich dieſer Inſel bemaͤchtigt haben. Die kandiſchen Hunde ſind, wie faſt alle orientali⸗ ſchen, eine Art großer Windhunde, denen nichts fehlt, als eine beſſere Behandlung, um ſehr ſchoͤne Hunde zu ſeyn. Es gibt in Kandia kein wildes und reißendes Tbier; daher bleiben die Schafe auch Tag und Nacht im Freien, und weiden ungeſtoͤrt die balſami⸗ ſchen Kraͤuter der Berge ab. Bei ſchlechter Witte⸗ rung finden ſie in den Hoͤhlen Schutz, welche die Natur in die Felſen gegraben hat. Aus der Milch der Schafe und Ziegen bereitet man vortreffliche Kaͤſe, von welchen die von Sfachia, einem Flecken nuf der ſuͤdlichen Seite der Inſel, allgemein beruͤhmt ſind, und in die ganze Levante verfuͤhrt werden. Von groͤ⸗ berer Wichtigkeit iſt jedoch die Wolle, welche einen nicht unbedeutenden Handels⸗Artikel ausmacht. 4 179 Hie und da findet man auch Schweine bei den Griechen. Die Tuͤrken, welche dieſes Thier als un⸗ rein verabſcheuen, verhindern ihre Zucht auf dem Lande nicht. Die Bienenzucht gedeiht vortrefflich in Kandiaz um die Guͤte des daſigen Honigs darzu⸗ thun, dichteten die Alten, daß er die einzige Nah⸗ rung Jupiters auf dem Berge Ida geweſen ſei.— An allen zum Unterhalte des Lebens noͤthigen Dingen hat die Inſel einen Ueberfluß; die Kuͤſten ſind reich an Fiſchen, auf den Bergen gibt es ſehr viel Wild⸗ pret, und in den Ebenen eine außerordentliche Menge rother Rebhuͤhner. Hiezu kommen noch die vielen Zugvoͤgel, welche den Einwohnern eine reiche Quelle von Unterhalt verſchaffen. Im Anfange des Winters gibt es eine Menge Mornellkibitze, und wenn die erſte Kaͤlte einbricht, die jedoch nie ſo iſt, daß es gefriert, fangen die Bauern auch eine Menge Krammetsvoͤgel und Droſſeln, und zwar auf dieſe Art. Sie tragen eine Menge Lichter in die Orangen⸗ und Citronen⸗ Waͤldchen, in welchen ſie die Nacht zubringen, und wecken ſie durch Geraͤuſch aus dem Schlafe. Durch die Lichter getaͤuſcht, bilden ſie ſich ein, es ſei Tag, fliegen von den Baͤumen herab zu den Lichtern, und werden von den Bauern mit hoͤlzernen Peitſchen todt geſchlagen. Die Bauern fuͤlen ganze Saͤcke mit ih⸗ nen, und trapen ſie auf die Maͤrkte in den naͤchſten Staͤdten. Ran ta, die volkrei hſts Stadt auf der Iufel, in 180 welcher zugleich auch der ſtaͤrkſte Handel getrieben wird, iſt doch nicht de Hauptſtadt derſelben. Kandia hat dieſen Titel beibehalten, ſo ſehr ſie auch in der Wirk⸗ lichkeit geſunken iſt. In ihren ehemals beſtaͤndig mit venetianiſchen Schiffen angefuͤllten Hafen, koͤnnen jetzt nur noch Barken und andere kleine Schiffe ein⸗ laufen. Kauffahrtei⸗ und Kriegsſchiffe muͤßen ſich nach Standia, einer kleinen, 4 Stunden von Kan⸗ diag entferuten Inſel, begeben, und durch Kaͤhne die Waaren an Bord bringen laſſen. Die Stadt Kandia, auf der Stelle des alten Heraklea, liegt in einer außerſt fruchtbaren, mit ſchoͤnen Huͤgeln durchſchnittenen Ebene. Von ihren Feſtungswerken ſieht man nur noch Ruinen, welche nach der merkwuͤrdigen Belagerung, welche ſie 23 Jahre lang gegen die ganze ottomanniſche Macht aus⸗ gehalten hat, noch uͤbrig geblieben ſind. Deſſen ungeachtet iſt Kandia noch immer der Sitz des General⸗Gouverneurs der Inſel, eines Pa⸗ ſcha von 3 Roßſchweifen, welcher von Konſtanti⸗ noͤpel geſchickt wird. Nicht weit von Kandia liegen die Ruinen der alten Stadt Cnoſſus, in welcher Minos ſeinen Sitz hatte, und deren Einwohner eines der maͤchtig⸗ ſten und kriegeriſchſten Voͤlker auf der ganzen Inſel waren. Man erkennt die Stadt jetzt nur noch an ih⸗ ren Ruinen, von welchen ein großer Theil zur Er⸗ bauung des heutigen Kandia verbraucht worden iſt. 181 Eine große Strecke Landes bedecken die Truͤm⸗ mer von Gortyna, welche jetzt noch Bruchſtuͤcke von großer Pracht enthalten. Dieſe im Alterthume ſehr beruͤhmte Stadt, uͤbertraf noch Cnoſfus an Macht und Reichthum. Nahe dabei iſt das Laby⸗ rinth, welches jedoch nicht das im Alterthume ſo beruͤhmte geweſen zu ſeyn ſcheint. Das Labyrinth von Gortyna war wahrſcheinlich ein ungeheuer gro⸗ hber Steinbruch. 1 2. b Zwiſchen Canea und Kandia liegt an der Kuͤ⸗ ſte des Meeres die kleine Stadt Retimo, welche ehemals Rothymna hieß. Ihre Lage iſt entzuͤckend ſchoͤn und in der umliegenden Gegend iſt Ueberfluß an allen Arten von Lebensmitteln. Der Hafen hinge⸗ gen iſt nur fuͤr Barken und andere kleine Fahrzeuge brauchbar. Obwohl Retimo wegen der Menge fei⸗ ner Produkte eine der allervorzuͤglichſten Handelsſtaͤdte auf der Inſel ſeyn koͤnnte, ſo iſt ſie doch immer tie⸗ fer herabgeſunken, und hat das naͤmliche Schickfal wie Kandia gehabt, daß ein großer Theil ſeiner Einwohner guswanderte, und ſich in Caneg nieder⸗ ließ. 3 Außer dem Hafen von Suda gibt es noch einen eben ſo großen, bequemen und ſichern auf der oͤſt⸗ lichſten Seite der Inſel, in dem durch das Kap Si⸗ dero und das Kap Sglomonee gebildeten Meerbu⸗ ſen; allein hier findet man eben ſo wenig Wohnun⸗ gen, als auf Suda. Man ſieht nur einige Huͤtten 182 von Hirten und eine große Menge Ruinen, welche die Griechen Paleo⸗Caſtro vorzugsweiſe dieſem Ha⸗ fen geben: denn Paleo⸗Caſtro nennen ſie alle al⸗ ten Staͤdte. Bevor ich meine Beſchreibung der Inſel Kan⸗ dia beendige, will ich noch eines beſondern griechi⸗ ſchen Stammes in den Gebirgen von Sfachia auf der fuͤdlichen Kuͤſte der Inſel erwaͤhnen. Die Sfa⸗ chioten ſprechen einen reinern Dialekt als alle uͤbri⸗ gen Griechen, leben ſehr einfach und duͤrftig, ſind ta⸗ pfere Krieger und aͤußerſt geſchickte Bogenſchuͤtzen. Viele von ihnen wenden ihren Muth und ihre Ge⸗ ſchicklichkeit zur Straßen⸗Raͤuberei an, greifen die Reiſenden an, und toͤdten ſie; heſonders haben ſich die Tuͤrken vor ihnen in Acht zu nehmen. Sie ſollen unter allen Griechen die einzigen ſeyn, unter welchen ſich der Pyrrchiſche Waffentanz erhalten ha⸗ ben ſoll. XV. Bei unſerer Abreiſe aus Canea uͤberfiel uns vor der Einfahrt in die Rhede von Argentiere ein fuͤrchterlicher Orkan aus Suͤd⸗Weſt; der Himmel bedeckte ſich mit ſchwarzen Wolken, die Sonne ver⸗ ſchwand. Die Inſel Argentiere, welche wir vor uns liegen ſahen, war gaͤnzlich aus unſern Augen verſchwunden; die Gefahr, in welcher wir ſchwebten, deſto groͤßer, weil der Kapitaͤn alle Geiſtes⸗Gegenwart verloren hatte. Zum Gluͤcke konnte das von allen Seiten eingeſchloſſene Meer ſich nicht hoch genug he⸗ 3 183 ben, und nach vieler Muͤhe gluͤckte es uns, auf der Rhede der Inſel Anker zu werfen. Die Rhede von Argentiere erhaͤlt ihren Schutz ſüdweſtlich durch die Inſel Milo, noͤrdlich durch die Inſel Argentiere ſelbſt, und oͤſtlich durch die klei⸗ nen Inſeln St. Georg und Polino. Auf Argen⸗ tiere findet man geuͤbte Lotſen, welche die Schiffe durch die vielen Laͤnder und Felſen, die nur durch ſchmale und gewundene Kanaͤle von einander getrennt ſind, mit der vollkommenſten Sicherheit durchfuͤhren. Unterhalb des Dorfes Argentiere iſt eine klei⸗ ne Bucht, in welche nur kleine Fahrzeuge der Ein⸗ gebornen einlaufen koͤnnen, und auch dieſe ſind nicht einmal in Sicherheit. Wollen ſie ſich laͤngere Zeit bei der Inſel aufhalten, ſo muͤßen ſie weiter gegen Nord in den kleinen Hafen St. Nikolo, welcher von einer daſelbſt erbauten Kapelle des h. Nikolaus ſeinen Namen hat, fahren. Außer dieſer Kapelle ſieht man auf der Kuͤſte nichts, als Felſen und Einoͤden. Der einzig bewohnte Ort auf der Inſel liegt auf einem Berge; er hat eine geringe Zahl elender Haͤu⸗ ſer, aber eine hohe Mauer mit 7 Thoren. An den Haͤuſern vertreten große Loͤcher mit Laͤden die Stelle der Fenſter; der Fußboden beſteht aus bloßer Erde. Vielleicht gibt es aber an keinem Orte der Welt ſo viele Floͤhe, als in dieſen abſcheulichen Wohnungen. Man wird von dieſen Inſekten auf das ſchrecklichſte gemartert, ſie bedecken nicht nur den ganzen Koͤrper, 184 ſondern niſten ſogar auch in die Haare auf dem Ko⸗ pfe, was mir vorher nie vorgekommen war. Am haͤufigſten ſollen ſie jedoch in denjenigen Haͤuſern vor⸗ handen ſeyn, in welchen ſaͤugende Weiber wohnen; denn man behauptet, daß der Geruch der Mutter⸗ milch ſie anziehe. 7 Die Bedeckung dieſer elenden Haͤuſer beſteht in einer Terraſſe aus einer Art hoͤlzerner Flechten, auf welche Erde geſchuͤttet, und feſt geſtampft wird. Hef⸗ tige Gewitter⸗Regen durchweichen oft die Terraſſen. Anſtatt dieſe zweckmaͤßiger zu bauen, verlaſſen ſich die Griechen auf den Beiſtand des Himmels, und glau⸗ ben, daß wenn ſie vor dem Feſte der Kreuzerhoͤhung, dret große Kreuze in dieſelben eingraben, dieſe Fi⸗ guren das ſicherſte Vorbauungsmittel gegen die Win⸗ ter Regen ſei. Auch zuͤnden die Griechen an eben dieſem Tage, einem der heiligſten Feſte der griechi⸗ ſchen Kirche, große Feuer an, uͤber welche alle Ein⸗ wohner dreimal gehen, und dabei gewiße Gebete ſa⸗ gen, in welchen ſie Gott um Erhaltung ihrer Ge⸗ ſundheit in dem kuͤuftigen Jahre, und um eine reich⸗ liche Weinleſe anftehen. Zugleich ſind ſie auch von der Fruchtloſigkeit ihrer Bitte uͤberzeugt, wenn ſie nicht einige Stuͤckchen von der Seſam⸗Pflanze in das Feuer werfen. Der Flecken Argentiere, ungefaͤhr aus 200 griechiſchen Familien beſtehend, wurde erſt 1646 er⸗ baut. Hinter dem Dorfe liegen einige griechiſche Ka⸗ 185 pellen, welche eben ſo ſchlecht unterhalten, und ſo armſelig ausgeſchmuͤckt ſind, wie die Katholiſche. Sie beſitzen jedoch vor allen uͤbrigen Kirchen auf den grie⸗ chiſchen Juſeln den wichtigen Vorzug, daß ſie mit Glocken verſehen ſind, weil die Muſelmaͤnner nicht der Muͤhe werth halten, den wenigen Einwohnern ei⸗ nes ſo elenden Landes auch noch dieſes Vorrecht zu entziehen. Die Regierung der Inſel liegt in den Haͤnden eines Woywoden; den Titel kauft ein Grie⸗ che von Argentiere oder von einer der benachbar⸗ ten Inſeln jaͤhrlich zu Konſtantinopelz er erhebt die oͤffentlichen Einkuͤnfte, legt willkuͤhrliche Geld⸗ ſtrafen auf, und erlaubt ſich die ſchrecklichſten Erpreſ⸗ ſungen. 3 VVor dem ſchrecklichen Kriege der Ruſſen mit den Tuͤrken, in welchem jene zum erſten Male in den Archipel eindrangen, ſich feſtſetzten, und aus dem⸗ ſelben die Hauptſtadt des ottomanniſchen Reiches be⸗ drohten, ſoll auf dieſer Inſel ein weit groͤßerer Wohl⸗ ſtand geherrſcht haben. Die ganze Inſel hat kaum 6 Stunden im um⸗ kreiſe, beſteht aus kahlen Felſen und Bergen, welche faſt gar nichts hervorbringen. Es gibt weder Getrai⸗ de, noch Fleiſch, noch Gemuͤſe; Gerſtenbrod und ei⸗ nige Eier ſind alles, was man bekommen kann. Die ganze Induſtrie der Inſulaner ſchraͤnkt ſich gegenwaͤr⸗ tig darauf ein, daß ſie ein wenig Baumwolle und Gerſte bauen, und einige Weinberge beſtellen. Der 18 Wein iſt jedoch nicht ſo gut, als auf den benachbar⸗ ten Inſeln.