LarLaTr ErAranarhrhrhrharhrhrhraerarrarrrrrrrarnr araarn Ar Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 5,„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: —— auf 6 6 Monat. 2 fl. 30 Kr. 2 fl. 8 Kr. 1 fl. 12 Kr, .. 2, 30„ 1„ „ 1„.=„ 36„—„ 27„ aThnAnHnAnAEanannanachr r ar arhnhnhr canarananaranananahr Irararr arErhhAHGHAHhRHREHERONDHENHHHHHHGANhRRHRRhRHRRhHRhx- ———Zö—— Luropi aiſeßzen CTuͤrkey noͤrdlieſe und oͤstliche CTheile enctlzektenck: die- MoldauVa allachey Bulgarien, Thracien, Seytlrien uit den Pro- Ponffis, und dem Ufer von Kleinasien. Nürnber 8 bes flauebenstrieker wid 14 ner 7d 2. ehena e don — E EE HE 9) vrlad G Tb„2— — nae — Roboszie, 1 eptenzuart W— er gied,s 2 2 9 ,2 ia I, 4 E 4 Suari dorlamn alesgei hrkeniee, 3 s Flautiuzn r uca ecose Vigu akis Shanare Lerzas aoalgara Rotua Spwala 2 Pe ufmm m m D ene i Laud — Shad. Sau. 3 7 ke— Kialen I3 2 achakee³ Se 4 Am — 3 E DIIL A 4 T 70 E 42 · — — Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Erfindung der Buchdruckerkunſt bis auf unſer Zeiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Berfaß t von Mehren Gelehrten, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 13. Bändchen. Mit einer Karte. L Theil. 2. Bändchen der Reiſen in die Türkei.— Nürnberg Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1 8 28. Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen in die Türke, Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaßt von Mehren Gelehrten, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Königl. Bibliothekar zu Bamberg. I. Theil. 2. Bändchen. Nürnberg Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. 1828. Reiſe des K. franzöſiſchen Geſandtſchafts⸗ Sekretärs und Geographen Rikolaus von Nikolai von Marſeille nach Konſtantino⸗ pel 1551. Aus dem Franzöſiſchen frei bearbeitet*), — Erſtes Buch. I. Es war im Dezember Monat 1550, als der Herr von Aramont, Heinrich des II., Königs von Frankreich Geſandter, aus Konſtantinopel in ſein Vaterland zuruͤck kehrte. Er war einige Jahre in der Hauptſtadt des türkiſchen Reiches geweſen, hatte *) Les navigations et voyagcs faits en Turquie, Avec des ſigures d'hommes et de femmes. Lyon. 1568. Fol. Ed. nouv. à Anvers. 1576. 4. In das Holländische übersetzt. Antwerp. 1576. ¹. In das Italische von Franz Flori da Lilla. 1580. Fol. Verteutscht zu Nürnberg 1572. Fol. mit Holzschnitten. Verbesserte Auflage zu Röln bei Joh, von Mertzenich 1593, 4, 134 in dieſer Zeit manche wichtige Verhandlung gepflo⸗ gen, und glücklich geendet. Der Herr von Aramont nahm ſeinen Weg von Konſtantinopel(dem alten Byzanz oder dem neuen Stambul) zu Land, uͤber Thrazien, Mazedonien, Bulgarien, dann uͤber den rauhen und hohen Berg Rhodop(jetzt mons argenteus, oder Silberberg, wegen dem Silberbergwerke daſelbſt ſo genannt) bis er nach der Moldau, nach Bosnien, und Ser⸗ vien(vor Zeiten Miſia genannt) gekommen war. Hierauf erreichte er die reiche und maͤchtige Stadt Raguſa in Dalmatien, am Adriatiſchen Meere gelegen. Hier ſetzte er ſeinen Weg zu Waſſeer fort, kam an der Kuſte von Dalmatien und Slavo⸗ nien, ſo wie an der Inſel Iſtria voruͤber, und endlich nach Venedig. Von dort wurde die Reiſe zu Land fortgeſetzt, über Padua, Viazenza, Ve⸗ roua, Breſſa, und andere Orte, welche noch zum Venetianiſchen Gebiete gehörten. Ueber Churwal⸗ den und die Schweiz gelangte er zuletzt nach Lyon, fernerhin auf der Loire nach Blois, wo zur Zeit die Hofhaltung des Königes von Frankreich war. Sein Empfang daſelbſt war ſehr ehrenvoll; allein ſein Auf⸗ enthalt war wieder nicht von langer Dauer. Nach mehrern Raths⸗Verſammlungen ward beſchloſſen, die⸗ ſen vortrefflichen Geſchaͤftstraͤger wiederholt nach Kon⸗ ſtantinopel zu ſenden, jedoch ſollte dießmal, meh⸗ verer Sicherheit wegen, die Reiſe uͤber das Meer ge⸗ 155 ſchehen. Herr von Aramont ward vom Koͤnige wegen ſeiner wohlerworbenen Verdienſte, mit Wuͤrden und reichlichem Einkommen belohnt; auch wurden die zwei tauglichſten Galeeren, die im Hafen von Marſeille lagen, ausgeruͤſtet. Der Herr von Seure, ein vor⸗ trefflicher, erfahrner Ritter, ward zu ſeinem Beglei⸗ ter, ich aber als Sekretaͤr zu ſeinen beſondern Dien⸗ ſten beſtellt. II. Am letzten Tage des ſchönen Mai⸗Mondes machten wir uns auf den Weg. Schon nach einigen Tagen hatten wir Lyon erreicht, ſetzten uns auf die Rhone, welcher Fluß fuͤr den ſchnellſten in ganz Eu⸗ ropa gehalten wird, und gelangten nach Avignon, wo Herr von Aramont ſeine Gemahlin, welche ſehn⸗ lichſt auf ihn gewartet hatte, empfing. Denn es waren bereits ſieben Jahre, ſeit die beiden Eheleute einander nicht mehr geſehen hatten, weßwegen fuͤnf Tage in fröhlicher Raſt verbracht worden ſind. Nur die Wichtigkeit der erhaltenen Auftraͤge konnten den Geſandten beſtimmen, eher, als es ſeinem Herzen zuſagte, wieder abzureiſen. Er ſchickte ſeine Leute, und ſein Gepaͤck auf dem Waſſer bis gegen Mar⸗ ſeille, und folgte dann ſelbſt, mit mehrern ſeiner Verwandten und Freunden, auf dem Lande nach. Unter andern begleitete ihn auch der koͤnigliche Statt⸗ halter, ein Graf von Tende, bis in dieſe Stadt. Allein dieſe waͤre beinahe das Grab des Herrn von Aramont geworden; denn plötzlich verſiel er in eine 136 deftige Krankheit, woraus ihn nur die Geſchicklichkeit ſleißiger Aerzte zu retten vermochte. Ja, noch ebe die Schiffs⸗Ruſtung vollendet war, fühlte ſich der kraftvolle Mann wieder hergeſtellt, und geſund genug, um ſeinen Reiſeplan verfolgen zu können. Alſo ſchifften wir uns am u. Iuli gegen die Inſel If ein, welche zwei Meilen von Marſeille entfernt liegt. Der Graf von Tende, und andere Herren, begleiteten uns. Auf der Feſtung der Inſel ward Mittag gehalten, und nach aufgehobener Tafel fuhr alles an den Hafen Carry, ohngefaͤhr zwölf Meilen von der vorigen Inſel entfernt. Gleich nach der Ankunft wurde friſches Waſſer eingenommen; dann aber zur Aufzeichnung aller jener geſchritten, welche ſich am Bord der beiden Schiffe befanden. Viele, welche ſich eingeſchlichen, aber wei⸗ ter keinen Beruf hatten, die Reiſe mitzumachen, wur⸗ den zurück gewieſen; von den Vornehmſten unſerer Gefäaͤhrten aber wollen wir, der Kürze halber, nur folgende bemerken: den Herrn Ritter ven Seure, welcher ein eigenes Fahrzeug hatte; den Herrn von Montenard, mit einigen wohl bewaffneten Sol⸗ daten; den Hauptmann Coſte; den Herrn von St. Veran, den jungen Herrn von Loudon, den Herrn von Fleuri, den Ritter von Magliane, den koͤ⸗ niglichen Kaͤmmerling Herrn von Cotignak, und den ſehr gelehrten Edelmann, Herrn von Viraikh. Dieſer war in allen Wiſſenſchaften und in vielen Spra⸗ 13⁷ chen ſehr erfahren, wurde auch ſpaͤter zu wichtigen Geſchaͤften mit vielem Vortheile gebraucht. 3 Nach gehaltener Muſterung ſchiffte man nach der Richtung von Katalonien, gegen das Eapo de Cruzes, wie es die Spanier nennen, dann zu den Inſeln Baleares, heut zu Tage Majorka und Minorka genannt, welche wir in beliebiger Kürze hier beſchreiben wollen. III. Die Inſeln Baleares, jetzt Majorka und Minorka genannt. Ihren aͤltern Namen ſollen dieſe Inſeln von einem Gefährten des fabelhaften Halbgottes Herkules er⸗ halten haben. Sie liegen zwiſchen dem Spaniſchen und Kataloniſchen Meere, hießen bei den Griechen auch Gymnaſias und Gymnas, und ſollen der Ort ſeyn, wo zuerſt die Schleidern, oder die Wurf⸗ werkzeuge erfunden worden ſind. 4 Majorka hat, nach dem Bemeſſen der Schiff⸗ leute damaliger Zeit, 200 Meilen im Umfange, und iſt 100 Meilen breit. Nahe dabei ragen zwei Felſen aus dem Meere hervor, deren Einer, gegen Mittag gelegen Cabrera, der andere gegen Mitternacht, Dragonera genannt wird. Auf der Inſel ſind zwei Staͤdte: Palme, jetzt Majorka, oder Mallor⸗ ka, und Polenka, welche fonſt den Namen Alci⸗ dia fuͤhrte. 3— — 138 Minorka hat der Laͤnge nach 60, im ganzen Umkreiſe aber 150 Meilen; gegen Aufgang liegt es 30 Meilen von der Inſel Majorka. Auch ſind dar⸗ auf wieder zwei Staͤdte: Minorka, vor Zeiten Mugo und Jamna, jetzt Citadella genannt. Ob⸗ wohl dieſe Inſel klein iſt, ſo iſt ſie doch an jaͤhrli⸗ chem Einkommen ſo ertraͤglich, wie Majorka; denn ſie iſt ſehr fruchtbar, und hat einen vortrefflichen Ha⸗ fen, worin die Schiffe: vor jedem Sturme ſicher lie⸗ gen koͤnnen. IV. Von den Inſeln Pitiuſä, jetzt Jeviſä, und Formentariä genannt. Von den Inſeln Baleares ſegelten wir gegen die ſalzreichen Inſeln Pytiuſa, von den Alten Ophiuſa, von den Neueren aber Jevuſa und For⸗ mentaria genannt. Die Spanier und andere an⸗ graͤnzende Kuͤſten⸗Bewohner, kommen hieher, Salz zu holen, welches bei Sklaven, deren es auf dieſer Inſel eine Menge giebt, und die auch im großen Elende und in ſchwerer Dienſtbarkeit leben, herbei ſchleppen und aufladen muͤſſen. Die Tühvohner; 8 hen uͤberaus großen Gewinn hievon. Dieſe Inſeln liegen nahe bei einander, gegen Mittag, und Mitternacht. Die groͤßte derſelben, ge⸗ gen Mittag gelegen, heißt Ebiſſus, oder Vuika, hat in der Laͤnge ao, in der Breite, gegen Nieder⸗ 139 gang 30, und im Umfange 90 Meilen. Ihre Geſtalt iſt faſt wie der Buchſtabe T.. Formentaria, wo wir uns vor Anker legten, und friſches Waſſer einnahmen, hat in der Laͤnge, gegen Aufgang, 30 Meilen. Auf dieſer Inſel lan⸗ Ddeten viele von uns. Wir fanden den Grund ſehr niedrig, theils öde, theils ſtark mit Geſtraͤuchen be⸗ wachſen. In der Ferne, gegen die Inſel Ebiſſo zu, gewahrten wir auf einem Berge einen runden Thurm. Darin liegen Wächter, Tag und Nacht, welche auf die Seeräuber von Algier wohl Acht haben müſſen; denn dieſe haben den ſpaniſchen und andern Kaufleu⸗ ten, welche hier Salz aufzuladen pflegen, oft ſchon nachgeſtellt, und nicht ſelten große Beute gemacht. Nicht weit von dieſem Thurme iſt ein Tannenwald, worin viel Harz und Pech gewonnen wird. Die Inſel hat mehrere Waſſer⸗Zungen, worin, wenn das Meer zuruͤck tritt, und die Sonne eine Zeit lang einwirkt, ſchoͤnes, weißes Salz gefunden wird. V. Neiſe nach Algier, und Ankunft daſelbſt. Als wir wieder in die Schiffe getretten waren, und weiter ſegeln wollten, erhob ſich ein ſtarker Wind, der unſerer Richtung gerade entgegen war. Nach⸗ dem nun derſelbe die ganze Nacht fort geblaſen hatte, befanden wir uns am Morgen, ſtatt vorwaͤrts, weit zuruck getrieben. Als die See zuletzt wieder ruhig 1 140 ward, ſegelten wir mit gutem Winde weiter, und kamen ſo, am ſiebenten Tage, nachdem wir Mar⸗ feille verlaſſen hatten, gegen Barbaria, zu einem Orte, Capo de Caſſinos genannt, welcher gegen Niedergang, 15 Meilen von Algier, liegt. Es war bereits die Abend⸗Daͤmmerung eingetreten; weßwe⸗ gen wir unſere Schiffe an Ort und Stelle vor Anker legten. Zu gleicher Zeit aber ſchickte der Geſandte den Herrn v. Cotignak mit einer Schaluppe zum Kö⸗ nige von Algier, um ihm unſere Ankunft anzuzei⸗ gen. Bald nachher ließen ſich zwei Raubſchiffe auf dem hohen Meer ſehen, welche mit vollem Segel auf uns zu kamen. Als ſie aber unſere Galeeren anſich⸗ tig wurden, wandten ſie eiligſt wieder um, und ſchiff⸗ ten Algier zu. Um uns ſodann vor jedem Ueber⸗ falle auf das beſte zu bewahren, blieben wir die ganze Nacht in den Waffen, und hielten gute Wache. Als nun der Tag wieder angebrochen war, nah⸗ ten wir uns Algier. Da kam uns Herr v. Co⸗ tignak entgegen, und mit ihm ein Geleitsmann, den ihm der König mitgegeben hatte. Denn in der vorigen Nacht war er von den zwei Raubſchiffen, die wir geſehen hatten, gefangen und geplündert wor⸗ den. Als man aber einem Anführer derſelben begreiff⸗ lich machte, daß dieſer Herr zur Geſandtſchaft des Königes von Frankreich gehöre, wurde ihm beinahe alles Geraubte wieder zuruͤck geſtellt. Allein die armen 14⁴ Schiffsleute hatten faſt alles das Ihrige verloren, und waren bel dem erſten Angriffe mit Schlägen übel empfangen worden.— VI. Im Angeſichte der Stadt Algier zogen wir unſere Flaggen auf, und richteten das Geſchuͤtz, großes und kleines, in feuerfertigem Stand. Alles Kriegs⸗ volk ſtand in voller Rüſtung und Ordnung auf dem Verdeck, als wir in den Hafen fuhren. Zu gleicher Zeit brannten wir einige Freuden⸗Salven los. Ein gleiches geſchah, uns zum Gegengruße, von der Land⸗ ſeite, durch welchen Alarm der Pöbel aufgeregt, hau⸗ fenweiſe herbei lief, um uns zu beſehen. Sobald wir das Land betretten hatten, wurde Herr v. Contignak mit ſeinem Geleitsmanne wieder zum Koͤnige geſchickt, um ihm unſere Ankunft anzu⸗ zeigen. Nach kurzer Zeit kum er wieder zuruͤck, und mit ihm mehrere von des Köoͤnigs Beamten und Offi⸗ zieren. Sie entrichteten die Befehle ihres Herrſchers, bewillkommten den Herrn Geſandten, und brachten ihm zum Geſchenke ein tuͤrkiſches Pferd, mit einem ſpaniſchen Sattel belegt, um auf demſelben zum koͤnig⸗ lichen Palaſte zu reiten, welcher in der Mitte der Stadt gelegen iſt. Dieß geſchah ſogleich, und wir andern, welche zur Geſandtſchaft gehörten, folgten ihm. Als wir nun in guter Ordnung in den erſten Schloßhof gekommen waren, fuͤhrte uns der Geleits⸗ mann in den zweiten, welcher etwas kleiner war⸗ In der Mitte deſſelben war ein ſchönes Waſſerwerk, — 142 mit vier Waͤnden, und mit Sitzen in Stein gehauen umgeben. Der Fußboden des Beckens war aus aller⸗ lei bunten Steinen zuſammen geſetzt. In demſelben Hofe, an der Mittagsſeite, ſtand ein prachtvoller, waſſerreicher Brunnen, deſſen ſich die ganze, könig⸗ liche Hofhaltung zu bedienen pflegt. In einer Ecke dieſes Hofes war eine höͤlzerne Stiege, mit ſchoͤnen und breiten Stuffen. Ueber dieſe gelangten wir zu einem herrlichen Saal, deſſen hofe Decke viele Saͤulen aus ſchoͤnſtem Marmor trugen. Der Fußboden beſtand wieder aus bunten Steinen, und in der Mitte war ein niedlicher Springbrunnen angebracht, welcher Leben und Kuͤhlung um ſich ver⸗ breitete. 4 In weißen Damask gekleidet, auf einem ſchö⸗ nen, jedoch nicht viel erhabenen Sitze, erblickten wir hier auch den Koͤnig. Nicht weit von ihm ſtand ſein Capi⸗Aga oder Hofmeiſter, im langen Kleide von Sammt, mit einem ſchoͤnen Turban auf dem Kopfe, und in der Hand einen langen, ſilbernen Stab. Ne⸗ den ihm ſtanden andere Diener, mit gruüͤngefaͤrbten Staͤben, und hinter dieſen die Sklaven. Dieſe hat⸗ ten eine Kopfbedeckung von karmoiſinrothem Sammt, mit Federn, und an der Stirnſeite mit Steinen be⸗ fetzt. Als der Geſandte dem Könige ſeine Verbeugung gemacht, und ihm die Hand gekuͤßt hatte, ließ dieſer ihn neben ſich niederſetzen, und empſing in dieſer 14³ Stellung ſeinen Beglaubigungs⸗ Brief. Hierauf be⸗ gann eine kurze Unterredung, nach welcher der Herr Geſandte wieder entlaſſen, und auf die naͤmliche Weiſe in ſein Schiff zuruck gebracht wurde, wie er hieher gekommen war. Hierauf kamen waͤhrend des ganzen Tages viele Tuͤrken und Mohren an unſern Bord, die wir auf das Hoͤflichſte empfingen, und ſo viel als möglich bewirtheten. An jedem der kommenden vier Tage ſchickte der König ſechs Ochſen, und ein und zwanzig Hammel; auch brachten die Landes⸗Einwohner allerlei Fruͤchte: Birne, Aepfel, Feigen, Weintrauben, böſtliche, wohl⸗ ſchmeckende Melonen, und ungeſäuertes Brod, mit einem Kuchen⸗aͤhnlichen Geſchmack. Jedem, der uns ſo etwas uͤberbrachte, gaben wir eine Silber⸗Krone, um das Volk fuͤr uns einzunehmen, und es zu be⸗ wegen, uns alles zu bringen, was wir verlangen konnten. Dieſes gelang uns auch vortrefflich; denn auf dem ganzen Erdboden iſt kaum ein Menſchenge⸗ ſchlecht zu finden, welches der Raubſucht und dem Geitze mehr geneigt iſt, als das zu Algier. Wir verlebten auf dieſe Weiſe, ohne alle Stö⸗ rung, eine ganze Woche, waͤhrend welcher die Ga⸗ leere des Herrn Ritter von Seure ausgebeſſert wurde. Hierzu gab der König das Materiale unentgeldlich, und ein Schiff aus ſeinem Arſenale, mit allem Zu⸗ gehor, ſo lange, bis die Ausbeſſerung des unſerigen vollendet ſeyn wuͤrde. 3 144 VI Fernerer Aufenthalt, und Beſchreibung von Algier. Donnerſtags den 16ten des Monats Juli, als ſich ein gefangener Chriſt auf einem tuͤrkiſchen Schiffe von ſeinen Ketten losgemacht hatte, ſtuͤrzte er ſich in das Meer und ſchwamm gerade auf unſere Galeere zu. Ein Tuͤrk auf einem andern Schiffe wurde dieß gewahr, ſprang auch in das Meer, ſchwamm dem Entronnenen nach, und erreichte ihn. Sicher haͤtte der Unglückliche ertrinken muͤſſen, denn der Muſel⸗ mann tauchte ihn beſtaͤndig unter das Waſſer. Doch unnſere Schiffleute erbarmten ſich, und zogen den Ver⸗ folgten halb todt aus dem Meer auf das Verdeck. 3 Nun kamen die Tuͤrken haufenweiſe herbei, um ihren entflohenen Sklaven zu holen. Unter ihnen war auch der Herr deſſelben, der ihn fruͤher gekauft hatte. Als aber dieſer ſah, daß ſein Sklave gar uͤbel zugerichtet war, vielleicht mit dem Leben nicht davon komme, nahm er zehn Kronen und uͤberließ uns den gefan⸗ genen Chriſten gutwillig. Ddieſes Beiſpiel wirkte ſogleich auf andere gefan⸗ gene Chriſten maͤchtig; denn ſchon am folgenden Tage fluͤchteten ſich Mehrere auf unſer Schiff, unter wel⸗ chen auch ein Bluts⸗Verwandter unſers Hauptmanns 1 Coſte war, ein junger Menſch, in ſeinen beſten Jahren. Ein reicher Kaufmann in Algier hatte ihn als Sklaven an ſich gekauft. Etliche Tuͤrken hatten 145 geſehen, wie er das Hauptſchiff erſtieg, liefen ſo⸗ gleich mit großem Geſchrei herbei, und forderten deſſen Auslieferung. 3 Von dieſer Zeit an rotteten ſich die Tuͤrken, fleißig wider uns zuſammen, und trachteten dahin, uns ſchaden zu koͤnnen, oder uns wenigſtens zu be⸗ leidigen. Als dieß der Geſandte bemerkte, war er darauf bedacht, jeder Gefahr bei Zeiten vorzubeugen. Er ſetzte ſich noch einmal auf das tüͤrkiſche Pferd, und ritt in die Stadt zum Könige. Er bat, daß dieſer ihn verabſchieden, und erlauben moͤchte, die zange⸗ fangene Reiſe fortſetzen zu dürfen. Allein die Vor⸗ nehmſten von Algier widerſetzten ſich dieſem, und gaben vor, daß ſeit unſerer Ankunft mehr als fuͤnf⸗ zig Chriſten⸗Sklaven auf unſere Schiffe entronnen wuͤren. Eines Tages erſchienen auch gleichzeitig viele Türken auf der Galeere, forderten mit Drohungen und wilden Gebaͤhrden, die Auslieferung ihrer Skla⸗ ven, und beſonders den Verwandten des Haupt⸗ nanns, den ſie doch mit eigenen Augen auf das Haupt⸗ ſchiff haͤtten ſteigen geſehen. Der Geſandte entſchuldigte ſich, ſo gut er konnte, und beklagte ſich, daß man ihn gleichſam raͤuberiſch üͤberfallen wollte. Er verſicherte ſie, daß er nicht geſonnen ſei, einem ihrer Sklaven den Zutritt auf ſein Schiff zu geſtatten, und daß dieſes auch nicht geſchehen ſei. Er erſuchte ſie, ſich von der Wahrheit ſeiner Rede ſelbſt zu uͤberzeugen, und zu dieſem Ende 13tes Bäͤndchen. Tuͤrkei I. 2. 2 146 die Galeere von oben bis unten zu unterſuchen. Doch damit gaben ſich die ungeſtummen Moslins noch kei⸗ neswegs zufrieden; denn ihre Abſicht war, unſer Schiff an das Geſtade zu ziehen, um es bei dieſer Gelegenheit berauben und pluͤndern zu konnen. Der Geſandte merkte ihr Vorhaben gar wohl, und fer⸗ tigte deßwegen den Ritter von Seure,„Cotignak, und mich, zum Köͤnige ab, damit wir duns üͤber die veruͤbte Gewalt beklagen ſollten. Wir hatten noch nicht das Geſtade erreicht, als mich der Herr von Seure erſuchte, wieder auf unſer Hauptſchiff zuruͤck zukehren, um einiges, ſehr Nothwendigas, des ent⸗ flohenen Chriſten⸗Sklaven wegen, zu beſegen. Ich konnte mich deſſen nicht weigern, fuhr zuruͤck, ver⸗ richtete den erhaltenen Auftrag, und eilte dann wie⸗ der zu meinen Gefaͤhrten, um nach Algier zu gehen. Ich wollte eben aus der Schaluppe an das Land tretten, als ein Sklave in mein Schifflein ſprang, einen Korb voll Feigen und Weintrauben tragend. Er gab vor, daß er dieſelben unſerm Herrn uͤberbrin⸗ gen müuͤßte, und bat, daß man ihn zu demſelben fuͤh⸗ ren möchte. Allein die Gefahr war zu groß, als daß ich ihm dieß haͤtte bewilligen wollen. Denn ſchon hatte ihn ein Tuͤrke bemerkt, ſprang herbei, peitſchte den Ungluͤcklichen gewaltig, und fuͤhrte ihn auf eine algieriſche Fregatte zuruck. Bald beſann ſich der Grauſame wieder eines Andern, ſetzte den Sklaven in meine Schaluppe zuruͤck, mich aber, uno meine 142 Leute zwang er, das Hauptſchiff des Königs von Al⸗ gier zu beſteigen, obwohl ich mich dieſem heftig wi⸗ derſetzte. Vald mußte ich ſehen, wie ſie unſern Schiffsmann vor meinen Augen in Eiſen ſchmiedeten; mich aber wollten ſie ſo lange als Geiſel und Ge⸗ fangenen zuruͤck halten, bis ihnen alle entflohenen Sklaven ausgeliefert worden waͤren. Aber unerſchrocken trotzte ich immer noch ihrer Gewalt, fuͤhrte laut und heftig Beſchwerde über dieſe unbillige Behandlung an mir, der ich ein Abgeord⸗ neter des Koͤnigs von Frankreich ſei, und ſtellte ihnen vor, daß jede Schmach, die ſie mir fernerhin zufü⸗ gen wuͤrden, gewiß nicht ungerochen von Seite mei⸗ nes maͤchtigen Herrſchers bleiben würde. Ich ſagte ihnen ferner, daß ich abgeſchickt ſei zu ihrem Könige, und gab ihnen ſo viele gute Worte, daß ſie mich zu⸗ letzt frei ließen. Meinen armen Schiffsmann aber be⸗ hielten ſie zurück. Dieſer wollte verzweifeln, als er mich fortgehen, ſich aber in ſchweren Ketten zuruͤck⸗ gehalten ſah. Nun mußte ich gleichwohl ſelbſt mein Schifflein fuͤhren, war aber ſo glucklich, in kurzer Zeit wieder unſere Galeere zu erreichen. 