O e Leihbibliothek von 1 5 Eduard Ottmann in Gießen. Inaranar 1 Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 1 7/ 7 7 franz. od. engl. 71 2 7/— Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: 1 auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 45 Kr. f 1—„ 45„ 2 3„„ 5„ 2„„ „ 36„— 27„„—, auananhnanhanaranannh Tararagana ananhnhr Erarananacane KanhrarhrarrTrr aThEnr — ATArhEAEAEAEANAT — — 72 2 3. 7 5 Dae Vkatckte Sau in 4 eer Sokausang. Gaelakaecke Rauc, wieale adu³ denn Bade g n . 5 h M 1 Aune Wadph lte rto 2 M 7 5 7 — 8 Dakeaa eini, kärkticken Siohen 3 he eine Riikin Mee Bimabe fä 20.. 4 ——————— Ter Saikete Rhten. Taſt chen⸗Bibliothek der 3 wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, Erſindung der Buchaencerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Wlrnen⸗ Portrgits und anderen Abbildungen. Perfg ßt von mehren Gelehrten, und herausgegeben von 3 Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 23. Bändchen. Mit einem Kupfer. I. Theil. 1. Bändchen von Siebenbürgen ꝛc. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ehner. 1828. Taſchen-Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch Siebenbuͤrgen, Moldau, Wallachei, Beſſarabien, Bulgarien, Servien, Bosnien und Romanien. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. VWer f a b6 r von mehren Gelehrten, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. I. Theil. 1. Baͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebuer. 1828. Literatur der Reiſen durch Siebenbür⸗ gen, Moldau, Wallachei, Bul⸗ garien und Romanien. Die Wahrſcheinlichkeit eines neuen Krieges zwiſchen den Ruſſen und Tuͤrken gibt Veranlaſſung, einige Reiſen durch dieſe Laͤnder im gedraͤngten Auszuge mitzutheilen. Mit Uebergehung jener aͤlteren Reiſen, welche bei anderen Literatur⸗Ueberſichten dieſer Ge⸗ gend entweder ſchon erwaͤhnt wurden, oder noch vor⸗ kommen ſollen, kann ich mich hier auf die letzten 150 Jahre beſchraͤnken. Die aͤlteſten Reiſenden beherzig⸗ ten das in vielfacher Form erſchienene Buͤchlein eines Ungarn oder Wallachen von den Sitten der Tuͤrken, welches Luther 1530. 8. zu Wittenberg, und erſt voriges Jahr Panſe durch die Baumgaͤrtner ſche Buchhandlung zu Leipzig herausgab. Unter den neue⸗ . 6 ren Reiſen empfahl ſich jene des Englaͤnders Heinr. Auſtel uͤber Raguſa, Konſtantinopel, Moldau, Po⸗ len ꝛc. London 1586. Ruͤhmlich ſtand zur Seite M. Broniov's, G. Reichersdorfs und G. Wer⸗ ner's Beſchreibung der Tartarei, Moldau, Sieben⸗ buͤrgens und Ungarns, welche in lateiniſcher Sprache zu Koͤln 1595. Fol. mit Landkarten vertheilt wurde.— Der Bericht des Englaͤnders H. Blount uͤber Dal⸗ matien, Selavonien, Thrazien ꝛc. wurde nach zwei Ausgaben zu London 1634 und 4637. 4., verteutſcht zu Helmſtaͤdt 1678. 4. ausgegeben.— Noch gluͤckli⸗ cher war ſein Landsmann Edward Brown, deſſen Reiſe vom J. 1669 durch Ungarn, Servien, Bulga⸗ rien, Mazedonien, Theſſalien ꝛc. mit Kupfern zu London 1673. 4., und 1685. Fol., in das Franzoͤſiſche uͤberſetzt zu Paris 1674 und 4684. 4., in das Hollaͤn⸗ diſche zu Amſterdam 1682. 4.„ und in das Teutſche zu Nuͤrnberg 1686 und 1141. 4. heraus kam.— An dieſe Werke reihet ſich J. Franz Abhandlung von den Merkwuͤrdigkeiten Siebenbuͤrgens, in lateiniſcher Sprache zu Wittenberg 1690. 4.— Phil. Avril bemüͤhte ſich 1685— 91, einen neuen Weg nach China zu entdecken, und machte auf ſeiner Ruͤckkehr durch die Moldau beſondere Beobachtungen. Seine Reiſe erſchien mit Kupfern zu Paris 1692. 4. und 1663. 12., wurde von L. Fr. Viſcher zu Hamburg 4705. 8. in teutſcher Sprache mit Anmerkungen verſehen, und 7 ſpaͤter noch von Rohr in deſſen phyſikaliſcher Biblio⸗ thek gewuͤrdigt.— Die Goͤttinger Anzeigen vom J. 1774 ſprachen ſich uͤber Kantemir's gleichzeitige Beſchreibung der Moldau aus, welche zu Frankfurt mit einer Karte erſch enen war. Dieſelben, die allgemeine teutſche, und Beckman's Bibliothek erwaͤhnten 1774 der Briefe Ign. v. Born's uͤber mineralogiſche Gegenſtaͤnde auf einer Reiſe durch den Temeswarer Bannat, Sieben⸗ buͤrgen ꝛc., welche von J. J. Ferber zu Dresden 1774. 8., in das Engliſche uͤberſetzt von R. E. Raſpe zu London 1777. 8., und in das Franzoͤſiſche von M. Monnet zu Paris 1780. 8. heraus kamen.— Alex. Kedeczby erſtattete einen lateiniſchen Bericht zu Wien 1774. 8. uͤber eine mit ſehr vielen Knochen und großen Stalaetiten gefuͤllte Hoͤle in den Gebirgen an der Siebenbuͤrgiſchen Grenze 10 Meilen von Großwar⸗ dein, wovon auch Beckmann im VI. Bande ſeiner Bibliothek Erwaͤhnung machte.— In deſſen IX und X. Bande, wie im 36 der allgemeinen teutſchen Bib⸗ liothek und in den Goͤttingiſchen Anzeigen von 1718, wurden die 3 Theile von Fr. W. Taubes Beſchrei⸗ bung des Koͤnigreichs Selavonien und des Herzog⸗ thums Syrmien, Wien 1777— 78. 8. gewuͤrdigt.— Bemerkenswerth iſt Carra's Geſchichte der Moldau und Wallachei, welche zu Paris 1778. 12. erſchien.— Das von Joh. Boscowich zu Lauſanne 4712. 12. 8— herausgegebene Tagebuch ſeiner Reife im J. 1762 von Konſtantinopel durch Romanien, Bulgarien und die Moldau nach Lemberg in Polen iſt zu Altenburg und Goͤttingen ſo vortheilhaft beurtheilt worden, daß es noch 1779 verteutſcht zu Leipzig erſchien, woruͤber Beckmann im II. Theile ſeiner Bibliothek ſich aus⸗ ſprach.— Die Beſchreibung Siebenbuͤrgens durch Joh. Benkoe, welche zu Wien 14778. 8. in 2 Baͤn⸗ den heraus kam, wurde im 38. Bande der allgemeinen teutſchen Bibliothek beurtheilt, wie im 31: J. Fr. Sulzers Geſchichte der Wallachei, Moldau und Beſſarabiens, Wien 4781— 82. 8., mit Kupfern in 3 Theilen, und im 6s9: Lehmann'’s Reiſe von Presburg nach Hermannſtadt. Leipzig 1785. 8., de⸗ ren wichtige Bemerkungen uͤber den Temeswarer Ban⸗ nat, uͤber die daſigen Wallachen und die Sachſen in Siebeubuͤrgen auch durch die neue allgemeine Litera⸗ tur⸗Zeitung, Jena 4785. 4. N. 234. geruͤhmt wur⸗ den.— Bauers franzoͤſiſche Memoiren der Walla⸗ chei, mit einem Atlas uͤber den letzten Krieg zwi⸗ ſchen Rußland und der Tuͤrkei, Fraukfurt 4778. 8., fanden ihre Beurtheiler im 38. Bande der allgemei⸗ nen teutſchen Bibliothek, und in den Goͤttingiſchen Anzeigen von 1779.— Das uiss erſchienene Kriegs⸗ Theater der Wallachei trug nicht das Gepraͤge der Unpartheilichkeit an ſich.— In neueren Zeiten ver⸗ breiteten ſich J. Jackſon, v. Batthiani, 9 v. Hofmanſegg, Teleki v. Siek, Gott⸗ ſchling, v. Bethlen, Neale, Hacqueth, Struve, v. Neimer, Kleemann, Craven, Kosmeli, Mikoſcha, Raiceoich, Karae⸗ zav, und andere uͤber dieſe Laͤnder. 10 1 Dr. M. Luther wider den Türken 1528. Eine Einleitung vom Herausgeber*). Zueignung an den Landgrafen Philipp von Heſſen. Auf wiederholte Aufforderung meiner Freunde ſehe ich mich endlich verbunden, wider den Tuͤrken zu ſchreiben. Denn manche ungeſchickte Prediger praͤgen dem gemeinen Volke den Wahn ein, man duͤrfe nicht wider den Duͤrken Krieg fuͤhren; andere ſind gar ſo albern, zu lehren, keinem Chriſten gezieme, das welt⸗ 8 liche Schwert zu fuͤhren, pder zu regieren. Unſer *) Dazu gehoͤrt guch; De vitu et moribus Tur- corum cum praef. Lutheri. Nbg. Fr. Pey- Pus 1550. 8. 11 teutſches Volk iſt ſo wild und wuͤſt, ja halb Teufel und halb Menſch, daß etliche die Herrſchaft der Tuͤr⸗ ken fuͤr die Zukunft begehren. Dieſe Irrthuͤmer, wie der Aufruhr und alles Boͤſe in der ganzen Welt, wur⸗ den mir und meinem Evangelium zugeſchrieben, ob⸗ ſchon dieſe unwahrheit Jedermann bekannt iſt. Da⸗ mit die Unſchuldigen nicht ferner durch ſolche Laͤſterer hintergangen werden, und Argwohn aus meiner Lehre ſchoͤpfen, als duͤrfe man nicht wider die Tuͤrken ſtrei⸗ ten, ſo habe ich dieſes Buͤchlein dem Schutze eines beruͤhmten Fuͤrſten empfohlen. Mein Buͤchlein von weltlicher Obrigkeit wurde mißverſtanden, werl bis auf meine Zeit der Papſt und die Geiſtlichen uͤber alles erhaben, wie ein Gott in der Welt war, und die weltliche Obrigkeit im Fin⸗ ſtern niedergebeugt und unbekannt war. Ich wurde ein Eehtheſchde der Fuͤrſten geſcholten, weil ich dem von weltlichen Angelegenheiten getrennten Papſte un⸗ terſagte, das er wider den Tuͤrken Krieg fuͤhren duͤrfte. Doch deſſen ernſtlicher Wille war nie, den Tuͤrken zu bekriegen, ſondern unter dieſem Titel viel Geld fuͤr Ablaͤffe aus Teutſchland zu beziehen. So wenis ein Fuͤrſt ſeine Pflicht erfuͤllt, wenn er zugleich das Amt des Biſchofs an ſich zieht; eben ſo wenig ſteht dieſem zu, auch das Amt des Fuͤrſten zu uͤbernehmen. Deß⸗ wegen ſind alle bisherigen Feldzuͤge gegen die Tuͤrken mißlungen. Da es gewiß iſt, daß der Tuͤrke keine Veranlaſ⸗ 6 12 ſung zum Streite und Einfalle in fremde Laͤnder hat, ſo iſt ſein Krieg nur Frevel und Naͤuberei, durch wel⸗ che Gott die Welt ſtraft, wie ſonſt manchmal fromme Leute durch boͤſe Buben. Denn er ſtreitet nicht aus Noth, oder um ſein Land im Frieden zu erhalten, wie jeder ordentlichen Obrigkeit zuſteht, ſondern er ſucht andere ihm unſchaͤdliche Leute zu berauben und zu be⸗ ſchaͤdigen, wie ein See⸗ oder Straßen⸗Naͤuber. Er iſt außer allem Zweifel die Ruthe Gottes, und der Diener des Teufels. Er ſoll bekaͤmpft werden von einem Haufen frommer Chriſten unter K. Karl v. Die Pfarrer und Prediger ſollen ihr Volk zum Gebete und zur Buße thaͤtigſt ermahnen, indem wir durch unſere unzaͤhligen Suͤnden Gottes Ungnade ſo verdient haben, daß er uns dem Teufel Tuͤrken in die Haͤnde liefert. Zur tieferen Wirkſamkeit ſolcher⸗ Predigten muß man die Schriftſpruͤche von der Suͤndfluth, von Sodom und Gomorra, von den Kindern Iſrael, und anderen harten Strafen Gottes anbringen, und an⸗ deuten, daß wir wegen groͤßerer Suͤnden noch haͤrter geſtraft zu werden verdienen. Zugleich muß man er⸗ waͤhnen, daß Gott durch wahre Reue und Beſſerung der Suͤnder beſaͤnftigt werde; man muß ſich auf die Schriftſpruͤche uͤber Ninive„David, Achab, Manaſſe, Petrus, den Schecher und Zoͤllner ꝛc., und auf die Kraft des Gebetes⸗ nach dem Muſter von Elias, Ja⸗ kob, Jeſaias, David, Salomon, Aſſa, Ivſaphat, Joſig, Ezechiel zc. berufen. ep 5* — 13 Zu ſolchem Gebete wider den Tuͤrken ſoll uns be⸗ wegen die große Noth, indem er nicht allein die Men⸗ ſchen und Laͤnder durch das Schwert verdirbt, ſondern auch den ehriſtlichen Glauben auszurotten ſucht, in⸗ dem er weder denſelben öffentlich auszuuͤben, noch ge⸗ gen den Mahomed zu predigen erlanbt. Es war ſehr gefehlt, daß unſere hoͤbere Geiſtliche ſich nicht be⸗ muͤhten, das geiſtliche und weltliche Weſen der Tuͤr⸗ ken genau keunen zu lernen; indem ſie doch auch Stifte und Kloͤſter haben. Des Mahomed's Alcoran iſt ein ſchaͤndliches Buch: denn er laͤugnet darin, daß Chriſtus Gottes Sohn und rechter Gott iſt, und haͤlt ihn nur fuͤr einen Propheten, wie Jeremias oder Jo⸗ nas. Er lobt ſich ſelbſt, und ruͤhmt ſich, daß er mit Gott und den Engeln geredet habe, und ihm befohlen ſei, die Welt fuͤr jeinen Glauben zu gewinnen, oder durch das Schwert zu ringen. Daher halten die Tuͤr⸗ ken ihn viel hoͤher als Chriſtus, deſſen Amt ein Ende genommen habe. Daraus erhellt, daß Mahomed ein Zerſtoͤrer des Reiches Chriſti iſt, wie die Juden, welche lehren, daß man herrſchen, das Schwert fuͤhren, und in dar Welt oben ſchweben ſoll. Der tuͤrkiſche Glaube iſt aus juͤdiſchem, chriſtlichem und heidniſchem zuſammen geſetzt. Von den Inden iſt das Verbot des Weines, die wiederholten Faſten jedes Jahres, das oͤftere Ba⸗ den, und das Eſſen auf der Erde nach der Nazarener Sitte. Von den Chriſten iſt die Lehre uͤber Chriſtus, 14 Maria, die Apoſtel und anderen Heiligen, die Hoff⸗ nung des ewigen Lebens am juͤngſten Tage, und der Glaube an die Auferſtehung entlehnt. Mahomed em⸗ pfiehlt den Gebrauch des Schwertes; ſind auch andere Reiche durch Gewalt oder Unrecht aufgekommen, ſo iſt doch keines durch Mord und Raub ſo maͤchtig ge⸗ worden, als jenes des Tuͤrken. Chriſtus ſprach bei Johannes, der Teufel ſei ein Luͤgner und Moͤrder. Durch die Luͤge toͤdtet er die Seele, durch den Mord den Leib; beide Uebel ſind gewoͤhnlich vereinigt. Die Arianer und Donatiſten ſind von der Wahrheit gewi⸗ chen, dem Luͤgen⸗Geiſte unterthaͤnig, und in deſſen Dienſte Luͤgner und Moͤrder geworden. Der Koran achtet auch den Eheſtand nicht, ſon⸗ dern geſtattet ſo viele Weiber zu nehmen, als man will. Mancher Tuͤrke hat 10, 20— 100 Weiber, die er verlaͤßt und verkauft nach Belieben, wie das Vieh. Da alſo Luͤge, Mord und Vielweiberei in der Tuͤrkei geſetzlich iſt, ſo kann die ehriſtliche Wahrheit dafelbſt nicht beſtehen. Man ſagt zwar, die Tuͤrken ſeien un⸗ ter einander treu, freundlich, wahrheitsliebend, und uͤbten noch manche andere Tugend. Allein auch der ſchlechteſte Menſch hat zuweilen etwas Gutes an ſich; manches Freiweib iſt gutmuͤthiger, als 10 rechtmaͤßige Weiber auch der Teufel ſucht als ſchoͤner Engel durch einige Werke des Lichtes zu taͤuſchen. Alle Moͤrder und Naͤuber ſind unter ſich treuer und freundlicher, als ihre benachbarte Chriſten. 15 Wenn die Tuͤrken in die Schlacht vorruͤcken, ſo iſt ihr Feldgeſchrei: Alla, d. i. Gott; allein mit ſol⸗ cher Stimme ehren ſie nur den Teufel, der ſie ermu⸗ thigt, ihre Hand und Schwert, ihr Roß und Mann fuͤhrt. Er duldet keine Bilder, nicht einmal auf Muͤn⸗ zen, welche nur mit Buchſtaben verſehen ſind. Er rottet alle untergeordnete Obrigkeit aus, kennt nicht Fuͤrſten, Grafen, Herren, Adel und Lehenleute, ſon⸗ dern iſt allein Herr uͤber alles in ſeinem Lande. Er glaubt durch Werke heilig und ſelig zu ſeyn, haͤlt fuͤr keine Suͤnde, Chriſtus vernichten, Obrigkeit und Ehe verwuͤſten. 11& Außer dem Haufen der Chriſten ſoll noch K. Karl V., oder wer Kaiſer iſt, gegen den Tuͤrken kaͤmpfen, weil dieſer ſein Reich und ſeine Unterthanen angreift, welche er zu vertheidigen verbunden iſt. Wer den Tuͤrken in des Kaiſers Namen bekriegt, der iſt verſichert, daß er der goͤttlichen Ordnung gehorſam iſt, indem der Kaiſer unſer rechter Herr und Ober⸗ haupt iſt. Stirbt er im Gehorſame, ſo ſtirbt er im guten Stande: hat er vorher gebuͤßet, und glaubt an Chriſtus, ſo wird er ſelig. Gegen den Kaiſer aber ſoll man nur gehorſam ſeyn, damit er ſeine Pflicht erfuͤlle, die Unterthanen zu beſchuͤtzen. Der Kaiſer ſoll den Tuͤrken nicht bekriegen wegen des Ruhmes, wegen der zu erobernden Laͤnder, aus Zorn oder Rach⸗ gierde. Denn dieſe Ruͤckſichten waͤren perſoͤnlich und eigennuͤtzig; man ſoll den Kaiſer nicht reitzen jwider — — den Tuͤrken, wie es bisher von vielen Paͤpſten geſche⸗ hen iſt. Denn der Kaiſer iſt nicht das Haupt der Chriſtenheit, noch der oberſte Beſthuͤtzer des Evange⸗ liums, beſtimmt zur Ausrottung des türkiſchen Glau⸗ bens. Des Kaiſers Schwert gehoͤrt nicht fuͤr den Glauben, ſondern nur fuͤr weltliche Angelegenheiten. Es iſt nicht Recht, daß erſt ein roͤmiſcher Geſandter die Staͤnde des Reiches wider den Tuͤpken unter dem Vorwande reitzen ſoll, daß der Feind des ehriſtlichen Glaubens der ganzen Chriſtenheit großen Schaden zu⸗ fuͤge. Wollte der Geſandte ſeine Pflicht bloß erfuͤllen, ſo muͤßte er die Staͤnde bloß an Gottes Gebot erin⸗ nern, und ſagen: wollt ihr Kaiſer und Fuͤrſten ſeyn⸗ ſo erfuͤllt als ſolche eure Pflicht, oder der Tuͤrke wird es euch lehren durch Gottes Ungnade. Allein euch Staͤnden iſt die Erfuͤllung der Pflicht nur Scherz und Schimpf, wie eine Mummerei fuͤr die Faſtnacht. Ihr laßt eher eure Unterthanen vom Tuͤrken plagen, weg⸗ fuͤhren, ſchaͤnden„pluͤndern, erwuͤrgen und verkaufen. Glaubt ihr nicht, daß Gott von euch alle eure Unter⸗ thanen zurück fordern wird, die ihr ſo ſchaͤndlich ver⸗ laſſen habt, waͤhrend ihr getanzt, gepraßt und geſpielt habt? Wuͤrdet ihr ernſtlich glauben, von Gott zum Kaiſer und Fuͤrſten eingeſetzt zu ſeyn, ſo wuͤrdet ihr nicht große Gaſtmaͤler halten, um den Rang ſtreiten, und unnüͤtze Pracht ausuͤben, ſondern berathen„ wie ihr eurem Amte und Gottes Gebote genuͤget, und euer Gewiſſen von dem Blute und Jammer eurer 17 Unterthanen reinigt, welchen der Tuͤrke ihnen veran⸗ laßt. Kaunn Gott oder ein gottſeliger Menſch anders von euch denken, als daß ihr euren Unterthanen feind ſeid, oder ſelbſt mit dem Tuͤrken einen heimlichen Bund habt, oder euch wenigſtens nicht fuͤr Kaiſer oder Fuͤrſten, ſondern fuͤr leere Puppen haltet, mit welchen die Kinder ſpielen? Statt daß ihr pflichtwidrig be⸗ rathet, ob man Fleiſch in der Faſten eſſen, oder die Nonnen Maͤnner nehmen duͤrfen; handelt ihr lieber fuͤr den Teufel. Ihr ſeid als Schutzherren uͤber das arme Deutſchland geſetzt, und werdet an euren Un⸗ terthanen Moͤrder, Veraͤchter und Bluthunde, und laßt— ja werft ſie ſogar in den Rachen der Tuͤrken, zum Lohne, daß ſie Leib und Geld, Ehre und Blut fuͤr euch opfern. Haͤtte der Kaiſer laͤngſtens pflichtmaͤßige Antraͤge gemacht, ſo haͤtten die Fürſten gefolgt, und der Tuͤrke waͤre nicht maͤchtig geworden. Die Fuͤrſten ſprachen wohl von des Kaiſers Panier, hielten es aber nur fuͤr ein ſeidenes Tuch, und waren in der That ungehor⸗ ſam. Noͤchte ich mit meiner Ermahnung, und die Herren mit ihrem Panier nur miht zu ſpaͤt kom nen; moͤchte uns nicht das Schickſal der Kinder Ifraels be⸗ gegnen, welche zuerſt nicht gegen die Amorit er ſtrei⸗ ten wollten, als Gott es ihnen geboten hatte. Doch ſoll Niemand verzweifeln; Buße und Recht thun, fin⸗ det allezeit Gnade. Wenn aber de Kaiſer und die Fuͤrgen ihre Pflicht zur Beſchuͤtzung ihrer Unterchauen 23kes B. Siebenbürgen zc. I. 1. 