646 3— — önn LaTTTTTTATTArArrrhearrrr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. IPaaan Tinlihtr Leſepreis für ein deutſches Bunh 1 1 Kr. ,„ franz. od.engl.„ 2„„ ‧Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: — auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 2, 3 30 2, 2„ 45„ . 2 „ 1.—„ 27„—„„ ararararrnr anarananananhanananar annnnanfnn Tarar araTAAMAEHATEATANMLEATEHTATATHAüGHTAEHREREAEATATUATA Taſchen⸗ Bibliothck der wihrigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, Erfindung der Buchdenckdekunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. „ Perfaßt von Mehren, und heraigegeben Joachim Hernrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 25. Baͤndchen. Mit einem Kupfer. II. Theil. 1. Bändchen von Perſien. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner, 1828. Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch— Perſien. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt. von Mehren, und herausgegeben . von Joachim Heinrich Jäck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 1. Baͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 18˙2 8. XIV. Reiſe nach Moskau und Perſien von Adam Oelſchläger(Olearius)*). In gedrängter Kürze mitgetheilt von einem königl. bayer'ſchen Staatsdiener. — Erſtes Buch. I. Friedrich, Erbe von Norwegen und Her⸗ zog von Schleswig, Hollſtein ec. hatte beſchloſſen, *) Adam Oelſchlaͤger(Oleagrius), geb. zwi⸗ ſchen 1599— 1603 zu Aſchersleben im Anhalti⸗ ſchen, wurde zu Leipzig Magiſter und Aſſeſſor der philoſophiſchen Fakultaͤt, Mitglied des klei⸗ nen Fuͤrſten⸗Kollegiums, dann Rath, Biblio⸗ thekar und Hof⸗Mathematiker des Herzogs Friedrich von Hollſtein⸗Gottorf Als dieſer Philipp Cruſius und Okto Bruͤgmann mit einem anſehnlichen Gefolge 1633 an den Czaar von Moskau und an den Schach von Perſien ſendete, ward er als Sekretaͤr beigeſellt. eine glaͤnzende Geſandtſchaft, in der Perlon Phi⸗ lipps von Cruſenſtirn und Otto Bruͤgmann Er kehrte 1635 nach Gottorf zuruͤck, begab ſich mit jenem Geſandten im October d. J. noch einmal nach Rußland und Perſien, und langte 1630 in Hollſtein wieder an. Er verfaßte ſo⸗ gleich die Beſchreibung ſeiner Reiſen, uͤberſetzte zugleich gus dem Perſiſchen das Roſenthal des beruͤhmten Dichters Schich Saadi, gab die Fabeln des perſiſchen Dichters Loemanns und eine Skizze der Hollſteiniſchen Chronik von 1448 bis 1663 heraus, wie auch viele andere chriften, und hinterließ ein perſiſches Woͤrter⸗ buch und einen Leitfaden zur Geſchichte des per⸗ ſiſchen Reiches handſchriftlich. Er ſtarb 22. Febr. 1674. Die erſte Ausgabe ſeiner neuen orienta⸗ liſchen Reiſe geſchah zu Schleswig 1647. Fol,, die zweite, vermehrte, daſelbſt 1656. Fol., die dritte 1663. Fol., die vierte 1671, die fuͤnfte erfolgte nach ſeinem Tode zu Hamburg 1696. Fol., welche wir hier benutzten. Dieſelbe Reie erſchien dreimal in hollandiſcher Sprache durch Dietrich von Wageningen zu Amſterdam, Groͤningen und Urrecht im naͤmlichen Jahre 1651;3 in das Italiſche uͤberſetzt zu Viterbo 1558. 4.; in das Engliſche durch Joh. Davis 1666 zu London, und im Auszuge daſelbſt 4705; in das Franzöſiſche durch Wicquefort zu Paris 1659. 4., 1666. 4., 1679. 4. in 2 Baͤnden, zum vierten Male zu Leiden 1719. 4., und zum fuͤnf⸗ ten Male in Amſterdam 1721. Fol., in 2 Baͤn⸗ den. Alle dieſe Original⸗Ausgaben und Ueber⸗ 7 von Hamburg, an den großen Czaar von Ruh⸗ land, den Großfuͤrſten Michael Foͤdorowitz, nach Mos kau zu ſenden. Dieſe Herren hatten uͤber⸗ dieß eine Begleitung von 34 Perſonen bei ſich, denen ich mich gleichfalls beigezaͤhlt fand. Mit allem Noth⸗ wendigen zu einer ſo großen Reiſe verſehen, kamen wir nach Hamburg, und am 9. November 1633 uͤber Luͤbeck an den Strand, wo bereits eine Ga⸗ leere, Fortuna genannt, uns erwartete. Zu Schif⸗ fern waren beſtellt Michael K Kordes, ein erfahruer Mann, und Hauns Muͤller; Schiffsarzt aber war Dr. Wendelin Sibeliſt. II. Wir ſtießen Nachmittags froͤhlich vom Lande, und legten uns auf der Rhede vor Anker. Abends um neun Uhr erhob ſich erwuͤnſcht ein guͤnſtiger Weſt⸗ Wind, bei dem wir ſogleich die Segel lichteten, und noch in ſelbiger Nacht zwanzig Meilen weiter fuhren. Schon den folgenden Tag ſchifften wir an der Inſel Bornholm auf einer Meilen⸗Weite voruͤber, und das alte Schloß Hammershauſen, auf einem vorra⸗ genden Felſen, mit den umliegenden fruchtbaren Trif⸗ ten, war vor unſern Augen. Nicht weit davon aber, nordwaͤrts, iſt die gefaͤhrliche Klippe Erdholm, welche die Seefahrer zur Herbſtzeit ſehr fuͤrchten, und wo ſetzungen waren mit ſehr viel Kunfehn ver⸗ ſehen.(Jack.) ſchon viele Schiffbruch gelitten haben. Am andern Tage erhob ſich eine kalte, heftige Nordluft, welche bei vielen der Unſrigen die Seekrankheit befoͤrderte. Dieſe erfolgt von der ungewohnten Bewegung der Eingeweide, und man hat beobachtet, daß kleine Kin⸗ der, welche noch des Wiegens gewohnt ſind, von ſol⸗ cher Krankheit nicht befallen werden. Der erwaͤhnte Wind war uͤbrigens unſerm Zuge zweckdienlich, und führte uns noch in ſelbiger Nacht fuͤnfzehn Meilen weit. Dees anderen Tages aber trat eine ſolche Wind⸗ ſtille ein, daß wir auf der Stelle, wo wir waren, lie⸗ gen bleiben mußten. Zum Zeitvertreibe ließen wir Saitenſpiel und andere Muſik ertoͤnen; als aber zu Mittag wieder guter Wind aus Suͤden kam, gelang⸗ ten wir bald an die Landſpitze Domesnes in Chur⸗ land, und legten uns daſelbſt vor Auker. Den 14. November kamen wir vor die Schanze Duna⸗ munde(an den Mund des Duna⸗Stromes), zwei Meilen von Riga, bei welcher Stadt wir noch an demſelben Abende, unter Fuͤhrung eines, zu Duna⸗ munde eingenommenen Steuermannes, gluͤcklich an⸗ gekommen ſind. III. Zu Riga mußten wir fuͤnf Wochen liegen bleiben, bis Froſt und Schnee in der ſumpfigen Um⸗ gegend gute Bahn zur Schlittenfahrt gemacht hatte. Wir wollten nach Dorpat, und ſchickten(den 14. Dezember) unſer Gepaͤck auf 34 Schlitten voraus. 9 Bald folgten auch die Herren Geſandten; da es nun nicht anders zu thun war, als daß ein jeder, im Schlitten ſitzend, ſein Pferd ſelbſt leiten mußte, ſo ſah man in den erſten Tagen, dieſer Fahrt ungewohnt, einen nach dem andern etliche Male umwerfen, und ſich mit dem Gepaͤcke wieder aus dem Schnee auf⸗ ſammeln. So kamen wir nach Wolmar, einem von den Ruſſen und Polen ſehr verwuͤſteten Staͤdtchen, auf deſſen Mauern und Truͤmmern die Einwohner nur ſchlechte Wohnungen von Holz wieder erbaut ha⸗ ben nach Art der Schweden; dann uͤber das Schloß Ermes nach dem Edelhofe Halmet, wo wir fuͤrſt⸗ lich bewirthet wurden. Hier fuͤhrte man uns vor die Tafel ein zahmes Elendthier, deren es in dieſer Ge⸗ gend viele giebt.— Ueber Ningen, ein Schloß, kamen wir(den 22. Dezember) nach Dorpat. Dieſe Stadt liegt in Eſtland, am Fluſſe Embeck, in der Mitte Lieflands, iſt mit Ringmauern, Ron⸗ deen ꝛc. umgeben, der Sitz eines Biſchofes und einer hohen Schule. Wir feierten hier das Weihnachtsfeſt und zogen dann nach Narve, wo wir den 3. Jaͤnner 1634 angekommen ſind. Hier mußten wir 22 Wochen ſitzen bleiben, iudem wir auf die ſchwediſchen Geſand⸗ ten warteten, um mit ihnen gemeinſchaftlich nach Moskau zu reiſen. Obwohl wir uns die Zeit mit allerlei Luſtbarkeiten zu verkuͤrzen ſuchten, ſo war uns dieſe Zoͤgerung doch ſehr unangenehm, beſonders da die niedere Dienerſchaft unſerer Begleitung mit der 10 Beſatzung von Navve in Schlaͤgereien und Uneinig⸗ keiten gerathen war. Deßwegen gingen mehrere von dem Gefolge nach Neugarten voraus, an der Straße nach Moskau; der Geſandte ſelbſt folgte bald nach, und kam nach Reval, wo wir ſechs Wo⸗ chen blieben. Als aber die Botſchaft eintraf, daß die ſchwediſchen Geſandten eingetroffen ſeyen, kehrten wir nach Narve zuruͤck. Dort wurde gemeinſchaft⸗ lich beſchloſſen, den Weg nach Neugard durch Ca⸗ relien uͤber den Ladogaiſche See zu nehmen, was durch einen Eilboten dem Woywoden zu Neu⸗ gard berichtet wurde, damit dieſer dafuͤr ſorge, daß wir an der Graͤnze nicht lange warten duͤrften. Denn es iſt in Rußland und Perſien Gebrauch, daß die fremden Geſandten vorerſt dem Herrn des Landes an⸗ gekuͤndiget werden muͤſſen, bis ſie ſein Gebiet betre⸗ ten duͤrfen. Von dort an aber ſind ſie frei fuͤr Zeh⸗ rung und alles, was ſie beduͤrftig ſind. IV. Am 24. Mai ſah ich zu Naroe ein ruſſiſches Todtenfeſt. Ich traf den Gottesacker voll Weiber an, welche auf den Leichenſteinen ſchoͤne, ausgenaͤhte Tuͤ⸗ cher ausgebreitet hatten, auf welche ſie einige Schuͤſ⸗ ſeln mit Kuchen, Fiſchen und gefaͤrbten Eiern legten. Sie ſtanden, oder lagen auf den Kuien herum, heul⸗ ten und ſchrien, ſtellten etliche Fragen an die Tod⸗ ten, indeß ſie manchmal ſich umwandten, und ihre kommenden oder gehenden Bekannten freundlich und la⸗ chend gruͤßten, aber gleich darauf wieder mit dem 11 Weheklagen fortfehren. Zwiſchen ihnen ging der Pope(Prieſter) mit zwei Dienern herum, hatte ein Rauchfaß und ließ ſich die Namen der Todten ſagen, fuͤr welche jeder betete. Dieſe wiederholte er und be⸗ raͤucherte dabei die Graͤber. Die Weiber zerrten den Popen von einem Orte zum andern: denn jedes wollte fuͤr ſeinen Todten den Vorzug haben. Zuletzt reichten ſie ihm ein Stuͤck Geld; die Fiſche und Eier ꝛc. aber nahmen die Diener zu ſich. Am 26. Mai zogen wir aus Narve nach der Fe⸗ ſtung Gam, in Ingermanland, an einem fiſch⸗ reichen Fluͤßchen, Jamiſch Beck genannt. Die Fe⸗ ſtung iſt nicht groß, aber mit ſtarken Mauern und acht runden Thuͤrmen umgeben. Hierauf kamen wir zur Veſte Capurga, und am andern Tage auf den Hof eines ruſſiſchen Bojaren, der uns gut aufnahm und herrlich bewirthete. Er hatte zwei Trompeter, die immer blaſen mußten, ſo oft er eine Geſundheit trank, was er den Teutſchen abgelernt hatte. Denn er war fruͤher ein tapferer Soldat, und hatte(1631) der Schlacht bei Leipzig beigewohnt. Vor unſerm Abzuge mußten ſeine Frau und ihre Schweſter, beide ſehr jung und ſchoͤn, bei uns erſcheinen, und unſeren Geſandten einen Becher Branntwein zum Abſchied rei⸗ chen. Dieſe iſt die groͤßte Ehrenbezeigung; ſehr ver⸗ trauten Gaͤſten wird auch geſtattet, den Mund der holden Frauen zu kuͤſſen. Wir ſetzten hierauf unſern Wes fort durch das Johannes⸗Thal, wo der Freiherr von Skytte eine Stadt zu bauen angefangen hatte, wovon bereits die Kirche ſtand. Wir fanden in dieſem Thale ein ſchoͤnes, dreifaches Echo, das wir mit Trompeten er⸗ weckten, und uns auf dieſe Weiſe einen großen Theil der Nacht beluſtigten: denn wir konnten vor der Menge Muͤcken, die uns belaͤſtigten, nicht ſchlafen. Am andern Morgen kamen wir nach Neuſchanz oder Nie, an einem ſchiffbaren Fluſſe, der aus dem Ladogaiſchen See ſtroͤmt, ſich in die finiſche Oſtſee er⸗ gießt, und Ingermanland von Carellien ſchei⸗ det; und bald ſahen wir die Feſtung Noteburg, welche an der Muͤndung des Ladogaiſchen See liegt, nud uͤberall imit tiefen Gewaͤſſern umgeben iſt. Sie iſt mit ſehr dicken Mauern umgeben, und hat im In⸗ nern noch ein Kaſtell, aus welchem man die Feſtung beſtreichen kann. Im letzten Kriege mit den Schwe⸗ den vertheidigten ſich hier die Ruſſen ſehr tapfer, und und kapitulirten endlich mit der Bedinguſß, mit Sack und Pack abziehen zu koͤnnen. Als ſie aber die Feſtung oͤffneten, kamen nicht mehr als zwei Mann hervor; alle uͤbrigen waren im Kampfe gefallen. Die Gegend iſt wegen der vielen Moraͤſte ſehr ungeſund, und die Muͤcken, welche die Einwohner ruſſiſche Seelen nenneu, plagten uns hier wie⸗ der ſo ſehr, daß man nicht eine Hand breit reine Luft ſehen konnte, und das Angeſicht bedecken mußte. Unſer Aufenthalt verlaͤngerte ſich zu Noteburg bis in die ſiebente Woche, bis endlich der Woywode von Neugard die Nachricht gab, daß ein ruſſiſcher Priſtaffe(Abgeordneter) zu Laba uns erwarte. So kamen wir am 27. Juni fruͤh 4 Uhr zu einem Bache, vierzig Schritte von dem genannten Orte, der die ruſ⸗ ſiſche und ſchwediſche Graͤnze ſcheidet. Als wir uͤber das Fluͤßchen gefahren waren, empfing uns der Priſt⸗ affe mit ſteifem Stolze, und noͤthigte uns in eines Edelmanns Haus, in eine kleine, von Rauch ganz ſchwarze Stube, welche ſtark geheizt war. Nun wur⸗ de den Geſandten zum Will komm etliche Schalen voll ſehr ſtarken Branntweins und zweierlei Arten unſchmack⸗ haften Methes gereicht, mit etlichen Stuͤcken Pfeffer⸗ kuchen. Der Priſtaffe trug einen rothen Rock von Da⸗ maſt, und war nicht zu bewegen, die Bedeckung ſei⸗ nes Hauptes abzunehmen. Nachdem er ſeines Kaiſers Namen und langen Titel geſagt hatte, endete er ſeine Rede mit dem Verſprechen, uns ungeſaͤumt nach Moskau zu bringen, und bis dorthin mit allem Nothwendigen zu verſehen. Sein Dolmetſcher ſprach aber ſo ſchlecht teutſch, daß wir ihn kaum verſtehen konnten. Als wir wieder ſcheiden wollten, gaben die Stre⸗ litzen, welche zwoͤlf Koſaken waren, eine Ehrenſalve, aber ſo unordentlich und ſo unvorſichtig, daß einer aus unſerer Mitte durch das Oberklied geſchoßen wurde. 14 V., Hierauf fuhren wir uͤber den Ladoggiſche Ses Nach ungefaͤhr 12 Meilen kamen wir zu einem Klo⸗ ſter, Namens Nawolk Konski, wo wir an das Land ſtiegen. Daſelbſt kam uns ein ruffiſcher Moͤnch ent gegen, und reichte den Geſandten zum Willkomm Brot und einen getrockneten Lachs. Noch am Abende deſ⸗ ſelben Tages erreichten wir das Staͤdtchen Ladoga, wo wir eine große Anzahl Kinder von 4 bis 1 Jahren fanden. Maͤdchen und Knaben waren ganz gleich ge⸗ kleidet, hatten abgeſchnittene Haare und herabhaͤn⸗ de Locken. Sie umiagerten uns gleichſam, und ver⸗ kauften fuͤr eine geringe Muͤnze eine Art rother Bee⸗ ren, welche ſie Molina nennen. Waͤhrend wir Mit⸗ tag hielten, ſpielten zwei Ruſſen auf der Geige und Laute, und ſangen Lieder von ihrem großen Czaar Mi⸗ chael Foͤdorowitz. Nachmittags fuhren wir am⸗ dem Wolchow⸗Strome wieder davon. Auf den Mau ern ſtanden viele Hundert Kinder, uns nachzuſehen, auch alte Leute, und ein Moͤnch, der uns ſegnete. Als die Segel aufgezogen wurden, zerriß ein Tau⸗ und ein Segel ſiel auf einen Strelitzen ſo herab, daß er wie todt da lag. Als er nach einer Stunde wieder zur Beſinnung kam, und man ihm eine Schale Brannt⸗ wein beigebracht hatte, erholte er ſich gleich wieder. Die Wolchow iſt ein Fluß, ſo breit wie die Elbe kommt aus dem Ilmer⸗See bei Neugart un muͤndet in den Ladogaiſche See. Vor Ladoga ha dieſer Sirom einen Fall, zwiſchen grolen Steinen 15 Nur mit großer Gefahr kann man ſich hier der pfeil⸗ ſchnellen Stroͤmung anvertrauen, und noch beſchwerli⸗ cher iſt, Strom aufwaͤrts zu ſchiffen. Wir ſtiegen deß⸗ wegen an das Land, und unſere Schiffe wurden mit⸗ tels langer Seile uͤber die Brandung gezogen. Eines derſelben, als es beinahe ſchon die Hoͤhe erreicht hatte, riß ſich los, und fuhr mit einer gewaltigen Schnellig⸗ keit zuruͤck. Zum Gluͤck ſchlang ſich das Seil um ei⸗ nen hervorragende Felſen, von dem es nur mit Muͤhe wieder losgebracht werden konnte. Man erzaͤhlte uns, daß kurz zuvor ein Schiff mit Fiſchen beladen am naͤm⸗ lichen Orte untergegangen ſei. Am Abende erreichten wir das Kloſter Nikolai Nepoſtiga, wo wir einen Tag lang ruhten. Hier und faſt die ganze Zeit un⸗ ſerer Reiſe waren wir wieder von den Muͤcken ſehr geplagt. Einige der Unſrigen waren im Geſichte ſo zerſkochen, daß ſie ausſahen, als ob ſie die Pocken ge⸗ habt haͤtten. Dieſe Plage iſt zur Sommerszeit in Li ff⸗ land und ganz Rußland einheimiſch. Die Vorneh⸗ men fuͤhren deßwegen ein Gezelte von feinem Netze mit ſich, das ſie uͤber ihr Lager ausſpannen; die Aer⸗ mern aber machen ein großes Feuer auf, und lagern ſich ſo nahe daran, als moͤglich. Ein Moͤnch brachte uns Rettige und Gurken; der Geſandte ſchenkte ihm dafuͤr einen Thaler. Daruͤber war jener ſo erfreut, daß er uns, wider die Gewohn⸗ beit der Ruſſen die Kirche aufſchloß. In der Vorka⸗ pelle ſahen wir an den Waͤnden die Wunderwerke des h. Nikolaus, in roher Malerei, wie die ruſſiſche uͤberhaupt iſt. Auch zeigte er uns ſeine Bibel in Skla⸗ voniſcher Sprache, und las eine Stelle aus derſelben. Wo er geblieben war, merkte er ſich durch ein troͤpf⸗ lein Wachs. Am andern Tage gelangten wir zum Dorfe Co⸗ rodiza, wo wir am freien Strande Mittagstafel hielten. Der Priſtaffe brachte einen jungen Baͤren, mit dem wir uns einige Zeit kurzweilten. Nachts er⸗ reichten wir das Dorf Solza, wo uns ein ruſſiſcher Fuͤrſt, Namens Roman Ivanowitz, beſuchte. Er war ganz betrunken, und doch trank er noch mit großer Gierde von unſerm Branntwein und ſpaniſchem Wein ſo lange, bis er beſinnungslos zur Erde fiel. Bei dem Dorfe Grunza trafen wir an einem Teiche viele Kraniche an, und bei dem Dorfe Krif⸗ zewitza ſahen wir das wohlgebaute Kloſter Nacha⸗ tim, welches fuͤr den Kaiſer 100 Mann Soldaten un⸗ terhalten muß. Endlich erreichten wir Neugard. Der Woy⸗ wode ſchickte uns in die Herberge eine Tonne Bier, Meth und Branntwein, der Geſandte verehrte ihm da⸗ fuͤr ein ſilbernes, vergoldetes Trinkgeſchirr. Nach vier Tagen Ruhe fuhren wir zu Waſſer auf Brunnitz. Als wir an das Land geſtiegen waren, erſchien eine ruſſi⸗ ſche Prozeſſion mit Kreuz und brennenden Wachslich⸗ tern an dem Strande, das Waſſer zu weihen. Nachdem der Pope einige Zeit geſungen und geleſen hatte, ſtieß 7 17 er das Kreuz und die brennende Kerze in die Wellen, daß ſie verloͤſchte. Dieſem Beiſpiele folgten alle Andere. Darauf nahmen die Weiber ihre Kinder und tauchten ſie drei Mal unter; einige Erwachſene ſprangen ſelbſt in das Waſſer. Zuletzt fuͤhrten ſie auch ihre Pferde zum Traͤnken herbei. Wir ſetzten nun unſere Reiſe zu Land fort, kamen zu den Ortſchaften Srasmiſtanski, Gam und Gaſelbitza, ſo wie an mehrere Orte, die wir nicht alle nennen wollen. In einem derſelben, da wir es kaum betreten hatten, wurden unſere Pferde auf ein⸗ mal wie wuͤthend, daß wir Muͤhe hatten, in guter Ordnung hindurch zu kommen. Wir lagerten uns bierauf außer dem Dorfe im Freien. Da erfuhren wir, daß die Bauern hinterliſtig ihre Bienen gereitzt batten, um ſie auf uns zu hetzen, und dadurch unſern Aufenthalt im Orte zu verleiden; was ſie in ganz Rußland oft zu thun pflegen; wenn ſie ſich vor frem⸗ der Einquartierung fuͤrchten. Das Staͤdtchen Tor⸗ ſok iſt mit Brettern und hoͤlzernem Bollwerk umge⸗ ben; wir fanden aber darin gutes Brod, Bier und Meth. Etwas groͤßer iſt, zwoͤlf Meilen davon, Twerl, wo ein biſchoͤflicher Sitz und ein Woywode iſt. Der Fluß Twer waͤlzt ſich hier vorbei, welcher, nach ei⸗ nem Laufe von 000 teutſchen Meilen, ſich in das ka⸗ ſpiſche Meer ergießt. VI. Den 13. Augnſt erreichten wir das letzte Dorf vor Moskau, Nikola Nachinski, zwei Meilen 25ſtes B. Perſfen. II. 7. 2 18 von der Stadt gelegen. Der Priſtaffe ſchickte ei⸗ nen Boten voraus, unſere Ankunft zu Moskau zu verkuͤndigen. Nun wurde ein Zug formirt, um in ſchoͤner Ord⸗ nung in der Hauptſtadt Rußlands einzuziehen. Voran ritten die Strelitzen und einige unſerer Leute; dieſen folgten drei Handpferde, der Trompeter, der Marſchall mit der hoͤhern Dienerſchaft, endlich die Geſandten, deren jeder vier Leibſchuͤtzen vor ſich hatte; der Priſt⸗ affe ritt denſelben zur Seite. Jetzt kamen die Pagen, dann mehrere Wagen mit Dienerſchaft, vierzig Laſt⸗ wagen, und den Beſchluß machten drei Jungen. Waͤhrend dieſer Zug ſich vorwaͤrts bewegte, kamen nach und nach zehn reitende Poſten, um anzuzeigen, daß zum Empfange alles bereit ſey. Eine Viertel⸗ Meile vor der Stadt fanden wir vier tauſend wohlge⸗ ruͤſtete Ruſſen zu Pferd, welche uns in guter Ord⸗ nung Spalier machten; um und um erſchienen zwei Priſtaffen mit goldgeſtickten Kleidern und hohen Zobelmuͤtzen. Sie ritten auf ſchoͤnen weißen Pferden, welche ſie, ſtatt des Zaumes, mit einer ſilbernen Kette lenkten. Dieſen folgte der großfuͤrſtliche Stallmeiſter mit 20 weißen Handpferden und einem Troße zu Pferd und zu Fuße. Die Priſtaffen hielten eine Aurede, welche einer der Geſandten erwiederte. Dieſe und ih re Hofunker, ſetzten ſich nun auf die ſchoͤn gezierten Roſſe, denen zu Fuß die Knechte folgten, mit den abgenommenen 19 . Decken von Leopard⸗Haͤuten. Nun ging es wieder vorwaͤrts bis zur Stadt, wo alle Gaſſen und Haͤuſer mit einer unzaͤhlbaren Menge Volkes beſetzt waren. Die Gaſſen waren noch ſehr verwuͤſtet: denn kurz zu⸗ vor waren fuͤnftauſend Haͤuſer von den Flammen ver⸗ zehrt worden. waren; ſo legte man uns in zwei hoͤlzerne Buͤrgers⸗ haͤuſer ein, welche noch unverſehrt ſtanden innerhalb der weißen Mauer, Zarskigorod, d. j. Kaiſerſtadt genannt. VII. Schon nach einer halben Stunde erſchienen 32 Ruſſen, welche aus des Großfuͤrſten Kuͤche und Keller Vorraͤthe brachten: acht Schafe, dreißig Huͤh⸗ ner, viel Weitzen⸗ und Roggenbrod, zwei und zwan⸗ tig Sorten Getraͤnke, als Wein, Bier, Meth und Branntwein, eines koͤſtlicher, als das andere. Dieſer Transport wurde alle Tage wiederholt, jedoch uur mit der Halbſcheide von Allem, ausgenommen an den Tagen, wo die Herren Geſandten Audienz erhalten hatten; dann folgte wieder die ganze Bewirthung. Nach der Ueberlieferung deſſelben wurde de Vorhof ers immer verſchloſſen und mit 12 Stre⸗ litzen verwahrt, damit Niemand zu uns, und auch wir zu Niemanden kommen moͤchten. Jedoch waren zwei Priſtaffen und ein Dolmetſcher beſtellt, welche 20 alles melden mußten, was wir etwa verlangen wollten. Am 19. Auguſt gab die ezaariſche Maje ſtaͤt Au⸗ dienz. Es wurden wieder des Großfuͤrſten weiße Pferde zum Aufreiten gebracht, und der Zug ordnete ſich ungefaͤhr wieder, wie vorher. Kun wurden die Ge⸗ ſchenke fuͤr den Czaar, offen ausgebreitet, vor den Ge⸗ ſandten getragrn, als da waren: mehrere auserleſene Pferde, ein Kreuz von Chriſoliten mit Gold gefaßt⸗ eine chemiſche Apotheke, ein großer Spiegel, ein ſil⸗ bernes Perſpektiv, eine große Uhr u. ſ. w. Den Ge⸗ ſchenken folgten zwei Kammerjunker, welche in aus⸗ geſtreckten Haͤnden die Credenz⸗Schreiben trugen. Von unſerer Wohnung bis zum Schloſſe mochte ungefaͤhr eine halbe Meile ſeyn; zu beiden Seiten waren Strelitzen und Soldaten in Parade aufgeſtellt, und hinter ihnen waren Straſſen, Haͤuſer und Daͤ⸗ cher voll von neugierigen Zuſchauern. Auf dem obern Platze des Schloſſes ſtieg alles von den Pferden, worauf man uns in einen gewoͤlb⸗ ten Gang, und dann in eine ſehr ſchoͤne Kirche fuͤhrte. Durchs dieſelbe gelangten wir erſt in den Audienz⸗ Saal. Vor demſelben ſahen wir alte, anſehnliche Maͤnnen, mit langen, grauen Baͤrten, goldgeſtickten Kleidern und hohen Zobel⸗Muͤtzen. Dieſe waren 5. Majeſtaͤt Goſen, oder vornehmſte Kaufleute. Ihre Kleider waren aus der Schatzkammer senommen, wohin ſte auch, nach geendeten Feierlichkeiten, jeder⸗ zeit wieder gebracht werden mußten. An der Thuͤre des Audienz⸗Saales kamen den Geſandten zwei Bolaren entgegen, in Roͤcken von Goldſtoff, mit Perlen geſtickt; ſie fuͤhrten jene zu den Stufen des Thrones.