—— urhauanhannanaranrnrmrmmen Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „„„ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: ———— auf 6 Monat: 2⁵ fl. 30 Kr. 2 fl.— Kr. 1 fl. 12 Kr. 7, 3„„ 30„ 1„ 12„—„ 45„ 1„—, 36„„„—,„ Tararara auanhühnhanaanhh Anhrhr Laranar „ 81 Laraararr anAnhRGhGARAnUAEhühRAnBANARAnAnar Lara ArhrAERUREHEhREAEDnhEAELALATTTErTArrer — 2 8 weo⸗rapk. Adan. Provinzen. I. Ze-ktrckelk H. Zrang nan IHI. Aakan kor M. kokan-=i. V. So-nan VI. ua guang VII. ang i VIII. Zroke-iang IMX. o-ien X. Saano tong od. fanton XI. Saang-di XII. Aoei-lrcken XIII. Lan nan XVV. Jo- Keekuen- I. Aoken-eri BI. 72 Zay wan- Fbrmora (RaAlsERTIIVDNI ((CIII 76——* — 5 NA) NüöRNBERG, 82d. Bu b 7 stricherat— 8 7 Z. Saut Ic. — Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗ Reiſen, Erfindung der Buchdruckerkunſt bis auf unſere Zeiten. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. —— .1 Verfaß t 4 von Mehren, 3 und herandgegben Joachim Heinrich o Jäck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Vaatr. 1. Bändchen. Mit der Charte von China. I. Theils 1. Bändchen von China. Dritte Auflage. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ehner. 1828. o* SAuſ 2 alue — —— Laſchen⸗ Bibliothek der . wichtigſten und intereſſanteſten Reiſen . durch China. Mit Landkarten, Planen, Portraits und anderen Abbildungen. — Ver. f aßt von Mehren, und herausgegeben von Joachim Heinrich Jaͤck, Koͤnigl. Bibliothekar zu Bamberg. I. Theil. 1. Baͤndchen. Dritte Auflage. Nürnberg. Verlegt von Haubenſtricker und von Ebner. A. 1828. —,— Vorrede. —— Mi gewohntem Weltbürger⸗Sinn unter⸗ ziehe ich mich dieſer Unternehmung, ohne Rück⸗ ſicht auf die Widerſprüche Andersdenkender. Denn ich überzeugte mich in Teutſchland, Oe⸗ ſterreich, Italien, Frankreich und England, daß viele Individuen und Familien, welche in Jahren weder politiſche, noch unterhaltende Zeitſchriften, noch weniger irgend ein Buch geleſen haben, bei der Erſcheinung der Taſchen⸗ Bibliotheken wie vom Magnet ſich angezogen fühlten, gierig nach jedem Hefte griffen, und deſſen Inhalt mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ VI ſamkeit kennen lernten. Viele unſchätzbare Wahrheiten, welche ohne dieſe kleinen Aus⸗ gaben nur in großen und theuern Werken ver⸗ ſchloſſen, und nur wenigen Gelehrten bekannt geblieben wären, ſind durch die Taſchen⸗Bib⸗ liotheken ein Gemeingut aller Menſchen⸗Klaſſen geworden; daher die fortdauernde Erſchei⸗ nung derſelben von jedem wahren Menſchen⸗ Freunde zum Beſten ſeiner Nebenmenſchen aus allen Kräften unterſtützt und befördert werden wird. So entſchiedenen Einfluß auf die fortſchrei⸗ tende Kultur unſeres Geſchlechtes indeſſen mehre Taſchenausgaben der Werke berühmter Männer bisher gehabt haben mögen, ſo glaube ich doch, daß eine Taſchen⸗Bibliothek der wichtigſten und intereſſanteſten See⸗ und Land⸗Reiſen, von der Entſtehung der Buchdruckerkunſt bis auf unſere Zeiten, mit Abbildungen, ein noch höheres Intereſſe für 8 VII dieſen Zweck erregen möchte. Denn nur durch Reiſen konnten Menſchen verſchiedener Welt⸗ theile ſich wechſelſeitig kennen lernen, ſich in neuen Familien vereinigen, Freundſchafts⸗ und Handlungs⸗Verbindungen mit einander ſchlieſ⸗ ſen. Nur durch die gewagten Wanderungen der Europäer wurden die Wiſſenſchaften und Künſte den Länder⸗Bewohnern jenſeits der Meere mitgetheilt, und dafür die Produkte der Letzteren zurück gebracht, deren mühſamer Erwerb zum vielfachen Nachdenken ſpornte, und neue Entdeckungen veranlaßte. Durch Reiſen wurde die Kunde Schiffe zu bauen und deren Fahrt zu leiten ſtets befördert, und unſere Kenntniß des geſtirnten Himmels, der Meere und Länder erweitert. Durch dieſelben wur⸗ den uns die Grade der Wärme, Trockne, Feuch⸗ tigkeit und Schwere der Luft, und der wech⸗ ſelnde Einfluß der Winde auf Land und Waſ⸗ ſer, auf Geſundheit und Krankheit in ver⸗ VIII ſchiedenen Weltgegenden bekannt. Wir lern⸗ ten die Salztheile, Farben, Tiefe, Schwere, Pflanzen, Inſekten und Fiſche der Meere, deren Strömen und Wirbel, Fall und Wachs⸗ thum, ordentliche und außerordentliche Ebbe und Fluth, wie deren Verſchiedenheit von jener der Flüſſe kennen. Wir erfuhren die Größe und Wirkſamkeit der Flüſſe auf und unter der Erde, ihren Einfluß auf deren Fruchtbarkeit, ihren Urſprung, ihre Verbindung mit Seen, ihr Verſinken in der Erde, wie ihre Vermi⸗ ſchung mit den Meeren. Wir wurden bekannt mit der Geſtalt und Lage, Höhe und Tiefe, Länge und Breite des ganzen Erdballes und aller ſeiner Theile, mit dem Grunde der Erd⸗ beben und deren natuͤrlicher Zerſtörungs⸗ und Produktionskraft. Wir vernahmen die man⸗ nigfaltige Größe, Geſtalt und Farbe aller Erd⸗ bewohner, ihre körperlichen Fertigkeiten, ihre Gemüthsart, ihre Sitten und Gewohnheiten, — IX ihre Verſtandskräfte, ihre Zahl und Vermeh⸗ rung, ihre Glaubensformen und Gottes⸗Ver⸗ ehrung, ihre Krankheiten und deren Heilmit⸗ tel. Auch lernten wir die verſchiedenen Bäu⸗ me, Pflanzen, Früchte, Thiere und die Be⸗ dingungen ihres Daſeyns, wie ihre Verwen⸗ dung zum Beſten der Menſchen kennen. Die Eingeweide der entfernteſten Länder lockten unſere Europäer, welche einen Theil ihrer Ver⸗ brecher zur Bevölkerung dorthin ſendeten, zum ſteten Nachforſchen, wie ſie zu unſerem größ⸗ ten Vortheile durchwühlt werden können. Zu allen Zeiten wurden verdienſtvolle Maͤnner in ihrem Vaterlande verkannt, und deßwegen daraus verbannt; ſolche fanden in andern Welttheilen, deren Verfaſſung ihrer Denkweiſe angemeſſener war, immer freudige Aufnahme und Schutz; dies bewies ſich beſonders wäͤh⸗ rend und nach der franzöſiſchen Staaten⸗Um⸗ wälzung. X See⸗ und Land⸗Reiſen haben zwar ſchon in der graueſten Vorzeit zum Flore der Chine⸗ ſen, Indianer, Phönizier, Aegyptier, Grie⸗ chen und Römer, nach ihren eigenen Berich⸗ ten, ſehr viel beigetragen; doch der euro⸗ päiſche Aufſchwung in Gewerben, Künſten und Wiſſenſchaften wurde erſt durch die küh⸗ nen Fahrten der Portugieſen in neue Länder, außer dem mittelländiſchen Meere, veranlaßt, und durch die Induſtrie anderer Reiſenden nach dem Orient befördert. Darum will ich auch, nach einem kurzen Ueberblicke der wich⸗ tigſten Land⸗ und See⸗Reiſen, von den frühe⸗ ſten Zeiten bis auf das XV. Jahrhundert, dieſe Taſchen⸗Bibliothek mit ſolchen Reiſe⸗ Berichten der Vorzeit aus altteutſchen, latei⸗ niſchen, franzöſiſchen, italieniſchen, ſpani⸗ ſchen, engliſchen und andern Quellen eröffnen, und bis auf dieſes Jahrhundert fortſetzen. Je⸗ der Sachkundige mag ſich daraus überzeugen, XI daß keine Reiſe⸗eſchreibung in ihrer urſprüng⸗ lichen Geſtalt hier erſcheinen kann, ſondern jede bis auf dieſes Jahrhundert erſchienene ganz umgearbeitet werden muß; deßwegen kann weder dem Eigenthume eines noch leben⸗ den Schriftſtellers, noch jenem eines Verle⸗ gers zu nahe getreten werden, wenn auch die Schreibart noch beliebt wäre. Aus den fort⸗ laufenden Berichten erkennt jeder Leſer, wie der Zuſtand aller Länder ſich nach und nach verbeſſerte, ungeachtet die Bewohner derſel⸗ ben gedrückt und mißhandelt wurden. Zur Beförderung der Mannigfaltigkeit werden die Reiſen um die Welt und in einzelne Welt⸗ theile oder Länder, ſo abwechſeln, daß bald eine nach Süd⸗ oder Nord⸗Amerika— bald eine nach Oſtindien vom 16., dann vom 17., 18., 19. Jahrhundert folget, damit jeder Leſer ei⸗ nen geſchichtlichen Ueberblick der ganzen Ent⸗ wicklung der beſchriebenen Länder erhalte. Die⸗ XII ſes Unternehmen unterſcheidet ſich von jedem gleichartigen, z. B. Zimmermanns Taſchen⸗ buch, ſehr weſentlich dadurch, daß es nicht blos die Reſultate dieſer oder jener Reiſe für wiſſenſchaftliche Zwecke, ſondern die ganzen Rei⸗ ſen mit allen Abenteuern und Schickſalen der Reiſenden und ihrer Gefährten, wenigſtens im Auszuge liefert, und das Strengwiſſenſchaftliche in einer leichten und gefälligen Form mittheilt. Jedoch ſoll nicht jede Reiſe in ein Bändchen zu⸗ ſammen gezogen werden; vielmehr wird manche intereſſante Reiſe 2 bis 3 Bändchen füllen, nach deren Schluſſe eine Reiſe um die Welt, oder in einen andern Welttheil folgen wird. Jene Län⸗ der, welche eben das höchſte Intereſſe unſerer Zeitgenoſſen erregen, ſollen vorzüglich berück⸗ ſichtiget werden. Jedem Bändchen wird eine Landkarte oder Landſchaft, ein Grundriß oder Bildniß, oder eine Darſtellung von Abenteuern, Gefechten ꝛc. zur Verſinnlichung beigefügt. XIII Wer ſich nicht blos die Zeit zu verkürzen, ſondern auch zugleich zu belehren wünſcht, findet in jeder Reiſe⸗Beſchreibung weit mehr Nahrung, als in den gerühmteſten Romanen. Denn dieſe ſind gewöhnlich ohne reellen Ge⸗ halt, nur geeignet die Phantaſie zu erregen, und endigen mit einer Täuſchung, wenn ſie auch von höchſt geiſtreichen Männern verfaßt ſind. Reiſe⸗Beſchreibungen aber enthalten nur Thatſachen, deren Natürlichkeit jedem Leſer einleuchtet; ſie beſchäftigen den Kopf und das Gemüth, bereichern mit vielen Kenntniſſen, und ſichern vor Schwärmerei, wozu viele Zeit⸗ 3 genoſſen geueigt ſind. Durch den Wechſel⸗ der Reiſen von einem Welttheile in den an⸗ dern wird zugleich das Intereſſe der Unter⸗ haltung ſtets erneuert, und die Gefahr der Ermüdung ganz beſeitigt. Zu dieſem entſchie⸗ denen Vorzuge der Taſchen⸗Bibliothek der Rei⸗ ſen vor Romanen iſt noch das bequeme For⸗ mat zu rechnen, wodurch jedem Luſtwandler oder Reiſenden leicht wird, 2 bis 3 Hefte bei ſich zu tragen. Nach einer Reihe von Mona⸗ ten können die Abonnenten die über jeden Welttheil erſchienenen Bändchen ordnen, und zuſammen binden laſſen; durch die ehronolo⸗ giſche Ordnung der Reiſen iſt eine Lücke der teutſchen Literatur zu füllen. In jedem Mo⸗ nate werden zwei Bändcheu auf weißem Pa⸗ pier mit durchſchoſſener Petitſchrift erſcheinen. Wie ich durch fortdauernde Thätigkeit die Dauer dieſes Unternehmens ſichern werde, ſo wird ſich auch die Verlagshandlung bemühen, den anhaltenden Beifall des Publikums einzu⸗ ernten. Bamberg, 30. Auguſt 1827. Einleitung. A. Von der älteſten Zeit bis auf das XV. Jahrhundert. Obſchon der Streit der Gelehrten, welche Nation die erſte moraliſche und phyſiſche Bildung errang, noch unentſchieden iſt; ſo haben doch die meiſten ſich fuͤr Aethiopien und Phoͤnizien erklaͤrt. Man iſt naͤmlich in der neueſten Zeit uͤberein gekommen, daß die Prieſter der Aethiopen zuerſt von Merve nach Theben, dann nach Sais wanderten, und end⸗ lich das ganze Nilthal in Verbindung mit den Phoͤ⸗ niziern beſetzten. Da deren Gottheiten ſogar in Ae⸗ gypten verehrt wurden, ſo iſt nicht mehr zu zweifeln, daß die Aethiopen und Phoͤnizier den Grund zur Bil⸗ dung der Aegyptier gelegt haben. Erſt ſpaͤter trat auch eine Verbindung reiſender Griechen mit den Bewohnern Aegyptens ein, deren Prieſter die⸗ ſelben ſogar in ihre Geheimniſſe einweihten. Da⸗ tes B. Chinn. I. 1. 1 durch wurde der Fuͤrſt Pſametichus veranlaßt, allen neu ankommenden Griechen die Auſiedlung zu geſtatten, und manchen ſogar die Unterweiſung der aͤgyptiſchen Jugend zu uͤbergeben. Der Koͤnig Ama⸗ ſis erlaubte ihnen auch Tempel zu bauen; welche ſie, nach der Beſetzung der Stadt Naukratis am kanopiſchen Arme des Niles, zugleich als Waaren⸗ Niederlage benutzten. Bald wurde der Gottesdienſt der Griechen und Aegyptier ſo vermiſcht und gleich⸗ artig, daß man deffen Urſprung nicht mehr bis zur Quelle verfolgen konnte. Dadurch gewoͤhnten ſich beide Nationen an gleiche Zeitrechnung und Beob: achtung des Laufes der Geſtirne, welche letztere durch die Heiterkeit des aͤgyptiſchen Himmels ſehr erleich⸗ tert worden war. Die fruͤhen Zuͤge der Familien Abrahams, Ja⸗ cobs und ihrer Nachfolger nach Aegypten, und der 430 jaͤhrige Aufenthalt der Iſraeliten daſelbſt, machte es unvermeidlich, daß ſie— auch bei der hart⸗ naͤckigſten Anhaͤnglichkeit an die Sitten und Gebraͤu⸗ che ihrer Voraͤltern, und ſelbſt waͤhrend der ſtren⸗ gen Zucht des Moſes— manches Aegyptiſche ſich aneigneten. Dadurch wurden mehrere Griechen zu dem Irrthume verleitet, die ſpaͤteren Juden fuͤr aͤgyp⸗ tiſche Sproͤßlinge zu halten. Moſes, als angenom⸗ mener Sohn der koͤniglichen Tochter Pharao's durch wunderbare Art am Leben erhalten, und in allen Kuͤnſten und Wiſſenſchaften der Aepyptier am Hofe 3 unterrichtet, wurde doch fuͤr ſeine Goͤnner und Wohl⸗ thaͤter nicht ſo erkenntlich, daß er, vomn Danke be⸗ taͤubt, die Unterdruͤckung der Iſrgeliten haͤtte ver⸗ geſſen koͤnnen. Vielmehr entſchloß er ſich muthig, ſie von ihrem vieljaͤhrigen Joche zu befreien. Er zog 40 Jahre mit ihnen als Nomaden i., den aͤgyp⸗ tiſchen Wuͤſten umher, bis er ſie, 1526 Jahre vor Chriſti Geburt, in das ihnen verheißene Land fuͤh⸗ ren konnte. Daſelbſt erhoben ſich zwar ihre Nach⸗ folger unter Prieſtern, Richtern und Koͤnigen zu einem bluͤhenden und ſelbſtſtaͤndigen Staate; allein unter dem Koͤnige Hoſeas, 746 Jahre vor Chriſtus, ließen 10 Staͤmme Iſraels durch den aſſyriſchen Koͤ⸗ nig Salman aſſar ſich verfuͤhren, in die mediſchen Staͤdte Gelach und Thabor am Fluße Goſan zu wan⸗ dern. Auch der babyloniſche Koͤnig Nebukad⸗Ne⸗ kar bewog 680 Jahre vor Chriſtus den Stamm Juda, nach Babylon zu ziehen. Durch dieſe Ver⸗ miſchung mit andern viel gebildeteren Nationen wurde auch die ganze Denk⸗ und Handlungs⸗Weiſe der Iſraeliten ſo veraͤndert, daß ſogar ihre vorher blos ſinnliche Gottes⸗ Verehrung in eine geiſtigere unmerk⸗ lich uͤberging. der Iſraeliten ſind. Auch iſt gewiß, daß ſie ſchon lange vox jhrer Beruͤhrung mit Griechen eitzige aſtro⸗ nomiſche und mathematiſche Kenntniſſe ſich angeeignet hatten, welche ihre aͤlteſten Bramahnen und Sama⸗ naer vorzuͤglich auf Reiſen zu erweitern, und durch Tradition zu verbreiten geſucht haben. 6 Waͤhrend die Phoͤnizier ſchon den ausgebreitetſten Handel in entfernte Gegenden fuͤhrten, waren die Griechen noch im roheſten Naturzuſtande; ſie irrten auf dem umliegenden Lande ohne Obdach und Kleidung herum. Erſt nachdem die Pelasger(Maͤn⸗ ner von der See, deren Voraͤltern am Pontus wohn⸗ ten) 1794 vor Chriſti Geburt aus den joniſchen In⸗ ſeln nach Griechenland gewandert, auch andere Voͤl⸗ ker⸗Staͤmme aus Phoͤnizien, Aegypten und Klein⸗ Aſien dahin gekommen waren, und ſich daſelbſt ſo feſtgeſetzt batten, daß ſie den Griechen die Nachahmung ihrer Sitten und Gebraͤuche, durch ihre kenntnißreichen und klugen Anfuͤhrer, zur Pflicht machen konnten; ſingen die Griechen an, ſich aus dem wildeſten Zu⸗ ſtande in jenen der Kultur der Fremdlinge zu er⸗ heben. Wie die Kabiren, welche unter Kadmus aus Phoͤnizien einwanderten, auf die Griechen ein⸗ wirkten; ſo aͤußerten auch die Kureten, welche unter des Prometheus Sohne, Deukalion, 1537— 25 vor Chriſtus aus dem Norden herab zogen, auf die Griechen den wohlthaͤtigſten Einfluß. Die itgliſchen Voͤlker ſchoͤpfen Nachrichten von ihrem Urſtande aus der Einwanderung der Tyrr⸗ hener und Arkadier, und aus der Fahrt des Aeneas, — 5 welche mit den fluͤchtenden Trojanern auch die phry⸗ giſche Bildung und Gottes⸗Verehrung einfuͤhrte. Aus Erkenntlichkeit brachten auch die Roͤmer nach dem zweiten puniſchen Kriege die ſteinerne Bildſaͤule der Goͤttin Rhea oder Kybele von Phrygien nach Rom, und ſtellten ſogar geborne Phrygier als Prieſter der⸗ ſelben an. So gewiß die Ch ineſen ſchon lange! vor ihrer Verbindung mit Auslaͤndern ſeit Jahrtauſenden ver⸗ ſchiedene mechaniſche Fertigkeiten beſaßen; ſo haben ſie doch hoͤchſt wahrſcheinlich erſt nach dem Zuge Ale⸗ randers des Großen einige wiſſenſchaftliche Kennt⸗ niſſe erworben, von welchen die aſtrologiſchen vor⸗ zuͤglich gepflogen wurden. Doch blieben ſie auf der ererbten Kultur ſtehen, weil ſie ſich ſchon fuͤr das vollkommenſte Volk hielten, und Reiſen in andere Laͤuder zur Steigerung ihrer Bildung aus Gruͤnden ihrer Religion und deſpotiſchen Verfaſſung verab⸗ ſcheuten.. Die Seythen blieben nach ihrer Wanderung vom Kaukaſus herab ein Nomaden⸗Volk, bis ſie nach dem trojaniſchen Kriege mit Griechen in Ver⸗ bindungen des Tauſchhandels traten, und von den⸗ ſelben Kultur erborgten. Auch die Celten, oder Gallier und Belgier, moͤgen ihre erſte wiſſenſchaft⸗ liche Bildung griechiſchen Wanderern zu danken ha⸗ ben. Da wir von allen uͤbrigen Erdbewohnern viel ſpaͤtere Nachrichten haben, als von den Orienta⸗ L len; ſo wenden wir unſere Aufmerkſamkeit zuerſt auf dieſe, die Griechen und Roͤmer. Sobald die tauſendjaͤhrigen Geheimniſſe der Prie⸗ ſter⸗Kaſte in das große Publikum ſich zu verbreiten begannen, wurde die Buchſtaben⸗Schreibfertigkeit ge⸗ meiner, deren erſte Produkte der Medizin, Aſtro⸗ nomie, Mathematik und Geſchichte gehoͤrten. Durch Reiſen wurde die Pflege der nautiſchen Aſtronomie, der mathematiſchen und hiſtoriſchen Geographie und der Natur⸗Geſchichte zum Beduͤrfniſſe. Beide wur⸗ den von den Griechen aus mechaniſch zuſammen ge⸗ reihten Bruchſtuͤcken in Syſteme gebracht, zu Athen und Alexandrien ausgebildet, und in proſaiſchen Schrif⸗ ten verbreitet. Man ſchreibt dem Anaximan⸗ der von Milet, welcher 810 Jahre vor Chriſtus lebte, die Zeichnung der erſten Himmelskugel und Laudkarte zu, welche ſein Landsmann Hecataͤus verbeſſerte. Obgleich Hexodot vielfache geographi⸗ ſche Kenntniſſe in ſeinen Geſchichtbuͤchern an den Tag legte; ſo bewies er doch noch eine große Armuth an aſtronomiſchen und mathematiſchen. Die Entdeckungs⸗ Reiſen Hanno's und Scylax befoͤ3rderten zwar die hiſtoriſche Erdkunde, doch iſt nur Pytheas von Marſeille, welcher 280 Jahre vor Chriſtus lebte, der Leitſtern ſpaͤterer Geographen geweſen. Denn er zeigte in ſeinem Periodus der Erde zuerſt, wie aſtro⸗ nomiſche Kenntniſſe fuͤr deren Beſchreibung benutzt werden konnten. Sobald Alexander ſeine Trup⸗ 7 ven an große Reiſen gewoͤhnt hatte, wurden auch die Beſchreibungen der neuen Laͤnder und Kuͤſten, wovon Arrian ein Bruchſtuͤck Nearch's lieferte, zu den angenehmſten Beſchaͤftigungen vieler Gelehrten gezaͤhlt, und Geographie in Verbindung mit Aſtro⸗ nomie wiſſenſchaftlich auf oͤffentlichen Schulen ge⸗ lehrt. So wurde es dem kuͤhnen Erde⸗Meſſer Era⸗ thoſtenes von Cyrene moͤglich, in ſeinem Werke hiſtoriſche und mathematiſche Geographie mit Kritik zu vereinigen; ſie wurde mit Aſtronomie durch Hip⸗ varch von Nizaea verbunden. Die alexandriniſche Schule hat das Verdienſt, die Breite der Oerter beſtimmt zu haben. Strabo, von Amaſea in Kap⸗ padocien, reiſte zur Zeit der Geburt Chriſti durch Aegypten, Aſien, Griechenland und Italien; waͤre er in der Mathematik mehr unterrichtet geweſen, ſo wuͤrden ſeine phyſikaliſchen und hiſtoriſchen Kennt⸗ niſſe noch beſſer angewendet worden ſeyn, als in ſeinem geographiſchen Werke geſchehen iſt. Fuͤr die Naturgeſchichte der ſuͤdaſiatiſchen Laͤnder verewigte ſich Agatharchides 105 Jahre vor Chriſtus. Nach deſſen Geburt erwarben ſich entſchiedene Verdienſte Dionys Periegetes aus Charax, welcher eine Entdeckungs⸗ Reiſe in den Orient machte, Arrian, Iſidor, Charazenus, und Pauſanias. Alle dieſe uͤbertraf der CyriersMarinus an umfaſſen⸗ der Beſchreibung der Erde, worin er auch die Laͤnge der Oerter zur Breite fuͤgte. Seine Vorarbeit weckte den beruͤhmten Claudius Ptolemaͤus zu Forſchun⸗ gen, deren Reſultate wir noch in den Karten wie im Terte ſchaͤtzen. Aus deſſen Werke bildeten ſich erſt Agathemer im zweiten, Marcian von Heraelea im vierten, Stephan von Byzanz im fuͤnften, und Cosmas von Alexandrien im ſechſten Jahrhunderte, und ſuchten ihre Kenntniſſe durch Reiſen zu erwei⸗ tern. Es iſt Schade, daß nur Bruchſtuͤcke ihrer Ar⸗ beiten als Denkmaͤler ihrer Anſtrengung uns iͤbrig blieben. Deerr hohe Bildungs⸗Grad, welchen Srirchenland vor den Roͤmern errungen hatte, noͤthigte dieſe, ſich von Griechen unterrichten zu laſſen, und ihre Werke als das hoͤchſte alles wiſſenſchaftlichen Stre⸗ bens zu verehren. Wie in andern Zweigen, ſo ſchrit⸗ ten die Roͤmer auch in der wiſfenſchaftlichen Bear⸗ beitung der Erdkunde nicht uͤber ihre Lehrer vor. Was ſie auf ihren weitlaͤufigen Reiſen und Eroberun⸗ gen noch dazu lernten, diente blos zur mannigfaltige⸗ ren Anwendung des herrſchenden Syſtems. Erſt Auguſt's Buſenfreund, Marceus Vipſanius Agrippa, welcher ſich mit deſſen Tochter Julia verehlicht hatte, ließ alle Theile des roͤmiſchen Reiches vermeſſen, Karten entwerfen, und dieſe in einem offenen Gange zu Rom dem Publikum zur Einſicht mittheilen. Sobald dieſe Karten den allgemeinen Beifall eingeerntet hatten, verfaßte er auch eine Er⸗ laͤuterung derſelben zum offiziellen Gebrauche, und 8 6 9 ließ ſie im Archive niederlegen, wo ſie von ſpaͤteren Forſchern bis auf Plinius benutzt wurden. Andere Roͤmer machten keine ſo große Fortſchritte, ſondern blieben bei den Vorarbeiten der Griechen ſtehen. Selbſt Tacitus und Pomponius Mela webten enur die Sagen der Eroberer in ihre Werke ein. Plinius fuͤgte blos ſeine eigenen Anſichten uͤber In⸗ dien und das noͤrdliche Europa hinzu, und Soli⸗ nus war nur deſſen Nachbeter. Alle uͤbrigen Bei⸗ traͤge zur Erdkunde ſind magere Skizzen, und konnten boͤchſtens als Poſt⸗Karten der roͤmiſchen Obrigkeiten dienen, bis Guido von Ravenna im neunten Jahr⸗ bunderte erſt eine Welt⸗Beſchreibung verfaßte. So vielſeitige Kenntniſſe auch der Armenier Mo⸗ ſes von Chorene auf ſeinen Reiſen durch Palaͤſtina, Griechenland und Italien, im fuͤnften Jahrhunderte ſich aneignete; ſo hinterließ er doch kein Denkmal der⸗ ſelben fuͤr die ſpaͤteſte Nachwelt; dieſe mag ſich mit 7. ſeinem Auszuge ans der Chorographie des Pappus von Alexandrien begnuͤgen. Die Begruͤndung der Re⸗ ligion Mohamed's hatte die Verbreitung ſeiner Herrſchaft uͤber ganz Afrika, wie uͤber einen großen Theil Aſien's und Europa's zur Folge, und nach dem Siege der Waffen wurde auch die Sprache und Kul⸗ tur der Araber von Indien bis Spanien die herr⸗ ſchende der eroberten Laͤnder. um dieſe genau ken⸗ nen zu lernen, ließen die Chalifen Beſchreibungen derſelben durch Maͤnner verfaßen, welche mit der, 10 von den Griechen ererbten, Erdkunde ſehr vertraut waren. Der Handelsgeiſt fand ſo reiche Nahrung, wie die Neugierde einzelner Araber, auf den Reiſen durch die weiten Provinzen, wovon ſie Tagebuͤcher fertigten. An ihr Urbild der mathematiſchen Geogra⸗ phie des Ptolemaͤus knuͤpften ſie die hiſtoriſche aus dem reichen Fuͤlhorne der Erfahrung. Nur iſt zu bedauern, daß die wenigſten geographiſchen Schriften der Araber