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Berfaße von Mehr. en, und herausgegeben von 4 2 Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 34. Baͤndchen. Mit dem Plan von Konſtantinopel. II. Theil. 2. Bändchen von der Türkei. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1829. TZaſe chen⸗ Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen in die Tärkel. Mit Landkarten, Plauen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt von M e h renn, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 2. Bandchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1 8 2 9. Joſeph Pitton v. Tourneforts Be⸗ ſchreibung einer auf königl. Befehl im J. 1700 unternommenen Reiſe nach der Levante. In gedrängter Kürze mitgetheilt von einem königl. bayer'ſchen Staats⸗ diener. (Fortſetzung.) Wir fanden daſelbſt einen Papas, und konnten aus ſeinem Geſichte wohl ſchließen, daß er, wegen ſeines Unterhaltes, dieſe Urne ausleere und wieder fuͤlle, ſo oft Leute kaͤmen, die gerne betrogen ſeyn wollten. „Cheiro iſt eine unbewohnte Iuſel, wo blos et⸗ liche Moͤnche, und ungefaͤhr 300 Schafe oder Ziegen, ſich aufhalten. Ohne uns zu verweilen, begaben wir uns nach Skinora, welches ebenfalls ein unbewohnter Felſen iſt; jedoch findet man daſelbſt die Truͤmmer einer zerſtoͤrten Stadt. Merkwuͤrdig iſt eine Pflanze, 134 die man daſelbſt findet, die Ferula der Alten. Sie macht einen s Schuh hohen Stengel, der 3 Zoll dick, und von 10 zu 10 Zoll knotig iſt. Der innere Theil iſt mit einem weichen Marke angefuͤllt, welches, da es ſehr trocken iſt, wie ein Zunder Feuer faͤngt. Dieſes Feuer erhaͤlt ſich darin vollkommen gut, und verzehrt nach und nach nur das Mark, ohne die Rinde zu be⸗ ſchaͤdigen. Man bedient ſich daher dieſer Pflanze, um das Feuer von einem Orte zum andern zu tragen. Unſere Matroſen nahmen einen ziemlichen Vorrath mit ſich. Auf Raelia, einem andern Felſen, mußten wir wegen hoher See faſt drei Tage verweilen. Die Moͤn⸗ che zu Amorgos, denen dieſe Inſel gehoͤrt, haben daſelbſt vielleicht 1000 Ziegen und Schafe, und einige Waͤchter, welche ſehr guten Kaͤſe bereiten. Sie wer⸗ den beſtaͤndig von Korſaren belaͤſtiget, und kein Fahr⸗ zeug geht voruͤber, ohne daß das Schiffsvolk nicht et⸗ liche Ziegen mitgehen ließe. Unſere Matroſen ſchlachte⸗ ten in drei Tagen nicht mehr, als ſieben dieſer Thiere. Ein guͤnſtiger Wind fuͤhrte uns gleichſam ſelbſt nach Nio. Dieſe Iuſel iſt hauptſaͤchlich durch das Grab des Homers beruͤhmt geworden. Dieſer beruͤhmte Dichter ſtarb daſelbſt im Hafen, wo man ihm auch ein Grabmal errichtete, deſſen Ueberbleibſel wir aber ver⸗ gebens ſuchten. Die Inſel iſt wohl angebaut, und nicht ſo ſteil. Der Boden iſt vortrefflich; man baut viel Weizen, hat aber Mangel an Oel und Holz. Nir⸗ 135 gends findet man Ueberbleibſel aus dem Alterthume; alle die Einwohner ſind Raͤuber nach dem Gewerbe. Hier halten ſich die meiſten Korſaren auf, und die Tuͤrken nennen Nio nur das kleine Maala. Dieſe Banditen, welche den ganzen Archipel unſicher ma⸗ chen, ſind die aͤrgſten Boͤſewichte. Sie bemaͤchtigen ſich des naͤchſten Schiffes, und berauben nicht allein die Leute, ſondern werfen ſie auch, mit einem Stein am Halſe, in die See, um durch ſie nicht verrathen oder verklagt zu werden. Nach kurzem Aufenthalte nahmen wir unſern Weg nach Sikino, welche die Alten die Wein⸗Inſel nannten; und wirklich waͤchst noch viel Wein daſelbſt. Beruͤhmt iſt dieſe Inſel dadurch geworden, daß die Weiber in einer Nacht alle ihre Maͤnner und die jun⸗ gen Leute des Landes ermordeten, weil dieſe ihnen die Sklavinen vorzogen, die ſie vor kurzem aus Thra⸗ eien gebracht hatten. Das Dorf Sikino liegt auf einer Hoͤhe, ganz nahe bei einem Felſen, welcher ſich neiget, und in das Meer zu ſtuͤrzen ſcheint. Unſere Wohnung war hier eine ziemlich reinliche Kapelle, wo wir bis zum erſten Oktober verweilen mußten. Santorin, welche die Alten eine ſehr ſchoͤne Inſel nannten, erreichten wir am 16. Oktober. Jetzt iſt ſie ganz mit Bimsſteinen bedeckt, und die Kuͤſten ſind grauenvoll. Wahrſcheinlich hat ſie ein Erdbeben ſo zugerichtet. Denn viele ſchoͤne Staͤdte und eine maͤchtige Voͤlkerſchaft ſollen daſelbſt geweſen ſeyn. Ge⸗ 136 genwaͤrtig hat ſie die Geſtalt eines Halbmondes, und man ſetzt noch hinzu, daß ſie groͤßer geworden ſey. Auch einige andere Inſeln ſollen aus dem Meere her⸗ vorgekommen ſeyn. Einige Tage, wird verſichert, ſey eine große Finſterniß geweſen, als ob dieſelbe aus einem brennenden Schmeltzofen herkomme. Flammen und eine ſo große Menge Bimsſteine kamen aus dem Meere hervor, daß die Kuͤſten von Klein⸗Aſien bis an die Dardanellen davon bedeckt worden ſind*). Das Meer ſchien zu kochen, unter einem unterirdiſchen Kra⸗ chen, das man 200 Meilen weit hoͤrte.— Deßwegen iſt der Boden auf Santorin trocken und unfruchtbar, nichts als ein zerſtoßener Bimsſtein; nur der Fleiß der Einwohner hat die Inſel zu einem angenehmen Baum⸗ Garten umgeſchaffen. Der Wein gleicht dem Rhein⸗ Weine, iſt ſehr ſtark und geiſtig; man verfuͤhrt ihn bis Konſtautinopel. Ordentlicher Weiſe pflegt man des Jahrs nur viermal Gerſtenbrod zu backen, und nur elumal Ochſen zu ſchlachten. Jenes iſt ein elender Zwieback; das Fleiſch aber wird in Eſſig und Salz ge⸗ legt, und acht Monate lang der Sonne ausgeſetzt, wo es ſo hart wird wie Holz.— Alle Einwohner der In⸗ ſel ſind Griechen; man hoͤrt daſelbſt keinen Tuͤrken nennen, auſſer wenn von der Kopfſteuer die Rede iſt⸗ *) Man ſctzt dieſe Begebenheit in das Jahr 742 oder 726. 2 137 Der Adel hat ſich nach Skaro gezogen, einer kleinen Stadt im Hafen, auf einer ſteilen Klippe. Pyrgos wird die ſchoͤnſte Stadt des Landes genannt; ſie liegt auf einem Huͤgel, in der Mitte von Weinbergen. Dieſer Ort wuͤrde ſehr angenehm ſeyn, wenn er mit Waſſer verſorgt waͤre; aber auf der ganzen Inſel iſt nur eine ſehr ſchlechte Quelle. Die meiſten Haͤuſer ſind Hoͤhlen, in Bimsſtein gegraben, und ſehen den Backoͤfen aͤhnlich. Der St. Stephansberg, auf welchem eine Kapelle ſteht, iſt ein Marmorblock, der gleichſam auf den Bimsſtein gepfropft iſt. Eine andere Inſel, Nanfio, hat nur 16 Meilen im Umfange, keinen Hafen, und nichts als kahle Berge. Indeſſen hat ſie doch die ſchoͤnſten Quellen, welche die Felder ſehr fruchtbar machen. Die Einwohner ſind faul, handeln mit Zwiebeln, Wachs und Honig, und verzehren faſt alles, was ſie erzeugen. Holz haben ſie kaum ſoviel, daß ſie die Rebhuͤhner braten koͤnnen, die man daſelbſt in ungeheurer Menge antrifft. Um das Getreide zu erhalten, iſt Geſetz, um Öſtern alle Eyer der Rebhuͤhner zu ſuchen, die man finden kann. Man bringt dann oft 20,000 zuſammen, und benutzt ſie zu Ku⸗ chen und allerlei Backwerk. Trotz dieſer Vorſicht ſlogen doch bei jedem Schritte, den wir machten, Rebhuͤhner auf. Die Einwohner fuͤrchten oft, von ihnen verjagt zu werden. Wir wollten nach Stampalia ſegeln; allein wi⸗ drige Winde verſchlugen uns nach Mycone. Die Matroſen zu Myeone werden fuͤr die geſchickteſten des ganzen Landes gehalten; man findet aber auch da⸗ ſelbſt mehr als 580 Seefahrer, welche Handelſchaft nach der Tuͤrkei treiben. Der Wein iſt oͤfters nichts, als rothes Waſſer; man kauft ihn deswegen nach der Beſchaffenheit. Die Griechen koͤnnen das Betruͤgen nicht unterlaſſen.— Die Inſel ſelbſt iſt duͤrr und tro⸗ cken; die Berge ſind nicht gar zu hoch. Der hoͤchſte iſt der St. Elias. Die Myeonioten werden gerne kahlkoͤpfig, oft ſchon im 26ſten Jahre. Doch ſind ſie wohl gewachſen, waren gaber ehehin als die groͤßten Schmarotzer bekannt. Man baut Gerſte, Feigen und Oliven; ein einziger Brunnen muß einen ganzen Fle⸗ cken mit Waſſer verſehen, das ſonſt uͤberall mangelt. Gegen eine Mannsperſon findet man immer vier Wei⸗ ber, die gar oft auf den Straſſen, unter den Schwei⸗ nen liegen. Dafuͤr fahren aber auch die Mannsperſo⸗ nen meiſtens auf der See herum. Auch hier gibt es viele Rebhuͤhner und andere Voͤgel. Der Salat iſt ſehr wohlſchmeckend, wenn man die Schuͤſſel mit Knob⸗ lauch gerieben hat. Zu Mycone ſind mehr als 50 griechiſche Kirchen, deren jede ihren Papas hat. Es wohnt hier kein Tuͤrke. Die Frauenzimmer beſſeren Standes wuͤrden nicht unangenehm ſeyn, wenn ihre Kleidung weniger laͤcherlich waͤre. Die gemeinſte ko⸗ ſtet indeſſen mehr als 300 Thaler. Dagegen kleiden ſich die meiſten dieſer Frauenzimmer in ihrem Leben nur einmal, und erſparen den Maͤnnern den Verdruß, 139 zu ſehen, wie ſie alle Moden nachahmen, und bei jeder Jahrszeit in ihren Beutel greifen. Wir wollen ihre Kleidungsſtuͤcke beſchreiben, die insgeſammt poſſierlich ſind.— Das erſte Stuͤck iſt eine Art Halshemd, das ihnen kaum den Hals bedeckt. Es hat Aermel, die bis an das Fauſtgelenke reichen. Man macht ſie gewoͤhn⸗ lich aus Neſſeltuch oder Mouſſelin, oder auch aus Seide, und beſetzt ſie mit goldenen Borten. Ueber den Halskittel legen ſie ein großes Hemd aus Kattun oder Seide, das weite Aermel hat, wie ein Schlafrock. Dieſes Hemd geht bis an die Waden, und vertritt die Stelle des Rocks. Es iſt mit Spitzen oder Seide, mit Gold oder Silberfaͤden eingefaßt.— Das dritte Stuͤck iſt ein Bruſtfleck, mit goldenen oder ſilbernen Borten eingefaßt, der an den Hals gehaͤngt wird, und zu einer Jacke ohne Aermel gehoͤrt, die nur bis unter die Arme reicht, und uͤber den Schultern an zwei Schnuͤren haͤngt. Ordentlicher Weiſe iſt dieſes Stuͤck von Baum⸗ wolle, und in kleine, enge Falten gelegt, unten aber mit zwoͤlf Ringen beſetzt, welche den Rock in die Hoͤhe heben, und demſelben eine ſchoͤne Rundung geben.— Sie legen dann ein Korſet an, welches zwei Fluͤgel an den Seiten, und zwei Heffnungen hat, daß man mit den Armen durchkommen kann. Alles daran iſt mit Gold und Silber eingefaßt, und mit Perlen be⸗ ſetzt. Im Winter macht man Aermel daran. Dieſes Bruſtſtuͤck raget eitige Zoll uͤber den Colibi hinaus, eine Art Rockes, der ſehr dick voll Falten iſt, und nur 140 bis an die Knie reicht. Hinten wird dieſer Rock mit Baͤndern zuſammengebunden.— Zu Andros binden ſie unter dem Rocke einen Reif, was noch laͤcherlicher ausſieht.— Das ſechste Kleidungsſtuͤck iſt ein Fuͤrtuch von Mouſſelin oder Zitz, welches uͤber und uͤber einge⸗ faßt iſt. Die Bordur iſt praͤchtig; allein die Zeichnung iſt von keinem guten Geſchmacke.— Im Sommer tra⸗ gen ſie Struͤmpfe von Baumwolle, und im Winter von rothem Tuche, mit goldenen oder ſilbernen Spi⸗ tzen beſetzt. Dieſe Struͤmpfe ſind voll Falten: denn ſie legen vier bis fuͤnf Paar uͤbereinander an. Die Strumpfbaͤnder ſind mit goldenen oder ſilbernen Spi⸗ tzen beſetzt. Deli nennt man jetze zwei gaͤnzlich verlaſſene Felſen im Archipel, die blos ein Aufenthalt der Korſaren und Banditen find. Der groͤßere hieß vor Alters Rheuaͤa, der andere war unter dem Namen Delos bekaunt, und machte den Mittelpunkt der be⸗ ruͤhmten, cyeladiſchen Inſeln aus. Apollo und Di⸗ ana ſollen daſelbſt geboren ſeyn; deswegen war De⸗ los ein heiliger Ort, und die Griechen gaben ſich alle Muͤhe, es ſo groß und praͤchtig zu machen, daß es die Bewunderung des ganzen Archipel wurde. Daſelbſt ſtand der Tempel des Ap ollo, eines der praͤchtig⸗ ſten Gebaͤude der Zeit. Die Stadt war aus Granit und Marmor gebaut; mit einem Theater, mit bedeck⸗ ten Gaͤngen, mit einem Baſſin, in welchem Seetref⸗ fen vorgeſtellt werden konnten, mit einem Gymnaſium 141 und mit einer ungeheuern Menge von Altaͤren ge⸗ ſchmuͤckt. Nieias, ein athenienſiſcher Feldherr, ließ einen großen Palmbaum aus Bronze aufrichten, den er dem Gott der Inſel widmete, und ſtiftete ein jaͤhr⸗ liches Gaſtmahl, welche Sriftung in eine Pyramide ge⸗ graben wurde⸗ Nunmehr kann man nur noch die Ruinen dieſer Inſel in Augenſchein nehmen. Wir fanden die Quelle, welche mit dem Jordan zu gleicher Zeit zu ſteigen und zu fallen pflegt; die Ruinen des TDempels, zu deſſen Pracht ganz Griechenland mitwirkte; die bis auf den Erdboden abgebrochenen Pfeiler des Bogen⸗ Ganges und die Truͤmmer von Marmor und Granit, werche den Boden von dort bis in den Hafen bede⸗ cken. Alles zeugt noch von ungemeiner Pracht und Kunſt. Die Ueberbleibſel von der Bildſaͤule des Apollo beſtehen noch in zwei Stuͤcken. Der Ruͤcken iſt auf einer Seite, der Bauch und die Oberſchenkel auf der andern. Man hat derſelben weder Kopf, noch Arme, noch Fuͤße gelaſſen. Sie war eine rieſenmaͤßige Bild⸗ ſaͤule, die aus einem einzigen Stuͤck Marmor gemacht war. Die Haare hingen in großen Locken uͤber die Schulter hinab, welche ſechs Schuh breit iſt. Der Rumpf hat zehn Schuh von der Huͤfte bis an das Knie. Der Zwiſchenraum von dem Bogengange des Phi⸗ lippus, und von den Ueberbleibſeln des ſehr ſchoͤnen Theaters aus Marmor, iſt mit Truͤmmern von Haͤu⸗ ſern gefuͤllt, die zum Theil auch aus Ziegelſteinen er⸗ baut waren. Hier wohnten wahrſcheinlich die meiſten Leute beiſammen: denn hier waren die Tempel, Ka⸗ naͤle und Freihaͤfen. Vor einiger Zeit wohnte ein Einſiedler am Fuße des Berges Cynthus, welcher ſich vorbereitete, oͤffentlich gegen das tuͤrkiſche Geſetz zu predigen, um ſich die Maͤrtyrer⸗Krone zu erwer⸗ ben. Doch ſein Beichtvater hielt ihn zuruͤck, weil der Zorn der Muhametaner wahrſcheinlich an den uͤbrigen Griechen ausgehen wuͤrde, die nicht die geringſte Luſt hatten, ſich ſpießen zu laſſen.— Nun findet man nichts Lebendiges mehr auf der Inſel als Kaninchen, welche in dem Marmor auf das praͤchtigſte wohnen. Der Boden iſt nicht zu bebauen, weil er ganz mit Truͤmmern von Marmor bedeckt iſt. Alle Maurer der Inſeln kommen dahin, wie zu einem Steinbruche, die⸗ jenigen Stuͤcke zu waͤhlen, die ſie gebrauchen koͤnnen. Alte Statuen findet man nicht mehr; ſie waren zu nahe an der See, und konnten folglich leicht einge⸗ ſchifft werden. Zweiter Theil. 1. Den 26. Oktober ſtiegen wir auf der Inſel Syra an das Land, wo im ganzen Archipel die mei⸗ ſten katholiſchen Einwohner ſind. Unter ihnen beſin⸗ den ſich franzoͤſiſche Kapuziner, welche ſich alle Muͤhe geben, ein Volk zu unterrichten, das ſehr zur Tugend 143 geneigt, der Dieberei ganz feind, und ſo arbeit⸗ ſam iſt, daß man auf dieſer Inſel wenig Ruhe hat; Nachts wegen des allgemeinen Geraͤuſches der Hand⸗ Muͤhlen, mit denen jeder ſein Getreide zu mahlen pflegt, und des Tages wegen der Naͤder, auf denen ſie Baumwolle ſpinnen. An dem Hafen ſieht man noch die Ruinen einer alten und großen Stadt, unter wel⸗ chen einige Bas⸗Reliefs von Marmor, und Inſchriften zu ſehen ſind. Pherecydes, ein alter Weltweiſer, der die Sonnen⸗Uhren erfunden haben ſoll, iſt auf die⸗ ſer Inſel geboren. Seine Sonnen⸗Uhr wird noch da⸗ ſelbſt aufbewahrt. Er ſoll auch der erſte geweſen ſeyn, der die Unſterblichkeit der Seele gelehrt hat. Von Syra ſegelten wir nach Thermia, wo viele Seide erzeugt wird. Aus der Baumwolle macht man jene gelbe Schleier, mit welchen die Inſulanerin⸗ nen ihr Haupt bedecken. Dieſer Zeug iſt eine Art durchſichtiger Leinwand, die ſehr ſchoͤn iſt. Auch fin⸗ det man manchen guten Biſſen auf Thermia, z. B. viele Rebhuͤhner. Holz aber gibt es nicht; man brennt nur Stoppeln. Alle Einwohner ſind Griechen. In einer Bucht des Hafens gegen Nord⸗Oſt wallet ſiedend an dem Fuße eines Huͤgels eine Quelle hervor, wohin man gehet, um die Waͤſche zu reinigen, und woſelbſt die Kranken ſchwitzen. Einige andere, minder warme Quellen fließen in einer kleinen Entfernung in das Meer. Auch findet man auf dieſer Inſel die Ruinen von den beyden Staͤdten Hebreocaſtro(Judenſtadt) 1 * und Paleocaſtro. Unter den Ruinen fuͤhrte man uns in drei ſchoͤne Hoͤhlen, welche mit dem Meiſel in den Felſen gearbeitet und mit Kitt uͤberzogen worden ſind. 4 Wir kamen den 15. November, in einer ſehr un⸗ angenehmen Witterung, zu Zia an. Wegen Ueber⸗ voͤlkerung beſtand hier einſt im Alterthume das grau⸗ ſame Geſetz, daß diejenigen, welche uͤber ſechzig Jahre alt geworden waren, ſich ſelbſt mit Gift hinrichten mußten. Indeſſen wurde auf die Befeſtigung des Lan⸗ des die aͤußerſte Sorgfalt verwendet, wie noch aus den Mauern zu erſehen iſt. In einer oͤden Citadelle vertheidigten ſich vorlaͤngſt ſechzig Tuͤrken wider die ganze venetianiſche Armee, und zwar blos mit zwei Flinten, welche das einzige Schießgewehr waren, das ſie bey dem kurz vorher ausgeſtandenen Schiffbruche gerettet hatten. Sie wuͤrden ſich nicht ergeben haben, wenn es ihnen nicht an Waſſer gemangelt haͤtte.— An dem Ufer einer Bucht ſteht eine Marmor⸗Figur, ohne Kopf und Arme. Die Bekleidung derſelben iſt ſehr ſchoͤn. Man haͤlt ſie fuͤr die Statue der Goͤttin Nemeſis, d. i. der Rache, weil ſie die Stellung einer Verfolgenden hat. Die Ueberbleibſel der alten Stadt Joulis ſind auf einem Huͤgel, und erſtrecken ſich bis in das Thal, wo eine ſchoͤne Quelle gleichen Na⸗ mens, fließt.— Zia iſt gegenwaͤrtig ziemlich gut an⸗ gebaut; die Felder ſind ſehr fruchtbar, auch haben ſie bier große Heerden. Man baut wenig Weizen, aber 145. viel Gerſte, Wein und Seide. Beſonders ſind hier die Velani einheimiſch, eine Art von Eicheln, mit wel⸗ chen ein betraͤchtlicher Handel getrieben wird. Der Hafen kaun die groͤßten Schiffe und die groͤßten Flot⸗ ten beherbergen. Die Einwohner von Zia geſellen ſich gewoͤhnlich zuſammen, um Seide zu ſpinnen. Sie ſetzen ſich auf ihre Terraſſen, damit ſie die Spindel bis auf die Gaſſe koͤnnen hinabfallen laſſen. Wir tra⸗ fen den griechiſchen Biſchof in dieſer Stellung an. Er fragte uns, wer wir waͤren, und ließ uns ſagen, daß unſere Beſchaͤftigungen ſehr unnuͤtze ſeyen, wenn wir nichts als Pflanzen und Marmor ſuchten. Wir ant⸗ worteten, daß er uns, mit den Werken des h. Chry⸗ ſoſtomus in der Hand, mehr wuͤrde erbaut haben, als mit der Spindel.. Wegen widrigen Windes mußten wir auf Zia bis zum 21. November bleiben, wo wir endlich an einem windſtillen Tage nach Macroniſi ſegeln konnten. Dieſes iſt eine oͤde Inſel, wohin Paris die ſchoͤne Helena gebracht haben ſoll, als er ſie entfuͤhrt hatte. Allem Anſcheine nach muß dieſe ſchoͤne Griechin da⸗ felbſt an einem ſehr ſchlechten Orte gewohnt haben. Die ganze Inſel beſteht aus einer Reihe von Felſen, unter denen große Loͤcher ſind. Man geht durch die⸗ ſelben, um das feſte Land von Griechenland zu ſehen. Kaum findet man einen Tropfen Waſſer auf dieſer Juſel. Wir uͤbernachteten in einer Hoͤhle, unweit de Bucht, wo uns die Meer⸗Kaͤlber, welche ſich in einer 34ſtes B. Türkei. II. 2. 2 146 benachbarten Höhle aufhielten, durch ihr fuͤrchterliches Geſchrei ſehr beunruhigten. Dies ſollen ſie immer thun, wenn ſie der Bequemlichkeit ihrer Liebe pflegen. Mit dem Anbruche des Dages ſtuͤrtzten ſie ſich ſo ſchnell wieder in das Meer, daß man nicht Zeit hatte, auf ſie Feuer zu geben. Die Pflanzen ſind hier viel groͤßer, friſcher und ſchoͤner, als auf den uͤbrigen Inſeln. Die Helenie*) ſoll aus den Thraͤnen der ſchoͤnen He⸗ lena gewachſen ſeyn, und iſt hier ziemlich gemein. Da wir befuͤrchten mußten, auf dieſer Inſel nicht nur von den Banditen uͤberfallen zu werden, ſondern auch Hunger zu leiden, ſo eilten wir nach 24 Stunden wieder auf Zia zuruͤck. Am 21. November reiſten wir nach der Infel Joura. Die Roͤmer hatten Urſache, ihre Verbrecher dahin zu verbannen: denn auf dem ganzen Archipel findet man keinen ſo unfruchtbaren und unangenehmen Ort. Sie iſt heute ganz oͤde und verlaſſen; man fin⸗ det daſelbſt keine Spuren des Alterthums mehr. Sie war auch zu allen Zeiten ſehr armſelig. Wir fahen nichts als große Hamſter, welche einſt die Einwohner ſollen gezwungen haben, die Inſel zu verlaſſen. Wir uͤbernachteten in einer verfallenen Kapelle, wo wir uns nicht getrauten einzuſchlafen, aus Furcht, dieſe Thiere moͤchten uns die Ohren abfreſſen. Noch ehe Tag *) Helenium oder Helianthemum Thymi folio, 147 wurde, gingen wir alſo zu Schiffe, und fuhren nach Andros. Neben dem Hafen iſt ein Schloß und nahe die Hauptſtadt dieſer Inſel. Außerdem gibt es noch viele Doͤrfer, und die angenehmſten, fruchtbarſten Ge⸗ genden von der Welt. Die Felder ſind mit Pomeran⸗ zen⸗ und Maulbeer⸗Baͤumen, Feigen und Granaten beſetzt. Oel, Wein und Getreide gibt es im Ueber⸗ fluſſe. Aus der Frucht der Erdbeer⸗Baͤume macht man Brandwein; die ſchwarzen Maulbeere geben ebenfalls ein hitziges Getraͤnk, das nicht unangenehm iſt. Es wohnt hier ein tuͤrkiſcher Aga, und ein lateiniſcher Biſchof. Dieſem begegnete vor einigen Jahren ein Ungluͤck. Er wollte mit ſeinen Ornaten und Kirchen⸗ Gefaͤßen nach Naxia reiſen, welches ſein Vaterland iſt. Er wurde aber von den Tuͤrken gefangen, beraubt, baſtonnirt und auf die Galeeren geſchickt, von denen er ſich mit 500 Thaler loskaufen mußte. Man konnte nicht entdecken, unter welchem Vorwande ihm dieſer Schimpf widerfahren war. Neben einer Quelle, die im Januar einen Wein⸗Geſchmack haben ſoll, ſahen wir unter Ruinen mehrere Figuren aus Marmor, ohne Kopf und Arme. Die Kaͤlte, die ſich nun auf dieſer Inſel allmaͤh⸗ lig einſtelte, und die See, welche von Tag zu Tag ſtuͤrmiſcher zu werden anfing, nothigten uns, nach Tine zu ſegeln, in der Abſicht, uns dann nach My⸗ cone zu verfuͤgen, und die beſſere Witterung zu er⸗ warten. Der Archipel iſt im Wiuter ſehr gefaͤhrlich, 148 was von dem Zuruͤckprallen der Wellen zwiſchen die⸗ ſen nahe liegenden Inſeln kommt. Die Wellen machen oft Luftſpruͤnge, wie die Ziegen auf den Feldern. Tine, vor Alters Tenos(Schlangen⸗Inſel), iſt mit kahlen Gebirgen bedeckt, aber unter allen In⸗ ſeln des Archipel am beſten augebanut. Alle Fruͤchte ſind daſelbſt vortrefflich, beſonders Melonen, Wein und Feigen, und die Seide iſt die Hauptquelle des Reichthums der Inſel. Die Feſtung Dine liegt auf dem hoͤchſten Felſen des Landes, und iſt durch die Ratur mehr, als durch die Kunſt befeſtiget. Der Flecken San Nicolo ſteht auf den Ruinen der al⸗ ten Stadt Tenos, und außerdem ſind noch mehrere merkwuͤrdige Orte auf der Inſel. In allen griechiſchen Kirchen, die ſich auf der Inſel befinden, ſteht ein Altar, welcher den lateini⸗ ſchen Prieſtern gehoͤrt.