ek deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur — M 3 von Eduard Ottmann in Gießen, Aä Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. ——— ₰ 3— — V 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 3 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: V für wochentlich 2½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 2„„„—„»„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. din beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Erzäͤhlungen von 1 Friedrich Jacob 6. * * Zweytes Baäͤndchen. 4 1 Leipzig, in der Dyksſchen Buchhandlung. 1824. Verbeſſerungen. Seite 7, 16. lies: ſie mit neuer Kraft. — — 53, 3. Braͤutigams. — 15. podagriſchen. 63, 2. republikaniſchen. 98, 12. Schatz ſt. Stolz. 104, 15. einen ſt. eines. 31 112, 15. oft iſt iszüſte chen 4 116, I1. Sphinren. — 3 von unten: ja ſt. a. 120, I. ſo ſt. o. 123, letzte Z. bezeichneten. 144, 16. denke ſt. denkt. 173, 4. Laute ſt. Leute. 176, 5. zu Hauſe. ſt. in H. 201, 3 Z. von u. mit ſt. wit. 242, 4. Auflaurer. 245, 3. das falſche ſt. das kfriſche. 325, 6. oͤfnete er ihr ein. 341, 3. Grafen ſt. Graf. 381, 5. Niemanden. und eben ſo S. 382, 5. 1 Inhalt: Die Ausgewanderten. 2r.„ 141 (Gedr. in der Minerpay aucet W. Conſtanze oder die Theilung von Polen„ 101 (Gedr. in der Zeitung für die elegunre Welt.) Guido und Fiammetta„ 1.. 8 273 (Gedr. in Rochlitz Mittheilungen.) Die Erkennung. Anecdote.... 379 (Gedr. in deshelben Sammlung.)— Die Ausgewanderten. —— In dem Schloſſe des Grafen Nogaret war mehr als gewoͤhnliches Leben. Die ſchoͤne Ro⸗ ſalie, die einzige Tochter des Grafen, die ſeit Kurzem aus ihrer Kloſterpenſion in das vaͤter⸗ liche Haus zuruͤckgekehrt war, feyerte ihren ſiebzehnten Nahmenstag; und da ſie heute zum erſten Male die Trauer fuͤr ihre verſtorbene Mutter abgelegt hatte, ſo erſchien ſie in dem Kreiſe der im Ritterſaale verſammelten Haus⸗ freunde und Klienten wie das milde Geſtirn der Liebe, oder wie Albano's Roſen ſtreuende Morgenroͤthe. Als ſie durch die weit geoͤfneten Fluͤgel hereintrat— in der zierlichen Morgen⸗ tracht, von weichem weißen Mull, ſelbſt die zierlichen Finger der ſchmalen Hand und den kleinen Fuß von gleichfarbigem Muſſelin un⸗ ſpannt, und der ſchlanke Wuchs von dem langen purpurnen Kaſchmirſhawl umflattert— erhob ſich die ganze Verſammlung von ihren runden Sche⸗ meln, und trat ihr mit ehrerbietiger Begruͤßung A 2 4 entgegen; nur der Graf winkte von ſeinem Lehnſeſſel der laͤchelnden Tochter, indem er ihr die lange magere Hand aus dem weiten Ermel des ſchineſiſchen Schlafrocks hervor zum Kuſſe reichte. Mit anmuthigem Erroͤthen ſchwebte Roſalie durch den Kreis der Gebuͤckten, nach allen Seiten hin nickend und gruͤßend, neigte ſich vor dem Lehnſeſſel faſt bis auf die Knie, druͤckte die Hand des Vaters an ihre Roſen⸗ lippen und ward dafuͤr von ihm auf die Stirn gekuͤßt. Nachdem ſie ſich langſam wieder er⸗ hoben hatte, traten Alle herbey, die Einen mit Blumenſtraͤußen, die Andern mit Gluͤck⸗ wuͤnſchen, die Vertrautern mit kleinen Gaben. Freundlich ſammelte Roſalie Alles in das Ar⸗ beitskoͤrbchen, das ſie an ihrem linken Arme trug, dankte den Einen mit Worten, den An⸗ dern durch eine Umarmung, und lud ſie end⸗ lich, indem ſie ſelbſt ſich ihrem Vater gegen⸗ uͤber niederließ, mit einer leichten Verbeugung ein, die verlaſſenen Sitze wieder einzunehmen. Indem wir den Halbkreis, der ſich jetzt ge⸗ bildet hat, uͤberlaufen, heften ſich unſere Blicke e en jungen Officier von ausgezeichneter —— — 5 Geſtalt, hohem Wuchs und geiſtreicher Bil⸗ dung, welcher die Uniform der Artillerie traͤgt und ſeinen Platz zunaͤchſt bey Roſalien genom⸗ men hat. Als er ſich der Gefeyerten mit ſeiner Gabe naͤherte, haben wir bemerkt, daß ſie ihre Blicke ſittſam zur Erde ſenkte, waͤhrend ein leiſes Roth den Glanz ihrer Stirn faͤrbte, und nur langſam erſt die blauen Augen unter den langen Wimpern zu ihm emporhob. Den Strauß, den er ihr reichte, ſchien ſie leiſe zwi⸗ ſchen ihren Fingern zu druͤcken, ehe ſie ihn zu den andern in ihr Koͤrbchen legte, wobey ihr nicht unbemerkt geblieben war, daß ein ſchma⸗ ler Streifen Seidenpapier zwiſchen den Blumen ruhte. Auch hat ſie kaum Platz genommen, als ſie unter dem Vorwande, etwas vergeſſen zu haben, zum Saale hinausſchluͤpft, und nach⸗ dem ſie unbemerkt die niedlichen Verſe geleſen, die das Blaͤttchen bedecken, ſehen wir ſie mit einer Miene zuruͤckkehren, auf welcher der Sonnenſchein eines begluͤckten Herzens ſtrahlt. Jetzt erinnert ſich der Graf eines Briefes, den ihm La Sery— dieſes iſt der Nahme des jungen Officiers— kurz vor Roſaliens Erſchei⸗ er mit funkelnden Augen:„Dieſer Brief ent⸗ hob der Graf von Neuem an,„ſollte es das nen im Nahmen eines ſeiner pariſer Freunde 8 uͤbergeben hatte. Er brach ihn auf, uͤberlief ihn, wendete ihn wieder um und las ihn noch Einmal mit groͤßter Aufmerkſamkeit. Nur durch Ausrufungen unterbrach er ſich im Leſen, waͤhrend die Geſellſchaft in ehrfurchtsvoller Stille die Blicke auf ihn gerichtet hatte, und Mittheilung des Geleſenen zu erwarten ſchien. Jetzt faltete der Graf den Brief langſam zu⸗ ſammen, nahm ihn zwiſchen beyde Haͤnde, und nachdem er ihn ſo in die Hoͤh' gehalten, ſagte —— haͤlt einen Schatz von Herzſtaͤrkung!“— Und dann ſich zu La Sery wendend:„Sie haben mir einen koͤſtlichen Brief zu dieſem Feſttage mitgebracht, Herr Hauptmann!“ Alle waren jetzt noch mehr als zuvor auf den Inhalt des Briefes geſpannt, und La Sery wuͤnſchte ſich im Stillen Gluͤck, ſein Ueber⸗ bringer geweſen zu ſeyn.—„Sollte es wohl,“ Herz eines wahren Edelmannes nicht erquicken, wenn er in dieſer heilloſen und ausgearteten— Zeit noch einen Reſt des alten fraͤnkiſchen Blu⸗ 7 tes und der unuͤbertreflichen Tugenden findet, die nur aus ſolchem Blute ſprießen koͤnnen? Jetzt, wo ſich die Zahl wahrhaft edler und unvermiſchter Geſchlechter taͤglich mindert, be⸗ darf es wahrlich großer Beyſpiele, um den klei⸗ nen Reſt, welcher noch uͤbrig iſt, ehe ihn der Wiebel des Zeitgeiſtes ebenfalls ergreift, auf dem rechten Wege zu erhalten. Ein ſolches Beyſpiel hat, wie mir mein Freund jetzt ſchreibt, eben der edle Prinz von Courtenay als den letzten Akt ſeines Lebens gegeben, und ſein vortreflicher Sohn zu geben veranlaßt; ein Beyſpiel, das mich entzuͤckt, und— wenn ir⸗ gend etwas die lockere, herabgeſunkene Flamme auf dem Altar adligen Ritterthums wieder an⸗ zufachen im Stande iſt— mit neuer Kraft zu beleben vermag.“ Nach dieſer begeiſterten Einleitung, die minder erfreulich, als die fruͤhern Worte des Grafen, an La Sery's Herz ſchlugen, fuhr der ernſte Mann weiter fort:„Es iſt ſicher Nie⸗ mand hier, der nicht wiſſen ſollte, daß der Prinz Louis de Courtenay— er iſt vielleicht eben, da wir von ihm ſprechen, zu ſeinen Ahn⸗ 8 herren hinuͤbergeſchlummert— ſein erlauchtes Geſchlecht bis auf Peter von Frankreich, den ſiebenten Sohn unſeres glorreichen Koͤnigs Lud⸗ wigs des Dicken, hinauffuͤhrt, welcher die ſchoͤne Eliſabeth, die aͤlteſte Tochter Renaud's von Courtenay, Herrn von Montargis, Chateau⸗ Renard und Chevillon, zu ſeiner Gemahlin erwaͤhlte. Auf dieſe hohe Abkunft, auf dieſes erlauchte Gebluͤt, das in einer langen Reihe von Soͤhnen und Enkeln nie auch nur durch den leiſeſten Verdacht einer unlautern Miſchung befleckt worden, bauten ſeine Ahnherren die For⸗ derung, als Prinzen von Gebluͤt behandelt, und mit allen Rechten der Kinder Frankreichs aus⸗ geſtattet zu werden, und ſie haben, ſeit der Regierung Koͤnig Heinrichs des Vierten— der, beylaͤufig geſagt, ein tapferer Ritter, aber kein beſſerer Edelmann war, als die Montmo⸗ rency's, die Montesquieu's, und ich darf hin⸗ zuſetzen die Nogaret's— ihre Anſpruͤche gel⸗ tend zu machen geſucht. Ich will jetzt nicht entſcheiden, ob nicht vielleicht dieſe Anſpruͤche etwas uͤbertrieben waren; ob es nicht noch andere edle Familien gibt, welche dieſelbe For⸗ 6 6 ——,—————— 8 — . derung mit gleichem Rechte machen koͤnnten— aber die Courtenay's glaubten ſich vorzugs⸗ weiſe dazu berechtigt, und nachdem ſie Einmal in die Schranken getreten waren, wichen ſie nicht mehr zuruͤck. Beynah' zwey Jahrhunderte hindurch haben ſie dieſe große Angelegenheit mit einer Ausdauey und Standhaftigkeit be⸗ trieben, die allein ſchon des Sieges wuͤrdig war. Grosmuͤthig entſagten ſie allen Vorthei⸗ len, die ſich ihnen von mehrern Seiten anbo⸗ ten; und wie der Hof vollkommen geneigt war, ihnen Alles zuzuſtehen, wenn ſie nur dem Ei⸗ nen Anſpruche ihrer Geburt entſagten, ſo wa⸗ ren ſie ihrerſeits ſtandhaft entſchloſſen, jedes Anerbieten, wie glaͤnzend es auch ſeyn moͤchte, von ſich zu weiſen, und nur an jenem An⸗ ſpruche feſtzuhalten. Sie ſahen ihr Vermoͤ⸗ gen unter fruchtloſen Beſtrebungen zerrinnen, ihr Haus veroͤdet, die Zahl ihrer Klienten und Abhaͤngigen taͤglich vermindert; aber auch in dem Schooße der Armuth bewahrten ſie ihr koͤſtliches Recht, und verſchmaͤhten jede Huͤlfe, die ihren letzten Beſitz, das ſtrahlende Kleinod ihrer Anſpruͤche, haͤtte gefaͤhrden koͤnnen.“ 10 — „So hab' ich dieſe edeln Maͤnner gekannt, arm und ſtolz, verlaſſen, aber ſich ſelbſt genuͤgend; von dem Schickſal gedruͤckt, aber nie herabge⸗ wuͤrdigt, und unablaͤſſig und allein mit dem Gegenſtande beſchaͤftigt, welcher ſeit ſo langer Zeit das Ziel ihres Strebens geweſen war. Jetzt nun meldet mir mein Freund, der Prinz Louis von Courtenay liege krank darnieder, ſo, daß keine Hofnung ſeines Aufkommens ſey. Auch habe er ſelbſt dieſer Hofnung entſagt, und, nachdem er ſein Haus beſtellt, ſeinen Sohn noch Einmal zu ſprechen verlangt. Erinnern Sie ſich hier, daß dieſer Sohn der einzige Sproͤßling des edeln Stammes der Courtenay's iſt; daß ihn ſein Vater auf das Zaͤrtlichſte liebt; daß er aber bey einer ſchwaͤchlichen Leibesbeſchaffenheit wenige Hofnung zu einer Nachkommenſchaft gibt; ja, daß man lange Zeit Urſach' hatte, zu glauben, er werde ſeinem Vater in das Grab vorangehn. Der Sohn erſchien auf die erhal⸗ tene Einladung an dem Krankenlager ſeines Va⸗ ters, und dieſer, nachdem er dem Prinzen be⸗ fohlen hatte, ſich niederzulaſſen, richtete das Geſpraͤch ſogleich auf das, was ſo oft der Ge⸗ V 11 7—q— genſtand ihrer Unterhaltung geweſen war, auf die Rechte und Anſpruͤche ſeiner Familie, ſeine zahlloſen und unfruchtbaren Bemuͤhungen, ſie geltend zu machen; die geringe Hofnung endlich, die ihm, in dieſer ausgearteten Zeit voll Buͤr⸗ ger⸗ und Bauernſtolzes, an einem Hofe ohne Haltung und Hochgefuͤhl, uͤbrig bleibe.— Du kennſt unſre Lage, fuhr der Kranke fort. Wir ſind arm. Jedes Jahr druͤckt unſre Einkuͤnfte tiefer herab, und ein ſchneller Wechſel des Gluͤcks iſt nicht mehr zu hoffen. Unſer Kredit mindert ſich, waͤhrend die Unverſchaͤmtheit unſ⸗ rer Glaͤubiger von Tag zu Tag heftiger zudringt. Nur Ein Mittel zu unſrer Rettung iſt uͤbrig, mein Sohn! nur Eines— mit dem Strome zu ſchwimmen, und das alte, hohe Recht aufzuge⸗ ben, das allein unſerm Vorſchreiten auf der Bahn des Gluͤcks und des Reichthums im Wege ſteht. Schon allzu lang' hat uns ein ergoͤtzender Traum getaͤuſcht. Erwache, mein Sohn, wenn Du es vermagſt, und tritt von der Hoͤhe, auf der Du bis jetzt Zuſchauer warſt, herab in die Schranken derer, die um Gaben des Gluͤckes 12 mehr als der Ehre buhlen.— Der Erfolg kann kaum zweifelhaft ſeyn.“— „Indem der erlauchte Kranke ſo ſprach, faßte er den Sohn mit ſeinen Augen feſt. Dieſer aber ſchlug, wie vor Schaam, die Blicke zur Erde; ſein blaſſes Geſicht ſchien noch mehr zu erbleichen; und noch hatte ſein Vater die letzten Worte nicht ausgeſprochen, als er ſich von ſei⸗ nem Sitze erhob, und ohne ein Wort zu erwie⸗ dern, den Weg nach der Thuͤte nahm.— Du nimmſt meinen Vorſchlag an? rief ihm der Kranke nach.— Nie, entgegnete der Sohn, nie, ſo lange noch ein Tropfen des alten koͤnig⸗ lichen Blutes in meinen Adern fließt. O, muß ich Zeuge der Schwachheit meines erlauchten Va⸗ ters in ſeinen letzten Augenblicken ſeyn!“—— Als der Graf ſo weit in ſeiner Erzaͤhlung gekommen war, hielt er inne, um fragende Blicke in der Verſammlung umherzuſenden. Die Wenigſten wußten, ob ſie antworten ſollten, oder was. Die alten Landjunker, die ſich aus der Nachbarſchaft eingefunden hatten, ſahen ſich einander gedankenlos an, und kehrten dann wieder mit ihren Blicken zu dem Grafen zuruͤck, — 3 von dem ſie eine beſtimmende Aeuſſerung erwar⸗ teten. Der Prokurator und der Landrichter aber glaubten nicht zu irren, wenn ſie nickend Bey⸗ fall gaͤben, und ihre Frauen thaten, was ſie ihre Maͤnner thun ſahn. Der Kaplan zog die Augenbraunen hoch in die Hoͤh', als ob er die ſtreitenden Geſinnungen der beyden Prinzen in ſeiner Weisheit erwoͤge. Roſalie aber warf ver⸗ ſtohlene Blicke auf ihren Nachbar, der ſeiner⸗ ſeits, in der Naͤhe ſo vieler Anmuth, an den Geſpraͤchen der Prinzen von Courtenay und der Aufloͤſung des Problems nur einen ſchwachen Antheil nahm.— Nach dieſem ſtummen Zwiſchenakte, welcher nur einige Augenblicke dauerte, fuhr der Graf mit ſiegreicher Miene fort:„Schwerlich wird Jemand von Ihnen das erwarten, was nun in meinem Briefe folgt, und doch werden Alle, die etwas Anderes erwarten, Unrecht haben.— Hoͤren Sie.— Als der Prinz die Antwort ſei⸗ nes Sohnes vernahm, ſtreckte er beyde Arme nach ihm aus, rief ihn mit den zaͤrtlichſten Worten zuruͤck, und ſagte, indem er ihn an * ſein Herz druͤckte: Verzeihung, mein Sohn! 14 — mein edler, mein grosherziger, mein wuͤrdi⸗ ger Sohn! Verzeihung, daß ich eine Pru⸗ fung uͤber Dich verhaͤngte, die Du nicht ver⸗ dienteſt! Waͤhne nicht, daß mich das Alter ſo gebeugt, daß mich das Ungluͤck ſo erniedrigt habe, um in dieſen meinen letzten Augenblik⸗ ken die Grundſaͤtze meines ganzen Lebens, die Rechte meiner erlauchten Ahnen, meine und Deine Rechte vergeſſen zu koͤnnen!—„„Nie, nie, ſo lange noch ein Tropfen koͤniglichen Blu⸗ tes in meinen Aderm fließt.“*= O, dieſe edeln, dieſe hochherzigen Worte verſuͤßen meinen Tod, und ich konnte an Deinen Geſinnungen zweifeln? Ich konnte fuͤrchten, daß Du dem Drucke des Ungluͤcks erliegen, daß Du um ſchnoͤ⸗ der Guͤter willen den Rechten entſagen koͤnnteſt, die ſeit Jahrhunderten der Schmuck und die Stuͤtze der Courtenay's geweſen ſind?— Noch Einmal, Verzeihung, mein edler Sohn! Die Peuͤfung, auf die ich Dich geſetzt habe, war furchtbar.— Wenn Du ſie nicht beſtan⸗ den haͤtteſt, wenn Dich Dein ſterbender Vater ſchwach und unmaͤnnlich gefunden haͤtte— ſieh hier, was Dir beſtimmt war.“— — 15 Deer Erzaͤhlende ſah unter den dunkeln Au⸗ genbraunen forſchend hervor. Alle harrten dem Erfolge in geſpannter Erwartung.— „Indem der ſterbende Prinz dieſes ſagte,“ fuhr der Graf mit erhoͤhter Stimme fort,„zog er mit zitternder Hand unter der Decke des Bettes eine Piſtole hervor, und ſchoß ſie in die gegenuͤberliegende Wand ab.— So haͤtte ich, ſetzte er hinzu, an Dir, mein Sohn, die Schmach der Courtenay's geraͤcht, wenn Du durch eine Anwandlung von Schwaͤche dieſen edeln Nahmen befleckt haͤtteſt.“— Der Graf ſchloß ſeine Geſchichte mit einem Triumphe im Geſichte, der den Sieg adelicher Geſinnungen feyerte, und dem Kreiſe der Hoͤrer ehrfurchtsvolle Bewundrung gebot. Wie aber dem Triumphwagen der alten Feldherren immer zunaͤchſt der Nachrichter folgte, ſo hing der Graf ſeiner Erzaͤhlung einen grimmigen Angriff auf alle diejenigen an, welche die unſchaͤtzbare Gabe der Geburt fuͤr das Linſengericht einer reichen Mitgabe zu verkaufen im Stande waͤ⸗ ren; und noch grimmiger auf die, welche ſich aus Unverſtand oder boshafter Misgunſt das 16 Anſehn gaͤben, ein ihnen verſagtes Gut gering zu ſchaͤtzen und herabzuwuͤrdigen.„Ich werde,“ ſetzte er hinzu,„bey Tafel Veranlaſſung haben, noch mehr uͤber dieſen Gegenſtand zu ſprechen. Bis dahin vertreiben Sie ſich die Zeit nach Ih⸗ rem Wohlgefallen. Mich rufen jetzt einige Ge⸗ ſchaͤfte ab.“ Mit dieſen Worten erhob ſich der Graf. Die verſammelten Gaͤſte geleiteten ihn bis an die Thuͤre des Salons, wo er ſie mit einer Be⸗ wegung der Hand entließ, und zerſtreuten ſich dann in ihre Zimmer, um durch Geſpraͤch oder Spiel die Zwiſchenzeit bis zur Mittagstafel ab⸗ zukuͤrzen. La Sery ſtieg in den Schloßgarten hinab, durchlief ſeine Alleen, und weilte in den Schattengaͤngen der Wildniß, welche die Alleen von dem Gemuͤſegarten und den Gewaͤchshaͤuſern trennte. Mit klopfendem Herzen dachte er hier an Roſalien, an jedes Zeichen der Gunſt, das ſie ihm in den gluͤcklichen Kinderjahren gegeben, als er mit ſeiner verwittweten Mutter in der Naͤhe des Schloſſes gewohnt hatte; an ihr freu⸗ diges Schrecken, als er nach Jahren der Abwe⸗ ſenheit juͤngſt zum erſten Male bey ihr eingetreten 47 war; an die Aufmerkſamkeit, mit der ſie da⸗ mals auf ſeine Reden gehoͤrt hatte; endlich an das holde Erroͤthen, womit ſie ſeinen heu⸗ tigen Gruß empfangen, und die beredten Blicke, mit denen ſie waͤhrend der Erzaͤhlung ihres Vaters zu ihm geſprochen hatte, Je mehr er das Alles zuſammenfaßte, und je oͤfter er es durchlief, deſto ohnmaͤchtiger wur⸗ den die Zweifel, die ſich gegen ſeine Wuͤnſche erhoben. Gewiß hatte ſie auch die alte Kin⸗ derliebe treu in ihrem Herzen bewahrt; dieſe ſtille, mit ihnen erwachſene Liebe, die ihn uͤber das Meer begleitet hatte, und ungeſchwaͤcht, als ſein ſchoͤnſtes Beſitzthum, mit ihm in die Heimath zuruͤckgekehrt war. Aber wenn er fruͤher nur das Kind und die Erinnerung an das Kind geliebt hatte, ſo entzuͤndete das Wiederſehn der bluͤhenden Jungfrau eine leben⸗ digere Flamme; und was er auch immer ver⸗ ſucht hatte, um dieſe Flamme zu uͤberwaͤl⸗ tigen, immer ſchlug ſie von Neuem empor und beſiegte ſeine Kraft. Mochte er ſich auch immer den Abſtand ſeiner Geburt von der Tochter eines Grafen von Nogaret vorhalten, II. B und ſich mit dem Stolze des Grafen und ſei⸗ nen ſtrengen Grundſaͤtzen ſchrecken, Roſaliens Bild, der Zauber ihres Weſens, die Neigung, die ſie ihm bewieß, ſeine gluͤhenden Wuͤnſche, uͤberwanden die Zweifel, und befluͤgelten die Hofnung, die ihn uͤber die weite Kluft zu dem hohen, dämmernden Ziele ſeines Verlangens trug. Mit dieſen ergoͤtzlichen Luftgebaͤuden beſchaͤf⸗ tigt, und in ihrem Anſchaun verſunken, ſaß der ſchoͤne Traͤumer, das dunkle Lockenhaupt auf die Hand geſtuͤtzt, unter einem Tulpen⸗ baume, und zeichnete mit einer Ruthe, die er in ſeiner Rechten hielt, Roſaliens Nahmen vor ſich in den Sand. Jetzt rauſchte das Gebuͤſch hinter ihm; er ſah zuruͤck, und die, mit der ſeine Gedanken allein beſchaͤftigt waren, trat aus den Buͤſchen hervor, mit einem Koͤrbchen voll auserleſener Pfirſchen, die ſie fuͤr ihren Vater gepfluͤckt hatte. Beyde erroͤtheten, und als Roſalie ihre Blicke zur Erde ſenkte, und ihren Nahmen vor La Sery's Fuͤßen einge⸗ ſchrieben ſah, erroͤthete ſie noch ſchoͤner und anmuthiger. Sie ſchien voruͤbereilen zu wollen, . 19 und der Ueberraſchte haͤtte nicht gewagt, ſie zuruͤckzuhalten; aber kaum hatte ſie einige Schritte vorwaͤrts gethan, als ſie— ſich gleichſam beſinnend— ihr Koͤpfchen nach ihm umkehrte, und fuͤr die verbindlichen Verſe dankte, die er ſeinem Blumenſtrauße beygefuͤgt habe. La Sery bat um Verzeihung fuͤr ſeine Kuͤhnheit; ſie antwortete mit einer Artigkeit, und bald wurden ſie, wie es unter Liebenden geſchieht, durch die unbedeutenden Worte zu bedeutſamern Erinnerungen fortgefuͤhrt. Indem ſie ſich neben einander tiefer in das Gebuͤſch verlohren, rollten ſich die Tage ihrer Kindheit vor ihnen auf; ihre Gefuͤhle begegneten ſich, wie ihre Blicke, und Eines fuͤhlte in dem Her⸗ zen des Andern, daß ſie von gleichem Ver⸗ langen und Hofnungen ſchluͤgen. Nur des An⸗ hauches eines entſcheidenden Wortes bedurft' es jetzt, um die bedeckte Gluth zur hellen Flamme anzufachen. La Sery ſprach es ſtam⸗ melnd aus; Roſalie reichte ihm erroͤthend die Hand; entzuͤckt, außer ſich druͤckte er die Lip⸗ pen darauf. Aber in dieſem Augenblicke wur⸗ den von fern Stimmen gehoͤrt. Die Verſpaͤtete 32 20 4 wurde aufgeſucht, um ſich zur Tafel anzuklei⸗ den. Noch ein Druck der Hand, und ſie trennten ſich nach verſchiedenen Seiten hin, mit der gewiſſen Hofnung, ſich gegen Abend an derſelben Stelle wieder zuſammen zu finden. La Sery's Seligkeit uͤber dieſes unverhofte Erfuͤllen ſeiner gluͤhenden Wuͤnſche wollen wir nicht unternehmen zu ſchildern. Er fuͤhlte den Boden nicht mehr unter ſeinen Fuͤßen; alle ſeine Gedanken flogen Roſalien, dem Engel der Liebe, nach. Von Neuem wurde nun jede Stelle, die er vormals mit ihr betreten hatte, beſucht; hundertmal aber kehrte er zu der zu⸗ ruͤck, wo er ihr eben ſeine Liebe geſtanden, wo ſie ſein Geſtändniß angenommen, wo ſie es zu wiederholen verſprochen hatte. Immer war es ihm, als ob er von dem Orte auf's Neue die Beſtaͤtigung ſeines unglaublichen Gluͤk⸗ kes holen muͤßte, das, obgleich ein Erzeug⸗ niß der naͤchſten Augenblicke, ihm doch im— mer wie etwas Fernes erſcheinen wollte, das einen langen Zeitraum ſeines Daſeyns er⸗ fuͤlle. Vorwaͤrts drangen ſeine Blicke nicht. Sie wurden noch allzufeſt von der Seligkeit Ax An des eben Vergangenen gehalten, um ſich nach einer Zukunft zu wenden, die im beſten Falle nichts als eine daͤmmernde Ungewißheit zu bie⸗ ten vermochte. Die Zeit der Tafel kam herbey, und die Geſellſchaft verſammelte ſich in dem Salon, wo Roſalie, auf dem Sopha ſitzend, die Eintre⸗ tenden empfing. Die leichte Morgenhuͤlle war mit einem gewaͤhlteren Anzuge vertauſcht, welcher knapp ſich anſchmiegend, die eben ſo zarten als reichen Formen ihres Wuchſes auf das Vortheilhafteſte zeichnete. Die Fuͤlle ihres blonden Haares, welches fruͤh durch die Spit⸗ zenhaube geſchimmert hatte, erhob ſich jetzt zu einem Lockendiadem uͤber der blendenden Stirn, und ſiel, in ſanften Wellen, uͤber den Kamm in zierliche Flechten aufgeloͤßt, zum Nacken herab auf das dunkelblaue Gewand, mit dem milden Lichte der Perlen wetteifernd, die den zarten Hals in vielfachen Reihen umfingen. Ein reicher Kragen von Spitzen ſtieg um den Nacken empor, und an der leiſe verhuͤllten Bruſt zitterte ein Strauß von gefuͤllten Pen⸗ ſeen, uͤber denen eine ſpaͤte Roſenbluͤthe zu 22 2 thronen ſchien. Auf ihren Wangen ſtrahlte das friſche Roth der Geſundheit und Jugend, und von ihren blauen Augen die Zufriedenheit eines gluͤcklichen Herzens. Wer ſie anſah, konnte die Blicke nicht wieder abwenden. Die Klienten des Hauſes, der Prokurator, der Landrichter, und vor Allen der Kaplan, kruͤmmten ſich ſchweigend vor der Tochter ihres Goͤnners und ihren Reizen; die alten Landjunker aber ſuchten aus dem Arſenal ihrer Galanterie Alles zu⸗ ſammen, was in den fernen Tagen ihrer Ju⸗ gend fuͤr liebenswuͤrdig und witzig gegolten hatte. Roſalie antwortete Allen mit anmuthi⸗ ger Freundlichkeit, indem ſie ihre Blicke bis⸗ weilen uͤber die zunaͤchſt Stehenden auf La Sery gleiten ließ, der etwas ferner nur ſie ſah, und mit froher Ueberraſchung den Strauß, der ihren Buſen ſchmuͤckte, fuͤr denſelben er⸗ kannte, den er ihr am Morgen in die Hand gelegt hatte. Sein Herz ſtroͤmte von Entzuͤcken und Dankbarkeit uͤber; aber nur aus beredten Blicken ergoß ſich ſein Gefuͤhl. Sein Mund war in der Menge ſtumm. Ein Himmel von Seligkeit war uͤber ihm ausgeſpannt; und die⸗ 23 ſer Himmel erklang von den ſuͤßen Toͤnen, die Roſaliens bluͤhenden Lippen entſaͤuſelten. Jetzt wurden die Fluͤgelthuͤren aufgeriſſen, und der Graf trat herein, dem heutigen Feſte zu Ehren in reichgeſtickter Uniform, das breite rothe Band uͤber der Weſte, und an der linken Seite den funkelnden Stern. Alles trat ehr⸗ erbietig zur Seite; Roſalie aber erhob ſich, und ging ihrem Vater entgegen, der ſie mit Wohlgefallen zu betrachten ſchien, und da der Diener in dieſem Augenblicke meldete, daß auf⸗ getragen ſey, faßte er ſeine Tochter bey der Hand und fuͤhrte ſie nach dem Speiſeſaal. Die Uebrigen folgten Paar und Paar; nur La Sery ging allein, und wußte es ſo einzurichten, daß er der Koͤnigin des Feſtes gegenuͤber zu ſitzen kam. Die Mahlzeit ging ziemlich ſtill voruͤber. Die Ehrfurcht hielt den Gaͤſten den Mund verſchloſſen, und der Graf, der trotz des haͤus⸗ lichen Feſtes truͤbe geſtimmt war, forderte nicht zum Sprechen auf. Erſt als der Nachtiſch aufgeſetzt und die Diener entfernt waren, knuͤpfte er den Faden ſeiner Fruͤhrede wieder 24 — an. Einige Guterbeſitzer der Nachbarſchaft, die durch den Handel oder die Finanzen zu Reichthuͤmern gelangt waren, und ihre Soͤhne an Toͤchter des alten Adels verheirathet hatten, boten den naͤchſten Stoff zu ungemeſſenen An⸗ griffen auf den Duͤnkel der Einen und die Nichtswuͤrdigkeit der Andern, indem er zugleich die Zeit bejammerte, welche die Vermehrung ſo unſchicklicher Verbindungen ohne Unwillen ſehen koͤnne.