uͤberſetzt, und durch Druckpreſſen ganz ge⸗ meinnuͤtzig geworden ſind. DSpo gerne die Araber ihren uͤbrigen Provinzen die freie Wahl zwiſchen der mahomedaniſchen Religion und dem Tribut ließen, ſo hart ſuchten ſie in Perſten gegen die Magier zu verfahren, die Religion mit der Sprache zu verdraͤngen, und ihre Literatur vor⸗ herrſchen zu laſſen. Erſt vom zehnten und eilften Jahrhunderte an gewannen die Perſer wieder einige Selbſtſtaͤndigkeit gegen ihre Unterdruͤcker, und durch dieſe hob ſich auch die perſiſche Geſchichte, Erd⸗ und Himmelskunde, wie einige Ueberſetzungen in das Eng⸗ liſche bewieſen haben, wenigſtens etwas. Obgleich die Juden im Allgemeinen den Wan⸗ derungs⸗Geiſt von ihren erſten Voraͤltern auf die ſpaͤteſte Nachwelt fortgeerbt haben, ſo hat doch kei⸗ ner von der Zerſtoͤrung Jeruſalems an bis zum Mit⸗ telalter ſeine Schickſale und Erfahrungen auf Reiſen niedergeſchrieben, oder zur Erweiterung der Erd⸗, Voͤlker⸗ und Himmelskunde mitgetheilt. Der leicht⸗ 11 glaͤubige Spanier Benjamin aus Tudela, welcher uͤber Konſtantinopel in die ſineſiſche Tartarei und nach Indien, dann uͤber das Meer und Aegypten nach Europa, gegen das Ende des zwoͤlften Jahrhun⸗ derts, zuruͤck reiſte, verbreitete mehr Irrthuͤmer, als gegruͤndete Nachrichten, uͤber die von ihm durch⸗ wanderten Erdſtriche. Sein Glaubens⸗Genoſſe, Mo⸗ ſes Petachia aus Regensburg, welcher von Prag durch Pohlen in die Tartarei, dann durch Aſien und Palaͤſtina vor 1187 reiſte, erzaͤhlte dem juͤdiſchen Ver⸗ faſſer ſeiner Reiſe viel wichtigere Nachrichten, welche ſpaͤtere Geographen zu weitern Forſchungen veran⸗ laßten. In den Abendlaͤndern war das wiſſenſchaftliche Streben auf die Dom⸗ und Kloſter⸗Schulen einge⸗ ſchraͤnkt, wo man ſich mit Vervielfaͤltigung der Ab⸗ ſchriften beruͤhmter Werke der Roͤmer und Griechen mehe beſchaͤftigte, als mit planmaͤßigen Reiſen zur Erforſchung der Erde und des Himmels, obgleich das Leſen der Werke von Kaſſiodor, Martianus Capella und Guido von Navenna den Geiſtlichen ſehr empfohlen war. Zwar erhoben ſich mehrere der⸗ ſelben zu eifrigen Geſchichtſchreibern einzelner Hei⸗ ligen und Kloͤſter, wie ganzer Voͤlker, und webten in dieſe Geſchichten auch ihre duͤrftigen geographiſchen Kenntniſſe; allein nicht zum Gewinne der Wiſſenſchaft. Erſt zu Ende des zehnten und im Anfange des eilf⸗ ten Jahrhunderts ſuchten geiſtreiche Maͤnner ihre 12 Laͤnder⸗ und Voͤlkerkunde aus den Berichten der Miſ⸗ ſionaͤre und durch eigene Reiſen zu berichtigen und zu vervollſtaͤndigen. Mit Dank erkennt die Nachwelt die Verdienſte Bonifazens, Alfred's, Aimon's, Dithmar's, Adam's und anderer, welchen die maͤrchenhaften Reiſeberichte unwiſſender Fremdlinge oder kecker Betruͤger, welche nach Rom und Jeruſalem faſt zu gleicher Zeit wanderten, ſehr weit nachſtehen. Das Streben der Geiſtlichkeit, die bereits erworbenen Guͤter zu erhalten, und neue Geſchenke mit denſelben ſo zu verbinden, daß ſie gegen alle Anſpruͤche geſichert ſeyn moͤgen, gab Veranlaſſung zur Abfaſſung foͤrm⸗ licher Grundbuͤcher uͤber alle freieigene und lehen⸗ bare Beſitzungen, der Boden mochte ſchon bebaut ſeyn oder nicht. Aus den einzelnen Beſchreibungen der wie Pilze ſich vermehrenden Kloͤſter bildete ſich allmaͤhlig eine Topographie ohne hoͤheren Auftrag, in deren Beſitze die Handſchriften alter Geographen um ſo leichter unbenutzt bleiben mußten, als zu⸗ gleich die Legenden, Dom⸗ und Kloſter⸗Geſchichten und neueren Geſchichten des Vaterlandes Beſchaͤf⸗ tigung genng dargeboten haben, bis die Krenzzuͤge die Kenntniß und Vervielfaͤltigung alter Geographien durch Abſchriften vom Ende des eilften Jahrhunderts an ganz unentbehrlich machten. Bei dieſem Suchen auf den kloͤſterlichen Bibliotheken nach alten Quellen der allgemeinen Erd⸗Voͤlker⸗ und Himmelskunde wur⸗ den die Geiſtlichen zugleich unwillkuͤhrlich mit jenen —— —ÿ ÿ——— 13 der Mathematik und Aſtronomie, wie mit den roͤmi⸗ ſchen und griechiſchen Klaſſikern und allgemeinen Geſchichtbuͤchern mehr bekannt, weswegen auch die Abſchriften derſelben erſt von dieſer Zeit an ſehr ver⸗ vielfaͤltigt wurden. Je oͤfter einzelne Ritter, ganze Karavanen oder Kriegszuͤge nach dem Orient wanderten, deſio ge⸗ nauer wurden die einheimiſchen Beſitzungen noch vor ihrer Abreiſe beſchrieben, und fuͤr den Fall des To⸗ des der Geiſtlichkeit auch verſchrieben. Die Beduͤrf⸗ niſſe dieſer Reiſenden in verſchiedenen Laͤndern gaben ddee bis dahin noch ſchlummernden Handel in Europa einen ſchnellen Aufſchwung, und mit der erhoͤhten Thaͤtigkeit auch einen ſtets zunehmenden Wirkungs⸗ kreis durch die Schifffahrt nach Aſien und Afrika. Doch ſind jene einzelnen topographiſchen Beſchreibun⸗ gen nicht eher zu einem umfaſſenden Ganzen von Europa vereinigt worden, bis die Hanſe⸗Staͤdte Bremen, Hamburg nund Luͤbeck im zwoͤlften Jahrhun⸗ derte kuͤhn nach der Oſtſee geſchifft waren, und eine beiſpielloſe Handelsthaͤtigkeit auf alle Laͤnder Europas durch Fußgaͤnger und Reiter entwickelten. Waͤhrend die Erdkunde von Europa nur lang⸗ ſame Fortſchritte machte, erweiterte ſich dieſelbe von Aſien durch die Seefahrer von Genua, Florenz und Venedig theils fuͤr den Handel mit den Aſiaten, theils fuͤr die unmittelbare Befriedigung der Beduͤrfniſſe der Kreuszuͤge. Selbſt als dieſe durch die Siege der 14 Mongolen vereitelts, und der Handel der Eurvpaͤer mit Indien uͤber das arabiſche Meer durch die Niu⸗ biten und Mamelucken unterbrochen wurde, knuͤpf⸗ ten ſie durch Karavanen uͤber das ſchwarze Meer neue Handels⸗Verbindungen mit Sina und Hindoſtan an. Je kraͤftiger die Mongolen nach Europa vorruͤckten, und Ungarn, Schleſien und Polen erſchuͤtterten, deſto thaͤtiger war der roͤmiſche Hof, die Karavanen der Europaͤer jenſeits des ſchwarzen und kaſpiſchen Mee⸗ res durch kenntnißreiche Glaubens⸗Prediger zu un⸗ terſtuͤtzen, deren Berichte ein fortseſetztes Bild von Aſien lieferten, ohne welches wir bis auf die neuere Zeit in voller Unwiſſenheit uͤber jenen Welttheil ge⸗ blieben waͤren. Auch nachdem der Miſſionsgeiſt er⸗ ſtickt war, wurde der Karavanen⸗Handel der Ge⸗ nueſer und Venezianer durch Abgeordnete europaͤiſcher Maͤchte an aſiatiſche noch einige Jahrhunderte unter⸗ halten und geſichert, wodurch auch die fortdauernde Erdkunde gewann. Waͤhrend dieſer langen Zeit blieb Afrika faſt ganz unbeachtet. Erſt im Anfange des fuͤnfzehnten Jahrhunderts wagten die Portugieſen, auf den ſichern Leitſtern der Magnet⸗Nadel vertrauend, ſich der Inſel Madera zu naͤhern, und das Vorge⸗ birge der guten Hoffnung zu umſegeln; wodurch auch das Abfaſſen von Seekarten allgemeiner und nothwen⸗ diger wurde. Je langſamer unter ſolchen Umſtaͤnden die ein⸗ zelnen Orts⸗ oder Laͤnder⸗Beſchreibungen, durch 15 welche England, Schottland und Irland, nach den auf den Bibliotheken von Orford und Cambridge be⸗ ſindlichen Denkmaͤlern, am meiſten ſich auszeichneten, bekannt und mit einander vereinigt werden konn⸗ ten; deſto mehr Nachſicht verdient die Unvollkommen⸗ heit der allgemeinen Erdbeſchreibungen des Englaͤn⸗ ders Gervas, des Dominikaners Vincenz von Beauvais, und des Profeſſors Noger Bacon zu Orford im dreizehnten Jahrhunderte; da letzterer ſeiner umfaſſenden Kenntniſſe wegen ſogar der Zau⸗ berkunſt verdaͤchtig, und eingekerkert worden war. Erſt Franz Berlinghieri aus Floreuz verwebte die Meinungen des Ptolemaͤus ſo vortheilhaft mit den ſeinigen, daß er eine brauchbarere allgemeine Erdbeſchreibung, obgleich nur in italieniſchen Verſen, abfaſſen konnte. Die allgemeinen Weltkarten und Erdkugeln, welche ſeit dem eilften Jahrhunderte in manchen Domſchulen und Klöſtern verfertigt wur⸗ den, waren ſo voll von Irrthuͤmern, daß ſie der Nach⸗ welt zu keinem Gebrauche dienen koͤnnten, wenn ſie derſelben waͤren aufbewahrt worden. Selbſt die beruͤhmt gewordene Weltkarte des Venezianers Andreas Bianchi von 1436 iſt nicht frei von großen Maͤngeln und Fehlern. Erſt Gracioſus Benincaſa aus Ancona verfaßte 1474 eine mit den Graden der Breite verſehene Weltkarte in ſechs Blaͤttern, und welche beſondere Verdienſte der Rit⸗ ter Martin von Behaim aus Nuͤrnberg vor und 3 16- nach ſeiner Fahrt auf der portugieſiſchen Flotte(1484 — 4488) um die Weltbeſchreibung ſich erwarb, hat deſ⸗ ſen edler Landsmann, Chriſtoph Gottlieb von Murr, erſt zu unſern Zeiten in das hellſte Licht geſetzt. Nach der allgemeinen geographiſchen Bildung, welche im Mittelalter herrſchend war, konnten alſo auch die meiſten Reiſenden nur ſehr unrichtige und unvollſtaͤndige Berichte von ihren Wanderungen er⸗ ſtatten. Außer den bereits oben erwaͤhnten zeichnete ſich der Dominikaner Bonaventura Burkard aus Weſtphalen 1240 durch ſeine Beſchreibung des gelobten Landes, wo er 10 Jahre war— ferner der italiſche Minorit Johann de Plano Carpini durch vollkommene Schilderung der Mongolen, wie ſie zum Theile jetzt noch ſind, in der Mitte des drei⸗ zehnten Jahrhunderts aus. Sein Ordens⸗ und Zeit⸗ genoſſe, Wilhelm Rubruquis ergaͤnzte die Be⸗ richte ſeiner Vorgaͤnger uͤber die Tartarei, ohne ſie zu kennen, wodurch ſeine Wahrhaftigkeit um ſo ſchoͤner ſich erprobte. Der venezianiſche Kaufmann, Marco Paolo, reiſte 24 Jahre vor 129s durch den groͤßten Theil des Orients. Schrieb er gleichwohl ſeine Be⸗ obachtungen erſt nach der Ruͤckkehr aus dem bloßen Gedaͤchtniſſe nieder, ſo verbreitete er doch zuerſt eini⸗ ges Licht uͤber Japan und den indiſchen Ocean, und berichtigte viele Irrthuͤmer ſeiner Vorgaͤnger uͤber andere Laͤnder. Sein Reiſe⸗Bericht hat ſich durch Zuverlaͤſſigkeit in ſo hohen Ruhm verſetzt, daß er aus 17 der italiſchen in mehre Sprachen uͤberſetzt, und oft aufgelegt werden mußte. Der armeniſche Prinz Heyton, welcher 1308 zu Epiſkopien Moͤnch gewor⸗ den war, hinterließ zu Poitiers die erſte allgemeine Beſchreibung der wichtigſten Laͤnder Aſiens bis auf die Halbinſel jenſeits des Ganges und die anſtoßen⸗ den Inſeln. Der engliſche Ritter Johann Man⸗ deville, welcher aus Neugierde 1322 in den Orient gewandert war, und daſelbſt vieljaͤhrige Kriegsdienſte geleiſtet hatte, ſchrieb erſt nach ſeiner Nuͤckkehr die Beobachtungen nieder, und webte die Irrthuͤmer an⸗ derer Schriftſteller unbehutſam ohne Kritik ein, wes⸗ wegen nur ſeine Nachrichten uͤber Europa, Aegypten, Arabien und Perſten zu beruͤckſichtigen ſind. Dage⸗ gen beſchrieb der Kautmann Baldueei Pegoloti aus Florenz den Handelsweg von Indien nach Eu⸗ ropa in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ſehr genau. Noch zuverlaͤſſiger iſt der an Ort und Stelle verfertigte Reiſe⸗Bericht des ſpaniſchen Abgeyrdneten Elavijo an den beruͤhmten Sieger Timur(Sa⸗ merlan); er wurde deswegen erſt 1782 zu Madrid wieder neu aufgelegt. Paul Toſeanel la aus Flo⸗ renz, der gruͤnt liche Lehrer der Erdkunde, hatte ſchou bald nach dem Entſtehen der Buchdruckerkunſt ſeine Zeitgenoſſen aufmerkſam gemacht, daß der naͤchſte Weg nach Oſtindien um das Vorgebirge der guten Hoffnung geſucht werden muͤßte. 92 ates B. China. I. 1. 2 B. Vom Wa ahehuntderte bis auf unſere Zeit. Kaum hatten die Mathematiker Joſeph und Ro derick auf Auftrag des portugieſiſchen Infanten Don Heinrich die erſten hydographiſchen Karten verfertigt; Chriſtoph Kolomb 4492 die lucajiſchen Juſeln entdeckt; Americo Veſpucci 1491 ſeine erſte Reiſe nach Oſtindien vollendet; Vaſco de Gama 14a98 den Seeweg nach Oſtindien gefunden; Sebaſtian Cabot gleichzeitig die jetzt ſo wichtigen nordamerikaniſchen Staaten Labrador, New⸗Found⸗ land ꝛc. entdeckt, und JZwan Waſſiljewitſch 4499 Einleitungen zur Entdeekung Sibiriens getroffen; ſo wurde die Schiffkunſt in ein wiſſenſchaftliches Ge⸗ wand geworfen, und die Erd⸗ und Voͤlkerkunde⸗ un⸗ terſtuͤtzt von Mathematik und Sternkunde, machte Rieſenſchritte. Die allgemeine Ueberzeugung von verjaͤhrten Jrrthuͤmern in dieſen Zweigen erregte ein Mißtrauen gegen alle fruͤhere Kenntniſſe. Je leb⸗ bafter jetzt der Verkehr mit andern Welttheilen wurde, deſto mehr entwickelte ſich der Handlungsgeiſt der Europaͤer und die Induſtrie aller Klaſfen fuͤr die Befriedigung neuer Beduͤrfniſſe bei zunehmendem Wohl⸗ ſtande; eine freiere Denkweiſe der ganzen Menſchheit gab ſelbſt der allgemeinen Poljtik eine andere Rich⸗ tung. Mit jedem Jahre verbeſſerten ſich dieſe Verhaͤltniſſe, mit ihrem maͤchtigen Einfluſſe auf die 19 allſeitige phyſiſche und geiſtige Kultur, um ſo mehr, je allgemeiner das wiſſenſchaftliche Streben ſichtbar wurde, und je ſchneller ſogar die Glaubens⸗ Reforma⸗ tion 1517 begruͤndet war. Noch ermunternder war 1519 die Entdeckung der Meerenge Magelan, des Staa⸗ tes Terra Nova 1523 durch Verazoni, des neuen Weges nach Archangel 1553 durch Englaͤnder, des Caps Horn und mehrer im indiſchen Ocean gelegenen Iuſeln 1615 durch Le Maire, endlich die Welt⸗Um⸗ ſeglungen Franz Drake's 1577— so, und Olivier van Noorts 1898— 1601. Nachdem faſt waͤhrend des ganzen ſiebzehnten Jahrhunderts Europa durch Kriege verheert und verarmt war, wurde die Ueber⸗ jeugung allgemein, daß dieſe tiefe Wunde nur durch Befoͤrderung der Schifffahrt und Handlung, aus wel⸗ cher die Natur⸗, Welt⸗, Erd⸗ und Menſchenkunde gewinne, geheilt werden koͤnne. A Wie in allen Wiſſenſchaften zeichnete ſich Ita⸗ lien auch in geo⸗, topo⸗ und chorographiſchen Be⸗ ſchreibungen ganzer Staaten, einzelner Bezirke, Staͤdte und Klöſter, vor allen uͤbrigen Laͤndern bis zur Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts aus. Aus fortgeſetztem Luxus bei tiefer ſinkendem Wohlſtande verſiel aber Italien in eine ſolche phyſiſche und moraliſche Schwaͤ⸗ che, daß die vortrefflichſten Werke Einzelner zu dem großen Ganzen nicht hoch zu ſchaͤtzen waren. Haͤtte nicht der beruͤhmte Minorit Vincento Co ronelli, als Kosmograph der Republik Venedig, waͤhrend der 20 „Herausgabe ſeiner vortrefflichen 400 Karten, eine be⸗ ſondere Akademie fuͤr dieſen Zweig geſtiftet, waͤren nicht Marti's Reiſen nach Cypern, Syrien und Palaͤſtina 1760— 68, Seſtini's Reiſen in die Tuͤr⸗ kei, und Griſelini's Reiſen nach Ungern er⸗ ſchienen: ſo haͤtte man glauben koͤnnen, das ſelbſt⸗ thaͤtige Erforſchen der Erdkunde ſey in Italien ganz erloſchen. Deſto mehr gewann dieſes in Spanien unter Ferdinand dem Katholiſchen und Karl V. 1479 bis 1566 ohne deren Aufforderung. Nach vielfacher wiſ⸗ ſentſchaftlicher Vorbereitung wurde die ganze Nation von innerem Drange fuͤr geiſtige Arbeiten jeder Art erfuͤllt. Ihre Herrſchaft uͤber einen großen Theil von Europa, Afrika und Amerika machte vielfache Spra⸗ chen⸗Kenntniſſe zu haͤufigen Reiſen nothwendig, deren Berichte dem großen Publikum vorgelegt wurden. Allein durch die verkehrten Maßregeln der Koͤnige Philipp II., III., IV. und V. von 1566— 1746 ſank mit dem Verluſte vieler Laͤnder der wiſſenſchaftliche und Handels⸗Geiſt uͤberhaupt, und die Luſt mit gehoͤri⸗ ger Vorbildung zu reiſen. Zwar ſuchten die Koͤnige Ferdinand VI. und Karl III. alle Wiſſenſchaften wieder zu heben, neue Handels⸗Quellen zu eroͤffnen, und die Luſt zu Reiſen zu erneuern, aber vergebens. Unter Karl IV. verlor ſich endlich gar jede Spur eines regen Geiſes durch die vielfachen Mißgriffe des Frie⸗ des⸗Fuͤrſten, deſſen Rolle ſo bedeutungslos endigte. Portugall ſchwang ſich unter Koͤnig Fohaun Nothus bald nach dem Frieden mit Kaſtilien 1411 empor. Die Ausruͤſtung einer Flotte gegen die Mau⸗ ren auf der Kuͤſte der Berberei war die Grundlage zur Eutdeckung neuer Laͤnder, welche ſchon 41292 Theodoſius Doria, und der Genueſer Ugoli⸗ nns Viraldo, in zwei Schiffen durch die Meerenge von Gibraltar vornehmen wollten. Der Infant Don Heinrich, von einem ſeltenen Eifer fuͤr Geographie, Mathematik und Aſtronomie erfuͤllt, 144s an die Spitze aller See⸗Unternehmungen geſtellt, ließ die erſten platten Seekarten fertigen, und ſtiftete eine Schule für die Seewiſſenſchaften, aus weicher die beruͤhmteſten Seefahrer und Gruͤnder der ſpaͤteren Bluͤthe Portugall's hervor gingen. Die weiten Reiſen des Gomes de Sans Eſteram nach 1424, die Entdeckung des Cap's durch Barth. Diaz, die Umſchiffung des Cap's auf dem Wege nach Oſtindien 1498 durch Vaſco de Gamaz und die erſte Um⸗ ſexglung der ganzen Erde durch Maghelan gaben den Kosmographen Lavanha und Peter Nunnius reichen Stoff zu Werken, durch welche ſie ſich ver⸗ ewigten. Die portugieſiſchen Fabriken, Handlung und Schifffahrt hatten durch die Verbendung mit Ame⸗ rika und Oſtindien den hoͤchſten Ruhm erl ingt; Liſ⸗ ſabon war der Stapelort aller Reiſenden„ und Coim⸗ bra der Sitz der vorzuͤglichſten Gelehrten. Aber von der Zeit an, als Portugall durch K. Philipp II. in 22 ſpaniſche Herrſchaft gekommen war, ſank mit dem Wohlſtand auch der wiſſeuſchaftliche Geiſt bis zur Mitte des XViIII. Jahrhunderts ſo tief, daß weder die kraͤftige Verwaltung des aufgeklaͤrten Miniſters Pombal, noch jene des Prinzen Regenten unter der wahnſinnigen Koͤnigin Franziska die Nation wieder auf den vorigen Standpunkt erheben kounten. Erſt die Nachwelt wird die Fruͤchte der Stiftung meh⸗ rer Akademſen zu Liſſabon durch die Koͤnigin Maria, und der geopraphiſchen Geſellſchaft durch den jetzigen Kaiſer Pedro, als Prinzen Regenten, zur Verferti⸗ gung guter Land⸗ und See⸗Karten einernten. Nachdem hundertjaͤhriger Deſpotismus allen For⸗ ſchungs⸗ und Unternehmungs⸗Geiſt in Frankreich gelaͤhmt hatte, wurde er unter K. Franz I., wel⸗ cher alle Wiſſenſchaften(4545— 45) mit Vorliebe pfle⸗ gen ließ, wieder belebt. Gewann jedoch die Erd⸗ und Himmelskunde mit den verwandten Zweigen durch bie planmaͤßigen Reiſen ſeiner vielen Gelehrten, ſo wurden doch beide Zweige erſt unter K. Ludwig XIVv. vorzuͤglich durch Picard, Sanſon und Caſſini gehoben, weil deren neue Lehren zugleich zu wichtigen Reiſen auf koͤnigliche Koſten angewendet wurden. Alexander de Rodes, Moncony, La Roque und Philipp Avril begaben ſich in verſchiedene Laͤnder des Morgenlandes; Tavernier, Paul Lukas, Chardin, Le Pruyn nach Perſten; Ber⸗ nier, Delon, Luller nach Indien; Le Maire 23 auf die canariſchen Inſeln, an das Capverd„an den Senegal und Gambia; Spon nach Griechenlandz Sourne fort nach Aſien und Afrika; Frelier in das Suͤdmeer, an die Kuͤſten von Chili, Peru und Braſilien; die Jeſuiten nach Aſien. Faſt alle Be⸗ richte dieſer Reiſenden ſind in mehre Sprachen über⸗ ſetzt, und wiederholt aufgelegt worden, weil auch alle Fabriken durch die neuen Verbindungen dieſer Reiſenden gewonnen haben. Je mehr die Leſeluſt durch alle Staͤnde ſich verbreitete, deſto einflußrei⸗ cher waren die geographiſchen Forſchungen d⸗Anvil⸗ le's, die Entdeckungs⸗Reiſen von Bougainville, Kerguelen, Croſet, La Peyrouſe, die Be⸗ richte Raynal's und der vielen tauſend Wanderer waͤhrend der franzoͤſiſchen Staats⸗Umwaͤlzung in alle Theile der Welt. In England bekam die Schiff⸗Erd⸗ und Him⸗ melskunde den erſten Schwung durch die kraͤftigen Maßregeln der Koͤnigin Eliſabeth gegen das Ende des ſechzehnten Jahrhunderts; obgleich Seb. Cabot, Elliot und Andere 10— 80 Jahre fruͤher auf Koſten K. Heinrich VII. in Amerika Laͤnder entdeckt hatten. Das weiße, Nord⸗ und Eis⸗Meer war von Britten fruͤher nicht durchſchifft, und die Entdeckung des We⸗ ges nach Archangel wurde zu einer Reiſe uͤber Mos⸗ kau nach Perſien und Judien. Die gluͤckliche Um⸗ ſchiffung der Erde durch Franz Drake 1577— 80 ſpornte zu vielen andern Bewoßen Unternehmungen, 24 welche zur Erweiterung der Laͤnderkunde dienten, wenn ſie auch mißlangen. Die vielen Reiſe⸗ Berichte ſetz⸗ ten Richard Hakluyt und Purcha ſchon 1589 und 1613 in den Stand, Sammlungen der wichtigſten erſcheinen zu laſſen. Der einheimiſche Deſpotis⸗ mus hatte kuͤhne Seefahrten und entfernte Aupflan⸗ zungen zur Folge, wohin die Kultur und Freibeit zugleich mitgebracht wurde. Die koͤnigliche Geſell ſchaft der Wiſſenſchaften zu London war kaum vom Koͤnig Karl II. genehmigt, als auch ihre Befoͤrderung der Erd⸗Natur⸗ und Himmels⸗Kunde ſich vielfach zu erkennen gab. Je mehr auf den beiden Univerſitaͤten Orford und Cambridge das Studium der orientali⸗ ſchen Sprachen, Mathematik und Natur⸗Wiſſenſchaf⸗ ten betrieben wurde, deſto leichter wurde das Reiſen in entfernte Laͤnder und Meere, wovon gute Be⸗ ſchreibungen geliefert wurden. Dahin iſt zu rechnen jene von Robert Hareour nach Guyana; von Jory Sandy, John Smith, Thomas Her⸗ bert und Henry Maundrel nach Morgenland; von Th. Gage, und J. Fryer nach Indien; von Barrow, Macartney und Chambers nach Chinaz von Brown, Burnet und Smith durch Europa; von Dampier, Byron, Wallis, Car⸗ teret, Cook, Portlock und Diron um die Welt. Durch die Reiſen ſo ſachkundiger Maͤnner gewann zugleich das Fabrikweſen und die Naturge⸗ ſchichte in allen Zweigen. Der Kuͤſten⸗Atlas Ale⸗ 25 rander Dalrymple:s auf Koſten der oſtindiſchen Handels⸗Geſellſchaft diente vielen Forſchern zum Muſter. Der Reichthum von Laͤnder⸗ und Voͤlker⸗ Kunde in den Sammlungen der Reiſe⸗Beſchreibun⸗ gen des letzten Jahrhunderts iſt nicht hoch genug zu ſchaͤtzen, beſonders in jenen von Churchhill Har⸗ ris, Campbell, Stievens und Hawkesworth. In Teutſchland wurde die aus Ptolemaͤus geſchoͤpfte Erdkunde durch Peter Apian noch nicht erweitert. So weſentlich Seb. Muͤnſter die Kar⸗ ten des Erſtern verbeſſerte, ſo beſchraͤnkte er ſich in ſeiner Kosmographie doch nur auf ſein Vaterland. Gerard Mercator ſtach Landkarten und Globen fuͤr ſeinen geographiſchen Atlas, und beſtimmte nach geſchichtlichen Unterſuchungen die Lage und Beſchaf⸗ fenheit der Laͤnder genauer. Ortelius berichtigte die Erdkunde durch eigene Ber erkungen auf Reiſen, wozu er vom K. Philipp 11. unterſtuͤtzt war. Die Land⸗ und See⸗Karten von Wilhelm Janſon Blaͤu, die Fortſchungen Ph. Cluver's waren der Geographie ſo befoͤrderlich, daß aus keiner Nation ein gleichzeitiger Pfleger derſelben ihnen an die Seite geſetzt werden konnte. In dieſe ruhmvollen Fußſta⸗ pfen traten Chr. Cellarius, Gatterer, Man⸗ nert, Haſe, Koͤhler, Michaelis und Beller⸗ mann fuͤr die alte Erdkunde; Kruſe, Forſter, Sprengel, Eichhorn, Hartmann und Rom⸗ mel fuͤr die mittlere; Huͤbner, Hager, Buͤ⸗ 26 ſching, Erdmann, Ebeling, Fabri, Gaſ⸗ pari, Brunn, Forſter, Pallas, Zimmer⸗ mann, Kluͤgel, Otto, Bruns, Cannabich, Haſſel, Sozmann, Jaͤger, Guͤßefeld, Kin⸗ dermann c. fuͤr die neuere. Mit ihnen ſchritten zugleich Conring, Boſe, Beemann, Achen⸗ wall, Toze, Luͤder, Meuſel, Schloͤzer und Mannert in der Statiſtik vorwaͤrts. Doch alle dieſe ruͤhmlichen Arbeiten waͤren nicht moͤglich gewe⸗ ſen, wenn ihre teutſchen Mitgenoſſen nicht gleiche Verdienſte um die Befaͤrderung der Aſtronomie ſich erworben haͤtten. Man erinnere ſich nur an Geo r g Purbach, Johann v. Koͤnigsberg, Andr. Stiborius, Joh. Stabius, G. Tannſtaͤdter, Walther, Werner, Schoner, Kopernikus, TDycho Brahe, Rhetikus, Reinhold, Rath⸗ mann, Byrge, Kepler, mehrere Mayer, Hevel, Kant, Walch, Boscowich, Bode, von Zach, welche auch der Mathematik behuͤlflich waren. In Daͤnemark kam die allgemeine und beſon⸗ dere Erdkunde erſt ſpaͤt in Gang. Obgleich Koͤnig Chriſtian I. 1474 nach Rom, und viele Gelehrte nach Bologna, Paris, Leiden, Koͤln und Wittenberg reiſten, ſo ſind doch davon keine Berichte in den Druck gekommen. Erſt im ſiebzehnten Jahrhundert erſchie⸗ nen einige Abhandlungen von Stephanius, Wor m, Peter, Elaudius, Lyſchander, Arngrim, 27 Johnſen uͤber Daͤnemark, Norwegen, Groͤnland und mehte Inſeln. An dieſelben reihten ſich ſpaͤter die geographiſchen, ſtatiſtiſchen und antiquariſchen Werke von Berntſen, Reſen, Bartholiu, Sperling, Dorfaͤus und Magnaͤus. Pontop⸗ pidan verbreitete viel Licht uͤber die Natur⸗ Ge⸗ ſchichte und Erd⸗Kunde, wie Stroͤm. Die Reiſe des Kapitain Norden nach Aegypten, und jene Nie⸗ buhr's nach dem Morgenlande ſind ſo bleibende Denkmaͤler der Literatur, wie Thoͤrn's Werk uͤber einige einheimiſche Provinzen. In Schweden. war die Erdkunde hoͤchſt vernach⸗ laͤfigt, bis Peter Petrejus durch ſein Werk uͤber Rußland, Olaus Magni, Andreas Buraͤus, Suneld, Hermelin und Lag erbring durch ihre Werke uͤber ihr Vaterland einiges Licht verbreiteten. Die Geſchichte des ſchwediſchen Krieges in Teutſch⸗ land von Chemnitz iſt reich an Beitraͤgen zur Voͤl⸗ ker⸗ und Erd⸗Kunde. Intereſſant ſind die Reiſe⸗Be⸗ richte von Osbek und Skeberg uͤber Oſtindien und China; von Loͤfling uͤber Suͤdamerika; von Clas Ralams und Haſſelquiſt uͤber die Tuͤrkei, Syrien und Palaͤſtina; von Kalm uͤber Nordamerika; von Sparrmann uͤber das Cap und die Suͤdſee; von Thunberg uͤber Oſtindien„Japan und Ceylon; von Troil uͤber Island; von Rothmann uͤber Nord⸗ Afrika; von Schwarz uͤber die weſtindiſchen Inſeln. 