anaar — ar rTarheannhhrrn TTrrarar. 4 Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. arAhr Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 1„,„ franz. od. engl.„ 2„ 81 Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: 1—— auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. fll 3, 1 o, 1 Sl=—„ 27„—, ara auaranacanananmdh Ehnb-hahanabaarrnr ErAETATATrrTncarhrhrarhrhnhrrhraehrhghn tiltite, ——— S, —— Taſchen⸗Biblio thek der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land Reiſen, Erfindung der Vucdruckertunſ bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Berfaßt von Mehren Gelehrten, und herausgegeben von 3 Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 14. Baͤndchen. Mit einem Kupfer. II. Theil. 1. Bändchen von Aegypten. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1828. Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch Aegypten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Berf a von Mehren Gelehrten, und herausgegeben von Joachim Heinrich Ja. ck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. II. Theil. 1. Baͤndchen. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ehner. 182 3. Reiſe durch Aegypten und Nubien in den Jahren 1757— 58 von dem K. däͤniſchen Schiffskapitän Friedrich Ludwig Norden. (Fortſetzung.) Auch mußte Norden ein Abentheuer mit beſtehen, das traurige Folgen haͤtte haben koͤnnen. Es war einmal eben zu Kairo ein oͤffentlicher Umgang, oder die Feierlichkeit einer Beſchneidung. Vorher wurde reichlich erzaͤhlt, daß es bei dieſer Beſchneidung viel feierlicher hergehen wuͤrde, als bei den meiſten andern, die man ziu Kairo oft ſieht, wenn man durch die Straßen gehet. Dieß war hinreichend, um die Neu⸗ gierde der Bedienten eines italieniſchen Freundes un⸗ ſeres Norden, der mit ihm nach Ober⸗Aegyp⸗ ten zu reiſen im Begriffe ſtand, auf's hoͤchſte zu ſpannen. 382 Sie wollten alſo dieſe Ceremonie von einer Teraſſe der Herberge, wo Norden mit ihnen gemeinſchaft⸗ lich wohnte, anſehen. Dieſe aber war gerade uͤber ei⸗ nigen Zimmern eines Palaſtes vom Omer⸗Bey, der zwar nicht fuͤr gewoͤhnlich bewohnt war, in den ſich aber fuͤr heute eine Gemahlin des Bey begeben hatte, um auch den Zug mit anzuſehen.. Nach Landesſitte duͤrfen ſich die Tuͤrkinnen von keinem Fremden ſehen laſſen. Die Frau des Omer⸗ Bey hielt ſich fuͤr beleidiget, da ſie ſich dem Anblicke dieſer Fremden ausgeſetzt ſah. Sie befahl daher ihren Verſchnittenen, mit Steinen nach jenen Chriſtenhun⸗ den zu werfen. Die Bedienten„ durch den Tumult auf der Straße in der Aufmerkſamkeit gefeſſelt, glaub⸗ ten, jene Tuͤrken trieben mit ihnen etwa Muthwillen, und achteten gar nicht darauf. Die Gemahlin Omer⸗ Bey, ſich uͤber dieſe vermeintliche Hartnaͤckigkeit der Bedienten, noch mehr erboſend, ließ ſogar einige Pi⸗ ſtolenſchuͤſſe auf ſie thun, um ſie zu noͤthigen, den BPlatz zu verlaſſen; allein auch dieſe Warnung wurde nicht verſtanden. Neugierde hatte die Burſche zu ſehr gefeſſelt. Kaum war der Umzug beendigt, als ſie ſogleich s Janitſcharen in die Herberge ſendete, um dieſe un⸗ beſcheidenen Zuſchauer gefaͤnglich einzuziehen. Nor⸗ den wußte nichts von dem ganzen Vorfalle; er war krank und im Bette. Er ſah inzwiſchen, daß 4 dieſer abgeordneten Janitſcharen durch ſeine Kammer in eine 383 andere gingen, um auf die Teraſſe zu kommen. Sie machten aber wenig Geraͤuſch, und Norden war ſchon gewohnt, daß man durch ſein Zimmer hin und herging, und er nicht beſondere Achtung auf ſie gab. Er ſah gleichfalls, ohne ſich ſehr daruͤber zu beunruhi⸗ gen, daß 2 von dieſen Janitſcharen zuruͤckkamen, wel⸗ che wieder durch ſeine Kammer gingen, nachdem ſie die Bedienten gezwungen hatten, im Arreſte zu blei⸗ ben, und ſich von den beiden uͤbrigen Soldaten be⸗ wachen zu laſen. Der Herr dieſer Bedienten wußte anfangs nicht mehr, als Norden, von der ganzen Sache; er wurd aber gar bald davon benachrichtiget. Die 4 andern Kauitſcharen, welche ſich bisher an dem Eingange des Hauſes ruhig gehalten hatten, glaubten, weil ſie ſahen, daß das erſte Unternehmen gluͤcklich abgelaufen war, und da ſie Niemanden fan⸗ den, der ſich wehrte, daß nunmehr Zeit ſei, auch et⸗ was zu wagen. Sie drangen alſo in das Zimmer des Herrn der Bedienten ein; und indem zwei auf ihn gingen, fielen die zwei andern uͤber ſeine Gemahlin her, warfen ihr ein Kleid uͤber den Kopf, und woll⸗ ten ſie fortſchleypen. Dieſe Gewaltthaͤtigkeit empoͤrte beide Eheleute auf das hoͤchſte. Die Dame gab einem ihrer Angreifer einen ſo kraͤftigen Stoß mit dem Fuße, daß er zu Boden fiel; dem andern aber ſtieß ſie eine ſpitze Scheere in die Bruſt; beide Janitſcharen waren alſo gezwungen, von ihr abzulaſſen. Ihr Ge⸗ mahl riß ſich in dem Augenblick auch aus den Haͤn⸗ 384 den der andern Soldaten, ſprang zuruͤck, faßte mit der einen Hand einen Karabiner, mit der andern ſei⸗ nen Saͤbel, und drohete, daß er jeden, der es wagen ſollte ihn anzugreifen, gleich niedermachen wuͤrde. Mehr brauchte es nicht, dieſe Ruchloſen furchtſam und muthlos zu machen; ſie liefen in der groͤßten Eile aus dem Zimmer. Damit war aber der widrige Vorgang noch nicht beendigt. Die beiden Janitſcharen, die zuruͤck durch Nor⸗ den's Zimmer gegangen waren, hatten ſich beeilt, Huͤlfe zu holen. Sie langten auch darauf mit 50 wohlbewaffneten Kameraden wieder an; da nahm der Streit von Neuem ſeinen Anfang. Das Schlachtfeld war Nordens Zimmer gegenuͤber. Hier vereinig⸗ ten ſich die Huͤlfevoͤlker mit den erſten Streitern. Vor allem aber war ihnen bange vor dem geladenen Karabiner. Sie ſchrieen uͤberlaut, daß, wenn man den Karabiner nicht niederlegte, kein Quartier gege⸗ ben wuͤrde, und Alles uͤber die Klingen ſpringen muͤßte. Da man dieſer Forderung natuͤrlich nicht ge⸗ horchen wollte, ſchoß ein Janitſchar eine Piſtole ab, deren Kugel uͤber den Kopf von Nordens Freunde hinging. Als dieſer den Piſtolenſchuß hoͤrte, ſtieg er aus ſeinem Bette und oͤffnete ſeine Thuͤre in dem Augenblicke, da die Dame in groͤßter Verlegenheit war, wie ſie ihren Gatten der drohenden Gefahr ent⸗ ziehen koͤnnte; ſie zoͤgerte nicht, und handelte nun. Sie ſchob mit aller Behendigkeit und Geſchicklichkeit ihren Gatten zuruͤck in ſein Zimmer, ſchloß die Thuͤre ab, und kehrte gleich ſelbſt wieder ſich gegen ihre Feinde, um ihnen die Stirne zu bieten. Dieſer Ent⸗ ſchluß, ihre Geſchicklichkeit, ihr Muth, entſchied die Angelegenheit. Da ihr Mann, der jeden Augenblick ſeinen Karabiner abſeuern wollte, was die gefähr⸗ lichſte Wendung der Sache gegeben haͤtte, und der es um ſo verlaͤſſiger jetzt gethan haͤrte, wenn er ſeine Gemahlin gleichſam unter den Dolchen ſeiner Moslemins erblickt— entfernt und aus dem Spiele war, trat dieſe, zwar nicht mit mehr Maͤßigung, doch entſchloſſen unter die Angreifer hinein. Da wich gleich einer ihrer Feinde zuruͤck, und beklagte den Ver⸗ luſt eines Theils ſeines Bartes, den ſie ihm ausge⸗ riſſen hatte. Ein Anderer, dem ſie einen Fußſtoß ge⸗ geben hatte, entfloh. Den Dritten verwundete ſie mit ihrer Scheere, dem Vierten gab ſie eine wohlan⸗ gebrachte Ohrfeige, und auf gleiche Art empfing ſie auch den Fuͤnften; ein Jeder empfing ſeinen Theil. Wer mit Augen ſah, mit welcher Entſchloſſenheit und Geſchicklichkeit ſie bald den Asgriff that, und bald ſich vertheidigte, der mußte faſt nothwendig auf den Gedanken gerathen, ſchreibt Norden, daß es nicht das erſtemal geweſen, daß ſie ſich in einer ſolchen Verlegenheit befand. Endlich trat ein Janitſchar, ihr voriger Feind, nun wohl durch die Herzhaftigkeit der Frau gewonnen, auf ihre Seite. Mit deſſen Huͤlfe reinigte ſie in weuiger als einer halben Stunde ihre 386 und Nordens Herberge von mehr als 50 bewaffne⸗ ten Maͤnnern, welche gekommen waren, ſich ihrer und ihres Gemahls zu bemaͤchtigen, vielleicht auch, um Gewalt gegen alle Fremden auszuuͤben. Der Baſcha, welcher die muthige That dieſer Dame, zugleich auch die Unſchuld der Bedienten er⸗ fuhr, wuͤrdigte Norden und ſeinen Freund von dem Tage an ſeines Schutzes auf eine ganz vorzuͤgliche Art, und ſetzte ſie alſo auf das Kuͤnftige gegen andere und aͤhnliche ſchimpfliche Anfaͤlle in Sicherheit. Dieſen Schutz wuͤrden ſie nimmer erhalten haben, wenn nur ein Tuͤrke ſein Leben in dieſem Handgemenge einge⸗ buͤßt haͤtte. Rorden ſchreibt daher an einer Stelle ſeines Tagebuches:„Wenn ein Fremder in Aegypten ankommt, ſo ſetze er ſich? Grundgeſetze zur Richtſchnur ſeines Verhaltens, welche alle Franken nothwendig beobachten muͤſſen, wenn ſie im Lande ſicher ſeyn wollen. Das erſte iſt, daß er alle Gelegenheit ver⸗ meide, aus welcher die Muſelmaͤnner nur den gering⸗ ſten Vorwand entnehmen koͤnnten, Haͤndel anzuſpin⸗ nen. Man leide lieber mit Geduld kleine Beleidigun⸗ gen, als daß man wagen ſollte, mit dem Beleidiger ſich anzubinden. Die zweite Regel iſt, daß, wenn der Streit mit einem Tuͤrken nicht vermieden werden kann, ſo wende man die groͤßte Sorgfalt darauf an, wie man ſich ſelbſt vertheidigen koͤnne. Sollte man das Ungluͤck haben, einen Tuͤrken, mit dem man 387 Haͤndel hat, zu toͤdten, ſo iſt man gewiß auch verlo⸗ ren. Es wird unmoͤglich ſeyn, der Wuth jener zu entgehen, die ſich beeifern den Tod ihres Glaubens⸗ bruders zu raͤchen, und ſich dabei allezeit den Beiſtand des großen Haufens und die Unterſtuͤtzung der Gerech⸗ tigkeit, oder ſoll ich ſagen der Ungerechtigkeit ſelbſt? verſprechen koͤnnen.“ Zweiter Theil. I. Reiſe von Kairo nach Girge. Norden war genoͤthigt, ſich zu Kairo uͤber 3 Monate aufzuhalten. Die erſte Veranlaſſung gaben die gewoͤhnlichen Hinderniſſe, welche den Fremden von den Landes⸗Einwohnern gemacht werden. Dieſe ſind faſt alle von einem Vorurtheile gegen alle Franken, die ein Verlangen tragen, weiter in das Land zu gehen, und ihnen daher alle verdaͤchtig vorkommen, ja ſogar der Zaubereien beſchuldiget werden. Allein Norden wurde uͤberdem auch noch von 2 andern Hinderniſſen beunruhiget, die ſeine Perſon insbeſondere betrafen. Eine von dieſen Hinderniſſen wuchs ihm aus der Em⸗ poͤrung, welche damals das ganze Land in Unordnung erhielt. Obgleich die Regierung ohne Unterlaß fort⸗ fuhr, allen Rebellen, welcher ſie habhaft werden konnte die Koͤpfe abſchlagen zu laſſen; ſo war es doch leider! nur der Kopf der Hyder. Salem Ca⸗ ehef, der Schwiegerſohn eines arabiſchen Schechs (Scheiks), ein vorzuͤglicher Rebelle, pluͤnderte un⸗ ter dem Schirm ſeines beſchuͤtzenden Schwiegervaters, oder mordete Alles, was von Kairo kam. Sowohl mit Karavanen zu Lande, als auch in Barken auf dem Nil fortzureiſen, war bei dieſen Umſtaͤnden gleich gefaͤhrlich und unſicher. Dies zweite Hinderniß ver⸗ urſachte Norden eine Kraukheit, die er aufangs, ſie blos der Luft in dieſem Lande zuſchreibend, nicht ach⸗ tete, welche aber in eine Entzuͤndung an der Lunge uͤberging, und ihn laͤnger, als s Wochen auf das Bett warf. Endlich war ſeine Krankheit gehoben; die Empoͤ⸗ rung im Lande war auch ſo weit gedaͤmpft, daß er mit Sicherheit ſeine weitere Reiſe auf dem Nile an⸗ treten konnte. Er miethete nun eine Barke, die ihn nach Eſſuann bringen ſollte, ging mit Empfehlungs⸗ Briefen der Haͤupter der Landes⸗Regierung und der Befehlshaber der Soldaten an verſchiedene Statthal⸗ ter in den Provinzen und an verſchiedene arabiſche Scheikhs verſehen, am 17. Nov. 1737 an Bord, und fuhr am 18ten den Nil hinab. Auf der Barke befan⸗ den ſich unter Anderen ein koptiſcher Prieſter, der we⸗ gen der Kenntuiß der arabiſchen Sprache augenehm war, und 2 Miſſionaͤre von Rom. Norden nun den Fluß hinuntergleitend, ſah am erſten Tage auf der Oſtſeite des Fluſſes die Stadre Deriminnae liegen, wo die Kopten ein Kloſter ha⸗ 389 ben. Zur rechten Hand lag ihm die goldne Inſel, Gieſiret⸗Edahab, mit einem Dorfe gleichen Na⸗ mens. Ihm gegenuͤber bemerkte man die Stadt Sak⸗ kietmekki, welche mit einigen Doͤrfern umgeben. Als er den Fluß weiter hinauf fuhr, kam er an eino zur linken Hand liegenden Stadt Baſſatiin, wo die Muſelmaͤnner eine Moſchee, die Juden von Kairo einen Begraͤbniß⸗Platz haben. Gerade gegenuͤber am weßlichen Ufer zeigt ſich die Stadt Abunumerus, welche mit einer anſehnlichen Moſchee geziert iſt. Zwei Meilen uͤber Baſſatiin trift man, anderthalb Meilen von dem oͤſtlichen Ufer des Nils, die zwiſchen den Gebirgen liegende Veſtung Ellkallaha an. In erſelben lag eine tuͤrkiſche Beſatzung, und es ſtehet auch eine Moſchee darin. Nichts als ihre Lage macht ſie betraͤchtlich, die Feſtungswerke bedeuten wenig. Be⸗ gruͤßt von dem Koloſſen der Pyramiden, und rechts und links zwiſchen den Doͤrfern Nenabuad(Mana⸗ buad) Mugna, Deir Ell⸗Adovia, Turrag, Mahſarra und einige koptiſchen Kloͤſter hin geſegelt, zeigte ſich jetzt drei Viertelſtunden von der Weſtſeite des Nils, die Stadt Sakarra. Sie iſt nicht allein mit einer Moſchee verſehen, ſondern auch wegen ihres Handels mit den Mumien, welche die Einwohner aus dem Mumienfelde graben, und wegen der dort ſtehenden Pyramiden beruͤhmt. Man trifft auch hier das Labyrinth an, wo man ehedem Voͤgel und andere einbalſamirte Thiere begraben hat. Endlich langte man 390 Nachts 10 Uhr zu Schiim an, einem an dem weſt⸗ lichen Nil⸗Ufer gelegenen Dorfe, und ankerte. Da am 19ten ein Nordwind wehete, deſſen Staͤrke den Lauf des Fluſſes uͤbertraf, ſo lichtete man um 11 Uhr Vormittags den Anker, fuhr dann an der Inſel Gieſiret Terfaye vorbei, und an den Staͤdten Mesguna und Dagjour. Die dort ſtehenden Py⸗ ramiden verſchaffen eine ſehr angenehme Aus⸗ und Anſicht zwiſchen Dagjour, Mesguna und Schiim. An mehreren Doͤrfern vorbeigekommen, ſtieg Nor⸗ den bei Gamaſe Ellogoira an das Land. Ga⸗ maſe iſt eine Stadt, oder eigentlich beſſer, ein Zu⸗ ſammenlauf von fuͤnf Doͤrfern. Hier nahm Norden beſonders die Pfluͤge der Ackersleute in Augenſchein. Der Gebrauch der Pfluͤge belehrte ihn, wie wenig Glauben man denjenigen Schriftſtellern beimeſſen kann, welche uns uͤberreden wollen„ daß man in Aegypten das Land gar nicht pflüge, ſondern daß es ſchon ge⸗ nug ſei, wenn man nach der Ueberſchwemmung des Nils den Saamen auf die Erde ſtreue, wo er ohne weitere Muͤhe aufwachſe. Man kam zu ſieben Nil⸗ Inſeln, die einen Raum von etwa 4 Meilen einneh⸗ men, und auf welchen Ortſchaften gebaut ſind. Man mußte die Nacht zwiſchen G amaſe⸗Ellogoire und Gieziret Ellazalle zubringen, wo die Barke auf den Strand gerathen war;z Nachts wurde ſie aber gelichtet. Den ganzen 20. Noy. war große Windſtille; der 391 Strom ging aber ſchneller und ſtark. Und dieſes ſchrieb man den Inſeln zu, welche an dieſer Stelle das Bette des Nils ein wenig enger machten. Wenn man alſo weiter fahren wollte, ſo mußte man die Barke, mit Seilen zwiſchen den Inſeln zur Rechten, und den Doͤr⸗ fern Eſſoff, IJluoddi, Gubbebaad inr Linken fortziehen laſſen. Drei⸗Viertels⸗Meilen uͤber Giezi⸗ ret Ellazale ſtieß man auf eine Reihe von 3 an⸗ dern Inſeln; die beiden erſten waren nur klein, die dritte aber, Sutfeeg genannt, war wohl Drei⸗Vier⸗ tels⸗Meilen lang, und hatte ein Dorf mit einer Mo⸗ ſchee. Zwiſchen den Doͤrfern Soft und Meduun, blickte die ſogenaunte falſchePyramide(vielleicht, nach Norden's Meinung, die ſuͤdlichſte in ganz Ae⸗ gypten) heruͤber, die, obgleich ſie bloß aus getrockneten Ziegelſteinen beſteht, eine ſchoͤne Geſtalt darbietet. Da die Windſtille andäuerte, ſo trieb man das Fahrzeug vor Nacht an das Ufer. Am 2uſten blieb man des⸗ wegen hier ſtille liegen. Am 22ſten gegen Nachmittag erhob ſich zwar ein ſtarker Wind, da er aber aus Suͤ⸗ den kam, ſo mußte man liegen bleiben, bis endlich ein ſanfter Nord⸗Weſtwind wehte, bei welchem man die Segel lichtete; allein dieſer hielt nicht lange an; Windſtille trat ein, und die Barke wurde am oͤſtlichen Nil⸗Ufer feſt gemacht. Da die Windſtille des Mor⸗ gens am 23ſten noch fortdauerte, ſtieg Norden mit mehrern Paſſagieren an das Land, um Lebensmittel einzuholen, ſie fanden aber keine. Kurz darauf konnte 392 die Barke mit einem gelinden Nord⸗Weſtwinde wei⸗ ter ſegeln; dieſer hielt auch nicht lange an. Man mußte die Zuflucht wieder zu dem Taue nehmen, und das Schiff dadurch forziehen laſſen. Dies waͤhrte bis Mittag, wo der Wind ſo ſtark wurde, daß er das Schiff nicht allein weiter trieb, ſondern auch die Se⸗ gelſtange am Hintermaſte zerbrach. Dieſer Zufall ver⸗ urſachte, daß die Barke zuruͤck nach Salchie ſchiffen mußte. Hier verſah ſich Norden und ſeine Ge⸗ kaͤhrten in der Zeit, da man eine neue Segelſtange machte und aufſtellte, mit Eßwaaren auf einige Tage. Wieder abgeſegelt, ward der Wind nordweſt, und blies ſo heftig, daß man alle Segel einziehen mußte. Nachts legte man bei der Stadt Sauvied Elmaſ⸗ Inub vor Anker. Dieſe Stadt, deren Name ſo viel, als eine Schwemme des Kreuzes bedeuten ſoll, liegt am weſtlichen Nil⸗Ufer, gegen Gieſiret Bar⸗ rakged uͤber, und iſt mit einer Moſchee geziert. Fruͤhe Morgens den 24ſten ſtieg Norden aus, und beſichtigte die falſche Pyramide. Er war anfangs weit davon entfernt, kam ihr aber doch noch nahe ge⸗ nug, daß er ihre Bauart beurtheilen konnte. Nach ſeiner Ruͤkkunft zu Sauvied Elmaflunb beſuchte ihn Muſtapha, der Bruder des Kiaja Osman⸗ Bey. Er beſchenkte die Reiſenden mit 2 Schafen, 30 Huͤhnern, 100 Eiern und einem Korbe voll Brod. Dieſe hingegen gaben ihm Kandia⸗Wein, verſchiedene andere ſtarke Getraͤnke, Scherbet und Kleinigkeiten. 393 Norden hatte dieſen Muſtapha ſchon zu Kairo kennen gelernt. Wie dieſer Muſelmann Abſchied ge⸗ nommen, ſteuerte die Barke um 10 Uhr weiter. Man hatte wenig Wind, und viel Regen. Bei dem kopti⸗ ſchen Kloſter Dirmimund ſah Norden Palm⸗ baͤume gepflanzt, welche die Eingebornen fuͤr eine Art von Wunder halten, weil man ſie alle, man mag ſie von jeder Seite anſehen, nicht auf einmal ſehen und zaͤhlen kann. Dicht bei dieſem Kloſter iſt das Grabmal eines vermeinten mahometaniſchen Heiligen. Das uͤbrigens ſchlecht gebaute Dorf Eschmend Ell Ar⸗ rab, verurſacht, weil auf jedem Gebaͤude ein Tau⸗ benhaus ſtehet, in der Ferne einen angenehmen An⸗ blick. An einigen Orten in dieſem Striche Landes, iſt ſogar durch ein Geſetz verordnet worden, daß kein Mann heirathen, oder eine Haushaltung aufangen ſoll, der nicht eine ſolche Wohnung mit einem Tauben⸗ hauſe beſitzt. Das kommt daher, weil der Tauben⸗ Miſt der einzige Duͤnger iſt, den ſie fuͤr ihre Aecker haben. Den Miſt von andern Thieren heben ſie ſorg⸗ faͤltig zum Verbrennen auf, und aus dem Sotte, der davon koͤmmt, ma hen ſie Salmiak. Von dieſem Orte aus ſah Norden mehrere andere Doͤrfer und viele Rui⸗ nen alter Gebaͤude. Abends 8 Uhr legte die Barke an der Weſtſeite des Nils vor der Stadt Beneſoefan, die 38 Meilen von Kairo entfernt, eine Art Haupt⸗ ſtadt iſt, und wo ein Bey ſeinen Sitz hat. Haſſan, ein geweſener Sklave, und nachher 14tes B. Aegypten. II. 1. 2 ein Liebling von Osman Bey, des damaligen oberſten Befehlshabers der Truppen war Bey von Beneſoef. Als Norden am asſten in die Stadt ging, konnte er ſein Empfehlungs⸗Schreiben an ihn nicht abgeben, weil er eben nicht zu Hauſe, ſondern auf Beſichtigung ſeines Bezirks war. Die Moſcheen von Beueſoef geben ihr ein großes Anſehen. Man ſegelte von hier weiter, ſobald Norden am Borde war. Gerade der Stadt gegenuͤber liegt Beyjadie, ein Platz, der eigentlich nichts weiter war, als der Aufenthalt einer Bande Chriſten, welche alle zur Schande des chriſtlichen Namens, welchen ſie fuͤhren, das Gewerbe von Spitzbuben und Straſſenraͤubern trieben. Nun ſah Norden zur Linken und Rechten am Nil⸗Ufer viele Ortſchaften, unter welchem Tis⸗ mend, Kombuſch, Neslet, Abonuur, kam am Kammelfelſen, dann an zwei Inſeln, und an dem Schlachtfelde bei Scherona vorbei, welches noch die gewoͤhnliche Wahlſtatt iſt, wenn die Senſ chiaes mit einander in Streit gerathen. Der ſchwoͤchere Theil nimmt ſeine Zuflucht in Ober⸗Aegypten; ſeine Gegenparthei verfolgt ihn dann bis auf dieſen Platz, wo endlich der Streit mit dem Saͤbel in der Fauſt entſchieden wird. Der Weg ging jezt an den Ortſchaften Giendi, Gees, I Ect tai, Kufr, Be⸗ nenhammed, Samalund, T Teir,(Deiir), Sohorra u. a. m. vorbei. In Teir ſah man Ue⸗ berbleibſel, eigentlich Spuren einer alten Stadt, die 395 auch Seiron geheißen, von einem Zauberer gebaut war. Man trifft hier regelmaͤßige, in einen Felſen gehauene Stufen an. In der Mitte der Fels⸗Hoͤhe verloren ſich dieſe Stufen aus dem Geſichte; ein wenig weiter aber nach Nord kamen ſie wieder zum Vorſchein, und gin⸗ gen fort bis an das Ufer des Nils. Daſelbſt ſah Noꝛ⸗ den auch noch eine Art von Waſſerleitung. Man hat dadurch das Waſſer aus dem Nile, welches durch eine kuͤnſtliche Maſchine in die Hoͤhe gezogen worden iſt, fortgeleitet. Sie ſchien ſehr alt zu ſeyn, und iſt aus großen Steinen gebaut. Endlich bekam er auch hier den Zugang zu den Stufen oder Treppen zu ſehen, wo man Steine zu Gebaͤnden hergezogen hat. Er konnte nicht begreifen, warum er gemacht worden iſt, wenn man nicht einen Weg habe anlegen wollen, auf welchem man herab zu dem Fluße gehen koͤnnte. Der Zugang zu dieſen Stufen ſchien ihm breit genug zu ſeyn. Allein es war nicht moͤglich, ſonſt etwas deut⸗ lich daran zu bemerken; die Stufen endigten ſich an dem Fuße des Felſen. Er konnte ſie nicht beſteigen, weil die Steine oft herab ſielen, und den Weg ſehr gefaͤhrlich machten. Sonf gibt es hier noch viele an⸗ dere in Felſen gehauene, viereckige Hoͤlen und Gror⸗ ten; ſie ſind aber nicht ordentlich abgetheilt.