„Und was werden Sie ſagen,“ fuhr er fort,„wenn ich Ihnen erzaͤhle, daß vor wenigen Tagen erſt der Chevalier Rivau⸗ eet die Frechheit gehabt hat, durch einen Elen⸗ den, der nicht werth iſt, an meinen Thoren zu betteln, durch den Major Fitz⸗Ormond, um die Hand des Fraͤulein von Nogaret bey mir anzuhalten?“— Der Graf ſah bey dieſen Worten fragend umher, und ſaͤmmtliche Weiber erhoben auf dieſes Zeichen ihre Stimmen im Chor und riefen! Iſt es moͤglich?— Welche Unverſchaͤmt⸗ heit!— der Chevalier von Rivaucet— Fraͤu⸗ lein von Nogaret?— 25 „Wie ich Ihnen ſage,“ fuhr der Graf fort, „das naͤmliche Fraͤulein von Nogaret, das Sie hier ſehen; die Tochter des Grafen von No⸗ garet.— Sie hoͤrt jetzt das erſte Wort von der Sache. Ich wuͤrde geglaubt haben, ſie zu beleidigen, haͤtte ich dieſen erſtaunenswuͤr⸗ digen Antrag auch nur mit einer zheann Mien gegen ſie erwaͤhnt.“ Roſalie ſah auf ihren Teller vor ſih hin mit verlegnem Erroͤthen.„Sie ſehen,“ ſagte der Graf, der es bemerkte, halblaut zu ſei⸗ nem Nachbar, dem Prokurator,„wie ſie bey der bloßen Erwaͤhnung eines ſo unwuͤrdigen Gegenſtandes vor Unwillen ergluͤht!“— „Wie ſollte ſie auch nicht?“ erwiederte der Rechtsgelehrte.„Denn ich wage zu behaupten, daß ein ſolcher Antrag in gewiſſen Verhaͤlt⸗ niſſen einer abſichtlichen Ehrenverletzung gleich zu achten, und von andern ehrenruͤhrigen An⸗ muthungen nur dem Inhalte, nicht der Form nach, verſchieden iſt. Wenn nach der Behaup⸗ tung der gruͤndlichſten Juriſten eine Injurie nicht nur durch beleidigende Thaten, Worte und Geberden zugefuͤgt werden kann, ſondern 26 auch durch Unterlaſſung der gebuͤhrenden Ehr⸗ erbietung begangen wird, ſo iſt in dem gegen⸗ waͤrtigen Falle der Mangel der Ehrfurcht au⸗ genfällig, die Zumuthung aber, einen ſo ho⸗ hen und reinen Adel durch Vermiſchung mit einem ſo viel niedrigern zu beflecken, direkte Ehrenverletzung; nicht geringer, als wenn man Ihro Excellenz zumuthen wollte, in einem Krame feil zu haben, oder ein Handwerk zu treiben, was anerkanntermaaßen mehr derogirt, als eine ſonſt an ſich ſtrafbare Handlung. Iſt es nicht eine bekannte und von den beſten Gewaͤhrsmaͤnnern beſtaͤtigte Sache, daß der vortrefliche neapolitaniſche Adel, wenn es die Noth heiſchte, lieber auf den Straßen raubte — wie dieſes auch vormals der hohe deutſche Adel ohne Verletzung ſeiner Ehre that— als daß er ſeine Toͤchter einem Kaufmanne oder andern reichen Buͤrgerlichen gegeben haͤtte? Und doch gibt es Kaufleute, die— ich weiß freylich nicht, mit welchem Rechte— der Titel von Baronen, ja von Herzoͤgen ſchmuͤckt; aber wenn der Chevalier von Rivaucet auch morgen durch einen koͤniglichen offenen Brief 22 zum Marquis oder Herzog ernannt wuͤrde, ſo waͤre er doch nicht wuͤrdig, die Fingerſpitzen der gnaͤdigen Graͤfin zu beruͤhren, geſchweige denn ihre Hand am Altar zu empfangen.“ Die kecke Wendung, mit welcher der Pro⸗ kurator ſeine Rede beſchloß, fand großen Bey⸗ fall. Der Graf nickte laͤchelnd, und die Frau des Sprechers fuͤhlte in dieſem Augenblicke Kuͤhnheit genug in ſich, Sr. Excellenz zu er⸗ mahnen, die Worte ihres Mannes nicht in den Wind zu ſchlagen, der als ein alter Prak⸗ tikus gar wohl wuͤßte, was Rechtens ſey.— Auch der Kaplan, der bisher um deſto eifriger getrunken hatte, je mehr die Andern von dem Geſpraͤche gefeſſelt waren, nahm jetzt das Wort und ſagte:„So laͤßt ſich alſo auch in dieſen hoͤhern Regionen der verderbliche Geiſt der Reuerung ſpuͤren, der, von dem heilloſen Hoch⸗ muthe der Philoſophen angeregt, die ehrwuͤr⸗ digſten Einrichtungen des Staates und der Kirche zu erſchuͤttern ſich erfrecht! Wo ſollen wir hingerathen, wenn ſich der Frevel ſelbſt an dem Heiligſten vergreift, und die Hoheit der Geburt wie ein verkaͤufliches Gut achtet, auf der doch der Thron ruht? Haͤtte nur der erlauchte Adel viele ſolche ſtandhafte Stuͤtzen, als hier Sr. Excellenz, und der erhabene Prinz, von deſſen hohen Geſinnungen wir dieſen Mor⸗ gen ein ſo lehr⸗ und glorreiches Beyſpiel ver⸗ nommen haben! Aber, ach! wie lange iſt es, daß ein Marquis von Mirepoix die Enkelin—— ℳ Der Kaplan war im Zug; die Enkelin von Samuel Bernard, und mehrere aͤhnliche Bey⸗ ſpiele ſchwebten auf ſeinen beredten Lippen; da bemerkte er zu ſeinem Schrecken, daß ſich die Stirn des Grafen runzelte, und erinnerte ſich zu ſpaͤt, daß der Marquis von Mirepoix zu der nächſten Verwandſchaft ſeines erhabe⸗ nen Goͤnners gehoͤrte. Der Strom ſeiner Rede war ploͤtzlich gehemmt, und ein Glas ſchaͤu⸗ menden Champagners, das er hinabſtuͤrzte, gab ihm keine Wendung ein, um die Unbe⸗ ſonnenheit wieder gut zu machen, mit der er die faule Stelle an dem Stammbaume ſeines hohen Goͤnners beruͤhrt hatte. Das augenblickliche Schweigen der Verle⸗ genheit machte La Sery's Zuſtand noch pein⸗ licher, als er waͤhrend des Geſpraͤchs geweſen 2 war. Er war der Einzige in der Geſellſchaft, der den Chevalier de Rivaucet kannte; und ob er gleich jetzt erfuhr, daß er ſein Neben⸗ buhler war, ſo konnte er ihn darum nicht geringer achten, da er ihn als einen der kenntnißreichſten Offiziere, als eine Zierde des Heers und einen edeln Mann kannte. Jedes harte Wort gegen dieſen Mann ſchnitt tief in ſeine Bruſt, um ſo mehr, da ihm jedes wie ein Todesurtheil ſeiner eignen Liebe klang. Er wagte nicht, die Augen zu Roſalien aufzuhe⸗ ben, und Roſalie hatte, um ihre eigene Ver⸗ legenheit zu verbergen, ein gleichguͤltiges Ge⸗ ſpraͤch mit ihrer Nachbarin angefangen. Un⸗ gluͤcklicher Weiſe warf jetzt der Graf ſeine fin⸗ ſtern Blicke auf den Hauptmann, der die ſei⸗ nigen ſtumm auf den Teller geheftet hatte, und forderte ihn mit den Worten heraus: „Nun, Herr La Sery, Sie ſagen nichts zu dieſem Handel?“— Eine feindliche Kugel, die an ſeiner Seite eingeſchlagen haͤtte, waͤre dem Gepeinigten min⸗ der ſchrecklich geweſen, als die Frage des Gra⸗ fen. Doch nahm er ſich zuſammen, und an 30 ſein eignes Verhaͤltniß denkend, antwortete er: „Einer unſerer Dichter ſagt, die Liebe ſetze bis⸗ weilen den Hirtenſtab dem Zepter gleich.“— Und er meinte mit dieſer ausweichenden Ant⸗ wort zufrieden ſeyn zu duͤrfen, da er beym Aufblicken ein leiſes Laͤcheln auf Roſaliens Lip⸗ pen ſchweben ſah. Aber kaum hatte er den Mund geſchloſſen, als ſich die Braunen des Grafen noch duͤſtrer zuſammenzogen, Blitze aus ſeinen Augen ſchoſſen, und ſeinen Lippen die Worte entfuhren:„Die Liebe! die Liebe! Was fuͤr ein Geſchwaͤtz! Trinken Sie Ihren Wein und ſpuͤlen Ihre Dummheit hinunter.“— Beſtuͤrzt uͤber dieſen unerwarteten Ausfall des Hochmuths, ſah La Sery den Grafen mit großen Augen an, und ſagte, einen ernſten und feſten Blick auf ihn heftend: er hoffe nicht, etwas Beleidigendes geſagt zu haben, noch et⸗ was, das den Nahmen einer Dummheit ver⸗ diene.—„Nichts Beleidigendes?“ fuhr der Graf auf, indem er ſeine Blicke noch zorniger rollte. „Keine Dummheit?— Ihr ſeyd ein Unver⸗ ſchaͤmter— ein Geck— Geht mir aus dem 31 Geſicht, und laßt Euch nicht wieder vor mei⸗ nen Augen ſehn.“ Wie dieſe Worte des von Stolz trunkenen Edelmanns den ungluͤcklichen La Sery trafen, kann nur der ahnen, der auch einmal zugleich um Ehre und Liebe geſpielt und den letzten Wurf verlohren hat. Mit gluͤhendem Geſichte, kaum ſich ſeiner bewußt, und nur durch Ro⸗ ſaliens Gegenwart zuruͤckgehalten, ſprang er von ſeinem Sitze auf, warf den Stuhl hinter ſich um, und ſtuͤrzte zur Thuͤr hinaus. Roſa⸗ lie ſiel ohnmaͤchtig in die Arme ihrer Nachbarin. Das Feſt war jetzt auf die verdruͤßlichſte Weiſe fuͤr Alle geſtoͤrt. Die weiblichen Gaͤſte verſammelten ſich um Roſalien, um ſie auf einen Sopha zu bringen, aufzuſchnuͤren und anzuſtreichen; die Maͤnner umringten den Gra⸗ fen, der, nur mit ſeinem Zorn beſchaͤftigt, dem laͤngſt Entfernten noch einzelne Scheltworte nachwarf. Alle zuͤrnten auf den ungluͤcklichen La Sery. Denn obgleich nur die Wenigſten auf den Zuſammenhang der Reden geachtet hatten, ſo reichte doch ſchon der Zorn ihres vornehmen Goͤnners hin, ſie zu uͤberzeugen, — daß das Unrecht auf der Seite des Verwieſe⸗ nen ſey; und ſie bemuͤheten ſich, ihn zu beru⸗ higen, indem ſie mit auf den ſchalten, den er auf die ungerechteſte Weiſe beleidigt hatte. La Sery irrte nun ſchon laͤngſt fern von dem Schloſſe im Felde umher, ohne zu wiſſen, was er that, oder welchen Entſchluß er faſſen ſollte. Daß er die erlittene Beſchimpfung raͤchen muͤſſe, unterlag keinem Zweifel; und was auch die Liebe immer haͤtte einwenden moͤgen, die Stimme der gekraͤnkten Ehre ſprach zu laut, als daß er auf irgend etwas Anderes haͤtte hoͤren koͤnnen. Aber wie ſollte er den ſtolzen Grafen zu einer Genugthuung zwingen? Wie ſollte er ſein Recht gegen einen Mann geltend machen, der ihn ſo tief unter ſich ſah, und ſo große Vortheile der Geburt und des mili⸗ taͤriſchen Ranges vor ihm voraus hatte?— Sollte er ſeinen Nebenbuhler, den Chevalier, zu Huͤlfe nehmen, indem er ihm die beleidi⸗ genden Aeuſſerungen des Grafen mittheilte?— Er ſtieß dieſen Gedanken als unwuͤrdig zuruͤck. — Sollt' er ihm eine Ausforderung ſenden?— Er wuͤrde ſie nicht annehmen; er wuͤrde ſie 23 vielmehr gegen ihn benutzen, und die Geſetze aufrufen, die, gerade damals gegen den Zwey⸗ kampf geſchaͤrft, den Ausforderer mit unerbitt⸗ licher Haͤrte verfolgten. Indem er ſich mit dieſen Gedanken be⸗ ſchaͤftigte, die ihn immer mehr und mehr ver⸗ wirrten, und den Schmerz der empfangenen Beleidigung immer heißer und gluͤhender mach⸗ ten, hoͤrte er in ſeiner Naͤhe ſprechen, und ſah gleich darauf den Grafen mit einigen ſeiner Gaͤſte aus einem Gehoͤlze hervortreten, das ſich an den aͤuſſerſten Rand des Parks anſchließt. Dieſes Ereigniß ſchien ihm erwuͤnſcht. Ohne Verzug trat er ihm entgegen.„Sie kennen,“ ſagte er,„die Geſetze der Ehre zu gut, Herr Graf, um nicht zu wiſſen, daß ein Offizier eine Behandlung nicht ertragen darf, wie die, die ich vorhin von Ihnen erfahren habe; und ich habe eine zu hohe Meinung von Ihrer Ge⸗ rechtigkeit, um nicht zu erwarten, daß Sie in Gegenwart dieſer Herren erklaͤren, daß ich Ih⸗ nen keine Veranlaſſung zu einer ſolchen Belei⸗ digung gegeben habe, und daß Sie jedes kraͤn⸗ II. 3 4 CE. 3 kende, im Zorn gegen mich geſprochene Wort zuruͤcknehmen und widerrufen.“ Dieſe Worte waren noch nicht ausgeſprochen, als der Graf mit flammendem Antlitz ausrief: „Wie? Ich widerrufen! Ich mir Unrecht geben! Wiſſe, junger Menſch, daß der Graf Nogaret gegen eine espèce, wie Du biſt, nie Unrecht haben kann.“— und zugleich kehrte er dem Hauptmann den Ruͤcken, der wie eingewurzelt ſtand, und anſtatt der erwarteten Genugthuung eine neue Beleidigung erfahren hatte. Seine Hand fuhr nach dem Degen; aber was half es ihm bewaffnet zu ſeyn, da ſein Gegner und die Begleiter deſſelben ohne Waffen waren, und ihm ſchweigend den Ruͤcken kehrten?— La Sery, auf das Tiefſte in ſeiner Ehre gekraͤnkt, kehrte jetzt unverzuͤglich nach Paris zuruͤck, um einigen Freunden dieſen Vorfall mitzutheilen, und mit ihnen daruͤber zu berath⸗ ſchlagen. Ihre Meinung war, daß er mit einem Sekundanten zuruͤckkehren, und durch dieſen vor allen Dingen eine genuͤgende Erklaͤ⸗ rung und Widerruf von dem Grafen fordern muͤſſe. Wenn dieſe verweigert wuͤrde, ſo bliebe 35 nichts Anderes uͤbrig, als ihn zum Zweykampf zu zwingen; was um deſto leichter ſey, da er meiſt alle Morgen, von einem Diener begleitet, ausreite. La Sery muͤſſe es dann ſo einrichten, daß er ihm begegne, und ihm eine Piſtole an⸗ 2 bieten, die er auf keine Weiſe ausſchlagen koͤnnte. Dieſer Rath wurde angenommen. Was man erwartet hatte, geſchah. Weit entfernt von einem Widerrufe, oder einer mildernden Erklaͤrung, ſtieß der Graf neue Beleidigungen aus, indem er verſicherte, ſeine Ehre ſey von La Sery verletzt, und er werde ihn auf die ihm angemeſſene Weiſe zu zuͤchtigen wiſſen. Jetzt blieb nichts uͤbrig, als den Zweykampf mit Gewalt zu erzwingen. La Sery begab ſich, von ſeinem Freunde und einigen Dienern be⸗ gleitet, und mit doppelten Waffen wohl ver⸗ ſehen, auf einen Scheideweg, eine Viertelſtunde von dem Schloſſe entlegen, wo der Graf, wenn er ſpazieren ritt, nothwendig vorbeykommen mußte; aber da dieſen eine zufaͤllige Abhaltung zu Hauſe hielt, harrten ſie den ganzen Morgen umſonſt. Viele Voruͤbergehende hatten indeß die Wartenden geſehen, und da der Vorfall, C 2 auf das Abentheuerlichſte entſtellt, in der gan⸗ zen Gegend bekannt worden war, ſo kam noch denſelben Tag die Nachricht auf das Schloß, daß der Hauptmann, bis an die Zaͤhne bewaff⸗ net, mit einer Schaar gleich geruͤſteter Geſellen alle Wege um das Schloß beſetzt halte, und die furchtbarſten Drohungen gegen den Grafen und ſein Leben ausgeſtoßen habe. Dieſe Nach⸗ richt kam den Wuͤnſchen des erzuͤrnten Grafen vollkommen zu Statten, und am folgenden Morgen erfuhr La Sery, daß er in der Nacht verreiſt, und wahrſcheinlich nach Verſailles ge⸗ fahren ſey. Roſalie hatte ſeit jenem ungluͤcklichen Mit⸗ tagsmahle traurige Tage verlebt. Nachdem ſie aus der Ohnmacht, in der wir ſie verlaſſen haben, und die ihr Vater ſeinen Geſinnungen gemaͤß deutete, zuruͤckgebracht worden war, hoͤrte ſie nichts, als was ihr Herz und ihre Liebe verwundete. Was ſie auch thun mochte, um dem immer wiederkehrenden Geſpraͤche zu entgehen, immer drang es von Neuem heftiger auf ſie ein, und druͤckte ſeine Dornen ihr im⸗ mer tiefer und ſchmerzlicher in die wunde Bruſt, 37 da ſie dem Vater nicht Unrecht geben und den Geliebten nicht in Schutz nehmen durfte. Die Abſicht der Reiſe an den Hof ward ihr ver⸗ ſchwiegen. Aber wie beſtuͤrzt war die Arme, als nach einigen Tagen der ruͤckkehrende Vater ihr triumphirend den Verhaftsbefehl zeigte, den ſeine Verbindungen, und ſeine gehaͤſſigen Er⸗ zaͤhlungen von der feindſeligen Wegelagerung eines jungen, uͤbermuͤthigen Thoren, der nicht einmal ein Edelmann ſey, mit leichter Muͤhe erhalten hatte.„Hier iſt genug,“ ſagte er, indem er das ungluͤcksſchwangere Blatt hoch in die Hoͤhe hielt,„um den Meuchelmoͤrder ſeinen Wahnſinn bereuen zu laſſen!“ Wohl gibt es fuͤr ein kindliches Herz kein peinlicheres Gefuͤhl, als Zeuge der Ungerechtig⸗ keit der Aeltern zu ſeyn. Still und ruhig wird die Demuth eines gutgearteten Kindes das Un⸗ recht ertragen, das ihm ſelbſt widerfaͤhrt; aber wie ſoll es ſich dann beruhigen, wenn das zweyſchneidige Schwert der Ungerechtigkeit zu⸗ gleich gegen das Gewiſſen verehrter Aeltern und gegen das Gluͤck eines Geliebten wuͤthet? Doch dachte Roſalie jetzt an ihre Liebe nicht. 38 Nur die Rettung des ſchuldloſen Mannes, der nichts verbrochen hatte; nur das edle Verlan⸗ gen, eine ungerechte That von dem Haupte ihres Vaters abzuwehren, bewegte ihr Herz. Sie warf ſich ihrem Vater zu Fuͤßen; ſie be⸗ ſchwor ihn mit Thraͤnen, einen Mann nicht zu Grunde zu richten, deſſen erſte Schritte auf ſeiner Laufbahn er beguͤnſtigt, der faſt in ſeinem Hauſe erzogen, und von ihrer Mutter wie ein eigner Sohn geliebt worden ſey; der, was er auch geſagt haben moͤchte, gewiß nicht die Ab⸗ ſicht gehabt haͤtte, einen von ihm ſo hoch ver⸗ ehrten Mann zu beleidigen.„Sollte es denn gar kein Mittel geben,“ ſetzte ſie hinzu,„dieſe ungluͤckliche Sache ohne Gewaltſamkeit zu endi⸗ gen? Sollte La Sery nicht mit der leichteſten Erklaͤrung zufrieden geſtellt werden koͤnnen?“ Der Graf hatte den erſten Theil dieſer Rede nicht ohne Verwunderung, aber doch mit ziemlicher Ruhe angehoͤrt; aber bey den letzten Worten brach ſein Zorn wie die Flamme eines Vulkans aus. Er fragte ſeine Tochter, indem er ſich ihren Armen entriß, ob ſie ſich auch mit ſeinen Feinden verſchworen habe, um ihm 2 Unrecht zu geben? Ob ſie verlange, daß er ſich einem Elenden zu Fuͤßen werfen und demuͤ⸗ thig um ſein Leben bitten, oder ob er ſich ſo weit erniedrigen ſolle, gegen einen Burſchen ohne Geburt den Degen zu ziehen? Nicht Ge⸗ nugthuung verdiene der trotzige Knabe, ſondern Zuͤchtigung, und die ſolle er in den Kerkern von Vincennes finden. Waͤhrend der Graf ſeinem ſtolzen Zorne durch Uebertreibungen Luft machte, ſchuͤttete Roſalie ihr gepreßtes Herz in Thraͤnen aus; aber keine Thraͤnen erweichten ihres Vaters harten Sinn. Sie ſtand ſchweigend auf, kehrte nach ihrem Zimmer zuruͤck, und überließ ſich ohne Ruͤckhalt dem Schmerze einer hofnungs⸗ loſen, gekraͤnkten Liebe. Die ſtille Neigung ihrer gluͤcklichen Kindheit flammte jetzt durch den Gedanken an das unwerſchuldete Ungluͤck des Geliebten zu einer Leidenſchaft auf, die jeden Widerſtand und die engherzigen Anſichten der ſogenannten vernuͤnftigen Leute auf das Tiefſte verachtete. Bald ſtand in ihr feſt, daß, was auch immer geſchehen moͤchte, die Un⸗ gerechtigkeit des Vaters nicht geduldet, daß 3 La Sery gerettet werden muͤſſe. Dieſer ſaß um Mitternacht in ſeinem einſamen Zimmer und haͤrmte ſich. Da pochte etwas an ſeine Thuͤr. Ein kleines Maͤdchen trat herein, und uͤbergab ihm ein Blaͤttchen, auf welchem die Worte ſtan⸗ den:„Fliehen Sie! fliehen Sie augenblicklich! Wenn der naͤchſte Morgen Sie noch in dieſer Gegend findet, ſo iſt es um Ihre Freyheit geſchehen. Fliehen Sie um Ihrer ſelbſt und um derer willen, denen Sie theuer ſind.“ Waͤhrend La Sery las, verſchwand das Maͤdchen; doch konnte er nicht zweifeln, daß dieſe Warnung von Roſalien kam, und daß dieſe zitternden Zeichen von Roſaliens Hand geſchrieben waren. Entzuͤckt druͤckte er ſie an ſeine Lippen, und ein neues Leben ſtroͤmte durch ſeine Adern, da er vernahm, daß die Geliebte des Entehrten noch mit Liebe gedachte. Er weckte ſeinen Begleiter, um ſich mit ihm zu berathſchlagen; und indem ſie die erhaltene Warnung mit der Reiſe des Grafen in Ver⸗ bindung ſetzten, und die Nothwendigkeit, ihr zu folgen, nur zu deutlich erkannten, beſtiegen ſie noch in derſelben Nacht ihre Pferde, und 41 eilten nach Paris, wo ſie uͤber die Lage der Sache Licht zu erhalten hoften. Hier erfuhren ſie nur allzubald, wie thaͤtig der Graf ſeinen Plan verfolgte, ſo daß an einen Schutz gegen die Uebermacht der Willkuͤhr nicht zu denken war, und daß La Sery fuͤr's Erſte nichts An⸗ deres thun koͤnne, als ſich den Augen der Spuͤrhunde zu entziehen, die die unverſoͤhnliche Rachſucht des Grafen gegen ſeine Freyheit auf⸗ geboten hatte. Wir laſſen ihn hier unter dem Schutze bewaͤhrter Freunde, aber den herz⸗ freſſenden Qualen gekraͤnkter Ehre und den Schmerzen einer hofnungsloſen Liebe Preis ge⸗ geben, um auf das Schloß von Nogaret und in Roſaliens Naͤhe zuruͤckzukehren. Hier erwarteten zwey Menſchen den An⸗ bruch des Tages mit ſehr ungleichen Empfin⸗ dungen. Der Graf, um ſeinem Zorne Genuͤge zu thun, und einem von ihm ſchwer beleidigten Manne die Freyheit— ſein einziges und letztes Gut— zu entreißen; Roſalie, um von der Flucht des naͤmlichen Mannes zu hoͤren. Sie vernahm, wie ihr Vater ſeine Befehle ertheilte; ſie ſah mit klopfendem Herzen die Beauftragten 42 uͤber die Zugbruͤcke gehen. Aengſtlich harrte ſie hinter dem Fenſter. Nach kurzer Friſt kamen jene Diener der Ungerechtigkeit zuruͤck, und das laute Schelten des Grafen verkuͤndigte das Mis⸗ lingen ſeines Planes. Roſaliens Herz bebte vor Freude und Angſt. Und als ſie am Mittag dem duͤſtern, ſchweigenden Vater gegenuͤber ſaß, wagte ſie nicht, die ſchuͤchternen Blicke zu ihm aufzuheben, und ihre Bruſt zitterte unaufhoͤrlich bey dem Bewußtſeyn einer Schuld, uͤber die ſie doch in ihrem Innerſten jubelte. Der Graf ahnete nichts. Indem er aber dem Verſchwun⸗ denen nachſpuͤren ließ, wurde ihm hinterbracht, daß La Sery um Mitternacht eine Botſchaft durch ein Maͤdchen erhalten habe, das im Schloſſe aus⸗ und einzugehen pflege, und ſich kurz darauf entfernt habe. Jetzt erkannte der Graf, daß er einen Verraͤther in ſeiner Naͤhe habe, und indem er die Spur verfolgte, ent⸗ deckte er die Theilnahme ſeiner Tochter. Es iſt nicht noͤthig den Zorn zu ſchildern, der ihn bey dieſer Entdeckung ergriff. Roſalie wußte noch nichts; aber als ihr Vater in ihr Zimmer trat, verkuͤndigten ſeine flammenden 43 Augen und die zitternden Lippen das, was geſchehen war. Sie erblaßte; aber waͤhrend ihr Vater nach dem Anfange der Rede ſuchte, und dem Zuͤrnenden die Worte flohen, fand ſie Zeit, ſich zu ſammeln; und als er ſie fragte, was ſie veranlaſſe, mit ſeinen Feinden gemein⸗ ſame Sache gegen ihn zu machen? antwortete ſie mit ruhiger Faſſung: Nicht gegen ihn habe ſie gehandelt, ſondern fuͤr ihn, um, ſo viel in ihren Kraͤften ſtaͤnde, ein Unrecht abzuwehren, das er ſich in Kurzem ſelbſt vorwerfen wuͤrde. „Ich habe,“ ſetzte ſie hinzu,„bey dieſer Hand⸗ lung, die ich nicht ableugnen will, mit der groͤßten Sicherheit auf Ihre Verzeihung gerech⸗ net; und wie auch Ihr Gefuͤhl in dieſem Au⸗ genblicke ſeyn mag, ſo muͤßte ich meinen edeln BVater nicht kennen, wenn ich nicht uͤberzeugt waͤre, daß, haͤtt' ich anders gehandelt, er mich einſt ſelbſt deshalb tadeln wuͤrde.