A 5ä., ⸗ Qamaih, eaat Vadde Ktege Cauo. Dr ete 2ae, zwai 2n Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Buchdruckerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen . Abbildungen. Verfaßt von 8 Mehren, und herausgegeben 3 von. Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 27. Bändchen. Mit einem Kupfer. II. Theil. 2. Bändchen von Aegypten. Nuͤrnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ehner. 1828. —, LTaſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch Aegypten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. —— Verſaß t von Mehren, und herausgegeben — von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 2. Baͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebnerx. 1828. — — X. Savary's Reiſe durch Aegypten im J. 1777. Aus dem Franz. überſetzt, und in gedrängter Kürze mitgetheilt vom — Prof. Eiſenſchmid. (Fortſetzung.) Zu Manſour ward gelandet. Dieſe Stadt iſt be⸗ ruͤhmt durch den Muth und das Ungluͤck des heiligen K. Ludwig. Der Koͤnig Camel, Sohn Eladels, gruͤndete ſie. Man ſieht hier geraͤumige Oefen, wo man die Eier ausbruͤten laͤßt. Die ganze Behand⸗ lungsweiſe iſt folgende. Man ſtelle ſich ein zweiſtoͤcki⸗ ges Gebaͤude vor, deſſen erſtes Stockwerk in die Erde binein gebaut, das zweite nur wenig erhaben iſt. Ein enger Gang, der beide Etagen in zwei gleiche Theile ſcheidet, beherrſcht die Laͤnge. Links und rechts ſind kleine Zellen, wohin man die Eier legt. Die obere Etage iſt gewoͤlbt, und traͤgt ein Rinds⸗Auge(Rinds⸗ 5⁰6 Blume?) auf der Spitze. Der Fußboden bat eine aͤhnliche Oeffnung, durch welche ſich die Waͤrme dem unteren Raume mittheilt. Beide Stockwerke ſind mit einem Fenſter verſehen, welches man ſorgfaͤltig ver⸗ ſtopft. Die Thuͤre des Eingangs iſt ſehr niedrig, und dient zur Verbindung mit dem ganzen Gebaͤude. Man legt anfangs die Eier in Haufen in das untere Stock⸗ werk. Hernach zuͤndet man in dem oberen Theile eine Stunde Morgens und Abends Feuer an, welches durch getrockneten Kuhmiſt unterhalten wiꝛd. Hat das Gebaͤude ſeinen gehoͤrigen Waͤrmegrad erhalten, ſo loͤſcht man es aus, verſtopft alle Oeffnungen und bringt in den oberen Raum einen Theil der unten auf⸗ gehaͤuften Eier. Der Mann, welcher die Aufſicht bat, geht von Zeit zu Zeit hinein, und ſieht, ob die gleiche Waͤrme unterhalten oder vermindert werden muß. Den neunzehnten Tag fangen die Huͤhnlein in der Schale ſich zu regen an; den zwanzigſten picken ſie dieſelbe auf, den ein und zwanzigſten ſchluͤpfen ge⸗ woͤhnlich alle aus. Die Menge flatternder und pie⸗ pender Thierchen gewaͤhrt alsdann das angenehmſte Schauſpiel. Sie ſtehen den uͤbrigen, welche durch die Henne ausgebruͤtet werden, nicht im Geringſten nach. Nahe bei Man ſour aͤndert der Nil ſeine Richtung und lauft nordoͤſtlich. Die Landſchaft, welche ſeine Ufer begraͤnzt, bietet uͤberall denſelben Ueberfluß dar. Aber die Doͤrfer ſind minder haͤufig. In der Daͤm⸗ merung fuhren ſie bei Diaſt voruͤber, einem Flecken, 507 1 der eine Tagreiſe von St. Gemian, einem Wall⸗ fahrtsort der Kophten, entfernt iſt. Die Nacht hat in Aegypten tauſend Reize, welche der Europaͤer nur ſelten genießt. Nie decken dichte Finſterniſſe den Himmel. Kein Sturm ſtoͤrt die Ruhe, kein Regenguß ſchafft ein verwirrendes Chaos. Der Wind hoͤrt gewoͤhnlich mit dem Untergange der Sonne auf. Die ganze Natur liegt in ſuͤßer Stille. Der Menſch, welcher die Betrachtung liebt, kann ſich iht nun ganz hingeben; der Aſtronom faͤnde kein guͤnſti⸗ geres Land, als Aegypten, um den Lauf der Geſtirne zu verfolgen. 7 Durch das harte Zuſammenſtoßen mit einem vor beifahrenden Schiffe ſah ſich Savary gezwungen⸗ nahe bei dem Dorfe Saoualim zu landen, um zu unterſuchen, ob das Schiff keinen Leck bekommen habe. Zweimal waͤre ihm beinahe der naͤmliche Platz zur Quelle des Verderbens geworden. Das Jahr vorher fuhr er naͤmlich von Kairo herab mit einem franzoͤ⸗ ſiſchen Offizier, der ſich zu Damiette einſchiffen wollte, um nach Indien zu gelangen. Nur ein Bedienter und drei Schiffsleute waren ihre Begleiter. Dieſer Offizier oͤffnete unterwegs eine kleine Ccha⸗ toulle, voll Zechinen, und fing an ſie zu zaͤhlen. Mehr bedurfte es nicht, um zwei Leben in Gefahr zu ſetzen. Savary warnte ihn; er achtete jedoch nicht darauf. Die Matroſen entwarfen, ſobald ſie das Geld geſehen hatten, den Plan, Beide ermorden zu laſſen. Sie 508 konnten ihn aber die erſten zwei Naͤchte nicht ausfuͤh⸗ ren, weil Savary und ſein Gefaͤhrte ſehr wachſam waren. Die dritte Nacht, als der widrige Wind ſte gezwungen hatte, vor Anker zu liegen, banden ſie das Schiff am Lande feſt. Einer von ihnen zog das be⸗ nachbarte Doͤrfchen in die Verbindung. Er kam nach einer Stunde zuruͤck und legte ſich mit den Uebrigen nieder. Die Ermuͤdung von den langen Naͤchtwachen, und die Hitze zwang auch beide Reiſende, dem Schlum⸗ mer zu unterliegen. Savary ſchlief bereits eine Stunde ungefaͤhr ſehr feſt, als er ſich ploͤtzlich wie aufgeruͤttelt fuͤhlte, ohne die Urſache davon errathen zu koͤnnen. Es war mondhell. Seine erſten Blicke fielen auf einen Mann, der ſchon den einen Fuß im Schiffe hatte, und einen gezuͤckten Dolch erhob. Sa⸗ vary ſprang zu ſeiner Flinte und ſetzte ſie ihm auf die Bruſt, indem er ihm auf Arabiſch zurief, er waͤre des Todes, wenn er ſich nicht zuruͤck zoͤge. Dieſer ließ vor Angſt beide Arme ſinken, und blieb vor Er⸗ ſtaunen, wie eine Statue, unbeweglich. In dem naͤm⸗ lichen Augenblicke bemerkte Savary einige Schritte davon drei andere mit Saͤbeln und Piſtolen bewaffnete Naͤuber. Er beobachtete ihre Bewegungen, und war entſchloſſen, auf den erſten zu ſchießen, der eine dro⸗ hende Stellung annehmen wuͤrde. Er wagte es nicht umzuſehen und ſeinen Reiſegefaͤhrten in Kenntuiß zu ſetzen, aus Furcht, ſie moͤchten dieſen Augenblick benutzen und Feuer auf ihn geben. Indeß hatte ſich 509 der Erſte zuruͤck gezogen, und nun konnte er auch den Ofſizier aufwecken. Dieſer bewaffnete ſich, und waͤh⸗ rend die Raͤuber zwei Schritte von ihnen Rath hielten, ließ Savary das Schiff losmachen, und auf die andere Seite des Fluſſes fahren. Waͤhrend dieſer Scene ſtell⸗ ten ſich die Schiffsleute und der Bediente, als waͤren ſie in tiefen Schlummer begraben; ja ſie ließen ſich nicht einmal durch Schreien aufwecken. Man mußte ſie zuletzt pruͤgeln. Zu Damiette gewahrte Sava⸗ ry, daß dieſe Spitzbuben ihm mehrere Effecten geſtoh⸗ len hatten. Die Furcht vor der Baſtonnade zwang ſie zur Zuruͤckgabe. Entflohen dieſer Gefahr, dankte Sa⸗ vary innigſt geruͤhrt der Vorſehung, die ihn augen⸗ ſcheinlich zur rechten Zeit erwachen ließ. Nun fuhren ſie bei Farescour voruͤber, wel⸗ ches nicht weit von Damiette liegt, und zwei Stunden nachher entdeckten ſie dieſe artige Stadt, welche einen weiten Halbmond auf dem oͤſtlichen Ufer des Nils bildet. XXIII. Die Geſchichte von Damiette iſt ſehr dunkel. Beinahe alle Schriftſteller haben das alte mit dem neuen verwechſelt. Urſpruͤnglich lag ſie am Aus⸗ fluſſe des öoͤſtlichen Nilarmes; als ſie zerſtoͤrt war*), baute man in einiger Entfernung einen Flecken, wel⸗ chem man den Namen Menchin gab. Dieſer wurde *) J. 648 der Hegira. 510 eine anſehnliche Stadt, welche noch beſteht, und das Andenken an ihren Urſprung in einem Platze bewahrt⸗ der obigen Namen fuͤhrt. Dieſe Stadt, groͤßer als Roſette, und nicht weniger angenehm, liegt in einem Halbzirkel auf dem oͤſtlichen Ufer des Nils, zwei und eine halbe Meilen von ſeiner Muͤndung. Man zaͤhlt daſelbſt beinahe vier und zwanzig tauſend Seelen. Sie hat mehrere Plaͤtze, deren anſehnlichſter den Namen Menchie bewahrt hat. Die Bazards ſind mit Handelsleuten angefuͤllt. Okals oder Khans, ſo geraͤumig, als die von Boulak, vereinigen unter ihren Hallen die Stoffe Indiens, die Seide vom Berge Libanon, das Ammoniakſalz und ganze Pyramiden von Reis. Die Haͤuſer, vorzuͤglich die am Fluſſe gelegenen, ſind ſehr hoch. Die meiſten haben artige, auf den Terraſſen erbaute Saͤle, welche, als reizende Belvedere, allen Winden offen ſtehen, und dem Tuͤrken zur behaglichen Ruhe dienen. Mehrere große Moſcheen, mit hohen Minarets geſchmuͤckt, ſind in der Stadt verbreitet. Die oͤffentlichen Baͤder, mit Marmor belegt, haben die naͤmliche Einrichtung, wie jene zu Groß⸗Kairo. Eine Menge Barken und kleine Fahrzeuge erfuͤllen unaufhoͤrlich den Hafen von Damiette, welches ei⸗ uen ſtarken Handel mit Syrien, Cypern und Marſeille unterhaͤlt. Der Reis Mezelaoui, der ſchoͤnſte von Aegypten, wird in der Umgegend gebaut⸗ Man fuͤhrt davon jaͤhrlich faſt fuͤr ſechs Millionen aus. —ö 511 Die uͤbrigen Landesprodukte ſind Leinwand, Ammo⸗ niakſalz, Getreide ꝛe. Die Ausfuhr des letzteren iſt zum Ruin des Landmanns durch die Politik verbunden; man ſchwaͤrzt aber vieles unter dem Namen Reis 3 binaus. Die ſeit mehreren Jahrhunderten in der Stadt angeſiedelten Chriſten von Aleppo und Damas treiben den vorzuͤglichſten Handel. Der traͤge Tuͤrke begnuͤgt ſich damit, von Zeit zu Zeit Erpreſſungen ge⸗ gen ſie zu veruͤben, und geſtattet ihnen, ſich zu berei⸗ chern. Die Reisausfuhr iſt fuͤr den Fremden verbo⸗ ten, aber mittelſt vortheilhafter Accorde fuͤr den Zoll⸗ einnehmer, beladen die Provenzer alle Jahre mehrere Schiffe damit. Da ihnen der Bogaz den Eingang in den Nil verſagt, ſo verfuͤhren innlaͤndiſche Schiffer die Ladung. Dieſe Unbequemlichkeit gibt zu zahlloſen Bedruͤckungen und Mißbraͤuchen Anlaß. Oft wird der beſſere Reis gegen ſchlechten vertauſcht, und da man natuͤrlicher Weiſe gegen ſolche unvermeidliche Betruͤ⸗ gereien auch Gegenliſt anwendet, ſo wird der Handel zu einer Art von Raͤuberei. Dem Handel von Da⸗ miette ſchadet noch mehr der Mangel eines Ha⸗ fens. Die Rhede, wo die Schiffe allen Winden Preis gegeben ſind, der geringſte Sturm, der ſich erhebt, zwingt die Kapitaͤne von Marſeille, die Ankertaue iu kappen, und ſich nach Cypern zu fluͤchten, oder die hohe See zu halten. 51² Die Erdzunge, auf welcher Damiette liegt, auf einer Seite durch den Fluß, und auf der andern durch die weſtliche Spitze des Sees Menzale eingeengt, hat uur zwei bis ſechs Meilen in der Breite von Oſten nach Weſten. Zahlloſe Baͤche durchſchneiden ſie und machen ſie zu der fruchtbarſten Gegend Aegyp⸗ tene. Der Boden gibt dort in einem ordinaͤren Jahre g0 Schaͤffel Reis gegen eines. Die uͤbrigen Produkte wachſen in demſelben Verhaͤltniſſe. Die Natur ver⸗ ſchwendet hier ihre Pracht und ihren Reichthum, urnd bietet zu allen Jahrszeiten Blumen, Fruͤchte und Ern⸗ ten dar. Man kennet da weder die verſengenden Glu⸗ then des Sommers, noch ſtarrenden Reif. Dla⸗ miette verdankt dieſe gluͤckliche Temperatur der un⸗ geheuern Waſſermenge, mit welcher ſie umgeben iſt. Nirgends iſt das Gruͤn ſo friſch, nirgends bedecken ſich die Baͤume ſo reichlich mit Fruͤchten. Die Baͤche, welche die Reisfelder umgeben, ſind mit mehreren Gattungen von Schilfrohr bekraͤnzt, deren einige ſehr hochſtaͤmmig ſind. Mau trifft hier im Ueberfluſſe den Calamus, mit welchem die Orientalen ſchreiben. Sein duͤnner Stengel traͤgt lange, ſchmale Blaͤtter, Blaͤtter, welche anmuthig zuruͤck fallen, und zarte Aeſte, welche ſich mit weißen Blumen bedecken. Hier ſieht man auch Waͤlder von Papyrus, aus dem die alten Aegyptier das Papier bereiteten. Dieſe drei⸗ eckige, acht bis neun Fuß hohe und Daumen dickt Binſe, bekroͤnt ſich mit einem wolligen Buͤſchel. Auch 513 der Lotus, den die Araber Nyphar nennen, der Koͤnig der Waſſerpflanzen, der einen herrlichen Duft verbreitet, waͤchſt hier. 3 Die Doͤrfer ſind zahlreich um Damiette. Die meiſten beſitzen Leinwand⸗Manufaeturen. Beſonders verfertigt man hier auserleſene Servietten mit ſeide⸗ nen Franzen, die man bei Diſch und zu zeremoniellen Beſuchen gebraucht. Wenn man ſich auch alle Reize, die den Lauf ei⸗ nes Fluſſes verſchoͤnern, allen Schimmer lachenden Gruͤnes, allen Wohlgeruch ſuͤß duftender Orangen, alle Milde balſamiſcher Luft, allen Zauber eines para⸗ dieſiſchen Himmels vorſtellt, ſo hat man doch nur ein ſchwaches Bild von dieſer herrlichen Erdzunge. Eine Meile von der Stadt Damiette, ſudweſt⸗ lich, trifft man ein Orangen⸗Waͤldchen, welches den Bewohnern zum Luſtwandeln dient. Die Gaͤnge ſind alle ſchnurgerade, was ſonſt bei den uͤbrigen Anlagen nicht der Fall iſt. Am Ende dieſer Promenade iſt ein Kanal voll Papyrus. Links am Eingange trifft man die Huͤtte des Gaͤrtners, und ein Citronen⸗ und Pal⸗ men⸗Bosket, ſo dicht, daß das Auge kaum durch⸗ dringen kann. Dieſer mit Graben und Paliſaden ge⸗ ſchloſſene Raum iſt das Aſyl der Myſterien. Die lie⸗ benswuͤrdigſten tuͤrkiſchen Frauen begeben ſich manch⸗ mal dahin, um, wie man ſagt, die balſamiſche Luft im Schatten dieſer Baͤume einzuathmen. 514 XXIV. Peluſium, an der oͤſtlichen Spitze des Sees Menzale gelegen, bluͤhte ſchon lange vor Herodot. Waͤhrend der Kriege mit den Roͤmern, Griechen und Arabern ward es oͤfters eingenommen und gepluͤndert. Ungeachtet ſo vieler Ungluͤcksfaͤlle behielt es bis zu den Zeiten der Kreuzzuͤge ſeinen Han⸗ del und ſeine Reichthuͤmer bei. Die chriſtlichen Fuͤr⸗ ſten machten es der Erde gleich. Es erhob ſich nie wieder aus ſeinen Ruinen, und ſeine Einwohner gin⸗ gen nach Damiette uͤber. Farama, durch die Araber gegruͤndet, ein wenig oͤſtlich von Peluſium, folgte ihm. Dieſe Stadt bielt ſich nicht lange: denn im dreizehnten Jahrhun⸗ dert ward ſie zerſtoͤrt. Verlaͤßt man den peluſiſchen Arm, um ſich weſt⸗ waͤrts zu wenden, laͤngs der Meereskuͤſte, ſo trifft man die Muͤndung von Janis. Hierauf kommt die Muͤndung von Mendes. Wer die Ruinen dieſer Stadt ſuchen wollte, wuͤrde ſie in einiger Entfernung vom Kanal von Achmoun am Ufer des Sees Man⸗ zale treffen. Ehe man zum Phatmetiſchen Arm kommt, ſiebt man waͤhrend des Steigens des Niles einen neuen, der ungefaͤhr hundert und fuͤnfzig Fuß breit iſt. Eine Meile davon iſt der vorher genannte Arm, heut zu Tage der von Damiette, wo das Delta anfaͤngt. Das Vorgebirg Bourlos, bei welchem ſich der Seben⸗ nitiſche Arm oͤffnet, bildet die eutlegenſte Spitze. 515 Der Arm von Roſette, ehedem Bolbitine ge⸗ nannt, ſchließt es. Dieß ſind nun die ſieben Muͤndungen des Nils, welche die Dichter oͤfters beſungen haben. Sie waren alle ehedem ſichtbar. Nur die von Roſette und Damiette haben dieſen Vorzug behalten. 4 Das Waſſer des Sees Menzale iſt waͤhrend der Ueberſchwemmung ſuͤtz. Es wird ſalzig in dem Grade, als der Fluß wieder in ſein Bette zuruͤck tritt. Gegen zwoͤlf hundert Schiffe, deren jedes vierzig Livres jaͤhr⸗ lich dem Paͤchter des Paſcha bezahlt, ſind unaufhoͤrlich mit Fiſchfang auf dem See beſchaͤftigt. Zu den vor⸗ zuͤglichen Fiſchen gehoͤren unter andern die Scholle, der Goldfiſch, die Seebarbe u. d. gl. Zweitauſend Menſchen ſiſchen alle Jahre, und Tauſende von Voͤ⸗ geln naͤhren ſich, ohne daß man eine Abnahme ver⸗ ſpuͤrt. Land und Waſſer haben in Aegypten eine unbegreifliche Fruchtbarkeit. Die Oberflaͤche des Sees iſt mit wilden Gaͤnſen und Enten, mit Tauchern und Ibis(einer Art Stoͤrche) bedeckt. Auch Seeraben, Reiher, Waſſerſchnepfen, Waſſerhuͤhnchen u. d. gl. findet man. Am meiſten Aufmerkſamkeit verdienen der ttolze Schwan, der Flamingo und der Pelikan. Un⸗ moͤglich iſt es aber, die Mannigfaltigkeit der Farben, die Abwechſelung der Toͤne, die verſchwenderiſche Menge dieſer Voͤgel zu beſchreiben, mit denen die Oberflaͤche, ſo weit nur das Auge reicht, bedeckt iſt. —— 2 5¹6 Zweiter Theil. I. Nach ſeiner Ruͤckkunft von den Wanderungen in Unter⸗Aegypten begab ſich Savary im No⸗ vember von Alt⸗Cairo nach Ober⸗Aegypten. Er fuhr Geziret Dahab, die Goldinſel, voruͤber, welche dem Auge eine mit Herden bedeckte Trift, nebſt einem kleinen Dorfe darbietet. Links liegt die große Moſchee Atar Ennabi,(d. h. die Fußſtapfen des Propheten), am Rande des Fluſſes. Dieſer Tem⸗ pek, ſehr beſucht von den Einwohnern Cairo's, iſt der Gegenſtand einer beruͤhmten Wallfahrt. Er beſitzt einen Stein, wo nach der Meinung der Muſelmaͤnner die Spuren eines Fußes Mahomet's eingedruͤckt ſind. Der Scheik, welcher den Tempeldienſt verſieht⸗ iſt ſorgfaͤltig bedacht, dieſen frommen Wahn zu unter⸗ dalten, und die daſelbſt gewirkten Wunder zu verbrei⸗ ten. Die mit einem ſehr reichen Schleier bedeckte Reliquie erhebt er nur zu Gunſten der Andaͤchtigen, von welchen er ein kleines Geſchenk hofft. Auf dem öſtlichen Ufer zeigt ſich der Flecken Ha⸗ lounan, umgeben von Dattelbaͤumen. Mekias war bier gegruͤndet, als die Araber Aegypten einnahmen. Memphis fand ſich am entgegen geſetzten Ufer, und erſtreckte ſich bis Saccara, wo die Mumien⸗Ebene iſt. Hier trifft man den ſogenannten Vogel⸗Brunnen, wo man mittelſt eines Strickes hinabſteigt. Er fuͤhrt zu unterirdiſchen, mit irdenen Vaſen angefuͤllten Gaͤngen. 517 welche heilige Voͤgel in ſich ſchließen. Groͤßten⸗ theils ſind ſie zerſtuͤckelt, weil die Araber goldne Götzenbilder darin ſuchen. Sie fuͤhren auch die Rei⸗ ſenden nicht an jene Orte, wo ſie koſtbarere Sachen finden wuͤrden. Sie ſelber begeben ſich nur auf gehei⸗ men Wegen dahin. Der Herzog von Chaulnes, der mittelſt der genauen Beſchreibung des Lords Montagu tiefer in dieſe Labyrinthe eindrang, hegt die Vermu⸗ thung, daß die Hieroglyphen, welche hier vollſtaͤndiger ausgearbeitet ſind als anderwaͤrts, indem man bei dem erſten Anblicke ſogleich erkennt, was man ſich unter ihnen vorzuſtellen habe, den Schluͤſſel zu dieſer Ge⸗ heimſchreiberei liefern koͤnnten.. Sieben Meilen von Alt⸗Cairo wird der Nil von den gegen Oſten aufſteigenden Felſen weſtwaͤrts zuruͤck gedraͤngt. Jenſeits der Inſel Terfaie entdeckt man tiefer landeinwaͤrts den Flecken Dachhoue, oder das alte Achantus, wo man einen Tempel des Oſiris bewunderte. Von da zieht ſich der Weg gegen Suͤden durch ein weites Gefilde, deſſen Niederungen von kleinen Baͤchen zur Befeuchtung des Landes durch⸗ ſchnitten ſind. Faioum, das ehemalige Arſinoe, war das Land der Wunder. Es enthielt das Labyrinth mit ſei⸗ nen zwoͤlf Pallaͤten, den See Moͤris und ſeine Py⸗ ramiden. II. Verlaͤßt man Faioum, um ſich weſtwaͤrts zu wenden, ſo ſchifft man uͤber einen großen Kaual, 27ſtes B. Aegypten. II. 2. 2 518 Bahr Jonſeph(Joſephs⸗Fluß) genannt. Das Dorf Nesle laͤßt man zur Linken. Nach zwei Stun⸗ den tritt man gegen Nordweſt in eine ſandige Ebene, wo die Unfruchtbarkeit herrſcht. Bald entdeckt man Berge von Ruinen, welche beinahe eine Meile im Umfange haben. Der erſte Haufe heißt bei den Ara⸗ bern balad CGaroun,(der Flecken Caron), der zweite casr Caroun,(der Pallaſt von Caron*). Der ganze Raum, welcher ſie trennt, iſt mit un⸗ geheuren Steinen uͤberſaͤet. Die merkwuͤrdigſten Truͤm⸗ mer ſind an den aͤußerſten Enden. In der Mitte der Ueberreſte von casr Caroun erhebt ſich ein großes *) Die grabiſchen Geſchichtſchreiber ſchildern uns den Carvun als einen ſehr maͤchtigen Mann. Sie ſagen, er habe mehrere Kameele mit Schluͤſ⸗ ſeln beladen koͤnnen, welche die zahlreichen Ge⸗ maͤcher oͤffneten, wo er ſeine Schaͤtze einſchloß. Dieſe einſtimmige Behauptung laͤßt eine Wahr⸗ heit durchblicken. Vielleicht war der Name Ca⸗ ron eine Wuͤrde, mit welcher man den Schif⸗ fer beehrte, der die Leichuame der Pharaoen uͤber den See Moͤris fuͤhrte, um ſie in die Hoͤhlungen des Labyrinths zu ſetzen, uͤber welche er Waͤchter war. Ohne Zweifel hatte wenig⸗ ſteus der, welcher auf dem See von Memphis gleiche Dienſte verrichtete, nach der Ausſe der Einwohner, denſelben Titel. Wenn di Vermuthung gegruͤndet iſt, ſo ſieht man, war⸗ um die Griechen den Todtenſchiffern den Na⸗ men Chgron gegeben, und warum die Alber dieſe Ruinen den Pallaſt Carons nennen 4 — . 