28 Der ausgebreitete Handel der Hollaͤnder im ſechzehnten Jahrhunderte veranlaßte Gelehrte zu Rei⸗ ſen nach Indien und Amerika, wovon die Berichte dem Publikum mitgetheilt wurden. Houtmann und van Nek ſegelten um das Vorgebirge der guten Hoffnung nach Indien; nach vergeblichen Verſuchen einer nordoͤſtlichen Durchfahrt laͤngs den ruſſiſchen und nordaſiatiſchen Kuͤſten, und auf der Nordſeite der neuen Welt, waͤhlte man den weſtlichen Weg dahmn, und entdeckte den Hudſonsfluß und die Pro⸗ vinz Neu⸗Niederland. Olivier van Noort ſegelte 1598 um die ganze Welt. Die Straße Le Maire und Cap Horn wurden 1616 von Jacob Le Maire und W. Schouten entdeckt, worauf Brouwer 1642 noch ſuͤdlicher ſchiffte. A. Tasman entdeckte die Juſeln St. Paul, Amſterdam, Rotterdam und Middelburg. Van Diemen's Fahrt um die ſuͤd⸗ liche Kuͤſte von Niu⸗Holland veranlaßte viele For⸗ ſchungen der Gelehrten uͤber die Inſelform die⸗ ſes Landes. Die Eroberung vieler portugieſiſchen Beſitzungen in Oſtindien, der Inſel Formoſa, der Gewurz⸗Inſeln, und eines großen Theiles von Bra⸗ ſilien, und der Alleinhandel mit Japan, ermunterte viele Hollaͤnder zu Reiſen dahin. Die Beſchreibung von Sina durch Nieuhof wird ſich immer im An⸗ denken erhalten. Der Profeſſor Metius von Alk⸗ maar zu Franeker und der Buchhaͤndler Blaͤu zu Amſterdam, haben die Benutzung der Erdkugeln und —,— 29 Karten ſehr befoͤrdert. Je geheimnißvoller andere Nationen mit Berichten uͤber ihre auswaͤrtigen Be⸗ ſitzungen waren, deſto freier war die Miltheilung der Hollaͤnder Dieß bewieß Valentyn in ſeiner Beſchreibung vom alten und neuen Oſtindien; Bal⸗ daͤus von der Inſel Ceylon; W. Schouten von Malabar, Koromandel und Bengalen; Le Bruyn von Klein⸗Aſten, Aegypten und Perſien; Dapper von mehreren orientalichen Laͤndern; N. Witſen von Nord⸗Aſien; Bosmann von Guigea. Die Be⸗ ſchreibungen der vorzuͤglichſten Staͤdte der Nieder⸗ lande werden immer Druck⸗Denkmaͤler hleiben. Nog⸗ gewyn entdeckte auf ſeiner Fahrt um die Welt die Oſterinſel; Heyman erſtattete einen umfaſſen den Bericht uͤber die Reiſe Egmond's van der Nyen⸗ burg in die Levante, wie Hartſink und Fermin uͤber Surinam und Guyana. Lulof beſchrieb die Erde phyſiſch und mathematiſch mit vieler Gruͤndlich⸗ keit. Die polrtiſche Erdbeſchreibung Wagenaar's gewann ein deſto groͤßeres Publikum, als die ge⸗ lehrten Buchhaͤndler Tirion und van der Aa vorx⸗ treffliche Landkarten zugleich erſcheinen ließen. Ja⸗ nicon's Republik der vereinigten Niederlande und Bachiene's heilige Geographie werden immer ge⸗ achtet bleiben. Aber je tiefer die Seemacht der Nie⸗ derlande ſank, deſto mehr verlor ſich der gute Geiſt fuͤr große Reiſen zur Bereicherung der Erd⸗ und Voͤlker⸗Kunde. Nur machte noch eine ruͤhmliche ſtiche beſorgt hatte. 30 Ausnahme der unternehmende van Braam, welcher ſeine Geſandtſchafts⸗Reiſe nach China, fuͤr die hollaͤn⸗ diſch⸗oſtindiſche Geſellſchaft, zu Philadelphia erſchei⸗ nen ließ; Haafner durch ſeine Reiſe nach Indien; mehrere Privaten, welche verſchiedene Laͤnder Europen's durchreiſten; und endlich Stuart und Kuyper durch ihre philoſophiſche Voͤlker⸗Beſchreibung, wel⸗ ches konbare Werk leider! durch des Letztern Tod un⸗ terbrochen wurde, indem dieſer Kuͤnſtler die Kupfer⸗ So lange der Handel Teutſchlands mit Aſien ſeine Richtung zu Land nur durch Polen, Ru ß⸗ land und Ungarn nehmen konnte, ſo lauge die Kreuzzuͤge des Mittelalters dauerten, fehlte es auch nicht an Eingebornen dieſer Laͤnder, welche theils als Begleiter, theils als ſelbſtſtaͤndige Reiſende, die ihuen vorgekommenen Merkwuͤrdigkeiten nieder ſchrieben, und der Nachwelt uͤbergaben, von welcher viele derſelben zum Drucke befoͤrdert wurden. Gab es auch nach der Wiedergeburt der Wiſſenſchaften daſelbſt nicht ſo viele kuͤhne Reiſende in entfernte Laͤnder, als in andern europaͤiſchen Staaten, ſo erhielten doch einzelne den Ruhm ihrer Voraͤltern aufrecht, und in der neueſten Zeit haben manche Ruſſen den Vorrang uͤber die mei⸗ ſten errungen. Durch die zahlreichen Mittheilungen von Ham⸗ mer's, in von Hormayers Archiv, uͤber die Tuͤrkei iſt die gelehrte Republik erſt zu einer —— 31 vollſtaͤndigen Keuntniß der Literatur derſelben gekom⸗ men. Allein, da die Tuͤrken die Buchdruckerkunſt nicht wirkſam werden ließen, ſo blieben uns die Beobach⸗ tungen ihrer aͤltern Feldherren, Geſandten, Scheiche und Derwiſche auf Reiſen groͤßtentheils unbekannt, und erhielten ſich nur durch Bruchſtuͤcke aus ihren muͤndlichen Erzaͤhlungen im Andenken. Die Werke Moinſade's und Evlia Mohammed Efendis wuͤrden wahre Bereicherung fuͤr die Laͤnder⸗ und Voͤlkerkunde dargeboten haben. Je gebildeter die meiſten Geſandten nach Perſien, Indien, Rußland, England, Frankreich, Oeſterreich und Preußen wa⸗ ren, deſto ſchaͤtzbarer ſind ihre Bemerkungen. Erſt nach Einfuͤhrung der Buchdruckerkunſt von 1727 bis 740 wurden auch einige geographiſche Schriften der Tuͤrken auf soo Exemplaren abgezogen, ſtatt daß man ſich fruͤher mit bloßen handſchriftlichen Ueber⸗ ſetzungen aus dem Lateiniſchen begnuͤgt hatte. Die Bruͤder Arggropulo haben die meiſten geographi⸗ ſchen Kenntniſſe auf ihren Geſandtſchafts⸗Poſten er⸗ probt. So lange die Amerikaner unter dem Drucke der Europaͤer ſchmachteten, konnten nur wenige ſich mit deren Verhaͤltniſſen durch Reiſen bekannt ma⸗ chen. Seitdem ſie aber das Joch abgeſchuͤttelt haben, ſind ſie, von der edlen Denk⸗ und Preß⸗Freiheit be⸗ geiſtert, in die unbekannteſten Laͤnder von Aſien und Afrika, wie in alle Theile Europens, gekommen, und 32 haben durch ihre ſcharfſinnige Beobachtung wie durch ihre freimuͤthige Mittheilung zur genaueſten Kennt⸗ niß der geheimſten Maͤngel vieler Laͤnder beigetra⸗ gen. Nach dem jetzigen Geiſte der Amerikaner iſt nicht zu zweifeln, daß ſie bald alle andere Nationen an Eifer, ſich auf Reiſen zu bilden⸗ uͤbertreffen werden. 8 8 K Itfrs B. China. I. 1. Kurze Ueberſicht der Reiſen in die Tarta⸗ I riſchen und Chineſiſchen Reiche. — 5 Der aͤlteſte Bericht iſt nach Hautesraye's Ver⸗ ſicherung(T. I. Obs. 49— 57) von zwei ſehr unwiſ⸗ ſenden Mahometanern verfaßt, welche im neunten Jahrhundert China und Indien durchſtreift haben fol⸗ len. Obgleich dieſe arabiſche huͤchſt truͤbe Quelle von Gelehrten mehrer Jahrhunderte benutzt wurde, ſo iſt ſie doch erſt vom Abt Euſebius Renaud ot uͤberſetzt zu Paris 174s erſchienen, worauf eine engliſche Ueber⸗ ſetzung, London 4733. 8. und eine italiſche von Ab. Collina, Bologna 4749. 4., folgte. Dem beruͤhm⸗ 8 ten Geſchichtforſcher Vinzenz von Beauvais. verdankt die ſpaͤteſte Nachwelt die erſte Mittheilung der Berichte des Franziskauers Joh. de Plano⸗ Carpini und des Dominikauers Aſcellin i, wel⸗ che Papſt Innocenz IV. im Jahr 12456 zu den Tartaren und Mongolen ſendete, um dieſe von den Einfaͤlen in Europa abzuhalten. Die Berichte wur⸗ den ſpaͤter in mehre lateiniſche, engliſche und franzd⸗ licge Sammlungen aufgenommen. Der Bericht des Kapuziners G. v. Rubruck wurde fehr dpartruſe von jenem des beruͤhmten Venezianers Mareo Paolo, welcher 1274—95 in der Tartarei und China herum wanderte.— Die Beſchreibung der Reiſe des armeniſchen Praͤmonſtratenſers Hay⸗ thon, welcher vom Papſt Clemens V. geſendet war, wurde ſchon 1307 von ihm aus dem Franzoͤſi⸗ ſchen in das Lateiniſche uͤbertragen, und ſo in mehre Sammlungen aufgenommen.— Lieferte der ſtaniſhe Geſandtſchafts⸗Sekretaͤr Gonzalez de Clavigo auch nur ein mageres Ta⸗ gebuch der Hera an den Hof des großen Tamerlan, ſo diente es doch zur Grundlage mehrer ſpaͤterer Be⸗ ſchreibungen in drei Sprachen.— Eine faſt gleiche Auszeichnung begegnete der Beſchreibung der Tartarei durch den vielſeitig gebildeten polniſchen Hofmann M. Broniov.— Der Schotte G. Bruee lieferte ein Dagebuch ſeiner Begleitung der volniſchen Ge⸗ ſandtſchaft 1579 zu den Tartaren.— Die Erzaͤhl ung des Portugieſen F. M. Pinto war zu fabelhaft, als daß nicht der Aufenthalt Al. von Rhodes in China 1618— 3 befriedigen dere Auffchluͤſſe veranlaſſen ſölte⸗ ſeine Reiſe erſchien zu 53 1653, 66, 82. 4. Der Jeſuit Hierony⸗ de Angel.i 6 aus Sieilien opferte fuͤr ſeinen m un 37 Eifer im Miſſions⸗Geſchaͤfte 1649— 21 auf dem Scheiterhaufen das Leben; ſeine zu Rom 1625. 8. erſchienenen italiſchen Briefe, wurden zu Paris in das Franzöoſiſche uͤberſetzt.— Der Bericht des ſpani⸗ ſchen Jeſuiten Ord. v. Cevallos erſchien zu Jaen 1628. 4.; jeuer H. v. Feynes zu Paris 1630. 8.— Die in der Elzevirſchen Druckerei 1639 und 1663. 24. heraus gekommene Beſchreibung des chine⸗ ſiſchen Reiches iſt nur aus dem Miſſions⸗Bericht des Jeſuiten Nik. Trigault entlehnt.— Der Geſandtſchafts⸗Bericht von 1655— 57 durch Joh. Nienhof an die niederlaͤndiſch⸗oſtindiſche Geſell⸗ ſchaft wurde nicht nur in hollaͤndiſcher Sprache zu Amſterdam 1664 und 166s Fol., in deutſcher daſelbſt 1666, 69, 75, in franzoͤſiſcher von Joh. Le Char⸗ pentier zu Paris 1666 und zu Amſterdam 1682, in lateiniſcher von G. Horn daſelbſt 1668 vergriffen, ſondern auch noch in drei auswaͤrtige Sammlungen aufgenommen.— Doch alle dieſe Vorarbeiten blie⸗ ben ungenuͤgend, bis der tartariſche Chef Albu⸗ gaſi Bayadar, welcher 1663 ſtarb, eine Be⸗ ſchreibung ſeines Landes und Volkes verfaßt hatte. Dieſe zuverlaͤſſige Quelle wurde in das Ruſſiſche, Franzoͤſche und Lateiniſche uͤberſetzt, und in mehrere Sammlungen aufgenommen.— Der Jeſuit Ph. Aoril machte auf ſeiner Fußreiſe durch die Tartarei fuͤr einen neuen Weg nach China, ſo intereſfaute Beobachtungen, daß dieſe zu Paris 1691— 93 dre⸗ 38 mal aufgelegt, und zu Hamburg 1705 noch in das Teutſche uͤberſetzt wurden.— Olf. Dappers Bericht verewigte ſich durch die hollaͤndiſche und teutſche Ausgabe zu Amſter⸗ dam 1670— 14, durch die engliſche von Joh. Ogilby zu London 4671, durch die franzoͤſiſche in den Samm⸗ lungen von Thevenot und Prevoſt. Dieſes Gluͤck wuͤrde ihm aber nicht begegnez ſeyn, waͤre er nicht von dem gelehrten Arn. Montanus verfaßt gewe⸗ ſen.— Auch der lateiniſche Bericht des polniſchen Jeſuiten Mich. Boym, welcher die noch immer ſchaͤtzbare Flora von China zu Wien 166s her⸗ ausgab, wurde in das Franzoͤſiſche uͤberſetzt, und in die Sammlung von Thevenot aufgenommen.— Treu erzaͤhlte der Franzos de Bourges, was er 1660 in China beobachtete, und zu Leipzig 1671. 4. verteuſcht wurde.— Der Jeſuit Mart. Martini aus Trient ſtarb dort 1661; ſein ſchon 1649 mit vie⸗ len Kupfern zu Amſterdam heraus gekommenes Ge⸗ maͤlde von China wurde aus dem Lateiniſchen in das Franzoͤſiſche uͤberſetzt, und in Thevenot's Samm⸗ lung aufgenommen, wie die Berichte von Gruͤber und Dorville.— Obgleich der ſpaniſche Miſſio⸗ naͤr D. F. Navarrate in ſeinen zu Madrid 1676 erſchienenen Bericht viel Fabelhaftes eingewebt hatte, ſo wurde dieſer doch in das Engliſche und Franzoͤſi⸗ ſche uͤberſetzt und oͤfters aufgelegt.— Die Reiſe Pet. van Hoorn's kam mit Kupfern zu Amſterdam 39 1675 in hollaͤndiſcher Sprache durch O. Dapper heraus; jene des portugieſiſchen Jeſuiten Gabr. v. Magelhaens wurde wegen der genauen Be⸗ ſchreibung der Stadt Peking in das Franzoͤſiſche von Cl. Bernou 1688— 90. 4. zu Paris, und in das Engliſche zu London 1688. 8. uͤberſetzt.— Das Gluͤck des Jeſuiten Verbieſt, den chineſiſchen Kai⸗ ſer 1682— 83 auf der Reiſe durch die oͤſtliche und weſtliche Tartarei zu begleiten, gab ſeinem Berichte eine große Oeffentlichkeit in Frankreich und Eng⸗ land.— Auch der Brief des franzoͤſiſchen Jeſuiten J. Fr. Gerbillon vom 22. Aug. 1689 wurde 94 Jahre ſpaͤter von Buͤſching in das Teutſche uͤber⸗ ſetzt.— Die Beſchreibung der dreijaͤhrigen Reiſe des Kaufmanns Ad. Brand aus Luͤbeck erſchien teutſch zu Frankfurt 1697— zu Hamburg 1698— zu Berlin 1742— zu Luͤbeck 1723 und 1734; hollaͤndiſch zu Tiel 1699, franzoͤſiſch zu Amſterdam 1699, engliſch zu Lon⸗ don 1704 und lateiniſch im Auszuge von C. G. Leib⸗ nitz 1697, woraus auf ihr großes Jutereſſe zu ſchlieſ⸗ ſen iſt. Der Verfaſſer war der ruſſiſchen, tartariſchen, perſiſchen und ehineſiſchen Sprache kundig.— Der hollaͤndiſche Geſandte N. Witſen beobach⸗ tete auf ſeiner Reiſe durch die Tartarei Alles ſo ge⸗ nau, daß die ruſſiſche Regierung ſich veranlaßt ſah, ſeinen 1692 und 41705 zu Amſterdam erſchienenen Bericht ganz aufkaufen zu laſſen.— Die vom Chineſen Kau verfaßte Beſchreibung des Reiches China verwebte 40 der Hollaͤnder Eb. Isbrand Ides mit ſeiner Reiſe, welche zu Amſterdam 1704 und 1710. 4. erſchien in die franzoͤſiſch und teutſche Sprache 1707. 8. uͤber⸗ ſetzt worden iſt.— Der franzoͤſiſche Jeſnit, Louis de Comte, welcher mit fuͤnf andern Miſſionaͤren vom K. Ludwig XIV. abgeſendet wurde, erſtattete einen ſehr umfaſſenden Bericht; daher dieſer nicht nur zu Paris 1696, 97 und 1701, zu Amgerdam 1698. 12., ſondern auch verteuſcht zu Frankfurt 1696, italieniſch zu Florenz 1697, engliſch zu London 1737. 8. erſchien, und auszugeweiſe noch in 2 Sammlungen aufgenommen wurde.— Was L. Le Grand, der Maler Gherardini, der Jeſuit Fontaney, G. J. Unverzagt, und G. Pſalmanagazar mittheil⸗ ten, iſt keiner beſondern Ruͤckſicht wuͤrdig.— Die 13jaͤhrige Gefangenſchaft Ph. Joh. von Strahlen⸗ berg's gab Gelegenheit zu ſehr intereſſanten Be⸗ merkungen uͤber Rußland, Siberien und die Tartarei; ſein teutſches Werk wurde in das Engliſche und Fran⸗ zoͤſiſche uͤberſetzt.— Das Tagebuch von Lor. Lange von 1745— 18. iſt in das Franzoͤſiſche uͤberſetzt, und in zwei Sammlungen aufgenommen worden.— Die Reiſe von de la Barbinais Le Gentil um die Welt verbreitet ſich vorzuͤglich uͤber China; ſie erhielt 4 Auflagen zu Paris und Amſterdam 1725— 31. 12.— Die Reiſe des Jeſuiten G. Leimbeckhofen, welche zu Wien 1740. 8. herauskam, entſprach der Erwar⸗ tung nicht ſo gut, als jene des Schweden Rein, 41 Abo 1749. 8., und Pet. Osbeck, Stockholm 1757. 8., welche letztere 1165 zu Roſtock, und 1772 zu Leipzig teutſch, 17741 franzoͤſiſch zu Mailand, und 1711 eng⸗ liſch zu London erſchien.— Was der Ansbacher Kaufmann J. P. Reichart von ſeinem Aufenthalte in China 1735 der Erzaͤhlung der ganzen Reiſe, Onolz⸗ bach 1755. 8., einwebte, iſt einiger Ruͤckſicht wuͤrdig; noch mehr die Forſchungen von Du Halde, Du Ban, Ferrand, Mosheim, Muͤller, Haren⸗ berg, de Guignes, und die Bemerkung des chi⸗ neſiſchen Kaiſers Kieng⸗Long uͤber die tartariſche Stadt Mukden und deren Umgebung.— Wichtig iſt Kleemann's Reiſe von Wien bis Kilianova, wel⸗ ehe dreimal aufgelegt wurde.— Der Franuzos Poi⸗ vre ſchilderte die Gebraͤuche der Aſiaten uͤberhaupt, und der Chineſen beſonders, ſo unterhaltend, daß ſein Buch nach zwei franzoͤſiſchen Ausgahen 1768 — 79. 8. auch in das Engliſche, und zweimal in das Teutſche 1713— 83, uͤberſetzt wurde.— Be⸗ ſondere Ruͤckſicht verdient die Erlaͤuterung 117 cehi⸗ neſiſcher Landkarten durch den Ruſſen Hilarion Roſſochin, welcher durch 20jaͤhrigen Aufenthalt zu Peking der Sprache ſehr kundig, dieſelbe in das Ruſſiſche uͤberſetzte, woraus eine Verteutſchung durch J. v. Staͤhlin 1769 in Buͤſching's Ma⸗ gazin Band III. erfolgte.— Der Schwede K. G. Skeberg beſchrieb aus ſeiner Wanderungszeit 1770 bis 14 China uͤberhaupt, und die Stadt Kanton be⸗ 42 ſonders ſehr genau; weswegen Bernoulli deſſen Mittheilung durch Ueberſetzung, Leipzig 1786. 8, noch gemeinnuͤtziger zu machen ſuchte.— Weniger inter⸗ eſſant waren die 3 Briefe des ſchleſiſchen Jeſuiten Benedikt von den J. 1768— 70.— P. S. Pal⸗ las ließ ſein wiſſenſchaftliches Reſultat mehrjaͤhriger Beobachtungen unter den Mongolen 1768— 69 und 1772— 73 zu Petersburg erſcheinen. Dieſes Werk wird fuͤr alle Zeiten um ſo mehr zur Quelle dienen, als die Bemerkungen des Schweizers Regnier, welcher von 1774 an mehrere Jahre zu Irkutzki ſich aufhielt, groͤßtentheils damit uͤbereinſtimmt.— Die Reiſe eines unbekannten Franzoſen 1773— 74 ver⸗ diente um ſo mehr durch Bertuch in den teutſchen Merkur Wieland's 1775 uͤbertragen zu werden, als die Ausſagen ſpaͤterer Reiſenden damit uͤberein ſtimmten.— Die Beſchreibung des chineſiſchen Rei⸗ ches, welche der Kaiſer Kjan Lun zu Peking mit 496 Karten ausſtatten ließ, uͤbertrug der ruſſiſche Se⸗ kretaͤr Leontiew in das Ruſſiſche zu Petersburg 1778. 8. und Haſe in das Deutſche durch Buͤſching's Magazin Band XIV. ſie mag noch lange um ſo mehr als Urgnelle dienen, je oͤfter Sonnerat die fal⸗ ſchen Berichte der Jeſuiten entkraͤftete, obſchon v. Murr deren Briefe noch außer ſeinem Journal in einer beſondern Sammlung herausgab.— K. Bell's Reiſe nach Perſien und China 1722 iſt erſt 1787 zu Hamburg gedruckt worden.— Die Beſchreibungen 43 * von van Braam Houkguſ, Amiot, de Guig⸗ nes, de⸗Pauw, Anderſon, und vorzuͤglich Gro⸗ ſier ſind in das Teutſche uͤberſetzt, wie die neueſten Berichte der engliſchen Geſandten von Macart⸗ ney, Staunton, Holme, Barrow und an⸗ derer.. Einleitung. Wan wir uͤberhaupt in der Ausarbeitung unſerer Bibliothek von keiner Nation und Regierung etwas zu hoffen oder zu fuͤrchten haben, daß wir nach dem ſtrengſten Geſetze der Unpartheilichkeit die Wahrheit aus den beſten uns moͤglichen Quellen ſchoͤpfen und mittheilen, ſo tritt dieſer Fall ganz vorzuͤglich fuͤr China ein. Wir ſind naͤmlich außer aller Verbin⸗ dung mit dieſem Lande, koͤnnen daher deſſen Ver⸗ haͤltniſſe am Hofe, wie die militaͤriſche und Civil⸗ Verwaltung ganz kaltbluͤtig darſtellen. Wir ſind im Beſitze der beſten geographiſch⸗ſtatiſtiſchen und hiſto⸗ riſchen Quelle, mit welcher wir noͤthigen Falles die Ausſagen der eingeweihteſten Reiſenden, deren Be⸗ richte wir unſeren Leſern vorlegen wollen, verglei⸗ chen koͤnnen. Wir rechnen uns daher zur angenehm⸗ ſten Pflicht, unſere Bibliothek mit China zu eroͤffnen; da es aber dem groͤßten Theile unſerer Leſer noch ſehr unbekaunt iſt, ſo wollen wir einige allgemeine 45 Bemerkungen, nebſt einer geographiſchen Skizze die⸗ ſes Landes, ohne welche der Umfang deſſelben nicht zu uͤberſchauen waͤre, aus dem Werke eines neueren Reiſenden allen aͤlteren voraus ſchicken.*) Wenn manche Europaͤiſche Regenten noch glau⸗ ben, ſie ſeien aus einer vorzuͤglicheren Race als die uͤbrigen Menſchen, ſo wird uns dieſer Wahn am chineſiſchen Kaiſer um ſo weniger befremdend vor⸗ kommen, als derſelbe mit ſeiner Verfaſſung verwebt iſt. Dieſer Monarch hat nur die Stelle Gottes auf der Erde beſetzt, welcher ihm die Krone verleihet, oder wieder nimmt, wenn er ſich unwuͤrdig betraͤgt. „Seine Verfuͤgungen ſind nicht an ſich ſchon unwider⸗ ruflich, ſagte einſt ein weiſer Miniſter zum Kaiſer *) Histoire générale de la Chine, ou annales da . cet Empire, traduites du Tong-Kien-kan-mou, par le feu I. A. M. de Moyrac de Mailla, Je- suite françois, Missionnaire à Peckin, publiées par M. l'Abbé Grosier, et dirigées par M. Le Roux des Hautesrayes, wonschhersleeteun du Roi, professeur d'arabe etc. Ouvrage enri- chi de figures et de nouvelles cartes géogra- Phiihes de la Chine ancienne et môderne, evées par ordre du feu empereur Kanghi, et gravées pour la premiêére fois, Paris 1777— 83. 4. 12 vol, avec un recueil de 64 planches. fol.— Mémoires concernant l'histoire, les sciences, les arts, les moeurs, les usages eto. des Chinois. Par les Missionnaires de Peckin, Paris 1776. 4. 13 vol, avec fig. — 46 Tai⸗Kia, ſondern ſie werden es erſt, wenn er in der Tugend ausharret.