2 2 erkennen, ſo ſollen ſie auch nicht mit Vermeſſenheit oder Trotz ſich auf ihre Macht ſtuͤten. Es iſt nicht genug zu wiſſen, was Gott befohlen hat, ſondern man muß auch in Furcht und Demuth die erkannte Pflicht erfuͤllen. Wenn nur der Kaiſer und deſſen Befehlsha⸗ ber von der Pflicht durchdrungen ſind, dann liegt nicht daran, ob der Haufe auch gut iſt, obſchon es beſſer waͤre, alle rechtſchaffen zu wiſſen. In Teutſchland ſind leider! viele, welche die tuͤr⸗ kiſche Herrſchaft mehr wuͤnſchen, als jene des Kaiſers und der Fuͤrſten. Mit ſolchen wuͤrde freilich ein har⸗ ter Kamdf gegen die Tuͤrken ſeyn; dieſen ſollte man die ihnen drohende Gefahr, und die Groͤße ihrer Suͤnde vorſtellen. Vorerſt daß ſie ihrer Obrigkeit, welcher ſie geſchworen haben, meineidig geworden ſind. Denn wer ſich freiwillig von ſeinem Herrn abwendet, und zum Tuͤrken begibt, deſſen Inneres wird ihn ſtets mit dem Vorwurfe der Treuloſigkeit quaͤlen, in welcher er ſich ſeinem rechtmaͤßigen Herrn entzogen hat. Soll die Suͤnde vergeben werden, ſo muß das entwendete Gut zuruͤck gegeben werden: allein wer unter den Tuͤrken iſt, kann zu ſeinem vorigen Herrn nicht will⸗ kuͤhrlich zuruͤck kehren, und ihm die Treue wieder leiſten. Vielmehr hat er ſich durch ſeine Verbindung mit den Tuͤrken auch der Feindſeligkeit gegen den chriſtlichen Glauben, der Luͤge und der Zerſtoͤrung des haͤuslichen Friedens und Gluͤckes durch die Vielwei⸗ berei eben ſo ſchuldig gemacht, als dieſelben, wenn 19 er auch nicht an Allem wirklichen Theil genommen hat. Es iſt ſchon traurig genug, durch Zwang in ihre Gemeinſchaft zu kommen; es waͤre beſſer, das Leben im Kampfe fuͤr ſeine rechtmaͤßige Obrigkeit zu opfern. Denn wer ſich unter die Tuͤrken freiwillig oder mit Gewalt begibt, hat auch ſeine Lage nicht verbeſſert; vielmehr iſt jede Hoffnung eitel. Denn er wird willkuͤhrlich von einem Lande in das andere ver⸗ ſetzt, oder gar verkauft, und als Abtruͤnniger mit Mißtrauen behandelt. Dieſe Verhaͤltniſſe ſollen die Pfarrer und Prediger ihren Genoſſen an das Herz le⸗ gen; ſind dieſe dafuͤr nicht empfaͤnglich, ſo moͤgen ſie zum Teufel fahren, wie Paulus die Griechen— Pe⸗ trus die Juden auch fahren ließ. Ja ich wollte, daß ſo geſinnte Teutſche gar nicht unter des Kaiſers Pa⸗ nier, ſondern ſchon bei dem Tuͤrken waͤren; ſie wuͤr⸗ den im Kampfe deſto eher geſchlagen, und dem Tuͤr⸗ ken ſchaͤdlicher werden. Denn gegen ſolche, welche ſo oͤffentlich und gewiß von Gott und der Welt ver⸗ dammt ſind, iſt leicht ſtreiten. Es gibt zwar manchen Wuͤſtling oder verzweifelten Boͤſewicht: wer aber Vernunft hat, wird dieſer Ermahnung Gehoͤr geben, im Gehorſame ſeiner wahren Obrigkeit bleiben, und aus ſolchen Kraͤtten fuͤr dieſe ſtreiten, daß er eher ſich von den Tuͤrken erwuͤrgen, als ſeine Seele in die Hoͤlle zum Teufel fahren laͤßt. Zwar erkennt der Tuͤrke die 4 Evangelien fuͤr goͤttlich, glaubt auch an Moſes und die Propheten, 20 und ruͤhmt ſogar Chriſtus und deſſen Mutter Maria. Aber er glaubt, daß ſein Mahomed uͤber Chriſtus, und dieſer kein Gott ſei; das Evangelium habe laͤngſt ausgedient, und ſei vorzuͤglich darin ſchwer zu halten, daß man Gott aus ganzem Herzen lieben, und wegen ſeiner Alles verlaſſen ſoll. Deswegen habe Gott ein leichteres neues Geſetz gegeben; der Mangel der unnoͤ⸗ thigen Wunder werde durch das Schwert erſetzt, wie durch den paͤpſtlichen Bann. Was der Kaiſer fuͤr die Seinigen wider die Tuͤx⸗ ken thun kann, das ſoll er leiſten aus Pflicht und Gotltes Gebote. Er ſoll bedenken, wie grauſam der Lurke mit den Gefangenen verfaͤhrt; er laͤßt ſie wie das Vieh ſchleifen, ſchleppen, treiben, und wer nicht fortwandern kann, wird erſtochen, er mag alt oder zung ſeyn— eine Erfahrung, welche ſich bis auf die neueſte Zeit beſtaͤtigt hat. Deßwegen ſollten alle Fuͤr⸗ ten jeder Privat⸗Nuͤckſicht entſagen, und mit Ein⸗ tracht den gemeinſchaftlichen Feind bekaämpfen. Sie follten ihn nicht fuͤr ſo gering halten, daß ſie nur mit 20— 30 000 Mann ihm entgegen kaͤmen. Will man ihn nicht mit Nachdruck bekaͤmpfen, ſo iſt beſſer, den Streit gar nicht zu beginnen, und ihm bald ohne Blutvergießung das Land einzuraͤumen, welches er doch gewinnen wuͤrde. Denn wider den Tuͤrken Krieg fuͤhren, iſt eiwas ganz anders, als gegen einen ande⸗ ten Monarchen. Er hat Volk genug, welches taͤg⸗ lich geruͤſtet iſt; er kann ſchnell 3— 400,000 gufſtellen; 21 er kann alſo mehre große Schlachten nach einander liefern. Mit geringer Macht gegen einen maͤchtigeren Konig in das Feld ziehen, heißt Gott verſuchen. Statt daß unſere Fuͤrſten zu Speier ſich uͤber das Fleiſch⸗ und Fiſche⸗Eſſen berathen, ſollten ſie ſich gemein⸗ ſchaftlich zum Kriege wider den Tuͤrken ruͤſten. Ihr untreuen Haͤuster eurer armen Unterthanen! Welcher Teufel heißt euch ſo heftig mit den unbefohl⸗ nen geiſtlichen Sachen umgehen, welche Gott und das Gewiſſen betreffen, und dafuͤr die dringendſten Angelegenheiten eurer Unterthanen vernachläͤſſigen? Ihr hindert dadurch alle jene, weiche es herzlich gut meinen, und gerne mitwirkten. Euer Geſang zur Meſſe vom h. Geiſte wird Gott nicht erhoͤren: denn ihr ſeid ungehorſam und widerſpenſtig, indem ihr das vernachlaͤſſget, was er euch befohlen, und das treibt, was er euch verboten hat. Ja der boͤſe Geiſt moͤchte euch erhoͤren! Ich will mein Gewiſſeu verwahren: ich weiß wohl, daß ich durch mein Buch wider den Tuͤrken, wenn es ihm bekanntz wird, dieſen nicht fuͤr mich gewinne. Aber ich woßte meinen Deutſchen die Wahrheit anzeigen, und viele Dankbare und Un⸗ dankbare berathen. Hilft es nicht, ſo mag Gott hel⸗ fen, vom Himmel zum juͤngſten Gerichte herab kom⸗ men, und den Tuͤrken mit allen Tyrannen und Gott⸗ loſen erſchlagen. II. Georg von Reichersdorff Be⸗ ſchreibung von Siebenbürgen. Aus dem Lateiniſchen frei bearbeitet von Michael Fiedler*). .O— Siebenbuͤrgen, das alte Dazien, eine zu den Zeiten der Roͤmiſchen Kaiſer beruͤhmte Provinz gegen Oſt gelegen, wurde unter Nerva Tra⸗ jan von ſeinem Koͤnige Dezebal auf das hart⸗ 8 naͤckigſte vertheidigt. In dieſem Feldzuge ließ Tralan *) Transsylvaniae, ac Moldaviae aliarumque vi- cinarum regionum succincta descriptio Geor- gii à Reichersdorf, Transilvani, cum tabulis gseographicis tam Moldayiae, quam Transyl- vanlae. Editio nova. Coloniae Agrippinac 1505. Eol. Der edle Verfaſſer war geh. Staats⸗ Sekretaͤr des roͤmiſchen Koͤnigs Ferdinand I. wurde 1550 zu dem Woywoden von Moldau er⸗ 23 eine ſteinerne Bruͤcke uͤber die Donau ſchlagen, ein bewunderungswuͤrdiges Werk. Bei dieſer ſtanden 20. aus Quaderſtein erbaute Thore, deren Hoͤhe, den Grund abgerechnet, 150, und deren Breite 60 Schuhe betrug; ſie waren 180 Schritte von einander entfernt, und durch Schwibbogen verbunden. Hadrian, der Nachfolger Trajans, einen Ein⸗ fall der Bewohner dieſer Provinz befuͤrchtend, ließ dieſe Gebaͤude, welche uͤber das Waſſer hervorragten, ſchlei⸗ fen. Dezebal entleibte ſich nach der Einnahme ſei⸗ ner Reſidenz⸗Stadt, und Stebenbuͤrgen wurde in eine roͤmtſche Provinz verwandelt. Die Reſidenz⸗Stadt Dezebal's hieß Zarmis, jetzt Weiſſenburg. An Siebenbuͤrgen graͤnzt gegen Nord die Provinz Moldauz; auf der andern Seite liegt gegen Oſt die Wallachei, welche auch SDrans⸗Alpina (die jenſeits der Alpen liegende) genannt, und durch die ſehr hohen Alpen(Berge) getrennt wird. Die Einwohner der Provinz werden in 3 Natio⸗ nen getheilt, welche ſich durch Gebraͤuche, Sitten und Geſetze wenig von einander unterſcheiden, und das Land, von einander getrennt, bewohnen. Cs ſind 4₰ nannt, in welcher Eigenſchaft er das Land ſo⸗ gleich bereiſte, und das Reſultat ſeiner Beobach⸗ tungen und offiztellen Erkundigungen noch im naͤmlichen Jahre zu Wien in 4 erſcheinen ließ. (Igeck.) 24 naͤmlich: Sachſen, Ciculer(Zeckler) und Un⸗ garn. Die Wallachen, einige oͤde Beſitzungen und Villen bewohnend, ſind ein ſehr rohes Voik, leben von der Viehzucht und vom Raube. Ihre Kleider aus grober Ziegenwolle verfertigen ſie ſich ſelbſt, und gehorchen gar keinem Geſetze. Die Sachſen, aus Beutſchland eingewan⸗ dert, treiben Ackerbau, und bedienen ſich der ſuͤchſi⸗ ſchen Sprache. Die ſaͤchſiſche Sprache naͤhert ſich mehr dem gemeinen Koͤlner Dialeckte, als andern Sprachen. Die Siebenbuͤrger haben, wie alle uͤbrigen Bewohner Europa's, eine eigne Mundart. Eiculien, ein Winkel Daziens, an die Mol⸗ dau graͤnzend, wird von den Cieulern, augeblichen Abkoömmliugen der Seythen bewohnt; ſie haben ei⸗ gene Geſetze und Sitten, und vertheilen ihre Aemter durch das Loos. Sie halten jeden fuͤr adelich ſei er Landmann oder Ziegenhirt. Dieſer rauhe und wilde Menſchenſtamm, zum Kriege geboren unterſcheidet ſich hinſichtlich der Sitten, Sprache und Kleidung wenig von den Ungarn. Cieulien wird in⸗ Geſpannſchaften oder Stuͤhie getheilt, deren Namen Sepſi, Orbai, Kysdi, Czyk, Girgio, Markus Zeeck, und Aranyas Zeeck in Ungariſcher Sprache heiſſen. Die Stadt Czyk, an der Nordſerte links von Kysdi, liegt an dem Fuße der Karpathen; an ſie graͤnzt gegen Weſt Gyrgio, gleichfalls an den 25 Karpathen gelegen, das Land iſt gebirgig und rauh, an der außerſten Nordſeite Siebenbuͤrgens. An die Geſpannſchaft Gyrgis graͤnzt gegen Mittag in dem Innern Siebenbuͤrgen's, Markus Zeeck am Fluße Maroſch, deſſen ſehr geraͤumige Hauptſtadt Zeckel⸗ waſſarhel, die Sachſen Neumarck nennen, in ihr werden haͤuſig Verſammlungen der Cieculer gehalten. Die Ungarn und Edlen dieſer Provinz, uͤberall mit den Sachſen vermiſcht, kommen hinſichtlich der Sprache, Kleidung und Waffen den Ciculern gleich, und werden von keinem an Tapferkeit uͤbertroffen. Dieſe 3 Nationen vereint koͤnnen bei 90,000 Mann und noch mehr in das Feld ſtellen. So oft ſie ſich mit den Feinden in ein Treffen einließen, waren ſie im⸗ mer Sieger. 1 Die Wallachen wohnen zerſtreut, und ohne ei⸗ nem beſtimmten Sitz in dieſem Lande. Die Sachſei haben wohl befeſtigte Staͤdte. Das Land bringt Gold und Silber, Wein und Getraid hervor, und hat Ue⸗ berfluß an Weiden, Viehe, Quellen und Fluͤſſen, ſo war, daß unſere Ahnen Siebenbirgen die Schatz⸗ kammer des ungariſchen Reichs nannten. Die Wallachei in den untern Graͤnzen Sie⸗ benbuͤrgen's breitet ſich laͤnggs der Donau bis an den Pontus aus, und beruͤhrt gegen Nord die Ro⸗ raner, heut zu Tage Ruthener genannt. Die Wallachen ſcheinen aus Italien gekom⸗ men zu ſeyn, und von den benachbarten Sarmaten 26 ihren Namen erhalten zu haben. Ihre Provinz ſoll Flakkia von den Noͤmiſchen Buͤrger Flakkus, wel⸗ cher eine Kolonie zum Schutze Moͤſiens gegen die Einfaͤlle der Dazier hinfuͤhrte, genannt worden ſeyn. Nach der allgemeinen Annahme ſollen die heutigen Wallachen aus Moͤſien abſtammen. Nach der Darſtellung des Charackters und der Sitten der Be⸗ wohner wollen wir nun der Ordnung gemaͤß zur geo⸗ graphiſchen Beſchreibung des Landes ſelbſt uͤbergehen. Von Großwardein kommt man bei dem erſten Cintritte in Siebenbuͤrgen uͤber den Fluß Cry⸗ ſus, welcher es mit Unter⸗Panonien verbindet, zu dem Dorfe Feketetho, d. i. der ſchwarze Sumpf, welches rings von Bergen und Felſen um⸗ geben die Wallachen bewohnen. Es liegt in einer wil⸗ den, unfruchtbaren Gegend, man ſieht keine Ebene, keine Saaten, ſondern große Baͤume in weiter Ent⸗ fernung von einander. Der Fluß Cryſus hat in jeder Jahres⸗Zeit die ausgeſuchteſten Fiſche. Z. B. Gruͤndel, Meer⸗Aſchen, Fornen, ꝛc. Bei einer Ueber⸗ ſchwemmung iſt er ſo reiſſend, daß er einen ſchwer be⸗ ladenen Wagen umwirft. Die Stadt Großwardein, auf einer Ebene gelegen, iſt ſehr groß und ohne Mauern. Hier reſidirt der Bruder Georg der Schatzmeiſter des Koͤnigreichs Siebenbuͤrgen, der Biſchof der Stadt, in einem ſchoͤnen und wohlbefeſtigtem Schloße, in welchem der Koͤnig Ladislaus von Ungarn ein praͤchtiges Be⸗ 27 graͤbniß aus Marmor hat. Die Ungarn ſind hier mit den Sachſen vermiſcht, und treiben Handel mit tuͤr⸗ kiſchen und andern eingefuͤhrten Waaren.— Von Feketetho ſind geraden Wegs bis zur Stadt Thelegd 2 Meilen; bis Nief 3. Hier ent⸗ ſpringt der Fluß Cryſusz geht im ſanften Laufe durch die Mitte der Stadt Reeff bis Sebeswar, wo er endigt. Von da ſind bis Coloswar s Mei⸗ len, und bis zu der gegen Suͤd gelegenen Stadt Thorda fuͤhren uͤber einen hohen und felſigten Berg 2000 Schritte. Die Stadt iſt ohne Mauern, und zeich⸗ net ſich durch Groͤße, Reichthum und Handel aus. Die Einwohner erwerben ſich durch Viehzucht und Ackerbau großen Reichthum. Hier waͤchſt vortrefflicher Wein. Die Salinen ſind beruͤhmt; ſie verſehen ganz Siebenbirgen mit Salz, welches auch nach Ofen und anderen Plaͤtzen zum großem Vortheile des Koͤnigs ausgefuͤhrt wird. Von Thorda bis Hermannſtadt, zwiſchen welchen die Staͤdte Gochard und Monera liegen, zaͤhlt man 12 Meilen. He rmannſtadt, die Haupt⸗ ſtadt des Koͤnigreiches, iſt ſehr befeſtigt, und hat Ue⸗ berfluß an Gold, Silber und anderen Gegenſtaͤnden. Die vorzuͤglichen Staͤdte Siebenbuͤrgens ſind: Hermannſtadt, Kronſtadt, Noͤſenſtadt⸗ Schaͤsburg, Mydwiſch, Millenbach, Clau⸗ ſenburg. Eibinium, die ſehr beruͤhmte Hauptſtadt, er⸗ hielt ihren Namen von dem Fluße Cibinz andere nennen ſie Hermannſtadt nach dem Namen ihres erſten Erbauers. Sie liegt auf einer Ebene, und brei⸗ tet ſich ſehr weit aus; ſie wird umgeben von einer doppelten Mauer, ſehr tiefen Graͤben und großen Fiſch⸗ teiche. Die Stadt wird durch Palaͤſte, Thuͤrme, Vor⸗ werke und die Kathedral⸗Kirche geziert. Hier wird alle Jahre Getreide in Gruben zur Steuerung einer allgemeinen Hungers⸗Noth aufbe⸗ wahrt. Durch die Stadt, welche von einer ſehr wei⸗ ſen Obrigkeit verwaltet wird, fließt ein kleiner Fluß Sie hat 10 koͤnigliche Doͤrfer, 8 zahlen Tribut. Bis hierher erſtrecken ſich die 7 Geſpannſchaften der Sach⸗ ſen, deren Namen folgende ſind: Die Geſpannſchaft Zazuvar mit 11 koͤniglichen Doͤrfern, die Geſpannſchaft Zabes mit der Stadt Zabes und 5 koͤnigl. Doͤrfern; die Geſpannſchaft Reusmark hat s Doͤrfer; die Stadt und Geſpann⸗ ſchaft Segesburg 16; die Geſpannſchaft Olezna 12; die Geſpannſchaft Schenker 22, und die Ge⸗ ſpannſchaft Rapen 15. Nebſt dieſen 7 Geſpannſchaften der Sachſen giebt es noch 2 getrennte, deren Hauptſtadt Medwiſch iſt, und zu denen 2s Doͤrfer gehoͤren. Zwiſchen die⸗ ſen Geſpannſchaften liegen noch viele Doͤrfer und Be⸗ ſitzungen der Adelichen, welche nicht zu den Sachſen gerechnet werden. 29 In Siebenbuͤrgen zaͤhlt man s vorzuͤgliche Pfarr⸗ ſpiele(Kapitel). Von Hermannſtadt ſind eine Meile entfernt in der Stadt Wyzagna,(welche die Sachſen Salz⸗ burg nennen), die Salzwerke, die durch ihren Ertrag eine bedeutende Summe in den Schatz des Koͤnigs lie⸗ fern. Nicht weit von Hermannſtadt wohnen in verſchiedenen Staͤdren die Sachſen; vorzuͤglich in Helta, einer Stadt von mittlerer Groͤße mit einem Kaſtelle; ſie liegt eine Meile entfernt gegen Suͤd. In gleicher Entfernung liegt unter Helta der Berg des h. Michael mit einem ſehr ſchoͤnen aus Quaderſtein erbautem Schloße auf ſeinem Gipfel. Es dient den Einwohnern in Kriegszeiten zum Zufluchts⸗ Ort; die Gegend iſt fruchtbar. Der nicht unbekannte Fliuß Alt,(Alutus) ent⸗ ſpringt an dem Fuſſe der Ciculiſchen Berge, be⸗ ſpuͤhlt Siebenbuͤrgen, trennt das Barcenſes Gebiet von Cicalien, und fließt gegen Hermann⸗ ſtadt nahe bei Rothethurm durch enge und ſteile Thaͤler in die Wallachei, und nicht weit uͤber Ni⸗ kopolis, einem 2 Meilen von Hermannſtadt entferntem Thurme in die Donau. Die Tuͤrken koͤn⸗ nen hier nur auf ſehr engen Wegen Siebenbuͤr⸗ gen betreten. Kronſtadt, beruͤhmt durch ſeine tuͤrkiſchen Waa⸗ ren, zwiſchen ſehr ſchoͤnen Bergen gelegen, iſt mit Mauern, Graͤben und Vorwerken umgeben. Ihre 3 Vorſtaͤdte in getrennten Thaͤlern bewohnen die Bul⸗ garen, Ungarn und die Ackerbautreibenden Sach⸗ ſen. Die einzelnen Diſtrickte werden reichlich bewaͤſ⸗ ſert; die ſehr großen Ebenen werden rings von Ber⸗ gen umgeben, weiche die Stadt von der Wallachei trennen. Der Boden bringt Getreid und Flachs im Ueberfluße hervor. In der Stadt bluͤhen die freien Kuͤnſte, beruͤhmt iſt die Bibliotheck. Dieſe Stadt an den naͤchſten Graͤnzen der Cieuler;(in griechiſcher Sprache Stephanopolis, in halb barbariſcher Cronopolis, und von den Ungarn Braſovia ge⸗ nannt,) liegt in dem innerſten Theile Siebenbuͤr⸗ gen's, welchen die Panonnier Burcza, wir aber Bureig, entweder von dem Fluſſe, welcher hier durchfließt, oder von Wurzel(Kadix) in unſerer Sprache Wurzia, ſo nennen, weil eine Wurzel in eine Krone verflochten, das Zeichen der Burtia⸗ ner iſt. 4. Dieſer Theil von Bureia iſt ſehr ſchoͤn, und ſo durch ſeine Lage getrennt, daß man es fuͤr ein zwei⸗ tes Siebenbuͤrgen anſehen kann. Es wird rings von Bergen eingeſchloſſen, und von den Cieulern durch den Fluß Alt(Alutus) getrennt. Es iſt ganz be⸗ kannt. Genannte Stadt iſt von ſehr vielen Bergen umgeben; von denen zwei wie Mauern ihre Seiten einſchließen, auf welchen oben Feſtungswerke ſind. Ein doppelter Graben von außerordentlicher Tiefe um⸗ gibt rings die mit Thuͤrmen verſehenen Mauern. In 3 31. den Vorſtaͤdten wohnen Sachſen und Cieuler gemiſcht. Den uͤbrigen Theil bis an die Gebirgs⸗Engen bewoh⸗ nen die Wallachen, welche hier eine Kirche und einen Prieſter haben. In ſehr langen Straſſen wohnen wie⸗ der Sachſen mit Cienlern. In die Stadt werden nur Deutſche aufgenommen. Unter den großen Gebaͤuden der Stadt nimmt den erſten Platz die Kirche ein, die der Jungfrau Maria aus Qunderſtein erbaut iſt. Dieſe Stadt iſt von der Feſte Fogoras, welche auf einer ſumpfigen Ebene wohl befeſtigt iſt, 4 Meilen ent⸗ fernt. Sie wurde einſt vergebens von dem Woywoden der Moldau, Stephan Maylat heſchoſſen. Keine Stadt Siebenbuͤrgen' iſt mehr bevoͤl⸗ kert, als dieſe. Der woͤchentliche Markt wild haͤufg von den Landleuten beſucht: ſie iſt der Handelsplatz der Ciceuler, Wallachen, Armenier und Griechen; auch werden aus der Moldau und Wallachei meiſtens tuͤrkiſche Waaren eingefuͤhrt. Die obrigkeit⸗ lichen Perſonen der Stadt ſind geſetzte, alte gelehrte Maͤnner, die Einwohner kriegeriſch und tapfer. Noͤſen, auf einer ſehr geraͤnmigen Ebene hat auf beiden Seiten mit Weinreben bepflanzte Huͤgel. Die Mitte der Stadt durchfließt der Fluß gleiches Namens, welcher bei der ſuͤdlichen Seite der untern Vorſtadt ſeinen Lauf aͤndert, und nach 2 Meilen ſich mit dem Fluſſe Zamos vereinigt. Vier Meilen von Noſen ſind die Rodneniſchen Gold⸗Bergwerke; und von da an den aͤußerſten Graͤnzen Siebenbuͤrgens die Frauenſtroͤme, durch ihre Goldgruben nicht unberuͤhmt. Schaͤsburg, theils auf einem Berge, theils an dem Fuße deſſelben gelegen, hat Mauern, bei welchen, wie auch bei Medwiſch, ein Fluß vorbei lauft, welcher ſich oberhalb Weiſſenburg in die Maxroſch er⸗ gießt. Medwiſch in der Mitte Siebenbuͤrgen's hat Ueberfluß an Wein und andern nothwendigen Be⸗ duͤrfniſen. Bei der Stadt, welche 4 Meilen von Her⸗ mannſtadt eutfernt iſt, lauft der Fluß Groß⸗ Kykellew, welcher auf den Bergen Schyk ent⸗ ſpringt, vorbei, nimmt den Fluß Klein⸗Kykel⸗ lew auf, und ergießt ſich nicht weit von Balas⸗ falwa, ein wenig unterhab Ezombar und bei der Stadt Enyedin, in den Fluß Maroſch. Kykellewar iſt eine Meile von Medwiſch gegen Weſt entfernt. Nicht weit von der Feſte lauft Klein⸗Kyrkellew. Die Feſte mit einigen herum⸗ liegenden Doͤrfern beſaß als Geſchenk der ungariſchen Koͤnige der Woywode der Moldau, Namens Peter. Sie hat trefflichen Wein und andere Dinge im Ueber⸗ kuh Die Stadt Millenbach, nicht weit von Weiſenburg, liegt auf einer Ebene, iſt rings mit fiſchreichen Waͤſſern und nicht gar guten Vo um geben. Sie, augeblich der erſte Sitz der Sachſen, hat ſchoͤne Gebaͤude. Nicht weit von dieſer Stadt lie⸗ gen die Staͤdte Wynez und Borboreck, welche 33 den Ungariſchen Koͤnigen gehoͤren. Auf dem Moraſch wird das Satz nach Ungarn gefahren. Auf dem Gi⸗ pfel eines kleinen Berges wurde das Franziskanerklo⸗ ſter vor einigen Jahren durch innere Feinde zerſtoͤrt. Die Stadt hat 47 Koͤnigliche Doͤrfer. Klauſenburg auf einer ſehr ſchoͤnen Ebene, hat Mauern und praͤchtige Gebaͤude. Sachſen., ge⸗ miſcht mit Ungarn, bewohnen ſie. Jaͤhrlich erwaͤhlen beide durch Stimmen⸗Mehrheit ihren NRichter und ihre Raͤthe. Nicht weit von hier lauft der Chr yſus, welcher Ungarn von Siebenbuͤrgen ſcheidet, aus den Daziſchen Gebirgen, welche an Ungarn graͤnzen, „zwiſchen rauhen und ſteilen Bergen in beſtaͤndigen Kruͤmmungen und eilenden Laufes. Hier wohnen die Wallachen in verlaſſenen Gebaͤuden, von ihren Herden und von Fiſchen lebend. Dieſer fiſchreiche Fluß ſcheint von dem griechiſchen Worte xvbv's, weil er viel Gold mit ſich fuͤhrt, ſeinen Namen erhalten zu haben. Nicht weit von dieſer Stadt ragen gegen Weſt 2 ſehr hohe, gegen einander ſtehende Felſen hervor, durch welche dieſer kleine Fluß eilenden Laufes ſtuͤrzt. Weiſſenburg, eine ſehr alte Stadt, der Sitz eines Biſchoffes, ehemals Zarmy;, iſt mit den 7 ſaͤchſiſchen Geſpannſchaften verbunden. Sie lieat auf einem abhaͤngigen Huͤgel, rings von einer 2000 Schritte langen Ebene umgeben. Oeſtlich fließt der Maroſch, 23tes B. Siebenbürgen r. I. 1. 