— Die Seltenheiten, 3. B. die Hoͤhlen des Aeolus, den Thurm de la Donzele, die Ueberbleibſel des Tempels des Neptuns, die Ma⸗ donnaCardiani konnten wir wegen uͤbler Wirterung nicht beſehen. Wir hielten fuͤr ein Gluͤck, daß wir nur noch den Kanal von Mycone paſſir„ konnten, wo wir den uͤbrigen Theil des Winters zuzubringen ent⸗ ſchloſſen waren. Wir langten auch daſelbſt, jedoch nicht ohne Gefahr an. II. Noch in den juͤngſten Zeiten wurde die In⸗ ſel Seio von den Venetianern, aber eben ſo ge⸗ 149 ſchwind auch wieder von den Tuͤrken erobert. Der Schrecken zu Seio war ſo groß, daß man daſelbſt die Kanonen und die Munition zuruͤck ließ. Die ve⸗ netianiſchen Truppen waren in der groͤßten Unordnung auf ihre Rettung bedacht, und man ſagt noch heute auf der Inſel, daß ſie die Muͤcken fuͤr Turbans ange⸗ ſehen haͤtten. Die Tuͤrken warfen die groͤßte Rache beſonders auf die Lateiner, und ließen vier der ange⸗ ſehenſten Maͤuner aufhaͤngen. Dieſen Chriſten wur⸗ den die Huͤte verboten; man noͤthigte ſie, ſich ſchee⸗ ren zu laſſen, die europaͤiſche Tracht abzulegen, vor den Thoren der Stadt von dem Pferde zu ſteigen, und den geringſten Muſelmann ſehr ehrerbietig zu gruͤßen. Ihre Kirchen wurden niedergeriſſen, oder in Moſcheen verwandelt. Dieſes Ungluͤck hatten ſie der Verraͤtherei der Griechen zu danken, welche liſtig alle Schuld auf die Lateiner gewaͤlzt hatten, als haͤtten naͤmlich dieſe die Expedition der Venetianer veran⸗ laßt und beguͤnſtiget.— Der griechiſche Biſchof iſt ſehr reich; er hat mehr als 300 Kirchen in der Stadt, und in den uͤbrigen Theilen der Inſel. Die griechi⸗ ſchen Kloͤſter haben viele Einkuͤnfte; unter ihnen iſt Neamoni(die neue Einſamkeit), das betraͤchtlich⸗ ſte, wo 150 Religioſen wohnen. Niemals, außer an den Sonntagen und an den Feſten, eſſen dieſe in Ge⸗ meinſchaft; die uͤbrigen Tage in der Woche beſtellt jeder ſelbſt ſeine Kuͤche. Diejenigen, welche etwas Vermoͤgen haben, laſſen ſich wohl ſeyn, und halten ſogar Pferde. Das Kloſter iſt ſehr groß und reich, und gleicht einem ganzen Flecken. Der fuͤnfte Theil der Guͤter der Inſel gehoͤrt ihnen, und fromme Ver⸗ maͤchtniſſe vermehren den Schatz taͤglich. Die Reli⸗ gioſen geben hundert Thaler fuͤr ihre Aufnahme, und wenn ſie ſterben, duͤrfen ſie ihre Verlaſſenſchaft Nie⸗ mand vermachen, als dem Kloſter, oder einem ihrer Verwandten, welcher aber nicht mehr erben kann, als den dritten Theil, und zwar unter der Bedingniß, wenn er ſelbſt in dieſes Kloſter geht. Auf dieſe Weiſe baben ſie das Geheimniß erfunden, nichts zu verlie⸗ ren. Das Kloſter liegt auf einem wohlangebauten Huͤgel, in einer unangenehmen Einſamkeit, in der Mitte unter großen und ganz kahlen Bergen. Die Venetianer verſchoͤnerten Seio in den letzten Kriegen, und die Haͤuſer ſind hier auf dem ganzen Archipel die beſten, ungeachtet Thuͤren und Fenſter ſchlecht ſind. Der Hafen iſt der Sammelplatz aller Schiffe, welche nach Konſtantinopel, oder von daher nach Sy⸗ rien oder Aegypten ſegeln. Das Land iſt bergig und rauh, an einigen Orten ſchoͤner, mit Zitronen und Maſtix⸗Baͤumen beſetzt; doch hat es wenig Ge⸗ tieide. Ueberhaupt ſind alle Inſeln leicht auszuhungern, und man wird ſich auf dem Archipel ſchwerlich feſt⸗ ſetzen koͤnnen, wenn man nicht zugleich Morea und Kandia unter ſeine Bothmaͤßigkeit bringt; denn dieſe Inſeln ſind gleichſam die Vorrathshaͤuſer. Doch ver⸗ 151 ſorgt Seio die benachbarten Iuſeln mit Wein, der ſehr angenehm, und von verſchiedenen guten Eigen⸗ ſchaften iſt. Er iſt z. B. magenſtaͤrkend, und macht fett. Die Weinſtoͤcke ſtehen auf den Seekuͤſten. Die Trauben werden daſelbſt im Monate Auguſt geleſen, worauf man ſie s Tage an der Sonne trocknet. Nach dieſem werden ſie getreten; den Wein aber laͤßt man in den Boͤttigen der wohl verſchloſſenen Keller ſtehen. Man macht auch Nektar, zu welchem man eine beſondere Art Beeren waͤhlt. Die ſchaͤtzbarſten Weintrauben ſind zu Meſta, und von daher bekamen die Alten den Nektar. Die daſigen Weintrauben werden allen andern vorgezogen.— Die Maſtix⸗Doͤr⸗ fer ſind in drei Klaſſen abgetheilt*). An der Kuͤſte des Dorfes Noliſſo ſoll man das Meer ſieden ſehen. Der hoͤchſte Berg auf der Inſel iſt Spartonda. Auf der Spitze deſſelben ſteht eine Kapelle, der h. He⸗ lena gewidmet.— Nicht alle Maſtix⸗Baͤume geben gleichviel Maſtix von ſich; ja einige taugen faſt gar nichts. Man muß daher diejenigen Staͤmme erhal⸗ ten und abſenken, deren Nahrungs⸗Saft im Ueber⸗ fluſſe durch de Einſchnitte ſich ergießt. Diejenigen Perſonen, welche Maſtix⸗Baͤume ziehen, zahlen nur die Haͤlfte der Kopfſteuer, und tragen den weißen *) S. dieſer Taſchen⸗Bibliothek der Reiſen ¹3tes Baͤndchen S. 195. — 3 1 4 152 Bund um ihren Durban, wie die Tuͤrken. Manchmal kommt ein Aga aus Konſtantinopel, um denjeni⸗ gen Maſtix abzuholen, der dem Großherrn gehoͤrt. Die Sultannin verbrauchen den meiſten Theil deſſel⸗ ben. Sie kauen ihn zum Zeitvertreib, oder um ſich heeinen angenehmen Athem zu machen. Man pflegt 8' auch Maſtix in die Rauchpfanne zu werfen, und un⸗ M ter das Brod zu miſchen, ehe ſolches in den Ofen kommt. Die Weiber und Toͤchter zahlen auf Seio keine Kopfſteuer. Um diejenigen, welche ſolche zu bezahlen V haben, kennbar zu machen, nimmt man mit einem Stricke das Maas von ihrem Hals, verdoppelt dieſes und gibt der Perſon die beiden Ende zwiſchen die Zaͤhne. Geht der Kopf frei durch dieſes Maas, ſo muß ſie zahlen; geht er nicht durch, ſo bezahlt ſie nichts. Unterhalb eines vermeintlichen Neptuns⸗Tem⸗ pels entſpringt aus einem Felſen eine ſchoͤne Quelle, in welcher Helena ſich ſoll gebadet haben. Die Cascade derſelben iſt ſehr ſchoͤn: denn ſie kommt uͤber einem Felſen herab. Sie laͤuft dann in dem angenehm⸗ ſten Theile der Inſel uͤber Marmor hin, und wird den Fremden mit Recht unter den Merkwuͤrdigkeiten von Seio gezeigt.— Dieſe Inſel war ehehin das Vaterland der geſchickteſten Maͤnner, und auch der Dichterfuͤrſt Homer ſoll hier geboren ſeyn. Man zeigt am Fuße des Berges Epos, am Ufer des Mee⸗ res, die Schule deſſelben. Dieß iſt ein ziemlich fla⸗ 153 cher Felſen, in welchen ein rundes Baſſin gehauen war, welches zwanzig Schuhe im Durchmeſſer hatte, und an deſſen Rand man ſitzen konnte In der Mitte ſteigt ein Stuͤck des Felſen in die Hoͤhe, das wie ein Viereck zugehauen, und ungefaͤhr 3 Schuhe hoch iſt. Auf demſelben ſaß vermuthlich der Lehrer; die Zuhoͤ⸗ rer aber auf dem Rande.— Man zeigt auch ein Haus, in welchem Homer geboren worden ſeyn, und wo er ſeine meiſten Werke verfertiget haben ſoll. Es ſteht an der Nordſeite der Inſel, bei Voliſſo, in der Mitte der arviſiſchen Felder, wo der Nektar gebaut wird; und vielleicht hat dieſes herrliche Ge⸗ traͤnke nicht wenig zur Begeiſterung dieſes Dichters beigetragen. Der Aufenthalt zu Seio iſt ſehr angenehm. Die Frauenzimmer ſind viel hoͤflicher, als in andern Staͤd⸗ ten der Levante. Ungeachtet ihre Kleidung den Frem⸗ den ſehr ſonderbar zu ſeyn ſcheint, ſo unterſcheidet ſie doch die Reinlichkeit von den Griechinnen der uͤbrigen Inſel. Man findet daſelbſt eine gute Tafel, und die Auſtern ſind vortrefflich. Wildpret, beſonders Reb⸗ huͤhner, gibt es im Ueberfluſſe. Das große Verlangen, Konſtantinopel zu ſehen, war Urſache, daß wir den 27. Maͤrz auf einem leichten, tuͤrkiſchen Schiffe von Scio abreiſeten, und den 28. zu Caſtro, der Hauptſtadt der Inſel Metelin(Lesbos) anlangten. Dieſe iſt auf die Ruinen der alten, großen und praͤchtigen Stadt My⸗ 154 tilene erbaut, und es iſt unglaublich, wie viele Saͤulen, Fußgeſtelle und Truͤmmer von uͤbel zugerich⸗ teten Inſchriften man noch unter den Ruinen antrifft. Die meiſten ſind aus weißem oder aſchgrauen Mar⸗ mor, oder aus Granit. Gegenwaͤrtig ſollen 120 Doͤr⸗ fer und Flecken auf dieſer Inſel ſeyn. Nichts verſchafft einem Reiſenden ein groͤßeres Vergnuͤgen, als wenn er das Vaterland großer Maͤn⸗ ner zu ſehen bekommt; und auch Meteline ſoll eine ziemliche Menge deſſelben aufzaͤhlen koͤnnen. Die Les⸗ bier ſollen die groͤßten Tonkuͤnſtler in Griechenland geweſen ſeyn. Aber auch ihre Sitten waren ſo ver⸗ dorben, daß man Niemanden einen groͤßern Schimpf anthun konnte, als wenn man ſagte, er lebe wie die Lesbier. Doch ſind die Damen heute nicht ſo ver⸗ buhlt, wie z. B. auf Milo. Ihre Kleidung und ihr Kopfputz iſt viel anſtaͤndiger; doch entbloͤßen ſie ihre Bruſt zu ſehr. Der Boden iſt ſehr gut; die Gebirge ſind kuͤhl und an verſchiedenen Orten mit Waldungen bedeckt. Daſelbſt waͤchſt guter Weitzen, Wein und ein vortreffliches Oel. Den 25. Maͤrz ſegelten wir nach Tenedos, welche zu den Zeiten Trojas ſehr maͤchtig war, mit demſelben zu Grunde ging, und jetzt keine Ueberbleib⸗ ſel des Alterthums mehr aufzuweiſen hat. Wir ſuch⸗ ten auch nicht nach denſelben; dagegen zog uns der Muskaten⸗Wein dieſer Tudel⸗ welcher ſehr koͤſtlich iſt, weit mehr an. 155 Den 26. Maͤrz ſegelten wir an den Kaninchen⸗ Inſeln, die gegenwaͤrtig oͤde ſind, ſehr nahe vorbei. Eine andere Inſel, Nicaria, iſt der Laͤnge nach von einer Bergkette durchſchnitten, welche mit Wal⸗ dungen bedeckt ſind. Die Einwohner leben meiſtens vom Holzhandel, und ſind ſo arm und elend, daß ſie betteln muͤſſen, ſobald ſie ihre Inſel verlaſſen. Sie betreiben aber auch den Ackerbau ſchlecht, ſind einfaͤl⸗ tig, grob und halbe Wilde. Sie machen nicht mehr Brod, als ſie zu jeder Mahlzeit brauchen. Dieſes Brod beſteht bloß aus Aſchenkuchen von groben Mehl ohne Sauerteig, die ſie halb auf einem flachen, ſehr heißen Stein backen. Wenn die Frau des Hauſes ſchwanger iſt, ſo nimmt ſie von dieſen Kuchen zwei Theile, einen fuͤr ſich, und den andern fuͤr ihr Kind. Eben dieſe Hoͤflichkeit erweiſen ſie den Fremden. Dieſe Inſel war nie ſtark bevoͤlkert; die beiden Haupt⸗ ſtaͤdte haben nur 100 Haͤuſer; alles heißt ein Dorf, was mehr als ein Haus hat. Fanar iſt ein alter Thurm, welcher ehehin als Leuchtthurm gebraucht wurde, um den Schiffen zwiſchen dieſer Inſel und Samos den Weg zu zeigen. Denn dieſer Kanal iſt gefaͤhrlich, wenn die See hoch iſt, ungeachtet er 418 Meilen breit iſt. Man hat zu Nicaria keine andere, als Handmuͤhlen, die aus zwei flachen, run⸗ den Steinen beſtehen, wovon der obere mit einem Stabe gewendet wird. Er hat in der Mitte ein Loch, durch welches das Getreide geſchuͤttet wird, welches 156 dann zermalmt und als Mehl am Rande des Steines geſammelt wird. Das davon gebackene Brod hat ei⸗ nen viel beſſern Geſchmack, als dasjenige, welches man auf Wind⸗ oder Waſſer⸗Muͤhlen bereitet. III. Nach Samos kamen wir auf einem Schiffe des Kapitaͤn Dubois, welcher auf der Kuͤſte von Aſien tuͤrkiſche Pilgrimme zuſammen ſammelte, um ſie nach Alex andria zu fuͤhren, wo ſie nach Mecea gehen. Der Berg Myecale iſt der hoͤchſte auf der Inſel, hat viele Waldungen und viel Wild. Auf den Kuͤſten ſtreifen Raͤuber bandenweiſe herum. Ganz nahe bei der alten Stadt Samos liegt das Dorf Cora. Die Luft iſt heute wegen der Waſſer, die jetzt auf der Ebene ſtehen bleiben, ehehin aber in das Meer liefen, ſehr ungeſund. Doch waͤſſert man damit die Felder. Zu der Zeit, da Griechenlands Zuſtand noch bluͤhend war, war dieſe Inſel ſehr volkreich, und wohl angebaut. Man findet noch auf den Spitzen der Berge lange Mauern, welche zur Befeſtigung des Bodens dienen mußten. Jetzt kann Samos ungefaͤhr 22,000 Einwohner haben, welche ſich alle zur griechiſchen Kirche bekennen. Die Papas ſind nur Bauern, welche das einzige Verdienſt, daß ſie die Meſſe auswendig gelernt haben, in den geiſtlichen Stand erhoben hat. Auch ſind 7 Maͤnner⸗ und 4 Nonnenkloͤſter auf der Inſel, und außerdem noch uͤber 300 beſondere Kapel⸗ len.— Die Einwohner leben ſo ziemlich gluͤcklich, 157 und werden von den Tuͤrken nicht mißhandelt. Die Weiber ſind ſchmutzig, uͤbel gebaut, und wechſeln die Waͤſche alle Monate nur einmal.— Die Mus⸗ katen⸗Trauben ſind die beſten und ſchoͤnſten Fruͤchte der Inſel. Der Wein davon iſt dunkel, und wuͤrde ſehr gut ſeyn, wenn ſich die Griechen uͤberwinden koͤunten, kein Waſſer einzumiſchen. Die Fichten auf der noͤrdlichen Seite geben viel Pech. Wegen der großen Menge von Eichen, mit welchen die Inſel ehe⸗ hin bedeckt war, gab man ihr den Namen Eichen⸗ Inſel. Wachs und Honig ſind vortrefflich; die Seide ſehr ſchoͤn. Man findet große Viehheerden; doch wer⸗ den mehr Ziegen, als Schafe gezogen. Das Wild und das Gefluͤgel iſt vortrefflich. Die Rebhuͤhner faͤngt man an den Ufern der Baͤche, wohin ſie haufenweiſe kommen, um ihren Durſt zu ſtillen. Woͤlfe, Chacals und Diger ſind hier nicht ungewoͤhnlich. Sie ſchwim⸗ men von der afrikaniſchen Kuͤſte her. Die Pferde und Mauleſel ſind nicht ſchoͤn, laufen aber ſehr ſchnell. Auch gibt es auf Samos Eiſen⸗Bergwerke, und der Erdboden iſt roſtfarbig. Man koͤnnte vielleicht treffli⸗ che Geſchirre daraus machen. Auch ſollen die Sa⸗ mier die erſten Toͤpfer geweſen ſeyn. Die Gebirge beſtehen aus weißem Marmor. Die Inſel hat meh⸗ rere Haͤfen, von welchen der zu Vati der beſte, der Hafen Seitan aber der ſchlechteſte iſt. Die Truͤmmer der alten Stadt Samos erſtrecken ſich vom Hafen Tigani bis zu dem Fluſſe, an welchem ein Tempel 158 der Juno ſtand. An dem Hafen von Tigani war jene beruͤhmte Mauer, welche einſt unter die 3 Wun⸗ der von Samos gezaͤhlt wurde. Sie war 20 Klaf⸗ ter hoch, und ging uͤber 250 Schritt weit in das Meer.— Auf einer Anhoͤhe findet man Graͤber von Marmor, ohne Schnitzwerk und Inſchriften. Auch ſieht man noch den Ort eines Theaters, von dem die Mauerſteine zur Erbauung der Stadt Cora ange⸗ wendet worden ſind. Auf den nahen Feldern ſieht man nichts, als zerbrochene Saͤulen, und Quaderſtuͤcke aus Marmor. Die meiſten Ruinen der Haͤuſer hin⸗ gegen beſtehen aus Backſteinen. Auch die Bogenſtel⸗ lungen einer Waſſarleitung ſind noch vorhanden, und an einem nahen Berge ſind die Hoͤhlen ſichtbar, aus welchen das Waſſer abgeleitet worden iſt.— Der Tempel der Juno war im Alterthume ſehr beruͤhmt. Er wurde von den Perſern verbrannt, und man be⸗ trachtet noch die Ruinen deſſelben mit Bewunderung. Er war ganz mit Gemaͤlden und Bildſaͤulen angefuͤllt, welche unter andern die Liebeshaͤndel Jupiters mit Juno zu natuͤrlich ſollen vorgeſtellt haben. Was die Goͤttin betrifft, ſo hatte dieſelbe verſchiedene Klei⸗ dungen, nach der Verſchiedenheit der Rollen, die ſie ſpielte. Man vertraute ihr die Aufſicht uͤber die Hei⸗ rathen, uͤber die Niederkunft, ja ſelbſt uͤber andere verſchiedene Zufaͤlle der Weiber. Man ſetzte ihr einen halben Mond an den Kopf und an die Fuͤße, die Herrſchaft anzuzeigen, die ſie alle Monate uͤber das 159 weibliche Geſchlecht gehabt. Juno, welche die Auf⸗ ſicht uͤber die Hochzeiten hat, traͤgt eine Krone von Cyperus und von unvergaͤnglichen Blumen. Daher mag vielleicht noch die Gewohnheit abſtammen, daß die Braͤute Kraͤnze tragen. Wir wollten den Berg Catabate beſteigen; allein unſere Fuͤhrer begleiteten uns nur zum Theil hinauf, weil die Kaͤlte ſehr ſtreng war. Wir kamen in die ſchauerlichſten Einoͤden, in denen wir meiſtens Kapellen antrafen; denn die Grie⸗ chen bauen ſolche gerne an ſolche Orte, indem ſie glauben, daß dadurch eher die Andacht erweckt werde, als in Tempeln, die in ſchoͤnen Gegenden ſte⸗ ben.— Zur Einſiedelei Caeoperata kommt man auf einem Fußſteige, der 300 Schritte lang, und oft nur einen halben Schuh breit iſt. Zur linken Seite kann man ſich mit genauer Noth an dem Felſen er⸗ balten, und rechts ſind Abgruͤnde, die von Natur ſenkrecht gemacht ſind, und in denen ein Menſch, wenn ihm der Fuß auswiche, nothwendiger Weiſe zu Truͤmmern gehen muͤßte. An dem Hafen Seitan (Teufel) mußten wir unſere Wohnung in einer Hoͤhle aufſchlagen, wo wir Tag und Nacht das Holz von Lorbeer⸗Baͤumen, Storaxen ꝛc. brannten. Die Wit⸗ terung erlaubte uns nicht, zu jagen, und da unſer Vorrath zu Ende ging, mußten wir zu Steinfiſchen und einigen Muſcheln unſere Zuflucht nehmen. Nach einigen Tagen erreichten wir mit vieler Muͤhe das Kloſter Tonnere, waͤhrend der Sturmwind großen 160 Schaden angerichtet. Er riß Daͤcher, Terraſſen und Haͤuſer ein, waͤhrend das Meer gleichſam im Feuer ſtund. Dabei donnerte es auf die fuͤrchterlichſte Weiſe. Da das Kloſter feſt gebaut war, ſo waren wir vor dem Sturme ſicher. Wir trafen einen Religioſen, der 120 Jahre alt war, ſich noch immer mit Holz faͤllen und mit Beſorgung der Muͤhle beſchaͤftigte. Man ſagte uns, er habe in ſeinem Leben nichts als Wein und Branntwein getrunken. Zu Patino(Patmos) legten wir im Hafen de la Seala vor Anker. Dieſer iſt einer der ſchoͤnſten See⸗ haͤfen auf dem Archipel. Der Hafen Gricou iſt eben⸗ falls vortrefflich, wie viele andere dieſer Inſel, welche dadurch beruͤhmt iſt. Die Einwohner ſind eben nicht die gluͤcklichſten. Die Korſaren haben ſie genoͤthiget, die Stadt zu verlaſſen, welche an dem Hafen ſtand, und ſich drei Meilen weit in das Gebirge, das um das Johannis⸗Kloſter liegt, zuruͤck zu ziehen. Das Kloſter iſt gleichſam eine Citadelle, mit verſchiedenen, unregelmaͤßigen Thuͤrmen. Es iſt ſehr dauerhaft ge⸗ baut, und ſteht auf einem ſehr hohen Felſen. Die Inſel Patmos iſt eine von den abſcheulichſten Klip⸗ pen auf dem Archipel, liegt frei, hat keine Waldun⸗ gen, und iſt ſehr trocken. Der St. Elias⸗Berg iſt der hoͤchſte. Man findet zu Patmos nicht viel uͤber zoo Einwohner; und man darf immer 20 Weibs⸗ perſonen gegen einen Mann rechnen. Die erſteren ſind von Natur ziemlich artig; allein ſie ſchminken ſich zu 2 4 161 viel, in der Abſicht, zu gefallen. Denn ſeitdem ein Kaufmann von Marſeille ein Maͤdchen aus Pat⸗ mos ihrer Schoͤnheit wegen geheirathet hatte, bilden ſie ſich ein, daß alle Fremden, welche auf ihre Inſel kommen, gleiche Abſichten hegten. Sie ſahen uns fuͤr ſehr ſonderbare Leute an, und bezeugten ein gro⸗ bes Erſtaunen, als ſie hoͤrten, daß wir die Reiſe zu ihnen bloß darum unternommen haͤtten, um Pflanzen zu ſuchen. Denn ſie hatten ſich bei unſerer Ankunft in den Kopf geſetzt, daß wir wenigſtens ein Dutzend Frauenzimmer von ihnen mit nach Frankreich nehmen wuͤrden. Von der alten Pracht findet man auf der Inſel keine Ueberbleibſel mehr. Nur bei dem Hafen de la Seala findet man noch einige Truͤmmer von marmornen Saͤulen. Das Haus, welches man Apo⸗ calypſis nennt, iſt eine armſelige Einſiedelei, die zu dem großen Kloſter St. Johannis gehoͤrt. Man glaubt, dieſes ſey der Ort geweſen, wo Johannes ſeine Offenbarungen geſchrieben hat. Die Einſiedelei ſteht auf einer Anhoͤhe; durch einen ſehr engen Gang kommt man in die Kapelle, die nur 8 Schritte lang und gegen s breit iſt. Das Gewoͤlbe iſt etwas gothiſch. Man ieigt den Fremden in dem Felſen einen Ritz, wo⸗ durch der h. Geiſt mit dem Evangeliſten geredet haben foll. Der Superior gab uns einige Stuͤcke dieſes Fel⸗ ſen, welche verſchiedene Krankheiten heilen ſollten. Ich hingegen gab ihm einige Pillen gegen das Fieber, von dem er ſehr lange ſchon geplagt wurde. 34ſtes B. Türkei. II. 2. 