4 * 519 Gebaͤude, wovon ſich mehrere mit zerſtuͤckelten Saͤulen angefuͤllte Saͤle erhalten haben. Eine halb verfallene Halle lauft rings herum. Man bemerkt noch Stufen, auf welchen man zu verſchiedenen Gemaͤchern empor ſtieg, und andere, uͤber welche man in die unterirdiſchen Gewoͤlbe hinab kam. Am meiſten feſſeln die Aufmerk⸗ ſamkeit mehrere niedere, enge und ſehr lange Zellen, welche wahrſcheinlich keine andere Beſtimmung hatten, als die Aufbewahrung geheiligter Crocodile, die man von Crocodilopk dahin brachte. Dieſe bisher be⸗ ſchriebenen Ruinen ſind nichts anderes, als die Ueber⸗ reſte des alten Labyrinths. Der Gruͤnder dieſes Ge⸗ baͤudes iſt unbekannt. Es war vermuthlich das Werk mehrerer Koͤnige. In dem See Birket Caroun, welcher eine Meile davon entfernt liegt, kann man nur den von Moͤris wieder erkennen, denn er hat mehr als fuͤnfzig Meilen im Umkreiſe. Der Kanal Bahr Jouſeph, der bei Tarout Eeeherif anfaͤngt und bei Birket Caroun en⸗ det, iſt der naͤmliche, welchen Koͤnig Möͤris in den See gleiches Namens fuͤhren ließ. Dieſes Werk mußte ungeheure Summen koſten, denn an mehreren Orten iſt das Bett durch den Felſen gehauen. III. Die Annaͤherung des Winters wird in Faio um zur laͤchelnden Jahreszeit, wo balſamiſche Weſte die Wange des einſamen Luſtwandlers umkoſen; munter gleiten die vollen Baͤche dahin, und die Erde ſſt mit Fruͤchten und Kraͤutern aller Art bedeckt. Ueberall d — . 520 iſt man von Bildern der ſchoͤnen Natur umgeben. Noch pflegen die Kophten hier die Olive und die Re⸗ ben, welche ihre Vaͤter gepflanzt hatten. Die Trauben geben eine Gattung weißen, ſehr ſchmackhaften Weines. Der praͤchtigſte Flachs, die Zuckerrohre und alle Gat⸗ rungen Gemuͤſe wachſen faſt ohne alle Pflege. Unter der Menge verſchiedener Baͤume und Pflanzen trifft der Wanderer nahe bei den Doͤrfern ganze Waͤlder von Roſen⸗Geſtraͤuchen. In andern Provinzen dient dieſes berrliche Gewaͤchs nur zur Zierde der Gaͤrten; hier aber ſammelt man ſie in dichte Gebuͤſche, und bereitet ſich aus der Fuͤlle der Blumen Roſenwaſſer, welches einen vorzuͤglichen Handelszweig ausmacht. Faioum verſieht damit ganz Aegypten. Der Verbrauch davon iſt außerordentlich groß. Bei Beſuchen gießt man es reichlich uͤber Kopf und Haͤnde der Anweſenden. Im Bade waſchen ſich die Frauen mit demſelben den gan⸗ zen Koͤrper, und ihre Toilette wird nie ohne Roſen⸗ waßſer gemacht. Dieſe Roſen⸗Waͤldchen, manchmal von bluͤhenden Orangen umgeben, machen eine herr⸗ liche Wirkung auf das Auge, und durchwuͤrzen die ganze Umgegend mit dem ſuͤßeſten Wohlgeruche. Unter dieſem ſchoͤnen Himmel fuͤhlt man noch lebhafter die Wonne, balſamiſche Duͤfte einzuathmen. Mit den Schaͤtzen eines fruchtbaren Bodens verei⸗ nigt Faioum noch die Vortheile des Fiſchfanges. Die Kanaͤle und der große See ſind mit Fiſchen an⸗ gefuͤllt. Fuͤr einen Medin kann ſich ein Mann ſo viel — 521 davon auf dem Markte kaufen, daß er einen Tag da⸗ von zu leben hat. Wenn in den noͤrdlichen Gegenden rauhe Kälte herrſchet, ſo kommen zahlloſe Voͤgel auf den See Moͤris und die Kanaͤle von Faioum, um daſelbſt zu uͤberwintern. Eine Menge davon werden gefangen. Nur fuͤr den Ibis, Kranich und Schwan hat ſich noch bei den jetzigen Aegyptern ein Reſt alterthuͤmlicher Verehrung erhalten. 4 Faioum hat nur eine halbe Meile im Umkreiſe, und liegt auf dem öͤſtlichen Ufer des Kanals. Die Haͤuſer, aus Backſteinen erbaut, welche an der Sonne getrocknet ſind, bieten den traurigen Anblick einer Maſſe von Huͤtten dar. Das Volk, welches ſie be⸗ wohnt, iſt arm und ohne Energie. Alle Kuͤnſte be⸗ ſchraͤnken ſich hier auf einige Manufacturen von Stroh⸗ matten, groben Deppichen und Roſenwaſſer⸗Diſttlli⸗ rung. Ein Cachef beherrſcht die Stadt im Namen eines Bey von Groß⸗Cairo. Mehrere Scheiks Arabiens, welche Laͤndereien in der Umgegend be⸗ ſitzen, bilden ſeinen Rath; ſie begeben ſich zwei oder drei Mal die Woche zum Divan, zufolge der Einladung des Statthalters. Ihr Oberhaupt genießt große Ach⸗ tung. Die Eintracht beſteht jedoch nicht lange unter den Gliedern der Verwaltung. Die ſtets neu aufkei⸗ menden Kriege zu Groß⸗ Cairo haben Einfluß auf die Ruhe der Provinzen. Die ſtegreiche Partei ent⸗ reißt Herrſchaft und Beſitzthum den Eignern. Die 522 gepluͤnderten Araber vereinigen ſich mit den Beduinen, die ſtets bereit ſind, die Unzufriedenen zu beguͤnſtigen, weil der Koͤder der Pluͤnderung ſie anlockt. Strom⸗ weiſe ſtuͤrzen ſie von den Bergen herab, und briagen Verwuͤſtung in die Ebenen. Die zuͤgelloſen Schaaren welche man gegen ſte ſendet, verurſachen nicht weni⸗ ger Unordnung. Die Landleute ſehen ſich von Fein⸗ den und Vertheidigern auf gleiche Weiſe gepluͤndert. Wenn die Araber zuruͤck getrieben werden, ſo verſtecken ſte ſich mit Beute beladen in der Wuͤſte. Ihr Haß gegen die Tuͤrken entflammt ſich daſelbſt mit der Sonnenhitze, und wann ſie ſich ſtark genug glauben, ſo kommen ſtie zuruͤck, und richten neue Verheerungen au. Dieß iſt das Loos Aegyptens; dieß ſind die Uebel, welche der Deſpotismus nach ſich zieht. IV. Kehrt man nach Nid durch den Kanal. Bwuch zuruͤck, ſo laͤßt man Maidoum hinter ſich liegen, wo man die ſuͤdlichſte Pyramide Aegyptens, mehrere Inſeln mit Doͤrfern, und die Ruinen von Aphroditoplolis bemerkt, welches am oͤſtlichen Ufer and der Stelle von Atfih gelegen war. Auf der Weſtſeite des Nils, aufwaͤrts, iſt Be⸗ niſouef. Dieſe Stadt hat eine halbe Meile im Umkreiſe. Die Moſcheen, die hohen Minarets, welche man durch die Wipfel der Baͤume entdeckt, bieten einen reizenden Anblick dar, aber die uͤbrigen Gebaͤude ſnd nur baufaͤllige Huͤtten aus Lehm oder Backſteinen, ohne Geſchmack und Zierlichkeit gebaut. Die ganze 523 Induſtrie der Einwohner beſchraͤnkt ſich auf eine Ma⸗ nufactur grober Teppiche, ihr ganzer Handel auf den Verkauf der Produkte ihres Bodens. Beniſouef iſt die Reſidenz eines Bey, der, wie die uͤbrigen Statt⸗ halter Aegyptens, mit bewaffneter Hand willkuͤhrliche Tribute einfordert. Mehrere Monate des Jahres liegt er mit ſeinen Soldaten an den Doͤrfern ſeines Herrſch⸗ gebietes. Hat er die Leute ganz ausgeſaugt, ſo ſetzt er bei einem andern Flecken ſeine Bedruͤckungen fort. Die Truppen, an deren Spitze er ſteht, ſind wahre Naͤuberbanden, denen alle Gefuͤhle der Natur fremd geworden. Um ſich einen Begriff von der Rohheit dieſer Tiegerſeelen zu machen, moͤge folgendes Ereig⸗ niß dienen. Ein Erpreſſer trat eines Tages in die Huͤtte eines armen Weibes, welches mehrere Kinder hatte, und forderte mit aller Strenge die von dem Bey aufgelegte Steuer. Sie ſchilderte ihr Elend, und zeigte, daß ſie nur eine Strohdecke und einige irdene Geſchirre beſitze. Der Soldat ſuchte uͤberall herum, und da er einen Sack voll Reis gefunden, ſo ſchickte er ſich an, ihn fortzuſchleppen. Das Weib beſchwur ihn, dieſes einzige Ueberbleibſel, mit welchem ſie ihr und ihrer Kinder Leben friſtete, nicht zu rauben. „Soll ich denn mit meiner ganzen Familie und dem armen Kinde, das hier an meinem Buſen ſaugt, Hun⸗ gers ſterben?“— Dieſe Worte, die Thraͤnen, welche die Ungluͤckliche weinte, machten auf das Felſenherz keinen Eindruck. Da er nun den Sack mit Reis an⸗ 524 faßte, ſchleuderte die bis zur Verzweiflung gebrachte Mutter ihr ſaugendes Kind mit Heftigkeit auf die Erde, und zerſchmetterte es. Da, Ungeheuer, rief ſie, das Blut dieſes Geſchoͤpfes ſollſt du verantworten. Nun verſiegten ploͤtzlich ihre Thraͤnen, ſtarr und ſtumm ſtand ſie da. Der Unmenſch aber entfernte ſich ganz kaltbluͤtig mit ſeiner Beute, als waͤre gar nichts vor⸗ gefalen. Dieß iſt das Loos des aͤgyptiſchen Volkes. Beniſouef gegenuͤber ſieht man das Dorf Bajad, zum Theil von Kophten bewohnt. Von da gelangt man zum Kloſter des heiligen Anton und Paul, welche in dem Gebirge Kolzoum liegen. Zwei Meilen noͤrdlich von Bajad tritt man in ein enges Thal, welches Gebel Gebei, der Berg der Ciſterne, und Hajar Mouſſoum, der bezeich⸗ nete Stein, bilden. Dieſe Schlucht fuͤhrt zu einer ſandigen Ebene, Elbakara, die Kuh, genannt. Der Berg Kaleil, oder der Vielgeliebte, begraͤnzt ſte gegen Oſten. Sie hat gegen ſieben Meilen in der Breite, und noch mehr von Nord gegen Suͤd. Wohin das Auge blickt, entdeckt man nur unfruchtbaren Sand. Die Felſenkluͤfte und der Nand der Gießbaͤche bieten jedoch einiges Gruͤn dar; auch Acacien, Sene, Seor⸗ pionhoiz und einige andere Pflanzen ſieht man. Die Gemſen, die Strauße, die Gazellen und die Diger bewohnen die Felſenhoͤhten und durcheilen den Sand, wo ſie kaum einige Grashaͤlmchen finden. Man trifft hier Kieſelſteine von rother, grauer, ſchwarzer und —— 525 blauer Farbe, und alle von außerordent!ich feinem Korn. Ihre der Luft ausgeſetzte Oberflaͤche iſt geflammt und uneben, die auf dem Sande ruhende Seite iſt glatt und ſchimmernd. Ohne Zweifel faͤnde der auf⸗ merkſame Naturforſcher in den Felſenſpalten und in den Strombetten koſtbare Steine, und oorzuͤglich Smaragde, die ehedem ſo haͤufig in Aegypten wa⸗ ren. Am Fuße des Berges Kaleil bemerkt man Ouellen ſalzigen Waſſers. Eine kleine Anzahl Dattel⸗ baͤume umgibt ſie. Ueberhalb ſieht man Grotten von Einſiedlern, welche der Eifer der erſten Jahrhunderte des Chriſtenthums in dieſe ſchreckliche Einoͤde gefuͤhrt hatte.— Hat man den Berg Kalei erklettert, ſo ſteigt man in die Ebene Elaraba, oder der Wagen, her⸗ nieder. Die Sonne verſengt hier in der brennenden Sandwuͤſte alle lebenden Keime, bringt aber in den Seiten der Gebirge die ſeltenſten Steine zur Reife. Man ſieht noͤrdlich von dieſer Ebene drei Steinbruͤche von rothem, weißen und ſchwarzen Marmor. Halb. los gehauene Bloͤcke in den Felſen, andere auf dem. Boden umher geſtreut, verkuͤnden die Spur menſchli⸗ cher Anſtrengung. 3 Hier ließen die Pharaonen die harteu und po⸗. lirten Steine hauen, aus denen ſie die Bekleidungen 4 und die Kanaͤle ihrer praͤchtigen Mauſoleen bildeten. 2 Man brachte ſie auf der Axe bis an den Nil, und Floͤſſe fuͤhrten ſie bis an den Fuß der Pyramiden. 5²6 Suͤdlich von dieſen Steinbruͤchen trifft man einen au⸗ dern aus ſchoͤnem Granit, wo man ungeheure Arbei⸗ ten unternahm. Ein nicht weit davon gegrabener Waſſer⸗Behaͤlter diente fuͤr das Beduͤrfniß der Ar⸗ beiter; noch weiter davon ſind Einſiedler⸗Grotten, fuͤr die es in der ganzen Welt keinen wildern und oͤdern Platz haͤtte geben koͤnnen, als der iſt, wo ſie ſich be⸗ finden. Hat man einen Theil des Berges Kolzoum uͤberſtiegen, ſo kommt man zu dem Kloſter des heil. Anton. Es hat keine Pforte; man laͤßt ſich durch ein Fenſter mittelſt eines Flaſchenzuges hinein ziehen. Dieſe Vorſichts⸗Maßregeln ſind noͤthig, um vor der Pluͤnderung der Araber ſicher zu ſeyn. Eine hohe und dicke Mauer von einer Viertel⸗Meile im Umfange, umgibt das Kloſter. Auf der einen Seite liegt ein Garten mit verſchiedenen Obſtbaͤumen, auf der an⸗ dern befinden ſich die Zellen der Moͤnche und eine kleine Kirche. Ein Kanal, der die Gebirgs⸗Waͤſſer auffaͤngt, fuͤhrt ſie in das Kloſter. Obgleich etwas ſalzig, dient es doch zum Lebensbedarfe und zum Wachsthume der Gemuͤſe und Fruͤchte. Die Kophten, welche es bewohnen, führen eine ſehr ſtrenge Lebens⸗ weiſe. Sie faſten beſtaͤndig und trinken nur an den vier großen Feſttagen des Jahres Wein. Ein mit Oel bereiteter Kuchen aus Seſam, Salzfiſche, Honig, und die Produkte des Gartens machen die ganze Nah⸗ rung aus. Sie glauben eine unbeſchraͤnkte Macht uͤber —,— 527 die Teufel, Schlangen und wilden Thiere zu haben. Im Schooße der gaͤnzlichen Abtoͤdtung beſchaͤftigen ſie ſich mit der Goldmacherki nſt.. Das Kloſter des h. Paul iſt auf der Oſtſeite des Berges Kolzoum erbaut, und gleichfalls von Koph⸗ ten bewohnt, die ſo fromm und ſo unwiſſend ſind, wie die andern. 8 Vom Gipfel des Holzoum uͤberſchaut man das rothe Meer, und entdeckt in der Ferne die Spitze, uͤber welche der Anfuͤhrer der Iſraeliten mit ſeinem Volle ging. Suͤdweſtlich ſind die Berge Horeb und Sinagi. Die ufer des rothen Meeres ſind mit zahl⸗ loſen Muſcheln bedeckt, deren Schoͤnheit, Geſtalt und Farbe die Blicke an ſich ziehet. In der Mitte dieſer Mannigfaltigkeit iſt man uͤber ſeine Wahl verlegen. Die Seepflanzen bekleiden die Felſen, die Korallen erfuͤlen die Fluthen; manche ſind weiß, andere roth wie Scharlach. Fuͤgt man zu dieſen anziehenden Ge⸗ genſtaͤnden die verſchiedenen Marmorarten der Gebirge, die koſtbaren Erze in den Gebirgen, die Pflanzen, welche laͤngs den Stroͤmen wachſen, die ſeltenen Kie⸗ ſelſteine, mit welcher der Sand beſaͤt iſt: ſo wird man geſtehen, daß alle dieſe Reichthuͤmer wohl die Aufmerkſamkeit eines Naturforſchers verdienen wuͤrden. n n 1 V. Von Baiad fuhr Sava ry nach Achmon⸗ nain. Jeden Augenblick oͤffnete ſich ein neues Schau⸗ ſpiel fuͤr die Augen. Gegen Oſt ſieht man den An⸗ 528 fang des Berges Gebal Etteir,(Berg der Voͤgel). Er verdankt ſeinen Namen der Menge von Wethen, Sperbern, Adlern, Seeraben und Pharaon's⸗Huͤh⸗ nern, welche daſelbſt ſich aufhalten. Turteltauben und kleine Voͤgel bevoͤlkern die Gehoͤlze am Fuße des Berges. Schgaren von Ibiſſen, Kranichen, Schwaͤnen und Stoͤrchen kommen von ſeinen Hoͤhen nieder, um im Winter den Nil zu bedecken. Fluͤge von Tauben verdunkeln die Luft, welche in keinem Lande ſo zahl⸗ reich ſind, als in Aegypten. Scheroune dehnt ſich am Fuße des Vogelber⸗ ges hin. Unabhaͤngige Araber bewohnen dieſe Seite. Sie pluͤndern die Schiffe, deren ſie habhaft werden koͤnnen, und bei Verfolgungen ziehen ſie ſich in die Wuͤſten zuruͤck. Der Reiſende muß ſtets vor ihnen auf der Hut ſeyn. Unwillkuͤhrlich wenden ſich die Augen von dieſen oͤſtlichen, mit unfruchtbaren Felſen beſetzten Ufern auf die fruchtbaren Gefilde gegen Weſten. Hier iſt das Land bis nahe an den Fluß hin bebaut. Reizend iſt die Lage der Inſel Sohra. Die Stadt Minieh iſt ſehr betraͤchtlich. Sie iſt artig, bevoͤlkert und betriebſam. Ein Cachef hat hier ſeine Reſidenz. Man hat ein Zollhaus angelegt, und die Schiffe, welche von Said herab fahren, muͤſ⸗ ſen hier landen, und eine Abgabe entrichten. Man findet daſelbſt umgeſtuͤrzte Saͤulen und Reſte alter Gebaͤude. Wahrſcheinlich ſind ſie die Ruinen von r 4 529 Cynopolis. Die Einwohner dieſer Stadt hatten eine große Ehrerbietung fuͤr die Hunde. Die Prieſter naͤhrten einen davon mit Speifen, welche dem Anu⸗ bis, dem Begleiter und Waͤchter des Oſiris, gebei⸗ ligt waren.. Das Dorf Gerabie liegt Minieh gegenuͤber. Man ſieht etwas weiter oben den Flecken Sacuadi. Hier fangen die Grotten der Thebais au, die durch die ſtrenge Lebensweiſe der Anachoreten in den erſten Zeiten des Chriſtenthums ſo beruͤhmt wurden. Sie erſtrecken ſich in einem Raume von zwanzig Meilen bis Manfelout. Dieſe ſind Steinbruͤche, mit Hie⸗ roglyphen bedeckt, die dem graueſten Alterthume an⸗ gehoͤren. Unterhalb Sac uadi beginnt ein Dattel⸗Wald, der ſich bis an das Ufer des Fluſſes herab zieht. Die Inſel Sohra iſt nicht weit davon. Die ununterbro⸗ chene Aufeinanderfolge der Doͤrfer, die Mannigfaltig⸗ keit ihrer Anſichten, die Zahl der Einwohner machen die Landſchaften ſehr lebhaft und abwechſelnd. Das Dorf Achmounain, vier Meilen noͤrdlich von Melacui iſt merkwuͤrdig durch die Ruinen, welche es beſitzt. Bei den Haufen von Truͤmmern, welche es umgeben, bewundert man einen praͤchtigen Saͤulengang, den die Zeit nicht beſchaͤdiget hat. Er mißt hundert Fuß in der Laͤnge und fuͤnf und zwanzig in der Breite, und iſt von zwoͤlf Saͤulen unterſtuͤtzt, die zum Knaufe nur einen einfachen Kranz haben. 530 Jede derſelben beſteht aus drei Granit⸗Bloͤcken, die zuſammen 60 Fuß in der Hoͤhe und 24 im Umkreiſe betragen. Der Block, welcher auf der Baſis ruht, iſt ganz einfach abgerundet und mit Hieroglyphen bedeckt, deren Zeilen mit einer Pyramide beginnen. Die zwei andern ſind kannelirt. Die Saͤulen ſtehen zehn Fuß von einander; die beiden mittlerm, welche den Ein⸗ gang bilden, ausgenommen; denn dieſe ſind fuͤnftehn Fuß von einander entfernt. Den ganzen Gang be⸗ decken zehn ungeheure Steine. Ueber dieſen liegt noch eine Doppelreihe. Die beiden mittlern, welche ſich in Geſtalt eines Giebels erheben, uͤbertreffen die uͤbrigen durch ihre Groͤße und Dicke. Man iſt ganz betroffen bei dem Anblicke dieſer Felſen⸗Quader, welche die menſchliche Kunſt bis zu einer Hoͤhe von ſechzig Fuß emporbrachte. Der Fries, welcher rings herum läuft, iſt mit wohl gemeiſelten Hieroglyphen bedeckt. Der Saͤulengang war roth und blau bemalt. Dieſe Farben ſind an mehreren Orten ausgeloͤſcht, aber un⸗ ter dem Architrab, welcher die Saͤulenreihe umgibt⸗ bat ſich eine Goldfarbe von uͤberraſchender Lebhaftig⸗ keit erhalten. So iſt auch die an dem Plafond, wo die goldnen Sterne auf einem azurnen Himmel mit blendendem Glanze ſchimmern. Dieſes Denkmal, vor der Eroberung der Perſer erbaut, iſt weder zierlich, noch im Stile griechiſcher Kunſt gehalten; aber ſeine unzerſtoͤrbare Feſtigkeit, ſeine impoſante Einfachheit, —. ſeine Majeſtaͤt gebieten einem Jeden hohe Achtung. — 531 Was muß man von einem Tempel denken, oder von dem Pallaſte, zu welchem dieſe Halle den Eingang andeutete? VI. Savarv verließ nun Achmounain und ſchiffte uͤber den Nil, um die Ueberreſte von Anti⸗ noe zu beſuchen. Hier bewunderte man den Ge⸗ ſchmack und die Zierlichkeit, welche die Roͤmer von den Griechen erlernten; aber man bemerkt nichts von der Erhabenheit und wunderbaren Groͤße, nichts von der Feſtigkeit, welche das aͤgyptiſche Volk allen ſeinen Monumenten zu geben wußte, und die uͤbrigen Na⸗ tionen nicht zu erreichen im Stande waren. Nabe bei dieſer Stadt ſind die Truͤmmer des al⸗ ten Obydus, wo man das Orakel des Gottes Beſa um Rath fragte. Ein Kloſter des Derwiſch, mit Namen Cheik Abade bedeckt nun den Platz. Ga⸗ gen das Ende des vierten Jahrunderts war Antinoe von Chriſten bevoͤlkert. Von hier Strom aufwaͤrts auf der naͤmlichen Seite liegt Aboutig, eine kleine, ſehr heitere Stadt, das alte Aboutis, von welchem Stephan von Byzanz ſpricht. Die Tuͤrken bauen hier viel Mohn, um Opium daraus zu bereiten. Die reichen Leute verſchaffen ſich durch den Genuß deſſelben die angenehmſten Fantaſien. Das gemeine Volk ver⸗ ſchluckt dafuͤr nuͤchtern einige Kuͤgelchen von gehackten Hanfblaͤttern, welche dieſelben Wirkungen hervor bringen. 53²2 unter den zahlreichen Doͤrfern, welche den Nil begraͤnzen, bemerkt man Kau Elkebire, welches jetzt einen armſeligen auf den Truͤmmern von Ant⸗ teopolis erbauten Flecken darbietet. Dieſe Stadt beſaß den praͤchtigen Tempel, welchen die Aegyptier, nach der Erzaͤhlung Diodors von Sicilien, zur Ehre des Anteus errichteten, der von Herkules uͤberwunden worden war. Es iſt nur noch die von dicken Saͤulen unterſtuͤtzte nnd mit großen Steinen be⸗ deckte Halle uͤbrig. Unter ihr befindet ſich ein dreißig Fuß langer und fuͤnf Fuß breiter Stein. Die Decke iſt voll Gold und Azur, deſſen Lebhaftigkeit ſich voll⸗ kommen erhalten hat. Die Tuͤrken haben daraus ei⸗ nen Stall gemacht, wo ſie ihre Herden zuſammen treiben. Auch iſt dieſer herrliche Saͤulen⸗Gang voll Unrath. So verderben ſie die ſchoͤnſten Werke des Alterthums! 5 Unterhalb Tatha faͤhrt man bei der Inſel Chan⸗ douil voruͤber, und entdeckt hernach am Rande des Horizonts die hohen Minarets von Achmim. 8 Obgleich dieſe Stadt von ihrer alten Groͤße herab geſunken iſt, ſo bleibt ſie doch noch eine der ſchoͤnſten Ober⸗Aegyptens. Ein arabiſcher Fuͤrſt herrſcht da⸗ ſelbſt. Die Polizei iſt gut. Die Straßen ſind weit und reinlich, Handel und Ackerbau bluͤhen. Es hat Leinwand⸗, Baumwollen⸗ und Toͤpferwaaren⸗Fabriken. Es iſt die naͤmliche Stadt, welche Herodot Chem⸗ mis, und Strabo Panopolis heißt. Sie hat — 533 ihre alten Gebaͤude und ſehr viel von ihrem Umfange verloren. Von den Tempel⸗Ruinen außerhalb der Stadt gegen Nord ſind nur noch einige mit Hiero⸗ glyphen bedeckte Steine uͤbrig, deren einer eine ſelt⸗ ſame Bildhauererbeit traͤgt. Es befinden ſich naͤmlich vier Cirkel darauf, mit gemeinſchaftlichem Mittel⸗ punkte, in ein Viereck eingeſchloſſen. Der mittlere enthaͤlt eine Sonne. Die beiden folgenden, in zwoͤlf Theile eingetheilt, faſſen, der eine zwoͤlf Voͤgel, der andere zwoͤlf beinahe verloͤſchte Thiere in ſich, welche die Zeichen des Thierkreiſes zu ſeyn ſcheinen. Der vierte iſt ohne Eintheilung und ſtellt zwoͤlf menſch⸗ liche Figuren vor Augen. Die vier Jahreszeiten neh⸗ men die Winkel des Vierecks ein, an deſſen Seite man eine gefluͤgelte Kugel unterſcheidet. Wahrſchein⸗ lich gehoͤrte dieſer Stein zu einem Sonnen⸗Tempel; denn der Zuſammenhang der Hieroglyphen bezeichnet den Durchgang der Sonne durch den Thierkreis und ihren Lauf, durch welchen das Jahr entſteht. Der Stein beweiſet uͤbrigens, daß die Aegypter in dem graueſten Alterthume ſchon aſtronomiſche Kenntniſſe beſaßen. VII. Merkwuͤrdig iſt auch zu Achmin eine Schlange, welche zu den Wundern des Landes gehoͤrt. Vor mehr als einem Jahrhunderte ſtarb hier ein frommer Tuͤrke, Namens Seheilk Haridi. Er galt bei den Mahomedanern fuͤr einen Heiligen. Man errichtete ihm ein Grabmal mit einem Helmdache am 27ſtes B. Aegypten. II. 2. 