— Die Einwohner haben keine andere Hausthiere, als einige erbaͤrmliche Eſel, eine kleine Anzahl von Schweinen, und einige Huͤhner. Wenn der Fiſchfang nicht waͤre, und allenfalls die mittel⸗ maͤßige Jagd, ſo wuͤrde es in der That unmoͤglich ſeyn, auf einer Inſel zu leben, welche faſt an allem Mangel leidet, und ſich wegen des Mangels der Fluͤße und Baͤche mit Ziſternen⸗Waſſer behelfen muß. XVI. Die Alten nannten dieſe Inſel Kimola, die Griechen noch heute Kimoli; die Europaͤer aber legten ihr von den auf ihr entdeckten Silber⸗Minen den Namen Argentiere bei, welchen ſie noch ge⸗ genwaͤrtig beſitzt. Die Silber⸗Minen wurden wahr⸗ ſcheinlich wegen ihres unbedeutenden Ertrages aufge⸗ geben. Das vorzuͤglichſte unter den Silber⸗Bergwer⸗ ken ſcheint auf einem hohen Kap, der kleinen Inſel St. Georg gegenuͤber, gelegen zu ſeyn. Das Meer beſpuͤlt den Fuß des Berges, welcher Silber enthalten ſoll. Hier ſammeln auch die Inſu⸗ laner die beruͤhmte thonartige Subſtanz, welche ihnen, ſtatt der Seife, zum Waſchen des Weißzeuges dient, und von den Alten Cimoliſche Erde genannt wurde. Sie iſt ein Smectis, oder Seifenſtein; wenn ſte im Waſſer aufgeloͤſt wird, ſo erhalten ſich wie bei unſerer Seife, der Schaum und die Seifenblaſe ſehr lange. Die meiſten Griechen bedienen ſich ihrer zum waſchen, und nennen ſie pylo Tſinnias, d. i. Thon 187 von Tſinnias, von ihrem Fundorte Tſinnias. Sie wird in die uͤbrigen Inſeln und verſchiedene andere Gegenden der Levante verfuͤhrt. Vorzuͤglich wird diejenige aus⸗ erwaͤhlt, welche vom Seewaſſer ganz durchdrungen iſt. Die Eimoliſche Erde iſt auch ein vortreffliches Mittel, Fettflecken aus wollenen und ſeidenen Zeugen wegzu⸗ nehmen. Selbſt die Roͤmer bedienten ſich ihrer, um die Tuͤcher vom Fette zu reinigen, Die ganze Inſel Argentiere beſteht aus vulka⸗ niſchen Materien; uͤberall ſieht man noch Spuren von ſchrecklichen Wirkungen des Feuers, welches die Na⸗ tur noch immer in dem Innern der Erde unterhaͤlt. An mehreren Orten ſind die Felſen ganz kaleinirt; man findet uͤberall eine Menge vulkaniſcher Produkte, und Olivier fand auch hier, wie auf den Inſeln Milo und Santorin, Puzzolan⸗Erde. Daß noch jetzt die unterirdiſchen Feuer fortbrennen, ſieht man aus dem heißen und rauchenden Waſſer, welches auf der nordweſtlichen Seite der Inſel aus einem Felſen nahe am Meere fließt. Die Hitze des Waſſers iſt ſo ſtark, daß man die Hand nicht in demſelben halten kann. Eier werden in wenigen Augenblicken in dem⸗ ſelben hart. Es ſetzt einen gelblichen Satz zu Boden, und bekommt, wenn es kalt wird, eine weiße Farbe; ſein Geſchmack iſt außerordentlich ſcharf. Die Griechen halten dieſes warme Waſſer fuͤr das wirkſamſte Heilmittel gegen Rheumatismen, Gicht und andere dergleichen Krankheiten; ſie tauchen naͤm⸗ 188 lich ein Stuͤck Leinwand in daſſelbe, und legen es auf den leidenden Theil. Der Ort, wo ſich das war⸗ me Waſſer findet, hat keinen Schutz gegen die Son⸗ ne, keine Huͤtte, und nicht einmal einen Baum; kaum gibt es ringsum einen Platz, wo einige Perſo⸗ nen ſich niederſetzen können. Denn die ganze Gegend iſt ein nackter Berg, welcher aus ſpitzigen, uͤber einan⸗ der gewaͤlzten Klippen beſteht. Eine merkwuͤrdige Er⸗ ſcheinung fuͤr Mineralogen iſt, daß alle Steine in der ganzen Gegend mit einer dicken Lage einer blaͤulich ausſehenden mineraliſchen Subſtanz bedeckt ſind. Nicht weit von dieſen warmen Quellen findet man noch die Ueberreſte eines ausgebrannten Vulkanes, naͤmlich die Muͤndung deſſelben, aus welchem lange Zeit ein fauler ſtinkender Dunſt au geſtiegen iſt, von welchem ihn die Griechen vromo limno, w. i. ſtinkenden See genannt haben. Jetzt iſt dieſer Abgrund mit Waſſer augefuͤllt, und der abſcheuliche Geruch hat ſich ganz verloren. 1 Auf der nordtweſtlichen Spitze der Inſel fuͤhrt ein Bezirk den Namen Kedros, weil er mit einer Art von großen Wachholderſtraͤuchen ganz bedeckt iſt, wel⸗ che die neueren Griechen Kedros nennen. Er iſt der Juniperus oxicedrus Lin., deſſen Saft gelb faͤrbt, und ein gutes Mittel gegen Hautkrankheiten iſt. Unter allen Stauden wird der Maſtixbaum,(Ski⸗ rio Cocco der Griechen) am haͤufigſten auf der Inſel geſunden, der das einzige Holz liefert, deſſen man 189 ſich zum Kochen bedient. Seine Fruͤchte geben ein Del, welches zwar nur zum Brennen taugt, aber von Armen dennoch zu Speiſen gebraucht wird. Auch der Safran waͤchſt wild auf den Bergen und zwiſchen den Felſen, und gibt fuͤr dieſes armſelige Land einen nicht unbedeutenden Handelsartikel ab. Wenn er trocken iſt, dient ein Ei zum Gewichte, ohne daß man ſich darum bekuͤmmert, ob das Ei etwas groͤßer oder klei⸗ ner, oder ob es alt oder friſch iſt; auch macht ſeine Groͤße einen nicht unbedeutenden Unterſchied in ſei⸗ nem Gewichte. 4 Das Sitten⸗Verderbniß, welches dem weiblichen Geſchlechte auf Argentiere ſo bitter vorgeworfen wird, ſindet jetzt nicht mehr Statt. Die Frauens⸗ perſonen beſitzen daſelbſt Beſcheidenheit und Zuruͤck⸗ haltung, dieſe gewoͤhnlichen Tugenden der orientalis ſchen Frauenzimmer. Dieſe Inſulanerinnen ſind im Ganzen genommen groß, wohlgewachſen und von ſchoͤner Geſichtsbildung; allein dieſe Vorzuͤge der Natur werden durch die Art, wie ſie ſich kleiden, wieder verdunkelt. Der Kopf und die Stirne ſind mit einem feinen indiſchen Schawl umwickelt, deſſen Farbe gewoͤhnlich dunkel⸗ gruͤn mit dunkelrothen Flecken iſt; unter demſelben haͤngen 2 kleine Buͤſchel glaͤnzend ſchwarzer Haare uͤber die Schlaͤfe herab. Einige kraus gelockte Enten⸗ Federn von einer praͤchtig glaͤnzenden oder vielmehr dunklen lafurblauen Farbe ſtecken ſie unter ihren 190 Schawl, und laſſen die lockige Seite derſelben uͤber Stirne und Schlaͤfe herabhaͤngen. Die Haare ſind mit einem roſenfarbenen Band durchflochten; dieſe Flechte wird auf dem Scheitel zuſammen geroht, mit einem ſchwarzen Bande feſtgebunden, und eine Men⸗ ge von rothen Baͤndern auf dieſelbe geſteckt. Auf dem Hintertheile des Kopfes wird ein langes Stuͤck Sei⸗ denzeug mit einer breiten goldenen Spitze befeſtigt, und faͤllt dann frei uͤber den Nuͤcken hinab. Den Hals ſchmuͤckt ein Halsband von Gold, von Gagath oder Bergwachs, oder auch von Perlen, und an dem⸗ ſelben haͤngt ein Kreuz. Bruſt und Hals bedeckt ein großes Stuͤck rother Sammet mit goldenen Syitzen und einem himmelblauen Bande beſetzt. Unter die⸗ ſem Bruchſtuͤcke geht eine Art ſeidener Schuͤrzen bis auf die Kniee; in einem rothen Bande, welches wie ein Guͤrtel umbunden wird, und von welchem auf ei⸗ ner jeden Seite ein Ende herabhaͤngt, wird auf der linken Seite ein Naſentuch befeſtigt. Das Oberkleid macht bei dieſer Tracht das reichſte Stuͤck aus; es iſt mit roſenfarbenen Baͤndern eingefaßt, auf welche durch⸗ brochene Goldſpitzen genaͤht werden. Es reicht nicht uͤber die Kniee hinab, unter welchen die baumwolle⸗ nen Unterbeinkleider gebunden werden, welche das ganze weibliche Geſchlecht im Oriente traͤgt. Der bloße Theil des Kniees wird gleichfalls umbunden. Das ſonderbarſte Stuͤck dieſes Anzuges ſind die Aer⸗ mel, welche wirklich außerordentlich und ganz unge⸗ 191 heuer ſind. Zuerſt reichen ſie bis an den vordern Arm, wo ſie mit einem roſenfarbenen Bande feſtgebunden ſind; dann werden ſie wieder zuruͤckgeſchlagen und in großen weiten Falten auf der Schulter ſo befeſtigt, daß dieſelben ſehr hoch und ſteif empor ſtehen, und der Kopf von heiden Seiten gleichſam in den Schul⸗ tern zu ſtecken ſcheint. Dieſe Aermel, mit goldenen Spitzen geziert, fallen bis auf die Beine herab, und bedecken vollkommen die beiden Seiten des Koͤrpers. Ein aͤhnliches Brokat, wie auf der Bruſt befeſtigt wird, kommt auch auf den Ruͤcken; eine kleine ſil⸗ berne Borde faͤllt uͤber die Schultern herab und drei große Buͤſchel Baͤnder, deren mittlerer hellblau, die beiden andern roſenfarben ſind, haͤngen queer zwiſchen den Schultern. Ueber den Ruͤcken bis in die Mitte der Schenkel haͤngen zwei dicke und faltige Baumwoll⸗ zeuge, welche durchaus ſteif ſind, und wie kleine auf die Perſon feſt gebundene Matrazen ausſehen. Die Frauenzimmer wenden alle moͤgliche Kunſt an, um den Beinen ihrer ganzen Laͤnge nach eine gleiche Dicke zu geben, ſo daß ſie, wie wahre Pfeiler ausſehen. Sie ziehen daher mehrere Paar Halbſtruͤmpfe von ver⸗ ſchiedener Groͤße uͤber einander an, damit der untere Theil des Fußes dadurch ausgefuͤllt wird, ued eine gleiche Dicke mit den Waden bekommt. An den Fuͤ⸗ ben tragen ſie eine Art von Pantoffeln aus Seiden⸗ zeng mit niedrigen Abſaͤtzen, duͤnnen Sohlen, deren Spitzen lang und zuruͤck gebogen ſind. Die hier beſchriebene Kleidung ziehen ſie jedoch nur zum groͤßten Staat an, und gewoͤhnlich tragen ſie eine einfachere, aber immer aus den naͤmlichen Stuͤcken beſtehende, die nur groͤber und weniger ver⸗ ziert ſind. Die gewoͤhnliche Beſchaͤftigung dieſer Inſulanerin⸗ nen beſteht in Baumwolleſpinnen, Struͤmpfe⸗ und Muͤtzen⸗Stricken. Zu Hauſe, wie in den Straßen, ſieht man ſie immer mit der Spindel oder dem Strick⸗ zeuge in der Hand. Die Maͤnner treiben Handel; einige geben ſich mit dem Fiſchfange ab, andere mit dem Ackerbaue, und ſehr wenige mit der Jagd; die ganz armen Klaſ⸗ ſen endlich huͤten die wenigen Schaf⸗ und Ziegen⸗ Heerden, denn es gibt auf der Inſel weder Ochſen, noch Kuͤhe, noch irgend eine andere Art Vieh Einige Einwohner von Milo und Argentiere halten auch Heerden auf der Inſel Polino, welche die Europaͤer die Verbrannte nennen, weil die Venetianer in ihren langwierigen Kriegen mit den Tuͤrken die große Menge von Oelbaͤumen, mit wel⸗ chen dieſe Inſel bedeckt war, verbrannt haben. Sie liegt gegen Oſt von Argentiere, und iſt durch einen, nur eine Viertelſtunde breiten, Kanal davon getrennt. Sie gehoͤrte bei meiner Anweſenheit daſelbſt einigen Privatleuten von Milo und Argentiere. XVII. Ich hatte mir die Inſel Argentiere und die ſehr nahe gelegene Inſel Milo, zu einem * 6 193 feſten Punkt erwaͤhlt, auf welchen ich von meinen verſchiedenen Streifzuͤgen im Archipel immer zuruͤck kam. Die Menge europaͤiſcher Schiffe, die beſtaͤndig daſelbſt vor Anker lagen, die Anweſenheit eines fran⸗ zoͤſiſchen Konſuls, und die friedliche Ruhe, welche daſelbſt herrſchte, machte mir hier den Aufenthalt ſehr angenehm. Dort ſchrieb ich auch die Bemerkungen, welche ich auf den andern Inſeln gemacht hatte, und die ich, weil ſie eben ſo gut auch auf die Einwohner der genannten Inſeln paſſen, hier am ſchicklichſten Ort mitzutheilen glaube. Es ſind allgemeine Bener⸗ kungen uͤber die Sitten und Gebraͤuche der Nachkom⸗ men eines großen Volkes, welche jetzt unter dem Joche einer barbariſchen Nation ſind; ſie ſind die mo⸗ raliſche Geſchichte der Griechen im Archipel. Um baͤufige Wiederholungen zu vermeiden, findet hier der Leſer in einem Gemaͤlde die Eigenſchaften der ver⸗ ſchiedenen, auf den Inſeln des aͤgaͤiſchen Meeres zerſtreuten Voͤlkerſchaften und ihre Gebraͤuche, weil ſaͤmmtliche Voͤlker ungefaͤhr die naͤmlichen Eigenſchaf⸗ ten und Gebraͤuche haben. Die Lebensart im Archipel iſt aͤußerſt einfach; der Luyxus kann unmoͤglich aufkommen: denn ihre Tyran⸗ nen lauern ununterbrochen auf jede Spur eines groͤ⸗ bern Wohlſtandes. Die Griechen muͤſſen daher ſo⸗ wohl keinen Gewinn bei dem Handel, und keinen Wohlſtand bei dem Ertrage ihrer Laͤndereien ahnen laſſen; darnm findet man nichts als Elend und Ar⸗ 4oſtes B. Türkei, III. 2. 