2ir 2 Sl. 5 ( e I zbofbeie Taſchen⸗Bibliothek de wichtigſten und intereſſan auteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Buchdruckerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. WVerfaß t von Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 44. Baͤndchen. Mit einer Charte. II. Theil. 2. Bändchen von Griechenland. ——— ̈:—ꝛ—ꝛ—— ꝛ—— Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 18˙29. Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch Griechenland. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Berfaß t von Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 2. Bändchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1829. Wiſſenſchaftliche Reiſe nach Griechenland 1750— 60 v. Peter Aug. Guys*). Vom Prof. Eiſenſchmid. Erſter Theil. I. K onſtantinopel iſt die Hauptſtadt eines großen Reiches, und der zu einer unermeßlichen Hand⸗ *) Voyage litteraire de la Gréce. Paris 1771. 9, 2 vol.— Ed. II. augm. 1776. 3. 2 vol.— Ed. trois. ornée de 10 planch. Paris 17853. Pol. 2 vol.— Ueberſ. zu Leipzig 1771— 12. 8. in 2 Baͤnden.— Geboren zu Marſeille im J. 1721, ließ ſich als Kaufmann vorerſt zu Konſtautino⸗ pel, dann zu Smyrna nieder, und ſtarb 4799 in einem Alter von 79 Jahren auf der Inſel Zaute. Er war Mitglied des Inſtituts zu Paris, und der Arkadier zu Rom. Sein erſtes Werk erſchien 4714, und enthaͤlt die Begeben⸗ heiten ſeiner Reiſe von Konſtantinopel nach So⸗ phia(der Hauptſtadt von Bulgarien) in Brie⸗ 118 Aæ lung geſchickteſte Ort. Das Serail zieht alles Geld aus den Provinzen und die Produkte und Reichthuͤ⸗ mer der entfernteſten Laͤnder an ſich. Um dieſen Schlund her, der das Gold und Silber, ohne es je⸗ mals wieder heraus zu geben, verſchlingt, verſammeln und vereinigen ſich alle N ationen der ganzen Welt, und beſtreben und ſtreiten ſich durch einen nuͤtzlichen Wetteifer, um den Preis der Aemſigkeit und der Ta⸗ lente, Ein zahlreiches, aber unwiſſendes und neugie⸗ riges Volk, greift mit Erſtaunen nach ſchoͤnen und uͤberfluͤſſigen Dingen; auch macht ſie ihm der Geſchmack und die Gewohnheit zu Beduͤrfniſſen, und dieſe bie⸗ ten der Handlung den groͤßten Vertrieb an. Der franzoͤſiſche Handelsmann hat in Konſtanti⸗ nopel taͤglich mit Tuͤrken, Griechen, Armenianern und Juden zu thun. Gemeiniglich findet er den Tuͤr⸗ ken wenig biegſam, allezeit begierig, und bisweilen in fen Auf gleiche Weiſe ſchilderte er 414s ſeine Reiſe von Marſeille nach Smyrna und Kon⸗ ſtantinopel. Seinen literariſchen Ruf⸗ erhielt er vorzuͤglich durch vorliegende Reiſe. Bei de⸗ ren erſter Erſcheinung widmete Voltaire ihm einige ſehr ſchmeichelhafte Verſe, und die Grie⸗ chen ſendeten ihm das Diplom eines Ehrenbuͤr⸗ gers von Athen. Auch hatte er bei Gelegen⸗ heit einer Reiſe nach Neapel eine Dichtung ver⸗ faßt, die Jahres⸗Zeiten betitelt, welche großen Beifall erntete. Jaͤck. 119 ihm einen Sklaven ſeines gegebenen Wortes; den Griechen geſchmeidig, fein und betruͤgeriſch; den Ju⸗ den liſtig und treulos; den Armenianer ungelenk, gei⸗ zig und grob. Dieſe Nationen unterſcheiden ſich auch durch die Sitten, Manieren, Sprache, Gewohnheiten und ſelbſt durch die Kleidungen. Man findet unter ihnen diejenigen Tugenden und Talente, die allen Laͤndern eigen ſind. Sie haben alle ihre beſondern Geſetze und ihre eigne Gerechtigkeit. Der Tuͤrke wird von dem Cadi oder im Divan des Großveziers gerichtet: die Grie⸗ chen und Armenianer unterwerfen ſich auf das ſtrengſte ihren Patriarchen, die mit leichter Muͤhe den ſchre⸗ ckenden Bann, den man ſuchet, ausſprechen, und den man gegen einen treuloſen Schuldner erhaͤlt. Der Jude fuhret ſeine Streitigkeit vor dem Rabiner, deſſen Urtheil keinen Widerſpruch findet. 3 Die Armenianer machen die zahlreichſte, reichſte und kluͤgſte Nation aus: es ſind arbeitſame, unermuͤ⸗ dete und ſtarke Leute, die von Wenigem leben, und alle muͤhſamen Arbeiten treiben. Da ſie in dem In⸗ nern der Provinzen zu leben gewohnt ſind, ſo lieben ſie die Pferde und kennen ſie vollkommen: ſie ſind Kaufleute und Reiſende: aus ihnen beſtehen faſt alle Karavanen, und der groͤßte Theil der Handlung nach Perſien und Indien iſt in ihrer Hand. Die meiſten Sarrafs oder Geldmaͤckler ſind Armenianer: hieher kommen ibre großen Reichthuͤmer. Die Sarrafen 120 nehmen eine ſehr maͤßige Gebuͤhr die Muͤnte zu unter⸗ fuchen, die man bloß von ihren Haͤnden erhaͤlt: aber ſie gewinnen ein Anſehnliches an den Sorten, wenn ſie verrufen ſind, und ſie werfen ſie alsdann in die Auszahlungen, die ſie fuͤr die Großen zu thun haben, denen ſie das Intereſſe aufs hoͤchſte anſchlagen, wel⸗ ches von 24 bis auf 30 Prozent geht. Ein reicher Tuͤrke, der der Pforte eine Summe zu Bezahlung eines Wechſels abtragen muß, den man ihn zu acceptiren zwingt, nimmt den Schein an, als ob er es unter den beſchwerlichſten Bedingungen aufnehmen müßte, damit er nicht ein heimlich aufgehaͤuftes Vermoͤgen verrathe, deſſen Kenntniß die Regierung bald zum Vorwande nehmen wuͤrde, es ihm zu entreißen. Die Griechen, die ſonſt Herren des Meeres und auf dieſen Beſitz eiferſuͤchtig waren, haben ihn nicht verlaſſen: ſie ſetzen die Schifffahrt und den Fiſchfang fort. Die Juden haben ihnen darinnen keinen Ein⸗ trag gethan. Denn ob ſie gleich uͤberall zerſtreuet ſind, ſo ſind ſie doch ſo wenig zu einer gefaͤhrlichen Unternehmung geſchickt, als die Armenianer, die nicht die Ufer des Meeres bewohnet haben. Der Armenia⸗ ner alſo, ein Landmann und klug, treibt den innern Handel von einer Provinz in die andere und kennet uͤber dieſe Graͤnzen nichts. Der Grieche, der weit unterrichteter, geſchmeidiger und durch die Handlung zur See verfeinert iſt, hat die Handlung von einer Inſel zur andern und der Inſeln mit der Hauptſtadt 121 Der Tuͤrke, Herr des Landes, handelt wenig, ma⸗ chet wenig Speeulationen, und will nichts verlieren: der Reiche haͤuft Schaͤtze auf, um ſich empor zu ſchwin⸗ gen: der Arme gehorchet und arbeitet. Der demuͤ⸗ thige und geſchaͤftige Jude miſchet und inkorporiret ſich in dieſe drei Nationen; ohne mit ihnen verbun⸗ den zu werden, dienet er ihnen auf gleiche Weiſe, iſt das Band unter ihnen, und pflanzet ſich ſowohl durch ſeine Aemſigkeit als durch ſeine Fruchtbarkeit fort. II. Die Handlung des ſchwarzen Meeres iſt allein den Bewohnern des Landes oder den Unterthanen des Großherrn vorbehalten. Es ſind Armenianer, Grie⸗ chen und Juden, die ſie treiben; die Tuͤrken mengen ſich auch bisweilen darein. Aber ſie werden niemals reiche und zahlreiche Kaufleute ſeyn, weil ſie Sklaven des Deſpotismus ſind. Sklaven aber ſuchen niemals das Land reich zu machen, oder ihr Geld in Umlauf zu bringen, ſondern ſich ſelbſt zu bereichern, und deſ⸗ ſen durch Sammeln zu genießen. Daher wagen es auch die reichen Kaufleute unter den Tuͤrken niemals, das Vermoͤgen, das ſie beſitzen, merken zu laſſen: ſon⸗ dern verbergen, ſogar in Aegypten, wo ſie doch frei und weniger Gefahr ausgeſetzt ſind, allezeit ihren Reichthum aufs ſorgfaͤltigſte. Die Griechen ſind liſtig, unbeſtaͤndig, ruhmredig und oft aus Prahlerei verſchwenderiſch. Einige ver⸗ ſtehen den Handel und wagen kuͤhne Unternehmungen. Die vornehmſten unter ihnen ſind Capi Kiaya oder 122⸗ Agenten bei der Pforte in den Angelegenheiten ihrer Fuͤrſten von der Wallachei und Moidau. Die Grie⸗ chen machen eine Zunft von aufkaufenden Tuchhaͤnd⸗ lern, eine andere von Verkaͤufern ſeidener Stoffe, und eine dritte von Pelzhaͤndlern aus, die ſie ſelbſt in Ruß⸗ land aufkaufen. Die Juden, die weit mehr umher zerſtreut, aͤr⸗ mer, aber weit einiger unter ſich ſelbſt ſind, als alle die uͤbrigen Kaufleute, Handwerker, Reiſende, Wechsler, treiben alle Arten von Kuͤnſten und Handarbeiten, haben alle Talente ſowohl als alle Fehler, erkennen nur ihre eignen Geſetze, und ſind immer bereit, die uͤbrigen alle zu uͤbertreten. Sinn⸗ reich, geſchickt, große Rechenmeiſter: eben ſo eitel und praͤchtig in ihren Haͤuſern, als kriechend und ver⸗ achtet in denjenigen, wo ſie ſich einſchleichen, oder wohin ſie gerufen werden. Geſchickt zu allen, ſelbſt gefaͤhrlichen Unternehmungen und faſt allezeit durch ihre Geſchaͤftigkeit und unermuͤdeten Fleiß unentbehr⸗ lich, ſind ſie die Agenten aller handelnden Nationen, die in dieſer Hauptſtadt zuſammen kommen, und alle Nationen, ſelbſt die einheimiſchen, werden ihnen zins⸗ bar. Man kann jedoch nicht laͤugnen, daß ſich unter ihnen auch Leute von Genie und von einer ſeltenen Rechtſchaffenheit gefunden haben. Die Juden arbeiten ordentlich die ganze Woche uͤber bloß fuͤr ihren Sabbath, und die Fruͤchte der Ar⸗ beit des Jahres ſind hauptſaͤchlich beſtimmt, den Auf⸗ ——— ——— 123 wand, den ſie waͤhrend ihrer Feſte machen, zu beſtrei⸗ ten, welche viele Tage dauern und oft wiederkommen. Die Nothwendigkeit zu arbeiten, nicht um zu leben, ſondern um zu verthun, machet ſie arm, und noch be⸗ truͤgeriſcher als ſie emſig ſind. Die Franken leihen den Armenianern und den Juden: ſie verkaufen den Tuͤrken, den Griechen und den Juden vermittelſt der letztern. Die maͤchtigen Tuͤrken, und diejenigen, die Eh⸗ renſtellen bekleiden, ſind gefaͤhrlich: ſie kennen kein andres Geſetz als einen deſpotiſchen Willen: ſie haben allezeit Haͤndel in Bereitſchaft, um ſich von der Ver⸗ bindlichkeit gegen Perſonen zu befreien. Man muß alſo niemals fuͤr ſich alleine, ſondern im Namen eines Nationalkoͤrpers mit ihnen einen Handel oder Ver⸗ gleich eingehen, wenn es eine unumgaͤngliche Noth⸗ wendigkeit erheiſcht. Die Tuͤrken, die Handelsleute und Verkaͤufer ſind, hat man eben ſo ſehr zu fuͤrchten: ſie fodern eben die Vorſicht und eben die Behutſamkeit. Man kann nicht genng Formalitaͤten beobachten, indem man ihre Geſetze und Gebraͤuche zu Rathe zieht, ſobald man mit ihnen einen Handel ſchließen will. Man muß nothwendig die Tuͤrken kennen, um ihrer zu ſchonen und ſich gegen ſie in Sicherheit zu ſetzen; die Juden, um ſich ihrer im Falle der Noth zu bedienen; die Griechen, um ihnen mit Vortheil zu verkaufen und ſie abhaͤngig zu machen; die Armenia⸗ 124 ner, um mitten durch das Einfoͤrmige der Nation, die Rechtſchaffenheit derer ausfuͤndig zu machen, die ein Vertrauen verdienen. Man muß das Auge auf alle haben, weil ſie ſich alle vereinigen, und ſo zu ſagen, gemeinſchaftliche Sache wider die ihnen uͤber⸗ legene Nation machen, die mit ihnen handeln will. III. Man muß bei den Griechen nicht mehr un⸗ ter Sklaven dieſes koͤnigliche Volk der ſchoͤnen Bluͤ⸗ thezeit ſuchen wollen: aber die Menſchen ſind immer dieſelbigen und haben dasjenige noch getreu erhalten, was ihnen diejenigen nicht haben entreißen koͤnnen, die ſie unters Joch gebracht haben. Ein ſchoͤner Zug ihrer Freiheitsliebe iſt folgender: Die Athenienſer hatten ſich wider den tuͤrkiſchen Statthalter und wider andre vornehme Tuͤrken em⸗ poͤret, die ſie quaͤlten. Es betraf eine neue Auflage, die man auf ihre Waaren legen wollte. Sie hatten mit einer ſehr ſtarken Parthei zu thun: aber der Aus⸗ ſpruch der Pforte gab ihnen gewonnen Spiel. Spon hoͤrte ſie uͤber die Sache, die ſie beſchaͤftigte, raiſon⸗ niren; er konnte ſich nicht enthalten, ihnen ſeine Verwunderung uͤber die Kuͤhnheit zu bezeigen, mit der ſie die Maͤchtigſten in der Stadt angegriffen hat⸗ ten. Ihre Antwort war: „Wir geſtehen, daß wir immer ein wenig zaͤnkiſch geweſen: aber Sie wiſſen, daß wir diejenigen niemals haben leiden koͤnnen, die ſich uͤber uns einiger Ge⸗ walt angemaßet, und daß wir unſere beſten Maͤnner “ 125 ins Elend gejagt haben. Die Luft des Landes bringt es ſo mit ſich: und die Liebe zur Freiheit iſt noch ein Erbſtuͤck von unſern Vaͤtern. Wir muͤſſen noch unſern Zweck erhalten, und wenn wir die Haͤlfte unſers Ver⸗ moͤgens daruͤber verlieren ſollten.“ Dieſer Zug beſtaͤtiget noch zur Gnuͤge die Gleich⸗ foͤrmigkeit des Charakters der neuern Griechen mit der alten ihrem. Man findet unter ihnen ſowohl als in der ganzen Levante eben die Anhaͤnglichkeit an ihre alten Gebraͤuche. Haben ſie ihren Charakter, ihre Kleidung, ihre Gewohnheiten beibehalten, ſo koͤmmt es daher, daß ſie ihre Gebraͤuche als das einzige Eigenthum angeſe⸗ hen, das ihnen uͤbrig geblieben: es koͤmmt noch die gute Meinung dazu, die ſie davon haben mußten. He⸗ rodot gibt davon folgende Urſache an:„Wenn man den Menſchen die Freiheit gaͤbe, die Gebraͤuche zu waͤhlen, die ihnen die beſten ſchienen, ſo kann man nicht zweifeln, daß ſie, nach einer ſorgfaͤltigen Pruͤ⸗ fung, nicht diejenigen ihres Landes waͤhlen ſollten: man muß alſo glauben, daß derjenige, der ſie verach⸗ tet, ſeinen Verſtand verloren habe. Welch ein Unterſchied iſt zwiſchen uns und den Griechen! Sie thun noch alles, was ihre Vaͤter tha⸗ ten, indeſſen daß wir in unſern Gebraͤuchen, Moden, Gewohnheiten, ja ſogar in unſern Sitten nichts ſo ſehr ſuchen, als uns von demjenigen, was unſrte Vaͤ⸗ ter gethan haben, zu entfernen, und einen vollkom⸗ 126 menen Contraſt mit ihnen zu machen. Wir haben ſo⸗ gar unvermerkt den Gedanken der Ehrerbietung, die wir dem Alter, und denjenigen, die uns das Leben gegeben haben, ſchuldig ſind, in uns ſchwaͤchen laſſen. Wie werden in der Folge ſehen, daß die Griechen, ſo fehlerhaft ſie auch ſeyn moͤgen, uns hierinne nicht gleichen. Diejenigen, die am Ufer des Meeres, oder die Inſeln bewohnen, ſind weit biegſamer, als diejeni⸗ gen, die das Innere des Landes bewohnen, wozu un⸗ ſtreitig ihre Handlung mit den Fremden vieles bei⸗ traͤgt. Alſo waren die Arkadier, nach der Erzaͤhlung des Homer*), nicht Leute des Meeres. Cicero ma⸗ chet einen Unterſchied unter denen, die die dicke Luft von Theben, und*ee) denen, welche die reine und zarte Luft von Athen athmen. Die Megarer, Nach⸗ barn dieſer Stadt, waren ſo wenig geachtet, daß ein altes Orakel(das ſie oft hoͤren mußten) ſagte: Wenn man die Voͤlker Griechenlands herzaͤhlete, ſo verdien⸗ ten die Megarer kaum gerechnet zu werden. Heut zu Tage ſind die Griechen von Chios, von Nieaͤg, von Sparta und Athen ganz verſchiedene Griechen. Iv. Die Haͤuſer der Griechen ſind nicht ſo hoch, als die unſrigen. Sie haben ordentlich nur ein Stock⸗ *) Ilias B. 2. V. 603 und 644. *) Li, de fato, cap. 4. 127 weerk. Mithin iſt, nebſt dem Umfange, den die Gaͤr⸗ ten einnehmen, eine griechiſche Stadt bald gebauet, und nimmt unendlich mehr Raum ein, als irgend eine der unſrigen. Die heutigen griechiſchen Weiber ſind in ihren Haͤuſern ſorgfaͤltig verſchloſſen: ſie laſſen ſich eben ſo wenig als die alten ſehen: die jungen Maͤdchen gehen ſelten aus, und in die Kirche nicht eher, als wenn ſie verheirathet ſind. Vitruv*), indem er von der Bauart der griechi⸗ ſchen Haͤuſer redet, ſagt:„Man ſieht große Saͤle, wo die Weiber mit ihren Gehuͤlfinnen arbeiten. Auf den Gallerien von der Seite ſind ſie Speiſe⸗ und Schlafzimmer. Der innerſte Theil des Hauſes heißt Gynaeconitis. Die Maͤnner haben ihre abgeſonderten Zimmer, die Andronitis heißen.“ Man ſieht auch heut zu Tage noch ganz genau in den griechiſchen Haͤuſern eben dieſe Vertheilung, nach welcher ſich auch die Tuͤrken, die eben ſo eiferſuͤchtig ſind, gerich⸗ tet haben. In dem Schlafzimmer findet ſich allezeit eine Lampe, die die ganze Nacht brennt. Bei Perſonen von gutem Auskommen iſt es ein alter Gebrauch; bei dem Volke, Andacht: denn die Lampe iſt gemeiniglich vor ein Bild geſtellet. *) L. 6. Cap. 10. 128 1 Man hatte vor Alters in den Zimmern, um ſich niederzulaſſen, und hauptſaͤchlich in den Saͤlen, Stuͤhle, von denen uns die Geſtalt bekannt iſt; aber in den Zimmern waren kleine Betten, die ſtatt der Sophas dienten, die wir an ihre Stelle geſetzt haben. Die Griechen haben nicht Betten, wie die unſri⸗ gen: ſie werfen bloß Matratzen auf die Sophas, da⸗ mit ſie deſto weicher liegen. Es ſind keine Kamine in den Zimmern der grie⸗ chiſchen Haͤuſer: man bedienet ſich bloß einer Feuer⸗ pfanne, die man mitten in das Zimmer, es zu erwär⸗ men, ſetzt, oder fuͤr diejenigen, die ſich ihm naͤhern wollen. Dieſer Gebrauch iſt im ganzen Oriente ſehr gewoͤhnlich: die Roͤmer hatten keinen andern, und die Tuͤrken haben ihn beibehalten. Dieſe Pfanne wurde, wie heute zu Tage, auf einem Dreifuße ge⸗ tragen: die Lampen ſind lange Zeit nachher ge⸗ kommen. Damit man das Geſicht vor der Unbequemlichkeit und Hitze des Feuers, das oft gefaͤhrlich iſt, verwahrte, erfand man einen Deckel, dieß iſt eine viereckte Tafel, unter die das Feuer geſtellet wurde. Dieſe Tafel wird mit einem Teppich behansen, der von allen Sei⸗ ten bis auf die Erde reicht, und noch mit einem an⸗ dern von Seide, mehr oder weniger reich, der dieſen Deckel oder Schirm zieret, um den man ſich auf den Sopha, oder auf viereckigte Steine ſetzet. Man kann zugleich die Haͤnde und die Fuͤße unter die Decke 129 ſtecken, die eine ſanfte und dauerhafte Waͤrme unter⸗ haͤlt, da ſie die Feuerpfanne von allen Seiten umgiebt. Der Deckel iſt hauptſaͤchlich fuͤr die Weiber, die den Winter uͤber beinahe den ganzen Dag daſelbſt mit Sticken zubringen, oder Beſuche von ihren Freundin⸗ nen annehmen. „„Die neuern Griechen gleichen in verſchiedenen Abſichten den alten. Die Stickerei iſt die Beſchaͤftigung der griechiſchen Weiber: ſie gehen wenig aus, und diejenigen, die zur Erhaltung ihrer Familie arbeiten muͤſſen, ſticken un⸗ aufhoͤrlich vom Morgen bis Abend, und laſſen auch ihre Toͤchter und Sklavinnen ſticken. Wir danken den Griechen die Kunſt der Stickerei, die unter ihnen ſehr alt iſt, und von ihnen an Fein⸗ heit und Vollkommenheit aufs hoͤchſte gebracht wor⸗ den iſt. Die Kreter waren in dieſer Kunſt vortrefflich. So bald man von den Talenten einer lungen Sklavin redete, ſo gab man ihr keinen andern Lob⸗ ſpruch: ſie arbeiteten, wie noch heut zu Tage, mit ihren Frauen. 1 Man zeichnete, wie heut zu Tage, die Zeichnung auf den Zeug, und die Stickerinn ſchattirte hernach mit ihrer Wolle von verſchiedenen Farben: die Natur war das große Muſter. Die Stickerei ahmte anfaͤng⸗ lich die einfachſten Blumen nach, die bloß ein oder zwei Farben hatten, und nach und nach auch diejeni⸗ 44ſtes B. Griechenland. II. 2. 