5 534 Fuße des Berges. Die Leute kamen von allen Seiten und richteten ihre Gebete an ihn. Ein Ordensgeiſt⸗ licher benutzte ihre Leichtglaͤubigkeit und uͤberredete ſie, die Gottheit haͤtte den Geiſt des Seheilk Haridi in den Leib einer Schlange uͤbergehen laſſen. In der Thebais findet man viele der gleichen Thiere, wel⸗ che Niemanden verletzen. Ein ſolches hatte er ſich auf das Wort abgerichtet. Er erſchien nun mit ſeiner Schlange, blendete den Poͤbel durch uͤberraſchende Kunſtgriffe, und behauptete, er koͤnne alle Krankhei⸗ ten heilen. Einige gluͤckliche Erfolge, die bald in der Natur ſelbſt, bald in der Meinung der Kranken ge⸗ gruͤndet waren, machten ihn ſehr beruͤhmt. Bald ließ er die Schlange Haridi nur noch fuͤr Fuͤrſten und reiche Perſonen, welche ihn tuͤchtig bezahlen konnten, aus dem Grabe hervor gehen. Seine Nachfolger, von gleichen Grundfaͤtzen gedrungen, konnten ohne Muͤhe einen ſo vortheilhaften Irrthum glaubwuͤrdig erhalten. Sie fuͤgten noch zur Ueberzeugung, die man von der Heilkraft des Thieres hatte, jene von ſeiner unſterb⸗ lichkeit. Sie wagten ſogar, die Probe davon oͤffent⸗ lich zu machen. Die Schlange wurde in Gegenwart des Emirs in Stuͤcke zerhackt, und zwei Stunden un⸗ ter ein Gefaͤß gelegt. In dem Augenblicke, wo man daſſelbe oͤffnete, waren die Prieſter wahrſcheinlich ge⸗ wandt genug, eine aͤhnliche unterzuſchieben. Man ſchrie Wunder uͤber Wunder, und der unſterbliche Haridi hatte einen noch hoͤhern Zoll der Verehrung 53⁵ erlangt. Dieſe Schelmerei bringt ihnen große Vor⸗ theile. Man geht rings um das Grabmal und betet; kommt die Schlange hinter dem Steine hervor, um ſich dem Flehenden zu naͤhern, ſo iſt es ein Zeichen, daß der Kranke geneſen wird. Man kann ſich leicht einbilden, daß ſie nur nach einer Spende erſcheint, die mit dem Stande und dem Vermoͤgen der Perſonen im Verhaͤltniſſe ſteht. In außerordentlichen Faͤllen, wo die Perſon nicht ohne die Gegenwart der Schlange geneſen kann, muß eine fleckenloſe Jungfrau ſie an⸗ flehen. Um Unannehmlichkeiten auszuweichen, waͤhlt man ein ſehr junges Maͤdchen. Man ſchmuͤckt ſie mit den ſchoͤnſten Kleidern, und begraͤnzt ſie mit Blumen. Sie beginnt zu beten, und nach der Abſicht der Prie⸗ ſter kommt die Schlange heraus, windet ſich in Krei⸗ ſen um die junge Flehende, und ruht auf ihr. Die Jungfrau, von einer zahlreichen Volksmenge begleitet, traͤgt ſie im Triumphe unter dem Getoͤſe des ſtuͤrmi⸗ ſchen Freudengeſchreies. Alle menſchliche Vernunft⸗ gruͤnde wuͤrden die unwiſſenden Aegypter nicht uͤber⸗ teugen, daß ſie der Spielball einiger Gauckler ſind. Sie glauben an die Schlange Haridi ſo gut, als an ihren Propheten. Selbſt die Chriſten zweifeln nicht an der Heilkraft dieſes Thieres; aber ſie behaupten, es ſei der Daͤmon Asmodi, der die ſieben Maͤuner der Braut des Tobias toͤdtete; der Engel R aphael habe ihn verwandelt, und dahin gebracht, und Gott bediene ſich ſeiner, um die ungiaͤubigen zu taͤuſchen. 536 Die Schlange hat uͤberhaupt ſchon eine glaͤnzende Rolle in der Menſchengeſchichte geſpielt. Sie verfuͤhrte die Eva. Sie verſchlang auf Moſes Befehl jene der Aegypter. Sie machte, daß Alexander von Abo⸗ notique fuͤr eine Gottheit angeſehen wurde. Nun heilt ſie die Einwohner von Achmim. Von Achmim begab ſich Savary nach Den⸗ dera. Vor allen iſt der Flecken Menchie merkwuͤr⸗ dig, wo man eine anſehnliche Meſſe haͤlt. Die Ba⸗ zards ſind mit allen Arten von Lebensmitteln verſe⸗ hen. Man bekommt daſelbſt eine Conſerve aus Kaͤſe, die im Lande ſehr hoch geſchaͤtzt wird. Man bereitet ſie aus Korn, welches zwei Tage lange in Waſſer ein⸗ geweicht, dann an der Sonne getrocknet und bis zur dichten Gallerte eingekocht wird. Dieſer Kuchen er⸗ haͤlt nun den Namen Elnede(Chau). Er iſt ſaftig, zuckerſuͤß und ſehr nahrhaft. Auf einer Anhoͤhe, ſuͤdlich von Menchie, be⸗ merkt man Truͤmmer von Saͤulen und Karnieß⸗Ge⸗ ſimſen, welche an Groß⸗Ptolemais erinnern. Die Hauptſtadt von Ober⸗Aegypten iſt Girge. Sie hat eine Meile im Umkreiſe, mehrere Moſcheen, Bazards und oͤffentliche Plaͤtze, aber keine merkwuͤrdi⸗ gen Gebaͤude. Sie iſt von wohl bebauten Gaͤrten um⸗ geben. Ein Bei beherrſcht ſie. Die Soldaten, wel⸗ che er kommandirt, uͤben zahlloſe Bedruͤckungen aus. Die Kophten duͤrfen daſelbſt keine Kirchen haben. Zu Girge findet man keine Spur von alten Gebaͤuden. 537 Geht man eine Stunde weſtwaͤrts, ſo trifft man die Truͤmmer von Abydus, wo Ismandes einen praͤchtigen Tempel zur Ehre des Oſiris baute. Es war der einzige, in welchen die Saͤnger und Muſiker keinen Zutritt hatten. Das beruͤhmte Monument des Ismandes ſteht noch. Man tritt anfangs unter eine ungefaͤhr s0 Fuß er⸗ habene Halle, die von zwei großen Saͤulenreihen ge⸗ tragen wird. Die unverwuͤſtliche Feſtigkeit des Ge⸗ baͤudes, die großen Maſſen, aus denen es beſteht und die Hieroglyphen, mit welchen es beladen iſt, laſſen das Werk der alten Aegyptier daran erkennen. Jen⸗ ſeits iſt ein Tempel von dreihundert Fuß in der Laͤnge und hundert fuͤnf und vierzig Fuß in der Breite. Tritt man hinein, ſo bemerkt man einen ungeheuren Saal, deſſen Dach auf acht und zwanzig Saͤulen von ſechzig Fuß in der Hoͤhe und neunzehn Fuß im um⸗ kreiſe an der Baſis ruht. Sie ſtehen zwoͤlf Fuß weit von einander. Die ungeheuren Steine, welche die Decke ſchließen, ſind ſo feſt in einander gefuͤgt, daß ſie dem Auge nur wie eine einzige, hundert zwanzig Fuß lange und ſechs und ſechzig Fuß breite Marmor⸗ platte erſcheinen. Die Mauern ſind mit unzaͤhligen Hieroglyphen bedeckt. In Mitte dieſer auf Marmor eingegrabenen Zeich⸗ nungen erkennt der Wanderer die Gottheiten Indiens, Jaggrenat, Gonez und Viſchnou, wie ſte in den Tempeln von Hindoſtan vorgeſtellt ſind. 538 Im Hintergrunde des erſten Saales oͤffnet ſich eine große Pforte, welche zu einem Zimmer von ſechs und vierzig Fuß in der Laͤnge und zwei und zwanzig Fuß in der Breite fuͤhrt. Sechs viereckige Pfeiler unterſtuͤtzen den Plafond. Man ſieht in den Winkeln die Thuͤren der vier andern Gemaͤcher; alle ſind derge⸗ ſtalt von Truͤmmern verſtopft, daß man nicht hinein gehen kann. Der letzte Saal, von vier und ſechzig Fuß in der Laͤnge und uͤber vier und zwanzig Fuß in der Breite, bietet Treppen dar, uͤber welche man in das unterirdiſche Behaͤltniß dieſes großen Gebaͤudes hinab ſteigt. Die Araber, welche daſelbſt Schaͤtze ſu⸗ chen, haben Haufen von Erde und Truͤmmern aufge⸗ thuͤrmt. In dem Theile, wo man noch hinein dringen kann, erkennt man Bildhauerarbeit und Hieroglyphen. Man behauptet, daß unter der Erde dieſelbe Einthei⸗ lung der Gemaͤcher ſie, wie oberhalb, und daß die Saͤulen eben ſo tief in die Erde hinein reichen, als ſie uͤber derſelben hervor ragen. Leider kann man ſich wegen verpeſtender Luft nicht in dieſe Gewoͤlbe wagen. Sechs Loͤwenkoͤpfe auf beiden Seiten des Tem⸗ pels dienen zu Dachtraufen. Zur Zinne gelangt man auf einer ſeltſamen Treppe. Sie iſt aus Steinen er⸗ baut, welche in die Mauer feſtgerammt ſind und ſechs Fuß auswaͤrts Vorſprung haben, ſo daß ſie von einer Seite unterlegt ſind, und ganz frei zu ſchwe⸗ ben ſcheinen. Die Mauern, das Dach und die Saͤu⸗ 539 len dieſes Gebaͤudes haben noch nicht das Geringſte von den Stuͤrmen der Zeit gelitten. Links von dieſem Gebaͤude ſieht man ein anderes, weit kleineres, in deſſen Hintergrunde eine Gattung Altar ſich zeigt. Es war wahrſcheinlich das Heilig⸗ thum des Tempels des Oſiris. Schon oben ward bemerkt, daß man den Saͤngern und Muſikern den Eingang verſagte. Die aͤgyptiſchen Prieſter erfanden ſieben Vokale, und gaben einem jeden davon einen Ton, der unſern muſikaliſchen Noten nahe kommt. Um dieſe ſchoͤne Entdeckung zu erhalten, wiederholten ſte zu einer gewiſſen Epoche dieſe Vokale in Form ei⸗ ner Hymne, und ihre verſchiedenen, allmaͤhlig wech⸗ ſelnden Toͤne bildeten eine angenehme Melodie. Dieß iſt ohne Zweifel die Urſache, warum ſie aus dem Tempel jede Art von Inſtrument verbannten. Die Herrſchaft der Tuͤrken von Girge bis Sie⸗ ne iſt ſehr unſicher. Araber, groͤßtentheils unabhaͤn⸗ gig, beſitzen einen Theil des Landes. Jene, welche die oͤſtlichen Gebirge von Girge bewohnen, bezahlen keinen Tribut, und oͤffnen allen Mißvergnuͤgten eine Freiſtaͤtte. Oft miſchen ſie ſich ſogar in ihre Streitig⸗ keiten und unterſtuͤtzen ſie mit Waffen, um ihnen zu Groß⸗Kairo wieder Eingang zu verſchaffen. Hat man den Arm des Nils uͤberfahren, welcher ſich nach Farſchout hinzieht, ſo kommt man zu Boadjoura an, wo man eine artige Juſel entdeckt⸗ und in der Ferne das Dorf Ottarif. 540 Der auf einer Anhoͤhe gelegene Flecken Hau be⸗ herrſcht die weſtlichen Gefilde, und bedeckt die Ruinen vom kleinen Diospolis, der kleinen Stadt Ju⸗ piters. Die Arbeiten der Aegypter haben ſie gegen neberſchwemmung geſichert. Hau genießt noch dieſes Vortheils. Waͤhrend die Ebenenen der Umgegend un⸗ ter Waſſer ſtehen, erhebt es ſich in der Mitte, wie eine Inſel. Daher kommen die Einwohner von Boad⸗ joura und der benachbarten Doͤrfer, um ihre Todten daſelbſt zu begraben. Das weſtliche Nilufer, lachender und bevoͤlkerter, bietet dem Auge Dattel⸗ und Doum⸗Waͤlder, reiche Ebenen von Getreide und Triften mit Herden bedeckt dar. Der Flecken von Dendera hat nichts Merk⸗ wuͤrdiges; aber ungefaͤhr eine Meile gegen Weſt trifft man Truͤmmer des alten Tentyra. Haufen von Ruinen, die ſich ſehr weit erſtrecken, bezeichnen die Eroße dieſer Stadt, welche nach Strabo's Erzaͤhlung Iſis und Venus anbetete. Hat man dieſe Truͤm⸗ mer durchſchritten, ſo bewundert man auf einer klei⸗ nen Anhoͤhe zwei alte Tempel; der groͤßere hat nur zweihundert Fuß in der Laͤnge und uͤber vierzig in der Breite; ein Dopyel⸗Fries umgibt ihn. Das Innere iſt in mehrere ſehr hohe und durch große Saͤulen un⸗ terſtuͤtzte Gemaͤcher eingetheilt. Die Kapitaͤler ſind durch einen viereckigen Stein gebildet, auf welchen man das Haupt der Iſis gegraben hat. Hierogly⸗ phen bedecken die Mauern. Koloſſale Figuren ſchmuͤcken 541 außen die Winkel des Tempels; zehn Treppen⸗Gelaͤn⸗ der fuͤhren zur Zinne empor. Der zweite, zur Rechten gelegen, iſt kleiner; das Karnieß, welches ihn umgibt, und die Eingangs⸗ Pforte ſind mit Falken verziert, welche die Fluͤgel ausbreiten. Ein doppelter viereckiger Stein bildet den Saͤulen⸗Knauf. Auf die Mauern hat man aller⸗ lei Hieroglyphen gemeiſelt. Die Einwohner von Tentyra verabſcheuten das Crocodill, und fuͤhrten einen beſtaͤndigen Krieg mit ihm. Noch findet man in Aegypten verwegene Men⸗ ſchen, welche die Crocodille anzugreifen wagen. Sie ſchwimmen gegen dieſes furchtbare Thier, und wenn es ſeinen Rachen oͤffnet, um ſie zu verſchlingen, ſtoßen ſie ihm ein Tannenbret hinein, an welchem eine Schnur befeſtigt iſt. Das Crocodill ſchließt nun die Kinnladen ſehr feſt, und druͤckt die ſpitzigen Zaͤhne ſo tief ein, daß es dieſelben nicht mehr zuruͤck ziehen kann. Hier⸗ auf haͤlt der Aegyptier in der einen Hand die Schnur, und gewinnt das Ufer. Mehrere Menſchen ziehen das Ungeheuer an das Ufer, und toͤdten es. Dieſer Au⸗ griff iſt gefaͤhrlich: denn wenn der Schwimmer nicht geſchickt genug iſt, ſo wird er auf der Stelle ver⸗ ſchlungen. VIII. Deudera gegenuͤber entdeckt man Giene, welches auf eine Anhoͤhe gebaut iſt. Die Alten nann⸗ ten es Caine(Maν), Caene, oder das neue. Wenn auch Giene kein merkwuͤrdiges Gebaͤude beſitzt, ſo 542 verdienen doch ſeine Umgebungen die Aufmerkſamkeit der Reiſenden. Oberhalb Giene ſind die Ruinen von Coph⸗ tos. Dieſe auf einer Anhoͤhe befindliche Stadt, welche der Nil mit ſeinen Waſſern umgab, hatte eine vor⸗ theilhafte Lage fuͤr den Handel anf dem rothen Meere. Als ihre Einwohner das Chriſtenthum angenommen hatten, wurden ſie den Verfolgungen des Kaiſers Diocletians ausgeſetzt, und empoͤrten ſich. Er ließ Truppen gegen ſie marſchieren, und zerſtoͤrte die Stadt aus dem Grunde. Heute ſieht man keine Ein⸗ wohner mehr daſelbſt. Sie haben ſich in das eine Meile weit entfernte Dorf Cobt zuruͤck gezogen. Cous, ehedem Apollon's Stadt, bereicherte ſich durch den Unfall von Cophtos. Die Kaufleute ließen ſich daſelbſt nieder, und der Handel bluͤhte lange Zeit. Die Stadt hatte großen Reichthum waͤh⸗ rend der Herrſchaft der Araber; ſeitdem aber die Tuͤr⸗ ken Aegyptens ſich bemaͤchtigt haben, theilt Cous das Loos mit ihrer Nebenbuhlerin. Die Bedruͤckungen der Regierung haben ihren Handel zu Grunde gerich⸗ tet. Ihr Ruhm iſt verdunkelt. Man ſieht in unſern Tagen nur noch einige Huͤtten, die von einer kleinen Anzahl Cophten und Araber bewohnt werden. Der Hafen von Coſſeir iſt nicht betraͤchtlich. Die großen Fahrzeuge landen hier, aber die Schiffe muͤſſen auf der Rhede bleiben, wo ſie guten Anker⸗ grund ſinden. Die Stadt, oder vielmehr der jetzige 3. 543 Marktflecken enthaͤlt nur beilaͤufig zweihundert Erd⸗ buͤtten. Sie wird von einem Schloſſe mit vier Thuͤr⸗ men beherrſcht, deſſen Feuer zu ihrer und der im Hafen liegenden Schiffe noͤthigen Vertheidigung hin⸗ reichen wuͤrde. Aber man laͤßt es zuſammen fallen, und heute beſteht ſeine ganze Beſatzung in einem Pfoͤrtner, der ein altes Eiſen⸗Chor oͤffnet und ſchließt. Die Einwohner ſind ein Gemiſch von Tuͤrken und Arabern, die ein vom Statthalter zu Giene abhaͤn⸗ giger Cachef beherrſcht. Die ungeheuern Abgaben von zehn fuͤr jedes Hundert, die man von allen zu Coſ⸗ ſeir landenden Waaren abzieht, ermuntern die Kauf⸗ leute gar nicht. Die Tyrannei des Beis, die Bedruͤk⸗ kungen des Commandanten, die Furcht vor den Be⸗ douinen ſind noch furchtbarere Feſſeln. Indeſſen iſt die Lage des Hafens fuͤr den Austauſch der Landes⸗ produkte Aegyptens gegen die von Arabien und Indien ſo guͤnſtig, daß der Handel, wenn auch vermindert, noch immer fortbeſteht. IX. Wenn man von Coſſeir abreist, um gegen Aſſouan hinauf zu gehen, ſo laͤßt man zur Rechten die Stadt Nequade liegen, wo ein kophtiſcher Bi⸗ ſchof ſeinen Sitz hat, und mehrere Moſcheen der Ma⸗ bomedaner ſich befinden. Die Inſel Matare iſt gleich in der Naͤhe, und zwei Meilen jenſeits entdeckt man die Ruinen von Theben, deren Herrlichkeit die Sichter und Geſchichtſchreiber um die Wette geprieſen haben.. 544 Suͤdlich von Carnak trifft man die Truͤmmer eines der vier vorzuͤglichen Tempel, von denen Dio⸗ dor von Sieilien ſyricht. Er hat acht Eingaͤnge; ungeheure Sphinxen und große Statuen auf jeder Seite befinden ſich vor dreien derſelben. Dieſe Sphin⸗ xen und Koloſſe, alle aus einem einzigen Marmor⸗ Block, ſind im antiken Geſchmacke ausgehauen. Hat man dieſe majeſtaͤtiſchen Gaͤnge durchwandelt, ſo koͤmmt man an vier Hallen, deren jede 30 Fuß breit, 52 Fuß hoch und 150 Fuß lang iſt. Pyramidale Pforten dienen ihm zum Eingang, Steine von erſtaun⸗ licher Groͤße ruhen auf beiden Mauern und bilden den Plafond. Die erſte dieſer Hallen iſt ganz aus rothem, voll⸗ kommen polirten Marmor erbaut. Vier Abtheilungen von Hieroglyphen bedecken die Außenſeite. Das In⸗ nere hat nur drei Reihen, in deren jeder man zwei Menſchen⸗Figuren in uͤbernatuͤrlicher Groͤße bemerkt. Koloſſale Figuren, 15 Fuß uͤber den Thuͤrpfoſten erha⸗ ben, ſchmuͤcken die Seiten. Zwei Statuen von 300 Fuß Hoͤhe, die eine von rothem, die andere von roͤth⸗ lich grauem Granit ſtehen außen. Man ſieht eine an⸗ dere inwendig, aus weißem Marmor, welcher jedoch der Kopf abgeſchlagen iſt. Dieſe Koloſſe tragen in der Hand einen Phallus, der bei den Aegyptern das Symbol der Fruchtbarkeit war. Die zweite Halle iſt zur Haͤlfte ruinirt. Alle Außenſeiten der dritten ſind mit Hieroglyphen b⸗ 545 deckt. Man bemerkt am Eingange der Pforte die Truͤmmer einer Statue aus weißem Marmor, deren Rumpf 15 Fuß im Umfange haͤlt. Das Haupt iſt mit dem von einer Schlange umwundenen Helme bedeckt. Halb eingefallene Mauern und Schutthaufen zeigen die vierte Halle an. Mitten unter der Zerſtoͤrung ſieht man einen Koloß aus rotbem Marmor, deſſen Leib dreißig Fuß im Umfange hat. Am Ende dieſer Hallen begannen die hohen Mauern, welche den erſten Vorhof des Tempels bil⸗ deten. Die Leute gingen hier durch zwoͤlf Pforten hinein. Mehrere ſind zerſtoͤrt und andere ſehr ſchad⸗ haft. Die, welche am wenigſten von den Stuͤrmen der Zeit und dem Frevel der Barbaren gelitten hat, liegt gegen Weſt. Ein langer Zugang von Sphinxen eroͤffnet ih Er hat a0 Fuß in der Laͤnge, beilaͤufig 60 Fuß in del Hoͤhe, und von unten 48 Fuß Dicke. Man bemerkt auf der vordern Seite zwei Reihen. klei⸗ ner Fenſter, und auf den Seiten Truͤmmer von Trep⸗ pen, auf welchen man zur Zinne empor ſtieg. Dieſe Pforte, deren Maſſe unerſchuͤtterlich ſcheint, iſt ohne Hieroglyphen, im rohen Geſchmacke und voll impo⸗ ſanter Einfachheit. Sie fuͤhrt auf den großen Platz, deſſen Seiten durch zwei, ſechs Fuß uͤber dem Boden erhabene und achtzig Fuß breite Derraſſen gebildet ſind. Man bewundert hier zwei ſchoͤne Saͤulen⸗Rei⸗ hen, welche die ganze Laͤnge der Terraſſen fortlaufen. Jenſeits oͤffnet ſich ein zweiter Hof, der dem Tempel 5⁴6 vorhergeht, und deſſen umfang der Majeſtaͤt des Ge⸗ baͤudes gleich kommt. Er iſt ebenfalls mit zwei Reihen von Saͤulen geſchmuͤckt, die ſich uͤber 5o Fuß erheben, und an der Baſis 18 Fuß im Umkreiſe meſſen. Ihre Kapitaͤler haben die Geſtalt einer Vaſe, uͤber welcher ein viereckiger Stein angebracht iſt, der wahrſcheinlich zu einem Fußgeſtelle fuͤr Statuen diente. Zwei verſtuͤmmelte Koloſſe von ungeheurer Groͤße ſchließen dieſe Saͤulen⸗ Reihen. Iſt man hier angelangt, ſo mißt das erſtaunte Auge den außerordentlichen Umfang des Tempels, der eine außerordentliche Hoͤhe hat. Die aus Marmor er⸗ bauten Mauern ſcheinen unverwuͤſtlich zu ſeyn. Das Dach, in der Mitte mehr als an den niedern Seiten erhaben, iſt von achtzehn Saͤulen⸗Reihen unterſtuͤtzt. Diejenigen, welche den hoͤchſten Theil tragen, haben 30 Fuß im Umfange, und gegen 8o Fuß Hoͤhe; die uͤbrigen ſind um ein Drittheil kleiner. In der ganzen Welt iſt kein Gebaͤude, das einen impoſanteren Cha⸗ rakter haͤtte, und deſſen Majeſtaͤt einen lebhaftern Eindruck macht. Es ſcheint den erhabenen Ideen gleich zu ſeyn, welche die Aegypter von dem hoͤchſten Weſen hatten, und man kann nicht hinein treten, ohne von Ehrfurcht durchdrungen zu ſeyn. Alle Waͤnde in⸗ und auswendig ſind mit Hieroglyphen und ſeltſa⸗ men Figuren beladen. Man hat auf der Nordſeite Schlachten mit Pferden und Wagen vorgeſtellt, wovon einer durch Hirſche gezogen iſt. Auf der ſuͤdlichen Mauer unterſcheidet man zwei mit einem Thronhimmel 547 bedeckte Barken, auf deren Spitze eine Soune ruht. Schiffer fuͤhren ſie mit Stangen. Zwei am Steuer ſitzende Maͤnner ſcheinen den Lauf zu lenken und ihre Huldigung zu empfangen. Dieſe Gemaͤlde ſind alle⸗ goriſch. Die Griechen malten in ihrer Dichter⸗ Sprache die Sonne in einem Wagen, von Rennern gezogen, welche Apollon lenkte. Die Aegypter ſtellten ſie auf eine von Oſiris und? Schiffern(dem Symbole der Planeten) gefuͤhrten Fahrzeuge dar. Das Heiligthum hat nichts Anſehnliches. Hier bewahrte man die dem Jupiter geheiligte Jungfrau, welche ſich auf eine ſonderbare Weiſe als Opfer dar⸗ bot*). Die Ebene, welche ſich von Carnak bis nach Luxor ausdehnt, hat nicht weniger als eine Meile in der Laͤnge. Dieſe Strecke war mit Haͤuſern der Ae⸗ gypter bedeckt, welche den oͤſtlichen Theil von Dhe⸗ ben bewohnten. Sie ſind ganz zerſtoͤrt. Nahe bei Luxor durchwandelt man die Zugaͤnge und Truͤmmer eines andern Tempels, der mehr beſchaͤdigt iſt als der *) Jovi, quem praecipue colunt Thebani, virgo quaedam genere clarissima et specie pulcher- rima sacratur; quales Graeci Pallacas vocant. Ea pellicis more, cum quibus vult, coit, usque ad naturalem corporis purgationem. Post purgationem vero viro datur; sed prius- quam nubat, post pellicatus tempus in mor- tuae morem lugetaur, Strabon, Lib. XVII. „ 548 erſte. Nichts gewaͤhrt aber eine erhabenere Idee als zwei Obelisken, welche ihm zur Zierde dienten, und von Rieſen und fabelhaften Genien errichtet zu ſeyn ſcheinen. Jeder beſteht aus einem einzigen Granit⸗ Blocke, und mißt 12 Fuß Hoͤhe uͤber dem Boden, und 32 im Umkreiſe. Aber da ſie tief in Schlamm und Sand vergraben ſind, ſo darf man glauben, daß ſie von der Baſis bis zur Spitze 90 Fuß in der Hoͤhe ha⸗ ben. Einer davon iſt gegen die Mitte geſpalten, der andere vollkommen unverſehrt. X. Die Doͤrfer Gournou und Medinet Aboun ſtehen anf dem Platze, wo ſich ehedem der weſtliche Tbeil von Theben befand, und ſind mit großen Ruinen umgeben. Man trifft eine Meile gegen Weſt von dem erſteren Dorfe Grotten mit Namen Biban Elmelouk, die Thore des Koͤnigs. Hier ſieht man die Grabmaͤler der alten Herrſcher. Heute ſind ſie großentheils verſtopft, und man kann nur neun davon beſuchen. Die unterirdiſchen Gaͤnge, welche vorhergehen, baben gewoͤhnlich zehn Fuß in der Hoͤhe, und eben ſo viel in der Breite. Die Mauern und die Decke, welche in weißen Felſen gehauen ſind, haben noch den Glanz und die Politur von Stuck bei⸗ behalten. Vier Hauptgaͤnge, laͤnger und erhabener als die uͤbrigen, ſtoßen an die Pforte eines großen Saa⸗ les, in deſſen Mitte man ein Grab aus Marmor ſieht, mit der Figur eines Fuͤrſten, die auf dem Deckel in erhabener Arbeit angebracht iſt. Eine andere Figur⸗ 549 die einen Scepter in der Hand haͤlt, ſchmuͤckt eine der Seitenwaͤnde. Eine dritte, welche auf dem Plafond abgebildet iſt, traͤgt auch den Scepter, und Fluͤgel reichen ihr bis zur Ferſe herab. Die zweite Grotte, geraͤumig und ſchoͤn verziert, bietet den Augen einen Plafond dar, welcher mit gol⸗ denen Sternen bedeckt, mit Voͤgeln von brennender Farbe bemalt und mit Hieroglyphen bezeichnet iſt, die ſaͤulenfoͤrmig in die Mauer gegraben ſind. Zwei Menſchen ſitzen zur Seite der Pforte, zu welcher ein langes Treppen⸗Gelaͤnder mit ſehr ſanftem Abhange fuͤhrt. Ein rother, 16 Fuß hoher, 10 Fuß langer und 6 Fuß breiter Granit bildet den Sarcophag des Koͤnigs, deſſen Figur erhaben auf den Deckel gemeiſelt iſt. Rings herum ſieht man Hieroglyphen. Niſchen, welche in dem Felſen angebracht ſind, dienten ohne Zweifel fuͤr die Mumien der koͤniglichen Familie. Die in andern Gemaͤchern befindlichen Grabmaͤhler wurden gewaltſam weggeſchleppt, wie die Truͤmmer beweiſen. Man bemerkt eine ſehr ſchoͤne Grotte, wo nur der 10 Fuß lange und 6 Fuß breite Marmordeckel noch uͤbrig iſt. Im Hintergrunde der tiefſten Hoͤhlung erkennt man eine in erhabener Arbeit gemeiſelte Menſchen⸗ Figur, mit verſchlungenen Armen uͤber der Bruſt. Zwei andere knieen zur Seite. 