rarar LaCr arar aLhchEATAar IEATATn ADAARAAETAEAEATAEAT Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. „ 1 „ 2 Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. 1 7 71 7 franz. od. engl. 2 2 71 1 81 Das Abonnement beträgt: 1 1 für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: 8 auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. „ „ „ 45„ 2 r arar chnlar anananane 2ra ScrHnEnRRHERnHchr arenanagann Tararar ShchPhnhrHahch 8 — 8 ve, 4 23 d. anes 3 A 2 V. Dlem NM Zuar Rarle lebersichts- endländern Te Kreuzfabrrer, mät eanee Slan Aorftadt Nüruberg bei Haubenstricker nnad v Ebner. 8 Kleinafien nd T alã sü farrut salom. 3 Zum ilan —Oͦ—˖—— 3 ——— —.— Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intere ſanteſten See⸗ und Land⸗„Reiſen, Erſindung der Buchdrſcerkunſt bis auf znnſtrr Zeiten. Mit Landkarten, Plsnen Portraits und anderen Abbildungen. Verf aßt von Mehr en, und terzusgegeben Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. 3. Bändchen. Mit einer Landkarte. I. Theil. 1. Bändchen von Paläſting. Dritte Auflage.— 3 R ürn enb erg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ehner. 1828. Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen durch 2 Palaͤſtina. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. Verfaß kt von Mehren, und herau gegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothe ar zu Bamberg. I. Theil. 1. Bändchen. Dritte Auflage. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ehner. 182 8. Kurze Ueberſicht der Reiſen nach Paläſtina ſeit 1500 Jahren. Das erſte Tagebuch eines Unbekannten vom Jabr 338 war ſehr mager.— Beſſer empfal ſich der muͤndliche Bericht des Biſchofs Areulph am Ende des V I. und des Benedietiners Bernard am Schluſſe des IX. Jahrhunderts.” Der erſte Kreuzzug mehrer teutſcher Biſchoͤfe 1064— 65 hatte kaum einen eigenen Berichterſtatter.— Der Kreuzzug von 1095— 99 zu welchem P. Urban Il. in Frankreich und Teutſchland perſoͤnlich auffor⸗ derte, wurde von mehren Kloſtergeiſtlichen beſchrieben. An ihrer Spitze ſtehen Peter Theude bot und Ro⸗ bert; an deren Seite der Erzbiſchof Baldrich von Dole; der Stiftsherr Raimund von Agiles aus Toulouſe; der Stiftsherr Albert aus Aachen; der Prieſter Fulcard aus Chartres. Leßterer ſetzte ſeine Beſchreibung bis auf 14124 fort; das X I. Jahthun⸗ dert beruͤckſichtigten auch der Augenzeuge Kanzler 6 Walther aus Frankreich; der Abt Gilbert aus Nogent; und vorzuͤglich der Erzbiſchof Wilhelm aus Tyrus, welcher ſchon bei ſeinem Tode 1219 als der gruͤndlichſte Geſchichtſchreiber ſeiner Zeit verehrt wurde.— Gleichen Ruhm erwarben ſich der Biſchof Iikob aus Vitri, Gaufrid Viniſauf aus Eng⸗ land, und viele Verfaſſer einzelner Briefe, welche alle den Kreuzzuͤgen beiwohnten.— Im XIV. Jahr⸗ hundert bereiſte der Patrizier Marin Sanuto mit dem Beinamen Torſelli, aus Venedig, fuͤnfmal das gelobte Land und mehre Bezirke Europens; er begann ſeine Beſchreibung 1306, und uͤberreichte ſie erſt 1321 dem P. Johann XXII.— Kleinere Bei⸗ tr ige lieferten der Kardinal Gilo aus Paris; Biſchof Marbod aus Rennes; Graf Stephan aus Char⸗ tr s; Radulf aus Cagen; Odo von Deul; Guido von Baſainville; Boamund; Abt Ekkehard; Abt Peter Coral aus Lemoges; Adenulf;: der Englaͤnder Rad. Coggeſhale; Johann von Joinville; Graf Anſelm von Ribemontz Biſchof Sicard aus Cremona; der Schatzmeiſter Bernard; Matth. Paris; Wil⸗ helm von Walnesbury; Heinrich von Hun⸗ tindon; Roger Hoveden, Nadulph und Jo⸗ bann Brompton. Alle dieſe Quellen wurden theils uͤberſetzt, theils verbeſſert und vermehrt, theils im Auszuge, ſeit der Erfindung der Buchdruckerkunſt in verſchiedenen Formen dem Publikum mitgetheilt. 7 Auch gab es viele Gelehrte, welche unterſuchten, ob dieſer oder jener Nation mehr Theilnahme und Ver⸗ dienſte an den Keuzzuͤgen zugeſprochen werden muͤſ⸗ ſen; zu den neueſten Verſuchen gehoͤren jene von Maier und Heuſinger. Da dieſe verſchiedenen Kreuzzuͤge faſt eben ſo viele Berichterſtatter hatten, als Nationen Theil nahmen; ſo mußten dieſelben auch der Geſchichte einen reicheren Stoff liefern, als die Wanderungen einzelner Pilger. Doch waren nicht ohne Intereſſe die Berichte des Moͤnches Joh. Phocas aus Konſtantinopel 1185;3 des Nabiners Petechias aus Regensburg; des Dominikaners Bonaventura Brocard aus Strabßburg 1280; des Prieſters Johannes aus Wuͤrzburg im XIII. Jahrhundert.— Die muͤndliche Belehrung des Ar⸗ meniers Haitho 130; wurde von der ſpaͤten Nach⸗ welt noch mit Dank erwiedert. Sehr gut war die genaue Beſchreibung des Dominikaners und Ritters Wilhelm von Boldensleor 1336.— Der lange Aufenthalt des Prieſters Peter aus Suchen im Pa⸗ derborniſchen 1336— 50 gab ihm Veranlaſſung zu ſehr vielen wichtigen Beobachtungen.— Die Bemerkun⸗ gen des Englaͤnders Johann von Mandeville 1355 ſind in mehre Sprachen uͤberſetzt worden.— Nicht ſo gluͤcklich war Rudolph von Frameyns⸗ berg 1316; Hauns von Mergenthal 1476; der Do⸗ minikaner Felix Fabri aus Ulm 1480; Hauns Tucher, Rathsherr aus Nuͤrnberg 1482, obgleich deſ⸗ 3 8 ſen Reiſebeſchreibung fuͤnfmal aufgelegt worden iſt; die Hollaͤnder Jobſt van Ghiſtele und Ambros Zeebont 1481— 83.— Erſt der Ritter Bernard von Breydenbach 1483— 84 machte wieder große Epoche.— Weit weniger wurde das Tagebuch des Priors Georg aus Chemnitz 1507—8 beruͤckſichtigt. — In viel angenehmerer Form theilte der Ritter Martin von Baumgarten ſeine gleichzeitigen Beobachtungen mit.— Der Minorit Anſelm wußte 1509 die Wahrheiten von Maͤhrchen gar nicht zu un⸗ terſcheiden.— Die Pilgerfahrt Ludwig Lſchu⸗ dies aus Glarus von 1549 kam erſt 1606 zu St. Gal⸗ len heraus; wie jene des Minoriten Bernard Ami⸗ co 1609 zu Rom, jedoch letztere mit vielen Abbildun⸗ gen, beſonders in der Florentiner Ausgabe von 4620.— Die Reiſe des Bartholomaͤus von Salignac im Jahre 1522 wurde wiederholter Auflagen gewuͤr⸗ diget; jene des Patriziers Jobſt von Meggen 1542 kam nach ihrer Erſcheinung, 1580 zu Dillingen, bald in Vergeſſenheit.— B ſſere Aufnahme fand jene des Ritters Wolfgang Muͤutzer von 1856 zu Nuͤrn⸗ berg in zwei Ausgaben; noch mehr die mit Holzichnit⸗ ten ausgeſtattete Nelchiors v. Seydlitz 1556—59, welche 1580— 84 drei Mal aufgelegt worden iſt.— Jo⸗ hann Helferich fertigte 1465 nur einen kurzen Bericht.— Die lateiniſche Beſchreibung der Reiſe 1563— 67 des nuͤrnberger Raths Chriſtoph Fuͤrer ron Haimendorf wurde erſt 1646 in das Teutſche 9 uͤberſetzt.— Die Berichte der Hollaͤnder Adrian von Vlaming und Jakob Dirkz Bockenberg von 1565 erſchienen zu Dortrecht 1651. 4. und zu Koͤln 1620.— Alle dieſe Reiſenden waren weder in der Na⸗ turgeſchichte, noch in der Arzneiwiſſenſchaft ſo tief ein⸗ geweiht, als Dr. Leonard Rauwolf aus Augs⸗ burg, welcher 1573— 16 im Orient verweilte.— Die Reiſe Joh. Jac. Breuning's von und zu Buchen⸗ bach von 1579 iſt erſt 1692 zu Straßburg erſchienen. — Die Pilgerfahrt des Herzogs Nik. Chriſt. von Radzivil 1583— 84 iſt aus dem Polniſchen in das Lateiniſche und Teutſche uͤbergegangen.— Auch die Reiſe Johann Zuallardo's von 1586 wurde, 10 Jahre nach ihrer Erſcheinung zu Rom in das Franzoͤ⸗ ſiſche uͤberſetzt, 1608. 4. zu Antwerpen vertheilt.— Das Tagebuch des Ritters Sim. v. Sarebruche von 1595 erregte keine beſondere Aufmerkſamkeit; eben ſo jenes des Edlen Aquilante Rocchetta 1888, noch weniger das des Minoriten Johann Dubliul aus den Niederlanden.— Weit beſſer empfahl ſich das des Rechtsgelehrten Joh. Catwick aus Utrecht von 1598— 99, obſchon es erſt 1649. 4. zu Antwerpen dem Publikum uͤberliefert wurde. Wenig beachtet wurde der zu Liſſabon 1600. 4. er⸗ ſchienene Bericht des Moͤnches Pantaliao Da⸗ veyro; eben ſo jener des Teutſchen Balthaſar Menz welcher ſechs ſaͤchſtſche Fuͤrſten begleitet hatte. — Verweilte gleichwohl der Englaͤnder Wilbelm 10 Lithgow von 1609 an, 18 Jahre auf Reiſen, und meiſtens in Aſien, ſo fiel doch ſeine Beſchreibung hoͤchſt duͤrftig aus; es iſt daher um ſo aufeallender, daß ſie in das Hollaͤndiſche uͤberſetzt wurde.— Viel ſachreichere Bemerkungen machte deſſen Landsmann Georg Sandy 1640— 11, weswegen das Publikum dieſelben aus wiederholten Auflagen und Ueberſetzun⸗ gen in das Hollaͤndiſche und Deutſche empfing.— Der ſpaniſche Prieſter Juan Ceverio de Vera hat eine geringe Vorbereitung zu Pampelung 1613. 8. erprobt; eben ſo unſer Landsmann Hieronymus Scheidt.— Sehr gruͤndliche Belehrung verbreitete der Minorit Quareſm, welcher als apoſtoliſcher Kommiſſaͤr 1649— 52 zu Jeruſalem lebte.— Die Reiſe des Edlen Benard machte nicht einmal in ſeinem Geburtsorte Paris 1621. 12 Aufſehen; eben ſo wenig jene der Moͤnche Bernard Surius und Eugen Rogerz des Edlen Ignaz von Rheinfelden; des Franziskauers Alton von Caſtillo und Elect Zwinner.— Deſto mehr iſt die ſpaͤteſte Nachwelt den Betrachtungen des beruͤhmten franzoͤſiſchen Rei⸗ ſenden Thevenot, welcher 1656 durch Palaͤſtina zog, verbunden.— Eben ſo verbreitete ſich der fran⸗ zoͤſiſche Abgeordnete De la Roque oder d'Ar⸗ vieux mit vieler Sachkenntniß uͤber dieſes Land.— Was der Deutſche Franz Ferdinand von Troi⸗ lo aus den Jahren 1666— 69 mittheilte, wurde in 3 Auflagen gewuͤrdigt; auch die Reiſe Arnd Geb⸗ 11 hard von Stammers, des Franziskaners Nos aus Italien, des Franzoſen Gabiel Bremond⸗ und des Teutſchen Heinrich Myrike in zwei Ausgaben oder Sprachen.— Die Reiſe des Englaͤn⸗ ders Heinrich Maundrell von 1697 wurde in das Hollaͤndiſche und Teutſche uͤberſetzt, und in mehre Sammlungen aufgenommen.— Selten und gut iſt die zu Paris 1700. 8. erſchienene Beſchreibung von Felix Beaugran.— Johann Heymann, welcher als Profeſſor der orientaliſchen Sprachen zu Leyden einen ſo hohen Ruhm erlangte, hatte ſeine Bildung im Orient ſelbſt 1700— 1709, wie der hollaͤn. diſche Ritter Aegid van Egmond 1720— 23, be⸗ gruͤndet, daher auch ihre gemeinſchaftlichen Mitthei⸗ lungen 1757— 68 vom gelehrten Publikum ſehr er⸗ kenutlich aufgenommen wurden.— Der lateiniſche Bericht des Abtes Robert zu St. Gotthardt wurde auch verteuſcht.— Der Englaͤnder Karl Thom⸗ pſon hatte 1734 zu viele Vorkenntniſſe nach dem Orient gebracht, als daß nicht ſeine bandereichen Be⸗ richte auch in das Teutſche haͤtten uͤberſetzt werden ſollen.— Doch wurden ſie noch weit von je⸗ nen ſeines Landsmannes Richard Pocock 1737 uͤbertroffen; daher auch mehre Auflagen und Ueber⸗ ſetzunsen in verſchiedene Sprachen dem Verlangen des gelehrten und ungelehrten Publikums kaum ge⸗ nuͤgten.— Der Buchhaͤndler Jonas Korten aus Altona, welcher ohne Vorkenntniſſe 4138 nach Palaäͤſtina 2 reiſte, hatte die beiden Auflagen nicht dem Intereſſe ſeines mageren Berichtes, ſondern blos ſeinen Han⸗ delsverbindungen zu danken.— Der italiſche Karme⸗ lit Leandro di Santa Ceeilia hat ſich durch die Beſchreibung ſeiner drei Reiſen nicht außen ſei⸗ nem Vaterlande bekannt gemacht.— Deſto beliebter war jene des Schweden Friedrich Haſſelauiſt von 1749— 52, welche in das Teutſche und Franzoͤſi⸗ ſche uͤbertragen wurde.— Der teutſche Prediger Stephan Schulz machte ſich durch ſeine zum Theile fabelhaften Mittheilungen aus den Jahren 1754— 55 nichts weniger als beruͤhmt.— Die Be⸗ merkungen des Florentiners Giovani Mariti, 1760 — ss, in 5 Baͤnden, wurden von Chr. H. Ha ſe nach Wuͤrde auch verteuſcht. In den neueren Zeiten empfahlen ſich die Werke von Bachiene, Devezin, Kinneir, Beau⸗ fort, Carne, Geſſert, Chateaubriand, Touſſaint von Charpentier, Paulus und vorzuͤglich Mayr, deſſen Originalzeichnungen der be⸗ ruͤhmte Orientaliſt Roſenmuͤller in drei Baͤnden vortrefflich erlaͤuterte. Eben ſo haben ſich Geogra⸗ phen und Kupferſtecher bis auf dieſes Jahr bemuͤht, durch Karten ſelbſt die Belehrung der Jugend aus der Bibel zu erleichtern. 13 I. Reiſe des Biſchofs Arculph aus Frankreich am Ende des VII. Jahrhunderts. Kein Land wird jemals ein ſo dauerhaftes Intere ſſe fuͤr alle Menſchen erregen, als dieſes bisher durch alle Jahrhunderte der chriſtlichen Zeitrechnung erprobt hat. Denn wer auch der Bibel, als aͤlteſten Urkunde, nicht in allen Stellen des alten Bundes ſeinen unbegraͤnz⸗ ten Glauben widmen wollte, wuͤrde dieſen weniggens dem neuen Bunde nicht verſagen, und ſeine Theil⸗ nahme an den mancherlei Schickſalen der Voͤlker, wel⸗ che das gelobte Land auf kuͤrzere oder laͤngere Zeit be⸗ wohnten, nicht verlaͤugnen. Aus dieſem Grunde hof⸗ fen wir auf die Zufriedenheit unſerer Leſer, daß wir in unſere Bibliothek der Reiſen dieſes Land, welches im Mittelalter von unſeren Voraͤltern ſo oft und ſo zahlreich beſucht wurde, bald aufnehmen. Die erſte Kenntniß von Palaͤſting und deſſen Be⸗ wohnern ſchoͤpften wir aus der Bibel; wir wiſſen, wie 1 das Land und Volk ſich entwickelte, aufbluͤhte und— unterging. Außer dieſer Quelle floß uns noch reich⸗ liche Belehrung durch den iuͤdiſchen Geſchichtſchreiber Flavius Joſeph, und durch den griechiſchen Geo⸗ graphen Strabo, doch nur in Bruchſtuͤcken zu. Ein Unbekannter fertigte 333 das Jeruſalemer Reiſebuch, welches ſich bis auf unſere Zeiten erhielt. Die erſte zuſammanhaͤngende Beſchreibung aller Bezirke, Staͤdte, Doͤrfer, Fluͤſſe, Baͤche, Berge und Einoͤden nach der Ordnung, wie ſie in der Bibel vorkommen, fertigte im IV. Jahrhundert der beruͤhmte Geſchichtſchreiber Suſebius Pamphilus, als Biſchof von Caͤſareg in Palaͤſtina. Der große Sprachforſcher und Prieſter, Hieronymus von Stridon, uͤberſetzte und berich⸗ tigte dieſelbe ſo, wie ſie ſich durch vieie Handſchrif⸗ ten auf uns fortpflanzte*). 4 Der franzoͤſiſche Biſchof Areulph wurde umm Ende des VII. Jahrhunderts auf ſeiner Ruͤckkehr aus Palaͤſtina an die ſchottiſche Juſel Hoy verſchlagen, wo er vom daſigen Benediktinerabt Adamann ſehr freundſchaftlich aufgenommen worden iſt. Letzterer 4 — *) S. Eusebii Hieronymi Stridonensis Presbyieri 4 opernm tomus II. studio Jo. Marlinay presh.. congreg. S. Mauri. Paris 16900. f. 371— 400. 4 cum tabula geographica.— Das Jeruſalemer Reiſebnch eines Unbekannten dom Jahr 333 gab Pet. Weſſeling mit Noten zu Amſterdam 41135. 4. hergus. 15 ſchrieb deſſen Erzaͤhlung vdm gelobten Lande und von der Lage Jeruſalems in 3 Abtheilungen nieder, und. ließ die Wahrheit von dem elben durch eine Vorrede beſtaͤtigen. Der Prieſter Beda flocht einen Auszu davon in ſeine Werke, wie Gretſer und Mabil⸗ lon ihn herausgaben*). Waͤhrend ſeines neunmonatlichen Aufenthaltes zu Jeruſalem bemuͤhte ſich B. Arculph, genauere Kenntniß von dieſer Stadt und deren Umgebung zu erhalten, wie aus ſeiner Erzaͤhlung hervor geht. Er berichtete noͤmlich, Jeruſalem habe 34 Thuͤrme, 6 Thore, und an jedem 15. September einen großen Jahr⸗ markt, auf welchem eine faſt zahlloſe Menge verſchie⸗ dener Voͤlker mit Kamelen, Pferden, Eſeln, Maul⸗ thieren, Ochfen ꝛc. zum Kaufe und Verkaufe ſich ver⸗ ſammle. Gegen Morgen haͤtten die Sarazenen auf dem Platze des ehemaligen praͤchtigen Tempels eine hoͤlzerne Kirche errichtet, welche kaum 3000 Menſcheu faſſe, waͤhrend noch viele kuͤnſtliche Steingebaͤude in allen Theilen der inneren Stadt zu finden ſeien. Ueber *) Mabillon acta ord. S. Bened. Pars II. Venet. 1734. fol. p. 452— 572; Labbaei biblioth. Mst. T. I. p 507; Jac. Grester. ingolst. 1010. 4; Bedae Ven. opera, Colon. 1688. fol. Tom. III. 363. Da dieſe Reiſe eigentlich die aͤlteſte nach Palaͤſting iſt, ſo rechnen wir uns zur Pflicht, ſie wenigltens nach dem Inhalte unſern Leſern bekannt zu machen. 16. dem heil. Grabe ſtehe ein großer runder Tempel mit 12 Lampen; an dieſen reihe ſich rechts eine Mariakirche zur Erinnerung an die Auferſtehung Chriſti; gegen Morgen auf dem Platze Golgatha ſei die Kalvarikirche mit ſtets leuchtenden Lampen und einem großen ſil⸗ bernen Kreuze an dem naͤmlichen Orte, wo das hoͤl⸗ zerne des Heilandes geſtanden iſt. Naͤchſt derſelben beſinde ſich eine große Kirche, welche K. Conſtan⸗ tin erbaute; zwiſchen beiden Kirchen ſei der Kelch, Schwamm, das Schweistuch und die Lanze, neben vielen Lampen vom Volke verehrt, und der Platz zu ſehen, wo Abraham ſeinen Sohn opfern wollte. Raͤchſt dem Berge Sion zeige man den Ort, wo der verzweifelnde Judas ſich erhaͤngte; auf demſelben ſei ein großer Tempel, zur Erinnerung an das Abend⸗ mahl des Herrn; an die Ueberſchattung der Apoſtel mit dem h. Geiſte; an die Marmorſaͤule, an welcher Chriſtus gegeißelt wurde; an den Tod Maria, und an die Steinigung Stephanus. Auf dem Berge er⸗ oͤffne ſich durch rauhe Felſenſchluchten eine Ausſicht nach der Stadt Caͤſarea. Gegenuͤber ſei noch ein an Oliven, Trauben und wohlriechenden Geſtraͤuchen reicher Berg, auf welchem eine runde ſehr große Kir⸗ che mit 3 Bogengaͤngen und offenem Gewoͤlbe, zum Andenken an Chriſti Himmelfahrt, ſich beſinde. Zwi⸗ ſchen beiden Bergen ſei das Thal Joſaphat mit einem Thurme, Mariatempel, und den Graͤbern Simeons und Joſephs. Auf dem Platze, wo der Heiland den 17 Lazarus erweckte, ſei ein Kloſter mit einem großen Tempel, wie dort, wo er die letzte Rede vor ſeiner Verklaͤrung an die Juͤnger hielt. B. Arculoh erzaͤhlte ferner vom Geburtsorte Jeſu zu Bethlehem; von den Grabmaͤhlern der 3 Hir⸗ ten, welche nach der Geburt Jeſu erſchienen waren; von jenen Davids und Hieronymus in? Kirchen; von Rachels Grabe naͤchſt Chebron und Mambre, von den Graͤbern Adams, Abraham, Iſaaks, Jakobs, Sara, Rebeecca und Lia; von Jericho; von den 2 Quellen Jor und Dan des Fluſſes Jordan, an welchem Jo⸗ hannes den Heiland taufte; vom todten und vom ga⸗ lilaͤiſchen Meere; von der Stadt Sichem, wo ein in 4 Arme ſich ausbreitender großer Tempel zum Anden⸗ ken an Jeſus Unterredung mit dem ſamaritiſchen Weihe ſich befinde; von der Wuͤſte des Johannes, wo Baͤume mit milchweißen Blaͤttern von honigartigem Geſchmacke gegen den Hunger einige Zeit ſichern; von dem Orte, wo der Heiland Brod und Fiſche ſegnete; von Kapharnaum, Nazareth, Thabor, Damaskus, Tyrus und Alexandrien; vom Nile und deſſen Kroko⸗ dillen. Endlich berichtete er noch von der Lage Kon⸗ ſtantinopels, von deſſen Kirche, worin das Kreuz des Heilandes ſich befinde; von der Marter des h. Georg 3 vom Bilde der Maria, und vom feuerſpeienden Berge in Sizilien. ———— 3tos B. Polöſtina. I. x. 2 II. R e i ſ e des Benediktiners Bernard aus Frankreich im Jahre 870. Der franzoͤſiſche Benediktiner Bernard verband ſich mit 2 andern Kloſtergeiſtlichen, wovon einer aus Spa⸗ nien, der andere aus dem Kloſter des h. Innocenz zu Benevent war, zur Reiſe nach Palaͤſtina. Sie hat⸗ ten ſich vorerſt nach Rom, um die Erlaubniß und den Segen P. Nikolaus I. zu holen, und dann in das Benediktinerkloſter auf dem Berge Gargano in Apu⸗ lien begeben, um ſich zur Reiſe vorzubereiten. Durch Empfehlungsbriefe und Geldopfer kamen ſie uͤber Ale⸗ xandrien nach Neubabylon zum Sarazenenfuͤrſten Adel⸗ mach und zum Patriarchen Michael, dann nach Damiette, Faramea, Ramula oder Rama, Emaus und Jeruſalem, wovon Bernard die weſentlichſten Kirchen ſehr kurz andeutete, wie er auch das Thal 19 Joſaphat, Bethanien, Bethlehem bezeichnete. Von dort kehrte er nach Rom zuruͤck*). Dieſe Reiſen einzelner Gelehrten ohne beſondere Huͤlfsmittel konnten nur muͤhſam vollzogen, und eben deswegen auch keine vollſtaͤndige Beſchreibung der Voͤl⸗ ker und Laͤnder, welche dieſelben durchwanderten, ge⸗ liefert werden. Weit ſchneller und ſicherer konnte die⸗ ſer Zweck erreicht werden, wenn Fuͤrſten von mehren, Gelehrten und Kuͤnſtlern begleitet, ſich an die Spitze eines Kriegsheeres ſtellten, und durch dieſelben alle Merkwuͤrdigkeiten ihres Zuges verzeichnen ließen. *) Mabillon acta ord. S. Bened. P. II. 472— 75. 1I. Reiſe des Biſchofs Günther aus Bamberg 1064. 