K sbec s von Bu sleniu §. Gi 0 A u. aſchen⸗ Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Vndencertunſ bis auf unſere eiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Ver f aßt von Mehren Gelehrten, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 16. Bändchen. Mit einem Kupfer. I. Theil. 3. Bändchen der Reiſen in die Türkei. — Nürnber rg Verlegt von Haubenſtricker und von CEbner. 182 8. 3 — Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen in die e„ Tuͤrkei. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaße von Mehren Gelehrten, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Königl. Bibliothekar zu Bamberg. I. Theil. 3. Bändchen. Nürnberg Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1 82 9, IV. Vier Sendſchreiben des kaiſ. öſterreichiſchen Geſandten Auger Gislen v. Busbeck, aus Comines in Flandern, über ſeinen Aufenthalt zu Konſtantinopel 1554. (Fortſetzung.) As der Sultan unſere Ankunft erfahren hatte, befahl er dem Statthalter zu Konſtantinopel, uns nach Amazeia oder Amaſia uüberfahren zu laſſen. Am 9. Maͤrz ſegelten wir nach Natolien, mit dieſem Namen bezeichnen die Tuͤrken Aſien, und erreichten an demſelben Tage Scutari, welches an der Aſiatiſchen Küſte dem alten Byzanz gegenuͤber, an der Stelle der beruͤhmten Stadt Chalcedon ſte⸗ hen ſoll. Am anderen Tag ſetzten wir unſern Weg, durch blumenreiche Gefilde fort, und erreichten das Dorf Cartalum. Von hier kamen wir nach Gebiſe in Bithynien, dem alten Lybiſſa, welches durch Hannibal's Grabmal beruͤhmt iſt. —— Nikomedien eine alte, ebrwuͤrdige Stadt, hat nichts merkwürdiges aufzuweiſen, als die Ruinen von alten Mauern und Saͤulen. Das Schloß, auf einem Huͤgel gelegen, befindet ſich noch im beſſeren Zuſtande. Nicht lange vor unſerer Ankunft fand man unter der Erde eine lange Mauer aus Marmor, welche man fuͤr die Wohnung der alten Bithyniſchen Könige haͤlt. Von Nikomedien reiſten wir uͤber den Berg Olympus nach Nizäa, hier hoͤrten wir in der Nacht das Geſchrei der Wölfe, welche die Tuͤrken Ciacales nennen. Sie uͤbertreffen an Größe unſere Fuͤchſe, kommen jedoch hinſichtlich der Gefraͤßigkeit unſeren Woͤlfen gleich. Sie gehen mit einander Schaarenweiß, ſchleichen ſich Nachts in die Zelte und Haͤuſer, und freſſen, was ſie finden; im entgegengeſetzten Falle, verzehren ſie Stiefel, Schuhe, Degenſcheiden. Nizäa, wo wir uns einen Tag aufhielten, liegt an den Ufern des Askaniſchen See's. Die Mauern und Thore, deren Anzahl a betraͤgt, ſind noch im guten Zuſtande. Die Inſchriften derſelben zeigen, daß einer von den Antoninen ſie wieder verſchönert habe. Hier ſind noch Ueberbleibſel von roͤmiſchen Baͤdern, deren Steine die Türken zum Baue ihrer Haͤuſer verbrauchen. Von Nizäa reiſten wir nach Jenyſar, von da nach Ackbyuck, von hier nach Bazangyck, von da nach Boſovick oder Kaſſumbaſa, welches in den engen Paͤſſen des 263 3 Olymp's gelegen iſt. Hier kehrten wir in einem tuͤr⸗ kiſchen Spitale ein; dieſem gegenuͤber befand ſich ein etwas erhabener Fels, in dem eine große Grube, welche die Einwohner immer mit Schnee, zum Ge⸗ brauche der Reiſenden anfuͤllen, befindet. Solche Werke halten die Tuͤrken fuͤr ein Almoſen. Zur rechten zeigte man uns Otman lick, den Aufenthalts⸗ ort Othman's I. Durch dieſe engen Paͤſſe kamen wir auf eine weite Ebene, wo wir in Zelten uͤber⸗ nachteten, ſie heißt Chiauſada. Hier ſahen wir auch die Ziegen, aus deren Haaren man Gamelot verfertigt. Sie haben ein ſehr feines, weißes, bis auf die Erde herabhaͤngendes Haar, welches die Hir⸗ ten nicht abſchneiden, ſondern auskaͤmmen. Dieſe Zie⸗ gen werden oft gebadet. Die Haare werden von den Weibern des Landes geſponnen, und nach Ancyra, einer Stadt Galatiens gebracht, wo ſie gewebt und gefaͤrbt werden. Es gibt auch da Schafe, welche ei⸗ nen ſo langen und fetten Schwanz haben, daß ihr Gewicht 3— 10 Pfande betraͤgt. Die Schwaͤnze alter Schafe werden wegen ihrer Schwere auf Bretter mit zwei Naͤdern gelegt. Die Hirten dieſer Schafe bleiben Tag und Nacht mit Weib und Kindern in Karren auf dem Felde. Von Chiauſada kamen wir nach Karaly, von da nach Hazdengri. Bei Mazotthoy ſetzten wir über den Fluß Sangar, welcher ſich in den Pon⸗ tus ergießt. Von Phrygien reiſten wir nach Ma⸗ 263a hathli; von da kamen wir auf Ingli, Chilan⸗ cyck, Jalanchick und Potughin, von hier lang⸗ ten wir in der Stadt Ancyra an. In allen dieſen Orten ſahen wir nichts merkwurdiges, als hie und da einige tuͤrkiſche Graͤber, und einige römiſche und griechiſche Inſchriften, welche man aber wegen ihrer Verſtuͤmmlung nicht leſen konnte. Die Tuͤrken füͤllen ihre Graͤber nicht mit Erde aus, ſondern bedecken ſie mit einem großen Stein, damit nicht Hunde, Woͤlfe oder Hyaͤnen den Leichnam aus der Erde heraus⸗ graben, und in ihren Höhlen verzehren konnen. Die Hyaͤne iſt etwas kleiner, als der Wolf, kommt ihm aber an Laͤnge gleich. Sein Fell hat große, ſchwarze Flecken, ſein Kopf iſt ohne Gelenke, gleich mit dem Rücken verbunden. Statt der Zaͤhne hat ſie ein zuſammenhängendes Gebiß. Bellonus irrt, wenn er ſie für eine Zibet⸗Katze haͤlt. Hier fand ich viele alte Muͤnzen aus den Zeiten der letzten Kaiſer, naͤmlich aus jenen, der Konſtan⸗ tine, des Konſtans, Juſtinis, Valens, Va⸗ lentin's, Numerian's, Probus, Tacitus, welche die Tuͤrken ſtatt der Gewichte fuͤr 1 oder 2 Loth gebrauchen. Dieſes nennen ſie Giaurman gurä, oder Geld der Unglaͤubigen. Ferner zeigte man uns viele Munzen der aſiatiſchen Staͤdte Amyſis, Syropis, Cumaͤ, Amaſtris und Amaſien's. Neunzehn Tagereiſen von Konſtantinopel liegt im Lande Galatien, welches die alten Gallier be⸗ 265 wohnten, Ancyra, von Plinius Tectoſagum ge⸗ nannt. Dieſe Stadt war ſchon dem Strabo be⸗ kannt; die jetzige ſcheint nur ein Ueberreſt der alten zu ſeyn. Hier ſah ich eine Inſchrift, auf welcher die Thaten des Kaiſers Auguſt geſchrieben; ferner ein altes zerfallenes Rathhaus ohne Dach, deſſen Wände von Marmor waren, die Inſchriften waren kaum mehr lesbar. Hier ſah ich auch die Bereitung des Gamelots, welchen nur vornehme Turken tragen. Der Sultan ſelbſt trug nur ein gamelotenes Gewand von grüͤner Farbe; dieſes wird deßwegen ſehr hoch geehrt, weil der Prophet Mahomet in ſeinem ho⸗ hen Alter es getragen haben ſoll. Die ſchwarze Farbe wird bei den Tuͤrken fuͤr unanſtaͤndig und ungluͤcklich gehalten. Als ich einmal vor dem Baſſa in ſchwar⸗ zer Kleidung erſchien, ſtaunten ſie nicht nur daruͤber, ſondern erhuben auch deßwegen Klage. Die Purpur⸗ farbe gilt zwar fuͤr ſchoͤn, aber in den Kriegszeiten als Vorbedeutung des Todes. Die weiße, gelbe, blaue, veilchenbraune, aſchgraue und andere Farben bedeuten Gluück und Froͤhlichkeit. Von Ancyra kamen wir in das Dorf Baly⸗ eazar, nach Zarekuct und Zermeczu; dann er⸗ reichten wir das Ufer des Flußes Haly. Auf unſe⸗ rem Zuge durch das Dorf Algeos ſahen wir in der Ferne die an Synopus graͤnzenden rothen Berge, welche von ihrer Farbe den Namen haben. Der Haly war ehemals die Graͤnze zwiſchen Medien 266 und Lydien. An dem Ufer deſſelben fanden wir unſere Sußholzpflanze; hier ergötzten wir uns auch am Fiſchfange. Unter anderen Fiſchen fingen wir auch einen Stoͤr, welcher haͤufig in der Donau ſich findet. Es gibt auch daſelbſt viele See⸗Krebſe. Die Tuͤrben leben maͤßig und ſparſam, ſie be⸗ gnügen ſich mit Salz und Brod, mit Knoblauch und Zwiebeln und ſauerer Milch; letztere vertreibt bei der großen Hitze den Durſt, und wird deßwegen in allen Karavanſaraien feilgeboten. Auf ihren Rei⸗ ſen genießen ſie keine warmen Speißen, ſondern ſie leben von ſauerer Milch, Kaͤs, gedoͤrrten Pflaumen, Birnen, Feigen, Traubenbeeren; ihr Trank iſt Waſ⸗ ſer. Selbſt bei großen Gaſtereien machen ſie we⸗ nig Aufwand, Gebackenes, Pfannenkuchen, etwas Zuckerwerk, Reis auf verſchiedene Art zubereitet, mit Hühner und Hammelkfleiſch, macht die ganze Ta⸗ fel aus. Bloßes Waſſer, oder daſſelbe mit etwas Honig und Zucker vermiſcht, halten ſie für den köſt⸗ lichſten Trank. Bemerkenswerth iſt noch der Sor⸗ bet, ſie bereiten denſelben alſo: Gemahlene Roſine werden in ein hoͤtzernes Gefaͤß gelegt und mit Waſ⸗ ſer begoſſen; dieſe rühren ſie fleißig um, laſſen ſie einige Tage ſtehen, bis ſie in Gaͤhrung gerathen. Dieſer Trank iſt ſehr lieblich, indem die zu große Suͤßigkeit durch die Saͤure vermindert wird. Er läßt ſich aber nicht lange aufbewahren, weil er bald in Saͤure uͤbergehet. Uebrigens berauſcht er ebenſo⸗ 1 262 wie der Wein, und iſt deßwegen auch nach den Ge⸗ ſetzen verboten. t Vom Ufer des Halys reiſten wir nach Gou⸗ kourthoy, und kamen von Choron auf Theke Thioi, wo die türkiſchen Moͤnche, Derwiſche ge⸗ nannt, ein praͤchtiges Kloſter haben. Dieſe glauben viel Fabelhaftes, und ſind in der Geſchichte ſehr unerfahren, ſo glauben ſie z. B. daß der Ritter St. Georg ein Begleiter Alexander's des Großen, Job der Hofmeiſter des Königs Salo⸗ mon, und Alexander der Großo, deſſen oberſter Feldherr geweſen ſei. Den 7. April, als den 30. Tag unſerer Entfer⸗ nung von Konſtantinopel, langten wir zu Ama⸗ ſia an. Dieſe Hauptſtadt Cappadoziens, die Reſidenz des Statthalters, der Gebursort Strab 0*8, liegt zwiſchen zwei Hügeln und dem Fluße Iris, welcher durch die Mitte der Stadt fließt und ſie in zwei gleiche Halften theilt. Sie iſt ſo mit Huͤgeln umgeben, daß man nur auf einer Straſſe mit Pfer⸗ den und Wagen reiten und fahren kann. In der⸗ ſelben Nacht, wo wir angekommen waren, entſtand ein großes Feuer, welches aber bald von den Janit⸗ ſcharen durch Niederreiſſung der Gebaͤude geloͤſcht wurde. Oft zuͤnden dieſe ſelbſt aus Raubſucht, weil ſie nur allein das Recht zu löſchen haben, die Haͤu⸗ ſer an. Auf einem ſehr hohen, nahe an der Stadt gelegenen Berge iſt ein ſehr feſtes Schloß, in wel⸗ 263 chem ſich immer eine türkiſche Beſatzung befindet, ge⸗ gen die Bewohner Aſiens, welche ungern das türki⸗ ſche Joch tragen, und gegen die Perſer, welche oft bis an die Stadt ſtreifen. Hier ſahen wir noch viele alte Gebaͤude, welche vielleicht den alten Köni⸗ gen Cappadoziens gehört haben moͤgen. Die Stadt hat ſchlechte Hauſer, welche ohne Dach, und aus Lehm erbaut ſind, und enge ſchmutzige Straſſen. In Amaſien wurden wir zu dem oberſten Baſſa Achmet, und zu den anderen Baſſen gefuͤhrt, um ihnen wegen Abweſenheit des Sultans unſere Auf⸗ wartung zu machen. Ich entledigte mich der Auf⸗ träge Euerer Majeſtaͤt. Die Baſſen aber ſchienen dieſelben nicht günſtig aufzunehmen, und ſtellten alles dem Willen ihres Herrn anheim. Bei unſerer Au⸗ dienz vor dem Suttan ſaß derſelbe auf einer Schuh⸗ hohen Erhöhung, welche mit künſtlichen Tapeten und prächtigen Polſtern belegt war. Der Sultan machte bei Anhöoͤrung unſerer Rede ein finſteres Geſicht. Als wir hineinkamen, wurde jeder Einzelne von uns von einem Kaͤmmerling bei der Hand gehalten, weil ein⸗ mal ein Kroat, um den Tod ſeines Herrn, des Woywoden Markus in Servien zn raͤchen, den Sultan Amurath, waͤhrend des Geſpr aͤches er⸗ mordet hatte. Nach dem Handkuſſe wurden wir ge⸗ gen die jenſeitige Wand ſo geführt, daß wir dem Sultan nicht den Ruücken, oder einen hinteren Theil des Koͤrpers zukehrten. Als er meine freimuͤthige 269 Rede angehört hatte, lachte er hoͤhniſch, und ſagte nichts anders, als Guiſel, Guiſei ſchön, ſchön, und entließ uns. Der Hofſtaat des Sultans war ſehr groß; denn er beſtand aus vielen hohen Beamten, ſeiner ganzen Leibwache, allen Spahi, Garipigi, Ulufagi und einer großen Anzahl Janitſcharen. Hier adelt nicht Geburt, ſondern Verdienſt. Bei Vertheilung der Aem⸗ ter durch den Sultan werden nur brauchbare Maͤnner erwaͤhlt; wie oft die groͤßten und vornehmſten Be⸗ dienten des Sultans Soͤhne von Kühe⸗ und Schaaf⸗ Hirten ſind. Einen ſehr ſchönen Anblick gewaͤhrten uns die vielfarbigen Kleider und die ſpitzigen, mit weißen, ſeidenen Schnüren gezierten Turbane. Be⸗ ſonders muß noch die Ordnung und Stille einer ſo großen Volksmenge erwahnt werden. Die vornehm⸗ ſten unter derſelben, Aga's genannt, die Stadthal⸗ ter, Hauplleute, Offiziere ſaßen zu Pferde. Am 10. Mai langte der eeſiſch Geſandte mit den herrlichſten Geſchenken an. Sie beſtanden in den buntfaͤrbigſten Teppichen, babyloniſchen Zelten, ſchoͤ⸗ nen Pferde⸗Decken und Saͤtteln, Damascener⸗ Klin⸗ gen mit Edelſteinen verziert, und ſehr ſchoͤnen Schil⸗ dern; aber alle dieſe Geſchenke übertraf der Alco⸗ ran. Mit dieſem Geſandten wurde ſogleich Friede geſchloſſen, um uns dadurch in Furcht zu ſetzen. Der Hali⸗ Baſſa, der erſte nach dem Gros⸗ Vezier, lud den perſiſchen Geſandten zu einem Male in ſeinen Garten ein. Der Baſſa, ein geborner Dalmatier, beſaß einen geſunden Verſtand und große Höflichkeit. Nach dem Friedensſchluſſe mit Perſien konnten wir von den Tuͤrken gar nichts mehr, was auch billig war, erhalten. Auf beiden Seiten kam man wegen eines halbjaͤhrigen Waffenſtillſtandes uͤberein. Dem⸗ nach mußte ich mit einem Schreiben Soliman's an meinen Kaiſer zuruͤckkehren. Vor meiner Abreiſe er⸗ ſchien ich noch einmal beim Sultan in einem langen, mit Blumen durchwirkten, weitem Kleide. Alle meine Diener begleiteten mich in ſeidenen, buntfaͤrbigen Gewaͤndern, welche ſie zum Geſchenke erhalten hat⸗ ten. Nachdem mir ſein Schreiben uͤberreicht worden war, nahm ich vom Sultan und den Baſſen Abſchied, und reiſte den 2. Juni von Amaſia weg. Zwar iſt herkoͤmmlich, den Geſandten vor ihrer Abreiſe auf dem Divan, dem Rathhauſe der Tuͤrken, ein Mahl zu geben, allein dies unterblieb, weil wir noch nicht mit ihnen Freundſchaft gemacht hatten. Soliman, ein Mann von hohem Alter, zeigt den Ernſt und die Wurde, welche einem Regenten ziemen. Er liebte von Jugend an Nuchternheit und Maͤßigkeit, und war kein beſonderer Liebhaber des weiblichen Geſchlechtes. Er ehrt ſehr die Religion, befolgt die Ceremonien, und ſucht die Graͤnzen ſeines Reiches zu erweitern. Vermöge der Beſchaffenheit ſeines Alters iſt er noch ziemlich geſund. Seine 271 ſchlechte Geſichtsfarbe ſucht er bei Ankunft der Ge⸗ ſandten mit Schminke zu verbergen. In der größten Hitze des Monats Juni reiſten wir, und mit uns der perſiſche Geſandte ab, weil Amaſia nur eine Landſtraße hat. Dieſe ſcheidet ſich bald in zwei, wovon eine nach Oſt, welchen Weg die Perſer betraten, die andere, welche wir einſchlugen, nach Weſt fuͤhrt. Den 2. Juni langten wir in Kon⸗ ſtantinopel an, ſehr ermudet durch die Reiſe, und geſchwaͤcht vom Fieber. Bald erholte ich mich wieder durch warme Baͤder, die mir mein Arzt Quackel⸗ bein verordnet hatte. Nachdem ich mich noch 1u Tage in Konſtantinopel aufgehalten hatte, ſchickte ich mich zur Abreiſe nach Wien an. Kaum waren wir von Konſtantinopel weg, ſo begegneten uns einige Wagen mit Knaben und Maͤdchen, welche aus Un⸗ garn geraubi auf den Sklaven⸗Mark nach Konſtan⸗ tinopel geführt wurden. Junge und ſtaͤrkere Leute wurden wie das Vieh weggetrieben, oder wie bei uns die Pferde an eine Kette zuſammen gekuppelt. Kaum konnte ich mich bei dieſem Anblick des Weinens enthalten. 3 Auf Bitten meiner Kollegen nahm ich einige von ihrem Gefolge, welche nicht laͤnger in der Tuͤrkei bleiben wollten, mit. Unter dieſen befand ſich ein Woywode, welcher einen Peſtbeulen an dem Fuße hatte. Wir alle waren beſorgt, die Krankheit möchte ſich weiter verbreiten. Bei unſerer Ankunft zu Adria⸗ 222 nopel war er verſchieden. Meine Diener, welche ſich, wie wohl trotz des Widerrathens des Arztes, ſeiner Kleider bemaͤchtigen, klagten am Tage unſerer Abreiſe über Kopfſchmerzen, Mattigkeit der Glieder und Niedergeſchlagenheit, und verlangten von meinem Arzte Hülfe. Wir hielten dieß fuͤr Symptome der Peſt. Bei unſerer Einkehr in einer Herberge fand ich auf einem Spatziergange Waſſer⸗Knoblauch als vortreffliches Mittel gegen die Peſt. Ich ſammelte eine große Menge, ließ ihn kochen, und die Bruͤhe deſſelben vor dem Schlafengehen zum Trinken geben; als ſie dieß mehrmal gethan hatten, wurden ſie mit Gotteshulfe wieder geſund. Nachdem wir Thrazien, die Wallachei, Servien, durchreiſt hatten, lang⸗ ten wir in der groͤßten Hitze zu Belgrad an, wo alle meine Diener, welche zu viel Fiſche gegeſſen hatten, das Fieber bekamen. Nachdem wir uͤber die Sau geſetzt hatten, verwunderten wir uns uͤber die Fruchtbarkeit Ungarns. Uieber ſchlechte und gering⸗ fügige Orte kamen wir nach Eſſeck im Lande der Raitzen, welches ein der Trunkenheit ergebenes, liederliches Volk iſt. Beruͤhmt iſt es durch die Nie⸗ derlage des kaiſerlichen Obergenerals Katzianer und deſſen ganzen Armee. Von hier ſetzten wir uͤber die Drag, und langten in Lasquen an, wo ich durch die Reiſe, Hitze und das Fieber abgemattet, anhalten mußte. Von da kamen wir zum Flecken Mahaz. Nicht weit davon ſab ich den kleinen Fluß, L 8 273 in welchen der ungluͤckliche Ungarn⸗Koͤnig, Ludwig, ſein Leben endete. Von Mahaz kam ich nach Tulna, von da nach Felduar, wo ich mich über die Donau auf die Inſel Cophin, den Raitzen ge⸗ hörig uͤberſetzen ließ. Eilf Tage nach meiner Abreiſe von Belgrad kam ich den 4. Auguſt zu Ofen an. Auf dieſer Reiſe verlor ich viele Pferde, auch entging ich vielen Gefahren, indem vorzüglich die Heiducken uns nachſtellten. Zu Ofen traf ich den Baſſa nicht, weil er auf der Peſter⸗Heide Muſterung, welche die Tuürken Rakos nennen, hielt; drei Tage mußte ich hier warten. Als ich in das Lager deſſel⸗ ben gefuͤhrt wurde, mußte ich große Klagen wegen der Streitigkeiten einiger Ungarn hören. Er fugte auch noch einige Drohungen hinzu, um mich durch ſein großes Kriegsheer in Schrecken zu ſetzen; ich ſagte ihm aber, daß Unterthanen des Kaiſers beraubt, gepluͤndert und gefaͤnglich weggeführt worden ſeien. Des andern Tages erreichten wir unter Beglei⸗ tung einiger tuͤrkiſcher Reiter die Stadt Gran. Ich wollte üͤber die Donau ſetzen, um jenſeits des Schloßes Gran in einem Dorfe zu uͤbernachten. Ich bat deßwegen meinen Fuͤhrer, Schiffe zu beſor⸗ gen, und dem Singiack meine Ankunft zu wiſſen zu machen. Als unſere Boten eine Stunde voraus geritten waren, wurden ſie von a tuͤrkiſch gekleideten Reitern uͤberfallen, einem die Naſe abgehauen, und ſein Pferd abgenommen; und an deſſen Stelle ein 16tes Baͤndchen, Tuͤrkei I. 3. 