Taſchen⸗Bibliothek d er wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Vuchdennterkunſ bis auf unſere eit n. Mit Landkarten, Planen, Portraits und auderen, Abbildungen. Verfaßt von M e h E e n., und herausgegeben 5 von 4 Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 36. Baͤndchen. Mit einem Kupfer. II. Theil. 3. Bändchen von der Türkei. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ehner. 1 9. Taſchen⸗Bibliothek der wiichtigſten und intereſſanteſten Reiſen iin die e„ Tuͤrkei. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt von . Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 3. Baͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1829. V. Dritte Reiſe von Paul Lucas aus Frankreich in die Türkei, nach Aſien, Sy⸗ rien, Palaͤſtina, Ober⸗ und Unter⸗Aegyp⸗ ten 1714. In gedraͤngter Kürze mitge⸗ theilt von Michael Fiedler aus Bamberg*). — Auf Befehl Ludwig XIV., Koͤnigs von Frankreich, reiſte ich den 19. Mai 17414 von Paris nach Mar⸗ *) Die erſte Reiſe betitelt ſich: Voyage du Sieur Paul Lucas au Levant 1000— 1703. 2 vol. à la Haye 1705. 8. Ed. II. à FParis 1731. 12.— Die zweite: Voyage dans la Grece, Asie mineure, Macedonie et Afrique 1704— 3. à Paris 1710. 8. Ed. II. Amsterd. 1714. 12. 2 vol.— Die dritte: Voyage fait en 1714 dans la Turquie, l'Asie, Syrie, Palaestina haute et basse Egypte. à Amst. 1720. 8. 2 vol. 254 ſeille, um mich nach Konſtantinopel einzuſchif⸗ Weil das Schiff noch nicht ſegelfertig war, konnte ich erſt den 25. Auguſt meine Reiſe antreten, und nach 17 Tagen in Smyrna landen. Hier beſuchte ich den Ed. II. à Paris 1724, 3. 3 vol. Ed. III. à Paris 1751. 12. 6 vol. Jede dieſer Reiſen, und deren verſchiedene Ausgaben ſind mit Kupfern ausge⸗ ſtattet worden. Teutſche Ueberſetzungen er⸗ ſchienen zu Hamburg von L. Fr. Viſcher und J. M. Luyders 1708, 1715, 1724 u. 22. 8., und neu aufgelegt in 6 Baͤnden 1739. 8. Wir liefern bloß einen Auszug aus der dritten ver⸗ teutſchten. Paul Lucas, geboren zu Rouen, 31. Aug. 1664, Sohn eines Kaufmanns, reiſte ohne wiſ⸗ ſenſchafrliche Bildung 1899 nach dem Orient, und verſchaffte ſich dort viele Freunde, durch welche er Zugang zu Gegenſtaͤnden bekam, zu welchen Andere nicht gelangen konnten. Durch ſeinen erſten Reiſe⸗Bericht gefiel er dem Koͤnig Lud⸗ wig XIV. ſo wohl, daß er von dieſem noch einmal abgeſchickt wurde. Er brachte Hand⸗ ſchriften, Muͤnzen, Zeichnungen, Grundriſſe, Steine und andere Seltenheiten in ſo großer Anzahl fuͤr die koͤnigl. Sammlungen nach Paris zuruͤck, daß er deßwegen zum Antiquar des Koͤnigs von Frankreich ernannt wurde. Als ſolcher reiſte er 4714 zum dritten Male ab, und erſtattete jenen Bericht, wovon wir hier einen Auszug liefern. Er ſtarb zu Madrid 12. Mai 1731.(Siehe Rottermun des Fortſetzung zu oͤchers gel. Ler. Bd. IV. 20. Meuſel biblü diſt. I1. n. III.) Jaͤck. 25⁵ franz. Konſul de Foutenu und einige gute Freunde, und ſegelte den 13. September bei gutem Winde vor Aufgang der Sonne ab. Nachdem wir die Inſel Orla hinter uns gelaſſen hatten, und bei der Inſel Mytilene oorbei geſegelt waren, ſahen wir die Feſtung Molica, und nicht weit davon auf einer kleinen Anhoͤhe zwei Saͤulen, deren eine aus vielen kleinen Steinen, die andere nur aus einem einzigen beſteht. Darauf umfuhren wir das Vorgebirge Baha⸗ und langten bei gutem Winde auf der Hoͤhe der In⸗ ſel Tenedos an. Sie iſt wegen ihres vortrefflichen Weines, und bei den Alten wegen des verſtellten Ruͤckzuges der Griechen von Troja merkwuͤrdig. Eine Windſtille, welche uns hier uͤberfiel, vergoͤnnte uns Zeit, das einſt ſo beruͤhmte Troja zu beſuchen, wo wir noch einen Flecken mit demſelben Namen fan⸗ den. Des andern Tages fruͤhe lichteten wir die An⸗ ker, und fuhren, nachdem wir in den Helleſpont eingelaufen waren, durch die Meerenge von Galli⸗ poli, wo wir die Dardanellen Seſto und Abido vor uns ſahen. Hier erinnerte ich mich der Geſchichte Hero's und Leander's. Bei dem Ende dieſer Meerenge ſegelten wir nach dem Meere von Marmora, mußten aber wegen des Nordwindes vor Gallipoli Anker werfen. Mit dem Suͤdwinde gin⸗ gen wir wider unter Segel, und langten den 48. in dem Hafen Galatas vor Konſtantinopel an. Sobald ich an das Land getreten war⸗ beſuchte ich in 256 der Vorſtadt Pera den franz. Geſandten bei der Pforte, den Grafen des Alleurs, welcher mich in ſeinen Palaſt aufnahm. Den 10. Nov. fiel der Bairam oder das Oſterfeſt der Tuͤrken, welches ſie mit großen Feierlichkeiten begehen, nachdem ſie ſich durch ein Monat langes Faſten auf daſſelbe vorbereitet haben. Bei ihren Faſten eſſen ſie vor dem Abende gar nichts; den Tag uͤber getrauen ſie ſich nicht einen Tropfen Waſſer zu trinken, oder Tabak zu rauchen. Dafuͤr halten ſie ſich Nachts ſchadlos. Denn ſo bald die Sterne aufgehen, begeben ſie ſich zu Tiſche, und bringen die ganze Nacht mit Vergnuͤgungen und Ta⸗ baks⸗Rauchen zu. Wenn der Bairam angegangen iſt, ſchwaͤrmen die Tuͤrken in großer Menge durch die Straßen. Nachdem ich zu Konſtantin opel eine Anzahl Muͤnzen geſammelt hatte, reiſte ich zu Lande nach Mazedonien. Den 9. November brach ich mit ei⸗ ner Karavane auf, und langte nach einer Stunde bei dem großen Flecken Evaſ grus, dem Verſammlungs⸗ orte der Karavanen nach Salonichi an. Den 11. brachen wir ungeachtet des haͤuſigen Regens auf, und durchzogen allmaͤhlig Thrazien, das heutige Ro⸗ manien. Dieſer Theil der Tuͤrkei, deſſen Haupt⸗ ſtadt Konſtantinopel iſt, hieß zur Zeit, wo die roͤmiſchen Kaiſer ihren Sitz von Rom nach Kon⸗ ſtantinopel verlegten, Romanien, Gegen Oſt graͤnzt es an das ſchwarze Meer, das Meer von 257 8 Marmora, den thraziſchen Bosphorus, und an die Meerenge bei Gallipolis; gegen Weſt an Bulgarien und Mazedonien; gegen Suͤd an den Archipel, und gegen Nord an den Berg Haͤ⸗ mus, welches es von Bulgarien ſcheidet. Das Land hat Ueberfluß an Getreid; auch findet man Sil⸗ berminen, Blei und Alaun, um welche die Tuͤrken ſich nicht bekuͤmmern. Der Fluß Marina(der He⸗ brus der Alten) fuͤhrt Gold⸗Sand mit ſich. Er ent⸗ ſpringt auf dem Gebirge Rhodope(heut zu Tage Argentaro)⸗ lauft von Weſt nach Oſt bis Adrian⸗ opel, wendet ſich wieder gegen Suͤd bis Trajano⸗ pel, und ſtuͤrzt ſich zuletzt in den Archipel. Nach Ovids Bericht ſollen die wuͤthenden Bachantinnen das Haupt des ungluͤcklichen Orpheus in den He⸗ brus geſchleudert haben. Romanien gehoͤrt zur Beglerbey von Rumellienz die Juſtiz in den Staͤd⸗ ten uͤben die von dem Groß⸗Sultan beſtellten Kadis und Baſſas aus. Die Einwohner ſind Griechen, und wenige Katholiken, welche unter dem Schutze des Koͤnigs von Frankreich ſtehen. Nach unſerer Abreiſe von Eraſarus erreichten wir in einer Stunde die ſchoͤnen Doͤrfer Taoupaͤha und Touchoucis, und nach zwei Stunden das Staͤdtchen Ponte⸗picoli, in tuͤrkiſcher Sprache Meget genannt; zu Pontigrandi hielten wir nach zwei Stunden Nachtlager. Die ganze Karavane blieb in dem Karavanſerai. Vor Tages Anbruche durchzo⸗ 258 gen wir das Dorf Bocas, und langten zu Sali⸗ vrea an, wo wir auf unſerer Reiſe uͤber eine ſchoͤne Bruͤcke mit 32 Bogen zogen. Der Fluß, uͤber wel⸗ chen die Bruͤcke fuͤhrt, heißt jetzt Aquadoliaz ver⸗ muthlich iſt er der Athixas, welcher nach dem Be⸗ richte des Antonius und Suide bei Melan⸗ thias vorbei floß, und ſich in den Propontis er⸗ goß. Folglich liegt Salivrea nicht an der Stelle der alten Stadrt Selimbrea, weil bei derſelben kein Bach vorbei fließt. Nachdem wir 20 Meilen zu⸗ ruͤck gelegt hatten, langten wir in der großen und ſchoͤn gelegenen Stadt Rodoſto an. In 12 Stun⸗ den kamen wir uͤber Iniqueux nach Malgara. Den 15. brachen wir mit dem Tage auf, kamen in s Stunden nach Cachan, und uͤbernachteten zu Js⸗ palada. Dieſe beiden Doͤrfer liegen kaum 4—5 Meilen von einander. Nach 4 Stunden ſetzten wir auf einem Fahrzeuge uͤber den ziemlich breiten Fluß Tonga, und langten in einer Stunde in dem großen Flecken Caſabas an. Von da fuͤhrte der Weg fuͤnf Stunden ununterbrochen uͤber Berge und durch Waͤl⸗ der. In einem kleinen Dorfe, deſſen Einwohner Griechen oder Bulgaren waren, hielten wir an; dann ſetzten wir unſere Reiſe einige Zeit uͤber das Gebirge ort, und kamen nach 3 Stunden in das chriſtliche Dorf Artequeux. Am 18. erreichten wir nach s Stunden auf einem beſchwerlichen Wege durch Waͤl⸗ der den ziemlich bedeutenden Flecken Gurmurgina. —y— 259 Den 19. ritten wir uͤber den ziemlich breiten Fluß Carapoal. Beide Fluͤſſe ſind den Geographen un⸗ ter den Namen, große und kleine Lariſſa be⸗ kannt. Sie entſpringen noͤrdlich am Fuße des Ber⸗ ges Rhodope(Argentaro), und ergießen ſich in den Archipel. Sie ſind nach Ptolemaͤus und Melas, der Artus und Melas der Alten. Eine halbe Stunde davon uͤbernachteten wir zu Veni⸗ queux. Den 20. brachen wir eine Stunde vor Mit ternacht gegen Cavalla auf. Dieſe Stadt, 6 Mei⸗ len von Veniqueur, iſt durch ihre Lage faſt unbe⸗ ſiegbar. Das alte Schloß iſt noch im guten Zuſtande. Noch ſieht man die Spuren einer Waſſerleitung mit einer doppelten Reine Bogen, durch welche das Waſ⸗ ſer in die Stadt und auf das Schloß geleitet wurde. Nach dem Felde zu erblickt man noch Truͤmmer von Thuͤrmen und Mauern. Zweihundert Schritte von der Stadt wurde ich, als wir der Karavane nacheil⸗ ten, von einem Janitſcharen angefallen, welcher ſich aber bald wieder zuruͤck zog. In 3 Stunden ritten wir nach Praveſſa, einem groben Flecken, wo der Groß⸗Sultan ſein Pulver und ſeine Bomben ver⸗ fertigen laͤßt. Nach s Meilen erreichten wir Orfant, einen Flecken am Meere. Hier ſieht man noch ein altes Schloß, welches nach ſeiner Bauart aus den Zeiten der roͤmiſchen Kaiſer zu ſeyn ſcheint. Den 22. kamen wir auf einem 49 Stunden langen Wege uͤber das Gebirge auf Bazareuth, und nach 8 Mei⸗ 260 len nach Courtiache; alle dieſe Orte werden von griechiſchen Chriſten bewohnt. In 3 Stunden kam ich von Courtiache nach Salonichi, von wo ich am 6. Dezember nach Lariſſa aufbrach. Auf dem Wege kamen wir an den Fluß Vendari,o uͤber wel⸗ chen eine alte, baufaͤllige Bruͤcke fuͤhrte. Dieſer, der Axius der Alten, entſpringt auf dem Berge He⸗ mus, und ergießt ſich in den thermaiſchen Meerbuſen, jetzt Meerbuſen von Salonichi. Vier Meilen davon iſt der Fluß Carainge, der Ludias der Alten; mit dieſem vereiniget ſich der Erigon, welcher nord⸗weſtlich in Maze donien am Fuße des Bora entſpringt. Eine Meile davon ſetzt man uͤber den großen Fluß Caraſemen. ierauf kommt man zu einem großen Sumpfe, bei welchem der Anfang einer ſteinernen Bruͤcke zu ſehen iſt; der beſchwerliche Weg uͤber dieſe ſumpfige Gegend fuͤhrt zu einer ande⸗ ren Ebene, wo Salz bereitet wird; hierauf folgt der Flecken Liſtocores mit chriſtlichen Bewohnern. Hier trafen wir herrliche Weine an, mit welchen wir uns bis zu dem elenden Dorfe Catarino verſahen. Nicht weit von demſelben ritten wir uͤber den Fluß Chevetiluſu mit ſchlammigtem Grunde, und trafen zwei Meilen davon eine tuͤrkiſche Wache(Saimans) an, welcher jeder Chriſt eine Abgabe fuͤr ſicheres Ge⸗ leit entrichten muß. Von hier fanden wir auf einem bohen Berge das ſehr alte Schloß Platamene, welches von den Amazonen erbaut worden ſeyn ſoll. 261 Auf unſerem Zuge laͤngs des Meeres erblickten wir die berühmten Berge Pierus und Olymp. Nach⸗ dem wir uͤber den Fluß Peneus, jetzt Ababa ge⸗ nannt, geſchritten hatten, betraten wir das herrliche Thal Tempe, wo wir die Berge Oſſa und Pe lion ſahen. Mit dem Peneus, uͤber welchen der Groß⸗ Sultan eine hoͤlzerne Bruͤcke ſchlagen laͤßt, vereiniget ſich der Apianus und Enipeus. Wir wendeten uns hierauf weſtlich, und kamen auf einem engen, durch zwei Berge eingeſchloſſenen Wege nach Lariſſa. Am Ende dieſes Paſſes langten wir in dem Dorfe Balea, und nach 4 Stunden zu Lariſſa, der Hauptſtadt Theſſaliens an. Dieſe griechiſche Landſchaft erſtreckt ſich von dem noͤrdlichen Ufer des Meerbuſens Conteſſa bis an den Buſen von Negropont. Die Berge Olymp⸗ Aelion, Oſſa und Pindus ſcheiden dieſelbe ge⸗ gen Nord von Bulgarien und Romanien, ge⸗ gen Weſt von Albanien, und gegen Suͤd von Li⸗ vadien. Gegen Oſt graͤnzt ſie an den Archipel, welcher hier vieze kleine Meerbuſen bildet. Die beruͤhmteſten Fluͤſſe ſind der Alius, Eri⸗ gon, Aligemon und Peneus. Das Land wird jetzt in 4 Provinzen, in das eigentliche Mazedonien, Jamboli, Komenilitari und Janna, das ei⸗ gentliche Theſſalien getheilt. Das Land, welches unter Philippy's und Alexander's des Großen Herrſchaft ſo bluͤhte, wird jetzt meiſtens von armen 252 Griechen bewohnt. Auf dem Berge Athos, jetzt Monte Santo, ſind 24 Kloͤſter, deren Moͤnche Feldbau treiben, und ſich von der Arbeit ihrer Haͤnde ernaͤhren. Salonichi, vormals Theſſalonica, an dem Meerbuſen gleiches Namens, iſt die Reſidenz des Baſſa, welcher vom Groß⸗Sultan in ſein Amt eingeſetzt wird. Mazedonien brachten die Roͤmer unter deſſen Koͤnige Perſeus in ihre Gewalt; unter das tuͤrki⸗ ſche Joch wurde es von Bajazet l. gebracht. Die Stadt Lariſſa am Peneus iſt groß, ohne Mauern. Das ſie umgebende Gebiet wird von oben genannten Fluͤſſen vortrefflich bewaͤſſert. Sie wird von Chriſten, Tuͤrken und Juden bewohnt. Wegen des Reichthumes an Schafen und Wolle wird ſtarker Handel mit wollenen Stoffen im ganzen Lande getrie⸗ ben. Hier hat der griechiſche Biſchof ſeinen Sitz. Hier fand ich ſeltene Gold- und Silber⸗Muͤnzen aus den Zeiten der mazedoniſchen und griechiſchen Koͤnige. Auch dem Botaniker iſt hier ein großes Feld zum Sammeln geöffnet. Weiter in Griechenland vor⸗ zudringen, hinderte mich die Unſicherheit der Wege, und noͤthigte mich, nach Salonichi zuruͤck zu keh⸗ ren, wo ich den 21. Dezember 1744 anlangte, und mich bis zum 9. Januar 1718 aufhielt. Salonichi iſt eine der groͤßten und beruͤhmte⸗ ſten Staͤdte der europaͤiſchen Tuͤrkei; ſie hat ein Schloß⸗ die 1 Thuͤrme genannt. Der hier reſidirende Erzbi⸗ — — 263 ſchof iſt der reichſte im ganien Lande. Groß iſt die Anzahl armeniſcher Kaufleute. Hier leben 10,000 Chri⸗ ſten mit 30,000 Juden, welche 22 Synagogen und den groͤßten Handel im ganzen Lande haben. Die Franzoſen treiben hier ſtarken Handel mit Wachs, Seide, Wolle, Getreid und Tabak, welcher in gro⸗ ßer Menge gebaut wird. Die Regierung iſt in den Haͤnden eines Baſſa, eines Mola und eines Janit⸗ ſcharen Aga, deren jeder einen eigenen Gerichts⸗ hof hat. Den 9. Januar reiſte ich von Salonichi ab, und uͤbernachtete im Dorfe Courtiache, dem Wohn⸗ orte der Catregis, welche die Karavanen begleiten. Es liegt auf einem Berge, nicht weit von der Waſ⸗ ſerleitung von Salo nichi. Die chriſtlichen Einwoh⸗ ner haben 2 Kirchen. Auf einem muͤhſamen Wege uͤber einen Berg kamen wir nach 3 Stunden in die Ebene, wo wir 2 Seen, jeden 30 franzoͤſiſche Meilen groß, und in ihrer Naͤhe eine alte, der h. Jungfrau gewidmete Kapelle ſahen. Hier iſt ein warmes Bad, mit einem ſchoͤnen Gewoͤlbe aus Backſteinen, etwas weiter ſtehen noch die Truͤmmer von verſchiedenen Schloͤſſern und Gebaͤuden. Die Seen fuͤhren ibren Namen von den naͤchſt liegenden Doͤrfern. Den 11. ritten wir unter heftigem Nordwinde laͤngs einer dieſer Seen hin. Hier zeigt ſich das Schloß Rondina auf einem hohen, einem Zuckerhut aͤhnlichem Berge. 8 264 Nach drei Meilen kamen wir abermals an einen ziemlich breiten See, wo wir uns uͤberſetzen ließen. Der Ort wird von dem nahe gelegenen Flecken die Fuhrt von Orſan genannt. Hier iſt ein altes roͤ⸗ 4 miſches Schloß mit guten Mauern und Thuͤrmen. Von Orſan langte ich in s Stunden zu Praveſta, und nach 3 Stunden zu Cavalla an, wo ich wie⸗ der zur Karavane ſtieß, in deren Geſellſchaft ich mei⸗ nen Weg nach Iniqueurx an dem Fluſſe Cara⸗ ſouſſais fortſetzte, welches von Tuͤrken bewohnt wird, und wo wir uͤbernachteten. Den 16. kamen wir an einen See mit Forellen und Aalen, an wel⸗ chem ein Schloß mit 22 Fuß dicken Mauern liegt, welche ſich uͤber 1800 Schritte bis auf den nahe gele⸗ genen Berg hinzog. Ueber demſelben ſieht man noch die Ruinen des Schloſſes Bourou Caltet. Nach einer Meile ſetzten wir uͤber den Fluß Cara⸗ ſouſſais, und erreichten in 2 Meilen die Brand⸗ ſtaͤtte der Stadt Sinquenet Tallet. Am 16. brach die Karavane Morgens 8 Uhr auf, und ſetzte uͤber die Bruͤcke eines Baches, welcher durch den Re⸗ gen und den Gebirgs⸗Schnee anſchwillt. Nach einem„ Wege uͤber Berge, welche mit Schnee bedeckt waren, uͤbernachteten wir in der Stadt Artagueux. Nach 4 Meilen reiſten wir durch den Flecken Gurgina, und ſetzten nach einer Meile uͤber den Fluß Tonga. Dem Laufe des Stromes folgten wir 2 Stunden lang, und uͤbernachteten in dem Flecken Ipſala. Am — 265 20. brachen wir nach dem Staͤdtchen Rousqueur oder Chachan auf, wo vielleicht bei 100 Windmuͤh⸗ len das Mehl fuͤr die Armee des Groß⸗Sultan berei⸗ ten. Drei Meilen davon entfernt wohnt in dem Flecken Malgara ein Haufe Armenier. Der Weg fuͤhrt durch eine große und ſchoͤne Ebene. Das kleine Dorf Develis, obwohl es nur 3 Meilen von hier liegt, konnten wir wegen des Schnee's nur gegen Ende des Tages erreichen. Am andern Dage ſetzten wir unſere Reiſe uͤber Rodeſtouc(im tuͤrkiſchen Tirquidac) einer nicht unbedeutenden Stadt mit einem guten Hafen, auf Mouria fort. Den 26. zogen wir laͤngs des Ufers fort, dann uͤber die Bruͤcke Heraclea, und Tags darauf uͤber jene von Se⸗ livrea, und erreichten endlich den 28. nach vielen Be⸗ ſchwerden Konſtantinopel. Wegen des Krieges mit den Venetianern, und wegen der Unſicherheit der Straßen war es mir un⸗ moͤglich, von Konſtantinopel abzureiſen, und meine Reiſe nach Aſien fortzuſetzen. Um nicht durch eine Beſchreibung von Konſtantinopel, welche andere Schriftſteller ſchon oft geſchildert haben, zu ermuͤden, will ich nur Einiges von den tuͤrkiſchen Moſcheen beifuͤgen. Dieſe ſind beinahe rund, mit Ausnahme der in Moſcheen verwandelten chriſtlichen Kirchen, welche die Tuͤrken nach Ferſtoͤrung der Altaͤre unveraͤndert ließen. Die meiſten Moſcheen, beſonders die von Sultanen erbauten, ſind mit Mar⸗ 36ſtes. Türkei. II. 3. 2 266 mor bekleidet, und ruhen auf herrlichen Saͤulen; die auderen ſind bloß mit weißer Fardbe uͤberſtrichen, ohne die geringſte Verzierung, weil ſie den Gebrauch der Bilder fuͤr Abgoͤtterei halten, und glauben, daß die menſchlichen Abbildungen am jüngſten Gerichte ihre Seelen von den Kuͤnſtlern fordern werden. An den Waͤnden der Moſcheen ſind bloß Spruͤche in arabi⸗ ſcher Sprache, z. B. Es iſt nur ein Gott, und Mahomet ſein Prophet. ꝛc. geſchrieben. Sonſt brennen zur Zeit ihres Gottesdienſtes viele Lampenz faſt uͤber eine jede iſt ein Straußen⸗Ei zur Zierde an⸗ gebracht; der Boden derſelben iſt mit Teppichen be⸗ legt. Au dem Ende der Moſchee gegen Suͤd befindet ſich in der Wand ein Stuhl als Sitz fuͤr den Iman (Prieſter). Links ſteht ein Pult, an welchem alle Freitage das Gebet vorgeleſen wird; demſelben gegen⸗ uͤber ſtehen Derwiſche, welche dem Iman antworten, oder dem Volke den Alkoran vorleſen. Jede Mo⸗ ſchee hat eine oder mehrere Minarets, d. i. zuge⸗ ſpitzte mit mehreren Stockwerken verſehene Thuͤrme, auf welchen ein Marabon die Zeit zum Gebete ſo verkuͤndigt, daß er allemal ſich gegen die vier Him⸗ mels⸗Gegenden wendet, und auf der Mittags⸗Seite, weil in dieſer Mekka liegt, anfaͤngt. Dieß geſchieht, weil den Tuͤrken der Gebrauch der Glocken und der Uhren unbekannt iſt, des Tages fuͤnf Mal. Bevor die Tuͤrken ihre Moſcheen betreten, waſchen ſie den ganzen Koͤrger, legen ihre Kopfbedeckung vor der —— —x 3 267 Thuͤre ab, und gehen mit entbloͤßten Fuͤßen in dieſel⸗ ben. Bei ihrem Eintritte verbeugen ſie ſich mit em⸗ por gerichteten Augen, und mit Beruͤhrung des Tur⸗ bans, tief gegen den Iman, fallen dann auf die Knie, und kuͤſſen dreimal die Erde. Das angefangene Gebet wiederholen ſie mit ſtiller Andacht. Nach ge⸗ endigtem Geſange legen ſie die Haͤnde an den Guͤr⸗ tel, beugen ſich gegen die Erde, und rufen mit lau⸗ ter Stimme: Saban alla, d. i. Gott erbarme dich uͤber meine Suͤnden. Darauf beugen ſie ſich abermals, und ſprechen geſchwind die Worte: illah, illa, Allach, d. i. der Namen Gottes, dieſe wiederholen ſie oft, ſprechen noch viele Gebete, und ſchließen mit den Worten: Amen, Amen. In den Moſcheen herrſcht eine große Stille. Niemand wagt zu huſten, oder auszuſpucken. Niemals ſah ich ein Frauenzimmer in die Moſchee gehen. Die Stadt Konſtantinopel iſt ſchlecht gebaut mit hoͤlzernen Haͤuſern und engen Straßen. Den ** Juli Abends 9 Uhr brach Feuer aus, welches durch die Wuth des Nordwindes unterſtuͤtzt, binnen 30 Stun⸗ den 1500 Haͤuſer in die Aſche legte. Die Tuͤrken ſu⸗ chen bei ſolchen Ungluͤcksfaͤllen die Huͤlfe der Chriſten nicht. 1 So oft die tuͤrkiſchen Armeen bei Konſtanti⸗ nopel verſammelt ſind, ziehen nach einem alten Ge⸗ brauche die Handwerker der Stadt Haufenweiſe in Soldaten⸗Kleidung mit einem Gewehre auf; den Zug 268 ſchließt eine Art Triumphwagen mit Handwerkern, welche auf das praͤchtigſte gekleidet ſind. Den Wagen begleiten 40— s0 junge Handwerker in boͤſe Geiſter oder Narren verkleidet. Bei dem Beſuche des Grafen von Alleurs bei dem Kapitaͤn Baſſa, hatte ich die Ehre, demſelben Geſellſchaft zu leiſten. Zuerſt unterhielt ſich der Kapitaͤn Baſſa mit dem Geſandten; dann wurde auch ſeinen uͤbrigen Dienern Kaffee und Sorbet gereicht. Den Geſandten, welchem Rauchwerk gebracht wurde, be⸗ ſchenkte der Baſſa mit einer Korallen⸗Schnur. Hier⸗ auf nahmen wir Abſchied und begaben uns wieder auf unſer Schiff.