Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Buchdruckerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßr von Mehren, und herausgegeben . von. Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 41. Baͤndchen. Mit 1 Kupfer. III. Theil. 3. Bändchen von der Türkei. ————O—:————Q—ñ̃O,Bꝛ—ꝑ———— 3 Nuürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1 8. Taſchen⸗Bibliothek 3 der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen in die E„ Tuüͤrkei. 1 Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. VBerfaßt von Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. III. Theil. 3. Baͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1 82 92 Reiſe nach Griechenland und der Türkei auf Befehl K. Ludwigs XVI. unternommen von C. S. Sonnini in den Jahren 1778— 1780. Mitgetheilt von M. Fiedler. (Fortſetzung.) Der Stadt Seio gegenuͤber findet man auf dem feſten Lande den Meerbuſen und die kleine Stadz Gesme, welche ein ewiges Denkmal der Niederlage und der Schande der ottomanniſchen Flotte iſt. Im Juli 17170 wurde die ganze tuͤrkiſche Flotte, welche ꝛ6 Segel ſtark war, in dem Hafen von Gesme, durch die ruſſiſche Flotte von 9 Linienſchiffen und s Fregat⸗ ten, unter dem Befehle des Grafen Alexis Orlow gaͤnzlich zerſtoͤrt. Die kleine Stadt Gesme liegt in der Vertie⸗ fung des Hafens, auf dem Abhange einer Anhuͤhe 246 und enthaͤlt nichts Bemerkenswerthes. Eine Stunde von der Stadt iſt eine warme mineraliſche Waſſer⸗ quelle, zu welcher ſich die Tuͤrken haͤufig aus der Stadt begeben, um Schwitzbaͤder zu nehmen. 3 Auf noch ſchlechtern Wegen, als die am vorigen Tage geweſen waren, kam ich nach Durlak oder Vurla, einer kleinen, auf der ſuͤdlichen Kuͤſte des Meerbuſens von Smyrna gelegenen Stadt, welche aller Waghrſcheinlichkeit nach auf den Ruinen von Kla⸗ zomena, einer im alten Griechenland beruͤhmten Stadt, und der Vaterſtadt von Anaxagoras, er⸗ Mehrere vorliegende kleine Inſeln haben eben falls den Namen Durlak, und bilden einen gu⸗ ten Hafen. XXIII. Wenn man zwei Bergſpitzen hinter ſich gelaſſen hat, welche von gleicher Groͤße und ganz glei⸗ cher Geſtalt ſind, weßwegen auch die europaͤiſchen Seeſahrer ſie die beiden Bruͤſte nannten, ſo kommt man an eire Feſtung, welche das Kaſtell von Smyrna heißt, und die beſtimmt iſt, die feindlichen Schiffe zu verhindern, ſich der Stadt zu naͤhern. Nach einer zehnſtuͤndigen Reiſe kommt man nach Smyrna, welches in der innerſten Vertiefung des Meerbuſens, dicht an dem Ufer und auf dem Ab⸗ hange einer Anhoͤhe liegt. Kein Ort in der Levante hat eine ſo außerſt gluͤck⸗ liche Page, um der Mittelpunkt eines sroßen, bluͤhen⸗ 247 den Handels zu ſeyn, als Smyrna. Die griechi⸗ ſchen Einwohner dieſer Stadt ſind außerordentlich thaͤtig, fleißig und hoͤflich; alle Frauenzimmer beſitzen eine außerordentliche Schoͤnheit und eine Menge lie⸗ benswuͤrdiger Eigenſchaften; dabei verſtehen ſie vor⸗ trefflich die Kunſt, durch eine ſchoͤne, reitzende und ſogar wrlluͤſtige Kleidung ihre Reitze noch zu erhoͤhen. Die Stadt wird haͤufig durch Erdbeben erſchuͤttert⸗ durch oͤftere Feuersbruͤnſte zerſtoͤrt, und von den Schreck⸗ niſſen der Peſt heimgeſucht. Auf dem Vorgebirge von Klein⸗Aſien, doel⸗ ches mit dem Kap Kara⸗Burnu, oder dem ſchwar⸗ zen Kap, die große und tiefe Rhede bildet, welche unter dem Namen Meerbuſen von Smyrna be⸗ kannt iſt, liegen zwei Orte, welche den Namen Fog⸗ gia oder Foglieri fuͤhren; der eine heißt Neu⸗ und der andere Alt⸗Foglieri. Dieſes iſt das alte Land der Phokaͤer, eines in dem ehemaligen Grie⸗ chenlande beruͤhmten Volkes. Von hier fuhren wir nach Metelin, einer der betraͤchtlichſten Inſeln im Archipel, welche nur vier Stunden von dem feſten Lande entfernt iſt. Im Al⸗ terthume hieß ſie Lesbos, und war außerſt beruͤhmt. Pytakos, einer der ſieben Weiſen Griechenlands, welcher ſein Vaterland von dem Joche der Tyrannei befreite, war zu Lesbos geboren; der Dichter Al⸗ kaͤus ſang daſelbſt ſeine Verſe, und Phrynis ver⸗ 248 ſertigte daſelbſt die melodiſchen Lieder, welche er wit ſeiner Lyra begleitete. Theoph raſt entwarf zuf Lesbos ſeine Charaktere, und alle gefuͤhlvollen See⸗ len ſchenken dem Ungluͤcke der ſchoͤnen und geiſtreichen Sappho, welche ebenfalls auf Lesb os lebte, Chraͤ⸗ nen des Mitleids. Die jetzige Stadt Metelin, auf den Ruinen der alten Mytilene, zeigt noch ſehr ſchoͤne Ueber⸗ bleibſel von der ehemaligen Pracht dieſer Stadt in der Umgegend. Der Hafen der Stadt iſt klein und ſchlecht. Die Inſel hat aber auch noch andere Hafen, unter welchen Sigri und Oliviere die beruͤhmte⸗ ſten ſind.— Die Inſel Metelin liegt nahe an den Kuͤſten von Natolien, nicht weit von dem Meerbuſen von Smyrna und von dem Kanal von Konſtantino⸗ pel, und wird durch dieſe gluͤckliche Lage außeror⸗ dentlich merkwuͤrdig. In dem Kanal zwiſchen der Inſel Metelin und dem feſten Lande, bei der Einfahrt in den Meerbuſen von Adramiti, liegen mehrere kleine Inſeln, wel⸗ che die Neugriechen Musconiſi oder Mioseo⸗ niſi nennen, und welche bei den Altgriechen Heka⸗ tonneſi, das iſt, Inſeln des Apollo, welcher auch Hekatos genannt ward, hießen. Sie ſind ſaͤmmtlich, wie die Infel Metelin, außerordentlich fruchtbar, beſonders an Oel und Wein. 249 Nach einem kurzen Aufenthalte auf der Inſel Metelin gingen wir wieder unter Segel, umfuhren das Kap Baba oder Kaba(das alte Lectum pro- montorium), und fuhren mit wenigen Segeln zwi⸗ ſchen den Inſeln Lemnos und Tenedos hin. Die erſte iſt betraͤchtlicher, als die zweite, und liegt von der Kuͤſte weiter entfernt. Zu Homers Zeiten war ſie dem Vulkan geweiht. Die Inſel iſt bergig, aber ſehr fruchtbar; ſie bringt beſonders ſehr viel Getreide, Baumwolle, Oel und Seide hervor. Die Art von Bolus(Lemniſche Erde) wird noch jetzt haͤufig auf der Inſel gewonnen. Die ganze oͤſtliche Kuͤſte von Lemnos iſt durch eine Sandbank, welche ſich bis 4 Stunden in die See erſtreckt, ganz unzugaͤnglich. Eigentliche Haͤfen gibt es nur auf der ſuͤdlichen Kuͤſte; nicht weit von einander entfernt ſind der Hafen Kadia und der Hafen St. Anton. Suͤdlich von Lemnos liegt eine kleine„ unbe⸗ deutende Inſel, welche die Neugriechen Agio Stra⸗ di nennen, und bei den Alten Hiera hieß. Die Inſel Denedos liegt an der Einfahrt in den Kanal der Dardanellen, und erzeugt vortrefflichen Wein. Bei der Einfahrt in die Meerenge der Dardanellen legten wir am Fuße des Kaps Greco, dem Janit⸗ ſcharen⸗Kap gegenuͤber, uns vor Anker. Als wir die neuen Schloͤſſer der Dardanellen, deren Er⸗ bauung Herr v. Dott beſorgt hat, verlaſſen hatten, 250 richteten wir unſern Lauf gegen die Inſel Thaſſus, und kamen bei der Inſel Imbros(Embro oder Lembro) vorbei. Sie enthaͤlt 8— 10 Stunden im Umfange, hat außerordentlich fruchtbare Thaͤler, und mit den ſchoͤn⸗ ſten Waldungen bedeckte Berge. 3 Eine Stunde nordwaͤrts von Imbros liegt die Inſel Samandraki mit einem Umkreiſe von acht Stunden; ſie iſt das Samothrazien der Alten. Die Inſel Thaſſus, die noͤrdlichſte im Archi⸗ pel, war durch ihre reichen Goldbergwerke außeror⸗ dentlich beruͤhmt, und erhielt von dieſen den Beina⸗ men Chryſos(Gold). Die Opale, Amethyſte und andere koſtbare Steine, welche noch den Reichthum der Inſel vergroͤßerten, findet man heute nicht mehr; dagegen noch den koͤſtlichen Marmor auf der Inſel, welchen die Roͤmer ſo hoch achteten, und der ſo weiß wie Schnee, und ſo feinkoͤrnig, wie der Pariſche war. Die meiſten Berge auf der Inſel beſtehen aus dieſem Marmor. Es iſt bemerkenswerth, daß die beiden griechiſchen Inſeln, welche den koſtbarſten Marmor enthalten, von einem und demſelben Volke bewohnt werden. Die Inſel Thaſſus bevoͤlkerten die Einwohner von Paros, und erbauten auch Thaſf⸗ ſus, die ehemalige Hauptſtadt, von welcher man noch Ruinen ſieht. Die Inſel hat ungefaͤhr zo Stun⸗ den im Umkreiſe, und bringt einen Ueberfluß an Ge⸗ treide, Oel, Wachs und andern Produkten hervor. 251 Der ehemals ſo geſchaͤtzte Wein von Thaſſus beſitzt jetzt die vorzuͤglichen Eigenſchaften nicht mehr, welche ihn ſo geſchaͤtzt und theuer machten. Einen koͤſtlichen Schatz beſitzt gegenwaͤrtig noch die Inſel an ihrem vielen, vortrefflich zum Schiffbaue geeignetem Holze. Die Gipfel und Seiten aller Berge ſind mit den ſchoͤn⸗ ſten Waldungen bedeckt, und die Baͤume erheben ſich mit ſtolzem Wuchſe uͤber die Wolken. Wenn jedoch die Tuͤrken fortfahren, ohne Verſtand und Ueberle⸗ gung dieſe Waldungen zu faͤllen, ſo wird auch dieſer Schatz bald erſchoͤpft ſeyn. Der noͤrdlichen Kuͤſte der Inſel Thaſſus gegen⸗ uͤber bildet das Vorgebirge Aſperoſa eine Vertie⸗ fung, in welcher die kleine Stadt La Kavala auf einem in das Meer vorſpringenden Felſen, welcher einige Aehnlichkeit mit einem Pferde hat, erbaut iſt. Die Inſel Thaſſus liegt bei der Einfahrt in einem ziemlich großen Meerbuſen, welcher den Na⸗ men Golfo di Conteſſa fuͤhrt, weil in der inner⸗ ſten Vertiefung deſſelben die Stadt dieſes Namens liegt. Die europaͤiſchen Seefahrer neunen dieſe Ver⸗ tiefung auch Meerbuſen von N hondina, von dem verdorbenen Namen der alten Stadt R hedina; die Griechen Meerbuſen von Orfano. Er iſt der Sinus Stagmomius der Alten. Von der Inſel Dhaſſus ſegelten wir gegen Monte Santo, an deſſen Fuße wir fuhren. Die Griechen nennen ihn guch Agioſoros; er iſt. der 252 Athos, welcher von zahlloſen, hoͤchſt unwiſſenden und fanatiſchen Moͤnchen bewohnt wird. Von hier weiter ſegelnd, fuhren wir queer durch die Einfahrt in dem Meerbuſen, welcher gleichfalls den Namen Monte Santo fuͤhrt, und bei den Alten Sinus Singitieus hieß. Wir umſegelten das Kap Dre⸗ pans, ehemals Derrispromontorium, welches mit dem Kap Bailluri, dem Canaſtraco Pro⸗ montorio der Alten, einen andern Meerbuſen bildet, der ehemals den Namen Sinus Toron eaicus fuͤhrte und jetzt von einer in ſeiner Vertiefung gelegenen klei⸗ nen Inſel der Meerbuſen Kaſſander heißt. Von hier fuhren wir in den aͤußerſt geraͤumigen und tiefen Meerbuſen von Salonichi, und warfen in dem Hafen dieſer großen Stadt die Anker.— XXIV. Die Stadt Salonichi, das alte Theſ⸗ ſalonich, noch jetzt die Hauptſtadt von Mazedo⸗ nien, und eine der volkreichſten und groͤßten Staͤdte im ganzen tuͤrkiſchen Reiche, hat in ihrer noͤrdlichen Breite 40⁰°, 44 10“ und in der Laͤnge 200, 28. Sie liegt ganz in dem Innern, jedoch etwas auf der oͤſt⸗ lichen Kuͤſte eines nach ihr genannten Meerbuſens, welcher ſich uͤber 20 Stunden in das Land erſtreckt, und eine 9 Stunden breite Einfahrt hat. Man ſieht daſelbſt noch viele Ueberreſte von alten Denkmaͤlern, und beſonders ſehr viele einzelne Stuͤcke von koſtbaren Gebaͤuden. Die Sophienkirche, von Juſtinian nach dem Muſter jener zu Konſtan tinopel erbaut, 253 iſt in eine Moſchee verwandelt. Auch gibt es daſelbſt⸗ wie in der Hauptſtadt, ein Schloß der ſieben Thürme. Der Anblick von Salonichi aus dem Hafen iſt ſehr angenehm; das Innere der Stadt iſt, wie beinahe in allen tuͤrkiſchen Staͤdten, elend. In den erſten Tagen nach unſerer Ankunft entſtand eine fuͤrch⸗ terliche Feuersbrunſt daſelbſt, welche beinahe die ganze Stadt in Aſche verwandelt haͤtte. Als Feſtung iſt Salonichi unbedeutend, dagegen aber wichtiger durch den unermeßlichen Handel, deſſen Mittelpunkt ſie aus⸗ macht, und der unter einer andern Regierung noch weit bluͤhender werden koͤnnte. Waͤhrend unſeres laͤngern Verweilens auf dieſer⸗ Rhede, faßte ich den Entſchluß, den beruͤhmten Olymp zu beſteigen. Am 10. Juli 1780 verließen wir die Fregatte, und traten die Reiſe dahin an. Ich entſchloß mich, als Arzt aufzutreten: denn bekannt⸗ lich ſteht die Kunſt, die Krankheiten der Menſchen zu erkennen und zu heilen, bei den Orientalen im hoͤch⸗ ſten Anſehen. Dieſe ſetzen ein außerordentliches Ver⸗ trauen in die Europaͤer, entweder weil ſie eine groͤ⸗ ßere Meinung von unſern Einſichten, als von denen ihrer Empyriker haben, oder weil ſie mit den aufge⸗ klaͤrteſten Nationen Europas die Thorheit gemein haben, daß ſie allem den Vorzug geben, was von der Ferne kommt. Wir mietheten ein kleines Fahrzeug, um uns auf 254 die weſtliche Kuͤſte des Meerbuſens uͤberfuͤhren zu laſſen. Die Trunkenheit unſerer Ruderknechte noͤ⸗ thigte mich, ſelbſt das Steuerruder zu ergreifen. Waͤh⸗ rend der Dunkelheit der Nacht fiel eine hohe Welle in das Schiff, und uͤberſchwemmte unſre beiden Trun⸗ kenbolde.— Mit Entzuͤcken erblickten wir mit Ta⸗ ges⸗Anbruche das reitzende Land, welches vor uns lag. Unſere Kleider trieften faſt alle von Seewaſſer und klebten auf der Haut feſt, die Kaͤlte, von wel⸗ cher wir durchdrungen waren, gab uns ein leidendes Anſehen, das zu unſerm ſchlechten Anzuge vollkom⸗ men paßte.. Nachdem es unſern Schiffern gegluͤckt war, ihr halb verfallenes Fahrzeug in eine kleine Bucht zu zie⸗ hen, begaben wir uns auf das eine halbe Stunde von der Kuͤſte entfernte Dorf Brumeriz es hat eine reitzende Lage, in einer ſehr fruchtbaren Ebene, und iſt gut gebaut. Die Doͤrfer in Mazedonien oder Albanien gewaͤhren einen aͤußerſt angenehmen An⸗ blick. Man glaubt wegen der vielen Baͤume, welche man auf der ganzen Strecke erblickt, einen großen Garten vor ſich zu ſehen. Alle Haͤuſer in dieſen Doͤr⸗ fern bewachen ein oder mehrere Hunde mit bewunde⸗ rungswerther Sorgfalt. Sie ſind ſehr ſchoͤn, außer⸗ ordentlich groß und ſtark, zugleich aber auch aͤußerſt boͤſe und tuͤckiſch. Die Einwohner von Vrumeri, ob ſie gleich ſaͤmmtlich Griechen ſind, haben in der That ein har⸗ 255 tes, wildes und grauſames Auſehen, wie es mir bei keiner von den verſchiedenen Voͤlkerſchaften dieſer Na⸗ tion, welche ich bisher beſucht hatte, noch jemals vorgekommen war. Das Oberhaupt des Dorfes war ein alter griechiſcher Pope, welcher viel verſprach und wenig hielt. Kaum in dem Dorfe angelaugt, wurden uns ſchon Kranke zur Behandlung uͤbergeben. Wir ließen Ader, fuͤhlten den Puls u. dergl., und ver⸗ ſchafften uns ein großes Anſehen.. Unſere Reiſe ging durch eines der ſchoͤnſten Laͤn⸗ der in der Welt, in welchem die Vegetation aͤußerſt kraͤftig und wirklich uͤppig, auch der Ackerbau ziemlich gut beſtellt iſt. Den Reichthum des Bodens vermeh⸗ ren Obſtbaͤume in Menge, bedecken mit ihrem kuͤhlen⸗ den Schatten das ganze Land, und dienen einer Menge Voͤgel aller Art, den gewoͤhnlichen Gefaͤhrden der Fruchtbarkeit zum Aufenthalte. Beſonders gibt es in der Naͤhe von Salonichi ſehr viele Stoͤrche. Nachdem wir den 11. Juli bei einer ſchrecklichen Hitze den ganzen Vormittag gegangen waren, ſo ka⸗ men wir gegen Mittag in das große Dorf Kathe⸗ rinn, welches die Reſidenz eines albaniſchen Fuͤrſten iſt. Er hatte ſich gegen die Pforte empoͤrt, ließ ſich nicht von uns ſehen, weil er Verrath befuͤrchtete, gab uns jedoch zwei Soldaten zu Begleitern. Nach Mit⸗ ternacht kamen wir in ein Dorf, welches am Fuße des Berges liegt, und von den Griechen Skala(Lei⸗ ter oder Stufe) genannt wird, weil man bei demſel⸗ 2⁵6 ben ſchon eine ziemliche Hoͤhe erreicht, der Berg aber, welcher ſich bis dahin nur allmaͤhlig erhoben hat, jen⸗ ſeits deſſelben ſteil und beſchwerlich wird. In dem griechiſchen Kloſter zu Skala wurden wir von den Moͤnchen ſehr gut aufgenommen. Zu Skala uͤberſieht man ſchon auf der einen Seite das Meer, die benachbarten Kuͤſten des Berges Athos, und zahlloſe Inſeln; auf der andern ſchweift der Blick uͤber die ſchoͤnen Ebenen von Mazedonien, in welchen einſt Philipp und Alexanden geherrſcht haben, die jetzt der Barbarei der Unwiſſenheit preis gegeben und durch Raub und Tyrannei zerruͤttet ſind. Die Waͤlder, welche das Kloſter von Skala umrin⸗ gen, beſtehen aus Fichten, Tannen, Eichen, Buchen ꝛc., und ſind mit wilden Schweinen, Hirſchen, Rehen, Baͤren und Voͤgeln verſchiedener Art bevoͤlkert. Die Nachricht von der Ankunft einer Bande Aufruͤhrer im Kloſter, ſetzte uns in nicht geringe Verlegenheit. Der Entſchluß zu fliehen, hatte uns die Verfolgungen und Mißhandlungen dieſer rauhen Krieger⸗Horde zugezo⸗ gen. Ermuthigt kehrte ich zuruͤck, ſtellte dem Aga die Urſache unſerer Reiſe vor, naͤmlich: daß wir fremde Aerzte ſeyen, und koſtbare Kraͤuter, welche nur auf dem Olymp wachſen, ſammeln wollten. Der Aga hatte zum Gluͤcke ein Geſchwuͤr am Beine; er ver⸗ traute ſich ſogleich meiner Behandlung an. Ich durfte ihn nicht mehr verlaſſen, ſondern mußte den ganzen 257 Abend bei ihm zubringen; wir rauchten Taback, und aßen mit einander zu Nacht. Auf die Nachricht bei den Soldaten dieſes Haͤupt⸗ lings, daß zwei fremde Aerzte angekommen ſeyen, ſchickte ich meinen Gefaͤhrten zu den Albantern, er machte aber ſeine Sache ſchlecht, und waͤre bald mit Schimpf abgezogen. Ich mußte mich nun im hoͤchſten Grade zuſammen nehmen, um nicht das naͤmliche Schickſal zu haben; allein ich war deſſen ungeachtet ſo gluͤcklich, daß man mich fuͤr einen aͤußerſt gelehr⸗ ten Arzt hielt. Am folgenden Tage ſetzten wir unſern Weg auf den Olymp fort, kehrten abermals in dem 3 Stun⸗ den vom vorigen Kloſter entfernten Kloſter des heil. Dionyß ein. Der Berg theilt ſich hier in mehrere ſenkrechte Felſen; das Gebaͤude liegt in der Mitte von himmelhohen, ſpitzig zulaufenden Klippen. Die Moͤn⸗ che zeigten uns in einer Grotte eine kleine Kapelle, welche der Heilige erbaut haben ſoll. Auch ſoll er eine Quelle durch ein Wunder vorgebracht haben, in⸗ dem er in der Noth nach friſchem Waſſer, nicht wie einſt Moſes mit dem Stabe, ſondern blos mit ſei⸗ ner Nachtmuͤtze gegen den Felſen geſchlagen hat. In der kleinen Kirche dieſes Kloſters haͤngt ein großer und ſchoͤner Kronleuchter aus Bronce, welcher in Teutſchland verfertigt worden iſt. Die kleine, aber ausgeſuchte Bibliothek von griechiſchen und lateiniſchen Werken, welche gleichfalls ſaͤmmtlich in Teutſchland 41ſtes B. Türkei. III. 3. 2 2 258 gedruckt wurden, beruͤhrt kein Menſch. Eine große und ſonſt gewoͤhnliche Schlaguhr erregt die Bewun⸗ derung des ganzen Bezirks. Oberhalb dieſes ganz einſam und in einer tiefen Wildniß liegenden Kloſters, gibt es keine menſchlichen Wohnungen mehr auf dem Olymp. Wir verſuchten den Gipfel zu erſteigen, kamen aber bald an unge⸗ heuere Maſſen von Schnee und Eis. Je hoͤher wir ſtiegen, deſto ſeltener wurden die Spuren von Vege⸗ tation; allein in einiger Entfernung von dem Gipfel des Berges bringt die Natur durchaus nichts mehr hervor; der Gipfel iſt ganz nackt, und ſtellt eine mit Schnee und Eis bedeckte runde Woͤlbung vor, auf welcher es unmoͤglich iſt, ſich aufrecht zu halten, oder gar zu gehen. XXV. Wenige Tage nach unſerer Ruͤckkehr von Olymp verließen wir auf einer Fregatte den Hafen von Salonichi, begruͤßten im Vorbeifahren noch einmal den Olymp, den alten Wohnſitz der Goͤtter und ſeine ehrwuͤrdigen Waͤlder, die wir eben beſucht hatten, fuhren um die Teufels⸗Inſeln, und ſteuerten gegen Suͤden. Dieſe Inſeln ſind ſehr klein und eigentlich bloße Klippen, die betraͤchtlichſte unter denſelben fuͤhrt den Namen Jura. Letztere und ei⸗ nige andere noch kleinere und ebenfalls ganz unbe⸗ wohnte Inſeln liegen nahe bei der etwas groͤßern, aber unbedeutenden Inſel Palagntſi, die alte Pe⸗ parethus. Das Oel und der Wein, welche auf 259 ihr wachſen, wurden fuͤr vorzuͤglich gut gehalten. Die Kuͤſten ſehen wegen der vielen Ausſchnitte ganz zackig aus. In den beiden kleinen Inſeln Serakino und und Dromi finden die Seefahrer einen bequemen Waſſerplatz. Zwiſchen ihnen und der Inſel Sko⸗ poli liegt in der Mitte des Meeres ein großer Berg, welcher den Namen St. Elias fuͤhrt. Noch meh⸗ rere andere ſehr hohe Berge in Griechenland fuͤhren dieſen Namen. Scopoli, zuweilen Scopelo, das alte Scopelos, iſt die vorzuͤglichſte unter dieſer Inſel⸗Gruppe, und liegt ſchon ſehr nahe an dem fe⸗ ſten Lande von Griechenland. Sie iſt ſehr frucht⸗ bar, ihr Wein noch jetzt einer der beſten im Archipel; nur ſchmeckt er ſehr nach Theer. Bei der Stadt auf der Inſel iſt zwar ein ziemlich tiefer, aber un ſicheyer Hafen. Die letzte unter dieſen Inſeln, oder vielmehr die⸗ ſen Truͤmmern des griechiſchen Feſtlandes iſt die zu⸗ naͤchſt an der Kuͤſte gelegene Inſel Skiatbo, welche ein etwa 2 Stunden breiter Kanal von S copoli trennt. 