5 34 auf der andern Seite der von den Ungarn genannte Fluß Ompay. Auf der Weſtſeite umgibt ſie bis zu dem Berge des h. Michael, auf welchem ein Kaſtell des h. Michael iſt, welches noch aus den Zeiten der Roͤmer ſtammt, wie die Alterthuͤmer beweiſen, welche man in Menge ſehen kann, eine ſchoͤne Ebene. Ge⸗ gen Norden breitet ſich noch dieſelbe Ebene aus. Der Fluß Maroſch iſt 2 Meilen von der Stadt entfernt:; ehemals ſoll er durch die Mitten derſelben gefloſ⸗ ſen ſeyn, wie die Ruinen und zerſtoͤrten alten Grab⸗ maͤler beweiſen. Die Laͤnge und Breite der Stadt ſoll ehemals 5000 Fuß betragen haben. Innſchriften und Grabmaͤler zeugen dafuͤr, daß ſie ehemals die Gothen bewohnt hatten. 3 Von Weiſſenburg liegen gegen Weſten ſehr hohe und ſchwer zu beſteigende Berge mit gold⸗ und ſilberreichen Gebirgs⸗Staͤdten; deren vorzuͤglichſte Abrugbanija mit einem von Johann Hunia⸗ des geſtifteten Prieſter⸗Kollegium iſt. Sie liefert viel Gold in die Muͤnze nach Hermannſtadt. Abrugbanija iſt von Weiſſenburg 5 Mei⸗ len entfernt. Auf demſelben Wege liegt auch die Stadt Zalathna, welche die Wallachen bewohnen. Fuͤr ihre fruͤhere Groͤße ſprechen ihre alten Denkmaͤler. Zazwaras, von den Sachſen Bros genannt, gegen Suͤd eine Meile von Kenyer, liegt an dem Fluße Maroſch in einer ſehr wein⸗ und getreidrei⸗ chen Gegend. Die Einwohner ſind ſehr gebildet, naͤ⸗ 35 hern ſich in Gebraͤuchen, Kleidung und Nahrung den Wallachen, welche auf dem Lande in einigen verlaſſe⸗ nen Wohnungen ſich aufhalten, das Klima iſt ſehr an⸗ genehm. Die ſehr dichten Waͤlder ernaͤhren Haſen, Damhirſche und gemeine Hirſche in großer Menge; die Waͤſſer haben die beſten Fiſche. Von Zazwaras kommt man uͤber waldige Berg⸗ ruͤcken nach 2 Meilen in ein kleines Land an dem aͤuſ⸗ ſerſten Winkel Siebenbuͤrgens, in welchem die Stadt Haczak liegt. Dieſe Provinz iſt von dem uͤb⸗ rigen Reiche getrennt und rings von ſehr hohen Ber⸗ gen umgeben, vorzuͤglich gegen Oſt und Suͤd, wo ein ſehr geraͤumiger Eingang zur Wallachei fuͤhrt. Sie breitet ſich s Meilen aus, und fuͤhrt den Namen Hac⸗ zas; die Stadt gleiches Namens bewohnen die Wal⸗ lachen mit Pannoniern vermiſcht. Im Suͤden dieſer Provinz ſieht man noch den Grund einer ſehr großen Stadt, und die eingefallenen Waͤnde der Haͤuſer. Der Ort heißt Varheli. Aus den Truͤmmern graben die Wallachen koſtbare Steine, und goldene und ſilberne Muͤnzen. Sargetia, ein Fluß Siebenbuͤrgen', wel⸗ cher zur Reſidenzſtadt Zarmyz des Koͤnigs Dezebal fließt, beſpuͤhlt jetzt das Schloß der Huniaden. Die Schaͤtze, welche Dezebal an den ſeichten Stellen die⸗ ſes Flußes verborgen hatte, ſoll nach deſſen Beſiegung der Kaiſer Drajan gefunden haben. Die große Stadt Zarmis, der Sitz Deiebal'’s 36 erhielt nach deſſen Beſiegung den Namen Ulpia Tra⸗ jang. In dieſer Provinz ſind ſehr reiche Gold⸗ und Silber⸗Berge, wie Abrugbania, Zalathnia und Keresbania. Abrugbania, eine goldreiche Stadt, iſt rings mit ſehr fruchtbaren Bergen umgeben. Sie war, wie eine roͤmiſche Provinz. Zalathnya ward zu den Zeiten des Kaiſers Trajan gegruͤndet, und hatte beruͤhmte Goldgruben. Keresbania eine ſchoͤn gelegene Stadt an ei⸗ nem Bergabhange bewohnen Sachſen und Wallachen untereinander gemiſcht, von welchen jene Laͤnder haͤufig gepluͤndert werden. Von der Beſchreibung der Staͤdte wenden wir uns zu den Fluͤſſen. Der Maroſch, der goldfuͤh⸗ rende Fluß Siebenbuͤrgens, entſpringt aus den Bergen Siebenbuͤrgen', welche an die Moldau graͤnzen, fließt von Ciculien nach Dazien, und von da nach Tyſſia, und ergießt ſich in die Donau. Hier wird das Koͤnigliche Salz nach Un garn gefuͤhrt. Der Zamos entſpringt nicht weit von dem Fluße Chryſus auf den an die Moldau graͤnzenden Ber⸗ gen Daziens, ſtroͤmt gegen Oſt, bei dem Biſchoͤffli⸗ chen Schloße Gywla vorbei, gegen Suͤd, bewaͤſſert die Stadt Klauſenbury“, und wendet ſich in einem engen Buſen aͤhnlichen Bette gegen Oſt. Gemeiniglich nennt man den Fluß Zamos. Nicht weit von Noͤ⸗ 37 ſen fließt er uͤber eine Ebene, und ſtuͤrzt ſich mit dem Fluſſe Thybiseus nach Ungarn. Auf den Bergen Abrug entſpringt der Fluß Au⸗ ratus, lleßt bei Torda vorbei, und ergießt ſich oberhalb Nadyhlak in den Maro ſch an einem en⸗ gen Bette; nachdem er mehre Waͤſſer aufgenommen, durchſchneidet er Siebenbuͤrgen, fließt bei den Staͤdten Zeckelwaſſarhel, Enyedum, Weiſ⸗ fenburg, Dewan und Lyppia vorbei, und verei⸗ nigt ſich nicht weit von Zegedin in Ungarn mit dem Thybiscus. Der Fluß iſt ſchiffbar. Alles, wel⸗ ches aus Siebenbuͤrgen gefuͤhrt wird, wird in Zege⸗ din niedergelegt, und durch ganz Ungarn und uͤber den Thybise nach Belgrad und Servien ge⸗ fuͤhyt. Georg Reychersdorf Beſchreibung des Fürſtenthums Moldau. Zwei gleich breite, ſchiffbare und ſehr tiefe Fluͤſſe umziehen in ungeheuren Kruͤmmungen die Moldau. Naͤmlich der Dnieper(Boryſthenes) und die Mol⸗ dau, von welcher das Land ſeinen Namen erhielt. Am Hafen des Dnieper's liegt das Schloß Cho⸗ tyna; er ergießt ſich nahe bei dem ſehr befeſtigten Schloſſe Feijewar, nachdem er zuerſt die Moldau durchfloſſen, in das weiße Meer. Nicht weit da⸗ von beruͤhrt er die Stadt Snatyna, welche die Moldau von Rußland trennt. Die Laͤnge der Moldau bis zu den Bergen Siebenbuͤrgens, der aͤußerſten Graͤnze derſelben, betraͤgt 64 Meilen. Ueber dieſe Berge kommt man in 2 Tagen auf einem ſehr rauhen und engen Wege nach Kronſtadt, und durch 39 die benachbarten Graͤnzen Cieuliens in das Land Bartza. Kronſtadt iſt rings von Bergen umgeben und wohl befeſtigt; ſie trennt durch die genannten Berge die Moldau von Siebenbuͤrgen. Gegen Nor⸗ den graͤnzen an dieſes Land die Wallachei und Bulgarei zwiſchen der Donau und der Thyra. Die Wallachei, ein geraͤumiges Land, an die Tuͤrkei graͤnzend, war ehemals den ungariſchen Ko⸗ nigen zinsbar, jetzt aber ſchmachtet ſie unter der Ty⸗ rannei der Tuͤrken. Sie wird durch ſehr hohe und fortlaufende Bergketten, die zuweilen mit Waͤldern bedeckt ſind, von Ungarn und Siebenbuͤrgen getrennt. Die Wallachei ſoll ihren Namen von dem Roͤ⸗ mer Flakkus erhalten haben; nach andern Schrift⸗ ſtellern ſollen die Wallachen unter Trajan nach Dazien gefuͤhrt worden ſeyn, und bald die Sitten der Getten angenommen haben. Fuͤr ihren roͤmi⸗ ſchen Urſprung zeugt jetzt nichts mehr, als ihre ver⸗ dorbene roͤmiſche Sprache. Die Moldauer, in Kleidung, Gebraͤuchen und Sitten ihren Ahnen aͤhnlich, gebrauchen gleiche Waf⸗ fen, wie die Ungarn. Sie ſind wild und ſehr bar⸗ bariſch, aber geuͤbte Krieger. Sie verehren Chriſtus und die h. Apoſtel, und haben nach ihrer Auſſage die Lehre des h. Paulus. Bei ihnen wohnen Na⸗ tionen verſchiedener Sekten und Religionen, wie Ru⸗ 40 thener, Sarmaten, Naſcianer, Armenier, Bulgaren und Tartaren. Jedes dieſer Voͤlker bedient ſich ſeiner eigenen Zeremonien. Von der Be⸗ ſchreibung der Moldauer wollen wir uns zur Schil⸗ derung der uͤbrigen Voͤlker wenden. Die Taytaren in dieſem Lande haben 500 eigene Sitze, leiſten dem Woywoden den Eid der Treue, und muͤſſen bei Kriegszeiten ihre Mannſchaft in das Feld ſtellen. Sie ſind ein wildes Volk, und leben vom Pferdefleiſch.. Die Ruthener, ehemals Bewohner der Pro⸗ vinz Narbon, Graͤnz⸗Nachbarn der Averner und Sanktonen, wohnen unter den Moldauern, Polen, Tartarn, und den Anwohnern der Kar⸗ vathen. Ihre Sprache unterſcheidet ſich wenig von der Polniſchen. Ihr Land heißt Rußland, welches der hereyniſche Wald in der Mitte theilt. Sie bekennen ſich zur Lehre des h. Paulus. Die Pruthener, die aͤußerſten Voͤlker Germa⸗ niens, die Hernionen Mela's, wohnen uͤber das weſtliche Pommern hinaus an der Nordſeite der Kuͤſte des Ozean, theils an der Oſtſeite von Li⸗ vonien, und werden von Lithauen umgeben. Die mittaͤgigen Gegenden bewohnen die Maſowi⸗ ten und Polen; die Hauptſtadt des Landes iſt Danzig, eine durch ihren Handel beruͤhmte Kuͤſten⸗ ſtadt, welche die Weichſel beſpuͤhlt, die ſich bald in den Ozean ergießt, 41 Sarmatien, das aͤußerſte Land Europas, rech⸗ net Mela zu Teutſchland; die Neueren nicht. Die beruͤhmteſten Orte und Feſtungen ſind: Swo⸗ zowa, Chotijna, Nempzs, Romaniwiwar, Bahloijazwar, Wazlo, Zoruca und Orhe. Ferner Huͤztwarus, Tataros, Bearlot und Romanwaſar, und andere. Der Woywode und Fuͤrſt der Moldau, ernaͤhrt an ſeinem Hofe von ſeinem Einkommen 3000 Reiter, welche allezeit bewaffnet ſind, und ihren Herrn uͤber⸗ all begleiten. Der Woywode kann bei Kriegszeiten mit leichter Muͤhe 60,000 Mann in das Feld ſtellen. Die Moldau ernaͤhrt praͤchtige tuͤrkiſche Pferde, Wallachen, Aſturier und andere Pferde in großer Menge. Der Woywode muß jaͤhrlich zur Sicherheit ſeiner Provinz soo ſehr ſchoͤne Pferde, 300 Falken, und eine bedeutende Summe Dukaten dem tuͤrkiſchen Kaiſer als Tribut bezahlen. Die Soͤhne des Woywoden fol⸗ gen ihrem Vater in der Verwaltung nach, ſeien ſie in der geſetzmaͤßigen Ehe erzeugt oder nicht. Dem neu⸗ gebornen Kinde wird mit einem gluͤhenden Eiſen ein Zeichen am Koͤrper eingebrannt, um es deſto ſicherer in ſeinen Juͤnglingsjahren erkennen zu koͤnnen. Aus Herrſch⸗Begierde trachten die Soͤhne oft einander nach dem Leben. Die Fahrzeuge, deren man ſich bedient, von den Teutſchen Pruckſchiff genannt, ſind Floſſe aus 42 zuſammengelegten Balken durch Latten verbunden. Sie gebrauchen dieſelben vorzuͤglich in der Abſicht, da⸗ mit die Feinde nicht durch eine ſchnelle Bewegung ihre Provinz uͤberfallen und zu Grunde richten koͤnnen. Geſandte duͤrfen ſich kleiner Fahrzeuge bedienen. Die Woywoden verſuchten oft zu ihrem Ungluͤeke die Macht des tuͤrkiſchen Kaiſers, und verloren die Herrſchaft und das Reich. Die Woywoden der Moldau beſtrafen mit der groͤßten Grauſamkeit und Strenge auch die geringſten Vergehungen ihrer Unter⸗ gebenen. Das Ausſtechen der Augen und das haͤu⸗ fige Verſtuͤmmeln der Glieder der Einwohner mag dafuͤr als Beweis dienen. In großer Menge ſtroͤmen dieſe Ungluͤcklichen zur Reſidenz des Woywoden, und und flehen ihn um ein Almoſen an, der ſie auch guͤ tig an ſeinem Hofe bewirthet. Fremde, ſie moͤgen Verbrechen jeder Art begangen haben, finden bei ihnen den ſicherſten Zufluchtsort. Oft unterliegen dieſe grauſamen Woywoden ent⸗ weder den Nachſtellungen ihrer Unterthanen, oder den haͤufigen Einfaͤllen der Tartaren und Tuͤrken, wenn ſie nicht mit ihnen Vertraͤge geſchloſſen haben. Wenn man aus der Moldau durch das untere Rußland, welches an das Koͤnigreich Polen graͤnzt, von Podolien nach Ungarn gegen Marmaruß, Munkacz und Beregh reiſt, ſo ſieht man ſchoͤne und große Geſielde, weiche von dem Fluße Pruth, der die Moldau und Polen trennt, durchſchnitten„ 43 werden. Von da fuͤhren fortlaufend ſehr hohe Berg⸗ reihen mit einem ſehr engen und beſchwerlichen Wege bis nach Ungarn. 1 Die Moldau hat ſchoͤne Ebenen und Thaͤler, Staͤdte und verſchiedene Beſitzungen. Durch Kunſt oder Fleiß befeſtigte Staͤdte und Burgen fehlen ihr; nur die Burg Nempzs auf einem ſehr hohen Berge iſt mit Mauern umgeben. Auch ſind noch mit ſtarken Mauern umgeben das Schloß Romaniiwar auf einer Ebene am Fluße Zered, welcher ſich in die Donau ergießt, und das Schloß Romanwaſar. Die Donau umfließt ſie auf 2 Seiten, und trennt ſie von einander. Das eine liegt in der Moldau, das andere in der Wallachei. Auf, gleiche Weiſe trennt die Donau die vom Hafen des Fluſſes entfernten Staͤdte Barilla und Galaczsz ſie liegen in einer ſchoͤnen Gegend. Das Land hat Gold⸗ und Silberberg⸗ werke, Salzgruben, Aecker, Weinberge, Vieh, Fiſch⸗ teiche und See'n; das Klima iſt milde. Im ganzen Lande bedient man ſich der alten ungariſchen Muͤnzen, auch ſind ungariſche und tuͤrki⸗ ſche Aſper im Gange. IV. Reiſe des Jeſuiten, Philipp Av⸗ ril, durch den Orient, die Tatarei, Ruß⸗ land, Polen und die Moldau*). Aus dem Franzöſiſchen bearbeitet von Dr. Leutbecher. Ein leitung. Die Verbreitung des Chriſtenthums in dem unge⸗ heueren Reiche von China war lange Zeit ſchon an⸗ gelegentlichſter Wunſch und erhabenes Ziel der Jeſui⸗ ten. Nach und nach waren ſaſt ſechs Hundert ihrer *) Voyage en divers états d'Europe et d'Asie, entrepris pour decouvrir un nouveau chemin à la chince. Avec une description de la grande Tartarie, et des differens Peuples, qui Thabi- tent. A, Paris ches J- Boudot. 1005. 12. 45. Miſſtonaͤre theils freiwillig dahin abgegangen, theils abgeſendet worden von ihren Oberen; allein die wenig⸗ ſten erreichten den Ort ihrer Beſtimmung. Fuͤnf Hun⸗ dert derſelben fanden ihren Tod entweder in den Wel⸗ len der zu uͤberfahrenden Meere, oder durch Krankhei⸗ ten, welche ihnen die muͤhevollſte Reiſe zuzog, oder ſie felen auch in die Haͤnde der Seeraͤuber. So viel Schwierigkeiten es auch hatte, zu dem vorgeſetzten Ziele zu gelaugen; ſo war man doch nicht geſonnen, durch die erlittenen Unfaͤlle und Verluſte ſich davon abhalten zu laſſen. Man beſchloß vielmehr, den Vor⸗ ſchlag eines gewiſſen, durch ſeine Miſſion in China beruͤhmten Jeſuiten, Ferdinand Ve rbilſt, den auch ſchon andere Jeſuiten vor ihm gemacht hatten, zu beher⸗ zigen, und nach Moͤglichkeit in Ausfuͤhrung zu brin⸗ gen, naͤmlich: ſtatt wie bisher uͤber das Meer, ſo zu Lande einen Weg nach China zu ſuchen. Man hatte die Ueberzeugung gewonnen, daß dann leichter eine groͤßere Anzahl von Geiſtlichen in ein Land gebracht werden koͤnnten, wo das Licht des Evangeliums ein⸗ mal angezuͤndet war, und ſo herrlich glimmte, daß es Unrecht geweſen waͤre, es wieder verloͤſchen zu laſſen. Unter mehreren Maͤnnern, die ſich zur Ausfuͤhrung dieſer Unternehmung bereit finden ließen, ward Avri] gewaͤhlt. Dieſer Jeſuite ſollte den Miſſtonaͤr Bar⸗ nabas im Oriente aufſuchen: denn dieſer hatte eben auch den auszufuͤhrenden Plan mehrmals ſeinen Obe⸗ ren in Frankreich angedeutet. Mit demſelben ſollte er 46 dann das Unternehmen, ſo viel wie moͤglich, zu einen erfreulichen Reſultat kommen laſſen.— Ich beſchreibe Avril' Reiſen, und theile daraus das Weſentliche uͤber die Tuͤrkei, uͤber Perſien, Armenien, uͤber die mittaͤgige Tartarey, Moſcovien, Polen, den einen und andern Theil von Preuſſen, und uͤber die Moldau, mit, ſo wie es der durch dieſe Laͤnder gekommene Miſſionaͤr ſelbſt uns mitgetheilt hat. Erſtes Buch. Reiſe in den Orient. Ehe Avril von Paris abreiſete, wanderte er erſt noch einmal auf den M ontmartre. Dort ſollte ihn eine nochmalige einſame Erinnerung an die Heili⸗ gen ſeiner Kirche, Ignaz und Franz Faver, zu ſeiner großen und in vielfacher Hinſicht wichtigen Miſ⸗ ſion begeiſtern. Dort flehte er zu Gott um Gnade und Beiſtand in ſeinem Vorhaben. Dann begab er ſich in Geſellſchaft des Pater Couplet nach Lyon. Von da zog Avril allein nach Marſeille, wo er ſich einſchiffen wollte. Hier hatte er nach einigen Tagen das entzuͤckende Vergnuͤgen, ſeinen Bruder zu umar⸗ men, der hierher geeilt war, um mit ihm alle Gefah⸗ ren und Muͤhen eines ſo ſchwierigen Geſchaͤftes, als das eines Miſſionaͤres iſt„ iu theilen.— Die Reiſe — 47 ward nun gemeinſchaftlich fortgeſetzt. Bald kam ntan in Civitavechia, und von da zu Rom ſelbſt an. Hier nahm der damalige General der Jeſuiten, Char⸗ les de Noyelle, Philipp Avril's Bruder in den Orden auf, und ertheilte dann beiden unter den ſprechendſten Beweiſen eines ausgezeichneten vaͤterli⸗ chen Wohlwollens ſeinen Seegen. Von Rom nach Livorno wanrd die Reiſe in einem Poſtwagen gemacht. Zu Livorno wollte man zwar nicht lange ſaͤumen, und bald moͤglichſt auf einem Kauffahrer⸗Schiffe in den Orient zu kommen ſuchen; allein die eintretenden Weihnachts⸗Feſttage verzoͤgerten die Abreiſe doch mehr, als man geglaubt hatte. Die Feſttage waren vorbei, und zwei Fahrzeuge ſchickten ſich an, den Hafen von Li vorno zu verlaſ⸗ ſen, um mit dem eingetretenen guͤnſtigen Winde dem Oriente zuzuſegeln. Der dreizehnte Januar 1685 war der Tag der Abfahrt. Am naͤchſten Tage— ſo gluͤck⸗ lich begann die Reiſe— hatte man ſchon die Inſeln Capraia, Elba und SBardinien aus dem Geſichte verioren. Gegen den 18. Januar trat jedoch eine auſ⸗ ſerordentlich widrige Windſtille ein, und an dem 21. deſſelben Monats noͤthigte die Reiſenden ein wuͤthen⸗ der Sturm an die Inſel Handia. Dieſer Orkan brach in der Nacht aus, und verſetzte die Schiffe in nicht geringe Gefahr. Je mehr aber der Tag heran nahete, um ſo heftiger wuͤthete auch das aufgeregte Element, ſo daß bald Wogen⸗Berge, bald Wogen⸗ Abgründe den Untergang draͤueten, und ſelbſt das Se⸗ gel des Bogſpriets faſt ganz eingezogen werden mußte. Dabei rauſchte das Meer fuͤrchterlich, und das Toben der Windes wollte gar nicht enden. Das Schiffs⸗Volk kam endlich der Verzweiflung nahe, und der Kapitaͤn glaubte ſelbſt, er wuͤrde zuletzt, im Falle er ſein Schiff nicht retten koͤnnte, um doch wenigſtens ſich und ſeine Leute zu retten, genoͤthigt ſeyn, an den Kuͤſten der Barbarei ſein Fahrzeug auf den Strand laufen zu laſſen. Man bot jedoch alle Kraͤfte auf, das Schiff ge⸗ gen die Gewalt des Orkans zu vertheidigen, und war, als der Sturm nachzulaſſen begann, wieder ſo gluͤcklich, daſſelbe auf den verlornen Weg zuruͤck zu bringen. Mit dem lauteſten Jubel begruͤßete man nach einer gefahrenvollen zwoͤlftaͤgigen Fahrt die Inſel Cypern. Vor der Abfahrt von Livorno war mit. einem anderen großen und ſchnellſegelnden Kauffahrer verab⸗ redet worden, auf der Rhede von Lerneka zuſam menzutreffen. Man wendete ſich dahin; traf aber lei⸗ der den Jupiter Fou⸗ oyant,— ſo hieß das erwartete Schiff— nicht an. Das eigene Fahrzeug auszubeſſern, und den Jupiter zu erwarten, beſchloß der Kapitaͤn eine Ausſchiffung. Lerneka war einſt eine große Stadt, und liegt eine Viertels⸗Meile vom Meere auf der Guͤdſeite der , und 1 Inſel Cypern. Sie hatte bedeutenden Handel ein ſehr angenehmes Kapuziner⸗Kloſter. In dieſem wurde unſern Reiſenden glie Freundlichkeit und Ent⸗ 49 ſchaͤdigung fuͤr die ausgeſ andenen Unruhen und Schrek⸗ ken des Sturmes zu Theil. 