2 130 3 gen, die mehrere hatten. Man hat Figuren geſtickt und gezeichnet, und die Schattirung gemiſcht, nach⸗ dem die Faͤrberei und die Kunſt vollkommener gewor⸗ den. So viel iſt gewiß, daß in Griechenland alle Weiber ſtickten, und daß die Maͤnner ſich eine Ehre daraus machten, die Werke von ihrer Frauen Haͤnde zu tragen. Man begebe ſich in das Zimmer eines griechiſchen Maͤdchens, und man wird darinnen Jalouſten vor den Fenſtern, und ſtatt aller Mobilien einen Sopha, einen Kaſten mit Elfenbein ausgelegt, worinnen die Seide und die Nadeln liegen, und einen Rahm zum Sticken finden. V. Man ſieht noch heut zu Tage, wie vormals, im allen guten griechiſchen Haͤuſern, die Amme des Herrn oder der Frau ein Glied von der Familie aus⸗ machen. Bei den Alten verließ eine Frau, die eine junge Perſon geſaͤuget hatte, ſie niemals wieder, ſo⸗ gar nach ihrer Verheirathung: ſie wurde zhre Gouver⸗ nantin, Vertraute und Rathgeberin. Daher kommt es, daß in den alten griechiſchen und roͤmiſchen Trauer⸗ ſpielen, die nach eben dem Entwurfe verfertiget ſind⸗ eine Prinzeſſin faſt niemals auf der Buͤhne, als in der Geſellſchaft ihrer Amme erſchien. Dieſer Gebrauch iſt noch ſo ſehr beibehalten, daß der neuere Name der Amme Paramana itt, ein ſanftes und bedeutenderes Wort, als das alte, weil es eine zweite Mutter au⸗ zeigt. Die Amme wohnet allezeit im Hauſe, wenn ſie ein Kind geſtillet hat, und von Stund an wird ſie der Familie einverleibt. Die griechiſchen Damen entziehen ſich noch der Pflicht, ihre Kinder ſelber zu ſtillen, um ihre Schoͤn⸗ heit, ihren Buſen und auch ihre Geſundheit zu er⸗ balten, weil ſie dieſe dadurch zu ſchonen glauben. Man hat ihnen zwar immer geſagt, daß ſie ſich dar⸗ innen irrten, und daß ſie dadurch, daß ſie ihre Kin⸗ der der Nahrung und Wartung fremder Perſonen uͤberließen, wahre Stiefmuͤtter wuͤrden: aber die Ge⸗ walt des Beiſpiels, und die Gewohnheit hat die Ober⸗ hand uͤber alle Gruͤnde behalten: Nach der Amme kommen die Sklavinnen und Mugde. Den Sklavinnen wird noch jetzt, wie vor Zeiten bei den Griechen, mit vieler Sanftmuth und Freund⸗ lichkeit begegnet, und nach eintregewiſſen Zeit erhal⸗ ten ſie die Freiheit. Es giebt ihrer ſogar, die ſie, wenn ſie noch ganz jung ſind, adoptiren, und die Toͤchter ihrer Seele nennen(Psychopaedi, Psychopaeda). Die Maͤsde oder Sklavinnen, arbeiten wie vor⸗ mals mit ihren Frauen an Stickereien, und beſorgen das innere Hausweſen. Bisweilen iſt auch eine Sklavinn nicht allein die Vertraute, wie die Amme, ſondern ſie wird ſogar bei gewiſſen Gelegenheiten zu Rathe gezogen, wo ſie ihre Meinung ſagt. 132. Die Maͤgde bleiben nicht zu Hauſe, wenn die Frau ausgeht; ſie muͤſſen ihr folgen, wie es ehedem Brauch unter den Griechen war. Das Gefolge von Sklavinnen und Maͤgden, die auf den Straßen eine griechiſche Frau begleiten, iſt für dieſes Land eben das, was eine ſchoͤne Equipage bei uns iſt, nur mit dem Unterſchiede, daß eine ehr⸗ bare Frau unter den Griechen nicht ausgehen kann, ohne wenigſtens eine Magd bei ſich zu haben; die von einem hoͤhern Range, die ihren Reichthum oder ihre Eitelkeit zeigen will, laͤßt ſich von mehrern Skla⸗ vinnen begleiten. Schon vorher ward erwaͤhnt, daß die jungen Maͤdchen nicht eher in die Kirche gingen, als bis ſie verheirathet waren. Dieſe letzte Gewohnheit, ſo alt ſte iſt, wird nicht mit gleicher Strenge beobachtet: inzwiſchen ſind ſie doch nicht weniger eingeſchraͤnkt, als ſie es vormals waren. Sie werden es niemals wagen, ſich in der Geſellſchaft von Mannsperſonen zu zeigen, wofern nicht Pater oder Mutter dabei zu⸗ gegen ſind, und es fuͤr genehm halten. Die jungen Griechinnen vertreiben ſich unter ein⸗ ander die Zeit mit Spielen, von denen ich in der Folge reden werde. Sie bringen ihre Zeit damit zu, daß ſie nebſt ihren Sklavinnen ſticken, oder die Vor⸗ uͤbergehenden durch die Jalouſien ihrer Fenſter ſehen. Dieſe verſchaffen ihnen den Vortheil, daß ſie ſehen koͤnnen, ohne geſehen zu werden. —HQ, ãZQ—CQU—p˖’é; 133 Die griechiſchen Damen geben auch ihren Toͤch⸗ tern, Sklavinnen und den Perſonen, die geringer ſind als ſie, ihre Hand zu kuͤſſen. Nach dem Handkuſſe, war im Orient das groͤßte Zeichen der Ehrerbietung, wenn man ſich Perſonen von einem hoͤhern Range naͤherte, ihren Rock zu kuͤſſen, oder zu beruͤhren, und dann die Hand zum Munde zu fuͤhren. Die Tuͤrken gruͤßen ihre Goͤnner nicht anders, und es iſt ein Zeichen, daß ſie Jeman⸗ den in ihren Schutz nehmen, wenn ſie ihm erlauben, den Zipfel ihres Rocks zu kuͤſſen. Ein ruͤhrender Zug hievon iſt folgender: Nachdem der verſtorbene Marquis von Villeneuve den Friedenstraktat von Belgrad zwiſchen dem Kaiſer und dem Sultan Mahmud 1739 geſchloſſen hatte, ging er zur Audienz des Großveziers, der in das Ar⸗ ſenal gekommen war. Zwei franzoͤſiſche Sklaven, da ſie den Botſchafter gewahr wurden, entrannen und warfen ſich bittend zu ſeinen Fuͤßen, daß er ſie los⸗ kaufen moͤchte. Ihr Herr naͤherte ſich, und als M. de Villeneuve ihn fragen ließ, wie viel er fuͤr die Befreiung dieſer beiden Sklaven verlangte? ſagte der Tuͤrke: Sie ſind frei, und ſind nicht mehr mein, ſeit ſte das Gluͤck gehabt haben, den Rock des franzoͤſiſchen Botſchafters zu kuͤſſen. M. de Villeneuve, geruͤhrt von dieſer erhabenen Empfindung, die alle Zuſchauer in Bewegung ſetzte, zog eine ſehr ſchoͤne Uhr heraus, 1 134 die er ſelbſt trug, und machte damit dem edlen Mu⸗ ſelmanne ein Geſchenk. Die jungen Maͤdchen in Griechenland haben un⸗ ter einander ein Spiel, welches darin beſteht, daß ſie ſich auf die Augen kuͤſſen und dabei einander an die Ohren greifen. Dieſer zaͤrtliche und liebreiche Kuß iſt ſehr alt. VI. Die Kunſt. ſich zu ſchmuͤcken und zu gefallen, iſt zu allen Zeiten und an allen Orten beinahe die⸗ ſelbe. Obgleich hier die Weiber nicht, wie die unſri⸗ gen in den Geſellſchaften und auf den Schauplaͤtzen glaͤnzen, ſo ſuchen ſie nichts deſtoweniger die Verzie⸗ rungen und Edelgeſteine, die die natuͤrliche Schoͤnheit mehr zu erheben ſcheinen. Die Maͤdchen hatten vor Alters, wie jetzt, die Haare gebunden, und trugen ſie weit laͤnger, als die Mannsperſonen. 4 Der Hauptſchmuck der griechiſchen Damen, zu⸗ mal wenn er niedrig iſt, wird gemeiniglich von einer Reigerfeder erhoben: aber ſie ermangeln auch nicht, auf ihre Stirne noch eine kleine ſchwarze oder bunte Feder zu pflanzen, die in eine ſchmale Locke gerundet und friſirt iſt. Sollten dieſe Federn nicht einige Beziehung auf die alte Gewohnheit haben, von der Winkelm ann in ſeiner ſchoͤnen Sammlung alter Denkmaͤler redet?*) Die Muſen ſtritten auf der Inſel *) Monumenti antichi, pl. 46. 6 135 Kreta uͤber den Geſang mit den Sirenen; die ſie zu einem Wettſtreite darinnen herausforderten, und wo⸗ bei ſie verloren. Die Muſen, ihre Verwegenheit zu beſtrafen, ſchnitten ihnen die Fluͤgel ab, und ſteckten zum Zeichen des Sieges eine ihrer Federn auf ihren Kopfputz. Sollten die griechiſchen Weiber alſo wohl gar dieſen Schmuck von den Muſen haben? Wenig⸗ ſtens moͤgen ſie gern dieſelben vorſtellen, wenn ſie um den Preis des Geſanges unter einander ſtreiten, oder Wechſelgeſaͤnge ſingen, eine Art eines beluſtigenden Wettſtreites, wo es darauf aukommt, wer zuletzt ſingt und es den andern zuvorthut. Uebrigens haben ſie verſchiedene Arten von Kopf⸗ putz, wovon einer mehr als der andre gezieret iſt, und den ſie auf mancherlei Weiſe abaͤndern. Bis⸗ weilen fallen ihre Haare in Locken auf die Schultern; oft ſind ſie um den Kopf gerollet, oder mit eini⸗ gen Blumen nachlaͤßig befeſtiget: und hieran erkennet man die Art der lacedaͤmoniſchen Damen. Man kann noch beim Athenaͤus das Verzeichniß des Weiberanzugs ſowohl, als die Mittel lernen, wo⸗ durch ſie den Maͤngein des Wuchſes und des Koͤrpers abzuhelfen ſuchten. Es iſt wahr, er ſchreibt alle dieſe Erfindungen der Buhlerei und der Kuͤnſtelei bloß denen zu, die ein luͤderliches Handwerk trieben: aber die heutigen griechiſchen Weiber, die ſich gerade eben dieſer Mittel zu gefallen bedienen, brauchen ſie nicht 136 4 erſt in Buͤchern aufzuſuchen, die Ueberlieferung und die bloße Gewohnheit haben ſie dieſes alles gelehrt. Die Kleider der jungen Maͤdchen preſſen ihnen den Koͤrper auf das Genaueſte zuſammen, damit ihr Wuchs ſchlank und leicht werde: auch beſchweret ſie dieſer Zwang oft, und ſie duͤrfen ſehr wenig eſſen. Die tuͤrkiſchen Weiber, die in den Serrails oder Harems einzig zu den Vergnuͤgungen der Sinne be⸗ ſtimmt, oder beſſer zu ſagen, durch ein ungerechtes Geſetz verdammt ſind, haben durchſichtige leichte Klei⸗ der, wie man ſie auf den antiken Gemaͤlden ſieht. Die Mitra*), welche die Weiber vormals tru⸗ gen, hatte Baͤnderchen, die uͤber die Backen weg und unter das Kinn gingen. Die Griechen haben noch heut zu Dage dieſe Zierath, die in Gold mit Fraͤnz⸗ chen eingefaßt iſt. Man nennt ſie Kovxouxia oder auch Kauouiee und es kuͤndiget gemeiniglich eine Uupaͤßlichkeit an. Die Binde, wenn ſie um den Kopf herumgeſchla⸗ gen iſt, bedeckt und ſtuͤtzt bisweilen die Bruſt. Die griechiſchen Damen haben ſich ſtets gerne mit Edelgeſteinen bedeckt. Ihre Guͤrtelſchnallen, ihre Hals⸗ und Armbaͤnder ſind reichlich damit beſetzt, und ob ſie ſich gleich gern das Haupt mit den ſchoͤn⸗ ſten Fruͤhlingsblumen umkraͤnzen, ſo glaͤnzen doch *) Eine Art ſeiner Kopfbinde. 137 die Diamanten neben dem Jasmin und den Roſen. Sie ſchmuͤcken ſich oft ohne aus dem Hauſe zu gehen, ohne den Vorſatz zu haben geſehen zu werden, und bloß fuͤr ſich allein. Man opfert alle dieſe Zierathen bloß einer tiefen und unvermeidlichen Trauer, oder ſonſt einer ſehr lebhaften Urſache des Schmerzens auf. In Abweſenheit ihrer Maͤnner ſchmuͤcken ſich die griechiſchen Weiber faſt niemals. Wann heut zu Tage die griechiſchen Weiber ein wenig weit gehen, und in der Straße nicht ihren Schmuck auskramen wollen, ſo laſſen ſie ihn mit ſich tragen, um ſich vorher damit zu ſchmuͤcken, ehe ſte in das Haus kommen, wo ſie ihren Beſuch abſtatten; und ſie nehmen ihn eben ſo wieder ab, wenn ſie von demſelben zuruͤcke kommen. Auch dieſes iſt ein ſehr alter Gebrauch*). Der Faͤcher, der den griechiſchen Damen zu einem Sonnenſchirme dienet, iſt ſehr groß, rund, und von Pfauenfedern zuſammengeſetzt, mit einem elfenbeiner⸗ nen Griffe. So kannten ihn auch die Alten. In der Mitte iſt ein kleiner Spiegel. Die Damen tragen ihn auf dem Lande, und wenn ſie von der Hitze ab⸗ gemattet, ſich auf einen Sopha ſetzen: ſo nimmt dann ein Sklav den Faͤcher und wedelt ſeiner Gebieterin friſche Luft zu. *) S. Terenz Eun. Aet. 4. Sc. 1. — 138 VII. Der Gebrauch des Schleiers iſt ſehr alt, indem man ihn zu den entfernteſten Zeiten eingefuͤhrt findet. Der Schleier, der die Schaam anzuzeigen ſcheint, und die unſchuldige Roͤthe der furchtſamen Jugend bedecket, war jederzeit die Zierde der Schön⸗ heit und der Grazien. Man darf den griechiſchen Weibern den Vorwurf nicht machen, daß ſie ihn nicht treulich ſollten beibehalten haben. Er machet noch, wie ſonſt, einen weſentlichen Theil ihrer Kleidung aus, und durch ihn werden die Staͤnde unterſchieden. Der Schleier der Frau und der Magd, der Freiin und der Sklavin gehen von einander ab. Es iſt eine Kunſt, ihn gehoͤrig zu legen, und ſich auf eine wohl⸗ anſtaͤndige und angenehme Art zu ſchleiern. Dieſer Schleier bedeckt den Kopf und einen Theil des Leibes mithin iſt er ſehr lang, und ohne Zweifel heißt er um dieſer Laͤnge willen bei den neuern Griechen Macramà, von dem Worte ul‿ιααας. Indeſſen bedeckt der griechiſche Schleier nicht das Geſicht, ſo wie der tuͤrkiſchen Weiber ihrer: deswegen nehmen auch die heutigen Griechinnen dieſen letztern, um ſich deſto ſorgfaͤltiger zu verbergen, und ſich nicht gewiſſen Beleidigungen auszuſetzen, wenn ſie weit weg in die Quartiere der Tuͤrken gehen. Als die Tuͤrken nach Griechenland kamen, ſagt Monteſavieu, ſo waren ſie, da ſie das haͤßlichſte Volk waren, uͤber die Schoͤnheit der griechiſchen Weiber ſo entzuͤckt, daß ſie keine andere haben wollten. Sie 139 entfuͤhrten ſie daher von allen Seiten, und dies war die Urſache, daß die Griechen ſie deſto ſorgfaͤltiger verſteckten. Der Schleier der griechiſchen Damen iſt von Neſſeltuch, an dem Rande mit Gold durchwirkt: der Maͤgde oder anderer gemeiner Weiber ihrer iſt einfoͤr⸗ mig und ohne Gold. Dieſer Schleier iſt allezeit weiß, ſo wie Homer und die alten Denkmaͤler die. Schleier der Helena und Hermione vorſtellen. Die neuern Griechen tragen auch am Halſe eine Art von Binde, aus der ſie ſich einen Schleier ma⸗ chen, den Kopf zu bedecken, wenn ſie ihn vor Wind und Regen ſchuͤtzen wollen, ſo wie eine Kapuſche, welche ſehr groß und weit iſt, wenn ſie auf Reiſen ſich befinden. Die Weiber tragen dieſelbe Binde, die aber weit feiner als der Maͤnner ihre iſt, und ſchlagen ſie im ſchlimmen Wetter uͤber den Schleier. Wenn ſie in ein Haus oder ſonſt an einen Ort zu Beſuche gehen, und ſie nehmen ihre Schleier ab, ſo iſt es ein Zeichen, daß ſie daſelbſt einige Zeit blei⸗ ben werden. Der Schleier der Sklavinnen oder Maͤgde iſt ge⸗ meiniglich der laͤngſte, ſo wie er es bei den alten ge⸗ fangenen Weibsperſonen war. Der Schleier der Damen, der zwar kleiner iſt, bedeckt ihnen doch den ganzen Ruͤcken. Der Guͤrtel war vor Alters, wie noch heut zu 140. Tage, ein weſentlicher Theil der morgenlaͤndiſchen Kleidung. Die Griechen trugen den Guͤrtel, wie die uͤbrigen orientaliſchen Voͤlker; der Weiber ihrer, der ausge⸗ ſuchter und reicher war, macht einen ihres vorzuͤglich⸗ ſten Schmucks aus: ſie haben noch einen, der uns an denjeuigen erinnert, den vormals die jungen Maͤdchen bei ihrer Verheirathung zum Opfer brachten. Er war das Zeichen der Jungfrauſchaft, und wann die Feier⸗ lichkeit des Hymen vorbei war, hing man ihn im Tempel der Diana auf, von wannen ſie der neue Ehemann, dem ſie gehoͤrte, weggefuͤhrt hatte. Der geſtickte Guͤrtel der griechiſchen Weiber, die ihn oft mit einer Schnalle von Smaragden und Dia⸗ manten beſetzt, befeſtigen, gleichet dem der Venus ihtem, den Homer ſo glaͤnzend ſchildert, und der eben⸗ falls geſtickt und beſetzt war. — Nichts iſt in Griechenland unter den jungen Maͤdchen aͤlter, als der Gebrauch, bei ihrer Verhei⸗ rathung ihren Guͤrtel jemand zu widmen. Die Griechen bedienen ſich, ſowohl als die Tuͤr⸗ ken, ihres Guͤrtels, um ihre Boͤrſe anzubinden, oder das Gold hineinzuthun, das ſie in Empfang nehmen, oder bei ſich tragen wollen. Dieſer Gebrauch iſt ſo alt, daß man von einem Manne, der nichts mehr hatte, zunſagen pflegte, er habe ſeinen Guͤrtel ver⸗ loren. Die ſchwarzen Augen werden bei den Griechen —-— V 141 allezeit fuͤr die ſchoͤnſten gehalten. Die Weiber faͤrben noch ihre Augenbraunen und die Haare ihrer Wim⸗ pern. Um ſie zu ſchwaͤrzen, bedienen ſie ſich, wie vormals, einer Zubereitung von Antimonium und Gallaͤpfeln. Die ſchwarzen Augen ſind bei den Griechen ſo in Ehren, daß die Maͤnner bisweilen noch ihre Beinamen davon hernehmen. Ich kenne viel, die man gau- oνεανᷣα, das iſt in der gemeinen Sprache, mit ſchwarzen Augen nennet. Die Griechen tragen nicht mehr, wie vormals, goldne Heuſchrecken in ihren Haaren, aber ihre Klei⸗ dung, wenn ich einige kleine Abaͤnderungen aus⸗ nehme, hat ſich im Ganzen wenig veraͤndert. Die Stiefelchen, die ſie tragen, und hauptſaͤchlich die ſchwarzen Stiefelchen, waren die gewoͤhnliche Beklei⸗ dung der Fuͤße der alten Griechen und der Weltwei⸗ ſen zu Athen. Die Sohlen oder Holzſchuhe, deren ſich die grie⸗ chiſchen Weiber bedienen, ſind meiſtens ſehr fein; es giebt ſogar welche, auf denen man eingelegtes Perlen⸗ mutter, und oft eine erhabene Stickerei ſieht.⸗ Dieſe Art des Schuhes, die ihren Wuchs noch groͤßer macht, iſt unfehlbar der alte Kothurn, den man wohl von den Schnuͤren(attaches) unterſcheiden muß, die man an den Fuß machte, und die man gleichfalls unter dieſem Namen begriff. 142 4 Ein beſonderer Gebrauch herrſcht auch bei den Thraciern und Griechen von Negropont, daß ſie ſich vorne den Kopf ſcheeren und nur die hinterſten Haare wachſen laſſen. Nun wird kaum etwas vergeſſen ſeyn, was in der Kleidung der griechiſchen Weiber intereſſant und den alten Gebraͤuchen gemaͤß iſt. Nur das iſt noch zu erinnern, daß dieſes Volk, ſo leichtſinnig es auch iſt, ſo ſehr man es auch nach jeder Art von Neuigkeit begierig mit Recht ſchildert, doch niemals, wie wir, von dem Eigenſinne und der Unbeſtaͤndigkeit der Mode, die uns ganz uͤberwaͤltiget, abhaͤngt. Es wuͤr⸗ den ſogar wichtige Urſachen ſeyn muͤſſen, wenn es etwas in dem Anzuge der Weiber aͤndern ſollte. VIII. Doch genug von Kleidung und Putz der Damen; wenden wir uns zu dem National⸗Charakter der neuern Griechen. Da ſich dieſer Charakter am meiſten in der Geſellſchaft entwickelt, ſo muß man in dieſer lauſchen, um das lebhafte Feuer zu erkennen, das noch niaet erloſchen iſt, und in den Werken der Alten glaͤnzet. Dieſe brennende Einbildungskraft, wweiche ſchafft, die Gegenſtaͤnde belebt, die alles ſtark ausdruͤcket, die die Goͤtter der heidniſchen Mythologie, dieſes Gewebe glaͤnzender Luͤgen, vervielfaͤltiget hat, haben die neuern Griechen mit alle dem, was ſie von ihren alten Irrthuͤmern haben beibehalten koͤnnen, auch beibehalten. Lebhaftigkeit, ſcherzhafte Einfaͤlle, Ueberfluß, Nachdruck, Waͤrme, Leichtigkeit des Aus⸗ 143 3 drucks, Hartnaͤckigkeit im Diſputiren, Gemuͤther zu Empoͤrung geneigt, unruhig, eben ſo geſchwind, ſich zu entflammen, als zu verloͤſchen. Wenn man ſie zuſammen ſchwatzen ſieht, ſo ſollte man an ihren Mienen, an ihren Bewegungen, an dem lebhaften Tone, womit ſie ſprechen, glauben, daß ein hitziger Streit unter ihnen waͤre. Nichts weniger, es iſt die natuͤrliche Lebhaftigkeit, die eine bloße Er⸗ zaͤhlung befeuert, ſie antreibt, zu unterbrechen, und welche ſie beredt und zu gegenwaͤrtigen Schauſpielern derjenigen Handlung machet, die ſie erzaͤhlen. Die jungen Maͤdchen hauptſaͤchlich uͤbertreiben alles, was ſie geſehen haben: die Tropen, die Bilder, die Ver⸗ gleichungen, die Figuren ſind ihnen gemein, und die Schwuͤre muͤſſen allezeit dasjenige beſtaͤtigen, was ſie vorgeben. Man gebe einmal auf jenes Maͤdchen außer Odem Achtung, das in die Stube ihrer Mutter tritt. „Meine Mutter, ſiehe das Meer an, ſiehe dieſen Sturm! O GSott, ſtehe uns bei! Man ſagt, daß das große Schiff des Zaphiris*) untergegangen: er iſt vom Meere verſchlungen: ich glaube, ihn ſelbſt von unſerer Kioek(Altane) geſehen zu haben. Ja, die ſes große Schiff mit ſeinem großen Segel, ichabeſchwoͤre es bei meinen Augen, iſt von dem Meere verſchlungen worden, und die arme Paramana**) war mit ihren *) Ein griechiſcher Schiffer. **α) Amme. 144— beiden Kindern darauf, die ſie von der Inſel Chalki zuruͤcke fuͤhrete. Wann ſie das bruͤllende Meer, das ſich aufthat, ſie zu verſchlingen, geſehen hat, ſo wird ſie ihre beide Kinder umarmet haben: Meine liebſten Kinder, wir kommen um, und ich bin die Ungluͤckliche, die euch hinabſtuͤrzet; denn ich habe es gewagt, euch auf das Meer zu fuͤhren, indem ich dieſen ſchrecklichen Sturm nicht vorher ſah. Ungluͤckliche Mutter! Ver⸗ wegner Zaphiris, der keine Gefahr kennet und fuͤrch⸗ tet! gottloſer Mann! du biſt Schuld daran, und du wirſt mit uns umkommen!“ „Meine Tochter, was kuͤndigeſt du mir an? Sie koͤmmt zuruͤcke—— Meine Mutter, meine Mutter! Paramana—— komm geſchwinde, komm und ſiehe, die Paramana koͤmmt: das Waſſer des Meeres fließt von ihren Kleidern, ſie hat davon getrunken, ſie hat geglaubt, ſterben zu muͤſſen. Welche Freude! ich bin außer mir: ich habe Gott ſo ſehr, ſo von ganzem Herzen gebeten, daß er ſie gerettet hat.“ Eine andere koͤmmt ins Dorf, wo man ſich in der ſchoͤnen Jahreszeit verſammelt hat. „Wie, Lucia, du ſchlaͤfſt, und man tanzet auf der Wieſe? Wir haben Muſik: Stamati ſpielet auf der Leyer, Zeo fuͤhret den Reihen, und alle Muͤtter ſitzen unter der großen Pappel, und ſind entzückt ſie zu ſehen. Komm doch, damit die ſtolze Zeo nicht ſage: Ich habe die Ehre des Tanzes, ich allein habe den Reihen gefuͤhret, ich alleine habe den Beifall einge⸗ 145 aͤrndtet, ich nur habe an der Spitze meiner Geſpielin⸗ nen geglaͤnzet. Sie wuͤrde es ſagen, ich ſchwoͤre bei deinen Augen, ohne daß ſie hinzuſetzen wuͤrde,„weil Lucia nicht zugegen war.“ Geſchwinde, eile, ich will dir den roſenfarbenen Rock anziehen helfen, der dir ſo gut ſteht, und dieſen Strauß von Lilas auf dein Haupt ſtecken. Wir wollen die Schritte verdoppeln. Ich hoͤre die Leyer: ach! laufe zu, Lucia, laufe zu, damit Zoe, der der Tanz das Roth und den Glanz der ſchoͤnſten Farben gegeben, wann ſie dich ſieht, erbleiche und vor Verdruß verwelke.“ Was ſoll ich bei dieſer Gelegenheit, von der Sprache der Liebhaber bei unſern Griechen ſagen? Man wird nirgends einen ſo uͤbertriebenen Unſinn und eine ſolche Wuth von Liebe, wie bei ihnen, an⸗ treffen. Keine Sprache kann ſo viele bedeutungsvolle Namen aufweiſen, als hier die Liebhaber an ihre Ge⸗ bieterinnen verſchwenden. Man ſieht verliebte Grie⸗ chen, hauptſaͤchlich unter dem Volke, die Naͤchte unter den Fenſtern ihrer Geliebten zubringen, die zaͤrtlichſten Geſaͤnge mit der Leyer begleiten, und in gewiſſen An⸗ faͤllen von Wuth, ſich die Arme verwunden, damit ſie hernach die Narben, als ſo viel ruhmwuͤrdige Zeichen ihrer Liebe, aufweiſen koͤnnen. An dieſen Zuͤgen wird man dieſe Menſchen erkennen, die vormals den Sprung von dem Gebirge Leukate thaten, und ſich ins Meer ſtuͤrzten, um ſich von ihrer Leidenſchaft zu heilen. Man wird die Nation daran erkennen, die der Natur 44tes B. Griechenland..2 3 3 2. 146 3 naͤher als wir,(denn durch die feinern Sitten ent⸗ fernt man ſich von ihr), den Malern und Dichtern die ſchoͤnſten Muſter zu ihren Gemaͤlden dargeſtellt. Man wird noch daſelbſt, zwar nicht wuͤthende Baechan⸗ tinnen mit zerſtreuten Haaren, den Thyrſus in der Hand, durch ihr Geheul die Ungeheuer des Waldes in Schrecken ſetzen, noch Pythien auf dem Dreifuße ſehen, von dem Gotte getrieben, der ſie begeiſtert; aber troſtloſe Muͤtter und Wittwen, die ihre Bruſt zerſchlagen, ihre zerſtreueten Haare ausraufen, und mit ihrem Geſchreie ein weites Feld, das ſie zum Schauplatze ihres Schmerzens machen, erfuͤllen. Man wird daſelbſt Kinder die Knie ihrer Eltern um⸗ faſſen, mit Ehrfurcht die vaͤterliche Hand kuͤſſen, und um den Seegen ſie anflehen ſehen, den wir weiter nicht, als aus der Geſchichte der Patriarchen kennen. Wie kalt ſind wir in Vergleichung mit ihnen, bloß weil wir zu ausgebildet und durch alle moͤgliche Kuͤnſte verunſtaltet ſind! Die ruͤhrende Einfalt der alten Ge⸗ braͤuche hat fuͤr uns bloß das Anſehen der guten ehr⸗ lichen Dummheit, die uns geſchmacklos ſcheint und uns mißfaͤllt; aber die Liebe des Wahren und der Natur zieht noch unſere Blicke auf ſich, und haͤlt ſie mit Vergnuͤgen auf den Gemaͤlden, die man uns davon machet, gefeſſelt.