Lanar L 4 Tänlihe Leſepreis für ein de für wöchentlich auf 6 Monat: „ franz. od. engl., Das Abonnement beträgt: 4 Bücher: 2 fl.— Kr. 6 Bücher: 2 fl. 30 Kr. 1 „. 2,.„ — 36 ⸗ 4 Leihbibliothek 6 von— 41 Eduard Ottmann in Gießen. utſches Bu Kr. 77 2 Bücher: 1 1 fl. 12 Kr. 45 12 d eeeae2eu sannhn ararar IEEAA aUhhnGTararar rarat — ————— ————-——õ————.— Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Buchdruckerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Berfaße von Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaäͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 32. Bändchen. Mit einem Kupfer. II. Theil. 1. Bändchen der Reiſen durch die Türkei. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 18˙29. Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch die Tuͤrkei. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Berfaß. t vontt Mehr en, und herausgegeben von Joachim Heinrich) Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 1. Bändchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 182 9. Reiſe und dreijährige Dienſtbarkeit des kur⸗ pfaͤlziſchen Kanzlei⸗Regiſtrators, Michael Heberer aus Bretten, in der untern Pfalz, zu Alexandrien und Konſtantinopel 1532— 92. Mitgetheilt von einem K. Bayer'ſchen Staatsdiener*). — H eberer's Reiſe begann im Jahre Chriſti 1582, in Geſellſchaft einer Edelfrau aus Burgund, und ihres Sohnes, Herrn von Coursell. Mit dieſen reiste er aus ſeiner Vaterſtadt Bretten, uͤber Heidelberg, Speyer und Straßburg, in das *) Aegyptiaca Servitus, d. i. wahrhafte Beſchrei⸗ bung einer dreijaͤhrigen Dienſtbarkeit, ſo zu Alexandrien in Aegypten ihren Anfang, und zu Konſtantinopel ihr End genommen. Heidelberg. 1610. 4. 666 Seiten mit vielen Abbildungen. 6 Innere von Frankreich, in das Fuͤrſtenthum Bur⸗ gund, und nach dem Aufenthalte von einigen Jah⸗ ren, entſchloß er ſich, ſelbſt eine Fahrt uͤber das Meer zu verſuchen, zu welchem Ende er ſich nach Mar⸗ feille begab. Waͤhrend ſeines Aufenthaltes trug ſich eben die Szene der grauſamen Ermordung vieler tau⸗ ſend Hugonoten zuz; er ſelbſt ſchwebte mehrere Tage in groͤßter Todesgefahr. Ein weißes Kreuz aus Per⸗ gament geſchnirten, das er auf ſeinem Hute zur Schau trug, rettete ihn gluͤcklich und verſchaffte ihm die Freundſchaft eines Maltheſer⸗Ritters, durch deſſen Vermittlung ihm zuletzt geſtattet wurde, zur Nacht⸗ zeit aus dem Hafen, der ſo ſt mit Ketten wohl ver⸗ ſchloſſen war, ſchiffen zu duͤrfen. Am andern Tage kam er nach Toulon, wo er ſich zur Noth von dem ausgeſtandenen Schrecken wieder erholte, und die ſchrecklichen Ereigniſſe, ſo gut es moͤglich war, aus ſeinem Gedaͤchtniſſe entfernte. Bei dem naͤchſten guͤnſtigen Winde wurden die Anker wieder aufgeho⸗ ben, und bald ſegelte man an Genua und Corſiea voruͤber, bis man die Inſel Sardinien anſichtig wurde. Da erhob ſich ploͤtzlich ein ungeſtuͤmmer, wid⸗ riger Wind, dem man nicht widerſtehen konnte, und das Schiff auf Gerathewohl überlaſſen mußte. Corſiea war das naͤchſtgelegene Land; die Schiff⸗ leute wendeten allen Fleiß an, einen ſichern Hafen daſelbſt zu erreichen. Es gelaug ihnen auch wirklich, von dem Golfo di Nebbio, bei einem Wacht⸗ 7— thurme nahe an der Feſtung St. Florenz⸗ ankern zu koͤnnen. Alles fluͤchtete ſich an das Land; allein das Schiff ward waͤhrend den drei Tagen, wo der Sturm noch wuͤthete, doch gut erhalten, und die ſaͤmmtliche Mannſchaft begab ſich des Morgens, als die See wieder ruhig war, an deſſen Bord. Man ſegelte ruhig an Sardinien und mehrern Inſeln Italiens voruͤber; am zweiten Tage erreichte man das hohe Meer. Allein auch jetzt ſtelite ſich ploͤtz⸗ lich ein heftiger Wind ein, der die Reiſenden ſo nahe an die Kuͤſte der Barbarei verſchlug, daß ſie heftig daruͤber erſchracken, ſowohl wegen der vielen Sand⸗ baͤnke, welche hier die Schifffahrt gefaͤhrlich machen, als auch der Seeraͤuber wegen, die hier an allen Orten auf Beute lauerten. Nacht und Finſterniß war eingetreten, und als ſich dieſe am Morgen wieder zerſtreute, erkannte unſer Reiſender deutlich am Ufer die Truͤmmer des ehemals ſo beruͤhmten Carthago. Die Noth. zwang die Schiffer, ſich dem Lande zu naͤhern; ſie ankerten alſo bei Bijerta, einer ſchoͤnen und ſtarken Feſtung, 40 Meilen von Thunis, und zogen die Fahnen auf, mit dem Wappen von Frank⸗ reich geziert, um vor dem Angriffe der Mohren ſicher zu ſeyn. Der Oberſte jener Feſtung aber ſchickte bald eine kleine Fregatte ab, ſich um die Abſicht der Reiſenden und ihre Ausweiſung zu erkundigen. Dar⸗ auf begab ſich der Schiffs⸗Patron, welcher die Sprache der Barbaresken zur Noth verſtand, ſelbſt an das 8 Land, und brachte es durch einige Geſchenke dahin, daß er ſogar mit einem Paſſe verſehen wurde, welcher die Reiſenden ferner vor den Seeraͤubern ſichern ſollte. Sobald die See wieder ruhiger wurde und die Segel nothduͤrftig ausgebeſſert waren, wurde die Fahrt wei⸗ ter fortgeſetzt, und man erreichte gluͤcklich die Inſel Maltha. Dieſes war vorlaͤufig das Ziel unſers Reiſenden, 3 und er verweilte auch daſelbſt eine geraume Zeit⸗ Waͤhrend ſeines Aufenhaltes kamen fuͤnf Schiffe der Maltheſer⸗Ritter, welche auf Beute ausgelaufen wa⸗ ren, reichlich beladen wieder zuruͤck. Sie brachten 400 Mohren, und 30 Janitſcharen, nebſt mehrern feind⸗ lichen Fahnen mit ſich. Die Menſchen wurden ſo⸗ gleich in ein enges Gefaͤngniß gefuͤhrt. Das Sieges⸗Gepraͤnge, welches dieſen Akt beglei⸗ tete, reitzte auch Heberer, daß er ſich der naͤchſten Ausfahrt der Maltheſer⸗Ritter bewaffnet anſchloß⸗ Schiſfend zwiſchen Candien und Afxika, ge⸗ wahrte er auf der langen Strecke der Wuͤſte zuerſt ei⸗ nen ziemlich großen Haufen Volkes, mit Kamelen und Eſeln. Sie waren muhametaniſche Pilger, welche nach Mekka, der Stadt ihres Propheten walleten⸗ Weil das Schiff vom Winde zu ſchnell getrieben wur⸗ de, verlor ſich die Karavane bald wieder aus dem Ge⸗ ſichte. Dafuͤr erreichte man am ſechſten Tage die Gegend eines wilden Gebirges, an deſſem Fuße ein ziemlich bequemer Hafen, Capo Bon Andreae, 4 9 gelegen war. In der Umgegend wohnt ein wildes Volk, daß meiſvens ungekleidet einher geht. Die Maltheſer⸗Schiffe landeten deſſen ohngeachtet, um friſches Waſſer einzunehmen und Lebensmittel zu ſuchen. Als nun das Schiffsvolk an das Land ſtieg, zerſtreu⸗ ten ſich die Wilden, und verſteckten ſich in Hoͤhlen und Gebuͤſchen. Der Schiffs⸗Oberſte ließ indeſſen eine weiße Fahne aufſtecken, welche ſie fuͤr ein Zei⸗ chen des Friedens hielten, worauf ſie allmaͤlig wieder hervor kamen. Sie brachten Hammel und Ziegen, welche ſie fuͤr alte Kleidungsſtuͤcke vertauſchten. Die Maltheſer⸗Ritter konnten ſich ſo ziemlich in ihrer Sprache verſtaͤndlich machen, wodurch dieſer Han⸗ del ordentlich lebhaft wurde. Wenn einer die⸗ ſer Naturmenſchen einen Mantel, oder auch nur eines Schiffers Kaͤpchen ertauſchte, ſo tanzte er vor Freude davon, und eilte mit ſeinem Schatze dem Ge⸗ birge zu. Es kamen auch etliche ganz nackend, auf Pferden geritten; dieſe fuͤhrten lange Wurfſpieße bei ſich. Unter ihnen war auch der Koͤnigs⸗Sohn dieſes Volkes, welcher vom Oberſten des Schiffes mit einem ſeidenen Rocke beſchenkt wurde. Mit dieſer Koſt⸗ barkeit ſprengte derſelbe, ſo ſtark ſein Pferd laufen konnte, dem Gebirge zu, woraus bald nachher wohl vierzig nackte Reiter herab kamen, unter welchen der Koͤnig ſelbſt ſich befand. Dieſer dankte in Perſon fuͤr das Geſchenk, mit welchem man ſeinen Sohn erfreut hatte, und bot zum Gegengeſchenke zwei nackte Moh⸗ rinnen an, welche aber nicht angenommen wurden. Dagegen verlangten die Maltheſer, daß ſie hier im⸗ merhin friſches Waſſer in ungeſtoͤrter Ruhe holen koͤnnten, was der Koͤnig und ſeine Begleiter mit ei⸗ nem Schlag vor die Stirne, als dem Zeichen des bei ihnen uͤblichen Schwures, beſtaͤtigten. Man begab ſich hierauf wieder auf das Schiff zuruͤck, welches fer⸗ ner mit guͤnſtigem Winde neben der Kuͤſte zu ſteuern begann.— Die Maltheſer bedienten ſich einer beſondern Art, ſich um Lage und Gegend zu erkundigen. Sie banden an die Segelſtange einen Mann, und richteten dann jene gerade uͤber den Maſtbaum auf.⸗ Dadurch wurde dieſer in den Stand geſetzt, dreißig oder vierzig Meilen weit um ſich zu ſehen. Als nun dieſes nach einigen Tagen geſchehen war, bemerkte des Spaͤher, daß man ſich in der Gegend von Alexandria befinde, daß aber auch, nicht ferne davon, mehrere tuͤrkiſche Schiffe, in gerader Richtung gegen das Geſchwader der Ritter, ſteuerten. Alsbald richtete man ſich zum Kampfe und ſchon am andern Morgen ſtießen die Maltheſer auf ein vorausgeeiltes, feindliches Schiff. Es begann ſo⸗ gleich ein heftiger Kampf; die Tuͤrken wehrten ſich ungemein. Mehrere der Ritter, und auch viele vom Fußvolk ſtiegen auf den Schnabel des Schiffes, wo⸗ durch es moͤglich wurde, daß ſie die feindliche Galeere beſteigen konnten. Heberer ſelbſt war einer der er⸗ ſten; denn es galt nicht allein den Punkt der Ehre, — 11 ſondern auch reichliche Beute, und eine Belohnung von 10 Dukaten, wer zuerſt den feindlichen Boden be⸗ trat. Nun war fuͤr die Sarazenen keine Rettung mehr; ſie wurden theils niedergeſtoßen, theils gefan⸗ gen aus dem Schiffe geſchlepypt, welches von den chriſtlichen Soldaten von unten bis oben ausgepluͤn⸗ dert wurde. 5 Waͤhrend dieſer Zeit aber hatte ſich unverſehens die tuͤrkiſche Flotte, ohngefaͤhr aus 14 Schiffen be⸗ ſtehend, den Maltheſern genaͤhert. Dieſe, als ſie ſich dadurch uͤbermanut ſahen, ſegelten in groͤßter Eile da⸗ von, ließen aber viele der Ihrigen, welche noch auf dem eroberten Schiffe verweilten, im Stich. Zum Gluͤcke fuͤr dieſelben war noch die tuͤrkiſche Flagge aufgezogen; die Sarazenen hielten es alſo fuͤr das ihre, weil ſie nicht wußten, was vorgegangen war, und ſchifften nacheilend an demſelben voruͤber. Der erſten Gefahr war alſo unſer Reiſende, der unter jene gehoͤrte, welche ſich noch auf dem unbe⸗ mannten Schiffe befanden, entgangen; bald aber traf ihn graͤßliches Ungluͤck. Er befand ſich in Geſellſchaft von 92 Chriſten, unter welchen zwoͤlf Ritter und ein einziger Teutſcher war, Namens Georg Kope. Zudem waren auf dem Schiffe 24 Mohren, Maͤnner und Weiber. Ganz finſtere Nacht brach ein, ehe unter dieſen Leuten nur einige Ordnung hergeſtelt war. Am andern Morgen ſah man ſich einſam auf der weiten See;— der Maſt 12 war zerbrochen, man mußte ſich dem Gerathewohl, und jedem Spiele der Winde uͤberlaſſen. Die Kugeln der Maltheſer hatten die Waͤnde des Schiffes bedeu⸗ tend beſchaͤdigt; Waſſer drang auf allen Seiten ein. Man hatte beſtaͤndig Noth, ſich vor dem Unterſinken zu erwehren. 1 Kaum waren die Schiffsleute ihres Ungluͤckes ge⸗ wiß, als ſich zu demſelben der heftigſte Sturm geſellte, der das gebrechliche Fahrzeug bald dorthin, bald hie⸗ hin ſo ſchleuderte, daß es alle Augenblicke zu berſten drohte. Dennoch erhielt es ſich einige Tage und Naͤchte, durch die aͤußerſte Anſtrengung der Menſchen, welche aus Abgang des ſuͤßen Waſſers ſchmachteten. Vergeblich ſuchten ſie das Meerwaſſer durch Aufloͤſung von Zucker trinkbar zu machen; es blieb auch bei dem beftigſten Durſte ungenießbar. Endlich, am ſechſten Morgen ſah man flaches Land; die auf dem Schiffe befindlichen Mohren hielten es fuͤr Aegypten. Ob⸗ wohl nun dieſes feindlicher Boden war, ſo trachteten doch alle, das Ufer zu erreichen; Jedermann verdop⸗ pelte ſeine Anſtrengung, und bot die letzten Kraͤfte auf. Man kam endlich ſoweit an das Geſtade, daß es moͤglich wurde, in einer Tiefe von 40 Klaftern An⸗ ker zu werfen. Noch immer wuͤthete der Sturm; das Schiff fing bereits zu ſinken an. Da faßten die Maltheſer⸗Ritter Muth. Ihrer wartete, ſowohl auf der wilden See, als auf dem feſten Lande, der ſichere Tod; auf dem letzteren noch — 4 13 ſicherer und grauſamer: denn die Tuͤrken trugen einen unbegraͤnzten Haß gegen ſie. Deßwegen ließen ſie eine große Barke, die ſich auf dem zertruͤmmerten Schiffe befand, in die tobenden Wellen, warfen einige Lebensmittel darein, und waͤhlten die erfahrenſten Schiffer. Mit dieſen vertrauten ſie ſich dem kleinen, gebrechlichen Fahrzeuge und verſchwanden, von Wind und Wellen pfeilſchnell getrieben, ſogleich aus den Augen der uͤbrigen. Von dieſen aber verſuchte es zuerſt unſer Hieberer, mit Georg Kope, an das Land zu kommen. Sie banden und befeſtigten uͤber zwei Faͤffer einige Bretter, die am Schiffe losgebro⸗ chen waren, ſetzten ſich auf dieſen Floß, und wurden, vom guͤnſtigen Winde getrieben, an das Land ge⸗ fuͤhrt. Sie hatten die Vorſicht gebraucht, ſich an die Bretter ſelbſt zu binden, was ihnen jetzt ſehr zu ſtatten kam. Denn bald wurden ſie von den reiſſenden Wel⸗ len bedeckt, und in die Tiefe des Meeres verſenkt, bald in die aͤußerſte Hoͤhe geſchleudert. Nach einer Todesangſt von acht Stunden, waren ſie endlich dem Strande ſo nahe, daß ſie ihre Bande loͤſen und ſchwimmend denſelben erreichen konnten. Als dieß die im Schiffe zuruͤckgebltebenen, bemerkten, faß⸗ ten viele andere gleichfalls Muth, banden ſich an Bretter und Faͤſſer feſt, und warfen ſich in die graͤß⸗ liche Fluth. Nur ein Franzoſe ertrank, 40 andere Chriſten aber wurden gerettet Die uͤbrigen, wie die Mohren, waren auf dem Schiffe zuruͤck geblieben. 14. Die Geretteten warfen ſich in den Sand, dankten mit lauter Stimme und unter Thraͤnen Gott fuͤr ihre Rettung, und baten um Schutz und um Geduld in ihrer traurigen und kummervollen Lage. Nachhin breiteten ſie ihre Kleider auf dem heißen Sande aus, und trockneten ſie. Ueber dieſes brach der Abend ein. Die Geretteten gingen Landeinwaͤrts, und erreichten bald einige Baͤume und Geſtraͤuche, in deren Schutz vor der Kuͤhle der Nacht ſie ſich begaben. Die Begebenheiten und An⸗ ſtrengungen des Tages hatten ſie in gaͤnzliche Erſchlaf⸗ fung verſenkt, und einige Stunden genoßen ſie der ungeſtoͤrten Ruhe. Allein ploͤtzlich wurden ſie bei hel⸗ lem Scheine des Monds und der Sterne von bewaff⸗ neten Mohren uͤberfallen, und mit Stockſtreichen aus dem tiefen Schlummer geweckt. Schreckliches Er⸗ wachen! Man ſah die Habſucht der Barbaren ſelbſt in dem Dunkel der Nacht hellflammend aus ihren Augen leuchten. Sie beraubten die Ungluͤcklichen ſo⸗ gleich ihrer wenigen Habe und ihrer Kleider— ſelbſt der noͤthigſten Bedeckung. Dann wurden ſie, in klei⸗ nere Haufen vertheilt, fortgetrieben, einige Stunden weit, bis zu einer Hoͤhle, in welche man ſie verſchloß, bis der Morgen graute. Aus dieſem Hinterhalte hat⸗ ten die Raͤuber ſchon einige Tage das gefahrvolle Schwanken des entmaſteten Schiffes bemerkt, und nun wie hungrige Woͤlfe auf ihre ſichere Beute gelauert. Als der Tag angebrochen war, konnte faſt keiner 15 der Gefangenen frei auf den Fuͤßen ſtehen. Die Bar⸗ baren ſahen es, und gaben ihnen Brod, weiße, runde Kuchen, wie ſolche zu Alexandrien verkauft werden. Allein die armen Menſchen konnten ſelbes vor uͤbergroßem Durſte nicht genießen. Als die Mohren dieſes bemerkten, trieben ſie ſelbe, wie die Schweine, zu einem nahen Bach, ließen ſie aus der hohlen Hand trinken, und die wenige Gabe genießen. Dadurch etwas erquickt, jagte man ſie nun fort, uͤber die heißen Sandfelder, mit ſolcher Heftigkeit und Eile, daß ſie noch am ſelbigen Tage Allexandria erreichten. Durch die ſchoͤnen Gaſſen der großen Stadt, von muhametaniſchen Weibern und Kindern verſpottet und verfolgt, von einigen chriſtlichen Kauf⸗ leuten redlich bedauert, fuͤhrte man ſie in den Vor⸗ hof eines Gefaͤngniſſes, welches nahe am Meere lag. Sie erhielten fuͤr dieſen Abend keine Labung mehr. Erſt am andern Morgen brachte man Zwieback, und Waſſer; die Mohren aher ſchleppten zu gleicher Zeit eiſerne Bande und Ketten herbei, in welche immer zwei und zwei geſchmiedet werden ſollten. Unſer Rei⸗ ſende bat, daß er mit dem andern Teutſchen, Georg Kope, zuſammen geſchmiedet werden moͤchte, was auch zu einigem Troſte der beiden geſchehen iſt. Doch benetzten ſie das kalte Eiſen mit heißen Thraͤ⸗ nen uͤber ihr ungluͤckliches Schickſal. Noch ſchwerer aber fiel es ihnen, daß man ſie ſogleich auch aller Haare am Haupte, und des Bartes beraubte, zum Zeichen der Verachtung und Dienſtbarkeit. Beſonders wollte Heberer's Gefaͤhrte ſeinen ſchoͤnen Knebelbart nicht miſſen, und wehrte ſich lange deßwegen. Da er aber ſah, daß man ihn mit biutigen Streichen zwin⸗ gen wuͤrde, nahm er die Scheere, und ſchnitt ſich denſelben ſelbſt ab, indem er ſagte: daß dieſes Volk nicht werth ſey, ſeinen Bart zu beruͤhren. Der Aufenthalt in dieſem Gefaͤngniſſe waͤhrte zehn Tage. Des Nachts wurden ſie immer in einem Stalle an große Ninge, die an der Wand befeſtigt waren, angeſchloſſen. Dieſer Stall hatte kein Fenſter, wie alle Haͤuſer in Aegypten, ſondern nur oben eine Oefnung. Auch haben die Wohnungen keine Daͤcher, ſondern ſind oben ſo eben, daß man uͤber ſie ſpatziren gehen kann. Nach einigen Tagen brachte man auch die Ritter⸗ welche ſich auf der Barke hatten fluͤchten wollen, ge⸗ fangen ein. Sie waren gleichfalls gezwungen geweſen, an das Land zu treten, wo ſie ſich ſogleich von Moh⸗ ren umrungen ſahen. Anfangs wehrten ſie ſich tapfer; mehrere der ihrigen wurden getoͤdtet; zuletzt uͤbergaben ſie ſich nothgedrungen der Gefangenſchaft. Man ließ ſie nicht lange zu Alexandrien verweilen, ſondern fuͤhrte ſie ſogleich nach Kahiro ab. Viele von ihnen batten noch Gold und Kleinodien bei ſich, welche ſie am Hinterhaupte unter das Haar mit Pech befeſtigt hatten, durch welche Vorſicht ſie der erſten Pluͤnde⸗ rung gluͤcklich entgingen. 17 Heberer und ſeine gefangene Geſellſchaft, erhielt endlich auch einige Mittel, ſich zu bekleiden. Man gab ihnen alte Segeltuͤcher, zu einer Art von Hemden und Hoſen. Den Faden mußten ſie aus Truͤmmern von Stricken ſuchen; mit Nadeln verſah ſie der Ge⸗ faͤngniß⸗Waͤrter. Dieſe mußten ſie ſogleich wieder einliefern: denn es war erſt vor Kurzem geſchehen, daß ein gefangener Goldſchmieds⸗Geſelle aus einer großen Nadel eine Feile machte, und dadurch ſich und andern die Freiheit verſchaffte. Der Paſcha zu Kahiro hatte befohlen, alle Ge⸗ fangene dorthin zu fuͤhren; er ſelbſt wollte ſie ſehen. Man fertigte aus ſtarken Brettern Spangen, auf bei⸗ den Seiten halbrund ſo weit ausgeſchnitten, daß ge⸗ rade ein entbloͤßter Arm darin Platz hatte. Mittels derſelben wurden immer zwei und zwei zuſammen ge⸗ knebelt, daß ſie mit einander, gleich einem an das Joch geſpannten Ochſen⸗Paar, fortwandern mußten. Zudem waren ſie mit ihren eiſernen Feſſeln uͤberhaͤuft, und die Kerker⸗Knechte, wohl 20 an der Zahl, liefen mit großen Pruͤgeln neben ihnen. Als ſie vor die Thore von Alexandria gekommen waren, war der Sand ſo brennend heiß, daß es mehrern von den Ge⸗ fangenen unertraͤglich vorkam. Sie vergoßen daruͤber ſo bittere Thraͤnen, daß die Mohren ſelbſt zum Mit⸗ leiden bewegt wurden, und die ſchwaͤchſten derſelben auf die Kamele ſetzten, welche den Proviant mittrugen. Nach einigen Stunden wurde unter dem Schatten ei⸗ 32tes B. Türkei, II. 1. 