2 274 ganz mageres zuruͤckgelaſſen. Wir wollten dieſen nachſetzen, kamen aber zu ſpaͤt, weil es den verklei⸗ deten ungariſchen Reitern mehr um Beute, als um Streit zu thun war. Inzwiſchen kamen wir nach Gran, wo mich der Singiak freundſchaftlich be⸗ ſuchte, und mich erinnerte, des Uebermuths der ungariſchen Reiter nicht zu vergeſſen. An demſelben Tage erreichte ich noch Kommorn, wo mich auch das Fieber verließ; in zwei Tagen langte ich zu Wien an, wo ich ſtatt des römiſchen Königs Fer⸗ dinands, den Koͤnig Maximilian aus Boͤhmen traf. Mein hageres Ausſehen verurſachte das Ge⸗ rücht, daß mir Gift beigebracht worden ſei. Inzwi⸗ ſchen ſetzte ich dem Koͤnige Ferdinand von meiner Ankunft, halbjaͤhrigen Abweſenheit, und Geſchaͤfts⸗ führung in Kenntniß. Geſchrieben zu Wien den 1. September 1552. Zweites Sendſchreiben. Als der Kaiſer Ferdinand von dem Reichs⸗ tage wieder zu Wien angekommen war, theilte ich ihm die Verhandlungen mit Soliman mit. Auf ſeinem Befehle mußte ich mich zur zweiten Reiſe anſchicken. Im Monate November verließ ich Wien, und langte mit Anfange Januars zu Konſtantino⸗ pel an. Einen meiner Begleiter verlor ich durch das Fieber; meine Kollegen traf ich in guter Geſundheit 275 an. Zu Konſtantinopel hatte ſich vieles veraͤn⸗ dert. Bajazeth, Solimans Sohn, hatte ſich mit ſeinem Vater ausgeſoͤhnt, der Groß⸗Vezier Achmet Baſcha verlor ſein Leben durch die ſeidene Schnur, und der in der erſten Reiſe erwaͤhnte Schwager des Sultans, Ruſtan, wurde wieder in ſeine Wuͤrde eingeſetzt. Von den Baſſen wurde ich ſchlecht aufgenommen, weil ſie von mir höͤrten, daß Ihre Maj. wegen des Vertrags mit Siebenburgen nichts nachgebe. Sie ſprachen von großen Gefahren, welche uns bevor⸗ ſtänden, wenn wir mit Antraͤgen der Art vor dem Sultan zu erſcheinen wagen wuͤrden. Nichts deſto weniger beſtand ich auf meinem Vorhaben, zu dem Sultan gefuhrt zu werden. Waͤh⸗ rend dieſer Geſpraͤche mit den Baſſen, drohten einige andere Tuͤrken, meine Kollegen in das Gefaͤngniß zu werfen, und mir Naſe und Ohren abſchneiden zu laſſen. Auch ſahen ſie uns mit wildem Blicke an, ſuchten uns immer enger einzuſchließen, und keine anderen Leute zu uns kommen zu laſſen, und be⸗ handelten uns gleichſam als Gefangene. Sechs Mo⸗ nate befanden wir uns in dieſer mißlichen Lage. Der Sultan Soliman hatte 5 Söhne, der älteſte Muſtapha war von einer Beiſchlaͤferin vom Bosphorus. Seine rechtmaͤßige Gemahlin Roxo⸗ lena,(denn die Tuͤrken nennen auch ihre Beiſchlä⸗ ferinnen Weiber) gebar ihm a Söhne, Mahomer, 226 Selim, Bajazeth und Giangir. Erſterer ſtarb in der Blüte ſeiner Jahre. Giangir, der durch einen Hoͤcker entſtellt war, ſtarb aus Furcht, als er die Nachricht von der grauſamen Erdroßlung ſeines Bruders Muſtapha gehoͤrt hatte. Nach dem Wil⸗ len des Vaters erhaͤlt der aͤltere Selim die Regie⸗ rung, wiewohl die Mutter dem jüngeren Bajazeth mehr gewogen iſt. Bajazeth, der dieſes wohl merkte, ſuchte ſeinem Bruder Selim die Regierung zu entreißen. Unter dem Vorwande, den Tod ſeines Bruders Muſtapha, welcher viele Anhaͤnger hatte, zu raͤchen, beredete er einen ſeiner Freunde, ſich fuͤr Muſtapha auszugeben. Dieſer fluͤchtete nach Thra⸗ zien, zog die Donau herab gegen die Moldau und Wallachei, und ſuchte die Reiterei, welche dem verſtorbenen Muſtapba ſehr geneigt war, auf ſeine Seite zu bringen. Hier erzuͤhlte er dem Volke ſeine Feindſchaft mit ſeinem Vater, und ſeine ver⸗ meindliche Erdroßlung, flehte die Hilfe deſſelben an, und brachte viele auf ſeine Seite. Als der Sultan durch die benachbarten Singiaken Nachricht hievon erhalten hatte, gab, er ihnen die noͤthigen Berhal⸗ tungs⸗Befeyle, und ſchickte einen Vezier⸗Paſcha mit ausgewaͤhlter Mannſchaft zur Hilfe. Bei ſeiner An⸗ kunft wurden die Soldaten des Pſeudo⸗Muſtapha ſo in die Enge getrieben, daß ihnen jeder Ausweg zur Flucht verſperrt war. Muſtapha ſelbſt wurde ge⸗ fangen genommen, und unter ſtarker Begleitung nach 222 Konſtantinopel geſchickt. Als Muſtapha auf der Folter das ganze Anſtiften Bajazeth's geſtanden hatte, ließ ihn der Sultan in der Nacht mit ſeinen An⸗ haͤngern erſaͤufen. Heftig entbrannte Soli man uͤber erregen. Nachdem er von ſeinem Vater einen ſtar⸗ ken Verweis erhalten hatte, ließ ihm Soliman den Trank der Verſöhnung reichen, und ſetzte ihn in ſeine vorige Wuͤrde wieder ein. Ueber den Tod des Achmet⸗Baſſa weiß ich nichts Beſtimmtes anzugeben. Einige glauben, er ſei deßwegen getödtet worden, weil er Unterhand⸗ lungen mit dem Pſeudo⸗Muſtapha gepflogen habe; andere, damit Ruſtan an ſeine Stelle kaͤme. Stand⸗ derte einen der Umſtehenden auf, ihm den letzten Liebesdienſt zu erweiſen. Ich beluſtige mich indeſſen mit meinen guten Freunden und Buͤchern. Konſtan⸗ tinopel den 14. Juli 1555. Drittes Sendſchreiben. Da ich mich mit meinen Kollegen bereits ſchon das dritte Jahr zu Kon ſtantinopel aufgehalten, 278 und wir uns vergeblich bemuͤht hatten, den Frieden zu vermitteln, ſuchten dieſe bei dem Sultan um die Erlaubniß abzureiſen nach, und brachten es endlich mit großer Mühe dahin, daß ſie dieſelbe erhielten. Jetzt entſtand noch die Frage, ob wir Alle abreiſen ſollten, oder ob einer da bliebe. Nach der Meinung meiner Kollegen ſollte einer von uns da bleiben, weil es von großem Nutzen für Eure Majeſtaͤt waͤre. Selbſt Ruſtan, der Groß⸗Vezier, gab mir heimlich zu verſtehen, daß mein Dableiben ihm erwünſcht ſei, weil unſere Abreiſe als Zeichen des Krieges an⸗ geſehen wuͤrde. Tags darauf wurde der Divan zuſammen geru⸗ fen, wo ich, nach der Ueberreichung eines Memorial's, in mein Dableiben einwilligte, jedoch mit dem Be⸗ merken, daß ich es ohne den Willen meines Kaiſers thäte. Am Ende Auguſt's 1557 reiſten meine Kolle⸗ gen aus Konſtantinopel. Zur Winterszeit begab ſich der Sultan nach Adrianopel, theils um durch ſeine Naͤhe die Ungarn in Schrecken zu ſetzen, theils um ſich am Vogelfange zu ergötzen. Weil ſich hier mehre Flüße vereinigen, ſo entſtehen in der Naͤhe viele Seen und Sümpfe, in welchen ſich in großer Anzahl wilde Gaͤnſe, Enten, Reiher, Pygargen(eine Art Adler, mit weißen Schwaͤnzen) Kraniche und Buſſen(eine Art von Habichten) aufhalten. Bei der Jagd dieſer Thiere bedienen ſie ſich abgerichteter Fal⸗ ken, welche ihren Raub bis an die Wolken verfolgen. — 229 und ihn mit Ungeſtuͤm auf die Erde ziehen. Auf Befehl des Sultans reiſte ich unter Begleitung meh⸗ rer Reiter und 16 Janitſcharen nach Adrianopel. Durch die Eilmaͤrſche, welche wir machen mußten, wurden meine Begleiter ermüͤdet, und fingen ſchon den 3 Tag zu klagen an. Durch Brei und Wein be⸗ ſänftigte ich ſie, und ſo langten wir zu Adrianopel an, wo ich gleich die Klagen Ruſtan's wegen des Plüͤnderns und wegen der Streifereien der Ungarn hören mußte. Ich aber ließ es gleichfalls nicht an Gegengründen fehlen, und führte die Einfäͤlle der Türken, welche den gemachten Waffenſtillſtand nicht hielten, dagegen an. Zu derſelben Zeit verſpuͤrte man ein großes Erd⸗ beben zu Adrianopel, Niſſa, Sophia und an⸗ deren Orten. Selbſt zu Konſtantinopel, wiewohl dieſe Stadt dem Erdbeben oft unterworfen iſt, ent⸗ ſtand waͤhrend meiner Anweſenheit ein Erdbeben, welches mehre Tage andauerte, und große Verwuͤſtun⸗ gen an den Mauern des Sophien⸗Tempels anrichtete. Waͤhrend meines dreimonatlichen Aufenthalts zu Ad⸗ rianopel, kam von beiden Seiten ein Wafefenſtill⸗ ſtand auf 7 Monate zu Stande. Im Maͤrz reiſte ich unter Begleitung wieder nach Ko nſtantinopel zuruͤck. Hier bezog ich nicht wieder mein altes Quar⸗ tier, welches dem Sultan jaͤhrlich uoo Dukaten koſtete, denn ſo hoch wurde die Benutzung dieſes Hauſes an⸗ geſchlagen, ſondern fuͤr mein eigenes Geld eine Woh⸗ nung, wo ich durch Anlegung eines Gartens mir die ſchweren Sorgen meiner Geſandtſchaft verſußen wollte. Als mich aber mein Spion in dieſer Wohnung, nicht ſo, wie in dem Karavanſarai beobachten konnte, ſo berichtete er dieſes dem Paſcha und ich mußte in meine vorige Wohnung zuruͤck, welche ich jetzt etwas genauer beſchreiben will. Sie liegt zu Konſtanti⸗ nopel auf einer Anhöhe, und gewaͤhrt die herrlichſte Ausſicht auf das Meer, an deſſen Kuſten Delphine ſpielen; in der Ferne ſieht man auch den mit ewigem Schnee bedeckten Olympus in Aſien. Die Luft iſt geſund. Mein Haus iſt viereckig aus Ziegelſteinen gebaut; in der Mitte befindet ſich ein großer Hof mit einem Brunnen. Der obere Stock, welcher al⸗ lein bewohnt wird, hat einen runden Gang um das ganze Haus mit mehren Zimmern; inwendig, wo man in den Hof ſieht, iſt ein zweiter bedeckter Gang; außen enthaͤlt es viele Zimmerchen, die unſeren Moͤnchszellen aͤhnlich ſind. Der vordere Theil geht auf die Straſſe, welche zur Reſidenz fuͤhrt, wo meine Diener alle Freitage den Sultan, wenn er in die Moſchee reitet, begrüßen, oder vielmehr einen Ge⸗ gengruß ablegen. Denn nach türkiſcher Sitte grüßt immer der Vornehme den Geringeren zuerſt. Im unteren Theile des Gebaͤudes ſind Pferdſtaͤlle. In⸗ wendig iſt es ganz gewölbt, von Außen mit gedeck⸗ tem Blei gegen Feuer verwahrt. Gaͤrten fehlen, da⸗ gegen wimmelt das ganze Haus von Ungeziefer, von 1 284 Schlangen, Wieſeln, Scorpionen, Eidechſen ſo ſehr, daß man oft des anderen Tags ſeinen Hut, welchen man Abends ablegte, von einer Schlange umwunden ſieht. Dieſe Thiere erheitern uns zuweilen durch ihre gegenſeitigen Kaͤmpfe. Auch hielt ich mir zur Unter⸗ haltung Woͤlfe, Baͤren, Damhirſche, gemeine Hirſche und Pferde, Eſel, indiſche Maͤuſe, Marder, Zobel und ein Schwein. Aus Neugierde kamen viele Aſia⸗ ten in meine Wohnung, um dieſes Thier zu ſehen, weil ihnen in ihrem Koran verboten iſt, das Fleiſch deſſelben zu genießen; deßwegen werden in ihrem Lande keine ernaͤhrt. Die Tuͤrken haben einen ſo großen Abſcheu gegen die Schweine, daß ſie dieſelben nicht einmal beruͤhren wollen. Ferner halte ich mehre Gattungen von Vögeln, als Adler, Raben, Dolen, fremde Enden, Kraniche von den baleariſchen In⸗ feln und Rebhuͤhner. Von einem türkiſchen Bettler kaufte ich auch ei⸗ nen Hirſch. Die Anzahl dieſer Bettler iſt nicht ſo groß, wie bei uns, ſie durchziehen unter dem Scheine der Heiligkeit das Land. Einige, welche ſich wahn⸗ ſinnig ſtellen, werden für heilig gehalten. Andere tragen Fahnen herum, welche ihre Ahnen im Kampfe gegen die Unglaͤubigen gehabt haben ſollen. Dieſe betteln nicht uͤberall, ſondern bieten Abends den Vor⸗ übergehenden Kerzen, Pomeranzen, Citronen an, wofür ſie den doppelten Werth bekommen. Auch muſ⸗ ſen gebrechliche Sclaven betteln. Große Schonung 282 deweiſen die Tuͤrken gegen wilde Vögel, weil ſie die Stadt von Ungeziefer reinigen, dieſe ſind bisweilen ſo zahm, daß ſie, wenn man ihnen pfeift, herbei fliegen, und in die Höhe geworfene Stuͤcke Fleiſch mit ihren Krallen fangen. Dieſen ſchieße ich hinter einer Säule mit Kugeln aus Lehmen bald den Schwanz, bald den Flügel ab; zuweiten toͤdte ich auch einige, dieſes thue ich jedoch im Geheimen, um den Tuͤrken keine Aergerniß zu ge⸗ ben. Hier will ich noch im Kurzen der Rebhuͤhner er⸗ waͤhnen, welche man von der Inſel Cbios mit ro⸗ then Schnaͤbeln und Fuͤßen bringt, welche ſo zabm ſind⸗ daß ſie mir oft läſtig wurden. Von ihrer Ernahrung auf Chios erzaͤhlte man mir viel Sonderbares. Herrliche Pferde aus Syrien, Celicien, Ara⸗ bien, Kappadocien, nebſt einigen Kamelen zieren meine Staͤlle. Dieſe Pferde ſind ſehr zahm, weil die Tuͤrken ſie mit aller Gelindigkeit und Guͤte ernaͤhren und aufziehen. Wenn der Tuͤrke ſein Pferd beſteigen will, faͤllt es auf die Kniee, und laͤßt ſo ſeinen Herrn aufſetzen, zuweilen heben ſie auch Stoͤcke, Schwerter ꝛc. mit ihren Zaͤhnen auf, und reichen ſie ihrem Herrn dar. Die Tuͤrken beſchlagen ihre Pferde nicht ſo, wie wir; in den heißen Sommer⸗Naͤchten kommen dieſelben in keinen Stall, ſondern leben unter freiem Himmel; hier werden ſie mit Decken belegt, und ihnen duͤrrer Duͤnger untergeſtreut. Das Futter fuͤr die Pferde beſteht in etwas Heu und einem 283 Mäßlein Gerſte, damit ſie nicht zu fett werden: denn je magerer, deſto geſchickter ſind ſie auch zum Laufe. Kamele und Mauleſel tragen im Kriege die Zelte und Waffen der Janitſcharen. Denn die Turken tra⸗ gen ſehr große Sorgfalt für ibre Geſundheit, deß⸗ wegen ſehen ſie mehr auf Kleidung als auf Waffen. Ihre Zelte, welche ſie gegen Regen und Kaͤlte mit ſich fuͤhren, faſſen 20— 30 Mann. Das Tuch zu den Kleidern gibt der Staat ber; damit ſich aber keiner uber Vervortheilung beklagen könne, werden ſie an einen finſteren Ort gefuͤhrt, wo ſo viele Kleidungs⸗ ſtücke liegen, als Soldaten da ſind, wo dann einer nimmt, was ihm das Gluͤck zutheilt. Ihre Löhnung wird ihnen nicht vorgezaͤhlt, ſondern gewogen.„. Um ſich gegen die Untreue ihrer Weiber zu ſichern, balten die Tuͤrken dieſelben zu Hauſe verſchloßen. Wenn ſie aber ausgeben, ſind ſie ſo verſchleiert, und mit Tuchern eingebuͤllt, daß ſie Geſpenſtern gleichen. Sie koͤnnen die Maͤnner zwar durch ibren Schleier ſeben, dieſe aber nicht einmal den mindeſten unbe⸗ deckten Theil ihrer Geſtalt. Nur ihre Brüder dürfen ſie ſehen, nicht aber die Bruͤder der Maͤnner. Die Tuͤrken halten neben ihren rechtmaͤßigen Frauen ſo viele Kebsweiber als ſie wollen. Letztere kaufen ſie entweder, oder erwerben ſich dieſelben durch Krieg. Wenn ſie dieſe nicht mehr haben wollen, ſo können ſie gleichfalls wieder verkauft werden. Gebäͤren ſie 234 aber ihren Maͤnnern Kinder, ſo erlangen ſie ihre Freiheit. Uebrigens macht zwiſchen einem Eheweibe und einer Beiſchlaͤferin nur die Mitgift einen Unter⸗ ſchied: denn Sclavinnen erhalten keine Ausſteuer. Die rechtmaͤßigen Frauen haben Gewalt und Macht uͤber das ganze Hausweſen und uüber die übrigen Frauen. Eheſcheidungen ſind bei ihnen haͤufig, die geſchiedene Frau erhält ihre Mitgabe wieder. Nicht ſo leicht koͤnnen die Frauen von ihren Maͤnnern ge⸗ ſchieden werden. Wenn ſie zu den Richtern gehen, und dieſe um die Urſache der Trennung fragen, ge⸗ ben ſie ihnen keine Antwort, ſondern ziehen einen Schuh anb, zum Zeichen, daß ihnen ihre Maͤnner etwas Ungebuͤhrliches zugemuthet haͤtten. Maͤnner vornehmen Standes laſſen ihre Weiber durch Ver⸗ ſchnittene bewachen, auch haben ſie in ihren Haͤuſern eigene Bäder; arme Leute aber bedienen ſich der Sffentlichen Baͤder. Sie lieben die Reinlichkeit ſehr, und waſchen ſich haͤufig. Als bei den ohnlaͤngſt ausgebrochenen Ungariſchen Anruhen Eure Majeſtät mir durch einen Boten Briefe überſendeten, ließen die Baſſen dieſelben auffangen und eröffnen. Als nun ihr Dolmetſcher dieſelben nicht leſen konnte, wiewohl ſie ganz gewöhnlich geſchrieben waren, ſo ſchickten ſie dieſelben zu den Venetianiſchen und Florentiniſchen Geſandten. Als aber dieſe er⸗ kannten, daß die Briefe an mich geſchrieben ſeien, ſchickten ſie dieſelben zuruͤck, mit dem Vorgeben, daß 7 235 ſie dieſelben nicht leſen koͤnnten. Zuletzt kamen ſie zu dem Patriarchen. Als dieſer gleichfalls ſie nicht leſen konnte, ſo wurde beſchloſſen, mir dieſelben zu uͤberliefern. Ich aber, der ich den ganzen Hergang ſchon erfahren hatte, beſchwerte mich deßwegen bei Ruſtan. Hier aͤußerte er ſeine Meinung alſo: die⸗ ſer Geſandte iſt noch jung, und verſteht ſchon ſolche Sachen, die der Patriarch, welcher ſchon ein bejahr⸗ ter Mann iſt, nicht verſteht. Aus dieſem kann noch ein großer Mann werden. 1 Als ich einige Tage ſpaͤter der Geſchaͤfte wegen bei Ruſtan war, betrug er ſich ſehr freundlich gegen mich; fragte zuletzt, ob ich nicht meinen Glauben verlaſſen und Mahumeth's Lehre annehmen wollte; er verſprach mir großen Reichthum und Ehrenſtellen bei Soliman. Ich antwortete ihm, daß ich meine Religion nicht verlaſſen wuͤrde. Das iſt gut, ſprach Ruſtan, aber was wird mit deiner Seele werden? Ich erwiederte ihm, der Seele wegen ſei ich unbe⸗. ſorgt. 2 1 Vaͤhrend meiner Anweſenheit zu Konſtanti⸗ nopel, kam auch Dadianus der Koͤnig von Kol⸗ chos. Sein Land liegt bei dem Fluße Phaſis am Euxiniſchen Meerbuſen, nicht weit davon iſt der Berg Kaukaſus. Er war ein ſchöner Mann von langer Geſtalt; ſein Gefolge war ſchlecht gekleidet. Die Kolchier, von den Italienern Mingrellos ge⸗ nannt, gehoͤren zu den Voͤlkern, welche zwiſchen dem 286 Kaſpiſchen Gebirge,(Demit Capi, eiſerne Pforte bei den Tuͤrken) und dem Pontiſchen und Hircaniſchen Meere wohnen. Man nennt ſie auch Georgianer, weil ſie ſich zur chriſtlichen Religion bekennen. Die Urſache ſeiner Ankunft war unbe⸗ kannt. Das Land Kolchos hat Ueberfluß an Fruͤchten aller Art, Getreide und Gerſte ausgenommen, auch dieſe wuͤrden ſie gewinnen koͤnnen, wenn ſie nicht durch Faulheit daran verhindert wuͤrden. Ihre Wein⸗ ſtöcke pflanzen ſie an die Staͤmme der hoͤchſten Baͤume; Wachs und Honig erzeugen die Waldbienen im Ueber⸗ fluß. Die Waͤlder ernaͤhren viel Wildbret, der Boden iſt ſo fett, daß er 3 Schuhe lange Melonen erzeugt. Den Gebrauch des Goldes und Silbers kennen die Einwohner nicht, ſie treiben nur Tauſch⸗Handel. Die Abgaben an den Koͤnig werden in Feldfrüchten ent⸗ richtet. Fremde Kaufleute müſſen dem Koͤnige bei ihrer Landung Geſchenke bringen; ſie werden dann von dem Koͤnige zum Mahle geladen. Sein Palaſt iſt ſehr groß, an deſſen beiden Enden ſich die Pferd⸗ Staͤlle befinden. Bei der Tafel ſitzt der Koͤnig oben an, und jemehr ein Gaſt ißt und trinkt, deſto an⸗ genehmer iſt er. Die Frauen eſſen zwar in demſel⸗ ben Saale, aber nicht an demſelben Tiſche; durch CEhrbarkeit und Zucht zeichnen ſie ſich nicht aus. Nach der Tafel begibt ſich der Koͤnig auf die Jagd unter Begleitung einer zahlreichen Volksmenge, die ſich 287 durch Tanz und Geſang erfreut. Bei einer ſolchen üppigen und muͤßigen Lebensart koͤnnen unmoͤglich gute Sitten emporkommen. Fremde werden von den Weibern unterhalten, und ſelbſt Maͤdchen von 10 Jah⸗ ren werden ſchon Muͤtter. Sie haben einen großen Hang zum Diebſtahl, und eine Fertigkeit hierin wird zur Ehre gerechnet. Ein Prieſter ſtahl einmal einem fremden Kaufmanne ſein Meſſer in der Kirche. Die⸗ ſer aber verehrte dem Prieſter, damit er nicht etwa glaube, er habe es nicht bemerkt, auch die Scheide, damit er naͤmlich das Meſſer in die Scheide ſtecken könne. In der Kirche zeigen ſie keine ſonderliche Andacht: nur dem h. Georg erweiſen ſie große Ver⸗ ehrung. Weil es bei den Morgenlaͤndiſchen Fürſten Sitte iſt, nicht ohne Geſchenke zu ihnen zu kommen, ſo brachte Dadianus dem Sultan einen flachen Teller aus Karfunkel zum Geſchenke, welcher einen ſolchen Glanz von ſich gegeben haben ſoll, daß 200 Perſonen ſowohl Tag und Nacht haͤtten dabei reiſen konnen, nebſt dem brachte er noch 20 weiße Falken mit. Uebrigens gehe ich wenig aus meiner Wohnung, ſondern erhole mich zu Hauſe am Ballſpiele und am Bogenſchießen, worin die Tuͤrken eine ausgezeichnete Fertigkeit beſitzen; denn ſie treiben dieſe Zerſtreuung von Jugend an, und uͤben ſie bis in ihr ſpaͤtes Alter. Auf den Schießſtätten, deren man mehre in verſchie⸗ denen Straßen Konſtantinopels antrifft, ver⸗ 288 ſammeln ſich allzeit junge keüt;. zuweilen auch ſchon etwas bejahrte Maͤnner. Die Schießſtadt, eine bei⸗ nahe 4 Schuh hoher Erdaufwurf, ringsum mit Bret⸗ tern umgeben, wird taͤglich begoßen, damit die Pfeile, die zu dieſem Endzwecke ſtumpf find, ſtecken bleiben koönnen. Mir ſcheint es, als haͤtten die Tuͤrken die Sitte, nach dem Ziele zu ſchießen, von den Griechen, nach ihrer Unterjochung angenommen, indem gemei⸗ niglich die Sieger die nützlichen Erfindungen der Be⸗ ſtegten ſich aneignen und beibehalten. Buücher drucken ſie nicht, weil ſie glauben, daß ihr geſchriebener Alkoran, wenn er gedruckt wuͤrde, keine Schrift mehr ſei. Auch bedienen ſie ſich nicht der Schlag⸗Uhren, weil ihre Zeit⸗ Ausrufer und die alten Gebraͤuche viel dabei verlieren wuͤrden. Uebri⸗ gens beobachten ſie alte Gebräͤuche ſelbſt mit Hintan⸗ ſetzung ihrer Religion. Weil die griechiſchen Prieſter gewohnt ſind, im Fruͤhlinge daß Meer einzuſegnen, ſo ſchiffen die Tuͤrken nicht eher ab, als bis dieſe Ceremonie von den Prieſtern begangen worden iſt. Mich beſuchen Raguſaner, Florentiner, Venetianer, zuweilen auch Griechen, theils we⸗ gen der Unterhaltung, theils der Geſchaͤfte wegen. Ich, an die Einſamkeit gewoͤhnt, gehe wenig aus; meine Leute, des Zuhauſe⸗Bleibens müde, bekommen oft mit be⸗ trunkenen Türken Streit, vorzuglich wenn keine Ja⸗ nitſcharen bei ihnen ſind. Dergleichen Streitigkeiten verurſachen mir manche Unannehmlichkeiten. Als ein 2239 ſ Bote des Kaiſers zu mir gekommen war, vermuthe⸗ ten die Türken, er habe neue Befehle gebracht, um unter vortheilhafteren Bedingungen den Frieden mit ihnen zu ſchließen, und glaubten, ich ſuche denſelben zu hintertreiben. Deßwegen hielten ſie es nach ihrer Gewohnheit fuͤr das Beſte, mich recht hart zu behan⸗ deln, um dadurch eher Gewißheit zu erlangen. Aber vergebens; denn ſelbſt Ruſtan's ſcheinbare Drohung mit Krieg vermochte nicht, mich in Schrecken zu ſetzen.. Auf Verlangen Eurer Majeſtaͤt ſehe ich mich ge⸗ zwungen, die oben angefangene Erzaͤhlungen der Em⸗ pörung Bajazeths fortzuſetzen. Dieſer wurde, wie wir oben gemeldet haben, unter der Bedingung wie⸗ der zu Gnaden aufgenommen, daß er beine Feind⸗ ſeligkeiten mehr beginnen, noch Neuerungen an⸗ fangen wolle. Doch dieſe Bedingungen erfuͤllte er nur waͤhrend des Lebens ſeiner Mutter. Nach ihrem Tode, welcher zwei Jahre darauf erfolgt war, er⸗ wachte in ihm der alte Groll heftiger, als zuvor. Er ſtellte ſeinem Bruder bald heimlich nach dem Le⸗ ben, bald ubte er öffentlich Gewaltthäͤtigkeiten aus. In Konſtantinopel ſuchte er die Leibwache auf ſeine Seite zu bringen. Hievon wurde S oliman durch ein warnendes Schreiben Selims in Kenntniß geſetzt, und ergrimmte heftig uͤber Bajazeth. Schrift⸗ lich verſuchte Soliman vergebens, ihn zu ſeiner Pflicht zuruͤck zu fuͤhren, und erinnerte ihn verge⸗ 16tes Baͤndchen, Tuͤrkei I. 3. 