Té9. 3 Serraene Taibizegen Shorhan e O HAeTSTABD T 0 Groſse Staedfe 0Mitcdlere Staedte 0Mleine Staedte te. Flecker⸗ X X Reuleregen Seagrapkarce Maden 1 aag eun Grad. ——— 75 3 260 23 30 1399. DER OESTREICHISCHE KAISERSTAAXAN* NüRNBERG bei Haubenstricker u. v. Ebner. ——— ſs% 40 4* 275 Gax. awe. Geut. T., C. Sriinen'ald de l — See⸗ und Land⸗Reiſen, Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten von der Erfendung der Buchdruckerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Monen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt. von Meheenn, und herausgegeben von. Joachim Heinrich Jäͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 38. Bändchen. Mit einem Kupfer. I. Theil. 3. Bändchen von Siebenbürgen ꝛc. Nuürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1829. Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch Siebenbürgen, Moldau, Wallachei, Beſſarabien, Bulgarien, Servien, Bosnien und Romanien. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. . Verfg ß t von Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jäck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. I. Theil. 3. Bäͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1829. Joſeph Benkoe's Beſchreibung von Siebenbürgen. Aus dem Latein. frei bearbeitet von Mich. Fiedler*). — Siebenb uͤrgen fuͤhrte im Alterthume zu verſchie⸗ denen Zeiten verſchiedene Namen, als mittellaͤn⸗ diſches Dazien, Gothien und Gepidien. *) Transsilvania, s. magnus Transsilvaniae prin- cipatus, olim Dacia mediterranea dictus, orbi nondum satis cognitus. Authore Jos. Benkö, Transsilvano-Siculo, parocho Rö- zep-Ajetensi et notario venerab. diocceseos Erdövidekensis helveticae confessioni addie- orum ordinario. Vindobonae 1778. 8. 2 vol. Der Verfaſſer war am 20. Dez. 1740 in Siebenbuͤrgen geboren, deſſen genaueſte Kennt⸗ niß er von erſter Jugend theils durch Reiſen, theils durch Leſen gedruckter und geſchriebener Huͤlfsquellen, theils durch vielfachen Briefwech⸗ ſel mit Großen, Edelleuten, Pfarrern und An⸗ Die Dazier, ein rohes Volk, und mit den Ge⸗ ten hinſichtlich der Abſtammung und Sprache am mei⸗ ſten verwandt, wanderten wahrſcheinlich aus dem aſtatiſchen Seythien in dieſes Land, benannten es nach ihrem Namen, erbauten Staͤdte, und waͤhlten ſich Koͤnige. Nach Strabo ſollen ſie auch Daver geheißen haben. Die Staͤdte der Dazier ſtanden in der groͤßten Blüte, und ihre ſtreitluſtigen Koͤnige fuͤhrten hart⸗ naͤckige und blutige Kriege mit den Roͤmern, bis endlich Dezebal, der letzte derſelben, dem roͤmi⸗ ſchen Adler unter Trajan unterlag. Im Jahre 10⁰2 nach Chriſtus verwandelte Tra⸗ jan das unterjochte Land in eine roͤmiſche Provinz, und verpflanzte roͤmiſche Buͤrger in dieſelbe, behielt aber die Benennung Dazien bei. 274 n. Chr. wen⸗ dete ſich das maͤchtige Heer der Roͤmer nach Moe⸗ ſien, mußte aber zuletzt den mit den Gothen ver⸗ buͤndeten Daziern weichen, und ihnen das Land uͤber⸗ laſſen. deren eifrigſt zu erwerben ſuchte. Das Reſul⸗ tat vieljaͤhriger Beobachtungen und Erforſchun⸗ gen ſyſtematiſch zu ordnen, war 1773— 7!1 ſein ununterbrochenes Streben; wir liefern es hien im gedraͤngteſten Auszuge. Jaͤck. 253 Die roͤmiſche Herrſchaft beurkunden jetzt noch alte Denkmaͤler, Truͤmmer von Tempeln und Haͤuſern, Spuren von Straßen, Waſſerleitungen u. ſ. w. Die Herrſchaft der Roͤmer dauerte uͤber 170 Jahre. Trajan unterwarf ſich dieſe Provinz, verdraͤngte die aus Griechenland ſtammenden Geſetze durch roͤmiſche; unter Gallienus nahm Roms Herr⸗ ſchaft in Dazien allmaͤhlich ab, und verſchwand un⸗ ter Aurelian ganz. Die Dazier, Geten und Gothen ſchmolten dann in einen Staat zuſammen, und wurden bis zur Ankunft der Hunnen, beilaͤuſig um das J. 373, von ihren Feldberren und Königen regiert. Der Name Gothien kommt von den Gothen, welche um das Jahr 273 aus Skandinavien ein⸗ wanderten; die Benennung Gepidien, wahrſchein⸗ lich von den Gepiden, einem ſcythiſchen Volks⸗ ſtamme. In ſpaͤteren Zeiten gehoͤrte Siebenbuͤrgen zur Krone Hungarn, wurde von Woywoden re⸗ giert, und von derſelben 4541 durch den Koͤnig Jo⸗ hann getrennt, hatte unter tuͤrkiſchem Schutze ſelbſt erwaͤhlte Fuͤrſten, bis es zuletzt unter die Herr⸗ ſchaft Heſterreichs kam. Die Provinz Siebenbuͤrgen, rings von Ber⸗ gen eingeſchloſſen, liegt der Laͤnge nach zwiſchen den 46. und 49. Grade, hinſichtlich ihrer Breite zwiſchen den 48. und 40. Sie graͤnzt gegen Nord an Klein⸗ 254 Rußland und die Moldau, gegen Oſt an die Moldau und Wallachei, gegen Suͤd gleichfalls an die Wallachei und den Banat, gegen Weſt anu das zu Hungarn gehoͤrige Tibisker Land. Hohe und ſteile Gebirge, Aeſte der Karpathen, bilden deſſen natuͤrliche Graͤnze, und ſchuͤtzen das Land. Die gelinde Luft Siebenbuͤrgens mildern die Karpathen, und machen dieſelbe der Geſundheit ſehr zutraͤglich, indem ſie die ſchaͤdlichen Suͤdwinde abhalten. Die Kaͤlte iſt im Winter oft ſehr ſtrenge, im Sommer herrſcht große Hitze. Nichts deſto weni⸗ ger entvoͤlkerte die Peſt oft das Land. Jetzt aber wird ſie durch die Anſtalten der Regierung gleich bei ihrem Erſcheinen moͤglichſt unterdruͤckt. Das Land gewaͤhrt durch ſeine mannigfaltigen Abwechslungen von Ebenen und Hugeln einen herrli⸗ chen Anblick. Die fruchtbaren Ebenen laͤngs der Ufer der Stroͤme ſind bald lang, bald breit, uͤberſteigen ie⸗ doch ſelten das Maß von 2 Meilen. Die Graͤnzgebirge ſind ſteil und abſchuͤſſig, ſchau⸗ derhaft und unbewohnt; ihre Rauheit und Unwegſam⸗ keit ſchuͤtzt gegen die Feinde. Die Gebirge oberhalb Biſtritz und der ſieuliſchen Bezirke Gyergo und Cſik erſtrecken ſich in der Laͤuge und Breite zwiſchen Oſt und Weſt gegen Suͤd, und ſind in den Sommer⸗ Tagen mit Schnee bedeckt. Alle dieſe Berge ſind me⸗ tallreich, beſonders enthalten die gegen Weſt gelege⸗ nen viel Gold. 255 Die im Lande liegenden Berge, Zweige der Graͤnz⸗ Gebirge, verbreiten ſich in großer Anzahl durch das ganze Land, endigen ſich in fruchtbare und mit Reben gepflanzte Huͤgel, ſtehen an Fruchtbarkeit den Ebenen nicht nach, und ſind bald hoͤher, bald niedriger, bald mit Waldungen bedeckt. Die drei Fluͤſſe, der Maroſch, der Samos und der Alt ſind ſchiffbar. Der Maroſch entſpringt auf der Weſtſeite des Berges Tarkoͤ, fließt von Oſt gegen Weſt durch das Land, laͤßt endlich das Schloß Deven zur Linken, wendet ſich gegen Suͤd und Weſt nach Ungern, wo er bei Lippa und Segedin vorbei fließt, und ſich mit der Theiß vermiſcht. Er uͤbertrifft an Groͤße die andern Fluͤſſe. Auf demſelben wird das Salz aus den Gruben zu Torda nach Ungarn und Servien gefuͤhrt. Der Samos entſpringt an dem Fuße der Ge⸗ birge oberhalb Radna, welche die Moldau beruͤh⸗ ren, fließt nach Ungarn, und ergießt ſich in die Theiß. Er ernaͤhrt ziemlich viele Fiſche, und war ehemals ſehr zur Schifffahrt geeignet. Der Alt entquillt auf der Suͤdſeite des Berges Tarkoͤ, durchſtroͤmt das Land, fließt nach ſeiner Ver⸗ einigung mit den Fluͤſſen Cibin und Hartbach in die Wallachei, und in der Naͤhe von Nikopolis in die Douau. Er wird nicht ſtark befahren, und 2⁵6 ernaͤhrt nicht alle Fiſcharten, welche der Ma⸗ roſch hat. Außer dieſen drei großen Fluͤſſen hat Sieben⸗ buͤrgen noch mehrere kleinere, welche ſich in die drei genannten ergießen, wie der Aranyas(Gold⸗ ſtrom), der Lapos, Sajo, Kuͤkuͤllo, Homo⸗ rodet, welche die meiſten Gebiete bewaͤſſern. Nebſt vielen Quellen gewoͤhnlichen Waſſers findet man auch viele Mineral⸗Quellen, theils heiße, theils kalte; die vorzuͤglichſten ſind die von Radna, die Bor⸗Seekien, die Loͤvoten ꝛc. Unter den Seen Siebenbuͤrgens iſt der Hodos der groͤßte, und wird von dem nahe liegenden Dorfe Czege genannt; er iſt 3 Meilen lang, und geht um mehrere Berge. In der Grafſchaft Doboka ſind gleichfalls der Tohatenſer, Zahenſer und andere Seen merkwuͤrdig; ſie ſind ſehr fiſchreich, werden von Waſſervoͤgeln und andern Thieren beſucht. Außerdem gibt es noch viele andere Seen in Berghoͤhlungen von bewunderungswuͤrdiger Tiefe, welche keinen Ausfluß haben, und oft ſich auf dem Gipfel der hoͤchſten Ge⸗ birge, wie 5. B. der See St. Anna, innerhalb der Tusnadenſer Gebirge in dem Gebiete Cſik, be⸗ finden. In den drei Reichen der Natur herrſcht großer Reichthum. Das Mineralreich enthaͤlt Blutſteine, verſchiedene ſchoͤne, mit dem Achate wetteifernde Marmor⸗Arten, Gyps, Alabaſter, Serpentin⸗Steine, 257 Opale, Onyre, Karneole, Jaspiſe ꝛc.; verſchiedene Salze, Schwefel, Aiſenik, Wismut, Blei, reiche Eiſengruben, die eine in der Grafſchaft Hunyad⸗ die andere in dem Fordenſer Gebiete; Kupfermi⸗ nen bei Devaz wenige Silber⸗Adern, und Gold in großer Menge. Selbſt die Fluͤſſe fuͤhren Goldſand mit ſich. Man findet auch verſteinerte vierfuͤßige Thiere, Voͤ⸗ gel, Fiſche und Wuͤrmer, Stalactiten, Ocher⸗Arten, Kreide u. ſ. w. Das Pflanzenreich ernaͤhrt außer den bei uns gewoͤhnlichen Baumarten auch auslaͤndiſche, beſonders in den Gaͤrten der Großen. In den haͤufi⸗ gen Waldungen finden ſich die verſchiedenſten Wald⸗ baum⸗Arten. Kraͤuter und Blumen gedeihen in der uͤppigſten Fuͤlle; ſehr gut kommen die mannigfaltigen Getreide⸗Arten fort. Einen großen Reichthum von Pflanzen bietet die Flora Siebenbuͤrgens dem Botaniker dar. In dem Thierreiche ſteht der kraͤftige Siebenbuͤr⸗ ger an der Spitze; an dieſen ſchließen ſich die Haus⸗ thiere, z. B. der Ochs, das Pferd, Schaf ꝛc., in großer Menge an. Außer dieſen gibt es Hirſche, Baͤren, Woͤlfe, Fuͤchſe, Marder, Tare, Fiſchotter, Maulwuͤrfe und andere mehr. Singvoͤgel beleben die ſtillen Waldungen, und die Waſſervoͤgel erfreuen ſich ihres Daſeyns auf der Oberflaͤche der Seen und Fluͤſſe. Gaͤnſe, Enten, Pfauen, Huͤhner werden in den Haͤu⸗ ſern der Einwohner ernaͤhrt. Unter den Amphibien 25⁵8 ündet man hier die gemeine Schildkroͤte, Kroͤten und verſchiedene Gattungen von Froͤſchen. Beinahe alle Fluͤſſe ſind ſehr fiſchreich, und enthalten verſchiedene Arten von Fiſchen, wie Aale, Hechte, Karpfen und mehrere andere. Sehr groß iſt die Anzahl der In⸗ ſekten. Deer jetzige Beherrſcher Siebenbuͤrgens fuͤhrt den Namen Großfuͤrſt. Aber bei dem erſten Ein⸗ falle der Hungarn hatten die Beherrſcher des Landes in verſchiedenen Zeiten verſchiedene Namen und ver⸗ ſchiedene Macht. Zuerſt wurden die Bewohner Siebenbuͤrgens von ihren eigenen Fuͤhrern beherrſcht, dann von den ungariſchen Koͤnigen, welche das Land als eine Pro⸗ vinz Ungarns anſahen; dann von Fuͤhrern und Woywoden, welche unter dem Namen der Koͤnige re⸗ gierten, und jetzt von dem Hauſe Oeſterreich. Die Herrſchaft der eigenen Fuͤhrer des Volkes dauerte bis zum Jahre 1002, in welchem Siebenbuͤrgen unter dem Koͤnige Stephan mit Ungarn verbun⸗ den, und 1540 von ungariſchen Koͤnigen regiert wurde. In der Folge vertraten Fuͤhrer und Wonwo⸗ den die Stelle der Koͤnige, und fuͤhrten den Szepter bis 1690; ſtanden jedoch beinahe alle unter dem Schutze des tuͤrkiſchen Kaiſers, und bezahlten Tribut. Auch wurden eingeborne Große zu Beherrſchern des Landes erwaͤhlt. Die Beherrſcher des Landes, uͤberdruͤſſig des Stolzes und der Grauſamkeit der osmanniſchen 259 Herrſcher, begaben ſich 1680 unter oͤſterreichiſchen Schutz. Zuletzt erhielt Oeſterreich durch Vertrag mit dem letzten Herrſcher Michael II. Apafi dieſe Provinz, und vereinigte ſie mit ſeinen uͤbrigen Laͤndern. Ehemals nach der Losreißung Siebenbuͤrgens von Ungarn hatten die Großen der Nation das Recht, ſich ihre Fuͤrſten zu waͤhlen. Dieſes geſchah in oͤffentlichen Verſammlungen, und die Wahl wurde von der Pforte genehmigt. Nach der Vertreibung der Tuͤrken aus Ungarn durch den Kaiſer Leopoldl. kam das Reich 1685 unter die Herrſchaft Oeſter⸗ reichs. Im Jahre 1722 ging nach der Uebereinſtim⸗ mung der Nation auch die Thronfolge auf die weld⸗ liche Linie uͤber. Die Einkuͤnfte des Regenten beſtehen jaͤhrlich in 1,300,000 rheiniſchen Gulden, und fließen theils aus den Abgaben, theils aus den Bergwerken und Sali⸗ gruben, und aus dem Zehenten. Die Einwohner Siebenbuͤrgens ſind theils vereinigt, theils geduldet. A) Die Sachſen, Sieuler und Hungarn heißen vereinigt, von ihrer Vereinigung und dem Buͤndniſſe, welches ſie am 26. April 1845 zu Torda unter ſich gemacht hatten. Im J. 1653 wurde dieſer Bund erneuert, und 1643 durch das Geſetz geheiligt⸗ I. Die Ungarn, das erſte Volk, unter den ver⸗ einigten Nationen, gleiches Urſprunges wie die Hun⸗ 260 garn Pannoniens, wanderten um 962 aus Scythien nach Dazien und Pannonien, und bemaͤchtigten ſich mit Gewalt des Landes, in deſſen Beſitze ſie blieben. Sie haben ſieben Bezirke in Siebenbuͤrgen, 1) jenen von Weiſſenburg mit 13 Staͤdten und 239 Doͤrfern; 2) den von Kuͤkuͤllo mit 2 Staͤdten und 1417 Doͤrfern; 3) den von Thorda mit s Staͤd⸗ ten und 167 Doͤrfern; 4) Kolos mit einer freien kö⸗ niglichen Stadt nebſt s andern Staͤdten und 197 Doͤr⸗ fern; 5) Doboka mit einer Stadt und 163 Doͤr⸗ fern; 6) Unter⸗Stzolnok mit 2 Staͤdten und 192 Doͤrfern; 7) Hunyad mit s Staͤdten und 294 Doͤr⸗ fern; ferner in den ungariſchen Theilen Sie⸗ benbuͤrgens den Bezirk Mittler⸗Szolnok mit 2 Staͤdten und 144 Doͤrfern; das Kraßzenen ſer Gebiet mit 2 Staͤdten und s9 Doͤrfern, und das Za⸗ randenſer Gebiet mit 2 Staͤdten und s Doͤrfern; endlich den Diſtrikt Fagaras mit einer Stadt und 62 Doͤrfern in Siebenbuͤrgen, und den Diſtrikt Koͤvar mit einer Stadt und 89 Doͤrfern in den Thei⸗ len Ungarns. Dieſe Bewohner Siebenbuͤrgens behielten noch vieles von den Ungarn, ihre Kleidung kommt der ungariſchen nahe. Ihre Sprache iſt verſchieden von den uͤbrigen Sprachen Suropas, zeigt mehr ihre aſiatiſche Abkunft, wurde aber durch den Umgang mit Teutſchen, Franzoſen, Slavoniern und andern 261 Voͤlkern verdorben, und mit Woͤrtern aus den Spra⸗ chen dieſer Voͤlker vermiſcht. II. Die Sieuler, Szekler, Graͤnz⸗Sol⸗ daten, Abkoͤmmlinge der Hunnen, beſitzen noch heutiges Tags einen Theil des Landes, welches ihre Ahnen im Jahre 376 n. Chr. eroberten. Sie wohnen in dem oͤſtlichen und noͤrdlichen Theile Siebenbuͤr⸗ gens, und theilen ihre Beſitzungen in gewiſſe Di⸗ ſtrikte, welche ſie Stuͤhle nennen. Dieſelben ſind: 4) Udvarhely mit den Filialen Keresztur und Bardotz, welche im Ganzen 2 Staͤdte und 126 Doͤr⸗ fer enthalten; 2) Sepſi; 3) Kezdi; 4) Orbaiz dieſe 3 Diſtrikte fuͤhren den gewoͤhnlichen Namen Dreiſitze, weil ſie ſich vereinten, und unter einem Oberrichter geſtellt worden ſind. Sie enthalten vier Staͤdte und 83 Doͤrfer. 5) Miklosvar. 6) Ober⸗ und Unter⸗Cſik mit den Filialen Gyergyo und Kaſzon, welchen 2 Staͤdte und 61 Doͤrfer gehoͤren; 7) Marus oder Maros mit der freien koͤniglichen Stadt Marus⸗Vaſarhely; nebſt einer Stadt und 126 Doͤrfern; 8) Arannyas(Golden) mit 2 Staͤd⸗ ten und 20 Doͤrfern. Hinſichtlich der Sitten, Kleidung, Sprache und Lebensweiſe naͤhern ſich die Sikuler etwas den Un⸗ garn, am meiſten aber den Teutſchen. Sie ſind die aͤlteſten Bewohner Siebenbuͤrgens; ihre Ahnen kaͤmpften unter Attila, und hatten wegen ihrer Ta⸗ 262 pferkeit viele Freiheiten vor den andern Bewohnern Siebenbuͤrgens. Die gewoͤhnliche Kleidung der Sikuler iſt gantz wie die ungariſche. Sie tragen einen Guͤrtel, und in demſelben an der linken Seite in einer Scheide Meſſer und Gabel. Die zum Kriegsdienſte beſtimmten tragen dieſen gewoͤhnlich nicht. Die Hals⸗Binden, de⸗ ven ſich die alten Ungarn und Sikuler enthielten, ſind bei ihnen im Gebrauche; ihre Hemden ſind nach teut⸗ ſcher Art gemacht. Sie genoßen, als die aͤlteſten Ein⸗ wohner Siebenbuͤrgens, die groͤßten Freiheiten, waren vom Zehente, Verluſte der Guͤter, Gefangen⸗ ſchaft u. ſ. w. frei, und theilten ſich in Vornehme, Heeresfuͤhrer und Plebejer(Gemeine), welche in der Folge Pixidarier hießen. Sypaͤter verloren ſie unter der Herrſchaft Ungarns, und nach ihrer Trennung von derſelben die meiſten dieſer Vorrechte. Alle Sikuler erfreuten ſich ehemals eines gleichen Adels, trennten ſich aber ſpaͤter in die drei genaunten Staͤnde. Die Adelichen, FoͤPͤemeſek, erhielten dieſen Titel 1571, und uͤbertrafen die uͤbrigen Staͤnde an Macht und Reichthum. Aus ihnen wurden die vor⸗ nehmſten Glieder in militaͤriſchen und buͤrgerlichen Geſchaͤften erwaͤhlt. Die Anfuͤhrer der vorderſten Rotte, Primipili, waren Soldaten, gewoͤhnlich Reiter, und hießen in ihrer Sprache Lo ifo Szekely(Lo bedeutet Pferd, 263 und foͤ Haupt), weil jeder Mann derſelben bewaffnet, und mit einem Pferde verſehen, in das Feld ziehen mußte. Die freien Plebejer waren zur Zeit der Koͤ⸗ nige, und nach Erlangung ihrer Freiheit Fußgaͤnger. Sie hießen Pyxidarier, d. i. Trabanten, und wur⸗ den in rothe und gruͤne eingetheilt. III. Die Sachſen, ein Volk teutſcher Abſtam⸗ mung, rief Geyza II., Koͤnig von Ungarn im Jahre 1142 aus Sachſen und Ungarn, und fuͤhrte ſie mit vielen Privilegien begabt nach Siebenbuͤrgen. Sie be⸗ ſitzen noch daſſelbe Land, und nebſt dieſem noch einige Orte Siebenbuͤrgens. Das Land der Sachſen, koͤniglicher Boden genannt, begreift folgende Stuͤhle oder Bezirke: 1) den von Hermannſtadt mit der freien koͤnig⸗ lichen Stadt Cibinium, und 57 Doͤrfer; dazu ge⸗ hoͤren die noch nicht einverleibten Stuͤhle: Seliſtye mit s Doͤrfern; Talmats mit s Flecken und s ein⸗ zelnen Wohnungen, und die Guͤter der 7 Richter mit 9 Doͤrfern; 2) den Schaͤsburger Stuhl mit der freien koͤnigl. Stadt Schaͤsburg; 3) Kron⸗ ſtadt mit der freien k. Stadt gleiches Namens nebſt 4 Staͤdten, 9 koͤnigl. und 10 zu Kronſtadt gehoͤrigen Doͤrfern, drei Soldaten⸗Doͤrfern, und der Burg Toͤrtsvar; 4) Medwiiſch mit der freien k. Stadt gleiches Namens, mit 3 Staͤdten und 23 Doͤrfern; 6) Biſtriz mit der freien k. Stadt gleiches Namens und 16 Doͤrfern; 6) den Sabienſer Stuhl mit der 38ſtes B. Siebenbürgen 2c. I. 3. 2 26 4 freien k. Stadt Sabes Muͤllenbach und 10 Doͤr⸗ fern; 17) den Merkurienſer Stuhl mit einer Stadt und 11 Doͤrfern; 8) den Nagy⸗Sinken oder Groß⸗ Schenken Stuhl mit 2 Staͤdten und 20 Doͤrfern; 9) den Reps⸗Stuhl mit einer Stadt und 17 Doͤr⸗ fern; 10) Leſchkirchen mit einer Stadt und 11 Doͤr⸗ fern; 14) Szaſz⸗Varos mit einer Stadt und vier⸗ zehn Doͤrfern. Die ſiebenbuͤrgiſchen Sachſen behiel⸗ ten die guten Eigenſchaften, Sitten und Einrichtun⸗ gen ihrer Vorfahren mit der Sprache, paßten aber ihre Kleidung mehr der ungariſchen an. Jaͤhrlich ſie⸗ deln ſich neue teutſche Ankoͤmmlinge in Siebenbuͤr⸗ gen an, weil die TDeutſchen auf dem koͤniglichen Bo⸗ den das Buͤrger⸗Recht erhalten. B) Die geduldeten Voͤlker in Sieben buͤr⸗ gen ſind Wallachen, Armenier, Griechen, Juden, Maͤhrer, Polen, Ruſſen, Bulga⸗ ren, Servier, Slaven und Zigeuner. Die Wallachen verdanken ihren Urſprung roͤ⸗ miſchen Kolonien, welche unter Trajan und andern Kaiſern nach Dazien gefuͤhrt wurden; ſie blieben im Lande, ſanken zu Sklaven der Vornehmen herab, und behielten im Laufe der Jahrhunderte noch einiges von der Sprache und den Sitten ihrer Ahnen. An⸗ fangs bewohnten ſie kauhe felſige Orte; ſpaͤter ver⸗ breiteten ſie ſich in ziemlicher Anzahl unter den Si⸗ kuliſchen Stuͤhlen; noch mehr in den Bezirken der Sachſen; zuletzt nach der groͤßten Menge in Ungarn, 265 wo ſie Sklaven ſind. Ihre Sprache traͤgt noch Spu⸗ ren der Lateiniſchen in ſich. Es gibt in Siebenbuͤrgen Alt⸗ und Neu⸗Wallachen, erſtere wohnten bei Kron⸗ ſtadt, letztere kamen unter der Regierung Leopold's nach Siebenbuͤrgen. 4 Die Armenier in Siebenbuͤrgen ſlohen aus Armenien vor dem Drucke der Perſer und Tuͤrken in die drimm und Moldau, und begaben ſich 1672 nach Siebenbuͤrgen, wo fie Handel treiben. Die Griechen ſuchten nach der Vernichtung des griechiſchen Reiches Schutz in Siebenbuͤrgen; ſie leben vom Gewinne, muͤſſen aber Tribut bezahlen, und wohnen meiſtens zu Hermannſtadt und Kronſtadt. Die Juden, gleichfalls Handel treibend, wander⸗ ten unter Dezebal und in den folgenden Jahrhun⸗ derten, vorzuͤglich aber nach der Eroberung Konſtan⸗ tinopels durch die Tuͤrken 1452 ein; vergaßen bei⸗ nahe ihre Sprache und wohnten in Carolina und einigen Doͤrfern. Die Maͤhrer oder Wiedertaͤufer wurden von dem Fuͤrſten Gabr el Bethlen fuͤr einzelne mechaniſche Kuͤnſte von Maͤhren nach Sie⸗ benbuͤrgen in die Stadt Al⸗Vintz; gebracht, wo ſie nach ihren Gebraͤuchen zu leben nicht auf⸗ hoͤrten. Die Polen ſtroͤmten zur Zeit K. Joͤhann Si⸗ gismunds wegen ihrer Soeinianiſchen Religion von Polen nach Siebenbuͤrgen. Von ihnen le⸗ 266 ben noch einige Nachkoͤmmlinge in Klauſenburg, wo ſie ein eigenes Bethaus haben. Die Ruſſen oder Ruthener verließen im ach⸗ ten Jahrhunderte Weiß⸗Rußland, bevoͤlkerten Bulgarien, Servien, die benachbarten Laͤnder, und beide Donau⸗Ufer; bei dieſer Gelegenheit wandte ſich auch ein Theil derſelben nach Siebenbuͤrgen. Die Bulgaren, durch die Einfaͤlle der Tuͤrken be⸗ unruhigt, ließen ſich in Weiſſenburg, Alviczin und Deva nieder. Die Servier oder Rascianer, Raitzen kamen im XVI. und XVII. Jahrhunderte nach Sie⸗ benbuͤrgen, vermiſchten ſich mit den Wallachen, und wohnen in den Bezirken der Sachſen. Von dem Aufenthalte der Slaven in dieſer Pro⸗ vinz zeugen die Namen einiger Doͤrfer, wie Tot⸗falu, Tot⸗telke, Tot⸗haza, Tot⸗ſzallaſaxa. Jetzt findet man keine Spuren ihnen. 