8 Wir ſegelten zwiſchen den Inſeln Skiro und Ipſara. Erſtere iſt das alte Koͤnigreich des Dio⸗ 260— medes, und beruͤhmt durch Achilles Liebes⸗Ge⸗ ſchichte mit Deidamia. Jetzt iſt ſie nichts mehr, als ein Schauplatz von Elend mit den Spuren eini⸗ ger alten Pracht⸗Gebaͤude.. Die bedeutende Inſel An dros, welche vorwaͤrts vor der Halbinſel Egripos, gewoͤhnlich Negropont genannt, liegt, erſtreckt ſich, wie dieſe, gegen Suͤd, und iſt ganz unverkennbar eine Fortſetzung von dem Kap Dorro. Sie hing mit der Inſel Tine zuſam⸗ men, und dieſe wieder mit Mykone. Die Inſel Andros iſ, wie ſchon Strabo bemerkt hat, durch die Fruchtbarkeit ihres Bodens und durch die vorzuͤg⸗ liche Guͤte ihrer Produkte eine der merkwuͤrdigſten Inſeln im Archipel, welcher nichts als ein guter Ha⸗ fen und eine vernuͤnftige Regierung fehlt. Wir fuhren zwiſchen dieſen Inſeln und dem Kap Doro, ließen die kleine Inſel Jura, ehemals Gya⸗ rus, in welche die Roͤmer ihre Miſſethaͤter zu ver⸗ bannen pflegten, und etwas weiter die Inſel Syra, deren Einwohner ſaͤmmtlich katholiſch ſind, zu unſe⸗ rer Linken liegen, und ſegelten dann durch die lange Reihe von Inſeln, welche ſich von dem Kap Ko⸗ lonna ſehr weit in das Meer erſtrecken. Endlich war⸗ fen wir in dem Meerbuſen von Napoli, vor der Stadt dieſes Namens, welche gewoͤhnlich Napoli di Romania heißt, auf der Kuͤſte von Morea, die Anker. Die Stadt und der Hafen werden durch eine ungebeuer hohe Feſtung, welche das Werk der Vee 261 netianer iſt, vertheidigt. Sie iſt eine von den Staͤdten der Levante, in welchen der Handel am mei⸗ ſten bluͤht. Die Schiffe laden hier, wie uͤberhaupt auf der ganzen Kuͤſte von Morea, eine ungeheuere Menge Oel. Die Oliven⸗Baͤume machen den vor⸗ nehmſten Reichthum dieſes Landes aus. Von dem alten Argos findet man keine Spur mehr; denn die Zeit und Menſchen haben gewetteiſert, ſie zu zernichten, und alle Merkmale ihres Daſeyns zu vertilgen. Von Napoli di Romanta begaben wir uns auf die Inſel Malta, und von da nach dem Hafen von Toulon, wo wir am 18. Oktober 178o einliefen, nachdem ich beinahe 4 Jahre mit ununterbrochenen Reiſen in groͤßtentheils wenig bekannten Laͤndern zu⸗ gebracht hatte. Murhard's Beſchreibung von Konſtan⸗ tinopel*) im J. 1800. Erſter Theil. 1. Die unvergleichliche Lage Konſta ntino⸗ pels bietet dem Beſchauer eine bezaubernde Fuͤlle von *) Konſtantinopel und Petersburg. Der Orient und der Norden. Eine Zeitſchrift, her⸗ gusgeg. von H. v. Reimers und F. M u r⸗ hard. St. Petersburg u. Penig bei F. Die⸗ nemann u. Comp. 1805/6. 8. 7 Baͤnde. Friedrich Murhard, geb. zu Kaſſel 1. Dez. 1779, unterrichtet vorzuͤglich in vrien⸗ taliſchen Sprachen, reiſte 1799 ber Ungarn und Varna nach Konſtantinopel, und kehrte uͤber den griechiſchen Archipel und Trieſt nach Wien und Kagſſel zuruͤck. Nach einer andern Reiſe durch einen Theil Italiens, der Schweiz, Frank⸗ reich und Holland wurde er Redakteur des off⸗ ziellen weſthaͤliſchen Monzteurs und Prafektur⸗ 263 Reitzen dar; von welchem Standpunkte man dieſe Hauptſtadt betrachtet, wird ſie immer die Seele mit Bewunderung erfuͤllen. Doch den herrlichſten Anblick erhaͤlt man, wenn man den Leanders⸗Churm zum Mittelpunkte ſeiner Forſchungen macht, und ſeine ſtaunenden Blicke uͤber den unermeßlichen Goͤtter Gar⸗ ten hingleiten laͤßt. 3 Man befindet ſich daſelbſt gerade in der Mitte dreier großer Meeres⸗Arme; einer kommt von Nord⸗ Oſt, der andere iſt gegen Nord⸗Weſt, und der dritte, durch das Gewaͤſſer von beiden gebildet, ergießt ſich gegen Suͤd in den Propontis. Alle 3 Meeres⸗Arme beſpuͤhlen auf beiden Seiten, ſoweit die Blicke nur reichen koͤnnen, Landſchaften, welche ſich majeſtaͤtiſch uͤber die ſchoͤne Flaͤche des See⸗Spiegels erheben, und Rath des Fulda⸗Deyartements zu Kaſſel. Nach der Aufloſung des Koͤnigreichs Weſphalen zog er ſich in ſeiner wohlhabenden Unabhaͤngigkeit uach Frankfurt zuruͤck, wo er ſeit 1821 Poſſelts Annalen mit großer Freimuͤthigkeit fortſetzte, bis er durch Mißverſtaͤndniſſe auf einer Reiſe durch Hanau auf 6 Monate verhaftet wurde. Nach 6 1/2 Monaten wurde er aus dem Gefaͤng⸗ niſſe gegen Kaution entlaſſen, und ſeiner vori⸗ gen Fretheit wieder gegeben, in welcher er mit ſeinem Bruder bis jetzt fortlebte.(Mehr findet ſich in Meuſel's gel. Teutſchland, und in Brock⸗ haus Kom. Lex. VI. Aufl. Bd. XII. 1, 393.) (Jaͤck.) 264 auf welchen zahlloſe Huͤgel mit großen und kleinen Staͤdten, mit Schloͤſſern, Gaͤrten, Kiosken, Hainen und Thuͤrmen bedeckt, dem Auge entgegen leuchten. Jemehr dieſe Kanaͤle der Stadt ſich naͤhern, deſto mehr vergroͤßert ſich die faſt unendliche, aber in jedem Betrachte unuͤberſehbare, Zahl von Gebaͤuden und Anlagen. Ueber alle dieſe zahlloſen Werke der Kunſt und der Natur ragen in unglaublicher Menge meiſt vergoldete Dome, Kuppeln, Thuͤrme, Minarets, hohe Gallerien, Tempel und Pallaͤſte empor, welche koͤnig⸗ lich ihre ſeltſam geſchmuͤckten Haͤupter von unendli⸗ chen Formen und namenloſen Geſtalten in die Luft ſtrecken, und unzaͤhliche bunt gemalte morgenlaͤndi⸗ ſche Haͤuſer, und mit Zypreſſen und andern Baͤumen bepflanzte Gaͤrten beſchatten, welche ſich unter ihnen in unabſehbaren Labyrinthen hinſtrecken. Die Menge von Fahrzeugen und Schiffen, welche rund um den praͤchtigen, hellſchimmernden Hafen ei⸗ nen in der Mitte offenen Kranz bilden, und eine au⸗ berordentliche Anzahl von Sſchaiken, Gondeln, Bar⸗ ken und kleinen Schiffen, durchkreutzen ſich von allen Seiten und nach allen Richtungen, theils mit Segeln, theils mit Rudern, und gewaͤhren den Anblick eines glaͤnzenden See⸗Treffens. Von den Hoͤhen des alten Byzanz kann man mit einem Blicke die beiden ſchoͤnſten und maͤchtigſten Erdtheile umſpannen, und in einer Viertelſtunde ſeine Befehle von Europa nach Aſien uͤberſenden. Die — 265 — unendliche Fuͤlle von Gaben der Natur auf dieſem Erdſtriche brachte den Kaiſer Juſtinian auf die Neinung, daß die Meuſchen einen ſo reitzenden Ort, wie Konſtantinopel, nie voͤllig zerſtoͤren und ver⸗ laſſen koͤnnten, und nannte ſie deßwegen die ewige Stadt(urbis acterna). Konſtantinopel, oder bei den Morgenlaͤndern Stambul, Iſtambul oder Islambul, am Thra⸗ ziſchen Golfe, liegt im 40° 4* 27“ noͤrdlicher Breite und 260 35, der Laͤnge auf der ganzen breiten Erd⸗ zunge, welche in Form eines ſpitzigen, auf dem Schei⸗ tel nur abgeſtumpften Dreiecks, am Ausfluſſe des Ka⸗ nals des ſchwarzen Meeres, in das Meer von Mar⸗ mora hervor ragt, und mit dem gegenuͤber liegenden Theile des Feſtlandes von Europa, welcher eben da⸗ durch gleichfalls eine Halbinſel wird, den ſchoͤnſten, geraͤumigſten und bequemſten Hafen der Welt bildet. Grelot gibt den Umfang des eigentlichen Stam⸗ bul auf ungefaͤhr 4 Lieues an. Nach Bjo ernſtahl ſind von den 7 Thuͤrmen bis zur Moſchee Top⸗ Dſchamiie in gerader Linie 14,07s Fuß. Niebuhr, welcher alle Seiten der Stadt mit einer kleinen Bouſ⸗ ſole und ſeinen eigenen Schritten gemeſſen hat, ſetzt den Umfang der eigentlichen Stadt auf 6000 Schritte; dieſes iſt aber vielleicht nur von der Land⸗Seite zu veerſtehen.. 3 Die Anzahl der Thore belauft ſich jetzt auf 25; fieben befinden ſich auf der Landſeite, ſieben gegen 266 das Meer von Marmora, und eilf am Hafen. Die Menge der Haͤuſer am Bosporus wird von dem Fuͤrſten Kantemir uͤberhaupt auf 400,000 an⸗ gegeben, die der Kirchen, Moſcheen und Oſchamien ſchaͤtzt man auf 5— 6000. Ganz Konſtantinopel iſt mit hohen und ſtar⸗ ken Mauern umgeben. Auf der Landſeite zwiſchen den 7 Thuͤrmen und der Vorſtadt Ejub ſind ſie doppelt, und ſtehen ungefaͤhr 20 Schuhe von einander ab. Beide trennt ein ſteil ausgeſtochener, ungefaͤhr 28 Schuhe breiter Graben, uͤber welchen von den Thoren mehrere Bruͤcken fuͤhren. Der groͤßte Theil der Mauern be⸗ ſteht aus großen gehauenen, der uͤbrige aber aus Zie⸗ gelſteinen. Beide Mauern ſind ihres hohen Alters un⸗ geachtet noch gut erhalten. Die Schießſcharten, Kour⸗ tinen und uͤbrigen Oeffnungen in den Thuͤrmen, dem Aufenthaltsorte der Stadtwachen, ſind gleichfalls gut angebracht. An den Zinnen der Thuͤrme erkennt man gleichfalls ihr hohes Alter. Arvieux gagt, ein Fuß⸗ gaͤnger habe 4— Stunden noͤthig, dieſe Mauern zu umgehen. Die Mauern auf den beiden andern Seiten am Waſſer ſind nicht doppelt, auch nicht ſo hoch und ſtark, wie die auf der Landſeite, ſcheinen ſchlecht erhalten und vernachlaͤſſigt zu ſeyn. Die Thuͤrme ſtehen im⸗ mer in ziemlichen Entfernungen von einander. Auf dieſen beiden iſt es nicht moͤglich, die Stadt in allen Orten zu umgehen. 267 II. Kein Theil der Stadt Konſtantin's zieht die Aufmerkſamkeit des Fremden ſo ſehr auf ſich, und keiner verdient es vielleicht in dem hohen Grade, als das Serail des Groß⸗Sultans. Es liegt gegen den Aufgang der Sonne, an dem oͤſtlichen Ende von Kon⸗ ſtantinopel auf einer Landſpitze, wo der Hafen mit den Gewaͤſſern des Bosporus ſich vereinigt, in Geſtalt eines ungleichſeitigen Dreiecks, und ſchließt die ganze Hoͤhe eines Huͤgels, und die Ebene unter demſelben, welcher von der Sophien⸗Kirche bis an das Meer reicht, in ſich. Muhamed Il., wel⸗ cher 1433 Konſtantinopel den Griechen mit ſtuͤr⸗ mender Hand entriß, verließ, durch die Annehmlich⸗ keit dieſes Platzes gereitzt, das alte, in der Mitte der Stadt liegende Serail, Eski⸗Serai, und legte 147s den Grund zu dem neuen, welches der beſtaͤn⸗ dige Wohnſitz der tuͤrkiſchen Sultane geblieben iſt. Die Ausſicht vom Serail iſt entzuͤckend. Gegen Suͤd⸗Oſt erblickt man den Meerbuſen von Nizaͤg⸗ die Geſtade von Aſien und Seutgri, die reitzen⸗ den Gegenden des Bosporus, und die Vorſtaͤdte Pera, Galata, Topana und Fondukli ſifen⸗ weiſe jenſeits des Hafen an Bergen. Auf der einen Seite hat man die unendliche Ausſicht uͤber den Pro⸗ vontis; auf der andern den ſchimmernden Hafen mit ſeinen taufend Mannigfaltigkeiten. Die Serails⸗Gebaͤude ſind auf der erhabenſten Spitze errichtet, und gehen theils auf die vielen Gaͤr⸗ 268 ten, welche abhaͤngig nach den Geſtaden angelegt ſind, theils gegen die Gewaͤſſer beider am Ecke dieſes Zau⸗ berſitzes zuſammen ſtoßenden Meere. Dieſe beruͤhmte Reſidenz beſteht in einer Menge von Gebaͤuden und Pavillons, welche von den türkiſchen Sultanen nach und nach, entweder nach ihren Einfaͤllen, oder nach dem Geſchmacke verſchiedener Guͤnſtlinge und Favori⸗ tinnen aufgefuͤhrt wurden. Wegen des Geſchmackes der vielen Baumeiſter und wegen der verſchiedenen Wuͤnſche der Sultane vermißt man jene edle Harmo⸗ nie und Einfalt, die ein Kunſtwerk bezeichnen, wel: ches nach einem beſtimmten Entwurfe mit Einheit und Feſtigkeit angelegt, auf einen bleibenden Punkt der Anſicht berechnet wurde. Das Serail bildet den oͤſtlichſten Theil der Hauptſtadt der Tuͤrken, und kann ſchon an und fuͤr ſich als eine kleine Stadt angeſehen werden. Auf der Landſeite ſtoͤßt es dicht an das uͤb⸗ rige Konſtantinopel, und wird nur durch eine dicke Mauer von demſelben getrennt. Der Umfang deſſelben betraͤgt drei Viertel, bis eine teutſche Meile. Die ſtarken Mauern haben auf der Seeſeite viereckige, auf der Stadtſeite runde Thuͤrme. In dieſen halten beſtaͤndig theils Amazoglans, oder Agem⸗Oglani, theils Boſtandſchi Wache, damit Niemand, weder auf der See, noch auf der Landſeite zu ſehr dem Serail ſich naͤhere. Die von Steinen aufgefuͤhrte Bruͤſtung, auf wel⸗ cher die Serails⸗Batterien ſich befinden, geht rund 269 um die Reſidenz. Die Kanonen liegen ohne Lavetten, und ſo geſtellt, daß ſie dem Waſſer gleich ſchießen. Ihre Anzahl mag ſich auf 40— 50 belaufen; ihre Groͤße iſt verſchieden. Obgleich alle geladen ſind, ſo wird doch nur bei beſondern Gelegenheiten Feuer daraus gegeben. Dieſe ſind vorzuͤglich große religioͤſe und po⸗ litiſche Feſte, z. B. die erſten Tage des Beirams; die Nachricht von der Eroberung eines Landes u. ſ. w. Außerdem wird von dieſen Batterien der Tod der in dem Serail Hingerichteten der Stadt verkuͤndet, in⸗ dem naͤmlich dem Herabſturze des Leichnams aus den Fenſtern des Serails ein Kanonenſchuß als Todten⸗ Feier nachfolgt. Auch werden feindliche Schiffe hier mit einer feindlichen Ladung begruͤßt. Außer dieſen Galata und Skutari gegenuͤber aufgerichteten und ſtark mit Geſchuͤtz bepflanzten Schan⸗ zen hat das Serail noch eine beſondere kleine Batteri⸗ auf einem erhabenen, ungefaͤhr s Klaſter breiten Platze, der die Laͤnge des Pallaſtes und der Geſtade beſtreichen kann. Die hier befindlichen Kanonen ſind gleichfalls immer geladen. III. Um das Aeußere des Serails noch genauer kennen zu lernen, fahre man von den ſieben Thuͤrmen ab, und rudere laͤngs der Geſtade um die Waßferſeiten des kaiſerlichen Palaſtes. Man befindet ſich mit ei⸗ nem leichten Schiffchen auf den Gewaͤſſern des Pro⸗ dontis, und hat waͤhrend der ganzen Zeit Kon⸗ ſtantinopel zur Linken, rechts die Ausſicht auf eine 270 unendliche Meeresflaͤche, welche in weiter Ferne au einem Orte durch die Prinzen⸗Inſeln begraͤnzt iſt, welche ſich gleich kleinen unmerklichen Huͤgeln aus der See zu erheben ſcheinen. So lange man noch die Stadt zur Seite hat, kann man ſich ſo nahe an den Ufern halten, als man will; bei dem Aufang des Se⸗ rail⸗Gebietes muß man ſich eine betraͤchtliche Strecke von den Geſtaden entfernen. 1— Von den ſieben Thuͤrmen bis zur aͤußerſten Spitze der in das Meer ſich ſtreckenden Landzunge, ehemals Akropolis genannt, ſind die Grundveſten der Stadt und Serails⸗Mauern durch außerordentlich große Stein⸗ ſtuͤcke, welche unordentlich auf einander gehaͤuft, ei⸗ nen ſtarken Damm gegen den Andrang der Wellen bilden, verſtaͤrkt. Bei dem Serail ſcheint alles ſtille und oͤde; kaum daß hier und da ein Schiffchen mit Boſtandſchis anlandet; oder daß ſich an manchen Or⸗ ten Wachen und Verſchnittene zeigen. Bei dem Anfange der Serails⸗Mauern ſtoͤßt man auf einen praͤchtigen Kiosk, welcher alle andern am Ufer aufgebauten der k. Reſidenz an Hoͤhe und Groͤße uͤbertrifft. Er ſteht auf ſchoͤnen Schwibbogen, und faßt drei anſehnliche, koſtbar ausgeſchmuͤckte Saͤle in ſich, welche mit vergoldeten Kuppeln bedeckt ſind. Das Innere iſt mit verſchiedenen Porphyr und Mar⸗ mor⸗Arten belegt, und zugleich eine Menge Schnitz⸗ werk von Gold angebracht. Gewoͤhnlich ſind die 271 Fenſter durch hoͤlzerne, wohlverzierte Gitterwerke ver⸗ ſchloſſen. Dieſer Ort gewaͤhrt wegen ſeiner Erhabenheit eine weite Ausſicht auf den Bosporus, den Propon⸗ tis und einen Theil der Stadt. Zuweilen beluſtigt ſich hier der Sultan mit ſeinen Frauen und Stum⸗ men. Verdeckte Gaͤnge fuͤhren durch die Gaͤrten aus dem Harem nach dieſem einen Ende des Pallaſtes. Durch die Fenſter kann man inwendig alles ſehen, was Außen vorgeht, ohne daß man ſelbſt geſehen wird. Dieſer Kiosk fuͤhrt den Namen Kiosk des Bo⸗ ſtanſchi⸗Baſchi, eines der vornehmſten Großen des Serails, theils weil er hier einen Ausgang aus dem Pallaſte hat, theils weil er ſich hier oft aufhalten muß, um AOcht zu haben, was ſowohl in der k. Reſi⸗ denz, als auch auf den Meeren, von welchen ſie um⸗ geben iſt, vorgeht. 3 An einer Mauer kann man angezeichnete Kreuze bemerken, ein Beweis, daß hier ehemals ein chriſtli⸗ ches Gebaͤude geſtanden ſeyn muͤſſe. In der Naͤhe die⸗ ſes Ortes werden durch ein großes Fenſter die Er⸗ droſſelten aus dem Serail in das Meer geworfen. Wenn man von Konſtantinopel nach dieſer Süd⸗ Oſtſpitze des Serails kommt, ſo erſcheint dieſes als ein Haufe ohne Ordnung, Symmetrie und Regelmaͤ⸗ bigkeit zuſammen gefuͤgter Gebaͤude, welche theils groß, theils klein, theils mit Terraſſen, theils mit Domen und Thuͤrmen verſehen ſind, und zwiſchen 272 denen ſich Gaͤrten und Haine zeigen. Die hohen Mauern benehmen hier die Ausſicht.. Der Platz von Konſtantinopel, vor dem Pa⸗ villon des Boſtandſchi⸗Baſchi, bildet theils einen Kay, theils iſt er hin und wieder mit Zypreſſen bepflanzt, welche den Anfang der Serails⸗Gebaͤude noch mehr verſtecken. Auf demſelben befindet ſich ein großer Springbrunnen, bei dem das Waſſer aus s Loͤchern eines Felſen in ein breites Becken faͤllt, und große Bogen bei ſeinem Sturze macht. Dieſen Fontaines ſchreiben die Griechen zu Konſtantinopel eine große Heilkraft zu. Jaͤhrlich am Tage der Ver⸗ klaͤrung verſammeln ſie ſich da in außerordentlicher Menge, und begehen die laͤcherlichſten Zeremonien. Sie lagern ſich um den heiligen Brunnen und trinken das Waſſer deſſelben unter vielen Gebeten und Kreuzigungen. Der Genuß dieſes Waſſers ſoll die Geſunden vor anſteckenden Seuchen bewahren. An Fieberkranken, erzaͤhlt man, wirke dieſes Waſſer wahre Wunder. Hier herrſcht ein ſonderbarer Gebrauch. Man macht tiefe Loͤcher, jedes von der Hoͤhe eines Mannes, und ſtellt in dieſelben die Kranken ſo, daß der obere Rand des Loches ihnen bis an den Hals reicht. Sorgfaͤltig werden dann alle Oeffnungen auf dem Boden mit Sand ſo verſtopft, daß man von dem Koͤrper nichts als den Kopf erblickt. Die Griechen laufen herum mit Gefaͤßen voll heiligen Waſſers, ſchlagen Kreuze, ſtammeln Gebete, und glauben den · 273— Kranken nicht genug Waſſer eingießen zu koͤnnen. Zu⸗ weilen waͤſcht man ihnen auch das Geſicht und den Scheitel. 4 IV. Von dem Kiosk des Boſtanſchi⸗Baſchi kann man dieſes religioͤſe Schauſpiel der Griechen auf dem Stadtplatze bei dem Agiasma,(dieſes iſt die Benennung der Fontaine bei den Neugriechen) genau betrachten; deßwegen verſaͤumt der Sultan ſelten, ſich an dieſem Tage einige Stunden einzufinden, und un⸗ bemerkt alles anzuſehen. 4 Links von der Suͤd⸗Oſtſpitze des Kiosk, weiter nach der Akropolis, bemerkt man lange Zeit an den Geſtaden nichts, als hohe Mauern und Thuͤrme, endlich aber kommt man an die Batterien. Hier er⸗ ſcheinen die inneren Gebaͤude des Serails meiſtens niedrig, eines aber von betraͤchtlichem Umfange und anſehnlicher Groͤße faͤllt beſonders in das Auge. Es iſt hoch, ragt ſtark uͤber die andern hervor, und hat, ganz aus Quaderſteinen aufgefuͤhrt, drei Reihen Fen⸗ ſter uͤber einander. Neben demſelben finden ſich viele kleine, wohl verzierte morgenlaͤndiſche Palaͤſte, mei⸗ ſtens mit Blei gedeckt, deren obere Verzierungen ſtark vergoldet ſind, und grell gegen die weißen Steine, aus welchen alle andern Cheile beſtehen, abſtechen. Ei⸗ nen ſehr angenehmen Anblick gewaͤhren die vielen Schornſteine mit vergoldeten Pyramiden, und die mit Kuppeln verſehenen Pavillons oben auf den platten 4Iſtes B. Türkel. III. 3. 5 9 274 Daͤchern der Gebaͤude, und die vergoldeten Gallerien und Treppen, welche von ihnen abfuͤhren. Nach der Zuruͤcklegung der Haͤlfte der Batterien ſieht man an der aͤußerſten oͤſtlichen Serail⸗Spitze ei⸗ nes der 4 Hauptthore des Palaſtes, das ſo genannte Garten⸗Thor(Boſtan⸗Kapl). Zwei hohe Thuͤrme, rund mit Pavillons verſehen, umgeben daſſelbe. Au⸗ ßerhalb der Mauern wird es auf dem Kay von meh⸗ reren Zypreſſen⸗Baͤumen umſchattet. Unter dieſen Thuͤrmen bewachen Tag und Nacht zwei Haufen Boſtanſchis den Eingang des katſerlichen Palaſtes von der Meeres⸗Seite. Nur einige vor⸗ nehme Offiziere und Große des Serails werden durch dieſes Thor eingelaſſen. Wenn der Sultan mit ſeinen Favoritinnen und Odaliken von hier eine Fahrt auf den Kanal macht, ſo nehmen ſchwarze Verſchnittene die Stelle der Boſtanſchis ein. Um das Vorgebirge, Serai Burnu von den Tuͤrken genannt, welches die oͤſtliche Serail⸗Spitze bildet, und links von der andern Haͤlfte der Batterien, ſegelt man an einem langen Kay weg, welcher ſich außerhalb der hier ſtark bewachten Mauern und Thuͤr⸗ me befindet, und mit Baͤumen bepflanzt iſt. Ein Brunnen ſuͤßen Waſſers, welcher aus dem Serail 3 kommt, ergießt ſich hier in das Meer. Weiter hin ſind 8— niedrige verdeckte Remiſen, gleichfalls auf dem Kay außerhalb der Serail⸗Mauern. In denſelben ſtehen die Tſchaiken, Brigantinen und 275 Luſtſchiffe des Sultans mit Moresken und orientali⸗ ſchen Zierrathen uͤberladen, entweder gemalt oder ſtark vergoldet; bei vielen ſtrahlen ſogar die Ruder, die Segelſtangen und die Schiffs⸗Hacken vom Glanze des Goldes. Nach den Schiffe⸗Remiſen folgt der große Kiosk, welchen Sultan Soliman an den Geſtaden des Se⸗ rails aufbauen ließ, um mit ſeinen Odaliken das Ein⸗ und Auslaufen ſeiner Flotte ſehen zu koͤnnen. Er iſ in die Laͤnge gebaut, und von mehreren Erkern um⸗ geben. Inwendig befinden ſich drei große Salons nebſt vielen Nebengemaͤchern, welche mit einer Menge kleiner goldener Kuppeln bedeckt ſind. Das Geſimſe und die Waͤnde ſind praͤchtig dekorirt, die Divans und der Fußboden mit reichen Gold⸗ und Silberbrokaten, mit perſiſchen Teppichen und oſtindiſchen Muſſelinen belegt. Verdeckte Gaͤnge fuͤhren aus dem Harem zu dieſem Kiosk. Den Schluͤſſel zu dem innern Thore hat der Kislar Aga, und ohne ſeine Erlaubniß kann ſich keine Odalike in dieſem Gebaude einfinden. Nur durch einen Thurm und ein Stuͤck Mauer getrennt, ſteht von dieſem nach Weſten ein anderer weit praͤchtigerer Kiosk, gleichfalls vom Sultan So⸗ liman erbaut. Jener heißt Sina nkiosk, dieſer Ha⸗ leikiosk, weil hier der Groß⸗Sultan ausfaͤhrt, wenn er mit Schiffen einen glaͤnzenden Zug irgend wohin machen will. Das Hauptgebaͤude beſteht in einem großen runden Saale, uͤber deſſen weiten Dome ein 276 zweiter weit kleinerer ſich erhebt, welcher das Dach eines ſchoͤn verzierten Thuͤrmchens bildet. Der Haleikiosk liegt weit tiefer und naͤher am Waſſer, als der Sinankiosk, und iſt weit freier und luftiger als dieſer. Vorzuͤglich ſehenswuͤrdig ſind die 12 großen Marmor⸗Saͤulen, auf welchen dieſes Gebaͤude ruht; das Schnitzwerk an den Fußgeſtellen und Geſimſen iſt aͤcht arabiſch und griechiſch in bun⸗ ter Vermiſchung. Die Malereien nach perſiſcher Art, die getaͤfelten Seitenwaͤnde und viele andere Dinge ſind hier von ausgezeichueter Schoͤnheit. Nicht weit von Haleikiosk ſchlaͤngeln ſich die Mauern des Serail in einer krummen Biegung nach Suͤd, waͤhrend ſich die Mauern der Stadt in gerader Linie, faſt mit den Serails⸗Mauern auf der Nord⸗ ſeite, nach Abend ziehen, und mit den Mauern, welche die Weſtſeite der kaiſerlichen Reſidenz umgeben, einen ſpitzigen Winkel bilden. Noch ehe man hierher ge⸗ langt, beſchatten am Kay*) viele Baͤume die kleinen mit Mauerwerk umgebenen Haͤuſer, in welchen ſich gleichfalls einige Wachen befinden. Die Menge dieſer Haͤuſer außerhalb der Mauern und nahe am Meer⸗ nimmt zu, je mehr man die Stadt zur Seite bekommt, und ſcheint endlich eine kleine Vorſtadt zu bilden. 