4 Dieſe Gallerien, dieſe unterirdiſchen Gemaͤcher ziehen ſich ſehr weit unter die Berge hinein. Durch⸗ wandelt man ſie, ſo fuͤhlt man ſich von heiligem 27ſtes B. Aegypten. II. 2. 4 550⁰ Schauer ergriffen, als ob die Gegenwart lebender Weſen die Friedeusſtaͤtte der Entſeelten ſtoͤrte. Kehrt man aus dieſen dunkeln Schattengaͤngen zuruͤck, ſo ſtoͤßt der Reiſende, der ſich gegen Suͤdoſt wendet, auf die Truͤmmer eines Tempels, deſſen vier⸗ eckige Pfeiler Statuen tragen, deren Koͤpfe abgeſchla⸗ 3 gen ſind. Das Gebaͤude iſt faſt nur ein Haufe von Ruinen. Ganz verſteinert bleibt man bei dem Anblicke eines Koloſſes ſtehen, der auf der Erde liegt, und in der Mitte abgebrochen iſk. Man zaͤhlt 21 Fuß in der Breite von einer Schulter zur andern. Sein Haupt iſt 11 Fuß lang und hat 18 Fuß im Umkreiſe. Die Ueberreſte der Gebaͤude, welche zu dieſem Tempel ge⸗ hoͤrten, bedecken eine Flaͤche von einer Meile im um⸗ fange, und laſſen in der Seele eine hohe Idee von ſeiner Pracht zuruͤck. Setzt man den Weg fort, ſo trifft man eine halbe Meile weiter davon die Ruinen des nahe bei Medi⸗ net Abou gelegenen Memnonium. Man ſieht hier den groͤßten Koloß von Aegypten, der aus fuͤnf Granit⸗Schichten zuſammen geſetzt, aber in der Mitte gebrochen iſt. Es ſcheint die Statue des Oſyman⸗ dias zu ſeyu. Ein einziger Fuß davon mißt 11 Fuß Laͤnge. Dieſe Figur, welche Strabon die Mem⸗ nous⸗Statue nennt, gab bei dem Aufgange der Sonne einen Klang von ſich. Dieſe ſind nun die Ueberreſte Theben's, deſſen Sterr um ſich in die Nacht der Zeiten verliert. Aus 551 ihr kann man entnehmen, zu welcher Stufe der Voll⸗ kommenheit die Kuͤnſte ſchon in den fruͤheſten Jahr⸗ hunderten gebracht waren. Alles iſt hier voll Wuͤrde und Majeſtaͤt. Es ſcheint, daß die Koͤnige dieſer Stadt, deren Ruhm nicht verloͤſchen wird, ſo lange ihre Obelisken und Koloſſe beſtehen, nur fuͤr die Unfferb⸗ lichkeit arbeiteten. Sie hatten ihre Werke gegen die Stuͤrme der Zeit geſichert, aber gegen die Barbarei der Eroberer, die furchtbarſte Geiſel der Wiſſenſchaften und Kuͤnſte, konuten ſie dieſe herrlichen Denkmale nicht ſchuͤtzen. 25 XI. Armant, ein Dorf, auf dem Wege von Theben nach Esne gelegen, iſt am Fuße einer An⸗ boͤhe erbaut, wo man die Ruinen Hermuntis er⸗ blickt. Dieſe alte Stadt, welche pollo und Ju⸗ piter ganz beſonders verehrte, hatte ihnen zwei Tempel errichtet. Sie ſind noch wohl erhalten. Jener Apollon's iſt klein; ſeine Mauern beſtehen aus Gra⸗ nit; ein Fries, mit Sperbern bedeckt, welche dieſer Sottheit heilig waren„ laͤuft rings herum. Man ſteigt auf einer an der Seite augebrachten Treppe zur Teraſſe empor. Hieroglyphen bedecken alle Waͤnde; vier Reihen von Menſchen⸗Figuren ſind gußerhalb, und drei inwendig angebracht. Das Gebaͤude iſt in mehrere Saͤle eingetheilt. Fuͤnf Falken, mit ausge⸗ breiteten Fluͤgeln, ſchmuͤckten den Plafond des erſteren. Goldene Sterne glaͤnzen auf dem Plafond des zweiten. Man bemerkt hier zwei gegen einander gekehrte Wid⸗ 552 der, mit kuͤnſtlich gemeiſelten Hieroglyphen; zwei Stiere aus Marmor nehmen das außerſte Ende des Gemaches ein. Ran ſieht rings herum ſaͤugende Frauen. Ein großes Gebaͤude, wovon nur noch die Grundlagen vorhanden find, gehet dem Tempel voran. Jenſeits oͤffnet ſich ein großer Behaͤlter, der die Waſ⸗ ſer des Nils aufnahm. Etwas weiter davon, auf dem Ufer des Fluſſes, trifft man ein anderes Gebaͤude, welches wahrſcheinlich der Tempel Jupiters war, und von den Chriſten in eine Kirche verwandelt wurde. Der Gips, worauf man Kreuze gemalt hat, bedeckt die Hieroglyphen und gegyptiſchen Aufſchriften. Esne, ehedem Latopolis, verehrte die Mi⸗ nerva und den Fiſch Latus. Sie hat in ihrem Um⸗ kreiſe einen alten Tempel; dicke Mauern ſchließen ihn von drei Seiten. Sechs betraͤchtliche kannelirte Saͤu⸗ len, uͤber welchen ein mit Palmblaͤttern geziertes Ka⸗ pital angebracht iſt, bilden die Außenſeite; achtzehn andere unterſützen das Dach, welches aus breiten Marmorplatten zuſammen geſetzt iſt. Ein Fries umgibt das Gebaͤude, und zahlloſe Hieroglyphen bedecken die aͤußeren Waͤnde. Diejenigen, welche man inwendig ſieht, zeigen, wie weit es die Aegypter ſchon in der Bildhauerei gebracht hatten. Der Tempel iſt voll Unrath. Die Barbaren erroͤthen nicht, die ſchoͤnſten Denkmale Altaͤgypteus in Pferdſtaͤlle zu verwandeln. Eine Meile weſtlich von Esne iſt ein anderer Tempel, auf deſſen Mauern man oͤfter eine ſitzende 5⁵3 Frau abgebildet ſieht. Hier wurde naͤmlich Minerva, welche die Griechen anfangs ſitzend vorſtellten, und die Aegypter Neith hießen, verehrt. Auch unterhielt man den Fiſch Latus. Die Saͤulen dieſes Tempels haben vielleicht den Griechen die Idee zur⸗ korinthiſchen Ordnung geliefert. In der That ſind die Kapitaͤler mit Laubwerk geſchmuͤckt, welches dem Akanthus (Baͤrenklau) nahe kömmt. Verſchiedene auf den Pla⸗ fond gemalte Thiere haben die ganze Friſche ihrer Farben beibehalten. Die Aegypter wendeten oft in ihren Malerien Gold und Ultramarin⸗Blau an; aber ſie kannten die Art der Abſtufungen nicht, wo⸗ durch der Maler ganz unmerklich von einer Schatti⸗ 4 rung zur audern uͤbergeht. Ihre Farben ſind ſehr glaͤnzend, aber beinahe ſtets einfoͤrmig„ und ganz ein⸗ fach aufgelegt.. Suͤdlich von Esne ſieht man die Truͤmmer eines von der heiligen Helena gegruͤndeten Kloſters, und nahe dabei den Gottesacker der Martirer, mit Grab⸗ maͤlern geziert, welche von Schwibboͤgen getragene Helmdaͤcher haben. Da die Einwohner von Esne gegen die Verfolgungen Diocletian's ſich empoͤrten, verwuͤſtete er ihre Stadt, und ließ ſie uͤber die Klinge ſpringen. Der Platz iſt nun ein beruͤhmter Wallfahrts⸗ ort der Kophten geworden. XII. Oberhalb Esne trifft man das Dorf Ed⸗ fou, wo ein arabiſcher Scheik gebietet. Es iſt guf den Ruinen der großen Stadt Apollon's erbaut, 554 und beſitzt einen antiken, mit Hieroglyphen bedeckten Tempel, unter denen man Menſchen mit Fal en⸗ Köpfen unterſcheidet. Seine Einwohner waren Feinde des Crocodills. Einige Meilen von Edfou wird das Flußbett von Felſen zuſammen gedraͤngt, und hat nur 50 Toiſen in der Breite. Man nennt den Ort Hajar Salſale, den Stein der Kette, und man glaubt, daß man hier ehedem eine Kette von einem Ufer zum andern ſpannte. Die Felſen der Weſt⸗Seite ſind grottenartig ausgehauen. Man ſieht Saͤulen, vier⸗ eckige Pfeiler und Hieroglyphen, nebſt einer in den Felſen gegrabenen Kapelle. Die zwiſchen den Bergen zuſammen gedraͤugten Fluthen ſchießen mit ſolchem Ungeſtuͤm dahin, daß man nur mit guͤnſtigem Winde aufwaͤrts fahren kann. Hat man Hajar Salſale paſfirt, ſo erkennt man auf der Oſtſeite des Nils Coum Ombo. Die Ruinen eines am Fuße dieſes Huͤgels gelegenen Tem⸗ pels weiſen auf das alte Ombos, deſſen Einwohner das Crocodill verehrten. Dieſe Thiere ſind auf dieſer Anhoͤhe ſehr haͤuſg. Man ſieht ſie truppweiſe herab kommen und im Waſſer ſchwimmen. Es ſcheint, daß ſie da ihren Aufenthaltsort feſtſetzten, wo man ſie oͤf⸗ fentlich verehrte; was ſie aber zahlreicher macht, als in den uͤbrigen Theilen von Aegypten iſt der Umſtand, daß dieſe Ufer des Nils faſt oͤde ſind. Nun landete Savary im Hafen von Aſſonan, ehedem Siene; hier war auch das Ziel ſeiner Reiſe. 555 Aſſouan, auf der Oſtſeite des Fluſſes gelegen, iſt nur ein elender Flecken mit einer kleinen Feſtung, wo ein Janitſcharen⸗Aga kommandirt. Die Ueberreſte vyn Siene ſind auf der Hoͤhe, welche ſuͤdlich empor ſteigt. Saͤulen und Granit⸗Pfeiler, an verſchiedenen Orten zerſtreut, bezeichnen ſeine Staͤtte. Man be⸗ merkt hier ein altes Gebaͤunde mit Oeffnungen auf dem Gipfel, und mit Fenſtern, welche oſtwaͤrts ſchauen. Vielleicht war es eine Sternwarte der Aegypter. Der Waſſerfall iſt noch heut zu Tage ſo, wie Strabo ihn beſchreibt. Der Felſen, welcher die Mitte des Fluſſes ſtemmt, iſt ſechs Monate des Jahres ſicht⸗ bar. Dann fahren die Schiffe ſeitwaͤrts auf und ab. Waͤhrend der Ueberſchwemmung ſtuͤrmen die Wellen uͤber dieſes Felſenriff hinweg, und machen einen Sturz von eilf Fuß Hoͤhe. Die Schiffer koͤnnen als⸗ dann nicht mehr ſtromaufwaͤrts fahren, und man muß die Waaren zwei Meilen oberhalb des Waſſerfalls auf der Axe fuͤhren. Hinab ſchiffen ſie jedoch wie gewoͤhn⸗ lich, und laſſen ſich in den Schlund hinab reißen. Dieß geht ſo pfeilſchnell, daß man ſie in einem Au⸗ genblicke aus dem Geſichte verliert. Die Fahrzeuge duͤrfen aber nur mittelmaͤßig beladen ſeyn, und die Schiffer auf dem Hintertheile muͤſſen das Gleichgewicht wohl halten; ſonſt wuͤrden ſie im Aögrunde ver⸗ ſchlungen. Weſtlich von Aſſouan hat man einen Weg in Felſen gehauen, der nach Phile fuͤhrt. Man ſieht zur Seite ungeheure Steinbruͤche von Granit, wo man die Obelisken aus einem Stuͤcke arbeitete und auf Floͤßen an den Ort ihrer Beſtimmung brachte. Die Inſel Phile hat nur eine halbe Meile im Umfange. Die Aethiopier und Aegypter wohnten daſelbſt gemeinſchaftlich; heute iſt ſie verlaſſen, aber man bewundert daſelbſt zwei praͤchtige Tempel. Hoͤfe, mit Kolonnaden geſchmuͤckt, umgeben den groͤßern. Man tritt in den erſten durch eine Pyramidal⸗Pforte, auf deren Seite zwei Obelisken aus Granit ſich befin⸗ den. Das Innere des Tempels iſt in mehrere Gemaͤ⸗ cher eingetheilt. Seine Mauern beſtehen aus Mar⸗ mor und zeigen mehrere Reihen von Hieroglyphen. Oeſtlich von dieſem Gebaͤude trifft man ein anderes, welches ein langes Viereck bildet. Es iſt von allen Seiten offen. Die Kapitaͤler der Saͤulen, welche das Dach tragen, ſind voll kuͤnſtlicher Bildhauer⸗Arbeit. 557 Dritler Theil. Nach dieſer Beſchreibung von Aegypten, dem Lande der Wunder, duͤrfte es nicht unzweckmaͤßig ſeyn, noch einige Bemerkungen uͤber das Wachſen des Nils, uͤber den Zuſtand der Regierung, des Ackerbaues, Klimas, der Einwohner und ihrer Gebraͤuche, wie des Handels hier kurz beizufuͤgen. I. Der Nil iſt der beruͤhmteſte Fluß auf der gan⸗ zen Erde. In den Monaten Maͤrz, April, Mai und Juni treiben die Nordwinde die Wolken gegen die Hochgebirge jenſeits des Aequators. Aufgehalten durch dieſe Wehre haͤufen ſie ſich auf ihren hohen Gipfeln, und loͤſen ſich in Regen auf, der in Stroͤmen herab faͤllt und die Thaͤler erfuͤllt. Die Vereinigung einer zahlloſen Menge von Baͤchen bildet den Nil und be⸗ wirkt die Ueberſchwemmung. Nach einſtimmigem Zeug⸗ niſſe der Abiſſinier, welche Goldſtaub nach Groß⸗ Kairo bringen, theilt ſich dieſer. Fluß, nachdem er in Aethiopien angekommen iſt, in zwei Arme, deſſen einer, unter dem Namen Aſerac, oder blauer Strom, ſich mit dem Niger vereinigt, Afrika von Öſt gegen Weſt durchſtroͤmt, und ſich in den atlantiſchen Oeean ergießt; der andere Theil lauft gegen Nord, zwiſchen zwei Gebirgsketten, und bildet, da er auf Granitfel⸗ ſen ſtoͤßt, die ſein Bett ſperren, ſechs Waſſerfaͤlle, die furchtbarer find, als der bei Siene, und durch⸗ aus die Schifffahrt hemmen. Sobald er bei der er⸗ 558 ſten Stadt Aegypten's angekommen iſt, faͤllt er eilf Fuß in den Schlund, den er ſich ſelbſt gegraben, und deſſen Gefahren die Schiffer zu trotzen wagen. Nun zieht er durch dieſes ſchoͤne Land dahin, fuͤllt alle Kanaͤle und Seen, ſtroͤmt uͤber die Gefilde, laͤßt hier einen fruchtbaren Schlamm und ergießt ſich durch ſieben Muͤndungen in das mittellaͤndiſche Meer. In den erſten Tagen des Junius faͤngt der Nil zu wachſen an; aber ſehr merklich nur bei der Sonnen⸗ Wende. Zu dieſer Zeit truͤbt ſich das Waſſer, nimmt eine roͤthliche Farbe an und wird ungeſund. Man muß es zuvor reinigen und trinkbar machen. Dieß ge⸗ ſchieht, indem man Pulver aus geſtoßenen bittern Mandeln einwirft, und einige Minuten mit dem ein⸗ getauchten Arm in einem vollen Waſſerkruge herum treibt. Nach dieſer Manipulation laͤßt man es ſitzen. Fuͤnf oder ſechs Stunden ſpaͤter ſinken alle fremdarti⸗ gen Theile auf den Boden, das Waſſer wird hell⸗ klar und trefftich zum Trinken. Der Nil waͤchſt bis gegen das Ende Auguſts und oft bis zum September. Aufgeſtellte Beamte theilen taͤglich den oͤffentlichen Ausrufern ihre Beobachtungen uͤber das Wachſen des Niles mit, und dieſe machen es dann in den Straßen von Groß⸗Kairo bekannt. Das Volk, welches lebhaften Antheil an dieſem Er⸗ eigniſſe nimmt, gibt ihnen eine kleine Erkenntlichkeit. Da Aegypten dem Oberherrn keinen Tribut ſchul⸗ dig iſt, wenn die Waſſer nicht bis auf ſechzehn Ellen 559 teigen, ſo verhuͤllt man oft die Wahrheit, und ver⸗ kuͤndet nur, daß ſie bis zu dieſer Stufe empor geſtie⸗ gen ſind, wann ſie dieſelbe uͤberſchritten haben. Der Augenblick dieſer Beka ntmachung iſt ein Freudentag, und ein großes Feſt fuͤr die Aegypter. Der Paſcha, von ſeinem ganzen Hoſſtabe begleitet, ſteigt aus ſeinem Schloſſe hernieder, und begibt ſich im feierlichen Aufzuge nach Foſat, wo der Kanal beginnt, der Groß⸗Kairo durchſtruͤmt. Er ſtellt ſich unter ein praͤchtiges, auf der Spitze des Dammes errichtetes Gezelt. Vor den Beys zieht ihre Muſik, und hinter ihnen folgen die Mamelucken, welche ihr Gefolge bilden. Die Haͤupter der Religion erſcheinen hier auf reich bedeckten Pferden reitend. Alle Einwohner zu Pferd, zu Fuß und zu Schiff, draͤngen ſich heran, um der Feierlichkeit beizuwohnen. Mehr als 300,000 Menſchen bedecken Land und Waſſer. Der groͤßte Theil der Schiffe iſt angenehm bemalt, kuͤnſtlich mit Schnitzwerk geziert, und mit einem Thronhimmel und verſchiedenfarbigen Wimpeln geſchmuͤckt. Die der Frauen kann man an ihrer Eleganz, an ihrem Reich⸗ thume, an den vergoldeten Saͤulen, welche den Thron⸗ himmel tragen, und vorzuͤglich an den uͤber die Fen⸗ ſter herab gelaſſenen Jaluſien erkennen. Das ganze Volk bleibt ſtille bis zu dem Augenblicke, in welchem der Paſcha das Zeichen gibt. Jetzt erhebt ſich Freu⸗ den⸗Geſchrei in die Luft, die Trompeten ſchmettern, 560 und der Klang der Paucken und anderer Inſtrumente wiederhallt von allen Seiten. Verſammelte Arbeiter ſtuͤrzen eine auf den Damm geſetzte irdene Statue binunter, welche die Verlobte heißt. Dieß iſt noch ein Ueberbleibſel der alten Religion der Aegyp⸗ ter, welche eine Jungfrau dem Nil weihten, und ſie in Zeiten der Bedraͤngniß manchmal hinab ſtuͤrzten. Die Straße iſt bald zerſtoͤrt, und da die Waſſer kein Hinderniß mehr finden, ſo ſtroͤmen ſie auf Groß⸗ Kairo los. Der Vize⸗Koͤnig wirft in den Kanal Gold⸗ und Silberſtuͤcke, welche geſchickte Taucher ſo⸗ gleich aufraffen. Man kann dieſe Handlung als Hul⸗ digung betrachten, welche dem Nil, als der Quelle der Reichthuͤmer Aegyptens dargebracht wird. Waͤh⸗ rend dieſes Tages ſcheinen die Aegypter freudetrun⸗ ken. Man wuͤnſcht ſich Gluͤck, man hoͤrt von allen Seiten Geſaͤnge der Dankſagung. Eine Menge Taͤn⸗ zerinnen durchhuͤpfen die Ufer des Calieh, und er⸗ heitern die Zuſchauer durch ihre zuͤgelloſen Taͤnze. Man uͤherlaͤßt ſich den Schmauſereien und der Freude, und der Arme ſogar hat ſeine Feſtgelage⸗ Die folgende Naͤchte bieten ein noch reizenderes Schauſpiel dar. Der Kanal fuͤllt die Hauptplaͤtze der Stadt mit Waſſer. Abends vereinigt ſich jede Fami⸗ lie in Barken, wo die Weichlichkeit alle moͤglichen Bequemlichkeiten findet. Die Gaſſen, die Moſcheen, die Minarets ſind erleuchtet. Man faͤhrt von Platz zu Platz ſpatzieren, und hat Fruͤchte und andere Er⸗ — 561 friſchungen bei ſich. Die lahlreichſte Verſammlung findet ſich gewoͤhnlich auf dem Lesbekin. Dieſer Platz, der groͤßte der Stadt, hat mehr als eine halbe Meile im Umkreiſe, und bildet einen ungeheuren Waſſer⸗Behaͤlter, von den Pallaͤſten der Beys umge⸗ ben, und von mannigfarbigen Lichtern beſtralt. Meh⸗ rere tauſend Schiffe, an deren Maſten Lampen haͤn⸗ gen, bewirken dort eine bewegliche Beleuchtung, de⸗ ren Schauſpiel jeden Augenblick wechſelt. Die Klar⸗ heit des Himmels, das Gold der funkelnden Sterne, das Feuer ſo vieler Lichter, welche im Waſſer ſich ſpiegeln, bewirken, daß man bei dieſen herrlichen Spazierfahrten die Helle des Tages, und die erquik⸗ kende Kuͤhle der Nacht genießt. Was aber das Ver⸗ gnuͤgen dieſer naͤchtlichen Seene noch erhoͤht, iſt der Umſtand, daß die Ruhe der Luft nur ſelten von dem ungeſtuͤmen Hauche der Winde geſtoͤrt wird. Sie ſinken mit dem Untergange der Sonne, und ein leiſer Weſt bewegt ſanft die Atmoſphaͤre. Die Seltſamkeit srientaliſcher Sitten bildet einen auffallenden Wider⸗ ſpruch fuͤr den zuſchauenden Europaͤer. Die Maͤnner fahren mit Maͤnnern, die Frauen mit den Frauen. Nur ſehr ſchwer kann man ſich die reizende Geſell⸗ ſchaft der letztern verſchaffen. Die Verkleidung, wel⸗ cher man ſich unterziehen muß, die Gefahren, in welche man ſich dabei wagt, zwingen die Vernunft ur Beſonnenheit. Man iſt auch verpflichtet, ſtets brennende Lampen zu unterhalten. Die oͤffentliche 562 Sicherheit erheiſcht dieſe Vorſichts⸗Maßregel und der Cuali, der Nachts herum geht, wacht ſorgfaͤltig uber deren Vollziehung. Trifft dieſer Ober⸗Polizei⸗ Beamte Barken ohne Licht, ſo hat er das Recht, den darin befindlichen Perſonen ohne weiters den Kopf abſchlagen zu laſſen. Durch die Ueberſchwemmung des Nils wurde der Boden ſeit einer Reihe von Jahrhunderten außeror⸗ dentlich erhoͤht. Obelisken, die jetzt 15 bis 20 Fuß in die Erde tiefer vergraben, Saͤulen⸗Gaͤnge, die bis zur Haͤlfte mit Schlamm bedeckt ſind, beweiſen dieſen Umſtand. Eben deßwegen ſteigt auch die Ueberſchwem⸗ mung nie bis zu dem Grade, daß die Felder durch ſie leiden durften. Bleibt ſie unter ſechzehn Ellen, ſo iſt das Volk mit Hunger bedroht, bei 18— 22 Ellen kann es auf geſegnete Jahre rechnen. Ueberſchreitet das Waſſer dieſes Mnß, ſo bleibt es zu lange ſtehen, und hindert den Anbau. Doch ereignet ſich der Fall ſelten; deſto oͤfter hat man nur mittelmaͤßige Ueber⸗ ſchwemmung; dann bleiben alle Aecker auf den Anhoͤ⸗ ben ohne Produection. Es waͤre nicht unmoͤglich fuͤr Aegypten, eine re⸗ gelmaͤßige Ueberſchwemmung und eine beſtaͤndige Fruchtbarkeit herbei zu fuͤhren. Aber um dieſes durch⸗ zuſetzen, muͤßte man Aethiopien erobern, oder ei⸗ nen Vergleich mit den Bewohnern ſchließen, nach welchem ſie geſtatten wuͤrden, in den Orten, wo die Waſſer des Nils ſeh. i dem Sande verlieren und weſtwaͤrts verbreiten, aͤmme anzulegen. II. Die Araber haben Aegypten ſeit der Mitte des ſechſten Jahrhunders bis 1250 beſeſſen. Waͤhrend dieſer Zeit machte es einen Beſtandtheil des weiten Reiches der Califen aus. Sie ſchickten Weſſirs dahin, um in ihrem Namen zu gebieten. Bekleidet mit ei⸗ nem unumſchraͤnkten Anſehen, uͤbten dieſe Vizekoͤnige die ho öchſte Macht aus, und beherrſchten das Land nach ihrer Laune. Dieſe Regierungsart war alſo des⸗ potiſch, und Gluͤck und Ungluͤck einer Nation hing von den Tugenden oder der Laſterhaftigkeit eines Ein⸗ zigen ab. Im J. 982 eroberte Moaz, Koͤnig der weſtlichen Seite Afrika's, ein Abkoͤmmling der fatimiti⸗ ſchen Califen, welche ſeit zwei Jahrhunderten da⸗ ſelbſt ein Koͤnigreich gegruͤnder hatten, durch ſeine Generale Aegypten, und errichtete dort den Sitz ſei⸗ nes Reiches. Seine Nachkommen herrſchten dort bis 11898, wo Salah⸗Eddin die Dynaſtie der Ajoubiten gruͤndete. Im J. 1250 ermordeten die baharitiſchen Mamelucken, urſpruͤngliche Tuͤrken, den letzten Prinzen aus der Familie der Ajoubiten, und den Sohn des Neim Eodin, ihren Wohlthaͤter. In ſeiner Perſon erloſch die Herrſchaft der arabiſchen Fuͤrſten uͤber Aegypten. Von dieſem Augendlicke an ward es immer durch Auswaͤrtige regiert. 