—— Ein griechiſcher Edelmann iſt ganz gewiß das ſtolzeſte und mit ſich ſelbſt zufriedenſte Weſen, das ich nur kenne. Die Griechen nennen gemeiniglich Koͤ⸗ 9& 147 nige und Koͤniginnen diejenigen Maͤnner, die durch ihre Geburt und ihre Reichthuͤmer, und die Weiber, die durch ihre Schoͤnheit, den erſten Rang einnehmen. Die alten Koͤnige von Griechenland waren ſo zahl⸗ reich, ſo klein und ſo eitel, daß unter der Regierung der Kaiſer, die griechiſchen Herren ſich unter einander den Titel der Koͤnige geben konnten, der ihnen allein uͤbrig geblieben war. Die eiteln und ehrgeizigen Griechen geben gemei⸗ niglich denjenigen, die ſich bei ihnen durch ihren Rang oder durch ihren Reichthum unterſcheiden, den Titel Krchontas, und Archontissa, das iſt, Prinz und Prin⸗ zeſſin. Die Archonten in Athen verwalteten die Re⸗ gierung: man waͤhlte jaͤhrlich ihrer neune, und der Zweite fuͤhrte den Namen des Koͤniges. Nachmals wurde den Vornehmſten an den Hoͤfen der Kaiſer der Name eines Archonten gegeben. Daher iſt der Titel Archontas bei denjenigen neuern Griechen geblieben, die vor andern ſich wegen ihrer Geburt oder wegen ihrer Reichthuͤmer eines merklichen Vorzugs anmaßen, oder darauf Anſpruch machen. Die Griechen liebten allezeit Feſte: die groͤßten Feierlichkeiten ihrer Religion ſind fuͤr ſie oͤffentliche Luſtbarkeiten, glaͤnzende Feſte, die ſie mit eben ſo viel Freude als Aufwand begehen. Aber ſie laufen mit noch mehr Begierde nach den beſondern Uebungen der Andacht, die ſie aufs Land ziehen. Das Volk uͤberſchwemmt das weite Feld, wo man ſich verſam⸗ 148. melt: die Spiele, die Feſte, die Taͤnze ſind dabei, und die Weiber zeigen ſich hier mit mehr Freiheit. Die jungen Leute, immer verliebt, oder bereit es zu werden, gehen dahin, nicht ſowohl, um Theil an den Opfern zu nehmen, die man den Goͤttern bringt, als vielmehr, die jungen Schoͤnheiten, die ſich daſelbſt einfinden, neugierig zu beſehen, und wieder geſehen zu werden. Ohne Zweifel darf man nicht nach Grie⸗ chenland gehen, um dasjenige aufzuſuchen, was wir alle Tage bei uns ſehen. Zur Zeit des heil. Chryſoſtomus hatten die alten Griechen aus Pracht Tafeln, die mit Silber eingefaßt und ſehr ſchwer waren, und welche die Geſtalt eines großen Sigma C hatten. Dieß iſt auch noch heut zu Tage die Geſtalt der Tiſche bei den neuern Grie⸗ chen, ausgenommen, daß kein Silber dran iſt, und umher viereckigte Sitze ſind. Die Gewohnheit, liegend auf Betten, und oft in einem ſehr unanſtaͤndigen Nachtkleide zu ſpeiſen, kommt von der Gewohnheit, ſich zu Tiſche zu ſetzen, wann man aus dem Bade kommt, weil man ſich in der That gerne nach einem warmen Bade niederlegt; und in der freien Lage, die man auf dem Sopha nehmen kann, ißt ſichs weit bequemer. Die Alten, wann ſie gegeſſen, und hauptſaͤchlich wann ſie gut getyunken hatten,(denn ſie waren nicht die nuͤchtern⸗ ſten,) hatten bloß ein viereckigtes Kiſſen, worauf ſie ihr Haupt legten und ſich ausſtreckten, um zu ſchlafen. 1 149 Die Alten glaubten, daß die Blumen, die ſie im Buſen und auf ihrem Haupte truͤgen, die Trunken⸗ heit hinderten. Sie warfen deswegen nicht nur welche auf das Bette und den Tiſch, ſondern auch in das Zimmer, wo man aß. Sie beſprengten auch das⸗ ſelbe mit wohlriechenden Waſſern. Heut zu Tage brennen die Griechen und die Tuͤrken Aloe, welches der koſtbarſte und angenehmſte Geruch iſt. Die griechiſchen Weiber legen nicht nur ihre Schuhe ab, wenn ſie ſich auf ihren Sopha ſetzen oder hinlegen, oder zuſammenhauchen wollen, ſondern auch, wann ſie die Erhoͤhung, wo der Sopha ſtebt, hinauf ſteigen, welche allezeit mit einem Teppich beleget iſt. Man weis, daß die Tuͤrken, ſowohl wann ſie in die Moſchee, als wann ſie in ihre Zimmer gehen, allezeit ihre Pantoffeln an der Thuͤre ſtehen laſſen. Die griechiſchen Weiber bedienen ſich ihrer Schuhe zu Hauſe gar nicht, weil ſie an der Thuͤre des Zim⸗ mers, worinnen ſie ſich befinden, Schlippen haben, deren ſie ſich in ihrem Hauſe, oder wenn ſie in den Garten gehen wollen, bedienen. Wollen ſie aber ein wenig weiter gehen, ſo ziehen ſie gelbe Stiefelchen an, und ihre Maͤgde tragen ihnen, in einem Packete unter dem Arme, ihre Schuhe nach. Die Griechen trinken auch noch heut zu Tage, mit eben ſo vielem Vergnuͤgen, als Uebermaße, und ihre Galtmahle endigen ſich nicht ohne Voͤllerei. Wenn t die Roͤmer ein wenig zu viel tranken, ſo nannten ſie dieſes pergraecari, auf griechiſche Weiſe trinken. Die rechten Trinker forderten, wie heut zu Tage bei ihnen geſchieht, einander auf das Trinken heraus. Sie trinken den Wein unvermiſcht, ſagt ein Rei⸗ ſender, und wenn ſie in Geſellſchaft trinken, geht der Becher um den Tiſch herum, ſo wie die Geſundheiten, die ſie ausbringen. Die Gewohnheit, bei Tiſche zu ſingen, iſt auch bei den Griechen ſehr alt. Sie tranken jeder nach der Reihe auf die Geſundheit ihrer Geliebten, und oft ſtießen ſie dabei ſo vielmal an, als Buchſtaben in dem Namen derſelben waren. Man darf nur in der vierzehnten Idylle des Theokrit die Beſchreibung ei⸗ ner laͤndlichen Mahlzeit auf griechiſche Art nachleſen, ſo findet man ein getreues Gemaͤlde deſſen, was man noch heut zu Tage ſieht. Bei ihren laͤndlichen Feſten, die ſie Erholungen des Geiſtes nennen, weil Spiele und Tanz damit vermiſcht ſind, wird nach der Zahl der Gaͤſte eine runde Tafel geſetzt, die oft die Geſtalt eines II hat. Die vornehmſten Perſonen ſitzen hinten, und darnach folget der Herr des Feſtes. Dieſer trinkt anfaͤnglich auf die Geſundheit aller Gaͤſte, die ihm nach der Reihe, das Glas in der Hand, daſſelbe erwiedern. Gefuͤllte Laͤmmer, die man im Ofen braͤt, und wieder mit ihrer Haut bedeckt, ſind die Hauptgerichte dieſer Mahlzeit. Man erhitzt ſich darauf: man bringt ganze Kruͤge voll —— 151 Wein, man ſchenkt ohne Maaß ein, und man erlaubt alsdann den Poſſenreißern herein zu kommen. Die Geſaͤnge, die mit ernſthafter Muſik und eben ſolchen Worten ſich angefangen, werden freier und munterer: endlich nimmt man die Leyer, und einige Gaͤſte erhe⸗ ben ſich, um zu tanzen. Man faͤngt von dem oνvοos und dem de oeos an, das iſt, durch einen und zween Taͤnzer, deren lebhafter Tanz unſerm Rigodon aͤhnlich iſt, welches griechiſchen Urſprunges zu ſeyn ſcheint, und der Tanz endiget ſich mit einem Kreis⸗ tanze, von dem nachher die Rede ſeyn wird. Der Honig, den die Griechen allezeit ſorgfaͤltig auf dem Berge Hymettus ſammeln, und vormals fuͤr eine heilige Nahrung hielten, iſt noch fuͤr ſie, ſo wie er vom Stocke kemmt, ein aͤußerſt angenehmes und ſehr geachtetes Gerichte. Sie lieben auch ſehr die Oliven, welche Griechen⸗ land und die Gegend von Athen im Ueberfluſſe liefern. Sie nennen dieſe Oliven, die, den Appetit zu er⸗ wecken, zubereitet ſind, wie die Alten, Colymbades. Sie lieben noch die Kuchen, die die Weiber nach al⸗ tem Gebrauche backen. Sie wiſſen aus dem Leſen des Homer, daß ſie vor Alters das Mehl einmachen, und die Kuchen backen mußten. Das iſt auch noch heut zu Tage eben daſſelbe: man baͤckt dieſe Kuchen den heiligen Abend vor Oſtern und andern großen enen und die Griechen beſchenken damit einer den andern. 152’ Der alte Gebrauch, geroͤſtet oder gebranntes Korn zu eſſen, ein Gebrauch, der nothwendig vor der Kunſt, es zu zermalmen oder zu mahlen, vorhergegangen, und von dem Myletus, einem Sohne des Lelex, erſten Koͤnigs von Lakonien, erfunden worden, iſt noch vor⸗ handen. Das ſtarke tuͤrkiſche Korn und die Erbſen, die man kochen laͤßt, ſind in Griechenland ſehr ge⸗ woͤhnliche Gerichte. Man findet bei den griechiſchen Mahlzeiten nicht allein die alten Ausſchweifungen und die alte Einfalt, ſondern auch die Blumenkraͤnze, die ein ſo gutes Bild von der Freude der Gaͤſte machen. Die Blumen ſchmuͤcken auch die Haͤupter der Verliebten, und ſie haͤngen noch welche an die Thuͤren ihrer Gebiete⸗ rinnen. Es wurde ſchon erwaͤhnt, daß die Weiber haupt⸗ ſaͤchlich die jungen Maͤdchen in ihren Hauptſchmuck natuͤrliche Blumen einflochten, mit denen ſie ſich be⸗ kranzen; die jungen Leute, die galant ſeyn wollen, thun eben daſſelbe. 1 Wenn man den erſten Mai alle Thuͤren der Grie⸗ chen mit Blumen bekraͤnzt ſehen ſollte, ſo wuͤrde man ſich gewiß an die Stellen in den griechiſchen und la⸗ teiniſchen Dichter erinnern. Zu Ende der griechiſchen feierlichen Gaſtmale muß allzeit eine Libation geſchehen. Man endigt ſie nie⸗ mals, ohne, wie vor Alters, Wein zu gießen, indem man zugleich gute Wuͤnſche fuͤr den Wirth und fuͤr 15⁵³ die Gaͤſte thut, ſo wie es auch bei Begraͤbnißeeremo⸗ nien oder Leichenmahlzeiten zu geſchehen pflegt. Obgleich Morin, Mitglied der Akademie der Auf⸗ ſchriften, eine ziemlich getreue Vorſtellung von dem wahren Zuſtande der Muſik bei den neuern Griechen gegeben, ſo irret er ſich doch, wenn er hinzuſetzt, daß ſeit vielen Jahrhunderten die Geſaͤnge nicht mehr in Griechenland geachtet werden: denn es hat noch ſeine Anakreons und ſeine Muſen. Unter der Regierung Amuraths IY.., ruͤhrte ein Grieche, der ein guter Tonkuͤnſtler und zum Dode verurtheilet war, durch ſeine Toͤne den Sultan, der es befohlen hatte, ſo ſehr, daß er auf der Stelle Gnade erhielt. Ein Cyprier, der nach dem ſchwarzen Meere ging, und auf dem Hintertheile ſeines Schiffes, wo er ſaß, auf der Lyra ſpielte, als er unter den Fenſtern des Pallaſts des beruͤhmten Vezier, Ibrahim Paſcha, welcher in dem Aufruhr von Patrona umkam, weg⸗ fuhr, zog die Aufmerkſamkeit der Sultanin, Gemahlin des Veziers, ſo ſehr auf ſich, daß ſie ihn rufen und vor ſich ſpielen ließ⸗ Die Lyra der Griechen gleicht jener des Orpheus nach der Beſchreibung des Virgil: bald riß er ſie mit ſeinen Fingern, bald mit einem Kiele. Die Lyra war immer das Lieblingsinſtrument der Griechen. Die Zyther und die Lyra gehoͤrt noch ſetzt zu den gewoͤhnlichsen Hauptinſtrumenten bei den Griechen. 154 1 Der Schaͤfer ſpielt ohne Unterſchied auf der Sack⸗ pfeife, der Floͤte oder der Lyra. Die Griechen ſingen zu gleicher Zeit und wiederholen bisweilen Singewei⸗ ſen, die die Italiaͤner ſie gelehret, und die ſie nach ihrem Geſchmacke gefunden haben. Die Religion dieſes Volks iſt, wie die ganze Nation, mit dicken Finſterniſſen der Unwiſſenheit be⸗ deckt, und durch einen Haufen aberglaͤubiſcher Dinge verſtellt; ſie hat blos die Ceremonien, Zierathen und Feierlichkeiten, als ſo viele Zeichen, an denen man ſie erkennen ſollte, beibehalten. Wie hat ſich das reine Gold in ein ſchlechtes Blei verwandeln koͤnnen? Die Religion eines Volks in den Haͤnden ſolcher Prieſter, die kaum leſen koͤnnen, muß ein bloß aͤußer⸗ licher und ungeſtalter Gottesdienſt ſeyn, ein dunkles und ſchwaches Licht, das man kaum anſtatt der Fackel erkennet, von welcher ſonſt Griechenland erleuchtet wurde, und die die tollen Irrthuͤmer, oder die Fin⸗ ſterniſſe des Heidenthums zerſtreute. Die Unwiſſenheit der Geiſtlichkeit unterhaͤlt noth⸗ wendig eine nicht geringere bei der Nation. Die Pracht der Feſte und die Ceremonien ſind dem Volke genug, und dieſes zu Sklaven gemachte Volk, dem die Tuͤrken ihre Kirchen, ihre Altaͤre und Kloͤſter ge⸗ laſſen haben, verlangt und ſieht nichts weiter. Dieſe Nation, die Mutter der Vielgoͤtterei, da ſie ihren Geiſt nicht geaͤndert, mußte nothwendig die Gegen⸗ 155 ſtaͤnde der Andacht der neuen Chriſten vervielfaͤltigen, als ſie das Gluͤck hatte, den wahren Gott zu erkennen. Da es vor Alters den Meinungen und Irrthuͤmern der Philoſophen uͤberlaſſen war, fand es in dem Evan⸗ gelium und in der chriſtlichen Sittenlehre das, was die Philoſophie, die die Gemuͤther verſtoͤrte, vergebens ſuchte. Aber die menſchliche Neugier, wenig mit dem Lichte des Glaubens zufrieden, welches die Vernunft und der Stolz ſich will unterwuͤrfig gemacht wiſſen, ſuchte zwiſchen dem Chriſtenthume und der alten Lehre von zwei Prineipien, oder von den guten und boͤſen Genien, einen Vergleich zu ſtiften: und dieſem Irr⸗ thume ſind die Griechen allezeit ergeben geweſen. Bald darauf erhob ſich eine Menge Ketzereien und Sekten im Schooße des griechiſchen Chriſtenthums, das nicht aufhoͤrte, wie das fabelhafte Griechenland, die Wiege des Irrthums und der Luͤgen zu ſeyn. Die Geſchichte der Kaiſer, die, ſeit dem Konſtantin, oft ſowohl mit theologiſchen Streitigkeiten, als mit politiſchen Angelegenheiten des Reichs beſchaͤftiget geweſen, iſt eigentlich nichts als eine Geſchichte der Unruhen und buͤrgerlichen Kriege der Religion, bis auf die Trennung der griechiſchen und lateiniſchen Kirche, die der Patriarch Michael Cerularius, unter dem Papſt Leo IX. veranlaſſet. Endlich ſchwieg die griechiſche Geiſtlichkeit, genaͤhrt in kirchlichen Kriegen und ewigen Streitigkeiten, vor dem letzten Eroberer Griechenlands. Mahomed II., zufrieden, daß er einen 156’ Patriarchen ernennen und die Rechte der Oberherr⸗ ſchaft ausuͤben konnte, ließ einem unterdruͤckten und gedemuͤthigten Volke, aus Gnaden, den Gottesdienſt ihrer Vaͤter, und legte den Streitigkeiten, die der militaͤriſche Fanatismus der Muſelmaͤnner nicht ge⸗ ſtattete, Stillſchweigen auf: denn Mahomed, ein un⸗ umſchraͤnkter Deſpot, der Eingebung vorgab, da er ſeine Religion bloß durch das Schrecken ſeiner Waffen eingefuͤhret hatte, befahl zu glauben, und wollte keine andern Beweisgruͤnde. Wie konnten aber die griechiſchen Moͤnche und Prieſter, die allezeit unter ſolchen Beherrſchern zittern mußten, und keine Gelegenheit mehr hatten, ſich in Streitigkeiten zu uͤben, oder ſich zu unterrichten, um die alten und neuen Irrthuͤmer zu beſtreiten, wie konnten ſie, ſage ich, es in der Theologie und den Wiſſenſchaften weit bringen? Schon aus dem wenigen, was bisher geſagt wurde, laͤßt ſich ſchließen, daß die neuern Griechen, da ſie wenig von der Religion unterrichtet ſind, zu derjenigen, die ſie bekennen, alle die alten Sagen und Ausuͤbungen hinzugethan haben, die Leichtglaͤubigkeit und Gewohnheit erzeugten. Mit einem Worte, dieß Volk muß nach dem Verhaͤltniſſe ſeiner Unwiſſenheit auch leichtglaͤubig ſeyn: daher iſt es daſſelbe im hoͤch⸗ ſten Grade, in Abſicht der Wunder, der Vorbedeu⸗ tungen, der Ahnungen, der Traͤume, eben ſo wie es noch den Faſten und andern Uebungen, die es von 157 ſeinen Vaͤtern erhalten, getreu bleibt. Die Froͤmmig⸗ keit der Reiſenden befriediget ſich bloß mit dem An⸗ blicke der chriſtlichen Kirche, die auf den Ruinen der alten Tempel erbauet ſind: aber, wie ſchoͤn iſt es, Jeſum an eben den Orten verehret zu ſehen, wo vor⸗ mals, zu Epheſus und Chios, die Bildſaͤulen der Diane und der Hekate ſtunden. Die griechiſche Religion iſt von den Ruſſen an⸗ genommen worden. Dieſe erhielten zu Ende des loten Jahrhunderts einen Metropoliten, der ihnen von dem Patriarchen zu Konſtantinopel zugeſchicket wurde, ſie zu taufen und zu unterrichten. Der Pa⸗ triarch von Rußland ward dieſem hernach unterge⸗ ordnet; aber im Jahre 1661 riſſen ſie ſich von dieſer Art Abhaͤngigkeit los, ohne doch Neuerungen in der Lehre zu machen. Mithin bekennen ſich die Ruſſen zu eben der Religion, wie die Griechen; und die Prie⸗ ſter oder Papas bei beiden Nationen tragen ſich auch auf einerlei Weiſe; aber dies iſt auch alles, was ſie mit einander gemein haben. Strenge und oͤftere Faſten, die Gewohnheit, all⸗ gemeine Gebete anzuſtellen, und ſich vor Sonnen Auf⸗ gang in der Kirche zu verſammeln; die Furcht vor dem Banne, und nicht mehr zu der Gemeinſchaft der Glaͤubigen zugelaſſen zu werden; endlich die große Ehrfurcht fuͤr die Patriarchen und Biſchoͤfe, dieſe Ge⸗ braͤuche haben ſie eben ſo, wie die Griechen, von den erſten Chriſten beibehalten. 158 4 Vorzuͤglich muß man ihre heiligen Feſte, die ſie auf dem Lande feiern, betrachten. Sie werden jedem ſowohl die Bacchanalien, als die Andachtsuͤbungen der Alten fuͤr eine heilige Quelle, und fuͤr einen alten Hayn, als Gegenſtaͤnde der Ehrfurcht und des Gottes⸗ dienſtes, ins Gedaͤchtniß bringen. Die Griechen haben noch in ihren Gebirgen, Hoͤhlen und Waͤldern Waſſer, durch die Andacht ge⸗ heiliget, die ſie Ayiacudla neunen, aquae sanctiſicatae vel expiatoriae, Sie gehn haufenweiſe in gewiſſen Tagen des Jahres dahin, und trinken von dieſem Waſſer: dieß iſt ein oͤffentliches Feſt. Sie haͤngen darnach bei die⸗ ſem Waſſer oder der Quelle Stuͤcken Leinewand oder Zeug auf, zum Zeichen der Geneſungen, deren ſie theilhaftig geworden. Eben dieß thun ſie in Anſehung der Heiligen, die ſie bei ihren Krankheiten um Huͤlfe anflehen: ſie haͤngen an das Gemaͤlde des Heiligen ein Stuͤck Zeug oder eine andere Gabe. Dieſer Gebrauch iſt alſo ſehr alt, ſowohl als die Geluͤbdengemaͤlde, die auch wir ſelbſt beibehalten haben. Alle Reiſende, die nach Konſtantinopel gekommen, muͤſſen bei den Sieben Thuͤrmen ein Waſſer geſehen haben, in welchem die Griechen goldne Fiſche zeigen und dabei Wunder ſchreien. Man kennet die alte Leichtglaͤubigkeit der Griechen 159 und aller Heiden fuͤr die Vorbedeutungen. Die be⸗ truͤgeriſchen Orakel waren ihnen nicht genug. Sie nahmen noch ihre Zuflucht zu Ziehungen von Looſen, Wahrſagungen, zufaͤllig vorgebrachten Worten, denen ſie einen voͤlligen Glauben beimaßen. Die Griechen haben auch ihre gluͤcklichen und ungluͤcklichen Tage. Der aoſte Tag iſt fuͤr die Weiber, die in Wochen liegen, ein heiliger Tag, und ſie wuͤr⸗ den es nicht wagen, vor ihm auszugehen. Vor Alters begingen ihn dergleichen Weiber als ein Feſt, welches daher Teoσαανοααmνααοσνο genannt wurde. Vor dieſem Tage war es ihnen nicht erlaubt in den Tempel zu gehen, und noch heut zu Tage duͤrfen ſich die Weiber binnen einer gewiſſen Zeit daſelbſt nicht ſehen laſſen. Man haͤngt niemals an alten Gewohnheiten, ohne noch weit ſtaͤrker dem Aberglauben und gemeinen Vorurtheilen ergeben zu ſeyn; aber das ganze Volk giebt alsdann von dem, was es thut, keine andere Urſache an, als die Gewohnheit, es andre thun zu ſehn. Es wuͤrde ein zu langes und mithin ſehr ver⸗ druͤßliches Verzeichniß ſeyn, wenn man alle aberglaͤu⸗ biſche Dinge der Griechen erzaͤhlen wollte. Die Griechen, und hauptſaͤchlich die Weiber, ſpeien noch, wie die Alten, in ihren Buſen, um ein Ungluͤck abzuwenden, das ſie vorherſehen, das ihnen begegnet iſt, oder das man ihnen droht. Wenn ein Menſch vor Alters, ſagt Theo⸗ phraſt, eine Schlange in ſeinem Hauſe fand, ſo richtete er ihr ſogleich einen Altar auf: denn das war ein gluͤckliches Zeichen. Auch dieſe Gewohnheit findet noch ſtatt. Der Heil. Chryſoſtomus erzaͤhlt den Aber⸗ glaußen ſeiner Zeit, der ebenfalls heut zu Tage herr⸗ ſchet.„Nichts,“ ſagt er,„gleichet dem Aberglauben der Weiber in Anſehung der kleinen Kinder. Sobald ſie geboren ſind, zuͤnden ſie Lampen an, und geben ihnen Namen von Leuten, die lange gelebt haben, um auch ihnen ein langes Leben zu verſchaffen: indeſſen ſterben ſie doch oft ſehr fruͤh. Sie machen an ihre Haͤnde Schellen und Faͤden von Scharlachfarbe, um ſie vor Ungluͤck zu bewahren. Die Weiber, die Am⸗ men und bisweilen die Maͤgde tunken ihren Finger in eine Art Schlamm, der ſich in den Baͤdern auf den Boden geſetzt hat: hierauf druͤcken ſie dieſen Fin⸗ ger auf die Stirne des Kindes: damit ſie, wie ſie ſprechen, das boͤſe Auge, den Neid, von ihm abkeh⸗ ren.“*) Einige ſchreiben auf die Hand der Kinder die Namen der Fluͤſſe und Baͤche; andere bedienen ſich der Aſche, des Rußes und des Salzes: und alles dies, um das boͤſe Auge, das man noch jetzt fuͤrchtet, abzukehren. Heut zu Tage ſind die Schalen von Knoblauch, Talismane und andere Amuletten, die *) Dieſe Gewohnheit ſcheint ſich von dem alten Glauben der boͤſen Genien herzuſchreiben. 161 man den Kindern an den Hals haͤngt, die gewoͤhn⸗ lichſten Mittel, um dasjenige abzuwenden, was die Griechen immer noch das boͤſe Auge nennen; und die Tuͤrken haben eben dieſen Aberglauben angenommen. Eine lebhafte Einbildungskraft, die leicht in Flam⸗ men geraͤth, die, mit Maͤhrchen und poͤbelhaften Irr⸗ thuͤmern genaͤhret, alles uͤbertreibt, und alles, was ſie gebiert, auch zu ſehen glaubt, die die Peſt, dieſe be⸗ ſtaͤndige Plage Griechenlands, als eine alte ſchwarz⸗ gekleidete Frau zu ſehen glaubt, welche des Nachts auf die Haͤuſer, die ſie durchlaͤuft, ihr toͤdtliches Gift aushauchet: eine ſolche Einbildungskraft muß aller Eindruͤcke faͤhig ſeyn, die ſie nur empfaͤngt.„Auch iſt, ſetzt dieſer Kirchenvater hinzu, ihre Seele allezeit mit paniſchen Schrecken erfuͤllt. Als ich aus meinem Hauſe ging, ſagt der eine, fand ich den oder jenen, und dieſe Begegnung prophezeiet mir viel Ungluͤck. Mein Spitzbube von Knecht, ſagt der andere, gab mir, indem er mir meine Schuhe reichte, zuerſt den linken, das Zeichen eines Verluſts oder einer Be⸗ ſchimpfung. Als ich, ſagt ein dritter, heute ausging, trat ich mit meinem linken Fuße zuerſt aus dem Hauſe, die Vorbedeutung eines uͤbeln Zufalls.“ Die neuern Griechen haben eben die Schwach⸗ heiten, eben die Beſorgniſſe, eben die Leichtglaͤubigkeit. Wenn man die Menſchen ſiundiret und ihnen Schritt vor Schritt folget, ſo wird man allezeit und uͤberall A4ſtes B. Griechenland. II. 2. 