3 162 Durch einen heftigen Suͤd⸗Oſt⸗Wind wurden wir nach St. Minas verfchlagen. Da wir keine Haͤuſer fauden, ſo zerlegten unſere Matroſen eine alte frau⸗ zoͤſiſche Barke, die vor einigen Monaten daſelbſt ge⸗ ſtrandet war. Aus den Truͤmmern bauten wir eine elende Huͤtte, in der es auf allen Seiten auf uns regnete. Der Sturmwind warf aber das Ge⸗ baͤude zuſammen, gerade als wir am ſicherſten zu ſeyn glaubten. Wir hatten nichts zu eſſen als Zwieback, und nichts zu trinken als Regenwaſſer; wir ſetzten alſo unſere Reiſe fort, unter der Gefahr, alle Augen⸗ blicke im Meere begraben zu werden. Voll Angſt ge⸗ trauten wir uns kaum, die Augen zu oͤffnen. Eine einzige Welle fuͤllte auf einmal unſer ganzes Fahr⸗ zeugz wir mußten ſolches nur mit unſern Huͤten aus⸗ ſchoͤpfen Unſere Furcht verdoppelte ſich, als wir auf dem Meere einige Zitronen ſchwimmen ſahen, die von einem geſcheiterten Schiffe kamen. Zum großen Gluͤcke kamen wir auf die noͤrdliche Seite der Inſel Samos, woſelbſt wir eine ſehr große Windſtille an⸗ trafen. Wir legten vor Carlovari Anker, und lie⸗ ßen einen Papas holen, der zur Dankbarkeit eine Meſſe leſen mußte. Die Inſel Skyros iſt bergig, doch angenehm und wohl angebaut. Wir aßen vortrefflichen Kaͤſe, der aus Schaf⸗ und Ziegenmilch vermiſcht gemacht war. Viel Weitzen wird gebaut; die Weinſtoͤcke ſind⸗ eine Zierde der Inſel; der Wein ſelbſt iſt vortrefflich. 163 Auf Skyros iſt nur ein einziges Dorf, auf einem ſteilen Felſen, in Geſtalt eines Zuckerhutes. Dabei iſt ein Kloſter, welches den ſchoͤnſten Theil einnimmt. Man zeigt daſelbſt ein wunderthaͤtiges Bild, das alle jene, welche dem h. Georg ein Geluͤbde gethan, und nicht gehalten haben, ernſtlich ſtraft. Die Griechen ſind die groͤßten Betruͤger von der Welt. Das Bild ſoll ſich auf den Ruͤcken und Kopf des Meineidigen fo lange ſetzen, bis er bezahlt. Doch iſt der Biſchof auf Skyros ſehr arm, und wohnt in einer Huͤtte, die mehr einem Kerker, als einem Hauſe gleich ſieht. Er hat aber eine ſehr au⸗ genehme Ausſicht. I1V. Am 18. Maͤrz gingen wir unter Segel, um nach Konſtanrinopel zu ſegeln. Da uns der Wind günſtig war, ſo erblickten wir ſchon mit dem An⸗ bruche des Tages die Inſel Tene dos. Wir fuhren vor Troas vorbei, und kanten gegen Mittag in jenen beruͤhmten Kanal, welcher Suropa und Aſien von einander ſcheidet. Man nennt ihn den Helle ſpont, die Meerenge von Galltpoli, den Kanal der Dardanellen, den Arm von St. G eorg, die Muͤndungen von Konſtantinopel; die Tuͤrken nenuen ihn Bogaz, die Meerenge des weißen Mee⸗ res. Das Waſſer des propontiſchen Meeres, wel⸗ ches durch dieſen Kanal fließet, bekommt hier einen viel ſchnellern Lauf. Wenn der Nordwind wehet, darf ckein Schiff wagen, in denſelben zu fahren. Iſt 164 Strome. Perres fuͤhrte über dieſe Meeerenge ſeine Ar⸗ mee nach Griechenland; er ließ daruͤber eine meilen⸗ lange Bruͤcke bauen, die zerbrach. Gleich als ob er den Elementen zu gebieten haͤtte, ließ er dem Meere mit einer Peitſche dreihundert Streiche geben, den Baumeiſtern aber die Koͤpfe abſchlagen. Ueber eine zweite Bruͤcke fuͤhrte er ſodann in ſieben Tagen und Naͤchten ſiebenzehnhundert tauſend Mann Fußvolk, und achtzig tauſend Mann Reiterei, ohne Kamele und Waͤgen. 1 22 Die Tuͤrken zogen nach und nach von Aſien nach Europa. Durch die Verraͤtherei eines Grie⸗ chen fuͤhrte Soliman eine noch groͤßere Macht hin⸗ uͤber, und Murat, ſein zweiter Sohn und Nachfol⸗ ger, eroberte Adrianopel, welches er zur Haupt⸗ ſtadt ſeines Reiches in Europa machte. Durch Liſt eroberten die Tuͤrken manchen feſten Ort. Einſt fin⸗ gen ſie ſechs junge Weingaͤrtner, die eben zur Arbeit gehen wollten. Ungefaͤhr fuͤnfzig Tuͤrken ſetzten ſich damit au die Landſtraße, nicht ferne von einer Stadt, todteten einen der Gefangenen, und ſteckten ihn an einen Spieß. Zwei andere Griechen zwangen ſie, ihren Ka⸗ meraden an einem Feuer zu braten. Einen dritten Gefangenen hingen ſie mit den Fuͤßen an einen Baum, wie man mit Schafen zu thun pflegt, die man ſchlach⸗ ten will. Nicht lange, ſo kamen aus der Stadt ei⸗ aber Suͤdwind, ſo ſieht man nichts mehr von einem 165 nige Bauern. Die Tuͤrken fuͤhrten ſie zum Feuer und ſagten ihnen, daß ſie nur Menſchenfleiſch zu eſſen ge⸗ wohnt ſeyen, und daß ſie ſich naͤchſtens aus der Stadt junge Leute holen wollten; ſie aber, die Bauern ſoll⸗ ten nur zuruͤck gehen; denn ſie ſeyen fuͤr ihre Zaͤhne. zu alt. Die Bauern ſaͤumten ſich nicht zuruͤck zu Jau⸗ fen, und die Buͤrger entſchloſſen ſich, dem Haͤuflein Tuͤrken mit ihrer ganzen Macht entgegen zu ziehen. Allein kaum waren ſie außer den Thoren, als mehrere Tauſende der Feinde, die ſich in einem Hinterhalte verborgen hatten, hervorbrachen, und die Stadt ohne Widerſtand eroberten. 121. au:; An der Muͤndung des propontiſchen Meeres lieg Gallipoli, eine große Stadt auf einer Halbin ſel, und an einer Meerenge, welche ungefaͤhr fuͤnf Meilen breit iſt. Hier und in vielen andern Staͤdten der Tuͤr⸗ kei ſind die Hausthuͤren der Griechen und Juden nicht uͤber dritthalb Schuhe hoch, damit die Tuͤrken bei ih⸗ ren Ausſchweifungen nicht in ihre Haͤuſer reiten koͤn⸗ nen, wo ſie oft tauſend Grobheiten begehen. Konſtantinopel mit ſeinen Vorſtaͤdten, iſt ohne Widerſpruch die groͤßte Stadt in Europa. Es ſcheint, als ob der Kanal der Dardanellen und des ſchwarzen Meeres ausdruͤcklich dazu beſtimmt ſeyen, ihr die Schaͤtze aus allen Theilen der Welt zu⸗ zufuͤhren. Was aus dem Reiche des Mogols, aus Indien, aus dem entfernteſten Norden, aus Chiua und Japan dahin kommt, muß uͤber das ſchwarze 4 166* Meer. Alle Waaren aus Arabien, aus Aegyp⸗ ten, Aethyopien, oon der Kuͤſte von Afrika, und alles, was Suropa Gutes hat, wird dahin durch den Kanal des weißen Meeres gebracht. Dieſe beiden Kanaͤle ſind gleichſam die Thore von Konſtantino⸗ zelz die Nord⸗ und Suͤdwinde ſind die Fluͤgel oder die Schluͤſſel derſelben. Die Mauer von den ſieben Thuͤrmen bis zu dem Serail, und diejenige, welche laͤngs des Hafeus ſteht, ſcheint ſehr vernachlaͤſſiget zu ſeyn. Die Thuͤrme an dieſen beiden Seiten ſind gar oft von Stuͤrmen uͤbel zugerichtet, von den griechiſchen Kaiſern aber in ver⸗ ſchiedenen Zeiten wieder aufgerichtet worden, wie noch gus vielen Inſchriften abzunehmen iſt*). Wohl laͤßt ſich nichts Schoͤneres denken, als der aubexe Anblick von Konſtantinopel. Haͤuſer, Daͤcher, Terraſſen, Baleons und Gaͤrten, bilden verſchiedene Amphitheater, uͤber welche die ſchoͤnſten Bazare, Se⸗ rails und⸗Moſcheen hervorragen. Dieſe Moſcheen ſind ſehr große Gebaͤude, mit Blei bedeckt, und mit kleinen Thuͤrmen verſehen, auf welchen der Halbmond glaͤnzt. doch anders geſtalten ſich die Dinge, wenn man an 2 11 9. netueen uns auf die vollſtaͤndige Beſchrei⸗ 4 Png, von Konſtantinopel im 10. Baͤndchen der B., und geben hier nur die beſondern An⸗ n haa unſers Hkor3⸗ befonders was fuͤr un⸗ ſere Zeiten paßt. 187 das Land ſteigt; Konſtantinopel mit dieſen praͤchtigen Gebaͤuden iſt mit jenen beruͤhmten Tempein in Aegype⸗ d ten zu vergleichen, in denen man nichts, als Croco⸗— dille, Ratten, Lauch und Zwiebeln antraf, welche die Goͤtzendiener als ihre Gottheiten verehrten. Die mei⸗ ſten Haͤuſer ſind aus Holz und Lehm gebaut; daher auch das Feuer Tauſende derſelben in einem Tage ver⸗ zehren kann. Die Soldaten legen oͤfters Feuer ein, wenn ſie gerne Beute machen moͤchten; auch die Tuͤr⸗ ken zuͤnden ihre Haͤuſer manchmal an, wenn ſie auf ihren Betten Taback rauchen. Wenn zwei bis drei tauſend Haͤuſer abbrennen, ſo wird dieſes fuͤr eine Klei⸗ nigkeit gehalten. Viele Haͤuſer werden ausgepluͤndert und niedergeriſſen, ungeachtet das Feuer noch 200 Schritte davon entfernt iſt. Man kennt ſonſt faſt kein Mittel, das Feuer zu loͤſchen. Die Luͤrken ſind nicht wuͤrdig zu leben; ſie koͤn⸗ nen ganz gelaſſen an einem Tage fuͤnf bis ſechs hun⸗ dert Perſonen an der Peſt ſterben ſehen, ohne auf Mit⸗ tel zu denken, wie man dieſelbe bekaͤmpfen koͤnnte. Erſt wenn des Tages zwoͤlf hundert Menſchen ſterben, fangen ſie ihre Prozeſſionen an. Eine andere Plage ſind die Leventis, Soldaten die auf den Galeeren dienen. Mit ihren kurzen Saͤ⸗ beln in der Hand, uͤberlaufen ſie die Leute, und ma⸗ chen ſolche Grimmaſſen, daß ſie Jedermann in Furcht ſetzen. Es iſt dem Fremden erlaubt, ſich wider ſie zur Wehr zu ſetzen. Ungeachtet die tapferſten Muſelmaͤn⸗ 4 168 ner uns fuͤr ſehr ungeſchickt halten, und glauben, daß wir mit dem Gewehr gar nicht umgehen koͤnnen, ſo laufen ſie doch immer vor unſern Degenſpitzen.„Dieſe Chriſten⸗Hunde, ſagen ſie, rennen einem den Degen ohne alle Umſtaͤnde durch den Leib.“ Waͤhrend man an unſerer tuͤrkiſchen Kleidung arbeitete, liefen wir, um die Schoͤnheiten der Stadt zu ſehen, in unſerer franzoͤſiſchen Kleidung, mit dem Degen an der Seite, mit gepuderten Peruͤcken und aufgeſtuͤlpten Huͤten her⸗ um, ungeachtet die Muſelmaͤnner nichts mehr aͤrgert, als dieſes, beſonders diejenigen, welche entfernter auf dem feſten Lande wohnen. Auf den Straſſen ſieht man wenige Tuͤrken; die meiſten halten ſich in ihren Wohnungen auf und be⸗ kuͤmmern ſich um das, was in den uͤbrigen Theilen der Stadt vorgeht, gar wenig. Ausgenommen ſind einige Weiber der abweſenden Paſchas, die dem Fremden nicht abgeneigt ſind. Allein ihre Liebeshaͤndel ſind nicht ohne Gefahr, und manchmal wechſelt ihre Zaͤrt⸗ lichkeit mit Grauſamkeit ab. Die Maͤnner nehmen ihnen allen Vorwand zum Ausgehen, und um ihnen den Aufenthalt zu Hauſe angenehm zu machen, laſſen ſie ihnen Baͤder bauen und fleißig Kaffee trinken. Al⸗ lein alle Vorſicht iſt manchmal vergeblich. Man fuͤh⸗ ret artige Juͤnglinge, als Sklavinnen verkleidet, die allerlei feil bieten, zu ihnen. Die Juden beſitzen die groͤßte Geſchicklichkeit, den ſchoͤnen Leidenſchaften eine Nahrung zu verſchaffen. Die Weiber der Griechen, 169 Juden und Armenier, haben mehr Freiheit; doch kom⸗ men auch wenige aus dem Hauſe. Denn die Sklaven verrichten alles, was außer dem Hauſe geſchehen muß; ſie gehen auf den Markt ꝛc. Faſt alle Moſcheen zeichnen ſich durch ihre Groͤße und Feſtigkeit aus. Man duldet keine Hunde darin; Niemand begeht in denſelben etwas Unanſtaͤndiges; ſie haben gute Einkuͤnfte und ſind viel zeicher, als die chriſtlichen Kirchen. Die vorzuͤglichſte iſt die So⸗ phien⸗Kirche. Nicht weit von derſelben ſind die Grabmaͤler etlicher ottomanniſcher Fuͤrſten. Dieſe ſind vier kleine, ziemlich niedere Gebaͤude, die ſich mit Blei bedeckten Kuppeln endigen, welche von Saͤulen unterſtuͤtzt werden, die ein Sechseck bilden. Die Ge⸗ laͤnder ſind aus Holz, und die Saͤrge mit Tuch ohne Stickwerk bedeckt. Die Kaiſer unterſcheiden ſich von ihren Gemahlinnen blos durch ihren Turban, der auf einem Pfeiler, oben an dem Sarg liegt, und durch die Lichter, welche an den beiden Enden brennen. Man eigte uns die Bilder der 120 Kinder des Kaiſers Amurat, die alle an einem Tage auf Befehl des Nachfolgers mußten erdroſſelt werden. Auch ſind hier etliche Alkorans mit Ketten befeſtigt, und vor denſel⸗ ben beten einige Arme, welche große Roſenkraͤnze mit Koͤrnern, gleich den Musketen⸗Kugeln, haben. 8 Der halbe Mond war ſchon den alten Byzanthi⸗ nern ein ehrwuͤrdiges Zeichen. Philipp, Koͤnig von: Macedonien, ſoll einſt Byzanth belagert, und in einer ſehr dunklen Nacht an einer Miene haben arbei⸗ ten laſſen. Zum Gluͤck fuͤr die Belagerten kam der Mond zum Vorſchein, und vereitelte dieſes Vorhaben. Aus Dankbarkeit richteten dann die Einwohner eine Bildſaͤule mit dem Halbmonde auf. Die Tuͤrken ha⸗ ben ſpaͤter den halben Mond nur beibehalten, den ſie ſchon an verſchiedenen Orten der aͤlteſten Gebaͤude an⸗ trafen. Zur Unterhaltung der Moſcheen werden ſo anſehn⸗ liche Summen erfordert, daß dazu kaum der dritte Theil der Einküͤnfte des Reiches hinlaͤnglich iſt. Der Groß⸗ berr bezahlt fuͤr den Boden, auf welchem das Serail ſteht, alle Tage tauſend und einen Aspen. Die Doͤr⸗ fer, deren Einkuͤnfte den koͤniglichen Moſcheen gehoͤ⸗ ren, haben große Freiheiten; ſie ſind von Kriegsdien⸗ ſten und von der Unterdruͤckung der Paſchas frei. In der Moſchee Ejoup wirnd der Sultan gekroͤntz dieſe Ceremonie iſt ſehr kurz. Der Kaiſer ſteigt auf einen erhabenen Ort aus Marmor, wo ihm der Mufti den Saͤbel an die Seite haͤngt; denn man iſt der Meinung, daß dieſer ihn zum Herrn der Welt mache. Der Hafen von Konſtantinopell kann nicht genug bewundert werden. Er iſt ganz Ankergrund. Zur Zeit, als der Kaiſer Severus Byzzanz bela⸗ gerte, erwarben ſich die Einwohner großen Ruhm. Ihre Taucher kappten die Anker der feindlichen Schiffe ab, und machten dieſe an Seile feſt, mit welchen ſie ſolche ziehen konnten, wohin ſie wollten. Sie nahmen 171. die Balken aus ihren Haͤuſern, und machten Schiffe; aus den Haaren ihrer Weiber machten ſie Seile Sie warfen alle Statuen in die Laufgraben der Feinde, und nachdem ſie alles Leder aufgezehrt, aßen ſie ein⸗ ander ſelbſt auf. Die Tuͤrken koͤnnten ſich, wenn ſie ſich auf die Schiffarth verlegten, ſehr furchtbar machen: denn ſie haben die ſchoͤnſten Seehaͤfen im Mittelmeere. Durch die Haͤfen des rothen Meeres koͤnnten ſie die Herren des ganzen orientaliſchen Handels ſeyn. Allein ſie bleiben lieber zu Hauſe, und halten fuͤr ihr groͤßtes Gluͤck, daß alle Nationen zu ihnen kommen. Der Haupteingang des Serails beſteht aus einem großen Pavillon mit s offenen Fenſtern uͤber dem Thore. Von dieſer Pforte hat das ottomanniſche Reich ſeinen Namen erhalten. Doch ſieht ſie mehr einem Wachhauſe, als dem Eingang zum Palaſte des maͤch⸗ tigſten Herrn der Welt gleich. Auf dem Dachwerke ſtehen zwei kleine Thuͤrme; so Thuͤrhuͤter halten Wa⸗ che, aber blos mit einem Stecken in der Hand. In den erſten Hof des Serails darf jedermann kommen. Die Diener warten hier auf ihre Herren, und geben auf die Pferde Acht. Es herrſcht aber das groͤßte Stillſchweigen, und wer ſolches brechen wollte, wuͤrde ſogleich mit einer Dracht Schlaͤge beehrt wer⸗ den. Ja ſogar die Pferde ſcheinen zu wiſſen, daß ſſie hier leiſe auftreten muͤſſen. 13lt n Die Kranken des Palaſtes werden in einem eige⸗ 4 172 nen Gebaͤude auf das Sorgfaͤltigſte gepflegt. Man ſagt, daß darin gar viele ſich aufhalten, denen wenig fehlt, nicht allein um auszuruhen, ſondern auch, um ſich Wein holen zu laſſen. Ergreift ihn aber der Verſchnittene, ſo ſchuͤttet er ihn auf die Erde, und gibt dem Ueber⸗ bringer 300 Stockſchlaͤge. Ayra⸗Serai, oder das Serail der Spiegel, iſt nicht groß von Umfang; die tuͤrkiſchen Bogenſchuͤtzen pflegen ſich allda zu uͤben. Nicht weit davon iſt eine Art von Predigtſtuhl, wo die Tuͤrken am Abende vor einer großen Schlacht prozeſſionsweiſe ſich einfinden, um fuͤr die Armen zu beten. Auch bittet man da bis⸗ weilen Gott, daß er die Peſt moͤge aufhoͤren laſſen; doch geſchieht dieſes nur nach auſſerordentlichen Ver⸗ wuͤſtungen.. v. Die Vorſtadt Galata liegt dem Serail ge, rade gegenuͤber. In derſelben wohnen meiſtens Chri⸗ Ben. Darin ſind mehrere Kirchen, ein Dominikaner⸗ und ein Kapuziner⸗Kloſter. Die Franziskaner haben ihre Kirche verloren, weil ſie nicht das ordentlichſte Leben fuͤhrten. Man verkaufte bei ihnen Wein und Brandwein; eine Handelſchaft, welche die Tuͤrken vor allen andern verabſcheuen. Doch werden in Galata Wirthshaͤuſer geduldet, und ſelbſt Tuͤrken begeben ſich dahin, um Wein zu trinken. Auch Gaſthoͤfe fuͤr Fremde ſind daſelbſt, in denen man wohl bewirthet wird. Pera iſt gleichſam die Vorſtadt von Galata, und wird oͤfter mit eben dem Namen belegt. Die Lage 173 von Pera iſt ausnehmend ſchoͤn; man kann von dort die ganze Kuͤſte von Aſien und das Serail des Groß⸗ herrn uͤberſehen. Eine andere Vorſtadt heißt Top⸗hana, welches ſo viel heißt, als Arſenal— Kanonen⸗Haus. Die Tuͤrken gießen gute Kanonen; ſie nehmen die beſte Materie und beobachten dabei die gehoͤrige Proportion. Doch ſind die Kanonen ohne alle Verzierungen. Die Tuͤrken haben keinen Geſchmack an der Zeichenkunſt, und werden auch nie einen bekommen, weil es ihnen nach den Grundſaͤtzen ihrer Religion verboten iſt, Fi⸗ guren zu machen. Auf dem Atmeidan(Pferde⸗ Platz) verſammeln ſich die jungen Tuͤrken gewoͤhnlich am Freitage, wenn ſie aus der Moſchee kommen, ſebr ſchoͤn gekleidet und wohl beritten. Sie theilen ſich in zwei Haufen ab, und jagen dann gegen einander, um ſich mit einem Stabe zu ſchlagen. Dabei durchkrie⸗ chen ſie im groͤßten Rennen den Leib ihrer Pferde, oder heben Dinge auf, die auf dem Boden liegen. Keine Pferde laufen ſo ſchnell und gerne, als die tuͤr⸗ kiſchen. Der neue Bazar iſt fuͤr alle Arten der Kaufmanns⸗ Waaren beſtimmt. An verſchiedenen Orten ſind Ge⸗ maͤcher fuͤr die Offiziere angelegt, welche denſelben Tag und Nacht bewachen. Nicht weit davon iſt der Skla⸗ ven⸗Markt. Die Mannsperſonen, und ſelbſt die Weibs⸗ Perſonen, welche keine Reitze haben, werden zu den allerniedrigſten Dienſten verkauft; junge ſchoͤne Maͤd⸗ chen aber ſind blos deswegen ungluͤcklich, daß ſie die tuͤrkiſche Religion annehmen muͤſſen. Ihre meiſten Verkaͤufer ſind Juden, welche große Sorge fuͤr ihre Erziehung tragen, um ſie deſto theurer verkaufen zu koͤnnen. Will man ſchoͤne Perſonen haben, ſo muß man zu den Juden ſelbſt gehen; denn auf dem Markte findet man die ſſchoͤnſten und gebildetſten nicht. Nichts iſt ſo angenehm, als ohne Aufhoͤren aus Ungarn, Grie⸗ chenland, Georgien ꝛc., eine ungeheuere Menge Maͤd⸗ chen ankommen zu ſehen, welche den Tuͤrken zum Kauf angeboten werden. Eine Hirten⸗Tochtern kann Sulta⸗ nin werden; manche aber konmen auch in das Serail, die der Sultan gar nicht in Betrachtung zieht. Nach ſeinem Tode muͤſſen ſie den Reſt ihrer Tage in dem alten Serail zubringen, und daſelbſt den Tod des Prinzen, oder ihrer Kinder beweinen, welche der neue Sultan bisweilen erdroſſeln laͤßt. Im Serail aber, wo der Kaiſer wohnt, zu weinen, waͤre eines der groͤß⸗ ten Verbrechen. Doͤrt muß ſich iedermann Muͤhe ge⸗ ben, froͤhlich zu ſeynn Ich hatte Gelegenheit einer Audienz beizuwohnem, welche unſer Abgeſandter bei dem Großvezier hatte. Derſelbe wohnte damals unter ſeinen Zelten, vor der Stadt. Dieſe ſind Haͤuſer, die man von einem Onte zum andern ſchaffen kann. Sie ſind von einer ganz unbeſchreiblichen Schoͤnheit, Groͤße, Reichthum und Pracht. Der Vezier ſaß auf einem Sopha, der Geſandte nahm auf einem niedrigen Sitze Platz. Seine 175. Offiziere ſtunden links und rechts bei ihm, und die Ja⸗ nitſcharen zunaͤchſt an der Wand. Ein ehrerbietiges Stillſchweigen herrſchte uͤberall. Die Dragomans tha⸗ ten ihre Schuldigkeit, und nachdem ſie die Abſichten ihrer Herren entdeckt hatten, ging man ohne alls Cebe⸗ monie auseinander. 1 39 2 iut hatt VI. Die Regierung der Tuͤrken ſcheint auf jeden Fall ſehr hart und tyranniſch’ zu ſeyn. Die erten „DOttomannen waren die ffuͤrchterlichſten Eroberer. ſie wußten ihrer Mucht wie ihrem Willen, keine Schran⸗ ken zu ſetzen. Indem ſie blos nach Kriegsart handel⸗ ten, forderten ſienblinden Gehorſann, ſtraften mit der groͤßten Strenge, und nahmen ihren Unterthanen alle Mittel, ſich zu empoͤren. Nur von ſolchen Leuten lie⸗ ten ſie ſich bedienen, welche ihnen ihr ganzes Gluͤck in danken hatten. Dieſe Grundfaͤtze haben ſich bis auf unſere Zeiren vererbt. Der Sultan iſt der unum⸗ ſchraͤnkte Herr ſeines Reiches. Er iſt der Erbe ſeiner Vorfahren, und ſeine Voͤlker find die Nachkommen ihrer Skiaven. Er hat ein Recht uͤber ihr Leben und ihren Tod. Man praͤgt es dieſem Volke gleichſam mit der Muttermilch ein, daß blinder, uͤberrriebener Gehorſam eine Pflicht der Religion ſey. Die ſem Vor⸗ urtheile gemaͤß, halten es die vornehmſten Bedienten des Reiches fuͤr die hoͤchſte Gluͤckſeligkeit und Ehre, thr Leben auf Befehl ihres Herrn zu endigen. Aus Furcht, niemals unbewaffnet augetraffen zu werden, halten die Suitane die Miliz der Janitſcharen, welche aber manch⸗ 176 mal ſchon die Verwegenheit gehabt haben, ihre Koͤpfe zu verlangen. Die ordentlichen Einkuͤnfte des Groß⸗ Herrn beſtehen in Zoͤlle, Kopf⸗ und Vermoͤgens⸗Steu⸗ ner, und im Tribute. Auch erbt er alle, die ohne Kin⸗ der ſterben. Die Paſchas muͤſſen ihm ungeheure Sum⸗ men zum Geſchenke machen. Oft laͤßt man den Rei⸗ chen nicht Zeit, eines natuͤrlichen Todes zu ſterben; uman bringt ihr Gold und Sdelſteine, mit ihren Koöͤ⸗ pfen, in das Serail. Doch hat es Sultane gegeben, welche von dem Ertrag der k. Gaͤrten, oder auch von der Arbeit ihrer Haͤnde gelebt haben. Der Schatz wird in vier Kammern verwahrt. In der erſten und zweiten ſind Waffen, Roͤcke, Pelzweyk, Pferde⸗Zaͤune ꝛc., von Gold, Silber und Edelſteinen. In der dritten werden die Juwelen der Krone, die von unſchaͤtzbarem Werthe ſind, verſchloſſen. Diaman⸗ den, Rubine, Smaragde, Perlen ꝛc., glaͤnzen an Soͤ⸗ beln und Dolchen. In die vierte werden Gold⸗ und Silber⸗Muͤnzen gelegt, und zwar in ledernen Saͤcken, jeden zu 15,000 Sekies. Alle dieſe Saͤcke liegen in eiſernen Kiſten. Ueberdies hat der Kaiſer in den Schaͤ⸗ tzen der Moſcheen, die ſich in dem Schloſſe der ſieben Thuͤrme befinden, eine unerſchoͤpfliche Quelle. Er darf ſie zwar nur zur Vertheidigung der Religion benuͤtzen, allein dazu findet ſich leicht ein Vorwand. Die Verſchnittenen haben die Aufſicht uͤber den ganzen Palaſt. Die weißen ſind zum Dienſte des Fuͤr⸗ ſten beſtimmt, die ſchwarzen muͤſſen bei den Frauen 177 ſchmachten. Sie ſind des maͤnnlichen Gliedes bis an den Leib beraubt, und dieſe Operation koſtet den mei⸗ ſten das Leben. Doch die Morgenlaͤnder und Afrika⸗ ner opfern alles ihrer Eifer ſucht auf. Die vorzuͤglich⸗ ſten Verſchnittenen ſind: der Oberkammerherr, der Oberſpeiſemeiſter, der geheime Schatzmeiſter und der Aufſeher uͤber die Pagen. Dieſe ſind junge Leute, welche zur Bedienung des Sultans und zu den vor⸗ nehmſten Aemtern erzogen werden. Sie muͤſſen unter den Augen ihrer verſchnittenen Lehrmeiſter 14 Jahre ſeufßen. Sie haben nicht den geringſten Umgang mit den Einwohnern der Stadt. Die Haupttugenden, die ihnen ohne Unterlaß eingepraͤgt werden, ſind die Hoͤf⸗ lichkeit, Beſcheidenheit, der Fleiß und die Ehrlichkeit. Außerdem lernen ſie leſen, ſchreiben, rechnen, Wurf⸗ ſpieße ſchnitzen und werfen, reiten, ſpießen, naͤhen, ſticken und Muſik. Auch lernen ſie Bartſcheeren, Naͤ⸗ gel abſchneiden, Theriac und koſtbare Getraͤnke berei⸗ ten. Haben ſie dieſer Erziehung entſprochen, ſo wer⸗ den ſie zu Offizieren des Palaſtes erhoben, und ge⸗ woͤhnlich zu Paſchas in den Provinzen. Denn es i ſt natuͤrlich, diejenigen zu belohnen, die man ſtets vor Augen hat. Doch ſind dieſe neuen Statthalter in ihren Geſchaͤften oft ſehr unerfahren, und ihre meiſte Sorge iſt, das Volk zu druͤcken, um ſich Reichthuͤmer zu verſchaffen und die Juden zu be⸗ zahlen, die ihnen zu den Geſchenken, die ſie dem Groß⸗ herrn, den Sultaninnen und den Großen der Pforte 4tes B. Türkei. II. 2. 