3 290 bens an ſein gemachtes Verſprechen. Schriftlich ver⸗ antwortete ſich Bajazeth bei ſeinem Vater, ſtand aber nichts deſto weniger von ſeinem Vorhaben ab. Als dieß der Sultan merkte, ſuchte er ſeine Söhne ſo weit als moͤglich von einander zu entfernen, um da⸗ durch den Zwiſt zu heben, und befahl Bajazeth, welcher Chiutaga beherrſchte, nach Amaſia, Selim, welcher zu Magneſia war, nach Iconien zu gehen, und ermahnte beide zu brüderlicher Ein⸗ tracht. Selim ſuchte dem Befehle des Vaters nach⸗ zukommen, Bajazeth widerſetzte ſich aber demſel⸗ ben, klagte uͤber den Verluſt ſeiner Provinz, und bat, nur den Winter uͤber, noch hier bleiben zu duͤr⸗ fen, was ihm aber Soliman abſchlug. Nichts deſto weniger blieb Bajazeth, zog nach Pruſias, eine Stadt in Bithinien gegen Konſtantinopel an der aſiatiſchen Kuͤſte, und fiel ſo ſeinem Bruder in den Rücken. Der Vater, welcher ſein Vorhaben wohl merkte, hielt fuͤr das beſte, daß Selim da bleiben ſollte, wo ſie einander am leichteſten zu Huͤlfe kom⸗ men könnten. Bajazeth ſchrieb an ſeinen Vater und ſuchte ſeinen Bruder bei demſelben in den Ver⸗ dacht zu bringen, daß er ihm nach dem Leben und nach der Herrſchaft ſtrebe, und bat ihn um die Ver⸗ leihung einer andern Provinz. Auf ſolche Art ſuchte Bajazeth die Anſchlaͤge ſeines Vaters zu vereitlen, und mehr Zeit zu Werbung eines Heeres zu gewin⸗ nen. Soliman, welcher glaubte, daß es auf ihn 291 abgezielt ſei, antwortete hart, und ſchlug ihm die Aenderung der Provinz ab. Mit dieſem Befehl wurde Pertau Paſcha zu Bajazeth, und Mehemet Paſcha zu Selim geſchickt; ſie ſollten ſo lange blei⸗ ben, bis ein jeder ſeine Provinz angetreten hatte. Selim that dieſes, aber Bajazeth ſchickte den Pertau, nachdem er ihn reichlich beſchenkt hatte, wieder zuruͤck, unter dem Vorwande ſich ſeiner als Verbitter bei ſeinem Vater zu bedienen. Er ſtellte ſich, als wolle er nach Amaſia gehen; Soliman machte aber nichts deſto weniger ſtarke Kriegs⸗Zuruͤſtungen, befahl dem Beller beg in Griechenland, ſeinem Sohne Selim zu Huͤlfe zu kommen, und ſchickte den Mehemet Paſcha mit den Getreuen aus der Leibwache nach Aſien. Die Leibwache widerſetzte ſich, gegen die Thron⸗Erben Krieg zu führen. Soliman fragte den Mufti, den oberſten Prieſter der Tuͤrken, um Rath. Dieſer ant⸗ wortete, daß er als Veraͤchter des Vaterlandes und der Religion zu betrachten ſei. Dieſe Antwort wurde bald unter das Volk verbreitet, und dem Bajazeth durch einen Chiauſen uüberſchickt. Hierauf antwortete Bajazeth ſeinem Vater, daß er nicht gegen ihn, ſondern gegen ſeinen Bruder Krieg fuͤhre, und daß er nicht eher weichen wuͤrde, als bis er alles mit Feuer und Schwert verwüſtet, und ihn ſelbſt getoͤdtet haͤtte. Soliman, dadurch in Schrecken geſetzt, be⸗ fuͤrchtete am meiſten Bajazeth möchte nach der Er⸗ 292 oberung Jconiens in Aegypten und Syrien einbrechen, und die Neuerungsſuͤchtigen Einwohner „ leicht auf ſeine Seite bringen. Vor Iconien ſchlug Selim ſein Lager auf, um Bajazeth zu beobach⸗ ten, und die Huͤlfstruppen ſeines Vaters zu erwar⸗ ten. Bajazeth richtete ſich ebenfalls zur Gegen⸗ wehr; ſein Lager ſchlug er auf einer großen und wei⸗ ten Ebene, welche ſich bis nach Ancyr erſtreckte, ſeine Weiber und Kinder ſperrte er in das Schloß, und borgte bei den Kaufleuten Geld. Zu ſeinen Chiurtiſchen Reitern und Bedienten ſtießen noch viele andere, welche theils von ſeiner Mutter und Schwe⸗ ſter, theils von Ruſtan Wohlthaten empfangen hatten. Selim hatte einen ausgezeichnet dicken Leib, aufgeblaſene Wangen, und ſeine Geſichtsfarbe war ſo roth, daß ſeine Soldaten ſchimpfweiſe ihn ein wohlgemaͤſtetes Schwein hießen. Sein Leben brachte er mit Weintrinken und Schlafen zu, er war nicht geſellig und wohlthaͤtig, und dadurch bei dem Volke verhaßt. Bajazeth erwarb ſich die Liebe des Volkes durch Herablaſſung und Wohlthaten. Nach⸗ dem Bajazeth ſeine Soldaten zur Tapferkeit ent⸗ flammt hatte, begann er unerſchrocken das Treffen. Lange war der Sieg zweifelhaft, tapfer focht man auf beiden Seiten, bis endlich der Sieg ſich auf die Seite der Uebermacht neigte. Bajazeth mußte wei⸗ chen, zog jedoch in guter Ordnung zuruͤck. 293 Als Soliman die Nachricht von dieſem Tref⸗ fen erhalten hatte, ſchiffte er nach Aſien uͤber, und ſuchte die Großen des Reichs gegen Bajazeth zu erbittern. 1559 ſah ich den Sultan aus Konſtan⸗ tinopel abreiſen. Die Garipigi und Ulufagi ritten in doppelten Reihen, die Selictari und Spahi einzeln, ihre Anzahl belief ſich auf 6000 Mann, dann folgten des Sultans und der uͤbrigen Paſchen Sklaven. Die Reiter hatten ſyriſche und kappa⸗ doziſche Pferde, mit koſtbaren Saͤtteln und Decken, Ihre Kleidung beſtand aus goldenen, ſilbernen, ſei⸗ denen Stoffen, oder wenigſtens aus köſtlichen pur⸗ purnen, violet oder eiſenfarbigen Tuche. Auf jeder Seite hatten ſie einen Koͤcher, deren einer den Bo⸗ gen, der andere ſchöͤn gemahlte Pfeile enthielt. An dem linken Arme trugen ſie einen praͤchtigen Schild, um die Pfeile und Schwert⸗Hiebe aufzufangen, in der rechten Hand halten ſie gewoͤhnlich eine leichte gruͤne Copi. Die Schwerter ſind mit Edelſteinen beſetzt, am Sattel haͤngt ein ſtaͤhlener Fanſthammer. Ihr Haupt bedeckt eine aus weißer und feiner Baumwolle gefertigte Binde, aus deren Mitte ſich eine purpurne, ſeidene und gefaltete Spitze erhebt. Auf dieſe folgte eine große Menze Janitſcharen, ſie hatten Musque⸗ ten, und beinahe lauter gleichfarbige Kleider; nur einige ſchmuͤckten ihr Haupt mit Federn, Bkumen und anderen Zierrathen; ihnen folgten zu Pferde ihre Fuͤhrer, zuletzt kam der Sultan ganz allein; ihn 294 begleiteten die Hoͤflinge und Paſchen. Hierauf er⸗ blickte man die Leibwache des Sultans, durch ihre ſonderbare Kleidung ausgezeichnet. Gleich hernach wurden die herrlichen Leibpferde des Kaiſers gefuhrt. Er ſelbſt ſaß auf einem ausgezeichnetem ſchöͤnen Pferde, mit ernſter Miene, gefurchter Stirne. Hin⸗ ter ihm ritten drei Knaben, deren einer eine Flaſche mit Waſſer, der andere einen Regenmantel, und der dritte einen Bogen trug. Dieſen folgten einige Ver⸗ ſchnittene, den ganzen Zug ſchloß ein Haufe von bei⸗ laͤufig 200 Pferden. 3 Als mein Chiaus mich verhindern wollte, dieſen Zug zu ſehen, denn ſie halten es fuͤr unrecht, daß ein Chriſt dieſes ſieht, ließ ich die Thuͤre ſprengen, und bekam deßhalb Streit mit der Frau des Hauſes und mit meinem Chiauſe. Wenige Tage nachher wurde ich uͤber das Meer in das tuͤrkiſche Lager ge⸗ rufen. In dem naͤchſten Dorfe wohnte ich faſt 3 Mo⸗ nate. In dem Lager waren die Soldaten nach be⸗ ſtimmten Quartieren vertheilt, in welchen die groͤßte Ruhe und Ordnung herrſchte. Die Soldaten leben mäͤßig. Die Mahtzeit eines ſolchen welchen ich eßen ſah, beſtand aus Ruͤben, Knoblauch, Zwiebeln, Paſtinat, und Kukumern, mit Salz und Eſſig ge⸗ macht; ſein Trank, war reines Waſſer. Darüber ver⸗ wunderte ich mich um ſo mehr, weil gerade ihre Faſten, bei uns die Faſtnacht, anging. Ihre Faſten faͤllt alle Jahre beinahe 15 Tage 295 fruͤber, weil ſie keine Sonnen⸗ ſondern Mond⸗Mo⸗ nate haben, ſo daß die Faſten, welche im Fruͤhlinge beginnt, nach 6 Jahren in den Anfang des Som⸗ mers faͤllt. Sie duͤrfen den ganzen Tag uüͤber nichts eßen und trinken; der Anfang der Nacht bezeichnet den Anfang der Tafel. Wenn Jemand durch Krank⸗ heit zu faſten verhindert wird, ſo muß er die ver⸗ ſäumten Tage nachholen. Waͤhrend der Faſtenzeit herrſchte im Lager die groͤßte Stille: denn die lleber⸗ trettung eines Geſetzes wird ſtrenge geahndet. Die gewoͤhnlichen Strafen ſind Verluſt des Amtes und der Ehre, Einziehung des Vermoöͤgens, Schlaͤge, und endlich die Todesſtrafe. Am gewohnlichſten iſt das Schlagen. Mit der großten Kaltbluͤtigkeit halten ſie oft 100 Schlaͤge auf den Waden und Ferſen, oder Fußſohlen aus, ſo daß oft mehre Stoͤcke an ihnen zerſchlagen werden. Nichts deſto weniger müͤſſen ſie ſich fuͤr die erhaltenen Schläge bedanken, und eine gewiße Summe Geldes dafuͤr bezahlen. Sie ſelbſt halten den Stock fuͤr heilig. Damit ſie nun ſich ei⸗ nigermaſſen tröſten, glauben ſie; daß die Theile des Koͤrpers, welche vom Stocke beruͤhrt worden, in der anderen Welt von der Pein des Fegfeuers befreit ſeien.. In dieſes Lager brachte Albert de Ubus, ein humaner und gelehrter Mann, aus Amersford zu mir Geſchenke von Eurer Majeſtaͤt an den Sultan. Dieſe beſtanden in vergoldeten Geſchirren und einer ſchaft. ſien, um den Befehylen ſeines Vaters nachzukom⸗ nen. Soliman ſtellte ſich hierüber zufrieden, ſuchte 296 künſtlich verfertigten Uihr, welche ein Elephant, wie einen Thurm auf dem Rüucken trug, nebſt mehrem Gelde, welches unter die Baſſen vertheilt wurde. Dieſe Geſchenke uͤberreichte ich dem Sultan im An⸗ geſichte des Heeres; zum Zeichen unſerer Freund⸗ Jetzt will ich die oben abgebrochene Geſchichte Bajazeths beendigen. Nach der verlornen Schlacht bei Ikonien, begab er ſich in die Provinz Ama⸗ men, und ſuchte ſich mit demſelben wieder auszuſöh⸗ jedoch ihm Fallſtricke zu legen, und ihn in ſeine Ge⸗ walt zu bringen: denn er befuͤrchtete, er moͤchte nach Perſien entfliehen. Ueber Perſien, zu welchem alle jene Voͤlker gerechnet werden, welche zwiſchen dem Kaſpiſchen Meere und der Perſiſchen Meereskuſte wohnen, nebſt den meiſten Voölkerſchaften Armenien’'s, herrſchte damals Sagthamas, deſſen Gebiet noch bis an das Land des Fuͤrſten Homaium Patiſach, ſo nennen ihn die Tuͤrken, erſtreckt. Vor mehren Jahren ſchlug Soliman den Vater Sagthamas auf der Chalderoniſchen Ebene. Seit dieſer Zeit ſank das perſiſche Reich. Sagthamas ſelbſt ver⸗ nachlaͤßigt die Regierung, ergötzt ſich mit ſeinen Weibern, und ubt gegen ſeine Unterthanen Raub und Gewalt. Nichts deſto weniger ſteht er bei ſei⸗ 2927 nen Unterthanen im Rufe der Heiligkeit. Unter vie⸗ len Kindern zeigt ſich ſein Sohn Ismael durch Schoͤnheit und Haß gegen die Ottmanniſche Fa⸗ milie aus. Soliman befuͤrchtete um ſo mehr eine Unterſtuͤtzung Bajazeth's von Seite Sagthamas, weil er deſſen Bruder Helcas, der in ſein Reich geflohen war, mit Geld und Soldaten unterſtuͤtzt hatte. Auf die Warnung der Freunde Bajazeth's ge⸗ gen die Nachſtellungen ſeines Vaters, trat er Oſtern ſeine ungluͤckliche Reiſe nach Perſien an, wohl wiſ⸗ ſend, daß er zu dem groͤßten Feinde ſeines Hauſes fliehe. Seinen neugebornen Sohn und ſeine Mut⸗ ter nebſt den andern Weibern uͤberließ er der Groß⸗ muth ſeines Vaters. Seine Flucht beſchleunigte er ſehr, und hinterging liſtiger Weiſe die Paſchen von Sebaſtianopel und Erzerum, welche ihm den Weg verſperren wollten. Als der Paſcha von Erze⸗ rum ſich hintergangen ſah, vereinigte er ſich mit mehren Paſchen, und ſuchte wiewohl vergeblich, den flüchtigen Bajazeth einzuholen. Soliman hieruͤber entbrannt, entſetzte ihn ſeiner Provinz, und Selim ließ ihn nebſt ſeinen beiden Sohnen toͤdten. Ueberall wo Bajazeth durchzog, ſuchte er durch doppelten Lohn die Soldaten auf ſeine Seite zu bringen. Bei ſeiner Ankunft am Araxes, welcher die Tuͤrkei von Perſien ſcheidet, ſuchten ihn die türkiſchen Singiaken am Ueberſetzen zu hindern. Aus dieſer 293 Gefahr retteten ihn die perſiſchen Reiter. Bald dar⸗ auf wurde er von den perſiſchen Geſandten empfan⸗ gen. Auf ihre Frage um die Urſache ſeiner Ankunft, erzaͤhlte er den Streit mit ſeinem Vater und Bru⸗ der und flehete ihre Huͤlfe an. Die Perſer aber ſuch⸗ ten ſeine Krieger in verſchiedene Dörfer zu verthei⸗ len, uͤberſielen in Menge die einzelnen Soldaten, ermordeten ſie, und pluͤnderten ihre Habe; Baja⸗ zeth ſelbſt wurde waͤhrend der Tafel in Feſſel ge⸗ legt, und ſeine Kinder gefaͤnglich eingezogen. Nach meiner Anſicht könnte hieraus ein langwieriger Krieg entſtehen, welches ich auch vom Herzen wuͤnſche; weil Bajazeth's Gluͤck oder Unglück einen großen Einfluß auf unſere Geſchäfte haben können, weil die Tuͤrken ſich nicht getrauen, mit uns Krieg anzufan⸗ gen, bevor Bajazeth's Empoͤrung gedämpft iſt. Ich werde mich daher mit den Tuͤrken in keine Un⸗ terhandlungen einlaſſen, wiewohl ſie mich taͤglich an⸗ treiben, an Eure Majeſtaͤt ein Schreiben abzuſchik⸗ ken, weil ſie mich durch falſche Nachrichten von Eu⸗ rer Majeſtaͤt zu hintergehen ſuchen. Ich halte es füͤr das beſte, alles in altem Stande zu laſſen, und dem Ausſchlage der Zukunft zu uͤberlaſſen. Wie⸗ wohl ich alle Schuld, das Schreiben nicht abgeſchickt zu haben, werde auf mich nehmen muͤſſen. Sollten die Streitigkeiten nicht zu Ihren Gunſten ausfallen, ſo wuͤrde ich mich dieſer Schuld leicht entledigen, im Gegentheile mich durch paſſende Eutſchuldigung 299 zu vertheidigen wiſſen. Geſchrieben zu Konſtanti⸗ nopel am 1. Juni 1556. Viertes Sendſchreiben. Daß Eure Majeſtaͤt mein voriges Schreiben mit Wohlgefallen aufgenommen, ſehe ich aus der Auf⸗ forderung, meine ferneren Bemerkungen und Be⸗ gebenheiten Ihnen zu ſchreiben. Um dieſem nachzu⸗. kommen, will ich meine Erzaͤhlung mit einer nicht gar erfreulichen Begebenheit eroͤffnen: Als Soli⸗ man erfahren hatte, daß die Spanier die Inſel Meningo, jetzt Gerbas, eingenommen, das alte Schloß mit ſtarken Bollwerken verſehen, und große Beſatzung in daſſelbe gelegt hatten, unternahm er es ſeinen Glaubensgenoſſen Hilfe zu leiſten. Dieſen Zug uͤbertrug er dem Admiral Pihal Paſcha. Ob⸗ wohl ſeine Flotte mit den auserleſenſten Soldaten beſetzt war, verurſachte ihm doch die weite Fahrt und die bekannte Tapferkeit der Spanier einigen Schrek⸗ ken. Die tuͤrkiſche Flotte uͤberſiel die ſpaniſche ſo unverſehens, daß nur wenige leichte Galeeren ſich durch Flucht retten konnten. Der Herzog von Me⸗ dina, der Oberbefehl’ haber der Flotte, floh mit ſeinem Admiral, Andreas Doria, nach Sizilien auf ſein Schloß Medina. Ueber dieſe Sieges⸗Nach⸗ richt frohlockten die Tuͤrken außerordentlich, wunſch⸗ ten einander wechſelſeitig Gluͤck, und fragten ſpoͤt⸗ 1 300 kiſch meine Leute, ob ſie keine Verwandte bei der Flotte gehabt haͤtten: denn ſie wuͤrden dieſelben bald zu ſehen bekommen. Das feſte Schloß, welches die Spanier noch beſetzt hatten, verließ der Komman⸗ dant Alvar de Sande, wegen Mangels an Waſ⸗ ſer, und ließ den Tuͤrken die Thore oͤffnen. Don Juan de Caſtella, der den ihm anvertrauten Po⸗ ſten mit der größten Standhaftigkeit vertheidigte, wurde nebſt ſeinem Bruder gefangen genommen. In dieſem Schloße vertheidigten ſich die Spanier laͤnger als 3 Monate, bis endlich viele aus Mangel der noth⸗ wendigſten Bedurfniſſe ihren Geiſt aufgeben mußten. Im September kehrte die ſiegreiche türkiſche Flotte, mit reicher Beute beladen, nach Konſtantinopel zuruͤck. Soliman ſah in einem, dem Hafen nahe gelegenen Garten dem Einzuge zu, und ließ ſich die gefangenen Feldherren zeigen. Auf der erſten Haupt⸗ galeere waren Oon Alvar de Sande, Don San⸗ che de Leyva, und Don Bellinger de Re⸗ queenes; jener Kapitain der Neapolitaniſchen, dieſer der Sizilianiſchen Flotte. Die eroberten Galeeren wurden der Ruder und der Schiffsruͤſtung beraubt, und an das Hauptſchiff angebunden. Der Sultan veraͤnderte uͤber dieſen Sieg nicht im gering⸗ ſten ſeine Miene. Die ſpaniſchen Soldaten, durch Hunger und Beſchwerden abgemattet, wurden in dem Palaſte des Sultans zum Spotte hin und hergetrie⸗ ben. Durch Geſchenke brachte ich von einem mir 301 wohlbekannten tuͤrkiſchen Offizier die Fahne des Kai⸗ ſers Karl V. an mich. Unter den Gefangenen befanden ſich auch noch Don Juan de Cardona, Don Bellingers Schwiegerſohn, und Don Gaſto, der noch junge Sohn des Herzogs von Medina. Don Juan erhielt, um ſich auszuloͤſen, die Erlaub⸗ niß nach Chios zu reiſen, weil hier Genueſer wohnen. Don Gaſto aber wurde von Pihal ver⸗ borgen gehalten, in der Hoffnung fuͤr denſelben ein großes Löſegeld zu erhalten. Als der Sultan hievon Nachricht erhalten hatte, ließ er ſich ſehr angelegen ſeyn, den Gaſto aus ſeiner Verborgenheit hervor⸗ zuziehen; allein vergebens. Pihal fiel deßwegen in die Ungnade des Sultans, bis er endlich durch die Vorbitte des oberſten Kaͤmmerers und Selims wie⸗ der zu Gnaden aufgenommen wurde. Don Juan de Cardona wurde auf meine Buͤrgſchaft wieder losgelaſſen, Sande im Schloße Cardons gefangen gehalten und Don Sanche de Leyva mit ſeinen beiden unehligen Soͤhnen, wie auch Don Belin⸗ ger nebſt den uͤbrigen vornehmen Gefangenen, in den Galatenſer oder Perenſer Thurme geſperrt. Nachdem ich die Noth der Gefangenen gehoͤrt, entſchloß ich mich, ſie aus allen Kraͤften zu unter⸗ ſtützen. Von dieſer Zeit an ſtand mein Haus allen Gefangenen offen. Fuͤr die Kranken, welche zu Pera in einer Kirche lagen, ließ ich Hammel kaufen, ſie kochen, und unter die Gefangenen austheilen. Denn 302 die Turken behandeln ihre Gefangenen äuſerſt ſchlecht; ſeien ſie jung oder alt, krank oder geſund, ſo erhal⸗ ten ſie nichts als Brod und Waſſer und dieſes nur ſparſam. Fuür Viele, welche mich baten, fuͤr ihre Ausloͤßung gut zu ſtehen, leiſtete ich Bürgſchaft. Die Niederlage der Chriſten, das Ungluͤck Ba⸗ jazeths, erregten in mir keine geringen Beſorgniße, wegen der Friedens⸗Unterhandlungen. Zu dieſem Ungluͤcke kam noch die Peſt, welche ſchon einen mei⸗ ner treueſten Diener hinweggerafft hat. Der Sultan, welcher taͤglich ſich mehr der An⸗ dacht ergab, ließ ſich durch ein altes Weib, welches im Rufe der Heiligkeit ſtand, bereden, daß er alle muſikaliſchen Inſtrumente zerſchlagen, den Geſang der Knaben, woran er ſich ſonſt zu ergoͤtzen pflegte, ver⸗ ſtummen, und den Gebrauch alles Silber⸗Geſchirres abſchaffen ließ. Zuletzt verbot er, um das Geſetz des Propheten zu halten, die Einfuhr des Weines nach Konſtantinopel nicht nur den Tuͤrken, ſondern ſogar den Chriſten und Juden. Mir und den meini⸗ gen, welche Wein zu trinken gewohnt waren, fiel dieſes Verbot ſehr ſchwer. Endlich brachte ich es bei dem Divan durch meinen Dolmetſcher dahin, daß mir erlaubt wurde, Nachts bei der uns naͤchſten Mee⸗ res⸗Kuſte ſoviel Wein einzunehmen, als mir beliebte. Als griechiſche Kaufleute aus ihren Weinbergen die Stoͤcke ausrießen und auf die Straße warfen, um des Kaiſers Geſinnung auszuforſchen, ſprach er: 505 obwohl ich verboten habe, Wein zu trinken, ſo habꝛ ich doch keinem verboten, Trauben zu eſſen, und ſuͤß ſen Moſt zu trinken. Darum ſchonet eure Wein⸗ ſtoͤcke.— Als ich wegen der Peſt bei Ruſtan um Ver⸗ aͤnderung meiner Wohnung anhielt, ließ er mir ant⸗ worten, daß er zuerſt dem Sultan meine Bitte vor⸗ tragen wolle. Dieſer aber ließ mir erwiedern: die Peſt ſeien Pfeile Gottes, die ibr Ziel nicht verfehlen wuͤrden. Moöͤchte ich mich verbergen, wohin ich im⸗ mer wollte, oder auch die Flucht ergreifen, ſo ſei es vergebens, Gott zu entfliehen. Selbſt ſeine Re⸗ ſidenz ſei der Peſt ausgeſetzt. Ich mußte daher in meiner Wohnung bleiben. Inzwiſchen war Ruſtan an der Waſſerſucht geſtorben, und Hally Paſcha an ſeine Stelle gekommen. Dieſer Mann beſaß Ver⸗ ſtand, und machte ſich durch ſeine Leutſeligkeit be⸗ liebt. Als ich ihm zu ſeiner Ehrenſtelle Glück wuͤnſchte, und ein praͤchtiges Kleid zum Geſchenke überreichen ließ, verſicherte er mir ſeine Freundſchaft. Als aber⸗ mals wieder Spuren der Peſt in meiner Wohnung ſichtbar wurden, bat ich den Hally Paſcha um Ver⸗ aͤnderung meiner Wohnung. Er ſtellte mir dieſes zwar frei, hielt es jedoch für rathſamer, den Sultan um Erlaubniß zu erſuchen, welcher auch meine Bitte gewaͤhrte. Ich begab mich auf die Inſel Principo, welche a Meiten von Konſtantinopel, ſehr ſchön iſt, und 2 volkreiche Flecken enthält. 