4 t finden, daß ſie ſich vollkommen gleich ſind, und auch nur ſich ſelbſt gleich ſeyn koͤnnen. Was man oon einzelnen Perſonen ſagt, iſt auch von ganzen Voͤlkerſchaften wahr. Wenn man uͤbri⸗ gens die Griechen recht kennen will, ſo muß man nicht buchſtaͤblich annehmen, was Tournefort und andere Reiſende geſagt haben, die ſie niemals naͤher, als auf den Inſeln des Archipelagus geſehen haben, wo die Unwiſſenheit und Armuth, die uͤberhaupt unter dieſen Inſulanern herrſchen, ihnen dieſe Nation in einem verachtungswuͤrdigen Lichte gezeiget hat. Haͤt⸗ ten ſie ſie ſorgfaͤltiger gepruͤft, ſo wuͤrden ſie ſich von ihnen eine andere Vorſtellung gemacht haben; ſie wuͤrden, obgleich in geringer Anzahl, gelehrte Bi⸗ ſchoͤffe, wohlunterrichtete Prieſter, und Leute von Genie und Geſchmack gefunden haben. Guys traf bei einem Griechen, Namens Drako, einem reichen und ge⸗ ſchickten Manne, eine auserleſene Bibliothek an. Wenn der Abt Guͤyon an Ort und Stelle die Sitten und Gewohnheiten der neuern Griechen eben ſo ſtudiret haͤtte, wie er die Geſchichte Griechenlands gus ihren beſten Quellen ſtudiret: ſo wuͤrde er ihnen nicht, nach dem Guilletiere, vorgeworfen haben, daß ſie weder Sonnenweiſer, noch oͤffentliche Uhren haͤtten, weil ihnen die Tuͤrken keine zu haben erlauben, ja nicht einmal Taſchenuhren. Dieß iſt aber hoͤchſt falſch, und kaum der Muͤhe werth, daß man es erinnert. Er wuͤrde nicht behauptet haben, daß die Traͤgheit . 163 und Grobheit daſelbſt ſo gut als die Barbarei ſelbſt waͤren; welches eben ſo falſch iſt: denn bei eben die⸗ ſen Griechen findet man viel Geſchaͤftigkeit, Feinheit und ſehr muntere Koͤpfe. X. Wenn irgend etwas die Leichtglaͤbigkeit einer Nation charakteriſirt, ſo iſt es der Glaube, den es den Traͤumen beimißt, und die Deutungen, die es annimmt. Die Religion hat die beruͤhmten Orakel Griechen⸗ lands zerſtoͤret; aber die Vernunft hat den Glauben an die Traͤume noch nicht einmal ſchwaͤchen koͤnnen. Man darf ſich nicht wundern, wenn die heutigen Griechen, die weit weniger Einſicht als ihre Vaͤter haben, der Kunſt, Traͤume zu deuten, eben ſo viel Glauben als jene beimeſſen. Dieſe Kunſt war vor Alters in noren Anſehen. Denn die Leichtglaͤubigkeit war faſt allgemein, und der Dienſt, durch den man vor Alters die Goͤtter verehrte, die den Traͤumen vorſtunden, iſt bekannt. Die neuern Griechen haben noch Regeln zur Erklaͤ⸗ rung der Traͤume, und ſie haben ſie ohne Zweifel geerbt. Es ſind alte Weiber, die mit dieſer Hand⸗ thierung ihr Brod verdienen. Guys hoͤrte einmal zu, und giebt ein Beiſpiel einer ſolchen Auslegung, von der er Zeuge geweſen. „Mir hat getraͤumet, ſagte eine junge Griechinn, daß ſich mir ein Fremder naͤherte. Er uͤberreichte mir eine Zitternadel und Blumen, zuͤndete eine Fackel t au, und verſchwand.— Da haben ſie das ganze Ge⸗ heimniß, ſagte die Sibylle, die man befragte, ohne Anſtoß:„Die Nadel, die wir an einem Hochzeittage tragen, bedeutet, daß ſie werden verheirathet werden; die angezuͤndete Fackel zeigt an, daß der Tag nicht weit entfernet iſt; und die Zahl der Blumen, die ſie geſehen haben, bedeutet die Anzahl der Kinder, die ſie bekommen werden.“ Uebrigens iſt die allgemeine Regel der Traͤume, allezeit das Gegentheil davon zu nehmen. So bedeuten die traurigſten Traͤume immer etwas Gutes, und die aberglaͤubiſchen Griechen brin⸗ gen den Tag, der auf einen ſchoͤnen Traum folget, immer traurig zu. Die Griechen bereiten ſich noch jetzt, wie vormals, durch Faſten zu, um gluͤckliche Traͤume zu haben. Ein Maͤdchen, die ein großes Anliegen hat, ißt nichts, wenn ſie ſich niederlegt, als einen ſehr geſalzenen Kuchen, und trinkt gar nicht; ſie leget hernach drei Knaͤule ſchwarz, weiß und rothes Garn unter ihr Kopf⸗ kiſſen. Nach dieſen Vorbereitungen iſt derjenige, den ſie im Traume ſieht, und der ihr zu trinken bringt, der Mann, den ſie heurathen wird. Wann ſie auf⸗ wacht, nimmt ſie den erſten, beſten Knaul, der ihr in die Haͤnde faͤlt. Der ſchwarze bedeutet einen Wittwer, der weiße einen alten, der rot he einen jun⸗ gen und reichen Mann, ſo wie ſie ihn wuͤnſcht. Unter Konſtanz, einem Fuͤrſten, deſſen Leben ein bloßes Gewebe von Grauſamkeiten war, die ſo⸗ 165 wohl ſeine Miniſter, als die Arianiſchen Biſchoͤfe ver⸗ uͤbten, kamen die griechiſchen Traͤumer uͤbel weg. Es war ein Ungluͤck, welche zu haben, und doch hatte man die Wuth, ſie zu erzaͤhlen. Die Spione vergif⸗ teten dieſe Traͤume, und die Traͤumer wurden am Leben geſtraft. Auch, ſagt der neue Geſchichtſchreiber des Occidentaliſchen Reiches, wurde man ſo klug, daß man nicht einmal gerne mehr geſtund, daß man ge⸗ ſchlafen haͤtte. XI. Nichts iſt intereſſanter, nichts angenehmer, als die griechiſchen Taͤnze. Jedes Land hat die ſei⸗ nigen, und Griechenland iſt von dieſer Seite her im⸗ mer getheilt geweſen. Es giebt Nationaltaͤnze, die ſehr alt ſeyn muͤſſen, und ganz gewiß erblich ſind. Man braucht keine Tanzmeiſter, die ſie lehren: die Nachahmung iſt genug. Es giebt keine Baͤuerinn in der Provence, die nicht ihren Rigodon kann; keine Bayonnerinn, die nicht die Panperruͤcke*) tanzet. - Die Panperruͤcke iſt ein den Bavonnern ganz eigenthuͤmlicher Tanz, der auf folgende Art nach der Trommel getanzt wird. Man faͤngt ganz ſachte an zu ſchlagen; nach und nach wird der Klang lebhafter. Die Taͤnzer und Taͤnzerinnen, die in gleicher Zahl ſind, faſſen ſich mit Baͤn⸗ dern. Derjenige, der das beſte Gehoͤr hat, iſt an der Spitze, und iſt der Koͤnig des Tanzes. Er haͤlt in der Hand ein ſtets erhobenes Staͤb⸗ chen, und oͤffnet den Tanz, der im Kreife herum 166 3 Man vergißt die zuſammengeſetzten Taͤnze„die gelernt werden muͤſſen und Praͤciſion fordern: die einfachern, luſtigern und leichtern Taͤnze verlieren ſich nicht, weil man ſie oft wiederholet, und jedes Feſt ſie zurucke bringt. Die Jugend findet einen Gefallen, ſie zu vollziehen; die Alten freuen ſich, zuzuſehen, und das zarteſte Alter, die Kinder, die noch zu ſchwach ſind, die Taͤnzer nachzuahmen, huͤpfen ſchon mit, indem ſie ſie ſehen. Oft faſſen ſich auf dem Lande eine Schaar Griechen, jung und alt, bei den Haͤnden, und mit dieſem Tanze verbinden ſie eine Art Wechſelgeſaͤnge, ſo daß die aͤl⸗ teſten den Kindern, die ſie durch ihre Lieder auffo⸗ dern, antworten. Die Liebe zum Tanze war allezeit in Griechenland eine den jungen Leuten beider Geſchlechter gemeine Leidenſchaft. Sie uͤberließen ſich ihr, ſo wie heut zu Tage noch von ihnen geſchieht, ſo ſehr, daß ſie ſich oft daruͤber ſelbſt vergaßen. 3 geht. Von Zeit zu Zeit thun die Manns⸗ und Weibsperſonen, die zuſammen figuriren, einen Sprung, und ſehen dabei einander an. Wenn der Tanz geendiget iſt, ſo erheben der Koͤnig und dieienige, die er fuͤhret, das Band, von dem ein jedes das Ende haͤlt: die uͤbrigen Taͤn⸗ zer nehmen alsdann einander bei dem Arme, kriechen drunter weg, und gehen vier bis acht 3 der Fronte, allezeit nach dem Klange der rommel. 3 167 Dieſe Uebung haben unſtreitig alle Laͤnder und Zeiten gemein; aber es iſt ganz gewiß, daß die Grie⸗ chen mehr, als alle uͤbrigen Voͤlker in der Welt, ge⸗ tanzet haben. Der Tanz machte unter ihnen einen Theil der Gymnaſtik. Er war ſelbſt von vielen Aerz⸗ ten verordnet, gehoͤrte zu den Militaͤruͤbungen, und wurde von allen Staͤnden geliebt. Er folgte allen Feierlichkeiten, und beſeelte alle Feſte; die Dichter ſelbſt recitirten und ſangen ihre Verſe tanzend ab. Aſpaſig, die ſich nur zeigen durfte, um alles mit ihren Blicken zu beſeelen, machet ſelbſt dem alten Sokrates zum Tanze Luſt. Machten ſich aber die Maͤnner eine Ehre daraus, in dieſer Kunſt vortrefflich zu ſeyn, ſo mußte es vol⸗ lends bei den Weibsperſonen ein weſentliches Verdienſt ausmachen.— Der Tanz war vor Alters bei den Griechen eine ſigurirte Nachahmung der Handlungen und Sitten. Dieß iſt auch die Urſache, warum Lucian verlangt, daß ein Taͤnzer, der zu gleicher Zeit ein guter Panto⸗ mime ſeyn ſoll, in der Fabel und Goͤttergeſchichte wohl unterrichtet ſeyn muͤſſe. Bei allen Feſten ſang man Loblieder auf die Gott⸗ heit, die der Gegenſtand derſelbigen war, und die Taͤnze, die dem Geſange folgten, malten die vornehm⸗ ſten Zuͤge aus ihrem Leben. Man tanzte den Triumph des Bachus, die Hochzeit des Vulkans, und die Hoch⸗ zeit der Pales. Die jungen Maͤdchen thaten ſich 168 beſonders an den Feſten des Adonis hervor; ſie tanz⸗ ten die Liebe der Diana und des Endymions, das Ur⸗ theil des Paris, die Entfuͤhrung der Europa, die auf den Wellen von der Liebe getragen wurde, u. ſ. w. Dieſe Taͤnze waren eben ſo viel bewegliche Gemaͤlde, wo die Mienen und Schritte, die Bewegungen der Arme und der Fuͤße, alle Biegungen des Koͤrpers, Situationen und intereſſante Begebenheiten aus⸗ druͤckten. 1b Diejenigen Taͤnze, die den Laͤndern, wo dieſe Feſte begangen wurden, eigen waren, und welche be⸗ ruͤhmte Geſchichten abbildeten, haben ſich laͤnger er⸗ halten, als die uͤbrigen. Alle die Taͤnzer, die man noch heut zu Tage ſich bei der Hand faſſen, und die Straßen und Felder mit Tanzen umher laufen ſieht, ſtellen noch die alten Taͤnze vor, die einen Theil des oͤffentlichen Gottes⸗ dienſtes auomachten. Seit dem Verfalle des griechiſchen Theaters, ſind die Choͤre bloße Kreistaͤnze, die die neuern Griechen getreulich beibehalten haben. Sie tanzen alſo bald im Singen, bald nach dem Klange der Lyra, bald mit freien, bald mit ineinander geſchlungenen Haͤnden. Doch nicht mehr um den Altar des Baecchus, noch der uͤbrigen Gottheiten ihrer Vaͤter, ſondern um eine alte Eiche her, unter deren Schatten ſie bei den feier⸗ lichſten Feſten, das Haupt mit Blumen bekraͤnzt, die 169 alten Orgien erneuern, und ſich beinahe eben den Ausſchweifungen, als die alten Griechen, uͤberlaſſen. Man ſieht noch jetzt bei ihnen ein genaues Bild der Choͤre von griechiſchen Nymphen, die mit um⸗ ſchlungenen Haͤnden auf den Wieſen oder in den Hainen tanzen; ſo wie die Dichter die Diana auf den Bergen von Delos oder an den Ufern des Eu⸗ rotas, mitten unter dem Gefolge ihrer Nymphen vorſtellen. Bei den Eleuſiniern war ein Brunnen, Kallichore genannt, um den die Weiber von Eleuſis, zur Ehre der Goͤttin, Taͤnze und Muſikchoͤre eingefuͤhrt hatten. Guys ſah in der Prinzeninſel, wo die Griechen einen gemeinen Brunnen außer dem Dorfe haben, die jungen Maͤdchen des Abends zum Waſſerſchoͤpfen ſich verſammeln, und um den Buunnen Taͤnze mit Singen auffuͤhren. Die alten Griechen hatten ebenfalls, wie die jetzigen, hochzeitliche Taͤnze. Die geilen Taͤnze ſind ebenfalls bei Griechen und Tuͤrken noch Mode, wie ſie es vormals bei den Buh⸗ lerinnen von Profeſſion waren. Man erlaubet der⸗ gleichen ebenfalls bei Feierlichkeiten Leuten, die in Anſehung der Sitten nicht ſehr ſtrenge ſind, und bei Ten auggeiaſſenen Luſtbarkeiten, welche Hochzeiten be⸗ eiten. Es ſcheint, daß die herumziehenden Taͤnzerinnen, die man zu ſolchen Feſten holen ließ, unter den chriſt⸗ 170 1 lichen Kaiſern Mode waren, weil Theodoſius dieſen Gebrauch durch ein ausdruͤckliches Geſetz verbot. Eine dieſer Taͤnzerinnen, die noch bei ſolchen Luſt⸗ barkeiten, gleich den Buhlerinnen, die bei den Feſten der Flora auf den Buͤhnen tanzten, umher zu laufen pflegen, wenn eine Partie ihrer Kunſt voruͤber iſt, umarmt nach der Reihe jeden Zuſchauer, um etwas von ihm zu bekommen. Sie hat gewoͤhnlich eine kleine Trommel und geht mit offenem Buſen und auf die unanſtaͤndigſte Art. Die in Griechenland heut zu Tage vornehmlich uͤblichen Taͤnze, ſind der Kandiſche Tanz, der Griechi⸗ ſche, der Arnautiſche, die laͤndlichen Taͤnze, der Wal⸗ lachiſche und Pyrrhichiſche. Die beiden erſten ſind einander ſehr aͤhnlich, und einer ſcheint von dem andern kopiret zu ſeyn; doch iſt die Muſik davon verſchieden. Es iſt allezeit ein Maͤd⸗ chen, die den Tanz auffuͤhrt, und dieſe haͤlt ein Schnupftuch oder eine ſeidne Schnur in der Hand. Dieſer Tanz, der aͤlteſte unter allen, iſt vom Ho⸗ mer in der Beſchreibung des beruͤhmten Schildes des Achills nicht vergeſſen worden. „Unter andern, ſagt er, ſtellt Vulkan daſelbſt, mit einer wunderbaren Mannigfaltigkeit, einen Tanz vor, der demjenigen aͤhnlich iſt, den der ſinnreiche Daͤdalus in der Stadt Knoſſus fuͤr die ſchoͤne Ariadne erfand. Die jungen Maͤdchen ſind mit leichten Zeugen bekleidet, und haben goldne Kronen auf ihren Haͤup⸗ 171 tern: die Juͤnglinge tragen ſchoͤne Roͤcke von einer ſehr glaͤnzenden Farbe. Bald tanzt dieſe Schaar im Kreiſe mit ſo viel Richtigkeit und Geſchwindigkeit, daß die Bewegung eines Rades nicht gleicher und ſchneller ſeyn kann; bald trennet ſich der tanzende Zirkel, die ganze Jugend faßt ſich bei der Hand, und beſchreibt durch ihre Bewegung eine unendliche Menge von Gaͤngen und Kruͤmmungen.“ Eben ſo iſt ungefaͤhr der Kandiſche Tanz, den man heut zu Tage tanzet. Die Muſik dazu iſt zaͤrtlich, und im Anfange ganz langſam; nach und nach wird ſie lebhafter und beſeelter. Diejenige Taͤnzerin, die den Tanz auffuͤhrt, bezeichnet eine Menge Figuren und Schlangenlinien, deren Mannigfaltigkeit ein eben ſo angenehmes als intereſſantes Schauſpiel macht. Von dieſem Kandiſchen ſtammt der Griechiſche ab, den die Inſulaner beibehalten hatten. Damit dieſe Vergleichung berichtiget werde, ſo muͤſſen wir ſehen, wie dieſer Tanz des Daͤdalus einen andern erzeugt, der eine bloß zuſammengeſetzte Nachahmung von einerlei Zeichnung iſt. In dem griechiſchen Tanze tanzen die Maͤdchen und Juͤnglinge, indem ſie einerlei Schritte und Figu⸗ ren machen; beſonders in der Folge vereinigen ſich die beiden Reihen, und vermiſchen ſich, um einen allgemeinen Kreis zu bilden. Alsdann fuͤhret ein Maͤdchen den Tanz, indem ſie eine Mannsperſon bei der Hand faßt; ſie nimmt hierauf ein Schnupftuch 122 4 oder ein Band, wovon jedes ein Ende haͤlt. Die uͤb⸗ rigen(und die Reihe iſt gemeiniglich lang,) tanzen eines nach dem andern und gleichſam fliehend unter dieſem Bande weg, und wieder zuruͤck. Anfangs geht. man langſam und in der Runde; hernach windet die Fuͤhrerin, nachdem ſie vielerlei Gaͤnge und Kruͤmmun⸗ gen gemacht, den Kreis um ſich her. Die Kunſt der Taͤnzerin beſteht darinnen, daß ſie ſich aus der Reihe wieder heraus wickelt, und ploͤtzlich wieder an der Spitze des Kreiſes, der ſehr zahlreich iſt, erſcheint, und in ihrer Hand, mit einer ſiegreichen Miene, ihr Band wieder auf die Art zeiget, wie ſie es beim An⸗ fange gethan hatte. Es iſt leicht zu errathen, daß man durch dieſen Tanz das Labyrinth von Kreta vorſtellen wollte. Man ſieht noch heut zu Tage in den griechiſchen Reihen, die zaͤrtliche Ariadne, die ihren Theſeus fuͤh⸗ ret, um ihn die Irrgaͤnge zu lehren, die er durchlau⸗ fen ſoll; und die geſchickteſte Taͤnzerin iſt die, die am beſten in einander zu verwickeln, oder die Entwicklung des tanzenden Labyrinths am laͤngſten zu verzoͤgern weiß. Bisweilen trennen ſich die in einander geſchlun⸗ genen Juͤnglinge und Maͤdchen, um auf einmal zwei Reihen zu bilden; d. h. die Taͤnzer erheben von Zeit zu Zeit die Arme, ohne die Kette zu zerbrechen. Die Maͤdchen, die ſich alsdann alle bei der Hand halten, kriechen drunter weg, tanzen vor ihnen hin, und zie⸗ 173 hen ſich wieder zuruͤck, um bloß wieder Eine Reihe auszumachen. Sieht man hier nicht den Trupp des Theſeus, der ſich im Tanze trennet und wieder verei⸗ niget? Dieß iſt alſo der Urſprung dieſes griechiſchen Tanzes. Auf dem Lande ſetzt ſich ein Schaͤfer mitten unter die Taͤnzer, um auf der Floͤte oder Sackpfeife zu ſpie⸗ len, und man tanzt im Kreiſe um ihn her. Dieſer Tanz iſt lebhafter und munterer, als die uͤbrigen: deßwegen machte er bei den Spartanern den Beſchluß aller threr Uebungen. Athenaͤus redet von dem hyporchemati⸗ ſchen Tanze, einem ernſthaften und langſamen, den die Griechen und hauptſaͤchlich die Lacedaͤmonier un⸗ ter Singen vollzogen, indem ſich Manns⸗ und Weibs⸗ perſonen alle bei der Hand faßten. Die neuern Grie⸗ chen haben auch Melodien und Couplets, die fuͤr dieſe Arten von Reihen gemacht ſind. Die Griechen haben noch einen Tanz, den ſie den Arnautiſchen nennen: dieß iſt ein alter militari⸗ ſcher Tanz. Man weis, daß ſie vor Alters viele von dieſer Art hatten, und ſelbſt in den Krieg tanzend gingen, wie die Luſitanier, von denen Diodor von Sieilien redet. 89 Der Arnautiſche wird von einer Manns⸗ und ei⸗ ner Weibsperſon aufgefuͤhrt. Der Fuͤhrer haͤlt eine Ruthe und einen Stab in der Hand; er ſyringt, muntert die andern auf, laͤuft ſchnell von einem Ende 174 4 ans andere, ſtampft mit dem Fuße, und klatſcht mit der Peitſche, indeſſen daß die uͤbrigen, mit in einan⸗ der geſchlungenen Haͤnden, ihm mit einem gleichen und gemaͤßigtern Schritte folgen. Die Laredaͤmonier hatten einen Tanz, Hormus genannt, welches Halskette heißt. Es iſt aber der Hormus, ſagt ebenfalls Lueian, ein gemeinſchaftli⸗ cher Tanz von Juͤnglingen und Jungfern, die Paar⸗ weiſe mit einander in Reihen gehen, und wirklich ei⸗ ner Halskette aͤhnlich ſehen. Der Juͤngling fuͤhrt, und tanzt nach ſeiner maͤnnlichen Art, ſo wie er es naͤchſtens in Gefechten machen will; die Jungfer folgt ihm ehrbar, und zeigt, wie ein Frauenzimmer tanzen muß: daß alſo der Hormus aus Sittfamkeit und Ta⸗ pferkeit zuſammen geſetzt und vermiſcht iſt. Bisweilen fuͤhret in dieſem Tanze ein Spieler der Lyra den Trupp, und die Taͤnzer folgen ihm, indem ſie ihre Schritte nach dem Klange des Inſtruments einrichten. Nicht anders beſchreibt Athenaͤus den Tanz, den die Griechen Hoploplokia nennen, eine Art des pyrrhichiſchen oder milirariſchen Tanzes. Ein Taͤnzer ſpielt die Lyra, und die uͤbrigen formiren um ihn einen der maͤnnlichen und lebhaften Taͤnze, der bei denjenigen, die ſich zum Kriege beſtimmten, eine Art von Uebung ausmachte. Der wahre militariſche Tanz iſt der Pyrrbi⸗ chiſche, welcher, nach dem Lucian, von ſeinem Er⸗ finder, dem Neoptolemus, des Achilles Sohne, mit 175 dem Zunamen Pyrrhus, alſo genannt wurde. Es gibt aber vielerlei Taͤnze, die dieſen Namen fuͤhren. Einige derſelben beſchreibt Fenophon zu Anfange des ſechsten Buchs von dem Heerzuge des juͤngern Cyrus nach Perſien. Es ſind nicht mehr die wahren Griechen, die jetzt ins Joch gebeugt und daran gewoͤhnt ſind, ſondern die Sieger Griechenlands, die die militariſchen Taͤnze angenommen haben. Der Pyrrhichiſche wird heut zu Tage von den Tuͤrken und Thraziern getanzet, die mit Schilden und ſehr kurzen Saͤbeln gewaffnet, nach dem Klange der Floͤten leicht ſpringen, und mit einer erſtaunenden Geſchwindigkeit und Fertigkeit Streiche austheilen und pariren. Eben ſo ſind es auch die Tuͤr⸗ ken allein, die ſich nicht nur in dem pyrrhichiſchen Tanze, ſondern auch im Kampfe, im Laufe u. ſ. w. uͤben: ſo, daß es ſcheint, als ob ſie die Griechen, in⸗ dem ſie ſich dieſelben unterworfen, auch gezwungen haͤtten, ihnen alles zu uͤberlaſſen, was vormals etwas beitrug, in ihnen die Neigungen zu Kriegsuͤbungen auszubilden und zu unterhalten. Man findet gleichwohl noch Spuren der pyrrhichi⸗ ſchen Taͤnze in dem Lande Magne genannt, und zu Miſitra, welches vormals die Spartaner ſo beruͤhmt gemacht haben. Dieß Land wird noch von den grie⸗ chiſchen Barbaren bewohnt, die durch ihre eigene Ge⸗ ſetze beherrſchet werden, und die, da ſie ein Reich nicht angreifen koͤnnen, deſſen Macht ſie zu Boden 1 176 ſtuͤrzen wuͤrde, ſich begnuͤgen laſſen, ihre Unabhaͤngig⸗ keit zu erhalten, und die gefaͤhrlichſten Seeraͤuber des Archipelagus ſind. Mr. de Peyſſonel hat eben die porrhichiſchen Taͤnze auch bei den Sfauhioten gefunden, welches die alten Kreter ſind, ein kriegeriſches Volk, daß ſich noch vor den uͤbrigen Griechen von Kandia unter⸗ ſcheidet. Die beſten Schiffer und die beſten Soldaten zur See, die die Tuͤrken haben, ſind Griechen; und in den Wirthshaͤuſern, wo dieſe Leute allezeit unmaͤßig trinken, wuͤrden ſie doch nicht trinken koͤnnen, ohne nach dem Klange eines Inſtruments zu tanzen. Mau ſieht ſie, wie bei den Baechiſchen oder militariſchen Taͤnzen, deren die alten Schriftſteller Erwaͤhnung thun, herum taumeln. Man kann zu dieſen Taͤnzen auch den Joniſchen zaͤhlen, den man, nach dem Athenaͤus, tanzte, wenn man ſich vom Weine erhitzt hatte; indeſſen war er doch leichter und regelmaͤßiger, als die uͤbrigen. Es iſt eine Art von Pas de Deux, das man noch heut zu Tage zu Smyrna und in Kleinaſien tanzen ſieht, wo der Geſchmack an unzuͤchtigen Taͤnzen ſich noch erhaͤlt. Die Tuͤrken tanzen auch den wallachiſchen Tanz, einen ſehr alten Tanz in dem Lande, wovon er ſeinen Namen hat. Dieſer Tanz, deſſen Schiitt 4 177 immer derſelbe iſt, und mit keinem der uͤbrigen grie⸗ chiſchen Taͤnze etwas aͤhnliches hat, iſt nicht unange⸗ nehm, wenn er wohl gefuͤhret und mit der Richtig⸗ keit vollzogen wird, die er erfordert. Er koͤnnte ſich leicht von den Daciern herſchreiben, die vor Alters die Wallachei bewohnet haben. XII. Die Lydier werden, nach dem Herodot, fuͤr die Erfinder der Spiele gehalten, und der Urſprung derſelben iſt ſonderbar genug. Der Hunger ſowohl, als der Muͤſſiggang hat ſie veranlaſſet. Die Lydier hatten, unter der Regierung des Atys, eine ſchreck⸗ liche Hungersnoth, und erfanden, um die heftigen Bewegungen zu vermeiden, die den Appetit nur noch mehr reitzten, das Wuͤrfelſpiel und das Knoͤchelſpiel, das die Griechen noch haben. Sie ſpielen es mit klei⸗ nen Muſcheln und in einer Kiſte, wo jeder Spieler ſein Fach vor ſich hat: ſie nennen es die Mangala. Die Lydier erfanden auch das Ballſpiel, ein er⸗ muͤdendes Spiel, das ſich ſchlecht genug zu ihrer Ab⸗ ſicht ſchickte; ſie muͤßten es denn, wegen des Antheils, den man daran vorzuͤglich nimmt, erfunden haben, die Zeit, wie man ſagt, zu toͤdten. Aus eben der Urſache erfand auch Palamedes das Schach, und das ganze Alterthum raͤumt ihm davon die Ehre ein. Die achthundert Liebhaber der Penelope brachten ihre Zeit damit zu, auf dem Hofe dieſer Prinzeſſin zu ſptelen. Sie bedienten ſich der Wuͤrfel und der Steinchen, und jeder hatte die ſeinigen. Sie legten einen mitten in 44ſtes B. Griechenland. II. 2. 