— Der Saal war ein viereckig⸗ tes, ſteinernes Gewoͤlbe; Fußboden und Waͤnde wa⸗ ren mit ſchoͤnen Tapeten belegt, welche mit Gold und lebhaften Farben bibliſche Vorſtellungen enthielten. Des Großfuͤrſten Sitz war an der hintern Wand er⸗ richtet, drei Stufen von der Erde erhaben, uͤberladen mit Gold und Silber. Vier vergoldete Saͤulen tru⸗ gen eine Art Thurm, auf welchem vier goldene Adler ſaßen. Der Czaar hatte dieſen Thron bereits einge⸗ nounen, Sein Rock war mit vielen Edelſteinen und großen Perlen geſtickt; die Krone, welche er uͤber einer ſchwarzen Zobelmuͤtze auf dem Haupte hatte, war mit n Diamanten beſetzt. Sein goldener Szepter ochte ihm wohl zu ſchwer ſeyn; denn er nahm ihn einer Hand in die andere, dem Throne ſtanden vier junge, ſtarke Knee⸗ ſen, zwei auf jeder Seite, in weißen Roͤcken von Da⸗ maſt, in Müͤtzen von Luchsfellen, und in weißen Stiefein. Au der Bruſt trugen ſie kreuzweiſe eine ſchwere, goldene Kette, und uͤber der Schulter ein ſilbernes Beil.— An den Waͤnden herum zur Linken ſaßen die vor⸗ ehinten Bojaren und Kneeſen, die sraͤthe und uͤber so andere Perſonen, alle ſehr koͤſtlich gekleidet, mit hohen, ſchwarzen Fuchsmuͤtzen, welche ſie nach ih⸗ rer Art, ſtets auf dem Kopfe behielten. Fuͤnf Schritte vom Throne, zur Rechten, ſtand der Reichskanzler, neben ihm der Reichsapfel, auf einer zwei Ellen hohen, ſilbernen Pyramide; dann auf einem Tiſche ein goldenes Handbecken, mit der Gieß⸗ kanne und einer Serviette, damit S. Majeſtaͤt ſich wieder waſchen koͤnnte, wenn er den Geſandten die Hand zum Kuſſe gereicht hatte. Dieſe Ehre wieder⸗ faͤhrt aber nur den chriſtlichen Geſandten, keineswegs jenen, von andern Glaubens⸗Bekenntniſſen.— Wir ſtanden nun zehn Schritte vom Throne; auf beiden Seiten die Edelleute mit den Credenzſchreiben. Der Czaar nahm hierauf den Szepter in die Linke, und reichte ſeine Rechte mit freundlicher Miene zum Kuſſe hin. Die Geſandten naherten ſich, durften aber die Hand Seiner Majeſtaͤt nicht beruͤhren. Sie hielten eine Rede und uͤberreichten die Creditive. Der Ciaar rief ſeinen Reichskanzler und redete einige Zeit mit ihm. Darauf verkuͤndete dieſer den Geſandten, daß ſie wilkommen ſeyen, und daß er auf die Schreiben ihrer hohen Herrſchaften antworten laſſen wolle. Er erlaubte ihnen auch, auf herbeigeſchaffte, mit Tape⸗ ten belegte Sitze, ſich niederzulaſſen. Hierauf ſtreckte der Czaar ſeine Hand abermals zum Kuſſe fuͤr die Hofjunker und andere vornehme Begleitung aus; 23 dann wurden die Geſchenke gebracht und ausgebreitet. Alle beluſtigten ſich einige Zeit im Beſchauen der⸗ ſelben. Zuletzt lud der Czaar durch den Reichs⸗ kanzler, der immer ſein Organ war, die Geſandten ein, heute von ſeiner Tafel zu ſpeiſen, worauf ſich unſer Zug in der naͤmlichen Ordnung wieder nach Hauſe begab, wie er hieher gekommen war. Bald darauf kam des Großfuͤrſten Kammerſunker, ein vornehmer Knees, in praͤchtigen Kleidern„ auf einem zierlich geputzten Pferde. Viele Ruſſen folgten ihm; einige derſelben belegten die Tafel mit einem langen, weißen Duche, ſetzten darauf klein geriebenes Salz in einem Gefaͤße, Eſſig in zwei ſilbernen Kan⸗ nen, etliche große Pokale, Methſchalen aus gediege⸗ nem Golde, und ein langes Meſſer mit Gabel. Der Kneeſe ſetzte ſich oben an und hieß die Ge⸗ ſandten neben ſich Platz nehmen. Darauf wurden drei Pokale gefuͤllt mit Alicant, rheiniſchem Wein und Meth. Man brachte 38 Gerichte in ſilbernen, aber nicht gar reinen Schuͤſſeln, allerlei Geſottenes, Gebratenes und Gebackenes, und bei jeder Schuͤſſel bemerkte der Kneeſe: daß hievon auch Seine ezaariſche Majeſtaͤt genoſſen haben. Am Ende der Tafel ſtand er auf, entbloͤßte ſein Haupt, und hob eine große goldene Schale voll ſuͤßen, wohlſchmeckenden Him⸗ beeren⸗Meths empor. Er rief die Geſundheit Seiner Majeſtaͤt des Selbſtherrſchers aller Reuſſen aus, und die Geſandten, wie alle Dienerſchaft folgten dieſem Beiſpiele. 1 Auch der teutſchen Fuͤrſten Geſundheiten, und daß Rußland immer mit ihnen im Frieden leben moͤge, wie die Geſundheit des rufſtſchen Thronfolgers, wurde ausgebracht und hernach die Tafel aufgehoben. Die Geſandten verehrten dem Kneeſen einen vergoldeten Pokal, den dieſer bei ſeiner Ruͤckkehr nach dem kaiſer⸗ lichen Schloſſe vor ſich tragen ließ un ind d Gale ich dem Kaiſer zeigte; denn es iſt Herkommens, daß ſeine Ab⸗ geordneten ihm alle Geſchenke, die ſte von Fremden erhalten, zeigen muͤſſen, welche er dann manchmal fuͤr ſich ſelbſt behaͤlt. Erſt am 20. Auguſt erhielten wir Erlaubniß', aus unſerer Herberge zu gehen, wann und wohin es uns beliebte. Dieß war den Moskowitern ein wahres Wun⸗ der: denn keiner Geſandtſchaft war bisher geſtattet, ohne Begleitung eines Strelitzen auszugehen. VIII. Den 1. September feierten die Ruſſen ihr Neujahr: denn ſie glauben, daß auch die Welt im Herbſte ihren Anſang genommen hal⸗ Eine feierliche Prozeſſion mit Fahnen, h. Bildern und großen, auf⸗ geſchlagenen Buͤchern, hatte auf dem Schloßhofe Statt. Auch der Czaar und alle Vornehmen des Reiches wa⸗ ren gegenwaͤrtig. Der Patriarch reichte ſeiner Majeſtaͤt ein großes mit Dimanten beſetztes Kreuz, das er kuͤßte. Hierauf umarmten ſich der Fuͤrſt und die Oberſten Prieſter vor allem Bolke, und Gluͤckswuͤnſche beſchlof⸗ 25 ſen das Feſt. Ehe der Kaiſer ſich hinweg begab, hoben ſehr viele aus dem Volke Bittſchriften in die Hoͤhe, und warfen ſie dem Kaiſer mit großem Geſchrei vor die Fuͤße. Dieſer ließ ſte ſammeln, und in ſein Ka⸗ binet tragen⸗ IX. Nach einigen Tagen erhielten die Geſandten geheime Andienz, welcher aber von ruſſiſcher Seite nur zwei Bojaren und zwei Kanzler, mit einem ruſ⸗ ſiſchen Sekretaͤr beiwohnten. Am folgenden Tage hielten tartariſche Geſaͤndte den Einzug zu Moskau, aber ohne Gepraͤnge. Sie waren geſchiekt von dem eireaſiſchen Prinzen, dem Va⸗ fallen des Czaar, ritten in groben Roͤcken aus rothem Suche, und hatten ſechze Sie kamen in ſeidenen ſie von dem ruſſiſchen Mon zum Geſchencke er⸗ halten hatten. Solcher Vere ing wegen meldeten ſich tartarifche Geſandte jaͤhrlich einige Male am ruſ⸗ ſiſchen Hofe. Gleichzeitig wurde die Großfuͤrſtin von einer Prin⸗ zeſſn entbunden und dieſe ſo getauft; wobei der Patriarch, wie bei allen großfuͤrſtlichen Kindern, die Pathen⸗Stelle vertrat. Die Ruſſen pflegen bei derglei⸗ chen Gelegenheiten weder Gepraͤnge, noch Gaſtereten zu veranſtalten; wir aber erfreuten uns an dieſem Dage der doppelten Mundgortionen. X. Am 127. September erſchien ein tuͤrkiſcher Ge⸗ ſandter vor Moskau, welcher mit ſechzehnrauſend der zuruͤck, welche — 26 Mann zu Pferde, und ſehr großer Pracht eingeholt wurde. Fuͤnßzig der unſerigen rotteten ſich zuſammen, und ritten dem Tuͤrken entgegen, der uns deßwegen ſcharf anſah. Den Zug hatten 46 Strelitzen eroͤffnet, mit Pfei⸗ len, Bogen und Saͤbeln behaͤngt; dieſen folgte der Priſtaffe im goldgeſtickten Rocke. Nun folgten des Ge⸗ ſandten Marſchaͤlle, Leibſchuͤtzen, Kammerjunker; zulezt kam der Geſandte ſelbſt. Er war von mittelmaͤßiger Groͤße, gelben Angeſichts, und hatte einen kohlſchwar⸗ zen, runden Bart. Sein Unterrock war von weißem Atlaß mit bunten Blumen; der Oberrock von Gold⸗ Stoff, mit Luchsfell gefuͤttert. Auf dem Kopfe hatte er, wie alle ſeine Leute, einen weißen Bund. Er ſaß auf einem ſchlechten, weißen, hoͤlzernen, ruſſiſchen Wagen, der aber mit ſehr koͤſtlichen, von Gold gewirk⸗ ten Tapeten behaͤngt war. Hinter ihm folgten 40 Wa⸗ gen ſeines Gepaͤckes, auf jedem zwei Diener. Erſt an den Stadt⸗Thoren ſetzte ſich der Geſandte auf ein ſchoͤnes, arabiſches Pferd. Er wurde nach ſeinem Ge⸗ ſandtſchaftshofe gefuͤhrt, und darin vor der Hand ein⸗ geſchloßen. XI. Nach ein paar Tagen wurde er, ungefaͤhr in der vorigen Ordnung, zur Audienz gefuͤhrt. Die Ge⸗ ſchenke, welche er uͤberbrachte, waren unter andern folgende: Zwanzig Depiche, mit Gold durchwirkt; ein goldenes Kreuz, mit Diamanten beſetzt; ein Saͤbelguͤr⸗ tel, voll von Gold und Edelſteinen; eine ſehr große 27 Perle in einer goldenen Schuͤſſel; zwei Satteldecken mit Gold und Perlen geſtickt; ein großer Diamant⸗ Ring in einer ſilbernen Schuͤſſel; ein Rubin, eines Thalers groß, in Gold gefaßt. Gleichzeitig mit den Tuͤrken waren auch einige Griechen angekommen, welche aber erſt einige Tage nachher in das kaiſerliche Schloß ſich begaben. Sie wurden von zwei alten, ruſſiſchen Poppen dahin ge⸗ fuͤhrt, und uͤberbrachten ſechs Schuͤſſeln mit heiligen Gebeinen zum Geſchenke. XII. Am erſten Oktober feierten die Ruſſen das Praßnik⸗Feſt durch eine Prozeſſion, welche der Pa⸗ triarch mit aller Geiſtlichkett, und der Kaiſer ſelbſt mit den Vornehmſten ſeines Reiches begleitete. Sie ſchlepp⸗ ten ungeheuere Kreuze, Fahnen und Bilder mit ſich. Zuletzt verſammelte ſich alles zum Gottesdienſte in der ſchoͤnen Dreieinigkeits⸗Kirche, wohin aber Niemand gelaſſen wurde, der einer andern als griechiſchen Kon⸗ feſſion war. 3 XIII. Nach einigen Tagen wallfahrte der Ciaar mit ſeinen Bojaren, Kneeſen, und ungefaͤhr tauſend Mann Soldaten nach einer von Moskau entle⸗ genen Kirche. Er ritt allein, hatte eine Knutpeitſche in der Hand, und hinter ſich immer zehn Bojaren in einem Gliede, was praͤchtig anzuſehen war. Auch die Großfuͤrſtin folgte ihm, mit den Prinzen und Prinzeſ⸗ ſinnen, in einem hoͤlzernen, mit vielem Schnitzwerk gezierten Wagen, von 16 weißen Pferden gezogen. Er war mit rothem Tuche gedeit, und mit gelben, ſei⸗ denen Vorhaͤngen wohl verſchloſſen. Zwanzig aͤhnliche Wagen mit den Hof⸗Damen folgten nach; hundert Strelitzen mit weißen Staͤben gingen zur Seite, und trieben das hinzudringende Volk ab, das ſeinen Mo⸗ en mit Gluͤckwuͤnſchen beſtuͤrmte. . n 19, November erhielt unſer Geſ ſandte dienz. Das Geſuch unſers Fuͤrſten, eine . haft durch Rußland nach Perſien ſchicken zu därfen, inarie vom Großfuͤrſten aus beſonderer Guade bewilliget. Denn aͤhnliche Geſuche waren bis⸗ her allen, auch den maͤchtigſten Potentaten abgeſchlagen worden. Vor der Abreiſe hatten wir noch eine oͤffent⸗ liche Audienz, wo wir in Schlitten nach dem Schloſſe fuhren: deun es war bereits hoher Schnee gefallen. Der Großfuͤrſt hatte uns dieſelben geſchickt. Sie wa⸗ ren mit rothem t as gefuͤttert, und hinten mit wei⸗ ßen Baͤrenh. belegt, die Pferde mit Fuchsſchwaͤn⸗ zen behaugen; was fuͤr eine beſondere, vornehme Zierde halten eisd. Der Kenndege 9 war ae ber Eichied, freyndlich. Ais wir n unſere neans zur korumen waren, erſchien ein Schreiber der kaiſerlichen Schatzkammer, und brachte Geſchenke in Zobel⸗Pel⸗ zen. Hundert der ſchoͤnſten waren fuͤr unſern Fuͤrſten, 60 aadere fuͤr die Geſandten, und mehrere der min⸗ der ſchoͤnen fuͤr ſeine Begleitung beſtimmt. Der Ueber⸗ bringer wurde dagegen mit einem ſilbernen Becher⸗ 29 und mehrere der aufwartenden Ruſſen mit Geld be⸗ ſchenkt.. XYV. So waren wir bereits zur Abreiſe geruͤſtet, als eine ploͤtzlich eintretende ſtrenge Kaͤlte uns in großen Schrecken verſetzte. Der Czaar ließ uns ſagen, daß er nicht fur rathſam finde, nunmehr die Reiſe an⸗ zutreten; wir koͤnnten bis auf beſſere Zeiten warten. Wir verweilten alſo von einem Tag von einer Woche zur andern, bis zum Monate April, welcher endlich Waſſer und Land von der Strenge des Winters wie⸗ der befreite. 1 Am Palmſonntage iſt bei den Ruſſen das Feſt der Einreitung Chriſti mit einer anſehnlichen Prozeſſion ge⸗ feiert worden. Um ſolche bequem ſehen zu koͤnnen, ſchickte uns der Großfuͤrſt zwanzig Pferde, und ließ uns gegen die Schloßpforte einen erhabenen Platz ein⸗ raͤumen. Uebey zehntauſend Mann waren vor dem Schloſſe verſammelt. Darauf bewegte ſich die Prozeſ⸗ ſion nach der Kirche Jeruſalem. Voraus wurde auf einem breiten aber niedrigen Wagen ein Baum gefuͤhrt, mit Aepfeln, Roſinen und Feigen behangen. Darauf ſaſſen 4 Knaben, welche Hoſiana ſangen. Die⸗ ſen folgten viele Popen, in weißen Roͤcken, mit koͤſt⸗ lichen Meßgewaͤndern. Sie trugen Fahnen, Kreuze und Bilder auf langen Stangen, und ſangen unaus⸗ geſetzt ihre Pſalmen. Dabei ſchwangen einige Rauch⸗ faͤſſer gegen das Volk. Hierauf kamen die vornehm⸗ ſten Kaufleute(Goſen), dann die Kneeſen, Fuͤrſten, und Bojaren, welche Palmzweige trugen. Jetzt folgte der Großfuͤrſt in koͤſtlichen Kleidern, eine Krone auf ſeinem Haupte, und umgeben von Reichsraͤthen. Er ſelbſt fuͤhrte des Patriarchen Pferd an einem langen Zuͤgel. Es war mit Tuch bekleidet und mit langen Ohren, gleich einem Eſel ausſtafſirt. Der Patriarch ſaß quer auf dieſem und hatte uͤber einer weißen, run⸗ den Muͤtze gleichfalls eine Krone, mit großen Perlen beſetzt, auf dem Haupte. In ſeiner Rechten hielt er ein Kreuz von Gold und Edelſteinen, mit dem er das Volk ſegnete, das ſich bis zur Erde bekreuzte. Viele Popen mit Rauchfaͤſſern und Buͤchern folgten nach. Fuͤnfzig Knaben in rother Tracht liefen vor dem Großfuͤrſten her und breiteten ihre Kleider auf den Weg, woruͤber er und der Patriarch wandelten. Aehn⸗ liche Feſte werden in allen Staͤdten des ruſſiſchen Reiches gehalten, wo dann die Woywoden des Groß⸗ fuͤrſten und die Biſchoͤfe des Patriarchen Stelle ver⸗ treten. Der Großfuͤrſt erhaͤlt vom Patriarchen dafuͤr, daß er ihm das Pferd fuͤhrt, 200 Rubel. Die Oſtern werden von den Ruſſen froͤhlich be⸗ gangen; wer ſich begegnet, gruͤßt ſich mit einem Kuſſe auf den Mund und den Worten:„Chriſtus iſt auf⸗ erſtanden!“— Dabei reicht man ſich wechſelſeitig ein gefaͤrbtes Ei. Solche Eier laͤßt auch der Großfuͤrſt allen ſeinen Hofleuten reichen, und ſelbſt den Gefan⸗ genem, zu denen er vor der Fruͤhmeſſe perſoͤnlich zu gehen pflegt, ſie mit einem eSchafpelze und den 31 Worten beſchenkt:„Chriſtus iſt wahrhaftig aufer⸗ ſtanden!“ Darauf werden die Gefaͤngniſſe wieder ge⸗ ſchloſſen. Alle Gaſthaͤuſer ſind zur Oſterzeit voll von Men⸗ ſchen jeden Standes, jeden Geſchlechtes. Der Poͤbel lecht dabei ſo, daß Viele auf der Straße liegen blei⸗ ben, und auf Wagen oder Schlitten nach Hauſe ge⸗ fahren werden muͤſſen. An manchem Morgen findet man wohl auch Ermordete oder Beraubte. Einmal ſah ich auch den Großfuͤrſten und ſeine Gemahlin ſpatzieren reiten. Jener hatte ſeine Boja⸗ ren hinter ſich, dieſe aber 36 Hoffraͤulein in rothen Roͤcken und weißen Huͤten, von welchen lange, rothe Schnuͤre bis auf den Nuͤcken herab hingen. um den Hals hatten ſie einen weißen Schleier, ſaßen auf den Pferden nach Art der Maͤnner„ und waren alle merk⸗ lich geſchminkt. Weil es an der Wolga wegen Raͤuber und Ko⸗ ſaken nicht recht ſicher war, ſo nahmen wir dreißig Soldaten und Offiziere in unſere Dienſte und fuͤhrten auch einige metallene Stuͤcke mit uns. Von dem Großfuͤrſten hatten wir einen offenen Reiſepaß, mit welchem wir uns noch bis zum 16. Juni in Moskau verweilten, an dieſem Tage aber unſere Reiſe nach Perſien wirklich antraten. — „,1 Zweites Buch. I. Wir ritten auf des Großfuͤrſten Pferden drei Werſte weit, zum Kloſter Simana, wo wir uns auf den Moska⸗Fluß ſetzten, und, ohne die Nacht anzuhalten, den folgenden Tag, nach dem Aufgange der Sonne, einen Edelhof erreichten, der ſchon 16 teutſche Meilen von Moskau lag. Mehrere Staͤdte, Kloͤſter und Doͤrfer flogen gleichſam vor unſern Augen voruͤber, ohne daß uns viel Merkwuͤrdiges begegnet waͤre. Nur ſahen wir hin und wieder Leichname auf den Wellen des Fluſſes. Dieſe waren wahrſcheinlich Ungluͤckliche, welche von den raͤuberiſchen Koſaken er⸗ ſchlagen worden find. Die Eingebornen, an manchen ſolchen Anblick ſchon gewoͤhnt, waren ganz gleich⸗ guͤltig dabei. Am 7. Juli erreichten wir das Staͤdtchen Caſſi⸗ nogorod, welches ehemals zum tartariſchen Fuͤr⸗ ſtenthum Caſſinow gehoͤrte. Hier wohnte in einem alten, ſteinernen Gebaͤude, welches ehemals ein Schloß war, ein junger, tartariſcher Prinz, Res⸗Kidſi ge⸗ nannt, der ſich vor einigen Jahren dem Großfuͤrſten unterworfen hatte. Man ſagt, dem jungen Herrn ſey vorgeſchlagen worden, zur chriſtlichen Religion uͤberzutreten, dann wollte ihm der Grobßfuͤrſt ſeine Tochter zur Ehe geben. Er gab aber zur Antwort, daß er ſich jetzt, in ſeinem zwoͤlften Jahre, voch nicht zentſchließen koͤnne, einen ſo wichtigen Schritt zu 33 thun. Res⸗Kidſi war naͤmlich Muhamedaner; wir aber ſahen hier zuerſt eine Kirche dieſes Glaubens. Die Geſandten ließen dem Prinzen ein Geſchenk uͤber⸗ reichen von Tabak und franzoͤſi ſchem Branntwein, welche dieſer freundlich annahm, und dagegen zwei Schafe, Meth, Bier und friſchen Butter ſandte, wel⸗ chen, wie er ſagen ließ, ſeine Frau Mutter mit eige⸗ nen Haͤnden gemacht haͤtte. Die Stadt M oruma wird von Ruſſen und Tartaren bewohnt. Letztere, in Buͤſche verſteckt, ſchoßen auf unſer Schiff, als wir etwa eine Viertel⸗ Meile von der Stadt entfernt waren. Wir vergalten dieſen Gruß ſogleich mit einem ſtarken Musketenfeuer, worauf es ruhig wurde, und weiter keinen Aufenhalt mehr gab. Nach einigen Tagen ſing das Ufer an, zur rechten Hand ſteil und hoch zu werden. Auf dieſe Weiſe laͤuft es wohl 400 teutſche Meilen an der Wolga fort. Vom Strome glaubt man nichts als Berge zu erblicken; man findet aber in der Hoͤhe ebenes Land, ohne viele Waͤlder, beauem zum Ackerbau. Dagegen iſt das Ufer linker Hand niedrig, buſchig und wenig bewohnt. Auf den Hoͤhen rechts trafen wir hier und da Schnee an. Am 11. Juli erreichten wir Niſa, eine ſchoͤne und große Stadt an der Wolga. Dieſer Strom iſt hier ſchon ſo bedeutend, daß wir uns ein Schiff kauf⸗ ten von drei Maſten und 120 Ful in der Laͤnge 36 es B. 4 34 doch war es flach, und ging nur ſieben Fuß tief; denn die Wolga hat viele Untiefen und Sandhaͤnke. Im obern und untern Raum waren mehrere Cajuͤten fuͤr die Geſandten, fuͤr die Beoleitung und fuͤr die Kuͤchen⸗Vorraͤthe. Das Verdeck war mit raein und kleinem Geſchuͤtze beſetzt, uͤberhaupt mit Waffen aller Art, gegen die Naͤuber. Neben dieſem Schiff fuͤhr⸗ ten wir noch eine Schaluppe fuͤr den Nothfall mit uns. II. Niſa wurderr von dem Großfuͤrſten Baſilius erbaut, und von der volkreichen Stadt Großneu⸗ gard bevoͤlkert. Sie iſt von Moskau mehr als zwei⸗ hundert Stunden entlegen, mit Mauern und feſten Thuͤrmen umgeben. Außer dieſen Mauern ſind faſt mehr Haͤuſer, als in der Stadt ſelbſt. Die Ocea muͤndet hiebei in die Wolga, wornach dieſer Strom 4600 Schuh breit wird. Die Stadt wird gegenwaͤr⸗ von Ruſſen, Tartaren und Teutſchen bewohnt, und von einem Woywoden regiert. Dieſem ſchickten die Geſandten einige Geſchenke, uͤber welche er ſehr er⸗ freut war, und uns mit Bier, Meth, Pfefferkuchen und ſtarkem Branntwein bediente. Er war ein unter⸗ richteter Mann, uͤber den wir uns in dieſem Lande wundern mußten. Als wir gefragt hatten, ob wir uns vor den Ko⸗ ſacken wohl zu fuͤrchten haͤtten? antwortete er: Kei⸗ neswegs, deun Ihr ſeyd ja Teutſche, und Eure Ta⸗ 35 pferkeit iſt ſelbſt bei uns und unter den Koſacken wohl bekannt und beruͤhmt. IIl. Wir waren jedoch gegen dieſe Raͤuber auf unſerer Hut, theilten unſer Volk in drei Haufen, welche wechſelweiſe, beſonders auf dem Hinter⸗ und Vordertheile des Schiffes, gute Wache halten mußten. Alſo ſchifften wir weiter, jedoch mit ziemlicher Muͤhe und mancher Verſaͤumniß: denn unſer Schiff ſaß ſehr oft auf Sandbaͤnken feſt, und konnte oft einen halben Tag nicht frei gemacht werden. Erſt am z. Auguſt erreichten wir das Staͤdten Waſiligarod aus hoͤl⸗ zernen Haͤuſern und ohne Ringmauern. Jedoch befindet ſich dort eine ruſſiſche Poſt, und wirklich fanden wir auf derſelben Briefe uͤber Moskau, aus Teutſchland, welche uns ſehr erfreuten. Der Ort wurde vom Großfürſten Waſilaus erbaut und mit Soldaten be⸗ ſetzt, welche den Einfaͤllen der erimiſchen Tartaren ſteuern ſollten. Aus Suͤden ſtroͤmt die Sura her, welche das caſaniſche Gebiet von dem ruſſiſchen ſcheidet. IV. Nun beginnen die ceremiſiſchen Tartaren, ein Volk, das zu beiden Seiten der Wolga, meiſtens ohne Haͤuſer, wohnt. Es erſtreckt ſich weit uͤber Ka⸗ ſan, lebt von der Viehzucht, von Honig und von der Jagd. Man findet unter ihm vortreffliche Schuͤtzen, ſchon von der Kindheit dazu abgerichtet. Es iſt raͤn⸗ beriſch und treulos, glaubt zwar an ein hoͤchſtes We⸗ ſen, das den Menſchen auf der Erde wohl und weh 36 thun kann, und deßwegen angerufen werden muß; allein es hat keine Art von Gottesdienſt eingefuͤhrt, wie es nicht an die Unſterblichkeit der Seele glaubt. Sie taufen und beſchneiden ihre Kinder nicht; wer an einem gewiſſen Tage am erſten voruͤber geht, deſſen Namen geben ſie dem Neugebornen. Sie glauben an einen Teufel und fuͤrchten ihn ſehr, weil ſie ihm alle Plagen, die ihnen begegnen, zuſchreiben. Sie haben auch einen gewiſſen Ort, Nemda, eine ſumpfige, faſt unzugaͤngliche Gegend. Dort, glauben ſie, habe der Teufel ſeinen Wohnſitz; dahin wallfahren ſie oft und bringen Opfer, das boͤſe Weſen zu verſoͤhnen. Einen Fluß in jener Gegend wagen ſie nicht zu uͤber⸗ ſchreiten: denn ſie fuͤrchten, daß ſie dann des Todes ſeyen. Bisweilen opfern ſie auch dem guten Weſen Pferde, Kuͤhe und Schafe, ſpannen die Haͤute an Pfaͤhlen aus, kochen nebenher das Fleiſch, nehmen davon eine Schuͤſſel voll in die rechte, und eine Schale Meth in die linke Hand. Dann warfen ſie beides in das Feuer, mit den Worten:„Gieb mir noch mehr Vieh!“— oder was ſie ſonſt wollen.