1063 verdorrte das Getraid durch zu große Hitze in Teutſchland, worauf ein aͤußerſt ſtrenger Winter folgte, welcher alle Weinſtoͤcke zu Grunde richtete. Je⸗ dermann wurde daruͤber betruͤbt, und viele wollten eine außerordentliche Strafe Gottes erkennen, welche nur durch große Opfer wieder verſoͤhnt werden koͤnnte. Manche traͤumten vom Ende der Welt und von wun⸗ derbaren Erſcheinungen, und beaͤngſtigten die Gemuͤ⸗ ther Anderer ſo ſer, daß ein gemeinſamer Zug in das gelobte Land beſchloſſen wurde, um Jeruſalem den Feinden der Religion zu entreißen. Im Herbſte 1064 brachen alſo der Erzbiſchof Sigfried von Mainz, B. Guͤnther von Bamberg, B. Otto von Regens⸗ burg, B. Wilhelm von Utrecht, noch andere Bi⸗ ſchoͤfe und Große Teutſchlands mit einem Heere von 7000 Mann, wie der Geſchichtſchreiber Marian*) *) Mariani Scoti, monachi Fuldensis, chroni- * 21 verſichert, nach Palaͤſtina auf. Sie zogen muthig nach Konſtantinopel, Laodizaͤag in Sirien, nach Tripolis und Caͤſarea in Galilaͤg, und erreichten Jeruſalem bis auf zwei Tagereiſen. Die Araber, von ihrer Ankunft benachrichtigt, verſammelten ſich ſehr zahlreich in der Hoffnung auf eine reiche Beute, gingen ihnen kraͤftig entgegen, und ſchlugen ſie am Oſtertage(25 Marz) 1065 mit groͤßtem Verluſte zuruͤck. Unter denen, wel⸗ che todt oder halbtodt auf dem Schlachtfelde liegen blieben, war B. Wilhelm von Utrecht, welcher im erſten Anfalle ſchon mit vielen Wunden bedeckt zu Bo⸗ den ſiel, entkleidet und halb todt zuruͤckgelaſſen wurde. Die uͤbrigen Biſchoͤfe und andern Großen fluͤchteten ſich bei dem zweideutigen Ausgange der Schlacht in das nahe Schloß, und ſuchten ſich hier gegen die Pfeile der Araber zu vertheidigen. Einer ihrer Soldaten wagte kaum nackend heraus zu kommen, ſo ergriffen dieſe ihn, banden ihn an das Kreuz, ſchnitten den ganzen Leib auf, riſſen die Eingeweide im Angeſichte der Eingeſperrten heraus, und drohten den uͤbrigen ein Gleiches. Von graͤnzenloſer Raubgierde erfuͤllt, mach⸗ ten ſie dann die wuͤthigſten Anfaͤle auf das Schloß, Lopam liber III. cura Jo. Pistorii. Ratisb. 1731. fol. Tit. I. p. 631.— J. P. de L.udewig scriptores rerum Bambergeusium. Pti. Lps. 1716. 1. p. 79.— Aem. Ussermann Episcopa- tus Bam ergensis. Typis San Blasianis. 1901. 4. P 53. 22 und forderten zur Uebergabe auf. Drei Tage harrten die Eingeſchloſſenen ohne Lebensmittel darin aus, end⸗ lich wurden ſie von Hunger und Furcht von der grau⸗ ſamſten Hinrichtung gedrungen, ſich zur Uebergabe mit allen Schaͤtzen bereit zu erklaͤren, wenn man ſie im Frieden zuruͤck ziehen laſſen, und mit Lebensmit⸗ tein bis an die Graͤnze der Chriſten unterſtuͤtzen wollte. Dem Anfuͤhrer der Araber und noch s oder 16 be⸗ waffneten Befehlshabern wurde hierauf der Eintritt in das Schloß geſtattet, welche ſich Anfangs ſehr men⸗ ſchenfreundlich zeigten. Da B. Guͤnther von Bam⸗ berg das ſchoͤnſte Aeußere hatte, und am reichſten ver⸗ ziert war, ſo hielt der Araber dieſen fuͤr den Anfuͤh⸗ ter der Uebrigen, warf ihm den Strick um den Hals, und ſagte:„Sobald ich dich gefangen habe, ſo ſind auch die uͤbrigen in meiner Gewalt, und alle werden das gleiche Schickſal am Galgen haben.“ Kaum hatte B. Guͤnther durch ſeinen Dolmetſcher die Worte des Arabers vernommen, ſo gab er ihm eine ſo derbe Ohrfeige, daß dieſer ſogleich zum Boden ſank. Die uͤb⸗ rigen Biſchoͤfe und Großen dadurch ermuntert, ſchlugen auf die uͤbrigen Araber eben ſo ſchnell, legten ſie in Feſ⸗ ſeln, und warfen ſie uͤber die Mauern. Dadurch entſpann ſich im ganzen Korps der Araber ein Zwiſt, ob ſie mit ihren Feinden Frieden abſchlieſſen, und ſie als ihre Freun⸗ de betrachten, oder noch ferner nach deren Beute ſtre⸗ ben ſollten. Dadurch gewannen einige Teutſche Zeit und Gelegenheit, aus dem Schloſſe zu entwiſchen, 23 und vom Kommandanten zu Ramula Unterſtuͤtzung zu verlangen. Dieſer kam gleich des anderen Tages den Bedraͤngten zu Huͤlfe, ſchlug die Araber in die Flucht, nahm deren Anfuͤhrer gefangen, fuͤhrte die Chriſten fuͤr so Goldſtuͤcke nach Jeruſalem, und be⸗ gleitete ſte dann bis an die Schiffe, auf welchen ſie gluͤcklich nach Europa zuruͤck kehrten; allein nur 2000 hatten das Geſchick, dem Ungeſtuͤmme der Schlacht und Krankheiten zu entrinnen, und ihre Familien mit der Wiederkunft zu erfreuen. Kaum waren ſie aber nach Ungarn gekommen, ſo wurde B. Guͤnther von einem hitzigen Fieber ergriffen, welches ihm am 23. Juli 1086 das Leben raubte. Sein Leib wurde nach Bamberg geiiefert, und in die Domkirche hinter das Altar der Apoſtel Philipp und Jakob gelegt. Lambert von Aſchaffenburg ruͤhmte die⸗ ſen Biſchof als einen fein geſitteten, gutmuͤthigen und ſchoͤn gewachſenen Mann, welcher von hoher Ge⸗ burt, großen Privatreichthuͤmern, ſehr geiſtreich, huͤchſt gelehrt in geiſtlichen und weltlichen Wiſſenſchaften, ſehr erfahren, klug und beredſam geweſen iſt. Mit dieſen vortrefflichen Eigenſchaften verband er noch den unbeſcholtenſten Charakter und die hoͤchſte Maͤßigung in Allem. Je mehr er deswegen allgemein verehrt wurde, deſto weniger war er darauf ſtolz, und deſto mehr bemuͤhte er ſich, durch herablaſſende Zuvorkom⸗ menheit ſein Volk zu gewinnen. Er war von 1048— 1087 Probſt zu Goslar und 1 24 Kanzler K. Heinrichs III., nach deſſen Tode er im Maͤrz 1057 von der Kaiſerin Mutter Agnes im Na⸗ men K. Heinrichs IV. zum Biſchofe in Bamberg ernannt worden iſt. Als ſolcher hielt er 105s eine Kirchenverſammlung, vereinigte ſich mit Wuͤrzburg uͤber ſtreitige Zehnte, erlangte vom K. Heinrichlv. den Koͤnigshof Forchheim mit Zugehoͤrungen, auch meh⸗ re Rechte, Freiheiten und Guͤter, ertheilte ſeinen Mini⸗ ſterialien einige Beguͤnſtigungen, und befoͤrderte die Stiftung des ehemaligen Kollegiatſtiftes St. Jakob. So verbindlich er uͤbrigens der Kaiſerin Mutter Ag⸗ nes fuͤr ſeine Erhebung geweſen iſt, ſo unterſtuͤtzte er doch den Plan der Großen Teutſchlands, den jun⸗ gen K. Heinrich IV. derſelben 1062 zu entziehen, und ihn mit der Reichsverwaltung dem gelehrten Erz⸗ biſchofe Anno von Koͤln zu uͤbergeben. *) Baronii hist. eccl. ad hunc annum. IV. Kreuzzug des Herzogs Gottfried von Bouillon in den Jahren 1096— 99, beſchrieben vom Abte Robert zu Rheims*). Mit einer Ueberſichts⸗. Karte von den Abendländern der Kreuzfahrer, und mit einem Plane der Stadt Jeruſalem. Lange ſchon war unter den abendlaͤndiſchen Chriſten gewoͤhnlich, nach jenen Orten zu wallfahrten, welche *) Rokerte wurde 1095 Abt von St. Remigius zu Rheims, begleitete den Kreuzzug, und wohn⸗ te der Eroberung von Jeruſalem 44. Juli 1099 bei Waͤhrend ſeiner längen Abweſenheit erho⸗ ben ſeine Konventuale 2 Beſchwerde, daß er fuͤr ſeine Reiſe die Guͤter der Abtei verſchwende, viele verpfaͤnde und Schulden anhaͤufe. Erzbi⸗ ſchof Manaſſes II. rief mehre Biſchoͤfe zur Wuͤrdigung dieſer Beſchwerde 1098— 99 zuſam⸗ men, welche ihn, ohne ihn zu vernehmen, ſei⸗ ner Stelle entſetzten. Zwar wurde dieſes Urtheil vom P. Urban II. als unguͤltig verworfen; 26 8 ihnen durch das Leben, den Tod, oder das Grab ihrer Heiligen ehrwuͤrdig geworden ſind. Mit beſonderer Andacht zogen ſie deswegen nach dem gelobten allein Robert konnte dennoch nach ſeiner Ruͤckkehr nicht mehr in den Beſitz ſeiner Abtei kommen, ſondern mußte ſich mit der zugewieſe⸗ nen Stelle eines Prior's zu Senue begnuͤgen. Daſelbſt verfaßte er erſt auf Anſuchen eines Ab⸗ tes Bernard, wie er ſelbſt in der Vorrede ſagt, die Geſchichte dieſes Kreuzzuges unter dem Titel: Roberti Monachi de christianorum Principum in Syriam profectione anno MXCVI instituta, et post derictos Saracenos regni hierosolymitani occupatione libri 9. cum Casp. Barthii annot, recens adj. etc. ed. a. J. Reubero, cura G. Chr. Joannis. Francof. 1756. fol. p. 305— 400. Allein nach einer Reihe von Jahren erhoben auch die Konventugle von Senuc uͤber ſeine Verwaltung des Kloſters ſo kraͤftige Be⸗ ſchwerden, daß P. Kallixt II. 1120— 21 ihn ſeiner Stelle entſetzte, worauf er ſich als gemei⸗ ner Religios in ſein erſtes Kloſter von St. Re⸗ migius zuruckzog. Die Zeit ſeines Todes iſt unbekannt. Mehr findet ſich von ihm in: Ca⸗- ve hist. lit. p. 185; Marlôotus hist. metrop. Remens.; Oudin scriptor. eccl. Tom. II. 861. 4. Die erſte Ausgabe iſt weder nach dem Jahre, noch nach dem Druckorte bekannt. Die zweite erſchien zu Baſel 1533 unter dem Titel: ellum christianorum principum contra Sa- racenos gestum, nachdem ſchon Bongars die erſte in ſein Werk: Gesta Dei per Francos, gufgenommen hatte. Die dritte kam zu Frank⸗ furt am Main 1584 durch den Sammler Reu⸗ 27 Lande, und nach Jeruſalem, welches der Elloͤ⸗ ſer durch ſeine Menſchwerdung geheiligt hatte. Die Araber, welche Palaͤſtina damals beſaßen, ließen ber, mit Zuſaͤtzen von Joh. Piſtorius, un⸗ ter dem Titel: Veterum scriptorum tomus unus, zum Vorſcheine. Der beruͤhmte Ge⸗ ſchichtforſcher Barth verglich viele Hand⸗ ſchriften zur dritten und vierten Ausgabe des naͤmlichen Werkes von Frankfurt, welche letztere G. Chr. Joannes daſelbſt 1726 heraus gab, und wir hier zum Grunde legten. 4 Dazu gehoͤrt nebſt mehren anderen vorzuͤg⸗ lich noch: Miliraris Ordinis Johannitarum, Rhodiorum aut Melitensium Equitum, rerum memorabilium terra marique a sexcentis fere annis pro republica christiana; in Asia, Ak⸗ rica, et Europa contra Barbaros, Saracenos, Arabes et Turcas fortiter gestarum, ad prae- sentem usque 1581 annum, historia nova, libris 12, comprehensa, auctore Henrico PBan- taleone, Basil. 1584. fol.— Ferner; Petri Tu- debodi, presb. Siuracensis apud Pictones, iter Hierosolymitanum a concilio Claromon- tano anni 1096 ad 14. Augusti diem, 1099.— Raimundi de Agiles, Episcopi Podiensis, his- toria Francorum, qui ceperunt Hierusalem.— Baldrici. Dolensis in Armorica Archiepiscopi, libri 4. historiae Hierosolymitanae poctica methodo, welche 3 Werke mit jenem von Ro⸗ bert zu Hannover 1611 von Jakob Bongars heraus gegeben wurden.— Vorzuͤgliche Ruͤck⸗ ſicht widmeten wir noch der Historia belli sa- cri, in Mabillon. Museum Italicum Tom. I. P. II. p. 150— 259. 28 die frommen Pilgrimme ruhig ziehen, und nahmen ſie mit Freude auf; denn ſie zogen manchen Vortheil von ihnen. Als ſie ſelbſt aber von einem wilderen, aſiatiſchen Volke, den Sarazenen, nachhin uͤber⸗ baupt Tuͤrken genannt, vertrieben worden waren, traf auch die frommen Wallfahrter viel Ungemach, viel Ungluͤck. Die Tuͤrken wollten naͤmlich in ihnen nicht mehr die friedlichen Menſchen, ſondern gefaͤhr⸗ liche Spaͤher u. d. gl. erkennen, welches entweder ih⸗ ren Eroberungen, oder ihrem Glauben an Mahomet ſchaͤdlich werden wollten. Deßwegen verfolgten ſie dieſelben auf alle moͤgliche Weiſe, ſogar mit ausge⸗ zeichneter Grauſamkeit. Die Pilgrime, welche das Gluͤck hatten, wieder in ihr Vaterland zuruͤck zu kom⸗ men, machten hievon die ſchauderhafteſten Schilde⸗ rungen, und das ganze weſtliche Europa entſetzte ſich uͤber dieſe Feinde der Chriſtenheit. Peter der Ein⸗ ſtedler,*) predigte in allen Laͤndern, und ſchilderte *0 Dieſer war aus Amiens in Frankreich gebuͤrtig, und wanderte als Prieſter in das gelobte Land. Nach einer Unterredung mit dem Patriarchen Simeon zu Jeruſalem über die Bedruͤckun⸗ gen der Chriſten durch die Tuͤrken, traͤumte ihm von der Erſcheinung Jeſus und von deſſen Befehle, er moͤge alle europaͤiſche Fuͤrſten zur Sülfe der Chriſten gegen die Tuͤrken auffordern. Er begab ſich zum P. Urb an II., dann auf die Kirchenverſammlung zu Clairmont, begleitete als Anfuͤhrer eines Haufens den Kreuzzug, 29 mit beſonders lebhaften Farben den Greuel, unter welchem die Stadt Gottes, und das Grab des C rloͤ⸗ ſers eutheiliget wurde. Auf einer Kirchenverſamm⸗ lung zu Clairmont 1095 beredete endlich Papſt Urban II. die franzoͤſiſchen und teutſchen Biſchoͤfe nd Fuͤrſten, daß ſie ſich zu Tauſenden verſammelten, mit dem Vorſatze, durch die Gewalt ihrer Waffen den geheiligten Boden von der Laſt unglaͤubiger Heiden zu befreien. Je bereitwilliger ſie ſich zeigten, deſto mehr lobte der Papſt ihre Tolgſamkeit; er ſprach ſie, als ſie auf die Geſichter ſielen, und Kardinal Gregor fuͤr alle oͤffentlich beichtete, von ihren Suͤnden los, und entließ ſie. Athemar, Biſchof von Podien (von Puy) fuͤhrte das Volk aus Frankreich; die teut⸗ ſchen Wehren aber, welche der Einſiedler Peter ver⸗ ſammelt hatte, ſtellten ſich unter den Befehl des Her⸗ zogs Gottfried von Bouillon, welcher als der manthufte Held ſeiner Zeit bekannt war. Auf dieſe Weiſe zog ein Heer von mehr als dreimal zundert ranend Menſchen durch Teutſchland und Ungarn, und kam bis Kontantinopel. Vor dieſer Stadr hatten ſich bereits viele Voͤlker aus Italien und andern Laͤn⸗ dern verſammelt, welche aber, da ſie keinen Anfuͤhrer hatten, viel Unweſen trieben, Kirchen und Palaͤße kehrte gluͤcklich nach Huy im Bisthume Luͤttich nRi3 baured daſelbſt ein Kloſter, und ſtarb auch allda 8. Juli 1115. Mabillon ibid. 30 niederriſſen, und das Blei der Daͤcher den Griechen verkauften. Kaiſer Alexius, damals auf dem Throne der Abendlaͤnder, verweigerte ihnen deswegen den Eintritt nach Konſtantinopel, geſtattete ihnen jedoch, Lebensmittel und andere Beduͤrfniſſe darin zu kaufen. Auch rieth er ihnen gar vorſichtig, nicht uͤber das Meer zu ſchiffen bis zur Ankunft der Franken und Teutſchen: denn jenſeits lauerten ſchon die Turken, aufgeregt, und ergrimmt durch den feindlichen Ruf, welcher dem Heereszuge der Chriſten bereits vorher⸗ gegangen war.. Als aber der Kaiſer mit Unwillen wahrnahm, wie zuͤgellos dieſe Chriſtenſchaar ſich betrug, war ſeine Sorge, ſich ihrer wieder zu entledigen. Er befahl, daß ſie uͤber das Meer, welches St. Georgenarm (Meerenge von Konſtantinopel) genannt wurde, ſchiff⸗ ten. Erſt als dieß geſchehen war, waͤhlten ſie ſich ei⸗ nen gewiſſen Reinbart oder Reinald zum An⸗ fuͤhrer. Dieß hinderte ſie jedoch nicht, ihr voriges, zerſtoͤrendes, und raͤuberiſches Treiben fortzuſetzen. Unter Mord und Brand kamen ſſe nach Nikome⸗ dien, und von da in die Romanei. Am dritten Tage zogen ſie an der Stadt Nizaͤa voruͤber, und trafen dabei ein Schloß Exeregorgo genannt. Sie fanden es offen, und von Menſchen leer, zugleich aber einen Ueberfluß an Korn, Fleiſch, Wein und allen Dingen, welche zu ihrem Aufenthalte dien⸗ lich waren. Augenſcheinlich hatten die Tuͤrken alles 31 dieſes verlaſſen, in einer Aufwallung von Furcht und Schrecken, in welche anfangs die ploͤtzliche An, kunft der Chriſten ſie verſetzt hatte. Als ſie aber aus ſicherm Hinterhalte das Weſen ihrer Feinde naͤher erforſcht, deren Raub- und Zerſtoͤrungswuth vernom⸗ men hatten, brachen ſie ploͤtzlich in großer Menge wieder hervor, umzogen und belagerten das Schloß. Vorſichtig hatte Rainald, oder Reginald⸗ oder Reinhart, der Chriſten Oberſt, einen Brun⸗ nen mit guter Wache verſehen, welcher an einer Auſſen⸗ feite des Kaſtels, der einzige war, der den Bewohnern deſſelben zur Labung, und zum Gebrauche diente. Die Tuͤrken aber ſielen mit Uebermacht die Waͤchter an, erſchlugen viele, und zwangen die uͤbrigen, in das Schloß zuruͤck zu fliehen, wo zu bald der Mangel des Waſſers gefuͤhlt wurde. Große Angſt beſiel die Bela⸗ gerten; noch heftiger der wuͤthende Durſt, welcher ſie zwang, das Blut der Pferde, Eſel und anderer Thiere ziu trinken, an aufgeſcharrter naſſer Erde ihre bren⸗ nenden Lippen zu kuͤhlen, und ſelbſt zu ihrem Urin und anderen eckelhaften Dingen die letzte, verzweif⸗ lungsvolle Zuflucht zu nehmen. In dieſer allgemeinen Noth der Chriſten fand ihr Anfuͤhrer, Reinhart bequemer, Ehre und Glauben zu verlaſſen, und durch geheime verraͤtheriſche Unter⸗ handlungen mit den Tuͤrken, die Rettung ſeines eige⸗ nen Lebens zu verſuchen. Unter dem Vorwande einer Schlacht, fuͤhrte er die Seinigen aus dem Schloſſe, 32 trennte ſich aber ſogleich von ihnen, mit mehreren andern, welche er in ſein ehrloſes Buͤndniß gezogen hatte, und ging zu den Feinden uͤber. Dieſen war es nun ein Leichtes, diejenigen zu vernichten, welche dem Vorſatze, fuͤr die Ehre der Chriſten zu ſterben, getreu geblieben waren. Marter, Tod, und was oft ſchrecklicher war als beide, grauſame harte Gefangen⸗ ſchaft wurde ihr Loos. Gleiches Schickſal traf diejenigen aus dem Hee⸗ reszuge der Franken, welche voreilig mit Peter dem Einſiedler uͤber das Meer gezogen waren, und ſich in einem Schloße, Eivito genannt, bewahren wollten. Zwar kein Verrath, keine Muthloſigkeit be⸗ zwang hier die frommen, chriſtlichen Streiter; doch die große Uebermacht der Feinde, welche uͤbermuͤthig gemacht waren durch den erſten gluͤcklichen Sieg, uͤberwaͤltigte ſie ſo, daß die Ta ferſten von ihnen im Kampfe fielen, und nur wenige, unter ihnen Peter der Einſiedler, ſo gluͤcklich waren, das Ufer des Meeres zu erreichen, um wieder nach Konſtantino⸗ pel zuruͤck zu ſchiffen. Konſtantinopel, die vornehmſte Stadt im Orient, hatte zuvor den Namen Bizanz. Cs wird erzaͤhlt: Kaiſer Konſtantin der Grobe habe im Traume ein altes Muͤtterchen geſehen, mit zerriſſe⸗ nen Kleidern, und mit einem Schurze bedeckt. Sie bat ihn, daß er ihr ſchaffen moͤchte, womit ſie ſich bedecken, und geben, womit ſie ſich naͤhren koͤnnte. — 33 Der Kaiſer ſagte ihr Huͤlfe zu; und als er erwacht war, deutete er ſelbſt das Trgumgeſicht dahin aus: daß die Stadt, in welcher er wohnte; ſeiner beſon⸗ dern Sorge beduͤrſe. Er fing an, ſie vom Grund aus neu zu erbauen, weit und herrlich, ausgedehnt zwiſchen zwei Meeren. Prachtvolle Gebaͤnde, Kirchen und Palaͤſte zierten ſie; hohe Mauern umgaben ſie. Der Kaiſer gab ihr ſeinen eigenen Namen, und nannte ſie von nun an Konſtantinopel. Darin wurde bald der Sammelplatz des Handels, der Kuͤnſte und aller Reichthuͤmer des morgenlaͤndiſchen Kaiſerthums. Alle Chriſten, welche in das gelobte Land zogen, o oder daraus zuruͤck kehrten, hielten dieſe herrliche Skadt fuͤr den Ort ihrer Zuflucht, und vertrieben von der Tuͤr⸗ ken, fluͤchteten ſie dorthin ihr Leben und die Reli⸗ qauien der heiligen Propheten, Apoſtel und Maͤrtyrer. Nun will ich mit Kurzem noch die Helden nen⸗ nen, welche ſich, nebſt dem podienſer Biſchofe Ad⸗ hemar und dem Herzoge Gottfried von Nie⸗ derlothringen, oder Bouillon, vor Konſtan⸗ tinopel mit dem Heere der Kreutzuͤgler verſammelt hatten, als: Hugo den Großen, des Koͤnigs Phi⸗ lipp von Frankreich Bruder; Stephan, Grafen von Blois und Chartresz Raimund, oder Rai⸗ nald, Graſen von St. Egidien zu Toulon; Robert Sohn des Koͤnigs Wilhelm von England und Gra⸗ fen der Normandie; Robert, Grafen von Flandern; ferner die Fuͤrſten Boamund aus Apulien, mit ſei⸗ 3tes B. Paläſtina. I. 1. 