“— Roſalie ſprach dieſe Worte mit Beſcheidenheit, ja, mit Demuth aus; aber ſie ſtand aufrecht vor ihrem Vater, in dem Bewußtſeyn ihres Rechtes, und ihre Blicke ruhten mit freyer Heiterkeit auf ſeinem duͤſtern Angeſichte. Ihre holde Anmuth ruͤhrte ihn nicht. So hatte ja auch bisweilen ihre Muter vor ihm geſtanden, beſcheiden, hold⸗ ſelig und ſanft, und doch hatte er ſie mit un⸗ gerechtem Zorne niedergedonnert, und mit dem harten Stolze, der Unrecht nur in andern fin⸗ det, nie in ſich erkennt, ſchonungslos das zarte Gewebe ihres ſchoͤnen und edeln Lebens zerſtoͤrt. So warf der Graf auch jetzt der Tochter gegen⸗ uͤber Flammen des Zornes aus, und ſchwor, nicht zu raſten, bis er ihre frevelhafte Abſicht zerſtoͤrt, den verſteckten Meuchelmoͤrder in ſei⸗ nem Schlupfwinkel aufgeſpuͤrt und den Haͤnden der Gerechtigkeit uͤberliefert habe. Seiner Toch⸗ ter aber gebot er, bis auf Weiteres, in ihrem Zimmer zu bleiben. Auch vom Kloſter ſprach er, und von Verbannung und Gefangenſchaft, und was ihm ſonſt noch ſein ungeſtuͤmer Zorn eingeben mochte. Als Roſalie ſich wieder allein ſah, ſank ſie, im Innerſten erſchuͤttert, blaß und zitternd, an dem Sopha nieder, und Stroͤme von Thraͤnen ergoſſen ſich uͤber ihre Wangen. Sie haͤtte wohl jetzt ſelbſt nicht ſagen koͤnnen, wem dieſe Thraͤnen galten; ob mehr ihrem Vater und ſeiner Ungerechtigkeit, oder dem verfolgten Ge⸗ liebten, oder ihren eignen vernichteten Hof⸗ nungen. Sie wußte nur allzu gut, daß ihr Vater nichts unterlaſſen wuͤrde, um ſeinen Schwur zur Erfuͤllung zu bringen; und wenn ihm dieſes gelingen, wenn La Sery der Frey⸗ heit beraubt werden ſollte, ſo hatte auch das Kloſter nichts Schreckliches fuͤr ſie. Aber alle Moͤglichkeiten des Ungluͤcks bis zu dieſem letzten traurigen Hafen hin lagen vor ihr wie ein ſtůr⸗ mendes Meer, und indem ſie in den ſchwarzen, kochenden Abgrund hinabſah, ſchienen immer neue Scenen des Schreckens und quaͤlende Ge⸗ ſtalten der Furcht aus ſeinen Wirbeln aufzu⸗ ſteigen. La Sery's bleiche Geſtalt war unter alle gemiſcht; muͤhſam kaͤmpfte er gegen die Wellen; er ſchien die Arme nach ihr auszu⸗ ſtrecken, und da ſie umſonſt ſich quaͤlte, ihn zu erreichen, ſah ſie ihn erblaßt und jeder Kraft beraubt, untergehn. Verweile, rief ſie aus, in das Bild ihrer Phantaſie verſunken, ver⸗ weile, Geliebter! ich folge dir nach. Ich kann nicht leben ohne dich; aber mit dir ſchreckt mich der Tod nicht!— Waäͤhrend nun der Graf ſeine Abſicht mit allen Mitteln, die ihm zu Gebote ſtanden, ver⸗ folgte, begleitete Roſalie den Geliebten mit den Gedanken ihrer Liebe. Ihre Verweiſung von dem Angeſichte ihres Vaters dauerte noch fort; aber ſie unterließ keinen Tag, im Geiſte jeden Ort zu beſuchen, der von ihrer Liebe ſprach, und vor Allem die verſchwiegenen Schatten, wo ſie an dem gluͤcklichſten und ungluͤcklichſten Tage ihres Lebens den heiligen Bund der Liebe geſchloſſen hatte. Und wenn ſie dann bey die⸗ ſen Wanderungen in ihrem Herzen den Schwur wiederholt hatte, ſich durch keine Gewalt von ihrer erſten Liebe ſcheiden zu laſſen, fuͤhlte ſie ſich ſtaͤrker, die Leiden zu ertragen, die ihr das Schickſal und der Wille ihres ſtrengen Ba⸗ ters moͤchte beſchieden haben. So waren einige Tage vergangen, als die Nachricht eintraf, daß La Sery entdeckt und ergriffen ſey. Die Nachricht war falſch; aber der Triumph des Grafen war nicht geringer, als ob er an der Spitze eines Heeres die Feinde ſeines Koͤnigs beſiegt haͤtte. Roſalie wurde zu ihm berufen. Er kuͤndigte ihr an, daß ſie jetzt 47 ihrer Gefangenſchaft entlaſſen ſey, da er nach La Sery's Verhaftung nichts mehr von ihren Naͤnken zu fuͤrchten habe, und befahl ihr zu⸗ gleich, ſich bereit zu halten, den Marquis de la Chetardie, den er ihr zum Gemahl beſtimmt habe, bey ſich zu empfangen.„Die Sache,“ ſetzte er hinzu,„iſt unter uns ſo gut als abge⸗ ſchloſſen; nur Deine Einwilligung fehlt, und daß Du dieſe nicht verweigeen wirſt, darf ich mit deſto groͤßerer Zuverſicht erwarten, da Du ein großes Unrecht gut zu machen haſt. Der Herr Marquis iſt nicht mehr in der Bluͤthe ſeiner Jahre— es iſt wahr— aber dieſe Ver⸗ bindung iſt in jeder andern Ruͤckſicht ſo glaͤn⸗ zend und vortheilhaft, daß es Unſinn waͤre, ſich nur einen Augenblick zu bedenken.“ Roſalie war von dieſem doppelten Schlage wie vernichtet. Ihre Fuͤße zitterten unter ihr; ihre Sinne verwirrten ſich; und ohne zu wiſſen, was ſie that, ſank ſie zu den Fuͤßen ihres Va⸗ ters nieder. Er trat zuruͤck; ſie fiel auf ihre Haͤnde, und die blonden Locken ergoſſen ſich aufgeloͤßt um Stirn und Wangen bis zur Erde herab.—„Wozu dieſe Scenen?“ rief ihr Vater. d. „Dieſes Schloß iſt keine Buͤhne; und wenn das Fraͤulein von Nogaret eine Romanheldin ſeyn will, ſo kann ihre Geſchichte ſtatt mit der Ver⸗ maͤhlung, in einem Kloſter aͤusgehn.“— Dann rief er den Kammerfrauen, um ſeine Tochter nach ihrem Zimmer zuruͤckzufuͤhren. Ein Uebel, dem man Widerſtand thun kann, verliehrt den groͤßten Theil ſeines Schreckens, ſobald der Entſchluß zum Widerſtande gefaßt iſt. Roſalie ſchwankte keinen Augenblick. Nichts in der Welt ſollte ſie bewegen, eine ſo ver⸗ haßte Verbindung einzugehn, und ſie war ſich ihrer kindlichen Geſinnungen zu gut bewußt, um in dieſem Widerſtande eine Empoͤrung gegen das vaͤterliche Anſehn zu finden. Dieſe Sache ſtoͤrte ihre Ruhe nicht. Aber La Sery's Schick⸗ ſal ſetzte ſie in Verzweiflung. Die Falſchheit der Nachricht wurde ihr nicht bekannt. Und ſchon befand ſich der Geliebte wieder in ihrer Naͤhe, als ſie ihn noch hinter unzugaͤnglichen Mauern ſuchte, und unausfuͤhrbare Plane fuͤr ſeine Rettung entwarf. Wir haben oben gehoͤrt, daß ſich La Stry auf den Rath und mit Huͤlfe ſeiner Freunde 49 verborgen hielt. Da aber ſein Verfolger un⸗ ermuͤdlich war, und kein Geld ſchonte, um die Aufmerkſamkeit der Laurer zu ſchaͤrfen, ſo ſah er ſich mehr als Einmal genoͤthigt, ſei⸗ nen Aufenthalt zu veraͤndern, ohne ſich doch je einer vollkommnen Sicherheit erfreuen zu koͤn⸗ nen. Ein muthiges Herz ſtählt ſich leicht gegen drohende Gefahr; aber ein unbeſtimmtes, un⸗ gewiſſes, langumherziehendes Uebel reibt auch den entſchloſſenſten Muth auf. La Sery, zu⸗ gleich von den Wunden gekraͤnkter Ehre und einer hofnungsloſen Liebe gequaͤlt, fand ſeine Lage nach wenigen Tagen eben ſo troſtlos als unwuͤrdig; und da er alle ſeine Verhaͤltniſſe zerſtoͤrt ſah, faßte er den raſchen Entſchluß, ſein Vaterland zu verlaſſen, und jenſeits des Meeres, wo er ſeine Laufbahn angefangen hatte, ein neues Gluͤck oder fruͤhzeitigen Tod zu ſuchen. Aber eh' er von der Heimath ſchied, wollte er noch Einmal die Geliebte ſehn. Er wollte, wenn er auch daruͤber zu Grunde ge⸗ hen ſollte, ſein Leben noch mit einem hellen Augenblicke von Seligkeit ſchmuͤcken, eh' er in da3 troſtloſe Dunkel einer freudenleeren Zu⸗ . D 50 — kunft eintrat; und gern Freyheit und Leben auf das Spiel ſetzen, um nur Roſalien noch Einmal zu ſagen, wie ſehr er ſie liebe, und noch Einmal von ihren Lippen den Schwur der Treue zu hoͤren. Mit dieſem Vorſatze verließ er in veraͤnderter Kleidung Paris, und indem er die Nacht hindurch ritt, langte er nach Ta⸗ ges Anbruch in der Naͤhe des Schloſſes an. Gluͤck und Liebe beguͤnſtigten ihn. Waͤhrend im Schloſſe die Ankunft des Marquis erwar⸗ tet wurde, die Diener gegen einander liefen, der Graf ſich mit dem Prokurator uͤber die Ehepakten beſprach, und Mamſell La Fitte den Putz der jungen Graͤfin zuſammenordnete, irrte dieſe ſelbſt in den Gebuͤſchen des Parks um⸗ her, und weilte an der Stelle, wo noch Spu⸗ ren ihres Nahmenzugs von La Sery's Hand im Sande uͤbrig waren. Da rauſchte etwas in den Buͤſchen, und er lag zu ihren Fuͤßen, und zwey liebende Herzen ergoſſen ſich egen ein⸗ ander in ſchmerzlicher Freude. waren gezaͤhlt. Wenn ſie ihn jetz Umſchlungenen, aus ihren Armen lie die naͤchſte Stunde ſchon eine Kluft ewiger 2 — 51 Trennung zwiſchen ihnen auf, aus der neue Verfolgungen, wie Fuaͤlende Geſpenſter, em⸗ porſtiegen. Die Naͤhe der Gefahr entflammte ihren Muth.„Wenn mich,“ ſagte ſie,„mein Vater von ſeinem Herzen ſoͤßt, um mich ei⸗ nem verhaßten Manne zu uͤberantworten, oder in den Kerker eines Kloſters einzuſperren, warum ſoll ich zaudern, dem Rufe der Liebe zu folgen, die— ich weiß es gewiß— durch den Segen meiner verewigten Mutter gehei⸗ ligt iſt? Die Ungerechtigkeit meines Vaters, und ein Zorn, der kein Maaß haͤlt, vertreibt Dich aus der Heimath. Soll die Tochter die⸗ ſes Unrecht nicht gut machen? Wohlan denn — ſie theilt Deine Verbannung; und was Dir auch das Schickſal auferlegen mag, ich will es mit Dir ertragen.“ Mit dieſen Worten ſiel ſie von Neuem in die Arme des Entzuͤckten. Der Bund der Liebe wurde auf das Feyerlichſte beſchworen, und der Plan zur Flucht fuͤr den Abend entworfen. Mit wie ganz andern Gefuͤhlen kehrte jetzt Ro⸗ ſalie zu ihrem Zimmer zuruͤck! Sie hatte es troſtlos verlaſſen; jetzt fuͤrchtete ſie nichts mehr. D 2 52 War doch der Geliebte frey! war er doch ihr nah! waren doch feind Arme u Hter Ntitun ura 2 8 der öbnen G Gräfin zuſammmendgeleg hatte, und ihre Ruͤckkehr mit Ungeduld erwartete, war nicht wenig verwundert, ihre Stimmung ſo veraͤndert zu ſehn. Statt, wie vorher, jede Er⸗ innerung an die Beſtimmung dieſes Tages mit Abſcheu von ſich zu ſtoßen, ließ ſie ſich mit ſo vieler Bereitwilligkeit ſchmuͤcken, als ob ſie den Beyfall des erwarteten Bewerbers wunſchte. Sie fuͤgte ſogar ſelbſt noch dieſen und jenen Schmuck zu ihrem Putze hinzu, und konnte gar nicht muͤde werden, den reichen Schatz von Juwelen durchzumuſtern, den ſie dem Ver⸗ mächtniſſe ihrer Mutter und der Freygebigkeit ihres Vaters dankte. So kam die Zeit herbey, wo die Ankunft des Marquis erwartet wurde. Schon lange ſtand der Graf am Fenſter und ſah nach der Landſtraße aus, und ein Diener nach dem andern kehrte von dem Belvedere des Daches zuruͤck, ohne etwas von einem Wa⸗ gen entdeckt zu haben. Ein halbes Dutzend 53 — hungriger Gaͤſte ging einſylbig neben einander hin, und bewunderte und verwünſchte die Saum⸗ ſeligkeit des zogernden Braͤtuigams. Alles war verſtimmt; der Graf riß immer unmuthiger an dem rothen Bande, und Roſalie verbarg mit Muͤhe ihre unruhige Hofnung. Endlich erſchien ein Diener auf einem ſchwerfaͤligen Roſſe, und brachte die Nachricht, der eilende Poſtillion, von der Ungeduſd des Herrn Mar⸗ quis geſpornt, habe beym Herabfahren von ei⸗ ner Hoͤhe einige Stunden vom Schloſſe den Wagen umgeworfen„ und obgleich kein andres Ungluͤck geſchehen, ſo ſey doch der Herr Mar⸗ quis ſo heftig an den podagraiſchen Fuß ge⸗ ſtoßen worden, daß ihm die Schmerzen nicht ſogleich erlaubten, ſeine Reiſe fortzuſetzen. Die Anweſenden beklagten dieſes Mißgeſchick mit anſtaͤndiger Theilnahme, waͤhrend ſie ſich im Stillen mit dem Troſte erfreuten, daß nun doch der Mahlzeit nichts weiter im Wege ſtehe. Aber kaum hatte man ſich geſetzt, als der Graf anzuſpannen befahl, weil er ſich ſelbſt von dem Beſinden des Herrn Marquis unter⸗ richten und ihm ſeine Theilnahme bezeigen wollte. Auüch hatte er kaum einige Biſſen ge⸗ geſſen, als er ſich, von Ungedulde getrieben, in den Wagen warf, und dem Kaplan ihn zu be⸗ gleiten befaht, der noch beym Scheiden einen Blick der Sehnſucht auf die reichbeſetzte Tafel und die danßfenden, ſir ih Keraßtenes Schiſe ſeln warf. Von Roſalien wurde dieſes Ereigniß mit Recht als eine gluͤckliche Vorbedeutung ange⸗ ſehn. Eine peinliche Scene wurde ihr dadurch erſpart, und die Abweſenheit ihres Vaters, der vor Anbruch der Nacht nicht zuruͤckkehren konnte, erleichterte ihre Flucht. Da ſich alſo die Sonne dem Untetgange naͤherte, die Gaͤſte ſich zer⸗ ſtreut, oder am Spieltiſche Platz genommen hatten, ſchob Roſalie ihren Schmuck und was ſie an Baarſchaft beſaß in die Taſche, und eilte mit klopfendem Herzen, in ihren Mantel gehuͤllt, dem Platze zu, wo La Sery ihrer mit dem Wagen harrte. Er hob die Bebende ſchweigend hinein; ſie uͤberließ ihm ihre zittern⸗ den Haͤnde, und der Wagen dir auf der Land⸗ ſiraße der naͤchſten Graͤnze zut 119 55 Die Fluͤchtigen hatten etwa eine Stunde Wegs zuruͤckgelegt, ohne mehr als einzelne Worte und Seufzer gewechſelt zu haben, als in der Dunkelheit der ſternleeren Nacht ein ent⸗ gegenkommender Wagen mit dem ihrigen zu⸗ ſammenſtieß. Die Poſtillione geriethen in Wort⸗ wechſel; von Worten kam es zu Drohungen, und bald vernahm Roſalie durch das Geſchrey der Zankenden hindurch ihres Vaters donnernde Stimme. Sie erblaßte und ſank bewußtlos zu⸗ ruͤck. Unterdeſſen verließen die Diener des Gra⸗ fen ihre Sitze, um ihrem Kutſcher Huͤlfe zu leiſten, welcher La Sery's Poſtillion unterlag. Da ſprang La Sery heraus, riß die Kaͤmpfen⸗ den von einander, warf den Einen der Diener in den Graben, den Andern zu Boden, und drohte, Jeden, der ihn aufhalten wuͤrde, mit dem Degen niederzuſtoßen. Wir wiſſen nicht, ob der Graf La Sery'’s Stimme erkannte; aber er wuͤrde ſich ihm widerſetzt und den De⸗ gen gegen ihn gezogen haben, wenn nicht der Kaplan ſeine Knie umklammert, und ihn ſo lange zuruͤckgehalten haͤtte, bis La Sery wieder 56 in ſeinen Wagen zuruͤckgekehrt und mit ver⸗ doppelter Eile davon gejagt war.„* Roſalie lag noch ohne Veußtcyn auf 8 Knien mit verhuͤlltem Angeſicht, und als ſie in das Leben zuruͤckkehrte, uͤberließ ſie ſich ei⸗ nem graͤnzenloſen Schmerze. Jetzt erſt trat das Bild der Verbannung vor. ihre Seele. Sie hatte die Stimme ihres zuͤrnenden Vaters ge⸗ hoͤrt, und nie ſollte ſie nun wieder Worte des Verſoͤhnten und Liebenden hoͤren. Sie vergaß ſein Unrecht, und dachte nur an das ihrige, und wenn La Sery ſie bey ihrer Liebe beſchwor, ihren Schmerz zu maͤßigen, war es ihr oft, als ob ſie ſeine Schwuͤre nicht hoͤren duͤrfte. So verſtrich die Nacht. Als aber der Morgen hell und klar am Himmel heraufſtieg, und der Wagen uͤber die Rheinbruͤcke rollte, und das ſchoͤne Land von Frankreich nun hinter ihnen lag, da warf ſie ſich mit einem Strome von Thraͤnen in die Arme des Geliebten, raffte die geſunkenen Kraͤfte zuſammen, und ſagte:„Jetzt biſt Du mir Vater und Vaterland, Freund und Gemahl. Alle Hofnung meines Lebens iſt an Dich geknuͤpft; aber wenn Du nur niemals 57 — die Schreckniſſe der Nacht vergißt, die jetzt hin⸗ ter uns liegen, in denen nur die Liebe mein fliehendes Leben zuruͤckhielt, ſo wird mich dieſer dreiſte Schritt nie gereuen— Und nachdem ſie ſo geſprochen, und La Sery aus der Fuͤlle eines gluͤhenden Herzens die Schwuͤre der zaͤrt⸗ lichſten und treuſten Liebe ausgeſprochen hatte, da trocknete ſie ihre Thraͤnen und ſagte, nach der Heimath gewendet:„Nun lebe denn ewig wohl, theures, geliebtes Vaterland! Eine neue Heimath hat mich aufgenommen, und bietet, was du nicht konnteſt, der rechtſchaffenſten Liebe eine ſichre Freyſtatt an. Und nun werfe ich die Laſt meines Schmerzes von mir, O, moͤchte doch auch mein Vater ſeines Zornes Herr werden, und in den Tugenden ſeines Sohnes reichen Erſatz fuͤr die verlohrne und verſtoßne Tochter finden!“— n ds ,9 „Erſt jetzt uͤberließen ſich die Fliehenden dem frohen Gefuͤhle der Rettung, und ſetzten, nach⸗ dem in dem erſten deutſchen Orte die Kirche den Segen uͤber ihren Bund geſprochen hatte, ihre Reiſe langſamer fort. Den Vorſatz, uͤber das Meer zu fliehen, hatte La Sery von dem 58 Augenblicke an aufgegeben, wo ſich Roſalie zu ſeiner Begleiterin erboten hatte. Ihre Wahl hatte zwiſchen Deutſchland und Belgien ge⸗ ſchwankt; aber das anmuthige Land zwiſchen dem Main und der Donau hielt ſie feſt. Auch die deutſche Sitte, das ſtille und ſichre Leben, die Arbeitſamkeit des rechtſchaffenen und nuͤch⸗ ternen Volkes zog ſie an. Warum weiter ſu⸗ chen, ſagte La Sery, was hier oder nirgends iſt?— Ein maͤßiger Landſitz in einer lachenden und fruchtbaren Gegend bot ſich ihnen zum Kauf an; und da das Gut von ſeinem bishe⸗ rigen Eigenthuͤmer vernachlaͤſſigt worden war, ſo wurde der Kauf unter den vortheilhafteſten Bedingungen abgeſchloſſen. La Sery war der Landwirthſchaft nicht unkundig, und da er ſich jeder Sache mit Eifer annahm, die Weiſe des Landes in Kurzem faßte, und ſie durch eigene Einſicht verbeſſerte, ſo hatte er bald die Freude, ſein Gut in allen Theilen gedeihen, und ſeine Anſtrengungen durch reichen Gewinn belohnt zu ſehen. s 1 Ein Bund, den die Liebe geknuͤpft hat, wird durch die Einſamkeit und in einem frem⸗ 59 den Lande unaufloͤslich feſt gezogen. Kein Paar konnte in Sinn und Wilten einiger ſeyn, als Roſalie und La Sery waren, und ſie waͤren ohne alle Ausnahme gluͤcklich geweſen, haͤtte Roſalie ihren Vater vergeſſen, oder ihr Herz von jedem Vorwurfe befreyen koͤnnen. Sobald ſie ſich in Sicherheit wußte, hatte ſie an den Gra⸗ fen geſchrieben, die Urſache ihter Flucht erzaͤhlt, und ihn um Vergebung ihres raſchen Schrittes angefleht. Dieſer Brief wurde keiner Antwort gewuͤrdigt. Ein zweyter, ein dritter hatte das naͤmliche Schickſal. Als ſie endlich zum vierten Male, noch flehender, als vorher, und noch demuͤthiger geſchrieben hatte— es war vor ihrer erſten Niederkunft— kam eine Antwort, aber nicht von des Vaters Hand, ſondern von ſeinem Geſchaͤftstraͤger. Jede Wiederholung der Bitte wurde zuruͤckgewieſen. Nicht einmal oͤfnen wuͤrde der Herr Graf den Brief ſeiner Tochter, wenn ſie ſich wiederum erkuͤhnen wuͤrde, ſeinen untilgbaren und gerechten Zorn durch ihre Handſchrift von Neuem zu reizen. Mit tiefer Trauer trug die Gute den gro⸗ ßen Schmerz. Gern haͤtte ſie ihn vor dem 69 geliebten Manne verſchleyert; aber welches Ge⸗ fuͤhl haͤtte ihr Herz bewegen koͤnnen, das er nicht in ſeiner eignen Bruſt geahnet und mit⸗ gefuͤhlt haͤtte? Konnt' er auch die Dornen nicht aus ihrem Buſen ziehn, ſo konnte doch ſeine zaͤrtliche Sorge ihre Widerhaken abſtumpfen, und lindernden Balſam auf ihre gluͤhenden Wunden traͤufeln. Wie haͤtte ſie es bereuen koͤnnen, dieſem Manne gefolgt zu ſeyn? oder wie mochte ſie ſich es vorwerfen, das unge⸗ rechte Schickſal eines ſolchen Mannes— ihre Thalnahue zu erleichtern? 1 * ** Eine Reihe von Jahren war jetzt vergan⸗ gen; Soͤhne und Toͤchter, ihren Aeltern an An⸗ muth gleich, bluͤhten neben ihnen auf, und die gemeinſame Erziehung dieſer theuern Pfaͤnder gab ihrem Leben einen noch hoͤhern Reiz. Vom Gluͤcke beguͤnſtigt, ſahen ſie ihren Wohlſtand von Jahr zu Jahr wachſen; ihre Beſitzungen vermehrten ſich, und das kleine Gut, ihre erſte Freyſtatt, wurde mit einem weit anſehnlichern vertauſcht, deſſen Umgebungen dem erſten nicht nachſtanden. Während ſie ſich hier eines un⸗ 61 geſtoͤrten Friedens erfreuten, begann jenſeits des Rheins die neue Schoͤpfung, die ſich aus einem Chaos der Verwuͤſtung entwickeln ſollte. Die Grundfeſten eines Gebaͤudes, welches drey⸗ zehn Jahrhunderte aufgefuͤhrt hatten, wurden zerſtoͤrt, und ſeine Truͤmmern zermalmten Alles um ſich her, was bisher fuͤr groß und wuͤrdig gegolten hatte; die Saͤulen des Thrones erbeb⸗ ten; die Uebermacht der Vorrechte ſchwand der Gewalt, und die Hoͤhen, auf denen bisher Geburt und Rang gethront hatten, wurden der Ebene gleich. Ein Theil des Adels, um der Vermiſchung mit dem Volke zu entgehn, verlaͤßt den heimiſchen Boden, und entzuͤndet, von Rachſucht durchgluͤht, bey den Fremden einen zerſtoͤrenden Krieg gegen das eigene Va⸗ terland. Aber in dem Innern des empoͤrten Landes entzuͤndet die Naͤhe der Gefahr gluͤ⸗ henden Zorn; zahlloſe Heere werfen ſich den Feinden der neuen Schoͤpfung entgegen, und, nach manchem Auf⸗ und Abſteigen der Wellen des Krieges, zwingen die ſiegreichen Fortſchritte der Republik die ungluͤcklichen Fluͤchtlinge, ihre unſichern Freyſtaͤtten an dem Rhein und der — 62 Moſel zu verlaſſen, und in dem Innern von Deu faſand Zuflucht zu ſuchen.⸗ Bis jetzt war an den Ufern des Mains das Rollen des Ungewitters nur von Fern ver⸗ nommen worden; aber auch dieſes war hinrei⸗ chend, Roſaliens Herz mit quaͤlender Unruhe zu erfuͤllen. Wenn ſie ſich ſchon Gluͤck wuͤn⸗ ſchen durfte, den Stuͤrmen entgangen zu ſeyn, die ihr Vaterland verheerten, ſo konnte ſie doch nicht ohne Schmerz an die Schreckniſſe denken, die wie ein furchtbares Ungewitter uͤber der geliebten Heimath hingen und ihren Bo⸗ den erſchuͤtterten, nicht an das unbekannte Schickſal ihrer Freunde, und an die beyſpiel⸗ loſen Greuel, die den franzoͤſiſchen Nahmen be⸗ fleckten. La Sery— den wir noch immer mit dieſem uns einmal bekannten Nahmen nennen, ob er jetzt gleich den Nahmen ſeines Gutes an⸗ genommen hatte— theilte ſeiner Gattin nicht alles mit, was er erfuhr; aber auch das Kleinſte, was zu ihren Ohren kam, fuͤhrte dem alten Schmerze um den erzuͤrnten, jetzt vielleicht un⸗ gluͤcklichen und verarmten Vater neue Nah⸗ rung zu. 9136 63 Um die Zeit, wo nach dem Siege bey Fleuruͤs der Strom der rebublikaniſchen Heere ſich unaufhaltſam uͤber die Niederlande und die weſtlichen Provinzen von Deutſchland ergoß, war La Sery in die Stadt geritten, um Neues zu hoͤren, waͤhrend Roſalie mit Sophien, ihrer alteſten Tochter, dem Ebenbilde der Mutter, einen Nachbar beſuchte, mit deſſen einzigen Sohn und Erben Sophie verſprochen war. Kla⸗ riſſe, die zweyte Tochter, war mit ihren juͤn⸗ gern Geſchwiſtern, Roſalinde und Moritz, zu Hauſe geblieben, und flocht mit ihrer Huͤlfe im Garten einen Kranz von Herbſtblumen, wo⸗ mit ſie Sophien bey ihrer Zuruͤckkunft ſchmuͤk⸗ ken wollten. Zu dieſer froͤhlichen Arbeit ſang ſie ein franzoͤſiſches Lied, das ſie von ihrer Mutter gelernt hatte, und in welchem eine Hirtin das Gluͤck ihres beſchraͤnkten, harmloſen Lebens preißt. Waͤhrend ſie dieſe Zeilen zum zweyten oder dritten Male wiederholte, oͤfnete ſich die Gartenthuͤr, und ein hagerer Mann trat herein, in einen grauen unſcheinbaren Ueberrock gehuͤllt, auf einen Kruͤckenſtock ge⸗ ſtuͤzt, mit dem er den Weg vor ſich her er⸗ forſchte, wie Einer, der nur wenig und dun⸗ kel ſieht.„Iſt es erlaubt?“ ſagte er, indem er hereintrat; und in dieſem Augenblicke ſprang Klariſſe auf, ſchuͤttelte die Blumen aus dem Schooße, und lief dem Greiſe entgegen, um ihn zu fragen, was zu ſeinen Dienſten ſey.— „Mich duͤnkte,“ ſagte der Fremde in fran⸗ zoͤſiſcher Sprache,„ich hoͤrte hier Jemanden franzoͤſiſch ſingen, und da ich mich mit meinem Fuhrmanne nicht verſtaͤndigen kann, ſo bin ich abgeſtiegen, um mir hier einen Dolmetſcher zu ſuchen. Wollen Sie mir wohl, wenn Sie die Saͤngerin ſind, wie ich vermuthe, dieſen Dienſt erzeigen?“—„Mit vielem Vergnuͤgen,“ ant⸗ wortete Klariſſe,„aber ich hoffe, daß Sie die Guͤte haben, naͤher zu treten und hier ein we⸗ nig auszuruhn.“—„Sind Sie allein hier, mein artiges Kind?“ erwiederte der Fremde, indem er naͤher trat.