304 Große Unruhe erregte mir die Krankheit meines Arztes, Wilhelm Quackelbein's, einer meiner vertrauteſten und getreuſten Freunde: Unwiſſend kaufte ich einen Sklaven, welcher mit Peſt behaftet war; als er dieſem Arzneien verſchrieb, wurde er ſelbſt von der Peſt angeſteckt. Wiewoyl taͤglich das — Uebel zunahm, glaubte er noch immer, es ſei die Peſt nicht. Als aber die Zeichen des Todes immer ſichtbarer wurden, bereitete er ſich zu ſeinem Ende vor, und verſchied ſelig in dem Herrn. An ihm ver⸗ lor ich einen ausgezeichneten Geſchaͤftsmann; vieles, was er geſehen, zeichnete er auf, und wollte es der gelehrten Welt durch den Druck überliefern. Sei⸗ ner Wahrheitsliebe, Treue und Erfahrung errichtete meine Liebe ein Denkmal. Auf den Inſeln, wo ich mich 3 Monate aufhielt, überließ ich mich ganz der Freude. Hier herrſchte große Stille; bei einem Griechen wohnte ich. Da wachſen viele wohlriechende Kraͤuter, das Meer wim⸗ melt von Fiſchen aller Art, welche ich bald mit der Angel, bald mit dem Garne ſing. Mit griechiſchen Schiffern ſtieß ich zuweilen in die See, wo ich See⸗ krebſe mit der Gabel fing. Den eintraͤglichſten Fiſch⸗ fang machten wir mit dem Zuggarne, oder mit der Wage. Wiewohl die Fiſche mit großer Liſt dem Garne zu entweichen ſuchten, ſo blieben uns doch diele Seebrachſen, Scorpionen, Meerſpinnen, Sca⸗ ren, Dorſellen und Chanen. Nachts begab ich mich 305 mit reichlicher Beute beladen nach Haus und be⸗ ſchenkte den Hally Paſcha und ſeinen Hofmeiſter mit Fiſchen, woruͤber er ſich hoͤchlich erfreute. Bisweilen ſtieß ich mit einer ſpitzigen Stange in das Meer, um Meerſchnecken zu fangen, wo ich die von Cicero, Plinius und Athenaͤus ſo ge⸗ lobten Pinnotheres oder Pinnophylaces zuwei⸗ len paarweiſe beiſammen traf. Dieſe haͤngen mit ihren krauſſen Haaren ſo feſt an des Meeres⸗Grund, daß ſie gleichſam angewachſen zu ſeyn ſcheinen. Von dieſen Schnecken fingen wir eine ungeheuere Menge; ihr Fleiſch aber iſt unſchmackhaft, und wird bald zum Eckel. Bei einer dieſer unbewohnten Inſeln fanden wir auch die ſeltſamen Serrä, Uvä und Hyppocampi, Meeres⸗Schnecken von haͤßlicher Ge⸗ ſtalt. Zuweilen ging ich mit einem jungen, wohlbe⸗ leibten, muͤßigen Franziskaner am Ufer ſpazieren. Dieſem ſetzte ich durch ſchnelles Gehen ſo ſehr zu, daß ihm der Schweiß von der Stirne lief. Zuwei⸗ len beſuchten mich Freunde aus Konſtantinopel und Pera, zuweilen auch Deutſche aus Hally's Dienerſchaft. Auf meine Frage, ob die Peſt nach⸗ ließe, antworteten ſie: ja, denn es ſtuͤrben jetzt nur noch gegen 500 Menſchen an einem Tage. Uebrigens füͤrchten ſich die Turken nicht vor dem Tode: denn ſie glauben, daß einem jeden die Stunde und Art ſeines Todes beſtimmt ſei. 16tes Baͤndchen. Türkei I. 3. d 306 Daher berühren ſie auch die Kleider und Leinen⸗ lücher der Todten, und verbreiten ſo die Peſt all⸗ maͤhlich weiter... Waͤhrend meines Aufenthaltes auf den Inſeln nnterhielt ich mich zuweilen mit Metrophanes, dem Abte des Kloſters Chalcis, einem humanen und gelehrten Manne, weilcher die Vereinigung der griechiſchen Kirche mit der lateiniſchen eifrigſt wuͤnſchte. Als den Paſchen mein langer Aufenthalt auf den Inſeln verdaͤchtig wurde, meldeten ſie dieſes dem Hally Paſcha; dieſer ſchickte einen Chiauſen, um mein Benehmen zu beobachten. Nichts deſto weniger kehrte ich erſt nach 3 Monaten wieder nach Kon⸗ ſtantinopel zuruͤck, wo ich die Freundſchaft des Paſcha gewann, und mit ihm, immer des Friedens wegen unterhandeite. Der Paſcha ſelbſt ein geborner Dalmatier, von einer ſanften Natur, beſitzt große Freundlichkeit und vielen Verſtand, weßwegen er auch ſchon immer die vornehmſten Bemter begleitet hatte. Er iſt ziemlich groß, ſeine Miene ernſt, mit Freundlichkeit gemiſcht, ganz ſeinem Herrn ergeben, und ein Freund des Friedens. Hally Paſcha zeigte ſich mir immer ſehr geneigt; als er einſtens vom Divan nach Hauſe ritt, und durch einen ungluͤcklichen Fall vom Pferde ſtürzte, ſchickte ich meine Diener, ſich nach ſeinem Befinden zu erkundigen; dieſes ge⸗ üel ihm uͤberaus wohl. 4 Waͤhrend wir die ganze Zeit wegen des Frie⸗ 30² dens unterhandelten, fiel ein griechiſcher Deſpot mit der kaiſerlichen Beſatzung an den ungariſchen Graͤnzen in die Moldau, vertrieb den Woywoden,— ſetzte ſich an deſſen Stelle, und ſchien dadurch unſere Unterhandlungen zu unterbrechen. Die Nachricht Hally Paſcha's hievon ſetzte mich in eine nicht geringe Verlegenheit. Als dieſer mich deßwegen zu ſich rufen ließ, verantwortete ich mich unerſchrocken, und ſagte, daß dieß ohne Willen meines Kaiſers geſchehen ſei; denn die Teutſchen, ein freies Volk, ſeien gewohnt, fremden Herren um Sold zu dienen, ſchob deßwegen die Schuld auf die benachbarten un⸗ gariſchen Fuͤrſten, die der tuͤrkiſchen Ueberfäͤlle müde, ſelbſt zu den Waffen gegriffen haͤtten. Ohne an ihm nur den geringſten Zorn zu bemerken, ſchied ich von ihm..— 4 Waͤhrend wir uns mit den Friedensunterhand⸗ lungen am meiſten beſchaͤftigten, erwieß mir der franzoͤſiſche Geſandte einen großen Freundſchafts⸗ Dienſt. Denn zu Konſtantinopel ſaßen 13 junge, meiſt vornehme Leute, aus Teutſchland und den Niederlanden gefangen. Zu Venedig naͤmlich beſtiegen ſie das Schiff, welches jaͤhrlich nach Jeru⸗ ſalem faͤhrt, um das h. Grab zu beſuchen. In Sy⸗ rien angekommen, wurden ſie, wiewohl ſie Vene⸗ tianiſche Geleits⸗Briefe bei ſich hatten, gefangen ge⸗ nommen, und nach Konſtantinopel gebracht. Denn kurz vorher hatten die Maltheſer⸗Ritter Str as⸗ 3083 fereien in Syrien und Phönizien veruͤbt, und Weiber, Kinder und Maͤnner fortgeſchleppt. Ver⸗ gebens verwendete ich mich fuͤr ſie bei dem Paſcha, bis ſie endlich durch Vermittlung des franzoͤſiſchen Geſandten ihre Freiheit erhielten. Dieſer mit Na⸗ men Lavigne ſuchte mich bei den Paſchen in ein ge⸗ haͤßiges Licht zu ſetzen, indem er ſagte: ich ſei, als geborner Niederländer, ein Unterthan des Königs von Spanien, und dieſem Könige, eben ſo wie dem Kaiſer verbunden, Dienſte zu leiſten. Die⸗ ſen berichte ich die Vorfäͤlle zu Konſtantinopel, und gebrauche als Mittel vorzüglich hiezu den Dol⸗ metſcher Ibrahim. Mit Stillſchweigen kann ich hier die Bewohner der Krim nicht übergehen. Denn waͤhrend meiner Anweſenheit kamen zwei Geſandte dieſes Volkes zum Sultan. Als ich einen wegen der Sitten und Gebrauͤche ſeines Volkes fragte, antwortete er mir alſo: Meine Landsleute wohnen in Doͤrfern, und konnen dem Chan der Tartaren 860 Schuͤtzen in der Noth ſtellen. Ihre vorzuͤglichſten Städte ſind Mancu und Sceiuarin. Ueberdieß erzählte er mir noch vieles von ihren barbariſchen Gebraͤuchen. Bei Tiſche aͤßen ſie die Suppe mit der hohlen Hand. Pferdefleiſch genößen ſie roh. Ihr Oberhanpt ſpeiſe an einer ſil⸗ bernen Tafel, deren erſtes und letztes Gericht ein Pferds⸗Kopf ſei. Der Urſprung dieſer Voͤlker iſt ungewiß, einige halten ſie fuͤr Gothen, andere fuͤr 309 Sachſen. Hier duürften auch noch einige Bemerkun⸗ gen von einem tuͤrkiſchen Pilger über die Stadt und das Königreich Kathaia nicht am unrechten Orte ſeyn. Er ſelbſt reiſte in Geſellſchaft von Kaufleuten die in großen Karawanen wegen der umherſtreifen⸗ den wilden Voͤlker ziehen. Haͤtte man die Graͤnzen Perſiens weit hinter ſich gelaſſen, ſo komme man auf Sammercanda, Borchara, Taſchan, und an⸗ dere von Tamerlans Nachkommen bewohnte Staͤdte. Wenn man durch große Wuſten gereiſt fei, erreiche man endlich die Eng⸗Paͤſſe dieſes Königreichs, welche königliche Truppen beſetzt halten. Hier muüßten die Kaufleute warten, bis ſie Erlaubniß erbielten, zu⸗ ſammen oder nur theilweiſe das Land zu betretten. Die Einwohner ſelbſt ſeien ein ſinnreiches, friedliches Volk, ihre Religion, die ſich von der juͤdiſchen, chriſt⸗ lichen und tuͤrkiſchen unterſcheide, komme in den Ceremonien mit erſterer überein. Die Buchdrucker⸗ kunſt ſey ihnen ſchon vor einigen Jahrhunderten be⸗ kannt geweſen, wie dieß ihre gedruckten Bucher be⸗ zeugten, ihr Papier verfertigten ſie aus den Haͤuten und Baͤlgen der Seidenwürmer. Loͤwen hielten ſie für Wunderthiere, und ſie werden theuer gekauft. So lautet der Bericht des Pilger, ob die Erzaͤhlung wahr oder falſch ſei, will ich nicht unterſuchen. Seit Ruſtans Tode erhielt ich größere Freiheit, jedermann konnte mich beſuchen. Jedoch verbitterten mir meine Diener dieſe Luſt durch ihre Streitigkeiten mit den Tuͤrken. Der Friedens⸗Schluß Spaniens mit Frankreich ärgerte die Tuͤrken, weil ſie die erſten zu ſeyn glaubten, die ſich eines Friedens mit Spa⸗ nien zu erfreuen haͤtten, und ſuchten bei jeder Ge⸗ legenheit ihren Unwillen darüber mir zu erkennen zu geben. Selbſt Soliman ſchrieb an den König von Frankreich, er habe gegen den geſchloſſenen Frie⸗ den nichts einzuwenden, jedoch möge der König be⸗ denken, daß aus alten Freunden nicht leicht Feinde, und aus alten Feinden nicht leicht rechtſchaffene Freunde würden. Der Groll der Tuͤrken war mir bei meiner Unterhandlung ſehr guͤnſtig. Der oben genannte tuͤr⸗ kiſche Dragoman, ſo nennen die Tuͤrken ihre Dol⸗ metſcher, wurde durch Haß des franzöſiſchen Geſand⸗ ten Lavinius ſeines Amtes entſetzt. Endlich brachte ich es bei Hally Paſcha dahin, daß er wieder in ſein Amt eingeſetzt wurde, wofuͤr er mir auch den groͤßten Dank abſtattete. Salviatus wurde von dem Könige von Frank⸗ reich nach Konſtantinopel geſchickt, um die Be⸗ freiung des Sande zu bewirken. Auf dieſe Geſandt⸗ ſchaft ſetzte Sande ſein ganzes Vertrauen, ließ präch⸗ tige Geſchenke fuͤr die Paſchen und den Sultan kau⸗ fen, was jedoch alles nach Salviatus Abreiſe ver⸗ geblich war. Sande ein Mann hohen Geiſtes, hoffte ſtets auf Erloͤſung und verſcheuchte alle Schwer⸗ muth. Jedoch machte mir Jbrahim einige Hoffnung zu Sande's Befreiung. 3 brachte meine Bitte um Befreiung der Gefangenen an den Suktan und ver⸗ ſprach den Paſchen große Geſchenke; dieſelbe wurde auch gewäͤhrt, am Tage vor Laurentius wurden alle Gefangenen aus dem Kerker entlaſſen, und in meine Wohnung gefüͤhrt. Vor ihrer Loslaſſung wurde der Mufti, der oberſte Prieſter der Tuͤrken, um Rath gefragt. Dieſer gab zur Antwort: es herrſchen ver⸗ ſchiedene Meinungen, einige billigen die Auswechs⸗ lung, andere nicht; waͤhlet alſo. Waͤhrend der Gefangenſchaft Bajazeths bei Sagthamas kam ein perſiſcher Geſandter mit vielen Geſchenken nach Konſtantinopel. Dieſe beſtanden in künſtlich gewirkten aſſyriſchen und perſiſchen Teppichen, in einem Alcoran, und in ſeltenen Thieren. Der Vorwand ſeiner Ankunft war die Aus⸗ ſöhnung Bajazeths. Er wurde herrlich bewirthet; mir ſchickte Hally s Schuͤſſeln mit Backwerk. Wie es ehemals bei den Roͤmern Sitte war, und jetzt noch bei den Spaniern, ſeinen Freunden etwas vom Tiſche zu ſchicken, ſo herrſcht bei den Tuͤrken der Brauch, bei Tiſche die Taſchen vollzuſtecken, und ganze Sacktücher voll Speiſen ihren Frauen und Kindern lach Hauſe zu tragen. Soliman unterhandelte mit dem Geſandten in Guͤte, erinnerte ihn an das Buͤnd⸗ niß, und drohte, wenn die Auslieferung ſeines Soh⸗ nes nicht folgen ſollte, mit Krieg. Er ließ auch die an Perſien graͤnzenden Orte ſtark beſetzen, ſuchte die Bewohner Meſopotaniens zu bewaffnen, und auch die Georgianer zum Kriege gegen die Perſer zu reitzen. Als aber die Soldaten des Sultans ihre Fahnen verließen, verſuchte Soliman bei dem Per⸗ ſer Koͤnig mit Geld zu erhalten, was er durch die Waffen nicht erlangen konnte. Er ſchickte den Haſ⸗ fan, einen der vornehmſten Hofbedienten nebſt dem Paſcha von Maraſien noch im Winter nach Eas⸗ bin, der Reſidenz Perſiens ab. Zuerſt verlangten ſie Bajazeth zu fehen; dieſer war durch die lange Gefangenſchaft ganz entſtellt. Es kam zu einem Vergleich, dem Perferkoͤnig wurde ſein erlittener Schaden erſetzt, und Bajazeth der Gnabde Soli⸗ mans uͤberlaſſen. Dem Haſſan war die Erdroßlung Bajazeths von Soliman aufgetragen; vor ſeinem Tode bat er noch einmal ſeine Kinder zu ſehen. Dieß wurde ihm aber akgeſch agen und er erinnert, ſich zum Tode vorzubereiten. Gleiches Loos traf ſeine „ Soͤhne, ſelbſt ſein kleiner Sohn, den er in Ama⸗ ſien zurückgelaſſen hatte, entging der Hand des Hen⸗ kers nicht. Die Nachricht von Bajazeths Tode ließ mir Hally durch einen ſeiner Sklaven hinter⸗ dringen, mit dem Bemerken: daß ich darauf bedacht ſeyn ſollte, den Frieden zu ſchließen: denn Baja⸗ zeth ſei wirklich ermordet. Daraus koͤnne ich nun leicht abnehmen, daß ich mich damit begnügen muͤſſe, wenn es bei den fruͤher gemachten Bedingungen bliebe. Mit denſelben war ſchon langſt der Sultan zufrieden, 313 ohne bedeutende Veraͤnderungen daran zu machen. Einige Punkte, die etwas dunkel waren, und leicht Veranlaſſung zum Streite geben konnten, ſollten auf mein Verlangen ganz ausgelaſſen, oder wenigſtens zu unſerem Vortheile verbeſſert werden. Dieſe Punkte uͤberſchickte ich Euer Majeſtät, die ſie allergnaͤdigſt zu genehmigen geruhten. Indem ich damit umging, für uns vortheilhaftere Bedingungen zu erhalten, war mir der Abfall einiger ungariſchen Magnaten von den Woywoden Siebenbuͤrgens an Eure Majeſtät kein kleines Hinderniß in meinen Unterhandlungen. Leicht haͤtte dieſer Vorfall die ganze Friedens⸗Unter⸗ handlung vernichten können. Aber Hally Paſcha, welcher mir ſehr gewogen war, machte mir hieruͤber keine Vorwuͤrfe, ſondern genehmigte auch noch, als ich in den Friedens⸗Artikeln ausdrücklich bedingte, daß es bei dem jetzigen Stand der Dinge bleiben ſollte. Unterdeſſen kamen Siebenbuürgiſche Geſandte mit Klagen nach Konſtantinopel; jedoch vergebens, denn es bleib bei den alten Bedingungen. Wiewohl ich nicht an der Einwilligung meines Kaiſers zwei⸗ felte, bat ich doch Hally, mir einen Geſandten mit⸗ zugeben, der einige zweifelhafte und dunkle Punkte ganz erörtern koͤnnte. Ich ſchlug zum Geſandten Ibrahim oor, was auch bewilligt wurde. So wurde dieſes langwierige Friedens⸗Geſchaͤft beendigt. Nach türkiſcher Sitte werden die abreiſenden Geſandten im Divan geſpeißt; mir aber, der ich die Genehmigung 314 der Friedens⸗Artikel dem Willen meines Kaiſers uͤber⸗ ließ, wiederfuhr dieſe Ehre nicht. Als Hally erfahren hatte, daß ich meinen Die⸗ nern den Auftrag gegeben hatte, ſchoͤne Pferde zu kaufen, machte er mir 3 ſehr ſchöne Pferde zum Ge⸗ ſchenke. Uberdieß verehrte er mir noch ein ſehr ſchoͤ⸗ nes mit Gold durchwirktes Kleid, eine Buchſe mit Alexandriniſchem Theriak, nebſt einem Flaͤſchchen Bal⸗ ſam. Ich ſollte ihm dagegen einen großen Harniſch fuͤr ſeinen dicken Koͤrper ſchicken, ein ſtarkes falbes Pferd und eine Ant Ahornholz. Von Soliman er⸗ bielt ich die gewoͤhnlichen Geſchenke; nebſt dem be⸗ klagte er ſich noch uͤber die Streifereien der Beſatzung zu Sigeth. Ende Auguſts reiſte ich von Konſtan⸗ tinopel weg. Die Frucht meiner Geſandtſchaft war ein achtjaͤhriger Waffenſtillſtand. Zu Sophia baten mich Leyva und Requefe⸗ naͤus um die Erlaubniß, mit mir nach Venedig reiſen zu duͤrfen, was ich ihnen auch gerne bewilligte. Jedoch ſtarb ſchon Requeſenaͤus ehe er Rhagus erreicht hatte. Sandaͤus beluſtigte mich ſehr auf der Reiſe durch ſeine witzigen Einfaͤlle, und durch ſeine ausnehmende Eßluſt. Scherzend erreichten wir Tulna. Hier trüͤbte unſere Heiterkeit ein Unfall mit einem Janitſcharen, den meine Leute beinahe erſchlagen hatten, weßwegen mir nicht wohl zu Muthe war: Dieſen Streit ſchlichtete Ibrahim dadurch, daß er dem Janitſcharen einen derben Verweis gab. „ 315 Am folgenden Tage ſetzten wir unſere Reiſe nach Ofen fort, wo uns der Paſcha dieſer Stadt einige Chiauſen entgegenſchickte. Von Ofen kamen wir iber Gran auf Komorn und in wenigen Tagen langten wir zu Wien an. Hier fanden wir den Kaiſer nicht, denn er war zu Frankfurt mit der Kroͤnung ſeines Sohnes Maximilian beſchaͤftigt. Von meiner und des Geſandten Ankunft in Kenntniß geſetzt, mußten wir beide auf des Kaiſers Befehl nach Frankfurt reiſen, wo mich der Kaiſer mit dem größten Wohlwollen empfing. Wenig Tage darauf erhielt Ibrahim bei dem Kaiſer Audienz. Nachdem er die Urſache ſeiner Ankunft angezeigt, und die uͤbli⸗ chen Geſchenke überreicht hatte, wurde er gleichfalls reichlich beſchenkt, zu Soliman zuruͤckgeſchickt. Auf mein Geſuch erhielt ich meinen Abſchied, je⸗ doch mit der Bedingung, daß ich auf Verlangen wie⸗ der am Hofe erſcheinen ſollte. Ich brachre eine indi⸗ ſche Maus(Ichneumon), viele und ſchoͤne Pferde, 6 Ka⸗ mele, viele Köcher; ſchoͤne babyloniſche Teppiche, Bo⸗ gen, Schwerter mit; nebſt dem noch viele Muͤnzen und bei 240 griechiſche Manuſcripte, worunter einige von Bedeutung ſind, fuͤr die kaiſerliche Bibliothek. Gegeben zu Frankfurt 1562 den 16. Dezember. —— IV. Dr. Stephan Gerlach's Tagebuch über die Geſandtſchaft des Freiherrn David von Ungnad, Sonnegk und Preyburg nach Konſtantinopel vom 11. Juni 1575 bis 23. Sept. 1576. In gedrängter Kürze vorgetragen von Dr. Leutbecher in Erlangen). — Frieden mit den Tuͤrken, welche die Grenzen des teutſchen Reiches oft herriſch und grauſam verwuͤſtet, zu haben und zu erhalten, war einer von des teut⸗ — *) Steph. Gerlach war 26. Dez. 1546 geboren, und ſtand im vertrauten Verhaͤltniſſe mit dem Profeſſor Martin Cr uſius zu Tuͤbingen, wie deſſen Schriften beweiſen. Er trug waͤhrend ſeines Aufenthaltes zu Konſtantinopel zu dem be⸗ kannten Briefwechſel der Wurtenberger mit den Vorſtehern der griechiſchen Kirche bei, hielt viele Unterredungen mit dem bekannten Apoſtaten 317 ſchen Kaiſers Maximilian II. ſehnlichſten Wuͤnſchen. Die Erfuͤllung dieſes Wunſches zu erzielen, ſandte er daher 1573 den gewandten und ſprachkundigen Staats⸗ mann David von Ungnad, Freiherrn von Son⸗ negk und Preyburg ꝛc. als Botſchafter an den Hof Selim lI. Der Freiherr von Sonnegk war evan⸗ geliſchen Glaubens, und begehrte deßhalb, wie es damals die Sitte einer Geſandtſchaft erforderte, einen gebildeten, beſonders aber der griechiſchen Sprache mächtigen, und ſonſt wackeren evangeliſchen Geiſtli⸗ chen zum Geſandtſchafts⸗Prediger. Zu dieſem Amte ward auf vorhergegangene Anfrage von dem damali⸗ gen Kanzler der berühmten Univerſitaͤt Tuͤbingen, von D. Jacob Andreas, ein junger Doctor der Theologie, Namens Stephan Gerlach, aus Knitt⸗ lingen im Wuͤrtembergiſchen geburtig, empfohlen. Diefer, dem die Univerſitat das herrlichſte Zeugniß Adam Neuſer, wurde gleich nach ſeiner Ruͤck⸗ kehr 1578 außerordentlicher— 1586 oördentlicher Profeſſor der Theologie zu Tübingen, 1591 De⸗ kan und Ober⸗Super⸗Attendens des fuͤrſtlichen Stipendiums, 1600 bis 1606 Probſt und Pro⸗ kanzler, und ſtarb den 30. Jan. 1612 daſelbſt. Außer der Reiſe⸗Beſchreibung, welche aus po⸗ litiſchen Gründen erſt 1679 zu Frankfurt in Fol. mit mehren Portraits erſchien, gab er noch viele theologiſche Streitſchriften beraus, welche Jö⸗ cher's Gel. Lex. II. 955 aufzäͤhlt. 4 (Jäͤck.) 318 über Faͤhigkeit und Sitten ertheilke, auf den der Geiſt ſeiner Zeit beſonders eingewirkt haben mochte, nahm auf eindringliches Zureden den Ruf an, und reiſte mit der an ſechszig Perſonen allerlei Standes ſtarken Geſandtſchaft am 24. Junius 1573 nach Konſtantino⸗ pel ab. Waͤhrend der Hin⸗ und Heimreiſe und eines ſechsjahrigen Aufenthaltes in dieſer beruhmten Stadt, fuͤhrte Gerlach ein Tagebuch, welches nur wenige Luͤcken hat. In dieſem verzeichnete er vielerlei. Be⸗ ſonders reich iſt es an politiſchen und kirchenhiſtori⸗ ſchen Tagebegebenheiten und Notizen uͤber den Got⸗ tesdienſt und die Religion der Tuͤrken, Griechen, Ar⸗ menier, Bulgaren, Servier u. ſ. f. Auch vieles per⸗ zeichnete er über die Verfaſſung des türkiſchen Rei⸗ ches, und über das haäusliche Leben der genannten Völker. Von den Dingen, die zur Kenntniß der Laͤnder, durch die er kam, gehoren, intereſſirten ihn mehr die Kirchen, als andere Oertlichkeiten; doch fehlen die Nachrichten uͤber dieſe letztern gerade auch nicht. Alles das aber iſt bunt durch einander geſchrie⸗ ben, und von dem Herausgeder des Tagebuchs, einem Verwandten des Reiſenden, aus einer zu großen Ehr⸗ furcht für den Manne, welcher Konſtantinopel fah, oder auch aus andern Urſachen nicht geordnet worden. Da man mir nun aber von dem Nichter⸗ Kuhl der Kritik aus, wollte ich das Tagebuch als ſol⸗ ches in einem ſolchen Buntdurcheinander im Auszuge erkennen laſſen, den Vorwurf der Traͤg mit oder den, 3¹9 daß es mir an Ordnungsſinn fehle, machen koͤnnte, ſo habe ich beſchloſſen, die verwandten, zum Zweck dieſer Bibliothek der Reiſebeſchreibungen, dienenden Notitzen zuſammen zu ſtellen, in einige kleine Ka⸗ pitel zu ordnen, ſo kurz als moglich, aber zugleich ſo zu erzaͤhlen, daß dadurch ein lebendiges Ganzes entſtehe. So, hoffe ich, wird dann der Inhalt des erwaͤhnten an ſich, als Tagebuch äuſſerſt ſchätzbaren Werkes, welches über 500 Seiten in Folio⸗Format zaͤhlt, ebenfalls auf verdiente Werthſchaͤtzung rechnen koͤnnen, und den Kaͤufern und Leſern dieſer Taſchen⸗ bibliothek willkommen ſeyn. Dieß zur Einleitung. I. Zur Kenntniß des Landes Gehöriges, und der Oertlichkeiten deſſelben. Die Reiſe nach Konſtantinopel begann den 11. Juni 1573 zu Schiffe auf der Donau. Nachmittags 2 Uhr fuhr man von Wien nach Deutſch⸗Alten⸗ burg, Haimburg, einem Schloß und Staͤdtchen. Nicht weit hievon ſah man rechts eine alte Raub⸗ ſchloß⸗Ruine. Zur Linken ließ man den Markt⸗ flecken Tewen und kam den andern Morgen zu Preßburg an. Hier ſah Gerlach das innerlich reich verzierte Schloß auf der Anhöhe bei der Stadt, und dann einen Nationaltanz der Ungarn, die bekannten Siebenfprünge. Von Preßburg fuͤhrte der Weg an ſchönen Auen voruͤber nach dem ſechs Mei⸗ 520 ien entfernten Flecken Rodak; von da zur Rechten an der feſten Stadt Rab vorbei, nach der Stadt und Gränzfeſtung Komorra, welche am Zuſam⸗ menfluß der Donau mit der Waag liegt. Ueber dieſe Fluͤße hinaus ſah man ſchon in das Türkiſche, zur Rechten der Donau die tuͤrkiſchen Schlößer Geſteſch und Dotis. In der Stadt Komorra fand Gerlach nicht viel zu ſehen, kleine Kirchen, ziemlich ſchlechte Gebaäude; die Mauern derſelben waren meiſtens von Lehm, theilweiſe auch nur Plan⸗ kenwerk. Unter ihren Bewohnern fand er ſchon Raitzen, Abkoͤmmlinge eines Volksſtammes, der ſich von da bis in die Bulgarei verbreitet, und meiſt moraliſch verdorbenes Geſindel in ſich begreift. Als das beliebteſte muſikaliſche Inſtrument der Ein⸗ wohner von Komorra nennt Gerlach den Du⸗ delſack. Von Komorra zog die Geſandtſchaft am 16. Juni unter einer Kanonen⸗Salve, welche den Ab⸗ ſchieds⸗Gruß von der Feſtung donnerte, und beglei⸗ tet von tuüͤrkiſchen Wachtſchiffen(Naſſadißen), nach Gran. Der Weg dahin ging durch angenehme Gegenden, wie uͤberhaupt Ungarn als eine luſtige an Huͤgeln und Ebenen reiche Landſchaft von Ger⸗ lach genannt wird. Von Gran, wo nichts beſon⸗ ders Sehenswerthes gefunden ward als das Schloß mit dem Saale der Ungariſchen Köoͤnige, und einer ſchöͤnen marmornen Kapelle, ward die Reiſe uͤber —, — 32¹ den Arianiſchen Flecken Maruſch, am Schloße Vicegrad oder Blindenburg, in deſſen Naͤhe er⸗ giebige Salzgruben, nach der Stadt Buda oder Ofen fortgeſetzt. Waͤhrend hier der Geſandte ſeine Geſchaͤfte bei dem da wohnhaften tuͤrkiſchen Baſſa beſorgte, betrachtete Gerlach die ſeltſame Kleidung der Janitſcharen und die uͤberaus buntfarbige Tracht der Trabanten des Baſſa. Auch nach Peſth hinüber uüber die Schiffbruͤcke der Donau ging unſer Reiſender, beſah die vor Zeiten belebte Handels⸗ ſtadt mit ihren größtentheils finſtern und untuſtigen Gebaͤuden, einige tuͤrkiſche Kirchen mit ſchoͤnen Vor⸗ höͤfen, innen mit herrlichen Teppichen belegt, oben gerundet, in der Mitte, von der Kuppel herab, mit Lampen geziert. Auch in der Stadt Ofen beſah er einige türkiſche Bethaͤuſer, an deren Sakriſtane er jederzeit das Zeichen des Halbmondes fand. Die Leute, die er zur Kirche gehen ſah, gingen barfuß hinein, und legten ihre Schuhe vor derſelben ge⸗ wöhnlich ab, damit ſie die innen liegenden köſtlichen Teppiche nicht beſchmutzten. Außerhalb der Staͤdte Ofen und Peſth beſah er die Friedböfe der Tuͤrken und ihre Baͤder. Auf jenen fand er die Graͤber er⸗ höht, mit Steinen umgeben und uͤberbaut, und bei dem Grabe eines Kriegers eine Art Uhlanenſpieß mit flatternden Faͤhnlein, Copi genannt. Die Baͤ⸗ der fand er meiſt aus Marmor gebaut und ſehr rein⸗ ich. Auf dieſe Gebaͤude Lden die Tuͤrken uͤberhaupt 16tes Baͤndchen, Tuͤrkei 1. 