— Das Bette des Nils ward enger. Die Barfe w Ute die ganze Nacht fortſchiffen, ſie ſieß aber ſo heftig auf eine Sandbank, daß man viele Muͤhe hatte, ſie wie⸗ der flott zu machen. Gegen Mittag des 26. Nov. mußte die Barke bei Menin anlegen, und einen Zoll entrichten. Me⸗ uin hat mehr als eine Moſchee und Norden hat unter andern auch hier eine große Menge Saͤulen und Pfeiler von Granit⸗Marmor geſehen. Zwiſchen Mot⸗ taghara und Sauuada iſt ein Palmbaum⸗Wald, welcher ſich 3 Meilen laͤngs der Morgenſeite des Nil erſtreckt. Die Berge bei Bennehaſſein ſind der Grotten wegen beruͤhmt, worin ſich vor Zeiten heilige Einſiedler aufgehalten haben. Ein wenig uͤber Rodda. das am weſtlichen Ufer liegt, iſt der Kaual Bager Fuſef. Auf der andern Seite des Fluſſes erſcheint die Stadt Schek Abade mit ihrer Moſchee; vor⸗ mals hieß ſie Antinoe; ſie iſt die Hauptſtadt von Nieder⸗Thebais. Norden ſah daſelbſt verſchiedene Alterthuͤmer, bei welchen ſolche ungeheure Steine, aus welchen die Haͤuſer der alten Aegyptier gebaut ſind, nicht gebraucht worden. Vielmehr hat man dazu Steine von mittelmaͤßiger Groͤße, faſt ſolche, als man zu Rom bei Errichtung der Triumphbogen ge⸗ braucht hat, genommen. Vorzuͤglich ſielen kinn nad ſeinen Gefaͤhrten da unter den Ruinen 3 große Thore in das Auge, deren erſtes mit Saͤulen koruthi⸗ ſcher Ordnung geziert war. Dieſe Ruinen des alten Antinoe befinden ſich am Fuße der Berge bis au das Ufer des Nils. Die Mauern der Haͤuſer ſind aus Ziegelſteinen gebaut geweſen, die Norden noch ſo roth fand, als wenn ſie erſt gemacht waͤren. 4 397 Weil das Wetter gelinde, und der Wind guͤnſtig war, legte man nicht bei Nezlet Ell Raramu an, ſondern fuhr die ganze Nacht durch. Bei Aehe⸗ muneim(zur Rechten) hat das alte Hermopolis geſtanden, welches Ammiannus Marcellinus unter die beruͤhmteſten Staͤdte von Thebais rechnet. Etwa eine Meile weiter ſah Norden die Stadt Mellavi, welche eine Moſchee, einen Caſchef, und uͤberhaupt ein artiges Anſehen hat, und wieder weiter die tiefe Grotte Stableantor, wo man ſehr viele viereckige Saͤulen oder viereckige Stuͤtzen antrifft. Bei dem Dorfe Galanitto waren bewaffnete Fahrzeuge nicht ſicher. Die Araber in dieſer Gegend trieben, zum Trotze der Regierung, Naͤuber⸗Handwerk. Auch die Bewohner der weiter hinabliegenden Orte Se⸗ nabo und Ell' Guſia, ſind gleiches Gelichters. Man war auf ſeiner Hut, als man an ihren Kuͤſten hin fuhr. Ueber Ell Kguſuer ragen die Gebirge von Abuffode hervor, welche eigentlich nichts als ſehr hohe und ſteile Felſen ſind, die laͤngs dem Nile ſtehen. Norden ließ ſie zur Linken. Man wird in der Welt keine Berge finden, ſchreibt er, welche die allgemeine Suͤndfluth ſo deutlich beweiſen, als dieſe; denn man kann die Eindruͤke, welche das Waſſer bei ſeinem Falle in die Steine gemacht hat, von der Spitze dieſer Berge, bis zu ihrem Fuß, augenſchein⸗ lich wahrnehmen. Au verſchiedenen Stellen dieſer Fel⸗ ſen iſt ein ſo deutlicher Widerſchall, daß das Echo nicht eine einzige ausgeſpro hene Silbe auslaͤßt. An dem Ufer des Fluſſes ſindet man auch noch unzaͤhlig viele Grotten, wo die ſogenannten heiligen Eremiten ehedem ſich aufgehalten haben. Als Norden vorbei reiſte, hielt ſich eine Rotte raͤuberiſcher Araber dort auf. Gegen 12 Uhr Mittags des 27ſten, ſah man die Stadt Montfalunt, wo ein koptiſcher Biſchof re⸗ ſidirte. Das Land iſt fruchtbar, der Stadt gegenuͤber, an der oſtlichen Nilſeite, liegt ein koptiſches Kloſter; wer es beſehen will, der muß ſich in einen Korb an Seilen ſetzen, und ſich ſo durch eine Winde hinauf⸗ ziehen laſſen. Gegen Abend erreichten unſere Neiſen⸗ den eine Inſel, die zwiſchen Ell Maabda gegen Oſt und Tava gegen Weſt liegt, wo die Durchfahrt ſehr gefaͤhrlich iſt, und ſie fanden auch da wirklich ein Schiff, das geſtrandet und verſunken war. Eine Meile weiter kamen ſie an die Inſel Gieſiret Vulad⸗ baggid, wo die Durchfahrt eben ſo gefaͤhrlich war. An dieſem Tage erblickte Norden das erſte Kroko⸗ dil. Es hatte ſich auf einer Sandbank, welche wegen des niedrigen Standes des Nils uͤber das Waſſer her⸗ vorragte, hingeſteckt. Da es das Fabrzeug kommen ſah, ſprang es auf, und ging, wiewohl gleichſam ſchwer⸗ muͤthig und verdruͤßlich in das Waſſer. Man ſchaͤtzte ſeine Laͤnge auf 10 Fuß. Die Barke legte ſich fuͤr heute an der Weſtſeite des Fluſſes, etwa eine Vier⸗ tels⸗Meile vom Dorfe Salaem vor Anker. Am 28ſten mußte die Barke eine Strecke wegen 399 des ſchlechten Windes gezogen werden. Norden ſah unter andern Ortſchaften die Stadt Siunt, die ei⸗ nen Caſchef und den Sitz eines koptiſchen Biſchofs hat. Nicht weit davon ſind die alten Grotten auf ei⸗ nem Berge, die heut mit der Benennung Sababi⸗ nath bezeichnet werden, und nach der Sage von ſie⸗ ben Jungfrauen bewohnt geweſen waren; Norden konnte ſie nicht beſehen. Am eoſten verließ der kopti⸗ ſche Piieſter, der von Kairo bisher mit uns gereiſt war, bei Sachet die Geſellſchaft. Keiner bedauerte ſeinen Verluſt. So ſchlecht auch ſein Anſehen war⸗ ſo weit und hoch trieb er doch ſeinen Stolz. Er war ſo keck, ſeinen Reiſegenoſſen mehr als einmal in das Geſicht zu ſagen, daß ſie keine aͤchten und guten Chriſten ſeien, weil keiner gebeten, ihm die Haͤnde kuͤſſen zu duͤrfen. Obgleich die Araber in dieſer Ge⸗ gend mit einander im Kriege verwickelt waren, und einander taͤglich befehdeten, konnte man ohne Belei⸗ digung doch au das Land gehen. Den 30. November hielt die Windſtille die Barke in der Gegend von Nechcheele, gebannt, welchen Ort Norden beſuchte, am 1. Dezember aber erhob ſich ein angenehmer Wind, der erlaubte weiter zu ſchiffen. Norden kam an den Ort Denesle vor⸗ bei, wo die Einwohner als Hauptgeſchaͤft treiben, aus ihren Kuaben Verſchnittene zu machen; an der Inſel, Giſäret Toma, die etwa eine halbe Meile lang ſeyn mag, ferner an einem alten Tempel bei Gau 8 400 Scherkie, der faſt so Schritte lang und 40 breit iſt, und an dem man noch die Hieroglyphen ſeines Da⸗ ches wahrnehmen und unterſcheiden konnte. Er ſah dann die Stadt Tagta, welche mit ihren Moſcheen ein ganz artiges Anſehen auf der Weſtſeite des Fluſſes hat, die ebenfalls ſchoͤne Stadt Maraga auf eben der Seite; und fuhr nachher um eine Landſpitze, die ſich etwa auf 4 Meilen erſtreckt und von dem Ufer des Nil, der gegen Maraga eine Kruͤmme macht, ent⸗ ſtehet. Nachdem er noch einmal ſo weit gefahren war, kam er an eine Inſel, die Tſchieſiret Schendo⸗ viib beißt, und etwa eine kleine Meile lang ſeyn mag. Am Orte Gilfan machte der Nil die zweite Kruͤmmung oder einen Bogen; die dritte Kruͤmme aber dem Dorfe Suhgedſch gegenuͤber. Das Grab eines vermeinten tuͤrkiſchen Heiligen befindet ſich in dem durch ihn beruͤchtigten Schech Haridi, dem Dorfe Suhaedſch gegenuͤber. Dieſes Grab hat die Geſtalt eines kleinen runden Daches, oder einer klei⸗ nen Kuppel, die uͤber den Berg hervorraget. Man machte damals ſo viel Nuͤhmens und Redens von den Wundern dieſes Heiligen, daß Norden ſich nicht enthalten konnte, Nachrichten zu ſammeln, um ſie wieder zu geben: Nach dem Tode des Heiligen Schech Haridi, hat Gott die Gnade gehabt, ihn in eine Schlange zu verwandeln, die unſterblich iſt, von Krankheiten befreiet, und allen Denen Gutes verleiht, welche ſie 401 um Huͤlfe auflehen, oder ihr Opfer darbringen. Die Erfahrung hat inzwiſchen gelehrt, daß dieſe wunder⸗ thaͤtige Schlange einen Unterſchied der Perſonen mache. Sie iſt großen Herren weit guͤnſtiger, und zum Hel⸗ fen geneigter, als den Armen und Niedrigen. Wenn ein Schech(nach andern Schriftſtellern auch Scheich, Schaik, Scheikh, Scheik) von einer Krankheit befal⸗ len wird, ſo iſt dieſe Schlange ſo hoͤflich, ſich von freien Stuͤcken und aus eigener Bewegung nach deſſen Hauſe tragen zu laſſen. Gemeine Leute aber muͤſſen nothwendig ein Verlangen nach ihrem Beſuche aͤußern, und ein Geluͤbde thun, daß man ihre Bemuͤhung vergelten will. Wenn auch dieß geſchehen, ſo laͤßt ſich die Schlange doch noch nicht ohne beſondere Ce⸗ remonie fortbringen. Es wird naͤmlich ſchlechterdings erfordert, daß eine unbefleckte Jungfrau als Geſandte an ſie abgeſchickt werde; denn die Tugend des ſchoͤnen Geſchlechts allein hat viel Einfluß und Gewalt uͤber ſie. Sollte nun die Tugend der an ſie geſchickten Geſandten den geringſten Schandflecken haben, ſo wuͤrde die Schlange ſich nicht erbitten laſſen, zu kommen. Die Jungfrau macht der Schlange, ſobald ſie vor ſie gelaſſen wird, in tiefeſter Demuth eine Ver⸗ beugung, und bittet, daß ſie ſich zu ihrem Kranken tragen laſſen moͤchte. Die Schlange, d. i. der galante Herr Haridi in ihr, welche der Tugend des ſchoͤnen Geſchlechts nichts abſchlagen kann, faͤngt an, erſt eine Bewegung mit dem Schwanze zu machen, und darauf einige Spruͤnge. Die Jungfrau verdoppelt dann ihre Ehre⸗Bezeugungen und Bitten. Endlich ſprenst ihr die Schlange um den Hals, und legt ſich in der Schneepracht des Buſens ſelbſt ruhig nieder. Und ſo wird ſie in einem Gepraͤnge, unter vielem Jauchzen, Frohlocken und Zurufen nach dem Hauſe besjenigen, der ſie um ihre Haͤlfe erſucht hat, getragen. Kaum iſt die Schlange in deſſen Hauſe angelangt, ſo faͤngt der Kranke ſchon an, ſich zu beſſern. Der wunderthaͤtige Arzt aber begibt ſich deſſen ungeachtet, nicht gleich wieder zuruͤck. Er aͤußert vielmehr ſeine Neigung, noch einige Stunden bei dem Patienten zu bleiben, wenn er naͤmlich verſichert iſt, daß man darauf bedacht geweſen, in der Zeit ſeine Prieſter, die ihn niemals verlaſfen, wohl zu bewirthen. In gleichem Gepraͤnge begibt er ſich wieder zuruͤck. Alles dieſes gehet ganz wunderbar gut von ſtatten, ſo lange kein Unglaͤubiger, kein Chriſt, dazwiſchen kommt. Deſſen Gegenwart aber verſtoͤrte die ganze heilige Handlung: denn die Schlange wuͤrde, ſobald ſie merkte, daß ein ſolcher anweſend ſey, augenblick⸗ lich verſchwinden. Ia die Araber ſind ſo unverſchaͤmt, zu behaupten, daß wenn man auch dieſe Schlange in Stuͤcken ſchnitte, dieſe Stuͤcke auf der Stelle wieder ſich zuſammen fuͤgen wuͤrden, und alſo kein Verſuch, ſie zu toͤdten, ihrem Leben ein Ende machen koͤnnte, weil ſie zur Unſterblichkeit beſtimmt ſei. Ein Emir 403 von Achmiin befahl deshalb einmal, daß man in ſeiner Gegenwart den Verſuch mit der Zerſchneidung dieſer Schlange machen ſollte; allein die Prieſter ent⸗ ſchuldigten ſich, und verbaten ſich dieſes. Viele Chri⸗ ſten in dieſem Lande meinten im allen Ernſte, daß dieſe Schlange der Teufel ſelbſt ſei, welchem Gott die Macht gelaſſen habe, dieſes blinde und unwiſſende Volk zu raͤuſchen. Andere glaubten auch, daß der En⸗ gel Raphael den Ehe⸗Teufel Asmodi, an dieſen Ort gebannt habe, doch dieſes kann nicht ſeyn: denn dieſer Ehe⸗Teufel geht gewaltig in der Welt einher und herum; alle Tage hat man Beweiſe davon. Uebri⸗ gens wer die Schlangengaukeleien des Orients kennt, dem iſt die ganze Sache ſchon klar. Am 2. Dezember kam Norden nach der Stadt Meſchie am weſtlichen Ufer des Fluſſes, und blieb den 2ten daſelbſt. Als er auf dem Bazar einkaufte, begegneten ihm 2 ſogenannte Heiligen. Sie waren ganz nackt, rannten wie Raſende durch die Straßen, ſchuͤttelten die Koͤpfe, und bruͤllten tief aus der Bruſt. Auch ein Freuden⸗Maͤdchen hatte ſich auf dem Markte eingefunden, ſich dem Volke zu zeigen und anzubie⸗ ten. Sie hatte ihr Geſicht und ihren Buſen entbhloͤ⸗ ſet, und trug ein weißes Hemde, da andere Frauen blaue tragen. Ihr Kopf, Hals, ihre Arme und Schenkel waren mit Fliederſtaat behaͤngt. Nicht ihr Schmuck allein, ihre unverſchaͤmten Stellungen und verabſcheuungswuͤrdige Manier gaben deutlich ihr Ge⸗ 40⁰4 werbe an. Am 4. Dezember, einem Mittwoche, lan⸗ dete Norden zu Girge oder Tſchirſche. Sie iſt die Reſidenz des Bey, oder Oberbefehlshabers und Landpflegers in Ober⸗Aegypten, wovon Girge die Hauptſtadt iſt. Sie iſt hundert Meilen von Kairo entfernt. Die Tuͤrken haben verſchiedene Moſcheen darin. Norden fand auch da einen koptiſchen Bi⸗ ſchof, und ein Hoſpital der Vaͤter de propaganda ſide, in welchem ſie ſich durch ihre Ausuͤbung der Arzneikunſt erhielten, weil ſie dadurch den Tuͤrken nuͤtzlich und norhwendig waren. um 4 Uhr Nachmittags ſegelte Norden von Gize wieder ab. Nachts war Windesſtille. Am Tage des 5ten machten die Sandbaͤnke bei Beniberſa, welche um dieſe Zeit ſehr hoch zu ſeyn pflegen, das Vorbeifahren beſchwerlich. Bei der Stadt Bagjura ſtieg Norden an das Land. Inzwiſchen kamen 15 Janitſcharen an ſein Fahrzeug und verlangten auch davon Gebrauch zu machen. Der Herr deſſelben ſchlug es ihnen ab, und ſagte, daß er mit den Franken, die ihn gemiethet haͤtten, einig geworden ſei, Nieman⸗ den mehr ohne ihre Erlaubniß einzunehmen, alſo auch ihnen das Ein ſeeigen nicht erlauben koͤnnte. Die Ja⸗ nitſcharen lachten uͤber dieſe Antwort, und ſagten: ſie wollten nur hingehen und ihre Kleider holen; wenn ſie wieder kaͤmen, und man ſie nicht mitneh⸗ men wollte, wuͤrden ſie mit Gewalt das Schiff beſtei⸗ gen. Da kam Norden eben zeitig genug aus der ————— Stadt, um abſtoßen, und dieſen ſchlimmen Gaͤſten entgehen zu köoͤnnen. Man ſegelte durch die ganze Nacht und befand ſich des Morgens bei dem Dorfe Schaurie auf der Weſtſeite des Nils. Hier kam ein Janitſchar au das Schiff, und bat, ihn aufzunehmen, was die Reiſegeſellſchaft that. Er war auf der Flucht, weil er einen jener Janitſcharen, die die Barke mit Gewalt beſteigen wollte, getoͤdtet hatte. Er ſelbſt hatte eine nicht unbedeutende Wunde. Norden fand, daß dieſer Janitſchar ein beherzter Mann war. Bei Ell⸗Gaeſſer, Dinedera, wo man einige Krokodille erblickte, die ſich auf den Sandbaͤnken, die das abgelaufene Nilwaſſer trocken gelaſſen, hingeſtreckt hatten, Caſſarna, Diſchne, Meraſchdeh vor⸗ beigekommen, ſah man am 1. Dez. um 8Uhr Morgens Dar, ein Dorf ‚am oͤſtichen Nilufer, gerade ge⸗ geruͤber Magdſcher, welchen Namen eine Lroße Landſtraße fuͤhrt, die von Oſt nach Weſt fuͤhrt, die Stadt Dandera, ohne Zweifel die Ueberbleibſel des alten Tentyra, deſſen Strabo, Plinius und an⸗ dere Schriftſteller erwaͤhnen. Das Land war mit Fruchthaͤumen beſetzt, und die Stadt Giene hatte auch eine Moſchee, und vor Zeiten großen Handel. Abends 9 Uhr ſegelte man von dieſer Stadt wie⸗ der ab, und langte gegen 4 Uhr Nachmittags des sten bei der Stadt Nagadi an. Dieſe Stadt hatte meh⸗ rere Moſcheen, war ziemlich groß, und lag dem Rei⸗ ſenden zur Rechten. Als die Barke ſich angelegt, ließ⸗ 4⁰6 der arabiſche Schech den Herrn derſelben holen, und fragte ihn nach ſeiner Reiſe⸗Geſellſchaft, die eben nicht gut bei dem Muſelmann angeſchrieben ſchien. Nur als Norden ſeine Empfehlungen von Os⸗ man⸗Bey dem Schech uͤberreichen ließ, konnte dieſer beruhigt werden; aber voll Verwunderung ſtaunte er lange das Schreiben an, und ſagte endlich: er haͤtte nie geglaubt, daß der Bey Osman dieſe Franken mit ſochen Empfehlungen verſehen haͤtte, die ihnen vergoͤnnten, nach ſolchen Orten hinzureiſen, wohin doch die Franken nicht kommen duͤrften. Die Barke blieb die ganze Nacht und auch einen CTheil des Tages vom gten an dieſer Stadt. Hier hatte ſich das Geruͤcht uͤber die großen Reichthuͤmer der Reiſenden ſo verbreitet, daß beſtaͤndig Kopten und Araber das Fahrzeug belagerten, und mit Gierde dar⸗ in alles muſterten, und dem Schiffs⸗Patron deshalb ſchon Tod und Pluͤnderung vor ſeiner aͤngſtlichen Seele ſchwebten. Er rieth ſogar, nach Kairo wieder umzu⸗ kehren. Allein Norden und ſeine Freunde beſtanden auf die Fortreiſe, und der Patron, mit ſich kaͤmpfend, ergab ſich mit dem Spruche: Inſchallach!(Gottes Wille geſchehe). Weiter geſegelt, blieb man wegen der Windſtille die Nacht bei Gierajoes liegen; und auch den zehnten konnte man wegen ſchlechter Winde nicht viel weiter kommen. Drei bis vier Krokodille lagen auf den kleinen Inſeln zwiſchen Schenuer und Ga⸗ mola. Norden und einige Andere gaben Feuer — — —— 407 auf ſie; ſie ſtuͤrzten ſogleich in das Waſſer; eines aber ſchien unbeweglich liegen zu bleiben. Sie glaubten daher, daß ſie es erſchoſſen, oder doch toͤdtlich ver⸗ wundet haͤtten. Daher gingen ſie auf ihrer Barke darauf los, ergriffen Stangen und andere Werkzeuge, die eben zur Hand waren, und waren Willens, es ganz todtzuſchlagen, wenn es noch nicht geendet habe. Sie waren aber kaum noch 15 Schritte davon entfernt, als es aufſprang, und ſich auch in das Waſſer ſtuͤrzte. Dem Augenmaße nach, mochte es etwa 30 Fuß lang ſeyn. Ihnen begegneten an dieſem Tage wohl noch 20 andere Krokodille(Krokodile), die an den Sand⸗ baͤnken ausgeſtreckt lagen. Sie waren von verſchiede⸗ ner Groͤße 45— s0 Fuß lang. II. Von Girge nach Eſſugen. Am 11. Dezember um 4 Uhr Nachmittags er⸗ blickte Norden gegen Oſt erſt einen Obelisk. und bald darauf eine große Menge von Periſtylen, oder Saͤulen und Bogenſtellungen, einige Thore und alte Gebaͤude, die hier und da unordentlich auf der ganzen Ebene zerſtreut ſtanden. Dieſe Kennzeichen ließen ihn keinen Augenblick zweifeln, daß dasjenige, was man ſah, die Ueberbleibſel des alten Thebens waͤren. Norden wollte landen, aber der Patron verſicherte und ſchwur bei ſeinem Barte, es ſei, ohne Gefahr, nicht moͤglich, hier zu landen. Das Geruͤcht des Neichthums der Franken auf der Barke, lief allezeit 408 vor ihnen her. Sie konnten nicht landen, ohne von einem Haufen Volke umzingelt zu werden. Man mußte immer auf der Hut ſeyn; und das ſchlimmſte war, der Schiſſspatron war deßhalb ſo furchtſam ge⸗ worden, daß er ſchon zitterte, wenn ſie ihm nur da⸗ von ſagten, an das Land zu ſetzen. Am 12ten bei Carnae, einer Stadt, faſt 138 Meilen von Kairo entfernt, angelaugt, ließ ſich Norden nicht aufhalten, an das Land zu gehen, um noch Ueberbleibſel des alten Theben zu ſchauen. Der Patron hatte umſonſt Bitten und Drohungen verſchwendet. Der Janitſchar, den man unterwegs mitgenommen hatte, war ſogleich von der Parthie: denn es war ſeine Luſt, kuͤhne Streiche zu unterneh⸗ men, und noch einige Reiſegefaͤhrten folgten. Nach 3 Stunden erreichte man die großen Koloſſe, die ihre Geſichter nach dem Nile kehren. Die erſte Statue ſcheint ein Mann, die andere aber eine Frau vorzu⸗ ſtellen. Uebrigens ſind beide von gleicher, und zwar ungeheurer Groͤße, etwa so daͤniſche Fuß hoch. Sie ſitzen auf Steinen, die viereckig wie ein Wuͤrfel, und 15 Fuß hoch und eben ſo breit ſind, wenn man die iſiſchen Bilder dazu nimmt, welche zum Zierrathe der beiden vorderen Enden jedes Steines dienen. Der hintere Theil eines jeden Steines iſt anderthalb Fuß höher, als der vordere. Ein jedes ihrer Fußgeſtelle iſt 5 Fuß hoch, 36 ½ Fuß lang, und 19 1 ½ Fuß breit. Der Zwiſchenraum zwiſchen beiden Koloſſen betraͤgt — 409 21 Schritte. Sie ſind beide aus großen Stuͤcken eines ſandigen und graulichen Steines verfertiget, haben an mehreren Stellen Hieroglyphen, und ſind wohl durch Witterung und Zeit ungeſtaltet geworden. Norden zeichnete dieſe Coloſſe ab, wie er ge⸗ wohnt war alles Merkwuͤrdige zu ſammeln, und auf einmal bemerkte er, daß um ihn und ſeine Begleiter wohl 30 Araber ſtanden, welche mit gewiſſen Erſtau⸗ nen ſie begruͤßten und betrachteten. Norden kamen ſie am Naͤheßen, und waren ſehr begierig, ſeine Hand⸗ luugen in Augenſchein zu nehmen. Als ſie eine halbe Stunde ſo zugeſchaut hatten, forderten ſie endlich Geld. Die Reiſenden fanden fuͤr gut, es ihnen ab⸗ zuſchlagen, weil es uͤble Folge haͤtte nach ſich ziehen koͤnnen, wenn ſie ihnen etwas gegeben haͤtten. Die Araber hielten ſich nun dadurch beleidigt, wurden ungeſtuͤmm, und machten einen großen Laͤrm. Nor⸗ den fuhr aber ruhig fort, zu zeichnen. Er ließ den Miſſionaͤrs, die bei ihm waren, die Muͤhe und den Verſuch, die Burſche zu beſaͤnftigen; den Bedienten aber die Freiheit, gegen die laͤrmenden Araber auch anzulaͤrmen. Der Janitſchar, welcher eine gute Lunge hatte, und einen guten Pruͤgel bei ſich fuͤhrte, half den Bedienten; doch nahm er ſich in Acht, auf keinen Araber zu ſchlagen. In der Mitte des Laͤrms ſpreugte ein Mann zu Pferde herbei. Vor ihm war einer, der mit einer langen Picke bewaffnet war; der Reiter, den die Araßer Schech begruͤßten, kam mit vornehmer, I4fes B. Aegypten. II. 1. 