— nannhnnhanhranarrrTarrararrr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießten. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „ 5,„ franz od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat: 2 fl. 3⁰ Kr. 1 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. arararara Lrauhünananhnanhda „„.„ 5 2„„„ 45„ „ 1„.=„ 36„„ 27„ 18„ „„ Erhnhrhühnanhnhranananananhnnh ararararnn rarararacaranacaraeern AChrATHERTHAEAEAEAEATATALATATE aThEATLAEAEATAT — N S 7 D 8 N K 3 4 urhdnes hilbuun De et N X ooo 3 200. 2 ooo oo oo Boo Jahrit Ralkala o. die Jladt, a—a die Värlanchewerke, bb dte Vincen des rerwchanzlen Lagers on e oleickfälte renrokanxt, A 1io, o—eo die Rhawmela wnegranxenden pletlen nkoheen, fe d-d dte Rocze aænd Rachre Jole, af welcken dar mechsdseke Zagen ron ote ar. Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Buchdruckerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Mtnon, Portraits und anderen bbildungen. Verfaßt von Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 37. Bändchen. Mit dem Plan von Schum la. III. Theil. 1. Bändchen von der Türkei. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1 8 2 9. ———— Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen in die Turkei. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt von. Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. III. Theil. 1. Bändchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1829. Auszüge aus den Denkwürdigkeiten des Freiherrn von Tott uͤber die Türken und Tartaren. [/— (Fortſetzung.) Auf unſerer Reiſe kamen wir in ein Thal, wo wir mehrere Reihen von Obas(nogaiſcher Zelte) vor uns ſahen, in deren einige wir einquartiert wurden. Die Bauart meines tartariſchen Hauſes war in der Form eines großen Huͤhner⸗Korbes, das Holzwerk git⸗ terartig, ging in einem Zirkel in die Hoͤhe, und war mit einer Art von Thurm bedeckt, welcher oben offen war. Ein Filz von Kamel⸗Haaren war von Außen uͤberall herum gezogen, und ein Stuͤck eben dieſes Filzes bedeckte das oberſte Loch, welches zum Durch⸗ zuge des Rauches beſtimmt war. Zu Kiſchela hatte ich mir Brod eingekauft, deſſen ſich die Tartaren nicht bedienen, welche auch aus Sparſamkeit nicht beſtaͤndig Fleiſch genießen, ob⸗ gleich ſie ſehr luͤſtern nach dieſem ſind. Auch hatte ich Gelegenheit, die Gerichte der Tartaren kennen zu lernen. Der beſte Koch der Heerde ſchuͤttete in mei⸗ ner Gegenwart Mehl von geroͤſtetem Hirſe in einen Topf mit kochendem Waſſer, welches er beſtaͤndig her⸗ um ruͤhrte, und warf endlich ſehr ſtark getrocknete Kaͤſe von Pferde⸗Milch hinein; das Ganze erhielt die Geſtalt eines blaͤtterigen Fladens, welcher ſehr gut ſchmeckte.* Waͤhrend das Abendeſſen zubereitet wurde, ſahen wir einen großen Haufen von Tartaren gegen uns kommen, welcher in einer Entfernung von 400 Schrit⸗ ten ſtehen blieb, und uns einen alten Mann entge⸗ gen ſchickte mit der Bitte, uns beſuchen zu duͤrfen. Ich antwortete ſelbſt, und gab ſogleich meine Ein⸗ willigung. Der Tartar aber bat den Mirza, ihm zu zeigen, wie weit ſie kommen duͤrften. Nach gezeigter Stelle gruͤßte ich denjenigen, welchen ich fuͤr den vor⸗ nehmſten hielt. Er nahm die Muͤtze ab, machte eine Verbeugung, und alle uͤbrigen ſtanden auf. Dieſes befremdete mich, weil die Tuͤrken nie den Kopf ent⸗ bloͤßen, außer wenn ſie allein, oder in Geſellſchaft guter Freunde ſind. Am folgenden Tage reiſte ich nach dem zweiten Thale. Wir bemerkten einige kleine Huͤgel, wie man ſie in Flandern oder Brabant ſieht, von welchen man glaubt, daß ſie von Menſchen⸗Haͤnden, und be⸗ ſonders durch die Erde entſtanden waͤren, welche je⸗ 7 der Soldat auf das Grabmal ſeines Generals geſtreut haͤtte. Man trift aͤhnliche Huͤgel auch in TChrazien; aber nie einen allein. Auf meinem ganzen Wege fand ich keine Spur vom Feldbaue, weil die Tartaren die Gegenden, durch welche man reiſt, nicht beſaͤen, damit die Felder nicht durch die Pferde der Reiſenden abgeweidet werden. Sie erreichen zwar dadurch ihren Zweck. Dafuͤr aber werden ihre Reis⸗Felder oft von ungeheuren Wolken der Heuſchrecken heimgeſucht, welche das Feld 6— 7 Zoll hoch bedecken. Das Geraͤuſch bei dem Abfreſſen derſelben iſt dem Geklapper des Hagels aͤhnlich; wenn ſie das Feld verlaſſen, iſt alles wie vom Feuer abge⸗ zehrt. Sie wuͤrden unſtreitig, Klein⸗Aſien oder Griechenland verheeren, wenn nicht das ſchwarze Meer eine große Menge Heuſchrecken ver⸗ ſchlaͤnge. Oft ſah ich die Gegend am ſchwarzen Meere gegen den Kanal mit ihren trocknen Aeſern ſo bedeckt, daß man nicht am Ufer gehen konnte, ohne in dieſe duͤrren haͤutigen Gerippe zu ſinken. Als wir im erſten Thale angekommen waren, ſa⸗ hen wir einen Haufen nogaiſcher Tartaren um ein Pferd ſitzen, welches eben abgezogen war. Man legte einem jungen Menſchen von 18 Jahren, welcher ganz nackt war, die Haut auf die Schultern. Eine Frau ſchnitt nun ſogleich das Kleid zu, welches man ſoviel als moͤglich, in einem Stuͤcke ließ, damit es nicht viel zu naͤhen gaͤbe. Es wurde auch in 2 Stunden 8 fertig. Durch die Naͤſſe war die Haut geſchmeidig, und der junge Menſch mußte ſie durch die Bewegun⸗ gen ſeines Koͤrpers zu gerben ſuchen. Er ſtieg auch gleich zu Pferde, und trieb mit ſeinen Kameraden die Vorlege⸗Pferde zuſammen. Mit 8o Pferden traf ich in der Vorſtadt von Dezakow ein. Dieſe Feſtung liegt am rechten Ufer des Dnieper, neben deſſen Ausfluſſe, auf einem etwas abhaͤngigen Grunde gegen den Fluß. Ein Gra⸗ ben und ein bedeckter Gang ſind das ganze Befeſti⸗ gungswerk dieſes Ortes, welcher die Figur eines Pa⸗ rallelogrammes hat. Hier, wie zu Bender und Kotſchim iſt eine große Menge Artillerie, und ne⸗ ben jeder ſchlecht bedienten und ſchlecht aufgerichteten Kanone ſtehen zwei große Schanzkoͤrbe, welche hier zur Zinne dienen, und zugleich die Schuß⸗Scharten bilden. Die Juden in der Vorſtadt verſahen uns mit Le⸗ bensmitteln, welche wir noch waͤhrend unſerer Reiſe durch die Gegend Dgamboyluck brauchten, welche ebenfalls von nogaiſchen Tartaren bewohnt iſt. Am folgenden Morgen gingen wir uͤber den Dnieper, welcher bei ſeinem Ausfluſſe durch eine Erdzunge ge⸗ daͤmmt wird, die Kilburnu heißt, und bis an das andere Ufer reicht. Dadurch wird eine Art von See gebildet, welcher ſich nach Norden erſtreckt, woher auch der Fluß kommt. Er iſt breiter, als 2 Meilen zwiſchen OHezakow und dem Forte, welches gerade —,— 9 oͤber dem Urſprunge der ſandigen Spitze liegt, bei welcher wir auch uͤber denſelben ſetzten. Drei Stun⸗ den brachten wir mit dieſer traurigen Ueberfahrt zu, waͤhrend welcher uns bloß die Spruͤnge einiger Del⸗ „vine beluſtigten. Endlich langten wir zu Kilburnu, dem gerade gegenuͤber liegenden Schloſſe an. Unſer Weg naͤherte uns dem ſchwarzen Meere, und das Geraͤuſch der Wogen intereſſirte jetzt noch immer mehr, als die großen einfachen Ebenen. Die Tartaren brennen den getrockneten Miſt ihrer Heer⸗ den, welchen ſie mit einer ſandigen Erde miſchen. Obgleich ſie groͤßtentheils von Hirſe und Milch leben⸗ ſo ſind ſie doch im Stande, ſo viel Fleiſch zu eſſen, daß ein nogaiſcher Tartar ſicher einen ganzen Schoͤp⸗ ſen verzehren kann, ohne bei ſich eine Unverdaulich⸗ keit zu veranlaſſen. Aber wegen ihrer Eigennuͤtzigkeit verzehren ſie deßhalb nur dasjenige Vieh, welches ſtirbt, wenn ſie noch zeitig genug dazu kommen, das Blut fluͤſſig zu finden. Die Tartaren folgen in dieſem Punkte auch den mahomedaniſchen Geſetzen bei kran⸗ ken Thieren; ſie beobachten genau ihre Krankheit, und ſchlachten ſie nicht eher, als einen Augenblick vorher, ehe ſie eines natuͤrlichen Todes. ſterben, weil ſie ſonſt noch immer den Verkaufspreis einzubuͤßen befuͤrchten. Ihre Heerden, Getreide, ſchlechtes Leder und eine Menge Haſenbaͤlge ſind Ausfuhr⸗Artikel, wofuͤr ſie ein anſehnliches Geld bekommen, welches ſie, weil ſie keinen Gebrauch davon zu machen wiſſen, ver⸗ 10 ſcharren. Viele ſterben, ohne daß Jemand erfaͤhrt, wo es vergraben liegt. Wir brachten die Nacht in einer elenden Huͤtte neben dem Meere zu; den folgenden Morgen reiſten wir laͤngs der Kuͤſte fort, und bemerkten bald die Abendſeite der Halbinſel, welche ſich uns zur Rech⸗ ten in das Meer erſtreckte. Dieſes Land iſt auch eben; aber etwas erhabener, als jenes, auf welchem ich reiſte, und verbindet ſich mit dem feſten Lande durch einen ſanften Abhang, welcher nur auf einem ſchma⸗ len Erdſtriche liegt, und auf deſſen hoͤherem Theile die Linien von Oreapi ſich befinden. Die Linie geht uͤber die Erdenge und iſt ungefaͤhr drei viertel Meilen lang; zwei Meere decken die Flan⸗ ken, und ſie ragt ungefaͤhr 40 Fuß hoch uͤber die vor ihr liegende Ebene. Die Zeit der Erbauung iſt unge⸗ wiß; aber man iſt veranlaßt, zu glauben daß dieſes Werk vor Ankunft der Tartaren errichtet wurde, oder dieſe Nation muͤßte eine groͤßere Kenntniß, als gegen⸗ waͤrtig beſeſſen haben. Die Salzwerke von O rkapi, welche zu den landesherrlichen Einkuͤnften gehuͤren, ſind entweder an Juden, oder an Armenier verpach⸗ tet. Sie ſind ſehr unwiſſend, ihren Vortheil zu be⸗ nutzen, und ihr Geitz wird oft durch ihre Unwiſſen⸗ heit getaͤuſcht. Sie haben gar kein Dach, unter wel⸗ chem ſie das Salz aufbewahren und trocknen koͤnnen, welches von ſelbſt in den Salz⸗Seen erzeugt wird. Nachdem wir die Gegend der Salz⸗Seen verlaſſen 11 hatten, erblickten wir einen Boden, welcher mehr Fruchtbarkeit, als Anbau verrieth, und der Anblick einer Menge zerſtreuter Doͤrfer war fuͤr uns um ſo reitzender, weil wir denſelben lange nicht genoſſen hat⸗ ten. Gegen Abend kamen wir an einen bewohnten Ort, welcher tief in einem Thale lag; einige daſelbſt liegende Felſen ließen eine andere Beſchaffenheit des Bodens erwarten. Am folgenden Morgen reiſten wir uͤber eine bergige Gegend, und kamen durch einen ſtei⸗ len Weg nach Bachtſchieſarei. Bei meiner Ankunft ſchickte mir der Khan ſogleich den Etat des Tayn. Dieſes iſt eine freie Lieferung von Lebensmitteln fuͤr diejenigen, welche man beguͤn⸗ ſtigen will. Die Ertheilung deſſelben wird im ganzen Orient als eine Ehre betrachtet. Ich machte dann dem Khan meine Aufwartung, und wurde ſehr gut aufgenommen.— Gegen die Kaͤlte des Winters baute ich mir eine neue Wohnung. Ich war bei dem Khan oͤfters zur Abend⸗Unterhaltung eingeladen, und machte ihm durch Abbrennung kleiner Feuerwerke, und durch elektriſche Verſuche viel Vergnuͤgen. Am folgenden Morgen war die ganze Stadt voll von den Wunder⸗ werken, welche ich verrichtet hatte. Die Leute ſtuͤrm⸗ ten mit Bitten in mich, und die Zahl der Neugieri⸗— gen wurde taͤglich vermehrt. Oft beluſtigte ich mich mit dem Khan auf der Jagd, wobei ihn immer fuͤnf bis ſechs hundert Reiter begleiteten. Wir reiſten durch die umliegenden Ebenen, 12 und die Menge des Feder⸗Wildprets, nebſt der Eigen⸗ lliebe der Jaͤger, machte dieſe Jagd ſehr lebhaft. Nur Huͤhnerhunde fehlten, das Wildpret zu jagen. Mei⸗ nen, durch Liebkoſung verdorbenen Hund mußte ich dem Khan abtreten. Als er aber bei der erſten Jagd ſeinen Falken los ließ, packte er den Falken ſo, daß beide gleich eingeſchreckt nach Hauſe zuruͤck kehrten. Als ein Juden⸗Sklave ſeinen Herrn in ſeinem Weinberge ermordet hatte, wollten ihm die Muſel⸗ maͤnner dadurch der Strafe zu entziehen ſuchen, daß ſie ihn uͤberredeten, die Lehre Mahomeds anzuneh⸗ men. Als dieſes der Khan erfuhr, ſo ertheilte er den Juden die Erlaubniß, den Verbrecher, wie es im al⸗ ten Bunde erlaubt war, zu Dode zu ſteinigen. Die Auslieferung des Verbrechers iſt bei den Tuͤrken durch den Koran eingefuͤhrt, welcher den naͤch⸗ ſten Verwandten des Ermordeten das Recht gibt, mit dem Blute des Moͤrders nach Willkuͤhr zu verfahren. In der Tuͤrkei iſt der Klaͤger nur bei der Hinrichtung zugegen. Bei den Tartaren, welche ſich mehr an den Buchſtaben halten, muß der Klaͤger die Hinrichtung vollziehen. In der Tuͤrkei hat man Beiſpiele, daß der Streich des Henkers noch zuruͤck gehalten wurde, weil die Frau des Ermordeten die ihr gebotne Summe Geldes annahm. Bei den Tartaren hat man hievon kein Beiſpiel. Die Frau des Ermordeten, die ſelbſt das Meſſer in die Bruſt des Moͤrders ſtoßen muß, gibt hier nur allein den Empfindungen der Rache Ge⸗ 1 13 hoͤr. Ein Offizier des Fuͤrſten, welcher mit aufgeho⸗ benem Arme ein ſilbernes Beil haͤlt, geht vor dem Ver⸗ brecher, und iſt bei ſeiner Hinrichtung zugegen. Die Verbrechen ſind in keinem Lande ſo ſelten, als in der Tartarei. 3 Die nogaiſchen Ebenen liegen beinahe der Mee⸗ resflaͤche gleich; hingegen die ſchmale Erdenge, welche die Halbinſel mit dem feſten Lande verbindet, 30—40 Fuß hoͤher. Die hoͤhere Ebene erſtreckt ſich uͤber die ganze mitternaͤchtliche Gegend der Halbinſel, der uͤbrige Boden iſt voll ſchroffer Felſen und Berge, welche in einer Richtung von Oſt nach Weſt gehen; unter letz⸗ teren ragt der Tſchadir⸗Dagu(der Berg des Zeltes) hervor, welcher dem Meere ſo nahe liegt, daß er wegen ſeiner geringen Grundflaͤche keine außeror⸗ dentliche Hoͤhe erreichen kann, und deßwegen auch nur unter die Berge zweiter Klaſſe gerechnet wird. Alle Berge von einer gleichen Hoͤhe haben die gleiche Geſtalt einer Felſenlage. Dieſe Felſen von ihrer Außenſeite mehr oder weniger verwittert, geben einen offenbaren Beweis, wie geſchaͤftig ehemals das Waſſer geweſen iſt. Sehr deutlich unterſcheiden ſich von dieſen jene Berge, welche noch der Gewalt des Meeres ausgeſetzt ſind; ſie ſind noch mit Schalen⸗Ge⸗ haͤuſen angefuͤllt, welche man nur mit Muͤhe losma⸗ chen kann. Die Thiere, welche ſonſt dieſe Schalen⸗ Gehaͤuſe bewohnten, ſind in der Levante voͤllig unbe⸗ kannt. An der Nordſeite des ſchwarzen Meeres beſinden ſich jetzt keine Schalthiere, und in dem ſuͤd⸗ lichen Theile iſt nur die kleine Gattung befindlich. Ja man findet ſelbſt an den Felſen ein Schalen⸗Ge⸗ haͤuſe, welches ſonſt nur im rothen Meere einheimiſch iſt. In den Thaͤlern dieſes Theiles der Krimm befin⸗ den ſich noch ganze Muſchelbaͤnke, deren Schalen⸗Ge⸗ haͤuſe nur aus einem einzigen Stuͤcke beſtehen, und die von derjenigen Gattung ſind, welche man chine⸗ ſiſche Muͤnze nennt; in einigen Thaͤlern ſind ſie ſo haͤufig, daß ſie alle Pflanzen in ihrem Wachsthume erſticken. Die Schalen⸗Gehaͤuſe ſind mit Stuͤcken von blaͤttrigem Tuff vermiſcht, welcher haͤufig Pflanzen⸗ Abdruͤcke enthaͤlt, und deſſen Grund man in den aus⸗ geſpuͤlten Flußbeeten erblickt. Die Muſchelbaͤnke fand ich in Hinſicht ihrer Hoͤhe der Meeresflaͤche gleich. Die Luft iſt in der Krimm ſehr rein, der Bo⸗ den außerordentlich fruchtbar, der Feldbau erfordert wenig Arbeit. Unter den wilden Gewaͤchſen zeichnen ſich Spargel, Nuͤſſe und Haſelnuͤſſe durch ihre vor⸗ zͤgliche Groͤße aus. Auch wachſen Blumen in Ueber⸗ fluſſe. Der Weinbau kann wegen ſeiner geringen Pflege in den Thaͤlern nie zur Vollkommenheit ge⸗ langen. In der Krimm iſt auch eine Gattung wilder Gaͤnſe bemerkenswerth, deren Beine⸗ hoͤher, als ge⸗ woͤhnlich ſind, ſie haben ein ziegelrothes Gefieder. Auch findet man in keinem Lande Wachteln haͤufiger, als hier. 3 15 Das Land, welches man mit dem Namen der kleinen Tartarei belegt, beſteht aus der Halb⸗ inſel Krimm, der kubaniſchen Tartarei und einem Theile von Kirkaſſien und allen Laͤndern, welche das ruſſiſche Reich vom ſchwarzen Meere tren⸗ nen. Dieſes Land von der Moldau bis Taganrog liegt zwiſchen dem 46. Grade der Breite, iſt ungefaͤhr 30— 40 Meilen breit, und beinahe 200 Meilen lang. Es enthaͤlt von Weſt nach Oſt Netitſchekule, Dgiamboyluk, Yedeſan und Beſſarabien. Beſſarabien, welches man auch Budjak nennt, bewohnen Tartaren, welche ſich gleich jenen in der Krimm, in Doͤrfern niedergelaſſen haben. Die Einwohner der uͤbrigen drei Provinzen(nogaiſche Tartaren genannt), haben nur Zelte aus Filz, welche ſie dorthin tragen, wo es ihnen gefaͤllt. Sie wohnen in den Thaͤlern, welche ſich von Nord nach Suͤd er⸗ ſtrecken. Ihre Huͤtten, welche in einer Reihe ſtehen, bilden eine Art von Dorf, das oft 30— 35 Mei⸗ len lang iſt, durch welches jede Horde von der andern ſich abſondert. Das maͤßige Leben und die wenigen Beduͤrfniſſe dieſes Hirten⸗Volkes beguͤnſtigen die Be⸗ voͤlkerung. Die Familie der Fuͤrſten aus dem Stamme des Dſchingis⸗Khan, und die eigenthuͤmliche Art der Lehen⸗Verfaſſung hat ſich bis auf dieſe Zeit bei den Tartaren erhalten. Nach der regierenden Familie ſind die vornehmſten 16 die von Schirin, von Manſur, von Sadjud, von Arguin und von Barun. Aus der Famtlie des Dſchingis Khan kommen die Beherrſcher, und aus den fuͤnf andern Familien die vornehmſten Vaſallen des Reichs. Dieſe, Beys genennt, uͤber⸗ laſſen die hoͤchſte Wuͤrde den Aelteſten ihrer Familien. Dieſe alten Mirza, nach den Chroniken von den Ge⸗ faͤhrten des Oſchingis Khan abſtammend, bilden den hohen tartariſchen Adel, und koͤnnen nie mit den neugeadelten Familisn vermiſcht werden. Letztere ſte⸗ hen unter der Herrſchaft des Mirza Kapiktely (Mirza, ein Sklave des Fuͤrſten), haben indeſſen doch einen Bey, welcher ſie vertritt, und auch das Recht der hoͤhern Vaſallen, naͤmlich einen Sitz in der Ver⸗ ſammlung der Staͤnde. Der Bey der neugeadelten und jene der fuͤnf genannten Familien machen in Ver⸗ bindung mit ihrem Lehensherrn den Senat und Hof der Tartaren. Die Verſammlungen werden nur bei außerordent⸗ lichen Veraulaſſungen zuſammen berufen. Damit aber der Khan, welcher das Recht der Zuſammenberufung der Beys hat, nicht durch ihre Abweſenheit die Gele⸗ genheit zur Vergroͤßerung ſeiner Macht erhalte, ſo ſtellt der Bey von Schirin die fuͤnf andern Beys vor. Er, das Haupt des tartariſchen Adels, hat, wie der Khan, ſeinen Kalga, ſeinen Nuradin und ſeine Miniſter. Die Wuͤrde eines Kalga von 17 Schirin beſitzt der aͤlteſte nach dem Bey in dieſer Familie. Es gibt in der Krimm und in Beſſarabien adeliche Lehen, landesherrliche Domainen und buͤrger⸗ liche Laͤndereien. Erſtere ſind voͤllig erblich, fallen nie wieder an die Krone zuruͤck, und zahlen auch keine Steuern. Mit den herrſchaftlichen Domainen ſind gewiſſe Abgaben verknuͤpft, aus welchen die davon fal⸗ lenden Einkuͤnfte beſtehen. Die uͤbrigen Laͤndereien ſind von dem Landesherrn an diejenigen vertheilt, welche er damit beguͤnſtigen will. In Anſehung aller adelichen Guͤter iſt das Ruͤckfalls⸗Recht eingefuͤhrt, ſobald Erben im ſiebenten Grade fehlen. Jeder Mirza hat in ſeinem ganzen Lehen dasſelbe Recht auf die Laͤndereien der Buͤrgerlichen. Auf die naͤmliche Art wird auch die jaͤhrliche Abgabe eingehoben, welcher alle Chriſten und Juden unterworfen ſind. Vermit⸗ telſt des letzten Rechtes erlangen die Eigenthuͤmer ade⸗ licher Guͤter in der Tartarei eine ſehr große Gewalt. Nur durch die Verſammlung der Staͤnde koͤnnen die Mirza, welche Lehen beſitzen, zum Kriegsdienſte ver⸗ pflichtet werden. Dieſe Beſchraͤnkung des Laͤnder⸗Eigenthums iſt in der nogaiſchen Tartarei unbekannt. Dieſes Hirtenvolk kennt keine andere Graͤnze, als die, durch welche eine Horde von der andern abgeſondert iſt. Obgleich die nogaiſchen Mirzas mit ibren Unterthanen in Gemein⸗ heit leben, und ſelbſt mit dem Ackerbaue den Begriff 37ſfes B. Türkei. III. r. 2 18 von Niedrigkeit verbinden, ſo ſind ſie deßhalb nicht weniger maͤchtig. Waͤhrend des Winters ſind ſie in den Thaͤlern, welche ihre Horden einſchließen; ſie empfangen dort, jeder in ſeinem Aoul(dem Be⸗ zirke einer Horde, welcher von den Vaſallen eines Adelichen bewohnt wird), die Abgaben in allerlei Vieh und Lebensmitteln, und wenn die Saatzeit au⸗ kommt, begeben ſie ſich mit ihren Vaſallen auf die Ebenen, waͤhlen das Land zum Ackerbaue, und thei⸗ len dasſelbe aus. In der Krimm ſind zwar Frohn⸗ dienſte eingefuͤhrt, unbekannt aber in der nogaiſchen Tartarei. Die nogaiſchen Tartaren bezahlen bloß den Zehent an den Statthalter der Provinz. Die Sultane, gewoͤhnlich Statthalter, fuͤhren den Ditel Seraskier, und herrſchen als Vize⸗Koͤnige. Die wichtigſte Wuͤrde im Reiche iſt jene des Kalga, welche der Khan immer demjenigen Prinzen ſeines Hauſes ertheilt, welchem er das meiſte Ver⸗ trauen ſchenkt. Seine Reſidenz iſt zu Achmet⸗ Schid, einer Stadt, welche 8 Meilen von Bacht⸗ ſchieſarei entfernt iſt. Er hat hier das Anſehen eines Souverains; ſeine Befehle werden von ſeinen Miniſtern vollzogen; ſeine Herrſchaft erſtreckt ſich bis nach Kaffa. Bei dem Tode des Herrſchers verwal⸗ tet der Kalga die Regierungs⸗Geſchaͤfte bis zur An⸗ kunft eines neuen. Er ordnet als Ober⸗Befehlshaber die tartariſchen Armeen, wenn der Khan nicht ſelbſt in das Feld zieht, und iſt, wie die Mirzas, der 19 Erbe aller derjenigen, welche in ſeiner Statthalter⸗ ſchaft ohne Erben im ſiebenten Grade ſterben. Die Wuͤrde eines Nuradin, die zweite im Staate, verwaltet gleichfalls ein Sultan, welcher auch ſeine Miniſter hat, die, wie er, nichts zu ſagen haben. Er haͤlt ſich zu Bachtſchieſarei auf, und macht beinahe einen Theil des Hofſtaates des Khan aus. Wenn der Nuradin im Kriege eine Armee anfuͤhrt, hat er mit ſeinen Miniſtern ſouveraine Gewalt. Die dritte Wuͤrde im Reiche verwaltet auch ein Sultan unter dem Titel Or⸗ Bey, Fuͤrſt von Or⸗ kapi; zuweilen erhielten Mirzas aus der Familie Schirin dieſelbe, wenn ſie mit Prinzeſſinen ver⸗ maͤhlt waren. Dieſe Adelichen nehmen Stellen der Miniſter nicht an, ſondern nur ſolche, welche eigent⸗ lich Sultanen beſtimmt ſind.