5 322 mehr, als auf die uͤbrigen, welche ſie nicht ſelten ganz verfallen laſſen, ehe ſie an eine Aus beſſerung derſelben gedenken. Von Buda kamen die Reiſenden durch abwech⸗ felnd ſchöne und minderſchoͤne Gegenden, an wenig bedeutenden Flecken voruͤber nach dem Marktorte Wahitſch, in deſſen Naͤhe der Ungarnkoͤnig, Lud⸗ wig, von den Turken geſchlagen und erſchlagen ward. Von Wahitſch, rechts und links Ruinen von Bur⸗ gen und Kirchen, abwechſelnde angenehme Gegenden fedend, kamen ſie uüͤber Karlowitz nach Griechiſch⸗ Weiſſenburg, wo die Sau ſich in die Donau ergießt. Der Geſandte hatte beim daſigen Bey zu thun. Gerlach beſah indeſſen die Stadt, die er ſchöner als Ofen fand, obgleich auch hier noch die Gebaͤude nicht zum Beſten ausſahen. Ueberhaupt ſchienen die daſigen Einwohner, beſonders die Vor⸗ nehmen, mehr auf innere Pracht der Haͤuſer als auf das äuſſere Anſehen derſelben zu merken. Die Ein⸗ wohnerſchaft ſelbſt beſtand aus Tuͤrken, Juden, Rai⸗ tzen, und Raguſanern. Das gefiel unſerm Reiſen⸗ den beſonders wohl, daß ſowohl zwiſchen den Haͤu⸗ ſern der Stadt als auch außerhalb derſelben die „herrlichſten Gärten grünten und blühten. Weil von Weiſſenburg die Donau man⸗ chen Schiffen Gefahren droht, ſo beſchloß der Ge⸗ fandte, von da die Reiſe nach Konſtantinopel zu Land fortzuſetzen. Durch Waidung, beſonders durch Ei⸗ 323 chenwaldung, dazwiſchen durch Thaͤler, theils auch durch gebaute und theils durch ungebaute Felder hindurchfahrend, gelangte man bald nach Botad⸗ ſchin. Dieſer Ort war von Raitzen bewohnt, und lag in einem ſehr ſchönen Thale. Auf einem ahnlichen Wege über Berg und Thal nach dem ſchoͤnen Flecken Jokodna gekommen, zog die Geſandtſchaft den 23. Juli die anmuthig gelegenen Flecken Spahigay und Baratſchin vorbey, nach der mauernloſen aber vortrefflich gelegenen Stadt Niſſa, wo es ſchon reife Melonen gab. Unter der Einwohner⸗ ſchaft dieſer Stadt fand Gerlachdie Tuͤrken ſtark und groß, die Tuͤrkinnen dagegen zaͤrtlicher und in Non⸗ nengewänder gekleidet, die Raitzenfrauen unreinlich in bloßen Hemden umberlaufend. Von hier ging die Reiſe durch faſt unwegſame Waͤlder und über hohe Berge nach dem ſchön umbugelten kleinen Dorfe Gurizevme, wo die Raitzen ſchon etwas rein⸗ licher ſind, und ihre Frauen den Kopf, Ohren und Naſen mit Gold, Silber und Muſchein ſchmücken. Durch eine fruchtbare, abwechſelnd hügelige und wie⸗ der ebene Gegend, gelangte man von da uͤber meh⸗ rere Orte binweg nach Philippopolis und von da nach Selimbria. Dieſes letzte Staͤdtchen liegt auf einem Feiſen am Meere, und war meiſt von Grie⸗ chen bewohnt. Den 6. Auguſt 1573 hatte man zur Rechten das 324 Meer, links ſchöne Landſchaften voll uͤppiger Frucht⸗ barkeit bis nach Konſtanti nopel. Daſelbſt hielt ſich Gerlach mit ſeinem Gebieter bis zum a. Juni 4578 auf. Seine Wohnung hatte er in dem fuͤr den römiſch⸗kaiſerlichen Geſandten be⸗ ſtimmten, unanſehnlichen, zwar geraͤumigen, doch engen Gebaͤnde auf dem Konſtantins⸗ Platze. Von hier ſtreifte er bald da, bald dort hinaus in die Stadt, und machte Luſtfahrten an Aſien'’ s Kuͤ⸗ ſte, und nach Pglarmos, ohne daß uns im Tage⸗ buche dieſe Reiſen und Ausfluͤge und das ſo Geſe⸗ hene immer ganz erzählt iſt. Von Konſtanti⸗ nopel bemerkt er mancherley. Ich ſtelle es hier kurz zuſammen. Dieſe Stadt, die ſich durch Größe, Schoͤnheit und herrliche Lage vor vielen andern Staͤdten aus⸗ zeichnet, hat nach Gerlach's Bericht gegen Oſt das Euxiniſche Meer und die Meerenge von Thrazien oder den Vosphorus; gegen Suüd und Sudweſt ſtößt ſie an einen Theil des mittellaͤndi⸗ ſchen Meeres. Ein Drittheil derſelben iſt hie⸗ durch vom Meere umfluthet. Sie hat ein ſehr ge⸗ ſundes Elima, und einen bedeutenden Umfang. Die herrlichen Gaͤrten zwiſchen den Gebaͤuden, die ſchat⸗ tigen Oliven⸗ und Pomeranzen⸗Gebuͤſche in derſel⸗ ben und außenher geben ihr ganz das Anſehen eines irdiſchen Paradieſes. Nur das Einzige fand Ger⸗ lach nicht ſchön, daß ſie kein trinkbares Waſſer in 325 der Naͤhe hatte, und dieſes aus einer dreimeiligen Entfernung durch uͤberaus koſtſpielige, von den alten Griechen noch angelegten Waſſerleitungen, welche theilweiſe zerfallen wollten, herbeigeführt werden mußte.— Die Thore der Stadt ſind nach allen Rich⸗ tungen hinführend und gewaͤhren oft ſchoͤne Ausſich⸗ ten auf das Meer. Das erſte derſelben iſt, das ſoge⸗ nannte Stallthor, oder Akarkapi an dem Mar⸗ ſtalle des Sultans, welches die herrliche Ausſicht nach Chalcedon gewaͤhrt. Ueber dem Eingange deſſel⸗ ben haͤngt ein Roßſchweif.—)— Unter den Konſtantinopel zierenden Gebäu⸗ den fand Gerlach beſonders folgende der Erwaͤh⸗ nung werth.— Der Palaſt des Sultans, Serail genannt, liegt im ſchönſten Theile der Stadt, und ſtößt an das Meer mit ſeinen Gaͤrten. Das Se⸗ rail hatte drei große und weite Höfe, und ſo viel große marmorne Pforten. In dem erſten Hofe deſ⸗ ſelben fand er zur Linken eine alte griechiſche Kirche und allerlei Handwerkslaͤden. Den zweiten Vorhof fand er lang und breit. Rings um denſelben führte eine Saͤulenhalle, worin die Janitſcharen wachten. In dem zweiten Vorhof ſah Gerla ch durch eine dritte Pforte den Palaſt des tuͤrkiſchen Großherrn. Die Gemaͤcher deſſelben fand er mit goldenem Laub⸗ *) Wahrſcheinlich zum Zeichen, daß in der Naͤhe dsſſelben der Marſtall des Sultans iſt. 326 5 werk*) und köſtlichen Teppichen geſchmückt. Alles wimmelte von Trabanten, Janitſcharen und Spa⸗ his. Nicht ferne davon fand Gerlach das alte Sultans⸗Scchloß, oder den Harem deſſelben, welcher ſeiner Anſicht nach mit den dazu gehoͤrigen Gaͤrten ſo groß, wie die Haͤlfte des Raums der Stadt Tuͤbingen war. Die Diener der Frauen des Sultans ſind, wie bekannt, Verſchnittene, und meiſtens Mohren; auch Janitſcharen. Der Eingang des Harems iſt ſtreng bewacht, und Ger⸗ lach ſah nicht das Innere. Von dem aͤußeren An⸗ ſehen deſſelben erzaͤhlt er uns nichts beſonders Ein⸗ zelnes. 8 In der Naͤhe des Serails ſah Gerlach au⸗ ßer dem Harem noch das große Menagerie⸗ haus des Sultans und die Sophienkirche, als die ſchönſte und prachtvollſte Moſchee der Stadt. Damals war dieſe herrliche, aus Marmor gebaute Kirche in ihrem Aeußern etwas zerſtört, wurde je⸗ doch wieder prächtig ausgebeſſert Einige das Haupt⸗⸗ gebaͤude entſtellende Nebengebaͤude wurden abgara⸗ *) Die Tuͤrken duͤrfen nach einem Verbote des Koran keine anderen Gemaͤhlde fertigen, als Compoſitionen aus Arabeskenzügen. hierſtu⸗ cke und anders iſt hoch verpont. Daher die Kunſt der Malerei bei ihnen in dieſer Hinſicht ganz und gar nicht zu treffen. 3 322 gen, damit die Umgebung derſelben freier würde. Die Kirche ſelbſt hatte einſt 101 Pforten, dieſe fand jedoch Gerlach nicht mehr. Von der Sophienkirche begab er ſich durch einen Theil der Stadt, welcher viele Ruinen und Ueberbleibſel aus alter Zeit hatte, nach dem nicht ſehr weit entlegenen Marſtall des Sultans, welcher ein großes Gebaͤude war. In demſelben lie⸗ fen Schweine unter den Pferden herum. Die Schwei⸗ ne hielt der Sultan deßhalb, damit er ſie zur Luſt mit Pfeilen erlegte.. Von den vielen Kirchen, welche Gerlach auſ⸗ ſer der Sophienkirche noch ſah, erwaͤhnen wir hier keine mehr, ſelbſt keine von den Griechiſchen, weil er die meiſten nur den Namen nach anfuͤhrt, und dann zu der Beſchreibung des darin uͤblichen Gottesdienſtes uͤbergeyt. Von den übrigen merk⸗ wuͤrdigen Gebaͤuden Konſtantinopels nennt er den Palaſt des Kaiſers Konſtantins, wel⸗ cher auf der 20 Juß dicken und doppelten Stadt⸗ mauer ruhte und eine ſchone Ausſicht auf den Ka⸗ nal hatte. Als er dieſen Pallaſt ſah, machte er zu⸗ gleich einen Spaziergang nach dem Grabe Hiobs, welcher Mann allen bekannt, und von Tuͤrken wie von Juden als ein Heiliger verehrt iſt. Die Umge⸗ bung dieſes Grabes fand er ſchoͤn; in dem Grabe ſelbſt, welches überbaut war mit einer kleinen Bet⸗ kapelle, ſah er Kerzen brennen, und einen türkiſchen 328 Geiſtlichen Meſſe halten, oder vielmehr beten fuͤr das Geld derer, die zum Grabe pilgerten, und dort Opfer brachten die ſie gelobt. Zu einer andern Zeit beſah Gerlach die be⸗ ruͤchtigten Sieben Thuͤrme, welche nach ſeinem Berichte am Bosphorus liegen, und eine kleine Veſtung bilden. Von oͤffentlichen Plätzen der Stadt erwaͤhnt er des Atmeidans, oder des Hippodroms, wor⸗ auf er mehrmals einer Lakeyenprobe zuſah. Die Tuͤrken haben naͤmlich gerne geſchickte Schnellaͤufer. Dieſe muͤſſen dann auf dem Rennplatze nach Ger⸗ lachs Ausſage miteinander wetten. Der Schnellſte wird am beſten bezahlt und am liebſten in Dienſt ge⸗ nommen. Außerdem ſah er den großen Platz in der Naͤhe der Sct. Georgkirche, das Kloſter Stu⸗ dii genannt, wo einſt eine Akademie geſtanden ſeyn ſollte, und Philoſophen und Dichter ſich unterredeten, oder Unterricht gaben. In der Naͤhe des Atmei⸗ dans beſah er die Backhaͤuſer des Sultans und deſ⸗ ſen Getralde⸗Mühlen, welche durch Roſſe in Bewe⸗ gung geſetzt wurden.— Auf Spaziergängen außerhalb der eigentlichen Stadt, beſah er den Berg Athos, außerbalb der Meerenge am Hellespont gelegen. Er fand ihn ſehr hoch, beſtieg ihn jedoch nicht, und berichtet uns an einem anderen Orte ſeines Tagebuchs, daß auf demſelben 24 beſondere Kloſtergebaͤude, und viele 329 Einſtedler⸗Wohnungen ſeyen, in welchen an 6006 Moͤnche, Calogeri genannt wohnten, die das Recht haͤtten, jedesmal den Patriarchen der Grie⸗ chen und die Metropoliten dieſes Volkes zu erwaͤh⸗ len. Von dem Berge Athos eine Tagreiſe ſuͤd⸗ waͤrts liege Dardanien oder Troja. Zu einer andern Zeit ſah er, vor dem Thore von Adriano⸗ pel, Edrenecapi genannt, luſtwandelnd, tiefe Ci⸗ ſternen, mit Backſteinen ausgemauert, nicht weit da⸗ von Feigen⸗, Oliven⸗, und Pomeranzen⸗Waͤldchen, Roßweiden und das Grab des Heiligen Ejub, zu dem beſonders die Frauen der Tuüͤrten zu wallfahr⸗ ten pflegten, um dort zu beten. Wer dieſer Ejub geweſen, davon berichtet uns Gerlach nichts.— Wie⸗ der einmal wanderte er in den Flecken des h. Deme⸗ trius, welcher einen Theil der Stadt ſelbſt aus⸗ machte, und beſah vor demſelben den Wunder⸗ Brunnen, welcher Aberglaͤubigen vom Fieber und von anderem Uebel helfen ſollte. Von da wandte er ſich nach Skutari oder Chryſopolis, einem überaus angenehmen Orte mit vielen Gaͤrten und Fruchtbaͤumen. Auch an den Hafen im Norden der Stadt gelegen, an den Sinus Ceratinus, fuͤhrte ihn einmal ſeine Wanderluſt, doch beſchreibt er uns denſelben nicht. Dieß geſchah, als die tuͤrkiſche See⸗ macht von einer Expedition gegen Johann von Oeſterreich heimkehrte. Nach der gegenüber am Bosphorus gelege⸗ 330 nen Vorſtadt, Galata oder Pera genannt, füͤhrte ſein Weg ihn oͤfters als einmal; doch giebt er uns von derſelben nur einzelne Notizen. Das Meiſte, was ihn dort intereſſirte, waren griechiſche Kirchen und Klöſter, die er alle namhaft macht, ohne ge⸗ rade immer ein beſchreibendes Wort hinzuzufugen. Dort ſah er oft die Tuͤrken ſich beluſtigen; dort fand er gute Auſtern zu eſſen; dort ſah er das große Haus der Samoglanen. Dieſe Samoglanen ſind nach Gerlach's Bericht, meiſt Kinder der Chriſten, welche in dem tuͤrkiſchen Gebiete wohnen, und werden ihren Aeltern geraubt, indem man die Kinder eines Landesdiſtrikts zu Haufen treibt, und jedesmal das Zehnte davon mit ſich hieher nimmt. Hier in dieſem Hauſe mußen ſie leſen, ſchreiben und türkiſch lernen, damit ſie dem Sultan und ande⸗ ren Vornehmen unter dieſen Barbaren entweder zu Selaven oder Viehhirten, oder auch zur bloßen Luſt dienen. Einen andern Ausflug machte Gerlach durch das Selimbeier⸗Thor der Stadt nach dem ſchö⸗ nen Luſtſchloſſe des Sultans, Pontepiculo, wel⸗ ches 11 Meile von der Stadt entfernt war. Von dem zur Stadt gehoͤrigen Flecken Hagia Paraſceve ſagt er uns, daß er unterhalb des Arſenals an den Gaͤrten des Sultans gelegen ſei. Um dieſe herrlichen Gaͤrten zu ſehen, machte er ein⸗ mal eine Spazierfahrt uͤber den Bosphorus an 531 die aſtatiſche Kuͤſte. Ihre Herrlichkeit und Ausdeh⸗ nung kann er nicht genug ruͤhmen. Garten⸗Gebau⸗ de ſah er darin, ihrer Pracht nach ohne Gleichen. In den Gaͤrten ſelbſt fand er die mannichfaltigſte und uͤppigſte Blumen⸗Vegetation, Springbrunnen und mancherlei liebliche Schattengaͤnge, ſelbſt kleine Waͤldchen von Myrthen, Cypreſſen und derlei Bäu⸗ men. Unterhalb dieſer von Aſamoglanen beſorg⸗ ten Gäten, ſah er den Flecken Chalcedon mit den Ruinen der Kirche des Heiligen Chryſoſtomus. Dieſem Flecken gegenuͤber liegend nennt er die In⸗ ſeln Antigone, Chalkys, Protys und Platys. Von da zog er nach dem beroiſchen Vorgebir⸗ ge, wo einſt der Kaiſer Juſtinian Kirchen und warme Baͤder hatte, jetzt aber der fünfte Garten des Sultans mit dem Pharus war. Seinen Rück⸗ weg auf dieſem Ausfluge nahm Gerlach durch den ſechſten und allerſchoͤnſten Garten des Sultans, der überaus reich an ſchattenden Cypreſſen war. Eine andere Reiſe machte Gerlach nach Pa⸗ lormos an dieſer Kuͤſte. Dieſe Reiſe iſt im Tage⸗ buch kurz beſchrieben. Das Wichtigſte davon iſt fol⸗ gendes. Auf einem kleinen Schiffe(Karmiſal) fuhr er in Begleitung einiger Freunde von Kon⸗ ſtantinopel nach den Sieben Thurmen den 16. October 1576. Hier ward uͤbernachtet. Den folgenden Tag erreichten ſie nach einer achtſtündigen Fahrt Palormos, das von Kouſtantinopel 332 ½ 25 Meilen entfernt iſt. Unterwegs ſchifften ſie links an der Inſel Kalomino vorbei. Zur linken Seite des Hafens von Palormos ſahen ſte die unbe⸗ noch eines Perna.— Palormos ſelbſt liegt, nach Gerlach's Ausſage, in einem kleinen Thale am Meere, und war meiſtens von Griechen be⸗ wohnt. Der Flecken hat das zöſtlichſte und edelſte Weingewaͤchs. Außerhalb des Fleckens iſt ein Brun⸗ nen, gegen das Fieber zu gebrauchen. Nahe am Meere ſahen ſte Kloſter⸗Ruinen. Umterhalb Pa⸗ lormos in einer Entfernung von zwei Meilen, lag das berühmte krojaniſche Feld, deſſen Ruinen Gerlach nicht ſah, aber, nach ihm, bedeutend und herrlich ſeyn ſollen.— Von Palormos machten und noch ein altes Schloß Duaſar, geſehen hat⸗ ten. Unterhalb Duaſar kamen ſie an das ganz turkiſche Dorf Hazikoi, dann in die von Tuͤrken und Griechen bewohnte Stadt Sct. Eyprian, deſ⸗ ſen türkiſche Einwohner G erlach ein grobes Volk nennt. Weiter kam man uͤber den Marktflecken Michalizi nach der alten Stadt Lupata, deren Mauern zum Theil verfallen waren. Unfern dieſer 53³ frübzeitig von Chriſten bewohnten Stadt, iſt der Lu⸗ paterſee mit der Inſel Apolloniada und einen Metropolitanſitze. Von hier kamen die Reiſenden über drei ſchlecht gebaute und armliche griechiſche Doͤrfer Conſtantinati, Typota, und Theo⸗ doro, von Berg zu Thal nach Pru ſa oder Pru⸗ ſia. Dieſe alte Handelsſtadt liegt in einem ſchö⸗ nen Thal, zum Theile am Fuße des großen und hohen Olympos, welchen Berg die Tuürken den Monchsberg nannten. Dieſer Berg hat oben zwei Buͤhel und oft Schnee. Unten iſt er mit Luſt⸗ häͤuſern faſt beſät, auch mit tuͤrkiſchen Begraͤbniſſen; oben iſt er kahl und felſig. Unten hat er herrliche Waldung und viele Anmuthigkeiten. Die Stadt Pruſa ſelbſt hatte ſchöne Haͤuſer, große und herr⸗ liche Gaͤrten und Plaͤtze, anſehnliche Kirchen, und andere große und huͤbſche Gebaͤude, auch warme und gut eingerichtete Baͤder.— Hier endet dieſe Reiſe im Tagebuch, und man findet darüber nichts weiteres. Wayhrſcheinlich begab ſich der Reiſende wieder nach Konſtantinopel. Bis hieher habe ich das im Auszuge mitgetheilt, was der Tagebuchſchreiber ſelbſt von Oertlichkeiten des Landes und der einzelnen Stäͤdte, in die er kam, geſehen hat. Ich will nun zunaͤchſt hier noch dasjenige anknuͤpfen, was er von Staädlen und der⸗ gleichen, zum Gebiete der Tuürkei damals Gehoͤri⸗ gen, erfahren hat. 3 Von dieſen allen aber be⸗ h nichts— Auch die Städte toa des Zeno, eben ſo noch den Areopag. Von Gallipolis ſagte man ihm, ſie ſei eine ſchöne Stadt, nahe an den Darda⸗ anſehnliches Kaſtell. Was die Inſeln wähnt er nur Chios Berge gelegen, und habe ein dieſes Reiches betrift, ſo er⸗ „Rhodis, Ereta und Te⸗ nedos, als von welchen er gelegentlich ſprechen hörte. Von Chios herrliches Klima und vortrefflichen Wein, Maſtix liefere, meiſt hörte er, daß dieſe Inſel ein eine ſehr reiche Natur habe, den Malvaſier, und viel von freien Chriſten bewohnt ſei, und die Frauenzimmer daſelbſt ſehr ſchoͤn, ſcho⸗ ner als anderwarts waͤren.— Von Rhodis hoͤrte er, dieſe Inſel habe 100 Meilen im Umfang, ſei bluͤhend und ſchön, meiſtens von Griechen bewohnt. 335 Die Stadt Rhodos ſelbſt ſei klein, und Sehens⸗ werthes darin ſei blos die von den Kreutzherren er⸗ baute Sct. Johannis⸗Kirche. Von Creta und Tenedos ruͤhmt er blos den Wein. Außerdem ſagt uns Gerlach, Jconium ſoll eine große ummauerte Stadt in Caramanien oder Cilicien ſeyn; die Stadt Anchialo ſoll 5 Tage⸗ reifen von Konſtantinopel am Euxiniſchen Meere liegen; die Stadt Berroe ſei eine Tag⸗ reiſe von Theſſalonich entfernt. Von Cairo in Aegypten berichtet er: dieſe Stadt ſei viel größer als Konſtantizopel, habe 22,000 Moſcheen, ſchoͤne Haͤuſer mit großen und weiten Gemächern, in jeder Straße eine Roßmühle und einen öͤffentlichen Backofen: ubrigens gebe es in dieſer Stadt, wie in ganz Aegyptenland, viele Blinde, und dieſes Uebel entſtehe aus dem unor⸗ dentlichen und unreinlichen Leben der Leute. Denn viele derſelben lebten das ganze Jahr auf den Gaſ⸗ ſen obhne Dach und Fach von Jugend auf, und Staub und Koth ſei ihr Bett der Ruhe: doch gäbe es unter dieſen Einwohnern vortreffliche Reiter und gute Schwimmer, wenn gleich die meiſten ein kraftloſes und verdorbenes raͤuberiſches Geſindel ſeien. Was Gerlach auf ſeiner Rückreiſe, welche er mit der Geſandtſchaft einige Monate nach der An⸗ kunft des ablöſenden Geſandten, Freiherrn von Sin⸗ zendof, am a. Juni 1578 antrat, bemerkt hat, iſt 336 wenig. Von Konſtantinopel führte der Weg auf das Luſtſchloß des Sultans Pontepiculo, wo man viel Weingelaͤnde, Wieſen und Fruchtfelder ſah. Von Pontepiculo kam man nach Ponte⸗ grande, durch die von Grzechen bewohnten Doͤr⸗ fer Pifatio und Konomio nach Selimbria. Zunaͤchſt gelangte man nach dem griechiſchen Oert⸗ chen Konokli, ſodann nach Arapli, und zwei Meilen weiter nach Tſchurli, welcher letztere Ori in einer luſtigen Ebene liegt, groß iſt, und ſchoͤne Garten mit viel Weinwachs, an 3000 meiſtens tür⸗ kiſche Einwonner, weniger griechiſche, hatte. Durch Waizenfelder fuͤhrte der Weg nach Bergaſch, durch ſchöne Landſchaften nach dem von Tuͤrken be⸗ wohnten Dorfe Eſkibaba, und nach Adriano⸗ pel. Von hier wurde die Gegend waldreicher, als ſie es von Konſtantinopel her war. Die Stadt Adrianopel liegt eben, iſt nicht ſehr groß, und hatte meiſtens Griechen zu Einwohnern, weniger Tuͤrken und Juden. Von Adrianopel ging die Reiſe durch die Dörfer Muſtaffa Baſſa, wo kleine Huͤtten, und Hermanli, wo die Hauſer mit. Gras bedeckt waren, durch Gebuſch⸗Gegenden nach dem bulgariſchen Dorfe Semisze. Nun durchzog man wieder herrliche, aber meiſt ungebante Landſchaften, zwiſchen den Bergen, welche Thra⸗ zien und die Bulgarei von Macedonien trennten, nach dem von Türken bewohnten Dorfe Cornuſch. Von da durch angenehme Wege, und waſſerreiche Gegend nach Philippopolis. Dieſe Stadt liegt auf mehreren kleinen Anhöhen, hat kei⸗ ne Mauern, iſt groß und zirkelrund. Die Umge⸗ bung iſt eben und ſchön. Von da fuhr man durch fruchtbare Ebenen, rechts ein kleines Waͤldchen laſ⸗ ſend, nach dem an ſchoͤnen Gaͤrten reichen tuͤrkiſchen Marktorte Tatarbazarzik. Nun gelangte man in die Bulgarei, zuerſt in ein von Chriſten bewohntes Dorf Capidervent, dann durch ein Thal nach Hichtimon, Alaſiaklis, am Gra⸗ be eines erſchlagenen Emir vorbei nach Kaſidſcham. In dieſem bulgariſchen Dorfe wohnten noch einige Janitſcharen, und war eine vortreffliche Pferdezucht daſelbſt. Zunaͤchſt ging es nun uͤber Saribrod, ein bulgariſcher Flecken, in ſchöner Ebene gelegen, an Weingelaͤnden hin nach Niſſa. Von dannen durch ſchöne Landſchaften an die Murr, uͤber Ko⸗ lar nach Servien. Bald traf man zu Grie⸗ chiſch Weiſſenburg wieder ein. Von hier ward die Reiſe wie zu Anfang ſie geſchildert, nur ruͤck⸗ waͤrts fortgeſetzt nach Wien. Gerlach aber ging nicht dahin, ſondern nach Znoim und von da nach Wiſchnau, wo er Geſchwiſter und Verwandte be⸗ ſuchte. Ob ei ſpaͤter nach Wien reiſte, davon meldet ſein Tagebuch nichts; auch der Herausgeber deſzelden ſagt nichts daruͤber. 6tes Baͤndchen, Tuͤrkei I. 3. 