5 178. den Hof, den ſie Penelope nannten: dieß war allezeit das Ziel, nach dem man werfen mußte, und die Spie⸗ ler ſtellten ſich von beiden Seiten in gleicher Anzahl in einer ziemlich weiten Entfernung. Der Kraͤußel war vor Zeiten ſehr uͤblich. Horaz nennt es ein griechiſches Spiel*). Das Spiel, da man eine Muͤnze wirft, und ſieht, ob ſie auf die rechte oder linke Seite falle(Le jeus de croix ou pile), hieß bei den Alten der Kopf oder das Schiff(Caput aut Navis), weil die Muͤnze auf der einen Seite den Kopf des Janus, auf der andern aber ein Schiff hatte. Die Griechen nannten aliasos das Spiel, wel⸗ ches wir Gerade oder Ungerade nennen: ſie ſpielten es, wie wir heut zu Tage, mit Nuͤſſen, Mandeln, oder Geldſtuͤcken. Die Griechen ſpielen ſehr viel Gerade oder Unge⸗ pade. Sie haben auch noch ein ander Spiel, das in Italien ſehr gewoͤhnlich iſt, und gemeiniglich Morra genannt wird. Es beſteht darinnen, daß man die Zahl der aufgehobenen Finger erraͤth, indem man die andern einbeugt und die Hand verbirgt. *)— Ludere doctior, Seu Graeco jubeas trocho, Seu malis vetita legibus alea. L. 4. Od. 24. 179 Man hatte vor Alters mit Nuͤſſen vielerlei Spiele, die noch, einige keine Veraͤnderungen ausgenommen, uͤblich ſind: denn es iſt nicht moͤglich, daß ſo willkuͤhr⸗ liche und einfache Spiele als dieſe, ſich nicht aͤndern ſollten. Ovid macht davon eine lange Beſchreibung. Das Fruͤhlingsfeſt feiern die Griechen mit einer Freude, die die Wiederkunft der Zephyre und der Roſen ankuͤndigt. Zu Rhodus foderten die Kinder bei dieſer Gelegenheit eine Gabe; ſte hatten ein Spiel und ein Lied, das ſie noch beibehalten.— Singend und tanzend gingen ſie umher, ſchrien die Voruͤbergehenden um etwas fuͤr die neuangekom⸗ mene Schwalbe an: daher dieß Feſt das Schwalben⸗ feſt hieß. Ihr Geſang fing ſich folgendermaßen an: „Hier iſt ſie, hier iſt ſie, die Schwalbe, die uns die ſchoͤnen Tage bringt.“ Und endigte ſich mit den Worten: „Deffuet, oͤffnet die Thuͤre der Schwalbe: Wir ſind nur Kinder, und ſind noch nicht Greife“*). Die Schaukel iſt auch ein Spiel, das noch ſehr unter den Griechen gewoͤhnlich iſt. Die jungen Leute, hauptſächlich die Maͤdchen, beluſtigen ſich ſehr damit. Waͤhrend ſie ſich in der ſchoͤnen Jahreszeit ſchaukeln, wiederholen die Maͤdchen wechſelsweiſe die Lieder, die ſie gelernt haben. *) Joh. Meurs. Graec. fer. C. 6. 180. Vor Alters machte man auch, wie heut zu Tage, einen Zirkel auf eine große Tafel oder auf den Bo⸗ den, und dann mußte man in einer ziemlich weiten Entfernung mit einem Wuͤrfel oder einem kleinen runden Steine mitten in den Zirkel werfen, wenn man gewinnen wollte. Besweilen ſetzte man eine Wachtel hin, und derjenige, der ſie bloß mit dem Finger ſchlug, und ſie dadurch ſo aus dem Zirkel brachte, daß der Vogel uͤber den Umriß kam, es mochte nun ſeyn, daß er zuruͤcke prallte, oder daß er die Spitzen der Fluͤgel daruͤber ausbreitete, hatte gewon⸗ nen. Heute zu Tage bindet man eine Wachtel oder einen andern Vogel an einen Stock: demjenigen, der darnach ſchlaͤgt, werden die Augen verbunden: man fuͤhrt ihn zwanzig bis dreißig Schritte von dem Zirkel weg, und er geht auf eben der Linie zuruͤck; trifft er die Wachtel mit dem Stocke, den er in der Hand hat, ſo hat er gewonnen: jeder, der mitſpielt, macht nach der Reihe eben daſſelbe, und dieß Spiel dauert lange genug. Die Griechen ſpielen auch blinde Kuh, ein ſehr altes Spiel, das man uͤberall findet. Man nannte es vor Zeiten Myinda, und ſpielte es auf eben dis Art, wie die neuern Griechen. Man gab demjenigen, dem man die Augen verband, einen irdenen Topf: die uͤbrigen, welche mitſpielten, neckten ihn, und ſchrien dazu: Wer hat den Topf? Er antwortete: 181 Ich, Midas. Und der mußte ſeine Stelle einnehmen, den er erhaſchen konnte*).. Die jungen Maͤdchen haben noch ein Spiel, das man vor Alters die Schildkroͤte nannte. Diejenige, die ſie machte, mußte in die Mitte treten, und durfte ſich nicht von ihrem Platze regen; aber die, die ſie erhaſchen konnte, mußte an ihre Stelle. Heut zu Tage drehen ſich die jungen Maͤdchen um die, welche die Schildkroͤte iſt, herum, um ſie zu necken. Dieſes Spiel hieß Chelichelone, und man ſagte: Was macheſt du unter uns, Chelichelone? Die Schildkroͤte antwortete:. Ich mache eine Webe von Wolle, und den Ein⸗ trag von Milet. Frage: Und wie iſt dein Neffe geſtorben? Antwort:— Er iſt vom Pferde ins Meer gefallen*). *) Poll. 1.9. c. 7. Suid. Man nannte auch dieſes Spiel amoddeacακυν. Das Verſtecken. (Apodidraskinda und Myinda ſind zwei etwas verſchiedene Spiele; und was der Verfaſſer im Terte beſchreibt, iſt eine dritte Art, Aurgvda, das Topfſpiel, Ueberſ.) **) Meurs, de lud. Gracc. 182 Das Huͤpfen auf einem Fuße, in welchem ſich die Griechen noch uͤben, um zu ſehen, wer am wei⸗ teſten kommen wird, hieß Aλκαέρ⁵μ(ascolias- mos.) Man wickelt auch die Roſen und Mohnblaͤtter in Form kleiner Blaſen zuſammen, um ſie auf der Stirne klatſchen zu laſſen. Aus dem Klange, den ſie machen, urtheilet ein Verliebter, ob er wieder geliebt wird*). Guys ſah auch bei einer Hochzeit ein ſehr altes Spiel, das bei der angeſehenſten Verbindung uͤblich iſt. Man traͤgt laufend Kerzen und Fackeln nach ei⸗ nem gewiſſen Ziele, das die ſpielenden Perſonen un⸗ ter einander ausmachen. Derjenige, deſſen Fackel verloͤſcht, verliert, und muß eine Strafe buͤßen, die der Koͤnig des Spiels auferlegt. Dieſe gewinnt der, der ſeine Fackel brennend bis an das Ziel der Lauf⸗ bahn bringt. Die Griechen, um das Gluͤck oder Ungluͤck in ih⸗ rer Liebe zu erfahren, bedienen ſich nicht mehr des Roſenblattes, das ſie klatſchen ließen, ſondern der Kli⸗ dong. Dieſes muß ihnen alles entdecken, und iſt das Orakel, das alle junge Griechen zu Rathe ziehen. Den Abend vor dem Tage, da dieß Spiel ange⸗ ſetzt iſt, laſſen ein paar junge Maͤdchen von allen de⸗ nen beiderlei Geſchlechts, die daran Antheil nehmen ——— *) Poll, et Anacr. 183 ſollen, einen Ring, ein Stuͤck Geld, oder ſonſt ſo et⸗ was in ein Gefaͤß werfen. Sie gehen hierauf, indem ſie heiliges Stillſchweigen beobachten, und fuͤllen dieß Gefaͤß mit Waſſer an, decken es mit Myrrthen und Lorbeerblaͤttern zu, laſſen es bis den andern Tag in freier Luft ſtehen, und huͤten es ſorgfaͤltig. Man kommt hierauf zu einer beſtimmten Stunde zuſammen. Eine der Veſtalinnen decket das Gefaͤße in Gegenwart der ganzen Geſellſchaft auf, indeſſen daß die andre das Liedchen, das ausdruͤcklich fuͤr dieſes Spiel verfertigt iſt, abſingt oder herſagt; dieß nennt man die Klidona eroͤffnen. Jedes, das nach der Reihe von derjenigen aufgerufen wird, die das Spiel regiert, ſagt ein grie⸗ chiſches Diſtichon her, und man zieht zu gleicher Zeit aus dem Gefaͤße ein Stuͤck heraus, das man dem Ei⸗ genthuͤmer zuruͤck giebt. Man wendet den Sinn des Diſtichons, das man auf Gerathewohl hergeſagt, auf ihn an, und man deutet es entweder zu ſeinem Vor⸗ theile oder Nachtheile. Dieſe ungefaͤhren Worte ſind die Orakel oder Vorbedeutungen, die man ſich gegen⸗ ſeitig zueignet, und man faͤhrt in derſelben Ordnung fort, bis alles, was in dem Gefaͤße iſt, heraus gezo⸗ gen und erkannt worden. Man macht aber auch noch von dem Waſſer einen Gebrauch, das darinnen bleibt⸗ Man trinkt es auf eine geheimnißvolle Art aus, um zu entdecken, ob der Gedanke, den man hat, wahr iſt, und ob das, was man wuͤnſcht, geſchehen wird. Scheint das Waſſer in der Schale, wenn man ſie den 184 Lippen naͤhert, zu kochen, ſo iſt es ein gutes Zeichen; wo nicht, ſo hat man nichts zu hoffen. Bisweilen, wenn Unzufriedene darunter ſind, wirft man alles wieder in das Gefaͤße, und das Spiel faͤngt von vorne an. Es iſt aber alsdann bloß eine Parodie vom erſten Auftritte, und jedes ſagt mit einer Freiheit, die oft ins Ungeſittete faͤllt, alles was ihm beliebt; es wird viel dabei gelacht, man macht noch freiere Auslegun⸗ gen, und keuſche Ohren ziehen ſich zuruͤck. XIII. Der Gebrauch der Baͤder, der unter den alten Griechen ſo gewoͤhnlich iſt, iſt es nicht weniger bei den Neuern; und man iindet ihn bei den Gele⸗ genheiten, wo ſich die Alten deſſen bedienten. So haben reiche Leute, außer den oͤffentlichen Baͤdern, die die Tuͤrken fleißig beſuchen, auch noch welche in ihren Haͤuſern. Man geht aus dem Bade, um ſich auf die Betten zu werfen, wo man ißt. Und daher kommt ohne Zweifel die Gewohnheit der Alten, nachlaͤſſig auf die Betten geſtreckt zu ſpeiſen. Denn die Grie⸗ chen hielten nur des Abends eine Mahlzeit, und ba⸗ deten ſich zuvor: eine Gewohnheit, die ſie auch ihren Nachfolgern uͤberlaſſen. Man muß wohl dieſe oͤrtlichen Gewohnheiten wiſ⸗ ſen, die ſich niemals aͤndern. Die alten Griechen be⸗ dienten ſich bloß warmer Baͤder: dieß thun auch die Tuͤrken und die neuern Griechen noch. Die Griechen und die Tuͤrken gebrauchen heut zu Tage in den Baͤdern eine fette Erde, deren ſich 185 die Weiber bedienen, um den Kopf und die Haare zu waſchen; ſie holen ſie von den Inſeln und von den Kuͤſten des ſchwarzen Meeres*). Es iſt dieſelbe Erde, deren ſich die Griechen vor Alters bei ihrer Waͤſche bedienten, und die ihnen ſtatt der Seife war, die wir an ihrer Stelle gebrauchen. Die Weiber bedienten ſich, wie Plinius erzaͤhlt, der Erde von Chios fuͤr die Haare und die Haut. Die neuern Griechen ge⸗ brauchen dieſe Erde, um die Haut ſanft zu machen. Die Weiber gehen haufenweiſe in das oͤffentliche Bad. Dieß iſt ein Feſttag fuͤr ſie: man tanzt daſelbſt und traktirt einander. Es iſt zu bezweifeln, ob die Geſetze der Wohlan⸗ ſtaͤndigkeit und der Schaam allezeit in den beſondern Baͤdern der Griechen genau beobachtet werden: aber man wirft den Vaͤtern und Muͤttern nicht ohne Grund vor, daß ſie in dieſem Punkte nicht allzeit das beob⸗ achten, was ſie ihren Kindern ſchuldig ſind. Die Weiber nehmen keine neu erkaufte Sklavin auf, bis ſie vorher ins Bad geſchickt worden und ba⸗ den ſich monatlich wenigſtens Einmal; vor Alters muß⸗ ten ſie es noch oͤfter thun, hauptſaͤchlich vor der Neo⸗ menia oder dem Neumonde. *) Von Bythinien, von Lampſakus, in der Meer⸗ enge der Dardanellen u. ſ. w. Man bringt auch welche von Sale. 186 Ein junges Maͤdchen, die verheirathet werden ſoll, wird mit Ceremonien und unter Muſik den Abend vor ihrer Hochzeit ins Bad gefuͤhrt. XIV. Die neuern Griechen haben die meiſten Ge⸗ braͤuche beibehalten, die man vormals bei den Hoch⸗ zeiten beobachtete. Sie ſehen den Stand der Ehe fuͤr die Pflicht eines Buͤrgers an, und heirathen ſehr fruͤh⸗ zeitig. Sie haben heut zu Tage keine beſtimmte Zeit zu Verbindungen, wie die Alten, die ſich gemeiniglich im Monat Januar verheiratheten, der deßwegen Jaμάαααν(der hochzeitliche Monat) hieß. Aber ſie haben noch, wie vormals, weibliche Mittelsperſonen, die man oeyirais nennt. Dieſe Weiber aber ſind um deſto noͤthiger, da die Maͤdchen ſtets in dem Gy⸗ naͤceon verſchloſſen ſind, und eine Manusperſon ſich bloß auf die Nachricht, die man ihm von der gibt, die man ihm vorſchlaͤgt, in ſeiner Wahl entſcheiden muß. Sobald der Schleier herunter iſt, ſo kann er nicht wieder zuruͤck. Vor Zeiten mußte man durch weſentliche Dienſte, die man dem Vater der Tochter erwies, die man hei⸗ rathen wollte, den Beſitz ihrer Perſon erkaufen. Man erleichterte in der Folge dieſe Verbindlichkeit, und die Dienſte wurden in willkuͤhrliche Geſchenke verwandelt, die man machte, um ſie zu erhalten. Vor der Heiraths⸗Ceremonie gehen bei den Grie⸗ chen Feſte vorher, die ſie ankuͤndigen. Die Alten 187 nannten ſie Prolusoria, oder ατπέ‿ακνεαιαα, ſo wie die feſtlichen Vorſpiele, die vor den feierlichen Opfern vorher gingen, die man der Juno oder der Diana brachte. Heut zu Tage wird die junge Braut, den Abend vor der Hochzeit, wie im Triumphe ins Bad gefuͤh⸗ ret, und eine Menge Weiber begleiten ſie. Man ſieht auch jetzt noch, in dem Aufzuge der Griechen, denſelben Pomp, dieſelbe Begleitung und Muſik, wie bei den Alten. Er wird von Taͤn⸗ zern, Tonkuͤnſtlern und Saͤngern eroͤffnet, die den hochzeitlichen Geſang anſtimmen. Die Neuvermaͤhlte geht, beladen mit Schmucke, mit niedergeſchlagenen Augen, und von Weibern oder einem Paar ihrer naͤch⸗ ſten Verwandten unterſtuͤtzt, mit einer affektirten Lang⸗ ſamkeit, die ihr ſehr beſchwerlich fallen muß. Man draͤngt ſich bis zur Ungeduld herzu, ſie zu ſehen. Vor Alters trug die Braut einen rothen oder gel⸗ ben Schleier, den die Armenianer noch beibehalten haben; dieſer rothe Schleier bedecket ihr das Haupt und den ganzen Leib. Man nennte ihn flammeum; die Abſicht war, die beſcheidene Roͤthe, die Verwir⸗ rung und die Thraͤnen der jungen Braut zu verbergen. Man ſahe ihn in einer ziemlichen Wiuſernuns⸗ und er kuͤndigte die Neuvermaͤhlte an. Die glaͤnzende Fackel des Hymen, dieſe ſo be⸗ tannt⸗ und beruͤhmte Fackel, die die Dichter zum Sy⸗ 188 nonym fuͤr die Heirath ſelbſt, deren Sinnbild ſie war, geweihet haben, wird von den neuern Griechen nicht vergeſſen. Man traͤgt ſie dem jungen Paare vor, und in die Hochzeitkammer, wo ſie ſo lange brennt, bis ſie ſich gaͤnzlich verzehrt hat. Es wuͤrde ſogar eine uͤble Vorbedeutung ſeyn, wenn ſie durch einen Zafall verloͤſchte. Auch gibt man auf ſie mit eben ſo vieler Sorgfalt Achtung, als es die Veſtalinnen bei dem hei⸗ ligen Feuer thaten. Bei den alten Griechen war es die Mutter, die die hochzeitliche Fackel trug; bei den Roͤmern aber trug ſie ein Juͤngling. Sie hatte auch die Sorge auf ſich, das Bette zuzubereiten und zu ſchmuͤcken; mit⸗ hin das Amt der Pronuba, und brachte die Braut zu Bette, da der naͤchſte Verwandte, der das Amt des Paranymphus verwaltete, den Braͤutigam zu Bette fuͤhrte. Der Paranymphus und die Pronuba werden heute zu Tage bei den Griechen durch den Pathen und die Pathin vorgeſtellt, die das junge Paar bis zu Ende der Ceremonie begleiten. Wenn ſie in die Kirche kommen, ſo traͤgt von dem Brsutpaare jedes einen Kranz, den der Prieſter, waͤhrend der Feierlichkeit, wechſelsweiſe veraͤndert, indem er den Kra z des Braͤutigams der Braut, und den Kranz der Braut dem Braͤutigame gibt. Auch den Gebrauch dieſer Kraͤnze haben die neuern von den alten beibehalten. 189 Eine weſentliche Ceremonie iſt nicht zu vergeſſen, die die Griechen auch beibehalten haben. Es iſt die Schale mit Wein, die man vor Alters dem Braͤuti⸗ gam zum Zeichen der Adoption darbot. Sie war das Symbolum des Contraktes und der Verbindung. Nach ihm trank die Braut Wein aus eben der Schale, die man nachgehends allen Verwandten und Gaͤſten reichte. Jetzt iſt es der Prieſter, der, wenn er dem neuen Paare ſeinen Segen mitgetheilet hat, ihnen eine Schale mit Wein darbeut; darnach gibt er dem Pathen, der Pathin und den Zeugen. Die aberglaͤubiſchen Griechen ſahen es als eine uͤble Vorbedeutung an, wenn die neue junge Frau bei dem erſten Eintritt in das Haus ihres Mannes, auch nur mit dem aͤußerſten Fuße die Schwelle der Thuͤre beruͤhrte, die außerdem der Goͤttin Veſta, und den Hausgoͤttern geweihet war, Um dieſen Zufall zu vermeiden, nahmen die Begleiter der Neuvermaͤhlten ſie unter den Armen, hoben ſie beim Eingange in die Hoͤhe, und trugen ſie ſo fort. Die junge Frau wird bei den Griechen von Wei⸗ bern oder Maͤnnern, die ſie begleiten, noch unterſtuͤtzt, und an der Thuͤre des neuen Mannes beobachtet man eine Ceremonie, die eben ſo laͤcherlich iſt, als der Gang uͤber die Schwelle, die ſie nicht beruͤhren darf. So bald ſie ankommt, breitet man ein Duch uͤber ein Sieb, uͤber das ſie in das Haus ihres Mannes hinein gehen muß. Wenn das Sieb, auf das ſie ſich 190 ſo ſtark als moͤglich ſtemmt, nicht unter ihren Fuͤßen platzte, ſo wuͤrde man einen Argwohn gegen ſie aͤu⸗ bern, der ihren Gemahl ſehr beunruhigen koͤnnte; aber nach der Siebprobe iſt er ruhig und zufrieden. Der groͤßte Theil der Mitgift beſteht in Juwelen und Kleidern, die man mit Gepraͤnge auslegt. Nichts iſt aͤlter, als die Gewohnheit der Hochzeit⸗ geſchenke, die der Braͤutigam ſeiner Braut macht. Es ſcheint ſogar, daß ſie durchgaͤngig uͤblich war. Das Hochzeitfeſt wird mit Spielen, Luſtbarkeiten und Taͤnzen begangen. Man laͤßt Taͤnzer und Sprin⸗ ger kommen, die die Gaͤſte mit ihren mancherlei Kuͤn⸗ ſten beluſtigen. Es iſt unter den Griechen etwas ſehr ſeltnes, daß ſich eine Wittwe verheirathet. Aus Pauſanias wiſſen wir, daß dieſes auch vor Alters nicht gewoͤhnlich war; Gorgophone ſoll die erſte geweſen ſeyn, die als Witt⸗ we den Oebalus heirathete. Die Griechen ermangeln nicht, aus Religion ſich die erſte Nacht Enthaltſamkeit aufzulegen. Man weiß, daß das vierte Coneilium zu Karthago, das nach dem Frieden, den Afrika durch die Niederlage des Gildon im Jahr 398 erhielt, verordnete, daß die Neuver⸗ maͤhlten, nachdem ſie den Segen empfangen, die erſte Nacht, aus Ehrerbietung fuͤr das Sakrament, enthalt⸗ ſam ſeyn ſollten. Dieſe Enthaltſamkeit, die denjeni⸗ gen ſo vortheilhaft war, die das Recht hatten, davon 191 frei zu ſprechen, war vormals in Frankreich einge⸗ fuͤhrt. Der Braͤutigam gibt bei den Griechen, jedem der bei ſeiner Hochzeit iſt, oder einen Beſuch bei ihm ab⸗ legt, eine Hand voll Naͤſchereien; und vielleicht hat dieß eine Beziehung auf die alte Gewohnheit, Nuͤſſe auszutheilen, um zu zeigen, daß der junge Mann den Spielen der Kindheit entſagte. In den Doͤrſern und auf dem Lande wird die Braut, unter dem Klange der Inſtrumente, auf ei⸗ nem Wagen mit Buͤffeln beſpannt, fortgebracht. Vor Alters blieben die neuvermaͤlten Frauen viele Tage verſchloßen, und wagten es nicht, ſich oͤffentlich ſehen zu laſſen.„Man ſieht ſie nicht, ſagt Oppian, außer ihrem Zimmer, weder den Tag, der der Hoch⸗ zeit folgt, noch auch viele Tage darnach; indem ſie die Schaam zuruͤck haͤlt, welche ihr ein liebenswuͤrdige Schaamhaftigkeit eingibt, die ſie erroͤthen macht, wenn man ſie anſieht“*). Dieſes pflegt auch noch bei den Griechen zu geſchehen. Auf der Inſel Lesbos, drei Tagreiſen von Me⸗ telino iſt eine kleine Stadt, wo jeder Fremde, der ankommt, eine Frau nehmen muß, und wenn er nur eine Nacht daſelbſt zubringen ſollte. Man bringt ihm *) De Liscat. 4, v. 180. 192 ein Maͤdchen, und iſt es ein Mann von einigem An⸗ ſehen, ſo hat er die Wahl. Iſt es ein gemeiner Mann, ſo zwingt man ihn, diejenige zu nehmen, die man ihm gibt, welches alsdann die aͤlteſte oder ver⸗ achtetſte von dem Canton iſt. Es koͤmmt ein Prieſter, der ſie in allem Ernſte verheirathet; man gibt ein Hochzeitfeſt, und die Verheiratheten ſchlafen beiſam⸗ men. Der Mann reiſet, wenn er will, den Morgen darauf wieder fort; iſt er es im Stande, ſo gibt er ſeiner Frau auf einen Tag etwas; wo nicht, ſo reiſet er fort, ohne ihr etwas zu geben. Sie weiß es ihm allezeit Danks genug, daß er ſie von der Laſt der Jungfrauſchaft befreiet hat; es iſt eine Schande, ſie zu behalten, oder ſich dieſelbe von einem Landsmanne nehmen zu laſſen. Zur Ehre des jungen Maͤdchens muß ein fremder Mann ihr erſter Mann ſeyn. Es iſt wenig daran gelegen, ob er hier bleibt, oder nach ſei⸗ ner Abreiſe wiederkoͤmmt: denn am Ende eines Jah⸗ res kann ſie ſich wieder an einen Mann aus ihrem Lande verheirathen; und kaͤme der Fremde ja wieder, ſo kann er ſich ihrer nicht anmaßen. Die wahre Ur⸗ ſache iſt, daß ein Maͤdchen nicht leicht in dieſer Stadt einen Mann findet, wenn ſie nicht bei einem Frem⸗ den geſchlafen hat. Dieſe Gewohnheit, ſagt man, ſteigt bis ins hoͤchſte Alterthum hinauf. Alles was die chriſtliche Religion in dieſer Gewohnheit aͤndern koͤn⸗ nen, iſt, daß die Papas ſo viel erhalten, daß der Beiwohnung wenigſtens eine Verehelichung in allen 193 Form vorher geht. Hierdurch glauben der Prieſter, die Verehelichten und die Aeltern, ihr Gewiſſen be⸗ wahrt zu haben.