0 194 4 muth, und nuͤr ſelten Spuren von einigem Wohl⸗ ſtande. Der Neugrieche iſt ſehr aberglaͤubiſch. Schon bei ſeinem Eintritte in die Welt umringt ihn das ganze Gefolge des Aberglaubens, und begleitet ihn durch ſein ganzes Leben. Die Art, wie er auf die Welt kommt, iſt zu ſonderbar, als daß ich ſie nicht ausfuͤhrlicher beſchreiben ſollte. Ich habe Gelegenheit gefunden, bei der Niederkunft einer Frau in jenem Lande gegenwaͤrtig zu ſeyn, und da ich der erſte bin, de davon ſpricht, ſo will ich mich bei dieſem fuͤr die Geſchichte der Menſchheit ſo intereſſanten⸗ Gegenſtande etwas laͤnger verweilen. Die Frau, deren Niederkunft ich beiwohnte, hatte kaum das 18. Jahr ihres Lebens zuruͤck gelegt; ſie war. groß, wohlgewachſen, von einem ſtarken Koͤrperbaue und ſo vorzuͤglich ſchoͤn, daß die Griechinnen des Al⸗ terthums ſie beneidet haben wuͤrden. Bei den Vorbo⸗ ten der Niederkunft wurde ſie in ihr Zimmer gefuͤhrt, und ich erhielt die Erlaubniß, ihr dahin folgen iu duͤrfen. Die Hebamme mit ihrer Gehuͤlfin glich voll⸗ kommen einer Sybille; ihre Antworten auf meine Fragen konnten nach ihrer Dunkelheit fuͤr eben ſo viele Orackelſpruͤche gelten. Auch brachte ſie eine Art von Dreifuß mit, welcher aus 2 gerundeten und ein wenig convexen Stuͤcken beſtand, welche in einem ſpi⸗ tzigen Winkel an einander befeſtigt ſind, und an wel⸗ chen da, wo ſie zuſammen ſtoßen, noch ein anderes 3 36 195 flaches, zum Sitzen eingerichtetes Stuͤck augebracht iſt. Das Ganze iſt nachlaͤſſig mit alten Lumpen um wickelt, und recht auf drei niedrigen Fuͤßen, wovon einer das an dem ſpitzigen Winkel befindliche kleine Baͤnkchen unterſtuͤtzt, die beiden andern aber an den zwei Armen ziemlich weit vorne angebracht ſind. Die vorſichtige Hebamme fing ihr Geſchaͤft damit an, daß ſie alle Schloͤſſer, Thuͤren, Schraͤnke, und uͤberhaupt alles, was nur in dem Hauſe mit einem Schluͤſſel verſchloſ⸗ ſen wurde, aufmachen ließ. Dieſe Vorſicht muß auf das ſtrengſte beobachtet werden. Auch werden nach eben dieſem laͤcherlichen Vorurtheile, nur Weiber in dem Hauſe geduldet, und die Maͤdchen muͤſſen es ſchlechterdings verlaſſen. Mir wurde angedeutet, daß ich, wenn ich bei der Entbindung gegenwaͤrtig ſeyn wollte, das Zimmer nicht eher verlaſſen duͤrfte, bis dieſelbe ganz vorbei ſeyn wuͤrde. Sobald die Nieder⸗ kunft ihren Anfang genommen hat, darf Niemand das Zimmer verlaſſen, und eben ſo wenig Jemand herein kommen. Wer das Zimmer verlaͤßt, ladet eine Art Verunreinigung auf ſich, durch welche er ſo lange von dem Umgange mit allen andern Perſonen ausge⸗ ſchloſſen wird, bis ein Prieſter ihn eingeſegnet, und dadurch wieder gereinigt hat. Bei der Ankunft der Wehen noͤthigte man die Mutter, unaufhoͤrlich in der Stube auf und abzuge⸗ ben; und wenn ſie Miene machte, ſich vor Schmerz erz oder Muͤdigkeit niederzuſetzen, ſo ergriffen ſie die bei⸗ — 196 den Alten unter den Armen, und zwangen ſie immer fort zu gehen. So oft Wehen eintraten, mußte ſie ſich vorwaͤrts uͤber das Bett legen, und die vor ihr ſtehende Hebamme druͤckte ihr beide Weichen ſo ſtark, als ſie konnte, mit den Haͤnden zuſammen und fuhr damit ſo lange fort, bis die Wehe ganz voruͤber war; alsdann ging man die Stube wieder auf und ab, bis eine neue Wehe eintrat, und die Frau ſich abermals in die obige Lage ſetzen, und von der Hebamme druͤ⸗ eken laſſen mußte. Waͤhrend die junge Griechin ihre Wehen verar⸗ beitete, unterhielt ich mich mit der alten Hebamme uͤber ihre Kunſt, und fragte ſie unter andern: was ſie in ſolchen Faͤllen zu thun pflege, wo das Kind eine falſche Lage habe? Sie verſicherte, daß dieſer Fall gar nie vorkomme; wenn er aber eintrete, ſo bemuͤhe ſie ſich, dem Kinde durch eine geſchickte Wendung eine beſſere Lage zu geben, urd wenn auch dieſes fehl ſchluͤge, ſo bliebe ihr noch ein Mittel uͤbrig, welches ſeine Wirkung noch nie verfehlt habe und ganz un⸗ truͤglich geworden ſey; ſie wende ſich an den Mann, und aͤbertrage ihm vollends das Geſchaͤft der Entbin⸗ dung. Nach der Meinung der Weiber in dieſem Lande beſitzen naͤmlich alle Ehemaͤnner die Gewalt, alle Hin⸗ derniſſe zu heben, welche ſich der Entbindung ihrer Frauen entgegen ſtellen koͤnnen, und dieſe magiſche Kraft beſteht bloß darin, daß ſie mit ihrem Schuhe dreimal auf den Ruͤcken der Kranken ſchlagen, und 197 dabei jedesmal rufen: Ich habe dich geladen, und jetzt will ich dich ausladen. Als der entſcheidende Augenblick herannahte, ſetzte ſich die Hebamme vor die Frau, jedoch ein wenig niedriger, und hinter die junge Frau auf einen hoͤ⸗ hern Stuhl ſetzte ſich die Gehilfin, welche ſie um den mittleren Leib mit beiden Armen umfaßt hielt. Es dauerte nicht lange, ſo kam das Kind auf die Welt, und ſobald es von der Nachgeburt getrennt war, hob die Gehilfin die Woͤchnerin mehrmal in die Hoͤhe, und zwar gerade uͤber den Dreifuß, und ließ ſie dann ploͤtz⸗ lich und ſehr unſauft wieder auf denſelben herab fallen. Dieſes Schuͤtteln dauerte ſo lange, bis die Entbin⸗ dung gaͤnzlich vollendet war. Zu meiner groͤßten Ver⸗ wunderung ſah ich jedoch ſelbſt, daß die junge Woͤch⸗ nerin ſich nicht daruͤber beklagte, und ſich ſelbſt ohne beſondere Zeichen von Schwaͤchen und Muͤdigkeit in ihr Bett legte. Sie bekam auch bald wieder eine ſehr friſche und lebhafte Farbe, nahm eine Menge Gluͤck⸗ wuͤnſche an, und beantwortete ſie ſo munter, als wenn gar nichts vorgefallen waͤre. Nicht weniger merkwuͤrdig iſt die Art, wie die Griechinnen nach ihrer Niederkunft behandelt werden. Sobald naͤnllich die Frau wieder in ihr Bett ſich ge⸗ legt hatte, ſo wird ſie von dem Buſen bis auf die Huͤfte mit einer breiten, baumwollenen Binde um⸗ viickelt, und dieſe feſt zugeſchnuͤrt. Am erſten Tage legt ferner die Hebamme der Woͤchnerin einen Ver⸗ 198 band von getrockneten, und in Wein und Honig ge⸗ kochten Roſen auf, und nach mehreren mit dieſer Miſchung vorgenommenen ſorgfaͤltigen Abwaſchungen, bleiben die Roſeublaͤtter bis zum andern Morgen lie⸗ gen. An allen folgenden Tagen aber laͤßt man es bloß bei Baͤhungen mit Baumwolle, welche in heiße Baumwolle getaucht wird, bewenden, und außerdem wird noch abwechſelnd gepuͤlverter Zimmet oder Kum⸗ mel aufgebunden. Man braucht aber immer nur ei⸗ nes von dieſen aromatiſchen Pulvern auf einmal, und wechſelt mit jedem Verbande ab. Statt des Weines, deſſen man ſich nur bei zaͤrt⸗ lichern Frauen bedient, wird gewoͤhnlich Branntwein genommen, welcher aber ein heftiges und ſchmerzhaf⸗ tes Brennen in dieſen Theilen verurſacht. Dieſer Verband wird regelmaͤßig acht Tage Morgens und Abends wiederholt, die Woͤchnerin mag ſich wohl be⸗ finden oder nicht. Hoͤchſt ſeltſam iſt die Art, wie er aufgelegt wird. Die Hebamme ſteigt naͤmlich jedes⸗ mal uͤber das Fuß Ende auf das Bett der Woͤchnerin, ſtellt ſich zwiſchen die Beine der Kranken, faßt ſie mit beiden Haͤnden, und gibt ihr mit dem Fuße, welchen ſie ſehr feſt und genau auf die Theile ſtellt, welche am meiſten gelitten haben, drei ſo harte Stoͤße, als ſie nur immer kann. Am Abende des achten Tages wird ein Ei hart geſotten, geſchaͤlt, mit einigen der oben angefuͤhrten Gewuͤrze beſtreut, und mit breiten Binden an dem 199 Orte feſt gebunden, welchen die Hebamme mit ihrem Fuße getreten hat, und zwei oder drei Stunden lie⸗ gen gelaſſen. Mit dieſer Operation endigen ſich alle Dien tleiſtungen der Hebamme. bbwohl die Griechen ihre Waͤſche mit Seewaſſer reinigen, ſo darf doch die Waͤſche, welche in dem Wo⸗ chenbette gebraucht worden iſt, nicht in demſelben rein gemacht werden, weil ſie feſt uͤberzeugt ſind, daß e Woͤchnerin unfehlbar ſterben muͤßte. Auch darf ie Woͤchnerin nicht, wenn ſie ausgeht, von einem Sterne ſich erblicken laſſen, aus Furcht von einem Stern ergriffen, und nach dem gemeinen Vorurtheile nebſt ihrem Kinde von ihm getoͤdtet zu werden. Wenn die Woͤchnerin zum erſten Male aus dem Bette ſteigt, ſo ſetzt ſie, ehe ſie den Fuß auf die Erde bringt, den⸗ ſelben auf ein Stuͤck Eiſen, damit ſie ſo ſtark, wie dieſes Metall werde. Geht ſie in ein fremdes Haus, ſo legt ſie einen Schluͤſſel oder ein anderes Stuͤckchen Eiſen auf die Schwelle, damit ſie nicht die verderbli⸗ chen Einfluͤſſe, welche ſie umringen, in das Haus bringe. Die Art, wie man im Archipel die neugebornen Kinder behandelt, iſt ebenſo, wie die Behandlung der Mutter, eine ſeltſame Miſchung von nuͤtzlichen und aberglaͤubiſchen Gebraͤuchen. Das neugeborne Kind wird in lauem Waſſer gewaſchen, und dann vom Kopfe bis zu den Fuͤßen mit Salz bedeckt, um es ge⸗ gen Wuͤrmer und alle Hautkrankheiten zu verwahren. 200 Hierauf wird es in Windel gewickelt in ſein Bett ge⸗ legt, und neben daſſelbe auf beiden Seiten ein Stuͤck Brod und ein verarbeitetes Stuͤck Holz. Das Brod ſoll verhindern, daß das Kind ſein ganzes Leben kei⸗ nen Hunger leide; und das Holz, daß es ſo ruhig ſey, wie daſſelbe. Wenn ein Kind zu Bette gebracht wird, ſo muͤſſen alle in dem Zimmer befindlichen Per⸗ ſonen ſo lange bleiben, bis dieſes Geſchaͤft in gehoͤri⸗ ger Ordnung verrichtet iſt. Ein Verſtoß dagegen koͤnnte dem Kinde den groͤßten Nachtheil bringen. Zu viele Bewegungen um das Bett, unbedachtſame Worte, Blicke ſogar koͤnnen dem Kinde Gefahr brin⸗ gen; daher bleiben alle Anweſenden waͤhrend dieſes Geſchaͤftes unbeweglich ſtehen, und beobachten ein re⸗ ligiofes Stillſchweigen. Als ich, waͤhrend ein Kind gewickelt wurde, die Bemerkung machte, daß es ein allerliebſtes Weſen ſey, rief die Hebamme ſogleich, welche das Geſchaͤft verrichtete, mit Ungeſtuͤne: Knoblauch in deine Augen! und ſpie hierauf mit der naͤmlichen Lebhaftigkeit und wiederholt dem Kinde in das Geſicht, durch welches Mittel gluͤckli⸗ cher Weiſe der verderbliche Zauber meiner unſchuldi⸗ gen Worte wieder gehoben wurde. Dieſes Speien in das Geſicht iſt jedoch ein uralter Gebrauch, um die Wirkung der Zaubermittel zu verhindern. Gegen den Einfluß eines boͤſen Blickes, welcher ſo gefaͤhrlich fuͤr Kinder, wie fuͤr Erwachſene iſt(denn er bedeutet nach der Idee der Griechen Eiferſucht und 7 201 Neid) iſt ein vortreffliches Mittel, daß man an dem Eingange in das Haus und in die Zimmer, in wel⸗ chen kleine Kinder ſich befinden, Knoblauch auf⸗ haͤngt. Um die Kinder deſto gewiſſer gegen dieſe Art von Bezauberung zu bewahren, haͤngt man ihnen ein kleines Saͤckchen mit drei kleinen Stuͤckchen Kohle und drei Salzkoͤrnern um den Hals. Auch die Erwachſe⸗ nen tragen den Knoblauch als Amulet gegen dieſe Art von Bezauberung. Mit dieſen albernen Mitteln, die kleinen Kinder geſund und wohl zu erhalten, verbinden die griechi⸗ ſchen Weiber auch noch andere, welche ganz ſchaͤdlich zu ſeyn ſcheinen. Bei dem geringſten Schmerze, wel⸗ chen die Kinder zu haben ſcheinen, nimmt die Mut⸗ ter ihre Zuflucht zum Theriak, als einem allgemeinen und faſt unſchaͤdlichen Mittel u. ſ. w. Das Stillen der Kinder dauert gewoͤhnlich ein ganzes Jahr, und nie faͤllt es einer Griechin ein, dieſe heilige Mutterpflicht durch eine andere um Lohn ver⸗ richten zu laſſen.