— Außer dieſen Stellen, welche von den in gewiſſen Provinzen eingefuͤhrten Abgaben ihr Einkommen er⸗ halten, gibt es auch zwei weibliche Bedienungen; die Stelle der Alabey, welche der Khan gewoͤhnlich ſei⸗ ner Mutter oder einer ſeiner Gemahlinnen ertheilt, und die Wuͤrde einer Oulukan i, welche immer die Schweſter, oder aͤlteſte Tochter des Kyans erhaͤlt. Verſchiedene Doͤrfer haͤngen von dieſen Fuͤrſtinnen ab; ſie ſchlichten auch die Rechtshaͤndel ihrer Unter⸗ thanen, und verwalten die Gerechtigkeit dur h ihre Miniſter, welche deßhalb nahe bei dem Harem wohnen. Die Wuͤrden des Mufti, der Veziere ꝛc. kommen mit denen in der Tuͤrkei uͤberein, außer daß ihre Ge⸗ walt durch die Lehen⸗Verfaſſung eingeſchraͤnkt wird. Alle Einkuͤnfte des Khan zur Unterhaltung ſeines Ho⸗ fes, uͤberſteigen keine 600,000 Livres. Im Verlaufe des Krieges von Seite Rußlands gegen die Pforte kam ich auch nach Botuſchan, ei⸗ ner Stadt, welche ich wegen des Krieges leer fand. Ich erfuhr durch den Prior des Kloſters, daß die An⸗ zahl der Einwohner auf 700— 8oo ſich belief, welche ſich durch die Mißhandlung einiger Reiter(Spahis) hinter die Mauer des Kloſters verkrochen. Nach vielen uͤberſtandenen Beſchwerlichkeiten, und nachdem wir eine ſehr ſparſame Diaͤt zu halten ge⸗ zwungen waren, kamen wir zu Kiſchenow an. Wegen des ſtark gefallenen Schnees bediente ich mich eines Schlitten, und kam durch die Schnelligkeit deſ⸗ ſelben bald in die Ebenen von Kauſchan, wo ich neue Hinderniſſe fand. Waͤhrend des Krieges mußte ich den Khan be⸗ gleiten, und erhielt ein tartariſches Zelt. Ein Git⸗ terwerk, welches ſich leicht zuſammen legen, und auseinander nehmen laͤßt, dient zu einer zirkelfoͤrmigen Wand, welche ungefaͤhr 41⁄2 Fuß hoch iſt. Die bei⸗ den Ende des Gitters, welche ungefaͤhr 2 Fuß von einander entfernt ſind, bilden den Eingang, und ei⸗ nige 20 Ruthen, welche an einem Ende zuſammen gebunden, und am andern Ende mit kupfernen Rin⸗ 21 gen verſehen ſind, und um das Gitterwerk eingehaͤngt werden, dienen zur Stuͤtze des Zelt⸗Daches. Dieſes beſteht aus einer Filzdecke, an welcher ein herabhaͤn⸗ gender Streif die Fuge des Zeltes bedeckt, mit wel⸗ chem das Gitter umzogen iſt. Dieſe Bedeckung haͤlt ein umwickelter Gurt feſt. Schnee und Erde, welche man rund herum geworfen hat, verhindern den Durch⸗ zug der Luft. Das Zelt wird dadurch ohne alle Stan⸗ gen und Stricke befeſtigt, und da es die Figur eines abgeſtumpften Kegels hat, ſo kann man in demſelben Feuer machen. Der Rauch zieht ſich oben zwiſchen den zuſammen gebundenen Ruthen durch, und man iſt gegen alle Folgen der Witterung geſchuͤtzt.— Bei Tombaſchir wurde gelagert, um die Trup⸗ pen zu erwarten. Am folgenden Tage naͤherte ſich die Armee dem Bog, ging uͤber das Eis deſſelben, und wir ſchlugen unſere Zelte in der zarporovi⸗ ſchen Steppe auf.— Die Armee, welche immer nach Norden ihren Weg nahm, ſuchte den großen Fluß Ingul zu er⸗ reichen, an deſſen Ufer ſie nach 12 Meilen ankam. Einige verlaſſene Wohnungen und Heu⸗Haufen kamen uns trefflich zu ſtatten. Wir kamen jetzt an Neu⸗Servien, wo der Einfall geſchehen ſollte. Am folgenden Tage ſetzten wir uͤber den Ingul. Waͤhrend des Ueberſetzens er⸗ trank ein Haufen von Spahis. Ein Inat⸗Koſak holte mit vieler Geſchicklichkeit das Geld eines Er⸗ 22 trunkenen aus dem Waſſer. Viele Soldaten verloren ihr Leben durch den Froſt. Auffallend iſt die Behendigkeit, Geduld und Thaͤ⸗ tigkeit, welche die Tartaren zur Erhaltung ihrer Beute anwenden. Ein halb Dutzend Sklaven verſchie⸗ dener Art, 60 Schafe und 20 Ochſen, welche ein ein⸗ ziger erbeutet hatte, ſetzten ihn in keine Verlegenheit. Die Kinder werden in einem Sack, aus welchem nur der Kopf geſehen wird, vorne am Sattel gehaͤngt, ein junges Maͤdchen wird vorne auf den Schooß ge⸗ ſetzt, und mit dem linken Arme feſt gehalten, indeß die Mutter hinten aufſitzen muß; der Vater ſitzt auf dem einen, der Sohn auf dem andern Handpferde, das Vieh wird voraus getrieben, und alles ſo genau beobachtet, daß nichts entkommen kann. Ihr Waͤch⸗ ter verſammelt ſie, fuͤhrt ſie, ſorgt fuͤr ihren Unter⸗ halt, und geht ſelbſt zu Fuß, um es ſeinen Sklaven leichter zu machen. Der Befehl, Adjemka zu verbrennen, wurde ſo ſchnell vollzogen, daß wir ſelbſt, als wir dieſe Stadt verließen, durch die Mitte der Flammen gehen muß⸗ ten. Die Luft, mit Aſche und den Ausduͤnſtungen des geſchmolzenen Schnees gefuͤllt, verdunkelte einige Zeit die Sonne. Endlich fiel ein Schnee, welcher hie⸗ von eine graue Farbe hatte, und beſtaͤndig unter un- ſern Fuͤßen kniſterte. Hundert und fuͤnfzig Doͤrfer verbrannten auf aͤhnliche Weiſe. Auf unſerm Marſche gegen die polniſche 23 Ukraine kam die Armee in das Dorf Krasnikow Einige Freiwillige von der Armee verbrannten die Vorſtaͤdte von Sibiloff, waͤhrend ſich der Khan mit ſeiner Armee nach Burki in Polen begab. Alle Doͤrfer, welche auf dem Wege lagen, wurden abgebrannt, und die Einwohner zu Sklaven gemacht. Bei dem erſten Anblicke konnte man die Sklaven auf 20,000 ſchaͤtzen; die Heerden waren unzaͤhlig. Beſonders ſtreng zeigte ſich der Tartaren Khan gegen jene, welche ſeine Befehle in Betreff des Pluͤn⸗ derns uͤbertraten. Seine Vorſorge erſtreckte ſich ſogar fuͤr den Gottesdienſt in Polen. Einige Tartaren, welche uͤberfuͤhrt wurden, ein Chriſtus⸗Bild verſtuͤm⸗ melt zu haben, bekamen 100 Stockhiebe vor der Thuͤre der Kirche. Man muß, ſagte er, die Tartaren lehren, die ſchoͤnen Kuͤnſte und die Propheten hoch zu ſchaͤtzen. Zu Savran wurde die Beute vertheilt, und die verſchiedenen Truppen entlaſſen. Der Fuͤrſt erhielt 2000 Sklaven, welche er verſchenkte; einige, die er mir anbot, ſchlug ich aus, weil meine Religion Skla⸗ ven zu haben, nicht erlaubt. Als ich den Kadileskier des Khan beſuchte, bemerkte ich einige junge Maͤdchen, und machte die Aeußerung, daß mancher nogaiſche Tartar zu fruͤh der⸗ lelben fuͤr ſeine Abſichten ſich bemaͤchtigt haͤtte. Er erzaͤhlte mir, daß bei dieſem Volke eine ganz eigene Sitte herrſche, die weiblichen Faͤhigkeiten zu pruͤfen. Ein Tartar, wenn er ſich verheirathen will, ſucht das 24 Maͤdchen ſo weit zu bringen, daß es vor ihm her laͤuft; wenn es in vollem Laufe begriffen iſt, wirft er ſeine große Muͤtze auf ihren Ruͤcken; faͤllt es dadurch nie⸗ der, ſo haͤlt er ſeinen Antrag fuͤr zu fruͤh angebracht. Ich aͤußerte meine Bedenklichkeit gegen das Unzurei⸗ chende dieſer Probe und ihrer puͤnktlichen Befolgung. Der Kadileskier aber verſicherte mir, daß altes Herkommen bei einem einfaͤltigen Volke beſſer beob⸗ achtet wuͤrde, als die ſtrengſten Geſetze bei einer eivi⸗ liſirten Nation. Wir kamen am folgenden Morgen nach Bender, wo der Khan von den Kanonen der Feſtung begruͤßt wurde. Er hielt ſich nur ſo lange auf, bis ſein Haus zu Kauſchan zu ſeinem Empfange bereitet war. Waͤhrend dieſer Beſchaͤftigungen hatte er ſeine haͤufi⸗ gen Anfaͤlle von Hypochondrie ſtaͤrker, als jemals. Durch einen Trank von dem griechiſchen Arzte Si⸗ ropolo endete er ſein Leben. Die Spuren des Gif⸗ tes zeigten ſich bei der Einbalſamirung des Leichnames ſehr deutlich; aber das gegenwaͤrtige Intereſſe des Hofes unterdruͤckte jeden Gedanken an Nache und Be⸗ ſtrafung des Schuldigen. Der Koͤrper des Fuͤrſten wurde in einem mit Tuch behaͤngten Wagen nach Krimm gefuͤhrt, vor welchem ſechs mit ſchwarzem Tuche bedeckte Pferde angeſpannt waren. Fuͤnfzig Reiter, einige Mirzas und ein Sultan, welcher die Leichen⸗Begleitung befehligte, waren ebenfalls in 25 Trauer. Es iſt auffallend, daß im ganzen Oriente nur die Tartaren allein dieſen Gebrauch kennen. Die vielen Beſchwerlichkeiten waͤhrend einer ſo langen Zeit, und die Unwiſſenheit meiner Lage durch den Tod des Khan, machten mich zur Abreiſe nach Konſtantinopel geneigt, um dort die Befehle zu erwarten, welche man mir zu ertheilen fuͤr gut faͤnde. In tartariſcher Kleidung reiſte ich mit einem Sekre⸗ taͤr, einem Wundarzt und Bedienten, und dem Ba⸗ ſchetſchoadar des Khan ab, welcher mir zum Fuͤh⸗ rer mitgegeben war. Wir machten den erſten Tag nur 1s Meilen, und hielten in Beſſarabien auf einem Platze, welcher rund mit Haͤuſern umgeben war. Bei unſerer Ankunft traten die Einwohner vor die Thuͤren ihrer Haͤuſer, und der Inwohner ſchaͤtzte ſich gluͤcklich, deſſen Haus wir waͤhlten. Als ein Greis meine Wahl auf ſich zog, begaben ſich die Ein⸗ wohner ſaͤmmtlich in ihre Haͤuſer. Ich wurde in ein niedriges reinliches Zimmer gefuͤhrt, wo ſeine Frau und Tochter gegen die Sitte der Tuͤrken mit unver⸗ ſchleiertem Geſichte mich empfingen. Die europaͤi⸗ ſchen Meubels, als Stuͤhle, Tiſche und Bett, erreg⸗ ten gleichfalls meine Aufmerkſamkeit. Am folgenden Tage kamen wir nach Ismael. Dieſe Stadt wird durch die Niederlage des auf der Donau verſchifften Getreides, und noch durch ihre Induſtrie bluͤhend, indem daſelbſt jene Leder⸗Art be⸗ Preitet wird, welche wir unter dem Namen Chagrin kennen. Man ſieht rund um die Stadt große Striche 4 Landes zu dieſer Arbeit. Das Leder wird zuerſt wie Pergament bereitet; nachher auf 4 Stoͤcke aufrecht und geſpannt erhalten, und darauf zur folgenden Be⸗ reitung geſchickt gemacht, welche darin beſteht, daß man es mit einer Art ſehr zuſammenziehender Koͤrbe bedeckt, wodurch man nach dem Verlaufe einer gewiſ⸗ ſen Zeit den Chagrin oollig gut erhaͤlt. Um an das andere Ufer zu kommen, mußten wir uͤber 2 Arme des Fluſſes ſetzen. Mit dem Anbruche des Tages brachte uns die Faͤhre auf die dazwiſchen lie⸗ gende Inſel. Wir reiſten uͤber die ganze Bruͤcke der⸗ ſelben, welche 4 Meilen betrug, um den zweiten Arm zu erreichen, welcher Tultſcha, einer tuͤrkiſchen Feſtung oberhalb des Zuſammenfluſſes beider Arme gegenuͤber iſt. Nachdem wir uͤber die Ebenen von Dobrodgan (einer Provinz der europaͤiſchen Tuͤrkei zwiſchen der Donau und dem thraziſchen Gebirge) gekom⸗ men waren, bemerkte ich, daß der Boden, welcher nun allmaͤhlich gegen das thraziſche Gebirge hoͤher wurde, aus Schichten von Marmor beſtand, welche wahrſcheinlich dem Gebirge Balkan zur Grundlage dienten. Durch einen hohlen Weg kamen wir in die⸗ ſes Gebirge, aus welchem der Kamtſchikſui(Peit⸗ ſchenfluß) entſpringt. Dieſer reiſſende Fluß macht ſo viele Kruͤmmungen, daß man hier ſiebenzehn Male uͤber ihn ſetzen muß. Endlich fingen wir auf ſehr be⸗ 27 ſchwerlichen Wegen an, das Gebirge ſelbſt zu erſtei⸗ gen. Wir machten in einem Dorfe Halt, welches ungefaͤhr in der mittleren Gegend dieſes Gebirges lag. Hier traf ich mit dem Bruder des verſtorbenen Khan zuſammen, entſchloß mich auf ſein Bitten, auch durch ſeine tartariſchen Laͤndereien zu reiſen, um dieſe Na⸗ tion noch in Romelien zu betrachten. Wir mußten noch uͤber die hoͤchſten Bergketten des Balkan ſteigen. In dieſer Gebirgs⸗Gegend ſah ich die Ueberbleibſel alter Schloͤſſer, und eben ſo haͤu⸗ fige Hoͤhlen, als ich in der Krimm bemerkt hatte. Auf dem Gipfel des Gebirges fanden wir eine Menge Veilchen, deren Stengel und Blaͤtter unter dem Schnee verſteckt, dem Boden eine ſeltene Geſtalt gaben. 1 In Kirk⸗Kiliſſin(vierzig Kirchen) erkannte ich an einem Tuͤrken durch ſeinen niederhaͤngenden Kopf, ſeinen langen Hals, daß er ein Freund des Opiums war. Er verſchlang drei Pillen, deren eine ſo groß, wie eine Olive war. Dieſe Doſis waͤre bei uns hinreichend geweſen, 20 Perſonen zu toͤdten. Ich beobachtete das Spiel der Muskeln und die ſtufen⸗ weiſe erfolgende Verwirrung der Einbildungskraft, welche der Berauſchung vorher ging, in welcher ich dieſen Theriaky(Opium⸗Eſſer) verließ. Wir waren jetzt in Romelien. Mannigfaltige Erzeugniſſe im Ueberfluſſe, Landhaͤuſer, gut angelegte 8 Gaͤrten, viele Doͤrfer, wo ſich in jedem noch das 28 Schloß des Gutsherrn auszeichnete, nahmen hier die Ebenen ein, und dehnten ſich noch bis auf die Huͤgel aus. Bald lag die Stadt Seray, und das Schloß des Khan vor unſern Augen. Ich uͤbernachtete in dem zweiten Hofe des Khan. Auf meinem Wege von Seray erblickte ich die Unordnungen und Verwuͤſtun⸗ gen, welche das tuͤrkiſche Heer bei ſeinem Abzuge aus Konſtantinopel veruͤbt hatte. Durch einen alten Gebrauch werden die gewoͤhn⸗ lichſten Spaßmachereien mit dem ſehr feierlichen An⸗ blicke verbunden, welcher dadurch entſteht, wenn man hier alle Kraͤfte eines großen Reiches zum Kriege ver⸗ ſammelt antrifft. Die Tuͤrken nennen dieſe Poſſe Alay(Pomp des Triumphes). Er beſteht in einer Maskarade, bei welcher jede Zunft und jedes Hand⸗ werk ihre Handthierung öffentlich vorſtellt. Der Ackers⸗ mann fuͤhrt ſeinen Pflug, der Diſchler hobelt u. ſ. w., alle auf hohen koͤſtlich ausgeſchmuͤckten Wagen, welche den Zug eroͤffnen, wenn man die Fahne des Prophe⸗ ten(Sandjak⸗Scherif) aus dem Serail zum Heere bringt. Die Emire haben allein das Recht, ſie zu be⸗ ruͤhren. Ihr Oberhaupt traͤgt ſie; nur Muſelmaͤnner duͤrfen ſie anblicken; ſie wuͤrde durch die Blicke ande⸗ rer entheiligt werden, und deßhalb iſt auch der grau⸗ ſamſte Fanatismus in ihrer Nachbarſchaft ſo gemein. Als einige unvorſichtige Chriſten zuliefen, bemaͤch⸗ tigte ſich die Wuth aller; ſie bewaffnete jeden Arm, 29 und die groͤßte Schandthat wurde fuͤr das verdienſt⸗ lichſte Werk gehalten. Man verſchonte kein Alter, kein Geſchlecht, ſchwangere Weiber wurden bei den Haa⸗ ren auf die Straßen geſchleppt, und von dem Poͤbel auf die unbarmherzigſte Weiſe todt getreten. 4 Der Hatty⸗Scherif(kaiſerliches Manifeſt) for⸗ dert alle waffenfaͤhige Rechtglaͤubigen zu den Waffen gegen die Feinde. Die Hauptſtadt, wie die Provin⸗ zen, wurden durch das Raubgeſindel, aus welchem die Armee zuſammen geſetzt war, auf das ſchrecklichſte mißhandelt. Die Unwiſſenheit der Feldherren, ihr Eigenduͤnkel und Stolz brachte dem Reiche großen Schaden. Das Seeweſen befand ſich in dem ſchlech⸗ teſten Zuſtande. Der Kapitaͤn⸗Paſcha verkaufte die Stellen an die Meiſtbietenden, und ertheilte ih⸗ nen zugleich die Freiheit, alle niederen Stellen auf ihren Schiffen nach derſelben Weiſe zu verhandeln.— Bald erfuͤllte die Nachricht von der voͤlligen Nieder⸗ lage der beiden Heere zu Waſſer und zu Lande ganz Konſtantinopel mit Schrecken. Ein Beweis fuͤr die ſchlechte Organiſation der See⸗ und Land⸗Solda⸗ ten, fuͤr die Unwiſſenheit der Feldherren, welche keine Kenntniß von Taktik, Geſchichte, Geographie ꝛc. ha⸗ ben, ſondern ihre ſtolze Unwiſſenheit und ihre Toll⸗ kuͤhnheit fuͤr alles halten. Die Begierde des Großherrn, mich bald in den Dardanellen zu ſehen, erlaubte mir nicht, ſo lange zu warten, bis ich die zur Arbeit erforderlichen Ge⸗ 30 genſtaͤnde mitnehmen konnte. Man ſtellte fuͤr den gluͤcklichen Fortgang meiner Unternehmungen oͤffent⸗ liche Gebete an, und der Sultan, welcher ſeine ganze Hoffnung auf mich geſetzt hatte, glaubte nicht eher frei athmen zu koͤnnen, als bis er mich an Ort und Stelle geſetzt hatte. Der Befehl war gegeben wor⸗ den, daß mir alles unterworfen ſeyn ſollte. Bei der Unterſuchung des Zuſtandes der Schloͤſ⸗ ſer fand ich, daß die Soldaten eben ſo wenig taug⸗ ten, als die Befeſtigungswerke. Hohe, alte Mauern, mehr als 30 Fuß hoch, uͤber die am Waſſer liegenden Baͤtterien hervor ragend, drohten bei den erſten Ka⸗ nonen⸗Schuͤſſen der Ruſſen, die Batterien und ihre Vertheidiger zu bedecken. Ihre Artillerie von ungeheuerem Kaliber war we⸗ gen der ſchlechten langſamen Bedienung, nachdem ſie einmal abgefeuert war, wenig fuͤrchterlich. Die Batterien auf der Seite Aſiens und Europas waren mit dieſen ungeheueren Steinſtuͤcken beſetzt, de⸗ ren Kugeln ſich zwar an einigen Stellen, bei dem Eingange aber gar nicht erreichen konnten. Dieſe Stuͤcke waren zwar durchgaͤngig von Metall, hatten aber weder Zapfen an den Seiten, noch Lavetten, ſondern ſie lagen bloß auf dicken ausgehoͤlten Bohlen. Ein ungeheuerer Stein hinten an der Traube verhin⸗ derte ſie, bei dem Abfeuern zuruͤck zu ſpringen. An⸗ dere Kanonen und einige Moͤrſer lagen bloß auf dem Sande, und ſchienen eher Ueberbleibſel einer Bela⸗ 31 gerung, als Vorkehrungen, ſie auszuhalten. So war der Zuſtand der Dardanellen, als ich ankam. Der Kanal der Dardanellen„ 50 Meilen weſtlich von Konſtantinopel, liegt zwiſchen dem Archipel und dem kleinen Meere von Marmora, geht von der Kuͤſte Trojas bis Gallipoli, Lamp⸗ ſakus gegenuͤber. Er iſt ungefaͤhr 42 Meilen lang, von ungleicher Breite, und verſchiedene Spitzen ra⸗ gen ſo weit hervor, daß an manchen Orten die Ufer von Europa und Aſien, welche dieſer Kanal trennt, nicht mehr als 3— 400 Klafter von einander entfernt ſind. Drei Meilen von ſeiner Muͤndung, von der Seite des Archipel an der ſchmalſten Stelle, ſind die unter dem Namen Dard anellen bekann⸗ ten Schloͤſſer erbaut, deren Kanonen ſich hier voͤllig beſtreichen. Dieſe Vertheidigungs⸗Anſtalt war eine lange Zeit das einzige Mittel zum Schutze Konſtan⸗ tinopels. Da die Tuͤrken unruhiger wurden, aber unwiſſend blieben, bauten ſie in der Folge noch zwei Schloͤſſer an der Muͤndung, welche ungefaͤhr 1500 Klafter von einander entfernt ſind, und dieſes macht, daß beinahe in einem Drittheile dieſes Raumes, die Schuͤſſe unſicher, und die Schloͤſſer ſelbſt ſich nicht gehoͤrig zu vertheidigen im Stande ſind. Rachdem ich mehrere Batterien zur Vertheidigung angelegt, und mich von der Ungeſchicklichkeit der Türken auf alle nur moͤgliche Weiſe uͤberzeugt hatte, ſo beſchloß ich, nachdem die Hauptſtadt von der See⸗ ſeite gedeckt war, nach meiner Ankunft zu Konſtan⸗ tinopel(meine erſte Bemuͤhung) dem Hofe den Vorſchlag zu machen, auch die Hauptſtadt gegen eine Landung zu ſchuͤtzen, welche man in dem ganz unbe⸗ deckten Meerbuſen von Enos zu befuͤrchten hatte. Der Sultan ſchickte bloß einen Paſcha von drei Roß⸗ ſchweifen mit einigen Bedienten zum Schutze ab, und antwortete auf meine Vorſtellung, daß er es mit ſei⸗ nem Kopfe bezahlen muͤſſe, wenn der Feind lan⸗ den ſollte. Ich hatte mich heimlicher Mittel bedient, mich dem Groß⸗Sultan zu naͤhern, und ihn zu uͤberzeugen, daß er ſich bei den Dardanellen beſſerer Lavetten und beſſerer Kanoniere bedienen muͤßte. Durch die Niederlage von Kraul war er auf den Gedanken ge⸗ kommen, daß die Muthloſigkeit ſeiner Soldaten dem ruſſiſchen Feuer zuzuſchreiben ſey. Er ließ mich fra⸗ gen, ob ich wohl Leute zu die er Gattung von Krie⸗ gern abrichten koͤnnte, welche bis daher den Tuͤrken unbekannt geweſen? Als ich dieſes bejahte, erhielt der Groß⸗Vezier den Befehl, mir in allem, was dazu dienlich waͤre, huͤlfreiche Hand zu leiſten.