5 Kay's ſind Markt⸗Plaͤtze vor allen Thoren zur Bequemlichkeit der Stadt. 277 V. Die Sophien⸗Kirche, von deren Lobes⸗ erhebungen die byzantiniſchen Schriftſteller ſo voll ſind, daß ſie dieſelbe oft einen irdiſchen Himmel, einen Wohnort der Engel, und Gottes ſelbſt nennen, wird mit Recht zu einer der erſten Merkwuͤrdigkeiten der Hauptſtadt der Osmanen ge⸗ rechnet. Sie wurde vom Kaiſer Juſtinian erbaut; Porphyr und Granit, Marmor aus drei Welttheilen, edle Metalle, Perlen und koſtbare Steine in unbe⸗ wueſhee Menge wurden daran verſchwendet. Sieb⸗ zehn Jahre ſollen alle Einkuͤnfte aus Aegypten auf dieſen Bau verwendet worden ſeyn; die große ſilberne Saͤule des Theodoſius, 1400 Pfund ſchwer, mußte in den Schmelz⸗Tiegel geworfen werden; 8 Porphyr⸗ Saͤulen aus Aurelians Tempel der Sonne, brachte eine roͤmiſche Dame zum Geſchenke; 8 andere des ho⸗ hen Alterthums von gruͤnem Jaspis, welche einſt das Dach des Tempels der Diane trugen, ſchenkte der Magiſtrat von Epheſus; Klein⸗Aſien, die In⸗ ſeln des Archipel, ſelbſt Galliens entfernte Provinzen mußten manche ihrer Zierden zu Juſti⸗ nians Werk hergeben. Eine Menge bleierner Roͤh⸗ ren wurden eingeſchmolzen zur Bekleidung der Daͤcher und Kuppel; viele oͤffentliche Beſoldungen und milde Stiftungen eingezogen, um dieſes Wunderwerk(man gibt 320,000 Pfund Goldes als Bauſumme an) zu ſei⸗ ner Groͤße und Majeſtaͤt zu bringen. Da konnte der Kaiſer, ſtolz auf ſein Werk herab blickend, ſagen: 278 „Ich habe dich beſiegt(uͤbertroffen), Salomo!“ (e)„ LaxCuεοα 2u1). Anthemius von Tralles, den groͤßten Me⸗ chaniker und Architekten ſeines Zeitalters, deſſen Ge⸗ nie den Tempel erſchuf, raubte der Tod, da er kaum den erſten Grund des Gebaͤudes gelegt hatte. Obgleich andere geſchickte Baumeiſter den Bau uͤbernahmen, ſo konnte dieſer doch nicht mit der Vollkommenheit vol⸗ lendet werden, mit welcher er angefangen worden war; indeſſen verdient Iſidor von Milet, welcher die oberſte Leitung fuͤhrte, Ruhm. Bei dem ganzen Baue ward nicht ein Stuͤckchen Holz angewandt, außer an Orten, wo es unvermeid⸗ lich war, und zur Unterſtuͤtzung der Glocken; alles au⸗ dere ward maſſiv aus Eiſen, Quader⸗ und Marmor⸗ Steinen zu Stande gebracht. Neben dieſem Tempel ſtiftete Kafſer Juſtinian auch ein Kloſter, deſſen Einkuͤnfte ſich faſt auf die ungeheuere Summe von einer Million Reichsthaler beliefen, und nebſt 900 Prieſtern noch viele Offiziere und Aufſeher ernaͤhrte, welche bei dem Dienſte der h. Sophia angeſtellt waren. VI. Im 32. Regierungs⸗Jahre Juſtinians ſtuͤrzte durch ein Erdbeben die gauze oͤſtliche Haͤlfte des neuen Tempels nebſt dem halben Dome auf der⸗ ſelben ein. Nicht minder große Zerſtoͤrungen litt das Gebaͤude unter Juſtinians Nachfolgern. Baſil der Mazedonier mußte den gegen Weſten liegen⸗ „ — 279 den halben Dom, welcher an verſchiedenen Orten Loͤ⸗ cher bekommen hatte, mit großen Koſten ausbeſſern laſſen. Unter der Kaiſerin Anna und ihrem Sohne Johannes Palaͤologus wurde durch ein Erdbe⸗ ben die heilige Sophia ſo beſchaͤdigt, daß ungeheuere Anſtrengungen von Kraͤften, außerordentlicher Auf⸗ wand von Geld und Zeit erforderlich waren, ſie wie⸗ der voͤllig herzuſtellen. 3 Seit dem dieſe Kirche in eine Moſchee umgewan⸗ delt worden iſt, prangt ſie in der Hauptſtadt und dem Reiche der Osmanen als die groͤßte und die praͤchtigſte aller Dſchamien, welche dem Baue der uͤbrigen als Modell gedient hat. Sie wird auf das ſorgfaͤltigſte unterhalten, eine Menge Perſonen ſowohl geiſtlichen, als weltlichen Standes ſind dabei angeſtellt und meh⸗ rere fromme Stiftungen und Inſtitute damit verbun⸗ den Der Sophien⸗Tempel zieht den Grundzins (Rakuf) von allen Haͤuſern in Smyrna, und wenn die Griechen, Armenier und Juden dieſer Stadt ohne maͤnnliche Erben ſterben, ſo faͤllt dem Schatze derſel⸗ ben ihr Eigenthum zu. Die Sophien⸗Kirche ſteht auf dem Gipfel der Anhoͤhe des alten Byzanz und des Huͤgels, welcher bis zur Spitze des Serail und zu den Meeres⸗Geſta⸗ den hinab lauft, und beſtreicht ſo einen ſehr großen Theil des Hafens und des Kanals. Gegen Morgen ſtoͤßt ſie an den aͤußern Serails⸗Hof vor dem Thore der hohen Pforte, und auf allen andern Seiten iſt ſie 280 von den volkreichſten Quartieren Konſtantinopels umgeben. Sie ſteht ganz frei und wie alle neugriechiſchen Gotteshaͤuſer gegen Oſten gekehrt. Mehrere große, mit ſtarken Mauern eingefaßte, und zum Theile mit Baͤumen bepflanzte Hoͤfe umgeben ſie, und eine Menge zur Seite liegender Nebengebaͤude und Grabmaͤler ge⸗ hoͤren zu ihrem Ganzen. Die Mauern haben ein al⸗ tes, verrauchtes Anſehen, und der vordere Theil des Tempels hat ſelbſt nichts Prachtvolles. Die allgemeine Geſtalt dieſes Gebaͤudes iſt ein griechiſches, in ein rechtwinklichtes Parallelogram ein⸗ gezeichnetes Kreuz. Innerhalb der aͤußerſten Einfaſ⸗ ſungen erſcheint das Ganze von allen Seiten wie ein Viereck mit rechten Winkeln. Der Haupttheil, wel⸗ cher von dem großen Dom bedeckt wird, iſt faſt qua⸗ dratiſch; ihn verlaͤngern nach Oſt und Weſt mancher⸗ lei Nebenwerke mit Kuppeln und Gallerien, Thuͤrm⸗ chen und Saͤulengaͤngen geziert, und bei dem vorzuͤg⸗ lichſten Eingang gegen Weſt umgeben den Vorder⸗ grund weltlaͤufige doppelte Hallen, durch welche man in die Vorhoͤfe tritt. Von dem Haupttheile aber bil⸗ den auf beiden Seiten gegen Suͤd und Nord einige Nebenwerke die beiden Arme des Kreuzes. Der Sophien⸗Tempel iſt von Oſt nach Weſt 210, und mit den Umgebungen faſt 500 Fuß lang, von Suͤd nach Nord aber 240, und bis au die Mauern faſt 300 breit. 4 1 2 Der Haupt⸗Dom von zwei Halb⸗Domen und ſechs kleinern Kuppeln umgeben, ragt in der Mitte hoch in die Luft empor, vertritt die Stelle des Da⸗ ches von dem Schiffe des Tempels, welches die Ge⸗ ſtalt eines Vierecks hat, deſſen Laͤnge nur wenig die Breite uͤbertrifft, und iſt, wie die uͤbrigen Bedeckun⸗ gen des Gebaͤudes, mit Blei belegt. Er iſt ausneh⸗ mend platt und nieder gedruͤckt: denn er hat 10s Fuß oder 18 Toiſen im Durchmeſſer und nur 18s Fuß oder 3 Toiſen Tiefe. Die große Kuppel des Sophien⸗Tem⸗ pels iſt einzig in ihrer Art, ein wahres Wunderwerk der Mechanik und Baukunſt. Das Gewoͤlbe, eine faſt vollkommene Halbkugel, wird durch 24 niedrige, kleine mit Arkaden umgebene Fenſter erleuchtet, welche un⸗ ten in dem ganzen Umkreiſe da angebracht ſind, wo die Peripherie der Halbkugel auf dem Koͤrper des Ge⸗ baͤudes ſelbſt aufliegt. Dieſe um den Dom ſich befind⸗ liche Fenſter⸗Reihe iſt oben und unten mit einem Vor⸗ ſprunge von Quadern umgeben, welcher ihr als Ein⸗ faſſung dient, und zwiſchen einem jeden Paare dieſer Fenſter geht ein breiter Halbkreis von Arkaden in Moſaik, von der untern Einfaſſung bis zu der ober⸗ ſten Spitze der Kuppel. Auf dem oberſten Gipfel in der Mitte erblickt man eine kleine runde Pyramide mit einem vergoldeten Halbmonde am Ende einer ho⸗ ben, durch zwei Kugeln verzierten Stange. Dieſer Haupt⸗Dom, unter dem ſich der Haupt⸗ theil des Tempels befindet, wird im Innern von 4 282 ungeheuern Pfeilern getragen. Ungeachtet dieſe vier Pfeiler noch durch ſtarke Arkaden mit einander ver⸗ knuͤpft, und durch 4 Granit⸗Saͤulen von vier Fuß im Durchmeſſer verſtaͤrkt werden, ſo hat man doch zur Sicherheit gegen haͤufige Erdbeben von Außen 4 Pfei⸗ ler von einer ungeheueren Groͤße angebracht, belth eine Art ſehr maſſiver Thuͤrme ſind. Dieſe 4 Thuͤrme haben oben eine Art von Man⸗ farde, in der ein Fenſter zu ſehen iſt. Unter dieſem erblickt man noch drei andere Fenſter uͤber einander in einem Raume, welcher ſich in der Mitte der Breite zeigt, bei einem jeden dieſer Stuͤtz⸗Thuͤrme. Alle vier ſind uͤbrigens einander voͤllig gleich, und bei jedem derſelben reicht ein Pfeiler von dem mit Blei gedeck⸗ ten Dache der Manſarde bis zu den Fenſtern des Doms hinan. VII. Der vortüslichne⸗ Eingang zu dem Tempel iſt auf der Weſtſeite. Durch ein mit einer Kuppel bedecktes Portal gegen Norden gelangt man auf einen großen Hof, welcher regelmaͤßig viereckig, jedoch et⸗ was ſchmaͤler als die Facade iſt, welche das Gebaͤude ſelbſt darſtellt. Die Weſt⸗, Suͤd⸗ und Nordſeite die⸗ ſes geraͤumigen Vorhofs hat eine Reihe an einander haͤngender Gebaͤude, welche wie ein Kloſter gebaut ſind, meiſtens 2 Stockwerke haben, und mit ihren 3 Seiten einen Platz einſchließen, veleher nur gegen die Kirche offen iſt. Sie ſind die Wohnungen der bei 283 der Kirche angeſtellten Geiſtlichen, Muezins und Of⸗ fizianten. 5 Dieſer Vorhof iſt mit Baͤumen bepflanzt, in deſ⸗ ſen Mitte iſt ein großes Becken ſtets mit reinem Waſ⸗ ſer gefuͤllt, theils zum Gebrauche der Tempeldiener, theils zu andern Verrichtungen beſtimmt. Vor dem nordweſtlichen aͤußern Eingange iſt gleichfalls eine Waſſerleitung von 7 Springbrunnen, die Stiftung ei⸗ nes frommen reichen Muſelmannes zum Gebrauche ſeiner Bruͤder. Gegen Suͤd⸗Weſt iſt der zweite aͤußere Hauptein⸗ gang zur h. Sophia, gleichfalls ein gewoͤlbtes, großes mit einer Kuppel bedecktes Portal, welches von dem noord⸗weſtlichen in manchen Stuͤcken abweicht, indem theils bei ihm der kleine Dom die Stelle des ganzen Daches vertritt, waͤhrend er ſich bei dieſem in abhaͤn⸗ gigen Seitendaͤchern endigt, theils derſelbe auch groͤ⸗ ßer iſt, und die vier Pfeiler, auf welchen er ruht, theils gewoͤlbt erſcheinen. In Anſehung der Lage iſt der nordweſtliche Haupteingang ganz frei außerhalb der Mauern der Vorhoͤfe; den ſuͤdweſtlichen hingegen kann man erreichen, wenn man durch einen auf der Suͤdſeite des Kloſterhofes ſtehenden andern Vorhof ſich begibt, welcher gleichfalls mit Baͤumen bepflanzt iſt, und auf welchem ſich auch mehrere Haͤuſer be⸗ finden 4 Das Thor in der, den letzteren Vorhof umgeben⸗ den, Mauer ſteht nahe bei der weſtlichen Scheide⸗ 284 Mauer, welche den Vorhof auf der Suͤdſeite des Tem⸗ pels, auf welchem man die Grabmaͤler erblickt, von dem genannten trennt. Es iſt gewoͤlbt, und uͤber dem⸗ ſelben eine Art Haͤuschen mit einem ſchiefen Dache zum Schutze gegen Regen und Witterung. Dieſes Thor hat ſo wenig Fluͤgel, als die andern Thore in den Mauern der Vorhoͤfe; ſondern der Eingang iſt nur durch eine dicke herabhaͤngende eiſerne Kette ver⸗ wahrt, welche von oben herabfaͤllt, und in der Mitte des Thores in zwei Theile ausgeht, welche einen Win⸗ kel bilden, und mittelſt ſtarker eiſerner Ringe an den beiden entgegen geſetzten Thorpfoſten befeſtigt ſind. Das auf der Nordweſtſeite, außerhalb der Mauer und von Außen gerade in den Tempel fuͤhrende Por⸗ tal ſteht weſtlich zunaͤchſt bei dem nord⸗weſtlichen Mi⸗ naret des Sophien⸗Tempels; das andere Portal auf der Suͤd⸗Weſtſeite, innerhalb der Mauern des ſuͤd⸗ weſtlichen Vorhofs bei dem ſuͤd⸗weſtlichen Minaret. Beide Thuͤrme, jeder mit einer Gallerie fuͤr die Mue⸗ zins, welche mit den Fenſtern des Haupt⸗Doms gleiche Hoͤhe hat, ſind einander voͤllig gleich. Die Spitze ziert bei beiden ein halber Mond, welcher weit uͤber den Halbmond auf der Kuppel des Tempels hervor ragt. Neben letzterem Minaret befinden ſich mehrere Sbringbrunnen mit einer Gallerie, welche von acht kleinen Saͤulen getragen wird, und ihnen zur Bede⸗ ckung dient. Dieſen Sebilkana, auf tuͤrkiſch ſo genannt, erbaute Sultan Murad. Zur Zeit des Gottesdienſtes und an Feſttagen reichen einige Diener der Dſchamie aus Gefaͤßen, welche an der Mauer mit Ketten befeſtigt ſind, jedem, welcher es verlangt, Waſſer. Noͤrdlich von dieſen Fontainen, deren Galle⸗ rie rund um das ganze wohlgezierte Fußgeſtell des Minarets herum laͤuft, gelangt man durch einen ge⸗ woͤlbten Eingang in die erſte Vorhalle des Sophien⸗ Tempels. Wenn man von dem Kloſterhofe die Weſtſeite der b. Sophia betrachtet, ſo zeigt ſich faſt gerade dem Baſſin gegenuͤber ein Thurm mit ſeinem ſpitzigen Dache, welcher ganz in den Hof hinein ſteht, und hinten auf der Oſtſeite mit den uͤbrigen Vorgebaͤuden des Tempels zuſammen haͤngt. Dieſer Thurm, ehe⸗ mals der Glocken⸗Thurm der Chriſten, hat 4 Fenſter und ruht auf 4 Pfeilern. Seine Hoͤhe ſoll nicht uͤber s0 Toiſen betragen. 4 1 Gegen Suͤd von dieſem liegt ein Gebaͤude, in welchem 30 Stufen zur großen Ziſterne fuͤhren, welche den ganzen weiten Raum einnimmt, der ſich unter der Sophien⸗Kirche befindet. Bevor die Muſelmaͤnner in die Dſchamie ſich begeben, nehmen ſie die durch das Geſetz verordneten Waſchungen vor. Ein Thor zur linken Hand fuͤhrt in die erſte Vor⸗ balle. Es iſt ein bedeckter Saͤulen⸗Gang, welcher un⸗ gefaͤhr 6 Klafter breit, von Nord nach Suͤd ſich er⸗ ſtreckt, und die ganze weſtliche Fagade der Tempel⸗ Gebaͤude einnimmt. Die erſte oder aͤußere Vorhalle, 286 Rarter bei den Griechen, diente den Buͤßenden und Katechumenen waͤhrend des Gottesdienſtes ſo lange zum Aufenthalte, bis ſie entweder Buſſe gethan hat⸗ ten, oder getauft waren. Man ſieht hier keine Ver⸗ zierungen. Die Woͤlbung bildet die Form einer Fiſch⸗ graͤte, und das Pflaſter beſteht aus großen Marmor⸗ ſtuͤken ohne Ordnung und Symetrie an einander gefuͤgt. Die Weſtſeite des Nartex iſt durch dreizehn kleine Fenſter erleuchtet(welche ſich zwiſchen den 6 Stuͤtz⸗ Thuͤrmen beſinden) und durch drei Thore geoͤffnet. Zwei von dieſen ſind ſehr groß, und ſtehen an den beiden Enden gegen Nord⸗Weſt; ſie dienen dem Volke zum Eingange in die Vorhallen des Tempels. Das dritte iſt klein, faſt in der Mitte der Weſtſeite, und nur fuͤr die Muezins und Offizianten der Dſchamie beſtimmt. Außerdem erblickt man noch auf der andern Seite des Glocken-Thurms gegen Suͤd⸗Weſt eine Pforte, welche aus der Halle zu den Haͤhnen der Zi⸗ ſterne fuͤhrt.. An jedem der beiden Enden dieſes Saͤulen⸗Ganges gegen Suͤd und Nord bilden zwei kleine Thore den Eingang zu den beiden weſtlichen Minarets, durch welchen die Muezins auf die Gallerien ſteigen. Gegen Morgen gelangt man durch 5 Thore zur zweiten Vor⸗ halle. Dieſer innere Vorhof mit dem aͤußern voͤllig pa⸗ rallel laufend, nimmt die ganze Weſtfronte des Tem⸗ . 287 pel⸗Gebaͤudes ein, iſt weit zierlicher und praͤchtiger, als dieſer, und ſtoͤßt unmittelbar an die Kirche ſelbſt. Er beſteht aus 2 Stockwerken uͤber einander, deren oberes aber nichts als eine Gallerie des Gynaitikons iſt. Letzterer Theil ragt uͤber die aͤußere Halle hervor, und erſcheint von Außen, wie ein großer Koridor mit neun geraͤumigen Fenſtern. Die ſechs Stuͤtz⸗Thuͤrme auf beiden Seiten des Glocken⸗Thurms ragen bis zu dieſem Saͤulen⸗Gange empor, und ſcheinen beſtimmt zu ſeyn, dieſen zweiten Vorhof zu halten. Außer den s Thoren gegen Weſt hat die untere Halle 9 Thore gegen Oſt, welche in den Tempel ſelbſt leiten. An beiden gegen Nord und Suͤd erblickt man 2 große Eingaͤnge, unter welchen kleine Pforten zu den Treppen fuͤhren, die bis zum Gynaitikon oder zweiten Stocke der Vorhalle leiten, aus welchem man in die Gallerien des Tempels, die ehemals den Frauenzimmern zu Plaͤtzen angewieſen waren, gelangt. Alle dieſe ehernen Thore ſind koſtbar mit dem ſchoͤſten Marmor umgeben, die ſtarken Schloͤſſer, Riegel und Beſchlaͤge von Bronze und Kupfer gear⸗ beitet, und mit vielen Schnitzwerken und Kreuzen ge⸗ ziert, von welchen letzteren die Tuͤrken immer einen Arm zerſtoͤrt haben. Der Raum zwiſchen den Thoren iſt mit dem verſchiedenfarbigſten Marmor belegt. Die Ausſchmuͤckung der Seitenwaͤnde zwiſchen den Tho⸗ den reicht bis uͤber dieſe hinaus, und daſelbſt endigen ſie ſich in mancherlei Figuren und Kreuze von Mo⸗ 288 ſaique, welche die Tuͤrken jetzt noch nicht ganz zerſtoͤrt haben. Der obere Naum zwiſchen den weſtlichen Thoren, welche die beiden Vorhallen mit einander verbinden, iſt durch Fenſter erleuchtet, von welchen immer drei unter einer Arkade ſtehen. Unten ſieht man kleine Tribunen aus Holz, vielleicht zum Ausruhen fuͤr Kranke und Gebrechliche beſtimmt. Ueber der Gallerie der zweiten Vorhalle erblickt man von Außen einen großen Halb⸗Dom, welcher durch 5 Fenſter erleuchtet wird. Zu beiden Seiten die⸗ ſes Halb⸗Domes, etwas gegen Weſten, ſtehen zwei kleine Kuppeln, die zwiſchen ſich gegen Weſt, ein großes, halbrundes Fenſter haben, welches das Innere des von dem Halb⸗Dom bedeckten Gebaͤudes erleuch⸗ tet, und in 8 Cheile getheilt iſt. Sie dienen bloß zur Zierde von Außen: denn ſie haben weder in den Tempel, noch in ihr Inneres eine Oeffnung; ſie ſind auch ganz Mauer, und haben keine Hoͤhlungen in ſich. Zwiſchen dieſen beiden kleinen Domen ſieht man noch zwei andere kleine Halbkugeln, deren jede ehemals s Fenſter hatte, von denen aber einige wegen der haͤu⸗ ſigen Erdbeben vermauert wurden, um dadurch den Waͤnden mehr Feſtigkeit zu geben. VIII. Der oͤſtliche Theil der Sophien⸗Dſchamie ſteht ganz auf dem Platze, welcher vor dem Serail ſich befindet. Von den 4 Thoren, welche ehemals bier waren, ſind zwei vermauert, ein drittes bei dem . 289 aͤußerſten Ausgange des Serails wird bloß fuͤr den Großherrn geoͤffnet, wenn er die Kirche beſucht; das vierie gegen Suͤd kann noch oͤffentlich genannt werden. Bei dieſen Thoren muß man, wie bei den andern Eingaͤngen dieſer Dſchamie, gegen 12 Stufen hinab ſteigen, um in den Tempel zu gelangen: denn der Serails⸗Platz liegt viel hoͤher, als die Ebene, auf welcher die Sophien⸗Oſchamie erbaut iſt. Zwiſchen dem kaiſerlichen Chore und dem oͤffent⸗ lichen auf der Morgenſeite ſind die 4 Stuͤtz⸗Thuͤrme, welche Juſtinian zur Unterſtuͤtzung des oͤſtlichen Halb⸗Domes, welcher durch ein Erdbeben eingefallen war, aufrichten ließ. Sie haͤngen mit der oͤſtlichen Mauer des Gebaͤudes zuſammen. Neben dem Haupt⸗Gebaͤude des Tempels auf der Nord⸗ und Suͤdſeite erblickt man zuerſt gegen Mitter⸗ nacht einen großen undleeren Vorhof, deſſen Ringmauern bei dem nord⸗weſtlichen Haupteingange des Tempels anheben, und bis zur Morgenſeite des Tempels fort⸗ laufen. Sie ſchließen ein geraͤumiges Viereck ein, deſſen Weſtſeite in der Mitte ein mit einem Dache bedecktes und mit eiſernen Ketten behaͤngtes gewoͤlb⸗ tes Thor hat, welches von außen auf den Hofraum fuͤhrt und auf jeder Seite gegen Nord und Suͤd drei mit eiſernen Gittern verſehene Fenſter hat. Der Weſt⸗ ſeite entſpricht ganz die Oſtſeite der Mauer. Die Nordſeite der Hofmauer hat weder Fenſter noch Ein⸗ gang; auf der Suͤdſeite hingegen fuͤhrt in der Mitte 41ſtes B. Türkei. III. 3. 