— Die Griechen eilen nicht ſo ſehr wie die Katholiken, ihre Kinder taufen zu laſſen, und bei der aͤrmern Klaſſe, iſt gewoͤhnlich, es ſo lange anſtehen zu laſſen, bis das Geld, welches dem Pope bezahlt werden muß, verdient iſt. Dieſes dauert oft ſehr lange, und die Popen thun eben ſo wenig, wie unſere Geiſtlichen, irgend etwas umſonſt. In dem gluͤcklichen Klima von Griechenland er⸗ reichen beide Geſchlechter weit fruͤher, als in unſern noͤrdlichen Gegenden, ihre vollkommene Reife. Nicht ſelten ſind Maͤdchen auf den Inſeln im Archipel im 10. Jahre mannbar, und nach dem 13— 14 Jahre gewoͤhnlich vollkommen ausgewachſen. Die Griechin⸗ nen haben vermoͤge dieſer fruͤhzeitigen Reife des Koͤr⸗ pers alle ein lebhaftes feueriges Temperament; ſie ſind ſehr empfaͤnglich fuͤr Eindruͤcke der Liebe, und haͤngen mit der gluͤhendſten Leidenſchaft an dem geliebten Ge⸗ genſtande. Wie aber dieſe Maͤdchen mit der bezauberndſten Liebenswuͤrdigkeit der Fackel der Liebe folgen, ſo tre⸗ ten ſie auch mit aller weiblichen Wuͤrde an Hymens Altar. Im ganzen Oriente iſt es eine allgemeine Sitte, daß kein Maͤdchen ohne die Erſtlinge ihrer ju⸗ gendlichen Bluͤte zu beſitzen, an Hymens Altar treten darf; der entgegen geſetzte Fall iſt immer dem Maͤd⸗ chen oͤffentlicher Schimpf und Entehrung, ja in man⸗ chen Gegenden gereicht der Mangel derſelben ſogar zu einem wirklichen Verbrechen.— Die Griechinnen leben eben ſo frei und zwang⸗ los, wie die Europaͤerinnen, und erfuͤllen daher jene Verbindlichkeit nicht immer auf das genaueſte.— Die Maͤdchen im Archipel wenden mit Unbefangen⸗ heit mehrere Mittel an, um mit Gewißheit zu erfah⸗ ren, ob der Gegenſtand ihrer Liebe ihr Gatte werden wird, oder wenn ihr Herz noch frei iſt, um den Mann kennen zu lernen, welchen Hymen ihnen beſtimmt. Der heilige Johannes iſt in dieſem Punkte der N 203 Schutzpatron aller Griechinnen; an ihn wenden ſie ihre Bitten und Geluͤbde, um durch ſeine Vermitt⸗ lung eine baldige Veraͤnderung ihres Zuſtandes zu be⸗ wirken. Den Abend vor dem Feſte dieſes Heiligen kom⸗ men ſie zuſammen, und laſſen Waſſer aus der Ziſterne holen, wobei aber die Perſon kein Wort reden darf. Dieſes Waſſer heißt das geheime; mit demſelben wird ein Gefaͤß gefuͤllt, welches man mit einem Deckel ſchließen kann. Jedes Maͤdchen legt in daſſelbe einen Apfel, welchen ſie ſehr ſorgfaͤltig bezeichnet, um ihn fuͤr den ihrigen wieder zu erkennen. Am Tage des h. Johannes wird das Gefaͤß mit einer religioͤſen Sorgfalt geoͤffnet, und von jedem Maͤdchen eine kleine Quantitaͤt geheimen Waſſers nebſt ihrem Apfel in ein kleineres Gefaͤß geſchuͤttet. Ueber dieſes machen ſie mit einer außerordentlichen, inbruͤnſtigen Andacht drei⸗ mal das Zeichen des Kreuzes, und ſagen dabei fol⸗ gende Worte:„Großer⸗ heiliger Johaunes! gieb, daß wenn ich N. heirathen ſoll, die⸗ ſes Gefaͤß ſich rechts umdrehe, daß es ſich aber links drehe, wenn er mein Gatte nicht werden ſoll.“ Das Naͤdchen, welches die⸗ ſes Gebet verrichtet hat, faltet hierauf die Haͤnde ſo, daß die Daumen in die Hoͤhe ſtehen; eine ihrer Freun⸗ dinnen faltet auf die naͤmliche Art die Haͤnde. Zwi⸗ ſchen den vier in die Hoͤhe ſtehenden Daumen wird das Gefaͤß geſtellt, und dieſes fehlt dann nie, wie man ſagt, ſich von freien Stuͤcken rechts oder links 204 zu drehen, um zu beſtimmen, ob der bezeichnete Mann der Gatte des Maͤdchens werden wird oder nicht. Alle uͤbrigen Maͤdchen befragen dann dieſes ſeltſame Orakel auf die naͤmliche Art. Bei dieſem erſten Verſuche laſſen es jedoch die Griechinnen an dieſem Tage nicht bewenden. Nach dieſer Probe waſchen ſie ſich auch mit dem geheimen Waſſer, gehen in die Straße, und der erſte Mann, deſſen Namen ſie hier ausſprechen hoͤren, iſt der ihnen vom Schickſal beſtimmte Gatte. Auch die Muͤtter beobachten die obliegenden Ge⸗ braͤuche. Sie ſtoßen am Johannes⸗Tage das Salz, mit welchem ſie ihre neugebornen Kinder bedecken, mit mancherlei Ceremonien fein, und heben es ſorg⸗ faͤltig auf. Am Vorabende dieſes Feſtes legen ſie ei⸗ nen andern Apfel in ein Gefaͤß mit Waſſer, der eben⸗ falls bis zum andern Morgen liegen bleibt, und das koͤſtlichſte Geſchenk der Liebe oder Freundſchaft iſt. Die Frauen geben ihn dem Manne, welcher ihnen nach ihrem Gatten der liebſte iſt, und die jungen Griechen ſetzen den hoͤchſten Werth darin, einen ſolchen Apfel als Pfand der Liebe oder der vorzuͤglichſten Freund⸗ ſchaft zum Geſchenke zu erhalten. Im Archipel, wie uͤberhaupt in einem großen Theil des Orients, gebraucht man faſt unaufhoͤrlich Maſtix, um die Zaͤhne geſund zu erhalten, und einen lieblichen Athem zu bewirken. Da aber nicht alle Weiber im Archipel im Stande ſind, ſich Maſtix von 205 Scio zu verſchaffen, ſo bedienen ſie ſich des Harzes der Aitractilis gumifera Lin., einer auf Milo und Argentiere wild wachſenden Pflanze. Obwohl die meiſten Griechinnen ſchon von Natur eine friſche und bluͤhende Geſichtsfarbe haben, ſo ſu⸗ chen ſie doch die Lebhaftigkeit des Kolorits durch die Kunſt zu erhoͤhen. Jedoch ſind die Mittel, welche ſie anwenden, hoͤchſt einfach; auch bedienen ſie ſich keiner ſcharfen, kauſtiſchen und die Haut austrock⸗ nende Saͤfte dazu.— Ein ſeltſamer Gebrauch, den die Frauenzimmer im ganzen Archipel aus Eitel⸗ keit beobachten, beſteht darin, daß ſie vom erſten Maͤrz bis Oſtern den vordern Arm nahe an der Hand⸗ wurzel mit Seidenfaͤden von verſchiedener Farbe um⸗ wickeln, und es fuͤr ein zuverlaͤſſiges Mittel halten, um ſich gegen die Hitze im Monat Maͤrz, welche nach ihrer Meinung der Geſichtsfarbe am nachtheiligſten iſt, zu ſchuͤtzen. In der Oſternacht, die von allen Griechen faſt ganz in der Kirche zugebracht wird, zuͤn⸗ den die Frauensperſonen vor der Thuͤre Feuer an, werfen alle dieſe Faͤden hinein, und bitten dabei Gott, daß er von jedem Vater, welcher ſeine Dochter lieb habe, das Ungluͤck abwenden moͤge, ſie durch die Hitze des Maͤrzes verunſtaltet zu ſehen. 1 Die Griechen ſehen es fuͤr eine Pflicht gegen die bürgerliche Geſellſchaft an, ſich jung zu verheirathen. Alle ihre Verbindungen werden aus Liebe geſchloſſen, und nie miſcht ſich niedriger Eigennutz ein. Daher 206 haben auch Eheſcheidungen, obgleich ſie bei den Grie⸗ chen erlaubt ſind, meiſtens nur in den groͤßern Hau⸗ delsſtaͤdten Statt. Die eheliche Liebe in ihrer ganzen Staͤrke iſt eine von den achtungswertheſten Tugenden, welche man an den Neugriechen zu ruͤhmen hat. Wenn die beiden Familien der jungen Leute we⸗ gen des Heirathsgutes uͤbereingekommen ſind, ſo wird ſogleich der Hochzeittag beſtimmt. Das junge Paar wird mit einem großen Gefolge, unter Geſaͤn⸗ gen und Taͤnzen, und gewoͤhnlich unter Vortragung von Fackeln, als den Sinnbildern Amors und Hy⸗ mens, in die Kirche gefuͤhrt. Sobald das Brautpaar aus dem Hauſe tritt, ſo wird es von allen Seiten mit Baumwollkoͤrnern geworfen; dieß geſchieht noch ein⸗ mal in der Kirche, im Augenblicke der prieſterlichen Einſegnung, um dadurch den jungen Leuten ein gluͤck⸗ liches Leben und ſo viele Jahre zu wuͤnſchen, als man Koͤrner auf ſie geworfen hat. Braut und Braͤutigam waͤhlen ſich einen Pathen, welche ſo lange bei ihnen bleiben, bis die Ceremonie ganz voruͤber iſt. An der Thuͤre der Kirche ſetzt der Pope dem Brautpaare zwei Kraͤnze von Blaͤttern, welche mit Baͤndern und Spitzen verziert ſind, auf das Haupt, und ſegnet auch zwei Ringe ein, einen von Gold, und den andern von Silber, und ſteckt ſie ihnen an die Finger. Waͤh⸗ rend der Feierlichkeit vertauſcht er Kraͤnze und Ringe öͤfters, doch ſo, daß am Ende der goldene Ring dem Manne, und der ſilberne der Frau bleibt. Hierauf 207 nehmen die naͤmlichen Umtauſchungen die Pathen, dann auch alle Verwandten vor. Endlich beſchließt der Pope die Ceremonie damit, daß er ein Brod in kleine Stuͤcke zerſchneidet, und dieſe in einen gro⸗ ßen Becher voll Wein legt. Hievon nimmt er einen Loͤffel zuerſt fuͤr ſich, und theilt dann auch an das Brautpaar und alle Anweſende davon aus. In der naͤmlichen Ordnung, wie der Zug ausgegangen war, kehret er wieder in das Haus zuruück. Da die Grie⸗ ꝛchen Freunde von feſtlichen Gelagen der Art ſind, ſo bringen ſie oft mehrere Tage bei einer ſolchen Hoch⸗ zeit zu. Die Arzneikunde beſteht auf allen griechiſchen In⸗ ſeln groͤßtentheils nur in geheimnißvollen, aberglaͤubi⸗ ſchen Gebraͤuchen, und es gibt auf keiner derſelben eigentliche Aerzte, welche man aber wegen der Vor⸗ trefflichkeit des Klimas gar nicht vermißt. In den gewoͤhnlichen Krankheiten wendet man ſich an eine alte Frau, die irgend ein empiriſches Rezept beſitzt, und braucht daſſelbe ohne Unterſchied, jedoch haͤufig mit dem beſten Erfolge.. Bei dem Tode geliebter Perſonen legen die Grie⸗ chen die lebhafteſten Aeußerungen des tiefſten und wahreſten Schmerzes an den Tag. Mit den heißeſten Thraͤnen rufen ſie ihrem abgeſchiedenen Freunde das zaͤrtlichſte Lebewohl nach. Die Graͤber der Verſtorbe⸗ nen beſuchen oft die zuruͤckgelaſſenen Gatten, Kinder, Verwandte und Freunde, und tragen ihnen haͤuftg 208 Geſchenke von Kuchen, Wein, Reis, den ausgeſuchte⸗ ſten Baumfruͤchten, und andern mit Blumen und Baͤndern gezierten Speiſen auf das Grab. Dort wer⸗ den ſie unter die Umſtehenden vertheilt, und ſogleich verzehrt. Dieſe Mahlzeit zum Gedaͤchtniſſe des Ver⸗ ſtorbenen heißt Coliva, und wird jedes Mal unter unzaͤhlichen Thraͤnen gefeiert. Auch wird ein ganzes Jahr alles Fleiſch und alle Fruͤchte, welche der Ver⸗ ſtorbene gegeſſen haben wuͤrde, unter die Armen ver⸗ theilt. Zum Zeichen des Schmerzes und der Trauer laſſen die Maͤnner den Bart wachſen, die Weiber ver⸗ nachlaͤſſigen den Anzug und alle oͤffentlichen Zuſam⸗ menkuͤnfte; ſogar die in der Kirche werden auf das ſorgfaͤltigſte vermeidet. XVIII. Der Ackerbau, gewoͤhnlich bei allen Na⸗ tionen die reichſte Ouelle des Wohlſtandes, kann un⸗ ter einer willkuͤhrlichen und gewalt ſamen Regierung 1 keine Fortſchritte machen. Die Griechen verrichten ihre Feldarbeiten mit Nachlaͤſſigkeit, und glauben dieſe durch aberglaͤubiſche Gebraͤuche, welche ſie ſtreng beobachten, wieder gut machen zu koͤnnen. Der erſte Tag der Ausſaat iſt fuͤr den Beſitzer von Laͤnde⸗ reien ein Feſt; er zieht ſeine beſten Kleider an, ladet ſeine Freunde ein, und verlebt den Tag in Herrlich⸗ keit und Freude. So lange die Ausſaat dauert, darf keinem Nachbar weder Feuer gegeben, noch ihm er⸗ laubt werden, dieſes aus dem Hauſe zu holen. Dieß 8 209 iſt die einzige Vorſicht, durch welche die Griechen ihr Getreide gegen die Faͤulniß zu ſchuͤtzen ſuchen. Unter den Getreide⸗Arten iſt jene, welche ſie di⸗ miniti, das Zweimonatliche nennen, beſonders merkwuͤrdig, weil es vom Tage ſeiner Ausſaat nur zwei, hoͤchſtens drei Monate zu ſeiner Reife noͤthig hat. Sie gibt verhaͤltnißmaͤßig mehr Mehl, als die uͤbrigen Getreide⸗Arten, und das aus ihnen bereitete Brod iſt ſchoͤner und geſchmackvoller, als alle andern. Bei der Aerndte bedient man ſich in Griechenland der Sicheln. Auf einer in der Mitte des Feldes zu⸗ gerichteten Tenne treten Ochſen und Eſel die Aehren gus; und das Getreid wird 40— s0 Tage lang in be⸗ ſonders dazu bereiteten Loͤchern in der Erde ver⸗ graben. Die Jagd iſt auf allen Inſeln im Archipel aͤußerſt ergiebig, aber auch faſt auf allen im hoͤchſten Grade beſchwerlich, weil der Boden zur groͤßern Haͤlfte mit dickem Geſtraͤuche und mit Steinen und Felſenklippen bedeckt iſt. Haſen find haͤufig vorhanden, ſie unterſchei⸗ den ſich von den unſerigen durch ihre graue Farbe. Die Griechen im Archipel ſind uͤbrigens leiden⸗ ſchaftliche Freunde der Haſen⸗Jagd; ſie verfolgen dieſe Thiere auf die hoͤchſten Gebirge, ſpringen uͤber Ab⸗ gruͤnde und klettern auf die hoͤchſten Felſen. Kaninchen findet man auf allen Inſeln des Ar⸗ chipel, und ſogar auf den kleinen unbewohnten In⸗ ſelchen.