— Als ſich Konſtantinopel von dem Schrecken, welchen die Verbrennung der osmanniſchen Flotte ver⸗ anlaßte, erholt hatte, ſahen die Miniſter es nicht mehr gleichguͤltig an, daß mir noch mehrere Auftraͤge gemacht wurden. Der Name des Großherrn wurde gebraucht, um mich dahin zu bewegen, die Kleidung eines 8 90 Dolmetſchers anzuziehen, weil das Volk ſehr ungerne einen Europaͤer mit denjenigen Gegenſtaͤnden beſchaͤf⸗ tigt ſehen wuͤrde, deren Beſorgung man vorher nur den Rechtglaͤubigen anvertraute. Sie wuͤnſchten mich gaͤnzlich zu entfernen, aber die Furcht, ſich den Un⸗ willen ihres Herrn zuzuziehen, hielt ſie davon ab. Die Pforte ſchickte mir einen Artillerie⸗Offizier in ſeiner Zeremonien⸗Kleidung, der mit dem Stabe in der Hand fuͤr meine Sicherheit ſorgen, und mir in dem Arſenale der Stuͤckgießerei, oder wo ich es ſonſt noͤthig kaͤnde, freien Zutritt verſchaffen ſollte. Als ich die Kanonen mit Schweins⸗Borſten auswir⸗ ſchen ließ, murrte das Volk, und konnte nur dadurch beſaͤnftigt werden, daß ein Maler hervor gerufen wurde, und bezeugte, daß die Moſcheen mit Pinſeln aus Schweins⸗Borſten angeſtrichen, und noch viele Borſten in den Waͤnden zu finden ſeyen. Bei der Verfertigung von Pontons, welche der Großherr bald fertig wiſſen wollte, lieferten mir die Kupferſchmiede Blech, um die Gerippe der Pontons zu beziehen, von ſehr ſchlechter Arbeit, bei welchem ſie mehr Mangel an guten Willen, als an Geſchick⸗ lichkeit verriethen. Als ich darauf beſtand, daß ſie beſſere Arbeiten liefern ſollten, antworteten ſte, daß die Pforte dieſelben dem Miry(Fiskus) unterwer⸗ fen wollte. Der Miry der Tuͤrken hat auf alle Arbeiten fuͤr die Krone eine ſo geringe Taxe geſetzt, daß die Arbeiter dabei zu Grunde gerichtet, und die 37ſtes B, Türkei. III. 1. 3 34 ſchlechteſten Arbeiten zu liefern gezwungen werden. Am folgenden Tage nahm ich mich dieſer Leute au, und erklaͤrte, daß ich die Pontons mit Leder uͤberzie⸗ hen laſſen wollte, um fie leichter zu machen. Der Verſuch mit den Pontons lag dem Sultan am Herzen. Die Bruͤcke wurde uͤber den Fluß Kia⸗ rhana, gerade oberhalb des Kiosk des Oberſtall⸗ meiſters aufgeſchlagen. Der Großherr erſchien felbſt in der Kleidung eines Oda⸗Paſchi(Hauptmannes). Da er ſah, daß mir das lange Stehen Schmerzen neranlaßte, denn ich war vor einigen Tagen auf dem Glatteiſe gefallen), ſprach er von meinem Unfalle mit vieler Theilnahme; und da der Chamlu⸗Hu ſſein⸗ Effendi(Aufſeher uͤber die Wagen) mich dem Sul⸗ tan ruͤhmte, ſprach er, ich will dir, Huſſein, den Unterſchied zwiſchen euch beiden erklaͤren. Als Tott auf die Welt kam, ſiel er auf ſeine Fuͤße, und fing ſogleich an zu laufen; du aber fielſt auf den Hin⸗ pern, und biſt auch darauf ſitzen geblieben. Fuͤr dieſe Kraͤnkung wurde er aber bald durch den Befehl ge⸗ troͤſtet, einen Sack Dukaten, welche er ihm gab, un⸗ ter meine Leute zu vertheilen. Der Sultau fand gro⸗ ßes Vergnuͤgen an dieſer Bruͤcke. Pontons mit einem Aufſeher und Leuten au die Armee zu ſchicken, wurde bald vergeſſen. 1 Der türkiſchen Armee fehlte eine gute Feld⸗Artil⸗ lerie. Sie bedienten ſich in ihren Stuͤck⸗Gießereien eines ganz gewoͤhnlichen Ofens, wo ſie die Flamme 35 mittelſt eines Blaſebalges erregten, und das halb kal⸗ einirte, halb noch klumpige Metall, wurde nachher in elende Formen gegoſſen, welches die Kanonen voͤl⸗ lig verdarb. Ich machte den Vorſchlag, einen Rever⸗ berir⸗Ofen anzulegen, die Kanonen in Vollem zu gießen, und hernach zu bohren. Dieſes bewegte ihre erfahrnen Kuͤnſtler zum allgemeinen Gelaͤchter; allein da der Sultan mir ſein Zutrauen geſchenkt hatte, be⸗ fahl er ſeinen Miniſtern, mit mir in Unterhandlung zu treten. Endlich uͤberwand ich die Hinderniſſe von Seite der Miniſter, und die Unerfahrenheit der Ar⸗ beitsleute, und brachte vermittelſt eines Griechen, welcher einige Kenntniß vom Muͤhlen⸗Baue hatte, die Maſchine zum Bohren, ziemlich gut zuſammen. Ich hatte in meinem Leben noch keine Kanone gießen ge⸗ fehen, und St. Remi⸗ nebſt der Eneyklopaͤdie waren die einzigen Stuͤtzen, auf welche ich mich noch verließ. Da alles fertig war, ließ ich 30,0b0 Pfund Metalls ſchmelzen, und goß 20 Kanonen zum Erſtaunen der Tuͤrken und zur groͤßten Freude des Grafen von St. Prieſt. Indeſſen ich fuͤr neue Artillerie der Tuͤrken ſorgte, war die ruſſiſche an der Donau zu dem Nachtheile derſelben beſchaͤftigt; und einige Bomben, welche durch Bogenſchuͤffe in die Mitte der tuͤrkiſchen Ka⸗ vallerie getrieben wurden, und ſie zerſtreuten, veran⸗ laßten den Groß⸗Vezier ebenfalls, ſich ſolche Bomben und Bombaxdirer zu erbitten. 36 9s Auf, der Ebene zon Qemeidan(Ebene der Pfeile) wurde die eiſte Probe gemacht. Der Sultan erſchien in Begleitung ſeines Sohnes Selim. Der Erfolg war ſo guͤnſtig, daß der Sultan mich mit ei⸗ nem Hermelin⸗Pelze beſchenkte, welchen mir zwei Zeremonien⸗Meiſter anzogen. Der Hasnadar(Schatz⸗ meiſter der Privat⸗Kaſſe des Sultan), uͤberreichte mir einen Beutel mit 200 Dukaten, welche ich meinen Leuten ſchenkte. Mit Untergang der Sonne verließ ich die Pforte, und langte erſt, da es voͤllig Nacht war, in der Vorſtadt Vera an. Die zwei mich begleitenden Offiziere wur⸗ den angegriffen; aber die Huͤlfe der herbei eilenden Janitſcharen vertrieb unſere Gegner. Obgleich ich mich nicht uͤber dieſen Angriff be⸗ ſchwerte, ſo verſprach mir doch der Polizei⸗Aufſeher von Pera alle Genugthuung, wenn ich die Thaͤter anzeigen koͤnnte. Selbſt der Groß⸗Vezier ſchickte deß⸗ halb am folgenden Morgen zu mir, und der Sultau ließ ſich nach meinem Befinden erkundigen. Die Erzaͤhlung einer anderen Begebenheit wird die Sitten der Tuͤrken und die niedrige Verfahrungs⸗ art ihrer Regierung naͤher aus einander ſetzen. Ein junges Maͤdchen, ungefaͤhr 13 Jahre alt, tanzte oft in einem Wirthshauſe zu Galata, um demſelben mehr Abgang zu verſchaffen. Die Janitſcharen von der Kompagnie Las, und die See⸗Soldaten wollten ſie haben; beide Parteien griffen einander Tag und 37. Nacht an, wobei mehr als s0 Perſonen ihr Leben verloren. Als einſt eine Partei ſich hinter die Mauern einer Moſchee fluͤchtete, nahm die andere mit Gewalt Kanonen aus den Kaufmanns⸗Schiffen, und beſchoß die Mauern. Schon dauerte die Unruhe 3 Tage, ohne daß gehoͤrige Maßregeln dagegen ergriffen wurden. Zuerſt war man dann beſorgt, den Gegenſtand des Streites zu erhalten. Sobald man demſenigen Theile, welcher das Maͤdchen beſaß, die Verſicherung gegeben hatte, daß ſie nie in die Haͤnde ihrer Gegner kommen ſollte, wurde ſie der Obrigkeit ausgeliefert, und ſo⸗ gleich gehaͤngt; wogegen beide Parteten nichts ein⸗ wendeten. 2 Auch wollte ich ein neues Artillerie⸗Korps ein⸗ richten, und mußte zuerſt dem Sultan den Plan dazu. entwerfen. Das Korps erhielt den Namen Surat⸗ ſchis(Fleißige), und der Sultan beſtaͤtigte die Er⸗ richtung deſſelben durch das Hattu Humagyonn. Dieſes iſt die hoͤchſte Art eines Ediktes, welches die Kraft eines Gefſetzes hat, und beſtaͤndig bleibt. Ich waͤhlte fuͤr daſſelbe, um nicht anſtoͤßig zu ſeyn, die Kleidung der Albaner, und uͤbte die Soldaten, ob⸗ gleich ſie nur bei den Kanonen dienen ſollten, auch im Bajonet⸗Fechten, weil ſie dadurch von den Ruſſen viel litten. um auf jede Weiſe ſicher zu ſeyn, mußten die neuen Waffen eingeweiht werden. Da unter den Tuͤrken ſchon aͤußerſt ſtrenge mili⸗ taͤriſche Strafen eingefuͤhrt ſind, ſo gewann ich die 38 Liebe meiner Soldaten leicht, ohne die Kriegs⸗Zucht zu vernachlaͤſſigen. Geringe Vergehen wurden auch leicht beſtraft. Die Deſertion, welche bis dahin bei den Tuͤrken nicht beſtraft war, wurde mit Galeeren⸗ Strafe von mir belegt; die Schildwache, eine bei den Tuͤrken unerhoͤrte Sache, von mir eingefuͤhrt. Die neuen Truppen waren vorzuͤglich nur fuͤr die Feld⸗ Artillerie beſtimmt; und da ſie taͤglich geuͤbt wurden, ſchoſſen ſie bald fuͤnfzehnmal in einer Minute. Be⸗ ſtaͤndig aber ſchlug ich ihnen ab, ſie im Exerziren zu uͤben, weil mein Korps zu ſchwach war, dem Spotte der uͤbrigen Einhalt zu thun. Der Sultan Muſtapha kam oft, die Uebungen zu ſehen, freute ſich uͤber die Schnelligkeit bei dem Feuer, belohnte jedes Mal die Kanontere, gab nie ſelbſt einen Befehl, ſondern ordnete alles durch mich an. Als der Sultan den Kanal des ſchwarzen Meeres gegen alle Angriffe ſichern wollte, ſchlug ich ihm vor, an der Muͤndung zwei Schloͤſſer zu bauen. Neben den beiden Leucht⸗Thuͤrmen an der europaͤiſchen und aſiatiſchen Seite wurde zu bauen angefangen, aber von ſo ungeſchickten Baumeiſtern, daß einige ſchlechte Thuͤrme, welche ſo weit von einander lagen, daß keine z6pfuͤndige Kugeln ſich von beiden Seiten errei⸗ chen konnten, eine bloße Mauer, mit keinem Walle bedeckt, auf welcher die Artillerie gepflanzt werden ſollte, ales war, was man hier angebracht hatte; da 39 nun das ganze Gebaͤude mit Kalkwaſſer uͤberſtrichen war, meldeten die Miniſter dem Sultan, daß alles fertig ſey. Als der Sultan unter der Rechnung meinen Na men nicht fand, fragte er nach der Urſache. Die Mi⸗ niſter, welche mich gerne von Allem entfernt haͤtten, entſchuldigten ſich dadurch, daß ſie keinen beſondern Beſehl dazu erhalten haͤtten. Sie mußten ſich daher die Kraͤnkung gefallen laſſen, daß mir die Unterſu⸗ chung ihrer Werke aufgetragen wurde. Mich ſetzte der Antrag in Verlegenheit, indem ich entweder den Sultan betruͤgen, oder unſchuldige Menſchen ungluͤck⸗ lich machen mußte. Ich fand die beiden Schloͤſſer un⸗ nuͤtz. Unter Weges aber ſchienen uns ein Paar ſehr bequeme Vorgebirge zur Anlegung der Schloͤſſer taug⸗ lich, indem ſie zugleich die vor denſelben liegenden Ankerplaͤtze beſtrichen. Die Wuth des Sultan uͤber dieſe Nachlaͤſſigkeit ſetzte alle in Schrecken. Er ſchickte mir einen Beutel mit verſchiedenen von Gold durchwirkten Sacktuͤchern; nachdem ich ſie aufgewickelt hatte, fand ich ein Ellen⸗ Maß(Pik). Alle Handwerker von Konſtantino⸗ pel ſtanden jetzt unter mir, und ich konnte ſie mit koͤrperlichen Strafen belegen. Als ich auf dem bezeich⸗ neten Platze anlangte, glaubte der Anfuͤhrer der Bau⸗ leute, daß ich mich nach ihm beſonders richten wuͤrde, und rieth mir ſeinen Maßſtab zum Muſter an. Ich will zuerſt den eurigen pruͤfen, ſagte ich, und indem 40 ich den rothen Beutel nahm, welcher bei meinen uͤb⸗ rigen Inſtrumenten lag, wichen alle bei Erblickung des Maßes wenigſtens 10 Schritte von mir. Um mein Anſehen zu begruͤnden, ließ ich alle Maßſtaͤbe zerbre⸗ chen, welche mit dem meinigen nicht gleiche Laͤnge hatten; jener des Baumeiſters hatte gleiches Schick⸗ ſal. Ich ließ andere machen und ſtempeln. Der Groß⸗Schatzmeiſter mit dem aſtrologiſchen Ausſpruche in der einen, und der Uhr in der andern Hand, erwartete in feierlicher Stille mit den Mini⸗ ſtern die angezeigte Stunde zur Legung des Grund⸗ ſteines. In der letzten Sekunde vor derſelben wurde der Name Gottes ausgeſprochen, und die Zeremonie nahm ihren Anfang.. Einige von den 1500 Mazedoniern, welche mir zum Arbeiten gegeben waren, beſuchten aun einem Sonntage die benachbarten Doͤrfer. Zwei und zwanzig Mazedonier, welche am Schloſſe in Europa arbeiteten, waren mit ihren Flinten in das Dorf Fanaraki ge⸗ gangen. Einer kam mit einem Tuͤrken in Streit, und erſchoß ihn. Als die uͤbrigen Tuͤrken dieſes ſa⸗ hen, ſtreckten ſie mit ihren Flinten den Mazedonier zu Boden. Die uͤbrigen Mazedonier ergrimmten uͤber dieſe That, toͤdteten 9 Tuͤrken, und entflohen. Ich beſchwerte mich bei dem Groß⸗Vezier, dieſer aber ſagte ganz kaltbluͤtig, daß der Tod eines Unglaͤubigen durch den von 9 Tuͤrken hinreichend geraͤcht ſey. Durch den Krieg war die Schatzkammer erſchoͤpft, 3 41 man arbeitete Dag und Nacht in der Muͤnze, das Geld war ſiebenloͤthig, und dadurch ungemein hart, ſo daß oft der erſte Schlag des Muͤnzers den Stempel, welcher aus ſchlechtem Stahle gemacht war, ſprengte. Ich wurde erſucht, der Sache abzuhelfen. Die Muͤnz⸗ arbeiter, welchen daran gelegen war, die Stempel zu zerſprengen, ſetzten mir bei dieſer Arbeit alle moͤg⸗ lichen Hinderniſſe entgegen, und ſprengten aus, daß ich den Stempel nur deßhalb im Urin abgehaͤrtet haͤtte, um den Namen des Großherrn zu beſudeln. Als der Sultan mir befahl, mich hieruͤber zu verantworten, verlaͤugnete ich nicht, daß ich den Stahl in Urin ab⸗ haͤrte, verſicherte aber bei aller Achtung, welche ich fuͤr den Namen des Großherrn haͤtte, daß ich mit demſelben nicht mit groͤßerer Ehrfurcht, als mit dem Namen Gottes, umzugehen brauchte. Dieſer wuͤrde taͤglich auf Papier geſchrieben, welches aus unflaͤtigen und zerriſſenen Lumpen gemacht wuͤrde. Durch dieſe Nachricht wurde Jedermann beruhigt, und die Sache nachher allgemein belacht.— Der Sultan erſuchte mich, auch eine Schule der Mathematik zu errichten. Dieſer Befehl beſchuldigte die Muhendis(Geometer) der Unwiſſenheit. Als ihr Vorſteher behauptete, daß ſie in Allem unterrich⸗ tet ſeyen, mußte ihre Pruͤfung in Gegenwart zweier Miniſter vorgenommen werden. Auf die Frage: wie ſich die Winkel eines gleichſeitigen Dreiecks gegen ein⸗ ander verhielten, wurden alle ſtutzig; ich mußte dieſe 42 wiederholen: endlich antwortete der Kuͤhnſte, daß man erſt das Dreieck ſehen muͤßte. Dieß brachte mich aus aller Faffung; ich erklaͤrte ihnen dieſen Lehrſatz, und ſie faßten ihn. Meine neue Schule ſollte vorzuͤglich zum Nutzen der Seeleute dienen; ſie wurde daher im Arſenale er⸗ richtet. Unter meinen Schuͤlern befanden ſich ſelbſt Schiffskapitaͤne mit grauen Baͤrten. Ich diktirte taͤg⸗ lich meine Vorleſungen in tuͤrkiſcher Sprache, jeder Schuͤler mußte ſie niederſchreiben, und derjenige, wel⸗ chen ich dazu ernannte, am folgenden Morgen wie⸗ derholen.— Nichts brachte aber die Tuͤrken von ih⸗ ren Vorurtheilen ab. Das Verhaͤltniß, nach welchem die Hoͤhe der Schiffe verringert werden ſollte, wurde verworfen, weil dadurch die Geſtalt des Turbans ver⸗ loren ging. Die Erhoͤhung der Maſte wurde nicht angenommen, weil man glaubte, daß das Schiffs⸗ Volk, wenn man das Schiff auf die Seite legte, ſich ſehr unbequem dabei befinden wuͤrde. Durch die An⸗ legung der neuen Stuͤck⸗Gießerei war die alte nicht aufgehoben worden. Der ganze für das Artilleriewe⸗ ſen beſtimmte Fond wurde noch fuͤr dieſelbe verwen⸗ det, die Koſten der neuen Stuͤck⸗Gießerei wurden nur mit Muͤhe aufgetrieben. Die Schule der Geometer war mit liegenden Gruͤnden verſorgt; allein meiner Schule fehlte es ſogar an Belohnung und Aufmun⸗ terung. Von allen neu eingerichteten Dingen war nur das Korys der Surat ſchis auf immer geſtiftet. 43 Allein mit Huͤlfe des Aufſehers der Muͤnze brachte ich es dahin, daß goldene Medaillen gepraͤgt wurden, auf einer Seite mit dem Namenzuge des Sultan, und auf der andern mit einer Inſchrift, welche auf meine Schule Bezug hatte. Der Reis⸗Effendi vertheilte bei der erſten Pruͤfung die Medaillen an diejenigen, welche ich ihm anwieß, erlaubte ihnen, dieſelben an einer goldenen Kette zu tragen, und verſprach ihnen eine vorzuͤgliche Befoͤrderung. Eines Tages ſagte der Groß⸗Vezier ganz ernſthaft zu mir, ob ich wohl glaubte, daß die tuͤrkiſche Armee ſtark genug gegen die Ruſſen ſey. Ich erwiederte, daß ich die Beantwortung dieſer Frage nur von ihm erwarten koͤnne. Ich weiß es nicht, antwortete er; ich wuͤßte auch nicht, wie ich es erfahren koͤnnte, es muͤßte denn durch die Wiener Zeitung ſeyn. Eine ſolche Dummheit uͤbertraf alles, was ich erwarten konnte. Durch den Tod des Sultan Muſtapha gelangte ſein Bruder, der einzige noch uͤbrige Sohn des Sul⸗ tan Achmet, zu dem Throne. Er beſaß einen ſehr ſanften Charakter; vierzig Jahre hatte er, in Einſam⸗ keit und Furcht, in dem Serail zugebracht. Er durch⸗ lief anfangs ſeinen ganten Palaſt, welchen er ſelbſt nicht kannte, empfahl ſeines Vorgaͤngers Einrichtun⸗ gen, und beſuchte bei ſeinem erſten oͤffentlichen Aus⸗ gange die Schule der Artilleriſten, mit deren Fertig⸗ keit er ſehr zufrieden war. Nach dem Abſchluſſe des Friedens beſchloß ich, 44 weil ich keine Hoffnung hatte, der Pforte mehrere nuͤtz⸗ liche Dienſte leiſten zu koͤnnen, nach Frankreich zuruͤck zu kehren. Der Groß⸗Sultan ließ mich bei dem Abzuge mit einem Zobel⸗Pelze bekleiden. Allein ein anderer unerwarteter Abſchied war ruͤhrender fuͤr mich. Als ich bereits auf einer koͤniglichen Fregatte nach Smyrna ſegeln wollte, kamen verſchiedene Fahr⸗ zeuge an. Augenblicklich umgaben mich meine Zoͤg⸗ linge, jeder mit einem Buche oder mathematiſchen Inſtrumente in der Hand, baten mich noch bei dem Abſchiede um Unterricht, fragten uͤber verſchiedenes, und begleiteten mich weiter als einige Meilen in die See, wo wir ruͤhrend von einander Abſchied nahmen. Die Unordnungen, welche in der Levante herrſch⸗ ten, wo die Franzoſen Handelshaͤuſer hatten, bewo⸗ gen die Regierung, den Zuſtand der Handelsplaͤtze un⸗ terſuchen zu laſſen. Mir wurde dieſes Geſchaͤft uͤber⸗ tragen. Auf der koͤniglichen Fregatte Atalante un⸗ ter dem Kommando des Baron von Durfort ſegel⸗ ten wir ab, und langten endlich zu Toulon an, welches wir am 2. Mai wieder verließen. Wir gingen hierauf nach Malta, wo ich einen Auftrag an den Großmeiſter hatte, von da begab ich mich auf die Inſel Kandia, wo meine Unterſuchung den Anfang nahm. Die Inſel beſteht aus einer Berg⸗ kette, welche ſich von Weſt nach Oſft erſtreckt; ſie ent⸗ haͤlt das beruͤhmte Labyrinth. Neuere Dichtung hat an die Stelle der Ueberbleibſel des Heidenthums, die 45 Grotte der Margaretha geſetzt, welche jetzt noch bei den Griechen in großer Achtung ſteht, und durch die Mannigfaltigkeit und Beſchaffenheit der in derſelben enthaltenen Tropfſteine merkwuͤrdig iſt. Ihr vorzuͤglichſtes Produkt iſt Oel, und die Seife das wich⸗ tigſte daſige Fabrikat. Die wilden Oelbaͤume fand ich auf der Suͤdſeite der Inſel eben ſo einheimiſch, wie die Lorbeer⸗Roſe, die ein jedes Thal beſchattet, und bunt faͤrbt, deren Geruch aber jenen, welche in ihrer Naͤhe einſchlafen, ſehr nachtheilig iſt. Die Felder ſind mit Zitronen⸗ und Pomeranzen⸗Baͤumen bedeckt, und die Fruͤchte derſelben ſind vorzuͤglicher, als in Portugal und Malta. Eine Art ſehr große Apri⸗ koſen(Muͤſchmuͤſch) von vortrefflichem Geſchmacke iſt nur dieſer Inſel eigen. Sultan Soliman entriß ſie den Venetianern. Die Einwohner in duͤrren und ſchwer zu erſteigenden Gebirgs⸗Gegenden behaupten noch eine Unabhaͤngig⸗ keit, welche ihre Naͤubereien befoͤrdert; die Bewohner der angebauten Gegenden ſind voͤllig unter das Joch gebracht. Die 3 Staͤdte: Kandi, Kanea und Retimo, find die Hauptſtaͤdte der 3 Paſchaliks, in welche dieſe Juſel eingetheilt wird. Indeſſen Unterdruͤckung und Geſetzloſigkeit auf der Nordſeite der Inſel herrſcht, wohnt die Ordnung auf der Suͤdſeite unter einem Haufen Raͤuber, welche in Verbindung mit den Mai⸗ 46 notten, ihren Nachbarn, das Meer durch ihre Raͤu⸗ bereien unſicher machen. Die Hoͤhe der Berge auf Kandia, die Duͤrre, welche einigen davon eigen iſt, und die Beſchaffenheit der auf denſelben wachſenden Vegetabilien ſind die geringſten Kennzeichen der hier verborgenen Metalle. Auf aͤhnliche Weiſe findet man hier uͤberall Spuren verloͤſchter Vulkane, an vielen Bergen ſind noch die Krater ſichtbar. Nicht weit vom Vorgebirge Salo⸗ man fand ich eine kleine Inſel von weißem Marmor mit einer Lavalage bedeckt. Nach unſerer Abreiſe aus Kanea warf unſer Schiff unter dem Schutze dieſer Inſel Anker, und begab ſich in den erſten Tagen des Juni nach Ale⸗ randrien. Von da ritten wir nach Maadie, und kamen des andern Tages nach Roſette, wo wir den bewunderungswuͤrdigen Anblick des Delta ge⸗ noßen, welches das andere Ufer des Nils ausmacht. Am dritten Tage fuhren wir auf einer Feluke nach Kairo, und beſahen den Sphinx. In Giſa zeich⸗ nete ich die Inſel Rhoda, den Nilmeſſer, und das gegenuͤber liegende Alt⸗Kairo. Als ich am gegenuͤber liegendem Ufer die Lage von Giſa und der Pyramiden aufnehmen wollte, hinderte mich ein Aufſtand, welcher von Neuem ausbrach.