3 Die Ankunft der Zigeuner iſt in Dunkel ge⸗ huͤllt; ſie verbreiten ſich wie Spinnen, als Goldwaͤ⸗ ſcher, Schmidte, Muſiker ꝛc. durch das Land, und ha⸗ ben kaum einige Religion, mit Ausnahme der etwas Gebildeteren. Man theilt die Bewohner Siebenbuͤrgens in Adeliche und Unadeliche. Die Adelichen ſind von allen land⸗ und un⸗ edlen Arbeiten frei, und genießen beſondere Vor⸗ rechte. Zu dem Adel gehoͤren ¹) die Weltgeiſtlichen, 267 2) die Magnaten. Letztere theilen ſich in Grafen und Barone. 4 Die Unadelichen genießen die Vorrechte und Freiheiten der Großen nicht, und zerfallen in Buͤr⸗ ger und Leibeigene. Die Leibeigenen, gewoͤhnlich Jobbagio⸗ nen genannt, ſind Diener des Adels, theils aus auf⸗ genommenen Nationen, theils aus den geduldeten Voͤlkern entnommen, und fuͤhren gemeinlich und nach dem Geſetze den Namen Bauern. Dieſe Bauern koͤnnen keinen Prozeß gegen die Adelichen fuͤhren, ſon⸗ dern ihr Gutsherr fuͤhrt fuͤr dieſelben den Streit. Wenn ein Adelicher vor Gericht geladen wird, ſelbt wenn der Prozeß ſeine eigene Perſon angeht, ſo wird die Vorladung nicht dem Adelichen, ſondern einem Untergebenen deſſelben bekannt gemacht. Bei jedem Guts⸗Beſitzer wird Gericht gehalten; er iſt die erſte Inſtanz der Jobbagionen; bei demſelben halten einige Adeliche, ſo oft es noͤthig iſt, Gericht. Wenn eine Partei ſich vervortheilt glaubt, ſo bleibt ihr das Recht, ſich an das Gericht der Grafſchaft oder des Stuhles zu wenden. Wenn ein Jobbagio Jemanden ein Un⸗ recht zufuͤgt, ſo wird der Streit von ſeinem Herrn geſchlichtet. Wenn er ein groͤßeres Verbrechen began⸗ gen hat, ſo flieht er eilends zu ſeinem Herrn, laͤßt ſich freiwillig in das Gefaͤngniß werfen, und kann nur nach geſtellter Buͤrgſchaft entlaſſen werden. Oft wird er aber ohne eine ſolche Buͤrgſchaft ſeines Herrn 268 in das Gefaͤngniß geworfen; oft auch durch das Zu⸗ vorkommen des Kreis⸗Beamten gefaͤnglich eingezogen und vor Gericht geſtellt. Wie die Landesherren fuͤr die Wohnung, Aecker u. ſ. w. ihrer Leibeigenen ſorgen muͤſſen; ſo ſind auch die Leibeigenen und Untergebe⸗ nen verbunden, an den beſtimmten Tagen fuͤr ihren Herrn Dienſte zu thun. Die Verwaltung des Landes beſorgen: ¹) die oͤffentlichen Komitien, welche die 3 Nationen und die einverleibten Theile Ungarns bil⸗ den, indem ſie zur Berathſchlagung in wichtigen An⸗ gelegenheiten von dem Landesherrn zuſammen berufen werden.. 2) Die koͤnigl. ſiebenbuͤrgiſche Hofkanz⸗ lei zu Wien, welche aus einem Praͤſidenten, verſchie⸗ denen Hofraͤthen, Referenten u. ſ. w. beſteht. 3) Das koͤnigliche Gouvernement, welches 1693 vom Kaiſer Leopold I. angeordnet wurde, ſei⸗ nen Sitz zu Hermannſtadt hat, und aus einem königlichen Gouverneur und 12 Raͤthen beſteht, welche die politiſchen, Privat⸗ und Religions⸗Angelegenheiten zu beſorgen haben. 2) Das Oberprooinzial⸗Kommiſſariat, mit der Verwaltung der Steuern und Militaͤrſachen. 5) Die fortlaufenden Tafeln(Gerichtsbuͤ⸗ cher). 41764 wurden Kollegien aller Diſtrikte angeord⸗ net; ein Praͤſident mit Beiſitzern beſorgt die polizeili⸗ chen und Privat⸗Angelegenheiten nach vorgeſchrie⸗ 269 bener Art; die richterlichen Angelegenheit’n nach dem Geſetze. 4 6) Der Magiſtrat der Stuͤhle und Bezirke der Sachſen, der freien koͤniglichen und der andern Staͤdte hat, wie die fortlaufenden Tafeln, die Verwaltung ſeines Bezirkes zu beſorgen. 1) Die Richter und Geſchwornen der Doͤrfer. Jedes Dorf hat einen eigenen Richter, wel⸗ chem von der Gemeinde erwaͤhlte Geſchworne zur Seite ſtehen. Dieſe beſorgen die Geſchaͤfte von gerin⸗ gerer Bedeutung. Die Juſtiz wird in dieſem Großfuͤrſtenthume durch die erſte und zweite Inſtanz beſorgt. Die be⸗ ruͤhmte koͤnigliche Gerichtstafel in der freien koͤniglichen Stadt Maros⸗Vaſarhely, gegruͤndet im Jahre 1754, iſt das Tribunal der ganzen Provinz, und ſchlich⸗ tet bloß Rechtsſtreitigkeiten; ihre Ausſpruͤche werden mit dem Namen und Siegel des Koͤnigs bezeichnet; an dieſe ſchließt ſich das Produktions⸗Gericht, und die Gerichtsbarkeit des Adels. Die Verwaltung wird von dem koͤniglichen Schatz⸗ kammer⸗Amte beſorgt, welches nach ſeinen verſchiede⸗ nen Verzweigungen verſchiedene Untergerichte hat. Das Kriegsweſen begreift Land⸗(Feld) und Graͤnz⸗Soldaten in ſich; letztere ſcheinen mit den vom K. Alexander. in Rußland angelegten Militaͤr⸗Kolonien einerlei Verfaſſung zu haben. Die Land⸗Soldaten werden in Staͤdten, Doͤrfern der Be⸗ 270 zirke, in den ſaͤchſiſchen, und einigen ſikuliſchen Si⸗ tzen, als Beſatzungen von koͤniglichen Solde gehalten. Die Grenzmilitz wurde aus Sikulern und Wallachen und einigen andern Regimentern und Kompagnien 1764 errichtet. Die Sikuler machen 2 Regimenter Fußgaͤnger und 2 Reiter⸗Haufen aus. Das erſte Re⸗ giment, aus 12 Kompagnien beſtehend, liegt in dem Lande der freien Sikuler, in den Stuͤhlen Gyergyo, Ober⸗ und UnterCſik, und hat in Cſik⸗Sze⸗ reda einen Kommandanten, das zweite Fußgaͤnger⸗ Regiment in den Stuͤhlen Sepſi, Kezdi, Orbai, Miklosvan, und dem Filiale Bardotz, beſteht aus den in Kompagnien vertheilten Einwohnern. Ihr Befehlshaber iſt in Kezdi⸗Vaſarhely. Das Rei⸗ ter⸗Regiment beſteht nicht nur aus Sikulern, ſondern auch aus Ungarn und Wallachen, und hat ſeinen Kom⸗ mandanten in der Stadt Szent⸗Gyoͤrgv in dem ſikuliſchen Stuhle Sepſi. Aus den wallachiſchen Bewohnern wurden 1761 zwei Graͤnz⸗Regimenter gebildet. Das erſte Regiment beginnt im Bezirke Kronſtadt, verbreitet ſich uͤber Fagaras, Herrmannſtadt und Szaſtovaros, und endet in der Grafſchaft Hunyad. Das zweite Regiment ſammelt die Bewohner des Bezirkes Bi⸗ ſtritz, aus Torda, den Doͤrfern Kolis und Do⸗ boka in Kompagnien, und wird von einem Oberſt in Naszod befehligt. An dieſe reihen ſich die ſie⸗ 271 benbuͤrgiſchen Adelichen, welche eine Reiter⸗Schaar bilden. In Schutz genommene Religionen Siebenbuͤrgens ſind: 4) die roͤmiſch⸗katholiſche, 2) die refor⸗ mirte, 3) die lutheriſche, 4) die unitariſche oder antitrinitariſche. Der roͤmiſch⸗katholi⸗ ſchen Religion haͤngen Ungarn in Siebenbuͤrgen, Sikuler und wenige Sachſen an. Der biſchoͤfliche Sitz fuͤr dieſe iſt zu Weiſſenburg; man zaͤhlt 17 Archidiakonate, und 148 Pfarreien in dieſen, und 7 religioſe Orden. Die reformirte Religion verbreitete in der Mitte des XVI. Jahrhunderts in Siebenbuͤrgen ihren Samen unter Ungarn und Sikulern. Die Reformir⸗ ten haben 14 Diozeſen, 2 Kapitel, und in dieſen faſt 500 Pfarrkirchen. Die lutheriſche Religion gewann an den Sachſen und ſehr wenigen Ungarn um das J. 1524 Anhaͤnger; die lutheriſche Gemeinde zaͤhlt 15 Kapitel. Die unitariſche oder ſocinianiſche Reli⸗ gion nahmen im J. 1574 eine bedeutende Anzahl Un⸗ garn und Sikuler an. Die unitariſche Kirche ſteht unter einem Superintendenten zu Klauſenburg, und hat 8 Dioͤzeſen. Die griechiſche und juͤdiſche Religion wird in Siebenbuͤrgen geduldet; erſterer haͤngen Grie⸗ chen und Wallachen an, welche in unirte und Schis⸗ 272 matiker zerfallen. Sie haben einen Biſchof zu Ba⸗ lasfalv. Der Gang der Wiſſenſchaften in Siebenbuͤrgen wurde, nach deſſen Trennung von Ungarn, durch haͤu⸗ fige Kriege oft unterbrochen. Sie gelangten aber in der Folge in Friedenszeiten zur ſchoͤnſten Bluͤte, welche ſich nach Verſchiedenheit der Religionen entfaltete. Die Katholiken haben eine Univerſitaͤt zu Klau⸗ ſenburg, und verſchiedene Gymnaſien und niedero Schulen; die Reformirten mehrere Kollegien(Gymna⸗ ſien); die Lutheriſchen 7 Gymnaſien und einige nie⸗ dere Schulen. Dieſe Konfeſſionen haben ſehr viele gelehrte und ausgezeichnete Maͤnner aufzuweiſen, welche ſich gro⸗ ßen Ruhm bei den Nachkommen erworben haben. Reiſe des Abbé Franz Pizzagalli nach Rußland, in die Türkei, nach Ita⸗ lien und Teutſchland in den Jahren 1789— 92. Aus dem Latein. frei über⸗ ſetzt von Mich. Fiedler*). Die Eroberung Oezacows durch die Ruſſen ent⸗ flammte meinen Geiſt, dieſes den Spartern aͤhn⸗ liche Volk kennen zu lernen.. Ich reiſte deßwegen im Anfange des Mai 1789 von dem Matlaͤndiſchen nach Venedig, ſchiffte *) Iter Abbatis Fr. Pizzigalli ad Russiam„Tur- ciam, Italiam ac Germaniam, in quo, prae- ter descriptiones locorum moresque hominum, Slavorum, Getarum, Pannonum, Hunnorum, Tyrrhenorum origines aperiuntur. Mogun- tiae ap. H. Haeffner 1792. 3. 274 nach Trieſt, ging von da uͤber die Alpen, kam durch Steyermark, Oeſterreich, Maͤhren, in das Lager der Ruſſen, betrat den oͤſterreichiſchen Antheil Polenus, und kam nach Lemberg; dieſe Stadt, die Hauptſtadt des Landes, iſt hinlaͤnglich be⸗ voͤlkert und kultivirt. Das oͤſterreichiſche Polen wird theils von Polen, theils von zahlreichen, Han⸗ del treibenden Juden bewohnt. Gegen Suͤden erhe⸗ ben ſich die karpathiſchen Gebirge, welche es von Oſten gegen Weſten von Ungarn trennen. Da dieſe Provinz nicht von den Suͤdwinden durchſtrichen wird, und gegen Norden liegt; ſo ſind ihre Fruͤchte und Baͤume nicht ſo gut; weil uͤber Lemberg die Berge ſeitwaͤrts gegen Suͤden laufen, ſo hat ſie ſchoͤne Wei⸗ den, Fruͤchte, Baͤume und vierfuͤßige Thiere jeder Art im Ueberfluß. Polen hat keinen Wein, aber kothiges Waſſer und gutes Bier im Ueberfluß. Bukkowinien, welches von Oſt gegen Suͤd ſich mit Polen verbindet, iſt waldig, hat ſehr uͤppige Weiden; die Einwohner ſind groß. Aus dieſer hoch⸗ liegenden Landſchaft ſtroͤmen viele Fluͤſſe nach Polen, in die Moldau und nach Siebenbuͤrgen; die Hauptſtadt Bukkowiniens itt die von vielen Kaufleu⸗ ten bewohnte, auf einer Anhoͤhe gelegene Stadt Zey⸗ nowitz; unterhalb gegen Oſten fließt der Prut, uͤber ihn fuͤhrt eine Bruͤcke; jenſeits deſſelben iſt eine Ebene. Den zu Oeſterreich gehoͤrigen Theil Polens 275 und Bukkowiniens bewohnten nach den Zeugniſſen des Strabo, Livius, Plutarch, Paulus Aemi⸗ lius und Taeitus, die Baſtarner, galliſſche Voͤlker. Von Bukkowinien kam ich in die Moldau. Gegen Suͤden gewaͤhrt die Noldau durch ihre Huͤgel, bebluͤmten Weiden den herrlichſten Anblick; das Klima iſt rein und geſund im untern, aber nicht in dem oberen ſumpfigen. Sie hat im Betreff der Fruchtbar⸗ keit des Landes wenige Doͤrfer; gegen Siebenbuͤr⸗ gen it ſie gebirgig; in den Waͤldern finden ſich hohe Baͤume. Sie bringt Honig, Wein und Fruͤchte je⸗ der Art, wie in Italien, in Menge hervor; nur Schade, daß der Anbau vernachlaͤſſigt wird; den Reichthum des Volkes, welcher in Pferden und Rin⸗ derheerden beſteht, beſitzen zwiſchen byzantiſchen Un⸗ terthauen ſehr reiche, gefäͤlligere und ſo verweichlichte Griechen, daß man mit Bewunderung ließt, wie die Roͤmer das Daziſche Volk gefuͤrchtet haben. Die Hauptſtand des Landes, Jaſſi, hat mit Ausnahme des Palaſtes des Fuͤrſten hoͤlzerne Haͤuſer; ſie liegt niedrig, und iſt rings mit Seen umgeben. Das Klima iſt der Waſſer wegen ungeſund, und im Sommer ſehr heiß. Als die Tuͤrken in die Enge ge⸗ trieben waren, wurde es von den Ruſſen gegen die Donau beſeſſen; ihre Truppen fochten unter dem Fuͤr⸗ ſten Potemkin; das uͤbrige der Moldau jenſeits von Seret, beſaßen die Oeſterreicher. Zu Jaſſi 276 lernte ich den jungen Fuͤrſten Askow, das Haupt der ſiberianiſchen Geſandtſchaft kennen; es war ein in jeder Hinſicht ausgezeichneter Mann. Bei dem Kaſtelle Soracea ſetzte ich uͤber den Nieſter, welcher die Moldau von Polen ſchei⸗ det. Dieſe Provinz iſt wohl bebaut, hat viele Fruͤchte und TChiere, viele und Ackerbau treibende Einwohner, die Koſaken; das Klima iſt gegen Oſt und Suͤd geſund und angenehm; der groͤßere Theil der Provinz gehoͤrt dem Fuͤrſten Alexander Potoski, welcher in koͤ⸗ niglicher Pracht lebt. Von da kam ich nach Koni⸗ cepole, der letzten Stadt Polens an den Kuͤſten des Bog, des ſchwarzen Waſſers Herodots. Hier ſtoßen die Graͤnzen von 3 Voͤlkern zuſam⸗ men; von Suͤd gegen Weſt liegt Beſſarabien mit dem Gebiete von Oezachow; die Wuͤſte der Ge⸗ ten, welche durch den Bog getrennt wird, welcher weſtlich eutſpringt, hier ſich gegen Mittag wendet, und von Nord noch einen Fluß aufnimmt. Ruß⸗ land erſtreckt ſich von Oſt gegen Nord und Suͤd, und wird durch einen getrennt, gegen Weſt liegt Po⸗ len. Die breiten und ebenen rings herum liegenden Laͤnder haben ſehr fruchtbare Weiden; aber keine Waͤl⸗ der und Gebirge; der Boden iſt fett und ſchwach, und bringt keine feſten Gegenſtaͤnde hervor. Herodot ſchreibt, daß die Kraͤuter dieſer Gegenden ſehr viele Salztheile enthalten; daher komme der Muth der tar⸗ tariſchen Pferde. Konicepole gegenuͤber nach Weſt 277 ů4 lag das ſiegreiche ruſſiſche Heer unter dem großen Po⸗ temkin; der andere Theil des Heeres hatte auf dem entgegen geſetzten Ufer Beſſarabiens Lager ge⸗ ſchlagen. Unter andern ſah ich Kalmuͤcken, welche die Einfalt der alten Geten noch hatten; ſie ſind ſchnelle Laͤufer. Die Koſaken ſind ſtark vom Koͤr⸗ per, ungebildet, hinterliſtig und beuteluſtig. Im Anfange Auguſts 4789 kam ich nach wieder⸗ holter Durchwanderung von Wolhynien und der Moldau nach Seret, und betrat die lange Strecke der Berg⸗Engen Oitos. Dieß iſt der Name eines Thales und eines mittelmaͤßigen Fluſſes; dieſem ge⸗ genuͤber folgte ich durch Thaͤler und Engpaͤſſe dem Laufe eines Stromes, uͤber welchen man mehr als zwanzig Mal ſetzen muß, indem ein ſchlechter Weg bald an dieſes, bald an das andere ufer fuͤhrt. Nahe der Mitte der Berge iſt die Graͤnze der Moldau und Siebenbuͤrgens, in jenen Thaͤlern wohnen die Seythen, Ueberbleibſel der Dazier oder der alten Geten; ihre Sprache iſt verdorbenes Latein; dieſt ſcheinen ſie von den roͤmiſchen Legionen, welche ſich in Dazien niedergelaſſen hatten, oder von dem ita⸗ liſchen Koloniſten, welche Trajan und Aurel dahin ſchickten, erhalten zu haben. Sie ſprechen die lateiniſche Sprache beſſer, als die Moldauer und Wallachen. Ueber Oitos kommt man auf ſehr engen Wegen und Kruͤmmungen mit dichten Waͤl⸗ dern und ſteilen Felſen, wenn man zur Linken einen 278 3 4 Fluß verlaͤßt, zu einem Berge, auf deſſen Gipfel die Grafſchaft Kronſtadt erblickt wird. Hat man den Berg erſtiegen, ſo ſtoͤßt man auf zahlreiche Doͤrfer, bebaute Felder und aus Ziegelſteinen erbaute Haͤuſer. Das Gebiet von Kronſtadt wird rings mit ſehr ho⸗ hen Gebirgen umgeben, welche es von der Walla⸗ chei ſcheiden. Die feſte Stadt Kronſtudt am Fuße eines Ber⸗ ges, liegt in einer ſchoͤnen Gegend; nach Ueberſtei⸗ gung von Bergen und nach Durchreiſung von Waͤl⸗ dern kam ich in das Innere Siebenbuͤrgens, und nach Hermannſtadt, der Hauptſtadt dieſer Provinz. Siebenbuͤrgen iſt voll von Bergen und Waͤl⸗ dern, liegt etwas gegen Nord, und hat Ueberfluß an Waſſer, Weiden und Fruͤchten; das Klima iſt feucht und kalt; an vielen Orten gibt es Seen; Gebirg⸗ Stroͤme uͤberſchwemmen zuweilen die Saaten, und bedecken die Felder. Oft hindert die Kaͤlte und große Naͤſſe das Wachsthum des Getreides. Dieſes metal⸗ reiche Land bewohnen Scythen, Ungarn, und Handel treibende Sachſen; die Wallachen ſind ſehr zahlreich, und treiben Ackerbau; ſie ſind einfaͤl⸗ tig und gaſtfreundlich. Ihre Frauen tragen im Som⸗ mer nur ein feines muſſelinenes Kleid, 2 buntfarbige leinene Tuͤcher, welche an den Seiten getrennt ſind, haͤngen von der Mitte des Koͤrpers herab. Sie ſind ohne Hinterliſt, von heiterem Antlitze; ihre Ehen ſind theils nach Art der Seythen, theils nach Art der 279 Amazonen und indiſchen Taxillen. Die Wallachin beſteigt das Pferd, lenkt den Wagen, und freut ſich, maͤnnlichen Muth zu zeigen. Dieſe Voͤlker ſcheinen um ſo gluͤcklicher zu ſeyn, da ſie ſehr einfach leben, keinen Handel treiben, und die Kuͤnſte des Luxus nicht kennen; ſie ſind daher ohne Liſt, Neid und Verweichlichung. Von Siebenbuͤrgen kam ich auf einer Bruͤcke uͤber den Temiskus nach Nieder⸗Ungarn, und ging nach Ofen. Nieder⸗Ungarn liegt gegen Suͤd, hat ſehr geraͤumige Ebenen und große Fruchtbarkeit an Weiden und Getreide, aber Mangel an Einwoh⸗ nern wegen der Ausduͤnſtung der Seen. Waͤhrend des Tages herrſcht die groͤßte Hitze, bei der Nacht die groͤßte Kaͤlte wegen der Bannatiſchen Gebirge. Ich kam nach Peſt, ſetzte uͤber die holzerne Do⸗ nau⸗Bruͤcke, erreichte Ofen, und im Verlaufe mei⸗ ner Reiſe die Graͤnzen Ungarns. Die Ungarn ſind ſchlau, hitzig, wild und un⸗ duldſam, zum Kriege geboren, vorzuͤglich gegen die Tuͤrken, denen ſie ein Schrecken ſind, weil ſie die⸗ ſelben weit an Kriegskunſt und bei Angriffen durch Kuͤhnheit uͤbertreffen. Ihre Pferde ſind ſehr muthig und ſchnell, obgleich ſehr klein; wie hoch die Roͤmer ihre Reiterei und die Tapferkeit der panoniſchen Reiter geſchaͤtzt haben, zeigt ihre Geſchichte. Vor Alters bewohnten die Geten die Landſchaft, welche innerhalb der Karpathen und zwiſchen der 36ſtes B. Siebenbürgen ꝛc. I. 3. 