“ Als Sohn des Himmels, und als Stellvertreter Gottes auf der Erde, muß er ſich uͤber endere Menſchen durch ſeine perſoͤnlichen Eigenſchaften in eben dem Maſſe erheben, wie er durch ſeinen Rang uͤber ihnen ſteht. Seine erſte An⸗ gelegenheit iſt die Wahl aufgeklaͤrter, weiſer, treuer und uneigennuͤtziger Miniſter, welche im Stande ſind, ihm die Laſt der Regierung zu erleichtern. Denn er iſt uͤberzeugt, daß die Ordnung und guten Sitten vom Throne ausgehen, daß nur ſolche Miniſter deren Wirkung bis an die aͤußerſten Meere verbreiten, und unter den Bewohnern benachbarter Reiche den Neid um das Gluͤck erregen, unter ſolchen Geſetzen zu leben. Er ſieht dieſe Miniſter als ſeine beſten Freunde und Nachbarn an, welche ihm alle moͤgliche Unterſtuͤtzung leiſten. Da er ſich als Sohn des Himmels betrach⸗ tet, ſo iſt er dadurch wie der Vater zum Sohne ver⸗ bunden, und in ihm iſt zugleich die geiſtliche und weltliche Macht vereinigt. In ihm iſt das Heiligthum der Religion niedergelegt, deren oberſter Prieſter er iſt; er allein hat die Gewalt, Gott zu opfern, wodurch er ſich am meiſten auszeichnet. Zur Zeit der beiden Nachtgleichen und Sonnewenden erbittet er ſich eine gluͤckliche Ernte, oder dankt fuͤr dieſe durch das Opfer der erſten Fruͤchte. Er verrichtet dieſe religioͤſe Handlung vor der Reiſe durch das Land, vor jeder kriegeriſchen Unternehmung, und 47 ſo oft er den Zorn des Himmels beſaͤnftigen, oder Unfaͤlle abwenden will, womit das Volk bedroht iſt. An dem Tage, an welchem der Kaiſer Gott opfert, erſcheint er als der groͤßte Monarch der Welt. Die Menge der ihn umgebenden Fuͤrſten, Großherren und Beamten; die Nuͤchternheit, Enthaltſamkeit und Zuruͤckgezogenheit, womit er ſich auf dieſe gottes⸗ dienſtliche Handlung vorbereitet; die Wahl der Opfer auf den koſtbarſten Gefaͤßen, die ſchoͤnſte Harmonie der muſtkaliſchen Inſtrumente, das ehrfurchtvollſte Stillſchweigen der Umſtehenden, kurz alles verkuͤn⸗ digt die Groͤße des Himmels⸗Sohnes, welcher opfert, und erhoͤhet den Gedanken an die Allmacht Gottes, welchem geopfert wird. Da er als Vorſtand der Re⸗ ligion und als Vater des Vaterlandes zur Unterwei⸗ ſung ſeiner Unterthanen verbunden iſt; ſo haͤlt er in gewiſſen Zeiten vor den Großen des Reiches eine Rede uͤber einen wichtigen Regierungs⸗Gegenſtand nach einem Dext der h. Buͤcher. Damit aber das ganze Reich an ſeinen Belehrungen Theil nehmen kann, ſo muͤſſen alle Regierungs⸗Vorſteher in jedem Monate zwei Mal uͤber die ihnen vorgezeichneten Ge⸗ genſtaͤnde Reden an das Volk halten, und nach dem Muſter des Monarchen die Stelle der Familien⸗Vaͤter vertreten, welche ihre Kinder unterweiſen. Der Thronfolger wird ſo erzogen, wie er einſt alle Augenblicke ſeines Lebens ausfuͤllen ſoll. Er iſt ſtets von Hofmeiſtern und Lehrern umgeben, welche 48 5 N ihn alles lehren, was ihm als Monarchen zu wiſſen und zu thun noͤthig iſt; keine Stunde darf verloren gehen. Denn der Kaiſer ſoll in Allem unterrichtet ſeyn, und gewoͤhnlich iſt er auch der geſchickteſte Mann im ganzen Reiche. Sobald er das 44. Jahr 8 erreicht hat, wird er in den Tempel gefuͤhrt, wel⸗ cher zur Verehrung ſeiner Voraͤltern beſtimmt iſt, und nach den gewoͤhnlichen Ceremonien belehrt, daß er nun auf alle Empfindungen des Juͤnglings ver⸗ zichten muß, und nichts thun darf, welches ſeinem neuen Charakter unanſtaͤndig iſt. Er wird an die Pſtichten gegen Gott erinnert, zur Befoͤrderung des— Gluͤckes ſeiner Unterthanen ermuntert und aufgefor⸗ dert, ſich von der edlen Bahn ſeiner Voraͤltern nicht zu entfernen, in deren Anweſenheit er ſich heilig ver⸗ pflichtet. Die ganze Verwaltung gruͤndet ſich auf kind⸗ liche Liebe, welche beſſer ſchuͤtzte, als Waffen, ſelbſt in den ſchrecklichſten Empoͤrungen ſeit 4 Jahr⸗ tauſenden. Waͤhrend Barbaren das roͤmiſche Reich erſchuͤtterten und beraubten, konnten ſie China in der Ordnung der Verwaltung nicht aͤndern; vielmehr unterwarfen ſie ſich ſelbſt, obſchon ſie die Vorſicht gebraucht hatten, die Gerichte mit eben ſo vielen Beamten ihrer Nation zu beſetzen, als mit Chineſen. Da der Monarch als Sohn des Himmels der Vater und die Mutter ſeiner Unterthanen geuennt wird, ſo ſetzt er ſeinen hoͤchſten Ruhm in der genaueſten Er⸗ 49 fuͤlung der Pflichten, wozu ihn dieſer liebe Ditel berechtigt. Wenn er in ſeinem Pallaſte ſich von den Prinzen des Gebluͤtes und von den Großen des Rei⸗ ches huldigen laͤßt, ſo hat dieſes Ceremoniel nur das Gepraͤge der kindlichen Liebe. Denn dieſe Obrigkei⸗ ten bezeigen ihre Ehrfurcht dem gemeinſchaftlichen Vater im Namen der! Nation, wie er im Namen des Vaterlandes Gott opfert. Hier findet keine krie⸗ chende Schmeichelei gegen den Herrſcher Statt, ſon⸗ dern ein ehrfurchtvoller Sohn erfuͤllt nur die Pflicht gegen ſeinen Vater. Der Kaiſer ſelbſt begegnet der Kaiſerin und ihren beiderſeitigen Aeltern, wenn ſie auch vor ſeiner Thron⸗Beſteigung geringen Standes waren, im Leben und nach deren Tode mit der groͤß⸗ ten Ehrfurcht. Dieſe uͤber das Leben fortgeſetzte Ehr⸗ furcht gegen die Aeltern, dieſer Glaube an die un⸗ ſterblichkeit verbreitet ſich vom Throne zu allen Fa⸗ die Obrigkeiten den Unterthanen ein. Daher iſt die Aeußerung des chineſiſchen Kaiſers ganz geeignet, er milien, die Greiſe praͤgen ſie ihren jungen Leuten, umgebe ſeine Voͤlker mit Wohlthaten, er umfaſſe alle Voͤlker der Welt in ſeinem vaͤterlichen Buſen. Aus Allem geht hervor, daß die Regierung von China das Muſter einer großen Familie iſt, worin die aͤlterliche Gewalt der oberſte Leiter iſt. Allein, wie es Vaͤter gibt, welche, wenn ſie ſich vergeſſen, und ihre Gewalt mißbrauchen, von ihrem beſtens er⸗ zogenen aͤlteſten Sohne darauf aufmerkſam gemacht utes B. China. I. 1. 4 50 werden, ſo hat das Geſetz dem chineſiſchen Kaiſer auch Ee uſoxen au ‚die Seite gegeben, von welchen⸗ er im oͤffentlichen. und privaten Leben ſtets begleitet * und beobachtet wird. Dieſe Cenſoren ermuntern ſtets zur wuͤrdevollen Ausfuͤhrung deſſen, was der Kaiſer ſeinem eigenen Ruhme, ſeinen Voraͤltern und Nach⸗ kommen, ſeinen Beamten, ſeinem Volke und der ganzen Welt ſchuldig iſt. Dieſe erforſchen den Cha⸗ rakter und das Betrasen ſeiner Beamten und Mini⸗ ſter, ſetzen ihn davon in Kenntniß, und ſchuͤtzen ihn gegen alle Raͤnke. Konfuz ſagt in ſeiner Abhand⸗ lung von der kindlichen Liebe, daß ein Kaiſer ehe⸗ mals ꝛ, ein Priuzl s, ein Großer des Reichs, 3 Cen⸗ ſoren gehabt habe; allein ſeitdem wurde die Zahl der erſteren wegen ihrer vervielfaͤltigten Geſchaͤfte auf 4o vermehrt. Der Dienſt dieſer Conſoren iſt aber nicht blos auf die Ringmauern des kaiſerlichen Pa⸗ laſtes eingeſchraͤnkt; ſondern er verbreitet ſich uͤber das ganze Reich, und umfaßt alles, was die Ge⸗ ſetze, die Doctrin, die Sitten und das oͤffentliche Wohl betrifft. Dieſe Cenſoren ſelbſt ſind wieder in gewiſſer Hinſicht verantwortlich fuͤr jeden Amts⸗ Mis⸗ brauch, man wuͤrde ſie als Theilhaber eines unge⸗ ſtraft gebliebenen Vergehens betrachten, wenn ſie es wiſſen konnten, und deſſen Anzeige unterließen. Je⸗ der Cenſor hat ſeinen Bezirk, in welchem er durch ſeine Gehuͤlfen von allen Ereigniſſen benachrichtigt wird; er iſt ſogar dem Prinzen von Gebluͤt fuͤrchter⸗ 51 lich, welcher auf deſeen Auzeige bei dem Kaiſer ir die Klaſſe gemeiner Buͤrger gereihet wird. Daraus erhellt, daß dieſes Cenſoramt nur Maͤnnern von an⸗ erkanntem Verdienſte, nur gruͤndlichen Geletzrten, welche ſich durch unerſchuͤtterliche Rechtſchaffenheit und Uneigennuͤtzigkeit empfehlen, anvertraut werden kann In ihrer Stehung zwiſchen dem Himmel und dem Souverain, zwiſchen dieſem und den Mandarinen, zwiſchen dieſen und dem Volke, zwiſchen dieſem und den Familien, zwiſchen dieſen und den Einzelnen, ſind ſie im Namen des Vaterlandes verbunden, die Wahrheit, die Unſchuld und Gerechtigkeit, gegen die Bosheit, Raͤnke, Neuerung, Vernachlaͤßigung und Vereitlung zu ſichern. Ihre Unerſchrockenheit muß in eben dem Maße zune dmeu⸗ gls die Miszunſt, welche ihr feſter Eifer ihnen zuzieht; ſte muͤſſen ſich vor dem Schaffot ermuntern auf welchem ſie die Schuldigen fallen laſſen; der Tod des Einen iſt das Kampßei⸗ chen des Folgenden, und wenn alle andere Cenſoren durch die Leichname bereits die Stufen des Thrones bedeckten, ſo muß der noch uͤbrig bleibende muthig uͤber ſie hinweg ſteigen, ſeine Stimme erheben, ſich den Schuldigen gegenuͤber ſtellen, mit ſei em Blute unterzeichnen, was er nicht mehr ſagen kann, und durch ſeinen zetzten Athem noch ſeine Pflicht erfaͤl enl. Unabhaͤngig von dieſen Cenſoren, welche uͤber die ſtrengſte Pflichten⸗Erfuͤllung der Mandarinen wachen, ſind dieſe durch das Geſetz verbunden, dem 5² Kaiſer ihre Anſichten mitzutheilen, und ihm uͤber die Angelegenheiten ihres Bezirkes Vorſtellungen zu ma⸗ chen. Dafuͤr ermuntert der Monarch ſie ſtets zur Mit⸗ theilung ihrer Gutachten uͤber alles, was die Erhaben⸗ heit des Thrones und das Wohl des Volkes befoͤr⸗ dern kann. Damit die Gehuͤlfen der Cenſoren weder nachlaͤßig, noch durch zu langen Aufenthalt in einer Gegend nachſichtig werden koͤnnen, werden von Zeit zu Zeit außerordentliche Kommiſſaͤre ausgeſendet, wel⸗ che ſich im Stillen von der guten Ordnung uͤberzeugen muͤſſen.. Außer den Nachkommen des Konfuz und den Prinzen der regierenden Familie gibt es keinen Erb⸗ adel; Jeder wird nur nach Verdienſt erhoben und ausgezeichnet. Jedem Beamten iſt die ſtrengſte Er⸗ fuͤlung ſeiner Pflicht das hoͤchſe Intereſſe, weil der Kaiſer jeden ernennt oder abſetzt, wann er will; nur durch dieſelbe gewinnt er die Hoffnung zur Be⸗ foͤrderung auf eine beſſere Stelle. Um ausgezeichnete Maͤnner auch nach ihrem Tode noch zu ehren, haben die Kaiſer die Wappen derſelben zu jenen ihrer Ah⸗ nen ſetzen laſſen, wie es dem Marſchall Turenne zu St. Denis, dem großen Newton in der Weſtmuͤnſter⸗ Abtei geſchehen iſt. 11N Nichts erhebt die chineſiſche Regierung mehr, als die ganz unentgeldliche Verwa ltung der Ge⸗ rechtigkeit, wodurch der Arme ſich gegen den Rei⸗ chen geſchuͤtzt weiß. Iſt man mit dem Spruche des * 53 Unter⸗Gerichts nicht zufrieden, ſo kann man an den Vorſtand der Provinz, oder an den Vizekoͤnig ſelbſt, und von dieſem endlich an die oberſten Gerichts⸗ hoͤfe zu Peking appelliren. Letztere geben ihr Urtheil erſt nach einer Verhandlung mit dem Miniſter, und dieſer legt es dem Kaiſer vor, welcher die Entſchei⸗ dung ertheilt; dieſe iſt dann unwiderruflich, und wird dem Vizekönig zur Vollziehung geſendet. Die vielen Geſchaͤfte eines ſo großen Reiches, wuͤrden vom Monarchen nicht erledigt werden koͤnnen, wenn ſie nicht beſteus vorbereitet, und in einer ſo bewunderns⸗ wuͤrdigen Ordnung ihm vorgelegt wuͤrden, daß ſie auf den erſten Blick nach den hoͤchſt einfachen Geſetzen beurtheilt werden koͤnnen. Die Sitten der Chineſen ſind heute noch ſo, wie ſie vor mehrern 1000 Jahren waren. Der gute Geiſt der Folgſamkeit wird geleitet durch Alter, Ver⸗ dienſt und Charakter, durch die Liebe zur Ordnung, zum Frieden und zur Ruhe. Dadurch unterſcheiden ſich die Chineſen von allen andern Nationen; darin mag der Grund ihrer Abneigung gegen dieſe liegen, daß ſie ihnen weder Handels⸗Verbindungen, noch foͤrmliche Niederlaſſung geſtatten. Die Hoͤflichkeit iſt allen Staͤnden gemein; Leute vom geringſten Range beobachten dieſelbe unter ſich genauer, als man bei den gebildetſten Tongebern der groͤßten Staͤdte Eu⸗ ropens ſehen wuͤrde. Jeder weiß, was er thun ſoll, und ihm gebuͤhrt, was er ſagen und hoͤren ſoll; es 54 herrſcht nicht die geringſte Verlegenheit. Der Fremde mag uͤber die Formen ſich luſtig machen; allein er wird ausgelacht, wenn er ſich nicht in dieſelben fuͤgt. Ceremonienmeiſter, welche der Monarch ſelbſt ſendet, huben 40 Tage die fremden Geſandten zu unterrich⸗ ten, welche zur Audienz kommen wolen. So laͤſtig dieſes Ceremoniel ſcheinen mag, ſo iſt es doch dem Geiſte der Chineſen angemeſſen. Ungluͤcklicherweiſe ſind ſie zuerſt weder von Grie⸗ chen, noch von Roͤmern unterrichtet worden, welche ſie wahrſcheinlich nachgeahmt haͤtten. Die Tartaren und Indier haben nie die Nacheiferung unter ihnen erregt, welche im Abendlande ſo viel Gutes bewirkt. Die Chineſen haben all ihr Wiſſen nur ſich ſelbſt zu dauten, und die geringe Achtung gegen die Fremden mag verhinderk haben, daß ſie deren Kenntniſſe ſich aneigneten. Die Regierung ermuntert blos zum gu⸗ ten Betragen, zu den geſellſchaftlichen Banden und Vortheilen, zum Erforſchen ihrer Sprache und Ge⸗ ſchichte; ſie nimmt in Schutz die Sittlichkeit, die Keagheit, die Geſetze, den Ackerbau, den innern Handel, die Manufacturen und noͤthigen Kuͤnſte. Wiſſenſchaftliche Kenntniſſe ſind das einzige Mittel zu Ehreuſteleen, zu Aemtern und zu Vermoͤgen zu gelangen. Die Zahl der Chi⸗ neſen, welche dieſe langwierige Bahn betreten, iſt unglaublich groß; ſie beginnen ihre Studien in der fruͤheſten Jugend, aber ſie werden nicht eher zum Konkurs fuͤr den Erwerb der akademiſchen Grade zu⸗ gelaſſen, bis ſie ihre klaſſiſchen Buͤcher ganz durch⸗ drungen und auswendig gelernt haben. Sie muͤſſen außerordentliche Fortſchritte in ihrer Sprache ſchon gemacht haben, bis ſie auf der Stelle und ohne wei⸗ lere Huͤlfe ſchuell redneriſche Verſuche uͤber Gegen⸗ ſtaͤnde der Geſchichte, Moral und Rechtswiſſenſchaft abfaſſen koͤnnen, ſobald man ſie ihnen dietirt. Wer die Beſchwerden der chigeſifchen Sprache kennt, kann dieſe große Arbeit wuͤrdigen! Sie widmen dieſer un⸗ dankbaren Muͤhe die ſchoͤnſten Jahre ihres Lebens, und gewoͤnnen vielleicht viel, wenn ſie auf ihre Spra⸗ che und Buchſtaben verzichteten, und ſich dafuͤr jene der Tartaren aneigneten. Es iſt gewiß, daß ein Theil der großen Zeit, welche ſie dem Erforſchen der Worte widmen, ſchon hinreichend waͤre, ſich mit Kuͤnſten und Wiſſenſchaften vertraut zu muchen. Allein keine andere Nation haͤngt ſo ſehr an ihren Gebraͤuchen; und die klaſſiſchen Buͤcher, welche ſie zum Studiren erhalten, enthalten beilaͤufig das, was die Regierung von ihnen fordert. 1 6 Man wirft vielen Reiſenden, und beſonders den Miſſionaͤren, welche ſo oft Zutritt an den Hof von Peking hatten, vor, daß ſie die Kenntniſſe der Chi⸗ neſen zu ſehr erhoben, da doch gewiß iſt, daß durch mehre Revolutionen auch Kenntniſſe mit den wiſſen⸗ ſchaftlichen Schaͤtzen zu Grunde gingen, und daß ſie gleichſam vom Neuen anfingen. Wie die Roͤmer und 56 Griechen in vielen Wiſſenſchaften und Kuͤnſten eine Stufe erreicht hatten, nach welcher wir umſonſt ſtre⸗ ben; ſo war auch der Gebrauch des Pulvers in China ſchon lange bekannt, und es iſt geſchichtlich bewieſen, baß ſchon im J. 1232 Kanonen, Bomben und Gre⸗ naden angewendet wurden. Eben ſo verhaͤlt es ſich mit der Sternkunde. Im Jahre 2159 vor Chriſtus wurden zwei Aſtronomen mit dem Tode geſtraft, weil ſie eine Sonne⸗Finſterniß unbeachtet ließen. Die Chineſen hatten ſchon ſeit den aͤlteſten Zeiten ein Tri⸗ bunal von Mathematikern, welche die Himmels⸗Be⸗ wegungen Tag und Nacht beobachten, und nach ihnen Karten entwerfen mußten; wir Europaͤer haben ihnen eine lange Reihe von Beobachtungen zu danken, wie die Unterſuchungen des Miſſionaͤrs Gaubil bewei⸗ ſen. Allein, ſo große Fortſchritte die Sternkunde in China gemacht hatte, und ſo enge ſie ſogar vor Chri⸗ ſtus 1415 mit dem Erziehunss⸗Syſteme des Monar⸗ chen verwebt war; ſo war ſie doch vom Ende des dritten Herrſcher⸗Stammes auf 200 Jahre ſehr ver⸗ nachlaͤßigt, und nach Chriſtus 1168—99 war ein fuͤhl⸗ barer Mangel an geſchickten Aſtronomen. Erſt ſeit⸗ dem Tartaren und Europaͤer zu dieſem Geſchaͤfte auch verwendet werden, iſt der fruͤhere Ruhm wieder er⸗ reicht worden.. Sben ſo ſind die Chineſen ſehr gewandt in der Kriegskunſt, und haben vortreffliche Lehrbuͤcher, nach welchen Jeder gepruͤft wird, ehe er ſich den . 57 Waffen widmen darf, Hatten ſie im Kriege erfahrne Anfuͤhrer, ſo unterkagen ſie ſelten. Sie koͤnnen ſich ſo großer Generaͤle ruͤhmen, als irgend eine andere Nation, und haben unter ſolchen die kuͤhnſten und ſchwerſten Unternehmungen ausgefuͤhrt. Kurz ſie ha⸗ ben Epochen des Fort⸗ und Ruͤckſchreitens gehabt, und man wuͤrde ſehr ungerecht ſeyn, wenn man⸗ ſie nach dem jetzigen Zuſtande Europens beurtheilen wollte. 19s tasnit 222 111 22s Ein Fremder, welcher ihre Sprache, ihre Ge⸗ ſetze und Gebraͤuche nicht kennt, wird fuͤr einen Bar⸗ baren gehalten, welcher nur Unordnung und Ver⸗ derben unter ihnen ſtiften kann. Sie halten den Handel mit Fremden verderblich, wenn er nicht ihren Beduͤrfniſſen ſteuert; ſie beduͤrfen weder Geld, noch jene koſtbaren Kleinigkeiten, welche die europaͤiſchen Schiffe nach Canton bringen. Die Bevoͤlkerung'iſt ſo groß, daß auch im fruchtbarſten Jahre nicht alle Einwohner ernaͤhrt werden koͤnnen. Daher ſind ihnen die erſten Lebens⸗Beduͤrfniſſe am willkommenſten; gegen Getreid, Holz, Thiere, vertauſchen ſie am lieb⸗ ſten ihre entbehrlichſten Gegenſtaͤnde. Sie werden weder durch Gold, noch durch Silber bereichert, und die Kleinigkeiten der Europaer froͤhnen blos ihrem Luxus, welchen die Regierung zu beſchraͤnken ſucht. Da durch Abgabe des Thees, der Seidenwaagren, des Porzellains ꝛc, der Preis derſelben in den Pro⸗ vinzen ſteigt, ſo iſt dieſelbe ihnen wirklich nachtheilig. 58 Aus Jahrtauſenden vor Chriſtus hat man von keinem Lande ſo ſichere Nachrichten, als von China. Wenn auch die aͤlteſten Zeitrechnungen durch sojaͤh⸗ rige Cvelus etwas an das Fabelhafte graͤnzen, z. B. daß Yeutſoachi die wilden Chineſen die erſten hoͤl⸗ zernen Huͤtten bauen, und Suiginchi das Fleiſch der Thiere kochen, und Fruͤchte und Thiere gegen einunder tauſchen lehrte; fo weiß nian doch ganz be⸗ ſtimmt, was ſeit 2963 unter dem dritten Anfuͤhrer Fuhi geſchehen iſt. Von 26972, als dem erſten Re⸗ gierungs⸗Jahre des Kaiſers Hoaug-ti, bis auf unſere Zeit geht eine ununterbrochene Berechnung, und von 463 nach Chriſtus an hat der Kaiſer Ueuti die Regierungs⸗Jahre in den oͤffentlichen Urkunden ſogar bezeichnet, wus alle ſeine Nachfolger beobach⸗ teten. 1'ii ot k ohdHo zenf Ddieſe und ihre Vaſallen hahen bei jeder großen Staats⸗Veraͤnderung eine neue Abtheilung der Pro⸗ vinzen vorgenommen, und die Namen der Staͤdte gewechſelt, wodurch die fremden Reiſenden und Ge⸗ ſchichtſorſcher verſchiedener Jahrhunderte nothwendig zu Irrthuͤmern verleitet wurden.*) Zur Beſeitigung derſelben bemerken wir, daß die Namen der Pro⸗ 1 *) Die Leſer der Reiſen in die tartariſchen und chineſiſchen Reiche moͤgen bei verſchiedener Be⸗ nennung der naͤmlichen Staͤdte und Provinzen ſich daran erinnern.“ 4 59 vinzen, Gerichts⸗Bezirke, Feſtungen, großer und kleiner Staͤdte, Doͤrfer, Einoͤden ſchon durch ihre Endſylben andeuten, was ſie ſind. 1) Peking iſt die vornehmſte Provinz, theils weil daſelbſt der Kaiſer wohnt, theils weil ſie die Einfaͤlle der Tartaren immer kraͤftig zuruͤck wies. Iſt ihr Boden gleichwohl ſau⸗ dig, ſo bringt er doch alle Gekreidarten, Gemuͤſe und Fruͤchte uͤberfluͤſſig hervor. Die Fluͤſſe ſind fiſchreich, und dienen, wie die Kanaͤle, zur Lieferung der Pro⸗ dukte aus den entfernten Provinzen. Sie liegt zwi⸗ ſchen 33— 41 Graden der Breite, und hat ein maͤßi⸗ ges Klima. Deſſen ungeachtet gefrieren die Fluͤſſe jaͤhrlich in der Mitte Novembers ſo feſt zu, daß ſie die ſchwerſten Laſten tragen, und im Maͤrz nur ſehr langſam wieder erweichen. Da die Kaͤlte aber nie ſo fuͤhlbar lſt, als in Europa, ſo iſt man geneigt, dieſe unerklaͤrbare Erſcheinung ſalpetrirten Duͤnſten zuzuſchreiben. Die Provinz Peking hat 9 Bezirke, und in dieſen 48 große Staͤdte, wovon Pao⸗ting⸗ fu der Sitz des Vizekoͤnigs iſt. 1 2) Die Provinz Kiang⸗Nan gegen Mittag, zwiſchen 29— 34 Graden der Breite, hat 18 Bezirke, und in dieſen 37 Staͤdte, iſt ſehr fruchtbar und bluͤ⸗ hend im Handel, und wird noch fuͤr die reichſte ge⸗ halten, obſchon ſie ſeit der Verlegung des kai ſerli⸗ chen Sitzes aus Nan⸗king, ſeit der Zerſtoͤrung des praͤchtigen Pallaſtes und der kaiferlichen Graͤber durch die Tartaren, und ſeit der Verſetzung der 6 großen 60 Cribunale ſehr verloren hat. Die Provinz wird in die oͤſtliche und weſtliche Regierung abgetheilt, deren jede wieder 7 Unterbehoͤrden hat. Die Stadt Nan⸗ king hat noch eine Million Einwohner; weswegen alle Arveiten daſelbſt theurer und geſuchter ſind, als in andern Provinzen. 38) Die Provinz Schanſi, zwiſchen 34— 40 Gra⸗ den der Breite, iſt zwar die kleinſte, aber die kul⸗ tivirteſte; ſie hat in s Bezirken 29 Staͤdte, Ueber⸗ fluß an allen Getreid⸗Sorten bis auf Reiß, viele koſtbare Mineralien, Seiden⸗ und Tapeten⸗Manu⸗ facturen, wie in Perſien und China, die beſten Wein⸗ gaͤrten und viele warme Quellen. 4) Die Provinz Chan⸗Tong, wiſchen 34— 37 Graden der Breite, hat in s Bezirken 28 Staͤdte, wird ungeachtet des ſeltenen Regens durch viele Fluͤſſe, Seen und Baͤche doch ſo befeuchtet, daß alle Getreid⸗ Sorten gedeihen, verſchiedene andere Fruͤchte, Fluͤ⸗ gelwerk, Fiſche im Ueberfluß zu finden ſind, und eine bei uns unbekannte Art Feigen getrocknet ſehr gerne genoſſen wird. Der praͤchtige Kanal von Nun, uͤber welchen alle nach Peking beſtimmten Schiffe gleiten, befoͤrdert den Wohlſtand der Provinz außer⸗ 4 ordentlich. 5) Die Provinz Ho⸗Nan, zwiſchen 31— 36 Gra⸗ den der Breite, in der Mitte des Reiches, hat 30 Staͤdte in 9 Bezirken, iſt begraͤnzt von 5 Provinten, und wird wegen ihrer außerordentlichen Fruchtbarkeit — 61 nur der Garten von China genannt, mit wel⸗ chem noch kein Reiſender ein anderes Land vergleichen konnte. Im erſten Bezirke Cai⸗ Fong⸗ Fu war lange Zeit die kaiſerliche Reſidenz. 6) Die Provinz Scheuſi, zwiſchen 32— 39 Gr. der Breite, graͤnzt an die Tartarei, iſt von hohen Gebirgen umgeben, und breitet ſich weiter gegen Abend aus, als eine andere. Daſelbſt hatten die erſten Chineſen ſich nieder gelaſſen, und die Kaiſer lange Zeit ihren Sitz. Sie hat in s Bezirken 28 Staͤdte; ihr Klima iſt ſehr maͤßig; das Mineralreich iſt ſehr ergiebig; nur duͤrfen die Goldminen nicht geoͤffnet werden. Im erſten Bezirke Si⸗Ngan⸗Fu hat man 162s ein praͤchtiges Denkmal von der Ver⸗ breitung des Chriſtenthums durch die Sorier aus dem J. 782 angetroffen. 7) Die Provinz Sſché⸗Kiang, zwiſchen 27— 30 Grad der Breite, hat in 14 Bezirken 30 Staͤdte, iſt eine der wichtigſten durch Fruchtbarkeit, Handel und Reichthum, und von ſo vielen Fluͤßen und Ka⸗ naͤlen durchſchnitten, daß man eben ſo angenehm zu Waſſer, als zu Land reiſen kann. Ihre Seidenzucht iſt beſſer, als jene der uͤbrigen, weil man die Maul⸗ beerbaͤume beſchneidet und kurz haͤlt. Der Bezirk Hang⸗Tſchéu⸗Fu iſt das irdiſche Paradies durch die Annehmlichkeit der Kanaͤle und des Sees Si⸗Hon, welcher eine Stunde breit iſt, und die Mauer der Seadt beſtreicht. Die Ebbe und Fluth iſt waͤhrend 62 des ganzen Jahres daſelbſt ſehr groß, beſonders am 18. Auguſt, an welchem die Meeres⸗ Wellen ſo hoch wie Gekirge ſich erheben, gewaltſam eindringen, und ein fchreckliches Schauſpiel darbieten— Hang g⸗ Tſchen iſt die von M. Vaolo erwaͤhnte kaiſerliche Re⸗ ſidens Quin⸗ ſai oder King⸗ ßé.— Die Bezirks⸗ Stadt Kia⸗Hing iſt durch ihre Groͤße, Reichthuͤmer, viele praͤchtige Privat⸗Gebaͤude, Kanal⸗Schiffe und Bogen⸗Gaͤnge in allen Straßen ſehr beruͤhmt.