4 290 eine Pforte zu einem zweiten Vorhofe. Er iſt gleich⸗ falls mit Mauern umgeben und beſteht in einem laͤug⸗ lichen, mit Baͤumen bepflanzten Vierecke, innerhalb welchem die Eingaͤnge zu den Treppen der Gallerien der Dſchamie ſich befinden. Die Suͤdſeite der Tempelgebaͤude wird ebenfalls von einem großen Vorhofe, deſſen Mauern ein Qua⸗ drat bilden, eingeſchloſſen. Der Haupteingang iſt auf der Weſtſeite. Eine Menge Baͤume zieren den ganzen Hof, und zwiſchen dieſen ſehen die Grabmaͤler(Tur⸗ beh) mehrerer Sultane und ihrer Familien mit Do⸗ men und Halbmonden aus vergoldetem Bronze her⸗ vor. Dieſe Gebaͤude ſind niedrig, aber zierlich. Die Kuppeln, in welche ſie ſich endigen, ſind mit Blei gedeckt und von Saͤulen unterſtuͤtzt, welche ein Sechs⸗ eck bilden. Die Gelaͤnder beſtehen aus Holz und die Saͤrge ſind mit feinen Tuͤchern bedeckt. Dieſe mit koſtbarem Marmor verzierten Mauſoleen werden nicht nur von Fackeln, ſondern auch durch viele Lampen erleuchtet. Bei dem Eintritte in das Innere der Sophien⸗ Dſchamie erblickt das ſtaunende Auge Alles, Fußbo⸗ den, Waͤnde, Buͤhnen, Saͤulen, Pfeiler, Arkaden und Woͤlbungen von den praͤchtigſten und auserleſen⸗ ſten Marmor⸗ und Porphyrſteinen. Den großen Gang vor dem Beſchauer, welcher, wie in allen Dſchamien, leer und ohne Sitze iſt, bedecken theils tuͤrkiſche, theils agyptiſche und perſäſche Manufakturen. Durch das 291 mittlere Thor eingefuͤhrt, beſindet man ſich rechts und links zwiſchen zwei Pfeilern von Porphyr, welche mit ſehr verſchiedenen Arten von koſtbaren Steinen aus⸗ gelegt ſind. Ueber den Thoren ſtehen zirkelfoͤrmige Ver⸗ zierungen in erhabener Arbeit, und weiter hinauf eine Gallerie von koſtbarem Gitterwerke unter einer von zwei Saͤulen getragenen, und drei Bogen bildenden Arkade. Jeder Winkel dieſer Pfeiler⸗Gallerien iſt mit einem goldenen Halbmonde von Bronze verziert, und durch dieſelben gelangt man zu den Baluſtraden der beiden Dome auf beiden Seiten. IX. Durch die zweite Etage der innern Vorhalle kommt man zur Baluſtrade des weſtlichen Theils des Tempels. Ueber dieſer Gallerie befindet ſich das große Fen⸗ ſter des Halb⸗Doms, welcher dieſen Theil des Tem⸗ pels bedeckt; in demſelben bilden zwei Saͤulen mit zier⸗ lichen Geſimſen, welche von einem horizontalen Quer⸗ ſtocke durchſchnitten werden, gleichſam s kleine Fen⸗ ſter. Der obere Theil der beiden Pfeiler, welche den runden weſtlichen Theil gegen Oſt begraͤnzen, iſt gleich⸗ falls mit einer Baluſtrade von Gitterwerk umgeben, auf deren Ecken vergoldete Halbmonde ſchimmern. Der weſtliche Halb⸗Dom biloet mit ſeinen beiden Pfeilern einen Halbkreis; von dieſem hat man weiter gegen Oſt rechts und links 2 Kapellen, welche einan⸗ der voͤllig gleich ſind, auf der einen Seite uͤber den beſchriebenen kleinen Pfeilern, und guf der andern 292 Seite uͤber den beiden weſtlichen großen Pfeilern, von welchen der Halb⸗Dom getragen wird. Drei Bogen, welche theils von Pfeilern, theils von Porphyr⸗Saͤulen zwiſchen ihnen gebildet werden, welche von dem Fußboden auf einem viereckigen Fuß⸗ geſtell aus weißem Marmor ſich erheben, fuͤhren zu den Kapellen. Ein jedes Paar dieſer ſchoͤnen Saͤulen haͤlt uͤber ſich eine Paluſtrade mit 6 andern kleinen Kolumnen, welche mit ihrem obern Geſimſe Woͤlbungen bilden, und zur Unterſtuͤtzung der Kuppel der Kapelle dienen. Von dieſer Baluſtrade ſteigt man zu den groͤßern des Gynaitikons, welche bei den Hauptpfeilern ihren An⸗ fang nehmen.. Das Licht faͤllt in der Kapelle durch das Dach der Kuppel aus drei Fenſtern nur ſparſam ein, und ver⸗ breitet kaum eine Art Halbdunkel. In den 4 Win⸗ kein eines jeden dieſer Tetragone ſtehen 4 Saͤulen aus Granit⸗Marmor, von denen diejenigen, welche zu⸗ naͤchſt den beiden weſtlichen großen Haupt⸗Pfeilern liegen, die den Halb⸗Dom halten, jetzt mit den⸗ felben durch Mauerwerk zuſammen haͤngen. Die ge⸗ woͤlbten Waͤnde dieſer Kapellen ſind aͤußerſt niedlich, und mit verſchiedenen ausgelegten Arbeiten verziert. Zwiſchen jedem Saͤulen⸗Paare, welche den Eingang bilden, erblickt man eine große, immer mit Waſſer gefuͤllte Urne zur Abkuͤhlung fuͤr die Muſelmaͤnner. Wir wenden uns nun weiter gegen Oſt und fin⸗ 293 den da den weſtlichen Fluͤgel des Tempels durch den großen Halbzirkel begraͤnzt, welchen die beiden weſtli⸗ chen Haupt⸗Pfeiler mit den Enden der Hauptkuppel bilden. Durch denſelben haben wir den Eingang in den Haupttheil der Sophien⸗Dſchamie. Wie von Außen, ſo ſtellt auch inwendig der Haupt⸗ koͤrper des Tempels ein großes, wenig von der vier⸗ eckigen Form abweichendes Viereck dar. In den vier Winkeln tragen vier außerordentlich große Haupt⸗ Pfeiler majeſtaͤtiſch den Haupt⸗Dom. Sie ſind einan⸗ der voͤllig gleich, aus Werkſtuͤcken mit Kalk und Blei eingegoſſen, mit eiſernen Klammern befeſtigt, zwei von ihnen ſtehen auf der Weſt⸗, und zwei auf der Oſt⸗Seite. Sie ſind mit den zierlichſten ausgelegten Arbeiten bedeckt. Der ganze innere Theil des großen Doms iſt von Moſaik, und uͤberall ſieht man mit Blumen und an⸗ dern Verzierungen umwundene Kreuze. Die Geſtalt dieſes Plafonds iſt zirkelfoͤrmig, von der unterſten Einfaſſung gehen Streifen voll ſolcher Schnoͤrkeleien, in Halbkreiſen, ſich immer verklei⸗ nernd bis zur Mitte des Doms hinauf, und zwiſchen denſelben faͤllt durch 24 kleine Fenſter von Außen das Licht ein. . Unter dieſem Dom befindet ſich das ſogenannte Schiff der Kirche. Man uͤberſteht hier das ganze Ge⸗ baͤude nach der Oſt⸗ und Weſtſeite, und zugleich auch viel von den Theilen des Tempels, welche ſich nach 294 Nord und Suͤd hinſtrecken. Die Halbkreiſe oben, zu⸗ naͤchſt unter dem Plafond des großen Domes, erleuch⸗ ten 5 Fenſter, welche ſich ebenfalls in einem Halb⸗ kreiſe uͤber den drei kleinen Kuppeln hinziehen. In den 4 Ecken des Doms ſind 4 große, koloſſale Cheru⸗ bine, jeder mit 4 Fluͤgeln und uͤber einander geſchla⸗ genen, herab haͤngenden doppelten Schwingen, durch den Aberglauben der Tuͤrken ganz unkenntlich ge⸗ macht worden. 1 X. Zwiſchen zwei Haupt⸗Pfeilern auf jeder Seite tragen 4 große praͤchtige Saͤulen auf der Nord⸗ und Suͤdſeite die Haupt⸗Gallerien, welche auf drei Sei⸗ ten um die ganze Peripherie des Tempels laufen, und vermittelſt der Haupt⸗Pfeiler, um welche ſie gleich⸗ falls gehen, mit den Baluſtraden der kleinern Dome in Verbindung ſtehen.. d Jede der beiden Haupt⸗Gallerien, welche rechts und links die Hauptpfeiler auf jeder Seite mit einan⸗ der verknuͤpft, traͤgt wieder s kleinere Saͤulen, welche gerade uͤber den 4 groͤßeren auf dem Fußboden ſte⸗ hen. Dieſe Saͤulen⸗Gallerie, wohl 60 Fuß breit, war der vornehmſte Ort fuͤr die Frauenzimmer zur Zeit der Griechen. Man nannte ſie gewoͤhnlich die Gallerie Kon⸗ ſtantins. Ueber ihr erblickt man noch 3 Reihen von Arkaden auf jeder Seite. Die unterſte derſelben hat ein Gelaͤnder, welches dem der untern Galeerie völlig gleich iſt. Der Raum hinter demſelben iſt ſehr enge, 295 und war ehemals das obere oder zweite Gynaiti⸗ kon. Ueber dem Gelaͤnder der obern Frauenzimmer⸗ Gallerie ſieht man noch ein anderes Gitterwerk an den obern Bogengaͤngen, und ſelbſt die 4 Haupt⸗Pfeiler haben in der Hoͤhe noch 2 Gelaͤnder, hinter welchen Gaͤnge herfuͤhren, und die auf den Ecken mit vergol⸗ deten Halbmonden geziert ſind. Zur Zeit des Rama⸗ zan werden die Baluſtraden und Gitter mit einer un⸗ zaͤhlbaren Menge Lampen beſetzt. Die a maͤchtigen Pfeiler, die Stuͤtzen des Haupt⸗ Domes, ſind ungefaͤhr 8 Klafter dick. Alle die vielen Saͤulen haben unvergleichliche Windungen und faſt gar keinen Bauch; bei den Knaͤufen dagegen iſt der gothiſch⸗griechiſche Geſchmack vorherrſchend. In dem Raume zwiſchen den Saͤulen vernichteten die Tuͤrken eine Menge Kreuze in Haut⸗ und Bas⸗Relief. Eine gleiche Barbarei uͤbten ſie an vielen, zum Theile ſehr kuͤnſtlichen Figuren aus, welche man uͤberall zerſtuͤm⸗ melt an den Waͤnden, Pfeilern, Arkaden und Saͤu⸗ len⸗ Geſimſen entdeckt. In dem Haupttheile ziehen auf beiden Seiten mehrere erhabene laͤngliche Sitze(Tabligh auf tuͤr⸗ kiſch), deren jeder auf a zierlichen Saͤulen ruht, die Aufmerkſamkeit auf ſich. Auf drei Seiten ſind ſie mit einem ſchoͤnen Gitter⸗Rande umgeben; nur die Nuͤcken-Seiten ſind ganz frei, und ſtehen an die Waͤnde der großen Pfeiler. Hier ſingen waͤhrend des 296 Gottesdienſtes die Imans mit untergeſchlagenen Bei⸗ nen die Gebete ab, oder verkuͤndigen. 8 In der Mitte der Nordſeite des Hauptkoͤrpers ſteht noch eine Art von Kanzel fuͤr den Iman, wel⸗ cher religioͤfe Reden an die verſammelten Glaͤubigen zu halten hat. Sie iſt aus weißem Marmor mit Mo⸗ resken und Roſetten geziert, und vorne ganz offen. Hinter den großen Saͤulen, ſowohl auf der Nord⸗ als Suͤdſeite zwiſchen den Haupt⸗Pfeilern, ſind rechts und links zwei große, laͤngliche Raͤume, gleich groß, viereckig, und wie das Hauptſchiff mit Teppichen be⸗ deckt. In der Mitte hat jeder derſelben 4 ſchoͤne Saͤu⸗ len, welche, wie jene auf der Weſtſeite, von einerlei Groͤße, Dicke und aus Granit⸗Marmor ſind. Indem man auf der Morgenſeite durch den gro⸗ ſen Halbzirkel eintritt, welcher den Haupttheil der Dſchamie von dem oͤſtlichen Fluͤgel trennt, und mit ſehr vielen, zerſtoͤrten Bas⸗Reliefs geziert iſt, ſo er⸗ blickt das Auge hier, wie auf der Abendſeite, 5 Fen⸗ ſter, welche dem Hintergrunde Erleuchtung geben, und drei kleine Dome. Alles iſt hier, wie bei dem Eingange. Der Raum, welchen die Hauptkuppel bedeckt, und der von den 4 großen Pfeilern eingeſchloſſen wird, nimmt die Mitte des griechiſchen Kreuzes ein, wel⸗ ches das ganze Gebaͤude bildet. Zum Scheitel hat daſſelbe dieſen oͤſtlichen Fluͤgel, zum Fußgeſtell den weſtlichen; ſeine beiden Arme beſtehen aus den beiden 297 Plaͤtzen in der Figur von Parallelogrammen, welche auf der Nord⸗ und der Suͤdſeite hinter den großen Saͤulen ſich zeigen.. In dem oͤſtlichen Theile war ehemals das Sank⸗ tuarium der Chriſten; hier war es, wo Sultan Mu⸗ bamed II. zuert nach Konſtantinopels Erobe⸗ rung ſein Gebet verrichtete, und an einem der Pfei⸗ ler, wo ſonſt der Thron des Patriarchen ſtand, einen Vorhang aus der Moſchee zu Mekka aufhing. In einer Niſche auf der Suͤdſeite des Halbkreiſes, welchen die Mauern des Tempels im aͤußerſten Hin⸗ tergrunde bilden, wird der Koran aufbewahrt. Sie beſteht aus dem feinſten Marmor, und wird durch eine Menge Moresken und goldne Verzierungen geſchmuͤckt. Bei der Niſche fuͤr den Koran iſt in der Marmorwand noch ein anderer Behaͤlter fuͤr die Buͤcher, deren ſich die Imans bei dem Gebete bedienen. XI. Das Kabinet des Sultans, ein kleines ver⸗ goldetes, mit Holz ausgelegtes Zimmer mit reichen Teppichen und Polſtern von Gold⸗ und Silber⸗Bro⸗ katen belegt, befindet ſich neben dem linken kleinen Pfeiler da, wo der Halbkreis ſich endigt, welcher den Hintergrund des oͤſtlichen Theils der Kirche bildet. Von demſelben fuͤhrt eine vergitterte Gallerie nach dem nordeoͤſtlichen Theile der Mauer zu dem Thore, welches zunaͤchſt am Serail ſich befindet, und nur al⸗ lein fuͤr den Sultan geoͤffnet wird. Dem kaiſerlichen Sitze gerade gegenuͤber iſt der Sitz des Mufti, zu wel⸗ 298 chem mehrere Stufen fuͤhren; neben demſelben iſt eine Art Predigt⸗Stuhl fuͤr die Diener der Dſchamie, wenn ſie das Amt haben, gewiſſe Gebete zu lallen. Er iſt viereckig, einem Divan gleich, und ruht auf mehre⸗ ren Saͤulen. Die Geſammtzahl der Marmor⸗Saͤulen in der Sophien⸗Oſchamie belauft ſic auf 107, jene der Kuppeln auf 19; Thuͤrme ſind vorhanden; Halb⸗ monde von Außen und Innen duͤrften vielleicht so an⸗ gebracht ſeyn. Nechts von der Sophien⸗Dſchamie gelangt man auf einen großen freien Platz, ehemals Forum Au⸗ guſti; demſelben gegen Morgen befindet ſich das erſte Serail⸗Thor Padi⸗Schah⸗Serai⸗Kapuſſi, welches beſonders unter dem Namen die hohe Pforte (Baba⸗Humaiaum) bekannt iſt. Seine Lage iſt fuͤd⸗ oͤſtlich in der Stadt und unter allen Serail⸗Thoren, ſowohl von der Meeres⸗ als Landſeite das vornehmſte. Es bleibt immer offen, die andern hingegen werden nur auf Befehl des Sultans, oder fuͤr einige Große geoͤffnet. Wendet man ſein Geſicht dem Vorplatze zu, ſo erblickt man links gegen Nordweſt die Sophien⸗ Kirche, rechts fuͤdweſtlich die Serails⸗Mauer, welche eine neue Beugung macht, und ſich zum Pr opontis hinzieht; endlich im Ruͤcken ein altes Grabmal, wel⸗ ches zum Waſſer⸗Behaͤlter dient, und von Achmed III. erbaut wurde. Es iſt ein auf allen Seiten offenes Gebaͤude mit einem Dache, auf 4 Saͤulen ruhend, von mehreren großen Baͤumen und einem vergoldeten 299 eiſernen Gitter umgeben. Ueber dem Baſſin, in wel⸗ ches das Waſſer der Fontaine faͤllt, ſind kupferne, ver⸗ goldete Trinkſchalen an Ketten befeſtigt, um den Durſt der Voruͤbergehenden zu loͤſchen. Das Gebaͤude der hohen Pforte von orientaliſcher Bauart beſteht aus drei Theilen. Der untere Theil enthaͤlt ein ſehr hohes, einfoͤrmiges rundes Thor, das eigentliche Baba⸗Humaiaum. Das Gewoͤlbe deſ⸗ ſelben bildet einen Halbkreis, und hat nach der Stadt⸗ ſeite oben eine arabiſche Inſchrift mit goldenen Buch⸗ ſtaben, welche mit Laubwerk eingefaßt ſind. Es wurde vom Sultan Muhamed II. wahrſcheinlich 1428 er⸗ baut. Auf den beiden Seiten des Thores finden ſich hohe, gewoͤlbte Niſchen, welche weit niedriger, als das Hauptthor, theils zur Zierde, theils zur Ausſtel⸗ lung der Koͤpfe hingerichteter Staats⸗Verbrecher und der Ueberbleibſel ermordeter Feinde dienen, Ueber dem Thore und den beiden großen Niſchen iſt ein Stockwerk mit Fenſtern, welche vergittert ſind. In gleicher Hoͤhe faſt mit dieſer Etage befinden ſich auf beiden Seiten des Gebaͤudes Erker mit beſondern Daͤ⸗ chern und Fenſtern, welche die Mauern des Serails zur Grundlage haben. Auf dem Dachwerke des Pa⸗ villons der hohen Pforte erheben ſich 4 Thuͤrmchen mit Fenſterloͤchern, mit Halbmonden oben an den aͤußerſten Spitzen geziert. Sie ſind rund, laufen oben ſpitzig zu, und ſind das Zeichen eines kaiſerlichen Pa⸗ laſtes. Rechts auf der Suͤdſeite des Gebaͤudes nach 300 dem Propontis iſt jenſeits der Mauer dicht an ei⸗ nem Erker ein mit einem Dache bedeckter Schoppen, welcher in der Mauer ein Fenſter nach. der Stadt⸗ ſeite hat. Auf beiden Seiten der hohen Pforte blicken eine Menge Zypreſſen uͤber die Serails⸗Mauern'hervor. XII. Tritt man durch das Thor der hohen Pforte des Serails, ſo trifft man auf die Wache der Kapid⸗ ſchis(Thuͤr⸗Huͤter), welche Tag und Nacht dieſen Eingang bewachen. Sie ſind mit Rohren und Saͤ⸗ beln bewaffnet; einige haben auch Meſſer und Viſtolen im Guͤrtel, andere fuͤhren brennende Lunten. Jeder⸗ mann kann hier frei ein und ausgehen. Unter dieſen Kapidſchis herrſcht die ſtrengſte Disziplin. Aus dieſem Thore kommt man in den erſten Hof des Serails. Er iſt mehr lang, als breit, haͤlt mehr als einen Morgen Landes im Quadratmaaße, und iſt ungepflaſtert, eine kleine Straße gusgenommen, auf welcher man aus⸗ und einreitet. 1 Jedermann muß hier vom Pferde ſteigen; weiter in den Pallaſt darf nur der Sultan reiten. Auf die⸗ ſem Hofe verſammeln ſich alle Serails⸗Offiziere und Hof⸗Beamten mit ihren Pferden, welche den Groß⸗ berrn in eine Dſchamie oder in ein Luſtſchloß beglei⸗ ten. Hier muͤſſen die Geſandten ihr Gefolge zuruͤck laſſen, wenn ſie zur Audienz bei dem Kaiſer gelangen wollen. Die weſtliche Seite dieſes laͤnglicht vierecki⸗ gen, ziemlich unregelmaͤßigen, weiten Hofes ſtoͤßt an die hohe Pforte, und an die Serails⸗Mauern auf der 301 Stadt- und Landesſeite; die drei andern ſind mit mor⸗ genlaͤndiſchen Pallaͤſten umgeben. In dieſem Hoſe, oder doch in der Naͤhe deſſelben wohnen alle Perſo⸗ nen, welche entfernter Weiſe zum Serail gehoͤren. Durch das Haupt⸗CThor gelangt man rechts zu ei⸗ nem anſehnlichen, langen, maſſiv aufgefuͤhrten Pal⸗ laſte, deſſen vorzuͤglichſter Eingang beſtaͤndig offen ſteht, aber ſcharf bewacht wird. Er iſt das allgemeine Krankenhaus fuͤr alle Perſonen, welche zum kaiſerlichen Hofſtaate gehoͤren, und innerhalb der Mauern des Serails wohnen. Er beſteht aus einer Menge von theils großen, theils kleinen Gemaͤchern; einige ſind ſchoͤn verziert, andere nur gering bemalt. Ueberall ſind Divans angebracht, bald mit beſſern, bald mit ſchlechten Polſtern belegt. Die Zimmer ſind nach dem Stande der Kranken verſchieden. Unheilbare Kranke oder diejenigen, welche man dafuͤr ausgibt, muͤſſen den kaiſerlichen Pallaſt ganz verlaſſen. Die Aufſicht uͤber das Krankenhaus fuͤhrt ein weißer Verſchnittener, welcher vom Kapi⸗Aga die Befehle empfaͤngt, und mehrere andere Verſchnittene unter ſich hat. Der erſte Arzt und der erſte Chirurg des Hofes, der Hekim⸗Baſchi und der Geira⸗Baſchi, muͤſ⸗ ſen taͤglich einen Beſuch hier machen. Mit dem gro⸗ ßen Krankenhauſe auf dem erſten Serails⸗Hofe iſt zu⸗ gleich eine anſehnliche Apotheke verbunden, welche an Groͤße und Koſtbarkeit die erſte in Konſtantinopel ſeyn ſoll. 302 4 XIII. Hinter dem Krankenhauſe ziehen ſich gegen SGuͤd einige Gaͤrten von großem Umfange herum, wel⸗ che unter dem Namen Gu lhane⸗Backdſcheh be⸗ kannt ſind. Sie fuͤhren ihren Namen von einem Ge⸗ baͤude auf der Weſtſeite, Gulhane genannt, wel⸗ ches ſie umgeben. Weiterhin ſtoͤßt man auf der rech⸗ ten Seite des erſten Schloß⸗Hofes auf das große Gar⸗ ten⸗Thor, Backd ſcheh⸗Kapuſi. Es ſteht auf ei⸗ nem Huͤgel, und fuͤhrt ſowohl nach Suͤd, als nach Oſt hinab. Durch daſſelbe kommt man auf einen ſehr ſchoͤnen Platz, auf welchem ſich die Offiziere Idſcho⸗ glans und Amazoglans des Pallaſtes be ſon ders haͤufig am Freitage im D ſchirid⸗Werfen uͤben. Der Sultan wohnt nicht ſelten dieſen Uebungen bei. Dieſer Platz liegt ungefaͤhr 200 Schritte vom Thore. Gegen Oſt kommt man von dem großen Garten⸗Thore zu den kaiſerlichen Gaͤrten, welche ſich in einem wei⸗ ten Umfange bis zum eigentlichen Pallaſte des Sul⸗ tans ziehen. Soviel auf der rechten Seite des erſten Serail⸗Hofes; auf der linken ſind die Wohnungen der Tagloͤhner und jener Hof⸗Bedienten, welche die nied⸗ rigſten Arbeiten verrichten. Dem Krankenhauſe gegen⸗ uͤber liegt die Wohnung der Amazo glansz vier bis fuͤnf bewohnen immer ein Zimmer gemeinſchaftlich und muͤſſen einem Janitſcharen gehorchen. Taͤglich bekommt jeder von ihnen 2— 1½ Aſper, wofuͤr ſie ſich Nahrung und Kleidung anſchaffen muͤſſen. Sie gehen gewoͤhnlich in grobem blauen, ſalonich iſchen „ 303 Tuche gekleidet; einige tragen einen rothen, zotigen Deckel auf dem Kopfe, andere einen ſpitzen gelben Filz von Kamelhaaren in Geſtalt eines Zuckerhuts. Aus dieſer Korporation werden die Thuͤr⸗Huͤter, Gaͤrtner, Koͤche, Fleiſcher, Holzhauer ꝛc. genommen. In dem Amazoglanz⸗Gebaͤude wohnen auch die Baldatſchis, welche aus ihnen genommen werden, und die Verſorgung des Serails mit Holz unter ſich haben. Ein wenig weiter unten zur Linken ſteht das Zeughaus des Serails(Gab⸗Hane)' es iſt ein mit Blei gedecktes Gebaͤude. Merkwuͤrdig ſind da das roͤmiſche Belagerungs⸗Geſchuͤtz, welches Alexis im J. 1097 bei der Belagerung von Nizaͤa gebrauchte; die Waffen der Kreuzfahrer, welche unter Gott⸗ fried von Bouillon Konſtantinopel einnah⸗ men, und eine große Menge Trophaͤen der Duͤr⸗ ken. In einer kleinen Entfernung davon erblickt man die kaiſerliche Muͤnze(Tarap⸗hane)) ein al⸗ tes, verruchtes Gebaͤude. Auf der Nord⸗ und Weſt⸗ ſeite deſſelben liegen große Gaͤrten, welche ſich bis an die See⸗ und Land⸗Mauern des Serails erſtrecken.— Die Hof⸗Moſchee in dieſem Hofe iſt den gemeinern Klaſſen der Hof⸗Bedienten angewieſen; uͤbrigens we⸗ nig bedeutend. Nord⸗oͤſtlich von erſtem Haupt⸗Thore, ungefaͤhr in einer Entfernung von 1000 Schritten, liegt das iweite, Orta⸗Kapufſi genannt. Der Eingang iſt 304 weit ſchoͤner als bei dem erſten, und wird ebenfalls beſtaͤndig von 50 Kapidſchis und Baltadſchis bewacht. Hier wird genauer auf die Ein⸗ und Aus⸗ gehenden geſehen. Die Orta⸗Kapuſſi befindet ſich zwiſchen zwei Thuͤrmen, und der Durchgang vor dem erſten Serails⸗ Hofe in den zweiten iſt gewoͤlbt. Hier iſt die Dſchellat Odaſſi, oder das Ge⸗ m ach fuͤr die Gerichts⸗Diener. Hier werden diejenigen, welche ſich aus dem Serail begeben wol⸗ len, ploͤtzlich angehalten, wenn der Sultan ihren Kopf verlangt. Die Hinrichtung wird gleich vollzo⸗ gen, und der Kopf mit einer ſich auf die Unthat be⸗ ziehenden Aufſchrift zur Schau ausgeſtellt. Ueber der Orta⸗Kapuſſi ſteht auf der dem zweiten Hofe zu⸗ gewandten Seite mit großen, goldenen arabiſchen Buchſtaben die Aufſchrift: La Illaheh Illa Alla, Muhammed Reſul Alla(außer Gott iſt kein Gott, Muhammed iſt der Geſandte Gottes). XIV. Der zweite Serails Hof, nicht ſo groß, als der erſte, iſt bei weitem ſchoͤner als derſelbe. Er iß regemaͤßig viereckig, und hat gegen 300 Schritte in der Diagonale. Nur die breiten Wege ſind gepflaſtert; neben denſelben werden praͤchtige Grasſtuͤcke von den Boſtanſchis ſorgfaͤltig unterhalten, und mit Ge⸗ laͤndern an allen Orten umgeben, damit der Raſen nicht von Fußgaͤngern verdorben werde. Schoͤne Zypreſſen⸗Baͤume bilden luſtige Alleen, 8 305 ſchoͤne Springbrunnen dienen zur Bewaͤſſerung der Raſenfelder. 6 3 hLn 4 Dieſer Hof iſt auf allen Seiten mit Gebaͤuden umſchloſſen, rechts und links erblickt man vor denſel⸗ ben gewoͤlbte, mit bleiernen Daͤchern verſehene Bo⸗ gengaͤnge, welche auf Marmor⸗Saͤulen ruhen. Auf dem Hofe rechts hinter der Saͤulen⸗Gallerie auf dem Fußboden ſind neun große Gewoͤlbe, welche oben mit Blei gedeckt ſind, und von einem Ende des Platzes zum andern reichen. Hier ſind die kaiſerlichen Hofkuͤchen und die Wohnungen der zu denſelben ge⸗ hoͤrigen Perſonen. Man findet keine Schornſteine auf dieſen Gebaͤuden; das Feuer wird in der Mitte der⸗ ſelben angezuͤndet und der Rauch geht durch die Loͤ⸗ cher in den Kuppeln. Ein weißer Verſchnittener mit einigen Untergebenen hat beſtaͤndig die Aufſicht, daß das Feuer von hier keinen Schaden bringe. Jedes von den neun Gebaͤuden iſt von den andern abgeſondert, und fuͤr ſich beſtehend. Jedes hat ſein beſonderes Holz⸗Magazin, und eine beſtimmte Anzahl von Baltadſchis, uͤber welche der Akegi⸗ oder Ata⸗ ſchis⸗Baſchi die Oberaufſicht hat, und einen Kiaja (ntendanten) uͤber jedes einzelne Gebaͤnde ſetzt. Aus den kaiſerlichen Kuͤchen werden nur die vor⸗ nehmern Klaſſen des Serails geſpeißt; die niederen muͤſſen ſich ſelbſt mit Nahrung verſorgen.— Jaͤhrlich werden 40,000 Ochſen in das Serail geliefert, taͤglich uͤber s00 Schafe, Laͤmmer und Ziegen, 10 Kaͤlber, 41ſtes B. Türkei. III. 3. 5 306 400 Huͤhner, 100 Paar junge Tauben, und 50 junge Gaͤnſe verbraucht, das Fleiſch von ſo vielen andern Thieren abgerechnet. 1 15. on Die Gemuͤſe und Fruͤchte werden in den kaiſerli⸗ chen Gaͤrten gezogen, und der viele Reis, welcher ver⸗ braucht wird, kommt meiſtens aus Aegypten. Ge⸗ gen 400— 600 Halvaſchis(Zuckerbaͤcker) ſind ohne Unterlaß beſchaͤftigt.