— Eigentliche Jagdhunde traf ich auf den 40ſtes B. Türkoi. III. 2, 7 1 210 Inſeln nicht, dagegen eine vortreffliche Race von Spuͤrhunden, welche unternehmend, feurig und un⸗ ermuͤdlich ſind. Sie haben faſt alle ohne Ausnahme aͤußerſt kleine, aber ſehr feurige und lebhafte Augen. Die uͤbrigen vierfuͤßigen wilden Thiere ſind auf den griechiſchen Inſeln nicht zahlreich. Woͤlfe gibt es gar keine, aber auf den groͤßern Inſeln, z. B. auf Seio Fuͤchſe, welche kleiner als die unſrigen ſind, aber einen dickern und buſchigtern Schwanz haben. Maulwuͤrfe ſind uͤberhaupt auf dieſen Inſeln, wie im ganzen Oriente ſelten. Die Griechen nennen ſie blinde Natten. Maͤuſe, Marder, Wieſel und Natten ſind ſehr haͤufig vorhanden. Die Wieſel, welche ſchon bei den Aegyptern in Thebais göttlich verehrt wurden, werden noch faſt in der ganzen Levante geachtet. Die Tuͤrken und Griechen laſſen daſſelbe frei und ungehindert in ihren Haͤuſern leben; mag es auch noch ſo viele Verwuͤſtun⸗ gen anrichten, ſo hat es doch nicht das Geringſte zu befuͤrchten. Die griechiſchen Weiber behandeln es auch mit einer Hoͤflichkeit, welche äußerſt komiſch iſt. Wenn ſie eine Wieſel in ihrem Hauſe erblicken, ſo rufen ſie ihr ſogleich entgegen:„Seyen ſie beſtens willkommen, meine ſchoͤne Dame, fuͤrchten ſie nichts, es ſoll ihnen von Niemand Leid zugefuͤgt werden; kommen ſie naͤyer, ſie ſind hier zu Hauſe,“ u. dergl. Die Wieſel ha⸗ ben nach ihrer Behauptung Gefuͤhl fuͤr dieſe hoͤlliche 211 Behandlung, und zernagen aus Erkenntlichkeit nichts; dagegen wuͤrden ſie alles im Hauſe zu Grunde rich⸗ ten, wenn man mit Grobheit und Haͤrte gegen ſie verfuͤhre. Man findet in der Levante faſt alle Arten von Voͤgeln, welche wir bei uns kennen, ſie moͤgen nun beſtaͤndig daſelbſt leben oder nur durchziehen. Die Ankunft der letztern auf den griechiſchen Inſeln rich⸗ tet ſich nach den daſelbſt herrſchenden Winden. Eine andere allgemeine Bemerkung iſt, daß alle dieſe Voͤ⸗ gel bei ihrem Streichen im Fruͤhlinge, das heißt, wenn ſie zu uns zuruͤck kehren, in weniger zahlreichen Zuͤgen reiſen, und weit mehr vereinzelt und zerſtreut ſind, als bei ihrer Herbſtwanderung. Merkwuͤrdig iſt endlich noch, daß ſie, im Ganzen genommen, im Fruͤhling ſaͤmmtlich ſehr mager, hingegen bei ihrer Ankunft im Herbſte außerordentlich fett ſind. Die Produkte des Meeres ſind aͤußerſt mannig⸗ faltig und eine Quelle von Reichthum fuͤr die Inſu⸗ laner.. Die Meer⸗Schildkroͤten ſind auf allen Kuͤſten von Griechenland, beſonders auf jenen von Morea ſehr haͤufig; die Land⸗Schildkroͤten hingegen ſchienen mir auf den Inſeln ſelten zu ſeyn. Ihr Fleiſch iſt jedoch nicht gut zu eſſen. Zuweilen macht man einen ſehr ſonderbaren Gebrauch von ihnen; ſie muͤſſen naͤmlich die Haͤuſer von der ungeheueren Menge Floͤhe reini⸗ 212 gen, welche ſich beſonders im Sommer in denſelben befinden. Das Meer enthaͤlt in dieſen Gegenden einen un⸗ erſchoͤpflichen Vorrath von Lebensmitteln für die Be⸗ wohner der Inſel. Allein die Fiſcherei befindet ſich, wie alle andern Zweige der Induſtrie durch die Schuld der deſpotiſchen Regierung in einem hoͤchſt elenden Zuſtande, und die Fiſche ſind in allen dieſen Inſeln weit ſeltener und theuerer, als ſie eigentlich ſeyn ſoll⸗ ten. Von den mancherlei Arten derſelben, welche auf dem mittellaͤndiſchen Meere in ungeheuerer Menge vorhanden ſind, will ich nur einige anfuͤhren, und zwar diejenigen, welche hauptſaͤchlich daſelbſt gefan⸗ gen werden. Naͤmlich die Searen, eine Art See⸗ brachſen, der Seebarſch, der Geißbraſſen(Sparus sar- gus Lin.), der Sackfloͤßer, gleichfalls aus dem Braſ⸗ ſengeſchlechte, der Rothfeder Koͤnig(mullus imbor- bis Lin.), ein ſeltener Fiſch im Archipel. Sehr haͤu⸗ ſig wird die eigentliche Rothfeder(mullus barbatus Lin.) gefangen, welche in dem alten Rom auf den Cafeln ſelbſt unter großen Glaͤſern bei langſamem Feuer gekocht wurde, damit die Gaͤſte zuſehen konn⸗ ten, wie die praͤchtige rothe Farbe des Fiſches nach und nach in verſchiedenen Schattirungen erloſch. Obgleich die Seepolypen weniger ſchmackhaft, und auch nicht ſo geſund ſind, wie die Fiſche, ſo ſchaͤtzen ſie die Griechen doch ſehr, weil ſie waͤhrend der gan⸗ zen Dauer ihrer Faſten keine Fiſche eſſen duͤrfen. Man — 213 findet an ihren Kuͤſten faſt alle Arten von dieſen Thie⸗ ren, vorzuͤglich aber eine Menge von Tinten⸗Fiſchen; da aber bei dem ſchlechten Zuſtande der Fiſchereien von den letztern lange nicht ſo viel gefangen werden, als fuͤr die eigenen Beduͤrfniſſe der Bewohner noͤthig ſind, ſo werden ihnen jaͤhrlich von den Kuͤſten der Barbarei große Ladungen von Tinten⸗Fiſchen zugefuͤhrt. Des ſehr weichen und zerreiblichen Ruͤckenknochens dieſes Polypen bedienen ſich die griechiſchen Frauensperſonen als eines Nadelkiſſens. In einigen Gegenden kaleini⸗ ren ſie denſelben, zerreiben ihn zu einem aͤußerſt ſeinen Pulver, und faͤrben ſich die Augenbraunen damit ſchwarz. Unter den Schaalthieren findet man vorzuͤglich haͤufig Auſtern, Stein⸗Muſcheln, Gien⸗ oder Breit⸗ Muſcheln, Trompeten⸗Schnecken, Mies⸗ oder ge⸗ meine Kuͤchen⸗Muſcheln, Tell⸗Muſcheln und noch viele andere; beſonders aber eſſen die Griechen ſehr viele See⸗Igel, welche auf den Kuͤſten ihrer Inſeln haͤufig gefangen werden. Es gibt deren ſchwarze, violette, purpurfarbene, roͤthliche und weiße; alle haben jedoch ein ſafrangelbes Fleiſch. Sie ſind weit fetter im Win⸗ ter, und wie man behauptet, zur Zeit des Vollmon⸗ des. Auch die Seeneſſeln, mit denen die Felſen, an welche des Meeres Wellen haͤufig anſchlagen, oft ganz uͤberdeckt ſind, werden von den Bewohnern der griechiſchen Inſeln, befonders zur Faſtenzeit in Menge gegeſſen. 214 Im Fruͤhjahre ziehen die griechiſchen Fiſcher durch den ganzen Archipel, um Schwaͤmme aufzuſuchen. Dieſe Zoophyten werden auf den Felſen unter der Oberflaͤche des Meeres haͤufig gefunden, und machen einen beſondern Handelszweig aus. Die Fiſcher tau⸗ chen entweder in das Meer hinab, um ſie von den Steinen, an welche ſie geleimt ſind, loszureißen, oder dieſes geſchieht mit Hacken, welche auf langen Stan⸗ gen befeſtigt werden. In beiden Faͤllen kann dieſe Fiſcherei nur bei hellem Himmel und ganz ruhigem Meere getrieben werden, weil man ſonſt die Schwaͤm⸗ me unter dem Waſſer nicht ſehen kann. 3 XIX. Wenn man von dem Flecken von Argen⸗ tiere nach der Inſel Milo uͤberfahren will, ſo kommt man zuerſt in einen engen Kanal, welcher durch die Inſel St. Georg und St. Euſtach, und durch die Inſel Argentiere ſelbſt gebildet wird; dieſer Kanal dient den Kauffartheiſchiffen zu einer Art von Hafen. In einer kleinen Entfernung von der Inſel ragt der große Fels Pyrgui mit den Truͤmmern ei⸗ nes alten Gebaͤudes auf ſeiner Spitze hervor. Die kleine Meerenge Polonia trennt eigentlich die beiden Inſeln Milo und Argentiere von ein⸗ ander. Auf der Kuͤſte von Argentiere nennen die Griechen einige Ruinen Liniko, d. i. Wohnun⸗ gen der Goͤtzendiener. Ich unterſuchte dieſelben und fand nichts, als einige alte, faſt zerfallene Graͤ⸗ ber auf einem weichen Sandfelſen, welchen das Meer⸗ 215 weil es beſtaͤndig an ſeinen Fuß anſchlaͤgt, ſchon weit untergraben hat. Nicht weit davon liegt die Klippe St. Andreas, von der man noch deurlich ſieht, daß ſie ehemals mit der Inſel zuſammen gehaͤngt habe: denn der Kanal des Meeres, welcher ſie gegenwaͤrtig von derſelben trennt, iſt in ſeiner Mitte nicht uͤber ein Klafter tief, und der Boden deſſelben ganz mit Ruinen bedeckt, unter welchen ſich beſonders zwei auffallend ſchoͤne und große Grabmaͤler mit ihren Ka⸗ pitaͤlern befinden, die weit uͤber das Waſſer her⸗ vor ragen. Die St. Andreas⸗Klippe iſt auf allen Seiten ſehr ſteil, und vom Meere angeſchwemmt, aus⸗ genommen die Seite derſelben gegen Argentiere, welche eine abhaͤngige Flaͤche ausmacht. Auch auf der Klippe ſelbſt findet man noch ſehr viele Ueberbleib⸗ ſel von alten Gebaͤuden; beſonders ſieht man mehrere Eingaͤnge zu unterirdiſchen Gewoͤlben; doch eine naͤ— bere Unterſuchung derſelben unterſagt der tuͤrkiſche Deſpotismus. Daß an dieſem Orte ehemals eine nicht unbedeutende Stadt geſtanden ſey, ſieht man noch aus den Ueberbleibſeln eines in den Felſen gegrabenen Kanals, und aus ausgegrabenen Vaſen, Muͤnzen u. dergl. Auf der nordoͤſtlichen Kuͤſte der Inſel Milo, bei der Einfahrt in den Paß Polonia findet man gleich⸗ falls eine Art Cimoliſcher Erde, welche zum Reini⸗ gen der Waͤſche gebraucht wird. Wenn man die Inſel Milo betritt, ſo dienen 216 zerriſſene Berge, kaleinirte ſchwarze Felſen, die ganze Subſtanz und die Farbe der Steine zum Beweiſe, daß ehemals Vulkane hier gewuͤthet haben muͤſſen. Von allen Seiten quellen ſiedende Waſſer hervor, uͤberall liegen Bimsſteine zerſtreut, der Schwefel wird in Menge gefunden und ſetzt ſich ſogar auf der Ober⸗ flaͤche an. Die Stadt Milo in einer angenehmen Ebene nicht weit von dem Hafen iſt heute nur noch ein Hau⸗ fen von Ruinen, in welchen eine kleine Anzahl von Griechen der Gefahr, welche mit dem Aufenthalte da⸗ ſelbſt verbunden iſt, Trotz bieten. Von 5000 Einwoh⸗ nern, welche Tournefort daſelbſt fand, ſind heute kaum mehr 200 uͤbrig, und auch dieſe ſind ſo elend und kraftlos, daß man ſie ohne Mitleiden nicht anſe⸗ hen kann. Das elende Waſſer, welches man zu trin⸗ ken genoͤthigt iſt, und die ganz verdorbene mit ſchwef⸗ ligen und mephytiſchen Ausduͤnſtungen der Luft, ſind die Urſachen hievon. Faſt alle Einwohner dieſer ungluͤcklichen Stadt haben geſchwollene Beine, und werden von verſchiedenen gefaͤhrlichen Krankheiten waͤhrend des Jahres heimgeſucht. Franzoͤſiſche Kapu⸗ ziner hatten ſonſt ein ſehr ſchoͤnes Kloſter daſelbſt, ha⸗ ben es aber verlaſſen, und es liegt jetzt ganz in Rui⸗ nen. Ehemals ſollen viele Katholiken auf der Inſel gewohnt haben, von welchen jetzt aber kein einziger mehr da iſt. Die Hauptkirche der Griechen, 1684 er⸗ baut, iſt nicht beſonders groß, aber ſehr huͤbſch. Die 217 Mauern ſind mit Gemaͤlden aus der Geſchichte des alten und neuen Deſtaments bedeckt. Man hat den Bewohnerinnen von Milo, ebenſo wie denen von Argentiere, den Vorwurf gemacht, daß ſie