— Zur Zeit der Ernte verehren ſie auch die Sonne, und an je⸗ dem Tage gewoͤhnlich dasjenige, wovon ihnen ge⸗ traͤumt hat. Sie haben weder geſchriebene Geſetze, noch Prieſter, noch Kirchen. Stirbt ein Mann von Vermoͤgen, ſo wird ſein beſtes Pferd geſchlachtet, und an einem Bache, an welchen ſie ihre Feſte immer zu begehen pflegen, von 37 ſeinen Freunden verzehrt. Sein Leichnam wird in die Erde verſcharrt; ſeine Kleider aber werden an einen Baum gehangen. Unter ihnen iſt die Vielweiberei eingefuͤhrt. Wei⸗ ber und Jungfrauen huͤllen ſich in große, weiße Lei⸗ nentuͤcher bis auf das Angeſicht; die Braͤute tragen eine Zierde auf dem Kopfe, in Geſtalt eines aufgebo⸗ genen Hornes, an deſſen Spitze eine Quaſte, oder eine Glocke haͤngt. Die Maͤnner gehen in langen lei⸗ nenen Roͤcken, unter welchen ſie Hoſen tragen. Ihre Koͤpfe ſind ganz kahl geſchoren; die Unverheiratheten hingegen laſſen am Wirbel einen Zopf wachſen. V. Kusmademianski, eine wohlgebaute Stadt, liegt an einem Berge, in einer Gegend, wo ganze Waͤlder von Linden ſind. Die Einwohner ſchaͤ⸗ len den Baſt davon ab, machen Schlitten, Gefaͤße, Tonnen, Kaͤhne und Todten⸗Saͤrge. Sabaktzar, ein Staͤdtchen, iſt aus Holz gebaut, hat aber einen Woywoden. Als die Einwohner unſer Schiff erblickten, wußten ſie nicht, was dieß bedeuten ſoll? Sie ſchickten uns ein Boot mit Strelitzen ent⸗ gegen. Als wir aber dem Woywoden unſern Paß ge⸗ ſendet hatten, kamen wohl dreihundert Menſchen her⸗ bei, uns, gleichſam als Wunderthiere, zu beſchauen. Die Woywoden in dieſer Gegend haben immer viele Soldaten um ſich, mit welchen ſie die Tartaren im Zaume zu halten im Stande ſind. 38 Bei dem Eilande Coſin trieb uns der Strom pfeilſchnell an eine Waldſpitze, an welcher wir etliche Stunden haͤngen blieben. Ich ſtieg mit einem Ge⸗ faͤhrten an das Land, Wal ldfruͤchte zu ſuchen. Als wir wieder an das Ufer kamen, war kein Schiff mehr zu ſehen. Erſt nach einigen Stunden kam uns die Scha⸗ luppe entgegen, uns wieder auf zunehmen. Wir tra⸗ fen das Hauptſchiff in der Kruͤmmung des Stromes, von widrigen Winden zuruͤck gehalten, und als man verſuchte, es mit einem Anker um die Ecke zu ziehen, zerriß das Kabeltau, uind der Auker blieb an einem im Grunde liegenden Baume liegen. Dieſes ſoll ſich hier ſehr oft ereignen: denn bei Hochwaſſer reißt der Strom viele Baͤume vom Ufer. Auch ſagen die Ruſ⸗ ſen: die Wo lga liege ſo voll Anker, daß man damit ein Fuͤrſtenthum kaufen koͤnnte. Weſofka iſt ein wohlgebauter Ort, mit ſteiner⸗ nen Kirchen und Kloͤſtern, aber mit hoͤlzernen Thuͤr⸗ men und Bollwerk umgeben. VI. Bei Caſan legten wir uns vor Anker, tra⸗ fen auch daſelbſt eine Karavane, welche einige Tage vor uns aus Moskau gezogen war. Ein perſiſcher Kaufmann war ihr Anfuͤhrer. Cafan iſt wohlgebaut, und wird von der Caſanka umfloſſen, von der das ganze Land ſeinen Namen hat. Die Haͤuſer, Thuͤrme und Ningmauern der Stadt ſind aus Holz; das Schloß aber von ſtarken, ſteinernen Mauern, mit Geſchuͤtz und Soldaten wohl beſetzt. Darin wohnt ein Woy⸗ 9 wode und Ruſſen; den Tartaren iſt bei Todesſtrafe unterſagt, es zu betreten. In der Stadt aber woh⸗ nen Ruſſen und Tartaren unter einander, und werden durch einen Starthalter regiert. Dieſem ſchickten die Geſandten einen ſchoͤnen Rubin zum Geſchenke; ich aber, da wir einen Tag hier bleiben wollten, ging mit Mandelslo, meinem Gefaͤhrten, zur Stadt. Auf dem Markte fanden wir viel Obſt, unter andern Melonen, ſo groß wie Kuͤrbiſſe. Außer ſtinkenden, faulen Fiſchen, fanden wir keine Lebensmittel, bega⸗ ben uns auch bald wieder auf unſer Schiff. VII. Caſan war ehemals ein tartariſches Koͤnig⸗ reich und mit Rußland in beſtaͤndigen Kriegen. Ein⸗ mal gelang es einem tartariſchen Fuͤrſten, die Ruſſen zu uͤberwinden und bis nach Moskau vorzudringen. Der Kremel gerieth in Gefahr, eingenommen zu wer⸗ den, und der Großfuͤrſt Vaſili Ivanowitz, war bereits entflohen. Seinem Lande den Frieden zu ge⸗ ben, ging er die haͤrteſten Bedingungen ein. Er ver⸗ ſprach, Tribut zu bezahlen, und Mendligeri, der ſiegende Tartar⸗Fuͤrſt richtete ſein Bildniß zu Mos⸗ kau auf, vor dem ſich der Großfuͤrſt jaͤhrlich zur Erde neigen ſollte, ſo oft ſeine Geſandten kaͤmen, den Dri⸗ hut zu holen. Der Groß⸗Fuͤrſt mußte daruͤber Brief und Siegel geben. Nach dieſem zog Mendligeri ab und kam vor Reſan, wo der Woywode, Jvan Kowar, ſich hartnaͤckig vertheidigte. Er glaubte den Tartaren nicht, daß ſein Groffuͤrſt ſich gedemuͤthiget 92 40 haͤtte, und Mendligeri, ihn deſſen zu uͤberzeugen, ſchickte ihm durch einen Boten den Werzflſchtungy, Brief des Czaars von Rußland. Ivan Kowar behielt aber Boten und Brief zu⸗ ruͤck und wehrte ſich von nun an ſo tapfer, daß die Tartaren, nach vielen Verluſten, von Reſan abzie⸗ hen mußten. Der Woywode ſchickte hierauf den Brief nach Moskau, an den Großfuͤrſten, uͤber welchen eine ſo große Freude entſtand, daß ſogleich das ent⸗ muthigte Volk ſich wieder zuſammen raffte, und in großer Anzahl nach Caſan eilte. Nach einer lang⸗ wierigen Belagerung fiel dieſe Hauptſtadt endlich in der Ruſſen Haͤnde, unter deren Oberherrſchaft es noch iſt. Wenn nachher Ivan Vaſiliwitz ſich beim Trunke luſtig zeigen wollte, ſoll er immer das Lied geſungen haben, von der Eroberung Caſan's und Aſtrachan's. Zu bemerken iſt noch, daß dabei viele Deutſche und Italiener waren, welche als beſonders gute Stuckmeiſter von den Ruſſen gedungen und gebraucht worden ſind. In der Fortſetzung unſerer Reiſe trafen wir Ge⸗ genden an, wo weit und breit keine Stadt und kein Dorf war: denn es kann dort, der raͤuberiſchen Ko⸗ ſacken wegen, Niemand wohnen. In einer Waſſer⸗ enge wurde unſer Schiff ungemein ſchnell fortgetrie⸗ ben; und als wir um eine Flußecke lenkten, verloren 41 wir durch das Abreiſen der Taue abermals zwei An⸗ ker. Einmal fuhren wir zwiſchen ſo hohen Ufern fort, daß wir am Strande Eis trafen. Hierauf erreichten wir die Muͤndung des Stromes Kama, ſechzig Mei⸗ len von Caſan. Sein Waſſer iſt braun; ihm zur Seite ſtehen zwei hohe Berge. Wir fanden nun wie⸗ der einige Doͤrfer, und auf einer ziemlichen Anhoͤhe die Stadt Tetus. Von nun trafen wir aber wieder keine menſchliche Wohnung mehr an, bis an die Muͤn⸗ dung der Wolga in das kaſpiſche Meer. Doch ka⸗ men eines Tages Fiſcher zu uns und reichten uns Fiſche zum Kaufe dar. Sie haben eine ſonderbare Weiſe, dieſelben zu fangen. An einen Strick binden ſie einen ſchweren Stein, und ſenken ihn auf den Grund. Auf der Oberflaͤche befeſtigen ſie den Strick an langen, ſtarken Stangen, und daran haͤngen ſie Angelu mit kleinen Fiſchen. Auf dieſe Weiſe fangen ſie auch ſchoͤne, große und ſehr wohlſchmeckende Fiſche, woran die Wolga Ueberfluß hat. Die Ruſſen, wenn ſie Geſchaͤfte halber auf der Wolga ſchiffen, pflegen an einem langen Tau eine Angel nachzuſchleppen, uͤber welcher eine Zinnplatte in Geſtalt eines Fiſches iſt. Indem ſich dieſe duͤnne Platte wendet, werden die Fiſche durch das ſchimmernde Spiel herbeigelockt und haͤufig gefangen. Außer Brod, brauchen alſo die Ruſ⸗ ſen weiter keinen Proviant auf die Reiſe zu nehmen. Wir kamen an einen Ort, wo ehemals eine Stadt ſoll geſtanden, und von Tamerlan zerſtoͤrt worden 42 ſeyn. Noch findet man daſelbſt einen großen Stein, in der Geſtalt eines Wuͤrfels, zehn Ellen lang und breit. Auf der obern Flaͤche ſteht:„Hebſt du mich auf, ſo wird es gut ſeyn.“— Eine ruſſiſche Kara⸗ vane zog einſt voruͤber, und s00 Mann machten ſich darau, den Stein zu wenden, was ihnen auch gelun⸗ gen iſt; aber ſie fanden nichts, als die Worte:„Was ſuchſt du? Es iſt nichts da!“— Ningsum ſieht man viele Ruinen. 1 1 Zur Linken der Wolga fanden wir nach einigen Tagen ein Salzgebuͤrge, wo die Ruſſen einige Huͤtten haben, und etwas weiter abwaͤrts, zur Rechten, den Jungfernberg, in ihrer Sprache Diwiza Gorg, welcher ſehr hoch und mit Abſaͤtzen, wie mit Sitzbaͤn⸗ ken verſehen iſt, auf welchen Tannen ſtehen, ſo in Reih und Glied, als ob ſie mit Kunſt hingepflanzt worden waͤren. Merkwuͤrdiger, als dieſer Jungfern⸗ berg, iſt ein Huͤgel, in einer fandigen, ebenen Gegend, Sario Kurgau genannt. Man erzaͤhlte uns, daß ein tartariſcher Fuͤrſt, Mamaon, hier begraben liege. Er kam mit 1 Koͤnigen aus dem Innern der Tartarei, und wollte die Wolga hinauf gehen, ganz Nußland zu uͤberz ehen; allein hier ſtarb er. Seine Soldaten, deren eine unzaͤhlige Menge geweſen ſeyn ſoll, trugen in ihren Muͤtzen u. d Schildern ſo viel Erde uͤber ſeine Leiche zuſammen, daß dieſer Berg da⸗ von entſtand. Einige Meilen davon iſt ein Ort, wo der Grund der Wolga ſehr felſigt iſt; hier muß man 43 mit groͤßter Vorſicht ſchiffen. Die Ruſſen fuͤrchten ſich; und da uns der Wind nicht guͤnſtig war, ſo warfen wir Anker und blieben einige Stunden liegen. Zuletzt bemerkten wir, daß ſich rothe, bunte Schlan⸗ gen am Ankertau herauf wanden, und bis auf unſer Schiff kamen. Als dieß die ruſſiſchen Seeleute ſahen, freuten ſie ſich ſehr, baten uns auch, daß wir die Schlangen, welche von ganz unſchaͤdlicher Art waren, nicht beruͤhren moͤchten. Sie bringen die Poſt, fag⸗ ten ſie, daß St. Nikolas uns mit gutem Winde begluͤcken werde.— Dieſe Vorausſagung traf auch wirklich ein; wir hatten einige der folgenden Tage ſo guten Wind, und eine ſo gluͤckliche Fahrt, als wir bisher nie gehabt haben. Dieß veranlaßte uns auch, daß wir die Stadt Samaria, welche links, etwa zwei Werſte vom Ufer liegt, gar nicht beſuchten. Wir kamen zum Koſacken⸗Berge. Ehemals ſoll ſich hier eine Menge Doniſcher Koſacken aufgehalten haben, welche die Reiſenden auf der Wolga anfielen und pluͤnderten. Sie wurden von den Strelitzen aus Sa⸗ maria uͤberwunden und vertrieben. Nicht weit da⸗ von begegnete uns ein großes, rußt ſches Schiff, das 400 Perſonen am Bord hatte. Es gehoͤrte dem Pa⸗ triarchen von Moskau und fuͤhrte Caviar(geſalze⸗ nen Stoͤhr⸗Rogen) mit ſich. Wir begruͤßten uns ge⸗ genſeitig mit Schuͤßen. Man erzaͤhlte uns, daß vor einigen Tagen faſt dreihundert Koſacken hier herum⸗ 44 geſchwaͤrmt, und dem Schiffe auf Boͤten ſehr nahe gekommen ſeyen, aber keinen Angriff gewagt haͤtten. VIII. Smiowa, der Schlangenberg, zur Rech⸗ ten des Ufers, liegt nahe bei dieſer Stelle. Vor Zei⸗ ten ſoll ein ungeheurer Drache darauf gewohnt haben, welcher dem Lande großen Schaden gethan, aber von einem Helden getoͤdtet und in drei Stuͤcke gehaut wor⸗ den ſeyn ſoll, welche augenblicklich zu Stein wurden, und noch auf der Spitze des Berges zu ſehen ſind. Tags darauf begegnete uns ein anderes, großes Schiff mit 300 Laſten, welches dem reichen Kloſter Troitza, 12 Meilen von Moskau, gehoͤrte. Am 1. September ſegelten wir an der Stadt So⸗ ratoff voruͤber, vier Werſte vom Ufer, in einer ebe⸗ nen Gegend gelegen. Sie wird von einem Woywo⸗ den und bloß Strelitzen bewohnt, welche den Tarta⸗ ren, die ſie hier Kalmucken nennen, wehren muͤſſen. Sie kommen aus dem großen Strome Don, welcher Europa von Aſien ſcheidet, auf dem Bache Ilo⸗ ba in leichten Kaͤhnen zur Wolga, daher dieſer Ort am unſicherſten vor ihren Raͤubereien iſt. Wir wa⸗ ren gluͤcklich voruͤber, als wir eine Karavane von 16 großen und s kleinen, perſiſchen und tartariſchen Schif⸗ fen gewahr wurden. In ihrer Mitte war der tarta⸗ riſche Prinz Muſal, welcher ſogleich Strelitzen an uns ſendete, als er vernommen hatte, wer wir ſeyen, um den Geſandten ſeinen Gruß zu bringen. Auch mit Freudenſalven begruͤßten wir uns gegenſeitig. Dar⸗ 45 auf ward ich mit noch einigen andern abgeordnet, den Gruß des Prinzen zu erwiedern. Wir wollten an der linken Seite des perſiſchen Schiffes hinaufſteigen; allein die Diener kamen eilig herbei und winkten uns, daß wir auf die andere Seite kommen moͤchten. Denn auf dieſer Seite war das Gemach der Gemahlin des Prinzen, der man ſich auf keine Weiſe naͤhern durfte. Wir trafen den Prinzen auf einem Ellen hohen Seſſel ſitzend, der mit ſchoͤnen Tapeten belegt war. Er hatte die Beine uͤber einander geſchlagen, und den Ruͤcken an ein mit rothem Atlas uͤberzogenes Kiſſen gelehnt. Er empfing uns freundlich, ſchlug die Haͤnde an die Bruſt und neigte das Haupt. Er noͤthigte uns, auf einer Tapete zu ſitzen; weil wir aber ſolches nicht ge⸗ wohnt waren, ſo kam uns dieſes ziemlich ſchwer an, und wir mußten uns kuͤmmerlich behelfen. Was wir ihm ſagten, erwiederte er mit hoͤflichen Worten: denn die Perſer ſind ſehr milde. Er freute ſich uͤber unſere Ankunft ſo herzlich, daß er— wie er ſich ausdruͤckte, bei dem Anblicke unſers Schiffes glaubte, ſein gelieb⸗ tes Vaterland, Perſien, zu ſehen. Er hoffte auch, daß ihn der Schach zu unſerem Schaffner beſtellen werde, wo er uns dann alle moͤgliche Freundſchaft beweiſen wuͤrde. In vergoldeten Schalen wurde uns tarker ruſſiſcher Branntwein, wie auch Roſinen i eingeſalzene, perſiſche Haſelnuͤſſe(Piſtaejen) ge⸗ reicht. 46 Von dieſer Zeit war beſtaͤndiger Verkehr zwiſchen ſeinen auf unſere Schiffe, und ſo fuhren wir friedlich und freudig mit einander fort. Nach einigen Tagen ſchickte der Prinz einige Ab⸗ geordnete und ließ melden, daß er nicht woh, ſey. Der Wortfuͤhrer war ein langer, gelber Mann, von kohlſchwarzen Haaren und mit einem großen, langen Barte. Er trug einen ſchwarzen Schafpelz, das Rauhe auswaͤrts gekehrt. Die andern waren in ſchwarzes und braunes Luch gekleidet, und eben guch nicht freundlichen Anſehens. Wir waren nun in einer Gegend, wo in einer Entfernung von etwa ſieben Meilen der Don ſeine gewaltigen Wogen waͤlzte; ſo nahe trifft die Wolga hier mit ihm zuſammen. Auch findet man die Rui⸗ nen einer ehemals hier geſtandenen Stadt, und die Ruſſen fuͤhren noch Steine davon nach Aſtrachan; deren Stadtmauern, Kirchen und Pallaͤſte aus denſel⸗ ben gebaut ſeyn ſollen. Wir trafen auch einige Fi⸗ ſcher, welche eben einen Bieluga oder Weißfiſch ge⸗ gefangen hatten. Derſelbe war 4 Ellen lang und an⸗ derthalb Ellen dick. Sie ſchlugen ihn, wie einen Och⸗ ſen, mit Haͤmmern vor den Kopf, und verkauften ihn um einen Thaler. Den. September kamen wir zur Stadt Zariza, welche mit hoͤlzernem Bollwerk und Thuͤrmen umge⸗ ben und von Strelitzen bewohnt iſt. 1 47 VIII. Von hier bis Aſtrachan iſt ein wuͤſtes, ſandiges Land, wo kein Korn waͤchſt, welches von Caſan auf der Wolga herab zu den wenigen Staͤd⸗ ten gefuͤhrt wird. Bald unter Zeriza liegt rechts ein Eiland, auf dem die Strelitzen ihr Vieh weiden. Vor Kurzem kamen die Koſacken, und da ſie ſahen, daß Weiber und Toͤchter allein bei der Heerde waren, ſielen ſie uͤber ſie her, trieben ihren Muthwillen mit ihnen, ſtellten ſie aber zuletzt wieder unverſehrt den Strelitzen zuruͤck. Waͤhrend dieſer Tage hatten wir ſehr große Hitze, wie bei uns in den Hundstagen. Die Ruſſen ſagen, dieß ſey um dieſe Zeit hier ge⸗ woͤhnlich. Den 17. Sept. ſahen wir auf einem hohen, ro⸗ then Berge einen Galgen, an welchen der Woywode der naͤchſten Stadt die raͤuberiſchen Koſacken knuͤpfen laͤßt. Sie werden aber von ihren Kameraden bald wieder geſtohlen. Darauf begegnete ein Schiff, wel⸗ ches von Aſtrachan kam, aber von den Koſacken ganz ausgepluͤndert worden war. Die Mannſchaft hatte ſchon vier Tage nichts gegeſſen. Wir gaben deßwegen dieſen armen Leuten einen Sack voll Brod⸗ krummen, wofuͤr ſie alle ihre Haͤupter zu den Fuͤßen ſchlugen und dankten. IX. Eines Abends brachten uns die Fiſcher einen Fiſch, den ſie Tziberika nennen. Er hat einen langen Schnabel wie eine Ente, auf den beiden Sei⸗ ten des Ruͤckens ſchwarze und weiße Flecken und einen fuͤßen, anmuthigen Geſchmack. Er war drei Ellen lang. In der Gegend waͤchſt auf beiden Seiten des Stromes Suͤßholz, uͤber Manns hoch, und mit Arms dicken Wurzeln. Das Staͤdtchen Tzornogar wurde von dem Großfuͤrſten erſt vor 9 Jahren gebaut und mit Strelitzen beſetzt: denn in dieſer Gegend wurde fruͤher eine ruſſiſche Karavane, aus 1500 Menſchen beſtehend, von 400 Koſacken liſtiger Weiſe uͤberfallen, und bis auf den letzten Mann nieder gemacht.— Das ufer außer dieſer Stadt naͤhrt keinen Baum mehr, ſondern nur Heide. Der Boden iſt wie ver⸗ brannt. Einige Fiſcher brachten uns einen Karpfen, dreißig Pfund ſchwer. Sie wollten dafuͤr kein Geld nehmen: denn ſie waren von den Kaufleuten in Mos⸗ kau pachtweiſe hier, und durften nichts verkaufen. Wir gaben ihnen Branntwein, den ſie jedoch mit großem Danke angenommen haben. X. Nach einigen Tagen erreichten wir endlich die Stadt Aſtrachan. Wir legten uns vor derſelben auf der Wolga, welche hier Europa von Aſien ſcheidet, vor Anker, und ließen all unſer großes Ge⸗ ſchuͤtz ab, uͤber welches ſich die Einwohner, welche haufenweiſe herbei kamen, ſehr wunderten. Das Klima iſt hier ſehr mild; wir hatten im Oktober noch ſchoͤnes, warmes Wetter. Ueberhaupt waͤhret der Winter nur zwei Monate, welcher aber auch plötzlich ſo ſtreng iſt, daß man uͤber die Wolga mit Schlitten fahren kann. 8 49 Der oͤſtliche Theil hat gute Viehweiden; gegen Weſten aber iſt eine Wuͤſte, 80 teutſche Meilen lang. Darin gibt es herrliches Salz, welches in Gruben oder Pfützen gefunden wird. Darin ſteigen Quellen aus der Tiefe der Erde auf und ſinken wieder zuruͤck. Sie hinterlaſſen aber ein ſchoͤn kryſtallifirtes Salz, welches einen Violen⸗Geruch hat. Die Ruſſen trei⸗ ben großen Handel damit. Da die Gegend uͤberhaupt ſehr ſumpfig iſt, ſo gibt es im Lande viel Feder⸗Wild, Gaͤnſe, rone Enten u. ſ. w., welche die Tartaren mit Sperbern und Falken zu fangen wiſſen. Auch wilde Schweine gibt es in Menge, welche aber die Einwohner nicht eſſen, ſondern an die Ruſſen verkau⸗ fen. Die Gartenfruͤchte ſind hier ſo koͤſtlich, wie in Perſien. Beſonders auffallend waren uns die großen, gelben Melonen, welche ein waͤſſeriges, zuckerfuͤßes Fleiſch haben. Der Weinwachs iſt vortrefflich. Der erſte Weinſtock wurde durch Kaufleute aus Per ſien gebracht und von einem Moͤnche in einem, vor der Stadt gelegenem Kloſter gepflanzt. Spaͤter wurden auf des Großfuͤrſten Befehl viele Weingaͤrten angelegt, uͤber welche das Kloſter die Aufſicht erhielt und noch —hat. Dieſer Moͤnch lebte noch. Er war 108 Jahre alt, von Geburt ein Oeſterreicher, im Kriege als ein Knabe von 6 Jahren nach Rußland gefuͤhrt, und hie⸗ her in das Kloſter geſchickt. Hier war er Vorſtand und konnte noch einige teutſche Worte. Den Geſand⸗ ten brachte er Fruͤchte, die er mit eigener Hand ge⸗ 25ſtes B. Perſten. II. 1. 4 50 pflanzt hatte. Er war luſtigen Gemuͤthes, und als er einige Schalen Branntwein getrunken hatte, fing er an, ſeine Kraͤfte zu zeigen und ohne Stock, jedoch mit bebenden Fuͤßen zu tanzen. Er ſagte, daß es im Lande viele geſunde und alte Leute gebe. 4 Die Einwohner des Landes Nagajaͤ, oder Aſtra⸗ chan, waren vor Zeiten nur Tartaren, hatten ihre eigene Könige und lebten mit den caſchiſchen und krimiſchen Tartaren in freundſchaftlichen Verbindun⸗ gen. Großfuͤrſt IJwan Waſiliwitz croberte die Hauptſtadt 1554 mit ſtürmender Hand, verjagte die Tartaren und beſetzte dieſelbe mit Ruſſen. Er umgab die Stadt mit Mauern und baute eine eigene Abthei⸗ lung fuͤr die Strelitzen, die ſie Strelitzagorod nennen. Die Stadt hat viele Thuͤrme, aber auch viele hoͤlzerne Haͤuſer. Die Beſatzung iſt ſehr ſtark. Fuͤnf⸗ hundert Metallſuͤcke ſind auf den Waͤllen gepflanzt. Sonſt trifft man hier, neben den Ruſſen, auch viele Perſer und Indier an, welche alle ihren abgeſonder⸗ ten Markt haben; ferner Tartaren, Armenier und Juden. Der Czaar bezieht von ihnen jaͤhrlich eine an⸗ ſehnliche Summe aus Zoͤllen allein. Die einheimiſchen Tartaren wohnen nicht in der Stadt, ſondern außer derſelben, in Huͤtten, welche rund ſind, und ungefaͤhr 10 Fuß im Durchmeſſer ha⸗ ben. Sie ſind meiſtens aus Schilf erbaut und in der Mitte mit einem Rauchloch verſehen. Ihr Feuer be⸗ ſeht meiſtens aus Reiſig und geduͤrrtem Kuhmiſt. Iſt 51 der Rauch hinweg, ſo ſchließen ſie die Oeffnung mit einem Filz, deßgleichen auch die Waͤnde, und lagern ſich dann um die heiße Aſche. Des Sommers haben ſie keine bleibende Wohnſtaͤtte, ſondern ziehen immer der beſſern Weide nach. Sodann ſetzen ſie ihre Huͤt⸗ ten auf einen Karren, den man ſtets bei ihnen ſtehen findet, und wandern mit Weibern, Kindern und Haus⸗ geraͤthen, die ſie auf Kuͤhe, Pferde und Kamele la⸗ den, weiter. Die Ruſſen nennen ſie deßwegen Po⸗ lowzki, Platzjaͤger. Im Winter verſammeln ſie ſich immer wieder rottenweiſe um die Stadt. Dann er⸗ halten ſie auch aus den ruſſiſchen Ruͤſthaͤuſern Waffen, die ſie im Sommer nicht tragen duͤrfen: denn die Kal⸗ mucken ſind ihre beſtaͤndigen Feinde, welche, wenn die Wolga gefroren iſt, aus weiter Ferne kommen, ſie anfallen und pluͤndern. Sie geben keinen Tribut, ſind aber zu Kriegsdienſten verpflichtet, ſo oft ſie der Groß⸗Fuͤrſt verlangt. Dieſen unterziehen ſie ſich wil⸗ lig, in der Hoffnung auf gute Beute, ſind auch ta⸗ pfer und wohl beherzt. In groͤßter Eile verſammeln ſich ſogleich mehrere Tauſende. Im Frieden haben ſie ihre eigenen Richter, muͤſſen aber Geiſel ſtellen, daß ſie ſich nicht wider die ruſſiſche Obergewalt erheben wollen. Die nagaiſchen, wie auch die erimiſchen Tartaren ſind dicke, unterſetzte Leute, haben ein breites Ange⸗ ſicht, kleine Augen, ſchwarzgelbe Haut und wenige Haare am Barte; den Kopf laſſen ſie glatt ſcheren. — 52 Sie tragen lange Roͤcke aus grauem Tuche, oder aus Pelz, auch dersleichen Muͤtzen. Die Weiber ſind von Angeſicht etwas lieblicher, tragen Roͤcke aus weißer Leinwand und gefaltene, runde Muͤtzen, einer Sturm⸗ haube nicht unaͤhnlich. Vorne ſind ſie mit Kopeken (einer ruſſiſchen Muͤnze) behaͤngt. Die Kinder gehen nackend, ohne Hemd, und haben alle dicke Baͤuche. Die Maͤnner behaͤngen ihre Ohren, die Weiber das rechte Naſenloch mit Ringen, die mit Rubinen oder Korallen beſetzt ſind. Sie naͤhren ſich von der Vieh⸗ zucht, vom Fiſch⸗ und Vogelfang. Ihr Rindvieh iſt groß und ſtark; die Schafe haben dicke Schwaͤnze, welche voll Fett ſind und oft 30 Pfund wiegen. Ihre Pferde ſind unanſehnlich, aber ſtark und dauerhaft. Sie haben auch Kamele, welche aber meiſtentheilt zwei Hoͤcker haben. Fiſche, an der Sonne gedoͤrrt eſſen ſie ſtatt des Brodes. Reis und Hirſe wird gen mahlen und zu Kuchen verbacken, wozu man Oel und Honig nimmt. Sie eſſen auch Kamel⸗ und Pferden fleiſch, trinken Waſſer und Milch, beſonders von den Pferden. Ihre Religion iſt die muhamedaniſche, m tuͤrkiſchen Ceremonien. Einige haben auch den ruſſ ſchen Glauben angenommen. XL. Wir lagen geraume Zeit vor Aſtrachan, ut zu brauen, zu backen, zu ſchlachten, und die ausg zeerten Kuͤchen und Keller wieder zu fuͤllen. Von de Perſern, tartariſchen Prinzen und andern, wurde wir inzwiſchen fleißig beſucht und ofters beſchen mit Pfirſichen, Aprikoſen, ſehr großen Trauben und Melonen. Wir ſchickten ihnen, wie auch dem Prin⸗ zen Muſal, koͤſtliche Waſſer, Branntwein und Con⸗ fekt. Eines Tages beſuchten uns perſiſche Kaufleute und brachten Fruͤchte zum Geſchenke. Sie waren ſehr freundlich und geſittet, was gegen die Ruſſen ſehr al⸗ ſtach. Wir bewirtheten ſie mit franzoͤſiſchem Weine, wovon ſie ſo betrunken wurden, daß etliche in das Waſſer ſielen, als ſie wieder aus unſerm Schiffe ſtei⸗ gen wollten. Ueber die Groͤße unſers Schiffes wun⸗ derten ſie ſich ſehr. Sie hatten noch keines der Art geſehen. Denn ſelbſt auf dem kaſpiſchen Meere ſind ſie nicht groß, und haben nur ein Segel. Sie wagen ſich auch nicht gerne uͤber 10 Faden tief in die See. Am 19. Sept. beſuchte uns der Fuͤrſt M uſal. Wir ſchickten ihm ein Boot entgegen, das mit Dep⸗ pichen ausgelegt und verziert war. Er ſelbſt erſchien mit vierzig Perſonen, war von langem, ſtarkem Koͤr⸗ perbau und mit einem koͤſtlichen, mit Gold und Perlen geſtickten, ruſſiſchen Kleide bedeckt. Sein Gelicht war weiß und freundlich, ſein Haar kohlſchwarz. Er war ungefaͤhr 28 Jahre alt, luſtig und beredſam. Als er an Bord getreten, ließen ſich Trompeten luſtig hoͤ⸗ ren, und einige Salven donnerten darein. Er beſah das Schiff und unſere Leute, die alle an ihrem Platze waren, mit Wohlgefallen, genoß jedoch von unſerer, ihm vorgeſetzten Tafel nichts. Als er abfuhr, wurden wieder einige Salven gegeben. 