“ XVI. Die junge Frau, wird bei den neuern Griechen, wie bei den Alten, noch in dem Hauſe Nymphe genannt. In den meiſten griechiſchen Inſeln treiben die Weiber die Arzneikunſt, vermittelſt einiger erblichen Recepte oder Kraͤuter, von denen ſie Kenntniß haben. Sie allein ſorgen auch fuͤr die Entbindungen: denn die heutigen griechiſchen Weiber uͤberlaſſen ſich ungern den Haͤnden der Wundaͤrzte, und eine Hebamme iſt bei den Griechen in großer Hochachtung. Die eheliche Liebe herrſcht bei den Griechen noch in ihrer ganzen Staͤrke, der Vorſtellung gemaͤß, die die Alten davon hatten. Alles, was Claudian ſo gut von der Wuͤrde einer Mutter ſagt, die durch dieſen einzigen Rang uͤber ihren Mann die Macht behaͤlt, ſo ihr die durch das Alter vertilgten Reize nicht wuͤrden geben koͤnnen, iſt noch unter ihnen im genaueſten Verſtande wahr. Auch die vaͤterliche und kindliche Liebe iſt unter den Griechen noch ſehr in Ehren. Die barbariſche Gewohnheit, Kinder zu ſchlagen und mit Ruthen zu peitſchen, hat ſich zum Ungluͤcke nicht in griechiſchen Schulen allein erhalten. Wer war der Vater, der dieſes Recht einem Fremden zu geben gewagt, oder ein Kind nicht zu ſtrafen gewußt 44tes B. Griechenland. II. 2. 6 194. hat, ohne es mit der Schande einer oͤffentlichen und knechtiſchen Zuͤchtigung zu belegen? Dieſer Brauch hat nur bei einem Volke koͤnnen eingefuͤhrt werden, das gewohnt war, an Sklaven die haͤrteſten Zuͤcht⸗⸗ gungen auszuuͤben, ob gleich bei den Alten alle edel denkende Perſouen den ihrigen mit Leurſeligkeit be⸗ gegneten; ſie machten ſie oft zu ihren guten Freun⸗ den, und viele haben ſogar von ihnen welche an Kiu⸗ desſtatt augenommen. Man ſieht bei den Griechen Vaͤter und Muͤtter ihren Kindern mit nichts als Ruthen drohen, als ob ſie fuͤr ſie keine andere als ſeklaviſche Strafen haͤtten. Daher kommt die barbariſche Gewohnheit der Lehrer⸗ daß ſie ſelbſt die Kinder entbloͤßen, um ſie die haͤrteſte und ſchimpflichſte Zuͤchtigung fuͤhlen zu laſſen. Da⸗ her kommen die traurigen Werkzeuge der Pedanterei in den Schulen*), die Martial luſtig genug sceptia paedagogorum nennt. Man pflegte bei den alten Griechen ein Kind an eine Art von Pfahl zu binden, oder es von einem andern halten zu laſſen, weun es ſollte mit Ruthen gepeitſcht werden: ein barbariſcher Gebrauch, der durch die Gewohnheit bloß darum bei⸗ behalten worden, weil die Lehrer, um ſich fuͤr das zu raͤchen, was ſie ſelbſt in ihrer Kindheit erduldet ha⸗ ben, wahrſcheinlicher Weiſe ſich des Wiedervergeltungs⸗ rechts bedienen wollen, indem ſie eine gleiche Herr⸗ **) Ferulae tristes. Mart. I. 10, epigr. 62. V V b 195. ſchaft, eine gleiche Unmenſchlichkeit an ihres Gleichen, alt dieſer zaͤrtlichen Kindheit, an dieſer unſchuldigen Jugend ausuͤben, die doch nichts als Sorgfalt, Nach⸗ ſicht, Hochachtung erfodert, und durchaus nicht gleich den Thieren ſollte behandelt werden, die man baͤndigen will. Die Griechen uͤben auch noch unter ſich ſehr ge⸗ treu die Gaſtfreiheit aus. Die Aukunft eines Frem⸗ den iſt ein Feſt fuͤr ein Haus; man raͤumt ihm das beſte Zimmer ein, und auch die Tuͤrken thun dieſes. Die Tuͤrken haben außer den Wohnungen oder Khanis, die ſie fuͤr die Reiſenden erbauet haben, noch auf den Landſtraßen die Poſthaͤuſer beibehalten, die ſie Menzilkhane nennen: und jeder Courier, der einen Befehl vom Fuͤrſten hat, wird daſelbſt geſpeiſet und⸗ beherbergt. XVI. Wir haben die Griechen in der Freude ih⸗ rer Feierlichkeiten, das iſt, bei ihren Feſten geſehen; betrachten wir ſie nun auch in der Trauer, in Schmer⸗ zen und in Thraͤnen. Die naͤchſten Verwandten und Freunde folgen, wie vormals, dem Leichenbegaͤngniſſe: Frauen und Maͤdchen gehen mit zerſtreuten Haaren und weinend. Man kommt an die Grabſtaͤtte, und man weinet noch. Die Griechen beobachten die alte Gewohnheit, den Koͤrper zu waſchen, ehe ſie ihn begraben; welches auch bei den Tuͤrken geſchieht. Man miethet, wie vormals, Klageweiber, die vor dem Leichengepraͤnge einhergehen, 196 ſich die Haare raufen, und das Lob des Verſtorbenen ſingen. Die Weiber in einem Trauerhauſe hoͤren nicht auf zu weinen; ſie verſagen ſich Eſſen und Schlaf: aber ſie ſchlafen oft in ihren groͤßten Kuͤmmerniſſen weinend ein. Man hielt es vor Alters für eine Beleidigung fuͤr die Todten, ſie lange im Hauſe zu behalten; und man eilet auch noch jetzt, ſie zu begraben. Iſtt es ein junges Maͤdchen, ſo zieht man ihr die ſchoͤnſten Kleider an„ und bekraͤnzt ſie mit Blumen; die Weiber bewerfen aus den Fenſtern ihren Sarg, wenn er voruͤber geht, mit Roſen, und begießen ihn mit wohlriechenden Waſſern. Die Trauermahlzeit iſt bei den heutigen Griechen nicht vergeſſen worden; der naͤchſte Verwandte hat dieſe Sorge auf ſich; und hiermit endigt ſich die Ce⸗ remonie. Vorher ward erwaͤhnt, daß die Vaͤter und Muͤtter ihren Kindern folgten, wenn man ſie zu Grabe truͤge. Das Publikum muß nothwendig Zeuge von den Tbraͤ⸗ nen einer untroͤſtlichen Mutter ſeyn. Die Thraͤnen und das Geſchrei der Weiber, die thr folgen, koͤnnten ihr leicht in dieſer traurigen Pflicht zu ſtatten kommen, wenn ſie deſſen noͤthig haͤtte: aber ſie thun natuͤrlicher Weiſe das, was die griechiſchen Weiber allezeit gethan haben. Die Vaͤter und Muͤtter tragen in Griechenland 197 die Trauer um ihre Kinder, und dieſe Trauer waͤhret ſehr lange. Auch dieß iſt noch bei den Griechen eine alte Gewohnheit. So ſind die Griechen, von welcher Seite man ſie betrachtet, immer dieſelbigen. Die jetzigen Menſchen ſind die Meuſchen aller Kiten. XVII. Die Graͤber der Griechen liegen, wie der Tuͤrken und anderer orientaliſchen Voͤlker ihre, an den Straßen der Staͤdte und Doͤrfer. Sie ſind nicht mit Mauern, wie unſere Gottesaͤcker, umgeben, und ſind deßwegen nicht weniger heilige Freiſtaͤtte. Der Marmor, die Verzierungen und die Aufſchrif⸗ ten der Graͤber unterſcheiden die Staͤnde und Profeſ⸗ ſtonen. Man ermangelt nicht, einen Meiſel auf das Grab eines Bildhauers zu ſtechen; Waffen auf das Grab eines Soldaten, u. ſ. w. Dieſer Gebrauch iſt unter den Griechen ſehr alt. In der Anthologie findet man folgendes Epigramm der Sappho:„Dem Pelagon, einem Fiſcher, hat ſein Vater, Meniskus, dieſes Ruder und dieſe Fiſch⸗ reuße auf das Grab geſetzt; ein Denkmal ſeines muͤh⸗ ſeligen Lebens.“ Die Grabſchriften der heutigen Griechen haben ſich noch bei der Simplicitaͤt erhalten, die ſie vor Al⸗ ters charakteriſirte, und die die Roͤmer nachgeahmt hatten. Die alten, wie jetzt die neuern Griechen, ließen nicht zu, daß man viele Todten in Ein Grab legte, ausge⸗ nommen die von der Familie: man ſieht die dießfalls T 198 geſetzten Strafen in den noch vorhandenen Epi⸗ taphien. Dieſe Denkmaͤler blieben daher lange verſchont; aber die Raubgier, Unwiſſenheit und ein falſcher Ei⸗ fer zerſtoͤrten die ſchoͤnſten Werke dieſer Art. Außer den Steinen, die man auf die Graͤber ſetzt, findet man auch kleine Grabſaͤulen, die, wie vormals, bloß den Namen derjenigen tragen, die daſelbſt begra⸗ ben ſind. Die Tuͤrken haben eben dieſen Gebrauch an⸗ genommen. Man kann nicht ſeine Blicke auf Graͤber werfen, noch dieſe Erde betrachten, die unaufhoͤrlich ihre Ein⸗ wohner verſchlingt, ohne an ſich ſelbſt zuruͤcke zu denken. Es iſt auch ſehr billig, bisweilen einige Thraͤnen dem Andenken unſerer Verwandten und Freunde zu ſchenken, die nicht mehr ſind. Die Griechen, dieſer Empfindung und alten Gewohnheit getreu, gehen von Zeit zu Zeit auf die Graͤber, und weinen; indeſſen daß wir dahin gar nicht kommen, wenn uns nicht ein ungefaͤhrer Zufall dahin fuͤhrt. Iſt es denn ſogar wunderbar, wenn wir uns ſo ſehr von der Natur ent⸗ fernen? Wir fuͤrchten alles, was unſere natuͤrliche Empfindlichkeit rege machen kann. Das Oſteerfeſt feiern die Griechen mit viel Frende und Gepraͤnge, durch oͤffentliche Feſte und Taͤnze; ei⸗ nen Tag aber begeben ſie ſich haufenweiſe zu den Graͤbern. Hier beweinen ſie ihre Verwandte, ihre 199 Freunde, und vielleicht auch den Verluſt ihrer alten Freiheit. Die griechiſchen Weiber laſfen es jetzt damit gut ſeyn, daß ſie ſich auf den Graͤbern die Haare ausrau⸗ fen; vormals ſchnitten ſie ihre langen Locken auf dem Grabe ihrer Verwandten und Freunde ab, und opfer⸗ ten ihnen alſo die Zierde, auf die ſie am meiſten ſtolz waren. Man glaube uͤbrigens nicht, daß der Anblick die⸗ ſer, in dem Felde zerſtreuten, Graͤber ſo gar traurig ſey. Man haͤlt ſich mit Vergnuͤgen dabei auf. Die Art von Schauer, die ſie einfloͤßen, und die eine edle und zaͤrtliche Seele durchdringt, wird durch die Man⸗ nigfaltigkeit der Gegenſtaͤnde verſuͤßet, die die umlie⸗ genden Gegenden ſchmuͤcken. Ueberdieß findet die Neugierde, ja auch die Menſchlichkeit ſelbſt, hinlaͤng⸗ liche Materie, ſich an den Aufſchriften zu vergnuͤgen, die dieſe Denkmaͤler beleben, und wo nur allzuoft die armen Sterblichen zum erſten Male die Belohnung ihrer Tugenden empfangen. Wenigſtens ſchweigt der Neid alsdann; der Schleier des Vorurtheils faͤllt. Liſt, Verlaͤumdung und Haß moͤgen alle Augenblicke des Lebens vergiften; aber die Wahrheit ſey wenig⸗ ſtens auf die Grabmaͤler geſchrieben, die die kindliche Liebe und treue Freundſchaft errichten. Ein angeneh⸗ mer Spatziergang fuͤhrt uns zu dieſen Denkmaͤlern, wo unſere Stelle uns auch ſchon angewieſen iſt. Sie ſcheinen uns gewiſſermaßen denenjenigen naͤher zu 200 bringen, die eine ewige Abweſenheit von uns trennv, und die uns faſt allezeit zu nuͤtzlichen Betrachtungen Anlaß geben. Die Alten gingen niemals aufs Land, oder zuruͤck in ihre Haͤuſer, ohne von dem Anblicke der Graͤber aufgehalten zu werden. Sie wohnten noch mehr un⸗ ter den Todten, als unter den Lebendigen. Daher finden wir auch ſo oft in den Dichtern, nach dem leb⸗ hafteſten Bilde der Spiele und Freuden, ein Gemaͤlde vom Tode. Der alte Anakreon laͤßt ſeinen Myrrthenkranz an den Fuß einer Cypreſſe fallen, wo ihn ſeine zittern⸗ den Knie noͤthigen ſich nieder zu laſſen. Horaz hoͤrt mitten unter ſeinen Feſten traurige Stimmen; er ſchreit, daß er am Ende der bluͤhenden Laufbahn, wo er die Roſen der Wolluſt pfluͤcket, ein Grab mit Dornbuͤſchen umwachſen ſaͤhe. Dieß war die heiduiſche Weltweisheit: am Rande des Grabes rufet ſie die Vergnuͤgungen herbei. Die neuern Griechen, wenn ſie uͤber den Graͤbern geweint haben, ſtellen darauf Freudenfeſte und Taͤnze an. Die chriſtliche Weisheit beweint dieſen ausgelaſſenen Wahnwitz und Irrthum: ſie richtet unſere Gedanken auf groͤßete, wichtigere Gegenſtaͤnde, die der Wuͤrde unſeis Daſeyns gemaͤßer, und hauptſaͤchlich unendlich geſchicter ſind, uns eines wahren Gluͤcks zu ver⸗ ſichern. 201 3 XVIII. Guys hatte auch Gelegenheit, alle Ce⸗ remonien eines tuͤrkiſchen Begraͤbniſſes zu ſehen; und es wird vielleicht nicht unangenehm ſeyn, davon eine Beſchreibung zu erhalten, nachdem von der Griechen ihren geredet wurde. Von einer Altane herab konnte er alles ſehen, was daſelbſt vorging, ohne geſehen zu werden. Die Furcht vor der Peſt erlaubt nicht, ſich unter diejenigen zu miſchen, die eine Leiche begleiten; und wenn man ſich ihnen zu ſehr naͤherte, ſo wuͤrden die eifrigen Mu⸗ ſelmaͤuner nicht geſtatten, daß ein Unglaͤubiger durch ſeine Gegenwart eine fuͤr ſie hoͤchſt heilige Ceremonie verunreinigte. 8 Um 10 Uhr des Morgens arbeitete der Todtengraͤ⸗ ber. Die Sklaven und Weiber des Hauſes ſaßen auf dem Gottesacker; es kamen viele andere Weiber, und alle ſingen alsdann an zu weinen. Nach dieſem Ein⸗ gange umfaßte eine nach der andern eine von den Saͤulen, die man auf den Graͤbern errichtet, und ſchrien: Ogloun, Ogloun, sana Massaphir gueldi. „Mein Kind, mein Kind, hier iſt ein Fremdling, oder ein Gaſt, der dich zu ſehen kommt.“ Bei dieſen Wor⸗ ten kehrten ſie zu den Thraͤnen und Seußzern zuruͤck; aber der Sturm dauerte nicht lange, ſie ſetzten ſich alle, und es ging die Unterredung an. Zu Mittag erſcholl ein dumpfes Laͤrmen und ein klaͤgliches Geſchrei; es war die ankommende Leiche. Vorher ging ein Tuͤrke, der auf dem Kopfe eine kleine 202 Kiſte trug; vier andere Tuͤrken*) trugen die Bahre auf ihren Schultern; hierauf folgten der Vater, die Verwandten und Freunde des Todten, in einer ziem⸗ lich großen Anzahl. Das Geheule hoͤrte auf, ſobald ſte den Gottesacker betraten; aber man ſchlug ſich berum; die Urſache war folgende: Der Mann, der die Kiſte trug, oͤffnete ſie, und da ſie von Buͤchern des Alkorans voll war, ſo ſtritten ein Haufen alte und junge Tuͤrken, die ſich darauf geworfen, darum, wer ſie haben ſollte. Dieijenigen, die welche erhaſchen konnten, ſtellten ſich um den Iman, oder den tuͤrki⸗ ſchen Pfarrer, in einem Kreis her, und alle fingen auf einmal an, aus dem Alkoran herzuleſen, ſo wie ungefaͤhr die Schulknaben ihre Lektion aufſagen. Je⸗ der von ihnen erhaͤtt zehn Parais, in Papier gewickelt, die ungefaͤhr 15 Sous(4 Groſchen) ausmachen. Um dieſe 15 Sous alſo ſchlugen ſich dieſe frommen Leute. Die Bahre wurde vor dem Grabe niedergeſetzt, an dem man noch immer arbeitete, und ganz nahe dabei verbrannte man Rauchwerk. Der Iman ſtimmte ara⸗ biſche Gebete an, und ſein voller Geſaug war hoͤchſt laͤcherlich. Alle Tuͤrken hatten ſich erhoben und ſtan⸗ *) Dieß iſt unter ihnen eine Handlung der Reli⸗ gion. So bald ein Tuͤrke zu Pterde einer Leiche begegnet, ſieiget er ab, nimmt eine Stange von der Bahre und traͤgt die Leiche mit fort, bis ihn ein anderer alloͤſet. 203. den; ſie hielten die Haͤnde offen vor dem Grabe, und antworteten bei jeder Bitte, die der Iman fuͤr den Verſtorbenen zu Gott that, Amen. Da die Gebete voruͤber waren, brachte man eine große Kiſte, die ſechs Fuß in der Laͤnge, und drei in der Breite haben konnte, und deren Bretter ſehr dicke waren. Der Sarg, in den man den Leichnam legt, iſt gemeiniglich von Cypreſſen. Die Gottesaͤcker der Tuͤrken ſind faſt alle mit die⸗ ſen Baͤumen bepflanzt: denn ſie haben fuͤr die Cypreſſe eine heilige Ehrfurcht. Dieſe Kiſte, deren Stuͤcken zuſammen gepaßt waren, wurde in die Grube geſenkt; man ſetzte den Sarg hinein, und lente Bretter und andere Stuͤcke Ho⸗ darauf. Hier nahmen alle Tuͤr⸗ ken Schaufeln, und warfen Erde auf das Grab, es zu bedecken. Dieß iſt eine letzte Pflicht, die die Leichen⸗Beglei⸗ ter, jeder nach der Reihe, vollziehen.— Da der Leichnam vor der Beerdigung in die Mo⸗ ſchee getragen wird, wo man ihn waͤſcht, und wie eine Mumie einpackt, ſo ſieht man nichts davon. Er wird in den Sarg mit einigen Kraͤutern und Ge⸗ wuͤrzen gelegt. Wenn man dreimal Erde auf ſein Grab geworfen, wie es auch die Roͤmer zu thun pfleg⸗ ten, ſo geht ein jedes nach Hauſe. Der Iman allein bleibt; er naͤhert ſich der Grube, buͤcket ſich zur Er⸗ den, haͤlt das Ohr daran, und horcht, um zu hoͤren, ob der Verſtorbene ſich wehret, wann ihn der Todes⸗ 204 engel ergreift; er ſagt ihm hierauf das letzte Lebe⸗ wohl, und um wohl bezahlt zu werden, ermangelt er nicht, der Familie die beſten Nachrichten von dem Todten zu bringen. Man ſetzt auf das Grab zwei kleine Saͤulen, oder zwei lange Stuͤck Marmor, die ziemlich gut gearbei⸗ tet ſind, das eine zum Kopfe, and, wenn es eine Mannsperſon iſt, mit einem Turban, worauf der Name des Verſtorbenen geſchrieben iſt, nebſt einem kurzem Lobſpruche; das andere zu den Fuͤßen, ohne irgend einige Zierath. Man ſieht um Konſtantinopel ganze Felder von ſolchen kleinen Steinen bepflanzt, und es ſind ihrer ſo viel, daß man dieſe ganze große Stadt damit ein⸗ faſſen koͤnnte; ja, die Todten nehmen in der umlie⸗ genden Gegend ſo viel Platz ais die Lebendigen ein. Auf was Guys am meiſten bei der ganzen Lei⸗ chen⸗Ceremonie Acht hatte, war das Geſicht des Va⸗ tes, das ſich leicht unterſchied. Es war ein ehrwuͤr⸗ diger Alter, deſſen Geſicht ein Abdruck eines maͤnn⸗ lichen Schmerzens war, ohne irgend eine aͤußerliche Grimaſſe, die fuͤr eitle Troͤſter ſo eine ſchoͤne Veran⸗ laſſung zu unnützen Vorſtellungen und allgemeinen Spruͤchen iſt. Uebrigens ſind die Tuͤrken in dieſem Punkte die vernuͤnftigſten Menſchen: man ſieht es vorzuͤglich bei oͤffentlichen Unglücksfaͤllen. Der Grieche bricht bei ſolchen Gelegenheiten in ein Geſchrei und 205 in laute Klagen aus; der Jude weint und verzweifelt: der Tuͤrke allein ſieht den Himmel an, und ſenkt ſein Haupt zur Erden, gleichſam um ſich dem Willen des unumſchraͤukten Herrn aller Begebenheiten zu unter⸗ werfen; und er bezeigt ſich hierinnen, wenn ich ſo ſagen darf, chriſtlicher, als die meiſten von uns. 206 5 Fweiter Theil. I. Die neuern Griechen lieben immer noch die Fabeln und Erzaͤhlungen: ſie haben der Morgenlaͤnder und Araber ihre mit eben der Hitze angenommen, mit der ſie ſich vormals die aͤgyptiſchen zueigneten. Sie ſind noch immer fuͤr das Wunderbare eingenommen; und haben, wie die alten Griechen, ihre Mileſiſchen Fabeln“) und ihre Romane. Die alten Weiber er⸗ zaͤhlen immer noch gerne, und die jungen Maͤdchen machen ſich eine Ehre daraus, die Erzaͤhlungen um die Wette zu wiederholen, die ſie gelernt haben, oder die ſie nach dem, was ſie ſelbſt geſehen haben, ſich ausdenken. 3 Das Volk iſt noch jetzt ſo ſehr den Luͤgen erge⸗ ben, als es immer vormals hat ſeyn koͤnnen. Der Gebrauch der Schwuͤre, der den alten Griechen ſo gewoͤhnlich war, iſt es heut zu Tage nicht weniger. *) Brief des Huͤet an Segrais, uͤber den Urſprung der Romane. 297 Sie thun ihrer beiz aller Gelegenheit, und in den gleichguͤltigſten Dingen. Auch wird die Treue der Griechen nicht ohne Grund immer verdaͤchtig ſeyn. Man hat zu aller Zeit den Verliebten einen Meineid vergeben: aber es iſt hier zu ſehr Mode, als daß man ihn entſchuldigen koͤnnte. Die gewoͤhnlichen Schwuͤre der jungen Griechen ſind, daß ſie bei ihren Augen, bei ihrer Seele, bei allem, was ihnen am liebſten iſt, ſchwoͤren. Inzwiſchen iſt doch dieſer unverbruͤchliche und heilige Eid, den alle Voͤlker angenommen, um die Buͤrgſchaft und das Siegel gegen ſeitiger Verbindungen und unverletzlicher Verſprechen, oder der ſo oft ver⸗ daͤchtigen Wahrheit zu ſevn, nicht allezeit von den Griechen entweihet worden. Nichts iſt heut zu Tage ſo gemein in Griechen⸗ land, als daß man Vaͤter und Muͤtter bei dem Leben ihrer Kinder, oder bei ihrem eignen Haupte ſchwoͤren hoͤrt. Die Griechen ſchwuren ſonſt auch gerne bei dem Kopfe eines andern, und thun es noch. Sie haben die ſimple Formel des Eides beibehal⸗ ten*), indem ſie bei Gott, bei ihrer Seele ſchwwoͤren. Auch ſchwoͤren ſie bei dem Haupte desjenigen, den ſie 7 8* *) Ad Tν εεμςρν, d. Ti„ Lny ge. 1 208 uͤberreden wollen. Endlich verſprechen ſie nichts, ohne es durch einen ſtaͤrkern oder ſchwaͤchern Eid, nachdem es der Gegenſtand oder die Umſtaͤnde erfordern, zu betheuern*)., Griechenland das von den Aegyptern die Wiſſen⸗ ſchaften, die Kuͤnſte, die Fabeln, die Romane, und dieſe Anhaͤnglichkeit an die alten Gebraͤuche erhielt, durch welche ſich die Aegypter noch unterſcheiden, nahm auch ihre Neigung für den Handel zur See mit an, in welchem die Griechen hernach ſelbſt der Roͤmer Lehrer wurden. Sie treiben ihn noch, wie ſonſt, in der Naͤhe beiſammen, und haben ihn nach dem Ver⸗ haͤltniſſe ihrer erfolgten Kenntniſſe ausgebreitet. Ein reicher Grieche iſt faſt allezeit ein Kaufmann. Sie machen nicht, wie wir, ſchoͤne Buͤcher und hohe Be⸗ trachtungen uͤber die Handlung; ſondern, von der Erfahrung geleitet, folgen ſie demjenigen genau, was ſte davon gelernt haben. Sie kommen zuſammen, *) Die Griechen ſchwoͤren auch ſehr oft bei ihren Augen, und im Zorne oͤffnen ſie die Hand, die ſie mit Ungeſtuͤm den Augen desjenigen vorhal⸗ ten, den ſie angreifen, mit den Worten: vd rà Hcriaues(Im Deutſchen wuͤrde man ſagen: Schau, bei meiner Seele!) Dieſe Hand⸗ lung druͤckte bei den alten Griechen die Be⸗ Fiende aus, ihren Feinden die Augen auszu⸗ reißen. 