ein ausſchweifendes Leben fuͤhren; man hat ſich aber in Ruͤckſicht auf beide geirrt, und jetzt iſt dieſe Beſchuldigung eine wahre Verlaͤumdung. Es iſt daher auch nicht der Muͤhe werth, die Armſeligkeiten unkundiger Erzaͤhler zu widerlegen, und ſich bei ih⸗ nen aufzuhalten.. In einiger Entfernung von der Stadt zeigte man mir eine Oeffnung in der Erde, aus welcher beſtaͤndig peſtilenziſche Duͤnſte aufſtiegen, die in einem ſolchen Grade toͤdtlich waren, daß wenn man nur ein Thier an die Oeffnung dieſer Hoͤhle hielt, es ſogleich todt niederfiel. Etwa eine halbe Stunde von der Stadt ſind warme Baͤder. Um die Quelle herum befanden ſich ehemals mehrere Gebaͤude, welche haͤufig von Kranken beſucht wurden, aber im Laufe der Zeiten zu Grunde gin⸗ gen. Es iſt nichts mehr davon uͤbrig, als eine kleine gewoͤlbte Gallerie, an deren aͤußerſten Ende eine ſtei⸗ nerne Bank ſich befindet, auf welcher man eine erſti⸗ ckende Hitze empfindet, und ſehr bald mit Schweiß überdeckt it. Das Waſſer, durch welches dieſe auf einer Anhoͤhe liegende Schwitzſtube bewirkt wird, fließt unter der Erde die Anhoͤhe hinab gegen das ufer, ver⸗ breitet dafelbſt einen außerordentlich ſtarken Schwefel⸗ 218 Geruch, ſetzt einen ockerfarbigen Satz zu Boden, und man ſieht es noch 10— 12 Schritte in das Meer hin⸗ einſieden. Nicht weit von dieſer Schwitzſtube findet man in in einem leichten, faſt zerreiblichen Felſen eine große Hoͤhle, und in dieſer einen kleinen, nur 2— 4 Fuß tiefen Teich von maͤßiger Temperatur. Die Waͤnde dieſer Hoͤhle ſind mit einer dicken Rinde von natuͤrli⸗ chem Salpeter uͤberdeckt; die Wirkungen dieſes Ba⸗ des ſind ſehr heilſam fuͤr alle Hautkrankheiten, Laͤhmun⸗ gen und Gichtſchmerzen. Schon im Alterthume ſchickte Hippokrates ſeine Kranken dahin. Milo, eine der groͤßten Inſeln in dem ſuͤdlichen Theile des Archipel, betraͤgt im Umfange ungefaͤhr ¹2 Stunden. Der Schwefel, welchen man aus ihr bolte, galt fuͤr den beſten in der Welt, und ihr Alaun für den vorzuͤglichſten nach dem Aegyptiſchen. Die⸗ ſem Alaun von Milo ſchrieben die Alten fulſchlich die ſonderbare Eigenſchaft zu, die Weiber unfaͤhig zum Empfangen zu machen. Obwohl man noch Schwefel und Alaun in Menge, und mit leichter Muͤhe ſam⸗ meln kann, ſo kommt er aus Sorgloſigkeit nicht mehr in den Handel. Neben dem Hafen ſieht man große Behaͤlter in der Erde, mit Seewaſſer angefuͤllt; bei der großen Hitze duͤnſtet das Waſſer bald ab, und das zuruͤck blei⸗ bende Salz ſetzt ſich in Kryſtallen an. Dieſe natuͤrli⸗ chen Salzwerke waren ehemals aͤußerſt eintraͤglich, aber 219 jetzt ſind ſie in einem elenden Zuſtande, und werfen faſt gar keinen Gewinn mehr ab. Man findet auf der Inſel eine Menge Eiſenerz und Eiſen enthaltende Kieſe; allein es wird kein Ge⸗ brauch davon gemacht. Auch wurden ehemals auf der Inſel Sardonyxe gefunden, von denen heute keine Rede mehr iſt. Denn wenn von den Tyrannen die⸗ ſes Landes ſolche Koſtbarkeiten geachtet wuͤrden, ſo haͤtten die Einwohner neue Verfolgungen auszuſtehen. In einiger Entfernung von dem Hafen ſind mehrere unterirdiſche Gewoͤlbe ziemlich tief in den Felſen ge⸗ graben, deren Gaͤnge verfallen ſind. Wahrſcheinlich waren dieſe Gewoͤlbe vor alten Zeiten, die Begraͤb⸗ nißſtaͤtten der Inſulaner. Auch in andern Gegenden der Inſel findet man noch aͤhnliche Katakomben, die aber nicht ſo groß und auch weniger tief ſind. XX. Die Inſel Milo hat in ihrer Mitte eine große und weite Bay, welche nach der Bemerkung einiger Alten, der Inſel die Geſtalt eines Bogens gibt, und einer der vorzuͤglichſten Haͤfen im ganzen mittellaͤndiſchen Meere iſt. Er iſt groß genug um eine ganze betraͤchtliche Flotte in ſich aufzunehmen, und gegen alle Winde zu ſchuͤtzen. Ein noch bequemerer und ruhigerer Ankerplatz iſt ebenfalls auf der weſtlichen Kuͤſte in einer kleinern Bucht, welche den Namen Patricha fuͤhrt. Hier war es, wo im Jabre 1780 zwiſchen der franzoͤſiſchen Fregatte la Mignonne, woelche eine Kauffarthei⸗Flotte von mehr als s0 Se⸗ 220 geln geleitete, und von dem beruͤhmten d'Entreca⸗ ſteaux kommandirt wurde, und zwei engliſchen Kut⸗ tern, welche ſie darin angriffen, ein merkwuͤrdiges Gefecht vorfiel. Die Einfahrt in den Hafen liegt gegen Nordweſt⸗ ſte iſt ſehr breit, und die Schiffe koͤnnen ohne alle Ge⸗ fahr ſehr nahe an den Kuͤſten fahren; ſie haben auf der rechten Seite das Kap Vani, und auf der lin⸗ ken das Kap Lakidaz hierauf verengert ſich die Bucht zwiſchen den beiden Kaps San⸗Dimitri und Bom⸗ barda. Letzteres iſt ein zuckerhutfoͤrmiger Berg, auf welchem das mit Mauern umgebene Dorf Sifur liegt. Die Einwohner ſind faſt alle Lothſen, und ſehen we⸗ gen des beſſern Klimas weit geſunder und ſtaͤrker aus, als die Einwohner der Hauptſtadt Milo. Von dieſer ſehr ſchmalen Bergſpitze, auf welcher Sifur liegt, uͤberſieht das Auge eine unermefliche Flaͤche; auf der einen Seite erblickt es die Berge von Attika, die Fluren von Argos, und das alte La⸗ konienz ſuͤdwaͤrts uͤberſchaut es die beruͤhmten Berge von Kreta, und in den andern Gegenden des Ho⸗ rizonts die zahlloſen Inſeln des Archipel, welche auf dem Waſſer zu ſchwimmen ſcheinen. Die Stelle, auf welcher Sifur ſteht, muß ſchon den Alten zum Wohnorte gedient haben: denn man trifft faſt auf je⸗ dem Schritte Stuͤcke von umgeſtuͤrzten Mauern, Saͤu⸗ len aus Pariſchem Marmor, unterirdiſche Gaͤnge, alte 221 Katakomben, und noch eine Menge von dergleichen Ueberreſten des Alterthums. Der Einfahrt in den Hafen gegenuͤber ragt hoch uͤber die Oberflaͤche des Meeres eine kleine unbewohnte Inſel hervor, welche die Griechen Remomilo, die europaͤiſchen Seefahrer aber Antimilo nennen. Nicht weit von Sifur gegen das uUfer entſprengt in einem Felſen eine Quelle lauwarmen Waſſers von einem aͤußerſt widrigen Geſchmacke, deſſen ſich die Griechen als Abfuͤhrungsmittel bedienen. Auf der weſtlichen Kuͤſte der Inſel, auf der entgegengeſetzten Seite von Sifur, gibt es eine Quelle von Waſſer, welches ſo außerordentlich mit Alaun uͤberladen iſt, daß es ihn auf den Boden, uͤber welchen es fließt, in Menge abſetzt. Das Jahr 4779 wurde im Archipel durch eine in dieſer Gegend ſonſt ganz unbekannte Kaͤlte merkwuͤrdig. Die Berge auf dem benachbarten Feſtlande waren alle mit einer großen Menge Schnee bedeckt, und auf den Inſeln Milo und Argen⸗ tiere, wo ich mich damals aufhialt, war ſie ſo ſtark, daß das Eis an manchen Stellen uͤber einen Zoll diek, und folglich in dieſen Gegenden, wo man im ſtrengſten Sinne ſagen kann, daß es nie gefriert, ein wirkliches Wunder war. Das Erſtaunen der Griechen bei dem Anblicke der verſchiedenen Formen von Eis⸗ Zapfen, welche an den Haͤuſern und den Baͤumen bingen, war in der That hoͤchſt komiſch. Sie brachen alle Stuͤcke ab, welche ihnen nur etwas merkwuͤrdig 222 ſchienen, und trugen ſie ſorgfaͤltig durch die Straßen, um ihre Verwunderung daruͤber auszudruͤcken. 8 Sieben bis acht Stunden gegen Oſt von der In⸗ ſel Milo liegt die Inſel Polieandro, welche die Alten Pholegandros nannten. Die Schiffe fin⸗ den auf der Kuͤſte derſelben keinen Hafen; die Volks⸗ menge auf der Inſel iſt gering, und ſchraͤnkt ſich auf die Einwohner eines einzigen, mit Mauern umgebe⸗ nen Dorfes ein. Nur in einigen Bezirken wird et⸗ was Getreide und Baumwolle gebaut. XXI. Etwas weiter liegt die Inſel Sikino, welche gleichfalls ſo groß, wie Policandro iſt, aber 1 einen wenig rauhen und weit fruchtbareren Boden hat. Die Alten nannten ſie Zikenos oder Siei⸗ nos, von einem gewiſſen Sykinos, dem Sohne einer Nymphe und des Koͤnigs Thoas von Lem⸗ nos. Sie hieß auch Oenoë, oder Wein⸗Inſel, we⸗ gen der großen Fruchtbarkeit ihrer Weinberge und wegen der vorzuͤglichen Guͤte ihrer Trauben. Sie hat ebenfalls keinen Hafen. Der Flecken, welcher, wie faſt alle Orte auf dieſen Inſeln mit Mauern eingefaßt iſt, liegt ganz oben auf einem dieſer beiden ungeheu⸗ ren Felſen, und die Anzahl ſeiner Einwohner iſt un⸗ geachtet des vortrefflichen Bodens der Inſel nicht viel groͤßer, als jene zu Policandro. Zwiſchen Sikino und Policandro liegt die kleine Inſel Panagia mit einer kleinen Kapelle der b. Jungfrau, in welcher ſich an allen großen Feſtta⸗ 223 gen des Jahres die Einwohner der benachbarten In⸗ ſeln haͤufig einfinden, um ihren Gottesdienſt zu ver⸗ richten, und der Mutter Gottes Geſchenke zu bringen. Noͤrdlich von Argentiere, und in einer ge⸗ ringen Entfernung liegt die Inſel Siphanto, das alte Siphnos, welches ſich in ſehr bluͤhendem Zu⸗ ſtande befand, und fuͤr die reichſte Inſel im ganzen Archipel gehalten wurde, wegen ihrer aͤußerſt er⸗ giebigen Gold⸗ und Silber⸗Bergwerke. Allein die Einwohner dieſer Inſel waren ſehr ausſchweifend und treulos, und vernichteten durch dieſe Ueppigkeit ihren Gewinn. Nebſt dieſen Gold⸗ und Silber⸗Minen gibt es noch auf dieſer Inſel eine Menge Blei, Eiſen und Magnet. Die Berge enthalten auch den praͤchtigſten Marmor. Die Inſel iſt ſehr anmuthig und lachend, und hat eine reine und gefunde Luft. Alle Produkte ſind von der vorzuͤglichſten Guͤte. Seide, Baumwolle, Feigen, Oel und Wachs werden jahrlich in großer Menge gewonnen. Die Einwohner verfertigen ſchoͤne baumwollene Zeuge, Strohhuͤte und andere Produkze des menſchlichen Fleißes. Sie haben einen ſehr ſanften, gefaͤlligen Charak⸗ ter; die Frauensperſonen ſind ausnehmend ſchoͤn, ent⸗ ſtellen ſich aber ebenfalls durch ihre Klerdung, welche nur zuviel Aehnlichkeit mit der Tracht ihrer Nachba⸗ rinnen auf Milo und Argentiere hat.— Der betraͤchtlichſte Ort der Inſel heißt Ser ai, er liegt auf 224 einem ſteilen Felſen dicht am Meere, an deſſen Fuße eine kleine Bucht iſt, in welcher die Fahrzeuge ge⸗ woͤhnlich vor Anker liegen. In gleicher Richtung mit der Inſel Siphanto, naͤmlich von Weſt gegen Oſt liegen die Inſeln Anti⸗ paros, Paros und Naxos, welche ehemals ſehr beruͤhmt waren, und jetzt noch ſehr merkwuͤrdig ſind. Ich uͤbergehe mit Stillſchweigen die zwei kleinen Ju⸗ ſeln Strongylo oder Strongyle Dia und Des⸗ potico, oder auch blos Sporicoz beide ſind un⸗ bewohnt. In dem Kanale, welcher ſie von der Inſel Antiparos trennt, ſinden die groͤßern Schiffe einen ſehr guten Ankerplatz. 