4 178 bei ihrer Erhebung zu machen hatten, vorgeſchoſſen ha⸗ ben. Dieſe ehrlichen Spitzbuben“*) leihen nicht au⸗ ders, als Hundert fuͤr Hundert, und noͤthigen dann die Paſchas zur baldigen Zahlung, aus Furcht, ſie moͤch⸗ ten abgeſetzt oder erdroſſelt werden. Alles Geld der ganzen Provinz geht durch die Haͤnde der Juden. Man ſieht zwar ein, daß ſolche Unordnungen den Umſturz des Reiches nach ſich ziehen muͤſſen; allein das Uebel iſt ſchon unheilbar geworden.— Diejenigen von den Pagen, welche weniger Geiſtes⸗Anlagen zeigen, wer⸗ den in dem Serail zu Thuͤrhuͤtern, Gaͤrtnern, Koͤchen, Fleiſchern, Krankenwaͤrtern, Stallknechten, Holzhau⸗ ern, und oft zu den niedrigſten Dienſten gebraucht. Einige werden auch unter die Janitſcharen geſtoßen, und damit ſie alle Beſchwerden des Krieges ertragen lernen, werden viele nach Aſien zu den Bauern ge⸗ ſchickt, um den Ackerbau zu lernen. Aus ihnen wird auch der Boſtangis⸗Paſcha, der Befehlshaber uͤber die Gaͤrtner, gewaͤhlt. Dieſer muß dem Sultan zum Fußſchemel dienen, ſo oft er zu Pferde ſteigt. Unge⸗ achtet mehr als 1000 Gaͤrtner vorhanden ſind, ſo ſind die Gaͤrten doch ſehr vernachlaͤſſiget; nur auf die Me⸗ lonen wird große Sorgfalt verwendet. Wo dieſe ge⸗ zogen werden, gehen die Pagen nicht mehr hin, ſeitdem *) Wir koͤnnen den eanzäſijcht Text nicht anders uͤberſetzen. 179 Mahomet II. ſie bis auf ſteben hat ausweiden laſ⸗ ſen, um denjenigen zu entdeeken, der ihm eine von ſei⸗ nen Melonen geſtohlen hatte. Von den Stummen im Serail lernen auch die ubrigen, die um den Sultan ſind, die Zeichen⸗Sprache, mit welcher ſie ſich einander verſtaͤndlich machen. Denn Niemand darf ſich in deſſen Gegenwart etwas in das Ohr ſagen. Die Zwerge ſind wahre Affen; iſt einer dazu noch taub und ſtumm geboren, ſo bewundert man ihn mehr, als den ſchoͤnſten Menſchen: denn die ſe drei Maͤngel bilden bei den Tuͤrken das allervollkommenſte Geſchoͤpf. 8 Die Frauenzimmer des Serails fallen eben ſo we⸗ nig in die Sinne, als die reinen Geiſter; ſie ſind blos geſchaffen, den Sultan zu beluſtigen. Selbſt wenn eines der Weiber in den letzten Zuͤgen liegt, ſo darf ſie der Leibarzt nicht ſehen, und ihren Puls darf er nicht anders, als durch duͤnne Leinwand fuͤhlen. Ver⸗ langte der Arzt die Spitze der Zunge zu ſehen, oder einen andern Cheil zu beruͤhren, 0 wuͤrde er auf der Stelle erſtochen werden. S Kein Land iſt, wo die Pferde ſo wohl gewartet werden, als in der Tuͤrkei; ſie werden mit etwas we⸗ nig Gerſte und geſchnittenem Stroh gefuͤttert, das ih⸗ nen Morgens und Abends gereicht wird. Den uͤbri⸗ gen Theil des Tages muͤſſen ſie Hunger leiden, und dadurch werden ſie geſchickt geinacht, ſo weit zu lau⸗ fen, als man will. 180 Der Thuͤrhuͤter des Palaſtes ſind 400. Wenn der Großherr mit einem Paſcha unzufrieden iſt, ſchickt er einen derſelben, mit dem Befehle, ſich den Kopf zu erbitten. Der Capigis(d. h. Thuͤrhuͤter) ſchlaͤgt ihm den Kopf ab, nachdem er ihn erdroſſelt hat, legt ſol⸗ chen in Salz, und uͤberbringt ihn dem Sultan in ei⸗ nem Sacke. Wenn der Sultan einen Großvezier ernennt, ſo uͤbergiebt er ihm das Siegel des Reichs, auf welches ſein Name geſchnitten iſt. Dieſes traͤgt er beſtaͤndig auf ſeiner Bruſt. Seine Gewalt iſt ohne Schranken; doch hat Jedermann die Freiheit, in ſeinen Palaſt zu gehen, und auch dem Aermſten gibt er Audienz. Er unterſtuͤtzt den Glanz ſeiner Wuͤrde mit vieler Pracht. „Er hat mehr als 2000 Ofſiziere. Wenn er ſich oͤffent⸗ lich ſehen laͤßt, ſo iſt ſein Turban mit zwei Zitterna⸗ deln geziert, mit Diamanten und Edelſteinen beſetzt. Das Geſchirr ſeines Pferdes iſt mit Gold, Steinen und Perlen uͤberſaͤt. Vor ihm werden drei Roßſchweife getragen. Man ſagt, ein General der Tuͤrken ſey, da er nicht gewußt, wie er ſeine Leute wieder zuſammen bringen ſollte, die alle ihre Standarten verloren hat⸗ en, auf den Einfall gerathen, einem Pferde den Schweif abſchneiden zu laſſen, und ſolchen auf eine Lanze zu tecen. Sobald die Soldaten dieſes Zeichen ſahen, amen ſie wieder zuſammen und trugen den Sieg avon. 5 181 Der Großvezier beſucht oͤfters in der Nacht die Gefaͤngniſſe, und hat ſtets einen Henker bei ſich, un⸗ diejenigen toͤdten zu laſſen, die er fuͤr ſchuldig erkennt. Sein Gehalt beſteht in nicht mehr, als 20,000 Tha⸗ lern; allein fein Palaſt iſt ein Markt, wo alle Gnaden⸗ Erweiſungen feil ſtehen. Doch muß er bei dieſer Han⸗ delſchaft große Vorſicht gebrauchen: denn die Tuͤrkei iſt ein Land, wo die Gerechtigkeit oͤfters unter den groͤßten Ungerechtigkeiten am ſtrengſten beſtraft wird. Der Sultan kann den Raths⸗Verſammlungen in einem geheimen Gemache beiwohnen; auch muͤſſen ihm die vornehmſten Offiziere von allem Nachricht geben, was vorgefallen iſt. Iſt er mit ihrem Betragen zufrieden, ſo kehren ſie in Frieden zuruͤck. Findet er einen ſtraf⸗ faͤlig, ſo ſtoͤßt er mit dem Fuß gegen den Erdboden, und auf dieſes Zeichen wird er von den Stummen ohne alle Umſtaͤnde erdroſſelt. Manchmal fragt der Sultan den Mufti, was fuͤr eine Strafe derjenige verdient habe, der dieſen oder jenen Fehler begangen hat. Der Mufti ſpricht oft den Tod aus, ohne zu wiſſen, uͤber wen, und ſo trifft dieſes Schickſal manchmal ſeinen beſten Freund. Die Prozeſſe in der Tuͤrkei ſind ſelten, und jeder derſelben muß in ſieben Tagen geendet ſeyn. Ein Tuͤrke hatte einſt zu Marſeille mit einem Kauf⸗ mann Prozeß, der viele Jahre dauerte. Als er ge⸗ fragt wurde, wie ſeine Sache ſtehe, gab er zur Ant⸗ wort: ſie habe ſich ſehr veraͤndert; denn als er hieher Fam, habe er nur einen halben Bogen Papier und eine 4 1382 klafterlange Rolle Gold gehabt. Jetzt ſey dieſe nun⸗ mehr fingerbreit, und das Papier ſey ihm dagegen beinahe uͤber den Kopf gewachſen. Man haͤlt zu Konſtantinopel eine bewunde⸗ rungswuͤrdige Polizei. Wenn ein Baͤcker zu leichtes Brod verkauft, wird er mit einem Ohr an ſeinen La⸗ den genagelt, und muß in dieſer Stellung 24 Stun⸗ den ausharren. Man kann mit aller Sicherheit Kin⸗ der auf den Markt ſchicken; denn Polizei⸗Bediente un⸗ terſuchen auf der Straſſe ihre Waaren, und wenn ſie betrogen waͤren, wuͤrde der Kaufmann ſogleich zur Baſtonnade verurtheilt. Fuͤr eine einzige, abgehende Zwiebel beſteht die Strafe in 30 Stockſchlaͤgen. Den Aerzten, wenn durch ihr Verſchulden Jemand haͤtte ſierben muͤſſen, haͤngt man ein Brett mit Glocken an den Hals, und laͤßt ſie damit Spaziergaͤnge durch alle Straſſen machen. Wird ein Leichnam auf der Straſſe gefunden, ſo werden die naͤchſten Nachbarn verurtheilt, das Blut zu bezahlen. Deswegen gibt ſich Jedermann alle Muͤhe, Unordnungen vorzubeugen. Der Großherr ſelbſt geht oft verkleidet mit einem Henker herum, und Mahomet ly., der ein großer Feind vom Ta⸗ bakrauchen war, weil dadurch oͤfters Brand entſtand, ließ alle haͤngen, die er in dieſer Zerſtreuung antraf. Niemand darf in der ganzen Tuͤrkei des Nachts auf den Straſſen angetroffen werden. Nur die Hunde laufen dann herum, und exheben oft ein fuͤrchterliches 183 Geheul. Oefters macht ſie das ungeſtuͤme Meer ganz raſend*). Die Seemacht der Tuͤrken iſt nicht vorzuͤglich, ob⸗ wohl ſie die groͤßte in der ganzen Welt ſeyn koͤnnte. Es fehlt an guten Matroſen, an geſchickten Steuer⸗ maͤnnern und an erfahrnen Offizieren. Die Wuͤrde des Capitain⸗Paſcha iſt eine der ſchoͤnſten des Reichs. Er iſt Großadmiral und General der Galeeren. Seine Macht iſt unumſchraͤnkt, wenn er ſich nicht in den Dardanellen befindet. Er kann Vicekoͤnige und Statt⸗ halter auf den Kuͤſten erdroſſein laſſen. Die Galeeren des Archipels muͤſſen zu allen Zeiten bereit ſeyn, aus⸗ zulaufen. Der Capitain⸗Paſcha faͤhrt im Sommer auf dem Archipel herum, um die Kopfſteuer einzufordern, und um ſich nach allem, was ſich daſelbſt zutraͤgt, zu erkundigen. Einſt traf er vier an die Thuͤre eines Hau⸗ ſes gebundene, und mit Steinen beladene Eſelinnen an, deren Herren in der Nachbarſchaft fruͤhſtuͤckten. Da dieſes laͤnger als eine Stunde gewaͤhrt hatte, ließ er die Bauern holen und befahl ihnen, den Eſeln auch zu eſſen zu geben; ihnen aber ließ er indeſſen die Laſt auf den Ruͤcken legen. *) Wir nehmen hier Umgang von der Beſchrei⸗ bung der tuͤrkiſchen Miliz, da in den neuern Zeiten dieſelbe ſo veraͤndert iſt, beſonders nach Aufhebung der Janirſcharen. ’ 184 VII. Unter allen Religionen iſt die tuͤrkiſche die gefaͤhrlichſte; ſie ſchmeichelt den Sinnen zu ſehr. Da⸗ bei hat ſie jedoch viel von der chriſtlichen. Glaubens⸗ Artikel ſind folgende: Es iſt ein einziger Gott und Mahomet ſein Geſandter. Ihre Gebote heißen: Man ſoll des Tags fuͤnfmal beten. Man ſoll die Faſten hal⸗ ten. Man ſoll Allmoſen geben und die Werke der Liebe uͤben. Man ſoll, wenn es moͤglich iſt, Mecca beſuchen. Man ſoll nichts Unreines an ſeinem Koͤr⸗ per dulden. Man ſoll den Freitag feiern. Man ſoll ſich beſchneiden laſſen. Man ſoll keinen Wein trinken. Man ſoll weder Schweine⸗Fleiſch, noch das von erſtick⸗ ten Thieren eſſen.— Die Tuͤrken pflegen insgemein zu ſagen: Ein boͤſer Chriſt koͤnne niemals ein guter Muſelmann werden.— Das Kind, welches beſchnitten werden ſoll, wird praͤchtig gekleidet auf ein Pferd ge⸗ ſetzt, mit Muſik durch die ganze Stadt gefuͤhrt, und in der Moſchee unter vielen Lobliedern beſchnitten, mit dem Ausrufe:„Gott iſt groß.“ Der Vater gibt ihm dann einen Namen. Ibrahim heißt Abra⸗ ham; Soliman Salomon; Iſouph Joſeph; Iſmael Gott erhoͤret; Mahomet loͤblich; Mah⸗ moud erwuͤnſcht; Seander Alexander; Sophy heilig; Haly hoch; Selim friedfertig; Muſtapha geheiligt; Achmet gut; Amurat oder Mourat lebhaft; Siremeth fleißig. Ihr Fremmen, ſagt der Aleoran, wenn ihr euer Gebet verrichten wollt, ſo muͤßt ihr Angeſicht, Haͤnde, 185 Arme und Fuͤße waſchen. Die Eheleute welche bei⸗ ſammen gelegen ſind, muͤſſen ſich baden. Kranke und Reiſende, die kein Waſſer haben, muͤſſen ſich Augeſicht und Haͤnde mit Sand reiben.— Die große Reinigung muß an dem ganzen Leibe geſchehen, was ſchon noth⸗ wendig wird, wenn nur ein Tropfen Harn auf das Fleiſch faͤllt. Dieſes iſt eine große Befleckung der gu⸗ ten Muſelmaͤnner. Ich habe im ſtrengſten Winter Tuͤrken geſehen, die ſich ganz nakt in Baͤche geworfen, ohne ſich vor Bauchweh zu fuͤrchten. Als wir von Seio nach Konſtantinopel ſegelten, gab ein from⸗ mer Muſelmann, der ſich in unſerer Geſellſchaft be⸗ fand, den Matroſen von Zeit zu Zeit Geld, wofuͤr ſie ihn, jeder an einem Ohre packten, und ihn dreimal in das Meer tauchten.*1 Um die kleine Reinigung zu machen, wendet man ſich mit dem Kopfe nach Meccea, waͤſcht Haͤnde und Arme, ſpuͤhlt ſich dreimal den Mund aus und reini⸗ get die Zaͤhne mit einer Buͤrſte. Dann muͤſſen ſie die Naſe dreimal waſchen, und das Angeſicht dreimal mit Waſſer beſpritzen. Auch die Ohren werden nicht ver⸗ ſchont. Das Gebet wird verrichtet: zwiſchen dem Anbru⸗ che des Tages und dem Aufgange der Sonne; zu Mittag; zwiſchen dem Mittag und Untergang der Sonne; bei Sonnen⸗Untergang und nach Sonnen⸗Un⸗ tergang. Dieſe Stunden des Gebetes werden allen Glaͤubigen durch beſoldete Perſonen angezeigt, die . 186 auf die Galerien der Moſcheen ſteigen, und viermal aus Leibeskraͤften ſingen:„Gott iſt grof, auſſer Gott iſt kein Gott: kommt zum Gebet!“— Die Demuth der Tuͤrken, wenn ſie beten, iſt ſo groß, daß ſie mit Niemanden reden, nicht umſehen und kein Zeichen des Lebens, als einige Seufzer, von ſich geben. Sie glau⸗ ben uͤbrigens, daß ihr Gebet nicht erhoͤrt werden koͤn⸗ ne, wofern ſie nicht den feſten Entſchluß gefaßt haben, ihren Feinden zu vergeben. Sie laſſen keinen Freitag vorbeigehen, ohne ſich aufrichtig zu verſoͤhnen; daher kommt es auch, daß man bei den Tuͤrken niemals Ver⸗ laͤumdungen und Scheltworte hoͤrt. 1 Am Sonnabend beten ſie fuͤr die Bekehrung der Juden; am Sonntag fuͤr jene der Chriſten; am Mon⸗ tag fuͤr die Propheten; am Dienſtag fuͤr die Prieſter; am Mittwoch fuͤr die Todten; am Donnerſtag fuͤr die ganze Welt und am Freitag fuͤr ſich. Selbſt auf Rei⸗ ſen unterlaſſen ſie das Gebet nicht, und verrichten das⸗ ſelbe auf freiem Felde. Nichts iſt erbaulicher als dieſe Uebungen, und dieſes hat mich gegen die Griechen aͤuſ⸗ ſerſt aufgebracht, welche meiſtens wie die Hunde leben. Die Reichen halten die Faſten eben ſo gewiſſen⸗ haft, als die Armen; die Soldaten wie die Geiſtli⸗ chen; der Sultan wie der Bettler. Jeder ruht den Tag uͤber und ſucht alles zu vermeiden, was Durſt macht: denn es iſt etwas hartes, wenn man bey gro⸗ ßer Hitze kein Waſſer trinken darf. Die Arbeitsleute, die Reiſenden und Landleute leiden dabei am meiſten. 3. 187 Die Saͤnger verkuͤnden das Ende der Faſten; wer dann eine trockene Kehle hat, laͤßt ſich das Waſſer un⸗ gemein wohl ſchmecken, und naͤhert ſich mit dem groͤß⸗ ten Appetit ſeiner Reis⸗Schüſſel. Jeder verzehrt das Beſte, was er hat; ja ſie gehen auch, nachdem ſie ſich zu Hauſe wohl geſaͤttigt haben, auf der Straſſe um⸗ her, um zu ſehen, ob ſie nichts zu eſſen bekommen; ſo ſehr fuͤrchten ſie ſich, Hungers zu ſterben. Die Ar⸗ men rufen:„Gott wolle den Beutel derer aufuͤllen, die mir etwas fuͤr meinen leeren Magen geben!“— Nach der Faſten(Ramazan) wird der Bairam angekuͤndigt. Man hoͤrt alsdann nichts als trommeln und trompeten; man zuͤndet auf den Straſſen Freu⸗ den⸗Feuer an, und die Weiber haben Eriaubniß, drei Tage, ſo lange das Feſt dauert, auszugehen. Man ſieht nichts als Muſikanten, Schaukeln, Gluͤcksraͤder ꝛc. Am erſten Tage geſchieht unter den Muſelmaͤnnern eine allgemeine Verſoͤhnung. Sie kuͤſſen die Haͤnde ihrer Feinde, und wuͤnſchen einander tauſend Gluͤck. Sie ſchicken einander Geſchenke zu, wie bei uns am erſten Morgen des neuen Jahres. Der Sultan er⸗ ſcheint in einem viel praͤchtigeren Aufzuge. Die Rei⸗ chen gehen in die Gefaͤngniſſe, und machen diejenigen los, welche wegen Schulden daſelbſt ſitzen. Man ſte⸗ het den ſchamhaftigen Armen ſorgfaͤltig pei. Viele Gaſthoͤfe ſind in der Tuͤrkei geſtiftet. Dieſe ſind große Gehaͤude, die man auf den Wegen auttifft. 188 Inwendig iſt an der Wand eine breite Bank befeſtiget, auf welcher man kocht, ißt und ſchlaͤft. An der Thuͤre dieſer Gaſthoͤfe kann man Brod, Huͤhner, Eier, Fruͤchte, manchmal auch Wein zu kaufen haben. Die Gaſthoͤfe in den Staͤdten ſind viel reinlicher und beſſer gebaut. Sie ſehen wie die Kloͤſter aus. Den beſten Wein kauft man bei den Juden; den ſchlechteſten bei den Griechen. In den Doͤrfern trifft man an den Thuͤren der Haͤufer Kruͤge mit Waſſer an, und fromme Mu⸗ ſelmaͤnner beſchaͤftigen ſich ſehr oft damit, die Ermuͤ⸗ deten zu erquicken. Der Geiſt der Wohlthaͤtigkeit herrſcht ſo allgemein unter den Tuͤrken, daß ſelbſt die Bettler ihr Ueberfluͤſſiges Andern geben.— Aber bei aller Wohlthaͤtigkeit dulden die Tuͤrken keine Hunde in ihren Haͤuſern. Zur Peſtzeit toͤdten ſie alle, die ſie antreffen, weil ſie ſelbe fuͤr unreine Thiere halten, welche die Luft anſtecken. Im Gegentheile ſind ſie große Liebhaber der Katzen. Mahomet ſoll ſeine Katze ſo geliebt haben, daß er lieber den Aermel von ſeinem Rocke wegſchnitt, auf welchem ſie ſchlief, um ſie nicht aufzuwecken, da er weggehen und mit Jeman⸗ den reden mußte, Die Tuͤrken glauben ein Werk der Liebe zu leiſten, wenn ſie einen Vogel in einem Kaͤ⸗ ſige kaufen, in der Abſicht, ihm wieder die Freiheit zu geben, indeſſen ſie ſich kein Gewiſſen machen, ihre Weiber einzuſperren, und die Chriſten als Sklaven mit Ketten zu belegen. Wer ſolche Voͤgel faͤngt, glaubt gleichfalls ein gutes Werk zu thun, weil dadurch dem — 1489 Reichen Gelegenheit wird, ihre Mildthaͤtigkeit anzu⸗ wenden. Meceg iſt den Tuͤrken der heiligſte Ort in der Welt. Der Sultan ſchickt dahin alle Jahre eine Ka⸗ rawane mit 500 Sekins, einen mit Gold bedeckten Alkoran, und verſchiedene reiche Teppiche. Man ſucht das ſchoͤnſte Kamel im Lande, um den Alkoran zu tragen. Wenn ſolches zuruͤckkommt, wird es mit Blu⸗ menkraͤnzen geziert, auf das herrlichſte gefuͤttert, le⸗ benslang von aller Arbeit freigeſprochen, wenn es alt wird, geſchlachtet, und mit vieſer Feierlichkeit, als ein heiliges Fleiſch verzehrt. Wer eine Reiſe nach Mecca gemacht hat, kann nicht mit dem Tode beſtraft wer⸗ den. Einige Indier ſollen ſo naͤrriſch ſeyn, daß ſie ſich die Augen ausſtechen, wenn ſie die ſogenannten heiligen Orte geſehen haben. Die Kinder, welche waͤhrend einer Pilgrimſchaft erzeugt werden, ſieht man fuͤr kleine Heilige an; weßwegen auf den Heerſtraſſen viele barmherzige Schweſtern auf das demuͤthigſte zu einem ſo frommen Werke ſich anbieten. Die Ehe iſt bei den Luͤrken nichts anders, als ein buͤrgerlicher Vertrag: der Mann macht ſich anheiſchig, Weib und Kinder zu ernaͤhren, und ihnen einen Leib⸗ geding zu beſtimmen. Ein Eheweib kann die Schei⸗ dung verlangen, wenn ihr Mann unvermoͤgend, un⸗ natuͤrlichen Leidenſchaften ergeben iſt, oder ihr den Tribut der Nacht vom Donnerſtag auf den Freitag nicht bezahlt. Leiſtet er aber dieſen, gibt er ihr Brod, . 190 Butter, Reis, Holz, Kaffee, Baumwolle und Seide, um ſich ihre Kleider zu machen, ſo darf ſie ſich nicht von ihm trennen. Will ein Mann eine von ihm ge⸗ ſchiedene Frau wieder zu ſich nehmen, ſo muß er ſie zuvor 24 Stunden bei einem andern Manne liegen laſſen. Meiſtens waͤhlt er dann hiezu einen genuͤgſa⸗ men Freund; die Weiber aber befinden ſich bei einer ſolchen Veraͤnderung ganz wohl. Ueberhaupt haben die Tuͤrken dreierlei Arten von Weibern. Man heira⸗ thet ſie, oder miethet ſie, oder kauft ſie. Letztere ſind Sklavinen. Bey dem Heirathen hat man verſchiedene Zeremonien; eigene Weiber müͤſſen die Braut unter⸗ richten, wie ſie ſich gegen den Braͤutigam zu betragen habe. Dieſer iſt verbunden, ſie ganz zu entkleiden, und in das Bett zu legen. Man ſagt, daß ſie waͤh⸗ rend dieſer Zeit ein langes Gebet verrichten, und ſich alle Muͤhe geben, ſo viele Knoten in ihren Guͤrtel zu machen, daß der arme Braͤutigam ganze Stunden zu⸗ bringen muß, um ſie wieder aufzuloͤfen.— Mit den Weibern, die man nursmiethet, macht man weniger Umſtaͤnde; dazu gehoͤxt nur die Einwilligung des Va⸗ ters und der Mutter des Maͤdchens, welches man zu ernaͤhren verſpricht, aber wieder fortſchicken kann, wenn man will. Die Sklaven betreffend, koͤnnen ſie die Mu⸗ hametaner nach ihren Geſetzen gebrauchen, wozu ſie wollen. Die Kinder haben gleichen Antheil an dem Erbe des Vaters; doch muͤſſen diejenigen, welche mit Sklavinnen erzeugt worden ſind, durch das vaͤterliche 4 — 191 Teſtament frei gemacht werden. Erweiſet ihnen der Vater dieſe Gnade nicht, ſo bleiben ſie Sklaven und fallen dem Aelteſten der Familie zu, Die tuͤrkiſchen Weiber ſind, nach dem Berichte der Chriſtinnen, welche ſie in den Baͤdern mit aller Freiheit ſehen koͤnnen, gewoͤhnlich ſchoͤn und wohlge⸗ baut. Sie haben eine zarte Haut, regelmaͤßige Zuͤge,— einen bewunderungswuͤrdigen Hals, und faſt alle ſchwar⸗ ze Augen. Man trifft viele unter ihnen an, die voll⸗ kommene Schoͤnheiten ſind. Ihre Kleidung iſt zwar ihrem Wuchſe nicht guͤnſtig; allein die Tuͤrken halten nur diejenigen Weiber fuͤr die ſchoͤnſten, welche die groͤßten ſind. Ihr Buſen iſt unter dem Oberrocke voͤllig blos; ſie kerkern ihren Leib nicht in Schnuͤrbruͤſte ein. Ihre Reinlichkeit iſt auſſerordentlich; ſie koͤnnen nicht das kleinſte Haar und nicht den geringſten Schmutz an ihrem Koͤrper ertragen. Naͤgel und Au⸗ genbraunen faͤrben ſie. Es fehlt ihnen weder an Ver⸗ ſtand, noch an Lebhaftigkeit und Faͤrtlichkeit. Die Liebe macht ſie ſehr ſinnreich; zu Schaͤferſtunden, zu welchen die juͤdiſchen Sklavinnen mit verkleideten Juͤnglingen ihnen Gelegenheit geben, benuͤtzen ſie gewoͤhnlich die Stunde des Morgen⸗ und Abend⸗ Gebetes. Es wird aber der Ehebruch auf das ſtrengſte beſtraft. Frauenzimmer, auf neuer That ergriffen, werden in einen mit Steinen angefuͤllten Sack geſteckt und ertraͤnkt. Iſt ihr Liebhaber ein Chriſt, ſo kann er ſie von dieſem naſſen Elemente dadurch befreien, wenn . 