(In weite⸗ rem Verfolge ſeiner Reiſe gibt der Verfaſſer einen naͤheren Bericht uͤber die Alterthuͤmer Aegyptens; den Nil; uͤber den alten und neuen Zuſtand des Lan⸗ 47 1 des, welche wir, da ſie in den Reiſen durch Aegypten hinlaͤnglich beſchrieben ſind, uͤbergehen.) Von Alexandrien ging die Fregatte nach Jaffa. Wir warfen auf der Rhede, 2 Meilen vom Ufer, Anker. Die Fregatte ſegelte hierauf nach Acon(St. Jean d'Aere), und von da laͤngs der Kuͤſte weiter, und warf in der Bucht von Baruth neben einigen Klippen Anker. Dieſe Stadt liegt auf einer Erdzunge, welche eine Halbinſel bildet. Der Lan⸗ dungsort wird durch einen anmuthigen Wald von Fich⸗ ten verſchoͤnert. In einer kleinen Entfernung von der Rhede beſuchten wir das ſyriſche Tripolis mit ſchoͤ⸗ nen Weinbergen, aber einem ungeſunden Klimg. Ueber den Libanon ſetzend, erblickte ich wech⸗ ſelweiſe die ſchrecklichſten Abgruͤnde, die gefaͤhrlichſten Kluͤfte, zugleich die ſchoͤnſten Thaͤler und die herrlich⸗ ſten maleriſchen Anſichten. Beſonders ſieht man viele Maulbeer⸗Baͤume. Die Doͤrfer der Druſen liegen jederzeit am Fuße ſteiler Gebirge, und die mit Fich⸗ tenwaͤldern bedeckten Gipfel der Berge ragen uͤber dieſelben empor. Nach 3 Tagen kamen wir an die kleine Stadt Tſchukur am Ufer des Orontes; am folgenden Tage lagerten wir uns zu Rhia auf den Ebenen Sy⸗ riens; man ſieht da Ruinen, welche ein hohes Al⸗ ter verrathen. Rund um dieſe Stadt und bis nach Haleb iſt die Gegend auf das herrlichſte angebaut Die Stadt Haleb(Aleppo) iſt durch die Menge 48 ihrer Einwohner, durch die Schoͤnheit der Gebaͤude, durch ihren ausgebreiteten Handel und ihren dadurch erworbenen Reichthum beruͤhmt, liegt in einem tiefen Thale, und ſtoͤßt an einen kleinen Fluß. Am folgenden Tage hielten wir unſer Nachtlager in dem ſyriſchen Dorfe Martavan, in welchem man nichts ſieht, was irgend eine Religion beweiſen koͤnnte. Die Maͤnner ſind blos mit Ackerbau und die groͤßtentheils ſchoͤnen Frauen mit guter Aufnahme der Reiſenden beſchaͤftigt. Von da uͤbernachteten wir am Fuße der Gebirge unter Zelten, und brachen vor Tags auf, um durch einen kleinen Fluß zu waden, weil die ſogenann⸗ te eiſerne Bruͤcke von den Turkomannen be⸗ ſetzt war. Um dieſen zu entgehen, fuͤhrte mich meine Begleitung laͤngs der Gebirge bis nach Antiochien, wo wir an den ufern des Orontes unſer Lager auf⸗ ſchlugen, nachdem wir vorher uͤber die Ruinen dieſer ebemals ſo beruͤhmten Stadt gegangen waren. Wir ſetzten unſere Reiſe ruhig fort, und blieben die Nacht zu Mahamutkan, einer Art von Schloß am Eingan⸗ ge des Beilan, eines Zweiges des Libanon, welchen Kur den bewohnen. Durch hohle Wege und uͤber Felſen kamen wir endlich in das Dorf Beilan, welches 3 Meilen vom Meere liegt. Von Alexandrette, welches wegen ſeiner me⸗ phytiſchen Luft ſehr ungeſund iſt, ſegelten wir nach Cypern, von da auf Rhodus, welche unter dem 49 tuͤrkiſchen Joche ſchmachten, und trafen, laͤngs der aſtatiſchen Kuͤſte ſegelnd, in Smyrna ein. Nun mußte ich noch die europaͤiſchen Kuͤſten be⸗ reiſen; ich begab mich alſo nach dem Hafen von Sa⸗ lonichi, eines von den großen Paſchaliks der euro⸗ paͤiſchen Tuͤrkei. Die Gewohnheit der Tuͤrken, die Garniſon niemals zu wechſeln, veranlaßt die Zuͤgel⸗ loſigkeit der Soldaten, daß dieſe den Ort, wo ſie ſich einmal niedergelaſſen haben, als ihr Eigenthum betrachten, und viele Ungerechtigkeiten ausuͤben. Auf meiner Reiſe von Salonichi befuchte ich die Inſeln St. George de Squire, Paros, Na⸗ via und Sira. Von Napoli di Romania ſe⸗ gelte ich nach Tunis, und dann nach Toulon, wo meine Reiſe ihr Ende erreichte. 82 32 fog B. Tärkei. III 4. 50 Reiſe der Gräfin Eliſabeth Craven über die Krimm nach Konſtantinopel in den Jahren 1785— 86. Aus dem Originale mitgetheilt vom Herausgeber*). 1. Vorerſt ſchrieb ſie aus Paris vom 15. Juni 1185, Ueber Orleans, Blois, Tours, Veret, *) Die Verfaſſerin zeichnete ſich fruͤhzeitig als Schrift⸗ ellerin aus, wie zeugen: 1) The slecp wal- er 1778. 8. 2) The family picture. 3) Mo- dern anecdote, or the history of the Baron Rinkvervankotsdarsprakengotchderns- 4) The silver tankard 1781. 5) The miniature pie- ture, a comedy 1781. 8.(1 Sh. 6 d.) 0) Nu- riad, comedie en 3 actes. Aspac 1787. 8. 2) Journex through the Crimea to Constan- tinopel 1789. 4.(18 Sh.) In das Franz. uͤberſ. durch Guedon de B erchère, Notar zu Lon⸗ 51. Richelieu, Lyon, Avignon, Marſeille, Hyeres, Antibes, Genua, Piſa, Florenz, — don, und in das Teutſche zu Leipzig, beide im tiaͤmlichen Jahre, und 1814 neu wieder auf e⸗ legt. 3) Le Philosophe moderne, comedie en 3 actes 1790. 8... Sie war die jüngſte Tochter des Grafen Auguſt Berkeley, geboren 1750 und ver⸗ maͤhlt 1767 mit Wilhelm, letzten Grafen von Craven, mit welchem ſie 7 Kinder zeugte. Al⸗ lein nach einer 14 jahrigen Verbindung wurde ie von ihm ſo übel behandelt, daß auf die Vermittlung der beiderſeitigen: Freunde 1781 eine Trennung Statt fand. Bald nachher wurde ſie mit dem letzten Markgrafen von Ans⸗ bach, Chriſtian Friedrich Karl Alexander, Nef⸗ fen Friedrichs des Großen, ſo bekannt, duß ſte einen platoniſchen Liebes⸗Bund ſchloßen, und ſich Bruder und Schweſter nannten. Ste reiſte 1786— 87 an die Hoͤfe von Europa, und wurde nach vorliegendem Berichte wegen dieſer Ver⸗ nach Ansbach, und vermaͤlte ſich, nachdem Lord Craven 1791 zu Liſſabon geſtorben war, nit dem Markgrafen. Dieſer uͤberließ 1792 ſeine Laͤnder gegen ein Jahrgehalt dem Koͤnige von reußen, ging mit ſeiner Gemahlin nach Eng⸗ land, wo er unweit Hammerſmith ein Schloß kaufte, es Brandenburg nannte„ uld 1806. ſtarb. Die Wittwe machte hierauf Anſpruͤche an Preußen wegen eines lahrlichen Witthum; von 2000 Pfund Sterling. Sie war Teſta⸗ 52 Bologna, Venedig, Treoiſo, reiſte ſie bis zur Mitte Wezembers nach Wien. Daſelbſt ſchilderte ſie die Kaltblutigkeit und den Eigenſinn der teutſchen Poſt⸗ knechte und Poſthalter, welche dieke Vielfraße ſind. Sie glaubte bei jeder Erinnerung an ſolche Dickbaͤuche ſterben zu muͤſſen wie Zeuxis, welcher vor Lachen ſtarb, als er eines ſeiner Gemaͤlde nachgeahmet ſah. Die teutſchen Bauern fand ſie ſehr dumm, die Frauen⸗ zimmer aber ſchoͤn, liebenswuͤrdig und ſehr gebildet, ja die meiſten ſogar im Leſen und Schreiben der eng⸗ liſchen und mehrerer anderer neuer Sprachen gut un⸗ terrichtet. Sie wunderte ſich, daß dieſe von ihren Verbindungen in England mehr wußten, als ihre Be⸗ kannten zu London, was ihrer Eitelkeit ſehr ſchmei⸗ chelte. Sie rechnete den meiſten Teutſchen eine ſeey gute Anlage fuͤr Muſik zu. Sie war uͤberzeugt, daß ein junger engliſcher Gentlemann von guten Sitten ments⸗Erbin des Markgrafen, und lebte feitdem bald in England, bald in Neapel. Ihre Denk⸗ wuͤrdigkeiten(Memoirs of tke Margravine of Anspach, kormerly Lady Craven, written by herself. London 1825. 2 Baͤnde, deren fran⸗ zoͤſiſche Ueberſetzung von Pariſot zu Paris 1826, jedoch nicht treu iſt, verteutſcht bei Cottg 1825, ſind ſehr intereſſant, weil die Verfaſſerin mit Katharing II., Joſeph II. und andern Monarchen in Verbindung ſtand.(Pgl. Reuß gel. England, Meuſels gel. Teutſchland und Encyelopaͤdie von Brockhaus. Ite Auflage.) 53 zu Wien jeden Abend im Kreiſe von hoͤheren Damen zubringen koͤnne, welche mit Schoͤnheit alle Vorzuͤge einer ausgezeichneten Erziehung verbinden. Deßwe⸗ gen moͤchte ſie ihren Sohn in keine Stadt lieber kom⸗ men laſſen, als in dieſe. Der engliſche Geſandte Robert Keith verſicherte ſie, daß er mehr als 400 engliſche Juͤnglinge vom hoͤheren und niederen Adel in die verſchiedenen Geſellſchaften eingefuͤhrt habe, ohne daß ein einziger ihm Unehre gemacht habe, waͤh⸗ rend die jungen Englaͤnder zu Paris nur Thorheiten mit Opern⸗Heldinnen oder einer Herzogin begehen, und fuͤr ihre Guineen noch verlacht und verſpottet werden. Sie fand die daſigen Frauenzimmer groß und blond, mehr ſchoͤn als artig. Die Aufwartung bei dem wiener Hof war ganz erſchieden von jener bei dem engliſchen; ſie erſchien mit der Gemahlin des ſardiniſchen Geſandten Gra⸗ nieri. Im Vorzimmer des Kaiſers gefiel ihr die Mannigfaltigkeit der National⸗Drachten der Wache⸗ Offiziere, beſonders der ungriſchen und polniſchen. Sie aͤußerte den Wunſch, jede Nation moͤge ſtreng ihre eigene Tr acht behalten, und nicht jene einer an⸗ dern nachaͤffen, wie es leider von der halben Menſch⸗ heit geſchieht. Kaum hatte der Kaiſer Joſeph II. beide Damen an der Thuͤre ſehr hoͤflich gegruͤßt, ſo bat er ſie auf dem Sopha ſich nieder zu laſſen; er ſelbſt blieb waͤhrend der dreiviertelſtuͤndigen Unterre⸗ dung ſtehen. Man hatte keine Beſorgniß, ihm laͤſtig „ 54 zu ſeyn: denn ſobald er keine Zeit hatte, oder die Audienz geendigt wuͤnſchte, ſo ſagte er mit groͤßter Artigkeit, er wollte die Beſucher nicht laͤnger aufhal⸗ ten. Man erhob und entfernte ſich, ſobald er ſelbſt die Thuͤre wieder geöffnet hatte. Dieſe Form der Audienz iſt weit zweckmaͤßiger, als wenn man in ei⸗ nem Saal von 100 vorgeſtellten Perſonen Fragen und Antworten des Monarchen vernimmt, welche jedes Glied der Geſellſchaft nach ſeiner Dummheit oder Bosheit ſpaͤter verunſtaltet. Unmoͤglich kann der Kai⸗ ſer zu ſeinem Vergnuͤgen mit einer ſolchen Menge meiſtens geiſtloſer Menſchen ſich unterreden. Er glich in mehrerer Hinſicht ſeiner Schweſter Antoinette; er redete ſehr gebildet und angenehm, und genirte beide Damen bloß dadurch, daß er ſtehen blieb. Der erſte Staats⸗Miniſter, Fuͤrſt Kaunitz, ſchien ihr ein warmer Patriot, ein redlicher, freiſin⸗ niger und großer Staatsmann zu ſeyn, welche Eigen⸗ ſchaften vereint die ſteten und untruͤglichen Zeugen eines tiefen Seiſtes ſind. Sie war uͤberzeugt, daß das Wohl der ganzen Nation ſeine vorherrſchende Idee, wie jene des Kaiſers ſelbſt war. Sie wurde von ihm jedoch nur uͤber die Vietualien Aufſeher zu Wien vorerſt unterhalten. An den Tafeln, zu wel⸗ chen er ſie ſpaͤter einlud, neckte er ſie oͤfters uͤber ihre Vorliebe fuͤr Greiſe, wie er ſey, vor den ungeſchlif⸗ fenen Stutzern. Die taͤglich aufgeſetzten Speiſen fand ſie zahlrei⸗ 5⁵ cher und beſſer zubereitet, als irgendwo. Die Krebſe kamen ihr ſo groß vor, als die Hummer von Ch i⸗ cheſter, und die boͤhmiſchen Faſanen fand ſie von ausgezeichnetem Geſchmacke. Deſſen ungeachtet hielt ſie die Teutſchen uͤberhaupt nicht fuͤr Leckermaͤuler, ſondern glaubte, daß ſie nur gerne ihre Tiſche mit dem Beſten beſetzen, was die Jahreszeit darbietet. Die oͤſtreichiſchen Waͤlder und Fluͤſſe bieten Vieles im Ueberfluſſe dar, nach welchem die engliſchen Koͤche waͤhrend des ganzen Jahres vergebens fragen, waͤh⸗ rend ſie ſich mit fetten Hennen und gekappten Hah⸗ nen begnuͤgen muͤſſen. Abſcheulich war, daß die gemeinen Weibsperſonen ſich ſchminkten; kein 10 jahriges Maͤdchen ging unge⸗ malt uͤber die Straße, wenn ſie einen Auftrag hatte. Craven fand zu Wien ſo große Geſellſchaften, als zu London, und in dieſen ſo ausgezeichnete Frauenzimmer, daß ſie ihr ganzes Leben mit ihnen umgehen moͤchte. Sie hatten weder die kalte und hoͤhniſche Steifheit der Englaͤnderinnen, noch das an⸗ ziehende Ausſehen der Franzoͤſinnen. Der Prater geſiel ihr ſo wohl, daß ſie ihn ſogar mit einem engliſchen Park verglich. Bei ihrem Ge⸗ ſandten Keith traf ſie auch immer ſo viele Englaͤn⸗ der, daß ſie ſich faſt uͤberreden konnte, ſie ſey noch in ihrem Vaterlande. 56 II. Von Wien reiſte ſie uͤber Nikolsburg⸗ Bruͤnn, Olmuͤtz, nach Krakau, weiches ſchoͤne Land ſie fuͤr den Maler und Jaͤger gleich intereſſant fand. Zur Rechten der Straßen ſah ſie oͤfters alte Tannen⸗Waͤlder, zur Linken Gehoͤlz von kurzer Dauer⸗ Hier hatte der Hirt ſein zahlreiches Rind vor ſich, dort bewachte der Schaͤfer ſeine Laͤmmer, was die ſchoͤne Natur ſehr erhoͤhte. Die Haͤuſer der meiſten Doͤrfer waren aus Tannen gebaut, welche quer uͤber einander lagen, und deren Zwiſchenraͤume mit Moos oder Lehm verſtopft waren. Krakau bot noch viele Spuren des letzten, ſehr verheerenden Krieges dar. Das polniſche Regierungs⸗ Syſtem mußte dieſe Unruhen unvermeidlich ſtiften. Der Koͤnig war waͤhlbar durch adeliche Familien, welchen er immer verbindlich blieb; daher ſagten dieſe mit Recht; ſie haͤtten auch Anſpruͤche auf das Koͤnig⸗ reich. Craven glaubte, daß ſie als polniſcher Edel⸗ mann, ehe ſie ihr Vaterland durch die Raͤnke eifer⸗ ſuͤchtiger Nachbarn verheeren ließe, ihre Mitburger verſammelt, und ihnen gerathen haͤtte, auf ihr Wahl⸗ recht fuͤr ſich und ihre Nachkommen zu verzichten. Sie wuͤrde ihnen vorſtellen, ſie moͤchten einen der beſten teutſchen Prinzen rufen, welchem ſie eine an⸗ geerbte Kraft zutrauten, welcher mit den Tugenden eines friedlichen Helden die Tapferkeit des gemeinen Soldaten, und die Erfahrung des Kapitaͤns vereinigte. —— 57 So wuͤrde er und ſeine Nachfolger geſetzliche Regen⸗ ten dieſes großen Koͤnigreiches. Schmutzige und eckelhafte Vorſtaͤdte, welche von Juden bewohnt ſind, und der Reichs⸗Adler ſind die Zeichen der Stadt Krakau. Die Thore ſind mit Kanonen⸗Kugeln durchloͤchert. Wenn jede dieſer Oeff⸗ nungen den Namen eines eiferſuͤchtigen Großen truͤge, oder wenn man das Thor in ſo viele Stuͤcke theilte, als Polen Parteien zaͤhlt, ſo haͤtte man beilaͤufig ein Bild deſſelben. Die Straßen ſind enger, als daß ein ordentlicher Reiſewagen dahin paßt. Daher iſt allen Reiſenden zu rathen, ihre engliſchen und frau⸗ oͤſiſchen Wagen zuruͤck zu laſſen. 4 Craven fand zu Warſchau ein bequemes und ſchon erwaͤrmtes Quartier, welches der Graf von Stackelberg auf Erſuchen des Fuͤrſten Gallitzin gemiethet hatte. Durch den ruſſiſchen Miniſter wurde ſie in Geſellſchaft der Gemahlin des Groß⸗ Marſchalls von Polen dem Koͤnige, Stanislaus Ponia⸗ towski vorgeſtellt, welcher eben ſo ſchoͤn eugliſch, als franzoͤſiſch ſprach, wie es nach ſeinem 30 jaͤhrigen Aufenthalte in England ganz natuͤrlich war. Er ſah dem Herzoge von M arlborough ſehr aͤhnlich, hatte eine ſo reine Mundart und ſo reine Stimme, daß je⸗ der Zuhoͤrer ſich geſchmeichelt fuͤhlen konnte.. Zu Warſchau machte Craven ihre Beſuche in einer ihr ganz ungewoͤhlichen Art. Sie bediente ſich naͤmlich des ſechsſpaͤnnigen Wagens des Grafen von 58 Stackelberg und zweier Vorreiter. Die polniſchen Damen ſchienen viel Geſchmack, Geiſt und Lebhaftig⸗ keit zu beſitzen. Sie lieben alles Großartige, ſind ge⸗ bildet und liebenswuͤrdig, und haben ein ſehr guͤnſti⸗ ges Vorurtheil fuͤr die Englaͤnderinnen. Waͤre Cra⸗ ven ein Mann, ſo wuͤrde ſie der Fuͤrſtin Radzi⸗ will den goldenen Apfel zuwerfen. Sie glaubte, ſie koͤnnte zu Warſchau ein ſehr gluͤckliches Leben fuͤh⸗ ren, wenn ſie ihre Mutter⸗ oder Freundſchafts⸗Pflicht vergeſſen koͤnnte. Es gab hier viele Zwerge, welche ſich im Geſell⸗ ſchafts⸗Saale mit den Edelknaben unterhielten, und die ganze Unterredung hoͤrten. Dieſe Gewohnheit wuͤrde in andern Laͤndern gefaͤhrlich ſeyn; allein hier gehoͤrten die Dienſtboten und Lehenleute im eigent⸗ lichſten Sinne ihren Herren, und ihre Treue wurde durch ihre Abhaͤngigkeit gezuͤgelt. Nach allen Nachrichten handeln die meiſten polni⸗ ſchen Edelleute ſehr großmuͤthig gegen alte Be⸗ dienſtigte. Der Koͤnig bewies eine beſondere Fertigkeit, viel Angenehmes und Schmeichelndes zu ſagen. Er aͤu⸗ herte unſerer Reiſenden den Glauben, daß in Eng⸗ land die Menſchen, Thiere, Baͤume und alle anderen Produkte vollkommener ſeyen, als in allen anderen Laͤndern. Er ſchrieb die Urſache davon dem Klima und Boden zu. Die Achtung, welche dieſer Monarch (wie der Markgraf Chriſtian Friedrich) ihrem 59 Vaterlande bewies, koͤnnten ſie auf ihren Geburtsort eitel machen, wenn ihre Empfindungen noch haͤtten geſteigert werden koͤnnen. Zum Abſchiede wurde ſie noch vom Koͤnige und Grafen von Stackelberg auf die angenehmſte Weiſe begruͤßt. III. Der Weg von Warſchau bis Peters⸗ burg iſt faſt eine reitzloſe Ebene bis auf die Umge⸗ bungen der Narva. In weiter Ferne ruht der Blick auf einem Walde aus; hat man dieſen durchfahren, ſo erneuert ſich die vorige Szene. Die Kaͤlte war noch nicht ſo durchdringend, daß alles zum feſten Eiſe haͤtte gefrieren koͤnnen, bis zur Ankunft in Narva. Zu Petersburg ſcheint Jedermann auf der Straße hoͤchſt dringende Geſchaͤfte zu haben; alle laufen im großen Galoppe. In jedem Winkel der Straßen ſte⸗ hen einſpaͤnnige Mieth⸗Wagen und Schlitten, wie zu London. Der Graf Stackelberg hatte unſere Reiſende belehrt, daß ſie nach ihrem Range daſelbſt ohne ſechsſpaͤnmgen Wagen keine Beſuche machen koͤnne. Nun denke man ſich dazu noch einen Kut⸗ ſcher auf dem Bock, und auf jedem der 3 Handpferde noch einen Poſtillon. So faͤhrt man freilich im Ga⸗ loppe, wie jeder andere Wagenzug, welchem man be⸗ gegnet. Gluͤcklicher Weiſe ſind die Gaſſen ſehr breit, und die Gewohnheit ſichert mehr fuͤr Gefahr, als man auf den erſten Blick glauben ſollte. Craven wurde zur K. Katharina II. auf die 60 Heremitage eingeladen, wo dieſe woͤchentlich eines Abends Hof hielt, und wo auch entweder die franzoͤ⸗ ſiſche Komoͤdie, oder die italiſche Oper ſich vernehmen ließ. Die beſten Saͤnger waren Marcheſini und Frau Todi. Kaum gab es etwas majeſtaͤtiſcheres, als den Einzug der Kaiſerin bei ihrer Ankunft im Geſell⸗ ſchafts⸗Saale. Ihr Blick war lebhaft und verſprach Herablaſſung. Ihre Artigkeit gegen die Reiſende, welche man als eine geborne Schottin gemeldet hatte, war ſehr groß. Die Heremitage iſt eine lange Reihe von Zimmern, welche mit ſchoͤnen Gemaͤlden aus den vornehmſten Sammlungen Europens beſetzt ſind. Aber alle dieſe Meiſterſtuͤcke erwarten noch einen Kuͤnſtler, einen Mann von Geſchmack, welcher ſie nach ihrem Werthe, Verhaͤltniſſe und Lichte, deſſen ſie beduͤrfen, zuſammen ſtellt. Ein ſolcher moͤchte wohl noch gefun⸗ den werden. 