4 Als ich dem Geſandten meinen Unfall erzaͤhlt hatte, betruͤbte er ſich daruͤber ſehr, fertigte mich jedoch gleich wieder ab, um den Ritter von Seure und Cotignak zu beſtimmen, alles Mögliche anzuwen⸗ den, um zum Könige zu gelangen, und ſich uͤber die 148 erhaltenen Unbilden zu beklagen. Dieſe begegneten mir unterwegs, in Begleitung des Caith(erſten Biſchofs) des Königes, welcher ſeinen Herrn ent⸗ ſchuldigte, und verſicherte, daß alles, was uns Un⸗ angenehmes zugeſtoßen, ohne deſſen Wiſſen und Wil⸗ len geſchehen ſei. Jedoch ſtehe es nicht in ſeiner Macht, die Einwohner der Stadt zu zuüchtigen; denn dieſe ſtuͤnden nicht unter ihm.,, und haͤtten ihren ei⸗ genen Richter. Unterdeſſen waren die Tuͤrken fortgefahren, mit Heftigkeit ihre entflohenen Sklaven zu fordern. Der Geſandte wandte alles Mögliche an, ſie zu befriedi⸗ gen, ließ Geld und Geſchenke unter ſie vertheilen. Er ſtellte ihnen noch einmal frei, das Schiff zu un⸗ terſuchen, und alles ohne Hinderniß zu ſich zu neh⸗ men, was ſie glaubten, daß ihnen geboͤrig ſei.— Sie fiengen hierauf die Unterſuchung wirklich an; allein ſie fanden— Nichts. Unzufrieden verließen ſie zu⸗ letzt die Galeere. Allein wir ſahen bald, wie ſich am Ufer Tuͤrken und Mohren in großer Menge zuſam⸗ men rotteten, wohl in keiner andern Abſicht, als ſich zu rächen, oder uns zu plündern. Wir blieben deß⸗ wegen die ganze Nacht wachſam unter den Waffen, jedoch keineswegs ohne großer Beſorgniß. Am kommenden Tage ſammelte der Koͤnig alle ſeine Soldaten unter die Waffen, beſetzte damit ſeine Schiffe, und ſtellte ſie auch am Lande in Schlacht⸗ 149 ordnung. Sein ganzes Geſchuͤtz, vom Ufer aus, und von den Galeeren wurde zu gleicher Zeit auf uns ge⸗ richtet, er forderte dann nochmals mit allem Ernſte⸗ die Aushaͤndigung der Chriſten⸗Sklaven. Ritter von Seure, nnd Cotignak befanden ſich zu dieſer Zeit noch auf dem Lande, und verlangten, als ſie dieß er⸗ fahren hatten, vor den Konig gelaſſen zu werden; allein man ſchlug es ihnen ab, und der König ſelbſt wollte ſie weder ſehen, noch hoͤren. Daruber, und uber die Zuſammenrottungen des Pöbels in der Stadt geriethen ſie natuͤrlich in ſehr großen Schrecken. Als der Geſandte die große Gefahr uͤberdacht hatte, in welcher ſowohl er ſelbſt, als ſeine Begleiter ſchwebten, ſtieg er in eigener Perſon an das Land, gieng gerade auf das Schloß zu, und verlangte, vor den König gelaſſen zu werden. Allein auch ihm wurde dieſer Zutritt verweigert. Der Köonig ſchickte dagegen ſeinen Statthalter, mit vielem Hofgeſinde auf unſer Hauptſchiff, welche mit allem Ungeſtuͤmme verlangten, daß man ihnen den Hauptmann Coſta, und ſeinen Vetter Erasmus ausliefere, als Erſatz füͤr den entflohenen Blutsverwandten des Erſtern. Allein ſchon Tags zuvor hatte man dieſem mit Huͤlfe eines Tuͤrken, den man zu beſtechen Gelegenheit fand, in Tuͤrkiſche Kleidung geſteckt, heimlich an das Land gebracht, und ſeinem Herrn wieder zugeführt. Durch Geſchenke und gute Worte ward auch dieſer beſchwichtiget, daß er ſeinem Sklaven verzieh, und 6⁵* 150 ihm weiter kein Leid zuzufuͤgen verſprach. Allein da⸗ mit war die Sache keineswegs noch vollkommen ab⸗ gethan. Sie bemächtigten ſich mit Gewalt des oben genannten Exasmus, dem ſie die Hauptſchuld dieſer Verwirrung beimaſſen, und wuͤrden ihn auch ohne weiters, indem ſie ihn ſchon unſerm Schiffe entfuͤhrt hatten, uͤber ihre Galeere hinaus gehenkt haben, häͤtte nicht der Geſandte, welcher den Charakter des Tuͤrken⸗Volkes, und ihren ſchmutzigen Geitz aus lan⸗ ger Erfahrung kannte, durch Beſtechungen des einen und des andern dieſe uͤble Sache wieder zum Beſten ſo geleitet, daß Erasmus an uns wieder ausge⸗ liefert worden iſt. Jedoch mußte von Aramont ihn vor ihren Augen in Eiſen ſchlagen laſſen, und verſprechen, ihn zu Konſtantinopel nach den dort uͤblichen Geſetzen beſtrafen zu laſen. Erasmus wurde bald nachher von uns zwar wieder auf freien Fuß geſtellt; allein der Schrecken, und die Stock⸗ ſchlaͤge der Tuͤrken, mit denen er waͤhrend dieſes Vor⸗ ganges uͤberhaͤuft worden war, hatten ihn übel zu⸗ gerichtet. 1 Die Wuth des Poͤbels war inzwiſchen keineswegs noch gedaͤmpft. Alles rottete ſich fortwaͤhrend zuſam⸗ men, und ruͤſtete ſich mit Wehren und Waffen. Wir befuͤrchteten, daß auch den Geſandten Uebles begeg⸗ nen möchte, denn derſelbe befand ſich noch am Ufer. Wirklich hatte man ihn auch in die Mitte genommen, auf das köoͤnigliche Schiff geſchleppt, und genöthiget, 151 noch 200 Kronen fuͤr den vorgeblich erlittenen Scha⸗ den zu erlegen. Erſt nachdem dieß geſchehen war, gelang es ihm, ſich und uns von dem abſcheulichen Volke loszumachen, und insgeſammt wieder auf unſer Hauptſchiff zu kommen. — Nun aber wollten wir nicht laͤnger hier verwei⸗ llen, lichteten zur Stunde die Segel, huben die Anker auf, und ſchifften weiter gegen Aufgang, bis an einen Ort, Cap de Matafuſa genannt, 30 Meilen von Algier entlegen. Dort warteten wir bis gegen Mor⸗ gen auf guͤnſtigen Wind. VIII. Algier und deſſen Bewohner. Algier iſt eine ſehr alte Stadt, wurde zuerſt Mesganis,(von den Völkern, die es erbaut hak⸗ ten) dann Jola genannt. König Juba hatte da⸗ ſelbſt ſeine Hofhaltung. Als die Römer ihre Herr⸗ ſchaft auf Afrika ausdehnten, fuͤhrte die Stadt, zur Ehre des Kaiſers Julius Caſar, den Namen Ca⸗ ſarea. Die Mohren nennen ſie jetzt Gezeir, Arab, Elgezair, welches in ihrer Sprache Inſeln heißt, weil ſich nicht weit davon die Inſeln Majorka und Minorka, Ebiſſo und Formentiera befinden. Die Spanier hingegen nennen ſie Algier. Sie liegt am Fuße eines Berges, am Geſtade des Mittellaͤndiſchen Meeres, iſt mit ſtarken Mauern, Baſteien und Bruſtwehren wohl befeſtiget, und glei⸗ 15²2 chet faſt einem Dreiecke. Auf einer Seite gegen das Meer hat es ein ſtarkes Schloß, von welchem man die Stadt und den Hafen mit dem Geſchütz beſtrei⸗ chen und vertheidigen kann. Auſſer dem königlichen Palaſte, ſind Aneh noch viele andere ſchoͤne Gebaͤnde in der Stadt, Baͤder und Gaſthaͤuſer. Die Gaſſen ſind ſehr regelmaͤßig angelegt, und jedes Handwerk hat ſeine beſondere Abtheilung. Im ganzen moͤchte man wohl gegen dreitauſend Feuer⸗Staͤtte zaͤhlen.— In dem unterſten Theile der Stadt, gegen Mit⸗ ternacht, nicht weit vom Meere, ſteht ihre vornehmſte Moſchee; zunaͤchſt dabei iſt das Arſenal, worin auch die Schiffe und Galeeren gebaut werden. In der Naͤhe befinden ſich viele Gewerbe und Kaufleute. Die⸗ ſer Theil iſt ſeiner vortrefllichen Lage wegen, der be⸗ völkertſte; Mohren, Tuͤrken und Iuden treiben hier ihren Wucher. Sie haben zwei ordentliche Wochen⸗Maͤrkte, wo vom Lande eine große Menge Volks herbei ſtrömt, Getreide und andere Fruͤchte, Gefluͤgel, und beſon⸗ ders Nebhuhner zum Verkaufe bringend. Letztere ſind ſehr wohlfeil, aber nicht ſo groß, wie bei uns. Andere Huͤhner giebt es auch haͤufig. Sie werden nicht, wie bei uns, ausgebrütet; ſondern man hat hiezu eigene Oefen mit hohlen Platten, worin die Eier gelegt werden. Durch den gehoͤrigen Grad der 153 „Waͤrme werden auf dieſe Weiſe eine Menge Huühn⸗ chen zur Welt befördert. Kamele und Ochſen hat man gleichfalls ſehr viele. Letztere werden wie die Pferde beſchlagen, und zum Reiten gebraucht; jedoch habe ich auch ſehr viele und ſchoͤne Pferde geſehen. Die Mohren reiten ſie ohne Sattel, Zaum, Steig⸗ bügel und Sporn; ſie legen ihnen nur einen Ring, oder einen Strick um den Mund, und reiten ſie da⸗ mit, wohin ſie wollen. Die Maͤnner gehen meiſtens mackt, jedoch bedek⸗ ken ſie die Scham vorne und hinten mit einem weißen Tuche; auf dem Kopfe aber haben ſie eine geflochtene Binde, welche ſie unter dem Kinn zuſammen binden. Ihre Waffen ſind drei Pfeile, mit welchen ſie ſehr gewandt und ſicher in die Ferne ſchießen. An der linken Seite haben ſie einen Saͤbel haͤngen, den ſie Secgquie nennen. Sie bedienen ſich deſſen gegen ihren Feind, wenn er ihnen nahe kommt. Der meiſte Theil des Hofgeſindes, und des Kriegs⸗ volkes auf den Galeeren, ſind abtrinnig gewordene Chriſten, die auch Mameluken(Renegaten) ge⸗ nannt werden. Sie ſind aus allerkei Laͤndern, beſon⸗ ders aus Spanien und Italien. Dieſe Menſchen treiben viel Boͤſes, Unzucht, Falſchheit und Räuberei, ſowohl zu Waſſer als zu Land. Sie bringen taͤglich eine große Menge gefangener Chriſten nach Algier, verkaufen ſie den Mohren und heidniſchen Kaufleuten. Pon dieſen haben ſodann die armen Menſchen die häͤr⸗ 154 teſte Sklaverei zu erwarten. Im größten Elende, mit Schlaͤgen und Mißhandlungen aller Art werden ſie zum Feldbau, oder zu andern ſchweren, faſt uner⸗ ſchwinglichen Arbeiten angehalten, woraus leicht zu ermeſſen iſt, warum dieſe Sklaven wie immer zu ent⸗ fliehen ſtreben; alſo auch zu uns ihre Zuflucht ge⸗ nommen haben, wodurch wir aber in ſo große Ge⸗ ffahr gerathen ſind. Vor der Stadt, gegen Niedergang der Sonne, findet man viele ſchöne, anmuthige Gaͤrten, mit Bau⸗ men und Fruͤchten edler Art; von vorzüglicher Guͤte ſind die Melonen. Eine andere Frucht nennen ſie Patequa(die Italiener Angurta). Sie iſt im Som⸗ mer und Winter grün, und wird ohne Brod und Salz gegeſſen; denn ſie iſt ſehr ſuͤß wie Zucker, ſehr ſchmackhaft und voll Saft, der lieblich kühlt, und den Durſt loͤſchet. Die Gegend ſelbſt, obwohl ſehr bergig, iſt doch außerordentlich fruchtbar, ſowohl an Wein als an andern Fruͤchten. Es entſpringen da⸗ ſelbſt viele Quellen, und gegen Aufgang iſt ein kleiner Fluß, Savo genannt. Dieſer treibt viele Mühlen, verſieht die Stadt mit friſchem Trintwäſeren und er⸗ gießt ſich zuletzt in die See. Gegen Matafuſa am Geſtade des Meeres, ſin det man noch einige Spuren von der alten Stadt Tipaſa, welche vor Zeiten von den roͤmiſchen Kai⸗ ſern mit großen Freiheiten iſt begabt geweſen. Hier pflegen die Mohren⸗Weiber und Sklavinnen ihre Ge⸗ 155 raͤthe zu waſchen, und ſind dabei ganz nackt, bis auf eine kleine Bedeckung der Scham, welche ſie aber auch— füͤr eine geringe Belohnung— gerne weglegen. Um den Hals, um die Arme und Füße tragen ſie breite Ringe von Meſſing, mit unedlen Steinen be⸗ ſetzt. Der Tuͤrken Weiber, und die freien Mohrinnen bingegen laſſen ſich ſelten ſehen, und wenn ſie auch aus dem Hauſe gehen, ſo ſind ſie doch vom Kopf bis zu den Fuͤſſen mit einem ſchwarzen oder faͤrbigen Schleier bedeckt. Dieſes Alles zu beobachten, gewann ich gleich am zweiten Tage nach unſerer Ankunft zu Algier einen Renegaten aus Spanien gebuͤrtig. Dieſer führte mich nicht allein in der Stadt herum, ſondern auch auf ein nahes Gebirge, wo er mir einen hohen Thurm 3 zeigte. Nach ſeiner Ausſage war derſelbe mit vielem Reiſigen Volke, und gutem Geſchuͤtze beſetzt; jedoch zu keiner andern Abſicht, als die hier entſpringenden Waſſerquellen zu bewachen, welche in unterirdiſchen Kanaͤlen zur Stadt geleitet ſeyn ſollen. IX. Auf einer Inſel vor der Stadt war ehe⸗ mals ein feſtes Kaſtel, welches die Spanier, unter ihrem Koͤnige Ferdinand, erbaut hatten, um den Seeraͤubereien der Algierer Einhalt zu thun⸗ Fer⸗ dinand hatte naͤmlich eine wohlgerüſtete Armada (Flotte) dahin geſandt, und zuͤchtigte ſie dergeſtalt, daß ſie nicht allein Friede hielten, ſondern auch lange Zeit Tribut bezahlten. Als aber dieſer Koͤnig todt 156 war, ſielen die Algierer von dieſer anerkannten Ober⸗ herrſchaft wieder ab, verweigerten jede Abgabe, be⸗ ſtürmten und eroberten das Fort, und zerſtörten es bis auf den Grund. Ihre Raͤubereien trieben ſie dann wie zuvor. X. Die Städte Tedelez und Bona, mit deren Einwohnern. Zu Mataſus(vor Zeiten Cobat) verweilten wir die Nacht hindurch, und ſchifften alsdann mit beginnendem Tage wieder weiter. Bald kamen wir an einen Ort, Kap de Tedelez genannt, wo wir wegen widriger Winde liegen bleiben mußten. Nicht weit davon befindet ſich im Meere ein großer Fels, und in dieſem eine tiefe Höhle, in der Laͤnge von zwei Bogenſchuſſen. Wir fuhren in dieſe mittelſt ei⸗ mes kkeinen Nachen hinein, und waren ſchon in die Haͤlfte gekommen, als eine große Menge Fleder⸗ maͤuſe gegen uns ſo heftig heraus fuhr, daß wir kaum mehr Zeit hatten, vor dieſem haͤßlichen Ge⸗ ſchmeiße unſer Angeſicht mit dem Mantel zu beſchutzen. XI. Ringsum iſt das Meer⸗Geſtade voll rauher Felſen, nur um die Stadt Tedelez ſelbſt iſt ein 1 Strich Landes fruchtbar, und wohl bebaut. Wir kauften dort Fruͤchte, und verſchiedenes andere, was wir nothig hatten. Als ſich der Gegenwind etwas gelegt hatte, und wir uns mit friſchem Waſſer hin⸗ laͤnglich verſehen hatten, ſchifften wir naͤher an die Stadt hin. Dieſe hat ohngefaͤhr 2000 Haͤuſer, und liegt im Mittellaͤndiſchen Meere, ohngefaͤhr 60 Mei⸗ len von Algier, am Fuße eines hohen Berges, auf welchem ein kleines Kaſtel liegt, von welchem eine Mauer bis zur Stadt geht, welche von den alten Afrikanern erbaut worden ſeyn ſoll. Tedelez wird jetzt von einem fröhlichen, leichtſinnigen Voͤlklein be⸗ wohnt, welches ſich faſt einzig auf die Tonkunſt ver⸗ legt. Nebſtdem iſt ihr vornehmſtes Gewerbe die Fi⸗ ſcherei; denn die Baͤche, welche aus dem nahen Ge⸗ birge kommen, führen vortreffliche Fiſche mit ſich. Auch einige Wollen⸗ und Tuch⸗Faͤrberei wird getrie⸗ ben. Tedelez iſt dem Koͤnige von Algier un⸗ terthaͤnig. Von dort begaben wir uns auf das hohe Meer, und kamen(den 2u. Juli) zur Stadt Gigeri, welche vor Zeiten Aſiſnont hieß. Bei unſerer Au⸗ kunft erhob ſich plotzlich ein ſo ſchrecklicher Wirbel⸗ wind, daß wir kaum noch Zeit hatten, die Segel zu ſtreichen, und dadurch der groͤßten Gefahr zu ent⸗ gehen. Ja eines unſerer kleineren Fahrzeuge, wel⸗ ches an das Hauptſchiff angehaͤngt war, verſank vor unſern Augen, nachdem ſich die Mannſchaft mit ge⸗ nauer Noth zu uns gefluͤchtet hatte. Dieſe Wirbel⸗Winde, Turbillo oder Winds⸗ braut genannt, entſtehen ſehr plötzlich, und hoͤren eben ſo ſchnell wieder auf. Merkwuüͤrdig iſt, daß 4 153 ſie nie vor Mitternacht kommen, und nur zur Som⸗ merszeit erſcheinen. Am Abende des folgenden Tages, als wir den Port zu Bona erreicht hatten, ſchickte der Ge⸗ ſandte zum Kadi, welcher in dieſer Stadt im Na⸗ men des Köoͤnigs von Algier reſidirt, und großen Tribut einnimmt. Dieſer Kadi war fruͤher ein Chriſt, bezeugte ſich recht freundlich gegen uns, und ſchickte uns Speiſen und Fruͤchte. Dem Geſandten ließ er zwei Schuſſeln von ſehr ſchönem Maiolika uͤberbrin⸗ gen, welche angefuͤllt waren mit Speiſen, und köſtli⸗ chem Backwerk. XII. Die Stadt Bona wurde vor Zeiten Hippona genannt, und man verſichert, daß hier der b. Auguſt inus Biſchof geweſen iſt. Zuerſt wurde ſie von den Roͤmern an das Meer, auf ſehr hohe Felſen erbaut. Darauf ſieht man noch eine herrliche Moſchee, und die Wohnung des Kadi. Ein anderer Theil der Stadt, gegen Mittag, liegt viel niedriger, in einem Thale, von friſchen, und klaren Quellen bewaͤſſert. Der Haͤufer moͤgen ohngefaͤhr dreihunderte ſeyn, meiſtens uͤbel und ſchlecht gebaut; denn die Stadt iſt von den Spaniern zweimal nach einander verbrannt worden. Kaiſer Karl V. hat nach Er⸗ oberung der Stadt gegen Weſt, auf einem hohen Berge, ein großes, weites Kaſtel erbaut, und viele Eiſternen darin graben laſſen, um daſſelbe mit Waſ⸗ 159 8 ſer zu verſehen. Spaͤter haben die Türken und Mo⸗ ren es wieder errobert, und die Spanier vertrieben. Gegen Aufgang ſieht man ein ſehr ſchoͤnes, und ehends Land, darin wohnt ein Volk, Merdes ge⸗ nannt. Es wird dort ſehr viel Getreide gebaut, und ſo vortreffliche Viehzucht getrieben, daß es einen Ueberfluß giebt an Rindvieh, Schafen und Pferden. Von hier werden, nicht allein die Stadt Bona, ſon⸗ dern auch Tunis, die Inſel Gerbi, und andere umliegenden Orte mit Milch, Butter ꝛc. verſehen. Auch giebt es in dieſer Gegend ganze Waͤlder von Dattelbaͤumen, Cybeben, Feigen, und einen Ueber⸗ ftuß an Zucker⸗Melonen. Aus dem Gehixge ſtyömen zwei Fluͤße, uͤber welche ſteinerne Bruͤcken gebaut ſind. Von denſelben fuͤhrt noch eine Straſſe zu ei⸗ ner zerſtörten Kirche, zwiſchen hohen, und rauhen Felſen. Nach der Sage der Moren ſoll der h. Au⸗ guſtin darin gewohnt, und geprediget haben. Dieß veranlaßte mich, dieſen Ort beſuchen zu wollen, ob⸗ wohl es mir von einem ſpaniſchen Juden ſehr miß⸗ rathen wurde: denn die Gegend war von Arabiſchen Naͤubern gar unſicher gemacht. Nichts deſto weniger machte ich mich auf den Weg: allein bald erblickte ich in der Ferne, am Fuße eines hohen Berges ei⸗ nen Haufen ganz nackter Maͤnner. Sie ſaßen theils auf Arabiſchen Pferden und waren mit Saͤbeln, und allerlei andern Waffen verſehen, dergleichen ich ſchon zu Algier geſehen hatte. 160 Am Geſtade des Meeres, unter der Feſtung, findet man ſchöne Korallen, deren Ausbeute Andreas Doria aus Sizilien, um eine große Summe Geldes vom Koͤnige in Beſtand hat. Wir ſahen auch gleich⸗ zeitig ein Schiff aus Marſeille, welches ſolche Ko⸗ rallen aufladen wollte. Der Schiffs⸗Patron ver⸗ ehrte unſerm Geſandten ein Paar vorzüͦgliche Stuͤcke davon. Noch vor dem Untergang der Sonne ſchifften wir von Bona weg, und als wir durch den Golf auf Cap de Roſa, neben den Inſeln Galita und Simbali fuhren, flog ein Fiſch auf das Verdeck unſerer Galeere. Er hatte die Große, und Laͤnge einer Sardelle, vorne zwei große, hinten etwas klei⸗ nere Fluͤgel, und gegen ſeinen Leib einen verhaͤltniß⸗ maͤßig großen Kopf, mit einem weiten Munde. Die Moren geben dieſem Fiſche den Namen Indole. Bald hierauf(den 2s8. Juli) kamen wir zur In⸗ ſel Pantalarea, wo wir, widrigen Winds wogen. eine Nacht hindurch liegen bleiben mußten. XIII. Beſchreibung der Inſel Pantalarea. Wir hatten die Anker an einem Orte der In⸗ ſel, ſechs Meilen von der Stadt geworfen. Ein Kriegsmann aus derſelben kam auf unſer Schiff, und machte unſerm Geſandten ein Geſchenk mit fri⸗ ſchen Feigen und Weintrauben. Er trug ſie auf ſei⸗ 161 nem Ruͤcken, in eine Geiß⸗Haut genaͤht, herbei, und hielt uns fuͤr Maltheſer. Er empfing Gegengeſchenke, und wurde von Einem unſerer Trompeter in die Stadt zuruͤck begleitet. Dieſer ſollte den Statthalter der Inſel um die Auslieferung zweier Sklaven er⸗ ſuchen, welche von der Galeere des Ritters von Seure entflohen waren. Dieſe waren zwei von je⸗ nen gefangenen Chriſten, welche das Gluͤck hatten, zu Algier ihrer ſchweren Dienſtbarkeit zu entrinnen, uns aber, da wir ſie auf unſerm Schiffe verborgen hatten, ſo große Gefahr bereiteten. Allein der Trom⸗ beter kam ohne guͤnſtigen Erfolg zurück, man hatte von den Fluͤchtlingen nichts erfahren koͤnnen. XIV. Die Inſel Pantalarea, vor Zeiten Co⸗ ſyra und Paconia geheißen, iſt ſehr gebirgig, und voll hoher Felſen, hat aber nichts deſto weniger vor⸗ trefflichen Weinbau, viele Baumwolle, Kapern und Feigen. Man ſieht hier viele Wohnungen unter der Erde, welche den Hoͤhlen aͤhnlich, und von den Mo⸗ ren gebaut worden ſind, als ſie noch dieſe Inſel be⸗ wohnt hatten. Am Geſtade des Meeres findet man viele ſchwarze, durchlöcherte, glänzende Steine. Mau hat hier keine Pferde, aber viele Ochſen, womit man den Acker beſtellt; denn es wird auch etwas weniges Getreide gebaut. Davon wird das meiſte aus Sizi⸗ lien geholt, welchem Königreiche die Inſel auch un⸗ terworfen iſt. Merkwuͤrdig ſind noch die Baͤumchen, Vero, oder Ninco genannt. Sie tragen kleine 13tes Baͤndchen, Turkei I. 2. 3 4 162 Beerrn, welche anfangs roth ſind, dann aber, zur Zeit der Reife, ſchwarz werden. Die Einwohner, meiſtens arme Leute, preſſen Oel aus denſelben, bren⸗ nen es in ihren Lampen, oder gebrauchen es auch als Speiſe, die Weiber aber waſchen damit ihre Haare, welche davon vorzuͤglich kang und ſchön wachſen ſol⸗ len. Dieſe, wie die Maͤnner, ſind ſehr fertig und fluchtig, beſonders im Schwimmen. Wir hatten das Vergnuͤgen, zu ſehen, wie eine Bauersfrau mit freiem Willen in das Waſſer ſprang, zu unſerm Hauptſchiffe herbei ſchwamm, und aus einem Korbe, den ſie auf dem Kopfe trug, ſchöne Fruchte an uns verkaufte.