54 Die Perſer luden uns eines Tages zu Gaſt. Wir fanden zu unſerer Bequemlichkeit Pferde am Strande, auf welchen wir zu einer guten Herberge kamen. Man fuͤhrte uns in ein weites Gemach, welches mit ſchoͤ⸗ nen Teppichen ringsum behangen war. Wider die Gewohnheit der Perſer waren fuͤr uns Sitze mit ſchoͤ⸗ nen Ueberzuͤgen angebracht. Die Tafel war mit Kon⸗ fekt und feinen Weinen wohl beſetzt. Auch war ein Theil des Daches abgehoben, und uͤber derſelben Oeff⸗ nung ließ ſich eine tartariſche Muſik luſtig hoͤren. Sie hatten unter andern Pauken aus Toͤpferlehm, auf wel⸗ chen ſie allerlei Toͤne hervor brachten, oft mit zierlicher Geſchwindigkeit. Nach zwei Stunden wurde das Kon⸗ fekt weggenommen und die Tafel mit Speiſen beſetzt. Alle Schuͤſſeln waren gefuͤllt mit aufgelaufenem Reiß von allerlei Farben, mit gebratenen Huͤhnern, Enten, Rind⸗ und Schaffleiſch, wie mit Fiſchen. Alles war recht ſchmackhaft zubereitet. Die Perſer bedienen ſich keines Meſſers an dem Tiſche. Sie lehrten uns, wie wir das Fleiſch mit den Haͤnden zertheilen, und auf ihre Art eſſen ſollten; gemeiniglich iſt es aber ſchon in der Kuͤche in bequeme Stuͤcke zertheilt worden. Den Reiß, den ſie ſtatt des Brodes eſſen, nahmen ſie mit den vorderſten Fingern, bisweilen mit der ganzen Hand aus der Schuͤſſel, legten ein Stuͤckchen Fleiſch darauf und brachten es ſo in den Mund. Ein Vorle⸗ ger brachte zuvor die Speiſen mittels einer kleinen ſil⸗ bernen Schaufel auf kleinere Schuͤſſeln, in welche ſich immer zwei und zwei theilen. Waͤhrend der Mahl⸗ zeit wurde wenig getrunken; nachher aber wurde je⸗ dem eine porzellainene Schale mit einem ſchwarzen Getraͤnke gereicht, das ſie Kahawe nennen. Die Perſer bezeigten ſich dabei immer freundlich und dienſt⸗ fertig. Bei unſerm Abſchiede begleiteten ſie uns bis n den Strand, und dankten recht ſehr fuͤr die gehabte Ehre unſers Beſuches. Am folgenden Tage ritten wir einige Meilen weit um die Stadt herum, der Tartaren Leben und Treiben zu beobachten. Wir ſahen, wie Pferde und Ochſen an Pfaͤhle gebunden, im Kreiſe herum getrie⸗ ben wurden, um Hirſe auszutreten. Abends begeg⸗ nete uns einer der Fuͤrſten dieſes Volkes, mit einem Falken auf der Hand und zu Pferde. Er bedauerte techt ſehr, daß er nicht zu Hauſe war, als wir bei ſeiner Horde vorbei kamen. XII. Am 10. Oktober brachen wir wieder von Aſtrachan auf und ſchifften jetzt aus der Muͤndung der Wolga in das kaſpiſche Meer. An dem Geſtade deſſelben fanden wir Pflanzen von ungewoͤhnlicher Groͤße; die Eſula, oder Wolfsmilch, mannshoch; den Stengel der Angelica uͤber armsdick u. ſ. w. Die Wolga zertheilt ſich hierauf in verſchiedene Arme und bildet mehrere Eilaͤnder. Auf einem der⸗ ſeiben ſahen wir ein hoͤlzernes Haus, und uͤber dem⸗ ſelben auf einer langen Stange einen Schafskopf. Man berichtete uns, daß hier ein tartariſcher Heilige 56 begraben liege, und daß bei deſſen Grabe die Tarta⸗ ren und einige Perſer, wenn ſie uͤber die See fahren wollen, ein Schaf ſchlachten und theils opfern, theils ſelbſt verzehren; den Kopf aber ſtecken ſie unter ver⸗ ſchiedenen Gebeten und Ceremonien auf eine lange Stange, der ſo lange bleibt, bis wieder ein anderes Opfer verrichtet wird. XIII. In der Gegend ſahen wir auch viele See⸗ hunde, Loͤffel⸗ und Kropfgaͤuſe.— Ohne beſondere Abenteuer erreichten wir am 1. November die Stadt Terki, die aber eine Meile weit vom Strande liegt. Ringsum, ſo weit das Auge reicht, iſt ebenes Land; die Stadt iſt mit hoͤlzernen Thuͤrmen und Bollwerken umgeben, mit 2000 Mann und vielen metallenen Stuͤcken wohl beſetzt. Der Prinz Muſal hatte hier ſeiner Mutter Haus und einen Staat von 500 Mann. Er lud uns ein, ihn zu beſuchen. Auch ſeine Mutter ſchickte zu uns; wir konnten nicht anders, als dieſer freundlichen Einladung zu folgen. Wir wurden gut empfangen, und mit Obſt, Branntwein ꝛc. wohl be⸗ wirthet. Wir waren in einem großen, aus Lehm ge⸗ bauten Saale, an deſſen Waͤnden Betten ſtanden, mit Seiden⸗Decken belegt. Ueber denſelben hingen zwei Reihen bunt gemalte, hoͤlzerne und irdene Schuͤſ⸗ ———— ſeln. Die Saͤulen im Hauſe waren mit ſchoͤnen Saͤ⸗ beln, Bogen und Pfeilen uͤberhangen. Die alte Fuͤrſtin war eine lange, anſehnliche Ma⸗ trone, ungefaͤhr 50 Jahre alt, Namens Bika. Sie 57 ſaß auf einem Stuhle in einem langen, ſchwarzen, mit Zobel gefuͤtterten Rocke, und hatte hinten am Kopfe eine aufgeblaſene Rindsblaſe, welche, wie ihr Haupt, mit einem ſeidenen, golddurchwirkten Schleier umwunden war. Den Hals bedeckte ein ſeidenes Tuch, deſſen Enden uͤber die Schultern herab hingen. Hinter ihrem Stuhle ſtand eine Aufwaͤrterin, welche eine aͤhnliche Blaſe hatte, welche ein Zeichen des Wit⸗ wenſtandes ſeyn ſoll. Zur Rechten ſtanden ihre drei Soͤhne; die zwei juͤngſten hatten ſchlechte Bauern⸗ kleider, waren mit Filzmaͤnteln behaͤngt und hatten einige Diener hinter ſich ſtehen, welche, wegen des neulich entleibten, aͤlteſten Sohnes ihre Stirne auf⸗ geriſſen hatten. Zur Linken ſtanden alte, tartariſche Maͤnner, Hofoffiziere oder Raͤthe. Wir mußten uns vor der Fuͤrſtin auf Stuͤhle niederlaſſen, wozu wir auch die Soͤhne noͤthigen wollten; allein dieſe ſagten, daß bei ihnen die Soͤhne in Gegenwart Fremder nicht vor ihrer Mutter ſich ſetzen duͤrften. Indem wir uns auf einige Weiſe unterhielten, und die Fuͤrſtin recht freundlich war, oͤffnete ſich hinter ihr eine Thuͤre, durch welche wir in einem Gemache viele Damen ſe⸗ hen konnten. Die vorderſte war ihre Tochter, welche eben beſtimmt war, den Koͤnig von Perſien zu heira⸗ then. Es waren deßwegen mehrere Perſer und Ver⸗ ſchnittene anweſend, welche beſtimmt waren, die Braut abzuholen. Sie war ſechzehn Jahre alt, ſehr ſchoͤn, weiß von Angeſicht, welches ſchwarze, herab⸗ 58 haͤngende Locken beſchatteten. Wir bemerkten wohl, daß die Damen große Luſt hatten, uns naͤher zu be⸗ ſehen; allein der perſiſche Freiwerber ſchloß bald wie⸗ der die Thuͤre, und wir bekamen keine mehr zu ſehen. Auch wir verabſchiedeten uns hierauf bald, und beſa⸗ hen auf dem Ruͤckwege die Stadt. Die Neugierde zog einige tartariſche, junge, ſchoͤne Weiber herbei, welche uns nicht allein betrachteten, ſondern auch un⸗ ſere Kleider, unſere Waffen beſahen, beruͤhrten, und „ſich uͤber alles außerordentlich verwunderten. MNach einigen Cagen kam Prinz Muſal, um von uns Abſchied zu nehmen. Er brachte einen dageſtha⸗ niſchen Fuͤrſten mit ſich, Namens Myrſa. Er hatte uͤber einem ſchlechten Kleide einen zottigen Filzman⸗ tel, wie die gemeinen Tartaren, und war ſehr trotzi⸗ gen Gemuͤthes. Er war nicht zu bewegen, des Groß⸗ fuͤrſten Geſundheit zu trinken, und fing mit Muſal zu zanken an.„Wenn du gleich, ſprach er zu ihm, in ſchoͤnen Kleidern einher geheſt, ſo biſt du doch des Großfuͤrſten Sklave; ich aber ein freier Fuͤrſt und Niemanden unterthan, als Gott.“— Darauf ging er fort; ſeine Diener aber hatten unſerm Paſtor den fülbernen Loͤffel ſammt dem Meſſer, die von ungefaͤhr auf dem Tiſche lagen, mitgenommen, und von mei⸗ nem Wamſe, der unter dem Hauptkiſſen lag, einen herabhaͤngenden Aermel abgeſchnitten. 3 XIV. Den 10. November gingen wir wieder unter Segel, um nach Derbent zu ſteuern. Wir kamen 59 die Inſel Tzetlan oder Tzenzeni voruͤber, und weſtwaͤrts von dieſer erhebt ſich auf dem feſten Lande ein ſehr hohes Gebirge, deſſen Gipfel ſich in den blauen Wolken des Himmels verlieren. Dieſes iſt der beruͤhmte Caucaſus, welcher von Norden nach Suͤden zieht, ganz Perſien und Indien durch⸗ ſtreichet. An ihn reihen ſich die armeniſchen Ge⸗ birge, unter welchen der Ararat mit ſeinen ſchwar⸗ zen, rauhen Felſen und ewigem Schnee. Auf dieſem Berge ſoll die Arche Noah's ſich nieder gelaſſen ha⸗ ben. Dieſe hohen Gebirge erleichtern die Schifffahrt auf dem kaſpiſchen Meere ſehr: denn man ſieht ihre Spitzen uͤberall, und kann ſich wohl nach ihnen richten. XV. Deſſen ungeachtet waren wir auf unſerer Fahrt nicht gluͤcklich. Wir hatten anfangs durch gefaͤhrliche Felſen zu ſteuern; dann ergriff uns ein gewaltiger Sturm, der uns vor Derbent voruͤber trieb, und uns an ein Felſenufer fuͤhrte, wo das Landen un⸗ moͤglich wurde. Bereits waren alle unſere Schiffs⸗ boote verſunken; wir legten das Hauptſchiff zwar vor Anker; allein durch die daruͤber ſtuͤrzenden Wellen und durch das heftige Hin⸗ und Herſtuͤrzen wurde es ſo leck, daß wir kaum im Stande waren, das eindrin⸗ gende Waſſer genuͤglich auszupumpen. Da das Schiff lang und aus Foͤhrenholz war, bog es ſich oft in der Mitte, und das innere Gebaͤude ſtuͤrzte theilweiſe zu⸗ ſammen. Es war ein ſolches Gekrach, daß Niemand 60 ſein eigenes Wort hoͤren konnte. Wir befanden uns einen Tag und eine Nacht in der groͤßten Gefahr. Am Morgen des 14. Novembers fing es an etwas ſtiller zu werden. Wir ließen einige Schuͤſſe los, um die Kuͤſtenbewohner herbei zu locken, und uns durch ihre Boote an das Land zu ſetzen. XVI. Gluͤcklicher Weiſe kam uns auch ein Dorfsvogt, Kaucha, entgegen, der die Geſandten bat, dem un⸗ ſichern Wetter nicht laͤnger zu trauen, und mit den beſten Habſeligkeiten, ſo weit es moͤglich iſt, zu lan⸗ den. Alſo geſchah es auch; aber die meiſten der Unſe⸗ rigen, auch ich, mußten auf dem Schiffe bleiben. Kaum hatten die Geſandten gelandet und den perſi⸗ ſchen Boden betreten, ſo erhob ſich von neuem ein Wind aus Suͤden und verurſachte einen ſo ſchrecklichen Sturm, daß es unmoͤglich war, weder an das Land, noch von dort zu uns zu kommen. Schreckliche Angſt ergriff uns. Das Schiff, indem es erleichtert wurde, war von den Wellen bald zu den Wolken gehoben, bald in die Diefe des furchtbaren naſſen Abgrundes geſchleudert. Es ſchien, als ob es die See verſchlinge und wieder ausſpeie. Die Ankertaue riſſen ab, die Maſten brachen entzwei und ſtuͤrzten mit fuͤrchterli⸗ chem Gekrache neben uns auf das Verdeck hin. Im⸗ mer mehr und mehr drang das Waſſer zu allen Fu⸗ gen herein. Drei Tage hatte der Sturm angehalten; wir waren ermattet; voll Verzweiflung machten wir uns breit, zu verſinken. Ich ſuchte einige leere Brannt⸗ 61 weinfaͤſſer hervor, verſpundete ſie, und band ſie zu⸗ ſammen. Darauf machte auch ich mich darau feſt, und gedachte alſo, wenn das Schiff verſunken waͤre, lebendig, oder doch todt, zu den Meinigen wieder an das Geſtade getrieben zu werden. Von dort war alle Huͤlfe abgeſchuitten; einer der Geſandten trieb das tartariſche Schiffsvolk mit der Spitze ſeines Degens in ein Schifflein, daß ſie uns zur Rettung eilen ſoll⸗ ten; allein Wind und Wellen waren jedem Vorhaben entgegen. Endlich geſchah durch die Macht des Him⸗ mels, was Menſchen nicht mehr leiſten konnten. Vom Stuume getrieben, lief unſer Schiff beinahe in gerader Richtung und ſchueller als ein Pfeil fliegt, dem Ge⸗ ſtade naͤher, und ſetzte ſich, nicht ferne vom Strande, auf einer Sandbank feſt. Zu gleicher Zeit legte ſich der Ungeſtuͤmm etwas mehr, und nun eilten die am Ufer mit Freudengeſchrei herbei, ſprangen in das Waſ⸗ ſer und trugen uns auf ihrem Ruͤcken an das Land. Selbſt die Geſandten umarmten uns mit Freuden⸗ thraͤnen. XYII. Die Gegend wo wir geſtrandet waren, beißt Muͤskuͤr, und iſt ein Theil der Provinz Me⸗ den. Sie erſtreckt ſich an der Kuͤſte des kaſpiſchen Meeres von Derbenr bis Kilan, und faſſet uͤber 200 Doͤrfer in ſich. Sie iſt reich an Weizen, Reiß und Obſt. Das Vieh geht ſelbſt im Winter, der ſehr kurz und nicht heftig iſt, auf die Weide. Die Weinſeoͤcke wachſen wild, ſchlingen ſich an den Baͤumen uͤber 20 62 Fuß hoch hinauf, und hangen eben ſo wieder herab. In dieſem Zuſtande tragen ſie, ohne Wart und Pflege, die reichlichſten und herrlichſten Fruͤchte. Feder⸗ und anderes Wild gibt es im Ueberfluſſe; unter andern eine Art Fuͤchſe, welche ſie Schakal nennen. Die Bauern bedienen ſich großer Buͤffel⸗Ochſen, um große Laſten fortzuſchleppen. Die Milch dieſer Art Kuͤhe iſt ſehr fett, der Butter ungemein ſchmackhaft. Kaͤſe machen ſie nie aus der Milch der Kuͤhe, ſondern nur der Schafe. Das Dorf, welches uns nach dieſer ſo ungefaͤhren und gluͤcklichen Rettung am naͤchſten war, hieß Nia⸗ ſabath, und hat kaum 18 hin und her zerſtreute Haͤuſer, in welche wir vertheilt worden ſind. Dieſe Haͤuſer ſind aus Erde, viereckig, und uͤber 2 Mann hoch. Oben ſind ſie platt, mit Raſen belegt, daß man da wie auf dem Boden gehen kann. Auf dieſe Weiſe zu bauen, iſt durch ganz Perſien uͤblich. Das Innere der Wohnung war recht reinlich; die Fußboͤden mit Tapeten belegt. Weil unſerer zu viele waren, mußten wir dieſe Quartiere bald wieder verlaſſen und mit den Geſand⸗ ten theils unter Gezelten, theils unter freiem Himmel kampiren. Bald verſpuͤrten wir auch Mangel an fri⸗ ſchem Brode und Bier; mußten mit hartem Suchari und truͤbem Bachwaſſer zufrieden ſeyn: denn es war weit und breit keine friſche Quelle zu ſiuden. Unſer 63 Schiff, ſo weit man es uͤber Waſſer gewinnen konnte, wurde abgetragen und zur Feuerung benuͤtzt. Muͤskuͤr ſteht unter den Befehlen des Sultans von Derbent. Dieſer, als er unſer Ungluͤck erfah⸗ ren hatte, ſchickte ſogleich anſehnliche Geſchenke an uns: zwei Pferde, zwei Ochſen, zwoͤlf Schafe, zwan⸗ zig Huͤhner, drei große Kruͤge Wein, einen Krug mit klarem Waſſer, Aepfel, Weizenmehl und dergleichen. Auch der Chan von Schamachie erfuhr un⸗ ſere Ankunft. Er beeilte ſich, uns einen Meheman⸗ der(Schaffner) entgegen zu ſchicken, welcher am 29. November, in koͤſtlichen Kleidern, auf einem ſchoͤn geputzten, mit Tuͤreois gezierten Pferde, die Geſand⸗ ten freundlich empfing, und fuͤr alle unſere Beduͤrf⸗ niſſe zu ſorgen verſprach. Wir bewillkommten ihn und andere Perſer, die mit ihm kamen, mit Freudenſchuͤſſen und Muſik, wovon ſie beſondere Liebhaber waren, und baten, daß man ſie oͤfter moͤchte hoͤren laſſen. Der Mehemander brachte auch Nachricht vom Schach oder Koͤnig von Perſien ſelbſt, der uns ſagen ließ, daß unſere Ankunft ihn ſehr erfreue, und daß wir alle wuͤrden wohl verpflegt werden, wenn auch unſerer mehr als s00 waͤren. Er beſorgte hierauf Wagen und Pferde; da aber eine hinlaͤngliche Anzahl in der Naͤhe nicht zu haben war, ſo reiſte er in das Schamachiſche Gebiet, wodurch aber unſere weitere Reiſe um mehr als einen Monat verzoͤgert wurde. 64 Noch war immer ſehr gelindes Wetter, und nur des Nachts ſiel manchmal Schnee, der aber bei dem lieblichen Sonnenſcheine des Tages gleich wieder ver⸗ ſchwand. Es bluͤhten bereits die Fruͤhlingsblumen unſers Vaterlandes; aber in ungewoͤhnlicher Uep⸗ pigkeit. Den 21. Dezember hatten wir endlich 40 Kamele, 30 Wagen mit Ochſen, und 8o Pferde beiſammen. Wir beluden ſie mit unſeren Habſeligkeiten und ſchick⸗ ten die Dienerſchaft damit voraus; am anderen Tage folgten die Geſandten ſelbſt nach. Die Reiſe ging laͤngs dem perſiſchen Strande nach Suͤden, und ſchon am erſten Tage erreichten wir das Dorf Mordow. Die Bauern wohnten, wie die Tartaren vor Aſtrachan, in ſehr ſchlechten, aus Rohr geflochtenen Huͤtten; denn es gibt in der Gegend weit und breit kein Holz. Ringsum iſt alles ſumpfig und voll von Schwanen, deren Federn und Flaumen hier fuͤr des Koͤnigs Bet⸗ ten geſammelt werden. Die Einwohner dieſer Pro⸗ vinz heißen Padar, haben eine tuͤrkiſch⸗erſiſche Sprache, den muhamedaniſchen Glauben und allerlei ſonderbare Gebraͤuche. Unter andern duͤrfen ſie keine Speiſen blaſen, um ſie abzukuͤhlen. Geſchieht dieſes manchmal unverſehens, ſo muß ſie, als unrein, weg⸗ f geſchuͤttet werden. Am andern Tage erreichten wir das Dorf Tas chonſi und hierauf einen hohen Felſenberg, Bar⸗ mach, an deſſen Fuße eine Carwanſera lag, naͤmlich 65 ein Hof, welcher dazu beſtimmt war, Fremde zu be⸗ herbergen, deren es in Per ſien viele gibt, gewoͤhn⸗ lich eine Tagreiſe von einander entfernt. Man findet aber in den meiſten nichts, als leere Waͤnde und Ge⸗ woͤlbe. Daher muß man den Proviant immer ſelbſt mit ſich fuͤhren. Wir feierten hier das Chriſtfeſt, und da das Wetter warm und lieblich war, ſo beſtieg ich mit einigen Freunden den ughen Felſenberg. Dieſer liegt nicht weit vom kaſpiſchen Strande, und hat die Geſtalt eines Fingers. Zur Rechten aus dem Thale windet ſich ein Weg hinauf. Als wir die Spitze er⸗ reicht hatten, fanden wir die Luft ſo kalt, daß an dem Graſe Eis hing. In der Mitte des Weges waren die Ruinen einer ehemaligen Veſte, und unter dieſer ein Brunnen, bei welchem wir zwei Graͤber wahrnahmen. Darauf lagen zwei große, runde Steine. Weiter auf⸗ waͤrts war ein großes Rondel von Steinen, und ganz auf der Spitze eine Hoͤhle, aus welcher man ſich gleich⸗ falls tapfer haͤtte wehren koͤnnen. Zwiſchen den Stein⸗ ritzen ſahen wir Feigenbaͤume wild aufwachſen. Wir ſammelten ihre Fruͤchte und fanden ſie recht gut. Am 26. zogen wir bei warmem Sonnenſchein wei⸗ ter, und kamen am Abend zu einem Dorfe Chane⸗ ge, das in einem rauhen Gebirge liegt, jedoch guten Honig und allerlei Fruͤchte, aber faules Waſſer hat. Am folgenden Tage erreichten wir das Dorf Pyrm graags, wo ein perſianiſcher Heiliger begraben liegt, deſſen Name Seid⸗Jbrahim iſt. Es hat zwei Hoͤfe und a5ſtos B. Perſion. II. 1. 5 66 itt mit ſteinernen Mauern, wie ein Schloſ, umgeben. Der Vorhof war voll von Leichenſteinen und Inſchrif⸗ ten. Daran ſtießen unterſchiedliche Gewoͤlbe, zu wel⸗ chen das Licht durch enge Fenſter fallen mußte, und wo es ſchauerlich war. Im vordern Gewoͤlbe ſtand ein ſteinernes Grabmal mit zwei Stufen; ein anderes war mit ſchoͤnen Tapeten behangen und ſchloß s Graͤ⸗ ber in ſich. Zur Rechten war Seid⸗Ibrahims Grab, eine Elle hoch uͤber der Erde, mit einer Da⸗ maſtdecke belegt. Umher ſtanden Lichter und Laternen, und am Gewoͤlbe hing eine Lampe. Dabei ſtanden in grabiſcher Sprache die Worte:„In jeder Noth Gott befohlen!“— Man erzaͤhlte uns, der heilige Leib ſey noch un⸗ serweſen und knie aufrecht im Grabe, in der Geſtalt eines Betenden. Er ſey mit einem grauen Rocke be⸗ kleidet, den man jaͤhrlich mit einem weißen vertauſche, dagegen den alten ſtuͤkweiſe an die Pilgrime vertheile, welche hierher haͤufig wallen, und in den Felſenkam⸗ mern ihre Herberge nehmen, welche nahe bei dem Grabe in den Berg gehauen ſind. Man erzaͤhlt ſich aͤberdieß viele hier geſchehene Wunder. Im Dorfe Pyrmaraas darf Niemand Wein trinken, um den Alkoran an dieſem heiligen Orte nicht zu verunehren. Am folgenden Morgen ſetzten wir un⸗ ſere Reiſe nach Schamachie fort. 3 XVIII. Als wir noch zwei Meilen von dieſer Stadt entfernt waren, kam uns ein Fusgaͤnger entgegen, 67 welcher den Geſandten anmeldete, daß ſie dem Chau wuͤrden willkommen ſeyn, und daß er ſelbſt ſie vor der Stadt empfangen werde. Dieſer Bote ging nun ſtets vor der Geſandten Pferden her. Noch eine Meile von der Stadt, kamen 30 wohlgeruͤſtete Reiter, uns zu ſehen, wendeten ſich aber bald um, und jagten wieder der Stadt zu. Hierauf erreichten wir ein von Steinen erbautes Dorf. Bei demſelben ſtanden 100 Mann zu Roſſe; dieſe ließen uns durch ſich hinreiten. Nach dieſen kamen wieder mehrere Reiter, unter wel⸗ chen zwoͤlf beſondere Muͤtzen, gleich ſpitzigen Thuͤrmen, trugen. Sie hießen Taciaͤ, und waren noch vom Geſchlechte des Aaly. Nach einer halben Meile ſa⸗ hen wir zur Rechten, an einem Huͤgel, ein Heer von mehr als 5000 Mann. Dort wartete der Chan auf uns. Als wir nahe kamen, ritt dieſer in ſebr praͤch⸗ tigem Geleite den Geſandten entgegen. Rechts vor ihm gingen ſechs junge, ſtarke, ſchoͤn gekleidete Die⸗ ner mit vergoldeten Bogen und Pfeilen; links ſechs Leibſchuͤtzen mit langen Musketen. Neben und hinter dem Chan waren viele anſehnliche Reiter in goldge⸗ wirkten Kleidern, mit Turbans vom naͤmlichen Stoffe, Als der Chan den Geſandten ſich genaͤhert hatte⸗ reichte er ihnen, wider die Gewohnheit der Perſer⸗ die Hand, und hieß ſie wiukommen. Er ließ eine goldene Schale mit Wein fuͤllen und trank ihnen zu; jeder mußte zwei Mal Beſcheid geben. Darauf ſah und boͤrte man fremde Feldſpiele und Muſik. Immer rit⸗ 68 ten vier vor uns her, hielten manchmal ſtille und blieſen ein Inſtrument, welches aus Kupfer, vier Ellen lang, und am Ausgange eine Elle weit war. Sie hielten dieſelben gegen den Himmel; der Ton w a bruͤllend⸗grauſam. NRebenbei waren auch Krumm⸗ hoͤrner und Heerpauken, in der Geſtalt laͤnglicher Toͤpfe, welche ſie uͤber die Pferde haͤugen hatten. Des Chans Stocknarr(Tzauſch) machte dabei mit Geſang und Klappern allerlei ſeltſame Poſſen. 