—„Meine Eltern ſind gerade nicht zu Hauſe,“ verſetzte Klariſſe;„aber ſie werden ganz in Kurzem zuruͤckkommen, und ſie wuͤrden mir es nicht vergeben, wenn ich ei⸗ nen Landsmann— denn das ſind Sie doch ge⸗ wiß— nicht zu uns eingeladen haͤtte. Bey dieſen Worten faßte Klariſſe den Fremden bey der Hand, geleitete ihn zu ei⸗ nem Sitze unter der Laube, und kehrte dann nach der Gartenthuͤr zuruͤck, um den Fuhr⸗ mann herbeyzuwinken, der in einer kleinen Entfernung auf der Landſtraße wartete. Bey dem aber hielt ſchon La Sery. Das duͤrftige Fuhrwerk, ein niedriger Karren, mit einer hoͤl⸗ zernen Bank, uͤber die ein Stuͤck Linnen auf Reifen gezogen war, ein Koffer von geringem Umfange und ein abgetragenes Felleiſen dar⸗ auf, hatte ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezo⸗ gen, und er hoͤrte von dem Fuhrmanne, daß dieſes die Equipage eines alten Emigranten ſey, der ſo eben in dem Garten eingeſprochen, und mit dem er ſich nicht verſtaͤndigen koͤnnte. Es war dieſes der erſte Ausgewanderte, der in jene Gegend kam, und der Anblick dieſer aͤrmlichen Umgebung— vielleicht die letzte Ha⸗ be eines vordem reichen und vornehmen Man⸗ nes— gab ein ſprechenderes Bild von dem ſchrecklichen Wechſel der alten Verhaͤltniſſe, als alle Beſchreibungen haͤtten geben koͤnnen. La Sery ſprang ſogleich vom Pferde, ſchickte Kla⸗ II. E 66 riſſen in das Haus, um fuͤr einige Erfriſchun⸗ gen zu ſorgen, und eilte nach der Laube, in welcher der Fremde Platz genommen hatte. Dieſer ſtand bey La Sery's Annaͤherung ſo⸗ gleich von ſeinem Sitze auf, ging ihm einige Schritte entgegen, und bat um Entſchuldigung: Die Toͤne meiner Landesſprache, ſetzte er hin⸗ zu, haben mich hierher gelockt, und die Einla⸗ dung eines liebenswuͤrdigen Kindes, das mir ſeinen Beyſtand als Dolmetſcher verſprochen hat.— Dann, nach dem Wechſel der erſten Worte, ſagte er: Sie ſind ein Franzos? Aber wohl ſchwerlich einer der Ungluͤcklichen, die, von ihrem entehrten Vaterlande ausgeſtoßen, in der Fremde umherirren, unverſtanden und unbemitleidet, waͤhrend das Verbrechen bey ih⸗ ren Guͤtern ſchwelgt. Waͤhrend der Fremde ſo ſprach, faßte ihn La Sery feſter in die Augen. Bekannte Toͤne hatten ihn aus ſeiner Stimme angeſprochen, und auch die Zuͤge der verwitterten Geſtalt waren ihm nicht fremd. Indem aber ſeine Vermuthungen ſich noch ſchwankend hin und her bewegten, ſetzte er das Geſpraͤch fort, von — ſeiner eignen Geſchichte nur ſo viel verrathend, daß er in der Fremde das Gluͤck gefunden, das ihm in ſeinem Vaterlande misguͤnſtig ge⸗ weſen ſey.— Da wird unſer Loos ſchwerlich zuſammentreffen, ſagte der Fremde. In der Heimath, wie im Auslande, bluͤht kein Gluͤck mehr fuͤr mich. Aber ich wuͤrde mich uͤber uͤber mein Schickſal troͤſten, wenn nicht mein Vaterland ohne Rettung zu Grunde ginge, in⸗ dem es die Bluͤthe ſeiner edelſten Soͤhne von ſich ſtoͤßt.— Dieſe Worte des tiefbewegten Mannes wa⸗ ren von einem eigenthuͤmlichen Zuge des Mun⸗ des und einer charakteriſtiſchen Bewegung des Hauptes begleitet, welche La Sery's Ahnung augenblicklich klar machte. Er zweifelte jetzt ſchon nicht mehr, und als er mit klopfendem Herzen fragte, wen er die Ehre habe, bey ſich zu ſehn, hoͤrte er den Nahmen des Grafen von Nogaret, ſeines Feindes. Klariſſe hatte jetzt Erfriſchungen erbe⸗⸗ ſchaffen laſſen, und da La Sery erfuhr, daß ſeine Frau ſo eben nach Hauſe zuruͤckgekehrt ſey, uͤberließ er Klariſſen die Unterhaltung des E2 68 Grafen, und eilte, nach einer Entſchuldigung, Roſalien von dem Ereigniſſe zu unterrichten, das ſie ſo nahe betraf. Sie empfing ihn mit der heiterſten Miene.„Ich habe, ſagte ſie, das Verſprechen geben muͤſſen, Dich zu etwas zu bereden, das Dir ſchwer fallen wird. Un⸗ ſer ungeduldiger Guſtav wollte mich nicht ent⸗ laſſen, wenn ich ihm nicht verſpraͤche, ſeinen Hochzeittag fuͤr den naͤchſten Monat feſtzuſet⸗ zen. Die Zeiten wuͤrden immer unruhiger, immer ſtuͤrmiſcher, ſagte er. Ueberall ſchwaͤrm⸗ ten Ausgewanderte umher, und er koͤnne nicht ruhig ſeyn, ſo lange er ſeine Sophie noch frey ſahe. Ich habe ihn zwar ſehr geſcholten, fuhr ſie fort, und Sophie noch mehr, als ich; aber ich mußte doch zuletzt nachgeben.— Was haſt Du aber? Du biſt ſo unruhig.“ „Vielleicht aus eben dem Grunde, antwor⸗ tete La Sery, aus dem Guſtav es iſt. Wie, wenn wir eben ſo einen Beſuch bekommen haͤt⸗ ten— denn ein Landsmann—“ 3 In dem Augenblicke kamen Moritz und Roſalinde hereingeſprungen. Der fremde Mann iſt gar boͤſe, ſagte Moritz.— Boͤſe? und 69 warum?— Ja, wir wiſſen es nicht. Aber es war ſo. Roſalinde nahm aus dem Blumen⸗ korbe drey weiße Lilien, legte ſie ihm auf den Schooß, und ſagte: Da, guter Mann! Und er nahm die Blumen und kuͤßte ſie, und ſtrei⸗ chelte Roſalinden. Da wollt' ich ihm auch eine Freude machen, holte drey wunderſchoͤne große Aſtern, druͤckte ſie ihm in die Haͤnde, und ſagte dazu: Hier haſt Du noch drey Blumen, die ſind noch viel beſſer und ſchoͤner: eine blaue, eine rothe und eine weiße.— Da wurde er nun mit Einem Male ſo boͤſe; zerriß die Blu⸗ men, warf ſie auf die Erde, und ſah mich recht grimmig an. Und nun will er fort, und der Fuhrmann auch, weil es ſchon ſpaͤt ſey. La Sery laͤchelte. Er verſtand den Zorn des Fremden gegen die unſchuldigen Blumen mit den verhaßten Farben, und ſchickte So⸗ phien an ihn mit der Bitte, es ſich die Nacht hier gefallen zu laſſen.„Den Fuhrmann, ſagte er zu Moritz, laß ausſpannen und ſein Pferd in den Stall ziehn.“ „Der Fremde, fuhr er zu Roſalien fort, den Moritz, ohne zu wiſſen, wie, zum Zorne 70 gereizt hat, iſt ein Landsmann, ein Ausgewan⸗ derter, ein alter, vom Ungluͤck gebeugter Mann, den wir nicht ſo von uns laſſen koͤnnen.— Gewiß nicht, erwiederte Roſalie; aber warum fuͤhren wir ihn nicht ſogleich herein? Der Tag ſinkt; die Luft moͤchte ihm draußen zu kuͤhl werden.—— „Nur einen Augenblick Geduld, verſetzte La Sery, indem er ſie leiſe zuruͤckhielt. Es koͤnnte ſeyn, daß dieſer Landsmann nicht von uns er⸗ kannt ſeyn, oder daß er uns nicht kennen woll⸗ te.“— Roſalie ſah ihren Mann mit großen Augen an.„Es iſt mein Vater! rief ſie ploͤtz⸗ lich aus. Ganz gewiß iſt er es, und Gott hat ſeine Schritte hierher geleitet.— O, ſprich, Lieber, und ſage mir, daß ich mich nicht irre.⸗. „Du ierſt nicht, verſetzte La Sery; es iſt Dein Vater, und eben ſein Anblick hat mich ſo wunderbar bewegt. Er wird Dich nicht er⸗ kennen, wie er auch mich nicht erkannt hat— denn das Alter hat ſeine Augen getruͤbt— aber was es Dich auch koſten mag, bezwinge 24 Dein Gefuͤhl, wie ich das meinige bezwungen habe,“ Roſaliens Herz war heftig bewegt. Angſt⸗ Furcht und Freude wogte auf und ab; aber immer draͤngte ſich die Freude durch, und ſie rief einmal uͤber das Andre:„Mein Vater iſt bey mir! Ich ſoll meinen Vater in ſeinem Al⸗ ter pflegen! Ich ſoll mich mit meinem Vater verſoͤhnen!—“ Und als La Sery in den Gar⸗ ten gegangen war, um den Grafen hereinzu⸗ fuͤhren, warf ſie ſich auf die Knie, und dankte Gott fuͤr die Erfuͤllung ihres einzigen, ihres heißeſten Wunſches. Bey dem Anblicke des greiſen Vaters aber, der, von Alter und Gram gebeugt, ſich kaum noch gleich ſah, er, der ſonſt ſein Haupt ſo aufrecht trug, war ſie ihres uͤberwallenden Ge⸗ fuͤhles nicht Herr. Zu ſprechen wagte ſie nicht; die Toͤne haͤtten die muͤhſam gehemmten Thraͤ⸗ nen entbunden; aber das konnte ſie ſich nicht verſagen, an Klariſſens Stelle zu treten, und die wankenden Schritte des halberblindeten Vaters zu ſtuͤtzen. Er hatte die Einladung des ſchoͤnen und freundlichen Maͤdchens ange⸗ 2 —1 7 nommen, und Sophie war ſchon beſchaͤftigt, das heiterſte Zimmer des Hauſes zu luͤften, und mit allen Bequemlichkeiten zu verſehen, die ſein Alter wuͤnſchen mochte. Auch die juͤn⸗ gern Geſchwiſter halfen dabey, waͤhrend ſich Klariſſe, als die aͤlteſte Bekannte des Fremden, immer in ſeiner Naͤhe hielt. Gaſtlichkeit war die Sitte des Hauſes, und eben ſo, wie die Gutmuͤthigkeit, das Wohlwollen und die ſtille, beſcheidene Weiſe, von den Aeltern auf die Kinder uͤbergegangen. Wie nah dieſer Mann ſie angehe, ahneten ſie nicht. Auch der Gaſt ahnete nicht, daß dieſe freundlichen Kinder, die, jedem ſeiner Beduͤrfniſſe zuvorkommend, in der Sorge fuͤr ihn wetteiferten, die Kinder ſeiner verſtoßenen Tochter waren. Der Gegenſtand, welcher jetzt ausſchließend alle Gemuͤther beſchaͤftigte, die Angelegenheiten Frankreichs und die Fortſchritte ſeiner Heere, boten bald Stoff des Geſpraͤchs. Der Graf ſprach mit Heftigkeit uͤber die Grundſäͤtze, aus denen, wie er meinte, das Unheil ſeines Va⸗ terlandes erwachſen ſey, uͤber die muthwilligen Zerſtoͤrer des Alten, uͤber den Unfug der Reue⸗ 73 rer, und mit nicht geringerer Bitterkeit uͤber die, welche die auflodernde Flamme nicht in Zeiten durch Gewalt unterdruͤckt haͤtten. Die ſchwache Milde des ungluͤcklichen Koͤnigs, die Treuloſigkeit der Ueberlaͤufer von der guten Sache zu den Fahnen der Rebellion, die Zwie⸗ tracht der Verbuͤndeten, den ſchlechten Zuſam⸗ menhang ihrer Unternehmungen, und die mis⸗ trauiſche Zuruͤckſetzung der Ausgewanderten— Alles das griff er mit ſchonungsloſer Heftig⸗ keit an. La Sery ſtimmte in Einiges, Anderm widerſprach er nicht, und indem er ſeine ab⸗ weichenden Geſinnungen zuruͤckhielt, ſchmeichelte ſich der Graf, einen durchaus Gleichgeſinnten, und einen treuen Anhaͤnger deſſen, was er die gute Sache nannte, in ihm gefunden zu haben. Roſalie, die keinen Blick von ihrem Vater wendete, ſah mit froher Bewegung den Schein eines Einverſtaͤndniſſes entſtehn, das die beſte Vorbedeutung fuͤr die Erfuͤllung ihrer Wuͤn⸗ ſche zu haben ſchien, und erwartete mit banger Ungeduld, daß ſich das Geſpraͤch auf die be⸗ ſondern Verhaͤltniſſe des befreundeten Gaſtes wenden werde. Sie harrte den erſten Abend 4 und den naͤchſten Tag umſonſt. Der Graf floh die Erinnerungen an den Glanz ſeines Hauſes, wie das an die Finſterniß gewoͤhnte Auge das Sonnenlicht flieht, und wich jeder Erwaͤhnung ſeiner Familienverhaͤltniſſe aus. Nur der Gefahren gedachte er, die ſeine Flucht begleitet, und der quaͤlenden Taͤuſchungen, die ihn, ſo wie Andre ſeiner Ungluͤcksgenoſſen, ſeit ihrer Auswanderung unaufhoͤrlich verfolgt hat⸗ ten. Dann aber ſank er in ein finſteres Schwei⸗ gen; ſeine Blicke hefteten ſich auf den Boden, und er ſchien in den Abgrund eines hofnungs⸗ loſen Kummers hinabzuſchauen. Auf dieſe Weiſe vergingen mehrere Tage, ohne, daß man ſich einer Erklaͤrung genaͤhert haͤtte; und ſo groß Roſaliens Sehnſucht war, ihrem Bater an die Bruſt zu fallen, ſo mußte ſie doch den Gruͤnden ihres Mannes nachge⸗ ben, der bey der Stimmung des Grafen den Erfolg der Erkennung fuͤr allzu ungewiß hielt. Hatte ſie doch erlangt, daß er nicht mehr von der Abreiſe ſprach; daß er ſich immer mehr mit ihrem Manne und ihren Kindern befreun⸗ dete; daß er Antheil an ihrem Hausweſen 75 nahm, und oft uͤber dieſen harmloſen Gegen⸗ ſtaͤnden das Schickſal ſeines Landes, die Siege der Jakobiner und ſeine eigene Lage vergaß. Die Ernte war jetzt geendigt, und die flei⸗ ßigen Landleute konnten ſich einiger Ruhe er⸗ freuen. Guſtav, Sophiens Verlobter, erneuerte jetzt ſein Geſuch, und der Wunſch der Lieben⸗ den wurde gewaͤhrt. Der Tag der„Hochzeit ward feſtgeſetzt. Was nur eine zaͤrtliche Mut⸗ ter fuͤhlen kann, welche die Hand einer gelieb⸗ ten Tochter in eine fremde legt, und die lang gehegte Sorge einem Manne abtritt; alle die Freude und aller Schmerz, den frohe Hofnung und liebende Beſorgniß gibt, wogte in Roſa⸗ liens Herzen auf und ab, und verſchlang ſich mit dem bangen Erwarten ihrer Ausſoͤhnung. Die Annaͤherung des Hochzeittages vermehrte ihre Unruhe. Sie ſelbſt hatte den Segen ih⸗ res Vaters entbehrt; ſie hatte ihr Gluͤck dem Schickſale abgerungen; ſie hatte Jahre lang den Schmerz der Verbannung von dem vaͤter⸗ lichen Herzen ertragen— ſollte nicht der Him⸗ mel ausgeſoͤhnt, ſollte nicht das Feſt ihrer Toch⸗ ter der Wendepunkt des alten Zwieſpaltes 76 ſeyn? Es ſchien ihr unmoͤglich, dieſes Feſt zu feyern mit dem Geheimniſſe der unverſoͤhnten Schuld im Herzen, und an dem Tage, an den ſie nicht denken konnte, ohne daß ſich alle Quellen des Gefuͤhls ergoſſen, das reinſte und heiligſte von allen zuruͤckzudraͤngen. Aber wenn er mich von ſich ſtieße? dachte ſie wieder. Wenn er ſich meinen Umarmungen entriſſe, und die Pflege der verſtoßenen Tochter ver⸗ ſchmaͤhte? oder wenn er nur mir verziehe, und ſein Herz vor dem geliebten Gemahl ver⸗ ſchloͤſſe?— Dann waͤr' ich ja noch viel elender, als jetzt, wo ich mich doch wenigſtens mit fro⸗ hen Hofnungen naͤhren darf!— Wie es in einem ſolchen Zuſtande wohl zu geſchehn pflegt, daß die Pein der Ungewisheit endlich die Furcht beſiegt, und ſelbſt die ſchreck⸗ lichſte Gewisheit dem quaͤlenden Zweifel vor⸗ gezogen wird, ſo beſchloß auch Roſalie, dieſen Zuſtand zu endigen, und, im Vertraun auf Gott und ihre gute Sache, Sophiens Hochzeit⸗ tag zu dem gluͤcklichſten oder dem traurigſten ihres Lebens zu machen. La Sery wagte es nicht laͤnger, ihrem Vorſatze ſeine Zweifel ent⸗ 77 gegenzuſetzen. Zwar noch immer ſchien ihm der Erfolg ungewiß, ſo wie das moͤgliche Mis⸗ lingen ſchrecklich; aber Roſaliens fieberhafte Unruhe, die immer ſteigende innere Qual, die ſie umſonſt zu verbergen ſuchte, verſtattete kei⸗ nen laͤngern Verzug. *** Der Hochzeitmorgen brach heiter an; ſeine erſten Strahlen brachten Alles in La Sery's Hauſe in froͤhliche Bewegung; doch ſchlich Je⸗ des noch leiſe auf den Zehen, um den Mor⸗ genſchlaf des alten Herrn nicht zu ſtoͤren. Aber auch dieſer war heute fruͤher als gewoͤhnlich auf, und oͤfnete die Thuͤr, als er Klariſſen draußen herumſchleichen hoͤrte, um ihm, wie immer, den erſten guten Morgen zu ſagen.— Nun, meine kleine Freundin, rief er ihr zu, heute iſt Sophiens Hochzeittag; wann wird der Deinige ſeyn?— O, damit hat es noch gute Zeit, antwortete Klariſſe; und jetzt, da Sophie von uns geht, hat mich die Mutter noͤthig, und da werde ich wohl warten muͤſſen, bis Ro⸗ ſalinde heranwaͤchſt.— Wird Dir die Zeit lang? fragte der Graf ſcherzend.— Ach nein, 78 verſetzte das Kind erroͤthend; ich bleibe recht gern bey der Mutter— ſie iſt gar zu gut— wenn ſie nur ſeit einiger Zeit nicht immer weinte.— Warum weint ſie denn? ſagte der Graf. Iſt ſie mit Deinem Vater nicht einig?— O, mein Gott, antwortete Klariſſe, wie waͤre das moͤglich? Das iſt Alles wie ſonſt. Aber ſeitdem Sie bey uns im Hauſe ſind, iſt' die Mutter anders, als ſonſt— ach, noch guͤti⸗ ger, als ſonſt, noch nachſichtiger— aber trau⸗ rig, o, ſo traurig!— Sollte ihr meine An⸗ weſenheit zuwider ſeyn? fragte der Graf. Ach Gott, verſetzte die Kleine, das iſt es gar nicht. Im Gegentheil. O, wenn Sie wuͤßten, wie lieb Sie die Mutter hat! Sie wendet kein Auge von Ihnen ab; und oft, wenn ſie auf Sie blickt, gehen ihr die Augen uͤber. Immer ermahnt ſie uns, Ihnen ja keinen Verdruß zu machen, und immer recht aufmerkſam auf je⸗ den Ihrer Wuͤnſche zu ſeyn. O, neulich, da Sie nicht recht wohl waren, war ſie ſo unru⸗ hig, wie ich ſie nie geſehen habe, und ſie ſagte mir, ich ſollte Sie nur recht gut warten, 29 und immer denken, Sie waͤren mein Gros⸗ vater.— Dieſe Worte des Kindes bewegten das Herz des Greiſes auf eine wunderbare Weiſe. Er dachte an Alles zuruͤck, was Roſalie von dem erſten Tage an gethan und geſagt; an die zarte Sorge fuͤr ihn, an ihr ganzes Benehmen und ſo manches ihr entſchluͤpfte Wort; endlich an ihre und Sophiens Geſtalt. Wie heißt Deine Mutter? fragte er haſtig.— Roſalie— Roſalie? So waͤr' es alſo wirklich wahr?—— Der Graf ſchickte jetzt Klariſſen fort, und ging, von der groͤßten Unruhe bewegt, mit gro⸗ ßen Schritten im Zimmer auf und ab. Die alten Erinnerungen erwachten alle zugleich, und ſtuͤrmten wie ein feindliches Heer auf ihn ein, was er der Tochter und was er ſich ſelbſt zu vergeben hatte, empoͤrte auf gleiche Weiſe ſei⸗ nen Stolz; und beydes verſchlang ſich in ſeinem Gemuͤth. Jeder Gedanke an die Vergangenheit naͤhrte ſeinen Zorn, jeder Blick auf die Gegen⸗ wart rief ihm Verſoͤhnung zu. Sollte er dieſes Haus verlaſſen und ſich von Neuem den Wellen eines ungewiſſen Daſeyns Preis geben? Sollte 80 er die freundliche Pflege, die ihm ſo unverhoft geboten worden, von ſich ſtoßen, und den Reſt ſeiner Tage unter liebloſen, vielleicht uͤbelgeſinn⸗ ten Fremden verleben? und warum? Er hatte dieſe freundliche Mutter wie ein Kind geliebt, ſo lang' er ſie nicht kannte; ſollt' er ſie, haſſen, weil er ſeine Tochter in ihr fand? Er hatte La Sery als einen Wohlthaͤter und Freund geehrt; ſollt' er ihm feind ſeyn, weil er ſeine Tochter be⸗ gluͤckte? Und ſollte er dieſe liebenswuͤrdigen Kin⸗ der, deren unſchuldiges Bemuͤhn um ihn er mit Ruͤhrung und Freude ſah, jetzt von ſich ſtoßen, weil er wußte, daß ſie durch die engſten Bande des Blutes mit ihm verbunden, daß ſ ſeine Enkel waren?— So ging er lange im Kampfe mit ſich hin und her. Alle ſeine Gefuͤhle ſtanden ſich einan⸗ der feindlich gegenuͤber; Vergangenheit und Ge⸗ genwart; Unwille und Dankbarkeit; der alte, tiefgewurzelte Sinn und die neue Gewoͤhnung. Das Bautpaar kehrte jetzt mit ſeinem Ge⸗ leite von dem Altar zuruͤck. Aeltern und Ge⸗ ſchwiſter, Freunde und Freundinnen, umarmten die ſchoͤne Braut; der gluͤckliche Braͤutigam aber 81 hing an dem Halſe der Aeltern, ohne die Hand der Geliebten los zu laſſen. Roſalie hatte ſich jetzt am Altare Muth erbetet. Jetzt, ſagte ſie, uͤberlaßt die Tochter der Mutter ei⸗ nige Augenblicke. Sie hat noch Einen Segen zu holen.— Und mit dieſen Worten faßte ſie Sophien bey der Hand, und trat mit der er⸗ roͤthenden Braut in das Zimmer des Grafen. Der Graf ſaß auf dem Sopha, den Kopf auf die Hand geſtuͤtzt und in Gedanken ver⸗ ſunken. Die Hereintretenden wurden nicht von ihm bemerkt, bis ſie vor ihm ſtanden. Da ſagte Roſalie mit leiſer und geruͤhrter Stim⸗ me: Darf dieſe junge Braut auch um Ihren Segen bitten? Sie glaubt mit Recht, daß er ihr Gluͤck bringen wird.— Der Graf richtete ſich auf, ſah Sophien freundlich an„ und da ſie ſich vor ihm beugte, legte er die Hand auf ihr Haupt und ſagte: Gott ſegne Dich, liebes Kind, und erfuͤlle meine Wuͤnſche. Ich habe Dir nichts als Wuͤnſche zu geben.— Und als Sophie ſeine Haͤnde kuͤßte, wendete er ſeine Bliee auf Roſalien, und ſagte: Meine Toch⸗ 1 F 82 ter hat den Segen ihres Vaters verſchmäht. Sie hat nicht geglaubt, daß er r zu ihrein Gluͤcke zeehi waͤre.— Dieſe Worte waren noch nicht ausgeſorwe chen, als Roſalie ſchon zu den Fuͤßen ihres Vaters lag. Mit aufgehobenen Haͤnden und ſtroͤmenden Thraͤnen ſagte ſie: O, mein Va⸗ ter! Vergebung der alten, ſchweren Schuld! Ach, wie ſchmerzlich hab' ich den Segen des Vaters vermißt! Wie oft hab' ich Gott gebe⸗ ten, mich nicht ſterben zu laſſen, ohne dieſe Haͤnde mit den Thraͤnen meiner Reue benetzt, und von dieſen Lippen das Wort der Verge⸗ bung gehoͤrt zu haben. Ach, mein Vater! Gott hat einen Theil meines Gebetes erhoͤrt; er hat Sie unter mein Dach und in meine Arme gefuͤhrt; moͤge er jetzt auch das Uebrige meines heißen Wunſches erfuͤllen! Indem ſie ſo ſprach, beruͤhrte ſie die zit⸗ ternden Haͤnde des Greiſes, und legte ſie, da er ſie ihr nicht entzog, auf ihr Haupt. Noch ſchwieg er. Da warf ſich auch Sophie zu ſeie 88 nen Fuͤßen, erhob die in Thraͤnen ſchwimmen⸗ den blauen Augen zu ihm, und ſprach ohne. Worte die kindliche Bitte um Betſohnung mit flehenden Mienen aus. Da ſchmolz das Eis um des Grafen Bruſt. Er druͤckte die gefal⸗ teten Haͤnde feſter auf das Haupt der Toch⸗ ter, kuͤßte ſie auf die Stirn und ſagte: Es ſey; ich verzeihe Dir.— Als Roſalie dieſes Wort vernahm, erhob ſie ihre Haͤnde zum Himmel, und, ohne auf⸗ zuſtehn, rief ſie:„O, lang' erſehntes, o, theu⸗ res Wort! Ich habe meinen Vater wieder. Die Schuld iſt von mir genommen!“— Und indem ſie die Haͤnde des Vaters mit Kuͤſſen und Thraͤnen bedeckte, ſetzte ſie hinzu: Noch ein theures Herz ſeufzt nach dieſem Gluͤcke. La Sery iſt unſchuldiger, als ich. O, mein Va⸗ ter, Sie koͤnnen das Gluͤck, das Sie mir ge⸗ bracht haben, nicht dem verſagen, der nie auf⸗ gehoͤrt hat, mich gluͤcklich zu machen.— Ich ſehe wohl, verſetzte der Graf laͤchelnd und mit milder Stimme, daß ich keinen Willen mehr haben darf. Wie oft hab' ich den Entfuhrer 52 84 verwuͤnſcht! wie oft ihm Rache geſchworen! Und nun hat mich der Zufall oder die Fuͤgung des Himmels unter ſein Dach gefuͤhrt, und er hat mich gezwungen, ihn zu lieben. Koͤnnt' ich ihm Vergebung weigern, da Roſalie fuͤr ihn bittet? Oder koͤnnt' ich dem Vater dieſes En⸗ gels hier an ihrem Feſttage meine Liebe ver⸗ ſagen?— War nun Roſalie durch die erſten Worte ihres verſoͤhnten Vaters gluͤcklich geworden, ſo war ſie jetzt von Seligkeit trunken. Sie ſprang auf, druͤckte ihre Tochter an die klopfende Bruſt, und rief aus: Nun bin ich ganz gluͤck⸗ lich! O, was fuͤr ein froher Tag! O, mein Vater! O, Sophie! Ich darf ihn zu den Fuͤßen meines Vaters bringen!— Entzuͤckt, außer ſich, mit gluͤhenden Wangen und uͤberſtroͤmen⸗ den Augen eilte ſie in das Verſammlungszim⸗ mer, fiel ihrem Manne an die Bruſt und ſagte: Er hat mir verziehn! Er erkennt uns fuͤr ſeine Kinder an; wir ſind nicht mehr verſtoßen! O, kommt, meine Kinder, wir haben alle einen Vater wieder!— 2 85 Ob nun gleich Niemand, außer La Sery, den Zuſammenhang der Sache wußte, ſo er⸗ griff doch Alle ein Taumel der Freude, und Niemand konnte zuruͤckbleiben, als Roſalie mit ihrem Manne am Arme in das Zimmer des Grafen zuruͤckkehrte. Dieſer trat ihnen an Sophiens Hand entgegen, umarmte ſeinen Eidam, und ſagte:„Meine Tochter hat mich beſiegt, und ich nehme jetzt keinen Anſtand, zu erklaͤren, daß ich Ihnen Unrecht gethan habe. Auch Sie haben mir Unrecht gethan; dadurch iſt unſre Rechnung gleich. Die Liebe aber, die Sie nachher auf mich gehaͤuft haben, ſetzt Sie ſo ſehr in Vortheil, daß ich verzweifeln muͤßte meine Schuld zu tilgen, wenn ich nicht jetzt aus freyem Entſchluſſe Ihnen meine Tochter mit allen ihren Tugenden zum Eigenthum gaͤbe.