— Als meine Geſchaͤfte zu Konſtantinopel be⸗ eudigt und die Landſtraßen wieder ſicher waren, be⸗ ſchloß ich, meine Reiſe fortzuſetzen. Mit einem Paſſe vom Sultane verſehen, trat ich meine Reiſe nach Aſien an. Klein⸗Aſien, das heutige Natolien, von Ptolemaͤus das eigentliche Aſien genannt, iſt eine große Halbinſel, welche gegen Oſt den Euphrat, gegen Nord das ſchwarze Meer, gegen Weſt den Archipel, und gegen Suͤd das mittellaͤndiſche Meer zu Graͤnzen hat. Seine ganze Laͤnge betraͤgt gegen 360, und ſeine Breite 200 Meilen. Dieſes vormals ſo bluͤhende Land iſt ſeit der Be⸗ ſitznahme von den Tuͤrken beinahe eine Wuͤſte. Es foll Anfangs von den Nachkommen Japhets und ——— 269 Gomers bevoͤlkert worden ſeyn. Von den griechi⸗ ſchen Kolonien leiten die Staͤdte Milet, Kolo⸗ phon und andere ihren Urſprung her. Zur Zeit des Königs Priamus war das Reich der Trojaner das beruͤhmteſte in Aſien, hernach wurden die Koͤnige Lydiens maͤchtig. Alexander unterwarf, nach Vernichtung der perſiſchen Macht, das Land der grie⸗ chiſchen Herrſchaft. Seine Nachfolger ſtifteten in demſelben verſchiedene Reiche, bis ſie den Roͤmern unterlagen. Einige Jahrhunderte nachher ſetzten die Tuͤrken uͤber den Euphrat nach Klein⸗Aſien uͤber, ſchlugen anfangs ihren Sitz zu Jconium, dann zu Bruſſia auf, und ſetzten uͤber den Bosphorus, eroberten Konſtantinopel, und machten ſo dem griechiſchen Kaiſerthume ein Ende. Das Klima Natoliens iſt ſehr gemaͤßigt, be⸗ ſonders gegen die Nordſeite, wo es von vielen Fluͤſſen durchſchnitten wird. Die bei den Geſchichtſchreibern und Dichtern ſo beruͤhmten Fluͤſſe Melas, Lycus, Halis, Sangar, Rhindacus, Gramikus, Seamander, Simois, Cailus, Hermus, Caiſtrus, Pactrus und Maͤander, ſind kaum mehr den Namen nach kennbar, weil die Tuͤrken ge⸗ woͤhnlich alle Fluͤſſe mit dem Namen Su oder Suſu, d. i. Waſſer bezeichnen. Die Bewohner Natoliens ſind Tuͤrken, Griechen, Chriſten und Armenier, welche letztere unter dem Joche der Mahometaner den groͤß⸗ ten Erpreſſungen und Verfolgungen ansgeſetzt ſind. 270 Die Tuͤrken, Feinde des Alterthums und der ſchoͤnen Wiſſenſchaften zerſtoͤren alles in dieſem Lande. Von dem ehemals beruͤhmten Dianen ⸗Tempel und dem Grabmale des Mauſolus, ſind nicht ein⸗ mal Spuren vorhanden; Troja iſt in ein Kornfeld verwandelt, Sardes, Laodicea, Milet, Per⸗ gamus ſind mit den Leichenſteinen ihrer ehemaligen Groͤße bedeckt. Das herrliche Spheſus iſt ein unbe⸗ deutendes Staͤdtchen, nur Smyrna verdankt noch einiges Anſehen ſeiner zum Handel bequemen Lage. Außerdem findet man von den Dardanellen bis zum Euphrat und den Kuͤſten Phoͤniziens, alte eingefallene Schloͤſſer und Staͤdte. Das uͤbrige Land iſt ſchlecht bewohnt. Das Vaterland eines H omer, eines Herodot iſt jetzt der Sitz grober unwiſſenheit, der Traͤgheit und ſchlechten Kultur. Unterdeſſen bluͤ⸗ het noch ziemlich der Handel an den See⸗Kuͤſten, und Natolien verſendet noch in andere Laͤnder Wolle, Tapeten, Buͤffelhaͤute, Saffian, Wachs, Leinwand, ſeidene Stoffe und Arzueien. Die Tuͤrken theilen Aſien in 4 Haupt⸗Provinzen, in Natolien, Amaſien, Anadulien und Ka⸗ ramanien. Natolien begreift nebſt den Laͤndern laͤngs des Archipels vom thraziſchen Bosphorus bis nach Epheſus, das ehemalige Bithynien, beide Phrygien, Aeolien und Jconien. Ama⸗ ſien, an das ſchwarze Meer graͤnzend, umfaßt die Koͤnigreiche Pontus und Kappadozien. 3u 2l Anadulien gehoͤrt das alte Koͤnigreich Jſaurien, ein Theil von Cilicten nebſt den angraͤnzenden Laͤndern bis Aleppo. Zu Karamanien endlich gehoͤren die Laͤnder an dem mittellaͤndiſchen Meere, Pamphylien, Cilicien, Piſidien, Karien und Lyeien. Der Groß⸗Sultan hat uͤber das Land viele Baſſen und Sangiaken(Sandſchaken) geſetzt⸗ Der Baſſa von Natolien, welcher zu Chutaija re⸗ ſidirt, und 12 Unter⸗Baſſen hat, iſt der vornehmſte. Der Baſſa von Amaſia reſidirt in der Hauptſtadt gleiches Namens; jener von Andulien zu Erzeroa, und der von Karamanien in der Stadt Cogna. Die Einwohner des heutigen Natoliens ſind ein traͤges und feiges Volk, und deßwegen verachtet. Die Luft in Klein⸗Aſien, vorzuͤglich gegen das Meer iſt ungeſund; daher die haͤufigen Verwuͤſtungen der Peſt. Die Kleidung der griechiſchen Frauens⸗Perſo⸗ nen iſt zierlich und angenehm. Den Buſen umgibt eine Schnuͤr⸗Bruſt von rothem Brokat; die Hemd⸗ Aermel ſind weit und mit Spitzen beſetzt. Das Haupt ziert ein kuͤnſtlich gelegtes Tuch von gelber, weißer und rother Farbe; die Roͤcke ſind gefaltet, die Struͤmpfe roth mit Gold geſtickt, die Pantoffeln gleichfalls mit Gold durchwirkt. Die Frauenzimmer von Smyrna zeichnen ſich durch eine einer Haube aͤhnlichen Kopf⸗ Bedeckung aus. Die Reichen tragen Kleider von koſt⸗ baren Stoffen, winden das Haar in Zoͤpfe, welche uͤber die Schultern herab haͤngen, und am Ende mit 272 kleinen Gold⸗ oder Silber⸗Quaͤſtchen geziert ſind; Hals und Haͤnde zieret eine Perlen⸗Schnur, in den Ohren ſtrahlen mit Perlen beſetzte goldene Ringe. Die Juͤ⸗ dinnen haben dieſelbe Kleidung und tragen, mit Aus⸗ nahme des Kopfputzes auf dem Haupte, kupferne oder zinnerne Platten, welche ſie mit weißen und mit „Gold geſtickten Atlaſſe bedecken. Ihre Haare laſſen ſie, in ſeidene Beutel gebunden, herab haͤngen. Alle Frauenzimmer, wenn ſie ausgehen, ſind vom „Kopfe bis zu den Fuͤßen mit weißer Leinwand verhuͤllt; ihr Geſicht iſt mit einem Flore umgeben, durch wel⸗ chen ſie alles beobachten koͤnnen. Bei ſchlechter Wit⸗ terung tragen Maͤnner und Frauen Stiefel von Saffian.. So iſt das Land beſchaffen, welches ich mit Be⸗ zeichnung der eigentlichen Graͤnzen der Staͤdte und Fluͤſſe beſchreiben will. Am 27. Juli fuhr ich uͤber den Propontis, welcher Europa von Aſien ſcheidet, und langte den 28. gluͤcklich zu Montagniat an. Dieſes Staͤdtchen an der aſiatiſchen Meeres⸗Kuͤſte, s Meilen von Kon⸗ ſtantinopel, hieß vor Alters von ſeinem Erbauer Myrlus, dem Feldherrn der Kolophonier, My⸗ kleag. In der Folge wurde es von dem mazedoni⸗ ſchen Philipp zerſtuͤrt, von ſeinem Feldherrn Pru⸗ ſias wieder gufgehaut, und dasſeſbe von ſeiner Ge⸗ mahlin oder ſeiner Mutter Apamea genannt. Es iſt gut bevoͤlkert; die Juden und Chriſten treiben allein 273 den Handel nach Bruſſia und Bithynien. Auf einem ſchoͤnen Wege von s Stunden betraten wir die Hauptſtadt des Reiches Bruſſia, wo ich mich, um Muͤnzen und Alterthuͤmer zu kaufen, 20 Tage lang aufhielt. 1 Am 16. Auguſt zogen wir 6 Stunden weit rechts unter dem Berg Olymp vorbei, und uͤbernachteten am Ende deſſelben in dem kleinen Dorfe Jour⸗ queux. Hier ſieht man einige Ruinen; die Bewoh⸗ ner(wenige Juden und Chriſten) fuͤhren ein armſeli⸗ ges Leben. Nach einem Wege von 1 Meilen kamen wir an einen 30 Meilen großen, fiſchreichen See, welcher wahrſcheinlich der von Strabo genannte Apolloniates iſt, weil er nahe an die Stadt Apollonia graͤnzt. Nicht weit davon fuͤhrt uͤber den Fluß Rhindaeus eine ſchlechte hoͤlzerne Bruͤcke. Dieſer Fluß ſcheidet Bithynien von Myſien, und ergießt ſich zuletzt bei Cyzica in den Pro⸗ pontis. Ueber das Dorf Lupa oder Lupadi, welches von Chriſten und Tuͤrken bewohnt wird, kamen wir auf Minalaicha, welches eine Meile von Lupa⸗ die Truͤmmer vieler Mauern zeigt. Ich halte es fuͤr Apollonia.. Zu Lupadi ſieht man noch Truͤmmer von einem alten Schloſſe, an deſſen Mauern große, runde, fuͤnf⸗ eckige Thuͤrme ſind. Am Ende dieſes Fleckens ſieht man 60— 10 Fuß hohe, den Pyramiden aͤhnliche Pfei⸗ 274 ler, deren Anzahl uͤber 100 hinaus geht. Dieſe Pfei⸗ ler ſollen die Ueberbleibſel einer alten Waſſerleitung ſeyn. Unſere Reiſe ſetzten wir uͤber eine ſchoͤne, mit vielen Doͤrfern verſehene Ebene fort. Der Grani⸗ eus, durch den Sieg Alexanders beruͤhmt, durch⸗ fließt dieſe Gegend. Nach 2 Stunden langten wir in dem Dorfe Souſougreulen(auf tuͤrkiſch Waſ⸗ ſer⸗Buͤffeldorf), welches von wenigen Tuͤrken bewohnt wird, an. 4 Nachdem wir in zwei Stunden ſechsmal uͤber den Granieus geſetzt waren, zogen wir durch einen Gebirgs⸗Paß, an deſſen Eingange noch die Ruinen eines Schloſſes zu ſehen ſind. Dieſer Paß heißt De⸗ mir Capy, d. i. eiſerne Pforte. Am Ende die⸗ ſes Engpaſſes iſt der Anfang des Berges Daumaeli. In dem Dorfe Mendebris, in einer ſchoͤnen Ebene gelegen, uͤbernachteten wir. Wir ſetzten dann uͤber den kleinen Fluß Souarageas, zogen in 10 Stun⸗ den uͤber das Gebirge, und langten im Dorfe Cou⸗ rougoulgi an. Das Gebirge hat viele Waldungen und ſehr ſchoͤnen Marmor; auf demſelben ſieht man die Spuren von ſchoͤnen marmornen Straßen. In dem Dorfe Quelembo, welches 7 Stunden von dem Gebirge entfernt iſt, brachten wir die Nacht zu. Hier trifft man in einigen Entfernungen die herrlichſten Quellen, und die Ruinen von kuͤnſtlichen Gebaͤuden an; 4 Kirchen und 3 Moſcheen nedſt vielen zertruͤm⸗ 275 merten Saͤulen zeugen von der ehemaligen Groͤße die⸗ ſes Ortes. Den 22. brachen wir nach Mitternacht auf, erreich⸗ ten rechts nach 2 Meilen wieder ein Gebirge, auf welchem das Schloß Gurduquellet liegt, das von dem vorbei fließenden Fluſſe ſeinen Namen hat. Die⸗ ſes Schloß, welches noch in gutem Stande iſt, ſoll der letzte Ort der Genueſen in Aſien geweſen ſeyn. Nach 11/2 Meile kommt man unterwegs zu einer trefflichen Quelle mit drei aus herrlichem Mar⸗ mor beſtehenden Gruben, an welchen man noch einige Apollos⸗Koͤpfe ſieht. Nach 2 Stunden kamen wir in die Stadt Aki f⸗ ſar oder Azar, von deren ehemaligen Groͤße noch viele in gutem Stande erhaltene Saͤulen, und viele Inſchriften zeugen. Ich glaube, daß dieſes die alte Stadt Thiatyra geweſen ſey. Bei unſerer Abreiſe aus der Stadt ſah ich einige Ueberreſte von einer Waſſerleitung. Auf einer ſchoͤnen Wieſe an dem Fluſſe Zairzou, dem Hermus der Alten, welcher ſich mit dem Paktolo in den Meerbuſen von Smyrna ergießt, blieben wir die Nacht uͤber. Den 23. reiſten wir 10 Stunden ununterbrochen durch eine ſchoͤne Ebene, wo wir von Raͤubern, jedoch ohne Schaden, angefallen wurden. Nachts erreichten wir die Stadt Manachia. Dieſe große und volkreiche Stadt, an dem Fuhe eines ſehr hohen Berges, dehnt ſich eine Meile in — 276 der Laͤnge aus. Auf einem kleinen nahe liegenden Huͤgel ſteht ein Schloß, auf deſſen Erhaltung die Tuͤr⸗ ken keine Sorgfalt verwenden. Nebſt den ſchoͤnen Moſcheen trifft man zu Manachia 3 Spitaͤler an. Außerhalb der Mauern iſt ein herrliches Serail mit großen Gaͤrten, die ehemalige Reſidenz der osmanni⸗ ſchen Prinzen, ehe ſie den Sitz der Regierung nach Bruſſia verlegten. Das Land hat viel Getreide und viele Fruͤchte. Nach meiner Meinung iſt Ma⸗ nachia das alte Magneſia, und das daran ſto⸗ ſeude Gebirge der Berg Sipylus. Den 21. ruhten wir nach dem Uebergange einiger Verge bei einem Kirchhofe, in welchem viele kleine Saͤulen mit Turbanen waren; wir langten in zwei Stunden zu Smyrna an. Auf Einladung des Herrn von Fontenu ritt ich in Geſellſchaft meines Freundes, des Pater Jerotheus nach Bouja⸗ ei⸗ nem ziemlich volkreichen Dorfe in einer ſchoͤnen Ebene mit vielen Weinbergen und Geflügel. Smyrna, an einem Meerbuſen des Archipels, war vor Alters die Hauptſtadt Klein⸗Aſiens. Der Fluß Me le fließt noͤrdlich vorbei, und iſt wegen ei⸗ uer Hoͤhle, in welcher Homer ſeine Gedichte ver⸗ faßt haben ſoll, beruͤhmt. Die Stadt iſt haͤufig dem Erdbeben unterworfen, und die Peſt rafft oft in einem Jahre bis 10,000 Menſchen weg. Im Ruͤcken von Smyrna liegt ein Berg; den Eingang des Hafens ſchuͤtzt ein 3— 4 Meilen entferntes Schloß. Die Stadt 5 277 wird von 20,000 Griechen, 8000 Armeniern, und mehr als 10,000 Auslaͤndern bewohnut. Der franzoͤſiſche, engliſche, venetianiſche, hollaͤndiſche und genueſiſche Konſul wohnen mit alle ihren Kaufleuten in der gro⸗ ßen ⁄½ Meile langen Franken⸗Straße. Smyr⸗ na iſt eine vorzuͤgliche Handels⸗Stadt. Hier findet man viele Alterthuͤmer, Muͤnzen, geſchnittene Steine, Statuen, Graͤber und Inſchriften. Um die Stadt ſte⸗ hen viele Oel⸗ und Feigenbaͤume mit vielen Wein⸗ ſtͤcken. Die alte Stadt, welche ſich weiter gegen das Gebirge erſtreckt, zeigt viele Ruinen. Die Mauern des alten Schloſſes ſind noch in gutem Zuſtande, wo jetzt eine Moſchee, eine ehemalige chriſtliche Kirche ſteht. Nahe dabei iſt eine große Menge ſteinerner Saͤulen. Ueber dem Hauptthore des Schloſſes ſab ich die Statue einer Frauens⸗Perſon aus weißem Marmor. Dieß ſoll das Bild der Amazonin Smyrna, der Erbauerin der Stadt ſeyn. Auf der andern Seite des Schloſſes ſieht man die Truͤmmer einer alten Kirche, welche dem h. Polykarp, dem Eribiſchofe von Smyrna gehoͤrt haben ſoll. Unter dem Berge ſind viele Windmuͤhlen und Erholungs⸗ Haͤuſer. Den 20. Oetober brach ich in Begleitung eines Janitſcharen auf, und erreichte nach einem zehnſtün⸗ digen Wege uͤber eine Ebene Cherpuca⸗ Mit Ta⸗ ges⸗Aubruche ſetzten wir nach einer Stunde uͤber den großen Fluß Maͤndras oder Meinder, den Kai⸗ 278 ſtrus oder Caiſter der Alten, welcher bei der Stadt Spheſus ſich in das Meer ergießt. Am Ende einer ſchoͤnen Ebene mit vielen Doͤrfern liegt Tyrus, eine der groͤßten und volkreichſten Staͤdte Na to⸗ liens. Die Einwohner, meiſtentheils Krieger, wiſ⸗ ſen mit gleichem Geſchicke den Pflug zu lenken. Die Stadt zaͤhlt uͤber 100 Moſcheen, und wird von dem anſtoßenden Gebirge mit Waſſer, und vom Lande mit Lebensmitteln verſehen. Von der Stadt kommt man auf eine 180 Meilen lange Ebene; hier ſoll Bajazet von Tamerlan geſangen worden ſeyn. Den 25. ſetzten wir außerhalb der Vorſtadt auf einem ſehr beſchwerlichen Wege uͤber das Gebirge Gojajocuſu, und uͤbernachteten in Arabgueux. Den 286. fuͤhrte ein 7 Stunden langer Weg uͤber Felſen und Abgruͤnde auf eine wohl be⸗ waͤſſerte Ebene, und gegen Abend zur Stadt Guſe⸗ liſar, deren noch vorhandene Ruinen Zeugen ihrer ehemaligen Groͤße ſind. Eine ganze Stunde lang iſt alles mit Truͤmmern bedeckt, mit ſchoͤnen unterirdi⸗ ſchen Gaͤngen, welche zu einer Waſſerleitung gedient hbaben moͤgen. Eine Meile von der Stadt ſtehen noch 60 Schuh hohe Ueberbleibſel von einem praͤchtigen Tempel. Dieſe Stadt kann keine andere ſeyn, als Magneſia in Jonien. Das Land umher iſt voll Saͤulen aus weißem Marmor, welche meiſtens umge⸗ worfen, oder zerbrochen ſind. In dem bewohnteſten ( —— 279 Cheile der Stadt, wo viele Springbrunnen ſind, wird gewoͤhnlich Markt gehalten. Den 30. durchreiſten wir die ſchoͤnſte Ebene, die es geben mag. Sie iſt reichlich mit Feigen⸗ und an⸗ deren ſchoͤnen Baͤumen bepflanzt, mit vielen kleinen Waͤſſern, welche ſich in einen Fluß vereinigen, wel⸗ cher durch die Mitte der Ebene fließt, und von den Tuͤrken Boſſe Mainder(der Meander der Al⸗ ten) genanut wird. Er nimmt in einem ruhigen Bette ſeinen Lauf gegen Weſt. Nach einem dreiſtuͤu⸗ digen Wege langten wir in dem Dorfe Quiosque, und 2 Meilen weiter zu Nazelia, einen großen Ca⸗ ſabas mit 4 Moſcheen, an. Den 34. uͤbernachtete ich in dem nur von Tuͤrken bewohnten Dorfe Cujujac. Den 1. Novem ber ſetzte ich nach einem s Stunden langen Wege uͤber den Fluß Boſſe Mainder, und erreichte Abends die ſchoͤne Stadt Denyzely, oder Denizley, welche kurz vorher durch Feuer großen Schaden gelitten hatte. In Begleitung vier wohl berittner und gut bewaffneter Maͤnner begab ich mich auf das 4 Meilen entfernte Gebirge. Am Fuße des Berges trafen wir verſchiedene Truͤmmer einer Mauer an; dann kamen wir zu den Ruinen einer ganz verwuͤſteten Stadt. Dem Anſehen nach waren die Palaͤſte derſelben aus weißem Marmor erbaut, die unbeſchaͤdigten Bild⸗ hauer⸗Arbeiten ſtammen aus der bluͤhendſten Pertode der Kunſt. Der Umfang der Stadt mag 2 Meilen 280 betragen haben, ſie dient wilden Thieren und Schlan⸗ gen zum Aufenthalte. Unter beſtaͤndiger Furcht von den herum ſchweifenden Raͤubern angefallen zu wer⸗ den, kehrten wir nach Denyzely zuruͤck.— Am folgenden Dage ſetzte ich uͤber einen Fluß, deſſen Namen Niemand wußte, weil die Tuͤrken alle Fluͤſſe Sus, d. i. Waſſer nennen. Am Ende der Ebene fuͤhrt ein beſchwerlicher Weg uͤber ein Gebirge in eine mit Mandel⸗Baͤumen bepflanzte Ebene, in welcher ein mahometaniſches Kloſter mit dem Leichname des beruͤhmten tuͤrkiſchen Heiligen Jatagundi ſteht. Die Moſchee iſt ſchoͤn und herrlich, zu ihrem Dienſte ſind 200 Derwiſche beſtimmt, welche eine ſchoͤne Bi⸗ bliothek beſitzen. Alle Reiſenden werden hier gaſt⸗ freundlich, ohne etwas bezahlen zu muͤſſen, verpflegt. Nach einer halben Meile fuͤhrt ein Weg mit vielen Quellen zu einem durch die Raͤuber unſicher gemachten engen Paſſe, und nach 3 Meilen zu dem Dorfe Gu⸗ nei. Am folgenden Tage reiſten wir uͤber ein mit Tannen und Aspen bepflanztes Gebirg, an deſſen Fuße der See Gueſigneul ſich ausbreitet, zu dem Dorfe Jaſely mit dem See Naulugheul, deſſen fettes Waſſer die Seife bei dem Waſchen entbehrlich macht. Am folgenden Tage reiſte ich nach Bon dur, wo ich einen See gleiches Namens mit bitterem Waſ⸗ ſer ohne Fiſche antraf. Um denſelben herum halten ſich den Gaͤnſen aͤhnliche Voͤgel auf; welche durch ihre Fette zum Fluge ungeſchickt, mit Pruͤgeln von den —— 281 Einwohnern erlegt werden. Die Stadt Bondur laͤngs des an dieſelbe ſtoßenden Gebirges gelegen, ſcheint vor Alters weit anſehnlicher geweſen zu ſeyn. Auf dem Felde und den Weinbergen ſieht man viele Ruinen. Bondur verließ ich am 11. und uͤbernach⸗ tete in dem nicht uͤber 5 Meilen entferntem Sparta. Die Unſicherheit dieſer Gegend noͤthigte mich 20 Tage in Sparta zu bleiben. Unter guter Begleitung be⸗ ſah ich die Umgegend der Stadt. Drei bis vier Mei⸗ len davon fuͤhrte uns ein beſchwerlicher Weg auf ein 4 Gebirge zu den Ruinen einer Stadt, deren traar geh Aublick mir Thraͤnen entlockte. Die großen Ruines der nach der Geſtalt eines Amphitheaters erbauten Stadt, betragen bei 6 Meilen im Umfange. Unter einem Stein⸗ und Marmor⸗Haufen ſah ich noch die de eines Tempels mit einigen Verzierungen. as Amphitheater, welches s0 Fuß im Durchmeſſer han⸗ zaͤhlt 3o Abtheilungen von dem Boden bis zu den Gallerien, und von dieſen bis zum oberſten Stocke. Unten am Boden ſieht man noch viele kleine Abthei⸗ lungen, welche zu Behaͤltniſſen fuͤr die zum Kampfe beſtimmten Thiere gedient haben moͤgen. Dieſe Rui⸗ nen nebſt dem in der nahen Ebene gelegenem Dorfe neunt man Burderu. Den 23. kehrte ich uͤber ſteile Berge wieder nach Sparka zuruͤck. Dieſe Stadt, welche keine Merkwuͤrdigkeiten aufzuweiſen hat, liegt in einer ſchoͤnen Ebene an dem Fuße eines Gebirges, welches ſich ununterbrochen durch ganz 36ſtes B. Türkei. II. 3, 3 3 282 Aſien bis Indien erſtreckt. Auf der anderen Seite der Ebene liegt gleichfalls ein Gebirge mit den Ueber⸗ reſten eines alten Schloſſes. Nachdem ich zu Sparta meine Geſchaͤfte been⸗ digt, und verſchiedene Muͤnzen gekauft hatte, langte ich nach 8 Meilen in Igridy an. Dieeſe jetzt unbe⸗ deutende Stadt mit einem See gleiches Namens, ſcheint wegen ihrer Lage an engen Paͤſſen ehemals wichtig geweſen zu ſeyn. Den 1. Dezember zog ich laͤngs dieſes See's 2 Stunden fort, und kam nach ei⸗ nem 12 Stunden langen Wege uͤber das Gebirge Cu⸗ val Dagla, wahrſcheinlich ein Zweig des Tau⸗ rus, zu dem Dorfe Belgers. Am folgenden Tage fuͤhrte mich ein Weg von 10 Stunden nach Serkis⸗ oder Jerkis⸗Serreil. Auf unſerem Wege ſahen wir rechts den See Gueul Benicher, welcher we⸗ geu ſeiner trefflichen Fiſche, und wegen ſeines Salzes merkwuͤrdig iſt. Den 3. kam ich nach einem 8 Stunden langen Wege auf das Dorf Quiſiluren, und am folgen⸗ den Tage nach Zurücklegung von 9 Meilen auf Cog⸗ ny, das alte Jeonium. Dieſes war ehemals der Sitz der osmanniſchen Kaiſer, ehe ſie ihre Macht gegen den Oceident weiter ausgebreitet hatten. Nach 3 Dagen brach ich von Cogny nach Caͤ⸗ ſarea in Kappadozien auf, um den Berg Ar⸗ gius zu beſuchen. Das Merkwuͤrdigſte auf dieſer Reiſe waren pyramidalfoͤrmige Haͤuſer. Die 283 Tuͤrken nennen ſie Minarets, weil ſie das Anſehen der zugeſpitzten Thuͤrme ihrer Moſcheen haben, ihre Anzahl belauft ſich uͤber 20,000. Von Cogny reiſte ich den 28. uͤber Adama nach Tharſus. Hiey verfuͤgte ich mich zu dem Kadi, zeigte meinen Firman, und trat als Arzt in ſeine Dienſte. Als ich die Ruinen der Stadt Nembrot beſuchen wollte, wurde es mir vom Kadi abgeſchla⸗ gen, weil die Tuͤrken unter den Ruinen Schaͤtze, welche von boͤſen Geiſtern bewacht wuͤrden, verborgen glauben. Von Tharſus langte ich den 15. Januar 1716 in Aleppo, einer durch den Handel mer verſchiede⸗ nen levantiſchen Waaren beruͤhmten Stadt, an. Die Stadt Aleppo iſt das alte Beroea in Syrien. Spaͤter ſoll ſie Kaleb geheißen, und in der Folge den Namen Aleppo erhalten haben. Waͤhrend mei⸗ ner Anweſenheit hatte der franzöſiſche Konſul Audienz bei dem Baſſa. Vor dem Zuge ging ein Buluc Baſſi, ein Gerichtsdiener, um das Volk aus dem Wege zu treiben; ihm folgte ein Diener mit einem s Fuß langen ſchwarzen Stabe, welcher in eine ſil⸗ berne Lilie ſich endet. Dann kamen 4 Janitſcharen in praͤchtigen Kleidern und mit Muͤtzen, mit 4 Ver⸗ ſchnittenen in gleicher Kleidung. Vor dem Konſul, welcher tuͤrkiſch gekleidet, jedoch ſeinen Hut und ſeine Peruque behielt, gingen ſeine 4 Dolmetſcher(Dra⸗ gomans); ihn begleiteten 2 Deputirte der Nation. 