3 Die Fruchtbarkeit der Inſel Cypern iſt groß, und man findet daſelbſt einen Ueberfluß an allen Be⸗ quemlichkeiten des Lebens. Die Weine ſind vortreff⸗ lich, alle Fruͤchte koͤtlich, und die Citronen, Orangen und Limonen koſten faſt gar nichts. Nur an ſuͤſſem Waſſer iſt Mangel; davon hat die ganze Inſel nicht mehr als eine einzige Quelle, die ſich, was wunder⸗ bar und einer Unterſuchung der Phyſiker werth iſt, noch dazu ganz nahe an dem ſalzigen Meere befindet. Nach einigen Tangen traf der Jupiter Fou⸗ droyant ein, wiewohl von dem Sturme eben falls ſehr beſchaͤdigt, und mit demſelben zugleich noch ein anderes Schiff aus Marſeille, welches nach Ale⸗ randrette beſtimmt war. Mit dieſem letzten gin⸗ gen unſere Reiſenden weiter. Die Fahrt war gluͤck⸗ lich durch guͤnſtigen Nordwind, und man kam bald in Alexandrette an. Dieſes Dorf, von den Duͤrken Seanderone ge⸗ nannt, liegt am Ufer des Meeres in einer ungeſunden Tiefe. Auf allen Seiten iſt er mit Bergen umgeben, und ſeine Luft iſt ſehr dicht. Daher kommen die dort ſehr haͤuſgen und heftigen Krankheiten. In eir au ſo gefaͤhrlichen Klima wollten die Reiſenden nicht lange bleiben; allein ſie mußten ſich dennoch drei ganze Wochen gedulden, bis die Wege, welche damals durch 23tes B. Siebenbürgen ꝛzc. I. 1. 4 50 die von Aſien nach Konſtantinopel marſchirenden Truppen beſetzt waren, etwas leer geworden ſind. Kaum war man an das Land geſtiegen, ſo hatte Ayril das Vergnuͤgen zu bemerken, wie hier der Kommiſſaͤr eines Kaufmannes von Aleppo demſelben brieflich durch eine Taube kund thun ließ, was fuͤr Schiffe und Waaren aus der Fremde in Alexan⸗ drette angekommen,— wie der Taube auf einer Anhoͤhe die Richtung angezeigt wurde, und nun die⸗ ſelbe frei dahinflog, um nach der Verſicherung des Entſenders in drei Stunden die Nachricht von der Ankunft der Schiffe in die dreiſig Meilen entfernte Stadt zu bringen. Dieſe Tauben⸗Poſt war aber auch das einzige Merkwuͤrdige, was unſer Reiſender waͤh⸗ rend ſeines Aufenthaltes in dieſem erſten Hafen des Orientes ſah. Er wollte wohl die nahe gelegene Stelle beſuchen, wo einſt der Prophet Jonas aus dem Wall⸗ ſiſch⸗Bauche an das Ufer geſpieen wurde. Allein er wurde dadurch abgehalten, daß man ihm ſagte, dieſes Geſtade ſei wegen der immerwaͤhrenden Ausfluͤge raͤu⸗ beriſcher Araber ſehr verrufen, und er koͤnne leicht dieſelben auf das hier vor Auker gegangene Schiff auf⸗ merkſam, und nach deſſen Waaren begierig machen, Er begnuͤgte ſich alſo, nur aus der Ferne die Pyramide zunſehen, die man zum Gedaͤchtniß an dieß erwaͤhnte Wunder errichtet hatte. Von Alexandrette wollten unſere Reiſenden auf den erſten Donnerſtag der Faſtenzeit abreiſen. Bis 4 8 51 dahin bildete ſich naͤmlich eine Karavane von vierzig Perſonen, und mit dieſer wollte man weiter wandern. Unter der Anfuͤhrung eines ſehr angeſehenen Tuͤrken, den man zum Karavanen⸗Baſcha ernannte, ging die Reiſe auch bald vor ſich, da ſich alle Mitreiſenden zeitig an dem Orte des Aufbruches zur bezeichneten Stunde eingefunden hatten. Die erſte Tagsfahrt war kurz, und man lag uͤber Nacht in dem Dorfe Bey⸗ lan, vier oder fuͤnf Meilen von Aexandrette. Den zweiten Tag brach man fruͤhe auf, und durchzog die aͤuſſerſt fruchtbare und anmuthige Ebene von Antiochien, welche fuͤnf bis ſechs Meilen an Aus⸗ dehnung, unzaͤhlige kleine Baͤche und viele Weideplaͤtze hatte, auf welchen letzteren das ganze Jahr zahlreiche Heerden angetroffen wurden. An dem naͤmlichen Tage giugen die Reiſenden noch uͤber den Orontes, einen kleinen Fluß, deſſen Waſſer ſehr truͤbe und roͤthlich iſt. Uebernachtet wurde dann in dem Dorfe Curdes, deß⸗ ſen aͤlteſte Einwohner die Stammrvaͤter des Kurden⸗ volkes geweſen ſeyn ſollen, deſſen heutige aber durch ihre bekannte Raubſucht alle Karavanen und andere Reiſenden zur Wachſamkeit noͤthigen. Der folgende Tagsmarſch war ſehr ermuͤdend. Die ſchlechten und ſteinigen Wege erſchoͤpften ſowohl die Kraͤfte der Fußgaͤnger, als die der Pferde. Man kam au ſchoͤnen Ueberreſten alter Kloͤſter voruͤber, ſah in der Naͤhe die Saͤule des Heiligen Simeon Stilite 8, und unſer Reiſender durchſchritt dieſe Gegenden nicht 4 52 ohne außerordentliche Empfindungen frommer Demuth, welche durch die erwaͤhnten Gegenſtaͤnde in ihm er⸗ weckt werden, ehe man nach dem Flecken Anſchar gelangte, woſelbſt der Karavanen⸗Baſcha eine geraͤu⸗ mige Wohnung hatte, und die Wanderer mit Reis und anderen Landes⸗Fruͤchten erfriſchte. Sonntags den eilften Maͤrz kam man von da zu Alep an. Hier wurden unſere Reiſenden mit allen Beweiſen freundſchaftlicher Geſiunuug von den daſelbſt lebenden Jeſuiten aufgenommen, und es folgten einige Dage der Erholung. Mittlerweile machte der Obere der Miſſionen in Syrien unſere Reiſenden mit dem Mangel an Miſſionaͤren im ganzen Oriente, und mit dem Verluſte vieler vortrefflicher Arbeiter in dem Weinberge des Herrn bekannt, und beſtimmte endlich Avril dahin, auf einige Monate nach Kurdiſtan zu gehen, um dort den Miſſionaͤr Roche in ſeinem Berufe zu unterſtuͤtzen, und ihm ſeine außerordent li ch viele und große Geſchaͤfte zu erleichtern. So ſehr es nun auch Avril ſchmerzte, ſich von feinem Bruder, dem ebenfalls eine andere Miſion auf⸗ getragen ward, zu trennen; ſo eutſprach er doch dem Wunſche des Obern, und traf alsbald Anſtalt, mit einer zahlreichen Karavane nach Betlis, der Haupt⸗ ſtadt von Kurdiſtan, zu ziehen. Er ſchloß ſich vor⸗ zuͤglich au einen armeniſchen Kaufmann, welcher den Jeſuiten ſehr zugethan zu ſeyn ſchien, und traf mit demſelben am zwanzigſten Maͤrz bei der Karavane ein. 53 Dieſe brach, um nach dem aberglaͤubiſchen Wahne recht gluͤcklich zu reiſen, an einem Freitage Abends auf. Der Weg fuͤhrte anfangs durch mehrere wuͤſte Gegenden von Syrien. Man ſah das beruͤhmte Edeſſa, welches die Duͤrken Orpha nannten, und kam bald, der kleinen Stadt Biréh gegenuͤber, an die Ufer des Euphrat.. Bis hieher war Avril mit ſeinem Armenier ziem⸗ lich zufrieden geweſen. Bei dem Uebergange uͤber den Euphrat aber, mußte er ſich gefallen laſſen, daß er durch Tuͤcke den Tuͤrken, die, um groͤßern Geldgewinn von den Reiſenden zu haben, den Uebergang uͤber den Fluß erſchweren, in die Haͤnde fiel, und ſowohl fuͤr ſich, als fuͤr den liſtigen Kaufmann, der dadurch ſeine Waaren rettete, eine betraͤchtliche Loskaufs⸗Summe zu zahlen. Doch dieß war nicht das einzige Unange⸗ nehme dieſer Reiſe. Die Sbenen von Meſopo⸗ tamien, wo die Reiſenden nun wanderten, ſetzten Avril'’s Geſundheit auf eine ſtarke Probe. Die ſtren⸗ gen Faſten, zu denen er gerade in dieſer Jahreszeit verbunden war nach den Geſetzen ſeiner Kirche, ſchwaͤch⸗ ten ihn von Tag zu Tag mehr. Die Reiſen mit den Karavanen ſelbſt behagten ihm nicht ſehr, weil ſie ihm eben keine ſonderlichen Erleichterungen ſeiner Be⸗ ſchwerden boten. Der taͤgliche und gewoͤhnlich ſehr fruͤhe Aufbruch der Karavane, das unausgeſetzte Fort⸗ ruͤcken derſelben bis um die Mittagszeit, oder auch ſo lange bis man eine fuͤr Menſchen und Pferde erquik⸗ 54 kende Quelle fand, dann die nur kurze Ruhe, das ſpar⸗ ſame Fruͤhſtuͤck und Mittagsmahl, welches gemeinig⸗ lich nur aus Obſt und Backwerk beſtand, endlich das Uebernachten auf freiem Felde, ohne gegen Wind und Wetter hinlaͤnglichen Schutz zu haben, und wobei man ſelten aus Furcht vor raͤuberiſchen Arabern ſich dem Schlafe uͤberlaſſen konnte. Dies alles war fuͤr Avril ſehr auſtrengend und abmattend, und er war daher außerordentlich froh, als er nach einer Wanderung von fuͤnfzehn Tagen in Diarbekr, der Hauptſtadt von Meſopotamien, anlangte, und hier ſeiner leidenden Geſundheit wieder etwas aufhelfen konnte. Diarbekr iſt eine von den bevoͤlkertſten und gewerbreichſten Staͤdten in der ganzen Tuͤrkei. Sie liegt in einer bezaubernden Ebene an den Ufern des Tigris, welcher von Reiſenden oft faͤlſchlich mit dem Chobar verwechſelt wird. Die aus der Zeit des griechiſchen Kaiſerthum ſtammenden Mauern der Stadt fand Avril in einem noch ſehr guten Zuſtande. Der Handel war betraͤchtlich, beſonders in rother Leinwand, in Kattun und Maroquin, und wurde vorzuͤglich ſtark nach Ungarn, Polen und Rußland getrieben. Die Frauen, die ſonſt in dem ganzen ottomaniſchen Reiche faſt vollkkommene Selavinnen, waren in Diarbekr ziemlich frei. Sie luſtwandelten mit chriſtlichen Frauen umher, und lebten mit dieſen auf einem anſtaͤndigen geſelligen Fuße. Ueberhaupt fand Avril die Bewoh⸗ ner dieſer Stadt von Gemuͤth gut, und er will auch 55 an ihnen etwaz mehr Anmuth bemerkt haben, als er nach dieſer Hinſicht in andern tuͤrkiſchen Provinzen gefunden hatte. Avril kehrte zu Diarbekr in dem dortigen Kapuziner⸗Kloſter ein, wo er herzlich und mit den lebhafteſten Aeußerungen der Freude aufgenommen wurde. Beſonders angenehm war es ihm, von dieſen als guten Aerzten weit und breit bekannten Moͤnchen ſeine Geſundheit bald wieder hergeſtellt zu ſehen. Zu dieſer Freude kam noch eine andere. Er hatte ſchon laͤngſt gewuͤnſcht, recht bald mit dem Miſſionaͤr Bar⸗ nabas zuſammen zu treffen, hatte aber bisher noch keine Kunde von deſſen Aufenthalte erfahren koͤnnen. Dieſer Mann war einer von denen geweſen, welche den Verſuch eines Landweges nach China mehrmals dringend empfohlen hatten, und er war dazu auserſe⸗ hen worden, mit Avril gemeinſchaftlich die Ent⸗ deckung deſſelben vorzunehmen. Dieſen kuͤnftigen, laͤngſt erſehnten Gefaͤhrten traf nun Avril ganz un⸗ erwarteter Weiſe in der Naͤhe dieſer Stadt an. Welche Freude beiden ein ſo unerwartetes und erwuͤnſchtes Zuſammentreffen machen mußte, laͤßt ſich leicht denken, zumal, wenn man in Betrachtung zie⸗ hen will, wie ſchmeichelhaft Barnabas die Beruͤck⸗ ſichtigung ſeiner Vorſchlaͤge, und wie angenehm bei⸗ den eine Verbindung zu einem ſolchen Zwecke ſeyn mochte, da ſie beide fuͤr die Ausbreitung des Chri⸗ ſtenth ums gleich eifrig brannten. 6 56 Nachdem man den erſten Gefuͤhlen der Freude und Verwunderung uͤber die Fuͤgung Gottes den ſchuldigen Tribut gezollt hatte, leukte Avril das Geſpraͤch auf den Zweck ſeiner Sendung, durch die große Tartarei und andere aſiatiſche Laͤnder ei⸗ nen Landweg nach China zu finden.„Endlich,“ ſagte Avril zu Barnabas, neudlich, mein theurer Pater, hat der Himmel Ihre Wuͤnſche erhoͤrt. Sie ſind es, welchen er zu der großen Unternehmung, zu welcher Sie den Entwurf gemacht, erwaͤhlt hat, und ich bin Ihnen als der treue Gehuͤlfe bei Ihren Be⸗ muͤhungen bezeichnet. Wie gluͤcklich werden wir zu preiſen ſeyn, wenn wir dieſen wichtigen Weg ent⸗ decken, oder unſer Blut und Leben wagen, um dem Rufe der Gottheit zu folgen, und ſeine Ehre zu ver⸗ breiten!“ 1 Da indeſſen der Vater Barnabas in Auftrag der Miſſionen von Armenien, bevor an die Ausfuͤhrung des Vorbabens gedacht werden konnte, nach Alep wandern mußte, und Avril ſelbſt erſt nach Betlis zu reiſen hatte; ſo verabredeten ſich b ide dahin, ſpaͤter in Erzerum zuſammen zu tref⸗ fen, bis dahin aber bei ihren Karawanen zu bleiben und ihre Obliegenheiten, jener zu Alep, dieſer zu Betlis, zu exfuͤllen. Waͤhrend ſich Barnabas nach dem Euphrat auf den Weg machte, reiſte Avril nach Armenien, und paſſirte den Tigris zum erſten Male, eine 57 Viertels Stunde von der Stadt Diarbekr; uͤber eine ziemlich ſchoͤne ſteinere Bruͤcke. Weniger gluͤcklich, und faſt mit Lebensgefahr ſetzte Avril zum zweiten Male etwas ſraͤter auf einer Faͤhre uͤber den gerade ſehr angeſchwell ten und reiſen⸗ den Strom bei Baſſora, wo er ſich in das Meer ergießt. Er that naͤmlich auf der an ſich ſchon unbe⸗ holfenen Faͤhre einen Fehltritt, und ſtuͤrzte in das Waſſer hinab, als er den auf dem Floſſe befindlichen Pferden ausweichen wollte. Er wurde jedoch ſogleich wieder durch die Mitreiſenden, die ſich zahlreich in das Waſſer ſtuͤrzten, gerettet. Als die ganze Karawane das Ufer gewonnen hatte, bemerkte man nicht weit davon ein Kurden⸗Lager, ohngefaͤhr fuͤnf bis ſechstauſend Mann, unter einer großen Anzahl von Zelten. Dieſe Leute ſtreiften, wie die Araber, umher, und gaben dieſen an Raubſucht nichts nach; das wußte man. Um ihnen zu entgehen, marſchirte die Karawane ſechs Stunden fort, bis man eine kleine Stadt gewann, wo man in Sicherheit war, und wo Avril, der, ſtets in ſeinen triefenden Klei⸗ dern, und durch die Beſchwerden des Weges ſehr er⸗ mattet war, in dem Hauſe eines mitleidigen Chriſten die noͤthige Ruhe, Erquickung und Staͤrkung fand, um den folgenden Tag die Neiſe fortſetzen zu koͤnnen. Nach einem Marſche von zwei Meilen kam man in die Gebirge von Armenien, wo der Schnee uoch 58 ſehr hoch lag. Da die Berge, uͤber welche man kam, nicht durchaus zuſammen hingen, ſo folgte man ei⸗ nem in dem von ihnen gebildeten Thale fließenden kleinen Bache, deſſen bluͤhende und lachende Ufer mit hohen, von Schnee bedeckten Bergen zur Seite, dieſe Gegend, einem Ar kadien nicht unaͤhnlich mach⸗ ten. Die Karawane zog laͤnger als acht Tage in die⸗ ſen Bergen, deren Wege oft ſehr ermuͤdeten, und den Karawanen⸗Gliedern viel Beſchwerde machten, indem ſie oft ihre Pferde am Zaume nach ſich fuͤhren muß⸗ ten,— ſo ſteil und gefaͤhrlich waren dieſe Gebirge zu⸗ weilen. Doch kam man endlich nach einer einen gan⸗ zen Monat langen Reiſe in Betlis an. Der Tag der Ankunft war der Oſtermontag, oder zwei und zwanzigſte April. Der Pater Roche, ſchon von Avrils Ankunft unterrichtet, hatte ſich in der Ka⸗ rawanſerai der Stadt eingefunden, und fuͤhrte Avril ſogleich nach ſeiner Wohnung. Die Zeit ſeines Aufenthaltes zu Betlis ver⸗ wendete unſer Reiſender theils auf die Erlernung der tuͤrkiſchen Sprache, theils auf religioͤſe Unterhaltung mit den Neophyten des Miſſionaͤrs, deren Eifer ſo groß war, daß ſich Avril nichts ſehnlicher wuͤnſchte, als baldmoͤglichſt mit eben ſo gluͤcklichem Erfolge, wie Roche, das Werk der Bekehrung der ungluͤcklichen Heiden zu gluͤcklichen Chriſten treiben zu koͤnnen. Nach einiger Zeit war man in Betlis mit dem Bekehrungs⸗Werke ſo weit vorgeruͤckt, daß die Obe⸗ 59 ren zu Aley die Erlaubniß und Weiſung gaben, dieſe Miſſion zu verlaſſen, um eine neue zu Erzerum zu begruͤnden. Da aber die Vaͤter in der ganzen Stadt ſehr geliebt waren; da ſelbſt der Emir derſelben ſie fuͤr unentbehrlich hielt, ſo war es nicht ganz leicht, von ihm und von den dortigen Bekehrten Urlaub zu erhalten. Roche und Avril verſuchten daher all⸗ maͤhlig und durch Geſchenke den Divan des Emir, und zuletzt ihn ſelbſt von der Nothwendigkeit ihrer weiten Reiſe zu uͤberzeugen; was Ueberredung nicht vermochte, das erwirkte endlich Avril, ein geſchick⸗ ter Uhrmacher, durch das Geſchenk einer franzoͤſiſchen Taſchenuhr an den Emir. Weil Avril vorgab, er verſtehe die Sprache des Landes noch nicht hinlaͤng⸗ lich, ſo wurde auch Roche beurlaubt, um den gefeier⸗ ten und dewunderten Uhrmacher als Dolmetſcher zu begleiten. Mit guten Pferden von dem Emir beſchenkt, und mit einem gusreichenden Paſſe verſehen, ſchloßen ſich nun alsbald unſere Reiſenden an eine ſchon acht Tage von den Zoͤllnern des Emir aufgehaltene Han⸗ dels⸗Karawane, welche nach Erzerum beſtimmt war; und dieſe Reiſe, ohne bedeutende Unfaͤlle vollbracht, dauerte nicht laͤnger als zehn Tage. Das, was April von den Ereigniſſen auf dieſer Wanderung erzaͤhlt hat, und bemerkt zu werden ver⸗ dient) iſt etwa der Umſtand, daß bei dem Uebergange uͤber den Suphrat fuͤnf Kurden wagten, dem Nach⸗ trabe der zahlreichen Kaxawane einige Pferde davon 60 zu fuͤhren, daß dann zwei Tuͤrken unter der Karawane daruͤber ſich zankten und raufen wollten, weil der Eine dem Anderen vorgeworfen hatte, er habe ſeine Ge⸗ bete nicht puͤnktlich verrichtet, wie der Koran vor⸗ ſchreibe, daß es geſchehen ſollte. Erzerum oder Arzeron iſt eine tuͤrkiſche Stadt, nach Avrils Bericht, Graͤnzfeſtung von Perſien, und liegt in einer augenehmen Ebene von ſieben bis acht Meilen Umfangs. Dieſe Ebene wird auf allen Seiten von kleinen Huͤgeln umgeben, auf welchen drei Fluͤſſe ihren Urſprung haben. Die Stadt ſelbſt iſt etwa ſo groß, wie Marſeille, hat eine doppelte Mauer in antiker Form, und eine kleine hohe Cita⸗ delle, welche dieſelbe beherrſcht. Die Luft der Stadt iſt geſund, die Waſſermenge iſt vortrefflich, und die Bevoͤlkerung zahlreich. Zu einem Miſſions⸗Orte fand man ſie beſonders deßhalb ſehr geeignet, weil da⸗ ſelbſt des Handels wegen ein Zuſammenfluß von Leu⸗ ten aus allen Nationen Aſiens Statt fand, vorzuͤglich aber viel Armenier dort lebten oder ankamen, die fuͤr Erzerum, als ihre ehemalige Koͤnigsſtadt, beſon⸗ dere Vorliebe hegten. Nachdem man mit einer Reformation der Reli⸗ gions⸗Anſichten unter den Armeniern uͤber die Er⸗ wartung gluͤcklich geweſen war, begab ſich Avril mit dem mittlerweile angekommenen Pater B arna⸗ bas an die Ausfuͤhrung des fruͤher erwaͤhnten und beſprochenen Verſuches. Barnabas reiſete voraus 61 nach Erivan, um ſich dort bei den Indiern und Usbeken nach dem Wege von China genau zu er⸗ kundigen, waͤhrend Avril noch bis auf weitere Wei⸗ ſung ſeine Bekehrungs⸗Geſchaͤfte in Erzerum, und ſeine Studien der türkiſchen Sprache fortſetzte. Als Aoril die Weiſung zur Abreiſe erhalten hatte, erfuhr die Stadt Erzerum ein Erdbeben, welches ſo ſtark war, daß ſich jedermann fuͤr verloren hielt, und Avril ſelbſt fuͤrchrete, er moͤchte unter den Mauern ſeiner Wohnung begraben werden. Es ging jedoch ohne bedeutenden Schaden voruͤber. Da dieſe Errig⸗ niſſe in Armenien etwas gewoͤhnliches ſind, wegen der wunderbaren Menge der in ſeinen Provinzen vor⸗ handenen Berge; ſo ergreifen die Leute auch ſelten ein anderes Mittel, ſich zu retten, als die Staͤdte zu verlaſſen, und einſtweilen unter Zelte auf das freie 3 Feld ſich zu begeben. Uebrigens ſieht man ſie aber 1 nicht ſehr erzittern. 