3 34 nem Bruder und ſeinem Vetter Tanered, welche ſich dem Zuge der Franken und Teutſchen gleichfalls angeſchloſſen hatten. Mit ihnen zogen viele aus Apu⸗ lien, Kalabrien und Sizilien. Alle aber erfuhren bald, daß Alexius, welcher auf des großen Konſtantins Throne ſaß, falſch gegen ſie geſinnt ſei, und treulos handle. Es war be⸗ kannt geworden, daß er heimlich das Gebot, die krie⸗ geriſchen Pilger uͤberall frei ausziehen zu laſſen, wi⸗ derrufen und befohlen habe, ſie gefaͤnglich nach Kon⸗ ſtantinopel zu fuͤhren, um ſich ihrer Schaͤtze zu be⸗ maͤchtigen. Dies erfuhr zuerſt Hugo der Große, welcher mit mehren anderen Fuͤrſten nach Luka und. Nom kam, und dann auf dem Meere nach Palaͤſtina fahren wollte. Allein zu Durazzo, einer erzbiſchoͤfe lichen Stadt Maeedoniens, wurde er vom griechiſchen Statthalter gefangen, und ſo nach Konſtantinopel ge⸗ fuͤhrt; der daſelbſt bereits angekommene Herzog Gott⸗ fried aber befreite ihn gluͤcklich wieder. Nicht minder wurden diejenigen des chriſtlichen Heeres von des Kaiſers Leuten argliſtig angefallen, welche ausgegangen waren, fuͤr eigenes Geld Lebens⸗ mittel beizuſchaffen. Sie erwehrten ſich jedoch ihrer Feinde mit Gluͤck und Tapferkeit; die abendlaͤndiſchen Fuͤrſten aber forderten Alexius zur Rechtfertigung auf. Dieſer, durch die taͤglich wachſende Zahl der fremden Krieger erſchreckt, ſuchte Vermittlung, und ſchloß⸗ ein Buͤndniß treuer, gegenſeitiger Huͤlfe, wel⸗ 35 ches er mit einem Eide bekraͤftigte. Niemand, wel⸗ cher zum heiligen Grabe wallte, ſollte durch ihn, oder durch die Seinigen je beleidiget werden; er ſollte dem Heere der Chriſten nach Kraft und Vermoͤgen zur Be⸗ friedigung ihrer Beduͤrfniſſe und zur Unterſtuͤtzung im gefahrvollen Kampfe helfen. Sogleich befahl auch Alexis, Schiffe herbei zu bringen, um das fremde Kriegsherr ohne Verzug uͤber das Meer zu ſetzen. Die Erſten, welche uͤberſchifften, waren der Herzog Gott⸗ fried und Tanered. Sie ruͤckten foͤrt, bis gegen Nikomedien, wo ſſe drei Tage ruhten. Als aber der Herzog ſah, daß kein rechter, offener Weg vor ihm ſei, wodurch der Heereszug gefuͤhrt werden koͤnnte, ordnete er viertauſend Landesknechte ab, welche mit Aexten und Pfugſcharen den Weg bahnen ſollten. Doch dieſer blieb immer rauh und gefahrvoll: denn das Land beſtand aus hohen Bergen und tiefen Thaͤ⸗⸗ lern. Zudem waren hie und da Graͤben aufgeworfen,, um jedes Eindringen zu verhindern, oder zu erſchwe⸗ ren. Nach großer Muͤhe gelang es erſt, eine Straße fuͤr das Fuß⸗ und reiſige Volk zu bahnen bis Nizaͤg. Wo die Wege ſeitwaͤrts fuͤhrten, wurden zur rechten Weiſung hoͤlzerne Kreuze geſetzt. Auf dieſe Weiſe wurde es moͤglich, daß der ganze Haufe in Ordnunz hinuͤber zog. Bereits waren alle Fuͤrſten angelangt; nur Boamund nicht, welcher in Konſtantinopel zu⸗ ruͤck geblieben war, um den vom Kaiſer verheiſenen Proviant nachzufuͤhren. Doch verzoͤgerte ſich dieſes⸗ 1 36 geraume Zeit; denn unter dem gemeinen Volke von Kon⸗ ſtantinopel herrſchte ſelbſt Mangel und Hungersnoth. Inzwiſchen war das ganze Heer der Chriſten ſchon ſeit dem s. Mai vor der Studt Nizaͤg verſammelt, und litt große Noth. Der Leib eßbaren Brodes galt zwanzig bis dreißig Pfennige. Dieſes Uebel verlor ſich aber, als zuletzt Boamund mit reichlichem Vor⸗ rathe gluͤcklich nachgekommen war. Nun wurden freu⸗ dig alle Anſtalten getroffen, die von chriſtlichen Grie⸗ chen bewohnte Stadt zu belagern; es war am Tage der Himmelfahrt des Herrn, als ſie mit Sturmweh⸗ ren, Mauerbꝛechern und andern Werkzeugen umgeben wurde. Gegen Aufgang der Sonne ſchien der Ort unuͤberwindlich; vor demſelben lagerte ſich Hugo der Große, Raimund und Andere. An der mitter⸗ naͤchtlichen Seite war Herzog Gottfried; gegen Niedergang Boamund. Gegen Mittag aber hatte ſich Niemand gelagert; denn von dieſer Seite ſtieß die Stadt an einen großen See, deſſen ſich die Ein⸗ wohner mit Vortheil bedienten. Sie ſchifften uͤber denſelben, und fuͤhrten ihre Nothdurft bei. Als die chriſtlichen Fuͤrſten dieß bemerkten, ſchickten ſie nach Konſtantinopel zuruͤck, und ließen Schiffe bringen, zuerſt bis gegen Civito, wo ein Meerhafen iſt; daun aber mußten dieſelben zu Lande durch Ochſen fortge⸗ fahren werden, bis zum See der Stadt Nilaͤa. So⸗ bald es moͤglich war, dieſelbe enger zu umſchließen, wurde der Kampf ernſthafter. Zwar wurden viele 37 chriſtliche Streiter durch vergiftete Pfeile der Tuͤr⸗ ken verwundet, welche von der Art waren, daß ſie, nur wenig beruͤhrt, den ſchmerzlichſten Tod verurſach⸗ ten. Dagegen fuͤhrten die Chriſten ihre Ruͤſthaͤuſer bis zur Stadtmauer, ſetzten den ſteinernen Thuͤrmen hoͤlzerne entgegen, daß ſie von der Hoͤhe derſelben den Feind mit Spießen und Schwertern bekaͤmpfen konnten. Daruͤber geriethen die Einwohner der Stadt in großen Schrecken. Muͤtter und Toͤchter rannten herum mit losgeriſſenen Haaren, und verlangten, ſich zu verſtecken; ſchon war die Beſatzung willig zur Uebergabe. In demſelben Augenblicke aber erblickte man von Suͤden herziehend eine große tuͤrkiſche Macht, wohl an ſechzigtauſend Mann. Als dieſe aus dem Gebirge waren, theilten ſie ſich in drei Haufen, und zogen gegen die Stadt zu. Die Chriſten aber, urter dem Aufrufe ihrer Feldherren, zogen ihnen ſog leich mit muthvoller Begeiſterung entgegen. Ihre glaͤnzen⸗ den Nuͤſtungen, worin die Strahlen der Sonne ſich tauſendfach wiederſpiegelten, die Schnelligkeit ijhrer Pferde, die Waͤlder von Spieſen, welche jedem Men⸗ ſchenherzen undurchdringlich ſcheinen mußten, ſchreck⸗ ten die ankommenden Feinde dergeſtalt, daß ſie ſchnell wieder in die Gebirge zuruͤck flohen: doch wurden viele von ihnen noch gefangen und niedergemacht, wie auch 2000 Chriſten umkamen, unter welchen Robert aus Paris und Wilhelm, ein Bruder Tanereds, ſich befanden. 38 Von diefem Siege aber kehrten die Chriſten ſo⸗ gleich wieder zur Belngerug der Stadt zuruͤck. Die Einwohner zu ſchrecken, ſchleuderten ſie die Koͤpfe der Tuͤrken in großer Anzahl hinein, und da zugleich die von Konſtantinopel gekommenen Schiffe ausgeruͤſtet, in den mittaͤglichen See geſeukt worden waren, ſo wur⸗ den dieſelben(von dem Dunkel der einbrechenden Nacht jedem forſchenden Auge verborgen), vor die Mauern der Stadt gefuͤhrt. Erſt die leuchtende Morgenroͤthe ließ dieſe furchtbare Ruͤſtung den Belagerten ſchauen. Da erzitterte Alles; thatlos rannten Wehrloſe und Bewehrte unter einander; man verlangte Gnade und Uebergabe. En beratheten ſich aber die Kluͤgeren mit den kaiſcrlichen Voͤlkern, welche in großer Zahl die Schiffe bemannt hielten. Durch ſie, und durch des argliſtigen Kaiſers Gunſt, erhielten alle Tuͤrken der belagerten Stadt freies Geleit bis Konſtantinopel. Ni⸗ eag aber, nachdem es von den abendlaͤndiſchen Chri⸗ ſten ſieben Wochen und drei Tage hart bedraͤngt wor⸗ den war, wurde von des Kaiſers Voͤlkern beſetzt. Dieſe Stadt, ſchon bekannt durch den Zuſammentritt von 3418 Biſchoͤfen zur Zeit Konſtantins des Großen, iſt die Hauptſtadt der Romaney, mit dicken Mauern und hohen Thuͤrmen verſehen, und uͤberhaupt unge⸗ mein ſtark befeſtiget. Das chriſtliche Heer, nachdem ees dieſelbe alſo gluͤcklich den Haͤnden der Unglaͤubigen eentriſſen hatte, heb bald wieder ſeine Gezelte auf⸗ uu d zog weiter. 39 Nach zwei Tagen gelangte es an eine Bruͤcke, bei welcher es auf gruͤner Heide zwei Tage verweilte; ſah aber vor ſich ein wuͤſtes, waſſerloſes Land. Da wurde beſchloſſen, ſich in zwei Haufen zu theilen: den einen, zahlreichern, kuͤhrte Hugo der Große, mit Adhe⸗ mar, dem podienſer Biſchofe, dem Grafen Rai⸗ mund, und dem Herzoge Gottfried; den anderen Boamund, mit Tanecred, dem Grafen Robert von der Normandie, und andern Fuͤrſten. Vier Tage hatten ſie bereits ihre Neiſe gluͤcklich fortgeſetzt, als dem Heerzuge Boamunds ploͤtzlich 300,000 Tuͤrken entgegen kamen. Bei dem Anblicke dieſer ungeheuren Menge, dem großen Getuͤmmel und barbariſchen Ge⸗ ſchrei geriethen wohl viele Chriſten in Furcht und Schrecken, daß ſie zweifelten, ob ſie nicht ihr Heil in der Flucht ſuchen ſollten. Boamund aber und die anderen muthigen Fuͤrſten befahlen; daß man ein Lager aufſtecke, nach der Laͤnge eines dort fließenden Baches. Dann fertigte er Boten ab, an den andern Heerhaufen der Ehriſten, welchen es aber nur mit großer Muͤhe gelang, den vergifteten Pfeilen der uͤber⸗ all herum ſchwaͤrmenden Tuͤrken zu entkommen. In⸗ deſſen entſpann ſich zwiſchen dieſen und dem Heere Boamun ds ein fuͤrchterliches Gefecht. Die Chri⸗ ſten konnten ſich mit harter Muͤhe der Menge eindrin⸗ gender Feinde erwehren. Nach wenigen Stunden des Kampfes waren einige der wilden Horden bereits in das Lager gedrungen. Da erhob ſich laut zum Him⸗ 40 mel das Jammergeſchrei der Weiber, das Gebet der Prieſter, und das Aechzen der Sterbenden miſchte ſich in daſſelbe. Auf dem Schlachtfelde lagen zahlloſe Streiter, Freunde und Feinde, haͤufig den Kopf vom Rumpfe getrennt. Die noch Lebenden wankten; Durſt und große Hitze hatte ihre Kraͤfte abgeſpannt; nur die Verzweiflung hielt ſie noch aufrecht. In dieſer hoͤch⸗ ſten Noth kamen Herzog Gottfried und Hugo der Große mit ihrem auserleſenen Kriegsvolke ei⸗ lends von dem Gebirge herab. Da erhob ſich in den Reihen der Chriſten ein großes Freudengeſchrei; mit erneuertem Muthe ſtanden und ſtritten ſie. Als die Tuͤrken die neuen Heerſchaaren von den Bergen herab ſteigen ſahen, haufenweiſe, immer zahlreicher(denn ihrer waren vierzigtauſend), da glaubten ſie, die Erde habe ſich geoͤffnet, und gebaͤre die Menſchen. Bald ſahen ſie ſich von allen Seiten wie von jungen mu⸗ thigen Adlern bekaͤmpft, daß ſie anfingen zu zittern und zu weichen. Als aber unter ihnen der Chriſten Schwert nur noch heftiger wuͤthete, da ſuchten ſie alle ſchnell ihr letztes Heil in der Flucht. Doch auch fliehend ereilte ſie der Tod, und von allen unglaͤubi⸗ gen Voͤlkern, den Perſern, Medern, Syriern, Chal⸗ daͤern, Sarazenen, Agulanen, Arabern und Tuͤrken, wuͤrden keine mehr lebend entwichen ſein, haͤtte nicht dem graͤßlichen Schlachten die einbrechende Nacht ein Ziel geſetzt.. Aus dem Lager der Sieger erſcholl bis zur Mor⸗ 41 genroͤthe der Lobgeſang; dann aber zog man hinans, und fuchte aus den Haufen der Todten, womit das weite Schlachtfeld beſaͤet war, Alle, welche das Zei⸗ chen des Kreuzes trugen. Sie wurden begraben un⸗ ter den Klagen der Freunde und unter den Gebeten der Prieſter. Von den erſchlagenen Tuͤrken aber er⸗ kohren ſich die Streiter des Herrn ſo große und koſt⸗ bare Beute, daß her, der arm oder nackend aus⸗ gezogen, nun reich ward, und ſich bedecken konnte mit Gold oder Seide. Am andern Tage aber— es war der dritte des Heumonats— wurde am fruͤhen Morgen das Lager abgebrochen, und eilends den fluͤchtigen Feinden nach⸗ geſetzt. Dieſe aber flohen, wie die furchtſamen Tau⸗ ben vor dem Habicht fliehen. Nur einem der Fuͤhrer, dem Sohne Solimans, welcher durch die Gewalt der Waffen dem abendlaͤndiſchen Kaiſer die ganze Ro⸗ maney entriſſen hatte, gelang es, zehntauſend. Araber zu ſammeln, und mit dieſen Horden das Land im um⸗ keiſe durch Brand und Zerſtoͤrung ſo zu verheeren, daß die nachkommenden Chriſten weder Waſſer, noch Nahrung fanden. Mit den halbreifen Fruͤchten der Felder, welche ſie in den Haͤnden zerrieben, ſtillten ſie nur einigermaſſen ihren Hunger. Es ſtarben aber die meiſten ihrer Pferde, die Reiter wurden Fußgaͤnger, oder lieben ſich forttragen auf Kuͤhen und Ochſen, oder — nach der dortigen Sitte des Landes— auf ſtarken Widdern und Hunden. 42 Auf dieſe Weiſe zogen ſie ſchnell ab, und kamen bald in die Landſchaft Cogni, oder Lyeaonien, wo Ueberfluß an Nahrung aller Art bis gegen die befeſtigte Stadt Jeonten war. An dieſem uͤberaus reichen, mit allen irdiſchen Guͤtern gefuͤllten Ort, welcher ſich den Berg Taurus aulehnte, wurde das ch che Heer freundlich aufgenommen„ und labte ſich auf alle Wei⸗ ſe. Bei ſeinem Abzuge aber gaben die Einwohner den Rath, Waſſer in Schlaͤuchen mitzunehmen, weil man am kuͤnftigen Tage nirgends eines finden wuͤrde. Auͤf dieſe Weiſe erreichte der Vortrab des Kriegsheeres in einigen Tagen die Stadt A ntiocherta(nach An⸗ deren Heracelea). Darin war eine große Menge Tuͤrken; als aber dieſe die Fahne des Kreuzes wehen ſahen, entflohen ſie ſo in großer Eile, daß die Chri⸗ ſten ohne Hinderniß die Stadt beſetzen, und vier Tage in Ruhe verweilen konnten. Hierauf trennten ſich Balduin, Herzog Go tifrieds Bruder, und Tan⸗ ered*) mit ihrem Kriegsvolke, und zogen nach Tar⸗ *) Waͤhrend der Unterhandlungen traf zufaͤllig Balduin mit ſeinem Streifkorps in Tarſus ein. Da dieſes nur die Feidzeichen von Tan⸗ cred ſah, ſo gerieth es gus Eiferfucht mit deſ⸗ ſen Truppen in ein ſchlachtartiges Handgemeng. Waren gleichwohl die Einwohner dem Letzteren wegen ſeiner Tapferkeit mehr gewogen, als dem Erſteren, ſo wurden ſie doch durch Baldulns Drohungen ſo erſchreckt, daß ſie ihre Felzei⸗ 4 chen ablegten, und die ſeinigen annahmen. Da 43 h e ſus, oder Tarſhiſch, einer erzbiſchoͤffichen Stadt Ciliciens, worin gleichfalls viele Tuͤrken waren, wel⸗ che aber mit Gewalt daraus vertrieben worden ſind. Tanered wußte, daß er ſich mit feidherrn nicht meſſen koun ch im ha Unwilten. S 1 ohne c Tuͤrken aber 1. gen, nahmen die Flu cht, und its der Mauern 309 8 hriſten, welche dem zur Huͤlfe geſchickt, von Balduin nicht ein⸗ gelaſſen worden waren. Da dieſer allen das Ungluͤck ſo vieler Men achen veranlaßt hatte, ſo na df er ſich dadurch ſo allgemein verhaßt, daß die uͤbrigen Chriſten nicht eher mit ihm ausge⸗ ſoͤhnt wurden s er die Verſicherung 9 erthei daß er den Pewohnern von T arfus das ſprechen gemacht habe, vor der Ankunft de herren keine anderen Truppen in die Stadt marſchiren zu laſſen. Tanered hatte bereits mehre Doͤrfer, Flecken und Eerbf die ſehr reiche Stadt Ma⸗ erobert, und reiche Beute vertheit. Davon ver⸗ Theil, als er mit ſei⸗ u war. Tanereds n Wuth, uͤberfiel das ger Baldu tins, und 4 3 daß der en. vergliche i unch geraumer Zeit legre ge Au wallung, geld⸗ der. Wuenbaren P 1 hr Balduin den Lod ſei⸗ alt unter ſeine Sof ldate et langte Baldutne inen nen Truppen angekommn Korps gerteth daruͤber noch nicht ver hanzt e Le machte ſo virle ſeiner Ueberfall mit eine werden kounte, ſelſeitig 1 me tn herren usheiten ſich Faſt g leichzeitig e erf 44 Eben ſo gluͤcklich Relen iwef aadere Staͤdte in ihre Haͤnde: Adeng und Manuſtra, wobei viele Flecken waren. Sie zogen aber jetzt, immer gluͤcklich, weiter fort, ungeneckt von den Feinden, welche ſich in ent⸗ legene Feſtungen eingeſchloſſen hatten. Der andere Theil des Heeres kam eben ſo unan⸗ gefochten, nehr von den Arabern freundlich aufge⸗ nommen, nach Armenien, bis gegen Caͤſarea in Cap⸗ padozten. eſe Landſchaft liegt am Eingange von Syrien, und wurde von vielen Ch riſten bewohnt, wel⸗ che den Tuͤrken bereits ehrlichen Widerſtand gethan, und nun ihre Bruͤder freudig empfangen hatten. Dieſe erreichten nachhin die Stadt Coſar, welche reich au allen Lebensbesuͤrfniſſen war. Auch verweilten ſie hier drei Tage in Ruhe und Bequem lichkeit, gleichſam um ſich zu ſtaͤrken und vorzudereiten fuͤr die kuͤnftigen Tage des Hungers. Mittlerweile hatte Graf Raimund die Botſchaft rhalten, daß Antiochia von den erſchrockenen Duͤr⸗ ten verlaſſen worden ſei. Er ſendete⸗ alſo⸗fuͤnfhundert Kriegskuechte ab, um die Eitnd lle daſelbſt zu beſetzen. Sie waren aber kaum in das Chal, welches neben die⸗ ſer Stadt liegt,„rtuime als ſie hoͤrten, daß ſie falſch berichtet worden ſeien, und daß die Feinde mit ner in Lakonien zuruͤck gebliebenen Gattin, und die ſchwere Vrwundung ſeines Bruders durch einen wilden Be Soldaten reißen wollte. —,— en, welchen dieſer von einem 45 aller Macht ſich dort verſammelt haͤtten. Darauf wen⸗ dete man ſich gegen das Thal Derugia, wo zwar viele Tuͤrken und Sarazenen waren, welche a er durch der Chriſten Schwert ſo gluͤcklich uͤberwunden worden ſind, daß ſie in kurzer Zeit dieſe Landſchaft, und dazu die Stadt Caſum miit vielen Flecken in ihre Gewalt bekommen haben. Mit noch groͤßerem Gluͤcke hatte Balduin, Bru⸗ der Gottfrieds von Bouillon, einen Zug uͤber den Euphrat unternommen. In Edeſſa wa el Chriſten; ſie waren bisher gluͤcklie 1 der Tuͤrken entgangen, verlangten aber nun der ſtand der Kreuzhelden. Balduin kam, die Edeſſaͤer iogen ihm entgegen mit großem Prunke, mit Kreuzen und Fahnen, kuͤßten die Schwerter und Ruͤſtungen der chriſtlichen Strelter. Balduin wurde kurz darauf zu ihrem Fuͤrſten erhoben und ausgerufen, unterwarf ſich auch ſpaͤter noch mehre Bezirke, ſo daß er einen anſehnlichen Staat fernerhin beherrſchte, deſſen Gebiet ſich auf den beiden Seiten des Euphrats, gegen Mit⸗ tag bis Seleuzia(Salek), nud gegen Mitternacht bis in die Gegenden des Taurus erſtreckte. Von dieſem ſeinem Fuͤrſtenthume entſernte ſich Balduin ferner nur bei außerordentlichen Gelegenheiten. Das Hauptheer aber, welches von dem andern Haufen zuruͤck geblieben war, mußte nun ſeinen Weg uͤber etliche, faſt unzugaͤngliche Gebirge nehmen. Die Thaͤler waren ſo tief und graͤßlich, daß ſie dem Schlun⸗ 46 de der Hoͤlle glichen; die Gipfel der Berge aber reich⸗ ten bis zum Himmel hinan. Da mußten die Reiſigen, auf ſteilem, ſchmalen Fußpfade, wo der Vormann nicht einmal auf den nachfolgenden ſehen konnte, ihre Ruͤſtung ablegen, und die Laſten der Pferde t ragen. Viele Tage dauerte dieſe beſchwerliche Reiſe, und nach unſaͤglichen Gefahren und Beſchwerden gelang es ih⸗ nen endlich, die Stadt Maraſien, und darin gut⸗ willige Linwdhene u aederehedche an deren Reerliih ſie ſich wieder e t Tag, bis die L wie fed r ver⸗ ſamnmti hatten. Nach einer Tagesraſt zog indeß das ganze Heer wieder fort, in das Thal, worin Antio⸗ chien liegt. Es war dieſe koͤnigliche Stadt, von An⸗ tiochus erbaut, das Haupt des Landes Syrien, von Petrus, dem Apoſtel, zum chriſtlichen Glauben be⸗ kehrt, und der Sitz eines B ſöefrs⸗(Sie wurde fruͤ⸗ her, da ſie noch den alten Glanz hatte, und ſelbſt Kai⸗ ſer dort wohnten, die Koͤnigin des Morgenlaudes ge⸗ nannt; nun liegt ſie in Truͤmmern, und in unter dem Namen Antokin bekannt. Sie hatte einen Umfang von 3 teutſchen Meilen, und begriff eigentlich 4 Staͤdte rn ſich in ſich, welche durch Mauern abgetheilt waren.) Freu⸗ dig eilte das chriſtliche Heer zu dieſer Stadt. Als es aber zur eiſernen Bruͤcke kam, welche uͤber den Fluß Orontes fuͤhrt, befand ſich daſelbſt eine große Zahl der Tuͤrken, welche eben zur Huͤlfe ihrer Beſatzung in die Stadt ziehen wohte. Sie wurdensiedoch von den 47 Chriſten, welche haufenweiſe uͤber ſie fielen, faſt gaͤns⸗ lich aufgerieben, und uͤberließen den Siegern große Vorraͤthe an Fruͤchten und anderen Dingen. Mit ſolcher Nothdurft verſehen, lagerten ſich dieſe ſogleich rings um die Stadt, und eroͤffneten die Belagerung derſelben den 21. Dag im Weinmonate. Man hatte bald ausgekundſchaftet, daß die Stadt mit gar vielem Volke beſetzt, alſo der Belagerten faſt eben ſo viele, als der Belagerer waren. Deſſen unge⸗ achtet wurden Gewehre und Waffen wohl geruͤſtet, z. B. hoͤlzerne Thuͤrme, Schlaͤudern„ Wurfwehr und Mauerbrecher; mit voller Kraft begann bald darauf der Sturm. Das Bemuͤhen der Chriſten war aber vergebens; ihre Tapferkeit vermochte nichts gegen den wohlverſchanzten Feind. Sie lagen alſo laͤugere Zeit muͤßig umher, und waren darauf bedacht, ſich reich⸗ liche Nahrung zu verſchaffen. Doch die R ſigen, wel⸗ che darum ausgeſandt wurden, konnten der herum⸗ ſchwaͤrmenden Feinde nicht erwehren: denn nicht weit im Gebirge lag ein Kaſtell, BArech genannt, welches viele Tuͤrken beſetzt hatten. Es zogen demuach einige tauſend Chriſten aus, und ſtellten ſich an einen ſiche⸗ ren Ort; nur ein kleiner Theil ging auf die Gebirge zu, nahm aber ſogleich ſcheinbar die Flucht, als die Feinde in großer Zahl einher ſtuͤrmten. Zu hitzig im Verfolgen, geriethen dieſe bald in die Mitte der Chri⸗ ſten, welche uͤber ſie herſieten, und ſie faſt alle toͤdte⸗ ten. Die Furcht und das Zagen der Tuͤrken war ſo 48 groß, daß bei dieſem blutigen Gefechte nur zwei Chri⸗ ſeen ihr Leben verloren. 