3 410 gebietender Miene, und fragte einen Bedienten, was die Franken hier zu ſchaffen haͤtten? Der Bediente antwortete keck: wer ihm erlaubt haͤtte, ſo trotzig nach ihrem Thun und Laſſen zu fragen? Dadurch waren beide in Wortwechſel gerathen, und es waͤhrte nicht lange, ſo zankte ſich die Geſellſchaft mit einan⸗ der. Der Schech ſchrie laut, daß, wenn die Franken ſich nicht gleich entfernten, er fie mit Gewalt fortja⸗ gen wollte. Nach dieſer Drohung trat der Janitſchar dicht vor ihn hin, und meinte, daß der Schech ſich huͤten moͤchte, Haͤnde an dieſe Leute zu legen, weil ſie mit Flinten und Piſtolen gut verſehen ſeien; auch die Kunſt trefflich verſtaͤnden, ſie recht und gut zu gebrau⸗ chen. Er ſetzte hinzu, wenn er ſich nicht entferne, koͤnnte es leicht einem Franken einfallen, Feuer auf ihn zu geben, und da wuͤrde er denn ohnfehlbar auf der Stelle erſchoſſen ſeyn. Dieſe ernſtlich vertrauliche Unterredung machte den Schech bedachtſam. In dem Moment ſchoß einer der Reiſenden mit ſeiner Flinte einen Vogel todt, und das ſetzte den Schech ganz in Schrecken und Erſtaunen. Er ſchien ſich inzwiſchen von ſeinem Schrecken bald wieder zu erholen. Er ſagte daher ohne weitere Zuruͤckhaltung, daß, wenn die Franken nicht fortgingen, er hingehen, unſere Barke in Brand ſtecken, und Alles pluͤndern werde. Dieſe neue Drohung konnte der Janitſchar nicht er⸗ tragen; er glaubte, der Schech ſei nicht ſo fuͤrchter⸗ lich und gefaͤhrlich, als er das Anſehen haben wollte, 411 ſetzte ſich nun in eine martialiſche Poſitur, und ſchwur, daß, wenn der Schech ſeinen Mitreiſenden das ge⸗ ringſte Leid zufuͤge, er ſelbſt der Mann ſei, der ihn, wie ein Hund niederſchoͤße. Dieſe Worte machten den Schech langſam und freundlich, er wuͤnſchte ſeinen Reiſenden einen guten Tag, ritt hinweg, und alle ſeine Araber folgten ihm nach. Etwa 100 Schritte von den Coloſſen fand Norden an ihren Oſt⸗ und Nordſeiten noch einige Ruinen von verſchiedenen anderen umgeſtuͤrzten Bildſaͤulen u. dgl.; und gegen Suͤd, etwa in einem Abſtande von einer halben Stunde Weges, ſind noch andere Ruinen aus alterer und neuerer Zeit vorhanden. Er meing daß die Ruinen zur Nordſeite ohne allen Zweifel die Ueberbleibſel von dem Palaſte des Memnon ſind. Die Saͤulen waren mit Hieroglyphen bedeckt, die an Farben prangten. Auch fand er den Kopf eines Coloſſes, und glaubte, daß man nach den Anzeigen, die ſich noch vorfanden, auf das Haupt der redenden Bildſaͤule, des 2 kemnou ſchließen koͤnnte, deſſen Strabo, Philoſtratus, Pauſauias, Lucian, Juvenal, Tacjtus n. A. gedacht haben. Dieſe Schriftſteller erzaͤhlen, wie man weiß, daß die Bild⸗ ſaͤule des Memnon bei dem Aufgange der Sonne einen gewiſſen Laut von ſich gegeben habe. Hierauf beſuchte Norden die Ruinen der Stadt Medinet Hab u, und ging mit ſeinen Begleitern der Barke wieder zu, Aber wie ſtaunten ſie, als ſie 4¹² dieſe nicht mehr an der Stelle fanden. Doch nach ei⸗ ner halben Stunde Nil aufwaͤrts, fanden ſie ſolche wieder. Der Patron entſchuldigte ſich, daß er ſeinen Standpunkt veraͤndern habe muͤſſen, freute ſich der gluͤcklichen Ankunft ſeiner Reiſenden, und ließ ſeine Furchtſamkeit wieder uͤberall dabei hervor leuchten., Norden hatte ſich durch dieſe Strecke ſehr er⸗ muͤdet und angeſtrengt; er empfand heftiges Kopfweh und hatte Fieber; des andern Tages am 13ten, be⸗ freite ihn heftiges Erbrechen vom Fieber, ließ aber noch Kopfweh und Schwaͤche in den Gliedern zuruͤck. Am naͤmlichen Tage ſah er Ell Sſchelame, eine anſehnliche Stadt mit einer Moſchee, und am 14ten den Ort Demegrged, das auf der Stelle, wo das alte Crorodilopolis ſtand, gebaut iß. Am 15. Dezember hatte ein Bedienter Norden's, der mit dieſem allein an Bord geblieben war, waͤh⸗ rend die Uebrigen am Lande auf der Jagd waren, mit einem Bauernburſchen, der ſich gaffend zum Schiffe gedraͤngt harte, Streit, der in eine Schlaͤgerei uͤber⸗ ging, die Norden gleich ſtillte, indem er mit einer Piſtole in der Hand, herzuſpraug. In der Nacht ſe⸗ gelte man, nachdem man waͤhrend des Tages ſtile gelegen, weiter. Am Morgen den 18ten, ſtieg Nor⸗ den bei der großen Stadt Esnay, die an der Weſt⸗ ſeite des Nils liegt, an das Land. Sie iſt der Siß eines arabiſchen Schech, und hat eine Moſchee. In der Mitte der Stadt ſteirt auch ein alter Tempel, mit 413 Hieroglyphen verſehen, und mit Saͤulen geſchmuͤckt; aber kein einziges Saͤulenkapital iſt dem anderen gleich. Den Dempel verwendeten die Araber zum Viehſtalle. Norden zeichnete dieſen Tempel ab. um nicht von den Arabern geſtoͤrt zu werden, hatte er einige ſeiner Leute an der Thuͤre ſtehen laſſen. Doch ſtoͤrten ihn die Araber, und wollten ſogar ſeine Zeichnungen aus⸗ geliefert haben, und als er zur Barke ſich fluͤchtete, verfolgten ſie ihn und ſeine Begleiter, und warfen mit Erdkloͤſen und Steinen nach ihnen. An der Barke angekommen, ließen ſich unſere Reiſenden ihre Flin⸗ ten geben, deren Anblick die Araber gleich vertrieb. Die Eiferſucht der Bewohner, welche ſie uͤber ihre Altertbuͤmer außern, ſobald ſie ſehen, daß ein Frem⸗ der kommt, ſie zu unterſuchen, iſt gewiß auffallend und ſeltſam; um ſo mehr, da ſie dieſelben nicht ach⸗ ten, oft nur entweihen. Allein die Urſache ihrer Ei⸗ ferſucht mag aus dem Aberglauben entſprungen ſeyn, als wenn alle Fremde Zauberer und ihre Abzeichnun⸗ gen oder Abriſſe lauter Talismane ſeien. Am 11ten ſah Norden unter anderen Ortſchaf⸗ ten die Stadt Edfu, am weſtlichen Nil⸗Ufer. Vor Zeiten hieß ſie Apollinopolis. In der Stadt fand er eine Zitadelle der Tuͤrken, die aus einem Denkmale des Alterthums gemacht worden war; auch die Trümmer des alten Dempels des Apollo. Weiter fortgeſegelt paſſirte man an dem Kettenberg, Tſchabel ſſelſele vorbei. Nach allgemeiner Sage iſt hier die 414 Fahrt auf dem Nile durch Ketten geſperrt geweſen. Es iſt der Fluß nicht breiter hier, als etwa andert⸗ balb Flintenſchuͤſſe. Norden will im Felſen noch die Stelle bemerkt haben, wo man die Ketten feſt gemacht. Auch findet man hier ein großes Stuͤck Granit, das mit Aufſchriften von großen hieroglyphiſchen Charak⸗ teren beſetzt iſt, ferner einige in Felſen gehauene Ka⸗ pellen, einige Felſen von Granit, weiter einige Grot⸗ ten, voll von ſchoͤnſten Hieroglyphen. Abends ankerte die Barke bei Manſoria, nicht weit von der Inſel Melia, mitten im Fluſſe. An den Kuͤſten rechts und links liegen die Orte Bamban und Komonbu. Bei letzterem findet der Reiſende Ruinen eines alten Denk⸗ mals. Am z8ten fortſegelnd, ließ man die Inſel Om⸗ mules am weſtlichen Ufer liegen, ſah bei dem Orte Ell⸗Schech⸗Amer am oͤſtlichen Nil⸗Ufer einige Ruinen wohl neuerer Zeiten, ſtieß auf eine andere Inſel, Gattagis mit Namen, und kam bei dem Dorfe Ell⸗Kobunia am weſtlichen Ufer, ihr gegenuͤber, an. Hier wurde den Reiſenden ein Zeichen gegeben, mit ihrer Barke anzulegen. Ihr Patron hatte nicht ſonderliche Luſt, Folge zu leiſten; doch ſaͤumte er tzicht lange, als er ſah, daß die Leute, die es befoh⸗ len hatten, zu den Waffen griffen. Der Fuͤrſt dieſer Gegend war Ibrahim, Cachef in N ubien. Er war es, der den Schiffsherren rufen ließ und eine Stunde lang bei ſich behielt, wo er ihn ausfragte. Als er 41⁵ aber erfuhr, daß Norden und ſeine Freunde unter dem Schutze des Osman Bey reiſten, ſo ließ er ihnen einen guten Tag(Sala⸗malack) wuͤnſchen. Norden ſendete ihm zum Danke einige Flaſchen ge⸗ brannten Waſſers, Roſoglio, Scherbet und etwas Tabak. Die Barke ging wieder in den Fluß, ſteuerte an der Inſel Giſeret Beherif vorbei, und legte um 8 Uhr Abends an der Zitadelle der Stadt Eſ⸗ ſuaͤn an. III. Eſſuaͤn. Die Stadt Eſſuaͤn, das alte Syene, liegt am oͤſtlichen Nil⸗Ufer. Sie iſt weder betraͤchtlicher, noch anſehnlicher, als die uͤbrigen Staͤdte in Ober⸗Ae⸗ gypten. Inzwiſchen hat ſie doch einige Moſcheen, eine Zitadelle, und einen Agg. Die Stadt unter⸗ ſcheidet ſich durch einen Umſtand von den uͤbrigen Orten dieſer Gegend„der darin beſteht, daß man hier auf den Haͤuſern oben die Taubenhaͤuſer nicht an⸗ trifft, welche man in den andern Orten wahrnahm, und die in der Ferne ſich gut ausnehmen. Insbeſon⸗ dere iſt aber Eſſuaͤn darum merkwuͤrdig, weil hier der erſte Waſſerfall ſeinen Anfang, oder, wenn man lieber ſo ſprechen will, ſein Ende nimmt. Die Merk⸗ male dieſes Waſſerfalls ſind Felſen aus Granit, wel⸗ che man, ehe man zum Waſferfall ſelbſt kommt, in der Mitte des Niles antrifft. 416 Der Herr der Barke ging am 19ten zum Aga, der Ibrahim hieß, und meldete, daß er einige Franken in ſeinem Schiffe haͤtte, welche von Osmann, dem Ober⸗ haupte der Janitſcharen zu Kairo, Empfehlungs⸗ Schreiben bei ſich fuͤhrten, die ſie ihm ſelbſt üͤberrei⸗ chen wuͤrden. Um 8 Uhr Morgens ſendete der Aga 2 Janitſcharen mit den Staͤben in der Hand, zur Barke, die Franken in die Zitadelle zu begleiten und einzufuͤh⸗ ren. Norden und einige ſeiner Begleiter gingen dahin, und fanden den Aga krank, auf dem Boden lie⸗ gend, mit einem alten indiſchen Kleide bedekt. Sie haͤndigten ihre Empfehlungsſchreiben ein, und eroͤffne⸗ ten ihm ihre Abſicht, bis zum zweiten Waſſerfall zu reiſen. Daruͤber wurde er wie beſtuͤrzt, und ſagte: wenn er ihnen rathen ſollte, ſo moͤchten ſie ihrer Neu⸗ gterde hier ein Ziel ſetzen, und ſich damit begnuͤgen, daß ſie den erſten Waſſerfall zu ſehen bekaͤmen. Dieſer Rath geſiel den Reiſenden nicht; ſie antworteten da⸗ her, daß ſie entſchloſſen ſeien, weiter zu gehen, ob er gleich die Abſicht zu haben ſchiene, ihrer Reiſe hier ein Ziel zu ſetzen. Der Aga entgegnete, daß er alles beitragen wollte, ihre Reiſe zu erleichtern, und ſie nur die noͤthigen Vorbereitungen machen ſollten, und be⸗ wirthete ſie hierauf mit Kaffee. An das Schiff wie⸗ der gekommen, ſendeten unſere Reiſende ſogleich, um den Aga zu gewinnen, ihm ein Kleid von Scharlach, eine ſeidene Weſte und einige Flaſchen gebrannten Waſ⸗ ſers; er erwiederte durch Ueberſendung eines Schafes 417 und einer Quantitaͤt Kaffees dieſe Freundſchafts⸗Be⸗ zeugung. Durch mehrfache Geſchenke wurde der Aga ſo gewonnen, daß er den Reiſenden Empfehlunge⸗ Briefe gab, und alle Anſtalten traf, die Reiſe zu ſichern. Doch konnte er ſich nicht enthalten, ſie vor den Gefahren zu warnen, die ihnen bei der weiteren Reiſe drohten, indem ſie zu Leuten kommen wuͤrden, die kein Bedenken truͤgen, um einen Parat einen Men⸗ ſchen umzubringen. Waͤhrend man Anſtalten traf, zu Lande bis zum erſten Waſſerfalle zu reiſen, und eine neue Barke miethete, und proviantirte, die Reiſenden vom erſten bis zum zweiten Waſſerfall zu bringen, be⸗ ſuchte Norden die Alterthuͤmer uf der Inſel Ell⸗ Sag, wahrſcheinlich dem alten Elephantine, am weſtlichen Ufer des Fluſſes. Er fand hier den Tem⸗ del der Schlange Knuphis. Es war ein auf einer Seite feſt mit Erde bedektes Gebaͤude, mit einer Ein⸗ faſſung, einem Kloſter gleichend, welches in ſeiner Laͤnge auf Saͤulen ruht. An ſeinen 4 Ecken iſt eine feſte Mauer, und in ſeiner Breite ſieht man nur eine Saule in der Mitte allein ſtehen. Die Laͤnge des Ge⸗ baͤudes gibt Norden auf etwa s0, die Breite auf 2 Fuß an. An den Mauern fand er viele Hierogly⸗ phen. Hierauf begab er ſich nach den Ruinen des alten Spene, die er als groͤßtentheils nicht erheblich ſchil⸗ dert. Er hatte auch das Gluͤck, daß ihn und ſeine Gefaͤhrten noch am Bord der alten Barke ein ſoge⸗ naunter Mabomedaniſcher Heiliger beſuchte. Er ſchlug 418 8 mit einer Hand auf eine Trommel, und in der an⸗ dern Hand hielt er einen krummen Stab, womit er alle Anweſende, ja alle ihre Kiſten beruͤhrte, und auf dieſe Art ſeinen Segen zu ertheilen ſchien. Einer der Reiſenden hatte einen Hund bei ſich, dem wollte ſich der Heilige, als die Reihe an ihn kam, auch naͤ⸗ hern, und mit ſeinem Stabe beruͤhren. Der Hund verſtand ihn aber anders, hielt den mahomedaniſchen Segen fuͤr eine Drohung zum Schlagen, ſprang die⸗ ſem zuvorzukommen, dem Heiligen an die Kehle, und riß ihn zu Boden. Der Heilige erhob daruͤber ein lautes Geſchrei, und ſtieß gegen die Chriſten⸗Hunde ſo viele Fluͤche aus, als er den Augenblick zuvor Se⸗ genswuͤnſche ertheilt hatte. Inzwiſchen lief der um⸗ ſtehende Poͤbel Haufe auf die Fremden los, laut⸗ ſchreiend, dieſe Beleidigung an ihrem Heiligen zu raͤ⸗ chen. Norden wollte dieſem Auftritte, welcher ihm und den Andern theuer zu ſtehen kommen konnte, gerne ein ſchleuniges Ende geben. Er ließ daher dem Heiligen ſchnell einige Geldſtuͤcke(Sevillanen) reichen, die auch treffliche Wirkung thaten. Der Heilige ver⸗ ließ die Barke, nahm den zuſammengelaufenen Poͤbel mit ſich, und beſaͤnftigte ihn, ſo gut er konnte. Am 22ſten fuͤhrte der Sohn des Aga die Reiſen⸗ den und ihr Gepaͤcke auf Dromedaren und Eſeln zum erſten Waſſerfalle, oder dem Hafen von Morada, dritthalb Stunden von Eſſuaͤn, wo ſie auch die neu gemiethete Barke vorfanden. Die Hoͤhe des Waſſer⸗ 4¹19 falls mochte damals wohl 4 Fuß betragen, und die Laͤnge ſeines Fortlaufes 30 Fuß. Faſt nirgends kann man ei⸗ nen rauhern Ort der Natur antreffen. An der Oſtſeito iſt alles Felſen, an der Weſtſeite aber ſind die Berge entweder von Sand oder ſchwarzen Steinen. Oben nach Suͤd ſind auf jeder Seite hohe abhaͤngige Klip⸗ pen; unten gegen Nord aber ſtehen ſo viele Felſen, daß man wenig von dem Waſſer ſehen kann. Iudem man abſegeln wollte, kam auf einmal fruͤhe den 24. Dezember ein Brief von Cachef Ib rim, worin er den Schiffsherren(Reys) verbot, die Fran⸗ ken abzufahren; indem er ſelbſt in einem Tage zu Eſſuaͤn ſeyn werde, und von da ſeine weiteren Be⸗ fehle zu geben gedenke. Die Geſellſchaft war aͤrger⸗ lich uͤber dieſen neuen Verzug, und da die furchtſa⸗ men Miſſionairs ſich nicht dazu bequemten, ſo ging Norden ſelbſt mit ſeinem juͤdiſchen Bedienten nach der Stadt zu Fuße, um den Aga zu befragen und Rath einzuholen. Auf dem Wege ſah er viele Alter⸗ thuͤmer, Ruinen, Graͤber u. dgl. m. Beim Aga ange⸗ kommen, fand er ihn etwas beſſer. Der gute Mann ſchien uͤber die Handlung des Cachef zu zuͤrnen, zuckte mit den Achſeln, und meinte, er ſaͤhe gar wohl ein, auf was dieſes alles gemuͤnzt ſei.„Der Cachef, ſagts er befuͤrchtet, daß Ihr Franken, meinem guten Rathe folgen, Eure Meinung aͤndern, und von Eurem Vor⸗ ſatze, weiter zu reiſen, abſtehen moͤchtet. Alsdann wuͤrde er der Gelegenheit beraubt ſeyn, alles, was er nur 420 kann, Euch abzunehmen. Wollt Ihr aber dennoch wei⸗ ter reiſen, ſo glaubt, daß Ihr gewiß um das Leben kommt. Wir koͤnnen dieß leider! mit betruͤbten Bei⸗ ſpielen aus der Erfahrung beweiſen. Leute von Eurer Religion haben ſich ſchon vor Euch in dies Land hin⸗ ein begeben, keinen ſah man je wieder zuruͤkkehren. Der neue Cachef iſt ein großer, leichtfertiger Schelm; ſein Vater und ſein Bruder ſind ihm voͤllig gleich, und alle die, welche etwas bei der Regierung zu thun und zu ſagen haben, ſind nicht beſſer.“ Waͤhrend dies und anderes der Aga ſprach, fielen 2 Kanonen⸗ und einige Flintenſchuͤſſe, welche verkuͤndigten, daß der Cachef wieder zur Stadt Eſfuaͤu gekommen ſei. Norden ging mit ſeinem Bedienten, in Beglei⸗ tung des Sohnes von Aga, ſogleich hin, um dieſem Muſelmanne die Aufwartung zu machen, und um Auf⸗ hbebung ſeines Befehls, der die Fortſetzung der Reiſe aufhielt, zu erlangen. Der Cachef machte allerhand Vorſchlaͤge, die Norden nicht annehmen zu muͤſſen glaubte, weil ſie nur die Reiſe weiter aufgeſchoben oder erſchwert haͤtten, und brachte es dahin, daß der Cachef fuͤr Geld und Geſchenke ſich willig zeigte, Em⸗ pfehlungsſchreiben an ſeine Freunde mitzugeben. End⸗ lich am 26. Dezember Abends erhielt man dieſe Briefe; auch kam ein Bruder des Aga Jbrahim mit, der die Fremden auf der Reiſe begleiten wollte, und der Cachef batte einen Janitſcharen beigegeben, der waͤh⸗ 421 rend der Reiſe auf der Barke bleiben, und auf die Franken Achtung geben ſollte. Am 27. Dezember um 8 Uhr ging Norden und ſeine Geſellſchaft auf der neu gemietheten Barke unter Segel, und hatten einen ſtrengen Nordwind. Sie kamen aus dem Hafen des erſten Waſſerfalls, und bald vor einem Dorfe am weſtlichen Nil ufer, Gar⸗ belthees genannt, vorbei. Sie ſahen nun die In⸗ ſel Gieſeret⸗Ell⸗Heif, das alte Philae, etwas vom oͤſtlichen Ufer des Nils entfernt, und neben ihr noch eine andere, mit Felſen aus Granit bedeckt; auf Beiden eine Menge Saͤulen⸗Gaͤnge, Gebaͤude alter Zeiten und andere nicht unbedeutende Alterthuͤmer. Weiter hinauf von Um barakaeb hatten ſie die Grenze zwiſchen Aegypten und Nubien erreicht. Nubien nimmt ſeinen Anfang bei den Doͤrfern Teffa am weſilichen, und Ell⸗Kababſche am oͤß⸗ lichen Ufer des Nil. Nicht weit mehr von dieſen Doͤr⸗ fern entfernt, ſchrie ein Trupp Landeinwohner ihnen zu, ſie ſollten landen, ſie wollten die Franken im Schiffe ſe⸗ den, und etwas von ihren Reichthuͤmern haben; und als man daruͤber lachte, feuerten die Nubier von jeder Seite eine Flinte auf die Barke los, zielten aber troz der Dunkelheit noch ſo gut, daß die Kugeln mehreren Reiſenden vor den Koͤpfen vorbei ſaußten. Man ant⸗ wortete mit? Flintenſchuͤſſen, allein die Burſche gaben noch einmal Feuer. Da rief man ihnen dann aus der Barko zu, man wuͤrde landen, und Alles wieder gut . * 42²² machen. Darauf wurde es ſtille, die Barke ging bei Berbetund vor Ancker, und ſegelte am 28. Der zember weiter. Es war meiſt Windſtille. Am naͤmli⸗ chen Tage ankerte man zu Scherk⸗Abohuet, wo Norden einige Ruinen mit Hieroglyphen fand, und am 29. zu Garbe Abohuet. Die Reiſe am andern Morgen fortſetzend, fuhr man am Garbe Merruwan, Garbe enerie, Dendour u. a. O. vorbei, traf zu Scherk⸗Den⸗ dour ein Grab eines ſogenannten Heiligen an, und vernahm, daß dieſer Platz gerade die Haͤlfte zwiſchen dem erſten Waſſerfalle und Derri ſei. Gegen Mit⸗ tag naͤherte man ſich einer Inſel zwiſchen Girſche und Garbe⸗Girſche. In allen dieſen Orten und auf den benachbarten Bergen befanden ſich einige Al⸗ terthuͤmer, Ruinen, Tempel u. dgl. Zwiſchen leztge⸗ nannten Orten iſt die Stelle, wo die Fahrt auf dem ganzen Nil die allergefaͤhrlichſte wird. Das kommt da⸗ her, weil faſt in der ganzen Breite des Fluſſes Felſen unter dem Waſſer ſtehen, welches an den Seiten die⸗ ſer Felſen ſehr tief iſt. In den Zwiſchenraͤumen der⸗ ſelben ſind Wind⸗ und Waſſerwirbel. Troz der Be⸗ hutſamkeit und der Anſtrengungen der Ruderer blieb die Barke gerade in ihrer Mitte auf einem Felſen haͤn⸗ gen, und der Wirbel drehte ſie auf demſelben, wie auf einer Spindel herum. Die Mannſchaft war in augen⸗ ſcheinlichſter Lebensgefahr; kein Mittel, ſich zu retten, konnte angewendet werden— da gab gluͤcklicher Weiſe 423 der Strom und Wind der Barke zugleich einen Stoß, und ſie war flott und frei. Gleich darauf mußten die Franken ſich nach dem Beiſpiele der etwas furchtſa⸗ men Muſelmaͤnner bewaffnen, weil man an Gegenden vorbeifuhr, wo boͤſe Leute wohnten, die auf jede Barke Feuer gaͤben; man kam aber gluͤcklich durch. Bei Decke, zur Rechten des Nil, ſah Norden die Ue⸗ berreſte eines alten Tempels, der den Namen Ell⸗ Guraen fuͤhrte. Zu Schemedereſchied hatte man die Nacht vor Anker gelegen, und fuhr am ziſten fruͤhe 7 Uhr weiter. Norden bemerkte in der Nachbarſchaft von Sabua, das am weſtlichen Nil⸗Ufer liegt, einige merkwuͤrdige Alterthuͤmer, die praͤchtig in das Auge fallen. Auch fand er in dieſer Gegend nichts, als Berge und Felſen von Sandſteinen umher. Die Berge gehen von ihrem Fuße an allmaͤhlig in die Höoͤhe, und find bis oben fruchtbar, weil das Nilwaſſer bei ſeiner Ueberſchwemmung bis an ihre Spitzen reicht.