284 Den Zug ſchloßen alle zu Aleppo ſich aufhalten⸗ den Franzoſen. Der Baſſa ließ den Konſul durch ſeine Freunde empfangen, und nach den gewoͤhnlichen Zeremonien wurde ihm Kaffee und Sorbet gereicht, und die Zeremonie mit Roſen⸗Waſſer, womit Haͤnde und Kleider beſprengt wurden, und mit Raͤuchern be⸗ ſchloſſen. Bei dem Abſchiede ließ der Baſſa dem Konſul ein geſticktes Tuch zum Geſchenke geben, ohne ſich je⸗ doch nur im geringſten von dem Platze zu bewegen; dieß kommt daher, weil die Muſelmaͤnner gegen an⸗ dere Religions⸗Genoſſen keine Achtung haben. Der Ruͤckzug geſchah in der naͤmlichen Ordnung. Die Be⸗ druͤckungen der Baſſa, wenn ſie ihr Amt antreten, ſind groß. Nach Beendigung meiner Geſchaͤfte zu Aleppo unterſuchte ich den Zuſtand der Maroniten, welche auf dem Libanon, dem Anti⸗Libanon, und in einem Theile des Landes Cazervan um die Stadt Seide wohnen. Die Maroniten ſind die gerins⸗ ſten und aͤrmſten aller Chriſten in der Levante. Die meiſten leben auf dem Libanon und Anti⸗Liba⸗ non, die uͤbrigen halten ſich in den Staͤdten Da⸗ mas, Seida, Barath, Tripoly, Aleppo, Jeruſalem und Syrien, und auf der Inſel Cy⸗ pern auf. Auf die Seidenzucht verwenden ſie große Sorgfalt. Zwei Familien genießen bei ihnen die Ehre und das Anſehen eines Cheks. Auf dem Gebirge 285 Kesruan haben ſie Moͤnch⸗ und Nonnen⸗Kloͤſter nebſt 10— 12 Doͤrfern. Sie koͤnnen unr 1000 Mann in das Feld ſtellen; ſie ſind in den Wiſſenſchaften eben ſo unerfahren, als im Kriege; die Kluͤgſten koͤnnen nur leſen und ſchreiben. Sie reden arabiſch, ſchrei⸗ ben aber mit chaldaͤiſchen Buchſtaben, und halten ih⸗ ren Gottesdienſt in ſyriſcher Sprache, wiewohl ſie die Worte nicht verſtehen. Ihr groͤßter Ehrgeitz be⸗ ſteht darin, Kaufmann zu werden. Die, welche auf den Gebirge leben, ſind nicht wohlhabend, ſelbſt die reichſten haben kleine Wirthshaͤuſer fuͤr Reiſende, de⸗ nen flei ſteht, nach Belieben zu zahlen. Sie halten viel auf das Gebet, und beobachten die Faſten, jedoch nur zur Paſſions⸗Zeit. Ihre mei⸗ ſten Prieſter ſind verheirathet, ungebildet, und muͤſſen ſich wegen ihrer geringen Einkuͤnfte durch Handarbei⸗ ten ernaͤhren. Ihre meiſten Biſchoͤfe, deren Anzahl 10— 12 ſtark iſt, ſind aus Kloͤſtern gewaͤhlt. Von Aleppo nach Tripolis begleitete mich der Pater der Jeſuiten, Micolo, ein ſehr beruͤhm⸗ ter Miſſtonaͤr in dem Oriente. In dem Dorfe Mu⸗ eres uͤbernachteten wir. Waͤhrend unſeres dreitaͤgi⸗ gen Aufenthaltes beſuchten wir die auf dem nahen Berge liegenden Ruinen von Arel⸗Malen, die Ueberbleibſel einer ſehr großen Stadt. Hier fanden wir einen Tempel, deſſen Gewoͤlbe bloß eingefa en war. Die vielen Kreuze an den aus Quaderſteinen erbauten Mauern zeigen, daß er von den erſten Chri⸗ 286 ſten bewohnt worden ſey. Auch ſah ich viele Graͤber von ungewöoͤhnlicher Groͤße, in welchen die Gebeine groͤßer, als an gewoͤhnlichen Menſchen waren. Einige Tage nachher langte ich zu Tripolis an, wo ich bis den 419. April blieb. Von da kam ich durch Gazir, wo die Kapuziner eine Kirche haben, welche an der Stelle eines alten Schloſſes erbaut iſt. Ich beſah noch Einiges auf dem Gebirge Cazervan, welches zum Libanon gehoͤrt, und haͤtte beinahe durch den Anfall eines wilden Thieres, welches ich jedoch gluͤcklich durch einen Piſtolen⸗Schuß er⸗ legte, mein Leben verloren. Hierauf langte ich zu Baruth, der alten Stadt Berythe an. Unter Wegs ging ich uͤber zwei Bruͤcken, deren eine uͤber den Fluß Abraham, vormals Adonis, der bei Biblos in das Meer faͤllt, die andere uͤber den Hun⸗ de⸗Fluß fuͤhrt, welcher von einer an demſelben lie⸗ genden Hunde aus Stein ſeinen Namen hat. Letzte⸗ rer iſt der Lykus der Alten, welcher mit dem Ado⸗ nis auf dem Libanon entſprang. Von Baruth ſetzte ich nach 4 Stunden uͤber den Liebes⸗Fluß; Strabo nennt ihn Damy⸗ ras, Ptolemaͤus erwaͤhnt ſeiner unter dem Na⸗ men Leontas, an welchem die Stadt gleiches Na⸗ mens lag. Von dem Liebes⸗Fluſſe bis nach Seida hatte ich eine Stunde, wo ich bei meinem Freunde Caſtor einkehrte. Am 1. beſuchte ich den Berg Sidon, welcher eine halbe Meile von der . 287. Stadt liegt. Auf der Spitze des Berges iſt ein Al⸗ tar, um welchen die Grabes Staͤtten der Maroniten und europaͤiſcher Chriſten ſind. Unter dem Berge ſieht man die Ruinen einer alten Stadt, welche vermuth⸗ lich Sidon war. Bei dem Nachgraben findet man viele Denkmaͤler und ſehr ſchoͤne Graͤber, deren Steine die Einwohner zum Baue ihrer Haͤuſer verwenden. Auf die Nachricht, daß nicht weit von dem Dorfe Seſein ein ſchoͤner Waſſerfall nebſt vielen alten Deukmaͤlern zu ſehen ſey, reiſte ich in Begleitung der Herren Kaſtor und d'Abounor dahin. Nach einem ſiebenſtuͤndigen Wege über den Libanon lang⸗ ten wir ermuͤdet in dem maronitiſchen Dorfe Gaë⸗ tulla an, weiches eine ſchoͤne Quelle von 20 Fuß im Durchmeſſer hat. Den 3. erreichten wir in 2 Stun⸗ den das Dorf Seſein, wo ein kleiner Fluß bei ſei⸗ nem Abſtuͤrzen von dem Gebirge einen 1000 Fuß ho⸗ hen Waſſerfall bildet. Dieß war der ſchoͤnſte Anblick meines Lebens. Unten breitet ſich eine herrliche mit vielen Baͤumen bepflanzte Ebene aus, velche durch ihren Schatten eine bedeutende Anzahl der Maroni⸗ ten und Druſen gehoͤriger Doͤrfer gegen die Strah⸗ len der Sonne ſchuͤtzen. Ich ſetzte meine Reiſe nach Damas fort, und kam nach einem Wege von 9 Stunden an den Fluß Jeſel⸗Caragon, uͤber welchen eine Bruͤcke mit zehn Bogen fuͤhrt. Ohne Zweifel iſt dieſer der Eleuthe⸗ rus der Alten. Hier kamen wir an eine ſchoͤne Ebene⸗ 288 welche ſich bis zur Ebene Balbeck erſtreckt, und uͤber⸗ nachteten in dem Dorfe Cam etella, einem gefaͤhr⸗ lichen Aufenthaltsorte der arabiſchen Raͤuber. In 2 Stunden langte ich auf einem ſteilen Wege in einem großen entvoͤlkerten Dorſe, und Abends in Damas an. Alle auf dem Wege von Seida bis Damas vorkommenden Gebirge ſind Aeſte des Zedern reichen Lüibanons. Zu Damas wurde ich in dem Kapu⸗ ziner⸗Kollegium freundlich aufgenommen; es zaͤhlt Schuͤler, welche im Leſen und Schreiben und in Wahrheiten der Religion unterrichtet werden. Mit dem Vorhaben, meine Reiſe bis nach Afrika auszudehnen, zog ich laͤngs des Gebirges des wuͤſten Arabiens auf einem wenig beſuchten Wege hin. Den 16. reiſte ich von Damas auf den Engelberg, welcher ſehr friſches gutes Waſſer hatte. Am folgen⸗ den Tage beſuchten wir die auf einem Gebirge liegen⸗ den Ruinen zweier Schloͤſſer, hier ſahen wir bloß Haufen umgefallener Saͤulen. Unterwegs trafen wir in 12 Huͤtten alte Maͤnner und Weiber an, welche uns mit einem frugalen Mahle verſahen; dann zogen wir gegen das Gebirge hin, wo wir zum erſten Mal die Pflanze Serquis fanden. Die Umgebung eines Brunnens diente uns zum Nachtlager. Gegen Abend ſetzten wir unſere Reiſe, begleitet von dem ſchauder⸗ haften Geaͤchze der Eulen, welche hier die Groͤße ei⸗ ner Gans haben, fort. Bei Tags ruhten wir bei Brunnen wegen der Hitze der Sonne, und reiſten ge⸗ 289 gen Abend weiter fort. Auf der Reiſe begegnete uns ein Haufe von Reitern des Baſſa, welche ſich nach Vorzeigung meines Fermans vom Groß⸗Sultan hoͤflich zeigten. Der Baſſa ſelbſt bot mir zur ſicheren Nuͤckkehr nach Damas zwei Reiter an. Bei meiner Ankunft in Damas ſetzte ich meine Reiſe auf einem weniger gefaͤhrlichen Wege fort. Am 24. erreichte ich das Dorf Duria in einer ſchoͤ⸗ nen Ebene; bei unſere Reiſe uͤber ziemlich ſteile Ge⸗ birge ſahen wir auf denſelben die Ruinen der alten Stadt Heraklea mit vielen umgeworfenen Saͤulen von erhabener Arbeit. Das Dorf, welches auf den Ruinen erbaut iſt, und von den Druſen bewohnt wird, fuͤhrt noch den Namen der alten ſyriſchen Stadt. Auf einem andern Berge gegenuͤber ſah ich die Ueber⸗ reſte von zwei ſchoͤnen Palaͤſten, an denen man noch die Thore, die Hoͤfe und die uͤbrigen Abtheilungen wohl unterſcheiden konnte. Auf einem Abwege uͤber hohe Gebirge langte ich den 24. im Dorfe Ginige⸗ ny an. Eine Meile davon geht man uͤber die Bruͤcke Kaberebez, den Fluß Tezelcaraon oder La⸗ tany: denn er fuͤhrt beide Namen. Nach einem be⸗ ſchwerlichen Wege uͤber das Gebirge kehrten wir in Natur, einem dem Emir der Druſen gehoͤrigen Dorfe ein, und uͤbernachteten eine Meile von hier an der Quelle des Fluſſes Seide. Am 11. Juli ſegelten wir nach Damiette in Aegypten, mußten aber wegen des entgegengeſetz⸗ 290 ten Windes den 23. zu St. Jean d'Aere die Anker werfen. St. Jean d'Aere, das alte Ptolemais, wird von vielen Chriſten, welche aus Nazareth, wegen der Verfolgungen der Araber, entflohen waren, bewohnt. Am Ende des Meerbuſens liegt das Dorf Caipha, wo die Araber die Karmen vom Berge Karmel aus ihrem Eigenthume vertrieben haben. Den 25. ſegelten wir nach Jafa oder Joppe. Den 28. reiſte ich auf dem Landwege nach Jeruſalem. In 4 Stunden erreichte ich Rama. Am folgenden Tage ließen wir die kleine Stadt Kobeck zur Linken liegen, und zogen nach 2 Meilen bei einem Schloſſe vorbei, welches den Namen des guten Schaͤchers fuͤhrt. Darauf reiſten wi durch das Dorf Bende, ſahen nahe dabei St. Jeremia, eine ehemalige— Maenoriten⸗Kirche, und nicht weit davon auf einem Berge, das in Truͤmmer zerfallene Schloß Sar. Die auf einem entfernt liegenden Berge vorhande⸗ nen Ruinen halten die Juden fuͤr das Grab des Pro⸗ pheten Samnel. Nicht weit von Jeruſalem iſt der Ort, wo David den Goliath erſchlug. Dann zogen wir durch das Thor Damas des beruͤhmten Jeruſalems, und beſuchten das h. Grab. Am* 1. Auguſt reiſte ich in Geſellſchaft eines Aga wieder nach Jaffa zuruͤck. Dieſe kleine Stadt hat ſchoͤne Bazars und ein mit Kanonen beſetztes Schloß. Den 2. lichteten wir bei gutem Winde die Anker, und ſteuerten nordwaͤrts. Widrige Winde noͤthigten uns, 291 wieder nach Jean d'Aere zuruͤck zu ſegeln; ich be⸗ ſchloß uͤber Nazareth nach Kairo zu reiſen. Den 14. kam ich in Geſellſchaft zweier Prieſter uͤber die Ebene Aeri in das Dorf Tery. Von da brachen wir nach Benedica auf, welches die ſchoͤne Quelle Zabulon hat. Das kleine Dorf Safaury mit wenigen Einwohnern iſt auf den Ruinen einer großen Stadt erbaut; bald darauf langten wir zu Na⸗ zareth an. Ich beſuchte die Grotte, wo der Engel der Maria die Empfaͤngniß verkuͤndete, dann die Werkſtatt Joſephs, gleichfalls eine in den Felſen gehauene Grotte. Nach Beſichtigung noch verſchiede⸗ ner, ſchon bekannter Denkmaͤler reiſte ich wieder nach Jean d'Acre zuruͤck. Am 49. ſegelten wir nach Li⸗ moſo, wo ſtarker Handel mit eypriſchen Weine getrieben wird. Den 2. September haͤtten wir bald bei Roſette Schiffbruch gelitten, landeten jedoch Abends gluͤcklich zu Alexandrienz von da reiſte ich uͤber Roſette nach Kairo, wo ich mich ein ganzes Monat aufhielt. Am 4. November brach ich, von 3 Dienern beglei⸗ tet, nach Bulac auf, und fuhr auf eisem kleinen Fahrzeuge den Nil hinab. Den 5. langten wir zu Semenur an; den 6. luden wir unſer Gepaͤcke auf Eſel, durchzogen die herrlichſte Ebene, und langten Abends zu Groß⸗Mahaleu an. In dieſer Stadt uͤbergab ich dem Subagy, dem Gouverneur der Stadt, das Schreiben des franzoͤſiſchen Konſuls. „ 292 Mahaleu, die Hauptſtadt von Garbia, eine der beiden Provinzen des Delta iſt eine der ſchoͤn⸗ kten Staͤdte Aegyptens. Auf den ſchoͤnen und be⸗ quemen Bazars wird ſtarker Handel mit Kattun und Leinwand getrieben. Hier wird viel Salz Ammoniak bereitet. Nebſtdem bemerkte ich viele Oefen, in wel⸗ chen die jungen Huͤhner ausgebruͤtet werden. Die Haͤuſer zu Mahaleu liegen an einem ſchoͤnen Ka⸗ nale des Nils, uͤber welchen die Tuͤrken eine Bruͤcke aus Ziegelſteinen fuͤhrten. Meine Bitte, die Ruinen des Iſis⸗Tempels zu ſehen, gewaͤhrte mir der Su⸗ bagy. Wir ſegelten durch viele Kanaͤle in den Nil, und traten nach einer halbſtuͤndigen Fahrt an das Land. Der Tempel liegt beinahe im Mittelpunkte des Delta, nahe bei Phabeit, eine Meile noͤrdlich vom Nile, und 3 Meilen von Samman ud, der alten Stadt Sebenitha. Der ganze Tempel ſcheint durch ein Erdbeben in einen Stein- und Marmor⸗Haufen verwandelt worden zu ſeyn. Die traurigen Ueberreſte dieſes Tempels ſind aus dem herrlichſten Marmor mit einer Menge Hieroglyphen. Alle Steine haben 12 bis 15 Fuß in der Laͤnge, und 3 bis 4 in der Breite. Die praͤchtigen Marmor⸗Saͤulen haben 7 Fuß im Durchmeſſer. Nach der Groͤße der Ruinen zu ſchlie⸗ ken, mag der Tempel 5900 Fuß im Umfange betra⸗ gen haben. Auf meiner Nuͤckreiſe langte ich in 2 Stunden zu Maſſure an, wo der Graf von Artois, der Bru⸗ 293 der des h. Ludwigs getoͤdtet wurde. Die Stadt iſt ſehr volkreich, und mit ſchoͤnen Bazars verſehen. Hierauf fuhren wir den Nil hinab, und langten den 13. zu Damiette an. Bei meiner Fahrt von Da⸗ miette bis Roſette zaͤhlte ich 17 Kanaͤle, welche alle vom Nile entſtehen, und ſich in das Meer ergie⸗ ßen. Die meiſten dieſer Kanaͤle trocknen bei dem Falle des Niles aus. Mit gutem Winde ſegelten wir in den 2. Haupt⸗Kanal, deren einer bei Damiette, und der andere bei Roſette iſt, ließen das auf dem Delta liegende Schloß links, und landeten gluͤcklich zu Ro⸗ ſette. Auf Mauleſeln ſetzte ich meine Reiſe nach Alexandria fort. Die Wege waren in beſtimmten Entfernungen mit Pfaͤhlen bezeichnet, weil ſie oft durch den Wind und Sand unkennbar gemacht wer⸗ den. Als wir 2 Stunden im Waßſſer geritten waren, ruhten wir in Madie, ſetzten dann uͤber einen Ka⸗ nal, und zogen 3 Stunden laͤngs der Kuͤſten bis Be⸗ guier fort. Das Waſſer, welches hier die Daͤmme durchbrach, machte die Wege unſicher; bei dem Rei⸗ ten uͤber dem Fluß mußte ich vom Maulthiere herab ſpringen, und unter Lebensgefahr an das Ufer ſchwim⸗ men. Durchnaͤßt erreichte ich in 2 Meilen Ale⸗ randrien. Hier war meine erſte Sorge, die Saͤule des Pompejus, welche nahe bei Alexandrien weſt⸗ lich ſteht, zu beſuchen. Die Saͤule iſt mit der Krone und dem Fußgeſtell 5663 pariſer Quadrat⸗Schuhe boch. 1 Dieſe große Laſt ruht auf einem rund herum mit Steinen eingefaßten viereckigen Pfahl. Die Saͤule iſt noch ſehr gut erhalten, Die Spitze(Saͤule) der Kleopatra, welche 54 Fuß uͤber der Erde, und 12 unter derſelben, unterſcheidet ſich von der Saͤule des Pompelus durch ihre Hieroglyphen. Nicht weit davon liegt noch ein anderer umgeworfener Obelisk von gleicher Groͤße, gleichfalls mit Hieroglyphen be⸗ ſchrieben. Neu⸗Alexandrien am Meere, hat keine Mauern, wie das alte, welches faſt nicht mehr be⸗ wohnt wird. Zu Alt⸗Alexandrien ſind noch 3 Thore geoͤffnet, das eine, welches nach Roſette fuͤhrt, das andere, aus welchem man zur Saͤule des Pompejus kommt, und das gruͤne Thor. Alle dieſe Thoxre ſind ſchoͤn und kuͤnſtlich gebaut. Die Stadtmauern ſind noch in gutem Stande. In Alt⸗ Alexandrien ſind herrliche Thuͤrme mit den ſchoͤn⸗ ſten Saͤulen aus Marmor. Das Gewoͤlbe des Thur⸗ mes, der Palaſt der Kleopatra genannt, ruht auf 2 Reihen herrlicher Marmor⸗Saͤulen. Hier ſieht man noch ſchoͤne Saͤle. Um die Stadt herum befin⸗ den ſich viele Ciſternen nahe bei einander. Nothge⸗ drungen muͤſſen die Tuͤrken einige derſelben unterhal⸗ ten aus Mangel an Waſſer. In der Stadt ſah ich auch eine Reihe von herrlichen Marmor⸗Saͤulen, wel⸗ che ſich in eine Linie von 500 Schritten ausdehnen. Dieſen Saͤulen gegenuͤber ſieht man eine andere Reihe 295 von Saͤulen, von denen kaum 3— 4 ſtehen, und ſich noch 200 Schritte laͤnger ausdehnen. Der Platz zwi⸗ ſchen beiden Reihen ſcheint die Geſtalt eines laͤngli⸗ chen Vierecks gehabt zu haben. Unter alten Stein⸗ haufen entdeckt man noch ganze Baͤder, deren Steine die Tuͤrken zu ihren Gebaͤnden verwenden. Ueberall in der Stadt ſtoͤßt man auf Truͤmmer eingefallener Palaͤſte und Tempel; unter denſelben befinden ſich viele Saͤulen aus Marmor und Porphyr. Außerhalb der Stadt finden ſich nur kleine Berge und Huͤgel, welche aus den Ruinen eingefallener Haͤu⸗ ſer entſtanden ſind. Bei dem Nachgraben bieten ſich roͤmiſche Muͤnzen und geſchnittene Steine dar. Die Ruinen erſtrecken ſich 3 Meilen in die Laͤnge und eben ſo viel in die Breite, woraus man die Groͤße der Stadt mit ihren Vorſtaͤdten erſehen kann. Von dem Pharus bei Alexandrien, welcher zu den 7 Wundern der Welt gerechnet wird, iſt jetzt kaum mehr die Stelle zu ſehen. Die meiſten glau⸗ ben, daß er an dem Platze des neuen Pharus erbaut war. Dieſer iſt eine kleine, an dem Eingange des Hafens gelegene Feſtung, vor welcher noch ein ande⸗ res Schloß mit einem Thurme ſteht, auf welchem die ganze Nacht ein Feuer unterhalten wird. Alexan⸗ drien hat 2 Haͤfen. Einer, in welchem die Kriegs⸗ Schiffe und Galeeren liegen, heißt der alte Hafen, und gewaͤhrt Sicherheit; abendlaͤndiſche Chriſten duͤr⸗ fen in denſelben nicht fahren. Der andere Hafen, 296 welcher nicht ſo tief iſt, und verborgene Klippen hat, iſt fuͤr die Galeeren und anderen kleinen Fahrzeuge, welche nach Alexandrien kommen, beſtimmt. Der Eingang iſt ſehr gefahrvoll und beſchwerlich; die abend⸗ laͤndiſchen Schiffer werfen vor demſelben Anker. In dieſem Hafen iſt auf der oͤſtlichen Seite ein Scheide⸗ Damm in der Geſtalt eines Halbkreiſes mit Eiie klei⸗ nen Feſtung. Gegen Weſt iſt ein anderer Scheide⸗ Damm, welcher von der Stadtmauer bis zu dem klei⸗ nen Pharus gezogen iſt. u Alexandrien zeigt man noch den Ort, wo die freien Kuͤnſte und Wiſſenſchaften betrieben wur⸗ den. Die St. Markus⸗Kirche, welche die Kop⸗ ten beſitzen, iſt bemerkeuswerth. Hier zeigt man noch ein Stuͤck von einem Predigt⸗ Stuhle, von wel⸗ chem der h. Markus das Evangelium gelehrt haben ſoll, nebſt mehreren Bildern von ihm. In der St. Ka⸗ tharinen⸗Kirche zeigt man die Saͤule, wo dieſelbe enthauptet worden iſt. Den 18. reiſte ich von Alexandrien wieder nach Roſette, einer der angenehmſten Staͤdte Ae⸗ gyptens. Das Klima iſt hier ſehr gemaͤßigt, bis⸗ weilen tritt auch Regen ein. In dieſe Stadt werden alle Waaren, von rothem Meere und aus Ober⸗Aegyp⸗ ten wegen des von Kairo herab gehenden Nil⸗Ka⸗ nales gebracht. Die Haͤuſer ſind ſchoͤn gebaut, und werden durch zwei an der Muͤndung des Kanals zu beiden Seiten gelegene Schloͤſſer gegen die Anfaͤlle 297 der Seeraͤuber geſchuͤtzt. Nil aufwaͤrts fuhren wir den 22. nach Kairo. Matarea, welches 2 Meilen von der Stadt oͤſtlich liegt, beſuchte ich am folgenden Tage. Sie ſoll der Zufluchts⸗Ort Jo ſephs und der Maria gegen die Verfolgungen Herodes des Großen geweſen ſeyn. An einem kleinen See, wel⸗ cher ſich in den Nit ergießt, ſteht ein Obelisk mit Hieroglyphen. 3 Hterauf begab ich mich nach Alt⸗Kairo, dem neuen Babylon. Die Haͤlfte der Mauern beſteht aus gebrannten Ziegelſteinen, die andere aus Quader⸗ ſteinen. Die Sarazenen ſollen bei ihrem erſten Ein⸗ falle in Aegypten dieſe Stadt zerſtoͤrt haben, welche dann wieder aufgebaut, und Teſſad genannt wor⸗ den ſeyn ſoll. Die Tuͤrken bewohnen den ſchoͤuſten Theil der Stadt, den uͤbrigen haben die Kopten mit s Kirchen im Beſitze. Die Kornhaͤuſer in Alt⸗ Kaino ſollen von dem Erzvater Joſeph gebaut ſeyn. An dem öſtlichen Ufer des Nils ſteht ein Schloß, wel⸗ ches die Tuͤrken in eine Moſchee verwandelt haben. Vormals ſoll da ein Palaſt des Koͤnigs Pharao ge⸗ ſtanden, und nicht weit davon Moſes durch die Prinzeſſin des Koͤnigs gerettet worden ſeyn. In dem Schloſſe ſieht man eine Saͤule, welche die Hoͤhe des austretenden Nils anzeigt, deren Erfindung dem Gouverneur Aegyptens, Nikolaus Gor unter der Regierung des Kaiſers Heraklius zugeſchrieben wird. Hier ſind auch zwei Talismane gegen die Krokodile. 36ſtes B. Türkei. II. 3. 