3 Von nun an hatten ſie kein Hinderniß mehr, in der umliegenden Landſchaft, aus Maierhoͤfen und Doͤr⸗ fern, den noͤthigen Proviant zu holen; weswegen ſie freudig das Feſt der Geburt des Heilandes, welches inzwiſchen herangekommen war, ſeiern konnten. Doch unvorſichtig genug, ſparten die Kreuzfahrer ihren Ueberfluß nicht, und verwvuͤſteten die Umgegend derge⸗ ſtalt, daß in kurzer Zeit abermals großer. Mangel an Lebensmitteln entſtand. Dieſe Noth ſteigerte ſich bis zum hoͤchſten Grade, da ſich hiezu der Froſt und das Ungemach des Winters geſellten. Dadurch waren auch die Armenier abgehalten, das Heer der Abendlaͤnder gegen reichliche Bezahlung zu verſorgen. Es zogen alſo dreißig tauſend Mann aus dem Lager um in das Land der Sarazenen einzufallen, und Beute zu holen. Gleichzeitig war aber aus Jeruſalem, Da⸗ maskus, Aleph und andern Landſchaften eine große Zahl von Perſern, Arabern und Medern aufge⸗ brochen, um Antiochien zu entſetzen. Die beiden Heere begegneten ſich am 31. Dezember, und lieferten fogleich eine hitzige Schlacht, worin zwar die Unglaͤu⸗ bigen uͤberwunden worden ſind, die Chriſten aber viel Schaden erlitten, jedoch ſo gluͤcklich waren, Brod zu gewinnen, und einen betraͤchtlichen Vorrath in ihr Lager zuruͤck zu bringen. Die Belagerten, durch Kundſchafter von Allem 5 49 berichtet, was unter den Kreuzfahrern vorfiel, mach⸗ ten oͤftere Ausfaͤlle, und ſchadeten denſelben viel. Doch nahmen ſie oft auch großen Schaden mit ſich zuruͤck. Gottfried von Bouillon legte gleichteitig bewundernswuͤrdige Proben des Heldenmuthes ab: er hieb, und ſtch, zerſplitterte Lanzen, Harniſche und Helme; der Boden umher war mit Schaͤdeln, Armen und Beinen beſaͤt. Ein Tuͤrke warf ſich ihm mit ſchaͤumender Wuth entgegen; deſſen erſter Streich ſpaltete Gottfried s⸗Schild in zwei Theile. Dieſer richtete ſich in die Hoͤhe, und hieb ſein Schwert ſo entſetzlich durch den ſtarken Gegner, daß der ganze Oberleib mit dem Kopfe zu Boden ſiel. Die untere Haͤlſte blieb im Sattel, und wurde vom Pferde in die Stadt getragen, zum Abſcheu und Schrecken aller Bewohner. Nicht geringere Staͤrke bewies der Herzog Ro⸗ bert vonrder Normandie; er ſpaltete den Kopf eines Sarazenen bit zum Rumpfe. Viele andere Helden zeichneten ſich noch aus, die wir der Kuͤrze wegen nicht nennen. In einer einzigen Schlacht war eine Unzahl von Tuͤrken umgekommen. Man zaͤhlte unter den Toiten einen Sohn des Koͤnigs von An⸗ tiochien un zwoͤlf Emire. Jenſeits der eiſer⸗ nen Bruͤcke bgruben ſie ihre gefallenen Streiter nach ihrer Gewohnhet, mit völliger Ruͤſtung. Die jun⸗ gen, zuͤgelloſer Burſche im Chriſenlager, als ſie die⸗ ſes erfahren jatten, gruben die Leichname wieder Ites B. Palälna. I. 1. 4 50 aus, nahmen ihnen Waffen, Kleider und Koſtbarkeiten ab, und brachten fuͤnfzehnhundert Schaͤdel, als Zei⸗ chen des Sieges, in das Lager. unterdeſſen gewannen die Kreuzfahrer die Ueber⸗ zeuguug, daß ſie Antiochien nicht erhalten wuͤr⸗ den, ſo lange dieſe Stadt nicht von allen Seiten wohl eingeſchloſſen waͤre. Zuerſt warfen ſie alſo vor der Bruͤcke eine Schanze auf, und der Graf Raimund von Toulouſe vertheidigte ſie. Auch gegen Abend war ein Thor zwiſchen dem Berge und der eiſernen Bruͤcke. Dort erbaute man eine Schanze, welche Danered bewachte. Da erſchienen bald Syrer und armeniſche Kaufleute, welche Lebensmittel in die Stadt bringen wollten. Man hielt ſie an, und zwang ſie, daß die letztern in das Lager gebracht wurden. Die Kaufleute ließ man nicht eher los, bis ſie ver⸗ ſprachen, allen Vorratb kuͤnftig den Kreuzfahrern zu bringen. Da nun Straßen und Wage ſo verlegt waren, daß kein Belagerter mehr ſich heraus wagen durfte, fingen dieſe an, Unterhandlungen anzubinden, und ſuch⸗ ten deswegen Stillſtand der Waffen; er ward ihnen zu⸗ geſtanden. Die Belagerten oͤffneten ſie Thore von Antiochien, daß die Kreuszfahrt ungehiwert, jedoch in allem Frieden, in der Stadt und auf dar Mauern ſich umſehen, wie in den nahen Gaͤrten ſich beluſtigen konnten. Dagegen kamen auch die Tuͤren in das La⸗ ger der Chriſten. ——— 51 Es geſchah aber, daß ein chriſtlicher Kriegsmann, Namens Walo, welcher im Vertrauen auf die oͤffent⸗ liche Sicherheit, in den Luſtgaͤrten ruhig herum wan⸗ delte, von den Tuͤrken treuloſer Weiſe nieder gehauen, und in Stuͤcke zerriſſen wurde. Augenblicklich wurden hierauf alle Unterhandlungen zum Frieden, die man inzwiſchen einzuleiten bemuͤht war, wieder abgebro⸗ chen, und die Belagerten, durch die Botſchaft belebt, daß der Koͤnig von Perſien ihnen mit großer Macht zu Hilfe eile, verſchloſſen wieder die Thore der Stadt. Dieſe Nachricht war auch ſchon ſeit laͤngerer Zeit im Lager der Chriſten bekannt; und da gleichzeitig keine Hoffnung war, Antiochien durch Sturm zu erobern, ſo berathſchlagte man, ob es nicht beſſer ſei, dieſes Vorhaben aufzugeben, und gerade nach Jeruſalem zu gehen, was der Hauptzweck der gro⸗ ßen Unternehmung war. Doch viele Fuͤrſten des Kreuz⸗ heeres waren dieſem Vorſchlage zuwider, beſonders Boamund, der Fuͤrſt aus Apulien. Dieſer hatte waͤhrend des Waffenſtillſtandes Ge⸗ legenheit gefunden, einen Smir der Stadt, Namens Pyrrhus kennen zu lernen. Dieſem war die Be⸗ wachung eines der wichtigſten Thuͤrme, dem Stand⸗ lager Boamund's gegenuͤber, anrertraut. Er war mit den Seinigen in Antiochien zerfallen, und den Chriſten wohl geneigt. Zum Boamund faßte er zuletzt ein großes Vertrauen, und verſorach, ihn in die Stadt zu fuͤhren, im Falle er ſich zum Herrn der⸗ berung von Antiochien. ſelben aufwerfen, und ihn ſelbſt zu ſeinem erſten Die⸗ ner machen wollte.— Der Fuͤrſt von Apulien eroͤff⸗ nete dieſen Vorſchlag den Kreuzfuͤrſten. Viele derſel⸗ ben waren anfangs gerade entgegen, und wollten die Herrſchaft von Antiochien keineswegs einem Einzigen vergoͤnnen, ſondern unter ſich ſelbſt theilen. Allein, die Gefahr, durch welche das nahende Heer der Per⸗ ſer drohte, und die Scwaͤche ihrer taͤglich ſchwin⸗ denden Macht, ließ ſie bald ihre Geſinnungen aͤndern. Man verſprach zuletzt einhaͤllis dem Boamund die Herrſchaft, und uͤberließ ihm die Sorge fuͤr die Ero⸗ Nach dieſem Beſchluſſe wurden die Unterhandlun⸗ gen mit Pyrrhus ſogleich vollkommen beendigt. Große Verheißungen wurden ihm gemacht von Seite der Kreuzfuͤrſten, dagegen ſendete er ſeinen einzigen Sohn als Geißel, dem Boamund. Zugleich ward von beiden Seiten verabredet, man ſollte des andern Tages aus dem Lager ziehen, als wollte man Vor⸗ rath holen; in der Nacht aber wieder ſtill umkehren, und ſich den Thuͤrmen naͤhern, welche der Emir und ſeine zwei Bruͤder zu bewachen hatten. Die Chriſten zogen alſo im Angeſichte der Belagerten, un⸗ ter dem Schalle der Trompeten, mit flatternden Fah⸗ nen gegen Mittag, als ſuchten ſie dort einen Feind, Da aber die Dunkelheit einbrach, kehrten ſie um, und kamen in aller Stille zu dem bezeichneten Thurme. Pyrrhus gab ſogleich das verabredete Zeichen, und 53 ließ eine Strickleiter von der Mauer nieder. Anfangs faßte kein Kreuzbruder den Muth, hinauf zu klettern; vergebens waren die Bitten und Vorwuͤrfe der Hee⸗ resfuͤhrer. Da ergrimmte Boamund; in ſeinem ſtolzen Muthe eilte er zur Leiter, ſtieg unerſchrocken hinan, und ſtand gluͤcklich oben. Nachdem er eine Zeit lang mit Pyrrhus geſprochrn, ſtieg er wieder herab. Da man ihn geſund und wohlbehalten wieder ſah, erwachte ploͤtzlich Vertrauen und Unerſchrocken⸗ heit. Fulgerius von Chartres war der erſte auf der Leiter; hinter ihm ſtiegen noch ſechzig Ritter und Knappen. Boamund und der Graf Robert von Flandern, Roger von Barneville und Andere folgten nach. Der Eifer zum Aufſteigen wur⸗ de endlich ſo groß, daß die Leiter tzerriß, und alle welche noch darauf waren, in den Graben ſtuͤrzten. Aber die erſten ſechzig, welche oben waren, bemaͤch⸗ tigten ſich ſogleich der drei Thuͤrme; ſogar die zwei Bruͤder des Emirs, welche an der Uebergabe und der Verabredung mit den Chriſten keinen Theil hat⸗ ten, wurden ermordet. Inzwiſchen befeſtigte Pyrr⸗ hus die Leiter an einem feſten Theile der Mauer, und zeigte den Fuͤrſten eine geheime Pforte, die er oͤffnen wollte. Indem die Wachen nieder gemacht, und noch ſieben Thuͤrme erobert wurden, nahm das ganze Kreuzheer durch dieſe Pforte ſeinen Weg in die Stadt. So war denn ſchon bei dem Anbruche des Tages die ganze Stadt in den Haͤnden der Chriſten.) Man ver⸗⸗ 54 ſicherte ſich in kurzer Zeit aller Noſten; Bonmund pflanzte ſeine Fahne auf den hoͤchſten der Thuͤrme, und ließ die Trompeten erſchallen, zum lauten Freuden⸗ geſchrei: Gott will es haben!— Jetzt erſt erwachten die Tuͤrken, wehrlos, halb na⸗ ckend. Die ganze Nacht hindurch hatte ein ſo fuͤrch⸗ terlicher Sturmwind ihre Ohren betaͤubt, daß ſie die Bewegungen der ankommenden Feinde nicht wahrnah⸗ men. Nun flohen ſie zu den Thuͤrmen, eilten zu den Thoren, ſuchten in ihren Haͤuſern Zuflucht, und fan⸗ den uͤberall den Tod. Behutſam hatten die Chriſten, welche in der Stadt wohnten, ihre Haͤuſer mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnet, oder ſte ſangen Buß⸗ lieder, damit man ſie erkenne, und ihrer ſchone. Aber alles andere, was Odem hatte, wurde niedergemetzelt; zehntauſend ſtreitbare Tuͤrken ſtarben unter dem Schwerte der Chriſten. So wurde Antiochien erobert, nach einer Belagerung von 225 Tagen, am dritten Tage des Brachmonats im Jahre 1098. Die Nach⸗ richt dieſes Sieges verbreitete ſich ſchnell zu allen Chriſten in Palaͤſtina, Syrien, Aegypten und Ar⸗ menien. Kaſſian, Antiochiens Koͤnig, hatte ſich bei der allgemeinen Verwirrung aus der Stadt gefluͤchtet. Er war entſchloſſen, den Perſern entgegen zu eilen. Unter vielen Gefahren, und mit unglaublicher Muͤh⸗ ſſeligkeit erreichte er das Gebirg. Dort ofnete ſich aber eine ſeiner Wunden; das Blut floß, und die 2 5⁵ Entkraͤftung verurſachte ihm einen Schwindel. Er ſtuͤrzte vom Pferde, und ſeine Begleiter, nach eigener Sicherheit ſtrebend, verließen ihn. Ein armeniſcher Chriſt, der im nahen Walde Holz hackte, vernahm das Aechzen des Sterbendenz er kam und erkannte Antiochien's Koͤnig. Sogleich hieb er ihm mit deſſen eigenen Saͤbel den Kopf ab, und brachte ihn den Kreuzfuͤrſten. Das ganze Lager der Chriſten wurde alſo aufge⸗ hoben; alle zogen in Antiochtien ein. Die ganze Stadt war in ihrer Gewalt, nur jenes Kaſtell nicht, welches zunaͤchſt jenſeits der Stadt lag, und von Na⸗ tur unbezwinglich war; dahin hatten viele Tuͤrken ſich gefluͤchtet. Dieſer feſte Punkt hieß Couls, und der Berg, worauf das Schloß ſteht, hob ſein Haupt nahe an der Stadt bis zu den Wolken empor. Vergebens ſuchte Boamund mit ſeinem Kriegsvolke Meiſter dieſer Hoͤhe zu werden. Er ſelbſt ward am Fuße ver⸗ wundet, und mußte vor den Pfeilen der Sarazenen weichen. Nach der Einnahme der Stadt hatten die Chri⸗ ſten inzwiſchen allem Vergnuͤgen, auch vielen Aus⸗ ſchweifungen ſich uͤberlaſſen; am vierten Tage erſchie⸗ nen vor den Mauern ungefaͤhr dreihundert Reiter, welche zum Vortrabe des Perſerheeres gehoͤrten. Ein furchtbares Kriegsvolk war im Anzuge, der Koͤnig Korbanas oder Kerboga ihr Anfuͤhrer. Er hatte ſchon lange mancherlei Volk geſammelt. Perſer, 56 Meder, Araber, Tuͤrken, Aſamiten, Sarazenen, Publi⸗ kaner, und von vielen andern Nationen. Dreitauſend Agulaner hatten keine andere Wehre, als⸗ nur allein Schwerter. Sie waren von alen Seiten mit einem Harniſche bedeckt, und furchtlos in der Schlacht, in welche ſich ihre Pferde ſelbſt ohne Antrieb auf eine wuͤthende Weiſe ſtuͤrzten. Waͤre dieſes Heer vor An⸗ tiochien's Fall erſchienen— die Chriſten waͤren alle verloren geweſen; allein Korbanas zog. mit aſiati⸗ ſcher Pracht einher, hatte eine Menge Hausgeraͤthe, Mundvorrath und Weiber bei ſich. Nebi dem hielt er ſich vor Edeſſa, welches Balduin heſetzt hatte, zu lange auf. Er wollte es erobern, konnte aber in einem Zeitraume von drei Wochen nicht den minde⸗ ſten Vortheil erringen, Als er nun erfuhr, wie ſehr Antiochien in Noth ſei, ſetzte er luͤtzlich uͤber den Euphrat, und eilte, die Kreuzfahrer in der Stadt einzuſchließen. Dieſe erwachten aus ihrem Vergnuͤ⸗ gungsſchlummer, als ſie das faſt unzaͤhlige Heer der Perſer vor ſich ſahen; doch bexeiteten ſie⸗ ſich auch, gleich wieder zum Kampfe. Als die Perſer mit den Sarazenen, die im Kaſtell waren, ſich vereiniget hatten, reitzten ſie die Kreuz⸗ bruͤder gar oft zum Kampfe, daß ſie theilweiſe aus den ſichern Mauern zogen; aber dieſe Wagniſſe ſielen mei⸗ ſtens ungluͤcklich aus. Roger von Borneville und Raimund von Lille verloren dabei das Le⸗ en,. Ihre Koͤrper wurden jaͤmmerlich zerriſſen, ihre 57 „Haͤupter auf den Spieſten der Feinde ihren Bruͤdern, unter den Mauern Antiochien's, zur Schau ge⸗ bracht. Selbſt Gottfried wurde geſchlagen, obwohl er, wie Tancred und Heinrich von Hache Wunder der Tapferkeit leiſtete. Doch waren dieſe Kriegsgefahren bei weitem noch nicht das Entſetz⸗ lichſte, was jetzt die Kreuzfahrer beſiel. Unvorſichtig hatten ſie, bei Pluͤnderung der Stadt die vorgefundenen Lebensmittel nicht ſparſam benutzt; durch Unmaͤßigkeit hatten ſie in wenigen Tagen alle Vorraͤthe aufgezehrt. Der Hunger ſtellte ſich deswe⸗ gen ſogleich wieder ein, und zwar auf eine entſetzliche, unbeſchreibliche Weiſe. Die geringſten Eßwaaren wur⸗ den mit erſtaunlichen Preiſen bezahlt; Herzog Gott⸗ fried bezahlte ein mageres Kameel mit fuͤnfzehn Mark Silbers, und mit drei Mark eine Ziege, welche ſonſt der gemeinſte Kriegsknecht nicht haͤtte eſſen moͤgen. Man ſchaͤtzte ſich aber gluͤcklich, um ſein Geld noch einen Biſſen Speiſe erhalten zu koͤnnen. Bald fan⸗ den die reichſten fuͤr ihr Gold nichts mehr, und muß⸗ ten zu den widernatuͤrlichſten Mitteln ihre Zuflucht nehmen. Den wenigen Pferden, die noch uͤbrig wa⸗ ren, wurde von Zeit zu Zeit eine Ader geoͤffnet, um durch dieſes Blut das Leben zu friſten. Hunde, Ka⸗ tzen und Maͤuſe, und das unreinſte Thier, wurden wie Leckerbiſſen verſchlungen; die zaͤheſten Wurzeln oder Diſteln mußten das Gemuͤſe erſetzen. Man zog das Leder von Schilden und Schuhen, und kaute 58 daran, um die Qualen des Hungers auf Augenblicke zu vergeſſen. Man grub die Leichname der Tuͤrken aus, und aß ohne Abſcheu ihr moderndes Fleiſch. Manche ſperrten ſich verzweiflungsvoll mit Weib und Kindern in eine Kammer, und erwarteten ſo den ſchrecklichen Tod des Hungers. Die Haupthelden und Anfuͤhrer waren der gleichen Pruͤfung ihres Muthes unterworfen, und verſchafften ſich deßwegen bei den Kreuzfahrern, obwohl ſie wider ihr graͤßliches Geſchicke murrten, Bewunderung, Ehrfurcht und Liebe. Nur Graf Stephan von Chartres hatte ſchon zwei Tage vor der Einnahme von Antiochien ein boͤſes Beiſpiel gegeben: er fluͤchtete bei dem Anblicke des zahlloſen perſiſchen Heeres mit viertauſend Mann nach Alexandretta. Viele ſeufzten nun dem Ent⸗ flohenen und ſeinem Gluͤcke nach, welches er in der Ferne genoß. Mehrere Ritter, Knappen und Gemeine wagten auch, in der Dunkelheit der Nacht zu entwi⸗ ſchen, indem ſie ſich mit Lebensgefahr an der Mauer herab ließen. Einige gingen zu den Feinden uͤberz andere wanderten kraftlos zu dem Hafen von St. Simeon, um Schiffe zu finden. Unter ihnen war Wilhelm von Charpentier, der ſchon bei der Belagerung einmal entfliehen wollte. Er ſammelte um ſich alle Ausreißer, und kam mit ihnen nach P hi⸗ lomelton in Phrygien, wo aber Kaiſer Alexius mit einem anſehnlichen Heere von Griechen und un⸗ gefaͤhr 40,000 Europaͤern, zugegen war. Dieſer war 59 Willens, ſich mit den Kreuzfahrern zu vereinigen; doch ſchlau und hinterliſtig wollte er zuerſt ihr Gluͤck, oder Ungluͤck abwarten, um— letzteres zu meiden, oder erſteres mit ihnen zu theilen. Jetzt, da der Haufe von Fluͤchtlingen vor ihm erſchien, ohne Waffen, faſt ohne Kleider, verwundet vom dornichen Pfade, mark⸗ los, und nahe dem Grabe; als ſie erzaͤhlten, wie der Hunger ales verzehrt habe, wie alle Helden Antio⸗ chiens gefallen ſeien, oder noch fielen; wie den un⸗ zaͤhlbaren Voͤlkern Aſiens Niemand widerſtehen koͤn⸗ ne: da entſetzte ſich der Kaiſer, und kehrte ſogleich nach Konſtautinopel zuruͤck. Guido, juͤngſter Bruder Boamunds, war un⸗ ter den neu angekommenen Europaͤern. Er wuͤnſchte nichts eifriger, als ſich mit den Bruͤdern in Antio⸗ chien zu vereinigen. Die ganze Erzaͤhlung der Fluͤcht⸗ linge ſchien ihm verdaͤchtig, und mit ernſtlichem Be⸗ gehren drang er in den Kaiſer, ſeinen Zug fortzuſe⸗ tzen, zur Befreiung, oder zur Rache der Kreuzfahrer. Doch vergebens! Ale xius kehrte zuruͤck, der helden⸗ muͤthige Juͤngling mußte folgen, und ſein ganzes Heer mit ihm. Auf dem Wege richtete der Kaiſer⸗ durch die ganze Bulgarei, die grauſamſten Verwuͤ⸗ ſtungen an, damit die Tuͤrken, veren Nachjagen er be⸗ fuͤrchtete, nichts als Zerſtoͤrung finden moͤchten. Das Geruͤcht von dieſem unruͤhmlichen Nuͤckzuge verbreitete ſich uͤberall, und kam ſogar zu den ungluͤck⸗ lichen Kreuzfahrern nach Antiochien. Sie ſchrien Weh 60 und Rache uͤber die ſchaͤndlichen Ausreißer, und uͤber den Kaiſer. Verzweiflung bemaͤchtigte ſich ihrer gaͤnz⸗ lich: denn ſie ſahen ſich nun als gewiſſe Opfer des Todes an, und geriethen in ſtilles unthaͤtiges Hin⸗ bruͤten, bei welchem alle menſchlichen Kraͤfte der Auf⸗ löſung ſich naͤherten. Doch uͤber Alles empor hebt ſich die Seele des Menſchen durch die Begeiſterung der Religion; ſieg⸗ reich iſt ſie ſelbſt uͤber die Leiden des Koͤrpers; Schwaͤ⸗ che verwandelt ſie in Staͤrke, und das Haupt des hin⸗ geſunkenen Sterbenden hebt ſie wieder empor, damit er die Wunder ſeines Goͤttes ſchauen kann. Ein lombardiſcher Prieſter trat auf, und erzaͤhlte mit hoher Begeiſterung ein naͤchtliches Geſicht, in welchem ihm erſchienen ſei der Heiland mit ſeinen Heiligen.„Er hat Huͤlfe verſprochen ſeinen Glaͤubi⸗ gen, rief er, und eine Legion Engel wird er Euch ſenden wider die ſchrecklichen Feinde!“— Daß ſeine Worte Wahrheit ſeien, bekraͤftigte der Prieſter mit einem Schwur. Alles ſtaunte, und hoffte; aber Geiſt und Koͤrper blieben noch ſchlaff. Einige der Kuͤhnſten, die ſich durch das Geſpoͤtt der Sarazenen zum Kam⸗ pfe hatten verleiten laſſen, wurden nach verzweifelter Gegenwehr vorhren Augen ſchaͤndlich ermordet. Noch wollte ſie Boamund retten, und rief daher die Sei⸗ nigen zum Kampfe auf; aber nicht ein Einziger ge⸗ horchte. Der erzuͤrnte Feldherr befahl, Feuer an die Haͤuſer zu legen, um die Feigen heraus zu treiben. Da⸗ 1 — 61 durch wurden zu Antiochien zweitauſend Wohnungen und einige Kirchen ein Raub der Flammen. Ein zweiter Prieſter war aufgetreten, Stepha⸗ nus mit Namen. Er hatte eine Nacht in der Ma⸗ rienkirche mit Gebet zugebracht, als ihm Jeſus Chri⸗ ſtus ſelbſt mit andern Heiligen erſchien. Mit der Stimme des Weltrichters verwies er den unreinen Kreuzbruͤdern die Suͤnden, mit denen ſie ſich beladen hatten auf dem Wege zu ihm, und verkuͤndete ihnen den ſichern Untergang, zeitliche und ewige Verwer⸗ fung. Wollten ſie aber zur Buße wieder kehren, wuͤr⸗ den ſie ablaſſen von ihren Miſſethaten; ſo wuͤrde er ihnen in fuͤnf Tagen ſichebare Beweiſe ſeines Beiſtan⸗ des geben. Dieſe Erzaͤhlung hatte eine wunderbare Wirkung auf die ſchon eingeſchuͤchterten Seelen. Boamund, Gottfried und Raimund ſchwuren, ſie wollten ein ſo heiliges Unternehmen nicht verlaſſen, ſo lange ſie Odem haͤtten. Da man glaubte, zu gleicher Zeit Feuer vom Himmel fallen zu ſehen, zwiſchen der Stadt und dem Lager, da noch manches andere Wun⸗ derzeichen vor den kranken Sinnen erſchien, und die⸗ ſer und jener von uͤbernatuͤrlichen Erſcheinungen er⸗ zaͤhlte: ſo belebte ploͤtzlich ein aufwallender Geiſt das ganze Heer. Man vergaß alle Beduͤrfniſſe, um ſich wechſelweiſe zu ermuntern, den Zorn des Himmels zu beſaͤnftigen. Traurig und bußfertig, barfuß und das Haupt mit Aſche beſtreut, geht Jeder in den Tem⸗ 62 pel, mnn beichtet einander, und ruft die Barmherzigkeit Gottes an. Selbſt die einbrechende Nacht unterbricht dieſe feurige Aufwallung und die ſtrenge Andacht nicht. Da eilt ploͤtzlich ein Prieſter aus Marſeille, Peter Bartholomaͤ*), keuchend herbei. Erſtaun⸗ liche Wunder will er verkuͤnden. Ein Heiliger des Himmels hatte ihm angezeigt, daß in der Peterskir⸗ che der Stadt, am Hauptaltare die Lanze vergraben ſei, womit die Seite Jeſu Chriſti durchſtochen worden iſt, Dieſe ſei zum Schutze der Chriſten be⸗ ſtimmt: denn vor derſelben muͤſſe fliehen jeder Feind, ohne Ruͤckſicht auf Anzahl oder Staͤrke. Ohne Zaudern fuͤhrte man den von Gott begei⸗ ſterten Mann an die von ihm bezeichnete Stelle. Vor zwoͤlf Zeugen, den Grafen Raimund an der Spitze, wurde nach dem heiligen Zeichen gegraben. Es war in der Nacht vom 24. bis auf den 25. Brachmonats *) Acht Mongte nach dieſem Funde behauptete ein gelehrter Prieſter aus dem Geſolge des Herzogs Robert von der Normandie, die wahre Lanze ſei ſchon lauge zu Konſtantinopel aufbewahrt. eter Bartholoma gerleth daruͤber in ſol⸗ chen Eifer, daßz er ſich zur Erhaͤrtung der Wahr⸗ heit ſeiner Ausſage zur Feuerprobe bereit er⸗ klaͤrte. Nachdem er ſich bis auf das Hemd ent⸗ kleidet hatte, nahm er ein gluͤhendes Eifen in die Hand, und ging durch ein großes Feuer; er verbrannte ſich aber ſo ſehr, daß er 12 Tage ſpaͤter nach vielen Schmerzen ſtarb.