— Am 1. Januar 1738 weiter geſegelt, langte die Barke bei dem an der Morgenſeite des Nil gelegenen Dorfe Koroſchoff an. Hier ſchrie man ihr zu, zu lan⸗ den. Man gehorchte, und hoͤrte daß hier der Vater des Cachef Ibrim, ein Tſchorbadſchi, auf einem Landhauße ſich befaͤnde. Norden ging ſogleich in Begleitung ſeines uͤdiſchen Bedienten, des Bruders dos Aga von Eſſuaͤn, des Schiffspatrons, und des Janitſcharen dahin. Er fand ſeine Herrlichkeit auf 424 freiem Felde unter bremnender Sonnenhitze ſitzen, und eine Streitſache wegen eines Kamels ſchlichten. Er ſah aus wie ein hungriger Wolf, und war gekleidet wie ein Bettler. Sein altes, rothes und zerlumptes Kleid bedeckte kaum ſeinen Leib, der faſt au allen Op⸗ ten in ſeiner natuͤrlichen Farbe durchſchien, und eine alte Serviette, die ehemals weiß geweſen war, machte ſeinen Turban aus. Erſt nachdem er Hoffnung hatte, Geſchenke zu erbalten, gab er gleichſam Audienz, las die Empfehlungs⸗Briefe ſeines Sohnes und des Aga, und ſagte endlich freundlicher, daß nichts anderes zu thun waͤre, als nach Derri zu gehen, wohin er eben ſo bald eintreffen wuͤrde, und wo er dann mit den Franken weiter Ruͤckſprache nehmen wuͤrde. Zugleich ließ er durch ſeinen Sohn unter 8 magern Ziegenboͤcken, den magerſten waͤhlen, und als Geſchenk an die Barke bringen, wo beinahe ſich ein heftiger Streit daruͤben erhob, ob er den Muſelmaͤnnern oder Chriſten gehoͤre. Hierauf ſegelte man weiter. Auf einmal erklaͤrts der Schiffspatron, er wuͤrde, auch fuͤr noch ſo viel Geld, die Franken nicht weiter als bis Derri, aber nicht zum zweiten Waſſerfall bringen; und meinte, wuͤrden die Herren zu Derri angelangt ſeyn, ſo wuͤrden ſte nicht mehr aus ſo hohem Tone ſprechen. Norden und ſeine Freunde ließen ſich durch alle dieſe ſo oft gehoͤrten und widerholten Reden von Gefahr ꝛe. nicht abhalten, und brachten gar bald eine Aenderung der Sprache hei dem Reys hervor, indem ſie erklaͤrten: 425 Es gehe wie es wollte, ſo wuͤrde es doch immer in ih⸗ rer Macht ſtehen, ihm das Lebenslicht auszublaſen, weil in dem Falle, daß ihnen ein Ungluͤck begegnete, ſie ihn als Urheber deſfelben betrachten wuͤrden.— Bei Amada, einem Orte am weſtlichen Nil⸗Ufer legte man bei. Norden ſtieg an das Land, um einen alten aͤgyptiſchen Tempel zu beſehen, aus dem die Chriſten eine Kirche gemacht hatten. Doch ſchimmerten die Hiero⸗ glyphen durch chriſtliche Bilder durch. Das Kloſter dabez fand er in Ruinen, den Tempel noch ziemlich erhalten und ganz. Auf dem Heimwege begegnete ihm ein Nubier zu Pferde, der ganz nackt war, außer daß ſeine Bruſt mit einem Schaffelle bedeckt war, eine lange Pike trug, und einen Schild aus Rhinoceroshaut am Arme hatte. Er ritt zu Norden und fragte ihn, da man ſich aber nicht verſtaͤndigen konnte, ſo ſezten beide ihren Weg fort. Auf der Weiterfahrt ſah Norden am 2. Jaͤnner eine luſtige Art und Weiſe, wie die Leute uͤber den Nil ſetzen, an. Zwei Menſchen ſaßen auf einem Bund Strod, und eine Kuh ſchwamm vor ihnen her. Einer von ihnen hielt die Kuh mit der einen Hand am Schwanze, und mit der andern lenkte er ſie an einem Seile das an den Hoͤrnern der Kuh gebunden war. Der andere Menſch ſaß hinten, und ſteuerte mit ei⸗ nem kleinen Ruder, wodurch er auch zugleich die en Stroh⸗Floß im Gleichgewicht hielt. Am naͤmlichen Tage ſah er auch einige beladene Kamele durch den I4tes B. Aegypten II. 4. 4 — 426 Fluß bringen. Ein Mann ſchwamm vor ihnen her, und bielt den Zaum des erſten Kamels im Munde. Der zweite Zaum war an den Schwanz des erſten, und der dritte an den Schwanz des zweiten Kamels gebunden. Ein anderer Mann, der auf einem Bund Stroh ſaß, machte den Nachzug aus, und gab acht, daß das zweite und dritte Kamel dem erſten in gera⸗ der Linie folgte.— Am 3. Jaͤnner erreichte die Barke Divan. Ehe man am andern Morgen abſegelte, fing der Steuermann, eine ungerechte Forderung zu ma⸗ chen und Streit an; der aber durch die Charakterfeſtige keit Norden's und ſeiner Freunde bald geſtillt war, dann ſtieß man ab, langte um 9 Uhr iu Dir, oder Derri an.. IV. Derri⸗ 4 Derri liegt an dem oͤſtlichen Nilufer, ſehr nahe der Stelle, wo der Fluß anfaͤngt, ſeinen Lauf nach Weſten zu richten. Die Zeitung der Ankunft der Franken war ſchon vor ihnen hergegangen; denn als die Barke ſich vor Anker legte, ſo ſahen ſie ſchon ei⸗ nen Haufen Poͤbel, der ſie zu ſehen begierig war, um ſie verſammeln der Tſchorbadſchi war auch ſchon angekommen. Norden ging ſogleich mit einem Miſ⸗ ſinnaͤr, der die Landesſprache verſtund, und ſeinem juͦ⸗ diſchen Bedienten zu ihm, um die Aufwartung zu ma⸗ chen. Er war mit mehreren Vornehmen und Großen 427 in einem Divan beiſammen, wo Baram Cachef den Vorſitz fuͤhrte. Nach gegenſeitigen Hoͤflichkeits⸗Be⸗ zeichnungen ſagte der Cachef ſogleich, daß ſie der Rei⸗ ſenden wegen eben ſich berathſchlagt und den Ent⸗ ſchluß gefaßt haͤtten, ihre Reiſe zu befoͤrdern. Da haͤtten ſie denn gedacht, daß fuͤr die Reiſenden der beſte und kuͤrzeſte Weg ſei, mit ihnen zu reiſen, in⸗ dem ſie in kurzer Zeit mit 500 Mann ausruͤcken wuͤr⸗ den, um ein Volk zu bekriegen, das ſich nahe am zweiten Waſſerfalle aufhielte; ſie ſollten daher in Derri auf den Aufbruch warten. Norden aber ließ antworten, daß ſie ihre Reiſe lieber auf dem Nile, auf der von ihnen gemietheten Barke fortſetzen, inzwiſchen aber doch den gemachten Vorſchlag in Ueberlegung nehmen wollten. Nichts war leichter einzuſehen, als daß die Mu⸗ ſelmaͤnner den Franken eine Falle legen wollten, wor⸗ aus ſie ſich ſchwerlich losmachen konnten, wenn ſie nicht ein Mittel, ihr zu entgehen, ausfuͤndig machen wuͤrden. Als Norden ſeinen Gefaͤhrten von dem Antrage des Divan Bericht abſtattete, und ſie ſich er⸗ innerten, was zu Eſſuaͤn vorgefallen, und was ih⸗ nen nach der Zeit widerfahren war, ſo waren alle der Meinung, daß es nur eine Tollkuͤhnheit ſeyn wuͤrde, wenn ſie weiter vorwaͤrts reiſen wollten; die Noth⸗ wendigkeit hingegen forderte, ſo bald als moͤglich die Ruͤckreiſe anzutreten. Sie uͤberließen Norden die Sorge, dis Ruͤckreiſe, ſo gut er koͤnnte, auszuwirken. 423ZI 3 Allein die Erlaubniß dazu, war nicht ſo leicht zu er— halten. Er merkte nur zu gut, daß man boͤſe Abſich⸗ ten gegen ſie im Schilde fuͤhrte. 4 Hatte man den Cachef gewonnen, daß er um einen gewiſſen Preiß, ſeine Barke wieder zur Verfuͤgung Ruͤckkehr geſtatten ſtellen, und unſeren Reiſenden die wollte, ſo hintertrieb es der ſchm e Tſchorbad⸗ ſchi. Jeder ſuchte ſeinen hoͤchſten Vortheil. Charak⸗ ter⸗Staͤrke, Kaltbluͤtigkeit und Muth vorzuͤglich von Seite Norden's, bewirkten endlich, daß der Cachef ſich gegen Geld und Geſchenke bewegen ließ, die Barke zur Abreiſe bereit zu halten. Am 6. Jaͤnner fuhren unſere Reiſenden von Derri wieder ab, um nach Kairo zuruͤck zu kehren, und ſo waren ſie gluͤcklich aus den Haͤnden des Tyrannen entwiſcht. Einer wuͤnſchte dem andern Gluͤck, daß man noch um ſo einen wohlfeilen Preis fortgekommen war. Faſt Tag und Nacht fortgeſegelt, legte man am llichen Ufer bei Dendour, Mittags 2 Uhr, vor Anker, weil der Nordwind zu ſtark wurde. Am vorigen Tage ließ ſich der Schiffspatron einfallen, 8.Maͤuner am oͤf einen Tyrannen im Kleinen anzuſtellen; er wollte ſei⸗ nen liebenswuͤrdigen Herrn Baram Caſchef kopi⸗ ren, forderte ungeſtuͤmm noch 30 Sevillanen uͤber den Schiffslohn, und drohte, die Franken wie⸗ der nach Derri zu bringen. Norden aber verſt cherte ihm treuherzig, daß er, wenn er(der Reys) nur eine Miene machte, gleich uͤber Bord geworfen 42²9 ſey, und daß die Reiſenden ſelbſt ſchon dafuͤr forgen wollten, mit dem Schiffe fortzukommen. Nach dieſer Drohung anderte der Burſche ſeine Sprache. Am 9ten Abends erreichte Norden Abohuer. Das Volk wunderte ſich uͤberall, wie die Franken die Er⸗ laubniß erhalten haͤtten, oder erhalten koͤnnen, von Derri zuruͤck reiſen zu duͤrfen. Einige Araber hatten ſogar mit einer barbariſchen Hoͤflichkeit hinzugefuͤgt, daß, wenn der Reys die Reiſenden an das Land ſetzen und ihnen zufuͤhren wollte, ſie dieſe pluͤndern und den Raub mit ihm theilen wollten. Am 10ten erreichte man Gieſeret Ell⸗Heiff. Der Reys ſtieg dann mit dem Bruder des Aga und dem Janitſcharen an das Land, und gingen nach E ſ⸗ ſuaͤn; Norden aber gewann durch Geld den Steuer⸗ mann, daß ihn dieſer, obgleich es ſpaͤt war, an der Inſel mit noch einem Gefaͤhrten ausſetzte, um die Alterthuͤmer zu beſchauen. Er brachte die ganze Nacht, die außerſt hell war, im Beſchauen des Iſistem⸗ pels und anderer Denkmale zu, und wollte, wie die Sonne empor geſtiegen war, eben auffallende Hiero⸗ glyphen abzeichnen, als eine Truppe von wenigſtens 100 Köͤpfen Landesbewohner ihn durch Drohen und Unge⸗ ſtuͤmm noͤthigten, ſich an das Schiff zu begeben, wor⸗ auf man dann um 9 Uhr Vormittags in dem Hafen von Morrada wieder eintraf.. Der Sohn des Aga von Eſſuaͤn, der Anfangs jemlich wild ſich benahm, brachte am 12. Jaͤnner die 430 Laſtthiere zuſammen, um das Gepaͤcke der Reiſenden und ſie ſelbſt nach Eſſuaͤn zu bringen. Er ſelbſt mit ſeinen Leuten begleitete die Reiſenden, die auf ein⸗ mal zu ihrem Erſtaunen, vielleicht auch Schrecken, ſahen, daß der Muſelmann nicht den rechten Weg nach der Stadt einſchlug, ſondern Eſſuaͤn ſeitwaͤrts ließ, und die Franken auf des Agas Landhaus jenſeits Eſſuaͤn fuͤhrte. Aber er hatte dieß bloß gethan, um die Fremden den Augen des Pöbels der Stadt zu ent⸗ ziehen, von denen Gefahr drohen konnte. Auch ver⸗ ſprach er ihnen eine geraͤumige Barke nach Kairo zu ſchaffen. Waͤhrend eine ſolche geſucht, und um ſie gehan⸗ delt ward, ſchiffte Norden in Begleitung der Geiſt⸗ lichen der Geſellſchaft, und dann eines Bedienten und vier Jauitſcharen, welche des Agas Sohn als Schutz⸗ wache mitgegeben hatte, an das andere Ufer des Nils auf einem Kahne. Es war der 14. Januar. Nor⸗ den wollte die Alterthuͤmer ſehen, von denen der aͤgyptiſche Bediente ſo viel geprahlt hatte; allein er fand nach unbehaglichem Gange, nur alten Schutt ſtatt Ruinen, einige Knochen von todten Arabern in geoͤffneten Grabſtaͤtten fuͤr verheiſſene Mumien, und an den mit Kalk bezogenen Waͤnden einiger Kirchen⸗ Ueberbleibſel einige Schmierereien mit Holzkohlen ſtatt Gemaͤhlden oder Hieroglyphen. Es ſchien dem muſel⸗ maͤnniſchen Bedienten, ein Vergnuͤgen, Norden be⸗ trogen zu haben. —— 4 — — 431 Der Aga Ibrahim von Eſſuaͤn war bedeu⸗ tend krank bei Norden's Ankunft, am 46. Januar meldete ſeinen Tod der Sohn, zugleich, daß er Nachfol⸗ ger ſeines Vaters geworden ſei. Die Reiſenden ließen ihm hierauf gleich ihr Beileid und ihren Gluͤckwunſch eroͤffnen, und fuͤgten Geſchenke bei, die ihm ange⸗ nehm waren. Die Hoͤflichkeiten erwiederte der neue Aga. Allein er war ſtets ſehr eigennuͤtzig, wollte im⸗ mermehr Geſchenke und zwackte ab, ſo viel er konnte. Auch ſeiner Frau hatte man am 23. Januar Geſchenke uͤbermacht, mit denen ſie wohl zufrieden war, wie ſie ſagen ließ. Am 24. Januar brachten Kamele und Eſel das Gepaͤcke an die neu gemiethete Barke. Dabei kam es am Hafenplatz zwiſchen den Kamel⸗ und Eſeltreibern zu einer tuͤchtigen Schlaͤgerei, in die ſich gleich der Poͤbel miſchte. 300— 400 Mann gingen wohl z3mal auf einander los. Kaum konnten Janitſcharen ab⸗ wehren. Am naͤmlichen Tage beſuchte der neue Aga die Reiſenden Abends in ihrem Gezelte bei der Barke, wo er Norden belehrte, wie ſchicklich waͤre, ihm noch einige Geſchenke zu geben. Endlich am 27. Ja⸗ nuar 1 Uhr Morgens lichtete man den Anker, und fuhr wieder weiter auf Kairo zu. V. Ruͤckkehr. Abends* Uhr legte man zu Gieſiret Ellman⸗ ſorig an, wo eben der Cachef von Esnay ſein La⸗ . „ ger hatte. Er wollte, daß die Reiſenden an das Land kaͤmen, und Norden ging ſogleich hin, um ihm ei⸗ nige Geſchenke zu geben; doch waren ihm die ſe nicht genug. Erſt den andern Tag erlaubte der Cachef die weitere Reiſe. Ehe unſere Reiſenden abſteuerten, ſendete er nach, ob ſie ihm nichts ſchicken konnten, welches ſeine Manuskraft erhoͤhe. Norden und die Seinigen konnten ſich des Lachens be dieſe Forderung nicht enthalten; doch ſendeten ſie ihm 2 Flaſchen mit ungariſchem Waſſer, und ließen ihm ſagen, daß er Abends und Morgens davon nehmen moͤchte. Nach einer Fahrt, die meiſtens Tag und Nacht ununterbrochen fortging, erreichte Norden am 3oten Esnay, wo man dieſe Nacht bleiben mußte, da der Wind noͤrdlich blieb und ſtark wehte, beſichtigte waͤh⸗ rend am Tage des 34ten das Steuerruder ausgebeſſert wurde, den alten Tempel in Esnay, ging dann Abends wieder unter Segel, ſah am 1. Februar Ell⸗ Ardie, am 2ten Aßfuum, und ſtieg am zten bei Luxor Nachts an das Land, um die Denkmaͤler in der wunderſchoͤnen und hellen Pacht auszumeſſen. Am aten fuhr man nach Carnac. Weil aber der Nil an der Seite ſeichtes Waſſer hatte, mußte man uͤber 2 Meilen fortſchiffen, ehe man eine Stelle fand, Norden wieder an das Land zu ſetzen, um die Rui⸗ nen beſchauen zu koͤnnen. Sein Reys ſchafft ihm, dem Ermuͤdeten, ein Pferd dazu; allein dieſes war wild und rannte denn mit ſeinem ſchlechten Reiter —— 433 (Norden verſtand ſich datu) eine Strecke fort, bis es auf einem Palmbaum ſtieß, wo es ſtutzte, und ſtille hielt. Norden ſtieg nun ab; zudem waren auch ſeine Freunde zur Huͤlfe herbeigeeilt. Der Zaum des Pferdes hatte in einem Stuͤck Bindfaden beſtanden, und der hoͤlzerne Sattel war auch nicht feſt geguͤrtet. Norden hatte ſeine Knie ſo feſt anſchließen muͤſſen, daß die Haut davon abging. Da wieder Araber ſich zu ſammeln anfingen, und Geld forderten, eilte Norden wieder zur Barke, wo er das Haupt einer ſolchen Rotte antraf, der auch gleichſam einen Tribut entrichtet haben wollte, da man ſein Gebiet betreten. Er ließ ſich mit etwas Pulver und einigen Kugeln leicht abſinden. Doch kaum hatte der Schelm dieſes empfangen, ſo lud er ſeine Flinte, und drohte mit ihr, wenn man nicht zaͤhlte, was er wollte. Andere Araber, die mitgekommen waren, fingen ſich zu erhe⸗ ben, und wollten Backſich(Geld). Jedoch die Ant⸗ wort waren die geladenen Gewehre der Franken, und die Drohung, den Schech niederzuſchießen, wenn er ſeine Flinte nicht ablegte. NRun befahl Norden, die Barke los zu machen, und abzuſtoßen. Dieß woll⸗ ten die Araber hindern; allein Norden und ſeine Gefaͤhrten theilten mit ihren Kolben links und rechts zu kraͤftige Stoͤße aus, daß die Barke frei gemacht wurde und fortlief.— Norden hatte dabei Papiere verloren, welche Ausmeſſungen und die Abzeichnun⸗ 434 gen der Alterthuͤmer zu Luxor enthielten. Endlich erhielt er ſie um einen Piaſter wieder. Am Iten haͤtte beinahe ein Ungluͤck auf dem Schiffe entſtehen koͤnnen, indem des Reys Sohn, ein junger Burſche, unvorſichtig mit einer Flinte ſpielte, und dieſe los ging. Am 12ten kam Norden ohne Abentheuer um 9 Uhr Abends wieder zu Girge an; blieb am 13ten liegen, weil der Reys und der juͤdi⸗ ſche Bediente ſich Schmuggeieien mit Datteln, ohne Wiſſen der Reiſenden erlaubt hatten, und deßhalb das tuͤrkiſche Mautperſonal eingriff, das aber ſehr artig war. Er kam nach Achmiin, und am 12ten nach Maraga. Hier ſtieß die Barke auf cine Sandbank. Am andern Morgen ließen ſich die Schiffsleute in das Waſſer, und machten ſich wieder flott. Die folgen⸗ den Tage ſah Norden am 16ten Catra Siunut, Monfaluut wieder; am 11ten Umel Guſuer, Galaniſch; am 18ten Schech Abade, Suuadaz den 19ten Menie; den 20ten S cheronaz den 21ten Beneſoef und Eſchmend Ell⸗Arab; den 22ten Sauvied Ell⸗Masluub, die Inſeln, die Py⸗ ramiden von Sakara, den Ort Kofferlayad und langte am 23. Februar wieder gluͤcklich zu Alt⸗ Kairo an. VI. Kairo und Alexandrien. Die Reiſenden ſchickten ſogleich nach Kgiro hin, und ließen ihre Ankunft melden, Tags darauf wurde 43⁵ eine Anzahl Kamele geſendet, welche ihr Gepaͤcke nach Kairo brachten. Norden langte zu Mittag wieder in Groß⸗Kairo an. Von hier reiſte er nach Ale⸗ randrien, um nach Europa zuruͤck zu kehren. Von dieſer Ruͤckreiſe hat er wenig aufgezeichnet. In Alexandrien heſichtigte er noch Manches. Auf einer Landſpitze, die ſich auf einem kleinen Striche Wegs in die See erſtreckt, zwiſchen der Stadt A le⸗ randrien und der weſtlichen Muͤndung des Nil⸗ fluſſes, ſah er das Schloß Bokkur. Die Stadt Ro⸗ ſette beſuchte er; ſie liegt an der Muͤndung des weſtlichen Arms des Nils, iſt Handelsſtadt und Sta⸗ pelplatz zwiſchen Kairo und Alexandrien, und hat einen Hafen. Bei den Alten hieß ſie Metelis; vielleicht war ſie aber auch jenes praͤchtige Canopus, wofuͤr man jetzt Abukir haͤlt, ein Dorf zwiſchen Alexandrien und Roſette(beruͤhmt durch die große Seeſchlacht der Franzoſen und Englaͤnder, und durch die Landſchlacht Napoleons gegen die Tuͤrken). In jenen Zeiten zaͤhlte Roſette 40,000 Einwohner, vielleicht jetzt mehr— vielleicht auch weniger. Nicht unintereſſant fuͤr Beſuch und Beſichtigung waren fuͤr Norden noch das Dorf Deruth am Ufer des Nils gegen Suͤden von Roſette, und ge⸗ gen Oſt von Alexandrien,— die Moſchee des Scheikh Gadder am ufer des Nils zur linken Hand, wenn man in deſſen Muͤndung einlaͤuft; und einige ſchoͤne Moſcheen in Suͤden von der Stadt Roſette. 436 Alle dieſe Orte liegen in dem Delta, oder doch nahe dabei. Der von den beiden Armen des Nils ein⸗ geſchloſſene Theil von Aegypten hat dieſen Namen, wie bekannt von ſeiner Geſtalt, die einem griechiſchen A△(Delta) gleicht. „Man wundere ſich nicht daruͤber, ſagt Norden an einer Stelle ſeines Tagebuches, daß ich verſchie⸗ dene Orte mit Stillſchweigen uͤberging: denn ich war nicht da, und hatte gar keinen Grund zu hoffen, da⸗ ſelbſt eiwas Merkwuͤrdiges anzutreßen!“ Ehe er Alexandrien verließ, war er Zeuge noch eines heftigen Auftrittes in dieſer genann⸗ ten Stadt. 4 Vor einigen Jahren hatte eine boͤsartige griechi⸗ ſche Frau eine Art von oͤffentlichem Hauſe angelegt, wo die franzoͤſiſchen Schiffsleute, wenn ſie nach Ale⸗ xandrien kamen, tranken. Die Unordnungen und Ausſchweifungen, die darin vorſielen, hatten den franzoͤſiſchen Konſul bewogen, alles aufzubieten, um dieſes oͤffentliche Haus abzuſchaffen. Dieſes Weib hatte aber ſolche Vorſicht gebraucht, daß alle ſeine Bemuͤhungen vergeblich waren. Die Frau hatte ſich einen Janitſcharen zu ihrem Beſchuͤtzer ausgeſucht, und dieſer war einer von den Großſprechern und Prahlern, denen es bei Gelegenheit nie an Freunden und Anhaͤngern unter ſeinen Kameraden zu fehlen pflegt. Anfangs begnuͤgte ſich dieſer Menſch damit, daß er uͤber ſich nahm, fuͤr den Beſitzer dieſes oͤffent⸗ —— ———— 437 lichen Hauſes zu erſcheinen und zu gelten. Er pruͤ⸗ gelte die Franzoſen, wenn ſie Getuͤmmel im Hauſe machten. Da aber der franzoͤſiſche Konſul den Befehl gab, keiner ſeiner Nation ſollte dieſes Haus mehr be⸗ ſuchen, ſo erklaͤrte ſich dieſer Janitſchar fuͤr einen Feind aller Franzoſen. Er ließ es nicht bei Worten und Drohungen bewenden. Er fiel auch alle Franzo⸗ ſen, die ihm begegneten, gewaltſam an. Die Regie⸗ rung von Alexandrien weigerte ſich„den Janit⸗ ſcharen darum zu beſtrafen; es ſei nun, daß ſie den Burſch fuͤrchtete, oder daß ſie ohne vorhergegangene Beſtechung den Franzoſen keine Genugthuung geben wollte.