“— Nach dieſen Worten legte er ihre Haͤnde zuſammen; ſie ſanken vor ihm auf die Knie, ihre Kinder neben ihnen. Man hoͤrte nichts als Weinen und Ausrufungen der Freu⸗ de, des Dankes und der Liebe. Der verſoͤhnte Vater wurde hoch gefeyert, und er geſtand, 5 daß er nie einen gluͤcklichern Tag gehabt, und ſchon ſeit langer Zeit nicht mehr geglaubt hattr, ſolcher Freude faͤhig zu ſeyn. tahIata Das heitre, ſtille Leben in La. Sery's Hauſe hatte ſeit Sophiens Hochzeittage einen noch tiefern Gehalt gewonnen. Die Beklom⸗ menheit, mit welcher Roſalie vorher in ihr Le⸗ ben zuruͤckgeſchaut, das ſchmergiche Gefuͤhl, das jede Erinnerung an ihre Heimath beglei⸗ tet, die aͤngſtlichen Zweifel, mit denen ſie ihr Gluͤck genoſſen hatte— Alles das hatte ſich in der Seligkeit der Verſohnung aufgeloͤßt. Erſt jetzt war es ihr, als ob ſie ein Recht auf das Gluͤck der Ehe habe, als ob ſie die Liebe ihrer Kinder recht von Herzen genießen, und ohne Zagen und Zweifel La Sery's Gattin ſeyn duͤrfte. Auch La Sery war inniger froh durch das Gluͤck ſeiner Frau. Wir waren wohl immer zufrieden, ſagte ſie bisweilen zu ihm, aber unſre Zufriedenheit hatte doch et⸗ was von dem Zuſtande eines Menſchen an 87 — ſich, der ein ſchmerzloſes Erbuͤbel mit ſich um⸗ hertraͤgt, das oft recht zur ungünſtigen Zeit eine truͤbe Erinnerung weckt, und dadurch ei⸗ nen dunkeln Schatten in ſeine hellſten Freu⸗ den wirft. Unſer Tag war nun einmal mit Gewoͤlk aufgegangen, und wir konnten uns nie der Furcht vor dem Ungewitter ganz ent⸗ ſchlagen, das den Abend bedrohte. Jetzt iſt alle ſolche Furcht dahin; ich hin mit dem Him⸗ mel ausgeſoͤhnt, und druͤcke mit unausſprechli⸗ cher Heiterkeit das Gluͤck an mein Herz, das er mir durch Dich, durch unſre Kinder und meinen Vater bereitet hat.— Das Leben des alten Grafen wuchs nun auch immer mehr und mehr mit. dem Leben ſeiner Kinder zuſammen. Taͤglich war er Zeuge ihrer haͤuslichen Tugenden„ihrer heitern Ein⸗ tracht, ihrer unermuͤdlichen, wohlthaͤtigen Wirk⸗ ſamkeit in dem Kreiſe ihrer Umgebungen, der Achtung und Liebe, die ihnen von allen Sei⸗ ten gezollt wurde;; und er erkannte erſt jetzt, daß aus einem wohlgeordneten,„ wenn gleich glanzloſen und beſchraͤnkten Leben eine reiche 88 Saat von Freuden aufbluͤhen kann. Biswei⸗ len brachte er auch einige Tage auf Sophiens Landgute zu, die ihm ſeit dem Verſohnungs⸗ tage erſt recht vorzuͤglich lieb geworden war, ſo daß ihm Klariſſe bisweilen mit komiſcher Eiferſucht ſeinen Wankelmuth vorwarf. Wenn ich nur, ſagte ſie dann, nicht ſelbſt Sophien ſo entſetzlich lieb haͤtte! Aber es iſt doch nicht recht von ihr, daß ſie mir meinen erſten Lieb⸗ haber abtruͤnnig macht) In dieſem heitern Familienleben trat die Erinnerung an die oͤffentlichen Begebenheiten oft Tage und Wochen lang in den Hinter⸗ grund, und nur die Sorge um das Schickſal des Sohnes weckte bisweilen die alte Unruhe in dem Herzen des Greiſes. Roſalie hatte ih⸗ ren Bruder Edmund ſeit den Kinderjahren nicht geſehn; nur eine ſchwache Erinnerung an ihn war ihr zuruͤckgeblieben. Die Kadetten⸗ ſchule hatte ihn fruͤhzeitig von dem vaͤterlichen Hauſe entfernt; und als ſeine Schweſter aus ihrem Vaterlande floh, hielt ihn eine entfernte Garniſon. Bey dem Nusbruche der Revolu⸗ ‿ 89 tion wurde auch ſein Regiment von der Ge⸗ walt der neuen Grundſätze fortgeriſſen. Die Geſinnungen der Offiziere waren getheilt; den jungen Grafen aber trieb der Befehl ſeines Vaters, mehr als ſein eigner Wille, zu den Fahnen der Ausgewanderten. Er theilte ihre Schickſale, ohne ihre Irrthuͤmer zu theilen, und gab oft in freywillig geſuchter Gefahr ein Le⸗ ben Preis, das ſeinen Reiz fuͤr ihn verlohren hatte. Er wollte mit Ehren fallen, wenn er nicht mit Ruhm ſiegen kontke. irn Khasrz Schon ſeit geraumer Zeit war der Eker der Feinde Frankreichs,„ die ſich einen leichten Sieg verſprochen hatten, und Niederlagen fan⸗ den, immer kuͤhler geworden. Ein Glied des Bundes nach dem andern loͤßte ſich ab, und die Vortheile, welche Britanniens Schiffe auf dem Meere gewannen, brachten der gemein⸗ ſamen Sache wenig Gewinn. Alle Hofnung der Ausgewanderten ruhte auf der Moͤglichkeit einer Gegenrevolution, und dem Wahne von einer Volksſtimmung, die, dem alten Herſcher⸗ ſtamme guͤnſtig, nur einen Stuͤtzpunkt erwar⸗ tete, um die Syranney der Repubiik umzu⸗ füöriene Van dieſe dzinuns beſeelt, erhm 685 Kiſten von England, ſeßte dber r Merr, und beſtieg mit dem Feldgeſchrey: Me⸗ Die ſchwochen Heerhaufen der Reyxöliaue weichen zurück, eine, Feſtung wird beſetzt, das ſtolze Vertrauen waͤchſt, und ſchon beſtimmt der Anfuͤhrer den Tag, wo die Fahne. der Lilien in der Hauptſtadt wehen ſoll. Aber nur allzubald mußten ſie ihrxe KTauſchung zerrinnen ſehn. Jeder Tag.„belehrte. ſie mehr, wie lau das Volk, wie ſchlecht ge pordnet ihre Anhäͤn⸗ ger, wie ocker ihre eigne Verbindung und wie haltlos die Plane ihrer Fährer waxen. Die fuͤr unbeſieglich gehaltene„Feſte wird in einer ſtuͤrmiſchen Nacht erobert;. die dreyfarbige Fahne nimmt ihre vorige Stelle wieder ein, das Heer der Ausgewanderten wird gefangen und zum Tode gefuͤhrt. Nur Wenige rettet eihre Entſchloſſenheit vor ſo großer Schmach. Edmund hatte an der Seite der Tapferſten „ à gekaͤmpft, und erſt da Alles verlohren war, und ſein Blut aus mehr als Einer⸗ Wunde ſteömte, riß er ſein Pferd herum, jagte damit nach der Küſte, und warf ſich mit ihm von einem Fels in die Fluth. Sein edles Roß kam in der Brandung um; er ſelbſt wurde beſinnungslos von einer engliſchen Barke aufgenommen. Durch ihn ward die erſte Botſchaft des Ungluͤcks nach England gebracht, u nd kam, durch die oͤffentli⸗ chen Blaͤtter verbreitet, auch zur Kenntniß des alten, durch dieſen letzten Kälag tief gſbetg ten Vaters. e — 4 junge Graß, ve nach höra Ver⸗ nichten⸗ der letzten und groͤßten Hofnung ſeiner Partey die Laufbahn der Chre fuͤr ſich geſchloſ⸗ ſen ſah, machte ſich, ſobald es ſeine Wunden erlaubten, auf den Weg nach Deutſchland, um ſeinen Vater noch Einmal zu ſehn, und ſeine Schweſter kennen zu lernen. Der Tag. neigte ſich, als er in den Hof eintrat. Das Haus war ſtill. Nur ein dienender Knabe ſaß an der Thuͤr, mit einem Hunde ſpielend, und, als ſich —— méZQꝑ-èIvRZ 92 — der Fremde zu erkennen gegeben hatte, ſagte er mit truͤber Miene: Sie ſind alle drinn bey dem alten Herrn, dem ſie das Ende erwar⸗ ten.— Dann oͤfnete er ihm leiſe die Thuͤr eines verdunkelten Zimmers, in deſſen Mitte ein Bett mit zuruͤckgezognen Vorhaͤngen ſtand. Das Bett war von Kindern und Erwachſednen umgeben, die ihre Blicke auf den Kranken darinn geheftet hatten, oder ihre Augen mit Tuͤchern verhuͤllten. Der Fremde trat naͤher. Mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, das bleiche Geſicht aufwaͤrts gerichtet, lag der Kranke, beyde Haͤnde vor ſich ausgeſtreckt, einem Abgeſchiedenen aͤhnlich, nur daß die innere Gewalt des Fiebers die Bruſt noch hob.„Er ſtirbt,“ rief Edmund, „und er erkennt mich nicht mehr!“— Bey dieſem Ausrufe ſchlug der Kranke die muͤden Augen auf, und nannte den Nahmen ſeines Sohnes; dann ſchloß er ſie wieder und ſank in den vorigen Zuſtand zuruͤck. Doch nur auf wenige Augenblicke. Seine Lippen bewegten ſich; die Bruſt ſtieg hoͤher; er hob ſeine Rechte ein wenig in die Hoͤhe, als ob er Etwas zu 93 ergreifen wuͤnſche. Sein Sohn faßte ſie und beugte ſich uͤber ihn. Da ſchlug der Kranke die Augen von Neuem auf, zog den ſehnlichſt Erwarteten an ſeine Bruſt, druͤckte ihn feſt an ſich und kuͤßte ihn.—„Muß ich kommen, Ih⸗ ren Tod zu beweinen?“ ſagte Edmund mit erſtickter Stimme.—„Nein, antwortete der Greis, ſondern um Dich uͤber den gluͤcklichen Ausgang meines Lebens zu freuen.“— Und als ob ihm dieſer Gedanke und die Gegenwart des geliebten und erſehnten Sohnes neues Le⸗ ben gegeben, ließ er ſich hoͤher legen, damit er ſprechen koͤnne. Dann ſah er nach beyden Seiten, nannte alle Umſtehenden bey Nahmen, und ſagte:„Das ſind die Engel, mein Sohn, die ein Paradies um mich her gebaut haben. Umarme ſie alle.— Ich vermache Dir meine Liebe und Dankbarkeit— dieß iſt mein gan⸗ zes Eigenthum. Vergilt ihnen, wenn Du es vermagſt, was ich ihnen nicht vergelten kann.“ Ein froher Aufruhr verbreitete ſich jetzt unter den Trauernden, da der Sterbende ſo munter ſprach, was er ſchon ſeit geſtern nicht uehe geimvän hat. Ste umarmten n fs ale ſter, der Kinder und Enkel miſchten ſich. Der Angekommene war nun ſchon kein Fremder mehr; denn Ungewisheit und Zweifel, und was ſonſt die Menſchen aus einander haͤlt, das ſchmilzt an den Strahlen gemeinſamer Weh⸗ muth und Freude leicht hinweg. Und wie der Greis ihre zaͤrtlichen Ausrufungen hoͤrte, und wie ſie einander gegenſeitig begruͤßten und lieb⸗ koßten, da wurde ſein Antlitz unbeſchreiblich heiter, und er ſagte mit vernehmlicher Stim⸗ me:„Ruͤckt Alle heran— Roſalie, La Sery, Edmund, Alle— und ſetzt Euch um mich her. Ich fuͤhle Kraft zum Sprechen in mir— zum letzten Male wohl. Aber ich klage nicht uͤber meinen Tod, da mir ja Gott Alles, was ich wuͤnſchte, und mehr als ich hoffen durfte, in dieſen meinen letten Tagen gewaͤhrt hat. 7 83s Alte drängten ſich jetzt noch naͤher zu; Ro⸗ ſalie kniete zum Haupte des Bettes auf der rechten Seite; Sophie zur Linken. Klariſſe, 113 ſteoͤmenden Augen in den kocken B Soöwe⸗ ſter; La Sery ſtand zu den Fuͤßen des Bet⸗ tes mit Roſalinden auf dem Arm. Nachdem 1 nun Alle ihren Platz eingenommen hatten, dankte der Greis zuerſt mit ruhrenden Wor⸗ ten ſeiner Tochter fuͤr die unermuͤdliche Sorge, die ſie der Pflege ſeines Al ters gewidmet hatte; klagte ſich dann des alten Unrechtes an, das er ihrem Manne gethan, und ließ nicht ab, bis ihm La Sery betheuert hatte, daß er kei⸗ nen Groll gegen ihn hege; worauf er denn ſagte:„Ich wußte das— aber ich wollte mich demuͤthigen vor Gott. ˙— und nachdem er weiter fortgefahren, jedes ſeiner Enkel an⸗ geredet, ihre Liebe geruͤhmt, ſie zum Guten ermahnt, und ihnen Zufriedenheit und Gluͤck geweiſſagt hatte, wendete er ſich zu ſeinem Sohne und ſprach folgendermaßen: „Vor allen Dingen, mein geliebter Sehn, laß uns Gott danken, daß er uns noch dieſes letzte Zuſammenſeyn verſtattet hat. Ich fuͤhle, 96 daß ich nur noch wenige Stunden zu leben habe, und ich wuͤnſche Dir den letzten Reſt meines Daſeyns nuͤtzlich zu machen. Das Leben erſcheint anders, wenn man an dem Rande des Grabes ſteht, als in der Mitte der Hofnungen, und es wird Dir nuͤtzlich ſeyn, wenn ich Dich neben mich ſtelle. Als Du in die Welt trateſt, umgab Dich der Glanz einer edeln Geburt, und die Gaben des Reichthums ſchmuͤckten die Bahn, die Dir gedfnet war. Icherzog Dich in den Grund⸗ ſaͤtzen Deines Standes, in denen ich ſelbſt erzo⸗ gen worden war, und denen alle unſre Umge⸗ bungen huldigten. Die Rechte der Geburt wa⸗ ren noch unbeſtritten, und ich waͤhnte, daß es fuͤr uns kein Gluͤck geben koͤnnte, als in ihrem vollen Genuß. Die Berechtigung zu dieſem Genuſſe war an die Reinheit unſers Blutes ge⸗ knuͤpft. Nach dieſem Grundſatze habe ich ge⸗ handelt. Ich glaubte Recht zu thun, und habe Boͤſes uͤber Andre und mich gebracht. Nun iſt der alte Thron unſrer Koͤnige zertruͤmmert, das Recht der Geburt iſt bis auf die tiefſte Wurzel zerſtoͤrt, und die Meiſten von denen, die es zu 2 97 — vertheidigen haͤtten, ſind nicht mehr. Die Wege des Himmels ſind dunkel; ſein Verhaͤng⸗ niß unerforſchlich und hart; aber was iſt der Menſch, um gegen Gott zu murren? Laß uns in Demuth ſeinem ewigen Willen gehorchen. Du haſt Deine Pflicht erfuͤllt; Du haſt mit maͤnlichem Muthe fuͤr Deine alten Rechte ge⸗ ſtritten; ich kann Dich mit Zufriedenheit an mein Herz druͤcken, wenn ſchon der Erfolg Dei⸗ nen Anſtrengungen nicht entſprochen hat. Dem Schickſal unterzuliegen, iſt, keine Schmach. Wenn mich aber in dieſen meinen letzten Au⸗ genblicken die Ahnung der Zukunft nicht taͤuſcht, ſo wird auf dem Boden unſers ewig theuern Vaterlandes, und aus den Truͤmmern des alten Gebaͤudes ſelbſt ein neues Geſetz aufwachſen, das dem lange gequaͤlten Volke Schatten und Wohlſeyn geben wird. Ob dieſes neue Geſetz das Niedergeworfene wieder aufrichten wird— ich weiß es nicht; aber was auch immer ge⸗ ſchehn mag, laß uns der Wiederkehr der Ord⸗ nung huldigen, ohne Groll und Ruͤckenhalt, wenn ſie nur dem Vaterlande Ruhe und den II. 6 98 4 zerriſſenen Parkeyen Einigung ſchafft. Dem al⸗ ten Stolze mag dieſer Wechſel der Dinge hart duͤnken— ich habe mit ihm gekaͤmpft, wie keiner— aber in der Mitte dieſer geliebten Kinder, an der Bruſt meines edeln und groß⸗ herzigen Eidams hab' ich daruͤber obgeſiegt. Ich habe einen andern, beſſern und hoͤhern Stolz kennen lernen, und mit dieſem ſteige ich in das Grab hinab, voll Dankes gegen Gott, der mein hartes Herz an dem Ende meiner Laufbahn der Liebe eroͤfnet, und in ihr einen unendlichen Stolz unausſprechlicher Freuden ge⸗ zeigt hat. Indem ich Dich, mein Sohn, auf dieſen Schatz hinweiſe, hab' ich nur noch wenig zu ſagen. Was auch die Zukunft in ihrem Schooße bewahren mag, entſage dem unſeligen Wahn, daß Dein Blut ein groͤßeres Recht auf Gluͤck habe, als ein anderes, und verzichte, was auch immer Frankreichs Loos einſt ſeyn mag, auf jeden Gedanken der Gewalthätigkei und Rache.“ Nachdem der Greis ſo geſprochen hatte, faßte er noch Einmal die Hand ſeines Soh⸗ 99 nes, und legté ſie in La Sery's Hand, und Beyde fielen ſich in die Arme und erneuerten am Sterbebette des Vaters den Bund der Verwandtſchaft. Die letzten Worte des Grei⸗ ſes hatten Alle bewegt, am meiſten aber Ro⸗ ſaliens Gatten, dem dabey, wider ſeinen Wil⸗ len, jener merkwuͤrdige Tag vor die Augen trat, an welchem Graf Nogaret ſich ſo laut zu einer andern Sinnesart bekannt, und die Rede eines andern Sterbenden mit ſo großer Begeiſterung geprieſen hatte. Der Graf ſtarb noch in derſelben Nacht. La Sery druͤckte ihm die Augen zu. Edmund ließ ſich bey ſeinem Schwager haͤuslich nieder, heirathete die Tochter eines benachbarten Guts⸗ beſitzers, und widmete ſich der Landwirthſchaft mit Erfolg. Er entſagte allen ehrgeizigen Hof⸗ nungen, aber nicht der Liebe zum Vaterlande. Als daher der alte Koͤnigsſtamm im Gefolge ſiegreicher Heere auf den Thron zuruͤckgefuͤhrt wurde, kehrte er in ſeine Heimath zuruͤck und brachte einen Theil der vaͤterlichen Guͤter kaͤuf⸗ lich an ſich. Der Ermahnungen ſeines Vaters 62 100 iſt er eingedenk geblieben, und die mannich⸗ faltigſten Anreizungen alter Schickſals⸗ und Standesgenoſſen haben ihn nicht bewegen koͤn⸗ nen, einen Schritt zu thun, um die Anſpruͤche zu erneuern, welche die Zeit zerſtoͤrt hat und das neue Geſetz nicht beguͤnſtigt. * Conſtanze oder die Theilung von Polen. Wenige Tage nach dem denkwuͤrdigen vierten May, welcher der polniſchen Republik ein neues und beſſeres Daſeyn verhieß, hatte der junge Graf Faver M. eine Reiſe an die benachbar⸗ ten Hoͤfe angetreten. Nach der Weiſe der vor⸗ nehmen Jugend ſeines Landes, hatte er ſich in den Strudel der Vergnuͤgungen geſtuͤrzt, zu de⸗ ren Genuͤſſen ihn Reichthum und Jugend zu berechtigen ſchien, und da er ſich dabey wenig um ſein Vaterland bekuͤmmert hatte, war er hoͤchlich verwundert, bey der Ruͤckkehr eine dumpfe und tiefe Gaͤhrung zu finden, die der mit ſo großer Begeiſtrung angenommenen und beſchwornen Verfaſſung einen fruͤhzeitigen Un⸗ tergang drohte. Was hiebey den jungen Gra⸗ fen bekuͤmmerte, war weniger die uͤber dem Lande ſchwebende Gefahr, als die Zerruͤttung des geſellſchaftlichen Verkehrs der Hauptſtadt, die von Parteyungen zerriſſen, mehr Gelegen⸗ heit zu Zwiſt und Haͤndeln, als zur Entfaltung liebenswuͤrdiger Eigenſchaften bot. Er beklagte jetzt die Eile, mit der er ſeine Reiſe geendigt hatte, und ſah mismuthig in das politiſche Treiben, daß ihm um deſto mehr Verdruß machte, da er ſelbſt keine Partey ergriffen hatte. Sein Vater, dem Koͤnige durch perſoͤnliche Freundſchaft verbunden, hatte wie dieſer die neue Verfaſſung beſchworen, und war, wie die⸗ ſer, bald darauf durch die Einfluͤſterungen des Kronfeldherrn, ſeines Freundes, und anderer Haͤupter des Targowitſcher Bundes, wankend gemacht worden; doch hielt die alte Verbin⸗ dung, in der er mit einigen aufrichtigen Freun⸗ den der Verfaſſung ſtand, vornehmlich ſeine Achtung gegen Ignatz Potocki, eines weitlaͤufti⸗ gen Verwandten ſeines Hauſes, ihn noch von einem gaͤnzlichen Abfall zuruͤck. Wie er, ſo ſtand auch ſein Sohn zwiſchen beyden Par⸗ teyen; und beyde bemühten ſich um ihn; die Maͤnner, indem ſie ſeinem Ehrgeize, die Wei⸗ ber, indem ſie ſeiner Eitelkeit ſchmeichelten. Dieſer Wettſtreit war nicht ohne Reiz, und verſuͤßte einigermaßen die Langeweile, die ihm die politiſchen Umtriebe an ſich zu machen pfleg⸗ ten. Da er alſo keineswegs bemuͤht war, ihn zu endigen, ließ er jeder Partey die Hofnung des Siegs. Wirkliche Vortheile gewann keine uͤber ihn. Alles was ſie bewirkten, war, daß ſein Uebermuth wuchs und ſein Herz ſich er⸗ kaͤltete. Eine leichte Wunde, die der junge Graf in einem Zweykampfe von geringer Bedeutung da⸗ vongetragen, machte einen kurzen Stillſtand in ſeinen Eroberungen. Sein Vater glaubte die⸗ ſen Zeitpunkt benutzen zu muͤſſen. Zum Er⸗ ſtaunen der Welt und zur Beſtuͤrzung aller Wohlgeſinnten hatte ſich der Koͤnig dem Tar⸗ gowitſcher Bunde gaͤnzlich in die Arme gewor⸗ fen; der alte Graf aber hielt es auch jetzt noch fuͤr rathſamer, ſeinem bisherigen Syſtem treu zu bleiben, und ſeinen Entſchluß bis zu der großen Entſcheidung aufzuſchieben. Von ſeinem Sohne wuͤnſchte er das naͤmliche. Eine Heirath ſollte dieſen dem Gedraͤnge entziehn, das jetzt nicht mehr gefahrlos war, und ihn, wo moͤglich, auf der Stelle der Indifferenz feſt halten, die dem bejahrten Hofmanne die groͤßte Sicherheit zu gewaͤhren ſchien. Mehrere reiche 106 Erbinnen boten ſich der Wahl dar; aber ſeine Wuͤnſche hefteten ſich ausſchließend auf die junge Graͤfin Conſtanze, die als eine nahe Verwandte der Familie Potocki den beyden Haͤuptern der entgegengeſetzten Parteyen gleich nahe angehoͤrte. Ihrer Aeltern durch den Tod beraubt, beſaß ſie ein unabhaͤngiges Vermoͤgen, das mit Xa⸗ vers Reichthum vereinigt, auch gegen widrige Ereigniſſe Schutz gewaͤhrte. Der Ruf nannte ſie ſchoͤn. Ihre Reize aber entfalteten ſich in dem Schatten eines Kloſters, dem ſie ſeit dem Tode ihrer Mutter anvertraut worden, die in der Bluͤthe der Jugend und Schoͤnheit den Ruf der tugendhafteſten Frau mit ſich in's Grab Vorſchlage, der ſo viele Vortheile vereinigte, war nichts entgegenzuſetzen; am we⸗ nigſten der geheime Wunſch des jungen Gra⸗ fen, ſeine volle Freyheit noch einige Zeit genie⸗ ßen zu koͤnnen. Die Ausfuͤhrung folgte dem Entſchluſſe auf dem Fuße nach. Die Einwilli⸗ gung der Vormuͤnder wurde ohne Schwierig⸗ keit erhalten; und Taver hatte das Zimmer noch nicht verlaſſen, als ihm das Recht ertheilt 49 wurde, ſich ſelbſt um die Hand der jungen Graͤ⸗ fin zu bemuͤhn. Es iſt wahrſcheinlich, daß ſie dieſe Bemuͤhungen mit Wohlgefallen ſah. Ihr Herz war frey; denn der Eine Mann, den ſie in der Geſellſchaft ihrer Mutter, bey dem er⸗ ſten Austreten aus den Kinderjahren, ihrer Nei⸗ gung werth gefunden hatte, der edle Felix Zandlitz, hatte ſich ihren Blicken ſeit mehrern Jah⸗ ren entzogen; und wenn ja ſein Bild bisweilen im Traum an ihr voruͤberglitt, ſo dauerte doch die Erinnerung daran ſelten laͤnger als den naͤchſten Tag. Den Bewerbungen des ſchoͤnen und liebenswuͤrdigen Paver ſtand dieſer Schat⸗ ten eines Rebenbuhlers nicht im Weg. Con⸗ ſtanze war an Gehorſam gewoͤhnt, und ſelten war ihr der Gehorſam leichter geworden. Das fruͤhere Leben des Grafen war ihr unbekannt. Fremd mit der Welt, ohne Ahnung der Rat⸗ tern, die ſie unter ihren Roſen verbirgt, dem eignen Urtheil in ſtiller Demuth mistrauend, ergab ſie ſich unbedenklich der Entſcheidung ihrer Vormuͤnder, und nahm das, was ſie ihr Gluͤck nannten, mit Vertrauen und Dankbarkeit aus ihren Haͤnden an. —₰ 8 108 Mit dem ſchoͤnſten Geheimniß im Herzen er⸗ ſchien Xaver wieder in der Welt. Seine Abwe⸗ ſenheit und ihre bekannte Veranlaſſung hatte ihm in den Augen der Frauen ein neues Intereſſe gegeben. Seine Blicke ſchienen beredter als je, und die Blaͤſſe, welche die Krankheit auf ſeinen Wangen zuruͤckgelaſſen hatte, erlaubte die ſchmei⸗ chelhafteſte Ausdeutung. Mehr als je zudor ſchien er ihnen der groͤßten Opfer werth zu ſeyn. Als aber kurz darauf Conſtanze in die Welt trat, und Kaver ſie fuͤr ſeine Braut erklaͤrte, da traten die, welche ihm am meiſten entge⸗ gengekommen waren, verdrießlich zuruͤck, und die weniger Dreiſten wuͤnſchten ſich Gluͤck, ihre Wuͤnſche verborgen zu haben. Kaver ſah jetzt nur ſeine Braut. Nur mit ihr und ihren Rei⸗ zen beſchaͤftigt, denen die ſittſame Schuͤchtern⸗ heit ihres Weſens eine unbeſchreibliche Anmuth gab, brachte er ihr alle Hofnungen zum Opfer, die ihm aus den ſchoͤnſten Augen entgegenſtrahl⸗ ten, und ſchien das Laͤcheln nicht zu bemerken, mit dem ſeine maͤnnlichen Bekannten und ihre Freundinnen dieſes Vergeſſen ſeiner ſelbſt, dieſe 109 unbegreifliche Schwaͤrmerey eines Mannes von Welt und Anſpruͤchen beſpoͤttelten. Bis jetzt nur begehrt, ſah er ſich zum er⸗ ſtenmale geliebt. Doch war das, was er fuͤhlte, eigentlich nur eine eitle Freude uͤber ſein Gluͤck, das ihm eben aus der Misgunſt ſeiner Umgebungen recht hell entgegenſtrahlte. Tiefes, ſtilles Gefuͤhl war ſeine Sache nicht, ſondern er fuhr in ſeinem Myrthen⸗ kranze einher, wie ein Triumphator, der ſich der ſtaunenden Zuſchauer erfreut, und der ge⸗ feſſelten Kriegsgefangenen, und der Bilder von eroberten Staͤdten, und aller der Beute, die er andern entriſſen hat. Doch mochte er glau⸗ ben, daß dieſes Liebe ſey. In dem Kreiſe, in welchem er aufgewachſen war und ſeine erſten Erfahrungen geſammelt hatte, war dieſer Jrr⸗ thum einheimiſch; und immer war das, was er jetzt fuͤhlte, ein Schritt zu wirklicher Liebe. Der Kulminationspunkt dieſes Gefuͤhls war die Stunde der Trauung. Der Schwarm der Neugierigen, die herzugeſtroͤmt waren, das ſchoͤne Paar zu ſehen, theilte ſich ihnen; aber indem ſie durch den beengten Raum ſchritten, 110 konnte ihnen das freudige Murmeln des Bey⸗ falls nicht unbemerkt bleiben, das ſich in leiſern und lautern Worten aus der zudringenden Menge ergoß. Wi Pavers Herz huͤpfte vor Freude, und ſtolz und frey ſah er von ſeiner Hoͤhe auf das Ge⸗ draͤnge der Bewundernden. Conſtanze aber ging an der Hand des Erwaͤhlten, ohne aufzuſehn, mit hoch erroͤthenden Wangen und geſenkten Wimpern. Gluͤcklich durch ihr eignes Herz und ſeine ſchmeichelnden Hofnungen, mehr als durch das, was ihr Pavers Selbſtſucht bieten konnte, zugleich aber beunruhigt durch die Furcht vor allzugroßem Gluͤck, bat ſie Gott um nichts als um Demuth, und jede Miene des geſenkten Angeſichtes gab die Erhoͤrung ihres Gebetes kund. So wandeln ungeſehn Engel auf Erden, ihre eigne Herrlichkeit in ſtiller Anbetung ver⸗ geſſend, und wo ſie wandeln, gluͤhen die Her⸗ zen von Andacht und Seligkeit, und fuͤhlen ſich dem Himmel naͤher, wenn die Palmen des Him⸗ mels an ihnen voruͤberwehn. Und als ſie an den Stufen des Altars auf ihre Knie ſank, und der jungfraͤuliche Myrthen⸗ 4 111 kranz, durch ein Diadem von Juwelen gefloch⸗ ten, ihre braunen Locken wie eine Strahlenkrone umflammte, und das lange weiße Gewand ſie umwallte, da war in der ganzen Verſammlung Niemand, dem ſie nicht wie ein anbetender Seraph erſchien. Auf die Worte des Prieſters hoͤrte keiner; das leiſe Fa von den purpurnen Lippen der Braut zu ve erlehmen, waren Alle geſpannt. Und da es ſich nun aus dem beklom⸗ menen