2 18 niger Dattelbaͤume Lagerung gehalten. Man theilte den Ermuͤdeten Brod und Waſſer zu; die Reiſe aber wurde erſt am Abend wieder fortgeſetzt, weil es dann etwas kuͤhler war. Auch leuchten die Sterne in Aegypten, wegen des wolkenloſen Himmels, ſo hell, daß man ſeine Wege wohl finden kann. Man ſetzte uͤber einen Arm des Nils, und eilte der Stadt Roſetta zu. Unterwegs war ein ſteinerner Sarg auf freiem Felde, mit ſuͤßem Waſſer gefuͤllt. Die Gefangenen verſuchten zu trinken; allein die hoͤlzernen Spangen hinderten ſie. Da aber H eberers Hand ſehr klein war, gelang es ihm, ſich frei zu machen; er trank und brachte auch ſeinem Ungluͤcksgefaͤhrten einen ſtarken Trunk. Die Mohren bemerkten ſogleich, auf welche Weiſe dieſer Gefangene frei geworden war; jedoch lachten ſie daruͤber, und entledigten zuletzt alle Gefangenen von dieſen laͤſtigen Jochen, woran viele ihre Arme ſich wund gerieben hatten. Bei ihrem Einzug in Roſſetta waren dis Straſſen voll von Maͤnnern, Weibern und Kindern, welche Gott lobten, daß er ihre Feinde, die Nazare⸗ ner, in ihre Gewalt gegeben habe. Als man ſie nahe bei dem Kaufhauſe in einen großen Stall gebracht hatte, erſchienen mehrere Kaufleute aus Frankreich und Venedig, troͤſteten die Ungluͤcklichen und theilten Speiſen und friſches Waſſer unter ſie aus. Dieß, und die Ruhe einer Nacht, ſaͤrkte ſie wieder am Koͤr⸗ per und Geiſte. Am andern Tage trieb man ſie zu 19 Schiffe, um den Nil aufwaͤrts nach Kahiro zu kom⸗ men. Als ſie uͤber den Platz des Kaufhauſes gingen, fänden ſie Feigen und Datteln in Menge, welche an Schilfrohren aufgefaßt waren; ſie aßen ungehindert davon. Es wird gefabelt, daß der Nil im Paradieſe ent⸗ ſpringe. Sein Waſſer iſt truͤbe; zur Zeit der jaͤhrli⸗ chen Ueberſchwemmung fuͤhrt er ſchwaͤrzlichten Sand mit ſich. In ſieben Armen ergießt er ſich, nach einem langen Laufe durch das Mohrenland, in das mittel⸗ laͤndiſche Meer. Die Fiſche in demſelben ſind ſo zahl⸗ reich, daß man ſie leicht mit den Haͤnden fangen kann. Das Waſſer iſt fuͤß und angenehm zu trinken. Er iſt in ſeinen verſchiedenen Armen durch viele Ka⸗ naͤle verbunden, welche ſie Cata rakten nennen. Die Ufer ſind zu beiden Seiten ſehr anmuthig, mit ſchoͤnen Gaͤrten, Feldern und vielen fruchtbaren Baͤu⸗ men geziert. Viele huͤbſche Staͤdte und Flecken liegen in Mitte derſelben. Die Einwohner des Landes gehen ſchlecht geklei⸗ det einher, meiſtens in Leinen⸗Kleidern, den Hemden aͤhnlich, mit ſehr weiten Aermeln; meiſtens blau von Farbe. Die Maͤnner nehmen uͤber dieſelben Teppiche, und ſchlagen ſie ſo uͤber die Schulter, daß ſie den rechten Arm frei haben. Im Felde fuͤhren ſie leichte, lange Spieße bei ſich, und auf dem Haupte tragen ſie eine Muͤtze von Kamelhaaren. Das Landvolk geht groͤßtentheils mit bloßen Fuͤßen; doch haben die Wei⸗ 20 ber einen Schleier um das Haupt, und ein Duch vor dem Geſichte, in welches zwei Loͤcher geſchnitten ſind, jedes in der Groͤße eines Auges. Die Geſichts farbe beiderlei Geſchlechtes iſt braungelb; ihre Zuͤge ſind nicht gar angenehm⸗ Im Genuſſe der Liebes⸗Triebe ſind ſie ſehr ausſchweifend: denn jeder Mann hat ſo viele Weiber, als er ernaͤhren kann. Sie kaufen die⸗ ſelben meiſtens um Geld. Am Tage erreichten die Gefangenen Kahiro⸗ wo ſie Nachts wieder wohl verſperrt wurden. Am andern Morgen fuͤhrte man ſie nach dem Schloſſe, das in der Mitte der Stadt auf einem Berge lag. Ehe ſie in den Vorhof kamen, ſahen ſie mehrere Thore von Eiſen, und einen langen, finſteren Felſengang. Im Hofe, deſſen Ende mit ſchoͤnen Wohngebaͤuden umgeben waren, ſpatzirten allerlei Thiere umher: Strauße, ſeltſame Huͤhner, und unbekannte vierfuͤßige Thiere. Die Gefangenen wurden nach dem Mittage zum Paſcha gefuͤhrt, dieſer fragte nach ihren Namen, Kunſt und Gewerbe, und ließ alle Angaben fleißig aufzeichnen. Nachher kamen viele aus dem Hausge⸗ ſinde zu ihnen, betaſteten das Innere ihrer Haͤnde, und fragten ſie, ob ſie nicht Tuͤrken werden wollten; nur dadurch koͤnnten ſie ſich goldene Tage verſprechen. Zwei Franzoſen ſind dieſer Einladung wirklich gefolgt; die uͤbrigen wurden wieder in ihr Gefaͤngniß zuruͤck gefuͤhrt, und hierauf einige Zeit zum Schiffbau ver⸗ wendet, nachhin aber zur Abbrechung einer alten 21 Mauer aus Backſteinen. Die Mohren und ihre Bau⸗ meiſter verſtanden es nicht anders, als Stein fuͤr Stein abzuloͤſen; Heberer aber, und ſein teutſcher Gefaͤhrte, machten ein Loch in die Wand, zogen einen Balken durch, und ſpannten Stricke daran. Durch dieſe Art Hebel war es leicht, die groͤßten Truͤm⸗ mer auf einmal loszubrechen. Da kamen ihre Waͤch⸗ ter ſelbſt herbei, verwunderten ſich, und kuͤßten ihre Haͤnde, denn auf dieſe Weiſe war wohl eine monat⸗ lange Arbeit erſpart. Sie erlaubten ihnen auch da⸗ fuͤr, taͤglich ſoviel Holz wegzutragen, als ſie fuͤglich ſchleppen konnten. Um dieſes liefen ihnen die Ein⸗ wohner von Kahiro, beſonders die Juden, immer nach, und kauften es ihnen ab: denn das Holz iſt dort ſo ſelten, daß man oft fuͤr Geld keines bekommt, und meiſtens Kamel⸗Miſt duͤrren und brennen muß. Die Gefangenen hatten auch die Freiheit, was ihnen auf dem Wege von der Arbeit in das Gefaͤngniß in die Haͤnde fiel, zu nehmen, z. B. Eßwaren, die hie und da oͤffentlich feil waren. Einmal pluͤnderten ſie einen ganzen Baͤckerladen; und als der Eigenthuͤmer deßwegen auf einen Sklaven ſchlug, gaben ihm die Waͤchter, die ihren Antheil am Geraubten jedes Mal nahmen, die Baſtonade. Hierauf verſperrten die Leute ihre Laͤden recht wohl, ſo oft ſie nur Ketten klirren hoͤrten, oder flohen mit ihren Feilſchaften in die Haͤuſer. An dieſen ſtehen auch hin und wieder große, irdene Kruͤge voll Waſſer, welches auf Kame⸗ 92 len, oder durch eigene Traͤger aus dem Nil beige⸗ ſchaft wird: denn es gibt in der großen Stadt keine Quellen. Daraus werden die Armen, wie auch die Gefangenen getraͤnkt, um Gotteswillen; und reiche Stiftungen liefern die Fonds dazu. In die Haͤuſer der Vornehmen aber gehen Waſſerleitungen, oft mei⸗ lenweit, auf herrlichen, kunſtreichen Schwiebbögen. Der Aufenthalt der Gefangenen war zu Kahiro nicht von langer Dauer; man brachte ſie wieder nach Alexandria zuruͤck, in der Abſicht, ſie auf die Ga⸗ leeren zu ſchmieden. Vor dieſer Qual graute dem guten Heberer und ſeinem Gefaͤhrten ſo ſehr, daß ſie heimlich Anſtalten zur Flucht machten. Mit einem ſpitzigen Holze bohrten ſie ein ziemliches Loch durch die Mauer; allein bald ſahen ſie, daß ihre Muͤhe eitel geweſen ſey: denn die Flucht war durch den Hofraum eines Juden⸗Hauſes geſperrt. Tags darauf wurden alle Gefangenen auf Schiffe gefuͤhrt, und an die Ru⸗ derbaͤnke geſchmiedet. Viele erhoben dabei ein erbaͤrm⸗ liches Geſchrei, das ſelbſt den Fuͤhrer der Rotte, der ein Renegat aus Neapel war, zum Mitleiden ruͤhrte. Sie zu troͤſten und zugleich vor der Winterkaͤlte zu ſchuͤtzen, ließ er je zwei und zwei eine Wollendecke zu⸗ theilen. Heberer und ſein Geſelle kamen nahe an den Maſtbaum neben etlichen weißen Mohren zu ſitzen, welche des veruͤbten Straſſenraubes wegen dieſes harte Schickſal theilen mußten. Bald wurde mit einer Pfeife das Zeichen zum 23 Ankerziehen gegeben; zu gleicher Zeit mußten die Skla⸗ ven ihren Ruͤcken bis an den Guͤrtel entbloͤſen. Ein Waͤchter ging hin und her, diejenigen zu zuͤchtigen, welche fahrlaͤſſig in der Arbeit waren. Heberer, ſol⸗ cher harten Arbeit ungewohnt, war der erſte, der von ſeinen Peinigern geſchlagen wurde. O, wie ſeufzte hier auch der ſtandhafteſte Mann, mit welchem Strom von Thraͤnen gedachte er ſeines lieben, von ihm vielleicht auf ewig getrennten Vaterlandes!— Erſt auf der ho⸗ hen See, als mit gutem Winde das Fahrzeug fortge⸗ trieben wurde, geſtattete man ihnen wieder, die elende Kleidung vollends anzuziehen; denn die Luft auf dem Waſſer iſt ſcharf und dem entbloͤſten Koͤrper ſchaͤdlich. Auch theilte man, als die Nacht zu ſinken begann, Nahrung aus. Dieſe beſtand aus Waſſer und Zwie⸗ back; beides wurde immer vier Maͤnnern zugemeſſen. Die beiden Mohren erhaſchten dabei das Beſte; He⸗ berer und ſein Freund mußten mit dem zufrieden ſeyn, was bereits die Maͤuſe oder Ratten angenagt hatten. Nach fuͤnf Tagen landete das Schiff, welches eigent⸗ lich zum Zwecke hatte, einen Cadi aus Klein⸗Aſien uͤberzuſetzen, im Hafen zu Veneto. Von dort ſchiffte man aber ſogleich wieder fort, die Inſel Cypern vor⸗ uͤber, nach Syrien. Die Winde waren widriger ge⸗ worden, die Remmen mußten fleißig gezogen werden. Heberer ermattete dabei vor Durſt, und als er die⸗ ſen ſtillen wollte, ſtieß ihm ein mitgefangener Mohr 4 24’ das Trinkgeſchirr in das Geſicht, daß er blutete. Noch groͤßern Schaden verurſachte ihm aber der Verluſt ſei⸗ ves rothen Kaͤppchens, das durch den Stoß in das Meer ſiel. Nun war fernerhin ſein geſchorenes Haupt anbedeckt, Tag und Nacht der Hitze und Kaͤlte ausge⸗ ſetzt.— An dem Geſtade von Syrien und Palaͤſti⸗ na fanden ſich viele tuͤrkiſche Schiffe zuſammen, mit vieler Mannſchaft; ja der Sultan von Aegypten, Ibra⸗ him Paſcha!, war ſelbſt dabei. Sie landeten zuerſt anweit Tripolis, und uͤberfielen ploͤtzlich die Chri⸗ ſten, welche am Berge Libanon wohnten. Sie ver⸗ trieben dieſe ungluͤcklichen, oder ſchleppten ſie auf die Galeere; alle ihre Habe wurde die Beute des grauſa⸗ men Bluthundes. Denn Ibrahim wollte eine Tochter des Kaiſers von Konſtantinopel ehelichen; dazu mußte dieſer Raub den Brautſchatz liefern. Mit demſelben eilte man ſegleich nach Alexandrien zuruͤck, bei welcher Ankunft Heberer ſchon mehrere Todte un⸗ ter ſeinen Mitgefangenen zaͤhlte, die alle, den Fiſchen zur Speiſe, in das Meer geworfen wurden. Nun trat die Winterzeit ein. Die Sklaven wur⸗ den ven den Schiffen losgefeſſelt, und in ihr altes, ſchon bekanntes Gefaͤngniß zuruͤckgefuͤhrt. Taͤgliche Ar⸗ beit, ſchlechte Koſt und andere uͤble Behandlung wech⸗ ſelten nun bis zur Fruͤhlingszeit. Die Gefangenen mußten wieder ihre Schiffe zuruͤſten und die Geraͤthe nach denſelben tragen. Auf einem ſolchen Zuge begeg⸗ neten ihren eines Tages teutſche Kaufleute mit einem 25⁵ Buͤchſenmeiſter; Heberer's Geſelle kannte den letz⸗ tern und ſprach ihn an. Sie erkundigten ſich um ihre ungluͤcklichen teutſchen Landsleute umſtaͤndlich, bezeig⸗ ten großes Mitleiden und beſchenkten jeden mit einem Thaler. Was aber noch mehr war, der Buͤchſenmeiſter wußte dem Heberer eine gute Feile zuzuſtecken, was dieſem ganz mit der freudigen Hoffnung erfuͤllte, uͤber kurz oder lang damit ſeine Freiheit zu erhalten.— Es war am Oſterfeſt. Die gefangenen Chriſten erhielten die Erlaubniß, in einem Moͤnchskloſter ihrem Gottes⸗ dienſte beizuwohnen. Heberer hatte vorher ſchon auf ein wenig Pergament, das er einmal gefunden, ein Gedicht uͤber die Auferſtehung des Heilands gemacht, und uͤbergab es den Moͤnchen, mit der Bitte, dasſelbe dem franzoͤſiſchen Konſul einzuhaͤndigen, in der Hoff⸗ nung, eine gute Verehrung dafuͤr zu bekommen. Allein die Moͤnche verſtunden kein Latein und nahmen ſich des Gedichtes nicht an. Auf dem Heimwege aber traf unſer Dichter einen franzoͤſiſchen Kaufmann, reichte ihm das Machwerk und erhielt von ihm zwei Medin, wofuͤr er hocherfreut einiges Fleiſch und ein Kruͤglein Wein kaufte, und auf dieſe Weiſe mit ſeinem gefangenen Freunde froͤhliche Oſtern hielt.— Bald nachher wur⸗ den ſie zu Schiffe gefuͤhrt und wieder an die Ruder⸗ baͤnke geſchmiedet. Als alles zur Abreiſe fertig war, fuͤhrte man mehrere Grafen und Ritter als Gefangene, jedoch ohne Feſſel, auf das Schiff, um ſie zu Konſtantinopel dem tuͤrkiſchen Kai⸗ 20 ſer zu uͤbergeben. Sie gingen unter den Sklaven herum, waren luſtig und hofften auch, bald wieder frei zu wer⸗ den. Man fuhr aus dem Hafen von Alexandria, landete zu Rhodis und Mitylene, und gelangte ohne fernern Aufenhalt in den Hafen zu Pera, der Vorſtadt von Konſtantinopel. Heberer hatte auf dieſer Reiſe das Ungluͤck, von ſeinem Freund Kope getrennt zu werden; denn die⸗ ſer als ein ſtarker Mann, mußte an dem vordern Theile, wo die ſchwerſte Arbeit war, ſizen; Heberer aber an dem hintern Theile. Jedoch unterhielten ſie einen Briefwechſel und eines Tages, als das Schiff ohnge⸗ faͤhr so Schritte vom Geſtade vor Anker lag, bat der Teutſche ſeinen Freund, ihm heimlich die Feile zuzu⸗ ſtellen; denn er habe Gelegenheit ſich loszumachen. Heberer trennte ſich nicht gerne von dieſem, obwohl ohnmaͤchtigen Schluͤſſel zur Freiheit, ermahnte aber ſei⸗ nen Freund, dieſes Unternehmen wohl zu uͤberlegen; denn jenen Sklaven die man uͤber der Flucht ertappte, wurden wenigſtens Naſen und Ohren auf der Stelle abgeſchnitten, wenn man ſich nicht etwa toͤdtete. Kope aber ließ ſich dadurch nicht irren; er wußte einen Freund zu Konſtantinopel, den Goldſchmied Rattich. Gluͤcklich entkam er auch aus den Feſſeln und aus der Galeere, ſchwamm an das Geſtade, drang durch tau⸗ ſend Gefahren und erreichte wie durch ein Wunder, das Haus ſeines Freundes. Dieſer bewahrte und be⸗ wirthete ihn mit eigener Gefahr ſo lange, bis ihm Haar 27 und Bart wieder gewachſen waren; dann aber ſorgte her mit bruͤderlicher Treue fuͤr deſſen Heimreiſe in das geeſegnete, liebe Vaterland. Als aber auf dem Schiffe die Flucht des Teutſchen ruchbar wurde, gerieth der Oberſte deſſelben in einen wuͤthenden Zorn. Mit eigener Hand peitſchte er alle Gefangenen, ſtieß einem derſelben das Meſſer in den Leib, warf einen andern uͤber Bord und ließ den Skla⸗ ven⸗Aufſeher in das Eiſen des Entflohenen ſchmieden, daß er ſelbſt nun das Loos der Gefangenen theilen mußte. So vergingen einige Monden; ihr Aufenthalt hatte ſich bereits bis tief in den Winter verlaͤngert. Da wurden alle Sklaven vom Schiffe losgemacht und an einen Tuͤrken vermiethet, dem ſie Schnee und Eis in große tiefe Keller tragen mußten. Im Sommer pflegt man auch zu Konſtantinopel ſolches Eis pfundweiſe in den Kramlaͤden zu verkaufen; denn die Reichen pflegen ſich damit ihren Trank abzukuͤhlen.— Die Arbeit des Schnee⸗Tragens ward den Gefange⸗ nen ſehr bitter; ſie hatten nichts als ein elendes Hemd, konnten ihre Bloͤße kaum bedecken und des Nachts mußten ſie bei der ſtrengſten Kaͤlte unter freiem Him⸗ mel ausdauern. Viele ſtarben vor Froſt; die meiſten erfroren ihre Fuͤße ſo, daß man ihre Zehen abſchneiden muste und deſſen ohngeachtet zwang man ſie, bei Tags wieder zu arbeiten. Unſer Heberer blieb inzwiſchen, auſſer der Mar⸗ ter des Froſtes, ſo ziemlich von allem Schaden verſchont; 8 28 e allein bald nachher ward den ungluͤcklichen eine andere ſchwere Arbeit zu Theil; ſie mußten Steine ſchneiden. Dieſes Geſchaͤft war ſo ermuͤdend, daß man ſie je zwei und zwei Stunden ruhen ließ. Dieſe Muße benuͤtzte Heberer dazu, ſich Struͤmpfe zu ſtricken, das er von einem Franzoſen gelernt hatte. Waͤhrend der Arbeit waren oft die Weiber der Dienerſchaft anweſend, wel⸗ che den Bau zu beſorgen hatten. Sie waren ohne Schleier, entbloͤst bis an die Bruſt und nur mit einem feinen Leinenkleide bedeckt. Um den Hals trugen ſie koſtbaren Schmuck. Sie redeten manchen der ungluͤck⸗ lichen Sklaven freundlich an, beſchenkten ſie mit Geld oder Speiſen und wurden ſo die Wohlthaͤterinnen der Bedraͤngten, wie edle Frauen uͤberall. Zu erzaͤhlen iſt bei dieſer Gelegenheit, wie ſehr die Turken die Unzucht zu beſtrafen pflegen, beſonders zwi⸗ ſchen Tuͤrken und Chriſten. Eine junge tuͤrkiſche Witt⸗ we hatte ſich in einen griechiſchen Juͤngling verliebt und ihr heimlicher Umgang ward zuletzt durch die Frucht ihres Leibes verrathen. Der Vater der Wittwe, einer der Vornehmſten am Hofe des Kaiſers, ward hieruͤber ſo aufgebracht, daß er die beiden Verliebten einziehen und nach Rechten damit verfahren ließ.— Nach we⸗ nigen Tagen wurden die Frau und der Juͤngling aus dem Gefaͤngniſſe gefuͤhrt, bis auf die Scham entklei⸗ det und auf einen Eſel ſo geſetzt, daß ſie den Rücken ſich zukehren mußten und der Juͤngling gegen den Schwauz des Thieres zu ſitzen kam. Auf dieſe Weiſe 29 fuͤhrte man ſie durch die Straßen der Stadt vor das Thor, an das Ufer des Meeres, wo ein Galgen ſtand. Man fragte hier den Juͤngling nochmal, wie ſchon im Gefaͤngniſſe oͤfters geſchehen war: ob er ſeine Religion verlaͤugnen und Muhametaner werden wollte? in wel⸗ chem Falle man ihm Ehren und Wuͤrden, und ſeine Geliebte zum ehelichen Weibe verſprach. Doch dieſe ſelbſt ermahnte ihn zur Standhaftigkeit in ſeinem Glau⸗ ben und das Aergſte zu dulden fuͤr ihre Liebe. Darauf ward alſo der Grieche lebendigen Leibes mittelſt eines eiſernen Hackens an den Galgen gehangen; das Weib aber wurde vor ſeinen Augen in den Wellen des Mee⸗ res erſaͤuft und ihr entſeelter Koͤrper ihren rachſuͤchti⸗ gen Verwandten ausgehaͤndigt. Der Juͤngling ſtarb am Galgen eiſt den dritten Tag, nachdem es einem ſeiner Freunde gelungen war, ihm in einem Schwam⸗ me mit Eſſig Gift beizubringen, um ſein namenloſes Leiden zu endigen. Das Schickſal unſers Gefangenen war uͤberhaupt ſeit dem Aufenthalte zu Konſtantinopel, beſonders da jetzt die Sommerzeit zu beginnen anfing, etwas ertraͤg⸗ licher. Viele ſeiner Kammeraden verſuchten zu entflie⸗ hen; aber Heberer blieb ruhig und benuͤtzte dazu auch die guͤnſtigſten Gelegenheiten nicht Dadurch gewann er das Vertrauen ſeiner Waͤchter und wurde zu man⸗ cherlei Haus⸗Arbeiten bei den Vornehmſten der Kuͤr⸗ ken verwendet. Unter andern bei dem beruͤhmten Ochi⸗ ali, der durch die im J. 1572 unter Don Jan d⸗Au⸗ 30 4 ſtria gelieferten Seeſchlacht ſich ſo ſehr ausgezeichuet⸗ hat, daß er nachher Kapudan Paſcha und der erſte am tuͤrkiſchen Hofe geworden iſt. Bei Heberer's Anweſenheit war dieſer Ochiali ein Mann von etli⸗ chen 70 Jahren; ſein Anſehen war ehrwuͤrdig, ſein Haar und Bart ſilberweiß. Doch ſchuͤtzte ihn weder Alter noch Reichthum vor den Verfolgungen ruchloſer Feinde, deren jeder Redliche genug hat. Eines Tages, als er eben aus dem großen Rathe nach Hauſe gekom⸗ men war, wurde er in ſeinem Zimmer erdroſſelt. All ſein Vermoͤgen zog der Großherr an ſich.— In Folge dieſes Mordes ward auch Heberer wieder ſeines Dien⸗ ſtes ledig und auf die Galeere zuruͤckgefuͤhrt. Es war eben zur Zeit, als dieſe geruͤſet war, einige Herren unach dem gelobten Lande uͤberzufuͤhren. Heberer kam in ſeine Ketten geſchmiedet nach Jaffa, und von dort nach Rama und Jeruſalem; doch wurde ihm nicht gegoͤnnt, alle dieſe Plaͤtze zu beſuchen, welche einem Chriſten heilig ſind. Und als er nach vielen Muͤhſeligkeiten wieder zuruͤckgekommen war, fand er zu Konſtantinopel auch große Gefahr fuͤr ſein Leben. Denn die Peſt hatte Schiffsvolk und Soldaten, Her⸗ ren und Diener, Stadt und Land ergriffen. An ſeiner Seite ſtarben 40 Sklaven in ihren Eiſen, ohne Troſt, ohne Huͤlfe. Man warf ſie mitleidslos uͤber Bord. Seit ſeines teutſchen Freundes Abweſenheit hatte er die Gunſt des Galeeren⸗ Schreibers zu gewinnen ge⸗ wußt; auch dieſer wurde von der Seuche befallen. Doch 31 hatte er ſich den ungluͤcklichen Heberer zu ſeinem Aufwaͤrter erbeten, der ihm getreulich diente in den letzten Tagen ſeines elenden Zuſtandes, und, ſelbſt ohne Troſt, den Geiſt ſeines Freundes durch Droͤſtungen auf⸗ richtete, waͤhrend deſſen Leib allmaͤhlig in das Nichts ſeines Daſeyns verfiel. Die Peſt wuͤthete nicht minder zu Konſtanti⸗ nopel und in der Vorſtadt Perg. Ganze Haͤuſer waren ausgeſtorben. Heberer hatte Gelegenheit zu bemerken, daß die Unreinlichkeit der Tuͤrken ſelbſt die Haupturſache dieſes Uebels ſey, was auch andere, vor und nach ihm, ausgeſprochen hatten. Sah man doch nicht ſelten in den engen Straßen todte Hunde, Ka⸗ tzen, ja Pferde und Menſchen unbegraben liegen, aude⸗ rer Unreinlichkeiten nicht zu gedenken. Als nun auch dieſes Uebel voruͤber war, wurde er mitgenommen zu einer Reiſe nach Trapezunt. Er erzaͤhlt, im J. 1574 ſey die Meerenge von Konſtan⸗ tinopel ſo zugefroren, daß man nicht allein uͤber die⸗ ſe, ſondern auch auf dem Eis des ſchwarzen Meeres bis zu den Donau⸗Muͤndungen habe gehen koͤnnen. Das ſchwarze Meer ſelbſt fand er viel ungeſtuͤmmer und gefahrvoller als das Mittelmeer; von Trape⸗ zuut zuruͤck nach Konſtantinopel aber wurde ihm das harte Loos zu Theil, zwei neue Gal eeren am Schlepp⸗ tau mit dem Ruder zieben zu muͤſſen, was ihn und ſeine Mitgeſellen bis zum Tode ermattete. Doch fand er iu Konſtantinopel bald wieder einige Erholung. ward auch des Tages an das Land gefuͤhrt, um daſelbſt beim Abbrechen einiger Haͤuſer mitzuwirken. In die⸗ ſer Arbeit fand er unter dem Fußboden eines Kellers, einige Muͤnzen von Kupfer, in der Groͤße eines Rechen⸗ Pfenniges, mit dem Bildniſſe einer ſtattlichen Frau. Die Sage geht unter den Griechen von Kon ſtanti⸗ nopel, daß die heil. Helena dieſe Muͤnzen geſchla⸗ gen habe, ihren Vater damit zu retten, als zur Zeit einer Hungersnoth und Theuerung ſein Hofgeſinde nichts mehr zu leben hatte.— Das Gluͤck wollte, daß einige reiſende Englaͤnder an der Straße voruͤber ka⸗ men, wo eben die Gefangenen von ihrer Arbeit wieder nach der Galeere gebracht wurden. Heberer, als er die Fremden erblickt hatte, erbat ſich die Erlaubniß, ſie anſprechen zu duͤrfen, was ihm auch geſtattet wurde. Er bot ihnen freundlich die fremden Muͤnzen zum Kaufe an, erzaͤhlte ihnen dabei auch in den traurigſten Ausdruͤcken ſein Ungluͤck und ſein beweinungswuͤrdiges Elend. Die Fremden konnten ſich dabei der Thraͤnen nicht enthalten, nahmen die alten Muͤnzen und be⸗ ſchenkten ihn dagegen mit zwei Dukaten. Sie luden ihn auch ein, wenn es moͤglich waͤre, in das Hotel des engliſchen Geſandten zu kommen; ſie wollten ſich dann uͤber ſeine Loskaufung beſprechen.