4 298 Jeder derſelben beſteht aus einem viereckigen Stuͤcke Marmor mit der Geſtalt eines Krokodils, um welches die 12 Himmelszeichen ſind. Bei Kairo theilt ſich der Nil in zwei Arme. Bei dem Anſchwellen deſſel⸗ ben dringt das Waſſer mit Kraft in den Arm Ka lis, welcher durch Kairo fließt. Wenn der Nil ¹6 Ellen geſtiegen iſt, wird die Schleuße an der Muͤndung des Kanals unter großen Feierlichkeiten geoͤffnet. Die barbariſche Sitte, dem Nil jaͤhrlich ein junges Maͤd⸗ chen zu opfern, ſchafften die Tuͤrken bei der Eroberung des Landes ab. Wenn der Nil die gehoͤrige Hoͤhe erreicht hat, ſo kommt der Baſſa unter Muſik, und begleitet von der jubelnden Menge an den Kanal. Hat er die Hoͤhe von 16 Ellen nicht erreicht, ſo ſieht man dieſes als Zeichen einer bevorſtehenden Hungersnoth an. Gegen Ende des Mar' faͤngt der Nil zu wachſen an, und ſteigt bis zum 20. Auguſt, bisweilen bis zum Dezem⸗ ber, dann faͤllt er wieder, bis er in ſeine ufer zuruͤck getreten iſt. 4 Der Mekias, der Ort fuͤr den Nilmeſſer im Schloſſe zu Alt⸗Kairo, beſteht in einem viey eckigen Behaͤltniſſe, um welches eine ſchoͤne Gallerie geht, welche auf acht weißen Saͤulen aus Marmor ruht. Der Nilmeſſer beſteht in einer weißen, acht⸗ eckigen Saͤule aus Marmor, welche in 22 gleiche Theile abgetheilt iſt. Waͤhrend des Anwachſens des Nils wird die Saͤule fleißig beobachtet, und dasſelbe 299 alle Tage in den Straßen von Kairo verkuͤndet. Am Ende des See's Matarea befindet ſich ein Sphinr, welcher gleichfalls den alten Aegyptiern als Nilmeſſer diente. Dieſer Sphinx wurde wegen vermutheter Schaͤtze von den Tuͤrken mit großer Anſtrengung um⸗ geworfen. Nach dem Zeugniſſe des Plinius ſoll der Sphinx zu Memphis 443 Fuß lang, und eben ſo hoch geweſen ſeyn.. Wenn der Nil nicht 6 Ellen hoch ſteigt, duͤrfen die Einwohner keine Abgaben an den Sultan entrich⸗ ten, weil ſie kaum ſo viel Getreid bauen, als zu ih⸗ rem Unterhalte noͤthig iſt. Weil der Nil nicht ganz Aegypten uͤberſchwemmt, ſo mußten zu deſſen Bewaͤſ⸗ ſerung viele Kanaͤle gezogen werden. Die Daͤmme des Nils werden zuerſt in Ober⸗Aegypte n, dann in Nieder⸗Aegypten durchſtochen. Einige Laͤnde⸗ reien, welche ihrer etwas hohen Lage wegen, nicht bewaͤſſert werden, muͤſſen das Waſſer durch Maſchinen, welche von Ochſen in Bewegung geſetzt werden, in Roͤhren durch das Land leiten. Dieſe Maſchinen, Puſaracen genannt, beſtehen aus?2 großen Raͤdern, welche gleich weit von einander abſtehen, und durch viele Hoͤlzer verbunden ſind, um welche herum ein großes Seil mit irdenen Toͤpfen geht, welche 7— 8 Eimer halten. Zu gleichem Zwecke ſind auch viele Brunnen eingerichtet, aus welchen das Waſſer auf dieſelbe Weiſe gepumpt wird. Die Gaͤrten der Aegyptier ſind ſehr ſchoͤn; das 3⁰⁰ Land wird durch den Nil⸗Schlamm hinlaͤnglich ge⸗ duͤngt; der Anfang der Saat ſind die Monate No⸗ vember und Dezember, die Ernte folget im Maͤrz und April. Gleiche Fruchtbarkeit zeigt ſich bei dem Viehe. Im November wir daſſelbe auf die Weide getrieben, und bleibt bis zum Ende des Maͤrz. Wie ich wieder nach Kairo kam, ſchickte ich mich zur Reiſe nach dem Dorfe Abuſira an, wo in dem Brunnen unterirdiſche Gaͤnge mit Mumien ſich vorfanden. Ueber Giza kamen wir in ziemlich wuͤſte Ebenen. An dem Wege ſtießen wir auf eine knieende Figur ohne Kopf, auf deren Ruͤcken eine Spitze ſich erhob. Die Figur mit dem Fußgeſtelle war ganz mit Hieroglyphen beſchrieben. Ferner ſtell⸗ ten ſich unſern Augen 3 ſchoͤne Pyramiden dar⸗, bis wir endlich den Brunnen erreichten. Er iſt von Außen viereckig, haͤlt im Durchſchnitte 12, und in der Tiefe 30 Fuß. An Stricken, mit Fackeln verſehen, ließen wir uns hinab. Unten mußten wir durch eine 20 Schritt lange Oeffnung auf dem Bauche kriechen. Hierauf kamen wir in einen großen Gang, auf deſ⸗ ſen beiden Seiten eine ungeheure Menge Toͤpfe ſtand, deren Deckel mit Kalk zugemacht waren. In dieſen waren nach Art der Mumien einbalſamirte Voͤgel. Dieſer Grabes⸗Ort iſt ſehr geraͤumig und mit vielen Gaͤngen verſehen. Alle dieſe Gaͤnge ſind in Felſen gehauen, in welchen Kammern ſind, welche theils mit Toͤpfen, theils mit Mumien, welche meiſt zu Aſche 301 geworden, angefuͤllt ſind. Auch fand ich Ochſen⸗ Koͤpfe, welche ich fuͤr Apis⸗Koͤpfe hielt. Auf acht weißen, ſteinernen Urnen lagen Jungfrauen⸗Koͤpfe, mit Hieroglyphen bezeichnet. Von den unzaͤhligen kleinen Mumien und Voͤgeln will ich keine Mel⸗ dung thun. Hierauf kehrte ich nach Kairo, der Hauptſtadt Aegypten's, welche in Alt⸗ und Neu⸗Kairo eingetheilt wird, zuruͤckk. Alt⸗Kairo iſt faſt ganz leer; Neu⸗Kairo, eine halbe Stunde von Alt⸗ Kairo, liegt unter dem Schloſſe in einer ſandigen Ebene. Die Stadt wurde im J. 759 nach Chriſtus durch den Kalifen Cairoan, den Eroberer Aegyp⸗ tens, erbaut. Die Stadt, ehemals beruͤhmt durch den Handel mit Indien, iſt der Sitz des Baſſa; ihre Haͤuſer ſind niedrig, die Straßen enge. Fuͤnfhundert Moſcheen, nebſt einigen den Kopten und Griechen ge⸗ hoͤrigen Kirchen, werden gefunden. Die Zahl der Einwohner, zu welcher Araber, Kopten, Griechen und Tuͤrken gehoͤren, wird ohne die Soldaten des Sultans auf 300,000 angegeben. Hier ſieht man noch einig Palaͤſte der alten Koͤnige, deren Saͤle ſehr groß die Decke mit Gold, blauer Farbe und kuͤnſtlich gefer⸗ tigter Bildhauer⸗Arbeit uͤberkleidet ſind. Der Boden iſt aus Marmor mit bunten Figuren ausgelegt. Die Mahometaner haſſen die eingebornen Aegyptier ſehr, und aaͤſſen ſie nicht aus ihrem Ge⸗ ſchlechte heirathen. Auf das Baden verwenden ſie 30² viele Muͤhe. Die Frauen haben eine ſchlechte Erzie⸗ hung, ihre Geſpraͤche verrathen viele Schamloſigkeit, und die Liebe zu ihren Maͤnnern iſt bei ihnen etwas ſeltenes. Dagegen wird von den Maͤdchen die Keuſch⸗ beit um ſo ſtrenger gefordert. Die Frauen ſind ſehr eiferſuͤchtig, und werden ſtrenge von Verſchnittenen bewacht. Kein Mann, mit Ausnahme ihres Gemah⸗ les, darf ſich dem Harem, dem Wohnorte der Frauen naͤhern. Bei ihren Beſuchen finden die Frauen ein großes Vergnuͤgen daran, ſich allemal anders anzu⸗ kleiden. In ihren Unterhaltungen, welche bisweilen den ganzen Tag dauern, ſind ſie ſehr frei. Wenn vornehme Frauen Beſuche geben, gehen vor ihnen viele Janitſcharen, Maͤdchen und Sklaven folgen ih⸗ nen in ſchoͤnen Kleidern nach. Wenn ſie Kaffee, Ser⸗ bet und Rauchwerk bekommen haben, rauchen ſie Ta⸗ bak. Bei oͤffentlichen Feſten iſt ihnen erlaubt, Tag und Nacht aus dem Hauſe zu bleiben. Den Mahometanern iſt nach dem Geſetze erlaubt, 4 rechtmaͤßige Frauen und ſo viele Kebsweiber zu neh⸗ men, als ſie ernaͤhren koͤnnen. Sklavinnen, wenn ſie ſchwanger werden, genießen gleichen Vorzug, wie die andern Frauen. Nach Beſchreibung der Stadt Kairo will ich noch einige Meldung von dem Schloſſe thun. Das Schloß, die Reſidenz des Baſſa, hat eine halbe teut⸗ ſche Meile im Umfange. In demſelben ſtehen 4 Mo⸗ ſcheen mit Thuͤrmen. In einer derſelben, welche ſehr 303 koſtbar iſt, befindet ſich das Grabmal eines Gefaͤhrten Mahomets. Es iſt mit koͤſtlichen Zeugen bedeckt, auf demſelben ein gruͤner Turban; um daſſelbe geht ein Gelaͤnder von uͤbergoldetem Silber⸗Draht, um welches unzaͤhlige Lampen Tag und Nacht brennen. Dieſe Moſchee iſt aus ſchwarzem Marmor erbaut. Eine Gallerie wird von Marmor⸗Saͤulen getragen. Das Innere dieſes Gebaͤudes habe ich ſelbſt geſehen. In dem Schloſſe ſind viele Haͤuſer, welche bloß Tuͤr⸗ ken, die von dem Sultan beſoldet werden, bewohnen. Es liegt auf einem Felſen, und iſt mit Mauern umgeben, an deren Seite Thuͤrme hervor ragen. In den Mauern ſind viele Oeffnungen zum Schießen. Die Haͤuſer fallen durch die Nachlaͤſſigkeit der Tuͤrken zuſammen. An einem Ende des Schloſſes iſt eine Schanze aus 4—s ſtarken Thuͤrmen zur Beſchießung der Wohnung des Baſſa, wenn er ſich vielleicht dem Befehle des Sultans, ſein Amt niederzulegen, widerſetzen ſollte. Dem Schloſſe von Kairo gegenuͤber liegt ein hoher Berg, auf dem eine Menge großer Hoͤhlen zum Be⸗ graͤbniſſe der alten Scheiks gedient haben ſoll. Auf dem Gipfel des Berges ſteht eine Moſchee, der Be⸗ graͤbniß⸗Ort mehrerer Baſſen und vornehmer Tuͤrken. Hierher wallffahrtet der tuͤrkiſche Poͤbel, wenn der Nil ſeine gewoͤhnliche Hoͤhe nicht erreichen will. Weil von Kairo jaͤhrlich eine ſtarke Karavane nach Mekka zieht, ſo will ich den Zug, wie ich ihn geſehen habe, in Kuͤrze beſchreiben. 304 Den Aufang machten 6 kleine Kanonen, jede von zwei Pferden gezogen. Hierauf folgte eine Kuppel Kamele mit Munition von vielen Knechten gefuͤhrt. An dieſe ſchloßen ſich 60 andere mit Lebensmitteln und Geſchirren zum Kochen. Jedes derſelben warre⸗ ten 2 Knechte. Hinter dieſen zogen s0 unbeladen Kamele. Die Saguas(Waſſertraͤger) gingen vor 20 Kamelen, welche große mit Waſſer gefuͤllte Schlaͤuche aus Rinds⸗Leder trugen. Dann fuͤhrte ein andrer Haufe Saguas 40 praͤchtig bedeckte Kamele, zuletzt folgten Fackeltraͤger. So oft ein neuer Haufe reiſt, zieht ein Kamel mit 2 Paucken, welche von 2 Perſo⸗ nen geſchlagen werden, voraus. Alle Handwerker zu Kairo wohnen dem Zuge mit Trommeln und muſika⸗ liſchen Inſtrumenten, ihrem eigenen Zeichen bei, und ſingen und ſchreien. Andere Kamele tragen Caja⸗ vas, d. h. Wiegen fuͤr die Kranken, nebſtdem 20 Ka⸗ mele das Waſſer fuͤr dieſelben. Das Laͤrmen der Trommler und das Getoͤſe der in langem Zuge fol⸗ genden Menge iſt ſehr groß. Hinter dieſer ritt ein Soubagi auf einem köſtlich geſchmuͤckten Pferde; vor ihm zogen 2 Maͤnner mit Lanzen, hinter ihm alle ſeine Bedienten mit Schwertern und Lanzen. Zwei Mauleſel trugen die Saͤnfte des Bey. Bei dem Zuge befinden ſich viele, wahnſinnig ſich ſtellende Menſchen, welche ſingen, heulen, mit den Zaͤhnen klappern. Un⸗ gefaͤhr 1000 Mann Soldaten von Kairo mit ihren Anfuͤhrern, welche einen ſchwarzen Stock mit zwei ſilbernen Zacken, an den kleine ſilberne Ketten mit Schellen herab haͤngen, in den Haͤnden tragen, dienen der Karavane zum Schutze. Dann kam der Iman(Prieſter) in weißen Kleidern, begleitet von einer Anzahl junger Leute in gleichem Anzuge. Nun folgten 40 Janitſcharen, und dieſen ein großer Haufe Reiter, welche wohl bewaffnet, und in 6 Haufen ge⸗ theilt waren. An 1000 Aſaps(Fußgaͤnger) ſchloßen ſich, nach einem Zwiſchenraume, 1000 Janitſcharen an. Hierauf folgte noch ein Haufe Wahnſinniger, welche ganz nackt waren, Schlangen um die Arme gewunden hatten, und dabei unter fuͤrchterlichen Kruͤmmungen und immerwaͤhrenden Laͤrmen der kupfernen Inſtru⸗ mente ein fuͤrchterliches Geheul erhoben. Den gan⸗ zen Zug ſchloß ein Kamel, welches das vom Sultan dem Grabe Mahomets verehrte Zelt aus reichem Zeuge trug; die 4 Zipfel deſſelben wurden von Per⸗ ſonen gehalten. In einiger Entfernung von Kairo verſammeln ſich die uͤbrigen Karavanen, welche in 100 Tagen ihre Reiſe zuruͤck legen. Drei Meilen von Kairo, in der Gegend von Suez, nahe bei einem großen See, welcher ſein Ent⸗ ſtehen dem Austritte des Nils verdankt, erwartet der Emir⸗hagi, der vom Sultan beſtimmte Fuͤhrer des Zuges, die Karavane. Er erhaͤlt von der Pforte 100,000 Sekins zum Unterhalte fuͤr 4—500 Mann, ſeine zahlreiche Familie und 2— 3000 Pferde nicht mitge⸗ rechnet. Alle Guͤter der ohne Nachkommen auf der 306 4 Reiſe Verſtorbenen, und der 10. Theil des Vermoͤgens derer, welche Kinder haben, faͤllt ihm nebſt vielen Geſchenken zu. Er darf zum Tode verurtheilen, ohne Rechenſchaft ablegen zu muͤſſen. Die erſte Nacht der Karavane wird in Freude und Schmauſen zugebracht. Die Zahl der Pilger kann nicht genau angegeben werden; jedoch geht ſie nicht unter 50,000 herab. Die Reiſe iſt nach dem Geſetze geboten. Reiche Maͤnner nehmen auch ihre Weiber mit. Der Weg nach Mekka betraͤgt 48 Tage. Die Plaͤtze zum Uebernachten ſind beſtimmt. Das Zeichen zum Aufbruche wird durch einen Kanonen⸗Schuß 4 oder s Stunden vor Tages Anbruche gegeben. Die Todten bleiben unbeerdigt liegen, und werden vom Sande bedeckt, wodurch die Faͤulniß abgehalten wird. Wenn die Karavane zu Mekka angekommen iſt, ſo wartet ſie ⸗— s Tage, bis die andern Karavanen aus Konſtantinopel, Babylonien, Baſſora und Indien angelangt ſind. Hierauf ziehen ſie auf einen 7— s Meilen von Mekka gelegenen Berg, wo Abraham ſeinen Sohn hatte ſchlachten wollen. Die⸗ ſer Tag, Beiram genannt, iſt eines von ihren groͤß⸗ ten Feſten. Jeder ſchlachtet nach jeinem Vermoͤgen entweder einen Ochſen, oder Widder, deren Fleiſch unter die zahlreichen Armen vertheilt wird. Hierauf geht der Zug nach Mekka zuruͤck, wo er das ver⸗ meintliche Haus des Patriarchen Abrahams beſucht. Dieſes nennen ſie Baitalla, Gottes⸗Haus; es 307 hat nur ein Zimmer 12—13 Fuß in das Gevierte groß, von Innen und Außen mit Marmor belegt. Die Thuͤre, zu welcher s—s Stufen hinab fuͤhren, iſt aus gediegenem Silber. Außen wird das vom Sultan ge⸗ ſchickte Zelt befeſtigt, und das alte dem Groß⸗Sul⸗ tan zuruͤck geſchickt. In der Kammer Abrahams brennt Tag und Nacht eine große Anzabl Lampen. Auf großen daſelbſt befindlichen Steinen ſprechen die Imans zum Volke. Einen hier befindlichen Brun⸗ nen halten ſie fuͤr jenen, wo Hagar mit ihrem Sohne Ismael verſchmachten wollte. Dieſe Orte ſchließt eine praͤchtige Moſchee ein. Mekka hat außer dem Beit⸗alla keine Merk⸗ wuͤrdigkeit. Die Stadt liegt zwiſchen zwei hohen Bergen. Die Haͤuſer ſind 4—s Stockwerke hoch, die Straßen enge, die Bewohner zahlreich, Waſſer findet ſich im Ueberfluſſe, Der Ruͤckzug der Karavane geht durch Medina, eine große, ſchoͤne, in einer angenehmen Ebene gele⸗ gene Stadt. Die Einwohner ſind ſehr hoͤflich, und die Frauenzimmer ungemein ſchoͤn. Zu Medina, welches 10 Tage von Mekka entfernt liegt, ruht unter einem runden Thurme aus koſtbarem Marmor der Leichnam Mahomets; zu dieſem fuͤhrt nur ein kleiner Eingang. Das Grab des Propheten, welches nur 2— 3 Fuß uͤber die Erde ſteht, wird mit einem koͤſtlichen vom Sultane geſchickten Teppiche bedeckt. 308 Nur die 40 Hezleragaſſi, die Vorſteher der ſchwar⸗ zen Verſchnittenen duͤrfen zu dieſem Ort. Die Pilgrime halten den Beſuch von Mahomets Grab fuͤr das groͤßte Gluͤck ihres Lebens; ſie ſelbſt wer⸗ den mit beſonderer Achtung behandelt. Die Kamele, welche das Zelt getragen haben, werden reichlich ge⸗ . fuͤttert, zu keiner Arbeit gebraucht, und in beſonders geſtiftete Hoſpitaͤler gebracht. Aegypten, ehemals ein ſo maͤchtiges Koͤnig⸗ reich, iſt jetzt eine Provinz des tuͤrkiſchen Reichs. Das Land wird von einem, durch den Groß⸗Sultan be⸗ ſtimmten Baſſa, deſſen Herrſchaft gewoͤhnlich 3 Jahre dauert, verwaltet. Jaͤhrlich muß der Baſſa in die Schatzkammer des Groß⸗Sultans 600,000 Thaler lie⸗ fern, und um ſein Amt zu erhalten, eine Menge Zucker, Kaffee, Sorbet und Reis in das Serail ſchi⸗ cken, das Zelt, welches der Sultan nach Mekka ſchickt, anſchaffen, 200,000 Thaler nach Mekka ſen⸗ den, und eine gleiche Summe fuͤr die Karavane her⸗ geben. Ferner muß er alle Soldaten des Sultans in ſeiner Provinz beſolden. Dieſe Soldaten werden in 7 Klaſſen getheilt. Zur erſten gehoͤren die Vor⸗ — nehmen des Landes, die Beys und die Offiziere des Baſſa. Zur zweiten rechnet man die Janitſcha⸗ ren, deren Anzahl ſich auf 12— 15,00o belaͤuft. Dieſe haben einen eigenen Kiaja, welchen ſie waͤhlen, und nach Belieben wieder abſetzen koͤnnen. Die Afaps, die dritte Klaſſe, ſind Fußgaͤnger, haben gleiche Ein⸗ 30⁰9 richtung, wie die Janitſcharen, und belaufen ſich auf 5— 6000 Mann. Die 4. Klaſſe machen die Spahis, Reiter aus; ſie ſtehen ebenfalls nicht unter dem Baſſa, und wer⸗ den in gruͤne, gelbe und rothe eingetheilt. Die uͤbrigen Klaſſen ſind von geringer Bedeutung. Alle viertel Jahre erhalten die Soldaten ihren Sold. Die Weiber bekommen gleichen Sold, wie die Maͤn⸗ ner. Die Regierung des Landes iſt unter 24 Bey's, welche der Groß⸗Sultan mit einer monatlichen Be⸗ ſoldung von sos Thalern ernennt, vertheilt. Wenn ſie in den Krieg ziehen, wird der Sold verdoppelt, und nach ihrer Ruͤckkehr nicht mehr vermindert. Der Baſſa herrſcht uͤber ſie mit unumſchraͤnkter Macht. Jeder Bey muß eine kleine Anzahl Soldaten gegen die Einfaͤlle der Araber halten; ſie ſind faſt alle Skla⸗ ven. Faͤllt einer dieſer kleinen Unter⸗Statthalter bei dem Baſſa in Ungnade, ſo wirft er ſich den Soldaten in die Arme, woraus oft große Unruhen entſtehen. Verſehen mit einem Empfehlungs⸗Schreiben von Ibrahim Bey, einem der maͤchtigſten Befehlsha⸗ ber zu Kairo, mit dem ich in großer Freundſchaft lebte, an die arabiſchen Befehlshaber, trat ich meine Reiſe nach Ober⸗Aegypten an. Bei Alt⸗Kairo beſtiegen wir ein Schiff, wel⸗ ches wegen der Windſtille mit Tauen gezogen werden mußte. Nachdem wir dieſen Tag nur 3— 4 Meilen zuruͤck gelegt hatten, befanden wir uns Abends den Pyramiden von Sakara gegenuͤber. Den 12. langten wir unter gleicher Windſtille bei dem großen Flecken Tebin an, wo ich 3 große und s kleine Py⸗ ramiden ſah. Den 13. ruhten wir nach 2 Stunden zu Bleide; nach 4 Stunden fuͤhrte uns ein Nord⸗ wind zum Dorfe Alfe⸗baye. Am folgenden Tage ſahen wir auf unſerer gluͤcklichen Fahrt zwei ſchoͤne Pyramiden bei Safa⸗Meidon, deren Hoͤhe 400 Schuh betragen haben mag. Dann ſegelten wir nach Benſuet oder Benſuef, einer vom weſtlichen Ufer des Nils eine viertel Meile gelegene Stadt. Hier wurde ich von dem Statthalter gut aufgenommen, und reiſte den 10. in Begleitung eines Prieſters uͤber eine wohlgebaute Ebene mit vielen Doͤrfern. Nach Verlauf von 3 Stunden ſahen wir in der Ferne eine ſchoͤne runde Pyramide, welche Thore zu haben ſchien. Nach 2 Stunden ſtellte ſich unſerem Anblicke eine an⸗ dere Pyramide dar, welche durch die Zeit viel gelitten hat. Nach unſerer Abreiſe von Benſuef gegen Weſt erreichten wir Abends Fium. Den 20. gelang⸗ ten wir, begleitet von den Leuten des Cachif, an das Ufer des Sees Moeris, welcher von den Ein⸗ wohnern Birque Querron genannt wird. Dieſer See iſt nach Herodot ein Werk eines ſehr alten aͤgyptiſchen Koͤnigs, Namens Moeris; in dieſen wird durch einen ſteinernen Kanal, welcher noch vor⸗ handen iſt, das Waſſer des Nils, bei deſſen Anſchwel⸗ lung hineingeleitet. Er betraͤgt im Umfange 20 bis 40 311 franzoͤſiſche Meilen. Herodot gibt ſeinen Umfang auf 3600 Stadien an, welche s0 aͤgyptiſche Schenas ausmachen. Bei unſerer Ruͤckkehr von Birque Querron wurden wir von Ab dulla, welchem mich Ibrahim empfohlen hatte, mit 2 arabiſchen Scheiks zum Tiſche geladen. Der Siſch war aus Leder, uͤber denſelben ein Teppich gebreitet. Zuerſt wurde gebratenes Schoͤp⸗ ſen⸗Fleiſch aufgetragen, welches wir mit den Haͤnden zerreißen mußten, hierauf folgten 12 geſottene Huͤh⸗ ner, 2 große Schuͤſſeln mit Pillau, verſchiedene Spei⸗ ſen von Honig, und in Stuͤcke zerſchnittenem K Kaͤſe. Zuletzt kam eine Bruͤhe, in welche jeder ſein Brod tauchte, mit den Haͤnden einweichte, und mit denſel⸗ ben wieder heraus nahm, weil weder Meſſer, noch Ga⸗ bel vorhanden waren. Nach Tiſch wurde Kaffee ge⸗ trunken und Tabak geraucht. Am 21. ritten wir an der Zahl 30, nach einge⸗ nommenem Fruͤhſtuͤcke, durch ein enges Thal, durch welches der Nil⸗Kanal ſich in dem See Moeris er⸗ gießt, und kamen bei dem Ausgange des Thales durch einen ſehr beſchwerlichen Weg in die Wuͤſte. Je wei⸗ ter wir auf dieſem Weg fortſchritten, deſto mehr Rui⸗ nen ſahen wir von dem Anſehen nach großen Staͤd⸗ ten, bis wir endlich das Labyrinth erreichten. Es liegt beinahe an der fuͤdlichen Ecke des Sees Moeris, ein wenig gegen Oſt, 10 franzoͤſiſche Meilen von den ein⸗ gefallenen Mauern der Stadt Arſinoe. Dieſes Ge⸗ 312 baͤude zeigt noch viele Merkmale ſeiner ehemaligen Pracht. Eine große Halle tragen 4 dicke marmorne Saͤulen, von denen 3 noch ſtehen. In der Mitte iſt ein Thor, deſſen Getaͤfel nebſt dem Gebaͤlke mit ver⸗ ſchiedenen hieroglyphiſchen Figuren gezeichnet ſind. Auf dem Gebaͤlke geſtandene Thuͤrme ſcheinen zum Eingange gedient zu haben. In der Thuͤre des mitt⸗ leren Theiles ſieht man noch 2 Anubis mit gehei⸗ men Zeichen. Das Gebaͤude ſteht gegen Aufgang der Sonne. Durch die Halle kommt man in einen ſchoͤ⸗ nen marmornen Saal, welcher 40 Schuh hoch iſt. Am Ende dieſes Saales geht man durch eine zweite der erſten aͤhnlichen Halle, in einen zweiten Saal, welcher etwas kleiner, als der erſte iſt. An dieſen Saal ſtoͤßt eine dritte Halle gleichfalls mit einem Saale, welcher an die 4. Halle mit einem Saale graͤnzt. Auf beiden Seiten, vorzuͤglich unter der Erda, ſollen bei 3500 Gaͤnge und Kammern geweſen ſeyn. Durch die Oeffnungen im Boden der Saͤle ſteigt man noch in dergleichen Kammern hinab. Alle dieſe Kam⸗ mern, welche ganz finſter ſind, waren einander weder an Geſtalt noch an Groͤße gleich. Einige ſind vier⸗, andere dreieckig. Weil wir mit der Beſchauung ſo vieler Kamntern den ganzen Nachmittag zugebracht hatten, beſchloßen wir in einem Saale des Labyrinthes zu uͤbernachten. Wir ſchuͤrten Feuer an, bereiteten uns ein Mahl, und ſchliefen. Am andern Tage ritten wir gegen Nord, 313 um noch ein Mal den See Moeris zu beſuchen. Meine Begleiter erzaͤhlten mir von dieſem See und den uͤbrigen Denkmaͤlern verſchiedene Maͤhrchen. Die in der Mitte des See's befindliche Inſel ſchien nur eine teutſche Meile im Umkreiſe zu haben. Von der beruͤhmten daſelbſt geſtandenen Pyramide, welche, wie Herodot berichtet, 50 Ellen uͤber, und s0 unter dem Waſſer geſtanden haben ſoll, konnte ich nichts erfahren. 4 Den 24. reiſte ich wieder nach Benſuef, und ließ zur linken die ſchoͤne Ppramide Danera, welche mit dem nahe liegenden Dorfe ihren Namen hat, lie⸗ gen. Nach zwei Stunden ritte ich auf einer ſteiner⸗ nen Bruͤcke mit 15 Boͤgen uͤber den Kanal, welcher ſich in den See Moeris ergießt. Am Ende dieſer Bruͤcke kommt man auf eine ſchoͤne weite Ebene, welche voll Haͤuſer und Aecker iſt, außer in der Ge⸗ gend, wo die Pyramiden ſtehen, welche ganz mit Sand bedeckt iſt. 4 3 Zu Benſuef angelangt, heilte ich einen Kran⸗ ken vom Fieber. Weil ich das angebotene Geld aus⸗ ſchlug, ſchickte er mir Kaffee, s Laͤmmer, 50 Huͤhner und 600 Eier. Benſuef iſt die erſte bemerkens⸗ werthe Stadt nach Kairo, den Nil hinauf. Sie liegt weſtlich gegen den Strom, iſt ſchoͤn gebaut, und mit vielen betruͤgeriſchen Einwohnern verſehen. Die Kirche der Kopten iſt außerhalb der Stadt. 36ſtes B. Türkei. II. 3. 5 314 Den 2. Maͤrz landeten wir mit gutem Winde Abends in dem weſtlich gegen den Nil gelegenem Dorfe Cudabit. Im Oſten ſieht man das the⸗ baiſche Gebirge, welches einer Mauer laͤngs des ganzen Fluſſes von den Waſſerfaͤllen bis nach Kairo, aͤhnlich zu ſeyn ſcheint. Am 4. ſetzten wir unſere Fahrt fort, und ſahen an dem Wege das ſehr frucht⸗ bare und wohlbewohnte Land Fuene. Am folgenden Tage erblickten wir das ſchoͤnſte Land von der Welt, die große und geraͤumige Strecke des Nils, deſſen Ufer zu beiden Seiten eine große Anzahl von Staͤd⸗ ten und Flecken bedeckt; die Acazien⸗ und wilden Fei⸗ gen⸗Waͤlder werfen ihre Schatten bis an den Fluß. Wir ſahen die Ruinen am Gebirge Geranat, am oͤſtlichen Ufer des Nils, und nicht weit vom Berge Deyr, einem dem Kamele aͤhnlichen Felſen. Abends langten wir in dem weſtlich vom Nil gelegenen Staͤdtchen Minio an. An vielen Orten ſah ich große Saͤulen aus rothem Granit halb im Schutt vergraben. Abends landeten wir bei der Stadt Inſine, welche 50— 5s teutſche Meilen von Kairo am oͤſtlichen Ufer des Nils mit vielen Ueberbleibſeln eines koͤniglichen Palaſtes liegt. Dieſe Stadt iſt das alte Antinopo⸗ lis, welches der Kaiſer Hadrian dem jungen An⸗ tinous erbaute. Sie war in 2 große Straßen zer⸗ theilt, welche gegen 45 Schuh breit, und 8so Schritte lang waren, und zu a großen Thoren fuͤhrten. Laͤngs aller dieſer Straßen fuͤhrten zwei— s Schuh breite 315 Gallerien, welche an der einen Seite auf den Haͤuſern, auf der andern auf Saͤulen ruhten, und zum Schutze gegen die Hitze der Sonne dienten. Außerhalb der Stadt iſt ein 800 Schritte langer, und nur 70 brei⸗ ter Platz, Meidan genannt, welcher wahrſcheinlich ein Cireus war. In der Stadt ſtehen außer 3— 4 Ge⸗ baͤuden nur noch etliche Pfeiler. Noch ſieht man zwei Palaͤſte, deren einer Abu⸗Elgueru, d. h. Vater der Hoͤrner, wegen der ſpitzigen Winker der Kraͤnze unnd Kapitaͤler, der andere aber Melat⸗Elbenat, oder das Luſthaus der Köoͤnigin. Die Saͤulen gehoͤren zur korinthiſchen Ordnung.. Die Stadt Inſine iſt heutiges Tages ein elen⸗ des Dorf, deſſen Haͤuſer meiſt von Erde und Schlamm erbaut ſind. Die jetzige Moſchee, ehemals eine chriſt⸗ liche Kirche, iſt aus ſehr dicken Steinen gebaut, und hat inwendig viele Saͤulen, welche auf eine ſonderbare Weiſe geordnet ſind. Von der Moſchee ließ ich mich an einen Ort fuͤhren, wo viele ſchoͤne Saͤulen ſtan⸗ den, und auf einer die Statue des Kaiſers A! exan⸗ der Severus, wie die am Geſtelle befindliche Auf⸗ ſchrift zeigt. Bei der Saͤule des Severus ſieht man noch drei andere umgefallene Saͤulen, deren In⸗ ſchriften die Zeit ganz verwiſcht hat. Der ehemalige Umfang der Stadt ſoll 4—s franzoͤſiſche Meilen be⸗ tragen, nach Erzaͤhlung der Araber, derſelben Maho⸗ met ſich bemeiſtert, und wegen ihres Abfalles alle Einwohner ermordet haben. 