5 280 Donau liegt, und gegen Oſt vom ſchwarzen MNeere, und im Weſten von Teutſchland begraͤnzt wird. Belege liefern die alten Hiſtoriker Strabo, Juſtin, Herodot ec. Von Ungarn kam ich nach Ueberſteigung der Gebirge Steyermarks und der Krain nach Trieſt, beſtieg ein Schiff, und ſegelte langſam, we⸗ gen der widrigen Winde und wegen der ruhigen See an den illyriſchen Kuͤſten umher; die Illyrier ſind ein wildes Volk, wilder als die Inſel⸗Bewohner. Sie bewohnen ein enges, mit hohen und rauhen Ber⸗ gen umgebenes Land am adriatiſchen Meere; ſie ſind zu den Wiſſenſchaften nicht geſchickt, und bringen ihr Leben unter den Waffen zu. Die venetianiſchen Praͤ⸗ fekten behandeln ſie mehr mit Milde, als mit Strenge. Einige ſumpfige Gegenden in Dalmatien ausge⸗ nommen, iſt das Klima rein, und kalt wegen der Winde, welche von hohen, mit Schnee bedeckren Ber⸗ gen blaſen; es wird gemaͤßigt durch die Seewinde. Der Boden bringt Trauben, DOliven und die edelſten Fruͤchte aller Art hervor. Ich fuhr bei Raguſa an der Kuͤſte der Ple⸗ raͤer vorbei; dieſe Stadt, neben einem Bergruͤcken am Meere gebaut, iſt wohl befeſtigt, eroͤffnet den Ein⸗ gang nach Bosnien, und hat eine guͤnſtige, zum Handel bequeme Lage am adriatiſchen Meere; ihre Einwohner ſind beſtaͤndig mit den nahe wohnenden Raitzen oder Boecheſen uneinig. Dieſe werfen 281 den Raguſern Geitz, Streitluſt, Geſchwaͤtzigkeit und Laͤcherlichkeit des Geſichtes bei Veraͤnderung und Aus⸗ ſprache der Toͤne vor; die Raguſaner dagegen beſchul⸗ digen jene einer barbariſchen Wildheit, und koͤnnen ſich deßwegen mit ihnen nicht vereinigen. Von dem Buſen der Rheitzen, Bocche di Cat⸗ taro, ſah ich Caſtel nuovo, eine befeſtigte Stadt nicht weit von Raguſa auf einer Anhoͤhe. Auf ei⸗ nem hoͤheren Berge nicht weit von der Stadt liegt ein ſehr befeſtigtes Schloß, uͤber welches die hoͤheren Berge empor ragen. Das Vorwaͤrtsſchreiten des Cattaro in dem aͤußerſten Winkel ſeines mit ſehr vielen Kruͤmmungen verſehenen Buſens, unter einem beſchwerlichen, feuchten und unfreundlichen Klima nannten die Alten Ascrivium; an dieſes ſtoßen die Berge der Montenegriner, welche jenen um⸗ graͤnzen. Die Montenegriner, beruͤhmt durch ihre ungeheneren, den Tuͤrken beigebrachten Niederla⸗ gen, ſchienen mir nicht ſo ſtark, wie ſie das Geruͤcht macht; ſie wohnen auf ſehr hohen, mit beſtaͤndigem Schnee bedeckten Bergen. Die Luft iſt ſehr rein; die ſchwer zu beſteigenden und ſteilen Berge dienen ihnen zum Schutze. Die Einwohner fuͤhren beſtaͤndig die Waffen, beunruhigen die tuͤrkiſchen Kaufleute und die Reiſenden; ohne Kriegskunſt zeigen ſie die groͤßte Ta⸗ pferkeit; in ihren Gebirgen ſind ſie unbeſiegbar, in die Ebene gefuͤhrt, ergreifen ſie leicht die Flucht; die waffenfaͤhige Mannſchaft betraͤgt nicht uͤber 12,000 Mann. 282 Sie halten, wie alle barbariſchen Voͤlker, ſelten ihr Wort, und geitzen ſehr, wie die Illyrier, nach Gold. Montenegro hieß der Berg Scodrus, und das Volk der Montenegriner fuͤhrte zugleich mit dem See und den Sceuttarinern unterhalb der Berge von Suͤden, den Namen der Labeaten nach Livius. Von der Kuͤſte der Raitzen kam ich, nach⸗ dem ich beinahe den ganzen Winter an der illyri⸗ ſchen Kuͤſte zugebracht hatte, nach Smyrna. Dieſes war dreimal an verſchiedenen Orten gebaut; es er⸗ hielt ſeinen Namen von der Amazone Smyrnaz der Fluß Meletes mit ſehr ſuͤßem Waſſer, an welchem Alt⸗Smyrna lag, iſ nicht weit gegen Oſten von Neu⸗Smyrna entfernt; dieſes liegt an dem inner⸗ ſten Buſen und wird gegen Oſten von Chriſten, und gegen Weſten, wo die Stadt an einer Anhoͤhe ſich hinzieht, von Tuͤrken bewohnt; auf den ziemlich hohen Bergruͤcken liegt ein altes, zerſtoͤrtes und ein⸗ gefallenes Schloß; das Klima Joniens iſt ſehr milde. Smyrna iſt durch ſeinen Handel und durch die Annehmlichkeit ſeines Bodens beruͤhmt. Das durch ſeinen Dianen⸗Tempel beruͤhmte Sphe⸗ ſus liegt weit unterhalb Smyrna. Bevor wir von der Lage des Tempels ſprechen, wollen wir zuerſt noch einiges ſagen von dem Anfange und der Lage der Stadt, um die Lage jenes deſto leichter kennen zu lernen. Nach Juſtin wurde die Stadt von den 283 Amazonen gebaut; nach Strabo ſollen dieſes Land, welches in der Folge den Namen Jonien erhielt, die Carer und Leleger bewohnt haben; mit ihm ſtimmt auch Herodot uͤberein. In der Folge fuͤhrte Androklus, des atheniſchen Koͤniges Kodrus Sohn, eine Kolonie Jonier nach Aſien, und er⸗ baute Epheſus. ESpheſus war an drei verſchiedenen Orten er⸗ baut; zuerſt von Androklus bei Athenaͤus und Hippeleus. Nach der Eroberung der Plaͤtze gegen Cores, welche an den Bergen liegen, wohnten(nach Herodot und Strabo) die Epheſier bis zur Zeit des Croͤſus. In der Folge verließen die Ephe⸗ ſier die Berge, ſchlugen ihre Wohnungen um den Tempel auf, und blieben da bis zu Zeit Alexan⸗ ders. Als aber Lyſſimach, welcher die jetzige Stadt gegruͤndet und befeſtigt hatte, ſah, daß die Einwohner ungern ihre alten Sitze verließen; ſo ließ er bei Gelegenheit eines ſehr ſtarken Regens, die Ka⸗ naͤle verſchließen, und die Stadt uͤberſchwemmen, wie Strabo berichtet. Das zuletzt bewohnte Epheſus lag gegen Suͤd, hatte ein Werft und einen Hafen, und uͤbertraf nach Milet alle joniſchen Staͤdte und griechiſchen Kolonien in Aſien an Macht und Reichthum. Ueber die Lage des Tempels der Diana ſind die Hiſtoriker verſchiedener Meinungen. Der erſte Bau⸗ meiſter des Tempels ſoll, nach Strabo, Cherſi⸗ 284 phon geweſen ſeyn, und in der Folge den Umfa Xg deſſelben erweitert haben; nach dem beruͤchtigten Brande des Dempels durch Heroſtrat erbauten ihn die Epheſier noch groͤßer, jadem ſelbſt die Weiber hierzu alle ihr Geſchmeide gaben. Dieſes ereignete ſich zur Zeit Alexanders des Großen, welcher die Koſten des Tempel⸗Baues zu zahlen verſprach, wenn auf denſelben ſein Name, als Erbauer des Tem⸗ pels, geſchrieben wuͤrde. Dieß zu thun, weigerten ſich die Epheſier. Von dem joniſchen Meere durchſchiffte ich den Propontis und den Helleſpont; zur Rechten und Linken ſieht man die Truͤmmer vieler alten Staͤdte; meiſtens auf hohen Bergen, weil ſich die Einwohner auf den Hoͤhen ſicherer gegen die Einfaͤlle der Feinde hielten, und weil auf denſelben das Waſ⸗ ſer nicht durch Hitze und Unrath verdorben wurde. Von da ſchiffte ich nach Byzanz; dieſe ſehr große Stadt liegt an der Meerenge des thraziſchen Posphorus, an einem guͤnſtigen Orte zur Behaup⸗ rung der Weltherrſchaft, rings von maͤßigen Huͤgeln umgeben. Gegen Norden bildet der von Oſt bis Weſt ausgedehnte Meerbuſen einen Hafen, welcher eine ungeheuere Flotte zu faſſen vermag, gegen Oſt hat ſie den Propontis und Aſien. Gallata liegt an der Kuͤſte des Buſens, uͤber derſelben auf einem Huͤgel die Stadt Pera, der Wohnort der europaͤi⸗ ſchen Geſandten. Der Boden um Byzanz iſt gut, 285 das Klima feucht und ungeſund wegen der Ausduͤn⸗ ſtungen des Pontos, deſſen Waſſer nicht ſalzig, ſon⸗ dern ſüß und kothig iſt, da ſich außer dem Dnieper (Boriſtenes) kothige Fluͤſſe in denſelben ergießen, wie Strabo bemerkt. Arrian behauptet: die Winde aus den weſtli⸗ chen Bergen Thraziens ſind reiner; jene vom aͤgaͤiſchen Meere tragen viel zur Verbeſſerung des Klimas bei, und ſind gelinder, als die ſehr ſtuͤrmi⸗ ſchen von Norden und dem maͤotiſchen See. Die hoͤlzernen Haͤuſer der Stadt werden oft durch Feuer zerſtoͤrt; haͤufig wuͤthet die Peſt. Zu Pera befinden ſich Einwohner aus allen Na⸗ tionen Europas und Aſieus, vorzuͤglich Grie⸗ chen und Armenier, und ſogenannte Franken. Der Armen ier geht langſamen Schrittes, ſein Koͤrper iſt dick; er beſchaͤftigt ſich vorzuͤglich mit Han⸗ del; der Grieche zeigt edlen Sinn, Gaſtfreundſchaft, Sanftheit und Gefaͤllgkeit, wie die Franzoſen. Er iſt aber auch leichtſinnig, ſtolz; ſeinen Scharfſinn uͤbt er durch Nacheiferung. Die jenſeits des Meerbuſens in Fanali woh⸗ nenden Griechen ſind durch Reichthum, Macht und Bildung vor den aͤbrigen ausgezeichnet. Die griechi⸗ ſchen Frauen beſitzen eine ausgezeichnete Geſtalt, und ſind edlen Sinnes; ihr Antlitz ſtrahlt von Heiterkeit, ihre Augen glaͤnzen, die Finger ſind fein, ihre Fuͤße und ihr uͤbriger Koͤrder iſt ſehr ſchoͤn geſtaltet. Ein 286 ſchoͤner Schmuck mit buntfarbigen feinen Zeugen um⸗ wunden, mit empor ragenden Federn ziert das Haupt; ein herab wallendes Kleid umfließt den Koͤr⸗ per. Ihr Gang iſt ſanft, ihre Koͤrper⸗Bewegungen ſind ſehr reitzend; ihre Art zu ſprechen, entzuͤckend, ſie ſind viel empfaͤnglicher fuͤr ſinnliche Reitze als die andern Frauen; hier findet man die Helenen und Hippodamien. Die uͤbrigen Frauen, verglichen mit den griechiſchen, ſcheinen aus roherem Stoffe und von roherer Form zu ſeyn. Der gemeine Tuͤrke treibt keinen Handel, iſt ohne Hinterliſt, freiſtnnig, und fuͤhrt ein hartes Le⸗ ben(dieß jedoch nur von den europaͤiſchen Tuͤrken, der aſiatiſche iſt weichlich und ſehr furchtſam), er iſt auf Gefahren gefaßt. Seine Vorgeſetzten aber ſind ſchwelgeriſch, meiſtentheils unwiſſend und geldgierig; die Tuͤrken haben keine Kriegszucht, keine Ordnung in der Staats⸗Verfaſſung; ſie kennen das ihrige nicht, noch viel weniger fremde Dinge; ſie handeln mehr tollkuͤhn, als mit Ueberlegung; nur die Religion ver⸗ bindet ſie; in Gefahr vertheidigen ſie ſaͤmmtlich das Vaterland auf eigene Koſten. Die wenigen Janit⸗ ſcharen und Spai's uͤbertreffen, hinſichtlich der un⸗ erſaͤttlichen Beute⸗Luſt und der Tollkuͤhnheit, den Feind, wenn ſie es aber mit einem ruͤſtigen und Wi⸗ derſtand leiſtenden Feinde zu thun haben, wie mit den Ruſſen, wagen ſie ſelten eine Schlacht, und halten 30 Tage. 287 kaum den erſten Angriff aus; bei Mangel an Zufuhr verlaſſen ſie haͤufig das Lager. Von Byzanz kam ich den letzten April 1194 wie⸗ der nach Smyrnaz hier ſchiffte ich wegen Mangels italiſcher Schiffe nach Marſeille; waͤhrend meiner Ueberfahrt dachte ich uͤber die Verſchiedenheit des Geiſtes und der Sitten der Orientalen und jener Voͤl⸗ ker nach, zu welchen ich zuruͤck kehren wollte. Denu obgleich die Ruſſen, Polen und Seythen alle Orientalen, welche noch etwas von der ſeythiſchen Lebens⸗Art beibehalten haben, gaſtfreundlicher ſind, naturgemaͤßer leben, nicht ſo den Betrug kennen; ſo findet man doch in unſern Laͤndern dieſelben und ſo viele Vorzuͤge, daß nichts der menſchlichen Gluͤckſelig⸗ keit zu fehlen ſcheint. Unſere ſteinernen Gebaͤude ſind bequem und prachtvoll eingerichtet, die Staͤdte ſehr groß und geraͤumig, die Straßen uͤberall gemacht; die Gefilde werden von Fluͤſſen bewaͤſſert, das Land wird mit Muͤhe und durch die Kunſt bebaut. Die Kleider der Frauen und Maͤnner, auf welche der groͤßere Theil der Menſchen ſeine Sorgfalt richtet, ſind ſchoͤner, ausgeſuchter, zur Bequemlichkeit und zum Vergnuͤgen eingerichtet, alles, was der Menſch nur erdenken kann, iſt ſehr ſchoͤn gemacht; alles mit dem Lichte der Philoſophie erleuchtet; alles iſt groß und gefeiert. Waͤhrend ich uͤber dieſe Gegenſtaͤnde nachdachte, ver⸗ gingen bis zu meiner Ankunft in Marſeille 288 Marſeille hat eine niedrige Lage; die nebelige und ungeſunde Luft reinigen die Weſt Winde; gegen Norden hat ſie einen Hafen, welcher von Weſt gegen Oſt ſich bis in die Mitte der Stadt erſtreckt. Bei ſei⸗ nem Eintritte gegen Suͤden erhebt ſich ein hoher Berg mit einem Kaſtelle, welches in den franzoͤſiſchen Un⸗ ruhen von dem Volke zerſtoͤrt wurde. Unter dem Berge bei dem Eingange des Hafens ſind andere Fe⸗ ſtungswerke; auf der entgegengeſetzten Seite beſindet ſich ein zweites Kaſtell, und außerbalb des Hafens noch 2 Schloͤſſer auf Felſen. Dieſe Stadt, die Han⸗ dels⸗Niederlage der mittellaͤndiſchen, abend⸗ laͤndiſchen und indiſchen Waaren, iſt ſehr volk⸗ reich; der Anblick der Stadt iſt wie jener der Achaja unter Philopomene; fuͤr dem Wanderer iſt das haͤufige Geraͤuſche ſehr unbequem. Von Marſeille kam ich nach Livorno; die Stadt hat einen guten Hafen, und ſehr ſtarke Feſtungs⸗ werke; von Livorno nach Piſa; durch die Mitte dieſer großen, alten und wegen ihrer Liebe fuͤr die Wiſſenſchaften ausgezeichneten Stadt, fließt der Arno⸗ die Ufer ſind mit großen Werken verſehen. Die Pi⸗ ſaner ſind ſehr ſchlank und edel unter den Stru⸗ riern. Hierauf erreichte ich Florenz, die Haupt⸗ ſtadt Etruriens; ſie iſt volkreich und durch pracht⸗ volle Gebaͤude ausgezeichnet; das Muſeum mit ſeinen Statuen und Gemaͤlden, und die Akademie ſind ber ruͤhmt. 289 Der Theil Etruriens gegen das Meer erzeugt Oliven, Getreid und Wein, der innere Theil gegen die Apenninen iſt rauher; das Klima iſt rein, mit Ausnahme einiger ſumpfigen Gegenden am Meere. Die Florentiner ſcheinen, wenn ſie reden, vorzuͤglich wenn ſie im Streite gerathen, zu ſingen. Strurien war der Sitz der Tyrrhener. Die neuen und alten Schriftſteller Etruriens ſagen, daß die Tyrrhener aus Lydien, dem al⸗ ten Maͤonien, abgereiſt ſeyen, und hier das Ziel ihrer Wanderungen geſetzt haben. Durchwandert man das Gebiet der Geſchichte, ſo ſindet man, daß jene von den Aegytiern abſtammen. Ueber die Berge Etruriens kam ich nach Bo⸗ logna an dem Fuße der Apenninen; die Stadt liegt auf einer Ebene; von Oſt gegen Nord und Weſt eroͤffnet ſich eine fruchtbare, mit Baͤumen und Wein⸗ bergen geſchmuͤckte und bewaͤſſerte Ebene. Die Koͤrper der Bologner ſind ſchlaff, fett, und haben Ueber⸗ fluß an Feuchtigkeit; ihr Geiſt iſt offen, ihre Mutter⸗ ſprache ſchlecht. Die geraumige Stadt iſt befeſtigt, mit herrlichen Saͤnlen⸗Gaͤngen geziert, die Straßen ſind mit Ziegelſteinen gedeckt, die Kirchen zeichnen ſich durch Groͤße aus; Kloͤſter gibt es in Menge. Die Univerſitaͤt wird von Juͤnglingen aus allen Nationen deſnstt wegen der Beruͤhmtheit ihrer vortrefflichen ehrer. 1 Von Bologna kam ich nach Ferrara, dem 290 Geburts⸗Orte des beruͤhmten vaterlaͤndiſchen Geſchicht⸗ ſchreibers Dr. Sebaſtian Frixi; auf der Univer⸗ ſitaͤt befinden ſich mehrere gelehrte Mathematiker. Die große Stadt Ferrara, eine der fefſten Staͤdte Italiens, iſt durch ihre großen Gebaͤude, durch ihr Alter, durch die Groͤße und Ordnung der Straßen ausgezeichnet; rings umgibt ſie eine große und ſehr fruchtbare Ebene. Das Gebiet von Fer⸗ vara uͤbertrifft jenes von Bologna an Fruchtbarkeit; rings herum ſind Seen, welche durch den Austritt des Po und durch fruͤhzeitige Kaͤlte viel von ihrer Schaͤdlichkeit verlieren; die Koͤrper der Einwohner ſind groß und ſtark. Das Klima iſt kaͤlter, als zu⸗ Bologna, obgleich dieſes nur 30,000 Schritte ent⸗ fernt liegt. Die Weinleſe faͤllt viel ſpaͤter wegen der von den Apenninen und Alpen kommenden Winde. Bologna liegt an dem Fuße der Apenninen; hier ſind die Ausduͤnſtungen waͤrmer. Daß die Apenni⸗ nen an ihrem Fuße und innwendig ſchweflige Stoffe enthalten, zeigen die aus den Thaͤlern Etruriens bervor brechenden Feuer, nicht weit von der Graͤnze Bolognas; ferner ſieht man in vielen Thaͤlern ſchwarze Daͤmpfe hervor brechen. Die Apenninen verbreiten ſich in das Koͤnigreich Neapel, und die durch die Ebbe und Fluth des benachbarten Meeres fette Erde wird durch die afrikaniſchen Winde erhitt, und ernaͤhrt in ihren Eingeweiden viel Feuer; daher 291 die Ausbruͤche des Veſuv, deren Ende man nicht vor⸗ aus ſehen kann. Von Ferrara kamen wir an die Muͤndungen des Po; dieſer durch viele Fluͤſſe vergroͤßert, ſließt von Weſt gegen Oſt durch die Ebene zwiſchen den Apen⸗ ninen und den Alpen; dieſe ſehr ſchoͤne Ebene Ita⸗ liens hat Ueberfluß an Fruͤchten, Baͤumen und Thie⸗ ren; das Klima iſt geſund, die von den Alpen wehen⸗ den Winde ſehr rein; die Bewohner ſind ſtark und ſchlank, der Geiſt heiter, ernſt, und zum Nachdenken geſchickt. Unter den Fluͤſſen, welche ſich in den Po ergio⸗ ßen, iſt der Abdua, an deſſen Ufern, wo ſich der Brembo mit dem Abdua vereinigt, an der Weſt⸗ Kuͤſte auf einer Anhoͤhe die Stadt Vaprii, meine Vaterſtadt ſich erhebt, merkwuͤrdig. Dieſe, eine Ko⸗ lonie der Pelasger, fuͤhrte den Namen Orobia, welchen noch mehrere Familien, z. B. die Robiaten, Robier ꝛc. behielten. Nach Strabo gibt es noch zwei Orobien, eines liegt in Suboͤa, das andere in Bootien, gleichfalls Kolonien der Pelasger. In der Folge ſoll ſie den Namen Vavrus von den Ve⸗ ragrern erhalten haben; Vavnien findet man bei Ptolemaͤus; nachher hieß ſie Pons Aureolus von Aureolus; zuletzt wieder Vavri, welches in Vapri uͤberging. Sie gehoͤrt zu Oeſterreich, und iſt gegen Suͤden 418,000 Schritte von Mailand entfernt. 292 Ueber den Po kam ich nach Padua, einer gro⸗ ßen, bevoͤlkerten, durch ihre Univerſitaͤt und die Kirche des h. Anton beruͤhmten Stadt. Von da erreichte ich das auf Suͤmpfen gebaute Venedig, welches vom Meere umfloſſen, uͤberall ſchiffbare Kanaͤle hat; die von den Alpen wehenden Winde vermindern die Ausduͤnſtung der Seen. Viel traͤgt auch zur Geſund: heit die Ebbe und Fluth bei. Die Einwohner ſind ſchlank und zart, und werden leicht bleich. Die Stadt iſt geraͤumig, ſehr bevoͤlkert und mit Kuͤnſtlern ange⸗ fuͤllt; ſie hat einen großen Markt, welchen praͤchtige Gebaͤude aus Marmor zieren(ein Denkmal ihrer vo⸗ rigen Macht), ein großes Arſenal und ein Werft, in welchem alle Werke vorzuͤglich geordnet ſind. Die Venetianer zeichnen ſich durch Beredſamkeit aus; man findet auch viele ſehr gelehrte Maͤnner; das Volk erfreut ſich der Gaukler, Taͤnzer und Saͤnger. Von Venedig ſchiffte ich wieder zur volkreichen und durch ihren Handel beruͤhmten Stadt Trieſt. Sie hat nebſt neuen und großen Gebaͤuden eine zum Handel mit Oſt, Suͤd und Nord guͤnſtige Lage am adriatiſchen Meere; ihre Einwohner machen Vene⸗ tianer, Iſtrier, Griechen und Teutſche aus; ſie iſt die Vaterſtadt des beruͤhmten Geſchichtſchreibers Bo⸗ nomi. Ueber die oberen Alpen kam ich in das Anfangs rauhe Krain, in der Folge ſchmuͤcken es viele frucht⸗ 1 293 bare Thaͤler. Die zuvor armen Krainer erwarben ſich durch ihren Uebergang uͤber die Alpen und durch die gluͤckliche Lage von Drieſt einige Schaͤtze. Ge⸗ gen Suͤden beginnt Teutſchland, wendet ſich ge⸗ gen Norden, und ſchaut auf dieſem Theile der Alpen etwas gegen Oſten. Von Krain kam ich nach Steyermark; es hat ein feuchtes Klima, fruchtbare Thaͤler, viele Waͤl⸗ der und zahlreiche Doͤrfer. Ich erreichte das beruͤhmte und geraͤumige Graͤtz; hinter dieſer Stadt wird das Land hoͤher und gebirgig; in dieſem Theile, wo die Alpen hoͤher ſind, gibt es reiche Eiſengruben; die Einwohner ſind Friede liebend. Dann betrat ich Oeſtreich; Naͤnner und Frauen zeichnen ſich durch Vorzuͤge des Geiſtes und der Ge⸗ ſtalt aus. Das Land hat viele Staͤdte, Ueberfluß an Getreide jeder Art; der Boden iſt leicht zu bebauen, obwohl es um die Donau viele ſandige und windige Gegenden gibt. Ich kam nach Wien, den durch ſeine Pracht und Groͤße ausgezeichneten Herrſcher⸗Sitz, und blieb daſelbſt 3 Monate. Im Februar 1792 kam ich durch Maͤhren, uͤber ſchwerer zu bebauende und ziemlich fruchtbare Berge, uͤber Jglau nach Boͤhmen, und betrat Prag, das alte Marabodum. Durch Prag fießt die ſchiffbare Moldau, und ergießt ſich gegen Norden in die Elbe; nach Dio 294 Nicaͤus iſt ſie das alte Erigi um; uͤber jene fuͤhtt eine ſehr große ſteinerne Bruͤcke; die Stadt wird in Alt⸗ und Neu⸗Prag getheilt; das neue liegt an der Oſtſeite des Fluſſes, wo ſich eine Ebene ausbrei⸗ tet, welche durch eine Huͤgel⸗Kette eingeſchloſſen wird; gegen Suͤden erheben ſich zwei nahe liegende Huͤgel, welche K. Friedrich I. bei der Belagerung der Stadt leicht in ſeine Gewalt bekommen hatte; jener gegen Weſten liegende, jenſeits der Bruͤcke und des Fluſſes, Alt⸗ und Neu⸗Prag gegenuͤber, iſt ſehr feſt. Auf einem andern etwas ſteileren Huͤgel erhelt ſich Klein⸗Prag mit der Reſidenz des Koͤnigs, dem Rathhauſe und den Prachtgebaͤuden der Adelichen, mit einer ausgezeichneten und reichen Kirche; etwas we⸗ ter oben theilt das Thal die folgenden Huͤgel, unten⸗ halb welcher die Moldau vorbei fließt. Dieſe große Stadt war ehemals die Hauptſtadt ei⸗ nes ſehr bluͤhenden Reiches, als noch die Provinzen Schleſien und die Lauſitz mit demſelben verei⸗ nigt waren, und noch Boͤhmen von Marbod durch die Freundſchaft des Kaiſers Oktavian hinzu⸗ gefuͤgt worden war. Nachdem jener ſeinen Sitz zu Budweis genommen, und mehrere benachbarte Vol⸗ ker unterjocht hatte, gruͤndete er Prag, und naunte es nach ſeinem Namen Marobodum, wie Strabt behauptet. Die ſehr beruͤhmte Stadt zeichnet ſich durch ihre wiſſenſchaftlüche Bildung vorzuͤglich aus. 3 295 Von Prag kam ich in das feſte, auf einem Huͤ⸗ gel an der Graͤnze Boͤhmens gelegene Eger; das Kli⸗ ma der Stadt iſt ſehr rein; die Sitten der Einwohner ſind gefaͤllig; die Weiber tragen einen Maͤnner⸗Mantel, ſind ſehr hurtig, haben ein wildes Geſicht, einen fe⸗ ſten Gang, durchdringende Augen, ſtarke Gemuͤther, und ſtreben gieriger und offener nach den Maͤnnern, als dieſe nach ihnen. Von Eger betrat ich die Mark⸗ grafſchaft Baireuth. Ddie Landſchaft Boͤhmen hat eine hohe Lage; in ihr entſpringen viele Fluͤſſe, das Land iſt feſt, das Klima rein, der Himmel oft ſehr heiter; die leb⸗ haften Bewohner zeichnen ſich durch Geiſtesſtaͤrke und Scharfſinn vor den Teutſchen aus; ſie ſind ſehr un⸗ gebildet, und bebauen das Feld; ihre ſtarken und mu⸗ thigen Pferde ernaͤhren ſie aus Mangel des Futters mit Heu. Die Markgrafſchaft Baireuth hat rauhe Berge; uͤber ganz Weſt⸗Boͤhmen und uͤber die Markgrafſchaft Baireuth ſcheint ſich der Hereyniſche Wald verbreitet zu haben. Von der ſchoͤnen Stadt Bai⸗ reuth kam ich in die große Stadt Bamberg; ihr Gebiet iſt fruchtbar; in ihr befinden ſich viele gelehrte Maͤnner; durch lieblichere Gegenden kam ich dem Rheine naͤher, und in die ſchoͤne, befeſtigte und durch wiſſen⸗ ſchaftliche Bildung ausgezeichnete Stadt Wuͤrzburg. Sie beherrſchte der durch ſeine Verdienſte unſterbliche Fuͤrſt⸗Biſchof Franz Ludwig von Erthal. 38ſtes B. Siebenbürgen 2c. I. 3. 4 8 296 Von Wuͤrzburg kam ich in die Handels⸗Stadt Frankfurt, von da nach Main;z, und endlich nach England. Die Deutſchen ſind treu und lieben ihre Fuͤrſten, leben mit ihren Weibern und Kindern in der groͤßten Ruhe, treiben Ackerbau, Handel, verlegen ſich auf die Wiſſenſchaften, und genießen die Guͤter des Frie⸗ dens im reichlichen Maße. 1 4 William Hunter's Esg. Reiſen durch Frankreich, die Türkei und Ungarn bis Wien in dem Jahre 1792*x). In gedraͤngter Kürze mitgetheilt von Michael Fiedler. — 1) Mit guͤnſtigem Winde ſegelten wir 1792 von Dover ab, und kamen nach einer gefaͤhrlichen Fahrt zu Boulogne an. Dieſe anſehnliche, mehr vortheil⸗ haft, als ſchoͤn gebaute Stadt mit ungefaͤhr 30,000 Einwohner verließen wir den 18. Februar und reiſten bei der Daͤmmerung durch Montreuil. Am 16. *) Aus dem Engl. uͤberſ. von J. G. Gruber. Der Verfaſſer dieſer Reiſe ſtammt aus der Fa⸗ milie der beruͤhmten engliſchen Aerzte und Na⸗ turforſcher gleiches Namens, welche 1788— 93 geſtorben ſind. ſchliefen wir in Abbeville, der anſehnlichſten Stadt nach Amiens in der(ehem.) Picardie. Sie iſt gut befeſtigt, und fuͤhrt einen betraͤchtlichen Handel, haupt⸗ ſaͤchlich mit feinem Tuche. Am 17. ſpeiſten wir zu Amiens, einer an ſehnli⸗ chen, ſchoͤnen und ſtark befeſtigten Stadt an den Ufern der Somme. Beſonders fiel uns die Menge von Bettlern auf, welche dringend um unſere Huͤlfe flehten. Ihre Anzahl hat ſich ſeit der Revolution be⸗ traͤchtlich vermehrt. Ueber Chantilly kamen wir nach St. Denis, wo eine Kirche von edler Bauart, als Begraͤbniß⸗Platz der Koͤnige von Frankreich, mit fehr praͤchtigen Grabmaͤlern merkwuͤrdig iſt. Die Straßen durch die Picardie waren im Gan⸗ zen gut. Die Landſchaft iſt lachend und gut bebaut, und ihr vorzuͤglichſtes Produkt der Weitzen. Bei dem Einfahren in die Hauptſtadt und in an⸗ dere große Staͤdte wurden wir durch die ſonſt laͤſti⸗ gen Unterſuchungen und Verhoͤre ungeſchliffener Zoll⸗ bedienten nicht aufgehalten. 