3 Eine Viertels⸗Meile von der Stadt hielten uͤber 2000 Mann Fubvolk, welche meiſtentheils armeniſche Chriſten waren. Sie hatten ſechs Faͤhnchen an hohen Stangen, und eine Muſik von Cymbeln und Pfeifen, mit welchen ſie, zu unſerem Winkomm, freudig ſich hoͤren ließen. Einige ſchwangen die Muͤtzen und jubelirten neben uns her. Als wir der Stadmauer nahten, empfingen uns auf derſelben wieder Heerpauken, Trompeten und Freuden⸗Geſchrei. Der Chan bat die Geſandten, daß ſie ihm folgen möͤchten auf das Schloß zur Mahlzeit; er fuͤhrte ſie auch mit ſich durch den Hof bis zur Thuͤre des Hau⸗ ſes; uns aber hießen ſeine Hofdiener in der Pforte abſteigen, und zu Fuß uͤber den Hof gehen. Die Gemaͤcher waren alle mit ſchoͤnen Tapeten belegt. Die Perſer zogen ihre Schuhe aus und gingen in Struͤmpfen hinein. Auch wir nahmen Anſtand, als wir dieſes ſahen, dieſe ſauberen Bodendecken mit 7 69 unſern ſchmutzigen Stiefeln zu betreten; allein die Perſer noͤthigten uns dazu. Man fuͤhrte uns durch drei ſchoͤne Zimmer in einen koͤſtlich geſchmuͤckten Saal, in deſſen Mitte ein Springbrunnen war, der ſein Waſſer in Form eines Trichters ergoß. Die Ta⸗ peten an den Waͤnden zeigten allerlei Liebes⸗Aben⸗ teuer. um den Brunnen waren ſilberne und glaͤferne Flaſchen voll koͤſtlichen Weines und allerlei Kouſekt. Man hatte fuͤr uns neue Stuͤhle verfertigen und nach der Ordnung ſetzen laſſen. Der Chan verfuͤgte ſich zuerſt zum Brunnen, ſetzte ſich auf einen Stuhl und ließ die Geſandten zu ſeiner Rechten Platz nehmen. Zu ſeiner Rechten, aber auf der Erde, ſaßen der Ca⸗ leuter(Statthalter), der Aſtrolog, der Leibarzt und andere vornehme Maͤnner. Vor dem Chan waren die Spielleute. Am Eingange des Saales ſtanden junge, ſattliche Leute mit ſtreitfertigen Bogen und Pfeilen. Alle, die ſaßen und ſtanden, hatten den Nuͤcken gegen die Wand und das Angeſicht nach der Mitte gekehrt; auch war keiner hinter dem andern. So it es in allen Verſammlungen der Perſer uͤblich. Fuͤr uns wurden je zwei und zwei kleine Tiſche gebracht, voll von allerlei Fruͤchten. Zwei Knaben gingen herum, und ſchenkten friſchen Wein ein. Bald wurde das Konfekt abgenommen; die Tiſche wurden mit bunten Kattun⸗Decken belegt, und mit Speiſen, nach einer Stunde aber wieder mit Konſekt beſetzt. Endlich wurden die Tiſche ganz weggenommen, und⸗ 70 der Saal auf der Erde zur Hauptmahlzeit bereitet. Der Tafeldecker breitete uͤber die andern Japeten lange, ſchoͤne, bunte Decken. Darauf kam der Vor⸗ ſchneider. Er hatte eine hoͤlzerne Schuͤſſel, und da⸗ rin Kuchen, anderthalb Ellen lang, und ſo duͤnn, wie Pergament. Einen ſolchen warf er jedem der Gaͤſte zu, welcher ſich deſſen ſtatt einer Serviette bedienen mußte. Hierauf folgten einige, welche das Eſſen brach⸗ ten, in großen kupfernen und verzinnten Toͤpfen, wel⸗ che ſie auf dem Kopfe trugen. Dieſe ſetzten ſie auf die Mitte der Tafel. Der Vorſchneider kniete dazu hin, und vertheilte die Speiſen in kleinere Toͤpfe, welche den Gaͤſten beſonders gereicht wurden. Waͤh⸗ rend der Mahlzeit ließ ſich die Muſik luſtig hoͤren; da⸗ bei fuͤhrten zwei Knaben etliche ſonderbare Taͤnze auf. Alles dieſes kam uns, nach ſo vielen ausgeſtandenen Beſchwerden, ſo ergoͤtzlich vor, daß wir in manchem Augenblicke wirklich glaubten, in das Paradies gekom⸗ men zu ſeyn. Nachts weideten ſich unſere Augen an mehr als 2000 Freuden“⸗Feuern, welche auf den Daͤ⸗ chern der Haͤuſer aufgeſteckt waren. Weil das Schloß auf einem Huͤgel an der Stadtmauer lag, ſo konnte man die ganze Stadt uͤberſehen. Der Chan wollte ſeine Geſchichlichkeit im Schießen zeigen, und bat aus, eine Lampe zu beſtimmen, welche er treffen wollte. Er war zweimal ſo gluͤcklich, das Ziel zu treffen. Wir ſaſſen ſchon bis zur dritten Stunde der Nacht; es fing an, kuͤhl zu werden. Der Chan fuͤhrte uns, mit 2 — 71 einigen vornehmen Perſern, in eine gewoͤlbte Kammer, zum Kaminfeuer, und bewirthete uns auf das Neue mit Konfekt, Wein und Branntwein. Ein perſiſcher Edelmann, der niemals Branntwein getrunken hatte, und ſich dazu uͤberreden ließ, ward ſo trunken, daß er am andern Morgen den Geiſt aufgab. Erſt gegen den Morgen entließ uns der Chan; wir wurden in die Haͤuſer der Armenier verlegt. Dort fanden wir nichts, als kahle, kalte Kammern, ohne Tiſch und Baͤnke. Wir mußten alſo den Reſt der Nacht auf der Erde zubringen. Erſt, als am folgen⸗ den Tage unſer Gebaͤck eintraf, konnten wir uns den neuen Wohnplatz nach unſerer Beauemlichkeit ein⸗ richten. XIX. Wir mußten aber, bis die Anordnungen zu unſerer weitern Reiſe vollendet waren, drei Mo⸗ nate zu Schamachie verweilen, waͤhrend welcher Zeit uns der Chan und der Calenter fortwaͤhrend große Ehre und Freundſchaft erwieſen, uns bald mit koͤſtli⸗ chen Gaſtereien, bald mit Jagden ergoͤtzten. Am 6. Jaͤnner hielten die Armenier das Feſt der Waſſerweihe, wie die Ruſſen. Schon am fruͤhen Mor⸗ gen fing ihr Biſchof an, zu predigen, und Meſſe zu leſen. Die Geſandten gingen mit einigen der Unſri⸗ gen zur Kirche, um dieſer Chriſten Gebraͤuche, welche von den unſrigen nicht ſehr verſchieden waren, zu ſe⸗ hen. Als der Biſchof erfahren hatte, wer wir ſeyen, freute er ſich ſehr, ſo vornehme Leute ſeines Glaubens 72.. aus ſo fernen Landen zu finden. Gegen Mittag bega⸗ hben ſich die Armenier in der feierlichſten Prozeſſion an das Waſſer. Der Chan mit vielen Soldaten beglei⸗ tete ſie, um allenfallſigen Unordnungen, von Seite der Muhamedaner, zu ſteuern. Auch uns ſchiekte er Pferde, und lud uns zu ſich ein, um in dem— am Geſtade fuͤr ihn aufgeſchlagenen Gezelte der Feierlich⸗ kett beizuwohnen. Die Ceremonie der Waſſerweihe war ganz die ruſſiſche. Nach derſelben ſprangen ei⸗ nige in den Fluß, und ſchwammen darin herum; an⸗ dere ſchoͤpften Waſſer, und ſchuͤtteten es uͤber das Volk, daß ſelbſt der Biſchof durchnaͤßt wurde. Ueber alles dieſes ſpotteten die Perſer nicht wenig;⸗ der Chan ließ durch ſeinen Hofnarren einige der Ge⸗ braͤuche nachahmen, und mit ſarazeniſcher Muſik das Feſt unterbrechen. Dabei trank er ſich ſelbſt ſo voll, daß er ſtillſchweigend ſich auf das Pſerd ſetzte, und mit den uͤbrigen Perſern davon jagte. Es ſoll naͤmlich Sitte unter den Perſern ſeyn, ſich ohne Abſchied zu entfernen, wenn man betrunken iſt. Dieſe Sitte wird ſelbſt am koͤniglichen Hofe beobachtet. Am andern Morgen beſuchte uns der Biſchof mit vieler Geiſtlichkeit. Er brachte Geſchenke: zwei Kruͤge mit Wein, und eine große Schuͤßel voll Aepfel, in deren Mitte ein brennendes Wachslicht war. Er fachte die Bitte vor, daß die Geſandten ſich bei dem Chan wegen ihres Kloſter⸗Baues, den ſie ſchon lange vor⸗ hatten, verwenden moͤchte. Als wir nach einigen Tagen 73 dem Chan unſete Geſchenke gebracht hatten: ein Stuͤch feines, rothes Tuch, und ein Stuͤck blauen Atlaß, eine Tonne Branntwein, Becher und Meſſer von kuͤnſt⸗ licher Bernſtein⸗Arbeit, und als wir merkten, daß dieſes alles angenehm war, brachten die Geſandten die Bitte der Armenier vor. Der Ehan erwiederte: daß er nie Willens geweſen ſey, in der Mitte muhameda⸗ niſcher Glaͤubigen ein chriſtliches Kloſter erbauen zu laſſen; indeſſen ans Liebe fuͤr die Geſandten ſollte es geſtattet ſeyn. Dieſe ſeine Einwilligung bekraͤftigte er auch mit einem ſchriftlichen Deerete.— Daruͤber wa⸗ den die Armenier ſo erfreut, daß ſie hauſenweiſe zu uns kamen, um ihren Dank auszudrucken. Sie ver⸗ ſprachen auch, der Geſaudten Namen an den Altar des neuen Kloſters zu ſchreiben, zum ewigen Gedaͤchtuiße. Am 25. Jaͤuner beehrte uns der Chan mit einem Beſuche. Weil die Faſten der Perſer eingetreten war, nahm er nicht die geringſte Bewirthung an; jedoch bat er, daß man ihm unſere Muſik moͤchte boͤren laf⸗ ſeu, was dann auf alle Weiſe geſchehen iſt. Am folgenden Tage ſtieß ich auf meinem Spazier⸗ gange an ein Haus, welches mehrere Hoͤfe und be⸗ deckte Gaͤuge in ſich ſchloß. Darin gingen verſchie⸗ dene bejahrte Maͤnner herum, und in manchem Win⸗ kel ſaßen andere, welche junge Leute, wohl auch Kin⸗ der um ſich verſammelt hatten. Ich erfuhr nun, daß ieſes eine perſiſche hohe Schule ſey, deren es hin und wieder gibt. Ein Maderis(Proſeſſor) nabte 74 ſich mir, und ſprach auf Arabiſch mancherlei. Als er auf meinen Stocke den Namen Alla fand, ſchnitt er denſelben mit einem Meſſer ſchoͤn heraus, und wickelte jedes Stuͤckchen behutſam in ein feines Tuch, indem er ſagte: es ſchicke ſich nicht, den Namen Gottes auf ei— nem Stocke zu fuͤhren, der dazu beſtimmt iſt, ihn in den Koth zu ſtoßen.— Darauf fuͤhrte er mich zu ſei⸗ nen Schuͤlern, und zeigte mir den Alkoran, der recht zierlich geſchrieben war. Er kuͤßte ihn, und reichte ihn auch mir zum Kuße dar. Ich aber zog mein Stammbuch heraus, auf welchem meines gnaͤdigſten Herrn Wappen war; dieſes kuͤßte ich, und ſagte: ich wuͤßte wohl, daß ich dieſem Zeichen unterthan ſey; was aber der Koran ſey, wuͤßte ich nicht. Der Ma⸗ deris laͤchelte, und gab mir Recht. Darauf zog er aus dem Buſen ein kleines Aſtrolabium; als ich aber ein viel beſſeres herbei holte und ihm zeigte, wie man ſolches ſelbſt verfertigen koͤnne, wurde er mir ſo uͤber⸗ aus zugethan, daß wir bald die beſten Freunde wur⸗ den. Er unterrichtete mich dann auch in der perſiſchen Sprache, und wir ſaſſen oft ganze Naͤchte beiſammen. Am 1. Februar feierten die Perſer das Aaly⸗Feſt, wozu wir von dem Chan eingeladen waren. Eine feierliche Prozeſſion, zog vor die Thore der Stadt, in ein Haus mit weitem Hofraum. Unter einem ausge⸗ ſpannten SCuche ſaß der Chan im blauen Trauer⸗ Gewande; denn was bei uns die ſchwarze Farbe be⸗ deutet, das iſt bei ihnen die blaue. Mit lauter Stimme — wurde hierauf die Geſchichte des Heiligen, ſeines Le⸗ bens und Todes, vorgeleſen. Bei einigen Stellen, wie grauſam er von ſeinen Feinden verfolgt, endlich von denſelben getoͤdtet, und von ſeinen Soͤhnen be⸗ weint worden iſt, fing das ganze Volk laut zu klagen, und zu jammern an; ja ich ſah, wie einigen die Thraͤ⸗ nen aus den Augen rollten. Hierauf wurden drei Saͤrge im Kreiſe herum gefuͤhrt, welche mit ſchwar⸗ jem Tuche behangen waren. Darin lagen die irdiſchen Reſte Aaly, und ſeiner zwei Soͤhne, Haſſans und Hoſſeins. Zwei ſchoͤne Pferde waren dabei, auf welchen Bogen, Pfeile und koͤſtliche Hauptbinden la⸗ gen. Noch viele andere Zierrathen wurden dabei berum getragen. XX. Am andern Tag gingen die Herren Geſand⸗ ten auf die Jagd. Der Chan entſchuldigte ſich wegen vieler Geſchaͤfte, ſchickte uns aber Leute, Hunde, Fal⸗ ken und einen Leoparden. Dieſer machte uns viel Kurzweil; er war ſehr zahm, haſchte die Haaſen mit manchem Sprunge, und ſetzte ſich dann wieder ruhig binter ſeinen Jaͤger auf das Pferd. Ich ſah zu Schamachie noch ein Feſt der Per⸗ ſer, den 3. Maͤrz; ſie nennen es Tzar ſchembe ſur. Sie halten dieſen Tag fuͤr den traurigſten und un⸗ gluͤcklichſten des ganzen Jahres; deßwegen ruht an demſelben jede Arbeit. Alle Buden ſind verſchloßen, man geht wenig aus, redet faſt nichts, trinkt nicht, ißt nicht, zaͤhlet kein Geld, und dergleichen. Sie 76 glauben, was ſie an dieſem Tage thun, muͤßten ſie das ganze Jahr thun. Mancher Geizhals mag dann freilich heimlich ſein Geld zaͤhlen.— Aus jedem Hauſe wird eine Perſon abgeſchickt, aus dem Bache vor der Stadt Waſſer zu ſchoͤpfen. Sie duͤrfen ſich auf dem Heimwege nicht umſehen: begegnet ihnen ein guter Freund, ſo beſprengen ſie ihn mit Waſſer, oder ſchuͤt⸗ ten ihm wohl gar den halben Krug in das Geſicht. Je unvermutheter dieß geſchieht, deſto beſſer iſt es, und der Begoſſene erſchoͤpft ſich in Lobſpruͤchen und Dankſagungen. Zu Haus werden alle Waͤnde, alle Geraͤthe mit dieſem Waſſer beſprengt. Junge Bur⸗ ſche, Ungluͤcksvoͤgel bedeutend, ſpringen in den Fluß, ziehen die Schoͤpfenden nach ſich, oder ſchlagen ihnen die Kruͤge entzwei, weßwegen viele ſchon vor dem Aufgange der Sonne zum Schoͤpfen kommen. Am 10. Maͤrz begingen die Perſer mit einem großen Freudenfeſte ihr Neujahr, welches ſie Naurus nennen. Einige von uns wurden in das Schloß ge⸗ ſchickt, dem Chan, Calenter und andern Herren deß⸗ wegen Gluͤck zu wuͤnſchen. Wir fanden ſie in großer Pracht an der Tafel ſitzen, und wurden genoͤthigt, bei ihnen zu bleiben. Ein Redner erzaͤhlte die Tha ten aller ihrer Koͤnige, und die Siege, welche die Perſer uͤber andere Voͤlker ſeit uralten Zeiten erfochten hatten. Als dieſes beendigt war, ſah ein Sterndeuter nach der Sonne, und verkuͤndete, daß nunmehr das Neujahr angebrochen ſey. Alles erhob ſich mit großem Freuden⸗ — 77 Geſchrei; Muſik ertoͤnte, und aus Stein⸗Stuͤcken wurden viele Salven losgebrannt. Dieſes Inbelieren dauerte fort, bis eine allgemeine Verauſchung der. Feſt⸗ lichkeit ein Ende machte. Nach einigen Tagen kam der Chan zu den Geſand⸗ ten, um Abſchied zu nehmen: denn er ſelbſt wollte verreiſen, und eine Strecke Weges diejenigen Geſchenke begleiten, welche fuͤr den Koͤnig beſtimmt waren, als: etliche ſchoͤne Pferde, dreißig Saͤcke mit Schwanen⸗ Dunen, mehrere ſchoͤne Maͤdchen und Knaben. XXI. Schon am folgenden Tage machte man auch Anſtalt zu unſerer Abreiſe, welche den 28. Maͤrz Morgens, vor dem Aufgange der Sonne wirklich er⸗ folgt iſt. Dein Begraͤdniſſe eines Heiligen varuͤber, in der Gegend Fakerlu gelegen, erreichten wir ſchon in einigen Tagen das Ende des Schamackiſchen Ge⸗ birges. Dieſes iſt oben niedrig, eben, und ganz frucht⸗ bar; des Winters und im Fruͤhjahre aber meiſtens mit Schnee bedeckt. Indem etliche der Unſrigen voran, und den Berg hinab ritten, ſahen wir den nachfolgen⸗ den Trupp in einer langen Reihe, gleichſam wie aus den Wolken nieder ſteigen; denn der obere Theil war mit dickem Nebel bedeckt. Wir lagerten uns dem Ge⸗ birge zur Rechten, und genoßen eine herrliche Aus⸗ ſicht. Ungefaͤhr in einer Entfernung von zehn Meilen vereinigten ſich die Fluͤſſe Aratzin und Cyrum, nachdem ſie zuvor die Gegend in tauſend Kruͤmmun⸗ gen, ſilbernen Schlangen gleich, durchzogen hatten. 78 Nachher erreichten wir eine Ebene und das Dorf Kaſiluͤ. Vor demſelben waren uns einige Hirten be⸗ gegnet, welche ihre Haͤuſer auf Waͤgen, von Ochſen gezogen, mit ſich fuͤhrten. Sie trieben ſtattliche Heer⸗ den nebenher; Weiber und Kinder ritten auf Eſeln, oder Kuͤhen. Dann kamen wir wieder an den Strand, an dem Orte, wo der Fluß Kuͤr ausmuͤndet, welcher die Graͤnzen bezeichnet zwiſchen den Provinzen Schir⸗ wan und Mokan. Beim Dorfe Tzawa war eine Schiffbruͤcke; dieſe paſſirten wir den 2. April. Jenſeits empfing uns ein neuer Mehemander, oder Weg⸗ weiſer, welchen der Chan von Ardebil geſchickt hatte. Wir mußten nun alle unſere Habſeligkeiten auf Pferde und Kameele legen: denn wir ſollten in Gebirge kom⸗ men, welche man mit Waͤgen nicht mehr bereiſen konnte. Auch fuͤhrte man uns jetzt uͤberfluͤſſig Proviant zu; als taͤglich 10 Schafe, 30 Kruͤge Wein, Reiß, Butter, Eier, Mandeln, Roſinen, u. ſ. w. Unſer Nachtlager nahmen wir in runden Schaͤfer⸗Huͤtten, welche der Mehemander hatte bauen und Tag fuͤr Tag immer hatte voraus ſchicken laſſen. Wir hatten durch die Heide, welche wir betraten, mehrere Tag⸗ reiſen; denn des ſuͤßen Waſſers wegen mußten wir immer Umweg machen zum Bache Balharu, in welchem wir viele Schildkroͤten gefunden haben. Am hohen Ufer waren ganze Sandhuͤgel, voll von ihren Eiern, immer gegen Mittag gekehrt, damit die Son⸗ nenhitze ſie beſſer ausbruͤten moͤchte. Den s. April ,— 79 erreichten wir das Gebirge, im Lande Betzinuan, an deſſen Fuße ein Dorf lag. Die Haͤuſer, deren Hintertheile in den Fels gehauen, deren Vorderes aber von Schilf war, fanden wir alle leer: denn die Leute mochten uns fuͤr Feinde angeſehen haben und entflohen ſeyn. Ich beſtieg mit einigen andern eine ziemliche Berghoͤhe, fand zwar keine Ausſicht von Be⸗ deutung, aber einen ſchoͤnen Waſſer⸗Sturz. Bei dem⸗ ſelben ſetzten wir uns nieder, und tranken mit dem fri⸗ ſchen, kriſtallhellen Waſſer allen unſern Freunden in Teutſchland Geſundheit zu. Wir ſehnten uns recht berzlich nach dem lieben Vaterlande, wo allein unſer Leben ſicher, unſere Ruhe ſuͤß, unſere Freude voll⸗ kommen iſt.— Im Herabſteigen fanden wir in einer Felſenſpalte einen Steinkrebs, uͤber welchen wir uns wunderten, da dergleichen Thiere ſich ſonſt nur im Meere aufzuhalten pflegen. Am folgenden Tage zogen wir aufwaͤrts, zwiſchen bohen Gebirgen. Am Wege wuchs ſehr viel Wermuth. Man ſagt, die Weide in dieſer Gegend ſey vergiftet; deßwegen laſſen die Reiſenden nie ihr Vieh davon freſſen. Auch wir zogen ohue Unterlaß vorwaͤrts, und kamen an einem Tage uͤber zehn Meilen weit, nach dem Dorfe Tzanlii, das hoch auf einem Berge lag. In der Nacht fiel Schnee; Wind und Wetter waren raub und unangenehm. Wir fanden zwar ſchoͤne, große Gaͤrten mit Obſtbaͤumen, aber kein Feuerholz, mußten uns deßwegen mit Kuͤb⸗ und Pferde⸗Miſt 80 waͤrmen. Erſt nach zwei Tagen kamen wir wieder aus dem Gebirge, und beim Dorfe Samian uͤber eine ſchoͤne Bruͤcke von ſchs Schwibboͤgen. Am 9. kamen wir zum Flecken Tzabedar, wo wir einige Tage liegen blieben und Oſtern feierten. XXII. Nachher aber erreichten wir die Stadt Ar⸗ debil. Schon vor den Thoren derſelben kamen uns eine Menge Reiter und Fußgaͤnger, ja, der Chan⸗ und Calenter ſeibſt, freundlich entgegen. Sie nah⸗ men die Geſandten in ihre Mitte und ließen Heer⸗ daueken und Schalmeien luſtig ertoͤnen. Au den Tho⸗ ren ſtanden mehrere hundert Bogen⸗ Schuͤtzen, deren DObertheil des Leibes ganz nackt war. Statt der Muͤtzen hatgen, ſie in der Haut des Kopfes bunte Fe⸗ dern ſtecken. Die Haͤuſer, die Thuͤrme, die Baͤume, waren voll von Menſchen, die unſern Einzug ſehen wollten. Alles jauchzte uns zu, und draͤngte ſo freu⸗ dig ſich heran, daß wir oft ſtille halten und das Volk mit Schlaͤgen weiter treiben mußten. Der Chan fuͤhrte uns in einen großen Garten, welcher in der Mitte der Stadt gelegen war, und in welchem ein ſchoͤnes Luſthaus ſtand. Er bewirthets uns ſogleich mit Fruͤchten und koͤſtlichen Speiſen, reichte auch zum Willkomm jedem von uns aus einer goldenen Schale Wein zum Trinken, waͤhrend die Dienerſchaft unter einem Gezelte geſpeiſet wurde. Muſik ertoͤnte hierbei, und die Bogenſchuͤtzen fuͤhrten 81 einen recht artigen Tanz auf. Zwei Knaben ſangen dabei Lieder zum Lobe Muhamed's und Aalii. Das Luſthaus ſelbſt war ein koͤſtliches Gebaͤude, drei Stockwerk hoch, von Figur achteckig; ſpringendes Waſſer ſtieg hoch daruͤber empor. Die Waͤnde waren von blau, roth und gruͤn glaſirten Steinen, welche zu artigen Figuren geformt waren; der Fußboden aber war mit artigen Tapeten bekleidet. Das ganze Haus umgab ein breiter Luſtgang aus Marmor, mit Blu⸗ menwerk geziert. In einer Ecke war ein viereckiger Platz, mit einem Gitter wohl verſchloſſen. Er war mit geſtickten Tapeten belegt, auf welchen ein Pol⸗ ſter lag, von Gold und Seide gewirkt. Auf demſelben ſoll einſt der Koͤnig geſeſſen haben; Niemand durfte ſeit dieſer Zeit die Staͤtte mehr betreten. XXIII. Nach aufgehobener Tafel wurden die Ge⸗ fandten in ihr Quartier gefuͤhrt, das ein großes, ſchoͤnes Haus war. Die Dienerſchaft wurde in die umliegenden Wohnungen verlegt. Am andern Tage nach unſerer Ankunft brachte man uns das Taberik aus der Kuͤche des Schach Sefi. Dieß iſt eine Stiftung zu ſeinem Gedaͤchtniß, gemaͤß welcher alle Fremde daraus geſpeiſt werden muͤſſen. Es waren 32 Schuͤſſeln voll Speiſen, meiſten von aufgewalltem, vielfaͤrbigem Reiß, mit gebratenem Fleiſche und Eier⸗ kuchen. Die Perſer trugen ſie auf den Koͤpfen herbei, und ſetzten es auf die Erde, wozu wir uns auch be⸗ 25ſtes B. Perſten. II. 1. 