192 er ein Muſelmann wird und ſie heirathet. Sonſt aber wird er ſelbſt zum Tode verurtheilt. Der Turban der Tuͤrken beſteht aus zwei Stuͤcken, aus einer Muͤtze und dem weißen Bunde oder der Leinwand, die herum geht. Sie haben keine Taſchen; alles tragen ſie in ihrem Guͤrtel. Es gehoͤrt eire ei⸗ gene Fertigkeit dazu, den Turbans ein gutes Anſehen zu geben, daher es in der Tuͤrkei ein ordentliches Hand⸗ werk iſt, wie bei uns das Hut⸗Staffiren. Die Emirs, welche ſich ruͤhmen, von dem Geſchlechte Mahomets zu ſtammen, tragen einen ganz gruͤnen Turban; die andern einen rothen mit weißem Bunde. Die Tuͤrken kuͤſſen den Rockzipfel vornehmer Per⸗ ſonen, welchen ſie ihre Ehreibietung beweiſen wollen. Bei gemeinen Beſuchen legt man blos die Hand auf das Herz. Man ſetzt ſich mit kreutzweis uͤbereinander geſchlagenen Fuͤßen auf das Sopha, praͤſentirt ſchoͤne, voͤllig angezuͤndete Pfeifen, deren Rohre drei Schuh lang ſind, folglich keinen andern, als milden Rauch in den Mund kommen laſſen. Uebrigens wird in der Le⸗ vante der beſte Taback geſchmaucht; die Tuͤrken mi⸗ ſchen oft noch Rauchwerk unter, wodurch er aber ver⸗ dorben wird. Neben dem Taback wird auch mit Kaf⸗ fee und Sorbet aufgewartet. Der Kaffee iſt vortreff⸗ lich; jedoch miſchen ſie keinen Zucker ein, um ſeinen natuͤrlichen Geſchmack nicht zu verderben. Standes⸗ Perſonen werden auch mit Nauchwerk bedient, Ein Sklave zuͤndet unter ihrer Naſe Gewuͤrz an, da in⸗ 193 deſſen andere eine Leinwand uͤber den Kopf halten, damit ſich der Rauch nicht zubald zerſtreue. Die Tuͤrken reden wenig; ſie halten mehr auf Aufrichtigkeit und Beſcheidenheit, als auf Beredſam⸗ keit. Bei den Griechen verhaͤlt es ſich anders; denn dieſe ſind die unertraͤglichſten Schwaͤtzer. Die Tuͤr⸗ ken uͤben dasjenige aus, was ihre Religion von ihnen fordert; die Griechen im Gegentheile haben beinahe gar keine, und das Elend noͤthiget ſie, viele Thorhei⸗ ten zu begehen, die ſich in den Familien fortpflanzen. Die Tuͤrken ſchlachten nicht eher, bis ſie den Topf uͤber das Feuer ſetzen wollen. Da ſie haupt⸗ ſaͤchlich die Suppe lieben, ſo ſchneiden ſie das Fleiſch in ſehr kleine Stuͤckchen, und laſſen es mit allen Ar⸗ ten des Wildprets ſieden. Wollen ſie es braten, ſo ſchneiden ſie es noch kleiner, und ſtecken es an ſehr lange Bratſpieße. Den Mufti ernennt der Groß⸗Sultan ſelbſt, und doch iſt jener der Einzige, der von ihm ehrerbietig ge⸗ gruͤßt wird. Hat er ſich aber des Hochverrathes, oder eines andern großen Verbrechens ſchuldig gemacht, ſo wird er in die ſieben Thuͤrme gefuͤhrt und daſelbſt lebendig in einem Moͤrſer zerſtoßen. Die Geſchaͤfte der Prieſter ſind, daß ſie das Ge⸗ bet verrichten, in den Moſcheen leſen, die Ehen ſeg⸗ nen, den Sterbenden beiſtehen und die Todten be⸗ gleiten. Um diejenigen Sterbenden zu troͤſten, welche Schulden haben, die ſie nicht bezahlen koͤnnen, laſſen 34ſtes B. Türkei. II. 2. 5 . 191 die Geiſtlichen ihre Glaͤubiger rufen, und ermahnen ſie, die Schuldverſchreibung unter das Kopfkiſſen des Sterbenden zu legen. Dieienigen, welche auf dieſe Art ihre Schuld nicht vergeben wollen, werden fuͤr unehrliche Leute erklaͤrt. Die Muhametaner ſtellen ſich den Himmel als einen reizenden Ort vor, wo. Milch, Honig und Wein fließt, der aber nicht berauſcht. Die vollkom⸗ menſten Schoͤnheiten ſpatzieren dort, die weder zu gutwillig, noch zu grauſam ſind. Ihre Augen ſind ſo groß wie Eier; ſie richten ſolche ſtets auf die Maͤnner. die ſie bis zum Unſinne lieb haben. Die Jungfrauen ſind hier ganz rein; man weiß dort nichts von Frauen⸗ Krankheiten. In die Hoͤlle traͤumen ſie ſich ein verzehrendes Feuer. Die Verdammten muͤſſen unertraͤglichen Durſt ausſtehen. Um ihr Elend auf den hoͤchſten Grad zu ſteigern, gibt man ihnen dort auch keine Weiber. Die Tuͤrken begraben ihre meiſten Todten an den Heerſtraßen, damit ihnen die Voruͤbergehenden Gutes wuͤnſchen ſollen. Ihre Kirchhoͤfe ſelbſt aber beſuchen ſie fleißig; dieſe ſind von einem ungeheuer großem umfange: denn ſie legen nie zwei Perſonen in eine Grube. Der Boden davon, wenn man ihn anbauen wollte, wuͤrde ſo viel Getreide tragen, daß die große Stadt Konſtantinopel ein halbes Jahr davon le⸗ ben koͤnnte. 195 Der Gebrauch des Opiums iſt bei den Moͤnchen viel gemeiner, als bei andern Tuͤrken. Dieſe Waare, welche andern Leuten, nur wenig genoßen, ein Gift iſt, und ihnen den Tod bringen wuͤrde, macht die Dervis, welche ſolche Unzenweiſe auf einmal eſſen, anfangs eben ſo froͤhlich, als Leute zu ſeyn pflegen, die ein Glas Wein getrunken haben. Auf dieſe Froͤh⸗ lichkeit folgt eine ſtille Wuth, die man fuͤr Begeize⸗ rung zu halten pflegt, wenn man davon nicht die Urſache weiß. Es ſind aber die vornehmſten Uebungen dieſer Moͤnche, am Dienſtag und Freitag zu tanzen. Sind die Kuͤrken gleich ſo ungluͤcklich, daß ſie die Gottheit Jeſu nicht glauben, ſo halten ſie ihn doch fuͤr einen großen Freund Gottes, und fuͤr einen großen Vorbitter bei dem Herrn. Sie halten uns nur deßwegen fuͤr Unglaͤubige, weil wir Mahomer fuͤr keinen Propheten halten, der gekommen ſey, um ein neueres, der verderbten Menſchen⸗Natur ange⸗ meſſenes Geſetz zu verkuͤndigen. Dritter Theil. I. Der franzoͤſiſche Geſandte machte uns den Vorſchlag, eine Reiſe nach Trebiſonde zu machen, und die Abreiſe des Numan Cuperli, des Paſcha von Erxceron zu benutzen, welcher uͤber das ſchwarze Meer reiſen wollte. Der Geſandte empfahl uns dem 196 Paſcha, und dieſem war es angenehm, Aerzte in ſei⸗ nem Gefolge zu haben. Der Kanal des ſchwarzen Meeres, oder der thra⸗ ziſche Bosphorus fangt eigentlich bei der Spitze des Serails von Konſtantinopel an, und endiget ſich gegen die Saͤule des Pompejus. Er lauft keines⸗ wegs in gerader Linie fort. Seine Muͤndung hat die Geſtalt eines Trichters. Bis an die neuen Schloͤſſer rechnet man drei Meilen. Das Schloß in Aſien ſteht auf einem Vorgebirge, wo ehemals ein Tempel des Jupiters ſtand. Das Schloß in Europa ſteht auf einem gegenuͤber liegenden Vorgebirge, wo einſt ein Tempel des Serapis ſtand. Zwiſchen bei⸗ den betraͤgt die Breite des Kanals eine(franioͤſiſche) Meile, an andern Orten anderthalb oder zwei Meilen. Der engſte Ort befindet ſich zwiſchen den alten Schloͤſ⸗ ſern, wo der Kanal uͤber 800 Schritte breit iſt. Das Waſſer des ſchwarzen Meeres faͤllt ziemlich ſchnell ein, und bei einem Nordwinde iſt die Schnelligkeit zwi⸗ ſchen beiden Schloͤſſern ſo groß, daß kein Schiff aus⸗ halten kann, und daß ein— dem Strom entgegenſte⸗ hender Wind noͤthig iſt, um ſie hinauf zu bringen. Das ſchwarze Meer hat eine ungeheure Menge Waſ⸗ ſers: denn es empfaͤngt mehr Fluͤſſe, aus Europa und Aſien, als das mittellaͤndiſche.— So ſchnell der Bosphorus iſt, ſo gefriert doch das Waſſer deſſelben in ſehr ſtrengen Wintern. Im J. 404 unter 197 der Regierung des K. Arcadius war das ſchwarze Meer 20 Tage lang zugefroren. Die aſiatiſche Kuͤſte wird von den Gaͤrten des Sul⸗ tans eingenommen. Sie erſtrecken ſich von den erſten gruͤ⸗ nen Waſſern bis zu der Muͤndung des ſchwarzen Meeres. Der ganze uͤbrige Theil des Landes iſt zu den großen Jagden des Kaiſers beſtimmt.— Zwei alte Schloͤſſer am Bosphorus nennt man auch Lethe⸗ Schloͤſſer, oder die Gefaͤngniſſe der Vergeſſenheit; denn wer ein⸗ mal darin war, erblickte das Licht der Freiheit nicht mehr. Bei denſelben ſchlug Darius eine Bruͤcke uͤber den Kanal, und man verſichert, daß ein Sitz in den Felſen gehauen wurde, auf welchem dieſer Koͤnig Platz nahm, als die Truppen uͤber die Bruͤcke zogen. Man weiß nicht mehr, wo dieſer Sitz angebracht war: denn die Tuͤrken kuͤmmern ſich nicht, ob Leute, die Darius oder Ferxes geheißen haben, in der Welt geweſen ſind, oder nicht. Wer weiß, ob ſie nicht jetzt an eben dem Orte eine Miſtſtaͤtte haben, wo der Beherrſcher der Welt ehehin ſeinen Thron hatte. Mauromolo iſt ein ſchoͤnes Kloſter, welches ſtatt alles Tributes nichts, als eine Laſt Kirſchen zu geben hat. Man ſagt, daß einſt ein Sultan auf der Jagd dahin ſich verirrt, und da er nicht geglaubt, daß ihn die Moͤnche erkennen wuͤrden, von ihnen eine Mahlzeit verlangt habe. Die Moͤnche, welche gar wohl wußten, wer er ſey, ſetzten ihm Brod und eine t 198 Schuͤſſel voll Kirſchen vor. Dieſelben ſchmeckten dem Sultan ſo wohl, daß er die Moͤnche von der Kopf⸗ ſteuer frei machte, und ihnen bloß befahl, alle Jahre eine Laſt Kirſchen in das Serail zu bringen.— Die alten Thrazier wohnten in jenen fuͤrchterlichen Hoͤhlen, welche an der Meerenge linker Hand ſind. Man hoͤrt daſelbſt im Vorbeigehen ein entſetzliches Echo, das manchmal wie Kanonen⸗Donner lautet, be⸗ ſonders von der Seite jenes Kloſters.— Am Ende des ſaroniſchen Meerbuſens ſieht man noch den Stein der Gerechtigkeit. Dieſer ſieht von Ferne einem Tannenzapfen aͤhnlich, und iſt durchloͤchert· Zwei Kaufleute wollten auf das ſchwarze Meer ſegeln, und legten eine Summe Geldes in das Loch dieſes Steines, mit dem Verſprechen, daß es keiner ohne den andern wieder anruͤhren wollte. Einer von ihnen kam kurze Zeit hernach ganz allein dahin, um das Geld abzuholen. Allein der Stein gab das Geld nicht mehr her.— Die Seeleute ſind zur Erdichtung ſol⸗ cher Maͤhrchen ſehr aufgelegt, beſonders wenn Wind⸗ ſtille iſt, und ſie nichts zu thun haben. II. Um ſich der Schifffahrt auf dem ſchwarzen Meere zu verſichern, wuͤrde iede andere Nation, die Tuͤrken ausgenommen, bedacht ſeyn, ſich gute Steuer⸗ maͤnner zu ziehen, die Haͤfen auszubeſſern, Wehren zu bauen und gute Magazine anzulegen. Allein dazu fehlt ihnen das noͤthige Geſchicke. Die Griechen und die Tuͤrken koͤnnen die See⸗Karten nicht benutzen, und 199 da ſie kaum wiſſen, daß eine Spitze des See⸗Kompaſ⸗ ſes gerichtet ſey, ſo wiſſen ſie auch ſchon nicht mehr, wo ſie ſind, ſobald ſie das feſte Land aus dem Ge⸗ ſichte verloren haben. Die Tuͤrken haben ſeit Jahr⸗ hunderten nichts gethan, als daß ſie den Namen des ſchwarzen Meeres in ihre Sprache uͤberſetzten. Wir nahmen am 13. April von Konſtantino⸗ pel Abſchied, und uͤbernachteten noch an dieſem Tage zu Ortacui, an dem Kanal des ſchwarzen Meeres, in dem Serail des Mahomet⸗Bey, eines Pagen des Großherrn. Am 26. April erſchien der Paſcha, Numan Cuperli, mit acht großen Fahrzeugen, auf welchen ein Theil ſeines Hauſes ſich befand. Das Schiff, auf welchem das Frauenzimmer ſich befand, war ſo wohl bedeckt und mit ſo engen, hoͤlzernen Ei⸗ ferſucht⸗Laͤden verſehen, daß ſie kaum Athem holen konnten. Der Paſcha hatte Niemand als ſeine Mut⸗ ter, ſeine Gemahlin, eine von ſeinen Toͤchtern, ſechs Sklavinnen und einige Verſchnittene bei ſich. Wir mußten mit unſerem Fahrzeuge weit hinter den ſeini⸗ gen bleiben, und es war umſonſt, unſeren Matroſen zu ſagen, daß ſie eilen ſollten. Wahrſcheinlich waren ſie dazu beauftragt, um die Ehrerbietung gegen den Paſcha von 3 Roßſchweifen nicht zu verletzen. In⸗ zwiſchen hatten wir unſer Schiff um eben den Preis, wie der Paſcha die ſeinigen gemiethet. Um unſere Reiſe in Friede fortzuſetzen, mußten wir uns die Sit⸗ ten der Tuͤrken gefallen laſſen. Nach einer Fahrt von 200 s Meilen liefen wir in der Muͤndung des Fluſſes Riva ein. Wir lagerten an dem Waſſer auf ſehr ſumpfigten Wieſen, mußten aber unſer Zelt ziemlich weit von jenem der Muſelmaͤnner aufſchlagen, um thnen alle moͤgliche Fretheit zur Reinigung zu laſſen. Zu dem Ende wurden kleine Kabinette von Tuch auf⸗ gerichtet, in welchen gerade ſo viel Raum war, daß eine Perſon ſich baden konnte. Das Zelt des Paſcha ſtand in einem duͤnnen Waͤldchen, und das Gemach des Frauenzimmers war nicht weit davon entfernt, aber mit Graͤben umgeben. Um dieſelben konnten ſie gehen, ohne geſehen zu werden, weil ſie mit einer Leinen⸗Wand eingefaßt waren. Die Aufſicht war eini⸗ gen ſchwarzen Verſchnittenen anvertraut, welche die haͤßlichſten Grimaſſen machten, und die Augen ganz abſcheulich verdrehten, wenn ich die Tochter des Pa⸗ ſcha beſuchte, die mit einem beſchwerlichen Huſten geplagt war. Wenn die Frauenzimmer an das Land ſteigen, werden alle Mannsperſonen ſehr grob auf die Seite geſchafft. Man umſchlingt hierauf jede Dame mit fuͤnf bis ſechs Decken, und traͤgt ſie wie Kauf⸗ manns⸗Waare an das Geſtade, indeſſen die Verſchnit⸗ tenen ohne Unterlaß drohen, und ſchreien, wenn man auch noch ſo weit entfernt iſt. Am 20. April fuhr unſere Flotte an der Kuͤſte hin, und wir legten uns zu Kilia vor Anker. Die Tuͤrken ſtiegen an das Land, um ihr Gebet zu verrich⸗ ten. Ein guter Suͤd⸗Weſt⸗Wind brachte uns zum ———— 201 Fluſſe Ava. Die ganze Kuͤſte des ſchwarzen Meeres bis Trebiſonde iſt ausnehmend ſchoͤn gruͤn; die meiſten Waͤlder von hochſtaͤmmigen Baͤumen erſtrecken ſich ſo weit in das feſte Land, daß man ſie aus dem Geſichte verliert.. Am 29. April ſchlugen wir unſer Lager an dem Strande von Dichilites auf, und trafen ſchon am folgenden Tage in der Muͤndung des kleinen Fluſſes Anaplia ein. Die kleine Stadt Eregri, oder Penderachi, ſteht auf den Ruinen der vom Herkules erbauten Stadt Heraclea. Die Hoͤhle, durch welche Her⸗ kules in das unterirdiſche Reich ſoll geſtiegen ſeyn, um den Cerberus zu entfuͤhren, kann nicht mehr entdeckt werden, ungeachtet ſie zwei Stadien tief ſoll geweſen ſeyn. Ein einziger Kadi verwaltet daſelbſt die Juſtiz, und die Tuͤrken ſchaͤtzen ſich gluͤcklich, bei dieſen ſchoͤnen, verfallenen Gebaͤuden ihre Pfezfe Ta⸗ bak ruhig rauchen zu koͤnnen, ohne zu wiſſen, oder ſich zu bekuͤmmern, was ſich ehehin daſelbſt zugetra⸗ gen hat.. Wir hielten uns nur eine Nacht in Penderachi auf, erreichten bei ſchoͤnem Wetter den Fluß Par⸗ theni, den die Tuͤrken Dolap nennen, und der durch jene blumenreichen Wieſen fließt, wegen wel⸗ cher er von den Alten die Jungfrau genannt wor⸗ den iſt. 202 Amaſtris iſt ein ſehr ſchlechtes Dorf, welches auf der alten Stadt gleichen Namens erbaut worden iſt. Den Fluß Sita, den wir am 4. Mai erreichten, habe ich noch auf keiner Karte angetroffen.— Wir ſegelten um das Vorgebirge Piſello, und lagerten den 5. Mai an dem Ufer des Meeres bei Albano. Dort ſtehen nichts als ſchlechte Hütten, die fuͤr eine große Anzahl von Arbeitsleuten beſtimmt ſind, welche Schiffsfeile fuͤr die Schiffe des Großherrn verfertigen. Man trifft naͤmlich auf den Kuͤſten des ſchwarzen Mee⸗ res alles im Ueberfluſſe an, was man braucht, um die Arſenale, Magazine und Haͤfen des Kaiſers zu fuͤllen. Die Einwohner ſind verbunden, Holz zum Schiffbau zu faͤllen und zu ſaͤgen. Einige verfertigen Naͤgel, andere Segeltuͤcher und andere Nothwendig⸗ keiten. Ueber dieſe Arbeitsleute haben die Janitſcha⸗ ren die Oberaufſicht, und gewiſſe Leute werben das Schiffsvolk an. Das Land iſt vortrefflich, und hat an allen Arten von Lebensmitteln, an Getreide, Reis, Fleiſch, Butter und Kaͤſe einen Ueberfluß. Die Leute leben aber daſelbſt ſehr maͤßig. III. Wir wollten nun gerade nach Sinope ſe⸗ geln; allein der Regen noͤthigte uns, auf der Haͤlfte des Weges unſer Lager am Strande aufzuſchlagen. Man ſieht von dort ziemlich ſchoͤne Doͤrfer, am Ein⸗ gange ſchoͤne Waͤlder; Stephano iſt eines der an⸗ ſehnlichſten. Da das Meer ſehr hoch ging, ſo mach⸗ 203 ten wir uns zu Land auf den Weg, und erreichten am 20. Mai die genannte Stadt. Sinope nimmt die Landenge einer Halbinſel ein, und endiget ſich mit einem Vorgebirge. Die Stadt hat zwei ſehr gute Haͤfen. Außer den Tauen und Schiffſeilen, welche nach Konſtantinopel ver⸗ fahren werden, handelt man hier bloß mit Schiff⸗ Theer und eingeſalzenen Fiſchen, Makerelen und Pa⸗ lamiden. Die Theer bekommen ſie von den Delphi⸗ nen und Seekaͤlbern. Man muͤßte zwei Flotten ha⸗ ben, um die Stadt zu belagern. Es befinden ſich dar⸗ in wenige Janitſcharen, und man duldet keine Ju⸗ den. Die Griechen, gegen welche die Tuͤrken ſehr mißtrauiſch ſind, muͤſſen in einer offenen Vorſtadt wohnen. Wir, die wir fuͤr unheilig gehalten wurden, mußten bei ihnen wohnen.— Sinope iſt der Ge⸗ burtsort des beruͤhmten Philoſophen Diogen es, des Cynikers. Wir hatten ſchlimme Witterung, als wir weiter reiſten und Carora erreichten. Wir lagerten am Strande der Inſel, welche von dem Fluſſe Halys gebildet wird. Die Kuͤſten von Sinope bis nach Bithynien ſind mit Baͤumen bedeckt, deren Holz zum Schiffsbau tauglich iſt. Die Felder ſind mit Oli⸗ ven⸗Baͤumen beſetzt, und aus Ahorn⸗ und Nußbaum⸗ holz werden die ſchoͤnſten Geraͤthſchaften verfertiget und weit und breit verfuͤhrt. 204. Ein Nordwind noͤthigte uns, in der Muͤndung von Caſalmac einzulaufen. Dieſer iſt der groͤßte. Fluß auf dieſer ganzen Kuͤſte, ehehin unter dem Na⸗ men Iris bekannt. Wir ließen an dem Ufer des Meeres ein Dorf hinter uns liegen, das auf den Rui⸗ nen von Amiſus, einer alten Kolonie der Athenien⸗ ſer ſteht. Der Fluß Caſalmac befeuchtete jene ſchoͤne Ebene, wo die berufenen Amazonen ihr kleines Reich hatten. Wir fanden aber daſelbſt eine ſeltene Pflanze, was uns weit merkwuͤrdiger war, als alles, was man von diefen beruͤhmten Weibern erzaͤhlt.— Tetradi(Cherſanbadereſi) und Argyroponti (Chairpuelu) ſind gleichfalls nah gelegene Fluͤſſe, wel⸗ che in dieſer Gegend in das Meer muͤnden. Bei dem Auslaufe des kleinen Fluſſes Vatiza, ganz nahe bei— einem Dorfe gleiches Namens, landeten wir, um Er⸗’ friſchungen einzunehmen. Wegen hoher See mußten wir daſelbſt einige Tage liegen bleiben, die wir zum Kraͤuter⸗Sammeln wohl benuͤtzten. Wir trafen Lor⸗ beer⸗Baͤume, die hoͤher ſind, als unſere groͤßten Ei⸗ chen. Ungeachtet die Matroſen verſicherten, daß die See ſo ruhig ſey wie Oel, ſo prophezeihte doch einer, daß es ein ungluͤcklicher Tag ſey, und dieſes war ſchon genug, daß wir erſt nach dem Eſſen abreiſten, und zu Ceraſonte*) landeten. Dieſe iſt eine ziem⸗ *) Cerasus, Kirſchbaum. —⸗—;—x⸗⸗————ꝛꝛ——— 205 lich große Stadt, die an dem Fuße eines Huͤgels, an dem Ufer des Meeres, zwiſchen zwei ſehr ſteilen Fel⸗ ſen liegt. In der Umgegend wachſen die Kirſchbaͤume fuͤr ſich ſelbſt, und dieſe ſollen von der genannten Stadt ihren Namen erhalten haben. Drei Meilen von Tripoli, einem Dorfe, leg⸗ ten wir uns bei der Muͤndung eines kleinen Fluſſes vor Anker. Ehehin gab es in dieſer Gegend Kupfer⸗ Bergwerke, und man findet daſelbſt noch Spuren von dieſem Metalle.— Unſer naͤchſtes Lager ſchlugen wir an einer Waſſermuͤhle, bei Trebiſonde auf. Dieſe Stadt iſt in der Geſchichte ſehr beruͤhmt: denn ſie war einſt der Sitz der vertriebenen, griechiſchen Kai⸗ ſer. Die ganze Gegend um Trebiſonde iſt mit ei⸗ ner Pflanze bedeckt, welche zwar gerne von den Bie⸗ nen, die es dort haͤufig gibt, beſucht wird, allein wo⸗ von der Honig gleichſam vergiftet wird. Als die Ar⸗ mee der 10,000 Griechen nach Trebiſonde kam, lie⸗ ßen ſie ſich dieſen Honig wohl ſchmecken, wurden aber mit heftigem Erbrechen befallen, nach welchem eine Art Tollheit folgte. Ueberall ſah man auf der Erde, wie nach einer Schlacht, Koͤrper liegen. Indeſſen ſtarb doch kein Menſch, und das Uebel ließ am fol⸗ genden Tage, faſt in der naͤmlichen Stunde, wie⸗ der nach. Der letzte trebiſondiſche Kaiſer iſt von einem Stoße geſtorben, den ihm ſein Beſieger Maho⸗ met II. gegeben hat. 206 Die Stadt Trebiſonde liegt an dem uUfer des Meeres, an dem Fuße eines ziemlich ſteilen Huͤgels. Sie iſt groß, aber ſchlecht bevoͤlkert, und mit ſtarken Mauern umgeben. Man ſieht darin mehr Gaͤrten und Waͤlder, als Haͤuſer, die nur ein Stockwerk haben. Die Gegend um die Stadt iſt ſehr fruchtbar; auf den ſchoͤnen Bergen um das große Kloſter St. Johan⸗ nes findet man Eichen, Buchen und Tannen von ungeheuerer Groͤße. Das Haus der Moͤnche iſt ganz von Holz gebaut, hat aber eine ſo ſchoͤne Ausſicht, daß ich dort mit Vergnuͤgen meine Tage wuͤrde be⸗ ſchloſſen haben. Doch haben die Moͤnche weder Kuͤhe, noch Wiſſenſchaft, oder Buͤcher. Wer koͤnnte aber ohne alles das leben? Man ſteigt in das Haus auf einer ſehr ſchlechten Leiter, die in zwei Maſtbaͤumen beſteht, worein Stufen gehauen ſind. Eine Menge Quellen bilden einen ſchoͤnen Fluß, der uͤber die blu⸗ menreichſten Wieſen, zwiſchen den ſchoͤnſten Gebuͤſchen lauft, und mit den vortrefflichſten Forellen ange⸗ fuͤllt iſt. Die Polizei in den Staͤdten dieſes Landes iſt ſehr gut, und man hoͤrt nichts von Naͤubern. Dieſelben ſind alle auf dem Lande, wo ſie dem Reiſenden auf den Dienſt lauern. Man darf deßwegen nie ohne Ge⸗ ſellſchaft reiſen, aber eben auch nicht auf die zahl⸗ reichſte warten, ſondern ſich vielmehr zu denen halten, wo viele Tuͤrken und Franken ſtch befinden, d. h. 207 Leute, die ſich tapfer wehren. Die Duͤrken und Ar⸗ menier balgen ſich nicht gerne. Als wir von Trebiſonde unſere Reiſe zu Lande machen mußten, geſellten ſich zur Karavane des Pa⸗ ſchas von Erzeron viele Kaufleute. Wir reiſten am 3. Juni ab. Die Naͤuber flohen vor uns mit eben der Eilfertigkeit, mit der ſie andere Karavanen ver⸗ folgen, weil, wenn ein Paſcha reiſet, jedem Naͤuber, den man gefangen bekommt, der Kopf auf der Stelle abgeſchlagen wird.