— Die Bezirks⸗Stadt Kin⸗Tſchen⸗Fu wurde von M. Paolo Cugui genaunt.— Die Bezirks⸗Stadt Chao⸗ Hing⸗Fu iſt mit ganz weißen Steinen gepflacert, jede Straße hat breite Trottvirs, und iſt zugleich von einem Kauale, ſchoͤner als zu Venedig, durch⸗ ſchnitten.— Die Bezirks⸗Stadt Ning Po⸗Fu treibt vielen Handel mit den Europaͤern und Japoneſen, wie mit den uͤbrigen Provinzen durch ihre Kanaͤle, und hat die angenehmſte und fruchtbarſte Umgebung.— Die Bezirks⸗Stadt Uen⸗Tſchéu⸗Fu iſt praͤchtig ge⸗ baut und ihr großer Handel wird durch die tief ein⸗ greifende Ebbe und Fluth ſehr erleichtert. 8.) Die Provinz Kigung⸗Si, zwiſchen 25— 30 Grad der Breite, iſt ſo bevoͤkert, und hat ſo frucht⸗ bare Weiber, daß die hoͤchſte Ergiebigkeit zur Nah⸗ rung nicht zureicht. Sie iſt von hohen Gebirgen ein⸗ geſchloſſen, welche reich an offizinellen Pflauzen, Gold, Silber, Blei und Eiſen, und von einer halbwilden Nation bewohnt ſind, die ſich nach eigenen Geſetzen regiert, und die Aineſiſchs Herrſchaft nicht auerkeunt. Sie hat in 13 Bezirken, deren jeder ſo groß wie anderswo eine ganze Propinz iſt, 30 Staͤdte.— Die Bezirks⸗Stadt Jao⸗Tſchéu⸗Fu hat mehr als eine Million Einwohner, und liefert das ſchoͤnſte Por⸗ zellain aus 500 Oefen, weil das Waſſer einen ganz eigenen chemiſchen Einſiuß auf die Erde hat. Die Bezirks⸗Stadt Kouang⸗Sin⸗Fu liefert das ſchoͤnſte Cryſtall und Papier.— Die Bezirks⸗Stadt Kieu⸗ Kiang⸗Fu iſt 100 Stunden vom Meere entfernt, und empfaͤngt doch Delphine und andere große Seethiere durch Ebbe und Fluth. Im Bezirke Kien⸗Schang 1* wird der Reiß jaͤhrlich zwei Mal geerntet. 9) Die Provinz Hu⸗Kuaug, zwiſchen 25— 34 Grad der Breite, faſt in der Mitte des Reiches, be⸗ graͤnzt von 8 Provinzen, reich an Zitronen, Orau⸗ gen, Muscat und Fruͤchten aller Art, an Eiſen, Stahl und Goldſand, hat in 4 Bezirken 54 Sesdte, und in der Mitte einen See von 40,000 Fuß in der Laͤnge und 35,000 in der Breite.— Die Bezirks⸗ Stadt Fu⸗Tſchang⸗Fu liegt am Strome Kiang, wel⸗ cher daſelbſt 3vw0 Fuß breit und tief genug iſt, die groͤßten Schiffe auf 500 Stunden vom Meere herein zu tragen. Erwaͤgt man noch, daß wen igſtens 10,000 kleinere Schiffe in einem Umfange von mehr als 2 Stunden um die Stadt liegen; ſo wird einleuchten, daß ſie die groͤßte, beſuchteſte und bevoͤlkertſte der ganzen Welt iſt.— Die Bezirks⸗Stadt Hau⸗ Vaug — 64 iſ der Groͤe nach mit Lvon zu vergleichen, und durch ihre Lage zwiſchen Seen fuͤr den Handel beſon⸗ ders geeignet. Veele Bezirke ſind ſehr reich an koſt⸗ baren Mineralien; leider duͤrfen die Goldminen nicht geoͤffnet werden, weswegen der Goldſand mit deſto mehr Induſtrie gefiſcht wird. Die Provinz Sſe⸗Tſchuen, zwiſchen 26— 32 Grad der Breite, hat in 15 Bezirken 28 Staͤdte, iſt eine der groͤßten, vom Strome Kiang in der Mitte darchſchnitten, und vom Reiche Tibet blos durch Ge⸗ birge geſondert; daher ihre Bewohner mit den be⸗ nachbarten Indiern fehr ſympathiſiren. Sie war lange Zeit von maͤchtigen Koͤnigen regiert, welche die chi⸗ neſiſche Herrſchaft nicht anerkannten; erſt durch den Begroͤrder der Dynsſtie Tſin wurde ſie mit dem Reiche vereinigt. Sie itt reich an allen Lebensmit⸗ teln, opeseweich an Zitronen; Wildpret, Papageien, einer Art Huhn, deſſen Wolle ſtatt der Federn die chineſiſchen Damen fuͤr ihren Kopfputz lieben, au Zucker⸗Rohren, fluͤchtigen und ſchoͤnen Pferden, be⸗ ſtem Rhabarber, Eiſen, Zinn, Blei, Bernſtein, Bi⸗ ſam, Magnet⸗Steinen, Bambus⸗Rohren, Schild⸗ kroͤten, Salzteichen, blauen Steinen.— Die Be⸗ zirks⸗Stadt Tching⸗Tu iſt ſehr bevoͤlkert durch Han⸗ delsleute,(won ſchiffbaren Kanaͤlen aus gehauenen Steinen durchſchnitten, und war einſt als Sitz der Koͤnige ſehr bluͤhend. Sie hat aber an Wohlſtand ſehr verloren, ſeitdem der beruͤchtigte Partei⸗Chef 65 Sſchang-hien⸗tſchong ſie mit der grauſamſten Wuth behandelte, und daſelbſt nach der Verdraͤngung der Koͤnige Tſchu mehr als eine Millivn Menſchen dieſer Provinz erwuͤrgen ließ.— Die ſchoͤne Bezirks⸗ Stadt Schong King⸗Fu bildet am Abhange eines Ber⸗ ges und am Vereinigungsplatze zweier Fluͤſſe ein Am⸗ phitheater.— Die Bezirks⸗Stadt Long⸗Ngan⸗Fu wird als der Schluͤſſel von China betrachtet, welches ſie durch die umliegenden feſten Plaͤtze ſchuͤtzt.— Die Bezirks⸗Stadt Liu⸗Tcheu liegt bei dem Berge Pao, deſſen reine Luft als ein Mittel gegen das Fieber be⸗ trachtet wird. 11) Die Provinz Fu⸗Kien, zwiſchen 23— 28 Gr. der Breite, hat in 9 Bezirken 58 Staͤdte, iſt die kleinſte und doch die reichſte durch den großen Schleich⸗ handel mit Japan, den philippiniſchen und andern nahen Inſeln. Sie iſt zwar ſehr gebirgig; allein die Induſtrie der Chineſen hat die meiſten Gebirge in Terraſſen abgetheilt, welche in ihrer amphithea⸗ traliſchen Geſtalt dem Reißbau ſehr befoͤrderlich ſind, welcher durch kuͤnſtliche Benutzung der Quellen ſehr gewinnt. Die Einwohner fuͤhren aus: Edelſteine, Queckſilber, Schwefel, Seide, Eiſen und allerlei Ge⸗ raͤthe, bringen dafuͤr zuruͤck: Silber⸗Muͤnzen, Pulver⸗ Schuhe, Leder, und andere Gegenſtaͤnde. Sie ge⸗ winnen beſonders durch getrocknete und geſalzene Fi⸗ ſche, wie durch einige im uͤbrigen China ſeltene Fruͤchte. Die Einwohner werden fuͤr die kuͤhnſten Straßen⸗ Ites V. China. I. 1. 5 66 und See⸗Raͤuber gehalten. Sie fertigen aus dem Bauholz der Gebirge Schiffe: ſie beſitzen deren ſo viele, daß ſie dieſelben als Bruͤcke nach Japan, wohin ſie Krieg fuͤhren wollten, einſt dem Kaiſer anboten. Dieſe Provinz iſt eine derjenigen, welche die Chineſen zuletzt unterjochten, und deren Einwoh⸗ ner ſie als Barbaren behandelten, nachdem ſie die Konige Min vertrieben hatten.— Die Bezirks⸗ Stadt Fu⸗Tcheu⸗Fu iſt der Sitz eines Vizekoͤnigs und Tſong⸗Cu, beruͤhmt durch ihren großen Handel, wel⸗ cher durch die leichte Einfahrt der Schiffe ſehr be⸗ guͤnſtigt wird. Ueber die beiden Ufer des Meerbu⸗ us iſt eine Bruͤcke von 50o chineſiſchen Fuͤßen mit 100 Bogen aus weißen Steinen, mit Gelaͤndern und Loͤwen, geſprengt.— Die zweite Bezirks⸗Stadt Siuen⸗ Tſcheu⸗Fu liegt am Meere, und nimmt die groͤßten Handels⸗Schiffe auf. Sie zeichnet ſich aus durch reinliche und niedliche Privat⸗Wohnungen und durch majeſtaͤtiſche Staats⸗Gebaͤude. Außer den uͤberall ſichtbaren Triumphboͤgen gibt es zwei 1260 Fuß hohe Thuͤrme aus Stein und Marmor, welche fuͤr den Gott Foe errichtet wurden, und deren einzelne Stock⸗ werke mit eben ſo vielen vorſpringenden Gallerien zum Luſtwandeln verſehen ſind. Ueber einen Arm des Meeres gegen Nordoſt zieht ſich eine Bruͤcke, welche man nicht ohne die hoͤchſte Bewunderung be⸗ trachten kann. Sie iſt aus ſehr hartem dunkelblauen oder ſchwarzen Steine aufgefuͤhrt, und rubt auf 67 300 Pfeilern, welche auf beiden Seiten einen ſpitzigen Winkel haben, damit die Wellen ſich abprellen. Sie hat keine Bogen, ſondern s gleich lange und breite Steine erſtrecken ſich von einem Pfeiler zum andern. Martini, welcher ſie ſah, behauptet, 1400 Stuͤcke dieſer Steine haͤtten eine Laͤnge von 18 ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Schritte, auf beiden Seiten der Bruͤcke ſeien Gelaͤnder mit gleich weit entfernten Erdkugeln, Loͤwen und Pyramiden, und die ganze Bruͤcke wenig⸗ ſtens 3600 Fuß lang, womit auch die Meſſung Na⸗ varette's durch 1345 Schritte ziemlich einſtimmt.— Die Bezirks⸗Stadt Kieng⸗Ning am oͤſtlichen Ufer des Min⸗-ho wurde von den Tartaren zerſtoͤrt, welche alle Einwohner niederhieben; ſie iſt zwar wegen der gu⸗ ten Lage fuͤr den Handel ſpaͤter wieder aufgefuͤhrt worden, aber bei weitem nicht in ihrer vorigen Pracht.— Die Bezirks⸗Stadt Yen⸗Ping⸗Fu liegt am⸗ phitheatraliſch am Abhange eines Berges, an deſſen Fuße die Fluͤſſe Min⸗ho und Si⸗ho ſind; ſie iſt ſehr befeſtigt wegen des von Außen unzugaͤnglichen Ber⸗ ges, welchen man als den Schluͤſſel der Provinz be⸗ trachtet, und von deſſen Quellen friſches Waſſer in alle Haͤuſer durch Kanaͤle geleitet iſt, weswegen man ſie fuͤr eine der ſchoͤnſten Staͤdte haͤlt. Die Einwoh⸗ ner ſind Koloniſten von Nanking, und reden nur die gelehrte Sprache.— Die Bezirks⸗Stadt Schaufu iſt die noͤrdlichſte der Provinz, und beruͤhrt die Graͤnze jener von Kiangſi. Sie iſt durch ihre Lage und Forts 68 wichtig; man fertigt daſelbſt ſehr ſchoͤne Leinwand aus rohem Hanfe, deſſen die Chineſen ſich gerne be⸗ dienen, theils weil er im Sommer immer neu bleibt, theils durch Schweiß nicht beſchmutzt wird.— Die Bezirke⸗Stadt Tchan⸗Tcheu iſt die mittaͤglichſte der Provinz am Fluſſe Tſchang, uͤber welchen eine ſtei⸗ nerne Bruͤcke von 36 ſehr hohen Bogen, mit Buden voll der koſtbarſten auslaͤndiſchen Waaren liegt. Durch die Ebbe und Fluth iſt der Handel mit allen Schiffen, vorzuͤglich nach den Manillen erleichtert. In den Ge⸗ birgen wird ſehr ſchoͤnes Kriſtall fuͤr Ringe, Knöpfe, Thierformen, gebrochen. Die Umgebungen liefern hoͤchſt wohlriechende und ſchmackhafte Orangen, welche mit der Schaale in Zucker getaucht, ein geſuchter Han⸗ dels⸗Gegenſtand ſind.— Bei der Bezirks⸗ Stadt Funing⸗Tcheu quillt im Herbſte ein Bach, deſſen blaues Waſſer Zeug und Tuch beſtens faͤrbt. Zu dieſer Provinz gehoͤrt die Inſel Formoſa mit Staͤd⸗ ten zwiſchen 22— 2s Gr. der Breite. 12²) Die Provinz Kuang⸗Tong oder Kanton iſt die dedeutendſte der mittaͤglichen, graͤnzt an das Koͤnigreich Tonquin, an 4 chineſiſche Provinzen, und an das Meer, welches ihm mehre ſehr beſuchte und bequeme Haͤfen verſchafft. Im gemeinen Leben ſagt man, Kanton habe einen Himmel ohne Schnee, ſtets gruͤne Baͤume, und Blut ſpuckende Einwohner, weil ſie ein Kraut kauen, das ihren Speichel roͤthet. Man hat zwei Ernten ohne Winter, Ueberfluß an Gold, ——oe— 7 — — 69. Sdelſteinen, Seide, Perlen, Zucker, Stahl, Queck⸗ ſilber, Zinn, Kupfer, Eiſen, Salpeter, wohlrie⸗ chendem Holz, Zitronen, Orangen, Grenaden, Trau⸗ ben, Nuͤſſe, Bananen, Kaſtauien, Birnen, Ana⸗ nas, und ſehr großen Limonen. Es gibt kein Land, wo ſo außerordentlich viele Enten zu ſehen ſind, als hier; die Einwohner laſſen ſte in Backoͤfen oder Miſt⸗ haufen ausbruͤten, und fuͤhren ſie herdenweiſe auf kleinen Nachen laͤngſt des Meeres oder der Fluͤſſe. Sie weiden und naͤhren ſich bei niedriger Ebbe und Fluth von Auſtern, Schnecken und andern Gegen⸗ ſtaͤnden der Art; ſobald Abends die Blashoͤrner ihrer Herren ertoͤnen, eilen ſie in ihre Nachen zuruͤck: man ſalzt ſie und ihre Eier ein. Die Provinz liegt zwiſchen 22— 23 Gr. der Breite, und hat in 9 Bezir⸗ ken 37 Staͤdte. Die Bezirks⸗Stadt Kanton iſt eine der wichtigſten durch ihren Umfang von a teutſchen Meilen, durch ihre 4 Millionen Einwohner, durch die Pracht ihrer oͤffentlichen Gebaͤude, und durch ihre ausgebreitete ſchoͤne Lage. Obſchon ſie vom Meere etwas entfernt iſt, ſo koͤnnen doch die groͤßten Schiffe bis an die Stadtmauern einlaufen. Es kommen ſtets ſo viele an, daß man im Hafen einen Wald von Maſtbaͤumen zu ſehen glaubt. Der Buſen mag 60000 Fuß breit ſeyn; deſſen beide Ufer ſind mit Nachen beſetzt, worin faſt unzaͤhlige Menſchen ſich beſinden; in jedem hat eine Familie 10— 12 Gemaͤcher, wie in einem Hauſe; alle Nachen ſind ſo eng neben eman⸗ 70 der, daß ſie einer ſchwimmenden Stadt gleichen; die Beſitzer verlaſſen dieſelben blos des Morgens zum Fiſchfange und zur Bereitung des Reißes. Der Ha⸗ fen iſt mit gut gebauten Forts eingeſchleſſen, welche die Seeraͤuber vertreiben. Da die ganze Umgebung mit Reiß und ſtets gruͤnen Baͤumen beflanzt iſt, ſo gewaͤhrt ſie einen herrlichen Anblick. Zum Bezirke Kanton gehoͤrt die Inſel San⸗cian, wo der h. Franz Paver ſtarb; Macao, welche die Chineſen den Por⸗ tugieſen fuͤr deren Unterſtuͤtzung gegen Seeraͤuber ſchenkten; und das Dorf Fo⸗chan, welches an Groͤße, Zahl der Einwohner, Reichthum und Wichtigkeit des Handels der Hauptſtadt nicht nachſteht. Die Beziks⸗ Stadt Chao⸗Cſcheufu hat eine ſehr fruchtbare Gegend, aber vom Oetober bis zum Dezember eine ſehr dichte und ungeſunde Luft. Im Bezirk Hoei⸗Tſcheu iſt der beruͤhmte Berg Lofén, welcher 3600 Fuß in der Hoͤhe und 3 Stunden im umfange hat; im Bezirke Lien⸗Dſchen der Berg Loyang, deſſen Gipfel man nur in zwei Tagen erſteigen kann. Die Bezirks⸗ Stadt Kiong⸗Sſcheu liegt auf einem Vorgebirge, vier Stunden vom feſten Lande entfernt. Die Inſel Hai⸗ nan iſt nicht nur uͤberhaupt ſehr ergiebig an Allem, ſondern auch an einem ſchoͤnen, gelben, und dem ſoge⸗ nannten Roſenholze, welche beide fuͤr unverweslich ge⸗ halten, und dem Kaiſer vorbehalten werden. 13) Die Provinz Kuangſi, zwiſchen 22— 25 Gr. der Breite, hat 28 Staͤdte, und ſteht allen uͤbrigen 3 —— 71 Provinzen nach; doch verſieht ſie die zu volkreiche Provinz Kanton 6 Monate lang mit Neiß. 4 14) Die Provinz Nuͤn⸗Nan, zwiſchen 23— 27 Grad der Breite, hat in 20 Bezirken 30 Staͤdte, iſt eine der reichſten und weſtlichſten gegen Indien; weß⸗ wegen auch ihre Bewohner mehr mit den Indiern als Ehineſen gemein haben. Ja man weiß ſogar, 1 daß ein Theil derſelben Koloniſten der Tartaren ſind. Die gegen Abend wohnenden Lolos ſprechen, ſchrei⸗ ben, und befolgen ſolche kirchliche Zeremonien, wie jene von Pegu und Ava. Ale Lebens⸗Beduͤrfuiſſe ſind im Ueberfluſſe zu haben; die Fluͤſſe ſind reich an Goldſand, und die Gold⸗Minen ſollen mehr Aus⸗ beute verſprechen, als in andern Provinzen; auch gibt es viel Kupfer. Die Einwohner pflegen herr⸗ liche Pferde, und unterrichten ihre Elephanten ſo gut, daß ſie von dieſen im Kriege unterſtuͤtzt werden. Man findet viel rothen Bernſtein, Saphir, Agath, 3 Perlen, Biſam, Benzve, Seide, hoͤchſt ſchaͤtzbares 1 Nauchwerk, und jaſpiſchen Marmor, auf welchem die ſchoͤnſten Deraſſen, Baͤume, Blumen und Fluͤſſe . ſehr natuͤrlich abgebildet ſind.— Die Bezirks⸗Stadt Puͤn⸗Nan kann nach ihrem Handel, nach ihren oͤf⸗ 2 fentlichen Gebauden, nach ihrer ſchoͤnen Lage am See Tien, welcher so Stunden im Umfange hat⸗ mit den beruͤhmteſten des Reiches verglichen werden. 4 Durch Kanaͤle deſſelben erleichtern Schiffe den Handel in der ganzen Stadt. Ihre Umgebungen ſind beruͤhmt 72 durch ſchoͤne Huͤgel, herrliches Waſſer, reine Luft, ſtarke Koͤrper der Bewohner, durch muthige Pferde, und die vornehmſten Dapeten⸗Manufakturen.— Die Bezirks⸗Stadt Talifu iſt die weſtlichſte, und liegt am Ufer eines ſehr großen Sees, welchen man Meer nennt, und zu vielen Annehmlichkeiten benuͤtzt. Ge⸗ gen Abend derſelben liegt ein Berg von 30 Stunden. Umfanges, aus welchem ſehr ſchoͤn geſtreifter Mar⸗ mor fuͤr Meubles und andere Zimmer⸗Verzierungen gebrochen wird. In dieſem Beiirke liegt der Berg Kiteo, welcher durch viele Klöſter der Religion Foss beruͤhmt iſt; Martini behauptet, aus di ſem Orte haͤtten die Chineſen die erſte Kenntniß von dieſem Betruͤger erhalten.— Bei der Bezirks⸗Stadt King⸗ Tong hat der Kaiſer Hanming eine Bruͤcke durch 20 eiſerne Ketten uͤber zwei gegenuͤber ſtehende Berge errichten laſen.— Die Bewohner des Beiirkes Chunning kennen die Bildung der Chineſen nicht, und leben wie Wilde in ihren Gebirgen; jene von Ho⸗ king tragen weder Sonne⸗Faͤcher noch Daͤcher wie die Chineſen, ſondern ſtets Bogen und Pfeile.— Die Bezirks⸗Stadt Yongtchang wurde von M. Paolo unrichtig Un⸗chiam oder Areladam bezeichnet; ihr Name kommt von den Goldblaͤttchen, welche die Ein⸗. wohuer auf die Zaͤhne legen.. 15) Die Provinz KueiSſcheu, zwiſchen 25 bis 28 Grad der Breite, hat in 8 Bezirken 25 Staͤdte, iſt klein und unfruchtbar. Die Tartaren haben viele — 73 Waffenplaͤtze und Feſtungen zur Beſeitigung der Ein⸗ iaͤlle naher Voͤlker angelegt; die Unterhaltung der⸗ ſelben koſtet aber der ehineſiſchen Regierung weit mehr, als der jaͤhrliche Tribut betraͤgt. 16—48) Die Provinz Lea⸗Tong zwiſchen 39 bis 41 Grad der Breite hat 3z die oͤſtliche Tartarei zwiſchen 44—54 Gr. d. B. 35, die weſtliche zwi⸗ ſchen 39— 49 Gr. d. B. 85 Staͤdte. Erſt nach dieſer Einleitung moͤchten alle Leſer der Reiſen in die tartariſchen und chineſiſchen Reiche in den Stand geſetzt ſeyn, die Eigenheiten derſelben zu verſtehen und iu wuͤrdigen. IJ. Reiſe des Franziskaners Johann de Plano Carpini in die Tartarei 1246. —q— Am Ende des XII. und im Anfange des XIII. Jahr⸗ hunderts machten ſich die Tartaren und Mongolen durch ihre Einfaͤlle in die ſuͤdlichen Laͤnder Europen's hoͤchſt furchtbar. Pabſt In nozenz IV. verfiel auf den Gedanken, einige Moͤnche als ſeine Geſandte von Zeit zu Zeit an den Chan zu befoͤrdern. Dieſe ſoll⸗ ten ihn nicht allein bewegen, ſeine Einfaͤlle zu unter⸗ brechen oder ganz zu unterlaſſen, ſondern auch dem Chriſtenthume beizutreten. Er beorderte im J. 1246 die beiden Franziskaner Johann de Plano Car⸗ vini*) und Benediet aus Polen, dieſen großen Zweck zu erreichen. *) Johannis de Plano Carpini, Fr. ord. Minorum. historia Mongalorum seu Tatarorum anno 4246. —,— — 75 Carpini und Benediet begaben ſich zum Koͤ⸗ nige von Boͤhmen, welcher ſie auf ſeine Koſten zu den Herzogen Boleslaus von Schleſien, und zu Konrad von Lautiscia oder Mazovien befoͤrdern ließ, an deſſen Hofe der Herzog Waſilik von Nußland ſich befand. Da ſie daſelbſt vernahmen, daß ſie ohne Geſchenke die Tartaren nicht gewinnen koͤnnten, ſo verſahen ſie ſich daſelbſt mit Biber⸗ und anderen Thier⸗Haͤuten. Hierauf reiſten ſie mit dem Herzoge Waſilik ſelbſt uͤber Danilow nach Kiow, der da⸗ maligen Hauptſtadt Rußlands, wo ſie ihre Pferde abgaben, weil dieſe nicht wie die tartariſchen gewohnt waren, das Haidegras unter dem Schnee hervor zu ſuchen. Am 4. Febr. 1246 kamen ſie durch Poſtpferde und einen Fuͤhrer nach Kanow, der erſten tartari⸗ ſchen Stadt, wovon ſie zu Pferde an die erſte tar⸗ tariſche Wache gefuͤhrt wurden. Nach einer ſtrengen und groben Unterſuchung des Zweckes und der Mittel ihrer Reiſe ſind ſie an den Hof des Fuͤrſten Kor⸗ Der gleichzeitige Jakobiner Vincen;z v. Beaun⸗ vais lieferte im 32. Buche ſeines Geſchichts⸗ ſpiegels zuerſt einen Auszug des lateiniſchen Be⸗ richts, welcher von Hakluyt in das Engliſche uͤberſetzt wurde. Prevoſt nahm ihn verbeſ⸗ ſert in die zu Haag 173z erſchienene franzoͤſiſche Sammlung auf, woraus er im VII. Band der teutſchen, Leipzig bei Arkſtee 1750. 4. S. 356 bekannt wurde. 76. 2 renſa befoͤrdert worden, deſſen Zelt ſie erſt nach 3 Beugungen des linken Kniees zur Entledigung des Auftrages, und zur Ueberreichung des paͤpſtlichen Schreibens betreten durften. Von 3 Fuͤhrern wur⸗ den ſie zum Chan Baatu durch das Land Komania, vom Dienſtage der Faſten bis zum gruͤnen Donnerſtage guf Pferden geliefert, welche ſtets trottirten, und taͤglich viermal gewechſelt wurden. Drei Meilen hin⸗ ter dem Pallaſte dieſes Chanes einguartiert, mußten ſte zwiſchen zwei Feuern zur Aufwartung vorſchreiten, damit ſie weder durch Zauberei, noch durch Gift ſchaden konnten. Nachdem Baatu das paͤpſtliche— Schreiben geleſen hatte, wurden ſte in ihr Quartier zuruͤck gebracht, und erhielten am erſten Abende nur wenig Hirſe zu eſſen. Der Chan war auf einem hohen Stuhle oder Throne, die Prinzen und anderen Groſ⸗ ſen auf einer Bank in der Mitte des Zeltes, die uͤbrigen auf dem Boden geſeſſen, und zwar die Maͤn⸗ ner zur Rechten, die Weiber zur Linken. Die Moͤnche ſaßen vor der Aufwartung auf der linken Seite der Geſandten, nach derſelben wurden ſie auf die rechte geſetzt. Auf einem Tiſche naͤchſt der Thuͤre ſtanden goldene und ſilberne Gefaͤße mit Getraͤnken, woſelbſt auch Muſikanten ſpielten, ſo oft der Fuͤrſt trank. Am Oſtertage brachen ſie mit zwei Tartaren an den Hof des Kaiſers der Mongolen auf; da ſie bis⸗ her nichts als Hirſe, mit Waſſer und Salz gekocht, und geſchmolzenen Schnee genoſſen hatten, ſo waren —,— 77 ſie ſehr ſchwach geworden. Am 22. Juli erreichten ſie endlich den Hof, wo eben die Wahl des Monar⸗ chen Kajuck vorgenommen wurde; ſie wurden den 27. Inli an den Hof der Mutter Sira Orda in ein großes bemaltes Zelt von weißem Zeuge gefuͤhrt, welches vielleicht 2000 Menſchen aufnehmen konnte. Die Grohen erſchienen daſelbſt am erſten Tage in weißem, am zweiten in rothem, am dritten in blauem, und am vierten in reichem Anzuge; ihre Pferde wa⸗ ren praͤchtig geharniſcht; ſie tranken dabei viel Stu⸗ tenmilch, und ließen auch die Moöoͤnche daran Theil nehmen, waͤhrend eine zahlreiche Volksmenge in ehr⸗ bietiger Entfernung und Ruhe um das Zelt herum ſich aufgeſtellt hatte. Nach 4woͤchentlichen Verhand⸗ lungen zog am 24. Auguſt die Verſammlung in das 3—4 Meillen entfernte goldene Zelt(Altun Orda), welches auf Pfeilern mit goldenen Platten bedeckt ruhte; die Großen wendeten ihre Geſichter gegen Suͤd, knieeten und beteten in ziemlicher Entfernung von einander, kehrten in gleicher Richtung nach dem vorigen Zelte zuruͤck, ſetzten den Kaiſer Kajuck auf den Thron, und knieeten, wie das Volk, vor ihm nieder. Sie ſprachen zu ihm: Wir wollen, wir hit⸗ ten dich, wir befehlen dir, daß du alle Gewalt uͤber uns habeſt. Er erwiederte: Wenn ihr wollet, daß ich euer Chan ſei, ſo muͤßt ihr entſchloſſen ſeyn, mir in Allem zu gehorchen, auf jeden Ruf zu erſcheinen, zu gehen, wohin ich euch ſende, und hinzurichten, welche ich verurtheilen werde. Nachdem ſie verſpro⸗ chen hatten, Alles zzu leiſten, fuͤgte er bei: Mein Wort wird kuͤnftig die Stelle des Schwertes vertre⸗ ten. Hernach breiteten ſie einen Filz uͤber den Boden, ſetzten ihn darauf, und ſagten zu ihm: Blicke in die Hoͤhe, und erkenne Gott, werfe die Augen nieder und betrachte den Filz, auf welchem du ſitzeſt: re⸗ gierſt du weiſe, frei und wohlthaͤtig, behandeltſt du die Großen mit Wuͤrde, ſo wird dir die ganze Erde unterthaͤnig ſeyn; im Gegentheil wirſt du verachtet werden. Alsdann ließen ſie ſeine Gemahlin neben ihn ſetzen, und riefen beide als Kaiſer und Kaiſerin mit lauter Stimme aus. Hierauf wurden mehr als 500 Wagen voll Gold, Silber, Edelſteinen und an⸗ dern Koſtbarkeiten, welche ſein Vorgaͤnger beſeſſen hatte, herbei gefuͤhrt. Davon behielt der Chan einen Theil; das Uebrige vertheilte er an die Prinzen und Großen des Reiches. Er war beilaͤufig 40— 4s Jahrs alt, von mittelmaͤßiger Statur und ſo ernſthafter Miene, daß man ihn ſelten lachen ſah; er ſprach mit Fremden nie anders als durch Dolmetſcher, und man durfte ſich ihm nur knieend naͤhern. Da an ſei⸗ nem Hofe alles nach ſeinem Willen geſchah, ſo ſah man weder Advokaten noch Fuͤrſprecher. In ſeinen Briefen nannte er ſich die Macht Gottes und Kaiſer der ganzen Menſchheit. Auf ſeinem Siegel ſtand: Gott im Himmel und Chan auf der Erde, die Macht Gottes; das Siegel des Kaiſers aller Menſchen. Man verſicherte unſerem Carpini, bei dieſer Feierlichkeit ſeien we⸗ nigſtens 4000 theils ſouveraine Fuͤrſten, theils Ge⸗ ſandte und Abgeordnete geweſen, welche entweder ihren Tribut und Geſchenke, oder ihre Huldigungen darbrachten. Uuter dieſen waren beſonders der Her⸗ zog Jaroslas aus Rußland, zwei Soͤhne des Her⸗ zogs von Georgien, ein Geſandter des Kalifen von Bagdad, mehre Sultane und Emire der Sarazenen, eine Menge Große aus Kathai und Solangi. Er ſetzte mehre Fuͤrſten ab, und vertheilte die Kronen an Andere; er drohte den Geſandten des Kalifen, und ſchickte die Mohalediten zuruͤck, ohne ſie anzu⸗ hoͤren.