6 82 quemen mußten, wie zu der Sitte dieſes Landes, waͤhrend des Eſſeus keinen Wein zu trinken. Wir mußten zu Ardebil zwei Monate liegen bleiben, waͤhrend welcher Zeit wir aus der Kuͤche des Chans 477 Laͤmmer und eben ſo viel Schafe, 9000 Eier, 2000 Laib Brod und 6000 Kruͤge Wein er⸗ hielten. XXIV. Am 25. April feierten die Perſer das Kur⸗ ban⸗Feſt zum Andenken Abrahams, als er ſeinen Sohn Iſaak ſchlachten wollte. Es wird ein Lamm ausgekocht, vor das Haus gebracht und unter die Ar⸗ men vertheilt. Es durfte nichts davon, ſelbſt die Haut, oder Wolle in die eigne Wirthſchaft verwen⸗ det werden. Viele wallfahrten um dieſe Zeit nach Meceg. Am naͤmlichen Tage beklagen die Weiber ihre Todten. Sie ſitzen auf den Graͤbern zu hun⸗ derten, weinen und weheklagen, und laſſen ſich auch von Knaben einige Spruͤche aus dem Alkoran um Geld vorleſen. Einige ſind in Gezelte verſchloſſen, um nicht geſehen zu werden. XXV. Am 21. traf die Botſchaft ein, daß die Janitſcharen zu Konſtantinopel den Groß⸗Sul⸗ tan erdroßelt haͤtten. Daruͤber geriethen die Perſer in einen ordentlichen Freudentaumel. Luſt⸗Feuer wur⸗ den angezuͤndet, Raketen ſtiegen zu den Wolken em⸗ por; auf dem Fechtplatze tummelte ſich die junge Mannſchaft froͤhlich herum, mit hoͤlzernen Saͤbeln, 83 Stecken u. dgl., wie wir zu andern Zeiten oft auch geſehen hatten.. Unſere Geſandten ſuchten der allgemeinen Freude beizuſtimmen, ließen die Kanonen loͤſen, die Trom⸗ meln ſchlagen und die Trompeten blaſen„ woruͤber der Chan ein großes Wohlgefallen bezeigte. Er ſchickte ihnen zwei Flaſchen Schyraſſer⸗Wein, welcher der beſte in Perſien iſt, nebſt zwei großen Glaͤſern mit Candis angefuͤllt. Den 14. Mai begann der Perſer Trauerfeſt, Aſchur, und waͤhrte 10 Tage. Alle gehen in blauen Kleidern und ſehr betruͤbt einher, laſſen ſich die Haare wach⸗ ſen, die ſie ſonſt taͤglich ſcheren, trinken nur Waſſer und eſſen aͤußerſt wenig. Dieſes geſchieht zum An⸗ denken eines ihrer Helden, oder Heiligen, welcher von den Feinden durch 10 Tage war zu Tode gemar⸗ tert worden. Zum Schluſſe des Feſtes wurden die Geſandten vom Chan eingeladen. Er fuͤhrte ſie in den weiten Vorhof, zur Linken der großen Pforte; zur Rechten aber nahm er ſelbſt Platz. Nun aber er⸗ ſchienen alle Einwohner der Stadt, nach Abtheilung ihrer Quartiere. Eine Menge Lichter wurden herbei getragen, theils auf die Erde, theils an die Waͤnde geſtellt. Nun begann jede Abtheilung zu ſingen, und deren Geſang dem Chan wohl gefiel, dieſem ließ er gefaͤrbtes, ſuͤß gemachtes Waſſer reichen. Einige tanz⸗ ten zur Seite. Sie waren ganz bloß und mit ſchwar⸗ . zer Farbe beſtrichen. Den Beſchluß dieſes Feſtes machte endlich ein Feuerwerk.. XXVI. Die Stadt Ardebil iſt der Begraͤbniß⸗ ort vieler perſiſchen Koͤnige und hat ſtarken Handel. Die Einwohner gebrauchen gemeiniglich die tuͤrkiſche Sprache. Sie liegt in einer Ebene, hat drei Meilen 1 im Umfange, und iſt von hohen Gebirgen umſchloſſen, die zum Theil mit ewigem Schnee bedeckt ſind. Deß⸗ wegen iſt es daſelbſt ziemlich rauh, ja ſo ungeſund, daß im Fruͤhjahr und Herdſte viele Menſchen ſterben. Taͤglich am Mittage, wenn die Sonne am hoͤchſten ſteht, erhebt ſich ein Wirbelwind, der ſodann mit großen Staubwolken ſein Spiel treibt, und eine Stunde dauert. Durch den folgenden Tag und dis Nacht iſt es wieder ganz ſtille. In dieſer Gegend wird kein Wein gebaut, es wachſen weder Melonen, noch Zitronen, oder andere edle Fruͤchte, wohl aber Aepfel und Birnen in großer Menge. Die Bluͤthezeit trat erſt am Ende Aprils ein. Viele Doͤrfer und herrliche Vieh⸗ weiden umgeben die Stadt, die von einem Fluſſe durchttroͤmt wird, welcher oft ſehr anſchwillt und reiſ ſend wird. Die Haͤuſer, welche durchgehends aus Erde und an der Sonne getrockneten Backſteinen ge⸗ baut ſind, haben dadurch oft großen Schaden erlitten. Ueber den Fluß fuͤhren viele ſteinerne Bruͤcken. Die Straßen ſind meiſtens breit und mit Baͤumen beſoßt. Der Marktplatz iſt mit ſchoͤnen Buden umgeben; gleich darau iſt des Schach Sefi Begraͤbniß. Die Miſſe⸗ 85 thaͤter fluͤchten dahin, als nach einer Freiſtaͤtte. Man findet da viele Badſtuben und Kirchen. Vor jeder der letztern ſteht ein Brunnen, bei dem ſich alle diejenigen waſchen, welche ſich zum Gebete begeben wollen. Da wir den Wunſch geaͤußert hatten, das Grab⸗ mahl des Schach Sefi zu beſuchen, ſo beſtellte der Chan ſeinen Kanzler, der uns ſolches zeigen ſollte. Er bat uns aber, an dieſem Tage keinen Wein zu trinken, nach Sitte der Perſer. Nach dem Mittags⸗ male gingen die Geſandten in Begleitung aller ihrer Leute hin. Die Pforte, welche nach dem Vorhofe fuͤhret, war ſehr groß und mit ſilbernen Ketten nach der Laͤnge und Breite verſchloſſen. Hohe Schwibboͤ⸗ gen umgaben den weiten, innern Naum, der mit Quadern gepflaſtert war, und an welchen ein ſehr ſchoͤner Garten ſtieß. Wir aber wurden durch eine an⸗ dere Pforte gefuͤhrt, die, wie die erſte, mit ſilbernen Ketten verſchloſſen war. Hier mußten wir alle unſere Waffen ablegen. Ein Perſer, welcher entdeckt wurde, nur ein Meſſer mit ſich genommen zu haben, mußte dafür mit dem Leben buͤßen. Die Schwellen dieſer und der uͤbrigen Pforten, waren aus weißem Marmor, in der Form eines Cylinders. Wir durften dieſelben nicht mit den Fuͤßen beruͤhren; die Perſer aber warfen ſich zur Erde nieder und kuͤßten ſie. Wir kamen aber⸗ mals in einen etwas kleinern Hof, den ebenfalls hohe Schwibboͤgen umgaben. Zur Rechten war ein ſchoͤner Brunnen, deſſen Waſſer aus dem Gebirge viele Mei⸗ 86 len in unterirdiſchen Roͤhren geleitet wird. Zur Linken war ein großes, rundes Gewoͤlbe, von Außen mit gruͤn und blau glaſirten Steinen beſetzt, inwendig aber mit Tapeten belegt. In der Mitte des Gewoͤl⸗ bes ſtanden zwei große Leuchter von Meſſing; rings herum an den Waͤnden ſaßen Pfaffen in weißen Klei⸗ dern, welche unter Geſang und Geſchrei immer mit den Koͤpfen, gleichſam nach dem Takte, ſchaukel⸗ ten, was gar poſſirlich ausgeſehen hat. In dieſem Gemache ſoll Schach Sefi jaͤhrlich 40 Tage geſeſ⸗ ſen, gebetet, und taͤglich nur eine Mandel mit Waſ⸗ ſer genoſſen haben. Wir kamen nun zu einem ziem⸗ lich großen Gebaͤude mit einem runden Thurme. Die Thuͤre war mit dickem Silberblech uͤberzogen, das Pflaſter vor derſelben mit Tapeten belegt. Auf den⸗ ſelben mußten wir unſere Schuhe gusziehen. Nun aber gelangten wir in einen langen, mit ſehr ſchoͤnen Tapeten belegten Gang, und zur rechten Hand durch eine mit Goldblech uͤberzogene Thuͤre, in ein koͤſtli⸗ ches Gewoͤlbe. Goldene und ſilberne Lampen hingen an der Decke; zwoͤlf Prieſter ſaßen auf beiden Seiten, vor ſich haltend große Buͤcher aus Pergament.— Man brachte uns ferner an ein mit ſilbernem Gitter verſchloſſenes Gemach, zu welchem drei ſilberne Stu⸗ fen fuͤhrten. Die Perſer kuͤßten ſie, fuͤhrten uns dar⸗ uͤber, und wir ſahen abermals ein Gitterwerk, das meiſtens aus gediegenem Golde und wieder um eine Silberſtufe erhoͤht war. Hinter demſelben war nun 87 das Grab des Schach Sefi. Ein ſchoͤner Marmor, drei Fuß hoch, vier breit und neun laug, war mit rothen Sammetdecken belegt. Ueber denſelben hingen etliche goldene Lampen, zur Seite aber zwei große Leuchter, welche alle einen blendenden Glanz von ſich gaben. Zur Linken war noch ein Gemach; darin wa⸗ ren die irdiſchen Reſte mehrer perſiſchen Koͤnige und ihrer Gemahlinen, die aber nicht beſonders geziert waren. Beſtaͤndig ging ein alter Mann hinter uns her, welcher mit einem goldenen Rauchfaß Ambra⸗ duͤfte verbreitete. Noch fuͤhrte man uns in ein großes, mit Gold verziertes Gemach, in die Bibliothek. Die Buͤcher la⸗ gen in abgeſonderten Schraͤnken ohne Ordnung, wa⸗ ren meiſtens in arabiſcher, auch perſiſcher und tuͤrki⸗ ſcher Sprache geſchrieben, theils auf Pergament, theils auf Papier, und oft mit ſchoͤnen Figuren verziert. Der Einband war rother Saſian mit goldenem Laub⸗ werk. Geſchirr von Porzellain und ungeheuer große Kannen ſtanden dazwiſchen. Die Koͤnige pflegen hier, nach gepflogener Andacht, zu ſpeiſen; duͤrfen ſich aber dabei keines Metalles bedienen. Nan berichtet, Schach Sefi habe aus uͤber⸗ großer Demuth und Heiligkeit nur aus hoͤlzernen Schuͤſſeln gegeſſen.— Aus dem Buͤcher ſaale fuͤhrte man uns in die Hofkuͤche, deren Thuͤre gleichfalls ſtark mit Silber beſchlagen war. Alles in ſchoͤnſter Ordnung und uͤberaus reinlich. Ringsum war eine 88 Waſſerleitung angebracht, und mittels meſſinger Hah⸗ nen konnte das Waſſer in jeden Topf geleitet werden. Viele Koͤche und Kuͤchenjungen waren hier beſchaͤftiget; denn es werden hier taͤglich uͤber tauſend Menſchen ausgeſpeiſet, und zwar zu vier verſchiedenen Stunden des Tages, was jedesmal durch zwei Heerpaucken an⸗ gekuͤndiget wird, worauf ſich eine Menge Volkes zu verſammeln pflegt. Suppe, Fleiſch und Reiß wird dann in ſolcher Menge vertheilt, daß ſie nie ganz auf⸗ gezehrt werden. 3 Von der Kuͤche fuͤhrte man uns in einen ſchoͤnen Garten; darin waren unter freiem Himmel die Graͤ⸗ ber vieler Koͤnige zu ſehen. Die Denkmaͤler ſind ohne beſondere Zierde. Die Stiftungen aber, welche alles dieſes Herrliche, das wir hier geſehen haben, unterhalten, ſind unge⸗ mein reich, und dieſer Reichthum mehret ſich taͤglich. Denn alle Perſer, wenn ſie ſich in Drangſalen befin⸗ den, machen ein Geluͤbde zu Schach Sefi und wall⸗ fahren dann hieher mit reichlichen Geſchenken. Da⸗ fuͤr erhalten ſie eine Hand voll Anis, anzudeuten, daß nunmehr ihrer Seele eine große Suͤßigkeit zugehen ſoll. Zwei Maͤnner ſitzen zu allen Stunden des Ta⸗ ges bei einem Opferkaſten, die Geſchenke zu empfan⸗ gen. Pferde und Kamele werden augenblicklich ver⸗ kauft, Ochſen und Schafe aber geſchlachtet und an die Armen vertheilt. 69 XXVII. Der Chan zu Ardebil iſt der oberſte Richter ſowohl in geiſtlichen, als weltlichen Dingen. Soldaten hat er nur wenige, und kaum 60 Hofdie⸗ ner; denn ein Ueberfall der Tuͤrken iſt hier nicht zu fuͤrchten. Er fuͤhrt ein ſtrenges, ſehr eingezogenes Le⸗ ben. Den Tabak liebte er ſehr und ſog den Rauch durch lange Roͤhren, die durch ein Waſſerglas laufen, an ſich. Dabei trank er heißes, ſchwarzes Waſſer, Cahawaͤ genannt, was ein Mittel gegen die Geil⸗ beit ſeyn ſoll. An dem Fuße der umliegenden Gebirge ſollen meh⸗ rere warme Quellen und Geſundbrunnen ſeyn. XXVIII. Am 1. Juni bereiteten wir uns endlich zum Aufbruche. Dem Chan wurden mehrere Zobel, drei Paar ſchoͤne Schlaguhren, Malereien und ſuͤßer Branntwein zum Geſchenke gebracht. Des Chans Ge⸗ gengeſchenke waren mehrere Pferde mit Silber beſchla⸗ gen, goldgelber Damaſt und andere koſtbare, perſiſche Zeuge. Endlich den 12. Juni zogen wir alle von Ar⸗ debil fort nach Sulthanie. Am Mittage kamen wir zu einigen Tartar⸗Huͤtten, wo uns ihr Fuͤrſt trefflich bewirthete. Seine Diener waren alle mit Tiger⸗ und Luchsfellen behangen. Die⸗ ſes Voͤlklein ſoll ſehr tapfer ſeyn. Unſer Weg fuͤhrte von nun an immer zwiſchen und uͤber die rauheſten Gebirge, oft uͤber die gefahrvollſten Stellen. In den Thaͤlern ſahen wir hin und wieder viele Doͤrfer, zwi⸗ ſchen maleriſchen Fluren und trefflichen Viebweiden. 9⁰ Als wir uns einmal bei einer anſehnlichen Bergauelle gelagert hatten, entdeckten wir Heuſchrecken, welche drei Zoll lang und anderthalb dick waren. Die Ein⸗ wohner pflegen dieſelben zu ſpeiſen. Den 15, erreichten wir das Taurus⸗Gebirge; von den Perſern Perdelis genannt. Wir mußten zu⸗ vor in ein ſehr tiefes Thal ſteigen, das einem abſcheu⸗ lichen Abgrunde glich. Dieſer Ort ſoll ſehr gefaͤhrlich fuͤr Reiſende ſeyn, da ſie, wenn ſie nicht ſtark genug ſind, von Moͤrdern uͤberfallen werden. Der Strom Kiſiloslin ſtuͤrzt mit einem ſchrecklichen Getoͤſe aus der Hoͤhe der Felſen in das Thal nieder und waͤlzt dann ſeine weißen, ſchaͤumenden Fluthen pfeilſchnell durch den ſchwarzen Grund, welchen meiſtens Cypreſ⸗ ſen, bittere Mandeln und Sevenbaͤume bedecken. Ueber den Strom iſt eine herrliche Bruͤcke von neun Schwibboͤgen gebaut. Hierauf fuͤhret der Weg wie⸗ der in Schlangenlinien ſehr ſteil aufwaͤrts. Hier und da waren die Felſen geſpalten und ſahen uns gleich Hoͤhlen⸗Rachen entgegen. In eine dieſer Kluͤfte ſoll vor einigen Jahren des ruſſiſchen Geſandten Maul⸗ eſel geſtuͤrzt, und ſammt allem, was er trug, nicht mehr zum Vorſchein gekommen ſeyn. Wir ſtiegen hier von den Pferden und wanderten zu Fuß unter tauſend Gefahren, und bis zur Erſchoͤpfung muͤde, tief in die Nacht hinein. Endlich erreichten wir das Dorf Keintze, wo wir einen Tag unter unſern Ge⸗ zelten liegen blieben, um uns wieder zu erholen. — 91 Den 11. kamen wir wieder in ein felſiges Thal, zum Dorfe Hatzimir, wo ein Melik(ein Vor⸗ ſteher des Volkes) war; welcher uns zum Willkomm einige Schuͤſſeln voll Fruͤchte, die Erſtlinge des Jah⸗ res, ſandte, als Amarillen, Aprico's und halbreife Trauben. Am folgenden Tage ſetzten wir unſere Reiſe uͤber rauhe Gebirgshoͤhen weiter fort, und kamen erſt um Mitternacht zum Dorfe Kamahl. Die Haͤuſer waren auf Huͤgeln umher zerſtreut, die Quartiere eng, aber doch warm, was uns ſehr behagen wollte. Aber kaum hatten wir eine Weile geruht, als ploͤtzlich un⸗ ſere Trompeter zur Verſammlung blieſen. Wir ver⸗ mutheten nichts Gutes und erfuhren bald, daß unge⸗ faͤhr 20 Raͤuber unſere Vorpoſten uͤberfallen, die Waf⸗ fen abgenommen und erbaͤrmlich geſchlagen hatten. Als aber auf ihr Geſchrei Laͤrm geblaſen wurde, ließen ſie wieder ab und entflohen. Mit der erſten Morgen⸗ daͤmmerung verließen wir aber ſchon wieder die Quar⸗ tiere und zogen den ganzen Tag fort, durch ein ebe⸗ nes Sandfeld, das einer Brandſtaͤtte nicht unaͤhn⸗ lich war.. 5 Als wir zum Staͤdtchen Senkan gekommen wa⸗ ren, ſchickte uns der Statthalter von Sulthanie Fruͤchte entgegen und dreißig wohlgeruͤſtete Reiter, uns zu empfangen. Unter denſelben war ein Menſch, der weder Haͤnde noch Fuͤße hatte, mit Eiſenſpitzen aber ſein Pferd doch recht gut zu leiten wußte. Er ſoll aus einer anſehnlichen Familie, aber in den fruͤ⸗ 92 hern Jahren ſo ausgelaſſen in ſeinen Liebestrieben ge⸗ weſen ſeyn, daß kein Weib in ihrer Behauſung ſicher war. Darauf ließ ihn der Schach verſtuͤmmeln und ſeine Stuͤmmeln in ſiedend heiße Butter ſtecken. Als er, gleichſam durch ein Wunder, doch mit dem Leben davon gekommen war, und in der Folge beſondere Anlagen des Geiſtes, in der Dichtkunſt und andern ſchoͤnen Erfindungen, entwickelte, wurde er von dem Koͤnige ſelbſt wieder zu Gnaden aufgenommen, an den Hof gezogen und mit Geſchenken uͤberhaͤuft. XNXIX. Im Staͤdtchen ſelbſt fanden wir fuͤr die folgende Nacht ſuͤße Naſt auf ſchoͤnen Tapeten und ſeidenen Kiſſen. Am folgenden Tage war die Hitze unertraͤglich; wir machten uns alſo erſt nach dem Un⸗ tergange der Sonne wieder auf den Weg, und zogen bei dem hellen Glanze des Mondes weiter fort, ſo daß wir mit dem Aufgange der Sonne die Stadt Sul⸗ thanie erreichten. Sie liegt zwiſchen ziemlich hohen Bergen und faͤllt von Außen wegen einiger hohen Haͤuſer, Thuͤrme und Saͤulen in die Augen. Von Innen aber iſt ſie ſehr verwuͤſtet, und auch die Stadt⸗ mauern liegen in Ruinen. Sie ſoll einſt zwei Meilen lang geweſen ſeyn, und man ſindet in dieſer Entfer⸗ nung noch eine hohe Pforte, welche dazu gehoͤrt ha⸗ ben ſoll. Einſt wohnten Sulthanie, d. h. Koͤnige, bier, woher ſie auch den Namen hat. Der Sage nach iſt dieſer Ort von Tamerlan zerſtoͤrt und nicht wieder ſo herrlich erbaut worden. 93 Das Merkwuͤrdigſte daſelbſt war noch der koͤnig⸗ liche Reſidenzplatz, der wie eine Feſtung mit ſtarken, von großen Quaderſteinen erbauten Mauern und vier⸗ eckigen Thuͤrmen umgeben iſt. Das ſchoͤnſte Gebaͤude war des Sultans Chodabende, Begraͤbniß, wo eine hohe Pforte von damaszirtem Stahl zu ſehen iſt. Ein Gewoͤlbe war mit weiß und blau laſirten Steinen aus⸗ gelegt; eine Gallerie fuͤhrte in der Hoͤhe rund herum. Auf derſelben lagen Buͤcher, wohl zwei Ellen lang, mit Buchſtaben von der Laͤnge eines Fingers. Eine Zeile war von Gold, die andere ſchwarz u. ſ. w. Eino Fabel, welche in einem ſolche Buche enthalten war, kann ich nicht umhin, hieher zu ſetzen.„Als Gott die Teufel aus dem Himmel getrieben hatte, war die⸗ ſen nichts wichtiger, als zu wiſſen, was darin von ging? Sie belauſchten alſo die Engel, indem dieſe uͤber die Schickſale der Menſchen ſprachen. Dieſe Ge⸗ heimniſſe brachten die boͤſen Geiſter durch Wahrſager und Zauberer den Irdiſchen bei, wodurch auf der Erde viel Unheil entſtand. Als dieſes Gott gewahrte, nahm er den Stern Schihab und ſchleuderte ihn auf die Teufel, daß ſie alle in Aſche verbrannten.“— So oft nun die Perſer eine Sternſchuppe fallen ſehen, ru⸗ fen ſte andaͤchtig aus:„Gott beſchuͤtzet uns, und der Teufel wird verbrannt.“— Das Grab des Sultans war mit einem ſchoͤnen Gitter, von geſchliffenem Stahl, umgeben. Vor dem Gebaͤude war ein großer Brun⸗ nen, und hinter dem ſelben ein ſchoͤner Garten. 94 XXX. Nachdem wir drei Tage ſtille gelegen, zo⸗ gen wir endlich durch ſchoͤne, fruchtbare Gegenden an vielen, wohlgebauten Doͤrfern voruͤber, und kamen den 28. Juni zur beruͤhmten Stadt Caswin. Da in derſelben kein Chan, ſondern nur ein Daruga (Amtmann) wohnte, ſo wurden wir nicht ſo praͤchtig eingeholt. Jedoch kam uns dieſer freundlich entgegen und mit ihm ein Myrſa(Fuͤrſt), der auf einem Wagen ſaß, von zwei ſchoͤnen, weißen, indiſchen Ochſen gezogen. Dieſe hatten kurze Haͤlſe, und faſt einen Hoͤcker auf dem Nuͤcken. Die Hoͤrner waren roth angeſtrichen, der Hals mit vielen Schellen be⸗ hangen. Vorn am Wagen ſaß der Fuhrmann und regierte die Ochſen mit einem Stricke, der ihnen durch die Naſe gezogen war. Sie liefen ſo willig, zierlich und geſchwinde, als nur irgend ein abgerichtetes Pferd. Nicht weit von der Stadt kamen uns auch 15 junge Frauenjimmer entgegen geritten. Sie waren praͤchtig geputzt, in Sammet und ſeidenen Noͤcken, mit ſchoͤnen Perlen an dem entbloͤßten Halſe und Nacken, und in Gold geſtickten Baͤndern, welche vom Haargeflecht herab uͤber die Schultern flatterten. Ihr Angeſicht war, der Sitte des Landes zuwider, unbe⸗ deckt; ſogar der Buſen wenig verhuͤllt. Sie ſahen uns friſch in die Augen und hießen uns mit lachen⸗ dem Munde willkommen. Es waren aber dieſes die vornehmſten Saͤngerinen und Taͤnzerinen der Stadt, 9⁵ „ die der Daruga geſandt hatte, um uns zu beluſti⸗ gen. Sie fingen auch auf der Stelle an, einige froͤh⸗ liche, zum Theil ausgelaſſene Lieder zu ſingen. Wir aber wurden, nach einem großen Zulaufe des Volkes, in dem jenſeitigen Theile der Stadt einquartiert. XXXI. Cgswin hat keine Stadtmauern und auch keine Beſatzung, aber eine Bevoͤlkerung von hun⸗ derttauſend Seelen. Die Straßen ſind nicht gepfla⸗ ſtert, ſondern aus Sand, der bei dem geringſten Winde unertraͤglich wird. Das Quellwaſſer muß von dem einige Meilen entlegenen Gebirge geleitet wer⸗ den, und wird dann in beſondern, oͤffentlichen Kel⸗ lern aufbewahrt. Ehemals ſoll hier gleichfalls die Re⸗ ſidenz mehrerer Koͤnige geweſen ſeyn. Jetzt iſt der Handel der vorzuͤglichſte Erwerbzweig dieſer Stadt, in welcher zwei große Marktplaͤtze ſich befinden. Ich kaufte daſelbſt etliche Tuͤrcois, von der Groͤße einer Bohne und hochroth mit ſchwarzen Flecken, um et⸗ liche Groſchen. Nach dem Untergange der Sonne ſoll auch an⸗ dere Waare hiet zu finden ſeyn: Weiber, welche mit bedecktem Angeſichte, ſonſt aber nackend ordentlich in Reihe und Glied ſtehen, und ſich auf dieſe Weiſe feil bieten. Hinter jeder ſteht eine Alte, welche ein foͤrmliches Bettgeraͤthe auf dem Ruͤcken, und ein Licht in der Hand haͤlt. Kommt nun ein Liebhaber von aͤhnlicher Art, ſo nimmt er das Licht, beſieht die 96 Weiber von oben bis unten, und die ihm am beſten gefaͤllt, heißt er ihm folgen. XXXII. Noch habe ich eines großen Gartens und dabei einer verfallenen, jetzt ganz unbewohnten Bad⸗ ſtube zu gedenken, wovon folgende Fabel erzaͤhlt wird. Einſt wirthſchaftete darin ein beruͤhmter Arzt, ein ſchwarzer Araber von Geburt, mit Namen Lokh⸗ mann. Derſelbe reichte ſeinem Sohne, in ſeinem hoͤchſten Alter, drei Glaͤſer mit koͤſtlichem Bal⸗ ſam, und befahl ihm, wenn er geſtorben waͤre, eines derſelben uͤber den Leib zu ſchuͤtten. Wuͤr⸗ de ſich der Koͤrper wieder zu bewegen anfangen, ſo ſollte er ihm das zweite uͤber das Haupt, und wenn die Sprache ſich wieder einfinden wollte, das dritte in den Mund gießen. Wenn dieſes puͤnktlich geſchehen, wuͤrde ſein Leib wieder friſch und geſund auferſtehen, und dann noch ein Mal ſo lange leben.— Der Vater ſtarb. Der Sohn verſaͤumte nicht, das erſte Glas des Balſams uͤber den Leib des Entſeelten zu leeren. Hierauf fingen alle Glieder ſich wieder zu bewegen an. Er goß das zweite Glas der himmliſchen Fluͤß ſigkeit uͤber das Haupt und ging nun hin, auch das dritte zu holen. Allein dieſes mochte dem Vater zn lange dauern, er rief alſo, ſeiner Sprache ſchon maͤch⸗ tig:„Gieß, gieß!“o— Daruͤber erſchrack aber der Sohn ſo heftig, daß er das in Haͤnden habende Ge⸗ faͤß ploͤtzlich fallen ließ, und entfloh. In das Gebaͤnde aber ſoll ſeit dieſer Zeit Niemand mehr haben dringen 97 konnen, und von Zeit zu Zeit ſoll man deutlich die Worte aus der Ferne vernehmen:„Gieß, gieß!“ XXXIII. Am 43. Juli brachen wir erſt von Cas⸗ win auf, zogen uͤber Ebenen und Gebirge, und ge⸗ langten ſchon nach einigen Tagen zur Stadt Saba. Durch die vielen ſpitzigen Thuͤrme gewinnt(e in der Ferne ein huͤbſches Anſehen; doch iſt ſie nicht groß, und hat wenig ſchoͤne Haͤuſer. Das Beſte darin ſind wohl die Gaͤrten, mit den ſchmackhafteſten, großen Fruͤchten, Granaten, Mandeln, Ananas u. d. gl. Gegen das nahe Gebirge wird viel Baumwolle und Reiß erzeugt, womit großer Handel getrieben wird. Wir blieben daſelbſt nur einen Tag, und zogen am Abende fort, ſo daß wir am z8ten fruͤh zu einer Kar⸗ wanſergi kamen, Schach Ferabath genaunt. Die Hitze war jetzt unertraͤglich; wir mußten uns bis auf das Hemd entkleiden. Das Erdreich war brennender Sand, auf welchem man mit bloßen Fuͤßen nicht ſechs Schritte geben konnte, ohne ſie zu verletzen. Gegen Mittag wurde auch der Wind ſo heiß, als ob er aus einem Feuer⸗Ofen kaͤme. Wir fluͤchteten in die Staͤlle der Karwanſerai. XXXIV. Am folgenden Tag erreichten wir deſſen / ungeachtet die Stadt Kohm. Der dort reſidirende Daruga kam uns mit 50 Pferden entgegen; etliche Tunger, einige auf langen Stelzen, ſuchten uns durch ihre Kuͤnſte zu ergoͤtzen. Die Gaſſen der Stadt waren mit Waſſer beſpritzt, den Staub zu loͤſchen. Ein Ge⸗ 25ſtes B. Perſien. II. 1. 7 98 birgs⸗Fluß, welcher die Stadt in zweien Armen durch⸗ ſtroͤmt, hatte erſt vor Kurzem faſt tauſend Haͤuſer zer. ſüoͤrt. Vor der Stadt ſind ſchoͤne Gaͤrten. Darin fin⸗ det man Melonen, buntſcheckig, in der Groͤße der Po⸗ meranzen. Dieſe pflegt man, ihres lieblichen Geruches wegen, in der Hand zu tragen. Doch iſt ihr Geſchmack minder angenehm. Auch fanden wir eine Art Gurken, pei drei Viertels⸗Ellen lang, krum, und dick wie ein Arm. Zudem wird viel Getreid und Baumwolle ge⸗ haut. Das Handwelk der Schwertſchleifer iſt hier das veruͤhmteſte, und man ſagt, daß von denſelben die be⸗ ſten Klingen in ganz Perſien verſertiget werden. Die Einwohner. ſelbſt ſind zum Diebſtahle ſehr geneigt; wir vermißten bei unſerm Abzuge allerlei, Piſtolen, ſilberne Loͤffel, u. dgl. Den 24. Juli zogen wir ge⸗ gen den Abend wieder fort, legten in ſelbiger Nacht fuͤnf Meilen zuruͤck, und ruhten den folgenden Dag aͤber in dem großem Dorfe Kasmabath aus. Sa 9 6 5 XXXV. Auf gleiche Weiſe erreichten wir am 23. das Dorf Senſen, und Tags darauf die Stadt Ka⸗ ſchan. Wir wurden von dem Daruga auf die uͤbliche Weiſe empfangen; am Thore aber waren zwei große, ſchwarze, indiſche Ochſen zur Schau geſtellt, mit Glok⸗ ken behangen, und mit vielen. Federbuͤſchen geziert. Die Stadt iſt groß und huͤbſch. Ein koͤniglicher Gar⸗ ten, mit zwei ſchoͤnen Luſthaͤuſern, iſt ſehenswerth. Eines derſelben hat tauſend Thuͤren; die Waͤnde find⸗ 99 uͤber eine Elle dick. Der Koͤnig, wenn er nach Ka⸗ ſchan kommt, pflegt hier ſein Abſteig⸗Quartier zu nehmen. Die Stadt iſt ſehr volkreich und ein an⸗ ſehnlicher Handelsplatz; auch erzeugt die umgegend nicht allein die noͤthigen Fruͤchte aller Art, ſondern auch die feinſten Gegenſtaͤnde des Luxus. Das Waſ⸗ ſer aber fanden wir faul und beinahe ungenießbar. Auch wimmelt alles von Ungeziefer, beſonders von Skorpionen, ſo daß es in Perſten zum Fluche gewor⸗ den iſt: Ey, wenn dich doch der kaſchaniſche Skor⸗ pion ſteche! Die Bettlagen ſind deßwegen nicht auf die Erde gemacht, ſondern auf vierfuͤßige, hohe Ge⸗ ſtelle. Man hoͤrt nicht viel, daß Menſchen von dem. Stiche dieſer Thiere ſtarben. Unter allen von uns Rei⸗ ſenden hatte ich allein das Ungluͤck, am Halſe geſto⸗ chen zu werden. Augenblicklich fuhr eine große Blaſe auf. Unſer Arzt legte Skorpion⸗Oel darauf, gab mir ein ſchweißtreibendes Mittel, und ſo war ich, ſchon nach drei Stunden wenigſtens von dem groͤßten Schmerzen geheilt, obwohl ich ein heftiges Stechen noch mehrere Tage lang empfand. Auch die Tarantel wird in der Umgegend haͤufig gefunden, und bringt nicht ungewoͤhnlich durch ihr Gift, das ſie gern in das Waſſer fallen laͤßt, manchen Menſchen in Raſe⸗ rei, wovon er nur mit Muͤhe wieder geheilt wird. Die Schafe aber ſollen dieſe Art Spinnen gern auf⸗ ſuchen, und ohne Schaden verzehren. In den Staͤd⸗ ten haͤlt ſich aber dieſes Ungeziefer nicht auf, ſondern. 