(Wilhelmi Tyr. gesta Francorum.) —.,— 63 1098. Die Thuͤren wurden verſchloſſen, und außen wartete das ganze Herr ungeduldig auf den Erfolg der Unterſuchungen. Schon zwoͤlf Schuh tief war die Erde aufgewuhlt; da ſtieg Peter Bartholomaͤ barfuß in die Grube, und zog die Buͤrgſchaft der Gnade, die heilige Lanze hervor! Man kuͤßt ſie, hinge⸗ worfen auf die Knie: man ſchreit Wunder, ringsum Wunder! Die Tempelthuͤren werden geoͤffnet, die er⸗ ſtaunte Menge ſieht, und betet an!⸗ Nun war keine Seele mehr, die nicht zur hoͤch⸗ ſten, muthigſten Begeiſterung erhoben wurde. Des himmliſchen Schutzes ſo gewiß: wie ſollte Hunger, wie menſchliches Elend den Geiſt beugen? Alles ver⸗ langt nach der Stunde des Kampfes, Alles nach dem Blute der Sarazenen. Da ward Peter der Einſiedler, den das Feuer der Bewunderung in vorzuͤglichem Grade er⸗ fuͤllt hatte, abgeſandt an den Koͤnig Korbanas von Perſien. Armſelig ſchien ſeine Geſtalt; die Muſel⸗ maͤnner uͤberhaͤuften ihn mit Spott, Mitleiden und Verachtung. Aber mit majeſtaͤtiſchen Schritten naͤ⸗ herte ſich der Einſtedler. Weder die drohende Miene, noch der Glanz und die Hoheit des Koͤnigs, weder ſein hoher Thron, noch die zahlreichen Wachen ſchreck⸗ ten ihn. Durch ſeinen Dollmetſcher, Erlevin oder Helvin, eroͤffnete er dem Fuͤrſten der Unglaͤubigen, daß die Zeit gekommen ſei, wo er zerſchmettert werde von der Rache des Allerheiligſten. Nur ſchnelle Flucht 64 und Ruͤckkehr in ſein Land koͤnne ihn retten. Die Kreuzfuͤrſten verſpraͤchen ihm hiezu Schutz und Erleich⸗ terung. Noch beſſer ſei es aber, wenn er mit den Seinigen abſchwoͤren wollte dem falſchen Gott, und die Laue der Chriſten empfangen. Wer ſchildert das Erſtaunen, den Zorn und Wi⸗ derwillen der Sarazenen? Sie zitterten laut und knirſchten vor Wuth. Sie ſtarrten wild ihren Feld⸗ herrn an, und rollten dann wieder die funkelnden Au⸗ gen auf den kuͤhnen Sprecher. Korbanas, welcher nur von dem klaͤglichen Zuſtande der Kreusfahrer un⸗ terrichtet war, verſtummte. Grimm zermalmte ſein Inneres; dann brach er in bitteres Hohngelaͤchter aus, und rieth dem Einſiedler, um ſein Leben zu retten, ſich ſchnell aus dem Lager zu fluͤchten Er ſchwur, keinem Chriſten eine andere Wahl zu laſſen, als ⸗ Ketten, oder den Tod unter des Henkers Hand. Die fuͤrchterlichſten Gotteslaͤſterungen begleiteten ſeine Worte. Dabei wollte des frommen Einſiedlers Herz zerbrechen; er wollte antworten, aber der Koͤnig, wel⸗ cher ſchon mehrmal mit der Fauſt an den Saͤbel ge⸗ griffen hatte, gebot ſeine Entfernung mit donnernder Stimme. Um blutige Auftritte zu vermeiden, wurde der ſchleunig aus dem Lager ge hafft. 4 Zu den Seinigen zuruͤck gekommen, fand Peter kaum Worte genug, die Gottloſigkeit der Muſelmaͤn⸗ ner zu ſchildern, und die Chriſten zur Rache anzu⸗ feuern. Es gelang ihm trefflich. Eine entſcheidende 65 Schlacht ward ſogleich anberaumt, laͤngſtens auf den folgenden Tag; Jeder mußte augenblicklich Waffen und Pferde in Ordnung bringen. Da man ſiegen oder ſterben wollte, ſo wurden alle Lebensmittel, welche ſich noch vorfanden, vertheilt, und vollends aufgezehrt. Den zweihundert Pferden, welche noch vorhanden wa⸗ ren, wurde das letzte nahrhafte Futter gereicht. Bi⸗ ſchoͤfe und Prieſter ermahnten die Soldaten zur Buße. Sie mußten ſich durch Beicht und Abendmabl reini⸗ gen, um ſich der kommenden Wunder, und des Bei⸗ ſtandes des Himmels würdig zu machen. Der Abend und die ganze Nacht wurde zugebracht mit Kriegesruͤ⸗ ſtungen und Andacht. Man laͤuft ſchaarenweiſe zur Kirche, geht zum Beichtſtuhl, vergißt Beleidigungen und Zwiſt, ſchwoͤrt Beiſtand und Freundſchaft bis in den Tod. So brach der den Sieg weiſſagende Tag an— den 29. des Brachmonats, am Feſte Peters und Pauls. In der Fruͤhe des Morgens verrichten die Prieſter ihr Metopfer; ſie ertheilen dem ganzen Heere die Losſprechung der Suͤnden und das Abendmahl. Dann eilt Jeder zu ſeiner Fahne, die ſich alle beim Hauptthore verſammelt hatten. Alle ſtreitbare Maͤn⸗ ner ruͤckten aus; nur zweihund et, unter dem Grafen Ragimund von Toulouſe, blieben zur Bedeckung zuruͤck. Jetzt theilte man das Heer in zwoͤlf Hau⸗ fen. Sie hatten alle zhre Anfuͤhrer: Hugo den Großen, Robert von Flandern, Gottfried von Bouillon, Adhemar den podienſer Bi⸗ 3tes B. Paläſtina. I, 1.. 5 66 ſchof, bei welchem die heilige Lanze war; Peter und Rainhold von Toul, Heinrich von der Hache, Tanered, und noch viele andere beruͤhmte Helden. Boamund fuͤhrte den letzten Zug; dabei waren Ritter, die keine Pferde hatten, zu Fuße gin⸗ gen, oder auf Ochſen und Eſeln ſaßen. Magerkeit und Blaͤſſe bezeichnete jeglichen Streiter; ſie zu ver⸗ bergen, ihre Anzahl fuͤrchterlicher zu machen, zogen ſie im feſtlichen Umgange einher, Biſchoͤfe, Prieſter und Moͤnche wallten voran in geiſtlichen Kleidern, und ertheilten mit dem Kreuze den Segen. Andere ſanden auf der Mauer, und ſchickten Wuͤnſche und Segnungen nach. Pfalmen wurden geſungen und geiſtliche Lieder, um ſich Muth einzufioͤßen, und Kraft zum Streite. Alſo kamen ſie zu der Ebene zwiſchen dem Fluſſe HOrontes und dem Gebirge. Ein ſtarker Thau war gefallen; durch ihn wurden alle wie neu belebt. Und ehe ſie weiter zogen, ließ der podienſer Biſchof das Heer noch ein Mal halten. Darauf nahm er den Helm ab, und hielt die heilige Lanze empor. Eine hinreißende Rede entſtroͤmte ſeinen Lippen. „Euer Sieg, euer Triumph iſt gewiß!“ rief er,„Gott ſelbſt hat euch hiezu das Zeichen gegeben, vor welchem allein ſchon die feindlichen Schaaren zu Boden fallen. Engel werden euch zu Huͤlfe kommen; zittert nicht vor ihnen, ahmt nur ihre Tapferkeit nach. Noch nie gab es Soldaten, wie ihr ſeid: denn ihr aͤrntet ent⸗ weder alle Reichthuͤmer dieſer Unglaͤubigen, alle Schaͤtze 67 des Morgenlandes, oder was noch viel beneideuswer⸗ ther iſt, die Maͤrtyrerkrone, die euch augenblick⸗ lich zur ewigen Seligkeit fuͤhrt.“ Mit furchtbarem Kriegsgeſchrei ruͤckten nun die Chriſten zur eiſernen Bruͤcke. Der Koͤnig von Per⸗ ſſen hatte zweitauſend Mann voraus geſchickt; unter ihnen richteten Hugo der Große, Balduin von Hennegau und Andere ſogleich eine voͤllige Nie⸗ derlage an, und eroͤffneten dadurch dem Kreuzheere einen freien Uebergang. Hernach beſetzten ſie in zwei breiten Linien die Anhoͤhen, vom Fluſſe bis zu den Gebirgen. Hugo befand ſich auf dem rechten, Gott⸗ fried auf dem linken Fluͤgel; in der Mitte war der podienſer Biſchof; Boamund fuͤhrte das Hinter⸗ treffen. Eine ſolche Entſchloſſenheit hatte Korbanas nicht erwartet. Er ſay die vortheilhafte Stellung der Chriſten; ſogleich ließ er das ganze Heer zu den Waf⸗ fen greifen. Dem Boten, der ihm die Nachricht von der Niederlage ſeiner Zweitauſende brachte, ließ er den Kopf abſchlagen, weil er ſie fuͤr Luͤge hielt; aber bald uͤberzeugte er ſich von der Wahrheit. Nun ſann er darauf, ſeine Feinde einzuſchließen; denn ſeine Macht war wenigſtens zwei Mal ſo ſtark. Wohlgeordnet ver⸗ theilte er ſeine Macht; er ſelbſt, von dreitauſend Agu⸗ lanen unterſtutzt, leitete das Ganze; die Schlacht be⸗ gann. Wo Hugo ſtand, geſchahen Wunder der Tapfer⸗ 68 keit: die Sarazenen kamen in Unordnung, ihre Glie⸗ der wurden getrennt, ſie nahmen die Flucht. Doch auf Boamunds Hintertreffen hatten ſich die wuͤ⸗ thendſten Tuͤrken geworfen; die Chriſten mußten wei⸗ chen. Sie alle waͤren umgekommen, wenn nicht Tan⸗ ered, Hugo und Gottfried dem Streite eine andere Wendung gegeben haͤtten. Hugo durchbohrte den Emir von Karaszeth, der am heftigſten in die Hau⸗ fen der Chriſten drang; ſeine erſchrockenen Leute ſlo⸗ hen. Ein anderer Muſelmann ließ Feuer in das duͤrre Gras werfen; dadurch entſtand ein ſtark flammender Brand. Die Chriſten hatten den Wind wider ſich, wurden von Flammen und Rauch eingehuͤllt; ſie muß⸗ ten weichen; wuͤthend drangen die Tuͤrken nach. Da ſah man vom Gebirge herab einige Reiter kommen; in der Verwirrung hielt man ſie fuͤr ein ganzes Heer. Sie hatten eine glaͤnzend weiße Ruͤſtung, und wur⸗ den von drei ausnehmend praͤchtigen Rittern gefuͤhrt. „Seht, Soldaten!“ rief der podienſer Biſchof,„da kommt der himmliſche Beiſtand!“— Man ſah es — neues Feuer durchdrang alle Herzen, waͤhrend die Sarazenen uͤber dieſe Erſcheinung erſchracken, und al⸗ len Muth verloren. Von Antiochien her erſchallte ein uͤbertaͤubender Zuruf der Weiber und Kinder; die Prieſter fuhren fort, ihren Segen zu ſpenden, und vollkommen erkaͤmpft wurde der Sieg!— Hugo, Tancred, Gottfried und andere verfolgten die fliehenden Feinde bis tief in die Nacht. Sie hatten 3 69 die ſchuͤnſten Pferde der Tuͤrken erbeutet; darauf jag⸗ ten ſie ihnen in der groͤßten Hitze nach. Die Sara⸗ zenen hatten, ohne die unzaͤhlige Menge Fnßvolkes, hunderttauſend Reiter verloren; die Kreuzfahrer zaͤhl⸗ ten viertauſend Todte. Es war ſpaͤt in der Nacht, darum blieben die Sieger im Lager der Unglaͤubigen, Die Beute war unermeßlich. Man brachte fuͤnfzehntauſend Kameele zu⸗ ſammen; dreißig Tage vergingen, ehe Alles nach An⸗ tiochten konnte geſchleppt werden. Das praͤchtige Ge⸗ zelt des Koͤnigs von Perſien wurde dem Boam und zu Theil. Er glaͤnzte von Gold und Silber, und war von ſo großem Umfange, daß es begem zweitauſend Menſchen faſſen konnte. Es war in Straßen abge⸗ theilt, und mit Thuͤrmen, gleich einer befeſtigten Stadt, verſehen.. Unter allen bisherigen Siegen der Kreuzfahrer war dieſer der herrlichſte. Als ſie am folgenden Tage von der Ermattung des heißen Kampfes, und von dem Taumel der Siegesfreuden erwachten, da ſtiegen ſie hoch uͤber die Leichen der Feinde einher, und zogen unter Frohlocken des Volkes, unter dem Pſalmenge⸗ ſange der Prieſter in die Stadt ein. An dem Tage der Schlacht, als die Macht der Tuͤrken geſunken war, oͤffnete auch die Beſazung des Kaſtelles bei Antiochien, welches die Chriſten noch nie hatten erſtuͤrmen koͤnnen, freiwillig die Thore. Der Befehlshaber kam hervor, an der Spitze von Dreĩhun⸗ 70 derten. Er verlangte, ein Chriſt zu werden, und wurde mit ſeinen Begleitern getauft. Ueber dieſes Ereigniß hatten die Kreuzfahrer faſt eine ſo große Freude, als uͤber den Sieg ſelbſt. Unmittelbar nach dieſen glorreichen Ereigniſſen war man befliſſen, Antiochien wieder in den alten Stand der Chriſtenheit einzuſetzen. Man vertheilte vor Allem die Geiſtlichkeit in die Kirchen der Stadt und der Umgegend; man wies ihnen hinlaͤngliche Ein⸗ künfte an. Zu Kleidungen und Kirchenſchmuck nahm man Alles, was von der Beute brauchbar war. Der griechiſche Patriarch wurde wieder auf ſeinen Stuhl erhoben, und der Geiſtlichkeit vorgeſetzt; der erſte war Bernhard von Valence. Jetzt dachte man auch ernſtlich darauf, nach Je⸗ ruſalem zu ziehen; denn dieſes war ja die Haupt⸗ urſache, warum man nach Aſien gekommen war. Aber das Heer war ſo geſchwaͤcht, die Hitze ſo außerordent⸗ lich, daß man einige Zeit in Ruhe ſich pflegen mußte. Die Fuͤrſten begnuͤgten ſich, einſtweilen in der Ge⸗ gend umher zu ſchweifen, und ſich einige Plaͤtze un⸗ terwuͤrſig zu machen. Auch wurde beſchloſſen, eine Geſandtſchaft an den Kaiſer Alexius zu befoͤrdern, um ihn zur rechten Zeit an das Verſprechen, mit ſei⸗ ner Kriegsmacht nach Jeruſalem zu ziehen, zu mah⸗ nen. Hugo der Große und Balduin von Hen⸗ negau reiſten, Jeder mit einem kleinem Gefolge, ab. Als Letzterer ein wenig voraus gegangen war, ſiel er 71 bei eizaͤg in die Hoͤnde der Unglaͤubigen, und kam nicht mehr zum Vorſchein. Hugo war gluͤcklicher, und erreichte Konſtantinopel. Seine Vorſtellun⸗ gen richteten aber bei dem Kaiſer nichts aus; unwil⸗ lig entfernte er ſich von dem falſchen Alexius— und ſtarb, ohne wieder zum Heere zuruͤck zu kommen. Bald darauf— den 1. Auguſt 1098— ſtarb zu Antio⸗ chien auch Adhemar, der podienſer Biſchof, und ward an die Stelle begraben, wo die heilige Lanze gefunden worden iſt. Dieſe Begebenheiten fielen dem Kreuzheere ſehr empfindlich, zu einer Zeit, wo eine Seuche, verurſacht durch die faulen Duͤnſte ſo vieler Leichname, fuͤnfzigtauſend Menſchen hinweg gerafft hatte. Mit ihnen ſtarb Heinrich von der Hache, STanered, Peter, Naimund, und etliche tau⸗ ſend Teutſche, die kurz zuvor im Hafen zu St. Si⸗ meon gelandet, und zu Gottfried gekommen waren. Deſſen ungeachtet waren die Kreuzfuͤrſten nicht muͤßig. Boamund zog nach Cilizien, bemaͤchtigte ſich der widerſetzlichſten Plaͤtze, und ließ Beſatzungen darin, beſonders in Adang, Maniſtra und Anavarga. Raimund Pilet, ein Lehentraͤger des Grafen von Toulouſe, ſammelte einen Haufen Reiſige und Fuß⸗ knechte; mit dieſen zog er in der Sarazenen Land. Er kam zwei Staͤdte voruͤber, nach Talaminig. Die Surianer, welche darin waren, ergaben ſich ihm; ein anderes Schloß in der Naͤhe aber, worin eine große Anzahl Tuͤrken waren, erſtuͤrmte er mit ſtarker 72 Hand, und ließ die ganze Beſatzung uͤber die Klinge ſpringen. Nicht ſo gluͤcklich waren ſie bei Narra; dort hatten ſich aus Aleph und andern Staͤdten Sa⸗ razenen und Tuͤrken verſammelt. Vergebens ſtuͤrmten die Chriſten wider ſie; große Sonnenhitze und Man⸗ gel an Waſſer zwang ſie ſogar, wieder nach Talami⸗ nia zuruͤck zu kehren. Auch der Graf St. Egidien ſel in der Sara⸗ zenen Land ein. Er erſtuͤrmte die feſte Stadt Alba⸗ rig, und ließ Alles morden, was nicht an Chriſtus glaubte. Da dieſe Stadt fruͤher den Chriſten abge⸗ nommen worden iſt, ſo wollte er ſie denſelben wieder einraͤumen, ſtellte ihren Gottesdienſt her, und ſorgte, daß ein eigener Biſchof eingeſetzt wuͤrde. Noch wei⸗ ter verbreitete ſich der Graf in der Landſchaft Ap a⸗ mea, die am oͤſtlichen Ufer des Euphrat liegt; Ru⸗ giag und Roja fielen ihm zu. Es war ein Tag beſtimmt, an welchem ſich alle Heerfuͤhrer zu Antiochien verſammeln ſollten, um ſich ferner und ernſtlich zu berarhen wegen der Belagerung Jeruſalems. An dem Tage des Allerheiligenfeſtes, dem erſten des Wintermonats 1098, wurde Kriegsrath in der Hauptkirche des h. Peters gehalten. Es erhob ſich aber ein Streit zwiſchen Boamund und dem Grafen Raimund, wegen des Beſitzes von Antio⸗ chien. Die Herrſchaft dieſer Stadt war dem Erſteren vertragsmaͤßig zugeſagt, indeß Letzterer das Kaſtell und den Caſſianspalaſt beſaß. Das ganze Heer war uͤber ihn aufgebracht. Deswegen verließ er unwillig Autiochien, und zog wieder nach Albaria, wohin ihm Gottfried, Tanered und Andere folgten. Inzwiſchen waren jetzt doch beinahe alle Kreuz⸗ voͤlker verſammelt. Sie hatten ſich vorgenommen, Marra zu ſtuͤrmen, und zogen vor deſſen Mauern. Ihr erſter Angriff war nicht gluͤcklich; ſie hatten ſich Hoffnung gemacht, den Platz zu erſteigen, aber es fehlte an Leitern. Sie mußten es auf eine Belage⸗ rung ankommen laſſen, welche zwar kurz, allein we⸗ gen der Vertheidigungsart der Belagerten ſehr blutig war. Sie bedienten ſich unter andern Widerſtands⸗ mitteln auch des griechiſchen Feuers. Verheerender als dieſes war der Hunger wieder unter den Kreuz⸗ fahrern eingeriſſen. Das Elend erneuerte ſich in Marra, wie ehemals in Antiochien, mit gleicher Ent⸗ ſetzlichkeit. Faulende Tuͤrkenleichen wurden verzehrt, Kinder geſchlachtet, und Hunde gebraten! Sie wuͤhl⸗ ten in den Eingeweiden der Todten, um ein ver⸗ ſchlucktes Gold zu finden. Jetzt erſt kam Boamund an; er hemmte dieſen Frevel, und beſchleunigte den Sturm. In dieſem war Gottfried von Tours der Erſte, welcher die Mauern erſtieg, und mit dem Schwerte in der Hand in die Stadt drang. Bald war nun ganz Marra von den Kreuzfahrern uͤber⸗ ſchwemmt; doch Wuth und Raſerei hatte die Sieger befangen: ſie toͤdteten alle Einwohner, Maͤnner, Wei⸗ ber, Greiſe und Kinder. Nur die ſchoͤnen, ſtarken Juͤnglinge verſchonte Boamund, und ließ ſte nach Antiochien bringen, wo er ſie zu verkaufen gedachte. Aber immer war dieſe Eroberung ſehr theuer zu ſte⸗ hen gekommen. Außer vielen Rittern und Knappen verlor auch der Biſchof von Orange das Leben, und zuletzt waͤre unter den Kreußfaͤrſten ſelbſt eine un⸗ gluͤckliche Fehde ausgebrochen, da Boamund und Raimund ſich wie Todfeinde haßten, und ſich wech⸗ ſelſeitig um den Beſitz und die Herrſchaft uͤber An⸗ tiochien, Albaria, Marra und andere eroberte Plaͤtze bekaͤmpften; aber das ganze Heer murrte uͤber dieſen Zank der Fuͤrſten; es verlangte mit Ungeſtuͤmm, den Zug nach Jeruſalem anzutreten; es wollte ſogar an⸗ dere Fuͤhrer waͤhlen. Endlich wurden die Weihnachts⸗ feſte zur Abreiſe beſtimmt; aber auch dieſe verſtrichen ohne Erfolg. Es hatte inzwiſchen Tancred dem Fuͤrſten Boamund jenen Thurm und Palaſt in die Gewalt gebracht, welche Raimund zu Antiochien noch beſeſſen hatte, indem er eine auserleſene Mann⸗ ſchaft in Kapuzinerroͤcke geſteckt hatte, unter welchen ſie ihre Waffen vorborgen hielten. Raſch gingen ſie auf das Hauptthor zu, und uͤberwaͤltigten des Gra⸗ fen Leute. Dadurch erſt war Boamund einziger Herr von Antiochien. Raimunds Verdruß daruͤber war um ſo groͤßer, als zu gleicher Zeit unter ſeinen eigenen Kriegsknech⸗ ten das Feuer der Empoͤrung loderte. Sie fuͤrchte⸗ ten, ihr Herr moͤchte zu Marra ſich feſtſetzen wollen, 75 wie Boamund zu Antiochien. Die Reiſe nach Je⸗ ruſalem wollten ſie nun einmal nicht durch ſolche Nie⸗ berlaſſungen unterbrechen laſſen. Sie riſſen deswegen, in Raimunds Abweſenheit, die Mauern der Stadt nieder, und ſchleiften die Feſtungswerke. Des Gra⸗ fen Wuth bei dem Aublicke dieſer Zerſtoͤrung war ſo groß, daß er die Stadt in Brand ſtecken ließ, und weiter zog. Bald darauf begab er ſich barfuß, im An⸗ zuge eines Buͤßenden nach Kafarda, einem Schloſſe, vier Meilen vom zerſtoͤrten Marra. Es begleiteten ihn auch der Biſchof von Albaria, und alle Krieger voll Andacht, den 13. Jaͤnner 1099 dahin. Indeſſen die andern Haͤupter des Heeres immer noch nicht zu bewegen waren, von Antiochien zu wei⸗ chen, zog Graf Raimund mit zehntauſend Mann ab, unter welchen ſich aber nur etliche tauſend Pferde befanden. Jedoch hatten Tanered und Robert, der Herzog von der Normandie, unterwegs ihr Fuß⸗ volk, und den Ueberreſt der Reiterei ihm zugefuͤhrt; ſie kamen nach Caͤſarea. Hier kaufte Raimund tau⸗ ſend Pferde, und zwar vom tuͤrkiſchen Befehlshaber der Stadt ſelbſt, der ſich fuͤrchtete vor den Waffen der Kreuzfahrer, und ihre Freundſchaft ſuchte. So machten es in der Folge alle ſarazeniſchen Statthal⸗ ter; ſie kauften ſich von der Brandſchatzung los, ſchickten Lebensmiteel, bezahlten ein Schutzgeld, oder verſprachen Trfbut. Die Kreuzfahrer pflanzten dann ihre Fahne auf die Mauer des Ortes, damit er von 76 keinem der Ihrigen mehr eine Beunruhigung zu er⸗ fahren hatte. Meiſtens ward die Fahne Raimunds, des Grafen von Toulouſe, geſehen, der ſeit dem Ab⸗ zuge von Antiochien und der Zerſtoͤrung von Marra bis nach Phoͤnizien vorgeruͤckt war. 3 Dort liegt am Fuße des Berges Libanon, zwi⸗ ſchen Tortoſa und Tripolis, die Feſte Arka. Der Emir von Tripolis hatte verſprochen, ſich zu unter⸗ werfen; Raimund glaubte alſo, er wuͤrde dieſe Feſte ohne Anſtand erlangen; doch ſogleich ſein erſter Sturm wurde den 1s5. Hornung 1099 abgeſchlagen. Darauf belagerte er den Ort drei Monate lang ver⸗ gebens. Ohne Erfolg mußte er abziehen, nachdem er eine große Anzahl der tapferſten Ritter eingebuͤßt hatte. Gluͤcklicher waren ſeine herum ſtreifenden Hau⸗ fen; ſie brachten viele hundert Stuͤck Vieh in das La⸗ ger, und hatten ſich der Stadt Tortoſa bemeiſtert. Waͤhrend dieſes Vorganges waren endlich auch die Krruzfuͤrſten von Antiochien durch das Verlangen des Heeres bewogen worden, den Weg nach Jeruſa⸗ lem anzutreten. Boamund begleitete