— In den Kuͤchen⸗Gebaͤuden befindet ſich auch der Kilar, in welchem die auser⸗ leſenſten Getraͤnke fuͤr den Großherrn und ſeinen Hof⸗ ſtaat bereitet werden. A128 Zehn bis zwoͤlf Schritte von den Kuͤchen⸗Gebaͤu⸗ den leitet ein Baltaſchi aus einem Waſſer⸗Kaſten an gewiſſe Orte, welche ihm befohlen werden, das noͤthige Waſſer, und theilt daſſelbe auch fuͤr das ganze Serail aus. Hinter den Kuͤchen⸗Gebaͤuden liegen ge⸗ gen Suͤd⸗Oſt die kaiſerlichen Gaͤrten(Keuchk⸗ Backdſcheh genaunt); ſie ſtoßen gegen Öſt an den großen Palaſt des Sultans, und erſtrecken ſich gegen Suͤd bis an die Mauern, welche hier die Serails⸗ Graͤnze an den Geſtaden des Marmor⸗Meeres(Pro⸗ pontis) bezoichnen. Sie haben eine viereckige Ge⸗ ſtalt, und find mit Alleen und Hainen bepflanzt. Den kaiſerlichen Kuͤchen⸗Gebaͤuden gerade gegen⸗ uͤber auf der linken Seite des Serails⸗Hofes liegt der kleine Marſtall; vor demſelben befindet ſich eine Kolonnade mit marmornen Saͤulen. Das Marſtalls⸗ Gebaͤude iſt mehr lang als hoch; in demſelben werden 307 beſtaͤndig 25— 30 kaiſerliche Leibroſſe aufbewahrt, die andern ſtehen in dem großen Marſtall. Die meiſten Sarakis(Stallknechte) wohnen bei letzterem; in dem kleinen hingegen haben nur der Bujuk⸗Imra⸗ bor(der kaiſerliche Stallmeiſter) und jene Hofbedien⸗ ten, welche zum Marſtall gehoͤren, und den Großherrn begleiten, ihren Aufenthalt. XV. Die Stelle der Pferde⸗Staͤnde vertreten kleine Mauern; Truͤge und Raufen ſind nicht vorhau⸗ den. Die Pferde freſſen das Heu von dem Boden, und das kurze Futter wird ihnen in einem haͤrenen Sack an den Kopf gebunden. Ueber den Staͤllen be⸗ finden ſich in großen Saͤlen die Geſchirre, Zaͤume und Sattelzeuge fuͤr die kaiſerlichen Pferde. Dieſe Anſtalt des ſultaniſchen Marſtalls iſt von unſchaͤtzbarem Werthe. Der Orta⸗Kapuſſi gerade gegenuͤber gegen Oſt ragt der Divans⸗Palaſt, ein ſteinernes, an⸗ ſehnliches Gebaͤude mit einer Ecke hervor, welches er⸗ habener, als die uͤbrigen iſt. Im unterſten Stock⸗ werke deſſelben bilden zwei nicht ſehr hohe Saͤle, wel⸗ che faſt viereckig ſind, zwei Gewoͤlbe, die von marmor⸗ nen Saͤulen getragen und von oben durch ein ſteiner⸗ nes Gelaͤnder mit einander verbunden werden. Die Waͤnde ſind in beiden Salons nach orientaliſcher Sitte getaͤfelt und vergoldet, der Fußboden iſt mit Teppichen belegt. In der Mitte haͤngt zur Zierde eine vergol⸗ dete Kugel von der Buͤhne herab, an den Seiten ſind lange Divans mit Polſtern fuͤr die Beiſizer a43= 308 bracht. Bei dem Sitze des Groß⸗Vezier ſteht ein Tiſch mit goldenen Verzierungen in einer Ecke dem Ein⸗ gange gegenuͤber. Der Divans⸗Palaſt iſt mit einem bleiernen Dom bedeckt, und uͤber den Saͤlen des ho⸗ hen Rathes iſt ein mit Baluſtraden verſehener Ort, zu welchem der Sultan aus dem innern Serail gelan⸗ gen kann.. Dem Eingange des Divans⸗Saales gerade gegen⸗ uͤber erblickt man 6 Fuß uͤber der Erde eine Niſche mit einem vergoldeten, und durch einen ſchwarzen Flor uͤberzogenen, 4 Schuh hohen und 3 Schuh breiten Gitter⸗Fenſter, durch welches der Sultan aus dem Innern des Pallaſtes alles ſehen und anhoͤren kann, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Ueber dieſem Fenſter ſieht man, wie an andern Orten, das mahumedaniſche Glaubens⸗Bekenntniß: La Ilahe Illa Alla ꝛc. mit großen vergoldeten grabiſchen Buchſtaben. Waͤhrend des Divans, welcher woͤchentlich vier⸗ mal gehalten wird, befinden ſich in den vorderſten der beiden Saͤle die hohen Staats⸗Beamten, in dem hin⸗ tern die Schreiber, Rechnungsfuͤhrer ꝛc. Den Dienſtag iſt die Hauptſitzung. Die Veziere, Mitglieder und Betſitzer finden ſich bei fruͤhent Morgen ein. Klaͤger und Angeklagte verſammeln ſich unter den Kolonna⸗ den auf dem Hofe des Serails, und werden von den Tſchauſchis nach der Reihe vor Gericht gerufen. Der Sultan hat den Vorſitz niemals im Divans⸗ Saale, ſondern ſtatt ſeiner der Vezier⸗Afſem. 309 Bei wichtigen Staats⸗Vorfaͤllen wird auch der Di⸗ van an außergewoͤhnlichen Tagen gehalten. Hier wird guch der Adſchak⸗Divan(Divan zu Fuß, weil jeder ſtehen muß) eine Art Reichs⸗Tag, in bedenkli⸗ chen Faͤllen gehalten. Alle Große, die Ulemas, die Kriegs⸗ und Hof⸗Beamten treten auf, und ertheilen ihren Rath.. Der Teskjaredſchi⸗Baſchi muß die Vorſtel⸗ lungen und Bittſchriften uͤbergeben, dann oͤffentlich vor der ganzen Verſammlung leſen, worauf ſogleich von den Beiſitzern daruͤber geſtimmt, und ein Gutach⸗ ten gefaͤllt wird. Der Vezier⸗Aſſem legt alles vor, was nach des Sultans Befehl vollzogen werden ſoll; die Aus⸗ fuͤhrung der Befehle geſchieht durch die Tſchauſchi und Kapidſchi. Dieſes Gericht iſt die hoͤchſte und letzte Inſtanz des Reiches. Uebrigens ſindet an jedem Tage, wo Divan ge⸗ halten wird, Audienz fuͤr die vornehmſten Staats⸗Be⸗ amten bei dem Kaiſer Statt, wo ſie Rechenſchaft von ihrem Amte geben muͤſſen. Ein ſtraffaͤlliger Beamte verliert gewoͤhnlich das Leben. Neben dem Divans⸗Saale iſt in etwas groͤßerer Erhoͤhung ein Pavillon fuͤr die Geſandten und frem⸗ den Großen, welche um Audienz am Throne nachgefucht haben. Sie werden hier mit dem Zeremoniel bekannt gemacht, und erhalten Anweiſung, wie ſie ſich vor dem Kaiſer zu verhalten haben. Das Gebaͤude iſt mit 310 einem Dom bedeckt; links von demſelben liegt das kaiſerliche Audienz⸗Zimmer. Der Saal des Divans iſt der letzte Punkt, bis zu welchem ein Europaͤer, ein Chriſt dringen kann; ein Muſelmann darf nur bei be⸗ ſondern Gelegenheiten und unter beſondern Umſtaͤn⸗ den tiefer in den Palaſt eingelaſſen werden. Die ein⸗ zige Ausnahme machen bisweilen Aerzte und Frauen⸗ zimmer.— Alle bisher aufgezaͤhlten Gebaͤude gehoͤren zu dem aͤußern Theile des Serails. Neben dem Divans⸗Ge⸗ baͤude fuͤhrt das große dritte Serails⸗Thor, Bab⸗ Sha det⸗Kapuſſi in den innern Theil durch eine prachtvolle Halle, auf deren beiden Seiten 16 Porphyr⸗ Saͤulen prangen. Das Gewoͤlbe oben iſt reich vergol⸗ det und mit Bas⸗Reliefs von Blaͤttern und Blu⸗ men geſchmuͤckt. Hier haͤlt eine Schaar weißer Ver⸗ ſchnittener Dag und Nacht Wache. Niemand darf eingehen, wer nicht zum innern Palaſte gehöͤrt. Den innern Theil kennt man bloß durch Verſchnittene und Idſchoglans, welche nachher das Serail verlaſſen, und zu Staatsaͤmtern empor ſteigen. Durch die Bab⸗Shadet⸗Kap uſſi tritt man in den dritten, gleichfalls mit Baͤumen bepflanzten Hof des Serails, welcher an Schoͤnheit und Pracht die beiden erſten uͤbertrifft. Die Gebaͤude, welche ihn rund umgeben, ſind ohne Symmetrie aufgefuͤhrt, und ohne Ordnung an einander geſetzt. Auf der Seite des Thores, welche dem innern Hofe zugekehrt iſt, ſieht 311 man in der Hoͤhe uͤber den Woͤlbungen ein vergolde⸗ tes Tugra; ſo nennt man den verſchlungenen Na⸗ men des Sultans. Die Mauern der Gebaͤude ſind mit Porphyr⸗ und ausgeſuchten Marmor⸗Platten be⸗ kleidet, auf welchen eine Menge Zierrathen und In⸗ ſchriften von Gold verſchwendet ſind. Das Pflaſter iſt aus Marmor, aber fuͤr Pferde in Furchen gehauen. Der Menſchen ungeachtet, welche hier zuſammen ge⸗ draͤngt ſind, herrſcht immerwaͤhrende Todten⸗Stille. Bei dem Eintritte durch das Thor Bab⸗Sha⸗ det⸗Kapuſſi in den dritten Hof ſtoͤßt man auf ein von den uͤbrigen abgeſondertes Gebaͤude, Pavillon des Throns genannt, weil ſich hier der Audienz⸗ Saal befindet. Man kann ſowohl aus dem Divans⸗ Gebaͤude, als aus dem kaiſerlichen Pallaſte durch ver⸗ deckte gewoͤlbte Gaͤnge zu demſelben gelangen. Bei dem Eintritte in den Pavilkon erblickt man zwei aus der Mauer hervor ſpriugende Fontains auf den Sei⸗ ten, deren Waſſer ſich aus zwei marmornen Becken in die unterirdiſchen Kanaͤle des Serails ergießt, und von da in die kaiſerlichen Gaͤrten geleitet wird. Der Pa⸗ villon iſt viereckig und mit einer großen Kuppel be⸗ deckt, deren Spitze ein vergoldeter Halbmond ziert. XVI. Von der Buhne herab gleich bei dem Ein⸗ gange in den Audienz⸗Saal haͤngt eine goldene, mit Edelſteinen und orientaliſchen Perlen reich beſetzte Ku⸗ gel. Zwei kleine hoch angebrachte Fenſter laſſen nur ſo viel Licht einfallen, daß ein Helldunkel entſteht 312 Der marmorne Fußboden iſt mit einem praͤchtigen Teppiche belegt, die Waͤnde haben viele mit ge⸗ ſtickten rothen Tapeten behangene, goldene Verzierun⸗ gen, Bildhauer⸗ und Gyps⸗Arbejien. Der Kamin iſt mit Goldblech beſchlagen, und der Thron, auf einem 11½2 Schuhe hohen Auftritte von zwei Stufen, wel⸗ cher mit Teppichen und Polſtern von Gold⸗ und Sil⸗ ber⸗Brokaten, und mit Sdelſteinen und Perlen geſtickt, belegt iſt, befindet ſich in der linken Ecke. Ueber dem⸗ ſelben iſt ein holzerner Baldachin ganz mit Gold⸗Blech uͤberzogen, mit Steinen von außerordentlicher Koſt⸗ barkeit beſetzt, welcher von marmornen Saͤulen, die mit ungeſchliffenen Sdelſteinen und goldenen Zierra⸗ then bedeckt ſind, getragen wird. An dem Balda⸗ chin haͤngen an goldenen Quaſten vergoldete Strau⸗ ben⸗Eier. Bis zu dieſem Orte koͤnnen die europaͤi⸗ ſchen Geſandten und die Großen des Reichs gelangen. Die Wohnungen der weißen Verſchnit⸗ tenen und der Idſchoglans befinden ſich auf der linken Seite nicht weit vom Divans⸗Gebaͤude. Gleich unter dem Thore fuͤhrt links ein gewoͤlbter Gang zur Wohnung des Oberchefs aller weißen Verſchnittenen und Idſchoglan sz er fuͤhrt den Namen Kapi⸗Aga. Sein Amt iſt eine der erſten und eintraͤglichſten Hofſtellen; von allem, was ſich ereignet, muß ihm Nachricht er⸗ ſtattet werden. Haben die Hof⸗Bedienten Klagen ge⸗ gen einander, ſo entſcheidet er als hoͤchſte Inſtanz. Er hat die Schluͤſſel zu allen, ſowohl oͤffentlichen, als 4 3¹3 geheimen Ein⸗ und Zugaͤngen im Pallaſte. Er muß dem Sultan fuͤr alles ſtehen, was in der Reſidenz, den Harem und deſſen Umgebungen ausgenommen, ſich ereignet. Jeder Fehler, jede Unordnung wird ihm zur Laſt gelegt. Er muß zu jeder Stunde bereit ſeyn, zum Sultan gerufen zu werden; er hat auch Zutritt zu demſelben zu jeder Zeit. Wenn der Kaiſer ſich außerhalb der Reſidenz in ein Luſtſchloß verfuͤgt, ſo muß er ihn begleiten; geht er in den Gaͤrten des Serails ſpatziren, ſo muß er ihm zur Seite folgen. In allem, was die Dienerſchaft und das Serail an⸗ geht, iſt er geheimer Konferenz⸗Miniſter des Kaiſers. Die Geſchenke, welche von den Großen des Reichs, von den Vezieren und den Paſchen oder von fremden Hoͤfen fuͤr den Großherrn anlangen, werden zuerſt dem Kapi⸗Aga uͤbergeben. Alle, welche eine Audienz bei dem Throne des Monarchen haben wollen, muͤſſen ſich zuerſt bei ihm melden. Rechts von der Wohnung des Kapi⸗Aga befin⸗ den ſich die Zimmer des Serai⸗Agaſi, welcher uͤber alle Gemaͤcher der eigentlichen Reſidenz die oberſte Aufſicht fuͤhrt, den Harem allein ausgenommen. Er hat nur dem Kapi⸗Aga und dem Kaiſer ſelbſt Re⸗ chenſchaft abzulegen. Eine Menge Verſchnittener ſind zur Ausuͤbung ſeiner Befehle beſtimmt. In ſeinem Wirkungskeiſe iſt er vollkommener Deſpot, und braucht 314 nur vom Kapi⸗Aga und dem Sultan Befehle an⸗ zunehmen. Nicht weit von dem Zimmer des Serai⸗Agaſi befindet ſich jenes des Sera i⸗Ket⸗Odaſi, ebenfalls eines großen weißen Verſchnittenen, der mit dem erſten, welcher ſein Ober⸗Chef iſt, faſt gleiche Ver⸗ richtungen hat, und oft die Stelle deſſelben erſetzt. Links davon iſt die Wohnung zweier weißen Verſchnit⸗ tenen, welche das Amt der Geiſtlichen bei den Odas der Idſchoglans verwalten, und die Knaben taͤg⸗ lich zweimal zum oͤffentlichen Gebete rufen. An dieſen Theil des Palaſtes ſtoͤßt die Moſchee der Id ſchoglans, ein ſchoͤnes, mit einer bleiernen Kuppel und verſchiedenen Marmor⸗Arten geziertes Ge⸗ baͤude. Gleich bei dieſer Moſchee rechts am Ende des Hofes ſind die kaiſerlichen Waͤſchereien und Bleichen. Es ſind mehrere von mehreren Seiten offene Saͤle mit vielen Kabinetten neben denſelben. Ueber 150— 170 Idſchoglans und Verſchnittene ſind beſtaͤndig in dieſen Saͤlen beſchaͤftigt. In den⸗ ſelben ſieht man eine Menge marmorner Springbrun⸗ nen und Waſſerbecken mit ununterbrochenem Zu⸗ und Abfluſſe. 4 Der Aufſeher der Arbeiter fuͤhrt den Namen Sia⸗ miſi⸗Baſchi. In der Naͤhe der Waſch⸗ und Bleich⸗Zimmer wohnt links die Kuſchuk⸗O da, oder die unterſte Oda der Idſchoglans. Der Oberaufſeher der ganzen 315 Oda iſt der Oda⸗Baſchi, welcher noch mehrere Su⸗Baſchis unter ſich hat, und von dem Serai⸗ Agaſi unmittelbar die Befehle erhaͤlt. Oda iſt ein Inſtitut, in welchem Knaben zum Dienſte fuͤr den Kaiſer ſorgfaͤltig erzogen werden. Au⸗ ßer den Verſchnittenen haben ſie beſondere Lehrer Hodſchas, welche ſie in der Religion, den Geſe⸗ tzen, den morgenlaͤndiſchen Sprachen, im Rechnen und Buchſtaben⸗Malen unterrichten. Wenn die Idſcho⸗ glans die beſtimmte Zeit, welche ſie in den Odas zubringen muͤſſen, zuruͤck gelegt haben, ſo erhalten ſie Anſpruch auf die anſehnlichſten und eintraͤglichſten Aemter, und deßwegen bemuͤhen ſich die Aeltern ſehr, ihre Kinder in dieſes Inſtitut zu bringen. Von der Moſchee kommt man in eine große Vorhalle, dem taͤglichen Aufenthaltsorte der Stum⸗ men und Zwerge des Sultan. Sie bedienen den Sul⸗ tan, unterrichten die Idſchoglans in mimiſchen Kuͤn⸗ ſten und Geberden, und bringen die Nacht in den Odas der kaiſerlichen Knaben zu. Die Halle iſt mit marmornen Seitenwaͤnden und einem Fußboden aus rothen Ziegelſteinen verſehen, welche in mancherlei kuͤnſtliche Figuren gelegt ſind. Zwei Waſſerbecken fuͤl⸗ len ſich immer von ſelbſt. Dieſe Vorhalle fuͤhrt zu den Baͤdern, welche einen ſehr großen Raum einnehmen, und auf der einen Seite mit den Waͤſchereien und Bleichen zuſammen ſtoßen. Das Gemach mit den Oefen zur Heitzung der — 316 Baͤder folgt auf die Wohnung des Serat⸗Ket⸗ Odaſi, und heißt Kulkan⸗Oda. In demſelben ſind tiefe, verſchloſſene Niſchen ſtets mit Holz an⸗ gefuͤllt. Die Baͤder bleiben beſtaͤndig geheizt, und der Kul⸗ kanſchi⸗Baſchi mit 4— 5 Kulkanſchis aus dem Korps der Idſchoglans ſorgt fuͤr beſtaͤndige Feue⸗ rung. Beilaͤufig 25 Dellaks, deren Zimmer ſeit⸗ waͤrts ſteht, muͤſſen in den Baͤdern verſchiedene Dienſte verrichten. 215 Von da gelangt man aus dem Quartiere des 5 am⸗ nianſchi⸗Baſchi, des Oberaufſehers uͤber die Baͤ⸗ der, weiter zur Linken zum Quartiere des Haman⸗ ſchi. An dieſes ſtoͤßt das große Badſalon, der Ort, wo man die Kleider ablegt. Er beſteht aus ge⸗ hauenen Steinen, und gewaͤhrt eine reitzende Ausſicht. Der Boden beſteht aus einem Pflaſter von viereckigen Marmorſteinen, und die Waͤnde ſind ebenfalls mit Marmor ausgelegt. Das Waſſer von zivei Spring⸗ brunnen in der Mitte wird aus zivei Marmorbecken von beſonderer Schoͤnheit gefangen.— XVII. Aus dem großen Bad⸗Saale kommt man nach Ablegung der Kleider und Umguͤrtung der Len⸗ den in mehrere kleine Gemaͤcher, wo die Hitze zu⸗ niumt, je weiter man hinein geht. An dieſer Haupt⸗ Bad⸗Anſtalt koͤnnen alle Bewohner des Serails Theil nehmen. Nehſt dieſer gibt es noch mehrere kleinere 1 317 und praͤchtigere Baͤder fuͤr die Großen des Pallaſtes und den Großherrn ſelbſt. Auf einem großen viereckigen Platz, mit verſchie⸗ denfarbigen Marmor gepflaſtert und mit getaͤfelten Seitenwaͤnden verſehen, iſt der allgemeine Bar⸗ bier⸗Platz. Diejenigen, welche ſich hier bedienen laſſen wollen, ſetzen ſich auf breite Baͤnke, welchen Polſter aufgelegt ſind. Vornehme laſſen dieſes Ge⸗ ſchaͤft in ihren eigenen Zimmern verrichten. Dieſes Gemach iſt in der Mitte etwas erhaben, und gegen alle Ecken und Seiten abſchuͤſſig, damit das zum Bar⸗ bieren gebrauchte Waſſer ſich wieder verlaufen kann. Neben dem Barbierzimmer hat der Berber⸗Baſchi ein Gemach fuͤr ſich und ſeine Gehuͤlfen. Gegen die⸗ ſen Ort ſind die Badezimmer fuͤr den Sultan, welche an Pracht und Eleganz wohl ſchwerlich im Oriente ihres Gleichen haben duͤrften. Neben dem Bade des Kaiſers iſt ein anderes Marmor⸗Zimmer beſtimmt zur Reinigung der heimlichen Theile des Kaiſers, welche er, wie jeder andere Muſelmann, allein verrichten muß. Zur Wegbeitzung der Haare an den Schamtheilen be⸗ dient ſich der Sultan einer Art Erde mit Operment vermengt, welche ein Idſchoglan in einer goldenen Kapfel mit ſich traͤgt. wenn er den Kaiſer in das Bad begleitet. Gildne e s Das Zimmer iſt mit viereckigen Steinen auf dem Boden und an den Marmorwaͤnden mit Blumen von natuͤrlicher Farbe und erhabener Arbeit geziert. Die 318 Steine ſind mit Gold und himmelblauer Farbe uͤber⸗ zogen. Das Waſſer kommt aus der Wand mittelſt verſchiedener Haͤhne, welche kaltes und warmes Waſ⸗ ſer enthalten. Die Baͤder ſtehen durch einen breiten Gang mit den Zimmern, welche der Sultan gewoͤhn⸗ lich zu bewohnen pflegt, in Verbindung. Ihnen ge⸗ genuͤber liegt das Gebaͤude, welches den Chasna kaiſerlichen Schatz) mit allen zu demſelben gehoͤrigen Perſonen, Verſchnittenen und Idſchoglaus enthaͤlt. Der Theil des Serails, in welchem der kaiſerliche Schatz aufbewahrt wird, iſt durch eine große Vorhalle von der eeigentlichen kaiſerlichen Wohnung getrennt. Sie iſt 30 Schritte lang, und ungefaͤhr 10 breit, und ruht auf s ſtarken Marmor⸗Saͤulen von verſchiedenen Farben. Eine gruͤne wird von den Tuͤrken beſonders geſchaͤtzt. Gegen den Hof iſt die Halle offen, in der Mitte der Mauer, welche ſie auf der andern Seite umgibt, iſt das Thor zum Chasna. Der kaiſerliche Privat⸗Schatz, Chasna oder Hazna, bisweilen auch Chaſineh, falſch aber Kasna. genannt, iſt von der eigentlichen Staats⸗Kaſſe(Miri) verſchieden. Der Reichthum der erſtern iſt ungeheuer; er laͤßt ſich in den oͤffentlichen und geheimen theilen. Aus dem oͤf⸗ fentlichen werden die Ausgaben fuͤr das im Serail be⸗ findliche Perſonale, fuͤr Baulichkeiten und oͤffentliche Feſte beſtritten; der geheime kann nur in Gegenwart des Sultans geoͤffnet werden, und bleibt unangetaſtet. Vier Saͤle falſen den oͤffentlichen in ſich; der erge ent⸗ 319 haͤlt einen praͤchtigen Waffen⸗Vorrath, welcher aus beſonders gewaͤhlten Meiſterſtuͤcken von großem Werthe beſteht. Sie ſind Geſchenke, welche den osmanniſchen Herrſchern von fremden Monarchen oder Großen des Reiches verehrt worden ſind. Der andere Schatzkammer⸗Saal iſt gewoͤlbt, und auf demſelben werden in mehreren großen Kiſten koſt⸗ bare Kleidungsſtuͤcke und Gewaͤnder bewahrt. In an⸗ dern Kiſten ſind unangeſchnittene Ballen von engli⸗ ſchen, franzoͤſiſchen ze. Tuche, Muſſeline, Gold⸗ und Silber⸗Zeuge aufgehaͤuft. An den Waͤnden haͤngt eine ganze Anzahl mit koſtbaren Steinen und Perlen beſetzter Pferde⸗Zaͤume und Saͤttel, nebſt Kopf⸗Zierra⸗ then, Bruſt⸗ und Schwan⸗Riemen mit Edelſteinen beſetzt. Der dritte Saal iſt geraͤumiger, als die beiden vorhergehenden. In demſelben werden aufbewahrt: koſtbare Decken, die vornehmſten Teppiche, die theuer⸗ ſten Pferde⸗Decken des Kaiſers, welcher man nur bei großen Zexemonien und Aufzuͤgen ſich bedient; alle ſind mit Perlen und Edelſteinen reich beſetzt. Andere Kiſten enthalten reich mit Edelſteinen beſetzte Meſſer, Degen, Streitkolben, Saͤbel, Bogen und Pfeilez andere: Saͤbelgehaͤnge, Kuͤraſſe, Schilde, Harniſche; noch andere: Ambra, Biſam, Sandal und Alpveholi, koſtbare Spezereien, Gewuͤrze, Maſtix ꝛe. Eine zweite Reihe von Kiſten enthaͤlt viele ſilberne und goldene Tafel⸗Geſchirre, welche nie gebraucht werden: denn der Kaiſer ſpeißt auf japaniſchem Por⸗ zellan. Ferner allerlei Arten von Waſchbecken, große, uͤber 2 Schuh hohe Lichter, Pendel⸗ und Sackuhren, orientaliſche Schreibzeuge, Deller von Gold und Schmelzwerk, ſilberne und vergoldete Schalen u. dgl. Das Koſcbarſte dieſes Saales iſt in einem eiſernen Ka⸗ ſten verſchloſſen, welcher einen unſchaͤtzbaren Reich⸗ thum von Ringen mit Diamanten, Nubinen„ Sma⸗ ragden und anderen Kleinodien enthaͤlt. Ferner er⸗ blickt man eine Art von Erhoͤhung mit einem aus Gold und Seide gewirkten Teppiche bedeckt, auf wel⸗ chem das Bild K. Karls V. in erhabener Arbeit ſteht, indem er auf einem Throne ſitzt; in der einen Hand eine Weltkugel, in der andern ein Schwert tragend, umgeben von den Großen ſeines Reiches, welche ihm huldigen. Unten am Deppiche ſtehen ei⸗ nige gothiſche Worte. Oben auf demſelben liegen viele franzoͤſiſche, engliſche, teutſche, italieniſche Buͤ⸗ cher, nebſt 2 Globen und vielen geographiſchen Karten auf Pergament. 5 Der vierte Saal, die eigentliche Schatzkammer, iſt ſehr dunkel. Das Eicht faͤllt nur durch ein einzi⸗ ges Fenſter, welches mit dreifachen ſtarken eiſernen Gittern verwahrt iſt. Ueber dem Eingange ſtehen die tuͤrkiſchen Worte: Geld, welches durch Ru⸗ ſtans Fleiß erworben ward. Ruſtan, Groß⸗ Vezier unter Sultan Solyman, wußte ungeachtet der Stuͤrme, welche damals das Reich erſchuͤtterten, 321 den kaiſerlichen Schatz zu erhalten, und bekam daher dieſe Denkſchrift. 8 In einer Menge ſtarker, mit eiſernen Banden beſchlagenen Kiſten, durch zwei große Vorhaͤngeſchleſ⸗ ſer verwahrt, befindet ſich das kaiſerliche Gold und Silber in verſchiedenen Muͤnz⸗Sorten. Zu den Kiſten hat der jedesmalige Vezier⸗Aſſem den Schluͤſſel fuͤr das eine Schloß, und der erſte Tefterdar fuͤr das zweite. Das Geld befindet ſich in Beuteln zu 500 Piaſter. In dieſem Saale bezeichnet eine ſtark mit Eiſen⸗ Blech und Stangen verwahrte Thuͤre den Durchgang zum geheimen Schatze des Kaiſers. Man ſteigt bei dem Fackelſcheine 10— 12 Stufen hinab, und ſtoͤßt dann auf eine neue Thuͤre, welche eben ſo verwahrt iſt, wie die erſte. Gebeugt kommt man in ein Gewoͤlbe, in welchem eine Menge von Kiſten ſteht, von eben der Groͤße, wie im vierten Saale des Chasma, welche alles in Gold enthalten, was von den osmanniſchen Kaiſern erſpart worden iſt. Jeder Sack, welcher hier niedergelegt wird, enthaͤlt 45,000 Zechinen. Unmoͤg⸗ lich laͤßt ſich die Summe des Schatzes angeben. Der Kaiſer Ibrahim ließ eine Zaͤhlung verrichten, bei welcher man 4000 Saͤcke(Kize) fand, folglich enthielt der ganze Schatz damals 480 Millionen rheiniſche Gulden. Nur in ſehr dringenden Umſtaͤnden wird dieſer Schatz angegriffen. Das Gold liegt in ledernen 4 1ſtes B. Türkei. III. 3. 