10⁰0 nur auf den Feldern, unter einer Art Stauden, die unſerem Wehrmuth nicht unaͤhnlich ſind. XXXVI. Am 26. Juli zogen wir, als eben die Scheibe des vollen Mondes am fernen Gebirge auf⸗ ſtieg, wieder aus der Stadt. Wir wanderten die ganze Nacht, und kamen am fruͤhen Morgen zu einer Car⸗ wanſera, die aber klein und unſauber war. Wir be⸗ gaben uns deßwegen in den dabei befindlichen ſchoͤnen Garten, und ruhten im Schatten hoher Cypreſſen und Granat⸗Baͤume. Ein klarer Bach ſchlaͤngelte ſich durch die nahe Flur, ſtuͤrzte ſich hier und da uͤber kleine Fel⸗ ſen, und verurſachte ein angenehmes, zum Schlum⸗ mer reitzendes Geraͤuſch.— In der folgenden Nacht kamen wir durch ein wuͤſtes, duͤrres Land, in das Staͤdtchen Natens, wo eine große Carwanſera uns trefflich beherbergte. Es gab gutes, friſches Waſſer, und die herrlichſten Fruͤchte. Auf einem nahen, ziem⸗ lich hohen Berge ſahen wir einen Thurm, weichen Schach Abas ſeinem Falken zum Gedaͤchtniß hatte erbauen laſſen, weil derſelbe einen Adler uͤberwunden hatte. 4 XXXVII. Den 2oten kamen wir zur Carwanſera Dombhi, wo ſchon einige Perſer aus Ispah an uns erwarteten. Den zweiten Auguſt gelangten wir fruͤhe, beim ſanften Scheine des Mondes, in unſer letztes Nachtlager, in ein koͤnigliches Luſthaus, wo wir am folgenden Tage unſern Einzug in die Koͤnigs⸗Stadt vom Reiche Perſien hielten. Es wurden uns Pferde, . 101 und mehrere Hoͤflinge entgegen geſchickt. Ueber zwei⸗ tauſend Mann zu Pferde begleiteten uns; Muſit eroͤff⸗ nete, und beſchloß den Zug. Die Menge des gaffen⸗ den Volkes konnte man kaum ſehen vor dem uͤberall aufwirbelnden Staub. Wir zogen durch ſehr viele Straſſen, am koͤniglichen Pallaſte voruͤber, in die Vor⸗ ſtadt Tzalfa, die von den reichſten armeniſchen Kaufleuten bewohnt wird, welche uns in ihre Quar⸗ tiere aufnahmen. Kaum waren die Geſandten abge⸗ ſtiegen, als ſchon koͤnigliche Diener erſchienen, die ſchoͤnſten, ſeidenen Tafeltuͤcher auf die Erde breiteten, und 31 goldene Schuͤſſeln darauf ſetzten mit den koͤſt⸗ lichſten Fruͤchten. Nach einer Stunde kamen andere, und brachten auf aͤhnliche Weiſe warme Speiſen: Reiß, Huͤhner, Fiſche, u. ſ. w. Gleichzeitig mit uns waren Geſandte des großen Moguls von Indien zu Ispahan anweſend. Leich⸗ ter Urſache degen entſpann ſich eines Tages ein Streit zwiſchen ihren und unſern Leuten, welcher dermaſſen in offene Feindſeligkeiten ausartete, daß mehrere In⸗ dianer toͤdlich verwundet wurden. Die Unſrigen aber trugen, außer einigen leichten Wunden, ſelbſt einige Beute davon, z. B. einen Saͤbel, mit einem daran haͤngenden Beutel voll Geld. Dieß reitzte unſere Fein⸗ de zur Rache. Einer unſerer Diener, als er ſich Ge⸗ ſchaͤfte halber, auf die Straße begab, wurde von ei⸗ nem Haufen Indianer uͤberfallen, und obwohl er ſich tapſer wehrte, mit Pfeilen todt geſchoffen. Kaum als 102 ter zu Boden lag, fielen ſie uͤber ihn her, riſſen ihm den Kopf ab, und ſchleuderten ihn unter fuͤrchterli⸗ chem Geſchrei mit den Haaren hoch empor. Den Koͤrper aber banden ſie an den Fuß eines Pferdes. Der Gemordete hieß Peter Wolter, ein frommer, ſtiller Menſch. Ohne Zweiſel iſt er von Hunden ge⸗ freſſen worden. Wir waren in unſern Quartieren zu ſehr zerſtreut, um uns in Gemeinſchaft ſchuͤtzen zu koͤnnen. Die Ge⸗ ſandten verlangten deßwegen eine andere, bequemere Wohnung. Sie ward uns auch gegeben, in der Mitte der Stadt. Als aber der Umzug nicht gleichzeitig hatte geſchehen koͤnnen, traf es ſich, daß einige, unter wel⸗ cchen auch ich war, von den Indiern angefallen wur⸗ den, waͤhrend die Geſandten ſchon im Hotel waren. Dieſes war einer föͤrmlichen Belagerung ausgeſet; man ſchoß mit Flinten und Pfeilen nach uns. Einer der letztern flog keinen Zoll weit von meinem Auge voruͤber, und blieb in der nahen Wand ſtecken. Ich nahm mir ſo viel Zeit, denſelben heraus zu ziehen, zund zum immerwaͤhrenden Gedaͤchtniße mit mir zu nehmen. Vier Stunden dauerte das Gefecht; auf unſerer Seite waren bereits fuͤnf, von den Indiern zwanzig getodtet worden. Die Geſandten hatten die Mauern ihres Hotels durchbrochen, und ſich in die Gaͤrten der Armenier verſteckt. Alles, Gepaͤck, welches noch vor dder Thuͤre lag, wurde gepluͤndert und fortgeſchleppt, 103 wohl tauſend Gulden an Werth. Unter andern kam ich bei dieſer Gelegenheit um das Meinige, und hatte von Habſeligkeiten nichts mehr, als was ich am Leibe trug. Die Geſchichte dieſes kleinen Krieges hatte ſich ſchnell in der ganzen Stadt verbreitet. Haufenweiſe ſtroͤmte das Volk, dem ein ſolcher Vorfall ganz fremd und unerhoͤrt war, durch die Straßen. Auch dem Koͤ⸗ nige wurde, was geſchehen, angezeigt. Anfangs glaubte er, die Geſandten haͤtten keine andere Abſicht, als Aufruhr in ſeiner Reſibenz zu verbreiten. Er befahl, ihnen den Kopf abzuſchlagen. Doch wurde er von dieſem Vorhaben durch guten Rath bald wieder abge⸗ bracht. Aber ſchnell ſchickte er einen Hauptmann ſei⸗ ner Leibgarde, und mit ihm etliche Hundert Mann. Dieſe ſtellten augenblicklich die Ruhe her. Die Indier entfernten ſich ſo ſchnell ſie konnten. Ihr Geſandter aber mußte am folgenden Morgen die Reſidenz ver⸗ laſfen, und mit ſeinen Voͤlkern uͤber die Graͤnze ge⸗ ſchafft werden. Der Hof, welcher jetzt fuͤr uns zum Quartier be⸗ ſtimmt war, war ſehr weit und bequem. Ein Bach floß durch denſelben, und erhob ſich in einem angraͤn⸗ zenden Garten zu einem ſchoͤnen Springbrunnen. Ein Spaziergang von niedrigen Baͤumen fuͤhrte nebenher. Ringsum waren zierliche Gebaͤude und einige Luſt⸗ haͤuſer. Wohl eingerichtete Saͤle und viele Gemaͤcher nahmen uns auf. Mehr als hundert Thuͤren ührten 104 aus dem obern Stockwerke, zu offenen Gallerien, und ein großer Saal ſchloß ſich im Hintergrunde an. Zier⸗ liche, hin und wieder vergoldete Gipsbilder gaben den Waͤnden ein froͤhliches Auſehen. Um vor aͤhnlichen Ueberfaͤllen, auch da die Indier entfernt waren, ſicher zu ſeyn, wurden alle Zugaͤnge theils verrammelt, theils mit Kanonen beſetzt, und wohl bewacht. XXXVIII. Den 18. Auguſt ließ der Koͤnig die Geſandten zur öffentlichen Audienz und zugleich zur Tafel laden. Er ſchickte vierzig ſchöne, gezierte Pferde, deren Sattel und Zeug mit vickem Golde beſchlagen war. Die Geſchenke, welche dem Schach gleich bei dieſem erſten Beſuche uͤberreicht wurden, waren fol⸗ gende: Drei Harniſche, mit Gold und Silber geziert; Vierzig Paar ſchoͤne Piſtolen; Zwei Saͤbel mit Scheiden von Bernſtein; Vier andere, mit ſilbernen Scheiden; Zwei zierliche Leuchter von Bernſtein, welchen die Perſer ſehr hoch ſchaͤtzen. Eine koſtbare, chemiſche Apotheke, die meiſten Buͤchſen aus gediegenem Golde, oben mit Edelſteinen; Eine große, kunſtreiche Uhr, mit den Zeichen der Jahrs⸗Zeiten und Geſtirne. Mehrere andere, kleine Uhren, und noch aͤhnliche Dinge von mehr, oder minderem Werthe. XXXIX. Wir wurden durch mehrere unbedeckte Gaͤnge, uͤber welche hohe Palmen empor ſahen, in den 105 4 Audienzſaal des Koͤnigs gefuͤhrt, Leibgarden waren in ſchoͤner Ordnung uͤberall aufgeſtellt; des Koͤnigs Pfer⸗ de, mit den koßtbarſten Decken behangen, ſtanden im Vorhofe unter großen, weit umher Schatten verbrei⸗ tenden Baͤumen. Sie waren mit Stricken an kurze Pfaͤhle gebunden, und am Bauche meiſtens gelb ge⸗ faͤrbt. In goldenen Schalen war thuen Waſſer vor⸗ geſtellt. Das Luſthaus war um drei Stufen hoͤher, als der Hof, an der vordern Seite mit rothſeidenen Gardinen behangen. Sechs Saͤulen aus Marmor trugen das Gewoͤlbe. Die Waͤnde zur Linken und Rechten waren mit ſchoͤuen Gemaͤlden verziert; den Fußboden bedeck⸗ ten praͤchtige Tapeten. In der Mitte des Saales war ein Brunnen; darin ſah man ſchwimmen Blumen und verſchiedene Fruͤchte. Umher ſtanden viele goldene und glaͤſerne Weinflaſchen, mit langen, ſchmalen Haͤl⸗ ſen, mit Reiger⸗Buͤſchen, oder Blumen⸗Kraͤnzen verziert. Hinter dieſen Brunnen, an der Wand, ſaß der Koͤnig auf der Erde, jedoch auf ſeidenen Kuͤſſen, und mit uͤber einander geſchlagenen Beinen. Er war ein Mann von 27 Jahren, weiß und wohlgeſtaltet von Angeſicht. Der kleine, ſchwarze Knebelbart war nicht berab hangend, wie bei den uͤbrigen Perſern. Sein Kleid war von Gold geſtickt; am Turban trug er einen großen Diamant, uͤber welchen ſich zwei Kranichs⸗ Federn erhoben. Am aͤrmelloſen Ueberpocke bingen 106 üͤber die Bruſt herab zwei Zobelpelze. Sein Saͤbel funkelte von Gold und Sdelſteinen; hinter ihm lagen Bogen und Pfeile. Ihm zur Rechten ſtanden zwanzig ſchoͤne, junge Knaben, Pagen, meiſtens mit Faͤchern in der Hand. Neben ihnen war der Kammerdieuer, unmittelbar vor dem Koͤnige aber der Groß⸗Marſchall. Dieſer hielt in der Hand einen goldenen Stab, mit einem großen, runden Knopfe. Zur Rechten des Mo⸗ narchen ſaß der d eichskanzler, und neben dieſem hat⸗ ten mehrere Chans, oder Fuͤrſten, Platz Urnonlnred Als ſich die Geſandten dieſer erhabenen V um⸗ lung naͤherten, wurden ſie immer von zwei Fuͤrſten bei den Armen ergriffen und ſo zum Koͤnige gefuͤhrt, der ihnen— nicht die Hand, ſondern das Knie ꝛum Kuſſe darreichte. Dieſe Sitte ſoll bei den Perſern ſeit der Zeit eingefuͤhrt ſeyn, als Schach Abar von ei⸗ ner tuͤrkiſchen Geſandtſchaft meuchleriſcher Weiſe er⸗ mordet worden iſt. Den Unterthauen wird der Fuß zum Kuſſe gegeben. Unſere Geſandten wurden hierauf zur Seite, wo die Fuͤrſten ſaſſen, gefuͤhrt, und mußten daſelbſt auf niedrigen Stuͤhlen Platz nehmen. Fuͤnfzehn aus ihrer Begleitung erhielten gleichfalls Sitze im Koͤnigs⸗Saale; die Pagen und uͤbrigen Diener aber außer demſelben, nebemeinigen ſehr ſchoͤnen, reitzend gezierten Taͤnzerin⸗ nen, welche mit offenem Antlitze und entbloͤßtem Bu⸗ ſen, auf koſtbaren Tapeten ſaſſen. Dieſe Taͤnzerinnen waren zugleich die auserleſenſten Freuden⸗Maͤdchen der 1 107 Stadt, welche dem Koͤnige Tribut geben, und in jeder Stunde zu ſeinem Dienſte bereit ſeyn mußten. Der Koͤnig ließ nun die Geſandten ihren Vor⸗ trag erſtatten, und ſich die Sendſchreiben uͤberreichen. Er verſprach, hierauf Beſcheid zu geben, und lud die ſaͤmmtlichen Anweſenden ein, ſich nunmehr der Froͤh⸗ lichkeit zu uͤberlaffen. Darauf wurden die Geſchenke in die Schatzkammer getragen. Jetzt wurde die Tafel bereitet, d. h. der ganze Saal, ſo weit die Gaͤſte ſaſſen, mit Konfekt und Obft befetzt. Goldene Gefaͤſſe wurden zwiſchen gordene Fla⸗ ſchen geſcellt; dieſe aber waren leer, und unr zur Zier⸗ de vorhanden. Ueberall, wohin ſich das Auge wendete, war Gold, aber von ſchlechter Arbeit, platt und un⸗ polirt. Nur des Koͤnigs Tr ſchirr war mit Rubi⸗ nen beſetzt. Waͤhrend guter hiraſſer⸗Wein in der Runde getrunken wurde, trieben einige Gauckler ihr Spiel. Nach einer Stunde wurde das Konfekt abge⸗ tragen, dafuͤr aber brachte man auf den Koͤpfen große, goldene Toͤpfe, voll von Fleiſch, Reiß, Huͤhnern und Eierkuchen. Der koͤnigliche Vorſchneider vertheilte dieſe Speiſen an die Gaͤſte.— brend des Mahles wurde nicht viel gelprochen; jedoch ließ ſich eine ziem⸗ lich augenehme Muſik hoͤren, und die Taͤnzerinnen ſuchten die Anweſenden auf jede Weiſe durch ihr rei⸗ zendes Spiel zu beluſtinen. Auch einige Ringer traten auf, und zeigten ihre Gewandtheit und Staͤrke. Spaͤ⸗ ter erfuhren wir, daß hinter den Geſandten eine 5 108 Thuͤre war, unter Tapeten verſteckt. Hinter derſelben war ein Perſer, welcher der portugiſiſchen und italie⸗ niſchen Sprache wohl kundig war. Er ſollte belau⸗ ſchen, was die Geſandten unter einander redeten, und es dem Koͤnige wieder ſagen. So viel ich weiß, hat dieſer nicht viel in Erfahrung bringen koͤnnen. Nach geen⸗ detem Mahle gingen alle Gaͤſte, jedoch ohne den ge⸗ ringſten Abſchied fort. Auch die Geſandten und wir alle begaben uns hinweg, nachdem wir jedoch dem Koͤ⸗ nig unſere Verbeugung gemacht hatt n. XXXX. Am 24. Auguſt wurden die Geſandten zur erſten Audienz gelaſſen, welcher der Koͤnig ſelbſt mit dem Reichskanzler und andern Vornehmen, bei wohnte. Nach einer Unterredung von zwei Stunden wurde wieder Tafel gehalten, auf die naͤmliche Weiſe, wie ſchon beſchrieben worden iſt. Zu Ispahan war ein katholiſches Moͤnchs⸗ Kloſter, mit Spaniern bevoͤlkert. Von ihnen wurden wir zu Gaſt geladen, und recht gut bewirthet. Das Kloſter lag außer der Stadt und war ein weitſchichtiges Gebaͤude, mit einer ſchoͤnen Kirche. Ein großer Gar⸗ ten war ganz dazu geeignet, Luſt und Freude in der Menſchen Herzen zu erwecken. Ich ſah unter andert darin einen Baum, der ſo breit und groß war, daß er einen ganzen Deich beſchattete. Der September⸗Monat hatte begonnen; der Herbſt trat nun ein. Die Naͤchte wurden kalt; wer nich 109 mit guten Betten verſehen war, mußte ziemlich frieren.— Es iſt noch zu berichten, daß um dieſe Zeit viele engliſche Kaufleute zu Iſpahan anweſend waren. Sie beſuchten die Ge ſandten und luden ſie fernerhin zu einem Gaſtmahle. Dasſelbe war ganz nach euro⸗ paͤiſcher Art zugerichtet; nach der Tafel aber tra⸗ ten mehrere indiſche Schauſpielerinnen und Taͤnzerin⸗ nen auf, in Begleitung ihrer Maͤnner und Liebhaber. Ihr Angeſicht war wohl etwas gelb⸗ ſchwarzz uͤbrigens waren ihre Zuͤge zart und wohlgeſtaltet. Um den Hals trugen ſie viele Perlen und Gold, ſo auch in den Ohren. Ihre Armbander waren theils aus Sil⸗ ber, theils aus Perlen; die Finger mit vielen Ringen beſteckt. Am Daumen trugen ſie einen hell polierten Stahl, der ihnen ſtatt der Spiegels dienen mußte. Ihre Kleider waren vom duͤnnſten Seidenzeuge, gleich⸗ ſam aus Luft gewebt. Die Locken bedeckte ein Sil⸗ berflor, welcher vom Haupte in ſchoͤn geſtickten, brei⸗ ten Schleifen, bis an die Fuͤße reichte. Dieſe ſchlu⸗ gen ſie im Tanze oft um ſich. An den Knoͤcheln ih⸗ rer Füße hingen Schellen von Meſſing, in den Haͤn⸗ den hielten ſie ebenfalls ein klingendes Inſtrument. Sie hatten aber nebenbei eine beſondere Muſik, Hand⸗ pauken und Floͤten. Die Taͤnzerinnen machten die ſeltſamſten Bewegungen, und luden, ſo zu ſagen, die Gaͤſte mit Haͤnden und Fuͤßen ein, ihre Schoͤnheiten zu bewundern und davon zu genießen. In allen ihren 110 Spielen waren ſie viel zie rlicher und kunſtreicher, aber guch noch viel uͤppiger, als perſiſchen Maͤdchen. Man ſagte uns, daß bei aͤhnlichen Gelegenheiten oͤf ters Spiele oͤffentlich aufgefuͤhrt werden, welche, mir allen Abwechſelungen vollendeter Woluſt, nur in die Einſamkeit der Liebes⸗Tempel zuruͤck gezogen werden ſollten. XXXXI. In dieſen Tagen ſah ich auch eine ar⸗ meniſche Hochzeit. Heerpauken und Cymbeln ſpiel⸗ ten voran; dann folgten zwei Knaben mit brennenden Wachslichtern; nach ihnen der Braͤutigam in ſchoͤnen, bunten Kleidern, zwiſchen zwei wohl heraus geputzten Reitern. Nun kamen Mehrere zu Fuß, welche grofe Schuͤſſeln trugen mit allerlei Eſſen und Krüge mit Wein. Als man zur Kirche gekommen war, ſetzte man ſich, und ſing zu eſſen und zu trinken an. Was uͤbrig blieb, war fuͤr den Prieſter zum Opfer beſimmt. Jetzt erſchien auch die Braut, in einem weißen Schleier dicht verhuͤlt, mit mehrern andern, gleich⸗ falls verſchleierten Frauen und Maͤdchen. Der Prie⸗ ker ſprach vom Alrade zenen langen Segen, legte dann der Vermaͤhlten Haͤnde und Koͤpfe an einander, jedoch ſo, daß des Mannes Haupt hoͤher ſtand. Ueber beide wurde ein hoͤlzernes Kreuz gehalten und der Schwur ausg he; daß ſie ſich unter Kreuz und Leiden tre d bleiben wollen. Zuletzt reichte ihnen der Prieſte s Abendmahl: die geſegnete Ho⸗ ſtie in geſegneten Wein gelaucht. Dabei wurde ge⸗ de 114 tungen und mit Cymbeln, oder Schalmeien eine rau⸗ ſchende Muſik gemacht. Dieß thun ſie nach einer un⸗ ter ihnen herrſchenden Tradition, gemaͤß welcher die Engel muſtzirt haben ſollen, waͤhrend Chriſtus auf dem Berge die viertauſend Mann geſpeiſt hatte. Nach geendeter Muſik wurden Braut und Braͤutigam mit Roſenwaſſer beſorengt. Nach dieſem wurde der Braut ein Flor um den Arm geſchlungen, deſſen Ende der Braͤutigam ergriff, und ſeine nunmehrige Ehehaͤlfte damit zur Kirchenthuͤre hinaus zog. Sie duͤrfen in den erſten drei Tagen nicht beiſammen ſchlafen. Da es in Perſien nicht geduldet wird, daß die Chriſten in ihren Kirchen Glocken aufhaͤngen, ſo ha⸗ ben dieſe auf ihren Thuͤrmen Bretter ſchwebend an⸗ gebracht, an welche ſie mit Haͤmmern ſchlagen, ſo⸗ bald ſie eine gottesdienſtliche Verrichtung anzeigen wollen. Ihre Kinder taufen die Armenier erſt nach dem achten Lebensjahre. Stirbt inzwiſchen eines, ſo wird es nicht als ſelig erachtet. Wer ein Jahr lang ver⸗ ſaͤumt, das Abendmahl zu nehmen, wird nicht in ge⸗ weihte Erde begraben. XXXXII. Ich kann nicht umhin, des Schickſa⸗ les und traurigen Endes eines teutſchen Kuͤnſtlers zu erwaͤhnen, welches ich waͤhrend unſers Aufenthaltes zu Iſpahan erfahren habe. Derſelbe war ein Uhr⸗ macher aus der Schweitz, Namens Johaun Ru⸗ dolf Stadler. Er war ſchon 5 Jahre am Hofe à 112 des Koͤniges, und bei demſelben, wie bei allen Edlen des Reiches ſehr beliebt. Er war reich und wohl be⸗ ſtellt mit Allem, was das Leben augenehm machen kann. Deſſen ungeachtet trug er eine unbezwingliche Sehnſucht nach ſeinem Vaterlande, und da er jetzt die Gelegenheit nahe glaubte, mit uns dahin zuruͤck kehren zu koͤnnen, ſo ſuchte er bei dem Koͤnige um die Erlaubniß hiezu nach. Der Koͤnig wollte ſie ihm nicht geben; er keß ihm die ſchmeichelhafteſten Worte ſagen, und ſchickte ihm ſogar Geſchenke. Ju der folgenden Nacht ſchlich ein Dieb in ſein Haus, ihm dieſen Schatz zu ſtehlen. Stadler ertappte denſel⸗ ben, jagte ihn aus dem Hauſe und toͤdtete ihn. Der diebiſche Mann war aber von einer vornehmen Ver⸗ wandtſchaft, und dieſe trat ſogleich bei dem Mufti (Oberprieſter) klagbar auf. Es iſt ein Geſetz in Per⸗ ſien: welcher Chriſt einen Muhamedaner toͤdtet, muß des Todes ſterben. Der Teutſche wurde alſo eingeio⸗ gen und vor Gericht gebracht; das Todes⸗urtheil blieb nicht lange aus. Unſere Geſandten bemuͤhten ſich bei dem Koͤnige, das Leben des braven Landsmannes izu retten; auch die Edlen des Reiches, dem Kuͤnſtler ſo hold, bemuͤhten ſich darum. Der Koͤnig ſprach ſo⸗ gleich das Wort der Begnadigung aus, allein— nach des Mufti heftigem Verlangen— nur in ſo fern, als Stadler ſich wollte beſchneiden, und mit dem Tur⸗ ban bekleiden laſſen. Alle ſeine Freunde bemuͤhten ſich, ihn dazu zu bereden; große Ehren, große Reich⸗ 1 113 thuͤmer wurden ihm verheißen: aber der teutſche Mann blieb unerſchuͤtterlich. Wegen des Lebens und irdi⸗ ſcher Wolluſt wollte er nicht ſeinen goͤttlichen Glau⸗ ben verlaͤugnen. Alſo wurde er den Verwandten des Ermordeten ausgelſefert, daß ſie ihn ſelbſt richten moͤchten. Zwei Mal wurde er von denſelben zur Richtſeaͤtte geſchleppt, zwei Mal von ſeinen Freunden wieder zu⸗ ruͤck gebracht, in der Hoffnung, daß er ſich doch eines Beſfern beſinnen, und Muhameds Glauben, wenn nicht im Herzen, doch im Aeußern annehmen moͤchte. Doch der Edle haßte jeden Schein, jede Verſtellung. Seine Seele blieb groß. Als er zum dritten Male auf der Richtſtaͤtte ſtand, entbloͤßte er ſein Haupt, ſeine Bruſt und ſeinen Nacken, kniete hin, und rief: „Toͤdtet mich in Chriſtus Namen!“ Seine Feinde ſtreckten ihn hierauf mit vielen, Saͤbelhieben zu Boden. Wir aber laſen den zerfleiſchten Leichnam auf und begruben ihn unter Thraͤnen oͤffentlich mit großem Gepraͤnge. XXXXIII. Einige Tage ſpaͤter ließ der Koͤnig die Geſandten zu einer Jagd⸗Parthie einladen. Er ſchickte ihnen Pferde und Kamele und erſchien dann ſelbſt in einem mit Silber geſtickten Kleide. Ein praͤchtiger Hofſtaat umgab ihn; die Pferdedecken waren mit Gold und Edelſteinen beſetzt; viele Vornehme be⸗ gleiteten ihn; Jaͤger mit Falken, Hunden und zah⸗ men Leoparden ſchloßen ſich dem Zuge an. Wir ritten 25ſtes V. Perſten. II. 1. 