3 2) Zu Paris angekommen, war unſere erſte Wanderung nach dem Palaſte der Thuillerien. Unſer Fuͤhrer zeigte uns die vier Orte, von deren ei⸗ nem der ungluͤckliche Ludwig XVI. bei ſeiner Flucht aus der Hauptſtadt, wahrſcheinlich entkam. Drei der⸗ ſelben waren jetzt voͤllig verſchanzt, und einer iſt enge eingeſchloſſen. Seit jener ungluͤcklichen Epoche ſtehen National⸗Gardiſten an den Fenſtern ſeines Gemachs. 299 Die aͤußere Pracht des Gebaͤudes faͤllt ungemein in die Augen. Bei unſerer Nuͤckkehr nach Hauſe gingen wir durch den Louvre, und fanden dieſes herrliche Gebaͤude in dem Zuſtande ſchrecklichen Verfalles. Das Dach war an einer Vorderſeite eingefallen, und noch hat man nicht daran gedacht, es auszubeſſern. Die ganze Stadt iſt in Faktionen getheilt, und an der Ecke jeder Hauptſtraße laden erhitzende Ankuͤn⸗ digungen das Auge ein. Alle Kaffeehaͤuſer ſind mit ſtreitenden Politikern angefuͤllt, und Haufen halbtrun⸗ kener Tagloͤhner ſchreien uͤberall ihre National⸗Lieder. Wir beſuchten das Schauſpiel und einige ausge⸗ zeichnete Gebaͤude.— Paris, im Ganzen, als eine Stadt, iſt ſehr kothig, und nicht ſonderlich gebaut. Die Straßen ſind unregelmaͤßig und enge. Einige ſehr ſchoͤne und praͤchtige Gebaͤude ſind durch verſchie⸗ dene Theile der Stadt zerſtreut. Das Palais Royal, zwei bis drei Marktplaͤtze und einige neu erbaute Stra⸗ ßen ſind ſehr edel und geſchmackvoll. 3) Einige Stationen von Paris wechſelten wir zu Melun die Pferde. Es iſt eine anſehnliche Stadt mit einer angenehmen Lage an den Ufern der Seine. Sie iſt ſtark bevoͤlkert, und die Einwohner fuͤhren Handel mit Korn, Mehl, Wein und Kaͤſe. Ueber Fontainebleau reiſten wir durch Montar⸗ gis an den uUfern des Loing, in einer kleinen Entfer⸗ nung von der Gegend, wo der beruͤhmte Kanal von 300 Orleaus mit dieſem Fluſſe ſich vereinigt. Einige Sta⸗ tionen von Montargis liegt Briare, merkwuͤrdig wegen des Kanals, welcher ſeinen Namen fuͤhrt, und die Seine mit der Loire vereinigt. 4— Von Briare nach Nevers fuͤhrt die Straße immer laͤngs den Ufern der Loire. Man erblickt nun Weinberge, und das Auge ergoͤtzt ſich an man⸗ cher ſchoͤnen und maleriſchen Ausſicht. Ehe wir Nevers erreichten, kamen wir durch die anſehnliche und finſtere Stadt La Charité, und durch Pougues, welches in Hinſicht ſeiner 2 Quel⸗ len merkwuͤrdig iſt.’ Am 21. ſpeißten wir zu Moulins, der Haupt⸗ ſtadt in Bourbon nois, einſt der Reſidenz der al⸗ ten Herzoge von Bourbon. Sie liegt an der Al⸗ lier in einer fruchtbaren Gegend, und wird ihrer Geſund⸗Brunnen wegen ſehr beſucht. Die Einwoh⸗ ner verfertigen Stahlwaaren vollkommener, als irgend⸗ wo im Koͤnigreiche. In einer der Kirchen dieſer Stadt iſt das Grabmal des beruͤhmten Herzogs von Mont⸗ molrenci, welcher 1632 zu Toulou ſe enthauptet wurde. Von Moulins bis Roanne, wo die Loire ſchiffbar wird, kamen wir an keinen Ort von Be⸗ deutung. 2113 48 Von Roanne bis Lyon iſt der Weg ſehr ber⸗ gigt; das Gebirg Tarare, uͤber welches wir kamen, 301 iſt 3 Meilen lang und ſo ſteil, daß die Poſtpferde ge⸗ meiniglich die Huͤlfe von 4—s Ochſen erfordern. 4) Die Gegend um Lyon iſt bergigt, aber gut angebaut, und die Menge von Luſthaͤuſern zeugen von der Wichtigkeit und dem Reichthume der Stadt. Pa⸗ ris ausgenommen, uͤbertrifft ſie ſowohl in Anſehung der Groͤße, als Bevoͤlkerung jede andere im Koͤnig⸗ reiche. Ihre gluͤckliche Lage am Zuſammenfluſſe der Rhone und Saone beguͤnſtigt ſie mit jedem Han⸗ dels⸗Vortbeil. Ihre vorzuͤglichſte Manufaktur iſt in Seide. Am 2. Maͤrz ſetzten wir unſere Reiſe auf dem ge⸗ woͤhnlichen Wege fort. Auf der Straße zwiſchen Lyon und Vienne gewaͤhrten uns die Alpen eine herrliche und intereſſante Anſicht. — Vienne hat eine reitzende Lage an den Ufern der Rhone, und iſt rings um mit hohen Bergen eingeſchloſſen. Sie iſt eine der aͤlteſten Staͤdte in Frankreich, und bekannt als der Ort, wohin Pi⸗ latus nach ſeiner Zuruͤckberufung von Jeruſalem verwieſen worden ſeyn ſoll. Die Ueberreſte eines roͤ⸗ miſchen Amphitheaters und eines Triumphbogens zeu⸗ gen von dem alten Glanze und Anſehen dieſer Stadt. Zwiſchen Vienne und Auberive auf der an⸗ dern Seite des Fluſſes liegt die Gegend, welche den beruͤhmten Vin de Cote Rotie(weil das eine uUfer der Sonne ſehr ausgeſetzt iſt) hervor bringt; eine Strecke weiter hin die kleine Stadt Tain an dem Fuße des Eremiten⸗Berges, welche der Vortrefflich⸗ keit und Schoͤnheit ſeiner Trauben wegen, ſehr be⸗ ruͤhmt iſt. Nach unſerer Abreiſe von Tain kamen wir durch Valence und Montelimart, zwei alte und betraͤchtliche Staͤdte. Die Straße von Vienne bis Orange lauft meiſtens an den Ufern der Rhone durch eine aͤußerſt angenehme, hoͤchſt vortheilhaft bebaute, und uͤberaus fruchtbare Gegend hin. Am 3. uͤbernachteten wir zu Orange, einem zur Zeit der Roͤmer anſehnlichen Orte. Man ſieht noch die Ueberreſte eines Amphitheaters, eines Cir⸗ eus und einer Waſſer⸗Leitung. Außerhalb der Mauern iſt ein dem Mar ius geweihter Triumph⸗Bogen, mei⸗ ſtens noch ganz, und ein Werk nicht gemeiner Kunſt. Am folgenden Dage erreichten wir Avignon, eine große Stadt, angenehm gelegen, in einer frucht⸗ baren Gegend an den Ufern der Rhone. Sie hat ſteinerne Ringmauern, und iſt mit verſchiedenen edlen Gebaͤuden geziert. Von 1309— 1376 war Avignon der Sitz der Paͤpſte; es enthaͤlt auch das Grabmal der durch die ſchoͤnen Gedichte Petrarchas gefeierten Laura.. Ungefaͤhr 2 oder 3 Meilen vor Niſmes konnten wir die beruͤhmte Pont du Gard, ein erſtaunungs⸗ wuͤrdiges Werk der Baukunſt, bewundern. Es iſt eine Waſſerleitung aus drei Bruͤcken, deren eine an der an⸗ dern ſich erhebt, welche Agrippa erbauen ließ, um 303 der Stadt Waſſer zuzufuͤhren. Die niedrigſte Bruͤcke uͤber den Fluß Gardon ſtuͤtzen 6 Bogen; ſie iſt 498 Fuß lang und 62 hoch. Der Bogen, durch wel⸗ chen der Fluß ſtroͤmt, iſt 18 Fuß weit, und die uͤbri⸗ gen fuͤnf ſind nicht viel kleiner. Die zweite Bruͤcke, 30 Fuß hoch und Si8 lang, ſtuͤtzen 14 Bogen, faſt von derſelben Weite, wie jene des erſten. Die dritte Bruͤcke, welche die Waſſer⸗Leitung hat, beſteht aus 27 Bogen, deren jeder 17 Fuß weit iſt. Die Waſſer⸗ Leitung iſt 4 Fuß weit und s hoch; das Ganze dieſes praͤchtigen Gebaͤudes ſtellt eine Woͤlbung dar, welche ſich 144 Fuß uͤber die Oberflaͤche des Waſſers erhebt. Sie iſt in toskaniſcher Ordnung, und hat ein ganz magjeſtaͤtiſches Anſehen. Nismes, eine große, gut gebaute und volkreiche Stadt, eine der aͤlteſten Europas, enthaͤlt manche Bewunderung erregende Zeugniſſe ihrer ebemaligen Pracht. Nach einer ſehr unangenehmen und verdrießlichen Reiſe von Nismes kamen wir am 6. nach Aix, ei⸗ ner geraͤumigen und volkreichen Stadt in einer großen und lieblichen Ebene, wo fruchtbare Huͤgel die Graͤnze iehen. Sie iſt wegen ihrer Baͤder und ihres heißen Waſſers beruͤhmt. Die Straße von Aix bis Marſeille laͤuft durch Line liebliche, mit Wein und Oliven bepflanzte Ge⸗ gend. So lange ſie nicht ausgebeſſert wird, kann man kaum auf ihr fahren. 3⁰4 5) Marſeille, eine der betraͤchtlichſten Han⸗ delsſtaͤdte Frankreichs, enthaͤlt ungefaͤhr 150,000 Einwohner. Ihr Hafen iſt einer der beſten im mit⸗ tellaͤndiſchen Meere. Die Gegend, in welcher ſie liegt, iſt fruchtbar, und das Klima mild und geſund. Buͤr⸗ gerliche Uneinigkeiten ſind, ſeit der Revolution, zu ei⸗ ner gefaͤhrlichen Hoͤhe gediehen, und man ſtrebte mit Eile nach der Vernichtung alles Zwanges.— Die Straßen verurſachen am Tage Eckel, und zur Nacht iſt man in Gefahr, von dem, was von den Fenſtern herab fliegt, erſtickt zu werden. Die Straßen der Neuſtadt ſind weit und regelmaͤßig, alle Haͤuſer von glatten Steinen gebaut. Am Sonnabend den 13. Maͤrz ſchiffte ich mich nach Smyrna ein. Die erſten drei Tage verurſachte mir die Bewegung des Schiffes heftige Ueblichkeit, und die Langweile Unzufriedenbeit: denn ich war der einzige Paſſagier auf dem Schiffe. Am 15. ſahen wir die Inſel Sardinien; am 146. fuhren wir an den Kuͤſten der Berbarei voruͤber, und am 18. bei der Inſel Malta. Am 19. gewaͤhrte uns der Aetug eine ſchoͤne Anſicht, und am 23. zeigte ſich das Kap Matapan. Am 24. entdeckten wir bei der Einfahrt in den Archipel ein Raubſchiff, welches mit vollen Segeln auf uns ſteuerte. Als aber unſere Matroſen, wiewohl der Schiffs⸗Kapitaͤn feig war, auf das Schiff 2 Stuͤcke abfeuerten, ſo zwar, daß die Kugeln ihre Wirkung nicht verfehlen konnten, ſo richteten die 305 Korſaren ihre Segel anders, und ſteuerten nach der Kuͤſte von Morega. Am 26. hatten wir 30 franzoͤſtſche Meilen uͤber Cerigo zuruͤck gelegt, als ein Nordwind uns zwang, wieder umzulenken, und hinter dieſem einſt ſo be⸗ ruͤhmten Eilande Schutz zu ſuchen. Hier erblickten wir das Naubſchiff wieder, aber in Geſellſchaft eines kaiſerli⸗ chen Schiffes. Am 227. verließen wir Cerigo, und ſuchten nach 3 Tagen Schutz im Hafen zu Milo. Im Alterthume war dieſes Eiland ſehr bluͤhend und volkreich. Selbſt bei dem Beginn des gegenwaͤr⸗ tigen Jahrhunderts war es ein Ort von betraͤchtlicher Wichtigkeit, und die franzoͤſiſchen Kaufleute, welche ſich hier niedergelaſſen hatten, fuͤhrten einen ausge⸗ breiteten Handel. Aber ſeitdem die Franzoſen dieſe Inſel verlaſſen haben, hat man nichts vor ſich, als ein Gemaͤlde des Elends und der Zerſtoͤrung. Die beiden zu Doͤrfern herabgeſunkenen Haupt⸗ ſtaͤdte ſollen nicht uͤber 1000— 1200 Einwohner ent⸗ halten. Alle ſind Griechen, den Oberrichter ausge⸗ nommen, welcher ein Tuͤrke iſt. Den groͤßten Theil des Tages waͤrmen ſie ſich an der Sonne; Trinken und Spielen ſind ihnen wohlbekannte Laſter. Der von Natur fruchtbare Boden wird jetzt ſchlecht bearbeitet, und erzeugt wenige Fruͤchte. Die Vieh⸗ weiden ſind duͤrftig, und die Heerden klein und ma⸗ ger. Das Klima iſt ungeſund, und die Leute ſehen gewoͤhnlich ſehr ſiech aus.— 306 Faſt jeder Theil der Inſel liefert Proben der gro⸗ ßen Menge mineraliſcher, mit Erde vermiſchter Sub⸗ ſtanzen, und es gibt verſchiedene, mit einer Kruſte von verſchmolzenem Vitriol und Alaun uͤberzogene Hoͤhlen, daß man vermoͤge der uͤbermaͤßtgen Hitze der Atmosphaͤre unmoͤglich 2 oder 3 Minuten in denſel⸗ ben ſich aufhalten kann. Die Frauenzimmer tragen ihre Noͤcke ſehr kurz, belegen ihre Huͤften mit dicken Wulſten von Leinwand, durch welche alle Symetrie der Taille gaͤnzlich vernich⸗ tet wird; ſie bemalen die Wangen mit einem Staube, welchen ſie aus einer Meerpflanze zurichten. Der Hafen iſt faſt rund, und von hohen Huͤgeln eingeſchloſſen. Die an der Weſtſeite befindliche Ein⸗ fahrt iſt weit genug, ein Schiff mit einigen Ladun⸗ gen einzulaſſen; ungefaͤhr eine halbe Meile deckt der große Felſen Antilimo. Der Ankergrund iſt ſehr gut, das Waſſer einige Ellen vor dem Kanal 6— 6 Fuß tief, und ſo klar, daß man leicht den Boden er⸗ kennen kann. Am 3. April ſegelten wir zwiſchen Tino und Nikaria, und am Nachmittage gewaͤhrte Seio, eines der fruchtbarſten Eilande im Anchipel, uns einen ſchoͤnen Anblick. Am 4. liefen wir in den Golf von Smyrna ein. Er iſt von allen Seiten mit hohen Bergen ein⸗ geſchloſſen, welche, mit hervor brechenden Gruͤn be⸗ kleidet, aͤußerſt romantiſche Proſpekte bildeten. Nicht 307 weit vorwaͤrts kamen wir an ein Dorf, welches auf dem Platze des alten Klazomene lag. 6) Wegen einer Meeres⸗Stille erreichten wir erſt am 6. das See⸗Haus, und hatten kurz darauf den er⸗ freulichen Anblick von Smyrna. Dieſe Stadt iſt am Abhange eines Huͤgels gebaut, auf deſſen Gipfel die Ruinen einer anſehnlichen Feſte ſtehen, welche jede Seite der Stadt uͤberſieht. Auf der andern Seite wird. ſie vom Meere beſpuͤhlt, welches hier eine der ge⸗. raͤumigſten und ſchoͤnſten Bayen von der Welt bildet. Mit Ungeduld eilte ich nach dem Dorfe Bourna⸗ bat, und genoß nach Verlauf einer Stunde die Wonne, einen Bruder und einen Freund zu um⸗. armen. Sieben Staͤdte ſtreiten ſich um die chte der Geburtsort Homers zu ſeyn. Nach den gegruͤnde⸗ teſten Meinungen iſt Smyrnn allein berechtigt, ſich dieſelbe anzumaßen. Sie iſt ungeachtet der mancher⸗ lei Revolutionen und Unfaͤlle, welche ſte erfahren hat, noch eine betraͤchtliche Stadt, ungefaͤhr 14/2 Meile lang, und auch faſt ſo breit. Die Einwohner beſtehen aus Tuͤrken, Griechen, Juden, Armeniern und Fran⸗ ken, und man rechnet ihre Zahl ungefaͤhr auf 10,000. Die Konſuln der Franken ſtehen bei den Tuͤrken in großem Anuſehen, haben Janitſcharen zu ihrer Leib⸗ wache, und die Macht ihren Schutz auf Verſchiede⸗ hees zu erſtrecken, was unter tfiſche Gerkchtsharfeir gehoͤrt. 8 308 Smyrnas ausgezeichnete Lage im Mittelpunkte von Konſtantinopel, Aleppo und Salonichi, und die mancherlet Privilegien und Freiheiten, welche den Franken zugeſtanden ſind, haben ſich vereinigt, es fuͤr den Geiſt des Handels und zu einem der groͤßten Handelsplaͤtze fuͤr alle Waaren des Orients zu machen. Alle Handels⸗Geſchaͤfte zwiſchen den Franken und Tuͤrken betreiben juͤdiſche und armeniſche Maͤkler. Karren gibt es hier nicht; alle Arten von Waa⸗ ren werden von Naͤnnern aus dem einen Theile der Stadt in den andern auf den Schultern getragen. Die Traͤger haben durch die unaufhoͤrliche Uebung in koͤrperlicher Arbeit eine erſtaunliche Muskelſtaͤrke be⸗ kommen. Sie tragen 6— 100 Pfund ſchwere Ballen in einem Geſtell, welches kreuzweis um ihre Schul⸗ tern befeſtigt iſt, und lang an den Nuͤcken hinab geht, ſo, daß ſie in einer gebeugten Stellung, ihre Haͤnde auf die Kniee geſtuͤtzt gehen. ſtugar Die Straßen von Smyrna ſind enge, kothig, unbequem und ſchlecht gepflaſtert; die Bauart der Haͤuſer unſauber und nicht zierlich; ſie beſtehen mei⸗ ſtens aus Holz.. Jetzt ſind kaum noch einige Spuren jenes von den alten Schriftſtellern ſo haͤufig erwaͤhnten praͤchti⸗ gen Tempels, Amphitheaters und der Hallen zu ſe⸗ hen. Die Veſte iſt einzig wegen ihrer Lage und ihres Umfanges merkwuͤrdig; der Styl ihrer Bauart, ohb⸗ gleich die Zeit ihrer Errichtung nicht zuverlaͤffig be⸗ 309 ſtimmt werden kann, zeugt, daß ſie das Werk eines rohen Zeitalters iſt. Der h. Polykarp ſoll hier be⸗ graben liegen. Der einſt beruͤhmte Fluß Meles iſt jetzt ein elender Bach. In kleiner Entfernung fließt ein kleines Gewaͤſſer, Diana's Bad genannt. Der Hafen iſt geraͤumig und ſicher, der Ankergrund gut, und das Waſſer ſo tief, daß die Schiffe ſich dem Kay bis auf wenige Ellen naͤhern koͤnnen. In der Entfernung von 6— 12 engl. Meilen lie⸗ gen verſchiedene anmuthige Doͤrfer um Smyrna, wo die Franken in ihren Landhaͤuſern gewoͤhnlich den Sommer zubringen. Haͤufig wird Bournabat be⸗ ſucht; das Klima iſt ungemein ſchoͤn. Die Anſicht der Gegend iſt romantiſch, ſie beſteht aus ſchief hinlau⸗ fenden Bergen, tiefen Thaͤlern und weiten Ebenen. Der Boden iſt uͤberaus fruchtbar; Oliven, Melonen, Orangen, Feigen und Weine werden mit wenig Muͤhe gebaut, waͤhrend Myrten, Hagedorn, Jasmin und und mancherlei balſamiſche Duͤfte, von ſelbſt aufwach⸗ ſen, und die Luft durchwuͤrzen. Wild gibt es im Ueberfluſſe; die Hausthiere ſind klein, die Pferde aber ſtark, ſchnellfuͤßig und muthig.— Verſchiedene Bergwerke im Lande geben ein ſehr rei⸗ nes Metall, wovon aber die Ausfuhr verboten iſt. Innigſt bedaure ich, daß die Peſt mich von mei⸗ nem Plane abhielt, Epheſus zu beſehen. Es ſind hier noch Ueberreſte jenes Dianen⸗Tempels, welcher 3¹⁰ von den Alten unter die 7 Wunderwerke der Welt gezaͤhlt wurde. 7) Nach allen erforderlichen Zuruͤſtungen zur Reiſe nach Konſtantinopel verließen wir am 25. April Smyrna. Weil wir uns entſchloſſen hatten, unſere Reiſe auf dem Lande zu machen, mußten wir auf ab⸗ gelebten Pferden dieſelbe vollenden. Mit einem Ja⸗ nitſcharen und zwei andern Maͤnnern nebſt drei Trei⸗ bern und drei Pferden zu unſerm Gepaͤcke, machten wir einen ganz anſehnlichen Zug aus. Wir nahmen unſere Betten und Proviant⸗Koͤrbe, nebſt Meſſern, Gabeln und verſchiedenen Kuͤchen⸗Geraͤthen mit. Abends ſchlugen wir unſer Zelt in der Naͤhe des Dorfes Nakai auf. Es lag auf einer lieblichen An⸗ höhe, und in der Entfernung von etwa einer halben Meile iſt zur Rechten ein reitzender Wald, von klaren kuͤhlenden Quellen durchſchnitten, deren ſanftes Mur⸗ meln lieblich zuſammen ſtimmte mit den melodiſchen Toͤnen der Nachtigall in dieſer heiligen Stille. Nachts wurden wir ſo von Floͤhen geplagt, und ſo oft durch das Wiehern unſerer Pferde und durch das Gebell der Hunde aus dem Dorfe beunruhigt, daß aller unſerer Vorbereitungen ungeachtet, einzuſchlafen uns unmoͤg⸗ ich war! Die Straße uͤber den Berg Sipylus fanden wir ferſchrecklich ſchlecht, und an manchen Orten ſo holp⸗ richt und ſteil, daß unſere Pferde kaum gehoͤrig fußen konnten. Aber dieſe Unbequemlichkeit verguͤteten bald 311 liebliche, bald romantiſch wilde Anſichten. Am Fuße dieſes Berges lag auf einer ſchoͤnen Ebene, welche der Hermus bewaͤſſert, Magneſia, durch welches wir gegen Mittag kamen. Dieſe Stadt war der Sitz des Großherrn C(Amurat I. und einige andere Sultane reſidirten hier), und die Hauptſtadt des Reiches. Obgleich ſie viel von ihrer alten Pracht verloren hat, ſo iſt ſie dennoch eine anſehnliche, volkreiche und bluͤ⸗ hende Stadt. Die ganze amliegende Gegend wurde durch Dichter und Geſchichtſchreiber beruͤhmt. Wir ſetzten dann einige Stunden durch eine un⸗ fruchtbare und unbebaute Gegend unſere Reiſe fort, bis wir Nachts noch das Dorf Palamout erreich⸗ ten. Weil aber die Einwohner nicht geneigt waren, uns Huͤlfe zu leiſten, zogen wir uns auf ein Feld zuruͤck, wo das unharmoniſche Geſchrei von Froͤſchen gewaltig unſere Ohren peinigte. Durch Kircagath zu reiſen vermieden wir wegen der Peſt. Es liegt rei⸗ tzend am Abhange eines Huͤgels, und nimmt einen großen Umfang ein. Ehe man an daſſelbe kommt, hat man eine vortreffliche Flaͤche vor ſich, und die ganze Gegend iſt riugsum aͤußerſt vortheilhaft bebaut. Sie liefert viel Baumwolle, Getreide, und hat in der Nachbarſchaft gute Weiden. Der Buͤffel wird in das Joch geſpannt, und erſetzt den Mangel des Nindvie⸗ hes. Durch Handel wuchs Kircagath bedeutend. In dem Dorfe Geulgouk kamen wir zum erſten Male auf ein tuͤrkiſches Kaffeehaus, und fanden vor⸗ 36ſtes B. Siebenbürgen 2c. I. 3. 5 312 trefflichen Kimae, welcher von Sahne zubereitet, und ſehr geliebt wird. Die Kaffeehaͤuſer ſind insgemein nichts weiter, als elende Huͤtten mit Daͤchern von Ruthen, Lehm und Stroh, vorne aber offen, mit einem geringen Vorrathe, um den hungerigen Magen zu befriedi⸗ gen.— Die Gegend um Geulgouk ft bergigt und unfruchtbar, die Straßen aber ſchaͤndlich ſchlecht. Dieſe Nacht brachten wir auf einem Felde einige hundert Schritte in dem wegen ſeiner vielen Stoͤrche merkwuͤrdigen Orte Mendahura zu. Kaum war ein Haus ohne ein Neſt derſelben, welches die Ach⸗ tung, welche die Tuͤrken gegen dieſe Thiere hegen, beweist. 8) Am 29. kamen wir durch ein reiches und ſchoͤ⸗ nes Thal, welches ein Waͤldchen begraͤnzte. Nicht weit von demſelben ſtießen wir auf einige Mannſchaft von dem Gefolge eines Paſcha, welcher in einiger Ent⸗ fernung ein Dorf belagert hatte, um von deſſen arm⸗ ſeligen Einwohnern einige Beutel zu erzwingen. Dieſe aber leiſteten Widerſtand und antworteten ent⸗ ſchloſſen, ſie wuͤrden ihr Eigenthum mit dem Leben vertheidigen. Bevor wir Maarlich erreichten, zogen wir uͤber eine weite Ebene, wo wir neun Saͤulen nach einan⸗ der trafen. Sie ſollten eine nach der Stadt gehende Waſſerleitung tragen; aber zum Ungluͤck ſtarb der Stifter dieſes Werkes vor der Vollendung deſſelben, . 313 und es blieb unvollendet. Die Hoͤhe der Waſeerlei⸗ tung berechneten wir auf 16 Fuß; ſie war von Kie⸗ ſeln und Ziegelſteinen maſſivy gebaut; eine Wendel⸗ treppe fuͤhrte auf die Spitze, von welcher man eine weite Ausſicht hatte. Gegen Mittag ſtiegen wir bei der betraͤchtlichen Stadt ab, wo mir die erſtaunende Anzahl von Grob⸗ ſchmidten die Beſchreibung Virgils von der Woh⸗ nung Vulkans wieder in das Gedaͤchtniß zuruͤck rief. Da keine Quellen in der Stadt ſind, und das Waſſer in den nahen Fluͤſſen zu lehmig iſt, ſo muͤſſen ſie es aus weiter Entfernung herleiten.