Buſen draͤngte, und der leiſe Widerhall durch die tiefe Stille der lauſchenden Menge ging, da riß ploͤtzlich eine Schnur um den blen⸗ denden Nacken, und die Perlen rieſelten wie Thraͤnen auf die emporgehobenen Haͤnde. Moͤge Gott Ungluͤck verhuͤten, dachte ſie, und wenn es nicht abgewender werden Launde moͤge es nur auf mich fallen! G Die Ringe waren jetzt gewechſelt, der Se⸗ gen geſprochen, die Gluͤckwuͤnſche der Zeugen angenommen; da traf der erſte ſchuͤchterne Blick, den Conſtanze auf den neuen Gemahl warf, auch auf die ſchoͤne, aber blaſſe Geſtalt eines Mannes in Uniform, der mit ſeinem Haupte uͤber die naͤchſte Menge emporragte. Die aus⸗ 112 drucksvollen Zuͤge ſeines Geſichtes, und eine tiefe Narbe auf der Stirn, die ihn mehr ſchmuͤckte als entſtellte, rief ihr augenblicklich die alten Traͤume und die Erinnerungen ſruͤhe⸗ rer Jahre zuruͤck. Ihr Herz ſchlug unruhig, und als ob ſie gefuͤrchtet haͤtte, jenen Erinnerun⸗ gen Raum zu geben, heftete ſie ihre Blicke auf die Erde, und wagte nicht eher aufzuſchauen, bis ſich nach der Ruͤckkehr in ihr Gemach der begluͤckte Faver in ihre Arme warf. Die naͤchſten Wochen vergingen unter man⸗ nichfaltigen Feſten, deren Glanz und Wechſel oft mit einem Scheine des Genuſſes taͤuſchte, und ſelbſt den Zwieſpalt der entgegengeſetzten Partheyen, die ſich oft dabey zuſammenfanden, in Vergeſſenheit brachte. Dieſe Zeit verlaͤngerte den Triumph des Grafen, welcher kein Gluͤck zu kennen ſchien, als vor den Augen der Welt die Abgoͤtterey zu rechtfertigen, die er mit ſeiner Gemahlin trieb, und den Neid herauszufor⸗ dern. Aber mitten in dieſen Zaubergaͤrten der Eitelkeit trank Conſtanze nicht aus ihrem be⸗ rauſchenden Kelch. Beſcheiden, wie in dem Schatten des Kloſters, folgte ſie ihrem Gemahle 8 113 zu den Feſten, die er mit ſo großem Entzuͤcken genoß; und ſo neu ſie in der Welt war, ſo fuͤhlte ſie doch nur zu ſehr, daß das Gluͤck der Liebe ihres Zeugniſſes nicht bedarf. Konnte es ihr entgehen, daß dieſes Zeugniß mehr einem er⸗ zwungenen Tribute, als einer freyen Huldigung glich? oder konnte ſie ſich verbergen, daß der Zuſammenklang liebender Herzen, nach dem ſie ſich ſehnte, in dem Geraͤuſche der Welt nicht vernommen werden konnte ſchon in ſeinem Entſtehen erſtickt wurde? Die Geſinnungen des Grafen wichen hierin weit von den ihrigen ab. Er war ſogar nicht zufrieden damit, daß ſie zu Hauſe und unter vier Augen ſo geiſtreich, in den Kreiſen der gro⸗ ßen Welt aber ſo einfach im Ausdruck, ſo zuruͤck⸗ haltend in den Geſinnungen, und mit Worten ſo karg war. Das Gegentheil waͤre ihm lieber geweſen. Ihm ſelbſt war ja unter vier Augen ein anziehendes Geſpraͤch gar nicht abzugewin⸗ nen. Er brauchte dazu, wie zu einem Teſta⸗ mente, wenigſtens drey Zeugen, und ohne das Strohfeuer des Beyfalls konnte ſich ſein Geiſt II. H 2 114 nicht wohl in der Hoͤhe halten, zu der er ſich in einem großen Bre ſo leicht erhob. Waͤhrend ſich aber ein Theil der guten Ge⸗ ſellſchaft der Hauptſtadt mit erkuͤnſtelten Ver⸗ gnuͤgungen taͤuſchte, bebte der Boden des Lan⸗ des immer fuͤhlbarer, und der Ausbruch des lang gefuͤrchteten, aber von den Einen abgeleug⸗ neten, von den Andern verdeckten Unheils drohte immer naͤher ttiger. Die dumpfe Ver⸗ zweiflung nahm and, und viele, die bis⸗ her am lauteſten Rettung verheißen hatten, hullten ſich jetzt in ein bedenkliches Schweigen ein. Wer der Hofnung noch faͤhig war, folgte dem Koͤnige nach Grodno, um entweder aus eem Schiffbruche des Vaterlandes ein Bret fiuͤr ſich zu retten, oder aus Reugierde, um im der Naͤhe der großen Ereigniſſe zu ſeyn. Um dieſe Zeit ſtarb der Vater des Grafen; und da dieſer, ſeiner Feſtigkeit mistrauend, nicht fuͤr gut fand, den Uebrigen zu folgen, ließ er ſich leicht von Conſtanzen bewegen, die Entſcheidung des Kampfes auf dem Lande abzuwarten. Hier hofte ſie ſeiner erſt froh zu werden, und wenn 115 es ihr nur gelaͤnge, ſein misgeleitetes Herz fuͤr die rechte Liebe zu gewinnen, ſo zweifelte ſie gar nicht, Geſinnungen in ihm erwachen zu ſehn, wie ſie der großen Zeit, des bedraͤngten Landes und ſeiner edelſten Soͤhne wuͤrdig waren. Das Schloß des Grafen lag in einer anmu⸗ thigen Gegend, von Waͤldern und Gaͤrten umge⸗ ben, denen man aber die lange Abweſenheit eines Herrn nur allzuſehr anſah. Alles war verwil⸗ dert, die Gaͤnge verwachſen, die Teiche verſumpft; Unkraut und Dornen wucherten uͤberall. Die ſchoͤnſten Anlagen waren faſt unkenntlich. Der Graͤfin war dies nicht eben unlieb. Sie erbickte hier einen Gegenſtand angenehmer Beſchaͤfti⸗ gung, und erbat ſich ſogleich die Erlaubniß, die Ordnung herzuſtellen und die alten Anlagen durch einige Veraͤnderungen zu vervollkomm⸗ nen. Das Werk wurde raſch angegriffen, und da Alles ſchneller ging, als man erwartet hatte, wurde auch der Graf fuͤr die Sache gewonnen, und nahm Antheil an ihr. In ſeiner Naͤhe, ſagte Conſtanze, ginge Alles weit beſſer von Statten, und das, was am beſten gelaͤnge, waͤren eben ſeine Gedanken, die er ihr unver⸗ H 2 116 merkt eingaͤbe, oder die an ſeiner Seite, aber nur an ſeiner Seite, in ihr erwachten. Durch dieſe unſchuldige Beguͤnſtigung ſeiner Eitelkeit gelang es ihr einige Zeit, die ſich zudraͤngende Sehnſucht nach dem Fegfeuer der Welt, das der Getaͤuſchte fuͤr das Paradies hielt, abzu⸗ wehren. Nie war ſie liebenswuͤrdiger, nie zu⸗ vorkommender, nie geiſtreicher geweſen, ſo daß ſich Paver wohl bisweilen ſelbſt die verſtohle— nen Blicke vorwarf, die er nach den Aleina⸗ Gaͤrten der Welt, nach ihren Sphynpen und Syrenen und jenen Kindern der Pyrrha aus⸗ ſchickte, denen von ihrem Urſprunge her der Stein im Herzen geblieben iſt. Ungluͤcklicherweiſe war die Liebe zu dieſen werth⸗ und weſenloſen Idolen allzutief in ſeiner Bruſt gewurzelt, als daß ſie den Beſtrebungen ſeiner Frau ſo leicht haͤtte weichen koͤnnen, und wir muͤſſen mit Be⸗ dauern eingeſtehn, daß je mehr ſich der Park ſeiner Vollendung naͤherte, deſto einſamer dem Grafen dieſes Landleben vorkam, in welchem a— ſo beredete er ſich— die Reize und die Liebenswuͤrdigkeit ſeiner Frau ſo gut als ver⸗ ohren waͤre. Ein Theil des Sommers war indeß vergan⸗ gen, und der Junius neigte ſich zu Ende, als der Graf eines Morgens auf eine Anhoͤhe ritt, von der ſich die Ausſicht in eine weite Ferne nach der Gegend der Hauptſtadt eroͤfnet. Indem er hier mit ſeinem Pferde haͤlt, und ſeine Blicke auf die Heerſtraße fallen, die in mannichfaltigen Ver⸗ ſchlingungen die niedrigen Huͤgel der Gegend um⸗ kreiſt, oder mit ihnen auf- und abwaͤrts ſteigt, erblickt er einige Reiter, die ſich uͤber den Schei⸗ tel der gegenuͤberliegenden Anhoͤhe erheben, dann ſtill halten, und andre ihnen folgende zu erwar— ten ſcheinen. Einige Augenblicke nachher ſteigt leichten Sprungs ein ſchneeweißer Zelter herauf, der ſtolz auf ſeine ſchoͤne Buͤrde feurig in die Morgenluft ſchnaubt. Mit leichter Hand hemmt die Dame, die er traͤgt, die Spruͤnge des edlen Roſſes, indem ſie ſich zu einem ihrer Begleiter wendet, welcher nach der Gegend hindeutet, wo Paver unter den Baͤumen haͤlt. Ihre ſchlanke Geſtalt zeichnete ſich an dem reinen Azur des Himmels, an welchem die weißen Federn ihres Hutes wie leichte Flocken ſchwammen, waͤhrend an ihren Wangen herab blonde Locken in rei⸗ cher Fuͤlle auf das blaue Amazonenkleid floſſen, das ſich knapp an die ſchmalen Schultern ſchmiegte, und den vollen Buſen zugleich ver⸗ huͤllte und zeigte. Zu ihr geſellte ſich unmit⸗ telbar darauf auf einem braunen Pferde eine andre Dame in rother Tracht, die nach einigen gewechſelten Reden ſich ſogleich wieder in Be⸗ wegung ſetzte, und in der Geſellſchaft der Uebri⸗ gen den Weg nach der Stelle nahm, auf wel⸗ cher Faver bisher gehalten hatte. Dieſer aber erwartete ihre Ankunft nicht, ſondern regte ſein Pferd an, und ritt den Huͤge el hinab, der Geſellſchaft entgegen. Von dieſer ſonderten ſich ſogleich, als ſie ihn bemerkten, zwey Maͤnner ab, und ſprengten ihm entgegen, indem ſie ihn als einen Bekannten begruͤßten, und zugleich zu erkennen gaben, daß ſie ſeine Gaſtfreyheit in Anſpruch naͤhmen.„Wir ſind,“ ſagte der Eine, welcher der Gemahl der roth⸗ gekleideten Dame war,„auf dem Wege nach Leskowo, meinem Landgute, und da unſre ſchoͤne Begleiterin, die Fuͤrſtin Julie Cze.. kow in Ihrer Gemahlin eine werthe Jugendfreundin zu begruͤ⸗ ßen wuͤnſchte, ſo haben wir einen Umweg gemacht, um bey Ihrem Schloſſe vorbeyzukommen, und uns nach Ihrem Befinden zu erkundigen.“ Der Graf erwiederte dieſen Gruß des Ober⸗ ſten Lesko— denn dieſes war der Redende— mit den hoͤflichſten Worten, und verſicherte ihn und ſeinen Begleiter, den Prinzen Joſeph P., wie ſehr gluͤcklich er ſich ſchaͤtze, die Einſamkeit ſeines Landlebens durch ſo angenehmen Beſuch unter⸗ brochen zu ſehn. Unter dieſen Reden waren ſie mit den Damen zuſammengetroffen; aber in dem Augenblicke, wo der Graf den Mund ofnete, um auch dieſe zu begruͤßen, wurde das Pferd der Fuͤrſtin ſcheu, baͤumte ſich, und warf, nach einigen lebhaften Spruͤngen, die Fuͤrſtin ab. Sie wuͤrde auf den harten Boden gefallen ſeyn, haͤtte nicht der Graf mit einer Hand die Zuͤgel des brauſenden Roſſes ergriffen, und mit dem andern Arme die Herabfallende aufgefangen. Er hielt ſie einen Augenblick an ſich gedruͤckt, waͤhrend ihre Begleiter von den Pferden ſprangen, die Einen, um ſie auf die Erde herabzuheben und auf ihre Fuͤße zu ſtellen, die Andern um ihr Pferd zu beruhigen. Sie ſelbſt ſchien durch dieſen. Zufall weniger erſchreckt als beluſtigt zu ſeyn, 120 o wie ihn auch Frau von Lesko, nach dem erſten Schrecken, luſtig genug fand, um in lautes Lachen daruͤber auszubrechen.„Wenn wir einmal die Amazonen ſpielen wollen,“ ſagte ſie,„ſo duͤrfen uns ſolche Ereigniſſe nicht aus der Faſſung bringen. Es muͤßte ſchlimm ſeyn, wenn uns der Himmel nicht immer zur rechten Zeit einen entſchloſſenen Ritter zuſchickte. Aber jetzt, Prinz, helfen Sie mir herab; denn ich denke wir thun Alle beſſer, den Reſt des We⸗ ges zu Fuße zu machen.“ Nachdem der Graf fuͤr ſeine ritterliche Huͤlfe aus dem ſchoͤnſten Munde den freundlichſten Dank empfangen hatte, fand er ſich bald in ein ununterbrochenes Geſpraͤch mit der Fuͤrſtin verwickelt. Sie war erſt kuͤrzlich von einer Reiſe zuruͤckgekehrt, auf der ſie mit einigen Bekannten des Grafen in Verbindung gekom⸗ men war; ein Umſtand, der leicht den Anfang eines Geſpraͤches macht, das dann von Welt⸗ leuten ohne Muͤhe fortgewebt wird. Die Fuͤr⸗ ſtin war geiſtreich und beredt, und waͤhrend des kurzen Weges ſtellte ſie eine ganze Gallerie 421. von Bildniſſen auf, jedes mit einem witzi⸗ gen Epigramme geſchmuͤckt, zwiſchen die ſie ſo viele verbindliche Wendungen zu flechten wußte, daß die eitle Pſyche des Grafen eine Falte ihrer Schwingen nach der andern ausbreitete, und ehe er noch ſeinen Park erreicht hatte, recht luſtig mit unten Fluͤgelpaare ſchlug. Conſtanze ſaß indeß in einer Roſenlaube, die ſich mit ihren Bluͤthen und Knoſpen wie ein Kranz um ſie herzog, und pruͤfte ſpielend die Liebe ihres Gemahls an der Krone einer Todtenblume. Sie hatte eben das vorletzte Blatt ausgeriſſen, das ein wenig ſprach, und war im Begriff, das letzte mit ſeinem traurigen gar nicht auszuziehn, als der Graf in den langen Schattengang trat, welcher nach der Laube fuͤhrte, und eben beym Eintreten die ſchoͤne Hand ſeiner Begleiterin fallen ließ, die er an ſeine Lippen gedruͤckt hatte. Conſtanze warf die abgeleerte Blume zur Erde, und eilte ihrem Gemahle entgegen, an den ſich in dem⸗ ſelben Augenblicke auch der Reſt der Geſell⸗ ſchaft anſchloß. 1. „Ich habe,“ ſagte der Graf, nachdem er ſich ſeiner Gemahlin genaͤhert hatte,„das un⸗ ausſprechliche Vergnuͤgen, meiner theuern Con⸗ ſtanze eine Freundin zuzufuͤhren, welche die Guͤte haben will, unſre Einſamkeit durch ihre Geſellſchaft zu verſchoͤnern;“ und noch hatte er dieſe Worte nicht ausgeſt en, als die Fuͤr⸗ ſtin Conſtanzen in die Arme nahm.„Wie gluͤcklich macht es mich,“ ſagte ſie,„meine geliebte Freundin nach ſo langer Zeit an meine Bruſt zu druͤcken, und Zeugin des Gluͤcks zu ſeyn, das ſie ohne Zweifel an der Seite eines ſolchen Gemahls genießt.“ Die junge Graͤfin erwiederte dieſe hegeiſterte Anrede nicht mit gleicher Lebhaftigkeit, aber mit dem Anſtande einer Frau von Welt. Auch der Oberſte ſtellte jetzt ſeine Gemahlin vor, die ſich auf den Arm des Prinzen ſtuͤtzte, und ihre Blicke faſt mit mehr Reugierde auf Conſtan⸗ zens Geſtalt heftete, als zarte Sitte erlauben duͤrfte. Und als dieſe die Augen niederſchlug, ſah Frau von Lesko laͤchelnd an dem Prinzen hinauf, der, zum Zeichen, daß er ihre Meinung verſtanden, ihren Arm leiſe druͤckte.„Sie iſt 123 ſchoͤner, als ich geglaubt hatte,“ ſagte ſie hierauf, als ſich Conſtanze an dem Arme des Oberſten etwas entfernt hatte;„panzern Sie Ihr Herz; Sie ſtehen auf einem gefaͤhrlichen Poſten.“— „Ich bin durch einen Talismann geſchuͤtzt,“ antwortete der Prinz,„der jedem Zauber wi⸗ derſteht, waͤhrend er ſelbſt alles bezaubert.“— Run wir wollen ſehn, erwiederte Frau von Lesko: ich habe wenigſtens meine Pflicht ge⸗ than; und Sie koͤnnen darauf rechnen, ſetzte ſie ſchalkhaft hinzu, daß ich Sie beobachten werde. Beſuche der Art, wie dieſer war, ſind in keinem Lande gewoͤhnlicher, als in Polen. Der Adel, welcher den Sommer auf dem Lande zubringt, iſt faſt immer in Bewegung. Die Nachbarn bilden gleichſam eine Familie, die nur mit dem Aufenthalt wechſelt, um der Ein⸗ foͤrmigkeit und Langenweile zu entgehn, und ſich bald auf dieſem, bald auf jenem Schloſſe, bald mehr bald minder zahlreich verſammelt. So konnte denn auch dieſer Beſuch nicht auffal⸗ lend ſeyn. Aber doch lag ihm mehr zum Grunde, als ſcheinen ſollte, und die Aeußerungen der Fuͤrſtin bezeichnete. 124 Die Fuͤrſtin Julie, aus einem polniſchen Geſchlecht, aber ſeit einigen Jahren mit dem ruſſiſchen Fuͤrſten Ezec... ow vermaͤhlt, war bis zu ihrem Eintritte in die Welt in Einem Klo⸗ ſter mit Conſtanzen erzogen worden. Unter den zahlreichen Koſtfraͤulein zogen dieſe beyden die Augen am meiſten auf ſich, und wenn ſich ſchon Einige mehr fuͤr Dieſe, Andre mehr fuͤr Jene erklaͤrten, ſo war doch Niemand zweifelhaft, daß bey einem Wettſtreite der Schoͤnheit ei⸗ nen von beyden der Preis zufallen muͤßte. Aber wie ſie an Geſtalt und Farbe verſchieden waren, ſo auch im Innern. Juliens blonde Farbe verhieß ein ſanftes Gemuͤth, ſo wie ihre Bewegung ein bequemes Hingeben erwarten ließ. Wenn ſie aber die ſchmalen Purpurlip⸗ pen oͤfnete, ſo ergoß ſich ihre Rede mit einer Lebendigkeit, ihre Urtheile waren ſo ſcharf, ihre Bemerkungen ſo witzig und oft ſo beißend, daß man ſie haͤtte fuͤrchten muͤſſen, haͤtte ſie nicht verſtanden, dieſe Furcht, ſo oft ſie wollte, durch liebkoſende Schmeicheley zu bannen. Und ob ſie gleich in keinem Talente Conſtanzen uͤber⸗ traf, ſo ſchien ſie doch reicher begabt, weil ſie 84 — * 125 mit ihrem Wiſſen offnen Markt hielt, Conſtanze aber das ihrige wenig kund gab, gluͤcklicher in dem ſtillen Beſitz, als in der Bewunderung der Welt. Waͤhrend die Eine, dem Nautilus gleich, allen Glanz ihrer Farben im Sonnenſcheine zeigte, verbarg die Andre die koͤſtlichen Perlen, die ihr Inneres enthielt, und entzog, bey dem Lobpreiſen ihrer eiteln Erzieherinnen, gern ihr Erroͤthen und die Beweiſe ihrer Talente den Augen bewundernder Beſucher. Dieſe Beſcheidenheit ſchuͤtzte Conſtanzen nicht gegen den Neid ihrer Rebenbuhlerin; und da es nicht ſelten geſchah, daß Julien, wenn ihre Anſpruͤche allzu laut geworden, Conſtan⸗ zens Sittſamkeit zur Nachahmung empfohlen wurde, ſo wuchs der Neid bald in Widerwillen aus. Reich an Erfindungen von Kraͤnkungen, die, wie unbedeutend ſie auch an ſich ſind, doch durch oͤftere Wiederkehr ſelbſt ein duldſames Gemuͤth verwunden; an kleinen kecken Luͤgen, die in dem engen Verkehr des Kloſterlebens Zwieſpalt und Haß gebaͤhren; unendlich ge⸗ ſchickt, Faͤden, welche einfach neben einander laufen, zu verwirren, ohne daß ihre Hand da⸗ 426 1 bey zum Vorſchein kam, und wo irgend ein Funke des Verdruſſes lag, ihn unter dem Scheine gutmuͤthiger Theilnahme anzufachen; alle dieſe Gaben machte ſie unabläſſig gegen Jedermann, aber gegen keine ihrer Geſpielin⸗ nen haͤufiger geltend, als gegen die ſtille, arg⸗ loſe, ſich ſtreng beherrſchende Conſtanze. Eben wie Wohlthaten den Geber oft mehr als den Empfaͤnger binden, und die Grosmuth ſpaͤter ſtill ſteht, als die Dankbarkeit, ſo pfle⸗ gen auch Beleidigungen mehr den, von wel⸗ chem ſie ausgehn, in ſeinem Haſſe zu befeſti⸗ gen, als die, deren Kraͤnkung ihr Ziel iſt. Conſtanze fuͤhlte ſich erleichtert, als Julie das Kloſter verließ; aber ſie dachte von nun an nur ſelten an ſie, und immer ohne Bitterkeit. Auch Julie haͤtte vielleicht in dem Ringeltanze der großen Welt, die ſie nach ihrer Vermaͤh⸗ lung aufgenommen hatte, die Erinnerung an die alte Feindſeligkeit verlohren, waͤre ſie nicht durch die Sendung ihres Gemahls an die per⸗ ſiſche Graͤnze veranlaßt worden, ihren Ver⸗ wandten in Warſchau einen Beſuch zu machen. Als ſie ankam, hatte der Graf die Stadt ſchon verlaſſen. Sie hoͤrte ihn oft und mit Au eich⸗ nung nennen; und waͤhrend ſein beden cher Ruf ihre Eroberungsſucht reizte, fuͤhlte ſi Con⸗ ſtanzens Gluͤck, wie eine ihr zugefuͤgte B eidi⸗ gung.„Wer haͤtte ſich eingebildet,“ ſag Ei⸗ ner,„daß der Graf mit ſeinem gepruͤften Her⸗ zen unter die Herrſchaft ſeiner Frau kom me wuͤrde?“—„Sie trinken jetzt aus dem Mieere der Liebe,“ ſagte ein Andrer.—„Und dem Sprichwort zuwider,“ ſetzte ein Dritter hin⸗ zu,„werden ſie auf dieſe Weiſe bald den Bo⸗ den des Meeres ſehn.“. Dieſe Bemerkungen warfen den Saatnen des Boͤſen in das Herz der Fuͤrſtin, wo es einen ganz bereiteten Boden fand.„Wie waͤr“ es,“ ſagte ſie eines Tages,„wenn wir die ſes girrende Paar uͤberraſchten, um durch den An⸗ blick ſeiner fabelhaften Zaͤrtlichkeit unſern ſchwa⸗ chen Glauben zu ſtaͤrken? Das Leben hier wird von Tag zu Tage einfoͤrmiger, die Geſichter im⸗ mer laͤnger, das Geſpraͤch immer einſylbiger. Was bindet uns hier? Sie, Oberſt Lesko, wol⸗ len ohnehin auf das Land; ich begleite Sie. Das Neſt der Girrenden liegt, wie ich hoͤre, 128 nicht weit vom Wege ab. Die Graͤfin kenne ich, und ihren Mann wuͤnſche ich kennen zu lernerr. Es waͤre ſonderbar, wenn er einen Beſuch von uns nicht mit Dankbarkeit auf⸗ naͤhm e. Der Prinz hier geht ohne Zweifel auch mit und beſchaͤftigt die junge Frau, waͤhrend wir, liebe Sophie, uns des Mannes bemaͤchtigen. Das wird uns beſſer unterhalten, als die ein— ſchlaͤßernden Berichte vom Reichstage, die laͤngſt ein Ende haͤtten nehmen ſollen.“ Die ganze Geſellſchaft fand dieſen Vor⸗ ſchlag nach ihrem Geſchmack. Dem Oberſten ſchmeichelte die Begleitung der Fuͤrſtin, und der Prinz dankte ihr im Stillen fuͤr den Plan, der das geheime Einverſtaͤndniß, das er ſeit einigen Tagen mit Frau von Lesko unterhielt, ſo gluͤcklich verſchleyerte. Nebenbey war es Allen erwuͤnſcht, die Ergebniſſe des Reichstages lieber fern von der Hauptſtadt zu erwarten, wo die Zuruͤckgebliebenen von einer Partey mit Mistrauen, von der andern mit entſchiedener Abneigung betrachtet wurden. Wenige Tage waren nach Abfaſſung jenes Entſchluſſes verfloſſen, als ſich der Corſaren⸗ 6 bund auf den Weg machte, und unter der Flagge der Freundſchaft in den Hafen einlief, den er zu zerſtoͤren Willens war. Der Graf zog ſeiner Seits alle Freudenwimpel auf, und dachte auf nichts, als wie er die geſchickt ma⸗ noͤvrirende Armade recht ehren, und den Fein⸗ den ſeiner Ruhe recht viele Freude machen moͤchte. Auch Conſtanze that, was ſie ver⸗ mochte, aus Liebe zu ihm. Aber immer war es ihr, als hoͤrte ſie, durch das Glockenſpiel geiſtreicher Geſpraͤche und ſchmeichelnder Re⸗ den hindurch, in der Kiefe ihrer Bruſt eine liſpelnde Stimme, die ihr das traurige„ein wenig! gar nicht!“ wiederholte; und in der Nacht traͤumte ihr, ſie laͤſe die Perlen zuſam⸗ men, die ihr bey der Trauung entfallen waren. Leider kam die Sache noch ſchneller in Gang, als die Eitelkeit der Fuͤrſtin erwartet hatte. Dieſe ſchlang die Polypenarme ihrer Eroberungsluſt ſo feſt um den Grafen, wie er die ſeinigen bey'm Fall vom Pferde um ſie geſchlungen hatte, nur auf laͤngere Zeit und mit ſchlimmern Abſichten. Kaum haͤtt' er ihr entfliehen koͤnnen, wenn er auch gewollt haͤtte; II. J 130 aber er wollte nicht. Juliens Glanz hatte ihn geblendet, und die ſchlauen Kuͤnſte, die ſie von dem erſten Zuſammentreffen an mit ihm trieb, hatte das ganze Pandaͤmonium der verkehrten Neigungen in ihm aufgeregt, das einige Zeit hindurch von Conſtanzens Liebe beherrſcht wor⸗ den war. Der Liebe ſeiner Gemahlin war er gewiß; die der Fuͤrſtin war erſt zu gewinnen; und Leute von Pavers Art ſind den Jaͤgern gleich, denen der Sieg alles, die Beute des Siegs nichts iſt. Wir wollen nicht ſagen, daß er ſeine Gemahlin augenblicklich vergeſſen habe; davon war er weit entfernt. Er mochte aber glauben, dem langen Epos ſeiner Liebe zu ihr ohne Schaden des Ganzen eine kuͤrzere Epiſode einweben zu koͤnnen; oder er mochte nur an die Befriedigung ſeiner Eitelkeit denken, ohne den Schmerz zu berechnen, den dieſe einem andern Herzen koſten wuͤrde; oder er mochte, was das Wahrſcheinlichſte iſt, ohne irgend et⸗ was beſtimmtes zu denken, blindlings dem Zuge der Neigung zu Veraͤnderung folgen; ſo diel iſt gewiß, daß eine Woche hinreichte, um den heitern Himmel des beneideten Paares 131 mit Wolken zu truͤben, und drohende Gewitter zuſammen zu treiben. Am erſten und zwey⸗ ten Tage bewies der Graf, obgleich durch die Pflichten des Wirthes zerſtreut, ſeiner Gemah⸗ lin die vorige Zaͤrtlichkeit; am folgenden die hoͤflichſte Aufmerkſamkeit; am vierten gewoͤhn⸗ liche Hoͤflichkeit; in den naͤchſten Tagen ließ ſich Kaͤlte und Entfernung ſpuͤren, und am ſie⸗ benten konnte man kaum noch zweifeln, daß Erklaͤrungen Statt gefunden, durch die man ſich nicht genaͤhert haben moͤchte. Die Fuͤrſtin triumphirte. Was auch Con⸗ ſtanze thun mochte, das traurige Geheimniß den Augen ihrer Gaͤſte zu verhuͤllen, ſie war zu wenig in dem Maskenſpiele der Welt ge⸗ uͤbt, um Juliens ſcharfe Blicke zu taͤuſchen; und was haͤtte es ihr auch geholfen, ihre Rolle mit entſchiedener Meiſterſchaft zu ſpielen, da ſie von ihrem Mitſpieler ſo wenig unterſtuͤtzt wurde? Je muͤhſamer ſie aber die blutende Wunde verbarg, deſto mehr gefiel ſich die Fuͤrſtin in der Rolle der zaͤrtlichen Jugend⸗ freundin; ſo daß man haͤtte glauben ſollen, ſie ſey an dem veranſtalteten Uebel vollkommen 5 1 J 2 132 unſchuldig. Doch taͤuſchte ſie Niemanden, den Grafen ausgenommen, der, zu ſeiner groͤßten Beſtuͤrzung, die Hofnung des Siegs faſt noch ſchneller verwelken ſah, als ſie aufgebluͤht war. Julie war weit entfernt, ſich im Ernſt um ſeinen Beſitz zu kuͤmmern. Es war ihr genug an dem Unheile, das ſie ſtiftete; an Conſtanzens Demuͤthigung, und an dem Scheine unbeſchraͤnkter Herrſchaft uͤber Xaver. In dem Kampfe des Truges und der Eitelkeit, den beyde kaͤmpften, waren ihre Waffen zu un⸗ gleich. Denn waͤhrend Julie die ihrigen mit aller der Sicherheit fuͤhrte, die eine vollkom⸗ mene Freyheit des Willens verſtattet, verſtrickte ſich Faver immer mehr in eine Leidenſchaft, die ihn nicht gluͤcklich, Conſtanzen aber uͤber allen Ausdruck ungluͤcklich machte. So gut indeß auf dieſer Seite dem zer⸗ ſtoͤrenden Geiſte ſein Werk gelang, ſo wenig wollte es ihm auf der andern gelingen. Der Prinz that was er konnte, um die uͤbernom⸗ mene Rolle mit einigem Feuer zu ſpielen; aber wenn es ihm auch mehr Ernſt damit ge⸗ weſen waͤre, Conſtanze zeigte ſo wenig Nei⸗ . 