— Welche Freude hieruͤber der ungluͤckliche Heberer hatte, iſt nicht zu ſchildern. Er kuͤßte den Saum ihrer Kleider, packte freudig ſeine Ketten zuſammen und wanderte auf die Galeere, wo er den erſten der Waͤchter auf die Seite 33 zog und ihm einen Dukaten mit der Bitte ſchenkte, daß er ihn zu dieſen ſeinen guten Freunden in der Stadt fuͤhren moͤchte. Der Tuͤrke verſprach dieſes und fuͤhrte ihn des andern Tages anſtatt zur Arbeit, wirklich in das Haus des Englaͤnders. Der Haushofmeiſter mel⸗ dete, daß der Geſandte eben bei der Tafel ſitze. He⸗ berer bat alſo ſeinen Fuͤhrer einige Zeit zu warten; es erfuhr jedoch einer der beiden Herren, von denen er war eingeladen worden, ſeine Anweſenheit, ſtand vom Diſche auf und gieng zu ihm hinaus. Nachdem er ihn wieder erkannt hatte, fuͤhrte er ihn ſelbſt in das Speiſe⸗ zimmer zeigte ſein Elend und deutete auf die Furchen ſeines Kummers. Lord Blank, ſo hieß der edle Mann, machte den Antrag, daß man dieſen Ungluͤcklichen, der auch ſtudirt haͤtte und ein gebildeter Mann ſey, loskaufen moͤchte. Dazu verſtand ſich bald die ganze Tiſchgeſell⸗ ſchaft und mit dieſem Droſte ſagte man ihm, daß er fuͤr heute nur wieder auf ſein Schiff zuruͤckkehren moͤch⸗ te; jedoch erhielt er im Vorzimmer Wein und gute Speiſen zur Nahrung. Den Waͤchter beſchenkte man gleichfalls. Schon nach Aufgang der Sonne, noch ehe die Sklaven aus den Galeeren gefuͤhrt wurden, erſchien Lord Blank auf dem Verdecke und hatte einen tuͤr⸗ kiſchen Advokaten bei ſich. Heberer war klein und ſchwaͤchlich von Perſon; jeder gemeine Menſch war zur Sklaven⸗Arbeit tauglicher. Er ward deßwegen bald 32ſtes B. Türkei. II. 1. 3 mit 100 Ducaten losgekauft.— Handel abſchließen hoͤrte, machte 34 4 Die Freude, als er den ihn ſtumm, ja ſogar beſinnungslos. Als er ſich wieder erholt hatte, war der n fort, woruͤber ſich Heberer Vor⸗ Englaͤnder ſchon wuͤrfe machte; denn wem ſollte er nun die erſten Er⸗ gießungen ſeines Dankes bringen? doch ermannte er ſich bald, zog ſein beſtes Hemd von grobem Segeltu⸗ che an, mit gleichen Beinkleidern und ſchenkte ſeine uͤbri⸗ ge kleine Habe, auch etwas Wein, den andern Gefan⸗ genen. Etwas Geld das er. noch hatte, gab er den Waͤchtern. Dieſe ſchlugen ihn aus den Ketten und fuͤhrten ihn mit dem Advokaten zum Richter(Cadi). Dort wurde ſein Freiheits⸗Brief. ausgefertigt, wel⸗ cher alſo lautete: ige Gott ſey unſer⸗ Beiſtand in allen: unſerm Vornehmen.“ „Allen denienigen, welche dieſen Brief anſehen werden⸗ „thun wir zu wiſſen und verſtaͤndigen Sie, daß wir „ſolchen geſchrieben und geleſen, und was in demſel⸗ nben geſchrieben iſt, daß es nicht von uns ſondern von „unſerm Oberherrn befohlen worden, die ſes offenbar „zu machen und zu⸗ verkuͤndigen, daß Michael Frank⸗ „drei Jahre lang in unſrer Dienſtbarkeit gefangen ge⸗ „halten worden, weil er auf dem Meere, im Kriege „wieder uns ſtreitend, als Feind in un ſere Haͤnde ſiel. „Nachdem er ſich jetzt mit ſeinem Oberſten und Herrn „alſo verglichen hat, daß er wuͤrdig geachtet wurde, „Der allm aͤcht 35 „ſeine Freiheit wieder zu haben, ſo wird ihm dieſes „unterſchriebene Zeugniß hiemit ertheilt.“ „Aly Chaouus. Ibraim Baſſa,“ „Arnaout. Jeniiſſarii.“ „Mahomet Beyc.“ Noch hatte Heberer Eiſen an den Fuͤßen; man fuͤhrte ihn alſo in eine Schmiede, um ſie ihm wegzuſchlagen. Als es geſchehen war, bat er ſeinen Waͤchter, daß man ihm dieſe Feſſel zum immerwaͤhrenden Andenken laſſen moͤchte; allein derſelbe verweigerte ſie ihm mit den Worten:„Darin muͤſſen noch mehrere Hunde leiden.“¹— Des Befreiten naͤchſter Weg war nun nach dem engliſchen Hotel. Als er wieder unter Chriſten ſtand, frei und ungefeſſelt, da glaubte er im Paradieſe zu ſeyn und ſeinen Befreiern nahte er ſich, als ob ſie Hei⸗ lige waͤren. Er ſiel zu ihren Fuͤßen und kuͤßte ihre Kleider. Der Geſandte aber hob ihn mitleidig auf und lud ihn ein in ſeinem Hauſe zu bleiben ſo lange, bis ihm Haare und Bart wieder gewachſen waͤren. Seine elende Bedeckung wurde bald mit ordentlichen Kleidern vertauſcht; ſeine Nahrung beſtand nun wie⸗ der in Fleiſch, Brod und Wein. Da rief von Wonne uͤberſteoͤnt, Heberer oft aus:„Erſt wenn man un⸗ „gluͤcklich geweſen iſt, erkennt man das Gluͤck.“— Ihm war noch keine Arreit zugewieſen; er wollte nicht muͤſſig ſeyn, trug Holz und Waſſer zur Kuͤche, ſaͤuberte die Gemaͤcher ꝛe. Der Geſandte und ſeine Freunde duldeten aber dieß nicht.„Du biſt zu Bef⸗ 36 4 ern geboren,“ ſagten Sie; allein Heberer bat, ſeine Dankbarkeit wenigſtens durch ſeine Demuth bezeugen zu duͤrfen. Man ſtellte es ihm aber frei, in den orden⸗ lichen Dienſt des Geſandten zu treten oder— nach Hauſe zu reiſen. Dazu verſprachen ihm die großmuͤ⸗ thigen Freunde hinlaͤngliche unterſtuͤtzung. Der dank⸗ bare Mann hatte einen ſchweren Kampf in ſeinem In⸗ nern zu beſtehen; zuletzt ſiegte die Sehnſucht nach ſei⸗ ner geliebten Heimath. Bald fand ſich eine Gelegen⸗ beit mit einem Schiffe nach Maltha zu ſegeln. Un⸗ ter heißen Thraͤnen nahm er Abſchied von ſeinen Wohl⸗ thaͤtern, die er ewig nicht zu vergeſſen verſprach.— „Sollten ja meine geringen Dienſte, ſo ſprach er zum „Abſchiede, ſollte meine Wenigkeit Ihnen einſtens nuͤtz⸗ „lich ſcheinen, o ſo bitte ich Sie, um der Beruhigung „meiner Seele willen: rufen Sie mich. Von dem ent⸗ „fernteſten Ende der Welt werde ich herbeieilen und „dankbar zu Ihren Fuͤßen mein Leben verhauchen.“— Die großmuͤthigen Freunde umarmten ihn, und lie⸗ zen ihn mit Troſt und Freude von dannen ziehn. Als er auf das Schiff ſtieg, ſah er neben ſich im Hafen die Galeere, auf welcher er drei Jahre lang in Eiſen geſchmachtet hatte. Er ſah, wie man daſelbſt eben die Anker lichtete, um fort zu rudern in der Barbaren Land, zur Freiheit nicht, vielleicht aber zum Untergange⸗: O, wie ſchlug ſein Herz ſo ungeſtuͤmm vor Wehmuth, vor ſiegesfroher Trunkenheit! Sein Dank war Gebet, waren heibe Wuͤnſche fuͤr ſeine Erloͤſer. 37 Ohne fernere Abentheuer, im Gluͤcke der Freiheit erſtarkend, gelangte Heberer durch die Dardanel⸗ len, uͤber den Helleſpont und Archipel, die In⸗ ſeln Milo, Cerigo und Candia ooruͤber, nach Maltha. Dort hoffte er von dem Schickſale der Ritter zu hoͤren, welche mit ihm waren gefangen wor⸗ den; allein ſie waren laͤngſt vergeſſen, Niemand wollte ſich mehr bekuͤmmern, wo ſie waͤren oder was aus ihnen geworden. Vergeſſeuheit war der Lohn ihrer Thaten. Heberer entruͤſtete ſich daruͤber, ſehnte ſich nur um ſo mehr auf das baldige Wiederſehen ſeines Va⸗ terlandes und eilte durch Italien und uͤber die Schweitz nach ſeiner Vaterſtadt Heidelberg, wel⸗ che er auch gluͤcklich den 1. Deeember 18892 erreichte. 38 3 Beſchreibung der k. öſterreichiſchen Geſandt⸗ ſchafts⸗Reiſe des k. Raths und Prager Stadr⸗ Hauptmanns, Hermann Tſchernin von Chudenitz, als Orator's an der Osmanni⸗ ſchen Pforte in den J. 1616—13, verfaßt von deſſen Begleiter Adam Wenner aus Crailsheim*). Im Auszuge mitgetheilt von Michael Fiedler. — I. Als der tuͤrkiſche Kaiſer Achmet I. einen Botſchafter, den Achmet Chiap nebſt einem Com⸗ *) Ein gantz new Reyſebuch von Prag aus bis geu Conſtantinopel ꝛc. Alles in vier Theil abgetheilt elbſten mit Fleiß obſervirt vnnd beſchrieben Durch Adam Wennern von Crailßbeim ꝛc. Gedruckt 39 miſſaire, Herrn Kaspar Gratiaro de Gradi⸗ ſchad ꝛc. ſowohl wegen Ueberlieferung einiger Ge⸗ ſchenke, als wegen neuer Beſtaͤttigung des verlaͤnger⸗ ten 2ojaͤhrigen Friedens, und wegen fernerer Verhand⸗ lung der noch unverglichenen Oerter und Punkte 1645 nach Wien geſchickt hatte; ſo entſchloſſen ſich ihre kai⸗ ſerl. Majeſtaͤt, Matthias Il., gleichfalls einen Ge⸗ ſaudten in der Perſon des Freiherrn Hermann Tſchernin von Chudenitz an die osmaniſche Pforte abzuordnen. Den 20. Februar 4616 brach der oöͤſterreichiſche Ge⸗ ſandte mit's Kutſchen., 2 Ruͤſtwagen und ſeinen Ka⸗ valieren und Dienern von Prag auf, langte den s. Maͤrz in Wien an, und reiſte nach empfangenem Kre⸗ ditivſchreiben, erhaltenen Inſtruktionen und Geſchen⸗ ken an die Pforte, den 20. Mai mit ſeinem Gefolge nebſt dem tuͤrktſchen Botſchafter und ſeinem Kommiſſaͤr unter Trompeten und Paukenſchlage zu Waſſer ab. Eine Meile unter Wien wurde uͤbernachtet. Den 24. beſtieg die ganze Mannſchaft, 400 Perſo⸗ nen, 26 Schiffe, ließ das Schloß Dewen auf einem vund verlegt zu Nuͤrnberg, durch Simon Halb⸗ mayern. MDCXXII. 4. S. 134. Inder Zueignung an den Markgrafen Joachim Ernſt zu Ans⸗ bach ſagt der Verfaſſer, daß er durch den k. Ap⸗ pellations⸗ und Lehen⸗Rath J. B. Eyſen dem k. Geſandten als Begleiter emptohlen worden ſey. 40 felſigen Berge zur Linken liegen,(oberhalb demſelben fließt die Morak in die Douau, verliert ihren Na⸗ men und trennt Oeſterreich von Ungarn,) und langten nach Mittags zu Preßburg an. Dieß iſt eine ſchoͤne Stadt mit einer Mauer und einem Graben an der Donau, und liegt in einer angenehmen, frucht⸗ baren und etwas bergigen Gegend. Oberhalb derſel⸗ ben liegt auf einem Berge das feſte koͤnigliche Schloß, in welchem eine ungariſche Beſatzung liegt. Den 23. ſtießen wir vom Lande und uͤbernachteten in dem ungariſchen Dorfe Budak, an dem linken Donau⸗ufer. 1 Den 24. ſahen wir zur rechten Hand die ſchoͤne und wohlverwahrte Feſtung Raab, und langten wegen widrigen Windes Abends ſpaͤt zu Komorn an. Bei un⸗ ſerer Ankunft wurden einige große Geſchuͤtze losge⸗ brannt und wir am Ufer von der Beſatzung mit flie⸗ genden Fahnen empfangen. Komorn unter allen un⸗ gariſchen Feſtungen noch eine Jungfrau und ſehr feſt, an der Donau, liegt in einer ſchoͤnen, ebenen und fruchtbaren Gegend; am aͤußerſten Winkel derſelben vereinigen ſich die Donau und die Wag. Sie iſt mit Deutſchen beſetzt; der daranſtoßende große Markt wird von Ungarn bewohnt. Unter Begleitung des Obriſten von Komorn und und des Sangiak⸗Beeg von Gran verließen wir Komorn und laugten Abends zu Neußmuͤhl, einem — 11 Dorfe zur rechten Hand der Donau auf einer ſchoͤnen Aue, an. Den 2r. ſahen wir das ſchoͤn gelegne und den Un⸗ ſern gehoͤrige Haus Dotes, und kamen Vormittags nach Gran. Unter dem Donner von Kanonen und am Ufer von einigen 100 vornehmen Tuͤrken erwartet, traten wir an das Land. Der Geſandte uͤberreichte dem Beeg ſein Geſchenk, beſuchte Nachmittags die Feſtung und wurde herrlich empfangen. Gran, von dem in die Donau fallenden Fluß Gran ſo genannt, das Oſtorgon der Tuͤrken, die erſte tuͤrkiſche Haupt-Feſtung gegen die Chriſteuheit, liegt an der Donau, auf einem hohen, felſigen und von Natur befeſtigten Orte. Sie war vor Zeiten ein ungariſches Erzbisthum. Eine verwuͤſtete Kirche und eine Kapelle aus r them Marmor hatten die Tuͤrken in eine Moſchee verwandelt. Am Berge gegen die Donau liegt das Waſſer⸗Staͤdtlein, mit einer an die Feſtung erbauten Mauer umgeben, und neben demſel⸗ ben gegen Suͤden, das ſehr zerſtoͤrte Raitzen⸗Staͤdt⸗ lein; unter der Feſtung auf dem Thomas⸗Ber⸗ ge das Blockhaus und oberhalb derſelben jenſeits der Do⸗ nau, die Palanke Goͤkern, in einer ſchoͤnen und ſehr angenehmen Ebene. Sie gehoͤrt ſeit 1605 den Tuͤrken und wird von Ungarn, Duͤrken und Juden bewohnt. Den 28. fuhren wir neben Fiſchegrad oder Blindenburg, einem ziemlich zerſchoſſenem Schloſſe auf einem hohen Felſen. Es gehoͤrt den Türken. Gleich 42 ⁰0 gegenuͤber zur Linken an der Donau iſt das den Unſ⸗ rigen gehoͤrige Kaſtell Waitzenz es wird von Ungarn beſetzt und bewohnt. Alles, was von Gran und von Ofen heraufgefahren wird, muß da landen. Den 26. brachen wir fruͤh auf und wurden unter⸗ halb dem Dorfe Alt⸗Ofen, Meile von der Feſtung Ofen, von 20 mit Faͤhnlein gezierten Tſcheuken(Schif⸗ fen) unter Muſik praͤchtig empfangen. An dem Ufer kamen uns 1000 praͤchtig gekleidete Reiter entgegen. Wir landeten vom Kanonendonner empfangen, unter der Feſtung und dem Koͤnigs⸗Stalle. Der Ali Baſſa empfing den Geſandten nach Ge⸗ buͤhr. Zwei Zorbaſche(Hauptleute uͤber die Janitſcha⸗ ren), fuͤhrten ihn in ein Zelt, in welchem ein Eſſen nach unſerer Art zugerichtet, fuͤr uns bereit ſtand. Den 31, ſchickte uns der Ali Baſſa 3s ſchoͤn ge⸗ zierte Roſſe; wir beſuchten ihn in ſeiner Wohnung. Nach einer ſtattgehabten Audienz ließ er dem Geſand⸗ ten, dem tuͤrkiſchen Botſchafter, den Kommiſſarien und Kavalieren Kaphiten anlegen⸗ Dieſe ſind lange Roͤcke, nach Art der ungariſchen Maͤntel, ohne Kragen und Schlingen, von Gold, Silber und Stickwerk mit allerlei farbigen Blumen. Die Diener erhielten faſt alle 3—4 Ellen Tuch. Bei unſerer Ruͤckkehr in das Schiff ſchoſſen die am Ufer aufgeſtellten Soldaten ihre Gewehre los, und die Muſik des Baſſa ließ ſich hoͤren. Den 9. Juni hatte der Geſandte die dritte und letzte Audienz bei dem Baſſa gehabt. Waͤhrend unſers 43 Aufenthalts zu Ofen beſuchten wir die 3, aus ſchoͤ⸗ nem Marmor erbauten und von Natur warmen Baͤder. Sie ſind nahe an der Donau, etwas ſchweflicht und eines iſt waͤrmer als das andere. Die Stadt Ofen auch Buda genannt, hat ihren Namen von Buda, dem Bruder Attila's, ihrem Erbauer; ſie iſt die ehemalige Haupt⸗ und Reſidenz⸗ ſtadt von Nieder⸗Ungarn, war ſehr ſchoͤn, hatte viele Palaͤſte und einen ziemlich großen Umfang; durch die Sorgloſigkeit der Tuͤrken liegen die meiſten Ge⸗ baͤude in Truͤmmern; die Stadt, von Natur ſehr feſt, beinahe ſo groß als Wien, liegt an der Donau, auf einem hohen etwas laͤnglichen Berge. Die um⸗ gebung iſt ſehr fruchtbar, und die Ausſicht auf die Donau ſehr ſchoͤn. Am Berge gegen die Donau liegt das verwuͤſtete Waſſer⸗Staͤdtlein, gegen Weſten mit einer ziemlich ſtarken, an die Feſtung gebauten Mauer umge ben, welche bis an die Donau ſtoͤßt. Am Ende der Feſtung gegen Oſten liegt das koͤnigliche Schloß, etwas unter demſelben das Blockhaus; auf einem etwas hoͤherem Berge, jenſeits der Donau aber nahe bei derſelben Peſt auf einer angenehmen Ebene. Dieſe Stadt iſt ziemlich groß, aber faſt halb verwuͤſtet, auf der Land⸗ ſeite umgibt ſie eine ſtarke Mauer, und an der Waſ⸗ ſerſeite ein Palanken⸗Zaun. Eine 68o Schritte lange Schiff⸗Bruͤcke fuͤhrt uͤber die Donau. Unter dem Koͤnigsſtalle wurde durch eine ſehr große eiſerne Kette 44 die Donau⸗Fahrt verſperrt. Außer den Baͤdern gibt es keine merkwuͤrdige Gebaͤude. In dieſer Feſtung wohnen Ungarn, Tuͤrken und Juden, welche Ge⸗ werbe und Handel treiben. Den 10. reiſten wir von Ofen weg, und langten Abends wohlbehalten nicht weit von dem Dorfe St. Nikolaus an. Den 11. fuhren wir bei dem Dorfe Cubien vorbei, und langten den 12. bei dem ziem⸗ lich großen Dorfe Bochſchad am rechten Donauufer an, den 13. bei dem Dorfe und der Palanka Tolna*), und erreichten den 14. das ſchlechte Dorf Baja. Den 15. blieben wir oberhalb Felix Marta, einem Dorfe zur linken Hand. Nicht weit unter dem Dorfe ergießt ſich die Trau, aus Boſuien kommend, in die Donau und verliert ihren Namen. Hier erheben ſich ſchoͤne Geſtade, und die Fruchtbarkeit des Bodens an Wein und Getreide erſtreckt ſich bis Griechiſch⸗ Weißenburg(Belgrad).. Den 16. landeten wir Abends unterhalb dem Schloſſe und Marktſlecken Wulkawar; das Schloß liegt auf einer Anboͤhe. Hier befindet ſich noch eine — *) Palanken beſtehen theils aus einfachen, theils aus dreifachen eingeſchlagenen Hoͤlzern, ſind mit Erde beſchmiert, mit einem ausgefuͤllten Zaune umgeben, ziemlich feſt mit Baſteten verſehen, und werden von Tuͤrken beſetzt; die dabei lie⸗ genden Dorfer bewohnen Ungarn und Raitzen. lange hoͤlzerne Bruͤcke, welche 1566 der Sultan Soli⸗ man, als er vor Sigeth zog, uͤber den aus der Donau laufenden Moraſt ſchlagen ließ. Die Wul⸗ ka, von welcher das Dorf und Kaſtel den Namen hat, ergießt ſich hier in die Donau. Den 117. ſtiegen wir unterhalb des ſchoͤnen Sfade chens und Schloſſes Ilock an das Land; beide liegen auf einem luſtigen Berge etwas oberhalb der Donau, und ſind mit einer Mauer umgeben. Den 48. fuhren wir bei Peterwardein hin; eine kleine Stadt und Schloß, liegt nahe an dem rechten Donau⸗Ufer, auf einem hohen, felſigen Berge; iſt ziemlich feſt, und mit einer Mauer umge⸗ ben. Wir kamen Abends bei dem Dorfe Carlewitz auf dem rechten Donau⸗ ufer an, und beſuchten das nahe liegende, mit ſchoͤnen Bildern geſchmuͤckte Rai tz⸗ ſche Kloſter. Den 19. ſtieß unſer Schiff durch die Unvorſichtig⸗ keit der Schiffleute an eine Windmuͤhle auf der Donau; durch dieſen Anſtoß haͤtte leicht das Schiff uͤberſchla⸗ gen, und wir das Leben verlieren koͤnnen. Wir ließen die kleine Stadt und das Schloß Tittel zur Linken. Hier ergießt ſich die Theiß aus Siebenbuͤrgen in die Donau, und verliert ihren Namen. Nachts landeten wir bei einigen unter der Erde erbauten, und von Raitzen bewohnten Huͤtten, Pilloeck ge⸗ nannt, nicht weit unterhalb des Dorfes Zlon⸗ komen. 46 Den 20. fuhren wir bei dem Kaſtel Sehmon vorbei, und kamen gemaͤchlich nach Griechiſch⸗ Weißenburg(Belgrad). Hier ergießt ſich die Sau in die Donau, und trennt Ungarn von Sernv iſe n. MitiKanonen⸗Donner und Muſik wurden wir empfangen. Griechiſch⸗Weißenburg, von dem weißen Schloſſe ſo genannt, das Belgrad der Suͤrken, ein Schluͤſſel zum Koͤnigreiche Ungarn, iſt ein großer, volkreicher, offner Flecken und liegt auf einer Anhoͤhe zwiſchen der Sau und Donau; ſie hat einen frucht⸗ baren Boden und iſt mit denen zwiſchen den Haͤuſern liegenden Gaͤrten ſo grof, als Nuͤrnberg; vorne an dem Ecke des Berges liegt das Schloß mit hohen und ſtarken Mauern und Thuͤrmen, und mit einem Gra⸗ ben gegen Oſt und Nord. An und unter demſelben liegt das Waſſerſtaͤdtlein, mit einer an das Schloß gebauten Mauer umgeben. Zur rechten Seite kommt die Sau, zur linken die Donau; erſterer Fluß verliert hier ſeinen Namen. Es ſind da einige ſchoͤne Kirchen, Karawanſeraien und ein Kaufhaus. Sie wird von Ungarn, Naitzen, Raguſern oder Latinern, Tuͤrken, Juden und Zigeunern bewohnt. Dieſe Feſtung iſt wie Ofen und Gran mehr durch die Natur, als Kunſt befeſtigt. Den 4. Juli brachen wir mit 125 Waͤgen von Griechiſch⸗Weißenburg auf, und traten unſere Reiſe zu Land an. Mittags kamen wir zu dem ſchlechten 47 Dorfe Haſtarick, und ſchlugen außerhalb demſelben neben der Donau auf einer ſchoͤnen Au Lager. Mit dem Anbruche der Nacht reiſten wir fort, kamen fruͤhe zu Haſſan Ba ſcha Palan ka, bei dieſer iſt ein Dorf, und ein geraumiges Karawanſerai. Den 6. kamen wir von dem ſchlechten Dorfe Bo⸗ detſchin durch eine wuͤſte, unangebaute Gegend, und den 1. zu dem großen und ſchoͤnen Flecken Ja⸗ godna, in welchem? ſchoͤne Kirchen und Karawan⸗ ſeraien ſich beſinden. Den s. ging unſere Reiſe durch, eine wuͤſte Ge⸗ gend; wir ſetzten uͤber die Morava, welche Ser⸗ vien von Bulgarien ſcheidet. Den 9. kamen wir. zu der ſchlechten Palanka Alexina, und den 10. nach Niſſſa. Niſſa, Niſch der Tuͤrken, von dem Fluſſs Niſſia ſo genannte, war ehemals, wie noch die zer⸗ ſtoͤcten Mauern anzeigen, eine ſchoͤne Stadt., und⸗ durch ein feſtes Schloß wohl verwahrt. Jetzt iſt es⸗ ein offener Flecken, ſo groß wie Dinkelſpuͤel, in inem ſchoͤnen fruchtbaren Thale, hat einige Moſcheen, ein Imaret éSpital), einige Karawanſeraien und⸗ Baͤder. Den 1. reiſten wir uͤber ein großes Gebirg, und kamen den 12. in dem Dorfe Kuriteeſme an. Den 13. ging unſer Weg uͤber das Gebirg fort, bis wir in einem hinlaͤnglich angebauten Thale, in welchem der Marktflecken Scharkol mit einem alten, ſtark erbau⸗ 48 1 ten und bewohnten Schloſſe liegt, ankamen. Den 14. kamen wir wieder uͤber ein Gebirge, und blieben in dem kleinen ſchlechten Dorfe Dragoman. Den 46. kamen wir zu Sophien an; wir wurden von vielen Tuͤrken zu Pferde und zu Fuß empfangen. Sophien, die ehemalige Hauptſtadt der Bul⸗ garei, iſt jetzt ein offener, angenehmer und volkrei⸗ cher Markt, ſo groß wie Worms, ſie liegt in einer fruchtbaren und ſchoͤnen Ebene, hat ſchoͤne Kirchen, ein Spital(Imaret), Karawanſeraien, ein Kaufhaus, ein warmes Bad, und wird von Bulgaren, Duͤr ken, Raguſern, Griechen und vielen Juden, welche mehrentheils große Gewerbe und Kaufmann⸗ ſchaft treiben, bewohnt. Den 19, kamen wir in das ſchlechte Dorf Hatzi⸗ karamanz in der Naͤhe war ein hoher, mit Schnes bedeckter Berg; den 20. zu dem angenehmen Flecken Ichtiman mit einem ſchoͤnen Karawanſerai. Den 21. ſetzten wir uͤber ein hohes und felſigtes Gebirg, über dem Haͤmus; uͤber den Berg Rho⸗ dope, jetzt Rulla genannt. Auf dem Rhodope entſpringt der Hebrus. Wir reiſten bei einem in Truͤmmer zerfallenem Schloſſe vorbei, welches die Tuͤrken Derbent(Engpaß), auch Demir Capi (eiſernes Thor) nennen. Unterhalb demſelben erreich⸗ ten wir das Dorf Geldiderbent; hier und bei ei⸗ nem an der Straſſe liegenden Brunnen aus Marmor ließen wir Bulgarien oder Ober⸗Myſien, I —— 49 links Unter⸗Myſien, und zur Rechten Mazedo⸗ nien liegen, und kamen nach Thrazien in ein ſchoͤnes Thal, in welchem viel Reis gebaut wird, und Nachmittags in das Dorf Haraſambeg. Den 23. langten wir in Philippopoli an, bei welchem der Hebrus, jetzt Mariza genannt, vorbei fließt. Wir wurden von einer anſehnlichen Kavallerte empfangen. Philippopoli, Philippe bei den Tuͤrken, wurde von dem mazedoniſchen Koͤnig Philipp er⸗ baut, und von dem roͤmiſchen Kaiſer Philipp wie⸗ der hergeſtellt; es war, wie die Ruinen zeigen, eine große, feſte, in einem fruchtbaren und großen Thale gelegene Stadt. Sie iſt jetzt ohne Mauern, ſo groß wie Noͤrdlingen, hat einige ſchoͤne Kirchen, ein Karawanſerai, Baͤder und ein Kaufhaus; ihre Be⸗ wohner ſind Bulgaren, Raguſer, Griechen, Tuͤrken und Juden. Am 25. erreichten wir das kleine, ſchlechte Dorf Papascki; den 26. das gleichfalls ſchlechte Dorf Kajali, den 27. das Dorf Haramanli, wo ein Karawanſerai und ſchoͤne Kirchen ſich befinden; uͤber den vorbeifließenden Fluß fuͤhrt eine ſchoͤne, hohe ſtei⸗ nerne Bruͤcke. Den 28. reiſten wir uͤber eine 450 Schritte lange ſteinerne Bruͤcke, und kehrten in dem Dorfe Muſtapha Baſcha Zeupri ein, welches von dem Erbauer mehrerer Gebaͤude ſeinen Namen hat. Den 29. langten wir in Hadrianopel an. 32ſtes B. Türkei. II. 1. 