— Die Inſel ſeldſt iſt ohngefaͤhr 30 Meilen lang, und 10 breit. XV. Schifffahrt nach Malta, und Beſchrei⸗ bung dieſer Inſel. Am 30. Juli ſchifften wir mit gar gutem Winde von Pantalarea weg, und kamen andern Tags ſchon gegen Abend der Inſel Malta ſehr nahe. Die dortigen Ordens⸗Ritter beſuchten uns ſogleich, und da der Großmeiſter erfuhr, wer wir ſeien, und was der Endzweck unſerer Reiſe ſei, ließ er mehrere Ehren⸗Salven zum Empfange losbrennen, und die Ketten am Eingang des Hafens öffnen, daß wir alſo gemaͤchlich an das Land fahren konnten. An demſelben wurde der Geſandte von einem waniſchen Ritter im Namen des Großmeiſters auf 1653 das Freundlichſte empfangen, und mit einem Maul⸗ eſel beſchenkt, auf welchem er in das Schloß ritt. Dort empfing der Ordens⸗Oberſte ſelbſt ihn ſehr ehrenvoll, ließ ſich den Geleitsbrief vorzeigen, und unterredete ſich ſehr lange mit von Araman t, wel⸗ cher ſich endlich verabſchiedete, und auf das Haupt⸗ ſchiff zurückkehrte. Folgenden Tages lud der Großmeiſter ihn zu Gaſte, hielt zu ſeiner Ehre ein herrliches Banquet, wozu auch die Oberſten, und vornehmſten Ritter ge⸗ rufen waren. Nach aufgehobener Tafel wurden et⸗ liche neue Zeitungen, offentlich vorgeleſen. Der Haupt⸗Inhalt derſelben betraf die Expediton der tuͤrkiſchen Flotte, unter dem Befehlen des Sinas Baſcha. Er habe, hieß es, das Staͤdtchen Auguſta in Sizilien eingenommen, und gepluͤndert, ſei dar⸗ auf Malta zugeſchifft, und habe im Hafen zu Mo⸗ rello viel Volkes an das Land geſetzt. Darauf wurde ſelbſt die Stadt Malta belagert, und deſſen Vorſtadt erobert. Allein die natürliche Feſtigkeit der erſtern, da ſie auf einem kahlen Felſen liegt, ferner die große Hitze, und die deßwegen unter den feindlichen Sol⸗ daten eingeriſſene Peſt, zwang ſie wieder zum Abzuge, nachdem ſie jedoch vorher alles verheert, und ver⸗ brannt hatten. Hierauf gingen ſie leichtern Er⸗ oberungen nach, und bemaͤchtigten ſich der Juſel Gozo. Darauf verbrannten, und zerſtörten ſie Stadt und Feſtung, ermordeten vieles Volk, und 164 führten bei 7000 Menſchen, jung und alt, Maͤnner und Weiber, in die Gefangenſchaft weg. Ein Sizi⸗ lianer, welcher die Grauſamkeit der Sarazenen kannte, ermordete ſein Weib, und ſeine zwei ſehr ſchönen Töchter, um ſie der Schmach, und Gefangenſchaft zu entziehen. Dann lief er, als ein Raſender, mit dem entbloͤßten Schwerte unter die Feinde, toͤdtete deren mehrere, und wehrte ſich ſo lange, bis man ſich ſei⸗ ner bemaͤchtigte, und ihn in Stuͤcken zerhaute.— Spaͤter ſei der Baſcha nach Barbaria geſchifft, und jetzt belagere er die Feſtung Tripoli. Mein Geſandte bedauerte von Herzen den Un⸗ fall, welchen Malta erlitten hatte, und meinte, daß er, waͤre er fruͤher hier angekommen, wohl im Stande geweſen ſeyn moͤchte, dem Baſcha zum friedlichen Ab⸗ zug, und zur Erſtattung des Schadens zu bewegen; denn es ſei bekannt, daß der Köonig von Frankreich, unſer Herr, dem Orden der Maltheſer ſehr zuge⸗ than, aber auch bei den Tuͤrken viel vermoͤgend ſei. Der Großmeiſter nahm dieſe Aeuſſerung mit allen Zeichen der Dankbarkeit auf, und meinte, daß es noch an der Zeit waͤre, fuͤr eine Ausgleichung mit den Tuͤrken zu ſorgen. Es duürfte ſich naͤmlich der Geſandte mit dem Oberbefehlshaber der türkiſchen Flotte nur benehmen, und ſeine Autorität vorzüglich dazu benützen, daß die Tuͤrken bewogen wuͤrden, die Belagerung von Tripoli aufzuheben, von Ara⸗ mant beſann ſich ein wenig, verſprach ader hierauf, 165 lelbſt nach Tripoli zu gehen, und den Sinas Ba⸗ ſcha aufzuſuchen. Der Großmeiſter aber befahl, daß eine Fregatte ausgerüſtet werde, welche uns den ge⸗ raden Weg dahin zeigen ſollte. 3 Wir blieben hierauf noch zwei Tage zu Malta, und ich benuͤtzte dieſe Muſe, um die Eigenheiten der Inſel zu erforſchen. XVI. Sie wurde vor Alters Melita genannt, liegt im Mittellaͤndiſchen Meere, zwiſchen Sizilien und Tripoli, iſt von Oſt gegen Weſt 22 Meilen lang, 11 breit, und im Umfang bei 60 Meilen groß. Sie liegt ſehr niedrig, iſt ganz felſig, und hat fünf ſchöne, große Haͤfen. Nahe an der Einfahrt iſt die Feſtung, worin der Großmeiſter reſidirt, mit ſtarken Baſteien, vortrefflichem Geſchütze: und andern guten Einrichtungen. Sie liegt gleichfalls auf einem Felſen, welcher auf drei Seiten vom Meere umſpielt wird. Auf der vierten Seite iſt ſie von der Stadt durch einen großen tiefen Graben geſondert. Dieſe iſt ſchön gebaut und ſehr volkreich. Ein jedes Haus darin hat ſeine Eiſterne; denn ſie haben ſonſt kein Trink⸗ waſſer auf der Infel. Man findet viele ſchoͤne Kir⸗ chen, ſowohl der griechiſchen als lateiniſchen Confef⸗ ſion. Auf dem Marktplatze ſteht eine hohe ſteinerne Saͤule, woran die Uebelthaͤter geſtraft werden. 3 Man ſieht zu Malta viele Ordens⸗Ritter, und Kaufleute aus allen Nationen; beſonders aber giebt es viele Beiſchlaͤferinnen, die ſich vor Moren und 165 Chriſten viel Geld verdienen.— Die Maltheſer⸗ Weiber tragen gewoͤhnlich, der großen Hitze wegen, nur ein Kleid von Leinwand, und einen langen, weißen Mantel von Wolle, welchen die Mohren Bar⸗ nuſſe nennen. 3 Die Stadt Malla liegt ſechs Meilen von der Feſtung, auf einem hohen, ſteilen Gebirge, und iſt ringsum mit rauhen Felſen eingeſchloſſen. Gegen Mit⸗ tag, zwei Meilen von der Stadt, findet man eine ſchöne Quelle, welche viele und vortreffliche Aale mit ſich fuͤhrt. Dieſe haben ſo ſcharfe Zaͤhne, daß ſte einen ziemlich ſtarken Faden entzwei beiſſen können; weßwegen die Fiſcher ihre Netze nicht lange im Waſſer laſſen duͤrfen. Auſſerdem giebt es auf der Inſel noch bei ſechszig Flecken und Doͤrfer, welche gleichfalls wohl bevölkert ſind. Sie bauen Gerſte, Baumwolle, Ci⸗ tronen, Melonen, und andere Fruͤchte, welche alle von vortrefflichem Geſchmacke ſind. Wein und Brod hingegen wird aus Sizilien geholt. Die Mauleſel dieſer Inſel ſind ſtark und dauerhaft; die Pferde eben⸗ falls; letztere ſind von ſpaniſcher Art. Im Garten des Großmeiſters, jenſeits des Ha⸗ Fen, iſt ein herrliches Luſthaus mit ſchoͤnen Gemaͤchern, vielen Springbrunnen von gutem Waſſer, und ein Gärtnershaus, mit einer Kapelle. Eine Pferdtraͤnke iſt gar wunderſam aus einem weißen Felſen gehauen. Am Eingang erblickt man einen großen Reiter zu 162 Pferde, welcher aus Einem Stein gehauen ſeyn ſoll. Die Erde, welche in dieſem Garten ſich beſindet, mußte aus andern Orten herbei gefuͤhrt, zum Theil getra⸗ gen werden. Es wachſen aber darin allerlei koͤſtliche Fruͤchte, z. B. Paradis⸗Aepfel, von Größe und Ge⸗ ſtalt der Huͤhner⸗Eier. Der Baum hat Bläͤtter, einen Schuh lang und anderthalb breit. Ferner giebt es Datteln, Birne, Pfirſige, die gemeine und die india⸗ niſche Feige, mit vielen andern wohlſchmeckenden und lieblichen Garten⸗Gewaͤchſen. Die Luft iſt zur Sommers⸗Zeit wegen der groſ⸗ ſen Hitze etwas ungeſund; man wohnt deßwegen haͤu⸗ fig in Gemaͤchern unter der Erde, um ſich Kühlung zu verſchaffen. Auch iſt noch ein Hafen gegen Mitternacht, wel⸗ chen die Einwohner St. Pauls⸗Anfahrt nennen; denn dieſer Apoſtel wurde durch Sturm dahin verſchlagen, als ihn Feſtus gebunden nach Rom führte. Als er daſelbſt ausgeſtiegen war, fuhr ihm eine vergiftete Schlange an die Hand, welche aber der Heilige, ohne verletzt zu werden, in das Feuer warf. XVII. Fahrt nach Tripoli und Beſchreibung dieſer Stadt. Wegen des Großmeiſters von Malta ſchlugen wir alſo von dort weg die Meeres⸗ ⸗Straße nach Tri⸗ poli ein. Es war am aten Auguſt; wir halten gu⸗ 168 ren Wind, und kamen in wenigen Tagen ſo weik⸗ daß wir eines Abends ſchon die Afrikaniſche Kuſte erblickten. Um nicht zur ungelegenen Zeit unter die tuͤrkiſche Flotte zu gerathen, ſtrichen wir die Segel, und wollten ſitzen bleiben; allein— war es ein Ver⸗ ſehen der Schiffsleute, oder eine andere Urſache— andern Morgen befanden wir uns 30 Meilen vom rechten Weg entfernt. Wir mußten deßwegen nach dem Cap de Toiure ſchiffen, das 12 Meilen von Tripoli liegt; daſelbſt fanden wir vier tuͤrkiſche Ga⸗ leeren, welche hier im Hinterhalte lagen. Wir grüß⸗ ten nach Schiffs⸗Gebrauche und ſchifften dann auf ie Armade des Baſcha ſelbſt los, die nunmehr eine Meile von der Stadt lag. Unſer Geſandter ſchickte den von Cotignak zum Baſcha, um ihm unſere An⸗ kunft anzuzeigen. Er kam bald wieder zuruͤck, und mit ihm erſchienen einige der vornehmſten Tuͤrken. Sie follten den Geſandten empfangen, und ihn zu ihrem Herrn geleiten. Der Gefandte ſetzte ſich alſo mit etlichen Dienern in ein Schifflein, und fuhr hin⸗ uder. Der Baſcha empfing ihn ſehr freundlich, und ſtellte ſich, als ob ihm ſeine Ankunft ſehr angenehm waͤre. Nach einiger Zweiſprache kehrte erſterer wie⸗ der zu uns zuruͤck, der Baſcha aber ſchickte 25 Ham⸗ mel, und andere friſche Speiſen, uns zur Labung. Wir wurden hierauf den ganzen Tag von vielen Tür⸗ ken und Renegaten beſucht. Am folgenden Tage ſchickte von Aramant dem 169 Baſcha zwei Stuͤck vom beſten Pariſer Scharlach, hol⸗ laͤndiſche Leinwand, und eine kleine, ſehr künſtliche Schlaguhr. Dieſe Geſchenke wurden mit großem Wohl⸗ gefallen aufgenommen. Bald nachher ließ ſich der Ge⸗ ſandte wiederum auf des Baſcha Gakeere fuͤhren, und brachte nun die Bitte zum Vorſchein: daß man, ſeinem Köoͤnige zu gefallen, die Belagerung der Fe⸗ ſtung Tripoli fuͤr dießmal aufgeben moͤchte. Allein Sinas Bafcha ſchlug ihm dieſes kurzweg ab.„Die Maltheſer⸗Ritter, fagte er, haben an meinem Herrn, dem tuͤrkiſchen Kaiſer, ſehr treulos gehandelt. Als ſie Rhodis uͤbergaben, ſchwuren ſie hoch und theuer, ſich nie wieder in Kriegen gegen uns gebrauchen zu laſſen. Allein in allen Kriegen, in welche wir mit dem römiſchen Kaiſer verwickelt ſind, haben wir auch wieder auf der feindlichen Seite die Maltheſer ge⸗ funden. Taͤglich iſt unſer Volk ihren Beleidigungen ausgeſetzt. Deßwegen iſt mir dieſe Flotte gegeben worden, damit ich die Meineidigen deſtrafen, aus Afrika vertreibe, ja, wenn es möglich iſt, ſie ganz vertilge.“ Aus dieſem, und noch vielem andern mochte von Aramant wohl abnehmen, daß ſeine Verwendung hier vergebens ſei; er beſchloß deßwegen, die Sache aufzugeben, deſto ſchneller aber nach Konſtantino⸗ pel zu reiſen, um vielleicht dort, bei dem Kaiſer felbſt, zu erwirken, was ihm der Baſcha nicht ge⸗ währen wollte, Bis dahin, glaubte er, wuͤrde die 170 Beſatzung von Tripoli ſich zu erhalten wohl im Stande ſeyn. 3 Der Baſcha ließ uns jedoch vor der Hand nicht mehr weiter ziehen. Er verlangte, daß wir ruhig hier verweilen ſollten, bis die Feſtung uͤbergegangen waͤre, was auf keinen Fall mehr lange ausbleiben könnte.— Der Geſandte entruͤſtete ſich daruͤber ſehr; allein— er mußte ſich in den Willen des Baſcha fuͤ⸗ gen. Wir hatten nunmehr Gelegenheit, mit eigenen Augen zu ſehen, wie die Türken mit Schanzen und Laufgraͤben der Stadt immer naͤher ruͤckten. Allein auch die Belagerten im Schloße waren dabei nicht müßig; denn ſie hatten gutes Geſchütz und vortreff⸗ liche Buͤchſenmeiſter, welche ohne Unterlaß auf ihre Feinde ſchoßen, und wenige Fehlſchuße machten. Oft mußten deßwegen die Belagerer ihre Schanzen ver⸗ aͤndern.— Am 7. Auguſt ſtieg der Baſcha mit ſeinem Kriegs⸗ volte in eigener Perſon an das Land. Er ließ das große Geſchutz in die Schanzen fuͤhren, und als ſol⸗ ches geſchehen war, den Geſandten einladen, daß er zu ihm kommen, und das Lager ſehen möchte. Dieß durfte nicht abgeſchlagen werden; von Ax amant nahm alſo die vornehmſten des Adels mit, welche er bei ſich hatte, und fand den Baſcha in ſeinem pracht⸗ vollen Gezelte. Nach deſſen Befehle jedoch fuͤhrte man uns auf eine Anhöhe, wo wir eine herrliche Ueberſicht hatten von der Feſtung, der Stadt, und 171 der Umgegend, von dem ganzen Lager der Türken, ihren Schanzen und Laufgraͤben ꝛc. Dieſe waren, unter wunderbaren Kruͤmmungen, bis auf 400 Schritte vor den Stadtmauern hingetrieben; allein— durch das Geſchütz des Schloß s fanden viele Tuͤrken den Tod, und ihre Leichname bedeckten den Boden rings⸗ um. Unter andern erzaͤhlte man uns, daß erſt vor kurzem zwanzig Maltheſer⸗Ritter einen Ausfall ge⸗ than, und ſich durch die Mitte ihrer Feinde, faſt bis zu des Baſcha Gezelt, einen Weg mit ihrem ſchar⸗ fen Schwerte gebahnt hätten. Bei dieſem gefährli⸗ chen Unternehmen waͤre auch ein vornehmer Tuürke von ihnen gefangen und hinweg gefuͤhrt worden. XVIII. Die Stadt Tripoli, in Barbarien, liegt am Adriatiſchen Meere, in einem ſandigen Thal, wurde von den Roͤmern erbaut, dann von den Gothen erobert, ſpaͤter von mehrern afrikani ſchen Koͤnigen zerſtoͤrt und wieder erbaut. Ferdi⸗ nand, Koͤnig von Spanien, nahm dieſe Stadt um das Jahr 1510 in Beſitz, und nach dem Tode deſſel⸗ ben ſchenkte ſie Kaiſer Karl V. den Maltheſer⸗Rittern, welche dieſelbe faſt ganz neu gebaut und ſtark befe⸗ ſtiget haben. Tripoli iſt mit Bergen umgeben, auf welchen viele Balmbaͤume wachſen; auch viele und gute Dat⸗ teln ſind hier zu finden. Man ſieht in der Gegend viele Ruinen ehemals anſehnlicher Gebaͤude und heid⸗ 172 niſcher Tempel. Ohngeachtet des ſandigen Bodens werden die Felder doch ſo fleißig bebaut, daß ſie viele, gute, und mannigfaltige Früchte tragen. Das Land⸗ volk naͤhrt ſich meiſtens von Datteln; ſtatt des Kor⸗ nes hat es eine Art Hirſe, welche jedoch großkörni⸗ ger iſt, und Maith genannt wird. Daraus macht man Mehl, miſcht es mit Waſſer, und backt auf einem heißen Eiſen Kuchen davon, die ſehr wohl⸗ ſchmeckend ſind. Sie haben kein anders Holz, als das— der Palmen; uͤberhaupt iſt der gemeine Mantz hier ſehr arm. 3 Die Gebirgs⸗Bewohner haben Ciſternen, woraus ſie das noͤthige Waſſer ſchöpfen; gegen das Meer aber giebt es gute Brunnen, ſowohl zum Trinken, als auch zur Bewaͤſſerung der Felder und Wieſen. Vieh, beſonders Ochſen; Kuͤhe, Eſeln und Ham⸗ meln giebt es im Ueberfluße. Letztere haben Schwaͤnze, laͤnger und dicker als ein Schuh; ihr Fleiſch iſt ſehr zart und lieblich zum eſſen. Beſonders wird eine ſo große Menge Kamele gezogen, daß man oft gegen dreitauſend auf einer Weide beiſammen trifft. XIX. Als wir Lager, Stadt und Schloß genug geſehen hatten, gingen wir wieder in des Baſcha Ge⸗ zelt zuruͤck. Der Geſandte unterhielt ſich noch lange mit demſelben; ich aber ging indeſſen auf den Markt, welchen die Turken Bazar nennen. Daſelbſt wur⸗ den eben die armen Chriſten verkauft, welche ſie aus 173 Sizilien, Malta, und Goza entfuhrt hatten. Man zog ſie ganz nackt aus, und betaſtete ſie dann am ganzen Leibe, um allenfallſigen Gebrechen nach⸗ zuſpuren. Auch beſah man ihre Augen und die Zaͤhne, wie jene der Pferde.— Zur naͤmlichen Zeit wurde ich auf der Erde eines gelben Skorpions anſichtig, der eines halben Fingers lang war, und ſich ziemlich ſchnell fortbewegte. Noch an demſelben Tage fuͤhrten die Tuͤrken ibr Geſchuͤtz hinter die Schanzkoͤrbe. Dieſe ſind aus drei Finger dicken Brettern gemacht; ſie führen ſie überall, ſelbſt auf den Schiffen, mit ſich. Wenn ſie eine Feſtung beſchießen wollen, fügen ſie die Bretter in Form eines Wuͤrfels feſt zuſammen, fullen ſie voll mit Erde, und ſtellen ſie hinter einander auf. Aus dem Hinterhalte derſelben fangen ſie nun an zu feuern, und zwar mit großer Sicherheit; denn die feindlichen Kugeln glitſchen an den Ecken der Schanzkoͤrbe ab. Am folgenden Tage wurde endlich die Feſtung mit großer Gewalt angefallen. Der Widerſtand von Seite der Belagerten war eben ſo groß, und viele der Tuͤrken fanden den Tod. Unſern Geſandten ließ der Baſcha erſuchen, ſeine Leute auf den Schiffen zu behalten; denn es koͤnnte leicht geſchehen, daß man ſie fuͤr Feinde anſehen und toͤdten wuͤrde. 3 Der Kampf dauerte bis in die Nacht, und begann gleich wieder an dem folgenden Tage. Bereits waren mehrere tuͤrkiſche Oberſten getödtet, oder ſchwer ver⸗ 174 wundet. Mehrere Stuͤcke waren zerſprungen; eine Pulver⸗Tonne gerieth in Brand, ſprang mit entſetz⸗ lichem Gekrache in die Luft, und nahm wohl mehr, als 30 Türken mit ſich.— Der Geſandte bat unter dieſer Zeit mehr als einmal um die Erlaubniß, ſeine Reiſe fortſetzen zu duͤrfen; der Baſcha erſuchte ihn zuletzt, nur noch zwei Tage zu verweilen; denn laͤn⸗ ger könnte die Feſtung unmoͤglich mehr ſich halten.— Ueber dieſe Verzoͤgerung waren wir alle fehr bekuͤm⸗ mert; denn auch unſer Mundvorrath fing an, dem Ende nahe zu ſeyn; wir durften uns aber durch keine trübe Miene verdaͤchtig machen. Indeſſen wurde das Beſtuͤrmen der Feſtung un⸗ ermüdet fortgeſetzt; die Mauern waren bereits bis auf den Kranz zu einem Eckthurme weggeſchoſſen, aber— was bei dem Tage zerſtoͤrt worden, bauten die Belagerten Nachts wieder auf. Ihre Tapferkeit haͤtte dem Ungeſtuümme des grimmigen Feindes wohl lange noch gewehrt; allein— Verraͤtherei beſchleu⸗ nigte ihren Fall.— Ein Italiener ſtand ſchon lange im Solde des Baſcha. Er verſah ſich der Gelegenheit, und entrann aus dem Schloße; dann aber verrieth er die ſchwaͤchſte Seite deſſelben den Tuͤrken, welche unverzuͤglich ihr Geſchuͤtz mit ſo gutem Erfolge dahin ſpielen ließen, daß ſogleich mehrere Gebaͤude zu ſin⸗ ken anfingen. Daruͤber gerieth die Beſatzung in großen Schrecken. Die Solbaten verloren allen Muth zum fernern Streiten, und man war darauf bedacht, die 125 Feſte unter leidlichen Bedingniſſen zu übergeben. Bald ſah man deßwegen von der Feſtung ein weißes Faͤhnlein wehen, und abgeordnete Ritter erſchienen vor dem Baſcha, Gnade erbittend. Dieſer ſprach ſie anfangs mit zornigen, rauhen Worten an, ſpaͤter aber, um ſie nicht zur Verzweiflung zu bringen, daß ſie etwa den Entſchluß faſſen moͤchten, ſich bis auf den letzten Mann zu wehren, wurden ſeine Worte gelinder, und er verſprach ihnen freien Abzug, mit Waffen und Munition, wenn ſie alle ſich unter ſeinen Schutz ſtellen wollten. Dieſe Zuſage bekraftigte er ſogar mit einem Eidſchwur:„bei ſeinem Kaiſor⸗ und bei ſeinem Haupte.“ XX. Freudig kamen hierauf die Ritter, und nach ihnen alles Volk der Beſatzung, Weiber und Kinder ꝛc., in das tuͤrkiſche Lager heraus. Nunmehr aber hielt es der Baſcha wieder an der Zeit, ſein gegebenes Wort zu brechen: er ließ alle Chriſten plündern, zwei⸗ hundert Moren, welche in der Feſtung gedient hatten, niederhauen, und den Oberſten der Beſatzung mit allen ſeinen Rittern in Ketten legen. Sie alle ſoll⸗ ten als Sklaven hinweg gefuͤhrt und verkauft wer⸗ den.— Als ſie den Baſcha erinnerten, daß er ſein gegebenes Wort gebrochen haͤtte, fpottete er ihrer, und ſagte;„den Hunden ſei er nicht ſchuldig Wort zu halten. Auch ſie, und ihres Gleichen, waͤren meineidig geworden, denn zu Rhodis haͤtten ſie ſei⸗ 126 nem Kaiſer Friede geſchworen, und zu Malta den feierlich geleiſteten Eid wieder gebrochen. Jetzt hielt es aber auch von Aramant an der Zeit all ſein Anſehen zu verwenden, um der armen, hilfloſen Menſchheit beizuſtehen. Er machte dem Ba⸗ ſcha mehrere köſtliche Geſchenke, verſchwendete Worte und Verſprechungen an ihm; allein alles, was er erzwecken konnte, war; daß der Oberſte von den Rittern, mit zweihundert audern der aͤlteſten, faſt untauglichen Perſonen, an uns ausgeliefert wurden, damit wir ſie nach Malta fuͤhren ſollten. Als nun dieſe Geretteten unſer Hauptſchiff beſteigen wollten, fielen nochmal die Tuͤrken uͤber ſie her, und pluͤnder⸗ ten ſie bis auf das Hemd. Auch mit Schlaͤgen wur⸗ den ſie noch ſehr uͤbel behandelt. Alle andern, jung und alt, mußten in die ſchmachvolle Gefangenſchaft wandern. 3 XXI. Am folgenden Tage erhielten wir die Er⸗ laubniß, die Stadt und das Schloß ſehen zu duͤrfen. Die zerſtoͤrte Stadt hat noch eine ſehr hohe Ring⸗ mauer, und etliche Thuͤrme mit doppelten Graͤben, Bruſtwehren ic. Ohngefaͤhr zum dritten Theile wird ſie vom Meere umſpült; deſſen ohngeachtet hat es gute Quellen und Brunnen. Ohngefaͤhr in der Mitte ſaben wir einen Triumphbogen von weiſſem Marmor, mit vielen, ſchoͤnen Bildern und roͤmiſchen Inſchrif⸗ ten, wovon jedoch vieles ſchon durch den Zahn der Zeit abgenagt war. Man konnte aber noch deutlich 427 wahrnehmen, daß dieſes Siegeszeichen zu den Zeiten des Julius Centulus errichtet worden war. Nicht weit davon iſt ein großer freier Platz; darauf ſtehen in das Gevierte viele ſchoͤne, große Saͤulen, und man vermuthet mit Recht, daß hier einſt ein römi⸗ ſcher Portikus geſtanden. Noch ſahen wir einen ein⸗ gefallenen Thurm, deſſen zierliche Trümmer ſeine alte Herrlichkeit beurkundeten; ferner eine Menge von abgebrochenen Saͤulen, mit Bildern, Laubwerk ꝛc, Ein Mohr verſicherte mich, daß hier vormals eine ihrer vorzüglichſten Moſcheen geſtanden habe. Am andern Tage wurde mein Geſandter von dem Baſcha auf das Schloß zum Mittagseſſen geladen; jedoch ſollte er auch den Oberſten der gefangenen Be⸗ ſatzung, welcher, was wir nachtraͤglich zu ſagen ha⸗ ben, Valier hieß, mit ſich nehmen. Dieß durfte man dem Tuͤrken nicht abſchlagen; auch hoffte von Aramant, bei dieſer Gelegenheit vielleicht noch die Freilaſſung mehrerer anderer Chriſten erbitten zu können.— Als wir uns in das Schloß begeben hat⸗ ten, fanden wir in einem Hofe deſſelben zwei ſehr ſchöͤne Gezelte aufgerichtet; eines in der Naͤhe eines Springbrunnens fuͤr den Baſcha, das andere fuͤr den Geſandten und ſeine Diener. Vor Allem uͤberreichte dieſer einige Geſchenke, ſowohl dem Baſcha als ſeiner Umgebung, ja ſogar ſeinen Sklaven; denn dieſes iſt ſo Sitte bei den Tuͤrken, wenn man anders Zutritt zu ihnen haben will. Hierauf fuͤhrte man uns in 13tes Baͤndchen, Tuͤrkei I. 2A. 4 178 das Gezelt, und bediente uns mit Speiſen und gu⸗ tem Weine, der ſich im Schloſſe vorgefunden hatte, auf das Trefflichſte. Waͤhrend des Eſſens ließ ſich auch Muſik hören, nach iheer Art, mit ſcharfen, rau⸗ ſchenden Tonen, und mehr als 100 Türken, in Gold, Sammet und Damask gekleidet, waren zu unſeren Dienſten beſchäftiget. Als der Baſcha in ſein Gezelt gekommen war, wurde alles Geſchütz, das in Einhundert Vierzig Stuͤcken beſtand, losgefeuert. Ein großes Freuden⸗ geſchrei erhob ſich, daß die Luft lange wiedertoͤnte von dem wahrhaft ſchrecklichen Lärmen und Gepraſſel. Als die Mahlzeit zu Ende war, gingen von Ara⸗ mant und der Oberſt Valier in des Baſcha Gezelt. Sie benützten die gute Laune des türkiſchen Heerfuͤh⸗ rers, und brachten ihre Bitte um fernere Begnadi⸗ „gung der Chriſten vor. Allein alles, was ſie auch jetzt erlangen konnten, beſtand in der Freilaſſung von 20 Mann. Dem Oberſten wurden überdieß noch ſeine Geraͤthe und Kleinodien zugeſtellt, und auf unſer Schiff gebracht; allein er vermißte unter ſeinem Ei⸗ genthume auch noch zweitauſend Kronen, und zwei Gezelte von hohem Werthe. Unter den Gefangenen der Beſatzung war ein Buüchſenmeiſter, welcher den Türken viel Schaden zu⸗ gefügt, und unter andern einige der Vornehmſten getödtet hatte. Dieſer Scharfſchuͤtze ward den Fein⸗ — 179 den verrathen, und bald mußte er auf eine ſchreck⸗ liche Weiſe für ſeine Kunſt buͤſeen. Sie zogen ihn nackt aus, und führten ihn uͤberall in der Stadt herum. Dann haueten ſie ihm Haͤnde und Naſen ab, begruben ihn lebendig bis in die Mitte des Leibes, trieben allerlei Muthwillen, und ſchoßen auf ihn mit kleinen, bolzaͤhnlichen Pfeilen. Zuletzt, nachdem die Marter lange genug gedauert hatte, ſchnitten ſie ihn die Kehle ab. Auf dieſe Weiſe feierten die Grauſa⸗ men ihr Siegesfeſt. 