564 Die baharitiſchen“*) Mamelucken aͤnderten die Regierungsform und machten ſie republikaniſch. Die vorzuͤglichſten unter ihnen waͤhlten ein Oberhaupt, welchem ſie großes Anſehen einraͤumten. Er hatte das Recht, Krieg zu fuͤhren und Friede zu ſchließen, nach⸗ dem er vorher ſich mit dem Rathe, deſſen Gllieder ſie bildeten, benommen hatte. Er konnte Miniſter, Ge⸗ ſandte, Statthalter, Generale waͤhlen; jedoch nur un⸗ ter den Mamelucken. Gegen die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ſtießen die eireaſſiſchen Mamelucken die baharitiſchen vom Throne, und behielten die naͤmliche Regierungs⸗ form bei. Sie beſaßen Aegypten bis zur Eroberung des tuͤrkiſchen Kaiſers Selim, der es ihnen im J. 1577 entriß. Selim ließ Thomam Bey, den Koͤnig der eir⸗ eaſſiſchen Mamelucken, an eine Pforte von Kairo aufknuͤpfen. Als aber der Taumel ſeines Ruhmes all⸗ maͤhlig ſich gelegt hatte, ſah er ſeinen Fehler ein, und um ſich dieſe wichtige Eroberung zu ſichern, be⸗ muͤhte er ſich, das Wohlwollen der Mamelucken wieder zu gewinnen. Zu dieſem Endzwecke aͤnderte er wenig *) Oder die Seeanwohner alſo genannt, weil ihnen Neim Eddin die Herrſchaft uͤber die am Meeresufer und auf der Inſel Raouda gelegenen Schloͤſſer einraumte. 56⁵ in ihrer Regierungs⸗Verfaffung, und ertheilte ihnen anſehnliche Privilegien. Die Regierung wurde alſo eine monarchiſch⸗ariſtokratiſche. Die erſte iſt durch den Paſcha, die letztere durch die Bey's vorgeſtellt, welche den weſentlichen Beſtandtheil der Republik ausmachen. Sie fuͤhlen auch die Vortheile ihrer Stellung und mißbrauchen ſie bis zum Uebermaße. Ein Paſcha bleibt nur ſo lange an ſeinem Platze, als er ihren Wuͤnſchen huldigt. Wagt er es, ein Wort zu ſprechen, um das Intereſſe ſeines Herrn oder der Aegypter zu verthei⸗ digen, ſo wird er ein Staatsverbrecher; der Divan verſammelt ſich, und man ſchickt ihn zuruͤck. III. Der Ackerbau war ſehr geehrt bei den alten Aegyptern. Sie hatten ihn in dem ganzeu Umfange ihres Reiches ſehr bluͤhend gemacht. Zeuge deſſen ſind die ungeheuren Arbeiten, welche ſie unternahmen, um die Waſſer zu vertheilen, und die Gefilde zu be⸗ fruchten. 3 Seit 1200 Jahren iſt dieſes Land einem Volke unterworfen, welches den Ackerbau nicht treibt; es hat alſo auch einen großen Theil dieſer koſtbaren Werke ziu Grunde gehen laſſen. Die Barbarei der jetzigen Regierung wird ſich noch vollends vernichten. Jedes Jahr verengen ſie die Graͤnzen des bebauten Landes, und unfruchtbarer Sand haͤuft ſich auf allen Seiten an. Man kann behaupten, daß mehr als ein Drit⸗ 27ſtes B. Aegypten. II, 2. 5 566 theil ehedem kultivirten Bodens ſich in Wuͤſten ver⸗ wandelt habe, deren Anblick den Wanderer ſchreckt. Eben ſo iſt es mit der Bevoͤlkerung. Alt⸗Aegyp⸗ ten verſah ungefaͤhr 8 Millionen Einwohner mit Le⸗ bensmitteln, und naͤhrte noch Italien und die be⸗ nachbarten Provinzen. Heute zaͤhlt man kaum die Haͤlfte. Alle Laͤndereien gehoͤren den Chefs. Dieſe verkaufen ſie an Privatperſonen. Beim Tode der Eigenthuͤmer fallen ſie dem Sohne heim. Der Sohn iſt verbunden, das Erbe ſeines Vaters zu kaufen, kann aber nicht verſi⸗ chert ſeyn, es gewiß zu erhalten. Der meiſtbietende, oder der am meiſten Credit hat, reißt es an ſich. Was kann nun der Landmann fuͤr die Verbeſſerung ſeiner Felder thun, die er nicht mit Zuverſicht ſeinen Kin⸗ dern hinterlaſſen kann? Er denkt nur darauf, zu le⸗ ben, und laͤßt einen Theil ſeiner Domaͤnen brach lie⸗ gen. Die Cachefs und die Sangials, welche durch den Großherrn bevollmaͤchtigt ſind, willkuͤhrliche Tribute zu erheben, begehen unerhoͤrte Bedruͤckungen. Oft ermangelt der ungluͤckliche Landmann in Mitte des Ueberfluſſes, der ihn umgibt, des Noͤthigen; er verkauft ſeine Bauwerkzeuge, um die Auflage zu be⸗ zahlen. Dieſe Tyrannet ſetzt ſie dann in die Ohn⸗ macht, die reichſten Felder nicht mehr bauen zu koͤnnen. Ein anderes Uebel, welches eben ſo traurige Ver⸗ heerungen anrichtet, entſpringt aus dem Regierungs⸗ *4 3 567 Wechſel. Waͤhrend die Bey's ſich bekriegen, nehmen die Landleute an ihrer Zwietracht Theil, und reiben ſich gegenſeitig auf.. Die Chefs behalten alle Jahre von dem Tribut, welchen ſie nach Konſtantinopel ſchicken, be⸗ traͤchtliche Summen zuruͤck, welche ſie auf Unterhalt oͤffentlicher Gebaͤude und Kanaͤle verwenden muͤſſen. Ihre beſtaͤndigen Uneinigkeiten, das Beduͤrfniß Gold aufzuhaͤufen, um Mamelucken zu erkaufen, Soldaten zu beſolden und ihren Anhang zu verzaͤrken, hindert ſie, ſich mit dieſer unerlaͤßlichen Arbeit zu befaſſen. Dieſe Nachlaͤſſigkeit verſetzt dem Ackerbau den groͤß⸗ ten Schaden. Ein ganzer Bezirk, der ſeine Frucht⸗ barkeit und ſeine Reichthuͤmer einem Kanale verdankte, wird oͤde und verlaſſen. Im Delta, wie in Said, bedient man ſich des Pfluges zum ackern. Hat der Stier eine ſeichte Furche gezogen, ſo hackt man die Scholle mit dem Karſt und ebenet ſie, wie in einem Garten. Hat man ihr den Samen anvertraut, ſo wird ganz leicht geegt. Hier enden nun die Arbeiten des Landmanns bis zur Ernte, welche außerordentlich ergiebig iſt. Sind Korn und Gerſte reif, ſo ſchneidet man ſie und brei⸗ tet ſie auf der Tenne aus. Ein Wagen mit ſchneiden⸗ den Raͤdern, welchen Ochſen mit verbundenen Augen tiehen, und auf welchem ein Landmann ſitzt, faͤhrt uͤber die Halme weg und ſchneidet ſie in Stuͤcke. Man ſondert nun die Korner mit der Sch vinge. Sie 568 ſind gelb, dick und ſehr trefflich. Die Aegypter be⸗ reiten ein rothgelbes, zur Haͤlfte gekochtes, ſchlechtes Brod; denn ſtatt der Wind⸗ und Waſſermuͤhlen brau⸗ chen ſie nur Handmuͤhlen, und beuteln das Mehl nicht gehoͤrig. Der Reis verlangt etwas mehr Sorge. Man muß die Felder dazu bewaͤſſern, die Wurzeln fremdartiger Kraͤuter beraus reißen, und ihn alle Tage, wenn er gepflanzt iſt, mittelſt der Schoͤpfraͤder begießen. Nach s Monaten ſchneidet und ſammelt man ihn gewoͤhnlich. S Die Saatzeit iſt nach den Provinzen verſchieden. Nahe bei Siene ſaͤet man Gerſte und Korn im Ok⸗ tober und erntet im Januar. Gegen Girge ſchneidet man im Februar, und waͤhrend des Maͤrz in der Um⸗ gegend von Kairo. So iſt der gewoͤhnliche Gang der Ernte in der Said. 3 Es gibt noch eine Menge anderer Gegenden, wo das Erdreich naͤher oder ferner dem Fluſſe, hoͤher oder tiefer liegt. In Nieder⸗Aegypten ſaͤet und erntet man das ganze Jahr. Die Erde ruht nie und gibt dreifache Ernte. Hier hat der Reiſende ohne Unterlaß das entzuͤckende Schauſpiel der Bluͤten, Ern⸗ ten und Fruͤchte vor Augen; Fruͤhling, Sommer und Herbſt bieten auf ein Mal ihre Schaͤtze dar. Faͤhrt man im Anfang Januars die Waſſerfaͤlle hernieder, ſo ſieht man das Getreid faſt reif, tiefer ſchießt es in Aeh⸗ ren, und noch weiter decken ſich die Ebenen mit Gruͤn. 569 Der Lucerner⸗Klee, welchen man drei Mal von November bis Maͤrz abmaͤhet, macht den Aegyptern allein zu ſchaffen. Er dient vorzuͤglich zur Nahrung fuͤr die Herden. Da die Aegypter die Olive nicht pflanzen, ſo kau⸗ fen ſie ihr Oel in Kreta und Syrien. Aber ſie haben von ihren Vaͤtern den Geſchmack an Beleuch⸗ tungen geerbt, und ziehen deßwegen aus mancherlei Pflanzen Oel., Das gewoͤhnlichſte Brennoͤl iſt das aus Seſam bereitete, welches ſie Sireg heißen. Sie ma⸗ chen auch aus Schartam, Lein, Mohn und Lattich⸗ Samen einiges Oel. Ihre Art die Bienen zu ziehen, iſt ſo merkwuͤr⸗ dig, als die kuͤnſtliche Ausbruͤtung der Eier. Da Ober⸗Aegypten nur vier oder fuͤnf Monate des Jahres ſein Gruͤn behaͤlt, und die Blumen viel fruͤ⸗ ber erſcheinen, ſo benutzen die Einwohner von Nie⸗ der⸗Aegypten dieſe koͤſtlichen Augenblicke. Sie ſammeln auf großen Schiffen die Bienen der verſchie⸗ denen Doͤrfer. Jeder Einwohner vertraut ihnen ſei⸗ ne genau bezeichneten Bienenſtoͤcke an. Iſt das Fahr⸗ zeug mit Leuten beſetzt, welche es lenken muͤſſen, ſo fahren ſie ganz ſanft den Strom aufwaͤrts, und hal⸗ ten an allen Plaͤtzen, wo ſie Gruͤn und Blumen fin⸗ den. Die Bienen fliegen mit Tages⸗Anbruche aus ihren Zellen, beladen ſich mit dem Reichthume der Bluͤten, und Schiffe zuruͤck. kehren mehrmals mit der Beute zum Abends ſuchen ſie ihre Wohnungen 570 wieder auf, ohne daß ſie ſich verirren. Nach dreimo⸗ natlichem Aufenthalte auf dem Nil haben die Bienen den Neetar der Orangenbluͤte von Said, die Roſen⸗ Eſſenz von Faioum und die Schaͤtze des Jasmin von Arabien und anderer mannigfaltiger Blumen geſammelt, und werden nun in ihre Heimath zuruͤck gebracht, wo ſie neue Reichthuͤmer eintragen. Da⸗ durch gewinnt der Aegypter koͤſtlichen Honig und einen Ueberfluß an Wachs. Die Schiffer werden jederzeit nach der Anzahl der Bienenkoͤrbe bezahlt, die ſie von einem Ende Aegyptens bis zum andern gefuͤhrt haben. IV. In Ober⸗Aegypten iſt die Hitze außer⸗ ordentlich groß, gemaͤßigter in Nieder⸗Aegyp⸗ ten. Es gibt wenige Krankheiten, welchen die Aegyp⸗ ter unterworfen ſind. Am gewoͤhnlichſten ſind die Augen⸗kebel; auch die Kinderblattern und die Bruͤ⸗ che kommen haͤufig vor. Von Bruſtſchmerzen weiß man hier gar nichts. Vom Februar bis zum Mai weht der Weſtwind, deſſen Hauch aͤußerſt verderblich iſt. Die uͤbrige Zeit des Jahres unterhalten die Nordwinde die Heilſamkeit. Den Ausſatz kennt man in dieſem Lande nicht. Die Peſt ſcheint nicht ur⸗ ſpruͤnglich zu ſeyn. Die Europuͤer koͤnnen ſich, wenn ſte ihre Wohnungen nicht verlaſſen, gegen dieſe Land⸗ plage ſchuͤtzen. Die Kophten, Abkoͤmmlinge der Aegypter, haben 571 Talente und Kenntniſſe ihrer Vaͤter verloren. Die Araber ſind nach ihnen die aͤlteſten Einwohner des Landes. Diejenigen, welche, der Regierung der Beys unterworfen, die Fluren bebauen, haben die ihrer Nation angeborene Aufrig⸗ chtigkeit verloren; da bingegen diejenigen, welche unter der Herrſchaft ih⸗ rer Scheiks leben, ihre Geradheit und ihre Tugenden beibehielten. Die Beduinen bewohnen die Wuͤſteneien, und erklaͤren allen Karavanen den Krieg; aber ſie ſind edelmuͤthig, gaſtfreundlich und ihrem Schwure ge⸗ treu. Die Chriſten von Syrien, die Griechen und die Juden treiben mechaniſche Kuͤnſte. Wahrer Tuͤr⸗ ken findet ſich uur eine geringe Anzahl in Aegypten. V. Mahomet, der Geſetzgeber Arabiens, er⸗ laubte, ſich ſtuͤtzend auf das Anſehen der Patriarchen und die Macht der Gewohnheit, die Aufloͤfung des Ehebandes, aber er ſtellte zugléeich Gott das Urtheil uͤber die Rechtmaͤßigkeit der Handlung jedes Einzel⸗ nen heim, und ſetzte der Willkuͤhr der Menſchen heil⸗ ſame Schranken. Eine Muſelmann kann keine Frau heirathen, ohne ihr eine ſeinem Vermoͤgen entſpre⸗ chende Mitgift auszuſetzen. Will er ſich von ihr tren⸗ nen, ſo laͤßt er den Richter kommen, und erklaͤrt in ſeiner Gegenwart dieſes Vorhaben; und ſind die vier Monate*) der Friſt voruͤber, ſo gibt er ihr die in dem *)„Hat ein Mahometaner den Schwur gethan, 572 Heiraths⸗Vertrage bedingte Mitgift, und das von ihr empfangene Vermoͤgen zuruͤck. Haben ſie Kinder, ſo behaͤlt der Mann die Knaben, und die Frau nimmt die Maͤdchen mit ſich. Von dieſem Augenblicke an ſind ſie frei, und koͤnnen neue Verbindungen eingehen. Die Frauen ſind nicht einer ewigen Sklaverei unter⸗ worfen, wie man in Europa glaubt. Haben ſie wich⸗ tige Gruͤnde zur Trennung, ſo flehen ſie den Schutz der Geſetze an, und brechen ihre Ketten, Sie verlie⸗ ren in dieſem Falle ihr Heirathsgut und die Reich⸗ thuͤmer, welche ſie dem Manne in das Haus gebracht haben; aber ſie erlangen ihre Freiheit wieder. Manchmal ſchwoͤrt ein Mahometaner ohne wich⸗ tige Urſache, keinen Umgang mehr mit ſeiner Frau zu haben. Wandelt ihn Reue hieruͤber an, ſo kann er ſich, ohne eines Kadi Dazwiſchenkunft, mit ihr wieder verſoͤhnen. Der Geſetzgeber hat dieſer Laune eine Schranke geſetzt in folgendem Verſe:„Wer eine Frau drei Mal verſtoͤßt, kann ſie nur wieder zu ſich nehmen, wenn ſie in dem Ehebette eines Andern keinen Umgang mehr mit ſeiner Frau zu haben, ſo ſind ihm vier Monate Friſt beſtimmt, waͤh⸗ rend welcher er ſich mit ihr wieder ausſoͤhnen kann. Laͤßt er dieſen Termin verſtreichen, ſo muß er ſich ſcheiden. Sie wird frei und kann eine uei Verbindung eingehen.“ Coran, C.2 P· 573 war, der ſie verſtoßen hat. Es wird ihnen alsdann erlaubt ſeyn, ſich wieder zu vereinigen, wenn ſie die Gebote Gottes beobachten zu koͤnnen glauben.“ Co⸗ ran, C. 2. P. 39. Der Schuldige, welcher ſich in dieſem Falle be⸗ findet und eine Trennung fuͤrchtet, deren Urtheil er bereits ausgeſprochen hat, ſucht das Gebot zu verei⸗ teln. Er ſucht einen Freund, auf deſſen Verſchwie⸗ genheit er rechnen kann, ſchließt ihn in Gegenwart von einigen Zeugen mit ſeiner Frau ein, und erwar⸗ tet an der Pforte den Ausgang dieſer in ihrer Art einzige Seene. Der Verſuch iſt etwas bedenklich und lauft nicht immer nach dem Wunſche des Eheherrn ab. Wenn der dienſtfertige Freund bei dem Herausgehen ſagt:„Siehe da, meine Frau! ich will ſie ver⸗ koßen“— ſo hat der erſte das Recht, ſie wieder zu nehmen; wenn er aber der Freundſchaft in den Ar⸗ men der Liebe vergießt, und erklaͤrt, daß er ſie fuͤr ſeine Frau erkennt, ſo fuͤhrt er ſie mit ſich fort, ohne daß man ihm Widerſtand leiſten kann. So ſind die Geſetze Mahomets beſchaffen, wodurch er Friede und Eintracht unter den Verehelichten zu gruͤnden ſuchte. Daher iſt auch die Scheidung ſeltener bei ihnen, als man gewoͤhnlich denkt, und mehrere begnuͤgen ſich ſogar mit einer einzigen Frau, ohne von dem Vortheile des Geſetzes Gebrauch zu machen, welches erlaubt, vier Frauen auf ein Mal zu haben. 574 Will ſich ein junger Mann verehelichen, ſo ſorgen ſeine naͤchſten Verwandtinnen fuͤr ihn. Sie haben die meiſten Maͤdchen der Stadt im Bade geſehen, ſie koͤnnen ihm alſo das Bild derſelben ganz getreu nach der Natur entwerfen. Iſt ſeine Wahl entſchieden, ſo ſpricht man wegen der Verbindung mit dem Vater der Braut, ſetzt die Mitgift aus einander; und gibt dieſer ſein Jawort, ſo macht man ihm Geſchenke. Sind die beiden Theile unter ſich einig, ſo fuͤhren die Verwandten und Freundinnen die Jungflau in das Bad. Man entkleidet ſie ganz feierlich. Sie wird gebadet und mit Wohlgeruͤchen uͤberſtroͤmt. Man gibt den Naͤgeln der Haͤnde und Fuͤße eine Roſen⸗ farbe mit dem Henné. Man ſchwaͤrzt ihre Augen⸗ lieder mit dem Cohel. Man gießt in ihre Hagre koſtbare Eſſenzen und waͤſcht ihren ganzen Koͤrper mit Roſenwaſſer. Die Damen, ohne allen Schmucs, den ihrer lang hinwallenden Haarflechten ausgenommen, fuͤhren die junge Novizin im Zimmer umher, und weihen ſie in die Myſterien der Ehe ein. Sie beru⸗ higen das zagende Herz, ſprechen ihr von dem Gluͤcke, das ſie genießen ſoll, ruͤhmen ihr die Schoͤnheit, die Reichthuͤmer des jungen Gemahls. Der Reſt des Ta⸗ ges wird mit Feſtgelagen, Daͤnzen und Geſaͤngen hin⸗ gebracht. Tags darauf begeben ſich die naͤmlichen Perſonen zur Braut, und reißen ſie, wie mit Gewalt, aus den Armen der troſtloſen Mutter. Sie fuͤhren ſie im 575 Triumphe zum Hauſe des Gemahls. Sewoͤhnlich be⸗ ginnt der Zug am Abende. Poſſenreiſſer, welche ſich 4 die Fuͤſte an lange Staͤbe gebunden haben, gehen mit einer Balancierſtange in der Hand voraus. Zahl⸗ keiche Sklaven tragen vor den Augen des Poͤbels das Vermoͤgen, die Meubles, die Edelſteine zur Schau, welche zum Gebrauche der Verehelichten beſtimmt ſind. Schaaren von Taͤnzerinnen huͤpfen nach dem Klange der Inſtrumente voraus. Neich gekleidete Matronen ſchreiten langſam einher. Das junge Schlachtopfer erſcheint unter einem praͤchtigen, von vier Sklaven getragenen Thronhimmel. Ihre Mutter und Schwe⸗ ſtern unterſtuͤtzen ſie. Ein mit Gold, Perlen und Diamanten reich beſetzter Schleier verhuͤllt ſie ganz. Ein lange Reihe von Fackeln beleuchtet das Gefolge. Von Zeit zu Zeit ſingen Choͤre der Alme Strophen zum Lobe der Neu ⸗Verehelichten. Man waͤhlt immer die laͤngſte Straße; denn man iſt eiferſuͤchtig, den Augen des Volkes alle Pracht und Koſtharkeiten aus⸗ zukramen. Iſt man bei dem Hauſe des Gemahls angekom⸗ men, ſo ſteigen die Frauen in den obern Stock, wo wo ſie durch Jaluſien einer Gallerie alles beobachten koͤnnen, was unten vorgeht. Die in dem Saale ver⸗ ſammelten Maͤnner miſchen ſich nicht unter ſie. Sie bringen einen Theil der Nacht in Feſtgelagen, Kaffee⸗ und Sorbettrinken hin, und hoͤren der Muſik zu. Die Taͤnzerinnen aber finden ſich unten ein⸗ legen ihre 7 Schleier aber, und laſſen ihre Gewandtheit und Kunſt glaͤnzen. Sie ſpielen bei dem Laͤrm des Tamburins, der Cymbeln und Caſtagnetten ſtumme Scenen, in welchen ſie die Kaͤmpfe Hymens, den Widerſtand der jungen Gattin und die Kunſtgriffe Amors vorſtellen. Nichts gleicht der Wolluſt ihrer Bewegungen und der Zuͤgelloſigkeit ihrer Stellungen. Man bedarf der Worte nicht, um ihre Pantomimen zu verſtehen. Ab les iſt hier ſo natuͤrlich gemalt, daß man ſich gar nicht taͤuſchen kann. Sind dieſe Taͤnze geendet, ſo preiſet ein Chor der Alme in einem Lobgedichte den Zauber der jungen Gattin, und nennet ſie ſchoͤner als den Mond, friſcher als die Roſe, duftender als Jas⸗ min, und die Wonne des Sterblichen, der ſolche Reize genießen ſoll. Waͤhrend der Zeremonie laͤßt man ſie oͤfters vor ihrem Gemahl voruͤber gehen, immer in neuen Kleidern, um ihre Anmuth, ihren Reichthum zu zeigen. Endlich, wenn ſich die Geſellſchaft zuruͤck gezogen hat, tritt der Gemahl in das Brautgemach, der Schleier hebt ſich, und er ſieht ſeine Frau zum erſten Male. Iſt es ein Maͤdchen, ſo muͤſſen die Zei⸗ chen der Jungfrauſchaft erſcheinen; ſonſt hat er das Recht, ſie des andern Tages ihren Aeltern zuruͤck zu ſchicken, und dieß iſt der groͤßte Schimpf, der einer Familie begegnen kann. Daher gibt es auch nicht leicht ein Land, wo man die jungen Maͤdchen ſorgfaͤl⸗ tiger bewacht, oder wo man ſicherer iſt, eine Jung⸗ frau zu heirathen. 