*) Einige Zeit ſpaͤter wurden die Möͤnche, wie die anderen fremden Geſandten, zur feierlichen Aufwartung in ein praͤchtiges Zelt von Purpur ge⸗ fuͤhrt, wo ein elfenbeinener, mit Juwelen gezierter Thron ſtand, und die Großen auf Baͤnken zur Rech⸗ ten, die Frauen zur Linken ſaßen. Nach dieſer Ze⸗ remonie wurden ſie an den Hof der Mutter zuruͤck geſchickt, wo ſie bei ſchmalſter Koſt 4 Wochen ver⸗ weilten. Der Kaiſer befahl ihnen, ihre Geſuche ſchriftlich einzureichen, welche ſogleich folgten; die Frage, ob der Papſt in ſeiner Umgebung Maͤnner *) de Mailla hist. gén, de la Chine. Toms IX. 242— 244. habe, welche der ruſſiſchen, arabiſchen oder tartari⸗ ſchen Sprache maͤchtig ſeien, verneinten ſie! Deß⸗ wegen wurde ihnen das Antwortſchreiben des Kaiſers durch Dolmetſcher vorgeleſen und zugleich erklaͤrt, was Carpini ſogleich lateiniſch niederſchrieb. Am 13. des Wintermonates traten ſie in Beglei⸗ tung von Tartaren ihre Ruͤckreiſe an, welche den gan⸗ zen Winter durch Wuͤſten ohne Baͤume dauerte; ſie ruhten Nachts auf dem Schuee, von welchem ſie durch widrige Winde oft bedeckt wurden. Am Him⸗ melfahrtstage erreichten ſie den Hof des Fuͤrſten Baatu, und am 8. Juni die Stadt Kiow. Die Herzoge Waſilik und Daniel unterſtuͤtzten ſie mit Allem, und ertheilten die Verſicherung, daß ie bereits die Wuͤrde des roͤmiſchen Stuhles anerkaunt haͤtten. So kehrten ſie gluͤcklich nach vielen beiſpielloſen Be⸗ ſchwerden der Reiſe zuruͤck; aber der Zweck derſelben war nicht erreicht. Denn bald hernach befahl der Kai⸗ ſer eine außerordentliche Truppen⸗Aushebung zum Einfalle in Ungarn und Polen, welcher im Maͤrz 1247 auch unternommen worden waͤre, haͤtte nicht der zu fruͤhe Tod des Chanes das große Vorhaben ver⸗ eitelt. Nach Carpini's Berichte war das Land der Mongolen gegen Morgen vom Lande Kathay und So⸗ langi, gegen Suͤdweſt vom Lande der Huires, gegen Abend von jenem der Naymanen, gegen Mitternacht vom Meere begraͤnzt. Es hat viele Berge und Ebenen aber wenige Fluͤſſe, iſt uͤberall ſandig und durre, mit Ausnahme einiger Weide. Die Kaͤlte und Winde ſind ſehr hektig; es regnet im Sommer ſelten, im Winter nie. Die Geſichter der Tartaren ſind breit, die Naſen kurz und flach, die Augen klein, und die Augenlieder ſtehen aufrecht. Die Kopfplatte iſt ab⸗ geſchoren, die uͤbrigen Haare werden in zwei Locken binter den beiden Ohren geſlochten; die Fuͤße ſind kur;. Die Maͤnner kleideten ſich wie die Weiber. Ihre Haͤuſer waren rund, in der Oecke mit einer Oeff⸗ nung verſehen, welche fuͤr die Beleuchtung und Ab⸗ leitung des Rauches zugleich diente; einige waren groß, einige ſo klein, daß man ſie aus einander legen konnte. Viele ruhten auf Karren, mit einem oder mehren Ochſen beſpannt. 3 Die Tartaren verehrten ihre Gebieter hoch, und ſagten ihnen nie eine Unwahrbeit. Selten fielen ſie uͤber einander her, auch in der Betrunkenheit nicht, noch ſeltener beſtahlen ſie ſich. Sie trotzten vielen Beſchwerden des Lebens, waren luſtig und ſangen, wenn ſie auch den ganzen Tag gebungert hatten. Ihre Weiber waren keuſch, obſchon ſie gerne unzuͤch⸗ tig redeten. Sie waren ſehr freundlich und hoͤklich gegen einander, gegen Fremde aber grob und voll Betrug. Der bei Kajuk's Kroͤnung anweſende Großherzog von Nußland, die Soͤhne des Koͤnigs von Georgien, und die Sultane der Sarazenen wur⸗ den gering behandelt; ſelbſt die tartariſchen Diener ates V. China. I. 1. 6 wurden ihnen ſo vorgezogen, daß ſie hinter dieſen oͤfters ſitzen mußten. Erwieſener Diebſtahl, Ehe⸗ bruch, und manchmal auch Hurerei zog die Todes⸗ Strafe nach ſich. Bei Heirathen waren keine andere Grade der Verwandtſchaft verboten, als Mutter, Tochter, und Schweſter von der muͤtterlichen Seite. Sie verehelichten ſich mit Schweſtern von vaͤterlicher Seite, und der juͤngere Bruder, oder ein Verwandter war verbunden, die SZittwe des aͤltern zu heirathen. Als der Herzog Andreas durch den Chan Baatu, wegen des Verkaufes tartariſcher Pferde außer Lan⸗ des, zum Tode verurtheilt war, ſo zwang er deſſen Wittwe und juͤngern Brnder auf die Bitte, daß ihnen das Herzogthum nicht genommen werde, ſich zu heirathen. Man machte keinen Unterſchied zwi⸗ ſchen den Soͤhnen ihrer Weiber und der Beiſchlaͤferin⸗ nen. Die Vielweiberei war zwar herrſchend; doch lebte jedes Weib mit ihrer Familie geſondert. Sie glaubten an einen unſichtbaren Gott, und an die Verſetzung in eine andere Welt nach ihrem Tode. Sie fingen alle Unternehmungen im Neu⸗ oder Vollmonde an, welchen ſie den großen Kaiſer nannten und knieend verehrten. Wie die Fremden, ſo mußten auch ihre Hausthiere und Geraͤthe durch das Feuer gereinigt werden. Sie zuͤndeten zwei Feuer an, und ſteckten dicht dabei zwei Spieſe in die Hoͤhe. An dieſe banden ſie ein Seil, und zogen es von einem Ende zum andenn, unter welchem der —— 83 zu reinigende Gegenſtand durchgefuͤhrt werden mußte. Sie hielten fuͤr ſtraͤflich, das Feuer mit einem Meſſer zu beruͤhren, oder Fleiſch aus dem Topfe damit zu nehmen, oder mittelſt eines Beiles neben dem Feuer Holz zu ſpalten, den ſie glaubten, dadurch wuͤrde die Kraft des Feuers geſchwaͤcht. Eben ſo wenig durfte man ſich auf eine Peitſche lehnen, oder den Bogen damit beruͤhren; noch junge Voͤgel toͤdten, noch Getraͤnke auf den Boden gießen, noch ein Pferd mittelſt des Zaumes ſchlagen. Wer in ſeinem Hauſe das Waſſer abſchlug, wurde getoͤdtet, oder mußte eine Strafe erlegen; und nebſt dem wurde alles wie⸗ der durch das Feuer gereinigt. Wer einen Biſſen Speiſe nicht verſchlucken konnte, und ihn ausſpie, wurde durch ein beſonderes Loch des Hauſes gezogen und dabei gepeitſcht. Wer unerlaubt die Schwelle der Fuͤrſten⸗Wohnungen betrat, wurde mit dem Tode geſtraft. Die Truppen waren in 10, 100, 1000, 19,000 mit ihren Befehlshabern eingetheilt, deren einer dem anderen untergeordnet war; uͤber alle ſtanden 2 3 Herzoge, deren einer Vorſtand war. Wer einzeln floh, wurde hingerichtet. Wenn einer von 10 ſich entfernte, wurde er erſchlagen; wurde er von den Feinden gefangen, und von den uͤbrigen 9 nicht wie⸗ der ergriffen, ſo wurden dieſe erſchlagen. Schritt einer oder mehre weiter vorwaͤrts, ſo litten die zu⸗ ruͤck gebliebenen die naͤmliche Strafe. Ihre Waffen 84 waren 1—2 Bogen, 3 Kouͤcher mit Pfeilen, eine Art⸗ Stricke, und Werkzeuge zum Ziehen. Die Vorneh⸗ meren hatten Saͤbel; einige waren mit Helmen und Waͤmſern aus Nindsleder oder Eiſenblech bewaffnet; der obere Theil der Helme war von Eiſen, der uͤbrige von Leder. Ihre Pferde waren faſt gleichartig, vom Kopfe bis zum Schweife geruͤſtet. Einige hatten an . der Lanze vorn einen Hacken, um den Feind vom Pferde zu reißen; die Spitzen der Pfeile waren ſohr ſcharf mit zwei Ecken. Ihrer von Weiden geſloch⸗ tenen Schilde bedienten ſie ſich nie im Felde. Zum Rebergange eines Flußes benuͤtzten ſie ein leichtes Stuͤck Leder und ihren umgekehrten Sattel mit zwei Rudern, oder ſie lieben ſich am Schweife des Pferdes durchziehen. 3 II. Neiſe der Dominikaner Aſcelin, Simon von St. Quentin, Alexander u. Albrecht; 1247. So unguͤnſtig der Erfolg der Reiſe des Franziska⸗ ners Carpini war, ſo wagte doch der Papſt In⸗ nocenz IV., im naͤchſten Jahre wieder vier Geſandte aus dem Prediger⸗Orden abgehen zu laſſen; der Spre⸗ cher derſelben war Aſeelin. Als ſie bei dem Heere der Tartaren in Perſien ankamen, welches von dem Fuͤrſten Bayoth Noyan angefuͤhrt war, ſo ließ er ſie durch ſeinen vornehmſten Rath Eghip nebſt Dol⸗ metſchern uͤber ihre Beſtimmung veruehmen. Aſce⸗ lin ſagte, ſie ſeien Abgeordnete des Papſtes, wel⸗ cher der Vornehmſte unter den Chriſten ſei, und als ihr Vater verehret werde. Dieſe hochmuͤthigen Worte verdroßen die Dolmetſcher, worauf ſie fragten; ob ſie denn nicht wuͤßten, daß der Chan der Sohn Got⸗ 86 tes, und Bayoth Nohan nebſt Baatu ſeine Prin⸗ zen ſeien? Aſcelin erwiederte: dem Papſte ſeien deren Namen noch unbekannt, ſonſt wuͤrde er ſie in den Briefen, welche ſie uͤberreichten, nicht ausgelaſſen haben. Da ihm aber die Ermordung ſo vieler Men⸗ ſchen, beſonders der Chriſten durch die Tartaren ſehr angelegen ſei, ſo haͤtte er ſie vier Abgeordnete, nach dem Gutachten ſeiner Kardinaͤle, zu dem erſten tar⸗ tariſchen Heere geſchickt, welches ſie antreffen koͤnnten, um deſſen Fuͤhrer von den Verwuͤſtungen abzumahnen, und zur Reue zu bewegen. Unterdeſſen gingen die Boten unter veraͤndertem Anzuge oͤfters hin und her, und fragten nach den Geſchenken fuͤr den Chan. Die Möͤnche antworteten: der Papſt mache nicht einmal einem Chriſten, viel weniger den Unglaͤubigen Geſchenke; ſondern er ſelbſt werde von Allen reichlich beſchenkt; auch ſeien die ehriſtlichen Fuͤrſten nicht gewohnt, einander Geſchenke zu machen. Sie weigerten ſich aufangs auch, dem Bayoth Noyan knieend ihre Aufwartung zu ma⸗ chen, ſondern ſie wollten ihm nur ſolche Ehrfurcht bezeigenz, wie ſie bei Fuͤrſten Europens gebraͤuchlich ſei. Daruͤber wurden die Tartaren ſehr entruͤſtet, und nannten die Moͤnche und ihren Papſt Hunde; letztere konnten wegen des daruͤber entſtandenen Tu⸗ multes nicht zur Antwort kommen. Der Fuͤrſt wollte ſie alle vier hinrichten laſſen; ſeine Raͤthe aber hiel⸗ ten für beſſer, nur zwei hinzurichten, und die bei⸗ — 87 den uͤbrigen zuruͤck zu ſchicken. Andere riethen, er moͤge den Sprecher bloß lebendig ſchinden laſſen, deſ⸗ ſen Haut mit Heu ausſtopfen, und dem Papſte ſen⸗ den. Andere riethen, man ſollte ſie alle, entweder durch das Heer zu Tode peitſchen laſſen, oder in der erſten Schlacht mit den Chriſten an die Spitze ſtellen, damit ſie von dieſen ſelbſt erſchlagen wuͤrden. Waͤh⸗ rend dieſer Verſchiedenheit der Meinungen trat das aͤlteſte von des Fuͤrſten ſechs Weibern vor, nelche Sorge fuͤr die Geſandten hatte; ſie veranlaßte die Erwaͤgung, wie ſchaͤndlich die Hinrichtung der Geſand⸗ ten ſei, und wie unbedachtſam dadurch andern Na⸗ tionen das Recht bewilligt werde, auch ſeine Geſand⸗ ten hinzurichten. Andere Fuͤrſprecher erinnerten ihn an den fruͤhern Zorn des Chans uͤber die Hinrich⸗ tung eines Geſandten, deſſen Herz ausgeriſſen und an dem Schweife eines Pferdes durch das Heer ge⸗ ſchleppt wurde. Sie wuͤrden ihm diesmal nicht bei⸗ ſtimmen, noch gehorchen, ſondern im Falle ſeines hartnaͤckigen Befehles, die Moͤnche hinzurichten, eher zum Chane fliehen, um ihre Unſchuld zu beweiſen, und ihn der Grauſamkeit und Treuloſigkeit zu be⸗ ſchuldigen. Dieſe kraͤftigen Vorſtellungen wirkten auf Bayoth Noyan, ſo daß er ſeinen Befehl zurüͤck nahm. Hierauf wurden die Moͤnche gefragt, auf welche Art ſie ihre Ehrfucht gegen große Fuͤrſten ausdeuck⸗ ten? Aſcelin machte ihnen dieſelbe durch das Ab⸗ 88 ziehen ſeiner Kappe, und durch Neigung des Kopfes begreflich. Darauf erwiederte ein Tartar:„Da ihr Chriſten Holz und Steine anbetet, warum weigert ihr euch, unſerem Fuͤrſten, welcher Stellvertreter des Chans iſt, die naͤmliche Ehre zu erweiſen?“ Aſee⸗ lin leugnete, daß ſie Holz und Steine anbeteten. Nach einiger Zeit ließ der Fuͤrſt ihnen wiſſen, er wolle ſie mit ihren Briefen zum Chan befoͤrdern; = allein ſie lehnten dieſe Unterſtuͤtzung ab, weil ſie zur weitern Reiſe nicht beauftragt ſeien. Darauf ließ er ihre Briefe in das Perſiſche und Tartariſche uͤber⸗ ſetzen. Man hielt die Moͤnche im Juni und Juli unter dem Vorwande auf, daß das Heer noch nicht beiſammen ſei, zu welchem ſie geſendet ſeien. Ver⸗ gebens drangen ſie taͤglich auf die Erlaubniß zur Nuͤckkehr; oft warteten ſie vom fruͤhen Morgen bis zum ſpaͤten Abende in der ſtaͤrkſten Hitze der Sonne an der Thuͤre des Hofes. Endlich bei herannahen⸗ dem Winter machten ſie einem Rathe Geſchenke, wor⸗ auf die Erlaubniß erfolgte. 3 Aſcelin war 3 Jahre und 7 Monate ausge⸗ blieben, ehe er uͤber Syrien, welches 30 Tagreiſen vom Standorte des tartariſchen Heeres entfernt ge⸗ weſen iſt, zum Paryſte zuruͤck gekommen war. Er uͤberbrachte das Schreiben Bayoth Noyan's an den Papſt, und des Chans an jenen, der auf die Worte des h. Vatefs: Ihr toͤdtet viele Menfchen, und rot⸗ tet ſie aus, erwiederte: Nach dem Willen Gottes — — ſollten die Tartaren ie ganze Welt ſich unterwerfen, daher muͤßten alle Widerſpaͤnſtige vernichtet werden; er ermahnte den Papſt, perſoͤnlich zu kommen, und ſich zu unterwerfen, zuvor aber durch neue Geſandte ſeine Bereitwilligkeit dazu erklaͤren zu laſſen. Das Schreiben des Chans an Bayoth Noyan begann:„Auf Befehl des lebendigen Gottes, der ſuͤße und ehrwuͤrdige Sohn Gottes. Da Gott hoch uͤber Alles und unſterblich, und der Chan der einzige Herr auf der Erde iſt, ſo iſt unſer Wille, daß dieſe Worte in allen Laͤndern moͤgen bekannt gemacht, und vor Jedermanns Ohren gebracht werden.“ Doch ſind manche der Meinung, dieſes Schreiben ſei er⸗ dichtet geweſen. III. Reiſe des franzöſiſchen Kapuziners Guilelm von Rubruck; 1253— 55. Waͤhrend der Herrſchaft der tartariſchen Kaiſer gab es einige Europaͤer, welche theils aus Religions⸗ Eifer, theils aus Handlungsgeiſt, theils aus Neu⸗ gierde ſich der Muͤhe unterzogen, zu Fuß uͤber Ar⸗ menien und Perſien durch die Tartarei und China zu wandern. Je mehr ſie ſich gegen Norden wendeten, deſto mehr Beſchwerden hatten ſie in den men ſchen⸗ leeren Wuͤſten, deſto mehr Hinderniſſe fanden ſie in den Schneegebirgen und Ueberſchwemmungen, und der vollen Unbekanntſchaft mit ſo ſchwer zu erlernen⸗ den Sprachen; was nur durch vieljaͤhrigen umgang moͤglich war. Einer der Europaͤer, welcher ſich uͤber alle dieſe großen Bedenklichkeiten aus bloßem Eifer fuͤr die Ver⸗ 91 breitung des Chriſtenthumes erhob, war der Kapu⸗ ziner Guilelm von Rubruck*). Iſt gleichwohl ſein Bericht ein Gewebe von Laͤcherlichkeiten und Er⸗ dichtungen, ſo verdient doch ein Theil deſſelben hier Erwaͤhnung. Als naͤmlich der heil. Ludwig, Koͤnig von Frankreich, 1263 zu Nikaſia auf der Inſel Cy⸗ pern den guͤnſtigen Augenblick zur Fahrt nach Syrien erwartete, ließen ihm mehre Chriſten aus Armenien, neſtorianiſche Prieſter und geiſtliche Miſſionaͤre, *) Die zu Cambridge No. 22 befindliche Handſchrift betitelt ſich: Itinerarium Fr. Guilelmi de Rub- rock de ordine Fr. Minorum a, 1253 ad par- tes Orientales.—. In andern Bibliotheken heißt ſie: Fr. Willelmi de Rubruc, a s. Ludovico ad Tartaros missi, ad eundem Ludovicum de Tartaris relatio, ubi a. 1253. floruisse dici- tur.— Zu Leyden befand ſich eine Hand⸗ ſchrift Nr. 10. faſt eben ſo betitelt.— Dieſe Reiſe wurde von Joh. Piſeus in das Engli⸗ ſche uͤberſetzt, und oft gedruckt.— Eine hollaͤn⸗ diſche Ueberſetzung erſchien zu Leyden bei Pet. Vander, 1106. 8.— Die Franzoͤſiſche heißt: Relation du voyage fait l'an 1255 en Tartarie bar Fr. G. de. Rubruquis et un autre voyage Pan Fr. Jean de Plancarpin, Frère Ascelin, brères Mineurs l'an 1240, envoyès par Inno- cent IV. et Saint Louis, roi de France, en Tartarie. Paris G. Josse, 1634. 8. In jeder dieſer Sprachen finden ſich auch Auszuͤge, wie in der teutſchen Ueberſetzung der franzöſtſchen Sammlung von Prevoſt. Leipzig bei Arkſtee. 1750. 4. Band VII. S. 370— 422. 92 welche an den Hof des tartariſchen Chans Mengko gekommen waren, die Vorliebe deſſelben fuͤr das Chri⸗ ſtenthum melden, welcher durch eine Geſandtſchaft eines ſolchen Fuͤrſten leicht bewogen werden koͤnnte, wirklich Chriſt zu werden. Sie ließen ſogar durch Geſandte eines kleinen tartariſchen Fuͤrſten, welcher an der Graͤnze Perſten's wohnte, die falſche Verſi⸗ cherung ertheilen, daß ihr Herrſcher ſich dem Chri⸗ ſtenthume angeſchloſſen habe. Dieſe Geſandten und die Briefe der Geiſtlichen wirkten auf deu heil. Lud⸗ wig ſo ſehr, daß er ſich taͤuſchen ließ, und ſchnell 3 geiſtliche Jakobiner, 2 Sekretaͤre, 3 Kammerherren und den Kaouziner Guilelm v. Rubruk ſendete. Dieſer verband ſich mit einem Dolmetſcher, ver⸗ ließ am 1. Mai 1253 Konkautinopel, fuhr uͤber das euriniſche Meer, landete bei Soldaja 21. Mai, be⸗ trat 1. Juni die große Tartarei, zog durch die Ebe⸗ nen von Gazaria und Kapchak, uͤber die Fluͤſſe Ta⸗ nais und Wolga, wo er an den Hoͤfen der Fuͤrſten Sartak und Batu gut aufgenommen, und zur weitern Reiſe befoͤrdert wurde. Unter ſehr vielen Beſchwerden, großem Mangel an Lebens⸗Mitteln und allen Bequemlichkeiten durch die große Tartarei kam er nach 6 Monaten erſt, ungeachtet er durch kaiſerliche Boten zu Pferd begleitet war, in die heid⸗ niſche Handelsſtadt Kajlak, dann nach Karakarum, Tangut, Sibet, Langa, Solanga, und endlich an den Hof des großen Chan Mengko, wo er 27. De⸗ 7 N 9³ zember eintraf. Am 5. Jaͤnner 1254 machte er ſeine feierliche Aufwartung daſelbſt, erhielt die Erlaubniß zu einem 4monatlichen Aufenthalte und das Ver⸗ ſprechen der freien Verpflegung bis Karakarum. We⸗ gen der außerordentlichen Kaͤlte, welche jaͤhrlich von Weihnachten bis Oſtern daſelbſt dauert, bediente er ſich der ihm dargebotenen Betten, Noͤcke, Beinklei⸗ der und Stieſel aus roher Schafwolle, der Pelzmuͤ⸗ tzen und Filz⸗Schuhe, nachdem ſeine Fuͤße und Oh⸗ ren, wie jene ſeiner Begleiter bereits erfroren wa⸗ ren. Unterdeſſen wurde er daſelbſt mit einer Frau, Paſcha, aus Lothringen, bekannt, welche in Un⸗ garn gefangen, dann an einen ruſſiſchen Zimmer⸗ mann verehlicht, ſehr vergnuͤgt lebte, und bereits 3 Kinder von ihm geboren hatte. Von ihr erfuhr er, daß zu Karakarum ein zu Paris geborner Gold⸗ ſchmied wohne, deſſen Sohn ein guter Dolmetſcher ſei. Unglücklicher Weiſe hatte der Prieſter Theodo⸗ lus Raymond aus Aeon in Syrien ein Jahr fruͤ⸗ her den Chan Mengko zu betruͤgen geſucht, wo⸗ durch ein Verdacht gegen alle chriſtliche Miſſionaͤre bei ihm entſtand. Auch der an ſeinem Hofe befind⸗ liche Moͤnch Sergius, aus der neſtorianiſchen Sekte, wußte ſich nicht bei ihm in Anſehen zu erhalten. Dieſes Mißverhaͤltniß hatte uachtheiligen Einfluß auf Nubruck. Doch bekam er Gelegenheit, in der Hof⸗ kapelle den Dienſt der Moͤnche bei dem Chan und deſſen Gemahlin zu beobachten, wobei dieſelben ſich gewoͤhnlich betrunken haben, deſſen ungeachtet wur⸗ den ſie von ihrem Herrſcher in allen wichtigen Ange⸗ legenheiten um Rath gefragt. Bei einer Krankheit der Koͤnigin wendeten die Möoͤnche nur Zauberei fuͤr ihre Geneſung an, woruͤber Nubruck ſelbſt lachen mußte. Die Geſchenke, welche die Koͤnigin waͤhrend der Faſtenzeit im Bethauſe, wohin ſie ſich mit allen uͤbrigen Frauenzimmern des Hofes taͤglich begab, den Chriſten machte, lockte eine ſo große Volksmenge herbei, daß die Thuͤrhuͤter deren Zutritt zu beſchraͤn⸗ ken genoͤthigt wurden. Ju der Mitfaſten begab ſich der Chan mit ſei⸗ nem ganzen Gefolge in die Stadt Karakarum, wo er jaͤhrlich im Fruͤhlinge und nach der Ernte zwei große Opferſte hielt, wohin auch Rubruck gefolgt iſt. Derſelbe hatte an ſeinem Hofe Prieſter aller Religionen, Mahomedaner, Goͤtzendiener und Ne⸗ ſtorianer, deren Zaͤnkereien ihm manchmal Vergnuͤ⸗ gen gewaͤhrten. Er ſelbſt glaubte an einen Gott, und hielt die Untergoͤtter fuͤr Erfindung der Wahr⸗ ſager. Da die verſchiedenen Moͤnche einmal mit Ru⸗ bruck in Streit geriethen, ſagte er ihm:„Die Mon⸗ golen glauben, es gebe nur einen Gott, welchen ſie aufrichtig verehren. Wie dieſer niehre Finger an die Hand ſchuf, ſo hat er auch verſchiedene Meinungen den Koͤpfen der Menſchen eingegeben. Gott hat den Chriſten die Bibel gegeben, alein ſie befolgen ſie 9⁵ nicht. Es ſteht nicht darin, daß ſie mit einand er zanken, und ſich herabſetzen, noch daß ſie um Geld von der Bahn des Rechtes weichen ſollen.“ Der Ka⸗ puziner gab ihm in allen Stuͤcken ſeinen Beifall, und wollte dann ſich ſelbſt rechtfertigen. Allein der Chau unterbrach und verſicherte ihn, daß ſeine Rede gar keine perſoͤnliche Beziehung habe; er wiederholte: „Gott hat euch die Bibel gegeben, und ihr befolgt ſie nicht; uns hat er die Wahrſager gegeben, wir befolgen ihre Vorſchriften, und leben im Frieden.