— Kurz nach unſerer Abreiſe von Maar lich zeigte ſich eine Feſte, und nicht weit davon ein weites Ge⸗ woͤlbe von etwas rohem Geſchmacke. An jedem iſt ein großer ſteinerner Schornſtein durch das Dach gefuͤhrt. Der unaufhoͤrlich ſeit unſerer Abreiſe von Smyr⸗ na wehende kalte Nordwind brachte ſchreckliche Wir⸗ kungen auf unſern Geſichtern hervor; wir bekamen garſtige Blaſen, und unſere Naſen ſchwollen zu einer unmaͤßigen Groͤße an. Am meiſten litten wir in der Nacht durch ihn: denn er drang aller Vorſorge unge⸗ achtet durch unſer Zelt und ſchuͤttelte uns noch in den Betten. Um die Kaͤlte zu vertreiben, ſchoßen die Ja⸗ nitſcharen und Waͤchter gewoͤhnlich ihre Gewehre ab, und wenn die Kaͤlte zu ſchneidend wurde, ſchrien ſie einige Minuten hinter einander aus allen Kraͤften. Mit vortheilhafter Aenderung des Wetters pilger⸗ 314 ten wir an den Ufern eines Sees fort; er war ge⸗ ſchmuͤckt mit zahlloſen Eilanden, welche mit Waldun⸗ gen begraͤnzt, und mit dem lieblichſten Gruͤn bedeckt waren. Die Gegend bildet einige Meilen umher die ſchoͤnſten natuͤrlichen Gaͤrten. An der Nordſeite be⸗ graͤnzt der Berg Olymp majeſtaͤtiſch die reitzende Umſicht. In der Naͤhe von Bruſa fuͤhrt die Straße an einer fruchtbaren Ebene hin, welche rings ein Ge⸗ buͤſch einſchließt. Um die Baͤder von Chechirgi zu beſehen, machten wir einen Umweg von einigen Mei⸗ len. Als die Genueſer noch die Beſitzer dieſes Lan⸗ des waren, errichteten ſie dieſe praͤchtigen Baͤder. Das vorzuͤglichere beſteht aus einer großen Halle mit einer aus drei Woͤlbungen gebildeten Decke, durch welche das Licht einfaͤllt. Es iſt durchaus mit Mar⸗ mor gepflaſtert; in der Mitte erhebt ſich eine ſchoͤne marmorne Fontaine, welche durch verſchiedene Roͤh⸗ ren ihr helles und erquickendes Waſſer in ein weites Becken ergießt. An den Mauern jeder Seite iſt eine Reihe mit Matrazen bedeckter Sitze. Rechts dieſer Halle fuͤhrt ein Gang zu dem warmen, der andere zu dem kalten Bade. Die ſehr große Hitze des Waſſers iſt nicht kuͤnſtlich, ſondern das Waſſer kommt heiß aus der Erde. Die Baͤder und Gemaͤcher fuͤr das weib⸗ liche Geſchlecht ſind auf der andern Seite der Halle.— Die Einwohner von Chechrigi fanden wir ſehr zu⸗ dringlich. 9) Um 2 Uhr kamen wir zu Bruſa, einer der groͤßten und aͤlteſten Staͤdte Aſiens, der Hauptſtadt Bithyniens und dem Todesorte Hannibals, an.— Nachher war es der Sitz des ottomanniſchen NReiches, und noch ſind die Mauſoleen(unter dieſen auch jenes von Orchan, des Eroberers der Stadt im J. 1325) einiger Sultane zu ſehen. Es liegt am Fuße des mit ewigen Schnee bedeckten Olymp; ſeine niederen Huͤgel tragen Tannen⸗ und Kaſtanien⸗Baͤu⸗ me, und ſind mit dem hellſten Gruͤn bekleidet. Er iſt reich an Quellen, und verſieht die Stadt mit Waſ⸗ ſer im Ueberfluſſe. Auf der entgegen geſetzten Seite der Stadt iſt eine weite fruchtbare Ebene mit Maul⸗ beer⸗Baͤumen bepflanzt zur Unterhaltung der Seiden⸗ wuͤrmer, welche hier außerordentlich gedeihen und aͤu⸗ ßerſt ſchoͤne Seide geben.— Eine nicht in den beſten Umſtaͤnden befindliche Mauer umgibt die Stadt, in welcher nur Muſelmaͤnner wohnen duͤrfen; die un⸗ gleich groͤßern und beſſer gebauten Vorſtaͤdte bewoh⸗ nen Griechen, Juden und Armenier. Die Geſammt⸗ zahl der Einwohner rechnet man auf 130.000. Sie fuͤhren einen bedeutenden Handel mit Seide.— In der Stadt gibt es praͤchtige Gebaͤude. Das von Ma⸗ homet IV. erbaute Serail ſteht auf einer Anhoͤhe, iſt ein großes Gebaͤude, und nur auf der Seite, welche zur Stadt fuͤhrt, zugaͤngig. Ein Jude fuͤhrte uns an die Ufer eines Waſſers, wo die Tuͤrken unter dem Schatten der Baͤume bei 316 dem abwechſelnden Genuſſe einer Pfeife, einer Taſſe Kaffee, und des Schlummers ihren Tag verbringen. Sie bedienen ſich einer Pfeife, mit einem 4—s Fuß langen Rohre, deſſen Ende in eine zur Haͤlfte mit Waſſer gefuͤllten Glaskugel geht, und ſo eingerichtet iſt, damit der Rauch durch das Waſſer gehend, kuͤh⸗ ler wird. Wenn das Waſſer nicht mehr kuͤhl iſt, wird anderes eingegoſſen, und dieſes geſchieht einige Male, ehe der Tabak angeraucht iſt. Am 2. Mai ſetzten wir unſere Reiſe fort, als die Anſicht einer der reitzendſten und ſchoͤnſten Landſchaf⸗ ten unſern Blick ergoͤtzte. Sie beſteht aus einer mit Wallnuß⸗, Kirſch⸗ und Maulbeer⸗Baͤumen bepflanzten Flaͤche. Die Pflanzungen waren mit unſtudirten Ge⸗ ſchmacke geordnet, und die Zwiſchenraͤume in denſel⸗ ben mit Weinſtoͤcken erfällt, deren Ranken ſich um die Baͤume zogen. An drei Seiten war die Umſicht von hohen Huͤgeln begraͤnzt, welche bis zu ihren Gi⸗ pfeln angebaut, und an manchen Theilen mit Hecken geſchmuͤckt waren, welche aus Jasmin, Hagedorn und Geißblatt beſtanden, und die Luft durchwuͤrzten. Ein Baͤchlein Maͤander durchſchnitt die Flaͤche; es rinnt ſanft dem Meere zu, und macht an der vierten Seite die Graͤnze. Spaͤter kamen wir an einen Arm des Meeres, an deſſen Ufern einige Zimmerleute ein Kriegsſchiff fuͤr den Großherrn bauten. Eine ſchlechte Straße, welche ſehr ſchmal, und nur ein wenig beſſer als ſenkrecht 317 war, fuͤhrte uns nach Nalovaz; hier beſtiegen wir ein griechiſches Schiff, welches nach Konſtantino⸗ pel ſegelte. Nach einer angenehmen Fahrt von acht Stunden auf dem Meere von Marmora erblickten wir jene beruͤhmte Hauptſtadt, welche einen der glaͤn⸗ zendſten und praͤchtigſten Anblicke von der Welt bildet. 10) Das Innere von Konſtantinopel ent⸗ ſpricht ſeinem praͤchtigen Aeußern nicht. Die Stra⸗ ßen ſind enge und ſchlecht gepflaſtert, und die Haͤuſer insgemein aus Holz und elend gebaut. Die meiſten ſind 2 Stockwerke hoch, und haben Balkone und Ter⸗ raſſen, auf welchen bei ſchoͤnem Wetter die Tuͤrken Kaffee trinken, und ihre Pfeife rauchen. Mit Inbe⸗ griffe der Vorſtaͤdte, Pera und Galata, hat ſie ei⸗ nen unermeßlichen Umfang, und die Zahl ibrer Ein⸗ wohner rechnet man auf 600,000. Als die Hauptſtadt eines reichen und ſtark bevoͤlkerten Reiches iſt ſie ein Sitz der Eitelkeit und Verſchwendung, und zeichnet ſich durch Luxus und Laſter aus. Unter Konſtantins und ſeiner Nachfolger Re⸗ gierung war es mit einigen der ſchoͤnſten Kunſtwerke geſchmuͤckt, und wetteiferte in Anſehung der Pracht mit Rom. Aber als es im XV. Jahrhundert Ma⸗ homet II. eroberte, ging ſeine vorzuͤglichſte Bemuͤ⸗ hung dahin, jede Spur, welche an die Fortſchritte der Wiſſenſchaften und ſchoͤnen Kuͤnſte hatte erinnern koͤnnen, zu verwiſchen, oder gaͤnzlich zu vertilgen. 318 Der erſte Platz, wohin wir gefuͤhrt wurden, war der Hippodromus, der alte Rennplatz. Die Tuͤr⸗ ken haben ihn fuͤr diefelbe Abſicht beſtimmt, und uͤben ſich hier in dem Jirid, einem ihrer groͤßten Vergnuͤ⸗ gen. Jener ehemals ſo praͤchtige Platz iſt jetzt nichts weiter, als ein großes, unregelmaͤßiges Viereck, mit unregelmaͤßigen Gebaͤuden eingeſchloſſen. Faſt im Mittelpunkte ſteht ein noch gut erhaltener Porphyr⸗ Obelisk auf vier metallenen Kugeln. Seine Hiero⸗ glyphen deuten auf ſeinen aͤgyptiſchen Urſprung, man⸗ cherlei Schnitzwerk, griechiſche und lateiniſche In⸗ ſchriften auf ſeine Wiederherſtellung von Theodos. In einer kleinen Entfernung traͤgt ein anderer an ſeiner zertruͤmmerten Geſtalt die Merkmale des ent⸗ fernteſten Alterthums.— Die beruͤhmte dreifache Schlange, welcher Mahomet II. triumphirend ei⸗ nen Kopf abſchlug, lockt noch jetzt die Fremden zu den Hippodromus. Dieſe Saͤule ſoll zu Delphi den beruͤhmten goldenen Dreifuß getragen haben, wel⸗ chen die Griechen nach der Schlacht bei Plataia dem Apollo widmeten. Die Moſcheen ſind insgemein edle Gebaͤude, ob⸗ gleich fehlerhaft in Anſehung der Baukunſt, doch ſehr gut in Betrachtung ihrer Feſtigkeit und ihres Umfan⸗ ges. Sie haben geraͤumige, mit Baͤumen und Fon⸗ tainen geſchmuͤckte Vorhoͤfe, und gute und ſchickliche Zugaͤnge; und ein bis s oder 7 Minerats. Inwendig and ſie ſehr artig, und werden mit ungeheueren Ko⸗ 319 ſten unterhalten. Die praͤchtigſte unter allen iſt die St. Sophia. Juſtinian errichtete dieſen Tempel fuͤr den Dienſt des wahren Gottes; als aber Mahomet II. in Konſtantinopel einzog, beſtimmte er ihn zur Religionsuͤbung fuͤr die Anhaͤnger Mahomets. Der Eingang geht durch eine doppelte Halle, welche mit der Kirche durch einige eherne, mit Basreliefs bedeckte, Fluͤgelthuͤren zuſammen haͤngt. Die innere Seite be⸗ ſteht aus einem unermeßlichen Gange; um 3 Seiten laͤuft eine Gallerie, welche von einer erſtaunenden An⸗ zahl verſchieden farbiger Marmor⸗Saͤulen getragen wird. Das Hauptdach iſt ſehr groß und wegen ſeiner richtigen Verhaͤltniſſe bewunderungswuͤrdig. Die Mauern ſind ganz mit Marmor uͤberlegt, Pflaſter und Treppen, welche mit Teppichen belegt ſind, von der naͤmlichen koſtbaren Materie. Wir durften dieſe Kirche bloß von einem Theile der Gallerie durch ein Gitter beſehen. Faſt in der Mitte des Ganges iſt eine Kan⸗ zel fuͤr den Mufti errichtet, und neben her eine Art von Kirchenſtuhl mit vergoldetem Gitter fur den Großherrn, wenn er die Moſchee beſucht. Unſer Fuͤh⸗ rer machte uns auf 2 Thore aufmerkſam, deren eines nach ſeiner Ausſage zum Paradieſe, das andere zur Hoͤlle fuͤhrte. Man findet auch verſchiedene muſſive Darſtellungen aus einer ſeltenen Zuſammenſetzung von Kriſtallen gemacht, welche wegen der Unaufmerkſam⸗ keit der Tuͤrken faſt gaͤnzlich verdorben ſind. 320 Beinahe eine Stunde mußten wir bei der Ueber⸗ fahrt von Galata in dem Hafen rudern. Er iſt ge⸗ raͤumig, hat 15— 16 Meilen im Umfange; Kriegs⸗ Kauffarthei⸗Schiffe, und eine erſtaunende Anzahl Boote, welche in beſtaͤndiger Bewegung wegen ihrer eleganten Geſtalt und Verzierung merkwuͤrdig ſind, bedecken das Waſſer. 11) Das Serail iſt eine weitlaͤufige, aber nicht ſchoͤne Zuſammenſetzung von Gebaͤuden auf einer Land⸗ ſpitze, welche in das Meer laͤuft, umgeben von hohen Mauern in einem Umkreiſe von faſt 3 Meilen. Mit Inbegriff des Harems beſteht es aus 12, zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten und nach dem verſchiedenen Ge⸗ ſchmacke der regierenden Fuͤrſten, errichteten Ge⸗ baͤuden. Der Haupteingang in dieſes merkwuͤrdige Gebaͤude iſt ein großes Thor, daher die Benennung„Pforte.“ Es iſt ſehr hoch und oben gewoͤlbt; an jeder Seite ſind Fenſter und einige grabiſche Inſchriften. Nur in die 2 erſten der 12 Hoͤfe werden Fremde eingelaſſen; wo der erſte die Wohnungen fuͤr die Bedienten des Hauſes, ein Krankenhaus, den Holz⸗Vorrath fuͤr den Palaſt; die Kuͤchen mit Oeffnungen in der Mitte der Daͤcher, wo der Rauch hinaus zieht, einen kleinen Stall für die Pferde zum eigenen Gebrauche des Kai⸗ ſers, die Schatzkammer und die Muͤnze enthaͤlt. Der zweite beſſer gepflaſtert und ſchoͤner, als der erſte, iſt in ſeiner Mitte mit Raſen belegt, mit Fontainen ge⸗ 321 ſchmuͤckt, und mit einer Gallerie umgeben, welche marmorne Saͤulen tragen.— Der Divan, der oͤffent⸗ liche Audienzplatz fuͤr fremde Miniſter iſt an einem Ende dieſes Hofes nichts weiter, als eine getaͤfelte Halle. So weit kann ein Fremder kommen; weiteres Vordringen iſt mit Todes⸗Strafe belegt. Nahe am aͤußern Thore des Palaſtes iſt eine praͤchtige Fontaine, geſchmuͤckt mit Malereien und verſchiedenen Aufſchrif⸗ ten in tuͤrkiſchen und arabiſchen Zuͤgen. Nach unſerer Ruͤckkehr beſuchten wir das Mau⸗ ſoleum des vorigen Kaiſers. Seine Aſche iſt von jener ſeiner vielen Kinder umgeben; jeder Sarg iſt mit Tuch bedeckt, und auf das glaͤnzendſte verziert. Lampen und Wachskerzen werden beſtaͤndig brennend erhalten; das Grabmal zeichnet ſich vor den andern durch einen Turban aus, welcher auf einem Kiſſen zu ſeinem Haupte liegt. Weil die Tuͤrken einen Ort nie zweimal zu einem Begraͤbniſſe gebrauchen, ſo iſt der Todten⸗Acker um Konſtantinopel von einem ſehr weiten Umfange. Die Graͤber werden mit Cypreſſen umpflanzt, welches ihnen ein ſeierliches Anſehen gibt. Bei einem Spatziergange durch die Stadt ſtieß ich auf 6 Leute, welche einen Mann, der vor we⸗ nigen Stunden an der Peſt geſtorben war, hinaus trugen. Als ſie muͤde waren, ſtellten ſie den Sarg in der Mitte der Straße nieder, und bald darauf nah⸗ men einige andere ihn wieder auf. Dieſe Ceremonie wiederholten die naͤchſten Zuſchauer, bis der Leichnam 322 zu Grabe gebracht war. Ein Prieſter ging feierlich vorher, und zeigte den Weg. Das Schloß der ſieben Thuͤrme liegt auf der Seite der Stadt, welche das Meer von Marmora begraͤnzt. Es iſt in Form eines Fuͤnfeckes gebaut, und das Dach mit Blei gedeckt. Ehemals die Schatzkam⸗ mer des Großherrn, iſt es jetzt in ein Staats⸗Gefaͤng⸗ niß verwandelt. Wir beſahen auch die wilden Thiere des Kaiſers in einem alten Thurme; es war aber nichts ſeltenes unter ihnen. 12) Gulata und Pera, die zwei vorzuͤglichſten Vorſtaͤdte Konſtantinopels liegen abgeſondert.— Galata beſchuͤtzen Mauern mit Thuͤrmen, welche die Genueſer errichteten, und noch in einem leidli⸗ chen Zuſtande ſind. Die meiſten europaͤtſchen Kauf⸗ leute haben wegen der bequemen Lage hier Comptoirs und Waaren⸗Lager. Die Schiffe⸗Landungen ſind ſehr groß und mit Artillerie bepflanzt, welche an feſtlichen Tagen abgefeuert werden. Von Galata nach Pera hat man eine betraͤcht⸗ liche Anhoͤhe zu uͤberſteigen. Die Lage Peras iſt rei⸗ tzend; ſie iſt die Reſidenz aller Geſandten und frem⸗ den Miniſter. Die Straßen ſind weiter und nicht zu enge, und die Luft auch reiner als zu Konſtauti⸗ nopel und Galata. Der Haupt⸗Bazar iſt ein großes Viereck, mit Daͤchern bedeckt, welche von Bogen und Pfeilern ge⸗ 323 tragen werden. Wir fanden ihn mit Menſchen aus verſchiedenen Theilen des Reiches erfuͤllt, und die La⸗ den enthielten alle Arten von Kaufmanns⸗Waaren. Nach der Nuͤckkehr von dem Bazar hingen wir unſere Kleider einige Stunden in der freien Luft auf, um ſie von der anſteckenden Unreinigkeit zu befreien. Die Landſitze des Kaiſers ſind hauptſaͤchlich an den Ufern des Kanals nicht weit von der Stadt, aber nichts weniger als praͤchtige Gebaͤude. Er hat einen Kiosk, den Marmor Saͤulen tragen, und der unmittel⸗ bar auf den Hafen blickt, wo er gewoͤhnlich einſteigt, wenn er eine Luſtfahrt auf dem Kanale macht. Er iſt ſehr fuͤr Waſſerfahrten eingenommen. 13) Belgrad und Bujudere ſind die beiden beſten Doͤrfer in der Nachbarſchaft, und gemeinlich die Sommerſitze der Franken. Das erſte liegt in der Mitte eines ſchoͤnen Waldes, welchen einige Baͤche klaren Waſſers kuͤhlen. Das letzte hat eine ſchoͤne Ausſicht auf den Kanal, an deſſen Ufern es liegt. Indem wir ein wenig von der Straße abgingen, ſahen wir eine von Juſtinian errichtete Waſſer⸗Lei⸗ tung; ſie iſt kein Produkt des Auguſtiſchen Zeitalters, und beſteht aus zwei neben einander gebauten Bruͤcken, deren jede von vier ſchoͤnen Bogen getragen wird. Ei⸗ nige unbedeutende Kuͤnſteleien, welche in den Zwi⸗ ſchenraͤumen angebracht ſind, ſchwaͤchen die Wirkung ſehr. Die laͤngs der Seiten angebrachten Stuͤtz⸗Saͤu⸗ len ſehen ſehr ſonderbar aus, weil ſie umgekehrt ſind. 324 Dieſe Waſſerleitung dient noch jetzt dazu, um der Stadt Waſſer zuzufuͤhren. Nicht weit davon kamen wir an 3 tuͤrkiſche Waſſer⸗Leitungen, welche ſehr feſte, aber auch ſehr unfoͤrmliche Gebaͤude ſind. Im Walde von Belgrad verſieht ein ungeheueres Baſſin die Einwohner mit Waſſer. Die erſtaunliche Anzahl von Hunden in den Stra⸗ ben fiel uns ſehr auf, hauptſaͤchlich ſchwaͤrmen ſie hau⸗ fenweiſe in den Doͤrfern umher; auch waren ſie ſo un⸗ ruhig, daß wir gemeiniglich, ehe wir unſere Haͤuſer zu Geſicht bekamen, vom Pferde ſtiegen, unſere Ta⸗ ſchen mit Steinen fuͤllten, und ſie als Vertheidigungs⸗ Waffen brauchten. In Betracht der Volksmenge und ſeiner Lage fuͤhrt Konſtantinopel keinen ausgebreiteten Han⸗ del. Doch haben ſich viele europaͤiſche Kaufleute hier⸗ her geſetzt, von welchen einige ſehr reich wurden, und glaͤnzend leben.— Selten wird in Konſtantinopel ein Franke, wenn er nicht ſelbſt angreifender Theil iſt, ernſtlich beleidigt. 3 14) Seutari, eine betraͤchtliche Stadt an der aſiatiſchen Seite des Kanals, Konſtantinopel ge⸗ rade gegenuͤber, wird mit Unrecht als eine Vorſtadt deſſelben angegeben. Es hat eine reitzende Lage, und ſteht nicht weit von dem Orte, wo das alte Chal⸗ cedon ſtand. Am 10. Mai fuhren wir in einer Gondel nach 25 Bujukdere, um eine ſchoͤnere Ausſicht auf den Kanal zu haben. Dieſer Kanal iſt der thraziſche Bosphorus, durch welchen die Waͤſſer des ſchwar⸗ zen Meeres in jenes von Marmora ſtroͤmten, ihren Lauf nach dem Helleſpont nahmen, und endlich ſich in das mittellaͤndiſche Meer ergoßen. Dieſe be⸗ ruͤhmte Meerenge erſtreckt ſich von dem Hafen zu Konſtantinopel bis zu den Dardanellen auf ſechs Meilen in die Laͤnge; ihre gewoͤhnliche Breite geht nicht uͤber 1 1/½ Meile. An einem Orte ſind die ge⸗ genſeitigen Ufer gar nicht uͤber 500 Schuhe entfernt. Die alten Thuͤrme uͤberblicken dieſen Theil des Kanals, und hier verband Darius beide Welttheile durch eine Schiffsbruͤcke mit einander. Laͤngs der Ufer, beſonders an der europaͤiſchen Seite, ſtehen faſt den ganzen Weg hin Doͤrfer, Fe⸗ ſtungen und Landſitze. Das Waſſer iſt tief und hell wie Kriſtall; der Ankergrund ſehr gut. Zwiſchen Konſtantinopel und Seutari erblickt man die unter dem Namen Leanders⸗Thurm bekannten Ruinen. Die ihn ſo benannten, kannten wahrſchein⸗ lich die Geſchichte nicht, oder hatten vergeſſen, daß der Helleſpont es war, durch den Leander ſchwamm, wenn er ſeine Beſuche bei der ſchoͤnen Hero machte. Wegen unguͤnſtigen Windes langten wir erſt nach 3 Stunden in Bujukdere an. Unſer Vorſatz war eine Strecke auf dem ſchwarzen Meere zu fahren, d 326 daun die Donau hinauf bis Galatz und bis B u⸗ chareſt die Reiſe auf dem Lande fortzuſetzen. 15) Mit guͤnſtigem Winde fuhren wir ab. Gegen die Einfuhr in das ſchwarze Meer ſind an jedem Ufer einige Feſtungen errichtet zur Abwehrung des Angrif⸗ fes von einer feindlichen Macht. Aufangs verurſachte mir die Bewegung des Schiſſes keine unangenehme Wirkung. Allein kurz nach einer Stunde zeigten ſich einige unguͤnſtige Symptome, und im Verlaufe von 40 Minuten ergriff mich eine toͤdtliche Krankheit, welche mit anhaltender Gewalt bis 3 Uhr Morgens dauerte. Die Kajuͤte war ſehr enge, und auf dem Vorder⸗CTheile des Schiffes war ein ſehr enges Plaͤtz⸗ chen, eigentlich ein Loch, kaum eine bequeme Reſi⸗ denz fuͤr den Teufel, die eine Haͤlfte deſſelben mir, die andere meinem Bruder, zum Tempel der Nuhe angewieſen. Im Liegen waren wir ſo zuſammen ge⸗ preßt, daß es viele Muͤhe koſtete, uns umzudrehen, und die Decke war ſo niedrig, daß wir nicht einmal aufrecht ſitzen konnten. Licht und Luft bekamen wir bloß durch die Oeffnung, durch welche wir eingingen. Dieſes mannigfache Ungemach vergroͤßerten noch die Matroſen durch ihr unaufhoͤrliches Singen und Spielen. Am 12. ſegelten wir Varna voruͤber, eine be⸗ traͤchtliche Stadt und einen der beſten Haͤfen im ſchwarzen Meere; ſie iſt bekannt durch die Schlacht. im Jahre 1444 zwiſchen Amurat und dem Koͤnig Ladislaus von Ungarn, welcher Sieg und Leben verlor. Wegen widrigen Windes warfen wir in der Bay Cavarna, unweit von Varna, Anker. Das Gewaͤſſer dieſer Bay beſpuͤhlt die Kuͤſte Bulga⸗ riens; hier hatten 1794 die Ruſſen ein hartnaͤckiges Gefecht mit den Tuͤrken, und noͤthigten letztere zum Ruͤckzuge, jedoch ohne daß ſie ein einziges Schiff dabei verloren hatten. Am 48. verließen wir das Schiff, und verſchafften uns einige Karxen und Ochſen. Die Bequemlichkei⸗ ten fuͤr Reiſende ſind in der Bulgarei uͤber alle Beſchreibung erbaͤrmlich, und das ſchlechte Wetter war kein kleiner Nachtrag in das Regiſter unſerer Drangſale: denn unſere Wagen waren in einem jaͤm⸗ merlichen Zuſtande, und von allen Seiten offen. Un⸗ geachtet wir uns ſo warm als moͤglich verhuͤllten, wa⸗ ren wir doch nicht gegen die Rauhigkeit des Wetters geſchuͤtzt. Die Wagen waren lange und ſchmale Kar⸗ ren ohne Federn, mit Matten bedeckt, welche ganz verſchabt und voll Loͤcher waren. Unſere Ochſen gingen ungefaͤhr 3 Meilen in einer Stunde; da ſie nicht umgewechſelt wurden, ging un⸗ ſere Reiſe langſam. Wenn ſie muͤde ſind, werden ſie aus dem Joche geſpannt, und mit dem gefuͤttert, was die Gegend darbietet. Die Ortſchaften, welche wir durchzogen, waren hoͤchſt elend. Die Wohnungen waren kaum zur Haͤlfte ſo ertraͤglich, als eine engliſche Scheune. Mehr als 36ſtes B. Siebenbürgen ꝛc. I. 3. 