ſie bis Lao⸗ dizea. Mittagwaͤrts gelangten hierauf die Kreuzfah⸗ rer an die Stadt Dſchabala(Kephalia), im Lande Dſchibele(Gibellium). Raimund lud ſie ein, ihm wider die Sarazenen in und um Arka zu Hilfe zu kommen; allein dieſes verweigerten die Fuͤrſten, und lagerten ſich eine Meile von ihm entfernt. So⸗ gar ſeine Belagerungswerkzeuge wurden gngezuͤndet; — 77 von dem groͤßten Theile des Heeres, ſelbſt von ſeinen Hausgenoſſen ſah er ſich verlaſſen. Darauf mußte er den Weg nach Tripolis nehmen. Dahin hatten ihm die Syrier ſelbſt den Weg ge⸗ zeigt; ja ſie erboten ſich, die Kreusfahrer laͤngs der Seekuͤſte nach Jeruſalem zu begleiten, und ihnen zu Lebensmitteln zu verhelfen. Daſelbſt waren naͤmlich Schiffe von Genua und Piſa, von Cypern, Rhodus und andern Eilanden angekommen. Sie fuhren am Ufer hin, wo das Heer einherzog, und brachten Er⸗ friſchungen. Dieſes hatte unterwegs die Voͤlker des Emirs von Tripolis geſchlagen, und der Tuͤrke Abul⸗ Ali fuͤrchtete, er moͤchte groͤßere Rache fuͤhlen wegen des Verluſtes, welchen die Kreuzfahrer bei Arka er⸗ litten hatten. Er ſchloß daher einen Vertrag mit ih⸗ nen, gab ihnen Lebensmittel und Geſchenke, ſetzte dreihundert chriſtliche Sklaven in Freiheit, und be⸗ wirkte damit, daß nach drei Tagen das ganze Heer vor ſeinen Mauern voruͤber zog. Gerne haͤtten die Kreuzfahrer vor denſelben laͤnger verweilt; denn ſie fanden eine neue Gattung koͤſtlicher Nahrung, deren Geſchmack ihrem Gaumen gar vortrefflich behagte. Sie geriethen uͤber das Zuckerrohr, deſſen Saft ſie auf das Begierigſte ausdruͤckten*). *) Schotz damals war naͤmlich die Pflanzung des Zuckerrohrs in Syrien bekannt, und deſſen Saft wurde ſtark gebraucht. Man baute es, wie bei uns jetzt die Kartoffeln. Sobald das Rohr reif 78 — Von Tripolis gelangten die Kreuzfahrer in die Ebeue von Baruth oder Beryt, und von da in die Gegend von Sidon. Am Ufer des Eleuthe⸗ rus wurden ſie waͤhrend ihrer Nachmittagsruhe auf einmal von todtlichen Schlangen angefallen, die man Tarenta nennt. Wer gebiſſen wurde, ſtarb unter war, ſtampfte man es in Moͤrſern, ließ den Saft gerinnen, und machte eine Maſſe daraus, die weiß wie Schnee oder Salz war. Von der Zeit an aber, vom Aufenthalte der Kreusfahrer vor Tripolis, fing der Gebrauch des Zuckers an, und verbreitete ſich uͤber ganz Europa. Man hielt ihn damals fuͤr eine Art des Honigs, und nannte ſein Rohr Honigrohr(cana mellis). In der Abſicht, den aͤgyptiſchen Handel zu Grund zu richten, und die Unternehmungen jenſeits des Meeres zu beguͤnſtigen, that man. den Vorſchlag, von dieſem Rohre, velches ſich nicht nur in der Gegend von Tripolis, ſondern auch in Cypern, Rhodus, und auf dem Wege 3 von Alexandrien nach Kairo befand, eine große 3 Anzahl nach Sizilien und Apulien zu verpflan⸗ zen, wo es leicht und gluͤcklich fortkam. Nach und nach entwickelte ſich dieſer Handelszweig; das Zuckerrohr wurde nach Granada, ferner auf die Kanarien und Madeira, endlich nach Bra⸗ ſilien und ganz Weſtindien verpflanzt, wo es unter empoͤrenden Grauſamkeiten von den afri⸗ kaniſchen Negerſklaven gebaut werden mußte, und wo es noch gepflanzt wird; wiewohl Man⸗ che zweifeln, ob das Zuckerrohr nicht vorher ſchon wild in Suͤdamerika ꝛc. gewachſen iſt. 79 unſaͤglichen Schmerzen und einem unloͤſchbaren Dur⸗ ſte, ſie gaben ihnen daher den Namen Feuerſchlan⸗ gen. Man zog ſchnell aus dieſer gefaͤhrlichen Gegend, kam an den Mauern von Sagitta oder Athareb(Sa⸗ repte) vorbei, und bis Tur oder Tyrus. Mit dem Emir von Ptolemais(Akra, nachher St. Jean d' Acre) ward ein Vertrag geſchloſſen, gemaͤß welchem er Lebensmittel zu bringen verſprach, und ſpaͤter noch ein Vaſall der Chriſten blieb. So gelangten ſie bald darauf zur Pfingſtzeit nach Caͤſarea, ſchlugen daſelbſt ihr Lager auf, kauften Pferde, und feierten das Pfingſtfeſt am 29. Mai 1099.— Ueber Lidda(Di⸗ ospolis, wo Georg der Heilige den Maͤrtyrertod erlitten hat), kamen ſie nach Ramula(der Vater⸗ ſtadt Samuels), und bemaͤchtigten ſich deſſelben. Nach⸗ dem ſie dort, in der Perfon des Prieſters Robert von Rouen, einen Biſchof eingeſetzt hatten, gin⸗ gen ſie weiter gegen Morgen, und gelangten bei den Truͤmmern von Nikopolis an. Dieſes Emmaus war zur Zeit Chriſtus eine beruͤhmte Stadt, jetzt aber nur noch ein abgefallener Flecken. Zu Emmaus fanden die Kreuzfahrer Abgeord⸗ nete aus Bethlehem, welche Chriſten waren. Sie ba⸗ ten, man moͤchte ſich des Staͤdtchens bei der Nacht bemaͤchtigen. Ritter Tancred ging alſo dahin; die uͤbrigen Fuͤrſten zogen mit ihrem Heere jenſeits Ni⸗ kopolis auf eine Hoͤhe, und ſahen da—— Jeruſalem lag, wie ein Teppich ausgebreitet, 80 vor ihren Augen.„Gott will es haben!“ erſcholl es laut, und der Wiederhall von den Bergen umher toͤnte tauſend Mal dieſes jauchzende Kriegsgeſchrei wie⸗ der:„Gott will es haben!(Deus lo vult.) Ihr lau⸗ tes Frohlocken ging bald in ſtille Andacht uͤber; die Augen zitterten von Thraͤnen; Alles ſiel auf die Knie, kuͤßte den Boden, den Jeſus betrat!— Hier der Bach Kidron; da Gethſemane; dort Moriaz dort der Tempel des Allerheiligſten; dort Golgg⸗ tha!— Die Chriſten lagen nieder gebeugt in den Staub; des Gekreuzigten Blut ſchien noch aus der Erde zu dampfen, und zur Rache anzufeuern! Ihre Wuth nahm Fluͤgel; ſie wollten ohne Ordnung hin⸗ ein raſen, zu zerſchmettern Alles, was den Unglaͤubi⸗ gen gehoͤrte!— Dieſer Tag war der 9. des Brach⸗ monats 1099.. Tanered hatte inzwiſchen Bethlehem eingenom⸗ men, darin eine Beſatzung gelaſſen, und wollte nun auch Jeruſalem ſchauen. Als er nahe zur Stadt kam, begegneten ihm verſchiedene Herden, welche fuͤr die Kreuzfahrer waren erbeutet worden; aber ein Haufe Sarazenen verfolgte ſie. Tanered iagte ſogleich auf die Unglaͤubigen los, ſchlug ſie, und verfolgte ſie bis zu den Thoren von Jeruſalem. Gerne waͤre er in die Stadt gedrungen; er zaͤhlte ſeine Mannſchaft, ſie war zu geringe fuͤr ein ſolches Unternehmen. Tanered ging alſo auf den Oelberg zuruͤck, betrachtete Jeruſa⸗ ems Lage mit frommen und kriegeriſchen Empfindungen, 81 und vereinigte ſich dann wieder mit dem ganzen Heere der Kreuzfahrer. Sie ſangen froͤhliche Lieder und Lob⸗ geſaͤnge, und beſchloſſen unter einander, des folgen⸗ den Tages die Belagerung anzufangen. Palaͤſtina*) war alſs von nun an der Schau⸗ platz der Thaten des Kreuzheeres. Es iſt ein kleiner Strich Landes, in enge Graͤ zen eingeſchloſſen; aber große Begebenheiten unter verſchiedenen Voͤlkern zeich⸗ nen es als wichtig fuͤr die Weltgeſchichte aus. Der Himmelsſtrich iſt zwar gemaͤßigt; allein der lockere Sandboden iſt im Sommer ſehr heiß, wird ſelten durch Regen erfriſcht, und nur durch die thaͤtige Be⸗ triebſamkeit der Einwohner fruchtbar gemacht. In den Thaͤlern entziehen die umliegenden Berge zum Theil den ſchaͤdlichen Einfluß der Winde, und die Baͤche, welche Wieſen und Aecker bewaͤſſern, ſind ſe⸗ genreich fuͤr Palaͤſtina. Die Berge Tabor, Kar⸗ mel, Kalvaria, Efraim, Hebron, Sichem, Ebal, Garizim, Gilboa und Nebo waren *) Es graͤnzt gegen Mitternacht an Phoͤnitien, und das Gebirg des Libanus, gegen Morgen au Ara⸗ bien; mittagwaͤrts iſt die iduma ſche Wuͤſte, und gegen Abend das mittelaͤndiſche Meer. Die groͤßte noͤrdliche Breite betraͤgt gegen 21⁄1, die groͤßte Oſtlaͤnge 3 ½ Grade des Aequators. Es liegt zwiſchen 31 und 335 30: N. B. und zwiſchen 510 48⸗ und 550 Oſtlaͤnge, iſt alſo un⸗ befähr 36 deutſche Meilen hreit, und uͤber 59 ang. 3tes B. Paläſtina. I. 1. 6 8² meiſtentheils kahl; man mußte ſie mit Erde bedecken. Auf ihnen geraͤth dadurch der Weinwachs vortrefflich, an ihrem Fuße war gute Viehzucht und hinreichen⸗ der Ackerbau. Der Jordan, welcher das Land in 3 zwei Theile ſondert, iſt der einzige Hauptfluß, der auch nur ein kleines Sruͤck Land fruchtbar machen kann; er fließt zu bald, durch den galilaͤiſchen See, in das todte Meer. Die uͤbrigen Ebenen werden nur von dem Thaue benetzt, der hier ſehr haͤufig iſt; oder von Quellen, deren einige unter dem Boden weglau⸗ fen. Einige Seen und Baͤche, z. B. Kidron und Genezareth, bringen den Einwohnern noch man⸗ cherlei große Vortheile. Die natuͤrliche Rauhheit des Bodens in Palaͤſtina. offenbarte ſich auch zu allen Zeiten in dem Charakter ſeiner Bewohner. Sie waren immer arbeitſam, thaaͤ⸗— tig und nuͤchtern; ſahen ſich jedoch gezwungen, ſich mehr auf den Handel, als auf den Ackerbau zu le⸗ gen. Deswegen wurden ſie die Maͤckler von andern Welttheilen, und ſuchten ſich durch die Kniffe des Kunſtfleißes fuͤr die Kargheit der Natur zu entſchaͤdi⸗ gen. Das Land erlitt zugleich viele Veraͤnderungen: von ſeinen erſten Beſitzern heißt es Kanaan.— Dann das Land der Verheißung, das Land der Hebraͤer, in der Folge Koͤnigreich Juda, und Reich Iſrael. Die Roͤmer nannten es Palaͤſtina; die Chriſten nennen es noch— das gelobte Land. Als ſolches ward es zu Sprien gezaͤhlt, wo zu den 83 Zeiten der Kreuzfahrer Antiochien, Damask und Jeruſalem ſoll von Melchiſedek erbaut, und Salem genannt worden ſeyn; ſie veraͤnderte mehr⸗ mal durch fremde Eroberungen ihren Namen*). Durch den roͤmiſchen Kaiſer Aelius Hadrian wurde ſie zerſtoͤrt, wieder ausgebeſſert und erſt durch Konſtantin wieder verſchoͤnert. Doch hatte ſie unendlich viel von ihrem alten Glanze verloren, da ſie bald unter dieſes, bald unter jenes Joch ſiel. Ehe⸗ mals war ſie mittagwaͤrts auf vier Bergen, oder viel⸗ mehr Felſen erbaut) Eine ſehr ſtarke Mauer um⸗ *) Unter den Kanaaern hieß ſie Jebus, Erbtheil des Friedens; unter den Konigen von Juda kam der Name Jeruſalem auf. Im Grie⸗ chiſchen bedeutet dieſer Name Salomon's Tempel. Die Dichter nennen ſie Solima, die heil. Seher Sion, von einem der vor⸗ nehmſten Berge, worauf die Stadt erbaut war. Nach ihrer Zerſtoͤrung von Titus Veſpa⸗ ſian bekam ſie den Namen Aelia, vom Kai⸗ ſer Aelius Hadrian. Seit Konſtantin dem Grotzen ward ihr alter Name Jeru⸗ Lalem wieder eingefuͤhrt. Nur die Araber und Tuͤrken heißen ſie bald Beit-el⸗Kods, Bei⸗ tu⸗Mukades, Kods⸗Mobarek, Kods⸗ Scherif, welches ſoviel ais Haus der Hei⸗ ligkeit, die heiltige Stadt, das Haus Gottes, oder der Propheten bedeutet. **) Sion, oder die Stadt Davids, gegen Mit,ag und Abend; Moria gegen Morgen, wo Sa⸗ lomon'’s Tempel, und nachher Omar s Me⸗ 84 gab ſie, und feſte Thuͤrme waren darauf. Die Mauer war gar nuͤtzlich zur Vertheidigung eingerichtet, be⸗ ſonders auf den Seiten, wo die Thaͤler waren*). Zur Zeit der Kreuzzuͤge hatte Jeruſalem eine un⸗ ordentliche Geſtalt, und ſtellte ein laͤngliches, unre⸗ gelmaͤßiges Viereck vor. Am Oelberge ſtieg die Son⸗ ne herauf, hinter dem Sion ging ſie unter. Ha⸗ drian ließ die Stadt bis an Golgatha hin vergroͤ⸗ ßern, wo nach griechiſchen Ueberlieferungen der Mit⸗ telpunkt der Erde ſeyn, und das Haupt des Vaters Adam liegen ſollte**). Durch die vielen Veraͤnde⸗ rungen unter mancherlei Froberungen hatte Jeruſa⸗ lem nicht nur einen Theil ſeines umfanges, ſondern auch an ſeiner Staͤrke verloren. Sion, die Burg der Vertheidigung, ward abgeſchnitten von der Stadt. Keine Thuͤrme blieben mehr uͤbrig, als der Hippi⸗ kus im norhweſtlichen Winkel, und Pephina, nachher Kaſteu⸗Pifano genannt. Als Hadrian ſchee ſtand; Akra gegen Mo wo die alte Stadt Salem ſoll g ben; endlich Bezetha, gegen 2 Abend, den ha⸗ ernacht, Ain ſonſt auch Krinopolis, oder die Neuſtadt geuaunt. *) Das Thal Joſaphat, oder Kidron gegen dp Morgen; Gehenunoe, oder Silo gegen Mittag; und Rephaim gegen Abend. nwaͤrtig ſteht die praͤchtige Kirche der Auf⸗ ig da, als ein Denkmol von Konſtan⸗ 1 85⁵ die Stadt wieder herſtellte, ließ er den Berg Moria ebnen, um dem Hange der Juden zum Aufruhr keine neue Gelegenheit zu verſchaffen. Er fuͤllte die Thaͤler aus, um ihre Hartnaͤckigkeit zu beſtrafen. Durch dieſe Vorkehrungen wurde der Angriff auf der noͤrdlichen Seite weit leichter, als er ſonſt geweſen war. Die Thore Jeruſalems wurden vermindert, und dadurch gewann die Stadt; ſie hatte weniger Urſache, eine Ueberrumpelung zu befuͤrchten. Gegen Morgen war das Herdethor, oder Stephausthor, wodurch der erſte Maͤrtyrer zur Steinigung gefuͤhrt wurde; gegen Abend das Thor von Bethlehem oder Ramula, ehe⸗ mals Davids⸗ oder Gartenthor genannt; gegen Mit⸗ tag das Thor Sions, und gegen Mitternacht das Damasthor. Das beruͤhmte goldene Thor, durch welches Jeſus von Bethphage her ſeinen Einzug auf einer Eſelin hielt, ward mit Goldblech uͤberzogen, und ſtand gegen das Thal Joſaphat hin. Bei aller Schwaͤche dieſer Hauptſtadt von Ju⸗ daͤg, befand ſie ſich doch in einem guten Vertheidi⸗ gungsſtande. Den Aegyptiern, welche jetzt im Beſitze davon waren, mußte um ſo mehr daran gelegen ſeyn, ſie auf das ſtaͤrkſte zu befeſtigen, da ſie dieſelbe wider die Tuͤrken, denen ſie entriſſen war, und wider die Chriſten zu vertheidigen batten. Der Befehlshaber Iftikhar⸗Eddulet, den der Koͤnig von Aegyp⸗ ten dahin geſetzt hatte, war lange her ſorgfaͤltig be⸗ muͤht geweſen, von allen Seiten Kriegsvorrath und 86 Lebensmittel zuſammen zu ziehen. Waffen, Mauern und Thuͤrme ließ er verfertigen, und alle ſeine An⸗ ſtalten noch hinter einer Vormauer, Barbakane genannt, ſicher ſtellen. Um die tuͤrkiſchen und arabi⸗ ſchen Einwohner zu gewinnen, gab er ihnen reichli⸗ chen Sold, und das Verſprechen einer ewigen Be⸗ freiung von Abgaben. Alle Chriſten wollte er Anfangs ermorden, und alle ihre heiligen Denkmaͤler zerſtoͤren; doch begnuͤgte er ſich zuletzt, große Brandſchatzungen zu fordern, alle waffenfaͤhigen Chriſten aus der Stadt zu verbannen, und ihre Weiber und Kinder als Gei⸗ ſel zuruͤck zu behalten. Hierauf verwuͤſtete er die Gegenden um Jern⸗ ſalem. Er ließ alle Brunnen und Waſſerleitungen vor der Stadt zuwerfen, um den Kreuzfahrern einen heißen Kampfl! wider Hunger und Durſt zu bereiten. Auch war ſeine Beſatzung ſtark und tapſer genug, um ihnen zu widerſtehen; er zaͤhlte ſechzig tauſend wehr⸗ hafte Beſchuͤtzer. Das Kreuzheer war hingegen durch die Gefahren des Zuges, durch Schlachten und Krankheiten ge⸗ ſchwaͤcht worden. Indeſſen der Kern des Heeres, die Ritter, waren noch vorhanden. Auch kam auf dem Zuge nach Jeruſalem ein Haufen Euglaͤnder zu ihnen, unter welchen der gewaltige Edg ard Adeling ſich befand. Wegen des ſteilen Felſens und der tiefen Thaͤler ſchien ihnen die Morgen⸗ und Mittagsſeite 87 von Jeruſalem Aufangs fuͤr unuͤberwindlich; vortheil⸗ hafter hielten ſie, von Abend gegen Mitternacht anzu⸗ greifen. Robert, der Herzog von der Normandie, die Grafen Robert von Flandern und Hugo von St. Paul und Tanered waren auf der Seite des Damasthores; von Kalvaria bis an das Kaſtell Piſa⸗ na ſtand Gottfried und ſein Bruder Euſtach; Naimund, der Graf von Toulouſe, reichte mit ſeinen Leuten bis an den Berg Sion. Er ſelbſt be⸗ fand ſich an der Stelle des Speiſ ſaales, wo Jeſus mit ſeinen Jungern das letzte Abendmal genoſſen ha⸗ ben ſoll. Kaum waren die Umſchanzungen geendet, als man die Stadt durch einen ploͤtzlichen Ueberfall einzunehmen gedachte. Am 13, des Brachmonats be⸗ gann der Sturm mit ſolchem Feuer, daß die Chriſten bei Zeiten von Barbakane Meiſter wurden. Die Einwohner konnten ſich blos mit Pfeilen und ſieden⸗ dem Fette, welches ſie herab traͤufelten, vertheidi⸗ gen. Aber die Kreuzfahrer ſchloſſen ihre Schilde uͤber ſich zuſammen, und verſuchten alſo einen Sturm, auch auf die innere Mauer. Da ſie nur eine Leiter hatten, gelang es nicht; ſie mußten weichen. Ueber⸗ haupt fehlten ihnen Belagerungsmaſchinen, und ſol⸗ che herzuſtellen, war in einem verwuͤſteten Lande ſehr ſchwer, wo nicht der kleinſte Strauch uͤbrig war: denn die Tuͤrken hatten alle Baͤume ausgehauen. Da ent⸗ deckte Tancred auf ſeinen Streifereien eine Hoͤhle, worin einige Balken lagen; und die eingebornen Chri⸗ 88 ſien zeigten ein reichhaltiges Gehaoͤlz, nordwaͤrts von Jeruſalem. Zu gleicher Zeit waren in dem Hafen von Joppe zehn Schiffe aus Genna eingelaufen, mit Lebensmit⸗ teln, Werkzeugen und Arbeitern. Allein die Aegyp⸗ tier hatten bei Askalon Reiter aufgeſtellt, welche die Landung verhinderten, obwohl in Jopye ſelbſt, von Chriſten bewohnt, eine kleine Beſatzung lag. Die Chriſten ſchickten alſo einige Hundert Neiter und Fuß⸗ volk ab, welche einen Haufen Sarazenen bei Ramula fanden, ſchlugen, und hundert erbeutete Pferde in das Lager ſandten. Als ſie nach Joppe kamen, hatten die Feinde die Schiffe der Genueſer bereits verbrannt: die Schiffs⸗ ladungen und die Mannſchaft wurde aber noch geret⸗ tet. Letztere kam auch gluͤcklich zu dem Kriegsheere, und leiſtete nun, durch ihre Geſchicklichkeit, die er⸗ ſprießlichſten Dienſte. Die Arbeiter, welche alle mit ihren Werkzeugen verſehen waren, mußten ſogleich Naſchinen verfertigen. Auch die Lebensmittel kamen zur rechten Zeit: denn die ſchrecklich Plage, der Hunger, drohte bereits wider mit fuͤrchterlichen Ver vuͤſtungen. Konnte nun dieſem geſteuert werden, ſo biieb noch ein viel fuͤrchterlicher Feind uͤbrig— der nicht zu ſtillende Durſt, welcher wuͤthete, und die ſaͤmmtlichen Kreuzfahrer zur tiefſten Verzweiflung brachte. Der Kidron welcher nur im Winter Waſ⸗ — — 89 ſer hatte, war jetzt eln ſchlammigter Moraſt, dem ſich nicht einmal die Thiere naͤherten. Der Brunnen zu Siloe war nicht hinlaͤnglich, den Durſt der ganzen Menge zu loͤſchen. Man bezahlte ein Glas voll Er⸗ friſchung mit einem unglaublichen Preiſe. Wer das Vermoͤgen hiezu nicht hatte, mußte etliche Meilen weit gehen, um Quellen aufzuſuchen. Allein die Feinde, von ihrer Noth unterrichtet, hatten ſich in den Hinterhalt gelegt, und wurden nun um ſo leich⸗ ter uͤber ſie Meiſter, da ſie geſchwaͤcht waren durch Hunger und die Qualen des Durſtes. Und wenn man an einen Bach kam, ſo ſah man oft die blutigſten Auftritte. Das Uebermaß des Durſtes reizte, einen ſchon Trinkenden zu bekaͤmpfen, um ſich ſelbſt einen Augenblick fruͤher laben zu koͤnnen. Man brachte das Waſſer in neu gemachten Schlaͤuchen an das Lager; es war aber abſcheulich ſtinkend, und ſelbſt den Pfer⸗ den zuwider. Wohin man blickte, ſah man wankende Menſchen und Thiere, welche erquickende Quellen, oder kuͤhlenden Schatten ſuchten, nach dem labenden Morgenthau lechzten, oder im Wehen der Luͤfte nach Crquickung ſchnappten. Die gefaͤhrlichſten Krankheiten folgten auf dieſe Noth, und die Luͤfte wurden mit boͤſen Duͤnſten ge⸗ ſchwaͤngert; nichts mehr konnte die Chriſten retten, als die ſchnelle Eroberung der Stadt. Sie waren aber muthlos geworden, und das furchtbare Geruͤcht erhob ſich; der Koͤnig von Aegypten ſey mit einem 90⁰ iahlreichen Heere im Anzuge. Da mußte man arbei⸗ ten mit dem groͤßten Erfer an den Kriegsmaſchinen, ungeachtet eine brennende Sonnenhitze die Kraft der Haͤnde verzehrte. Auch die Belagerten mochten ſich nicht in gluͤck⸗ lichen Umfaͤnden befinden; auch ihnen war nach und nach das Waſſer verſiegt; ſie wagten ein ganzes Mo⸗ nat hindurch keinen Ausfall. Die Kreuzfahrer waren inzwiſchen zum Beſitze einer Menge von Leitern, Pfei⸗ len, Steinſchleudern, und anderen Maſchinen gekom⸗ men. Beſonders merkwuͤrdig waren die eirunden, hoͤlzernen Thuͤrme, welche auf Raͤdern fortgeſchoben werden konnten. Ein ſolcher Thurm*) hatte drei Stockwerke. Im erſten lenkten die Arbeiter und Kriegs⸗ kuͤnſtler den Gang der Bewegungen; das zweite war mit der Mauer von gleicher Hoͤhe; das dritte ragte daruͤber hinaus. Auf dieſen beiden waren die Solda⸗ ten, um aus den— darauf angebrachten, und von außen vorſchießenden Daͤchern ſtreiten zu konnen. Oben war eine Zugbruͤcke, wodurch man den Thurm mit der Bruſtwehr auf der Stadtmauet verband. Das ganze Werk hatte man mit Lehm beworfen, und mit friſchen Haͤuten bedeckt. Ueber Gottfrieds Thurm glaͤnzte ein goldenes Kreuz, welches die Feinde oft⸗ mals herab zu werfen vergebens verſuchten. Zwei Thuͤrme wurden auf dieſe Art herseſtellt, und die Be⸗ *) Pluteus oder phala. 