4 50 Dieſe Stadt, von den Tuͤrken Eudrene genannt, vom Kaiſer Hadrian erbaut, liegt in einer ſchoͤnen und fruchtbaren Gegend. Sie iſt ſo groß wie Prag, ein wohlgelegener Handelsplatz mit ſchoͤnen Kirchen, einem Spitale, mehreren Karawanſeraien, Baͤdern und einem Kaufhauſe. Außerhalb der Stadt hat der tuͤr⸗ kiſche Kaiſer einen ſchoͤnen Palaſt. Die Stadt wird bewohnt von Griechen, Wallachen, Arme⸗ niern, Tuͤrken und Judenz die Anzahl letzterer betraͤgt uͤber 16,000. Den 2. Auguſt kehrten wir in dem Dorfe Hab⸗ ſala, in dem von Mahomet Baſcha erbauten Karawanſerai ein; in dieſem iſt auch ein Spital, in welchem Chriſten, Tuͤrken und Juden unent⸗ geldlich zu eſſen bekommen. Den 3. erreichten wir das Dorf Eſchibaba, den 4. den ſchoͤnen und groſ⸗ ſen Flecken Burgaus, in welchem ſich ſchoͤne Kir⸗ chen und ein Karawanſerai befinden; den s. den ſchoͤnen Flecken Tzorli, beruͤhmt durch die Schlacht des Sultans Bajazeth mit ſeinem Sohne Selim im Jahre 1511. Den 6. kamen wir an das Meer, welches uns zur Rechten lag; dann zum kleinen Staͤdtchen Selibre am Meere auf einem felſigten Berge; ſeine Mauern ſind etwas eingefallen, unter denſelben it ein ſchoͤner Hafen und ſchoͤner Markt. Es gibt da ſchoͤne Mo⸗ ſcheen, Karawanſeraien, viele Windmuͤylen ꝛc. Den. zogen wir uͤber eine lange ſteinerne Bruͤcke, 51 uͤber einen Meeresarm ſetzend, zum Dorfe Ponto⸗ grande; den 40. ſetzten wir gleichfalls uͤber eine Bruͤcke und einen Meeresarm und erreichten das ſchoͤne und ziemlich große Dorf Ponto⸗piccolo, die Tuͤr⸗ ken nennen erſteres Dorf Bujue Zeemege(große Bruͤcke), das andere Kutzue Zeemege(kleine Bruͤcke). Den 17. naͤherten wir uns allmaͤlig Konſtanti⸗ nopel. Die Tuͤrken brachten uns so ſchoͤn geruͤſtete Roſſe; es erſchienen Abgeſandte von den franzoͤſiſchen, engliſchen, venetianiſchen und niederlaͤndiſchen Ge⸗ ſandten, nebſt andern Vornehmen, welche unſern Ge⸗ ſandten empfingen. Unſer Zug ging in folgender Art: Zuerſt ritten die entgegengeſchickten vornehmen Tuͤr⸗ ken, mit des Geſandten und Komm ſſaͤrs Leuten; dann unſeres Geſandten und Kommiſſaͤrs Diener; dieſen folgten 6 Edelknaben, die Kavalliers, 8 Trom⸗ peter und ein Paucker, nach ihnen ein Faͤhndrich mit fliegender Fahne; dann unſer Geſandter zwiſchen dem tuͤrkiſchen Geſandten und deſſen Kommiſſaͤre reitend; auf dieſen die dem Geſandten entgegen geſchickten Leute, und endlich die Kutſchen, Reiſe⸗ und andere Wagen. In dieſer Ordnu g ruͤckte der Zug fort; nach 3 Stunden zogen wir in Kon ſtantinopel ein, und bezogen die fuͤr den Kaiſerlichen Geſandten beſtimmte Wohnung, von den Tuͤrken N emſchi Han(teutſches Haus) genannt. Von Belgrad his hierher ſahen wir nichts, als ein offenes, wuͤſtes und groͤßtentheils ungebautes Land, 52 in welchem mehr Chriſten als Tuͤrken wohnen; keinen einzigen feſten Ort, manchmal in 2—3 Tagen kein Dorf oder Haus, außer den angedeuteten Staͤdten ꝛc. II. Unſer Wohnort zu Konſtantinopel war ein großes, aeckiges, aus Steinen errichtetes Ge⸗ haͤude mit einem großen Hofe, in deſſen Mitte ein Schoͤpf⸗Brunnen ſich befand. Unten waren die Stal⸗ lungen, einige ſchlechte Gewoͤlber und die Kuͤche, oben ein runder Gang mit vielen kleinen Gemaͤchern, deren mit eiſernen Gittern verwahrtes Fenſter auf die Straße ging. In dieſen Gemaͤchern war weder Bett, noch ein Meuble zu finden, aber Ungeziefer in Menge. Den a. September hatten wir bei dem tuͤrkiſchen Kaiſer die erſte Audienz, beiswelcher ihm auch die mit⸗ gebrachten Geſchenke(Doslue) uͤberreicht wurden.—— Unſer Aufenthalt zu Konſtantinopel dauerte vom 17. Auguſt 1616 bis den 20. Juli 1647.— Konſtan⸗ tinopel(das alten Byzanz) von Konſtantin dem Großem im J. 336 erbaut, fuͤhrt bei den Griechen den Namen Stympolis, und bei den Tuͤrken Stambulda. Dieſes, die Hauptſtadt des osmaniſchen Reiches, liegt in einer ſchoͤnen und fruchtbaren Gegend, am Ende Europas, am Zuſam⸗ menfluſſe des ſchwarzen und weißen Meeres, welche Europa von Aſien trennen; ſie iſt faſt zeckig, von der Seeſeite mit einer hohen und ſtarken Mauer, zu Lande mit einer zfachen Mauer, einem Zwinger und einem Graben umgeben, deren Umfang t 4 /½ teutſche Meilen betraͤgt; das aͤußerſte Eck der „Stadt liegt etwas hoch; unterhalb demſelben faͤllt der Bosphorus, bei den Tuͤrken Bogarzi, bei den Griechen Coemos(enge Straße) genannt, mit einem ziemlichen Ungeſtuͤm in das Meer. Von dieſem Ecke bis zu den Thuͤrmen ſind 1 1⁄4 teutſche Meile; die noͤrdliche Seite, zwiſchen welcher und der gegenuͤberliegenden Stadt Gallata ein Arm des propontiſchen Meeres in das Land dringt, welcher den Namen Sinus cornutus von ſeiner Hirſch⸗Geweih aͤhnlichen Geſtalt hat, betraͤgt mit ihrem Umfange s teutſche Meilen, und bildet den ſchoͤnen, weltberuͤhmten Hafen, in welchem Schiffe aller Art landen, und einige tauſend Fahrzeuge zum Ueberfahren des Volkes ſich befinden. Zu Anfang erſt genannten Ecks liegt uͤber die Stadtmauer hinaus eine geraͤumige Vorſtadt. Bei dem Ecke der Thuͤrme faͤngt das Feſtland an, welches ſich bis zum Ecke der 7Thuͤrme erſtreckt, und 11/½2 Meile betraͤgt; dieſe Seite liegt gegen Weſt, wo man zu Land nach Thrazien, Maze⸗ donien und Griechenland reiſt. Das dritte Eck der 7 Thuͤrme geht in das propontiſche Meer, welches hart an der Stadtmauer, die ſuͤdliche Seite, 1 34 teutſche Meilen hinab bis zum erſten Ecke geht. Dann folgt das Geni⸗ſerai(Neuſchloß) die dritte Reſi⸗ denz des tuͤrkiſchen Kaiſers, welche am Meere mit 54 3 ſchoͤnen Gaͤrten und Luſthaͤuſern 6¾¼4 teutſche Meilen im Umfange hat. Die Stadt hat 7 Berge, auf deren jedem eine kaiſerliche Moſchee nebſt einem Spitale, einer Schule und Moͤnchszellen ſich befindet. Die vorzuͤglichſte iſt die vor dem kaiſerlichen Schloſſe liegende Sophien⸗ kirche(Aja Sophia der Tuͤrken). In derſelben ſtehen bei so ſchoͤne marmorne Saͤulen; der Tempel iſt inwendig ganz mit Marmor ausgelegt, und war mit ſchoͤnen Gemaͤlden geziert, welche die Tuͤrken als Veraͤchter aller Gemaͤlde und Bildniſſe in den Kirchen weiß uͤberſtreichen ließen; die Thuͤren ſind kuͤnſtlich aus korinthiſchem Erze verfertigt. Außerhalb derſelben gegen Weſt ſind 3 ſchoͤne von Marmor erbaute Woͤlbungen, die Graͤber 3 tuͤrkiſcher Kaiſer und ihrer Kinder. Etwas weiter iſt die kaiſer⸗ liche Menagerie, dann fuͤnf vorzuͤgliche Saͤulen, von denen 3 auf dem Hippodromos(Rennbahn) wel⸗ chen die Tuͤrken Ath⸗meydam nennen, ſtehen. Die erſte, eine Pyramide, von unten viereckig, ſteht auf einem viereckigen Marmorſteine, in welchen verſchiedene Figuren eingehauen ſind, und um wel⸗ chen 4 meſſinge Wuͤrfel ſtehen. Die zweite iſt aus Erz, um welche ſich Schlangen winden. Die dritte iſt viereckig, von rauhen Steinen aufgeſetzt, und nicht gemauert. Die vierte Saͤule ſteht unſerer Wohnung gegen⸗ uͤber; ſie iſt ſehr hoch, rund und aus rothem Marmor 55 verfertigt; wegen der vielen Erdbeben und der um ſie ſtattgehabten Feuersbruͤnſte iſt ſie mit einem großen eiſernen Reife eingefaßt.. Die fuͤnfte auf dem Aurat⸗Baſar(Weiber⸗ Markt), iſt ſehr hoch, rund und aus weißem Mar⸗ mor; auf ihr iſt ein Feldzug des Kaiſers Arkadius, ihres Errichters, eingehauen; inwendig kann man durch Treppen hinauf ſteigen. Faſt in der Mitte der Stadt liegt das Eſchi⸗ ſerai, das alte Schloß mit einer hohen Mauer um⸗ geben; in demſelben wohnen die Frauen des Kaiſers, welche von ſchwarzen und weißen Verſchnittenen be⸗ wacht werden; die Zahl letzterer betraͤgt uͤber 100; ſie werden zu den vornehmſten Aemtern verwendet. Nahe bei demſelben iſt der Marktplatz der Tuͤrken, Jactal⸗cala, von denen hoͤlzernen Laden ſo genannt; auf dieſem werden Spiele aller Art ge⸗ geben. Das obengenannte Schloß zu den 1 Thuͤrmen, von den Tuͤrken wegen dieſer Zettigula genannt, iſt ſehr feſt, mit einer hohen Mauer und 7 Thuͤrmen umgeben; in dieſem werden die Schaͤtze des Kaiſers und hohe Gefangene aufbewahrt. Das Kaufhaus iſt groß und ſchoͤn gebaut. Außerhalb deſſelben iſt der Chriſten⸗Markt Jaſi⸗ baſar; dahin werden taͤglich einige 100 Chriſten, jung und alt, Manns⸗ und Weibsperſonen gefuͤhrt, wie das Vieh begriffen, nackt beſehen und verkauft. 56 3 Die Haͤuſer der Stadt, mit Ausnahme jener der Baſchen und anderer Vornehmen, ſind ohne Kunſt und aneinander haͤngend erbaut. Durch eine kunſtreiche und koſtbare Waſſerleitung er⸗ halten die Bewohner der Stadt ihr Waſſer. Auch gibt es viele geſtiftete Brunnen, welche vornehme Tuͤrken außerhalb ihrer Graͤber bauen laſſen. Es ſind ſchoͤne Gewoͤlbe mit Gittern verwahrt, durch welche taͤglich ein Mann mit vielen irdenen Geſchirren friſches Waſ⸗ ſer herausſetzt. Andere tragen in Schlaͤuchen das Waſſer zum Drinken herum. Auf dem Bosphorus fuhr ich zu einem Thur⸗ me, welcher auf einem Felſen im Meere liegt, den die Griechen und Welſchen La Toere di Seutari, weil er nicht weit von demſelben liegt, die Tuͤrken aber Kis⸗gula(Jungfrauen⸗Thurm) nennen. In demſelben iſt ein Brunnen mit ſuͤßem Waſſer und einiges Geſchuͤtz. Von da kam ich nach Seutari, dem alten Chalzedon, mit ſchoͤnen Haͤuſern, Moſcheen und Gaͤrten, und nach einer Stunde zu dem alten, und theils eingefallenen Schloße Anatolis⸗chiſar, welches Sultan Soliman neben einem gerade gegenuͤber in Suropa liegenden erbaut hatte, um die Fahrt von Europa nach Aſien zu ſperren. Dann fuhren wir bei einem alten Gebaͤude und Tempel vorbei in die Muͤndung des ſchwarzen Meeres; gegenuͤber nahe an dem europaͤiſchen Ufer liegen * Klippen natuͤrlicher Felſen, welche man Inſeln, 57 und wegen ihrer Farbe, welche ſie in der Entfernung zu haben ſcheinen, Cyaneas(himmelblaue) nennt. Auf der großen ſteht eine große, runde weiße Mar⸗ morſaͤule, Pompejus⸗Saͤule genannt, weil ſie Pompejus ſoll haben aufrichten laſſen. An dem Ufer liegt auf einer Anhoͤhe ein Dorf, bei welchem ein Thurm Phanarion genannt, Nachts den Schif⸗ fenden zum Leiter dient. Von da fuhren wir am europaͤiſchen Ufer bei ei⸗ nigen an demſelben liegenden Doͤrfern vorbei, und erreichten das Schloß Jeni oder Rumili⸗chiſar, das neue oder roman iſche Schloß; die oceidenta⸗ liſchen Chriſten nennen es die ſchwarzen Thuͤrme; es iſt am Ufer, ſehr feſt, bergan gebaut, mit einer doppelten, ſehr dicken Mauer umgeben, und mit run⸗ den, von Blei gedeckten Thuͤrmen verſehen, von denen 2 unten am Ufer ſich befinden, der andere liegt oben am Ecke gegen das ſchwarze Meer, iſt ſehr groß, und dient als Gefaͤngniß fuͤr große Staatsgefangene; die in denſelben geſperrten Gefangenen haben eine ungewiße Hoffnung ihrer Befreiung. Dieſes Schloß iſt eine gute deutſche Meile von Konſtantinopel entfernt. Unter oben genannten Orte Kumilichiſar iſt der Beſictaſi(Wiegenſtein) weil hier Gefangene und die Kinder in Wiegen verkauft werden. Daſelbſt befindet ſich das Grab des beruͤhmten Seeraͤubers Hairadin in einer Moſchee, welche er hatte er⸗ 58 4 bauen laſſen. Neben dieſem und vielen ſchoͤnen Haͤu⸗ ſern, Tempeln und Gaͤrten kommt man nach ½ Stunde an das Ufer, an welchem bei 250 Stuͤck Geſchuͤtz meh⸗ rentheils auf der bloßen Erde und unter freiem Him⸗ mel liegen. Ueberhalb demſelben iſt die Topanei (Gießerei). Von da erreichte ich Gallata, fuhr laͤngs den Mauern deſſelben, kam in den Sinus cornutus zu dem am Ufer liegenden Arſenale, in welchem die fuͤr die Galeeren beſtimmten chriſtlichen Sklaven erbaͤrmlich behandelt werden. Hier ſieht man den Thiergarten des Sultans mit vwielen Luſthaͤuſern, Cedern und Cypreſſen. Von da erreicht man das Ende des propontiſchen Armes; hier ſtuͤrzen 2 ſuͤße Waſſer der Cytharus(jetzt Mach⸗ leva) und der Cambyſes(Chartaricon) ſich in denſelben. Gallata, gewoͤhnlich Pera, in griechiſcher Sprache die jenſeits gelegene Stadt, wurde von den Genueſern erbaut, und liegt am andern ufer des ſich hineindringenden propontiſchen Arms. Sie hat eine Mauer und einen bedeutenden Umfang, 2 Klö⸗ ſter, und wird faſt von Chricten bewohnt. Die Vor⸗ ſtadt iſt viel groͤßer, uͤber den Berg hinaus gebaut, hat zwiſchen den Haͤuſern ſchoͤne Gaͤrten; hier wohnen der franzoͤſiſche, engliſche, venetianiſche und nieder⸗ laͤndiſche Geſandte. Gallata beſuchten wir wegen des koͤſtlichen 59 Weines, und wegen der vielen ankommenden Schiffe fremder Nationen, beinahe zwei Monate taͤglich. III. Den 20. Juli 1647 brach der oͤſterreichiſche Ge⸗ ſandte nach empfangenem Geleite mit 38 Kutſchen und bulgariſchen Waͤgen mit 40 Roſſen und 4 Kamelen von Konſtantinopel auf, kam nach Pontopic⸗ colo, und blieb in dem Karavanſerai bis zum 22ſten; wo er Ponto⸗grande, und den 23ſten Selibre erreichte. Er ſah den 25ten Zſchorli, den 26ten Burgaus, den 21ten Eſchibaba, und blieb den 29ſten zu Hadrianopel in einem ſchoͤnen Karavan⸗ ſerai. Den iſten Auguſt reiſten wir nach Muſtapha Paſcha Zeupri, den 2ten nach Haramanli, den 3zten nach Schermge; den 4ten nach Papaski; den sten nach Philippopoli, und den Iten nach Tartarbaſar. Hier bekamen die Unſrigen auf dem Markte mit den Tuͤrken Streit, wurden bis in das Karavanſerai zuruͤck getrieben, und der Streit konnte nur dun b unſern Geſandten und den tuͤrkiſchen Geleitsmann geendet werden. Den sten kamen wir in das kleine, ſchlechte, von Bulgaren bewohnte Dorf Gelderwen am Fuße des Haͤmus. Bei unſerer Ankunft waren alle Einwoh⸗ ner entflohen, und wir konnten weder Wein, noch Brod erhalten. Als die Weiber gegen Abend zuruͤck kehrten, erhoben ſie wegen erlittenen Schadens ein erbaͤrmliches Geſchrei, und konnten nur durch Geld zum Schweigen gebracht werden. Nachts ruͤckten wir 60 1 unſere Reiſe⸗Wagen naͤher zuſammen und machten etliche Feuer, indem wir einen Ueberfall der Bulga⸗ ren befuͤrchteten. Den oten kamen wir nach Ichtmian; den 10ten nach Sophia; den 13ten nach Dragoman; den 14ten nach Scharkol; den 15ten nach Curices⸗ me; den 16ten nach Niſſa; den 1sten zur ſchlech⸗ ten Palanka Raſchnaz den 18ten nach Jagodna; den zoſten nach Haſſein Paſcha Palanka, und den 22ſten zur Palanka Hoſtarik. Den 23ſten empfingen uns zu Belgrad 10 wohl⸗ geruͤſtete Tuͤrken zu Pferde. Nachdem uns der Paſcha herrlich bewirthet, und uns den 10. September neue Wagen hatte ſchaffen laſſen, brachen wir den 1ten auf, ſetzten uͤber die Sau, kamen nach Sehmon, und lagerten uns unterhalb des Kaſtelles im Dorfe und dem Karavan⸗ ſerai. Den 12ten erreichten wir die ſchlechte Pa⸗ lanka Bockol; den 183ten den großen, offenen Flek⸗ ken Medrowitz; den aaten die ſchlechte Palanka Dorbarnikz den 15ten Wulckawar, wo wir ne⸗ ben der Donau in einem ſchoͤnen Gefilde lagen. Den 16ten zogen wir wegen der Peſt bei der ziemlich großen Palanka Oſſeck vorbei, und etwas weiter unten uͤber eine Schiffbruͤcke, unterhalb wel⸗ cher ſich die Trau in die Donau ergießt, und er⸗ reichten die ſchlechte Tartar Palanka. 61 Den 17ten kamen wir in bem Flecken Mogatſch an; vormals eine große Stadt, wie die Truͤmmer beweiſen, liegt in einer ſchoͤnen und fruchtbaren Ebene, und iſt beruͤhmt durch die Schlacht zwiſchen dem Sultan Soliman und dem Koͤnige der Un⸗ garn Ludwig, in welcher 20,000 Ungarn geblieben ſeyn ſollen. Den oten erreichten wir den Flecken Tolna; den 2oſten die ſchoͤn an der Donau gelegene Palanka Fedwarz; den 2iſten die ſchlechte Palanka Schanga⸗ teron; den 22ſten die Palanka Haraſambeg an der Donau, und kamen den 23ſten nach Ofen. Hier wurden wir von einem aufruͤhreriſchen Haufen ange⸗ fallen, mehrere Sklaven uns entriſſen, und das Zelt des Geſandten ſelbſt angegriffen. Waͤhrend unſers ſie⸗ benwoͤchentlichen Aufenthaltes zu Ofen wurden wir ſchlecht genug mit Lebensmitteln verſehen und uͤbel behandelt. Den 8. November kam der Geſandte zu Gran an; den gten fuhr er uͤber die Donau und uͤber⸗ nachtete in dem Dorf Kolz. Den oten kamen wir nach Komorn, wo uns Huſaren entgegen ritten, und einige Stuͤcke in der Feſtung losgebrennt wur⸗ den. Hier entließen wir unſer tuͤrkiſches Geleit, und fuhren uͤber die Wag nach Komorn. Den z3ten ſetzten wir zu Segerin uͤber die Donau, und kamen in das Dorf Wawasnaſch; 62 den 14ten nach Ungariſch⸗ Altenburg; den 15ten nach Bruck an der Leyden; den zoten nach Schwechet, und den arten gluͤcklich nach Wien, nachdem wir 2 Jahre und 3 Monate mit dieſer Reiſe zugebracht hatten. 63 Reiſe des k. k. öſterreichiſchen Geſandten, Grafen Walter von Leslie, nach Kon⸗ ſtantinopel in den J. 1665— 66, beſchrie⸗ ben von deſſen Begleiter Paul Taffer⸗ ner. A. d. Latein. frei überſetzt von Michael Fiedler*). — I. Um das Buͤndniß mit dem tuͤrkiſchen Kaiſer, welches durch entſtandene Unruhen gebrochen ſchien, *) Caesarea Legatio, quam mandante Imp. Leo- poldo I. ad Portam Ottomannicam suscepit perfecitque Walterus S. R. J. Comes de Les- lie. Succinta narratione exposita a P. P. Tafferner, Soc. Jesu, itineris comite, et exc. oratoris capellano. Viennae 1607. Ed. n. 1672. 8.3/ 64 zu erneuern, beſchloß K. Leopöld I., eine Geſandt⸗ ſchaft nach Konſtantinopel zu ſchicken. Die Stelle eines Geſandten erhielt der verdienſtvolle Graf, Wal⸗ ter von Leslie. Walter v. Leslie, geb. in Schottland 1605 und Katholik, verließ ſein Vaterland, um ſeine Religions⸗Fretheit zu erhalten, ließ ſich in Steyermark durch Guͤter⸗Kaͤufe nieder, und trat in oͤſterr Kriegs⸗Dienſte unter K. Ferdi⸗ nand II. Im J. 1634 half er als Oberſt⸗Wacht⸗ meiſter zur Ermordung des Generals v. Wallen⸗ ſtein in Eger, fuͤr welche That er ein Regi⸗ ment und andere Beguͤnſtigungen erhielt. K. Ferdinand III. erhob ihn zum Reichs⸗Grafen, General⸗Feld⸗Marſchall, geh. Rath und Gou⸗ verneur uͤber die ſelavoniſchen und petriniſchen Graͤnzen; auch wurde er als Geſandter nach Nom und andern Orten gebraucht. Als er 1665 in ſeinem soſten Jahre nach Konſtantinopel be⸗ ordert wurde, weigerte er ſich zu gehorchen, bis ihm der Orden des goldenen Vließes gege⸗ ben war.(S. Zedler XVII. 481.) Paul Tafferner, geb. zu Klagenfurt in Kaͤrnthen 1608, trat in den Jeſuiten⸗Hrden 1626, und legte deſſen 4 feierliche Geluͤbde ab. Er lehrte 4 Jahre die ſchoͤnen Kuͤnſte und Wiſ⸗ ſenſchaften, war Vorſtand im Kollegium zu Steyer, und leiſtete zuletzt noch Dienſte im Kollegium zu Wien.(S. Alegambe bibl, script. Soc. Jesu cusa Sotvell. Romae. 1670. Fol. 654.) 4 Jaͤck. 65 Nach gehaltenem feierlichen Gottesdienſte, und nach einem, von Seite des Geſandten der h. Mut⸗ ter Gottes zu Zell gemachten Geluͤbde, ſchifften ſie ſich im Monate Mai auf 28, mit den verſchieden⸗ farbigſten Fahnen geſchmuͤckten Schiffen ein. Auf die Nachricht, daß der tuͤrkiſche Geſandte zu Gran an⸗ gekommen ſey, ſegelte die Flotte eiligſt nach Ko⸗ morn, der letzten Schutzwehr der Chriſtenheit gegen den Orient. Bei ihrer Ankunft wurde die Geſandtſchaft von 44 Schaiken, einer Art Kriegsſchiffe, empfangen, und beim Landen von dem Donner der Kanonen be⸗ gruͤßt. Nach dem Zuſammentreffen der Geſandtſchaft mit dem tuͤrkiſchen Botſchafter ſetzte jene ihre Reiſe nach Gran fort. Bei ihrer Abreiſe von hier ertoͤnte auf der einen Seite der Kanonen⸗Donner aus der Feſtung, und auf der andern aus dem befeſtigten Platze Barkan, welcher durch das Ungluͤck der Chri⸗ ſten beruͤhmt iſt. Vacia ließ man zur Linken liegen; dieſer zu einer Feſtung ſehr guͤnſtig gelegene Platz, chemals der Sitz eines Biſchoffes, iſt ſeinem Verfalle nahe; er ging im Jahre 1579 an die Kuͤrken verloren. Von da hielt die Geſandtſchaft in O fen, der ehema⸗ ligen Reſidenz⸗Stadt Ungarns; dieſe wird in Alt⸗ und Neu⸗Ofen getheilt. Praͤchtig war der Empfang des Geſandten zu nennen. Nachdem der Geſandte ſich mit dem Veziere von Ofen unterredet hatte, lichtete 32tes B. Türkei. II. 1. 