“ Nachdem er vier Mal getrunken hatte, ſagte er ihm ferner, er moͤge, nachdem er ſich lange genug an ſeinem Hofe aufgehalten habe, zu dem Fuͤrſten Baatu unter ſicherem Geieite und freier Nahrung zuruͤck kehren, wozu er ihm Briefe und Dolmetſcher wolle geben laſſen. Rubruck brach mit dieſem, ſeinem Fuͤhrer und Bedienten auf, und hatte 2 Monate und 10 Tage noͤthig, bis er durch die menſchenloſen Wuͤſten an den Hof Baatus gelangte. Er wanderte dann uͤber Aſtrachan, Derbent, Schamachie, Arzerum ge⸗ gen den Fluß Euphrat nach Aleppo, und kam am Oſtertage 1268 nach Kappadozien. Von hier an ver⸗ zoͤgerte er ſich in jeder Stadt mehre Tage oder Wo⸗ chen, weswegen er nach Tripolis in Syrien erſt am 15. Auguſt kam. Er hatte Luſt nach Frankreich ſo⸗ gleich zuruͤck zu kehren; allein ſein deſpotiſcher Pro⸗ vinzial verwies ihn nach Aere, wo er ſich von dem 96 Konige Ludwig erſt ein Vermittlungs⸗Schreiben au ſeinen Provinzial ausbat, um zuruͤck zu kommen. In ſeinem Berichte an den Koͤnig Ludwig be⸗ ſchrieb er die Kleidung der gemeinen Tartaren aus Thierhaͤuten. Die Maͤdcehen hatten kur eine Locke 3 uͤber die Stirne und zwei hinter den Ohren haͤngen, die uͤbrigen Haare waren abgeſchnitten; auch die Weiber ſchoren ſich vom Wirbel bis an die Stirne glech nach der Hochzeit ab. Sie trugen einen Haupt⸗ ſchmuck aus Baumrinde oder anderem leichten Stoffe, uͤber welche ein mit Seide umzogener Thurm von 2 Fuß ſich erhob, uͤber welchen noch gleich hohe En⸗ ten⸗ oder Pfauen⸗Federn flatterten; das Ganze war unter dem Kinne feſtgebunden. Ihre Kleidung war ſo weit, wie jene unſerer Nonnen, vorne offen und rechts geguͤrtet; bei dem Reiten mit ausgebreiteten Schenkeln banden ſie dieſelbe durch blauſeidene Baͤu⸗ der theils um die Lenden, theils um die Bruſt. . Ihre Haͤuſer ruhten auf vierraͤderigen Wagen, batten 30 Fuß im Durchmeſſer, und beſtanden aus Balken von Weiden durchflochten. Die Axen der Wagen glichen dem Maſtbaume eines Schiffes; er wurde gewoͤhnlich von 20— 22 Ochſen gezogen. Der Hausrath lag in großen Koͤrben, welche mit ſchwar⸗ zem, durch Unſchlitt uͤberſchmiertem Filze bedeckt wa⸗ ren, um den Regen abzuhalten. Dieſe von Weiden geflochtenen Kiſten ruhten auf beſondern Wagen, welche durch Kameele gezogen wurden, deren man — 97 ſich zu Ueberſetzung der Fluͤſſe bediente. Der Fuͤrn Baatu hatte 16 Weiber, und jedes ein großes und, mehre kleine Haͤuſer mit 200 Wagen zur Verwahrung des Hausrathes. In jedem Hauſe hingen 3 Bilder aus Filz, wovon das oberſte den Schutzgeiſt vor⸗ ſtellte. Die Tartaren aßen das Fleiſch der Thiere ohne Unterſchied, ob ſie getoͤdtet wurden, oder durch Krankheit ſtarben; ein Theil deſſelben wurde getrock⸗ net. Sie fertigten mehr Wuͤrſte mit den Gedaͤrmen der Pferde, als denen der Schweine. Ihr gewoͤhnlichſtes Getraͤnk war gegohrne Pferdsmilch in ledernen Saͤcken, und eine Vermiſchung gekochten Reißes und Hirſes mit Honig. Die Kuhmilch wurde theils eingekocht, und in Widderhaͤuten fuͤr den Winter aufbewahrt, theils in Butter umgeſchaffen. Ihre Luſtbarkeiten wurden durch Muſik, Tanz und Getraͤnk unterhalten. Da die Weiber gekauft werden, ſo veralterten alle Jungfrauen, welche von den Aeltern nicht bald ver⸗ kauft wurden. Ein Mann konnte zwei Schweſtern zugleich, und alle Weiber ſeines Vaters heirathen, bis auf ſeine Mutter; auch war die Verehelichung mit Schweſtern im erſten und zweiten Grade der Bluts⸗Verwandtſchaft muͤtterlicher Seite verboten. Der Heiraths⸗Vertrag wurde nur mit dem Vater abgeſchloſſen, die Tochter mußte ſich in deſſen Willen fuͤgen. Die Maͤnner beſchaͤftigten ſich mit Verferti⸗ gung der Bogen und Pfeile, Steigbuͤgel, Zaͤume, Saͤttel, Haͤuſer und Wagen, mit der Fuͤtterung und Ites B. China. I. 1. 7 98 Melkung der Pferde, und mit der Fertig ung leder⸗ ner Saͤcke zur Aufbewahrung der Milch. Die Wei⸗ ber ſetzten die Haͤuſer auf die Wagen, oder nahmen ſie von dieſen ab, fuͤhrten dieſe Wagen, melkten die Kuͤhe, bereiteten Butter, Kleider, hoͤlzerne Schuhe, und den Filz zur Bedeckung der Haͤuſer. Die Klei⸗ der wurden nie, die Haͤnde und der Mund wenig gewaſchen. Das Jagen und Fangen wilder und zah⸗ mer Thiere war eine ihrer vorzuͤglichſten Beluſti⸗ gungen. Kranke durften von Niemanden als der Diener⸗ ſchaft beſucht werden; bei vornehmen Perſonen wurde Wache ausgeſtellt, um jeden Zutritt zu beſeitigen, durch welchen boͤſe Geiſter oder Winde ſich einſchleichen koͤnnten. Bei Todes⸗Faͤllen war ein großes Trauer⸗ Geſchrei; die damit betroffenen Familien wurden auf ein Jahr von den Abgaben befreiet, ſtatt daß in Seutſchland dafuͤr noch neue erhoben werden. Da⸗ gegen durfte kein Familienglied bei dem Tode eines Mannes waͤhrend dieſes Jahres, und bei jenem eines Kindes auf 4 Wochen, ſich dem Hofe des Chans naͤ⸗ hern. Bei dem Grabe des vornehmen Hausvaters, mit welchem auch deſſen Schatz beerdigt wurde, blieb dines ſeiner Haͤuſer ſtehen, damit Jemand darin wachen konnte. Auf das erhabene Grabmal wurde das thonene Bildniß des Verſtorbenen, mit dem Ge⸗ ſichte gegen Morgen, und mit einer Trinkſchale vor dem Bauche geſtellt. Auf die Graͤber reicher Leute —— —L—:———————V— 99 wurden noch ſteinerne Spitz⸗Saͤulen gewoͤhnlich ge⸗ ſetzt; doch gab es auch rund oder viereckig, zum Theile erhaben gepflaſterte Plaͤtze. Bei Schlaͤgereien durfte kein Dritter ſich einmiſchen; der Beleidigte brachte blos ſeinen Beleidiger an den Gerichtshof ſei⸗ nes Herrn. Verbrecher blieben ungeſtraft, wenn ſie nicht auf der That ergriffen wurden, oder dieſe be⸗ kanuten. Mord, Straßenraub, großer Diebſtahl und Beiſchlaf mit andern Weibs⸗Perſonen als ihren Wei⸗ bern oder Leibeigenen, zog die Todes⸗Strafe nach ſich, wie die Zauberei der Laien, und das Vorgeben, man ſei von einem fremden Fuͤrſten geſendet. Kiei⸗ nere Diebſtaͤhle wurden mit Pruͤgeln auf die Fuß⸗Soh⸗ ten geſtraft. Unter den Prieſtern der Mongolen war ein Oberprieſter oder Patriarch; er wohnte nicht weit vom Pallaſte des Chans, und die uͤbrigen hinter jenem. Sie wurden in allen Angelegenheiten um Rath gefragt, und entſchieden nach den Geſtirnen. Bei einer Son⸗ ne⸗ oder Monds⸗Finſterniß klopften ſie auf Trommeln und Becken; nach derſelben verzehrten ſie mit Luſt die Speiſen und Getraͤnke, welche ihnen unterdeſſen gebracht worden waren. Ihr vorzuͤglichſtes Geſchaͤft war, Gluͤck oder Ungluͤck, beſonders bei Geburten und Krankheiten vorher zu ſagen. Am 9. Maj wurden alle weißen Stuten zuſammen gefuͤhrt, und unter huͤchſt ſonderbaren Zeremonien geweihet. IV. Zwei Reiſen der Venezianer Paoli 1260—95 an den Hof des tartariſchen Chans Hupilai. Erſte Abtheilung. Die beiden Bruͤder Nikolaus und Matthias, aus der edlen Familie der Paoli*) zu Venedig, fuhren mit einigen Begleitern 1260 mit einem Schiffe *) Keine Reiſe⸗Beſchreibung wurde in mehre Spra⸗ chen uͤberſetzt, und öͤfter aufgelegt, als dieſe. Wir erwaͤhnen nur folgender:„Marco Pao⸗ lo's Reiſe in den Orient, waͤhrend der Jahre 1272— 95. Nach den vorzuͤglichſten Original⸗Aus⸗ gaben verteutſcht, und mit einem Kommentar begleitet von Felix Peregin. Nonneburg und Leipzig bei A. Schumann 41802. 8. S. VI. und 248; wovon aber die dazu verſprochene Erlaͤuterung, welche als zweiter Theil folgen ſollte, nicht er⸗ ——— 101 voll Handels⸗Waaren durch die Dardanellen nach Konſtantinopel, uͤber den Pontus Euxinus nach Arme⸗ nien in die Stadt Soldadia(Sudak), wanderten in die Stadt Guthacam(Guthakha), und durch ſchien. 1) Die erſte Ausgabe in italiſcher Spra⸗ che erſchien zu Venedig 1495.4.; verbeſſert 1496. 8.3 4508. fol.; 1611. 4. und zu Trevigo 1590. 2)) Aus jener wurde vom Dominikauer Franz Pipin zu Bononien 1322, ſpaͤter noch eine andere lateiniſche Ueberſetzung in Teutſchland vorgenom⸗ men, welche bald rein, bald durch Zuſaͤtze ver⸗ unſtaltet, zu Baſel 1537. fol. von Reineecius zu Helmſtaͤdt 1585, und an mehren Hrten aufgelegt 8 worden iſt; wir beſitzen jene Ausgabe von Koͤln in Brandenburg 1671. 4. 3) Verteutſcht erſchien ſie ſchon von Fr. Creußner zu Nuͤrnberg 14717; von A. Sorg zu Augsburg 1484; v. M. Herr zu Straßburg 1534. fol.; v. H. Megiſer zu Leipzig 1611. 8.; von Greifenhagen 1671 zu Ber⸗ lin, dann zu Leipzig 1750. 4. Band VII. 4) Ei⸗ ne frauzoſiſche eberſetzung ſoll ſchon M. Paolo⸗ ſelbſt 1307 dem Grafen Theobald von Piazenza uͤberreicht haben, wie die Berner Handſchriften⸗ Bibliothek von 1770.§. Th. II. S. 419— 456 meldet, welche verbeſſert in die Sammlungen von Bergeron zu Haag, von Prevoſt und La Harp zu Paris uͤberging. 6) Eine ſpani⸗ ſche Ausgabe erſolgte zu Liſſabon 1529, zu Se⸗ villa 1520 und zu Lograno 1529. fol. 6) Eine hollaͤndiſche von Glazemaker zu Amſterdam 1664. 71) Auch engliſche Ueberſetzungen finden ſich in mehren Sammlungen ſeit der Erſchei⸗ uuns jener von Purchas 1625.— Fleury hist. eccl. Vol. XXI. p. 571. 102 umwege uͤber den Tigris in die perſiſche Stadt Bo⸗ chara. Daſelbſt hatten ſie bereits 3 Jahre verweilt, als ein Geſandter des tartariſchen Kaiſers All a u auf ſeinem Wege zum großen Chan durch Niſte, die Venezianer kennen lernte, ſich uͤber ihre Fertigkeit in der tartariſchen Sprache wunderte, ihre andern Kenntniſſe und Weltklugheit anſtaunte, und ihnen vorſchlug, mit ihm zu reiſen. Er war uͤberzeugt, daß es fuͤr ſeinen Auftrag an den Chan ſehr zutraͤg⸗ lich ſeyn wuͤrde, wenn er ihm dieſe Fremden vor⸗ ſtelen koͤnnte. Dieſe nahmen die Aufforderung an, litten mehre Monate ſehr viele Beſchwerden, theils durch den weiten Marſch an ſich, theils durch die ausharrend ſtrenge Kaͤlte, und kamen endlich 1265 an den Hof des tartariſchen Chans Hupilai, wo ſie gut aufgenommen, und 1210 erſucht wurden, einen der. Großen ſeines Reiches, Namens Gogakat(Go⸗ gatal) zum heil. Vater in Rom zu begleiten, damit dieſer 100 gut unterrichtete Chriſten ſende. Er ließ hnen ein goldenes Taͤfelchen mit dem kaiſerlichen Wappen als Geleitsbrief oder Paß uͤbergeben, bei deſ⸗ ſen Anſicht alle Staatsdiener zur unentgeldlichen Un⸗ terſtuͤtzung der Reiſenden mit allen Beduͤrtniſſen ver⸗ bunden waren; er ließ ſie noch beſonders erſuchen, daß ſie etwas Oel vom ewigen Lichte am Grabe Jeſu u Jeruſalem zuruͤck bringen ſollten. Gogakat wurde war bald krank und ſtarb; allein ſie ſetzten ihre Reiſe nach Armenien fort, ſchifften ſich zu Jazza(Al Aiaſſa 103 oder Aygas) ein, kamen im April 1272 in Ankona an, und begaben ſich nach Venedig. Nach zwei Jahren erinnerten ſie ſich an ihre Verſprechen, die ſie dem Chan gemacht hatten, und beſorgten den Vorwurf eines ſo edlen Fuͤrſten, von welchem ſie ſo ſchoͤne Be⸗ weiſe des Vertrauens und der Freundfchaft empfangen hatten; ſie faßten alſo den Entſchuß, die verſprochene Reiſe zu ihm zu wiederholen. Rikolaus Paolo reiſte 1274 nebſt ſeinem 15jaͤhrigen Sohne Markus, ſeinem Bruder Mat⸗ thias und ihrer vorigen Dienerſchaft, und mit einem Schreiben des Papſt Gregor's X., des vorigen paͤpſtlichen Archidiakons und Grafen Theobald von Plaiſance, an den tartariſchen Chan Hupilaz ab, wozu derſelbe noch zwei Moͤnche Nikolaus von Vicenza und Wilhelm von Kr hl4 welche zu Ankona wohnken⸗ als Begleiter beifügte, Sie landeten wieder in Jazza(Al Ajaſſa oder Ay⸗ gas); allein die eben in Aradennn herrſchenden Un⸗ ruhen machten die Moͤnche ſchuͤchtern, und verleite⸗ ten ſie zur Flucht, um bei einem Großherrn der Tem⸗ pelherren Schutz zu finden. Die ledigen 3 Pgoli*) = Nach ihrer R Luͤckkehr heirathete der Vater Ni⸗ kolaus Da olo noch ein Mal, io eig rhhe⸗ welche ohne Nachkommen ſtarben. Markus Paolo heircehete ſpaͤter ebenfalls, und Zeugte 2 Toͤchter, Moretta und Fantinag. Im J. 1417 ſtarb die Familie der Paoli aus.. 104 aber ſetzten ihre Reiſe zum Chan unermuͤdet fort, welcher, auf die erſte Nachricht aus Glemen⸗ fu von ihrer Ruͤckkehr, auf eine Entfernung von 40 Tagrei⸗ ſen mehre ausgezeichnete Perſonen ſeines Hofes nebſt 4000 Mann zu ihrer ſicheren Begleitung beor erte. Bei ihrer Ankunft wurden ſie von ihm um ſo beſſer aufgenommen, als er ſich aus dem Schreiben des Papſtes, aus dem Oele der Lampe des heil. Grabes, und aus ihrer Erzaͤhlung, von der Erfuͤllung ſeiner Auftraͤge uͤberzeugte. Er gab ihnen dann ſo viele Beweiſe ſeiner Gewogenheit, daß ſeine eigenen Hof⸗ leute daruͤber eiferſichtig wurden. Der junge Marco Paolo machte ſich bald mit den 4 tartariſchen Sprachen bis zum Leſen und Schrei⸗ ben bekannt, und fuͤgte ſich in alle Gebraͤuche des Hofes. Dadurch gewann er die Liebe des Kaiſers in ſo hohem Grade, daß er 1280 ſchon in einem wichtigen Staats⸗Geſchaͤfte nach einer entfernten Provinz geſchickt wurde. Er entſprach dem Auftrag ſo gut und erſtattete zugteich von den Sitten und Gewohnheiten der Menſchen, von den Arten und Ei⸗ genheiten der Thiere der beſuchten Provinzen einen ſo befriedigenden Bericht, daß er dadurch eine noch hoͤhere Gunſt des Kaiſers gewann, und nach er zu den wichtigſten Geſchaͤften in mehre Provinzen geſen⸗ det wurde. Er bhenußte dieſe Gelegenheit, die vor⸗ zuͤglichſten Merkwuͤrdigkeiten der einzeluen Orte nie⸗ der zu ſchreiben, und der Nachwelt aufzubewahren. 105 Nach mehr als 11jaͤhrigem Aufenthalte von Sehn⸗ ſucht nach dem Vaterlande durchdrungen, erhielten die Paoli erſt auf vieles Bitten die Erlaubniß, in Geſellſchaft 3 indiſcher Abgeordneter in ihr Vaterland zuruͤck zu kehren. Der Kaiſer Hupilai gab ihnen einige Große ſeines Reiches, als Geſandte an den paͤpſtlichen und andre europaͤiſche Hoͤfe, nebſt 2 gol⸗ denen Taͤfelchen mit ſeinem Wappen, zur Befoͤrde⸗ rung ihrer Reiſe mit. Sie fuhren mit einer beſtens ausgeruͤſteten Flotte von 14 bewaffneten Schiffen, deren jedes 4 Maſte und 4 Segel hatte, uͤber Java und das indiſche Meer zuerſt an den Hof des Kö⸗ nigs Argon, wo ſie vom Vicekoͤnig Acata(Chiag⸗ ato) 2 andere goldene Taͤfelchen als Geleitsbriefe erhielten, mittels deren ſie unter eben ſo vielen Aus⸗ Ker huuugen in ganz Hindoſtau, nach Konſtantinopel, und mit vielen Reichthuͤmern 129s nach Venedig zuruͤck kehrten, Erſt hier brachte Nareo Paolo ſeine Be⸗ merkungen uͤber die von ihm geſehenen Laͤnder in Ordnung, aus welchem wir blos das mittheilen, was nach unſerer ſtrengſten Unterſuchung die Probe der goldenen Wahrheit bewaͤhren moͤchte; eine kurze Cha⸗ rakteriſtik des tartariſcheu Chanes, als Goͤnners unſe⸗ res Reiſenden, duͤrfte voraus geliefert werden. —— Zweite Abtheilung. — Hapilai⸗ geboren im Auguſt 1216, gab in der fruͤheſten Jugend viele Talente zu erkennen, und be⸗ muͤhte ſich, viele Kenntniſſe zu erwerben. Noch als junger Prinz ſtrebte er nach dem Umgange und der Verbindung mit geiſtreichen und verdienſtvollen Maͤn⸗ nern. Im Juli 1251 wurde er von ſeinem Bruder, dem großen Chan Mengko zum oberſten Feldherrn der Mongolen und der ehineſiſchen Truppen, welche im Suͤden von Chamo ſich befanden, ernannt, er⸗ hielt eine unumſchraͤnkte Vollmacht uͤber die erober⸗ ten Provinzen, uͤber China und uͤber die nahe Tar⸗ tarei der großen Mauer. Hupilai rief ſeinen ehemaligen Hofmeiſter Mao⸗tchu, einen ehineſiſchen Großen, zu ſich, um ſich deſſen genauer Kenntniß dieſer Laͤnder zu bedienen, und ſich berathen zu laſ⸗ ſen, wie die von ſeinem Bruder eroberten Provinzen gut regiert werden koͤnnten. Er fuͤgte ſich in die Leitung ſeines Lehrers ſo gut, daß er bald der Lieb⸗ 107 ling der Chineſen geworden iſt. Er war ein ſchoͤner Mann von mittlerer Groͤße, ſtark und wohl gebil⸗ det, und alle Glieder im richtigen Ebenmaße zu ein⸗ ander. Er hatte eine ſchoͤne, roth und weiß gemiſchte Geſichtsfarbe, eine gut geſtaltete Naſe, und ſchoͤne ſchwarze Augen..2. Im Juni 1253 uͤbergab Menko⸗han ſeinem Bruder Hiulieu eine große Armee, mit welcher er nach Bagdad im Weſten gegen den Kalifen ziehen ſollte. Der General Uleang⸗hotai ſollte bei dieſer Expedition ſeyn; Hupilai, welcher ſich eben zum Marſche in das Koͤnigreich Tali anſchickte, durfte bei ſeiner Armee bleiben. Gleichzeitig wurden mehre Generaͤle zur Eroberung der Koͤnigreiche Indien und Cachemire abgeſehickt. Tali, die Hauptſtadt der Provinz Nuͤn⸗nan, welche damals mehre un⸗ abhaͤngige Koͤnigreiche bildete, wurde von Hupilai eingenommen, und nach dem Rathe ſeines Lehrers ſogar begnadigt, obgleich ſie ſeine Abgeordneten um⸗ gebracht hatte. Durch ſolche Beweiſe von milder Geſinnung machte er ſich den Chineſen ſo beliebt, daß ſein Bruder Chan Mengko 1286 von neidiſchen Hoͤßingen zur Eiferſucht gereitzt, ihm die Statthal⸗ terſchaft abnahm, und ſeinem wilden Miniſter Alan⸗ tar uͤbergab. Aber kaum war Hupilai an den Hof gekommen, ſo wurde er dem Chan wieder ſo be⸗ ltebt, daß er 1257 ſchon in ſein Amt eingeſetzt werden mußte. 108 Im September 1289 erhielt er die Nachricht vom Tode des Chans, und dem Wunſche der Mongolen, daß er den Thron beſetzen moͤge. Da er auf deſſen Befehl gegen das mittaͤgliche China den Krieg eroͤff⸗ net hatte, ſo rechnete er die Eroberung deſſelben zur erſten Pflicht. Er zog ſchnell mit ſeiner ganzen Ar⸗ mee der Mongolen uͤber den Strom Kiang, und er⸗ oberte die Stadt Utchang, die Hauptſtadt der Pro⸗ vinz Hukuang. Im Maͤrz 1260 beſtieg er den Thron der Mon⸗ golen; er ertheilte ſogleich eine allgemeine Verge⸗ bung Allen, welche ſich nicht ſchnell an ihn anſchlieſ⸗ ſen wollten, und fuͤhrte im Militaͤr eine regelmaͤßi⸗ gere Verfaſſung ein. Er zog Gelehrte und Weiſe an ſeinen Haf, um ſich ſelbſt durch ihren Umgang zu unterrichten, und ſetzte die vielen 1000 Gelehrten, welche die Mongolen, waͤhrend des Krieges mit den Chineſen, gefangen und als Sklaven verkauft hatten, in Freibeit. Dem jungen Koͤnig von Koreg, deſſen Vater aus Furcht vor Mengko ſein Land verlaſſen hatte, gab er daſſelbe zuruͤck. Gleich nach ſeiner Thron⸗Beſteigung hatte er dem Chan Lit⸗ ſong in China Friedens⸗Antraͤge gemacht; da dieſe nicht angenommen wurden, ſo erklaͤrte er 1261 von neuem den Krieg, welchen er gluͤcklich beendigte. Im Maͤrz 1263 errichtete er einen großen Zeremonien⸗ Saal zum Andenken ſeiner Voraͤltern mit eben ſo vielen Neben⸗Zimmern, als Printzen exiſtirten. 1266 — 109 ſetzte er ſich mit dem Koͤnige von Japan in freund⸗ ſchaftliche Verbindung. 1269 befahl er ſeinem Mini⸗ ſter Lama Paſopa, den Mongolen eine dem Geiſt ihrer Sprache angemeſſene Buchſtaben⸗Schrift zu ge⸗ ben, bei deren Mangel ſie ſich bis dahin nur der ehine⸗ ſiſchen Buchſtaben bedient hatten. 12713 gab er ſeiner Dynaſtie den Beinamen Tai⸗ Yuen. 1274 veranlaßte ihn der Tod des ehineſiſchen Chans, den Krieg gegen China mit Kraft zu erneuern; ſo gluͤcklich dies geſchah, ſo wuͤnſchte er doch 1275 den Frieden; aber vergebens. Vielmehr wurde er durch die Treuloſigkeit der Chineſen genoͤthigt, den Krieg noch nachdruͤcklicher mit 200,000 Mann fortzu⸗ ſetzen; erſt 1278 hatte er das Vergnuͤgen, den Chan Kongtſong, deſſen Gemahlin und ihren zjaͤhrigen Sohn, mit ihren Miniſtern, Großen, Mandarinen und dem ganzen Stabe vor ihm huldigen zu ſehen. Nicht zufrieden China erobert zu haben, machte er 1280 auch Schritte gegen Japan; aber ohne guten Erfolg. Denn kaum hatten die Japaneſer ſich von dem großen Schiffbruche ihrer 100,000 Feinde uͤber⸗ zeugt, ſo machten ſie 10— 12,000 Mann der mittaͤg⸗ lichen Provinzen zu Sklaven, und hieben die uͤbri⸗ gen nieder. Nicht mehr als 3 Mann entwiſchten nach China mit der Kunde von dem Ungluͤcke, wel⸗ ches der großen Armee begegnet war. Deſſen unge⸗ achtet wagte Hupilai 4283 neue Vorbereitungen zu einer Expedition gegen Japan; erſt im Fruͤhling 1286 110 ſtand er auf Zudringen des Vorſtehers der Manda⸗ rinen von ſeinem Vorhaben wieder ab. Dafuͤr hul⸗ digten 4283 die Koͤnigreiche Maintien, Kintchi, und 1286 jene von Mapar, Sumenna, Seng⸗ kili, Nanvouli, Malantan, Navang, Tin⸗ ghor, Lailai, Kilantilai und Sumatra. Im Maͤrz deſſ. J. ließ er die Gelehrten nnd Kuͤnſtler der verſchiedenen Provinzen von China aufſuchen, gab ihnen Beſchaͤftigung, und zog einen Theil an ſeinen Hof. 128 ließ er in allen Staͤdten des erſten, zwei⸗ ten und dritten Ranges kaiſerliche Kollegien errich⸗ ten, an welchen die Studenten ſich fuͤr den Staats⸗ dienſt brauchbar machen konnten. Im Oetober 1288 ließ er den in der Tartarei gefangen gehaltenen Kai⸗ ſer Kongtſong nach Putala, einem beruͤhmten Kloſter der Lama in Tibet, zur Erlernung der Glau⸗ benslehre von Foe bringen, fuͤr welche Hupilai⸗ hau ganz enthuſiaſtiſch war. Aus dieſer Vorliebe hatte er auch ſchon 1284 alle Buͤcher der Taoße im ganzen Umfange ſeines Reiches verbrennen laſſen. Nachdem er geraume Zeit im ruhigen Beſitze von China war, ſo ließ er deſſen Bewohnern, um ihre Liebe und Achtung mehr zu gewinnen, 1291 einen Theil der Abgaben nach, welche ſie an ihre fruͤheren Chane Song entrichtet hatten. Zugleich ließ er die neuen Geſetze der Mongolen ſammeln, ordnen, den Zeitbeduͤrfniſſen anpaſſen, und im Ganzen bekannt machen. Im Jaͤnner 1293 hob er 1 Y 111 255 Tribunale und 639 Mandarine auf, welche nur mit der Erhebung der Abgaben beſchaͤftigt waren, und dieſe Gelegenheit benutzten, ſich auch zu berei⸗ chern. Im Februar deſſ. J. bot ihm der mahomedani⸗ ſche Kanfmann Poko ſehr große und ſchoͤne Perlen um einen außerordentlichen Preis zum Kaufe an. Obſchon ſie ihm zu gefallen ſchienen, ſo erwiederte er doch:„Dieſe Perlen verpeſten nur das Herz des Menſchen, naͤhren ſeine Eitelkeit und ſeinen Stolz; es iſt beſſer, den Werth derſelben zur Erleichterung der Laſten des Volkes zu verwenden.“ Am Neujahrs⸗Tage 1294 wurde Hupilai⸗han krank, und nach 4 Tagen endete er ſein hoͤchſt ruhm⸗ volles Leben, wovon er als großer Chan 36 Jahre regiert hatte. Sein Reich umfaßte China, die chi⸗ neſiſche Tartarei, Tibet, Tungking, Cochinchina, mehre andere Koͤnigreiche im weſtlichen und mittaͤglichen China. Die Laͤnder Leaotong und Korea im Nor⸗ den zahlten ihm Tribut, wie alle mongoliſche Fuͤr⸗ ſten, welche als Vaſallen in Perſien, Turkeſtan, in der kleinen und großen Tartarei vom Nieper bis an die Meerenge von Arian, und von den beiden Indien bis an das Eismeer regierten, und ihm als Kaiſer der Mongolen huldigten. Er war einer der groͤßten Fuͤrſten, welcher zugleich an Gluͤck alle uͤbertraf. Er hatte die Geiſteskraft, alle ſeine Staatsdiener auszuforſchen und zu leiten. Er fuͤhrte die Waffen in die entfernteſten Laͤnder, ſein Name 112.. war ſo gefuͤrchtet, daß mehre Voͤlker blos deßwegen ſich unterwarfen. Er pflegte die Wiſſenſchaften, ſchuͤtzte die Gelehrten, und belohnte ihre guten Rath⸗ ſchlaͤge. Er ſtellte keine Chineſen zu Miniſtern an, ſondern uͤbertrug dieſe Aemter Fremden, welche er mit Vorſicht zu waͤhlen wußte; nur in der Wahl ſeiner Finanz⸗Maͤnner, welche Blutſauger des Vol⸗ kes ohne ſein Wiſſen waren, war er ungluͤcklich. Er liebte redlich ſeiu Volk; war dieſes nicht immer un⸗ ter ſeiner Regierung gluͤcklich, ſo hatte man ihm den Grund davon verheimlicht. Er hatte keine oͤffentlichen Spione, welche alle Ereigniſſe beobachten, und dem Kaiſer unter einer andern Geſtalt hinterbringen durften. Er geſtattete jed m Unterthan freien Zutritt, und hob ſchnell deſ⸗ ſen Beſchwerden; er beklagte ſich oft, daß man ihm die wahren Beduͤrfniſſe des Volkes nicht bald genug bekannt machte. Er war ſehr maͤßig in Allem, ſchaͤmte ſich der Barbarei ſeiner Mongolen, und lobte die Sitten der Chineſen, aus deren Werken er die Kunſt zu regieren gelernt hatte. Er vernachlaͤßigte nichts, was zum Glanze ſeines Reiches, zum Gluͤcke ſeines Volkes, und zur Unſterblichkeit ſeines Namens bei⸗ tragen konnte. Er ließ uͤberall zur Verbindung der Fluͤſſe fuͤr den leichtern Transport der Handelswaa⸗ ren Kanaͤle anlegen. Er ſtiftete gelehrte Schulen und Akademien; er befoͤrderte die Aſtronomie, Ma⸗ thematik und Ackerbaukunde; er ließ Buͤcher aus 4 113 .. 