316 Von In ſine ſegelte ich in ⸗ Stunden nach Me⸗ lue, welche Stadt von vielen koptiſchen Chriſten be⸗ wohnt wird. Auf der andern Seite des Berges findet man viele alte Denkmaͤler, vielleicht die Ruinen der Stadt Lykropolis, welche Schemis⸗Meine genannt werden. Nachdem wir einen Angriff der Raͤuber von uns abgehalten hatten, kamen wir mit Tages Anbruche nach Manfelut. Hier uͤberreichte ich dem Abaza Mahomet⸗ Bey von Girge, ei⸗ nen Brief vou Jbrahim. Ich wurde gut aufge⸗ nommen. Am 10. gingen wir zu Schiffe, und kamen gegen Abend nach Siut. Durch die Briefe IJbrahims dem Gouverneur Qmer Schelibi empfohlen, und mit Begleitern verſehen, ritten wir an den Fuß des Berges hin, und erreichten nach 500 Schritten die ſchöͤne Grotte Eſtalle, welche zu ſehen ſonſt nicht leicht einem Chriſten erlaubt wird. Sie iſt ſehr ge⸗ raͤumig, mit dem Meiſſel gehauen, und ruht auf gro⸗ ßen viereckigen Saͤulen. In derſelben ſind kleine— Baͤnke zum Sitzen angebracht. In einer andern Grotte fah ich einige Goͤtzen⸗Bilder der alten Aegyptier: ehemals waren in dieſen Hoͤhlen verſchiedene Brun⸗ nen und Zimmer mit Katakomben, welche viele Mu⸗ mien enthielten. Einige Graͤber zerſtoͤrte die Habſucht der Araber. Die Anzahl dieſer Grotten belaͤuft ſich uͤber 1000.. Die Stadt Siut liegt 1 ½2 teutſche Meile vom 317 Nil gegen Weſt, und 8o teutſche Meilen von Kairo. Sie iſt eine der ſchoͤnſten feſt gebauten Staͤdte von ganz Ober⸗Aegypten, hat 10 Moſcheen, und ziemlich viele Einwohner, unter denen ſehr viele koptiſche Chriſten ſich meiſtentheils mit der Weberei beſchaͤfti⸗ gen. Vor der Stadt iſt ein See, in welchen ver⸗ ſchiedene Quellen ſich ergießen. Am 12. nahmen wir vom Gouverneur hoͤflichen Abſchied, und ſegelten, mit einigen Lebensmitteln verſehen, nach Benifeth. Den 13. fuhren wir immer an dem oͤſtlichen Ufer des Nils hin, bis wir endlich die Zelte des Omar⸗Aſ⸗ ſan⸗Bey, welcher hier den Tribut von den Arabern forderte, erblickten; ich ſtieg an das Land, und uͤber⸗ gab meine Briefe von Ibrahim. Von ihm guͤtig aufgenommen, kehrten wir erſt Abends wieder zu un⸗ ſerem Schiffe zuruͤkkt. Am 13. fuhren wir bei Tata vorbei, und erreichten Achmin, welches auf und aus den Ruinen von Panoplus erbaut iſt. Hier mach⸗ ten wir dem Smir⸗Aſſan, einem Freunde Ibra⸗ hims, unſere Aufwartung; nach dem Kaffee lud er uns zu einem Spatzierritte um die Stadt. Drei vier⸗ tels Meilen trafen wir auf freiem Felde ein Kloſter, wo wir Kaffee tranken und Tabak rauchten. Nachdem ich auf meinem Spatzierritte einige Muͤnzen gekauft hatte, kehrte ich zu dem Cacheif zuruͤck, welcher uns mit einem Male erwartete. Am folgenden Tage mußten wir wegen des heftigen Windes bei dem ziem⸗ lich anſehnlichen Flecken Menſchi halten. Man 318 ſieht noch einen Damm mit einer Bruſtwehre laͤngs des Fluſſes. In dem Flecken ſind noch viele Saͤulen, welche theils umgeworfen waren, theils den aus Lehm erbauten Haͤuſern zur Stuͤtze dienten, nebſt vie⸗ len Ruinen von einem herrlichen Tempel, deſſen mei⸗ ſten Steine mit dem Bilde des Oſiris, Anubis und anderer aͤgyptiſchen Gottheiten bezeichnet waren. Zu Menſchi ſchiffte ich mich nach Girge, der Hauptſtadt in Saide, 100 teutſche Meilen von Kairo, am weſtlichen Ufer des Nils ein. Hier be⸗ ſuchten mich meine alten Bekannten, und ich ſetzte meine Reiſe fort, wo ich bloß die 2 Doͤrfer Belian und Berdis antraf. Den 23. fuhren wir immer an dem Berge hin, welcher oͤſtlich ſehr nahe am Nil liegt, und kamen nach Sahet, einem kleinen Dorfe mit dem Hafen von Baiura, einer halben Meile von dem Strome entfernten Stadt, wo ich am fol⸗ genden Tage ein Schreiben Ibrahims dem Agi Achmed, einem der reichſten arabiſchen Schecks uͤberreichte. Nach abgeſtatteter Dankſagung fuͤr die Guͤte deſſelben fuhren wir bei Hu vorbei, von da nach Caſſar, eine viertel Meile vom ufer des Stro⸗ mes; es wird nur von einigen Arabern, und 15— 16 chriſtlich koptiſchen Familien bewohnt; und von 6 Ja⸗ nitſcharen die Gerechtigkeitspflege ausgeuͤbt. Bei dem Nachgraben findet man Ueberbleibſel von Haͤuſern, Tempeln und verſchiedenen Alterthuͤmern. Den 28. fanden wir laͤngs des Nils eine ſchoͤne 319 Mauer von Backſteinen mit Boͤgen, welche unter der Erde fortgehen; ich ſtieg in dieſelbe hinab, mußte aber wegen der Furchtſamkeit meiner Begleiter, welche glaubten, daß da Schaͤtze von boͤſen Geiſtern bewacht wuͤrden, zuruͤck kehren. Mir ſchienen dieſe Gewoͤlbe eine Waſſerleitung geweſen zu ſeyn. Am 21. fuhren wir beim Dorfe Inchene, wo fuͤr den Groß⸗ Sultan Pulver verfertigt wird, voruͤber. Hier fand ich viele Steinhuͤgel, und im Nil die Ruinen eines alten Tempels. Den 2s. landete ich in dem Hafen von Cana, welcher nur eine viertel Meile von der Stadt liegt. Bei Cana ſieht man viele Pomeranzen⸗, Eitronen⸗ und Palmbaͤume. Cana ſelbſt iſt eine der ſchoͤnſten Staͤdte Ober⸗Aegyptens, und der Sammel⸗ platz aller Waaren, welche nach Mekka gehen, und auf Kamelen nach Caſſeir, einem 4 Tagreiſen ent⸗ fernten Seehafen des rothen Meeres gebracht werden. Von Cana fuhr ich den 29. mit ſo gelindem Winde ab, daß wir erſt den 31. Kus erreichten. Hier beſchaͤftigte meine Aufmerkſamkeit ein Gebaͤude, deſſen vorderſter Theil voll geheimer erhaben gearbeiteter Figuren war. Kus liegt am oͤſtlichen Ufer des Nils, 3 Stunden davon Negade, ein Staͤdtchen gegen Weſt, welches von wenigen Tuͤrken, aber von deſto mehr mit blauer Leinwand handelnden Chriſten be⸗ wohnt wird. Den 1. April uͤberſiel uns der Samiel, ein ſo brennender und durch ſeinen Sand ſo gefaͤhrlicher Wind, daß er die Bewohner, wenn er ſie auf dem Felde 320 uͤberfaͤllt, beinahe erſtickt. Auf dem Nil iſt er nicht ſo gefaͤhrlich, weil ſeine Hitze durch die Feuchtigkeit des Waſſers etwas abgekuͤhlt wird. Am Ufer des Nils ſah ich viele, große Krokodille, wie Pfaͤhle, ohne Bewegung liegen. Um ſie flogen viele Vögel, welche zuweilen ſich in ihren Rachen ſchwangen, aber unver⸗ letzt wieder heraus kamen. Nachdem wir bei Luxor und dem großen Marktflecken Gorne, eine teutſche Meile vom Nil, vorbei geſegelt waren, lagerten wir uns nach einer teutſchen Meile dem Dorfe Arm ant gegenuͤber. Eine halbe Meile davon fanden wir auf einer ſchoͤnen Ebene die Ruinen eines alten Tempels, deſſen Steine zur Erbauung einer Marabu oder Ein⸗ ſiedler⸗Kapelle verwendet wurden. Die vielen Hie⸗ roglyphen verrathen ſein hohes Alterthum. Hundert Schritte von dieſer Kapelle findet man noch viele ein⸗ gefallene Mauern, und uͤber 20o ſehr ſchoͤne Granit⸗ Saͤulen, welche theils zerſtreut, theils in der Erde vergraben ſind. 1; Indem wir unſere Reiſe fortſetzten, kamen wir endlich in das Dorf Armant. Hier ſah ich den be⸗ ruͤhmten Jupiters⸗Tempel, welchen vielleicht noch kein Reiſender vorher beſchrieben hat. Man erblickt die ſchoͤnſten Steinhaufen und Saͤulen aus Marmor. Die noch ſtehenden Saͤulen ſind ungemein ſchoͤn, groß, und mit Hieroglyphen bezeichnet. Der Chor des Tem⸗ pels iſt noch in⸗ und auswendig mit aͤgyptiſchen Gott⸗ heiten angefuͤllt. Die vielen und ſchoͤnen Ruinen 1 321 brachten mich auf den Gedanken, daß vor Alters hier die eben ſo praͤchtige, als große Stadt Hermontis geſtanden ſey. Nachdem ich die Ruinen der alten Stadt Hermontis mit Aufmerkſamkeit betrachtet hatte, reiſte ich durch das Dorf Armant, deſſen viele Moſcheen jetzt einzufallen drohen. Auf einer kleinen Anhoͤhe zur Linken des Dorfes Gorne ſah ich zwei Statuen von ſchoͤnem graulich⸗ ten Granit, deren jede uͤber so Schuh hoch war. Man nennt ſie den Ochſen und die Kuh, weeil ſie auf den Koͤpfen Hoͤrner haben; wahrſcheinlich waren ſie Bildniſſe der IJſis und des Oſiris, welche den Aegyptiern den Feldbau gelehrt baben, und nach ihrem Tode als Goͤtter unter der Geſtalt dieſer Thiere verehrt worden ſeyn ſollen. Nachdem wir von den Arabern Abſchied genom⸗ men hatten, begaben wir uns zu Schiffe, und fuhren bei den beiden Luxor, wo ſich die ſchoͤnſten Alterthuͤ⸗ mer Ober⸗ Aegyptens befinden, vorbei. Wegen des Krieges der Einwohner mit einander, konnte ich die großen Palaͤſte, die praͤchtigen Tempel und Saͤnlen nur im Voruͤberfahren ſehen. Den s. kamen wir nach einer Fahrt von 3 Stun⸗ den auf die Hoͤhe von Negade, wo ich waͤhrend meines Daſeyns den Caimacan heilte. Hier fand ich viele Muͤnzen aus den Zeiten der Ptolomaͤer. Den 8. ſetzten wir unſere Fahrt fort; als ich nahe bei Kus die Inſchrift des Grabmales der Kleopatra 322 ſehen wollte, hielt uns ein unguͤnſtiger Wind davon ab, und wir langten an demſelben Tage in dem Staͤdtchen Cana an, wo ich ſchoͤne Muͤnzen von Kupfer mit den Bruſtbildern des Flavius Veſpa⸗ ſian und ſeines Sohnes Titus fand. 4 Den 9. ſtiegen wir auf der Hoͤhe von Andeua aus, und kamen nach 11/2 Stunde durch eine Wuͤſte zu den Ruinen. Hier ſah ich eine ſchoͤne Halle, in der Geſtalt eines Triumph⸗Bogens, voll erhabener und mit geheimen Schriftzuͤgen vermiſchter Figuren. Ueber eine kleine Anhoͤhe, welche durch eingefallene Haͤuſer entſtanden war, kam ich zu den Ueberreſten eines großen Tempels, deſſen griechiſche Inſchrift zeigte, daß derſelbe nach der Eroberung Aegyptens durch Alexander den Großen von den Grie⸗ chen wieder hergeſtellt worden ſey. Bei Beſichtigung der vielen Ruinen dieſer alten Stadt, fand ich eine große Anzahl Kruͤge von rother Erde, welche bei drei Schuh hoch, gegen unten ſpitzig waren, und Hand⸗ heben hatten. Endlich erblickte ich ein großes und ſchoͤnes Gebaͤude. Ich kam Anfangs durch die hintere Seite, zu einer großen Mauer ohne Fenſter aus dicken grauen Granit, voll erhabener Arbeit, von uͤbernatuͤr⸗ licher Groͤße, mit alten aͤgyptiſchen Gottheiten. Aus dieſer Mauer ragten 2 Loͤwen von weißem Marmor, ſo groß wie Pferde, mit mehr als halbem Leibe her⸗ vor. An dem vorderen Theile dieſes praͤchtigen Ge⸗ baͤudes erſcheint eine Halle, in der Mitte auf großen 323 viereckigen Saͤulen von ungeheuerer Dicke. Auf bei⸗ den Seiten deſſelben iſt ein großer Gang mit 3 Rei⸗ hen Saͤulen, und traͤgt ein Gewoͤlbe von 6— 7 Schuh breiten und ſehr langen Steinen. An dieſem ſieht man noch Spuren von Farben. Von den Granit⸗ Saͤulen, welche mit Hieroglyphen bedeckt ſind, hat jede ein kleines Kapital von 4 Frauenkoͤpfen mit ihrem Kopfputz. In der Mitte der Halle ſind zwei in ein⸗ ander gewundene Schlangen, deren Koͤpfe auf zwei großen zu beiden Seiten ausgeſpannten Fluͤgeln ruhen.. Von dieſem Vorhofe tritt man anfangs in einen großen viereckigen Saal, deſſen 3 Thuͤren zu eben ſo vielen Gemaͤchern fuͤhren. Ehemals bauten die Ara⸗ ber auf die Ruinen dieſes Tempels ein Dorf, deſſen Mauern jetzt zerfallen ſind. Bei Andera, welches nur zwei teutſche Meilen von dieſen Ruinen liegt, ſtieg ich an das Land, und kaufte verſchiedene Muͤnzen. Den 41. kamen wir nach Mitternacht in den Ha⸗ fen von Bajura. Von einem Sturme beunruhigt, und den Arabern wegen vermeintlich gefundener Schaͤtze verdaͤchtig, erreichten wir den 19. Girge, ohne daß wir auf unſerer Fahrt etwas Merkwuͤrdiges beobachtet haͤtten. Hier heilte ich den Bey von Harn⸗ Beſchwerden. Wir mietheten uns ein anderes Schiff bis Kairo, und fuhren den 28. nach Achmin, wo der Cacheif Kalif mich hoͤflich empfing, und 3 Zucker⸗ 324 Huͤte, jeden zu 20 Pfund mir verehrte. Hierauf fuh⸗ ren wir den ganzen Tag und die folgende Nacht den Nil hinab, und gelangten am Abende des folgenden Tages in den Hafen von Siut. Etwa zwei teutſche Meilen von dieſem Ort erhebt ſich ein hoher Berg, voll großer und ſchoͤner Hoͤhlen, in welchen einige kopti⸗ ſche Familien nebſt 3 Prieſtern und einigen Dienern wohnen. Sie ſind von allem Tribut frei, muͤſſen aber die uͤber den Berg reiſenden Duͤrken gaſtfrei bewir⸗ then. In den Hoͤhlen bediente man uns mit Kaͤſe, Milch und Brod. Nachdem ich noch einige andere Grotten geſehen hatte, kehrte ich mit meinen Fuͤh⸗ rern uͤber eine ſandige Ebene in die Stadt zuruͤck. Weil man mich fuͤr einen Schatzgraͤber und Wun⸗ dermann hielt, ging ich den 30. eiligſt unter Segel, und ließ unterhalb Manfelu, um die ſchoͤnen Hoͤb⸗ len des benachbarten Berges zu ſehen, die Anker wer⸗ fen. Die Hoͤhlen ſind ſchoͤn, einige ganz viereckig⸗ mit Bildniſſen von Mumien verſehen. Die Farben der Bilder in denſelben ſind ſo lebhaft, als wenn ſie erſt aufgetragen worden waͤren. Eine Inſchrift von s Linien konnte ich nicht leſen. In einer andern Hoͤhle ſind zwei Brunnen, in welche ich vermittelſt in den Felſen gehauener Fußſtapfen hinab ſtieg. In den Hoͤhlen befanden ſich mebrere Inſchriften. Nachdem der Wind ſich gelegt hatte, fuhren wir den 1. Mai nach Melue, den 2. erreichten wir die Hoͤhe von Inſine, und kamen endlich ganz hinnb 325 bis Benkaſen. Auf der Oſtſeite des Nils, zwiſchen Melue und Minie, ſtieg ich an das Land, um ei⸗ nen in den Felſen gehauenen Tempel der Aegyptier zu ſehen, der auf dicken Saͤulen ruht. Im Innern fand ich verſchiedene Statuen aͤgyptiſcher Gottheiten nebs emer großen Menge Hieroglyphen. Auf dem Wege vom Nil bis zu dieſem Tempel ſieht man eine große Menge Gebeine, Mumien und Leinwand⸗Baͤnder, in welche die Todten gewickelt wurden. Den 4. Mai fuhren wir bei dem Roll⸗Kloſter, in welchem das Waſſer durch eine Rolle gezogen wird, den Nil hin⸗ auf, und erblickten den Vogel⸗Berg, auf welchem ſich zu einer gewiſſen Jahreszeit eine ungeheuere Menge verſchiedener Voͤgel verſammelt. Des widrigen Windes wegen mußten wir bei Eſſemenut uns bis zum 6. aufhalten. Ein Sturm noͤthigte uns, hinter einer Klippe in der Mitte des Nils Sicherheit zu ſu⸗ chen. Hier entdeckte ich an dem oͤſtlichen Ufer des Nils die großen Ruinen Kaderé⸗Godan, und durch mein Fernglas einige große Schloͤſſer, welche eine teutſche Meile von einander liegen, mit zerfalle⸗ nen Mauern. Hier ſcheint die alte Stadt Kyno⸗ plus gelegen zu ſeyn. Den 8. ſegelten wir bei dem großen Dorfe Fechen vorbei, blieben den 9. zu Benſuef, und erreichten nach einer vierteljaͤhrigen Abweſenheit, den 14. Mai Kairo. Gleich nach meiner Ankunft zeigte mir der fran⸗ zaͤſiſche Konſul einen Brief, vermoͤge deſſen ihre koͤ⸗ 326 nigliche Majeſtaͤt meine fernere Reiſe nach Lybien und Ober⸗Aegypten auf eine gelegenere Zeit aus⸗ geſetzt wiſſen wollte. Kraft dieſes Befehls brach ich den 9. Auguſt 1747 von Kairo in Geſellſchaft des Herrn Jolain, Ober⸗Dolmetſchers der franzoͤſiſchen Nation auf, kam in 2 Tagen nach R oſette, und ſegelte den 12. auf einem kleinen Fahrzeuge(Ge rme) nach Alexandrien. Den 22. lichteten wir die An⸗ ker, erblickten den 26. Kara manien, und erreich⸗ ten den 29. die Hoͤhe von Kandia. Den 9. Sepr. fuhren wir bei Malta vorbei. Bei Imbres, auf der Hoͤhe von Biſerta, griffen Seeraͤuber uns an, welche, als ſie uns im Vertheidigungs⸗Zuſtande ſahen, ohne einen Schuß weiter ſegelten. An demſelben Abend entdeckten wir die Inſel Sardinien, den 20. ſegelten wir bei Korſika vorbei, mußten aber wegen eines Sturmes in den ſardiniſchen Hafen Oriſtagni einlaufen. Nach 7 Tagen ankerten wir in dem Hafen de la Eiutat; am 18. hielten wir im Lazarethe von Marſeille Quarantaine, und ka⸗ men nach einer Reiſe von beinahe 4 Jahren, mit vie⸗ len Muͤnzen, Steinen, einigen Handſchriften und Pflanzen, zu Paris an. Auszüge aus den Denkwürdigkeiten des Freiherrn von Tott über die Türken und Tartaren“). — Der Tod des Sultans Mahomed und des Herrn Deſſalleurs veranlaßte die Abſendung des Herrn *r) Memoires sur les tures et les tartares. 3 et 4 vol. Amsterdam et Mastricht 1784— 85. 4. et 8. Ueberſetzt in 3 Bden. Elbing 4786. 8. Tott, ein ungariſcher Edelmann, verweilte 8 Jahre zu Konſtantinopel, kehrte nach Frank⸗ reſch zuruͤck, wurde franzoͤſiſcher Reſident bei dem Khan der Krimmiſchen Tartaren, und be⸗ gab ſich nach deſſen Tode wieder nach Konſtan⸗ tinopel, wo er im Kriege mit Rußland zur⸗ Verbeſſerung des Artillerieweſens und der Stuͤck⸗ gießerei, wie zur Befeſtigung und Vertheidi⸗ gung der Dardanellen verwendet wurde, und ſehr weſentliche Dienſte leiſtete. Auf den Frie⸗ 328 v. Vergennes nach Konſtantinopel, und mir den Befehl, ihn zu begleiten, um die dortige Sprache zu erlernen, und mir einige Kenntniſſe von den Sit⸗ ten und der Regierungsart der Duͤrken eigen zu ma⸗ chen. In den erſten Tagen Aprils 41755 beſtiegen wie zu Marſeille ein fuͤr koͤnigliche Rechnung befrach⸗ tetes Kaufmannsſchiff, konnten aber wegen widriger Winde erſt den 18. Mai in die Meerenge zwiſchen den Dardanellen einlaufen. Bald darauf wand das Schiff ſeine Flagge zuſammen, um die Begruͤßung der Schloͤſſer und des Kapudan Paſcha, deſſen Flotte bei Gallipoli vor Anker lag, zu vermeiden. End⸗ lich warfen wir am 21. Mai 4755 im Hafen von Kon⸗ ſtantinopel Anker. den von 1779 kehrte er nach Frankreich zuruͤck, beſuchte, nach dem Auftrage der franzoͤſiſchen Regierung, die levantiſchen Handelsplaͤtze, zog ſich dann in die Einſamkeit zuruͤck, und ſtorb 1⁄34 din Tatzmannsdorf in Ungarn(Encyelo⸗ paͤdie). Nach genauer Vergleichung oben angedeu⸗ teter Original⸗Ausgaben und des Nachdruckes, welche auf der K. Bibliothek zum oͤffentlichen Gebrauche ſich befinden, glaubte ich vorliegen⸗ den Auszug des H. M. Fiedler bloß auf das Wenige beſchraͤnken laſſen zu muͤſſen, was von den fruͤheren Reiſe⸗Beſchreibern entweder gar nicht, oder nicht in gleichem Umfange mitge⸗ theilt worden iſt. Jack. 329 Dieſe Stadt an der aͤußerſten Spitze Europas, gegen Oſt am ſchwarzen Meere, wird von Aſien nur durch den thraziſchen Bosphorus getrennt. Dieſer Kanal verbindet die beiden Meere mit einan⸗ der, und ſtroͤmt nach Suͤden den Ueberfluß des Waſ⸗ ſers, welchen das ſchwarze Meer von Norden er⸗ haͤlt, und nicht ſelbſt ausz duͤnſten vermag. Reiſſende Stroͤme treiben deßhalb durch den Kanal, und gehen nach der Soitze des Serail, wi dieſes Vorgebirge ſie bricht, und einen Theil aufhaͤlt, welcher, nachdem er den Hafen durchlaufen, vermittelſt der ihm entgegen⸗ geſetzten Stroͤmung heraus geht, und ſich wieder mit dem erſten Strome verbindet. Schiffe von 80 Kano⸗ nen finden Tiefe genug, um ſo nahe anzulegen, daß man durch ein Brett an das Land ſteigen kann. Konſtantinopel noch von ſeinen alten Mauern umgeben, zeigt von der Landſeite dem Reiſenden nur den Anblick der aͤußerſten Verwuͤſtung.— Das alte Byzanz, deſſen Mauern heut zu Tage das Serail des Großherrn umgeben, liegt auf der aͤußerſten Spitze des Vorgebirges, welches den Hafen daͤmmt, und zeigt dem Auge einen Cypreſſen⸗Wald, uͤber deſſen Gipfel eine Menge mit Blei gedeckter Kuppeln und vergoldeter Knoͤpfe nebſt dem Thurme des Divan, wel⸗ cher ſie alle an Hoͤhe uͤbertrifft, hervor ragen. Der Hafen von der Spitze des Serail bis an das ruͤße Waſſer bildet die Seite des Dreiecks, aus wel⸗ chem Konſtantinopel beſteht, und iſt laͤnger als 36tes B. Türkei. II. 3. 