3 Die Inſel Antiparos, das alte Olyaros, eine Kolonie der Sidonier, iſt lang und ſchmal, zieht ſich von Nord⸗Oſt nach Suͤd⸗Oſt, und hat einen außerordentlich fruchtbaren Boden. Der Ackerbau liegt nichts deſtoweniger gaͤnzlich darnieder, und uͤberall herrſcht Elend und Armuth. Was aber Antiparos zu einer der beruͤhmteſten Inſeln im Archipel, und vielleicht auf dem ganzen Erdboden macht, iſt die auf derſelben befindliche Hoͤhle. Ob ſie gleich von mehreren Reiſenden ſchon beſchrie⸗ ben worden iſt, ſo kann ich doch nicht unterlaſſen, dem Leſer ebenfalls eine kurze und gedraͤngte Beſchrei⸗ bung davon mitzutheilen. Denn ſie iſt zu intereſſant, um ganz mit Stillſchweigen uͤbergangen zu werden. Zudem ſind auch die groͤßern Werke eines Tourne⸗ 225 fort und Choiſeul⸗Gouffier in Jedermanns Haͤnden. Dieſe merkwuͤrdige Hoͤhle liegt 2 Stunden von dem auf der Inſel befindlichen Dorfe, und eine halbe Stunde von dem Meere. Die Oeffnung in dieſelbe macht eine beſondere, ungefaͤhr 30 Schritte lange Hoͤhle, welche bei dem Eingange in Geſtalt eines na⸗ tuͤrlichen Schwibbogens gewoͤlbt iſt. Einige natuͤrliche Saͤulen theilen dieſe vordere Hoͤhle in zwei Theile; an den groͤßten unter denſelben ſieht man noch Spu⸗ ren einer halb erloſchenen Inſchrift. Von hier ſteigt man auf einem abhaͤngigen, ſchmalen, widrigen und dunkeln Wege, gebeugt, und mit Fackeln in das In⸗ nere der Hoͤhle. Am Ende dieſes Weges kommt man mit Huͤlfe eines Seiles in einen fuͤrchterlichen Ab⸗ grund; aber kaum iſt man hier wieder einige Schritte gebeugt fortgegangen, ſo ſteht man abermals an dem Nande eines ſteilen Abgrundes, welcher zwar nicht ſo ſenkrecht, aber weit tiefer als der vorhergehende iſt. Hier muß man ſich niederſetzen, und mit der Fackel in der Hand auf dem Felſen hinab rutſchen. Unten befindet man ſich in einem geraͤumigen, dunklen Ge⸗ woͤlbe, deſſen ungeheuer hohen Waͤnde aus einem praͤchtigen roth geſprengten Marmor beſtehen. Die Decke iſt fo hoch, daß man Muͤhe hat, ſie zu unter⸗ ſcheiden. Der Fußboden aber iſt weich, locker, von grauer Farbe, und mit einer großen Menge verſtei⸗ nerter Muſcheln, Ammonshoͤrnern u. dgl. augefuͤllt. 4oſtes B. Türkei. III. 2. 3 226 Von hier kommt man durch einen kleinen, eben⸗ falls aͤußerſt engen und niedrigen Weg, an einen aber⸗ maligen Abſturz, in den man ſich auf einer Leiter, weil er ganz ſenkrecht iſt, hinablaſſen muß. Daun geht man auf einem ebenen, aber ſchmalen und hoͤchſt niedrigen Wege eine gute Strecke fort, bis man auf einmal an dem tiefſten und ſteilſten Abſturze ſteht, wo man ſich gleichfalls einer Leiter bedienen muß. Der Gang, welcher von dieſer Hoͤhle weiter fuͤhrt, beſteht nicht, wie die vorigen aus Felſen, ſondern aus Erde und iſt feucht; durch denſelben kommt man an einen nochmaligen, aber nicht ſo ſteilen Abhang, wo man wieder mit einem Seile feſtgebunden wird, und auf dem Hintertheile hinab rutſchen muß. Bei dieſer Fahrt hat man auf der einen Seite einen furchtbaren Abgrund, in deſſen Tiefe man Waſſer rauſchen hoͤrt. Auf dem Boden dieſes letzten Abſturzes hat zwar die Gefahr ein Ende; aber man hat noch einen ziem⸗ lich langen beſchwerlichen Weg vor ſich, uͤber welchen man zuweilen auf Haͤnden und Fuͤßen kriechen, zu⸗ weilen auf dem Ruͤcken hinab rutſchen, und an man⸗ chen Orten auch auf dem Bauche fortkriechen muß, weil der Durchgang keine 3 Fuß hoch iſt. Nach einem zuruͤck gelegten Wege von 150 Klaftern gelangt man endlich in die eigentliche Grotte. Die Hoͤhe der Grotte berraͤgt ungefaͤhr 8o Fuß⸗ ihre Breite r100 und ihre Laͤnge etwa 300 Fuß. Die Decke iſt praͤchtig gearbeitet, und auf das Koͤſtlichſte 227 und Mannigfaltigſte ausgeſchmuͤckt. Das Ganze be⸗ ſteht in einer feinen, fonſt nirgends gefundenen Art von Tropfſteinen, welche den Glan; und die Durch⸗ ſicht von Kryſtall haben, und die ganze Höͤhle uͤber⸗ zichen. Die Decke iſt mit Sternen von dieſer glaͤn⸗ zenden Kalkſpat⸗Art, mit Blumen und Frucht⸗Gehaͤn⸗ gen geziert, welche in der Mitte frei ſchweben, und nur an beiden Seiten befeſtigt ſind. In dieſen kom⸗ men eine Menge von verſchiedenen Blumen und Fruͤch⸗ ten zum Vorſcheine. Zwiſchen unvergleichlichen Ver⸗ zierungen haͤngen Stalactiten als kryſtallhelle Roͤhren in außerordentlicher Menge, und von ungemeiner Groͤße herab; man findet deren einige von 10— 30 Fuß in der Laͤnge. Bei dem Eintritte in die Grotte kommt man in Waͤldchen von glaͤnzendem und durchſichtigem Kryſtalle. Auf dieſem ſtralenden Boden fuͤhrt ein ſchlaͤngelnder Weg zwiſchen Geſtraͤuchen und Baͤumen dieſes Kalk⸗ ſpats hin, welche ſich aus dem natuͤrlichen Boden er⸗ heben, Staͤmme bilden, ſich in Aeſte, Zweige und Blumen⸗Buͤſchel ausbreiten, und von 2— 10 Fuß hoch ſind. In einiger Entfernung von dem Eingange erhebt ſich eine: Fuß hohe, und 1 Fuß dicke Saͤule; um ſie ſtehen mehrere andere ganz aͤhnliche Saͤulen, welche 3—4 Fuß hoch, und verhaͤltnißmaͤßig dick ſind. An andern Orten des Bodens ſind kleine Huͤgel von die⸗ ſen Kryſtallen, welche mit kryſtallenen Pflanzen aller 228 Art bedeckt ſind. Ebenſo ſind auch die Seitenwaͤnde verziert, und mit ganz dicken Maßen dieſer Materie uͤber'ogen. An manchen Orten derſelben ſtehen aber kryſtallene Platten ſo weit von derſelben ab, daß ſie das Anſehen von Vorhaͤngen haben, und einen herr⸗ lichen, alles bisher Geſehene uͤbertreffenden Anblick gewaͤhren. Dieſe Vorhaͤnge von der hellſten, reinſten und durchſichtigſten Materie haben 10— 12 Fuß in der Breite, und oft 20 und mehrere in der Hoͤhe; ſie ſpringen aus einem Theile der Beugung eines Bo⸗ gens, und haͤngen bis auf den Boden herab. Gewoͤhn⸗ lich legen ſie ſich mit einem Ende an eine Ecke der Wand, und mit dem andern ziemlich weit davon an die andere Ecke, und bilden ſo hinter ſich uͤberaus ſchoͤne, kleine Kabinette. Ihr natuͤrliches, wellenfoͤr⸗ miges Anſehen traͤgt viel zu ihrer Schoͤnheit bei. Nahe bei dem Mittelpunkte der Gkotte ſteht vor einer Felſenwand ein niedriges Geſtraͤuch, in deſſen Mitte eine 4 Fuß hobe, oben flache und ihrer Laͤnge nach gereifte Pyramide ſich befindet. Von der Decke herab haͤngen die herrlichſten Blumengewinde, und ihr Fuß⸗Geſtell iſt auf das praͤchtigſte mit Blumen ver⸗ ziert. Hinter derſelben iſt eines von den natuͤrlichen Kabinetten, welches von der offenen Hoͤhle durch einen glaͤnzenden, durchſichtigen Vorwand voll der ſchönſten Bild ungen abgeſondert iſt. Dieſe Pyramide fuͤhrt den Namen des Altars; an ihrem Fußgeſtelle lieſt man die Inſchrift: Hic Ipse Christus Adfuit Ejus Na- 229 tali Die Media Nocte Celebrato MDCLXXIII. (Hier war Chriſtus ſelbſt an ſeinem um Mitternacht feierlich begangenen Tage ſeiner Geburt 1673. Es hatte naͤmlich der Marquis v. Nointel, franzoͤſiſcher Geſandte am tuͤrkiſchen Hofe in dem Jahre 1673, die drei Weihnacht⸗Feiertage in einer Geſell⸗ ſchaft von s00 Perſonen, welche theils aus ſeinem Gefolge, theils aus fremden Kaufleuten, theils aus Einwohnern der Inſel beſtanden, in dieſer Hoͤhle zu⸗ gebracht. Tag und Nacht brannten waͤhrend dieſer Zeit 100 dicke Wachskerzen und 400 Lampen. Als in der Mitternachtsmeſſe der Leib Chriſti in die Hoͤhe gehoben wurde, wurden auf ein gegebenes Zeichen in der obern großen Hoͤhle 24 Boͤller und meh⸗ rere Steinſtuͤcke abgefeuert. Der Geſandte brachte die 3 Naͤchte in einem, dem Altar gegenuͤber befind⸗ lichen, 7— Fuß langen und eben ſo breiten natuͤrli⸗ chen Kabinette zu. Von der Inſel Antiparos iſt die weit groͤßere Inſel Paros nur durch einen ſchmalen Kanal ge⸗ trennt. Sie war im Alterthume durch ihren Reich⸗ thum, ihre Macht, durch einen ausgebreiteten Handel, und ihren Marmor beruͤhmt. Dieſer blendend weiße Marmor wurde von den Alten außerordentlich hoch geſchaͤtzt und beinahe unter die Edelſteine gerechnet. Auch die beiden beruͤhmteſten Kuͤnſtler des Alterthums, Phidias und Praxiteles wurden auf ihr gebo⸗ 230 ren.— Die Marmorbruͤche werden jetzt nicht mehr bearbeitet, und ſind zum Theile verſchuͤttet. An der Stelle der alten Stadt Paros, welche auf der weſtlichen Kuͤſte der Inſel, Antiparos gegenuͤber ſtand, ſieht man heute den elenden Flecken Parichia. Auf der ganzen Inſel ſindet man noch koſtbare Denkmaͤler des Alterthums, welche man aber weder ſammeln, noch benutzen darf. Bemerkenswerthe Haͤfen dieſer Inſel ſind: Mannara, Trio und Nauſſa, welcher letztere vorzugsweiſe der Hafen genannt wird: Die Kriegsflotten koͤnnen ſich mit al⸗ ler Scherzir in demſelben aufhalten. Die Inſel Naxia, das alte Naxos, die groͤßte unter den Kycladen, ehemals eine maͤchtige Re⸗ publik, erhielt wegen ihrer außerordentlichen Groͤße und Fruchtbarkeit einſt den Namen Koͤnigin. Die Einwohner werden durch eine ſelbſt gewaͤhlte Obrig⸗ keit regiert, und genießen wegen der wenigen Tuͤrken auf der Inſel ihr Vermoͤgen in Ruhe und Frieden. Die reinſten Quellen durchſtroͤmen die Inſel in allen Richtungen, und verbreiten uͤberall Kuͤhlung und Irhahrhankeit. Orangen⸗, Zitron⸗, Granat⸗Baͤume .dgl. wachſen wild. Oliven⸗, Feigen⸗ und Maul⸗ berracanne verſchoͤnern die Felder. Kleine Waͤlder aus Baͤumen verſchiedener Art und Groͤße gewaͤhren durch ihren immergruͤnen Schmuck einen erquickenden Schatten; die Weinberge geben noch jetzt einen vor⸗ trefflichen Wein, und man erinnert ſich mit Vergnuͤ⸗ 231 gen, daß dieſe Inſel einſt dem Bacckos geweiht war. Zahlreiche Schafheerden weiden die wohlrie⸗ chenden Pflanzen auf den Seiten der Berge ab; Ha⸗ ſen und Rebhuͤhner ſind in Menge vorhanden; der Fiſchfang iſt außerordentlich ergiebig, und die Lebens⸗ mittel aller Art ſind aͤußerſt wohlfeil. Die Jeſui⸗ ten beſaßen ein Haus in der Stadt der Inſel. Die vornehmſten Einwohner der Inſel ſind Ab⸗ koͤmmlinge alter franzoͤſiſcher, ſpaniſcher und italieni⸗ ſcher Familien, welche in den unruhigen Zeiten des Mittelalters, von den Barbaren beunruhigt, ihr Va⸗ terland verließen, und ſich bier anſiedelten. Sie ſind feiner und anſtaͤndiger in Sitten, als die uͤbrigen Griechen. Das weibliche Geſchlecht iſt nicht nur au⸗ ßerordentlich ſchoͤn, ſondern auch hoͤchſt liebenswuͤrdig. Die Inſel hat zwar keine Haͤfen fuͤr Schiffe von einer gewiſſen Groͤße, aber doch Buchten fuͤr kleine Fahrzeuge. Die Hauptſtadt der Inſel, gleichfalls Naxia genannt, hat eine vortreffliche Rhede, vor welcher die Schiffe ſich vor Anker legen koͤnnen. Sie iſt nicht weit von der Rhede Nauſſa entfernt. Suͤd⸗ lich von der Stadt Naxia iſt noch eine andere Rhede, welche den Namen des Hafens von Strongioli führt, in welcher ſich zu guter Jahreszeit Schiffe je⸗ der Groͤße aufhalten koͤnnen. XXII. Nicht weit von Naxia gegen Oſten liegt Stenoſia oder die kleine Inſel, auf welcher ſich nur einige wilde Ziegen aufhalten. 