1 Das Erdbeben war voruͤber, und Avril machte ſich ſogleich auf den Weg, um ſich mit Barnabas zu vereinigen, der nur auf des erſteren Ankunft harr⸗ te, um ſich ſofort nach dem kafpiſchen Meere zu begeben, und ſich auf moskovitiſche Schiffe ein⸗ zuſchiffen, die gewoͤhnlich mit dem Aufange des Som⸗ mers nach Aſtrachan zuruͤckkehren. Weil der Schnee noch nicht ganz geſchmolzen war, und die Wege uͤber⸗ haupt ſehr zerriſſen waren, ſo ruͤckte die Karawane, an welche Avril ſich angeſchloſſen ihatte, um mit ihr nach Perſien zu kommen, nur ſehr langſam vor⸗ waͤrts. Dieſes machte dem eifrig ſeinem Ziele zuſtre⸗ benden Avril ungemein viel Verdruß auf dem Wege. Zudem waren ihm auch noch einige andere Unannehm⸗ lichkeiten und Gelderpreſſungen der Tuͤrken druͤckend; und doch mußte er ſich dieſelben gefallen lafſen, wenn er nicht gar ſeinen Kopf verlieren wollte. Dieſe Ver⸗ drießlichkeiten entſtanden ihm meiſtentheils dadurch, daß die Tuͤrken und Perſer einen geheimen Groll ge⸗ gen einander hatten, unter welchem die nach Perſien Reiſenden nicht ſelten leiden mußten. Ueber dieſe Abneigung zweier Voͤlker, die doch bisher durch die Bande einer und derſelben Religion verbunden, erfuhr Avril endlich nach manchen ver⸗ geblichen Nachforſchungen von einem kundigen Arme⸗ nier folgendes. Seit jener Zeit,— es moͤgen etwa einige Jahre ſeyn,— als die Tuͤrken gegen die Perſer unerhoͤrte Grauſamkeiten begingen, ihre Staͤdte verwuͤſteten, und gegen die Einwohner jeden Standes, wo ſie nur hin⸗ zogen, ſchrecklich wuͤtheten, iſt in dem Herzen der Perſer, dieſer ungluͤcklichen Beſiegten, ein grollendes Andenken an den Tuͤrken vorhanden. Denn dieſe ha⸗ ben nie geglaubt, daß ſie als erklaͤrte Feinde Moho⸗ meds und ſeines Koraus von den Tuͤrken behandelt werden waͤrden, indem ſie die Geſetze einer und der⸗ ſelben Religion mit eben ſoviel Eifer befolgten, wie der eifrigſte Muſelmann. Dieſer Groll aber wurde 63 noch dadurch vermehrt, daß man in zwei Punkten hinſichtlich des Religioͤſen nicht eine und dieſelbe Mei⸗ nung hatte. Die Tuͤrken lehren naͤmlich, es ſeien drei Geſchlechter derer, die von Mahomed abſtammen, die Linie der Osmanen, die Linie von Abdid Beker und die von Omar. Jedes dieſer Geſchlechts⸗ Linien⸗Haͤupter wird von ihnen auch als ein Prophet betrachtet. Die Tuͤrken aus der erſten Linie werden fuͤr die heiligſten gehalten; weniger gelten die uͤbrigen. Die Perſer hingegen wollten nichts von dieſer ange⸗ maßten Heiligkeit wiſſen, und beſtritten daher dieſen laͤcherlichen Satz. Zudem hatten die letztern auch eine große religioͤſe Ehrfurcht vor einem gewiſſen Ali, deſ⸗ ſen Schuͤler ſie ſich nannten, und den ſie nach dem Propheten Mahomed als ihren eigentlichen Lehrer oft im Gebete anzurufen pflegten, welcher Umſtand nicht ſelten die bizarteſten Vorfaͤlle herbeifuͤhrte. So war einmal ein Perſer vom Range mit ſeinem Pferde ungluͤcklicher Weiſe in einen Sumpf gerathen. Er flehte den Ali um Huͤlfe an, und beſchwur ihn, ihm zu helfen. Ali hatte taube Ohren fuͤr dieſen ungluͤcklichen Cavalier. Verzweifelnd, weil ſein Pro⸗ phet nicht hoͤrte, wendete er ſich endlich in ſeiner NRoth an Omar, den er mit donnernder Stimme rief. Von dieſer Stimme ermuthigt, ſchwang ſich das Pferd mit Anſtrengung aller ſeiner Kraͤfte aus dem Moraſte endlich heraus. Nun entſtanden in dem „Ritter allerlei Bedenklichkeiten uͤber den Propbeten 64 Ali, der nicht geholfen hatte, und doch allgemein fuͤr den Schutzpatron ſeiner Nation galt. Mit dieſem irrigen Geiſte ſuchte er einen Mollha auf, um ihm ſeine Zweifel uͤber Ali vorzulegen, und ſich Aufklaͤ⸗ rung zu erbitten. Dieſer Schriftgelehrte hoͤrte ihn an, und gab ihm kalt zur Antwort, um ihn in ſeinem wankenden Glauben wieder zu ſtaͤrken: er duͤrfe ſich uͤber dieſen Vorfall nicht verwundern, denn Ali ſei ein kriegeriſcher Prophet, und kuͤmmere ſich wenig, wenn Jemand ſich an einem fuͤr einen Eroberer, wie er ſei, unwuͤrdigen Orte befaͤnde, und ihn dann um Huͤlfe anflehte. Dagegen ſei Omar eine niedrige Seele, wie er wohl wiſſe, und hielte ſich gerne in Suͤmpfen und im Dickicht auf; darum koͤnne er auch leicht denen zu Huͤlfe kommen, die ſich blindlings in ſeine Arme waͤrfen. Wie nun, was aus dieſer charakteriſtiſchen Anek⸗ dote hervorgeht, die Perſer den Omar der Tuͤrken in gewiſſer Art als einen Kobald betrachten; ſo wer⸗ fen dagegen die Tuͤrken, um ſich fuͤr ſolch eine Schmach etwas ſchadlos zu halten, den Perſern wieder vor, daß ſie hinſichtlich der vom Propheten vorgeſchriebenen Gebete den Koran nicht genau befolgten; und ſolche Kleinigkeiten waren es, welche den Groll zwiſchen beiden Voͤlkern nicht verglimmen ließen. Aoril kam nun endlich in Erivan an, und wurde hier, wo er das Kreuz des Erloͤſers vor der Stadt aufgerichtet ſah, uͤber alle erlittene Unbilden — 65 genug getroͤſtet. Beſonders erfreut war er wieder, als er vier kleine Meilen von Erivan in Iſchmia⸗ zin die chriſtliche Religion herrlich bluͤhen ſah. Hier fand er naͤmlich ein herrliches Kloſter, wo der arme⸗ niſche Patriarch ſeinen Sitz hatte, und faſt ſechzig Religioſen waren, welche die Regel des heiligen Gre⸗ gorius befolgten, und vom Papſte Sy kveſter ihre Beſtaͤtigung erhalten hatten. Hier fand er auch drei Kirchen, von denen zwei den heiligen roͤmiſchen Jung⸗ frauen, der Ripſima und Cajanna geweiht wa⸗ ren. Dieſe Kirchen waren reich an Schaͤtzen, herrlich verziert mit Gold⸗ und Silbergeraͤthen, wie die ſchoͤn⸗ ſen Kirchen in Europa. Als Aoril von Iſchmiazin nach Erivan ſich begab, hatte er unterweges das Vergnuͤgen, den Berg Ararat zu ſehen, wo einſt Noah's Arche ſich niedergelaſſen haben ſoll. Dieſen Berg fand er nicht ſo unbeſteigbar, als ein fruͤherer Reiſender, Johann Struys, ihn ausgegeben hatte. Zweites Buch. Reiſe in der Tartarei. Obgleich Aoril geglaubt hatte, daß die Aus fuͤh⸗ rung ſeines Hauptvorhabens durch ſeinen unvorherge⸗ ſehenen Aufenthalt in Curdiſtan und Armenien 23fes B. Siebenbürgen zc. I. 1. 5 66 verzögert wuͤrde, ſo lenkte doch die Vorſehung die Sachen ſo, daß er ein Jahr nach ſeiner Abreiſe von Frankreich im Stande war, dem Pater Barnabas beizuſtehen, welcher die weiſeſten Vorkehrungen zur ſicheren Ausfuͤhrung des Projectes mittlerweile getrof⸗ fen hatte. Nachdem die verſchiedenen Wege, welche nach China fuͤhren koͤnnten, genau bedacht worden wa⸗ ren, beſtimmte man ſich, nach Aſtrachan zu gehen. Dahin war der Weg am ſicherſten und bequemſten wegen der Karavanen, die drei bis viermal des Jah⸗ res nach Bochara und Samarkand reiſen, wo die Moſcoviten und Usbeken zuſammen Handel treiben. Bevor man aber abreiſete, zog man ſich auf ei⸗ uige Tage in die Einſamkeit zuruͤck, um Gottes Se⸗ gen und Beiſtand zu erflehen. Dann beſorgte man alles Noͤthige zur Reiſe, und brach endlich den drei und zwanzigſten April 188s von Erivan auf, in Georgier verkleidet, deren Kleidung in ganz Per⸗ fien gefuͤrchtet iſt, und in Geſellſchaft zweier Arme⸗ nier, welche unſere Reiſenden bis nach Gangea begleiteten. Am erſten Tage, wo unſere beiden Wanderer durch ein Erdbeben erſchreckt wurden, welches ihr Vertrauen auf Gott mehr beſtaͤrkte, als erſchuͤtterte, kam man nicht ſehr weit, und man nahm vier Mei⸗ len von Ervan ſein Nachtlager in einem Flecken 67 in dem Hauſe eines armeniſchen Katholiken, der ſie auf das Beſte nach Landesſitte bewirthete, und auf gute Matratzen bettete. Des andern Morgens zog man weiter, und bald befand man ſich in der nord⸗ weſtlich von Erivan gelegenen Provinz Gurgiſt an, welche man ſehr gluͤcklich durchzog. Dieſe Provinz beſchreibt Avril als eine ſehr bevoͤlkerte, wo ein Dorf und ein Flecken ſich an dem andern befaͤnde, und viele Chriſten lebten, welche die Reiſenden ſehr gerne erquickten, mit Allem, was in ihren Mitteln war. Um der Wachſamkeit des Gouverneurs die er Provinz zu entgehen, der es nicht gerne hat, wenn ſein Diſtrikt von Fremden durchwandert wird, und zugleich, um der Hitze des Tages auszuweichen, rei⸗ ſeten die beiden Vaͤter jetzt meiſtentheils in der Nacht. Nach vier Tagen kam man in die Gebirge, welche Perſien von Georgien trennen. Der Uebergang über dieſelben war ziem ich beſchwerlich; doch uͤber⸗ ſtand man auch dieſe Laſt, fuͤr welche der Wechſel der anmuthigen Gebirgsgegenden ſchon entſchaͤdigte. Als man den Gipfel der Gebirge erreicht hatte, wurden die Reiſenden von einem Trupp Armenier umringt. Einige derſelben waren mit Schleu⸗ dern, andere mit langen Knitteln bewaffnet. Als man ihnen die Verſicherung gab, daß ſie nichts von uns zu befuͤrchten haͤtten, daß man bloß durchreiſe in die Tartarei und nach China, um dort das Evange⸗ lium zu verkuͤndigen; ſo betrugen ſie ſich ſehr gut 68 und freundlich, und unſere Reiſenden ſetzten ruhig ihren Weg nach Gangea fort, wo man, von der Hoͤhe des Gebirgs gerechnet, in anderthalb Tagen ankam. Gangea iſt eine von den vorzuͤglicheren Staͤd⸗ ten Perſien's, und liegt in einer angenehmen Ebene, welche mehr als fuͤnf und zwanzig Meilen Ausdehnung hat. Die Gegend hat viele Baͤche und Fluͤſſe, wodurch die vielen Gaͤrten um die Stadt ſehr gewinnen an Anmuth und Fruchtbarkeit. Die Rei⸗ ſenden kamen gerade in der ſchoͤnſten Jahreszeit hier an, und waren ganz entzuͤckt uͤber den ſchoͤnen An⸗ blick, den die mit Gebuͤſchen und Gaͤrten umgebenen Haͤuſer der Stadt gewaͤhrten, wo alles gruͤnte und bluͤhte. Die Maͤrkte oder Bazare der Stadt gehoͤrten un⸗ ter die ſchoͤnſeen und herrlichſten des Orients, und jede Waare, die auf denſelben verkauft wurde, hatte ihren beſonderen Platz. Und weil Gangea zum Han⸗ del außerordentlich bequem liegt, ſo fand man daſelbſt auch eine große Menge von Fremden aller Nationen. Drei Tage nach der Ankunft in Gangea reiſte man mit einer aus chriſtlichen Kaufleuten beſtehenden Karavane, deren Geſchaͤfte ſie nach Schamaki zo⸗ gen, wieder ab, und wanderte mit derſelben die ſchoͤn⸗ ſten Gegenden. Am fuͤnften Tage der Reiſe ging man uͤber den Fluß Kur, welcher in Georgien entſpringt, und ſich, nachdem er mehrere Gegenden 69 bewaͤſſert, mehreren Staͤdten Ueberfluß an Waſſer ge⸗ liefert, und mehrere ſonſt unfruchtbare Gefilde befruchtet hat, endlich in das kaſpiſche Meer ergießt. Kach einigen unbedeutenden Unfaͤllen, denen wohl jeder Reiſende nicht immer entgehen kann, kamen un⸗ ſere Reifenden in Schamaki an. Sie waren ſehr froh, dem kaſpiſchen Meere ſo nahe zu ſeyn, und durften nicht lange Zeit ſuchen, ein Schiff, nach Aſtrachan beſtimmt, zu ſinden. 3 Schamaki war ſonſt eine der betraͤchtlichſten und bevoͤlkertſten Staͤdte Perſiens, war aber durch ein heftiges Erdbeben ſehr verwuͤſtet worden. Doch leb⸗ ten, nach Avril's Angabe, daſelbſt immer noch an fuͤntzig oder ſechzig tauſend Menſchen, ohne die vie⸗ len Fremden, die ſich gewoͤhnlich da aufzuhalten pfleg⸗ ten. Dieſe Einwohnerſchaft beſtand aus einer großen Anzahl Armenier, aus Indiern, Ruſſen, Georgiern, Griechen, Tuͤrken, Cireaſſiern und andern Menſchen aus den Voͤlkern am nahen Meere. Dieſe Stadt fanden die beiden Vaͤter ſehr gut ge⸗ einnet zu dem Centralpunkt einer Miſſion, und ſie verſaͤumten nicht, einen Miſſionaͤr dahin zu ziehen. Der Vater Pothier, ein Jeſuite, ward aus Ispa⸗ han geholt auf Anſtiften der beiden Reiſenden, fand aber bald ſeinen Tod daſelbſt durch einen gegen die. chriſtliche Religion aufgebrachten muſelmaͤnniſchen Meuchelmoͤrder. 70 Von Schamaki begaben ſich nun unſere Vaͤter in einer Diligenee nach dem kaſpiſchen Meere, welches drei gute Tagereiſen von der genannten Stadt entferzgt iſ. Dieſes Meer iſt klein und verdient kaum den Na⸗ men; denn es hat nur 80o Meilen im Umfange. Mehr als hundert Fluͤſſe, und außerdem noch eine unzaͤhlige Menge von Baͤchen, ſtuͤrzen ſich von allen Seiten in dieſen großen See, welcher ſo fiſchereich iſt, daß man ſie mit den Haͤnden fangen kann und gar nicht noͤthig hat, Netz oder Angel auszuwerfen. Wenn es auf dem Meere ſtuͤrmt, ſo ziehen ſich die Fiſche ſehr zahlreich in die Fluͤſſe und Baͤche, bis der Sturm voruber iſt. Eine Eigenheit dieſes Meeres iſt auch, daß es nie ſeine Graͤnzen uͤbertritt. Dieſe Eigenheit hat den Geographen ſchon manchesmal den Kopf warm ge⸗ macht, und manche haben ſie aus der Naͤhe des ſchwar⸗ zen Meeres, und durch eine unterirdiſche Verbindung mit demſelben erklaͤren wollen. Aovril aber iſt der Meinung, daß die Gewaͤſſer des kaſpiſchen Meeres deßwegen nicht zunehmen, weil, ſoviel Waſſer hinzu⸗ ſoͤmt, eben ſoviel in den perſiſchen Buſen abfließt. Die Gruͤnde, welche Avril zu dieſer Vermuthung beſtimmen, ſind folgende.— In dem Golf, welchen dieſes Meer auf der Suͤdſeite bildet, der Provinz Ki⸗ lan gegenuͤber, ſind zwei ſehr gefaͤhrliche Strndel, von denen die von dieſer Seite ſchiffenden perſiſchen Fahrzeuge ſich moͤglichſt weit entfernt halten. Das 71 Brauſen dieſer Strudel hoͤrt man ſehr weit. Dann ſammeln die am perſiſchen Buſen wohnenden Leute in jedem Herbſte die Blaͤtter einer Weide an dem Ufer ihres Buſens. Dieſe Weiden aber wachſen nicht am perſiſchen Buſen, da gibt es gar keine von dieſer Art; dagegen ſind ſie ſehr haͤufig am Meerge⸗ ſtade von Kilan. Wie kommen nun wohl dieſe Blaͤt⸗ ter von einem Koͤnigreich in das andere, wenn wir nicht mit Avril annehmen wollen, daß das kaſpi⸗ ſche Meer durch unterirdiſche Kanaͤle mit dem per⸗ ſiſchen Buſen in Verbindung ſtehe?— Doch ge⸗ nug uͤber das kaſpiſche Gewaͤſſer. Unſere Reiſenden ſchifften ſich auf einem ziem ich ſchlechten moſcovitiſchen Fliboth(einem klei⸗ nen Schiff von nicht 100 Tonnen Laſt), ein.— Da indeſſen die Zeit fuͤr die Schifffahrt außerordentlich guͤnſtig war, ſo achteten ſie uicht ſehr auf das Uebrige. In ſechs Tagen kamen ſie von der ſicheren und be⸗ quemen perſiſchen Rhede Niezova auf die Wolga, ehe man es wußte; ſo ſchnell trug ſie ein Oſtwind dahin. Das Waſſer der majeſtaͤtiſch fließenden Wol⸗ ga iſt ſuͤß, und war Avril ſehr willkommen. Die Wolga ſtuͤrzt mit vielen Muͤndungen in das kaſpiſche Meer. Kaum war das Fliboth, auf welchem unſere Reiſenden ſich befanden, in eine die⸗ ſer Muͤndungen eingeſegelt, alsbald ſaß es auch durch die Unvorſichtigkeit der Piloten auf einer Sandbank. Waͤhrend das Schiff wieder flott gemacht wurde, be⸗ 72 ſchaͤftigte unſere an aͤhnliche Unfaͤlle ſchon gewoͤhnte Reiſenden der Fiſchfang, welchen die Kuͤſtenbewoh⸗ ner hier trieben.— So viel Vergnuͤgen aber der Ca⸗ viar⸗Fang gewaͤhrte, ſo viel Plage hatten auch unſere Vaͤter von den Muͤckenſchwaͤrmen auszuſtehen, wel⸗ che ſich Morgens und Abends auf der Wolga ſehen ießen, und fehr empfindlich ſtachen, wo ſie ſich nur aufſetzten. Dieſe Plage mußten ſie ſo lange dulden, bis der Gouverneur von Aſtrachan ihnen die erbetene Erlaubniß gewaͤhrte, ihre Reiſe fortzuſetzen. Rachdem ſie drei Tage auf dieſe Erlaubniß ge⸗ wartet hatten, kamen ſie endlich am vierten Tage auf einem Ruderſchiff, welches ſehr behende bewegt wurde, in Aſtrachan an, welche Stadt von der Muͤndung der Wolga, wo man auf den Sand gerieth, nicht weiter als zwoͤlf oder dreizehn Meilen entfernt war. Aſtrachan, welches die Geographen gemeinig⸗ lich uster den acht und vierzigſten Grad noͤrdlicher Breite ſetzen, iſt eine auf einer von der Wolga ge⸗ bildeten Inſel gelegene Stadt, dreizehn Meilen von der Muͤndung des genannten Stromes entfernt. Sie hat eine doppelte Mauer, ohne eine andere Befeſti⸗ gung, als kleine Thuͤrme auf derſelben. Die Artille⸗ rie der Stadt war ſehr ſchoͤn, und die Garniſon ſehr lahlreich. Weil der Boden, auf welchem die Stadt gebaut iſt, ſehr ſandig iſt, ſo pflegt in dem Sommer die Hitze unertraͤglich ſtark zu werden„ und die Ein⸗ wohner zu oͤfterm Baden des Tages zu noͤthigen. In ¹ 73 der umgebung der Stadt wachſen Fruͤchte aller Art, und im Ueberfluſſe; dabei ſind ſie eben ſo zart, als zahlreich. Beſonders koͤſtlich ſind die Waſſer⸗Melonen oder Karpous. Außer den Einwohnern der Stadt, welche mei⸗ ſtentheils Moſeoviten*) ſind, findet man daſelbſt auch viele Menſchen aus andern Voͤlkern, Armeuier, Tartaren und andere, auch Kalmuͤcken. Dieſr letztern ſnd von einem Nomaden⸗Stamme aus den weiten Ebenen zwiſchen Aſtrachan und dem kaſpi⸗ ſchen Meere, wo niemals Schnee liegt wegen der Naͤhe des Meers und der Waͤrme des Klimas, und folglich das ganze Jahr ihre Heerden auf freiem Felde bleiben koͤnnen. Dieſe Kalmuͤcken und Tartaren zahlen dem ruſſiſchen Statthalter, nach Avrils Berichte, jaͤhr⸗ lich eine Naturalien⸗Steuer, welche in Brod, Melo⸗ nen, gebranntem Waſſer, und Tabak beſteht, ſind ſonſt aber wenig kultivirt, und meiſtens Goͤtzendiener, wie ihre Nachbarn, die Banianen oder Indier, die ſich mit ihren Toͤchtern verheirathen. Uebrigens ha⸗ ben ſie ein gutes Gemuͤth, und in der Stadt ihr ei⸗ genes Viertel oder Quartier, wo ſie wohnen duͤrfen, wenn ſie aus den Ebenen heimkehren wollen. *) Ich bemerke, daß ich dieſes Wort, wie Avril, fuͤr das gleichbedeutende Ru ſlen gebrauche. 8 A. d. B. 74 Von den Banianen, erzaͤhlt Avril, daß ſie an eine Seelen⸗Wanderung glaubten, und daher nichts Lebendes genoͤßen, eine beſondere auf Aberglauben ge⸗ ſtuͤtzte Verehrung und Sorge fuͤr ihre Kuͤhe hegten, und von allen Speiſen, die ſie zu ſich naͤhmen, etwas in die Luft, etwas auf die Erde, etwas in das Waſ⸗ ſer und etwas in das Feuer werfen, um die in die⸗ ſen Elementen verborgene Gottheit zu ehren. Mehr konnten unſere Reiſenden uͤber die Religion und uͤber die religioͤſen Sitten der Banianen nicht erfahren, ſo ſehr ſie auch bei einem Brahmanen derſelben, der ſie von Perſien begleitete bis Aſtrachan, darum bemuͤheten. Dieß genuͤge uͤber die Nationen, welche die Be⸗ quemlichkeit des Handels genoͤthigt hat, ſich in dieſer Hauptſtadt der T artarei feſtzuſetzen, wo unſere Rei⸗ ſenden den zwanzigſten Juni, zwei Monate nach ihrer Abreiſe von Erivan, ankamen. Sie logirten ſich in die Karavanſerei ein, um da mit allerlei Volk zuſam⸗ men zu ſeyn, und unter dieſem auch mit einigen, welche die Reiſe nach Pekin ſchon mehrere Male ge⸗ macht hatten. Hier fanden ſie leicht Jemand, der ſie uͤber ihren zu nehmenden Weg gut und ſicher unterrichten konnte. Ein Kaufmann aus Bochara, welcher ſchon viermal die Straße von der einen Stadt zur andern gemacht hatte, theilte ihnen recht gerne zuverlaͤſſige Noti⸗ zen mit. ————y— ——— r 7 4 „Die Straße der Usbeken nach China, ſagte er, ig weder ſo ſchwierig, noch ſo lang, wie man ſich dieſelbe gewoͤhnlich vorſtellt. Es ſind wohl einige Wuͤſten zu durchziehen; allein ſie ſind nicht ſchwieri⸗ ger, als die in Perſien und in der Tuͤrkei. Auch ſind die Karavanen ſtets zahlreich und wohl begleitet vom Militair, und man findet unter Weges die noͤ⸗ thigen Erfriſchungen eben ſo gut, wie an andern Or⸗ ten. Stoͤßt man dann und wann auf einen Trupp Tartaren, ſo hat man dieſelben eben nicht zu fuͤrchten, wenn man ihnen freiwillig etwas ſchenkt und ihnen freundlich begegnet; ſie unterſtuͤtzen dann vielmehr die Reiſenden, was die Araber in den Staaten des Groß⸗ herrn ſelten, oder gar nicht thun. Was die Entfer⸗ nung von Bokara und Pekin betraͤgt, weiß ich nicht genau zu beſtimmen; eben ſo wenig kann ich die Zahl der einzelnen Staͤdte angeben, durch welche man kommt. Ich kann nur ſagen, daß ich zwei Mal an die Graͤnze von China kam. Die Wege, die ich durch⸗ zog, fuͤhrten, der eine von Suͤdoſt uͤber Samar⸗ kand, Kaboul, Kaſchemir und Barantola; der andere gerade von Oſt durch die Mitte des Ge⸗ bietes der Mongolen, welche Goͤtzendiener und dem Koͤnig der Usbeken, einem mahometaniſchen Fuͤr⸗ ſten, unterthan ſind. Verfolgt man den erſten Weg, ſo iſt Sokzi die erſte chineſiſche Stadt, in die der Reiſende kommt. Von da kann man in einem Monate nach Pekin kommen. Waͤhlt man aber den 76 zweiten Weg, ſo iſt die erſte chineſiſche Stadt Kokutan, eine Graͤnzfeſtung der Chineſen gegen Kalmuͤcken. Von hier bis nach Pekin ſind dann noch fuͤnfzehn Tagereiſen. In beiden Staͤdten muß man jedoch einige Tage verweilen, bis man die Er⸗ laubniß zum weiteren Eintritte in das Koͤnigreich von dem Statthalter erwirkt hat. Dieſe Erlaubniß erhaͤlt der Reiſende jetzt ohne viele Muͤhe. Man bittet naͤm⸗ lich einen tarkariſchen Fuͤrſten, unter irgend einem Vorwande, einen Geſandten nach Pekin zu ſenden. Dieſem Geſandten ſchließt man ſich, und kommt dann ſicher hin und her.