5 5 66é„ man die Anker, und kam nach Peſt. Die Reiſe bis Belgrad erforderte 14 Tage. Dieſe Stadt wird Taurinum, auch Grie⸗ chiſch⸗Weißenburg genannt; bei ihr ergießt ſich die Sau in die Donau; ſie hat einen großen Umfang, zieht ſich auf einen hohen Berg hin, und it wegen ihrer zur Vertheidigung guͤnſtigen Lage eine der erſten Staͤdte Serviens. Die Hauptſtadt deſſel⸗ ben iſt Samandrien an dem Ufer der Donau, nicht weit von Belgrad. Nach ihrer Abreiſe von Ofen uͤbernachteten ſie in dem Schloſſe Hamſchebeg; dieſes wurde 1663 von dem Grafen von Souches mit ſeinem weiten Gebiete zerſtoͤrt. Am s. Juni reiſten ſie uͤber Ert⸗ ſchyn nach Adon, oder Tſchankurtara; am 6. landeten ſie in Baſka; auf ihrer Fahrt ſahen ſie Pentole und Foͤdwar. Am 1. ſegelten ſie nach Tolna, den s. nach Waja, und erreichten von da am 9. gegen Mittag das Gebiet von Mohacz; aus dem Schiffe ſah man die ſehr weite Gegend und Zet⸗ ſchui, das Familien Schloz der Edlen von Palffi. Die Stadt Mohacz iſt beruͤhmt durch die un⸗ gluͤckliche Niederlage des Ungarn⸗Koͤnigs Ludwig. Ueber den Tod dieſes Koͤnigs wird von mehrern Schrift⸗ ſtellern Verſchiedenes erzaͤhlt.„⁄½ Stunde iſt der Kampfplatz von der kleinen Stadt, oder vielmehr dem Dorfe entfernt; die Stadt gab der Ebene den Namen. Gegen Wen liegt Fuͤnf⸗Kirchen; gegen Oſt das ander⸗ 67 ſeitige Donau⸗Ufer; gegen Suͤd die Muͤndung der Sau, und ein Theil Illyrien's. Dieſe breitet ſich in einer ſehr weiten Ebene aus, deren Ausſicht durch keine Waͤlder und Straͤuche unterbrochen wird; ſie iſt durchſchnitten durch den Fluß Caraſſus. Dieſe Ebene hat ſo viele Suͤmpfe und waſſerreiche Strecken, daß man kaum unterſcheiden kann, woher und wohin der Fluß lauft. Hier verlor der Koͤnig auf der Flucht waͤhrend des Dunkels der Nacht in dem ſumpfigen Boden, und mit ihm 10,000 Reuter, 12,000 Fußgaͤn⸗ ger, s Biſchoͤfe und viele Adeliche jhr Leben durch das Schwert der Feinde. Bei dem Walle, wo ſich der Caraſſus in einen ſehr großen See ergießt, errich⸗ tete der Sultan Solyman zum Andenken an dieſes Treffen eine Palanke. Am 10. Juni landeten ſie bei dem Ufer von Vuilack, und uͤbernachreten am folgenden Tage bei den Ruinen von Erdeoͤd, an welchen man die Ver⸗ kuͤndigung der Maria gemalt ſieht. Am 12ten fuh⸗ ren ſie nach Valkowar, und ergoͤtzten ſich mit Fiſchfang auf dem fiſchreichen Fluſſe Walpus. Von da ſchifften ſie nach Illok, der ehemaligen Hauptſtadt der Grafſchaft Sirmien. Ihre Kathe⸗ dral⸗Kirche Cin derſelben befindet ſich das Grabmal des Sohnes des Koͤnigs von Bosnien), und die Ruinen eines angebauten Kloſters ſprechen von ihrem Alterthume und ihrem Verfalle. Man trifft in dieſen Landern haͤufige Spuren von ehemaligen chriſtlichen 68 3 Bewohnern an. Das Landvolk bekennt ſich zur Lehre Chriſtus, obgleich dieſe durch Irrthuͤmer und wegen Mangel an Mrieſtern ſehr entſtellt iſt. 3 Von Illok kamen die Reiſenden nach Ceira⸗ vize oder Kirevieium und Peterwardein; am 16ten zur Stadt und Feſte Salankemen oder Slan⸗ kamen; von ihr ſind noch praͤchtige Gebaͤnde uͤbrig. Hier vereinigt ſich der Tibiskus mit der Donau. Am auten erſchien die Flotte vor Belgrad. Die ſehr ſchoͤne Flotte wurde von den tuͤrkiſchen Solda⸗ ten in den Hafen gebracht. Erſtaunt waren die Sol⸗ daten uͤber die Pracht der Schiffe. In Belgrad wurden ſie zum Capigi Paſſa und zum Haſſam⸗ Aga, vornehmen tuͤrkiſchen Großen gefuͤhrt. Inzwiſchen wurde ihnen von Adrianopel die Nachricht uͤberbracht, daß der Groß⸗Vezier auf ihren Empfang ſich vorbereite, und daß ſie deßwegen ihre Reiſe nicht ſo ſehr beſchleunigen ſollten. Sie verſchenkten daher, ihre Schiffe, traten die Neiſe zu Lande an, und verließen am 26ſten Belgrad. 136 Wagen außer den Reitpferden hatten die Tuͤrken fuͤr ſie in Bereitſchaft. Am 227. Juni ſahen ſie zuerſt die Palanke Jſar⸗ chich; am folgenden Tage Collar; von hier brachen ſie zur Palanke Haſanbaſſa auf. Palanke iſt ein Dorf von 8— 10 Bauern⸗Huͤt⸗ ten, mit Pfaͤhlen umgeben, in welche Geſtraͤuch, Baumaͤſte und Ruthen geflochten, und welche mit 69 Thon befeſtigt ſind. Spitzige Pfaͤhle ſchuͤtzen gegen einen Angriff der Reiterei; wahrſcheinlich kommt von den Pfaͤhlen(palis) der Name Palanka. Am 1. Juli reiſten ſie von H.a ſanbaſſa nach Bodanzim, und hielten in dem ſchoͤnen quellreichen Jogada an. Von hier ſtoͤßt man auf den bekann⸗ ten Fluß Morbach oder Morave, welcher Ser⸗ vien von Bulgarien ſcheidet. Ueber denſelben fuͤhrt eine ſtarke Bruͤcke aus Holz. Den 4. Juli ſchlu⸗ gen ſie zu Baraizin, den sten in Pellaedereſi und den 6ten bei der Palanke Abſchinti ihr Lager; den 7ten und sten brachten ſie in der ehemaligen bi⸗ ſchoͤflichen, jetzt aber unbedeutenden Stadt Niſſa zu, und erreichten den 9ten das 3 Stunden entfernte Coitina mit beruͤhmten warmen Baͤdern, die unter freiem Himmel, ohne Auſſicht, und nicht unter ein Dach gebracht ſind. In der Palanke Muſanbaſſa oder Curru⸗ zesma kamen ihnen den zoten bulgariſche Frauen mit zerſchnittenem Butter entgegen, und ſtreuten Salz auf die Straße, ein Wunſch zur gluͤcklichen Fortſetzung ihrer Reiſe. Hier ſieht man auch viele roͤmiſche Alterthuͤmer. An der rechten Seite der Straße brei⸗ tet ſich der goldreiche, und im Alterthume ſo bekannte Berg Haͤmus aus. Am z1ten langten ſie in Pirota oder Sackas⸗ koi an. Ihre Koͤrper, nicht gewohnt an die Som⸗ merhitze und an das Klima, erkrankten haͤufig. Am Tage herrſchte die groͤßte Hitze, Nachts Kaͤlte mit Feuchtigkeit verbunden. Einige von ihren Begleitern ſtarben. Vor ihrer Ankunft zu Sophia nahm ſie Ni⸗ kopolis in der Bulgarei auf; ein anderes in Romanien an der Donau itt beruͤhmt durch die Truͤmmer der von Trajan erbauten Bruͤcke. Hier empfing ſie der Biſchof der Stadt; außerhalb derſel⸗ ben ſieht man ein heiliges, ehemals mit Gemaͤlden geziertes Gebaͤude, welches die Tuͤrken zerſtoͤrt hatten. Nach der Ueberlieferung der Ahnen ſoll dieſe Kirche vor 1400 Jahren erbaut, und haͤufig von Chriſten be⸗ ſucht worden ſeyn. Sophia hat keine Mauern; in den Straßen em⸗ pfingen ſie die Handwerker, in Zuͤnfte getheilt. Eine ehemals chriſtliche Kirche iſt in eine Moſchee verwan⸗ delt. Dieſe Stadt liegt in Bulgarien, oder in dem ripenſiſchen Dazien(d. i. am ufer). Hier ſahen ſie das weibliche Geſchlecht in ſehr großer An⸗ iahl ihnen entgegen kommen; alle waren verſchleiert. Sie verweilten 2 Tage zu Sophia, kamen den. 18ten nach Kubrabaſſa; am gagten in das von ſei⸗ nen Einwohnern verlaſſene Thal Jetimaz; Dags dar⸗ auf nach Kiſterfent auf einem ſteinigen und be⸗ ſchwerlichen Wege. Hier ſahen ſie auf einem ſehr hohen Berge die Bruchſtuͤcke eines eiſernen Thores. Am Fuße des Berges entſprudeln zwei heiße, dam⸗ 71 pfende Quellen, in deren Mitte eine ſehr klare und kalte ſich befindet. Am 2iſten erreichten ſie Saruhambekz das Ge⸗ biet deſſelben iſt groß und fruchtbar, die Stadt ſchoͤner, als die gewoͤhnlichen. Von da kamen ſie uͤber Datar⸗ barzich in die Stadt Philippopoli. Sie iſt ſehr groß, verdankt ihren Urſprung dem beruͤhmten mazedoniſchen Koͤnige Philipp, und wird durch den Fluß Hebrus, welcher aus dem thraziſchen Gebirge Nhodope oder Merishentſpringt, ſehr verſchoͤnert. In den Hebrus ergießen ſich die Fluͤſſe Toponiza und Caludris. Die Stadt hat ſehr viele, aber ſchlecht gebaute Haͤu⸗ ſer. Die Vornehmen, vorzuͤglich Militaͤre, bewohnen ein Schloß. Auf einem Huͤgel neben der Mauer erhebt ſich eine Kapelle mit einer Inſchrift auf wei⸗ ßem und verſchiedenfarbigem Marmor; die Geſtalt der Kapelle iſt oval, der Durchmeſſer betraͤgt 46 Fuß; Fenſter und Gemaͤlde ſind zerſtoͤrt, wiewohl man von letzteren noch Spuren ſieht. In der Mitte der Ka⸗ pelle erhebt ſich ein Stein, auf welchem der Apo⸗ ſtel Paulus, dem dieſe Kapelle geweiht iſt, das Evangelium verkuͤndet haben ſoll. 3 Meilen von hier wohnen in Staͤdten und Doͤrfern viele tauſend Men⸗ ſchen, welche ſich Pauliner von dem h. Paulus nennen. Einen Steinwurf von genauntem Gebaͤude ſtehen ſehr hohe Mauern, welche einem Stadtthore aͤhnlich ſind, mit der Inſchrift: Vitellian hat ſie erbaut. 2 Der groͤßte Theil der Stadt liegt auf einem Berge, welcher 2 Gipfel hat. Auf einem Thurme wurde eine Uhr als eine große Seltenheit gezeigt. Ringsum derſelben iſt eine ſehr weite Ebene, auf der 2 einen Seite wird ſie von einem Fluſſe umſpuͤhlt und geſchuͤtzt; die Mauern der Stadt drohen einzuſtuͤrzen. Nicht weit davon ſteht auf einem Berge ein ſchis⸗ matiſches Kloſter der Baſilianer mit 150 Moͤnchen. Am 24. Juli gelangten ſie nach Papaſſi, den 25ten nach Kal, und den joſten auf eine ſehr weite Ebene; mußten aber wegen Mangels an Waſſer von der Koͤnigs⸗Straße abweichen. Harmanli, wo ſie den 2 7ſten ankamen, hat eine Moſchee, ein Karavanſerai und eine ausgezeich⸗ nete hoͤlzerne Bruͤcke. Nachts ſchlugen ſie in Muſtu⸗ pha⸗Baſſa⸗Cupri ihr Lager. Hier ſteht ein aus Froͤmmigkeit, zur Erquickung der Reiſenden praͤchtig erbautes Werk, Hann genannt; es iſt eine koͤnigliche Herberge, mit koͤniglicher Pracht ausgeſtattet, mit Blei gedeckt, und ruht auf 24 praͤchtigen Marmor⸗ Saͤulen, welche man nicht umfaſſen kann. Im Kreiſe erhebt ſich eine 2 Ellen hohe und 4 Ellen breite Mauer, in welcher ſich viele Kamine zum Gebrauche der Rei⸗ ſenden befinden. Die Mauer dient den Reiſenden zum Lager und zum Tiſche; der innere Raum iſt eben, offen, und allen Reiſenden gemein. Der Wohnort iſt fuͤr Menſchen und Thiere eingerichtet; an Ringe, welche in den Saͤulen befeſtigt ſind, haͤngt man die 73 Pferde. Oft mußten ſie aus Mangel an Haͤuſern, und durch ſchlechte Witterung gezwungen in der gleichen Gebaͤuden einkehren. Daſelbſt ſieht man auch eine Bruͤcke aus gehauenen, viereckigen weißen Quader⸗ ſteinen, welche 440 Fuß mißt; wenn man vorne hin⸗ ein geht, ſo erblickt man zur Rechten ein mit eiſer⸗ nen Gittern verſchloſſenes Haͤuschen, in welchem ein beruͤhmter mahometaniſcher Heiliger liegt. Nahe bei dem Haupte des Verſtorbenen ſteht ein mit Federn gezierter Turban, das Grab iſt mit ſchwarzem Duche bedeckt. Bei dem Eingange wird um ein Almoſen zur Unterhaltung des Grabmals gebeten. II. Den 1. Auguſt wurde die Reiſe uͤber eine weite Ebene fortgeſetzt; der Geſandtſchafts⸗Zug be⸗ wegte ſich dann mit großer Pracht durch das in der Naͤhe aufgeſchlagene tuͤrkiſche Lager, wurde herrlich empfangen, beſchenkt, und von vielen Vornehmen und Soldaten nach Adrianopel begleitet. Die Wohnung des kaiſerlichen Geſandten zu Adrianopel liegt auf einer ſchoͤnen Ebene, welche von dem kleinen Fluſſe Copriza durchſchnitten wird, bei der Stadt. Der groͤßere Fluß Mariza(Hebrus) beſpuͤhlt gegen Suͤden die Mauern derſelben, wendet ſich nach Philippopoli, dann nach Trajanopel (Trajans⸗Stadt), und ergießt ſich endlich in das aͤgaͤiſche Meer. Die Stadt iſt die ſchoͤnſte in ganz Thrazien, welches jetzt Romanien heißt, weil Konſtantinopel auch Neu⸗Rom genannt wird. Dieſe Landſchaft graͤnzt weſtlich an Mazedo⸗ nien, gegen Norden an die Donau; oͤſtlich an den Pontus und ſuͤdlich an das aͤgaͤiſche Meer. Der Palaſt des Sultans iſt in Adriano⸗ pel ganz aus Holz gebaut, roth und gruͤn angeſtri⸗ chen und mit Blei gedeckt; das Licht faͤllt durch das Dach in das Innere. Dieſes Gebaͤude ſtuͤtzen in der Laͤnge zwoͤlf ſehr hohe Saͤulen aus Eichenholz, in der Breite zu beiden Seiten nur ſechs, welche beilaͤufig 20 Fuß von einander entfernt ſind. Den Vorhof des Divans bildet theils eine Mauer, theils Pfaͤhle; zu dem Eingange fuͤhren hoͤlzerne Treppen, die Schloͤſſer der Thore ſind aus Holz, wie auch alle uͤbrigen Ge⸗ baͤude. In der Mitte eines kleinen, mit verſchiede⸗ nen Farben bemalten Ladens befindet ſich ein eine Elle großes Fenſter, hinter welchem der Sultan den Ver⸗ bandlungen des Divans zuhoͤrt. Der Geſandte ließ dem Sultan die gebrachten, koſtbaren Geſchenke uͤberreichen. Es wurde jedes ein⸗ zeln, um die Groͤße und Pracht durch die Anzahl der Tragenden noch zu ſteigern, dem Sultan uͤber⸗ bracht. Nach 4 Tagen brach die Geſandtſchaft gegen Konſtantinopel auf. Der Weg war gepflaſtert und erſtreckte ſich 30 teutſche Meilen weit. Mittags erreichte ſie Hampſa, ſchlug aber wegen der Peſt außerhalb deſſelben Lager; am folgenden Tage hielt ſie zu Babba an und kam uͤber Vorgaß und Ka⸗ 75 roſtraun nach Ziorbi. Dieſe Gegend iſt beruͤhmt durch die Schlacht Selims gegen ſeinen Vater Ba⸗ jazet. Am 1. September hielten ſie in einem geraͤumi⸗ gen Thale bei einer ſchoͤnen, aus Steinen erbauten, aber ſehr kleinen Bruͤcke. Am ꝛten kamen ſie nach Siliſtria, wo ſie ſich an perſiſchen Trauben und Seefiſchen ergoͤtzten. Siliſtria liegt auf einem Felſen am aͤgaͤiſchen Meere, welches ſich zu Konſtantinopel mit dem Helleſpont verei⸗ nigt; zwiſchen den Mauern und den durch die roͤmi⸗ ſchen Kolonien beruͤhmten Thuͤrmen bildet jenes einen ſchoͤnen Hafen. Hier ſetzten ſie zum dritten Fle uͤber eine v00 Fuß lange Bruͤcke. Eine von den vier zuſammen gefuͤgten Bruͤcken, durch welche der Aus⸗ tritt des Meeres beſchraͤnkt wird, beſteht aus gehaue⸗ nem Steine; auf ihr ſieht man den ſehr großen und geraͤumigen Buſen. Die Gebaͤude ſind an die Bruͤcke gebaut. Von ihr bis zur zweiten Bruͤcke, welche we⸗ gen ihrer geringeren Laͤnge, die kleinere genannt wird, erſtreckt ſich ein freier Platz, zum Vergnuͤgen des Sul⸗ tans beſtimmt. Hier ſchiffte ſich die Geſandtſchaft nach Konſtantinopel ein. III. Mit großer Pracht und unter großem Zu⸗ laufe des Volkes, empfangen von den Soldaten und Beamten des Sultans, zog die Geſandtſchaft in Kon⸗ ſtantinopel ein. Waͤhrend der Zeit, wo der Sul⸗ 76 tan erwartet wurde, ſchifften einige von der Geſandt⸗ ſchaft nach Chalcedon. Chaleedon, die Hauptſtadt Bythiniens, an dem thraziſchen Bosphorus liegt Konſtan⸗ tinopel gegenuͤber. Die Reiſenden fanden an der Stelle der alten Hauptſtadt Bythiniens, eine unbedeutende Stadt mit beilaͤufig 30 kleinen Haͤu⸗ ſern ohne Mauern, Thuͤrme ꝛc. Ehemals war die Umgebung der Stadt ſehr ſchoͤn. Chaleedon iſt von Konſtantinopel nur 13 Stadien entfernt. Hier erduldete auch die h. Jungfrau Euphemia den Martertod; von der durch ſie erbauten praͤchtigen Kirche außerhalb der Stadt ſieht man keine Spur mehr; nur auf einen Felſen am Ufer fuͤhren zwoͤlf ſteinerne Stufen zu ihrem Grabmale, welches ohne Kunſt erbaut iſt; ringsum ſchwimmen Froͤſche aus den Suͤmpfen, welche ſich in den Fluß ergießen. Die Gebeine dieſer Heiligen werden in der Patriarchal⸗ Kirche zu Konſtautinopel aufbewahrt. Dieſe Kirche iſt von keiner Bedeutung. An anderen Tagen beſahen ſie zu Konſtanti⸗ nopel die Pyramiden und Koloſſen⸗Werke. Merk⸗ wuͤrdig iſt die Schlangen⸗Saͤule, welche ſich an der Spitze in 3 Schlangenkoͤpfe theilt; ſie enthielt des Theodoſius Thaten in lateiniſchen und griechiſchen Verſen, ſteht auf dem Hippodrom us, droht aber wegen des durch haͤufige Braͤnde erlittenen Schadens einzuſtuͤrzen. Auf dem Hippodromus zeugt eine 77 Moſchee von der koͤniglichen Pracht Soliman's. Auf einer Porphyr⸗Saͤule zeichnete ſich durch Pracht und Groͤße eine Bildſaͤule aus, welche von Konſtantin errichtet, und nach ſeinem Namen benannt iſt. Nicht weit von der Sophien⸗Kirche ſteht eine alte, vom Kaiſer Juſtinian herrlich erbaute Kirche, welche die Tuͤrken in eine Moſchee verwandelten. Der Saͤulen⸗Gang gegen Weſt hat 5 Thuͤren aus Mar⸗ mor; in der Mitte des Gewoͤlbes iſt das juͤngſte Ge⸗ richt gemalt. Am Eingange gegen Oft erhebt ſich eine praͤchtige Kuppel, das ganze Gebaͤude iſt aus weißen gehauenen Steinen; die innern Waͤnde ſind durch ihre kuͤnſtliche Arbeit von Moſaik ausgezeichnet. Zur linken Seite der Sophien⸗Kirche ſtehen, ungefaͤhr 20 Schritte entfernt, die Graͤber der Sultane, kleine Gebaͤude von runder Geſtalt aus weißem Marmor. Leichname in die Moſcheen zu be⸗ graben, iſt verboten. Zur Rechten ſtehen ſo viel leere Graͤber mit ſchwarzem Tuche bedeckt, als der Sultan Soͤhne hat; ſie ſind zum Unterſchiede von jenen der Frauen, welche auf der Linken liegen, mit einem Turban bedeckt. Beſtaͤndig wird bei dieſen Grabmaͤ⸗ lern gebetet, und zwar von Leuten, welche durch die reichen Stiftungen der Kaiſer dazu verbunden ſind. Neben den Graͤbern der Kaiſer iſt eine dunkle Hoͤhle; ein ehemaliger Tempel wird jetzt zur Aufbe⸗ wahrung von Loͤwen, Luchſen, Tigern ꝛc. gebraucht. Der Palaſt des großen Konſtantin liegt ge⸗ gen Weſt an den Stadtmauern auf einer Anhoͤhe; kein Haus zu Konſtantinopel liegt ſo hoch, als dieſes. 3 Die Vorhalle wird von zehn großen und küuͤuſtli⸗ chen Saͤulen getragen; in dem Winkel derſelben trauert ein ausgetrockneter Brunnen; ein in der Mitte hervorragendes Haͤuschen gewaͤhrt die Ausſicht uͤber die ganze Stadt; es beſteht aus vergoldeten und quer angeſtrichenen Saͤulen. Groͤßere Steinmaſſen und andere Zierrathen wurden zu dem Baue der Moſcheen verwendet. An der Spitze der Mauer gegen Suͤd ſieht man in der Wand einen Betplatz, welcher ſechs Perſonen in ſich aufnehmen mag; die Enge dieſes Platzes zeigt an, daß dieſes vielleicht die Privat⸗Ka⸗ pelle fuͤr Konſtantin war. Dieſer kaiſerliche Palaſt liegt nun zertruͤmmert zwiſchen Baͤumen von Epheu umſchlungen; die Wit⸗ terung, die Roheit der Barbaren und die Sorgloſig⸗ keit traͤgt alles bei, um dieſen Palaſt zu vernichten. Bei dem Herabſteigen von der Anhoͤhe in den Arm des Euxinus ſieht man ein großes, vermauer⸗ tes Thor; hier ſoll die Graͤnze des Palaſtes Konſtan⸗ tins geweſen ſeyn; zur rechten Seite des Thores ſteht ein großer Engel aus weißem Marmor, zur Lin⸗ ken die Jungfrau Maria, wie ſie von dem Engel begruͤßt wird, in gleicher Groͤße. 79 Am Fuße dieſer Hoͤhe ſtoͤßt man auf den Tempel des h. Georgs. Er gehoͤrt den Baſilikern, Schis⸗ matikern, welche fuͤr ihre Wohnungen und fuͤr den Schutz gegen den konſtantinopolitaniſchen Patriarchen (denn ſie haben ihren Patriarchen zu Jeruſalem) 3000 Thaler bezahlen muͤſſen. Unterdeſſen kam der tuͤrkiſche Sultan nach Kon⸗ ſtantinopel. Sein Einzug war noch prachtvoller und herrlicher, als ſein Auszug nach Adriauopel. Der Geſandte wurde von den Großen des Reichs zu dem Sultan gefuͤhrt. In der Mitte des Audienz⸗Saales ſtand ein bren⸗ nender Herdz an den leeren Waͤnden waren einige Handſchriften, welche wahrſcheinlich die Geſetze Ma⸗ homets enthielten. Der Boden war mit bunten Teppichen belegt. Der Sultan ſaß mit ſtolzer Miene auf einem ſeidenen mit Gold durchwirkten Kiſſen; ſein Antlitz trug das Gepraͤge des Alters an ſich, ſein Haupt⸗ und Bari⸗Haar ging von der ſchwarzen in die weiße Farbe; ſeine ſchwarzen Augenbraunen erhoͤhten noch mehr den Ernſt ſeiner Stirne. Den traurigſten Anblick gewaͤhren dem denken⸗ den Menſchenfreunde die Gefaͤngniſſe der Chriſten. Eines fuͤhrt den Namen ſieben Thuͤrme, das an⸗ dere heißt Bainum. Das Gefaͤngniß der ſieben Thuͤrme liegt an dem aͤußerſten Ende der Stadmauer; bier ſtellten die Roͤmer haͤuſige Wachen aus, um die Seinde abzuhalten. Der Umfang deſſelben iſt ſehr 80 1 groß. Hierher wurden nur angeſehene Gefangene oder Staats⸗Verbrecher gebracht. Die Wohnungen derje⸗ nigen, welche erdroſſelt werden ſollen, ſind von ein⸗ ander geſondert, und von den uͤbrigen ziemlich weit entfernt. Die hier befindlichen Großen werden aus⸗ druͤcklich auf den Befehl des Sultans hierher gebracht, und koͤnnen nur von ſeiner Gnade Erloͤſung hoffen. Die Gefangenen werden hier nicht geſchlagen, oder zu den Galeeren gebraucht, jeder Mann erhaͤlt zu ſei⸗ nem taͤglichen Lebens⸗Unterhalte 15 Aspern. Feſſeln und ein enger Raum erhoͤhen die Qualen der Gefan⸗ genſchaft. Mit großer Muͤhe kann man die Erlaub⸗ niß erhalten, die Gefaͤngniße zu beſuchen. Das Gefaͤngniß Bainum iſt zugleich auch Kampf⸗ und Uebungs⸗Platz fuͤr die Chriſten. Hier muͤſſen ſie die groͤßten Peinigungen ausſtehen. Den Eingang bildet ein ſehr hoher Thurm; dicke, ſchwere Stangen in großer Menge verrammeln den Eingang. Trotzige Waͤchter laſſen Niemanden eintreten, außer wenn es die Pflicht, oder der Befehl des Sultans erfordert. Eine ſehr hohe Mauer umſchließt das Gefaͤngniß, der innere Raum iſt in Wohnungen fuͤr die Wachen und Diener des Gefaͤngniſſes getheilt. Die Gefangenen ſchmachten gefeſſelt in elenden Winkeln. Nachts wird der Kopf in ein Eiſen geſperrt, an die Wand gelehnt, oder zwiſchen Balken gelegt; die Haͤnde werden mit Ketten gebunden, und die Fuͤße an einen Pfahl be⸗ feſtigt. So muͤſſen ſie, auf dem Ruͤcken liegend, alle 81 Unbeguemlichkeiten der Natur, des Ortes und jede Pein ertragen. Ihren zum Leben noͤthigen Unterhalt erhalten ſie durch Geld, welches von Hauſe zu Hauſe geſammelt oder erbettelt wird. Hier ſind auch zwei kleine Gebaͤude zum Gottesdienſt fuͤr gefangene Chriſten griechiſcher und katholiſcher Religion. Waͤhrend des Sommers werden nur Kranke in dem Gefaͤngniſſe behalten; die Geſunden muͤſſen, an Querbalken gebunden, halb nackt, bei ſchwarzem Brode und ſchlechtem Waſſer, und unter beſtaͤndigen Peit⸗ ſchenhieben, Tag und Nacht rudern. Den 10. November hatte der Geſandte die zweite und letzte Audienz bei dem Sultan, unter den naͤm⸗ lichen Zeremonien, wie fruͤher; nur der Ort der Au⸗ dienz war veraͤndert. Ein ungeheuer großer, mit einer ſehr hohen Mauer eingeſchloſſener Vorhof theilt ſich in zwei Plaͤtze. Der innere Platz, wo der Divan gehalten wird, iſt mit Baͤumen bepflanzt, und dient zahmen Voͤgeln und Dammhirſchen zum Aufenthalte. Die Begleiter des Geſandten erhielten praͤchtig gewirkte Kafftan, in wel⸗ chen ſie vor dem Sultan erſcheinen mußten. Dieſer ſaß auf einem mit Edelſteinen und Gold geziertem Polſter; an der Wand ſtanden nach ihrem Range die Großen des Reiches, wie Statuen, mit auf der Bruſt zuſammen gelegten Haͤnden ohne Waffen. Bei ſeinem Eintritte kuͤßte der Geſandte das herabfließende Gewand des Sultans, und ſtellte ſich nach gemachter 32ſtes B. Türkei. II. 1. 