3 Als endlich Abend geworden war, wurden viele hundert Lichter angebrannt, und an den Schiffen an⸗ geheftet. Trommeln und rauſchende Inſtrumente lieſ⸗ ſen ſich wieder hören; alles Geſchuͤtz wurde noch ein⸗ mal losgebrannt, und ihr großes Geſchrei uͤbertoͤnte beinahe den Donner deſſelben. Am folgenden Tage ſchickte der Baſcha unſerm Geſandten einen ſehr ſchönen, und mit künſtlichen Blu⸗ men durchwuͤrkten Goldſtoff zum Geſchenke, mit der Erlaubniß, ſich nunmehr entfernen zu duͤrfen. Wir freuten uns uͤber die letztere ſehr, und machten ſo⸗ gleich Gebrauch davon, indem wir an dem fruͤheſten Morgen nach der Gegend von Malta ſegelten.— XXII. Als wir ohngefaͤhr 60 Meilen weit ge⸗ kommen waren, erhob ſich von Mitternacht her ein kalter Gegenwind, und warf uns wieder zuruͤck ge⸗ gen Tripoli. Da der Baſcha dieſes erfuhr, ließ er dem Geſandten, gleichſam zum Spotte, ſeinen Will⸗ komm bedeuten, jedoch mit dem Beifügen, daß er es ibm nunmehr freiſtelle, bei Tag oder Nacht hinzu⸗ ſteuern, wohin es ihm beliebte, und möoͤglich waͤre. Wir mußten aber drei Tage ſtille liegen; endlich am pierten naͤherten wir uns gluͤcklich den Inſeln Cam⸗ pedoſa und Cinpſa. Aber am naͤmlichen Tage ſtarb unſer Schiffs⸗Patron, an einem peſtartigen Fie⸗ ber. Seinen Verluſt empfanden wir ſchwer; denn er war ein erfahrner meerkundiger Mann. Nach ißm ſtarben noch ſechs Matroſen, und ihre Leichname wurden über Bord in das Meer geworfen, den Fi⸗ ſchen zur Speiſe. Der folgende Tag war ein S onntag. Als wir Malta anſichtig wurden, ſchickte der Geſandte eine Fregatte voraus, um ſich zu erkundigen⸗ ob es in der Umgegend wohl auch ſicher ſei; denn wir mußten befürchten, daß genueſiſche Schiffe auf uns lauerten, deren Feindſeligkeit uns bekannt war. Nach einem gegebenen Zeichen war aber keine Gefahr vorhanden; wir ſchifften alſo weiter, zwiſchen Malta und Goza. bis wir zum Hafen kamen, welcher mit der Kette geſchloſſen war. Wir ließen den Großmeiſter unſere Ankunft zu wißen machen, und die Nachricht, daß der Oberſte von Tripoli mit andern Rittern an unſerm Bord ſei. Als der Großmeiſter vernahm, daß Tripoli an die Türken uͤbergegangen ſei⸗ ent⸗ rüſtete er ſich ſehr, und erzuͤrnte gewaltig. Er ließ 181 uns zuruͤck entbieten, daß er dieſen Abend den Ha⸗ fen nicht mehr öffnen könnte; wir ſollten warten, bis es Tag wuͤrde, dann wollte er ſich uͤber das Wei⸗ tere berathen, und uns die Antwort zukommen laſſen. Uns brachte aber ein Ritter der Inſel, Namens Pa⸗ riſet, friſches Brod, Wein und Waſſer, das uns angenehmer war, als des Großmeiſters Antwort. Oberſt Valier, und die andern Ritter aus der Be⸗ ſatzung von Tripoli, begaben ſich jedoch am naͤm⸗ lichen Abend noch in die Stadt. Am folgenden Morgen wurde uns zwar der Ha⸗ fen geöffnet; allein wir fuhren in denſelben ohne aller Freuden⸗Bezeugung ein. Ritter Pariſet er⸗ ſchien wieder, und begleitete den Geſandten, bis in des Großmeiſters Palaſt. Dieſer empfteng den Ge⸗ ſandten ganz kaltbluͤtig, ohne viele Komplimente, woruͤber wir ſehr verdroßen waren, denn wir ſahen unſere Bemuͤhung, Zeitverſäumniß und Koſten, wo⸗ mit wir doch nach Möglichkeit Ritter und Edle zu retten im Stande waren, ſchlecht belohnt. Daß wir ſie von ſchwerer Dienſtbarkeit mit eigener Gefahr erloͤßt hatten, wurde von dem Ordens⸗Obern böslich in Zweifel gezogen; vielmehr war er geneigt, zu glau⸗ ben, daß wir die Urſache, und Veranlaſſung zur Ue⸗ bergabe der Feſtung geweſen waͤren. Oberſt Valier wurde in Arreſt geſetzt, und hatte zu erwarten, daß ein ſtrenges Gericht über ihn gehalten werde. Unſer Mißvergnugen war uber alle dieſe Vor⸗ 162 faͤlle ſehr groß. Der Geſandte fertigte deßwegen auch den Ritter de Seure mit einer Fregatte ab, damit er alles, war uns bisher zugeſtoſſen iſt, unſe⸗ rem Koͤnige hinterbringen ſollte. Auf gleiche Weiſe ſandte der Großmeiſter drei Fregatten aus: nach Sizilien, Afrika, und Nea⸗ pel, um die boͤſe Zeitung— der Uebergabe von Tri⸗ poli, zu verbreiten. Es war am 26. Auguſt, als de Seure mit gu⸗ tem Winde von Malta nach Marſeille ſegelten und wir uns glelchfalls wieder zur Abfahrt fertig machten. Zweites Buch. Neiſe nach dem Orient, und Beſchreibung der Inſel Cerigo. I. Als wir genug friſches Waſſer eingenommen, und anderes Nothdürftige eingekauft hatten, ſteuer⸗ ten wir noch bei anbrechender Nacht davon. Auf der hohen See erhob ſich von Mitternacht her ein Wind, der uns zum großen Vortheil war; denn wir legten in ſelbiger Nacht einen Weg von ſechszig Mei⸗ len zurück. Wir ſahen am 2. September zur linken Hand die Inſeln Zefalonia und Zante, den Ve⸗ netianern gehoͤrig, welche jedoch den Tuͤrken ei⸗ nen Tribut dafuͤr reichen. An dieſem Tage wurden 183 wir nuch ein großes, Kandiſches Schiff gewahr, wel⸗ ches Malvaſier⸗ und Muskateller⸗Wein, und andere Kaufmanns⸗Waaren geladen hatte. Ohngeachtet wir eine Salve gaben, zum Zeichen, daß wir Freunde ſeien, ſo ließen ſie dennoch ihr rothes Faͤhnlein mit den Kandiſchen Wapen fliegen, und rüͤſteten ſich zur Gezenwehr; denn ſie glaubten, wir ſeien Seeraͤuber. Inzwiſchen gab man ihnen fortwaͤhrend zu verſtehen, daß wir gute Freunde ſeien; ja wir gaben vor, aus Sizilien zu ſeyn. Nach dieſem ſtrichen ſie gleich die Segel, kamen herbei, und der Patron ſtieg in Per⸗ ſon auf unſer Hauptſchiff. Da erkannte dieſer ſo⸗ gleich unſern Geſandten, denn dieſer hatte ihm zu Konſtantinopel öfters Wein abgekauft. Als er wieder auf ſein Schiff zuruͤckgekommen war, ſchickte er ans alsbald ein Faͤßchen Muskateller zum Ge⸗ ſchenke, einen ganzen Hammel, Granataͤpfel, Citro⸗ ner und Pomeranzen. Dagegen ließ er uns bitten, wir moͤchten ihm ein Faß friſchen Waſſers zukommen laſſm; denn das ſeinige ſei faul, und untrinkbar ge⸗ worden; dieß wurde ihm mit Vergnuͤgen verabfolgt.— Wäͤlrend wir uns auf dieſe Weiſe mit einander un⸗ terhiclten, ſchwamm ein italieniſcher Sklave, der zu Konſtantinopel ſeinem Herrn entronnen war, auf unſer Schiff zu. Wir ſetzten hierauf unſere Reiſe fort, und kamen nahe zur Inſel Sapien tia, vor Zeiten Oreus ge⸗ namt, 550 Meilen von Malta. 4184 Wir landeten daſelbſt nicht an, ſondern hielten uns gegen Morea, damit wir zum Cap St. An⸗ gelo gelangen moͤchten. Dieſes Gebirge erſtreckt ſich 50 Meilen in das Meer hinein, welches dort, wegen den widrigen Winden, die ſich gegen einander ere⸗ ben, ſehr gefahrlich zu beſchiffen iſt. Oft wird wan dreimal zurückgetrieben, bis man durch die brauen⸗ den Wellen kommt: denn das Meer ſchlaͤgt mit groſ⸗ ſem Ungeſtuͤmme an das Felſen⸗Gebirge. Mit großer Müuhe und Arbeit, auf langen Umwegen, kommt man endlich vorüber; es hat ſich ſchon öfters zugetragen, daß ein Schiff, wenn es ſchon auſſer aller Gefajr zu feyn ſchien, plötzlich wieder von den widrigen Win⸗ den gepackt, an gefaͤhrliche Orte verſchlagen, oder gänzlich verfenkt worden iſt. Auch wir hatten an dieſer Stelle große Gefahr zu beſtehen. Anfangs wa⸗ ren wir mit gutem Winde ſchnell vorwaͤrts gekom⸗ men, und wollten eben an der auſſerſten Spitze vor⸗ uͤberſegeln, als ploͤtzlich ein kalter, heftiger Nordwind ſich erhob, und uns dreißig Meilen hinter die Jiſel Cerigo warf. Dadurch wurden wir in unſerer Neiſe ſehr aufgehalten. Cerigo gehöort ebenfalls den Venetianern wir mußten uns, widrigen Windes wegen, acht Tage daſelbſt aufhalten, naͤmlich einen Tag im Hafen St. Niklas, wo wir zuerſt hinlenkten, und ſieten Tage zunaͤchſt unter dem Staͤdtchen, und der Feſtung Capſafi. Dabei mußten wir wohl auf unſerer dut 185 ſeyn, und gute Wache halten: denn dieſer Anfent⸗ halt war vor Seeraͤubern keineswegs ſicher. Als wir bei der Inſel angelegt hatten, ließ uns der Statthalter derſelben freundlich begrüßen, ſchickte uns einen Hammel und allerlei Speiſen. Dem Land⸗ volke gab er Befehl, alle Nothdurf, gegen Bezahlung an uns verabfolgen zu laſſen, was uns beſonders trefflich zu ſtatten kam, denn auf unſerm Schiffe war bereits ein ſolcher Mangel an Proviant einge⸗ riſſen, daß den Schiffsleuten der Zwieback nach dem Gewichte mußte ausgetheilt werden. Der Geſandte war hieruͤber gleichfalls ſehr erfreut, und ſchickte dem Statthalter einige Geſchenke. Dieſer bewirthete uns hierauf recht ſchoͤn, und geſtattete mir, die Inſel und Feſtung nach meinem Belieben beſichtigen zu konnen. Das Schloß iſt von Natur, und durch die Kunſt zu einem ſehr feſten Platze gemacht, und kann, allem Anſcheine nach, mit Gewalt nicht leicht eingenammen werden. Es liegt gegen das Meer, auf einem hohen Felſen, und gegen die Landſeite an einem tiefen, und weiten Thale. Von dieſer Seite iſt das einzige Thor angebracht, und dieſes wird Tag und Nacht fleißig. von zwanzig auserleſenen, italiſchen Soldaten bewacht. Wer durch daſſelbe hineingehen will, muß ſeine Waf⸗ fen zuvor niederlegen. Des Statthalters Wohnung liegt gegen das Meer. In einem Saale waren die Portraits aller ſeiner Vorfahren, und auch ſein ei⸗ genes aufgeſtellt. Sein Name war Andreas Qui⸗ 186 rin. Unter dem Schloße liegt ein ziemlich artiges Staͤdtchen, an einem ſteilen Berge angebaut. Es G hat nur eine Gaſſe, und es iſt beſchwerlich, dahin zu kommen. Die meiſten Haͤuſer ſind aus ſchwarzem Marmor. II. Die Inſel Cerigo hat noch vielerlei andere Namen, als: Porphyris, wegen der ſchoͤnen Mar⸗ morſteine; Cythera, von des Phenizis Sohn, u. ſ. w. Auf dieſer Inſel ſoll Venus ihre erſte Wohnung gehabt haben. Es wurde ihr auch von den heidniſchen Einwohnern ein Tempel erbaut.— Gegen Mitternacht liegt ſie noch 30 Meilen von Malta. Sie hat viele Seehäfen; allein alle ſind eng, und gefaͤhrlich. Sonſt iſt ſie voll Gebirge, und mit Ge⸗— ſträuchen ſo ſtark verwachſen, daß ſie, außer dem . Schloße, dem Staͤdtchen, und einigen ſchlechten Doͤrfern ganz unbewohnt iſt. Der ganze Umfang betraͤgt bei ſechszigtauſend Schritte. Man findet hier eine Menge wilder Eſel, welche nach einer alten Jabel, einen Wunder⸗Stein, der gegen allerlei Uebel helfen ſoll, im Kopfe haben. Unſer Aufenthalt reichte zu, daß ich auch den hier vorhandenen Alterthüͤmern nachforſchen konnte, naͤmlich: der alten, verfallenen Stadt Cythera, dem Schloße Menelais, und dem heidniſchen Tempel der Venus. Von dem letztern zeigten mir die Ein⸗ wohner einige Trüͤmmer auf einem hohen Berge. 187 Es ſtehen daſelbſt noch zwei ſchöne, hohe Marmor⸗ ſteine, und fuͤnf viereckigte Saͤulen, zwiſchen welchen ein hohes Thor geweſen iſt. Nicht weit davon ſteht ein großes, in Stein gehauenes Frauenbild, nach griechiſcher Art gekleidet. Der Kopf davon ſoll vor einigen Jahren nach Venedig gebracht worden ſeyn. Man hielt dafuͤr, dieſes Bildniß habe einſt Griechenlands ſchöne Helena vorgeſtellt, welche Paris hieher entfuhrt hatte. 3 Abwaͤrts von dieſem Tempel iſt das Schloß, und die Wohnung des Menelaus, Koͤnigs von Sparta, des Gemahles der Helena, geweſen. Man ſieht daſelbſt noch viele alte, ſtarke Mauern von ausge⸗ hauenen Werkſtuͤcken, ohne aller Verbindung mit Kalk. Dabei ſteht ein hoher, viereckigter Thurm, von welchem man bei ſchöͤnem, hellen Wetter nicht allein die Stadt Sparta, ſondern auch einen großen Theil von Pelopones, naͤmlich von dem heutigen Morea, ſieht.. Von dieſen Ruinen kommt man an den Ort, wo vor Zeiten Cytherea geſtanden. Sie ſoll gegen Aufgang, am Abhange eines Berges gelegen geweſen ſeyn; und wirklich ſieht man noch einige Spuren alten Mauerwerks ꝛc. davon. Noch heut zu Tage wird dieſe Staͤtte von den Einwohnern des Landes, die alte Stadt genannt. Unter derſelben fließt ein Baͤchlein durch ein enges Thal in das Meer. An dieſem ſieht man noch is Wildbaͤder, kleine und große, 1383 bewunderungswuͤrdig in Stein gehauen. Auch finb die Röhren noch vorhanden, in welchen das Waſſer hingeleitet worden iſt; eben ſo aus Stein gehauene Bade⸗Kufen. Ich ſah ein ſolches Bad durch ein Loch oben am Felſen, welches zur Ableitung des Dampfes wahrſcheinlich gedient hatte. Durch dieſes Loch ließ ich mich, mit Huͤlfe meiner Begleiter, an einem Strick hinab, um das Innere der Grotte ſelbſt zu ſehen. Denn der untere Eingang war durch die Laͤnge der Zeit mit Geſtraͤuchen, Diſteln und Doͤrnern ſo verwachſen, daß man nicht mehr durchdringen konnte. Mit Bewilligung des Geſandten beſtiegen wir auch ein ſehr hohes, ſteiniges Gebirge unter vieler Beſchwerde; es wird der St. Niklas⸗Berg genannt. Auf der Spitze deſſelben ſind zwei Kapellen; eine derſelben hat einen herrlichen Fußboden mit ſchoͤnen Zildnißen und eingelegter Arbeit, welche man Mo⸗ ſaik nennt. Da ſieht man Jaͤger zu Pferde, Hirſche, Lowen, Baͤren, Hunde, und allerlei Geflügel bunt unter einander. Von Allem, was ich auf der Inſe geſehen, ſchien mir dieſes das Merkwuürdigſte. Noch immer war das Meer aͤußerſt ungeſtümm; wir hatten den Wind gegen uns, und mußten gleich wohl laͤnger liegen bleiben, als uns lieb war. In⸗ zwiſchen ſtarb auf unſerm Schife ein junger Edel⸗ mann(den 7. September) Namens Polin, an der Ruhr. Er wurde auf einem nahen Flecken mit allen Ceremonien unſers Glaubens zur Erde heſtattet. 189 Als dieß der Statthalter der Inſel erfuhr, zweifelte er, ob der junge Mann nicht an der Peſt geſtorben ſei, befahl deßwegen den Einwohnern, ferner mit uns nicht im Geringſten mehr zu verkehren. An demſelben Abend ließ ſich in der Naͤhe ein Raubſchiff ſehen, das noch ein anderes, wahrſchein⸗ lich gekapertes Fahrzeug hinter ſich nachzog. Wir ruͤſteten uns, ſo gut als moöͤglich, zur Gegenwehr. Allein ein anderer Feind hatte ſich unverſehens in unſere Mitte geſchlichen; es war der Mangel an Proviant; wir mußten dem Schiffsvolke den Zwie⸗ back bereits wieder nach dem Gewichte vertheilen. Zum Glüͤcke legte ſich der Gegenwind, das Meer wurde ruhig, und wir konnten mit gutem Wetter wieder weiter ſchiffen. IV. Fahrt nach Chio. DOphngefähr in der dritten Woche boben wir die Anker auf, und fuhren, uns dem Schutze Gottes empfeh⸗ lend, aus dem Haten. Mit vollen Segeln ſchifften wir am Cap St. Nikolas, und hierauf am Cap Malea voruͤber, und kamen mit verſchiedenen Win⸗ den in das Aegeiſche Meer, und an den vielen Inſeln des Archipels vorbei. Als wir nahe an die Inſel Tino kamen, ereilten wir zwei Schiffe aus Raguſa, die von widrigen Winden zurückgehalten waren. Der Patron derſelben weigerte ſich, zu uns 190 zu kommen, ſchickte aber einen Mann aus Chio. Als dieſer von dem Geſandten gefragt wurde, woher ſe kämen, antwortete er, ſie ſeien ungefaͤhr vor 14 Tagen von Meſſina in Sizilien ausgefahren, ſeien Handelsleute, und wuͤßten ſonſt keinen Beſcheid zu geben. Soviel aber ſei ihm bekannt, daß An⸗ dreas Doria mit fuͤnf wohlgeruͤſteten Galeeren zweimal von Meſſina ausgelaufen ſei, um uns auf⸗ zupaſſen, und auszupluͤndern. Da er ſich aber deß⸗ halb zweimal vergebens bemüht hatte, ſei er vor Un⸗ muth krank geworden.— Dieſe Nachricht, obwohl ſie uns ſo nahe beruͤhrte, machte uns jetzt wenig Kummer mehr; wir ſchifften ſtracks auf die Inſel Chio los, zu der wir in der Morgendaͤmmerung bis auf s Meilen kamen, nach⸗ dem wir die Nacht durch am Cap Maſticho, bei dem alten Vorgebirge, Phana genannt, voruͤberge⸗ ſegelt waren. V. Am 10. September Morgens, nachdem wir unſere Wimpel mit Fahnen und andern geziert hat⸗ ten, und jeder in voller Ruͤſtung an ſeinen Ort ge⸗ ſtellt war, ſchifften wir gerade auf den Hafen der Stadt Chio los. Als wir hinein fuhren, ließen wir unſer Geſchuͤtz, groß und klein abgehen; unter dem Schmettern der Trompeten, und andern fröhlichen Gelaͤrme legten wir uns an das Land. Es ſtand nicht lange an, ſo erſchienen die Vornehmſten, und der Senat, welche hier die Regierung der Inſel⸗ 191 Bewohner hatten, um unſern Geſandten ehrerbietig zu empfangen. Einer aus ihnen hielt ſogar eine zierliche Anrede, bot alles an, was im Vermoöͤgen der Stadt ſtunde, und bat den von Aramant, daß er nunmehr von ſeiner beſchwerlichen Reiſe hier aus⸗ ruhen, und ſich ergötzen moͤchte, welche Zuſage ihnen, und dem Volke, zur großen Freude gereichen würde. Jeder wurde ſich bemühen, uns den Aufenthalt ſo angenehm, als möglich, zu machen.— Der Geſandte gab dieſen freundlichen Gruß eben ſo freundlich wie⸗ der zuruͤck, mit der Entſchuldigung, er koͤnnte für ſeine Perſon dießmal nicht an das Land ſteigen; denn es haͤtte ihn eine kleine Unpaͤßlichkeit befallen. Auch mußte er ſeine Reiſe nach Konſtantinopel zu be⸗ ſchleunigen ſuchen, und wolle deßwegen gegen Abend die Reiſe wieder fortſetzen. 2 Bald, nachdem dieſe Herren in die Stadt zurück⸗ gekehrt waren, ſchickten ſie ein ganzes Schifflein voll Speiſen zum Geſchenke, nämlich 12 zahme Rebhuͤh⸗ ner in 12 Körben, zwoͤlf Paaec feſte Koppen, etliche Koͤrbe voll Citronen, Pomeranzen, Granat⸗Aepfel, gemeine Aepfel, Birnen, Pflaumen, ſehr große Wein⸗ trauben, unter welchen einige waren, welche ſechs oder ſieben Pfunde wogen; viel gutes, neugebackenes Brod, dann etliche Kaͤlber und Hammel. Dieß alles war uns nicht allein angenehm, ſondern wir waren deſſen ſehr veduͤrftig. Um die Verſperzeit brachte man uns abermal wieder allerlei Früchte, hundert Huhner, 192 und zwei Faͤſſer mit gutem Weine, zwei Faͤßchen Mus⸗ kateller, zwoͤlf Gefaͤße voll Maſtix, vier ſchoͤne Dek⸗ ken von gebluͤmten Satin, der nirgends ſchoͤner als hier bereitet wird, vier tuͤrkiſche Teppiche, zwoͤlf Windkerzen aus beſtem, reinſten Wachſe, nebſt vielen andern Kerzen. Der Conſul von den hier wohnenden fremden Kaufleuten hieß Joſeph Juſtinian, und dieſer allein uͤbergab dem Geſandten viele koſtbare und ſchöne Geſchenke. 3 Als wir nun, unſerm Entſchluſſe gemaͤß, am Abende weiter fahren wollten, erhob ſich ein widriger Wind, der uns zwang, hier auszuharren; ja, wir müßten auf dieſe Weiſe liegen bleiben bis zum 13ten des Monats, was ſowohl zu unſerm, als der Ein⸗ wohner großem Vergnügen gereichte, beſonders aber dem ſchönen Geſchlechte, welches ſich, uns zu ehren, beſonders freundlich und holdſelig erzeugte. Ich kann mit Wahrheit ſagen, daß ich noch in keinem Orte der Welt ein ſo geſtttetes, feines, und doch ſo dienſtfer⸗ tiges Volk gefunden hatte, als in Chio. Jedem Fremden wird ein ſolches Benehmen erfreuen, und feſſeln. VI. Die Inſel Chio oder Skio, liegt im joni⸗ ſchen Meere, iſt gegen Aufgang 19 Meilen von Aeo⸗ lide, einer Landſchaft in Kleinaſien, auch das Vor⸗ gebirge Argenum, heut zu Tage Capo Bianco, oder auch Myſia genannt, entfernt. Zur Seite lie⸗ 193 gen die Inſeln Samos und Lesbos, gleich gegen Erythra uber. Sie ſoll gegen 130 tauſend Schritte im Umfange haben. Von Delos— weiland wegen des Tempels und des Orakels Apollos berühmt— liegt ſie noch 50 Meilen; zwiſchen Oſtro und Tra⸗ montana 90; von Lango so, von Pſara 15 Mei⸗ len. Sie wird in die obere, und untere getheilt. Erſtere, gegen Niedergang, iſt rauh und gebirgig, voller Waldungen und tiefer, finſtrer Thaͤler. Durch dieſelben ſtroͤmen etliche Fluͤße einige Meilen weit, und muͤnden dann in das Meer. Sowohl auf den Bergen, als in den Ebenen, ſieht man ſehr ſchoͤne Schloͤſſer und laͤndliche Gebaͤude, von ſehr fruchtbarem Lande umgeben, welches alle moͤglichen Arten von Fruͤchten im Ueberfluße hervorbringt. An einer Seite der Inſel, gegen den Niedergang⸗ liegt der Helias, ein Berg, auf welchem, nach der Sage der Einwohner, Homer begraben liegen ſoll*). Auch ſagen die Einwohner der Inſel Chio, daß dieſer Dichter daſelbſt in einem Dorfe, noch heut zu Tage Homero genannt, geboren worden ſei. In derſel⸗ ben Gegend waͤchſt der koͤſtlichſte und beſte Wein von ganz Griechenland, den auch die Roͤmer bei ihren Gaſtmahlen im großen Werthe gehalten haben ſollen. *) Nach Andern, z. B. Plinius, ſoll dieſe Begräͤb⸗ niß auf der Inſel Jo ſeyn, welches vor Zeiten Phoͤniza, jetzt Nio genannt wird. 13tes Baͤndchen. Tuͤrkei I. 2. 