— Unſere Karavane beſtand aus mehr als soo Perſonen, wovon 300 dem Paſcha ge⸗ hoͤrten. Es war ſchoͤn, Pferde und Kamele in ſo gro⸗ ßer Anzahl beiſammen zu ſehen. Die Frauenzimmer befanden ſich in Dragſeſſeln, mit Gittern und gemal⸗ ter Leinwand verſchloſſen, daß man ſie fuͤr Affen⸗Kaͤ⸗ fige halten konnte. Waͤhrend der Reiſe ließ der Paſcha beſtaͤndig Mu⸗ ſik machen, die immer in einerlei Stuͤcken beſtand: denn die Tuͤrken behaupten, daß die Schoͤnheit der Dinge in der Einfoͤrmigkeit beſtehe. Die Tuͤrken be⸗ baupten aber auch, beſonders auf ihren Reiſen, die groͤßte Ordnung. Es war genau eingetheilt, wie die Geſellſchaft aufbrechen, fortziehen, und wieder Lager machen mußte.. Den s. Juni reiſten wir uͤber große Berge, die mit Eichen, Buchen und Tannen beſetzt waren. Wir ruhten endlich an dieſem Tage auf einer mit Schnee bedeckten Ebene; denn der Schnee ſchmilzt hier erſt 208 gegen Ende des Auguſt⸗Monats. Nun fuͤhrte uns der Weg uͤber große, voͤllig nackte Gebirge, die zum Theil vom Eiſe ſchon befreit waren. Manchmal war aber die Kaͤlte ſo ſtreng, und der Nebel ſo dick, daß einer den andern auf 4 Schritte weit nicht ſehen konnte. Auch fanden wir an manchen Tagen nicht ſo viel Holz, um die Laͤmmer zu kochen, die wir mit⸗ genommen hatten. Am 8. Juni war es, als ob ein Vorhang vor uns weggezogen wuͤrde; ein neues Land lag vor unſern Augen. Wir kamen in kleine, gruͤne Thaͤler, von angenehmen Baͤchen durchfloſſen und mit Pflanzen be⸗ deckt, die viel ſchoͤner waren, als wir ſie bisher zu ſehen gewohnt waren, daß wir nicht wußten, welche wir zuerſt ſammeln ſollten. Wir erreichten hierauf die kleine Stadt Baibout, die ziemlich feſt iſt, und auf einem ſteilen Felſen liegt. Dahin wurden die Ge⸗ fangenen aus allen benachbarten Gegenden gebracht, woruͤber der Paſcha Gericht hielt. Er ließ die mei⸗ ſten derſelben los, weßwegen er von vielen gelobt, von vielen aber auch getadelt worden iſt: denn die meiſten Boͤſewichter ſchienen, ihrem Geſichte nach, das Rad verdient zu haben. Unſere Tagreiſen waren von nun an ſo kurz, daß wir Muße genug hatten, dabei auch Pflanzen zu ſu⸗ chen. In der Nacht vom 14. Juni ſchien der Mond ſo ſchoͤn, daß die Tuͤrken, welche den ganzen Tag uͤber geſchnarcht hatten, ſich auf den Weg machten. —— 209 Wie haͤtten wir aber bei dem Mondſcheine Pflanzen ſuchen ſollen? Indeſſen unterließen wir doch nicht, unſere Saͤcke zu fuͤllen. Die Kaufleute lachten über uns, da ſie uns auf allen Vieren kriechen und Pflanzen abbrechen ſahen. Wir fanden aber am Morgen un⸗ ſere Beute ſehr reich. Das Land, wo wir in dieſem Augenblicke waren, war Groß⸗Armenien und Du rkomanien. Ueber fruchtbare Wieſen, die mit allen Arten von Getreide beſaͤt waren, gelangten wir zur Bruͤcke von Eliia, an einem Arme des Euphrats. Am 18ten Juni gelangten wir endlich nach Erzeron. Dieſes iſt eine ziemlich große Stadt, welche 5 Tagreiſen von dem ſchwarzen Meere, und 10 von der Graͤnze Per⸗ ſiens liegt. Es war daſelbſt noch bedeutend kalt, und erſt vor Kurzem Schnee gefallen. Die Gegend iſt ſehr fruchtbar an Getreide, doch erntet man erſt im Sep⸗ tember, in welchem man oͤfters Eis antrifft. Ale⸗ rxander Severus verlor hier eine Armee; ſeine Soldaten blieben halb erfroren auf dem Wege liegen; man mußte ihnen Haͤnde und Fuͤße abſchneiden. Ne⸗ ben dieſer ſtrengen Winterkaͤlte zu Erzeron iſt es ungemein verdrießlich, daß das Holz ſo ſelten und theuer iſt. Man findet weder Baͤume noch Straͤuche, und brennt insgemein Kuͤh⸗Miſt. Davon nehmen alle Speiſen einen haͤßlichen Geruch an. Sehr gute Fruͤchte kommen aus Georgien, welches Land viel 34ſtes B. Türkei. II. 2. 6 . 210 waͤrmer und mit Ueberfluß in allen Dingen geſeg⸗ net iſt. Die Stadt Erzeron hat mehr zu bedeuten, als Drebiſonde; ſie iſt mit doppelten Mauern umge⸗ ben, die mit Thuͤrmen verſehen ſind. Die Graͤben ſind weder tief, noch wohl unterhalten. Der Janit⸗ ſcharen⸗Aga bewohnt eine Art eines Forts, das auf einem erhabenen Orte der Stadt ſteht. Wenn der Paſcha, oder die vornehmſten Perſonen des Landes in dieſes Haus kommen, ſo geſchieht es bloß, daß ſie ihre Koͤpfe dort laſſen.— Alle Tuͤrken zu Erzeron ſind Janitſcharen, welche den Aga bezahlen, daß er ſie als ſolche annimmt. Sie duͤrfen dann alle Grob⸗ heiten ausuͤben. Die Griechen ſind faſt alle Kupfer⸗ ſchmiede, und wohnen in der Vorſtadt. Das Kupfer wird aus den benachbarten Gebirgen dahin gebracht. Sie ſchmieden Tag und Nacht, ohne Unterlaß. Ueber Erzeron fuͤhren alle Handels⸗Straßen nach Indienz; auch iſt daſelbſt die Niederlage aller Kaufmanns⸗Waaren. Die Tuͤrken fordern von jedem Fremden Kopfſteuer, die ſehr willkuͤhrlich iſt. Dieſer, ſagen ſie, muß 10 Thaler wegen ſeiner guten Ge⸗ ſichtsbildung zahlen; ein Haͤßlicher kommt oft um⸗ ſonſt durch; doch werden ſie gewoͤhnlich erbaͤrmlich geſchunden. Gegen Morgen von Erteron ſind Gebirge, ſo hoch, wie unſere Alpen, und mit ewigem Schnee be⸗ deckt. Darin entſpringen die Quellen des Euphrats. 211 Dieſer Fluß ließe ſich von ſeinem Urſprunge an leicht ſchiffbar machen, um ihn bis in das ſchwarze Meer zu benuͤtzen; allein die Tuͤrken laſſen die Welt, wie ſte iſt, und die Kaufleute benutzen ſie, ſo gut ſie im⸗ mer koͤnnen.— Anſtatt den kuͤrzeſten Weg auf dem Fluſſe nehmen zu koͤnnen, muͤſſen ſie die Reiſe von Erzeron nach Alep 2s Tage zu Lande machen, wo ſie von Raͤu⸗ bern bis an die Thore der Stadt verfolgt werden. Denn um ganz Erzeron ſind die Curden, oder die Voͤlker von Curdiſtan, die von den Chaldaͤern abſtammen ſollen. Sie ſind nun von Natur Raͤuber, die keine andere Religion haben, als daß ſie ſich ſehr vor dem Teufel fuͤrchten, dem ſie alle Ehre erweiſen, damit er ihnen nichts Leids zufuͤgen moͤchte. Sie er⸗ kennen keinen Herrn uͤber ſich, und die Tuͤrken ſelbſt ſtrafen weder ihre Mordthaten, noch ihren Raub. Werden ſie gefangen, ſo muͤſfen ſie ſich los kaufen, was auf Koſten der Beraubten geſchieht. Oefters ſchleichen ſie ſich bei Nacht zu den Zelten der Kara⸗ vanen, und ziehen mit Hacken die— in Ballen ge⸗ packten Guͤter fort. Oft kommen ſie bei Tage zu den Karavanen, die ſich mit Geld wieder von ihnen los kaufen muͤſſen. Indeſſen ſind die Curden keine Menſchen⸗Freſſer; ſie laſſen es nur dabei bewenden, daß ſie ſolche ausziehen. Doch konnten wir nich. wiſſen, ob dieſen Leuten, bei denen Mode war, Ver⸗ ſchnittene zu machen, nicht die Luſt ankommen koͤnnte 212 uns zu metamorphoſiren, in der Hoffnung, uns dann theuerer verkaufen zu koͤnnen. Indeſſen gelang uns doch, durch die Vermittlung eines griechiſchen Bi⸗ ſchofes, etwas naͤher mit dieſem Volke bekannt zu werden. Die Curden leben in Zelten von dunkel⸗ braunem Duche, die ſie wie eine ſpaniſche Wand zu⸗ ſammen legen, und nebſt ihren Geraͤthen und Kindern auf Ochſen und Kuͤhe packen koͤnnen, die alles tragen muͤſſen. Die Kinder ſind in der Kaͤlte faſt nackend; ſie trinken nichts, als Eiswaſſer, oder bei dem Rauche des Kuͤhmiſtes geſottene Milch. Ihre Heerden trei⸗ ben ſie von einem Berge zum andern; bei guten Vieh⸗ weiden bleiben ſie liegen. Mit dem Anfange Oktobers aber muͤſſen ſie aufbrechen, und ſich nach Kurdiſtan oder Meſopotamien begeben. Die Mannsperſo⸗ nen ſind wohl beritten, und tragen große Sorge für ihre Pferde. Ihre Waffen beſtehen bloß aus Lanzen. Die Frauenzimmer reiten auf Pferden und Ochſen; man koͤnnte ſie fuͤr Baͤren halten. Einige haben Ringe in dem Naſen⸗Loche haͤngen. Man ſagte uns, daß dieſe Braͤute ſeyen. Sie ſind ſehr haͤßlich. Ihre Augen ſind nicht weit offen, der Mund iſt erſtaunlich weit geſpalten, die Haare ſind ſchwarz, wie Kohlen, und das Geſicht kupferig. Der Paſcha von Erzeron uͤbergab uns vor un⸗ ſerer Abreiſe aus ſeiner Provinz ein Empfehlungs⸗ Schreiben an den Paſcha von Kats, denn wir wa⸗ ren entſchloſſen, nach Tiflis zu reiſen, und ließ 213 uns uͤberdieß noch ein ſehr vortheilhaftes Patent aus⸗ fertigen, in welchem er unſerer Geſchicklichkeit in der Arznei⸗Wiſſenſchaft ein ſehr großes Lob beilegte, auch unſere Auffuͤhrung ſehr ruͤhmte. Wir reiſten am 6. Juli von Erzeron ab, und kamen an dieſem Tage bis nach Elzelmie, einem gegen Norden liegenden Dorfe. Linker Hand ſahen wir viele Berge, mit Schnee bedeckt; in der Nacht vom 3. auf den 4. war zu Erzeron noch viel Schnee gefallen. Unſere Ka⸗ ravane beſtand aus 200 Mann, welche meiſtens Kauf⸗ leute und gut bewaffnet waren. Bald zogen wir uͤber ein wenig angebautes Land, wo weder Dorf noch Stadt, ja nicht einmal ein Geſtraͤuch zu ſehen war. Hierauf reiſten wir uͤber Berge, bis wir in eine ſehr ſchoͤne Ebene kamen, wo wir bei Cotaec, einem ſehr ſchlechten Dorfe bei einem Bache, lagerten. Auf den Huͤgeln fing erſt das Gras an hervor zu ſtechen. Man findet hier, ſelbſt in den beſten Gruͤnden, kaum ſo viel Weide, als fuͤr die Pferde noͤthig iſt, und die⸗ ſes iſt Urſache, daß hier wenige Raͤuber ſich einfinden: denn dieſe Leute reiſen nicht, wie die Bettler. Der Boden, uͤber welchen wir unſere Reiſe fortſetzten, traͤgt nicht viel, weil es hier in der Nacht gefriert, obwohl es waͤhrend des Tages ſehr heiß iſt. Die Art, dieſen Boden zu pfluͤgen, iſt ſonderbar. Man ſpannt 12 Paar Ochſen an einen Pflug; jedes Paar hat ſei⸗ nen eigenen Poſtillon, und der Bauer ſtellt ſich auf den Pflug. 214 Kars iſt der letzte Ort in der Tuͤrkei auf der verſiſchen Graͤnze. Ganz oben in der Stadt ſteht auf einem ſteilen Felſen ein Kaſtell, das von alten Thuͤr⸗ men beſchuͤtzt wird. Hier ſind die Fremden den groͤß⸗ ten Neckereien der tuͤrkiſchen Beamten ausgeſetzt, die ſie ſchinden, ſo gut ſie koͤnnen. Wir verlangten den Paſcha zu ſprechen; ſein Chiaia aber ſagte uns auf die hoͤflichſte Art, daß alle unſere Patente keinen Werth haͤtten, und daß man uns nicht erlauben wuͤrde, weiter zu reiſen. Denn wir ſeyen wahrſchein⸗ lich Spionen des Großfuͤrſten von Moskau, weil man erfahren hatte, daß wir, unter dem Vorwande, Pflanzen zu ſuchen, Staͤdte abzeichneten, uns nach der Zahl der Truppen, und nach dem Urſprung der Fluͤſſe erkundigten. Alles dieſes verdiene in der Tuͤr⸗ kei die Strafe des Feuers: denn man koͤnne ſich un⸗ moͤglich vorſtellen, daß wir ſo weit gereiſet ſeyen, bloß um Heu zu ſammeln. Zum Gluͤck trafen wir einen Aga des Paſcha von Erzeron, der eben angekommen war, und uns ſo⸗ gleich erkannte. Erſtaunt uͤber unſer Abentheuer, ging er zum Paſcha, und brachte uns die Nachricht zuxuͤck, daß uns alle Wege des Reiches offen ſtaͤnden. Wir dankten auf das hoͤflichſte und eilten voll Freude in unſer Lager zuruͤck. Waͤhrend wir bei Tiſche waren, kam einer der Bedienten des Aga, und ſagte uns, daß ſein Herr uns einen großen Dienſt geleiſtet haͤtte; daß er dafuͤr von uns keine Lrkenunlichkei 215 erwartete, daß wir aber ſelbſt ſo hoͤflich ſeyn wuͤrden, ihm ein Geſchenk zu machen. Wir beſchenkten den Diener mit Geld, und ſeinen Herrn mit einigen Saͤcken Kaffee. Aus Furcht, man moͤchte noch ein⸗ mal kommen, und uns mehr dergleichen Komplimente machen, entſchloſſen wir uns, bis zur Abreiſe der Ka⸗ ravane auf dem Lande zu bleiben, und Pflanzen zu ſuchen. Denn die Tuͤrken pluͤndern beſtaͤndig, beſon⸗ ders auf ihren Graͤnzen; doch muß man ihnen zum Lobe nachſagen, daß ſie gewoͤhnlich mit dem zufrieden ſind, was man ihnen gibt. Aus Kars koͤnnte man eine der beſten Feſtungen in der Levante machen. Den 14. Juli brachen wir eine Stunde nach Mit⸗ ternacht auf, und gegen Morgen ſchlugen wir unſer Lager bei einem großen Flecken, Namens Barguet, deſſen Kaſtell halb nieder geriſſen war. Am andern Tage kamen wir zu einem kleinen, aber betraͤchtlichen Fluſſe, der ſich in den Arpagi ergießen ſoll. Den 16. Juli reiſten wir um 4 Uhr des Morgens ab, und lagerten gegen s Uhr auf einer ſchoͤnen und großen Wieſe, wo unſere Zelten das erſtemal auf dem Ge⸗ biete des Koͤnigs von Perſien aufgeſchlagen wurden. Wir befanden uns in Georgien. Dieſes iſt ein vortreffliches Land. Sobald man ſich auf perſiſchen Boden befindet, wird Einem alles, was zur Leibes⸗ nahrung und Nothdurft gehoͤrt, Brod, Wein, Huͤh⸗ ner, Schweine, Schafe ꝛc. angeboten. Doch verach⸗ 216 ten die Georgier das Geld, und wollen ihre Waare nicht verkaufen, ſondern ſie fuͤr Ringe, Glaskorallen, Nadeln, Meſſer ꝛc. vertauſchen. Die Maͤdchen glau⸗ ben viel ſchoͤner zu ſeyn, wenn ſie fuͤnf bis ſechs Halsſchnuͤre tragen, die ihnen auf die Bruſt herab haͤngen. Fuͤr eine Halsſchnur gab man uns ein gro⸗ ßes Huhn, und fuͤr Armbaͤnder eine ziemliche Portion Wein. Die Mahometaner eſſen hier Schweinefleiſch, weßwegen ſie von den Tuͤrken ſehr verachtet werden. Die Georgierinnen haben ein geſundes Anſeben, das ſie angenehm macht. Im uͤbrigen aber ſind ſie weder ſchoͤn, noch wohl gebaut. Die Haut ihres Ge⸗ ſichtes iſt oͤfters durch die Duͤnſte des Kuhmiſtes ge⸗ raͤuchert. Man ſagte uns, daß die ſchoͤnſten Maͤd⸗ chen, ſobald ſie ſieben Jahre alt ſeyen, weggenommen wuͤrden, um in den Harem des Koͤnigs von Perſien, oder nach der Tuͤrkei geliefert zu werden. Mit die⸗ ſem Handel geben ſich oͤfters die naͤchſten Anverwand⸗ ten und Freunde des Hauſes ab. Um dieſer unauge⸗ nehmen Sache vorzubeugen, ſteckt man die Schoͤnen ſchon mit 8 Jahren in eine Art von Kloſter, weßwe⸗ gen wir die verliebten Blicke, die wir von Paris mitgebracht hatten, gar nicht anbringen konnten. Am 141. Juli reiſten wir uͤber eine große Ebene, nachdem wir uͤber ziemlich hohe Berge, wo die Kaͤlte ſehr ſtreng war, gekommen waren. Am andern Tage aber ſetzte uns die Veraͤnderung der Landſchaft in ein ſo angenehmes Erſtaunen, daß wir in eine neue Welt 217 gekommen zu ſeyn glaubten. Hier ſahen wir nichts als Waͤlder von Eichen, Ahorn, Linden, Buchen ꝛc.; auch waren Birn⸗, Pflaumen⸗ und Aepfel⸗Baͤume nichts ſeltenes. Man war mit der Getreide⸗Ernte in den Thaͤlern beſchaͤftigt, und der uͤppige Weinſtock verſprach ein reichliches Ertraͤgniß. Wir reiſten den 20. Julius die ganze Nacht, was bei den Fuhrleuten dieſes Landes ſehr gewoͤhnlich iſt, um den Boten der perſiſchen Fuͤrſten auszuweichen, welche, um ihre Reiſe deſto ſchneller fortzuſetzen, das Recht haben, alle Pferde wegzunehmen, die ſie auf den Heerſtraßen antreffen. Doch ſind hievon die Frem⸗ den ausgenommen: denn ſie glaubten, dadurch an ihnen die Rechte der Gaſtfreundſchaft zu verletzen. Die Boten muͤſſen ſo lange zu Fuß gehen, bis ſie Pferde antreffen. Wir kamen nach Tiflis, der Hauptſtadt in Georgien. Sie liegt auf dem Abhauge eines ganz nackten Berges, in einem ſehr engen Thale, iſt ziem⸗ lich groß, und wohl bevoͤlkert. Die meiſten Haͤuſer ſind niedrig, haben wenig Licht, und ſind von Zie⸗ gelſteinen aufgebaut. In der Mitte iſt eine Citadelle; der Fluß Kur, der ſehr tief iſt, fließt von oben bis unten vorbei. In derſelben liegt der Palaſt des Fuͤr⸗ ſten. Die Gaͤrten, die Vogelhaͤuſer, der Bazar und die Baͤder ſind merkwuͤrdig, und verdienen beſucht zu werden. Zu Tiflis ſindet man auch ein italiſches Kapuziner⸗Kloſter, deſſen Moͤnchen erlaubt iſt, die 218 Arznei⸗Kunſt zu treiben. Wenn der Kranke ſtirbt, oder nicht geſund wird, ſo werden ſie nicht bezahlt. Wird er aber geſund, was meiſtens von ungefaͤhr geſchieht, ſo ſchickt man Wein, Kuͤhe, Sklaven, Schafe ꝛc. in das Kloſter. Darin beherbergen ſie auch faſt alle Franken, die nach Tiflis reiſen. Der Fuͤrſt dieſer Provinz war ein ſehr wankelmuͤ⸗ thiger Herr, der bei unſerer Anweſenheit das Todes⸗ Urtheil uͤber einen Verbrecher ſechsmal ausſprach, und ſechsmal wieder zuruͤck nahm. Zuletzt ſtrafte er den Henker, der das Urtheil vollzogen hatte. Dieſe Hen⸗ ker ſind in Georgien ſehr reich, und dieſes Amt wird von den angeſehenſten Maͤnnern verwaltet. Es iſt ein Ehrentitel fuͤr Familien, und man ruͤhmt ſich, viele Henker unter ſeinen Ahnen gehabt zu haben. IV. Ungefaͤhr 20 Meilen von dem Urſprunge des Euphrats und des Araxus liegt die ſchoͤne Land⸗ ſchaft der drei Kirchen. Wir kamen dahin uͤber den Fluß Kur, abwechſelnd uͤber ſehr fruchtbare, oft ſumpfige Gegenden, oder rauhe Gebirge, bis wir je⸗ nen Ort erreichten, welchen die Armenier mit eben der Andacht, wie die Katholiken Rom beſuchen. Daſelbſt iſt das Konvent des Patriarchen, worin auch die Moͤnche und die Fremden wohnen. Das Kloſter beſteht aus vier Gebaͤuden; die Gaͤrten ſind ſchoͤn und wohl unterhalten. Die patriarchaliſche Kirche ſteht in der Mitte des großen Hofes; man zeiget darin den Arm des h. Gregorius, einen Finger des h. Pe⸗ —— 219 trus u. a., aber auch einen ungeheuern Kirchen⸗ Schatz von praͤchtigen Ornaten, ſilbernen und golde⸗ nen Gefaͤßen. Die Armenier uͤberhaupt, und beſonders ihre Kaufleute, welche durch den Handel nach Eu⸗ ropa unermeßliche Reichthuͤmer gewinnen, haben nichts geſpart, um dieſe Kirche zu bereichern. Auch verſchiedene Paͤpſte haben hieher viel Silber geſchickt, in der Abſicht, ſie zur Vereinigung geneigt zu machen. Von den beiden andern Kirchen, welche ſich außer dem Kloſter befinden, iſt eine der h. Reprima ge⸗ widmet. Man erzaͤhlt von ihr folgende Legende: Dieſe roͤmiſche Prinzeſſin kam nach der Levante, um den h. Gregorius zu ſehen. Tiridates, der Koͤnig von Armenien, ließ ſie in einen Brunnen voll Schlangen werfen. Nachdem ihr aber dieſe nicht im mindeſten ſchadeten, und ſie nach 40 Tagen un⸗ verſehrt zuruͤck kam, habe der Koͤnig ſie, oder eine ihrer vierzig Geſpielinnen zur Ehe begehrt. Da ſie aber hiezu nicht zu bewegen waren, habe er alle um⸗ bringen laſſen. 4 21. Die Gegend um dieſe drei Kirchen iſt wirklich ſo ausnehmend ſchoͤn, daß man ſie mit Recht das ir⸗ diſche Paradies nennen kann. Die ſchoͤnſten Quellen machen den Boden fruchtbar. Alle Arten Getreides, und vortrefflicher Tabak wachſen im Ueberfluſſe; eben ſo alle Arten von Fruͤchten. Die Melonen ſind die beſten in der ganzen Welt. Sie verurſachen Nieman⸗ den uͤblen Erfolg: denn je mehr wir aßen, deſto beſ⸗ 220 ſer befanden wir uns. Sie ſind bei der groͤßten Ta⸗ ges⸗Hitze ſo kalt wie Eis, ungeachtet ſie auf der Erde in der Mitte der Felder liegen, wo der Boden ſehr heiß iſt. Die Einwohner des Landes ſchaͤlen ſie, und eſſen ſie wie die Aepfel. Sie wachſen auf ſalzigem Boden, wo ſich nach dem Regen das Meerſalz voͤllig kryſtalliſirt. Denn einige Meilen davon, auf dem Wege nach Tiflis, ſind Salzberge, wo man die Salzſteine wie den Marmor bricht. Auf derjenigen Seite, wo ſie nicht mit Erde bedeckt ſind, ſehen ſie wie Silber aus, wenn ſie die Sonne beſcheint. Wir hatten in dem Kloſter der drei Kirchen eine gute Tafel. Die Moͤnche kuͤhlten uns den Wein mit Eis; das Geheimniß aber, die Muͤcken aus ihrem Kloſter zu verbannen, wiſſen ſie nicht. Alle Morgen war unſer Angeſicht voll Beulen. Vergebens ſahen wir uns nach Fuhrleuten um, die uns nach dem nahe gelegenen Berge Ararat fuͤhren wollten. Der ewige Schnee bedeckt die Haͤlfte deſſelben, und ſoll auch noch die Ueberbleibſel der Arche begraben halten, welche ſich hier, nach der Schrift, niedergelaſſen ha⸗ ben ſoll. Doch bleibt der Schnee in Armenien auch auf kleinern Bergen den ganzen Sommer liegen. Wir reiſten den 8. Auguſt nach Erivan, der Hauptſtadt im perſiſchen Armenien. Sie iſt mit Weinbergen und andern Gaͤrten angefuͤllt, liegt am Ende einer Ebene auf einem Huͤgel, und iſt mit ſchlechten Mauern umgeben. Die Einwohner ſind ſo —— — 221 einfaͤltig, daß ſie glauben, ihre Weinſtoͤcke ſeyen noch von der Art, wie ſie Noah gepflanzt hat. Jedoch iſt der Wein ſehr gut, und dieſes gereicht ihnen zum groͤßern Ruhme. Die Haͤuſer zu Erivan ſind nur ein Stockwerk hoch, und jedes iſt mit einer Mauer eingeſchloſſen. Man wird daſelbſt wohl bewirthet; die Rebhuͤhner ſind ſehr gemein. Der Weinbau koſtet viele Muͤhe; denn die Weingaͤrtner ſehen ſich wegen des Froſtes genoͤthiget, die Weinſtoͤcke nicht allein ein⸗ zubinden, ſondern auch im Anfange des Winters ein⸗ zugraben.