6 82 ſehr tiefen Verbeugung auf die Seite; hierauf wurden die uͤbrigen von der Begleitung des Geſandten zum Gruße des Sultans von zwei Paſchen gefuͤhrt, und zuruͤck gebracht. Dann dankte der Geſandte dem Sul⸗ tan fuͤr ſeine Guͤte und Großmuth, und bat nach ge⸗ ſchloſſenen Vertraͤgen den Sultan um die Erlaubniß, ſeine Ruͤckreiſe antreten zu duͤrfen. Auch verwendete ſich noch der Geſandte bei den Vornehmen um Los⸗ laſſung der Gefangenen, und fuͤr die in der Tuͤrkei wohnenden Chriſten. Nachdem der Geſandte im Dezember 1665 die Verſicherung der Ungeſtoͤrtheit des chriſtlichen Glau⸗ bens erhalten hatte, aber die Wiedererbauung der zu Galata abgebrannten Kirchen nicht bewirken konnte; ſo reiſte er bald darauf von Konſtantinopel ab. Viele von dem Geſandtſchafts⸗Perſonale raffte der Tod weg. IV. Die ehemals auf ihre praͤchtigen Tempel, Pyramiden, Kuͤnſte und Wiſſenſchaften ſtolze Kaiſer⸗ ttadt, iſt jetzt der Sitz großer Unwiſſenheit, Tyrannei und Erniedrigung.— Von Konſtatinopel reiſte die Geſandtſchaft nach Selymbria oder Sely⸗ bria. Dieſe Stadt liegt am Hafen des ſchwarzen Meeres auf einem Felſen; ſie iſt ein Werk der Roͤ⸗ mer. Von Selybria(Selymbria) kam ſie in zwei Tagen nach Chiorlich, und in drei Tagen nach Cbariſtera, Borgas und Baba, und am 34ten Dezember nach Hapſa oder Capſa. In demſelben 8³ erbaute der erſte Vezier Solimans eine Moſchee und eine Schule aus gehauenen Steinen. Vor dem Eingange der Moſchee iſt eine herrliche Quelle; hier gewaͤhrt auch ein Karavanſerai den Reiſenden Schutz. Den 1. Jan. 1666 erreichte der Geſandte Adria⸗ nopel, welches von Konſtantinopel nur zs teut⸗ ſche Meilen entfernt iſt. Hadrianopel, vom Kai⸗ ſer Hadrian erbaut, gehoͤrte ehemals zu Thrazien, jetzt zu Romanien. Die mit Thuͤrmen und Mauern verſehene Stadt beſpuͤhlt der Hebrus. In der Mitte der Stadt erhebt ſich eine Moſchee aus gehaue⸗ nen Steinen; ſie iſt mit Blei gedeckt, und gewaͤhrt eine ſehr ſchoͤne Ausſicht. Sie iſt gleichfalls ein Werk des erſten Veziers Soliman. Das Serail des Sul⸗ tan mit ſchoͤnen Bruͤcken hat eine ſehr ſchoͤne Lage.— In der Moſchee ſingen tuͤrkiſche Moͤnche; ein Spring⸗ brunnen theilt das Schiff der Moſchee mit Waſſer im reichlichen Maße. Von da reiſte er uͤber Cupribaſſa, Harman⸗ di, Jetima, Cajali und Papiſſa, und nach ei⸗ nem Verlaufe von 18 Meilen nach Philippopoli. In Harmandi befindet ſich ein Hann und eine Moſchee. Zu Philippopoli wurden mehr als 1000 Kamele in das Waſſer, abſichtlich bei der An⸗ kunft des Geſandten, getrieben. Bei Tartarbaſſik eroͤffnet ſich zwiſchen rauhen und mit Schnee bedeck⸗ ten Bergen eine ſehr geraͤumige und angebaute Ebene, welche von vielen kuͤnſtlichen Kanaͤlen durchſchnitten 84 4 wird. Hier gelingt der Reis⸗Bau vortrefflich. Das Reis⸗Korn iſt fuͤr die Bewohner des Orients unent⸗ behrlich; Reiche und Arme genießen es gekocht, und in Getraͤnken, zu Hauſe und im Felde. Ueber Sa⸗ burambeg und Jetiman kommt man in die mit ſteilen und rauhen Gebirgen verſehene und unbebaute Landſchaft Ormandli. Freundlicher iſt die Gegend von Sophia, in welchem die Reiſenden einen Tag ſich aufhielten. Funfzehn Tage nachher ſahen ſie Bel⸗ grad, dann Dragman und Scherkoi, die Haupt⸗ ſtadt Bulgariens; Muſſambaſſa, Nizza, Alexinka, Raſna, Para Kinum und Jagod⸗ na; Vattieina, und die Palanke Haſſambaſſa, und kamen bei Ikarchich an die Ufer der Donau. Zu Belgrad wurden ſie von vielen Reitern, 200 Janitſcharen, und von ſehr vielem Volke empfan⸗ gen. Die an den Fluͤſſen guͤnſtig gelegene Stadt hat eine Feſtung; ſie liegt in der Mitte und wird von ei⸗ nem zweifachen Graben umgeben. Die Mauern ſtuͤr⸗ zen durch die Sorgloſigkeit der Tuͤrken zuſammen; das Waſſer wird durch Leitungen in die Stadt gefuͤhrt. Oeſtlich fließt die Sau; gegen Nord die Donau, welche durch die Drau, durch den Tibiscus und die Sau vergroͤßert wird. Der Fluß vermag hier wegen ſeiner Breite und Tiefe dreiruderige Schiffe zu tragen. Wenn man uͤber die Sau geſetzt hat, ſo er⸗ blickt man in einiger Entfernung von der Donau eine Bruͤcke mit 900 Bogen, welche ſich uͤber eine 85 Stunde erſtreckt. Ueber Semlin kamen ſie auf das Dorf Columbinza, es iſt ganz unter der Erde, und wird nur durch ſeine Kamine, welche aus der Erde hervorragen, erkannt. Bei Mittrowich ſtießen ſie auf eine weite, berg⸗ und baumloſe Ebene; ſie mag uͤber 3 Tagreiſen in der Laͤnge betragen. Dieſes Schloß iſt durch Natur und Kunſt befeſtigt; auf zwei Seiten wird es von der Sau und von Suͤmpfen umgeben. In zwei Tagen kamen ſie nach Tubornik und dem Schloße VolkavarV; letzteres liegt auf einer Anhoͤhe; dann nach Oſſek oder Eſſek: dieſer Platz bat einen Graben und eine kleine Mauer. Die Stra⸗ ßen ſind wegen des ſumpfigen Bodens mit abgehaue⸗ nen Baumſtaͤmmen belegt. An der Drau erhebt ſich eine Feſtung mit drei Kanonen, welche nicht auf Raͤdern, ſondern auf Baumſtaͤmmen ruhen. Eine neue Bruͤcke fuͤhrt uͤber die Drau und uͤber die herum liegenden Suͤmpfe, und erſtreckt ſich eine halbe Stunde weit; in der Naͤhe von dieſer trifft man die Truͤmmer einer zweiten an, welche der Graf Nikolaus von Serin angezuͤn⸗ det hatte. Von Eſſek ahgereiſt ſahen ſie die Bruͤcke und Palanke, welche der Graf von Serin hatte erbauen laſſen, dann Barnavar und MochaczV; den 1. Maͤrz Ofen, und hielten ſich unterdeſſen abwechſelnd zu Pataſek, Saxan, Paxi, Viduar und Erczin 86 7 auf. Zu Ofen beſah der Geſandte die ehemals ſo beruͤhmte Bibliothek des Corvinus; jetzt enthaͤlt ſie kaum noch 400 unbedeutende Handſchriften, welche von den Maͤuſen zernagt und zerbiſſen werden. Den 13. Maͤrz verließ die Geſandtſchaft Ofen, und reiſte uͤber Veruwar nach Gran. Dieſes er⸗ bolte ſich nicht mehr nach dem Brande, welchen es von Soliman bei ſeiner Eroberung erlitt. Die Stadt, vormals der Sitz eines Erzbiſchofes, iſt in ein Dorf verwandelt. Die Kirche des h. Adalbert iſt jetzt eine tuͤrkiſche Moſchee. Nicht weit von der Stadt liegen an einem unwegſamen Orte Tauſende von Chri⸗ ſten⸗Haͤuptern, welche nach der Niederlage bei Bar⸗ kan grauſam von den Tuͤrken gemordet wurden. Nach dreitaͤgigem Aufenthalte zu Gran gelangten die Rei⸗ ſenden zu Nem eth, und den 20. Maͤrz zu Komorn an, wo der Geſandte mehrere unangenehme Auftritte mit dem geitzigen tuͤrkiſchen Abgeordneten hatte. Von Komorn ging die Reiſe uͤber Jaurinum, Ova⸗ rin und Pruck an der Layta in das bei Wien gelegene Dorf Swechet, und endlich nach Wien. 87 Joſeph Pitton v. Tournefort's Be⸗ ſchreibung einer auf königl. Befehl im J. 1700 unternommenen Reiſe nach der Levante. In gedrängter Kürze mitgetheilt von einem königl. bayer'ſchen Staats⸗ diener*). O— Erſter Theil. I. Der Staats⸗Sekretaͤr, Graf von Pontchar⸗ train, Aufſeher uͤber die Akademie, machte dem *) J. P. v. Tournefort, geboren zu Aix in der Provence 1656, fand ſchon in ſeiner Kindheit das groͤßte Vergnuͤgen am Sammeln der Kraͤu⸗ ter, und machte ſich ohne Anleitung mit allen in der Gegend von Aix wachſenden ſehr bald bekannt. Im Kollegium der Jeſuiten daſelbſt 88 Koͤnige von Frankreich im Jahre 1699 den Vorſchlag, geſchickte Maͤnner in fre de Laͤnder reiſen zu laſſen, erhielt er ſeine Schulbildung; er ſtudierte dann zu Montpellier Theologie, Anatomie und Me⸗ dizin, vorzuͤglich aber Botanik. Der Tod ſei⸗ nes Vaters im J. 4676 verſchaffte ihm voͤllige Freiheit, ſeiner Lieblings⸗Neigung zu folgen; er unternahm mehrere Reiſen durch Frankreich, die Pyrenaͤen, England, Holland und Spanien, wie zuletzt eine auf Koſten des Koͤnigs Lud⸗ wig XIVY. nach der Levante, welche unter dem Titel erſchien: Relations d'un voyage du Le- vant. Paris 1712. 2 vol. 4. Paris et Lyon 1717. 8. 3 vol. Paris 1718. 4. Amsterd. 1718. Lyon 1727. 4. Deutſch Nuͤrnberg bei G. N. Raspe 1776. 8. 3 Bde. 1683 wurde er als Pro⸗ feſſor der Botanik bei dem k. Pflanzen⸗Garten zu Paris angeſtellt, fuͤr deſſen Bereicherung er viele Reiſen gemacht hat, und 1692 zum Mit⸗ gliede der Akademie der Wiſſen ſchaften ernannt⸗ 1694 gab er ſein erſtes Zerk: Elemens de Bo- tanique, ou methode pour connoitre les plan- tes, 5 vol. 4. mit vielen Kupfern heraus, von welchem 1700 eine vermehrte Ausgabe: Insti- tutiones rei herbariae, 3 vol. 4., utid 1719 eine von Ant. Juſieu mit 489 Kupfern ver⸗ ſehene erſchien. Dieſem folgte ſeine Histoire des plantes, qui naisseftt aus environs de Paris 1698. 12, vermehrt von B. Juſſieu 1725. 12. Durch dieſe Werke erwarb er ſich ei⸗ nen unſterblichen Namen, indem er eine beſſere Beſtimmung der Pflanzen⸗Gattungen einfuͤhrte, und deren Charaktere beſonders von der Geſtalt 89 um uͤber Naturgeſchichte, Erdbeſchreibung, Handlung, Religion und Sitten verſchiedener Voͤlker nuͤtzliche Beobachtungen zu machen. Da ich bereits auf Befehl des Koͤnigs einige Rei⸗ ſen durch Europa gemacht hatte, ſo fiel auch dieſes Mal die Wahl auf mich, und es wurde mir ſelbſt die Erlaubniß ertheilt, diejenigen Perſonen zu waͤhlen, welche mich begleiten ſollten. Ich hatte das Gluͤck, den vortrefflichen Arzt Gundelsheimer, und den geſchickten Maler Aubriet, zwei wahre Freunde, welche alle meine Wuͤnſche erfuͤllten, zu finden. Den 9. Maͤrz 1700 reiſten wir von Paris ab, kamen nach Lyon, Condrieu, Avignon, Air und Marſeille. Da eben kein Schiff vorhanden war, welches uns nach der Levante haͤtte mitneh⸗ men koͤnnen, ſo hatten wir Zeit genug, die Schoͤn⸗ heiten dieſer Stadt zu beſehen. Sie ſoll in den uralten Zeiten zu den vorzuͤglichſten Staͤdten der Welt gehoͤrt der Blumen ableitete. Sein Syſtem war bis Linné das beliehteſte, und ſehr viele Pflanzen verdanken ihm ihre Namen. Er gab ſeinen Schriften einen beſondern Werth durch den phi⸗ loſophiſchen Geiſt, der ſtets aus ihn ſpruͤhte. Durch einen ungluͤcklichen Zufall quetſchte er ſich an einem ſchnell voruͤber fahrenden Wagen die Bruſt, und ſtarb an deſſen Folgen 4708. (Meuſel und Eneyelopaͤdie.) 90. baben; allein von aller alten Pracht findet man nicht die geringſten Ueberbleibſel mehr. Man weiß aber uoch, daß Marſeille den Wiſſenſchaften die Bahn nach Gallien geoͤffnet hat, und daß man von allen Orten dahin kann, ſich in der Weltweisheit und in den ſchoͤnen Kuͤnſten unterrichten zu laſſen. Es herrſchte daſelbſt eine ſolche Feinheit der Sitten, daß die Roͤ⸗ mer ihre Kinder zur Erziehung dahin ſchickten. Ge⸗ genwaͤrtig iſt die Handlung das Hauptwerk, welches zu Marſeille getrieben wird. 1 Nachdem wir lange genug auf den Nord⸗Weſt⸗ Wind gewartet hatten, der uns nach Kandia fuͤhren follte, ſegelten wir den 23. April aus dem Hafen⸗ Unſere Fahrt war ſo ſchnell und gluͤcklich, daß wir ſchon am neunten Tage im Hafen zu Canea lan⸗ deten. Canea iſt die zweite Stadt auf Kandia, einer Inſel, unter den Alten mit dem Namen Creta ſehr beruͤhmt. Sie wird nun zum Theile von den Tuͤrken bewohnt, deren ganzes Leben faſt nichts anders iſt, als ein immerwaͤhrender Muͤſſiggang. Reis eſſen, Waſſer trinken, Tabak ſchmauchen, Kaffee trinken, iſt alles, was der Muſelmann thut. Die geſchickteſten unter ihnen, deren Anzahl gar nicht groß iſt, beſchaͤf⸗ tigen ſich damit, daß ſie den Alkoran leſen, und die Jahrbuͤcher des Reiches durchblaͤttern. Dieſes gilt von allen Tuͤrken, durch alle Laͤnder, die ſie unter ihre Bothmaͤßigkeit gebracht haben. 91 Canea hat ſtarke Mauern, und gegen die Land⸗ ſeite ein einziges Thor. Die Venetianer verwendeten einſt auf die Befeſtigung viel Sorgfalt. Der Hafen iſt dem Nordwinde(Tramontane) ſehr ausgeſetzt; doch wuͤrde er ſehr gut ſeyn, wenn man ihn in einem beſ⸗ ſern Stande erhalten wollte. Man ſieht daſelbſt noch die Ruinen eines ſchoͤnen Arſenals, worin die Vene⸗ tianer ihre Galeeren bauten. Die Gewoͤlber der Werk⸗ ſtaͤtten ſind nun leer: denn die Tuͤrken arbeiten hier nichts mehr, wie ohnehin ihre geringſte Sorge iſt, die Haͤfen und die Mauern der Stadt gehoͤrig zu un⸗ terhalten. Etwas mehr Fleiß verwenden ſie auf die Brunnen, weil ſie ſtarke Waſſertrinker, und nach ih⸗ rer Religion verbunden ſind, alle Theile des Koͤrpers oͤfters zu waſchen. Der Eingang des Hafens von Canea wird linker Hand durch ein kleines Fort be⸗ ſchuͤtzt, wo der Leuchtthurm iſt. Wenn man den Leuchtthurm voruͤber iſt, trifft man eine ziemlich ſchoͤne Moſchee; dabei ſteht ein Haus der franzoͤſiſchen Ka⸗ puziner. Die Haͤuſer zu Canea ſind, wie in der ganzen Levante, in der Regel ſehr ſchlecht; die beſten Ge⸗ baͤude haben nicht mehr, als zwei Stockwerke, von denen das erſte der Erde gleich iſt, und als Keller und Stall gebraucht wird. Die Mauern ſind aus Qua⸗ derſteinen. Durch eine ziemlich enge, holzerne Treppe kommt man in den zweiten Stock, wo verſchiedene 92— Gemaͤcher und Terraſſen ſind, welche zugleich die Daͤcher bilden, und bloß aus Brettern von Fichten⸗ holz beſtehen. Unten ſind ſie mit eichenen Balken ge⸗ ſtuͤtzt, oben mit einer Lage Erde bedeckt, die wie Kalk eingeruͤhrt und mit kleinen Kieſelſteinen gepflaſtert wird, welche man in den Beeten der Fluͤſſe findet. Die Terraſſen haben keinen weitern Abhang, als zum Ablaufen des Waſſers noͤthig iſt. Auf denſelben geht man bei ſchoͤnem Wetter ſpatzieren, ja man ſchlaͤft ſo⸗ gar bei großer Hitze daſelbſt. Außer dieſen hat jedes Haus eine andere, kleine Terraſſe, gleich dem Boden. des zweiten Stockes; dieſe iſt gewoͤhnlich mit Blu⸗ mentoͤpfen geziert. Dieſe Terraſſen ſind der Geſund⸗ beit ſehr zutraͤglich: denn wenn der Nordwind herrſcht, verſchließt man die Fenſter gegen Nord, oͤffnet aber die Thuͤren gegen die mittaͤgliche Terraſſe. Im Ge⸗ gentheile werden dieſe Thuͤren verſchloſſen, wenn die ſehr nachtheiligen Mittags⸗Winde anfangen, welche ſo heiß ſind, daß ſie die Menſchen oft auf freiem Felde erſticken. Die Gegend um Canea bis Culata, iſt vor⸗ trefflich und jehr ſchoͤn. Oliven⸗Waͤlder ſind mit Fel⸗ dern, Wein⸗ und andern Gaͤrten, und mit Baͤchen untermiſcht, von immergruͤnen Myrten begraͤnzt. Es wird allenthalben viel Oel erzeugt, und durch den Handel vortheilhaft abgeſetzt. Doch ſind die Gaͤrten ohne Ordnung, und die Baͤume tragen meiſtens ſchlechte Fruͤchte, weil ſie nicht veredelt werden. Wir 93 waren in den Garten des Gouverneurs eingeladen, welcher nichts, als ein kleines Gehoͤlze von Pomeran⸗ zen, Pflaumen, Birnen und Kirſchbaͤumen iſt. Man nannte dieß ein irdiſches Paradies; allein darin iſt alles der Natur uͤberlaſſen, obwohl ein ungluͤcklicher, griechiſcher Moͤnch als Gaͤrtner aufgeſtellt iſt, der nicht einmal ein Hemd auf dem Leibe hatte, und ſo wie drei ſeiner Mitbruͤder, von der Kraͤtze abſcheulich geplagt wurde. Auf dem Ruͤckwege nach Canea belaͤſtigte uns ſehr der unertraͤgliche Geſtank der Kirchhoͤfe: denn die Tuͤrken begraben ihre Todten an die Landſtraßen, aber gar nicht tief, und errichten einen Stein, den ſie mit einem Turban zieren, wenn die Perſon einige Wich⸗ tigkeit hatte. Die hohen Gebirge, wo man im Sommer den Schnee abholet, ſind die fruchtbarſten Theile der In⸗ ſel, und man findet dort Pflanzen, die man in andern Gegenden vermiſſet. Auf einem Gipfel derſelben, ſuͤd⸗ waͤrts gegen das Meer, liegt das Dorf Sfachia⸗ deſſen Einwohner vortreffliche Bogen⸗Schuͤtzen und gute Soldaten ſind. Unter ihnen iſt der pvrrhini⸗ ſche Tanz noch gebraͤuchlich. Den 12. Mai ſchliefen wir in dem Kloſter der Dreifaltigkeit, welches eine halbe Tagreiſe von Ca⸗ nea entfernt iſt, und ganz nahe am Cap Melier liegt. Ehehin wohnten 100 Religioſen in dieſem Klo⸗ ſter; beut zu Tage ſind ihrer kaum fuͤnftig. Ein jeder 94 von ihnen zahlt7 Thaler Kopfſteuer. Der Superior des Hauſes nahm uns, nach der Gewohnheit der mor⸗ genlaͤndiſchen Chriſten, welche die Franken in die Klöſter zu logiren pflegen, freundlich auf. Man gibt ihnen freilich bei dem Abſchiede mehr, als man ver⸗ zehrt hat; doch hat man auch den Vortheil, bei Chri⸗ ſten zu ſeyn.— Ein anderes Kloſter trafen wir nicht ferne davon, in einer ſehr angenehmen Einſamkeit. Man ſteigt in dieſelbe uͤber eine Treppe von 135 Staf⸗ feln hinab, die in den Fels gehauen ſind. Ningsum ſind fuͤrchterlich ſteile Abgruͤnde. Das Haus war wohl gebaut, aber ganz unbewohnt, weil es von den Kor⸗ ſaren zu oft gepluͤndert worden war. Almyron iſt ein kleines Fort, mit einer ſchlech⸗ ten Baſtei, bei dem Eingange eines Thales, ganz nahe am Strande. Man kehrt in einem Wirthshauſe ne⸗ ben dem Fort ein, wo man aber nichts, als zwei große Sophas, Waſſer und Kaffee antrifft, ſo daß man wuͤrde Hungers ſterben muͤſſen, wenn man nicht Lebensmittel mit ſich braͤchte. Dagegen findet man ein anderes Wirthshaus, nahe bei Retimo, welches von einem Tuͤrken geſtiftet und ſo gut mit Einkuͤnften verſehen iſt, daß alle Reiſenden ſehr wohl und unent⸗ geldlich verpflegt werden. Die Landſchaft ſelbiger Gegend beſteht gegen Morgen meiſtens aus Felſen; gegen Kandia aber iſt ſie ſehr ſchoͤn. Die ganze See⸗Kuͤſte hier iſt mit Gaͤrten beſetzt, die man mittels Ziehbrunnen waͤſſert. 