133 gung zu einer Doppelſcene, daß er nie uͤber die Expoſition hinauskommen konnte. In den erſten Tagen hatte ſie ſeine Bemuͤhungen mit leichtem Scherze abgewehrt; aber als er fort⸗ fuhr, ſich um ihre Gunſt zu bewerben, hatte ſie ihm eine Kaͤlte entgegengeſetzt, die wenig von Verachtung verſchieden war. Wie es aber bisweilen geſchieht, daß der zum Spielwerk ge⸗ misbrauchte Pfeil verwundet, ſo fuͤhlte ſich auch der Prinz bey ſeinem eiteln Spiele zu⸗ weilen ſtaͤrker angezogen, als ſich mit ſeinen uͤbrigen Verhaͤltniſſen vertrug. Dies ging nicht ohne Verdruß fuͤr ihn ab. wie er ſich immer auf die getroffene Verabredung beru⸗ fen mochte, der ſcharfſichtigen Eiferſucht ſei⸗ ner aͤltern Freundin entging es nicht, daß er uͤber die Abrede hinausſchritt, und da einmal Betrug und Taͤuſchung ihr Werk hier trie⸗ ben, ſo uͤberredete ſie ſich, die Betrogene zu ſeyn. Waͤhrend ihm alſo auf der einen Seite ſeine Bemuͤhungen fehlſchlugen, mußte er von der andern alle die Vorwuͤrfe dulden, die nur 3 eine vollſtaͤndige Untreue haͤtte verdienen moͤgen. Eines Abends, als der groͤßere Theil der Geſellſchaft tief verſtimmt, von Furcht und Hof⸗ nung, Mismuth und Eiferſucht gefoltert, den Schein der Heiterkeit nur mit Muͤhe behaup⸗ tete, und, außer dem Oberſten, der ſich gleich⸗ guͤltig unter den Uebrigen bewegte, eigentlich nur die Fuͤrſtin mit ſich ſelbſt und dem Fort⸗ gange ihrer unheilbringenden Bemuͤhungen zu⸗ frieden war, warf dieſe den Vorſchlag hin, das Schaͤferdrama des Landlebens durch Veraͤnde⸗ rung der Seene anzufriſchen.„Ich war im Begriff, dieſen Vorſchlag zu thun, ſagte der Oberſte; ein deingendes Geſchaͤft ruft mich nach Leskowo, und es iſt Zeit, daß wir unſern zu⸗ vorkommenden Wirth und ſeine ſchoͤne Gemah⸗ lin von ihrer Einquartirung befreyen. Doch hoffe ich, daß wir uns darum nicht trennen werden. Unſere guͤtigen Wirthe begleiten uns, und ſetzen dieſes heitere Leben noch einige Zeit mit uns fort. Einige meiner Rachbarn wer⸗ den unſern Kreis erweitern, und dieſen ſchoͤnen Damen neue Unterhaltung gewaͤhren. Wir Maͤnner finden dort gute Jagd, und jeden Abend eine Bank, bey der man die Grillen — am leichteſten vergißt. Fuͤr andern Zeitvertreib werden die Frauen ſorgen.“ „Wenn Sie meine Bewirthung nicht laͤn⸗ ger annehmen wollen,“ erwiederte der Graf, „ſo muͤſſen wir wohl Ihrer Einladung Folge leiſten, und unſern liebenswuͤrdigen Gaͤſten nachziehn. Meine Frau wird der naͤmlichen MMeinumg ſeyn.“ Ueberraſcht durch einen Vorſchlag, der cine Fortſezung ihrer Qualen enthielt, antwortete Conſtanze: Ich fuͤrchte zu dieſer Reiſe nicht wohl genug zu ſeyn.— Und in der That war ſie waͤhrend dieſes Geſpraͤches ſo blaß gewor⸗ den, daß ihr Vorgeben Wahrheit ſcheinen konnte. 1 Der Graf ſah ſie mit finſtern wendend,„was fehlt J— In der That, Sie ſehen uͤbel aus. Ihre Stirn iſt heiß. Lie⸗ ber Prinz, Sie verſtehen ſich ja ein wenig auf Arzneykunſt. Fuͤhlen Sie doch unſrer lieben Kranken an den Puls.— Reichen Sie ihm den Arm, Liebe.— Nein, Sie koͤnnen nicht reiſen. Das Beſte iſt, daß Sie, Lesko, mit Ihrer Frau vorausgehn; ich bleibe hier, meine Freundin zu warten, ſo lange bis ſie im Stande iſt, Ihnen nachzufolgen. Damit es uns aber nicht an Unterhaltung fehlt, laͤßt es ſich der Prinz bey uns gefallen, der auch, bis zur An⸗ kunft eines andern Aaztes. alles Noͤthige ver⸗ ordnen kann.“ Conſtanze, durch dieſe boshaften Worte empoͤrt, die der gutmuͤthige Ton der Spre⸗ chenden noch mehr vergiftete, fuͤhlte eine gluͤ⸗ hende Roͤthe auf ihren Wangen, waͤhrend ſich ihre Bruſt von Kiefem Unwillen hob. Dem Grafen blieb dieſes Erroͤthen nicht unbemerkt. Er ſah darin ein Bekenntniß geheimer Schuld, und ſo viel er ſich auch ſelbſt zu verzeihen hatte, 6 egrimmte er doch bey dem Gedan⸗ ken, daß Conſtanze ſeiner Verzeihung beduͤr⸗ fen moͤchte. Nach einer kurzen Entſchuldigung verließ ſie das Zimmer, um ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen. Sie ſah die Naͤnke der Fuͤr⸗ ſtin und die Schwachheit ihres Gemahls, und es wurde ihr bald genug klar, daß, wenn ſie — 137 auch die Rolle der Kranken fortzuſpielen ver⸗ moͤchte, ihr Zuruͤckbleiben das Uebel leicht noch verſchlimmern koͤnnte. Auch das ſah ſie, daß, wenn ſie jetzt ihren Unwillen niederkaͤmpfte, neue Kraͤnkungen ihrer warteten. Sollte ſie Zeugin der Triumphe einer Nebenhuhlerin ſeyn? oder konnte ſie hoffen, durch ihre Gegenwart dieſen Sieg zu verzoͤgern? Sie ſtritt noch mit ſich ſelbſt, als der Graf in das Zimmer trat. „Wie geht es Ihnen?“ ſagte er bey'm Eintreten.„Ich glaubte, Sie haͤtten ſich nie⸗ dergelegt, um von Ihrem Uebelbefinden auszu⸗ ruhn. Aber Sie ſind noch nicht einmal ausge⸗ kleidet. Erwarten Sie Jemand?“ Er ſprach dieſe Frage haſtig und kaum hoͤr⸗ bar aus. Conſtanze beantwortete ſie nicht. „Ich habe mich zuruͤckgezogen,“ ſagte ſie,„um Gedanken nachzuhaͤngen, die nicht geeignet ſind, die Ruhe zu foͤrdern.“— Da dieſe Wendung einen Angriff befuͤrch⸗ ten ließ, fand der Graf fuͤr gut, dieſem zu⸗ vorzukommen.„Man muß Sie bewundern, 138 Graͤfin!“ ſagte er.„Ihre Krankheiten kom⸗ men und gehen, wie es Ihnen beliebt.“ Conſtanze erroͤthete. Der Vorwurf ihres Gemahls war nicht ohne Grund, und da ihr wahrhaftes Herz in dem Verhaͤltniſſe zu ihm jede Falſchheit verſchmaͤhte, war ſie ſchon im Begriff, ihn wegen ihres Vorgebens um Ver⸗ zeihung zu bitten, und ihm die Veranlaſſung dazu aufrichtig zu enthuͤllen. Aber noch ſuchte ſie nach der mildeſten Wendung, als er mit der Bitterkeit, die zu den Kriegsliſten der Maͤn⸗ ner gehoͤrt, wenn ſie im Bewußtſeyn ihres Un⸗ rechts den Krieg in das Gebiet des Gegners ſpielen wällen, ſagte: „Sie en ſich und mich urs duße Ko⸗ moͤdien laͤcherlich.“ „Mich vielleicht,“ erwiederte die Geäfin, „aber Sie durch meine Schuld ſicherlich nicht. Und was kann es mich kuͤmmern, chariih zu ſeyn, da ich ungluͤcklich bin?“ b Conſtanzens Herz war durch den Ton Uhren Mannes von neuem empoͤrt; doch draͤngte ſie den gerechten Stolz zuruͤck, und ſprach dieſe Worte mit dem mildeſten Tone aus. Zugleich erhob ſie — ſich von ihrem Sitze, um ſich ihrem Gemahle zu naͤhern. Sie wollte ſich an ſeine Bruſt werfen; ſie wollte von dem Gluͤcke ſprechen, das ſie in ihrer Zuruͤckgezogenheit genoſſen haͤt⸗ ten, und wie dieſes Gluͤck durch das Dazwi⸗ ſchentreten weniger Tage geſtoͤrt, erſchuͤttert, vielleicht auf immer gefaͤhrdet ſey. Eine verworrene Ahnung von ihrer Abſicht fuhr dem Grafen durch den Sinn. Das Be⸗ wußtſeyn ſeiner Schuld verhaͤrtete ſein Herz noch mehr. Er trat einige Schritte zuruͤck und frug mit noch groͤßerer Bitterkeit: „Wer macht Sie ungluͤcklich,/ wenn ich fra⸗ gen darf? Ihr Mann oder Ihr Liebhaber?“ Bey dieſer Frage trat auch die Graͤfin ei⸗ nen Schritt zuruͤck. Der Unwille hemmte die Worte, die ſchon aus der Tiefe ihres Herzens hervorquollen, und Faver ergriff das Verſtum⸗ men der tief Gekraͤnkten, als Bekenntniß der Schuld mit hartherziger Gier.. „Wer macht Sie ungluͤcklich? frage ich. Bin ich nicht nachſichtig, nicht gefaͤllig genug? Wann hab' ich je Ihr Thun, Ihre Worte be⸗ 140 lauert? Wann habe ich es je an Vertrauen mangeln laſſen? Wann?— Conſtanze ſchwieg noch immer. „Soll ich Sie bey der Hand nehmen,“ fuhr er mit niedriger Bosheit fort— wie denn die Menſchen nie kleiner ſind, als wenn ſie kraͤn⸗ ken wollen—„ſoll ich Sie dem Prinzen ge⸗ genuͤberſtellen und ſagen: Da nimm ihn hin, und freue Dich ſeiner Liebe? Wuͤrde Sie das gluͤcklich machen?“ „Ich verſtehe Sie nicht;“ ſagte die Graͤfin, und ihre Thraͤnen ſtroͤmten, ohne daß ſie es inne wurde, uͤber ihre Wangen.„In Wahrheit, Paver, ich begreife nichts in Deinen Worten, außer der Abſicht, mich zu kraͤnken.“ „Daß der Prinz Dich liebt; daß Du ihn liebſt; daß Ihr Euch zuſammen verſteht, und daß die Welt, die dieſes Einverſtaͤndniß ſieht, mich verlacht. Das iſt, was ich meine.“ Dieſe Worte gaben Conſtanzen ihre ganze Kraft zuruͤck.„Wenn Du das wirklich meinſt, erwiederte ſie mit trocknen Augen, ſo muß ich Dich ſchmerzlich beklagen; noch ſchmerzlicher, wenn Du es nur vorgibſt. Ich den Prinzen 141 lieben? Ich im Einverſtaͤndniſſe mit ihm ſeyn! und das glaubteſt Du? Das waͤrſt Du im Stande ernſtlich zu glauben, Paver?’“ —Sie ſah bey dieſen Worten ihren Anklaͤger mit feſten Blicken 2ä er ſchlug die Augen zu Deden und ſchwieg. „Fch ſollte den Pehnen lieben,“ fuhr ſie mit erhoͤhtem Selbſtgefuͤhl fort,„ihn, deſſen ganzes Weſen mich abſtoͤßt! Wenn je mein ungluͤckli⸗ ches Schickſal wollte, daß ich mich ſo weit verirrte, einen andern Mann zu lieben, als dem ich Treue geſchworen habe; oder ſollte mich Gott ſo tief ſinken laſſen, meines Eides und meiner Ehre zu vergeſſen, ſo rufe ich ihn und alle ſeine Heiligen zu Zeugen an, daß ich viel zu ſtolz bin, um mein Gefuͤhl ſcheu zu ver⸗ bergen, und auf geheimen Wegen Liebe zu ſtehlen. Ich hoffe zu Gott, daß er mich rein erhalten ſoll von ſo graͤßlicher Schuld; aber wenn je ihr Keim in meinem Herzen aufgehen ſollte, ſo will ich ihn ſelbſt aus meiner Bruſt ziehn, und in Deine Hand legen; Du ſollſt mein Verbrechen ſehn, und das aatbate Herz zer⸗ deückent 44 142 Nachdem ſie ſo geſprochen, verhuͤllte ſie ihr Geſicht; ihre Thraͤnen floſſen von Neuem, und mit erſtickter Stimme und emporgehobenen Haͤnden ſagte ſie: Ach, aver„daß es ſolcher Schwuͤre unter uns bedarl! Der Graf uͤberraſcht von der Zefügken und Waͤrde, mit der er ſeinen falſchen An⸗ griff zuruͤckgeſchlagen ſah, konnte in dieſem Au⸗ genblicke nicht umhin, ſich ſeiner edeln Frau gegenuͤber ſuͤndhaft und klein zu finden. Aber er hielt ſich bey dieſem Gefuͤhle nicht lange auf, das ſchnell der Zufriedenheit wich, die er bey einer Verſicherung fuͤhlte, in die er keinen Zweifel ſetzen konnte, und der Freude, ſeine eigne Schuld nicht erwaͤhnt zu hoͤren.„Wenn ich irrte,“ ſagte er, indem er die Hand ſeiner Gemahlin ergriff,„ſo verzeih. Eiferſucht iſt die Tochter der Liebe. Aber ich haͤtte wiſſen koͤn⸗ nen, wie leicht der Anſchein truͤgt. Laß uns Frieden machen, Conſtanze, und das Gluͤck un⸗ ſrer Ehe nicht durch eiteln Verdacht zerſtoͤren.“ Bey dieſen Worten zog er ſie in ſeine Aeme. Sie folgte ihm ohne Groll und weinte an ſeinem Herzen; aber Beruhigung fand ſie 143 nicht. Sie verſtand, was die letzten Worte ih⸗ res Gemahls ſagen wollten, und ſie fuͤhlte nur allzu gut, daß jetzt nicht der Augenblick war, wo ſie ſein Unrecht beruͤhren oder ihn mit Er⸗ folg warnen durfte. Nachdem ſie ſich aber wieder getrennt hatten, beſchloß ſie, was es ihr auch koſten moͤchte, der Pflicht jedes Opfer zu bringen. Der Kampf war ſchwer, aber ſie gewann den Sieg. Am folgenden Morgen er⸗ klaͤrte ſie ihrem Gemahl mit der Heiterkeit, welche die Siege der Pflicht begleitet und lohnt, daß ſie bereit ſey, ihm naͤch Leskowo zu fol⸗ gen. Die Schmerzen, die ſie erwarten durfte, achtete ſie nicht; denn ſie war uͤberzeugt, daß Favers ungluͤckliche Leidenſchaft, wenn durch irgend etwas, nur durch ihre Gegenwart be⸗ herrſcht werden koͤnnte. Waͤhrend dieſe Stuͤrme den kleinen um Fa⸗ ver verſammelten Kreis bewegten, nahte ſich das Schickſal der Republik immer mehr dem Rande des Abgrundes, in welchem ſie ihren Untergang ſinden ſollte. Die Hofnung, mit welcher der Targowitſcher Bund die Nation ſo 444 tange zu taͤuſchen gewußt hatte, durch die Gros⸗ muth ſeiner Beſchuͤtzerin andre feindſelige An⸗ griffe zuruͤckzuſchlagen, verlohr mit jedem Tage von ihrer Wahrſcheinlichkeit, und als das Trug⸗ bild allmaͤhlig ganz in Rebel zu zerfließen ſchien, fing man an, ſich auf den Wunſch zu beſchraͤn⸗ ken, daß wenigſtens der Reſt des bedraͤngten Landes unter dem Schiem der erhabenen Be⸗ ſchuͤtzerin des Bundes, wenn dieſe nur erſt be⸗ friedigt waͤre, Rettung und Sicherheit finden moͤchte. Von der Geſellſchaft des Oberſten wa⸗ ren die meiſten zu eng mit den Haͤuptern jenes Bundes vereinigt, um ſein unheilbringendes Streben zu misbilligen, und ſie hoͤrten nicht auf zu behaupten, es wuͤrde ſich Alles, zum Erſtau⸗ nen der Welt, ganz anders als man denkt, ge⸗ ſtalten, und das Gluͤck der Republik und das Anſehen des Koͤnigs auf einen feſtern Grund als je zuvor geſtellt werden. Niemand war eifriger als der Oberſte, ſich ſelbſt in der Taͤuſchung zu erhalten, in der er ſeine Beruhigung fand. Ein warmer und auf⸗ richtiger Freund ſeines Baterlandes, deſſen Un⸗ verletzbarkeit einer ſeiner Glaubensartikel war, wies er jeden Zweifel an einem gluͤcklichen Ausgange des Reichstags mit einer Lebhaftig⸗ keit zuruͤck, die bisweilen den Frieden der Ge⸗ ſellſchaft bedrohte. Der Prinz und die Fuͤr⸗ ſtin unterſtuͤtzten ihn dabey, doch mit geringer Aufrichtigkeit, und wenn man Thatſachen ge⸗ gen ſie anfuͤhrte, gaben ſie zu verſtehen, daß ſie Kenntniß von Geheimniſſen haͤtten, die, wenn ſie offenbar wuͤrden, alle jene Thatſa⸗ chen niederſchlagen muͤßten. Am unglaͤubigſten bewies ſich der Graf hierbey. Die Erinne⸗ rung an den gluͤcklichen Tag, an welchem ſich ſeit langer Zeit zum erſtenmale Koͤnig und Volk in der Beſtaͤtigung einer allen genuͤgen⸗ den Verfaſſung zuſammengefunden, hatte ihn nie ganz verlaſſen, und zog ihn uͤberall, wo er unabhaͤngig von Andern dachte und fuͤhlte, auf die Seite der Freyheit hin. Dieſes Gefuͤhl, das in dem Drange der Eitelkeit nur ſelten emporloderte, und durch die Politik ſeines Va⸗ ters immer gehemmt worden war, hatte in dem Umgange mit Conſtanzen Nahrung be⸗ kommen. Ohne ſich in die Tiefen der Staats⸗ kunſt zu ſenken, liebte Conſtanze ihr Vaterland I.. K mit der ganzen Fuͤlle ihres ſchoͤnen Herzens, und der begeiſternde Gedanke an ſeine Frey⸗ heit und Selbſtſtaͤndigkeit hatte durch ihre Ehr⸗ furcht gegen den Schoͤpfer der Verfaſſung, ih⸗ ren edlen Grosoheim, Leben und Koͤrper ge⸗ wonnen. Die Geſtalt dieſes Mannes, den ſie oft in dem Hauſe ihrer Mutter geſehn, und der ihr eine vaͤterliche Zaͤrtlichkeit bewieſen hatte, ſtand wie das Bild eines hoͤhern We⸗ ſens vor ihrer Seele, und verbreitete uͤber Al⸗ les, was von ihm ausgegangen war, eine ſtille und heilige Wuͤrde. Oft ſprach ſie von ihm zu Paver, und indem ſie das Reden und Thun des Mannes mit ſeelenvollen Worten ſchilderte, gelang es ihr bisweilen, die Gefuͤhle, die ihr eignes Herz belebten, auch in dem ſeinigen zu wecken. Schon fing er an jene Unſeitigkeit zu verachten, welche die Zuflucht der Schwaͤche und des Eigennutzes iſt, und ſein Gemuͤth nach einem edleren Ziele zu richten; und es iſt kaum zu zweifeln, daß ihn dieſes Beſtreben gelun⸗ gen ſeyn wuͤrde, waͤre es nicht durch den unheil⸗ bringenden Beſuch der Fuͤrſtin geſtoͤrt worden. —— 147 Die Verſetzung der Geſellſchaft nach Les⸗ kowo hatte ihr neues Leben gegeben. Da die⸗ ſes Schloß in der Nachbarſchaft großer Guͤter liegt, ſo fehlte es nie an Beſuchen, die ab⸗ und zugingen, und zu mannigfaltigen Vergnuͤgun⸗ gen Anlaß gaben, wie ſie ein reiches Haus auf dem Lande bieten kann. Jagd und Fiſchfang am Morgen, bisweilen ein gemeinſchaftlicher Ritt, eine wohlbeſetzte Tafel, Witzſpiele am Abend, und hohes Gluͤcksſpiel bis ſpaͤt in die Nacht— dieſes und anderes verdraͤngte oft Tagelang die Erinnerung an das Schickſal des Vaterlandes, deſſen Entſcheidung ſich von ei⸗ nem Tage zum andern verzog. Was heute als Wahrheit verkuͤndigt worden war, wurde am folgenden Tage als Erdichtung widerlegt; und da jede neue Taͤuſchung die Unbehaglichkeit vermehrte, in der man ſich befand, oder we⸗ nigſtens die Ruhe ſtoͤrte, deren man genießen wollte, ſo kam man uͤberein, jedem Geruͤchte den Zugang zu wehren, bis eine amtliche Kundmachung allem Zweifel ein Ende machen wuͤrde. 8 2 148 Eines Morgens, als es eben anfing im Schloſſe Tag zu werden, erſchien an der Gar⸗ tenſeite deſſelben ein Reiter, deſſen Blicke die Fenſter des untern Stockwerks aufmerkſam muſterten. Der Tritt ſeines Pferdes zog die Fuͤrſtin, die in dieſem Augenblicke ihr Lager verlaſſen hatte, an das Fenſter; ſie oͤfnete es, und begruͤßte den Wohlbekannten mit den Wor⸗ ten: O Stanislas! Endlich! Seyn Sie mir tauſendmal gegruͤßt, und wenn Sie gute Nach⸗ richten mitbringen, abertauſendmal. Ich bin der gluͤcklichſte unter den Sterbli⸗ chen, antwortete der Reiter, indem er ſein Pferd naͤher nach dem Fenſter hintrieb, die Nachricht, die ich Ihnen bringe, gnaͤdigſte Fuͤrſtin, zuerſt in Ihre ſchoͤnen Haͤnde legen zu koͤnnen. Ich habe keinen Augenblick geſaͤumt, ſetzte er hinzu, indem er die ſchwarzen Locken von der feuchten Stirn ſtrich, und auf ſein mit Schaum bedecktes Roß ſah, um dieſes Gluͤcks theilhaft zu werden, und ich darf hoffen, daß der In⸗ halt meiner Botſchaft——... 149 Die Augen der Fuͤrſtin funkelten.„Ge⸗ ſchwind, lieber theurer Stanislas, geſchwind, was bringen Sie?“ 16.. und nun erzaͤhlte Stanislas Koſſakowski, daß alle Wuͤnſche der erhabenen Kaiſerin er⸗ fuͤllt, und jeder Widerſtand beſiegt ſey. Die Freunde der nordiſchen Semiramis, fuhr er fort, triumphiren, ihre Feinde wuͤthen und fliehn. Aber wohin koͤnnen ſie fliehn, um ih⸗ rem maͤchtigen Arme zu entgehn? Man war eben im Begriff, die Ceſſionsakte zu unterzeich⸗ nen; und ſobald ich davon ſichere Kunde be⸗ kam, beſtieg ich meinen Brilliador, und goͤnnte mir weder Tag noch Nacht Ruhe, um die Waͤnſche der goͤttlichen Julie zu erfuͤllen. Die Fuͤrſtin klopfte in die Haͤnde vor Freude; dann riß ſie ſchnell den Zweig eines Oleanders ab, der vor ihrem Fenſter bluͤhte, kruͤmmte ihn zuſammen, und warf ihn auf das entbloͤßte Haupt des begluͤckten Boten.„Laſ⸗ ſen Sie ſich im Schloſſe nichts merken,“ liſpelte ſie ihm zu;„wenigſtens heute nicht; und wenn man vielleicht in Sie dringen ſollte, ſprechen Sie von Wahrſcheinlichkeiten, von Be⸗ 150. ſorgniſſen. Die Urſache ſage ich Ihnen nach⸗ her. O die herrliche Nachricht! wie wird ſie gewiſſe Leute demuͤthigen.— Aber jetzt entfer⸗ nen Sie ſich. Niemand darf wiſſen, daß wir uns geſprochen haben.“ Bey dieſen Worten druͤckte die Fuͤrſtin die Finger auf die Lippen und zog ſich vom Fen⸗ ſter zuruͤkk. Und in dieſem Augenblicke trat aus dem Gebuͤſch ein Mann hervor, den ſie am wenigſten zum Zeugen einer geheimen Un⸗ terredung mit dem Angekommenen haͤtte ha⸗ ben moͤgen, und deſſen zufaͤllige Anweſenheit ihr den Aufenthalt zu Leskowo zu verleiden anfing. Der Mann, welcher der Fuͤrſtin ſo wenig gefiel, war Niemand anders, als der Major Zaldlitz, den ein Sturz mit dem Pferde in der Naͤhe des Schloſſes hierher gebracht hatte. Die Beſchaͤdigung, die er erlitten, ſchien ziem⸗ lich unbedeutend; da aber der Wundarzt er⸗ klaͤrte, daß er durchaus einiger Ruhe beduͤrfe, wenn er ſich nicht einer langwierigen Laͤhmung ausſetzen wolle, ließ er ſich die Einladung des Oberſten gefallen, der ihn mit zuvorkommen⸗ der Hoͤflichkeit erſuchte, ſein Haus als das ſei⸗ nige anzuſehn.„Ein Zufall,“ ſagte dieſer, als er den Angekommenen ſeiner Gemahlin und ihren Gaͤſten vorſtellte,„von dem ich hoffe, daß er keine nachtheiligen Folgen haben ſoll, hat uns das Gluͤck verſchafft, dieſen tapfern Offi⸗ zier in unſrer Mitte zu haben, den das Eh⸗ renzeichen an ſeiner Stirn, das er ſich jenſeit des Meeres geholt hat, beſſer ſchmuͤckt, als ein funkelnder Stern an ſeiner Bruſt thun wuͤrde.