— Die Kirchen der Chriſten ſind klein, und ſtehen halb in der Erde. Auch die perſiſchen Mo⸗ ſcheen ſind unan ſehnlich. Wir begaben uns zum Patriarchen der Griechen, und kuͤßten ihm, nach der Gewohnheit des Landes, die Hand. Die Ceremonie gefiel ihm ſehr wohl; wir aber brauchten ſeine Huͤlfe, damit er uns gegen Be⸗ zahlung gute Pferde und Wegweiſer ſchaffen ſollte. Er ſetzte uns verſchiedene Fruͤchte und Wein vor, den wir aber nicht genießen konnten, weil wir kein Brod dazu hatten. Er fragte uns, ob wir den Papſt geſe⸗ hen haͤtten, und es verdroß ihn ſehr, da wir ihm ſagten, daß ſolches erſt nach unſerer Zuruͤckkunft ge⸗ ſchehen wuͤrde.„Wie kommt es, ſagte er, daß ihr eine ſo weite Reiſe gemacht habt, um miich zu ſehen, da ihr doch euern Patriarchen noch nicht geſehen habt?— Indeſſen gab er uns die noͤthige Beglei⸗ tung, und ein Empfehlungs⸗Schreiben an die Moͤnche, 222„ die ſich auf dem Wege nach dem Berge Ararat be⸗ finden. Wir uͤbernachteten auch noch an dieſem Tage, zwei Stunden von Erivan, in einem armeniſchen Kloſter, Namens Nocquevit. Corvirap iſt eben⸗ falls ein armeniſches Kloſter, deſſen Kirche an einem Brunnen ſteht, in welchen der h. Hieronymus geworfen, und wunderbar erhalten worden iſt. Das Kloſter liegt auf einem Huͤgel, wo wir zum er⸗ ſten Male den Fluß Araxus ſahen. Am folgenden Tage mußten wir durch die Furth dieſes Fluſſes wan⸗ deln, was nicht ohne viele Muͤhe geſchah. Bald dar⸗ auf waren wir aber auch ſchon am Fuße des Ara⸗ rats. Nach der Gewohnheit des Landes ſpeisten wir in der Kirche eines Kloſters, das Kloſter der Apo⸗ ſtel genannt, das an dem Dorfe Acvurlon liegt. Schon am andern Morgen machten wir uns auf den Weg, um den beruͤhmteſten Berg in der Welt zu be⸗ ſteigen; es wurde uns aber recht ſchwer: denn man muß durch beweglichen Sand waden. Nur wenige Wachholder⸗Straͤuche und Bocksdorne waren hier und da ſichtbar. Darauf loͤſten ſich in einem ſchrecklichen Hohlwege alle Augenblicke Felſen los, die ein fuͤrch⸗ terliches Getoͤſe verurſachten, und die Tiger aus ih⸗ ren Lagern aufſchreckten, die hier ungeſtoͤrt hauſen. Die Hirten in der Gegend fangen ſie mit Netzen und verkaufen ſie dann nach den Hauptſtaͤdten Per⸗ ſiens.— Das Beſchwerlichſte auf dieſem Gebirge beſtehet darin, daß der Schnee, welcher auf dem ſel⸗ 223 ben ſchmelzt, durch eine unzaͤhlige Menge von Quellen in den Abgrund kommt. Unſere armeniſchen Fuͤhrer kuͤßten die Erde, die ſie hier fuͤr heilig halten, und ſagten einige Gebete.— Wir trafen einige Huͤt⸗ ten der Hirten, welche aͤußerſt elend ſind, und die ſie von einem Orte zu dem audern tragen: denn ſie koͤnnen hier nicht laͤnger bleiben, als die gute Witte⸗ rung erlaubt. Dieſe armen Hirten fuͤrchteten ſich an⸗ fangs vor uns, wir machten ſie aber durch Geſchenke bald zutraulicher: Sie ſchauderten vor dem Gedanken, den Ararat zu beſteigen, wieſen uns jedoch die Hoͤ⸗ hen, die man noch am beſten erklettern koͤnnte, Al⸗ lein auf dieſer Seite waͤren weder Quellen, noch könnte man Speiſe und Trank dahin ſchleppen, weil man genug mit ſich ſelbſt zu thun haͤtte. Wir muß⸗ ten alſo die Vorſicht gebrauchen, etwas zu ſpeiſen, und dieſes war eine eben ſo harte Strafe fuͤr uns, daß wir eſſen ſollten, ohne einen Hunger zu haben, als die Pein groß war, daß wir tranken, ohne Durſt zu haben. Dieſes war aber ſchlechterdings noͤthig. Wir ſchickten dann unſere Pferde voraus, und befah⸗ len den Fuͤhrern, in einem oͤden Kloſter, unten in dem Abgrunde, zu warten. Man konnte auf dem Sande keinen feſten Tritt thun, weßwegen man ungleich muͤder wird, als auf dem feſten Boden. Gewiß eine luſtige Reiſe fuͤr Leute, die nichts als Waſſer in dem Magen haben, wenn ſie immer bis an die Kuoͤ⸗ cheln im Sande waden muͤſſen. Trafen wir etwas 224 Gras an, ſo machte ſolches unſere Sohlen ſo glatt, daß ſie wie Glas abglitſchten. Hierauf kamen wir uͤber Felſen, die keineswegs mehr eine Ebene bildeten, ſondern wir mußten von Spitze zu Spitze ſpringen. Dieſe Uebung war ſehr unangenehm, und wir kamen uns wie Unſinnige vor. War die Erdflaͤche auch et⸗ was weniger rauh, ſo beſtand dieſelbe doch aus klei⸗ nen Splittern von Steinen, welche der Froſt zer⸗ ſprengt, deyen Spitzen wie Flintenſteine ſchneiden. Unſere Fuͤhrer ſagten, daß ſie ihre Schuhe ſchon durchgetreten haͤtten, und daß es uns im Kurzen auch bald ſo gehen wuͤrde. Auch war ſchon die Mittags⸗ zeit voruͤber, und wenn wir nicht umkehren wollten, ſo liefen win Gefahr⸗ von der Nacht uͤberraſcht, und von den Tigern geſpeist zu werden. Deßwegen nah⸗ men wir uns vor, nicht mehr weiter, als bis uͤber einen Haufen Schnee hinaus zu gehen. Als wir den⸗ ſelben erreicht hatten, aß ein jeder davon ſo viel, als er wollte. Man kann nicht glauben, wie der Schnee ſtaͤrkt, wenn man ihn ißt. Einige Zeit darauf findet man in dem Magen eine Waͤrme, gleich jener, die man an den Haͤnden ſpuͤhret. Statt Leibreiſſen em⸗ pfindet man nach einer halben Stunde eine ſehr wohl⸗ thaͤtige Waͤrme.— Nach dieſem Genuſſe traten wir die Nuͤckreiſe mit aller Munterkeit an, nahmen aber einen andern Weg, auf welchem wir zu einem greu⸗ lichen Abgrunde kamen. Ich konnte ihn nicht ohne Zittern anſehen, und der Kopf wurde mir ſchwindlich, ——— 225 wenn ich in die Tiefe ſehen wollte. Das Geſchrei einer großen Menge von Kraͤhen, die beſtaͤndig von einer Seite auf die andere flogen, hat ebenfalls etwas Grauenvolles. Hierauf rutſchten wir uͤber eine Stunde auf dem Nuͤcken uͤber einen gruͤnen Boden fort, der mit ganz kurzem Graſe bewachſen war. Die Nacht, und ein wiederholter Durſt, waren der kraͤftigſte An⸗ trieb, eilfertig zu ſeyn. Wenn wir auf Kieſelſteine kamen, gingen wir ruͤcklings auf allen Vieren.— So kamen wir nach und nach zu dem verfallenen Klo⸗ ſter, wo unſere Pferde waren. Noch war aber un⸗ ſer Elend nicht zu Ende. Es war kein Waſſer in der Naͤhe, und man mußte eine halbe Stunde weit in einen Abgrund ſteigen, um einiges zu holen. Dazu hatten wir nur eine einzige Flaſche, die jeder von uns auf einen Zug leerte. Bis wir alle geſaͤttiget waren, und unſer kleines Nachtmal eingenommen hatten, wurde es beinahe Mitternacht. Nun aber ſielen wir in einen tiefen Schlaf, ohne Traͤume, ohne alles Gefuͤhl, ſelbſt dem nicht, daß uns jaͤmmerlich die Muͤcken ſtachen. Trotz aller dieſer Muͤhe hatten wir wenig Ausbeute fuͤr unſere Pflanzen⸗Sammlung gemacht, jedoch den Wunſch erfuͤllt, den beruͤhmten Ararat, ſo weit es moͤglich war, beſtiegen zu haben. Haͤtten wir dieſes nicht verſucht, wir haͤtten uns ewig Vorwuͤrfe gemacht. Am folgenden Tag aber traten wir ſogleich unſere Ruͤckreiſe an, und ſo gelangten wir wieder in einigen 54ſtes B. Türkei. II. 2. 7 226 Tagen gluͤcklich zu den drey Kirchen zuruͤck. Auch von dort brachen wir den 16. Auguſt ſchon wieder auf, um auf einem andern Wege nach Erivan zu kommen. Auf dieſer Reiſe drohte mir die große Gefahr, zu ertrinken. Wir mußten den Fluß Arpuſa uͤberſetzen. Er iſt ſehr tief, und nimmt von Zeit zu Zeit große Stuͤcke von Steinen mit ſich fort, die vom Gebirge herabkommen, und die man unten auf dem Boden des Waſſers nicht ſehen kann. Auf dieſem Boden koͤnnen die Pferde ihre Fuͤße nicht ſicher ſetzen; ſie fallen ſehr oft, und brechen die Beine, wenn ſie zwiſchen dieſe Steine kommen. Mein armes Thier ſiel ſo tief hin⸗ ein, daß nur der Kopf desſelben aus dem Waſſer her⸗ vorragte. Das Geſchrei unſerer Fuhrleute vermehrte meine Furcht, und meine Kameraden konnten mir nicht beiſtehen. Allein meine Stunde war noch nicht gekommen. Ich litt weiter keinen Schaden, als daß ich meine Kleider und Papiere mußte trocknen laſſen. Nicht ohne Gefahr vor den Raͤubern, welche in dieſen Gegenden rottenweiſe herum ſchwaͤrmten, ka⸗ men wir wieder auf tuͤrkiſches Gebiet, und erreichten Kars den 11. Auguſt. Wir hielten uns daſelbſt eini⸗ ge Tage auf, und ſuchten Kraͤuter. Dabei hatten wir Gelegenheit, einigen tuͤrkiſchen Vornehmen aͤrztli⸗ che Huͤlfe zu leiſten, und der Aga, welcher ſich unter denſelben befand, verſprach uns, auf unſerer weitern Reiſe ſelbſt unſer Begleiter zu ſeyn, und uns vor den Anfaͤllen der Kurden zu ſchuͤtzen. So wahr iſt es, daß 227 es an allen Orten rechtſchaffene Leute gibt, und daß eine Buͤchſe guter Arzeneien ein vortrefflicher Paß iſt. Man kann ſich in der Welt keine beſſern Freunde ma⸗ chen, als mit der Arzenei⸗Kunſt. Die Rechtsgelehrten der ganzen Welt wuͤrde man dagegen fuͤr unbedeuten⸗ de Leute halten. Der Aga brach mit uns am 23. Auguſt von dars auf, um zugleich eine Fuhre Geld nach Erzeron zu liefern. Nach einigen Tagen kamen wir bei den Baͤdern von Aſſancale an, welche ſehr ſchoͤn gebaut ſind und an den Ufern des Araxus liegen. In der Mitte einer Ebene ſteht ein ſchrecklich ſteiler Felſen, auf welchem man die Stadt und eine Feſtung gebaut hat, welche der ganzen Gegend furchtbar iſt, und wo man ſich mehr vor dem Hunger als vor den Kanonen fuͤrchtet. Die Mauern laufen ſchneckenfoͤrmig um den ganzen Fels herum, und die Thuͤrme ragen weit uͤber dieſel⸗ ben hinaus. Man koͤnnte dieſen Platz leicht unuͤber⸗ windlich machen. Erzeron iſt nur eine Tagreiſe da⸗ von entfernt; der Weg dahin iſt ſehr ſchoͤn. Wir hat⸗ ten gleich nach unſrer Ankunft das Vergnuͤgen, unſern guten Freund, den engliſchen Konſul, zu umarmen, welcher die Guͤtigkeit gehabt hatte, unſer Gepaͤck und Geld, mit unſern getrockneten Pflanzen, aufzubewahren. Waͤhrend unſers Aufenthalts zu Erzeron hatten wir Gelegenheit genug, dasjenige aufzuzeichnen, was uns von den Sitten und der Religion der Armenier merkwuͤrdig ſchien. 228 V. Die Armenier⸗ ſind die beſten Leute von der Welt, rechtſchaffen, boͤflich, vernuͤnftig und fromm. Auf die Waffen verſtehen ſie ſich gar nicht; denn ſie geben ſich blos mit ihrer Handlung ab. Dieſe fuͤhrt ſie in die groͤßten Staͤdte von Europa. Sie reiſen aus dem Innerſten von Perſien bis nach L.ivorno; ſie reiſen in das Reich des Mogols, nach Siam, Java, nach dem ganzen Orient, nur nach China nicht. Der Mittelpunkt ihres Handels iſt Julfa, die beruͤhmte Vorſtadt von Hispahan, der Haupt⸗ und Reſidenz⸗Stadt Perſiens. Die Armenier ſind, ſie moͤgen ihre eigenen Ange⸗ legenheiten, oder jene der Kaufleute zu Jul fa beſor⸗ gen, auf ihren Reiſen unermuͤdet, und achten auch die ſchlimmſte Wirterung nicht. Wir haben verſchiedene derſelben, die noch dazu reiche Leute waren, zu Fuß in große Fluͤſſe gehen ſehen, wo ihnen das Waſſer bis an den Hals reichte, um den Pferden, die gefallen wa⸗ ren, wieder aufzuhelfen, und ihre oder ihrer Freunde Seiden⸗Ballen zu retten. Denn die tuͤrkiſchen Fuhrleute bekuͤmmern ſich um gar nichts. Wenn es durch Fluͤſſe geht, ſo fuͤhren die Armenier ihre Pferde, und nichts iſt erbaulicher, als zu ſehen, mit welcher Liebe ſie ein⸗ ander, ja ſelbſt fremden Nationen, bei den Karawanen, beiſtehen. Sie fliehen die Fremden, die zu unruhig ſind, ſo ſehr, als ſie diejenigen achten, welche ſich friedfertig beweiſen. Sie nehmen ſie gerne in ihre Wobnungen auf, und ſpeiſen ſie mit Vergnuͤgen. ——Q————— —,—— 229 Wenn wir einigen von ihren Leuten etwas Huͤlfe lei⸗ ſteten, ſo bedankte ſich die ganze Karawane bei uns. Wenn ſie in Staͤdten Halt machen, ſo wohnen mehrere in einem Gemache beiſammen, und machen ei⸗ nen ſchlechten Aufwand, Sie reiſen nie ohne Netze; denn ſie ſiſchen auf dem Wege. Wir konnten uns in den Gaſthoͤfen zu Erzeron nicht enthalten zu lachen, wenn wir die Armenier einen Handei ſchließen ſahen. Sie legen Geld auf den Tiſch; dann ſtreiten ſie ſo viel ſie koͤnnen. Man glaubt, ſie wuͤrden einander die Haͤlſe abſchneiden. Zuletzt druͤcken ſie ſich die Haͤnde mit ſolcher Gewalt, daß ſie ſchreien moͤchten, und der Handel iſt zu Ende. Nachgehends lacht einer den an⸗ dern aus. Sie behaupten mit Recht, daß bei dem An⸗ blicke des Geldes der Kauf viel eher geſchloſſen werde. In religioͤſer Hinſicht tragen die Griechen und Ar⸗ menier eine unverſoͤhnliche Feindſchaft gegen einander. Dieſe Feindſchaft iſt ſo groß, daß wenn ein Grieche in eine armeniſche Kirche kommt, oder ein Armenier in eine griechiſche, die eine ſowohl als die andere, ſolche fuͤr entheiliget halten, und auf das Neue einweihen. Der reichſte unter allen armeniſchen Patriarchen iſt der zu Itchmiadzin; er hat faſt 600,000 Thaler Ein⸗ kuͤnfte. Indeſſen iſt er, auf einer andern Seite be⸗ trachtet, ſehr arm, weil er genoͤthiget iſt, die Kopfſteu⸗ er zu bezahlen, um diejenigen von ſeiner Heerde nicht zu verlieren, die nicht im Stande ſind, dieſen Tribut zu entrichten. Die Biſchoͤfe berichten ihm alle Jahre 230 den Zuſtand der armen Familien, die in Gefahr ſtehen, entweder verkauft zu werden, oder ihre Religion zu aͤndern, wenn ſie ihre Kopfſteuer nicht bezahlen koͤn⸗ nen. Dieſer Patriarch iſt eben ſo einfach gekleidet, als die andern Prieſter. Er lebt ſehr ſparſam und haͤlt nur einige wenige Diener. Doch iſt er einer der maͤch⸗ tigſten Praͤlaten auf der Welt, in Anſehung der Macht, die er uͤber die Herzen ſeiner Glaͤubigen hat, welche zittern, wenn er von ferne mit dem Banne droht. Die Prieſter der Armenier duͤrfen ſich verehlichen, aber nur einmal. Alle treiben ein gewiſſes Handwerk, um ſich ihren Lebensunterhalt zu verſchaffen, und ihre Fa⸗ milie zu ernaͤhren. Um ſich deſto reiner dem Altare zu naͤhern, ſind ſie verbunden, die Nacht vor dem Tage, an welchem ſie Meſſe zu leſen haben, in der Kirche zu ſchlafen. Eine Sekte der Armenier glaubt, daß der Inbe⸗ griff aller Sugenden im Faſten beſtehe. Sie faſten in der Woche zwei Tage, und eſſen weder Fiſche noch Eier, noch Oel oder Milchſpeiſen. Die Faſten unſerer Moͤnche ſind dagegen Tage des Wohllebens. Der Ge⸗ brauch der Schnecken, des Oels und des Weines, iſt ihnen verboten, auſſer am Abende vor Oſtern. Sie glauben, daß ihnen leichter ein Mord, als ein Bruch dieſer Faſten vergeben werden koͤnne. Die Armenier halten die Communion ſelten auf dem Lande, weil das Volk oͤfters nicht das Ver⸗ moͤgen hat, daß es eine Meſſe bezahlen kann, und weil ——————n —ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—ꝛ—ᷣ————y —— 231 die Prieſter vorgeben, daß eine ſchlecht bezahlte Meſſe keine ſonderliche Kraft habe. Man ſieht aus den Kirchenſchaͤtzen, daß die Arme⸗ nier viel mehr Geld haben, als die Griechen. Dieſe haben kaum Kerzen, um Meſſe zu leſen; bei den Ar⸗ meniern aber findet man die ſchoͤnſten Beleuchtungen. Auch ihre Geſaͤnge ſind viel angenehmer. 4 Fuͤr die Ehe haben ſie beſondere Geſetze. Sn Wittwer darf keine Jungfrau heirathen; die dritte Ehe iſt bei ihnen gar nicht erlaubt. Dieſes wuͤrde bei ihnen Hurerei heißen. So darf auch eine Wittwe keinen Junggeſellen heirathen. Die Ehen werden nach dem Willen der Muͤtter geſchloſſen; der Junggeſelle ſieht nicht einmal das Weiße der Augen von ſeiner Braut. Beide nicken mit dem Kopfe, wenn ſie der Prieſter ge⸗ fragt hat, ob ſie ſich ehlichen wollen. Sie wechſeln dann die Ringe, und begeben ſich wieder nach Hauſe. Der Mann legt ſich zuerſt in das Bett, nachdem ihm die Braut Schuhe und Struͤmpfe ausgezogen hat. Dieſe loͤſcht dann das Licht aus, und nimmt den Schlei⸗ er nicht eher weg, bis ſie ſich zu Bette legt. Die⸗ ſes ſetzen ſie ihre ganze Lebenszeit fort, weßwegen man ſagt, daß es Armenier gibt, die ihre Frauen gar nicht kennen.— Oft bereden ſich die Muͤtter ſchon waͤhrend ihrer Schwangerſchaft, daß ſie ihre Kinder mit einan⸗ der verheirathen wollen.— Das Hochzeit⸗Feſt dauert drei Tage. Die Frauen legen ihre Schleier ab, ſcher⸗ 232 zen mit einander, und laſſen ſich den Brandwein wohl ſchmecken. Die neuen Prieſter ſind verbunden, ein Jahr in der Kirche zu bleiben, und ſich daſelbſt blos mit dem Gottesdienſte zu beſchaͤftigen. Nach dieſer Zeit ſchla⸗ fen die meiſten nur die Nacht vorher, wenn ſie am folgenden Tage Meſſe leſen ſollen, in der Kirche. Ei⸗ nige bleiben faſt Tag und Nacht in derſelben, und eſ⸗ ſen nichts als harte Eier, und in Waſſer und Salz ge⸗ kochten Reis. Die Biſchoͤfe eſſen des Jahrs nur ein⸗ mal Fleiſch und Fiſche. Die Erzbiſchoͤfe leben blos vom Zugemuͤſe; ſie treiben das Faſten, je hoͤher ſie ſtei⸗ gen, und nach dieſem Fuße ſollen die Patriarchen faſt Hungers ſterben. VI. Wir fingen nun mit allem Ernſte an, der Levante den Ruͤcken zu kehren. Wir reiſten am 12. September von Erzeron ab, um nach Tocat zu ge⸗ hen, und kamen am folgenden Tage zu den Baͤdern von Eljiga. Den Fluß Euphrat, welcher viele Kruͤmmungen macht, paſſirten wir zweimal. Die Ort⸗ ſchaften, bei welchen wir lagerten, waren Carabou⸗ lace, Acpounar, Sukme, Kermeri, Sarvou⸗ lar, Curtanos, Chonac und Agimourat. Da⸗ bei zogen wir uͤber manches rauhe Gebirge, und uͤber den ſchnellſtroͤmenden Fluß Carmili. Manchmal ſa⸗ ben wir Rauber, welche auf uns zu lauern ſchienen. Alein ſobald ſie unſere gute Ordnung gewahrten, und wir ihnen die Waffen, bereit zum Kampfe, zeigten, flohen ſie ſchnell in ihre Waͤlder zuruͤck. Am 28. Sep⸗ tember erreichten wir Toeat. Man ſieht di ſe Stadt nicht eher, als bis man vor den Thoren derſelben iſt: denn ſie liegt in einem Winkel zwiſchen großen Mar⸗ mor⸗Gebirgen. Dieſer Winkel iſt wohlangebaut, mit Weinbergen und Gaͤrten gefuͤllt, welche die vortreff⸗ lichſten Fruͤchte tragen. Der Wein wuͤrde hier vor⸗ treffich ſeyn, wenn er nicht ſo ſtark waͤre. Die Stadt Soecat iſt viel groͤßer und viel angenehmer als Er⸗ zeron. Die Haͤuſer ſind beſſer gebaut und haben meiſtens zwei Stockwerke. Auf einer Marmor⸗Spitze ſteht ein altes Schloß. Die Straſſen von Docat ſind gepflaſtert, welches in der Levante etwas Seltenes iſt. Die Huͤgel, auf welchen die Stadt ſteht, ſind reich an Quellen; jedes Haus hat ſein eigenes Waſſer. Man verarbeitet viel Seide, macht viel gelben Safſian, und uͤberdieß iſt Tocat gleichſam der Mittelpunkt der Handlung in Klein⸗Aſien. Tocat aber gehoͤrt zur Statthalterſchaft Sivas(das alte S ebaſte), wel⸗ ches gegen Mittag, zwei Tagreiſen entfernt, liegt. Amaſia, eine andere alte Stadt, iſt drei Tagreiſen weit entfernt. Sivas wurde von Tamerlan auf eine ſonderbare Weiſe belagert und erobert. Ohne daß die Einwohner es gewahrten, ließ er die Stadtmauern untergraben und mit Balken ſtuͤzen. Die armen Be⸗ lagerten erſchraken nicht wenig, als ſie ihre Mauern, auf die ſie trotzen zu duͤrfen glaubten, ploͤtzlich zuſam⸗ mennuͤrzen ſahen, als das Feuer die hoͤlzernen Stuͤtzen 234 verzehrt hatte. Der Feind drang in die Stadt und das Blutbad war ſchrecklich. Dem Reſte der Einwoh⸗ ner ließ Tamerlan die Koͤpfe unter die Schenkel binden, ſie in die Graͤben werfen, mit Holz und Erde bedecken, und langſam verbrennen. Die Stadt wurde dem Erdboden gleich gemacht. In der Gegend von Tocat findet man ſchoͤne Pflanzen, und beſondere Steingewaͤchſe von bewunde⸗ rungswuͤrdiger Schoͤnheit. Die Criſtalliſationen ſind wunderbar; manche gleichen eingemachten Citronen⸗ Schalen; andere haben die Goldfarbe der Pomeranzen. Von Tocat brachen wir erſt den 10. Oktober auf, um mit einer Karawane nach Angora zu reiſen. Nach einem vierſtuͤndigen Marſche hielten wir bei ei⸗ nem Dorfe, Namens Agapa. Von nun hoͤret man nichts mehr von den Curden, wohl aber von den Turkmanns, einer andern Gattung Raͤuber, vor de⸗ nen man ſich noch viel mehr zu fuͤrchten hat. Tur⸗ eal, Geder, an einem Fluſſe gleichen Namens, Si⸗ ke und Beglaitre ſind die Ortſchaften, wo wir la⸗ gerten. Wir waren theils durch angenehme, wohlange⸗ baute Thaͤler, theils uͤber Berge voll Weinſtoͤcke ge⸗ kommen, und uͤber eine Ebene, wo weder Baͤume noch Straͤuche, ſondern blos Salzhuͤgel anzutreffen waren. Dieſes Salz, welches an den Graͤben anſchießet, wo das Regenwaſſer ſtehen bleibt, wuͤrzet den Saft der Erde und bringt viele Pflanzen hervor, z. B. die Sor⸗ ten des Salzkrautes. Den Fluß Halys mußten wir 235 durchwaden, und von der Hoͤhe eines Berges, von welchem dieſer Fluß koͤmmt, fielen wir gleichſam in eine ſchreckliche Tiefe hinab, und machten bei dem Dorfe Courbnga Halt, das nur noch zwei Meilen von Angora liegt, welche beruͤhmte Stadt wir am 22. Oktober erreichten. Mertwuͤrdig iſt daſelbſt das Denkmal, welches die Einwohner dieſer Stadt dem roͤmiſchen Kaiſer Auguſt geſetzt hatten, und welches das groͤßte in ganz Aſien iſt. Man ſieht noch die Hauptmauern desſelben, welche ganz aus viereckichten Stuͤcken von weißem Marmor beſtehen, die mit ku⸗ pfernen Klammern zufammengefuͤgt ſind. Darauf ſind verſchiedene Zierrathen und Inſchriften angebracht. Noch verſchiedene andere Ruinen in und um Ango⸗ ra, Saulen mit Inſchriften ꝛc., geben zu erkennen, daß Angora—(Ancyra) einſt eine der beruͤhmteſten Staͤdte in der Levante muͤſſe geweſen ſeyn. Auch jetzt gehoͤrt ſie noch zu den beſten Staͤdten. In der Ge⸗ gend umher ziehet man die ſchoͤnſten Ziegen von der Welt. Sie blenden mit ihrer weißen Farbe das Auge. Ihre Haare ſind ſo fein wie Seide, gekraͤuſelt, und acht Zoll lang. Aus ihnen verfertiget man die ſchoͤn⸗ ſten Zeuge, beſonders Kamelot. Dieſe Wolle wird ſelten ungeſponnen ausgefuͤhrt, weil ſich die meiſten Einwohner des Landes damit naͤhren. Die Thiere ar⸗ ten aus, wenn man ſie an andere Orte bringt. Ihre Wolle macht den Reichthum von Angorg aus; alle Einwohner legen ſich auf dieſen Handel. 