338 II. Von den Bewohnern des türkiſchen Gebiets, über ihren Staats⸗Verband, ihre Religions⸗ gebräuche und Sitten, wie über ihren Cha⸗ rakter. Die Bewohner des türkiſchen Gebietes, wie ſie Gerlach kennen lerunte, gehören verſchiedenen Volks⸗ ſtämmen an. Wenn man die Donau zur Grenze annimmt, ſo wohnten damals im Lande: Ungarn, Bulgaren, Servier, Naitzen, Juden, Griechen, Ar⸗ menier, Tuͤrken und Zigeuner; wenden wir dann uns nach Aſien's türkiſchen Beſitzungen bin, ſo könnten dazu noch Aegyptier, Mohren, Habeſſinier und Araber gerechnet werden. Aller dieſer Volks⸗ ſtaͤmme erwaͤhnt Gerlach in ſeinem Tagebuche wirk⸗ lich. Wieferne aber alle dieſe Einwohner des tür⸗ kiſchen Gebietes ſich durch Religionen, Sitten und Lebensweiſe von einander unterſcheiden, das erfah⸗ ren wir von unſerm Reiſenden freilich nicht ganz ausfuͤhrlich. Er berichtet uns nur von den Gebraͤu⸗ chen einzelner derſelben, beſonders von den Türken, als Bekennern des Koran's, von den Griechen als Chriſten, von den Armeniern, Juden und Zigeu⸗ nern. Doch davon nachher; zuerſt von der damali⸗ gen Staats⸗Einrichtung des tuͤrkiſchen Reichs. Die Verfaſſung des turkiſchen Reichs iſt eine ſol⸗ che, in welcher durchaus kein anderes Geſetz gilt, —* der Wille des Perrſchers, oder die Dummaheit 339 eines Mufti, denn die letztere iſt ſo maͤchtig, als des Sultans Wille, beſonders dann, wenn die Ent⸗ ſcheidung einer Frage von einer Erklaͤrung eines Wortes im Koran abhaͤngt, deſſen untruͤglichſter Dolmetſcher der Mufti iſt. Der Sultan und nach ihm,— in religioͤſen Dingen uͤber ihm,— der Mufti; ſind die Seelen, welche den tuͤrkiſchen Staat durchdringen und bewegen. Gefaͤllt es dem Mufti, einem Staatsbuͤrger ſeine Habe oder ſeinen Kopf zu nehmen, ſo iſt es geſchehen. Hievon er⸗ zahlt uns Gerlach mehre Anekdoten. Gefaͤllt es dem Sultan die Schaͤtze eines Andern zu haben, oder mißtraut er einem Untergebenen, dem ein wich⸗ tiges Staats⸗Amt uͤbertragen iſt, ſo laͤßt er ſich durch den Henker, der ihm ſtets zur Seite iſt und eine wichtige Hofperſon des Sultans macht, deſſen Haupt uͤberbringen. Auch hievon erzaͤhlt Gerlach einige Beiſpiele. Solcher Despotismus waltet durch⸗ aus. So viele Wuͤrden der türkiſche Staat hat, ſo viele Despoten hat er auch, und von dieſen iſt ſtets einer dem andern ſelaviſch unterthan; alle aber ſind Sclaven des Sultans und des Mufti.— Wie wohl ſich die Unterthanen unter einer folchen Ver⸗ faſſung befinden, laͤßt ſich leicht denken. Doch ſie ſind dieſe Barbarei gewohnt, und waͤbrend der Tuͤr⸗ ke dieſelbe ſchlaͤfrig und mit guter Laune ertraͤgt, ſucht der Jude durch Geld und gute Worte ſich die Behoͤrden des Staates zu Freunden zu machen, der 340 Grieche und der Armenier aber ihre Ruhe und Sicherheit durch Liſt und Schalkheit zu wahren, und wo das nicht ausreicht, folgt er nicht ſelten dem Beiſpiele des Juden.— Ein eigentliches, das Recht des Unterthanen ſicherndes Geſetz gibt es nicht, und ſowohl die in beſtimmte Kirch⸗ oder vielmehr Mo⸗ ſcheen⸗Sprengel abgetheilte Volksmaſſe Kon⸗ ſtamtinopels, als auch die nach Begſchaften ein⸗ getheilten Landbewohner ſind auf gleiche Weiſe, Ei⸗ ner wie der Andere, der Willkühr, Gunſt oder Un⸗ gunſt des Kadi(Richters) oder des Beg(Provinz⸗ Füͤrſten) Preis gegeben. Doch werden überall die Türken mehr geſchont, als die Chriſten und Juden. Man ſagt zwar, auch ſie würden, ſo wie die andern Einwohner des Reichs nach dem Koran gerichtet; allein es geſchieht nicht, und kann nicht geſchehen, weil uͤberhaupt nach dem Koran als einem bloßen Religions⸗Buche und äͤußerſt mangelhaftem Geſetz⸗ Kodex gar nicht anders gerichtet werden kann, als nach einer Willkuͤhr.— Auch werden in Streitig⸗ keiten der Unterthanen, beſonders gegen Griechen und Juden falſche Zeugen aller Art zugelaſſen.— Nur in Polizeyſachen iſt einige ſtrikte Ordnung, doch iſt auch das Verfahren dieſer Behörden ein barbari⸗ ſches und despotiſches, alle Menſchheit mit Fuͤſſen tretendes. Beweiſe hiefuͤr ſind die furchtbaren To⸗ desſtrafen und Geiſelungen, lebendiges Spieſſen, lebendiges Eingraben in die Erde bis unter die Ar⸗ 341 me, Erſaͤufen, zu Tode Schleifen und Jagen u. d. m.— In dieſen wenigen Bemerkungen iſt alles ent⸗ halten, was Gerlach in zerſtreuten Anecdoten und Beobachtungen erwaͤhnt. Das Kriegsweſen des turkiſchen Staates war ächt tuͤrkiſch, wie es noch vor wenigen Jahren war. Janitſcharen, Reiter, mit Bogen und Pfeil und Schwerdt geruͤſtet, auch mit Lanzen, Fußvolk, alle an keine Taktik gewöhnt, nur handfeſt und grauſam; an eine Artillerie, wie wir ſie jetzt haben, war nicht zu denken. Das Fußvolk und die Reiter trugen Pardel⸗ oder andere gefleckte Haͤute über ſich hängend, zum Theil hohe und rothe zwölfzipfelige Kappen, zum Theil Buͤnde, glatt anliegende Bein⸗ kleider, an den Waden gehaͤftelt. Die Seeſoldaten, — die Flotte beſtand aus faſt 30o Fahrzeugen,— trugen weite und blaue Beinkleider, weiße Bünde mit Federn, und Röcklein ohne Aermel.— Von der Eintheilung der Armee in Corps, und von der Errichtung eines Heeres erzaäͤhlt uns Gerlach nichts: Nur das bemerkt er einmal, daß die Zahl der Janitſcharen, dieſer tuͤrkiſchen Kerntruppen und Leibwaͤchter des Großherrn aus den Samoglanen oft ergaͤnzt wuͤrde. Die Zahl der Janitſcharen gibt er nirgends beſtimmt an.— Das Hauptreligionsbuch der Tuͤrken iſt der Koran, von ihrem Propheten Mahomed aus 342 Mecca geſchrieben. Dieſen Koran brachte der En⸗ gel Gabriel, durch den bei Mahomed alles voll⸗ zogen wird, von dem Himmel, nicht auf einmal, ſondern bruchſtuͤckweis. So oft Mahomed ein. Bruchſtuͤck deſſelben vom Engel Gabriel empfangen hatte, trat er dann, nach der Sage, auf die Staf⸗ feln vor dem Tempel zu Mecca, und verkuͤndete als Gottesrede das Empfangene dem glaͤubigen Vol⸗ ke, welches noch jetzt ſolche Ehrfurcht vor dieſem Bu⸗ che hat, daß es nach Gerlach's Bericht, daſſelbe nur mit zuvor gewaſchenen Haͤnden anfaßt. Die Tuͤrken halten dieß Buch für ſchwer ohne Auslegung, glauben große Geheimniſſe darin verborgen, und ge⸗ brauchen es ſogar zu aberglaͤubiſchen Weiſſagungen und dergleichen mehr. An den Vorſchriften des Ko⸗ ran's halten ſie ziemlich feſt.— Ueber die öffent⸗ lichen Religions⸗Uebungen der Türken erzaͤhlt Ger⸗ lach vieles, doch nichts anders, als was Schweig⸗ ger auch erzaͤhlt. Um nun Wiederholungen zu mei⸗ den, ſo verweiſe ich den Leſer auf den Auszug aus Schweiggers Reiſe, welcher dieſem nachfolgt. Dort erfaͤhrt man auch von religioͤſen Orden der Tuüͤrken Etwas; was Gerlach, der den Tuͤrken ziemlich haßte, uͤberſehen hat. Nur das erwaͤhnt Gerlach, daß es unter den Tuͤrken auch Heilige gebe, und daß man unter dieſen diejenigen Perſonen vorzüglich verſtaͤnde, welche das Grab des Prophe⸗ ten geſehen haben, und darauf ihres Augenlichtes 543 beraubt wurden, damit nichts Unheiliges mehr ihr Auge beruͤhre. Intereſſant mag es manchem Leſer ſeyn, etwas von den offentlichen Feierlichkeiten der Türken zu vernebmen. Wir heben dazu aus Gerlach den Ver⸗ lauf einer tuͤrkiſchen Hochzeit aus, weil dabei zu⸗ gleich ein Blick auf ihr ganzes haͤusliches Leben ge⸗ ſtattet iſt. Die Hochzeit war die eines Janitſcharen⸗ Agas, alſo eine aus dem Stande der Vornehmen, die ſich nur durch größere Pracht, keineswegs aber durch die Anordnung von einer Hochzeit eines Tuͤr⸗ ken aus niederem Stande zu unterſcheiden pflegte.— Was der Braͤutigam ſeiner Braut, die er, wenn er ſie waͤhlt, nur durch dichte Schleyer ſehen darf, alſo blind in gewiſſer Art kaufen muß, fuͤr Geſchenke macht, dieſe ſchickt er durch ſeine Dienerſchaft derſel⸗ ben in das Haus. Wer keine Dienerſchaft hat, was jedoch ſeltner Fall iſt, ſchickt dieſe Gaben durch Fveunde oder gedungene Leute. Dieſe Schenkung iſt ein feyerlicher Zug. Voraus reiten einige Mann, oder auch zuweilen ein Heer praͤchtig gekleideter Juͤnglinge, meiſt Freunde, auch Hofdiener und erſte Lakeyen, dann kommen die geſchmuͤkten Geſchenke⸗ traͤger. Auf dieſe folgt eine tuͤrkiſche Muſik; hinter dieſer wieder Gaben an Guͤtern und Teppichen, Fruͤchten und ſo fort, welche auf Eſel geladen ſind. Dann folgen die Truchſeſſe und Janit⸗ ſcharen, welche allerlei gemalten Confekt tragen. Dieſe Truchſeſſe haben gelbgeſtickte Gürtel um den Leib, und das Zuckerwerk wird dann zum Scherbet*) verbraucht. In der Mitte der Truch⸗ ſeſſe findet man den Brautfuͤhrer, der gewoͤhnlich ein⸗ reicher Anverwandter iſt, und viel Geld auf ſein Brautfuͤhrer⸗Amt verwenden muß. Sobald die Geſchenke des Braͤutigams der Braut überreicht ſind, vergnugt man ſich den naͤchſten Tag mit allerlei Luſtbarkeiten, und Abends mit oft präch⸗ tigen Feuerwerken. Iſt dieſer Tag der Luſt vor⸗ uͤber, dann wird der geſammte Hausrath der Braut in ihre neue Wohnung, fuͤr welche der Braͤutigam ſorgt, von Sclavinnen und Verſchnittenen geliefert. Eine Stunde vor Nacht wird ſodann die Braut ſelbſt aus ihres Vaters Haus in jenes des Braͤutigams ge⸗ bracht. Zwei Brautfackeln von bedeutſamen Farben werden ihr vorgetragen, desgleichen auch Roſen, Aepfel, Birnen, Granaten, Trauben und andere Früchte, meiſtens von Wachs. Dann folgt irgend ein Kleinod von Gold und koͤſtlichem Geſtein. So⸗ dann Kinderſpielerei, Puppen und Blumen, wieder meiſtens von Wachs. Die Braut reitet auf einem ſchoͤn geſchmuͤckten Roße unter einem uͤber ihr aus⸗ geſpannten herrlichen, von etwa 4 Perſonen getrage⸗ nen Baldachin. Das Roß iſt meiſtens ein Schimmel. *) Eine Art Cyder oder Meth. 545 Nach ihr kommen gewöhnlich die Sclavinnen. Im Hauſe des Braͤutigams wird die Braut zuerſt von dem Brautführer empfangen, dann erſt vom Braͤu⸗ tigam ſelbſt, der kuͤnftig ihr erſter Sclave ſeyn muß, wie es die türkiſche Sitte fordert.— Von einer ei⸗ gentlichen Einſegnung der Ehe ſelbſt erwaͤhnt Ger⸗ lachnichts.— Die Prachtliebe der türkiſchen Frauen und ihre Herrſchſucht muß groß ſeyn, wenn wir die⸗ ſen Bericht als wahr annehmen. So aber iſt es auch, wie aus Schweigger erhellt. Ein anderes Feſt der Türken, wobei ihr haͤus⸗ licher Pomp zur Schau koͤmmt, iſt die Beſchneidung ihrer Kinder, welche in Schweigger eben ſo be⸗ ſchrieben iſt, wie ſie Gerlach giebt. Ich verweiſe auf jenen Auszug, wie uüberhaupt dort eine intereſ⸗ ſante Vemerkung auch uͤber das Thun und Treiben der tuͤrkiſchen Frauen im Hauſe angegeben iſt. Hat der Türke eine Leiche zur Erde zu beſtat⸗ ten, ſo zeigt ſich auch hier ſein Rang und Vermö⸗ gen. Iſt er reicher oder aͤrmer, ſo gehen mehre oder weniger tuͤrkiſche Prieſter zum Grabe, welche bis zum Grabe hin, uber die Straßen ein recht baͤu⸗ eriſches Geſinge machen. Ehe der Leichnam beerdigt wird, wird derſelbe unterwegs mehrmals auf Ruhe⸗ ſteinen niedergelaſſen, damit man zu den Geiſtern des Verſtorbenen bete, und ſie verſoͤhne. Ueber das Grab wird ein Teppich gebreitet und an demſelben wird einige Zeit ein Prieſter beſtellt zum Gebet. 346 Ueber die Art zu eſſen und trinken, wie es un⸗ ter den Turken uͤblich iſt, berichtet Gerlach wenig. Sie ſitzen mit verſchraͤnkten Fuͤſſen auf dem mit Tep⸗ pichen belegten Boden ihrer Wohnung oder ihres Speiſe⸗Gemaches, haben eine runde Platte, eben⸗ falls mit einem Teppiche uͤberdeckt, vor ſich, darauf Teller und Meſſer. Da ihre meiſten Speiſen von der Art ſind, daß ſie keine Gabeln brauchen, ſo be⸗ dienen ſie ſich ihrer Haͤnde dabei ſehr fleißig. Ne⸗ ben dem Tiſche ſteht ein Schenke oder oft auch eine Sclavin, mit einem Schlauch voll Scherbet, den ſie aus einem gemeinſchaftlichen Pokal der Reibe nach trinken. Wein duͤrfen die Tuͤrken nach dem Koran nicht trinden, doch bemerkt Gerlach, daß ſie dieſes Geſetz nicht ſelten heimlich uͤbertreten. Die Art zu ſchlafen, haben die Tuͤrken mit allen orientaliſchen Völkern gemein. Sie liegen auf einer baumwollenen Matratze, mit einer ähnlichen zugedekt, auf dem bloßen Boden. Ihr Bett iſt daher ſo ſchnell gemacht, als aufgehoben. Anders iſt von dem bisher Erwaͤhnten Vieles unter den Griechen, welches Volk zu Gerlachs Zeit, ganz Sclave der Tuͤrken iſt. Ihre religiö⸗ ſen Lehrſaͤtze, die ſich nach Gerlachs Ausſage auf die alten griechiſchen Kirchenvaͤter ſtuͤtzen, wer⸗ den uns zwar nicht beſchrieben und einzeln darge⸗ ſtellt, obgleich unſer Reiſender, durch ſein öfteres Zuſammenſeyn mit dem griechiſchen Patriarchen und 342 andern ihrer Geiſtlichen, wie durch den öͤftern Be⸗ ſuch des griechiſchen Gottesdienſtes, ganz dazu ge⸗ ſchickt geweſen waͤre, zumal es ihm ſelbſt nicht an ei⸗ ner guten theologiſchen Gelahrtheit fehlte; doch ge⸗ ſchieht zuweilen einige Erwaͤhnung derſelben, die in⸗ deß nur den wiſſenſchaftlich gebildeten Theologen in⸗ tereſſiren konnen. Dahin gehoͤren z. B. ihre Mei⸗ nungen uͤber das neue Teſtament, welches ſie nicht höher ſchätzen, als die Schriften ihrer Kirchenvaͤter; dann ihre Meinungen von den Seelen der Verſtor⸗ benen, welche ſie nach den Graden ihrer Reinigkeit von Suͤnden naͤher oder ferner von Gott glauben in dem Gebiete des Himmels. Eben dahin rechne ich auch ihre Lehrſaͤtze uͤber den Gebrauch des geſäuer⸗ ten Brodes bei dem Austheilen des heiligen Abend⸗ mahls an drei, vier und fünfjahrige Kinder,— uͤber die Anrufung der Jungfrau Maria,— uͤber den jüngſten Tag und ſo fort.— Was das Aeußere ih⸗ res Gottesdienſtes betrifft, ſo beſchreibt uns denſel⸗ ben Gerlach oft genug, mit vielen Wiederholungen des ſchon Geſagten, auch weitlaͤufig und ausführlich⸗ genug. Er hat ſehr große Aehnlichkeit mit dem Got⸗ tesdienſte der roͤmiſch katholiſchen Chriſten. Die Griechen halten ihre Meſſen, ihre Vigilen, ihre Fa⸗ ſten und ihre Feſttage mit einem aͤhnlichen Gepraͤnge; doch iſt dieß nicht allemal ganz ſo praͤchtig. In jeder ihrer Kirchen ſind mehrere Geiſtlichen, die einander bedienen und abloͤſen. Ihre Predigten ſind wie die, 348 welche die Romiſchkatholiſchen halten, gewoͤhnlich Moral lehrend, an einem Heiligenfeſt lobpreiſend, und zugleich moraliſch. Gerlach hörte dieſe Pre⸗ digten und Meſſen meiſtens in altgriechiſcher Spra⸗ che, damit ſie dem andachtigen Volke eben ſo wenig verſtaͤndlich ſeyn mochten, als die lateiniſchen Meſ⸗ ſen den Römiſch⸗Katholiſchen ſind. Was einzelne kirchliche Handlungen auſſer dieſen betrifft, etwa Taufen, wobei der Täufling ganz gebadet und ge⸗ ſalbt wird, keiner Pathen erwaͤhnt werden,— oder Ehe⸗Einſegnungen, oder Begräbniße; ſo weicht hier die griechiſche Kirche etwas von der Römiſchkatholi⸗ ſchen ab, doch iſt die Abweichung ſelbſt nicht vom Belange. Der Armenier Gottesdienſt iſt dem der Griechen ſehr ähnlich, nur noch etwas einfacher gewöhnlich, doch bei Feſten wetteifernd an Glanz und Pomp im Aeußern der Prieſterkleidung und der Kirchenaus⸗ ſchmuͤckung. Beſonders das geht aus Gerlachs Schilderung hervor, daß bei dem armeniſchen Got⸗ tesdienſte mehr Geiſtliche in Thaͤtigkeit ſind, als bei dem Griechiſchen, und der Patriarch der Armenier höher geachtet iſt, als jener der Griechen. Die Ar⸗ menier halten ihren Gottesdienſt in ihrer Sprache. Beide, ſowohl Armenier, als Griechen haben das miteinander gemein, daß ſie die Buͤcher der Bi⸗ bel hochſchaͤtzen. In Betreff des häuslichen Lebens der Grie⸗ chen und Armenier merke man Folgendes. Die Griechinnen kleiden ſich, wie die Griechen ſehr leicht, doch nicht antik; dabei verwenden ſie auf Schleier, Diademe, Ohr⸗ und Halsgeſchmeide, Arm⸗ ſpangen und Schuhe oder Stiefelchen ſehr viel: denn alle dieſe Dinge müſſen praͤchtig ſeyn, und mit Edel⸗ ſteinen beſetzt. Weniger Pracht liebend ſind die Griechen und Armenier, als ihre Frauen. Die Maͤnner der Griechinnen und Armenier ſind jedoch nicht Sclaven, wie die Tuͤrken im Verhaͤltniß zu ih⸗ ren Weibern; ſie leben freier und ſorgen gebuͤhrend fuͤr das Haus, ohne den Rocken zu halten. Was die haͤuslichen Feſte betrifft, ſo richten die Griechen darin ſich meiſtens nach tuͤrkiſcher Sitte, auch ſchmauſen und trinken ſie wie die Turken, ſitzen und ſchlafen wie dieſelben, nicht anders. Eben ſo halten es die Armenier. Was den Charakter der Tuͤrken, Griechen und Armenier anlangt, ſo moͤgen folgende die Hauptzuͤge deſſelben ſeyn. Gemein mit einander haben dieſe drei Volker ſo ziemlich, nur mit wenig Unterſchied nach Graden, den Aberglauben. Hiezu kömmt bei dem Griechen noch der Lsichtglaube. Der Tuͤrke hingegen iſt mißtrauiſch, wie der Armenier, doch viel boshafter und grauſamer, wenn er gereitzt iſt, als der Letztere und als der Grieche, bei wel⸗ chem das Blut zwar oft in Wallung kommt, aber auch bald wieder ruhig wird; iſt der Gegenſtand ſei⸗ — 350 nes Grolls und ſeines Grimms nicht ſein Zwingherr der Tuͤrke, den er ewig haßt, gegen den er Furcht haͤuchelt, damit er ihn uͤberliſte und betruͤge. Der Armenier da⸗ gegen iſt geduldig und gutmuͤthig. Uebrigens lieben alle das Wohlleben, beſonders der Grieche, der was er heute nicht lebt, morgen ſchon oft nicht mehr zu leben hat, weil ihn der Turke auf den Tod haßt. Ueppig und der Sinnlichkeit ergeben ſind ebenfalls alle drei. Aber faul iſt der Türke, traͤg und unge⸗ ſchickt, wahrend der Armenier fleißig iſt, und ſeine Künſte treibt, der Grieche handelt, das Feld baut, und als geſchickter Handwerker gilt. V. Salomon Schweigger's Beſchreibung ſeiner Reiſe nach Konſtantinopel und Jeruſalem vom Jahre 1527. In ge⸗ drängter Kürze mitgetheilt von Dr. Leutbecher.* — Vorbemerkung. S. wie Schweigger's Reiſe unmittelbar auf die Stephan Gerlach's folgte, und ſo gewiſſermaſſen eine Ergaͤnzung derſelben heiſſen konnte; ſo iſt der *) Dieſe Reiſe wurde verlegt von Johann Lan⸗ zendorfer zu Nuͤrnberg 1608. u. mit vielen Holzſchnitten, welche Ausgabe wir zur Grund⸗ lage nahmen. Nach ihr erſchienen noch 6 Auf⸗ lagen, und zwar zu Frankfurt 1609. Fol.; zu Nuͤrnberg 1614; 1619; 1689; 2664. à., und endlich noch ein Auszug 1665. 8. Nebſtdem 1 wurde die ganze Reiſe in die Sammlung von Feyerabend zu Frankfurt aufgenommen. Der 352 daraus von mir gefertigte Auszug ebenfalls als eine Ergaͤnzung des Auszugs aus Stephan Gerlach' s Tagebuch anzuſehen. Was dieſer in ſeinem Tagebu⸗ Martin Cruſius zu Tübingen, gab die Le⸗ 3 8 bens⸗Beſchreibung von Sal. Schweigger zu Leipzig 1589. 8. in lateiniſcher und griechi⸗ ſcher Sprache heraus, aus welcher wir Folgen⸗ des mittheilen. 1 Sal. Schweigger oder zu oͤftern Schwei⸗ cker, geboren in Haigerloch oder Sulz am Neckar 1554, 19. Juni 1572 auf der Univerſitaͤt Tuͤbingen immatrikulirt zur Theologie und Phi⸗ . lologie 1576 reiſte er ab; 1581 im September uͤherraſchte er ſeinen Lehrer Cruſius mit wich⸗ tigen Schreiben aus Roſetta in Aegypten, kam 20. October d. J. ſchon nach Augsburg, 10. November nach Tuübingen, und 17. Novem⸗ ber nach Sulz zu ſeiner Mutter zuruͤck. 1583 wurde er Pfarrer zu Grötzingen, 1589 zu Wil⸗ hermsdorf, nach einiger Zwiſchenzeit von Be⸗ rufsloſigkeit 5. Juli 1605 Prediger an der Frauenkirche zu Nürnberg, in welcher Eigen⸗ ſchaft er ſo heftig gegen die Papiſten und Kal⸗ viniſten ſich aͤußerte, daß ihm 1611 von dem zu Nuͤrnberg anweſenden kurfuͤrſtlichen Kollegium ein ſtarker Verweis unter Androhung der Dienſt⸗ Entſetzung zukam. Er ſtarb 21, Juni 1622. Außer ſeiner Reiſe⸗Beſchreibung lieferte er eine teutſche Ueberſetzung des Koran's, und eine ita⸗ liſche jenes Katechismus, welchen der Herzog von Wuͤrtemberg 1582 für die chriſtlichen Scla⸗ Bambergiſche Zeitgenoſſe und große Gelehrte, 35⁵5³ che nicht genau bemerkte, das erfäaͤhrt der Leſer durch dieſen Auszug aus Schweigger. Dieſe beiden Werke durften deßhalb nicht von einander getrennt werden. Erſter Theil. Von Jugend reiſeluſtig, verließ Salomon Schweigger, in ſeinem fuͤnf⸗ und zwanzigſten Le⸗ bensjahre, die Hochſchule zu Tuͤbingen den 26. September 1576. Es war gerade Reichstag zu Re⸗ gensburg. Dahin wanderte er, zu verſuchen, ob er nicht bei einem dort anweſenden großen Herrn als Erzieher für deſſen Kinder ankommen, und ſpaͤ⸗ ter mit demſelben in fremde Laͤnder reiſen koͤnnte. Sein Plan war eitel; er reiſte dann nach Linz in Oeſterreich. Hier von einem Bekannten fruchtlos da und dort empfohlen, zuletzt mit etwas Geld unter⸗ ſtuͤtzt, zog er nach Wien. Bekanntſchaft mit einem daſigen Verwandten, mit einem Geiſtlichen und mit Kaufleuten, machten ſeine Ordination zu Grätz mög⸗ ven zu Konſtantinopel unentgeldlich drucken und vertheilen ließ. Auch lieferte er eine Vorrede zu Wildens neuer Reiſe, Nuͤrnberg 1613. 