91 lagerer ſchienen ihre groͤßte Hoffnung darauf zu ſetzen. Gottfried hatte zur Ausfuͤhrung dieſer Maſchinen, theils ſelbſt Geld hergegeben, theils von Gezelt zu Gezelt geſammel Man bemerkte, daß die Bela erten alle ihre Ma⸗ ſchinen auf die Seite, wo das Lager war, und wo ſie Sturm befuͤrchteten, gebracht hatten. Die Kreuzfah⸗ rer geriethen dadurch auf den kuͤhnen Einfall, die Be⸗ ſatzung zu uͤbereumpeln. Sie wollten nun an eben dem Orte angreifen, welchen ſie Anfangs fuͤr unuͤber⸗ windlich gehalten hatten. Gottfried und ſein Bru⸗ der brachten demnach ihr Gezelt in der tiefſten Stille der Nacht von der Abend⸗ nach der Morgenſeite, und verurſachten des andern Tages bei den Belagerten ſo⸗ wohl Verwunderung, als Schrerken. Die Fortſchaf⸗ fung der ſchweren Geruͤfte forderte uͤbrigens die Zeit von etlichen Tagen. Auch war an der Mittagsſeite ein ſo tiefer Graben, daß man drei Tage brauchte, um ihn auszufuͤllen. Graf Raimund gab jedem, der drei Steine hinein warf, einen Dreier. So kam es endlich durch Geld und Beharrlichkeit ſo weit, daß man die Maſchinen nahe an die Mauer ruͤcken, und ſich den beſten Erfolg verſprechen konnte. Gegen Mit⸗ ternacht ſollten gleichzeitig Tanered und die beiden Robert mit ihren Schirmen und Katzen angreiſen, unter deren Schutze man ſich den Mauern naͤhern konnte, ohne den Pfeilen der Feinde ausgeſetzt zu ſeyn. In wenigen Tagen war Alles zum Angriffe fer⸗ 92² tig; allein es herrſchten Mißheligkeiten, unter den Haͤuptern ſowohl, wie unter den Gemeinen. Des⸗ wegen traten die Prieſter hervor mit ſtrengen Ermah⸗ nungen. Man ſollte allen Groll und Haß aus dem Herzen verbannen, und die goͤttliche Barml erzigkeit in einer feierlichen Prozeſſion mit vereinigter Stimme an⸗ flehen; erſt dann koͤnnte man hoffen, die heilige Stadt zu erobern. Darauf umarmten ſich die Feldherren vor dem Angeſichte des ganzen Heeres. Alle andere, welche Zwiſt oder Feindſeligkeiten hatten, ahmten ihr Bei⸗ ſpiel nach. Man ſchwur, Alles zu vergeſſen, man be⸗ tete und faſtete. Dann aber gingen alle Kreuzfahrer aus ihren Gezelten. Die Biſchoͤfe ſchritten mit der ganzen Geiſtlichkeit voran, barfuß, in ihren Ordens⸗ kleidern. Mit Kruziſixen und andern heiligen Zeichen gingen ſie um die Stadt herum, auf den Oelberg, und ſangen Loblieder, unter dem Hohugeſchrei der Unglaͤubigen, welche von den Mauern herab uͤber dieſe Andacht ſchmaͤhten. Daruͤber entbrannten die Kreuz⸗ fahrer in Zorn und heiligen Eifer. Der Einſiedler Peter trat vor, und hielt eine Rede voll Begeiſte⸗ rung. Er wies ihnen das Grab des Erloͤſers, Kalva⸗ riens Felſen und des hohen Prieſters Pallaſt. Aus den Haͤnden der ſpottenden Unglaͤubigen die ſe Heilig⸗ thuͤmer zu entreißen, dafuͤr verſprach er Allen Him⸗ mel und Seligkeit. Mit unbeſchreiblichem Muthe gingen darauf die Kreusfahrer in ihr Lager zuruͤck. Sie dachten auf 93 nichts, als Rache und Blut, brachten dann die Nacht unter Andacht und Kriegsruͤſtungen zu. Man betete, gab Almoſen, beichtete, genoß das Abendmahl, und mit dem Aufange des Tages brach das ganze Heer zum Sturm auf. Es war der 14. Heumonats 1099. Schwaͤrmeriſch wuͤthend war der Angriff; die Belagerten vertheidig⸗ ten ſich dagegen mit kaltbluͤtiger Tapferkeit. Eiſerne und feurige Pfeile, ungeheure Steinſtuͤcke, ſiedendes Oel, und das griechiſche Feuer trieben die Kreutbruͤ⸗ der zuruͤck. Ihre Maſchinen waren zum Theile ver⸗ brannt, die Muthigſten waren geblieben; indeſſen die Meiſten ſich bei dem Anbruche der Nacht zitternd zu⸗ ruͤckzogen. Die ganze Nacht war unruhig und ſchrek⸗ kensvoll. Die Belagerer blieben unter den Waffen, und waren aͤußerſt beſchaͤftigt, den Thurm des Grafen von Toulouſe weder herzuſtellen, der am meiſten ge⸗ litten hatte. ie Unglaͤubigen innerhalb ihrer Mauern zitterten in en aus cht vor einem Ueberfalle. Auch ſie hatten vie Maſchinen zu beffern. Es erſchien unter dieſen Umſtaͤnden der Morgen des Tages, welcher ein Freitag war. Die Kreuzfah⸗ rer gingen wieder zum Sturme. Bis gegen Mittag war der Angriff eben ſo fruchtlos als grauſam. Der unbeſchreiblichſte Jammer von Mord und Grauſamkeit herrſchte uͤberall. Alle Kraft, alle Chaͤtigkeit der Chri⸗ ſten ward angewendet; aber ent ch wurde all ihr . 94 Muth zuruͤck geſchlagen von den Mauern Jeruſalems. Sie wankten.— Da— wird erzaͤhlt— erſchien auf dem Oelberge ein Reitersmann in ooͤlliger Ruͤſt ung. Seinen Schild, den die Strahlen der Sonne ent⸗ flammten, bewegte er hin gegen die Stadt, anzudeu⸗ ten, daß man dort eindringen ſollte.— Gotfried ſieht es und Raimund; ſie rufen den Reitern zu, und zeigen ihnen die unbegreifliche Erſcheinung. Aller Augen und Herzen ſind nach dem Oelberge gerichtet; der himmliſche Anblick entzuündet das ganze Heer mit neuem Feuer. Alles, was kaͤmpfen kann, kaͤmpft; Weiber und Kinder ſchieben die Maſchinen voran, oder reichen den Streitenden Erfriſchungen dar, von Glied zu Glied. Endlich wurden die Vormauern erobert, und man ruͤckte der innern Mauer naͤher. Nach einem hart⸗ naͤckigen Kampfe mit der Lanze und dem Wurfſpieſe gelang es dem Herzoge Gottfried von Lothrin⸗ gen, die Zußbruͤcke ſeines Thurms auf die Bruſt⸗ wehr ſo richtig fallen zu laſſen, daß ſie ſchnurgerade auf der Mauer ſtand. Nun ließ er eine Menge feuri⸗ ger Pfeile in die Stadt abſchießen, und der Wind war ſeinen Geſchoſſen ſo guͤnſtig, daß die Belagerten in ei⸗ nen Wirbelſturm von Feuer und Rauch eingehuͤllt wurden. Sie wichen zuruͤck?— Dieſer Bewegung bediente er ſich zu ſeinem Vortheile; er drang ein, trieb zuruͤck, und— mit dem Schwert in der Hand trat er in die beilige Stadt! Euſtach, ſein Bruder, 95 war mit ihm; Balduin von Bourg, Bern⸗ hard von St. Valier, Guicher, Rembald Kroton, Amanjeu und Albert, Letolde und Engelbrecht von Dornik.— Einige gingen durch die vorigen Tages gemachte Luͤcke, Andere er⸗ ſtiegen die Mauer durch Leitern; uͤberall und uͤberall toͤnte der Ruf:„Gott will es haben!“— Nun dran⸗ gen immer mehr von Chriſtenhelden in die Mauern Jeruſalems ein. Gaſton von Bearn, Hugo von St. Paul, Gerhard von Rouſſillon, Rembald von Orange, Ludwig von Mou⸗ ſon, Konon und Lambert von Montaigue. Sje durchbrachen das Stephansthor, und oͤffneten den uͤbrigen Kriegern freien Weg. Endlich drangen Alle hinein; zu klein war die Oeffnung fuͤr die große Men⸗ ge, Viele erſtickten. Aber die Luft wiederhallte rings⸗ um von dem Siegesgeſchrei:„Gott will es haben!“ — Es war Nachmittags 3 Uhr, der Wochentag und die Stunde des Todes Jeſu. Jeruſalem war erobert; nur der mittaͤgliche Theil that noch Widerſtand. Raimund ſah Gott⸗ frieds Eilboten kommen, die ihm den Sieg verkuͤnden den wollten. Sein Herz pochte vor Entzuͤcken und Muth.„Soldaten!“ rief er,„ſeht, dort ſind die Un⸗ ſerigen ſchon Meiſter der Stadt; nur wir ſind noch mit den Sarazenen im Handgemenge!— Fuͤrchterlich flammte das Feuer dieſer Ermahnung bei ſeinen Krie⸗ gern auf; Lanzen und Schwerter ſtießen ſie in die 96 Fugen der Mauern, und hoben einander in die Hoͤhe. Die Feinde entwichen in das Kaſtell Piſano mit ihrem Anfuͤhrer.— Raimund verfolgte mit ſeinen Rit⸗ tern die Ung laͤubigen bis an die Feſtung; zum ſuͤdli⸗ chen Thore kamen mehrere Chriſten herein— ein fuͤrchterliches Blutbad begann zu Jeruſalem! In Omars Moſchee hatten die Feinde Zuflucht geſucht; an dieſem Orte allein kamen zehntauſend Menſchen um.— Wohl haͤtten die Sieger ſchonen ſollen des Wehrloſen, oder des Schwachen und Un⸗ ſchuldigen. Sie vergißen des Himmels Erbarmen, im Gefuͤhl ihrer unausloͤſchlichen Rache. Das heilige Jeruſalem ward an dieſem Tage voll von Blut und Leichen der Unglaͤubigen. Am erſten entfernte ſich Gottfried vom Schau⸗ platze des Mordes, voll Begierde, dem Himmel zu danken fuͤr den ſchwer errungenen Sieg. Von drei Vertrauten begleitet, ging er barfuß und ohne Waf⸗ fen, zur Kirche des heil. Grabes. Dort, lange zur Erde gebeugt, harrte er in Andacht und tiefer Ver⸗ ehrung*). *) In der oͤffentlichen Bibliothek zu Bamberg be⸗ findet ſich eine Handſchrift auf 80 Pergament⸗ blaͤttern in 4. aus der dafigen Benedietinerabtei Michelsberg, dieſer beruͤhmten Schreibſchule, welche eine teutſche Predigt enthaͤlt, die ein Benedietiner bei dem Einzuge des Herzoges Gottfried von Bouillon gehalten haben 97 Das Heer der Kreuzfahrer ward benachrichtet von dem Gebete des Helden. Augenblicklich belebte ſie der Geiſt der Andacht wieder. Sie vergaßen Wuth und Nache; ſie folgten ſogleich den Regungen der Reue und Buße. Alle werfen ihre Waffen weg, wa⸗ ſchen ihre Haͤnde, reinigen die blutbeſpritzten Kleider, ſeufzen, weinen und wehklagen. Im feierlichen Zuge, mit bloßen Fuͤßen, wallen Heerfuͤhrer und Volk zur Kirche der Auferſtehung. Mit Kreuzen und Reliquien, Loblieder ſingend, werden ſie hier von der kleinen An⸗ zahl Chriſten empfangen, welche in der Stadt geblie⸗ ben waren. Ein lautes Freudengeſchrei erhob ſich zum Himmel; Lobgeſaͤnge, Bußuͤbungen und Gebete wech⸗ ſelten von nun an, und ſo kamen die Tage des OÖſter⸗ feſtes herbei. Nach demſelben war man vor Allem darauf be⸗ dacht, Jeruſalem von den faulenden Leichen zu reini⸗ gen, um der Peſt, die jetzt fuͤrchterlich drohte, zu weh⸗ ren. Die Sarazenen, denen man das Leben geſchenkt, ſollte. Die Handſchrift iſt offenbar aus dem XVv. Jahrhunderte der naͤmlichen Schreibſchule, welche ſo viele Urkunden kopirt, vidimirt und auch erdichtet hat. Da die Predigt mit vielen Tex⸗ ten aus den Werken des Abtes Bernard, welcher im XII. Jahrhunderte lebte, geſchwaͤn⸗ gert iſt, ſo erhellt daraus, daß die Schreidſchule abſichtlich eine Unwahrheit der Nachwelt mit⸗ theilte, wenn auch nicht die teutſche Schreibart ſchon dieſelbe widerlegte. Ztes B. Paläſtina. I. 1. 7 98 und zum Selavendienſte beſtimmt hatte, mußten die entſetzliche Arbeitslaſt auf ſich nehmen, die modernden Koͤrper ihrer Glaubensgenoſſen wegzuſchaffen. Sie ſammelten in Koͤrbe die zerſtreuten Glieder ihrer Ael⸗ tern und Freunde. Nur wenige Chriſten unterſtuͤtzten ſie im Begraben dieſer Todten. Viele der Leichname wurden auch auf Haufen geworfen und verbrannt. Im Kaſtell Piſano, dem Thurme Davids, wohin der Statthalter mit wenigen Andern ſich gefluͤchtet hatte, war keine lange Sicherheit zu hoffen. Der Tuͤrke gab eine große Summe Geldes fuͤr den freien Abzug. Raimund nahm das Geld, und geleitete die geretteten Muſelmaͤnner nach Askalon. Auch Tanered hatte große Beute gemacht; er war der Erſte beim Angriff der Moſchee des Chalifen Omar, wo ſich alle Schaͤtze befanden. Das ſilberne Bildniß Mahomeds in Lebensgroͤße, unter einem Throne, welches zehn Menſchen nicht tragen konnten, goldene und ſilberne Leuchter, Gefaͤße, Bildſaͤulen und Klei⸗ nodien fielen ihm in die Haͤnde. Zwei Tage lang war er beſchaͤftigt, dieſe Reichthuͤmer wegzufuͤhren, und ſechs Kameele hatten alle Mal ihre volle Ladung. Tan⸗ ered der edelmuͤthige Ritter, ſchenkte die Haͤlfte dieſer Beute dem Gottfried, theilte die reichſten Almoſen aus, und gab Vieles, was zu gebrauchen war, den beraubten chriſtlichen Kirchen. Nach der Eroberung Jeruſalems war man auch darauf bedacht, ein chriſtliches Reich in Aſien zu gruͤn⸗ 99 den, Jeruſalem zur Hauptſtadt, und einen Koͤnig zu waͤhlen. Vier der vornehmſten Haͤupter wurden er⸗ waͤhlt, welche die Anſpruͤche der Fuͤrſten unterſuchen, und ſich fuͤr denjenigen eutſchließen ſollten, deſſen Sitten und Leben ſie am Untadelhafteſten finden wuͤr⸗ den. Auf den 23. des Heumonats 1099 wurden Ge⸗ bete, Faſten und Almofen verordnet, damit der Him⸗ mel die Fuͤrſten in ihrer Wahl erleuchten moͤge. Die Heerfuͤhrer verſammelten ſich alle zur Meſſe des heil. Geiſtes, die Koͤnigswahl wurde vollzogen. Sie erhielt den Beifall des ganzen Heeres, denn ſie fiel, nachdem Herzog Robert von der Normandie, Bruder und Thronerbe des Koͤnigs Wilhelm es abgelehnt hatte, auf den Wuͤrdigſten. Dieſer war Gottfried von Bouillon, Herzog von Nieder⸗Lothringen. So gleich begleitete man ihn zur Kirche des heiligen Grabes, wo er als Koͤnig ausgerufen wurde. Sie wollten ihn ſalben, und eine goldene Krone auf ſein Haupt ſetzen; allein mit frommer Beſcheidenheit lehnte er dieſes ab, nahm nur die Wuͤrde eines Koͤ⸗ nigs, und die damit verbundene Oberherrſchaft an, jedoch ohne dieſen Titel zu fuͤhren; denn er nannte ſich ſtatt deſſen immer nur einen Beſchuͤtzer des h. Grabes. Unmittelbar darauf ward noch eine andere wichtige Wahl vollzogen, naͤmlich die eines Patriar⸗ chen von Jeruſalem, in der Perſon Arnulfs oder Arnolds von Richos. Mitten unter dieſen Anſtalten und neuen Ein⸗ richtungen erſcholl die Kunde: das furchtbare Heer der Unglaͤubigen, mit dem die Kreuzfahrer ſchon vor der Belagerung bedroht worden ſind, ſei wirklich zu Gaza, im Lande der alten Philiſter, angekommen. So⸗ gleich fertigte Gottfried— das Volk nannte ihn, wider ſeinen Willen, immerhin Koͤnig— Eilboten an ſeinen Bruder Euſtach und an Tanered ab: denn Beide waren nach Neapel, oder Sichem, in Samaria gezogen, um ſich dieer Stadt zu bemaͤchti⸗ gen, deren Uebergabe die Sarazenen ſelbſt angeboten hatten. Er feuerte auch Roberr, den Herzog von der Normandie, die Grafen Raimund von Touloſe und Robert von Flandern an, ſich zu ihm zu begeben, keine Belagerung abzuwarten, ſondern den Sarazenen entgegen zu gehen. Allein dieſe Fuͤrſten folgten ihm nicht, ſie zweifelten ſogar an der Ankunft der Feinde. Da zog Gottfried mit dem Grafen Robert von Flandern und mit allem Volke in die Auferſtehungs⸗ kirche, im Anzuge der Buͤßenden. Man betete, und empfing den prieſterlichen Segen. Dann aber— den 11. Auguſt— ruͤckte der Koͤnig vor bis Ramula. Bald erfuhr er dort, daß man ihm Wahrheit berichtet habe. Euſtach und Tanered, nachdem ſie fuͤr Neapels Sicherheit vortrefflich geſorgt hatten, trafen auf dem Wege bereits ihre Feinde an, ſchlugen ſie zum Theil, und machten viele zu Gefangenen. Durch Letz⸗ tere erhielt man dje Nachricht, daß die Sarazenen un⸗ ter der Anfuͤhrung des Sultans Al⸗Aphdal, wel⸗ 101 cher einſt Syrien den fatimitiſchen Kalifen entrißen hatte, bei Askalon, zwei Tagreiſen von Jeruſalem, geruͤſtet ſtaͤnden. Nach den Ausſagen dieſer Leute war dieſes Heer noch zahlreicher, als jenes von Antiochien. Es ſoll aus hundert(nach Andern dreimal hundert) tauſend Reitern, und achtzigtauſend Fnßknechten be⸗ ſtanden haben. Dieſe Macht uͤbertraf Alles, was ih⸗ nen die Chriſten entgegen ſtellen konuten; ſie mochten kaum fuͤnftaujend zu Pferd und fuͤnfzehntauſend zu Fuß zuſammen bringen. Aegyptier, Aethiopier, Araber, Syrier und Tuͤrken waren wider die Kreuzfahrer verſchworen. Ihr An⸗ fuͤhrer, Aphdal, war ein gewaltiger Mann. Eine ſtattliche Mannſchaft und eine ſtarke Flotte hatte er bei ſich; die Belagerung von Jeruſalem ſchien ihm ur eine leichte Arbeit zu ſeyn. Sein Entwurf war nicht allein auf Jeruſalem, ſondern auf ganz Syrien gerich⸗ tet; er wollte die Kreuzfahrer und zugleich alle ihre Anbetungsgegenſtaͤnde, das heil. Grab, und den Kal⸗ varienberg, den er zu ebnen ſich vornahm, gaͤnzlich vernichten. Gottfried aber wußte mit Weisheit dieſe Vorſaͤtze zu vereiteln. Sobald er von ſeinen Ge⸗ fangenen hinlaͤngliche Kundſchaft eingezogen hatte, be⸗ ſchloß er, dem Sultan ein Treffen zu liefern, ehe er Jeruſalem erreichte. Auch Raimunds und Ro⸗ berts Voͤlker zogzn bei dem Anblicke ſolcher Gefahr dem Koͤnige wieder zu Hilfe. Nach der Vereinigung des ganzen Heeres gingen 8 102 ſie nun ſchnell auf die Feinde los. Als ſie an den Bach Sorek kamen, ſchlugen ſie ihr Lager auf, un⸗ gefaͤhr zwei Meilen von Askalon. Zu ihrem doppel⸗ ten Gluͤcke fanden ſie jenſeits des Baches eine zahl⸗ reiche Herde von großem und kleinem Vieh; denn mit dieſer Beute erhielten ſie zugleich wichtige Nach⸗ richten von den Hirten. Aphdal wollte ihnen da⸗ mit eine Falle legen; er ließ dieſe Herde vor ſich her⸗ treiben, in der Hoffnung, daß die Chriſten dieſelbe pluͤndern, und ſich dadurch zerſtreuen wuͤrden. Er hoffte, daß er ſie unter dieſer Beſchaͤftigung leicht er⸗ ſchlagen koͤnnte. Gottfried aber ließ im Lager den ſtrengſten Befehl ausgehen: es ſollte Keiner ſich ge⸗ luͤſten laſſen, dieſe Herde vor der Schlacht anzugrei⸗ fen, bei Strafe, Naſen und Ohren zu verlieren, und des geiſtlichen Bannes von Seite des Patriarchen. Die folgende Nacht wurde gottſeligen Handlun⸗ gen geweiht; ſie erhielten den Segen des Patriarchen, der mit der ganzen Geiſtli⸗„keit im Lager blieb. Die Kreuzfahrer hingegen brachen am fruͤhen Morgen auf, gingen beinahe trocknen Fußes uͤber den verſiegten Bach, und fanden kein Hinderniß, indem der Sultan fuͤr nutzlos hielt, ihnen den Uebergang ſtreitig zu ma⸗ chen. Er traute ihnen nicht ſo viel Herzhaftigkeit zu, daß ſie ihm entgegen kommen wuͤrden. Allein die Kreuzbruder ruͤckten kuͤhn in die Ebene von Askalon. Sie ſtellten ſich in zwei Reihen, wovon eine aus lau⸗ ter Sußvolk, die andere aus Reiterei beſtand. Den 103 rechten Fluͤgel⸗ nach der Seite des Meeres, fuͤhrte der Graf von Toulouſe, den linken der Koͤnig mit ſeinem Bruder. Im Mitteltreffen waren die beiden Robert, TDanered und Gaſton von Bearn. Sultan Aphdal erſtaunte uͤber die verwegene Entſchloſſenheit der Chriſten, deren Anzahl ihm ſehr vergroͤßert ſchien, weil durch Gottfrieds Veran⸗ ſtaltung die Herden, deren Angriff man verboten hatte, dem Nachtrabe des Heeres folgten, und eine ſo dicke Staubwolke verurſachten, daß der Aegypter ſie fuͤr große Kriegsſchaaren anſah. Inzwiſchen hatte er auch ſeine Einrichtungen gemacht, und eine kluge Stel⸗ lung genommen. Es war ein Freitag, der 12. Auguſt 1099, als dieſe Schlacht vorfiel.