3 Petersburg iſt eine angenehme und gut aus⸗ ſehende Stadt. Die Gaſſen ſind außerordentlich laug und breit. Die Haͤuſer ſind zur Nachahmung des weißen Steines mit Gips uͤberzogen, und keines hat mehr oder weniger, als 3 Stockwerke. Dieß gibt ih⸗ nen ein freundliches und geſchmackvolles Ausſehen. Wenn eine junge Frau von Gegenſtaͤnden im Großen urtheilen duͤrfte, ſtatt ſich uͤber das Einzelne zu ver⸗ breiten, ſo duͤrfte man ſagen, daß nicht nur die Stadt, ſondern auch die daſige Lebensart ihre Grenzen uͤber⸗ ſchreite. Die Großen ſuchen ſich durch Thorheiten 61 aller Art zu uͤbertreffen; beſonders in Mode⸗Artikeln und im Luxus der fremden Nationen. Die herrſchende Mode iſt die laͤcherlichſte und ungeeigneteſte in dieſem Laude. Die Gaze⸗Kleider und kuͤnſtlichen Blumen Frankreichs ſind von der Natur nicht zum Schmucke Rußlands beſtimmt. Das Puppenwerk wird hier ſo theuer verkauft, daß die Kaͤufer dabei zu Grunde geben muͤſſen. Hier gab es öͤffentliche Gebaͤude fuͤr alle ſchoͤne Kuͤnſte und fuͤr alle Wiſſenſchaften. Kuͤnſtler und Di⸗ lettanten vom erſten Range und von Talenten, wel⸗ che in Italien, Frankreich und England kein ſehr gluͤckliches Loos haben wuͤrden, fanden bei der Kai⸗ ſerin ſehr anſtaͤndigen Schutz und freie Wohnung. Ihre Achtung und edle Unterſtuͤtzung talentvoller Men⸗ ſchen hatte bereits viele an ſie gefeſſelt, und wuͤrde in der Folge noch mehrere gewonnen haben; allein ein acht monatlicher Winter und eine grenzenloſe Kaͤlte, wie beide hier herrſchen, koͤnnen auch die lebhafteſte Einbildungskraft erſtarren laſſen. Dichter und Maler, welche in milderen Zonen an gruͤnen und lachenden Wieſen ſich erſchoͤpfen, muͤſſen bei dem Reife der Eis⸗Zone zu Grunde gehen. Die Kaiſerin und die Fuͤrſtin von Aſhkow wa⸗ ren die einzigen Damen, welche ſich noch ruſſiſch klei⸗ deten. Crayen war ganz erſtaunt, daß die Natio⸗ nen nicht lieber ihre eigenen Trachten behalten, als Fremde nachahmen. Sehr viele Lebensmittel werden 62 1600 Meilen von Petersburg, z. B. aus Cherſon, an der tuͤrkiſchen Grenze geliefert, und Leckereien, z. B. Trauben, Bohnen, Erbſen, Artiſchoken ꝛc. kom⸗ men aus Aſtrachan uͤber das kaſpiſche Meer, einer Entfernung von faſt 2000 Meilen. Nach dieſem um⸗ ſtande ſollte man auf eine außerordentliche Theuerung der erſten Lebensmittel ſchließen. Deſſen ungeachtet ſtehen die meiſten in einem ſehr niedrigen Preiſe, und vielleicht iſt kein Land, wo man wohlfeiler leben kann, ſobald man auf Weine, franzoͤſiſche Moden und eng⸗ liſche Waaren verzichtet. Unſere Neiſende hatte nie mehr Sehnſucht nach Produkten ihrer Nation, als gegenwaͤrtig. Im Bezirke, wo die engliſchen Kauf⸗ leute wohnten, fand ſie engliſche Roͤſte, Steinkohlen und Gaſtfreiheit. Zwar hatte ſie in ihrem Vaterlande keine beſondere Verbindung mit Perſonen aus dem Handelsſtande; allein nach dem Bildungsgrade der zu Petersburg wohnenden Kaufleute zu ſchließen, wuͤrde ſie ſich nach ihrer Heimkehr ſehr freuen, in den Haͤuſern der City zu London jene vernuͤnftige Unterhaltung zu genießen, welche im Bezirke des Ho⸗ fes kelten zu finden iſt. Die jungen Englaͤnder eig⸗ neten ſich zu Caton oder Weſtmuͤnſter einige Kenntniß der griechiſchen und lateiniſchen Sprache an, und verbanden damit einige Rohheiten, Ausgelaſſfen⸗ heiten, Unverſchaͤmtheit und Dummheit. So ausge⸗ ſtattet wurden ſie an der Seite eines ungluͤcklichen Mentors von einem Hoſe und Lande zum andern ge⸗ 1 63 ſchickt, und litten an ihren Koͤpfen keine andere Ver⸗ aͤnderung, als daß dieſe recht weiß gepudert, und mit Zoͤpfen verſehen wurden. Hingegen iſt jeder thaͤtige Kaufmann der City uͤberzeugt, daß Redlichkeit und genaue Kenntniß des Handlungsweſens die Grundpfeiler des Wohlſtandes ſeiner Familie ſind. Daher praͤgt er auch ſeinen Kin⸗ dern nichts mehr ein, und ſucht ſie durch ſein Bei⸗ ſpiel an Arbeit zu gewoͤhnen. Peter der Große hielt den Handel fuͤr die vorzuͤglichſte Stuͤtze ſeines Reiches, und dadurch wurden engliſche Kaufleute er⸗ muntert, ſich zu Petersburg nieder zu laſſen. Das kleine Britanien kann einen vollen Beweis geben, wie hoch eine Nation ſich durch den Handel erheben kann, waͤhrend weitlaͤuſige Beſitzungen in der Ferne ihren Eroberern nur Sorge bereiten, wenn die Vor⸗ theile des Handels zwiſchen dem Mutter⸗Staate und den Kolonien nicht beiden ein neues Leben⸗ geben. Wenn in Rußland die Gemaͤcher mit den vornehmſten Meubles aus ganz Europa beſetzt ſind, ſo muß man doch uber eine ganz gemeine Treppe dahin kommen, und ſich von Poſtillonen in Schafspelzen fuͤhren laſſen. Craven wurde in das neue Landhaus des Fuͤr⸗ ſten Potemkin zur Tafel geladen, nachdem ſie der Kaiſerin und Großfuͤrſtin aufgewartet hatte. Allein ihr Wanſch, dieſen großen Guͤnſtling naͤher zu wuͤr⸗ digen, ging nicht in Erfuͤllung, ungeachtet ſie an ſei⸗ ner Seite geſeſſen war. Denn er war ſehr in ſich 8 64 verſchloſſen, und ließ ſich bloß vernehmen, wenn er zum Genuſſe einer Speiſe oder andern Weinſorte einlud. 4 Obgleich Peter der Große ſeine Reſidenz in der Abſicht gruͤndete, ſie zur erſten Stadt des großen Reiches zu erheben; obſchon Katharina II. Po⸗ temkin und andere Große durch außerordentliche Palaͤſte ſie zu verherrlichen, und alle Erzeugniſſe der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, der Induſtrie und des „Handels daſelbſt zu vereinigen ſuchten, ſo iſt doch moͤglich, daß einſt die Großen des Reiches zur beſſeren Einſicht gelangen, den fuͤr Koͤrper und Geiſt gleich wirkſamen Einfluß der ſuͤdlicheren Waͤrme dem beide erſtarrenden Eiſe vorzuziehen, und die prachtvollen Gebaͤude lieber in Magazine und Comptoirs verwan⸗ deln laſſen. Der Winter iſt daſelbſt unertraͤglich hart und lange, der Fruͤhling faſt unangenehmer als die⸗ ſer; daher hat man nur wenige Sommer⸗Monate zum wahren Lebens⸗Genuſſe, Deſſen ungeachtet ſind die daſigen Frauenzimmer vom hoͤheren Stande meiſtens ſehr ſchoͤn, ſehr gebildet, beſonders in Sprachen und und Muſik, und ſehr angenehm im Umgange. Ihre Phyſiognomien ſcheinen oft von den alten Griechin⸗ nen entlehnt zu ſeyn, wie auch viele Maͤnner am fei⸗ nen und durchdringenden Verſtande den alten Athe⸗ uern gleichen. Man findet an ihnen weder die Vor⸗ urtheile der Englaͤnder, noch den Eigenduͤnkel der Franzoſen, noch den ſteifen Hochmuth der Teutſchen, 65 welche Fehler gleich abſchreckend ſind, ſo achtbar auch die Menſchen im Ganzen ſich beweiſen moͤgen. Vou den Ruſſen ſagt man, ſie ſeyen falſch.— 4 IV. Craven hatte kaum Luſt geaͤußert, uͤber die Krimm nach Konſtantinopel zu reiſen, ſo wurde jene neu eroberte Provinz als hoͤchſt ungeſund von allen ihren ruſſiſchen Freunden geſchildert. Deſ⸗ ſen ungeachtet ließ ſie ſich von ihrem Vorhaben nicht abhalten. Nur reiſte ſie ungluͤcklicher Weiſe zur Zeit der Faſtnacht ab, in welcher das gemeine Weſen Ruß⸗ lands gar nicht nuͤchtern wird; daher ſie manche Un⸗ annehmlichkeit leiden mußte. Denn die Ruſſen hal⸗ ten es faſt fuͤr Religions⸗Pflicht, in dieſer Zeit ſich recht zu betrinken. Wenn die im Allgemeinen ſchoͤ⸗ nen Maͤdchen dieſe Untugend auch nicht mit den jun⸗ gen Maͤnnern theilen, ſo ermuntern ſie dieſe doch durch ihren feiertaͤglichen Anzug mit bunten Tuͤchern um die Schlaͤfe. Der ruſſiſche Bauer iſt huͤbſch, ſtark, groß, und ſieht gutmuͤthig aus; er und ſein Weib ha⸗ ben gewoͤhnlich ſehr weiße Zaͤhne. Man muß ſich wundern, daß die Kinder nicht ſchon zu Grunde ge⸗ hen, ehe ſie in die freie Luft kommen. Denn die ganze Familie iſt den groͤßten Theil des Tages, wie die Nacht oberhalb des Schwitzbades oder Brennofens, wo die Hitze unertraͤglich waͤre, wenn die Gewohn⸗ heit nicht alles uͤberwinden koͤnnte. Man würde die Oeffnung eines Fenſters oder einer Thuͤre eben ſo be⸗ 37tes B. Türkei. III. 1. 5 66 fremdend finden, wie die gebildeten Europaͤer das ſtete Verſchließen derſelben. Die Kinder ſehen bis zum 5— 6. Jahre bleich und krank aus. Die Wohn⸗ haͤuſer der Landleute ſind aus aufgeſchichteten Baͤu⸗ men zuſammen geſetzt, welche eben ſo dicke, als dauer⸗ hafte Waͤnde bilden, ſobald die leeren Zwiſchenraͤume durch Moos oder Lehm verſtopft ſind. Ihre Beklei⸗ dung mit Schafpelzen iſt ſehr warm, und dem Klima ganz angemeſſen. In England wuͤrde man glau⸗ ben, daß die Leibeigenen von ihrer Herrſchaft viele Laſten zu tragen haben, ſtatt daß ſie unter deren Schutz ihr Leben und Perſon gegen den deſpotiſchen Gouver⸗ neur, wie gegen wilde Soldaten geſichert halten. Dieſe Bauern haben noch den unſchaͤtzbaren Vortheil, daß ſie gegen die jaͤhrliche Pacht⸗Abgabe von s bis 6 Gulden ſo viele Grundſtuͤcke bauen koͤnnen, als ſie fuͤr ihren Unterhalt noͤthig haben; ihr Wohlſtand haͤngt ganz von ihter Thaͤtigkeit ab. Wuͤrde der Gutsherr ihre Abgabe erhoͤhen, oder ſie ſonſt druͤcken, ſo wuͤr⸗ den ſie verarmen, und ſich zur Auswanderung veran⸗ laßt ſehen, durch welche er ſelbſt wieder verarmen wuͤrde. Zwar muß er jaͤhrlich einen ſeiner Leibeige⸗ nen als Soldaten ſtellen; allein die Wahl aus 3 bis 400 Menſchen iſt eine Kleinigkeit. Wenn auch Nuß⸗ land nach ſeinem großen Umfange noch nicht genug bevoͤlkert iſt; ſo iſt es doch weit mehr beſetzt, als Fremde ſich vorſtellen. Sobald die Platz⸗Kommandanten zu Krement⸗ 1 67 chouck und Cherſon benachrichtiget waren, daß Craven ſich nach Perekop, dem Schluͤſſel der Halbinſel Tauris begeben wolle, ſo wurde ſogleich alles zu ihrer Zufriedenheit veranſtaltet. Lange Zeit vor Homer waren die Bewohner dieſer hegend, als eine von Thraziern ſtammende maͤchtige und kriegeri⸗ ſche Nation anerkannt. Waͤhrend ſie in Klein⸗ Aſien einfielen, bemaͤchtigten ſich die Seythen ihres Landes. Die von den Siegern verjagten Maͤnner, Weiber und Kinder mußten ſich in die Berg⸗Schluch⸗ ten zuruͤck ziehen, woher die Halbinſel ſpaͤter Ta u⸗ ris genannt wurde. Dieſe Veraͤnderung geſchah ſchon beilaͤufig 666 Jahre vor Chriſtus; die Griechen ließen ſich erſt ein Jahrhundert ſpaͤter daſelbſt nieder. Die Einwohner von Milet gruͤndeten zwei Staͤdte, deren eine Pantienpoeum oder Bosporus, jetzt Kierche, die andere Theodoſia, jetzt Kaffa genannt wurde. Die Kaiſerin Katharina II. be⸗ fuhl, daß letztere ihren alten Namen des griechiſchen Urſprungs wieder fuͤhren ſollte, und bedeutender Han⸗ del dahin geleitet wurde.. Vier hundert achtzig Jahre vor Chriſtus ſtiftete eine Kolonie von Mitylene in der Krimm eine Monarchie, welche 42 Jahre ſpaͤter von Spartacus regiert wurde. Es iſt bekannt, daß er und ſeine Nachfolger die Griechen, und beſonders die Athener ſehr beguͤnſtigten, und die Seythen zu verdraͤngen ſuchten: allein dieſes gelaug erſt den Sarmaten. Zu 68 dieſer Zeit kamen die Taurier aus ihren Berg⸗Schluch⸗ ten hervor, und verheerten die Provinzen der neuen Monarchie, bis Mithridates etwa 442 Jahre vor Chriſtus ſich zum Beherrſcher der Halbinſel aufwarf. Im Anfange der chriſtlichen Zeitrechnung kamen die Alanen ſtatt der Tanrier in den Beſitz der Krimm; ihnen folgten die Gothen, welche das Chriſtenthum daſelbſt einfuͤhrten. Unter den Kaiſein Diocletian und Konſtantin dem Großen entſtanden ſchon Bisthuͤmer. Nach den Gothen ruͤckten die Hunnen in das Land, und dieſe wurden 464 durch die Ungarn verdraͤngt, welche in Verbindung mit den Bulgaren den ganzen Strich Landes zwiſchen den Fluͤſſen Don und Duieſter beſetzten. Auch ſie mußten wieder weichen. Erſt 340 gruͤndete K. Theophilus ſeinen Rees ierungs⸗Sitz zu Cherſon. Im Xl. und XII. Jahrhunderte bluͤhte Sugdaia oder Sudak als be⸗ deutende Handels⸗Stadt. Nach dem J. 1204 entzo⸗ gen ſich die Griechen der Oberherrlichkeit von By⸗ zauz, und unterwarfen ſich beſonderen Fuͤrſten. Im Jahr 1237 bemeiſterten ſich die Mongolen des Landes. Waͤhrend die abendlaͤndiſchen Voͤlker im Beſitze von Konſtautinopel waren, trieben die Venetianer großen Handel mit der Krimm, bis die Genneſer durch einen Vertrag mit dem Kaiſer Michael Pa⸗ leologus beſondere Beguͤnſtigungen erhielten, und Kaffa zur Handlungs⸗Niederlage nach Indien theils uͤber Aſtrachan, theils uͤber das kaſpiſche 6 9 Meer machten. Sie hatte Konſale zu Trapezunt und Sebaſtopolis. Im J. 1575 verloren die Genueſer allen Einfluß in der Krimm durch die Eroberungen der Tuͤrken, welche das ſchwarze Meer allen Europaͤern verſchloſſen. Der große Kinder⸗Markt der Cireaſſier ar zu Kaffa, wo Griechen, Juden, Genueſer und Armenier ſie kauften, um ſie zu Konſtantin opel wieder zu ver⸗ werthen. So lange die Polen und Ruſſen mit der neueren Kriegskunſt unbekannt waren, blieb die Krimm ihnen unzugaͤnglich. Bis zum Frieden von Karlowitz zahlten ſie jaͤhrlich 100,000 Reichsthaler an den Chau fuͤr den Schutz gegen die Einfaͤlle der Tataren. Nach und nach bemeiſterte ſich Rußland der Krimm theils durch ſeine Waffen, theils durch Politik; der letzte Chan wurde Penſtonnaire der Kai⸗ ſerin Katharine ll. V. Moskau erſchien unſerer Reiſenden mehr wie ein grotzes Dorf, oder eine Reihe von Doͤrfeyn wegen der Entfernung der Haͤuſer von einander, um Denkmaler zu ſehen oder Beſuche zu machen, mußte man faſt immer eine kleine Reiſe machen. Zu Pul⸗ tawa zeigte man ihr das Schlachtfeld, auf welchem K. Karl XII. ungluͤcklich war, was der Privatmann Paul Budenkoff durch einen Obelisk zu verewi⸗ gen ſuchte. Die Stadt Cherſon liegt am Dnie⸗ per oder Boriſtenes, welcher ſich in das ſchwarze 70 Meer ergießt, hat viele neue Haͤuſer und eine Kirche aus weißem Steine in gefaͤlliger Geſtalt, iſt jedoch nicht groß, und auf die weiteſte Umgebung von Baͤu⸗ men entbloͤst, welche der Fuͤrſt Korſakoff mit vie⸗ ler Anſtrengung erſt pflanzen ließ. Zur Heitzung be⸗ dient man ſich des zahlreichen und großen Schilfes, welches am Ufer des Dniepers gedeihet, wie zu Daͤmmen und Haͤuſern. In demſelben niſten ſo viele und ſo ſchoͤne Voͤgel, daß kaum ein hoͤheres Jagd⸗Ver⸗ gnuͤgen ſeyn mag, als in einem Nachen daſelbſt. Cherſon kann nach ſeiner Lage einſtens eine be⸗ deutende Handelsſtadt, wie nach den Anordnungen des Fuͤrſten Korſakoff ein wichtiger Waffenplatz werden. Junge talentvolle Krieger moͤgen keine ge⸗ ringe Freude aus dem Bewußtſeyn ſchoͤpfen, in neu erworbenen Laͤndern, welche ihrem Vaterlande erhal⸗ ten werden ſollen, gute Anſtalten dazu getroffen zu haben. Die Befeſtigung wurde dem Staate um ſo weniger koſtſpielig, als Verbrecher dazu verwendet wurden. Unterhalb Cherſon beginnt eine große Wuͤſte, in welcher nur einzelne Wohnungen mit Poſtpferden zu finden ſind. Deſto angenehmer wird man von mehreren 1000 Trappgaͤnſen, welche den Tauben an Groͤße gleichen, und von wilden Gaͤnſen uͤberraſcht, deren Zahl mit der Abnahme des Schilfes ſich ver⸗ mindert, in welchem ſie ſich aufhalten. Perekop liegt auf einem erhabenen Orte; der umliegende Graben ſcheint mehr zur Beherbergung des Feindes, als zum Schutze deſſelben geſchaffen zu ſeyn. Die Spitze dieſer Feſtung iſt nur 6 Meilen vom aſophiſchen Meere in gerader Richtung ent⸗ fernt, oder vielmehr vom Arme dieſes Meeres, Suaſh genannt, bis zum ſchwarzen Meere. Man koͤnnte mit wenigen Koſten die Krimm in eine ganze Inſel umſchaffen. Außerhalb Perekop gleicht das platte Land genau einer von den Duͤnen Englands, und der Raſen dem ſchoͤnſten Sammet⸗Gruͤne. Hat auch der Poſthalter kein einziges Pferd im Stalle, ſo duͤr⸗ fen doch die Reiſenden nicht lange warten. Die Ko⸗ ſaken haben die Pflicht, Pferde zu liefern, und auf den Straßen ſind ſteinerne Meilen⸗Zeiger. Alle Pferde ſind auf der Weide nicht weit von der Straße; ſobald der Koſak ſich mit einigen Koͤrnern in der Hand ihnen naͤhert, ſo umkreiſen ſie ihn ſo, daß er ohne Be⸗ ſchwerde das ihm beliebige Pferd waͤhlen kann. Die Poſt war gewoͤhnlich in einem einſamen tatariſchen Dorfe, und die Wohnung des Stallknechtes oft nur eine unterirdiſche Hoͤhle, welche der gewoͤhnliche Zu⸗ fluchtsort in dieſem Lande iſt, wo nicht der geringſte Schatten und grenzenloſe Hitze der Sonne iſt. Links von Perekop zeigen ſich mehrere Salz⸗Seen, welche ein herrliches Schauſpiel darbieten. Gegen Untergang der Sonne ziehen ſich zahlreiche Heerden von Pferden, Kuͤhen und Schafen langſam in ihr Dorf. . 72 VI. Der Fuͤrſt Potemkin hatte ſich als Gou⸗ verneur der Provinz Tauris, und als Kommandant der daſigen Truppen zu viel bleibendes Lob erworben, als daß er nicht auch viele Neider ſich haͤtte zuziehen follen, welche durch boshafte Luͤgen jenes zu entkraͤf⸗ ten ſuchten. Waͤre es ihnen gelungen, ſo haͤtten ſie dieſes Land als das ungeſundeſte geſchildert, deſſen Beſitz ein reiner Verluſt der ruſſiſchen Staats⸗ Kaſſe ſey. Bei Karasbazar war fuͤr den Empfang der Kaiſerin ein praͤchtiges Haus errichtet, welches der General Kokotchki bewohnte, und auch der Lady Craven zum Quartier anwies. Es liegt am Fluß Karaſu, welcher Name nach der Landes⸗Sprache ſchwarzes Waſſer bedeutet. Er befeuchtet die vor dem Hauſe liegende Wieſe, und ſchlaͤngelt ſich um die Stadt. Sein Bett iſt eng, ſein Waſſer hell, und lauft ſehr ſchnell; daher iſt dieſer Landſitz bezaubernd und ganz geeignet, der Kaiſerin eine vortheilhafte Idee von ihrem neuen Lande beizubringen. Die an⸗ ſtoßenden Kaſernen ſind ſehr dauerhaft gebaut, und außerſt reinlich. Die Frau des Kadi hatte eine Art von Turban auf dem Haupte, welcher mit Diaman⸗ ten und geringen Perlen beſetzt war; ihre Naͤgel wa⸗ ren mit rother Farbe, ihr Geſicht mit weißer und ro⸗ ther, ihre Adern mit blauer beſtrichen. Das Haus eines Tataren iſt leicht und einſtöckig, hat weder Seſſel, noch Tiſche, noch andere Meubles. In den Moſcheen waren andaͤchtige Muſelmaͤnner verſammelt, welche einen Kreis bildend, ihre Haͤupter unter gro⸗ den Seufzern: Allah! d. i. Gott, bald zur Erde neigten, bald wieder erhoben. Dadurch wurden ſie bald ſo taub, daß ſie auf den Boden ſanken. Als⸗ dann wurden dieſe ungluͤcklichen Fanatiker, welche manchmal 40 Stunden weder eſſen, noch trinken, in einen der Winkel der Moſcheen geſchleppt, damit ſie ſich, fuͤr ihre Probe der Andacht zum Propheten, wie⸗ der etwas erholten. Ihre aberglaͤubiſchen Gebaͤrden verſchaffen ihnen die groͤßte Achtung und Verehrung des Poͤbels. Die Moſcheen hatten von Außen ein armſeliges, von Innen ein trauriges Ausſehen, ob⸗ gleich viele Laͤmpchen darin brannten. Die Thuͤrme waren ſehr hoch, eng und leicht; ſtatt der Glocken rief Jemand von deren Hoͤhe zum Gebete, was ſehr ſonderbar lautet.