3. (Vergl. Will und Nopitſch Nuͤrnb. Gelehrten Lexikon. Martin Cruſti Schwaͤb. Chronik von Moſer. Fft. 1723. 2 (Jack.) 26tes Baͤndchen. Tuͤrkei I. 3. 554 kich. Spaͤter traf er mit Hanns Auern, einem kaiſerlichen Hofbeamten und Oberſten an der Croa⸗ ten⸗Grenze in einem Gaſthauſe zu Wien zu⸗ ſammen. Man ſprach von Konſtantinopel. Schweigger ließ ſeine Luſt dahin merken, und von dem genannten Oberſt gelegentlich empfohlen, reiſte er als Geſandtſchafts⸗Geiſtlicher mit dem Freiherrn Joachim von Sinzendorf, welcher den Freiherrn von Sonnegh und Preyburg ab⸗ löͤſfen ſollte, nach Konſtantinopel den 40. No⸗ vember 1576. 8 Die Reiſe von Wien ging den gewöhnlichen Weg zu Waſſer nach Preßburg, und von da, ſchon unter Begleitung einiger Naſſaden(mit Sol⸗ daten⸗ meiſtens tuͤrkiſchen, bemannte, zum Schutz gegen einen feindlichen Angriff dienender Schiffe) nach der Feſtung Comorra. Unterhalb dieſer ward der Geſandte von den Tuͤrken empfangen, weiter geleitet, nach Gran oder Strigonio, einſt Iſtri⸗ polis genannt. Daſelbſt wurde gelandet, um dem dortigen tuͤrkiſchen Beg aufzuwarten, und die Geſchenke des Kaiſers zu bringen, damit dieſer Grenzfuͤrſt dem teutſchen Reiche an der Grenze kei⸗ nen Schaden ſtifte durch Raub und Pluͤnderung, welche die Türken oft willkührlich gegen den Frie⸗ denstractat zu unternehmen wagten. Waͤhrend dieß geſchah, verzehrte Schweigger mit den am Stran⸗ de die Schiffe des Geſandten ewachenden Tuͤrken 355 ein grobes Brod, Bogadſen genannt, ein gebra⸗ tenes Huhn und Zwiebeln dazu, und beobachtete ihre laͤcherlichen Geberden bei dem Beten, Außerdem be⸗ lah er die ſchlechten kothigen Straßen der Stadt, die noch ſchlechteren und zerſtreut liegenden Gebaͤude derſelben, die außerhalb derſelben gelegene, mehr ei⸗ nem Meyerhofe als einem Palaſte aͤhnlichen Wohn⸗ gebäude des Beg, dann ein vor ſeiner Zerſtoͤrung gewiß berrliches Schloß mit Marmor⸗Waͤnden und einige Heldengräͤber, mit Faͤhnlein von andern Grä⸗ bern ausgezeichnet.— Von Gran fuͤhrte der Weg über den Flecken Maruſch, welchem gegenüber ein altes, nicht ſehr feſtes, theils zerriſeenes und nur von einem einzigen Soldaten bewachtes Bergſchloß Vicigradi lag, in deſſen Kuͤche zugleich der Pferde⸗Stall war.*⁴)— Zu Ofen, ſonſt Buda genannt, angekommen, be⸗ gab ſich der Freiherr von Sinzendorf zum daſi⸗ gen Paſcha, von welchem er feierlich empfangen *) In hollaͤndiſchen Meierhöfen und Doͤrfern fand ich die Familien ebenfalls neben dem Vieh woh⸗ nen; allein die Reinlichkeit des Bodens, der Waͤnde, Oecke, Geſchirre zum Kochen, iſt ſo muſterhaft, daß in Teutſchland kein Landmann in ſeiner Stube einer gleich großen Reinlichkeit ſich zu erfreuen hat. Ganz vorzuͤglich freute ich mich daruͤber auf dem Landgute meines Freundes Swellengrebel bei litrecht. (Jaech) 356 warde. Nach türkiſcher Sitte ritten demſelben vier Zauſchen, und eine Anzahl Janitſcharen vor. Im Vorhofe des Paſcha⸗Gebaͤudes ſtieg man von den Pferden. Auf der in dieſem Vorhofe befindli⸗ chen Gallerie machten die Diener des Paſcha, mei⸗ ſtens mit Thierhaͤuten uüͤber die Schultern bekleidet, dem Geſandten ihre Aufwartung. Er trat dann in die Gemaͤcher des Paſcha, welche alle mit herrlichen Teppichen belegt waren, an den Waͤnden mit ver⸗ goldetem Laubwerk geziert. Von Ofen begleiteten die vorigen Zauſchen unſere Reiſenden nach Peſth, noͤrdlich, jenſeits der Donau. Dieſe Stadt, in weiter Ebene gelegen, hat ziemlich hohe und dicke Mauern, aber meiſtens ſchlechte und liederlich ge⸗ baute Haͤuſer, und kothige Straßen. Obgleich in dieſer Stadt noch einige Chrkſten wohnten, ſo fand man doch ſchon weder Glocken noch Uhren, Dinge, die in der Tuͤrkei nicht zu treffen.— Nach einem kurzen eingeſchalteten Ueberblick der Geſchichte Un⸗ garns, bis es unter türkiſche Bothmäßigkeit kam, ſehen wir unſere Reiſenden wieder auf dem Strome nach Karlowitzi, ihrem Ziele naͤher ſchwimmen. Zu beiden Seiten der Donau beobachteten ſie meh⸗ rere geringe und unbedeutende Flecken, allenthalben Spuren türkiſcher Verwuſtung, zuweilen recht ſchoͤne Landſchaften. Am 28. November endlich kam man, vom Donner der Kanonen, wie gewöhnlich begruͤßt, zu Belgrad oder Griechiſch⸗ Weiſſenburg 357 an, alſo an die Graͤnze zwiſchen Ungarn und Ser⸗ vien. Da von hier die Reiſe zu Land fortgeſetzt werden ſollte, ſo wurden die Schiffe ausgeladen und verſchenkt. Die Stadt Belgrad, einſt Tauru⸗ rum, iſt groß, liegt zum Theil in einer Ebene, zum Theil auf kleinen Anhöhen. Die Umgegend iſt uͤberaus ſchön. Seit ihrer Einnahme aber ſind die Ringmauern meiſtens verfallen. Das mit Blei ge⸗ deckte Schloß allein ſtand mit unverſehrten Mauern, doch leer und ohne Kanonen. Die meiſten Haͤuſer der Stadt waren ſchlecht. Da wir gerade unſere Reiſenden an die Grenze begleitet haben, ſo ſtehe hier eine Bemerkung uͤber das ganze Ungarnland. Es iſt reich an Gold und Silber, und anderem Me⸗ tall, liefert Melonen, Wein, Obſt, und hat viel Rind, Wild und Fiſche. Die Schönheit und der Reichthum der Natur deſſelben iſt uͤberhaupt von der Art, daß es leicht begreiflich wird, wie ſich einſt Aſiaten, Sarmaten, Seythen, Gothen, Hunnen, Vandalen, Gepiden, Heruler, und Longobarden, und noch andere Völker um deſſen Beſitz ſtreiten, und oft ſo hartnaͤckig und lan⸗ ge ſtreiten konnten. Von Belgrad, welches gerade die Häͤlfte des Weges von Wien nach Konſtantinopel iſt, zo⸗ gen die Reiſenden uͤber ein Gebirge, dann durch das von Bulgaren bewohnte Dörfchen Gurizesme, deſſen weibliche Einwohner ihre Ohren, Arme und 358 Fuͤße uͤber den Knorren, mit allerlei Ringen und Spangen von Gold, Silber, Meſſing und Blei, auch Edelſteinen und Cryſtall ſchmückten, und nicht ſelten ſogar in den Naſen⸗Loͤchern goldene Ringe mit Dia⸗ manten trugen, nach Scherdiu. In dieſem Dorfe uͤbernachtete die Geſandtſchaft, weil keine Herberge da war, in dem Hauſe eines Spahi, der ein Land⸗ edelmann war. Von da kam man eine Strecke We⸗ ges, die aus alter Zeit noch gepflaſtert war, nach Dragomanli, in welchem Dorfe die Herberge des Geſandten Stube, Kuͤche, Keller, Stall und Alles in Einem war. Nunmehr ging es in die Sophia⸗ ner Haide, welche das Lechfeld in Baiern zwi⸗ ſchen Augsburg und Landsberg an Schonheit weit uͤbertraf. Vor dem Doͤrfchen Dervend uüber ein Hochgebirge gelangt, zogen ſie durch eine von Ziegelſteinen gemachte Pforte in das enge aber ſchoͤ⸗ ne Thal, welches zur rechten Hand den Verg Here⸗ bus, zur linken aber den 6000 Schritte hohen Haͤ⸗ mus hat. Dieſer letztere Berg, von den Croaten Comoniza, von den Tuͤrken Balkan genannt, iſt ſilberhaltig, und ward einſt ſeiner vortrefflichen, nach der Sage bis Verona ſich ziehenden Ausſicht wegen, von dem Makedoner Koͤnige Philipp beſtie⸗ gen. Von hier ging die Reiſe nach dem Flecken Tatarbazar. Den 18. Dezember kam man an den Fuß des Rhodope, in die alte Stadt, welche um drei Hu⸗ 359 gel herum, ſonſt angenehm liegt, nur ſchlechte Haͤu⸗ ſer von Lehm hat, Philippopolis, welche einſt die Hauptſtadt Makedoniens war, und auch Poni⸗ ropolis und Trimontium hieß. Die Tuürken nennen ſie Philippe. Ueber die Doͤrfer Conoſch und Muſtaffa Baſcha Dſchypri an einer gro⸗ ßen Caravanſerai voruͤber, kam man nach Adri⸗ anopel, einſt Uſcudama und Oreſta, jetzt von den Tuͤrken Edrine, genannt; dann uͤber die Dor⸗ fer Hapſa, Porgas, durch ſchoͤne Landſchaften nach Selimbria au den Propontis und zuletzt über Pontegrando und Pontepiculo, den Luſtort des Sultans,— wo Stephan Gerlach und andere Edelleute aus des Freiherrn von Son⸗ negh's Gefolge in ſeinem Namen den neuen Ge⸗ ſandten empfingen, und willkommen hieſſen,— den 1. Januar 1578 nach Konſtantinopel. Sobald die feyerliche Antritts⸗Audienz des Ge⸗ fandten voruͤber war, und Schweigger etwas ein⸗ gewohnt hatte in dem aus Stephan Gerlachs Reiſe bekannten ſchlechten Geſandtſchafts⸗Gebaͤude, machte er ſich regelmaͤßig mit der Stadt Konſtan⸗ tinopel bekannt. Die Beſchreibung, die er uns von dieſer Stadt macht, theile ich hier möglichſt kurz mit, weil ſie das von Stephan Gerlach daruͤber Bemerkte nicht blos beſtaͤtigt, ſondern vervollſtaͤndigt. Die Stadt Konſtantinovel, einſt Byzanz, Anthuſa, Aethuſa, Antogia, Neu⸗Rom, 360 kon den Croaten Czarigrad und Czarondom, d. h. Kaiſerſitz, von den Tuͤrken Iſtampol oder Stambul*) genannt, war vor Zeiten nicht weni⸗ ger beruͤhmt als Athen. Sie liegt in Thrazien. Gegen Oſten ſtößt ſie an den thraziſchen Bos⸗ phorus, gegen Mittag und Weſt an den Pro⸗ pontis und das gegaiſche Meer, gegen Nord hat ſie einen großen Hafen, den Keratiniſchen Buſen. Sie liegt alſo an zwei Meeren, an dem Pontus Euxinus und an dem mittellaͤndi⸗ ſchen Meere. Nebenbei wird hier demerkt, daß der Pontus Euxinus bis gegen Theodoſig jetzt Caffa, Reſidenz des tartariſchen Köoͤnigs, 44,090 Stadien lang iſt, daß Caffa im Thraziſchen Cherſone am kimmeriſchen Bosphorus, von Konſtantinopel 9 Tagreiſen zur See entfernt kiege, und viel Schmalz nach Konſtantinopel liefere. Der thraziſche Bosphorus ſelbſt iſt 120 Stadien lang, und 5 Stadien breit, von der Stadt, naͤmlich bis nach Chryſopolis(Skutari) in Klein⸗ Aſien. Die Laͤnge des Propontis betraͤgt 1900 Stadien, jene des Helleſpo nt’s 400 Stadien. Alle *) Der Name Stambul oder Iſtam bul iſt ei⸗ ne Zuſammenziehung der Worte i⸗ T„y o2ν (eis ten polin) womit die Griechen einſt die Frage, wohin wollt oder geht ihr, dem Frager beantworteten. Die Worte heiſſen ſo viel als: in die Stadt. 361 dieſe Maaße ſind von Schweigger nach Herodot angegeben, und 32 Stadien machen eine deutſche Meile. Der Umkreis von Konſtantinopel iſt bedeu⸗ tend. Von den Sieben Thuͤrmen gegen Weſt bis an den Hafen, bedarf man 1 Stunde, von da bis zum Serail und von da auf dem Waſſer bis wie⸗ der an die Sieben Thuͤrme drei Stunden. Die Stadt hat 19 Thore, welche, da ſie aus Gyles Beſchreibung des Bosphorus bekannt ſind, hier übergangen werden. Rings um die Stadt führt ei⸗ ne Mauer, welche gegen Weſt eine dreifache iſt, viele Zwinger und Thuͤrme hat. Die Gebaude in der Stadt ſind ſchlecht und liederlich, meiſtens nur mit Lehm verkuͤttet, niedrig, wenig hell. Nur die Ge⸗ baͤude der Reicheren und Vornehmen ſind etwas beſ⸗ fer; doch kommen ſie weder deutſchen noch italieni⸗ ſchen Gebaͤuden gleich. Die Haͤuſer der Paſcha ſind groß und mit Mauern umgeben. Im Innern ſind ſie oft eben ſo liederlich ausgeſchmüͤckt, doch gilt die⸗ ſe Bemerkung nicht für alle: denn in einigen ſah Schweigger große Pracht, beſonders an Teppichen und vergoldetem Laubwerk. 1. Das Serail: diefer Palaſt, die Reſidenz des Sultans, iſt an dem angenehmſten Orte der Stadt, und hat eine ſchoͤne Ausſicht auf den thra⸗ ziſchen Bosphorus und den Pontus Enxi⸗ nus. Der Umfang des Serails iſt uͤber teutſche Meile, und die einzelnen Gebaͤude deſſelben ſtehen etwas unordentlich durcheinander. Ehe man in den Palaſt kommt, muß man durch zwei große Vorhoͤfe, deren jeder uͤber einen Morgen Landes Raum hat. Der erſte iſt ungepflaſtert. Im zweiten ſind zur Seite Saͤulengange, worin gegen 1000 Janitſcharen, kein Wort redend, Wache halten, unter dem Com⸗ mando eines Bulukbaſcha oder Hauptmanns. Ih⸗ re Waffe iſt ein Saͤbel, und dieſen tragen ſie in der Scheide. Mit gekreuzten Armen ſttzen ſie da. Das ganze Serail iſt ummauert. Die Gemaͤcher des Sultans, worin ſelbſt Divan gehalten wird, ſind köſtlich. In der Naͤhe der Gebaͤude des Serails ünd herrliche Garten⸗Anlagen. 2. Nach dem Serail ſah Schweigger einige Kirchen, welche von den Tuͤrken Dſchuma genannt wurden. Wenn die Türken in ihren eigenen Haͤu⸗ ſern nicht uͤbermäͤſſige Pracht dulden und haben, ſo haben ſie dieſelbe deſto lieber in ihren Kirchen und Schulen. Die ſchönſte Kirche iſt die Sophia, uüber alle Beſchreibung herrlich. Eine andere und nicht viel weniger ſchön iſt, die Dſchuma des Sultan Soleiman, welcher ſie erbaute. Andere noch, die ſich auszeichnen, ſind die des Sultan Bajazet, des Sultan Mehmed u. ſ. f. Alle ſind von Marmor⸗ Quadern gebaut. Der Kirchen uͤberhaupt, und der Kapellen ſind uͤber 1000 in der Stadt. Die letzteren dienen, von Innen ſchoͤn verziert, und durch Wachs⸗ 363 kerzen erleuchtet, zu Begraͤbniſſen der Sultane, oder Sultaninnen. Die darin ſtebenden koſtbaren Saͤrge ſind mit den herrlichſten Teppichen uͤberlegt, und mit einem reichen Turban geſchmückt, wenn ſie eines Sultan's Aſche verſchließen. Bei jeder Kapelle iſt ein betender tuͤrkiſcher Geiſtlicher angeſtellt, der die Kerzen nicht verloͤſchen laſſen darf. 3. Die Schulen, Midreſa genannt, ſind groß und geraͤumig, haben verſchiedene Gemaͤcher zu ebner Erde, worin jedes Mal ein Muderi unterrichtet. Die Anzahl der Schüler, Talismanen, belauft ſich oft uͤber 15 in jedem Gemache; jeder Schüler erhaͤlt ſeinen taͤglichen Sold, wie ſeine Lehrer. Sie lernen leſen, ſchreiben, Perſiſch, Arabiſch und Tur⸗ kiſch; treiben Redekünſte, und werden ſo zu den 1 Staats⸗Aemtern vorbereitet, wie es noöthig erachtet wird. Ein Unterſchied zwiſchen Theologen und Rechts⸗Gelehrten findet nicht Statt: denn in der Tuürkei iſt der Rechts⸗Gelehrte zugleich Gottesge⸗ b lehrter, ſo wie dieſer wieder Rechtsgelehrter. Alles. wird nach dem Koran entſchieden. a. Nach den Schulen iſt zunaͤchſt das ſchönſte 1 Gebäude das Spital, Imareth genannt. Hier werden ohne Rüuͤckſicht auf Religion und Volk, Tür⸗ ken, Juden, Griechen u. ſ. f., alt und jung, ſind ſie beduͤrftig oder krank, geſpeiſet und verpflegt. 8 Der Fond des Spitals beſteht durch Stiftungen rei⸗ cher Leute. 364 5. Unter die vornehmſten Gebaͤnde werden auch die oͤffentlichen Badehaͤuſer gerechnet, welche für Maͤnner und fuͤr Frauen beſonders, vorhau⸗ den ſind. Dieſe Gebäude werden von den Tuͤrken Smuns genannt, ſind rund und hoch gewölbt. Das Licht derſelben wird durch Kuppeln in den Blei⸗ daͤchern gewonnen. Jede lichtgebende Oeffnung iſt mit einem Glasſchirm uͤberdeckt, damit kein Regen eindringe. Der Boden iſt mit Marmor⸗Platten be⸗ legt. In den Waͤnden ſind Niſchen zum Aus⸗ und Ankleiden. Die Thuͤre iſt mit Teppichen verhaͤngt. Nach dem Baden brauchen Maͤnner und Frauen, die Letzteren beſonders, wohlriechende Salben und Oele. Die Baͤder, welche zum Schwitzen dienen ſol⸗ ken, werden unterirdiſch geheitzt. Uebrigens pflegt man ſowohl am Tage, als Nachts zu baden. Die Baͤder werden von Badeknechten ſehr reinlich gehal⸗ ten und beſorgt. 6. Die Caravanferey en oder Gaſtherbergen ſind zu Konſtantino pel, wie in der ganzen Tuͤr⸗ kei offene Scheunen, wo die Wirthe dem Fremden nur Betten und dergleichen beforgen, ſelten Speiſen und ſich doch gut zahlen laſſen. Bei jeder namhaf⸗ ten Kirche Konſtantin opels iſt auch eine ſolche Herberge. 3 7. Das Kloſter des griechiſchen Patriar⸗ chen iſt ziemlich weit, doch nicht ſtattlich. Es wird 35 von etlichen 20 Calogeri oder griechiſchen Moͤn⸗ chen bewohnt, und von einem Janitſcharen am Ein⸗ gange bewacht. Es dient zum Gottesdienſte und in Nebengebaͤuden zur Beherbergung der auslaͤndiſchen Metropoliten der Griechen. Die Kloſter⸗Kirche iſt alt und ſchöͤn, von Marmor innen, und mit Ge⸗ mälden verziert, und enthaͤlt das Grabmal des roͤ⸗ miſchen Kaiſers Alexius Comnenus, welches ſehr einfach iſt. Außer dieſer Kirche haben die Grie⸗ chen noch an ſechzig Kirchen und Kapellen in der Stadt. s. Der Patriarch der Armenier, hat wie der Griechiſche ſeinen Sitz zu Konſtantinopel. Sein Kloſter und deſſen Kirche iſt groß und ſchön, doch nicht beſonders bequem. Wenige Moͤnche ſind des Patriarchen Tiſch⸗ und Hausgenoſſen. 9. Eine andere ſehenswerthe Oertlichkeit der Stadt iſt der Hippodromus, der Rennplatz, welchen die Tuͤrken Atmeidan nennen, einige alte Saͤulen und Obelisken, mit ſeltſamen Thierbildern. Dieſer Platz diente in der Vorzeit zu Ritterſpielen und Roßrennen. 10. Nicht weit von dem Atmeidan iſt das Löwenhaus des Sultans, vielmehr die Mena⸗ gerie, wo Raubthiere aller Art und andere aſia⸗ tiſche Thiere gehalten wurden. 11. Sehenswerth iſt auch das Kgufhaus, wa 366 aus fremden Laͤndern ein uͤberaus großer und man⸗ ichfaltiger Zuſammenfluß von Waaren ſatt findet. 12. Unfern von der Dſchuma des Sultan Ba⸗ jazet ſtand das alte türkiſche Schloß, Eski Se⸗ rail, welches man vor den hohen Mauern, die daſ⸗ ſelbe umgaben, nicht ſehen konnte. Dieſes Gebaͤude iſt der Harem fuͤr die Sultaninen und des Sultans Kebsweiber. 4 13. Am Ende der Stadt gegen Weſten liegen die ſieben Thuͤrme, von den Tuͤrken Tedicola ge⸗ nannt, eine Art Kremmel oder Tower, mit ſieben ſtarken Thuͤrmen und hohen Mauern, worin des Sultans Schaͤtze und hohe Staats⸗Gefangene be⸗ wahrt werden. Auch das Muͤnz⸗Haus des Sultans iſt daſelbſt..— Galata und Skutari werden als Vorſtaͤdte Konſtantinopels betrachtet, liegen über dem Meer, Galata eine halbe Viertels⸗Meile, Skutari ei⸗ ne Viertel⸗Meile von der Stadt. Die Stadt Ga⸗ lata hat dieſen Namen von den Galen, weliche einſt der König Brenner den Griechen als Hulfs⸗ Truppen gegen die Aſiaten zufuͤhrte. Galata liegt halb an einem Berge, halb eben, hat Ringmauern, im Umfange drei italiſche Meilen, laͤuft eine gute teutſche Meile ain Pontus Euxinus hinab, wied meiſtens von Griechen bewohnt, welche Fiſchfang treiben, hat alte, nach italieniſcher Art gebaute, hohe Reinerne Haͤuſer, und iſt der gewöynliche Be⸗ 8 362 kuſtigungsort der Konſtantinopolitaner. Ju⸗ den deren zu Konſtantinopel gegen 20,000 wohnten, ſah Schweigger in Galata nicht, auch wenige Tuͤrken. Die Einwohner der Stadt Galata beken⸗ nen ſich, wenn ſie von alten Genueſen abſtammen, zur Römiſchen, die uͤbrigen zur griechiſchen Kirche. Oberhalb Galata ſah Schweigger das Schiffs⸗ Arſenal, welches wir aus Gyles ſchon kennen. Unterhalb dieſer Vorſtadt, dem Serail gegenüber, war ein weiter offener Platz, Topana, wo viel den Chriſten abgenommenes Geſchütze bewahrt wur⸗ de. Weiter am Pontus Euxinus hinab ſah man ein Staats⸗Gefaͤngniß, den ſchwarzen Thurm, noch weiter hinab, anderthalb deutſche Meilen von Kon⸗ ſtantinopel die Pompejus⸗Saͤule in der Mit⸗ te des Meeres auf einem Felſen, den Schiffern ein Richtzeichen, und Nachts eine Leuchte. Wir erwaͤhnten eben der Vorſtadt Skutari. Dieſer wohlgebaute Marktflecken liegt ebenfalls in Klein⸗Aſien, gerade dem Serail gegenuͤber. Sein früherer Name war Chryſopolis. Der Ort iſt beſonders beruͤhmt durch ſeinen Roßhandel; welcher daſelbſtvon Perſiern, Armeniern Caramani⸗ ern und Araberngeführt wird.— Zwiſchen dieſem Flecken und Chalcedon, desgleichen überhalb Sku⸗ tari am Pontus Euxinus hinauf, hat der Sultan angenehme Luſtgärten. Der Flecken Chalce don liegt 4 Stunde von Skutari, und wird von den Tur⸗ 5 368 ken Kadikoi genannt; fruͤher hieß es Prokera⸗ ſtis oder Compuſa. Die Lage beider Flecken iſt aͤußerſt anmuthig. Mit dem tuͤrkiſchen Reiche ſagt unſer Reiſender, kann kein anderes verglichen werden: denn kein an⸗ deres war ſo mit Bruder⸗Mord befleckt, wie dieſes von jeher; in keinem anderen geſchahen ſolche Graͤuel und Grauſamkeiten wie in dieſem, es muͤßte denn ein Reich der Wilden ſeyn. Es iſt nur ein Gott in der Welt, es darf nur Ein Herr auf derſelben ſeyn, und dieſer iſt Nahomed oder ſein Geweihter, der Sultan. Das iſt der ſchoͤne Grundſatz des Ko⸗ raus, auf welchen die despotiſche Verfaſſung des tͤrkiſchen Reiches ſich ſtützt. Dieſe iſt ganz zwing⸗ herriſch, und Schweigger ſetzt hinzu, daß kein Sprichwort wahrer ſey als das: wo der Tuͤrke ein⸗ mal hintrete, wachſe und gruͤne nichts mehr. Der Geiſt des Despotismus waltet, regieret, und erhaͤlt das Reich, das nur ſo beſtehen könne, wie es beſte⸗ he. Der belebende Geiſt dieſer Reichs⸗Verfaſſung iſt der Wille des Sultans, deſſen ganze Hofhaltung ſchon das jaͤmmerlichſte Sclaventhum beurkundet. Denn der Kopf des Weſirs iſt nicht ſicherer, als der eines der unterſten Sclaven, wenn dem Willen des Herrn nicht ganz genügt wird. Naͤchſt dem Sul⸗ tan iſt im tuͤrkiſchen Reiche, der Weſir Paſcha mit ſeinen Mitgenoſſen, die zweite Macht von oben herab. Die Zahl der Weſire wechſelt, und der . Stand eines ſolchen Mannes iſt aͤußerſt lebensge⸗ fahrlich. Denn hat der Sultan gegen einen ſolchen Staatsbeamten nur das geringſte Mißtrauen, nur den kleinſten Argwohn auf ſeine ſclaviſche Ergeben⸗ heit gefaßt; ſo eilt auf einen Wink des Sultans Henker, der ſtets bereit, den Kopf des Weſirs ſeinem Gebieter zu Fuͤßen zu legen. Naͤchſt den Weſiren ſind ſolche maͤchtige Sclaventhums⸗Huͤter die Beglerbeg, d. b. die Fürſten uͤber die Fuͤrſten, die ſind die Sanſabegs und Begs. Das otto⸗ manniſche Reich hat zwei Beglerbeg, einen in Aſien, der ſeinen Sitz in Cuteia hat, und einen in Europa, der zu Triballia gewoͤhnlich wohnt. Unter den Beglerbegs ſtanden zunaͤchſt die Ja⸗ nitſcharen⸗Aga, die Oberſten des beſten tuͤrki⸗ ſchen Heervolkes. Auf dieſe folgten die Heerrichter oder Cadileſchieri, welche allen Hader nach dem Alcoran zu ſchlichten haben. „Andere Aemter durch welche die Verfaſſung her⸗ riſch gehandhabt wurde, ſind das Emirat, von welchem die Generale des Heers abhaͤngen,— das Defterdariat, an welches Steuern und Abgaben zu entrichten ſind, das Amt des Zauſchen⸗Paſcha's, welchem die tuͤrkiſchen Adeligen unterthan, und auf deſſen Befehl ſie dem Sultan, wohin er will, vor⸗ reiten muͤſſen. Im Palaſte des Sultans halten die Weſire Paſcha woͤchentlich dreimal Rath oder Divan, 16tes Baͤndchen, Tuͤrkei I. 3. 