6 330 2000 Toiſen. Auf dem entgegenſtehenden Ufer iſt er von ungeheuren Vorſtaͤdten umgeben. Dieſe umringen die Stadt Galata, deren praͤchtiger Anblick durch eine Menge Landhaͤuſer, welche neben einander gegen das ſchwarze Meer ſich beinahe 6 Meilen weit laͤngs der Meerengen erſtrecken, verſchoͤnert und ver⸗ wielfaͤltigt wird. Dieſe Beſitzungen gehen auch auf der aſiatiſchen Kuͤſte bis Seutari. Dieſe Stadt, vom Eingange des Hafens drei viertel Meilen entfernt, und demſelben gerade gegenuͤber gelegen, gibt fuͤr Konſtantinopel eine ſehr reitzende Ausſicht. Die Schiffe, welche den zwiſchen Staͤdten liegenden Raum durchkreuzen, ſcheinen Suropa mit Aſien zu ver⸗ binden. Einige Schiffe bringen die Einwohner der an dem Kanale liegenden Doͤrfer in die Hauptſtadt, wo ſie Abends nach verrichteter Arbeit zuruͤck kehren, an⸗ dere fuͤhren in Menge der Stadt Lebeusmittel zu. Der Zauber von Konſtantinopels Pracht ſchwindet allmaͤhlich, je weiter man in die Stadt kommt. Die meiſten Straßen ſind ſo enge, daß die hervorſtehenden Daͤcher kaum dem Lichte einen Durch⸗ gang verſtatten. Ein Pflaſter von Kieſelſteinen iſt ſchlecht unterhalten, und fuͤr Reinlichkeit wird gar keine Sorgfalt getragen. Bei dem Erlernen der tuͤrkiſchen Sprache machte mir die Auslaſſung der Vokale, welche bei den Tuͤrken gewoͤhnlich iſt, viele Schwierigkeiten. Die Armuth der eigenthuͤmlichen Sprache der Tuͤrken noͤthigte ſie 331 zur Aufnahme der ganzen arabiſchen und perſiſchen. Bei dieſer Gelegenheit machten ſie ſich s Alphabethe, wovon jeder Schreiber ſich dasjenige, welches ihm be⸗ liebt, auswaͤhlen kann. Kaum reicht das Leben eines Menſchen hin, gut leſen zu lernen. Ein beſtaͤndiger Doppelſinn und Verſetzungen der Buchſtaben weiſen das Studium und die Literatur in ſehr enge Graͤnzen zuruͤck; alles was ein ſchlechter Geſchmack zur Ermuͤ⸗ dung des Geiſtes nur erfinden kann, macht ihnen Vergnuͤgen und erwirbt ſich ihre Bewunderung. Bald nach unſrer Ankunft brach zu Konſtanti⸗ nopel eine ſchreckliche Feuersbrunſt aus, welche zwei Drittheile verwuͤſtete. Das Feuer ergriff an einem Mor⸗ gen ein Haus nicht weit von dem Hafen und den Mauern des Serail. Durch einen Nord⸗Wind brei⸗ tete ſich das Feuer laͤngs der Mauer aus, und ergriff den Palaſt des Groß⸗Vezier. Obgleich der Großherr ſelbſt zugegen war, und alle Huͤlfe augewendet wurde, ſo konnte dieſes Gebaͤude doch nicht gerettet werden. Das Feuer griff immer weiter; endlich hoffte man, daß die Sophien⸗Kirche dem Feuer Graͤnzen ſetzen wuͤrde. Allein durch die Hitze der Atmoſphaͤre ſchmolz das Blei von den Kuppeln, und floß laͤngs der ſtei⸗ nernen Rinnen auf die Wache und die Arbeiter ſo herab, daß dadurch das Feuer einen ganz neuen Wir⸗ kungskreis bekam. Endlich kam man uͤberein, nicht mehr zu loͤſchen, und alles dem Feuer Preis zu geben. Nloͤtzlich ſetzte ſich der Wind mit ſolcher Heftigkeit in 332 Oſt, daß die ganze Laͤnge des brennenden Raumes mehr als 12,000 Toiſen betrug, und jetzt ſeine Breite wurde. Die Flamme wurde in die Mitte der Stadt getrieben, und brach von drei Seiten durch. Dieſe feurigen Stroͤme vereinigten ſich hin und wieder, und Konſtantinopel wurde bald einem brennenden Meere aͤhnlich. Ein ganzes Regiment von Janitſcha⸗ ren, welches beſchaͤftigt war, die Haͤuſer einzureißen, wurde ploͤtzlich vom Feuer eingeſchloſſen. Das Ge⸗ ſchrei dieſer Elenden aus der Mitte der wirbelnden Flammen, mit jenem von Weibern und Kindern ver⸗ miſcht, welche gleiches Schickſal hatten, das Getoͤſe der einſtuͤrzenden Haͤuſer, das Getuͤmmel der Einwoh⸗ ner, welche das Feuer won allen Seiten bedrohte, die in die Hoͤhe geſchleuderten Feuerbraͤnde, alles dieſes vereinigte ſich, einen Anblick zu bilden, deſſen Scheuß⸗ lichkeit uͤber alle Beſchreibung geht. Weil oft die Luſt zum Stehlen der Grund des Feuers war, ſo verordnete die Regierung, daß Nie⸗ mand vor der Ankunft der vornehmſten Offiziere lö⸗ ſchen ſollte. In der Folge wurde die Verfuͤgung wieder zuruͤck genommen. Die Zahl der Spritzen wurde vermehrt, aber die zum Spritzen geordneten Leute kamen immer zu ſpaͤt zur Rettung, und mach⸗ ten ſich ein Vergnuͤgen, den großen Haufen Volks allenfalls zu beſpritzen. Die Wachen mißhandeln die Ungluͤcklichen, die Arbeiter werfen brennbare Dinge in das Feuer, und der Poͤbel pluͤndert auf allen Sei⸗ 333 ten. Der Groß⸗Vezier und die vornehmſten Bedien⸗ ten der Pforte muͤſſen ſich an den Ort des Feuers be⸗ geben, um das Noͤthige anzuordnen. Waͤchter(Peſſevans) in jedem Bezirke der Stadt muͤſſen wegen des Feuers Nachts Wache halten. Sie laufen mit großen, mit Eiſen beſchlagenen, Pruͤgeln durch die Straßen, ſtoßen auf die Menge, erwecken das Volk durch den Ruf: YNangenvar, d. i. Feuer, und zeigen den Bezirk an, wo es ausgebro⸗ chen iſt. Ein ſehr hoher Thurm im Palaſte des Ja⸗ nitſcharen⸗Aga, wie ein anderer Thurm zu Galata, hat die Ausſicht uͤber die ganze Stadt. Statt einer Sturmglocke werden zwei große Trommeln geſchlagen. Um die koſtbarſten Waaren fuͤr Feuer oder Pluͤn⸗ derung zu ſichern, ſind die Bezeſtene entweder von Kaufleuten oder Privat⸗Perſonen erbaut. Dieſe Ge⸗ baͤude ſind ganz aus gehauenen Steinen erbaut, und ganz mit Ziegeln gewoͤlbt. Als wir Audienz bei dem Sultan hatten, fanden wir ihn als Ulema(Geſetzverſtaͤndigen) verkleidet, und nur von ſeinem Seliktar(Schwert⸗Traͤger) und Di⸗ vitdar(Bewahrer des kaiſerl. Schreibzeuges) umge⸗ ben. Er war vermoͤge ſeiner Neugierde in einer Straße ſtehen geblieben, um uns voruͤber gehen zu ſehen. Als wir auf unſerm Zuge uns nach dem At⸗ meydan begaben, lief dieſer Prinz neben uns her; bald ging er langſamer neben dem Geſandten, begleitete ihn bis zum Ende des Platzes, eilte durch eine Quer⸗ 334 gaſſe zu den Gaͤrten des Serails, und kam an dem Landungsorte wieder zu uns. Hier blieb er, bis wir abfuhren. Die Ulemas haben einen großen Einfluß auf den Sultan, ihre Guͤter koͤnnen nie eingezogen, und ſie ſelbſt mit keiner andern Strafe belegt werden, als daß man ſie in einem Moͤrſer zerſtoͤßt. Von einem Getreide⸗Mangel, welcher damals zu Konſtantinopel herrſchte, nehmen wir Veranlaſ⸗ ſung, den Theil der tuͤrkiſchen Regierungs⸗Verwal⸗ tung fuͤr das Getreide naͤher kennen zu lernen. Der Groß⸗Vezier, welcher oͤffentlich den Getreid⸗Handel zur Verſorgung der Hauptſtadt als Monopol treibt, bekommt das Getreide aus den am Meere gelegenen Provinzen, wo das Recht der Iſchetirach einge⸗ fuͤhrt iſt, welches in der Verpflichtung beſteht, dem Großheurn fuͤr einen geringen Preis eine gewiſſe Quan⸗ titaͤt Getreides zu liefern. Der Großherr verkauft es nachher im Kleinen an die Baͤcker fuͤr einen ihm be⸗ liebigen Preis. Die Folgen dieſer Verwaltung ſind das Verbot der Getreide⸗Ausfuhr, unvermeidliche Be⸗ truͤgereien der Offizianten, und das Verderben des in den Magazinen liegenden Getreides, fuͤr welches man ſchlechte Sorge traͤgt. In dieſer Noth wurde das Brod am Gewicht ver⸗ mindert, im Preiſe erhoͤht. Siebenzig Schiffe, welche man mit Getreide beladen aus dem ſchwarzen Meere erwartete, litten an der Kuͤſte Schiffbruch, weil ſie den Eingang in den Kanal verfehlten. Zwei hohe Leuchtthuͤrme an der Muͤndung des ſchwarzen Meeres, einer auf der europaͤiſchen, der andere auf der aſiatiſchen Seite, zeigen den Seefahrern den Ein⸗ gang in den Kanal an. Die Regierung gibt die Ko⸗ ſten zum Oele her, und haͤlt beſondere Waͤchter zur Anzuͤndung und Unterhaltung der Lampen. Da aber die Einwohner laͤngs der Kuͤſte auch Kohlen brennen duͤrfen, und die Waͤchter zu gleicher Zeit das Licht ausloͤſchen, ſo veranlaſſen ſie viele Schiffbruͤche, von deren Truͤmmern ſie Nutzen ziehen. Als bei ſteigender Noth auch das Neis⸗Magazin verſperrt wurde, ſo gelang es dem Trotze einer muthi⸗ gen Alten aus dem gemeinen Haufen mit ihrem An⸗ hange, die Wachen mit Steinen zuruͤck zu treiben, und das Magazin zu erbrechen. Sie verſpottet ſelbſt den ankommenden Groß⸗Vezier, und uͤberzeugt ihn ſo von der Nothwendigkeit nachzugeben, daß ihr Haufe mit einer Portion Reis beladen, ſiegreich aus einan⸗ der ging. Endlich erhielten die Kaufleute Erlaubniß, die Stadt mit Getreide zu verſorgen. Der Hunger entwich; die ſchlechten Lebensmittel aber erzeugten Krankheiten mit Symptomen der Peſt. Die Muthmaßung, daß die Peſt aus Aegypten komme, iſt falſch; der Grund liegt in Troͤdlern und Privat⸗Perſonen zu Konſtantinopel, welche Klei⸗ dungsſtuͤcke und Pelzwaaren ſelbſt von den an der Peſt geſtorbenen in ihren Kiſten aufbewahren. So erhaͤlt 336 ſich beſtaͤndig dieſer Keim der Krankheit, und bricht bei einzelnen Perſonen, wo ſich die Empfaͤnglichkeit ſchon im Koͤrper ſindet, vorzuͤglich im Fruͤhling aus. Die auf die Hungersnoth erfolgte Peſt raffte al⸗ lein zu Konſtantinopel 150,000 Menſchen weg. Die Tuͤrken ertragen dieſes Uebel ganz gleichguͤltig, bis die Zahl der Todten, welche einzig aus dem Thore von Adrianovel gefuͤhrt werden, taͤglich 999 Per⸗ nen betraͤgt; dann werden oͤffentliche Gebete angeſtellt. Bei dieſem Uebel ſieht man auf nichts, als auf die Zahl der Sterbenden, und ſtoͤrt ſich waͤhrend deſſel⸗ ben bei keinem Geſchaͤfte. Man verſchafft dem Kran⸗ ken eben ſo leicht jede Huͤlfe, als wenn er an irgend einem epidemiſchen Fieber krank laͤge, weil die Tuͤr⸗ ken blindlings einer uͤbernatuͤrlichen Vorausbeſtim⸗ mung ihre Sicherheit vertrauen. Die Europaͤer machen gegen die Anſteckung einige Vorkehrungen. Wenn ſie nicht Geſchaͤfte zwingen, in der Stadt zu bleiben, ſo begeben ſie ſich auf die Prinzen⸗Inſeln, oder nach Tarapia und Bu⸗ iukdere, Doͤrfern, welche laͤngs des Kanales an der europaͤiſchen Seite liegen, oder in das durch Lady Montague beruͤhmte Dorf Belgrad. Ich waͤhlte waͤhrend der Peſt das kleine Dorf Keffelix⸗Keuy zu meinem Aufenthalte, welches ſich nicht weit von Bujukdere beſindet, und uͤber welches der Effendi Murad⸗Molla die Gerechtigkeitspflege ausuͤbte. Er war der Sohn des Mufti, ſelbſt zur hohenprie⸗ 337 ſterlichen Wuͤrde beſtimmt, und kannte kein anderes Geſetz als ſeinen Willen. Er beſaß neun Haͤuſer, hatte in jedem Weider, Kinder, Diener und Koͤche, uͤberall Arbeiter, die ihm frohnten, Nachbarn, die ihn fuͤrch⸗ teten, und Glaͤubiger, die ihn flohen. Obgleich Mu⸗ rad nur den Titel eines Molla fuͤhrte, ſo beſuchten ihn doch Standesperſonen, welche weit uͤber ihn wa⸗ ren. Molla iſt ein Titel derjenigen Perſonen, aus welchen der Sultan die Stambul Effendiſſi (Oberpolizei⸗Aufſeher in Konſtantinopel) waͤhlt, und nach dem Tode eines Kadileskirs mit ihnen ſeine Stelle beſetzt.. Als der Boſtandſchi⸗Baſchi den Molla, welcher im Trinken zu guͤtlich ſich gethan hatte, be⸗ ſuchte, ließ er durch ſeine Diener ſich bis an das be⸗ nachbarte Straßen⸗Thor fuͤhren, ging mit ſteifen Schritten in die nahe gelegene Moſchee, und ließ keck dem Boſtandſchi⸗Baſchi ſagen, daß er im Gebete begriffen ſey. Einige Augenblicke ſpaͤter nahm er die Gruͤße deſſelben an, beurlaubte ſich bei ihm, und kehrte zu mir zuruͤck. Seine Weiber beſuchten oͤfters meine Gemahlin, und dadurch wurden meine Kenntniſſe in dieſem Stuͤcke vermehrt. Einmal kam ich ploͤtzlich in das Zimmer; da entſtand ein allgemei⸗ nes Geſchrei, die Alten verſchleierten ſich ſchnell, die Juͤngern zauderten aber aus Eitelkeit hiebei ein wenig. Murad ſchaffte ſich beſtaͤndig neue Sklavinnen, um die alten zu vergeſſen. Bei einem Beſuche des 338 Murad in einen ſeiner Landhaͤuſer kam ein Kind beilaͤufig 4 Jahre alt, ſchlecht gekleidet; Murad lieb⸗ koſte es, und fragte ihn, wer ſein Vater ſey? Ihr ſeyd es, antwortete das Kind, und der Molla erwie⸗ derte froſtig, ich kannte dich nicht einmal, und ſuchte zu behaupten, daß eine ſo gleichguͤltige Denkungsart ganz natuͤrlich ſey. Die mit der Jagd verbundenen Unbequemlichkei⸗ ten in einem Lande, wo man mehr Naͤuber, als Wild findet, veranlaßten mich, die Schifffahrt vorzuziehen. Ich begab mich oft in einem Fahrzeuge zu einer Bucht an der aſiatiſchen Kuͤſte. Mit einigen jungen Leuten ſchoß ich Gabians, eine Art Waſſervoͤgel, und be⸗ luſtigte mich mit Fiſchfangen. Als wir den Voͤgeln nachſetzten, fuhren wir, weil ſie an der Stroͤmung haͤufiger ſind, bei dem gſiatiſchen Schloſſe vorbei. Ein Offizier der Boſtandſchis, welcher daſelbſt das Kom⸗ mando hatte, gab uns das Zeichen zu landen. Als er ſagte, daß er mit mir ſprechen wollte, erwiederte ich, daß ich ihm nichts zu ſagen haͤtte. Ich bin hier zum Fiſchfange, und wenn es euch beliebt, ſpatzieren zu gehen, ſo kommt her. Der Tuͤrke antwortete, daß er bloß mit meinen Schiffern zu thun habe; ſie gerie⸗ then in Furcht, daß man ſie wegen des Schuſſes, welchen ich in der Naͤhe des Schloſſes gethan hatte, zur Rechenſchaft ziehen moͤchte. Ich aber foͤßte ihnen durch das Verſprechen, ſie nicht zu verlaſſen, neuen Muth ein. Wir fuhren weiter, und langten kaum 339 in einem fiſchreichen Meerbuſen an, als das Wacht⸗ ſchiff ſich uns naͤherte. Wir mußten uns jetzt, ſo weit von aller Huͤlfe entfernt, entſchließen, entweder zu ſchlagen oder geſchlagen zu werden. Als die beiden Schiffe einander naͤher kamen, ordnete der Befehls⸗ haber des Schiffes ſeinen Leuten, gegen mein Schiff zu rudern, und es in den Grund zu bohren. Es wuͤrde auch geſchehen ſeyn, wenn ich nicht gleich auf den Einfall gekommen waͤre, auf ihn anzuſchlagen, wel⸗ ches meine Kameraden nachahmten. Dadurch in Schre⸗ cken geſetzt, machten die Feinde eine andere Bewe⸗ gung mit ihrem Schiffe, und Friedens⸗Unterhandlun⸗ gen wurden angeknuͤpft. Die Drohung des Offiziers wurde bald ſehr kleinlaut, als ich von einer Klage bei dem Boſtandſchi⸗Baſchi ſprach. Der Offizier mußte ſich wirklich entſchuldigen, und wir wurden nachher gute Freunde. In dieſem Jahre wehte zu Kon ſtantinopel einer von jenen in Aſien ſo ſehr gefuͤrchteten Win⸗ den, die man Cham⸗Yeli(Winde von Damask) nennt. Er blaͤst nur maͤßig aus Suͤd⸗Suͤd⸗Oſt, fuͤllt die Luft mit einem Staubnebel, und droht die Men⸗ ſchen zu erſticken, welche nur mit dem Munde gegen die Erde gekehrt, athmen duͤrfen. Selbſt in den Haͤu⸗ ſern iſt man ſehr davon beunruhigt, und ich mußts waͤhrend der drei Tage, an welchen er wehte, den Mund oͤfters gegen die Mauer halten, um freier ath⸗ men zu koͤnnen.. but a. 340 Das Klima von Konſtantinopel vergroͤßert noch die Schoͤnheit der Stadt. Man kennt nur die Suͤd⸗ und Nord⸗Winde, welche beſtaͤndig mit einan⸗ der abwechſeln. Die letzten ſind beinahe nur im Som⸗ mer gewoͤhnlich; ſie legen ſich bei dem Untergange der Sonne, und fangen meiſtens nicht eher, als um 10 Uhr Morgens, im Sommer noch ſpaͤter, zu wehen au. Im Winter iſt gewoͤhnlich der Suͤd⸗Wind herr⸗ ſchend, welcher den erſten Tag nach dem Schnee eine ſo außerordentliche Kaͤlte mit ſich fuͤhrt, daß es dabei recht ſtark friert. Endlich wird er ſanfter, bringt Thau⸗Wetter, und zuweilen nicht unbetraͤchtliche Hitze. Die Lage des mit ewigem Schnee bedeckten Olym⸗ vus veranlaßt dieſe Phaͤnomene. Er liegt in Aſien und im Geſichtskreiſe, und unter der Mittags⸗Linie von Konſtantinopel. Der friſche Schnee, welchen der Nord⸗Wind dahin gebracht bat, gibt bei dem er⸗ ſten Wehen des Suͤd⸗Windes eine Kaͤlte von ſich, wel⸗ che dieſer nach Konſtantinopel fuͤhrt, und erſt nach der Reinigung der Luft von dieſer Kaͤlte, zeigt er ſich in ſeiner eigenthuͤmlichen Beſchaffenheit. Das Brechen des Nord⸗Windes, welcher dem Ka⸗ nale friſche Luft verſchafft, traͤgt viel zur Verſchoͤne⸗ rung der nahe auf den europaͤiſchen und aſiatiſchen Kuͤſten liegenden Ortſchaften bei. Alle Großen des Rei⸗ ches begeben ſich waͤhrend des Sommers in ihre da⸗ 341 ſelbſt befindlichen Landhaͤuſer, welche den Kanal un⸗ gemein verſchoͤnern. Der Mißbrauch, welchen man in Europa vom Worte Sultan macht, gibt mir die Veranlaſſung, einige Bemerkungen hierher zu ſetzen. Das Wort Sultan iſt nichts als ein angeborner Titel derjeni⸗ gen Prinzen, deren Vater den Thron beſaß, und je⸗ ner, welche aus der Familie Dſchingis⸗Khau ſind. Weder Tuͤrken, noch Tartaren verbinden damit einen Begriff der Macht. Der Titel Khan wird nur von den Tartaren gebraucht, und iſt gleichbedeutend mit dem perfiſchen Worte Schach(Koͤnig), welches die Tuͤrken aus Stolz in Padiſchach(großer Koͤnig) zum Titel ihres Regenten machten. Der Titel Sul⸗ tan macht ſucceſſionsfaͤhig; bei den Tuͤrken iſt ge⸗ woͤhnlich, den aͤlteſten Prinzen auf den Thron zu ſe⸗ tzen. Jede der Toͤchter und Schweſtern der Sultane, an Veziere und andere Großen des Reiches verheira⸗ thet, wohnen in eben ſo vielen beſondern Palaͤſten. Sobald ſie ein maͤnnliches Kind gebaͤren, erſtickt es die naͤmliche Hand, welche die Mutter von demſelben befreite. Die von ihnen entſprungenen Toͤchter behal⸗ ten den Namen Sultanin, mit dem man noch zu⸗ gleich das Wort Hanum verbindet, einen Titel, welchen man jeder Frau vom Stande gibt. Die Kin⸗ der beiderlei Geſchlechtes ſolcher Prinzeſſinnen gehoͤren zum gemeinen Volke. Die Tartaren, menſchlicher als die Tuͤrken, 342 toͤdten Niemand. Der Sohn einer Sultanin behaͤlt den Titel und Rang desjenigen Murſa, der ſein Vater war. Das einzige Frauenzimmer, deren Sohn auf dem Throne ſitzt, erhaͤlt den Ditel Sultanin⸗ Mutter, Sultanin⸗Valide. Sie bleibt ſo lange in dem Innern des Serail eingeſperrt, bis er den Thron beſteigt. Der Sitel Paſcha⸗Kadun iſt der vornehmſte des Serail; ſie hat einen weit anſehnli⸗ chern Gehalt als die erſte, zweite und dritte Gemah⸗ lin. Der regierende Sultan gibt dieſen Vorzug zum Zeichen der Erkenntlichkeit denjenigen Weibern, wel⸗ che er zur Zeit ſeiner Einſperrung hatte. Keine von dieſen 4 Frauen iſt dem Sultan foͤrmlich vermaͤhlt, ſondern ſie ſtellen nur die 4 Weiber vor, welche ein jeder Tuͤrke nach den Geſetzen haben kann. Wegen Unzugaͤnglichkeit des großherrlichen Serail kann man keine Beſchreibung deſſelben geben, ſondern bloß Muthmaßungen nach denjenigen Gebraͤuchen, welche man in den Harems der Privatperſonen trifft. Zur Befriedigung der Leſey will ich einen Beſuch beſchreiben, welchen meine Gemahlin mit ihrer Mut⸗ ter bei der Sultanin Asma, einer Tochter des Sul⸗ tan Achmet, ablegte. Bei ihrem Eintritte in das ſerail wurden zwei eiſerne Thore geoͤffnet, welche verſchiedene Maͤnner bewachten. Von eben dieſer Gattung waren auch die Waͤchter der dritten, nach deren Oeffnung ein Haufe ſchwarzer Verſchnittener 343 erſchien, welcher ſie Paarweiſe mit weißen Staͤben in den Haͤnden bis in das Fremden⸗Zimmer begleitete. Die Kiaya⸗Kadun(Aufſeherin des Inneren) und die Sklavinnen, welche ſie begleiteten, halfen den beiden Fremden ihre Geſichter entbloͤßen, und ihre Schleier wieder in Falten legen, indeſſen man ihre Ankunft der Sultanin meldete. Als dieſe hinter einem Gitter nach ihren Religions⸗Vorurtheilen die Frem⸗ den empfangen wollte, ſo lehnten dieſe es ab. End⸗ lich gab die Prinzeſſin ihre Einwilligung. Sie fan⸗ den die Sultanin reich gekleidet, mit allen ihren Dia⸗ manten geſchmuͤckt) in der Ecke eines koſtbaren So⸗ phas ſitzend, mit welchem ihr Saal geziert war, det⸗ ſen Tapeten und Fuß⸗Teppich aus Lyoner Gold⸗ und Silberſtoff beſtanden. Baumwollene Matrazen(Se⸗ likten), mit goldgeſtreiftem Atlas bedeckt, wurden der Sultanin zum Sitze gebracht. In demſelben Au⸗ genblicke kamen so junge reich gekleidete Maͤdchen mit aufgeſchuͤrzten Roͤcken, ſtellten ſich rechts und links des Saales in eine Reihe, und legten ihre Haͤnde kreuzweis uͤber den Guͤrtel zuſammen. Nach den erſten Hoͤflichkeits⸗Bezeugungen fiel ihr Geſpraͤch auf die Freiheit der europaͤiſchen Weiber; auch konnte ſie ſich gar nicht einbilden, wie es zuge⸗ hen koͤnnte, daß man mit einem jungen Maͤdchen vor der Heirath Bekanntſchaft machte. Endlich lenkte ſie das Geſpraͤch auf ſich, und beſchwerte ſich uͤber die Barbarei, daß man ſie als eine Perſon von 13 Jahren — 344 einem entnervten Alten hingegeben habe, welcher ſie ſelbſt nur als Kind dehandelte. Nach ſeinem Tode, ſagte ſie, wurde ich an einen Paſcha verheirathet, welchen ich aber, obwohl ſchon 10 Jahre verfloſſen ſind, nicht einmal geſehen habe. Die Prinzeſſin machte den Europaͤerinnen verſchiedene Hoͤflichkeiten„ ließ ſie dann in ihren Gaͤrten herum fuͤhren, und hernach zur Beendigung des Beſuches wieder zuruͤck bringen. Die Gaͤrten gewaͤhrten durch eine große Menge von Toͤpfen und andern Gefaͤßen mit Blumen, dem Auge ein ſchoͤnes Farbenſpiel.. Als ſie auf einem Sopha Platz genommen hatten, machten 10 Sklavin⸗ nen Muſik, nach welcher ein Trupp reich, aber leicht gekleideter Taͤnzerinnen verſchiedene Ballets auffuͤhrte, welche durch die ſchoͤne Bildung der Taͤnzerinnen, und durch die Abwechslungen der Bewegungen gefie⸗ len. Hierauf fuͤhrten 12 alte, in Maͤnnerkleidung ge⸗ huͤllte Weiber eine Art Kampf auf, um ſich einiger Fruͤchte zu bemaͤchtigen, welche von andern Sklavin⸗ nen in einen Waſſer⸗Behaͤlter geworfen waren. Ein kleines Schiff, welches Weiber als Schiffer verkleidet, fuͤhrten, diente den Gaͤſten zu einer Waſſer⸗Fahrt. Zur Sultanin zuruͤck gekehrt, nahmen ſie mit den ge⸗ woͤhnlichen Zeremonien Abſchied, und wurden auf aͤhnliche Weiſe, wie ſie in das Serail kamen, zuruͤck gefuͤhrt. Bei der Prinzeſſin bemerkte man auch ver⸗ ſchiedene Auftritte, welche die unter den tuͤrkiſchen Weibern herrſchende Eiferſucht erzeugte. Da ſie den 345 Kopfputz meiner Gemahlin verbeſſerte, mißfiel dieſes dem Frauenzimmer, welchem ſie am meiſten gewogen war, in einem ſolchen Grade, daß ſie beinahe in Ohnmacht gefallen waͤre. Den Einfluß, welchen dieſe Prinzeſſin auf den Sultan hatte, benutzten wir vorzuͤglich zur Wieder⸗ einſetzung des Erzbiſchofes Kaliniko von Amaſan, welcher durch den fanatiſchen Patriarchen Kirlo von Konſtantinopel auf den Berg Sinai verwieſen war. Der Patriarch behauptete die Nothwendigkeit der Taufe durch das Untertauchen, ſchleuderte in Be⸗ treff dieſer Sache Bannfluͤche uͤber den Papſt, den Koͤnig von Frankreich und uͤber alle katholiſche Fuͤr⸗ ſten, und brachte ſeine ganze Heerde dahin, ſich von Neuem taufen zu laſſen. Da die Weiber und Maͤd⸗ chen gewoͤhnlich am froͤmmſten ſind, ſo liefen ſie ſchaarenweiſe zu dieſer heiligen Zeremonie, welche in⸗ deſſen von der Verlaͤumdung weder auf eine den Apo⸗ ſteln, noch den Proſeliten vortheilhafte Weiſe ausge⸗ legt wurde. Endlich wandte ſich das Blatt ſo, daß durch den Kati Scherif(kaiſerliches Diplom) Kirlo ergriffen, auf den Berg Sinai verwieſen wurde, und ſeine Stelle Kaliniko erhielt, welcher uns den groͤßten Dank ſagte. Wir hatten auch hier⸗ bei eine gute Gelegenheit, den kirchlichen Zeremonien beizuwohnen. Vor der Meſſe kleideten ihn Diakone mit dem hohenprieſterlichen Schmucke, und ſetzten ihm nachher eine mit Diamanten beſetzte Krone auf das 36ſtes B. Türkei. II. 3. 