236 Den 2. November reiſten wir von Angora nach Pruſa ab. Wir kamen uͤber ſchoͤnes, angebautes Land, nach Souſous und der kleinen Stadt Beibazar, bei welcher die Ziegen Zucht immer noch gleich der von An⸗ gora getrieben wird, obwohl das Land ſo duͤrr und na⸗ ckend iſt, daß die Ziegen nichts, als die Stengel der Kraͤuter ſinden. Vielleicht daß dieſes viel zur Schoͤn⸗ heit ihrer Wolle beytraͤgt. Die Hirten kaͤmmen ſie ſehr oft und baden ſie in den Fluͤſfen. Kaha, Caragamous, Mounptalat, Eskiſ⸗ ſar, Boutdoue, Aeſou und der Berg Olymp, waren die Gegenſtaͤnde, die wir bei Pruſa antrafen. Man kann von dieſer Stadt, wegen der hohen Waͤl⸗ der, nur einen Theil ſehen. Der ſchoͤnſte Ort iſt der⸗ jenige, wo das Serail ſteht. Pruſa iſt die Haupt⸗ ſtadt in dem alten Bithynien, und die groͤßte, praͤchtigſte Stadt in Aſien. Bewundernswuͤrdig iſt hier das Gruͤn des Olymps. Die Moſcheen ſind ſehr ſchoͤn; die meiſten ſind mit Blei gedeckt und ha⸗ ben Kuppeln; ſo auch die Gaſthoͤfe. In dem Hofe der koͤniglichen Moſchee ſind die Grabmaͤler einiger Sul⸗ tane. Das neue Serail liegt auf einem ſteilen Huͤgel. Die Seiden⸗Arbeiter ſind zu Pruſa vorzuͤglich ge⸗ ſchickt und beruͤhmt. Alle Feichnungen zu Tapeten ꝛc. die ihnen aus Italien und Frankreich geſchickt werden, ahmen ſie bewunderungswuͤrdig nach. Auſſerdem iſt die Stadt angenehm, wohl gepflaſtert und reinlich. Man trinkt guten Wein und ißt gutes Fleiſch. Auſ⸗ 237. ſer den Muſelmaͤnnern darf Niemand in der Stadt wohnen; die Vorſtaͤdte ſind ungleich groͤßer und ſchoͤ⸗ ner, mit Juden, Armeniern und Griechen bevoͤlkert. Beruͤhmt ſind die Graͤber des Orean, ſeiner Gemah⸗ lin und Kinder. Man zeigt den Fremden in dem Vor⸗ gemache dieſer Moſchee die vorgebliche Trommel des Orcan, die dreimal ſo groß iſt, als eine gemeine Drommel, und, wenn man ſe ruͤhrt, ein unge⸗ heures Geraͤuſch gibt. Auch der Roſenkranz dieſes Sultans befindet ſich daſelbſt. Die Koͤrner ſind aus Agat, und ſo groß wie die Nuͤſſe. In einer tuͤrkiſchen Kapelle an der Stadt wird ein alter, ſehr breiter De⸗ gen aufbewahrt, welcher das Schwerdt des Rolands ſevn ſoll.— Die Spitze des Olymp war bereits mit Schnee bedeckt, weßwegen wir dieſelbe nicht beſteigen konnten. Dieſer Berg iſt einer der hoͤchſten in Aſi⸗ en, und erhebt ſich von Pruſa ſiufenweiſe gleich ei⸗ ner Treppe.— Eine Meile von der Stadt liegen die neuen Baͤder von Capliza. Sie ſind ſehr praͤchtig gebaut; die Kuppeln mit Blei gedeckt, und wie ein Seiher durchloͤchert. Jede Oeffnung aber iſt mit einer glaͤſernen Glocke geſchloſſen. Die Saͤle ſind mit Mar⸗ mor gepflaſtert. Die Quellen des warmen Waſſers entſpringen auf dem Wege. Ihre Waͤrme iſt ſo groß, daß ein Ei in 15 Minuten hart wird. Die alten Baͤ⸗ der ſind noch eine Meile davon entfernt, und werden wenig mehr benutzt.— Nieaa iſt nur eine Tagreiſe von Pruſa eut⸗ 238 fernt; man muß aber uͤber ein Gebirge reiſen, wo es von Raͤubern wimmelt. Man beſchuldiget den dort reſidirenden Paſcha, daß er mit denſelben in gutem Vernehmen ſtehe, und die Beute mit ihnen zu theilen pflege. VII. Am 8. December reiſten wir nach Smyrna ab, uͤbernachteten zu Tartali, und kamen am folgen⸗ den Tage zu dem betraͤchtlichen Marktflecken Phiſi⸗ dar, welcher nur von Griechen bewohnt wird, die das Vergnuͤgen haben, hier allein zu ſeyn. Dafuͤr muͤſſen ſie aber doppelte Kopfſteuer bezahlen. Auf dem Wege nach Lopadi hat man den See Ambouillonn im⸗ mer zur linken Hand. Um dieſe Stadt findet man viele, aber uͤbel zugerichtete Stuͤcke alter Marmor⸗Saͤu⸗ len, Architraven ꝛc. Der letzte Fuͤrſt von Pruſa fluͤchtete ſich hieher; allein er wurde von dem Statt⸗ balter den Ottomannen mit der Bedingniß ausgelie⸗ fert, daß weder ſie noch ihre Nachfolger, jemals uͤber die Bruͤcke ziehen wollten. Die Tuͤrken hauten den Fuͤrſten vor dem Angeſichte des Kaſtells in Stuͤcke, und bemaͤchtigten ſich hierauf der Stadt, indem ſie auf Schiffen uͤber den Fluß ſetzten. Um aber ihr Verſpre⸗ chen zu halten, gehen die Ottomannen noch jetzt nicht uͤber dieſe Bruͤcke, ſondern laſſen ſich hinuͤber fahren. Den 13. December erreichten wir Courougoul⸗ gi, nachdem wir die Doͤrfer Mandragoia und Tchoumlekechi durchreiſet hatten. Auf den Gaſt⸗ hoͤfen dieſer Bezirke trafen wir viele Storchen⸗Neſter d 239 an, die kein Menſch zu beruͤhren getraut, und dieſe Voͤgel, welche hier in großer Achtung ſtehen, kommen alle Jahre, und bruͤten ihre Jungen aus. Hierauf kamen wir uͤber die großen Ebenen von Baskelam⸗ bai und Balamont, nahe an die hoͤchſte Spitze des Sypilus, nach Magneſia, deſſen meiſte Einwoh⸗ ner Mohametaner ſind. Dieſe Stadt hat nichts An⸗ ſehnliches, und treibt auch keinen Handel. Die Kaͤlte war daſelbſt ſehr ſtark und der Nordwind erſchrecklich; doch gefror es nicht. Den 18. December erreichten wir Smyrna. Daſelbſt iſt der ſchoͤnſte Hafen auf dem Wege nach der Levante. Er liegt in einer Bucht, welche die groͤßte Flotte beherbergen kann. Von den ſieben Kirchen der Apocalypſis iſt dieſe die einzige, die noch mit allen Ehren beſtehet. Ueber⸗ dieß iſt Smyrna eine von den groͤßten und reichſten Staͤdten in der Levante. Die Guͤte des Hafens, der fuͤr die Handlung ſo wichtig iſt, hat ſie erhalten, und gemacht, daß ſie oͤfters wieder aufgebaut worden, nachdem ſie die Erdbeben zu Grunde gerichtet hatten. Hier iſt gleichſam der Sammelplatz der Kaufleute aus allen vier Theilen der Welt, und die Niederlage ihrer Waaren. Man zaͤhlt mehr als 100,000 Einwohner, 19 Moſcheen, 2 griechiſche und 1 armeniſche Kirche, und 8 Synagogen der Juden. Die Lage der Stadt iſt be⸗ wunderungswuͤrdig, an der See hin, an dem Fuße ei⸗ nes kleinen Huͤgels, welcher den Hafen beherrſcht. Die Straſſen ſind gut gepflaſtert, die Haͤuſer ſchoͤn 240 gebaut. Die Straſſe der Franken iſt die ſchoͤnſte, und laͤuft laͤngs des Hafens hin. Darin ſind die reichſten Magazine der Welt. Alle Nationen haben hier Kon⸗ ſuls. Der venettaniſche war 148 Jahre alt, hatte das Jahrhundert erlebt, und mit 5 Weibern 60 Kinder er⸗ zeugt, die von ſeinen Sklavinnen nicht gerechnet; denn der gute Mann war ſehr verliebter Natur. 1 Aller Handel von den vielerlei Waaren geſchieht durch die Vermittlung der Juden, und man kann we⸗ der erwas kaufen noch verkaufen, das nicht durch ihre Haͤnde ginge, obwohl man ſie fuͤr elende Leute haͤlt. Sie leben aber zu Smyrna ſehr gut, was bei ſo gei⸗ tzigen Menſchen etwas Auſſerordentliches iſt.— Die Tuͤrken laſſen ſich ſelten auf der Straſſe der Franken ſehen, deßwegen glaubt man, hier in der Chriſtenheit zu ſeyn. Man gruͤßt ſich franzoͤſiſch, italieniſch, engliſch, und zieht dabei den Hut ab. In den Kirchen wird oͤffentlich geſungen und gepredigt. Die Wirthshaͤuſer ſind Tag und Nacht offen; darin wird nach franzoͤſi⸗ ſcher, tuͤrkiſcher und griechiſcher Art geſchmauſet, ge⸗ ſpielt und getanzt. Ueberdies ſind dieſe Haͤuſer ſehr ſchoͤn und reinlich. An einem Ende von Smyrna, wo die Straſſe der Franken ein Ende nimmt, bewaͤſſert ein angeneh⸗ mer Fluß fruchtbare Gaͤrten. An dieſem Fluſſe iſt der beruͤhmteſte Dichter geboren, welcher, da man ſeinen Vater nicht kannte, den Namen desſelben, Melas, bekam. Ein ſchoͤnes Frauenzimmer, Critheis, hatte 241 aus Scham die Stadt Cumar verlaſſen, um hier zu gebaͤren. Ihr Kind verlor in der Folge das Geſicht, und wurde Homer, d. i. der Blinde, genannt. Seine Mutter heirathete nachher den Phanias, den Lehrer einer Muſik⸗Schule. Ein Frauenzimmer von Verſtand hat noch jeder Zeit einen Mann bekommen. Smyr⸗ na iſt ſtolz auf dieſen Dichter; man ließ ihm nicht allein eine Bildſaͤule, ſondern ſogar einen Tempel errichten, und Muͤnzen auf ihn praͤgen. Den 25. Jaͤnner brachen wir auf, um nach Ephe⸗ ſus zu reiſen. Dieſer Ort liegt in einem großen Be⸗ cken, auf allen Seiten von Bergen oder vom Meere umgeben. Der Caſtrus ſchlaͤngelt ſich durch die Ebene. Der Anblick iſt erbaͤrmlich, wie jetzt Ephe⸗ (us, jene einſt ſo beruͤhmte Stadt, nichts als ein elen⸗ des Dorf iſt, wo etliche arme Griechen unter den alten Truͤmmern aus Marmor, und an einer Waſſer⸗ jeitung wohnen, die ebenfalls aus Marmor iſt. Die Ueberbleibſel einer Citadelle, und ein Thor von gu⸗ tem Geſchmacke, wie viele andere Ruinen, geben Zeug⸗ niß von der ehemaligen Pracht, die hier zugegen war. Aber Epheſus iſt ſo oft zerſtoͤrt worden, daß es nicht mehr zu erkennen iſt. Nur die Geſchichte ſagt uns noch, daß hier einſt der beruͤhmte Dianen⸗Tem⸗ pel, ein Wunder der Welt geſtanden hat. Nachdem ihn jener Thor, Heroſtrgt, an dem Tage der Ge⸗ burt Alexanders, angezuͤndet hatte, machte dieſer große Held den Eheſern den Vorſchlag, daß er ihn wieder wolle aufbauen laſſen, wenn man nur ſeinen Namen an den Gipfel deſſelben ſetzen wollte. Sie ga⸗ ben ihm aber die gar hoͤfliche Antwort: daß es nicht ſchick⸗ lich ſey, wenn ein Gott andern Goͤttern Tempel baue⸗ te.— Um die Ruinen dieſes Tempels ſind die Truͤm⸗ mner von verſchiedenen Haͤuſern, in denen vielleicht die Brieſter der Diana wohnten, welche oͤfters aus gro⸗ ber Entfernung kamen, um dieſer Wuͤrde theilhaftig Zaſtes B. Türkei. II. 2. 3 242 zu werden. Man vertraute ihrer Aufſicht die jung⸗ fraͤulichen Prieſterinnen; fie mußten ſich aber vorher verſchneiden laſſen. Das Caſtell, welches man das Gefaͤngniß Pauli nennt, iſt nicht alt, und niemals ſchoͤn geweſen. Die Hoͤhle der Sieben⸗Schlaͤfer verdiente beſehen zu werden, wenn man von der Wahrheit dieſer Geſchichte verſichert waͤre. 3. Ungeachtet die Ebene von Epheſus ſehr ſchoͤn iſt, ſo hat doch die Lage von Smyrua etwas, das viel groͤßer iſt, und der Huͤgel, der am Ende des Meer⸗ buſens ſteht, iſt gleichſam ein Theater, das beſtimmt iſt, eine ſchoͤne Stadt vorzuſtellen.— Auf unſerer Ruͤckreiſe von Epheſus beſuchten wir Scalanova, eine ziemlich artige Stadt, wohl⸗ ebaut, ſchoͤn gepflaſtert, mit Daͤchern, die mit Hohl⸗ Ziegeln bedeckt ſind. Die Umgegend iſt wegen der Weinſtoͤcke auf den nahen Huͤgeln, ſehr ſchoͤn. Man treibt daſelbſt ſtarken Handel mit rothem und weißem Wein, mit Roſinen und Safran. 3 4 Den 27. Maͤrz kamen wir nach Smyrng zuruͤck, wo wir eine gute Gelegenheit, uns einzuſchiffen, er⸗ warteten. Aber erſt am 13. April konnten wir mit einem Kaufmanns⸗Schiffe unter Segel gehen, und nach einer vierzigtaͤgigen Schifffahrt, waͤhrend wel⸗ cher wir manchen Srurm und widrige Winde hatten, kamen wir den 23. Mai zu Livorno, und den zten Juni zu Marſeille an, wo wir Gott herzlich dankten, daß er uns auf dieſer Reiſe beſchuͤtzt und erhalten hatte, Erläuterung der vorſtehenden Anſicht von Konſtantinopel. — Herr C. V. Sommerlatt hat im vorigen Fruͤhling, durch die Schmidtiſche Buchdruckerei zu Darmſtadt, eine fuͤr das große Publikum beſtimmte, kurze Beſchreibung der Stadt Konſtantinopel, die wir fuͤr unſere Taſchen⸗Bibliothek in einer, der⸗ ſelben angemeſſenen Groͤße, benuͤtzten, herausgege⸗ ben. Obſchon unſere Leſer aus den bisherigen Rei⸗ ſen durch die Tuͤrket, und beſonders aus dem erſten Baͤndchen von Gylles, eine ſehr genaue Kenntniß der Hauptſtadt erlangt haben, ſo finden wir uns doch veranlaßt, zu vorliegendem Grundriße einige Erinne⸗ rungen an das Geſagte beizufuͤgen. Wer aus dem Meere durch den ſogenannten Ka⸗ nal oder die thraziſche Meerenge zwiſchen Europa und Aſien einfaͤhrt, genießt die bezauberndſten Schoͤnheiten der Natur und Kunſt, und erblickt eine faſt zahlloſe Menge von noch beſtehenden, oder zerfgl⸗ lenden Schloͤſſern und Veſten, oder Doͤrfern, welche zuweilen nur zwiſchen dunklen Zweigen der Cypreſſen und Wallnuß⸗Baume erkannt werden. Je naher man⸗ 244 der Stadt kommt, deſto groͤßer iſt der Zauber des Au⸗ ges fuͤr das Gemuͤth. Konſtantin der Große erbaute im Jahre 330 die Stadt Byzauz, welche die dankbare Nachwelt nach ihrem Stifter Konſtantinopel nannte. Sie blieb der Sitz des oſt⸗roͤmiſchen Reiches, bis zum Jahre 143s, und ſeit dieſer Zeit bis auf unſere Tage ſeeht ſie unter dem tuͤrkiſchen Scepter. So ſchoͤn ihr Aeußeres iſt, ſo abſchreckend iſt das Innere: denn auch die ſchoͤnſten Denkmaͤler der grauen Vorzeit ſind durch die Tuͤrken verunſtaltet, oder wenigſtens zum Theile zerſtoͤret, wenn ſich auch noch einige Spuren erhalten haben. Die meiſten Straßen ſind enge und unreinlich; die meiſten Haͤuſer niedrig aus Lehm oder Holz. Die Luft wuͤrde ſehr geſund ſeyn, und die faſt jaͤhrlich wiederkehrende Peſt verſchwinden, ſobald die Tuͤrken mehr Reinlichkeit ſich angewoͤhnen, und mehrere Anſtalten gegen jenes Uebel treffen wuͤrden. Die Stadt hat ohne die Vorſtaͤdte 2 ½ deutſche Meilen im Umfange; mit den Vorſtaͤdten 12 Meilen. Die Zahl der Einwohner wird jetzt auf eine halbe Million, jene der Haͤuſer auf 88,000 gerechnet. Die Stadt bildet faſt ein Dreieck mit gebogenen Seiten und ſtumpfen Winkeln an der Spitze. Dieſe Spitze beruͤhrt den Kanal; die Nordſeite den Hafen, die Suͤdſeite das Meer von Marmorg. Die Grundlage des Dreiecks haͤngt mit dem feſten Lande zuſammen, und erſtreckt ſich von dem Hafen gegen Suͤd bis an das Marmor⸗Meer. An der Suͤd⸗Weſtſeite befindet ſich das ſogenannte Schloß der 7 Thuͤrme. Obſchon die Stadr durch eine ſteinerne Mauer, welche auf der Landſeite mit einem breiten ausgemauerten Gra⸗ ben verſehen, und mit 648 Wach⸗Thuͤrmen ein⸗ geſchloſſen iſt; obſchon ſie durch zahlreiche Kanonen und ſtark beſetzte Batterien geſchuͤtzt iſt; ſo hat doch die neuere Kriegskunſt zu große Fortſchritte gemacht⸗ 245 als daß dieſe Befeſtigung von einem geuͤbten Feld⸗ herrn beruͤckſichtigt wuͤrde. Nebſt vielen kleinen Tho⸗ ren befinden ſich auch noch 6 Haupt⸗Thore(Kapuſi) auf der Landſeite, 7 gegen das Marmor⸗Meer, und 13 gegen den Hafen. Die Vorſtaͤdte ſind theils of⸗ fen, theils nur noch mit den geringen Mauern der Griechen und Genueſen eingeſchloſſen. Das vorzuͤg⸗ lichſte Gebaͤude von Konſtantinopel iſt das Se⸗ rail, deſſen Mauern mit 12 Thoren uͤber eine Stunde bh betbveiten„ und welches folglich eine kleine Stadt ildet. Das wichtigſte Thor des Serails, Babi Humg⸗ jun, wo die Koͤpfe der Europaͤer aufgeſteckt⸗ oder in den Staub gerollt werden, iſt Jedermann offen. m erſten Hofraum ſind§0 Thorwaͤchter ſichtbar— dei Tags mit indiſchen Roͤhren, Nachts mit Dolchen und Degen. Auf der rechten Seite des erſten Hofes iſt das Krankenhaus, die Baͤckerei, Kaſerne und Kanzlei; links fuͤhrt der Weg in den kaiſerlichen Marſtall. In⸗ nerhalb des zweiten Thores iſt der Aufenthalt der Hener. Es iſt durch zwei Pforten geſchloſſen, zwi⸗ chen welchen den in die tiefſte Ungnade geſtuͤrzten Großen ihr Schickſal verkuͤndigt, und vollzogen wird. Durch dieſes darf Niemand, als der Sultan reiten; von dieſem fuͤhren 3 mit Baͤumen beſetzte Bahnen nach den 3 Haupt⸗Gebaͤuden des zweiten Hofraumes. Die mittlere Bahn zeigt den Weg zum TDhore der Glückſeligkeit, Baba Saadi, durch welches 4 man in den dritten Hof gelangt, wo die Weſiere und Miniſter durch Verſchnittene eingefuͤhrt, in den Au⸗ dienz⸗Saal Zutritt erhalten. Die zweite Bahn links zeigt den Weg zum Saale des Divans, und die drilte rechts zu den kaiſerlichen Oekonomie⸗Ge⸗ uden. In dem dritten und innerſten Hofraume ſind dann erſt die verſchiedenen Saͤle des Kaiſers und 246 Hof⸗Staats, die Luſt⸗Haͤuſer, Moſcheen, Baͤder und Spring⸗Brunnen, der Schatz und die Bibliothek, das Harem des Kaiſers, und die Wohnung des Kron⸗ prinzen. Eine genauere Anſicht des Serails koͤnnen ſich unſere Leſer durch einen Nuͤckblick auf den Ku⸗ pferſtich machen, durch welchen wir im erſten Baͤnd⸗ chen der Reiſen von der Tuͤrkei das Serail des Groß⸗ Herrn zu verſinnlichen ſuchten. Man zaͤhlt in Konſtantin opel 5000 Moſcheen oder Bet⸗Haͤuſer, 29 griechiſche, 4 ruſſiſche und 9 katholiſche Kirchen, 130 oͤffentliche Baͤder, 11 Akade⸗ mien, wo gewoͤhnlich 1600 tuͤrkiſche Juͤnglinge fuͤr den Dienſt des Staats oder der Kirche auf kaiſerliche Koſten gebildet werden; 34s hoͤhere Lehr⸗Anſtalten mit freiem Unterrichte und Pflege, 4300 Kinder⸗ Schulen, 43 oͤffentliche und ſehr viele private Buͤcher⸗ Sammlungen; doch find in erſteren nur geſchriebene Buͤcher zu finden. Der Palaſt Konſtantin's, Te⸗ kir⸗Serai, eine ehemalige Ruine, 1458 erneuert⸗ iſt das Schioß der 7 Thuͤrme, in welchem jene frem⸗ den Geſandten eingeſperrt werden, mit welchen die Tuͤrkei in Krieg verwickelt wird. Neben demſelben iſt der Maͤdchen⸗Markt, wo die jungen Sklavinnen ver⸗ kauft werden. Unter den öoͤffentlichen Haͤuſern ſind die Teriak⸗ Hane die ſonderbarſten, wo man des Abends eine Huantitaͤt Tropfen oder Pillen von Opium verſchluckt, ein Glas Waſſer dazu trinkt, und dann die ſuͤße Schwaͤrmerei abwartet, in welcher man Mahomets Himmel ſich vergegenwaͤrtigen kann.. DOffene Platze gibt es nur wenige; der vorzuͤglichſte iſt der Almeytan, einſt Hippodrom, 250 Schritte lang und 150 breit, durch welchen alle feierlichen Aufzuͤge des Sultans gehen. Die Hau's oder Kahn's ſind geraͤumige, vier⸗ eckige Gebaͤude von 3 Stockwerken aus großen Stei⸗ 247 nen, von einer Mauer und Saͤulen⸗Reihe umgeben, wo Kaufleute der ganzen Tuͤrkei, welche mit Karava⸗ nen reiſen, fuͤr ſich und ihre Waaren Platz finden. Die Bazzars ſind große Gebaͤude fuͤr Kraͤmer aller Nationen, aus Stein feſt und hell gebaut, und im Sommer ſehr kuͤhl; vorn ſind kleine Laden, hinten kleine Kammern zur Aufbewahrung der Waaren. Der aͤgyptiſche Markt oder Mihr Gartſche enthaͤlt nichts, als Wagren aus Kairo, beſonders Minera⸗ lien und. Arzneimittel. In den Bazzars werden die vorzuͤglichſten Geſchaͤfte, ſowohl mit rohen und geſchliffenen Juwelen, als auch Buchhaͤndler⸗ Geſchaͤfte mit Haudſchriften in perſiſcher, tuͤrkiſcher und arabiſcher Sprache gemacht. Der Bezeſtan iſt nur ein großer Saal, wo Waaren aus der zweiten Hand verkauft und von den Auctionatoren ausgeru⸗ en werden. „In den Umgebungen von Konſtantinopel iſt vor Allem merkwuͤrdig das Dorf Bujukdereh, an der europaiſchen Kuͤſte des Bosphorus gegen das ſchwarze Meer, wo die europaͤiſchen Geſandten in orientaliſchen Landhaͤuſern ihre vaterlaͤndiſche Lebens⸗ art fortſetzen. Von dieſem Thale fuͤhrt der Weg durch einen Wald nach dem bezaubernden Dorfe Belgrad⸗ welches wegen der ſchaͤdlichen Duͤnſte, jetzt nicht mehr, wie ſonſt, bewohnt iſt. Zu Fondukli in der Naͤhe von Pera erbaute Houſſein⸗Aga, der We⸗ ſier Maßzomets IV., ein Schloß, von welchem mehrere Zimmer uͤber das Meer ſich ausbreiten, in welchen der Sultan ſich mit dem Fiſchfange zerſtreuen konnte. In der Naͤhe liegt der Melonen⸗Garten mit dem Pglaſte Selim's III. im chineſiſchen Ge⸗ ſchmacke. In deſſen Naͤhe iſt das den Tuͤrken heilige Dorf Beſchik⸗Taſch, wo die Gebeine des from⸗ men Hadſchi⸗Bahtaſch ruhen, welcher die erſten Janit ſcharen einſegnete, und ihnen einen Aermel ſei⸗ 248 nes Filz⸗Rockes reichte. Zwei Meilen von Bujuk⸗ dereh liegt das Uebungs⸗Lager der tuͤrkiſchen Artil⸗ leriſten, Kaithang. Unter den Vorſtaͤdten verdient vorerſt Erwaͤhnung: Fanal auf der Stadtſeite nahe an der Mauer, und am Hafen, dient zum Aufenthalte der vornehmſten Griechen, wie Galata am andern Ufer des Hafens von gemeinen Griechen und von den Franken bewohnt wird. Mit dieſem haͤngt Pera zuſammen, welche auf der Halb⸗Inſel ruht, die von dem Hafen vor Konſtantinopel und dem Kanale gebildet wird. Eben ſo haͤngt mit Galata zuſammen das geraͤumige Viereck Top⸗Hana, wo nebſt einer ſchoͤnen Mo⸗ ſchee das Zoll⸗Haus, das Zeug⸗Haus der Artillerie, und ſehr viele Kaffee⸗Haͤuſer zu ſehen ſind. Auf der Nordſeite von Pera zeichnet ſich die Vorſtadt Loſ⸗ ſim⸗Paſcha durch die Magazine des Seeweſens, durch die Kafernen der See⸗Soldaten, und durch den Palaſt des Admirals oder Kapudan⸗Paſcha aus. Die Vorſtadt Skutart iſt auf der aſiatiſchen Kuͤſte des Bosphorus, und hat nebſt ſchoͤnen Moſcheen und Haͤuſern auch herrliche Haine von Cypreſſen, unter deren Schatten die Gebeine der Tuͤrken ruhen. Zwi⸗ ſchen Skutari und dem Serail des Kaiſers iſt auf einem Felfen im Meere der Madchen⸗ oder Lean⸗ der⸗Thurm, welcher auch zum Leucht⸗Thurme dient.