209 um von ihren Angelegenheiten an einem oͤffentlichen Orte zu ſprechen. Kurz, ſie haben von den Alten die Art, eine Sache zu behandeln und einen Kauf zu ſchließen, beibehalten. Der Gebrauch oͤffentlicher Plaͤtze, wo ſich die Kaufleute wegen Handlungsgeſchaͤfte verſammeln, iſt bei den Griechen ſehr alt. So bald der Kaͤufer und Verkaͤufer mit einander einig ſind, ſo legt die Mittelsperſon die Hand des erſten in die Hand des andern, welches ſie gleichſam durch einen gegenſeitigen Schwur bindet. So pflegen auch in den alten Denkmaͤlern, und hauptſaͤchlich auf geſchnittenen Steinen, zwei einander entgegen geſetzte und in einander geſchlagene Haͤnde das Sinnbild der Handlung zu ſeyn. Uebrigens hat ſich dieſer Gebrauch nicht allein bei den Griechen erhalten; man findet ihn uͤberall, wo nooch einige Spuren von Treue und Glauben der erſten Zeitalter zu finden ſind. Die Griechen ſind groͤßtentheils der Handlung ergeben. Sie fahren an den Kuͤſten hin von einer Inſel zur andern; ſie bringen auch ihre Waaren ins ſchwarze Meer und nach Aegypten. Es giebt ihrer ſo gar, die bis nach⸗ Indien durch Baſſora gehen, und von da enmidrleue. Tuͤcher und Zeuge mitbringen; andere gehen nach Rußland, um daſelbſt Pelzwaaren einzukaufen. Sie reiſen gewoͤhnlich alle, wie die Ra⸗ guſer, leben von Wenigem, und ſehen die groͤßte 4 4ſtes B. Griechenland. II. 2. 7 210 Sparſamkeit in ihrem Aufwande fuͤr den ſicherſten Gewinnſt an. Einige laſſen ſich in Venedig und Hol⸗ land nieder, um daſelbſt Handel zu treiben. Sie laſſen es nicht allein beim Handel bewenden; ſie ſind auch Fabrikanten. Sie haben zu Seio eine große Anzahl gehender Stuͤhle, und machen ſeidne Zeuge, die vollkommen den Indiſchen, den Perſiſchen und ſelbſt denen zu Lyon gleich kommen. Seio liefert alſo die Stoffe; Teypiche holet man von Teſſalonika und Smyrna; Decken, von Cypern; Oel und Seife, von Kandien; von Santorin die wollenen Zeuge, Dimiles genannt; ſeidne Struͤmpfe von Tina ꝛc. So ruͤhmte man vor Zeiten die Teppiche von Samos und Miletus, die Decken von Korinth, die Kaͤſe von Si⸗ eilien, und das Erz von Argos u. ſ. w. Der Raub war bei den Griechen kein Verbrechen: er wurde vielmehr fuͤr ein Gewerbe gehalten. Auch trieben die erſten Schiffer ohne Scheu zugleich Hand⸗ lung und Seeraͤuberei. Dieß thun auch heut zu Tage noch die rohen Griechen, die die Simplieitaͤt der alten Sitten beibehalten haben: ſie ſind Seeraͤuber in dem Archipelagus. Wir duͤrfen nur den Homer zu Rathe ziehen, der, was die Gebraͤuche und Sitten anbetriftt, immer die reinſte Quelle des ganzen griechiſchen Al⸗ terthums ſeyn wird. Sie haben ſich die Erſindung des Kompaſſes zu Nutzen gemacht; aber ſie haben keine Seecharte, und richten ſich bloß nach den Kuͤſten, die ſie kennen, und 1 211 von denen ſie ſich nicht entfernen. Die meiſten ihrer Schiffe, haben nach Art der alten nur einen Maſt, lange Segelſtangen, große Segel, das Hintertheil des Schiffs hoch, aber flach, oft verziert, und mit einem weit hervor gehenden Schiffskaſtell, ſo wie man es an dem Schiffe des Theſeus unter den Herkulani⸗ ſchen Malereien bemerkt. Wenn man einen Griechen ſehen wuͤrde, wie er auf dem Hintertheile ſeines Volik*) ſitzt, und auf der Lyra ſpielt, indeſſen daß ein guͤn⸗ ſtiger Wind die Segel ſeines Schiffs aufblaͤhet, ſo würde man glauben, die ſchoͤnen Tage Griechenlands wieder zu ſehen. Um ſich zu uͤberzeugen, daß man bloß jetzt noch aufzuzeichnen braucht, was man in Griechenland ſieht, um eine Folge von Gemaͤlden der alten Zeit zu haben, ſo gehe man, wie Spon, nur nach Meſſalongi, oder in das Reich des Ulyſſes, auf die Juſel Ithaka, ſo wird man daſelbſt die Monopyla finden, welches alte griechiſche Nachen ſind, die aus dem Stocke eines hohlen Baumes verfertigt werden, und die ein einzi⸗ ger Menſch mit zwei Rudern regiert. Wenn man ſich aber von den Griechen eine rich⸗ tige Vorſtellung machen will, ſo muß man ſie nicht in einem fremden Lande, noch an der Seite der Tuͤr⸗ ken ſehen; ſondern in ihrem eignen Lande, in einer *) Ein griechiſches Schiff. 212 Stadt, oder in einem ganz griechiſchen Dorfe. Sie koͤnnen, weit von ihrem Heerde entfernt, ſich verſtel⸗ len und ſich Gewalt anthun. Sagte man nicht ſchon vor Alters, daß die Lacedaͤmonier Loͤwen in Sparta, und uiffen zu Epheſus waͤren. IlI. Der AOckerbau hat ſich in Griechenland erhal⸗ ten, doch hat er den Fortgang nicht bei einem Volke gemacht, das in Unwiſſenheit verfallen, und genau an demjenigen haͤngt, was es immer gethan hat. So ha⸗ ben ſich die Vorurtheile und alten Gebraͤuche der grie⸗ chiſchen Ackersleute getreulich von Vater auf Sohn erhalren. Die Art, die Traube zuzuberetten und Wein zu machen, iſt ſo alt, als der Hahn, mit dem man ihn abzieht, und von dem man nirgends eine ſo ge⸗ naue Beſchreibung als beim Oppian*) findet. Der AOckerbau wird allezeit als die Quelle aller Guͤter betrachtet werden, deren wir genießen. Die Menſchen erhoben diejenigen zu dem Range der Goͤt⸗ ter, die den Ruhm hatten, ihnen die Geheimniſſe dieſer Kunſt, der noͤthigſten und koſtbarſten unter allen, zu entdecken. Aber der Fiſchfang, der das Vorſpiel und vielleicht die Schule der Schiffahrt war; der von der Angel⸗ ſchnur bis zum Hamen unter einem leichten Zeitver⸗ treibe uns das abgeaͤnderte Gemaͤlde gluͤcklicher Be⸗ 4) De Piscat. I. 4. v. 462. 213 muͤhungen der Geſchicklichkeit und des Fleißes dar⸗ beut; der von dem kleinſten Nachen bis zum groͤßten Schiffe eine unendliche Menge von Menſchen fuͤr den Unterhalt der uͤbrigen beſchaͤftigt: der Fiſchfang ver⸗ dient nicht weniger Aufmerkſamkeit. Die Menſchen lebten vom Fiſchfange, ſo wie von der Jagd, aber da es leichter fuͤr den Menſchen war, die Thiere auf dem Lande als in dem Waſſer zu ver⸗ folgen, und die Jagd mit mehr Aufſehen begleitet war, ſo iſt ſie faſt zu aller Zeit mehr die Leidenſchaft der Jugend, der Lieblingszeitvertreib der Fuͤrſten, und die Uebung der Helden geweſen: da im Gegentheil der Fiſchfang, der nur dienſtbare Haͤnde in der Ent⸗ fernung beſchaͤftigte, und ſich ſogar, indem er die Kuͤſten verließ, den Blicken der Neugierigen entzog, als gefaͤhrlich ſolchen Leuten uͤberlaſſen worden, deren Leben der Geſellſchaft am erſten entbehrlich ſchien. Die griechiſchen Fiſcher, deren in der Geſchichte oder auf alten Denkmaͤlern gedacht wird, finden ſich noch jetzt auf eben den Kuͤſten, und mit eben den Werkzeugen verſehen, deren ſie ſich vormals bedienten. Da ſie gemeiniglich ſich beſſer auf dieſes beſchwerliche Geſchaͤfte verſtehen, als alle andern Fiſcher, ſo iſt ihr Fang auch weit reichhaltiger. Die Tuͤrken haben zu Alexandrien ein ſehr fiſchreiches Meer, indeſſen fehlet es ihnen doch oft an Fiſchen: anſtatt, daß die griechi⸗ ſchen Fiſcher des Archipelagus und des ſchwarzen Mee⸗ 214 res um die Wette und haufenweiſe alles bringen, was ihnen nur das Meer und ihre Arbeit verſchaffen kann. Der griechiſche Fiſcher iſt jetzt von dem alten wenig verſchieden. Sehr oft macht ſich der Herr des Nachens nach einem gluͤcklichen Fiſchzuge, zufrieden uͤber ſeinen Gewinnſt, eine Erholung, und uͤberlaͤßt ſich im Schooße ſeiner Familie, die ihn umgibt, einer unſchuldigen Freude. Bisweilen bereitet er ſich nach Feiertagen, ungeduldig wieder an ſeine Arbeit zu ge⸗ hen, zum Fiſchfange; aber ein ſtuͤrmiſches Wetter haͤlt ihn wider ſeinen Willen im Hafen zuruͤck. Er will fort; er wird von Wind und Wellen zuruͤck ge⸗ trieben. Traurig tritt er wieder den Ruͤckweg zu ſei⸗ ner Wohnung an: aber ploͤtzlich ſteht er ſtille, kehret noch einmal mit geſenktem Haupte zuruͤck, huͤllt ſich mit einer verdrießlichen Miene in ſein dickes Kleid ein, und ſtuͤrzt ſich in ſein Boot, wo die Ruder noch angeheftet ſind. Man ſieht ihn, das Haupt auf ſeine Haͤnde geſtuͤtzt, und auf dem Boden ſeines Nachens liegend, am Ufer hin und her wanken. Der Thunnfiſch war vor Alters eben ſo beliebt, als jetzt: man aß ihn auf den beſten Tafeln, und die Roͤmer waren darnach ſo leckerhaft, als wir. Es war bei den Karthaginenſern gewoͤhnlich, eingeſal⸗ zenen Thunnſiſch den Neuvermaͤlten zu eſſen zu ge⸗ ben, ehe ſie ſich noch ins Bette legten. Auch war vor Alters, wie noch jetzt, eine gewiſt Zeit fuͤr die Fiſcherei des Thunnes beſtimmt. 215 Die Thunnen gehen jetzt noch, wann der Win⸗ ter vorbei iſt, haͤufig in das mittellaͤndiſche Meer, durch die Meerenge von Gibraltar. Man faͤngt ihrer viel zu Conil, einem Dorfe, ſieben Stunden von Cadix; man kann dieſe Fiſcherei im Monat Mai mit anſehen, und es gibt fuͤr die Zuſchauer gluͤckliche Tage. Indeſ⸗ ſen iſt doch dieſer Fiſch in dieſem Lande nicht ſehr ge⸗ ſucht: denn er hat ordentlich ein groͤber Fleiſch, und iſt in Spanien und Portugall lange nicht ſo delikat, als in der Provence. Er iſt daſelbſt auch nicht ein⸗ mal ſo liſtig, und laͤßt ſich leicht fangen. Man glaubt, das Waſſer des mittellaͤndiſchen Meeres reinige ihn von den öͤligten Theilchen, die ihm einen uͤbeln Ge⸗ ſchmack geben. Er iſt auch in Sardinien weit mage⸗ rer, als in Provenee; aber wenn er ins ſchwarze Meer kommt, wird er fett und oft ſehr unſchmackhaft⸗· Es geſchieht zu Anfange des Fruͤhjahrs, daß die Thunnen durch die Dardanellen gehen, um ſich ins ſchwarze Meer zu begeben. Sie vermeiden den Strom, ſo wie die Schwerdtfiſche, und folgen ihm bei ihrer Ruͤckkehr im Herbſte. Man faͤngt ſie mit großen Ne⸗ tzen, mit denen man ſie des Nachts umgibt.. Zu Naxos, einer Inſel des Archipelagus, in dem Hafen der Salinen, faͤngt man viele Großkoͤyfe und Aale, vermittelſt gewiſſer Verzaͤunungen von Rohre, die man an einander fuͤgt. Dieſe Verzaͤunungen ſchla⸗ gen ſich hinter, wie unſere Fenſterlaͤden, und man ſtellt ſie ſo, daß die Fiſche, die bei gewiſſen Fluthen 216 eingehen, nicht wieder heraus koͤnnen. Man bedient ſich aͤhnlicher, obgleich groͤßerer und weiterer Maſchi⸗ nen, in dem Kanale von Martigves in Provence. Man wird aus der Zeichnung, die hier von einer unſrer Madragven beiliegt, ſehen, wie ſehr ſie die Marſeiller fuͤr den Fang der Thunnen und anderer Fiſche von jeder Gattung, die ſich haufen⸗ weiſe darein werfen, erweitert und vollkommner ge⸗ macht haben. Die Thunnen werfen ſich haufenweiſe in die Netze, die man ihnen geſtellt hat, und in dieſe Art von La⸗ byrinth, wo ſie nicht wieder heraus koͤnnen. Sie kom⸗ men aus dem großen Weltmeere, wann das Maͤnn⸗ chen und Weibchen von gleichen Begierden entzuͤndet werden. Der ſtolze Spanier erwartet ſie an der Meer⸗ enge, und erhaſchet ſie zuerſt: hernach werden ſie ein Raub Celtiſcher Fiſcher, an der Muͤndung der Rhone, und der Marſeiller, der alten Bewohner von Phocaͤa. Endlich fallen ſie in die Netze derjenigen, die die In⸗ ſel Sieilien und die Ufer des Tyrrheniſchen Meeres bewohnen. „Wann dieſes Fruͤhlingsheer durch die Meerenge eingedrungen iſt, welch eine große Neuigkeit fuͤr die Fiſcher! Sie waͤhlen, um ſie zu erwarten, einen Ort am Ufer, der weder zu eingeſchraͤnkt, noch dem Winde zu ſehr ausgeſetzt iſt, ſondern der eine bequeme Frei⸗ ſtatt abgibt. Hier ſitzt der, der uͤber den Fiſchfang wacht, auf einem Nachen vor der Madragye(dem Werk⸗ 8 217 zeuge, womit man dieſe Fiſche faͤngt). So bald er die Thunnen ankommen ſieht, ruft er ſeinen Gefaͤhr⸗ ten. Alle Netze ſind ausgeſpannt, und bilden Zimmer im Meere: denn man ſieht ein Vorderhaus, Stuben, Thuͤren, und ein eingebogenes Corps de Logis.“ Es iſt wahr, daß man in Griechenland jetzt weder die großen Kuͤnſtler, deren Geſchlecht daſelbſt ganz er⸗ loſchen iſt, noch Gemaͤlde, noch Bildſaͤulen, die man entweder zerſtoͤrt, oder weggefuͤhrt hat, ſuchen darf. Aber man erkennt doch unter demſelben Himmel eben daſſelbe Genie wieder, welches vormals die Maler und Dichter ſchuf; man findet daſelbſt lebende Gemaͤlde und beſeelte Modelle, nach welchen das Talent noch mit Vortheil arbeiten kann.. Die alten Griechen, welche an oͤffentliche Schau⸗ ſpiele gewohnt waren, die die Verderbniß der Sitten allezeit nur zu gefaͤhrlich gemacht, mußten ſich den angenehmen Kuͤnſten ergeben, welche die Leidenſchaf⸗ ten vorſtellten und belebten. Wie haͤtten ſie nicht fuͤr die Reize derſelben empfindlich ſeyn ſollen, da ſie durch den Geſang der ſchoͤnen Verſe des Homers⸗ durch die glaͤnzenden Bilder der Dichter, durch die Wunder, die man von der Gewalt und Weisheit des Orpheus erzaͤhlte, und endlich von dem Anblicke der Meiſterſtuͤcke der Malerei und Bildhauerkunſt, mit de⸗ nen die Tempel und ſelbſt die kleinſten Staͤdte Grie⸗ chenlands prangten, erhitzt waren? 3 etee Welches Volk hat fuͤr die ſchoͤnen Kuͤnſte mehr 218 gethan, ſie hoͤher geſchaͤtzt, als die Griechen? Die Feindſeligkeiten hoͤrten bei Annaͤherung der Spiele Griechenlands auf. Man vergaß jede Bitterkeit, jede Sorge, jedes andre Intereſſe, ſo bald es darauf an⸗ kam, um den Preis der Lalente zu ſtreiten. Man ſtritt ſogar um den Preis der Schoͤnheit, welche die Kuͤnſtler entzuͤndete, indem ſie ihnen zum Modelle diente. Alle Talente hatten ſich auf einmal entwickelt, und glaͤnzten zu gleicher Zeit. Die Kuͤnſte faſſen ſich bei der Hand, wie die Grazien. Daͤdalus hatte kaum ſein beruͤhmtes Labyrinth von Kreta vollendet, als man durch den Tanz das Werk des Daͤdalus nach⸗ ahmte, und das reizendſte Gemaͤlde bildete. Die Grie⸗ chen waren vortreffliche Nachahmer, und dieſes Ta⸗ lent charakteriſirt ſie noch. Ihre Taͤnzer und ihre Pantomimen hatten es zu einer ſolchen Vollkommen⸗ beit gebracht, als wir uns vorzuſtellen kaum vermo⸗ gend ſind. Nero hatte, nach der Erzaͤhlung des Lu⸗ eians, einen griechiſchen Pantomimen, der die Haupt⸗ zuüͤge aus der Fabel mit ſo viel Ausdruck und Wahr⸗ heit vorſtellte, daß man glaubte, ſie vor Augen zu haben. Ein Prinz aus Pontus, der zu Rom war, bat den Kaiſer auf das dringendſte, ihm dieſen Pantomi⸗ men zu uͤberlaſſen, nachdem er ihn hatte ſpielen ſe⸗ hen; und da ihm Nero ſeine Verwunderung daruͤber bezeugte, ſagte dieſer fremde Fuͤrſt:„Ich habe Bar⸗ baren zu Nachbarn, deren Sprache niemand verſteht. 219 Ich denke, dieſer Menſch ſoll uns ſtatt eines Dolmet⸗ ſchers dienen, und ihnen alles begreiflich machen, was er nur will“*). Der ſeltnen Geſchicklichkeit des Tanzes folgte die Muſik, und dieſe beiden Kuͤnſte bluͤhten zu gleicher Zeit in Argos. Bald hoͤrte man die Gedichte des Homers ſingen; Simonides, der Vater der Elegie, ſeufzte; die Tragoͤdie ſtieg von dem Karren des Thes⸗ pis herab, und Aeſchylus gab ihr den Kothurn; kurz, alle Kuͤnſte vereinigten ſich in Athen, und erkannten Griechenland fuͤr ihr Vaterland. Dieß war der gluͤckliche Einfluß oder die Mitthei⸗ lung des Genies bei dieſer geiſtreichen Nation: die Muſik, der Tanz, die Dichtkunſt, die Malerei, die Bildhauerei, alle verſammelte Kuͤnſte unterſtuͤtzten einander, und machten ſich unter einander vollkomm⸗ ner. Die Mauern von Theben erhoben ſich beim Klange der Lyra; der Tonkuͤnſtler und Taͤnzer war Maler; der Maler war Dichter; der beredte Ulyſſes batte mit ſeinen eignen Haͤnden, nach der Erzaͤhlung des Homers, das Bette verfertigt, worauf Penelope lag. Er war Kuͤnſtler und Zeichner; er kann der Ka⸗ wyoſo nicht die Geſchichte der Rheſus erzaͤhlen, ohne ſie in den Sand zu zeichnen. *) Geipraͤche uͤber den Tanz. 4 3 — 220 Die Natur aleein bildete vormals in Griechenland die Maler, die Bildhauer, die Tonkuͤnſtler, d4⸗ Dich⸗ ter, mit einem Worte, alle große Geiſter, die ſo vie⸗ len Glanz uͤber dieſe gluͤckliche Gegend verbreiteten. Eine feurige, angenehme Einbildungskraft, ein ge⸗ ſchaͤftiger Geiſt, eine feine Organiſation, ein zaͤrtlicher Geſchmack, oder vielmehr eine ausnehmende Em pfind⸗ ſemkeit, alle dieſe Gemuͤthseigenſchaften unter dem ſchoͤnſten Himmel vereiniget, bei dem Anblicke der laͤchelndſten Fluren, unter einer Regierung, die am geſchickteſten war, das Genie zu entwickeln, zu er⸗ weitern, zu vergroͤßern, dieß Genie, welches ohne die Freiheit keine Triebfedern hat: dieß war es, was ſie den Griechen gegeben, und was ſie bei ihnen fand. Sie brauchten nur die Augen auf die Gegenſtaͤnde zu keh⸗ ren, an denen ſie ihre Empfindſamkeit am meiſten uͤben konnten, und man ſah die Kuͤnſte entſtehen. Da von der Gewohnheit, die ſchoͤnſten Dinge zu ſe⸗ beu und hervor zu bringen, der Geſchmack gebildet war, ſo konnte er keine andre Herrſchaft, als der Kuͤnſte und Talente ihre, erkennen, ja kein ander Gluͤck, als dasjenige, das er in dem Ruhme des Va⸗ terlands fand. Aber wenn man das Genie fuͤr den Vater der Kuͤnſte erkennen muß, ſo war die Freiheit gewiß ihre Mutter. In ihrem Schooße geboren, ſieht man in der That ſie mit ihr das verwuͤſtete und eroberte Grie⸗ ſchenland verlaſſen. Sie ſielen und verloren ſich auf 221 eben die Art bei jenem alten Volke, welches dieſel⸗ ben Kuͤnſte befaß, die die Griechen nach ihm zu einer hoͤhern Vollkommenheit brachten, ich meine bei den Hetruriern, ſobald ſie von den Noͤmern unters Joch gebracht wurden. Die Kuͤnſte haben ſich ſeit ihrem Verfalle von Zeit zu Zeit bei den Griechen gezeigt; aber nur wie das ſchwache Licht einer Fackel, die unter der Feuch⸗ tigkeit eines dicken Nebels nicht wieder anbren⸗ nen will. 1 Die neuern Griechen haben noch alles, was ſie haben erhalten koͤnnen. Indeſſen daß die Maͤnner der Handlung, der Schifffahrt, dem Ackerbaue oder der Verfertigung von Stoffen obliegen, welche der Tuͤr⸗ ken ihre und die zu Lyon nachahmen, ſo zeichnen die Weiber, ſticken und ſchattiren vollkommen die Blu⸗ men, die Fruͤchte und die Blaͤtter, und man wird nicht muͤde, dieſe Arbeit in den griechiſchen Sticke⸗ reten zu bewundern. Das vorzuͤglichſte Talent wagt nicht, den Pinſel zu ergreifen, um eine menſchliche Figur zu malen; man malet nur im Verborgenen. Die Griechen lieben noch die Feſte, die Spiele, die Schauſpiele, die Pracht; aber die Regierung legt ihnen einen Zwang auf, der ſie muthlos macht. Al⸗ ler aͤußerliche Luxus iſt ihnen verboten; aber ſie ſuchen ſich in dem Innern ihrer Haͤuſer dafuͤr ſchadlos zu halten. Man findet bei den Reichen den Geſchmack, die Reinlichkeit und Pracht der alten Haͤuſer von 222 Athen, deren Architektur von Außen wenig in die Augen ſiel“*), aber die im Innern ausgeſucht und mit allen Wolluͤſten verſehen waren. Die Griechen ſchlagen, wie die Alten, ihre Zimmer nicht mit Ta⸗ peten aus; ſondern ſie laſſen, wie jene, auf die Mau⸗ ren**) zwar nicht Figuren, aber kuͤnſtlich gearbeitere Vaſen mit Blumen malen. Sie haben vergoldete Lambris von einer ſchoͤnen Bildhauer⸗Arbeit, und reich ausgelegte Deckenſtuͤcken. Wann ſie berechtigt zu ſeyn 1 glauben, praͤchtig zu bauen, und ihren Geſchmack ſe⸗ hen zu laſſen, ſo thun ſie es ohne Maß. Selbſt die Folgen, denen ſie ſich nothwendig durch dieſen Luxus ausſetzen, ſchrecken ſie nicht ab. Man ſah vor vielen Jahren zu Konſtantinopel an dem Kanal des ſchwar⸗ zen Meeres das ſchoͤne und praͤchtige Haus des un⸗ gluͤcklichen Griechen Stavraky, der ein Guͤnſtling des Großherrn war. Der Sultan, der ihn umbrin⸗ gen ließ, ließ dieſes ſchoͤne Gebaͤude der Erde gleich machen, wo man ſeit der Zeit, mit Erſtaunen, ein neues noch weit ſchoͤners Gebaͤude von einem andern Griechen wieder auffuͤhren ſah. III. In Griechenland kuͤndigen uns eine reine Luft, ein ſanfter Himmel, und immer heitere Tage mit jedem Augenblicke an, daß wir eine Veuus des *) Origine des Loix, Tom. 3, Liv. 6. *) Geſchichte der Kunſt von Winkelmann. B. 2. 