5 194 Der hoͤchſte Berg der Inſel heißt Pelineus, und an dieſem bricht ſehr ſchöner Marmor. Die erſten ge⸗ faͤrbten Marmor⸗Gefaͤße ſollen daraus verfertiget worden ſeyn. 4 Die vornehmſten Orte ſind: Peporkum, Me⸗ naletum, St. Helena, Vichus, Pinus, Kar⸗ damilla, St. Angeli und Arviſium, deren Umgegend rauh, aber mit vortrefflichem Weinbau ver⸗ ſehen iſt. Gegen Mitternacht iſt der berühmte Waſ⸗ ſerquell Naos. Die Alten fabelten viel von den Gewaͤſſern dieſer Inſel. Wer von einem der Brunnen getrunken haͤtte, ſoll der Vernunft gaͤnzlich beraubt worden ſeyn. Eine andere Quelle ſollte jeden, der von ihr trank, derge⸗ ſtalt zum Lachen gereizt haben, daß er bis zum Tod lachen mußte. Eine andere ſoll den unfehlbaren Tod nach ſich gezogen haben, wenn man ſich mit ihrem Waſſer nur benetzte. Nicht weit von der Quelle Naos iſt ein Hafen, Namens Kordamilla. Vor der Einfahrt deſſelben ſteht der Fels Strovilli, und zunächſt demſelben ſieht man eine fruchtbare, wohl angebaute Ebene, durch welche das Fluͤßchen Heluſa laͤuft. Beſſer gegen Mittag iſt der Hafen zu Delphi, deſſen Ein⸗ fahrt bei dem Felſen St. Stephan gelegen iſt. Dort iſt auch ein feſter Thurm, mit einer beſtändi⸗ gen Wache. Bei St. Georg entſpringen viele an⸗ muthige Quellen, die ſich unter allerlei Krümmungen 195 zuletzt vereinigen, und mit einem ziemlichen Getoͤſe in das Meer ſturzen. An der andern Seite der Inſel, zwiſchen Süd und Weſt, iſt der ſchöne Hafen Lithylimius, wo⸗ rin ſich zwei ſchoͤne Fluße ergießen. In derſelben Ge⸗ gend iſt auch das Land etwas ebener, und ein kla⸗ res Baͤchlein bewaͤſſert und belebt es. Der untere Theil der Inſel, gegen Suͤd iſt das Vorgebirge der Alten, und heißt nun Cap Maſtico. Allda wachſen viele Baͤume, von welchen der Maſtix geſammelt wird. Man ſoll ihn, auſſer in Indien, faſt nirgends anders mehr finden. Die Baͤume glei⸗ chen dem gemeinen Maſtixbaum(Centiscus), allein ſie ſind viel hoͤher und haben breitere Blaͤtter. Mit dieſen Baͤumen halten ſie folgende Ordnung; die Re⸗ gierung vertheilt ſie unter die Einwohner in Flecken und Dörfern, damit ſie fleißig gepflegt, und rein gehalten werden. Die Felder ſind ihnen zum Anbau überlaſſen; dagegen haben ſie jaͤhrlich eine gewiſſe Zahl von Gefäßen voll Maſtix als Abgabe einzulie⸗ fern, nach dem Maßſtabe, ob Einem viel oder we⸗ nige Baͤume zugezaͤhlt ſind. Gibt es ein gutes Jahr, und will Einer mehr einliefern, als ſeine gewoͤhn⸗ liche Aufgabe iſt, ſo wird ihm der Ueberſchuß bezahlt; jedes Pfund hat ſodann ſeine gewiſſe Taxe. Tritt aber ein unfruchtbares Jahr ein, und ſie ſind nicht in den Stand geſetzt die regulirte Gabe einzuliefern, ſo muſſen ſie fuür den Abgang doppelt ſo viel bezah⸗ 196 len, als ihnen fuͤr den Ueberſchuß verguͤtet worden iſt. Dieſe Maßregel ſcheint bei dem erſten Blicke druͤckend; allein ſie iſt es nicht, ſondern wird viel⸗ mehr zur Wohlthat, und zum Nutzen, weil ſie da⸗ durch gleichſam angehalten werden, die Baͤume mit deſto groͤßerem Fleiße zu pflegen, und den Maſtix mit Aufmerkſambeit zu ſammeln. Letzteres geſchieht auf folgende Weiſe. Im Mo⸗ nate Juli(oder Auguſt) ſtechen und picken ſie mit einem ſpitzigen Eiſen in den Baum, ſchneiden an vielen Stellen kleine Rinnen in die Rinde, durch welche der Gummi(Maſtix) fließt und troͤpfelt. Im September wird dieſer geſammelt, und der Herrſchaft eingeliefert. Dieſe macht aus der ganzen Ausbeute vier Theile: einen davon verſendet ſie durch ganz Griechenland, den andern nach Italien, Frank⸗ reich, Spanien und Deutſchland; den dritten nach Kleinaſien, den vierten nach Syrien, Ae⸗ gypten und in die Barbarei. Zu dieſer Ver⸗ theilung ſind vier Maͤnner aufgeſtellt, welchen auch die Oberaufſicht uͤber die Pflanzung der Baͤume an⸗ vertraut iſt. VII. Die Stadt und die Verwaltung auf Chio. Die Stadt Chio war vor Alters ſo gewaltig und reich, daß ſie eine eigene Flotte zur See hatte, die ſie beherrſchte. Nach dem Umſturze des griechi⸗ 197 ſchen Kaiſer⸗Thrones, und nach der aufgedrungenen Oberherrſchaft der Barbaresken war die Inſel anfangs den Genueſern, und da ſich dieſe in die Laͤnge nicht behaupten konnten, zuletzt den Tuͤrken unterthan und zinsbar. An den Kaiſer von Konſtantinopel muͤſſen daher jetzt noch jaͤhrlich 10,000 Dukaten, an den Baſcha, und anderes Hofgeſinde 2000 Dukaten bezahlt werden. Die Stadt liegt am Meere, zehn Meilen vom Hafen zu Delphi entfernt, und dehnt ſich gegen Aufgang nach Klein⸗Aſien aus. Der Hafen iſt ſehr bequem, und weit genug, um recht vielen Schiffen ſichern Aufenthalt zu gewaͤhren. Die Stadt iſt mit einer Ringmauer umgeben, mit Bruſtwehren und tie⸗ fen Graben befeſtiget. An der einen Seite, nicht weit von dem Thore, welches nach dem Hafen führt, iſt ein ſchoͤner Platz, oder Markt, wo man allerlei Eß⸗ waaren feil haͤlt. Daſelbſt haben die Kaufleute ei⸗ nen beſondern Ort, wo ſie taͤglich zuſammen kommen, um ſich uͤber ihre Geſchaͤfte zu bereden ꝛc., wie auf andern Wechſelhaͤuſeen, oder Boͤrſen. Auf der an⸗ dern Seite, linker Hand, iſt das Rathhaus, wo die Angelegenheiten der Gemeinde berathen, und berich⸗ tiget werden. Die Gaſſen ſind ſchoöͤn breit, die Haͤuſer und Kirchen im Italiſchen Style gebaut. Nahe dabei ſind ſchoͤne Vorſtaͤdte mit vielen Luſt⸗ gaͤrten. Darin werden gute, wohlſchmeckende Fruͤchte gezogen, als Pomeranzen, Feigen, Citronen, Grana⸗ 198 ten, Sirne, Aepfel, Marillen, armeniſche Pflaumen, Datteln, Oliven u. dgl. Auch ſieht man allerlei ſchoͤne Kraͤuter, wohlriechende Blumen ꝛc. Geſundes, friſches Waſſer, Spring⸗ und Schöpfbrunnen, giebt es genug. Die Einwohner ſind, wie wir ſchon einmal ge⸗ ſagt haben, freundlich und hoͤflich gegen alle Fremde, lieben die Muſik, und andere ſittſame Ergoͤtzlichkei⸗ ten. Schoͤnere Weiber, und Jungfrauen gibt es wohl im ganzen Orient nicht, als hier. Sie ſind wohl gebaut, und ihr freundliches, ſittſames Weſen verleiht ihnen einen beſondern Glanz von Schoͤnheit, und Holdſeligkeit. Ihre einfache, und doch ſehr zierliche Kleidung erhöht dieſen Reiz; ihre einnehmende Sitte, ihr ho⸗ her, ſchlanker Wuchs, ihre edle Haltung, moͤchte manches Auge verleiten, dieſe ſanften Geſtalten nicht fuͤr ſterbliche Weſen, ſondern fuͤr die fabelhaften Göt⸗ tinnen des Alterthums zu halten. Die Weiber von Stand kleiden ſich in Sammet, Damask, Satin, oder andere Seiden⸗Stoffe von weißer, oder verſchiedenen zierlichen Farben. Der Rock iſt gewoͤhnlich breit mit Sammet eingefaßt; die Aermel heften ſie mit Schlingen und Knoͤpfen von allerlei Farben zuſammen. Ihre Schürzen ſind von feinſter Leinwand, ringsum mit den feinſten Zeich⸗ nungen ausgenaͤht. Auf dem Haupte tragen ſie eine Haube von weißem Satin, oder von anderer Farbe, 199 mit geſtickten Gold⸗ oder Perlen⸗Borten. Sie bin⸗ den dieſelben, wie die Aermel, mit langen, ſeidenen Baͤndern, durch viele Schlingen zuſammen, und nur auf dem Rücken flattern einige Schleifen nachlaͤſſig hin, was ihnen ein freies, reitzendes Anſehen gibt. Die Stirne umwinden ſie mit einem Goldgewebe, welches bei den Jungfrauen über den Nacken bis auf die Bruſt, oder bis an den Gürtel harabhäͤngend fortgeſetzt iſt. In dieſes Gewebe ſind oft koſtbare Perlen und Steine eingeheftet. Statt dieſes Gold⸗ gurtels tragen aber die Verheuratheten einen ſchö⸗ nen, weißen Schleier, der weit über den Rücken herab ſinkt. Auch ſind ihre Knöopfe und Schlingen alle weiß. Hals und Bruſt zieren ſie mit goldenen Kelten, mit ſchönen Gehaͤngen von Perlen, und an⸗ dern edlen Geſtein, nach eines jeden Vermögen und Stand. Sie baden ſich ſehr oft; auch iſt all ihr Sin⸗ nen und Trachten dahin gerichtet, ſich zu putzen, und ihre Schönheit zu erhoͤhen, damit ſie ihren Lands⸗ leuten ſowohl, als den Fremden gefallen moͤchten. Die Stadt wird von Griechen, und Genueſern bewohnt; jedoch giebt es auch viele Juden allda. Dieſe haben beſondere Straſſen, worin ſie wohnen, und damit man ſie von den Chriſten leicht unter⸗ ſcheiden kann, muſſen ſie ein großes, gelbes Bareth tragen. Sie treiben großen Wucher mit Geld, und andern Waaren. Die Griechen ſind dem Patriarchen von Kon⸗ . 200 ſtantinopel in geiſtlichen Sachen untergeben, haben auch eine Kirche, fuͤnf Meilen von der Stadt auf einem hohen Berge. Dieſes Gebaͤude wird fuüͤr das ſchoͤnſte ſeiner Art, auf allen Cycladiſchen Inſeln gehalten. Sie iſt ſehr kunſtreich mit Moſaik ver⸗ ziert, und ſoll, nach der Sage der Einwohner, vom griechiſchen Kaiſer Konſtantin Monachus erbaut, und zu Unſer Frau von Niamova genannt wor⸗ den ſeyn. VIII. Die Regierung iſt wie in andern Re⸗ publiken geſtaltet. Die Vornehmſten des kleinen Staates ſind die Mahones, eines alten, adelichen Geſchlechtes, von den Juſtinianen aus Genua ſtammend. Aus dieſen wird immer Einer, abwech⸗ ſelnd jeden Jahrs ein anderer, zum Regenten und oberſten Richter, in peinlichen und buͤrgerlichen Rechts⸗ faͤllen, erwaͤhlt. Demſelben iſt ein Doctor der Rechte zur Seite gegeben, als Statthalter. Ueberdieß er⸗ waͤhlen ſie alle ſechs Monate vier Beiſitzer, welche insbeſondere zu richten haben uͤber Leben und Tod, ſo wie diejenigen Gegenſtaͤnde zu beſorgen, welche mit andern Staaten, und deren Geſandten vorfallen. Ferner ſind zwoͤlf Raͤthe beſtellt, welche aber nur in außerordentlichen, und wichtigen Sachen beigezogen werden. Endlich haben ſie noch andere, geringere Beamte, welche kleine Haͤndel, die z. B. nicht uͤber 20 Kronen betreffen, verhandeln und ſchlichten. Die⸗ ſen iſt auch die Sorge fuͤr die Geſundheit der Ein⸗ 201 wohner auvertraut, wo ſie denn beſonders wider die Peſt zu wachen haben. Zwei von ihnen befinden ſich beſtaͤndig auf jedem Landungs⸗Platze. Sie laſſen keinen Reiſenden an das Land ſteigen, ausgenom⸗ men man hat ſich ausgewieſen, daß man von keinem Lande komme, wo eine Seuche herrſcht. Ich ſah Feigenbaͤume mit köſtlichen Fruͤchten, die aber ohne beſondere Behandlung nicht zur Reife kamen; dagegen ſah ich auch dergleichen Baͤume, deren Fruͤchte gar nicht zum Eſſen waren. Von den letztern aber nahmen die Einwohner einige Stuͤcke, und hingen ſie an den guten Baͤumen auf. Nach einiger Zeit fingen die ſchlechten Fruͤchte zu faulen und zu gaͤhren an, bis ſich zuletzt eine Menge klei⸗ ner Inſekten, welche die Geſtalt der Muͤcken haben, daraus entwickelte. Dieſe ſetzten ſich auf die beſſern, aber unreifen Fruͤchte, und nachdem ſie mit ihrem Stachel dieſelben uberall beſtochen hatten, fingen auch dieſe zu reifen an, und wurden zuletzt eine außer⸗ ordentlich ſchmackhafte Speiſe. Ferner ſah ich eine Menge Rebhühner, welche ſo zahm ſind, wie bei uns die Haushühner. Man treibt ſie des Morgens auf die Felder, und in die Gebirge, und lockt ſie des Abends mittels einer Pfeife, oder nach einem andern gewohnten Rufe, wieder nach Hauſe, wo ſie dann zu hunderten erſcheinen, und fuͤr die Nacht ihr ſchützen⸗ des Obdach bewohnen. Man hat es ſchon verſucht, dieſe Rebbühner auch an andere Orte zu verpflanzen; 202 allein wie ſolche aus der Inſel kommen, arten ſie aus, und nehmen ihre wilde Natur wieder an. Es herrſcht auch eine alte Gewohnheit auf dieſer Inſel, daß eine Frau, nach dem Tode ihres Mannes, wenn ſie Wittwe bleiben will, eine gewiße Abgabe entrichten muß, welche ſie Traͤgheit⸗Steuer (Argomonialicum) nennen. Dagegen muͤſſen auch die ledigen Maͤdchen, auf dem Lande ſowohl, als in der Stadt, eine gewiße Zahlung leiſten, wenn ſie zum Falle kommen, oder wenn ſie erwieſene Unzucht treiben. Dieſes letztere Reichniß ſoll der Regierung viel ertragen. Außer dem Homer, ſollen im grauen Alter⸗ thum noch viele andere, beruͤhmte Maͤnner dieſe In⸗ ſel bewohnt haben, als: mehrere Homeriden, welche alle vortreffliche Muſiker ſollen geweſen ſeyn; die Bildhauer Bubalus und Antermes, und andere. Unter ſolchen, und aͤhnlichen Betrachtungen ver⸗ weilte ich auf Chio bis zum 13. September. An dieſem Tage fuhren wir aber, noch mit der Sonne Niedergange davon, und ſchifften immer am Geſtade fort, bis zu einer kleinen Inſel, St. Stephan ge⸗ nannt, wo die Eiafahrt in den Hafen zu Delphi iſt. Hierauf kamen wir in die Naͤhe von Kardi⸗ milla, wendeten uns dann nach dem Meerbuſen von Kalonien, zur Inſel Metelino, welche ao Meilen von Chio liegt. Weil es Nacht war, chifften wir immer am Lande fort, bis zum Hafen Segra. Dort üͤberſiel uns ein ſehr kalter Wind, weßwegen wir bis zum Tage liegen geblieben ſind. IX. Beſchreibung der Inſel Metelino (Mytelene). Dieſe liegt im Aegeiſchen Meere, wurde von den Alten Lesbos, hernach Iſa Pelasgia, und Mytelene genannt. Den Namen Metelino traͤgt ſie vom Sohne des Phöbus, der Mileto geheißen, und daſelbſt eine Stadt, gleichen Namens erbaut hat. Dieſe war vor Zeiten nicht allein eine Haupt⸗ ſtadt in Aeolien, ſondern hatte auch die Oberherr⸗ ſchaft uͤber Troja. Von Sud nach Nord hat die Inſel eine Laͤnge von 60 Meilen, nach andern 1¹0 Meilen. Darauf liegen fuͤnf Staͤdte: A ntiſſa, Pyrra, Ereſſus, Cirave und Mytelene. We⸗ gen zwei vortrefflichen Haͤfen iſt dieſe Inſel ſehr be⸗ berühmt. In einem derſelben, gegen Oſt, koͤnnen fünfzig Galeeren und andere Schiffe ſichern Auf⸗ enthalt finden, und auch der andere iſt ſehr geräu⸗ mig, tief und ſicher. Die Stadt Mytelene iſt der Geburtsort des pithacus, eines der ſieben Weltweiſen Grie⸗ chenlands. Auch viele andere beruͤhmte Perſonen lebten hier, als Theophraſtus, Ariſtoteles, Arion, Sapho ꝛc, Zu meinen Zeiten ſtammen 204 von dieſer Inſel zwei berühmte Seeraͤuber, Kara⸗ dinus und Ariadenus Barbaroſſa, ein ſau⸗ beres Bruͤder⸗Paar. Dieſe, arm und verlaſſen, verſuchten ihr Gluͤck auf dem naſſen Elemente, und wurden von dieſem auch ſo ſehr begunſtiget, daß ſie zuletzt zum köoͤniglichen Stande gekommen, und darin auch geſtorben ſind. Metelino iſt gegenwärtig unter der Oberherr⸗ ſchaft der Turken. Die Inſel hat Ueberfluß vom be⸗ ſten, griechiſchen Weine, allerlei Fruͤchten u. ſ. w. Der groͤßte Theil derſelben iſt jedoch gebirgig, und un⸗ dewohnbar; die Thaͤler aber ſind ſehr fruchtbar. X. Wir ſchifften von Metelino der Kuͤſte von Klein⸗Aſien zu, auf das Vorgebirg Sigaͤum, welches man heut zu Tage Cap Janigerorum nennt. In der Entfernung von einigen Meilen ſahen wir die Inſel Tenedos, von Tenes ſo geheißen, der hier zuerſt eine Stadt erbaut hat. Auf derſelben ſoll der beruͤhmte Tempel Neptuns geſtanden ſeyn, zu welchem viele tauſende der alten Heiden gewall⸗ fahrtet waren. In dieſer Gegend, zwiſchen dem Ha⸗ fen Saͤgium und dem Fluße anto(Scamander) ſieht man viel altes Mauerwerk, Truͤmmer von Saͤu⸗ len, Bilder, Laubwerb ꝛc. welches alles noch an⸗ zeigt, daß hier die alte Stadt Troja geſtanden ſei. Wie groß, und herrlich dieſe einſt muͤſſe geweſen ſeyn, beweiſen noch dieſe traurigen Ueberreſte, ihre Menge, 205 und der große, weitausgedehnte Raum, auf dem ſie zerſtreut herum liegen.— Der Fluß Scamander kommt hier aus dem Gebirge, welches Ida genannt wird, und worauf viele Tannen, Cypreſſen, Tere⸗ binthen ꝛc. wachſen. Der Scamander fließt ganz ruhig durch das Thal Meſaulon in das Meer. Wir kamen hierauf zur Meerenge des Helle⸗ ſponts. Gleich am Eingange derſelben ließ Meh⸗ meth II. tüͤrkiſcher Kaiſer, und Eroberer von Kon⸗ ſtantinopel, zwei Schlößer erbauen, eines in Europa, das andere in Aſien, an eben dem Orte, wo vor Zeiten Seſtus und Abydus geſtanden ſeyn ſollen, bekannt durch das Liebes⸗Abentheuer der Hers und des Leander. Das europaͤiſche Schloß, Seſtus, liegt am Fuße eines Berges, und hat die Geſtalt eines doppelten Kleeblattes. Gleich als ob zwei Thuͤrme an einan⸗ der gebaut waͤren, hat ein jeder die Form dreier halber Zirkel. Sonſt iſt das ganze Schloß im Dreieck gebaut, und an jeder Ecke ſteht ein feſter Thurm, daß der eine durch den andern mit dem Geſchütze vertheidigt werden kann. Hier liegt beſtaͤndig Kriegs⸗ volk, mit vieler Munition, und anderm wohl ver⸗ ſehen. Das aſiatiſche Schloß, Abydus, iſt viel feſter, als Seſtus. Es iſt in das Viereck gebaut, liegt in einer waſſerreichen, und ſchoͤnen Ebene, dergleichen man wenige ſehen wird. Die herrlichſten Gärten, L 206 die köſtlichſten Fruͤchte, romantiſche Auen, Wieſen und Haine, von rieſelnden Baͤchen, und dem liebli⸗ chen Fluße Simois bewaͤſſert, ergötzen abwechſelnd das Auge. Dieſer kommt aus dem Ida⸗Gebirge, und faͤllt, mit dem Scamander, zunachſt bei dem Schloße, in das Meer. Auf jeder Ecke der Feſtung ſteht ein runder Thurm; im außerſten Hof aber, faſt in der Mitte, ein viereckigter, hoher, ſehr ſtarker. Dieſer iſt oben ganz flach, und man kann von dort das ganze Schloß mit dem Geſchütze beſtreichen. Fer⸗ ner iſt es mit Graͤben, Bruſtwehren ꝛc. auf das Beſte verſehen. Vor demſelben, am nahen Geſtade des Meeres, iſt der gewoͤhnliche Landungs⸗Platz. Vor dem Thore iſt der Markt, auf dem eine ſchöne, tuͤr⸗ kiſche Kirche ſteht. Als wir uns den Dardanellen, und dieſem Schloße genaͤhert hatten, ſchrien die der Beſatzung mit heller, gellender Stimme heraus:„Wir ſollten landen!“ Unſere Anker wurden alſo zunaͤchſt am Schloße ausgeworfen; allein die große Galeere, als ſie dieß eben auch zu thun im Begriffe war, wurde ploͤtzlich von der Fluth ergriffen. Dieſe iſt allda ſehr ſchnell, und ſtark; der erfahrendſte Schiffer kann ihrer oft nicht Meiſter werden. Von ihr wurde alſo auch un⸗ ſer Hauptſchiff mit ſo großem Ungeſtuͤmme auf eine Sandbank geworfen, daß es einen weiten Spalt bekam. Dadurch kamen wir in große Gefahr, be⸗ ſonders da auch unſer Steuer⸗Ruder zerbrach. Wir 20⁷ glaubten ganz ſicher, daß wir hier zu Grunde gehen mußten. Als aber die Beſatzung dieſes gewahrt hatte, fuhr man uns ſogleich mit kleinen Schiffen entgegen, und füͤhrte uns an das Geſtade. Man ſah unſere Geleitsbriefe, und als man daraus erfah⸗ ren hatte, wer wir ſeien, ließen die Befehlshaber der Beſatzung dem Geſandten wiſſen, daß es nicht in ihrer Gewohnheit liege, koͤnigliche Abgeordnete voruber fahren zu laſſen, ehe ſie von denſelben einige Geſchenke erbalten haͤtten. Ihren unerſaͤttlichen Geitz zu ſtillen, mußte man ihnen deßwegen einige Duka⸗ ten ſchicken. Als nun unſer zerbrochenes Hauptſchiff wieder ausgebeſſert war, fuhren wir noch an demſelben Tage zu einem großen Flecken, Mayton genannt. Die⸗ ſer liegt auf der Landſeite von Seſtus, und wird faſt von lauter Griechen bewohnt, welche ſich faſt alle, ſowohl weiblicher als maͤnnlicher Seite, vom Spinnen und Weben nähren. Das ganze Völklein mag ohngefaͤhr aus dreihundert Familien beſtehen. Der Flecken liegt am Berg, gegen das Meer zu. In der Naͤhe, auf einem Felſen, ſieht man die Rui⸗ nen eines alten, verfallenen Schloſſes. Selbſt in den Gaſſen von Mayton, und ſogar in den Haäuſern, ſieht man Truͤmmer, und abgeriſſene Stuͤcke von Säu⸗ len, Portalen, Bildern ꝛc. woraus man mit Recht ſchließen kann, daß hier einſt eine große Stadt ge⸗ ſtanden ſeyn muß. 208 In der Gegend ſind auch praͤchtige, fruchtbare Gaͤrten, worin ein beſonders köſtlicher Wein waͤchſt. Dieſen bewahren ſie in großen irdenen Gefaͤßen, und vergraben dieſelben unter die Erde, damit er lang bleiben und nicht verderben ſollte. Sie haben auch gute Viehweiden, und friſches, geſundes Quell⸗ und Brunnenwaſſer. Am Geſtade des Meeres ſtehen bei 30 Windmuͤhlen, deren es in der ganzen Gegend, z. B. um Abyſſus, gar viele giebt. Zur Mittagszeit ſchifften wir mit gutem Winde an Graͤcia hin, und kamen zu einem verfallenen Burgſtall, der einſt auf einer ziemlichen Hoͤhe lag. Der Ort iſt ohngefaͤhr drei Meilen von Mayton; man ſieht noch viele und große Ruinen. Unter den⸗ ſelben iſt ein angenehmes, fruchtbares Thal. 1 Man erzaͤhlt ſich, daß hier die Griechen den aus Aſien kommenden Tuͤrken einſt großen Widerſtand ge⸗ leiſtet haben. Dieſe wurden zuletzt durch Ueberlauf und Verrath Meiſter der Feſtung, indem zwei Ge⸗ nueſer fuͤr eine Belohnung von etlichen Dukaten naͤcht⸗ licher Weile die Ueberfahrt ſo beſorgten, daß die Be⸗ ſatzung unverſehens uͤberfallen wurde. Dabei wur⸗ den alle Maͤnner erwuͤrgt, den Frauen aber der Auf⸗ enthalt im Schloße ferner geſtattet, weßwegen daſ⸗ ſelbe heut zu Tage noch das Wittwen⸗Schloß heißt. Gegen Abend kamen wir zur Stadt Gallipoli, welche 30 Meilen davon liegt. 