6 328 einmal mußten wir in einem Zimmer ſchlafen, das ſo enge war, daß jeder Winkel des Bodens mit unſern Matratzen bedeckt war, und wir uns kaum bewegen konnten, ohne in das Gebiet des Nachbarn zu kom⸗ men. Zu dem waren Damen bei uns, welchen eine Lage dieſer Art ſehr unluſtig, und zugleich unſchick⸗ lich ſcheinen mußte. Trafen wir einen Kamin an, ſo war er immer in der Mitte des Zimmers mit einem Luftloche in der Decke zur Abfuͤhrung des Rauches. lein dieſes ent⸗ ſprach ſeiner Abſicht ſo ſchlecht, daß die Viktualien, wenn wir dergleichen bekamen, beraͤuchert wurden. Der Dampf des halb getrockneten Holzes drohte uns zu erſticken. Die Einwohner fanden wir unwirthlich und roh. Im Augemeinen haben ſie einen hohen Grad von Neu⸗ gierde, ſind zu niedriger Bevortheilung ſehr geneigt, und wo Gewinn ſie reitzt, und die Gelegenheit ſie be⸗ guͤnſtigt, ſchreiten ſie zu offenbarer Gewalt. Wir wol⸗ len aber jene Hoheit des Charakters nicht einem na⸗ tuͤrlichen Fehler in der Gemuͤthsart, ſondern vielmehr der unglaublichen Grauſamkeit und der Roheit ihrer Geſetzgeber zuſchreiben. Die Gegend iſt voͤllig eben; allein nur ein kleiner Strich davon bebaut. Hauptſaͤchlich beſteht der Bo⸗ den aus Trift, und erzeugt wenig, nicht ſonderlich gutes Getreide. Das Klima iſt kalt, kaum ſieht man 329 irgendwo einen Baum. Das Vieh, Pferde, Kuͤhe und Schafe ſind gut und ſtark. 146) Als wir den 18. in der Naͤhe von Galatz zu ſeyn glaubten, wurden wir von den Einwohnern be⸗ lehrt, daß unſer Fuͤhrer den Weg nicht gekannt, und uns 40 Meilen hoͤher an den Fluß hinauf, bis zum Donfe Raſſovat gefuͤhrt habe. Ehemals war es im Betrachte ſeines Umfanges ſehr anſehnlich, und die Nuinen mancher hundert Haͤuſer machten, daß ich⸗ ſeinen gegenwaͤrtigen unbedeutenden Zuſtand beklagte. Die Einwohner ſcheinen in ihren elenden Huͤtten halbe Leichen, ſind Fiebern und noch mancherlei andern Un⸗ faͤllen ausgeſetzt, welche durch ihre ſchlechten und ge⸗ ringen Speiſen und Getraͤnke verurſacht werden. Nichts deſto weniger ſahen wir, nach der menſchlichen Eitel⸗ keit, Kinder, deren Muͤtzen mit Geldſtuͤcken uͤberladen waren, waͤhrend ſie ſelbſt und ihre Aeltern den Le⸗ bens⸗Unterhalt nicht hatten. Den Tag nach unſerer Ankunft machten wir einen Spatziergang um die Gegend dieſes unſeligen Do fes. Ehe wir zuruͤck kamen, ſchloßen wir einen Vertrag mit einem griechiſchen Schiffsherrn, um uns nach Galatz zu bringen. Die Gegend von Raſſovat iſt zwar ſehr wild und romantiſch, und obgleich nur ſchlecht gebaut, doch reich an lieblichen Landſchaften. Einige wenige Heer⸗ den von Schafen weideten auf dem benachbarten Ge⸗ birge. Ihre ſehr ſchoͤne Wolle ſpinnen die Einwoh⸗ ·— — 330 ner, und verarbeiten ſie zu einem ſehr feſten Tuche. Die Donau traͤgt viel zur Verſchoͤnerung der Grup⸗ pen bei, ihr Lauf iſt ſchlangenartig, und ſie ſelbſt mit manchem Eilande geſchmuͤckt, auf welchen viele Baͤume wachſen; doch faͤngt man ſelten einen guten Fiſch. Die Art, wie die Einwohner dieſes Landes auf ihren Booten fahren, iſt ſehr merkwuͤrdig. In jedem Boote iſt ſelten mehr, als ein einzelner Mann, wel⸗ cher ſich ſtatt eines Ruders, eines Stuͤckes Holz in Geſtalt einer Schuppe mit einer langen Handhabe be⸗ dient, das ſie mit ſonderbarer Geſchicklichkeit bald als Schaufel, bald als Ruder gebrauchen. Am 20. ſchifften wir uns nach Galatz ein, muß⸗ ten aber wegen unguͤnſtigen Windes noch 2 Tage auf der Donau bleiben, bis uns endlich am 22. gelang, mit Hilfe eines ſtarken Ruderers nach Ibrail zu kommen. Ibrail iſt ein nicht unbedentender Platz, und die auf einer Anhoͤhe ſtehende Feſtung kommandirt ein Paſcha von drei Roß⸗Schweifen. Damit ſie ſich von unſern Leiden in den wei⸗ ver⸗ gangenen Naͤchten eine richtige Idee machen koͤnnen, ſo will ich ihnen den Theil des Bootes, in welchem die Reiſenden waren, beſchreiben. Er war ungefaͤhr 12 Fuß lang und s breit, mit einem Segeltuche uͤber⸗ deckt, damit kein Regen eindringen koͤnne. In die⸗ ſem beſchraͤnkten Raume ſollten 17 Menſchen auf Ma⸗ 331 tratzen ausgeſtreckt, Tag und Nacht in einer Stellung liegen bleiben. In der Nacht wurde es, um die bos ſen Duͤnſte auszuſchließen, an beiden Enden verſchloſ⸗ ſen; wir haͤtten einander faſt mit unſerer eigenen Aus⸗ duͤnſtung exſtickt. Von der Zeit, wo wir unſer Schiff in Cavarna verließen, bis zu unſerer Ankunft in Galatz, waren unſere Mahlzeiten ſo ſpaͤrlich, daß wir faſt ausgehun⸗ gert waren. Mit Freude eilten wir einem Baͤckerla⸗ den zu, kauften uns Brod, welches man, um ihm ein gutes Anſehen zu geben, mit Oel beſtrichen hatte, und hielten ſo die koͤſtlichſte Mahlzeit. Hierauf erkundigten wir uns nach unſerem griechi⸗ ſchen Schiffe und nach einer Wohnungz; letztere uͤbertraf unſere Erwartung. Dieſe war in der erſten Nacht eine wahre Wohlthat; meine Schlafſucht war dabei ſo groß, daß ſie ſogar den Muͤckenſtichen Trotz bot⸗ Galatz iſt der letzte Ort von Bedeutung auf. der ſaͤmmtlichen Seite der Moldau, und wie die meiſten Staͤdte in der Fuͤrſten Gebiete verheert von der Hand des Krieges. Vor ungefaͤhr 2 Jahren hatten es die Ruſſen nach einem hartnaͤckigen Gefechte, in welchem 8000 Tuͤrken todt auf dem Schlachtfelde blieben, erobert und grau⸗ ſam, als zornige Sieger uͤber den ſchrecklichen Wider⸗ ſtand, behandelt. 332 Die Lebensmittel, welche das Land erzeugt, ſim wiewohl nicht uancherle, doch viele und ihr Preis gering. Am 1. machten wir einen Spatziergang nach einem großen See, welcher einige Meilen entfernt, mit der Donau verbunden iſt, und durch ſeine Fiſche jaͤhrlich 700 Piaſter abwirft. In deſſen Naͤhe ergoͤtzten wir uns an koͤſtlichem Quellwaſſer; denn was wir in Ga⸗ tatz hatten, iſt wie der aus Wehrmuth deſtillirte Wein, erbaͤrmlich ſchlecht. Dieſen Tag ſpeißten wir der Abrede gemaͤß bei dem Gouverneur, welcher ſo wenig, nach meinem Urrheile fuͤr den Dienſt tauglich iſt, wie einſt San⸗ cho. Faſt alles, was Land und Jahreszeit aufboten, wurde aufgetragen, aber das Tiſchzeug war ſo ſchmu⸗ tzig, daß ich meine Serviette nicht gebrauchen konnte. Die Speiſen ſahen ſo eckelhaft und unſauber aus, daß ich meine Luſt zum Eſſen verlor. Die Soͤhne des Gouverneur bedienten uns, und einige erbaͤrmliche Muſikanten kratzten uns die Ohren voll. Den Griechen dient, wie den Tuͤrken, die Hand als Meſſer und Gabel. Galatz hat nichts anziehendes, weder eine ſchoͤne Gegend, noch gute Sitten der Einwohner. Sie ſind ſaͤmmtlich Griechen; Singen, Tanzen, Spielen, Trin⸗ ken ihre Haupt⸗ Beſchaͤftigungen. Selbſt die Kraͤmer ſchließen wegen Muͤßigganges die Laͤden ſehr fruͤh, und ſind haͤufig am Mittage weg.. 333 Den 4. Juni tranken wir unſers Koͤnigs Geſund⸗ heit aus einem Kelche voll des beſten Weines, welchen wir bekommen konnten. 3 17) Bei unſerer Abreiſe von Galatz den 5. Juni beſtand unſere Karawane aus 12 Wagen, welche von 950 Pferden gezogen wurden. Zwanzig Poſtillons hat⸗ ten wir zu Fuhrleuten, und ein Offizier des Fuͤrſten der Moldau begleitete uns bis Fokshan, wo wir den 1. ankamen. Die Straße von Galatz bis Fokshan iſt im Ganzen ziemlich gut; die Doͤrfer, durch welche wir zogen, waren aͤußerſt elend; die Einwohner erbaͤrmlich gekleidet, und ihr einziger Mund⸗Vorrath war ſchlech⸗ tes Brod nebſt einigen Eiern. Das Aeußere der Ge⸗ gend gleicht meiſtens jenem in der Bulgarei, iſt ſehr flach, ſchlecht bebaut, und beſteht meiſtens aus Trift. Den ꝛ. fuhren wir uͤber Seret, und hielten in dem Dorfe Surai unſere Mittags⸗Mahlzeit. Dieſes beſteht nur aus wenigen Huͤtten, hat aber eine rei⸗ tzende Lage. 31 Fokshau iſt ein großer Marktflecken, merkwuͤr⸗ dig wegen ſeiner Lage auf 2 Gerichtsbarkeiten, der Moldau und Wallachei. Ein Bach, welcher durch ſeine Mitte fließt, macht die Graͤnze dieſer 2 Provin⸗ zen. Hier ſchlugen am letzten September 30,000 Ruſ⸗ ſen und Teutſche 80,000 Mann Tuͤrken, welche die Pforte zur Vertheidigung des Ortes befehligt hatte.— 334 Fokshan iſt fuͤr die Tuͤrkei eine ſchöne Stadt; die umliegende Gegend hat Abwechslung, und iſt frucht⸗ bar. Auf der Seite nach der Wallachei, welche ſehr ſchoͤn und gut bebaut iſt, liegen ungefaͤhr 4 Mei⸗ len entfernt Berge, auf welchen eine ſolche erſtau⸗ nende Menge Wein waͤchſt, daß man fuͤr 2 Paras (2 Heller) eine Ocke(23⁄1 Pfund) erhaͤlt, und die jaͤhrliche Einnahme fuͤr den Fuͤrſten 100,000 Piaſter betraͤgt, obwohl er nur 10 vom 100 an dem großen Gebirge fordert. Auch einen Ueberfluß von vortrefflichem Bauholze, welches nach Galatz und Konſtantinopel gebracht wird, erzeugt der wuchernde Boden. Am Abende unſerer Abreiſe vertrat ein Offizier des Fuͤrſten der Wallachei die Stelle des Moldaui⸗ ſchen. Das Haupt⸗Geſchaͤft dieſer Offiziere iſt, Woh⸗ nungen fuͤr die Nacht zu verſchaffen. Sie verwalten ihr Amt ohne viele Umſtaͤnde, und haben das Recht, jeden aus dem Hauſe zu werfen. Am 9. verließen wir Fokshan, und kamen in das elende Dorf Tirkukoli, wo wir aus Mangel einer anſtaͤndigen Wohnung in einem offenen Wagen uͤbernachteten. Nachts brach Feuer aus, und die Flamme griff, weil die Haͤuſer in dieſem Theile der Tuͤrkei aus Holz erbaut, und mit Stroh oder Reiſig bedeckt ſind, reißend um ſich. Die Einwohner hatten kaum Zeit, ſich zu retten. Die Weiber, kaum mit einem Hemde bedeckt, waren halb wahnſinnig. Einige 335 von ihnen hatten ihre Saͤuglinge in den Armen, und bedeckten ſie beſt moͤglichſt vor der Kaͤlte. Sie ſaßen neben einander auf der bloßen Erde, beweinten ihr ſchreckliches Schickſal, und erfuͤllten die Luft mit ih⸗ rem durchdringenden Jammer⸗Geſchrei. Die Maͤnner zeigten mehr Standhaftigkeit, und waren aͤmſig be⸗ ſchaͤftigt, ein Haus nieder zu reißen, welches nur we⸗ nige Schritte vom Feuer entfernt war. Spritzen oder andere Maſchinen zum Loͤſchen kennen die Einwohner nicht.— Geld⸗Geſchenke nahmen die ungluͤcklichen Einwohner von uns nicht an. Am 10. ſpeißten wir zu Ribnik, einem in einer reichen Gegend angenehm gelegenen Orte, welcher Ueberfluß an Waldung und ſchoͤnen Triften hat. Vor dem Kriege war dieſer Ort eine betraͤchtliche Stadt von 6— 700 Haͤuſern, wurde aber durch den Muth⸗ willen der Tuͤrken vor ihrem Abmarſche bis auf s0 verringert.. Am folgenden Tage machten wir Anſtalten uͤber den Buſeo zu ſetzen. Seine Ufer ſind ſehr ſchraͤg und ſandig; er theilt ſich in mehrere Stroͤme von ſo reißendem Laufe, daß unſere Wagen, obgleich von mehreren Maͤnnern gehalten, kaum der Gefahr, um⸗ geriſſen zu werden, entgingen. In der Stadt glei⸗ ches Namens, empfing uns der Gouverneur ſehr ar⸗ tig. Vorher, erzaͤhlte er uns, habe Buſeo 2000 Haͤuſer gehabt, und ſey jetzt von den Tuͤrken in ein elendes Dorf verwandelt worden. 336 Von hier nach Aformatzi, in deſſen Naͤhe eine geraͤumige Behauſung fuͤr Reiſende vom Fuͤrſten Jp⸗ ſillanti erbaut wurde, ging es durch eine frucht⸗ bare und anmuthige Gegend. Die hohen Graͤnz⸗Ge⸗ birge zwiſchen Ungarn und der Tuͤrkei bilden von Weitem einen reitzenden Anblick. Die letzten ſieben oder acht Meilen windet ſich die Straße durch einen angenehmen Wald, wo wilde Blumen im Ueberfluſſe und großer Mannigfaltigkeit hervor ſprießen. 18) Am 13. kamen wir nach einer augenehmen Reiſe von Aformatzi zu Buchareſt, der Haupt⸗ ſtadt der Wallachei und der Reſidenz des Fürſten, an. Sie hat eine angenehme Lage an dem Abhange eines lachenden Huͤgels, und iſt mehr lang als breit. Einige Haͤuſer ſind aus Holz, gemeiniglich aber ſind ſie von Ziegelſteinen aufgefuͤhrt und uͤbertuͤncht. Alle Straßen ſind mit dicken Planken belegt. Die Anzabl der Kirchen belaͤuft ſich auf 360; ſie ſind im Allgemei⸗ nen hohe Gebaͤude und Waͤnde innen und außen mit Gemaͤlden griechiſcher Heiligen, und mit Szenen aus der Kirchen⸗Geſchichte bedeckt, welche ſehr unfoͤrmlich und geſchmacklos ausſehen. 6u Die Bojaren leben bier im Winter ſehr glaͤnzend, und laſſen ſich in der Stadt nie zu Fuße⸗ ſondern immer in praͤchtigen Wagen ſehen. Einige Straßen ſind regelmaͤßig und geraͤumig; auf dem Bazar findet man viele und gute Waaren. Am 15. beſuchten wir einen oͤffentlichen Spatzier⸗ 337 gang, wo wir ſo haͤßliche Weiber fanden, daß ſie eher den Hexen in Makbeth, als dem ſchoͤnen und liebens⸗ wuͤrdigen Theile der Schoͤpfung zu gleichen ſchienen. Am 13. wurden wir dem Fuͤrſten vorgeſtellt. Seine Hoheit ſaßen in reiner griechiſcher Kleidung auf einem Sopha; ſeine zwei Soͤhne zur Rechten, und die Biſchoͤfe und der Adel des Landes, nach deſſen Rauge, zur Linken. Man beobachtete viele Ehrerbie⸗ tung und Ceremonien. Jeder bezeugte die vollkom⸗ menſte Unterwuͤrfigkeit; ſobald er ſeine Lippen oͤffnete, herrſchte ein tiefes Schweigen durch den ganzen Saal. Vor unſerm Abgange ließ er uns zu einer Kaffee⸗Ge⸗ ſellſchaft privat einladen. Wir wurden mit Pfeifen, Kaffee und Gebackenen vom ausgeſuchteſten Geſchmacke bewirthet. Er ſagte uns, als Englaͤndern, ſehr viele Artigkeiten. Nach unſerm Weggehen ſchickte er uns zwei Anweiſungen, eine an die Poſtmeiſter, mit dem Befehle, uns durch ſein Gebiet, auf ſeine Koſten, 6 Pferde zu geven, und die andere an die Gouver⸗ neurs der Staͤdte, durch welche wir kamen, uns allen moͤglichen Beiſtand zu leiſten. Die Fuͤrſten der Wallachei werden von der Pforte angeſtellt. Ihre Einſetzung geſchieht durch eine Standarte und ein Unterkleid, welches ihnen der Sul⸗ tan darreicht. Sie muͤſſen unermeßliche Summen fuͤr die Ernennung, einen jaͤhrlichen Tribut, und große Geſchenke bei verſchiedenen Gelegenheiten geben. In ihrem Gebiete find ſie unabhaͤngig, koͤnnen 338 Truppen entlaſſen, Auflagen machen, und Geſetze nach Belieben geben. Wenn aber der Grohherr in Krieg verwickelt iſt, muß er als deſſen Vaſall Leute werben, und ſie zum Heere der Pforte ſchicken. Im Allgemeinen halten ſie einen glaͤnzenden Hof. Der Hof der Fuͤrſtin iſt von dem des Fuͤrſten ganz verſchieden. Mannsperſonen werden zu ihren Zimmern nicht zugelaſſen, außer an einigen beſondern Tagen, welche aber ſehr ſelten ſind. Die Einkuͤnfte des Fuͤrſten belaufen ſich jaͤhrlich auf 5,000,000 Piaſter, von welchen faſt die eine Haͤlfte an die Pforte kommt, die andere aber dem Fuͤrſten zu ſeinem Unterhalte gehort. Im Allgemeinen werden die Fuͤrſten bloß auf drei Jahre in die Regierung ein⸗ geſetzt. Die vorzuͤglichſten Erzeugniſſe des Landes ſind: Wachs, Wolle, Getreid und Wein. Der Weitzen iſt ſchwarz, daher die Benennung des Landes Cara⸗ bogdana, d. i. Land des ſchwarzen Weitzens. In einigen Bergen ſind auch Goldminen, und an den Ufern großer Fluͤſſe findet man oft ſehr gute Stuͤcke Goldes im Sande. Das Klima iſt gut, und der Bo⸗ den ſehr uͤppig; allein er iſt ſchlecht bebaut und groͤß⸗ tentbeils gar vernachlaͤſſigt. Eine Menge von Ungarn, Sachſen, Armeniern und Juden haben ſich in den verſchiedenen Theilen der Wallachei nieder gelaſſen. Die Eingebornen 339 des Landes leiten ſtolz ihre Abkunft von den Roͤ⸗ mern her. 49) Den 48. brachen wir von Buchareſt auf, und kamen bis Peteſti bloß durch elende Doͤrfer. Das Land iſt in einigen Theilen gebirgig, aber ſehr fruchtbar, und hat einen Ueberfluß an Waldung und reichen Triften. Peteſti iſt eine kleine, an der Weſtſeite des Fluſſes Argis angenehm gelegene Stadt. Von ihr lief die Straße einige Meilen aufwaͤrts; dann zieht ſie ſich durch einen ſchoͤnen Wald, welcher mit man⸗ cherlei Baͤumen von lieblichem Gruͤn abwechſelte. Am 19. kamen wir an den Ufern des Altes an; am folgenden Tage fuhren wir auf einem Boote bis zur großen und ſchoͤnen Stadt Rimnik. Am Krankenhauſe der rothen Pforte mußten wir, nicht wegen unſeres Aufenthaltes in der Walla⸗ chei, ſondern wegen jenes zu Konſtantinopel, Quarantaine halten. Die Straßen von Kinani laͤuft uͤber einige jaͤhe Berge, iſt an manchen Orten ſo enge und holpricht, und hat zur Rechten ſo fuͤrchterliche Abſchuͤſſe, daß ſie aͤußerſt gefaͤhrlich wird. Faſt uͤberall hatten wir den reißenden Altes im Geſichte, und kamen drei Kloͤſter voruͤber, welche an ſeinen Ufern reitzend gele⸗ gen, ſeit des Krieges aber leer von Bewohnern ſind. Unſer Gefaͤngniß beſteht aus etwa einem Dutzend, auf einem Grunde ſtehender, weiß angeſtrichener Haͤu⸗ 340. ſer, welche auf allen Seiten mit hohen, dicht be⸗ wachſenen Bergen umgeben ſind. Der Altes windet ſich am Nuͤcken des Krankenhauſes durch ein Thal; etwa in der Entfernung einer viertels Meile ſtehen bei dem Thore auf, jeder Seite zerlumpte Schildwa⸗ chen. Wir erhielten die Erlaubniß, die Berge zu be⸗ ſuchen. Unſer Zimmer iſt Schlaf⸗ und Wohnzimmer zugleich, und mit Meubels gar nicht verſehen; hat weder Bett, Stuhl, noch Tiſch. Wenn wir ſpeiſen, bedienen wir uns der Baͤnke, auf welchen wir ſchla⸗ fen, ſtatt des Tiſches; unſere an die Seiten geſtellten Koffer ſind die Stuͤhle. 20) Am 29. Juni verlisßen wir die Quarantaine; nun ſind wir im Gebiete des teutſchen Kaiſers. Mei⸗ nen Bericht von der Tuͤrkei will ich nicht ſchließen, ohne noch einige Nachricht von den Gewohnheiten und Sitten ſeiner Einwohner zu geben. Vier verſchiedene Volksarten bewohnen dieſes weite Reich: als Tuͤrken, Griechen, Juden und Armenier. Weil der Charakter der Juden jenem ihrer Glau⸗ beusgenoſſen in andern Theilen unſerer Halbkugel gleich iſt, und das Betragen der Armenier nichts be⸗ ſonders Merkwuͤrdiges und Intereſſantes enthaͤlt, ſo werde ich meine Bemerkungen auf die Tuͤrken und Griechen beſchraͤnken. Jener Muth und jene Ausdauer, welche im An⸗ fange der Geſchichte der Tuͤrken ſo ſichtbar iſt, iſt 341 verſchwunden. Jetzt ſind ſie ein entnervtes, aberglaͤu⸗ biſches, unwiſſendes und traͤges Volk; erklaͤrte Feinde der Wiſſenſchaften; und jeder nuͤtzlichen Anſtalt hart⸗“ naͤckig entgegen. Nichts kann ihre Anhaͤnglichkeit an Meinungen, welche auf Thorheit gegruͤndet ſind, und vom Vorurtheile aufrecht erhalten werden, ſchwaͤchen. Dieſe wunderbare Abnahme der koͤrperlichen und gei⸗ ſtigen Kraͤfte, welche nach und nach uͤber Hand ge⸗ nommen hat, liegt in den laͤcherlichen Lehren ihrer Religion, Der Satz von der Vorherbeſtimmung des Schick⸗ ſals, iſt ein vorzuͤglicher Glaubens⸗Artikel und eine unnachlaͤßliche Vorſchrift des Muſelmann, iſt vielleicht der maͤchtigſte Beweggrund, welchem je die Dumm⸗ heit unterworfen worden, und den die Argliſt erſon⸗ nen hat. Ein Tuͤrke betrachtet alle Ereigniſſe ſeines Lebens mit dumpfer Gleichguͤltigkeit, und iſt in voller Ueberzeugung, daß weder Anſtrengung noch Klugheit ſein Gluͤck verlaͤngern, oder ſeinen Untergang abwen⸗ den kann. Ernſt und unmittheilbar, ſchleppt er, da die Freuden der Geſelligkeit ſeiner Bruſt ganz fremd ſind, ſein Leben in dumpfer Gefuͤhlloſigkeit und Traͤg⸗ heit hin; unintereſſirt fuür die Wohlfahrt ſeiner Gat⸗ tung, wie er iſt, erfuͤllt er kaum eine Pflicht, die ſei⸗ nem Nebengeſchoͤpf dienlich iſt. Wenn er den Koran zu beſtimmten Zeiten liest, zu gewiſſen Zeiten ein Gebet verrichtet, ſich nach eini⸗ gen Vorſchriften ſeines Propheten richtet, glaubt er 342 alles Erforderliche und Wichtige gethan zu haben. Sonnen⸗ und Monds⸗Finſterniſſe begehen ſie mit gro⸗ ßer Feierlichkeit. Iſt eine in der Nacht, ſo eilen ſie, durch das Geſchrei der Muezzin geweckt, zu den Moſcheen, und ſtreben durch Geluͤbde und Gebete eine ſo beunruhigende Drohung abzuwenden. Die Diener der Religion, deren Haupt der Mufti iſt, ſind faſt unzaͤhlbar. Die Einkuͤnfte eines jeden Mufti an den Haupt⸗Moſcheen betragen 60,000 Pfund Sterling. Er iſt unumſchraͤnkter Prieſter, Aus⸗ leger des Geſetzss Mahomeds, oberſte Behoͤrde in allen religioͤſen Angelegenheiten, und wird vom Sul⸗ tan eingeſetzt. Die Tuͤrken ſind ſehr hochmuͤthig; Lachen und haͤusliche Geſelligkeit ſind in ihren Gedanken Enteh⸗ rung. Sie verachten die Griechen, Juden, Armenier und Franken; ſie beſchimpfen dieſelben auf der Straße, und nennen ſie Unglaͤubige und Chriſten⸗Hunde. Den Juden geben ſie Ohrfeigen, und zupfen ſie bei den Baͤrten. Doch ſind die Tuͤrken in einiger Ruͤckſicht gutden⸗ kend, gaſtfreundlich und edel. Almoſen austheilen, iſt eine der Haupt⸗Pflichten ihrer Religion; daher die verſchiedenen Anſtalten im ganzen Reiche zur Unter⸗ ſtuͤtzung der armen Muſelmaͤnner, die Errichtung von Karawanſerais fuͤr die Bequemlichkeit armer Reiſen⸗ der ꝛc. Sie ſind leidenſchaftliche Liebhaber der Pferde⸗ und die Hunde haben, obgleich ſie fuͤr unreine Thiere 343 gehalten werden, ein oͤffentliches Pflegehaus zu Kon⸗ ſtantinopel. In den wenigen Schulen werden die Studierenden bloß im Arabiſchen und in der Kennt⸗ niß des Koran unterrichtet. 