“ Soviel ſagte un ſern Reiſenden der Kaufmann aus Bochara, und ſie konnten ſich um ſo mehr auf ſeine Ausſagen verlaſſen, da ſie alle mit den fruͤher einge⸗ zogenen Erkundigungen des Vater Barnabas uͤber⸗ einſtimmten. Auch ſtimmten ſie ganz mit dem, was man in Aſtrachan erfragt. Durch einen angeſehe⸗ nen ruſſiſchen Moͤnch, deſſen Bekanntſchaft unſere Baͤter gemacht hatten, erfuhren ſie auch aus einem in deſſen Haͤnden beſindlichen Tagebuche einer Reiſe rach China, welches zwei Kaufleute geſchrieben hatten, daß man von A ſt rachan nach Pekin uͤber Bochara und Samarkand nicht mehr als einhundert und eilf Tagmaͤrſche habe. Auch die Namen der Staͤdte in dieſem Tagebuche trafen mit der obigen Angabe gehau zuſammen. Aus glien weiteren Nachforſchungen uͤber die ei⸗ 1 771 gentliche Entfernung der Hauptſtadt China's, P ekin, von der Hauptſtadt der Usbeken, Bochara, ging fuͤr unſere Reiſenden ſoviel ſicher hervor, daß ſie nicht mehr als ſechs hundert und dreizehn Meilen betrug, daß man alſo zu Lande in viel kuͤrzerer Zeit und mit weniger Gefahren nach China kommen konnte, als zu Meer, zu welchem letzteren Weg man zeither ſtets zwei Jahre noͤthig gehabt hatte. Nachdem ſich unſere Reiſenden autheutiſche Nach⸗ richten uͤber den von Aſtrachan nach China einzu⸗ ſchlagenden Weg geſammelt, und mithin dieſes fuͤr die Miſſionaͤre zuerſt bekannt gemacht, dachten ſie an nichts weiter, als ſich an eine Karavane auz zuſchließen, welche nach Samarkand ging. Weil aber zwiſchen den Kalmuͤken und Usbeken ein offener Krieg ausbrach, ſo wollte man mit der Reiſe etwas zoͤgern, und zuvor erſt nach Moskau gehen; beſonders da man erfahren hatte, daß dort vor einiger Zeit eine Ka⸗ ravane von chineſiſchen Handelsleuten angekommen war, die unfehlbar mit dem Ende des Winters in ihr Paterland zuruͤckkehren wollte. Dieſer Karavane ſich anzuſchließen, hielten unter bemeldeten uUmſtaͤnden un⸗ ſere Reiſenden fuͤr das ſicherſte. Man wendete ſich an den Gouverneur, um einen Paß nach Moskau zu erhalten. Das Begehren un⸗ ſerer Reiſenden wurde aber abgeſchlagen, bloß, weil der Gouverneur, kraͤnklich, ſich des Paters Barnabas, eines guten Arztes, nicht entſchlagen wollte. Alle 78 Bitten und alle Vorſtellungen blieben daher fruchtlos. Selbſt die Armenier, mit denen unſere Vaͤter ange⸗ kommen waren, verwendeten ſich bei dem Gouverneur umſonſt zu ihrer Gunſt; er blieb halsſtarrig auf der Verweigerung eines Reiſepaſſes. Man warf ihm end⸗ lich ſogar ſeinen Undank fuͤr die Zeichen der Freund⸗ ſchaft, die man ihm durch Beiſtand in ſeiner Krank⸗ heit bewieſen, vor; allein alles half nichts. Man mie⸗ thete ſich deßhalb ohne weiteres zwei Plaͤtze auf dem Schiffe eines Kaufmanns, welches nach Moskau ging, und ſchiffte ſich ohne Erlaubniß zur Reiſe ein; gllein auch damit kam man nicht von der Stelle. Auf Befehl des Gouverneurs mußten die Vaͤter wieder ausgeſchifft werden, und es erging ſogleich an alle frem⸗ den Schiffe im Hafen der Befehl, bei der Ungnade des Gouverneurs unſere Reiſenden nicht an Bord zu nehmen. So mußten Avril und Barnabas vier ganze Monate in Aſtrachan zubringen. Endlich erhielten, da ſchon die Jahreszeit ſehr vorruͤckte, unſere Reiſenden durch die freundſchaftliche Verwendung der beiden oberſten Geiſtlichen in Aſt ra⸗ chan, durch die des Erzbiſchofes der dortigen Katho⸗ liken und durch die des Obern eines Baſilianer⸗Kon⸗ ventes daſelbſt, die Erlaubniß zur Abreiſe. Man dankte ſeinen Wohlthaͤtern auf das herzlichſte, und ſchiffte ſich eiligſt ein, um ſich von einer Stadt weg⸗ zubegeben, wo ihnen eine bloße Laune des Gouver⸗ neurs nichts als Verdruß gemacht hatte. Man fand ¹ —— 79 naͤmlich im Hafen eine große Barke, welche nach Sa⸗ ratof ging, um dorthin Fiſche fuͤr die Tafel des Czar zu bringen. So unbequem man auch auf dieſem Fahrzeuge reiſete, weil man daſelbſt ſtets der Luft aus⸗ geſetzt war, ſo wollte man doch nicht mehr ſaͤumen, um die Karavane in Moskau noch anzutreffen. Der neunzehnte Oectober war der Tag der Abreiſe. Die erſten Tage der Schüifffichrt auf der Wolga waren gluͤcklich, von gutem Oſtwinde beguͤnſtiget. Als man aber in die Naͤhe der Stadt Tſchornio kam, ungefaͤhr ſechzig Meilen von Aſtrachan die Wol⸗ ga hinauf; ſo mußten ſchon wegen des Mangels an gutem Wind Matroſen an das Land geſetzt werden, um die Barke zu ziehen; was nicht noͤthig iſt, ſo lange man die Segel gebrauchen kann. Mit welcher Anſtrengung der Matroſen ein ſolches Schiff fortge⸗ zerrt wird, laͤßt ſich leicht denken. Nachdem man bei der genannten Stadt voruͤber war, fing man ſchon an, den Unterſchied des Klima's zu bemerken, und den nahenden Winter zu fuͤhlen. Zum Ungluͤcke hatte man ſich nicht vorgeſehen mit Ge⸗ genſtaͤnden, mit welchen man ſich gegen Kaͤlte und Wet⸗ ters⸗Rauheit zu ſchuͤtzen pflegt. Unſere Reiſenden mußten daher gewaltig frieren, und glaubten nicht ſelten der Kaͤlte unterliegen zu muͤſſen. Avril konnte ſeine Fuͤße zuletzt nicht mehr erwaͤrmen, und bekam noch obendrein das⸗Fieber, welches ihm oftmals in ei⸗ 830 nen ſolchen Zuſtand verſetzte, daß er glaubte, er wuͤrde das Ende der langſamen Schifffahrt nicht erleben. Das Schiff ruͤckte indeſſen doch allmaͤhlig dem Ziele der Reiſe naͤher, und Barnabas bedauerte nur/ daß er ſeinen Gefaͤhrten nicht ſo unterſtuͤtzen konnte, wie er moͤchte, um ſeine Geſundheit zu heben. Zu allem Mißgeſchicke dieſer Reiſe aber kam zuletzt noch das traurigſte. Als man ſich in der Naͤhe von Cza⸗ ritſa, der zweiten Stadt auf dem Wege von Aſtra⸗ chan hieher, befand, entſtand auf dem Schiffe eine wuͤthende Feuersbrunſt, die man, weil ſie im unteren Raume des Fahrzeuges ausbrach, nicht eher bemerkte, als bis ſie vollſtaͤndig war, und nicht mehr getilgt wer⸗ den konnte. Es half kein Waſſeraufgießen mehr, kein Zuſammenbrechen der Equipage; die gut eingetheerten Hoͤlzer brannten nur immer ſtaͤrker, und jedermann war ſo nur allzuſehr beſorgt, ſich ſelbſt zu retten. Man wendete alſo das brennende Schiff gegen das Ufer ſo ſchnell, als es geſchehen konnte, und ließ es dann, als man herausſprang, einen Raub der Flammen werden. Das Ende dieſer Gefahr war aber nur der Anfang einer noch groͤßeren. Kaum am ufer angelangt, nahte eine Horde von Tartaren, die ſich an dem Strande der Wolga aufhalten, um Reiſende zu pluͤndern oder zu Sklaven zu machen. Dieſe Tartaren gehoͤren nicht zu dem Stamme derer, welche in Aſtrachan ihrs Winterwohnungen haben. Doch auch dieſer drohenden 81 Gefahr entrannen ſie gluͤcklich, und unſere Reiſenden verbargen ſich vor den Raͤubern in Schlupfwinkeln am Ufer der Wolga. 3 Zu ihrer großen Freude ſahen ſe bald darauf das Fahrzeug eines moskovitiſchen Offi iers die Wolga her⸗ aufkommen. Unſere Reiſenden und einige Matroſen, die bei ihnen geblieben waren, eilten, dem Schiffe ein Zeichen zu geben. Es wurde geſehen, und es kam bald ein Boot heran, um unſere Ungluͤcklichen nach ihrem Begehren zu befragen. Das Schiff gehoͤrte einem mos⸗ kauer Oberſten, den u ſere Reiſenden in Aſtrachan kennen gelernt hatten, und dem Barnabas als Arzt gedient hatte. Dieſer nahm unſere Vaͤter und die Matroſen auf, froh, daß ſich eine Gelegenheit darbot, dem Vater Bar nabas zu danken; und ſo ward die Reiſe nach Saratof fortgeſetzt, obgleich auch dieß⸗ mal nicht ohne Ungemach und Hinderniß. Endlich fror gar die Wolga zu. Am ufer die raͤuberiſchen Tartaren, von Saratof noch fuͤnf Tage⸗ reiſen entfernt, auf dem Schiffe Mangel an Lebens⸗ mitteln— was war zu thun? Der Vater Barnabas entſchloß ſich, mit einigen Begleitern nach Saratof zu gehen, und Schlitten zu holen. Avril blieb mit den uͤbrigen Leuten be; dem Oberſten„ um das Schiff mit demſelben und ſeinen Leuten gegen die Angriße der TCartaren zu vertheidigen, bis nach zwanzig langen Lagen Barnabas mit den Schlitten und einigem fri⸗ 22tes B. Siebenbürgen zc. I. 1. 6 82 ſchen Proviant ankam, und die Fortſetzung der Reiſe moͤglich machte. Kaum war man ſechs Meilen auf der ſchlecht und hölperig zuſammtengefrorenen Wolga hinaufgezogen, ſo wurde die Karavane von einer ſechzig Mann ſtar⸗ ken und beuteluſtigen Horde von Tartaren angefallen. Theils ritten ſie zu Pferd, theils auf Dromedaren. Ihr Angriff wurde jedoch mit Feuergewehren zuruͤck⸗ gewieſen, und ſie zogen ſich nach einem Peloton ſchreiend zuruͤck. Endlich kam die Karavane in Sa⸗ ratof an, ohne nur das Mindeſte verloren zu haben auf dem ganzen Wege. In Saratof blieben unſere Vaͤter acht Tage in dem Baſilianerkloſter, um ſich bei dieſen freundlichen Moͤnchen zur Fortſetzung der Reiſe die, beſonders Av⸗ ril noͤthige, Starkung zu verſchaffen, ſich mittlerweile gute Wegefuͤhrer nach Moskau, Schlitten dahin und anderes Noͤthige auszuſuchen. Denn ſie wollten nun die Reiſe zu Land weiter fortſetzen, und Moskau war noch drei hundert Meilen entfernt. Den zehnten Dezember wollte die Karavane von Moskau abziehen. Unſere Reiſenden ließen ſich da⸗ her weder von der Kaͤlte, noch vom gefallenen tiefen Schnee abhalten, und eilten ſo ſehr als moͤglich, in Moskau anzukommen. Die Neiſeſchlitten wurden mit Betten und Peltzwerk verſehen, zwei Fuͤhrer zogen voran, und ſo ging die Reiſe weiter. Die erten drei Tage paſſirte man eine wuſte Steppe von mehr als vierzig Meilen, ohne einen Baum, oder eine Huͤtte anzutreffen. Doch, man hatte Holz, Waſſer und Le⸗ bensbedarf bei ſich, und kochte ſich ſelbſt. Endlich ge⸗ langte man gluͤcklich nach Piuzer, welches eine kleine Stadt iſt, nicht weiter als drei Meilen von der großen unbebauten Ebene, die man durchzogen. Der Reſt der Reiſe war ſo angenehm und bequem, als es die Jah⸗ reszeit geſtattete. Es waren helle und heitere Winter⸗ Tage, und weil alles gefroren war, Schnee und Eis, ſo uͤberfuͤhrte man in dieſer Zeit alles leicht auf einem Schlitten. Die ſonſt ſehr wenig angebaute Strecke Landes von Aſtrachan bis Moskau iſt ſeit dem Kriege der Ruſſen mit den Polen mit mehreren Kolonien der erſten bevoͤlkert worden. Die Bewohner der verſchie⸗ denen Orte ſind meiſtentheils Tartaren und Göͤtzen⸗ diener; doch gibt es auch Mahomedauer und andere Ruſſen hier. Dieſe letztern bewohnten zum Beiſpiele die Stadt Kaſſimof, wo ſie ihre Kirchen und Mo⸗ ſcheen hatten, wie in andern Gegenden, und ihre Re⸗ ligion mit aller Freiheit gusuͤben durften. Die Ruſſen ſchienen uͤberhaupt auch keine Neigutig zu haben, die Goͤtzendiener dieſer Gegend, die man auch Morde⸗ vaten nannte, zu bekehren. Unter verſchiedenen Gedanken uͤber die Moͤglich⸗ keit der Bekehrung ſolcher Ung ubigen, und uͤber die Art und Weiſe, wie ſo etwas zu bewerkſtelligen ſei, kamen unſere Reiſenden endlich in der Hauptſtadt de⸗ 84 moskovitiſchen Reiches an. In dieſer großen und auf⸗ ſerordentlich praͤchtigen Stadt wurden ſie von den deutſchen Jeſuiten dort mit aller Herzlichkeit aufge⸗ nommen. In den erſten Tagen des Aufenthalts zu Moskau beſuchten unſere Reiſenden den erſten Staatsminiſter, den Fuͤrſten Gallitzin, um ihm den Reiſepaß von Aſtrachan zu uͤberreichen. Sie wur⸗ den ſehr gut von dieſem gewandten und geiſtreichen Staatsmanne aufgenommen, uͤber den Zweck ihrer Reiſe befragt, und erhielten dann ohne große Schwie⸗ rigkeit die Zuſicherung, daß man alles anwenden und aufbieten wuͤrde, ihren Plan und ihrer Reiſe Zweck zu erfuͤllen und durchzuſetzen. Nun ſuchte man zunaͤchſt die chineſiſchen Kaufleute, um ſich bei ihnen uͤber die verſchiedenen Straßen, die man nach China einſchlagen koͤnnte, zu erkundigen; um zu erfahren, wie viel Zeit man brauche, um dort bin zu kommen; um einige Nachrichten uͤber die Voͤl⸗ ker einzuſammeln, zu welchen man unserweges kom⸗ men wuͤrde, und die Art und den Grad der Sicher⸗ heit kennen zu lernen, die man auf einer ſo weiten Reiſe noͤthig habe; kurz— um alles zu erfahren, was den Plan unſerer Vaͤter auf irgend eine Weiſe foͤr⸗ dern koͤnnte. Die Chineſen waren aber nicht leicht zu finden in dieſer großen Stadt, die damals an ſechs bis ſie⸗ ben hundert tauſend Einwohner zaͤhlte, und als man ſie endlich fand, ſo waren ſie keine eigentlichen Chine⸗ 85 ſen, ſondern Tartaren aus der Gegend von Kitay, welches weite Land mit China von der Nord⸗Weſt⸗ Seite zuſammenhaͤngt, und wo die Ruſſen Kolonien angelegt, um daſſelbe noch mehr zu bevoͤlkern. Die Kaufleute waren alſo aus dem Landſtriche zwiſchen dem Obi und China. Unſere Reiſenden ſahen dadurch ein, daß die Ruſ⸗ ſen Kitay ſehr gut von China unterſchieden. Un⸗ ter Kitay verſtanden ſie naͤmlich das Land zwiſchen dem Obi, der Wolga und China, was wir die große Tartarei nennen, die in Voͤlkerhorden abge⸗ theilt iſt, wovon eine jede ihren Chan oder Taiſo hat. Das eigentliche China nannten die Ruſſen mit dem tuͤrkiſchen Namen Tſchimmatſchim oder Ki⸗ tay⸗Kitay. Obgleich aber die Kaufleute keine aͤchten Chineſen waren, ſo konnten ſie doch uͤber alles die beſte Aus⸗ kunft ertheilen, weil ſie ſowohl mit den eigentlichen Chineſen, als mit den Moskoviten Handels⸗Verbin⸗ dungen hatten, und eben ſo oft nach Pekin, als noch Moskau zu kommen pflegten. Auch waren ei⸗ nige moskovitiſche Kaufleute im Stande, unſere Rei⸗ ſenden zu belehren. Dieſe waͤhlten nach Pekin ge⸗ woͤhnlich den Weg uͤber Archangel und Tobolſk, alſo durch Sibirien, und zu dieſer Reiſe brauchte man dann nicht mehr als ſechs Monate. 86 Drittes Buch. Reiſe nach China. Die alten Geogrophen berichten von dem uner⸗ meßlichen Laͤnderſtriche im Norden zwiſchen dem Obi und zwiſchen China entweder faſt gar nichts, oder ſie geben Vermuthungen fuͤr baare Wahrheiten, Die neueren unterrichten uns nicht beſſer; ſie erfuͤllen ent⸗ weder dieſe Raͤume mit Waͤldern ohne Ende, oder mit fuͤrchterlichen Wuͤſtenchen. Die Koſaken, welche man Zaporogen nennt, die jenſeits der Waſſerfaͤlle des Borysthenes wohnen, warxen die erſten, welche die Laͤnder um den Obj entdeckten, wo man jetzt mit eben der Leichtigkeit reiſet, wie in ganz Europa. Sie wollten ſich nicht unter die Oberherrſchaft der Moßko⸗ viten beugen, und entſchloſſen ſich, ihr Land zu verlaſ⸗ ſen, weil ſie es nicht vertheidigen konnten gegen die Uebermacht. Sie wanderten bis an die Wolga vor, bis nach Caſan, und von da dann leicht bis zum Ir⸗ tiv. Sie verfolgten ihren Weg noch weiter bis an den Zuſammenfluß des Irtih und des Tobol, und gruͤnde en dort die Stadt Tobolſk. Nach und nach breiteten ſie ſich aus, und beſetzten allmaͤhlig die Um⸗ gegend des Obi, oder ganz Sibirien. Hier, wo ihnen alle Bequemlichkeiten des Lebens mangelten, wo ſie nichts hatten als die Zobeljagd, ſchloſſen ſie ſich endlich an die Moskoviten. So ruͤckten die Moskovi⸗ ten, welche ſich hier mit dem Zobelfang auch befaßten, ——xyw— 87 allmaͤhlig immer weiter an die Graͤnzen des ehineſt⸗ ſchen Reichs vor. Man baute ſogar ein Fort an der Graͤnze, uͤber welches Streitigkeiten mit den Chineſen vorſtelen. Durch dieſes Suchen nach Zobeln und ſchwarzen Fuͤchſen, deren Fell noch theurer iſt als das der Zobel, entdeckte man aber, wenn man auch ſonſt nichts dabei gewann, doch verſchiedene Wege, die nach dem ehineſiſchen Reiche fuͤhrten. Der erſte Weg fuͤhrt duech das Land der Indier und Mogulen, welche groͤßtentheils Raͤuber ſind, und die weiten menſchenleeren Gegenden, durch welche der Reiſende wandern muß, ſehr unſicher und gefaͤhr⸗ 3 lich machen, ja faſt ganz und gar unzugaͤnglich, Doch haben Tgtaren aus Aſtrachan und Bokara, eben ſo Armenier und Perſer dieſen Weg ſchon gemacht, freilich wohl vorgeſehen und in einer Ka⸗ rapane. Der zweite Weg fuͤhrt uͤber Samarkand, Ka⸗ bul, Kaſchemir und Turafan und durch andere Staͤdte der Usbeken, Dieſer iſt etwas ſchwierig we⸗ gen des vielen Sandes, wie wegen der Kalmuͤken, die den Reiſenden oft anfallen und beunruhigen. Doch haben Moskoviter dieſen Weg auch ſchon ge⸗ macht. Sie gingen dann uͤber Tobolſk nach Bo⸗ kara durch Kaſan, und ſchloßen ſich an die Usbe⸗ ken, um uͤber den Obi nach China zu kommen. Der dritte Weg iſt ſehr gewaͤhlt; er wird von Tar⸗ taren der Usbeken, von Kalmuͤken und Moskoviten 88— eingeſchlagen. Von Tobol sk zieht man an den Salz⸗ Seen von Irtich und Kam g vorbei nach der Stadt Sinkameh. Von da ſetzt man dann ſeinen Weg fort durch das Land der Kalmuͤken und Mongu⸗ len bis nach Kokutan, welche Stadt nur noch acht bis zehn Tagereiſen von der beruͤhmten chineſiſchen Mauer entfernt iſt. Dieſer Weg hat auch ſeine Schwie⸗ rigkeiten. Es fehlt oft an Waſſer. Die Kalmuͤken ſind nicht ſelten den Reiſenden furchtbar. Von Ko⸗ kutan kann man durch verſchiedene Thore der großen Mauer in das chineſiſche Reich gelangen. Der vierte Weg fuͤhrt uͤber Tobolsk, uͤber den Obi, uͤber Szelinga nach der Stadt Szelingnui. Von hier ſteigt man in das Land der Mongulen hinab, und kommt in acht Wochen an den Ort, wo der Taiſo oder der Kan Kutuſta⸗Lama reſidirt, und die Reiſenden bis nach China begleiten laͤßt. Dieſen Weg nahmen die ruffiſchen Kaufleute, als die Moskoviten mit den Chineſen am Fluße Damur Krieg fuͤhrten. Er iſt der ſicherſte und bequemſte von allen. Man darf ſich nur an einigen Orten mit Waſ⸗ ſer und Holz verſorgen. Vor Naͤubern hat man ſich nicht ſehr zu fuͤrchten; denn ihre Zahl iſt hier nicht bedeutend, auch ſind ſie nicht ſo grauſam, wie an an⸗ dern Orten.. Der fuͤnfte Weg iſt jener, welchen der moskoviti⸗ ſche Geſandte Spartarius nach China waͤhlte. Er fuͤhrt durch Sibirien nach Nerezinski an 89 dem Fluſſe Szilka. Dann kommt man nach Dauri, etwas entfernt von dem Fluſſe Najunai. Von hier ſetzt man ſeinen Weg dann nach Cheria fort, welches der Eingang zu China iſt. Die Entfernung von Nerezinski bis nach Dauri, und von hier nach Cheria iſt gleich groß. Dieſen Weg haͤlt Avril fuͤr eben ſo ſicher, als kurz. Denn von Nerczin ski bis an den Fluß Ar⸗ guz, welcher ſich mit dem Namur vereiniget, ſindet man ſtets Nachutchiki, oder moskovitiſche Zobel⸗ jaͤger; und von da zieht man in einen Landſtrich der Mongulei, deſſen Bewohner ſich vor den Mos⸗ koviten gewaltig fuͤrchten. Der ſechſte Weg geht ebenfalls uͤber Nerezinski und durch die Mongullei, von welcher man ſich an den See Dalai begibt. Von Nerczinski bis zu dieſem See kaun man in einer Woche gelangen. Dort findet man ſchon Unterthanen des Kaiſers von China, welche ſich in den Umgebungen des See's angebaut haben, und von welchem man in drei Wochen nach China kommen kann auf einem von Ochſen gezoge⸗ nen Fuhrwerke. Dieſenr See iſt ganz ſchiffbar, wie der Arguz⸗Fluß, und hat ein ſchoͤnes Geſtade. In der Naͤhe des genannten Fluſſes gibt es Silber⸗ und Blei⸗ minen; auch hat an demſelben ein Taiſo ſeine Reſidenz, welcher verbunden iſt, dreimul des Jahrs moskovi⸗ tiſchen Kaufleuten das ſicherſte Geleite nach China in geben. 