209 XI. Beſchreibung der Stadt Gallipoli. Gallipolis, nach Andern Kalliopolie, iſt eine alte Stadt, liegt am thraziſchen Cherſones, in einer Ecke gegen Propontis, zunaͤchſt bei der Stadt Campſalo, in Klein⸗Aſien. Einige halten da⸗ fuͤr, daß ſie von Kaligula erbaut worden ſei, An⸗ dere ſchreiben ihre Entſtehung den Galliern oder Franzoſen zu, welche ſich zuerſt dort angeſiedelt haben ſollen. Sie hat ohngefähr 600 Haͤuſer; die meiſten, und vorzuͤglichſten Gebaͤude ſind verfallen, und es iſt in dieſer Beziehung nichts ſonderliches mehr zu ſehen. Nur der Hafen iſt merkwuͤrdig; denn in demſelben können viele hundert Schiffe ihren ſichern Stand nehmen. Es iſt auch ein Schloß allda, welches vor Zeiten ziemlich feſt mag geweſen ſeyn, jetzt aber gleichfalls ganz verfallen iſt, obwohl noch eine Beſatzung darin liegt. Selbſt in der Stadt ſind hier viele Windmuͤhlen, auch zwei ſehr ſchoͤne Hospitaͤler, oder Gaſthaͤuſer, welches ſie Amarathes nennen. Eines liegt an der Straſſe nach Konſtan⸗ tinopel, und iſt von Sinan⸗ ⸗Baſcha zu den Zei⸗ ten Muhamets II. erbaut worden. Zunaͤchſt bei demſelben iſt ein ſchöner, waſſerreicher Springbrun⸗ nen, zu welchem dieſer Kaiſer das Waſſer in vielen Roͤhren hat leiten laſſen. Von dieſem Brunnen führt man das Waſſer in die Stadt und verkauft es nach einem gewiſſen Maaſe; denn ſie haben, auſſer dieſen 13tes Baͤndchen, Tuͤrkei I. a. 6 210 Brunnen, kein Trinkwaſſer, da jenes— in ihren Schöpfbrunnen ſchlecht und ungenießbar iſt. Das zweite der Gaſthäͤuſer liegt in der Mitte der Stadt, und wurde erbaut vom turkiſchen Kaiſer Ba⸗ jazet, welcher daſelbſt ſein prachtvolles Grabmahl hat. Auch ſieht man einige andere, gar herrliche, tüͤrkiſche Kirchen. Die Stadt hat keine Ringmauern, ſondern iſt anzuſehen wie ein großer, offener Flecken. Sie hat ſchöne, anmuthige Gaͤrten, mit koͤſtlichen, wohlſchmek⸗ kenden Fruͤchten. Gegen das Meer ſteht ein hohes Zollhaus, wel⸗ ches wie ein achteckichter Thurm gebaut iſt. Um den⸗ ſelben ſieht man viele Windmuͤhlen. Man muß hier zweifachen Zoll entrichten, fur jede Perſon, ſowohl Maͤnner als Weiber und Kinder. Davon muß der Zoͤllner an den Schatzmeiſter zu Konſtantinopel jäͤhrlich 90,000 Dukaten abliefern. Man kann ſich denken, welcher Gewinn uͤberdieß noch dem Paͤchter bleibt.. Die Stadt wird von Juden, Türken und Grie⸗ chen bewohnt. Sie treiben viel Handel, wozu die Lage am Meere vortrefflich und bequem iſt. Sie hat fuͤr ihre Größe eine ſtarke Bevoͤlkerung, weßwe⸗ gen alle Lebensmittel(und anderes) hier ſehr theuer Ind 1 1* 3 Mit gutem Winde ſchifften wir wieder weiter, und hielten uns fortan immer an das Geſtade von . 211 4 Thrazien. Wir kamen Macrotico ooruͤber, wel⸗ che Gegend ſonſt lange Mauer genannt worden. Hierauf erblickten wir die Stadt Byzantha, heuti⸗ gen Tages Rodeſto geheißen. Dieſe liegt an einem Golf des Meeres, welcher 30 Meilen breit iſt. Wir ließen die zwei Inſeln Proconeſo(jetzt Narmora) und Cesbico(jetzt Kalono) rechts liegen, und kamen zur Stadt Perintha(ſonſt Heraklea). Es ſind noch ſehr viele Merkmale vorhanden, daß hier im Alterthume eine große, beruhmte Stadt muͤſſe ge⸗ weſen ſeyn. Die jetzige Stadt liegt an der Spitze eines Ber⸗ ges, der ſich weit in das Meer erſtreckt. Sie hat einen weiten und ſichern Hafen, dergleichen man we⸗ nige ſieht. Gegen die Mittagsſeite, wo die Einfahrt iſt, erblickt man zwei hohe Felſen. Das ganze Vor⸗ gebirg iſt voll eingefallener Gebaͤude und auſſer der Stadt ſieht man hier keine menſchlichen Wohnungen mehr. Dieſe hat gegen das Meer keine Mauern. Wir lagen vor derſelben waͤhrend der Nacht ſtill, und ſtiegen nicht auf das Land. Als wir aber am andern Morgen fortfahren wollten, erhob ſich ein kalter, friſcher Wind, der uns hurtig in den Golf von Se⸗ limbria getrieben. Hierauf folgte ein Gegenwind, der uns wieder zuruͤck warf. Nichts deſto weniger kamen wir aber, freilich mit großer Muͤhe und Ar⸗ beit an den Mündungen der Athyra und des Ba⸗ thinius voruͤber, zweier Fluͤße, die man gewoͤhn⸗ 212 lich die großen Bruͤcken nennt. Nachher gelang⸗ ten wir zum Flecken Flora, der am Meere liegt, in einer Gegend, wo eine große Menge Cypreſſen, und andere Baͤume ſtehen. Von hier fertigte der Geſandte einen Boten zu Land nach Konſtantino⸗ pel ab, um ſeinem Sekretaͤr Phöbus, welchen er daſelbſt zuruͤck gelaſſen hatte, ſeine Ankunft anzu⸗ zeigen; es war am 19. September. Dann erreichten wir den Flecken St. Stephani, wo ein guter Hafen, und eine Menge eingefallener Gebaͤude zu ſehen ſind.— Der Flecken erſtreckt ſich etwas in das Meer hinein, und hat dabei etliche kleine Felſen. Weil trübes Wetter einfiel, landeten wir an, was zu un⸗ ſerm guten Gluͤcke war: denn Regen, und Ungewitter nahm ſo ſehr üͤberhand, daß wir beſorgten, unterzu⸗ gehen.— Nachdem ſich dieſes Ungeſtümm wieder gelegt hatte, ruderten wir fort, und kamen zur er⸗ ſten Ecke der Stadt Konſtantinopel. Daſetbſt iſt ein feſtes Schloß, mit ſieben ſtarken Thuͤrmen. Die Turken nennen es Jadikula; der Schatz des Groß⸗ Sultans wird darin verwahrt. Fortwaͤhrend liegen 300 Mann als Beſatzung darin, die ſie Aſarelis heißen. Ihr Hauptmann wird Disdarga genannt, und ſteht in großen Ehren und Anſehen. Auf dem Wege zwiſchen dem Flecken, und den ſieben Thuͤrmen, ſieht man viele Ruinen zerſtoͤrter Gebaͤude; auch findet man daſelbſt einen ſchönen Steinbruch, deſſen Ausbeute man ſich zu Konſtan⸗ — 213 kinopel bei Erbauung und Verzierung der Kirchen und anderer Staats⸗Gebaͤude bedient. Bei dieſem Orte kam Bruder Johann, ein Barfuͤßer⸗Moͤnch. aus Kalabrien, mit einem Griechen, welche beide zum Hofgeſinde des Gefandten gehoͤrten, zu uns, und brachten einen Brief vom Sekretaͤr deſſelben. Dieſer enthielt unter andern die Nachricht, daß un⸗ ſere Ankunft eben ſehr erwünſcht ſei, und daß noch andere gute Botſchaft auf uns warte. Daruͤber wa⸗ ren wir ſehr erfreut, und blieben deßwegen faſt die ganze Nacht fröhlich beiſammen: denn Bruder Jo⸗ hann hatte ein großes Gefaͤß voll Muskateller⸗Wein, friſchen Parmaſan⸗Kaͤſe, geraͤucherte Wuͤrſte, und andere gute Labung mitgebracht Als wir uns zuletzt zur Ruhe legen wollten, erhob ſich noch in der Nacht ein ungeſtuͤmmer, kalter Wind, und ein ungeheurer Regen⸗Strom praſſelte vom ſchwarzbedeckten Himmel herab. So wurde es denn Morgen, und zuletzt Mittag, bis ſich derſelbe etwas aufheiterte. Dann ſchickte der Geſandte den Moͤnch wieder nach Pera zuruck; wir aber ruderten mit aller Anſtrengung immer an der Stadt hin, zur Spitze des Serails. Dieſes macht den zweiten, und groͤßten Vorſprung der Stadt. Daſelbſt überfiel uns noch ein ſo ſtarker Wind und Regen, daß wir glaubten, der Himmel wolle in das Meer fallen. Doch die Begierde, recht bald an das laͤngſt erſehnte Ziel zu gelangen, uͤberwand allen Zweifel und jede . 214 Furcht. Voll des Muthes, nöthigten wir die Schiffs⸗ leute, ohngeachtet des ungeſtümmen Meeres, des Regens und Windes, zur ſchnellen Fahrt, hatten auch ſchon die Spitze des Serails erreicht, und woll⸗ ten eben in den Kanal einſchiffen, als die Flut, die eben aus dem Bosvorus kam, uns wieder zuruͤck ſchlug, ſodann es uns ferner unmoͤglich war, den Landungs⸗Platz zu erreichen. Unter den groͤßten Gefahren mußten wir uns nach Chalcedon in Na⸗ tolien, wenden, und neben einem Wachthurm im Meere, der Janitſcharen⸗Thurm genannt, die große Flut abwarten. Nach dieſer kamen wir jedoch zuletzt gluͤcklich in den Hafen von Konſta ntinopel, ſteckten unſere Fahnen an den Schiffen auf, und löſten alles Geſchuͤtze, als freudiges Zeichen unſerer Ankunft. 3 An dem Geſtade erwartete uns bereits des Groß⸗Sultans Dolmetſcher Hebrahim, ein gebor⸗ ner Pole, der jedoch das Chriſtenthum abgeſchworen hatte. Um ihn waren mehrere, vornehme Befehls⸗ haber, von ihrem Kaiſer beordert, den Geſandten zu empfangen. Dieſer ſtieg auch bald, in Begleitung einiger Herren von Adel, aus dem Schiffe, und nach den erſten Begruͤßungen praͤſentirte man ihm ein ſchönes, weißes Pferd. Auf dieſem begleiteten ihn die tüͤrkiſchen Herren bis an den Palaſt des Roſtan Baſcha. Von dieſem wurde von Aramant auf das Freundlichſte empfangen. Als er auf ſein Hauptſchiff 215 zurückgekommen war, ſchifften wir wieder weiter, und zwar über den Kanal nach Pera. Dort wurden wir von den Chriſten, welche allda wohnen, mit großen Freuden empfangen, und bis in unſere Her⸗ berg begleitet. Dieß war der 20. Tag Septembers, 1551, im achtundſechszigſten Tage, nachdem wir von Marſeille ausgeſchifft waren. XII. Von der Stadt Byzant, deren Zer⸗ ſtörung, und der Erbauung Konſtan⸗ tinopels. Byzant in Thrazien, welches auch Roma⸗ nien genannt wird, war ſchon in den aͤlteſten Zei⸗ ten eine der berühmteſten Städte der Welt. Sie liegt in einer der fruchtbarſten Gegenden von Eu⸗ ropa, an der Meerenge Ponts, welche dieſen Welt⸗ theil von Aſien ſondert. Die Stadt iſt in das Dreieck gebaut, und ſtößt in zwei Orten an das Meer. Die Umgegend iſt aͤußerſt anmuthig und bringt alle Bedürfniße im Ueberfluße hervor. Die Lage derſelben iſt ſo ſicher, daß ſich kein Schiff, ohne dem Willen der Einwohner, nähern, oder voruͤber fahren kann: denn dort, wo die zwei Meere zuſam⸗ men ſtoßen, hat es zwei enge Paͤſſe, oder Einfahr⸗ ten, nämlich aus dem Propontikus, und Euxi⸗ nus. Man nennt es deßwegen den Hafen zweier 216 Meere. Von Konſtantinopel bis Calcedon ſind 10 Stadien; bis Fanum in Aſien ebenſo. Weil aber viele große Fluͤße aus Aſien, und noch mehr aus Europa in das ſchwarze Meer, oder Pontus Eu⸗ xinus fallen, ſo wird daſſelbe manchmal mit Waſſer ſo üͤberhaͤuft, daß die Flut mit großem Ungeſtümm in den Propontikus einfaͤllt, und dann durch den Hellefpont, der uber 3 Stadien nicht breit iſt, in das Aegeiſche Meer kommt. 8 Die Stadt ſoll zuerſt ven den Lacedemoniern erbaut worden ſeyn, unter der Regierung des Für⸗ ſten Pauſanias, 668 Jahre vor Chriſti Geburt. Man erzaͤhlt ſich noch folgende Sage. Pauſanias befragte das Orakel, wo er ſich mit ſeinen Lacede⸗ moniern niederlaſſen ſollte; ihm wurde zur Ant⸗ wort gegeben:„zunaͤchſt bei den Blinden.“— Un⸗ ter den Blinden aber wurden die Megarenſer verſtanden, welche zuerſt nach Thrazien gekommen waren, die fruchtbare Gegend und vortheilhafte Lage von der jetzigen Stadt aber nicht erkannten, ſondern ſich an das ganz unfruchtbare Geſtade Klein⸗ Aſiens uͤberſchifften, und dort die Stadt Calce⸗ don erbauten. Sie glaubten, ſich daſelbſt vom Fiſch⸗ fange recht wohl nähren zu können; allein auch hierin fanden ſie ſich bald betrogen. Denn das Meer flutet mit ſolcher Gewalt aus dem ſchwarzen Meere in den Propontis, und gerade auf das Geſtade von Klein⸗Aſien los, daß keine Fiſche an demſelben 217 ſich halten koͤnnen, ſondern auf die ruhigere Seite von Konſtantinopel, entweder geworfen werden, oder gerne ſelbſt dorthin ziehen. XIII. Von der Stadt Konſtantinopel. Man glaubt, daß ſchon vor Pauſanias eine Stadt dort geſtanden, und Ligos genannt worden fei. Auf jedem Fall iſt dieſer Fürſt der erſte Wieder⸗ erbauer davon, ſo wie gewiß iſt, daß ſie von ihm den Namen Byzant erhielt. Sie hatte viele, und widerliche Schickſale zu dulden. Zuerſt wurde ſie von den Athenienſern nach einer langwierigen Be⸗ lagerung erobert, und beinahe zerſtört. Nachdem ſie wieder aufgebaut war, ſiel ſie in die Haäͤnde des römiſchen Kaiſers Severus. Dieſer ließ alle wehr⸗ haften Maͤnner darin umbringen, und die Feſtung von Grund aus zerſtören. In dieſem Zuſtande ſah ſie noch der große Konſtantin. Schon mit dem Baue von Calcedon beſchaͤftiget, entſagte er dem⸗ ſelben nach reiferer Ueberlegung wieder*), und er⸗ *) Es giebt verſchiedene, fabelhafte Sagen, dieſen Umſtand naͤher zu erlaͤutern; wir haben eine derſelben bereits im dritten Baͤndchen unſerer Taſchenbibliotbek, Seite 32, angeführt. Unſer Autor ſetzt unter andern folgendes bei:„Kon⸗ ſtantin fing an, Calcedon zu bauen; es ſchreit aer Zonargs, daß etliche Adlker die 216 baute mit ſonſt nie geſehener Pracht die Stadt, welche er nach ſeinem eigenen Namen Konſtanti⸗ nopel nannte. Die Griechen nennen ſie auch Stambul, welches ſoviel heißt, als:„große, herrliche Stadt.“ kIV. Schon unter den Nachfolgern dieſes Kai⸗ ſers hatte Konſtantinopel wieder manches Unge⸗ mach auszuſtehen; Belagerungen, Erdbeben, anſtek⸗ kende Krankheiten, Feuers⸗Brünſte ꝛc., bis ſie unter dem letzten griechiſchen Kaiſer, auch Konſtantin geheißen, von dem tuͤrkiſchen Kaiſer Mehmeth er⸗ obert, und erbaͤrmlich verwüſtet worden iſt. Kon⸗ ſtantin ſelbſt verlor dabei ſein Leben; ſein Haupt wurde zu großem Schimpfe im türkiſchen Lager herum getragen; Konſtantinopels herrliche Gebände, be⸗ ſonders die ſchoͤne, von Konſtantin dem Großen erbaute Sophien⸗Kirche wurden auf das graͤßlichſte ihrer Zierden beraubt, und entweiht.*) Als hierauf der tuͤrkiſche Eroberer beſchloſſen hatte, hier ſeinen beſtaͤndigen Wohnſitz aufzuſchlagen, —— Hoͤlzer, womit der Platz zur Stadt beſteckt und bezeichnet war, genommen, und in ihren Schna⸗ bein auf die andere Seite getragen haben, was der Kaiſer fuͤr eine goͤttliche Warnung hielt, und ſeinen Plan aͤnderte ꝛc.“— *) Die Eroberung Konſtantinopels durch die Tuüͤrken, geſchah den 29. Maͤrz 1353, nachdem darin die Chriſten 1190 Jahre geherrſcht hatten. 219 ließ er die zerſtörten Haͤuſer und Feſtungswerke wie⸗ der aufbauen, und bevoͤlkerte die Stadt wieder, in⸗ dem er aus allen Laͤndern Maͤnner, Weiber und Kinder dahin berief, ihnen auch freie Uebung jeder Religion verſprach. Sogleich fand ſich eine große Anzahl von Juden, und von jenem Mauriſchen Voͤl⸗ kerſtamme ein, der vorher aus Spanien vertrieben worden war. Im kurzen war Konſtantinopel wieder volkreich, mächtig und reich. Mehm eth, der naͤmliche Kaiſer, erbaute das Serail, das von ſei⸗ nen Nachfolgern um vieles erweitert wurde; dann auf einer Anhöhe der Stadt, die große, herrliche Moſchee. Neben andern Feuersbrüͤnſten verbrannte unter dem Kaiſer Baſilius zu Konſtantinopel eine Bibliothek von 126,000 Büchern; unter dieſen eine Drachenhaut von 120 Schuh in der Laͤnge, worauf Ho⸗ mers Ilias und Odiſſee geſchrieben geweſen ſeyn ſoll. XV. Das fuͤrchterlichſte Erdbeben ereignete ſich unter dem tuͤrkiſchen Kaiſer, Mehmeth II., im Jahr 1509. Die Stadtmauer, und viele Gebaͤude ſtuͤrzten in das Meer, auch ein Thurm, mit aller Munition und Mannſchaft. Die große Waſſerleitung von der Donau in die Stadt, mit ſo ungeheuern Koſten errichtet, wurde dabei zerſtoͤrt. Gegen dreizehn tauſend Menſchen verloren das Leben. XVI. Von den Alterthuͤmern ſieht man zu Kon⸗ ſtantinopel heut zu Tage noch einen Hyppo⸗ 220 zromus, welcher von den Tuͤrken Atmayden ge⸗ nannt wird. Dieß war vor Zeiten die kaiſerliche Reitſchule, der Platz zum Wettlaufen ꝛc., und iſt jetzt dem gaͤnzlichen Verfall nahe. In der Mitte dieſes Platzes ſteht auf vier mar⸗ mornen Kugeln ein Obelisk, von einer Höhe von z0 Ellen aus Einem Stück Stein beſtehend. Derſelbe iſt überfüllt mit Buchſtaben und Bildern. Nicht weit davon iſt ein Koloß, in welchen die Geſchichte der Wettlaͤufe eingehauen iſt. Man ſieht auch noch mehrere hohe Mauern, und Saͤulen allda, unter andern eine ſolche aus Erz, welche ſehr künſtlich, in Geſtalt dreier, zuſammengeflochtener Schlangen, gegoßen iſt. Auch noch an andern Orten der Stadt ſteht man viele Ruinen alter Gebaͤude, z. B. vom Palaſte, worin Konſtantin der Große gewohnt hat. Dieſer ſtand an dem weſtlichen Ende der Stadt. Sein Grabmahl aus Marmor iſt noch vorhanden, ſteht aber an dem unflaͤtigſten Orte von ganz Konſtan⸗ tinopel. Auch von Wafferleitungen ſind noch Ueber⸗ reſte zu ſehen, viele ſolcher Eiſternen ſtehen auf Schwibbögen, oder hohen Marmorſaͤulen. XVII. Gegen Gallipoli, am Geſtade des Meeres, ſteht das feſte Schloß mit den ſieben ſtarken Thuͤrmen, wovon wir fruͤher ſchon Erwaͤhnung ge⸗ macht haben; es hat hohe, dicke Mauern, iſt mit vielem Geſchutze, und Kriegs⸗Vorraͤthen verſehen. —— 221 XVII, Am andern Ende der Stadt, welches die Griechen St. Demetrius, die Alten aber das Vorgebirge Chriſoceras nennen, liegt gegen Auf⸗ gang, zunaͤchſt am Hafen, das kaiſerliche Schloß, oder die Reſidenz. Es iſt mit hohen, ſtarken Mauern umgeben, und hat einen Umfang von zwei franzöſiſchen Meilen. In der Mitte iſt ein kleiner Berg; auf demſelben ſieht man einen ſchoͤnen, luſt⸗ reichen Garten. Er reicht bis an das Meer hinab, wo viele Wohngebaͤude angebracht ſind. Auch ſieht man einen Portikus allda, der dem Kreuzgange in einem Nonnen⸗Kloſter nicht unaͤhnlich iſt. Darin ſind 2v0 Kammern; an der aͤußern Spitze deſſelben aber wohnt in der Sommerszeit der Groß⸗Sultan ſelbſt; denn die Erhabenheit des Ortes gewaͤhrt ge⸗ ſunde Luft. Auch iſt gutes, friſches Waſſer daſelbſt. Vor Zeiten haben dieſe Gebaͤude zur St. Sophien⸗ Kirche gehört. Bajazeth II. ſonderte ſie aber davon ab, und ließ in die Mitte ein ſchoͤnes Wohnhaus bauen. In den unterſten Gemaͤchern wohnte er zur Winterszeit, im Sommer aber genoß er die Kuͤhlung in einem kleinen Luſthaus, das ganz von Glas, und mit zinnernen Staͤben zuſammengefaßt iſt. Es hat die Geſtalt einer Halb⸗Kugel, und in der Mitte einen Springbrunnen, der aber jetzt kein Waſſer mehr enthaͤlt. 1 Nicht weil davon iſt die Wohnung der Sultanin, mit herrlichen Baͤdern, aber ringsum wohl verſchloſ⸗ 222 3 ſen. Auch die Sklaven⸗Knaben haben eine abgeſon⸗ derte, wohlverwahrte Wohnung, wo ſie unterhalten, im Geſetze Muhmeds unterrichtet, im Reiten, Bo⸗ genſchießen und andern kriegeriſchen Kuͤnſten wohl geubt werden. Dieſer Unterricht beginnt mit dem zehnten und endet mit dem 20. Lebens⸗Jahre. Ge⸗ wöhnlich ſind fuͤnf oder ſechshundert ſolcher Knaben und Jünglinge beiſammen. Ignn der Naͤhe iſt der ſchöne Marſtall des Kaiſers worin gewohnlich vierzig bis fünfzig der ſchoͤnſten und beſten Pferde ſtehen. Das Thor zur Reſidenz— allgemein unter dem Namen Seraill bekannt, iſt ſehr groß, mit vielen goldenen Buchſtaben und erhabenem Laubwerk von allerlei Farben geziert. Durch dieſes kommt man auf einen ſchoͤnen, weiten, doch ungepflaſterten Platz. Am Ende deſſelben iſt zwiſchen zwei ſtarken Thuͤrmen noch ein Thor, welches von den Janitſcharen bewacht wird. Wer zu Pferd in das Schloß will, muß hier abſtei⸗ gen. Dann kommt man wieder in einen großen Hof, in welchem der Baſcha woͤchentlich dreimal öffentliche Audienz giebt, die Partheien zu hören, und deren Haͤndel, ſeien es welche es wollen, zwiſchen Tuͤrken, Chriſten und Juden ꝛc. zu ſchlichten. Ich wohnte einer ſolchen Verſammlung bei, und ohngeachtet des Zulaufes einer ung heuern Volksmenge, herrſchte doch eine ſolche Stille waͤhrend der ganzen Audienz, daß man kaum einen Athemzug hörte. 225 In der Mitte dieſes Hofes ſteht zwiſchen etlichen Cypreſſen ein ſchoner Springbrunnen. Gegen das Meer zu iſt noch ein Thor, durch welches der tür⸗ kiſche Kaiſer ſich zu Schiffe zu begeben pflegt, wenn er nach ſeinem Luſtgarten will, welcher jenſeits des Meeres in Natolien liegt, und Skutari heißt. Deßwegen befindet ſich bei dem Thore ein Gezelt, und vor demſelben ſind beſtaͤndig zwei Fregatten bereit, ſowohl den Kaiſer, als den Boſtaugi Baſcha, wel⸗ ches der Oberſte uͤber die Gaͤrten iſt, aufzunehmen. XIX. Der Kaiſer hat gewöhnlich zweihundert Weiber, meiſtens Chriſtinnen, welche zu Waſſer und zu Land, im Kriege, oder von Seeraͤubern gefan⸗ gen worden, oder aus Ungarn, Italien, Griechen⸗ land, Aſien ꝛc. dahin verkauft worden ſind.. Dieſen Weibern werden die köſtlichſten Kleider und aller Un⸗ terhalt gereicht. Von alten Frauen werden ſie in allerlei ſchönen, weiblichen Arbeiten unterrichtet, von vierzig Verſchnittenen aber bedient. Ueber dieſe iſt ein Oberſter geſtellt, der auch ein Verſchnittener iſt, Capiangaſſi genannt wird, und einen ſehr hohen Sold genießt.— Wenn eine der Frauen vom Kaiſer empfangen hat, erhaͤlt ſie eine andere, abgeſonderte Behauſung und viel reichlicheren Unterhalt, indem ſie nunmehr als deſſen rechtmaͤßige Gemahlin anerkannt, und in großen Ehren gehalten wird. Wenn ſie einen Sohn zur Welt bringt, kann derſelbe, falls ihn die Reihe 224 trifft, ſeinem Vater im Kaiſerthume nachfolgen. Jene Frauen aber, die von ihm nicht empfangen, ſchenkt er feinen oberſten Befehlshabern. Außer dem Kaiſer und den Verſchnittenen, darf Niemand, weſſen Standes er auch ſei, und in ſo hohen Gnaden er ſtehen moͤchte, zur und in die Woh⸗ nung dieſer Frauen. XX. Die vom Kaiſer Juſtinian erbaute So⸗ phien⸗Kirche ſteht noch heutigen Tages. Sie iſt ein herrliches, koſtbares Gebaͤude, hat in der Mitte ein ſchoͤnes, rundes Gewoͤlbe, wie das Pantheon zu Rom, und zwei Reihen Säulen aus Marmor, die ſehr hoch und zwei Klafter dick ſind. Ueberdieß hat es noch eine Reihe ſolcher Saͤulen, die aber etwas kleiner ſind und das Gewölbe tragen. Von Innen iſt dieſe Kirche mit ſchoͤnen Gemaͤlden, Gold, Silber und Mo⸗ ſaik⸗Arbeit geziert, von Auſſen aber mit Marmor von verſchiedenen Farben belegt. Ebenſo ſind auch die dabei beſindlichen Klöſter geziert. Gemaͤlde und Bilder hingegen ſind von den Tuͤrken zerſtoͤrt, und heraus geriſſen worden. Denn ſie ſagen, man ſoll nur Gott allein anbeten und Ehre bezeugen, nicht aber lebloſen Bildern. Die Kirche iſt mit Blei gedeckt, die Thore ſind aus Chorinthiſchem Erz gegoſſen, ſo kuͤnſtlich und ſchoͤn, daß dergleichen nicht zu finden ſind. Als dieſer herr⸗ liche Tempel noch in den Haͤnden der Chriſten war, wurde er füglich fuͤr das erſte Gebaͤude, nicht allein im Orient, ſondern in der ganzen Welt gehalten. Es hat hundert Thore und eine Meile Wegs im Um⸗ fange, wenn man die Wohnungen der Geiſtlichkeit dazu rechnet. Das jaͤhrliche Einkommen beſtand ehe⸗ mals in dreimal hundert tauſend Dukaten. Sobald dieſe Kirche in der Tuͤrken Haͤnde gekom⸗ men iſt, haben ſie eine Moſchee daraus gemacht, die dazu gehoͤrigen Stifts⸗Gebäude aber zu Pferde⸗Staͤl⸗ len verwendet. Die Tuͤrken haben auch auſſer dieſer noch drei herrliche Moſcheen, mehrere Hospitaͤler, Springbrunnen und Schulen. Eine der ſchoͤnſten Kirchen unter den letztern iſt jene, ſo Muhmetb der Große erbaut hat, und worin er auch begra⸗ ben liegt. Dabei ſind hundert Haͤuſer mit bleiernen Daͤchern, worin die muhametaniſchen Prieſter wob⸗ nen, und die Fremden aller Religionen, mit ihrem Geſinde und Pferden, drei Tage lang unentgeldlich beherbergt werden. 