577 3 Dieß ſind bei den Aegyptern die Geſetze und Ze⸗ emonien der Verehelichung. Der Arme wie der Reiche beobachtet ſie aͤngſtlich. Die Tochter eines Handwer⸗ kers wird eben ſo zu ihrem Ehemanne gefuͤhrt; der ganze Unterſchied beſteht in der geringern Pracht, welche ſie umgibt. Statt der Fackeln fuͤhrt man ſie bei dem Scheine angezuͤndeten Tannenholzes, welches in Kohlenbecken brennt, die man auf hohen Stangen traͤgt. Statt der Taͤnzerinnen und Muſiker gehen Tamburins und Spaßmacher voras. Endlich borgt die Tochter des Armen, welche keinen Thronhim⸗ mel und kein Gefolge haben kann, einen Schleier, und geht unter dem Klange der Cymbeln oder ge⸗ wiſſer Metallſtuͤcke einher, welche arme Leute im Tacte zuſammen ſchlagen. Die Kophten beobachten beinahe dieſelben Ceremo⸗ nien; aber ſie verloben die Maͤdchen ſchon mit 6—7 Jahren. Ein Ring, welchen man ihnen an den Fin⸗ ger ſteckt, iſt das Zeichen dieſer Verbindung. Oft er⸗ halten ſie von den Aeltern die Erlaubniß, ſie im Hauſe bei ſich erziehen zu laſſen, bis ſie mannbar ge⸗ worden. Die Scheidung, die Baͤder, das pomphafte Geleite der Braut iſt auch bei den ſchismatiſchen Chriſten erlaubt; nur duͤrfen ſie bloß eine einzige Fran auf ein Mal haben. VI. Die äͤgyptiſchen Pharaonen kannten die Vortheile des Handels, und foͤrderten ſeine Bluͤte. 578 Das Land war noch in dieſem gluͤcklichen Wohlſtande, als Cambyſes mit einer ungeheuern Armee ein⸗ drang. Nun litt zwar der Handel durch deſſen Ge⸗ waltthaͤtigkeiten, aber ungeachtet der Feſſeln, welche er ihm anlegte, folgte der Verkehr doch dem gewoͤhn⸗ lichen Zuge, welcher ſchon zu bedeutend geworden war. Die Ptolemaͤer gruͤndeten eine Seemacht, die unter der roͤmiſchen Herrſchaft ſo einflußreich wurde, daß die Aegypter bis nach Bengalen vordrangen. Dieſer ausgebreitete Handel kam ſehr in Abnahme, als das Roͤmer⸗Reich in Verfall gerieth, und ward waͤhrend der Herrſchaft der Araber beinahe vernichtet, Die Venezianer oͤffneten ſich Aegyptens Hafen, unnd ſtellten den Handel wieder her. Die Portugieſen entriſſen ihnen denſelben, und Venedig verlor deß⸗ wegen ſeine Seemacht und die entlegenen Provinzen. Jetzt bringt der Handel, ungeachtet der großen Be⸗ ſchraͤnkung dem Aegypter noch immer große Vortheile. Der Kaffee, den ſie um 8 Pous das Pfund in Moka kaufen, verwerthen ſie fuͤr dreißig zu Kairo. Die ſet Artikel allein belaͤuft ſich auf eilf Millionen. Sie ſenden den groͤßten Theil nach Konſtantinopel, Griechenland, Narſeille und in die Gegend von Syrien. Der Reſt wird im Lande verzehrt. Aegypten kann ungeachtet ſeines Verfalls ſchon deßwegen glanzvoll mit maͤchtigen Reichen in die Schrauken treten, weil es in ſeinem Innern die Quelle wahrer Reichthuͤmer einſchließt. Der Ueberfluß an b 579 Getreide, mit welchem es Syrien, Arabien und einen Theil des Archipels verſieht; ſein Reis, den es in das ganze Mittelmeer bis nach Marſeille ver⸗ ſendet, die Safranbluͤte, mit welcher die Provenzer jedes Jahr mehrere Schiffe beladen, ſein Ammoniak⸗ ſalz, welches nach ganz Europa verfuͤhrt wird; das Aſchenſalz, welches es im Ueberfluſſe hervor bringt; ſein herrlicher, in Italien ſo geſuchter Flachs; die blau gefaͤrbte Leinwand, mit welcher es einen Theil der benachbarten Voͤlker kleidet: alle dieſe Landespro⸗ dukte verſchaffen ihm noch das Geld von dem groͤßten Theile der Voͤlker, die im Handels-Verkehr mit ihm ſtehen. Die Abyſſinier bringen ihm als Tribut Gold⸗ ſtaub, Elephanten⸗Zaͤhne und koſtbare Gegenſtaͤnde, welche ſie gegen die eigenen Produkte austauſchen. Die Tuͤcher, das Blei, die Waffen und einige Treſ⸗ ſen von Lyon, welche Frankreich hinſendet, decken keineswegs den Betrag der verſchiedenen Artikel⸗ welche heraus kommen. Das Kupfer⸗Geſchirr und die Pelzwerke, welche die Tuͤrken in dem Hafen von Alexandrien ausladen, ſtehen keineswegs im Ver⸗ haͤltniſſe mit dem Getreide, dem Reis, den Linſen, dem Kaffee, den Wohlgeruͤchen, welche ſie dagegen einhandeln; der groͤßte Theil wird in Geld bezahlt. Mit einem Worte: Moka und Meka ausgenommen, wo die Aegypter jaͤhrlich eine ſchoͤne Summe von Ze⸗ chinen zuruͤck laſſen, bringen ihnen Alle, die mit ihnen Handel treiben, Gold und Silber in das Land. Die 580 edlen Metalle ſind in Aegypten noch ſo uͤberſchweng⸗ lich, daß Ali Bey bei ſeiner Flucht nach Syrien achtzig Millionen mit ſich nahm, und Ismael Bey, der einige Jahre ſich in dieſelbe Gegend fuͤchtete, 650 Kamele mit Zechinen, Pataken(Silberſtuͤck von ſechs Livres), Perlen und Edelſteinen belud. Wenn Aegypten, ohne Seemacht, ohne Manufak⸗ turen, und faſt auf die einzigen Vortheile des Boden beſchraͤnkt, noch ſo große Reichthuͤmer beſitzt; ſo mag man ſelbſt urtheilen, was dieſes herrliche Land unter den Haͤnden einer aufgeklaͤrten Regierung werden koͤnnte! XI. Reiſen C. S. Sonnini's Ober⸗ und Nieder⸗Aegypten auf fehl der Regierung von Frankreich in den Jahren 1777 u. 73*). Im Auszuge mitgetheilt von Mich. Fiedler. OO— Erſter Theil. I. Den 26. April 4777 gingen wir ger Witterung auf der Fregatte Attalan unter guͤnſti⸗ laute, weiche *) Voyage dans la haute et basse par ordre de l'ancien gouverne tenant des observations de tou C. 8, Sonnini, ancien Officien de la marine françoise, sieurs sociétés savantes et litéraires. une collection de 40 planches, 27ſtes B. Aegypten. II. 2. 6 Bgyvpt.; ypte, s genres, Sement, et con- et Ingenieur et membre de plu- Avec gravées en 582 soo Mann und 32 Kanonen hatte, von der Rhede Toulon's unter Segel. Jedoch zwang uns ein Sturm, den Tag nach unſerer Abreiſe auf der Rhede von Vignettes, in der Bai von Toulon Anker zu werfen. Wir mußten hier bis zum 2. Mai bleiben. Den 3. Mai ſahen wir mit Aunbruch des Tages die Inſel Corſika in einer Entfernung von 68— 7 fran⸗ zoͤſiſchen Meilen, und entdeckten in dem Meerbuſen, der zwiſchen den Vorgebirgen Calvi und Corſika liegt, die kleine und niedrige Inſel Roſſa, welche den tiefen und wichtigen Hafen gegen Weſtwinde ſchuͤtzt. Des widrigen Windes wegen mußten wir in Genua einlaufen, wo wir den 4. anlangten, und erſt den 13. mit einem ſtarken Nord⸗Weſt⸗Winde wieder abreiſten. Wir entfernten uns ſchnell aus dieſem Hafen und den lachenden Kuͤſten dieſes ſchoͤnen Theiles von Italien, ließen die zum Großherzogthume Toskana gehoͤrige Inſel Gorgona links, und fuhren zwiſchen dem Vorgebirge Corſika und Capraria. II. Den 14. lavirten wir wegen unguͤnſtigen Win⸗ des zwiſchen Corſika und der Inſel Elba. Sie bat zwei gute Haͤfen, zwei Marmorbruͤche und be⸗ ruͤhmte Eiſenminen. taille-douce par I. B. P. Tardieu etc. 3 vol. à Paris. An. VII de la République. 8. Aus dem 5 ranz. uͤberſ. von Ch. Wepland. Berlin, bet oß, 1801. 8. 583 Gegen Mittag hatten wir guͤnſtigen Wind, und wir fuhren bei dem duͤrren und wuͤſten Felſen Monte Chriſto vorbei; den 15. waren wir der Meerenge des h. Bonifaz gegenuͤber, welche Corſika von Sardinien ſcheidet. Selten faͤhrt man auf dieſen Hoͤhen, ohne ſchlimmes Wetter auszuhalten. Am 17. entdeckten wir die zu Sizilien gehoͤrige Inſel Uſtica, und warfen um 10 Uhr Abends am Eingange des Hafens von Palermo Anker. III. Den 22. Mai verließen wir den ſchoͤnen Ha⸗ fen von Palermo, und machten in einiger Entfer⸗ nung Halt. Wir ſahen eine Menge kleiner Fahr⸗ zeuge, welche ſich mit dem Korallen⸗Fange beſchaͤf⸗ tigten und mehre jener Fiſche, welche die Seeleute im mittellaͤndiſchen Meere Moͤnche nennen, und eine Art von Hay ſind. 8 IV. Ein Oſtwind brachte uns nach dem hohen und ſteilen Vorgebirge San⸗Vitto. Wir fuhren bald zwiſchen den kleinen Inſeln Maretimo und Favoyanne, in welche der Koͤnig von Neapel ſeine Staatsgefangenen verweiſet. Indem wir nach Malta ſegelten, konnten wir eine große Strecke von den niedrigen Kuͤſten von Sizilien zwiſchen den Vorgebirgen Marſalla und Paſſaro uͤberſehen, an deſſen Ende man ein Fort erbaut hat. Den 23. Morgens befanden wir uns nahe bei der Inſel Pan⸗ teleria; des Abends ſahen wir einige Schwalben, und liefen den 26. in den Hafen von Malta ein. 584 Die Einfahrt iſt ſehr enge und wird auf jeder Seite durch ein furchtbares Kaßell vertheidigt. V. Da das Meer ruhig und der Wind guͤnſtig war, ſo verließen wir den 1. Juni 47717 den Hafen von Malta, und ſegelten nach der Inſel Candia. Den 12. war der Himmel heiter, ein guͤnſtiger Wind ſchwellte unſere Segel an, und wir bekamen die In⸗ ſel Cerigo, das alte Cythere, zu Geſichte. In einer geringen Entfernung davon entdeckten wir auch 4 duͤrre, unbewohnte, ſenkrechte Felſen, den Ovo, die beiden Couffes und den Cerigotte, oder Klein⸗Cerigo. Den 13. warfen wir in der tiefen Bai von Su de anf der Inſel Candia Auker, liefen dann zu Paleo⸗ Caſtro, dem Vorgebirge Salomon gegenuͤber, an der oͤſtlichſten Spitze der Infel Eandia ein. Au die⸗ ſen Ufern findet man keine anderen Wohnungen, als Schaͤferhuͤrten. Nach einigen Tagen erreichten wir die niedrigen und ſandigen Uſer Aegyptens.. VI. Wenn man im Angeſicht der afrikaniſchen Kuͤſten nach Oſten ſteuert, und Derne vorbei iſt, ſo bleibt bis Alexandrien eine lange Strecke von ganzlich unbekaunten Ufern uͤbrig. Da dieſe Ufer kaum uͤber das Meer hervor ragen, ſo wird man ſie in der Ferne nicht gewahr; ſie ſind deßwegen fuͤr die iſſfahrt ſehr ge ich. 8 Die Annaͤherung an Alexandrien iſt auch ge⸗ ch. Wenn man von der Kuͤſte von Lybien, d. i. vom Abend her, kommt, ſo ſieht man zuerſt Abou⸗ ſir, Thurm der Araber. Es ſind zwei Anhoͤhen, auf deren jeder ſich ein Thurm erhebt. Der eine von dieſen Thuͤrmen iſt rund, der andere viereckig. Zwei gleich geraͤumige Haͤfen oͤffnen ſich denjeni⸗ gen, welche in der Naͤhe von Alexandrien Anker werfen. Einer liegt gegen Abend und heißt der alte Hafenz ſeine Einfahrt iſt wegen zweier Klippen, die nur einen engen Kanal zwiſchen ſich laſſen, etwas ſchwierig; ſein Inneres hat ein tiefes und feſtes Bek⸗ ken. Der andere auf der Oſtſeite der Stadt heißt de neue Hafen, iſt nicht tief, und wird vom erſteren nur durch eine ſchmale Halbinſel getrennt. Eine Menge Felſen und Untiefen machen die Einfahrt be⸗ ſchwerlich und gefaͤhrtich; auch ſteht er ganz dem Nord⸗Winde offen. Bei dem Eingange in den neuen Hafen iſt eine Klippe, der Demaut genannt. Die⸗ ſer, wie die beinahe der Waſſerhoͤhe gleichen Felſen, könnten vielleicht ein Theil von den Truͤmmern des alten Pharus ſeyn. Der ſandige Grund des neuen Hafens iſt voll Felſen und Schutt und wird oft der ſchrecklichſte Schauplatz der Zerſtoͤrung und Ver⸗ wuͤſtung.. VII. Das neuere Alexandrien, oder viel⸗ mehr der Flecken Alexandrien liegt groͤßtentheils am Meerbuſen hin. Seine Haͤuſer haben oben eine Terraſſe; ſie ſind ohne Fenſter, und die Oeffnungen, welche ihre Stelle vertreten, ſind durch ein hoͤlzerne⸗ ₰ 586 heraus gebautes, verſchiedentlich geſtaltetes Gitter verſtopft, welches ſo enge iſt, daß kaum Licht durch⸗ dringen kann. Die Straßen ſind enge, ſchlecht angelegt, ohne Pflaſter und ohne Polizei; weder ein oͤffentliches, noch ein Privatgebaͤude zieht die Aufmerkſamkeit des Rei⸗ ſenden auf ſich. Die Einwohner von Alexandrien beſtehen aus Tuͤrken, Arabern, Barbaresken, Copten, ſyriſchen Chriſten und Juden. Die Einwohner ſprechen ſo laut auf den Straßen, daß man ſie in Streit verwickelt glaubt, wenn ſie einen unbedeutenden Handel ausmachen. Dieſe Gewohnheit, ſeiner Stimme beim Reden die ſtaͤrkſte Veraͤnderung zu geben, herrſcht beinahe unter allen morgenlaͤndiſchen Voͤlkern, die Tuͤrken ausgenommen. Der beleidigte Aegypter iſt unverſoͤhnlich. Die arabiſche Sprache iſt in Alexandrien, wie in ganz Aegypten, die allgemeine. Der groͤßte Theil der Alexandriner, und vorzuͤglich die, welche mit den Europaͤern in Handelsverbindungen ſtehen, ſpre⸗ chen italieniſch. Das Mauriſche, oder Lingua franca, iſt ein Gemiſche aus ſchlechtem Italieni⸗ ſchen, Spaniſchen nnd Arabiſchen. VIII. Das alte Alexandrien hatte mehre fran⸗ zeſiſche Meilen im Umfange, und beinahe eine Million Einwohner; das heutige aber, von den Arabern er⸗ oberte, iſt in engere Graͤnzen zuruͤck gewieſen. Ale⸗ randrien hat feſte Mauern mit 100 gewoͤlbten Thuͤr⸗ 587 men. Die jetzige Stadt nimmt beinahe nicht den um⸗ fang innerhalb der Mauern ein; ſie iſt von dieſen durch große Zwiſchenraͤume getrennt, wo man das Bild der vollendetſten Zerſtoͤrung, Schutthaufen und zerſtreute Truͤmmer erblickt. Die Materialien, die man, noch außer den Bruchſtuͤcken aͤlterer Denkmaͤler zur Erbauung eini⸗ ger von dieſen Thuͤrmen gebraucht hat, ſind von einer beſonderen Art. Gewoͤhnliche Steine ſieht man nur an Stellen, welche man ausgebeſſert, oder die man in neuern Zeiten erbaut hat. Urſpruͤnglich hat das Mauerwerk aus ſteinigten Maſſen beſtanden, die aus einer ſehr großen Menge kleiner, aus der Erde gegrabener ſpatiſcher Muſcheln gebildet ſind, und ohne Ordnung mit einer Art von Kitt vermiſcht, ſehr dicht und dauerhaft wurden. IX. Gegen das öſtliche Ende des halben Mondes, welchen der neue Hafen bildet, trifft man nahe an der Kuͤſte zwei Obelisken, die Spißſaͤulen der Kleopatra. Eine von den Spitzſaͤulen der Kleo⸗ patra ſteht auf ihrem Fußgeſtelle noch aufrecht; die andere aber iſt umgeſtuͤrzt, und beinahe ganz mit Sand bedeckt. In der Naͤhe dieſer Obelisken ſtehen noch herrliche Spuren des Pallaſtes der aͤgyptiſchen Koͤnige. Sie ſind eine unerſchoͤpfliche Steingrube von Granit⸗ und Marmorſtuͤcken, welche die Alexandriner zum Baue ihrer Haͤuſer verwendeten. Geht man aus der Mauer der Araber durch 588 das Thor gegen Mittag, ſo hat man eines von den erſtaunenswuͤrdigſten Denkmaͤlern vor ſich, das aus dem Alterthume auf uns gekommen iſt, die ſogenannte Saͤule des Pompejus. Wenn man von der Saͤule von Alexandrien weiter gegen Suͤd reiſet, ſo geht man durch eine laͤng⸗ liche, geraͤumige und ziemlich tiefe Hoͤhlung. Sie enthaͤlt Ueberreſte von alten Gebaͤuden; die Einwohner nennen dieſen Ort Guirge. Von hier gelangt man zum Kanal oder Kaliſch von Alexandrien. X. Alexandrien war ehemals von bluͤhenden Gefilden, nicht wie jetzt von Sau dwuͤſten, umgeben. Die Zerſtoͤrungswuth der Tuͤrken hat dieſe Waſſer⸗ maſſen, welche Fruchtbarkeit verbreiteten, ausgetroek⸗ net. Es iſt nichts mehr uͤbrig, als der Kanal von Nieder⸗Aegypten, welcher noch dazu im ſchlechten Zuſtande iſt, und ſein Waſſer zur Zeit der Ueber⸗ ſchwemmung zu Lats, Fuah Hogenüher⸗ aus dem Kil erhaͤlt. Man kann uͤber d von neuerer Bauart kommen. Bei der erſtern iſt an der Seeſeite der Eingang in die unterirdiſche Rinne, die das Waſſer in die Ziſternen fuͤhrt, deren Gewoͤlbe unter dem ganzen Umfange der alten Stadt ſich zo⸗ gen, und die Einwohner von Aley andpien damit verſurnt⸗ Die Ufer des Kanals beleben einige reiche Pro⸗ dukte der lebendigen Natur; weiterhin ſcheint dieſe abgeſtorben zu ſeyn. nſelben auf 3 Bruͤcken 589 Die Katakomben, nicht weit vom Kanale, ſind Gallerien, die weit unter der Erde laufen. Sie waren anfaͤnglich wahrſcheinlich Steinbruͤche. Die Steinſchichte iſt kalkartig, zart und weiß, wie zu Malta; der Eindruck der Luft vermehrt ihre Feſtig⸗ keit. Der groͤßte Theil dieſer unterirdiſchen Gaͤnge iſt eingefallen. In der kleinen unzahl derjenigen, in welche man noch hinein kommen kann, ſieht man auf jeder Seite drei Reihen von Begraͤbniß⸗Grotten. Eine ſteht uͤber der andern; ſie ſind in die Quere gehauen; ihre großen Seiten gehen nach einwaͤrts zu; ſo daß der Boden des Grabes viel enger als der obere Theil iſt. Am Ende einiger diefer Gallerien trifft man abge⸗ ſondende⸗ Kammern mit ihren Begraͤbniß⸗Grotten an. Am Eingange der Katakomben ſah ich mehre CSeen Die Katakomben dienen auch oft den Schakals zum Aufenthalte, welche in dieſem Theils Aegyptens ſehr zahlreich ſind. Sie ziehen nur in gro⸗ ben Herden umher, und wandern um die Wohnun⸗ gen. Ihr Geſchrei iſt vorzuͤglich Nachts fuͤrchterlich. Die wilden Thiere naͤhern ſich Alexandrien ohne Scheu, ſie kommen in die Stadt, ſuchen Beute, und erfuͤllen ſie mit Geſchrei. Aber ein ſanfteres und zu⸗ gleich außerordentiicheres Thier, das ſich in unterirdi⸗ ſchen Wohnungen um Alexandrien aufhaͤlt⸗ iſt iſt der Springhaſe, oder Jerbog. XIlI. Zu Aler andrien wohnte ich in dem Hauſe, welches dem franzoͤſiſchen Konſul und den 590 franzoͤſiſchen Kaufleuten gehoͤrte; es lag in der Meeres⸗ Naͤhe im Hintergrunde des neuen Hafens. Es iſt ein viereckiges Gebaͤude, deſſen Seiten einen großen Hof einſchließen, um welchen, wie unter den Arkaden, Magazine ſind. Die Arkaden werden durch Saͤulen geſtuͤtzt, welche man aus den Schutthaufen der alten Stadt geſucht hat; mehre ſind aus Granit, eine iſt gus Marmor. In dieſem Hofe ſtand auch eine Statue aus wei⸗ hem Steine, welche eine ſitzende Frau mit einem zur Seite ſtehenden Kinde vorſtellte. Dieſes Werk iſt ziemlich gut. Der Konſul iſt den Beleidigungen der Mamelucken ausgeſetzt. Als ich von einem antiken Grabe in einer Moſchee außerhalb Alexandrien ſprechen hoͤrte, beſuchte ich, begleitet von einem Janitſcharen der Faktorei, nach der Beſtechung des Scheiks der Moſchee, dieſelbe. Dieſer Tempel iſt alt, und wurde von einem Ka⸗ liphen erbaut; die Mauern ſind mit verſchiedenfarbi⸗ gem Marmor uͤberzogen, und man ſieht noch einige ſchöne Ueberreſte von Moſaik. Das Grabmal, eines der ſchoͤnſten Denkmaͤler des Alterthums, wurde von den Mahometanern in eine Art von Bad verwandelt. Es iſt ſehr groß, und wuͤrde ein laͤngliches Viereck ausmachen, wenn nicht eine von ſeinen kleinen Seiten in Geſtalt einer Bad⸗ wanne abgerundet waͤre. Es beſteht aus einem Stuͤcks praͤchtigen Marmors, mit verſchiedenen Flecken auf 591 ettem ſchänen ſchwarzen Grunde, und iſt Innen und Außen mit einer ungeheuern Menge von Hieroglyphen bedeckt. Ehemals war es unmoͤglich, in dieſe Moſchee zu gehen; daher das Stillſchweigen der Reiſebeſchreiber uͤber dieſes interreſſante Grab. XIII. Die Stadt Alexandrien macht keine Geſchaͤfte von Bedeutung. Die Waaren, welche die europaͤlſchen Schiffe nach Alexandrien fuͤhren, werden zu Waſſer nach Kairo geſchafft. Die kleinen Fahrzeuge, womit man ſie von Alexandrien nach Raſchid, der erſten Stadt Aegyptens am Nile, ſchafft, heißen Schermes. Sie ſind eine Art feſter Barken von einer ziemlich ſtarken Bauart, ohne Ver⸗ deck, und gehen tief in das Waſſer. Ihre Ladung betraͤgt im allgemeinen s—6 Tonnen. Auf Fahrzeugen dieſer Art iſt man vielen Gefahren ausgeſetzt. Ehe ich die Kuͤſte verlaſſe, will ich noch einige Seeſiſche, die man hier faͤngt, bemerken. Es ſind der See⸗Adler mit einem harten und uͤbel riechenden Fleiſche, die Meer⸗Katze, die Bonite, eine Art von Thunfiſch, der Hornfiſch, der große Rothfiſch, und der bei den Roͤmern ausgezeichnete Wolf, von ſeiner N Gefraͤßigkeit ſo genannt. Auch gibt es hier vortreffliche Rothbaͤrte. Den 7. Juli 1777 reiſten wir von Alexandrien ab, um uns nach Raſchid zu begeben. Fruͤher hatte ich ſchon dieſe Reiſe gemacht. Unter meinen Gefaͤhrten 592 befand ſich auch Savary. Wegen unſerer franzͤſi⸗ ſchen Tracht wurden wir von den Einwohnern mit Steinwuͤrfen und Fluͤchen verfolgt. Auf unſerer Reiſe uͤberſel uns die Nacht; verſchiedene Unordnun⸗ gen unterbrachen die Reiſe, bis wir endlich um 6 Uhr Morgens zu Raſchid(Roſette) anlangten. Es iſt gewöhnlich, dieſe Reiſe, um die Sonnenhitze zu vermeiden, bei Nacht zu machen. Ich aber, an die Glut der Sonne gewoͤhnt, machte dieſe Reiſe bei Tage; man ſchaͤtzt ſie auf zwoͤlt Stunden. Man be⸗ dient ſich hiezu gemietheter Mauleſel. Die Gefahr, hier von Sand⸗Wolken uͤberfallen werden, wie Sa⸗ vary hemerkt, iſt phyſiſch unmoͤglich. Groͤßere Ge⸗ fahr droht von den raͤuberiſchen Anfaͤllen der Be⸗ duinen. Von Alexandrien reiſt man gegen Oſti⸗Nord⸗ Oſt bis zur Grundlage eines Vorgebirges, welches ſich von Alexandrien gegen Norden erhebt. An ſeiner Spitze liegt Abukir, ein Flecken auf den Truͤmmern des alten Canopus. XIV. Nach ungefaͤhr 6 Meilen befindet man ſich an dem Ufer einer Art von See, der ein Ueberbleibſel des kanopiſchen Nilarmes iſt. Die Muͤndung dieſes alten Nilarmes iſt ſehr enge und durch eine Sand⸗ bank gebildet. Aſchgraue Moͤren ſtreifen ſtets auf der Oberflaͤche dieſer Waſſer herum, um die kleinen See⸗ ſiſche wegzufangen. Ich ſah auch ſchwarze Waſſer⸗ huͤhner und Kropfgaͤnſe(Pelikane) 593 Am oͤſtlichen Ufer ſteht ein großes, viereckiges Gebaͤnde, deſſen Bauart jenem der franzoͤſiſchen Fak⸗ torei zu Alexandrien gleſch kommt. Man nennt dieſen Ort Maudié(Faͤhre). Eine halbe Meile weiter bemerkt man an der Kuͤſte alte Mauern und Truͤmmer, wahrſcheinlich Spuren vor Heraklium. Von Maudie erreicht man das Seeufer. Dieſes iſt in dieſem Meerbuſen ſo niedrig, daß das Waſſer ohne die feſten Daͤmme