— Inwiſchen wurde der Janitſchar an jedem Tage immer unertraͤglicher, und kein Franzoſe durfte mehr aus ſeiner Wohnung gehen, ohne cine uͤble Begeg⸗ nung von ihm ausſtehen oder befuͤrchten zu muͤſſen. Unter dieſen Umſtaͤnden litt ihre Sicherheit ſehr, und vielleicht ihr Stolz noch mehr. Daher wandten ſie ſich mit ihrer Kiage an die Ober⸗Regierung nach Kairo. Von dieſer wurde ein Offizier einer Abthei⸗ lung Janitſcharen, ein Sious, nach Alexan⸗ drien geſendet, die Sache zu unterſuchen, und fuͤr die Sicherheit der Franken Maßregeln zu ergreifen. Der Janitſchar aber, der von der uͤber ihn ſchweben⸗ den Gefahr unterrichtet ward, verließ ſeine Janitſcha⸗ ren Orta, begab ſich unter die Aſſafs, eine andere Militz, und wollte ſo, durch dieſen Schutz, aus⸗ 438 weichen. Der Sious kam zu Alexandrien an, und traf ſeine Anſtalten. Zuerſt gab er Befehl, alle ““ griechiſche Frauensperſonen dieſes oͤffentlichen Hauſes gefangen zu nehmen, ließ ſie dann auf ein franzoͤſi⸗ ſches Schiff, und nach der Inſel Cypern bringen. Nun ließ er den Janitſcharen und ſeine Hauptgenoſ⸗ ſen vor ſich fordern. Diefer hatte ſich bei dem Vor⸗ gefallenen nicht ſehen laſſen, und machte auch nicht die geringſte Bewegung unter Aſſafs, unter deren Schutze er ſich nun ſicher wußte. Dehhalb erſchien er unerſchrocken mit ſeinen vorgeforderten Kameraden vor dem Gerichte; der Poͤbel folgte nach, begierig des Ausganges. Der Sious empfing ſie ſehr hoͤflich. Er ließ ſie an ſeinen beiden Seiten niederſetzen, und ſprach an⸗ fangs mit ihnen von ganz gleichguͤltigen Gegeuſtaͤn⸗ den. Auf einmal lenkte er das Geſpraͤch darauf, daß ſie ja von den Janitſcharen ausgetreten und die Porte der Aſſafs hingegen angenommen haͤtten, griff da⸗ bei den verklagten Janitſcharen feſt an, und auf die⸗ ſes Zeichen ſtuͤrzten die Gerichtsdiener uͤber die Ver⸗ brecher her, nahmen ihnen die Waſſen und hielten ſie feſt. Hierauf wurden ſie in Eiſen gelegt, an ein klei nes Fahrzeug gebracht und fortgefuͤhrt. Alle die, welche zur Porte der Aſſafs gehoͤrten, und der Poͤbel, verurſachten einen ſchleunigen Auf⸗ ruhr. Der Sious aber begab ſich ſogleich auf den Erker des Hauſes, gebot Stillſchweigen, und verlas —-— 439 mit lauter Stimme die beiden Vollnachten, mit wel⸗ chen er verſehen worden war, die ſchlan genug, um ſie gehoͤrig gebrauchen zu koͤnnen, ſowohl fuͤr die Porte der Aſſafs als Janitſcharen ausgefertiget wor⸗ den waren. Darauf gingen nun die Aſſafs aus einander. Die Franzoſen hatten ſich in Acht genommen, es nicht merken zu laſſen, daß ſie in dieſen Handel ver⸗ wickelt ſeien, und in den Vollmachten des Sious war auch ihrer nicht mit einem Worte gedacht. Deſ⸗ ſen ohngeachtet wurden ſie vom Volke, als der augrei⸗ fende Theil und Urheber der ganzen Sache angeſehen. Die Frauen der Burſche„die zu Schiffe gebracht und fortgeſchafft waren, bildeten ſich ein, daß ihre Maͤn⸗ ner außerhalb des Hafens in das Meer geworfen und erſaͤuft worden ſeien. Sie liefen deshalb wie Furien oder Maͤnaden durch die Stadt, riefen zur Rache gegen die Franzoſen auf, und beſtuͤrmten mit raſendem Poͤbel das Haus des franzoͤſiſchen Konſuls. Die ihm zur Huͤlfe geſchickten Janitſcharen mußten vor dem Steinregen ſelbſt in das Haus fluͤchten, end⸗ lich gelang es den Janitſcharen, die der Sious ſo⸗ wohl, als der engliſche Konſul geſendet hatten, den Poͤbel zu zerſtreuen. Doch rannten die Weiber bis Nachts in den Straͤſſen herum, ſtießen Fluͤche und Scheltworte gegen die Franzoſen aus, und wollten zu neuem Aufſtande und Tumult anreitzen. Die Ruhe kehrte aber mit Einem gaͤnzlich zuruͤck, da man erfuhr, 44⁴0 die Verhafteten ſeien auf das Schloß Beaukier gebracht, und ſollten von da in das Elend verwieſen werden. Zu Alexandrien ſtieg Norden endlich zu Schiffe, um nach Europa zu fahren, unterwegs zu Meſſina aus, und Keſah dieſe Stadt, ging aber bald darauf wieder zu Schiffe, und langte zu Livor⸗ no au. Sein Weg zog ſich weiter uͤber Venedig, wo er ſich nicht lange aufhalten konnte, weil er ſeine Ruͤckreiſe nach ſeinem Vaterlande beſchleunigen und ſeinem Koͤnige die Reſultate ſeiner Reiſe berichten wollte. Der Graf von Danneßkiold⸗Samſoe, damals Admiralitaͤts⸗Praͤſident, ſtellte ihn, zu Ko⸗ penhagen nunmehr angelangt, dem Koͤnige vor. Zum Kapitaͤn erhoben, und zum Mitgliede der Schiffbau⸗Kommiſſion ernannt, diente er kurz dar⸗ auf mit koͤnigl. Crlaubniß, als Freiwilliger auf der Flotte der Britten gegen die Spanier. Dieß war im Jahre 41740 im Februar, im October ging er als Vo⸗ lontair der Britten, mit dem Admiral Chaloner Ogle nach Amerika, um daſelbſt Admiral Ver⸗ non zu verſtaͤrken, und einen Verſuch zur Wegnahme Karthagenas zu machen. Aus Amerika zu⸗ ruͤckgekommen, blieb er noch einige Zeit in Eng⸗ land, wo er gut aufgenommen, ſelbſt vom Prinzen von Wales ausgezeichnet, und im Jahre 1742 zum Mitgliede der koͤnigl. engl. Societaͤt der Wiſſenſchaften ernannt wurde. Doch verfiel er wegen ſeiner vielen 441 Strapazen, die er auszuſtehen gehabt, und wegen ſei⸗ nen Arbeiten, deren er ſich anſtrengend unterzogen hatte, beſiel ihm eine auszehrende Krankheit. Etwas dem Scheine nach erholt, ging er mit ſeinem Kame⸗ raden, dem jungen Dannesciold⸗ Samſoe (Neffen des Praͤſidenten) nach Frankreich, um die Kuͤſten und Haͤfen dieſes Landes zu beſichtigen, wurde aber zu Paris ſo krank, daß er daſelbſt am 22. Sept. 1742 mit dem Tode abging. Er wurde aufrichtig be⸗ dauert. J. Das Kloſter des h. Auton iſt ein großer vier⸗ eckigter eingefaßter 7 latz; der Eingang zu demſelben findet durch ein Feuſter ſtatt, wie zu jenem gauf dem Berge Sinai. In dem beiliegenden Abriſſe ſind fol⸗ gende Gegenſtaͤnde zu bemerken: A. Die Kirche des h. Peter und Paul. B.———— Anton. C. Der Glocken⸗Thurm mit einer kleinen Glorke. D. Der Thurm, worin die Moͤnche ihren Vorrath und ihre Buͤcher haben. E. Die Zugbruͤcke zu demſelben. F. Das Fenſter, durch welches man in das Klo⸗ ſter kommt.. 3. Aegypten. II. 1. 5 442 G. Die Zellen der Moͤnche. H. Die Muͤhle. J. Der große Garten. R. Die Kapelle des h. Markus, Schuͤlers des Anton. L. Der Weingarten. M. Die Palmwaͤlder. N. Der Aprikoſen⸗Garten. 0. Die Johannes⸗Brod⸗Baͤume. P. Der Oliven⸗Garten. Q. Drei Waſſer⸗Quellen. II. In dem Pauls⸗Kloſter: Die Kirche und Hoͤhle des h. Paul. 4 Die Glocke. Ein Thurm. Das Fenſter zum Einſteigen. Die Zellen der Moͤnche. Die Muͤhle. Der Garten. Eine etwas ſalzichte Quelle. Feosngenn; 8 X. Savary's Reiſe durch Aegypten im J. 1777. A. d. Franz. überſetzt, und in gedraͤngter Kürze mitgetheilt vom Prof. Eiſenſchmid zu Aſchaffenburg*). — Erſter Theil. I. Savary kam den 24. Julius 1777 nach Ale⸗ zLandrien, einer Stadt, die verdient, die Blicke *) Lettres sur lBgypte, öu J'on cffre le paral- ele des moeurs anciennes et modernes de Ses habitans, ôu l'on décrit l'état, le commerce Pagricultuse, le Souvernement, l'ancienne religion du pays, et la déscente de S. Louis à Damiette, tirér de Joinville et des Autheurs Arabes, avec des cartes géographiques. Par M. Savary. à Paris 1785. 8. T. I. 1236. 1. II. III. Seconde édition revue et corrigée. 5 Vol. à Paris 1796. 8. Chez Onfroi, libraire, 444 jedes Fremden auf ſich zu ziehen. Ihr Alterthum macht ſte in mehrfacher Hinſicht merkwuͤrdig. Nur iſt ſchmerzhaft, eine ſo beruͤhmte Stadt, in der Mitte ihrer eignen Mauern ſuchen zu muͤſſen. Denn das alte Alexandrien zaͤhlte 900,000 Einwohner unter Auguſtus, waͤhrend das neue hoͤchſtens 6000 in ſich faßt; doch iſt der Handlungs⸗Verkehr aͤußerſt leb⸗ haft, weil er durch die Lage der Stadt ungemein be⸗ guͤnſtigt wird. Die Stelle des mareotiſchen Sees be⸗ decken nun Lybien's Sandſteppen, und der Kanal von Faoué iſt zur Haͤlfte mit Schlamm gngefuͤllt. Außer den Mauern der Stadt ſieht man nur ſparſam zertreute Feigen und Dattelbaͤume, Kapern⸗Geſtaͤude und Aſchenſalz, welches einen unausſtehlichen Anblick gewaͤhrt.* II. Doch ſind nicht alle Spuren alterthuͤmlicher Groͤße Alexandriens vertilgt. Dahin gehoͤren die unterirdiſchen Waſſerleitungen und Ciſternen, die bei⸗ den Obelisken der Cleopatra aus thebaiſchem Steine, mit Hieroglyphen bedeckt, wovon einer um⸗ geſtuͤrzt, zerbrochen und mit Sand bedeckt iſt; der andere auf einem Piedeſtale ſteht; ferner die fuͤnf Marmorſaͤulen am Platze der ehemaligen Gymnaſtums⸗ quai des Augustins. On trouve à la meme adresse: La vie de Mahomet, avec la tra- duction du Coran, du même Autheur. 445 Hallen; beſonders aber die Saͤule aus rothem Granit, eine Viertels Meile von dem ſuͤdlichen Thore der Stadt. Mit der Herrlichkeit dieſes Denkmals laͤßt ſich gar nichts vergleichen. Von Ferne beherrſcht es die ganze Stadt, und dient den Schiffen als Signal; in der Naͤhe floͤßt es ehrfurchtsvolle Schauer ein. Wahrſcheinlich iſt es die ſogenaunte Saͤule des Se⸗ verus: denn die Geſchichte ſagt uns, daß dieſer Kaiſer nach ſeiner Ankunft in Aegypten der Stadt Alexandrien einen Senat gegeben, und ſich um ihre Einwohner ſehr verdient gemacht habe. Dieſe Saͤule war alſo ohne Zweifel ein Zeichen ihrer Dank⸗ barkeit. In einer Entfernung von einer halben Stunde auf der Suͤdſeite der Stadt, ſteigt man in die Cata⸗ comben. Labyrinthiſche Gaͤnge fuͤhren zu unterirdi⸗ ſchen Grotten, wo die Todten beigeſetzt waren. Die Vorſtadt von Neo vopolis(Dodtenſtadt) erſtreckte ſich bis dahin. Merkwuͤrdig iſt auch das Bad der Cleopatra, ein großes in einen Felſen ausgehoͤl⸗ tes Baſſin, welches das Meeres⸗ Ufer bekraͤnzt. Die Einwohner ſind ein Gemiſch von Mohren und Tuͤrken, welche Verbrechen halber aus ihrem Lande fluͤchtig wurden; der Fremde ſieht ſich hier von den arabiſchen Beduinen am hellen Tage gepluͤn⸗ dert, und die ganze Natur, eilf Monate im Todes⸗ ſchlummer, ſchmuͤckt ſich nur einen Augenblick mit ei⸗ 446 nem gruͤnen Teppiche, um deſto tiefere Sehnſucht in der Seele zuruͤck zu laſſen. III. Geht man von Alexandrien nach Ro⸗ ſette, ſo laͤßt man den Kanal von Faoué rechts liegen, durchſchreitet die Truͤmmer eines großen Cir⸗ eus, und trifft links die Ruinen von Nikopolis. Von da zieht ſich der Weg laͤngs der Meereskuͤſte hin. Sechs Meilen von Alexandrien kommt man zur Faͤhre Madié, der aͤußerſten Spitze des ceanopi⸗ ſchen Arms, der ſich vom Faoué durch den See Behiré nahe bei Abukir, dem alten Canope in das Meer ſtuͤrzt. Der Kanal, der von Alexan⸗ drien nach Canope fuͤhrt, und ehedem nach Stra⸗ bo's Erzaͤhlung(17. B.) Tag und Nacht mit Fahr⸗ zeugen der Wallfahrer zum Tempel des Serapis angefuͤllt war, iſt nur einen Cheil des Jahres trocken, und die verheerte Stadt zeigt den Blicken nur verfal⸗ lene Gemaͤuer, und ein Schloß, das mit einigen Ka⸗ nonen bepflanzt iſt, um die Rhede zu vertheidigen. Hat man die Faͤhre bei Madié paſſirt, ſo iſt das rathſamſte, waͤhrend des noch uͤbrigen Weges von vierzehn Meilen ſich an eine Karawane anzuſchließen, und zum Schutze gegen die Flammen des brennenden Himmels und die Verderben bringenden Sandwirbel Nachts die Reiſe zu machen, um nach Roſette zu gelangen. Roſette, von den Arabern Naſchid genannt, iegt an dem alten Arm Bolbitine, dem es ſeinen 447 Namen gegeben hat. Seine Gruͤndung reicht bis in das achte Jahrhundert; jetzt iſt es eine der angenehm⸗ ſten Staͤdte Aegyptens. Es hat zwar keinen an⸗ ſehnlichen Platz, keine ſchnurgerade Straße, aber alle Haͤufer zeichnen ſich durch gefaͤllige Eleganz und Rein⸗ lichkeit aus. Im Innern ſind geraͤumliche Gemaͤcher, deren ſtets offene Fenſter, in reichlicher Anzahl, der Luft friſchen Durchzug gewaͤhren. Unter den offentli⸗ chen Gebaͤuden verdienen die Moſcheen mit ihren ho⸗ ben, ſchlanken, und kühn aufſtrebenden Minarets alle Aufmerkſamkeit. Die meiſten Haͤuſer haben die Aus⸗ ſicht auf den Nil und das Delta. Das Getuͤmmel des Hafens, die Freude der Seeleute, ihre rauſchende Muſik, gewaͤhren ein lebhaftes und mannigfaltiges Schauſpiel. Das Delta, dieſer unermeßliche Garten⸗ wo die Erde nie in ihrer Produetionskraft ermuͤdet, beutet das ganze Jahr Ernten, Gemuͤſe, Blumen und Fruͤchte. Dieſe uͤberſtroͤmende Mannigfaltigkeit befriedigt auf einmal Herz und Augen zugleich. Hier wachſen verſchiedene Gattungen aͤußerſt ſchmackhafter Melonen, und die Feige, die Orange, die Paradies⸗ feige, der Grenatapfel ſind ganz ausgezeichnet. Auf der Nordſeite der Stadt trifft man Gaͤrten, wo die Zitronen⸗, Orangen⸗, Dattel⸗ und wilde Feigen⸗ baͤume nur ſo wie von Ungefaͤhr hingepflanzt ſind. Dieſe Unordnung iſt zwar nicht angenehm, aber das Gemiſch der Baͤume, ihr Laubenbalsachin, den kein Sonnenſtrahl durchdringt, und die hiex und da ge⸗ 448 ſaͤtten Blumen machen den Aufenthalt in dem kuͤhlen⸗ den Schatten aͤußerſt reitzend. Der groͤßte Reichthum der Einwohner von Ro⸗ ſette beſteht im Handel. Der Transport fremder Waaren nach Kairo, und jener aͤgyptiſchen Produkte in den Hafen von Alexandrien beſchaͤftigt eine große Anzahl von Seeleuten. Sie bedienen ſich einer Gattung leichter Schiffe, mit lateiniſchem Segel (Scherm), welche ſehr gefaͤhrlich ſind, weil ſie kein Verdeck haben. Ein ploͤtzlicher Windſtoß legt ſie um, und verſenket ſie. Eine furchtbare Klippe fuͤr ſie iſt der Bogaz. So heißt man die Anhaͤufung von Schlamm und Sand beim Ausfluſſe des Nils. Hier kaͤmpfen die tobenden Wellen, um ſich einen Pfad in das Meer zu bahnen. So wie der Wind ſtaͤrker wird, ſo erheben ſich die Wogen wie Gebuͤrge; auch bilden ſich Wirbel, welche die Fahrzeuge verſchlingen. Der Bogaz hat bei ſeiner geringen Tiefe in einer Aus⸗ dehnung von einer Meile gewoͤhnlich nur eine einzige Oeffnung von einigen Toiſen, welche die Schiffe durchziehen muͤſſen. Dieſe Oeffnung veraͤndert von Se zu Zeit ihre Stelle. Tag und Nacht zeigt ein chiffer, mit der Sond irſtange in der Hand, den Siniffiden welche Richtung ſie nehmen muͤſſen; aber oft vermag ihre Kunſt nicht des Windes und der Flu⸗ then Meiſter zu werden; ſie verlieren den rechten Weg, gerathen auf Sand, und verſinken nach einigen Minuten ganz in einem Wirbel von Fluth und Schlamm. — — 4⁴⁹ Jedes Jahr iſt durch eine große Menge von Schiff⸗ bruͤchen ausgezeichnet. Zwei ganze Monate im Jahre iſt dieſe gefaͤhrliche Stelle ganz geſperrt, und der Handel von Alexandrien unterbrochen. Und wenn ſie ganz unfahrbar wuͤrde, wenn alle aͤgyptiſchen Fahr⸗ zeuge daruͤber zu Grunde gingen, die Regierung der Ottomannen wuͤrde auch nicht eines Daumens Breite vom Kanale Faoué nehmen, um die Schifffahrt her⸗ zuſtellen. Man laͤßt alles zu Grunde gehen, ohne et⸗ was auszubeſſern. IV. Roſette iſt ein aͤußerſt anziehender Aufent⸗ baltsort fuͤr einen Europaͤer. Tauſend neue Gegen⸗ ſtaͤnde beſchaͤftigen das Auge. Man glaubt ſich in eine andere Welt verſetzt. Die Menſchen, die Naturpro⸗ dukte, alles iſt veraͤndert. In der Stadt herrſcht tie⸗ fes Schweigen, welches von keinem Geldͤſe der raſ⸗ ſelnden Wagen unterbrochen iſt. Die Kamele vertre⸗ ten die Stelle der Kutſchen. Die Einwohner ſchreiten mit der ihnen eigenthuͤmlichen Gravitaͤt, welche ſich nicht ſtoͤren laͤßt, ruhig dahin. Lange Kleider fließen bis zur Verſe hernieder. Ihr Haupt iſt mit einem ſchweren Turban beladen, oder mit einem langen Stuͤck Seide oder Wollenzeug(Schale) umwunden. Sie ſchneiden ſich die Haare, und laſſen den Bart wachſen. Der Guͤrtel iſt beiden Geſchlechtern gemein⸗ ſchaftlich. Der Buͤrger iſt mit einem Meſſer, der Soldat mit einem Damascener und zwei Piſtolen be⸗ waffnet. Die gemeinen Weiber ſind nur mit einem 45⁰0 weiten blauen Hemde und einem langen Beinkleide bedeckt, und ihr Geſicht iſt mit einem Stuͤcke Leinen verhuͤllt, welches vor den Augen zwei Loͤcher hat. Die Reichen tragen einen großen weißen Schleier, und einen ſchwarz ſeidenen Mantel, der ihren ganzen Koͤrper einhuͤllt. Ein Fremder wagt kaum ſie anz u⸗ blicken; ſie vollends anzureden, waͤre ein Ver⸗ brechen. Da aber die Geberden⸗Sprache die einzige iſt, welche man oͤffentlich reden darf, ſo iſt ſie auch ausdrucksvoller, umfaſſender und ausgebildeter, als in Europa. Man ſagt ſich alles, ohne nur den Mund zu oͤffnen, und man verſteht ſich gegenſeitig ganz berrlich. Roſette iſt mit einer unermeßlichen, von zahllo⸗ ſen Kanaͤlen durchſchnittenen Flaͤche umgebenz dicht⸗ belaubte Feigenbaͤume, deren unzerſtoͤrbares Holz die Lehmhuͤtte des Landmanns ſchuͤtzt; ganze Dattelwaͤl⸗ der, Eaſſienbaͤume, Orangen⸗ und Zitronenbaͤume, unberuͤhrt von der Scheere des Gaͤrtners— ſind die vorzuͤglichſten, welche man im Delta trifft. Der Winter raubt ihnen den Schmuck ihres gruͤnen Ge⸗ wandes nicht. Sie prangen das ganze Jahr, wie im Fruͤhlinge. Das Erdreich beſteht ans ſchwarzem Schlamme, von unerſchoͤpflicher Fruchtbarkeit. Das naͤmliche Feld gibt eine Reis⸗ und Gerſten⸗Ernte, oder ſtatt der letztern drei Heu⸗Ernten. Doch findet dieſe Uep⸗ pigkeit des Bodens nur in dem Delta ſtatt, wo — —— 451 man die Felder das ganze Jahr mittelſt der Schoͤpf⸗ raͤder und der Kanaͤle bewaͤſſern kann. Die Stadt beſitzt Leinwand⸗Fabriken. Der lange, milde, ſeidenartige Flachs wuͤrde treffliches Leinenzeug geben, wenn man ihn zu behandeln wuͤßte; aber die Spinnerinnen beſitzen zu wenig Gewandtheit, nen feinen und gleichen Faden zu ziehen. Die im Thau gebleichte Leinwand braucht auau zu Tafel⸗Tuͤchern, die uͤbrige wird blau gefaͤrbt, und zur Bekleidung des gemeinen Volkes angewendet. Gegen Suͤd der Stadt, an dem Ufer des Nils, ſieht man eine kleine Anhoͤhe, auf deren Mitte ſich ein alter bis zur Haͤlfte vergrabener Thurm erhebt. Ein großer halbrunder Waſſer⸗Behaͤlter unten am Fuße, verraͤth einen vom Sande verſchuͤtteten Hafen. Vor einigen Jahren ließ hier ein tuͤrkiſcher Handels⸗ mann nachgraben, und fand zwanzig ſchoͤne Marmor⸗ Saͤuken. Dieſe Entdeckung war ſein Ungluͤck. Die Beys glaubten, er haͤtte die Schaͤtze auch entwendet, und ließen ihn ſogleich auspluͤndern. An dieſer Stelle ſtand, wie d'Anville mit Recht vermuthet, bas alte Bolbitine, wovon Stephan von Byzanz ſpricht, und welches einer der Nil⸗Muͤndungen den Nanten gab. Die Pſyllen des Alterthums, dieſe beruͤhmten Schlangenfreſſer, welche ſich ein Spiel aus dem Biſſe der Vipern und aus der Leichtglaͤubigkeit des Volkes machten, exiſtiren noch heut zu Tage. Savary ſah 45² ſie bei einer Proceſſion am Feſte Sidis Ibrahim (d. Herrn Abrahams)*). Die verſchiedenen Korpo⸗ rationen der Kuͤnſtler zogen ernſt jede unter ihrer Fahne voruͤber. Die Standarte Mahomers, wel⸗ che man im Triumphe trug, lockte eine große Men⸗ ſche⸗ nenge herbei. Alle wollten ſie beruͤhren, kuͤſſen, auf die Augen legen. Wem dieſes Glück zu Theil ward, der entfernte ſich ganz ſelig. Der Laͤrm er⸗ neuerte ſich unaufhoͤrlich. Endlich kamen die Scheiks (die Prieſter des Landes) mit langen, ledernen, in⸗ fulartigen Muͤtzen geſchmuͤckt. Sie wandelten lang⸗ ſam einher, und ſangen die Hymnen des Coran. Einige Schritte hinter ihnen war eine Truppe Ra⸗ ſender; nackten Armes, wilden Blickes hielten ſie in ihren Haͤnden ungeheure Schlangen, welche ſich unter mannigfaltigen Kruͤmmungen um ihre Leiber wanden, und zu entſchluͤpfen ſuchten. Die Pſyllen faßten ſte mit ſtarker Fauſt hart am Halſe, um ihren Biß zu verhindern, zerriſſen ſie mit den Zaͤhnen, und ver⸗ zehrten ſie lebendig. Das Blut floß aus ihrem un⸗ reinen Munde. Andere Pſyllen ſuchten ihnen die Beute zu entreiſſen, und jeder wollte zuerſt eine Schlange verſchlingen. Der Poͤbel folgte ihnen mit Entſetzen und ſchrie *) Die Araber, welche durch Jſmael von Abra⸗ ham ſtammen, feiern dieſes Feſt alle Jahre. 453 Wunder. Dieſe Leute ſieht man fuͤr Beſeſſene an, deren Daͤmon die Wirkung des Schlangenbiſſes der⸗ eitelt. So iſt der Menſch, dieſes leichtglaͤubige We⸗ ſen, dem ein alljaͤhrig erneuertes Schauſpiel die Au⸗ gen nicht oͤffnet, und der in ſeiner Blindheit bereit iſt, ſeines Gleichen als eine Gottheit anzubeten, wenn dieſer nur die Kunſt beſitzt, ihn zu betruͤgen. V. Auf einem zweimaſtigen Schiffe(Mach) fuhr Savary den 1. October 1777 ſtromaufwaͤrts uͤber Deirout nach Faoué, der alten, beruͤhmten Stadt der Mileſier, welche ganz von ihrer ehemaligen Groͤße herabgeſunken iſt, und ſehr verdorbene Sitten hat. Die Freudenmaͤdchen beſtuͤrmen die Voruͤbergehenden foͤrmlich; nichts iſt freier als ihre Geſaͤnge; nichts ausgelaſſener, als ihre Blicke; und die Bewegungen bei ihren Taͤnten, welche ſie vor den Fremden auf⸗ fuͤhren. Waͤhrend dieſer Fahrt hatte Savary Gelegen⸗ beit, die Unbefangenheit der laͤndlichen Naturkinder zu beobachten. Manches Maͤdchen aus dem nahegele⸗ genen Dorfe ſtand Morgens am fer, um daſelbſt ſeine Toilette zu machen. Waſſerkrug und Kleidung waren ſeitwaͤrts am Boden; die Schoͤne rieb ſich den nackten Koͤrper mit N ilſchlamm, und ſtuͤrzte ſich nun in das Waſſer, um ſich am Wellenſpiele zu ergoͤtzen. Nicht ſelten ſchwammen ſie um das Schiff des Rei⸗ ſenden, und ſchrieen: Herr, gieb mir einen Me⸗ 454 din*)(ia sidi al maidi)! Die Leichtigkeit, mit wel⸗ cher ſie ſich gegen die Heftigkeit des Stromes erhal⸗ ten konnten, zeigte, wie viel Staͤrke und Geſchmei⸗ digkeit die Uebung ſelbſt den zarteſten Perſonen ge⸗ waͤhreit kann. Ueberhaupt iſt das Schwimmen fuͤr die Aegyptier ein Vergnuͤgen, welches ihnen die Noth⸗ wendigkeit zum Geſetze macht. Denn ganz Aegypten iſt von breiten und tiefen Kanaͤlen durchſchnitten, welche waͤhrend der Ueberſchwemmung voll ſind. Oft muß man, um von einem Dorfe zu dem andern zu gelangen, uͤber mehrere ſetzen. Dann legen Maͤnner und Weiber ihre Hemden und Beinkleider ab, machen daraus eine Kopfbinde, und ſchwimmen uͤber das Waſſer. Ueberraſchend iſt es fuͤr einen Eurvpaͤer, daß die Aegypterinnen bei dergleichen Gelegenheiten nichts am Leibe haben, als ein Stuͤck Leinwand zur Bedeckung des Geſichtes. Ein Tuͤrke wuͤrde dieſe Erſcheinung leicht erklaͤren koͤnnen. Nirgends haͤlt man ſo viele Tauben, als in Aegypten. Ueberall entdeckt man Taubenhaͤuſer in Pyramidalform, von einer unzaͤhligen Menge ſol⸗ ccer Thiere umflattert. Sie naͤhren ſich in fruchtbaren Ebenen; daher iſt auch ihr Fleiſch fett und ſehr ſchmack⸗ haft; das Paar koſtet nur drei Medins. Die Aegyp⸗ *) Fn lleines Stuͤck Geld, im Werthe von ſechs 455 tier raͤuchern mit ihrem Duͤnger die Gegenden, wo ſie die Waſſermelonen pflanzen. An der Spitze des Delta trennt ſich der Nil in zwei Arme. Hier iſt der Strom zwei Meilen breit. Der Ort fuͤhrt den Namen Kuhbauch(bam Baxara).— VI. Groß⸗Kaixo gehoͤrt zu den modernen Staͤdten; Moaz, Elmanſor's Sohn, gruͤndete ſie im Jahr 369 der Hegira. Die Lage von Kai ro iſt wenig vortheilhaft. Ihre Entfarnung vom Nile iſt nicht die einzige Unannehmlichkeit, welche man da⸗ ſelbſt empfindet. Die unfruchtbare Kette des Mo⸗ kattam umgiebt ſie auf der Oſtſeite. Dieſes Gebirge, von allem Gruͤne entbloͤßt, bietet dem Auge nur duͤr⸗ ren Sand und verkalkte Steine dar. Benn der Nord⸗ wind nicht wehet, wirft es auf die Stadt die druͤckendſte Hitze zuruͤck.