3 Nicht weit davon ſind 150 Wohnungen fuͤr arme Leute, welche taͤglich Geld und Brod nach Nothdurft erhalten. Allein dieſe Gebaude ſtehen oft ganz öde: denn die Tuͤrken ſchäͤmen ſich des Bettelns, leiden auch keinen Orden, der arbeitsſcheu nur auf anderer Un⸗ koſten leben will. Was von dem jaͤhrlichen Allmoſen uͤbrig bleibt, wird zu andern wohlthaͤtigen Zwecken, in Krankenhaͤuſern, Irrenanſtalten ꝛc. verwendet. Die Turken haben die Gewohnheit, Narren, welche auf der Straße unruhig ſind, ſogleich einzuſperren, und 13tes zBandchen⸗ Türkei I. 2. 7 226 mit Ruthenſtreichen wieder klug zu machen. Andere Kranke aber pflegen ſie mit großem Fleiße und aller Geduld. Vier andere tuͤrkiſche Kirchen ſind weniger herr⸗ lich und minder reichlich ausgeſtattet. XXI. Von den Badanſtalten und andern merk⸗ würdigen Dingen. Vie uͤberhaupt in allen von den Türken bewohnten Laͤndern, alſo auch vorzuͤglich zu Konſtantinopel, ſind viele und ſchoͤne Badanſtalten, theils in Privathaͤu⸗ ſern, theils in oͤffentlichen Gebaͤuden. Sie ſind manch⸗ mal, wie bei den Griechen und Roͤmern, in dem herr⸗ lichſten Style, mit allen Koſtbarkeiten verſehen, was be⸗ ſonders bei dem Groß⸗Sultan und ſeinen Frauen, dann dei den Baſcha's der Fall iſt. Selbſt die gemeinen Bäder ſind aus ſchonſtem Marmor, mit Saͤulen, Moſaik⸗ Pflaſtern, Bildniſſen ꝛc. geziert. Jedes Bad hat zwei abgeſonderte runde Flügel, mit gewoͤlbten Daͤchern, im erſten ſind die Auskleide⸗Zimmer, worin auch ein Ofen ſteht, um die Kleider zu erwärmen, oder zu trocknen. In der Mitte iſt ein ſchoͤner Spring⸗ prunnen, der in ein Marmorbecken faͤllt. Rings⸗ herum ſind niedere Sitzſtellen, ganz mit tuͤrkiſchen Teypichen bedeckt. Auf denſelben ziehen ſich die Tuͤr⸗ ken aus, und geben dann ihre Kleider den dazu be⸗ ordneten Dienern. Ihre Scham bedecken ſie mit einem 222 blauen Tuche, legen ſich dann zuerſt in das Schwitz⸗ bad, und nach dieſem begeben ſie ſich in das große Bad. Dieſes iſt etwas hoͤher, hat die Form eines Halbzirkels, und am Gewoöͤlbe Glasfenſter. In der Mitte, von Marmor⸗Waͤnden umgeben, ſpringt wieder ein waſſerreicher Brunnen; zunaͤchſt dabei liegt eine lange und breite Marmortafel, auf vier Kugeln. Auf dieſe pflegen ſie ſich nach dem Bade zu legen. Jetzt erſcheinen wieder die Badediener, und reiben den Gaſt mit warmen Tuͤchern an Armen und Beinen, ja am ganzen Leibe, wenden ihn auch da⸗ bei von einer Seite zur andern. Dieß geſchieht ſehr hurtig, und ſo glimpflich, daß dem Badenden keine ihrer Handlungen zuwieder faͤllt, ſelbſt wenn ſie ſich, was oft geſchieht, demſelben auf dem Ruͤcken ſetzten, oder an ihm herunter gleiten ꝛc.— Nach dieſem begeben ſich die Tuͤrken in ein klei⸗ nes, erwaͤrmtes Gemach, und laſſen dort ihren Koͤr⸗ per nochmal reiben. Man bedient ſich hiezu eines Saͤckleins von Leinwand, welches wie ein Handſchuh geformt iſt. In einem Marmorbecken wird hierauf kaltes und warmes Waſſer, bis zu einem angeneh⸗ men Grade der Temperatur gemiſcht. Nach dieſem werden die Glieder noch einmal gewaſchen, dann die Füße mit Bimsſtein gereinigt, die Haare an verbor⸗ genen Stellen, z. B. unter den Armen, an der Scham, entweder weggeſchoren, oder mit einer Salbe, die ſie Rusma nennen, beſtrichen, wo ſte denn augen⸗ 2²⁸ blicklich wegfallen. Es bedienen ſich derſelben ſowohl die Männer, als die Weiber: denn ſie haben einen großen Abſcheu vor den Haaren an allen Theilen des Leibes. Iſt auch dieſe Reinigung vollzogen, ſo trock⸗ net man ſich vollſtaͤndig ab, zieht ſich wieder an, be⸗ zahlt den Dienern, und dem Kleider⸗Huͤter eine Kleinigkeit, und geht, am ganzen Leibe geſtaͤrkt, wohl und munter, wieder ſeiner andern Lebensweiſe nach. An dieſer Bad⸗Einrichtung koͤnnen alle Nationen, mögen ſie was immer für eines Glaubens ſeyn, Theil nehmen; Tuͤrken und Mohren aber, kurz alle Mos⸗ lims pflegen ſich gar oft zu baden, theils der Geſund⸗ heit und des Wohlbehagens wegen, theils um ihren Glaubens⸗Geſetzen zu genuͤgen. Denn durch dieſelben iſt ihnen verboten, ohne dieſe Reinigung die Kirche zu betreten. Die reichen, und vornehmen Tuͤrken haben die Baͤder gleich bei ihren Wohnungen, und gebrauchen ſie wöͤchentlich drei oder viermal. Die Aermern muͤſ⸗ ſen die oͤffentlichen Baͤder in der Woche wenigſtens einmal beſuchen; ſonſt werden ſie fuͤr unrein gehalten. XXII. Es ſind aber die Baͤder vorzuͤglich den Frauenzimmern beliebt; denn der Gang nach den⸗ ſelben iſt die einzige Gelegenheit, wo ſie aus ihren Wohnungen, welche ihre Maͤnner, Vaͤter oder Ver⸗ wandte, immer in den aͤußerſten, und verſchloſſenſten 229 Theilen ihrer Beſitzungen aus Eiferſucht zu verkegen gewohnt ſind, entkommen, und ſich fremden Augen zeigen, oder ſich ſelbſt durch den Anblick von fremden ergötzen konnen, obwohl ſie bei jedem Gang uͤber die Straſſe den Körper ſowohl, wie das Geſicht wohl verhuͤllen muͤſſen. Die Maͤnner nehmen manchmal Weiber mit ſich in das Bad, ja in dieſem ſind ohnehin ſchon einige, welche im Nothfalle, wenn ein Tuͤrke kein eigenes Weib hat, aushelfen muͤſſen. Doch in die Baͤder der Weiber darf keine maͤnn⸗ liche Perſon. Sie gehen aber ſelbſt zu Zehn und Zwoͤlf mit einander, ſelbſt Tuͤrkinnen und Griechinnen vermiſcht, als gute Geſpielinnen, oder Freundinnen. Sie pflegen dann einander zu waſchen und zu reiben, wobei es ſich manchmal ereignet, daß ſie ſich in ein⸗ ander verlieben. Iſt ihnen ein ſchoͤnes Weib be⸗ kannt, ſo wenden ſie alles an, um es zu ſich in das Bad zu bringen. Gelingt es ihnen, ſo beſehen ſie daſſelbe, und betaſten es auch mit den uͤppigſten Be⸗ gierden. Sie begeben ſich ſchon am fruͤheſten Morgen da⸗ hin, und bleiben dann bis Mittag. Die Vornehmern haben zwei, oder auch drei Sklavinnen bei ſich; Eine traͤgt auf dem Kopfe ein kupfernes, uüberzinntes Ge⸗ fäß, worin die Bademaͤntel, Hemden, und anderes Geraͤth, wie ihre Salben verwahrt ſind. Das Ge⸗ faͤß iſt mit Sammet, oder Seiden⸗Teppichen bedeckt, 230 Gold⸗, oder Silber⸗Borden, mit Franſen oder Drot⸗ teln, hängen lange uͤber daſſelbe herab. Eine An⸗ dere trägt einen ſchoͤnen, reinen Teppich, auf wel⸗ chem ſie in der Abzieh⸗Stube ihre Kleider und Klei⸗ nodien legen: denn Griechinnen ſowohl als Tuͤrkinnen ſchmuͤcken ſich außerordentlich, ehe ſie in das Bad gehen, oder wenn ſie aus demſelben kommen, in der Hoffnung, irgend einem fremden Auge damit zu ge⸗ fallen. Wenn ſie in das Bad kommen, wird das Gefaͤß, wovon wir geſprochen haben, umgewendet, um ſich deſſelben ſtatt eines Sitzes zu bedienen. Waͤhrend die Frau nach genoſſenem Bade ruht, waſchen und reinigen auch Sklavinnen einander. Eine Salbe von Cypreſſen, Cedern, und andern wohlriechenden Sa⸗ chen ſoll ihren Leib beſonders rein und angenehm machen. XXIII. Der Bazar, oder das Kaufhaus, ge⸗ hört gleichfalls zu den merkwuüͤrdigſten Gebaͤuden von Konſtantinopel. Es iſt ein ſehr großes, viereckig⸗ tes Gebaͤude, hat vier Thore, und eben ſoviel Gaſ⸗ ſen. An den Seiten derſelben ſind die Kauflaͤden; darin ſieht man viele koͤſtliche Waaren, Perlen, Edel⸗ geſteine, koſtbares Pelzwerk von Zobeln, Luchſen, Woͤlfen ꝛc. Gold⸗ und Silber⸗Geraͤthe, Seidenzeuge, Tuͤcher von allen Gattungen, und eine Menge an⸗ derer Waaren blenden hier das Auge. 231 Der Bazar iſt auch der Ort, wo die gefangenen Chriſten verkauft werden, welche, jung oder alt, maͤnnlichen oder weiblichen Geſchlechtes, wie das liebe Vieh zum Markte getrieben werden. Die Käufer heſehen ſie am ganzen Koͤrper, die Augen, die Zähne ꝛc. weßwegen ſie ſich ganz nackt ausziehen, auch gehen, oder laufen muſſen, um ihre Gebrechen zu erforſchen. Ein recht erbarmungswürdiger Anblick! Ich ſah ein ungariſches Maͤdchen von ohngefähr zu oder 15 Jahren, von lieblicher Geſtalt. Sie wurde in einer halben Stunde, dreimal entkleidet und beſich⸗ tiget. Zuletzt kaufte ſie ein türkiſcher Kaufmann um 3u Dukaten. Das Kaufhaus iſt täͤglich bis zum Mittag offen, die Freitage ausgenommen, welche von den Türken gefeiert werden, wie bei uns der Sonntag. Es giebt auch noch andere Marktplaͤtze, unter andern einen Ort, wo alte Geräthſchaften feil gebo⸗ ien werden. Auch die Sattler und Lederer haben ihr eigenes Kaufhaus, wo man die ſchoͤnſten Pferde⸗ Geſchirre, und andere ſchoͤne Arbeit findet. XXIV. Von der Stadt Pera. pPera, oder Galata,(vor Zeiten Cornu⸗Bi⸗ zant) iſt eine der älteſten Städte, wurde von den Genueſen erbaut und bevölkert: Man heißt ſie ge⸗ meiniglich Pera, was griechiſch ſoviel, als jenſeits 4132 bedentet; denn ſie liegt uͤber dem Kanal, oder Mee⸗ res⸗Arm; Konſtantinopel gegenuüber, von wo aus man mit kleinen Schiffen, Permes genannt, hin und her faͤhrt. Um zu Land dahin zu kommen müßte man einen Umweg von mehr, als zwoͤlf Mei⸗ len machen. Der Hafen zu Pera iſſt ſehr ſchoͤn, bequem und ſicher, hat 5 Meilen im Umfange. An der Einfahrt iſt er wohl eine Meile breit, weiter einwaͤrts nur eine halbe. Es iſt auch kein Schiff ſo groß, daß es den Grund erreichte, von einem Ge⸗ ſtade zum andern, bis zu den Haͤuſern.— Die Stadt ſiegt zum Theil in der Ebene, zum Theil am Berg. Sie hat im Umfang 3 Meilen, und mehrere Viertel, welche durch hohe Mauern abgeſondert ſind. In dem erſten wohnen die alten Peroten, in einem andern die Griechen, im dritten die Tuͤrken, als die Ober⸗ herren der Stadt. Auch Juden findet man daſelbſt, wiewohl die meiſten in Konſtantinopel ſelbſt ihr Weſen treiben. Pera iſt ſehr ungleich gebaut, in der Mitte iſt die Stadt breit, und niedrig, und en⸗ det mit einer Spitze. Sie iſt ſehr volkreich, hat aber wenige ſchöne, und nicht viele bequeme Haͤuſer. Man ſieht aber ſchoͤne Springbrunnen, welche ihr Waſſer aus der Donau, und andern Fluͤſſen erhalten. Die laͤngſte Seite wird vom Meere beſpuͤlt. Außer dem Thore, wo man in den Hafen geht, iſt das Arſenal, oder Zeughaus. Es hat hundert Schwiebbogen, und bedeckte Orte, unter weſchen die 233 Schiffe trocken, und ſicher ſtehen koͤnnen. An der andern Seite, zunaͤchſt am Geſtade, pflegt man das Geſchütz zu gießen, wovon man eine ungeheuere Menge, groß und klein, aus Erz und Eiſen, liegen ſieht. Die Türken baben ſolche theils in Griechen⸗ land, theils in Ungarn erobert. Gegen das Gebirg ſind viele Weinberge, und fruchtbare Gärten, darin auch viele Luſthäuſer, welche meiſtens den Chriſten gehoͤren: denn faſt alle dieſe wohnen, auf Befehl des Groß⸗Sultans, zu Pera; wenige nur zu Konſtantinopel. 3 Die alten Peroten haben den Glauden der ro⸗ miſchen Kirche, und deren Gebraͤuche, welche von den griechiſchen Kultus ſehr verſchieden ſind. Die römiſchen und die griechiſchen Glaubensgenoſſen, ſind deßwegen nicht die beſten Freunde. Deſſen ohnge⸗ achtet ergiebt es ſich, daß ſie unter einander heira⸗ then, wobei dann jeder Theil ſeine Religion behaͤlt: übrigens aber ſelten gut mit einander lebt. Außer der Stadt iſt das alte Serail, oder der Ort, wo die Chriſtenkinder, welche die Türken als Tribut von ihnen nehmen, dann die Janitſcharen auferzogen, und geuͤbt werden. Die Juden und Tür⸗ ken haben auch ihre Begraͤbniß⸗Plätze daſelbſt. Zu Pera wohnen auch die Geſandten der frem⸗ den Maͤchte, theils der Freundſchafts⸗Buͤndniſſe we⸗ gen, welche dieſe mit der Pforte zu erhalten wun⸗ 234 ſchen, theils zur Beforderung, oder zum Schutze des Handels. Die Griechen aus den alten Geſchlechtern zu P era find uͤberaus koͤſtlich gekleidet und geſchmuͤckt. Wer nie eine ſolche Pracht geſehen hat kann ſich davon keinen Begriff machen. Mit Recht kann man oft ſagen, daß ein Weib, wenn es in das Bad geht, ſo viel Schmuck an ſich traͤgt, als ſie werty iſt; das heißt, worin ihr ganzes Vermögen beſteht. Es iſt keine Buͤrgerin, keine Kaufmannsfrau ſo gering, daß ſte nicht Kleider von Sammet, Damask, oder we⸗ nigſtens ſchweren, gebluͤmten Seidenſtoff tragt. Dazu iſt ſie noch mit Gold⸗ und Silber⸗Borden, mit Ket⸗ ten, Hals⸗ und Armbaͤndern, von edlen Geſteinen beſetzt, uͤberladen. Schon ihre Gebaͤrden urkunden von Hoffart, und Gefallſucht, was auch die Veran⸗ laſſung iſt, daß ſich die Maͤnner nicht ohne Urſache uͤber die Untreue ihrer Ehehaͤlften zu beklagen haben. Denn eine Frau, deren Ehemann ihr nicht alles ver⸗ ſchaft, was ſie wuͤnſcht und will, ſucht ſich bei ga⸗ lanteren Herren dafuͤr zu entſchaͤdigen. Daruͤber wundert ſich ſogar Niemand; denn dieſe Sitte iſt hier zu allgemein angenommen. Nur die betagten Matronen ſind eingezogener, und einfacher. Dieſe tragen auf der Gaſſe ſchoͤne weiße Schleier, welche die Schultern, und den Rucken bedecken. Die Witt⸗ wen bedienen ſich ſtatt des weißen, eines gelben Tu⸗ ches, und affektiren einen ehrbaren, langſamen Gang. 9 235 Die Kinder, welche der türkiſche Kaiſer alle vier Jahre von den Chriſten aus Griechenland, Albanien, aus der Wallachei, Servien, Bosnien und vielen andern Orten, die er ſeiner Herrſchaft unter⸗ worfen hat, zum Tribut nimmt, werden Azamoglan genannt. An Orten, wo dieſe Seelen⸗Steuer erlaſſen iſt, werden ſchwere Abgaben im Gelde erpreßt. We⸗ gen Mangel deſſelben müͤſſen die Unterdrückten dann oft ihre Lieblinge der erbaͤrmlichſten Dienſtbarkeit opfern. Sie werden beſchnitten, und im Glauben Muhameds erzogen. Im kaiſerlichen Schloße werden die wohlgeſtalteſten von Verſchnittenen im Reiten, Fechten u. ſ. w. unterrichtet; auch zu den Kriegsdienſten auf alle Weiſe abgehaͤrtet. Die ge⸗ ſchicktern werden ſodann den Janitſcharen, und an⸗ dern Befehlshabern uͤbergeben, und gelangen, wenn ſie ſich wohl verhalten, manchmal ſelbſt zu großen Stellen. Diejenigen aber, welchen es an Geſchicklich⸗ keit fehlt, werden zu Küͤchen⸗ Haus⸗ und Garten⸗ Arbeiten angehalten, und müſſen oft die ſchmutzig⸗ ſten Dienſte leiſten. Indeſſen ſind alle mit grobem, blauen Tuche bekleidet, und genießen einen taͤglichen Sold. Ueber ſie iſt ein kaiſerlicher Aga geſetzt. Die Adelichen aus den Azamoglans gehen auf ihre Art reinlich gekleidet, und pflegen häufig der Muſik, ſelbſt auf den Straßen. Sie bedienen ſich einer Art von Tambouretten, wozu fie mit lauter Stimme ſingen, was nicht ſonderlich lautet. IV Vier Sendſchreiben des kaiſ. öſterreichiſchen Geſandten Auger Gislen v. Busbeck, aus Comines in Flandern, über ſeinen Aufenthalt zu Konſtantinopel 1554. Aus dem lateiniſchen Originale frei bear⸗ beitet von Michael Fiedler zu Bamberg). Erſtes Sendſchreiben. Bald nach meiner Ruͤckkehr aus England, wo ich mit dem öſterreichiſchen Geſandten Don Pietro Laßi dem Beilager des Königs Philipp und der *²) Busbeck wurde 1522 außerehelich geboren; ſein Vater war anſehnlich, ſeine Mutter geringen Standes. Die fruͤhzeitig glaͤnzenden Talente ver⸗ anlaßten den Vater zu einer ſorgfältigen Erzie⸗ hung, und zur Legitimation des Sohnes durch K. Karl V. Er ſetzte ſeine Studien zu Loͤwen⸗ I 237 Königin Maria beiwohnte, wurde ich 3. Nov. 1554 zu Lille mit der angenehmen Beſtimmung Sr. Maj. des K. Ferdinands. uberraſcht, ich möͤchte mich Paris, Venedig, Bologna und Padua fort, wurde dann zu London an der Seite des oͤſterreichiſchen Geſandten in Geſchäften geubt, und endlich vom K. Ferdinand I. als Geſandter nach Konſtan⸗ tinopel befördert. Waͤhrend ſeines achtjaͤhrigen Aufenthaltes in der Türkei, erwarb er ſich da⸗ von jene Kenntniſſe, welche er in ſeinen Brie⸗ fen mittheilte, und ſammelte außerordentlich viele literariſche Seltenheiten. Nach ſeiner Ruͤckkehr wurde er Hofmeiſter der kaiſerl. Prinzen, 4570 Begleiter der Prinzeſſin Eliſabeth zum K. Karl IX., dann 1580 Geſandter in Paris, und ſtarb zu St. Germain bei Rouen 28. Ort. 1592. (Man vergleiche Joͤcher und Meuſel bibl. hist. VIII. 9.) In der öffentlichen Bibliothek zu Bamberg iſt: A. 6. Busbequii D. legationis Turcicae epistolae IV. Hutzeuin priores duae ante ali- uot annos in lucem prodierunt sub nomine tinerum Constantinopelttani et Amasini. Ad- jectae sunt duae alterae ejusdem de rei mili- tari contra Turcam instituenda consilium. Accedit Solimano Imp. Turc. legatis ad Fer- dinandum Rom. Caes. I. a. 1562. Francofurtum missa. Hanov. 1629. 6.— A. G. v. Busbeck vier Sendſchreiben der Tuͤrkiſchen Bothſchaft ꝛc. A. d. Lat. mit Kupf. Nuͤrnberg 1664. 12. Man vergleiche Miracus de scriptor. Belg. Saco XVI.— Thuanus XXVI.— Mathioli Epist. II.— Academie de Sciences. Tome I.— Bayle. ete. 3(Jäck) 2⁵⁸G als Geſandter nach Konſtantinopel begeben. Ich ver⸗ fügte mich nur nach Busbeck zu meinem Vater und Freunden, dann zu Pferd eilig uͤber Brüſſel nach Wien, wodurch ich theils wegen des Reitens, theils wegen der Herbſtzeit höͤchſt ermudet wurde. Zu Wien wurde ich durch den geheimen Secre⸗ tär Joh. Vander dem K. Ferdinand. vorgeſtellt Dieſer nahm mich gnaͤdig auf, und ermunterte mich bis Anfangs Decembers zu Ofen zu ſeyn, damit die Türken keine Urſache haͤtten, den Vertrag zu brechen. Waͤhrend dieſer kurzen Zeit müßte ich noch nach Kommorn, zu Joh. Maria Malvez dem vor⸗ herigen Geſandten am Hofe Solimans, um mich in der tärkiſchen Sprache unterrichten, und mit den Landes⸗Gebraͤuchen bekannt machen zu laſſen. Als Kaiſer Karl wichtiger Urſachen wegen durch Ger⸗ hard von Veldweyck(Feldwyck) einen Waffen⸗ Stillſtand geſchloſſen hatte, befand ſich Malvez im Gefolge deſſelben, und wurde bei ſeiner Ruͤckkehr zum zweitenmale nach Konſtantinopel geſchickt. Großes Verdienſt erwarb er ſich hier durch ſeine Standhaftigkeit: denn als Ferdinand Sieben⸗ buͤrgen durch die Vertauſchung anderer Laͤnder an die Wittwe und den Sohn des Woywoden Johann welcher ſich vorhin den Titel eines Königs von Un⸗ garn angemaßt hatte, an ſich brachte, kam die Nach⸗ richt davon zu den Ohren der Tuͤrken. Um ſich von der Wahrheit zu uͤberzeugen, ließ Ruſtan, Soli⸗ 239 man's Eidam, Malvez zu ſich rufen, dieſer be⸗ harrete feſt auf der Falſchheit dieſer Sage. Als ſich die Wahrheit hievon beſtaͤttigte, ließ der Sultan Malvez in das Gefaͤngniß werfen, in welchem er zwei Jahre ſchmachtete. Jedoch wurde der Streit wegen Siebenbürgen durch einen Vergleich beige⸗ legt. Als Unterhaͤndler wurden Anton Wranz aus Dalmatien, Biſchof zu Agria, und Franz Zay, Schiffs⸗Oberſter, zwei durch Fleiß und Recht⸗ ſchaffenheit ausgezeichnete Maͤnner abgeſchickt. Bei ihrer Ankunft wurde Malvez von Soliman an Ferdinand mit Briefen entlaſſen, und bald darauf mit einer Antwort wieder nach Konſtantinopel geſendet, zerreichte aber nur Kommorn, die letzte Zeſtung Oeſterreichs gegen die Türken, am Zuſam⸗ menfluße der Donau und Waag, wo er wegen Krankheit, auf welcher bald der Tod folgte, um Ab⸗ nahme ſeiner Geſandtſchaft bat. Auf dieſe Weiſe wurde mir dieſelbe üͤbertragen. Als ich von Mal⸗ vez die gehöorigen Verhaltungs⸗Regeln erhalten hatte, reiſte ich eilends nach Wien zuruck und ſchickte mich zur Abreiſe an. Nachts 44 Uhr erreichten wir Viſchamünd, einen Marktflecken Ungarn's a Mei⸗ len von Wien, wo wir uͤber Nacht blieben. Von da reiſten wir nach dommorn, um Paul Palinai, welcher die Räubereien und Plünderungen der Tuͤr⸗ ken wohl kannte, nach Ofen mitzunehmen. Seine Apweſenheit noͤthigte uns noch einen Tag hier zu ver⸗ 240 weilen. Am dritten Tage ſetzten wir uͤber die Waag, und veiſten gegen Gran, die erſte tuͤrkiſche Feſtung, unter Begleitung von 16 Ungariſchen Huſaren. Auf halbem Weg ſchickte mir der Kommandant von Graun a tuͤrtiſche Reiter entgegen. Als ſie mich ankommen ſahen, ritten ſie herbei, ſtellten ſich um meinen Wa⸗ gen, und gruͤßten mich hoͤflich. Nach einer kuxzen Fahrt über einen Abhang empfingen mich 150 andere türkiſche Reiter, welche mir durch ihre Schilder, ge⸗ malte Spieſe, mit Edelſteinen beſetzte Schwerter, durch ihre bunten Federbuͤſche, durch ihre Turbane, purpur und eiſenfarbige Kleider, auf ſchönen Pfer⸗ den ein praͤchtiges Schauſpiel gewaͤhrten. Unter Be⸗ gruͤßungen und Fragen langte ich in Gran an. Die⸗ ſer Name bezeichnet die Burg auf einem Huͤgel am Donauufer und die auf der nahen Ebene gelegene Stadt. Ich kehrte hier ein, wo wir auf bloßen Bret⸗ tern, üͤber welche grobe Decken geworfen waren, uͤber⸗ nachten mußten. Am folgenden Tage ließ mich der Singiacci(ſo heißen die Tuürken ihren Komman⸗ danten) zu ſich rufen. Ihm wird als Zeichen ſeiner Würde eine eherne, vergoldete Kugel auf einer Lan⸗ zenſpitze, durch eine Schaar Reiter vorgetragen. Ob⸗ wohl ich keinen Auftrag an ihn hatte, noͤthigte er mich, ihn zu beſuchen, wahrſcheinlich um die Urſache meiner Reiſe zu erforſchen. Von Gran, wo wir fruühſtuͤckten, reiſten wir nach Ofen. Der Singiacci nur mit allen ſeinen 241 Reitern begleitete mich aus der Stadt. Außerhalb derſelben hielten ſeine Reiter Kampfſpiele, ſie warfen ihre Turbane auf den Boden, und hoben ſie im ſtaͤrk⸗ ſten Laufe mit ihren Spießen von der Erde auf. Hierauf nahm der Singiacci von mir Abſchied, und gab mir ſicheres Geleit. Zu Ofen kamen mir einige Tuͤrken, Chiauſen genannt, welche die Be⸗ fehle des Sultans und der Baſſen hin und her kra⸗ gen müuſſen, entgegen, welches bei dieſer Nation ein ausgezeichnetes Amt iſt. Bei einem Ungarn nahmen wir Quartier; Pferde und Wagen wurden nach tür⸗ kiſcher Sitte beſſer verſorgt, als ich. Der Baſſa ſchickte einen Diener, Tuigor genannt, mich zu beſuchen, und ließ ſich entſchuldigen, daß er wegen Krankheit nicht kommen könne. So traf auch Pa⸗ linai noch zur rechten Zeit bei mir ein, indem wir uns lange zu Ofen aufhalten mußten. Als der Baſſa erfahren hatte, daß ich einen geſchickten Arzt, Na⸗ mens Wilhelm Quackelbein, bei mir haͤtte, ſo ließ er mich erſuchen, denſelben ihm zu ſchicken; es reute mich aber bald, weil die Krankheit des Baſſa taͤglich überhand nahm, und wir dadurch in Verdacht gekommen waͤren, denſelben um das Leben gebracht zu haben. Von dieſer Sorge befreite uns die baldige Geneſung deſſelben. Zu Ofen ſah ich die erſten Janitſcharen, di Leibwache des Sultans, ihre volle Anzahl beträgt 12000 Mann. Sie ſind durch das ganze Neich ver⸗ 13tes Baͤndchen, Tuͤrkei I. 2. 