6 Saͤcken, welchen der Kaiſer ſelbſt ſein Siegel aufge⸗ druͤckt hat. Das Gewoͤlbe und die Kiſten werden nur dann geoͤffnet, wenn etwas Neues zum Schatze kom⸗ men ſoll, und dieſe oder jene Kiſte noch nicht ganz voll iſt. Nahe bei den Schatz⸗Zimmern iſt die Werk⸗ ſtaͤtte der Juweliere, welche taͤglich aus der Stadt hierher kommen, und Abends wieder in ihre Wohnungen zuruͤck kehren. Sie werden fuͤr ihre Ar⸗ beiten bezahlt, und zwar nach der Groͤße, Feinheit und Vollkommenheit derſelben. Chasna bedeutet eigentlich nur die kaiſerliche Kaſſe, und uneigentlich oft den ganzen Schatz des Kaiſers. Dieſer wird ſonſt allgemein Hafneh ge⸗ nannt. Hafneh bedeutet auch 10,000 Beutel Piaſter, oder 5,000,000 Stuͤck. Die Anzahl der J Idſchoglans bei dem Hafneh belaͤuft ſich gewoͤhnlich auf 60. Der Kapi⸗Aga und Chasnadar⸗Baſchi koͤnnen die⸗ ſelbe vermehren oder vermindern. Wenn der Sultan etwas aus der Schatzkammer holen laͤßt, oder dieſelbe ſelbſt betritt, ſo werden gewiſſe Zeremonien beobach⸗ tet, im letzteren Falle werden auch Geſchenke unter die Begleitung ausgetheilt. Wenn der Sultan ſich in der Schatzkammer befin⸗ det, ſo duͤrfen der Groß⸗Vezier, andere Große des Reichs und die Beiſitzer des Divans bis in die dritte Oda, wo die vorzuͤglichſten Kleinodien aufbewahrt werden, ja bis zum Saale des oͤffentlichen Schatzes kommen, aber bis in die geheime Chasna duͤrfen ſie 323 nicht vordringen. Sie warten dann vor dem Eingange auf die Zuruͤckkunft des Großherrn, welcher bisweilen in der dritten Oda einige Kiſten oͤffnen, und ſie ſei⸗ uen Guͤnſtlingen zeigen laͤßt. XLVIII. Die Zimmer des innern Serails, welche zum Schatze gehoͤren, werden von den uͤbrigen links auf dem Hofe durch einen ziemlich dunkeln 15— 20 Schritte langen gewoͤlbten Gang getrennt, welcher zu einer eiſernen Thuͤre fuͤhrt, die den Eingang zu den Gaͤrten auf dieſer Seite verſchließt. Auf der an⸗ dern Seite ſind die Gemaͤcher des Kilar. Neben dem geiwoͤlbten Gange ſteht die Wohnung der Idſcho⸗ glaus von der Kilar⸗Oda, auf dieſe folgen die Zimmer der Verſchnittenen, welche uͤber dieſe die Aufſicht haben.. 3 Der Kilar beſteht aus mehreren Gewoͤlben und Saͤlen; in ihm werden verſchiedene Getraͤnke fuͤr den Sultan theils bereitet, theils aufbewahrt. Mit ihm iſt zugleich auch eine Apotheke, in welcher ſtaͤr⸗ kende Eſſenzen und auch Arzneimittel verfertigt wer⸗ den, verbunden. Vor dem Kilar fuͤhrt eine Gallerie aus ſchwarzem und weißem Marmor, von s Saͤulen unterſtuͤtzt, zu dem Zimmer des Kilar ſchi⸗Baſchi. Neben ihm wohnt der Kilar⸗Ket⸗Oda ſi. Hinter den Gemaͤchern des Kilarſchi⸗Baſchi befindet ſich das Haus⸗ und Tafel⸗Geraͤthe des Kaiſers in einem beſondern Salon. Es beſteht aus einer Menge Gold⸗ und Silber⸗Geſchirre, Handbecken u. f. w.; 324 jedes Stuͤck iſt mit Diamanten, Rubinen, Smarag⸗ den und andern koſtbaren Steinen geziert. In dem Serail iſt durch das Herkommen der Gebrauch einge⸗ fuͤhrt, und immer beibehalten worden, daß der Kaiſer, wenn er außer der Mahlzeit Waſſer zu trinken begehrt, 2 jeden Trank mit 10 Zechinen bezahlen muß. 8 Zunaͤchſt bei dem Kilar fuͤhrt eine Galeerie aus⸗ Marmor⸗Quadern, von 8 Saͤulen derſelben Marmor⸗ Art untetſtuͤtzt, welche unten am Fuße mit verſchiede⸗ nen von Gold und mit blauer Farbe gearbeiteten Blu⸗ menwerke verziert ſind, zu der Oda der Eiih a73 kgammer⸗Idſchoglans. In dem erſten Zimmer, in welches man tritt, hal⸗ ten ſich Tag und Nacht die ſechs aͤlteſten Idſcho⸗ glans der dritten Oda auf. Von da kommt man auf einem mit weißem Marmor gepflaſterten Wege durch eine andere Thuͤre, welche mit zwei ſchwarzen Marmor⸗Saͤulen umgeben iſt, in den Saal der Id⸗ ſchoglans der Schatzkammer. Sie muͤſſen ſich mit Reiten, Bogenſchießen und andern gymnaſtiſchen Uebungen abgeben. Verſchnit⸗ tene fuͤhran uͤber ſie genaue Aufſicht, damit ſie einan⸗ der nicht verfuͤhren, und zu allerlei Arten von Unzucht reitzen. Auf die Paͤderaſtie der Idſchoglans ſtand ehe⸗ mals die Strafe, daß die Thaͤter ſolange, bis ſie ih⸗ ren Geiſt aufgaben, auf die Fußſohlen gepeitſcht wur⸗ den. In ihrem Saale befindet ſich auf beiden Seiten ein etwas erhabener Gang, 14/2 Schuhe hoch und 325 7— s Schuhe breit. Ihre Divans(Betten) ſtehen ne⸗ en einander. Die Gallerie uͤber dem Lager der Kna⸗ ben enthaͤlt ihre Habſeligkeiten und Kleider in eigenen Kaͤſten fuͤr jeden; ſie wird gewoͤhnlich in der Woche nur einmal geoͤffnet. An dem Ende des Saales kommt man durch ein Thor zu einem Brunnen, wo ſich die Idſchoglans vor dem Gebete waſchen. Man ſieht da 1 Haͤhne aus Meſſing, der Boden und die Waͤnde ſind aus weißem Marmor. Neben der Wohnung der Idſchoglans der drit⸗ ten Oda hat der Chasnadar⸗Baſchi ſeine Stelle; neben demſelben der Chasnaket⸗Odaſi, ein an⸗ derer Großer des Serails, Subſtitut und Adjunkt des erſtern, im Falle dieſer krank oder todt ſeyn ſollte. Gleich hinter iſt die Treſorier⸗Regiſtratur, und weiter gegen die kaiſerlichen Zimmer der Aufenthalt des Anakdar⸗Agaſi, in deſſen Vorſaale die Atzn a⸗ Sair⸗Setlen der die Schatzkammer⸗Sklaven die Befehle ihrer Obern erwarten. Alle dieſe Gemaͤcher beſinden ſich laͤngs den Gaͤrten der Reſidenz. Zwiſchen dieſem Quartiere und jenem der Idſcho⸗ glans der vierten Oda befindet ſich noch die Woh⸗ nung des Doſchanſchi⸗Baſchi und aller zur Fal⸗ konerie und Jaͤgerei des Großberrn gehoͤrigen Perſo⸗ nen, Offiziere und Kuechte. Ein Paar große Salons dienen den vielen Id⸗ ſchoglans oder Jagdpagen zum Quartiere, und nach 326. den Gaͤrten hin liegen die Magazine fuͤr das Jagdzeug und fuͤr die abgerichteten Pferde. Der unterirdiſche Gang zwiſchen den Gebaͤuden des Chasna und des Kilar iſt jaͤh und wohlgepfla⸗ ſtert. Das Thor deſſelben auf dem Hofe bewachen weiße Verſchnittene. Die gegenuͤber ſtehende Pforte iſt der Obhut des Boſtanſchi anvertraut. Aus die⸗ ſer hat man eine von zwei Gelaͤndern eingefaßte Allee vor ſich, welche zwei mit den praͤchtigſten und ver⸗ ſchiedenſten Blumen ausgeſchmuͤckte Bette von einan⸗ der trennt. An dem Ende eines dieſer Blumenbette befindet ſich die Wohnung de Selikdar⸗Aga, einer ſehr bedeutenden Perſon im Innern des Palaſtes. Nicht 6 weit von derſelben iſt der von Muhamed V. fuͤr die Fruͤhlings⸗ Luſtbarkeiten erbaute Kiosk nahe bei der großen Ringmauer. Die Blumenbette werden in die⸗ ſer Gegend mit außerordentlicher Sorgfalt unterhal⸗ ten. Von weitem erhebt ſich der viereckige Kiosk aus— der Mitte von Blumen, Lorbeer⸗, Orangen⸗, Po⸗ meranzen⸗ und andern Baͤumen. Die Kuppel ruht auf gemalten holzernen Pfeilern, und iſt oben ſtark und vergoldet. Der Eingang liegt gegen Suͤden, die andern Seiten ſind mit 40 Glasfenſtern verſehen. Nordwaͤrts an der Ringmauer iſt die Orangerie. Von den obern Gaͤrten fällt durch kuͤnſtliche Leitun⸗ gen Waſſer in ein marmornes Baſſin, welches viel⸗ leicht noch ein Werk der Griechen iſt. Das bleierne 4 327 Dah der Kuppel lauft in eine viereckige Spitze zu⸗ ſammen, und traͤgt eine achteckige Laterne mit Glas⸗ ſcheiben. XIX. Am Portale, welches die weißen Verſchnit⸗ tenen bewachen, von welchen man zu dem Quartiere des Kislar⸗Aga und der ſchwarzen Verſchittenen gelangt, tritt man, der Flur des Chasna gegen⸗ uͤber, in die Kolonnade, welche einem andern großen Gebaͤude zur Unterſtuͤtzung und Grundlage dient; hier finden wir vor uns eine ſchoͤne Marmor⸗Trepde, die uns ſanft hinauf geleitet. Der Eingang iſt gegen Weſt, und gegen die Moſchee der Idſchoglans erhe⸗ ben ſich in einem weiten, mit Marmor ausgelegten Vorzimmer aus einem prachtvollen Baſſin mehrere Fontaines. Das Quartier des Selikdar⸗ Aga be⸗ findet ſich im erſten Stockwerke dieſes Gebaͤudes. Ne⸗ ben dem Quartiere des Selikdar⸗Aga wohnen der Rikiabdar⸗ und Chokodar⸗Aga, und ein anderer Salon neben der großen Marmor⸗Treppe iſt dem Kaffedſchi⸗Baſchi eingeraͤumt. Am Ende des einen der vorher erwaͤhnten Blu⸗ menbette iſt die Haza⸗Oda, ein gewoͤlbtes Zimmer fuͤr die vierte und letzte Klaſſe der Idſchoglausz ſie machen die Kammer⸗ und Leibpagen des Sultans aus. Ueber der Thuͤre der Haz⸗Oda ſieht die oft angefuͤhrte Inſchrift: La Illaheh ꝛc.; an den vier Ecken lieſt man die den Muhamedanern ſo geehrten Namen Abubeker, Omar, Osman und Ali in ſchwarzen Marmor eingegraben. Wenn irgend ein Großer des Palaſtes zum Paſcha erhoben worden iſt, und vom Kaiſer Abſchied genommen hat, geht er zu dieſer Thuͤre hinaus; ſobald er ſie im Ruͤcken hat, kehrt er ſich um, und kuͤßt demuͤthig und ehrfurchts⸗ voll den Tritt der Thuͤre; an welcher oben die heili⸗ gen Namen befindlich ſind. Bei dem Eingange in die Haz⸗Oda ſieht man auf der rechten Seite viele Spruͤche aus dem Koran in viereckig vergoldete Plaͤtze eingefaßt. Zur Linken an der Mauer iſt ein Panzer⸗ Hemd, nebſt Helm und Schild angeſchlagen, als ein Denkmal von Sultan Amurats Tapferkeit. Vor der Haz⸗Oda ſind unter der ziemlich lan⸗ gen Gallerie, welche auf beiden Seiten offen iſt, und von Marmor⸗Saͤulen getragen wird, in vier großen Kaͤſten die Kleidungsſtuͤcke und das Geraͤth der vier vornehmen Hof⸗Beamten, der Selikdar⸗Choko⸗ dar⸗Rikiabdar⸗Agas und Haz⸗Oda⸗Baſchis. Dieſer Gallerie gegenuͤber ſteht die Moſchee des Großbherrn, ein Gebaͤude von mittelmaͤßiger Groͤße, mehr lang, als breit, von Norden nach Suͤ⸗ den ſich erſtreckend. In der Mauer gegen Mittag hat, wie in allen Moſcheen, in einer Niſche,(Mihrab) der Iman ſeinen Platz. In einem reich verzierten Ge⸗ mache, gerade dem Im an gegenuͤber, befindet ſich der Kaiſer mit ſeinen Leib⸗Vezieren und 40 Idſcho⸗ glans. Zu beiden Seiten des Imau iſt eine Reihe von s Saͤulen, deren einige aus gruͤnem Marmor, an⸗ 329 dere aus Porphyr ſind. Den Boden bedecken koͤſtliche Teppiche, die Waͤnde ſind aus weißem Marmor; an ihnen erblickt man eine Menge Spruͤche aus dem Ko⸗ ran mit großen arabiſchen Buchſtaben in Rahmen. In der Mitte der Moſchee haͤngen an einem großen eiſer⸗ nen Zirkel eine Menge Lampen aus venetianiſchem Kryſtall; aͤhnliche Lampenkreiſe befinden ſich auf den Seiten. Neben der Moſchee iſt ein praͤchtiger Spring⸗ brunnen. 3 Von der Haz⸗Oda kommt man in einen mit weißem und ſchwarzem Marmor gepflaſterten Saal. In der Mitte ſteht ein marmornes Becken, aus wel⸗ chem eine Fontaine 4—s Schuhe hoch ſpringt; das Waſſer wird bei ſeinem Falle von einem muſchelfoͤr⸗ migen Becken aufgefangen, und aus dieſem faͤllt es in ein drittes. Der obere Theil des Saales endigt in eine Halb⸗ rotunde; die Seitenwaͤnde ſind mit verſchiedenen mor⸗ genlaͤndiſchen Malereien geziert. Aus dem Salon fuͤhrt eine Thuͤre zur Rechten in ein Zimmer, in welchem ſich zuweilen des Winters der Sultan außzuhalten pflegt; eine andere zur Linken in den großen kaiſerli⸗ chen Blumen⸗Garten. Die Decke des Gemaches beſteht aus kleinen, ſich in einander ziehenden Woͤlbungen, welche Dreiecke bilden, und mit gruͤnen und goldenen Stricken geziert ſind. Von den Winkeln der Dreiecke fallen vergoldete Lampen herab. Die Waͤnde ſind mit ſchoͤnem weißen 8 330 4 Marmor bekleidet, und ein kuͤnſtliches Schnitzwerk von Gold geht rings herum. Das große Marmorpfla⸗ ſter iſt mit koſtbaren Teppichen belegt. Laͤngs der Sei⸗ tenwaͤnde erſtrecken ſich koͤſtliche Divane, deren Pol⸗ ſter mit Edelſteinen und Perlen verziert ſind. In einer Ecke des Zimmers findet ſich ein kleiner 2 Staffeln hoher Divan, deſſen Kiſſen, Decken und Matrazen aus Stickereien von Perlen, Rubinen und Smaragden beſtehen. Bei dem untern Theile des Divans wird in einer Niſche an der Wand, in einem Kaͤſtchen aus Eben⸗ holz, Mahomeds Siegel aufbewahrt. Es iſt in Kryſtall eingefaßt, und mit Elfenbein umgeben, mag ¹ Zolle lang und 3 breit ſeyn, wird fuͤr ein großes Heiligthum gehalten, und ſelbſt ein Abdruck deſſelben ſehr verehrt. 3 In demſelben Gemache iſt auch Mahomeds Hirka, ein orientaliſches Gewand„ mit großen wei⸗ ten Aermeln aus weißem Kamelot von Ziegenhaaren verfertigt. Den 44. Tag des Ramazan begibt ſich der Sul⸗ tan mit dem Selikdar⸗Aga in dieſes Zimmer, um 50 Abdruͤcke von dem Siegel zu nehmen, welche er ſeinen Guͤnſtlingen und Favoritinnen in kleinen, mit Seide wohl verwahrten und verſiegelten Rollen, als Zeichen ſeiner Gnade uͤberſchickt. Das Gewand wird gleichfalls zur Zeit des Ramazan von dem Grof⸗ herrn aus dem Kaſten genommen, ehrbietig gekuͤßt, 331 von dem Kapi⸗Aga in ein Gefaͤß getaucht, und ſtark zuſammen gedruͤckt, damit alles Waſſer in das Gefaͤß fließt. Dann wird eine Anzahl venetianiſcher Flaſchen damit angefuͤllt, und gleichfalls verſtegelt und ver⸗ ſchenkt. Das heilige Gewand muß bis zum zwanzigſten des Ramazan abtrocknen, dann wird es vom Kaiſer wieder verſchloſſen. Sobald ein Vornehmer dieſe Geſchenke erhaͤlt, nimmt er das Papier mit Mahomeds Siegel, taucht es etwas in das Waſſer der Flaſche, und ſchluckt ſo⸗ dann Waſſer in Papier in voller Andacht hinab, ohne das Papier vorher zu oͤffnen. Andere, welche bloß Waſſer bekommen, laſſen ſich vom Iman Spruͤche aufſchreiben, und ſchlucken ſie hinab. Man ſchreibt dieſen dieſelbe Kraft zu. In dieſem Salon haͤngt auch an der Wand ein kurzer Saͤbel von plumper Arbeit. Die Scheide iſt aus gruͤnem Tuche, und das Stuͤck wird fuͤr eine Reliquie des ſo hoch verehrten Omar, des Nachfol⸗ gers Muhameds gehalten. Hier iſt auch ein anderer lauger Saͤbel aufgehaͤngt, welcher dem Fanatiker Ebu⸗Nislum gehoͤrt haben ſoll. Dieſer ließ alle in Stuͤcke hauen, welche ſich erdreiſteten, Ketzereien in den wahren Glauben zu miſchen. Er ſtand 400 Jahre nach Mahomeds LTode auf, und zerſtoͤrte eine Sekte beinahe voͤllig. Zwiſchen dieſem Reliquien⸗Saale und der Chas⸗ ————————⅞⅛uꝛee—. —— 332 Oda, in welcher 40 Leibpagen Tag und Nacht zum Dienſte des Sultans bereit ſeyn muͤſſen, ſind drei ſehr ſchoͤne Portale aus Porphyr und Verde Antiko. Das mittelſte derſelben fuͤhrt zu den eigentlichen kai⸗ ſerlichen Gemaͤchern, die beiden andern zu den Woh⸗ nungen des Chokodar⸗ und Rikiabdar⸗Aga. Wegen ihrer tiefen Lage und Umgebungen von großen Vorgebaͤuden und Erkern war man nicht im Stande, dieſen viel Licht zu geben. Seidene Teppiche zieren den Fußboden; an den ſchoͤnen Marmor⸗Waͤnden ſind flach gemalte Blumen⸗Urnen angebracht, himmelblau mit Gold vermiſcht. Unten liegen koſtbare Divane mit geſtickten, und durch goldene Trotteln verbraͤmten Polſtern. Dieſes waͤren kurz die vornehmſten und merkwuͤr⸗ digſten Zimmer in den Gebaͤuden des innern Serail, welche den Hofleuten, die den Kaiſer zunaͤchſt umge⸗ ben, eingeraͤumt ſind. Außer dieſen gibt es noch mehrere andere Gemaͤcher und Saͤle, in welchen die vornehmſten Verſchnittenen theils Befehle ertheilen, theils an ihre Untergebene Befehle und Auftraͤge er⸗ gehen laſſen; andere ſind zum gemeinſchaftlichen Ge⸗ brauche fuͤr mehrere Arten von Hof⸗Bedienten be⸗ ſtimmt, noch andere dienen den Sklaven und Dienern der Serails⸗Großen zum Aufenthalte. 333 XX. Der Hippodrom. Der Bau des Hippodrom, welcher in der Vor⸗ zeit der Roͤmer⸗ und Griechen⸗Herrſchart zum Mittel⸗ punkte der großen oͤffentlichen Volksfeſte diente, und noch heute von den muſelmaͤnniſchen Großherrſchern zu gleichen Zwecken nach tuͤrkiſch⸗orientaliſchem Zu⸗ ſchnitte benutzt wird, ward von Severus begonnen, und von Konſtantin nach dem Modelle des Zirkus zu Rom beendigt. Zwei unabſehbare, lange, ge⸗ ſchmackvolle Saͤulen⸗Reihen uͤber einander und auf ei⸗ ner breiten Grundlage, umgaben deuſelben. Eine außerordentliche Menge von Statuͤen aus Marmor, Porphyr und Bronze, von Menſchen und Thieren, Kaiſern und Athleten, von der Hand der geſchickteſten Meiſter Roms und Griechenlands diente ihm zur Zierde. Unter ſo vielen bewunderungswuͤrdigen Gruppen befanden ſich auch hier die vier bronzenen Pferde von Lyſippus, welche aus Griechen⸗ land nach Rom und von da nach Konſtantino⸗ pel wanderten, und in der Folge der Zeit nach VWeo⸗ nedig gebracht wurden, wo ſie die Frontispice der Markus⸗Kirche zieren. Die Tuͤrken erinnern durch die Benennung At⸗ meidan(Pferde⸗Platz), noch an die ehemalige Be⸗ ſtimmung dieſes Platzes. Er iſt jetzt faſt 400 geome⸗ triſche Schritte lang und 100 breit. Seine Geſtalt iſt viereckig. Blickt man nach der Gegend der Sophien⸗ Kirche, oder des großen Serails, ſo faͤllt das Auge 334 3 rechts auf die praͤchtige D ſchamie des Sultan A ch⸗ med, deren Aeußeres weit groͤßeren Eindruck macht, als die Sophia, und die an einem Ende dieſes Pla⸗ tzes ſteht. Links auf der andern Seite am Hippodrom das Ibrahim⸗Paſcha⸗Serai, ein großes Ge⸗ baͤude, welches Ibrahim, des Sultan Soliman II. Schwiegerſohn und Guͤnſtling, auf eigene Koſten er⸗ bauen ließ. In den neuern Zeiten dient es zu großen Feſten und Feierlichkeiten; ein Theil deſſelben iſt zu⸗ gleich Wohnung und Akademie fur 400 Pagen des Sultan, welche auf kaiſerliche Koſten ernaͤhrt und un⸗ errichtet werden, und dieſen Palaſt nicht eher ver⸗ laſſen, bis ſie Epaſi oder Kriegsleute werden. Auf dem Platze befinden ſich jetzt noch einige ko⸗ loſſale Alterthuͤmer. Zuerſt erhebt ſich in der Mitte des Hippodrom eine noch ſehr gut erhaltene Spitz⸗ Saule aus aͤgyptiſchem Granit oder Porphyr. Sie iſt 60 Fuß hoch und beſteht nur aus einem einzigen Steine. Das Fußgeſtell hatz die Hoͤhe von 7 Fuß und iſt gut proportionirt, auf demſelben ruht die Spitz⸗ Saͤule uͤber 4 großen metallenen Kugeln. Die Saͤule ſelbſt iſt von ſchlechtem Verhaͤltniſſe. Die Spitze ſo⸗ wohl, als alle Seiten der Saͤule ſind mit Hierogly⸗ phen bedeckt, welche noch wohl erhalten ſind. Das Piedeſtal iſt mit vielen griechiſchen und lateiniſchen Inſchriften und Bas⸗Reliefs, jedoch neueren Urſprungs verziert. Kaiſer Theodo ſius ließ dieſes Monument 8 335 wieder aufrichten, nachdem es lange auf dem Boden gelegen war. Einige Schritte von dieſem Obelisk erheben ſich die Ueberbleibſel einer halb zu Grunde gegangenen 94 Fuß hohen Porphyr⸗Saͤule mit 4 Facaden, welche aus verſchiedenen Marmor⸗Stuͤcken zuſammen geſetzt war. Konſtantin Porphyrogenitus ließ ſie mit ver⸗ goldeten Bronze⸗Platten bedecken, welches noch eine griechiſche Inſchrift an der Baſis anzeigt. An mehre⸗ ren Orten iſt ſie bereits ganz zerfallen, und an andern wird ſie noch durch eiſerne Reife zuſammen gehalten. Das Werk traͤgt uͤbrigens an ſeiner zertruͤmmerten Ge⸗ ſtalt die Merkmale des entfernteſten Alterthums, und bleibt immer ein Naͤthſel fuͤr den Geſchichtforſcher. Zwiſchen den beiden Monumenten in gleicher Ent⸗ fernung ſteht die ewig denkwuͤrdige Saͤule aus Bronze mit den drei großen Schlangen, welche ſich ſchneckenfoͤrmig um ſie winden, und oben ihre Koͤpfe und Rachen ausſtrecken. Dieſes Kunſtwerk iſt 15 Schuhe hoch, und ruht auf einem Fußgeſtelle. Es iſt ohne Zweifel eines der ſonderbarſten Monumente des Alterthums. Konſtantin ſoll es aus dem Tempel zu Delphi geraubt haben. Es diente dort zur Stuͤtze des goldenen Dreifußes, welchen die Griechen nach der Niederlage des Ferxes dem Apollo weihten. Als Sultan Muhamed II. Konſtantinopel er⸗ oberte, betrachtete er dieſes Schlangen⸗Denkmal als einen Talisman, welcher ſich ſeinen Siegen widerſetzte, 336 und hieb ſelbſt einen die ſer Schlangenkoͤpfe mit ſeiner Streitaxt zum Beweiſe ſeiner Tapferkeit ab⸗ Die an⸗ dern beiden Köͤpfe erhielten ſich bis zum Jahre 1700, wo ſie geſtohlen wurden, ohne daß die Thaͤter jemals bekannt wurden.. Die Saͤule Konſtantins und jene des Arka⸗ dius unterlagen den Verwuͤſtungen der Zeit. XXI. Bagno. Bagno, das Gelbaͤude zur Wohnung fuͤr die Sklaven und Verbrecher, liegt zwiſchen Ayna⸗Se⸗ rai und dem Arſenale nahe am Hafen. Man nennt es noch bistveilen das Gebaͤude von St. Paul. Es iſt aus Steinwerk aufgefuͤhrt, und gehoͤrt zu den oͤffentli⸗ chen Anſtalten. Sein Umfang iſt betraͤchtlich, und das Innere gleicht mehr einer Scheune als einer fuͤr Menſchen eingerichteten Wohnung. Es gibt weder ein⸗ zelne Stuben, noch Gemaͤcher. An den vier Waͤnden ſind von dem Boden bis zur Decke kleine Behaͤltniſſe zur Wohnung fuͤr die Sklaven neben⸗ und uͤber ein⸗ einander angebracht. Ein jedes derſelben iſt nicht groͤ⸗ ßer, als daß ein Mann der Laͤnge nach darin liegen und ſchlafen kann, iſt mit einem Gelaͤnder umgeben, ungefaͤhr von einer halben Mannes⸗Hoͤhe, und oben jedesmal offen. Diejenigen Sklaven, welche oben ihre Schlafſtel⸗ len haben, muͤſſen von einem Behaͤlter zum andern 337 hinauf klettern, ſie koͤnnen aber wegen ihrer Naͤbe leicht dieſelben erreichen. Der Kapudan⸗Paſcha hat die oberſte Leitung uͤber alle in dieſer Gegend liegenden Anſtalten und Gebaͤude des Sultans; unter ihm ſteht auch das Bagno. Er ernennt jedes Mal den Aufſeher daruͤber, welcher wie⸗ der Unter⸗Aufſeher und Gehuͤlfen hat. Das Bagno bewachen Marine⸗Soldaten, deren Kaſerne in der Naͤhe ſich befindet. Die hier befindlichen Sklaven werden theils zu oͤffentlichen Arbeiten, theils zur Bemannung der kai⸗ ſerlichen Galeeren angewendet. Auch von der Todes⸗ ſtrafe befreite Miſſethaͤter muͤſſen ihre uͤbrige Lebens⸗ zeit auf eine elende Weiſe im Bagno hinſchleppen. Ueber die Sklaven fuͤhren einige Tuͤrken, Guar⸗ dians genannt, die Aufſicht; ſie haben immer den Stock in der Hand, und der geringſte Fehler wird ſcharf beſtraft. Die Nahrung und Koſt der Gefange⸗ nen beſteht in Waſſer, einigen kleinen Broden, Oli⸗ ven, Gurken, gruͤnen Suppen und Gemuͤſen. Die Luft im Innern des Bagno iſt ſehr verdorben und un⸗ geſund. Es befinden ſich in dem Bagno auch noch drei Kapellen, eine fuͤr die griechiſchen und zwei fuͤr die lateiniſchen Chriſten. Eine der letztern gehoͤrte ebe⸗ mals den Franzoſen, die andere den Venetianern und übrigen Italienern, Teutſchen und Polen. Hier konn⸗ ten ſonſt die in Pera und Galata wohnenden Miſſio⸗ naͤre Beichte hoͤren, Meſſe leſen und Sakramente aus⸗ 41ſtes B. Türkei. III. 3. 