— Groß⸗Kairo bereicherte ſich von dem Ungluͤcke Foſtat's. Die bedraͤngten Einwohner ſluͤchteten ſich aus ihren Aſchenhaufen in die neue Stadt. Dieſe nahm den glaͤnzenden Titel Maſr, d. i. Hauptſtadt von Aegypten an.— Die einzi⸗ gen Wiſſenſchaften, welche hier betriegen werden, ſind Theologie, aus welcher die unzaͤhligen Ausleger des Koran ein finſteres Chaos machten; ferner die Grammatik, erforderlich zur richtigen Leſung des Koran, und die Aſtrologie. Groß⸗Kairo war bis in das fuͤnfzehnte Jahr⸗ hundert eine der reichſten und bluͤhendſten Hauptſtaͤdte 456 der Welt, und der Stapelplatz von Europa und Aſien. Ihr Handel erſtreckte ſich von der Meerenge Giber⸗ altar's bis tief nach Indien. Die Entdeckung des Vorgebirges der guten Hoffnung, und die Eroberung der Ottomannen raubten ihr einen großen Theil des Glanzes und der Macht. Obgleich jedoch mehrere Kanaͤle, welche ihr die Schaͤtze von Oſt und Weſt zu⸗ fuͤhrten, geſchloſſen ſind; obgleich dieſe Stadt unter dem Joche eines Paſcha und der vier und zwanzig Beys ſeufzet; ſo gewaͤhrt ihr doch die bewunderns⸗ wuͤrdige Lage und die Fruchtbarkeit des aͤgyptiſcheu Bodens ſo viele Vortheile, daß ſie noch in einem Umkreiſe von drei Meilen ein unermeßliches Volk und große Reichthuͤmer einſchließt. VIII. Maſr Foſtat*), oder Alt⸗Kairv, er⸗ baute im 20. Jahre der Hegira, Amrou, Sohn Elaas, an der naͤmlichen Stelle, wo er ſein Lager aufgeſchlagen hatte. Nahe am Nil und an einem mit dem rothen Meere verbundenen Kanale gelegen, wurde ſie in kurzer Zeit bluͤhend. Sie hatte ohngefaͤhr zwek Meilen im Umkreiſe, als 500 Jahre nach ihrer Gruͤn⸗ dung, Schaouar, Koͤnig von Aegypten, ſie den, Flammen uͤbergab, um ſie der Herrſchaft der Fran⸗ zoſen zu entziehen. Dieſe Epoche war das Ende ihrer Macht. Sie verlor mit ihren Einwohnern, Handel *) Foſtat bezeichnet im Arabiſchen ein Zelt. — 457 und Reichthum. Von nun an ward Groß⸗Kairo der Aufenthaltsort der Machthaber und Koͤnige, und nahm den Titel Maſr an, ſo wie Foſtat den Bei⸗ namen Elatik(die alte) erhielt, den ſie noch heute traͤgt. Die kleine Feſtung von Neu⸗Bab ylon iſt wahr⸗ ſcheinlich ein langes Viereck im Suͤden von Foſtat auf dem Abhange des Berges Mokattam gelegen, welches mit einer dicken Mauer umgeben iſt, und durch ſein Alterthum in die Augen faͤllt. Die Perſer unterhielten dort als Anbeter der Sonne ein ewiges Feuer; weßwegen die Araber dieſem Platze den Na⸗ men Schloß der Lichter gegeben haben. Jetzt bewohnen Chriſten die Ruinen, und die Griechen und Kopten haben daſelbſt Kirchen. Maſr Elatik hat nur eine halbe Meile im um⸗ fange; aber ſie iſt noch ſehr bevoͤlkert, und treibt ſtarken Handel. Die Kopten ſind hier ſehr zahlreich, und eſitzen mehrere Kirchen. Die anſehnlichſte iſt jene des h. Macarius, wo ſich ihr Patriarch in ſein Amt einſetzen laͤßt. Die Kirche des h. Sergius enthaͤlt eine Grotte, welche die Chriſten ſehr in Ehren halten. Sie geben vor, die heilige Familie haͤtte ſich auf der Flucht von Herodes dahin zuruͤckgezogen. Am Eingange des alten Kairo iſt die Waſſerleitung, ein Werk der Araber, welches ſie ganz nach Strabo's Plane angelegt haben. Mittelſt der Stiere wird hier das Waſſer durch Raͤder zum Palaſte des Paſcha 14tes B. Aegypten II. 1. 6 458 emporgetrieben.— Die Umgebungen von Maſr Elatik ſind mit Ruinen bedeckt, welche den alten um fang der Stadt bezeichnen. Im Junern derſelben umgeben dicke Mauern einen großen Platz, wo man die zum Unterhalte der Truppen beſtimmten Fruͤchte aus der Thebais aufbewahrt. Faͤlſchlich heißt man dieſe uͤmfriedung die Kornkammern Joſephs: denn die Geſchichte lehrt, daß ſie von den mameluki⸗ ſchen Koͤnigen erbaut ward. Joſeph hingegen er⸗ richtete zu Memphis, dem Aufenthalte der Pha⸗ rabnen ſeine Magazine. Am aͤußerſten Ende von Maſr⸗Elatik faͤngt der Khalig*) an, der Groß⸗Kairo durchlaͤuft, und alle Jahre mit beſonderer Feierlichkeit geoͤffnet wird. Die Anlegung deſſelben muß man dem Nach⸗ folger Trajans zuſchreiben: denn der ſogenaunte Kanal des Kaiſers Trajan beginnt nahe bei Foſtat. VIII. Groß⸗Kairo, entlang des Kanales des Fuͤrſten der Glaͤubigen erbaut, hat anderthalb Meilen von Nord gegen Suͤd, und drei Viertel Meilen von Oſt gegen Weſt. Um ſeine Ausdehnung zu uͤberblicken, muß man das auf dem Gebirge Mokattam durch Salah⸗Eddin erbaute Schloß beſteigen. Es be⸗ herrſcht die Stadt, welche im Umkreiſe einen uner⸗ *) Die Araber heißen Khalig jeden von Menſchen⸗ haͤnden gegrabenen Kanal⸗ — 459 meßlichen Halbmond bildet. In der Mitte dieſer Menge von Haͤuſern kann man unmoͤglich den Lauf der Straſſen verfolgen, die ſo enge und ſo viel Win⸗ dungen ſind. Nur die großen leeren Plaͤtze laſſen ſich unterſcheiden, welche waͤhrend der Ueberſchwemmun⸗ gen in Seen, und die uͤbrige Zeit des Jahres in Gaͤr⸗ ten ſich verwandeln. Im Monate September macht man Waſſerfahrten darauf, im Monate April find ſie mit Blumen und Gruͤn bedeckt. Unter den zahlrei⸗ chen Tempeln, mit welchen die Stadt angefuͤllt iſt, erheben ſich einige wie Citadellen. Dahin gehoͤrt die Moſchee des Sultan Baſſan, deren Karnieß, ſeit⸗ ſam mit Figuren geziert, einen bedeutenden Vorſprung hat, und von einer weiten Kuppel umwoͤlbt iſt. Die vordere Seite iſt mit koſtbarem Marmor belegt. Im Innern von Groß⸗Kairo bemerkt man faſt dreihundert Moſcheen, deren die meiſten mehrere Mi⸗ narets, d. i. ſehr hohe ſchlanke von Garerien umge⸗ bene Glockenthuͤrme haben. Dadurch verliert die Stadt, wo alle Daͤcher terraſſenfoͤrmig gebaut ſind, ihr einfoͤrmiges Ausſehen Das Schloß von Kairo auf einem ſteilen Felſen erbaut, von dicken Mauern umgeben, und durch maͤchtige Thuͤrme unterſtuͤtzt, hat mehr als eine Viertel Meile im Umkreiſe. Das In⸗ neie deſſelben enthaͤlt die verfallenen Paläſte der aͤgyp⸗ tiſchen Sultane. In einem Saale dieſer zertruͤmmer⸗ ten Gebaͤude verfertigt man den reichen Teppich, wel⸗ 3 460. chen der Emir Haag*) alle Jahre nach Mekka traͤgt. Der alte wird dann weggenommen, und die Pilger raufen ſich um die Stuͤcke deſſelben, welche ſie als heilige Reliquien betrachten. Mit dem Neuen be⸗ ddeeckt man die Kaaba, oder den Tempel Abra⸗ hams. Der Paſcha bewohnt ein großes, eben nicht merk⸗ wuͤrdiges Gebaͤude, deſſen Fenſter auf den Platz Cara Maidan gehen. Am Ende dieſes Platzes iſt der. Muͤnzeyof. Eines der auffallendſten Monumente im Schloſſe iſt der in einem Felſen gehauene Brunnen Joſephs, der zwei hundert vier und zwanzig Fuß Tiefe, und zwei und vierzig im Umkreiſe hat. Das Quartier der Janitſcharen zeigt die Ruinen vom Palaſte Salah⸗Eddin; man ſieht hier den Divan Joſephs), deſſen Dach ſammt einem Theile der Mauren eingeſtuͤrzt iſt: nur dreißig Saͤulen aus rothem Marmor ſtehen noch. In einiger Entfernung davon ſindet man ein herrliches Belvedere, auf der hoͤchſten Spitze der Citadelle, wo das Auge uͤber einen *) Der Bey, welcher die jaͤhrlich von Kairo nach Mekka ziehende Karawane begleitet, nimmt den Namen Emir Haag( grawanenfuͤrſt) an. **) Salah⸗E dd in nannte ſich Joſeph, Sohn Mouds; ſeine uͤbrigen Namen ſind glaͤnzende Titel, welche ihm die Mahomedaner wegen ſei⸗ ner Siege uͤber die ehriſtlichen Fuͤrſten gaben. 461 unermeßlichen Horizont hinſchweift. Die ſuͤßen Be⸗ trachtungen, denen man ſich hier uͤberlaͤßt, werdeu bald durch den melancholiſchen Gedanken getruͤbt, daß dieſe herrlichen Gegenden, wo einſt Kuͤnſte und Wiſ⸗ ſenſchaften bluͤhten, nun von einem dummen und bar bariſchen Volke beſetzt ſind. IX. Boulak iſt der Hafen, wo alle Waaren ausgeladen werden, die von Damiette und Ale⸗ randrien kommen. Er iſt nur eine halbe Meile von Groß⸗Kairo entfernt. Die Haͤuſer des Bo u⸗ lak entlang ſieht man mehrere tauſend Schiffe von jeder Geſtalt und Groͤße vor Anker. Diejenigen, wel⸗ che man zu Luſtfahrten braucht, ſind kuͤnſtlich bemalt, und mit Schnitzwerk geziert; ſie enthalten artige Ge⸗ maͤcher, welche man mit Tapeten bedeckt. Geſchuͤtzt vor den Sonnenſtrahlen, auf weichen Polſtern ruhend athmen hier reiche Leute die ſanfte Kuͤhlung ein, wel⸗ che von der Luftſtroͤmung, die auf dem Nile herrſcht, unaufhoͤrlich unterhalten wird. Dem Boulak gerade gegenuͤber bemerkt man das kleine Dorf Enbabe. Es beſteht nur aus arm⸗ ſeligen Lehmhuͤtten, welche an Feigenbaͤume gelehnt ſind. In der Ferne verlieren ſich unter dem Lauben⸗ Baldachine von Datteln und Tamarinden einige Haͤu⸗ ſer aus Backſteinen und eine kleine Moſchee. Hier kaufen im Winter die Einwohner von Kairo herrli⸗ che Butter, und im Sommer aͤußerſt ſchmackhafte Melonen.. 462 Eine halbe Meile nordweſtlich von Boulak iſt das alte Schloß Helle, welches wahrſcheinlich ſeinen Namen von dem nahe gelegenen Heliopolis erhal⸗ ten hat. Hier empfangen die Beys, von einem praͤch; tigen Gefolge umgeben, den neuen Paſcha, um ihn im Gepraͤnge in das Gefaͤngniß zu fuͤhren, aus wel⸗ chem ſie ſeinen Vorgaͤnger verjagt haben. H elle iſt mit dichtbelaubten Orangen, Zitronen und Granaten⸗ Gehegen umgeben, wo es fuͤr einen Europaͤer ſehr gefaͤhrlich iſt, umher zu ſpatzieren: denn es finden ſich eine Menge Freudenmaͤdchen daſelbſt ein, und der ei⸗ ferſuͤchtige Tuͤrke wuͤrde nicht die geringſte Schwaͤche verzeihen. Wenn man von Boulak aufwaͤrts faͤhrt, bis zur Inſel Raouda, die zwiſchen dem alten Kai⸗ ro und Gize liegt, ſo trifft man auf der Spiitze der⸗ ſelben den Nil⸗Meſſer, welchen die Araber Mekias (Maaß) nennen. Er iſt eine hohe Marmorſaͤule, wel⸗ che ſich in der Mitte eines Baſſins erhebt, veſſen Bo⸗ den mit dem Nilbette wagerecht liegt. Ehe die Ara⸗ ber Aegypten eroberten, ſtand dieſer Nil⸗Meſſer in dem Flecken von Halouan, fuͤuf Meilen ſuͤdlich von Foſtat, dem alten Memphis gegenuͤber. X. Das alte Heliopolis(Sonnenſtadt), be⸗ ruͤhmt ehedem durch die Pflege der Wiſſenſchaften und die Groͤße ſeiner Gebaͤude, beſaß herrliche Tempel, die aber ſchon unter Auguſt verfallen waren. Von vier Obelisken, welche Sochis errichten ließ, wur⸗ ——— —Vʒ:ʒ:ÿ ꝛ—y—y—2„,„,,—: 463 den zwei nach Rom gebracht, ein anderer ward durch die Araber zertruͤmmert, und der letzte ſteht noch. Ohne die Unterlage mißt er 6s Fuß in der Hoͤhe, und beiloͤufig 6 ½ Breite auf jeder Seite. Nur die Suͤd⸗ weſtſeite iſt ſtark beſchaͤdigt. Dieſes ſchoͤne Monument und eine Sphinx aus gelblichen Marmor ſind die ein⸗ zigen Ueberreſte von Heliopolis. Dieſe Stadt hat nicht bloß den Ruhm, daß He⸗ rodot in die Kuͤnſte und Wiſſenſchaften der Aegyp⸗ tier daſelbſt eingeweiht wurde; auch Platon erhielt hier manche Ideen zu ſeinen philoſophiſchen Specula⸗ tionen. In einiger Entfernung ſieht man das kleine Dorf Matarsée, das ſeinen Namen von einer ſuͤßen Waſ⸗ ſerguelle hat, der einzigen, die man in Aegypten trifft. Eine alte Sage hat ſie beruͤhmt gemacht. Es heißt naͤmlich, daß die h. Familie auf der Flucht von der Verfolgung des Herodes ſich hieher zuruͤckzog, und daß die h. Jungfrau ihr Kind in dieſer Quelle badete. Auch die Chriſten erzaͤhlen viele Wunder, welche dort gewirkt wurden. Sie nahen ſich voll An⸗ dacht und trinken das Waſſer gegen alle Krankheiten. Sogar die Mohometaner theilen ihre Verehrung uͤber dieſen Gegenſtand. XI. Eine der merkwuͤrdigſten Einrichtungen in Aegypten, und folglich auch in Groß⸗Kairo ſind die warmen Baͤder. Mahomet, der ihren 464 Nutzen kannte, hat ein Gebot daraus gemacht. Ihre genaue Beſchreibung wird nicht ohne Intereſſe ſeyn. Gleich bei dem erſten Eintritte in das Badehaus trifft man einen großen Saal, der wie eine Rotonde gebaut iſt. In der Hoͤhe iſt eine Oeffnung fuͤr den freien Durchzug der Luft angebracht. Hier entkleidet man ſich. In der Mitte des Gebaͤudes ſprudelt ein Springbrunnen erfreulich fuͤr das Auge. Iſt das Gewand abgelegt, ſo umgibt man die Lenden mit einer Serviette, nimmt Sandalen, und tritt in einen engen Gang, wo die Waͤrme allmaͤhlig fuͤhlbar wird. Die Pforte ſchließt ſich wieder. Zwan⸗ zig Schritte davon oͤffnet ſich eine zweite, und man folgt einem Gange, der mit dem erſten einen rechten Winkel bildet. Die Waͤrme nimmt zu. Wer nun fuͤrchtet, ſich ploͤtzlich einem noch hoͤheren Grade aus⸗ zuſetzen, verweilt in einem Marmor⸗Saale, der dem eigentlichen Bade noch vorhergeht. Dieſes Bad iſt ein geraͤumiges und gewoͤlbtes Gemach, gepflaſtert und mit Marmor bekleidet. Vier Kabinete umgeben es. Der Dampf, welcher unaufhoͤrlich aus einer Fontaine und einem Baſſin warmen Waſſers empor⸗ ſteigt, miſcht ſich hier zu dem Rauchwerke, welches man verbrennt. Die Perſonen, welche das Bad nehmen, ſind nicht in eine Wanne eingekerkert, wo man niemals freie Bewegung und Gemaͤchlichkeit hat. Man ruht auf einem ausgebreiteten Duche, ſtuͤtzt das Haupt auf ein ———— b I 465 kleines Kiſſen, und wendet ſich nach Belieben hin und her. Inzwiſchen iſt man von einer Wolke ſuͤßer Duͤfte eingehuͤllt, die in alle Poren dringen. Hat man eine Zeit geruht, iſt eine angenehme Feuchtigkeit in dem ganzen Koͤrper verbreitet, ſo kommt ein Bedienter, druͤckt den Badenden ſanft, wendet ihn, laͤßt, wenn alle Glieder weich und biegſam ſind, ohne Muͤhe die Gelenke knacken, und ſcheint die Mus⸗ keln ganz durchzukneten, ohne daß man den geringſten Schmerz em pfindet. Iſt dieß voruͤber, ſo zieht der Diener einen zeu⸗ genen Handſchuh an, und frottirt den Koͤrper lange Zeit. Dadurch loͤſen ſich alle Schuppen, und ſelbſt die geringſten Unreinigkeiten von der Haut, die nun ſo weich und glatt, wie Atlas wird. Hierauf wird man in ein Zimmer gefuͤhrt und mit Schaum wohlriechen⸗ der Seife uͤbergoſſen. Waͤhrend der Diener ſich ent⸗ fernt, waͤſcht man ſich ſelbſt hier in einem Baſſin, in welches man kaltes und warmes Waſſer herablaſſen kann. Bald kehrt der Diener wieder mit einer Salbe, wodurch in drei Minuten die Haare ausfallen, wo man es wuͤnſcht. Maͤnner und Frauen machen davon in Aegypten Gebrauch. Iſt man wohl gewaſchen und gereinigt, ſo huͤllt man ſich in warme Leinwand, und folgt ſeitwaͤrts dem Fuͤhrer durch die Umwege, welche zum aͤußeren Gemache fuͤhren. Hier iſt der Uebergang von der Waͤrme zur Kuͤhlung ſo unmerklich, daß man 466 nicht die geringſte Beſchwerde empfindet. Auf der Eſtrade findet man ein Ruhebett bereitet. Kaum hat man ſich niedergelaſſen, ſo kommt ein Kind, druͤckt mit ſeinen zarten Fingern alle Theile des Koͤrpers ſo lange, bis ſie vollkommen trocknen. Nun wechſelt man zum zweitenmale die Waͤſche, und das Kind reibt ganz leiſe mit einem Binsſteine die Schwielen an den Fuͤßen. Pfeife und Moka⸗Kaffee werden ge⸗ bracht. Es laͤßt ſich kaum denken, welch ſuͤßes Behagen auf ein ſolches Bad ſich im ganzen Koͤrper verbreitet. Man faͤngt neu zu leben an; die Seele iſt mit den hochſten Empfindungen beſchaͤftigt, und die Einbil⸗ dungskraft ſchafft ſich die bezauberndſten Bilder von paradieſiſchem Gluͤcke. Die Frauenzimmer lieben dieſe Baͤder leidenſchaft⸗ lich. Sie gehen wenigſtens einmal die Woche dahin mit ihren Sklavinnen, von welchen ſie gewoͤhnlich bedient werden. Sinnlicher als die Maͤnner, waſchen ſie ſich nach den gewoͤhnlichen Vorkehrungen den Leib, und beſonders das Haupt mit Roſenwaſſer. Hier werden ihre langen, ſchwarzen Haare geflochten, und ſtatt des Puders und der Pomade mit koſtbaren Eſſenzen durchweicht. Hier ſchwaͤrzen ſie ſich den Rand der Augenlieder und verlaͤngern die Augenbrau⸗ nen mit Cohel. ¹) Hier faͤrben ſie ſich die Naͤ⸗ 1) Es beſteht aus gekranntem Zinn und Gallaͤpfeln. 467 gel der Haͤnde und Fuͤße mit Henné ²), wel⸗ ches denſelben die Farbe der Morgenroͤthe gibt. Die Waͤſche und die Kleidungen ſind mit ſuͤßem Duft von Aloeholz durchraͤuchert. Iſt ihre Toilette fertig, ſo bleiben ſie im aͤußern Gemache, und brin⸗ gen den Tag froͤhlich hin. Saͤngerinnen fuͤhren vor ihnen Taͤnze auf, ſingen wohlluͤſtige Lieder, und er⸗ zaͤhlen Liebes⸗Geſchichten. Die Badtage ſind für die Aegypterinnen Feſte. Sie ſchmuͤcken ſich praͤchtig, und unter dem langen Schleier, unter dem Mantel, der ſie den Blicken des Publikums entzieht, tragen ſie die reichſten Zeuge. Da ſie ſich vor einander entkleiden, ſo erſtreckt ſich ihre Koquetterie bis auf die Beinkleider, die im Som⸗ mer aus geſticktem Muſſelin, im Winter aus Seide und Goldſtoff gewebt ſind. Der Gebrauch der Hand⸗ krauſen und Spitzen iſt ihnen unbekannt; aber ihre Hemden aus Seide und Baumwolle ſind ſehr leicht und durchſichtig wie Gaſe. Reiche Guͤrtel aus Caſche⸗ mir⸗Wolle umſchließen ihre flatternden Kleider; zwei Halbmonde von feinen Perlen glaͤnzen auf ihren ſchwarzen Haaren, die ihre Schlaͤfe bedecken. Dia⸗ manten ſchmuͤcken indiſche Tuͤcher, mit welchen ihr Haupt bekroͤnt iſt. Wenn ihr Luxus auch im Freien 2) Henné ein Strauch, der mit unſrem Hart⸗ ringel Aehnlichkeit hat. Das Laub davon wird gehackt und zu obigem Zwecke gebraucht. 468 nicht auffaͤllt, im Innern des Hauſes uͤbertrifft er den der Europaͤer. XII. Zu Groß⸗Kairo iſt das Leben mehr lei⸗ dend als thatige Der Koͤrper iſt neun Monate unter der Laſt der Hitze niedergedruͤckt. Unter einer ge⸗ maͤßigten zure rin Unthaͤthigkeit eine Laſt, hier iſt die Ruhe ein Vergnuͤgen. Die Weichlichkeit wird mit dem Aegyptier geboren, waͤchſt mit ihm auf, und folgt ihm bis in das Grab. Das koſtbarſte Meuble eines Gemaches iſt der Sopha. Die Gaͤrten haben herrliche Schatten⸗Woͤlbungen und bequeme Sitze, aber keine Gaͤnge zum Luſtwandeln. Der Aegyptier verlaͤßt ſein Lager mit dem Auf⸗ gange der Sonne, um der Kuͤhlung zu genießen. Er reinigt ſich, und verrichtet nach der Vorſchrift ſein Gebet. Man reicht ihm Pfeife und Kaffee. Er bleibt auf ſeinen Sopha hingegoſſen. Sklaven, die Haͤnde uͤber die Bruſt kreuzend, ſtehen ſchweigend am Ende des Zimmers, und ſuchen, die Augen auf ihren Herrn gerichtet, ſeinen geringſten Wuͤnſchen zuvor zu kommen. Seine Kinder duͤrfen ſich nur mit ſeiner Erlaubniß ſetzen, und zeigen in ihrem ganzen Aeußern Zaͤrtlich⸗ keit und Ehrfurcht. Er liebkoſet, ſegnet, und ſendet ſie in den Harem*) zuruͤck. Er iſt das Haupt, *) Harem bredeutet ſ. v. als verbotener Ort; eigentlich iſt er das Zimmer der Frauen. 