95 Alle Fruͤchte haben da einen vortrefflichen Ge⸗ ſchmack. Zu Retimo ſelbſt nahm uns der Vizekon⸗ ſul von Frankreich, Dr. Patelearo, freundlich auf; der gute, alte Mann war im Umgange noch ſehr an⸗ genehm. Als die Tuͤrken Canea eroberten, wurde ſeine Mutter nach Konſtantiuop el gefuͤhrt, und als eine ſchoͤne Sklavin dem Groß⸗Vezier zum Ge⸗ ſchenke gemacht, worauf ſie zu großen Ehren und Reichthuͤmern gekommen iſt. Damals ſtudirte Pa⸗ teliaro zu Padua, und als er zuruͤck gekommen und das Schickſal vernommen hatte, reiſete er nach Konſtantinopel Seine Mutter erkannte ihn an einer Warze, die er hinter dem Ohre hatte, und wollte ihn uͤberreden, ein Muſelmann zu werden; man gab ihm deßwegen betraͤchtliche Laͤndereien in der Wallachei. Allein er ſtattete ſie nach einigen Tagen wieder zuruͤck, mit der Verſicherung, daß er in der Religion ſeiner Vaͤter ſterben wolle. Von jener Zeit lebte er hier, unter franzoͤſiſchem Schutze, ganz ruhig. Am 28. Mai langten wir, nachdem wir durch ein ſehr rauhes und duͤrres Land gekommen waren, zu Kandia au. Wir hatten auf einem Gebirge eine, in die Felſen gehauene Treppe pafſirt, welche die Pferde nicht ohne Gefahr uͤberſchreiten koͤnnen. Un⸗ ſere Fuͤhrer ſuchten unſern Ehrgeitz zu reitzen; ſie ſprengten mit erſtaunungswuͤrdiger Verwegenheit vor⸗ an; wir aber folgten ihnen auf dem Fuße nach. 96 Ungeachtet Kandia heut zu Tage weuig geachtet wird, ſo ſind doch die Mauern derſelben ſehr gut und wohl befeſtigt. Dieſe ſind aber ein Werk der Vene⸗ tianer: denn die Tuͤrken haben kaum die Breſchen der letzten Belagerung ausgebeſſert. Die Gegend um die Staͤdt beſteht aus großen, fruchtbaren Ebenen, wo alle Arten des Getreides wach⸗ ſen. Hier war der Wohnſitz des Haly Paſſa, eines wolluͤſtigen Mannes, welcher in dem letzten Kriege neun Monate lang Groß⸗Vezier war. Mahomed III. beſchuldigte ihn, er ſey zu gut; der Vezier geſtand ſolches ein, und bat Seine Hoheit, ihm dieſe große Laſt abzunehmen, welches auch augenblicklich geſche⸗ hen iſt. Einige Jahre ſpaͤter wurde er zum Vize⸗Koͤ⸗ nig von Kandia ernannt, wo er von einer Krank⸗ beit, die ſich ohne Queckſilber nicht heilen laͤßt, vie⸗ les auszuſtehen hatte. Da den Griechen dieſes Mittel nicht bekannt war, ſo wurde ein irlaͤndiſcher Wund⸗ arzt berufen, der ſich zufaͤllig auf Kandia befand. Dieſer verordnete, gerade zur rechten Zeit, die Spei⸗ chel⸗Kur. Der Vize⸗Koͤnig, der in Todesgefahr in ſeyn glaubte, ließ ſeinen Rath zuſammen rufen, um ſich zu bereden, was dieſem Menſchen fuͤr eine Strafe auferlegt werden ſollte? Er war auch der erſte, der ihn zu 200 Stockſchlaͤgen verurtheilte. Der Rath aber, kluͤger als er, war der Meinung, daß man den Wund⸗ arzt ſollte fortfahren laſſen, nachdem er die Kur einmal angefangen haͤtte. In der That wurde der Kranke 97 nach einiger Zeit vollkommen wieder hergeſtellt. Die⸗ ſem Beiſpiele folgten die meiſten großen Herren auf der Inſel nach, und der Irlaͤnder bekam mit den Muſelmaͤnnern ſo viel zu ſchaffen, daß er ſie alle kaum beſorgen konnte. Waͤhrend wir uns zu Kandia befanden, beſchaͤf⸗ tigte ſich der Vize⸗Koͤnig mit Erbauung einer Mo⸗ ſchee. Er ließ aus allen benachbarten Doͤrfern die Griechen mit den noͤthigen Werkzeugen zuſammen ru⸗ fen, und dieſe bekamen oft mehr Schlaͤge, als Brod. Die meiſten Baſſas ſind geitzige Leute, und da ſie ihre Statthalterſchaften zu Konſtantinopel,⸗ wo alles feil iſt, kaufen, ſo ergreifen ſie jede Gele⸗ genheit, ihren Schaden wieder einzubringen. Man ſoll nie anfangen, den Tuͤrken Geſchenke zu machen, oder man muß damit fortfahren: denn ſie ſehen das Erſte fuͤr einen Vertrag auf das Zukuͤnftige an. Die groͤßten Herren verlangen ohne Scheu, und die Groß⸗ muth iſt etwas, das ſie gar nicht kennen. Den 2. Julius beſuchten wir das Thal Mira⸗ bella, das zwiſchen andern, ſehr angenehmen Ge⸗ birgen liegt. Wir fanden dort ein Kloſter, wo die Moͤnche ihr ganzes Hausgeraͤth in die Kirche geſchafft hatten, um ihre Schlafzimmer den Seidenwuͤrmern einraͤumen zu koͤnnen. Critza, ein Dorf auf der Hoͤhe einer ſehr frucht⸗ baren Ebene, wird von einem Kadi bewohnt. Dieſer ließ uns zu ſich bitten, um ihm den Puls zu fuͤhlen; 32tes B. Türkei. II. 4. 7 98— eine Mode, die bei den Tuͤrken ſehr gewoͤhnlich iſt, auch wenn ihnen gar nichts fehlt. Im Verfolge un⸗ ſerer Reiſe mußten wir auch eine Nacht in einer fuͤrch⸗ terlichen Einoͤde, bei einer Quelle zubringen, wo wir bei dem Scheine von zwoͤlf großen Stein⸗Eichen, welche unſere Fuͤhrer angezuͤndet hatten, unſere Abend⸗ mahlzeit hielten. Dieſe Fackeln leuchteten die ganze Nacht, und die Waͤrme, welche ſie in der Luft ver⸗ urfachten, machte uns viel Vergnuͤgen; denn wir wa⸗ ren ſehr nahe an den Hoͤhen der mit Schnee bedeck⸗ ten Gebirge. Der Ruͤckweg fuͤhrte uns nach Kandia, dann nach Damaſta, Daphuedes, zuruͤck nach Cauea, das wir aber am 28. Juni wieder verließen, um den Berg Ida und das Labyrinth zu beſehen. Am Fuße des erſtern liegt ein großes Kloſter, Arcadi, ganz im gothiſchen Geſchmacke erbaut. Darin waren mehr als hundert Religioſen und zweihundert auf dem Lande, die ſich mit Beſorgung ihrer Meiereien beſchaͤftigten. Der Superior des Hauſes nahm uns freundlich auf. Da diejenigen, welche dergleichen Stellen bekleiden, ernſthafte, ehrwuͤrdige Maͤnner ſind, ſo wagt man nicht, ihnen fuͤr die verurfachten Koſten Geld anzu⸗ bieten; man laͤßt alfo einen Zeckin in den Weih⸗Keſſel fallen. Der Keller iſt im Kloſter der ſchoͤnſte Ort. Man findet daſelbſt mehr als 20o Faͤſſer mit Wein, deſſen beſter mit dem Namen des Superiors bezeich⸗ net iſt, welchen Niemand ohne ſeine Erlaubniß ver⸗ 99 koſten darf. Um dieſen Keller zu ſegnen, liest er alle Jahre, nach der Weinleſe, folgendes Gebet ab:„Herr Gott! der du die Menſchen liebſt, richte deine Augen auf dieſen Wein, und auf diejenigen, die ihn trinken. Segne unſere Oxthofte, wie den Brunnen Jakobs, und den Teich Siloa“ u. f. w. Der Superior gab uns zwei Religioſen als Weg⸗ weiſer auf den Berg Ida. Wir erreichten den Gipfel deſſelben erſt nach zwei Tagen, nach vielen Beſchwer⸗ niſſen und elenden Nachtlagern, auf den Schaͤfereien, die noch zum Kloſter gehoͤrten. Der Berg liegt faſt in der Mitte der Inſel; man ſieht links und rechts das Meer, ſonſt aber iſt darauf nichts von ſolcher Be⸗ deutung, daß es ſich der Muͤhe lohnte, ſeine Kraͤfte ſo grauſam anzuſtrengen. Auf dem Ruͤckwege ruhten wir an einem windſtillen Orte aus, um Zitronenwaf⸗ ſer(Sorbet) zu machen. Dasjenige, welches insge⸗ mein die Tuͤrken trinken, iſt nichts anders, als ein aus Roſinen bereiteter Trank, worein ſie eine Hand voll Schnee werfen. Wir aber fuͤllten unſere Scha⸗ len mit Schnee, ſtreuten Zucker dazwiſchen und go⸗ ßen dann uͤber alles einen vortrefflichen Wein, mit welchem der Superior uns ein Geſchenk gemacht hatte. Nach einem muͤhſamen Herabſteigen uͤber die fuͤrchter⸗ lichſten Klippen, gelangten wir endlich in die ſchoͤne, fruchtbare Ebene von Kandia, die ſich gegen Gira⸗ petra erſtreckt. 100 II. Nun konnten wir nicht umhin, auch die Ruinen von Gortyna zu beſuchen, welche nur ſechs Meilen vom Berge Ida liegen. Man trifft unge⸗ heuere Truͤmmer von Marmor, Jaspis und Granit; aber anſtatt jener großen Leute, welche dieſe ſchoͤnen Gebaͤude auffuͤhren ließen, nichts als arme Hirten, welche kaum ſo viel Verſtand haben, die Haſen und Rebhuͤhner zu fangen, die unter ihnen herum lau⸗ fen. Wir ſuchten die Truͤmmer der Tempel des Ju⸗ piters, der Diana, des Apollo. Von Figuren trifft man wenig; theils wurden ſie weggeſchleppt, theils ſchlugen ihnen die Tuͤrken die Koͤpfe ab: denn die Tuͤrken koͤnnen die Abbildung der Koͤpfe von lebendi⸗ gen Kreaturen nicht ohne Schauder anſehen, ausge⸗ nommen auf dem Gelde, in welches ſie ſterblich ver⸗ liebt ſind. Den 1. Juli machten wir uns, mit Wachs⸗ fackeln verſehen, auf den Weg zum Labyrinthe. Dieſer ſo beruͤhmte Ort iſt ein unterirdiſcher Gang nach Art einer Gaſſe, welche in hundert Kruͤmmun⸗ gen, gleichſam von Ungefaͤhr entſtanden, und ohne die geringſte Ordnung angelegt iſt. Der Eingang iſt eine natuͤrliche Oeffnung, aber ſehr niedrig. Je weiter man kommt, je bewunderungswuͤrdiger wird dieſer Ort. Wir klebten an alle Ecke Papier mit Zah⸗ len, und kamen ſo ohne Muͤhe in das Innere, wo man unter zwei ſchoͤnen Saͤulen mit Vergnuͤgen aus⸗ ruhen kann. An den Waͤnden fanden wir verſchiedene Schriften, die mit Kohle gemacht ſind, und mehrere 101 Jahrzahlen: 1495, 1560, 1699 u. ſ. w. Wir ſchrieben an drei Orten mit Roͤthel 1700 an die Wand. In⸗ ſchriften, die urſpruͤnglich mit dem Meſſer in den Stein geritzt waren, ſahen wir nun ganz erhaben; denn der Felſen ſchwitzt durch die Ritzen eine weiße Materie aus. Nachdem wir wieder gluͤcklich an das Tages⸗Licht zuruͤck gekommen waren, nahmen wir unſern Weg nach Brices. Dort uͤbernachteten wir bei einem al⸗ ten Papas, welcher fuͤr ſeine Religion ſehr eingenom⸗ men, und dabei bis zum Mitleiden unwiſſend war. Er wollte uns uͤberreden, daß an den Waͤnden des Labyrinthes eine Weiſſagung geſchrieben ſtehe, gemaͤß welcher der Czar von Rußland ſich in Kurzem des ottomanniſchen Reiches bemaͤchtigen, und die Grie⸗ chen von der Sklaverei der Tuͤrken erloͤſen wuͤrde. Soviel iſt gewiß, daß die Tuͤrken Niemanden gerne in die Hoͤhle fuͤhren laſſen; denn ſie halten alle Fremde fuͤr Spione, welche alles aufzeichneten. Sie glauben ebenfalls, daß die alten Marmorſteine nichts als Weiſ⸗ ſagungen enthielten, welche den Großherrn betreffen. Den 25. Juli liefen wir auf dem Gebirge von Grabuſa herum, und ſtiegen uͤber ein fuͤrchterliches Land herab, an die Spitze des Vorgebirges, im Ge⸗ ſichte des Schloſſes von Grabuſa, das auf einen abſcheulichen Huͤgel ſtehet, und in ſeiner Nachbarſchaft zwei andere, kleine, oͤde Inſeln hat. Dieſes Schlos laͤßt ſich nicht anders, als mit Hunger bezwingen; 12 um zu verhindern, daß es nicht von der Meeres⸗Seite verproviantirt wuͤrde, muͤßte man das ganze Meer bewachen, was aber die heftigen Nordwinde nicht geſtatten wuͤrden. Die Inſel Kandia iſt ungefaͤhr 1600 Meilen von Marſeille, 600 Meilen von Konſtantinopel, und von Damatta in Aegypten 400 Meilen ent⸗ fernt. Nie war eine Lage ſo guͤnſtig, als die von Kandia, ein großes Reich aufzurichten, wie Ariſtoteles bemerkt hat. Die Inſel liegt in der Mitte des Meeres, in einer ſchicklichen Entfer⸗ nung von Europa, Aſia und Afrika. Die Einwohner, Duͤrken ſowohl, als Griechen, haben von Natur einen ſchoͤnen Wuchs, ſind lebhaft und ſtark. Sie ſchießen ſehr genau mit dem Bogen, und be⸗ dienten ſich in den alten Zeiten auch der Schleudern mit Vortheil; daher ſie in vielen Schlachten der Vor⸗ welt ſich ausgezeichnet haben. Jagd, Tanz, Wett⸗ rennen und Reiten hatten ſie zur großen Vollkommen⸗ beit gebracht. Sie ſind rechtſchaffene Leute; man trifft unter ihnen weder Bettler, noch Beutelſchneider oder Raͤuber an. Die Hausthuͤren werden bloß mit hoͤl⸗ zernen, ſehr ſchwachen Staͤben verſchloſſen. Stiehlt ein Tuͤrke, was aber ſelten geſchieht, ſo wird er, um die Ehre der Nation zu ſchonen, in dem Gefaͤngniſſe erdroſſelt. Man ſteckt ihn dann in einen mit Steinen angefuͤllten Sack und wirft ihn in das Waſſer. Iſt es aber ein Grieche, ſo wird er entweder zu Stock⸗ 3 103 ſchlaͤgen verurtheilt, oder an den naͤchſten Baum ge⸗ henkt. Die meiſten Tuͤrken auf der Juſel ſind entwe⸗ der Renegaten, oder Renegaten⸗Kinder, und ſelten ſo ehrlich, als die gebornen Tuͤrken. Ein guter Tuͤrke ſagt kein Wort, wenn er die Chriſten Schwei⸗ nefleiſch eſſen, oder Wein trinken ſieht. Die Rene⸗ gaten aber, welche ſelbſt heimlich davon eſſen und trinken, beſchimpfen ſie deßwegen. Durch die Ver⸗ laͤugnung ihrer Religion gewinnen ſie uͤbrigens weiter nichts, als ein langes Kleid und die Befreiung von der Kopfſteuer.— Schoͤne Frauenzimmer haben wir nur zu Girapetra gefunden; ſonſt ſind ſie haͤßlich und unreinlich. Appetitlicher ſcheinen die Juͤdinnen zu ſeyn. Die Griechen der Inſel ſind ſehr gutthaͤtig und vertraulich; wo wir uns nur ſehen ließen, begleiteten und bedienten uns Weiber, Toͤchter, Kinder und Alte. Sie lachten wohl auch manchmal, jedoch gut⸗ muͤthig, uͤber unſere Manieren, waͤhrend wir vor un⸗ ſeren Herbergen verweilten, bis der Rauch zerſtreut war, und man die Muͤcken, Fliegen, Wanzen, Floͤhe und Ameiſen verjagt hatte. Die Papas unter den Griechen koͤnnte man als Leute betrachten, welche von den weiſen Cureten abſtammten, und alle Wiſſenſchaften ihrer Zeit in ih⸗ rem Kopfe beiſammen haͤtten. Indeſſen ſind ſie aber ſehr unwiſſend, und unterſcheiden ſich von ihren Nach⸗ barn bloß dadurch, daß ſie das allerſchoͤnſte und beſte 104 auf der Inſel beſitzen. Trifft man ein gutes Land, eine fruchtbare Ebene, ſchoͤne Oelbaͤume, wohlgebaute Weinberge an, ſo wird man gewiß nicht weit davon ein Kloſter finden, oder die Wohnung eines Papas. Alle ſchoͤne Meiereien gehoͤren zu den Kloͤſtern; und vielleicht iſt eben dadurch der Ruin des Landes befoͤr⸗ dert worden*). Die buͤrgerlichen Einwohner von Kandia laſſen ſich ganz wohl ſeyn. Man ſieht auf der Inſel viel Gefluͤgel und Vieh. Das Fleiſch der Schlachthaͤuſer iſt ſehr gut, ausgenommen im Winter. Weil man kein Futter fuͤr das Vieh hat, ſo iſt man gendoͤthiget, ſolches laͤngs des Meeres unter den Binſen auf die Weide zu treiben, wo es ſo mager wird, daß das Fleiſch voͤlig wie Stroh iſt. Doch die Griechen achten dieſes wenig; ſie machen ſich mit Wurzeln wie⸗ der Appetit, und dieſes hat zu einem Sprichwort An⸗ laß gegeben, daß man ſagt, die Griechen maͤſten ſich da, wo die Eſel aus Hunger ſterben. Unſere Matro⸗ ſen brachten ganze Tage hin, ohne etwas anders, als ſchlechten Zwieback und ſalziges Moos zu eſſen, das auf den— mit Seewaſſer bedeckten Felſen waͤchſt. **) Hierin moͤchte ſich Herr v. Tournefort wohl irren; wenigſtens im Koͤnigreiche Baiern, wo die Aufhebung der Abteien ganze Strecken Lan⸗ des zu einen viel niedrigeren Grad der Kultur zuruͤck gefuͤhrt hat, hat ſich obige Maxim nicht als wahr erprobt. 105 Die Weine in Kandia ſind vortrefflich, roth, weiß und braunlich. Wer einmal kandiſchen Wein getrunken hat, wird alle andern Weine verachten. Die Tuͤrken koͤnnen ſich nicht enthalten, einen ſo gu⸗ ten Wein zu trinken; wenigſtens zu Nacht. Die Grie⸗ chen trinken ihn Tag und Nacht, ohne Waſſer, aber nicht auf einmal, um von Zeit zu Zeit durch dieſes Getraͤnk das Andenken an ihr Elend zu begraben. Der Branntwein aber iſt in Kandia, wie in der ganzen Levante, etioas abſcheuliches, und hat gar keine Kraft. Die Seide iſt vollkommen ſchoͤn; die Wolle taugt nur zu groben Zeugen; das Honig iſt vor⸗ trefflich, riecht aber nach Thymian, der das ganze Land bedeckt. Das Land wird im Ganzen nicht gut beſtellt; zwei Drittel beſtehen aus ſteilen,, kahlen, un⸗ angenehmen Gebirgen, die ſich beſſer zum Aufenthalt der Ziegen, als der Menſchen ſchicken. Doch liegt die Inſel unter einem guten Himmel, und wurde ehehin die gluͤckliche Inſel genannt. Im Frieden lebt man daſelbſt ganz vergnuͤgt; iſt aber Krieg, ſo wird das ganze Land von den Cains, oder falſchen Bruͤdern verwuͤſtet. Dieſe ſind Griechen, die ſich zu den Venetianern gefluͤchtet haben; ſie brennen, rauben, pluͤndern und begehen alle Arten von Grau⸗ ſamkeiten. Beſonders geben ſie ſich alle Muͤhe, Tuͤr⸗ ken gefangen zu bekommen, die ihre Freiheit mit theue⸗ rem Gelde wieder erkaufen muͤſſen. Wird aber ein ſolcher Cain ergriffen, ſo wird er geſpießt. In dem 106 1 letzten Kriege wollte Einer der Todes⸗Strafe entgehen, und bot zwei tauſend Thaler fuͤr ſein Leben. Allein der Baſſa ließ ihn, mit dem Gelde an ſeinem Halſe, ſpießen. Die Pferde der Inſel ſind ſehr feurige Klepper, die einen ſehr ſchoͤnen Hals und langen Schwanz ha⸗ ben. Die meiſten ſind ſo geſchmeidig, daß ihnen der Sattel kaum auf dem Ruͤcken bleibt. Sie koͤnnen ſich ſehr geſchickt an einen Felſen klammern, und mit be⸗ wunderungswuͤrdiger Geſcl icklichkeit auf den ſteilſten herum klettern. Ich ließ mein Pferd meiſtens ohne Fuͤhrung gehen, und druͤckte an ſolchen Stellen die Augen zu. Die Hunde ſind ubel gebaute Baftard⸗ Wind⸗ ſpiele; wir bedienten uns eines derſelben, der Arab bieß. Er hatte einen ſo großen Abſcheu vor allen Leu⸗ ten, die einen Turban oder eine Muͤtze trugen, daß er ſich in einen Winkel verkroch, und nie in Gegen⸗ wart eines Tuͤrken aß. Sobald er aber Jeman⸗ den mit einem Hute erblickte, ſo machte er ihm tau⸗ ſend Liebkoſungen. III. Die griechiſche Kirche iſt ſeit der Eroberung von Konſtantinopel(1453) in eine ſo fuͤrchter⸗ liche Unordnung gerathen, daß man ſie nicht ohne Thraͤnen anſehen kann. So ſehr indeſſen die Tuͤrken darauf bedacht ſind, die Griechen zu demuͤthigen und zu unterdruͤcken, ſo haben ſie ihnen doch nie die Uebung der Religion verboten. Bloß die Unwiſſenheit derer, 107 welche die griechiſche Kirche regieren, iſt daher Schuld an dem Verfalle derſelben. Dieſe Unwiſſenheit iſt frei⸗ lich eine Folge der elendeſten Sklaverei. Die geſchick⸗ teſten Maͤnner verließen, nach dem Verluſte der Hauptſtadt, ihr Vaterland, nahmen alle Wiſſenſchaf⸗ ten ihres Landes, und folglich auch alle Tugenden mit ſich. Die jetzigen Griechen koͤnnen kaum dasjenige leſen, was ſie nicht verſtehen. Man findet kaum zwoͤlf Maͤnner auf dem tuͤrkiſchen Gebiete, welche einige gelehrte Kenntniſſe der griechiſchen Sprache beſitzen. Die Griechen ſchmeicheln ſich mit der Hoffnung, daß der Großfuͤrſt von Moskau einſt ihrem Elende ein Ende machen, und das Reich der Tuͤrken zerſtoͤ⸗ ren werde. Die Patriarchen erhalten vom Sultane ihre Be⸗ ſtallungsbriefe. Darin iſt allen Griechen des Reiches befohlen, ihn als das Oberhaupt der Kirche anzuer⸗ kennen, ihm die noͤthigen Summen zu geben, um ſei⸗ ner Wuͤrde gemaͤß zu leben, und ſeine Schulden zu bezahlen. Alles dieſes bei Strafe der Baſtonade, Ein⸗ ziehung der Guͤter und Verſchließung der Kirchen. Das neue Oberhaupt heißt nun Ihre Ganzheilig⸗ keit; man kuͤßt ihm die Hand, oder den Roſenkranz; er aber taxirt die Praͤlaten, dieſe die Papas, und die Papas preſſen ihre Pfarrkinder. Wollen, oder koͤnnen dieſe nicht bezahlen, ſo wird die Eintreibung den Tuͤrken uͤberlaſfen, welche bei ſolcher Gelegenheit den zehenten Theil immer noch fuͤr ſich beſonders erzwingen. 408 Wer nicht zahlen kann, wird, wenn er eine Wuͤrde hat, abgeſetzt, oder man verkauft ihm ſeine Habe, oder er muß von den Juden gegen grohe Zinſen bor⸗ gen. So iſt der Zuſtand der griechiſchen Kirche. Die Prieſter haben die Erlaubniß, ſich ein einzi⸗ ges Mal zu verheirathen, und muͤſſen vor der Wethe einem Papas erklaͤren, daß ſie noch keuſch ſind, und eine Jungfrau heirathen wollen. Man waͤhlt fuͤr ſie die ſchoͤnſten Maͤdchen im Dorfe, deren Geſichtsfarbe ein langes Leben verſpricht. Sie leſen nicht alle Tage Meſſe, ſondern nur dann, wenn ſie Nachts zuvor ihren Frauen nicht beiwohnten. Die Griechen beobachten keine Kirchenzucht. Man nimmt die Religioſen ſehr jung auf, beſonders in die Konvente, wo man einige antrifft, die kaum zwoͤlf Jahre alt ſind. Dieſe ſind ſehr oft Soͤhne der Papas, denen man das Leſen und Schreiben lehrt, ſie aber außerdem zu den niedrigſten Arbeiten anhaͤlt. Die Laitenbruͤder ſind ehrliche Bauern, welche nach dem Tode ihrer Weiber ihre Guͤter den Ordenshaͤuſern ſchenken, in welchen ſie den Reſt ihrer Tage zubrin⸗ gen, und den Ackerbau beſorgen helfen.— Strafe und Bußuͤbungen, welche die Religioſen verdienen, kommen gar nicht in Anwendung; denn die geringſte Strenge wuͤrde zur Folge haben, daß ſie die Moͤnchs⸗ Kappe mit dem Turban vertauſchten. Die Bußuͤbun⸗ gen ſind alſo freiwillig, der Gehorſam gar nicht be⸗ kannt; nur die Koͤche legen ſich unter die Thuͤre des 109 Speiſeſaales, um den Segen der Religioſen zu em⸗ pfangen, wenn ſie denſelben verlaſſen. Das Leben der Einſiedler iſt das haͤrteſte unter allen. Sie eſſen des Tages nur einmal, und kaum iſt die Speiſe, die ſie genießen, hinlaͤnglich, ſie vom Tode zu retten. Sie wohnen in den fuͤrchterlichſten Hoͤhlen, und gerathen oft auf bedauerungswuͤrdige Ausſchweifungen. Die griechiſchen Nonnen leben nicht ſo gar ſtrenge. Die meiſten ſind Buhlſchweſtern und fuͤhren unter der Aufſicht einer nicht gar ſtrengen Oberin nur ein etwas weniger aͤrgerliches Leben, als in ihrer Jugend. Am gruͤnen Donnerſtage waſchen die eifrigſten Biſchoͤfe zwoͤlf Papas die Fuͤße. Es wird das Grab Chriſti in Prozeſſion, auf ein Brett gemalt, herum getragen, und am Oſtertage fangen Alle zu ſingen an: „Jeſus Chriſtus iſt auferſtanden.“ Dabei umarmen ſich die Anweſenden und thun einige Piſtolen⸗Schuͤſſe, welche oft Haar und Bart der Papas antuͤnden. Dieſe geiſtliche Freude dauert bis Pfingſten, und wer ſich begegnet, ruft ſich zu:„Chriſtus iſt auferſtanden!“— Die Faſten iſt ſehr ſtrenge; Kinder, Alte und Kranke ſind nicht einmal davon ausgenommen. Dagegen liegt ihnen die Ausuͤbung der chriſtlichen Tugenden weit weniger am Herzen.— Die Zahl der griechiſchen Prieſter iſt viel groͤßer, als in andern chriſtlichen Laͤn⸗ dern. Man findet allemal 10— 12 Moͤnche, oder Pa⸗ pas, ehe man einen Laien antrifft. Kein Geiſtlicher 110 will in der Kirche eines andern Meſſe leſen, daher gibt es eine Menge Kapellen, gleich wie Griechenland viele, kleine Goͤtzen⸗Tempel hatte. Noch viel anders baben die Griechen aus dem Heidenthume beibehalten, wohin beſonders gehoͤrt, daß ſie ihre Heiligen tanzen laſſen, und dabei mit Pfeifen und Trommeln ſpielen. Zu gewiſſen Zeiten duͤrfen die Weiber nicht in die Kirche gehen; ſie muͤſſen vor der Thuͤre ſtehen bleiben, und man gibt ihnen weder das Abendmahl, noch laͤßt man ſie die Bilder kuͤſſen, als waͤre ihr Odem giftig. Der Gebrauch der Glocken iſt den Griechen durch die Tuͤrken verboten worden. Sie haͤngen deßwegen Eiſenbleche an Baumaͤſte, an die man mit kleinen Haͤmmern ſchlaͤgt. Auf dieſe Weiſe haben ſie auch eine Art Glocken⸗Spiel, das aber nicht angenehm zu hoͤren iſt. Die Papas fuͤhren das beichtvaͤterliche Amt. Wenn ihnen jemand bekennt, daß er geſtohlen habe, ſo fra⸗ gen ſie nur, ob man einen Einwohner des Landes, oder einen Fremden beſtohlen habe? Wenn der Buß⸗ fertige antwortet, daß ein Fremder der Beſtohlene ſey, fo ſagt der Papas: das iſt keine Suͤnde, wenn ihr nur den Raub mit mir theilt.