— Alle Kreuzfahrer hatten die Kuie zur Erde gebeugt, und ein kurzes Gebet verrichtet; dann fielen ſie den Feind an, voll Zuverſicht und Be⸗ geiſterung. Sie kaͤmpften mit unerhoͤrtem Muthe, und uͤberwanden die Sarazenen, die ſo ſtolz waren, und ſich des Sieges ſchon ſo gewiß glaubten, daß je⸗ der ein Gefaͤß mit Waſſer am Halſe haͤngen hatte, um auf dem Wege ſeinen Durſt zu loͤſchen, wenn er die Kreuzfahrer auf ihrer Flucht zu heftig verfolgte. Man kann dieſen Vorfall kaum eine Schlacht nennen. Die Flucht auf der feindlichen Seite war ſo ſchimpflich verworren, daß gegen Mittag kein Mu⸗ ſelmann mehr auf der Ebene ſtritt. Die Kreuzfahrer hatten auf dem Schlachtfelde uͤber dreißigtauſend Feinde, 104 und mehr als noch ein Mal ſo viel auf der Flucht er⸗ ſchlagen, ſelbſt aber keinen einzigen Ritter, und nur wenige Fußknechte eingebuͤßt. Gottfried, Tan⸗ ered und Robert zeigten ſich dabei wieder als die Wunderhelden ihres Jahrhunderts. Herzog Robert eroberte die Hauptfahne von der Seite des Sultans hinweg. Koͤnig Gottfried nahm es mit dem furchtbarſten Haufen der Feinde auf. Die⸗ ſer beſtand aus Aethiopiern, die beim Pfeilſchießen ein Knie auf den Boden ſetzten, ſich dann im Augenblicke wieder erhoben, und mit einer Art von Knute ihre Gegner anfielen. Nach einem hitzigen Kampfe gelang es endlich dem Saͤbel der Chriſten, dieſe Rotte zu trennen. Die Ueberwundenen mußten zum Meere fluͤchten; allein der Graf von Toulouſe verfolgte ſie. Einige fielen durch das Schwert, Andere ſtuͤrzten ſich in die Wogen des Meeres, und dreitauſend ertranken. Andere fluͤchteten ſich nach Askalon, und wurden vor der Stadt erſchlagen, weil die Einwohner die Thore verſchloſſen hatten, damit nicht die Sieger mit den Beſiegten ſich eindraͤngen koͤnnten. Einige Tauſende erſtickten auf der Zugbruͤcke, wo ſie ſich vor Angſt zu nahe zuſammen gepreßt hatten. Der Sultan ſelbſt kam mit genauer Noth in die Stadt, hielt ſich aber da nicht fuͤr ſicher, und entfloh auf einem Kahne nach Aegypten. Außer ſeinem Lager, worin man viele tauſend Erſchlagene und unbeſchreibliche Schaͤtze fand, ließ er ſein koſtbares Schwert auf dem Wahlplatze. Vor dem 105 heil. Grabe ward es nachher neben der aͤgyptiſchen Fahne, als Seegeszeichen der Chriſten, aufgehaͤngt. Es war nun daran, Askalon ſelbſt zu erobern. Allein dieſer Ort koſtete Stroͤme von Blut, ohne daß man ſich ſeiner bemaͤchtigen konnte. Die fortgeſetzten Angriffe gelangen ſo ſchlecht, daß den Fuͤrſten die Luſt verging, in Aſien laͤnger auf Belagerung auszugehen. Sie ſehnten ſich nach Europa, und noͤthigten ihren Koͤnig, nach Jeruſalem zuruͤck zu kehren. Darauf nahmen ſie ſelbſt ihren Zug an der Kuͤſte des Meeres hin, und gedachten unterwegs Arſuf⸗ eine befeſtigte Stadt, in der Gegend zwiſchen Ra⸗ mula und Joppe, einzunehmen. Doch— ein Sturm von 24 Stunden ſchwaͤchte noch keineswegs den Muth der Belagerten. Man lagerte darauf zwiſchen Caͤſa⸗ rea und Haipha, nahe bei einem Fluſſe, kehrte aber bald wieder nach Jeruſalem zuruͤck. Dort legten zwan⸗ zigtauſend Kreuzbruͤder ihre Waffen nieder. Sie hat⸗ ten ihr vornehmſtes Geluͤbde erfuͤllt: das heilige Grab war den Haͤnden der Unglaͤubigen entriſſen. Mit Palmen in den Haͤnden wallten ſie nun uͤber Tyrus, Sidon, Tripolis nach Dſchibele u. ſ. w. Nur Tan⸗ ered, blieb mit ſeinen Voͤlkern bei Gottfried. Schwer ruhte auf dieſem die Laſt des Herr⸗ ſchens. Mit einer kleinen Anzahl Soldaten mußte er die Hoheit ſeines neuen Reiches behaupten, und den kleinen Umfang deſſelben ſichern. In der genzen Gegend war kein chriſtliches Schloß, dem nicht ein 106 ſarazeniſches feindlich entgegen lag. Das Land war von Kreuzfahrern und eingebornen Chriſten, von Aegyp⸗ tiern, Arabern, Seldſchjuken, Ortokiden und Tuͤrken unter einander bewohnt; ſie lebten in unaufhoͤrlichen Fehden. Da die Chriſten der Menge ihrer Feinde nicht gewachſen waren, ſo wurden ſie haͤufig unter⸗ wegs erſchlagen, oder zu Sklaven gemacht, oft in der Nacht in ihren Haͤuſern beraubt, und vielen Grau⸗ ſamkeiten blosgeſtellt. Die erſte Sorge des Koͤnigs war dahin gerichtet, mitten unter dieſen feindſeligen Rotten ſeine zuruͤck⸗ gebliebene Kriegsmacht zur Beteſtigung ſeiner Herr⸗ ſchaft zu gebrauchen, und ihre Graͤnzen ein wenig zu erweitern. Tanered hatte deswegen ſeinen Zug nach der Seite von Galilaͤn gerichtet, und bemeiſterte ſich in Kurzem der Orte am See Genezareth. Tibe⸗ rias war der Hauptſitz einer Herrſchaft gleiches Na⸗ mens; der edle Held wurde mit dem Beſitze derſelben belohnt, hoͤrte aber nicht auf, ſeinem Lehnsherrn, dem Koͤnige, viele Vortheile zu verſchaffen. Immer ſtreifte er in die benachbarten Laͤndereien aus, und neckte den Emir von Damask mit den verderblichſten Unruhen. Ihn und andere unglaͤubige Statthalter, zwang er zu Buͤndniſſen der Zinsbarkeit. Desgleichen that auch der Koͤnig. Ptolemats, Caͤſarea und Askalon unter⸗ warfen ſich; ſogar die Araber jenſeits des Jordans zahlten Tribut. Arſuf wurde von ihm erobert, und Gerhard zum Staathalter eingeſetzt. Bei der Be⸗ 107 lagerung dieſer Stadt zeigte ſich Gottfrieds be⸗ ſcheidene Enthaltſamkeit, ſeine gottvertrauliche See⸗ lengroͤße in ruͤhrender Schoͤnheit. Die Emire, welche zu ihm kamen, um gegenſeitige Veitraͤge zu beiichti⸗ gen, fanden ihn ohne Warhe, ohne fuͤrſtlichen Prunk, wie den geringſten Soldaten, auf einem Strohſacke ſitzend; aber mit einer Hoheitsmiene, die bei der frei⸗ willigen Armuth vom offenherzigen Auge blickt, und Ehrfurcht gebietet. Viele Denkmaͤler der Gottſeligkeit errichtete er ſich im Lande Kanaan. Im Thale Joſaphat ſtiftete er ein Kloſter fuͤr Moͤnche, die ihm auf dem Kreuzzuge gefolgt waren; ferner zwei Chorherrenſtifte: in der Moſchee Omars, auf don Truͤmmern des Salomoni⸗ ſchen Tempels, und in der Kirche der Auferſtehung. Die Schaar der Kreuzbruͤder, welche nach ihrem Vaterlande zuruͤck kehrte, war nach Oſchibele gekom⸗ men, und wollte nach Laodizeg gehen, um ſich in dem dortigen Hafen nach Konſtantinopel einzuſchiffen. Al⸗ lein Laodizea wurde eben von Bvamund belagert, ſowohl von der Landſeite, als auch zu Waſſer; denn der Erzbiſchof von Piſa, Daimbert, war mit einer Flotte von hundert und zwanzig Schiffen gekommen, um als Legat des Papſtes Paskal in Aſien zu blei⸗ ben; und von Genua waren achtzig Schiffe eingetrof⸗ fen. Die Stadt war im groͤßten Gedraͤnge, und auf das Aeußerſte gebracht. Sie oͤffnete daher bald frei⸗ willig die Thore— aber nicht dem kriegeriſchen Boa⸗ 108 mund, ſondern fuͤr die uͤbrigen Kreuzfuͤrſten, unter welchen Raimund war, der auch ſogleich ſeine Fahne auf die Citadelle ſteckte, und ſowohl die Stadt, als alle ihre Thuͤrme mit ſeinem Kriegsvolke beſetzte. Ploͤtz⸗ lich erklaͤrte er auch, daß er ſich entſchloſſen habe, nicht mehr nach Europa zuruͤck zu kehren, ſondern in Syrien zu bleiben. Man machte ihm auch die Herrſchaft uͤber Laodizea nicht ferner mehr ſtreitig, vielmehr ſchloß der Graf von Toulouſe mit Boamund in der Zukunft den Bund inniger Freundſchaft. Ddie andern Haͤupter des Kreuzheeres kamen bald darauf uͤber Konſtantinopel, wo ſie gut aufgenommen wurden, nach Europa zuruͤck. Die kurzen Tage des Winters nahten heran, und die Kreuzfuͤrſten, welche in Aſien geblieben waren, ge⸗ noſſen endlich der laͤngſt erſehnten Ruhe auf den Lor⸗ beeren ihrer Verdienſte. Balduin von Edeſſa her, Naimund von Laodizea, Boamund von Antio⸗ chien, vereinigten ſich zu einer Wallfahrt nach Jeru⸗ ſalem. Der paͤpſtliche Legat begleitete ſie, und fuͤnf und zwanzig tauſend Menſchen waren mit ihm. Sie hatten unterwegs abermals einen ſchweren Kampf mit den Nachſtellungen der Sarazenen, mit der froſtigen Witterung und dem Hunger, kamen aber gluͤcklich ge⸗ gen Jeruſalem. Von weitem dampfte ihnen dort ein Geruch der Verweſung entgegen, der ein ſchauerlicher Zeuge von den Leichnamen der Erſchlagenen war. Gottfried empfing ſie mit Feierlichkeit, und zu 8 109 Bethlehem begingen Alle in frommer Andacht das Feſt der Geburt Jeſu Chriſti. Vor der Belagerung von Jeruſalem war Gerard Vorſteher des Spitals der Ritter daſelbſt, welche die innern Feinde in der⸗Vertheidigung der Stadt auf alle Weiſe zu hindern und zu verrathen geſucht hat⸗ ten. Eben ſo leiſtete Gerard den angekommenen Kreuzfahrern bei Askalon in dem Treffen ſehr wichtige Dienſte. Deswegen ſtattete K. Gottfried das Spi⸗ tal mit ſehr vielen Guͤtern in und außer der Stadt aus, damit es die reiſenden Chriſten noch mehr unter⸗ ſtuͤtzen, und deren Feinden noch mehr Schaden zufuͤ⸗ gen konnte. Diefes Spital wurde ſchon zwiſchen den Jahren 1020— 1040 geſtiftet. Nachdem naͤmlich die Bewohner von Amalphia im ſuͤdlichen Italien die Er⸗ laubniß der Sultane Aegytens und Syriens erlangt hatten, durch das ganze Land zu handeln, ſo benuͤtz⸗ ten ſie dieſe Gelegenheit, auch Jeruſalem zu beſuchen. Da ſie aber daſelbſt keine Wohnung hatten, wie in den uͤbrigen Seeſtaͤdten, ſo baten ſie um Anweiſung eines Raumes zu dieſem Zwecke. Kaum war ihnen dieſer neben der Kirche der Auferſtehung Jeſus gewil⸗ ligt, ſo ſchoffen mehre Kaufleute ſo viel Geld zuſam⸗ men, daß ſie zwei Kloͤſter mit Nebengebaͤuden zur Auf⸗ nahme abendlaͤndiſcher Pilger errichten, mit einem Abte, Moͤnchen und Nonnen, zum Andenken der Mut⸗ ter Maria und der Guͤßerin Magdalena zur Pflege der Pilger beſetzen konnten. Von dieſer Zeit an reiſten 110 jaͤhrlich viele gemeine und adelige Chriſten verſchiede⸗ ner Laͤnder dahin, ungeachtet ſie auf ihrer Wanderung durch die Laͤnder ihrer Feinde ſo beraubt wurden, daß ſie faſt nackend, ganz ausgehungert und hoͤchſt duͤrftig nach Jeruſalem kamen, deſſen Thore ſie vor Abgabe eines Goldſtuͤckes nicht uͤberſchreiten durften. Dieſen Duͤrftigen zu helfen, entzogen ſich die Moͤnche Nah⸗ rung und Kleidung, um ein Spital in ihrem Bezirke fuͤr die Aufnahme kranker und geſunder Chriſten zu errichten und zu unterhalten. Sie ſtellten beſondere Laienbruͤder an, welche die taͤglichen Ueberbleibſel an Speiſen und Getraͤnken aus dem maͤnnlichen und weib⸗ lichen Kloſter den im Spitale beherbergten Pilgern reichen mußten. Dieſe Spitalbruͤder errichteten all⸗ maͤhlig auch ein Bethhaus zur Ehre des h. Johannes, weswegen ſie ſpaͤter Johanniter genannt wurden. Da aber das Spital keine Einkuͤnfte hatte, ſo ſchoſſen die Einwohner von Amalphia, ſie mochten zu Haus bleiben, oder nach Palaͤſtina des Handels wegen rei⸗ ſen, zaͤhrlich Geld zuſammen, und uͤberſendeten es dem aͤlteſten Spitalbruder, damit er in den Stand geſetzt wurde, die chriſtlichen Pilger zu unterſtuͤtzen. Dieſe geringen Mittel bildeten die Grundlage zu dem nach⸗ her ſo reich und anſehnlich gewordenen Orden der Jo⸗ hanniteritter, welche ſchon K. Gottfried be⸗ guͤnſtigte. So war denn Jeruſalem, die heilige Stadt, ent⸗ rißen den Haͤnden der Unglaͤubigen, die chriſtlichen —.,,— 111 Heiligthuͤmer den zahlloſen Verehrern wieder gegeben, und der Beſitz derſelben als die hoͤchſte Gunſt des Himmels betrachtet. Sie zu erhalten, war des Koͤ⸗ nigs eifriges Beſtreben; Dugend und Weisheit leite⸗ ten ihn. In der Verſammlung von Fuͤrſten wurden weiſe Geſetze geſammelt, in Ordnung gebracht und ge⸗ nehmiget. Man nannte ſie Aſſites, oder Briefe des heil. Grabes, weil ſie in der Kirche des h. Gra⸗ bes niedergelegt wurden. Hierauf ging ein jeder Fuͤrſt wieder nach ſeinem Wohnſitze zuruͤck: Boamund nach Antiochien, Balduin nach Edeſſa, Raim und nach Laodizea, und Tanered nach TDiberias. Gott⸗ fried aber fand anf einem Zuge, welchen er dem Letz⸗ teren zu Hilfe machte, die Urſache ſeines Todes. Triumphirend kam der fromme Koͤuig von Damask, wo er den Emir zur Zinsbarkeit gezwungen hatte, nach Caͤſarea. Hier wurde er von einer heftigen Krank⸗ heit befallen. Der Emir dieſer Stadt kam ihm ent⸗ gegen, und bot ihm ein praͤchtiges Mahl an. Allein Gottfried geuoß nichts, als einen Cedernapfel, und wurde von toͤdtlicher Schwaͤche uͤberfallen. Zu Joppe begruͤßten ihn der Biſchof von Venedig und der Sohn des Dogen, welche mit einer ſtarken Flotte in dieſem Hafen eingelaufen waren. Unter ihrer Bedeckung wurde der Koͤnig Gottfried nach Jeruſalem ge⸗ bracht, wo ſich ſeine Krankheit taͤglich verſchlimmerte. Er ſtarb, den 18. des Heumonats 1100, und wurde in der Kirche des heil. Grabes beerdigt, wohin auch 112 ſeine Nachfolger beerdigt wurden. Sein Leben hatte nicht laͤnger als 40 Jahre gedauert. Ritterlich erha⸗ ben war ſeine Tapferkoit, chriſtlich ſanft ſeine Tu⸗ gend. Kaum ein Jahr lang hatte er regiert, und un⸗ ausgebildet hinterließ er das Reich von Jeruſalem. Seine Feinde— die Sarazenen— bedauerten ſo ſehr als die Chriſten, ſeinen zu fruͤhen Tod. Als er ge⸗ fuͤhlt hatte, daß ſein Lebensende berannahte, rief er den Erzbiſchof Daimbert oder Dagbert aus Piſa, und den Patriarchen Arnul f nebſt den uͤbyigen Gro⸗ ßen ſeiner Umgebung vor ſich, und ſprach zu ihnen: „Ich werde bald ſterben; berathet euch, wer nach mei⸗ nem Tode das Reich von Jeruſalem beherrſchen ſoll.“ Dieſe erwiederten ihm: ſie haͤtten volles Vertrauen, daß er den Wuͤrdigſten waͤhlen wuͤrde, welchem ſie ſich ohne Zweifel unbedingt unterwerfen koͤnnten. Kaum hatte er dann Balduin ausgeſprochen, ſo ſchwuren ſie dieſem einhaͤllig ihre treue Anhaͤnglich⸗ keit, weil er reich, freigebig, kriegserfahren, herab⸗ laſſend, edel, und wie von Natur zu dieſer erhabenen Stelle geſchaffen ſei. Tancered war eben auf einem Raubzuge, als er die Nachricht vom Tode des Koͤnigs Gottfried⸗ aber nicht von deſſen Nachfoiger erhielt; er begab ſich alſo ſogleich nach Jeruſalem, fand aber deſſen Thore verſchloſſen. Als er ſich daruͤber befremdet aͤuſ⸗ ſerte, wurde ihm die Wahl Balduins angezeigt und bedeutet, daß ihm die Thore geoͤffnet werden ————Q—Q—C—Oꝭ—QO.O—⏑:-— 113 wuͤrden, ſobald er dieſem Unterwuͤrſigkeit ſchwoͤren wuͤrde. Er wurde daruͤber entruͤſtet, nnd entfernte ſich ſogleich wieder. Auf dem Wege aber erhielt er durch Eilboten der Einwohner von Antiochien die Nachricht, daß Boamund gefangen ſei: er moͤge alſo ſogleich ſie mit ſeinem Rathe und Beiſtande un⸗ terſtuͤzen. Bei ſeiner Ankunft zu Antiochien fand er die Thore auch hier verſchloſſen, und ward zum Eide aufgefordert, daß er dem Boamund redlich beiſtehen wolle. Sobald er dieſen abgelegt hatte, wurde er eingelaſſen, und der Schutz Antiochiens ihm ſo lange anvertraut, bis Boamund von ſeiner Ge⸗ fangenſchaft befreit ſei. Allein dieſer mußte drei Jahre in Ketten ſchmachten, bis die Stadt Antiochien eine ſehr große Summe fuͤr ſeine Befreiung erlegt hatte, worauf er auch wieder in den Beſitz derſelben gelangte. Waͤhrend ſeiner Gefangenſchaft hatte er das Ge⸗ luͤbde gemacht, daß er im Falle ſeiner Befreiung nach Frankreich in die Kirche, wo die Gebeine des h. Leo⸗ nard ruhten, reiſen, ſilberne Ketten, wie er trug, opfern, und zugleich ſeine Landsleute zu einem Zuge gegen den treuloſen K. Alexius auffordern wollte. Bald erinnerte er ſich dieſes Verſprechens; er uͤber⸗ gab alſo dem Tanered die Herrſcheft uͤber Antiv⸗ chien, unter der Bedingung der Ruͤckgabe an ihn nach ſeiner Ruͤckkehr, oder an ſeinen rechtmaͤßigen Sohn im Falle ſeines Todes, und reiſte in Geſellſchaft des Ices B. Paläſtina. I. I. 3 114 Erzbiſchofes Daimbert uͤber Barim im Neapoli⸗ taniſchen nach Rom, wo er als wahrer Glaubens⸗ maͤrtyrer faſt ſo vergoͤitert wurde, wie Jeſus ſelbſt. P. Paſchal II. gab ihm den Biſchof Bruno von Signey zum Reiſegefaͤhrten an das Kloſter des h. Leonard. Nachdem er ſich in Frankreich etwas erholt hatte, verehelichte er ſich mit der Tochter des Koͤnigs Phi⸗ lipp von Frankreich, und forderte ſeine Landsleute zum Zuge gegen den griechiſchen Kaiſer auf. Bald machte ſich eine große Menge auf den Weg; er ſelbſt kehrte einſtweilen mit ſeiner Gemahlin und 100 Rei⸗ tern nach Barim zuruͤck. Als die Truppen zu ihm gekommen waren, ſtellte er ſich ſogleich an deren Spitze, und uͤberſiel den K. Alexius. Dieſer ſchickte ihm Eilboten, welche ſein Befremden uͤber den Feld⸗ zug zu erkennen geben mußten. Aber Boamund ließ ihm wiſſen, daß blos ſeine Treuloſigkeit gegen die verbuͤndeten Chriſten geſtraft werden ſollte, deren Marſch nach Jeruſalem er auf alle moͤgliche Weiſe zu erſchweren und zu hindern ſuchte. Alexius erwie⸗ derte, daß er dieſen Fehler nach Kraͤften wieder gut machen, und ſich eidlich uͤber die groͤßtmoͤgliche Un⸗ terſtuͤtzug aller Chriſten auf ihrem Wege nach Palaͤ⸗ ſtina verbinden wolle. Sie kamen zu dieſem Zwecke an einen beſtimmten Ort zuſammen, und vollendeten ihren Vertrag. Der Kaiſer uͤberhaͤufte Boamund mit Geſchenken, und adoptirte ihn ſogar als ſeinen 115 Sohn. Dieſer kehrte dann nach Barim, ein Theil ſeiner Truppen nach Frankreich zuruͤck, und die Rei⸗ cheren begaben ſich nach Jeruſalem. Im Verlaufe der Zeit erhielt Boamund zwei Soͤhne, wovon einer nach des andern Tode den Na⸗ men des Vaters fortfuͤhrte. Er ſelbſt ſtarb bald, und wurde zu Canoſa in der Kirche des h. Sabinus begraben. Tanered verwaltete im Namen des Sohnes Boamund die Herrſchaft Antiochiens unter ſte⸗ ten Befehdungen mit den umliegenden Feinden. End⸗ lich unterlag auch er den Anſtrengungen; nachdem er die Regierung an ſeinen Neffen Nogger, einen Sohn Richards, abgetreten hatte. Der Sohn Boa⸗ munds ſchlffte, ſobald er das mannbare Alter erlangt hatte, nach Antiochten, wo ihm ungehindert gehuldigt wurde. Allein er fand bald ſeinen Tod, wie ihm vor⸗ her geſagt war. Sobald Balduin die ihm anvertraute Herr⸗ ſchaft uͤber die Stadt Edeſſa mit jeuer uͤber Jeruſa⸗ lem vertauſcht hatte, trat er jene von Bourg in Frankreich an ſeinen Bruder ab. Er hielt einen ſehr feierlichen Einzug in Jeruſalem, und wurde als Koͤ⸗ nig vom Patriarchen an Weihnachten 1101 in der Kirche Bethlehem geſalbet. Nicht lange hernach hatte er nach Arabien gegen den Fuͤrſten Philarchus ei⸗ nen Kriegszug, welchen er gluͤcklich beendigte. Kaum hatte er ſeinen kleinen Staat von Außen 146 geſichert, ſo ſtrebte er, ihn auch von Innen mehr zu befeſtigen. Vorerſt ſchloß er mit dem neuen Patriar⸗ chen Gibellin mehre Vertraͤge ab. Dann beſchloß er, die Bruͤder des Spitals zu Jeruſalem, zur Erkennt⸗ lichkeit fuͤr ihre treuen Dienſte im Kriege zu beguͤn⸗ ſtigen, und ihnen einige Schloͤſſer und Doͤrfer der umgebung zur Vertheidigung anzuvertrauen. Er for⸗ derte ſie auf, ſich zu verſammeln, und einen foͤrmli⸗ chen Orden zu ſtiften, welchem die Aufnahme und gung der aus den Abendlaͤndern kommenden Chrißen, die Vertheidigung derſelben, wie des gelob⸗ ten Latides, gegen alle Feinde, und die thaͤtigſte Be⸗ färderung der Religion die heiligſte Pflicht ſeyn ſollte. Die Ordensregel des heiligen Auguſtin wurde zum Erunde gelegt, und ſtatt des Breviers eine Anzahl Vater⸗Unſer alle Tage vorgeſchrieben. Ihren kriege⸗ riſchen Anzug ſollte ein rother Guͤrtel mit weißem Kreuze befeſtigen, uͤber denſelben ein ſchwarzes Kriegs⸗ kleid, mit achteckigem weißen Kreuze auf der linken Seite, geworfen werden. Daraus iſt erklaͤrbar, daß ſpaͤter ſehr viele Johanniterritter waͤhrend des Frie⸗ dens ſchwarz— und waͤhrend des Krieges roth geklei⸗ det, und mit weißem Kreuze geziert waren. Sie waͤhl⸗ ten ihrensVorſteher oder Meiſter, deſſen Befehlen ſie unbedingt im Kriege und Frieden gehorchten, aus ih⸗ rer Mitte; Bruder Gerard ernannte Raimund von Podio, einen frommen und tapferen Mann aus Florenz, 4103 zum erſten Meiſter. Dieſer Orden wur⸗ 7 117 de von dem Patriarchen zu Jeruſalem, dann auch von den roͤmiſchen Paͤpſten beſtaͤtigt, und mit vielen Pri⸗ vilegien beguͤnſtigt. Ihrer Hilfe bedienten ſich die Koͤnige und Fuͤrſten des Orients bei vielen Gelegen⸗ heiten; ſie leiſteten gegen die Saratenen, Araber und Tuͤrken, zu Waſſer und zu Land, ſo viele Dienſte, daß ihre Ordeusmeiſter zum Range der Fuͤrſten erhoben, und zu Ordensprioren oder Oberen in mehren chriſt⸗ lichen Laͤndern ernannt wurden. Dieſe hatten die Pflicht, die Ordensgebaͤude zu bewachen, die Ordens⸗ ritter zu leiten, und deren Einkuͤufte zum Beſten der Chriſtenheit zu verwalten. Raimund berathete ſich mit ſeinen Ordensbruͤ⸗ dern uͤber die Regeln, nach welchen ſie leben woll⸗ ten. Zur Grundlage ſchrieben ſie den Gehorſam ge⸗ gen die Obern, die Verzichtleiſtung auf Eigenthum, und die moͤglichſte Keuſchheit vor, damit ſie nicht durch weltliche Geſchaͤfte von der Erfuͤllung ihrer geiſt⸗ lichen Pflichten abgehalten wuͤrden. Die ſpaͤteren Or⸗ densmeiſter fuͤgten noch hinzu, daß alle Mitglieder an Oſtern, Pfingſten und Weihnachten das Abendmahl nehmen, weder Handel treiben, noch Geld auf Zinſe leihen, weder Ordensguͤter ohne ihres Meiſters Ein⸗ willigung verkaufen, noch durch letzte Willensverfuͤ⸗ gungen irgend Jemanden als Erben einſetzen ſollten. Zugleich verboten ſie die Aufnahme eines Juden, Sa⸗ razenen, Arabers, Duͤrken, oder andern Unglaͤubigen, außerehelich Gebornen, wenn er nicht der Sohn eines 118 Grafen oder Fuͤrſten iſt, eines Verehelichten oder Moͤr⸗ ders in den Orden. Sie praͤgten ihnen die Pflege der Kranken und Armen ein, deren gefaͤllige Wirthe ſie ſeyn ſollten. Sie ſollten von anſehnlichen und edlen Aeltern, vor der Aufnahme wenigſtens 18 Jahre alt ſeyn, und einen ſo geſunden und ſtarken Koͤrper haben, daß ſie allen Strapatzen trotzen, und die barbariſchen Voͤlker bekaͤmpfen koͤnnten. In ſpaͤtern Zeiten gab es neben den Rittern auch Prieſter, Kaplaͤne und Diener, welche ſtatt ihrer be⸗ ten, und ihre Lebensbequemlichkeiten unterſtuͤtzen mußten. Bei dem Ausbruche eines Krieges zwiſchen chriſtlichen Maͤchten durften ſie ſich keiner Parthei anſchließen, ſondern ſollten fuͤr die Verſoͤhnung der Streitenden ſich bemuͤhen, damit die Kraͤfte blos zur Bekaͤmpfung der Chriſtenfoinde verwendet werden koͤnnten. Fuͤr den Kriegsdienſt und die Wuͤrde der Ordens⸗Aemter legte Raimund das Bild der roͤ⸗ miſchen Republik zum Grunde; dadurch wurde den Rittern ein ſo kriegeriſcher Geiſt eingehaucht, daß manche ſich durch beſondere Großthaten auszeichneten. ffffffffffffffnnnſſiſſ 14 15 16 17 18 19