— Der vorzuͤglichſte Handel dieſer Stadt geſchieht mit gelbem, rothem, gruͤnem und blauem Marvquin, welcher ſo ſanft wie Sammet iſt. Die außerordent⸗ lich zahlreichen Heerden von Laͤmmern geben den Stoff um den wohlfeilſten Preis; um recht ſchoͤne Felle zu bekommen, toͤdten ſie die Schafe in der Schwangerſchaft, und nehmen das Lamm heraus. Da man mehrere ſolche Thiere fuͤr ein Unterfutter des Kleides braucht, ſo iſt natuͤrlich, daß ein ſolches Geſchenk der Kaiſerin von jedem Geſandten hoch ge⸗ ſchaͤtzt wird. 4 74 Zu Batcheſerai hatte ein Chef der Koſaken ein Gaſtmal bereiten laſſen, welches ganz im Ge⸗ ſchmacke ſeiner Landsleute war. Auf einer Tafel von 20 Perſonen war an einem Ende ein gebratenes Schwein, an dem andern ein gebratenes Schaf, und in der Mitte eine ungeheure Schuͤſſel voll geronnener Milch aufgeſtellt. Doch ſtanden fuͤr die fremden Gaͤſte mehr als 30 Sorten Weins bereit, welche an den Ufern des Fluſſes Don gewachſen waren. Die an⸗ weſenden Kalmuken hatten das garſtigſte und wildeſte Ausſehen, welches man ſich vorſtellen kann; die Kno⸗ chen ihrer Kinnbacken waren außerordentlich vorſte⸗ hend, und ihre Augen hingen faſt bis zur Naſe herab. Sie hatten eine ſolche Fertigkeit im Bogen⸗ Schießen, daß einer eine Gans in einer Entfernung von 100 Schritten, ein anderer ein Ei auf so Schritte durchbohrte. Gegen das Fieber bedienen ſich die Ko⸗ ſaken keines anderen Mittels, als der ſauern Milch. In einiger Entfernung von jedem tatariſchen Hauſe iſt noch ein Gebaͤude zur Beherbergung der Fremden oder Reiſenden, welche mit groͤßter Gaſtfreiheit auf⸗ genommen werden. Batcheſerai liegt in einem ſo engen Thale unter ſo vorragenden Felſen⸗Stuͤcken, daß man er⸗ druͤckt zu werden faſt ſtets beſorgen koͤnnte. Außer dem Militaͤr, welches von einem Caimaean, als erſten Miniſter des Cham geleitet wird, zaͤhlte man damals 00o tatariſche Einwohner, welche vorzuͤglich mit Degen⸗Klingen, Saͤbeln und Meſſern handelten, die den Damaſeenern nicht nachſtehen. Der Palaſt des Cham iſt nur einſtoͤckig, rruht auf hoͤlzernen Saͤulen, welche bunt bemalt ſind; uͤber dem Hauptthore iſt eine vergoldete Inſchrift. Er war kurz vorher in der Hoffnung ausgebeſſert worden, daß er der Kaiſerin zur Herberge dienen wuͤrde. Von einem Hofe und Garten in den andern fuͤhrte der Weg durch viele Gemaͤcher in den Harem, wo die Muͤtter, Schwe⸗ ſtern, Weiber und Beiſchlaͤferinnen des Cham ſich aufhielten. Einige Gemaͤcher waren mit Marmor ge⸗ prudelten. Zu den Produkten dieſer Gegend gehoͤrt eine Art von Siegelerde, welche der Seife gleicht, und der Haut ſehr dienlich ſeyn ſoll; daher die tuͤrki⸗ ſchen Frauenzimmer ſehr viel verbrauchen. Auch gibt es auf der ganzen Halbinſel ſehr viele wilde Spargel und Rettige von der Groͤße eines Schenkels, welche ungemein ſchmackhaft ſind. Ein domartiges Grabmal verſchloß die irdiſchen Reſte einer chriſtlichen Frau, welche der Cham auf das zaͤrtlichſte geliebt hatte, und uͤber deren Verluſt er untroͤſtlich geweſen iſt; weßwe⸗ gen er dieſes koſtbare Erinnerungs⸗Zeichen ſetzen ließ.. Die Frauenzimmer achten keinen Putz, welcher nicht aus Gold, Silber, Perlen und Diamanten be⸗ ſteht; die feinſte Leinwand, die ſchoͤnſten Spitzen ha⸗ ben fuͤr ſie keinen Werth. Die Hemder der Maͤnner zuri in deren Mitte Quellen oder Springbrunnen 76 und Frauen ſind gewoͤhnlich aus Seide, und werdet nicht gewechſelt, woraus große Unreinlichkeit entſte⸗ hen wuͤrde, wenn das Baden nicht ſo haͤufig waͤre. Zu Sudak ſind noch die Grundlagen einet großen, von den Genueſern erbauten Stadt am Ab⸗ hange ausgeſprengter Felſen zu ſehen. Auf deren Spitze hat man das Meer vor ſich, und die Ueber⸗ bleibſel einer Kapelle mit einer großen Granit⸗Saͤule, welche auf die geringſte Erſchuͤtterung ganz gerade in vas Meer ſtuͤrzen muͤßte. Dieſe Stadt mag jeder Flotte unzugaͤnglich geweſen ſeyn; nach der Lage der Feſtungswerke mochte ſie auch ſehr gut gegen die An⸗ griffe aus dem Innern des Landes zu vertheidigen feyn. Auf der linken Seite der Stadt iſt ein ſchoͤner Hafen. Im ſuͤdlichen Theile der Halbinſel wird auch der Weinbau gepflegt, welcher im Uebermaße gedei⸗ het; daher die meiſten Einwohner Weinfelder beſitzen; doch gibt es nur wenig guten Wein. Der von der Kaiſerin fuͤr deſſen Verbeſſerung angeſtellte Franzos fertigte zwar guten Liquer, gab aber den Ruſſen keine Anterweiſung fuͤr den beſſeren Weinbau. Der Regierungs⸗Sitz Atchmetchet liegt nicht weit vom Fluſſe Salguir, deſſen ufer mit einer ſehr fruchtbaren, Potagen⸗artigen Erde bedeckt ſind. Die von den Ruſſen erbauten Kaſernen gewaͤhren ein gutes Anſehen. Schoͤner Raſen, vortrefflicher Boden, Baumgaͤrten und herrliches Klima feſſeln gefuͤhlvolle Menſchen an dieſes Land. Zur beſonderen Annebm⸗ . 77„ fcchkeit unſerer Reiſenden diente noch, daß ſie am ſchwarzen Meere mehrere engliſche Lieutenants und Kapitaͤns in der ruſſiſchen Marine angeſtellt fand⸗ VII. Die Lage und Umgebung von Inkermann und Sebaſtopol, deren vortreffliche Befeſtigung und Haͤfen; das bezaubernde Thal von Baydar; die vielen Sorten wilder Weinreben, Granataͤpfel und andere wohlriechende Fruchtbaͤume erheben dieſe Ge⸗ gend in ein Paradies. Daher eilte Craven nicht ſo ſehr, um auf einer Fregatte in Begleitung eines grie⸗ chiſchen Sreuermannes und ruſſiſcher See⸗Offiziere aus dem ſchwarzen Meere in den Kanal von Kon⸗ ſtantinopel zu kommen. Kaum waren ſie 2 Tage auf dem Meere, als eine gaͤnzliche Windſtille eintrat, und ſie noͤthigte, 3 Tage und Naͤchte zu halten. End⸗ lich folgte ein ſo kalter Kuͤſten⸗Wind mit Regen, wel⸗ cher 24 Stunden anhielt. Am 7. Tage beſoff ſich der griechiſche Steuermann ſo ſehr, daß er die Zaͤhne nicht von einander trennen konnte; die uͤbrige Mann⸗ ſchaft wuͤrde in die groͤßte Verlegenheit gekommen ſeyn, wenn ſie nicht durch Cravens kleine Karte vom ſchwarzen Meere und vom Eingange des Kanales wieder Vertrauen gewonnen haͤtte. Sie entrannen glücklich allen Gefahren, mit welchen ſie ſich beaͤng⸗ ſtigt hatten. 4 Der Vosphorus hildet einen Winkel, um nach Bupukdere zu kommen. Kaum moͤchte irgend eins 78 Gegend einen intereſſanteren Anblick gewaͤhren, ai⸗ die Ufer dieſer beruͤhmten Meerenge. FelſenDlie Schloͤſſer der Genueſer auf der Spitze der Huͤgel, Pa⸗ villons, welche auf allen Seiten mit Jalouſien ge⸗ ſchloſſen ſind, Minarets, große Ahorn⸗Buͤume, breite Wieſen, viele Menſchen aus allen Staͤnden, unzaͤhlige Schiffe aller Art am Ufer oder im Kanale ſtellen ſich auf einmal dem Auge dar. Die Tuͤrken haben eine ſolche Achtung fuͤr die Schoͤnheiten der Natur, daß ſie bei der Erbauung eines Hauſes lieber dem daſelbſt ſtehenden Baume groͤßeren Raum zum Wachsthume geben, als daß ſie ihn faͤllen. Die Kuͤſte iſt ſo ge⸗ fahrlos, daß in jeder Bucht eine große Flotte tuͤrki⸗ ſcher Schiffe zu ſehen iſt, deren Maſte mit den Spi⸗ tzen der Baͤume ein ſchoͤnes Gemaͤlde bilden. Lady Craven war durch den franzoͤſiſchen Ge⸗ ſandten Segur zu Petersburg, dem Grafen Choj⸗ ſeut⸗Gouffier zu Konſtantinopel ſo empfoh⸗ len, daß dieſer dieſelbe in ſeinem Palaſte beherbergte. Dieſe guͤnſtige Gelegenheit benutzte ſie taͤglich mehrere Stunden zur Auſicht der Porte⸗Feuilles ſeiner Kuͤnſt⸗ ler, welche ſeit mehr als 10 Jahren mit der Zeichnung der ſchoͤnſten Ruinen im tuͤrkiſchen Europa und Aſia beſchaͤftigt waren. Sein thaͤtigſter Kuͤnſtler, Caſas, hatte auch das aͤlteſte und ſchoͤnſte Amphi⸗ Theater, den Triumph⸗Bogen und Tempel Auguſts zu Pola in Iſtrien nicht vergeſſen. Bei einer ſo an⸗ ziehenden Geſellſchaft zu Haus war der Lady Cra⸗ — 79.— ven ſehr verzeihlich, daß die Merkwuͤrdigkeiten von Konſtantinopel nur ein entferntes Intereſſe ihr darboten. Sie warf ihren erſten Blick auf das Meer d i Marmora, auf deſſen Inſeln und einen Theil des Serails. Sie ſah den Sultan auf einem ſilbernen Sopha, waͤhrend die ihn begleitenden Kahne die Ufer des Kanals im Garten zu begraͤnzen ſchienen: denn ſie waren ſehr leicht gebaut, vergoldet, und hoͤchſt zier⸗ lich bemalt. Der Bart des Sultans war ſchwarz ge⸗ malt, damit er juͤnger ſcheine; da ſein Geſicht außer⸗ ordentlich bleich und ſchwarz⸗gelb geweſen iſt, ſo war er in großer Ferne leicht von ſeiner Umgebung zu un⸗ terſcheiden. 8 Die Gaſſen von Pera und Konſtantinopel ſind ſo enge, daß ein Staats⸗Wagen kaum durchkom⸗ men kann. Die Fenſter der Haͤuſer ragen in jedem Stockwerke ſo vor, daß die beiderſeitigen Bewohner des oberſten Stockes ſich manchmal die Haͤnde reichen koͤnnen. Kein anſehnlicher Tuͤrke macht ſelbſt in kur⸗ ier Entfernung Beſuche, ohne zu Pferde zu ſeyn. Weiber ſieht man zwar eben ſo viele, als Maͤnner; aber ſie ſcheinen nur als Mumien zu wandeln. Ein großes Kleid von dunkelgruͤnem Tuche bedeckt ſie vom Halſe bis auf den Boden; ein großes Stuͤck Muſſelin umhuͤllet ihre Arme und Achſeln; ein anderes ihr Haupt und ihre Augen. Unter dieſer Bedeckung kann man eben ſo gut einen Mann, als eine Frau, Prin⸗ 89— zeſſin und Sklavin vermuthen. Wenn ein tuͤrkiſcher Ehemann vor der Thuͤre ſeines Harems ein Paar Pantoffel ſieht, ſo darf er nicht hinein gehen. Seine Ehrfurcht vor dem Weibe iſt ſo groß, daß er ſich ihm bei einem fremden Beſuche nicht vorzuſtellen wagt. Europaͤiſche Weibsperſonen, welche mit entbloͤstem Geſichte auf den Straßen ſich ſehen ließen, waren Be⸗ keidigungen ausgeſetzt; deßwegen kleideten ſie ſich ge⸗ woͤhnlich wie Tuͤrkinnen. Man hat zwar auch Trag⸗ ſeſſel(Chaise à Porteurs), wie in andern Staͤdten; allein man muß ſich dann von s Tuͤrken tragen laſſen, ohne die Beſorgniß des Umwerfens zu verlieren. Man bedient ſich der gemietheten Nachen, wie in andern Staͤdten der Mieth⸗Kutſchen. So traͤge die Tuͤrken aller Klaſſen ausſehen, ſo ſind ſie doch vortreffliche Ruderer. Es iſt unbegreiflich, wie die tuͤrkiſche Regierung bei der großen Unwiſſenheit, Dummheit und Traͤgheit der meiſten Unterthanen be⸗ ſtehen kann. Das Kabinet iſt gewoͤhnlich aus unwiſ⸗ ſenden Soͤldlingen zuſammen geſetzt. Der Fall iſt nicht ſelten, daß der Vezier, Waſſer⸗Traͤger des Grot⸗ Admirals, oder Haſſan⸗Bey, wie dieſer ein Dienſt⸗ hote zu Algier geweſen iſt. Die obern Stellen der Pforte ſind nur durch geheime Naͤnke zu erlangen: jeder Anſehnliche, jede Sultanin hat ihre Geſchoͤpfe, welche ſie zu oͤffentlichen Aemtern zu befoͤrdern ſuchen. Am tuͤrkiſchen Hofe werden eben ſo viele Naͤnke geſpielt, als jemals au einem anderen. Ein aufruͤh⸗ 8¹ riſcher Paſcha erhebt ſich ploͤtzlich mit ſeinen Truppen, und trennt ſich ungeſcheut von dem Monarchen, wel⸗ cher ihn einſetzte. in ſolcher war in Albanten an der Spitze von 40,000 Mann, dem es leicht geweſen waͤre, ſich zum Herrn eines großen Landes zu erheben. Er hieß Mahmud, und war erſt 30 Jahre alt. Er iſt Nachfolger ſeines Vaters in der Regierung des Landes zum Trotze der Pforte geworden. Unbegreif⸗ lich iſt, daß die Kuͤrken noch an eine Vorherbeſtim⸗ mung glauben koͤnnen, da ſie ſich doch uͤberzeugen, daß weder Talente, noch Geburt ſie zu Aemtern er⸗ hehen, daß aus keinem vernuͤnftigen Grunde ihnen der Kopf abgenommen wird„ und daß ſelbſt das hoͤchſte Vertrauen des Sultans nicht gegen ploͤtzliches Erdroſ⸗ ſeln ſichert. Der Grieche Petraki, eine Art von Hofbankier, hatte ſehr haͤufig Zutritt zu Achmet. Dadurch wurde der Miniſter ſo eiferſuͤchtig, daß er eines Tages im geheimen Rathe unter verſchiedenem Vorwande den Kopf Petraki's forderte. Der Sul⸗ tan hatte eine beſſere Meinung von dieſem, als die feindlich geſinnten Beamten; er weigerte ſich alſo, je⸗ nem Autrage Gehoͤr zu geben. Allein der Kapudan⸗ Paſcha und ſeine Anhaͤnger erklärten, daß ſie den Raths⸗Saal nicht verlaſſen wuͤrden, bis Achmer das Todes⸗Urtheil unterzeichnet haͤtte, welches er end⸗ lich auch unter einem Strome von Thraͤnen unter⸗ ſchrieb. In dieſem Falle wird ein Staatsdiener in die Wohnung des Ungluͤcklichen geſendet, um ſeine 37tes B. Türkei, III. r. 6 82 Papiere zu unterſuchen, und die Namen derjenigen zu erforfchen, welche waͤhrend ſeines Lebens Verhaͤlt⸗ niſfe mit dem Kabinette hatten. Der gegen Petraki abgeordnete Beamte uͤbermachte die gefundenen Pa⸗ piere in die Haͤnde des Sultans, welcher uͤber deren Bekanntwerden ſehr beunruhigt war. Denn Pe⸗ traki war ſein beſonderer Agent, und uͤberbrachte iym das Geld fuͤr Dienſtverleihungen, welche er we⸗ gen der hoͤchſten Gunſt einnehmen durfte. Die Rech⸗ nungs⸗Buͤcher Petraki's waren in der beſten Ord⸗ nung, die eingenommenen Summen waren ſo genau eingetragen, als die Tage und Plaͤtze, wo er ſie em⸗ pfangen hatte. Durch welche gemeine und niedrige Naͤnke die Miniſter ihre Stellen erlangen, kann man ſich im Auslande kaum vorſtellen. Der Sultan hatte die beſte Meinung von der Rechtſchaffenheit und dem Muthe des Kapudan⸗Paſcha; entfernte dieſer ſich von der Hauptſtadt, ſo glaubte der Sultan ſchon, ſie ſey in Gefahr. Man war auch einſtimmig der Meinung, daß er die Polizei daſelbſt auf einen beſſern Stand exhob. Bei einem Brande waren 4 Janitſcharen nicht eifrig in der Erfuͤllung ihrer Pflicht; er ließ ſie ſo⸗ gleich in die Brandſtaͤtte werfen, um ihre Kameraden im Dienſte anzueifern. Auf ſeinen Spatziergaͤngen folgte ihm immer ein Loͤwe, wie ein Hund zur Seite. Einmal ließ er ſich von dieſem Thiere bis in den Di⸗ sau begleiten; die uͤbrigen Miniſter erſchracken dar⸗ 83 uͤber ſo, daß einige durch das Fenſter wegſpran⸗ gen, einer den Hals auf der Stiege brach, und alle dem Groß⸗Admtrale mit ſeinem Loͤwen dieſes Mal die Volkendung der Gefchafte im Rathe uͤberließen. Den auswaͤrtigen Geſandten mag es ſehr will⸗ kommen ſeyn, daß die Tuͤrken weder Beſuche machen, noch annehmen. Denn der Umgang mit ſo unwiſſen⸗ den Menſchen, die wie Maſchinen organiſirt ſind, muͤßte etwas Erſchreckliches feyn. So einleuchtend die Franzoſen den Tuͤrken zu beweiſen ſuchten, daß die Ruſſen mit Flotten nicht allein uͤber das ſchwarze Meer, ſondern auch uͤber den Archipel nach Kon⸗ ſtantinopel kommen koͤnnten, ſo wollte doch kein Tuͤrke die Ausfuͤhrbarkeit dieſes Unternehmens glauben. Man darf nicht befremdend finden, daß mancher Reiſende bei dem Anblicke von Konſtantinopel ein Schiff gar nicht verlaſſen will. Die Stadt und Einfahrt uͤber das Meer di M armora bieten das erhabenſte, prachtvollſte und angenehmſte Gemaͤlde dar. Die Einbildungskraft kann keine bezauberndere Szeue ſchaffen, als die Natur hier darbietet. Man darf ſich nicht wundern, daß Konſtantin hier den Sitz ſeines orientaliſchen Reiches beſtimmte. Die Na⸗ kur hat hier das Land und Waſſer auf eine ſo⸗ bewun⸗ dernswuͤrdige Art vereinigt, daß London, Paris, Amſterdam, Petersburg und Moskau weit binter dieſem Gemaͤlde ſtehen. Der Hafen, weicher Pera von Kouſtantino⸗ 84 pel trennt, hat ganz beſondere Eigenheiten. Alle Schutt und Unreinlichkeiten beider Staͤdte werden gewohnlich hinein geworfen. Die Zollſtaͤdte, Kaſer⸗ nen, Magazine und die Vorraths⸗Haͤuſer ſind in der Naͤhe. Man ſchuͤttet hier den Miſt und Koth aus, und Niemand iſt fuͤr die Reinigung beſorgt. Deſſen ungeachtet iſt der Hafen nicht verſchlammet, und ſtets ſo tief, daß die groͤßten Kauffarthei⸗Schiffe einlaufen koͤnnen. Man kann ſie an dieſem ufer ſo gut befeſti⸗ gen, wie in allen anderen Haͤfen des Kanales. Die⸗ ſer Hafen wird immer enger, ſobald er am ſuͤßen Waſſer zunimmt, und iſt zuletzt nur ein kleiner Bach. Die Franzoſen haben das ſuͤße Waſſer in der Art ein⸗ gedaͤmmt, wie zu Marly, und die Umgebung mit Baͤumen bepflanzt. Hier ſieht man alle Freitage Ge⸗ ſellſchaften von Tuͤrken, welche daſelbſt Mittags eſſen, oder Kaffee trinken, oder Tabak rauchen, auf dem Raſen unter dem Schatten großer und breiter Ahorn⸗ Baͤume ruhen, welche zum großartigen Ganzen paſſen. Die groͤßten Eichen Teutſchlands und Englands wuͤrden nur als ſchwache Schilfrohre neben ihnen erſcheinen. So außerordentlich die Vorzüge der Natur hier ſind, ſo gibt es doch auch wieder viele Unannehmlich⸗ keiten, welche jene ſchmaͤlern. Das Land iſt ſo ſchoͤn, das Klima ſo bezaubernd, daß man ſich in das Para⸗ dies verſetzt waͤhnt. Allein die Peſt und das Erdbe⸗ ben ſind jedem denkenden Weſen ſo abſchreckend, daß man dieſes Himmelreich fliehen moͤchte. Waͤhrend 85 ein ſehr ſchoͤnes Weib oͤfters vom ganzen Geſchlechte wegen der moͤglichen Anbeter beneidet wird, ſchaudern dieſe wegen des veraͤchtlichen Gemuͤthes deſſelben hier zuruͤck.— Eben ſo verhaͤlt es ſich mit den Inſeln von Grie⸗ chenland. Faſt alle haben den inneren Feuerbrand; manche wurden ſchon ganz verſchlungen; ſelbſt jene, welche die groͤßten Geiſter hervor brachten, ſind nur noch in den Buͤchern der Verfaſſer zu finden. Wenn man ſich 6 Monate zu Konſtantin opel in ſeiner Wohnung verſchloß, und bei dem erſten Ausgange von den Traͤgern eines Peſt⸗Todten beſtreift wird, ſo ver⸗ gißt man ploͤtzlich alle Neitze der Natur, und wuͤnſcht ſich in ſein Vaterland eines gemaͤßigteren Klimas zu⸗ ruͤck verſetzt. Der Dom des Sophien⸗Tempels iſt außerordent⸗ lich groß, und verdient geſehen zu werden, obſchon einige der ſchoͤnſten Saͤulen theils quer ſtehen, theils Kapitaͤler von tuͤrkiſcher Bauart haben. Man findet in tuͤrkiſchen Tempeln weder die vortrefflichen Saͤu⸗ len des Heidenthums, noch die koſtbaren Verzierun⸗ gen des neuen Roms. Bloß einige unfoͤrmliche Lam⸗ pen, welche unregelmaͤßig aufgehaͤngt ſind, veranlaß⸗ ten die Tuͤrken noch zu einigem Aufwande, welchen ſie zum Beweiſe ihrer Ehrfurcht vor Gott oder deſſen Propheten machen. Im Schiffe des Tempels knien ſtets mehrere Maͤnner und Weiber, welche— obſchon gedungen— in Andacht vertieft zu ſeyn ſcheinen. 86 Die Moſcheen ſind waͤhrend des ganzen Tages geoͤff⸗ net; der tuͤrkiſche Gottesdienſt waͤre deßwegen ſehr guͤnſtig zu geheimen Verſammlungen und Unterredun⸗ gen jeder Art. Eine mumienartig gebeugte Figur kann ſich leicht neben einer andern knien, ohne Verdacht zu erregen, und dieſer alles Beliebige zufluͤſtern. Je laͤn⸗ ger ihre unmerkliche Unterredung dauerte, deſto mehr wuͤrde der ſtille Beobachter erbaut werden. Es gibt weder beſondere Andachts⸗Stunden, noch Prieſter. Zwar rufen Thuͤrmer zu gewiſſen Stunden jedem Mu⸗ ſelmanne zu, jetzt ſey die Zeit zum Beten. Allein die Tuͤrken folgen ihrer Bequemlichkeit, oder ihrem inne⸗ ren Drange zur Andacht, und verrichten ihre Gebete, wann und wo ſie wollen. Man ſieht mehrere Tuͤrken an oͤffentlichen und geraͤuſchvollen Plaͤtzen kniend be⸗ ten, ohne daß ſie von Jemand geſtoͤrt, oder durch die mannigfaltige Umgebung zerſtreut wuͤrden. Nur muͤſ⸗ ſen Fremde ſich durch ihren Geſandten eine beſondere Erlaubniß fuͤr den Beſuch der Moſcheen erbitten. Mancher Reiſende wird auf die Anſicht von 60— 70 Kirchen beguͤnſtigt.. Die Begraͤbniß⸗Plaͤtze ſind ſehr zahlreich, und ſchließen gleichſam die Staͤdte Pera und Konſtan⸗ tinopel durch ihre ſchattigen und romantiſchen Huͤ⸗ gel ein. Denn die Baͤume und Grabmaͤler ſteben ſehr bunt unter einander, und bieren dem Luſtwanderer eine große Mannigfaltigkeit dar. Auf jedem Grab⸗ male der Art ſteht ein Turban als Krone, aus wel⸗ 87 cher Geſtalt man das Glaubens⸗Bekenntniß des Ver⸗ ſtorbenen ſchon vor dem Leſen der Inſchrift erkennt. Die Schoͤnheit der daſelbſt gepflanzten Baͤume, welche nie umgehauen werden duͤrfen, kann man ſich im Auslande nicht vorſtellen. Sie verbreiten ſich und wachſen bis zum Uebermaße in angenehmer Unord⸗ nung. Sie ſind weder durch Mauern, noch Gelaͤnder irgend einer Art eingeengt. Mancher Todten⸗Acker iſt 1—2 Meilen lang, und wuͤrde dem Reiſenden das naͤmliche Vergnuͤgen, als dem Tuͤrken gewaͤhren, wenn ſich nicht widrige Erinnerungen einmiſchten. Allein bei der Erwaͤgung, daß unter dem Boden, welchen man betritt, Peſt⸗Stoff ſich befindet, daß jedes neue Grab einen Koͤrper enthalten kann, deſſen Verweſung die Peſt beſchleunigt, daß alle Koͤrper ſehr eilig be⸗ graben, und nur leicht mit Erde bedeckt werden, entfernt man ſich gerne bald von jedem Todten⸗Acker, waͤre er auch mit den kunſtreichſten Grabmaͤlern be⸗ ſetzt. Die Tuͤrken erheben ſich durch ihren blinden Glauben an das unvermeidliche Schickſal uͤber die vor der Peſt beaͤngſtigten Chriſten, und wandern ſorgen⸗ los unter dem Schatten iener Baͤume, deren dicht beaͤſtete Haͤupter die ſterbliche Huͤlle ihrer Aeltern und Freunde decken. 