— Die ganze Beichte iſt eigentlich nichts anders, als die Einforderung einer Taxe, welche der Prieſter nach Willkuͤhr auf ihre Suͤnden legt. 111 Nach einem Begraͤbniſſe wird zwei Monate ge⸗ ſchmauſt. In unſerer Zeit ſtarb die Frau eines der Vornehmſten der Stadt. Sogleich wurden, der Ge⸗ wohnheit gemaͤß, die Klageweiber gerufen, welche ein außerordentliches Geſchrei erhoben. Sie weinen, zer⸗ ſtoßen ihre Seiten, zerſchlagen ihre Bruſt, und ſingen Loblieder auf die Todten. Einige redeten die verſtor⸗ bene Dame an:„Wie gluͤcklich biſt du, du kannſt jetzt den— heirathen;“— und dieſer war ein alter Freund, welcher der Dame ohnehin nicht gleichguͤltig war.— Bei dem Begraͤbniß folgten der Mann und zwei erwachſene Toͤchter, von Freundinnen unterſtuͤtzt. Wenn ſie nicht wußten, was ſie thun ſollten, riſſen ſie ihre Haarbaͤnder bald auf dieſe, bald auf die an⸗ dere Seite.— Wenn ein ſchoͤnes Kleid in der Stadt iſt, ſo kommt es an einem ſolchen Tage zum Vor⸗ ſchein; Freundinnen und Verwandte ſuchen in die Augen zu fallen; doch hat dabei das Seufzen kein Ende. Vor dem Begraͤbniſſe nahm man von der Ver⸗ ſtorbenen Abſchied. Die Anverwandten, beſonders der Mann, kuͤßten ihr den Mund. Dieſes iſt unum⸗ gaͤngliche Pflicht, ſollte die Todte gleich an der Peſt geſtorben ſeyn. Die Freunde umarmen ſie; die Nach⸗ barn neigen ſich vor ihr. Die Klageweiber erhalten fuͤr ihre vielen Thraͤnen nicht mehr als 5 Brode, 4 Toͤpfe Wein, einen halben Kaͤs, ein Schafs⸗Viertel, und 45 Sols an Geld.— Die Verwandten muͤſſen ſehr oft uͤber dem Grabe weinen. Um ihre Traurigkeit mehr an den Tag zu legen, wechſeln ſie in dieſer Zeit ihre Kleider nicht. Die Maͤnner ſcheeren ſich den Bart nicht, und die Wittwen laſſen ſich von den Laͤu⸗ ſen freſſen. IV. Wir verließen Kandia am erſten Auguſt, am Bort einer franzoͤſiſchen Barke, deſſen Fahrt nach Argentiere ging, welchen Namen die Inſel von den Silbergruben erhielt, von welchen man noch die Werkſtaͤtte und Schmelzoͤfen ſieht. Bearbeitet werden dieſelben nicht mehr: denn die Griechen fuͤrchten, bei einem ſolchen Gewerke von den Tuͤrken mit großen Auflagen beſchwert zu werden. Uebrigens findet man hier nur ein einziges, ſchlechtes Dorf, wo viele Baum⸗ wolle gebaut wird. Die Weibsperſonen, welche ſich gerne mit Liebeshaͤndeln abgeben, verfertigen aus der⸗ ſelben Struͤmpfe, welche ſie auf den benachbarten In⸗ ſeln verkaufen. Nach einem kurzen Aufenthalte eilten wir nach Milo, einer ſchoͤnen, faſt runden Inſel, welche wohl gebaut iſt. Die Stadt Milo hat 5000 Einwohner, aber die Inreinlichkeit daſelbſt iſt faſt unertraͤglich. Wenn ein Haus gebaut wird, macht man den Anfang mit dem Schweinſtalle, der jederzeit gegen die Straße ſich zieht. Dieſer Unrath, die Duͤnſte der ſalzigen Moraͤſte und Mangel an gutem Waſſer verurſachen die gefaͤhrlichſten Krankheiten. Die Kapuziner haben 113 ein Kloſter, gleich bei dem Eingange in die Stadt; ſie betteln, aber ſie ernaͤhren auch viele Chriſten⸗Fa⸗ milien, und loͤſen die Sklaven aus. Die Tuͤrken wiſ⸗ ſen allerlei Plackereien zu erdenken, um die armen Griechen zu ſchinden; bald wollen ſie Geld, bald Waare ſatt deſſen, bald ſetzen ſie die Muͤnzen herab. Außerdem muß man ihnen beſtaͤndig Geſchenke machen, wenn man der Kette oder Baſtonade entgehen will. Milo beſteht faſt ganz aus einem hohlen, ſchwam⸗ michten, und mit dem Meerwaſſer gleichſam durch⸗ weichten Felſen. Die Eiſen⸗Minen unterhalten da⸗ felbſt ein beſtaͤndiges Feuer. Es verdient bemerkt zu werden, daß dieſer ſchwam⸗ michte und hohe Felſen, welcher den Boden von Mi⸗ lo ausmacht, eine Art Kalkofen iſt, der die Erde ge⸗ linde erwaͤrmt, und alſo macht, daß ſie die beſten Weine und Feigen, und die herrlichſten Melonen traͤgt. Der Saft dieſes Erdbodens iſt vortrefflich, und die Felder ſind niemals unthaͤtig. Weitzen, Baum⸗ wolle, Huͤlſenfruͤchte, Melonen, alles kommt unter einander fort. Die ſtachlichte Bibernell hat auf dieſer Inſel einen bewunderungswuͤrdigen Nutzen, indem durch ſelbige die Vieh⸗Triften verbeſſert und die Hai⸗ den in Wieſen verwandelt werden. Im Auguſt, wenn der Nordwind wehet, zuͤndet man einen Stengel von 32ſtes B. Türkei. II. 1. 8 114 ſolchen duͤrren Pflanzen an, und im Augenblicke ſteht ein ganzes Quartier, bis an den Fuß der Gebirge, im Feuer. Bei dem erſten Herbſt⸗Regen treibt dieſer aus⸗ gebrannte Boden die vortrefflichſten Kraͤuter hervor. Außer vortrefflichem Rindvieh findet man ſchoͤne Heer⸗ den von Ziegen, aus deren Milch der beſte Kaͤs zu⸗ bereitet wird. Nur zu Caſtro iſt eine Quelle von vortrefflichem Waſſer. Dieſes iſt unten heiß, wenn es aber geſchoͤpft wird und 2 Stunden ſteht, wird es ſehr kalt.— Unter den Baͤdern, am Ufer des Mee⸗ res, entſpringen in der Mitte des Sandes, Quellen von einem ſo heißen Waſſer, daß man die Finger darin verbrennt. Auch iſt auf Milo eine Quelle, deren Waſſer die Unreinigkeiten abfuͤhrt. Sie entſpringt nahe am Meerbuſen und im Mai⸗Monate, wenn das Meer niedrig iſt, trinken die Griechen von dieſem Waſſer Kruͤg weiſe, fuͤr das ganze Jahr.— In den Alaun⸗Gru⸗ ben, die eine halbe Meile von der Stadt liegen, fin⸗ det man nicht allein Feder⸗Alaun, ſondern auch Amianth. Dieſer beſteht aus einer ſteinigen, un⸗ ſchmaekhaften Materie, welche in dem Oele weich wird, und darin eine ſolche Geſchmeidigkeit bekommt, daß ſie ſich uͤber Baumwolle⸗Faͤden ziehen laͤßt. Man macht Beutel und Naſentuͤcher davon, welche durch das Feuer wieder weiß werden.— An dem iſer des Meeres findet man ferner eine Grotte, welche bben und unten mit Schwefel angefuͤllt iſt, der ohne — S 115 Aufhoͤren brennt. Man wuͤrde nicht fertig werden, wenn man alle die verſchiedenen Hoͤhlen dieſer Inſel beſchreiben wollte. In einer derſelben iſt eine natuͤr⸗ liche Schwitzſtube, und nicht weit davon ein Stuͤck Landes, welches ohne Aufhoͤren brennt. Wir beſtie⸗ gen den Elias⸗Berg, welcher der hoͤchſte im Lande iſt, um das Vergnuͤgen zu haben, die benachbarten Inſeln zu betrachten. Hier iſt wohl der ſchoͤnſte An⸗ blick, welchen man den Augen auf dem Archipelagus verſchaffen kann. Der Tag war ausnehmend ſchoͤn und heiter, und wir erblickten eine Menge Inſeln, welche in dem Meere glaͤnzten O. Nachdem wir vom Berge herabgekommen waren, gingen wir zu Schiffe, und fuhren auf die Inſel Si⸗ phanto. Dieſe liegt unter einem ſchoͤnen Himmel; man trifft Greiſe an, die hundert und zwanzig Jahre alt ſind. Die Luft, das Waſſer, die Fruͤchte, das Wildpret, das Gefluͤgel, alles iſt daſelbſt vortrefflich. Die Trauben ſind wunderbar gut. Siphanto war ſonſt wegen ſeiner Gold⸗ und Silber⸗Gruben ſehr be⸗ ruͤhmt; jetzt iſt daſelbſt nur noch das Blei, welches dem Zinn gleich kommt, ſehr gemein. Wenn die *) Interfusa nitentes vites aequora Cycladas. Horat. I. 12. 116 Bauern jagen wollen, ſuchen ſie Blei auf den Fel⸗ dern, und ſchmelzen es, um Schrot daraus zu ma⸗ chen. Dieſes Blei, welches gleichſam natuͤrliches Blei⸗ weis iſt, brennt ſich leicht zu Glas, und eben dieſes macht die Toͤpfe dieſer Inſel vortrefflich.— Die Frauen zu Siphanto pflegen, um ihre Farbe guf dem Lande nicht zu verderben, ihr Angeſicht mit lei⸗ nenen Baͤndern zu bedecken, welche ſie ſo geſchickt herum zu wickeln wiſſen, daß man nichts als Mund und Naſe und das Weiße ihrer Augen ſieht. Sie ſe⸗ hen ſo freilich den Mumien gleich, gehen aber auch den Fremden ſorgfaͤltig aus dem Wege. Da wir ſo nahe bei Serpho waren, ſo kam uns die Luſt an, folche ebenfalls zu beſehen. Die Berge daſelbſt ſind ſehr rauh; die Eiſen⸗ und Magnet⸗Gru⸗ ben, welche ſich finden, laufen der Erde gleich. Will man gute Stuͤcke haben, ſo muß man ſehr tief gra⸗ ben; aliein man findet mit genauer Noth ein eiſernes Werkzeug, die Zwiebeln auszugraben, welche die Ein⸗ wohner zwiſchen den Felſen bauen. Dieſe Zwiebeln ſind ſehr ſuͤß. Die Roͤmer ſahen Serpho foͤr den bequemſten Ort an, die Miſſethaͤter und andere Un⸗ gluͤckliche dahin zu ſchicken, damit ſie der Verdruß um das Leben braͤchte. Dem Stratonieus war der Aufenthalt auf dieſer Inſel ſo unertraͤglich, daß er einſt ſeinen Wirth fragte, was fuͤr ein Laßter bei 117 ihnen mit der Verweiſung beſtraft wuͤrde? Die Schel⸗ merei, ſagte der Wirth. Ei, antwortete Strato⸗ nieus, warum begehſt du nicht ein rechtes Schel⸗ menſtuͤck, um aus dieſem elenden Orte zu kommen?— Wir ſahen ein Feſt der Griechen, alla Madonna de Masseria, in der ſchoͤnſten Kapelle der Inſel. Die Griechen haben den aufgeweckten, ſatyriſchen Geiſt ihrer Vorfahren nicht ganz verloren. Sie machen alle Tage geiſtreiche Geſaͤnge, und es iſt keine Stellung zu denken, der ſie ſich bei ihren Taͤnzen nicht bedie⸗ nen ſollen.— Das groͤßte Vergnuͤgen hatten wir auf dieſer Inſel an dem Geſchrei der Froͤſche, wovon man ein Sprichwort abgeleitet hat. Man nennt naͤm⸗ lich einen dummen Menſchen einen Froſch von Serpho⸗ V. Es war September; insgemein ſtellt ſich um dieſe Zeit in der Levante der Regen ein. Unſere Abſicht war, wo moͤglich den ganzen Archipel zu ſe⸗ hen; wir eilten alſo, um nach Antiparos izu kommen. Dieſer Felſen hat ſechzehn Meilen im umfange, und ein Dorf von 70 Familien. Bei unſerer Ankunft herrſchte auf der Inſel große Furcht vor der tuͤrkiſchen Flotte, welche die Kopf⸗Sreuer einfodern ſollte. Man hatte alles in das Feld gegraben. Der tuͤrkiſche Stock 118 3 hat eine große Kraft; eine ganze Inſel zittert, wenn von der Baſtonade geredet wird. Die beſten Leute getrauen ſich nicht anders, als in einer ſehr demuͤthi⸗ gen Stellung, mit einer ſchmutzigen Muͤtze bedeckt, zu erſcheinen. Die Tuͤrken, die ſich leicht einbilden koͤn⸗ nen, daß man das Beſte des Landes vor ihnen ver⸗ ſteckt habe, laſſen den Angeſehenſten ſo lange Schlaͤge geben, bis ihre Weiber die beſten Waaren gebracht haben. Gott weiß, mit welchem Geheule dieß ge⸗ ſchieht! Oefters belegen die Tuͤrken Maͤnner, Wei⸗ ber und Kinder mit Ketten, nachdem ſie ihnen zuvor ihre Koſtbarkeiten abgenommen haben. Das Merkwuͤrdigſte auf dieſer Inſel iſt die Hoͤhle und unterirdiſche Grotte. Erſtere hat ein Bogen⸗Ge⸗ woͤlbe, und wird durch einen Pfeiler unterſtuͤtzt; dar⸗ in ſind mehrere Namen eingegraben. Durch dieſelbe kommt man auf einen rauhen Abhang und ein finſte⸗ res Loch in die Grotte. Man muß Fackeln bei ſich haben, und ſteigt dann in einen ſchrecklichen Abgrund, mit Huͤlfe eines Seiles. Auch ſetzt man an den Rand dieſes Abgrundes eine Leiter, auf welcher man zit⸗ ternd uͤber einen ſenkrecht gehauenen Felſen ſteigt. Von Zeit zu Zeit muß man ſich ruͤckwaͤrts auf einen Felſen legen und an das Seil binden, um nicht in die abſcheulichſten Moraͤſte zu fallen. Nach tauſend Gefahren kommt man endlich in die Grotte. Ein Theil 119 iſt ſehr rauh, der andere ziemlich eben. An verſchie⸗ denen Orten ſieht man große, gerundete Klumpen, oder Spitzen, wie Jupiters Donnerkeile. Daran haͤngen Lanzen von erſtaunungswuͤrdiger Laͤnge. Zur Rechten und Linken ſieht man Tuͤcher, oder Vorhaͤnge, welche gleichſam eigene Kabinette bilden. Unter ihnen bemerkt man einen großen Pavillon, durch Auswuͤchſe gebildet, welche den Kopf eines Blumenkohles vor⸗ ſtellen. Dann erheben ſich Pfeiler von Marmor, den Baumſtaͤmmen gleich, und alles iſt weiß und durch⸗ ſichtig kryſtalliſirt. Alle dieſe Geſtalten ſind gleichſam aus dem Marmor gewachſen, ohne daß Waſſer an dielem Ort iſt; ja vieles iſt noch im Wachſen be⸗ griffen. Links in der Hoͤhle ſieht man eine Pyramide, die man den Altar nennt. Herr von Nointel, ein franzoͤſiſcher Abgeſandter, brachte hier mit vieler Be⸗ gleitung im J. 4673 die drei Weihnacht⸗Feiertage zu, und ließ eine Meſſe leſen. Hundert große Fackeln von gelben Wachs, und 400 Lampen brannten Tag und Nacht. Bei der Wandlung wurden 24 Stein⸗ Moͤrſer losgelaſſen; Trompeten und Hautbois mach⸗ ten den Vorgang noch feierlicher. Zu dieſem Ge⸗ daͤchtniſſe wurden die Worte an die Baſis der Pyra⸗ mide gegraben: 120 „Hic ipse Christus adfuit, ejus natali die media nocte celebrato MDCLXXIII“*). Durch ein Loch kommt man in eine andere, noch weit fuͤrchterliche Hoͤhle; allein dahin wollte ſich Nie⸗ mand wagen. Am folgenden Tage reiſten wir ab, um Paros zu erreichen, wo wir auch, nach einer ſehr uͤblen Fahrt, in dem Hafen von Parichia landeten. Das Schloß daſelbſt iſt ganz aus altem Marmor erbaut. Man ſieht Saͤulen und Kraͤnze von erſtaunlicher Groͤße, die ehehin zu den praͤchtigſten Werken gehoͤrten, und nun quer uͤber einander liegen. Um die Thuͤre fuͤr ei⸗ nen Stall zu machen, richtet man zwei kurze Stuͤcke eines Geſimſes auf, und legt eine Saͤule quer hin, ohne ſich zu bekuͤmmern, ob ſie winkelrecht liegt. Oft iſt die ſchoͤnſte Arbeit mit Kalk uͤberzogen. Immer noch werden ſchoͤne Stuͤcke auserleſen und als Selten⸗ heiten in andere Laͤnder gebracht; die Griechen aber ſind ſo unwiſſend, daß ſie alles zernichten. Auf ei⸗ nem Bas⸗Relief fand ich Satyren und tanzende Nym⸗ **) Hier war der Herr, Jeſus Chriſtus, als man das Feſt ſeiner Geburt gefeiert hatte in Mitter⸗ nacht, 1673. 121 phen, und unten die Worte: Adamas Odryſes hat dieſes Denkmal den Maͤdchen des Landes aufge⸗ richtet*). Vor Alters hieß man alle Frauenzimmer Nymphen, ſedoch nur die unverehelichten. Der Marmorbruch zu Paxos iſt einer der vor⸗ zuͤglichſten in Griechenland; zu Bildſaͤulen iſt er vor⸗ trefflich, und man ſagt, daß er nach Aegypten gefuͤhrt worden ſey, um das Labyrinth, jenes Wunder der Welt, damit zu ſchmuͤcken.— Die Einwohner ſind zu allen Zeiten fuͤr verſtaͤndige Leute gehalten worden; die Griechen auf den benachbarten Inſeln erwaͤhlen ſie auch oͤfters zu Schiedsrichtern ihrer Zwiſtigkeiten. Ein Parier war es auch, der den Mileſiern, deren Regierung in Unordnung gerathen war, den Rath gab: den jenigen zum Regenten zu erwaͤh⸗ len, deſſen Aecker am beſten angebaut wa⸗ ren.— Auf dieſer Inſel ſind noch mehrere anſehn⸗ liche Orte und ſechzehn Kloͤſter. Am 1. September langten wir zu Naxia an. Die Haͤfen daſelbſt ſind von keiner Bedeutung, ob⸗ *) AAAMA2 OAPTEHE NTMSAI. wohl Naxos einſt eine ſehr bluͤhende Republick war. Mit Salz wird ein betraͤchtlicher Handel getrieben; die Fiſcherei iſt ergiebig, und der Wein vortrefflich. Die Naxioten behaupten, daß Baechus auf ihrer Inſel erzogen worden ſey. Sie verlegen ſich ſtark auf den Weinbau, ungeachtet ſie die Reben auf dem Bo⸗ den liegen und acht Schuhe weit von dem Stocke weglaufen laſſen. Daher kommt es, daß bei großer Hitze die Trauben austrocknen, und bei auhaltendem Regen faulen. Gerſte, Seide, Baumwolle, Flachs, Kaͤs, Rinder, Schafe, Oel u. ſ. w. gibt es im Ueber⸗ fluſſe. Oel brennt man kein anderes, als von den Maſtix⸗Baͤumen, obwohl das Oliven⸗Oel ſehr wohl⸗ feil iſt.— Naxia iſt die Hauptſtadt des Landes, und auf dem hoͤchſten Orte derſelben iſt ein feſtes Schloß, ehemals der Palaſt der Herzoge des Archipels. Daſelbſt wohnen noch die Nachkommen lateiniſcher Edelleute, welche ſich unter dieſen Herzogen nieder⸗ gelaſſen haben. Die Griechen machen die Mehrzahl und wohnen vom Schloſſe bis an das Meer. Der Haß des griechiſchen und lateiniſchen Adels gegen einander iſt unverſoͤhnlich. Die Lateiner wuͤrden lie⸗ ber ein Bauernmaͤdchen, als eine griechiſche Jung⸗ frau heirathen. Die Tuͤrken aber behandeln alle gleich. Bei ihrer Ankunft muͤſſen Griechen und Lateiner in rothen Muͤtzen erſcheinen, gleich den Galeeren⸗Skla⸗ ven. Sie zittern vor dem Geringſten der Muſelmaͤn⸗ 4 „ — 123 ner. Sobald aber dieſe wieder fort ſind, uͤbt der Adel wieder ſeinen alten Stolz; man ſiehet nichts als Muͤtzen von Sammt, und hoͤret nichts anders, als von Stammbaͤumen reden. Griechen und Lateiner ſind inzwiſchen immer darauf bedacht, einander bei dem Kadi zu verrathen⸗ Die Jeſuiten haben eine Wohnung bei dem her⸗ zoglichen Thurm. Auch Kapuziner haben ſich nieder⸗ gelaſſen, und das Haus der Franziskaner befindet ſich außer der Stadt. Die Griechen, welche kaum von Außen eine Treppe anbringen koͤnnen, um in das erſte Stockwerk eines Gebaͤudes zu kommen, bewundern im Landhauſe der Jeſuiten die Stiege, welche inwendig iſt. Dieſes geht weit uͤber den Verſtand ihrer Bau⸗ meiſter. Die Edelleute wohnen auf dem Lande in ihren Thuͤrmen, welche ſehr niedliche, viereckige Haͤuſer ſind. Sie beſuchen ſelten einander; die Jagd iſt ihre vorzuͤglichſte Beſchaͤftigung. Kommt ein guter Freund zu ihnen, ſo befehlen ſie einem ihrer Diener, das naͤchſte beſte Schwein oder Kalb, welches in der Nach⸗ barſchaft iſt, auf ihr Gebiet zu jagen. Dieſe Thiere werden dann weggenommen, nach Landes⸗Art ge⸗ ſchlachtet, und eine gute Mahlzeit davon gehalten.— Hin und wieder ſieht man auf Naxia auch noch 4 124 Ruinen eines alten Bacchus⸗Tempels, und man zeigt auch eine Grotte, wo die Bachanten ihre Feſte ſollen gefeiert haben. Da wir keine Fackeln bei uns hatten, konnten wir nicht hinein gehen⸗ t VvI. Von Naxia wollten wir nach Patmos fahren, um die Hoͤhle zu beſehen, in welcher Johan⸗ nes ſeine Ofſenbarungen geſchrieben haben ſoll. Al⸗ lein der Suͤd⸗Weſt⸗Wind noͤthigte uns, zu Stenora einzulaufen. Dieſes iſt eine abſcheuliche, unbewohnte Inſel, der Aufenthalt von etwa ſechs Ziegenhirten. Bei der Annaͤherung des kleinſten Fahrzeuges ver⸗ ſtecken ſie fich. Wir ſteckten weiße Lumpen auf Stan⸗ gen, um ihnen zu erkennen zu geben, daß wir ebrliche Leute ſeyen⸗ Auf der Inſel Nicouria iſt eine Kapelle der h. Jungfrau, wohin aber ſchwer zu kommen iſt. Es gehoͤrt zur Andacht des gemeinen Volkes in Griechen⸗ land, daß ſie dieſe Kapelle beſuchen⸗ Maͤn kann nie dahin kommen, ohne am ganzen Leibe zu ſchwitzen, und die Griechen halten dieſen beſchwerlichen Gang mit Recht fuͤr eine der haͤrteſten Buß⸗Uebungen. Hier machen ſie mit aller Eilfertig⸗ keit ein Dutzend Zeichen des Kreuzes geſchwinde hin⸗ ter einander, und neigen ſich dabei eben ſo oft, nicht — 125 allein mit dem Haupte, ſondern mit dem halben Leibe. Sie brennen dann eine Lampe, und auf einem glatten Steine einige Koͤrner Weihrauch an, wobei ſie das Bild der h. Jungfrau und andere kuͤſſen. Die Griechen dulden keine geſchnitzten Bilder; alle ſind hur ſehr grob auf Holz gemalt, und haben einen goldenen Grund. Da diejenigen, welche man in dieſem Lande Maler nennt, nicht zeichnen koͤnnen, ſo bedienen ſie ſich eines durchſtochenen Muſters, um dadurch die Zuͤge der Figuren anzuzeigen. Dieſe Mu⸗ ſter ſind von dem h. Lukas an immer von jedem Vater guf den Sohn gekommen, und alle Marien⸗Bilder haben daher einerlei Stellung. Waͤhrend der Weih⸗ rauch brennt, empfehlen ſie ihre Angelegenheit den Heiligen, oder ſie zanken auch, wenn dieſe nicht nach Wunſch geht. Dabei opfern ſie Oel, Kerzen, oder. Geld.— Da man in dieſem Lande um geringe Ko⸗ ſten bauet, ſo vermachen die Griechen vor ihrem Ende etliche zwanzig Thaler zu einer Kapelle, daher es auf allen Inſeln eine ſo große Menge gibt. Dieſe muͤſſen auch ordentlicher Weiſe zum Quartier der Reiſenden dienen, wie zur Niederlage der Wagren ꝛc. Amorgos iſt eine an Oel, Wein und andern Fruͤchten ſehr fruchtbare Inſel. Tiberius hat da⸗ 126 hin einſtens den Vibius Serenus verwiefen: denn der Kaiſer war der Meinung, daß wenn man einem das Leben ſchenkte, man ihm auch die Be⸗ auemlichkeiten deſſelben zulaſſen muͤſe.— Die In⸗ ſel iſt noch immer wohl angebaut; die beſten Oerter aber gehoͤren dem Kloſter der heiligen Jungfrau, wohin man von Ferne kommt, um Meſſe leſen zu laſſen: denn alle außerordentliche Oerter erwecken bei dem gemeinen Volke die Andacht. Drei Mei⸗ len von dem Flecken, an dem Ufer des Meeres, hat man ein großes Haus gebaut, welches von Ferne einem Schranke gleicht, der an dem untern Theile eines erſchrecklichen Felſen angebracht iſt. Darin wohnen Geiſtliche, welche ein wunderthaͤtiges Ma⸗ rien⸗Bild, das uͤber das Meer geſchwommen ſeyn ſoll, verwahren. Wir legten in der Sakriſtei etwas kleine Muͤnze nieder; dagegen beſchenkten uns die Religioſen mit einer Schaake voll Roſinen, deren Trauben einen Schuh, und deren Beeren andert⸗ halb Zoll lang, ſehr ſuͤß, und von vortrefflichem Ge⸗ ſchmacke waren. Um das Kloſter ſah man nur die abſcheulichſten Felſen; dieſe Trauben wachſen daher an einem andern Orte der Inſel, nahe bei einer Kapelle, wo man eine ſehr beruͤhmte Urne aufbe⸗ wahret, die ſich zu gewiſſen Zeiten mit Waſſer fuͤllt, und von ſelbſt wieder ausleert. Das Chriſtenthum — 127 hat bei den Griechen die Neigung zum Fabelhaften nicht unterdruͤcken koͤnnen; dieſe Urne iſt das Orakel des Archipels, und es wird fuͤr ein gluͤckliches Zei⸗ chen gehalten, wenn man ſie voll findet. Verbeſſerungen. Zum 16. Baͤndchen. Seite 264 Zeile 13 u. 14 lies Ihr — 282— 15— Cilicien 28