8 223 Praxiteles und Apelles, die regelmaͤßigſten Bildungen, ſchwarze, lebhafte, von einem natuͤrlichen Feuer be⸗ ſeelte Augen, einen zierlichen und majeſtaͤti ſchen Wuchs, eine ſimple und leichte Kleidung finden wer⸗ den, welche die ganze Schoͤnheit des Koͤrpers verraͤth, und keinen Fehler verbirgt. So findet man auch die griechiſchen Weiber: ſie ſind ſo ungezwungen, ſo frei im Innern ihrer Haͤuſer, als ſie zuſammen genom⸗ men und verhuͤllt ſind, wann ſie ausgehen, in⸗ dem enge und lange Aermel kaum ihre Fingerſpitzen ſehen laffen; es müßte denn auf dem Lande ſeyn, wo ſie ſich weit weniger zwingen, und ſich mit mehr Freiheit zeigen. Wer ſollte bei ihrem Anblicke nicht die Muſter erkennen, die die alten Maler nachahmten! Die oͤffentlichen Baͤder verſchafften ihnen richtige und beſtimmte Begriffe von der Schoͤnheit des Koͤrpers und der Bluͤte der Jugend, die ſie ſo gut ausdruͤckten. Sie hatten uͤberdieß Fechter und Ringer, durch die ſie in Stand geſetzt wurden, alle Bewegungen der Nerven, das Spiel der Muskeln, und die Zuſammen⸗ fuͤgung der Glieder wahrzunehmen; unaufhoͤrlich hat⸗ ten ſie edle und angenehme Gegenſtaͤnde vor Augen. Es waren Muſter, die ſie uͤberall mit Nutzen beobach⸗ ten und in den vortheilhafteſten Stellungen uͤberra⸗ ſchen konnten. Wenn man noch jetzt eine junge griechiſche Schoͤn⸗ hit bei ihrem Aufſtehen bemerkt, ſo wird ſie uns, 224 ohne daran zu denken, Bewegungen und Stellungen darbteten, die der Nachahmung aͤußerſt vortheilhaft ſind. So bald ſie aus dem Bette geſtiegen, wirft ſie ſich nachlaͤffig auf ihren Sopha, ohne daß ſie noch darauf denken ſollte, ſich anzukeiden. Der helle Tag blendet ſie, ſie ſchlaͤgt die Augen nieder, ſetzt ſich, ſtreckt ſich, erhebt ihre Knie, laͤßt den Kopf haͤngen, den ſie mit einer Hand unterſtuͤtzt, und nimmt nach und nach alle Lagen der ſimplen Natur an, die ſich ſelbſt uͤberlaſſen und eine Feindin der nachaͤffenden Kunſt iſt. Es naͤhere ſich jetzt der Maler oder der Bildhauer; er beobachte die naive Grazie der Bewe⸗ gungen, die ſanften und geſchmeidigen Umriſſe, wel⸗ che dieſe Schoͤnheit frei entwickelt, weil ſie ſich ohne Zeugen glaubt, und druͤcke ſie aus. Am andern Ende des Sopha, formiren halb na⸗ ckende ſpielende Kinder die ſchoͤne Gruppe, welche ſo oft und ſo reizend wiederholt worden, dieſe Kiu⸗ der, die Annibal Carraccio in einem Gemaͤlde des Cor⸗ reggio nicht lachen ſehen konnte, ohne mit ihnen zu lachen. Die junge Griechin nimmt ihren Spiegel, und den Korb, worinnen ihr Anzug liegt. Sie bringt, um ſich zu beſchaͤftigen, den hoͤchſten Kopfputz, den die Griechinnen tragen, in Ordnung. Die aufmerk⸗ ſame und geſchaͤftige Sklavin traͤgt ihre Blumen, Flieder, Roſen, Akaeien mit ihren Blaͤttern zu: ſie bekraͤnzt damit ihr Haupt. Sie erhebt ſich, langt mit 225 oeiden Haͤnden an dieſen Kopfputz, um ihn zu befe⸗ ſtigen, und gleichſam um das Gewicht davon zu ſtuͤtzen. Soll ich ſchildern, wann ſie aus dem Bade kommt, um ſie mit der Venus Anadyomene, oder mit den ſchoͤnſten griechiſchen Bildſaͤulen zu vergleichen*)* Die ſchoͤne Badende nimmt aus den Haͤnden ihrer Sklavin ihr durchſichtiges Hemde und ein leichtes Gewand. Sie erhoͤht ihren Wuchs, indem ſie ihre nackten Fuͤße in jene Pantoffelſchuhe oder Galoſchen ſteckt, von denen ich geſagt habe, und auf denen man die eingelegte Perlmutter und erhabene Stickerei glaͤn⸗ zen ſieht: ſie tritt majeſtaͤtiſch einher, mit wohlrie⸗ chenden Waſſern geſalbt. Aber es iſt nicht die Venus der Aeneis, es iſt die Muſe des Kothurns, den die Griechen von dieſem Modelle genommen haben. Die Kinder, von denen ich oben geredet, laufen ihr *) Polygnotus von Thaſos, ein Sohn des Aglao⸗ phon, war der erſte, der ſeinen weiblichen Fi, guren feine und leichte Gewaͤnder gab; der erſte⸗ der ſie mit Kappen(mitrae) oder breiten Baͤn⸗ dern von verſchiedenen Farben, wie man ſie noch jetzt traͤgt, ungefaͤhr 430 Jahr vor Chriſti Geburt, coeffirte. Plin. Diss. de M. de la Nause, Mém. de l'Acadèm, de Inscript. tom. 25 p. 274. 4. 44ſtes B. Griechenland. II. 2. 8 226 nach und folgen ihr, gleich den gefluͤgelten Genien, die uns die alten Maler darſtellen. Die Sonne naͤhert ſich dem Horizonte, der Schat⸗ ten verbreitet ſich: die junge Griechin, voll Ungeduld auszugehen, um ſich zu zeigen, ſteigt in den Garten oder auf die Wieſe herab; ihr um den Hals nach⸗ laͤſſig geworfener Schleier flattert nach dem Spiele des Windes. Simpel in ihrem Anzuge, hat ſie auf ihrem Kopfe bloß eine kleine Haube und einige Blu⸗ men, welche zwei Haarlocken, die ſie hinauf geſchla⸗ gen, zuſammen halten, und durch einen doppelten Halbzirkel befeſtigen. Ihr uͤbrigens langes Haar faͤllt wallend auf ihre Schultern herab. Sie hedt eine Hand nach ihrem Buſen, welchen ihr Kleid entdeckt und der Flor ſehen laͤßt. Mit der andern Hand haͤlt ſie den Schleier, den ſie dem Wind abzuſtreiten ſchei⸗ net, der ſich mit mehr Gewalt erhebt. Ein Kleid von einem ſehr leichten Zeuge, das ſich an ihrem Leibe anſchmiegt, verraͤth deſſen ganzen ſchlanken und feinen Wuchs. Der vordere geſtickte Guͤrtel glaͤnzt auf die⸗ ſer Kleidung. Sie laͤuft, um ſich mit ihren Geſpie⸗ linnen zu vereinigen, die ſie rufen und zum Tanze einladen. Beim Anblicke des Tanzes laͤuft das junge Maͤd⸗ chen, wie die Atalante; ſie ſtellt ſich, wie die Diana, an die Spitze der Nymphen. 227 Der Reihentanz geht hierauf an, und ſie fuͤhrt auf: ſie gibt einer ihrer Geſpielinnen das eine Ende ihres Schleiers, und haͤlt das andre. Der Wind ſchwellt dieſen leichten Schleier ſanft empor, und alle Taͤnzerinnen, mit der Roͤthe einer unſchuldigen und lebhaften Freude, die in ihren Augen glaͤnzt und ihre Wangen faͤrbt, huͤpfen in Cadenz unter dieſen fließen⸗ den Bogen, welcher der Iris ihren oder jenen Schleier oorſtellt, den die Liebesgoͤtter in der Luft auf dem be⸗ ruͤhmten Petſchafte des Michel Angelo halten, bald hin, bald wieder zuruͤck. Welche Schilderungen fuͤr einen Maler und fuͤr einen Dichter! Zeichnen ſich nicht die Choͤre und die Taͤnze der Nymphen den Blicken desjenigen aufs neue, der Augen hat, hier das alte Griechenland zu ſehen, und Geſchmack, der ganzen Schoͤnheit, des ganzen reizenden Schau⸗ ſpiels zu genießen? Die Muͤtter, zu alt zum Tanze, und die Greiſe ſitzen unter Baͤumen, ſehen dieſen Spielen zu, und ſcheinen ſich uͤber alle die Vorzuͤge dieſer glaͤnzenden Ingend zu frauen. In einiger Entfernung ringen Juͤnglinge, oder uͤben ſich im Tellerwerfen und im Wettlaufe: aber ſo bald ſie die Taͤnze ſehen, laufen ſie zu und miſchen ſich darein, um ſie mehr zu beſeelen, und lebhafter und angenehmer zu machen. „ 228 Ein junges Maͤdchen reißt ſich los, indem die an⸗ dern ruhen: ſie tanzt allein mit den Krotalen, der Zimbel, oder einer kleinen Trommel in der Hand. Sie ſtuͤrzt hervor, befluͤgelt ihre Fuͤße, kehrt ſchnell zuruͤck, und ſetzt durch die mannigfaltigſten und unge⸗ zwungenſten Bewegungen in Bewunderung. 3 Eben die Luſtigkeit, eben die Taͤnze erblickt man in den Baͤdern, wo die Griechen ſich zu verſammeln verabreden, und ſich Rendesvous geben. Hier findet man mehr als ein Urbild zu dem reizenden Gemaͤlde des Horaz, wo man die ganz nackten Grazien mit den Nymphen ſich zu Taͤnzen vereinigen ſieht. Man kann ſich eben dieſes in dem Nymphenbade vorſtellen, wel⸗ ches Homer beſchreibt*); in demjenigen von dem See Albano: aber was Piraneſe uns fuͤr ein Nym⸗ phenbad gegeben, iſt nichts weniger als dieſes, wenn man nach der Zeichnung urtheilen ſoll, die M. Cle⸗ riſſeau davon gemacht und mir gezeigt hat. Wann die junge Griechin aus dem Bade kommt, mit dem leichten Flore bedeckt, welchen die Dichter ein Gewebe des Windes nennen, ſo wuͤrde man ſich einen Begriff von den Najaden in den herkulaniſchen Gemaͤlden machen koͤnnen. *) Odyss. 1, 3. v. 229 Wer iſt der ſitzende Greis, dem ein junges Maͤd⸗ chen mit ſo vieler Aufmerkſamkeit zuhoͤrt? Es iſt ein Zauberer, der ſie einen Liebestrank machen lehrt, um einen Fremden, in den ſie verliebt iſt, an ſich zu zie⸗ hen und zu einer Heirath zu zwingen. Sie wieder⸗ holt die Worte, die ſie bei Zubereitung des Philtrums machen muß. Beſuchen wir das Land, ſo finden wir ebenfalls daſelbſt die Schaͤfer und Fiſcher des Theokrits. Hier kuͤndigen muſikaliſche Inſtrumente, ein zahlreiches Heer Springer, und die Fackel des Hymen eine laͤnd⸗ liche Hochzeit an. Sehen Sie dieſe junge Baͤuerin bei einem Brun⸗ nen ſitzend? ſie lehnt ſich auf ihren Krug, den ſie ge⸗ fuͤllt hat. Dieſer Krug iſt von eben der Geſtalt, wie der Alten ihre Kruͤge, und der Schaͤfer, der mit ihr ſpricht, haͤlt ſeine Heerde auf, um ſich ihr zu naͤhern. In jener Reihe ſchattigter Baͤume ſehe ich einen offenen Wagen herkommen, der gedraͤngt voll junger Maͤdchen iſt. Sie ſingen wechſelsweiſe nach ihrer Ge⸗ wohnheit. Ihre Haͤupter ſind mit Blumen geſchmuͤckt, und der Greis, der ſie leitet, entzuͤckt, ſie zu fahren und zu hoͤren, uͤbereilt ſeine langſamen Ochſen nicht. Er beſchaut mit innigem Vergnuͤgen dieſe verſammelte 230 Jugend; er lieſt laͤchelnd die Blumen auf, die ih⸗ ren Haͤuptern entfallen, um das ſeinige damit zu ſchmuͤcken. Ich habe ſchon von den Maͤdchen geredet, die ſich vereinen, um zuſammen an ihrer Stickerei zu arbei⸗ ten. Einige machen die Wolle und Seide zurechte: andere ſpannen den Zeug in den Rahm: eine andere zeichnet das Muſter. So findet man in dem Vater⸗ lande der Kuͤnſte die lebenden Gemaͤlde der Kunſt der Minerva wieder, ſo wie ſie auf den alten Denkmaͤ⸗ lern vorgeſtellt wird. Doch welch ein Contraſt ruͤhrt meine Blicke auf eben dieſem Lande, wo mich alles zum Spatziergange einladet, in dieſer laͤchelnden Landſchaft, durch Spiele und Taͤnze verſchoͤnert! Nicht weit von dem Dorfe ſehe ich zerſtreute Marmorſtuͤcke: ein Prieſter in einem langen Kleide ſingt Hymnen: traurige Weiber zuͤnden Kerzen an, weinen auf den Graͤbern und ſcheinen die Chriſten der Verſtorbenen durch ihr Aechzen und ihre Thraͤnen hervor zu rufen. Das neuere Griechenland beut noch in einzelnen Dingen alles dar, was die ſchoͤnſten Formen des meuſchlichen Koͤrpers ausmacht. Man ſieht daſelbſt noch taͤglich Schoͤnheiten, die eines Pinſels des Apelles wuͤrdig ſind.. 231 Die orientaliſchen Voͤlker haben ein ſehr muſika⸗ liſches Gehoͤr. Sie lieben die Muſik, ſo bald ſie nur zu hoͤren anfangen. Man ſieht keinen Griechen, kei⸗ nen Tuͤrken, ſie moͤgen ſo vornehm oder ſo gering feyd, als ſie nur wollen, der nicht ſtille ſtünde, um eine ſchoͤne Stimme oder den Geſang einer Nachtigall zu hoͤren, ungeachtet die Muſik bei ihnen niemals eine Leidenſchaft iſt, der ſich ein Menſch ganz uͤberlaͤßt, wie man es ſehr oft bei uns ſieht. Guys verſichert, daß in der griechiſchen und tuͤr⸗ kiſchen Muſik, die Abtheilung der Toͤne, die von ei⸗ nem weit groͤßern Umfange iſt, als die unſrige, ih⸗ nen Ausdruͤcke verſchaft, die wir nicht haben, und die in der zaͤrtlichen Gattung eine große Wirkung thun. Auch durchdringen ihre empfindungsvollen Lie⸗ der, ihre ſchmerzlichen Geſaͤnge die Seele, und brin⸗ gen die ſuͤßeſte und angenehmſte Bewegung hervor. Sultan Amurat, dieſer grauſame Fuͤrſt, da er Bagdad belagert und eingenommen hatte, gab nach der Eroberung Befehl, 30,000 Perſer zu ermorden, die die Waffen niedergelegt hatten. Unter der Zahl dieſer Ungluͤcklichen befand ſich ein Muſikus, der den tuͤrkiſchen Offizier bat, ſeinen Tod einen Au⸗ genblick zu verzögern, und ihm die Erlaubniß iu ver⸗ ſchaffen, den Kaiſer zu ſprechen. Man fuͤhrte ihn 232 zum Amurat, und fragte ihn, was er vorzubrin⸗ gen habe. 4 3 „Erhabenſter Kaiſer, ſagte er, geſtatte nicht, daß eine ſo herrliche Kunſt, als die Muſik iſt, heute mit dem Schaſeuli umkomme. Ich beklage das Leben nicht um des Lebens willen, ſondern bloß aus Liebe fuͤr die Muſik, deren Tiefen ich noch nicht alle habe errei⸗ chen koͤnnen. Laß mich arbeiten, mich in dieſer goͤtt⸗ lichen Kunſt vollkommner zu machen; und bin ich ſo gluͤcklich, den Punkt, nach dem ich ſtrebe, zu errei⸗ chen, ſo werde ich glauben, ein groͤßer Gluͤck erhalten zu haben, als wann ich dein Reich beſaͤße,’“ Man gab ihm die Erlaubniß, ſeine Talente hoͤren zu laſſen. Sogleich nahm er, wie der Saͤnger des Homers, einen Scheſchdar, begleitete dieſes Inſtrument mit ſeiner Stimme, und beſang mit einem ſo ruͤhrenden Tone die tragiſche Einnahme von Bagdad und den Triumph des Amurat, daß dieſer Fuͤrſt in Thraͤnen zerfloß, und fortfuhr, ſo lange geruͤhrt zu ſeyn, als ſich der Tonkuͤnſtler hoͤren ließ. Der Kaiſer befahl⸗ in Anſehung ſeiner, daß nicht nur das Leben derjeni⸗ gen gerettet wuͤrde, die noch nicht hingerichtet waren, ſondern er gab ihnen noch uͤberdieß ihre Freiheit. Amurat behielt den Muſikus bei ſich, und hielt ihn ſehr hoch. Dies iſt ein großer Beweis fuͤr die erſtaunenden 233 Wirkungen der alten Muſik, die die Leidenſchaften ſtillte, oder ſie nach ihrem Gefallen erweckte. Sie hat noch einen ſehr großen Einfluß auf das Sanfte und die Rechtſchaffenheit der Sitten. Die Peſt darf nicht mit andern epidemiſchen Krank⸗ heiten vermiſcht werden, die die Welt verwuͤſten. Un⸗ geachtet der ſonderbaren Meinungen einiger Aerzte, ungeachtet der Verſchiedenheit der Symptomen, die ſie in Verlegenheit ſetzen koͤnnen, hat ſie doch einen unterſcheidenden Charakter, an dem man ſie nicht ver⸗ kennen kann; ich nehme einige beſondere Faͤlle aus, wo ſich die deutlichen Merkmale nicht eher, als nach dem Tode des Kranken veroffenbaren. Die Geſchichte kuͤndigt uns das Alterthum der Peſt an. Sie zeigt uns ihren Sitz im Oriente, von dannen ſie durch die Handlung heraus gekommen, und mit der Materie unſerer Tauſchwaaren, und denjeni⸗ gen Dingen, die ſie annehmen, als Wolle, Baum⸗ wolle und Seide, durch die ganze Welt ſich ausgebrei⸗ tet hat. Oft gehen vor der Peſt Hunger, delet⸗ ſchwemmungen, blutige Kriege her. 4 Die Griechen ſtellen ſich, nach der allgemeinen Meinung und alten Sage, die Peſt als ein abſcheuli⸗ ches Geſpenſt vor, welches die Nacht uͤber kommt, 234 and mit einem unausloͤſchlichen Zeichen die Haͤuſer hezeichnet, wo ſie hinein gehen ſoll. Diejenigen, die ſich dieſes Zeichen zu kennen ruͤhmen, kuͤndigen es den ungluͤcklichen Bewohnern an, die ſie, wiewohl vergeblich, zur Flucht ermahnen, die aber durch ihre Hartnaͤckigkeit das Schickſal dulden, das ihnen droht. „O barmherziger Gott, ſchreien die neuern Grie⸗ chen in ihren Gebeten, entferne von uns dieſe abſcheu⸗ liche und grauſame Krankheit, die niemanden ſchont. Stehe uns bei, und ſpare die Pfeile deiner Rache ge⸗ gen deine Feinde auf. Habe Mitleid mit dieſen un⸗ ſchuldigen Opfern; denn unſere jungen Kinder wer⸗ den immer zuerſt getroffen. O Gott, ſteh uns bei!“ So lauten die oͤffentlichen Gebete, die man in Konſtantinopel thut, wenn die Peſt, gleich den ſo haͤufigen Feuersbruͤnſten in dieſer ſo großen Stadt ſo geſchwind um ſich greift; wenn man taͤglich mehr als tauſend Leichen durch das Thor von Adrianopel, das zu dem Gottesacker der Tuͤrken fuͤhrt, tragen ſieht. Kinder und junge Leute gehen in Proceſſion auf den Platz Oemeydam, wo ſie die Barmherzigkeit des Him⸗ mels anflehen. Es iſt kein Zweifel, daß dieſes toͤdtliche Gift nicht aus der Faͤulniß der unreinen Oerter entſtehen ſollte, 23⁵ wo moraſtige und faule Waſſer ſtehen, deren Ausduͤn⸗ ſtungen durch die ausnehmende Sonnenhitze empor ge⸗ zogen worden. Die Art der Mittheilung, wodurch ſie zu gleicher Zeit an die ganz nahe gelegenen Oerter ſo wohl, als an ſolche Gegenden gebracht wird, die von ihrer Quelle am weiteſten entfernt liegen, geſchieht mit einer erſtaunenden Geſchwindigkeit. Sie ſetzt uns in Verlegenheit, demuͤthigt uns, macht uns verwirrt. Wenn es aber nicht in der Gewalt der Menſchen ſteht, die Gefahr dieſes Gifts in der Luft zu vertilgen, ſo koͤnnen wir wenigſtens alle Oeffnun⸗ gen verſtopfen, wodurch ſie ſich einſchleichen kann, das iſt, wir koͤnnen alles reinigen und raͤuchern, was aus einem verdaͤchtigen Lande kommt. So ſetzt eine Regierung, der die Beſorgung des Seeweſens aufge⸗ tragen iſt, durch ein einziges Lazareth, das eine immer offene Freiſtatt fuͤr die Seuche in dem einzigen Ha⸗ fen des Koͤnigreichs iſt, durch welchen die Peſt in daſſelbe kommen kann, die Geſundheit des ganzen Reichs in Sicherheit. Die erſte Anſtalt, die die Menſchen bei Annaͤhe⸗ rung dieſer grauſamen Krankheit gemacht haben, iſt die Reinigung der Luft, die ſie einathmeten, durch wohlriechende Sachen geweſen, welche ſie unter ihren Haͤnden hatten. Dieß thut man auch jetzt noch uͤber⸗ all; und daher kommt ohne Zweifel die bei den Grie⸗ 236 chen und orientaliſchen Voͤlkern eingefuͤhrte Gewohn⸗ heit, in dem Zimmer, wo man eine angeſebene Per⸗ ſon oder einen Freund empfaͤngt, allezeit angenehmes Rauchwerk zu verbrennen, ſo wie auch die Luft der Tempel zu reinigen, indem man daſelbſt Weihrauch und Myrrhen verbrennt. Die Griechen bedienten ſich hauptſaͤchlich gegen dieſe Seuche des Wachholders, als des heilſamſten Rauchwerks. Ungeachtet dieſes Rauchwerks aber breitet ſich dieſe Seuche in der Levante und zu Konſtantinopel ſehr aus, indem die Gemeinſchaft mit andern nie⸗ mals unterbrochen wird; welches daher kommt, weil das Uebel nicht gleich anſteckend iſt. Selbſt diejeni⸗ gen, die das Gluͤck gehabt haben, ihm zu entgehen, fuͤrchten es weniger, als die andern. Die Kranken werden aber niemals von denen, die ihnen am naͤch⸗ ſten ſind, verlaſſen. Dieſe Einſamkeit, dieſe traurige Verlaſſung iſt nur fuͤr einen Fremden ſchrecklich, der ſich von dieſem Uebel ergriffen ſieht, und weder Freunde noch Landsleute um ſich hat. Die Griechen und Morgenlaͤnder begleiten die Todten be. ihren Be⸗ graͤbniſſen, und die Peſt ſpricht ſie von dieſer heiligen Pflicht nicht los. Sie wiſſen, daß dieſe Plage ſich nach und nach vermehrt, und ſich endlich verliert. Ob gleich das Volk, gewohnt, ſie oft wiederkommen zu ſehen, nicht eben die Vorſicht, wie wir, ſich da⸗ 237 gegen zu verwahren, gebraucht; obgleich Handel und Wandel deßwegen nicht leidet, und endlich auch die wuͤ⸗ thendſte Peſt weder die gewoͤhnlichen Zuſammenkuͤnfte, noch eine Zeremonie, noch eine oͤffen liche Audienz hindert: ſo reden doch die Griechen und Tuͤrken mit nicht weniger Furcht von dieſem ſchrecklichen Uebel, als die Alten.. Die Peſt, die man am meiſten in Konſtantinopel, zu Smyrna, und in dem ganzen Morgenlande fuͤrchtet, iſt diejenige, die aus Aegypten kommt; und in Aegyp⸗ ten fuͤrchtet man die am meiſten, die aus Aethiopien kommt. Nach einer ſo langen und ſo beſtaͤndigen Erfah⸗ rung kann man alſo das alte Vaterland der Peſt nicht verkennen. Sie kommt noch mit Erdbeben, Ueber⸗ ſchwemmungen, Hunger und Krieg. Aber alle die verderblichen Plagen, die vor ihr hergehen, werden nicht eben die Folge in bevoͤlkerten und ſorgfaͤltig ge⸗ bauten Laͤndern haben, wie die unſrigen ſind, weil man hier ſchnell genug die Verwuͤſtungen der Zeit, der Natur und der Menſchen wieder ausbeſſert und er⸗ ſetzt; ſtatt daß im Oriente ſeit vielen Jahrhunderten alles immer in demſelben Zuſtande bleibt. Man ſtellt die Mauren von Epheſus, Balbeck und Palmyra nicht wieder her; alle Reiſenden finden eben dieſelben Rui⸗ 238 nen wieder, die die Geſchichte oder Reiſebeſchreibun⸗ gen ihnen angezeigt haben. Dieſe Oerter ſind, ſeit ihrem Untergange, immer ungeheure Wuͤſten und ab⸗ ſcheuliche Einoͤden geblieben, wo die Peſt unaufhoͤr⸗ lich bruͤtet und gaͤhret, und wo toͤdtliche Duͤnſte, wie der leichte und brennende Sand, welchen der Wind vor ſich herjagt, aufſteigen. Der Knoblauch, gebrannte Waſſer, der Wein, der Eſſig und das Raͤuchern ſind die Mittel, deſſen ſich die Griechen gegen die Peſt bedienen. Der Wein iſt bloß durch die Tradition empfohlen. So bald das Uebel ſeine Perioden erreicht, ſo fuͤh⸗ len diejenigen, die ſie vormals gehabt haben, einen Schmerz an den Narben der Beulen, der ſie warnet, ſich nicht der Gefahr auszuſetzen. Die Griechen glauben, daß diejenigen, die des Sonntags geboren und getauft worden, nicht von der Peſt ergriffen werden. Man gibt den Angeſteckten bloß Herzſtaͤrkungen und Gemuͤße, und unterſagt ihnen das Bouillon, als aͤußerſt ſchaͤdlich. Die Aerzte empfehlen das Opium, als ein Praͤſervativ, und oft als ein Heilungsmittel. Der gelehrte Tournefort ſagt, er habe ſich wider die 239 Peſt mit Theriak, mit Orvietan, mit engliſchen Tro⸗ pfen und andern ſtaͤrkenden Mitteln geholfen; aber er will, daß erſt ein Brechmittel(Tartre émétique) vorhergehen ſoll, wenn der Kopf bedroht wird. Die Armenier trifft dieſe Seuche am wenigſten, der ſie ſich doch ausſetzen. Sie trinken viel Wein, ſo maͤßig und thaͤtig ſie auch ſonſt ſind; ſie eſſen viel Ge⸗ ſalzenes, Knoblauch und Zwiebeln. Das Schweine⸗ fleiſch iſt ein Gift, denn es hindert die Ausduͤnſtung. Die unreinlichen Haͤuſer, und vorzuͤglich der Ju⸗ den ihre, wo zahlreiche Familien ſich verſammeln und vervielfaͤltigen, werden am erſten angeſteckt. Die Rein⸗ lichkeit, und noch mehr die Heiterkeit des Gemuͤths, ſind hoͤchſt noͤthig. Ein lebhaftes und ploͤtzliches Schre⸗ cken, Verdruß und Leidenſchaften, die den Geiſt ſehr erſchuͤttern, ſind die naͤchſten Verfaſſungen, die Peſt anzunehmen. Die wirkliche und oͤrtliche Arzneikunſt hat daher nichts weiter fuͤr dieſe Krankheit, als Verwahrungs⸗ mittel, und einen guten Rath. Die Griechen kennen ſo wenig, als wir, die Na⸗ tur des peſtilenzialiſchen Giftes. Sie ſind eben ſo we⸗ nig im Stande, zu erklaͤren, warum daſſelbe Mittel, das dem einen nuͤtzt, dem andern nicht nur nichts hilft, ſondern auch ſogar ſchadet. Sie wiſſen nicht, warum ein Menſch die Peſt vielmal bekommt, indeſ⸗ ſen ein anderer, der ſie gehabt hat, ſich kuͤhn der⸗ ſelben ausſetzt, und ſie nicht mehr bekommt; wie ei⸗ ner ſie in ſeinen eignen Kleidern tragen, ſeine Fami⸗ lie damit anſtecken, und ſie doch ſelbſt nicht bekommen kann; warum es in gewiſſen Jahren hauptfaͤchlich die Kinder und die ſchwaͤchſten Perſonen, und zu andrer Zeit hingegen die ſtaͤrkſten ſind die die Peſt zuerſt an⸗ greift: kurz, wie in einer ſo ungeheuern Stadt, als Cairo oder Konſtantinopel iſt, das Uebel von ſich ſelbſt ſo mit dem Punkte aufhoͤrt, daß der geſellige Um⸗ gang ohne Furcht, ohne Gefahr, ohne weitere Zufaͤlle wieder hergeſtellt wird, und ohne daß die Polizei deß⸗ wegen etwas verordnen darf. Man kann zwei oder drei, ja mehrmal die Peſt haben; dieſe Seuche verringert ſich nicht, und legt ſich bloß durch die Kaͤlte des Winters.