469 der Richter, der Ober⸗Prieſter der Familie, und ſie verehrt ſeine heiligen Rechte. Iſt das Fruͤhſtuͤck voruͤber, ſo uͤberlaͤßt er ſich ſei⸗ nen gewoͤhnlichen Geſchaͤrten. Kommen Beſuche, ſo empfaͤngt ſie der Herr des Hauſes ohne viele Kom⸗ plimente, jedoch auf gezierte Weiſe. Seines Glei⸗ chen ſitzen neben ihm mit uͤber einander geſchlagenen Beinen; Perſonen niederen Ranges ruhen auf den Knieen, den Hintern auf die Ferſen geſtuͤtzt. Perſo⸗ nen ausgezeichneten Ranges nehmen ein hohes Sopha ein, wo ſie uͤber die ganze Geſellſchaft empor ragen. Sobald jeder an ſeinem Platze iſt, bringen die Skla⸗ ven Pfeife, Kaffee, und ſetzen in der Mitte des Saag⸗ les ein Raͤucher⸗Pfaͤnnchen mit Wohlgeruͤchen, wel⸗ che das ganze Gemach anfuͤllen. Hierauf wird Kon⸗ feet und Sorbet gereicht. Gegen das Ende des Beſuches haͤlt ein Sklave eine ſilberne Platte, auf welcher koſtbares Naͤucherwerk breunnt, unter das Geſicht der Anweſenden. Hat man auf dieſe Weiſe ſeinen Bart eingeraͤuchert, ſo werden Haupt und Haͤnde mit Roſenwaſſer begoſſen. Dieß iſt die letzte Ceremonie, nach welcher man ſich zuruͤck⸗ ziehen darf. Gegen Mittag deckt man den Tiſch. Auf einer großen verzinnten Kupferplatte ſtehen die Schuͤſſeln. In der Mitte erhebt ſich ein Berg von Reis, mit Gefluͤgel gekocht, und ſtark gewuͤrzt. Rings herum reihen ſich gehackte Fleiſchſpeiſen(hachées), Taͤubchen, 470 gefuͤllte Cueummern, koͤſtliche Melonen und Fruͤchte. Der Braten beſteht aus kleinen Fleichſchnitten, die, mit Fett bedeckt und geſalzen, an einem Spieße uͤber Kohlenfeuer gar gemacht werden. Die Gaͤſte ſetzen ſich auf einen Teppich um die Tafel. Ein Sklave reicht Waſchwaſſer vor und nach Tiſch: denn der Ge⸗ die Stelle derſelben vertreten. Nach Mittags ziehen ſich die Aegyptier in den Harem zuruͤck, wo ſie einige Stunden in der Mitte ihrer Kinder und Frauen ſchlummern. Es iſt fuͤr ſie hohe Wohlluſt, einen bequemen und angenehmen Ruheplatz zu haben. Abends macht man entweder eine Waſſer⸗Luſtfahrt, oder man athmet die Kuͤhlung an den Ufern des Nils, im Schatten von Orangen und Feigenbaͤumen. Eine Stunde nach dem Sonnen⸗ Untergange wird Nachts geſpeiſt. Die Tafeln ſind wieder mit Reis, Gefluͤgel, Gemuͤſe und Fruͤchten beſetzt. Dieſe Nahrung iſt waͤhrend der Hitze ſehr geſund: denn ſtaͤrkere Speiſen wuͤrde der Magen nicht verdauen. Man ißt wenig. Die Maͤßigkeit iſt eine Tugend des Climas. Dieß iſt die gewoͤhnliche Lebensweiſe des Aegyp⸗ tiers. Unſere Schauſpiele und rauſchenden Vergnuͤ⸗ keit iſt er gluͤcklich, und kennt die lange Weile nicht: denn er genießt immer nur den gegenwaͤrtigen Augen⸗ brauch der Gabeln iſt hier unbekannt, weil die Finger gungen ſind ihm unbekannt. Bei dieſer Einfoͤrmig⸗ —— 471 blick, und ſeine Wuͤnſche ſchweifen nie uͤber die Schranken ſeiner herkoͤmmlichen Gewohnheit. XIII. In den Orient ſetzt die Geſchichte die Wiege des Menſchengeſchlechtes. Hier fing die vaͤterliche Gewalt an, welche noch heut zu Tage ihre Rechte daſelbſt bewahrt. Ein Vater genießt alle Titel, wel⸗ che ihm die Natur gab. Als Haupt, Richter und Oberprieſter der Familie, gebietet er, iſt Schiedsrich⸗ ter der Streitigkeiten, welche entſtehen, und ſchlach⸗ tet die Opfer des Kurban⸗Beiram). Jede Familie bildet einen kleinen Staat, deſſen Vater der unumſchraͤnkte Machthaber iſt. Die Glie⸗ der, aus denen er beſteht, ſind ihm durch die Bande des Blutes eng verknuͤpft. Sie kennen ſeine Gewalt, und unrerwerfen ſich ihm; aber in allen Verhaͤltniſſen der inneren Polizei benimmt er ſich nach dem Geſetze urherkommlicher Gebraͤuche. Die Kinder, in dem Gemache der Frauen erzogen, ſteigen nicht in den Saal hernieder, beſonders wenn ſich Fremde einfinden. Erſcheinen junge Leute da⸗ *) Ein Feſt der Mahometaner, wo jeder Familien⸗ Vater ein ſeinem Vermoͤgen entſprechendes Opfer bringen muß. Der Reiche opfert einen Stier oder Widder; der Arme auch nur eine Taube. Dieſes Feſt iſt ſechs Wochen nach dem Ramadan, und erinnert an das iuͤdiſche Paſchah. ſelbſt, ſo beobachten ſie Stillſchweigen. Erwachſene Maͤnner duͤrfen ſich in die Unterhaltung miſchen, ſo⸗ bald aber der Scheik*) redet, ſo ſchweigen ſie und horchen aufmerkſam zu. Man erhebt ſich, wann die⸗ ſer in eine Verſammlung tritt. Man weicht ihm aus auf oͤffentlichen Plaͤtzen, und uͤberall wird ihm Ach⸗ tung und Ehrfurcht gezollt. Dieſe Gebraͤuche herrſch⸗ ten in Aegypten ſchan ſeit Herodot. Der Despo⸗ tismus unterhaͤlt ſie noch. Unter einem eiſernen Jo⸗ che wagt man nicht, das Haupt zu erheben. Es waͤre ein Verbrechen, ſeine Reichthuͤmer dem Publikum zur Schau zu tragen. Sorgfaͤltig vermeidet man alles, was die Habſucht der Tyrannen aufreitzen koͤnnte. Man fuͤrchtet ſogar wohlhabend zu ſcheinen. Deßwe⸗ gen kann man nur im Innern der Familie Ruhe und Gluͤck ſinden. Hier werden die heiligen Geſetze der Natur in ihrer urſpruͤnglichen Reinheit bewahrt. Jeden Tag kommen Kinder und Enkel, um ihrem Großvater den Zoll der Ehrfurcht und Zaͤrtlichkeit zu weihen. Gluͤck⸗ lich im Schooße der Familie gewahrt er die Naͤhe des Todes nicht, der ihn umfaͤngt, und entſchlummert unter den Umarmungen ſeiner Kinder. Lange Zeit *) Dieſes Wort bezeichnet einen Greiſen. Der Aelteſte der Familie nimmt dieſen ehrwuͤrdigen Namen an. Man gibt ihn auch den Geſetz⸗ Verweſern. 473 beweinen ſie ihn, ſchmuͤcken alle Wochen ſein Grab mit Blumen, und ſingen Trauerlieder. Die Aegyp⸗ tier haben den Gebrauch verloren, die Todten einzu⸗ balſamiren, aber ſie haben die Gefuͤhle bewahrt, aus welchen dieſe Sitte entſprungen iſt. XlV. Aegypten heſitzt eben ſo, wie Italien, Stegreif⸗Dichterinnen, Almé(Weiſe) genannt. Sie bilden einen beruͤhmten Verein in dem Lande. um darin aufgenommen zu werden, iſt erforderlich eine ſchoͤne Stimme, Gewandtheit im Sprechen, Kenntniß der Sprachgeſetze und die Faͤhigkeit, vloͤtzlich paſſende Strophen auf eintretende Umſtaͤnde zu dichten und ab⸗ zuſingen. Die Alme wiſſen alle neuen Lieder auswen⸗ dig, und ihr Gedaͤchtniß iſt mit den ſchoͤnſten Moals (Elegien), und mit den artigſten Maͤhrchen ausge⸗ ſchmuͤckt. Ohne ſie wird kein Feſt gefeiert, und bei jedem Freudenmahle ſind ſie die Krone der Unterhal⸗ tung. Man ſetzt ſie auf eine Buͤhne, wo ſie waͤhrend der Tafel herabſingen. Hierauf ſteigen ſie in den Saal hernieder, und fuͤhren pantomimiſche Taͤnze auf, durch welche ſie die Handlungen des gemeinen Lebens darſtellen. Die Geheimniſſe der Liebe geben ihnen ge⸗ woͤhnlich den Stoff dazu. Die Biegſamkeit ihres Koͤr⸗ pers iſt unbegreiflich. Man erſtaunt uͤber die Beweg⸗ lichkeit ihrer Geſichtszuͤge, welchen ſie nach Belieben dasjenige Gepraͤge geben, das mit der angenommenen Nolle harmonirt. Oft ſteigern ſie das Unanſtaͤndige der Sellungen bis zur Ausſchweifung. Blicke, Geber⸗ 146es B. Aegyyten. II. 1. 7 474 den, alles iſt ſprechend und ſo ausdrucksvoll, daß man ſich gar nicht raͤuſchen kann. Wie der Tanz beginnt, legen ſie mit dem Schleier die Schamhaftigkeit ihres Geſchlechtes ab. Ein langes Gewand aus leichter Seite gewebt, ſließt zu ihren Sohlen hernieder. Ein reicher Guͤrtel umſchließt es. Lange ſchwarze Haare, gefloch⸗ ten und parfuͤmirt, ergießen ſich uͤber ihre Schultern. Ein Hemd, durchſichtig wie Flor, verhuͤllt kaum ihren Buſeu. Je nachdem ihre Bewegungen zunehmen, ſchei⸗ nen ſich die Formen und Umriſſe ihres Koͤrpers allmaͤh⸗ lig zu entwickeln. Der Ton der Floͤte, der Caſtagnet⸗ ten, des Tamburin und der Cymbel regelt ihre Schrit⸗ te. Sie ſcheinen trunken zu ſeyn. Es ſind Baechan⸗ rinnen im Wahnſinne. Daun vergeſſen ſie alle Zuruͤck⸗ haltung, ſie uͤberlaſſen ſich ganz der Zuͤgelloſigkeit ih⸗ rer Sinne, und von allen Seiten klatſcht man ihnen Beifall zu. Die Alme werden in alle Harem gerufen. Sie zehren die Frauen neue Lieder, erzaͤhlen ihnen verliebte Geſchichten, und deklamiren in ihrer Gegenwart Ge⸗ dichte, die um ſo intereſtanter find, weil ſie ein leben⸗ diges Gemaͤlde ihrer Sitten entwerfen. Sie weihen dieſelben auch in die Geheimniſſe ihrer Kunſt ein, und unterrichten ſie, wohlluͤſtige Taͤnze aufzufuͤhren. Ihre Unterhaltung iſt ſehr augenehm. Sie reden ihre Sprache rein, und die Gewohnheit ſich der Poeſie in widmen, macht ihnen die zarteſten und wohlklingend⸗ ſien Ausdruͤcke gelaͤuſig, Im Geſange iſt die Natur — 475 ihre Fuͤhrerin. Manchmal ſingen zwei Perſonen zu⸗ fammen, aber nur in einem und dem ſelben Tone (unisouo). Vorzuͤglich im Pathetiſchen entwickelt ſich ihr Talent; jedes Herz wiſſen ſie tief zu bewegen, und ſogar die Tuͤrken, die Feinde aller Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft, hoͤren ihnen ganze Naͤchte mit Vergnuͤgen zu. Die Alme ſind bei Hochzeit⸗Feſten, und Leichen⸗ Begaͤnguiſſen großer Herren und reicher Leute jedes⸗ mal zugegen. Auch das gemeine Volk hat dergleichen Alme. Es ſind aber Maͤdchen niedernen Ranges die weder an Grazie noch an Kenntniſſen den Erſteren gleich kommen. Man trifft deren uͤberall. Die oͤffent⸗ lichen Plaͤtze und Spaziergaͤnge um Groß⸗Kairo ſind voll davon. Die Frechheit ihrer Geberden und Stellungen laͤßt ſich kaum beſchreiben; man muß Zeuge davon geweſen ſeyn. Die indiſchen Bajaderen ſind noch Muſter der Schamhaftigkeit im Vorgleiche mit dieſen aͤgyptiſchen Taͤnzerinnen. XV. Die Frauen ſpielen in Europa eine glaͤn⸗ zende Rolle; in Aegypten aber welch ein Unterſchied!— hier ſind ſie nur mit den Ketten der Sklaverei belaſtet. Die Erziehung ihrer Kinder i*ſt ihre erſte Pflicht. Ihr Wunſch deren eine große Zahl zu beſitzen, iſt um ſo feuriger, als die oͤffentliche Achtung und die Zaͤrt⸗ lichkeit ihres Gatten von ihrer Fruchtbarkeit abhaͤngt. Selbſt der Arme, der ſein Brod im Schweiße ſeiner Stirne ſpeiſet, bittet den Himmel um eine zahlreiche Nachkommenſchaft. Jede Mutter ſelbſt reicht ihrem 476 2 neugebornen Kinde die Bruſt. Erfordern die Umſtaͤn⸗ de, eine Saͤugamme kommen zu laſſen, ſo betrachtet man ſie nicht wie eine Fremde. Sie wird ein Glied der Familie, und bringt den Reſt ihrer Tage in der Mitte der Kinder zu, welche ſie genaͤhrt hat. Man ehret und liebt ſie, wie eine zweite Mutter. Der Harem iſt die Wiege und Schule der Kind⸗ heit. Das ſchwache, neugeborne Weſen wird nicht in das traurige Wickelzeug eingehuͤllt, welches die Quelle von vielen tauſend Krankheiten iſt. Ausge⸗ ſtreckt auf einer Matte, der reinen Luft in einem wei⸗ ten Zimmer ausgeſetzt, athmet es ungehindert, und ſtreckt nach Belieben ſeine zarten Glieder aus. Alle Tage gebadet, erzogen unter den muͤtterlichen Augen, waͤchſt es mit Schnelligkeit. Frei in ſeinen Bewe⸗ gungen, verſucht es ſeine zunehmenden Kraͤfte, und auf den Teppich, der den Fußboden deckt, kann es nie hart und gefaͤhrlich fallen. 3 Im ſiebenten oder achten Jahre verbannt man es nicht aus dem vaͤterlichen Hauſe, um es in einer oͤf⸗ fentlichen Anſtalt Geſundheit und Unſchuld verlieren zu laſſen. Wohl ſammelt es ſo wenige Kenntniſſe; ſeine Erziehung beſchraͤnkt ſich oft nur auf Schreiben und Leſen, aber es genießt einer feſten Geſundheit und Furcht vor Gott, Ehrfurcht gegen das Alter, kindliche Zaͤrtlichkeit, Neigung zur Gaſtfreundſchaft kann es nur im Schooße der Familie ſich aneignen und tief in die Seele graben. 477 1 Die Maͤdchen werden auf die naͤmliche Weiſe er⸗ zogen. Schnuͤrbruſt und Blankſcheit, die Qual der jungen Europaͤerinnen, ſind ihnen unbekannt. Man laͤßt ſie nackt oder blos mit einem einfachen Hemde bedeckt bis in ihr ſechſtes Jahr. Die Kleider, welche ſie in der uͤbrigen Zeit ihres Lebens tragen, druͤcken keines ihrer Glieder, und laſſen den ganzen Koͤrper in ſeinem natuͤrlichen Baue unbeeintraͤchtigt. Man wird auch in Aegypten nicht leicht kraͤnkliche Kinder, oder verunſtaltete Perſonen ſehen. Die Frauen beſchaͤftigen ſich aber nicht bloß mit der Erziehung ihrer Kinder. Alle Sorgen fuͤr das Hausweſen liegen ihnen am Herzen, und ſie glauben ſich nicht zu erniedrigen, wenn ſie mit eigenen Haͤn⸗ den ihr und ihres Gatten Nahrung zubereiten. Den unveraͤnderlichen Geſetzen des Orients unter⸗ worfen, leiſten die Frauen den Maͤnnern nie, ſelbſt bei Tiſche nicht Geſellſchaft. Wenn die Großen Luſt haben, mit einer ihrer Gemahlinen zu ſpeiſen, ſo machen ſie es ihr zu wiſſen; ſie richtet nun das Zim⸗ mer gehoͤrig ein, durchraͤuchert es mit koͤſtlichen Wohl⸗ geruͤchen, bereitet die ſchmackhafteſten Gerichte, und empfaͤngt ihren Herrn mit Ehrfurcht und mit der auserleſenſten Aufmerkſamkeit. Die gemeinen Weiber bleiben dann gewoͤhnlich ſtehen, oder ſitzen in einer Ecke des Zimmers, waͤhrend der Gemahl ſpeiſet. Ofe reichen ſie ihm Waſchwaſſer, und bedienen ihn bei Tiſche. Dieſe Gebraͤuche, welche die Europaͤerinnen 478 mit Recht barbariſch nennen wuͤrden, haͤlt man in dieſem Lande fuͤr ſo natuͤrlich, daß man nicht einmal an eine Abweichung davon in fremden Gegenden denkt. So maͤchtig iſt das Scepter der Gewohnheit. Die haͤuslichen Sorgen laſſen den Aegypterinnen noch Mußeſtunden genug uͤbrig. Sie wenden dieſel⸗ ben an, in der Mitte ihrer Sclavinnen einen Guͤrtel zu ſticken, einen Schleier zu machen, zu ſpinnen u. dgl. Die Freude iſt nicht aus dem Harem verbannt. Die Amme erzaͤhlt Geſchichten, man ſingt frohe Lie⸗ der, die Selavinnen begleiten den Geſang mit dem Tamburin und den Caſtagnetten. Auch die Alme, wie oben erwaͤhnt wurde, tragen zur Erheiterung bei. Ein Veſperbrod, wo Wohlgeruͤche und auserleſene Fruͤchte verſchwendet ſind, beſchließt die Seene des Tages. Inzwiſchen ſind ſie nicht gaͤnzlich Gefangene. Man erlaubt ihnen ein oder zweimal in der Woche in das Bad zu gehen, und ihre Verwandten und Freundin⸗ nen zu beſuchen. Eine andere Pllicht, welche ſie er⸗ fuͤllen duͤrfen, beſteht in Beweinung der Todten.— Die Aegypterinnen benehmen ſich bei Beſuchen ſehr affeetirt. Wenn eine Frau in den Harem tritt, ſo erhebt ſich die Herrin des Hauſes, reicht ihr die Hand, fuͤhrt dieſelbe an das Herz, umarmt und ladet ſie ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Eine Sela⸗ vin empfaͤngt ihren ſchwarzen Mantel, und man bittet ſie, ſich es bezuem zu machen. Unter vielen Kom⸗ plimenten, in welchen der Charaeter des Landes ſich 479 ſpiegelt, heißt es: Meine Mutter*), oder meine Schweſter, warum haben Sie uns ſchon ſo lange nicht mehr beſucht? Wir ſeufzten nach ihrer Gegen⸗ wart; ſie verſchoͤnert unſer Haus, ſie macht das Gluͤck unſerer Tage ꝛc. Selavinnen reichen den Kaffee, Sorbet und Kon⸗ feet herum. Man ſchwaͤtzt, man lacht, man ſchwaͤrmt. Ein breiter Aufſatz wird mit Orangen, Granaten, Paradies⸗Feigen und herrlichen Melonen angefuͤllt. Die Tochter des Hauſes reicht Waſchwaſſer umher⸗ welches mit Roſenwaſſer vermiſcht iſt. Man ißt und die laͤrmende Froͤhlichkeit wuͤrzt die Gerichte. Alve⸗ holz brennt in einem Raͤucher⸗Pfaͤnuchen, und erfuͤllt das Zimmer mit Wohlgeruͤchen. Nach dieſer Ergui⸗ ckung tanzen die Selavinnen beim Klange der Cim⸗ beln; oft miſchen ſich auch die Damen in ihre Spiele. Ehe man ſich verlaͤßt, wiederholt man ſich mehrmal: „Gott erhalte Sie geſund, der Himmel gebe Ihnen eine zahlreiche Nachkommenſchaft; der Himmel er⸗ halte Ihre Kinder, die Freude und den Ruhm Ihrer Familie.“ Waͤhrend der ganzen Zeit, da die Fremde in dem Harem iſt, iſt dem Manne verboten, ſich zu naͤhern; *) So heißt man eine bejahrte Dame, die juͤn⸗ gere wird,„meine Schweſter eine Demoiſeille,“ Tochter des Hauſes genaunt. 480 es iſt das Aſyl der Gaſtfreundſchaft, und er koͤnnte es nicht ohne traurige Folgen verletzen. Dieſes Recht bewahren die Aegypterinnen ſorgfaͤltig. Ein maͤchti⸗ ges Intereſſe macht es ihnen theuer. Ein als Frauen⸗ zimmer verkleideter Liebhaber kann an dieſem verbote⸗ nen Ort eingefuͤhrt werden; freilich koſtet es ihm den Kopf, wenn er entdeckt wird. Die tuͤrkiſchen Frauen gehen auch unter der Auf⸗ ſicht der Verſchnittenen am Nil ſpatzieren, und ge⸗ nießen des Anblickes ſeiner reitzenden Ufer. Ihre Schiffe enthalten artige Kabinete reich verziert, voll kuͤnſtlichen Schnitzwerkes, und angenehm bemalt; man erkennt ſie an den herabgelaſſenen Jaluſien, und an der Muſik, welche ſie begleitet. Wenn ſie nicht ausgehen koͤnnen, ſo ſuchen ſie ihr Gefaͤngniß zu erheitern. Gegen Untergang der Sonne ſteigen ſie auf die Teraſſe, und atbmen die kuͤhle Luft in Mitte der Blumen, die man mit Sorg⸗ falt unterhaͤlt. Oft baden ſie auch hier; deßwegen gebieten die Tuͤrken den Ausrufern auf den Minarets die Augen zu ſchließen, damit ſie ihre Frauen nicht ſehen; aber weit beſſer kommen ſie zum Ziele, wenn ſie Blinde zu ſolchen Geſchaͤften auserleſen. XVI. Um das Gemaͤlde der Aegypterinnen zu vol⸗ lenden, duͤrfte folgendes Abentheuer ganz beſonders zweckdienlich ſeyn. Der alte Haſſan, ein ſehr eiferſuͤchtiger Tuͤrke, hatte eine Georgerin von ſechszehn Jahren gehei⸗ 481 rathet. Er ließ ſie ſtrenge bewachen; aber wo gibt es eine Schranke gegen die Liebe? Dieſer reiche Herr beſaß ſchoͤne Laͤndereien in der Umgegend von Roſette; ein praͤchtiger, eine Viertel Meile von der Stadt entlegener Garten war ſein Eigenthum. Hier durfte die junge Gemile(ſo hieß ſeine Gat⸗ tin) Abends friſche Luft ſchoͤpfen. Mehrere maͤnnliche und weibliche Selaven begleiteten ſie. Die Maͤnner ſchuͤtzten die Pforte, und hielten Schildwache um die Mauer. Die Selavinnen folgten ihr im Innern des Gartens. Traurig wandelte ſie unter den Orangen⸗ lauben. Das Gemurmel der Quellen, die Friſche des Gruͤns, die zaͤrtlichen Seufzer der Turteltauben, die dieſes Aſyl bewohnten, erhoͤhten nur ihre Melan⸗ cholie. Sie pfluͤckte eine Frucht, und aß ſie, ohne Geſchmack daran zu finden; die Blume, welche ſie brach, ſchien ihr reitzlos. Die Vergnuͤgungen, welche ſie mit ihren Frauen genoß, verſchlimmerten nur ihr Uebel. Eines Abends wandelte ſie, bedeckt mit ihrem Schleier, umgeben von ihren Selavinnen, langſam dem Fluſſe entlang, um ſich zum Garten zu begeben. Da gewahrte ſie einen Europaͤer, der vor kurzem nach Roſette gekommen war. Seine Kleidung“), ſo verſchieden von jener der Tuͤrken, machte ihn kennbar. *) Die Europaͤer koͤnnen zu Roſette ihre Klei⸗ dung beibehalten; aber a ußerhalb der Stadt wuͤrden ſie ſich Gefahren ausſetzen. 482² Der jugendliche Purpur, der auf ſeinen Wangen gluͤhte, feſſelte ihre Aufmerkſamkeit. Sie ging lang⸗ ſam, und ließ ihren Faͤcher fallen, um den Vorwand zu haben, ſich einen Augenblick aufzuhalten. Sie be⸗ gegnete ſeinen Blicken; welche ihr tief in die Seele drangen. Alle Zuͤge, die ganze Geſtalt des Fremden praͤgten ſich ihrem Gemuͤthe ein. Die Unmoͤglichkeit, mit ihm zu reden, die Furcht, ihn nicht wieder zu ſehen, machten ihr die Selaverei auf das Lebhafteſte fuͤhlbar, und der Zwang, in welchem ſie lebte, ent⸗ flammte die heftigſte Leidenſchaft in jihrem Herzen. Kaum hatte ſie ſich den Blicken der zudringlichen Menge entzogen, als ſie ihre Vertraute bei Seite zog, und zu ihr ſprach: Haſt du ihn geſehen, den jungen Fremdling? welches Feuer in ſeinen Augen! welche Blieke hat er mir zugeworfen! o meine Freundin! meine theuere Zetfe, geh, ſuch ihn auf, ſag' ihm, er ſoll uͤbermorgen unter die Orangenbaͤume kommen, welche den Garten begrenzen auf Seite des Dattel⸗ waͤldchens, wo die Mauer dicker iſt; ſag' ihm, daß ich ihn ſehen, unterhalten will; er moͤge nur den Blicken meiner unerbittlichen Waͤchter zu entgehen ſuchen. Die Botſchaft ward getreu hinterbracht. Der Europaͤer leiſtete ſogleich Zuſage;, aber die Gefahren, welchen er ſich ausſetzte, hielten ihn wieder zuruͤck. Die Selavin, als Kaufmann verkleidet, traf ihn zum zweitenmale und fragte ihn, warum er ſein Wort nicht gehalten haͤtte. Er brauchte allerlei Vorwaͤnde, 483 und ſetzte eine etwas entferntere Zeit feſt, um Muße zu haben, uͤber dieſen Schritt nachzudenken. Die Ueberlegung ſiegte uͤber das Verlangen. Der Aublick eines aufgerichteten Pfahles erkaͤltete ſeinen Muth⸗ Er fand ſich nicht zum Stelldichein. Zetfe kam noch einmal, und nach heftigen Vorrvuͤrfen ſchilderte ſie die leidenſchaftliche Liebe ihrer Gebieterin fuͤr ihn, den Abſcheu, welchen ſie gegen den alten Haſſan in ih⸗ rem Herzen naͤhrte; ſie ruͤhmte ihm ihre Reize, die Schoͤnheit und das Ungluͤck einer Perſon, die, ihren Aeltern entriſſen, an einen Barbaren verkauft worden waͤre. Der junge Mann, durch dieſe Schilderung verfuͤhrt, ſchwur, kommenden Tages eine Stunde nach dem Untergange der Sonne unter der Laube zu erſcheinen. Die junge Gemile, bei der beſtaͤndigen Kaͤu⸗ ſchung noch immer voll Zutrauen, war im Bade ge⸗ weſen. Ihre ſchwarzen Haaxe, welche mit Roſen⸗ waſſer benetzt waren, und die blendende Weiſſe ihrer Geſichtsfarbe noch mehr erhoͤhten, hingen geſlochten bis auf die Ferſe hinab. Sie duftete von koſtbaren Eſſenzen. Ein reichgeſtickter Guͤrtel umſchloß ihren Leib, und diente nur dazu, die ſanften Umriſſe deſſel⸗ ben hervorzuheben. Sie hatte Schleier und Mantel Haelegt Ein indiſches Kopftuch ſchmuͤckte ihr Haupt. Die Grazie der Jugend umſchwebte ſie, und dennoch fuͤrchtete ſie, noch nicht ſchoͤn genug zu ſeyn. Mit Ungeduld wartete ſie; beſchleunigte jetzt ihre Schritte, 484 bald blieb ſie ploͤtzlich ſtehen, erbebte bei dem gering⸗ ſten Geraͤuſche, und richtete das Auge nach der Ge⸗ gend. Die Sonne war verſchwunden, die Sterne begannen zu funkeln, die Nacht hatte ihren Schleier uͤber die ganze Natur ausgebreitet; allein vergebens, zum drittenmale vergebens harrte ſie auf die Ankunft des Fremden. Wuth trat nun an die Stelle zaͤrtlicher Gefuͤhle. Sie athmete nun Rache. Schon will ſie Befehl geben, den Tod des Meineidigen zu beſchleu⸗ nigen; doch Hoffnung und Verlangen loͤſchten die Flamme ihres Zorns.„Nein, ſprach ſie, er ſterbe nicht; geh, meine theure Zetfe⸗ bring ihm Worte des Friedens. Verſcheuche ſeine Unruhe, mahle ihm meine Liebe; er komme, den Preis derſelben kennen zu lernen.“ Zetfe kehrte zum Europaͤer zuruͤck, beruhigte ſei⸗ nen Schrecken, zeigte ihm lebhaft die Zaͤrtlichkeit ih⸗ rer Gebieterin, und das Gluͤck, das ihm angeboten ward. Der unvorſichtige junge Mann, unfaͤhig, die⸗ ſen verfuͤhreriſchen Gemaͤhlden zu widerſtehen, gab neue Verſprechungen; aber kaum war er ſich ſelbſt uͤberlaſſen, als das Bild eines entehrenden Todes ihm alle Schwuͤre vergeſſen ließ. Die Geduld hatte ihre Schranken; jene der Gemile war langmuͤthig. Neun Monate warb ſie um den Mann, welchen ſie nur ei⸗ nen Augenblick geſehen hatte. Sie entſchuldigte den, der keine Eutſchuldigung verdiente. Zu ihren vergeb⸗ lichen Schritten fuͤgte ſie noch neue, und konnte ſich 485 nicht entſchließen; die Frucht ſolcher Sorgfalt zu ver⸗ lieren. Eines Abends, nachdem ſie bittere Thraͤnen vergoſſen hatte, eines Abends, als ſie ſich in Gedan⸗ ken an den Geliebten, deſſen Bildniß ſie unaufhoͤrlich verfolgte, im Schatten⸗Gehege vergeſſen hatte, miß⸗ handelte ſie der alte Haſſan, voll Ueberdruß, ſo lange ihrer harren zu muͤſſen. Wuͤthend zog ſie ſich in ihr Gemach zuruͤck. Die verzweifelte Liebe ſpornte ſie zur Rache, aber eben ihr Gemahl war es, der das ausgeſprochene Urtheil milderte.