8 114 denſelbigen Tag dee Meilen weit; erſt am folgenden begaun die Jagd. Wir trafen auf freiem Felde, außer einigen Raben und Kranichen wenig an. Es waren aber auch hin und wieder koͤnigliche Parke angebracht: darin wurden geheget Haſe, Fuͤchſe, Damhirſche und wilde Efel. Als einer der Geſandten auf ein ſolches Thier ſeine Piſtole abgefeuert und das Ziel verfehlt hatte, lachte der Koͤnig, legte einen Pfeil auf ſeinen Bogen und ſchoß ihn auf die Stirne des Wildes mei⸗ ſerlich hin, waͤhrend ſein Pferd im vollen Laufe vor⸗ uͤber flog. Ueberhaupt ſchoß der Koͤnig nur, wann er zu Pferde ſaß, und dieſes zuͤgelfrei dahin rannte. Seine Staͤrke zu zeigen, ſtieg er ab, hieb einem zah⸗ men Damhirſchen den Kopf ab und ſpaltete ihn dann auf einige Hiebe ganz durch. XXXXIV. Waͤhrend ſolcher Unterhaltungen ent⸗ zweiten ſich zwei Diener des Koͤnigs, und einer der⸗ ſelben hieb ſeinem Kameraden den Daumen aus der Hand. Als dieſer zum Koͤnige klagend gekommen war, befahl der, daß man dem Thaͤter die Ohren ab⸗ ſchneide. Einer aus dem Gefolge verrichtete dieſes uur halb und brachte nur die Spitzen davon. Dieſes bemerkte einer der Fuͤrſten(Chan), der im Gefolge war, ritt zuruͤck und ſchnitt mit eigenen Haͤnden den nach uͤbrigen Theil des Gehoͤr⸗Organs vollkom⸗ men weg. Waͤhrend wir in einem doͤniglichen Jagdhauſe Mahlzeit hielten, war alles xecht fruͤhlich; des Koͤnigs 4 115 Hofmeiſter aber berauſchte ſich. Der Monarch laͤchelte anfangs uͤber deſſen Unarten, hieß ihn aber zuletzt weggehen und zu Pferde ſteigen, damit er unh Hauſe koͤnnte gebracht werden. Der Hofmeiſten ging zwar weg; allein er war nicht zu bewegen, ſein Pferd zu beſteigen. Da kam der Koͤnig ſelbſt, und als der Be⸗ trunkene mit rauhen Worten ſich immer noch wei⸗ gerte, zog der Koͤnig ſeinen Saͤbel, woruͤber alle Anu⸗ weſende heftig erſchracken. Denn mehrere Beiſpiele hatten ſie belehrt, daß der Jaͤhzorn ihres Herrn ihn manche That hat bereuen laſſen. Es ſtand aber der Hofmeiſter in des Koͤnigs beſonderer Gnade, ſo daß dieſer den Sinn⸗ und Kraftloſen auf ein Pferd bin⸗ den ließ und lachend davon ging. Den Beſchluß dieſer Jagd machte ein Tauben⸗ Scharmuͤtzel. Man fuͤhrte uns auf einen runden, ho⸗ hen Thurm, welcher inwendig voll Taubenloͤcher war, wohin Tauſende dieſer Thiere geniſtet hatten. Jeder, auch der Koͤnig, bekam einen Stecken in die Hand und ſtellte ſich oben an den Ausgang und vor die Oeffnungen. Nun mußten die Trompeter Laͤrm bla⸗ ſen. Die aufgeſchreckten Tauben flogen hervor, und wurden, ſo gut es ſeyn konnte, erſchlagen. Einige Tage nachher zog der Koͤnig abermals auf bie Jagd, jedoch mit ſeinen Frauen. Ein Auoͤrufer lief durch die Gaſſen und kuͤndigte dieſes an. Da mußte Jedermann ſich in ſein Haus verſchließen; denn auf einige hundert Schritte darf ſich den koͤniglichen 116 Frauen, obwohl ſie in Kaͤſten verſchloſſen und von Kamelen getragen werden, kein Mann, außer den Verſchnittenen, nahen. Sobald dieſe Damen auf dem Felde ſind, ziehen ſich alle Maͤnner, außer dem Koͤ⸗ nige, zuruͤck. Die Wetber ſteigen nun aus und ſetzen ſich zu Pferde. Sie fuͤhren alsdann Bogen und Pfeile ſo gut, wie jeder Jagdmann. Iſt die Luſt voruͤber, und ſind die Frauen wieder in ihren Kaſten geſtiegen, ſo gibt der Koͤnig durch eine Pfeife ein Zeichen, und die uͤbrige Begleitung nahet ſich wieder. Von dieſer Jagd kam der Koͤnig, nebſt ſeinen Hofleuten, berauſcht zuruͤck. In dieſem Zuſtande onnte man ihn oͤfters treffen; er war dann entweder außerordentlich guͤtig und freigebig, oder zornig und wuͤthend. Wer ſich ihm im letztern Falle nahte, war ſeines Lebens nicht öcher; mancher hatte ſchon Arme, oder Beine, oder auch den Kopf eingebuͤßet. Seine Freigebigkeit uͤbertrieb er manchmal ſo weit, daß er fie am andern Tage wieder bereute. Er ſuchte dann die Einſamkeit und uͤberließ ſich einer graͤnzenloſen Melancholie. Die Hoͤflinge, ihn zu beſaͤnftigen, ſu⸗ chen dann aus dem oͤffentlichen Schatze die verſchleu⸗ derren Kleinodien wieder zu kaufen, oder geben die Geſchenke wieder zuruͤck. XXXXV. Auch der Reichskanzler lud uns ein mal zu Gaſt. Seine Gaͤrten waren außerordentlich eitzend, der Speiſeſaal ſo ſchoͤn, wie jener des Koͤ⸗ nigs. An der Seite waren mehrere Gemaͤcher, mei⸗ . 117 ſtens mit Spiegeln von oben bis unten belegt; dar⸗ in ſah man ſich hundertfach. Hexrliche Tapeten und ſeidene Polſter bedeckten den Boden. Waͤhrend des Gaſtmales erſchienen des Koͤnigs Taͤnzerinnen wieder. Dieß iſt in Perſien durchgehends Sitte, und der Wirth bittet ſeine Gaͤſte, ſich ja kein Vergnuͤgen zu verſagen. Gefaͤllt nun eine dieſer reitzenden Geſtalten, ſo begibt man ſich mit ihr in eines der Seiten⸗Gemaͤcher und ſetzt ſich nach der Zaͤrtlichkeit ruhig wieder an ſeinen vorigen Platz. Wem dieſe Thorheit nicht gefaͤllt, dankt dem Wirthe mit Verneigung des Hauptes. Des Reichskanzlers Angeſicht war roth⸗gelb; er hatte einen blauen und einen ſchwarzen Augapfel und keinen Bart; denn er war ein Verſchnittener. Man erzaͤhlt ſich von ihm folgende ſkandaloͤſe Geſchichte. Tagge, dieß war ſein Name, verliebte ſich als Knabe ſchon in eine der Frauen des Koͤnigs, die er, als er im Pallaſte zu verſchiedenen Arbeiten gebraucht wurde, von ungefaͤhr zu ſehen bekam. Das Gluͤck war ihm ſo guͤnſtig, daß die Schoͤne ihn erhoͤrte; al⸗ lein ihr heimlicher umgang wurde dem Koͤnige verra⸗ then. Tagge hatte das Leben verwirkt, das wußte er. Da ſchnitt er ſich ſelbſt das Werkzeug ſeiner Suͤnde vom Leibe und ſandte es dem Koͤnige, mit der Bitte, ihm dafuͤr ſeinen Kopf zu vergoͤnnen. Dieſe Entſchloſ⸗ ſenheit gefiel dem Monarchen ſo wohl, daß er ihm Verzeihung ſchenkte, ja daß er ihn zum Sekretaͤr in ſeiner Kanzlei machte, und ihm ſpaͤter, da er ſich 118 durch Geſchicklichkeit und Keuntniſſe ungemein aus⸗ zeichnete, das goldene Dawat, oder Dintenfaß ſen⸗ dete. Dieß iſt naͤmlich das Zeichen der Wuͤrde eines Reichskanzlers. XXXXVI. Endlich, den 3. Dezember, ſollte die letzte Andienz und offene Tafel ſeyn. Zuvor kamen in der Gelandten Hotel die Geſchenke des Koͤnigs: Pferde mit Sattel und Zaum, mit klarem Golde uͤberzogen und mit edlen Steinen beſetzt; viele perſiſche Kleider, die als Oberroͤcke getragen werden mußten, und an Gelde uͤber 4000 Thaler. Dabei ward bedungen, daß mwir bei der Tafel in den perſiſchen Kleidern erſcheinen ſollten, was auch, jedoch ungerne, geſchehen iſt. Nach dieſem Gaſtmale ertheilte der Koͤnig den Geſandten ihren Abſchied, mit dem Verſprechen, daß er ſelbſt Euen Geſandten an den Hof unſeres Fuͤrſten ſchicken wolle. Vor unſerer Abreiſe machten die Vornehmſten des Neiches, unter welchen auch der Kanzler war, den Geſandten und ihren Begleitern, viele, zum Theil ko tbare Geſchenke. XXXXVII. Wir ruͤſteten uns von nun an zur Abreiſe von Iſpahan, einer Stadt, welche fruͤher als Verſammlungsort der Kriegsheere, nun aber durch den Sitz der perſiſchen Koͤnige beruͤhmt iſt. Sie liegt auf einer Ebene und wird in einer Entfernung von 6 Stunden durch anſehnliche Gebirge begraͤnzt. Im Umkreiſe hat ſie 8 teutſche Meilen; die Stadtmauern ſind ſchlecht, von getrockneter Erde; die Graͤben ganz 4 119 verfallen. Aus dem Gebirge kommt der kleine Fluß Senderut, der durch die Stadt in ſo viele Kanaͤle zertheilt wird, daß beinahe jedes Haus eine Ciſterne davon hat. Iſpahan iſt durch Belagerungen und innere Unruhen ſo oft zerſtoͤrt worden, daß es ehemals viel volkreicher war; jetzt zaͤhlt es fuͤnfmal hundert tau⸗ ſend Seelen. Den Umfang der Stadt vergroͤßern die vielen Gaͤrten, auf welche die Perſer viel halten, und darin nicht allein der ſchoͤnſten Blumen und Pflanzen, ſondern auch vorzuͤglich Fruchtbaͤume und Weinſtoͤcke pflegen. Beſonders lieben ſie den Schatten; daher ſie gerne den Platanus pflanzen. Ihre Haͤuſer ſind meh⸗ rere Stockwerke hoch; oben heraus ſind die Gemaͤcher offen und mit einem niedrigen Gitter beſetzt. Darin ſchlafen ſie im heißen Sommer abwechſelnd, wo kuͤhle Luft hinweht. Die Fenſter in den andern Abtheilun⸗ gen des Hauſes ſind ſo groß, wie die Thuͤren, haben aber kein Glas, wohl aber im Winter oͤlgetraͤnktes Papier. Die Winterauartiere ſind meiſt zur ebenen Erde; weil ſie wenig Holz haben, erwaͤrmen ſie ſich mit Kohlen, welche in einem Loche unter der Erde liegen. Ueber demſelben iſt ein Gitter, auf welchem ein Tiſch und mehrere Seſſel ſtehen. Auf dieſelben ſetzen ſie ſich und huͤllen ſich bis an den Hals in einen weiten Teppich. Auf dieſe Weiſe genießen ſie einer recht wohlthaͤtigen Waͤrme. Die Straßen der Stadt ſind ſehr enge, der Markt⸗ platz aber iſt außerordentlich groß und weit, mit Bu⸗ 120 den aller Art, zund mit ſchoͤnen Alleen beſetzt. Daran ſtößt die koͤnigliche Reſidenz. Unter breiten, gewoͤlbten Gaͤngen treiben die verſchtedenen Handwerker oͤffent⸗ hien ihr Gewerbe, was mit vielem Intereſſe auzuſe⸗ hen iſt. Vor der Pforte des Palaſtes liegen eiſerne Kauo⸗ nen unbeweglich auf Balken, alſo wenig zu gebrau⸗ chen. Ueberhaupt iſt der ganze Palaſt wenig beſchuͤtzt, und wird des Nachts ſelbſt nur von 20 Soldaten be⸗ wacht, welche meiſtens Soͤhne der Chane, oder Fuͤrſten, find. Beſſer beſchuͤtzt iſt der Harem und das Schatz⸗ haus... 1 Nicht weit vom Haupteingange in die Reſidenz iſt der große Garten, Allacapi, Gottes Pforte, ge⸗ nannt, in deſſen Mitte eine Kapelle ſteht. Dahin fuͤchten ſich naͤmlich die Miſſethaͤter, als in eine Frei⸗ ſtaͤtte, wo ſie ſo lange unvertrieben bleiben, als ſie ſich ſelbſt zu unterhalten im Stande ſind. Zu meiner Zeit lag ein Sultan darin, welcher in des Koͤniges Ungna⸗ de gefallen war. Am Suͤden des Marktplatzes ſteht eine uͤberaus große und praͤchtige Kirche, mit den herrlichſten Mar⸗ mor⸗Stufen und Saͤulen, mit ſilbernen und golde⸗ nen Thoren. Das Innere iſt dem Aeußern an Pracht gleich; voll bedeckter Gaͤnge, einzelner Kapellen, mit weitzen Marmor⸗Waͤnden, oder mit den koſtbarſten Tepichen behangen. Von minderer Pracht ſind noch mehrere Kirchen in Ispahan. Unter die ſchoͤnen Gebaͤude der Stadt gehoͤrt auch der koͤnigliche Marſtall. Dabei ſteht ein Thurm, der aus lauter Hiſchgeweihen erbaut iſt. Sie ſollen von mehr als zweitauſend Stuͤcken genommen ſeyn, welche Schach Amas in einem Jahre ſoll erlegt haben. Die Stadt ſelbſt umgeben ſechs Vorſtaͤdte, wovon die reichſte und ſchoͤnſte jene der Armenter iſt. Sie hat 3000 Haͤuſer und zwoͤlf Kirchen. Unter dieſen lieſ⸗ 7 1 ſen wir die meiſten Bekannten, manchen guten Freund und manche gute Freundin zuruͤck, als wir, den 24. Chriſt⸗-Monats, Ispahan verließen, um durch die Provinz Kilan unſere Ruͤckreiſe nach Europa anzu⸗ treten. Es war immer noch warmes Wetter, mit lieblichem Sonnenſchein, was uns recht wohl zu Stat⸗ ten kam. Denn es gibt in der ganzen Gegend, die wir bis zum erſten Januar durchzogen hatten, kein Holz, ſondern nur Reiſer, die auf den Feldern ge⸗ ſammelt werden. Mittelſt dieſer konnten wir zur Noth unſere Speiſen kochen. Den 5. Jauuar ſahen wir von einer binßen Ebene den Berg Kiliſſim. Er iſt von mittelmaͤßiger Hoͤhe, mit ſehr vielen kahlen Bitein und Abſaͤtzen umgeben. Das Land in der Ebene um den Berg war von Salpeter und Salz ganz weiß, als ob es beſchneit waͤre. In dieſem Berge ſoll vorzuͤgliches Steinſalz ſeyn. An dem naͤmlichen Tage, leich bei dem Aufgang der Sonne, erblickten wir eine Finſterniß an derſelben, welche einige Zeit unſere Reiſe ſtoͤrte, die auch den uͤbrigen Tag nicht gluͤcklich war; denn es ſtuͤrzte dem Geſandten Bruͤgmann das Pferd zuſammen, und er brach ſich einen Arm aus dem Gelenke; mir ſelbſt ſtarb ein Pferd unter dem Leibe, daß ich mich bis zur naͤchſten Herberge auf mei⸗ nes Dieners Eſel ſetzen, dieſer aber ſeinen Sattel auf dem Ruͤcken nachtragen mußte. Unter ſolchen Umſtaͤnden erreichten wir ſchon den 9. Jaͤnner 4638 Schamachie. Von hier bis in das kilianiſche Gebirge war alles gefroren, und das Erd⸗ reich eine Hand hoch mit Schnee bedeckt. Unſer Weg wurde bald ſehr beſchwerlich; unſere Pferde ermuͤde⸗ ten ſo, daß wir hie und da eines zuruͤck laſſen muß⸗ ten. Auch wurden einige von uns krank, und konnten nur mit Muͤhe fortgebracht werden. Deßwegen blie⸗ ben wir in der Stadt Kaswin einige Tage liegen, um friſche Pferde, und Laktthiere einzuholen. — 122 4 XXXXVIII. Einige der Unſrigen benuͤtzten dieſe Friſt, ſchoͤnen Maͤdchen, deren ſie in Ispahan gewohnt worden waren, nachzugehen. Ich aber fand merkwuͤr⸗ dig daſelbſt einen Baum, unter welchem ein alter Hei⸗ liger begraben liegen ſoll. Der Stamm iſt voll Naͤ⸗ gel, die Aeſte voll Baͤnder: denn es ſoll gegen das Zahnweh gut ſeyn, mit einem Nagel die ſchmerzhafte Stelle außzuritzen, und ihn dann mit der bloßen Hand in den Baum zu ſchlagen. Die Baͤnder aber knuͤpfen die Fremden an die Zweige, welche dahin wallfahren. Von Kaswin erreichten wir auf einige Zeit wieder frachtbare Gefilde; aber bald kamen wir in das Ge⸗ birge, uber rauhe, zerriſſene Felſen, und hohe, ſteile Brucken, wovon eine uber den tiefen Strom Scha⸗ beruth fuͤhrte. Dieſelbe war aus Steinen erbaut, und beſtand, ſo zu ſagen, aus zwei Stockwerken, in welchen man, wie in einer Carwanſera, wohnen konnte; denn wir fanden viele Gemaͤcher, Kuͤche, Speiſegewoͤlbe u. ſ. w. 3 „Von dieſer Bruͤcke aufwaͤrts, den Strom entlang, fuͤhrte uns nun ein ſchmaler Engpaß hoch auf die Spitzen der Felſen. Dieſer Pfad, auf dem man nur mit Schaudern Schritt fuͤr Schritt weiter wandern konnte, war theils in den Stein gehauen, theils durch zuſammen geklammerte Steinploͤcke ergaͤnzt. Links ſtreb⸗ ten die Felſen, ſchwarz und verbrannt, wie eine Wand, gerade empor; links gaͤhnte der Abgrund unter unſern Fuͤßen, in deſſen Tiefe der Strom tobend und pfeilſchnell dahin ſchoß. Thiere und Menſchen muß⸗ ten einzeln gehen, eines nach dem andern. Nur ganz loſe fuͤhrten wir die Pferde mit den Fingern, damit, wenn eines derſelben in die Tiefe ſtuͤrzte, es nicht den Mann mit ſich ziehe. So gefaͤhrlich, ſo muͤhe⸗ voll dieſe Reiſe war, ſo ſehr wurden wir, als wir den Gipfel erreicht hatten, wieder dafuͤr entſchaͤdigetz denn dieler Engpaß, Pylas genannt, iſt der Schluͤſ⸗ — 123 ſel zur Provinz Kilan, und die Bergſeite, an wel⸗ cher wir nun abwaͤrts zu ſteigen hatten, war nicht allein nicht beſchwerlich, ſonders aͤußerſt anmuthig. Bis⸗ her hatten wir Winter; jetzt ſahen wir uns auf ein Mal in die ſchoͤnſte Jahreszeit, gemiſcht mit den Freu⸗ den des Fruͤhlings und des Herbſtes, verſetzt. Bluͤ⸗ hende und Frucht tragende Baͤume von Pomeran⸗ zen, Citronen und Oliven, Gaͤrten und Weinberge, in welchen hier und da zierliche Gebaͤude und menſch⸗ liche Wohnungen halb verſteckt umher liegen, ergötz⸗ ten das Auge. Im Thale ſelbſt ſahen wir am naͤch⸗ ſten den Flecken Rubar, welchen wir am Abende erreichten und gute Aufnaͤhme fanden; denn die Ein⸗ wohner waren hier wohlhabend, ſehr reinlich, hoͤflich und gaſtfreundlich. Ihre Geſichtsfarbe iſt etwas blaſ⸗ ſer, als die der uͤbrigen Perſer; die Weiber ſind huͤb⸗ ſcher, tragen ſich meiſtens unverhuͤllt, in kurzen Roͤcken, das Haar wohl in zwanzig Zoͤpfe geflochten und uͤber die Schultern hangend. Sie treiben vorzuͤglichen Seidenbau. 3 4 Die Hauptſtadt der Provinz heißt Reſcht, zwar groß und weitſchichtig, aber ein offener Flecken, zwi⸗ ſchen ſchoͤnen Gaͤrten, unter Fruchtbaͤumen faſt ver⸗ ſteckt. Der Strand des kaſpiſchen Meeres iſt nur noch zwei Meilen entfernt. Wir hielten drei Tage und zogen dann weiter, uͤber Huͤgel und Thaͤler, durch ganze Waͤlder von Maulbeerbaͤumen, durch ſchoͤne, wohlgebaute Doͤrfer, zum Sraͤdtchen Korab, wo uns der CEhan daſelbſt gut empfing, und uns unter andern vier wilde Schweine verehrte. Er war eines georgianiſchen Chriſten Sohn, in ſeiner Jugend ge⸗ raubt und beſchuitten worden. Im Krtege, durch kuͤhne Wagſtuͤcke, machte er ſich dem Koͤnige ſo be⸗ merkbar, daß er bald zur Wuͤrde eines Fuͤrſten erho⸗ ben wurde. Er war ſehr freundlich in ſeinen Geſpraͤ⸗ 124 chen, und bemerkte unter andern, daß er den Chriſten ſehr freundſchaftlich zugethan ſey. XXXXIX. Im Stadtchen Korab iſt ein Haus, worin einſt ein perſiſcher Koͤnig geboren wurde. Das⸗ ſelbe iſt, nach der Sitte des Landes, noch eine Frei⸗ ſtatte fuͤr die Fluͤchtlinge. „Unſere fernere Reiſe fuͤhrte uns den Strand des kaſpiſchen Meeres entlang; an demſelben erreichten wir den 4. Februar, unter Schnee und Regen, das Stadtchen Aſtara, deſſen Gebiet gleiches Namens das naͤchſte au der Landſchaft Kilan iſt. Hier traf ich Weinſtoͤcke, deren unteren Stamm ein Mann nicht umſpannen kann. Die Trauben ſind ellenlang, und ſollen von einer Rebe einen Eimer Wein geben. Der Chau dieſer Stadt gab uns ein praͤchtiges Gaſtmahl. Immer noch am Strande des Meexes fortwan⸗ dernd, ſahen wir das Staͤdtchen Kiſilagatz, von wo nicht ferne der enge Paß in der Prooinz Lenger⸗ kuman; dann zum Dorfe Elliesdu, und zu vie⸗ len andern zerſtreuten Ortſchaften, welche alle von koͤniglichen Soldaten bewohat ind, denen dieſe frucht⸗ bare Gegend zum Unterhalte augewieſen iſt. Hierauf erreichten wir die mocaniſche Heide, wo wir ſtets unter runden Schaͤferhuͤtten Herberge nehmen muß⸗ ten. Dieſe Heide iſt z0 Meilen lang und vierzig breit, und wird von einem Volke bewohnt, welches aus Strafe von dem Schach Hoſſeins dahin verwieſen ſeyn ſoll. Es naͤhrt ſich muͤhſam von der Viehzucht, muß aber beinahe allen Gewinn wieder an ſeine Oberherren abgeben. Die Graͤnze dieſer großen Flaͤche machte der Sluß Aras, den wir am 15. erreichten, und das Gebiet von Schamachie betraten. In der Stadt gleichen Namens blieben wir fuͤnf Wochen lie⸗ gen. Anfangs Maͤrz feierten die Perſer ihr Neujahr; guch kam des Koͤnigs Bote, dem Chan Gnade, oder Uugnade zu bringen. Es verhalt ſich dieſes alſo. Der 125 Chan weiß waͤhrend des Jahres nie, ob er bei Hofe wenn die hohe Gnade ausgeſprochen wird, oder ein Schwert, wenn des Chans Kopf verlangt wird. Im letztern Falle reicht dieſer ſein Haupt wil⸗ lig und ohne Zoͤgerung hin, die Execution wird ohne dieſer ziemlich ſchreckbaren Zeremonie einen wackern Rauſch mitgebracht, den er nun bei einem Gaſtmale, wozu wir ebenfalls geladen waren, fortſetzte, aber eben deßwegen auch bald zu Bette mußte gebracht werden. Indeſſen wurden bis ſpaͤt in die Nacht Freudenſalven fortgeſetzt; Buſihertänte uͤberall, und das Volk tanzte Am 30. Maͤrz verließen wir Schamachie wieden. Buhe Berge und tiefe Thaͤler wechſelten in den erſten agen unſerer weiteren Reiſe ab, bis wir zur Ebne kamen, am Strande der See, wo die Naphta⸗Brun⸗ nen ſind. Das bituminoͤſe Oel wird hier in Gruben geſammelt, iſt theils braun, theils weiß. Der Ge⸗ ruch des letztern iſt ziemlich angenehm. „ Den 1. Aoril erreichten wir die alte Stadt Derbent, welche ſich von einem hohen Gebirge bis 126 an die See erſtreckt, und dadurch gleichſam der Schluͤſ⸗ fel zum Koͤnigreiche Perſien wird. Die Mauern ſind hoch und breit, beſtehen aus lauter Quaderſteinen, welche aus Muſchelſchalen zuſammen geſchmolzen zu ſeyn ſcheinen.. Nebſt dieſer Mauer ſind auch verſchiedene Außen⸗ werke aungebracht, und gegen die Graͤuze find viele Warthaͤuſer. Die Stadt wird nur von Muhameda⸗ nern und Juden bewohnt, welche hier einen ſtarken Handel mit Sklaven und geſtohlenen Chriſtenkindern treiben. Sonſt moͤchte auch noch ein Leichenfeld merk⸗ wuͤrdig ſeyn, welches mit runden Grabſteinen, zu Tauſenden, gleichſam uͤberſaͤt war. Man erzaͤhlt, daß hier einſt eine große Schlacht vorgefallen ſey, und daß die gefallenen Helden hier begraben liegen. 3 Am 4. April verließen wir Derbent, und nicht ferne davon das perſiſche Gebiet. Die naͤchſt gelegene Landſchaft war die Tageſthaniſche Tartarey, von der geſagt wird, daß ſie das eigentliche Amazonen⸗ Land war. Die jetzigen Einwohner ſind Muhame⸗ daner, den Kuͤrken unterthan, haͤßlich von Anſehen, und ſchlecht in Sitte und Kleidung. Sie naͤhren ſich meiſtens von der Viehzucht, welche die Weiber beſor⸗ gen, waͤhrend die Maͤnner auf Naub ausgehen. Sie ud ſehr trotzige Leute, und forderten zum Theil Geld von uns, wenn wir Waſſer ſchoͤpfen wollten. Deß⸗ wegen waren wir froh, die Stadt Tarku, in der Landſchaft gleiches Namens, erreicht zu haben, wo wir den Chan dadurch ſogleich zum Freunde gewannen, weil wir ihm, da er krank lag, unſern Arzt ſchickten, der ihn auch in einigen Tagen gluͤcklich wieder her⸗ ſtellte. Er lud uns oͤfter zu Gaſte, allein ſeine Mahl⸗ zeiten waren gar uͤbel beſtellt. Man ſetzte die Spoiſen in hoͤlzernen Schuͤſſeln, welche den Pferdebarren nicht unaͤhnlich waren, vor. Die vorzuͤglichſten Gerichte waren: Sauerampfer⸗Suppe und Schaffleiſch; Waſ⸗ 127 in der Ferne ſehen konnten. Wir litten fortwaͤhrend vieles Ungemach, mußten mehre Naͤchte unter freiem Himmel, unter Baͤumen und in Gebuͤſchen zubrin⸗ gen; und hatten dabet wenig zu eſſen. Wir ſchaͤtzten es fuͤr ein Gluͤck, als wir an einigen Stellen der Heide wilden Knoblauch fanden, den wir mit hartem Brode begierig aſſen. Doch erreichten wir gluͤcklich den Strom B uͤſtro, welcher die Graͤs ſcheide der eyreaſ⸗ ſiſchen Tartarei iſt, wo wir wieder Chriſten fanden, denn hier fing das ruſſiſche Gebiet wieder an. Ich kann nicht beſchreiben, welche Freude wir daruͤber em⸗ pfunden hatten; wir eilten, die noch immer wuͤſte, mit Schlangen und ungewoͤhnlich großen Maͤuſen an⸗ ferühte Gegend vollends zu verlaſſen, und gelangten o den 20. Mgy nach Terki, wo wir bereits gekannt, und bei dem Prinzen Muſſal willkommene Gaͤſte wa⸗ rer. Als wir nach einigen Tagen wieder aufgebrochen waren, begaben ſich zu uns viele Kaufleute, Armenier und Ruſſen, in deren Geſellſchaft wir die große Heide, die ſich von Terki bis Aſtrachan erſtreckt, durchzo⸗ gen. Uuſer Weg fuͤhrte uns nicht ferne von der See, jedoch ſahen wir eilf Tage lang weder Stadt noch wir daher, den 14. Juni, das Ufer der Wolga er⸗ reichten, und Aſtrachan in der Ferne ſahen, waren wir alle wieder ſehr erfreut. Wir erreichten auch die Stadt am folgenden Morgen, und kanden ſogleich fuͤr 7 128 das ausgeſtandene Ungemach viele Labung; denn man hatte uns bereits von Moskau her Proviant zuge⸗ ſchickt. Nun ruhten wir wohlgemuthet einige Tage. Vor unſerem Abzuge brachte man uns zwei Maͤdchen zum Kaufe, von 7 und 10 Jahren. Die Tartaren hat ten ſie, wie Ferkel, nackend in einen Sack geſteckt den ſie vor uns ausleerten. Beide Maͤdchen war an den Backen gezeichnet, aber doch den Koſacken, einem ihrer raͤuberiſchen Streifzuͤge, weggenomm. worden. Unſer Herr Geſandte kaufte beide Kinder fuͤr einige Thaler, und nahm ſie mit ſich nach Deutſchland. Wir aber verließen Aſtrachan den 7. September und gelangten, durch die Staͤdte Tzornogar, La⸗ ritza, Soratoff, Lamara Rama, nach Kaſan und Niſa. An einigen dieſer Orte verweilten wir mehrere Wochen, ſo daß wir erſt am 1. Januar 1639 Moskau wieder erreichten. Wir wurden ſchon vor der Stadt, wie vormals, praͤchtig empfangen, und in das Geſandtſchafts⸗Hotel begleiter. Der Großfuͤrſt hatte uns ſchoͤne Schlitten, mit reich gezierten Tey⸗ pichen belegt, und zwoͤlf Pferde geſendet. Waͤhrend unſerer Anweſenheit hatten die Geſandten mehrmals Audienz, welche von den vormaligen nur dadurch un⸗ terſchieden waren, daß alle Waͤnde und Fußboͤden mit ſchwarzen Tuͤchern behangen waren: denn es war kurz zuvor ein Prinz aus dem ezaariſchen Hauſe geſtorben. Erſt am 15. Maͤrz fuhren wir wieder von Mos⸗ kau ab, und zwar mit guter Schlittenbahn, erreich⸗ ten auf dieſe Weiſe Neugard und Narve, dann Kandg. Hier war der Schnee bereits geſchmolzen; wir reiſten alſo auf Waͤgen nach Reval, und von da zu Waſſer nach Travemuͤnde und Kiel, bis wir zuletzt zu Gottorf, am hollſteiniſchen Hofe, gluͤcklich wieder angelangt ſind.. —— 1