9⁰ An dieſe Berichte knuͤpfen ſich leicht einige Nach⸗ richten von den ver chiedenen Voͤlkern, zu welchen der Reiſende auf dieſen Wegen kommt. Sie ſind zuver⸗ laͤfſig, und ſtimmen mit den Jahrbuͤchern von China und mit den Nachrichten auderer Reiſenden uͤberein. Dus erſte Volk ſind die Bogdohi. Dieſe wer⸗ den von den Chineſen orientaliſche Tarta ren, von den Mongulen Nuchi genannt. Ihr Land iſt groß, und ſtark bewohnt. Es hat mehrere Chans oder Fuͤrſten, welche auch Caiſo's heißen. In dem Lande der Bogdoht iſt eine beſondere Provinz, welche von den Moskoviten Diurchari, und von den Mongulen Diurski genannt wird. Sie liegt zwiſchen dem orientaliſchen Meere und den Fluͤſſen Chin⸗ gala und Pamur. Dieſes Volk war ſonſt ſehr be⸗ kannt, als es noch nicht den Chineſen zinsbar war, und es gab eine Zeit, wo es ganz China unterjocht haben wuͤrde, wenn die Tartaren der Usbeken nicht den Chineſen zur Huͤlfe gekommen waͤren, und mit dieſen gemeinſchaftlich die Bogdohi in ihren eigentlichen Stammbezirk zuruͤckgedraͤngt haͤtten. Der letzte Re⸗ gent war aus der Familie Ivena. Die Chineſen ſetz⸗ ten ihn ab, und gaben ſeinen Platz an einen Fuͤrſten aus der Familie Taiminga. Dieß geſchah im Jahr 1386. Die Wohnungen der Bogdohi ſind Erdhuͤtten, wie in der Provinz Dauri. Die Bewohner derfelben treiben Handel mit Zobel⸗Fellen, und Haͤuten von den 1 91 ſchwarzen Fuͤchſen, Uebrigens haben ſie wenig Vieh. Ihre Pferde ſind klein. Sonſt ſind dieſe Menſchen etwas eiviliſirt, und gewandt wegen des großen Ver⸗ kehre. den ſie mit den Chineſen haben, Sie ſind der chriſtlichen Neligion geneigt, und nehmen dieſelbe leicht und gerne an. Sie ſprechen gewoͤhnlich die perſiſche Sprache mehr und lieber als die tuͤrkiſche, Ihrer ei⸗ genen Sprache Schrifzuͤge gleichen denen der Perſer, aber ſie ſchreiben und leſen wie die Chineſen. Ihr Alphabet hat mehr als ſechzig Buchſtaben. Die Fluͤſſe Namur, Arguz und Chingala haben veel Rubinen und Perlen, 3 Der Gebrauch des groben Geſchuͤtzes und des Pul⸗ ers iſt bei ihnen wenig gemein und bekannt. Ihre Kanonen ſind ſchlecht, machen viel Laͤrm, aber wir⸗ ken wenig. Zunaͤchſtt an dieſe orientaliſchen Tataren ſtoͤßt im Welen ein großes und weites Land, Mon⸗ gulien. Im Weſte graͤnzt es an die Quellen des Hamur, und an die Kalmuͤken⸗Tartaren; im Suͤdweſten au Turkiſtan, und im Oſten an China, Die Mongulen ſind von den Kalmuͤken durch große Wuͤſten getrennt. Sie haben drei Chanate oder Fuͤrſtenthuͤmer, deren Haͤupter, Daiſo's, ſtets gut mit einander auskommen, weil ſie aus einer Fa⸗ milie ſind. Staͤdte und Doͤrfer gibt es nicht. Die Haͤuſer ſtehen vereinzelt in dieſem Lande, wie Meior⸗ hoͤfe; ihre Anzahl iſt nicht betraͤchtlich. 92 Der Charakter der Mongulen, die man auch am Dalai und nahe bei dem Kluſſe Szelinga trifft, iſt von Natur ſehr ſanft und friedlich. Entſteht auch dann und wann ein Streit unter ihnen, ſo legt ihn der Cutuſta, der Vikar des Dalai⸗Lama, oder des Lamalamalow, des Oberprieſters der Mon⸗ gulen, oder ein anderer Richter leicht wieder bei. Der Reichthum der Mongulen beſteht groͤſten⸗ theils in ihrem Viehe, und in ihrem Handel mit den Moskoviten. Das Land iſt waſſerreich und ſehr fruchtbar. Es koͤnnten alle Sorten Fruͤchte daſelbſt ge⸗ deihen. Alle Baͤche und Fluͤſfe des Landes fließen in den Szelinga. 3 Mit den Bogdohi's ſind die Mongulen nicht gute Freunde; doch koͤnnen ſie denſelben ohne Feuer⸗ gewehre keinen empfindlichen und ſiegreichen Schlag beibringen. 1 Der ganze Landſtrich zwiſchen der Mongulei und Aſtrachan gehoͤrt dem Volke der K almuͤken, welche in eine Menge Chanate vertheilt ſind. Der maͤchtigſte dieſer Chanate iſt Otchiurtikan, der ſei⸗ nen Urſprung von dem beruͤchtigten Tamerlan ab⸗ leitet. Die Kalmuͤken haben keine feſten Wohn plaͤtze; ſie leben unter Zelten von Filz gemacht, welche ſehr nett und bequem ſind. Es gibt nicht leicht ein Volk, das ſchneller ſein Lager auf⸗ und abſchlaͤgt. Sie ſind ſtets im Wandern begriffen und Goͤtzendiener, wie — 93 alle andern Voͤlker der großen Tartarei bis Indien. Alle dieſe Voͤlker kennen kein anderes Haupt ihrer Re⸗ ligion, als den Dalai⸗Lama oder Lama⸗Lama⸗ 1ow. Nur die Bewohner von Bokara und Sa⸗ markand bekennen ſich zum Mahomedanismus. Dieſer Dalai⸗Lama, der vielleicht mit dem fa⸗ moͤſen Kaiſer von Abyſſinien(Prète-Jean)*) eine und dieſelbe Perſon iſt, und einſt das in dieſen Laͤn⸗ dern durch den Apoſtel Thomas verbreitete, ſpaͤter aber wieder verloͤſchte, Chriſtenthum beſchuͤtzte, hat ſeinen Sitz in dem Koͤnigreiche Tanchut, welches ſich von den Mongulen, Kalmuͤken und von Turki⸗ ſtan, zwiſchen China und Perſien, bis nach In⸗ dien erſtreckt, und wohnt in einer kleinen Feſtung Beatalahé, nahe bei der Stadt Barantola. Der Dalai⸗Lama ſtirbt nie; er verjuͤngt ſich ſtets wieder, wie der Mond des Himmels. Da uns Avril *) Das Wort Preste⸗Jean oder Préte⸗Jean iſt offenbar eine Ver zuͤmmelung des perſiſchen Wor⸗ tes Preſtegiani, welches ſoviel heißt, als der Apoſtoliſche. Dalai⸗Lama iſt dann wahrſcheinlich der Name eines Regenten des Reiches von Kitay und Beſchuͤtzer des Chri⸗ ſtenthums geweſen; nachher aber, als dieſes er⸗ joſch, zur Sage geworden; und Titel eines Ober⸗ rieſters dieſer zum Götzendienſt zuruͤckgefallen oͤlker. A. d. Bearbeiters. 94 in Hinſicht auf dieſe angedeuteten religioͤſen Vorſtel⸗ lungen der Mongulen nichts Ausreichendes berichtet; ſo ſetze ich auch nichts hinzu, als die Worte: es waͤre fuͤr die Geſchichtforſcher ein ſchoͤnes Problem, das Dunkel, welches uͤber der Perſon des Breſtegiani und Dalai⸗Lama ſchwebt, aufzuklaͤren, und dadurch den ſtaunenswerthen Fortſchritt des Chriſtenthums in Aſien und deſſen ploͤtzlichen Verfall in dieſen Reichen zu erklaͤren. Außer den verſchiedenen Tartaren, von denen bisher die Rede war, gibt es auch in dieſen Gegenden noch andere Voͤlkerſtaͤmme, als: Oſtjaken, Bratsken, Jakuten und Ton guſen, die ſich an den Fluͤſ⸗ ſen und Seen von Sibirien bis in die Mongulei ausgebreitet haben. Alle dieſe Leute haben ein großes Geſicht mit ſtarken Backenknochen und von olivenaͤhn⸗ licher Farbe. Ihre Augen ſind klein„aber voll Feuer. Ihre Naſe iſt kurz und platt. Die oberen Lippen und das Kinn ſind mit einem kleinen Barr bedeckt. Die Ge⸗ ſtalt des ganzen Tartaren iſt mittelmaͤßig, aber verhaͤlt⸗ nißmaͤßig. In ihrem Weſen ſind ſie entſchloſſen, aber eben nicht wild. Ihre Kleidungsſtuͤcke ſind alle ein⸗ ander gleich, und aus Fellen zuſammengenaht. Um die Huͤftes tragen ſie einen Guͤrtel, uͤber die Schul⸗ tern haͤngen ſie eine Taſche und einen Koͤcher mit Pfei⸗ len, auch ein Schwert, und in die Hand nehmen ſie den Bogen. Dieſer Tartaren, wie der Koſaken bedient ſich die 4 — 95 ruſſiſche Regierung zu Kolonien an die Graͤnzen von China; und weil ſie ſtreitbar ſind, ſo erweitern ſie die Graͤnzen des ruſſiſchen Reichs mit Gluͤck, und ruͤcken immer weiter vor. Die den Chineſen am naͤchſten gelegene Stadt iſt Albazin. Von hier kann man in drei Wochen nach Pekin kommen. Von Moskau bis Albazin braucht man dagegen drei Monate. Sie liegt am Ya⸗ mur, und es entſteht zwiſchen ihren Bewohnern und den Chineſen oft Streit uͤber die Perlen⸗Fiſcherei in dieſem Fluſſe, und uͤber das Recht dazu; eben ſo auch uͤber die Zobel⸗Jagd. Aus dein Allen geht nun hinlaͤnglich die Wahr⸗ heit hervor, daß der Weg von Moskau nach China's Hauptſtadt weder chimaͤriſch, noch unausfuͤhrbar ſey, wie man bisher(d. h. bis auf Avril's Zeit) hat vor⸗ gegeben. Die moskovitiſchen Kaufleute machen auch wirklich dieſen Weg jetzt mit großer Sicherheit. Man reiſet von Moskau gewoͤhnlich im Februar ab, und bedient ſich durch Sibirien der Schlitten. Dann ſchifft man auf den verſchiedenen Fluͤſſen nach dem Obi. und ſetzt ſeinen Weg zu den Oſtjaken fort. Ja, man gebraucht ſelbſt die Schlitten auf den Fluͤſ⸗ ſen, wenn ſie noch gefroren ſind. In dieſem Fall er⸗ halten ſie eine Segelſtange und ein Segel, oder man kaͤßt von Elendthieren und Hunden dieſelben fortziehen, wenn der Wind kein Segel geſtattet. So wird die Reiſe ohne Unterbrechung leicht fortgeſetzt, ſelbſt noch — 96 auf dem Fluſſe Geneſſai, wo die Ruſſen für die Bequemlichkeit der Reiſenden eine Stadt gleiches Na⸗ mens angelegt haben. Auf Flußſchiffen begibt man ſich von hier auf die großen Stroͤme Tonguſi und An gara, welcher letz⸗ tere ſeine Quelle im See von Baikala hat. Dieſer See iſt fuͤnfhundert Werſte lang und an vierzig breit; ſeine Waſſer ſind hell und tief. Er iſt von hohen Bergen umgeben, woſelbſt der Schnee den ganzen Sommerrnicht vergeht. Die Schifffahrt auf dieſem See iſt ſchwierig wegen der wechſelnden Gebirgswinde, die daruͤberwehen. Hat man den Baikala verlaſſen, ſo wendet man ſich auf den Strom Schelinga, an welchem, fuͤnfzig Meilen von ſeiner Muͤndung entfernt, eine von den Moskoviten erbaute Stadt gleiches Namens ſich befindet, von wo die Karavanen leicht nach China fortziehen. Will man aber hier nicht allzu hoch ſtrom⸗ aufwaͤrts ſteigen, ſo wendet man ſich nach Mongu⸗ lien, nach Suͤd, und und ſetzt ſeine Reiſe auf Maul⸗ thieren oder auch Dromedaren fort, bis man nach fuͤnfzehn Tagemaͤrſchen die erſte chineſiſche Stadt er⸗ reicht. Dieſe Neiſe machen gewoͤhnlich die meskovitiſchen Kaufleute, welche mit den Chineſen in Handels⸗Ver⸗ bindungen ſtehen. Man ſieht aber aus dem Berichte⸗ ten, daß dieſe Landſtriche, die man die grobe Tar⸗ tgrei nennt, keinesweges ganz unbebaut und wuͤlte 97 ſind. Es gibt daſelbſt die ſchoͤnſten Fluͤſſe und ſehr gute Produkte, mit welchen ſtarker Handel getrieben wird. Auch iſt dieſe Tartarei ſehr bevoͤlkert. Ja, der Woywode von Smolensko, Muchim Puchkim, den Avril als einen ſehr geiſtreichen Mann kennen lernte, verſicherte unſere Reiſenden ſogar, das aus dieſem Lande die erſten Koloniſten nach Amerika gegangen, was auch gar nicht un dahrſcheali) iſt. nſeits des Obi— ſagte der Woywode— iſt ein großer Fluß, JzTen a, in 1 hen ſich der Le⸗ ma ſtuͤrzt. Dieſer Fluß muͤndet in das Eismeer. Ju dieſem findet man eine durch die Jagd einer Amphibie, des Behemoth, berühmte, vrufe und bevoͤlkerte Inſel. Die Sinwohner dieſer J nſel kommen oft an die Geſtade des Eismeers, um Jah auf dieſes weo⸗ gen ſeiner Zaͤhne geſchaͤtzte Thier zu machen, und blei⸗ ben oft lange Zett mit den Ihrigen da. Oft ereignet es ſich auch, daß das Eis pidtzlich thaut⸗ oder borſtet. Auf ſoichen Eisſtuͤcken treiben dann nicht ſelten die Behemeth⸗Jaͤger. Wahrſe einlich iſt, daß auf dieſe Weiſe mehre mit ihren Eisfloͤßen gegen die noͤrdlichſte Spitze von Amerika getrieben wurden, da dieſe zu⸗ mal nicht ſehr fern iſt von dieſem Theile von Aſien. Was die Vermuthung begeätigt, iſt: die Einwohner des noͤrdlichſten Amerika's haben dieſelbe Geſichts⸗ bildung, welche dieſe Inſulauer haben. Dann hndet man auch an den Kuͤſten des taetariſchen Meers dieſel⸗ ben Thiere, welche in dem noͤrdlichſten Amerika z3fes B. Siebenbürgen zc. I. 1. 7 98 angetroffen werden. Auch gleicht ſich die Sprache der Voͤlker. In das Eismeer, oder wie es auch ſonſt noch genannt wird, in das Meer der Tartarei und von Japan, fließen vier Hauptſtrome, außer der Menge von kleinen Fluͤſſen. Der weſtlichſte iſt der Obi. Immer mehr nach Oſt, dann von da vorwaͤrts ge⸗ hend, trifft man den Geneſſai, den Leua und den Bamur. Die Schifffahrt auf den ſelben iſt aber ſchwie⸗ rig, beſonders da, wo ſie ſich muͤnden, ob ſie gleich viel Waſſer haben und weit fließen. Deßhalb ziehen die Kaufleute vor, zu Land nach China zu ziehen. Die Muͤndung des Obi iſt außerordentlich ge⸗ faͤhrlich wegen der vielen Eisſchollen, die das ganze Jahr dort treiben. Eben ſo iſt es mit der Muͤndung des Geneſſai, worin noch außerdem viele Waſſer⸗ wirbel ſind. Die Muͤndung iſt nicht weniger gefaͤhr⸗ lich durch Eis und durch Klippen. Der Namur hat nun wohl kein Eis, keine Strudel und keine Klippen in ſeiner Muͤndung; allein er fuͤhrt deſto mehr Stechginſter oder Meerbinſen, ſo daß ſeine Muͤndung damit oft ganz verſchanzt iſt. Ueberhaupt ſind alle dieſe Fluͤſſe ſchiffbarer nach ihrer Quelle zu, als nach ihren Muͤndungen. Eine Eigenheit der Styu⸗ del und Cascaden in dieſen Fluͤſſen iſt guch, daß die⸗ ſelben einen ſo angenehmen Geruch verbreiten, als breunten in denſelben die koͤſtlichſten und ausgeſuchte⸗ 99 ſten Rauchwerke; ein Phaͤnomen, welches genauer Unterſuchung werth iſt. Der Fuͤrſt Gallitzin hatte unſern Reiſenden wohl verſprochen, alles außzubieten, was die Errei⸗ chung ihres Endzwecks foͤrdern konnte. Da außerdem auch Rußland an Frankreich die Aufforderung zum Beitritte in ein Buͤndniß mit Teutſchland und Polen gegen die Ottomanen hatte ergehen laſſen, und ſo ein freundliches Verhaͤltniß zwiſchen beiden Hoͤfen Statt fand, ſo hoffte man um ſo mehr auf Unter⸗ ſtuͤtzung des Vorhabens. Allein man ward getaͤuſcht, und erhielt keinen Paß, um durch Sibirien nach China vordringen zu koͤnnen. Es wurde vielmehr unſeren Reiſenden der Rath gegeben, nach Frank⸗ reich zuruͤckzukehren. Umſonſt wendete man nochmals Alles an, was gethan werden konnte; man erhielt die naͤmliche Weiſung immer wieder. Da man nun von dieſer Seite nicht nach China kommen oder reiſen durfte, weil es Rußland aus unbekannten Gruͤnden nicht zugeben wollte; ſo beſchloßen unſere Reiſenden, ſich vorlaͤuſig nach Warſchau zuruͤck zu ziehen. Sie reiſeten mit einem Boyaren aus Moskau durch Lithauen nach Polen, und kamen, nach⸗ dem ſie eilf Monate von Erivan abgereiſet waren, den 12. Maͤrz 1686 in Warſchau an. Viertes Buch. NReiſe in Rußland. So ſehr nun auch der Vater Barnabas der Ruhe bedurfte, ſo ließ doch ſein Eifer fuͤr die wich⸗ tige Unternehmung nicht zu, lange unthaͤtig zu ſeyn. Er ging von Warſchau nach Danzig, um von da baldmoͤglichſt nach Frankreich zu kommen, mit den Oberen ſeines Ordens weitere Maaßregeln zur Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens zu beſorechen, und durchzutreiben, was bis jetzt ſo gluͤcklich begonnen war. Damit er jedoch ſtets auch noͤthige Nachrichten aus Moskau haben koͤnnte, ſo mußte Avril in War⸗ ſchau zuruͤck bleiben, und hier verſuchen, was von hier gewirkt werden konnte. Barnadas ſelbſt ging mit einem hollaͤndiſchen Schiffe indeſſen von Dagn⸗ zig in wenigen Tagen guͤcklich nach Amſterdam, und von da reiſte er mit einer Extrapoſt nach Paris. Waͤhrend er dort ſeine Augelegenheiten ordnete, kehte Avril nicht muͤſſig zu Warſchau, wo viele Franzeſen waren, die ſchön laͤngſt gerne einen Jeſut⸗ ten aus Frankreich bei ſich geſehen haͤtten. Er uͤber⸗ nahm alſo das Geſchaͤft der Seelſorge und des Pre⸗ digens bei ſeinen Glaubensge offen, und beſorgte die⸗ ſes Amt ſo lange, bis alles zu einer zweiten Reiſe nach Moskau geordnet war. Mittlerweile ward er auch durch die Korreſpon⸗ denz, welche er mit ſeinem Gefaͤbrten in Frankreich . 101 fortſetzte, veranlaßt, die Bekauntſchaft des einen und andern von den bedeutenden Maͤnnern in Polen zu machen, z. B. mit dem Marquis Bethune, um durch dieſelben einen Einfluß auf den Hof von Po⸗ len zu erhalten, und vielleicht felbſt den Koͤnig in der Naͤhe fuͤr ſich und den Plan ihrer Reiſe durch Rußland zu gewinnen. Was ſo klug und ſo um⸗ ſichtig geſucht wurde, erlangte man auch, wenn auch nicht ganz, doch zum Theil. Der Koͤnig von Polen war einer der aufgeklaᷣr⸗ teſten Regenten in Europa, und konnte zu Folge ſei⸗ ner Verhaͤltniſſe zum Hofe in Moskau viel zum Beſten unſerer Reiſenden wirken. Die Sache wurde nach und nach ſo eingeleitet, daß Avril aufgefordert wurde, dieſem Herrſcher ſich vorzuſtellen und ſeinen Schutz und Beiſtand ſich zu erbitten. Die politiſchen Verbindungen waren guͤnſtig, und Polen wollte ge⸗ rade mit Rußland daruͤber einen Vertrag ſchließen, daß es ſeinen Miſſionaͤren den Durchgang durch alle ruſſiſche Beſitzungen geſtatten moͤchte. Avril faͤumte deßhalb auch gar nicht, ſich an dem Hofe des Koͤnigs von Polen einzufinden. Der Hof befand ſich damals in Javarow, und der Marquis Bethune ſaͤumte nicht, Avril ſo⸗ gleich nach deſſen Ankunft dem Koͤnige vorzuſtellen. er Koͤnig nahm den Vater ſehr gnaͤdig auf, und veranſtaltete, daß demſelben die Memoiren eines ruſ⸗ ſiſchen Geſandten, der in Pekin geweſen war, zur 102 Durchſicht ausgehaͤndigt wuͤrden. Dieſe Memoiren beſtaͤtigten alles, was man bis jetzt uͤber die Moͤglich⸗ keit eines Landweges nach China ſchon erforſcht hatte, nur noch mehr.. Waͤhrend Barnabas in Frankreich ſich Empfeh⸗ lungsſchreiben vom Koͤnige an den Czar ausgewirkt, allerlei mathematiſche Inſtrumente gekauft, und an⸗ dere Kleinigkeiten der franzoͤſiſchen Induſtrie, mit welcher man ſich die Gunſt der Tartaren⸗Chans er⸗ werben konnte, und ſich dann nach Danzig ein⸗ ſchiffte, um ſich mit Avril wieder zu vereinigen, hatte dieſer auch einige gelehrte Jeſuiten in Polen und Lithauen an ſich gezogen, vom Koͤnige von Polen ebenfalls Empfehlungsſchreiben an den Czar von Moskau erhalten, wie auch ein Schreiben des Marquis Bethune an den moſcovitiſchen Fuͤrſten und Staatskanzler Gallitzin. So ausgeruͤſtet hoffte man bei dem Hofe in Moskau die Erxrlaubniß zur Durchreiſe nach Sibirien zu erhalten, und ſelbſt als Barnabas durch einen Schiffbruch bei Danzig ſein Leben verloren hatte, wo nur deſſen neuer Ge⸗ faͤhrte, der Pater Beauvollier gerettet wurde,— ſelbſt dann wollte Avxil mit ſeinen Gefaͤhrten noch⸗ mals nach Moskau. In Grodnow angekommen, erfuhr man aber leider ſchon von den Deputirten Rußlands, welche zum Reichstage nach Polen gingen, daß man vielleicht eben ſo wenig durchkommen wuͤrde, wie das erſte — 103 Mal. Das Empfehlungsſchreiben an den Fuͤrſten Gal⸗ litzin war indeſſen abgegangen, es blieb aber unbe⸗ antwortet. Daraus zog man den Schluß, daß die Deputirten wohl recht geweiſſaget haͤtten, und die Moſeoviten auf einer Laune verharrten. Es mußten alſo andere Maaßregeln genommen werden. Man wendete ſich daher an den Grafen Syri, welcher als Geſandter des Koͤnigs von Polen nach Perſien gehen ſollte, und bat ihn, unſern Reiſen⸗ den einen ſicheren und leichten Weg bis in das Koͤnig⸗ reich der Usbeken, wo eigentlich die Tartarei an⸗ faͤngt, anzugeben, damit man dieß letztere Gebiet gantz kennen lernen koͤnnte. Der Graf Syri, ein ſehr verdienſtvoller Mann, reich an Sprachkenntniſſen aller Art und an anderem Wiſſen, ein Freund der katholiſchen Kirche, der ſelbſt ſchon Miſſionaͤre nach Sch amaki und andern Orten befoͤrdert hatte, uͤberhaupt ein vollkommener Chriſt war, und gerne die Religion ſowohl, als die Wiſſen⸗ ſchaften befoͤrderte,— dieſer Mann wurde alſo er⸗ ſucht, unſere Reiſenden nach China zu befoͤrdern und mitzunehmen, und ſich zu dem Behufe Briefe vom Hofe Frankreichs zu erbitten. Er ſchrieb auch ſogleich deßhalb an den Pater La Chaiſe, damit dieſer bei dem Koͤnige von Frankreich ihm die noͤthigen Briefe an den Koͤnig von Perſien, an den Koͤnig der Usbe⸗ ken, und an den Schach von China auswirke, auf de⸗ ren Grund er unſeren Plan unterſtuͤtzen koͤnnte. 5 104 Von Grodnow ging Avril zuruͤck nach War⸗ ſchau, um dgſelbſt mit dem dort eingetroffenen Pa⸗ ter Beauvollier die Maaßregeln zu beſprechen, welche zu nehmen waͤren, um mit dem Grafen Syri, dem der Koͤnig von Frankreich gefaͤllig geweſen war, abreiſen zu koͤnnen. Der Graf hatte ſeine Abreiſe auf die letzten Tage des Monates Auguſt feſtgeſetzt, weil ſeine Inſtruk tionen noch nicht bercit waren. Man verband ſich, außer den zwei« Jeſuiten, wel⸗ che nach China mitgehen ſolten, mit noch andern in Polen, um ſie in Perſien als Miſſtonaͤre zu beſtimmen. Der Koͤnig von Polen und andere Große dieſes Reichs, beſonders der Graf Syri un⸗ terſtuͤtzten die deßfalſigen 2 Bemuͤhungen Avrils und und Beguvolliers; beſonders da zu derſelben Zeit der Fuͤrſt von Fberien um einige Jeſuiten ſchrift⸗ lich gebeten, damit ſie in ſeinen S Staaten thaͤtig ſeyn moͤchten. Der Name dieſes Fuͤrſten war Archilles 83 er hatte, weil er vom Maboinedamem us zur chriſtli⸗ chen 9 Religion uͤbergegangen war, von dem Schach von Perſien und von dem Großherrn der Tuͤr⸗ keu viel Anfechtungen gehabt. Er hatte aber die Ueberzeugung gewonnen, daß er mit groͤßerer Kraft gegen ſeine Feinde vuͤrde handeln koͤnnen, wenn er die verſchiedenen chriſtlichen Sekten in ſeinem Lande, in Iberien und Mingrelien ver reinigen koͤnnte, und wandte ſich deßhalb an den Pa atriarchen von Moskau um einige Miſſionaͤre. Als Archilles . 