„Hoͤre, ſprach ſie zu ihrer getreuen Zetfe, geh morgen bei Anbruch der Morgenroͤthe zu dem treuloſen Europaͤer, und bringe ihm von mir die letzten Worte: Fremder, ich habe dich geſehen, ich glaubte dich gefuͤhlvoll, und mein Herz wuͤnſchte dein zu ſeyn. Neun Monate haſt du meine Hoffnungen getaͤuſcht. Meineide ſind dir nur ein Spiel. Nimm dich in Acht, dein Leben iſt in meinen Haͤnden, und ich bin erzuͤrnt. Haſſan geht nach Faoué, er wird ſpaͤt zuruͤckkommen; ich werde den Tag auf dem Lande zubringen. Komm zu meinen Fuͤßen, und erwarte meine Verzeihung, oder ein Selave wird mir deinen Kopf bringen. Ich ſchwoͤre es bei dem Propheten: Gemile ſoll ge⸗ raͤcht oder befriedigt ſeyn.“ Getreu hinterbrachte Zetfe die Worte ihrer Ge⸗ bieterin. Der Europaͤer uͤberlegte nicht weiter. Der Tod, welcher ihm Vergnuͤgen verſprach, ſchien ihm wuͤnſchenswerther; er beſchenkte die Selavin, be⸗ 486 ſchwor ſie den Zorn der Gemile zu beſchwichten, und verſicherte ſie, daß er ſich bald nach dem Unter⸗ gange der Sonne einfinden wuͤrde. Inzwiſchen war er nicht ohne Unruhe. Iſt es eine Falle, die man dir ſtelt? Will man ſo viele Meineide raͤchen? Kennt eine Tuͤrkin wohl das Vergnuͤgen der Verzeihung? Laͤßt ſich der unaufhoͤrlich beleidigte Stolz beugen? Dieſe Gedanken bewegten ſein Herz. Der Tag kam. Die Unruhe nahm zu; tauſend Empfindungen und Gefuͤhle durchkreuzten ſich in ſeiner Seele. Allein er mußte fortgehen. Das Bild eines ſchoͤnen Weibes, das ihn erwartet, entflammt ihn, und verſchleiert die Gefahr vor ſeinen Augen. Er bewaffnet ſich beim An⸗ bruche der Nacht, durchwandelt die Reisfelder, ſchleicht ſich in das Dattelwaͤldchen, und langt bei der Mauer nan, welche ihn von der ſchoͤnen Georgerin trennte. Das Herz ſchlug ihm. Er forſchte, ob man ihn nicht beobachte, ſchwingt ſich uͤber die Mauer, und ſteigt in den Garten. Bei ſeinem Anblicke erheben ſich zwei Frauenzimmer voll Beſtuͤrzung; er bleibt unbeweglich. Eine davon(es war Gemile) reicht ihm die Hand, und beruhigt ihn. Er geht auf ſie zu, neigt ſich tief, und ſie erhebt ihn voll Guͤte, giebt ein Zeichen, und die Selavin verſchwindet.„Fremder, ſprach ſie, war⸗ um haſt du mich ſo lange getaͤuſcht? Liebteſt du mich alſo nicht? Verzeihung, ſchoͤne Gemile, die Furcht hat mich bisher zuruͤckgehalten; aber ich will nun zu deinen Fuͤßen meinen Fehler wieder gut machen.“ „— 487 Die neuen Vorwuͤrfe, welche ſie zu aͤußern beginnt, erſterben auf ſeinen Lippen. Sie nimmt die Hand des jungen Mannes, welche in der ihrigen zittert, und fuͤhrt ihn unter eine dichte Orangen⸗ Laube. Der Mond verſilberte die Blaͤtter. Der Raſen war mit Blumen bedeckt. Die fuͤßen Duͤfte der Pflanzen we⸗ heten Wohlluſt in ſeine Sinne. Flor und Seide ver⸗ huͤllten kaum die Reize der Gemile. Die Augen⸗ blicke waren koſtbar. Die Geſchichte ſagt, daß die beiden Liebenden dieſelben zu benutzen verſtanden. XVIlI. Einer der wichtigſten Gegenſtaͤnde fuͤr den Reiſenden in Aegypten ſind die Pyramiden. Sa⸗ vary begab ſich zu dieſen erhabenen Denkmaͤlern des Alterthums von Groß⸗Kairo durch das Quartier Hauefi. Der Nil war zu ſeiner Rechten, und der Kanal des Fuͤrſten der Glaͤubigen zu ſeiner Linken. Nachdem er einen Theil des alten Kairo durchwan⸗ dert hatte, ſchiffte er ſich auf der Spitze von Mekias ein, und landete zu Gize. Ehe er weiter reiſte, mußte er dem Kiachef(Statthalter) ein Geſchenk machen, der ihm zwei Scheiks verſprach, um ihn ge⸗ gen die Pluͤnderungen der Araber ſicher zu ſtellen. Kaum hatte er ſich eine Viertel Meile von Gize eut⸗ fernt, als er die Spitze von zwei großen Pyramiden erblickte. Nachdem er am Fuße der groͤßten angelangt war, legte er ſeine Kleider ab an dem Eingange des Kanals, der in das Innere fuͤhrt. Mit ſeinen Be⸗ gleitern tieg er nun hinab, und heder hatte eine 488 Fackel in ſeinen Haͤnden. Als ſie zur Hoͤhe gelang— ten, traten ſie in einen großen Saal, deſſen Pforte ſehr niedrig iſt. Er bildet ein langes Viereck aus Granit. Sieben ungeheure Steine geſtalten ſich zur Decke. Ein Sarkophag aus Marmor ruht in dem aͤußerſten Ende. Menſchen haben dieſes Denkmal be⸗ ſchaͤdigt. Es iſt leer, und der Deckel war herabge⸗ riſſen. Truͤmmer von irdenen Vaſen ſind rings um⸗ her. Die Luft dieſes Gebaͤndes iſt ſo heiß, ſo voll verderblicher Duͤnſte, daß man faſt erſticken moͤchte. Savary wollte auch die Auſſenſeite erklimmen. Sie beſtand aus mehr als zweihundert Steinſchichten, die auf der nordoͤſtlichen Seite am wenigſten beſchaͤ⸗ digt ſind. Nur nach einer halben Stunde konnte er mit Muͤhe und Anſtrengung auf den Gipfel gelangen, Das Herabſteigen war noch weit gefaͤhrlicher. Ein fuͤrchterlicher Abgrund gaͤhnte vor den Fuͤßen; ein Stuͤck Stein, welches ſich losmachte, konnte ihn in die Tiefe ſtuͤrzen. XVIII. Nach Betrachtung aller intereſſanten Ge⸗ genſtaͤnde verfuͤgte man ſich zur zweiten Pyramide. Sie ſchien beinahe ſo hoch, als die erſte. Die Beklei⸗ dung derſelben iſt an vielen Orten herabgeriſſen, aber gewaltſam aufgebrochene Loͤcher beweiſen, daß nicht ſo faſt die Zeit, als die Menſchen dieſe Verwuͤſtung angerichtet haben. Die ganze Hoͤhe, vom Gipfel so Fuß abwaͤrts, iſt noch unverſehrt, wahrſcheinlich, 489 weil man dieſen Theil nur aͤußerſt ſchwer wegneh⸗ men konnte. Oeſtlich von dieſen beiden Pyramiden ſieht man eine andere, welche im Vergleiche mit den beiden er⸗ ſtern ſehr klein zu ſeyn ſcheint. Indeſſen mißt ſie dennoch gegen dreihundert Fuß in das Gevierte. Mi⸗ cerinus ließ ſie errichten. Im Angeſichte der zweiten auf der Oſtſeite trifft man die ungeheuere Sphinx, deren ganzer Kuͤrper im Sande eingegraben iſt. Man ſieht nur ihren Ruͤcken, der mehr als hundert Fuß lang iſt. Unter dem Zei⸗ chen des Loͤwen und der Jungfrau uͤberſtroͤmt und be⸗ feuchtet der Nil ganz Aegypten. Die Sphinx war alſo ein Symbol, deſſen Deutung folgende iſt:„Un⸗ ter dieſem Zeichen, in dieſer Zeit wird der Fluß eure Gefilde uͤberſtroͤmen und fruchtbar machen.“ XIX. Waͤhrend Savary und ſeine Begleiter die Wunder des alten Aegypten anſtaunten, ſprengten ploͤtzlich zehn Araber mit der Lauze in der Haud, ein⸗ her, und naͤherten ſich auf die Eutfernung eines Pi⸗ ſtolenſchuſſes in der Abſicht, die Fremden anzugreifen, oder einen Tribut von ihnen zu erpreſſen. Als ih⸗ nen aber die beiden Scheiks zeigten, daß nur Gaͤſte unter Bedeckung ſtunden, ſo entwaffnete ſie dieſes einzige Wort, weil ſie die Rechte der Gaſtfreundſchaft außerordentlich hochachten. Sie ſtiegen vom Pferde, und boten ſich zu beſtaͤndigen Begleitern an. Da ſie jedoch nicht gerne etwas umſonſt thun, ſo baten ſie 14fes B. Aegypten. II. 1. 3 490 ſehr hoͤflich um einige Geldſtuͤcke, die ſie denn ohne⸗ hin erhalten haͤtten. Nach dieſem kleinen Geſchenke war der Friede befeſtigt, und Savary hoͤrte ſie halb⸗ laut unter ſich ſagen: Laßt uns den Heiligen beſu⸗ chen; und ſogleich entfernten ſie ſich. Savard folgte ihnen. Sie zogen laͤngs der zweiten Pyra⸗ mide hin, und hielten an der Pforte einer Felſen⸗ grotte. Nachdem ſie die Fußbekleidung abgelegt hat⸗ ten, ſtiegen ſie hinab. Savary that ein Gleiches. Die Grotte war geraͤumig, ſauber und artig. Man athmete daſelbſt eine angenehme Kuͤhlung. An dem einen Ende war eine ſechs Fuß hohe Niſche, vor welcher ein alter, durchloͤcherter Vorhang gezogen war. Die Araber blieben ehrfurchtsvoll ſtehen. Jeder beugte das Knie und kuͤßte einen Fuß, der unter dem Vorhange herabhing. Savary bemerkte durch die Oeffnungen, daß ein nackter Mann ſeinen Fuß zum Kuͤſſen hervorſtrecke. Als nun auch ihn die Reihe traf, ſo ſprach er: o großer Heiliger, enthuͤlle mir dein Antlitz! Er nahm aber dieſes Kompliment fuͤr eine Verhoͤhnung, und da er nach der Ausſprache er⸗ rieth, daß Savary kein Araber ſei, ſo antwortete er ihm barſch: Rouh anni ia kelb— fort mit dir, du Hund! Bei dieſen Worten ſchleuderten die Mu⸗ ſelmaͤnner furchtbare Blicke auf ihn. Er entfernts ſich ſchnell, gluͤcklich, daß ſeine Unbeſcheidenheit ihm nicht theurer zu ſtehen kam, und er verſchwur auf immer allen Umgang mit den aͤgyptiſchen Santons. 491 Dieſe Menſchen ſind Landſtreicher, welche ſich das Anſehen einer gaͤnzlichen Losſagung von allen zeitli⸗ chen Guͤtern geben, und von öͤffentlichem Almoſen ihr Leben friſten. Sie uͤberlaſſen ſich aber unzaͤhlichen Ausſchweifungen, weswegen ſie fuͤr Begeiſterte gel⸗ ten. Sie gehen in der Mitte der Staͤdte ganz nackt, treten alle Wohlanſtaͤndigkeit mit Fuͤßen, und erroͤ⸗ then nicht, ͤffentlich Handlungen zu begehen, welche die uͤbrigen Menſchen mit dem Schleier der Nacht decken. Es laͤßt ſich nicht ausſprechen, wie weit der Poͤbel die Verehrung fuͤr dieſe unverſchaͤm⸗ ten Cyniker treibt. Vorzuͤglich die Weiber, die doch von Natur ſo furchtſam und beſcheiden ſind, vergeſſen fuͤr ſie alle Zuruͤckhaltung und Schaam ihres Ge⸗ ſchlechtes. Auf dem Wege nach Gize traf Savary meh⸗ rere Schakals, fahle Thiere, in der Groͤße eines Hundes, mit ſchleppendem Schweife und ſpitziger Schnauze, welche vom Raube ihrer Jagd leben, und auch Seeſiſche freſſen. Die Araber nennen ſie Dib. Sie ſind die afrikaniſchen Woͤlfe. XX. Giie iſt eine kleine Stadt von einem Kia⸗ chef regiert. Ihre Gruͤndung gehoͤrt den Arabern, wie man ſchon aus dem Namen erkennt; denn Gize bezeichnet im Arabiſchen einen Winkel, das aͤußer⸗ ſte Ende. Man gab ihr dieſe Benennung, weil ſie zur Zeit, wo Maſfr Foſtat hluͤhete, eine ſeiner Vor⸗ ſtaͤdte bildete. 3 49² Gize iſt von unermeßlichen Ebenen umgeben, wo Gemuͤſe, Getraid, Flachs im Ueberfluſſe wachſen. Man bauet auch hier den Scharram, welchen die Provenzalen Safran nennen. Die Aegypter, denen es an Holz fehlt, brauchen den Stengel der Pflanze, um Feuer damit zu machen. Aus dem Saamen zie⸗ hen ſie ein ſuͤßes Oel(Zeit oder Zeit helou), welches aber wegen des ſchlechten Geſchmackes nur von dem gemeinen Volke genoſſen, von den Reichen hingegen bloß bei Beleuchtungen, die in Aegypten ſo haͤufig ſind, angewendet wird. In der Stadt befindet ſich auch eine Manufaktur von Ammoniakſalz. Die zu Groß⸗Kairo wohnhaften franzoͤſiſchen Handels⸗ leute beſitzen hier ein Landhaus mit einem kleinen Garten, welcher mit Orangen, Zitronen und Dattel⸗ baͤumen bepflanzt iſt, und am Nil⸗ufer liegt. XXI. Memphis behauptete ſeinen Ruhm meh⸗ rere Jahrhunderte. Obgleich durch die Barbarei ei⸗ nes Cambyſes entſtellt, behielt ſie doch ſo viele leberreſte ihrer Pracht, daß ſie noch die erſte Stadt in der Welt war. Ueber zweihundert Jahre lang be⸗ muͤhte ſie ſich, das gehaͤßige Joch der Perſer abzu⸗ ſchuͤtteln. Durch die Erbauung von Alexandrien, wohin aller Reichthum des Handels floß, ward Mem⸗ phis von Tag zu Tag mehr entvoͤlkert, und ſeine Einwohner gingen endlich in die neue Hauptſtadt uͤber. Unter K. Auguſtus war ſie noch eine große, bevoͤlkete und mit Fremden angefuͤllte Stadt, aber —-— 493 nur die zweite in Aegypten. Sechshundert Jahre nachher wurde ſie eine Beute der exobernden Araber. Amrou, Sohn des El Aas, hatte ſie mit Sturm genommen, machte ſie dem Erdboden gleich, und baute auf Omar's Befehl, die Stadt Foſtat an dem entgegengeſetzten Ufer. Heut zu Tage iſt Mem⸗ phis nur noch als Dorf unter dem Namen von Men f bekannt, ſechs Meilen von Kairo, am weſt⸗ lichen Ufer des Nils. Sogar die Seen, von denen Herodot und Strabo reden, ſind nicht ganz ver⸗ ſchwunden. Einer iſt nahe bei Saccara, gegen We⸗ ſten von Menf, der andere genau gegen Norden. Ueber dieſe Seen mußten die Einwohner von Mem⸗ phis fahren, um ihre Todten in die Ebenen zu brin⸗ wo die Koͤnige ihre Mauſoleen errichtet hatten. XXII. Den 15. Februar 1779 miethete Savary einen Canjé*), um von Kairo nach Damiette zu ſchiffen. Ein gepruͤfter Janitſchar, der die Feld⸗ zuͤge des Ali Bey gemacht hatte, und ein arabiſcher Bedienter begleitete ihn. Sie waren wohl bewaffnet; eine noͤthige Vorſichtsmaßregel auf dem Kanal von Damiette, wo man beinahe immer angegriffen wird. Die Fellah(Name aͤgyptiſcher Landleute), welche die Ufer bewohnen, uͤberfallen, von der Fin⸗ *) Sur Art kleiner, zu Luſtreiſen beſtimmte Fahr⸗ g6. 3 494 ſterniß beguͤnſtigt, die Fahrzeuge, und wenn ſie kei⸗ nen Widerſtand finden, ſo erwuͤrgen ſie die Fremden, und bemaͤchtigen ſich ihrer Reichthuͤmer. Ein Frem⸗ der muß daher ſeiner Bedienten, die er mit ſich fuͤhrt, und der Treue ſeines Schiffs⸗Patrons verſichert ſeyn: denn dieſer iſt oft mit den Raͤubern einverſtanden, und theilt mit ihnen. Savary verſorgte ſich wohl mit Reis und Kaffee; dieſe ſind die weſentlichſten Vorraͤthe, weil man in allen Doͤrfern Eier, Milch und Gefluͤgel findet. Auch noch einige Flaſchen alten Cypernweines wurden hin⸗ zugelegt. Mahomet Aſſalame(ſo hieß der Ja⸗ nitſchar, der ihn begleitete), obgleich ein guter Mu⸗ ſelmann, leerte doch gerne ein paar Glaͤſer von Zeit zu Zeit, aber heimlich, er ſcheute ſogar die Blicke der Schiffsleute. umum ein Uhr nach Mittag verließ Savary den Hafen von Boulak. Der Nil war ſeit anderthalb Monaten in ſein Bett zuruͤckgetreten. Das Getraide üng an gelb zu werden. Der Schartam und der Dorra, oder der indiſche Hirſe, war bereits einen Fuß uͤber den Boden aufgeſchoſſen. Der Luzerner Klee trieb zum dritten Male. Die Cuceummern und Waſſer⸗Melonen breiteten ihre biegſamen Ranken uͤber den Bord des Fluſſes. Der Flachs und die Bohnen naͤherten ſich ihrer Zeitigung. Die Orangen und Zi⸗ tronen waren mit Blumen geſchmuͤckt. Einen ſolchen ——— 495 Anblick gewaͤhrte die Landſchaft Aegyptens am 15. Februar. Als ſie bei Batn Elbakara ankamen, wo ſich der Nil theilt, ließen ſie den Arm von Roſette zur Linken, und fuhren in den von Damiette. Die Schiffsleute fuͤrchteten, die Nacht vor dem Flecken Dagoue, einem alten Zufluchtsorte der Raͤuber, zu⸗ zubringen. Sie hieltenalſo vor dem kleinen Dorfe Z u⸗ feti, und warfen Anker; waͤhrend der Bediente das Abendeſſen bereitete, ging Savary mit ſeinen Be⸗ gleitern bis zu den Huͤtten der Landleute, und er⸗ ſuchte ſie um friſche Eier und Milch. Dieſe waren auch ſogleich ſehr dienſtfertig, und begleiteten ſie bis an das Schiff zuruͤck. Des andern Morgens erblickte Savary ganze Schaaren ſchneeweißer Voͤgel, die ſich auf dem Gipfel der Baͤume wiegten. Die Araber nennen ſie Rinds⸗ Waͤchter, weil ſie ſtets dieſe Thiere begleiten. Sie ſind etwa ſo groß, als ein Faſan, haben rothe Fuͤße und einen ſchwarzen Schnabel.— Bei Dagoue macht der Nil eine große Kruͤmmung, von welcher ein durch Menſchenhaͤnde abgeleiteter Fluß auslaͤuft, der ſo breit iſt als die Saone. Er iſt vom Monate Auguſt bis zum Dezember ſchiffbar, und traͤgt die groͤßten Fahrzeuge. Seine Richtung iſt von Nordoſt gegen Suͤdweſt. Nichts iſt friſcher, reicher, lachen⸗ der, als ſeine Ufer. Man moͤchte ſagen, daß er das irdiſche Paradies durchſtroͤme. Dieſer ſchoͤne Fluß lie⸗ 8 496 fert auch andern Kanaͤlen Waſſer. Einer von ihnen, der ſich in den See von Boulos ergießt, laͤuft bei Danta voruͤber, wo jaͤhrlich eine anſehnliche Meſſe gehalten wird. Die Einwohner von Ober⸗ und Nie⸗ der⸗Aegypten vereinigen ſich daſelbſt in großer An⸗ zahl. Sie dauert acht Tage, und man tauſcht hier gegen die Landes⸗Produkte indiſche Stoffe, Moka⸗ Kaffee und franzoͤſiſche Tuͤcher ein. Nicht nur Ge⸗ winnſucht, auch das Vergnuͤgen lockt die Aegyptier an dieſen Platz. Oft bedecken zehn tauſend Schiffe den Kanal. Alle ſind reichlich mit Mund⸗Vorrath verſehen. Man ſchmauſet, macht Muſik, und uͤber⸗ laͤßt ſich der Freude. Eine faſt eben ſo große Anzahl von Gezelten ſind am Ufer errichtet. Die beruͤchtig⸗ ſten Freudenmaͤdchen von Aegypten fehlen gleichfalls nicht. Man fuͤhrt ſie in die Schiffe, wo ſie ihre Ta⸗ lente fuͤr Tanz, Geſang und Liebeshaͤndel klaͤnzen laſſen. Nachts zuͤndet man an jedem Maſte mehrere glaͤſerne Lampen an, deren Schimmer in das Unendliche ver⸗ vielfaͤltigt, in dem Waſſerſpiegel unzaͤhlige Sterne bil⸗ det. Dieſe wunderbare Beleuchtung in der Ausdehnung einer Meile macht auf dem Gruͤne und im Kryſtall der Silberflaͤche eine zauberiſche Wirkung. Dieſe Meſſen, Ueberbleibſel der alten Pilgerfahrten der Aegyptier nach Canopus, Sais und Bubaſtus ſind nicht ſelten in Aegypten und immer ſehr beſucht. Unterhalb Atrib ſind die Doͤrfer ſo enge beiſam⸗ men, daß die Ufer des Nils nur eine lange, bloß von —,— — 497 Gaͤrten und wohlriechendem Gehoͤlze unterbrochene Stadt bilden.— Wegen des widrigen Windes warf man, zwiſchen einer Inſel und Mit Demſis, An⸗ ker, obgleich der Platz nicht ganz ſicher war. Ruhig ſchliefen ſie, als gegen Mitternacht zwei Schwimmer ſich im Dunkeln dem Schiffe naͤherten. Der wach⸗ habende Janitſchar bemerkte ſie bei dem Schimmer der Sterne, ſchrie und druͤckte ſeine Flinte ab. Sie ver⸗ ſchwanden. Der Laͤrm weckte Alle im Schiffe auf. Man griff zu den Waffen, aber der Janitſchar beru⸗ bigte Savarys Leute, indem er ihnen den Vorfall mittheilte, jedoch blieb man dieſe Nacht wach, und Mahamet Aſſalame erzaͤhlte alle Schlachten Ali Beys. Dabei trank man von Zeit zu Zeit große Taſſen Mokka⸗Kaffee, welchen die Tuͤrken als eine herrliche Magenſtaͤrkung betrachten, die in einem hei⸗ ßen Lande um ſo noͤthiger iſt, als der durch die Hitze abgeſpannte Magen ſonſt nur mit Muͤhe verdauen wuͤrde. Wegen dieſer Meinung nennen ſie ihn Erhoner, d. h. Staͤrke. Anderthalb Meilen von Semennoud, nahe bei dem Kanal Thebanie, findet man einen großen Erdwall mit Ruinen bedeckt. Dieſe Truͤmmer ſtam⸗ *) Die Araber heißen die Kaffeekoͤrner boun, und den zubereiteten cahoné. Daraus entſand bei den Europaͤern das Wort Cals. 498 men von einem ganz marmornen Tempel. Die Mauern hatten gegen die Grundlage zehn Fuß in der Dicke, und beſtanden aus rothgefleckten Granit, welchen man in den Steinbruͤchen von Sienne ſindet. Die Saͤu⸗ len hatten vier Fuß im Durchmeſſer. Das Haupt der Iſis diente zu Kapitaͤlern. Bei dieſen Truͤmmern trifft man Stuͤcke koſtbaren Marmors, Ueberreſte der Statuen, welche dieſes herrliche Gebaͤude ſchmuͤckten. Der groͤßte Theil der Steine iſt mit Hieroglyphen bedeckt. Man unterſcheidet Maͤnner mit Spitzkappen, junge Maͤdchen, Voͤgel und verſchiedene Thiere. Die Stellungen ſind vortrefflich, und nirgends iſt der Ge⸗ ſchmack der Aegypter ſo gelaͤutert, und die Skulptur ſo vollkommen. Dieſe ſchoͤnen Ruinen ſind der Bar⸗ barei der Tuͤrken Preis gegeben, welche alle Tage Marmorbloͤcke wegſchleppen, oder die Saͤulen durchſaͤ⸗ gen, um Muͤhlſteine aus ihnen zu machen. Wahr⸗ ſcheinlich iſt Danvilles Vermuthung gegruͤndet, daß dieſes Gebaͤude ſich in der Stadt der Iſis be⸗ fand, welche Plinius und Stephan von Bo⸗ tanz gegen das untere Delta verſetzen. 4 Bei dem Eintritte der Nacht kam Savary von ſeinen Streifereien nach Semenno ud zuruͤck. Ma⸗ bamed Aſſalame, welcher ein behagliches Ruhe⸗ plaͤtzchen und eine gute Pfeife Tabak uͤber alle Be⸗ trachtung bewundernswerther Denkmaler ſchaͤtzte, lud ihn ein, in ein Kaffeehaus zu gehen, wo er Muſik boͤrte. Savary nahm ſein Anerbieten an, und zwar 499 um ſo bereitwilliger, weil er, der arabiſchen Sprache kundig, fuͤr einen Tuͤrken gelten konnte. Sie traten ein. Ihre Waffen, ihr militaͤriſcher, hoͤchſt eleganter Anzug machte, daß man ſie fuͤr Janitſcharen⸗Offtziere bielt. Die Buͤrger von Semenound erhoben ſich, und raͤumten ihnen einen Ehrenplatz an. Sie waren auf Eſtraden umher gruppirt. Savary und Aſſa⸗ lame ließen ſich auf einen erhabenen Sopha nieder. Der Gaſtwirth bot ihn Moka dar, und zuͤndete ihre Pfeifen an. Sogleich huͤpfte eine Taͤnzerin, welche die Geſellſchaft unterhielt, zu ihnen heran. Sie nahm, der Landesſitte zufolge, die wohlluͤſtigſten Stellungen, die unzuͤchtigſten Haltungen an. Das Tamburin und die Cymbel lenkten ihre Schritte. Je unſittlicher ihrs Geberden, je ſprechender ihre Bewegungen wurden:; deſto mehr erhoͤhte ſich der Beifall, und deſto wenigen ſchonte ſie ſich. Als der Tanz beendigt war, ſetzte ſie ſich zu ihnen, und ſang einige Moals zum Lobe der Muſelmaͤnner, und nachher ſehr heitere Lieder. Die⸗ ſes Freudenmaͤdchen nannte ſich Bedaoui. Sio war ſechszehn Jahr alt, und zum malen ſchoͤn. Ihr leichtes, duͤnnes Seidengewand zeigte alle reizenden Formen ihres Koͤrpers. Ihre rabenſchwarzen, wohl⸗ duftenden Haare wallten bis auf die Ferſe. Ein mit Grazie aufgeſchlagener Schleier deckte ihre Schultern. Ihre ſchwarzen Augen, ihre minder braune Geſichts⸗ farbe, ihr kleiner Mund, ihr ſuͤßes Laͤcheln machte ſie zu einem Gegenſtande der Entzuͤckung. Sie kam 500 von Kairo, und ſuchte ihr Gluͤck zu machen. Da G ſie ſah, daß Savary ſo freigebig ſie beſchenkt hatte, ſo erbot ſie ſich, ihn waͤhrend der Reiſe zu begleiten. 1 Er daukte ihr aber fuͤr dieſe Guͤte, und kehrte zuruͤck, um den Reſt der Nacht im Schiffe zuzubringen. (Die Fortſetzung im naͤchſten Baͤndchen.)