eine große Strecke Landes bedecken wuͤrde; bei ſtuͤrmi⸗ ſchem Wetter uͤberſchwemmt es einen großen Strich des Landes. Man reiſet beinahe 4 Meilen am Meere auf von den Wellen beſpuͤhltem Sande, der, wenn er trocken, ſehr beweglich iſt. Am Meere ſteht das Grabmal eines mahomeda⸗ niſchen Heiligen; ein Araber bietet Caffee, ſalziges und heißes Waſſer an. Ein kleiner Thurm von Zie⸗ gelſteinen dient zum Zeichen, daß man das Ufer ver⸗ laſten maß; andere Thuͤrmchen gegen Oſt⸗Suͤd⸗Oſt dienen in einer beweglichen Ebene zum Wegweiſer, in welcher man ſich um ſo leichter verirren kann, weil man die Stadt Raſchid erſt entdeckt, wenn man in ihre erſte Straße hinein tritt. Raſchid iſt eine artige, gut bevoͤlkerte, einfach und angenehm erbaute Stadt, ein Werk neuerer Zeit. An der Oſtſeite beſpuͤhlt der Nil ihre Mauern. Eine große angebaute Strecke mit Gaͤrten und wohl riechen⸗ den Luſtwaͤldchen breitet ſich gegen Norden von der 594 Stadt aus. Auf der andern Seite des Fluſſes ent⸗ deckt man das Delta, welches aus dem Schooße des Waſſers hervor gegangen iſt, und das Friſche ſeines Urſprunges erhaͤlt. Mit dem Golde der Saaten wech⸗ ſelt in einem und demſelben Jahre das Gruͤne der Wieſen. Baumgaͤrten, Gruppen von immer gruͤnen Baͤumen, einzeln ſtehende Baͤume, Herden aller Art gewaͤhren einen mannigfaltigen Anblick. Flecken und zahlreiche Doͤrfer vermehren die Schoͤnheit des Landes. XV. Raſchid, weniger zu Unruhen geneigt, iſt fuͤr den Reiſenden ein angenehmer Zufluchts⸗Ort. Wegen meiner Beſtimmung bis nach Ober⸗Ae⸗ gypten, und von da nach Habiſch vorzudringen, reiſte ich eilig nach Kairo. Hier legte ich meine europaͤiſche Kleidung ab und eine tuͤrkiſche an. Nichts iſt bei der tuͤrkiſchen Kleidnug laͤſtig, kein Theil wird zuſammen gepreßt. Mein Zeichner und meine 2 Fran⸗ zoſen hatten ebenfalls ihre Kleidung veraͤndert. Mit Freuden verließen wir den 21. Oktober 4771 Kairo, und ſchifften uns auf einem Kanja ein; dieß iſt eine Art Fahrzeug von ſchoͤner Bauart, ver⸗ ſchiedener Groͤße, und auf dem Nile gebraͤuchlich. Zwei Tage und zwei Naͤchte, bis Raſchid, wurden wir unaufhoͤrlich von den Stichen der Floͤhe, von Laͤuſen and Wanzen, mit welchen dieſe angefuͤllt ſind, ge⸗ quaͤlt. Dieſe Fahrzeuge, haben, wie die Schermes iu Alexandrien, große lateiniſche Segel an Stan⸗ gen von ungeheuerer Laͤnge. 595 Den 22., Abends 4 Uhr, langten wir zu Raſchid an, wo ich bei dem franzoͤſiſchen Vize⸗Konſul, duͤ Froni, abſtieg. Den arabiſchen Namen Raſchid hatte die Stadt ſchon im J. 1453, zur Zeit des Geographen Sdrifi; die Europaͤer machten Roſſette daraus. Sie iſt die angenehmſte Stadt Augyptens, die Handels⸗Nie⸗ derlage zwiſchen Alexandrien und Kairo. Fern von dem Geraͤuſche der Haͤfen und den oͤftern politi⸗ ſchen Revolutionen Kairo's, leben die Einwohner von Raſchid in ziemlicher Ruhe. Der Europaͤer iſt weniger Unbequemlichkeiten von Seite der Einwohner ausgeſetzt. Man bringt hier gewoͤhnlich, wie in der Tuͤrkei, die Zeit mit Tabackrauchen zu. Der Orientale ſitzt immer mit untergeſchlagenen Beinen, wenn er nicht genoͤthigt iſt zu arbeiten. Nur die Noth treibt ihn zum Gehen; er kennt kein anderes Spatzieren, als Reiten. Das Gehen der Europaͤer in dem Zimmer oder in freier Luft ſieht er fuͤr eine Thor⸗ beit au. Reiche ruhen in dem Schatten ihrer Gaͤrten, oder beſuchen Kaffeehaͤuſer, wo man nur Kaffee und gluͤhende Kohlen antrifft, um die Tabackspfeifen an⸗ zuzuͤnden. Man ſpricht hier wenig, ſondern laͤßt nur von Zeit zu Zeit einige Worte hoͤren. Auf den Kaffeer baͤuſern finden ſich auch oft Taͤnzerinnen, Harlekine und Stegreifdichter ein. Die Einwohner von Raſchid ſind gleichfalls der unnatuͤrlichen Liebe zu Knaben ergehen. Dieſes Ver⸗ 596 derbniß iſt in Aegypten allgemein verbreitet. Selbſt das Laſter der Beſtialitaͤt iſt unter dieſen verdorbenen Menſchen allgemein; es aͤußert ſich mit der unver⸗ ſchaͤmteſten Dreiſtigkeit. Ein ſcharfer Kontraſt trennt hier die Geſchlechter von einander. Die Frau ſchmachtet in ihrem Harem eingeſchloſſen, kein Mann da.; ſie beſuchen, als ihr eigener; Tod droht dem Verwegenen. Nirgends wird die Eiferſucht auf einen hoͤheren Grad getrieben. XVI. Die Frauen beſuchen einander oft. Der Anſtand und die Zuruͤckhaltung ſind oft aus ihren Un⸗ terhaltungen verbannt. Bei ihren Beſuchen vertreiben ſie ſich die Zeit dadurch, daß ſie ihre Anzuͤge gaͤnzlich aͤndern, und daß jede die Kleidung der andern anzieht. Dieſe Art von Verwandlungen ſind nur der Vorwand und das Vorſpiel zu weniger unſchuldigen Spielen, die Sappho gelehrt und getrieben haben ſoll. Die gemeinen Frauen haben ſtatt der weißen Haut, eben wie die Maͤnner des Landes, eine ſchwarzbraune, und tragen, wie die Maͤnner aus dem gemeinen Volke, das Gepraͤge und die Lumpen der ſchrecklichſten Ar⸗ muth. Die einzige Kleidung faſt aller Weiber, vor⸗ zͤglich auf dem Lande, beſteht in einer Tunika mit Aermeln, die außerordentlich breit iſt und die Stelle eines Hemdes und Rockes vertritt; ſie iſt an jeder Seite von den Achſeln bis auf die Kniee offen, ſo daß man bei Bewegungen des Koͤrpers dieſen leicht gewahr werden kann. 1 597 Alle Muſelmaͤnninnen, Juͤdinnen und Chriſtinnen faͤrben ſich mit Bleiglanz die Augenbraunen und Augen⸗ lieder ſchwarz, und Haͤnde und Naͤgel roth. Auch die Fußſohlen werden mit eben derſelben Farbe beſchmiert. Von dem gruͤulichen Staube der getrockneten Blaͤtter des Henné verſchaffen ſich die Weiber ſolche wun⸗ derliche Verſchoͤnerungs⸗Mittel. Man ſieht auch die Maͤnner ſich den Bart mit dem Henné faͤrben, und den Kopf damit uͤberſchmieren. Die aͤgyptiſchen Frauenzimmer ſtreben vorzuͤglich nach einer weichen und glatten Haut; die Stellen, woruͤber die Natur einen Schleier geworfen hat, ver⸗ lieren ihren Schatten; Alles iſt gleich glatt und polirt. Der groͤßte Theil bedient ſich hiezu eines Schermeſſers, Andere nehmen eine Salbe, welche die Tuͤrken Rus⸗ ma, die Araber Nouret nennen. Die Frauenzim⸗ mer bedienen ſich dieſer beiden Mittel nicht, ſondern unterwerfen ſich einer ſchmerzhafteren Operation, und laſſen die Haare mit Gewalt ausreißen. Unverheira⸗ thete laſſen die Haare wie ſie ſind; an ihrem Hochzeit⸗ tage reißt man ihnen gewaltſamer Weiſe den Schleier der Natur weg. Außer dem Wunſche, eine weiche und glatte Haut zu haben, wenden die Weiber die groͤßte Sorgfalt auf den Erwerb einer dicken Leibes⸗ Geſtalt. Uebrigens gibt es kein Land in der Welt, wo die Frauen ihre Aufmerkſamkeit auf die Reinlichkeit weiter als in den Morgenlaͤndern treiben. XVII. Mit Verachtung und Abſcheu betrachtet der 27ſtes B. Aegypten. II. 2. 7 598 3 Mahomedaner den Hund; er darf ſeine Wohunng nicht betreten, weil er ihn fuͤr unrein haͤlt. Er hegt eine beſondere Liebe gegen die Katzen. Man ſindet Katzen in allen Haͤuſern Aegyptens. Die Thiere tragen das Gepraͤge des Klima an ſich. Der Mungo oder Ichneumon it, ungeachtet ſei⸗ ner Neigung zur Vertraulichkeit, kein Hausthier. Aegyptens. XVIII. Den 24. Oktober beſuchte ich ein altes, eingefallenes Schloß, welches in einiger Entfernung von Raſchid gegen Norden ſteht; es war, wie ein anderes am jenſeitigen Ufer des Nils, zur Vertheidi⸗ gung des Fluſſes beſtimmt. Beide ſind jetzt nicht ganz eine halbe Meile vom Meere entfernt. Die Erbauung des erſten, welches jetzt gaͤnzlich zerſtoͤrt iſt, ſchreibt man dem b. Ludwig aus der Zeit der Kreuzzuͤge zu. Die Dattelbaͤume ſind in dieſen Gegenden ſehr zahlreich. Ich toͤdtete heute Uhue, Wiedehopfe, Tur⸗ teltauben und ein Kaͤutzlein. An den Baͤchen und den Graͤben fand ich die Lotuspflanze, den Nufar der Araber. Es iſt eine Waſſerpflanze, mit weißen wohl riechenden Bluͤten. Ihre Wurzel iſt eines der gewoͤhnlichſten Nahrungs⸗ Mittel der Aegypter, wie ſie es einſt unter dem Na⸗ men Lotus war. Unter andern nuͤtzlichen Pflanzen bemerkte ich auch eine Art Caectus, deren Frucht von den Einwohnern gegeſſen wird, und unter den Baͤu⸗ men den Seißaban, oder die Akazie, mit gelben Bluͤ⸗ 599 ten und ſuͤßem Geruche, nud den Sykomor. Das Holz deſſelben brauchten gewoͤhnlich die Alten zu Mu⸗ mien⸗Kaſten. Ein kleiner ſeltener Baum in den Gaͤrten von Raſchid iſt der Schesme. Er traͤgt Bluͤten wie Huͤlſenfruͤchte, ſeine Blaͤtter ſind laͤng⸗ lich und vorne ſpitzig. Die ſichelfoͤrmigen Schotten enthalten platte, herzfoͤrmige Koͤrner, welche die Ae⸗ gypter als unfehlbares Mittel bei Augenkrankheiten betrachten. Aus der Durra, einer Art großer Hirſe, baͤckt man Brod, oder vielmehr eine Art ſchlechter Kuchen. XIX. Zu Raſchid findet man Magazine voll Natrum, und Manufakturen, wo man dieſes ver⸗ braucht. Der Soda bedient man ſich zum Bleichen von Leinwand und Garn. Eben ſo bedient man ſich des Natrums ſowohl zum Bleichen, als zum Faͤrben, zum Ledergerben, zum Glasmachen, zum Reinigen der Leinenzeuge, zum Backen und zum Einſalzen des Fleiſches. XX. Den 12. Nov. reiſte ich nach Abukir; die europaͤiſchen Schiffer nennen es durch Verſtuͤmmelung Bequiers. Dieſer Ort iſt nichts weiter, als ein Dorf mit einem Schloſſe, das auf der Spitze eines Vorgebirges ſteht, welches ziemlich weit in das Meer geht. Einige Klippen, die vorwaͤrts dem Gebirge ein⸗ zeln liegen, ſchließen in der großen Bai, welche die Kuͤſte an dieſer Stelle macht, einen kleinen Hafen ein, 6⁰⁰ wo die Schiffe am Fuße des Schloſſes in Sicherheit ſiud, und vorwaͤrts demſelben eine gute Rhede iſt. Auf dieſer Rhede, aber in zu großer Entfernung vön der Kuͤſte, verlor der brave aber ungluͤckliche Brueys eine ſo nachtheilige Schlacht gegen England unter Nelſon. 3 Wir ſtiegen bei einem Juden ab, und beſuchten nach Tiſche die Ruinen, welche in der Gegend ſind. Die Spuren einer alten Stadt nehmen einen gro⸗ ben Umfang ein; aber alles iſt umgeſtuͤrzt, alles zer⸗ ſtoͤrt. Unter den Truͤmmern ſinden ſich noch viele ſchoͤne Ueberreſte. Am Seeufer ſieht man noch den ziemlich gut erhaltenen Grund eines regelmaͤßigen Gebaͤudes, in deſſen Mitte ein unterirdiſcher Gang iſt, welcher bis an das Meer fuͤhrt. Man ſieht verſchie⸗ denfoͤrmige Granitbloͤcke umgeworfen und an einander gehaͤuft. In der Mitte beſindet ſich eine weibliche Koloſſal⸗Statue, welche an ihrer ganzen Laͤnge kanne⸗ lirt iſt. Sie iſt von Granit, umgeſtuͤrzt, an einigen Theilen verſtuͤmmelt, und wird bei dem mindeſten Meeresſturme von den Wellen deſſelben bedeckt. Nach der Meinung der Einwohner ſtellt dieſe Figur eine Tochter Pharao's dar. An der Seite dieſer Statue liegt eine ſehr große Sphinx, an de⸗ ren Unterlage eine Menge faſt gaͤnzlich ausgeloͤſchter Hieroglyphen ſtehen. Ein Theil derſelben iſt zer⸗ brochen. Die hier befindlichen Truͤmmer kommen aus der 601 von den Griechen erbauten Stadt C anopus her. Wir beſuchten das Schloß; es hat aber wenig zu be⸗ deuten. Von der Landſeite iſt es mit einem Graben umgeben, welchen das Meer mit Waſſer anfuͤllt. Den hier befindlichen Leuchtthurm nimmt man wegen ſchlech⸗ ter Beleuchtung nur in geringer Entfernung wahr. XXI. Nach meiner Ruͤckkehr von Abukir wuͤnſchte ich an der Muͤndung des Nils den wegen ſeiner Ge⸗ fahren und Schiffbruͤche beruͤchtigten Boghas zu beſuchen. Wir traten unſere Reiſe auf Eſeln an, und machten in den Gaͤrten oberhalb des Schloſſes Halt. Hier hatten Beduinen ihr Zelt aufgeſchlagen, deren Weiber und Kinder uns um eine milde Gabe anfleh⸗ ten. Indem wir unſern Weg nach der See fortſetzten, wurde der ſeit Kurzem vom Nil uͤberſchwemmte Bo⸗ den ſchluͤpfrig, kothig und mit Graͤben durchſchnitten. Unſere Eſel ſielen nieder, ſanken in den Moraſt, und ließen uns oft im Waſſer oder im Kothe ſitzen. End⸗ lich langten wir an dem engen und ſo gefaͤhrlichen Paſſe der Barre an, welcher den Nil verſperrt. Das Ufer iſt niedrig und beſteht ganz aus Sand; es war mit einer Menge Waſſervoͤgel angefuͤllt. Eine halbe franzoͤſiſche Meile im Suͤden von Ra⸗ ſchid ſteht der Thurm von Canopus, weil man irrig annahm, daß hier das alte Canopus geſtan⸗ den. Der Thurm, ein Werk neuerer Zeit, iſt vier⸗ eckig und war halb eingeriſſen. Beinahe am Fuße des Churmes ſteht am Nilufer die Moſchee des mahome⸗ —— S s Lg 602 daniſchen Heiligen Abu⸗Mandur, d. i. Vater des Lichtes. Dieſer Moſchee gegenuͤber, am oͤſtli⸗ chen Nilufer, ſtehen 2—3 Haͤuſer, Maadis genannt, weil hier die Ueberfahrt nach dem Delta iſt. Ober⸗ halb Maadis liegt das Dorf Buſſurath, ehmals der Wohnſitz von Raͤubern. Etwas weiter hinauf das Dorf Haſchbet. Am weſtlichen Ufer liegt in einer geringen Ent⸗ fernung oberhalb Abu⸗Mandur das ziemlich be⸗ traͤchtliche Dorf Dgeddié, mit einer großen Menge Weinſtoͤcke in der umliegenden Gegend. XXII. In den Gaͤrten von Raſchid fand ich auch den Adams⸗Feigenbaum, den Cachimanbaum, das Pappelkraut, die eßharen Judenpappeln und die Ba⸗ mier. Dieſe beiden letzten Pflanzen ſind, wie der Adams⸗ Feigenbaum und der Kiſchta, in Aegypten nicht ein⸗ heimiſch; dagegen ſcheint dieſem der Arlé, eine Art Tamarinden⸗Banm, vorzuͤglich eigen zu ſeyu. Oft trifft man unter dem Schatten der Atlé eine Buͤffel⸗Kuh, welche an den 4 Fuͤßen gebunden iſt, mit ihrem Kalbe weidend an; ſie liefert ihrem Ernaͤh⸗ rer Milch im Ueberfluſſe, und iſt eine Eroberung der neuern Aegypter. Die Buͤffel halten ſich gern im Waſſer auf. Eine beſondere Sorgfalt verwenden die heutigen Aegypter auf ihre Todten. Man waͤſcht den Leichnam mehrmals, reißt ihm die Haare aus, verſtopft ſorg⸗ 8 faͤltig mit Baumwolle alle Oeffnungen des Koͤrpers, 603 gießt wohl riechende Waſſer auf dieſelben, und arabiſche Wohlgeruͤche durchdringen alle Schweiß⸗Loͤcher. Ueber der Stelle, wo das Haupt des Verſtorbenen ruht, er⸗ hebt ſich eine kleine ſteinerne Saͤule, auf welcher man oben einen Turban ſetzt. Damit die Codten nichts mit den Chriſten gemein haben, traͤgt man ſie mit dem Kopfe vorwaͤrts. Vor⸗ gus gehen Prieſter, welche Stellen aus dem Alkoran vorleſen; im Gefolge des Zuges ſchreien und wehklagen fuͤr Geld gedungene Frauen. XXIII. In Aegypten beſchneidet man nicht allein die Maͤnner, ſondern auch die Weiber. Letztere Art von Beſchneidung war auch ein Volksgebrauch der alten Aegypter; weibliche Fremdlinge beobachten dieſen nicht, weil ſie es nicht noͤthig haben. Man beſchneidet die aͤgyptiſchen Maͤdchen im 1. oder 8. Jahre, gewoͤhnlich zur Zeit als der Nil zu ſteigen anfaͤngt. Die Beſchneidung beſteht darin, daß eine Frauensperſon aus Said, einen laͤnglichen klei⸗ nen Fleiſchklumpen, welcher mit den Jahren groͤßer wird, und die Oeffnung der Scham bedecken wuͤrde, mit einem ſchlechten Schermeſſer, ohne großen Schmerz des zu beſchneidenden Maͤdchens, von der Scham trennt. Ich wohnte der Beſchneidung von zwei Maͤd⸗ chen bei. Ein Schauſpiel anderer Art gewaͤhrte mir in mei⸗ ner Wohnung der Anblick der Pſylli, Schlangen⸗ Baͤndiger. Sie ſind Anhaͤnger des mahomedaniſchen —— 604 Heiligen Saadi, und feiern jaͤhrlich ein Feſt auf eine ihrer Stiftung angemeſſene Weiſe. Sie ziehen in Pro⸗ zeſſionen auf den Straßen herum, halten in der Hand eine lebendige Schlange, welche ſie unter ſchrecklichen Verzuckungen und Grimaſſen beißen, zerreißen und verſchlingen. Dieſe Menſchen ſind in Aegypten ſehr geehrt; die Tuͤrken aber in andern Theilen des osma⸗ niſchen Reiches lachen daruͤber. XXIV. In dem Arme des Fluſſes, welcher Ra⸗ ſchid vorbei geht, fand ich unter andern Arten von Fiſchen, den Nilaal, welchen die alten Aegypter, nach Herodot, fuͤr heilig hielten. Die Prieſter hat⸗ ten ihm wahrſcheinlich, einiger ſchaͤdlichen Eigenſchaften wegen, um das Volk von ſeinem Genuſſe abzuhalten, das Siegel der Heiligkeit aufgedruͤckt. Jetzt eſſen ihn die Aegypter und Europaͤer, ohne uͤble Folgen zu ver⸗ ſpuͤren. Die Tuͤrken eſſen ihn deßwegen nicht, weil er ſich nach ihrer Meinung mit den Schlangen begat⸗ ten ſoll. Auf meinen Spaziergaͤngen um Raſchid bemerkte ich unter andern Voͤgeln, Meißen, Grasmuͤcken, Gold⸗ haͤhnchen, Feigendroſſeln, Nachtigallen mit einer un- melodiſchen Stimme, Raubvoͤgel, welche ſich mehr den Falken als einer andern Art naͤhern. In der Naͤhe der Gewaͤſſer ſah man Eisvoͤgel und Reiher. An den Mo⸗ raͤſten befanden ſich zahlreiche Herden von Brachvoͤgeln, und in dem Schilfe, welches darin waͤchſt, verbargen ſich Waſſerhuͤhner. Dieſen ſchoͤn geſiederten Vogel 605 nennt man wegen ſeiner edlen Stellung und glaͤnzen⸗ den Farben, Sultans⸗Hahn, und von ſeinem Auf⸗ enthalte auf Reißfeloern, Reiß⸗Huhn.. Die aͤgyptiſchen Zwiebeln, deren Verluſt die Heb⸗ raͤer, als ſie das Land verlaſſen mußten, ſo ſehr be⸗ klagten, ſind die gewoͤhnlichſte Nahrung des Volkes, und faſt die einzige Speiſe der aͤrmſten Klaſſen deſſel⸗ ben. Dieſe Zwiebeln haben nicht den beißenden Ge⸗ ſchmack der europaͤiſchen Zwiebeln, ſie ſchmecken lieb⸗ lich, und entlocken keine Thraͤnen bei dem Schneiden. Man ißt in Aegypten auch viel Knoblauch, welcher aus Syrien eingefuͤhrt und unter dem Namen Wurzel von Damask verkauft wird. Man ſieht auf dem Delta haͤufig den Mungo und Thaleb; letzterer hat mehre aͤhnliche Zuͤge mit dem Fuchſe. Er ſtellt mit gleicher Gierde am hellen Tage den Huͤhnern nach, nimmt die Eier mit fort, und braucht bei der Jagd, welche er auf Voͤgel macht, alle Liſt und Ge⸗ ſchicklichkeit. Die außerordentlich zahlreichen Ratten und Maͤuſe wuͤrden fuͤr Aegypten eine Geißel ſeyn; wenn ſie nicht an den Katzen, dem Mungo und Thaleb, dem Ibis, dem Storche, den Geiern und andern Raubvoͤgeln ſo viele Feinde faͤnden.. Zu den nuͤtzlichen Thieren Aegypten's gehoͤren das Schaf und die Ziege. XXV. Am 29. Dezember brachen wir von Na⸗ ſchid auf; an dem See Maadis fanden wir ein be⸗ 606 quemes Fahrzeug, und eine halbe Meile jenſeits dieſer alten Nilmuͤndung ein kleines Beduinen⸗Lager. Die Beduinen ſetzten uns, ihren Sitten nach, Waſſer vor, und drangen in uns, in ihren Zeiten zu uͤbernachten. Wir langten gegen s Uhr Abends in Abukir an. In einer kleinen Entfernung von Abukir traf ich gegen Weſten das Dorf Kaſr Dſiami, Schloß der Moſchee, mit einem Tempel. Jenſeits des Dorfes ſah ich bis Alexandrien große, einzeln ſte⸗ hende Haͤuſer in geringer Entfernung von einander. Sie werden von Landleuten bewohnt; jedes derſelben fuͤhrt den Namen Kaſfr, Schloß. Die ganie Kuͤſte beſteht aus kleinen Sandbergen, hinter denen ein tiefer, oft uͤberſchwemmter Boden einige Strecken zum Anbaue hinterlaͤßt. Nachdem ich in einer Entfernung zu zwei Kano⸗ nen⸗Schuͤſſen von Alex andrien unter dem Schat⸗ ten einiger Dattelbaͤume ausgeruht hatte, kehrte ich nach Abukir zuruͤck. Bei meiner Ruͤckkunft drohte mir Gefahr von den Einwohnern wegen vermeinter Schaͤtze, die ich gefun⸗ den haben ſollte. Als ſie uns unerſchrocken, und die Kamele nur mit Menſchen und Koͤrben beladen ſahen, ließen ſie uns ruhig ziehen. XXVI. Wir ſchlugen den Weg nach Suͤdoſt ein, und reiſten uͤber eine unangebaute und ganz entvoͤlkerte Sandflaͤche hin. Wir trafen das Grab eines muſel⸗ maͤnniſchen Heiligen an, an dem ein Stuͤck ſchoͤnen, 5⁰⁷ weißen Marmors mit einer griechiſchen Inſchrift war. Die Charaktere der Schrift waren ziemlich ſchlecht gebildet. Ich kaufte dieſen Stein; in der Folge wurde er mir geſtohlen. Nach 7 Meilen trafen wir in einem arabiſchen Lager ein. Die Beduinen⸗Zelte haben alle dieſelbe Geſtalt; ſie unterſcheiden ſich nur durch ihre Groͤße von einander. Die Zelte der herum ſchweifenden Ara⸗ ber ſind kleiner. Unſere Araber waren zugleich No⸗ maden und Ackerbauer; ihre Zelte waren daher groͤßer. Alle aber ſind niedrig, viel laͤnger als breit, und auf der andern langen, dem Winde gegenuͤber ſtehenden Seite ganz offen. Der Stoff, aus welchem ſie beſtehen, iſt ein Gewirk von Kamelhaaren. Die Weiber der Beduinen zeigen ſich mit offenem Geſichte, gehen frei mit dem Fremden um, ſind ſanft und munter. Jung ſind ſie nicht ohne Schoͤnheit, ob⸗ gleich ſie eine ſchwarz⸗braune Farbe haben, auf den untern Theil ihres Geſichtes machen ſie mit einer Na⸗ del und mit ſchwarzer Farbe ſchmerzhafte Figuren. Die Beduinen ſind im Allgemeinen ſehr ſchoͤne Leute; ſie werden, durch keine Ausſchweifungen ge⸗ ſchwaͤcht, ſebr alt. Andere, die durch ſtetes Herum⸗ ſchweifen ein kuͤmmerliches und unruhiges Leben fuͤh⸗ ren, ſind