7. 1 338 theilen, ja ſogar nach einem Geſchenke an den Ober⸗ Inſpektor mit aller Freiheit predigen. Ausgezeichnet war durch ſeine Bemuͤhungen fuͤr die Chriſten⸗Stla⸗ ven der aus Turin gebuͤrtige Abbé Cardini. XXII. Die Vorſtadt Dimitri. Die griechiſche Vorſtadt St. Dimitri liegt auf einer betraͤchtlichen Hoͤhe, von welcher man eine aͤu⸗ kerſt reitzende Ausſicht hat, zwiſchen Weinbergen und. Gaͤrten. Wegen der Ungleichheit des Bodens liegen manche Straßen hoͤher, als die andern. Von den Haͤuſern, welche eine tiefere Lage haben, uͤberſieht man die Vorſtaͤdte Pera, Galata, Tophana, den Hafen und die jenſeits derſelben ſich erhebende Hauptſtadt. Die Straßen an den hoͤher liegenden Orten genießen außerdem noch die praͤchtige Ausſich t auf den Kanal und deſſen Geſtade. Die franzoͤſiſchen Kaufleute nennen den Aufent⸗ halt zu St. Dimitri einen Aufenthalt auf dem Lande, und den in Pera den Aufenthalt in der Stadt. Man genießt alle Annehmlichkeiten des Landlebens, und noch dazu in ſo großer Naͤhe der Hauptſtadt. Die waſſerreiche Gegend von Konſtantinopel bietet mannigfaltige Gelegenheit zur Fiſcherei an, die Jagd iſt ſehr ergiebig, der Garten und Landbau in dieſem Klima ausgezeichnet, die Viehzucht vortrefflich; 339 dazu kommen noch die vielen Spatiergaͤnge naͤher und entfernter liegenden Gegenden des Bosporus. In St. Dimitri ſind die Straßen voll Hunde, ebenſo wie in Pera und Konſtanti nopel. Hier lernte ich bei einem franzoͤſiſchen Kaufmanne einen Menſchen von den Karai⸗Jaodis, oder ſogenann⸗ ten ſchwarzen Juden kennen. Dieſe kleine hebraͤiſche Sekte, gehaßt von den uͤb⸗ rigen Juden, fuͤhrt in der Vorſtadt Haskioi ein ſtil⸗ les, abgeſondertes Leben. Der vorzuͤglichſte Unterſchied der Karaiten von den uͤbrigen Juden beſteht darin, daß ſie ſich bloß an die Buͤcher des alten Teſtamentes halten, und auf alle Auslegungen der Talmudiſten, Rabbiner und Kabaliſten keine Ruͤckſicht nehmen. Zum Wegweiſer bei ihren Gebraͤuchen nehmen ſie die Tho⸗ rah ſtatt des Talmuds. Ihre Kleidung iſt ganz mor⸗ genlaͤndiſch; Turbane ſieht man bei ihnen mehr, als Muͤtzen. Den Kopf ſcheeren ſie ganz, und unterſchei⸗ den ſich dadurch von den uͤbrigen Juden. Reiche Leute gibt es unter ihnen wenige. An Unſauberkeit ſtehen ſie nicht unter ihren uͤbrigen Glaubens⸗Geuoſſen. Sie naͤhren ſich vom Handel, treiben auch wohl einige Gewerbe. Bei Streitigkeiten iſt einer der Aelteſten ihr Schiedsrichter. Auffallend war mir, ſagt der Reiſe⸗Beſchreiber, in St. Dimitri zum erſten Mal einen Brunnen⸗ tanz uach alt⸗helleniſtiſcher Weiſe zu erblicken. Abends verſammeln ſich die griechiſchen Maͤdchen und Frauen 340 um einen Brunnen. Waͤhrend die einen der Quelle ſich naͤhern, in ihren Brunnen⸗Eimern das Waſſer am Seile empor ziehen, und es in ihre Kruͤge ſchuͤtten, ſingen die andern Lieder der Freude. Ein Theil hat ſich indeſſen in eine Gruppe vereinigt, und, indem der Geſang ertoͤnt, fangen ſie an, in froͤhlichen Rei⸗ ben zu tanzen. In allen ihren Wendungen und Bie⸗ Lungen zeigte ſich die groͤßte Lebhaftigkeit und Gewandt⸗ beit. Die Tours waren von ziemlicher Verſchieden⸗ heit. Bald ward von allen Taͤnzerinnen ein Arm hoch in die Hoͤhe gehoben, bald dieſer Fuß vorgeſetzt, bald jener; bald war nur ein allgemeiner Kreis um den Brunnen, bald loͤſte er ſich in mehrere Kreiſe auf, Mannsperſonen waren weit und breit nicht zu ſehen. Nachdem eine Haͤlfte der verſammelten Griechin⸗ nen ihre Geſaͤnge und Taͤnze vollendet hatte, ward ſie von der andern abgeloͤſt, welche bisher beſchaͤftigt geweſen war, Waſſer zu ſchoͤpfen, und nun naͤherte ſich jene dem Brunnen, und fuͤllte ihre Kruͤge. Als alle hinlaͤnglich mit friſchem Waſſer ſich verſehen hat⸗ ten, begaben ſie ſich verſchleiert nach Hauſe, noch ehe die Nacht voͤllig einbrach. In einem Zimmer, faͤhrt der Erzaͤhler fort, fan⸗ den wir eine ganze Geſellſchaft mit dem Mankala beſchaͤftigt. Es iſt ein Lieblingsſpiel der Tuͤrken, auch der Griechen, und das ganze Jahr an der Tages⸗Ord⸗ nung. Das Mankala⸗Spiel beſteht aus einem Brette mit zwei Fluͤgeln, wie ein Damen⸗Brelt, . 341 auf jeder Seite hat es ſechs runde Vertiefungen. Nur 2 Perſonen koͤnnen mit einem Brette ſpielen. Das Spiel iſt ſo einfach wie unſere Dame, oder Domino. XXIII. Zuſtand und Behandlung der Sklaven in der Tuͤrkei. Man ſieht die Sklaven, wie Hausgenoſſen an; ſobald ſie in das Haus treten, gehoͤren ſie zur Fa⸗ milie. Die Tuͤrken koͤnnen den Sklaven die Freiheit geben, oder ſie waͤhrend der ganzen Lebenszeit im Dienſte behalten. Die Kinder, welche ſie mit allen ihren Weibern zeugen, haben gleichen Antheil an dem Erbe ihres Vaters, nur daß die von Sklavinnen ge⸗ zeugten durch das vaͤterliche Teſtament frei gemacht werden muͤſſen. Geſchieht dieß nicht, ſo bleiben ſie Sklaven und fallen dem Aelteſten der Familie zu. Ein Geſetz verbietet den Tuͤrken, eines Bruders Sklavin zu beruͤhren, bevor ſie nicht Eigenthum eines Dritten geweſen iſt. Will ein Bruder dem andern mit einer Sklavin, bei welcher er ſchon geſchlafen hat, ein Geſchenk machen, ſo muß ſie zuerſt an einen Freund oder Verwandten verſchenkt werden, von welchem der andere Bruder ſe erhalten kann. Durch den Koran iſt verordnet: daß keine Frau ihren Sklaven heirathen, oder ſich von ihm beruͤhren laſſen duͤrfe. Ein Herr, der eine Sklavin in ſei⸗ nen Harem aufzunehmen wuͤnſcht, welche mit einem ſeiner Sklaven verheirathet iſt, braucht nur dieſen 3⁴42 des Sklaven eigner Frau zu ſchenken. Sobald dieſes geſchehen iſt, muß die Ehe getrennt werden. In Anſehung der Religion laſſen die Tuͤrken den Sklaven jene ihrer Vaͤter beibehalten. Unter den Sklavinnen der Tuͤrkei gibt es ſo viele Schwarze, als Weiße. Die ſchwarzen Frauenzimmer ſind in der Tuͤrkei ſehr geſucht; ihr Wuchs iſt meiſtens zart gebildet, und das Auge von der außerſten Lebhaftigkeit. Die Tuͤr⸗ ken behaupten, der Beiſchlaf mit Negerinnen in den heißen Sommer⸗Tagen gewaͤhre unendlich mehr Reiz, ais mit weißen Frauenzimmern, wegen der Kuͤhle, welche ſie in ſich verborgen haͤtten. Es gibt wenige Harems vornehmer Muſelmaͤnner, in welchen nicht ſchwarze Frauenzimmer angetroffen wuͤrden. Der Neger am tuͤrkiſchen Hofe iſt uͤppig, traͤge, ausgezeichnet durch eine ſtolze Gleichguͤltigkeit gegen Alles Umgebende, durch Verachtung der Neben⸗ menſchen. Die Tuͤrken nennen alle Schwarze meiſtens Arabs, und begreifen unter dieſer allgemeinen Be⸗ nennung nicht nur die Bewohner des eigentlichen Arabiens, ſondern des ganzen innern Afrikg. Man findet in der Tuͤrkei Schwarze aus der Bar⸗ barei, Nubien und Abeſſinien, aus Goaga, Borno, Zanfara, Medra oc. Ebenſo verſchie⸗ den iſt auch das Vaterland der weißen tuͤrkiſchen Skla⸗ ven. Außer den Europaͤern, welche durch Zufall in die Sklaverei der Muſelmaͤnner gerathen, ſieht man hier beſondere Individuen aus den kaukaſiſchen Ge⸗ birgen, von Ava, Tipra, Oſul, Arakan, Ti⸗ bet, Pegu, Stam, Cochin⸗china, Tunkin u. ſ. w. Zweiter Theil. I. Nationalcharakter der Tuͤrken. Der gemeine Tuͤrke gleicht noch in vielen Stuͤcken, an Geſinnungen und Handlungsarten ſeinen alten Vorfahren, welche bieder, brav und fern von den Nationen des Oczidents ein einfaches Leben fuͤhr⸗ ten. Doch von den Palaͤſten der Großen ergießen ſich die Begierden nach immer mehr zuſammen geſetzten und verfeinerten Lebens⸗Genuͤſſen auf die Stroh⸗ und Binſen⸗Huͤtten der Armen ſo ſehr, daß die Unſittlich⸗ keit bei dieſem Volke von Jahr zu Jahr mehr Feld gewinnt, und ihm endlich ſein Grab bereitet. Argliſt, Schlauheit, Verſtellung, Ueppigkeit und Wolluſt herrſcht oft in den Haͤuſern der Großen. Doch in⸗ dem Gewiſſenloſigkeit, Habſucht, Geitz und Unterdruͤ⸗ ckungs Geiſt immer tiefere Wnrzeln ſchlagen, ſo gibt es doch noch Familien und Individuen, bei welchen der urſpruͤngliche Charakter der Tuͤrken rein ſich erhal⸗ ten hat. Eine außerordentliche Redlichkeit offenbart ſich unter den gemeinen Tuͤrken bei ſehr vielen Gele⸗ 1 344 genheiten. Wenn ein Tuͤrke ſagt: Ich ſchuͤtze dich, ſo kann man ſicher ſeyn, daß, ſo lange er noch am Leben iſt, einem kein Haar gekruͤmmt werde. Zum geſellſchaftlichen Umgange iſt der Orientale wenig aufgelegt. Der Kreis ſeiner Kenntniſſe und wiſſenſchaftlichen Bildung iſt zu ſehr beſchraͤnkt, um die gehoͤrige Mannigfaltigkeit in das Geſpraͤch zu brin⸗ gen, und eigentlicher Witz, die Wuͤrze unſerer Geſell⸗ ſchaft, fehlt ihm faſt ganz. Er redet wenig; oft er⸗ folgt ſtatt einer Antwort ein Laͤcheln oder Schmun⸗ zeln, und wenn der Tuͤrke ſich zu reden bemuͤht, ſo ſpricht er kraftvoll, aber ſo kurz als moͤglich. Alle Handlungen der Duͤrken tragen das Gepraͤge der Ernſt⸗ haftigkeit an ſich. Sie finden Vergnuͤgen an jungen Maͤdchen und Knaben in den uͤppigſten Stellungen und mit den wolmuͤſtigſten Geberden. Sie finden An⸗ nehmlichkeiten darin, bei dem Erwachen ſich von ſchoͤnen Geſtalten und Formen umgeben zu ſehen, und ſich durch ſie mit Kaffee, Tabak, Scherbet, Roſen⸗ Eſſenzen, Ambra und Aloe bedienen zu laſſen. Der Osmane liegt und ſchlaͤft auf Polſtern und Divans und hat viele Vorurtheile. So glaubt er z. B. an ei⸗ nen boͤſen Einfluß der Blicke der Menſchen, und da er den erſten Blick fuͤr den gefaͤhrlichſten haͤlt, ſo ver⸗ wahrt er ſein Haus durch Aufſteckung von Straußen⸗ Eiern unter den Daͤchern dagegen. Der Tuͤrke ver⸗ achtet alle andern Nationen, und belegt ſie mit Schimpf⸗ 345 namen. Seine Nation dagegen haͤlt er fuͤr die erſte, tapferſte und herrſchende auf der Erde. Die Philoſophie der Tuͤrken iſt rein praktiſch. Je mehr man uͤberdieß mit den Tuͤrken zuſammen lebt, deſto oͤfter macht man die Erfahrung, daß ſie nicht nur einen ſchnellfaſſenden und uͤberblickenden Geiſt, ſondern auch einen ſehr hellen Verſtand, und eine richtige Urtheilskraft haben. Der Glaube an Vorher⸗ beſtimmung des Schickſals hilft ihm, Ungluͤck und Gefahren leicht ertragen. II. Die Frauenzimmer des Orients. In dem ganzen Anſtande, Tone und Betragen of⸗ fenbaren die Orientalinnen ein gewiſſes Etwas, welches eben keine Neigung zum Platonismus zu ver⸗ rathen ſcheint; um ſo feſter aber umſchlingt auch ihre Liebe den Gegenſtand, welchen ihnen das Schickſal zu⸗ gefuͤhrt hat. Die eheliche Treue findet in einem ganz beſonderen Grade Statt. Obgleich es dem Muſelmann erlaubt iſt, ſich vier rechtmaͤßige Frauen, Baſcheka⸗ dunen, beizulegen, und ſo viele Beiſchlaͤferinnen zu halten, als ſeine Vermoͤgens⸗Umſtaͤnde erlauben, ſo iſt doch ſelten der Fall, daß ein Mann mehr als eine Frau hat. Nur die Ueppigkeit und der Reichthum der Großen macht hievon eine Ausnahme. Wenn einer mehrere Weiber hat, ſo herrſcht dieſe Einrichtung, daß meiſtens jede ihre beſondere Wohnung und Bedienung hat, und daß das Geſetz alle in ihren beſondern Rech⸗ 346 ten ſchuͤtzt. Die erſte Frau hat den Vorzug vor den uͤbrigen. Diejenigen Frauenzimmer, welche ſich ent⸗ ſchließen, einem ſchon verheiratheten Manne ihre Hand zu geben, ſind ſehr ſelten aus einer reichen oder vornehmen Familie. Ein Mann von Anſehen und Vermoͤgen wuͤrde ſeiner Tochter nie erlauben, eine ſolche Verbindung einzugehen.. Die Frauen, welche den Harem eines Mannes ausmachen, haben, wenn ſie von guter Abkunft ſind, eine beſondere Wohnung; die von geringerem Stande wohnen entweder beſonders, und alle zuſammen, oder als Dienſtboten in dem Hauſe der erſten Frau. Dieſe Weiber duͤrfen auch keine Eingriffe in die Rechte der vornehmſten Gattin wagen. Die Orientalinnen leben meiſtens von dem maͤnn⸗ lichen Geſchlechte entfernt, und laſſen ſich vor den Perſonen maͤunlichen Geſchlechts, ihren Gatten und die naͤchſten Verwandten ausgenommen, niemals ohne Schleier ſehen. Nur das Bad entfernt die Weiber aus ihren haͤus⸗ lichen Gemaͤchern. Selten machen ſie Luſtfahrten, oder reiten in einiger Entfernung von der Stadt auf Mauleſeln. 2 18 falke K= ALr Vornehme Tuͤrkinnen Serentere jeit vaͤd Gewuy! der Straße, um ihre Ehre unbefleckt zu erhalten, und nicht den Beleidigungen des ungezogenen Poͤbels aus⸗ geſetzt zu ſeyn. Sie gehen auch nie allein aus, ſon⸗ dern haben entweder ihre Sklavinnen allein, oder 347 nebſt dieſen einen oder mehrere Verſchnittene bei ſich. Sie bedienen ſich hiezu der Gitterwagen und Ka⸗ leſchen. Weiber gemeiner Tuͤrken erblickt man uͤbrigens in Menge auf den Straßen, und alle Spatziergaͤnge ſind mit ihnen angefuͤllt. Auf dem platten Lande, wo ein Frauenzimmer von dem Poͤbel nichts zu befuͤrchten hat, und in kleinen Staͤdten und Doͤrfern erſcheinen ſogar die vornehmen Damen nicht ſelten zu Fuß. Zur Zeit der Daͤmmerung begeben ſich die Tuͤrkinnen in ihr Haus zuruͤck. Die orientaliſchen Frauenzimmer koͤnnen ihre Freundinnen und Verwandten beſuchen, ohne es vorher ihrem Manne zu ſagen. Je vornehmer die Tuͤrkinnen ſind, deſto weniger zeigen ſie ſich dann oͤffentlich. Ihr Stolz erlaubt es nicht anders, als mit großem Gefolge und orientali⸗ ſchem Gepraͤge auszugehen. Von allen Frauenzimmern zu Konſtantinopel ſcheinen noch am meiſten die Serails⸗Bewohnerinnen beſchraͤnkt zu ſeyn. Die mei⸗ ſten Odaliken kommen nie aus dem innern Thore des Serails, und nur wenige haben die Erlaubniß, einen Theil des Sommers in den kaiſerlichen Luſtſchloͤſſern am Busßorus zuzubringen. Dieſe Ooaliren ſind kat⸗ ſerliche Sklavinnen, und keine kommt zur Wuͤrde der Gemahlin des Sultans. Der Aufenthalt in dem Harem iſt nicht freuden⸗ leer. Feſte verſchiedener Art wechſeln mit einander ab; die Frauenzimmer mehrerer Haͤuſer verſammeln 348 ſich an einem Orte, und verrichten ihre weiblichen Arbeiten. Muſikanten, Taͤnzerinnen, Schattenſpiele, Geſpraͤche und Unterhaltungen verſchiedener Art die⸗ nen zum Zeitvertreibe. Welche fremde Frauenzimmer den Harem beſuchen, braucht der Mann nicht zu er⸗ fahren; eben ſo wenig bekuͤmmert er ſich, wohin ſeine Frau gegangen iſt. Die Morgenlaͤnderinnen verſchleiern und vermum⸗ men ſich dergeſtalt, daß ſie nichts, als die beiden Au⸗ gen und den obern Theil des Naſenblatts offen tra⸗ gen. Die Frauen koͤnnen bei ihren Freundinnen oft ganze Wochen bleiben. Waͤhrend eines ſolchen Beſu⸗ ches haben junge Leute von 15 Jahren, unter der Be⸗ nennung von Kindern, nicht ſelten Zutritt in dieſen Zimmern, ſpeiſen mit den fremden Damen, und neh⸗ men an ihren Unterhaltungen Theil. Die morgenlaͤn⸗ diſchen Frauenzimmer ſind von allem Antheile an den Geſchaͤften des Mannes, und von ſeiner Vorſorge fuͤr die Gaͤſte befreit. Die Dienſtboten im Harem ſtehen ganz unter der Frau; ſie kann dieſelben waͤhlen und wegjagen, je nachdem ſie Luſt hat, und erlaubt dem Manne auf keine Weiſe Eingriffe in dieſe ihre Rechte. Wie die Familie zunimmt, wird die Sorgfalt der Mutter immer bedeutender. Im Alter werden die Frauen von ihren Maͤnnern ſehr geehrt, und finden bei ihren Maͤnnern Troſt und Unterſtuͤtzung. Die Frauen baben auch das Recht, der Sitte gemaͤß, ihre 349 Kinder nach ihrem Willen zu verheirathen, und ihre Religion zu beſtimmen. Gemeinlich waͤhlen die Kin⸗ der den Glauben der Mutter, weil ſie von Jugend auf beſtaͤndig in ihrer Geſellſchaft ſind. So geſchieht es oft, daß, wenn die Mutter von einer Sekte und der Vater von einer andern iſt, die Kinder durch die Lehren und das Beiſpiel der Mutter bewogen, ſich fruͤhzeitig zu ihren Glauben bekennen, und von den Oberhaͤuptern der andern Sekte in des Vaters Ge⸗ genwart gering ſprechen. Die Orientalinnen werden außer dem Hauſe mit entfernter Achtung behandelt. Auf der Straße ſchaut ein wohlerzogener Tuͤrke ſie nie an, um den Ruf ih⸗ rer Sittſamkeit nicht zu beleidigen; er kehrt vielmehr ſein Geſicht nach einer andern Seite, oder ſchlaͤgt ſeine Augen nieder. Der Aufenthalts⸗Ort der Frauenzimmer wird fuͤr ein Aſyl gehalten. Verbrecher flehen ſogar im Namen des Harems, als der kraͤftigſten Art von Bitte, um Barmherzigkeit, und der bitterſte Schimpf fuͤr einen Mann iſt derjenige, welcher gegen ſeine Frauenzim⸗ mer gerichtet iſt. 3 Die Gerichts⸗Diener duͤrfen nicht in einen Ha⸗ rem, wenn nicht der Scheikh von dem Bezirke der Stadt zugegen iſt, und auch dann muͤſſen ſie den Frauenzimmern Zeit laſſen, ihre Schleier umzuwerfen. Dieſe Vorrechte erſtrecken ſich nicht bloß auf Tuͤrkin⸗ nen, ſondern auch auf Chriſtinnen und Juͤdinnen. 35⁵⁰ Sowohl Geſetz, als Sitte gewaͤhrt den Weibern die Herrſchaft uͤber das Vermoͤgen des Mannes und uͤber ſeine Kinder. Durch das Geſetz ſind den Weibern auch gleiche Rechte mit den Maͤnnern in Abſicht auf die Kinder eingeraͤumt.. Nach Eheſcheidungen bleiben die Soͤhne bei dem Vater, und die Toͤchter bei der Mutter. Geſetz und Sitte erleichtern den aſiatiſchen Frauen die Trennung von dem Manne auf jede Weiſe. So verlaͤßt oft eine Stunde nach dem Streite die Frau das Haus ihres Gatten mit ihren Kindern und Effekten, begibt ſich zu ihrem Vater, oder ihren Verwandten, und kehrt nicht eher zuruͤck, als bis der Mann ihr vollſtaͤndige Befrie⸗ digung gewaͤhrt hat. 3 Endlich behaupten auch die Orientalen, ſie muͤß⸗ ten in der Regel den Weibern das Recht laſſen, daß auf alle ihre Launen Ruͤckſicht genommen werde, und daß ſie nach dem Herkommen ihre Maͤnner unaufhoͤr⸗ lich unter jedem Vorwande zu quaͤlen im Stande ſeyen. Dieſes Vorrecht ſollen ſie als einen wefentli⸗ chen Vorzug der Schoͤnheit betrachten. Beſucht daher eine Frau ihren Vater, ſo ſoll ſie oft nicht eher zuruͤck kehren, bis der Mann zwei bis dreimal gekommen iſt, ſie abzuholen. Haben ſie Be⸗ ſuch von ihren Freundinnen, ſo ſchicken ſie dem Manne ſein Eſſen in ſein Zimmer(Murdannah), und erlau⸗ ben ihm bisweilen in geraumer Zeit keinen Zutritt. 351 An Plauderhaftigkeit kommen die ſchoͤnen Orien⸗ talinnen den Europaͤerinnen nicht nur gleich, ſondern uͤbertreffen ſie ſogar. Ihnen iſt die Erziehung der Jugend beiderlei Geſchlechts anvertraut, die Knaben bleiben bis zur Zeit der Beſchneidung in dem Harem. Edel iſt die Haltung der Frauenzimmer, liebens⸗ wuͤrdig ihre Bewegung, angenehm und naiv wiſſen ſie ihre Gedanken vorzutragen. Die Leichtigkeit, mit welcher ſie die Worte ausſprechen, das Melodiſche ih⸗ rer Toͤne, die Reinheit ihres Sprach⸗Organs, die Feinheit ihrer Empfindungen ſind bewunderungs⸗ wuͤrdig. 1 Nach dem Dode des Gatten muͤſſen die Frauen aufhoͤren, glaͤnzende Kleider und Schmuck zu tragen, und froͤhlichen Geſellſchafts⸗Zirkeln beizuwohnen. Vor Gericht gilt das Zeugniß von zwei Maͤnnern, muͤſſen aber Weiber Zeugniß ablegen, ſo erfordert das Geſetz vier derſelben. III. Die Jahreszeiten in Konſtanti⸗ nopel. Die Atmoſphaͤre iſt hoͤchſt heilſam fuͤr die Geſund⸗ heit, und vortrefflich fuͤr die Sinne und den ganzen Organismus des Koͤrpers. Die Abwechslung der Jah⸗ reszeiten iſt lange nicht ſo regellos, als in unſern noͤrd⸗ lichen Laͤndern, jede hat ihre eigenen Genuͤſſe und An⸗ nehmlichkeiten. Bei uns verfließt das Jahr unter dem wechſelſeitigen Kampfe der Elemente; im Oriente rei⸗ ben ſich waͤhrend des Cyklus des Jahres die Zeiten ſanft und freundlich an einander. Im Maͤrz ſcheint bereits der Winter mit raſchen Schritten zu entfliehen; aber im April geht erſt der rechte Fruͤhling hervor, und eroͤffnet das Jahr durch eine uͤberaus ſanfte Temperatur der Luft. Im Mai ſteht die ganze herrliche Landſchaft in voller Fruͤhlings⸗ Pracht. Der Himmel wird immer heiterer; nur ſel⸗ ten regnet es einige Stunden. Der Uebergang zum Sommer iſt zwar in ſeinen Abſtufungen merklich, aber doch ſchleunig. Er faͤngt mit dem Juni an; der Him⸗ mel iſt ſchoͤn blau, beſtaͤndig heiter und ſchimmernd, mit Ausnahme einiger weißen flockigen Wolken, wel⸗ che ſich zuweilen gegen Oſt und Suͤd zeigen. Im Juli wird die große Hitze der Sonne durch die Nord⸗ winde gemildert; ſie herrſchen ungefaͤhr 9 Monate, und geben der Luft ihre Elaſtieitaͤt, welche ſo vor⸗ theilhaft fuͤr die Geſundheit iſt. Der Berg Haͤmus, uͤber welchen ſie ſtreichen, gibt ihnen dieſe wohlthaͤ⸗ tige Eigenſchaft. Im Auguſt herrſcht beſonders Wind⸗ ſtille und Schwuͤle; nur in den Waͤldern findet man noch Schatten unter den gruͤnenden Baͤumen. Der Nordwind weht jetzt in beſtimmten Stunden, von 3 Uhr Nachmittags bis zum Untergange der Sonne, und bereitet jene herrlichen Naͤchte vor, welche an die Stelle des heißen Tages treten. Melonen und andere ſaftige Fruͤchte gibt es im Ueberfluſſe, und Weinſtoͤcke haͤngen voll Trauben.. 