1 Faſt ganz Konſtantinopel iſt mit einer ſehr hohen Mauer umgeben, uͤber welche ſich viele Erker und viereckigte Thuͤrme erheben; dieß iſt noch ein Werk der griechiſchen Kaiſer. Die meiſten Thuͤrme, welche zu Thoren dienen, drohen dem Verfalle durch der Tuͤrken Vernachlaͤſſigung. Viele glauben au eine alte Prophezeiung, nach welcher die Kaiſerin von Rußland, als Kaiſerin von Griechenland, durch ein folches Thor ihren ſiegreichen Einzug halten wuͤrde. Viele ſind fuͤr dieſen Fall zur Auswanderung nach Aſien entſchloſſen, weil manche ſchon das Ungluͤcks⸗ Thor bezeichnen. 41 nh en In beſonderen Faͤllen begibt ſich der Sultan mit einem ſehr feierlichen Zuge zur Andacht. Die Entfer⸗ nung vom Thore des Serails bis zur Moſchee iſt nicht groß. Vor ihm gehen in zwei Reihen 150 Ja⸗ nitſcharen mit mehreren Gardiſten und Offizieren. Er reitet einen Schimmel, welchen zwei Maͤnner au dem Zaume fuͤhren. Ueber ihn haͤlt Jemand ein gruͤ⸗ nes Sommer⸗Dach, welches reich mit Diamanten be⸗ ſetzt iſt. So lange die Pforte ſich unter dem Vor⸗ wande des Geldmangels weigert, auf den wichtigſten Plaͤtzen Batterien zu errichten, und Kanonen fuͤr die Vertheidigung des bedrohten Reiches aufzupflanzen, werden die Juwelirer unermuͤdet ſeyn, dem baar zah⸗ lenden Harem genug Diamanten zu liefern. Je groͤ⸗ ßer und ſchoͤner dieſe ſind, deſto willkommener; die meiſten ſind roſenfarbig. e atidste Cllt Der Graf von Choiſeul machte der Lady Cra⸗ ven und den Gemahlinnen der Geſandten den Vor⸗ ſchlag, ſich auf das Landhaus des Kapudan⸗Paſcha zur Einſicht des Harems zu begeben, welches eine 89 Stunde von Konſtantinopel auf dem Wege von Rumelien lag, neu angebaut, und mit unregelmaͤ⸗ ßigen Anlagen umgeben war. Die Geſellſchaft fuhr in Wagen dahin; die Geſandten und ihr maͤnnliches Gefolge hatten die Erlaubniß, im Garten zu ſpatzie⸗ ren; aber die Frauenzimmer mußten ſich in ein Ne⸗ ben⸗Gebaͤude begeben, wo der Boden mit vielem Waſ⸗ ſer bedeckt war, und welches einer ſehr reinlichen Ci⸗ ſterne aͤhnlich war. Man gab ihnen den Wink, ſie moͤchten ſich auf die runde Erhoͤhung begeben. So⸗ bald ſie daſelbſt ſich befanden, wurden die Thuͤren mehrerer Zimmer geoͤffnet. In einigen war nichts zu ſehen; in anderen ſaßen 2—3 Weiber neben einanderz in einem andern war eine junge, ſehr ſchoͤne Weibs⸗ perſon, deren Turban reich mit Diamanten beſetzt war, faſt auf den Kuien einer wilden Negerin geſeſſen. Sie war die Schwaͤgerin des Kapudan⸗Paſcha. Hier⸗ auf wurden die Damen in ein groͤßeres Zimmer ge⸗ fuͤhrt, und von deſſen Gemahlin, welche von mittle⸗ rem Alter und praͤchtig gekleidet war, mit vieler Ar⸗ tigkeit empfangen. Bei dieſer waren mehrere Frauen⸗ zimmer und ein angenommenes Maͤdchen in gleich prachtvollem Anzuge. Sie entſchuldigte, daß ſie die Damen nicht am Thore empfangen habe, indem ſie im Augenblicke ihrer Ankunft mit ihrem Gemahle das Mittagsmal getheilt habe. Man trug Kaffee, Sor⸗ bet und Konfeet auf; allein die Damen nahmen die 90 Einladung nicht an, und eilten zu dem Geſandten im Garten zuruͤck. 1 Von der Reinlichkeit und netten Einrichtung ei⸗ nes inneren Harems kann man ſich keinen Begriff ma⸗ chen. Die Gaͤnge und Fußboͤden ſind mit ſehr ſtar⸗ ken Decken von einem aͤußerſt engen Gewebe bedeckt; die Bimſen oder Schilfe, aus welchen ſie gefertigt ſind, haben die bleiche Stroh⸗Farbe. In den Zimmern wa⸗ ren keine anderen Meubles als Kiſſen rings herum. Da die tuͤrkiſchen Maͤnner und Weiber die Pantoffeln, welche ſie außer dem Hauſe tragen, vor der Thuͤre des Zimmers ſtehen laſſen, ſo ſieht man nicht den geringſten Flecken von Unrath oder Sand. Die weib⸗ liche Kleidung beſteht in einem Unterroͤckchen und Kaſ⸗ ſet, uͤber welche ein langes Kleid mit kurzen Aermeln gezogen wird. Die Frau vom Hauſe hat ein ſeidenes Kleid, welches mit einer an Gold und Diamanten reichen und ſchoͤn bunten Bordure beſetzt iſt. Unter der Robe ſieht man eine Binde, welche vorne mit zwei Reihen von Diamanten beſetzt iſt, und an wel⸗ cher ein geſticktes Naſentuch haͤngt. Der Turban iſt mit ſo vielen Perlen und Diamanten behaͤngt, daß der Kopf dieſer Dame von deren Gewichte faſt ge⸗ beugt zu ſeyn ſcheint; allein der ganze prachtvolle An⸗ zug wird durch ein Stuͤck Hermelin verunſtaltet. Die⸗ ſer mag anfangs nur zum Kragen gedient haben; da eine Frau die andere durch einen groͤßern Hermelin uͤbertreffen wollte, ſo gleicht er jetzt einem großen Flie⸗ 91 genpflaſter, welcher ihre Leiber bis an die Huͤfte be⸗ deckt. Keine dieſer unwiſſenden Naturaliſtinnen ah⸗ net auch nur ferne dieſe Unſchicklichkeit. Ihre Haare ſind in mehrere kleine Zoͤpfe geflochten, welche ent⸗ weder uͤber die Schulter herab haͤngen, oder gegen den Turban aufgeknuͤpft ſind. Manche tuͤrkiſche Dame koͤnnte fuͤr eine außerordentliche Schoͤnheit gelten; allein da ſie weiße und rothe Schminke ganz dick auflegen, ihre Augenbraunen unter einer oder zwei ſchwarzen Streifen verbergen, ihre Zaͤhne durch den Tabaks⸗Rauch ſich ſchwaͤrzen, und ihre Schultern ganz abrunden, ſo erſcheinen ſie eher widrig. Die letztere Erſcheinung kommt von ihrer Gewohnheit, daß ſie von Jugend auf wie Schneider ſitzen. Die ſchwarze Farbe, mit welcher ſie ſich Linien uͤber ihre Augenbraunen ziehen, nimmt ihrem Auge den Ausdruck der Sanft⸗ heit. Sie ſtellen ſo einfaͤltige Fragen, als ihr Putz gekuͤnſtelt iſt, z. B. ſind ſie verheirathet? Haben ſie Kinder? Sind ſie nicht krank? Gefaͤllt ihnen Kon⸗ ſtantinopel?— Daruͤber darf man ſich nicht wun⸗ dern: denn die meiſte Zeit jedes Tages bringen ſie im Bade oder an der Toilette zu; das erſte vernichtet bald ihre Reitze, das letztere vereitelt deren Eindruck. Durch die warmen Baͤder werden ſelbſt die feſten Koͤr⸗ per ſchlapp, und Frauenzimmer von 19— 20 Jahren ſehen einem 40 jaͤhrigen gleich. Vergebens bemuͤhen ſie ſich, durch Kunſt ihrer Schönheit wieder zu geben, was das warme Bad verdirbt. Bis eine Dame den Grund ihres zu baldigen Verbluͤhens entdeckt, und ihren Zeitgenoſſen Vorſicht lehrt, werden ſie noch immer eben ſo ſchnell ihre Schoͤnheit verlieren, wie die Roſen, welche ſie vergoͤttern. Alle Maͤnner des ganzen Geſandtſchafts⸗Perſona⸗ les waren ſehr begierig auf die Erzaͤhlung deſſen, was ihre Damen im Harem geſehen hatten. Bei dem Austritte aus dem Hofe eilte dieſen aber noch ein Diener des Harems mit dem Geſuche nach, ſie moͤch⸗ ten 2— 3 Male ihre Wagen um den Hof, zum Ver⸗ gnuͤgen der Damen des Harems, welche durch ihre Jalouſien ſehen wollten, fahren laſſen, was man ih⸗ nen natuͤrlich gewaͤhrte. 63 In den Gaſſen von Pera oder Konſtantino⸗ pel koͤnnen die Wagen nicht ſo ſchnell fahren, wie zu Paris. Denn ſo viele herrenloſe Hunde halten ſich in der Mitte jeder Straße auf, daß die reitenden Tuͤrken wie die Kutſcher der Fremden oͤfters abſteigen muͤſſen, ſie zu verjagen, um durchzukommen. Alle dieſe Hunde ſind haͤßlich, von gleicher Race, eine Art ſchlechter Doggen; man kann nicht begreifen, wie dieſe elenden Thiere ſo maͤchtigen Schutz finden. Sie ernaͤhren ſich jedoch nur von dem Kothe und Miſte, welcher auf die Gaſſen geſchuͤttet wird, und kaͤmpfen mit einander bis auf den Tod, wenn ſie einen Kno⸗ chen darin finden; weßwegen auch taͤglich einige ver⸗ hungern. Niemand hat einen Hund fuͤr ſich; ale ſchlafen in den Gaſſen, wo ſie auch ihre Jungen 2 7 93 ſchuͤtten. Gleichen Schutz der Duͤrken genießen auch die Tauben, welche uͤberall mit den Doggen auf der Straße uͤber die Nahrung ſich ſtreiten. Der Kapudan⸗Paſcha ſucht ſich dem Großherrn durch die ſchrecklichſten Mittel unentbehrlich zu ma⸗ chen. Iſt er beordert, ſich mit der Flotte zu entfer⸗ nen, ſo laͤßt er durch ſeine Leute Tags vorher noch einen Theil der Stadt in Brand ſtecken, damit der⸗ ſelbe ſich nicht geſichert glaubt, und ihn zuruͤck haͤlt. Da die Haͤuſer aus duͤrrem Holze leicht gebaut ſind, ſo brennen ſie ſchnell wie Schwamm und Schwefel⸗ holz weg. Solche Ereigniſſe ſind fuͤr den unbefange⸗ nen Fremden ſehr ſchrecklich: wenn der Brand ſelbſt am Ufer des Meeres ausbricht, und die Janitſcharen noch ſo thaͤtig ſind, ſo werden doch 50— 10 Haͤuſer in kurzer Zeit ein Raub der Flammen. Will der Sultan dem gemeinen Volke beweiſen, daß er nichts fuͤrchtet, ſo faͤhrt er unerkannt auf einem Nachen in Begleitung von 2— 3 Perſonen, welche mit ihm aus der hintern Garten⸗Thuͤre kommen. Ein ſolcher Brand iſt wohl geeignet, ihm die groͤßten Beſorgniſſe beizu⸗ bringen, wenn er auch vorher ganz ſorgenlos war. Man weiß zu Konſtantinopel immer voraus, wann er ohne Leibwache und Gefolge ausgehen wird. Die Duͤrken hegen den Wahn, daß die Blicke der Chriſten auf ihre Wohnungen und Kinder nachtheilig ſeyen. Dehtwegen haͤngen ſie an ihre Gewoͤlbe oder andere Theile der Haͤuſer Kugeln oder andere Gegen⸗ 94 ſtaͤnde, um die Aufmerkſamkeit der Voruͤbergehenden auf dieſe zu leiten. Ihre Kinder, beſonders jene des Großherrn, verbergen ſie immer, ſo oft ſie glauben, daß maͤnnliche oder weibliche Chriſten ſie beobach⸗ ten koͤnnten. So glauben ſie auch, alle Franken ſeyen der Arznei⸗ Wiſſenſſchaft kundig; deßwegen erſuchen ſie dieſe um Mittel gegen ihre Krankheiten, wie ſie ſich auch in anderen Angelegenheiten an dieſelben wenden. Unter vielen Thorheiten der Tuͤrken iſt eine ganz unerklaͤrbar. Die Sultane bauten naͤmlich ehemals am Ufer des Meeres mehrere Palaͤſte, welche jetzt ganz verlaſfen ſind. Einer liegt am Geſtade gegen Aſien, und iſt faſt dem Verfalle nahe; man findet noch Spiegel und koſtbare Meubles darin, welche nicht weggebracht werden, ſondern mit dem Baue zu Grunde gehen muͤſſen. Da Niemand ein Recht dar⸗ auf hat, ſo verliert die Pforte und das Publikum auf gleiche Weiſe. Der fuͤr einen Park geeignete Garten iſt ganz unbebaut. Da Niemand hinein kommt, ſo iſt dieſer ſchoͤnſte Platz der Kuͤſte, im Angeſichte des Serails, fuͤr Jedermann verloren. Leider! iſt ſo das Schickſal aller fuͤrſtlichen Reſidenzen, welche auch im beſten Geſchmacke, bloß aus Eigenſinn des Nachfol⸗ gers, unbenutzt mit der ganzen Einrichtung ſtehen bleiben. 3— So viele Thorheiten auch die Tuͤrken unter ſich Statt finden laſſen, o beobachten doch alle Hoͤhere 95 eine Großmuth und etwas Edles in ihrem Benehmen. Kein tuͤrkiſcher Miniſter kommt mit einem Geſandten oder einer andern anſehnlichen Perſon zuſammen, ohne Geſchenke zu machen, welche von dieſen nach Stand und Vermoͤgen erwiedert werden. Gegen das weib⸗ liche Geſchlecht benehmen ſie ſich beſonders muſterhaft: wird einem der Kopf abgeſchlagen, ſo wird zwar auch Alles in Beſchlag genommen, was in ſeinem Hauſe gefunden wird; allein nur zum Vortheile der Wittwe, welcher man alle Juwelen uͤberlaͤßt. Wird einer auch nur wegen ſeines Reichthums umgebracht, ſo bleibt doch ſein Harem ein unverletzliches Heiligthum. Der uͤbeln Nachrede iſt kein Frauenzimmer ausgeſetzt; ſeine Schoͤnheit, Talente, Gluͤck oder Ungluͤck iſt Nieman⸗ den bekannt, und kann von keinem beobachtet werden. Allein wenn eine Duͤrkin nicht hoͤchſt unvernuͤnftig iſt, kann ſie ſich auch nicht beklagen: denn ſogar der arme Tagloͤhner verwendet den groͤßten Theil ſeiner Ein⸗ nahme nur fuͤr ſie, waͤhrend ſie zu Haus in ſtolzem Muͤſ⸗ ſiggange ſchwelgt. In großen Haͤuſern gehoͤrt der Zug der Beiſchlaͤferinnen nur zum Pompe der erſten Gemahlin, welche mit ihnen willkuͤhrlich verfahren kann. Wenn auch der Tuͤrke bald nach der Heirath in ſeine Frau nicht mehr verliebt iſt; ſo theilt er doch ſtets ſein ganzes Vermoͤgen mit ihr. Das weibliche Geſchlecht iſt kaum irgend wo gluͤcklicher, als in der Tuͤrkei; es genießt nach der Sitte des Landes große Freiheiten, und nur von ihm haͤngt ab, boͤchſt glucklich zu ſeyn⸗ 96 Die zu Konſtantinopel verheiratheten Grie⸗ chinnen geſtatten Jedermann Zutritt, wenn man blos ihre Hochzeit⸗Kleider ſehen will. So ſchoͤn ſie in. der⸗ Regel ſind, ſo prachtvoll iſt auch ihr Anzug, der ſich durch ihre Geſichts⸗Zuͤge noch ſehr erhebt. Denn .- Viele haben noch die alte griechiſche Geſtalt, einen kleinen Kopf, gerade Naſe, große blaue Augen, braune oder vielmehr ſchwarze Augenlieder und Kopf⸗Haare, gerade Augenbraunen, einen langen und runden Hals, im Ganzen einen mehr magern als dicken Koͤrper, ei⸗ nen kleinen huͤbſchen Mund, recht ſchoͤne Zaͤhne mit einer ſanften und melancholiſchen Miene. Dagegen haben Andere ſchwarze und lebhafte Augen, eine mun⸗ tere und lachende Miene, und einen dicken Leib; ihr Blut ſcheint in ſteter Wallung zu ſeyn; aus ihrem auch etwas groͤßern Munde glaͤnzt ein herrliches Ge⸗ biß. Beide Klaſſen haben nur wenig Rothes im Ge⸗ ſichte; weßwegen Manche ihre bleiche Farbe durch Schminke zu erheben ſuchen. Solche Frauenzimmer ſind freilich ausgezeichnete Modelle einer Melpo⸗ mene oder Thalia, an welchen Joſua Rey⸗ nolds ſeine Meiſterſchaft haͤtte erproben koͤnnen. Sehr ſelten ſieht man blonde oder ganz braune Haare; daher man Sklaven dieſer Farbe weit theuerer bezah⸗ len wuͤrde. Ungeachtet der hohen Reitze der Natur, welche ſich zu Konſtantinopel darbieten, haben die Ge⸗ ſandten nicht das erfreulichſte Leben. Denn ſie ſind auf ihre Geſchaͤfte und Umgebung beſchraͤnkt, und muͤſſen auf das geſellſchaftliche Leben gleichſam Ver⸗ licht thun. Der Verkehr, weichen ſie mit einan⸗ der haben, iſt nach ihrem Berufe nicht zur guten Go⸗ ſellſchaft zu rechnen. Die mannigfaltigen Intereſſen ihrer Hoͤfe verbieten ihnen„ ſich uͤber politiſche An⸗ gelegenheiten zu unterhalten, und aus dieſer Verle⸗ genheit entſteht auch eine Zuruͤckhaltung im Pri⸗ datleben. 5 Hier ſind faſt ſo viele Griechen, als Tuͤrken; doch zeichnen ſich dieſe durch groͤßere Vaterlandsliebe aus. Aus jenen werden die Fuͤrſten der Moldau und Wal⸗ lachei gewaͤhlt, welche nach dreijaͤhriger Verwaltung ihres Amtes ſich mit großem Vermoͤgen zurück ziehen, und es auf Haͤnſer und Gaͤrten in der Umgebung von Konſtantinopel verwwenden. Nur wenige derſel⸗ den bleiben laͤnger mit der Gewißheit in ihrem Amte, daß ſie ruhig im Bette einſt ſterben koͤnnten, und nicht enthauptet wuͤrden. Ungeachtet dieſer traurigen Erfahrung fuͤhren ſie doch ihr beſorgnißvolles Leben dier fort. Sie ſuchen zwar ihre Reichthuͤmer moͤg⸗ lichſt zu verheimlichen; allein die Regierung hat gute Spione, und unvermuthet werden ſie in ihren eige⸗ nen Wohnungen verhaftet. Faſt ſcheint, daß der Anblick des Bosphorus ihren Augen ſo große Reitze darbiete, daß ſie eher auf jedes andere Vergnuͤgen verzichten. Dieſe Verblendung iſt um ſo auffallender, oſten B. Turkei. III. 1. 7 98 56 ſie in Rußland bei gleichartiger Religion auch Schutz ihres Vermoͤgens finden wuͤrden. 3 Bei dem Abzuge eines neuen Fuͤrſten der Walla⸗ chei aus Konſtantinopel auf ſein Amt bildet ſich eine lange Reihe von Hoͤflingen und Leibwache, wozu die Pforte noch Janitſcharen und Koͤche in gleichen Paa⸗ ren zu Pferde treten laͤßt, deren eine Theil den Zug eroͤffnet, der andere ihn mit einer außerordentlichen Menge von Pferden ſchließt, welche mit reichen Scha⸗ braken bedeckt ſind. Vor dem in der Mitte reitenden neuen Fuͤrſten werden zwei weiße Roß⸗Schweife ge⸗ tragen, welche an einen Stock gebunden ſind, und eine Art Kappe, welche einer Sturmhaube gleicht, und ſeine neue Wuͤrde ſinnbildlich vorſtellt. Ein ſol⸗ cher Zug iſt ſo vornehm, als man ſich nur einen denken kann. Er wird um ſo prachtvoller, wenn der Fuͤrſt durch Veraͤnderung ſeines Namens ſich der Re⸗ gierung noch beſonders empfohlen hat. Von Muſik haben die Tuͤrken und Griechen gar keine wahre Ahnung mehr; auch nicht die leiſeſte Empfindung ihrer Voraͤltern, welche durch die Leyer ſogar Felſen bezauberten. Jetzt ſieht man dieſes In⸗ ſtrument nur im roheſten Zuſtande, oder eine elende Violin, oder eine ſchlechte Guitarre an der Hand ganz gefuͤhlloſer Menſchen, welche durch ihr ſchreckli⸗ ches Geſchrei noch mehr Abſcheu vor ihrem muſikali⸗ ſchen Spiele in jedem gebildeten Zuhoͤrer erregen. Der Sultan Achmet wurde allgemein als furcht⸗ 99 ſam und unwiſſend, und ganz unfaͤhig geſchildert, die durch die Raͤnke ſeiner Miniſter erregten Unruhen zu daͤmpfen und die innere Ordnung ſeines Reiches zu leiten. Nach ſeiner außerordentlichen Unwiſſenheit konnte er ſich die Nothwendigkeit gar nicht vorſtellen, daß er zu wiſſen brauche, was außerhalb Konſtan⸗ tinopel vorgehe. Sein Zutrauen auf den Groß⸗ Admiral war ganz blind; daher deſſen perſoͤnlicher Muth der kraͤftigſte Schutz gegen die Beſorgniſſe des Sultans war. Das Korps der Janitſcharen und meh⸗ rere Paſchas empoͤrten ſich oͤfters gleichzeitig. Waͤh⸗ rend das ruſſiſche Kabinet immer groͤßere Forderungen machte, erhob ſich unter den Tuͤrken eine zunehmende Unzufriedenheit uͤber die Geduld und Nachſicht der Pforte. Unter folchen Umſtaͤnden darf man ſich nicht wundern, daß ein Souverain, welcher ſein Serail nie verließ, ſich weniger eutſchließen kann, als die mei⸗ ſten ſeiner Weiber, und daß er auf ſeinem Throne ſtets zittert. Gluͤcklicher Weiſe war ſein Neffe und Nachfolger Selim von einem feſteren Charakter, und ließ mehr Verſtand blicken, obſchon er auch durch die Erziehung verweichlicht wurde.. Ein Fremder, welcher hier leben muß, findet ſo wenig Verbindung mit der ihn umgebenden tuͤrkiſchen Nation, daß er ſie fuͤr eine ununderbrochene Reihe von Statuen betrachten wuͤrde, wenn dieſe nicht auch ſich zu Fuß bewegten, oder zu Pferde ſaßen, oder in Schiffen fuͤhren. 100 VIII. Am 20. Mai 1786 fuhr Lady Craven auf der Fregatte Tarleton mit dem Grafen Choi⸗ feul und einem großen Theile ſeines Gefolges bei ſchönſter Witterung von Pera neben den Prinzen⸗ Juſeln gegen das Vorgebirge Burburon und den Hafen Mudagna. So maͤhig anfangs der Wind war, ſo erhob ſich doch bald ein ſo maͤchtiger Sturm, daß die Fregatte nur mit vieler Muͤhe dem ſchreckli⸗ chen Felſen der Inſel Marmora entgehen konnten. welche in die Mitte des Meeres geſetzt zu ſeyn ſcheint, um die Truͤmmer der verungluͤckten Schiffe auftn⸗ nehmen. In theilnehmender Erinnerung an das Schickſal Leanders und anderer trojaniſcher Hel⸗ den eilte die Fregatte von Mitylene und Jd⸗ ſera, Myveonien und Dragoniſſa voruͤber, und landete auf der Inſel Naros, wo nur noch ei⸗ nige Tkuͤmmer des einſt beruͤhmten Bacchus⸗Tempeis tu finden waren. Die Quelle, an welcher Baechns die ungluͤckliche Ariadne in Thraͤnen uͤber die Flucht ihres Geliebten getroffen haben loll, ſprudelt aus wei⸗ bem Marmor. Die Fregatte lief an die Inſel Antiparos zur Rechten der Inſel Paros, deren Marmor⸗Blocke faſt am doͤchſen geſchaͤtzt werden. Die Kuͤnſtler und ge⸗ lehrten Begleiter Choiſeuls ſtiegen in die Grotte⸗ und Craven war das erſte Frauenzimmer, welches ein Gleiches wagte. Durch dieſe Geſellſchaft von Aſtronomen und Geometern wurde die Behauptung 101 Tourneforts, die Hoͤhle ſey 200 Klafter tief, auf 300 Fuß berichtigt. Der Maler, welcher die Grotte abzeichnete, nahm auch Lady Craven, wie ſie am Fuße des ſogenannten Hochaltars faß, zugleich auf, und hatte dieſe Zeichnung fuͤr den zweiten Band von Choiſeuls Reiſen beſtimmt. Die vielen Schoͤnhei⸗ ken, welche die Grotte darbietet, ſind weder zu ma⸗ len, noch zu beſchreiben. Die nach und nach herab triefenden Tropfen bilden den ſchoͤnſten Alabaſter bald in