8 370 ſtets in Gegenwart des Sultans, der jedoch der Verſammlung nur durch ein Gitterfenſter zuzubören pflegt. Hier werden alle Sachen in letzter Inſtanz entſchieden, alle Befehle ausgegeben; von hier wer⸗ den die Unterbeamten beſtaͤttigt oder entfernt, je nachdem es Noth thut. Hier wird uber Krieg und Frieden beſchloſſen.. 3 Die Gerechtigkeitspflege und Polizey des türkiſchen Reichs iſt nicht zu achten. Sind gleich falſche Zeugen verpoͤnt, ſo werden ſie doch oft zugelaſſen, beſonders ge⸗ gen die Chriſten. Dann wird auch nicht lange nachge⸗ forſcht, wer Recht oder Unrecht gethan; ſondern der Kadi entſcheidet, oder uͤber ihn der Mufti nach Willkühr, oder nach dem Koran. Nach der Ent⸗ ſcheidung wird mit dem Straflinge verfahren, je nachdem ſein Vergehen für gering oder groß erachtet worden. Uebelthaͤter oder Religionsſpötter werden an eiſernen Krummhacken durch die Lenden lebendig aufgehenkt, weßwegen ſie oft drei Tage alſo haͤngen, tehe das Leben entflieht. Diebe und Betruger wer⸗ den geköpft, oft auch die Reichen, blos weil ſie reich ſind und der Nachbar⸗Turke Geld braucht. Landes⸗Verraͤther werden mit Pferden zu Tode ge⸗ ſchleift; Falſchmunzer auf einem Eſel durch die Stadt zu Tode geſteinigt. Ehebrecher werden in Saͤcke gebunden, und in das Meer geworfen; Kna⸗ benſchaͤnder, deren es viele gibt, vor den Moſcheen zu Tode geſtürzt. Und zu dem allen brauchen die —— 371 Richter keine Scharfrichter; ihre Unterdiener ſind die Vollzieher. 1 Leichtere Vergehen werden mit Geld, und Fuß⸗ ſohlen⸗Peitſchen gebüßt, und durch ein Gaſſen⸗Ge⸗ richt vor den Kirchen geſchlichtet und gleich abgethan. Aus dem Erwaͤhnten athmet der Geiſt der Ty⸗ ranney zu vernehmbar ſchon, als daß hier noch Weiteres zu berichten noͤthig waͤre. Was die Religion der Turken betrifft, ſo iſt die Entſtehung derſelben bekannt genug. Weniger moöch⸗ ten das die Hauptlehren derſelben ſeyn.— Was im Koran ſteht, hat Gott dem Propheten dictirt. und davon iſt kein Buchſtabe falſch. Der Koran lehrt: Es iſt Ein Gott, ohne Gleichen, ein heiliges geiſtliches Weſen, ganz unbegreiflich. Chriſtus iſt, weil nur Ein Gott iſt, nicht Gott, auch nicht Got⸗ tes Sohn, nur ein vom Himmel geborner Geiſt, deſſen irdiſches Leben indeſſen wunderbar und groß ſey. Er ſei zwar ein Prophet geweſen, wie alle uͤbrigen vor ihm ſeit Abrahams Zeit; allein Ma⸗ homed ſei der groͤßte Bote Gottes, und der zuver⸗ läſſigſte.— Was die aͤuſſeren gottesdienſtlichen und anderen religiöſen Verrichtungen betrifft, ſo halten es die Türken damit ungefahr auf folgende Weiſe.— Die 322 Türken beten täglich eutweder zu Haus, oder auf dem Felde, wo ſie ſich befinden mögen, ſelbſt auf den Straſſen, oder in ihren Dſchuma's fuͤnfmal, naͤmlich zu froͤh(Sala h), Mittags(Vhile), Abends(Chnidi), bei Sonnen⸗ Untergang(Akſa), und um Mitternacht, welches letztere Gebet Ja ſt⸗ nah genannt wird. Dabei wenden ſie ihr Antlitz in die Richtung nach Mecca, dem Geburtsorte ih⸗ res Propheten, wie die Juden fruͤher nach der Ge⸗ gend Jeruſalems. Waͤhrend des Gebets halten ſie ſich abwechſelnd die Ohren zu, andeutend, daß ſie nichts Irdiſches beſchäftigen ſolle, fallen auf die Er⸗ de nieder, ſich ſtreckend, um Gnade von Gott fle⸗ hend, und wenden ſich zuletzt ſitzend mit dem Kopfe bald links— bald rechts, um die Geiſter des Guten und des Böſen zu bewegen, ſie auf der Bahn des rechten Glaubens an Mahomed's Lehren zu er⸗ halten.— In ihre Kirchen werden ſie durch einen Mueſin oder Geiſtlichen gerufen. Dieſer geht auf der Gallerie des Kirchthurms umher, Korans⸗Spru⸗ che ſingend. Das iſt das Zeichen zum Kirchen⸗Be⸗ ſuche. In den Moſcheen ſelbſt, deren Waͤnde theils mit arabiſchen Schriftzugen, oder Worten aus dem Koran, geziert ſind, verrichten ſie das Gebet auf die beſchriebene Art. Kinder und Frauen ſind vom Kirchen⸗Beſuche ausgeſchloſſen. Das iſt noch zu be⸗ merken, daß die Tuͤrken bei ihrem Gebete einen Ro⸗ ſenkranz brauchen, der genau ſo viel Kügelchen ha⸗ 37 ben foll, als Gott Eigenſchaften von dem Propheten zugeſchrieben worden. Wird in den Moſcheen Frei⸗ tags— dieſer Tag iſt dem Gottesdienſte der Türken gewidmet— gepredigt, ſo enthaͤlt die Predigt, wel⸗ che in der dem gemeinen Manne verſtaͤndlichen ara⸗ biſchen Sprache gehalten wird, meiſtens eine Moral, wie ſie nicht zu verachten waͤre und fuͤr den Staat der Tuͤrken, wie fuͤr jeden andern, Nutzen haͤtte, ſofern nach ihr gelebt würde. Aber nicht blos in den Dſchumas wird von den Muderis, den Doctoren und Auslegern des Korans, gepredigt; nicht ſelten geſchieht das auch auf den Straßen der Stadt.— Durch die Beſchneidung, deren llrſprung ſich auf ein wunderlich Maͤhrchen des Korans gruͤndet, werden die Turken⸗Kinder in dem Reli⸗ gions⸗Glauben ihrer Vaͤter eingeweiht. Dieſe ge⸗ ſchieht aber nicht, wie bei den Juden, am sten Ta⸗ ge nach der Geburt des Kindes, ſondern etwa im bten oder 6ten oder auch im 7ten Jahr erſt. Der zu beſchneidende Knabe wird ſtattlich gekleidet, auf dem Roße zu Freunden gefuͤhrt, um ihre Geſchenke in Empfang zu nehmen, zieht dann ſo in die Mo⸗ ſchee, legt ſein Glaubens⸗Bekenntniß ab, und wird beſchnitten. Nach der Handlung iſt ein haͤusliches Feſtmahl in dem Vaterhauſe des Beſchnittenen, an welchem alle Freunde und Verwandte Theil nehmen. Die Faſten der Tuͤrken oder der Ramaſan 4 524 wechſeln nach den Monaten, und haben keine andere beſtimmte Zeit. Waͤhrend des Ramaſans wird viel Almoſen gegeben, wer naͤmlich kann, nicht blos an Beduͤrftige; auch an Hunde, Katzen und andere Thiere. Auf die Faſten im Monat Dezember folgt dann gewoͤhnlich im Monate Januar der Beiram, ein Volks⸗Feſt der Freude, Schweigger vermu⸗ thet, daß es ein Feſt ſei, deſſen Kurzweil man den Tuͤrken anſtatt des Tanzes erlaubt hat. Denn der Tanz iſt den Tuͤrken durch den Koran verboten. Moͤnche der Tuͤrken ſind mehrere Arten, als Derwiſche, Omalier, Calendier, und Tar⸗ lachen. Dieſe alle koͤnnen mit den Barfuſſern oder Bettelmoͤnchen Deutſchlands verglichen werden. Sie fuͤhren ein viehiſches Leben, befoͤrdern den Aber⸗ glauben, und die Unzucht durch allerlei Dinge, und gehen theils halb nackt, nur mit einem Lendenſchurz bekleidet, oder baͤngen Thierfelle uͤber ſich her, bet⸗ telnd an allen Orten. Zu dieſen Muͤſſiggaͤngern ge⸗ ſellen ſich noch die Hagislar, welche Araber ſind, ſich wie die Araber weiß kleiden, meiſtens das hei⸗ lige Grab des Propheten geſehen und darauf ſich die Augen geblendet haben, und nun für Heilige gelten. Noch eine andere Klaſſe ſolcher Ordensleute ſind die Sata, welche Waſſerſchlaͤuche mit ſich durch die Straßen tragen, und die Begegnenden trinken laſ⸗ ſen fuͤr ein Almoſen. An dieſe Sata halten ſich beſonders diejenigen Tuͤrken, die nicht jaͤhrlich nach 3 375 Medina oder Mecca wallfahrten koͤnnen. Sie denden ſich dabei in die Wüſten und Oaſen, welche ſie nach Mecca zu durchpilgern hätten, und in de⸗ nen ein ſolcher Trunk ſie zum Danke gegen Gott und ihren Propheten ermunterte. Die Tuͤken waſchen den Todten mit warmem Waſſer, legen ihn in reine Linnen, auf eine Babre, die nach dem Haupte höher iſt, als bei den Füſſen, und bedecken denſelben mit Tuͤchern. So wird er durch die Straßen getragen mit Geſchrei und Ge⸗ plerre der tuͤrkiſchen Pfaffen und Maͤnner. Denn Weiber duͤrfen den Todten nicht begleiten. Am Gra⸗ be, wo ſie einen Prieſter Meſſe leſen und beten laſ⸗ ſen, geben ſie Opfer an Fruͤchten, und laſſen den 9 Todten beklagen. 3 Im Hauſe herrſchen die Frauen und die Män⸗ ner ſind in der Tuͤrkei die Trippelknechte der erſten, gehorſam vom Morgen bis in die Nacht, beſorgen die Kuͤche nicht ſelten, und thun ſolche Hausarbeiten mehr, waͤhrend die Frauen rottenweis in Geſell⸗ ſchaft ziehen, und ſich den Tag mit Geplauder und anderer Kurzweil verbringen. Von Naͤben, Stri⸗ cken, Weben und Wirken wiſſen die Tuͤrkenweiber nichts. Zu ihren üͤbrigen Arbeiten halten ſie drei, vier, fuͤnf und mehre Maͤgde. Die Hausfrau be⸗ kuͤmmert ſich nur um ihren Putz und Staat. Sie zieht ihre weiten, durchſcheinenden, ſeidnen oder an⸗ dere zartgewebten Beinkleider an, legt ſich ſchoͤn, 326 reich mit Edelſteinen beſetzte Sandalen an die Fuſſe, uͤber die Fußgelenke und Armglieder ſchöne goldene Spangen, um den Hals ſchöne Kettlein, bebalſamt, und flechtet ſich das Haar, ſetzt ein Huͤtlein auf, fein, klein, zart und luͤftig, und ſchluͤpft in ihr hemdartiges, blauſeidnes oder auch anders färbiges Oberkleid mit langen Aermeln. In den Obren tra⸗ gen ſie feine Ringlein mit köſtlichen Steinen. An⸗ dere tragen ſtatt der Sandalen auch kleine Stiefel. Alle tragen um die Lenden ein Wiſchtuch. Dieſen Pomp recht herzurichten iſt das einzige Geſchaͤft der Frau. Eben ſo praͤchtig kleiden ſich auch die Tuͤr⸗ ken ſelbſt, und es iſt in ihrer Kleidung kein Unter⸗ ſchied weiter, als der Turban. Sie halten es durch⸗ aus mit dem Sprichworte: die Huͤlle iſt beſſer, als die Fulle. Es wohnt eine große Anzahl Armenier zu Konſtantinopel ſowohl, als in andern Staͤdten der Tuͤrkei, wo ſie meiſtens mit Juwelier⸗Geſchaͤf⸗ ten ihren Lebens⸗Unterhalt gewinnen. Sie unter⸗ ſcheiden ſich von den Griechen faſt in allem Betracht, und haben auch gar keine Gemeinſchaft mit denſel⸗ ben. Ihr Gottesdienſt iſt zwar um ein ziemliches einfacher, als jener der Griechen; doch herrſcht in demſelben, wie in ihrer Religion viel Unſinn, beſon⸗ ders uͤber die Lehre vom Sohne Gottes. Ihren Gottesdienſt halten ſie in armeniſcher Sprache, ſie faſten, halten das Abendmahl, haben aber viel un⸗ 5²⁷ nuͤtze Legenden von Heiligen und dergleichen Albern⸗ heiten. Ihre uͤbrigen Gebraͤuche haben orientaliſchen Charakter, und einige Aehnlichkeit mit den Tuͤrki⸗ ſchen. Ihre Kleidung allein hat Aehnlichkeit mit der des Griechenvolkes, iſt jedoch um vieles noch praͤch⸗ tiger. Zweiter Theil. Dieſe Reiſe, an ſich in damaliger Zeit gefäͤhr⸗ lich und koſtſpielig, welches letztere noch jetzt ſeyn mag, machte Schweigger, nachdem ihm der Frei⸗ herr von Sinzendorf turkiſche Paͤſſe ausgewirkt hatte, in Geſellſchaft mit dem Freiherrn Bernhard von Herberſtein, mit dem churfürſtlich branden⸗ burgiſchen Rath Adam Baron von Schlieben, und mit Wolfgang Pachelbel aus Wunſiedel, dem ehemaligen Hofmeiſter des Freiherrn von Herberſtein. Sie mietheten ſich auf ein Schiff nach Alexandrien ein, um 22 fl. die Perſon, ver⸗ proviantirten ſich bis dorthin ſelbſt, und reiſten den 3. Marz 1581 von Konſtantinopel ab. Bei Callipolis, einem ſchönen Marktflecken am Propontis, ward den a. Maͤrz angelegt, und Trinkwaſſer eingenommen. Von da ging die Reiſe an der Inſel Marmora, einſt Elaphoniſus, Neuris, und Prakoniſus genannt, vorbei. Als ſie von Gallipolis wegſegelten, ſahen ſie nach einer kleinen Fahrt die Schloͤßer Seſtos und X 328 Abydos, letzkeres an der aſtatiſchen, erſteres an der europaͤiſchen Kuͤſte des Hellesſpont. Hier iſt dieſer ganz enge. Das Gemaͤuer der auf Felſenber⸗ gen liegenden Schlößer iſt nicht ſehr feſt. Am 7ten Maͤrz kamen ſie in das Aegaer⸗Meer, das ſeinen Namen von einem Felſen hat, bei welchem es be⸗ ginnt, und der die Geſtalt einer Ziege hat.(Das Wort Hey beißt naͤmlich Ziege.) Dieſer Fels liegt zwiſchen den Inſeln Tenedos und Chio. Links ſahen die Reiſenden das berühmte Feld von Troja mit deſſen Ruinen; rechts die Inſel Imbrum, und nicht weit davon die Inſel Lemn os, wo die Siegel⸗Erde zu finden iſt. Sturmwind nöͤthigte die Reiſenden die Inſel Mitylene zu umſchiffen, ehe ſie an die Inſel Chios kamen, wo guter Wein waͤchſt, und ein Doͤrfchen von Griechen bewohnt, den Namen Homeros fuͤhrte. Die Einwohner dieſer, von den Tuͤrken Sakis genannten Inſel zahlen dem Sultan einen ſtarken Tribut jaͤhrlich, und befinden ſich uͤbel dabei. Derſelbe widrige Wind noͤthigte die Reiſenden von da nach der Inſel Sa⸗ mos, von welcher ſie rechts die Inſel Ikaros, und Patmosgewahrten. Chios gibt viel Ma⸗ ſtix in den Handel. Am 10. Maͤrz kamen ſie mit gutem Winde an die Cycladen oder Spora⸗ den, deren 50 ſind. An dieſem Tage ſahen ſie auch die Inſel Cos, des berühmten Malers Apelles Geburtsort, und die Inſel Chephridi, einſt De⸗ 329 los. Den 11. Maͤrz landeten ſie an der Inſe Rhodus, beſahen die ſchöne gleichnamige Stadt, welche einſt Pindars, des großen Dichters Auf⸗ enthaltsort war, und ſonſt Corymbia, Ophiu⸗ ſa, Jalyſſa und auch Arabyria genannt wur⸗ de. Als ſie friſches Waſſer eingenommen hatten, ſe⸗ gelten ſie von Rhodos bei ſteter Windſtille ab, ſa⸗ hen von ferne ſchon Aegypten, und warteten in dem Hafen Pikeria auf günſtigen Wind nach Alexan⸗ drien, welches 375 teutſche Meilen von Konſtan⸗ tinopel entfernt iſt und wo ſie den 23. Maͤrz um Mitternacht ankamen. Den naͤchſten Morgen ſtiegen die Reiſenden an das Land, und logirten ſich zu Alexandria bei einem Griechen aus Cypern ein, um die Stadt zu beſehen. Die Stadt Alexan⸗ dria, von den Arabern Bardamaſſar genannt, liegt in Aegyten, ward 3838 Jahre vor der chriſt⸗ lichen Zeitrechnung erbaut, hat die Form eines Halbzirkels und gegen 80 Stadien Umfang. Gegen Nord ſtieß ſie einſt an den See Mareotis, von welchem ein Arm bis in den Nil ging; jetzt aber iſt der See nicht mehr. Die Stadt hat eine berrliche Lage am mittellaͤndiſchen Meere. Wie be⸗ ruͤhmt Alexandria einſt war und noch iſt, das iſt bekannt. Die Einwohner derſelben ſind Moren, Tuͤrken, Chriſten und Juden. Von da nahmen die Reiſenden den 27. Maͤrz auf einer Dſcherma, einem kleinen Schiffe, ih⸗ 380 ren Weg nach Rachidi oder Rofette, einer Stadt an der erſten Muͤndung des Nils, an der ſoge⸗ nannten Kanopiſchen gelegen. Einſt hieß dieſe Stadt Metelites. Unſere Reiſenden wollten nach Kairo, der. Hauptſtadt Aegyptens; allein ſie erfuh⸗ ren, daß dort die Peſt wüthe, und deshalb aͤnderten ſte ihren Reiſe⸗Plan.— Die Fruchtbarkeit des Nilſtroms iſt ſo bekannt, wie uberhaupt die Frucht⸗ barkeit des ganzen Landes. Gebaude und Wohnun⸗ gen ſind orientaliſch wie in Perſien und Pala ſt i⸗ na, meiſtens aus Ziegelſteinen und ohne Daͤcher. Nur in Alexandria ſind die Gebaͤude meiſtens aus Quadern. Die innere Einrichtung derſelben kann weniger interefſiren. Eigenthuͤmlich iſt die Ein⸗ richtung der Poſten in dieſem Lande, welche durch Kamele und Dromedare ihre Schnelligkeit erhaͤlt. Die Sprache der Bewohner iſt gewöhnlich tuͤrki ſch oder arabiſch. Die Bewohner ſind ein Volk, wel⸗ ches Niemanden ähnlicher ſieht, als den Zigeu⸗ nern; ſie gehen aͤrmlich und ſchlecht gekleidet, be⸗ duͤrfen auch nicht gerade viel⸗ wegen des warmen Cli⸗ mas, und eſſen ſehr ſpaͤrliche Koſt. Im Uebrigen ſind ſie ſchamlos, viehiſch, der Vielweiberei ergeben, und unerfahren in Küuͤnſten und Wiſſenſchaften. Nachdem nun Sch weigger mit ſeinen Reiſe⸗ Gefaͤhrten in dem Hafen Pikeria eine Zeit ſtill gelegen, ſetzte er, von einem Dolmetſcher begleitet, ſeine Reiſe weiter fort den 20. April. Am 26. fa⸗ 53¹ hen ſie Paläſtina ſchon, und landeten in dem Hafen Hadlid, zwiſchen Ptolomais und Cae⸗ farea. Hadlid, einſt vielleicht Lydda oder Di⸗ ospolis, iſt ein altes verfallenes Schloß, wie die Stadt Ptolomais ſelbſt nur alte Haͤuſer hat, von Arabern gebaut. Vor Zeiten war ſie eine ſcho⸗ ne und belebte Stadt, überhalb des Berges Car⸗ mel. Den 29. April fuhren ſie auf einem kleinen Schiffe eines Griechen nach Japha oder Joppe. Von Joppe reiſten ſie nach Ramu durch eine uͤberaus ſchöne und an Oliven und Datteln frucht⸗ bare Gegend. Von Rama ſetzten ſie lhre Reiſe mit einer Caravane unter Araber⸗Geleit nach Jeru⸗ ſalem foxt, wo ſie wohlbehalten den a. Mai anka⸗ men. Nur nach Ablegung ihrer Waffen, und nach ſtundenlangem Warten durften ſie mit Erlaubniß des Paſcha in die Stadt ziehen. Sie logirten ſich in ein Kloſter, worin italiſche Moͤnche wohnten. Zu⸗ naͤchſt ſtatteten ſie dem griechiſchen Patriarchen einen Beſuch ab, und von dieſem ſehr freundlich empfan⸗ gen, begaben ſie ſich in die Stadt, um ihre Merk⸗ wuͤrdigkeiten zu beſehen. Unter dieſen beſchreibt Schweigger zuerſt den Tempel des heiligen Grabes, als ein großes, rundes, ſehr hohes und mit Kuppeln verſehenes, mit Blei gedecktes Gebau⸗ de, mit ſchoͤnen Emporkirchen und unterirdiſchen Feiſengaͤngen. In dieſem Tempel findet man noch heute die Begraͤbniſſe der Lorhringiſchen Koͤnige, als des Gottfried von Bouillon, u. g.— Das Gebaͤude des heiligen Grabes ſelbſt hat von auſſen die Form einer Kapelle, und von innen iſt der Fels des Grabes mit Marmor uͤberzogen. Das Grad ſelbſt iſt eine geraͤumige Höhle im Felſen aus⸗ gehauen, durch ewig brennende Lampen herrlich er⸗ leuchtet. Mönche leſen daſelbſt, wie in der Kirche, Die Stadt Jeru ſalem, von den Einwohnern derſelben Gu tſumebareck genannt, liegt auf den Sie iſt nicht viel kleiner, allem Anſehen nach, als ſie einſt war, und hat 2 Meilen Umfang. Die Ge⸗ baͤude derſelben ſind ſchoͤn und angenehm aus Stein; Rigmanern umgeben ſie. Unter den Gebauden zeich⸗ Der Oelberg iſt ein ſchöner, ſehr hoher Berg, worauf jetzt eine kleine Kapelle ſteht. Er liegt nur eine Bogen⸗Schußweite vor der Stadt nach Oſt, hat eine herrliche Ausſicht nach dem todten Mee⸗ re, bis an den Jordan und die arabiſche Grenze. 1 a. Der von Mohren und Chriſten bewohnte Flecken Bethle⸗ hem liegt eine Meile von der Stadt, und hat ein ſchönes Kloſter. Von Jer uſalem ſetzten die Reiſenden ihre den, welche indeſſen von der militaͤriſchen Begleitung unſerer Reiſenden uͤbel abgefertigt, davon zogen. Zu Tiberias angekommen, beſahen ſie den See Ge⸗ h, asen Fiſche daraus; und übernachteten in einer angenehmen Cg ravanſergy. — 383 Den naͤchſten Tag zogen ſie uͤber die Stadt Elnei⸗ tra durch fruchtbare Landſchaft, und kamen den 22. Mai zu Damaſk an, deſſen Lage und Anmuth man uͤber Alles fand, was man bisher Schoͤnes ge⸗ ſehen hatte. Die Stadt mit Gaͤrten umſaͤt, die Haͤu⸗ ſer mit herrlichen Schatten⸗Waldchen oder Gaͤrten umgeben, fand man entzuͤckend, von Tuͤrken, Ju⸗ den und Arabern bewohnt. 4 Ven da ging die Reiſe über das Dorf Minin, in einer Geſellſchaft von Kaufleuten durch fruchtbare Ebenen, uͤber angenehme Hügel, an herrlichen Baͤ⸗ chen durch gruͤne Auen, durch die Stadt Balbeck, einſt Caeſarea Philippi, nach dem Berge Li⸗ banon, deſſen Gipfel zu erſteigen, zwei Stunden erforderlich waren. Am Fuße des Gebirges uͤber⸗ nachteten die Reiſenden in einem arabiſchen Dorfe, aßen Landeskoſt, Brod und Eyer, und tranken Wein. Den naächſten Tag zogen ſie ſechs Stunden am Libanon hinab, nach Tripolis Syria, wo ſie wieder mit den fruͤher von ihnen getrennten Rei⸗ ſegenoſſen Baron von Herberſtein und Pa chelbeln, welche einen Abſtecher gemacht hatten, zuſammen trafen.. Von Tripolis ſchifften ſie mit einem Mar⸗ ſeiller Schnellſegler unter ſtuͤrmiſchen Wetter nach der Inſel Candia, wo Schweigger mit den beiden Baronen an das Land ſtieg, und nach einer frugalen Mahlzeit, mit einem Hirten gehalten, den von dieſem angedeuteten Weg nach Stia verfolgten. Pachelbel zog zu Schiffe nach Venedig mit fort. In Stia, oder vielmehr vor demſelben, mußten die Reiſenden ſich gefallen laſſen, einige Tage in ei⸗ ner Capelle zu logiren, damit man ſehe, ob ſie die Peſt haͤtten, oder braͤchten, oder nicht. Endlich kamen ſie den 10. Juni zu Candia ſelbſt an, wo * 4 4 3