8, 242 theilt, ſo wohl zur Vertheidigung der Feſtungen, als zum Schutze der Juden und Chriſten gegen den tür⸗ kiſchen Poͤbel. Zu Ofen in der Feſtung ſind beſtaͤn⸗ dig Janitſcharen; ihr Kleid fliegt bis auf die Knoͤchel herab, das Haupt bedeckt ein Regenmantel, von dem ein Theil uͤber den Kopf gezogen wird, der an⸗ dere über den Nacken hinab haͤngt. Auf der Stirne erhebt ſich ein langes, ſilbernes, mit Gold uͤberzogenes, und mit ſchlechten Edelſteinen beſetztes Rohr. Immer kamen ſie paarweiſe zu mir, gruͤßten mich mit gebeug⸗ tem Haupte und gingen in derſelben Stellung, ohne mir den Rücken zuzukehren, weil ſie dieſes fuͤr unhoͤf⸗ lich halten, zuruck. Eher ſollte man nach ihrem de⸗ muͤthigen Betragen dieſe gefuͤrchteten Menſchen fuͤr Moͤnche als fuͤr Soldaten halten. Oft lud ich Tuͤrken zu Tiſche, dieſe wurden von der Lieblichkeit des Weines ſo gereizt, daß ſie ſich berauſchten. Das Weintrinken wird bei den Tuͤrken, hefondere bei den Aelteren, für ein großes Laſter gehalten. Die Juͤngeren aber glauben eine und dieſelbe Strafe nach dem Tode erdulden zu muͤſſen, ob ſie viel oder wenig Wein trinken. Haben ſie ein⸗ mal zu trinken angefangen, ſo trinken ſie ſo lange ſort, bis ſie dem Rauſche erliegen. Die Stadt Ofen liegt in einer ſehr ſchoͤnen und fruchtbaren Gegend auf einem Bergrucken, ſo, daß auf einer Seite Weinberge an ſie graͤnzen, auf der anderen die Donau vorbeifließt, uber welche hinaus man die Stadt Peſt, und ſehr weite Ebenen ſieht. ¹ 1 243 Ehemals war ſie mit den herrlichſten Palaͤſten unga⸗ riſcher Magnaten geziert; jetzt aber ſind dieſe meiſt zerfallen, und werden von türkiſchen Soldaren be⸗ wohnt, welche dieſelben aus Mangel an Geld nicht unterhalten können. Sie kuͤmmern ſich nicht um Re⸗ gen, wenn nur ſie und ihr Pferd im Trocknen ſtehen. Auch verbietet ihnen das Geſetz den Bau praͤchtiger Gebaͤude; deßwegen wohnen auch große und reiche Türken in Hutten und kleinen Haͤuſern. Mehr Sorg⸗ falt verwenden ſie aber auf ſchoͤne Gaͤrten und Baͤ⸗ der; auch richten ſie nach der Menge ihres Geſindes die Groͤße ihrer Haͤuſer ein. In denſelben ſind weder Saͤulengaͤnge, noch praͤchtige Säle zu ſehen, ſon⸗ dern ſie gleichen hierin ganz den Ungarn. Denn Ofen und Preßburg ausgenommen, zeichnet ſich in ganz Ungarn keine Stadt durch ſchoͤne Gebaͤude aus. Zu Ofen iſt auch eine Quelle, welche oben ganz heiß iſt, auf deren Boden aber Fiſche ſchwim⸗ men. 5 Endlich am 7. December erhielt ich Audienz beim Baſſa; ich beſchenkte ihn, beklagte mich über den Muthwillen ſeiner Soldaten, und verlangte, was ge⸗ gen den Vertrag war genommen worden, deſſen Er⸗ ſtattung er dem Kaiſer, bei der Sendung eines Ab⸗ geordneten in einem Briefe verſprochen hatte! Er klagte ebenfalls uͤber Beleidigungen und Schaden von Seite der Unſerigen, und ſuchte durch einen ſpitz⸗ findigen Schluß mich von der Räumung der Orte ab⸗ als auch um den Ueberfaͤllen der Heyducken zu ent⸗ 244 zuweiſen. Zugleich, ſetzte er hinzu, ſollte ich ihm, da er ſo eben erſt von ſeiner Krankheit geneſen ſei, nicht beſchwerlich fallen, und auf eine Antwort von Soliman warten. Bei meiner Audienz bemerkte ich, daß bei den Tuͤrken die roͤmiſche Sitte, einander Gluͤck zu wünſchen uͤblich, und daß die linke Seite ihnen geehrter ſei, als die rechte. Als ich meine Geſchaͤfte zu Ofen ſo gut als moͤg⸗ lich beſorgt hatte, kehrte mein Gefaͤhrte nach Wien zurück; ich aber ſchiffte mich auf der Donau ein, und erreichte glucklich Belgrad. Dieſes geſchah, ſowohl um in kuͤrzerer Zeit unſern Weg zuruͤck zu legen, gehen. Heyducken nennen die Ungarn diejenigen, welche aus Viehtreibern Soldaten, oder vielmehr Raͤu⸗ ber werden. In 5 Tagen machten wir zu Waſſer den Weg, wozu wir auf dem Lande 12 nöthig gehabt haͤtten. Unſer Schiff wurde von au Ruderknechten gezogen; wir ſchifften Tag und Nacht fort, einige Stunden ausgenommen, welche die Schiffsleute zur Erholung benutzten. Ich verwunderte mich ſehr uͤber die Verwegenheit der Türken, welche bei truͤbem Wetter, finſterer Nacht, und bei heftigem Winde immer fortfahren. Wurden ſie von den Winden an das Ufer getrieben, oder ſtieß das Schiff an Stoͤcke und Baͤume, ſo daß man das Zertrümmern deſſelben befuͤrchten mußte, ſo riefen ſie ganz kaltbluͤtig, Alaure, d. i. Gott wird helfen. * 245 Auf unſerer Reiſe ſahen wir Tolna, ein unga⸗ riſches Städtchen, welches wegen ſeines vortrefflichen weißen Weines und wegen der Menſchenfreundlichkeit der Einwohner beruͤhmt iſt. Auf einer Anhöhe ſahen wir das Schloß Valpouar und andere Schlößer und Staͤdte; und auf der einen Seite die Drau, auf der andern die Teyß in die Donau ſich ergießen. Belgrad liegt am Zuſammenfluße der Sau und Donau; zwiſchen ihnen gleichſam wie in dem aͤuſ⸗ ſerſten Winkel eines Vorgebirgs, die alte Stadt, ein alter Bau mit vielen Thuͤrmen und einer zweifachen Mauer verſehen, an deren beiden Seiten dieſe Fluͤße vorbei laufen. An der Seite, wo ſie an das Land ſtößt, liegt auf einer Anhoͤhe ein gut befeſtigtes Schloß mit vielen und hohen Thurmen aus Quader⸗ ſtein. Vor der Stadt iſt eine große Menge Häuſer, und große Vorſtädte, dieſe ſind der Wohnort der Türken, Griechen, Juden, Ungarn und Dalmatier. In der Türkei ſind die Vorſtaͤdte eößer, als die Staͤdte ſelbſt. Hier fanden wir alte römiſche Müͤnzen, viele hatten auf einer Seite einen roͤmiſchen Soldaten zwi⸗ ſchen einem Stiere und Pferde, mit der Ueberſchrift: Taurunum. Dieſe Stadt wurde in der fruͤhern Zeit zweimal hart von den Türken belagert, einmal von Amurath, dann von Mahomet, dem Ero⸗ berer Konſtantinopels; aber tapfer wurde ſie von „ 246 den Ungarn und Kreuzrittern vertheidigt. Als end⸗ ich 1520 Soliman mit ſeinem Heere vor dieſer Stadt erſchien, und die Nachlaͤßigkeit des jungen Koͤ⸗ nigs Ludwig ſowohl, als die Zwietracht der unga⸗ riſchen Staͤnde bemerkte, eroberte er ſie mit leichter Muͤhe. Dadurch verlor der Koͤnig Ludwig ſein Le⸗ ben; Ofen wurde eingenommen, Siebenbuürgen unterjocht und das ganze Königreich verwüſtet. Nachdem wir die zur Landreiſe nothwendigen Be⸗ dürfniſſe uns verſchafft hatten, reiſten wir von Bel⸗ grad ab. Zur linken Seite des Donau⸗Ufers ließen Hwir das Schloß Symandrien liegen, welches ehe⸗ mals den Seroiſchen Despoten gehoͤrte, und reiſten gegen Niſſa. Hier zeigten die Tuͤrken uns auf An⸗ höhen die weißen Berge Siebenbürgen's und bei⸗ laͤufig den Ort, wo die Pfeiler der Brucke Trojan's ſtanden. Als wir uͤber den Fluß Mühr geſetzt wa⸗ ren, kehrten wir in dem ſerviſchen Dorfe Jagodna ein. Auffallend waren uns hier die Leichen⸗Zere⸗ monien dieſes Volkes. In der Kirche lag der Leich⸗ nam mit entblößtem Angeſichte, neben demſelben ſtan⸗ den Fleiſch, Brod und ein Becher Wein; ſeine Frau und Tochter waren beſtens gekleidet; die Kopfbedek⸗ kung der Tochter war aus Pfauen⸗Federn. Sie brachen in Klagen aus, und erhoben ein jaͤmmerliches Geſchrei. Die Leiche wurde von mehren griechiſchen Prieſtern begleitet, in dem Kirchhofe waren hölzerne Rehe und Hirſche auf Pfaͤhlen, um dadurch den Fleiß 242„ und die Schnelligkeit ihrer Weiber und Toͤchter im Hausweſen anzuzeigen. An vielen Graͤbern hingen Weiver⸗Haare zum Zeichen der Trauer. Hier ſoll auch der Braͤutigam, ſobald zwiſchen den Aeltern die Heirath abgeſchloſſen, die Braut ſtehlen. Nicht weit von Jagodna kamen wir zum Fluße Niſſus, und nach Niſſa, wo wir noch Ueberreſte von römiſchen Landſtraſſen erblickten. Niſſa ſelbſt iſt ein beruͤhmtes, volkreiches Staͤdtchen. Hier kehr⸗ dten wir in einer öffentlichen Herberge, Karavan⸗ ſarai genannt, ein. Dieſe ſind große Gebaͤude, mehr lang, als breit; in deren Mitte ein großer Hof zur Verſorgung des Gepäckes, der Kamele, Maul⸗ thiere und Wagen, ſich befindet. Dieſen ſchließt ge⸗ woͤhnlich eine Mauer ein, welche etwas mehr als 3 Zuß hoch iſt; das ganze Gebaͤude umgibt, oben eben und gegen 4 Schuhe breit iſt. Hier iſt das Schlafgemach, Speiſezimmer und die Kuͤche der Tur⸗ ken; ihr Nachtlager bereiten ſie ſich auf folgende Weiſe zu. Vorerſt breiten ſie eine Decke aus, welche ſie gewöhnlich uͤber die Saͤttel werfen, auf dieſe wer⸗ fen ſie ihren Regenmantel, zum Kiſſen dient der Sattel. Ihr mit Pelz gefuͤttertes Tages⸗Kleid gebrauchen ſie ſtatt der Decke. In dieſen Herbergen ubernachtete ich nicht gerne, weil die Tuͤrken uns genau beobach⸗ teten, und ſich über unſere Sitten und Gewohn⸗ heiten wunderten. Deßwegen ſuchte ich immer bei Chriſten zu übernachten; zuweilen kehrte ich in tuͤr⸗ 248 kiſchen Spitaͤlern ein, welche ſehr bequem und ſchön gebaut ſind und ordentliche von einander geſonderte Ge⸗ maͤcher haben. Sie ſtehen Juden und Chriſten offen; auch kehren Baſſen und Singiaken auf ihren Reiſen in denſelben ein. Alle Gaͤſte werden da geſpeiſt. Auf einer großen hoͤlzernen Scheibe ward mir eine Schuüſſel zu Schleim gekochter Gerſte, nebſt einem Stüͤck Fleiſch vorgeſetzt, ringsherum lagen Brod⸗ ſtuͤcke mit etwas Honig⸗Kuchen. Um nicht unhöflich zu ſcheinen, verkoſtete ich das Gericht, und fand es gut. Dieſe Spitaͤler trifft man nicht uͤberall: ſon⸗ dern bisweilen mußten wir in großen, weiten Staͤl⸗ len uͤbernachten, wo wir uns durch den Wein er⸗ heiterten. Sehr beſchwerlich fiel uns der Mangel der Uhren bei den Türken; denn ſie weckten uns oft um Mit⸗ ternacht auf, indem ſie, durch den Mondſchein ge⸗ taͤuſcht, glaubten, es breche der Morgen an. Blos bei dem Kirchendienſte haben ſie Talismane, um bei Tages⸗Anbruche die Glaͤubigen zum Gebete von einem hohen Thurme herab zu ermahnen, dieß thun ſie auch zwiſchen dem Aufgange der Sonne und Mit⸗ tag, ferner zwiſchen Mittag und Abend. Demnach theilen ſie den Tag in 4 Theile, deren Laͤnge und Kuͤrze die Jahreszeit beſtimmt; die Zeit der Nacht iſt unbeſtimmt. Hatten die Tuͤrken, durch den Mond getaͤuſcht, ihren Irrthum eingeſehen, ſo legten ſie. ſich wieder — 249 nieder; wir aber, die wir aufgepackt hatten, mußten entweder mit vieler Muͤhe wieder abpacken, oder die ganze Nacht in der Kaͤlte zubringen. Um dieſem Uebel vorzubeugen, verboten wir den Tuͤrken, uns aufzuwecken, indem uns unſere Uhren ſchon die rechte Zeit anzeigen wuͤrden. Von Niſſa kamen wir auf Sophien. Dieſe vor Zeiten große und volkreiche Stadt gehörte an⸗ fangs zu Bulgarien, in der Folge zu Servien. Hierauf reiſten wir einige Tage durch ſchöne und ziemlich fruchtbare Thaͤler Bulgariens; waͤhrend dieſer ganzen Zeit über, aßen wir faſt nichts als Aſchen⸗ Kuchen, deren Zubereitung ſehr einfach iſt. Die Weiber knetten etwas Mehl mit Waſſer ohne Sauer⸗ teig, den geknetteten Teig legen ſie auf heiße Aſche, und verkaufen ihn heiß vom Heerd weg. Merkwürdig iſt daſelbſt die Kleidung der Weiber. Sie tragen blos ein einfaches, grobes Hemd von Leinwand, mit verſchiedenen Farben durchwebt. Selt⸗ ſam iſt ihr aufgethuͤrmter Kopfputz, welcher ganz aus Stroh mit Leinwand uͤberzogen, bis auf die Schultern reicht, unten iſt er am breiteſten, gegen oben laͤuft er pyramidalförmig zu. Ringsherum zwi⸗ ſchen dem Ober⸗ und Untertheile des Hutes, haͤngen Geldſtucke, Bilder, und Stuͤcke Glas, von verſchie⸗ denen Farben. Der Adel Bulgariens iſt ganz un⸗ terdrückt: Töchter aus vornehmen Geſchlechtern ſind an Viehhirten verheirathet. Auch traf ich noch Nach⸗ 250 kommlinge aus dem Geſchlechte der Katakuzener und Palaeologer, welche bei den Tuͤrken verhaßt ſind, aus bloſer Vorliebe für Mahomets Geſchlecht. Die Bulgaren ſollen aus Sophien abſtammen, und von dem Fluße Volga, Volgaren, Bulga⸗ ren genannt worden ſeyn. Auf den Bergen des Haͤmus, welche zwiſchen Sophia und Philippo⸗ polis liegen, widerſtanden ſie lange der Macht der griechiſchen Kaiſer, und brachten den Grafen Bal⸗ duin aus Flandern, welcher Konſtantinopel erobert hatte, in einem Gefechte um. Doch unter⸗ lagen ſie der tuͤrkiſchen Macht, ſie ſprechen Illy⸗ riſch, wie die Servier und Ratzen. Ehe man in die Ebene ven Philippopolis hinabkommt, muß man uͤber einen ſehr rauhen Ge⸗ birgs⸗Wald reiſen, welchen die Tuͤrken Capi Der⸗ vert, enge Pforte, nennen. In dieſer Ebene fließt der Fluß Hebrus, welcher nicht weit vom Berge Rhodope entſpringt, deſſen Gipfel wir mit Schnee bedeckt ſahen. Philippopolis liegt auf einem Huͤgel, hier ſahen wir an ſumpfigten und waſ⸗ ſerreichen Orten den Reis, wie unſern Weitzen, wach⸗ ſen. Die ganze Ebene iſt gleichſam mit Erdhugeln überſaͤet. Nach der Ausſage der Turken, ſollen dies Graͤber geſchlagener Feinde ſeyn. Eine Zeitlang folgten wir dem Laufe des Heb⸗ rus, den Haͤmus, der ſich bis in den Pontus 251 erſtreckt, ließen wir zur Linken, bis wir uͤber die herrliche Bruͤke Muſtapha's nach Adrianopel, welches die Tuͤrken Endrene nennen, kamen. Ehe dieſe Stadt ihren Namen vom Kaiſer Hadrian er⸗ halten hatte, hieß ſie Oreſta; ſie liegt am Zuſam⸗ menfluße des Hebrus und der kleinen Flüße Tunſa und Harda, welche ſich von hier in das Aegaͤiſche Meer ergießen. Die Stadt, in wiefern ſie von den alten Mauern eingeſchloſſen wird, iſt nicht groß, gewinnt aber durch die Vorſtaͤdte ein groͤßeres An⸗ ſehen. Hier verweilten wir einen Tag, und ſetzten unſere Reiſe weiter gegen Konſtantinopel, dem Endepunkt unſerer Reiſe fort. Wo wir nur immer durchreiſten, erhielten wir die ſchönſten Blumen, weil die Turken großen Fleiß auf die Blumen verwenden. Zwiſchen Konſtantinopel und Adrianopel trafen wir die kleine Stadt Chiurli, welche wegen des unglücklichen Treffens Selim's mit ſeinem Bru⸗ der Bajazet merkwuͤrdig iſt. Ehe wir Selimbria, eine kleine Stadt am Meere, erreichten, fanden wir noch die Spuren eines alten Dammes, welcher von den letzten griechiſchen Kaiſern vom Meere bis an die Donau gefuͤhrt wurde, um dadurch die Aecker, und Beſitzungen der Be⸗ wohner gegen die Einfaͤlle der Barbaren zu ſchützen. Zu Selimbria ergötzte uns der Anblick der ſtillen See., das Spiel der Delphine, und das Einſammeln der Muſcheln an der Meeres⸗Kuſte. Hier herrſcht ein berr⸗ 252 liches und geſundes Klima. Nahe bei Konſtantino⸗ pel ſetzten wir uͤber einen ſehr ſchönen Meerbuſen; wenn hier die Natur von der Kunſt unterſtuͤtzt würde, ſo kaͤme kein Meerbuſen dieſem gleich. Wenn wir in den Spitälern, Imaret von den Tuͤrken genannt, ein⸗ kehrten, ſo ſahen wir in den Mauern viele Papiere. Auf unſere Nachfrage vernahmen wir, daß dieſelben von Tuͤrken ſehr geehrt wuͤrden, weil auf ihnen der Name Gottes geſchrieben ſtehe. Denn ſie glauben, daß man zur Zeit des juüͤngſten Gerichtes nur uͤber einen großen, gluͤhenden Roſt in den Himmel ge⸗ langen könne. Da wuͤrde das Papier, welches ſie in ihrem Leben vom Zertretten bewahrt, ſich plötzlich unter ihren Sohlen ſammeln, und ſie vom Schaden des glühenden Eiſens befreien. Sich auf den Alco⸗ ran zu ſetzen, halten ſie für eine große Sünde; auch laſſen ſie keine Roſenblaͤtter auf dem Boden liegen, weil dieſe aus Mahomet's Schweiß entſproſ⸗ ſen ſeien. Am 20. Januar langte ich zu Konſtantinopel an, wo ich meine Kollegen, Anton Wrantius und Franz Zay antraf. Der Sultan war gerade mit ſeinem Heere in Aſien, und zu Konſtantinopel Ibrahim Paſcha, ein Verſchnittener, Statthalter. An den Sultan wurde ein Bote geſchickt, um ihn von meiner Ankunft in Kenntniß zu ſetzen. Waͤh⸗ rend dieſer Zeit beſuchte ich die Sophien⸗Kirche; ſie iſt ein ſehr herrliches und merkwuͤrdiges Gebaͤnde, 253 in deren Mitte ein großes Gewoͤlbe ſich befindet; das Licht faͤllt durch die Kuppel; nach der Form die⸗ ſer Kirche ſind alle ubrigen gebaut. Die Stadt ſcheint zur Weltherrſcherin erkohren zu ſeyn; ſie liegt in Europa; man kann von ihr nach Aſien und zur Rechten nach Aegypten und Afrika ſehen. Zur Linken liegt der Pontus Euxinus und der Maͤo⸗ tiſche See, an welchem viele Voͤlker wohnen, welche von allen Nationen beſucht werden. Auf der einen Seite wird ſie vom Propontis beſpuͤlt; auf der anderen Seite bildet der Fluß einen bequemen Ha⸗ fen, welchen Strabo das goldene Horn nennt; auf der dritten Seite ſtößt ſie an das Feſtland, und bildet ſo gleichſam eine Halbinſel. In der Mitte der Stadt genießt man eine herrliche Ausſicht auf das Meer, und auf den mit ewigem Schnee bedeck⸗ ten Olympus. Das Meer wimmelt von Fiſchen, und dieſe befinden ſich daſelbſt in ſo großer Menge, daß man ſie mit Haͤnden fangen kann. Die Griechen betreiben mehr den Fiſchfang, als die Tuͤrken, welche nur die Fiſche, welche ſie fuͤr rein halten, eſſen; alles unreine fliehen ſie wie Gift. Eher ließen ſie ſich die Zunge oder Zaͤhne ausreißen, als daß ſie von einem Froſche, von einer Schnecke oder Schildkroͤte eſſen wuͤrden, weil ſie dieſe fuͤr unrein halten. Von glei⸗ chem Aberglauben ſind auch die Griechen befangen. Am Ende des oben erwaͤhnten Vorgebirges liegt der Palaſt des Sultans, welcher ſich weder durch Pracht, noch durch Kunſt auszeichnet. Weiter unter dem Palaſte, beinahe bis an die Meeres⸗ ⸗Kuͤſte, er⸗ ſtrecken ſich die Gaͤrten deſſelben; hier ſoll das alte Byzanz geſtanden ſeyn. Konſtantinopel gewaͤhrt die herrlichſte Aus⸗ ſicht, und hat die herrlichſte Lage. Die Straſſen des⸗ ſelben ſind enge, jedoch ſind hier noch alte Denkmaͤ⸗ ler zu ſehen. Auf dem alten Hippodromus ſieht man zwei Schlangen von Erz, ferner einen Obelisk, und zwei andere kunſtliche Saͤulen, wovon eine dem Karavanſerai gegenuͤber, die andere auf dem Weiber⸗Markte, Auratbaſar genannt, ſteht; auf erſterer iſt ein Feldzug des Kaiſers Arkadius, welcher ſie errichten ließ, eingehauen. Letztere aus s Porphir⸗Steinen ſo zuſammengeſetzt, als ob ſie nur aus einem Steine verfertigt waͤre, wurde durch Erdbeben und Feuer ſo beſchaͤdigt, daß ſie durch ei⸗ ſerne Ringe zuſammengehalten werden mußte. Auf derſelben ſoll die Bildſaͤule Apollo's, dann Kon⸗ ſtantin's und zuletzt jene des aͤlteren Theodo⸗ ſfius geſtanden ſeyn, welche ein Erdbeben herab⸗ warf. Der oben genannte Obelisk ſoll faſt 100 Jahre umgeſtürzt geweſen ſeyn, bis ihn endlich zu den Zei⸗ ten der letzten griechiſchen Kaiſer ein geſchickter Bau⸗ meiſter wieder aufrichtete. Schon war die Aufrich⸗ tung deſſelben ihrem Ende nahe, als ploͤtzlich der Obelisk ſich nicht mehr vom Platze bewegen ließ. ⁸ 255 Schon glaubte man, es ſei alle Arbeit vergebens⸗ und man müſſe das Werk mit großen Unkoſten von neuem anfangen. Dieſer kluge Meiſter ließ nun die Seile etliche Stunden mit Waſſer beſprengen, da⸗ durch wurden ſie ganz ſtraff, und der Obelisk unter allgemeinem Frohlocken des Volkes aufgerichtet. Zu Konſtantinopel ſah ich auch Luchſe, wilde Katzen, Panter, Leoparden, Löwen, welche ganz zahm waren. Ein luſtiges Schauſpiel gewbaͤhrte mir auch das Tanzen und Ballſpielen der Elephanten. Nach dem Zeugniſſe Seneka's ſoll ſogar einer auf dem Seile getanzt; und nach Plinius ein anderer grie⸗ chiſch verſtanden haben. Wenn der Elephant tanzte — hub er einen Fuß um den anderen auf und bewegte ſich mit dem ganzen Leibe. Den Ball fing er mit ſeinem Rüſſel auf, und warf ihn wieder zuruͤck. Auch war vor meiner Ankunft ein Kamelopard zu ſehen; dieſes Thier iſt vorne höher als hinten, und heißt deßwegen Kamelopard, weil es, nach dem Halſe und Kopfe einem Kamele, nach der Farbe, einem Pan⸗ ter(Pardehh gleicht. Auch beſchiffte ich den Pontus, und beſuchte mehre Luſthaͤuſer und Blumengaͤrten des Sultans, welche ihre Schoͤnheit nicht der Kunſt, ſondern der Natur verdanken. Der Pontus wird von den Tuͤrken Carade⸗ nis, ſchwarzes Meer, genannt. Er nimmt ſei⸗ nen Lauf durch enge Schlünde in dem Thraziſchen Bosporus, ſtromt durch viele Kruͤmmungen in ei⸗ nem Tage nach Konſtantinopel und ergießt ſich von da in den Propontis. In der Mitte der Mundung ſteht auf einem Felſen eine Saͤule mit der Inſchrift Octavianus. An der Europäiſchen Küſte iſt ein boher Thurm, auf welchem Nachts ein Feuer brennt; dieſen nennen ſie Pharus. Wenige Meilen davon iſt die Meeresenge, durch welche der Koͤnig Darius ſein Heer gegen die Euro⸗ paͤiſchen Scythen fuͤhrte. Zwiſchen den Engen des Bosporus liegen zwei Schloͤſſer, eines in Europa, das andere in Aſien. Erſteres wurde von Maho⸗ met einige Jahre vor Eroberung Konſt antinopel's eingenommen, und mit feſten und ſtarken Thuͤrmen umgeben, heut zu Tage dient es zum Gefäͤngniſſe fur vornehme Turken. (Fortſetzung folgt.)