7 Der Freitag ſteht bei den Tuͤrken in einem groͤße⸗ ren Anſehen, als die uͤbrigen Wochentage, weil Maho⸗ med an dieſem Tage von Mekka nach Medina geflohen ſeyn ſoll. Oefteres Waſchen zur Reinigung des Koͤrpers legt ihnen die Religion auf, die puͤnktliche Beobach⸗ tung deſſelben wird oft ſehr beſchwerlich, und bei ge⸗ wiſſen Umſtaͤnden hoͤchſt unnoͤthig und laͤcherlich. Der Genuß des Weines iſt durch den Koran ſtreng verboten. Um dieſes Gebot zu vereiteln, nehmen ſie zu folgender Ausgleichung ihre Zuflucht, und behaup⸗ ten: daß Rum, Bier und andere Liqueurs, welche aus Getreide bereitet werden, nicht unter der Meinung dieſes Geſetzes begriffen ſeyen. Die ſchauderhafteſte und verheerendſte Art von Trunkenheit bewirkt der Gekuß des Opiums. Dieſe Schwelgerei traͤgt die Spuren ihrer Unmaͤßigkeit an ſich; die Knochen der Opium⸗Eſſer ſind ausgetrocknet; ihr Geſicht iſt leichenfarbig und verunſtaltet; ihre Phy⸗ ſiognomie kuͤndigt ſie als Sklaven ihrer thieriſchen Triebe und Sinnlichkeit an. Unter den verſchiedenen religioͤſen Sekten in der Tuͤrkei ſind die Derwiſche am laͤcherlichſten und merkwuͤrdigſten. Sie ſind notoriſche Heuchler, welche 38ſtes B. Siebenbürgen ꝛc. I. 3. 7 344 ſich dem Dienſte Gottes gewidmet zu haben, vorge⸗ ben, da ſie doch alle Schandthaten und Grauſamkeit begehen. Sie legen das Geluͤbde einer ſtrengen Lebens⸗ art, des Gehorſams und der Keuſchheit ab, welches ſie aber ohne Bedenken brechen. Ihr Hauptkloſter iſt zu Kogni in Natolien, wo der Chef ihres Ordens wohnt. Mevelava, ein Sultan dieſer Stadt, war ihr Stifter. Es gibt verſchiedene Arten von Der⸗ wiſchen. Sehr große Liebhaber ſind die Tuͤrken vom Schach, welches Spiel ganz mit dem Ernſte ihres Tempera⸗ ments uͤbereinſtimmt. Im Eſſen ſind ſie ſehr enthalt⸗ ſam, ſie ſpeiſen nur einmal des Tages, und zwar ge⸗ gen Abend. Die Finger vertreten die Stelle der Meſ⸗ ſer und Gabel, das Fleiſch wird ſtark geroͤſtet, vor und nach der Mahlzeit allemal die Haͤnde gewaſchen. Der Perſon nach ſind ſie ſehr ſtark, von derber Leibes⸗Beſchaffenheit, und uͤberhaupt eine ſchoͤne Men⸗ ſchen⸗Race. Die Traͤgheit ihres Geiſtes gibt ihrem Geſichte etwas Schlappes, und der Ernſt in ihrem Betragen und ihren Mienen eine unangenehme Gleich⸗ foͤrmigkeit und Steifheit. Ueber eine knappe Weſte tragen ſie eine kurze Jacke, welche mit einem langen weiten Rocke bedeckt iſt. Ihre Beinkleider gehen bis auf den halben Fuß, und haͤngen wie ein Sack um denſelben her. Die Struͤmpfe ſind kurz, die Pantoffeln von marokkani⸗ ſchem Leder, meiſtens gelb. Um das Sopha nicht zu 345 beſchmutzen, ziehen ſie die Pantoffeln aus. Der Kopf wird, bis auf einen kleinen Buͤſchel von Haaren, auf dem Scheitel, glatt geſchoren. Die Baͤrte laſſen ſie entweder ſcheeren oder wachſen. Den Haupttheil der Tracht macht der Turban aus; ihn duͤrfen nur Mu⸗ ſelmaͤnner tragen, und zwar die Abkoͤmmlinge Maho⸗ meds von ſeiner Tochter Fatima gruͤn. Man nennt ſie Emire, und ſie ſind eigentlich nur zum Dienſte der Kirche beſtimmt; jedoch mußten ſie wegen ihrer Ueberzahl zu andern Dienſten ihre Zuflucht nehmen, ſo daß viele Eſeltreiber und Leute aus der niederen Klaſſe, aber nichts deſto weniger ſtolz auf dieſen Ti⸗ tel ſind. Die Griechen ſind eine lebhaftere Nation als die Tuͤrken; die einzigen Eigenſchaften, welche von ihren Vorfahren auf ſie gekommen ſind, ſind Betrug und Duͤcke. Sie ſind aͤußerſt geſchwaͤtzig, und bei Un⸗ terhaltungen eben ſo reich an Wendungen, als an Worten, luſtig und muͤrriſch, reitzbar und hartnaͤckig, rachſuͤchtig und voll launiſchen Weſens. Die meiſten von ihnen ſingen und ſpielen muſikaliſche Inſtrumente. Sie ſind ſelten geneigt, Jemandem einen Dienſt zu leiſten, wenn nicht Vortheil oder Zwang ſie dazu aureitzt. Die Griechen treiben die gewoͤhnlichen Handels⸗ Geſchaͤfte, ſind aber nicht faͤhig, den Handel auf eine hoͤhere Stufe zu treiben. Wenn ſie Stellen erhalten, wo ſie Einfluß haben, ſind ſie eben ſo zur Erpreſſung, 346 zum Uebermuthe und zur Tyrannei, wie die Tuͤrken, geneigt. Sie ſind große Diebe, aber doch ſo gewiſſen⸗ baft einen Eid zu brechen. Sie haben unter allen Bewohnern der Tuͤrkei die meiſte Geſchicklichkeit als Seeleute, bauen faſt alle Kriegsſchiffe, und unter den See⸗Soldaten iſt ſtets eine gewiſſe Anzahl griechiſcher Segler, welche die Segel richten, und die Schiffe takeln. Einige griechiſche Weiber haben ein niedliches Ge⸗ ſicht; aber ſelten eine einen ſymetriſchen, netten Wuchs. Sie ſind von keiner behenden Leibes⸗ Beſchaffenheit⸗ ihre Augen und Haare insgemein ſchwarz. 2 Die Regierung iſt graͤnzenlos deſpotiſch und druͤ⸗ ckend. Sie achtet nicht die Geſetze der Natur Billig⸗ keit und Vernunft, und Ungerechtigkeit und Tyran⸗ nei mehren ſich. Der Sultan wird fuͤr allmaͤchtig ge⸗ halten, und wie ein Gott verehrt. Er hat Macht uͤber Leben und TDod aller ſeiner Unterthanen, und nach ſeinem Ausſpruche gilt keine Berufung. Keine Wuͤrde iſt in der Tuͤrkei erblich, noch gelangt Jemand in Betracht ſeiner Talente oder Verdienſte zur Auszeich⸗ nung. Die ganze Maſchinerie wird durch das Rad der Bäſtechung in Bewegung geſetzt. 4 Nach unſerer Abreiſe von der rothen Pforte kamen wir ohne Abhaltung fruͤhe nach Herrmann⸗ ſtadt; es liegt in der Mitte einer weiten Ebene, an den Ufern eines kleinen Fluſſes, welcher in der Ent⸗ fernung einiger Meilen von der Stadt in den Alt 347 faͤllt. Sie iſt die Hauptſtadt Siebenbuͤrgens, und war der Sitz der alten Fuͤrſten des Landes. Einige Stationen von Herrmannſtadt kamen wir durch Muͤllenbach, eine befeſtigte, ſonſt aber nicht merkwuͤrdige Stadt. Die Gegend in der Nachbarſchaft von Deva iſt bergigt und maleriſch, und erzeugt ſehr ſchoͤnes Bau⸗ bolz und vortrefflichen Wein. Am 3. Juli kamen wir nach Temeswar, einer Stadt nicht weit von der Graͤnze Siebenbürgens, auf einer weiten Ebene, welche der Fluß Temes⸗ war bewaͤſſert. Sie iſt groß, volkreich, und gut be⸗ baut, und ihre Heſtußsgderfe find die ſtaͤrkſten im Koͤnigreiche. Von Temeswar gingen wir auf Kaniſcha, und fuhren in einem Kahne uͤber die Teiß; kamen bald nach Szegedin, einer großen, gut befeſtigten, an den Ufern dieſes Fluſſes, der Muͤndung des Ma⸗ roſch gerade uͤber gelegenen Stadt. Ebe wir Ofen erreichten, kamen wir durch ver⸗ ſchiedene Staͤdte, von welchen ich nichts Intereſſantes zu erzaͤhlen habe. Ueber Ofen, Comorn⸗ Ragab, Hresbh lunaten wir zu Wien an. 8 348 Heinrich Chriſtoph von Reimers*) Reiſe der ruſſiſch-kaiſerlichen außerordent⸗ lichen Geſandtſchaft an die ottomanniſche Pforte im Jahr 1793, herausgegeben zu Petersburg in 3 Theilen. 1805. 4. Be⸗ arbeitet von Dr. J. Leutbecher zu Erlangen. Vorbemerkung. Die Reiſe jener glaͤnzenden Geſandtſchaft, welche 5 Ka⸗ tharina die Grohe in den letzten Jahren ihrer *) Geboren 12. April 1768, geſtorben als 8 kaiſ. Staatsrath bei dem Poſtdepartement zu Peters⸗ burg, 1. April 4842. Er hatte 1805— 7 noch zwei Werke uͤber Petersburg in teutſcher und franzoͤſiſcher Sprache herausgegeben. Jaͤck. 349 glorreichen Regierung nach der bekannten Demuͤthi⸗ gung der Tuͤrken, nach dem zu Jaſſy am 20. De⸗ zember 1791 a. St. mit dieſem Feinde geſchloſſenen Frieden, unter der Leitung des Generallieutenants Michael Lawrionnowitſch Goleniſchtſchev⸗ Kutuſow an die ottomanniſche Pforte abgehen ließ, gehoͤrt ſicher zu den beſten, welche den jetzigen Kriegs⸗ ſchauplatz, die Noldau, Wallachei, Bulgarien und Rumelien, Konſtantinopel und das ſchwarze Meer, und außerdem auch die meiſten von den in den politiſchen Blaͤttern jetzt ſo oft erwaͤhnten ruſſiſchen Provinzen in das helleſte Licht ſetzen. Auch iſt ſie von einem Manne beſchrieben worden, der ganz ruhig und unbefangen beurtheilte und beobachtete, wo⸗ hin er nur kam; von einem Manne, der, unter K. Paul I. unverdienter Weiſe außer Amt und Brod geſetzt, unter Alexauder ſich auf das Land zuruͤck zog, und da, ſeine Zeit in nuͤtzlicher Thaͤtigkeit zuzu⸗ bringen, mit Muſe aus ſeinen Briefen an einen guten Freund, und aus ſeinem Tagebuche, mit unverkenn⸗ barer Wahrheitsliebe das niederſchrieb, was er in der Zeit geſehen hatte, wo er als Secretaire interprète der franzoͤſiſchen, engliſchen und italiſchen Sprache dem genannten Geſandten als Begleiter zugeſellt geweſen war. Das Werk iſt in der That ſo vortrefflich aus⸗ gearbeitet, daß es wirklich verdiente, auf Koſten des verſtorbenen Kaiſers Alexander, mit ſchoͤnen Ku⸗ pfern geziert, wenn auch erſt zehn Jahre nach der Ge⸗ 350 ſandtſchafts⸗Reiſe, an das Licht zu treten. Weil aber dieſe Beſchreibung ſo wichtig, intereſſant und gut iſt, ſo mag es Pflicht ſeyn, dem Publikum das wenig ge⸗ kannte und verbreitete Original⸗Werk in einem Aus⸗ zuge bekannt machen zu laſſen. 351 1 Beſchreibung der Reiſe von St. Petersburg durch die St. Petersburgiſche, Ples⸗ coviſche, Polozkiſche, Mohilewſche, Tſchernigowſche, Kiewſche und Jeka⸗ terinoſlawſche Statthalterſchaften, ferner durch die Oczakowſche Steppe, die Mol⸗ dau, Wallachei, Bulgarien und Ru⸗ melien nach Konſtantinopel. Der blutige Krieg zwiſchen Rußland und der Pforte von dem 1. September 1787 bis zum 28. Julius 1794 war beendigt. Auf dem Kongreſſe zu Jaſſy war der Friede am 29. Dezember 1791 alten Styls durch den Grafen Besborodko zu Stande gekommen, und die Monarchin der Ruſſen K. Katharina Il. be⸗ ſchloß, nach der Gewohnheit ihrer Vorfahren, durch eine glaͤnzende Geſandtſchaft auf die Sinne der Tuͤr⸗ 3⁵² ken zu wirken. Katharina beſtimmte zuerſt den General Samailow zum Chef dieſer Geſandtſchaft; allein der Fuͤrſt Waͤſemskoy ſtarb, und Samai⸗ low wurde an deſſen Stelle Großkron⸗Schatzmeiſter. Nun fiel die Wahl der Monarchin auf den General⸗ Lieutenant Michael Lawrionnowitſch Gole⸗ niſchtſchev⸗Kutuſow, der in dem erſten Tuͤrken⸗ Kriege mehrmals fuͤr das Vaterland geblutet, und ſich auch in dem letzten, oder vielmehr im zweiten Kriege gegen die Tuͤrken ſehr vortheilhaft ausgezeichnet hatte. Dieſer Mann ſollte, begleitet von einem Geſandt⸗ ſchafts⸗Perſonale, welches uͤber fuͤnfhundert Koͤpfe zaͤhlte, dem Sultan, den Miniſtern der Pforte und den dem Großherrn untergebenen Hoſpotaren Ge⸗ ſchenke bringen, die nahe 700,000 Rubel an Werth betrugen. Mit Sachen von Gold und Koſtbarkeiten aller Art, als Tabatieren, Uhren, Ketten, mit Bril⸗ lanten und aͤchten Perlen beſetzt, mit einer brillante⸗ nen Aigrette, 40,000 Rubel an Werth, mit Handbe⸗ cken von Gold und Silber, mit einem Pelz fuͤr den Sultan, 68,000 Rubel werth, und mit ſeidenen Stof⸗ fen aller Gattung beladen, ſollte er an den Hof des verſohnten Feindes ziehen, um den Tuͤrken⸗Herrſcher and die Großen des Reichs der Sultane Ehrfurcht vor Rußlands Herrſcherin zu lehren. Nachdem Alles zur Geſandtſchaft vorbereitet war, deren Koſten auf drei Millionen Rubel berechnet waren, verließ der Botſchafter mit ſeiner Familie am 15. Maͤrz 1793 353 St. Petersburg, denn zeitig mochte er in Eli⸗ ſabethgrad(eine kleine Stadt im Gouvernement Jekaterinoslaw) eintreffen, um das dort ver⸗ ſammelte Geſandtſchafts⸗Perſonale nicht zu lange har⸗ ren zu laſſen. Zwei Tage ſpaͤter reiſte Heinrich von Rei⸗ mers ebenfalls ab. Sternhell war die Nacht; der Weg war gefroren, und raſch legte Reimers die 45 Werſte von St. Petersburg bis Gatſchina zuruͤck in ſeiner Déſobligeante. Sein und ſeiner Reiſe⸗Kollegen Bediente rollten mit dem Gepaͤcke in einer Kuͤbitka nach. Auf der Mitte des Weges ließ man links das kaiſerliche Luſtſchloß Zarskoe⸗ Selo, und dabei liegende Staͤdtchen Sophia liegen. Auf der dritten Station hinter Petersburg, im Staͤdtchen Roſchestwenna wurde gefruͤhſtuͤckt, und dann ging es weiter. Man ſah hier die ebenen Gegenden bergigter wer⸗ den, in den Thaͤlern Schnee, in flachern Gegenden den Fruͤhling kommen; aber dennoch keine reitzenden Gegenden, wie ſie Italien, Frankreich, Eng⸗ land und Seutſchland darbieten, auch keine au⸗ genehme Stadt, wo Schauſpiel oder Kunſt ergoͤtzen konnte, hoͤchſtens Doͤrfer mit hoͤlzernen Huͤtten. Nachdem man Luga, die Kreisſtadt an der Luga⸗ verlaſſen hatte, kam man bald aus dem Petersburgi⸗ ſchen Gouvernement, in welchem 678,000 Ein⸗ wohner, und 682 Menſchen auf die Quadratmeile, ge⸗ 354 zaͤhlt wurden, in die Pl eskowſche Statthalterſchaft, deren Volksmenge faſt gleich groß war, aber doch nur 588 Menſchen auf die Quadratmeile zaͤhlte. Die Gegend von Luga nach Porchov, eine kleine Stadt am Schelon, gegen 400 Kaufleute zaͤh⸗ lend, iſt bergigt, und wird es immer mehr, je weiter man nach Porchoo koͤmmt. Von da bis Mohilew fanden die Reiſenden gute Poſthaͤuſer, aber nicht im⸗ mer Pferde: denn der um wenige Stationen voraus fahrende Botſchafter brauchte deren ſtets 470, die, wenn ſie zuruͤck kamen, duech uͤbermaͤßiges Eilen ſtark angegriffen waren. Auch wurde der Weg immer ſchlechter. Endlich kam man doch noch zeitig genug nach Welikie⸗Luki, eine kleine von Holz ge⸗ baute, aber mit Feſtungswerken umgebene Stadt am Lowat. Kurz vor der erſten Station nach dieſer Stadt be⸗ ginnt mit der Polotzkiſchen Statthalterſchaft das ſogenannte Weiß⸗Rußland. In dieſer Statthal⸗ ſchaft zaͤhlte man 624,000 Einwohner, 782 auf eine Quadratmeile. Langwierige Berge, tiefer Schnee und ſchlechte Pferde dauerten noch fort. Bei dem Dorfe Suraſch fuhr man Abends ſpaͤt uͤber die Duͤ⸗ na, dann einen großen Berg herab uͤber den gefror⸗ nen Fluß Kaſplaͤ. Wald und Felder wechſelten auf beiden Seiten des Wegs, der wieder bergigt wurde bis nach Witebsk. Dieſe alte Stadt, 63112 Werſt von St. Pe⸗ 355 tersburg, liegt zwiſchen hohen, bergigten und wil⸗ den Ufern an der Duͤna. Sie hat mehrere— theils holzerne Haͤuſer, aber eine Menge ſteinerner Kirchen und acht Kloͤſter, welche ſehr reich verziert ſind, 44,000 Einwohner, und aͤußerſt kothige Straßen. Die da⸗ ſelbſt wohnenden Juden handeln theils mit Linden⸗ meth, der ſehr berauſcht und Lipez; heißt, theils mit andern Gegenſtaͤnden. Sie verheirathen ſich ſehr jung; man ſah einen Mann von 13 Jahren und eine Frau von 9 Jahren. Die ganze Gegend um Witebsk iſt arm, und ihr Volk iſt ungluͤcklich und elend. Waͤhrend der Bauer oft Brod aus Hanfſaamen baͤckt, oft gar kei⸗ nes hat, verpraßt der reiche Guts⸗Beſitzer ſein erpreß⸗ tes Vermoͤgen in der Reſidenz. Bei der erſten Station hinter Witebsk kamen die Reiſenden an den Dnjepr, an den Boriſthe⸗ nes der Alten, der daſelbſt nicht ſehr breit iſt. Nun lief der Weg laͤngs dem Ufer des Fluſſes. Tiefer Schnee noͤthigte zu oͤfterem Haltmachen. Im Dorfe Oraͤchow, wo Reimers mit ſeinen Reiſe⸗Gefaͤhr⸗ ten uͤbernachtete, wurde dieſem, der bis dahin die Kaſſe fuͤhrte, ſein Taſchenbuch mit 100 Rubel Bank⸗ Aſſignationen entwendet, von wem, erfuhr man nicht. Von da fuͤhrte der Weg durch Alleen zum Staͤdtchen Orſcha am Dnujpr. Hier befand man ſich ſchon im Mohilewſchen Gouvernement, worin 663,000 Einwohner, 166 auf die Quadratmeile gezaͤhlt 356 wurden. Von Orſcha laͤuft der Weg gerade durch Birken⸗Alleen bis Sklow, wo ein Jude das Wirths⸗ baus hatte, und wo man ſich eng in einem Billard⸗ Zimmer behelfen mußte, weil der Botſchafter alle ubrigen Zimmer befetzt hatte. Die Stadt Sklow gehoͤrte einem ehemaligen Guͤnſtlinge der Monarchin, dem General Soritſch, welcher daſelbſt eine Kadetten⸗Schule fuͤr Kinder ax⸗ mer Edelleute errichtet hatte, und ſeinen Reichthum gut anwendete. Von Sklow fuͤhrte der Weg wieder durch Alleen nach Mohilew.— Dieſe Gouvernements⸗Stadt, der Sitz des General⸗Gouverneurs von Weiß⸗Ruß⸗ land eines katholiſchen Erzbiſchofs und einer Mengo von Geiſtlichen liegt unter 530 54 Breite und 480 4“ Laͤnge auf einer Anhoͤhe am rechten Ufer des D njepr, und nimmt ſich in der Ferne mit ihren vielen Thuͤr⸗ men ſehr gut aus. Die Gaſſen ſind breit, gerade und gepflaſtert. Viele Haͤuſer ſind aus Stein und mit Geſchmack gebaut. Man findet viele Kirchen, zwei Synagogen und 12,000 Einwohner, die Stadt iſt eine Feſtung, und gewaͤhrt von den Waͤln eine ſchoͤne Ausſicht auf den Dnjepr. Von Mohilew bis nach Eliſabethgrad wer⸗ den sos Werſte gerechnet. Dieſe Strecke zu durchrei⸗ ſen, begann man am 28. Maͤrz, und am 8. April war es gemacht. Rechnet man 20 Werſte auf 3 teutſche Meilen, ſo hat man von St. Petersburg bis Eli⸗ 357 ſabethgrad 240 teutſche Meilen. Einem Reiſenden in einem andern Lande wuͤrde auf einer ſolchen Strecke manches Erfreuliches begegnen; allein unſerm Rei⸗ mers ward wenig mehr, als Ermuͤdung und Ver⸗ druͤßlichkeiten. Kaum war man aus Mohilew gefahren, und uͤber den Dnjepr geſetzt, ſo fuͤhrte der Weg, durch Alleen zwar, aber durch tiefen Schnee, an Bettlern und Bauern voruͤber, denen allen der Gram und das Elend aus den Augen ſah. Jaͤmmerliche Pferde zo⸗ gen mit Muͤhe die Waͤgen der Reiſenden von Poſt zu Poſt, und oft mußte man ſelbſt Hand anlegen, um die Raͤder aus dem Schnee zu heben. So reiſte man uͤber das Dorf Dſchetſcherk, welches auf einer An⸗ hoͤhe liegend, ſchoͤn in das Auge faͤllt, nach der klei⸗ nen Stadt Belitſch an der Soſcha und am Dnjepr, und kam dann 3 Stunden weiter bei dem Dorfe Do⸗ braͤnka in das ſogenannte Klein⸗Rußland, wo die Sſchernigowſche Statthalterſchaft den Anfang macht. In dieſer zaͤhlt man 142,000 Einwohner, 1605 Menſchen auf die Quadratmeile. Das Land ward nun ebener, und zeigte mehr Kultur. Die Bewohner ſahen geſunder aus, und es gab von Station zu Sta⸗ tion beſſere Pferde. Auch die Sprache der Leute wurde feiner im Vergleiche zum maſeowiſchen Dialecte. Mehrere Meilen von der Gouvernements⸗Stadt Tſchernigow begannen große, unuͤberſehbare Ebe⸗ 358 nen, welche ſich ſo durch das ganze Jekaterinos⸗ lawſche Gouvernement finden. Nur ſelten ſah man Geſtraͤuch und etwas Waldung, deſto mehr Getreide. Die Bauern⸗Haͤuſer waren aus geflochtenem Geſtraͤu⸗ che mit Lehm⸗Erde uͤberzogen, gebaut, und hatten Strohdaͤcher, anſtatt der bretternen, die man bis hie⸗ her geſehen hatte. Die Stadt Tſchernigow ſelbſt, ein Biſchofs⸗ Sitz mit 5000 Einwohnern und einem Seminar, war ziemlich kothig. Nahe dabei ging man uͤber die Des⸗ na, welche noch gefroren war. Vom 1. April hatte man Thauwetter und ſchlechten Weg. Zudem bekam man wegen eingetretener Faſten, die immer ſtrenger gehalten wurde, je weiter man ſich von der Reſidenz entfernte, in den Wirthshaͤuſern nur Kaffee, Thee, Milch, Eier und Butter⸗Brod. Die kleine ſchmutzige Stadt Naͤſchin am Oſtr durchfahrend, kam man zunaͤchſt durch die Kiewſche Statthalterſchaft, welche 196,000 Einwohner, 1360 auf die Quadratmeile zaͤhlte, und einen vortrefflichen Boden hat. In dieſer Statthalterſchaft findet man außer Ruſſen und Koſacken auch Griechen und Arme⸗ nier, welche ſtarken Handel nach Polen, in die Tuͤrkei und nach Schleſien treiben. Nachdem man hinter Chorol dieſes Gouverne⸗ ment verlaſſen hatte, kam man in das Jekaterin⸗ oslawſche Gebiet, wo 745,000 Einwohner, 302 auf die Quadratmeile gezaͤhlt wurden. Hier traf man zuweilen ſchoͤne Doͤrfer, angenehme kleine Staͤdte an, und bald ſah man ſtatt des Winterſchnees ein ſanftes Gruͤn des Fruͤhlings. Am 8. April gelangte man end⸗ lich in die Hauptſtadt dieſes Gouvernements, nach Eliſabethgrad, am Ingul. In dieſem kleinen ſchmutzigen Staͤdtchen von 3000 Einwohnern, die ſehr viele Schweine zu halten ſchienen, erwartete man den Geſandten, dem man unterwegs einen Vorſprung ab⸗ gewonnen hatte. Hier lebte man nach Ankunft des Botſchafters, und nach dem Eintreffen des ſchnell von Konſtantinopel ſortgeſchickten franzoͤſiſchen Ge⸗ ſandten, des Grafen Choiſeul, der bei der Schlie⸗ ßung des Friedens von Jaſſy den Ruſſen weſentliche Dienſte geleiſtet hatte und nun in St. Petersburg ſeine Belohnungen empfangen ſollte, einige Wochen ſehr angenehm, mannigfaltigen Vergnügungen hinge⸗ geben. Denn man mußte warten, bis alle Livreen fuͤr das Geſandtſchafts⸗Perſonale von den Schneidern ge⸗ fertigt, und jeder Gegenſtand in Ordnung war, wel⸗ cher ſonſt das nach Rußlands Willen in Dubaſſar beſtimmte Auswechſelungs⸗Ceremoniel haͤtte hindern koͤnnen. Von Eliſabethgrad bis Dubaſſar ſind 334 Werſte. Dieſe Reiſe wurde vor dem 15. Mai nicht angetreten. An dieſem Tage aber wurde das ganze Geſandtſchafts⸗Perſonale mit den 200 Artillerie⸗Pfer⸗ den, welche in der Veſtung waren, fortgebracht. Man fuhr durch den Ingul, die Veſtung links 38ſtes B. Siebenbürgen ꝛc. I. 3. 