7 Haupt, welche oben geſchloſſen war, und uͤber der Kugel ein doppeltes Kreuz hatte. Hierauf nahm der Patriarch in die linke Hand ſeinen Stab, und hielt mit der Rechten ein kleines Wachs⸗Licht, welches aus drei beſondern Theilen be⸗ ſtand, nur bei zweien, um die Einheit des Vaters und des Sohnes anzuzeigen, und den h. Geiſt auszu⸗ laſſen, weil die Griechen nicht glauben, daß er vom Sohne ausgehe. Waͤhrend der Patriarch in das Hei⸗ ligthum gefuͤhrt wurde, und die Vorhaͤnge ſielen, ver⸗ band ſich mit dem unanſtaͤndigen Gelaͤchter der Zu⸗ ſchauer bald das Geſchrei der Ungluͤcklichen, welche man zuſammenpreßte, oder derjenigen, die, nachdem man ſie einige Zeit mit den Fuͤßen getreten hatte, durch dieſe Gewalt und die vielen Fauſtſtoͤße, bis in die Mitte der Kirche vorgeſchnellt wurden, wo man ihnen auf die fonderbarſte Weiſe wieder fret zu athmen verſchaffte. Durch dieſen ſchrecklichen Laͤrm aufgebracht, ver⸗ wuͤnſchte der Patriarch ſeine Heerde, welche endlich die derben Stockſchlaͤge der Janitſcharen beſaͤnftigten. Die Seitenthuͤren des Allerheiligſten oͤffneten ſich, und die Diakone brachten die zur Liturgie noͤthigen Be⸗ duͤrfniſſe. Bei meiner Anweſenheit zu Fanal, dem Stadt⸗ bezirke der Griechen, beſuchte ich den Pforte⸗Dol⸗ metſcher, und lernte ſeine haͤusliche Verfaſfung da⸗ bei kennen. Eine kleine Lampe, welche beſtaͤndig vor dem Bilde der h. Jungfrau brannte, leuchtete zugleich 347 den jungen Sklavinnen, welche ihn an⸗ und ausklei⸗ deten. In tuͤrkiſcher Gewohnheit ſchlief er nach dem Eſſen auf einem Sopha, wo eine Frau mit einem großen Faͤcher aus Federn die Fliegen abhielt. Andere Sklavinnen rieben ſeine Fuͤße ſanft mit ihren Haͤnden. Seine juͤngere Tochter, lebhaft und reitzend, war eben an einen jungen Griechen in der Nachbarſchaft verlobt. Bei der Aukunft ihres kuͤnftigen Mannes kamen Sklavinnen ſchleunigſt in den Saal, wo die Fa⸗ milie verſammelt war, bedeckten die Neuverlobte mit ihrem Kleide, und ſchleppten ſie fort mit denn Rufe: rettet euch, er iſt da. Denn der Verlobte konnte ſeine Braut nicht anders, als bei einem Ueberfalle erblicken. Zur Zeit des Schlafengehens wurden wir in ein praͤchtig meublirtes Zimmer gefuͤhrt, in deſſen Mitte fuͤr uns ein Bett ſich befand, zu welchem aber weder eine Bettſtelle, noch Vorhaͤnge gehoͤrten. Die ſchoͤne Stickerei ließ die Abdruͤcke ihrer Blumen in dem Geſichte, obwohl daſſelbe mit einem Sacktuche verbunden war. Vor dem Fruͤhſtuͤcke ergoͤtzten wir uns mit einem Fiſchfange. Bei dem Mittagsmale erſchienen mehrere griechiſche Frauenzimmer in einem außerordentlichen Putze, bei welchem ſie mehr die Pracht, als den Geſchmack zu Rathe gezogen hatten. Die Malzeit wurde nach franzoͤſiſcher Sitte aufgetra⸗ gen; ein runder Tiſch, Stuͤhle, Meſſer und Gabel⸗ kurz nichts fehlte, außer der Gewohnheit ſich dieſer Dinge zu bedienen. Auch beobachteten die Griechen die 348 unangenehme Gewohnheit des Geſundheit⸗Trinkens, und zwar die Maͤnner ſtehend mit bloßem Kopfe; die ganze Geſellſchaft bediente ſich hierbei nur eines Gla⸗ ſes. Nach dem Tiſche folgte Kaffee mit Pfeifen. Schaukeln, das Schachſpiel, das Pangele und aͤhnli⸗ che Spiele endigten die Vergnuͤgungen des Tages. Den Tod des Sultan Osman verkuͤndigten die Kanonen des Serail dem Volke, und die Muetzin, nebſt den oͤffentlichen Ausrufern, riefen den neuen Kajiſer aus. Die Eilfertigkeit, mit welcher man die Todten begraͤbt, iſt außerordentlich. Die Furcht, ei⸗ nen Ohnmaͤchtigen oder Schlafſuͤchtigen zu vergraben, baͤlt die Tuͤrken nicht zuruͤck. Die Tuͤrken eilen auch ſehr, wenn ſie die Bahre tragen, weil ſie glauben, daß die Seele des Verſtorbenen bis zur Beerdigung gemartert werde. Das Begraͤbniß des Sultan zeichnet ſich durch nichts aus, als daß ihn die vornehmſten Offiziere nach der Moſchee begleiten. Jeder Kaiſer erbaut gewoͤhnlich eine, und im Hofe derſelben iſt auch ſein Begraͤbniß, worin ſie eben ſo ſchnell, als thre Unterthanen begraben werden. Nach Sultan Osmans Tode beſtieg Muſta⸗ pha III, den Thron. Die erſte Sorgfalt der ottoma⸗ niſchen Prinzen bei ihrer Thronbeſteigung beſteht dar⸗ in, ſich den Bart wachſen zu laſſen. Die Umguͤrtung mit dem Schwerte iſt das Zeichen der Beſitznahme des Thrones. Sie geſchieht jedesmal in der Moſchee Jub (Hiob), die in einem kleinen Dorfe, welches durch 349 ſeine Gemuͤſe und Milch bekannt iſt, und eine Art von Vorſtadt, am Ende des Hafens bildet, ſich be⸗ findet. Alle Straßen vom Serail bis zur Moſchee Jub, waren mit Reihen von Janitſcharen beſetzt, welche feſtliche Kleider, aber keine Waffen hatten; ihre Haͤnde lagen kreuzweis uͤber dem Guͤrtel. Alle Miniſter, die vornehmſten Offiziere, die Geſetz⸗Ver⸗ ſtaͤndigen, und alle Perſonen, welche durch ihren Stand mit der Regierung naͤher verbunden ſind, be⸗ gaben ſich fruͤhe nach dem Serail, um dem Zuge des Großherrn vorzugehen. Der Poͤbel eroͤffnet den Zug, alle Großen vom Stande ſind zu Pferde, und mit zahlreichen Dienern umgeben. Die Ulemas zeichnen ſich durch die Groͤße ihrer Turbane und durch ihre Pferde⸗Decken aus. Ueberhaupt alle Offiziere zeigen ſich in ihrer uͤblichen Tracht. Beſonders iſt aber der Aſchetſchy⸗Baſchi(Oberhaupt der Kuͤche) ſo ſehr mit Kuͤchen⸗Geraͤthe aus Silber uͤberladen, daß, wenn er ſich oͤffentlich zeigen muß, ihm zwei Janitſcharen zur Seite gehen, um ſein Kleid fortſchaffen zu helfen. Der Groß⸗Vezier und der Mufti gehen neben einan⸗ der; beide ſind weiß gekleidet, erſterer in Atlas, letz⸗ terer in Tuch; vor ihnen gehen ihre Leute. Neben dem Miniſter gehen die Aleytſchaukſche, welche beſtaͤndig ihre ſilbernen Staͤbe mit kleinen ſilbernen Ketten bewegen, und ihn bis zu ſeinem Palaſt beglei⸗ ten. Ein grob gearbeiteter Wagen, welcher mit gro⸗ ber Bildhauer⸗Arbeit aber praͤchtig vergoldet iſt, ente: 8 350 baͤlt ein Sopha zu ſeiner Ruhe. Endlich kommen die Hauptleute von der Wache des innern Serail, nebſt dem Ober⸗ und Unter⸗Stallmeiſter, welche vor den Handpferden des Großherrn gehen. Letztere ſind mit außerordentlich reichen und langen Decken belegt; das Haupt ziert ein Reiher⸗Buſch; am Vorderzeuge iſt ein Roßſchweif befeſtigt, und auf dem Sattel be⸗ findet ſich ein Saͤbel und ein Streitkolben, welche in dem Obergurte ſtecken, und mit einem Schilde be⸗ deckt ſind. Jedes dieſer Pferde fuͤhren zwei Fußgaͤnger an den Zuͤgeln. Auf dieſen folgen 2 Reihen Aſſe⸗ kis mit Saͤbeln in einem Schulter⸗Gehaͤnge und wei⸗ ßen Staͤben. Eine Menge Zuluftſchis mit hoch⸗ rothen Kasketes und in die Hoͤhe gehaltenen Lanzen gehen vor den Peiks, welche in roͤmiſcher Kleidung Ruthen⸗Buͤndel tragen, aus welchen ſilberne Beile hervor ſtechen; ſie kommen vor den Solakis, welche an den Fuͤßen eine Gattung Kothurnen tragen, und mit Bogen und Pfeilen bewaffnet ſind. Sie haben ſehr koſtbare Kopf⸗Bedeckungen mit ungeheuren Feder⸗ buͤſchen, von welchen die Spitzen oben zuſammen ſchlagen. Zwiſchen dieſen kommt endlich der Sultan zu Pferde, deſſen Kopfputz noch uͤber ſie hervor ragt. Bei ſeiner Ankunft herrſcht das groͤßte Stillſchweigen, den tiefen Verbeugungen der Janitſcharen dankt der Großherr durch kleine Beugungen des Kopfes. Eine Menge von Dſchoadars umringt und begleitet den Sultan, und umgibt auch den Seliktar A„wel⸗ 351 cher den kaiſerlichen Saͤbel auf den Schultern traͤgt. Er iſt in Goldſtoff gekleidet, und traͤgt unter allen Tuͤrken nur allein eine, dicht dem Leibe anſchließende Kleidung. Hierauf kommt der Kislar⸗Aga, hinter welchem der Kasnadar⸗Aga den Zug beſchließt, welcher unter den ungeheueren, ihn begleitenden Volks⸗ haufen Geld auswirft. Der Kapidgilar⸗Kiay⸗ aſſy und der Boſtandſchi⸗Baſchi empfangen den Sultan am Ende des erſten Hofes, werfen ſich vor ſeinem Pferde nieder, und fuͤhren ihn in den zweiten Hof, wo ihn die Offizianten des innern Se⸗ rail empfangen. Die Muſik der Tuͤrken, beſonders die militaͤri⸗ ſche, iſt außerordentlich roh. Hingegen iſt die Zim⸗ mer⸗Muſik ſehr ſanft, aber einfoͤrmig in den halben Toͤnen und ſchwermuͤthig. Das Orcheſter beſteht aus einer Basgeige mit drei Saiten, der Viole d'Amour, welche ſie von den Auslaͤndern angenommen haben, der Floͤte der Derwiſche, einer Gattung von Mando⸗ line mit einem langen Halſe und metallenen Saiten. Die Muſikanten, gewoͤhnlich im Hintergrunde des Zimmers, ſitzen auf ihren Ferſen, und ſpielen ohne Noten Stuͤcke, welche allzeit ſehr einfoͤrmig ſind, Die Geſellſchaft indeſſen ſchweigt ſtille, und berauſcht ſich mit Tabaksdampf oder mit Opium. Die gewoͤhnlichen Opium⸗Eſſer erkennt man gleich am Zittern, als einer Folge dieſes Giftes. Ihre trau⸗ rigen und bleichen Geſtalten wuͤrden nur Mitleiden 1 352 einfloͤßen, wofern nicht ihre langen hervor gereckten Haͤlſe, ihre hin und her wackelnden Koͤpfe, das her⸗ vor ſtehende Ruͤckgrad, die oft bis an die Ohren in die Hoͤhe gezogenen Schultern, und eine Menge al⸗ berner Stellungen einen ſehr laͤcherlichen Anblick dar⸗ boͤten. Diejenigen, welche die Pillen am ſaͤrkſten ge⸗ nießen, nehmen vier, welche noch groͤßer, als die Oliven ſind. Jeder trinkt ein großes Glas Waſſer, und nach drei viertel Stunden erfolgt gewoͤhnlich eine Art Begeiſterung, welche dieſe Geſpenſter beſeelt und ſie zu verſchiedenen laͤcherlichen Geſtikulationen verlei⸗ tet, welche poſſierlich und luſtig ſind. Jeder haͤlt ſich gluͤcklich, und kehrt voͤllig wahnſinnig nach Hauſe zuruͤck. Die Opium⸗Eſſer ſind taub gegen das Nach⸗ ſchreien der Voruͤbergehenden, wenn ſie allerlei Poſſen von ihnen hoͤren. Jeder glaubt das zu beſitzen, was ihm gefaͤllt. Unter den Derwiſchen ſind die Derwiſche Mevelevi und die Takta Tepen(Bretterſchlaͤ⸗ ger) merkwuͤrdig. Erſtere drehen ſich im Kreiſe bei einer ziemlich ſanften Muſik herum, und ſuchen eine Art heiliger Trunkenheit durch den Schwindel zu er⸗ halten; letztere trauriger und barbariſcher, rufen den Namen Gottes nach dem Schlage einer Trommel ſo aus, daß ſie ihre Bruſt auf eine außerordentliche Weiſe anſtrengen miſen. Die Andaͤchtigen endigen ihren Umgang um ihre Kapelle ni ohne Blutſpeien. Sie ſind immer duͤſter und wild, und blicken alle Men⸗ 353 ſchen mit Verachtung an. Andere Moͤnche und San⸗ tons(Einſiedler) verlegen ſich auf das Prophezeien, und treiben Schlechtigkeiten anderer Art. Der Fana⸗ tismus des Poͤbels zwingt ſelbſt aufgeklaͤrte Leute, ſich in Betreff dieſer Moͤnche Gewalt anzuthun, und die maͤchtigſten Tuͤrken koͤnnen ſich nur auf einige Augen⸗ blicke von dieſem Geſindel befreien, wenn ſie ihnen Geld geben, welches ſie aber in der That noch unver⸗ ſchaͤmter und belaͤſtigender macht. Der Groß⸗Vezier Rakub⸗Baſcha legte auf ei⸗ gene Koſten eine oͤffentliche Bibliothek an, weil es zu Konſtantinopel keine gab. 1000— 1200 grabi⸗ ſche und perſiſche Handſchriften wurden in Buͤcher⸗ ſchraͤnke vertheilt, welche man in der Mitte des Ge⸗ baͤudes als Pyramiden aufgerichtet hatte. Ein Bib⸗ liothekar hatte die Aufſicht, und der Eingang ſtand dem Publikum zu jeder Stunde offen. Aber dieſes wird die Kenntniß der Duͤrken ſo lange nicht erwei⸗ tern, als ſie durch die Schwierigkeit ihrer Sprache nicht eingeſchraͤnkt werden. Die Beitraͤge der Buch⸗ druckerkunſt wurden verachtet, und die Buͤcher, welche Ibrahim Effendi zu drucken angefangen hatte, nahmen einen ſchlechten Abgang, obgleich er nur ſol⸗ che Buͤcher drucken ließ, welche ſehr vielen Abſatz ver⸗ ſprachen. 8. Die Gewohnheit der Kaiſer Moſcheen zu bauen und mit Einkuͤnften zu verſehen, hat ihre Zahl ſo vermehrt, daß man zu Konſtantinopel nur mit 354 Muͤhe einen Platz finden konnte. Neben der Moſchee werden gewoͤhnlich oͤffentliche Schulen errichtet, wo⸗ hin die Kinder aus dem benachbarten Stadt⸗Bezirke, gewoͤhnlich zum Herſagen der Gebete ſich begeben. Verſchiedene reiche Leute laſſen auch Springbrunnen und Namas⸗Giak(Plaͤtze zur Verrichtung des Ge⸗ betes) erbauen, um den andaͤchtigen Muſelmaͤnnern die Lage von Mekka anzuzeigen; vorzuͤglich findet ſich auf dem Lande dieſe Verſchwendung im hoͤchſten Grade. Man erhaͤlt dafuͤr eine große Menge Ablaß, und die Tuͤrken, welche ihn erhalten, finden taͤglich Gelegenheit, ihn wieder zu verkaufen. Durch dieſen Aberglauben gelangten dieſe kleinen Stiftungen zu ei⸗ ner bedeutenden Groͤße. Der Anblick einer Sklavin veranlaßt mich, von der in ganz Aſien herrſchenden Gewohnheit zu reden, die Augenlieder zu faͤrben. Man bedient ſich eines ſo außerordentlich feinen Pulvers, daß es ſich gleich ſam in feinen Faſern, um einen meſſingen Draht anhaͤngt, welcher durch den Stoͤpſel des Glaſes dringt, in wel⸗ chem es ſich befindet. Man ſetzt die Spitze des meſ⸗ ſingen Drahtes in den innern Augenwinkel feſt, druͤckt hierauf die beiden Augenlieder zuſammen, und zieht den Draht ſanft gegen die Schlaͤfe, wodurch auf den Augenliedern ein Paar ſchwarze Striche entſtehen, ſelbſt ſchoͤne Augen, ein ſtarres, auffallendes Anſehen erhalten, welches die Tuͤrken als zaͤrtlichen Anſtand betrachten. Selbſt Greiſe haben noch dieſe Ziererei, 355 und der Gebrauch derſelben iſt faſt allggemein. Man eignet ihm freilich die Kraft zu, das Geſicht zu ſtaͤr⸗ ken, was aber der Erfolg verneinet. Alles, was da⸗ zu beitragen kann, die Schoͤnheit zu erhalten, oder ihren Abgang zu erſetzen, wird in dieſem Lande begie⸗ rig angenommen. Zu Konſtantinopel ſind die Schias im Beſitze dieſer Charlatanerie. Aber ihre Kunſt, die Haut friſch zu erhalten, befoͤrdert vielmehr ibre Zerſtoͤrung, wozu auch der unmaͤßige Gebrauch der Baͤder viel beitraͤgt. Die Schweisloͤcher werden dadurch dergeſtalt geoͤffnet, daß ſie auffallend ſichtbar werden, und eine ſo erzwungene Erſchlafung aller Fieber ihre Spannkraft ſo verringert, daß ſchon vor dem Alter eine Entkraͤftung erfolgt. Maͤnner und Weiber beſuchen die Baͤder, aber beide zu verſchiede⸗ nen Stunden. Sollte ſich ein Mann erkuͤhnen, ein⸗ zudringen, wenn die Frauen verſammelt ſind, ſo wuͤrde er auf das Strengſte beſtraft, wenn er auch ſchon gluͤcklich genug waͤre, den Schlaͤgen mit Taſſen, Sandalen und naſſen Peſtemalen(Badeguͤrtel aus ſei⸗ denem oder wollenem Zeuge, welche man beſtaͤndig aus Schamhaftigkeit um den Leib traͤgt), zu entgehen. Die tuͤrkiſchen Weiber ſind unerbittlich, wenn ein Mann kuͤhn genug iſt, ſie zu beleidigen. Aber man kann auch, nicht ohne Schandern, die gaͤnzliche Ver⸗ nachlaͤſſigung ihrer ſelbſt erblicken, zu welcher ſie zu⸗ weilen ſchreiten. Ich rede hier nicht von den ver⸗ ſtuͤmmelten Leichnamen feiler Frauenzimmer, welche 356 ich in der Umgegend von Konſtantinopel erblickte, welche die Maͤnner, um ſie nicht bezahlen zu duͤrfen, oder aus Furcht, bei der Ruͤckkehr in die Hauptſtadt verhaftet zu werden, ermordeten. Oft aber entfliehen Frauen vom angeſehenſten Stande, von der Gewalt ihrer Triebe fortgeriſſen, mit ihrem Schmucke aus ih⸗ ren Gefaͤngniſſen, und begeben ſich in die Arme eines Schaͤndlichen, welcher ſie, um ihrer Reichthuͤmer hab⸗ baft zu werden, nach wenigen Tagen ermordet. Oft ſieht man die nackten Leichname dieſer Ungluͤcklichen im Hafen unter den Fenſtern ihrer Moͤrder ſchwim⸗ men. Um dieſe Unordnungen nicht zu vervielfaͤltigen, verbietet die Regierung das Ausgehen der Weiber waͤhrend groher Feſte und oͤffentlicher Freude⸗Bezeu⸗ gungen.. Die im Serail angekuͤndigte Schwangerſchaft ging nun zu Ende. Durch meine naͤhere Bekanntſchaft mit den Tuͤrken, habe ich die Gewohnheiten, welche bei der Geburt eines Kindes herrſchen, erfahren. Bei den erſten Wehen werden der Vezier, der Mufti und alle großen Kriegs⸗ und Civil⸗Beamten in das Se⸗ rail beordert, um dort in dem Saale, welcher den Namen Sopha fuͤhrt, die Entbindung abzuwarten. Zwoͤlf kleine Kanonen, welche ungefaͤhr ein viertel Pfund tragen, ſtehen in dieſem Zimmer, deſſen Aus⸗ ſicht nach dem Meere geht. Nach der Geburt des Kindes wird uͤber deſſen Geburt und Geſchlecht eine beſondere Akte ausgefertigt; bierauf die Stuͤcke abge⸗ 357 feuert, welche nur auf der an der Kuͤſte liegenden Batterie gehoͤrt werden koͤnnen. Dieſe wiederholt die Schuͤſſe; dann folgt die Abfeuerung der Artillerie auf der Spitze des Serail und zu Tophana. Auf dieſe Salven folgt das Feuer des Zollhauſes, auf den Schif⸗ fen in dem Hafen, und auf dem Leandersthurms. Die oͤffentlichen Ausrufer machen dieſe Begebenheit bekannt, und die oͤffentlichen Feierlichkeiten nehmen ihren Anfang. Waͤhrend dieſer Zeit geht es in Kon⸗ ſtantinopel zu, wie in Rom bei den Saturna⸗ lien. Den Sklaven iſt erlaubt, ſich auf Unkoſten ih⸗ rer Herren luſtig zu machen. Man zeigt den Großen in Schauſpielen ihre eigenen Laͤcherlichkeiten, beſon⸗ ders uͤberlaſſen ſich die Griechen bei ſolchen Gelegen⸗ heiten der unmaͤßigſten Freude. Illuminationen der Haͤuſer, Verzierungen der Straßen, Komoͤdien u. ſ. w. wechſeln mit einander ab, wobei oft die laͤcherlichſten Seenen vorfallen. Feuerwerke, welche gegeben wur⸗ den, fielen ſchlecht aus. Floͤſſe in der Mitte des Ha⸗ fens ſollten den Tuͤrken den troͤſtlichen Anblick einer Einnahme von Malta verſchaffen, oder einiger klei⸗ ner Treffen, in welchen die Tuͤrken immer die Chri⸗ ſten ſchlagen. Einen ſchlechten Begriff von der Faͤhig⸗ keit dieſer Artilleriſten geben ſchon die vielen Petar⸗ den, der viele Rauch und ſo wenig Feuer, daß man kaum bei guͤnſtigen Augenblicken die Mauern des an⸗ gegriffenen Schloſſes von Papier erkennen konnte. Kaum waren die Freude⸗Bezeugungen voruͤber, 358 als eine neue Schwangerſchaft bekannt gemacht wurde, wovon die Geburt des Sultan Selim die Folge war. Die ſechs Monate alte Prinzeſſin, Ebud⸗Oullah, die Veranlaſſung zu genannten Freude⸗Bezeugun⸗ gen, wurde an einen Paſcha vermaͤhlt, der in ſeiner Statthalterſchaft bleiben, und jaͤhrlich ſeiner jungen Gemahlin 100,000 Piaſter ſchicken mußte. Selbſt ver⸗ heirathete Paſcha's muͤſſen in einem folchen Falle, wenn ſie mit einer Prinzeſfin verehelicht werden, ihre erſte Frau verſtoßen. Die Macht des Sultan bedient ſich, zur Erwer⸗ bung der Schaͤtze reicher Beamten und Civil⸗Perſonen, oft der gehaͤſſigſten und grauſamſten Mittel. Alles ſoll dem Großherrn und dem Geſetze gehorchen, deſſen Ausleger die Ulemas ſind. Wenn auch dieſe die Ge⸗ walt haben, den Koran nach ihrer Phantaſie auszule⸗ gen, und das Volk gegen den Kaiſer in Bewegung zu bringen, ſo hat er doch die Gewalt, den Mufti ohne alle Umſtaͤnde abzuſetzen, zu verweiſen, und ihn mit allen ſeinen Anhaͤngern in das Verderben zu ſtuͤr⸗ zen. Wir wollen jetzt betrachten, wie weit ſich die Macht beider erſtreckt. Alle Offiziere, welche den Großherrn vorſtellen, ſind ſo uneingeſchraͤnkt, wie er. Die Paſcha's ſind durch das ganz osmanniſche Reich zugleich Statthalter und Finanzyaͤchter ihrer Paſchaliks. Ueber jeden Be⸗ zirk ſetzen ſie wieder Statthalter und Paͤchter ein, und dieſe wieder uͤber jeden kleinen Strich Afterpaͤch⸗ 2 359 ter. Alle handeln gleich ſo despotiſch, daß jeder Unter⸗ Bediente doppelt ſo viel einnimmt, als er zu liefern hat. Die Paſcha kennen kein anderes Geſetz, als ihre Habſucht. Der reiche Mann iſt vor ſeinem Richter⸗ ſtuhle nie unſchuldig. Der Großherr ſieht ſo lange ganz ruhig zu, bis es ſich der Muͤhe lohnt, den Unter⸗ druͤcker erſt dann zu beſtrafen, um ſeinem Raube eine Stelle in dem kaiſerlichen Schatze anzuweiſen. Die Geſetz⸗Verſtaͤndigen ausgenommen, ſind alle uͤbrigen Einwohner den Erpreſſungen ausgeſetzt. Vorzuͤglich verdient die Auslegung des Geſetzbu⸗ ches in den Gerichtshoͤfen betrachtet zu werden. Das erſte Geſetz des Propheten iſt, daß nach Ausſage der Zeugen gerichtet werden ſoll. Ohne dieſelben kann weder Beklagter, noch Klaͤger vor Gericht erſcheinen. Der Richter muß durch verfaͤngliche Fragen ausmit⸗ teln, welche von beiden Parteien das Recht erhalten ſoll, ihre Ausſage zu bekraͤftigen, und dieſe Zuerkennung des Beweiſes ſchlichtet den ganzen Prozeß. Der Rich⸗ ter, welcher eine Sache gewinnen laͤßt, erhaͤlt immer zehn Prozent; wer den Prozeß gewinnt, bezahlt im⸗ mer die Koſten. Die Richter muͤſſen, ihres Nutzens wegen, gegen falſche Zeugen, und df Anſtifter der⸗ ſelben nachſichtsvoll ſeyn. Falſche Zeugen werden auf einem Eſel mit dem Geſichte nach dem Schwanze ge⸗ kehrt, durch die Straßen gefuͤhrt. In ſeiner Sache darf ein jeder ſelbſt auftreten, wiewohl dieſer Vortheil bei der Willkuͤhr der Rlahter nicht groß iſt. Die Juden, Armenier und Griechen erwaͤhlen den Vornehmſten unter ſich zum Richter, um die Prozeßkoſten bei dem Kadi zu verhuͤten. Doch wendet ſich die Partei, welche den Prozeß verloren hat, an den tuͤrkiſchen Richter. Das Geſetz unter⸗ wirft die Sklaven dem, welcher ſie kaufte; es befiehlt, ſie gut zu behandeln, oder wenn man nicht mit ihnen zufrieden iſt, ſie zu verkaufen. Sklaven koͤnnen weder fuͤr noch gegen ihren Herrn zeugen.— Man hat ge⸗ gen Verbrecher eine Nachſicht, welche alles uͤber⸗ ſteigt. Ein zum Tode verurtheilter Meuchelmoͤrder kann durch ſeine Verwandten von demſelben befreit werden. Der Miſſethaͤter wird an den Ort gefuͤhrt, wo er das Verbrechen beging. Der Henker wird der Vermittler, und ſucht die naͤchſten Anverwandten des Ermordeten zu beſaͤnftigen, welche gemeiniglich den Verbrecher zum Richtplatz begleiten. Werden alle Vorſchlaͤge ver⸗ worfen, ſo vollzieht er den Spruch, werden ſie aber angenommen, ſo wird der Verbrecher von ihnen vor den Richterſtuhl zuruͤck gefuͤhrt, und vor demſelben losgeſprochen. Letzterer Fall iſt aber ſelten, weil eine Art Schimpf damit verbunden iſt, fuͤr das Blut ſei⸗ nes Mannes oder Anverwandten Bezahlung zu erhal⸗ ten.— Ein Raͤuber kann nur beſtraft werden, wenn er auf der That ergriffen wird. Der Koran empfiehlt, ſich den Rathſchluͤſſen der Vorſicht ruhig zu unterwerfen. Als ein Tuͤrke einen 361 Chriſten mit einem Stockſchlag getoͤdtet hatte, ließ der Richter den Stab zu ſich bringen, unterſuchte forgfaͤltig das Holz, und faͤllte das Urtheil, es ſey ſo leicht, daß ohne Willen der Vorſicht kein Menſch da⸗ mit haͤtte getoͤdtet werden koͤnnen. Jeder Stadt⸗Bezirk hat ſeine Mekeme(Ge⸗ richtshof), worin der Kadi mit ſeinem Naib(Ge⸗ richtsſchreiber) ſich zu allen Tags⸗Zeiten befindet, um eine Gerechtigkeit zu verwalten, deren Ausſpruͤche deßhalb ſo ſchnell ertheilt werden, weil die Bezahlung auf der Stelle erfolgen muß. Die Ausſpruͤche des Stambul⸗Effendiſſi in allem, was die Verſor⸗ gung der Stadt mit Lebensmitteln betrifft, haben blos den praͤchtigen Schein der Uneigennuͤtzigkeit. Er macht die Taxe der Lebensmittel, und wacht durch ſeinen Untergeordneten(Murtaſib) uͤber die Gewichte und das Maaß. Vor dem Murtaſib gehen vier Janitſcha⸗ ren in ihren Zeremonien⸗Kleidern. Ein Fußgaͤnger traͤgt die Wage, ein anderer hat ein Gewicht, ein dritter einen Hammer; der Reſt des Gefolges traͤgt Knittel und andere Werkzeuge zur Beſtrafung der Schul⸗ digen. Der ſchuldige Baͤcker wird mit dem Ohre an ſeinen Laden angenagelt, oder bei uͤbler Laune des Richters wohl gar gehaͤngt. Dieſes geſchieht aber nicht dem Herrn, ſondern ſeinem Geſellen, welcher das Brod zu leicht gebacken hat. Gegen kleine Kraͤ⸗ mer und Hauſirer aber iſt er unerbittlicher, ihre Wa⸗ gen und Gewichte werden auf der Stelle zerſchlagen⸗ 36ſtes B. Türkei. II. 3. 