3⁵³ Der September, eine Fortſetzung des Auguſt, ge⸗ hoͤrt noch voͤllig zur Sommerszeit. Erſt zu Ende der Tag⸗ und Nachtgleiche nimmt die Hitze ab. Die ſchwuͤle Jahrszeit iſt zugleich jene der Gewitter, der Platzregen und der großen Verheerungen durch die Peſt. Mit dem Oktober beginnt der Herbſt; die Luft nimmt wieder die entzuͤckende Temperatur des begin⸗ nenden Fruͤhlings an, alles ſcheint neue Kraft zu ge⸗ winnen. Dieſes iſt die angenehmſte Jahrszeit fuͤr Konſtantinopel. Selten pflegen Suͤdwinde an⸗ haltend zu wehen, und die Atmoſphaͤre bleibt ſtets dieſelbe. Der Uebergang vom Herbſte zum Winter iſt in der Regel langſamer, als der vom Fruͤhlinge zum Sommer. Man ſieht dann haͤufiger Regenguͤſſe, und in den trocknen Zwiſchenzeiten den Himmel bewoͤlkt. Die ſtrenge Kaͤlte wird haͤufig durch warme Suͤdwinde gemildert. Oft bluͤhen Narziſſen, Veilchen und Pri⸗ meln einen Theil des Winters. Das Jahr faͤngt faſt mit Blumen an, und endigt mit ihnen. Inzwiſchen bedeckt Schnee die Gebirge Aſiens, waͤhrend die Ebenen noch gruͤn ſind. Wendet ſich der Wind nach Oſt, ſo herrſchen in der Stadt Schnee⸗ Geſtoͤber und Regen. Auf dem ſchwarzen Meere toben furchtbare Stuͤrme, Wirbelwinde erſcheinen mit furchtbarem Getoͤſe; die ganze Natur ſcheint dann oft in Bewegung. Dieſes 41ſtes B. Türkei. III. 3. 8 iſt auch die Zeit der Erdbeben fuͤr Konſtantin opel; die Nordwinde herrſchen nun am Bosporus. Die Winter ſind ſo wenig ſtreng, daß die Einge⸗ bornen ganz der Oefen entbehren und ſich mit Ten⸗ durs(einer Art Kohlen⸗Pfannen) behelfen koͤnnen. Der Froſt iſt nie anhaltend, und ſelten haͤlt ſich der Schnee einige Zeit auf den Straßen. Im Ganzen kann man in einem gewoͤhnlichen Jahre 254 heitere Tage, und nur 20 mit bedecktem Himmel zaͤhlen; au⸗ herdem iſt ungefaͤhr an 40 Tagen die Witterung ver⸗ aͤnderlich, an os regnet es, an fuͤnfzehn Tagen gibt es Donnerwetter, und nur an ſechs auch Nebel. IV. Wolluͤſtige Taͤnze in der Türkei. Muſelmaͤnner vom Stande halten das Tanten fuͤr etwas Unanſtaͤndiges. Selbſt die gemeinen Klaſſen der Tuͤrken haben wenig Sinn dafuͤr; es gibt aber deſto mehr Leute in der Levante, welche ein Gewerbe aus dem Tanzen machen. Solche gemiethete Taͤnzer duͤr⸗ fen bei keiner Luſtbarkeit, bei keinem Volks⸗ oder Fa⸗ milien⸗Feſte fehlen. In großen Staͤdten erblickt man haͤuſig auf den Straßen ganze Schaaren derſelben. Der tuͤrkiſche Tanz beſteht in geilen Geberden, molluͤſtigen Mienen und Gliederſpiele, und luͤſternen— oft unanſtaͤndigen Bewegungen. Die tuͤrkiſchen Taͤnze ſcheinen uͤberhaupt nichts anders ſeyn zu ſollen, als Pantomimen der Wolluſt, und wuͤrden die ſchoͤnſten Geheimniſſe der Sinnlichkeit ausdruͤcken⸗ wenn ſie auf — 355 eine feinere Art dargeſtellt wuͤrden. Ihr Anblick rei⸗ ßet unwillkuͤhrlich zur Luͤſternheit. Wir ſind auf dem Theater, wo ſich die Taͤnzer verſammeln. Eine Menge Volks ſtroͤmt herbei. Die Kuͤnſtler erheben ſich, den Saraband zu tanzen. Unbeſchreiblich iſt das Spiel mit den Zuͤgen in den Phyſiognomien der Taͤnzer. Einige Zeit haben ſie ſich begnuͤgt, die wolluͤſtigſten Blicke mit einer Kunſt, welche nur den ausdrucksvollen, morgenlaͤndiſchen Phy⸗ ſiognomien moͤglich iſt, unter einander zu wechſeln. Ein ſchmachtendes Sehnen ſcheint auf einmal ihre Geſichter uͤbergoſſen zu haben, und die zaͤrtlichſten Empſindungen entfalten ſich plötzlich in ihren Antli⸗ tzen. Noch ein Paar Augenblicke, und das feurige Phyſiognomien⸗Spiel geht in ein raſches Leben aller Glieder uͤber. Die Taͤnze, welche aufgeführt werden, ſind zwar ſehr verſchieden, allein faſt alle kommen doch darin uͤberein, Reitze zur Wolluſt und zur Luͤſternheit zu wecken. Sittſame, ebrbare Tuͤrken ſprechen daher nicht ſelten von ſolchen Taͤnzern mit Verachtung. Ausgelernte Wolluͤſtlinge unter den Tuͤrken, ſelbſt aus den vornehmſten Staͤnden, verſammeln ſich deſnen ungeachtet zuweilen in geſchloſſenen Zirkeln, und fün⸗ ren ſolche Taͤnze auf. Manche reiche Muſelmaͤnner unterhalten ſogar unter ihrer Dienerſchaft beſondere Leute, welche ſie, ſo oft es ihnen gefaͤllt, durch uͤp⸗ 356 pige Daͤnze unterhalten muͤſſen. Es werden immer die ſchoͤnſten Knaben und Juͤnglinge dazu genommen. Die oͤffentlichen Taͤnzer, welche ſich auf den Stra⸗ ßen und in den Haͤuſern fuͤr Geld ſehen laſſen, ſind nicht nur Tuͤrken und Araber, ſondern auch Griechen und Armenier, welche haͤufig mit ihren mimiſchen Darſtellungen die Nebenabſicht, thieriſche Brunſt fuͤr ſich ſelbſt in den Zuſchauern zu erwecken, verbinden. Nebſt den Freuden⸗Maͤdchen gibt es in der Levante guch Freuden⸗Knaben. Oeffentlich wird die Rolle der Frauenzimmer bei dieſen Taͤnzen gewoͤhnlich von Knaben in weiblicher Kleidung geſpielt. Wenn Frauenzimmer zuſehen, ſo beobachten die Taͤnzer noch eine gewiſſe Art von Wohl⸗ ſtand, welche ſie bei den Maͤnnern haͤufig ganz aus den Augen ſetzen. Manche der oͤffentlichen Taͤnzer ſind oft komiſch und grotesk vermummt. Auch die Taͤnzerinnen haben Zutritt zu geſchloſſe⸗ nen Maͤnner⸗Geſellſchaften. Sie tanzen ohne Schleier, und ſind bisweilen ſehr ſchoͤn von Geſichts⸗Bildung und Wuchs. Vornehme Tuͤrken haben ſelbſt unter ihren eigenen Frauenzimmern Sklavinnen, welche dieſe Kunſt zu tanzen verſtehen. Die Sklavinnen des Harems muͤſſen jedoch in Gegenwart der uͤbrigen Frauenzimmer, der Regel nach eine gewiſſe Art von Wohlſtand beibehalten, auf welchen die oͤffentlichen Taͤnzerinnen nicht achten. Solcher Freuden⸗Dirnen gibt es ſehr viele in Konſtantinopel. 5 357 Gewoͤhnlich tanzen zwei Perſonen; es gibt aber auch Veraͤnderungen, bei welchen viele zugleich han⸗ deln. Haͤufig ſind die Taͤnzer mit Klapphoͤlzern ver⸗ ſehen, und von einer Zwiſchenzeit zur andern pflegen ſie gewiſſe Stanzen zu ſingen, auf welche ein Chor folgt, mit welchem ſie auch die Inſtrumente ver⸗ einigen. v. Das Ramazan⸗Feſt in Konſtantinopel. Nach dem Ende des Monats Chabann erwartet man das Beginnen des Ramazan. Allles ſieht begierig und im frommen Eifer dem erſten Erſcheinen des Neumondes entgegen. Alles lauft dann eilfertig zuruͤck nach dem naͤchſten Stadtquartiere, und bringt die Botſchaft, daß der Faſten⸗Monat eingetreten iſt. Arme Leute erhalten fuͤr dieſe Nachricht Geſchenke, andere Dankſagungen. Sobald man Gewißheit davon hat, wird dieſelbe feierlich der ganzen Stadt ver⸗ küͤndigt. Bei dem Untergange der Sonne donnern die Ka⸗ nonen uͤberall von den Batterien laͤngs des Bospo⸗ rus. Die vielen Thuͤrme und Minarete der Moſcheen, das Innere derſelben, die Baſars, alle Buden und Gewoͤlbe prangen voll Lichter und Laternen, zuweilen ganz im chineſiſchen Geſchmacke, und alle Straßen bieten die mannigfaltigſten Beleuchtungen dar. Dieſe Erleuchtung dauert die ganze Nacht, und wird in jeder Woche des Ramazan wiederholt. Vom eiſten 358 bis zum letzten Tage des Monats Ramazan(Ramaßan, Remaſſan, oder Ramadan) lautet das Gebot, ſoll kein Rechtglaͤubiger, ſo lange die Sonne am Himmels⸗ Gewoͤlbe ſteht, einen Biſſen Eſſen und einen Tropfen Getraͤnk in den Mund bringen, ſondern nur waͤhrend der Abweſenheit derſelben. Die Regierung unterhaͤlt in der Hauptſtadt ein beſonderes Korps von Leuten, welche auf den Gebir⸗ gen jenſeits Skutari genau den Eintritt des Mon⸗ des beobachten. Zur Belohnung fuͤr ihre Muͤhe ſind ſie von den jaͤhrlichen Abgaben und Steuern frei, und haben ein beſonderes Oberhaupt, Gin Goͤrmez. Dieſer muß ſogleich die Erſcheinung des Neumondes dem Stambul⸗Effendi bekannt machen, welcher dieſe Nachricht dem Vezier Aſſem und dem Sul⸗ tane uͤberbringt. Die Muezim machen nun mit ihren hellen Stimmen den Anfang der Faſten, von den vie⸗ len Thuͤrmen herab, allen Stadt Vierteln bekannt. Sogleich faſtet Jedermann mit der puͤnktlichſten Beob⸗ achtung ſeines Geſetzes. Mit Anbruch der Nacht kuͤn⸗ digen die Muezim jedes Mal von Neuem das Ende der Faſten an, und machen laut bekannt, daß gegen⸗ waͤrtig Zeit ſey zu beten und zu eſſen. Alles uͤberlaͤßt ſich dann dem Wohlleben, und die ganze Nacht wird unter Vergnuͤgungen zugebracht. Erſt mit dem An⸗ bruche der Morgenroͤthe kehrt Jeder zur Beobachtung ſeiner Faſten zuruͤck. Jeder Tag des vierwoͤchentlichen Namazan iſt dem andern gleich. 359 Woͤhrend der Tageszeit ſind die Straßen und Plaͤtze der volkreichen Hauptſtadt uͤberall wie ausge⸗ ſtorben, die Baſars ſind geſchloſſen, die Buden und Gewoͤlbe verriegelt, die Thuͤren der muſelmanniſchen Haͤuſer ſtehen nicht mehr offen, die Fenſterlaͤden und Gitter ſind zugemacht. Der Tag iſt in dieſem Mo⸗ nate die Zeit zur Ruhe fuͤr Muſelmaͤnner und Wei⸗ ber; alle ſchlafen jetzt, nachdem ſie die Nacht durch⸗ ſchwaͤrmt haben. Der Faſten⸗Monat hat viel Beſchwerliches, be⸗ ſonders fuͤr arme tuͤrkiſche Handwerker. Er darf und kann am Tage nichts verdienen, und ſinkt Abends vor Duͤrftigkeit und Schwaͤche auf ſein Lager; fuͤr den Reichen iſt er mehr ein Vergnuͤgen, als eine Pruͤfung. Beſonders hart iſt es fuͤr die Bewohner der heißen Gegenden Aſiens und Afrikas. Triefend vom Schweiße und bei der brennendſten Hitze der Sonne darf er nicht einmal einen Tropfen Waſſer auf die Zunge, nicht einmal einen Biſſen Brod an die Lippen bringen. Ungeduldig ſieht die ganze muſelmaͤnniſche Nation dem Untergange der Sonne entgegen. Alles eilt an die wohlbeſetzten Tafeln; überall, wo es das Vermoͤ⸗ gen des Hauſes nur zulaͤßt, herrſcht in dieſen Tagen ein Reichthum und Ueberfluß au Speiſen und Ge⸗ traͤnken, welcher oft in Erſtaunen ſetzt, und ſeltſam genug der ſonſtigen Einfachheit der morgenlaͤndiſchen Lebensart widerſpricht. Die arbeitende Klaſſe belagert 360 alle Baſſins und Fontaines der Stadt, und das auf⸗ ſteigende Waſſer reicht kaum hin, alle Durſtigen zu be⸗ friedigen. Andere Haufen, vor, auf und in den Haͤu⸗ ſern thun bei dem Pilav Beſcheid, und halten die nahrhaften Reisſchuͤſſeln in dichten Gruppen umlagert. Nach dem Mahle ſchwaͤrmen die Armen haufenweiſe auf den Straßen umher, beſuchen alle Bekannte, und ſehen ſo, daß ſie noch mehr bekommen. Die Gaſtfrei⸗ heit hat in den Ramazans⸗Naͤchten den hoͤchſten Grad erſtiegen. Die Tafel eines Muſelmanns iſt fuͤr Alle — beſetzt, ſein Haus ſteht um dieſe Zeit Jedem offen. 6 Mancher Reiche ſpeißt Tauſende an dieſem Tage; ei⸗ nige ſchicken ſogar ihre Diener und Sklaven mit reich⸗ lich gefuͤllten Schuͤſſeln auf die Plaͤtze, Straßen und Kays, und laſſen das Volk allgemein zum Genuſſe einladen. In dieſen dreißig Naͤchten ſtellen die Muſelmaͤn⸗ ner einen Geiſt der Geſelligkeit dar, von welchem man die ganze uͤbrige Jahres⸗Zeit nur ſchwache Spuren bei ihnen antrifft. Nur in den Naͤchten dieſes Monats duͤrfen in den muhamedaniſchen Staͤdten alle Kaffee⸗, Trink⸗ und Speiſe⸗Haͤuſer offen bleiben, und jedes derſelben iſt, wie ein allgemeines Wirthshaus fuͤr alle 2 Staͤnde. Ueberall herrſcht der Geiſt der Froͤhlichkeit, der Mittheilung, der Theilnahme. Man ſieht haͤufig Arme neben Reichen, Unbekannte neben Angeſehenen; alle Staͤnde ſcheinen aufgehoben, unzaͤhliche Geſeli⸗ ſchaftliche Verhaͤltaiſſe abgeſchafft zu ſeyn. 361 Man neunt dieſe naͤchtlichen Freudenmahle in dem Monate Ramazan auch Iftar(Bruch), weil ſie allzeit die Epoche ſind, in welcher das Faſten taͤglich aufgehoben wird. Man uͤberlaͤßt ſich hierauf allgemein dem vierten Tages⸗Gebete, und diejenigen, welche es nicht zu Hauſe verrichten, eilen in die Moſcheen, welche durch eine ungeheuere Anzahl brennender Lam⸗ pen einen herrlichen Anblick darbieten. Tauſende von Menſchen aus allen Staͤnden knieen andaͤchtig dar⸗ nieder. Die Vergnuͤgungen, welchen man ſich waͤh⸗ reud dieſer Nacht uͤberlaͤßt, ſind verſchieden; einige ergoͤtzen ſich an Taͤnzern und Marionetten⸗ und Schat⸗ tenſpiele, andere fahren auf dem Waſſer u. ſ. w. Die Verhandlungen im Divan werden in dieſem Monate jedes Mal theils ganz aufgehoben, theils ab⸗ gekuͤrzt. Nur ſehr wichtige Gegenſtaͤnde koͤnnen Platz finden. Wie die Ramazaus Naͤchte beginnen, ſo endigen ſie auch. Bei der Annaͤherung der Morgenrothe, eine halbe Stunde vor dem Fruͤh⸗Gebete, ſetzt man ſich von Neuem an die Tafel. Dieſes Mahl heißt Imſak, indem es eine Vorbereitung zum Tages⸗Faſten iſt. Es unterſcheidet ſich aber dadurch von der Abendmahlzeit, daß ſie nur von der Familie ohne Zuziehung von Frem⸗ den genoſſen wird. Man ſpeiſt entweder allein, oder mit den ſeinigen. Nur der Sultan ſpeiſt beinahe, wie das ganze Jahr, in den Ramazans⸗Naͤchten allein. Bisweilen laͤßt er ſeine Kinder, die Prinzen ſeines 362 Hauſes, ſelten die Sultaninnen, niemals aber einen Miniſter oder Vezier zur Tafel. Selbſt nicht einmal gelangen die Kadinnen(Favoritinnen des Hofes) zu dieſer Ehre. Waͤhrend der Sultan allein bleiben muß, iſt der Groß⸗Vezier, als Stellvertreter des Groß⸗Herrſchers verbunden, in dieſen Naͤchten Ehren⸗Feſte den vor⸗ nehmſten Reichs⸗Beamten zu geben. Nur die ſieben erſten Naͤchte kann er nach ſeiner Willkuͤhr zubringen, die uͤbrigen ſind gewiſſen unabaͤnderlich feſtgeſetzten Feſten eingeraͤumt, welche mit eben ſo viel Genauig⸗ keit, als Glanz unter der unmittelbaren Leitung des Teſchrifatdſchi⸗Efendi(Groß⸗Zeremonienmei⸗ ſters des Reiches), in dem Serai des erſten Vezier gegeben werden. Ein altes Herkommen beſtimmt nicht nur die Naͤchte, an welchen dieſe und jene Feierlich⸗ keiten vor ſich gehen muͤſſen, ſondern auch die Anzahl der jedesmaligen Gaͤſte und die Klaſſiftkation derſelben nach Rang, Wuͤrden und Alter. 3 Die zwei erſten Naͤchte iſt z. B. der Vezier Aſ⸗. ſem ooͤllig frei. Bei dieſer Gelegenheit beginnen die großen Freudenmahle und geſellſchaftlichen Vereine erſt mit der zweiten Nacht. Die Gaſtmahle werden jedes Mal im Audienz⸗Saale(Arz⸗Odaſſi) nach dem Range und der Wuͤrde der Perſonen, nach einer be⸗ ſtimmten Ordnung, auf einer runden Tafel gegeben. Alle Muſelmaͤnner, welche nicht zum Hofſtaate ———— 363 gehoͤren, oder hohe Staatsaͤmter begleiten, koͤnnen die Naͤchte des Ramazan nach Belieben zubringen. In der Beobachtung des Faſtens gehen die An⸗ haͤnger Muhameds weiter, als irgend eine Reli⸗ gions⸗Partei. Weder ein Tropfen Waſſer, noch ein Biſſen Speiſe darf waͤhrend des Tages genoſſen wer⸗ den. Verboten ſind zu dieſer Zeit aller Gebrauch des Rauch⸗ und Schnupf⸗Tabackes, wohlriechende Waſſer und der Beiſchlaf. Als Stoͤrung des ſtrengen Faſtens wird ſchon angeſehen, wenn man im Schlafe Regen oder Schnee einſchluckt, jedes innere Arzeneimittel, jeder Liqueun, welcher durch das Ohr in den Koͤrper kommt; alles, was auf eine aͤußerliche Wunde ge⸗ bracht wird, unſchuldige Spiele zwiſchen Mann und Frau, Erbrechen, Baden, Beſprengen mit Waſſer bei der Hitze, Staub oder Rauch, welcher in den Mund kommt u. ſ. w. Der Muſelmann beobachtet genau dieſe Faſten; wer dieſelben willkuͤhrlich uͤbertritt, wird als ein Un⸗ glaͤubiger, und reif zur Hinrichtung angeſehen. Das Zeugniß von zwei Maͤnnern reicht hin, ihn zu verder⸗ ben; an Verzeihung iſt nicht zu denken. Alle, welche durch guͤltige Urſachen veranlaßt wer⸗ den, das Faſten zu unterbrechen, unterlaſſen nie die verfaͤumten Tage durch eben ſo viele andere, zu einer andern Zeit wieder einzuholen. Von dieſem Faſten ſind befreit die Kranken, Rei⸗ ſenden, ſchwangere Frauen, Ammen, Frauenzimmer 364 waͤhrend ihrer Monats⸗Periode, Ninderjaͤhrige, Wahn⸗ ſinnige, diejenigen, welche vom Hunger gequaͤlt wer⸗ den, und in Gefahr ſind zu ſterben; endlich alle, wel⸗ che hohen Alters wegen, die große Enthalt ſamkeit nicht aushalten koͤnnen. Die letztern ausgenommen, ſind alle uͤbrigen verbunden, nachher eben ſo viele Tage zu faſten, als ſie im Ramazan es unterlaſſen haben. Der Glaͤubige, welcher ohne dieſe religioͤſe Schuld abgetragen zu haben, ſtirbt, iſt zu einem Al⸗ moſen(Fidieh) verpflichtet, welches in einem halben Maß(Saͤ) Getreide fuͤr jeden verſaͤumten Faſttag be- ſteht, von dem dritten Theile der Perlaſſenſchaft des Verſtorbenen genommen, und den Armen gegeben wird. Selbſt Alte muͤſfen fuͤr die Nachſicht des Ge⸗ ſetzes jaͤhrlich ein beſtimmtes Almoſen bezahlen. Verſchiebt ein Glaͤubiger die vernachlaͤſſigten Tage bis zum naͤchſten Ramazan, ſo muß er zuerſt den gegenwaͤrtigen Ramazan beobachten, und die ver⸗ ſaͤumten Tage nachholen, ohne jedoch wegen ſeiner Nachlaͤſſigkeit Almoſen austheilen zu muͤſſen. Waͤhrend des Ramazan wird der Koran eifriger, als jemals geleſen, auch ein langes Gebet, Dera⸗ wihh, welches allein fuͤr dieſes Feſt verfaßt iſt, ver⸗ richtet. Es beſteht in einem außerordentlichen Na⸗ maz von 20 Rikaths, welches jeder Rechtglaͤubige in jeder Ramazans⸗Nacht herſagen muß, nachdem die gewoͤhnlichen fuͤnf Tages⸗Namaz vollbracht ſind. Die⸗ ſes lange Faſten⸗Gebet kann entiveder zu Hauſe, oder — 365 in einer Verſammlung, oder in einer Moſchee vollzo⸗ gen werden. Es erheiſcht 10 Friedenswuͤnſche und 5 Pauſen; waͤhrend letzterer kann der Glaͤubige entweder auf den Knieen ſitzen, oder andere Verſe aus dem Koran herſagen, oder ein andaͤchtiges Stillſchweigen beobachten. Den Buͤrgern von Mekka iſt erlaubt, in dieſer Zwiſchenzeit Umgaͤnge(Tawaf) um die Kea⸗ beh zu vollbringen. Auch iſt lobenswuͤrdig in dieſem langen Namaz, und waͤhrend der 30 Faſttage, eine allgemeine Lektuͤre des Koran und vor Aufgang der Sonne das gewoͤhnliche Gebet, Salat⸗witr, vor⸗ zunehmen. 3 In Anſehung der Beſtimmung der rechten Zeit zum Anfang des Ramazan haͤlt man ſich ganz an das juriſtiſche Zeugniß der Erſten, welche den Neu⸗ mond entdecken, und zwar in allen Staͤdten der Levante. Erſcheint er nicht, ſo wird der Tag, wel⸗ cher dem 30. des Monats Schabann folgt, dafuͤr an⸗ genommen. Iſt der letzte Tag dieſes Monats ſo neb⸗ lig, daß die Erſcheinung des Neumondes zweifelhaft bleibt(Yewmuſch⸗ſchehk), ſo iſt das Zeugniß einer einzigen Perſon hinreichend, welche den Mond geſehen hat, da ſonſt zwei Zeugen gefordert werden. In die⸗ ſem Falle nimmt man weder auf Geſchlecht, noch Stand, noch Alter des Zeugen Ruͤckſicht. Selbſt Skla⸗ ven und Miſſethaͤter werden als guͤltige Zeugen ange⸗ nommen. Sobald das Erſcheinen des Neumondes ſich bo⸗ waͤhrt hat, beginnt die Faſten, und hiernach richtet ſich die Beſtimmung der Tage zur Feier des Beira m, ohne daß man darauf Ruͤckſicht nimmt, ob die Zahl der Feſttage wirklich zo iſt, oder nicht. Es kann ſich naͤmlich allerdings ereignen„ daß das oͤffentliche Fa⸗ ſten nur 29 und ſelbſt nur 28 Tage dauert. VI. Tuͤrkiſche Landhaͤufer um Konſtan⸗ tinopel. Nur wenige Bewohner der Hauptſtadt beſitzen Wohnungen außerhalb der Staͤdte. Die Landhaͤufer um Stambul ſind nicht, wie bei andern Nationen, Schloöͤſſer und Luſtgebaͤude, welche einzeln tief im Lande, unter Garten⸗Anlagen liegen, ſondern ſie ma⸗ chen vielmehr nur einen Theil der vielen Vorſtaͤdte aus, welche die beiden Ufer des thraziſchen Bosporus ſchmuͤcken. Dieſe Landgebaͤude(Joli) ſind gemeinig⸗ lich nur von Holz, und ſehr bunt bemalt. Perſonen, welche zur Geiſtlichkeit oder zu den Ulemas gehoͤren, die Erminiſter und einfachen Partikuliers koͤnnen die⸗ ſelben am meiſten benuͤtzen. Die Staats⸗Beamten und alle Angeſtellten bringen gewoͤhnlich nur die Nacht da⸗ ſelbſt zu, weil in der Tuͤrkei alle Tage der Thaͤtigkeit und Arbeit geweiht ſind. Die beiden Beiram ausge⸗ nommen, iſt jeder verbunden, beſtaͤndig auf ſeinem Po⸗ ſten oder Departement zu bleiben. 5 In der Hauptſtadt, wie in den Provinzen haben die Muſelmaͤnner keine Idee von entfernten Beſitzun⸗ —— 2 367 gen, Schloͤſſern und Landguͤtern. Selbſt Sultane ſcheinen nicht mehr Geſchmack au laͤndlichen Beluſti⸗ gungen zu ſinden. Veraͤndern ſie bisweilen auch ihren Aufenthaltsort in der warmen Jahreszeit, ſo kommen ſie doch nie aus dem Bezirke der Stadt im weiteren Sinne. Im Sommer verlaſſen ſie gewoͤhnlich mit dem Harem das große Serail und beziehen einen ihrer Palaͤſte in den Vorſtaͤdten, welche zwar in einer rei⸗ tzenden Gegend liegen, aber nichts weniger als koſt⸗ bar ſind. VII. Der große Beiram in Konſtantinopel. An das Ende des Ramazan reiht ſich der freu⸗ debringende Schewal, mit deſſen erſtem Tage das religioͤſe Feſt des großen Beiram beginnt. Dieſes Wort entſpricht dem arabiſchen Id(Brechung des Faſtens), und deßwegen heißt auch der Beiram Idrfitr. Die Nacht vor dem Beirams⸗Tage iſt eine von den ſieben heiligen Naͤchten. Gewiſſenhafte Muhamedaner befleißen ſich in dieſen der groͤßten Enthaltſamkeit. Die Maͤnner erlauben ſich durchgaͤngig nicht, ihren Wei⸗ bern und Sklavinnen beizuwohnen. Der Aberglaube laͤßt von dieſen Zeugungen gebrechliche und ungeſtal⸗ tete Kinder fuͤrchten. Der Sultan allein iſt dieſer Enthaltſamkeit uͤberhoben; indeſſen nur fuͤr die Nacht vor dem Beiram. Dieſe Nacht iſt auch die einzige im ganzen Jahre, in welcher der Kaiſer einen feierlichen, zfentliche Auszug aus dem Serail haͤlt, um in der Sophi en dſchamie ſein Gebet zu verrichten. Feierlich und glaͤnzend iſt dieſer Einzug; aber noch weit feierlicher und glaͤnzender der großherrliche Ruͤckzug aus der Mo⸗ ſchee in das Serail. Durch herrliche Beleuchtungen geht der Zug; die Straßen und Plaͤtze wimmeln bis zum aͤußerſten Thore des Serail von gedraͤngten Volks⸗ haufen. Dieſe Beleuchtungen ſind unter den Tuͤrken be⸗ ſonders in hochzeitlichen Naͤchten gebraͤuchlich, und die aͤhnliche Zeremonie bei dem Ruͤckzuge des Sultan in der dem Beiram vorhergehenden Nacht bezieht ſich auf dieſe herkoͤmmliche Gewohnheit. Sobald er zu Hauſe angekommen iſt, pflegt er mit einer jungfraͤu⸗ lichen Sklavin ſeines Harem zu Bette zu gehen. Es herrſcht allgemeines Frohlocken im Serail, wenn die Auserwaͤhlte das Gluͤck hat, ſchwanger zu werden. (Fortſetzung folgt.) ö 1