8 360 laſſend, nach dem 15 Werſte entfernt gelegenen Dorfe Gruskaya, wo man die Nacht ſchlafend im Wagen zubrachte, und mit dem naͤchſten ſchoͤnen Morgen ſich bald erhob, um zeitig nach dem Dorfe Wisky zu kommen. Dort ſpeiſte Reimers und ſeine Gefaͤhr⸗ ten einfach zu Mittag, Eier und ſaure Milch, und machten, waͤhrend die Pferde auf den trefflichen Wie⸗ ſen weideten, einen Spatziergang. Auf dieſem belehr⸗ ten ſie ſich, daß man hier ſchon mit Muͤhe das Ruſ⸗ fiſche verſtand, und allgemein Moldauiſch redete⸗ Die Bauart der Haͤuſer war auch eine andre. Dieſe waren klein und niedrig und hatten ſtatt Glasſcheiben Ochſenblaſen in den Fenſtern. Von da zogen die Reiſenden nach dem Staͤdtchen Ogliopol, auch Olwiopol und Orlik genannt, am Zuſammenfluſſe der Sinjucha und des Bug (Hyppanis der Alten) gelegen. Hier wohnten die Reiſenden bei einem Juden, der das Wirthshaus hielt. Sein huͤbſches Weib, eine geſchäͤftige Wirthin, kochte gut, und entſchaͤdigte ſo fuͤr die zeitherigen Faſten. Nach eingenommenem Fruͤhſtuͤcke fuhr man von Ogliopel bis zum Bug, und dann uͤber eine Pon⸗ tons⸗Bruͤcke, welche uͤber den Fluß geſchlagen war. Dieſe Pontons ſind mit betheertem Segeltuche uͤber⸗ zogene Holz⸗Gerippe, und darum bei einem Feldzuge viel leichter fortzuſchaffen, als jene, welche mit Kupfer⸗ Platten beſchlagen werden. Der ganze Zug der Rei⸗ ſenden hatte das Anſehen eines militaͤriſchen, und weil 361 wahrſcheinlich im letzten tuͤrkiſchen Feldzuge die Be⸗ wohner dieſer Gegenden hart geplagt ſeyn mochten; darum ſah man wenige junge Maͤdchen, darum bekam man erſt gegen Vorausbezahlung die noͤthigen Lebens⸗ mitiel. Beſſer verſorgt wurde man in Balta, einer Stadt am Koduͤma, die ehemals zu Polen gehoͤrte, und 110 Werſte von Olwiopol eutfernt iſt. Sie liegt theils in einem Thale, theils auf dem daran ſtoßenden Berge, hat ein Schloß, und neben demſelben einen im engli⸗ ſchen Geſchmacke angelegten Garten. Die hier zahl⸗ reichen Juden treiben ſtarken Handel mit ſchleſiſcher Leinwand. Als der Botſchafter in Balta ankam, ging Rei⸗ mers mit ſeinen Gefaͤhrten wieder voraus, der gro⸗ ßen Oezakowſchen Steppe entgegen, die einen Theil der Wosnesenskiſchen Statthalterſchaft ausmacht, aber faſt menſchenleer iſt, indem ſie nur 120,000 Menſchen, 293 auf eine Quatratmeile, enthaͤlt. Von Balta bis Dubaſſar traf man nur ein erbaͤrmliches Haͤuschen, wo man Nachtauartier nahm, dann ein Poſtzelt, wo ein Koſaken⸗Offizier lebte, aus einem kleinen Dorfe den Reiſenden, durch einen gut berittenen Koſaken, Butter zum Fruͤhſtuͤck beſorgte, und zuletzt ganz einſam das neue Wirthshaus eines Juden, der unſeren Herren berauſchenden Meeth gab, und damit Kopfweh verurſachte. Nachdem man von dieſem Juden Abſchied genommen batte, gingen 2 362. zwei der Reiſegefaͤhrten Reimers, ihr Kopfweh zu vertreiben, zu Fuße voraus, und verirrten ſich in ein Dorf auf die Straße nach Bender⸗ wohin zum Gluͤck fuͤr dieſe ſpaͤter ſich auch die Fahrenden ver⸗ irrten, nachdem ſie den Tag ſechzig Werſte umherge⸗ fahren waren. Von dem Dorfe aber nahm man einen des Weges kundigen Vorreiter bis nach der noch 35 Werſte entlegenen Stadt Dubaſſar. Der Weg war ſchlecht: denn es hatte ſtark geregnet. Ueberhaupt war der Weg von Eliſabethgrad bis Dubaſſar ſehr einförmig. Eine einzige Wieſe, ein einziger gruͤner Teppich iſt die ganze Strecke, und nur ſeit der Ueberfahrt uͤber den Bug wechſeln Huͤ⸗ gel mit kleinen Bergen ab. Das Erdreich aber iſt ohne Steine, ſchoͤn und ſchwarz. Ueppig treibt uͤberall das Gras, das im Mai und Anfange des Juni zu einer maͤchtigen Hoͤhe emporſchießt, aber von der Julius⸗ Sonne leicht verſengt wird. Der einzige Mangel, den dieſe leicht bebaubare Steppe hat, iſt Trinkwaſſer: denn es fehlt an Quellen und Fluͤſſen. Von einem Berge fuhr man endlich am 23. Mai in Dubaſſar oder Tombaſſar ein. Dieſes Staͤdt⸗ chen, einen herrlichen Anblick gewaͤhrend, liegt am Dniestr, am Tanastris oder Tiras der Alten. Ueber den Dnjestr ſieht man die ſchoͤne Moldau⸗ wo Berge, Huͤgel, Thaͤler, Baͤume und Gebuͤſche lieblich wechſeln. Der Dnjestr ſelbſt fließt hier bald zwiſchen Ebenen, bald auch zwiſchen hoben felſigen Ufern. 363 Nachdem man ſeinen Hunger in einem Juden⸗ Wirthshauſe geſtillt, bequemer ſich's gemacht, den Bot⸗ ſchafter beſucht hatte, beſah man die Stadt, die ziem⸗ lich groß und weitlaͤufig, aber ſchlecht gebaut iſt. Die Haͤuſer ſind niedrig gebaut, deſto mehr aber fallen die zerſtreut liegenden Kirchhoͤfe mit ihren Grabmaͤlern auf. Die Einwohner⸗Zahl vermehrte ſich durch viele Moldauer, die bei dem letzten Kriege eingewandert waren. Die moldauiſchen Weiber find ſtets beſchaͤf⸗ tigt, bald am Webeſtuhle bald mit der Kunkel, und haben ihre eigene Tracht. Auch gibt es viele Juden in Dubaſſar. Der Tag zur Auswechſelungs⸗Ceremonie der ruſſi⸗ ſchen gegen die tuͤrkiſche Geſandtſchaft war auf den 3. Juni feſtgeſetzt. Alles was nicht zur Ceremonie ge⸗ hoͤrte, ging voraus ſchon uͤber den Dnjestr; alles uͤbrige Perſonal mit dem Botſchafter in einem großar⸗ tigen Zuge. Dieſes Perſonal war in ſeiner glaͤnzend⸗ ſten Uniform. In einem kleinen Hauſe, nicht weit von der fuͤr den ruſſiſchen Botſchafter beſtimmten, ſchoͤnen bedeckten Faͤhre auf dem Dnjestr, dem Dorfe Kriulen in der Moldau gegenuͤber, ſammel⸗ ten ſich alle, welche zur Ceremonie gehoͤrten, um der Sonnen⸗Hitze nicht ſo ſehr ausgeſetzt zu ſeyn. Auch der ruſſiſche General⸗Major, Graf Besborodko, ein Bruder des verdienſtvollen Miniſters gleiches Namens, erſchien daſelbſt, um ſeinem Auftrage gemaͤß von dort den tuͤrkiſchen Botſchafter nach St. Petersburg 364 zu begleiten. Nachdem der ruſſiſche Geſandte mit dem General⸗Gouverneur Paſſeck in ſeinem Parade⸗Wa⸗ gen angekommen war, gab ein Kanonen⸗Schuß das Zeichen zum Beginne der Ceremonie. Das Signal wurde von tuͤrkiſcher Seite ſogleich beantwortet durch einen gleichen Kanonen⸗Schuß, und nun ſetzte ſich der ruſſiſche Zug in folgender Ordnung in Bewegung. Fuͤnfhundert Koſaken marſchirten voran; dann folgte der Oberauartiermeiſter zu Pferde. Dieſem folgten zwei Fouriers mit ihren Standarten, ebenfalls zu Pferde. Hierauf kam eine Abtheilung von dreißig tauriſchen Kuͤraſſieren; das Korps der Blech⸗Muſiker, einen praͤchtigen Marſch ſpielend; dann folgte eine Ab⸗ theilung von Infanterie von ſechzig Mann. Auf dieſe kamen zwei Sécrétaires Interbrétes aus dem Reichs⸗Kollegium zu Pferde, hinter ihnen zwei berit⸗ tene Huſaren. Nun folgte der Parade⸗Wagen mit dem Legationsrath und Geſandtſchafts⸗Marſchall; hin⸗ ten zwei Huſaren und neben demſelben ein Kapitaͤn zu Pferde als Dolmetſcher. Dann zogen der Ober⸗ ſtallmeiſter zu Pferde; nach dieſem ſechs Handpferde mit blauſammtenen Decken und mit dem reichgeſtickten Kutusowſchen Wappen, von ſechs Huſaren zu Pferde gefuͤhrt, hernach der uͤbrige Stall des Botſchaf⸗ ters. Dann folgten dreißig Livree⸗Bedienten zu Fuß, vier und zwanzig Offizianten(roth mit Gold) zu Fuß, der Haushofmeiſter zu Fuß, dann die zwoͤlf Geſandt⸗ ſchafts⸗Kavaliers zu Pferde, ſechs Huſaren, vier Kou⸗ 365 riers zu Pferde. Nun kam der Parade⸗Wagen des Geſandten. Vier Pagen auſſen an den Sitzen, vier Laufer voran, zwei Heiducken am Schlage, und ſechs Garde⸗Soldaten an der Seite. Neben demſelben ritt der Sekretaͤr der orientaliſchen Sprachen mit verſchie⸗ denen Stabs⸗Offizieren und zwei Kammer⸗Pagen. Dann folgten noch zwei Huſaren zu Pferde, ein ſechs⸗ ſpaͤnniger Wagen mit den drei Geſandtſchafts⸗Seere⸗ taͤren; hinten zwei Huſaren, und nebenher ein Seere⸗ taire Interprète zu Pferde. Dreißig Kuͤraſſiere be⸗ ſchloſſen den Zug, der ſich in einem ganz pathetiſchen Schritte dem Dnjestr naͤherte. Bei der Faͤhre an⸗ gekommen, begruͤßte man ſich gegenſeitig mit Kano⸗ nen⸗Schuͤſſen. Hier war alles ſehr beſchaͤftigt, und waͤhrend der ruſſiſche Botſchafter in einem Zelte mit ſeinem Gefolge zu Mittag ſpeiſte, zogen die ruſſiſchen Equipagen nach dem jenſeitigen Ufer, und die tuͤrki⸗ ſchen nach dem dieſſeitigen. Das Gewuͤhl war daher ſehr groß, doch hatte es etwas Anziehendes; beſonders neu war den Reiſenden das weniger glaͤnzende Gefolge des tuͤrkiſchen Geſandten. Um die auf ein erfolgtes Signal vor ſich gehende Auswechſelung der Botſchafter ungeſtoͤrter uͤberſehen zu koͤnnen, ließ ſich Reimers mit den Geſandrſchafrs⸗ Kavalieren ans tuͤrkiſche Ufer uͤberſetzen. In der Mitte des Fluſſes war ein praͤchtiges tuͤrkiſches Fahrzeug. Dieſem naͤherten ſich die Geſandten von beiden Sei⸗ ten, mit ihren Kommiſfaͤren, Priſtafs oder Begleitern. 366 Dort angekommen ſetzten ſich die Botſchafter mit ihren Kommiſſaͤren auf Lehnſtuͤhle, einander gegenuͤber, und begruͤßten ſich unter Kanonen⸗Donner wechſelſeitig durch ihre Dragomanen. Dann uͤbergab der ruſſiſche Kommiſſaͤr, Gouverneur Paſſek, den ruſſiſchen Bot⸗ ſchafter in die Haͤnde des tuͤrkiſchen Kommiſſaͤrs, dem Vaſcha von Bendern, und dieſer uͤbergab ebenſo den tuͤrkiſchen Geſandten in die Haͤnde des ruſſiſchen Kommiſſaͤrs. Unter Kanonen⸗Donner und Salven mit kleinem Gewehr fuhr dann ſogleich einer nach dem moldauiſchen, der andere nach dem ruſſiſchen Ufer ab. Ganz nahe am diesſeitigen Ufer hatte der Paſcha von Bendern ein ſchoͤnes Zelt aufſchlagen laſſen, wohin ſich nunmehr der ruſſiſche Botſchafter begab, um dort mit den Anſehnlichſten ſeines Gefolges nach tuͤrkiſcher Weiſe Kaffee, Taback und lange Pfeifen zu nehmen, und dabei mit dem Dolmetſcher des Kommiſ⸗ ſaͤrs von unbedeutenden Gegenſtaͤnden zu reden. Nach⸗ dem dieſe letzte Ceremonie beendigt, begab ſich der Ge⸗ ſandte in das Lager bei Kriulen, welches beſonders fuͤr ihn errichtet, und dem tuͤrkiſchen gerade gegenuͤber lag. Hier hoͤrte man eine unharmoniſche tuͤrkiſche Blech⸗Muſik, bewirthete dann im Parade⸗Zelte die vornehmen Tuͤrken aus dem Gefolge des tuͤrkiſchen Kommiſſfaͤrs, und ſprach von Wohlbefinden, von der Reiſe u. ſ. f. Bei dieſem wegen der Geſandtſchaft aufgeſchlage⸗ nem Lager bemerkte Reimers, daß die tuͤrkiſchen 367 Zelte, rund und groß, ſehr von den ruſſiſchen abwi⸗ chen; doch waren ſie vortheilhaft und leicht aufzu⸗ ſpannen. Gegen Abend brachte man dem Geſandten die Bewillkommungs⸗Geſchenke des tuͤrkiſchen Kom⸗ miſſaͤrs. Der Gemahlin und Tochter zur Ehre des Geſandten waren die Zelte erleuchtet. Die Tafel des Geſandten ſtand voll von Speiſen, welche die tuͤrki⸗ ſchen Koͤche auf den Koͤpfen herbeitrugen, ſuͤß bereitet waren mit Honig, Roſenwaſſer und Gewuͤrz, und einen lieblichen Geſchmack hatten. Am beſten ſchmeckte der Pilaff, oder mit Hammelfett zu einem dicken Breie gekochter Reis. Merkwuͤrdig iſt die Sitte der Tuͤrken, vor dem Zelte des Geſandten, vor dem des Legations⸗Rathes, und vor denen der drei Sekretaͤrs jede Nacht auf eiſer⸗ nen Stangen Meſchalehs oder Fackeln von harzigem, in einer eiſernen Kapſel brennendem Holze, aufzuſtellen. Dies gilt als Ehrenbezeigung, hat aber auch einen re⸗ ligioͤſen Grund und ſoll die Eigenſchaft haben, die boͤ⸗ ſen, das friedliche Benehmen und Verhaͤltniß zweier Maͤchte ſtoͤrenden Geiſter abzuwehren. Dieſe Ceremo⸗ nie beginnt gewoͤhnlich in der erſten Nacht, welche ein fremder Botſchafter im tuͤrkiſchen Gebiete zubringt, und hoͤrt erſt dann auf, wenn er dasſelbe wieder ver⸗ laſſen hat. Die Geſchenke, welche Ismael Paſcha dem Botſchafter machen ließ, und auch an deſſen Gemablin 368 und Tochter, waren ſchoͤn und reich. Doch waren die ruſſiſchen Gegengeſchenke im Werthe beträͤchtlicher. Ohnweit des ruſſiſchen Lagers befand ſich das des Paſcha von Bendern. Dort wurde man mit zu⸗ vorkommender Artigkeit aufgenommen, und mit einer Gaſtfreundſchaft, welche Reimers zum Lobe der Mu⸗ ſelmaͤnner ruͤhmt. Ueberhaupt ſchwanden die Tage im Lager bei Kri⸗ ulen ſehr angenehm hin. Man hatte mancherlei Ergoͤ⸗ tzungen, Gaſtmaͤler, Baͤlle und Feuerwerke. Auch ga⸗ ben die Tuͤrken ſich Muͤhe, das ruſſiſche Geſandtſchafts⸗ Perſonal zu erfreuen. So ſchickte eines Tages der Kapudſchi⸗Paſcha Abdallah mehrere ſeiner Leute zu Pferde, um die Ruſſen durch die Djirid zu belu⸗ ſtigen. Dieſes Spiel beſteht darin, daß junge und gut berittene Tuͤrken zuerſt langſam in die Runde reiten, und dabei drei bis vier runde, ſchlanke und drei Schuhe lange Staͤbe in der linken Hand halten. Dann lau⸗ fen die Hengſte Galopp, und das Spiel beginnt. Ein Reiter ſchleudert dem andern einen jener Staͤbe nach, den dieſer entweder im Fluge faͤngt oder parirt. Faͤllt der Stab auf die Erde, ſo wird er ſchnell mit einem vorne gekruͤmmten Rohrſtocke von dem Reiter aufge⸗ hoben, und mit der groͤßten Geſchwindigkeit auf den Gegner zuruͤckgeſchleudert; oder man haͤlt das galop⸗ pirende Pferd ſchnell an, und ſchleudert den Stab ſo ſchnell auf den erſten Werfer zuruͤck, daß dieſer gemei⸗ niglich getroffen wird. In dieſer Gewandehenr aber be⸗ 369 ſteht eben die Kunſt; doch wird ſie oft mit dem Ver⸗ luſte eines Auges oder mit einem Schaden an einem andern Gliede bezahlt. Dieſe und aͤhnliche Vergnuͤ⸗ gungen hatte man oft im Lager zu ſehen. Am 14. Juni aber ertoͤnte die Trommel zum Auf⸗ bruche; die Zelte waren ſchuell abgebrochen, und nun ging es, nachdem der Geſandte von ſeiner Gemahlin und von ſeinen Kindern Abſchied genommen hatte, denn dieſe reiſten wieder zuruͤck, mit einem unuͤber⸗ ſehbaren Zuge von Wagen und Kuͤbitken nach der Haupt⸗ ſtadt der Moldau vorwaͤrts. Die Bewohner dieſer Ge⸗ genden mochten den Aufbruch wohl gerne ſehen: denn ſie hatten bis jetzt, nach dem Gebrauche der Tuͤrken, alle Lebens⸗Beduͤrfniſſe in das ruſſiſche und tuͤrkiſche Lager liefern muͤſſen. Es war naͤmlich ausgemacht, daß die Tuͤrken die ruſſiſche Geſandtſchaft taͤglich mit 600 Piaſtern zu unterhalten hatten. Hierdurch erwuchs dem nicht reichen ruſſiſchen Geſandten und ſeiner Fa⸗ milie ein nicht unanſehnlicher Vortheil, und das hatte auch die Monarchin gewollt. Anfangs war das Wetter truͤbe; doch klaͤrte ſich der Himmel bald auf. Manche lachende Gegend er⸗ quickte das Auge, und bald war man da angekommen, wo man dem Dujestr das letzte Lebewohl ſagen konnte und mußte. Muͤhſam ging es nun einige Berge hinauf. Ueberraſchend war indeſſen auf dem Gipfel des einen die Ausſicht, und man ſah, daß die Mol⸗ dau ein ſchoͤnes und fruchtbares Land ſey. Nachdem man in dem Dorfe Boſchkana. 15 Werſte von Kriulen, zu Mittag geſpeist hatte, zog man weiter. Wohl ſah man wenige Doͤrſer, aber deſto mehr gut bebaute Felder. Berge und Thaͤler wechſel⸗ ten angenehm ab. Im Staͤdtchen Kiſchnaͤwa nahm man Quartier. Die Haͤuſer dieſes Ortes ſind zwar niedrig, und nur von Fachwerk mit geflochtenem Ge⸗ ſtraͤuche, innen und außen mit Lehm uͤberzogen; aber doch ſehr reinlich, und mit Schilf oder Mais⸗Stroh gedeckt. Von hier zog man zwiſchen Feldern am Buͤ h fluſſe weiter. In der Ferne zeigten ſich Berge mit Wald, und gegen Mittag kam man in dem Dorfe Stras⸗ cheni an, welches in einem herrlichen Walde zwiſchen Bergen liegt. Die Bauern⸗Stuben daſelbſt waren groß und reinlich, und ließen auf Wohlhabenheit ſchlie⸗ ßen. Die Zimmer waren mit Zweigen von wilden Kirſchbaͤumen behangen, deren Frucht zwar kleiner, als unſere Garten⸗Kirſchen, aber doch von einem an⸗ genehmen Geſchmacke war. Der Bauern Pferde zu ſchonen, machte man ſich fruͤhzeitig wieder auf den Weg, der neu ausgebeſſert war. Bald kam man daher nach Kalgraſch, einem Dorfe, 4 Stunden von Straſcheni. Hier hielt man einen Raſt⸗Tag. Von hier zog man wieder zwiſchen Mais⸗Feldern auf bergigem Wege nach Walschinesti. Dieſes Dorf iſt zwar klein, hat aber im nahen Buchen⸗Walde 371 angenehme Spatziergaͤnge. Mit dem Aufgange der Sonne verließ man dieſen Ort. Ein dicker Nebel wurde von der Sonne bald zerſtreut, und ſo hatte man eine herrliche Ausſicht auf Berge und Waͤlder. Zu bemerken iſt, daß uͤberall in der Moldau gegen Abend in den Thaͤlern ſtarker Nebel faͤllt, durch Ausduͤnſtung der Erde erzeugt, der die Sommer⸗Naͤchte auſſeror⸗ dentlich kalt macht, was mit der Tages⸗Hitze ſehr ſtreitet. Dieſe wuͤrde naͤmlich ganz unertraͤglich ſeyn, wenn nicht im Sommer ſtets gegen die Mittags⸗Zeit ein kuͤhlender und erfriſchender Wind wehte, der in Beſſarabien oft von Morgens 9 Uhr bis Nachmit⸗ tags 3 Uhr anhaͤlt. Am Fuße eines hohen zu uͤberfahrenden Berges hatte die Vorſorge des tuͤrkiſchen Mechmendars eine Menge Ochſen und Buͤffel mit Treibern zur Vorſpann beſtellt. Dieſe Buͤffel ſind groͤßer und ſtaͤr⸗ ker, als die gewoͤhnlichen Ochſen und haͤufig. Sie ha⸗ ben gemeiniglich dunkle Farben, kurzes Haar und ruͤck⸗ waͤrts flach gebogene Hoͤrner. Am Tage liegen ſie bis an den Kopf im Waſſer oder in Pfuͤtzen, und unter⸗ wegs werden ſie oft mit Waſſer begoſſen, damit durch die Hitze ihre Haut nicht berſte. Die Milch der Buͤf⸗ fel⸗Kuͤhe iſt ſehr fett, ſuͤßlich und etwas widrig. Der Weg uͤber den Berg iſt ſteil, und ſchlaͤngelt ſich im dunkeln Schatten der hohen Baͤume hinan. Von oben hat man eine Ausſicht auf eine Menge un⸗ belaubter Hoͤhen, und bald gebt es wieder abſchuͤſſig. 372 Nach einer Fahrt von 4 Stunden war man alsdann im Dorfe Ontſchesti, wo man einen Raſt⸗Tag hielt. Als man die Reiſe wieder fortſetzte, kam man mei⸗ ſtentheils durch dunkles Gebuͤſch: denn die Gegend iſt waldreich. Bald nahte man dem Pruth, oder dem Hieraſſus der Alten. Dieſer Fluß ſchlaͤngelte ſich lieblich zwiſchen Baͤumen dahin, und man ſetzte, da er hier nicht ſehr breit iſt, bald uͤber. Nun bot ſich manche maleriſche und ſchoͤne Ausſicht uͤber die vielen Kruͤmmungen des Pruth, uͤber Wieſen mit hohen Buchen und Eichen, und auf mehrere zerſtreut gele⸗ gene Doͤrfer dar, bis man endlich wieder bergan fuhr, und 4 Stunden von Ontſchesti in das Lager von Stinka nahm. Dieſe Gegend hat ungemein viel Einladendes. Auf einem nahen Berge ſieht man den Pruth weithin ſtroͤmen, und auch den Fluß Zila, auch Sſchiſche genannt, in denſelben ſich muͤnden. Der Weg von Stiunka bis Jaſſy, das nur noch 8 Werſte entfernt, iſt anfangs einfoͤrmig und groͤßtentheils bergigt; ſpaͤter aber gewaͤhrt es eine herrliche Ausſicht. Links hat man eine Kette von Bergen mit ſchoͤnen Landhaͤuſern der Bojaren. Im Hintergrunde liegt das weitlaͤufige Jaſſy mit ſeinen vielen Thuͤrmen, und jenſeits der Stadt erheben ſich zwei hohe Berge, auf ihren Gipfeln die Kloͤſter D ſche⸗ tozui und Galata tragend. In Jaſſy einziehend, ſah man eine Menge neu⸗ gierigen Volkes in den engen Gaſſen und an den Fen⸗ 373 ſtern, Gruppen von geputzten Frauen und. Maͤdchen mit den ſchoͤnſten ſchwarzen Auen u. dgl. m. Hier richtete man ſich, nachdem der freundliche Empfang der Geſandtſchaft beim Hospodar geendigt war, auf einige Tage bequemer ein, als man es auf der Reiſe gekonnt hatte, wo man oft in dem Reiſe⸗Wagen ſchla⸗ fen mußte, um nicht von dem in der Moldau ſo haͤufigen Ungeziefer geplagt zu werden. Jaſſy, die Hauptſtadt der Moldau, unter 47⁰ 8˙ 30“ noͤrdlicher Breite und 45⁰ 9“ 45“ Laͤnge, am linken Ufer des Bachlui, iſt ein anſehnlicher Ort in einer reitzenden Gegend, hat einen Erzbiſchof, 4⁰ Kloͤſter u und 14,000 Einwohner. Die Straßen ſind ſchmal. Auf beiden Seiten derſelben ſtehen Buden, und ſie ſind zum Theile mit ſchmalen Balken gedielt, weshalb das Gehen bei dem guten Wetter ſehr bequem iſt. Da aber die Stadt in einer Erniedrigung, und faſt in einem Sumpfe gebaut iſt, ſo werden die Gaſ⸗ ſen durch kleinen Regen aͤußerſt kothig. Regnet es ſtark, ſo werden die Balken gehoben, und ſchwimmen dann umher. Die herrſchende Religion in der Moldau, wie auch in der Wallachei und in Bulgarien, iſt die griechiſche; daher die ſtille Anhaͤnglichkeit der Bewoh⸗ ner an die Ruſſen. Wenige Tage nach der Ankunft des Botſchafters in Jaſſy gab man dem Hospodar und den Vor⸗ nehmſten der Stadt einen Ball. Die Gemahlin des 374 Hospodars und ſeine ſchoͤne Tochter erſchienen eben⸗ falls auf dieſem Balle. Der orientaliſchen Sitte ge⸗ maͤß ſind dieſe jungen, herrlichen, durch ihre ſchwar⸗ zen Augen und bluͤhende Geſichts⸗Farbe reitzenden Ge⸗ ſchoͤpfe hier faſt immer verſteckt. Ihre Kleidung iſt wolluͤſtig, und ſcheint dem, der nicht daran gewoͤhnt iſt, ſogar etwas unanſtaͤndig, hat aber doch viel Anzie⸗ hendes. Der herabhaͤngende Talar, der kahl geſchorene Kopf mit der rothen Tuch⸗Muͤtze in Form einer Ka⸗ lotte, gibt den Maͤnnern ein chineſiſches Anſehen. (Fortſetzung im naͤchſten Baͤndchen.) —