Form der Altaͤre, bald manushoher Pfeiler auf dem Boden, deren Farbe ganz verſchieden iſt von jener der an der Decke haͤngenden, welche graulich braun und viel haͤrter zu ſeyn ſcheinen, als der feſteſte Stein. Wie ſo verſchiedenartige Kriſtalliſationen ſich bilden köoͤnnen, iſt am Orte ſelbſt der Aufmerkſamkeit der Naturforſcher hoͤchſt wuͤrdig. Denn die Bruchſtuͤcke, welche ſich in manchen Kabinetten befinden, geben uur ein ſchwaches Bild von den majeſtaͤtiſchen Geſtal⸗ tungen, welche die Hoͤhle in den verſchiedenen zim⸗ merartigen Abtheilungen in ſich verſchließt. Nach dem hoͤchſt beſchwerlichen Hervorklettern aus der Grotte wurde Lady Craven von mehreren griechiſchen Baͤuerinnen umgeben, welche die Kleider derſelben mit Andacht beruͤhrten, indem ſie ein hoͤhe⸗ res Weſen, welches Wunder wirken, und Krankhei⸗ ten heilen koͤnnte, an ihr zu finden glaubten: denn noch nie hatte eine Weibsperſon gewagt, in die Hoͤhle bingb in ſteigen. Sie konnte ſich daher nicht anders 10² von ihnen loswinden, als durch Vertheilung einiges Diebs⸗Eſſigs aus ihrem Flaͤſchchen. Erſt am Bord des Schiffes Tarleton wurden die hoͤchſt zerbrechli⸗ chen⸗Muſter⸗Stufen, welche Jedermann mitgebracht hatte, betrachtet und nach Moͤglichkeit verwahrt. Die Gefellſchaft ſchiffte dann eilig bei den Inſeln Si⸗ phanto, Milos, Argentaria, St. George d'Arbora nach Athen. Naͤchſt dieſer Stadt zeigt ſich links ein Hain von Oelbaͤumen, und etwas tiefer der praͤchtige Tempel des Theſeus, deſſen Styl eben ſo einfach als edel iſt, obſchon die Verhaͤltniſſe bezaubern. Kaum haͤtte ein ſchoͤneres Denkmal des hohen Kunſtſinnes der Alten bis auf unſere Zeiten ſich erhalten koͤnnen. So wenig man in deſſen Beſchauung ermuͤdet, eben ſo unerſchoͤpflich koͤnnte man in der Schilderung dieſes Modelles werden. Der herrliche Tempel der Minerva in der Ci⸗ tadelle von Athen wurde in ein Pulver⸗Magazin verwandelt, bei deſſen Entzuͤndung die ſchoͤnſte Bild⸗ bauer⸗Arbeit vernichtet wurde. Man haͤtte ſich noch gluͤcklich geſchaͤtzt, einige Truͤmmer davon noch zu neh⸗ men; allein der Gouverneur eroͤffnete, daß dieſes Zu⸗ geſtaͤndniß ſeinen geheimen Feinden im Serail zum Vorwande dienen wuͤrde, ihn zu enthaupten. So we⸗ nig die Tuͤrken ihre Kunſtwerke zu ſchaͤtzen wiſſen, ſo laſſen ſie dieſelben doch nicht abfuͤhrenz eher vernichten ſie ſelbſt, was ihnen vorkommt. So z. B. haben ſie eine der majeſtaͤtiſchen Saͤulen des Theſeus⸗Tempels 103 zerbrochen, und aus deren Truͤmmern Kalk gebrennt, um einen Brunnen in der Naͤhe zu bauen! Der ein⸗ zige Tempel der Winde hat ſeine innere Schoͤnhei erhalten; von Außen iſt er eben ſo verdorben, wie alle uͤbrigen. Die meiſten Kunſtdenkmaͤler Athens wurden in verſchiedenen Verheerungs⸗Epochen ver⸗ ſchuͤttet mit den Kuͤnſtlern, welche durch jene unſterb⸗ lich werden ſollten. Auf der Ruine manches ſchoͤnen Thores oder Triumph⸗Bogens haben große Stoͤrche ihre Neſter gebaut! Die wenigen Ueberbleibſel des einſt ſo beruͤhmten Pantheons geben noch einen Be⸗ griff von der ungeheuren Groͤße dieſes Gebaͤudes. Ein Einſiedler, welcher ſich auf der Erde nicht genug quaͤ⸗ len zu koͤnnen glaubte, ließ ſich auf der Spitze einer kanelirten korinthiſchen Saͤule deſſelben nieder, und entfernte ſich waͤhrend des 2o jaͤhrigen Reſtes ſeines Lebens nicht mehr von derſelben. Solche rieſenhafte Gebaͤude wuͤrden nicht zu begreifen ſeyn, wenn die ſelben nicht durch ſehr zahlreiche Sklaven, welche von ihren Herren doch ernaͤhrt werden mußten, waͤren be⸗ foͤrdert worden, und wenn der reinſte und weißeſte Marmor nicht aus Paros und den Umgebungen von Athen genommen worden waͤre, an welchem die Kuͤnſtler bloß die von den Sklaven uͤbrig gebliebenen Verzierungen vollendeten. Da das Klima und die Sonne fuͤr die Anlage von Parks und Gaͤrten nicht ſo guͤnſtig war, wie in unſeren Laͤndern, da die Ein⸗ wohner keine Lauben oder ſchattigen Gaͤnge aus Baͤu⸗ 104 men ziehen konnten, ſo ſpornte das Beduͤrfniß ihren Kunſtſinn fuͤr die Errichtung von marmornen Bogen⸗ Gaͤngen zum Sitzen und Spatzieren gegen die druͤckende Sonnen⸗Hitze; Werke, welche ſich durch Bauluxus eben ſo, als durch ihren Nutzen empfahlen. Ein mit Orangen beſetzter Garten von kaum 20 Schritten im Vierecke wuͤrde von den Athenern mehr bewundert worden ſeyn, als ein ſchoͤner Tempel, oder eine Reihe von Saͤulen, oder ſelbſt als ein Preis der olympiſchen Spiele. Selbſt die wenigen noch uͤbrigen Saͤulen be⸗ weiſen, daß ſie auch die gerinaſten Ereigniſſe durch marmorne Denkmaͤler zu verewigen ſuchten, daß der außerordentliche Vorrath dieſes Stoffes ihr Genie anfeuerte, in der Bau⸗ und Bildhauer⸗Kunſt jene hohe Stufe der Vollkommenheit zu erringen, nach welcher wir bisher vergebens ſtrebten. So z. B. ſind ſogar die Ruinen des Tempels der Minerva, wel⸗ chen Perieles errichtete, noch bewunderungswuͤrdig. In den Bas⸗Reliefs des Hauptthores der Citadelle haͤlt ein Frauenzimmer die Zuͤgel zweier feuriger Renn⸗ pferde ſo kraͤftig, daß man glauben koͤnnte, man ſehe dieſe auf dem Marmor ſich baumen, und man hoͤre ſie wiehern. Die Baͤder zu Athen ſcheinen vorzuͤglich wirk⸗ ſam gegen Rhevmatiſm zu ſeyn, indem die Leute et⸗ was geſotten werden; es iſt aber unbegreiflich, wie die Frauenzimmer dieſen hohen Grad von Hitze ertra⸗ gen koͤnnen. Im Vorzimmer eines kreisfoͤrmigen Bad⸗ 105 Saales, durch deſſen gewoͤlbtes Dom das Licht ein⸗ faͤllt, findet man mehr als so, welche theils mit dem Entkleiden, theils mit dem Anziehen beſchaͤftigt, auf den Baͤnken in Niſchen herum ſitzen, wie die Schneider. Einige haben ihre Haare ganz eingenaͤßt, andere kaͤmmen oder flechten ſie. Einige haben ihre Toilette halb, andere faſt ganz vollendet, indem ſie noch mit einer goldenen Stecknadel ſchwarze Farbe auf ihre Augenlieder befeſtigen. Man findet hier die Griechinnen und Duͤrkinnen in ihrem urſpruͤnglichen und unverſtellten Zuſtande; im Hintergrunde des Saa⸗ les glaubt man die Eva im irdiſchen Paradieſe zu ſe⸗ ben. Im Augenblicke, als ſie aus dem Bade ſteigen, ſcheint ihr Fleiſch wie geſotten. Die Frauenzimmer zaͤhlen dieſe Baͤder zu den hoͤchſten Vergnuͤgen; zum Bade und zur Toilette verwenden ſie gewoͤhnlich fuͤnf Stunden. So dick und fett ſie ſind, ſo haben ſie doch eine große Fertigkeit, ſich nett und buhleriſch zu kleiden. Sehr ſelten hat eines eine ſchoͤne Haut. Ihre Taͤnze ſind freilich nicht mehr ſo anziehend, wie die alten Griechen ſie beſchrieben. Selbſt der be⸗ liebte Tanz der Ariadne, welchen ſie durch Panto⸗ minen nachahmen, iſt nur eine gemeine Vorſtellung ihrer Verzweiflung, als ſie ſich vom treuloſen The⸗ ſeus verlaſſen ſah. Die beſte Taͤnzerin hat ein Na⸗ ſen⸗Tuch in der Hand, welches ſie ganz traͤge ſchwingt, waͤhrend ſie mit der andern Hand eine zweite Taͤn⸗ jerin ergreift, und dieſe eine dritte. So bildet ſich 106 eine Kette von 6— 412 und mehreren Frauenzimmern in kreisfoͤrmiger oder anderer Bewegung, zu welcher die Vortaͤnzerin die Anleitung gibt, welche bei ſtetem Blicke zur Erde bald wankende, bald gebogene Schritte macht. Die Muſiker ſpielen eben ſo kalt und einfoͤr⸗ mig unter ſtetem Blicke auf den Boden. Deſſen un⸗ geachtet kaͤmpfen alle griechiſche Inſeln mit einander um die Ehre, den großen Homer erzeugt, oder einige Zeit ernaͤhrt zu haben, oder wenigſtens einen Theil ſeiner koͤrperlichen Huͤlle zu verwahren. Die Stadt Smyrna iit eine der belebteſten. Die vielen Geſchaͤftsleute aller Art, die große Zahl ſchoͤn gebauter Haͤuſer, und eine faſt zahlloſe Menge von taͤglich ankommenden und abfahrenden Schiffen machen die traͤgen Tuͤrken faſt unbemerklich. Von Smyrna begab ſich Lady Craven nach Mudagna, Burſa und Pera, und in die Woh⸗ nung des franzoͤſiſchen Geſandten am Kanal, welche welche von den Wellen des Meeres ſtets beſpuͤlt, und von dem kuͤhlen Nord⸗Winde erfriſcht wird, welcher ſich taͤglich von 10— 44 Uhr des Morgens bis Abends fuͤhlen laͤßt. Von dieſem Hauſe ſieht man einige Schiffe mittelſt des Suͤd⸗Windes, andere mittelſt des noͤrdlichen hin und her rudern. Dieſe Erſcheinung iſt nur durch die faſt trichterartige Geſtalt der ſich naͤ⸗ hernden ufer zu erklaͤren, zwiſchen welchen eine große Luft⸗Maſſe aus dem ſchwarzen Meere eindringt, welche ihre Kraft bei dieſem Hauſe ſchon faſt verloren hat. 107 Eine angenehme Unterhaltung gewaͤhrt die Anſicht der tuͤrkiſchen Schiffs⸗Kaͤhne, welche ſchnell ſegeln, und der Stroͤmung vergebens zu entgehen ſuchen, wenn der Suͤd⸗Wind blaͤst. Ste muͤſſen dann die Segel einziehen, und durch das Nudern ſich helfen, oder ankern, bis ſie durch guͤnſtigeren Wind, oder neue Anſtrengung ihren Weg fortſetzen konnen. Im Belgrader Haine ſind die Eichen aͤußerſt ehr⸗ wuͤrdig: man iſt ſo vorurtheilsvoll, daß man nie eine faͤllt, daher der groͤßte Theil ausgeht. Die hollaͤndi⸗ ſchen und engliſchen Geſandten beſitzen dafelbſt Land⸗ haͤuſer. Gegen das Ende des Sommers ſind dieſe verlaſſen, weil ein See im Haine ſich befindet, deſſen ſchaͤdliche Ausdunſtung den meiſten benachbarten Be⸗ wohnern ſchreckliche Fieber zuzieht. Am Ende deſſel⸗ ben hat der Sultan ein artiges Garten⸗Haus. „Das Fruͤhlings⸗Feſt Ramazan wird von den Tuͤrken ſehr feierlich und ſtrenge begangen. Vom Aufgange bis zum Niedergange der Sonne nimmt auch bei der haͤrteſten Arbeit kein Tuͤrke eine Nah⸗ rung, nicht einmal einen Tropfen Waſſers zu ſich. Erſt Abends ſind alle Speiſe⸗Buden und Kaffee⸗Haͤu⸗ ſer offen, und durch Lampen erleuchtet. Gegen den Untergang der Sonne hat man eine ſehr ſchoͤne Aus⸗ ſicht, wenn man die Laͤnge des Kanales beſchiffet. Terrapia, Bujukdere und alle andere Ver⸗ ſammlungs⸗Orte gleichen eben ſo vielen engliſchen Vauxrhalls: naͤhert man ſich mit dem Kahne dem Ufer, ſo ſcheint es, als ſpeißten alle in Geſellſchaft. Die gebackenen Fiſche, die Haͤmmel und andere tuͤrkiſche Gerichte verhreiten einen ſehr ſtarken Geruch. Ob⸗ ſchon die Tuͤrken den beſten Kaffee zubereiten ſollten, ſo iſt er doch von keinem Europaer zu trinken. Denn ſie bereiten ihn ſehr ſchwach, laſſen den Satz darin, und miſchen keinen Zucker bei. Vom Mokka⸗Kaffee kommt nicht ſoviel nach Konſtantinopel, als der 1⁰8G Bedarf des Serails erfordert; aller uͤbrige wird durch die franzoͤſiſchen Seefahrer aus Amerika geliefert, da⸗ her er einen bedeutenden Handels⸗ Artikel ausmacht. Auf großen Straßen wird er alle 50 Schritte unter dem Schatten eines Baumes oder Zeltes verkauft, wo die reiſenden Tuͤrken oder Luſtwandler verweilen. Swar ſind die Becher ſo klein, als in Europa die Naͤpfe fuͤr Eier; allein da Jedermann, er mag reiſen, Beſuche machen, oder zu Hauſe bleiben, taͤglich 24 Becher ausleert, ſo kommt doch eine bedeutends Quantitaͤt zuſammen. Zuweilen kommen die beſten teutſchen Tonkuͤnſtler aus Wien nach Konſtantinopel zum Vergnuͤgen der Geſandten. Waͤhrend dieſelben Abends die ſchoͤnſten Symphonien aus Italien oder Teutſchland auffuͤhren, draͤngen ſich die Griechen zu Waſfer und zu Land in die Naͤhe, um dieſen Ohren⸗Schmaus zu theilen. Sie haben in ihren Nachen Hewahen 95 eine Leier, eine Biolin, und 1— 2 Guitarren, welche ſie unabhaͤngig von einander ſpielen, und wozu ſie ſo jaͤmmerlich ſin⸗ gen, daß man nichts Widrigeres hoͤren kann. Sie verweilen manchmal unter den Fenſtern, um die Toͤne der Klarinette abzulauſchen. Allein kaum haben ſie einige Augenblicke gehorcht, ſo ſchuͤtteln ſie die Koͤpfe, wiederholen ihr ſchreckliches Gehenl, und rudern mit Anſtrengung weiter, um ſich von den Toͤnen zu ent⸗ fernen, welche ſie viel ſchlechter finden, als die ihri⸗ gen. Wenn die Dienerſchaft der Geſandten ſie manch⸗ mal fragt, ob die Muſik ihrer Ferfen thnen gefalle, ſo erwiedern ſie einſtimmig, daß ſie ihrem Gehoͤre ſehr zuwider ſey. Dieſe Erſcheinung kann die Ideen man⸗ ches Den kers uͤber die Harmonie der Toͤne verwirren: denn dieſe ſollte fuͤr jedes gefuͤhlvolle Ohr gleich ſeyn, ſelbſt wenn man weder die Grundſaͤtze der Zuſammen⸗ ſetzung, noch eine Note der Muſik kennte. 109 Unſere Ehrfurchts⸗Bezeugungen ſind gewoͤhnlich Finkiſch und ohne Ausdruck, man ſollte daher die tuͤr⸗ kiſchen nachahmen. Der Duͤrke naͤmlich legt ſein⸗ rechte Hand auf die Bruſt, und neigt ſich etwas vor⸗ warts. Wird dieſe Art von Begruͤßung mit einem angenehmen Laͤcheln oder einer ehrfurchtsvollen Miens begleitet, ſo iſt ſie weit ausdrucksvoller, als unſere Spruͤche: Guten Tag, oder wie befinden ſie ſich? IX. Lady Craven ſegelte am 3. Juli 1786 un⸗ ter Begleitung von Janitſcharen und eines Dolmet⸗ ſchers aus dem Kangle nach der Kuüͤſte von Romelien ſegen den Nord⸗Wind. Durch die Traͤgheit und Be⸗ orgniſſe der griechiſchen Matroſen wurden die Unan⸗ nehmlichkeiten der Fahrt noch ſehr erhoͤht, beſonders bei dem neuen Fort Kara⸗Buron, obſchon keine ücherere und angenehmere Fahrt ſeyn moͤchte, als an dieſem Geſtade. Denn es hat herrliche Buchten und ſchöne Haͤfen, wo die Schiffe, im Falle einiger Ge⸗ hr aus dem ſchwarzen Meere, Schutz ſuchen, oder luker werhen koͤnnen. Nach gehoͤriger Anordnung koͤnnte man in 2 Tagen von Kon ſtantinopel nach Varna ſchiffen. Die Bewohner dieſer Gegend ſind Griechen und Armenier, welche ſich vom Wein⸗ und Getreid⸗Baus ernahren. Achtzehn Stunden weſtlich von Varna liegt die Feſtang Schumla, welche im Kriege von 4775 durch die Flucht von 30,000 Tuͤrken beruͤchtigt wurde, als Romgnzow mtt 12,000 Ruſſen uͤber die Donau ging, um ſie anzugreifen. „Bulgarien iſt wenig bebaut: ackert ein Tuͤrke, ſd iſt er mit Flinte, Saͤbel und Piſtolen verſehen; manchmal hat er gar 1—2 Janitſcharen als Wache 455 Seite. Solche Erſcheinungen, und der Zug eines eiſewagens durch einen unwegſamen Wald koͤnnen jeden Reiſenden um ſo mehr in Furcht ſetzen, als die 110 Kutſcher alle 10 Minuten gegen die druͤckendſte Hitze der Sonne unter Baͤumen ausruhen. Siliſtria war lange der Aufenthalt des Fuͤrſten der Wallachei; ſie liegt in einem Thale, und man kann ſie und die nahen Donau⸗Inſeln auf der Ein⸗ fahrt vom Berge herab recht wohl uͤberſehen. Von hier reiſte Craven uͤber Karalaſh nach Bucka⸗ reſt. Von jenem Orte an zieht ſich die Straße ge⸗ raume Zeit laͤngs der Donau fort, wo alle Vieh⸗Gat⸗ tungen in den Gefilden des vielfaͤrbigen Blumen⸗Klees weiden. So wenig man eine gebahnte Straße findet, eben ſo wenig wird von einem Wagen irgend eine Abgabe verlangt; deſto angenehmer war der Weg ohne Stein und Geleiſe. Je naͤher man gegen Bucka⸗ reſt kommt, deſto ſchoͤner eroͤffnet ſich der Blick uͤber Wieſen, kleine Waͤlder mit Bauhotz;, und uͤber Fel⸗ der mit tuͤrkiſchem Getreide von mehr als s Fuß hoch. Craven wurde durch die Janitſcharen in ein griechiſches Kloſter geleitet, in deſſen Vorhofe ſie ſchnell von Menſchen faſt aus allen Sprachen umringt wurde. Ein Franzos belehrte ſie, daß ſie hier Qua⸗ rantgine halten, oder wenigſtens 5 Tage verweilen muͤſſe. Unterdeſſen war der Obere des Kloſters an den Wagen gekommen: ſobald er an ihrem Blicke er⸗ kannte, daß ſie nicht an der Peſt leide, ſo lud er ſie in ſein Zimmer ein, bis ſie ein Nachtquartter gefun⸗ den haͤtte. Er verweilte an ihrer Seite waͤhrend ih⸗ res Mittageſſens, bis der kaiſerliche Agent kam, und den Mißgriff entſchuldigte, daß ſie in das Peſthaus oder Lazaret gebracht worden ſey. Sie war kaum eine viertel Stunde in der Stadt angekommen, als vor ihrem Hauſe, der Wohnung des franzoͤſiſchen Konſuls, ein ganz ver⸗ goldeter Wagen, wie aus der Zeit des Koͤnigs Da⸗ gobert mit Kaſtanien braunen, hoͤchſt muntern Pfer⸗ den beſpannt, aufgeſtellt war. Ein Kammerherr in einem mit Gold durchwirkten Kleide, mit einem wei⸗ 111 ßen langen Stabe in der Hand, und der Privat⸗Se⸗ kretaͤr des Fuͤrſten machten ihre Aufwartung. Bald ſchien die ganze Stadt ſich um den Wagen zu verfam⸗ meln, welcher ſie langſamen Schrittes in den erſten Hof des fuͤrſtlichen Palaſtes brachte, wo zwei Spaliere durch die Leibwache der Janitſcharen und Albaneſer gebildet waren, wie im zweiten Hofe. Sie wurde mit ihrem Gefolge in den großen Audienz⸗Sagal ge⸗ fuͤhrt, in deſſen Hintergrunde der Fuͤrſt in tuͤrkiſchem Anzuge, und umgeben von allem ſeinem Hofperſonale ſaß. Ueber ſeinem Haupte prangten die zwei Roß⸗ Schweife, der große Helm und Federbuſch, der praͤch⸗ tige Saͤbel und die uͤbrigen Waffen, welche bei feiner Ernennung in den Straßen von Ko nſtantinopel vor ihm getragen worden waren. Nach einigen Fra⸗ gen durch den Dolmerſcher wurde Kaffee und Kon⸗ feet gebracht, worauf die ſchrecklichſte Muſik ertoͤnte, wie ſie nur aus Trompeten aller Art, aus kupfernen Stuͤrzen und von Trommeln jeder Groͤße kommen konnte. Jeder Muſiker ſuchte ſeinen Nachbar durch einen groͤ⸗ eren Laͤrm zu uͤbertreffen. Wenn ein empfindſamer Menſch bei dem gezwungenen Anhoͤren einer ſolchen Muſik von einem Nerven⸗Schlage getroffen wuͤrde, waͤre es gar nicht zu verwundern! Nach einiger Un⸗ terredung mit der Fuͤrſtin bat Craven um die Er⸗ laubniß, in ihre Wohnung zuruͤck zu kehren, welches mit dem naͤmlichen feierlichen Zuge, wie bei ihrer Anfahrt geſchah. Zum Abendeſſen wurde ſie wieder durch das Gefolge des Fuͤrſten abgeholt, welcher ihr gleichzeitig ein praͤchtiges arabiſches Pferd ſchenkte. Die Tafel war ziemlich im europaͤtſchen Geſchmack angeorduet. Ein Tiſch mit Fuͤßen und Seſſel waren Sars unverhofft erſchtenen, mehrere ſilberne Gefaͤße chienen aus England zu kommen, vier alabaſterne Leuchter waren mit den ſchoͤnſten Blumen aus Nubi⸗ nen und Smaragden beſetzt. Die tuͤrkiſche Muſik war 112 durch Geſaͤnge der Zigeuner unterbrochen. Nachts um 11 Uhr kehrte ſie mit dem vorigen pomphaften Zuge unter 100 Fackeln in ihre Wohnung zuruck. Von Buckareſt fuͤhrt der Weg uͤber zwei kleine Baͤche, welche mit dem Fluſſe Argis vereint, durch die Thaͤler der Wallachei und Sitebenbuͤrgen fließen. Die Wege ſind ſo ſchlecht, und durch große Steine, welche in Stͤrmen von den Bergen herab rollen, ſo verdaͤmmt, daß mancher Wagen von 10— 20 Bauern muß unterſtuͤtzt werden, um weiter zu kommen. Dieſe Unwegſamkeit iſt aber vorzuͤglich Folge eines Friedens⸗ Schluſſes zwiſchen Oeſterreich und der Pforte, damit der Kanonen⸗Zug auf beiden Seiten unmoͤglich werde. Daher jedem Reiſenden zu rathen iſt, den Wagen zu verlaſſen und zu Fuß oder Pferd ſich weiter zu begeben. Deſſen ungeachtet iſt jeder Berg vom Fuße bis zur Spitze mit dem ſchoͤuſten Laubwerke bedeckt, die be⸗ bauten Ebeuen bieten den herrlichſten Raſen und die „ tbarſten Getreidfelder dar, und bei dem Ackern wwf. ſich die beſte ſchwaͤrzliche Dammerde hervor. So ſchoͤnes Bauholz auf den Bergen gedeihet, ſo iſt doch der Aufwand fuͤr deſſen Ueberfuͤhrung zu groß, als daß es gehoͤrig benutzt werden koͤnnte; auch iſt der Fluß nicht tief genug, um es floͤßen zu koͤnnen. In Siebenbuͤrgen ſind die Bergwerke ſo reich an Gold, daß der Katſer jaͤhrlich 250,000 Dukatsn, als den dritten Theil des rohen Ertrages, von den Ei⸗ genthuͤmern erhebt. Ungarn wuͤrde das bevoͤlkertſte und reichſte Land werden, wenn zwiſchen dem adria⸗ tiſchen Meere und der Donau eine Verbindung durch ſchiffbare Kanale hergeſtellt wuͤrde. Die rief gewur⸗ zelte Traͤgheit der Tuͤrken wird deſſen Bewohnern immer Gelegenheit darbieten, ſeinen Wohlſtand zu erhohen; um ſo mehr, wenn die Pforte freien Handel auf dem ſchwarzen Meere allen öſterreichiſchen Unter⸗ thanen zugeſtehen wollte. ——— 7 —