8 Sie empfangen noch uͤberdieß Stockſchlaͤge, wenn ſie ſich nicht auf eine gute Art abfinden. Bei aller Barbarei verfaͤhrt die Regierung nach⸗ ſichtsvoll gegen die Turteltauben. Ganze Wolken der⸗ ſelben ziehen unaufhoͤrlich uͤber den Kanal, und fallen auf die unbedeckten Getreidſchiffe, gegen welche die Regierung das bedruͤckendſte Monopol ausuͤbt, ohne daß jemand ſie ſtoͤrt. Selbſt gegen die unreinen Hunde ſind die Tuͤrken mitleidig. In Anſehung des Fleiſcheſſens haben die Tuͤrken, wie die Juden, beſondere Geſetze; alles Fleiſch muß ſorgfaͤltig vom Blute gereinigt, und gewaſchen wer⸗ denr Leber und Lunge zu eſſen, iſt ihnen voͤllig un⸗ terſagt: Deßhalb gibt es beſondere Dgiherdgis(Le⸗ ber⸗Verkaͤufer), welche ihre Waare auf den Ruͤcken tragen, um dieſelbe bei den Chriſten abzuſetzen. Die Verfolgungen in der Tuͤrkei ſind ſo gemein, daß man vermittelſt gewiſſer Formeln in Verbindung tritt, einander nicht zu ſchaden. Ein Tuͤrke, der in Pera meine Bekanntſchaft zu machen wuͤnſchte, be⸗ fahl auf der Haͤlfte der Treppe, wohin ich ihn beglei⸗ tete, mit Lebhaftigkeit Brod und Salz. Er warf ei⸗ non geheimnißvollen Blick auf das Brod, legte ein wenig Salz auf ein abgebrochenes Stuͤckchen, ver⸗ zehrte es mit einer andaͤchtigen Miene, und verſicherte mir bei dem Weggehen, daß ich mich auf ihn verlaſſen koͤhnte. Wenn gleich dieſe Gattung des Eides nicht immer gehalten wird, ſo bezaͤhmt ſie doch wenigſtens⸗ 363 die Rachgierde der Tuͤrken. Sie brechen nicht gleich in der erſten Wuth los, gewoͤhnlich aber werden die Haͤndel, welche man nicht gleich beilegt, durch einen Meuchelmord geendigt. Der angreifende Theil ſchleift oͤffentlich ſein Meſſer, oder ladet ſein Gewehr, indem: einige ſeiner Freunde ihn zu reitzen, andere zu beſaͤnf⸗ tigen ſuchen. Gemeinhin geht noch die Trunkenheit vor der Uebelthat vorher, weil ſich die Duͤrken erſt durch den Wein den erforderlichen Muͤth verſchaffen. Kommt die Wache hinzu, welche nur Pruͤgel zu ihren Waffen hat, ſo vertheidigt ſich der Meuchelmoͤrder mit wahrem Loͤwenmuthe. Unterliegt er, ſo zwingen die Drohungen ſeiner Freunde die Verwandten des Ermordeten zu einem Vergleiche. Der Moͤrder er⸗ wirbt ſich durch dieſe Handlung ein großes Auſehen. Kur gedungene Meuchelmoͤrder, Juden oder Chri⸗ ſten, werden wegen begangener Mordthaten beſtraft, und ohne beſondere Anſtalten hingerichtet. Die Ge⸗ wohnheit, die Chriſten zu verachten, iſt darin ſichtbar, daß der abgehauene Kopf eines Rechtglaͤubigen, auf den hiezu beſonders gekruͤmmten, rechten Arm deſſel⸗ ben, hingegen der eines Unglaͤubigen auf den Hintern: geſtellt wird. Auf dem Grabſteine deſſelben wird nebſt dem Namen auch die Todesart eingegraben. Obwohl der Wein den Tuͤrken verboten iſt, ſo⸗ gibt es doch zu Konſtantinopel eben ſo viele: Weinhaͤufer, als bei uns. Die Tuͤrken begeben ſich⸗ beſtaͤndig dahin, um ſich zu berauſchen. Da der Wein⸗ 364 Verkauf ein Einkommen des Schatzes iſt, ſo iſt er an den Charab Emini(Ober⸗Aufſeher uͤber den Wein) verpachtet. Bei großen Feierlichkeiten verbietet man den Beſuch der Weinhaͤuſer, um die nachtheiligen Folgen dieſer Ausſchweifungen zu verhuͤten. Beſon⸗ ders iſt dieß der Fall in den drei Tagen des Bairam. Der Ramazan, welcher dieſem Feſte vorher geht, iſt der Monat, welcher das Geſetz zum Faſten beſtimmt hat, und da man ſich nach dem Monde richtet, kommt er jaͤhrlich um 14 Tage fruͤher. Die arbe itende Klaſſe fuͤhlt dieſen Druck am meiſten, ſie muß den ganzen Tag arbeiten, ohne einmal ihren Durſt mit einem Trunk Waſſer ſtillen zu duͤrfen. Abends genießt ſie nur eine ſparſame Mahlzeit, und waͤhrend der Nacht wird ihr Schlaf durch Gebet und die Nothwendigkeit, vor Tages Anbruche noch eine Mahlzeit zu thun, un⸗ terbrochen. Die Reichen verſchlafen heuchleriſch dieſe Faſten, und ergoͤtzen bei dem Erwachen ihre Sinnlich⸗ I keit durch Muſik und praͤchtige Mahlzeiten. Der Ramazaun beginnt mit dem Neumonde.— Nach dem erſten Bairam folgt s Wochen ſpaͤter der Kurban Bairam(Feſt des Opfers), wo der Sul⸗ tan, alle Großen und auch Privat⸗Perſonen Hammel ſchlachten. Man faͤrbt ihre Wolle, vergoldet die Hoͤr⸗ ner derſelben, und berechnet, daß dieſes Opfer gerade um die naͤmliche Zeit, wie zu Mekka, gebracht werde. Waͤhrend des Bairam iſt auch die ſtaͤrkſte Konſum⸗ tion und der meiſte Aufwand. Jeder Menſch erhaͤlt, 3⁵⁵ beſorgt, oder erkauft ſich neue Kleider. Man ſtellt auch alle Arten von Luſtbarkeiten an. Die Waſferleitungen, welche das Waſſer nach Konſtantinopel fuͤhren, dienen oft den tuͤrkiſchen Spatziergaͤngern zum Vergnuͤgensorte. Sie ſetzen ſich dort in die Luſthaͤuſer, welche die Kaiſer mit dieſen Waſſerleitungen zugleich erbauen ließen. Die Waſſer⸗ leitungen, welche die Tuͤrken an der Stelle der alten Ziſternen errichteten, ſtechen gegen jene der Griechen ſo gewaltig ab, daß die letztern dadurch in großen Ruf kamen. Dieſes Gebaͤude zur Zeit Juſtiniaus erbaut, zeichnet ſich weder durch die Kuͤhnheit und Groͤße, noch durch Leichtigkeit des dariu herrſchen⸗ den Styles aus. Bei der tuͤrkiſchen Waſſerleitung berrſcht kein Ebenmaaß, keine Auswahl der Materia⸗ lien, kein Talent, keine Feinheit in der Ausfuͤhrung; alles verkuͤndigt, daß Gewalt die Unwiſſenheit beſiegt, und Geiz ſie bezahlt hat. Dieſe Maͤngel ſind minder auffallend bei den von den Kaiſern erbauten Moſcheen, weil ſie alle unter den Augen der Sultane, und nach dem Muſter der h. Sophia erbaut ſind. Ja es gibt Moſcheen, weiche nach dem Modelle dieſer alten griechiſchen Kirche er⸗ baut, ſie noch uͤbertreffen. Allein die h. Sophie iſt ſelbſt kein Meiſterſtuͤck, und ſachverſtaͤndige Reiſende wuͤrden bei genauer Pruͤfung, in Anſehung der heili⸗ gen Sophia ihr Lob nicht verſchwenden. So ſind z. B. die Saͤulen an einem Theile des Gebaͤudes zu 366 ſparſam angebracht, und wieder an einem Orte als Strebegfeiler verſchwendet. Wenn man ferner mit dem Auge den Bogen der Kuppel von Außen mißt, ſo wird man finden, daß das flache, ſie bedeckende Gewoͤlbe, nur dem Scheine nach eine Kuͤhnheit der Bauart iſt, daß ſich dieſes vielmehr, unabhaͤngig vom ganzen Gebaͤude, gar nicht darauf ſtutzt, ſondern an den Bogen befeſtigt iſt, welche daruͤber hingehen. Auch die innere Verzierung macht dem Geſchmacke des Jahr⸗ hunderts, in welchem Konſta ntin lebte, keine Ehre. Eine Menge Saͤulen iſt ohne Verhaͤltniß vertheilt, bei welchem das Ebenmaaß zwiſchen der Hoͤhe, dem Po⸗ ſtamente und den Kapitaͤlern voͤllig fehlt; keine Ord⸗ nung iſt beim Gebaͤlke, keine Regeln und kein Ge⸗ ſchmack im Profil. Der Reichthum und der Aufwand der Materialien bringt einem die Vermuthung bei, hier die Ueberreſte jener praͤchtigen Truͤmmer zu er⸗ blicken, welche man zu Delphos und Delos nicht mehr trifft. Von der Schoͤnheit der moſaiſchen Arbeit, welche ſie ſonſt auszeichnete, kann man nicht viel reden. Ich entdeckte noch Ueberbleibſel von den Fluͤgeln der vier Cherubime, welche vormals oberhalb an den vier Saͤulen beſindlich waren. Der Eigenfinn der Tuͤrken, dieſe Kuppel mit Kalkwaſſer zu beſtreichen, vernichtete dieſe Reſte moſaiſcher Arbeit. Auch faͤhrt man noch jetzt fort, Stuͤcke davon auszureißen, welche die Neugierde aufkauft, die eben ſo viel Tadel verdient, als die Barbarei und die Unwiſſenheit, welche 367 ſie zerſtoͤrt. Alle Zierrath der Tuͤrken in ihren Mo⸗ ſcheen beſteht aus 4 Tafeln, in deren jeder der Name von einem der 4 Schuͤler Ma homeds geſchrieben ſteht. An verſchiedenen Orten ſtehen auf aͤhnliche Weiſe Stellen aus dem Koran, beſonders in derjeni⸗ gen Gegend, wo dieſes ſo hoch geſchaͤtzte Buch, waͤh⸗ rend der ſtillen Betrachtung, welche vor ihrem Gebete gewoͤhnlich iſt, geleſen wird. Die Tuͤrken haben auch ihrer Sitte gemaͤß, dem Frauenzimmer einen Piatz in der Moſchee angewieſen. Die Muetzin rufen von den Minarets herab die zum Gebete feſtgeſetzten Stun⸗ den. Die Minarets ſind Thuͤrme, welche beinahe Saͤulen gleichen, inwendig hohl ſind, und 4—5 Fuß im Durchſchnitte haben. Sie ſteigen in gleicher Dicke von den Ecken der Moſchee bis uͤber die Kuppel in die Hoͤhe, wo eine Gallerie ungefaͤhr 20— 30 Zoll weit hervor ragt, zu der eine Wendeltreppe hinauf fuͤhrt, deren kleine Thuͤre beſtaͤndig gegen Mekka liegt. Von dieſer Gallerie nimmt der Minaret unge⸗ faͤhr um ein Viertheil ſeines Durchmeſſers ab, und endigt ſich endlich mit einem ſpitzen, mit Blei ge⸗ deckten Dache. Auf dem zußerſten Gipfel befindet ſich ein Halbmond, deſſen gekruͤnmte Spitzen ſehr nahe zuſammen gehen, zwiſchen welchen gewoͤhnlich der Name Gottes ſich befindet. Bei den großen Mo⸗ ſcheen haben manche Minarets 2— 3 Galerien; allein jene bei der Sophien⸗Kirche haben nur eine; ſie ſind auch die niedrigſten und ſchwerfaͤkigſten. 368 Um die Tuͤrken und ihren Stolz zu zeichnen, will ich eines ihrer Lieblings⸗Spruͤchwoͤrter anfuͤhren: „In Indien ſieht man Reichthum, Witz in Europa, und Pracht bei den Osmanen. Den Zug des Großherrn bei ſeiner Kroͤnung haben wir ſchon oben in Kuͤrze beſchrieben, wir wollen hier noch einer Waſſerfahrt des Sultan erwaͤhnen, welche ſehr viel Glaͤnzendes und Auffallendes hat. Der Großherr hat allein das Vorrecht, uͤber ſeinem Schiffe eine ſcharlachene Decke zu haben, auf welchem 3 geſchmuͤckte Laternen in die Hoͤhe ragen; das Schiff wird von 26 Nudern gefuͤhrt. Eines von der naͤmlichen Be⸗ ſchaffenheit folgt, um bei allen Vorfaͤllen gleich nahe zu ſeyn. Die vornehmſten Offiziere des Hofes beglei⸗ ten ihn, jeder in dem fuͤr ihn beſonders beſtimmten Schiffe. Die große Anzahl derſelben, die Genauig⸗ keit, mit welcher man alle Ruder zugleich fuͤhrt, und die Schnelligkeit der Fahrzeuge geben zugleich einen majeſtaͤtiſchen und angenehmen Anblick. Wenn der Sohn des Großherrn groß genug iſt, um ſich dem Volke zu zeigen, hat ſein Fahrzeug gleichfalls 26 Nu⸗ der und eine blaue Decke. Der Vezier allein hat eine blaue Decke und 24 Ruder. Der Mufti iſt in ſeinem Schiffe, wie jede andere Privat⸗Perſon, der Witterung Preis gegeben, er hat nur 9 Paare Ruder, und auf jeder Ruderbank 2 Leute ſitzen. Die uͤbrigen Schiffe der Großen, bei denen die Zahl der Ruder ebenfalls nach ihrem Range beſtimmt iſt, haben auf jeder Bank 369 nur einen Ruderer, ſo wie die Geſandten, welche auch nicht das Recht haben, ſich bei ihren Schiffen einer Decke zu bedienen.. Die Schiffe fuͤr den Harem des Groß⸗Sultan ha⸗ ben 24 Ruder, weiße Decken, und ſind rund umher mit dichten Gittern vermacht. Ehe ſie einſteigen, zieht man von beiden Seiten eine weiße Leinwand auf, welche von den Mauern des Serail dahin reicht, bis ſie einſteigen. Wenn ſie ausſteigen, um ſpatzieren zu gehen, welches aͤußerſt ſelten geſchieht, ſo umzieht man auch mit Leinwand die Gegend, welche dazu be⸗ ſtimmt iſt, und wohin ſie mit eben ſo vieler Vor⸗ ſicht gefuͤhrt werden. Schwarze Verſchnittene umge⸗ ben dieſen Verſchlag, und Aſſequis, mit Karabinern bewaffnet, machen rund eine zweite Wache, um ja alle Aunaͤherung zu verhindern. Nach einem achtjaͤhrigen Aufenthalte zu Konſtan⸗ tinopel, bei einem unbekannten Namen, bei dem Mangel aller Verbindungen, konnte ich zu Verſail⸗ les eben keine großen Fortſchritte machen. Endlich erhielt ich durch den Herzog von Choiſeul, welcher mich zuvor bei einem geheimen Geſchaͤfte gebraucht hatte, den Auftrag zu einer Geſandtſchafts⸗Reiſe zu dem Tartarn Chan. Den 10. Juli 41161 verließ ich Paris, langte nach einem achttaͤgigen Aufent⸗ halte zu Wien, und nach einem ſechs Wochen lan⸗ gen zu Warſchau, endlich zu Kaminiee an. Ob⸗ gleich die unbegueme polniſche Poſt nicht uͤber Ka⸗ 370 miniee geht; ſo hatte ich doch das Gluͤck, noch ruſ⸗ ſiſche Pferde zu gewinnen, welche mich nach dem er⸗ ſten tuͤrkiſchen Zollhauſe brachten, das, gerade uͤber Swanitz, auf der andern Seite des Dnie⸗ pers liegt, welcher beide Reiche von einander ſchei⸗ det. Einige Janitſcharen, die ich am polniſchen Ufer in tuͤrkiſcher Sprache anredete, wurden mir ſo gewogen, daß ſie mich auf die Faͤhre begleiteten, wel⸗ che mich an das andere Ufer brachte. Von dem Zoll⸗ einnehmer gut aufgenommen, reiſte ich Tags darauf unter anſehnlicher Begleitung nach Kotſchim, in deren Vorſtadt ich eine Wohnung erhielt. Ein Offi⸗ zier und einige Janitſcharen hielten als Wachen die Thuͤre beſetzt, und einer von den Leuten des Gou⸗ verneurs hatte den Auftrag, mir auf Koſten der Ein⸗ wohner alle Lebensmittel umſonſt zu ſchaffen. Als ich verſuchte, fuͤr eigenes Geld die Beduͤrfniſſe zu beſtrei⸗ ten, wurde es entdeckt, ein Jude, welcher meine Auftraͤge uͤbernahm, derb gepruͤgelt, und die Ein⸗ wohner mußten das Geld wieder hergeben. Als ich bereit war, eine Audienz bei dem Paſcha zu erhalten, kamen verſchiedene Pferde und Offiziere deſſelben, um mich zu ſeiner in der Feſtung liegenden Wohnung abzuholen. Die Feſtung Kotſchim liegt am Abhange eines Berges am rechten Ufer des Dnieſter bergabwaͤrts ge⸗ gen den Fluß, ſo, daß man vom entgegengeſetzten Ufer die ganze Stadt uͤberſehen kann. Die Cita⸗ - 371 delle erhaͤlt dadurch eine ſchoͤne Anſicht nach dem pol⸗ niſchen Gebiete, der Feſtung aber iſt dieſes ſo nach⸗ theilig, daß ſie ſich kaum 3 Tage gegen einen recht⸗ maͤßigen Angriff wuͤrde halten koͤnnen. Um ſobald als moͤglich in die Krimm zu kom⸗ men, machten wir Anſtalten zum Uebergange uͤber den Pruth. In einem ziemlich guten Dorfe mach⸗ ten wir Halt; mein Ali⸗Aga(Mikmandar) vertrieb eine Familie aus ihrem Hauſe, um uns Platz zu machen, und betrug ſich ſo, daß ich nicht den beſten Begriff von ihm bekam. Er reiſte fort, und machte Anſtalten zur Ueberfahrt; bald erblickte ich ihn zu Pferde, unter einem Haufen Bauern, welche er nach allen Kraͤften pruͤgelte, und erhielt auch von ihm die Nachricht, daß wir am Pruth ſeyen, welchen ich wegen ſeiner hohen Ufer nicht eher bemerkt hatte. Dieſer Fluß treunt die Statthalterſchaft Kotſchim von der Moldau. Als ich wegen des ſchlechten Floſſes dem Ali⸗ Aga meine Bedenklichkeit aͤußerte, verſicherte er in einem hohen Tone, daß er vermittelſt ſeiner Peitſche und hundert Bauern, welche er mitgebracht hatte, alles auf das Beſte fortfuͤhren wolle. Dieſe Schurken, ſagte er, koͤnnen alle ſchwimmen; wenn die Faͤhre bricht, ſollen ſie alles auf ihren Schultern heruͤber bringen, und wenn nur eine Nadel fehlt, alle gehan⸗ gen werden. Meine Kutſche hatte durch ihr Gewicht das Floß 372 bis auf den Boden des Fluſſes nieder gedruͤckt; es wurde nur mit Muͤhe wieder flott gemach:, und ver⸗ mittelſt großer Stangen bis an das andere ſteile Ufer gebracht, wo meine Kutſche ſogleich von Buͤffeln her⸗ auf gezogen wurde. Bald darauf wurde ich mit mei⸗ nem Gefolge uͤber den Fluß geſetzt. Als ich den Ali⸗ Aga ermahnte, das Pruͤgeln zu unterlaſſen, verſi⸗ cherte er, daß ohne Pruͤgel nichts von den Moldauern zu haben ſey. Als er von einem Moldauer eine Menge Lebensmittel, und ſelbſt Zimmet forderte, von wel⸗ chem die Tuͤrken große Freunde ſind, ſo entſchuldigte ſich der Moldauer weinend; als er aber ſo lange ge⸗ pruͤgelt wurde, bis er davon lief, kehrte er in einer viertel Stunde zuruͤck, und brachte alles, was Ali⸗ Aga gefordert hatte. Der Boden, uͤber welchen wir reiſten, war frucht⸗ bar. Gute Bebauung und eine Mannigfaltigkeit von Gegenſtaͤnden zeigten ſich uͤberall. Anfangs war die Moldau und Wallachei einem geringen Tribut unterworfen, und genoß noch einen Schatten der Freiheit. Endlich murde der Großherr durch die wech⸗ ſelſeitigen Raͤnke der Griechen dahin gebracht, ſie alle gering zu ſchaͤtzen. Eine jaͤhrliche Taxe, welche durch die Regierungs⸗Bewerber außerordentlich hoch ſteigt, die Pracht der Leute, welche aus dem Staube zu ei⸗ ner Wuͤrde gelangen, und die Habſucht dieſer Leute, deren Gluͤck nur ſo kurz dauert, dieſes waren hinrei⸗ chende Urſachen zur Verwuͤſtung der beiden fruchtbar⸗ 373 ſten Provinzen des tuͤrkiſchen Reiches. Wenn man nun noch betrachtet, daß die Moldau und Wallachei mit weit groͤßeren Abgaben, als in ihrem gluͤcklichſten Zuſtande, belegt ſind; ſo kann man ſich erſt einen rechten Begriff von dem bejammernswuͤrdigen Zuſtande dieſer Gegenden machen. Bei meiner Durchreiſe im Monate Oktober ſah ich ſchon vom Volke die eilfte Abgabe erheben. Wir kamen nach Haſſi wo man ſich beſchaͤftigte, die durch eine Feuersbrunſt zercoͤrten Gebaͤude in ei⸗ nem beſſern Geſchmacke aufzufuͤhren. Ich machte dem regierenden Fuͤrſten die Aufwartung; beim Abſchiede mußte ich mich wieder einer Menge tuͤrkiſcher Zere⸗ monien unterwerfen. Die wichtigſte iſt das Anerbie⸗ ten mit Sorbet, worauf man mit Roſen⸗Waſſer be⸗ ſprengt, und mit Aloe beraͤuchert wird. Der Sor⸗ bet beſteht aus einem Teich von Fruͤchten, welche mit Zucker eingemacht ſind, und nachher in Waſſer aufgeloͤst werden. Es kommt noch eine ſolche Menge Biſam hinein, daß man kaum etwas davon koſten kann. Das einmal damit angefuͤllte Gefaͤß iſt fuͤr alle Beſuche der ganzen Woche hinreichend. Ich bediente mich deſſelben, wie der Konfituren, welche bei dem Kaffee gewoͤhnlich ſind, wozu die ganze Geſellſchaft nur einen Loͤffel nimmt, in einem ſehr geringen Maße. Mein Diener aber, im Vorzimmer auf dieſelbe Weiſe behandelt, trank allen Sorbet mit einem Zuge aus, und fraß alle Konfituren ſo rein auf, daß ich noch den ganzen 374 Hof daruͤber in Erſtaunen fand, als ich aus dem Zim⸗ mer des Fuͤrſten kam. Die Stadt Naſſi, in einer moraſtigen Gegend, iſt von allen Seiten mit Huͤgeln umgeben„ worauf man, wegen ihrer angenehmen Lage, die ſchoͤnſten Landhaͤuſer haͤtte erbauen koͤnnen. Kaum aber erblickt man auf denſelben einige Huͤtten. Mit Ausnahme der Haͤuſer der Bojaren und derjenigen Griechen, wel⸗ che im Gefolge des Fuͤrſten aus Konſtan tinopel kommen, leuchtet aus allen uͤbrigen Haͤuſern der Hauptſtadt das groͤßte Elend hervor. Die Bojaren, die Großen des Landes, in der That aber nur beguͤ⸗ terte Landeigenthuͤmer, ſind grauſame Bedruͤcker deſ⸗ ſelben. Sie uͤben gegen den regierenden Fuͤrſten nur alle erdenkliche Raͤnke. Nach meiner Abreiſe aus Yaſſi belohnte ich den Ali⸗Aga fuͤr ſeine Dienſte, und erhielt zwei Janit⸗ ſcharen von der Wache des Fuͤrſten, und einen Grie⸗ chen, welcher eben ſo, wie Ali handelte„ zur Be⸗ gleitung. Der Theil der Moldau, durch welchen ich noch reiſte, war eben ſo ſchoͤn, als derjenige, welchen ich auf meiner Reiſe bis Naſſi angetroffen hatte; nur wurde das Land immer bergigter, je naͤher wir nach Kiſchenow kamen. Wir fuhren von dieſen Anhoͤ⸗ hen wieder durch hohle Wege hinab, welche immer breiter und weniger tief wurden, und gelangten am Ende derſelben nach Beſſarabien. 375 Ehe wir dieſes noch erreichten, ſah ich ſchon die Huͤgel an beiden Seiten des Weges mit Dromedaren bedeckt; bald fanden wir noch groͤßere Heerden dieſer Thiere, unter welchen ich auch weiße bemerkte. End⸗ lich kamen wir nach Kiſchela.(Wiiterquartier). Dieſe Stadt, die Reſidenz des Sultan von Beſſa⸗ rabien, wird als Hauptſtadt⸗ dieſer Provinz betrach⸗ tet. Bei meiner Ankunft kam ein Mirza(ein Titel, mit welchem eine unumſchraͤnkte Gewalt uͤber die Kriegsvoͤlker verbunden iſt), mich im Namen des Sultan zu begruͤßen, und in die fuͤr mich beſtimmte Wohnung zu fuͤhren. Nachher beſuchte ich den Sul⸗ tan, welcher ein junger Mann von beilaͤufig 18— 20 Jahren, ziemlich groß, wohl gewachſen, und ſehr be⸗ ſcheiden in ſeinem Betragen war. Die Kleidung des Sultan und der Mirzas ausgenommen, welche nicht koſtbar, aber doch auserleſen war, ſchraͤnkte ſich der ganze uͤbrige Hausrath nur auf die unentbehrlichſten Gegenſtaͤnde ein. Nur in dem Zimmer des Fuͤrſten waren Glasfenſter; ſonſt ſind uͤberall die Fenſterſtoͤcke mit Papier, welches mit Oel befeuchtet iſt, bloß uͤber⸗ zogen. Abends ſpeißte ich bei dem Fuͤrſten. Als wir uͤber den Dnieſter gegangen waren, wel⸗ cher Beſſarabien von Yedeſan trennt, ſo ver⸗ ſah uns der begleitende Offizier mit hinlaͤnglicher Be⸗ deckung, weil man die Staͤnde letzteren Bezirkes im Aufruhr begriffen glaubte. Die Ebenen, uͤber welche wir ſetzten, waren ſo⸗ gleich und frei, daß wir wenigſtens auf 100 Schritte nach allen Seiten freie Ausſichten hatten. Wir er⸗ blickten den ganzen Tag nichts, als einige nogaiſche Tartaren zu Pferde. Sie wohnen unter Zelten, und ſind auf einen gewiſſen Strich Landes eingeſchraͤnkt, der ſich durch Thaͤler erſtreckt, welche 8— 10 Klaf⸗ ter tief liegen, und die Ebenen von Nord nach Suͤd ſo durchſchneiden, daß ſie oft 30 Meilen lang, und nur eine halbe Meile breit ſind. Truͤbe Baͤche fließen durch ihre Mitte, und endigen ſich gegen Suͤd in kleine Seen, welche mir dem ſchwarzen Meere zu⸗ ſammen haͤngen. An den Ufern dieſer Baͤche ſind die Zelte der nogaiſchen Tartaren, und die Schauer, welche die zahlreichen Heerden dieſer Hirtenvoͤlker waͤhrend des Winters gegen die Witterung ſchuͤtzen ſollen. Jeder Eigenthuͤmer hat ſein beſonderes Zei⸗ chen mit einem gluͤhenden Eiſen den Schenkeln ſeiner Ochſen, Pferde und Dromedare eingebrennt. Die Schafe mit einer beſondern Farbe bezeichnet, ſind nicht weit von den Wohnungen entfernt; das uͤbrige Vieh aber wird im Fruͤhlinge in die Ebenen gefuͤhrt, und weidet bis zum Anfange des Winters ohne Auf⸗ ſicht; wo ſie von den Eigenthuͤmern gefangen, und in die Staͤlle getrieben werden. (Fortſetzung im naͤchſten Baͤndchen.)