7 allen Sprachen in das Mongoliſche uͤberſetzen, und zog Gelehrte aller Nationen und Sekten an ſeinen Hof. Er ermunterte die Manufakturen, und ge⸗ ſtattete die Freiheit des Handels, beſonders in ſeinen Haͤfen, die er den Fremden oͤffnete. Er ſelbſt ließ Schiffe bauen, um den Handel zu beleben. So viel⸗ fache Civildienſte leiſtete er(wie Napoleon) waͤh⸗ rend der blutigſten Kriege und wichtigſten Eroberun⸗ gen. Wenn auch die Chineſen, welche nur unter⸗ geordnete Staatsdienſte verſehen durften, ihm vor⸗ warfen, daß er das Geld, die Weiber und die Bon⸗ zen zu ſehr liebte, ſo bleibt er doch einer der groͤßten Monarchen von China ſelbſt in ihren Augen. Um ſeine Armee im Dienſteier und in der An⸗ haͤnglichkeit an ſeine Perſon zu erhalten, waren 12 Hofrichter oder Raͤthe ernannt, welche die Verdienſte jedes Kriegers unterſuchen, und deſſen Wuͤrdigung ihm anzeigen mußten. Hatte einer noch nicht uͤber den Gemeinen ſich empor geſchwungen, ſo wurde er vorerſt uͤber z0 ſeines Gleichen geſtellt; dann uͤber 20, 50, 400. War einer ſchon Befehlshaber von 100 Mann mit einem ſilbernen Taͤfelchen, ſo wur⸗ den ihm 1000 mit vergoldetem Taͤfelchen anvertraut; hatte er 1000 in ſeiner Leitung, ſo erhielt er die Aufſicht uͤber 10,000 mit goldenem Taͤfelchen, worauf das Haupt eines Loͤwen eingegraben war; und ſo ſtiegen die Auszeichnungen mit der Zahl der ihnen uͤbergebenen Truppen. Das Gewicht der Taͤfelchen Ifes B. China. I. 1. 8 214 war verſchieden nach dem Range und Anſehen, wel⸗ ches jeder damit Gezierte behauptete. Auf jedem Taͤfelchen ſtanden die Worte:„Durch die Staͤrke „und Gewalt des großen Gottes, und durch den „Frieden, welchen er unſerem Reiche verliehen hat, „ſei der Name unſeres Chaus geſegnet; alle iene, „welche ihm nicht gehorchen, muͤſſen ſterben und ver⸗ „tilgt werden.“ Alle Befehlshaber erhielten zu ihren Taͤfelchen noch beſondere Urkunden, worin ihre Pflich⸗ ten und Rechte oder Freiheiten beſchrieben waren. Heerfuͤhrer von 100,000 Mann empfingen noch Son⸗ neuſchirme von laͤnglicht viereckiger Geſtalt, welche ſie bei jeder Ausfahrt auf den Kaͤpfen trugen; auch faßen ſie auf ſilbernen Stuͤhlen in ihren zweiraͤderi⸗ gen offenen Wagen; ihre Taͤfelchen waren mit dem Bilde der Sonne und des Mondes verſehen, und wogen so Unzen Gold. Die Hofrichter oder Frei⸗ herren fuͤhrten einen Greif auf dem Taͤfelchen, und durften zu ihrer Bedeckung die Soldaten jedes Fuͤr⸗ ſten und die Pferde jedes Unterthanen von geringerer Muͤrde verlangen. Hupilai⸗han hatte 4 rechtmaͤßige Gemahlinuen; die aͤlteſte derſelben war die Kronerbin. Eine jede hatte den Titel der Kaiſerin, ihren eigenen Hof und Haushalt, und wurde von 300 Damen und Maͤgden, nebſt vielen verſchnittenen Maͤnnern bedient; die Zahl der ganzen Dienerſchaft einer Jeden bis auf den ge⸗ ringſten Stallburſchen ſoll auf 10,000 geſtiegen ſeyn. — 115 Nebſt den 4 Gemahlinnen hatte er noch ſehr viele Bei⸗ ſchlaͤferinnen, wovon die meiſten aus dem Stamme Undut waren, welchem er alle 3 Jahre Geſandte ſchickte, um 4— 500 andere ſchoͤne Maͤdchen fuͤr ihn abzuholen. Da die Maͤdchen zur hoͤchſten Ehre ſich rechneten, an den kaiſerlichen Hof zu kommen, ſo buhlten die ſchoͤnſten mit einander um die Wette. Eine beſondere Unterſuchungs⸗ Kommiſſion beſtimmte den Preis jeder Jungfrau nach 16, 18, 20 Karaten Gold; nur die uͤber 20 geſchaͤtzten Maͤdchen durften vor den Chan gefuͤhrt, und durch eine zweite Kom⸗ miſſion gepruͤft werden. Waren 30 der beſten ausgewaͤhlt, ſo uͤbergab er dieſe den Gemahlinnen ſei⸗ ner Hofrichter zur Beobachtung, ob ſie im Schlafe ſchnarchten, einen uͤbel riechenden Athem hatten, oder andere Maͤngel und Fehler zu erkennen gaben. Erſt nach dieſer Probe erhielten fuͤnf derſelben abwechſelnd 3 Tage und Naͤchte die Aufwartung in ſeinem Schlaf⸗ zimmer; die uͤbrigen ſind unter der Aufſicht von Ma⸗ tronen im anſtoßenden Zimmer, mit Ueberbringung der Speiſen oder Getraͤnke und mit Erfuͤllung anderer manche wurden auch mit großer Ausſteuer den Hoͤf⸗ lingen uͤbergeben. Hupilai hatte von ſeinen 4 Ge⸗ mahlinnen 22 Soͤhne, welche als Statthalter die Pro⸗ vinzen regierten, und von ſeinen Beiſchlaͤferinnen 116 25 Soͤhne, welche als geborne Große zu Befehlshabern der Armee befoͤrdert worden ſind. So oft der Chan ein feierliches Gaſtmahl hielt, ſaß er auf der noͤrdlichen Seite des Saales, und wendete ſein Geſicht gegen Mittag. Zur Linken ſaß ſeine erſte Gemahlin, zur Rechten ſeine Soͤhne nebſt audern Prinzen vom Gebluͤte; deren Tiſche wa⸗ ren ſo tief unter dem ſeinigen, daß ihre Koͤpfe kaum an ſeine Fuͤße reichten; doch ſaß der aͤlteſte Sohn etwas hoͤher als die uͤbrigen; die vornehmſten Raͤthe und Fuͤrſten noch niedriger als die Prinzen. Mit den Gemahlinnen wurde gleiche Ordnung beohach⸗ tet: jene der Prinzen ſaßen niedriger, und jene der uͤbrigen Großen noch tiefer, und zwar meiſtens auf Teppichen. An jeder Saalthuͤre ſtanden 2 Die⸗ ner mit Pruͤgeln zur Abweiſung aller ungeeigneten Per⸗ ſonen; jeder Bediente hatte den Mund mit Seide bedeckt, damit die kaiſerlichen Speiſen und Getraͤnke auch nicht einma! durch den Athem verunreiniget wer⸗ den konnten. So oft der Chan trank, mußte das Frauenzimmer, welches den Becher darreichte, 3 Schritte zuruͤck treten, und ſich knieen wie die ganze uͤbrige Verſammlung, waͤhrend die muſtikaliſchen In⸗ ſtrumente ertoͤnten. Nach geendigter Tafel ſuchten allerlei Gaukler durch ihre Kuͤnſte die Verdauung der Gaͤſte zu befoͤrdern. Sehr feierlich wurde ſein Geburtstag am 28. des Herbümonats begangen; er kleidete ſich hoͤchſt koſt⸗ 117 bar in Gold; 20,00o ſeiner Raͤthe und Generaͤle nicht weniger in Gold und Seide!, und jeder derfelben trug noch einen Guͤrtel mit Gold und Silber nebſt einem Paar Schuhe. Einige Staatsdiener waren mit ſehr theuern Perlen und Juwelen geziert, welche ſie ſonſt nur an ihren 13 Monats⸗Feſten zur Schau brachten. Am Geburtsfeſte mußten alle untergeordnete Koͤnige, Fuͤrſten, Statthalter und audere Standes⸗Perſonen dem großen Chan ein Geſchenk uͤberbringen. Wer tiach einem Amte, oder nach einer Ehreuſtelle, oder nach Einkuͤnften ſtrebte, mußte ſeine Bittſchrift den 12 Reichs⸗ Raͤthen uͤbergeben, welche eutſchieden, ehe der Kaiſer dieſelbe erhielt. Wer im Lande lebte, war ohne Ruͤck⸗ ſicht auf die Religion verbunden, in ſeiner Art, fuͤr das Leben, die Sicherheit und das Wohl des großen Chaus zu beten.. Noch feierlicher als der Geburtstag wurde der Neujahrstag am 1. Februar gehalten. Jedermann kleidete ſich weiß zum Zeichen des guten Gluͤckes, wel⸗ ches man auf das ganze Jahr hoßte. Die Statthal⸗ ter uͤberſchiekten dem Kaiſer an dieſem Tage Geſchente von Gold, Silber, Perlen, Edelſteinen, weißen Pfer⸗ den und Kleidern. Eben ſo beſchenkten die Tartaren ſich ſelbſt mit Gegenſtaͤnden von weißer Farbe und mit Gold, Silber ꝛc. und zwar vermoͤgende wit 84 Stuͤk⸗ ken. Der Kaiſer erhielt machmal 100,000 Pferde an dieſem Tage. Auch wurden die 5000 Elephanten deſ⸗ ſelben mit gemalten Tapeten uͤber die beiden von Gold⸗ 118 und Silber⸗Geſchirren gefuͤllten Kiſten, ferner mit ſeidenem Zeuge bedeckten Kameele an ſeinen Hof ge⸗ bracht. Des Morgens verſammelten ſich alle Koͤnige, Reichsraͤthe, Feldherren, Kriegs⸗Bedienſtigte, Aerzte, Sterndeuter, Falkonier, Statthalter ꝛc. theils auf dem großen Saale, theils auf dem daran ſtoßenden Platze, wo ſie alle vom Chan uͤberſehen werden konn⸗ ten. Nach eingetretener Ordnung erhob der Herold ſeine Stimme mit den Worten: Neiget euch zur Erde, und betetl und. nachdem alle ſich mit der Stirne bis auf den Boden neigten, ſprach er: Gott erhalte unſern Herrn bei langem, freude⸗ vollen Leben! worauf Alle vier Mal erwiedern: Gott gebe es! Der Herold ergriff dann auf einem koͤſtlich geſchmuͤckten Altar ein rothes Taͤfelchen, wor⸗ auf der Name des Chans eingegraben war, und be⸗ raͤncherte es mit großer Ehrfucht; dieſem Beiſpiele folgten alle Anweſende. Nach dieſer Zeremonie wur⸗ den die obigen Geſchenke uͤberreicht, und die Geber mit einem großen Schmauſe entſchaͤdigt. Endlich wurde ein zahmer Loͤwe herein gefuͤhrt, welcher ſich, wie ein Hund, zu den Fuͤßen des Chans legte. Innerhalb einer halben Meile von dem Orte, wo derſelbe ſich befand, war nicht das geringſte Geraͤuſch erlaubt. Je⸗ der Reichsrath trug ein bedecktes Gefaͤß zum Ausſpeien bei ſich, zoggſeine Halbſtiefel aus, und andere aus weißem Leder an, damit der Fußteppich nicht im ge⸗ ringſten beſchmutzt wurde. 119 Waͤhrend der 3 Monate, in welchen der Kaiſer zu Kahnbalu verweilte, waren alle Jaͤger der ganzen Provinz Kathay mit Jagen beſchaͤftigt. Wer bis auf 30 Tagreiſen vom Hofe entfernt war, lieferte ausge⸗ weidete Hirſche, Baͤren, Rehe, wilde Schweine ꝛc. auf Wagen oder in Barken; wer 40 Tagreiſen ent⸗ fernt war, lieſerte nur die Felle derſelben zu den Waf⸗ fenruͤſtungen. Der Kaiſer ließ viele Woͤlfe, Leopar⸗ den und Loͤwen zur Jagd abrichten, und auf den Haa⸗ ren mit weißen, ſchwarzen oder rothen Sternen zeich⸗ nen. Der Muth und die Geſchwindigkeit, mit wel⸗ cher die Loͤwen die ihnen vorgekommenen wilden Och⸗ ſen, Eſel, Baͤren und andere wilde Thiere ſingen, er⸗ regte das groͤßte Erſtaunen. Man fuͤhrte zwei Loͤwen nebſt einem Hunde auf einem Wagen gegen den Wind, damit das Wild ſie nicht ſpuͤrte, und zur Flucht ge⸗ reitzt wurde. Eben ſo hatte er auch Adler bezaͤhmen laſſen, welche Haaſen, Rehe und Fuͤchſe fingen, und zuweilen Woͤlfe ſo ermuͤdeten, daß dieſe von Jaͤgern ohne beſondere Muͤhe dann gefangen werden konnten. Hupilai hatte zwei ſeiner Bruͤder als Wild⸗ oder Jaͤgermeiſter am Hofe, deren jeder 10,000 Jaͤger unter ſich hatte, welche beide Korps auf der Jagd nur durch die rothe oder weiße Kleidung unterſchieden waren. Dieſe Jaͤger unterhielten s000 große Schweiß⸗ und andere Hunde; auf der Jagd war ein Theil der Jaͤger zur Rechten, der andere zur Linken ides Kaiſers. Sie bedeckten die Ebenen auf ei.. elhe⸗ 120 Tagreiſe ſo gut, daß kein Wild ihnen entſchluͤpfen konnte. Der Chau befand ſich in der Mitte, und er⸗ freute ſich der Anſchauung, wie die Hirſche, Baͤren ꝛc. von den Hunden verfolgt wurden. Die beiden Jaͤger⸗ meiſter hatten die Pflicht, vom Anfange des Wein⸗ monats bis zum Ennde Maͤrz, außer den Wachteln und Fiſchen noch 1000 Stuͤck Wild und Voͤgel taͤglich nach Hof zu ſchicken. Im Maͤrz begab ſich der Kaiſer von Khaubalu gegen Nordoſt bis auf 2 Tagreiſen vom Mceere mit etwa 10,000 Falkonirern, welche Sperber, Falken und andere Sroßvoͤgel mit ſich fuͤhrtn, und ſich dort in Geſellſchaft von 100— 200 vertheilten. Die meiſten gefangenen Voͤgel wurden dem Chane uͤberbracht, weil er am Podagra litt. Er ſaß in einer von 2 Elephan⸗ ten getragenen Seufte, welche mit Loͤwenhaͤuten be⸗ deckt, und mit Goldblech ausgeſchlagen war. Zum Zeitvertreibe hatte er 12 auserleſene Habichte und eben ſo viele Hoͤttinge bei ſich. Auf jeder Seite ritten ver⸗ ſchiedene Standes⸗Perſonen und Soldaten, ſahen ſte Faſane, Kraniche und anderes Feder⸗ Wildpret flie⸗ gen, ſo gaben ſie den Falkonirern davon Nachricht, welche ſchnell die Senfte abdeckten, und ihre Falken und Habichte fliegen ließen, damit er ſein Vergnuͤgen am Fangen genoß. Außer jenen 10,000 Falkonirern waren noch faſt eben ſo viele andere Maͤnner, als Waͤchter oder Schuͤtzen, paarweiſe beſchaͤftigt, die los⸗ 121 gelaſſenen Habichte mit Pfeifchen zuruͤck zu rufen. Je⸗ der Falke hatte an einem Fuße ein ſilbernes Plaͤttchen mit dem Zeichen ſeines Herrn; war dieſes unbekannt, ſo wurde der Falke dem beſondern Bewahrer der her⸗ renloſen Thiere uͤbergeben. Nachdem ſie lange Zeit auf einer großen Ebene fortgezogen waren, kamen ſie endlich an eine Reihe von vielleicht 40,000 Zelten, welche einer Städt glich. Unter denſelben waren 10,000 Soldaten nebſt den Reichs⸗Raͤthen und vornehmſten Standes⸗Perſonen; das vornehmſte Zelt mit der Thuͤre gegen Mittag war dem Kaiſer; gegen Morgen ſtand ein anderes Zelt mit einem großen Verhoͤr⸗Saale und dem Schlaf⸗Gemache. Dieſes ruhte auf 3 ſchoͤn ge⸗ ſchnitzten und mit Loͤwen⸗Haͤuten bedeckten Saͤulen, deren Seitenwaͤnde mit koſtbaren Hermelin⸗ und Zo⸗ bel⸗Fallen behaͤngt, und durch ſeidene Stricke befe⸗ ſtgt waren. Die Gemahlinnen, Soͤhne und Beiſchlaͤ⸗ ferinnen des Chaus hatten auch ihre beſondern Zelte, wie deren Diener, und ſelbſt die Stoßvoͤgel, welcher man ſich zum Vogelfange bediente. Auf dieſer großen Ebene verweilte der Chan gewoͤhnlich den ganzen Maͤrzz waͤhrend deſſen wurden wichtige Staats⸗Angelegen⸗ heiten berathen, und ſaſt unzaͤhlige Voͤgel und Thiere gefangen. Denn wenigſtens 5. Tagreiſen auf der einen, 10 auf der andern und 4s auf der dritten Seite durfte Niemand jagen, Hunde oder Stoßvoͤgel vom Maͤrz bis zum Weinmonat halten. Waͤhrend dieſer Zeit iſt uͤberhaupt verboten, irgend ein Wild zu fan⸗ 122 gen; daher dann eine außerordentliche Menge ſich findet.. Die Verſammlung der 12 Reichs⸗Raͤthe, welche den Kriegsrath Hupilai's bildeten, und alle Kriegs⸗ dienſte vertheilten, wurde das hohe Gericht ge⸗ nannt. Außer ihnen gab es noch 12 andere Reiche⸗ Raͤthe fuͤr die Verwaltung der 34 Provinzen unter dem Namen des andern Gerichts, welche zu Khanbalu einen ſchaͤnen Pallaſt hatten, worin fuͤr jede Provinz ein Richter und viele Schreiber in einer Reihe von Zimmern ſich befanden. Ihnen ſtand die Gewalt zu, die Statthalter der Provinzen zu waͤhlen, und dem Chan zur Beſtaͤtigung anzuzeigen. Dieſe zwei Klaſſen von Reichsraͤthen erkannten nur ihn uͤber ſich. „Hupilai ſendete einige vertraute Perſonen alle Jahre in die Provinzen zur Erkundigung, ob das Getreid durch Wuͤrmer, Heuſchrecken, Wetter oder auf andere Art beſchaͤdigt wurde, in welchem Falle er die Beſitzer der Felder auf 3 Jahre von allen Abgaben befreite, und aus ſeinen Magazinen ſie noch mit Ge⸗ treid, ſowohl zur Saat, als zu ihrem Unterhalte unterſtuͤtzte. Denn in ergiebigen Jahren ließ er die wohlfeilen Getreide kaufen, und 3—4 Jahre aufſpei⸗ chern, um ſie in theuern Jahren um den vierten Theil des Preiſes zu verwerthen. Bei jeder Viehkrankheit erſetzte er die zu Grund gegangenen Stuͤcke aus ſeinen Zehnten unentgeldlich. Wurde ein Thier durch 123 den Blitz getoͤdtet, ſo entſagte er auf 3 Jahre dem Tribut aus dieſer Heerde, ſie mochte groß oder klein ſeyn. Eben ſo nahm er auch keinen Zoll von einem durch den Blitz beruͤhrten Schiffe: denn er glaubte mit der Nation, Gott zuͤrne uͤber den Eigenthuͤmer deſſelben, und die Guͤter wuͤrden ungluͤcklich ſeyn. Er war ſogar fuͤr die Wanderer durch Einoͤden beſorgt. In fruchtbaren Gegenden ließ er Baͤume, in unfrucht⸗ baren Steine und Saͤulen, nach gleich geringer Ent⸗ fernung von einander, zur Unterſcheidung der Wege ſetzen, und durch Aufſeher daruͤber wachen. Er war fuͤr dieſe Anſtalt um ſo eifriger, als ſeine Sterndeuter ihm ſagten, durch Pflanzung der Baͤume werde das Leben verlaͤngert. 4 Erfuhr er, daß eine Familie zu Khanbalu durch Ungluͤcksfaͤlle oder Krankheit in ſolche Armuth gerieth, daß ſie ſich nicht mehr gut ernaͤhren konnte, ſo ließ er dieſelbe durch Lebensmittel und Kleidung auf ein gauzes Jahr unterſtuͤtzen. Letztere wurden, wie alle Kleider der Soldaten, in jeder Stadt aus der Wolle ſeines Zehntens gefertigt. Auch an ſeinem Hofe wurde Kiemanden Brod verſagt, welcher darum bat; taͤg⸗ lich wurde fuͤr 20,000 Kronen Reiß, Hirſe und Pannik ausgetheilt; weswegen man den Kaiſer wie Gott ver⸗ ehrte. Dieſe Mildthaͤtigkeit war den Tartaren vorher fremd; ſie wurde erſt herrſchend, nachdem dieſelbe von den Goͤtzendienern Baſki als ein Gott gefaͤlliges Werk geprieſen worden war. 1 Eben ſo unterhielt er 5000 Sterndeuter und Wahr⸗ ſager, welche aus Chriſten, Mahomedanern und Ka⸗ thahern beſtanden, zu Khanbalu mit Speiſe und Klei⸗ dung. Sie hatten bereits ein Aſtrolabium, worauf die Planeten, Stunden, Minuten und Sekunden fuͤr das ganze Jahr verzeichnet waren. Durch deſſen An⸗ wendung beobachteten ſie den ganzen Lauf der Him⸗ melskoͤrper und die Beſchaffenheit des Wetters in jedem Monate. Sie verzeichneten ferner auf beſondern Taͤfelchen die kuͤnftigen Ereigniſſe; jedoch mit dem Zuſatze, wenn Gott davon nichts zu aͤndern beliebte. Jene Wahrſager, deren Vorſagen am meiſten eintra⸗ fen, wurden am meiſten geachtet. Jeder Reiſende erkundigte ſich vorher, ob der Himmel ihm guͤnſtig ſeyn wuͤrde, oder nicht; in ſolchen Angelegenheiten wurde gewoͤhnlich das Geſtirn, welches bei der Geburt des Fragenden herrſchte, durch Vergleichung damit in Uebereinſtimmung gebracht. Die kaiſerliche Muͤnze wurde nicht aus Metall gepraͤgt, ſondern beſtand aus der mittlern Rinde der Maulbeerbaͤume, welche gehaͤrtet, und in runde Stuͤcke verſchiedener Große vertheilt, und mit dem Bilde des Kaiſers verſehen wurde. Das ganze Reich wurde aus Khanbalu mit dieſer Muͤnze verſehen. Weder Fremde, noch Eingeborne durften ſich bei Todesſtrafe weigern, ſie anzunehmen, oder eine andere im ganzen Gebiete des Chans auszugeben. Kamen fremde Kauffeute ſo konnten ſie ſolches Geld fuͤr ihr Gold, Silber, Per⸗ 125— len und Diemanten einwechſeln, wie bei ihrer Abreiſe durch Kauf verſchiedener Waaren auswechſeln, indem ſie in andern Laͤndern keinen Werth hatte. Der Kai⸗ ſer zahlte damit ſeine Soldaten und Befehlshaber, und gewann dadurch einen groͤßern Nationalſchatz als ir⸗ gend ein anderer Fuͤrſt. Nur unter ſo ſtrenger Kon⸗ ſequen; wurde es ihm moͤglich, die tartariſchen ehi⸗ neſiſchen Provinzen in jenen Wohlſtand zu erheben, in welchem er ſie bei ſeinem Tode verlaſſen hat. Die naͤmlichen Geſinnungen, von welchen er bei dem Antritte ſeiner Regierung beſeelt war, hegte er auch bis zum Schluſſe derſelben, wie aus ſeinen oͤffent⸗ lichen Acten zu erkennen iſt. Im J. 1264 hatte er den Prinzen Uangtien als ſeinen tributbaren Koͤnig von Korea ernannt; deſſen Unterthanen wollten aber unabhaͤngig von den Mongolen ſeyn, und empoͤrten ſich gegen ihn. Die mongoliſchen Offiziere baten den Kaiſer Hupilai um Erlaubniß, die Empoͤrer zu ihrer Pflicht zuruͤck zu fuͤhren; dieſer liebte aber den Frieden, und ſchrieb an Uangtien:„Das Reich der Mongolen hat ſich ſo erweitert, daß es faſt alle Koͤnigreiche zwiſchen den 4 Meeren umfaßt. Ohne mich in die Aufzaͤhlung der kriegeriſchen Tugenden meiner Vorfahren zu verlieren, iſt ihr Ruhm ſchon daraus zu erkennen. Von allen Reichen der Welt iſt keines, als das Deinige und jenes der Song (China) uͤbrig, welche ſich uns nicht unterwerfen woll⸗ ten. Die Chineſen betrachteten ihren Fluß Kiang 426 als eine unuͤberſteigliche Graͤnze; und doch haben wir ſie uͤberſchritten. Sie vertrauten auf die Tapferkeit ihrer Tuppen, und auf die Hoͤhe ihrer Berge; und doch haben wir ſie geſchlagen, und ihnen die beſten Plaͤtze weggenommen; ſie ſind jetzt mit den Fiſchen ohne Waſſer und mit den Voͤgeln im Garne zu ver⸗ gleichen. Vor deiner Thron„Beſteigung kamſt du im Namen deines Vaters mir zu huldigen, und Tribut zu erlegen. Nach deſſen Tode bateſt du mich dringend um ſeine Krone; ich bewilligte ſie dir mit den alten Graͤnzen, und hoffte, daß Alles ruhig ſeyn wuͤrde. Indeſſen erfahre ich doch von Unruhen, deren Veran⸗ laſſung ich nicht kenne. Haben vielleicht einige Große von Korea waͤhrend deiner Abweſenheit uͤber den Thron verfuͤgt? Sei es, wie es wolle, ich kenne gar wohl die Leiden deines Volkes im letzten Kriege, ich betrachte es als meine Kinder, und ich will ſeine Qua⸗ len nicht erneuert wiſſen“ Ich hoffe, daß es ſeinen Fehler einſehen und verbeſſern wird. Um in ihm alle Furcht vor meiner Nache zu daͤmpfen, melde ihm meine volle Vergebung, ſelbſt fuͤr die Stifter des Auf⸗ ruhres. Sollte es aber nicht zu ſeiner Pflicht zuruͤck kehren, ſo laſſe ihm wiſſen, daß es ſeinen Koͤnig nicht beleidigt, ſondern blos meine guten Maßregeln verei⸗ telt, welche ich fuͤr daſſelbe beſchloſſen habe, und daß es meiner ferneren Gnade verluſtig bleiben wird. Und Du, Koͤnig, bedenke, daß ich dich auf den Thron erhob; erfuͤlle mit Eifer deine Pflicht, und befolge 127 die guten Ratbſchlaͤge, welche ich dir ertheilt habe; erhalte den Frieden in deinem Reiche, und mache dieſe Weiſung uͤberall bekanut.“ Zugleich ließ er alle waͤh⸗ rend des Krieges gefluͤchtete Familien von Korea auf ſeine Koſten zuruͤck fuͤhren, und verbot allen Mongo⸗ len ſtreng, die Koreer nicht zu beunruhigen. Durch dieſe kluge Maßregeln entwaffnete Hupilai ſchnell alle Empoͤrer, welche ihren Koͤnig Uangtien mit Ehrfurcht empfingen. Schon 1268 dachte er an die Eroberung von Ja⸗ pan. Zur Erreichung dieſes Zweckes ſchickte er zwei Hoͤflinge mit folgendem Schreiben an den Koͤnig von Japan.„Der ſtaͤrkſte Wall kleiner Staaten, welche an maͤchtige graͤnzen, iſt der Friede und die Eintracht der ſie beherrſchenden Fuͤrſten. Dieſe politiſche Wahr⸗ heit, beſtaͤttigt durch die Erfahrung aller Jahrhunderte iſt um ſo einleuchtender, wenn von kleinen Staaten ueben meinem großen Reiche die Rede iſt, welches der Himmel auf eine beſondere Weiſe beguͤnſtigt hat. Ich bin jetzt Herr von China; zahlloſe Reiche welche der Ruhm und die Tapferkeit meiner Voraͤltern mit Ehrfurcht erfuͤllt, haben ſich mir unterworfen, un⸗ geachtet ſie von meinem Staate ſehr entfernt waren. Bei meiner Thron⸗Beſteigung ſeufzte Korea unter der Laſt eines vieljaͤrigen Krieges; das Geſchrei der zahlloſen unſchuldigen Opfer erſcholl bis zu mir; ich ſtellte die Feindſeligkeiten ein, ich gab das ganze von Mongolen eroberte Koxrea mit den Gefangenen zu⸗ 128 ruͤck. Der mir tributbare Koͤnig von Korea wurde geruͤhrt von dieſem edlen Verfahren, und warf ſich vor meinem Throne nieder. Ich uͤberhaͤufte ihn mit Guͤte, und zeigte mich ihm mehr in der Eigenſchaft eines zaͤrtlichen Vaters, als in jener des Kaiſers und ſeines Herrn. Fuͤrſt! du und deine Unterthanen haben meine Erhebung auf den Thron vernommen; das Koͤ⸗ nigreich Koreg, welches mein Kaiſerthum gegen Mor⸗ gen begraͤnzt, liegt nahe bei Japan; ſeit dem dieſes als Staat exiſtirt, ſtand es mit China in Handels⸗ Verbindungen; aber warum haſt du noch keinen Ge⸗ ſandten zu mir beordert? Sollteſt du meine Thron⸗ beſteigung nicht wiſſen? In dieſem Falle ſollſt du durch meine beiden Hoͤflinge dieſelbe vernehmen. Ich lade dich zum Freundſchaftsbunde und zu einer regel⸗ maͤßigen K Korreſpondenz zwiſchen uns ein, wodurch der Friede befeſtigt werden wird. Ich habe von weiſen Maͤnnern vernommen, daß alle Menſchen Bruͤder zu einander ſind, und daß das ganze Weltall nur eine Familie aus zmacht: wie koͤnnten nuͤtzliche Maßregeln und gute Geſetze in einer Familie aufrecht erhalten werden, wenn deren Glieder von einander getrennt und in Zwietracht lebten? Ungluͤeklie ch ſollen die ſeyn, welche die Unordnung lieben, und den Krieg wuͤnſchen. Koͤnig, denke du und deine Unterthauen daran!“