105 aber hier, weil er den Patriarchen zu wenig kannte, eine Fehlbitte gethan, wendete er ſich an die teutſchen Jeſuiten in Moskau, und durch dieſe erreichte er ſeinen Endzweck, weil ſich dieſe fuͤr ihn in Polen verwendeten. 1 3. Im Anfange Septembers hatte der Graf Syri nun alles Noͤthige erhalten, und mit ihm reiſte man auch ſogleich von Warſchau ab, um ſich nach Mos⸗ kau zu begeben. An der Grenze von Lithauen vereinigten ſich alle Jeſuiten, die fich dieſer Geſandt⸗ ſchaft auſchließen mußten, nach Avrils und Beau⸗ volliers Anordnungen. Der Graf Syri war ſelbſt ſo guͤtig, einige Tage zu warten, bis alle beiſammen waren. Einen krank gewordenen Vater mußten ſie in Wilna zuruͤcklaſſen, was man ſehr bedauerte, da er unfern Reiſenden als vortrefflicher Mathematiker die beſten Dienſte leiſten konnte. Waͤhrend die uͤbrigen mit dem Grafen langſam nach Moskau zogen, reiſte Avril, um wenigſtens die mathematiſchen Inſtrumente mitzunehmen, mit der Poſt nach Wilna. Allein als er ankam, war der Kranke gegen Erwarten wieder hergeſtellt, und hatte ſich ſchon auf den Weg gemacht, um ſich ſeinen Freunden moͤglichſt bald anzuſchließen. In Minsko, einer auſehnkichen Stadt im ſchwarzen Ruͤßland⸗ dreiſ⸗ ſig Meilen von Wilna, traf Avril mit demſelben wieder zuſammen. Nun durchwanderten beide die großen und weiten Waͤlder zwiſchen Minsko und 3 106 Cazin, welches die letzte polniſche Stadt war, bei welcher ein Fluß die Graͤnze zwiſchen Rußland und Polen machte. In dieſen 8 Waldungen ſahen unſere Reiſenden viele Bieuen, die zu den Reichthuͤmern von Lithauen geyoͤren, auch viele Baͤren, welche denſelben, wo ſie wild im Walde bauen, ſtets den grauſamſten Krieg erklaͤren, und von ihrem Honig leben, mit dem Men⸗ ſchen aber ziemlich friedlich leben. Auch gab es viele Elendthiere und Fuͤchſe. Man findet in dieſen Waͤl⸗ dern auch eine Wurzel, welche dieſelbe Eigenſchaften hat, wie das Opium; den Namen derſelben nennt er uns nicht. 3 Von Cazin ſendeten unſere Neiſenden einen Eilboten an den Gouverneur von Smolensko, wie es der Graf Syri angeordnet hatte, um demſelben ihre Ankunft zu melden, und ihn zu bitten, ſich an die Verſprechungen zu erinnern, welche er dem Ge⸗ ſandten gegeben hatte, von dem ſie ein unvorherge⸗ ſehener Zufall getrennt habe. Nach erhaltener Wei⸗ ſung vom Hofe zu Moskau antwortete der Gouver⸗ neur aber abſchlaͤgig, und unſere Reiſenden ſollten ſonach nicht durchgelaßen werden in das ruſſiſche Gebiet. Zum Gluͤcke kam aber bald in Cazin ein polni⸗ ſcher Edelmann, Lazinski, an, der als Geſandter des Koͤnigs von Polen nach Moskau ging. Dieſer er⸗ klaͤrte unſere Vaͤter fuͤr ſeine Kaplaͤne, und machte —— 107 ſich ein Vergnuͤgen, ſie auf dieſe Weiſe mit ſich nach Moskau zu nehmen. 4 Dieſes Verfahren verdroß den Hof von Mos⸗ kau, und der Graf Syrn erhielt, als er ſich zu Gunſten der Vaͤter verwendete, ſogleich den Befehl, unverzuͤglich Moskau zu verlaſſen. Die Jeſuiten ſelbſt erhielten den gemeſſenen Befehl des Czar, ſich nicht auf die Proteetion dieſer beiden polniſchen Geſandten zu verlaſſen, und ſich aus dem ruſſiſchen Gebiete ſogleich zuruͤck zu ziehen, wenn ſie keine Ge⸗ waltthaͤtigkeiten erwarten wollten. Man wandte ſich nun ſogleich an den polniſchen Reſidenten, ließ dem Czar die Briefe des Koͤnigs von Frankreich vorlegen, welche unſere Reiſenden bei ſich hatten, und erlangte fuͤr das Erſte wenigſtens eine Privat⸗Audienz, durch welche man das unſern Vaͤtern angethanene Unrecht wieder etwas gut zu machen ſuchte, und die Verſiche⸗ rung einer baldigen und guͤnſtigen Antwort. Man wartete fuͤnfzehn Tage auf dieſe Antwort. Mittlerweile fluͤſterten der hollaͤndiſche und branden⸗ burgiſche Geſandte allerlei unſern Reiſenden Unguͤnſti⸗ ges in die Ohren der Bojaren, und in die des Kaiſers, weil ſie ein fuͤr allemal die Jeſuiten nicht leiden mochten. Der kurfuͤrſtlich⸗brandenburgiſche Ge⸗ ſandte war ein Calviniſt, und dem zu Folge ein ge⸗ ſchworener Feind aller Jeſuiten. Dieſer ſuchte ein Buͤndniß mit Moskau zum Schutze der Heirath der Prinzeſſin Ra zivil, die fruͤher an den Prinzen 108 Jakob von Polen verſprochen war, aber damals einem Grafen von Neuburg ihre Hand reichte, woruͤber der Koͤnig von Polen ſo aufgebracht war, daß er die Beſitzungen der Fuͤrſtin Radzivil in Li⸗ thauen einziehen lies, um ſich fuͤr den Wortbruch derſelben ſchadlos zu halten. Was war nun natuͤrli⸗ cher unter ſolchen Verhaͤltniſſen, als daß diefer Ge⸗ ſandte den Koͤnig von Polen, wie er nur konnte, kraͤnkte! Was alſo der Koͤnig von Polen am uſſi⸗ ſchen Hofe durchzuſetzen bemuͤht war, das mußte al⸗ les der Erwartung deſſelben nicht entſprechen. Dieß war eine Urſache, warum man unſeren Vaͤtern ſo lange keine Antwort gab. Zu dieſer Urſache kam jedoch noch eine andere. Der Pater Denadine war fruͤher als Avril mit dem afen Syri eingetroffen. Er lernte einen chen uun gen Edelmann dort kennen, welcher keligion war. Dieſer Edelmann, von eich und gut, aber etwas leichtſinnig und tend, wenn ihn etwas kraͤnkte, ermordete wegen einer Maͤdchens einen jungen Menſchen, nicht gerade mit Vorſatz, ſondern in der Hitze des Wort⸗ wechſels, den ſte mit einander hatten. Er wurde zum Tode ver rühere ſchon aber Vatte Beau⸗ vollier 1 dadurch das dieheiwaßen des hollaͤndiſchen Gef erregt. Dieſes wurde in Haß verwandelt, als? vollier am Tage der Hinrichtung des jungen Sdel⸗ 109 mannes noch, mit dem Cruiifix in der Hand, ſich durch das Volk in den Schlitten des Delinguenten draͤngte, um ihm den letzten Dienſt der ſelism den Kirche zu erweiſen, und ihn zu bewegen, ſein ge⸗ aͤndertes Glaubens⸗Bekenntniß in der Todesſtunde oͤffentlich abzulegen. Dieſer Vorfall, welcher d: e groͤßte Senſation erregt hatte, diente dem hollaͤndi⸗ ſchen Geſandten, und zugleich auch dem brandenburgi⸗ ſchen, um alles N achtheilige gegen die Jeſuiten den Boigren und dem Kaiſer zu melden, u und auf dieſe Weiſe es dahin zu bringen, daß man ihnen anfangs die Zeit lang machte auf eine Antwort in Betreff ih⸗ res Begehrens, zuletzt aber ihnen befahl, alsbald Moskau und die ruſſiſchen Laͤnder zu verlaſſen, und mit dem Geſandten, dem ſie dahin gefolgt waren, wieder zuruͤck zu kehren. Nochmalige Bemuͤhungen des Fuͤrſten Gallitzin waren dieſes Mal eben ſo fruchtlos, wie fruͤher, und es blieb bei dem Beſchluſſe, den der Czar gefaßt hatte, unſere Vaͤter nicht durch Sibirien wandern zu laſſen, und nicht zu Moskan zu dulden. Sie reiſeten ba⸗ her mit dem polniſchen Gelandten wieder nach War⸗ ſchau zuruͤck, wo ſie einen neuen 2 er fanden, der ihnen den Weg uͤber Kon 6 a ntinppel eroͤffuete. 110 Fuͤnftes Buch. Reiſe in die Moldau. Die groͤßten Schwierigkeiten hatten ſich bis jetzt unſern Reiſenden in den Weg geſtellt, und ſie verhin⸗ dert, daß ſie ihren Zweck nach Jahre langer Bemuͤ⸗ hung noch nicht erreichten. Deſſen ungeachtet ver⸗ zweifelten ſie nicht; ihr Vertrauen auf Gott ließ ih⸗ ren Muth nicht ſinken. Sie hatten ja noch immer ei⸗ nen Weg uͤbrig, auf welchem ſie ſich mit dem Grafen Syri wieder verbinden konnten. Sie durften nur uͤber Konſtantinopel nach Perſien zu kommen ſuchen. Es war damals freilich Krieg zwiſchen den Chriſten und den Unglaͤubigen; allein ſo viel Unange⸗ nehmes auch fuͤr unſere Vaͤter, wenn ſie in dieſen Laͤndern reiſen wollten, entſtehen konnte; ſie gaben doch ihren Plan nicht auf. Zu Warſchau war noch der ruſſiſche Geſandte Jerowsky. An dieſen wendeten ſie ſich um Paͤſſe uͤber Wien, Buda, und von da in die Laͤnder des tuͤrkiſchen Großherrn. Politiſche Gruͤnde bewogen aber den Geſandten, ihre Bitte abzuſchlagen. Hierauf wendeten ſich unſere Vaͤter an den Groß⸗General von Polen, der ihnen ſchon fruͤher Beweiſe ſeiner Gunſt gegeben hatte. Er nahm ſie auch dieſes Mal mit be⸗ ſonderer Gunſt auf, und verſprach ihnen, ſie nach Konſtantinopel zu fuͤhren.„Folgen Sie, ſagte er zu ihnen, mir zu Leopold, wir wollen Maaßre⸗ ——— — ——— 111 geln nehmen, daß Sie die Reiſe, die Sie zur Ehre Gottes unternehmen wollen, wirklich ausfuͤhren koͤnnen.“ Kaum war man in dem Pallaſte Leopold's an⸗ gekommen, ſo wurden zwei Kuriere abgefertigt, der eine an den Hoſpodar der Moldau, der andere an den Paſcha von Kamini⸗ez, welche unſere Rei⸗ ſenden in der gefaͤhrlichen Zeit damals am meiſten be⸗ guͤnſtigen konnten. Wohl verſuchten Feinde unſerer Vaͤter nochmals, ſie dem Groß⸗General von Polen zu verdaͤchtigen; allein dieſer Mann war zu feſt in ſeinen Entſchluͤſſen, als daß er haͤtte Gehoͤr geben ſollen. Die beiden Kuriere kamen zuruͤck, und die Antworten des Hoſpodar's und des Paſcha waren guͤnſtig. Hierauf rieth der Groß⸗General, den Weg durch die Moldau ass den ſicherſten an, und dahin reiſete man denn auch. Sie erhielten ſicheres Geleite bis Konſtantinopel, und der genannte Goͤnner unſerer Vaͤter, gab ihnen ſogar einen ſeiner Leute zum Dolmetſcher, und eine Bedeckung von dreißig Reitern, die unſere Reiſenden nicht eher verlaſſen durften, als bis ſie in die Haͤnde des Hoſpodar's ge⸗ liefert waͤren. Der Hoſpodar aber war des Groß⸗ Generals beſonders guter Freund. Nachdem man einen Strich von Podolien und Pokutien durchzogen hatte, kam man endlich zu Jablonow an, alſo an die Graͤnze der Moldau. Ehe unſere Reiſenden aber hieher gelangten, mußten 112 ſie durch die beruͤchtigten Waͤlder der Bukowing ziehen, welche ſich vierzig Meilen ausdehnen, und wo der Groß⸗General von Polen einige Jahre zuvor einen glaͤnzenden Sieg uͤber die Tuͤrken und Tartaren erfoch⸗ ten hatte, als ſie unter der Anfuͤhrung des Sultan Galga in Polen emfallen wollten. Der Gang durch dieſe Waldungen war ſehr be⸗ ſchwerlich. Die Wege waren ſchlecht, und oft ſehr moraſtig; man glaubte oft nicht, daß man durch die⸗ ſelben zum Ende des Forſtes kommen wuͤrde. Aus dem Walde heraus traten unſere Reiſenden in die Ebenen der Moldau, wo ſie einige Zeit mit Vergnuͤgen fortzogen. Die Moldau iſt eine der ſchoͤnſten und ange⸗ nehmſten Provinzen Europa's. Dort ſieht man große Ebenen von verſchiedenen Stroͤmen durchwaͤſ⸗ ſert, welche wohl die Landſtriche zu den fruchtbarſten und reichſten machen wuͤrden, waͤren ſie nicht ſtets den Feindſeligkeiten der Tuͤrken und Tartaren ausgeſetzt. Nachdem man die Ebene ohne ein Abentheuer durchzogen hatte, kam man nach Campolongo, wo man eine neue Bedeckung bis nach der Haupt⸗ ſtadt der Moldau erhielt, und nach Jaſſi. Die Reiſenden wurden von dem Hoſpodar auf das freund⸗ lichſte empfangen, in ein eigenes Haus gebracht, und fuͤrſtlich behandelt. Seine Geſpraͤche mit ihnen wa⸗ ren auberordentlicher Ausdruck der wohlwollendeſten Geſinnungen. Unſere Vaͤter wußten anfangs dieſes 113 Benehmen gar nicht zu deuten, da erſt vor einigen Jahren zwiſchen dieſem Hoſpodar und Polen der groͤßte Hader Statt gefunden hatte, indem er ſich der Krone Polen nicht unterwerfen wollte; doch merk⸗ ten ſie endlich ſoviel, daß der Hoſpodar unter der Maſke ungeheuchelter Freundſchaft den Plan einer Verſchwoͤrung gegen Polen zu verdecken bemuͤht war, um ſich von dieſer Krone unabhaͤngig und zum Unter⸗ than des Kaiſers zu machen. Acht Tage waren verlaufen, ſeit man in Jaſſi war. In der Zeit hatte der Hoſpodar die fernerhin noͤthigen Paͤſſe bei dem Seraskier des Groß⸗ herrn ausgewirkt. Unter Begleitung reiſte man ſo⸗ fort, nachdem man nicht verſaͤumt hatte, dem Hoſpo⸗ dar zu danken, von Jaſſi in vier Tagen nach Ga⸗ latz, einer kleinen Stadt an der Donau. Dort fand man eine Barke bereit, die unſere Reiſenden in das tuͤrkiſche Gebiet, welches nicht mehr als fuͤnf Stunden entfernt war, uͤberſctzte. Nachdem man eine der Unwiſſenheit der Tuͤrken und der Bosheit einiger Renegaten verze hliche Unan⸗ nehmlichkeit in dem nahen tuͤrkiſchen Lager, wohin man kommen mußte, um an den Seras kier Briefe des Hoſpodars der Moldau abzugeben, uͤberſtanden hatte, ſetzten unſere Vaͤter ihien Weg durch Roma⸗ nien nach Kili, einer Stadt in Beſſarabien fort, weil ſie dort ein tuͤrüſches Fahrzeug, eine atas B. Siebenbürgen zc. I. 3. 8 114 Saigque*), antreffen konnten, welche nach Kon⸗ ſtantinopel ſegelte. 1 Man kam an, und ward eingeſchifft. Den naͤch⸗ ſten Morgen ſollte das Schiff abgehen. Man gewann die Muͤndung der Donau in kurzer Zeit, und der Wind war guͤnſtig. Den zweiten Tag trug ein Nord⸗ oſtwind in Baͤlde das Schiff in das ſchwarze Meer hinaus, ohne daß denſelben von den Sandbaͤnken in der Donau⸗Muͤndung ein Unfall geworden. Am dritten Tage gegen Abend entdeckte man mit großem Vergnüͤgen die Kuͤſten von Aſien und den Kanal, welcher der Eingang zum Bosporus iſt. Der Eintritt der Nacht noͤthigte indeſſen die Reiſenden, das Schiff unter einen andern Wind zu ſetzen, um nicht auf den Strand uu gerathen. Mit dem Anbruche des andern Morgens gab man dem Schiff ſeine Richtung wieder, und lief dann bald gluͤcklich in den Kanal ein. Man ſah Konſtanti⸗ nopel, deſſen Anſicht die ſchoͤnſte und bezaubern⸗ deſte iſt, die man ſich rur denken kann. Im Hafen von Galata ſchiffte man ſich aus, und unſere Rei⸗ ſenden begaben ſich in das Haus der Jeſuiten. Hier erwartete min die Ankunft der Geſandten 2 Eine Saig ue iſt ein kleines turkiſches Kauf⸗ mannsſchiff. 4 — ——·—— 115 des Koͤnigs von Frankreich an die Pforte, den Herrn von Chateaunenf, an welchen man wichtige Pa⸗ piere von dem Groß⸗General von Polen abzugeben hatte, damit unſeren Reiſenden die Reiſe nach Per⸗ ſien erleichtert und geſichert werde. Kaum hatte man erreicht, was man erreichen wollte, ſo ward Ayril krank, und bekam zum drit⸗ ten Male in einem Jahre das Blutſpeien. Die Aerzte und die Jeſuiten Galatass riethen ihm, nach Frank⸗ reich zuruͤck zu kehren. Hiezu fand ſich gerade eine ſchoͤne Gelegenheit. Die Gattin des verſtorbenen Ge⸗ ſandten Frankreichs, Madame Girardin, war zu ihre Abreiſe bereit. Auf ihrem Schiffe reiſete Avril auch am 23. Oktober ab. Man paſſirte die ſieben Thuͤrme gegen die Nacht hin mit gutem Nordwind, welcher das Schiff bald in das Meer di Marmora, und den naͤchſten Morgen fruͤhzeitig in den Kanal von Gallipo lis brachte. Hier ſegelte man zwiſchen der damals vor Anker liegenden Seemacht unter dem Donner der Ka⸗ nonen, mit welchem man die Frau des Geſandten begruͤßte, und war ſo bald durch die Dardanellen gelangt, wo die vier Schloͤſſer, unbedeutende Forts, einander gegenuͤber liegen, und den Eingang verthei⸗ digen. Als man außer dem Kanal war, ſah man die Inſel Tenedos mit der Hauptſtadt gleiches Na⸗ 116 mens, und ihr gegenuͤber das Gefilde von Troja. In kurzer Zeit ſah man auch die Inſel Metelino, und, als man waͤhrend der Nacht den Golf paſſirt hatte, den andern Morgen die Inſel Seios. Jetzt wurde der Wind ungunſtig, und man war umſonſt bemuͤht, den Kanal zwiſchen den Inſeln Seios und Ipſera zu gewinnen; man usre ſich nach dem Hafen des h. Georg von S irros wenden, an welchem ein Flecken gleiches Namens liegt. Hier ſchickte man den Kommiſſaͤr des Schiffs an das Land, um mangelnde Proviſion zu beſorgen. Einige Offiziere begleiteten ihn, um indeſſen das Vergnuͤgen der Jagd zu genießen. Der Kommiſſaͤr wurde ungluͤcklicher Weiſe erſchoſſen von einem Inſulaner. Der Moͤrder ward indeſſen gefunden, und der Gerechtigkeit uͤber⸗ liefert. Der Kommiſſaͤr wurde am Meeresufer beer⸗ digt, und dann ging das Schiff wieder unter Segel mit gutem Winde, welcher die Reiſenden bald das Cap d'Or, und die Iuſel Argentiera entdecken ließ. Nachdem man auf der Rhede dieſer Inſel we⸗ gen der gefuͤrchteten algieriſchen Flotte Erkundigun⸗ gen eingezogen batte,— es war damals noch nicht Friede zwiſchen Frankreich und Algier,— blieb man daſelbſt bis zum 2. November. Dann ſegelte man hei Coron an der venetianiſchen Flotte und an der Inſel Sapienza voruͤber, nach der Spitze von Siei⸗ preu. Den naͤchſten Morgen kam man an dem Cap 117 Paſſaro und an der Inſel Malta vorbei, und ant 44. November, durch einen unguͤuſtigen Nordweſt⸗ wind genoͤthigt, in dem Hafen von Portefarino vor Anker. Den 15. und 16. November mußte das Schiff hier, wo es gegen den Nordweſt⸗ und Weſt⸗ Wind ſicher war, bleiben. Mittlerweile genoß man das Vergnuͤgen der Jagd, zu welchem Endzwecke mall an das Land ging. Mit dem 19. November erhob ſich ein Suͤd⸗ Weſt⸗Wind; man ging unter Segel, und ſetzte ſeine Fahrt nach Sardinien fort, an der Inſel Gue⸗ rita oder Fratelli voruͤber. Wieder eintretender Nord⸗Weſt⸗Wind noͤthigte die Reiſenden an das Cap Pule, nachdem man einige Zeit das offene Meer gehalten hatte. Am 20. war der Wind lange Zeit unbeſtimmt, doch wendete er ſich endlich zur Gunſt unſerer Reiſenden. Am 21. gewann man den Golf von Palma, und dort wartete man auf den noͤthigen Oſtwind. Er trat ein, und man fuhr gluͤck⸗ lich die Inſeln Sardinien und Corſica vorbei, und entdeckte bald die Geſtade der Provenee. Im Ha⸗ fen von Toulon ging man gluͤcklich am h. Andreas⸗ tage vor Anker, nachdem man von Konſtantino⸗ pel bis daher acht und dreißig Tage gebraucht hatte. 118 Hier endigt die Erzaͤhlung der Reiſen Avril's, der mitten in ſeinen dankenswerthen Bemuͤhungen um Ausbreitung der Religion Jeſu wohl zu ſeinem eige⸗ nen großen Kummer oft geſtoͤrt und gehemmt wurde, zuletzt aber ſeinen Plan, nach China vorzudringen, ſeiner Geſundheit wegen, ganz aufgeben, und ſeinen Gefaͤhrten uͤberlaſſen mußte. Ob dieſe von Konſtan⸗ tinopel nach Perſien vorgedrungen ſind, das hat er uns nicht berichtet; aber ein ſeiner Reiſebeſchreibung angehaͤngter Brief eines Miſſionaͤrs aus Perſien beweiſet, daß den Jeſuiten wirklich ihre Bemuͤhungen, die Armenier von dem katholiſchen Stuhle bedingt abhaͤngig zu machen, in Perſien wenige Jahre nach Ayril's Reiſe ſchoͤne Fruͤchte gebracht haben. ———