ſtets Raͤuber und ungluͤcklich; ſie ſehen ſehr duͤrr und armſelig aus. 15 Nachdem ich den Weibern meines Wirtbes einige Kleinigkeiten geſchenkt hatte, reiſten wir am 1. Jan. — — 608 1778 ab. Eine halbe Meile von dem Lager erblickte man gegen Nordweſt auf einer Anhoͤhe das Dorf Ka⸗ rium. Gegen Suͤdoſt ſetzten wir unſere Reiſe an dem Kanal von Alexandrieu fort. Ich war voraus geritten und langte in dem Dorfe Birſik an, wo die Beduinen mich umringten, anſahen, unterſuchten und befuͤhlten, als ob ich ein außerordentliches Weſen waͤre; ſie machten, eben ſo, wie diejenigen Araber, welche ich verlaſſen hatte, das Kreuz mit den Fingern, oder bildeten es im Sande nach. Die duͤrren Sandflaͤchen verwandelten ſich bei un⸗ ſerm Austritte aus Berſik in fruchtbare Gefilde; ge⸗ gen Mittag erreichten wir 3 ſehr nahe liegende Doͤr⸗ fer, welche den Namen Sentam fuͤbren. Wir wur⸗ den zu dem Scheikel belled, dem Landes⸗Vor⸗ geſetzten gefuͤhrt. Um 2 Uhr ſetzten wir unſere Reiſe durch die mit Bohnen bepflanzten Ebenen fort. Die alten Aegypter durften dieſe Pflanzen weder eſſen, noch ſaͤen, die Prieſter konnten nicht einmal ihren Anblick er⸗ tragen. Wir langten Abends in dem Dorfe Guebil am weſtlichen Ufer des Kanals von Alexandrien an, wo wir in einer Moſchee die Haͤlfte von einem anti⸗ ken Loͤwenkopfe fanden, welcher in die Mauer des Tempels eingemauert war. Am 2. Januar ſetzten wir uͤber den ganz trockenen Kanal von Alexandrien, und trafen zu Daman⸗ 6⁰9 hur ein. Der Weg fuͤhrte uͤber Felder, mit Klee und mit bluͤhenden Bohnen bedeckt. Damanhur iſt die Hauptſtadt der Provinz Bahiré. . Selbſt bis hieher hatte ſich das falſche Geruͤcht von meinen Schaͤtzen verbreitet; ich war nicht gegen Nachſtellungen ſicher. Damanhur, eine große und ſchlecht gebaute Stadt iſt die Reſidenz des Bey's von Bahiré und eines Kiaſchefs. Sie iſt der Mittelpunkt des Han⸗ dels mit Baumwolle, welche in den umliegenden großen und ſchoͤnen Ebenen gebaut wird. In dieſer Stadt traf man eine große Menge oͤffentlicher Maͤdchen an, welche mit unverſchleiertem Geſichte ſich zeigten, und den Schleier des Anſtandes abgelegt hatten. In der Naͤhe des vornehmſten Kaffeehauſes hatten ſie kleine Zelte, in welche ſie ihre Eroberungen fuͤhrten. Sie verſtanden die naͤmlichen Verfuͤhrungskuͤnſte, wie die Freuden⸗Maͤdchen in großen Staͤdten Europa's. Gegen Suͤdweſt erreichten wir das Dorf Sanes, und in 1 1 /½ Meilen das Dorf Gragues. Von Gra⸗ gues reiſten wir 1⁄½ Meile nach Suͤdoſt bis zum Dorfe Dentſchell; nahe bei Dentſchell liegt das Dorf Lavoiſche, von ſeiner Querlage in Beziehung auf Dentſchell ſo genannt. Auf der entgegen geſetzten Seite des Weges ſieht man die Truͤmmer von einem großen, aus Erde er⸗ bauten Dorfe an einer Anhoͤhe. Der Weg fuͤhrte uns Suͤd⸗ ein Viertel⸗Suͤdoſt 610— zu dem mit 3 oder 4 Doͤrfern umgebenen Dorfe Saft; hierauf reiſten wir 1/4 Meile nach Suͤdoſt zu zwei an ein⸗ ander liegenden Doͤrfern Scham bernum und Fareß. Von Schambernum erreichten wir in ½ Meile Nagreſch, wo wir uͤbernachteten. Die Einwohner verſchloſſen ihre Thuͤren, weil ſie uns fuͤr Leute des Kiaſchefs hielten, welche auf Pluͤnderung aus⸗ gingen.. Nagreſch war mit Waſſer umgeben, wie Da⸗ manhur; in der Naͤhe deſſelben hielten ſich viele Waſſervoͤgel, Enten und Heerſchnepfen auf. Eine Viertel⸗Meile richteten wir unſern Weg nach Suͤdweſt; hierauf reiſten wir in 1⁄½ Meile bis nach Ramſes am ufer eines großen Kanales. Indem wir ½ Meile nach Suͤd reiſten, gingen wir durch Kaduß und Abuamer und erreichten 1½ Meile weiter den Flecken Biban, den Aufent⸗ haltsort des Kiaſchef, wo alle Mondtage ein betraͤcht⸗ licher Markt mit Kamelen und anderem Viehe ge⸗ halten wird. Eine Viertelſtunde nachher trafen wir ſuͤdſuͤdweſt Herbets, und nach Verlaufe einer halben Stunde in Suͤd 2 Doͤrfer, welche ungefaͤhr 100 Schritte von einander liegen und den Namen Honezé fuͤhren. Bei unſerer Ankunft entflohen die Einwohner. Im Oſten von Honezé liegt eine kleine Meile davon der Flecken Saffrans, wo ein Kiaſchef Be⸗ fehlshaber war. 611 Am 6. Januar betraten wir die unermeßliche Wuͤſte von Lybien. Kein Weg, keine Straße, kein Fußſteig kann unſere Tritte leiten, die mit Muͤhe ein⸗ gedruckten Spuren werden ſogleich wieder verwiſcht, und von ungeſtuͤmmen Winden empor gehobene Sand⸗ wellen verſchlingen manchmal die Menſchen. Der arabiſche Name dieſer nackten Orte iſt Dſie⸗ bel, d. i. Berg. Wir reiſten nach und nach 2— 3 Meilen uͤber eine dicke Schichte feinen und unbeweglichen Sandes, wo Menſchen und Thiere im Gehen hinein fallen. Hier⸗ auf fanden wir mit Kieſeln bedeckte Ebenen. Auf der Oberflaͤche wurden dieſe zahlreicher; je hoͤher wir mit dem Boden ſtiegen, verſchwand der feine Sand immer mehr. Auf den Gipfeln der Huͤgel war die Sandſchichte feſt, und mit verſchiedenartigem Jaspis bedeckt. Auf dieſen rauhen und holperigen Stellen erquickt keine Pflanze mit ihrem Gruͤne das ermuͤdete Auge, kein Baum gewaͤhrt dem Reiſenden Schatten; nur hie und da ſind einige harte und magere Pflanzen, einige Arten von Straͤuchen mit wenigen Blaͤttern. . Die Haſen ſind in der Wuͤſte ziemlich zahlreich. Ihr Fleiſch iſt den Mahomedanern verboten. Sie ſe⸗ hen faſt grau aus, und die Farbe veraͤndert und ver⸗ dunkelt ſich, je weniger heiß das Klima wird. Unſer Weg ging den ganzen Tag uͤber nach Suͤd⸗ weſt; wir uͤbernachteteten auf dem Sand. Sobald 61² der Nebel verſchwunden war, ſahen wir von allen Seiten Herden von Gazellen und wilden Ochſen. Die Tiger uͤberfallen dieſe oft. Oft bemerkte ich friſche Spuren von Straußen im Sande. Ungefaͤhr 13— 414 Meilen von Honezé waren wir ununterbrochen eine Flaͤche hinauf geſtiegen, die ſich ſtufenweiſe erhob, und kamen zu einer Kette von Huͤgeln, welche nach Nordweſt hinlief. Gegenuͤber in einer Entfernung von 3—4 Meilen lauft eine andere Huͤgelkette mit erſterer parallel. Sie bilden ein enges und mit engen und tiefen Schluͤnden durchſchnittenes Thal. XXVII. Die Seiten dieſes Thales, von dem Gi⸗ pfel der Huͤgel bis mehr als die Haͤlfte von ihrer Hoͤhe, ſind ſteil; das uͤbrige iſt ein ſanfter Abhang von feinem, lockerem Sande. Im Grunde des Thales und am Fuße des oͤſtlichen Huͤgels liegen die Natrums⸗ Seen. Man kann unmoͤglich den Umfang der Seen be⸗ ſtimmen; er aͤndert ſich mit der Jahreszeit. Wenn das Waſſer im groͤßten Ueberfluſſe vorhanden iſt, machen beide Seen nur einen aus, welcher mehr lang als breit, einen Raum von mehrern Meilen einnimmt. Zu andern Zeiten ſind dieſe Seen nur geraͤumige Teiche. Die Natrum⸗Ladungen geſchehen vorzuͤglich im Monat Auguſt. Es findet ſich zwar das ganze Jahr, aber nur in geringer Menge. Man reißt es mit Eiſen los, ſchafft es mit Kamelen nach Ferrana, und auf 613 dem Nile nach Kairo, oder in die Magazine von Raſchid. 1 Ehe man zu den Seen kommt, ſteht am Abhange eines Huͤgels ein kleines Haus, nach der Sage der Kopten, der Geburtsort ihres Heiligen Marimus. „Wir reiſten immer nach Suͤdweſt fort, kamen auf einen voͤllig mit verhaͤrtetem Natrum bedeckten Sand, und langten in einiger Entfernung von einem großen, viereckigen Gebaͤude an, in welchem einige koptiſche Moͤnche leben. Es ſteht in der Mitte der Wuͤſte; ſeine ſehr hohen Mauern unterſcheiden ſich nicht von dem Sande, deſſen roͤthliche Farbe und nackten An⸗ blick ſie auch haben. Man bemerkt keinen ſichtbaren Eingang; kein Baum, keine hohe Pflanze umgibt das⸗ ſelbe; man bemerkt in ſeiner Nachbarſchaft keine Sour von Menſchen.. 4 3 In einiger Entfernung wurden wir von einem Haufen raͤuberiſcher Beduinen uͤberfallen und ausgepluͤn⸗ dert; jedoch erhielt ich auf die Rede meines Fuͤhrers Huſſein meine Sachen wieder zuruͤck. 1 „MNur mit Muͤhe konnten wir von den Moͤnchen die die Erlaubniß erhalten, durch eine kleine Thuͤre in das Kloſter zu kommen: denn gewoͤhnlich zieht man die Reiſenden an einem Stricke hinauf. Wir wohn⸗ ten in dem Kloſter, unſern Fuͤhrer ausgenommen, einer ſehr langen Meſſe bei; hierauf folgte eine ſehr kurze Abendmahlzeit, welche blos aus Reis, der in Waſſer gekocht war, beſtand. 4.. „Der Schlupfwinkel der koptiſchen Moͤnche heißt Zaidi el Baramus, und bei den Arabern Kafr Zaidi. Es hat Mauern ohne irgend eine Heffnung; eine kleine Thuͤre, welche jaͤhrlich nur einige Male ge⸗ oͤffnet wird, darf man fuͤr keine ſolche anſehen. Das ganze Gebaͤude iſt aus nicht harten Kalkſteinen gebaut. Innerhalb der Mauern iſt ein kleines, mit Graben umgebenes Kaſtell mit einer Zugbruͤcke, der Zufluchts⸗ 2 2ſtes B. Aegypten. II. 2. 3 614 ort der Moͤnche bei Erſteigung der erſten Mauer durch die Araber. In dem kleinen Kaſtelle war eine Kirche, eine Ziſterne, Lebensmittel, und alles, was noͤthig war, eine lange Blokade auszuhalten. Die Kirche iſt einfach und ohne andere Verzierung als Straußen⸗ Eier und einige ſchlechte Gemaͤlde von Heiligen. Wir wohnten aus Langweile den gottesdienſtlichen Uebun⸗ gen der Moͤnche bei, und erregten durch Nachahmung ihrer Gebrauche oft Lachen. Die Kopten lieben läͤ⸗ ſtige Gehtänche; ihre Zeremonien folgen ſchnell auf einander. 3 4 Die Moͤnche erhalten ihre Lebensmittel jaͤhrlich von Kairo durch reiche Koptenz ſie ſind ſchmutzige, haͤßliche und ekelhafte Geſchoͤpfe. 3 3 3 In ihren Garten, wenn man einen kleinen mit Erde bedeckten Fleck ſo nennen darf, fand ich einige Atles und den Fulful Beladi, d. i. Pfeffer des Landesz dieſe Pflanze ſah ich an keinem andern Orte in Aegypten wieder. 4 In der Gegend der Natrums⸗Seen gibt es dichte und feſte Schichten Steinſalz, welches man in großen Maſſen bricht; es iſt von Außen blendend weiß, in ſeinem Innern roſenfarbig. 3 Außer dieſen verſchiedenen Salzarten bringen die Seen in der Wuͤſte Nitrie noch eine große Menge Schilfrohr hervor; die Aegypter ſammein es in der Abſicht, aus deſſen Blaͤttern Matten, und aus deſſen Stengeln Pfeifenrohre zu machen. Außer dieſem Kloſter befinden ſich noch mehre andere in dieſer Wuͤſte; in einer Entfernung von un: gefaͤhr 2 Meilen ſtand gegen Suͤdoſt das Kloſter Zgidi Surian; auf der andern Seite der Natrums⸗Seen gegen Nordoſt ein Viertel Oſt gab es ein verlaſſe⸗ nes Gebaͤude, ehemals der Wohnort eines Kiaſchef zur Vertreibung der Beduinen. Eine Tagreiſe weiter gegen Weſten liegt das 615 Meer ohne Waſſer, Bahr belama, ein gltes Bette einer Verbindung zwiſchen den Seen Moͤris und Mareotis. Die Adlerſteine oder Aetiten ſiud in der umliegenden Gegend ſehr gemein. Die ver⸗ ſchiedenartig geſtalteten Felſen, welche aus dieſem Kanale hervor ragen, haben den Wahn erzeugt, als ſeyen ſie Ueberreſte von verſteinerten Fahrzeugen. Nicht ohne Ekel und Abſcheu gegen den ſchmutzi⸗ gen Geitz der Moͤnche, verließ ich das Kloſter. Oft hatten ſchon Araber auf uns gelauert. 3 XXVIII. Den 13. Januar 1718 verließen wir Zaidi el Baramus, und reiſeten 2 Meilen ugch Suͤdoſt an tiefen Schluͤnden hin, die mit großen Huͤ⸗ geln parallel liefen und am Rande ſteil ſind. Sie find offenbar das Werk von reißenden Stroͤmen. Wir naͤherten uns dem Kloſter Zaidi Su⸗ rian, ohne von den Arabern uͤberfallen zu werden. Es iſt wie Zaidi el Baramus gebaut, aber viel bequemer und beſſer eingerichtet. Es war ehemals in den Haͤnden ſyriſcher Moͤnche; die alte ſyriſche Kirche ſteht noch; ſie iſt ziemlich ſchoͤn, und mit Schnitzwer⸗ ken und Gemaͤlden geziert. Die Kopten bedienen ſich dieſer Kirche nicht. 3 3 In dem Kloſter⸗Garten ſah ich den Lelab, eine Art don großen, lange lebenden Bohnen, welche die ge⸗ woͤhnliche Nahrung der Aegypter ausmachen. Von einem ungeheuern Tamaninden⸗Baum erzaͤhlten ſie viel Fabelhaftes. Auf allen Maͤrkten in den aͤgyptiſchen Staͤdten trifft man die Schotten, die Koͤrner und das leiſch gekochter und zugleich mit Zucker vermiſchter amarinden an.—.— Die Karavanen bringen dieſe Art von dickem Ein⸗ gemachten aus dem Innern Afrika's nach Aegyp⸗ ren; ſie iſt eine unentbehrliche Sache, wenn man durch die Wuͤſte reiſen muß. 11 Den 14. um 3 Uhr Morgens reiſete ich von Zaidi 616 Surian weg, nachdem ich den Moͤnchen einige Geld⸗ ſtuͤcke gegeben hatte, mit dem Vorſatze, kein Kloſter mehr zu betreten. In einiger Entfernung liegt das Kloſter Amba Biſchoi. Unſere Reiſe war gegen Oſt gerichtet, wir gingen am außerſten ſuͤdlichen Ende des letzten Natrums⸗See's vorbei, welcher mit einer ungehenern Menge Enten aller Art bedeckt war. Das vierte dieſer Kloͤſter in der Wuͤſte ließen wir eine ſtarke Meile von uns zur Rechten liegen. Es war beſonders dem h. Macarius geweiht. Man nennt es auch Amba Monguar; die Araber ſagen bloß Monguar. Die herum liegenden Truͤmmer in ſei⸗ ner Nachbarſchaft, welche die Kopten fuͤr Ueberbleibſel des Kloſters des h. Macgrius halten, nennen die Araber Weiber⸗Schloß.. Wir reiſeten den ganzen Tag und die ganze Nacht, und kamen um s Uhr Morgens im Dorfe Etriß am weſtlichen Nilufer an. Das Lager der Beduinen, mit welchen ich reiſete, war in der Naͤhe aufgeſchlagen; der Scheik fuͤhrte mich in ſein Zelt, und ſogleich brachten uns die Weiber auf eine gaſtfreie Art zu eſſen. Wegen Mangels an Geld gab mir der Scheik einiges, welches ich, um ihn nicht zu kraͤnken, annahm. Der Fuͤhrung dieſes Scheiks hatte ich zu verdanken, daß ich bei dem Kloſter Amba Monguar den Nachſtel⸗ lungen arabiſcher Horden entging, welche bei mir Schaͤtze zu finden hofften. Ich reiſete nach Wardan, welches eine halbe Meile gegen Suͤdoſt von Etriß liegt; es iſt ein gro⸗ ßes Dorf in einer kleinen Entfernung vom weſtlichen Nilufer auf der Stelle der alten Stadt Latopolis. welche der Latona geweiht war. Dieſer Ort war tuͤher wegen ſeiner Raͤubereien beruͤchtigt. Ich dung mir ein Fahrzeug, um nach Kairo und Rgſchid zuruͤck zu fahren. Bei unſerer Fahrt ſahen wir die Einwohner eines Dorfes daſſelbe verlaſſen, 617 aus Funaht eines Ueberfalles von den Beduinen. Das Dorf, obgleich nahe am Üfer des Fluffes, liegt faſt in der eite. mdit hielten unter Bulak, bei dem Dorfe „an. „Den 4s. fuhren wir zwiſchen Wardan und dem kleinen Dorfe Guereiß; unterhalb dieſem iſt eine Viertel⸗Meile weiter das Dorf Geziret Wardan. An dieſem Orte lauft der Nil bis nach Etriß, Nordweſt ein Viertel Nord. Als wir bei Geziret Wardan vorbei fuhren, ſahen wir eine Beerdigung. Vor der Begleitung gin⸗ gen zwei Fahnen, deren eine weiß, die andere roth war; ein Gebrauch, der in den Staͤdten nicht gewoͤhn⸗ lich iſt. Weiter ſahen wir das Dorf Mensgiz un⸗ terhalb Mensgi das kleine Dorf Monfi, und dieſen beiden gegenuͤber Etritz. Hier ging ich in das La⸗ ger meines Beduinen⸗Scheiks, bezahlte meine Schuld, und gab ihm einige Geſchenke. Zwei Meilen unter Etriß fanden wir Abune⸗ chabe, und im Angeſichte deſſelben auf dem oͤſtli⸗ chen Ufer, Tahue. Um 9 Uhr Abends langten wir in dem ziemlich betraͤchtlichen Dorfe Jagnuß an. Hier aß ich zum erſten Male die kleine Frucht Nebka. Die Frucht gleicht einem kleinen runden Apfel, und ſchmeckt demſelben aͤhnlich. Den 20. ſetzten wir unſere Fahrt nach Raſchid fort. Unterhalb Jagnuß geht der Nil nach Nord ein Viertel Nordweſt; eine halbe Meile weiter ſieht man den Hrt Ikmas, und noch eine halbe Meile weiter den Flecken Texranaz er iſt mit guten Mau⸗ ern verſehen, und, wie alle Doͤrfer dieſer Gegend, ganz gus Erde erbaut. In ſeiner Nachbarſchaft ſieht mau die Ueberbleibſel einer alten Stadt, Ternuthis; dieſe Ruinen ſind unter dem Namen Abubellu be⸗ kannt. Die Einwohner von Terrana ſind ein boͤſes 618 Volk. In der Abweſenheit des Kiaſchefs wurden wir von ihnen beſchimpft und bedroht. Auf dem oͤſtlichen Ufer liegen, etwas unterhalb Terrana, die zwei Doͤrfer Jeis und Sanſaft, deren Einwohner in demſelben boͤſen Rufe, wie die zu Terrana, ſtehen. 3 3 Den 22. um 3 Uhr Morgens ſchifften wir weiter, erreichten um 6 uhr Bur⸗Edgiatt, mit einigeu Ueberreſten aus dem Alterthume; eine halbe Metle davon liegt Dimitſchi; auf dem ſuͤdlichen Ufer ſteht Tamale; ein Kanal nach Suͤden macht das Land fruchtbar. Eine kleine halbe Meile weiter findet man an demſelben Ufer Schebſchir, unterhalb in glei⸗ cher Entfernung, Kafr Nadir, und eine Viertel⸗ Meile weiter, Nadir. Hier geht ein anderer, aber weit betraͤchtlicher Kanal nach Nordoſt. Auf demſelben Üfer, wo Nadir ſteht, trifft man Geziret el Ad⸗ jar(Srein⸗Inſel) an, ein Dorf, von dem in einiger Entfernung alte Ruinen, vielleicht Ueberreſte von Nikii ſtehen. Der Fluß laͤuft unterhalb Nadir bis zum kleinen, 3 Meilen von Nadir entfernten Dorfe Alguar ſuͤdweſtlich. Dieſer Ort hat ein ſchlechtes Ausſehen, kleine Mauern; die Einwohner wohnen in ſchlechten Erdhuͤtten. Die Tauben ſchlaͤge haben hier die Geſtalt unſerer Bienenſtoͤcke; ſie ſind aus Erde er⸗ baut, unten viereckig, oben kegelfoͤrmig.. Wir ſegeiten eine Viertel⸗Stunde lang nach Oſt⸗ Vordoſt, hierauf nach Nord, und endlich bis Kaſr Demſchi, einem Dorfe auf dem oͤſtlichen Ufer eine Meile von Alguan. Zwiſchen beiden Orten liegt Kafr Gezié. Eine halbe Meile weiter unten liegt in einiger Entfernung vom Nile das Dorf Denaſor, welches viel beſſer, als alle bisher genannten, war. Gegenuͤber liegt Abulkgui. Eine Kruͤmmung von einer halben Meile gegen Nordweſt ein Viertel Nord fuͤhrt vor Etrie, einem auf dem oͤſtlichen Ufer ver⸗ laſſenen Dorfe vorbei gegenuͤber, auf der andern Seite, liegt ein wenig weit vom Fluffe Zavue el Begli. Eine halbe Meile unterhalb Etrie iſt Kaſr Etriez zwiſchen beiden iſt ein großer Kanal, welcher etnen Theil von, Bahiré bewaͤſſert und mit dem Kanale von Alexandrien in Verbindung ſteht. Unterhalb Kaſr Etrie iſt das große Dorf Miſchlami, eine Viertel⸗Stunde vom Nile ent⸗ fernt. Wlr fuhren von hier zu dem weſtlichen Ufer hinuͤber, und machten das Fahrzeug die Nacht uͤber zu Ramſcherik feſt; ich fand hier einige unbedeutende Ruͤnzen.. Den 25. Vormittags 10 Uhr verließen wir Kom⸗ ſcherik, trafen eine halbe Meile weiter unten auf dem oͤſtlichen Ufer Amruß, kurz daraguf auf dem entgegen ſtehenden Ufer Magenin; noch eine Metle weiter unten, und zwar auf der naͤmlichen Seite, Tonnub an. Der Fluß geht hier Nord⸗Nord⸗Weſt bis eine Viertel⸗Meile unterhalb dem Dorfe Zaira, welches auf einer erhabenen Spitze und in einer kleinen Entfernung davon liegt. Zwiſchen dieſem Orte und Zaira liegt zur Linken Zawna, ein wenig weit vom Ufer. Etwas unterhalb Zaira ſteht auf einer Anhoͤhe eine Kapelle, das Grab eines mahomedaniſchen Hei⸗ ligen. Eine halbe Meile unterhalb Zawna liegt Zawed el Bahart.. In einer Viertels⸗Meile kommt man mit dem oſt⸗nord oͤſtlichen Laufe des Nils zu dem ziemlich gut gebauten Flecken Negilé am oͤſtlichen Ufer. Der Fluß gibt einen Kaual ab, welcher gegen Weſt ſich zieht, und eine kleiue Inſel bildet. Eine halbe Meile von Negilé faͤhrt man vor Alet Achmet, und faſt gegenuͤber vor Kafr Micheli vorbei. Mitmei iſt eine halbe Meile unterhaib Alet Achmet, und eine Viertel⸗Meile unterhalb Acrub. Kaſr Bagi und Kaſfr Agu, welchem gegenuͤber Kafr Garim ſteht, 62o.S Legen din Viertel⸗Meile von einander und von Aecrub. Von Acerub wendet ſich der Nil wieder nach Weſ⸗Nord⸗Weſt, und bildet vor Kaſr Bagi eine Inſel. Hier ſah ich ſo viele Enten, daß ſie einen Raum von mehr als einer halben Meile in die Laͤnge, und uͤber einer Toiſe in die Breite einnahmen.. Zu Kafr Garim laͤuft der Fluß eine Viertel⸗ Meile Nord ein Viertel Nordoſt; an ſeinem weſtlichen üfer findet man das faſt verlaſſene Dorf Salamum. Weiter in das Land hinein liegt ein anderes Kaſr Salamum. Man erkennt Salamum noch an einem Grunde antiken Gemaͤuers, worin ine Thuͤre iſt. Von hier bis Schabur hat man eine Viertel⸗ Meile. Dieſe beiden Orte bezeichnen nach d'Anville, die Maͤnner⸗ und Weiber⸗Stadt’, Andropolis und Gynaͤcopolis. Von Salgmum bis Schabur geht der Fluß Nordoſt ein Viertel Oſt. Ehe man Schabur er⸗ reicht, ſieht man am weſtlichen Ufer das Grab eines Heiligen. Schabur iſt ein ziemlich betraͤchtliches Dorf, aber ganz aus Erde und ſchlecht gebaut. Vorwaͤrts Schabur hat ein Dorf den unanſtaͤn⸗ digen Namen Kafr Sapgri. Die Nil⸗Schifffahrt iſt in dieſen Gegenden Nachts, wegen der Menge von Raͤnbern, mit welchen die Doͤrfer angefuͤllt ſind, ſehr gefaͤhrlich.. (Fortſetzung im naͤchſten Baͤndchen.)