232 Weiterhin gegen Nord⸗Nord⸗Oſt liegt die Inſel Pathmos, welche die europaͤiſchen Seefahrer Pa⸗ tino nennenz; ſie beſteht jetzt aus einer Reihe un⸗ fruchtbarer Felſen, und wurde in der Kirchen⸗Ge⸗ ſchichte beruͤhmt, weil der h. Johannes dahin ver⸗ wieſen wurde, und daſelbſt die Apokalypſe ver⸗ fertigte. In einem Kloſter auf einer Anhoͤhe wird noch jetzt die Hoͤhle gezeigt, in welcher der Heilige ſein geheimnißvolles Buch geſchrieben, und ſogar auch das Loch in der Mauer, durch welches er die Einge⸗ bungen des h. Geiſtes erhalten haben ſoll. Die Inſel hat nicht uͤber 8 Stunden im Umkreiſe, iſt viel laͤnger als breit, und erſtreckt ſich in einer ganz unregelmaͤßigen Geſtalt von Norden nach Suͤ⸗ den. Sie iſt beſonders wegen der vielen guten Haͤ⸗ fen merkwuͤrdig, unter welchen der Hafen von Scala einer der ſchoͤnſten im ganzen Archipel iſt. Die Be⸗ völkerung iſt nicht ſtark, und in der guten Jahreszeit gehen die Maͤnner faſt alle in andere Laͤnder, um ih⸗ ren Unterhalt zu ſuchen, oder treiben einen kleinen Haudel, welcher ſie ernaͤhrt, aber nicht bereichert. Den Weibern iſt die Beſtellung des Feldes zur Ge⸗ winnung der nothwendigſten Lebensbeduͤrfniſſe uͤber⸗ laſſen. Bei der Ankunft eines fremden Schiffes fluͤch⸗ ten dieſe furchtſamen Bewohnerinnen in die Waͤlder und Gebirge. Oſtwaͤrts von Pathmos in der großen Vertie⸗ fung des Meeres zwiſchen den Inſeln Stanchio und 233 Samos, ſind die groͤßtentheils unbewohnten Inſeln Nacri, Lypſo, Agatho⸗Niſi und Fermaco. Nordwaͤrts findet man die joniſche Inſel Samos. Die Alten kannten 3 Inſeln unter dieſem Namen: eine in Thrazien, welche ſie Samothrazien (jetzt Samandrachi) hießen; die Zweite von ihnen die ſteile Samos genannt, iſt das heutige Kephalo⸗ nien, die dritte endlich, von welcher hier die Rede iſt, erhielt von ihrer Naͤhe mit Jonien den Namen joniſches Samos. Die Inſel Samos war durch einen praͤchtigen Juno Tempel beruͤhmt, welcher aber mit dem alten Glanze der Inſel zu Grunde ging. Samos war das Vaterland von Pythagoras, des Dichters Choerilos, des beruͤhmten Malers TDimanthus, und des Mathematikers Konon. Auf dieſer Inſel entwarf der vertriebene Herodot in ruhiger Ein⸗ ſamkeit die erſten Buͤcher ſeiner Geſchichte. Die heutigen Samier ſind die ſanfteſten, gut⸗ muͤthigſten, gefaͤlligſten und witzigſten unter allen Griechen.— Die außerordentliche Fruchtbarkeit die⸗ ſer Inſel wurde von den Alten bei jeder Gelegenheit bewundert. Um einen Begriff von dieſem Ueberfluſſe zu geben, pflegte man gemeinlich nur zu ſagen, daß zu Samos ſogar auch die Huͤhner Milch gaͤben. Jedoch iſt auffallend, daß die Alten den Samiſchen Wein nicht vortrefflich fanden; jetzt wird er mit Recht unter die vorzuͤglichſten Erzeugniſſe der Inſel 236 bracht werden, und der Schoͤnheit aͤußerſt nachtheilig ſind. Ihre vorzuͤglichſte Beſchaͤftigung iſt, daß ſie die Baumwolle, welche auf ihrer Inſel waͤchſt, ſpin⸗ nen, und Struͤmpfe und verſchiedene Arten von Zeu⸗ gen daraus verfertigen. Auf der, eine Stunde von Mycone gegen Oſten entfernten, unbewohnten Inſel STrago⸗Niſi (Ziegen⸗Inſel), laſſen die Einwohner ihre Ziegen weiden. Etwas weiter gegen Oſten ſind zwei un⸗ fruchtbare Felſen, welche die Griechen Stapadia, und die europaͤiſchen Seefahrer die beiden Bruͤ⸗ der nennen. Weſtwaͤrts von Mycone kommt man nach De⸗ los, einer im Alterthume vor allen uͤbrigen im Ar⸗ chipel beruͤhmten Inſel, der heiligen Geburtsſtaͤtte des Apollo und der Diana. Dieſes einſt ſo praͤch⸗ tige und uͤberſchwenglich reiche Delos iſt jetzt nichts mehr, als eine mit Schutt und Ruinen bedeckte Ein⸗ oͤde, und der Wohnort von Ungeziefer und giftigen Thieren. Es landet faſt Niemand auf dieſer Inſel, als Seeraͤuber und Banditen. Die praͤchtigen Ruinen von Delos verwendet die Barbarei zum Baue von Haͤuſern und zu kleinen Saͤulen, mit welchen die Muhamedaner ihre Graͤber zieren. Die Griechen benennen beide Inſeln Delos mit dem Namen Dilli, und die europaͤiſchen See⸗ fahrer nennen ſie Billi oder Isdili. Eine, ungefaͤhr 100 Ruthen breite, Meerenge 237 trennt die beruͤhmte Inſel Delos von der Inſel Rhenaea oder Groß⸗Delos, welche ebenfalls un⸗ bewohnt iſt, und der erſtern, in welcher kein Todter begraben werden durfte, zur Begraͤbnißſtaͤtte gedient bat. In der NMitte dieſes engen Kanals liegen zwei Klippen, welche der große und der kleine Re⸗ matiari heißen. Bei den alten Griechen war die erſtere der Hekate geweiht, und wurde Hekaten⸗ Inſel oder Pſammites genannt. In ihrer Naͤbe finden alle Arten von Schiffen einen vortrefflichen Ankerplatz. Faſt alle Schiffe, welche nach Smyrna ſegeln, fahren durch den, zwiſchen den beiden Inſeln Tine befindlichen, nur anderhalb Stund breiten Kanal. Tine hat nur eine ziemlich ſchlechte Rhede von dem Flecken San⸗Nikolo, welcher auf den Ruinen von Tenos, der alten Hauptſtadt der Inſel, erbaut iſt. Ein dem Neptun in der Naͤhe der Stadt erbauter Tempel und die Stadt ſelbſt exiſtiren nur noch in dem Andenken der Menſchen. Die ganze Inſel iſt aͤußerſt fruchtbar, vortrefflich bearbeitet, und bringt alles hervor, was der menſchliche Fleiß nur von ihr verlangt. Die Bevoͤlkerung der Inſel iſt ſehr betraͤcht⸗ lich, die Einwohner ſind thaͤtig und arbeitſam. Unter allen Erzeugniſſen der Inſel iſt die Seide das vorzuͤglichſte. Aus ihr verfertigen die Einwoh⸗ nerinnen ſehr dauerhafte Struͤmpfe. Ihre Kleidung iſt im hohen Grade einfach und edel. Die ſchoͤnen 234 gerechnet, und macht auch einen großen Theil der Einkuͤnfte aus. Samos hat ungefaͤhr eine Laͤnge von 10 Stun⸗ den, und ihre groͤßte Breite betraͤgt beinahe s; allein dieſe Breite hat ſie nur auf einem einzigen Punkte vermittelſt eines ſchmalen, ſich weit gegen Suͤden er⸗ ſtreckenden Kaps, welches den Namen Kap Kolona fuͤhrt, von welchem einige Stuͤcke durch das Meer ab⸗ geriſſen worden ſind, die Samo⸗Puſo(Klein⸗ ſamvs) genannt werden. Groß⸗Samos aber ſelbſt iſt nur ein betraͤchtlicheres, vom feſten Lande abgeriſſenes Fragment, und wird von demſelben durch einen, nicht uͤber eine halbe Stunde breiten Kanal getrennt. Die Seefahrer kennen dieſe ſchmale Meer⸗ enge unter dem Namen des kleinen⸗Bogaz; der große Bogaz von Samos, welcher beinahe 2 Stun⸗ den breit iſt, liegt weſtwaͤrts von dieſer Inſel zwiſchen derſelben und mehreren kleinen Inſeln, welche den NRamen Backhaͤuſer fuͤhren, weil ſie von Ferne ge⸗ woͤlbten Backoͤfen aͤhnlich ſehen; vor Alters hieſen he CorscaenInsulac. Nicht weit von dieſen kleinen Inſein gegen We⸗ 1 ſten liegt die Inſel Nicaria, die alte Niearia, welche von IFkaros, dem Sohne des Daͤdalos den Namen erhalten haben ſoll. Die Inſel iſt nicht betraͤchtlich, mehr lang als breit, und hat keine Haͤfen. Es fehlt ihr an allen denkbaren Mitteln zu einem nur etwas betraͤchtlichen Handel, und ſie kann daher un⸗ 235 ter die allerelendeſten Inſeln im ganzen Archipel gerechnet werden. 1 Ganz anders verhaͤlt es ſich mit der Inſel My⸗ eone, welche nicht weit von Nicaria gegen We⸗ ſten liegt. In ihrem Hafen Tarlon laufen die mei⸗ ſten Schiffe ein, welche durch den Archipel nach Smyrna, und in die noͤrdliche Duͤrkei fah⸗ ren.— Die Einwohner von Mycone ſind ſehr ge⸗ uͤbte Seefahrer, vernachlaͤſſigen aber durch den See⸗ handel gaͤnzlich die Kultur ihres Bodens. Die Pro⸗ dukte, welche die Inſel, freilich wegen Mangel an Bearbeitung, in aͤußerſt geringer Quantitaͤt hervor bringt, ſind von einer vorzüglichen Guͤte. Wildpret gibt es in großer Menge; an friſchem Waſſer dagegen leidet die Juſel Mangel. Schon bei den Alten hieß dieſe Inſel Myconos. Die Fabel macht ſie zum Grabe der Kentauren, welche daſelbſt von Her⸗ kules erſchlagen worden ſeyen. Die ſonderbare An⸗ lage der alten Bewohner kahlkoͤpfig zu werden, findet man bei den neuern nicht mehr, Auch wurden ſie im Alterthume fuͤr Schmarotzer gehalten, und es war zum Spruͤchworte geworden, einen ungeladenen Gaſt einen Gaſt von Mycone zu nennen. Die Kleidung der Inſulanerinnen iſt zwar nicht ſo ausſchweifend ſonderbar wie jene der Bewohnerin⸗ nen von Milo und Argentiere; dagegen aber mit weit mehr Schmuck und Zierrathen uͤberladen, welche im Ganzen genommen, ohne allen Geſchmack ange⸗ Geſchoͤpfe, welche ſo reichlich von der Natur mit Grazie und Ebenmaaß der Form ausgeſtattet ſind, ver⸗ bergen durch ihre Kleidung die reitzenden Umriſſe ih⸗ res Koͤrpers nicht, und ſind in der That durch ihren freundlichen Charakter, ihre unſchuldige Froͤmmigkeit, und ihr hoͤchſt naives Beſtreben zu gefallen, außeror⸗ dentlich liebenswuͤrdig. Die Inſel Seio fuͤhrte im Alterthume den Na⸗ men Chios, Chio und ihre Stadt gleiches Na⸗ mens lag auf dem Gipfel eines Berges. Die jetzige Stadt Scio iſt ziemlich groß und ſchoͤn, und wurde von den Genueſen erbaut, welche lange im Beſitze der Inſel geweſen ſind. Sie iſt an dem Fuße dieſes Berges, am Ufer des Meeres erbaut. Ihre Bewoh⸗ ner ſind noch jetzt, wie zur Zeit Belon's, die boͤf⸗ lichſten, gefaͤlligſten, lebhafteſten, froͤhlichſten und vielleicht auch die geiſtreichſten unter allen Griechen. Die Frauensperſonen auf der Inſel ſind hoͤchſt lie⸗ benswuͤrdig, und beſonders zuvorkommend hoͤflich. Sie beſchaͤftigen ſich groͤßtentheils damit, mehrere Arten von Arbeiten, und beſonders ſehr ſchoͤne Geldbeutel von Seide zu ſtricken. Um dieſe Arbeiten deſto beſſer zu verkaufen, lernen ſie die Sprachen aller Nationen, die nach der Levante handeln, um ſie jedem Voruͤber⸗ gehenden in ſeiner Mutterſprache zum Verkauf aubie⸗ ten zu koͤnnen. Die Seidenwuͤrmer⸗Zucht iſt eine faſt allgemeine Beſchaͤftigung aller Einwohner von Seio, beſonders aber geben ſich die Frauensperſonen damit 239 ab, und wenden dabei alle ordentliche Vorſicht an, damit kein Uebelgeſinnter einen vergiftenden Blick des Neides auf dieſe koſtbaren Inſekten werfe. Die Perſonen weiblichen Geſchlechtes in Seio kleiden ſich im hoͤchſten Grade geſchmacklos. Ihr Kopf iſt mit einem hohen unfoͤrmlichen Aufſatze bela⸗ ſtet, welcher der Muͤtzen der Mamelucken in Aegyp⸗ ten ziemlich aͤhnlich iſt; auch die Bekleidung ihrer Fuͤße iſt aͤußerſt unbequem und laͤcherlich. Dieſe Inſel fuͤhrt, wie noch mehrere andere im Archipel, einen nicht unbedeutenden Handel mit Wolle, Wachs, Oel und vortrefflichen Fruͤchten. Der Wein, welchen die Juſel hervor bringt, war bei den Alten außerordentlich beruͤhmnt. Zu Rom wurde er in allen Krankheiten des Magens von den Aerzten als das ſicherſte Heilmittel verſchrieben. Dieſer von den Kennern im Alterthume ſo geprieſene Wein, iſt auch noch heute von vorzuͤglicher Guͤte. Die Inſel Scio hat vor allen uͤbrigen Inſeln im Archipel, das ausſchließende Recht, das aus dem Maſtix⸗Baume geronnene Harz nach Konſtanti⸗ nopel und in die andern großen Staͤdte des Reichs zu verfuͤhren, wo ihn die Frauenzimmer unaufyoͤrlich kauen, um ſich einen angenehmen Athem dadurch zu verſchaffen. Man bereitet auch aus dem Maſtix⸗Harze einen ſehr ſtarken und angenehmen Branntwein. Ungefaͤhr 2 Stunden weſtwaͤrts von dem Kap S. Nikolo findet man die Inſel Ipſara, welche 240 bei den Alten Pſyra oder Pſyria hieß, mit einer Stadt gleiches Namens, auf deren Stelle der jetzige Flecken erbaut iſt. Von der alten Stadt ſind jedoch noch Spuren vorhanden. Die Inſel iſt klein, ſteinig, und weder der Ackerbau, noch der Handel koͤnnen mit Vortheil auf derſelben getrieben werden. Blos der Weinſtock gedeiht in dieſem ſteinigen Boden. Eine Stunde von Ipſara liegt die viel kleinere Inſel Anti⸗Ipſara oder Antipſera, welche kaum 2 Stunden im Umfange hat. Zwiſchen beiden In⸗ ſeln finden die Schiffe einen ſehr guten Anker⸗Platz. Naͤher bei Seio, gegen Oſten, bilden die ſehr kleinen Inſeln Spelmadori(vor Alters Oenu ſſa) eine ſichere Rhede fuͤr die groͤßern Schiffe. Weiter gegen Suͤden findet man zwei Klippen, welche die Alt⸗Griechen die Kaſyten, die neuern aber Py⸗ ſargas nennen. Bei der ſuͤdlichſten Spitze der Ju⸗ ſel, Kap Maſtico genannt, weil in dieſer Gegend der weiße Maſtix gewonnen wird, liegt die Klippe Veneticoz ſie liegt gerade ſo weit von der Inſel, daß die Schiffe zwiſchen beiden durchfahren koͤnnen. (Fortſetzung folgt.)