“— Jedermann begruͤßte mit Achtung den Krieger, der ſich unter Washington's Fah⸗ nen einen Nahmen gemacht, und die Wurzeln der amerikaniſchen Freyheit mit ſeinem Blute getraͤnkt hatte. Die Fuͤrſtin allein ſchien nicht auf ihn zu achten, und waͤhrend ſich Alle auf die eine oder die andere Weiſe um ihn be⸗ ſchaͤftigten, zog ſie den Prinzen in das Fen⸗ ſter, um ihm einige boshafte Bemerkungen uͤber Conſtanzen mitzutheilen. Ddieſe hatte der Anblick des Majors nicht wenig uͤberraſcht. Sie hatte ihn, wie wir oben gehoͤrt haben, in dem Hauſe ihrer Mutter und 152 ihres Grosoheims geſehn, und er hatte ſie, obgleich faſt noch ein Kind, ſeiner Aufmerkſam⸗ keit werth gehalten. Der Ernſt ſeines Weſens hatte ſie nicht zuruͤckgeſchreckt, denn dieſer Ernſt wurde durch eine Anmuth gemildert, die, mit dem Rufe von ſeiner Tapferkeit ver⸗ bunden, Liebe und Achtung gebot. Er ſprach nicht viel, aber ſeine Rede war ausdrucksvoll, wie ſein Geſicht, und ohne es zu ſuchen, be⸗ lehrend und eindeinglich. Conſtanze hatte nichts von dem vergeſſen, was er ihr jemals geſagt hatte; und da ſie ihn nach dem Verlaufe meh⸗ rerer Jahre am Tage ihrer Trauung unter den Zuſchauern erbliekte, verrieth die Verwir⸗. rung, in die ſie bey ſeinem Anblick gerieth, ihrem Herzen zum erſten Male den Antheil, den es an dem edlen Krieger nahm. Dieſes Gefuͤhl war gegenſeitig. Er hatte in der Seele des aufbluͤhenden Maͤdchens geleſen, und jedes Geſpraͤch mit ihr hatte ihn uͤberzeugt, daß dieſe offne Geſtalt der reine Spiegel eines ſchoͤnen Herzens ſey, ſo wie ihr beſeeltes Auge in ein tiefes und reichbegabtes Gemuͤth blicken ließ. Unter den mannigfaltigen Verhältniſſen, die ihn von der Heimath entfernt gehalten, hatte er dieſen Eindruck bewahrt; und wenn er je die Mittelmaͤßigkeit ſeines Vermoͤgens beklagt hatte, ſo war es nur darum, weil ſie ihm die Bewerbung um Conſtanzens Hand unterſagte. Der Ueberraſchung uͤber das unerwartete Zuſammentreffen folgte in beyden eine weh⸗ muͤthige Freude, in welcher ſich alte Erinne⸗ rungen und neuer Schmerz wunderbar miſchten. Das Zuſammenſtimmen ihrer Gefuͤhle, deren Grundton in beyden der naͤmliche, aber in je⸗ dem durch verſchiedenartige Zuſäͤtze gemiſcht war, bildete ſogleich nach der erſten Begruͤ⸗ ßung jenes Einverſtaͤndniß, welches keiner Er⸗ klaͤrung bedarf, um ſein Daſeyn zu beglaubi⸗ gen. Vieles war ihnen gemein; dieſelbe Liebe faͤr alles Edle und Große, die begeiſterte Liebe des Vaterlandes, und die Ehrfurcht gegen die Maͤnner, auf denen die Hofnung des Vater⸗ landes ruhte; und was in ihnen verſchieden war, lag in der Verſchiedenheit des Geſchlechts und ſeiner Verhaͤltniſe. So wurden ſie ge⸗ genſeitig durch das, was ſie verſchwiegen, wie durch das, was ſie ausſprachen, angezogen; und bey dem Kummer, der ſie verfolgte, fand Conſtanze in dem Umgange mit dem ernſten Jugendfreunde Milderung ihrer Schmerzen und einen Zuwachs von Kraft, die ſie bey dem An⸗ blicke des heilloſen Spiels, das die Fuͤrſtin mit ihrem Gemahle trieb, oft zu verlaſſen drohte. Die Verhaͤltniſſe, in denen die einzelnen Glieder der Geſelſſchaft gegen einander ſtan⸗ den, waren von dem Major leicht durchſchaut V worden, und auch die ſtille Schwermuth ſeiner Freundin und ihre Veranlaſſung war ihm nicht verborgen geblieben. Auch das verſtaͤrkte das gegenſeitige Band. Ein Kummer anderer Art laſtete auch auf ſeinem Herzen, und ſein Ge⸗ ſicht war mit der Ruhe, die es zeigte, einem Denkmale zu vergleichen, das auf dem Grabe der Liebe ſteht, und den Voruͤbergehenden Er⸗ gebung predigt. Beyden erſchien die Theil⸗ nahme, mit der ſie ſich gegenſeitig erquickten, faſt wie eine Pflicht, und obgleich Jedes ſeine Wunde wie ein Geheimniß verhuͤllte, ſo ſetzte doch der Ton ihrer Geſpraͤche, auch bey dem verſchiedenſten Inhalte, das Daſeyn dieſer Wunde bey dem Andern voraus. Und ſo war der Major noch nicht drey Tage in Leskowo geweſen, als Niemand mehr zweifelte, daß zwi⸗ ſchen ihm und der Graͤfin ein geheimes Ein⸗ verſtaͤndniß Statt faͤnde. Die Fuͤrſtin hegte dieſen Glauben zuerſt, und theilte ihn freyge⸗ big den Uebrigen mit. Ihr Ziel war erreicht. Denn ob Conſtanzens Tugend an den Kuͤnſten des Prinzen, oder an der Philoſophie des Ma⸗ jors Schiffbruch litt, war ihr ziemlich gleich⸗ guͤltig; genug, daß ſie wie ein ſchadenfroher Geiſt auf den Truͤmmern einer erſchuͤtterten Liebe ſaß, deren vollkommene Aufloͤſung ſie ganz fuͤglich der Zeit uͤberlaſſen zu koͤnnen glaubte. In dieſen Tagen ſoͤhnte ſich der Prinz wieder mit Frau von Lesko aus, und da, nach einer alten Bemerkung, nichts die Liebe ſo ſicher foͤrdert, als ein Zwiſt, bey welchem beyde Theile Unrecht haben, ſo eilte auch dieſes Paar das gegenſeitige Unrecht, nachdem ſie ſich da⸗ von uͤberzeugt hatten, durch vermehrte Be⸗ weiſe ihrer Zaͤrtlichkeit gut zu machen. Da ſich die Fuͤrſtin im Grunde wenig um den Grafen kuͤmmerte, und auch der Plan, 156 ihn zum Proſelyten ihrer Partey zu machen, keinen Fortgang hatte, ſo war ihr nichts er⸗ wuͤnſchter, als die Ankunft des lang erſehnten Boten von Grodno, des eigentlichen Inhabers ihres Herzens, Stanislas Koſſakowski, der bey ſtolzen Anſpruͤchen, aber wenigen Mitteln, nech mehr um ihren Einfluß, als um ihre Liebe warb. Der Tag, an welchem er ihr die lang⸗ erſehnte Nachricht brachte, war der Tag ihres hoͤchſten Triumphs. Von dieſer Nachricht be⸗ geiſtert, ſtrahlten ihr Augen und Stirn von ungewoͤhnlichem Glanz, waͤhrend ein leiſer Spott um ihre Lippe ſpielte, der ihr ſiegrei⸗ ches Anſehn noch vermehrte. Nicht anders als waͤre der Gewinn der reichen Ervberung ihr zugefallen, trug ſie den Ausdruck eines begluͤck⸗ ten Herzens zur Schau, miſchte Stolz mit Herablaſſung, Wuͤrde mit Anmuth, Ernſt mit Scherz, und vertheilte ihre Gunſt, wie die Goͤttin des Gluͤcks, an Jeden, der ſich ihr naͤherte. Nie hatte ſie dem Grafen bezaubern⸗ der geſchienen; nie waren ſeine Wuͤnſche kuͤh⸗ ner geweſen; und ſchon glaubte er den Au⸗ genblick nennen zu koͤnnen, wo ſeine gepruͤfte 157 Treue ihren Lohn empfangen wuͤrde. Mit ſchadenfrohem Muthwillen naͤhrte ſie dieſen Wahn, und waͤhrend ihr Herz ausſchließend mit Koſſakowski beſchaͤftigt war, richtete ſie bedeutſame Worte und Blicke auf den Gra⸗ fen, der ſich um deſto mehr begluͤckt dadurch fuͤhlte, da er eine ungewoͤhnlich zahlreiche Ge⸗ ſellſchaft zu Zeugen hatte, die in Leskowo zu⸗ ſammengekommen war, um den Nahmenstag des Oberſten zu feyern, und einem kleinen Schauſpiele beyzuwohnen, das den Abend des feſtlichen Tages kroͤnen ſollte. Die gute Laune der Fuͤrſtin hatte ſich faſt allen Gliedern der Geſellſchaft mitgetheilt, und als ſie der Mittag um die reichbeſetzte Tafel vereinigte, gaben Ungarns geiſtreiche Weine der Froͤhlichkeit einen neuen Schwung. Maͤn⸗ ner und Frauen wetteiferten unter einander, die Gaben des Geiſtes auf die anmuthigſte Weiſe geltend zu machen, und die geheimen Verhaͤltniſſe, in denen mehrere von ihnen un⸗ ter einander ſtanden, gaben dieſem Wettſtreite oft eine tiefere Bedeutung und einen maͤchti⸗ gern Reiz. Nur dem Major und Conſtanzen 158 theilte ſich die Stimmung der Uebrigen nicht mit, und ſie nahmen an dem allgemeinen Ver⸗ gnuͤgen nur ſo viel Antheil, als die geſellſchaft⸗ liche Sitte gebot. Gegen das Ende der Mahlzeit, da ſchon die Meiſten durch Wein und Geſpraͤch hoͤchſt lebhaft aufgeregt, ja halb berauſcht waren, er⸗ griff der Oberſte, den ſeine Frau am Morgen bey'’m Gluͤckwunſche mit der Nachricht zu er⸗ wartender Vaterfreuden uͤberraſcht hatte, im Rauſche des Vergnuͤgens den mit ſchaͤumen⸗ dem Tokayer angefuͤllten Pokal, und brachte die Erfuͤllung aller frohen Hofnungen aus. Bey dieſem Toaſt unterbrach der Graf das Geſpraͤch, in das ihn ſein Tiſchnachbar gezo⸗ gen hatte, um ſeine Augen auf die Fuͤrſtin zu werfen, und uͤberraſchte ſie in einem Blicke⸗ wechſel mit Stanislas, der allzuſprechend war, um nicht ſogleich die Nattern der Eiferſucht in ſeine Bruſt zu ſchleudern. Seine Stirn runzelte ſich, und ſelbſt das Laͤcheln der Fuͤr⸗ ſtin, die ſogleich den Eindruck bemerkte, den der unvorſichtige Verrath ihrer Augen gemacht hatte, beruhigte ihn nicht. Unterdeſſen hatte 159 an einer andern Seite der Tafel das wohlge⸗ meinte Wort des Oberſten die lebhafteſte Be⸗ wegung hervorgebracht, indem einige der Gaͤſte ihre politiſchen Hofnungen laut werden ließen, und dadurch augenblicklich eine itio in partes verurſachten, die in die heftigſten Aeu— ßerungen ausbrach.— Worauf, rief ein jun⸗ ger Edelmann in polniſcher Nationaltracht, worauf duͤrfen wir noch hoffen, außer auf den Saͤbel? Er roſtet ſchon allzulange in der Scheide, rief ein Andrer, trotz aller Mishand⸗ lungen, die wir zur Schmach des polniſchen Nahmens erdulden.— Und wer, ſiel ein Mann von mittlerm Alter ein, wer mag jetzt noch auf den Saͤbel vertrauen, da die Allmacht un⸗ ſrer Nachbarn jede Fauſt laͤhmt?— Die All⸗ macht? rief der Erſte. Was es mit dieſer All⸗ macht zu bedeuten hat, hat die Schlacht bey Dubienka gezeigt. Haͤtte da nicht Verrath die Kraft unſers Armes gehemmt, ſo waͤren dieſe Fremdlinge, die uns mit Fuͤßen treten, laͤngſt in ihre Steppen zuruͤckgeworfen.—— Dieſer Streit, der ſich durch lebhafte Rede und Gegenrede immer mehr entzuͤndete, war 160 jetzt laut genug geworden, um auch an der ent⸗ gegengeſetzten Seite der Tafel vernommen zu werden. Mit gluͤhendem Angeſicht hoͤrte Sta⸗ nislas, von Wein und Liebe berauſcht, die drei⸗ ſten Reden der vaterlaͤndiſch geſinnten Polen, und nachdem er einige Augenblicke mit zuruͤckge⸗ worfenem Haupte und hoͤhnender Miene auf die Streitenden geblickt hatte, ergriff er den Pokal und rief: Auf die Erfuͤllung aller Wuͤnſche, wel⸗ che Polens Rettung fordert, und auf den Sieg ſeiner Retter! Dieſe mehrdeutigen Worte verſtaͤrkten die Bewegung, indem Jeder ſie ſeinen Geſinnungen gemaͤß auslegte, und man hoͤrte die Nahmen Kosziusko, Madalinski, Dobrowski und aͤhn⸗ liche mit den Nahmen Katharinens, Igelſtroͤms und Friedrich Wilhelms vermiſcht. Und da jene laut und hell vorklangen, ergriff Stanislas voll Ingrimms und ſeiner Gefuͤhle nicht Herr, den Becher zum zweitenmal, ſtand auf und vief: „Damit uͤber die Geſinnungen des beſſern Theils kein Zweifel herrſche. Es lebe die große Katharine, Polens Schutzgeiſt und ſeine Be⸗ freyerin!“— Die Fuͤrſtin klopfte bey dieſen 161 Worten in die Haͤnde, der Prinz wiederholte ſie; aber bey den Uebrigen erregten ſie einen unbeſchreiblichen Aufruhr, welcher dem Mahle ploͤtzlich ein Ende machte. Aber auch dann dauerte der Sturm noch fort, und nur die Gegenwart der Frauen, die Bitten des Ober⸗ ſten und das Anſehn des Majors ſtellten all⸗ maͤhlig die aͤußere Ruhe wieder her. Einige der leidenſchaftlichſten aber trennten ſich von der Geſellſchaft, und jagten, ohne den Reſt des Feſtes abzuwarten, von Zorn und Wein gluͤhend, nach Hauſe zuruͤck. Die vorlaute Weiſe, mit welcher der ver⸗ haßte Koſſakowski ſeine Geſinnungen ausge⸗ ſprochen, hatte das Blut des Grafen in die heftigſte Wallung gebracht, und ſein durch Ei⸗ ferſucht genaͤhrter Zorn wirkte maͤchtiger auf die Entwickelung ſeiner patriotiſchen Gefuͤhle, als die beredteſten Reden wohlgeſinnter Freunde vermocht haͤtten. Umſonſt verſuchte er ſich nach aufgehobener Tafel der Fuͤrſtin zu naͤhern, aus dem doppelten Beduͤrfniſſe, ſeinem empoͤrten und gepreßten Herzen Luft zu machen, und ein II. L 162 beruhigendes Wort aus ihrem Munde zu ho⸗ ren; aber ſie, die eben ſo große Urſache hatte, eine Erklaͤrung⸗ zu vermeiden, wich ihm aus, und war nach kurzer Zeit ganz verſchwunden, waͤhrend ſich die uͤbrige Geſellſchaft in den Garten begab, die Einen um friſche Luft zu ſchoͤpfen, die Andern, um im Salon an der Farobank die Weltah bis zunn Schauſpiele Hind bringen. innn Der Oberſte hielr,n wie gewhich, die Bank gemeinſchaftlich mit dem Grafen, der ihm als Croupier zur Seite ſaß. Keiner der Maͤnner wurde vermißt, Stanislas ausgenommen, der erſt in der Mitte der zweyten Taille erſchien, und mit mehr Uebermuth in Miene und Hal⸗ tung als je an den Tiſch trat. Haſtig griff er nach den Karten, zog die Dame heraus, und beſetzte ſie mit einigen Dutzend ruſſiſcher Gold⸗ ſtuͤcke, die mit dem Bilde der regierenden Kai⸗ ſerin bezeichnet waren. Kaum hatte er geſetzt, ſo ſchlug das Gluͤck gegen ihn. Die Dame verlohr zwey⸗, dreymal nach einander; und da Stanislas hartnaͤckig bey dieſem Bilde blieb, und den erſten Satz verdoppelte und verdrey⸗ ¹63 fachte, ſo war bald eine anſehnliche Summe ruſſiſcher Dukaten der Bank anheim gefallen. Stanislas ſchoß giftige Blicke umher, weniger erbittert durch den Verluſt, als durch das Laͤ⸗ cheln der Mitſpieler, die bald auf ihn, bald auf die Goldſtuͤcke ſahen, die der Graf mit gefliſſentlicher Sorgfalt von der uͤbrigen Kaſſe abgeſondert hielt. Da nun jetzt die Dame zum vierten Male auf die linke Seite ſchlug, und Stanislas den hohen Satz in die Kaſſe warf, der Graf ihn wiederum davon weg und zur Seite ſchob, fragte der Verliehrende mit ſchar⸗ fem Tone: Wozu das, Herr Graf? Iſt mein Gold weniger gut, als das Ihrige?—„Ich weiß nicht, wie gut oder wie ſchlecht es iſt,“ antwortete der Graf,„aber es iſt verfuͤhreri⸗ ſches Gold, und koͤnnte uns unſre guten Re⸗ publikaner hier untreu machen.“— Stanislas ſchwieg, zog den Koͤnig, und ſetzte, Hohn im Geſichte, einen Dukaten darauf. Dieſe Karte ſchlug fuͤr ihn.„Der Koͤnig,“ ſagte der Graf, indem er den Satz hinſchob,„haͤlt ſich beſſer als die verraͤtheriſche Dame, die aber auch dafuͤr von ihren eifrigſten Freunden in dem 8* — Augenblicke verlaſſen wird, wo ſie zu zahlen unterlaͤßt.“— Waͤre es Ihnen gefaͤllig, Herr Graf, erwiederte Stanislas mit verbiſſener Wuth, ſich uͤber den Sinn dieſer Worte zu er⸗ klaͤren, die hier wenigſtens ſehr unſchicklich ſind?—„Ich wuͤnſche nichts mehr,“ antwor⸗ tete der Graf,„und hoffe, Ihnen die bezwei⸗ felte Schicklichkeit meiner Worte auf die voll⸗ ſtandigſte Weiſe darzuthun.“— Mit dieſen Worten ſprang er auf, und da beyde mit ent⸗ bloͤßten Saͤbeln in der Hand zur Thuͤr hinaus in den Garten ſtuͤrzten, haͤtte das Gefecht be⸗ gonnen, wenn ſich nicht der Oberſte des Gra⸗ fen, der Major ſeines Gegners bemaͤchtigt haͤtte.„Die Abenddaͤmmerung,“ ſagte der Major,„iſt zu einem Zweykampfe nicht geeig⸗ net. Stoͤren Sie das heutige Feſt nicht. Maͤn⸗ ner duͤrfen ſich nicht in der erſten Glut des Zornes ſchlagen.“ Alſo Morgen mit Anbruch des Tages, ſagte Stanislas.— Und ehe die Frauen aufgeſtanden ſind, ſetzte der Oberſte hinzu; denn dieſe duͤr⸗ fen nichts merken.— Ich begleite Sie als ihr Sekundant, fuhr er fort, ſich an den Grafen 165 wendend.— Und ich erbiete mich Ihnen zum Beyſtand, ſagte der Prinz zu Stanislas. Nach dieſer Verabredung wurde die unter⸗ brochene Taille ſchnell und ſchweigend geendigt; und da jetzt der Oberſte und der Prinz als Theilnehmer des Schauſpiels abgerufen wurden, begaben ſich die Maͤnner in den Saal, in wel⸗ chem die anweſenden Frauen ihre Plaͤtze ſchon vor der Buͤhne eingenommen. Nur die Fuͤrſtin ließ ſich erwarten. Als aber die Muſiker aus⸗ geſtimmt hatten, und mit angeſetzten Bogen das Zeichen zum Anfang erwarteten, trat ſie an Koſſakowski's Arm herein, und nachdem ſie den ihr aufgeſparten Seſſel eingenommen, ſchob ſich ihr Fuͤhrer ohne Umſtaͤnde einen Stuhl neben ihr ein. Der Graf hielt ſich ſtehend, bald an dieſer, bald an jener Seite, und wenig bekuͤm⸗ mert um das Spiel auf den Bretern, beobach⸗ tete er mit immer ſteigendem Groll das Spiel ſeines Nebenbuhlers. Das Stuͤck war eine der beluſtigenden Klei⸗ nigkeiten im italiaͤniſchen Geſchmack, in welchem ein verliebtes Paar einen eiferſuͤchtigen Vor⸗ mund auf die ergetzlichſte Weiſe hinter das Licht fuͤhrt. Sophie, welche die Muͤndel ſpielte, war fuͤr dieſe Rolle gemacht. Die Schalkheit, die aus ihren ſchwarzen Augen ſprach, und ihr beredtes Mienenſpiel haͤtte allein ſchon hinge⸗ reicht, ihr Intereſſe zu geben; aber ihre zarte, leichte Geſtalt, die anmuthige Lebendigkeit ihrer Bewegungen, und ihr melodiſches Organ haͤtte auch jede andere Rolle geſchmuͤckt. Ihren Liebhaber ſpielte der Prinz, und außerdem, daß ſein geheimes Verſtaͤndniß mit Sophien jedem ſeiner Worte Bedeutung gab, erzeugte die Be⸗ ſorgniß, ſich allzu ſehr zu verrathen, eine ge⸗ wiſſe Bloͤdigkeit, die mit ſeiner natuͤrlichen Keck⸗ heit gemiſcht, dem Charakter ſeiner Rolle auf das vollkommenſte zuſagte. Auch die Rolle des Betrogenen wurde von dem Oberſten vortref⸗ lich geſpielt. Es war leider die ſeinige, und er hatte nicht noͤthig, ſich viel Gewalt anzuthun, um ihr die vollkommenſte Wahrheit zu geben. In der vorletzten Scene, nachdem trotz allen Hinderniſſen die Liebenden ihren Bund geſchloſ⸗ ſen haben, faͤllt der Begluͤckte der Geliebten zu Fuͤßen; ihr Haupt neigt ſich zu ihm herab, und ihre Lippen begegnen den ſeinigen. In dieſem Ohren kam. Die uͤbrige Geſellſchaft war zu 167 Augenblicke tritt der Vormund herein, um in der Fülle ſeiner Freude der liſtigen Muͤndel zu melden, daß er ſie durch ſeine raſtloſe Klug⸗ heit nun gegen alle Nachſtellungen ſicher ge⸗ ſtellt, und daß er bereit ſey, ſie durch ſeine Hand gluͤcklich zu machen. Schon hat er ſeine Rede begonnen, als er das liebende Paar er⸗ blickt, und mit ofnem Munde auf der Schwelle angeheftet bleibt. Noch ſtand er ſo, als die kleine Emma, das Kind des Oberſten, halb laut zu ihrer Aja ſagte: Ah ma bonne! Das hab' ich ſchon geſehn— vorhin, da ich aus dem Garten vorauslief, und bey dem Zimmer meiner guten Fuͤrſtin voruͤberſchlich. Der fremde Offizier, der dort neben ihr ſitzt, kniete eben ſo vor ihr, und ſie kuͤßte ihn zwey⸗, drey⸗, viermal. Ach ich ſehe ſo etwas gar zu gern! Es war umſonſt, daß die Aja das Kind zum Stillſchweigen bringen wollte. Es ſprach nur deſto lauter, und ungluͤcklicher Weiſe ſtand der Graf gerade nah genug, um kein Wort zu verliehren. Er mochte der einzige ſeyn, dem dieſes intereſſante Geheimniß dadurch zu 168 ſehr mit der Entwickelung des Schauſpiels be⸗ ſchaͤftitgt, um auf die Reden des Kindes zu achten, und dieſe waren eben geendigt, als der fallende Vorhang die Zuſchauer aufforderte, den Spielenden durch lauten Beyfall fuͤr ihre gelungenen Bemuͤhungen zu danken. Waͤhrend nun die Geſellſchaft, wie es am Schluſſe einer ſolchen Ergetzung zu geſchehen pflegt, ſich mit unruhiger Froͤhlichkeit durchein⸗ ander bewegte, und mit dem Urtheile uͤber die Leiſtungen der Schauſpieler mancher Nachklang der Handlung gemiſcht wurde, ſtand der Graf, ohne Theilnahme, mit ſtarren Blicken, aber gluͤhend im Innern, und antwortete, wenn er angeredet wurde, mit unangemeſſenen oder raͤthſelhaften Worten. Jedermann wunderte ſich uͤber ihn. Die, welche ſein Verhaͤltniß zu Julien kannten, riethen auf einen Zwiſt; die Andern ſchrieben ſein Betragen dem bevorſte⸗ henden Zweykampfe zu, ob ſie ſchon nicht be⸗ griffen, wie einen Mann von anerkanntem Muthe ſo etwas außer Faſſung bringen koͤnne. Conſtanze allein, die ihn von fern beobachtet —— 169 hatte, errieth die Urſache ſeines Zuſtandes, und naͤherte ſich ihm mit einem freundlichen Worte, indem ſie die Hand auf ſeine Schulter legte. Aber ſtatt ihr zu antworten, wendete er ſich mit einer raſchen Bewegung nach der Fuͤrſtin, die in dieſem Augenblicke allein ſtand, und ſagte leiſe zu ihr:„Erlauben Sie mir, Ihnen einen Rath zu geben, gnaͤdige Frau. Wenn Sie Ihre Rolle probiren, ſo verſchließen Sie die Thuͤr Ihres Zimmers, damit nicht unbe⸗ rufene Zuſchauer das Geheimniß vor der Zeit entdecken.“— Die Fuͤrſtin erroͤthete ein we⸗ nig; aber ohne aus der Faſſung zu kommen, warf ſie ihm einen ihrer ſtolzeſten Blicke mit den Worten zu:„Sparen Sie Ihren Rath, bis Sie von mir zu einer Probe aufgefordert werden. Sie koͤnnen aber darauf rechnen, daß Sie nie in dieſe Verlegenheit kommen wer⸗ den.“— Und zugleich wendete ſie ſich von ihm ab, und verließ auf Stanislas Arm geſtuͤtzt den Saal. Der Graf ſah ihr mit unterge⸗ ſchlagenen Armen nach, und Conſtanze, die um dieſes Weibes willen ihre treue Liebe zu⸗ 12⁰ ruͤckgewieſen ſah, zerdruͤckte eine dheane zwi chen lhren Winnperne Die Geſellſchaft hatte ſich eben zum Abend⸗ eſſen niedergeſetzt, als dem Oberſten durch ei⸗ nen Eilboten von Grodno ein Brief eingehaͤn⸗ digt wurde. Dieſer Brief enthielt nichts an⸗ ders, als eben die Nachricht, welche die Fuͤr⸗ ſtin am Morgen auf einem andern Wege er⸗ halten hatte, aber mit einigen Zuſaͤtzen, die ſie einem vaterlaͤndiſch geſinnten Herzen noch ſchmerzlicher machten. Der Oberſte erblaßte bey'’m Leſen, da er aber eine Wiederholung der Scene vom Mittag fuͤrchtete, ſteckte er den Brief bey, ohne etwas von ſeinem Inhalte mitzutheilen.„Wollen Sie nicht,“ ſagte die Fuͤrſtin, der nach einem vollſtaͤndigen Triumph verlangte,„uns etwas von Ihrem Briefe wiſ⸗ ſen laſſen, der ſehr intereſſanten Inhalts zu ſeyn ſcheint. Ein Eilbote von Grodno iſt in dem gegenwaͤrtigen Augenblicke nichts unbedeu⸗ tendes.“— Dieſesmal, gnaͤdige Frau, antwor⸗ tete der Oberſte, ſind es nur Angelegenheiten der Familie.—„Ganz gewiß; aber der Fa⸗ milie, zu der wir Alle gehoͤren. Es kann jetzt keinem von uns mehr gleichguͤltig ſeyn, was ſich in dieſer Familie zutraͤgt. Darum, lieber Oberſt, brechen Sie Ihr diplomatiſches Schwei⸗ gen, und ſchuͤtten die Pandora⸗Buͤchſe Ihrer Depeſchen aus.“— Ich darf Ihren Befehlen nicht ungehorſam ſeyn, erwiederte der Oberſte, indem er zoͤgernd den Brief hervorzog; aber erlauben Sie mir zu bemerken, daß in dieſer Pandora⸗Buͤchſe, wie Sie es nennen, lnicht einmal die Hofnung zuruͤckgeblieben iſt.— „C'est selon;“ verſetzte die Fuͤrſtin;„pour les uns.:.“ hielt aber ploͤtzlich ein, da ſie be⸗ merkte, daß ſie im Begrif waͤre, ihr Geheim⸗ niß zu verrathen.„Nur heraus mit der Sa⸗ che,“ ſetzte ſie hinzu;„ſicher iſt die Furcht da⸗ vor das Schlimmſte.“ Der Oberſte theilte nun den Inhalt ſeines Briefes mit, und ein tiefes Schweigen folgte der Mittheilung. Dann wurden einzelne Worte gehoͤrt, Ausrufungen des Schmerzes, des Un⸗ willens, der Verzweiflung. Die Meiſten erho⸗ ben ſich von ihren Sitzen und theilten ſich in Gruppen, die ihre Geſinnungen immer lauter 172 hoͤren ließen. Die Fuͤrſtin, der Prinz und Sta⸗ nislas hatten ſich in ein Fenſter zuruͤckgezogen und fluͤſterten lebhaft mit einander; nur we⸗ nige Gleichgeſinnte hielten ſich in ihrer Naͤhe. Andre gingen ab und zu. Der Graf ſchritt einigemal das Zimmer auf und ab, indem er ſich bald nach der Stelle wendete, an welcher die Fuͤrſtin ſtand, bald ſich davon entfernte. Man ſah, daß er mit ſich im Kampfe war. Als aber Stanislas, zufaͤllig oder abſichtlich, aus der Vertiefung des Fenſters hervortrat, wendete ſich der Graf raſch zu ihm:„Die Nachricht war Ihnen fruͤher bekannt; warum verſchwiegen Sie, was Sie wußten?“— Ohne Zweifel, antwortete Jener, weil ich Herr mei⸗ nes Wiſſens bin. Aber Sie muß ich fragen, mit welchem Rechte—— Hier wurde die Rede durch den Major un⸗ terbrochen, der die Bewegungen des Grafen beobachtet hatte, indem er beyde leiſe erſuchte, nicht in Gegenwart der Frauen einen Streit zu erneuern, der ohnedies ſeine Erledigung in wenigen Stunden erwartete. Waͤhrend er noch ſprach, und mit Muͤhe die beleidigenden Worte — 423 zuruͤckdraͤngte, die dem Einen, wie dem An⸗ dern auf den Lippen ſchwebten, erſcholl aus dem Erdgeſchoſſe des Hauſes ein wildes Ge⸗ toͤſe, aus welchem ſich einzelne rohe Leute ab⸗ ſonderten, die von dem dumpfen Schalle fal⸗ lender Schlaͤge begleitet waren. Die politiſche Zwietracht tobte auch hier. Von den neueſten Ereigniſſen durch den Eilboten unterrichtet, hatte ſich die bey ſtarken Getraͤnken verſam⸗ melte Dienerſchaft ebenfalls in Parteyen ge⸗ ſpalten; die ruſſiſchen Diener der Fuͤrſtin hat⸗ ten den Raufſtreit angefangen; die verſpotte⸗ ten Polen waren uͤber ſie hergefallen, und Jenen an Zahl uͤberlegen, hatten ſie ihre Gegner bis an den Fuß der Stiegen getrieben, wo ihr Geſchrey zu den Ohren ihrer Herrſchaft drang Das Getuͤmmel, die Wuth, die Verwirrung war ungeheuer, und es bedurfte einiger Zeit, ehe die lauten Befehle und einige flache Saͤ⸗ belhiebe der herbeyeilenden Maͤnner die Kaͤm⸗ pfenden an ihr Verhaͤltniß erinnerten, und ih⸗ rer Wuth ein Ziel ſetzten. Murrend und mit dem Vorſatze der Rache trennten ſie ſich; und wie die Diener, ſo zerſtreuten ſich auch ihre 174 Herrſchaften; die Einen, um in den Armen des Schlafes ihren Kummer zu vergeſſen; die Andern, um ſich ſtill uͤber das zu berathen, was die Zeit forderte; Einige auch mit dem Vorſatze, das Schauſpiel, das einen Theil des Abends erheitert hatte, zu wiedecholen undis 55 Wahrheit zu machen. † 8 Conſtanze hatte ſich vor dem Abendeſſn in ihr Zimmer zuruͤckgezogen, wo ſie den Grafen erwartete. Tief verwundet, wie ſie war, gab ſie doch der Hofnung Raum, daß ſich das Verhaͤltniß ihres Mannes und der Fuͤrſtin loͤſe, und daß vielleicht der heutige Tag und das Ungluͤck des Vaterlandes ihr ſein Herz und ſeine Liebe zuruͤckgebe. Voll von dieſen Ge⸗ danken, die ihre Gefuͤhle nach allen Seiten bewegten, zwiſchen peinlichen Zweifeln und un⸗ gewiſſen Hofnungen ſchwankend, aber feſt ent⸗ ſchloſſen, ihrem Gemahle nur dieſe zu zeigen; allen Unmuth niederzukaͤmpfen, und ſein erreg⸗ tes Gemuͤth durch die mildeſte Liebe zu be⸗ ſaͤnftigen— warf ſie ſich auf ihr Lager, und haurte ſeiner Ruͤckkehr mit Sehnſucht und Bangigkeit. Die Stunden der Nacht vergin⸗ 4175 gen; tiefe Stille herrſchte im Hauſe; alle Lich⸗ ter waren erloſchen— und Paver kam nicht. Conſtanzens Beſorgniß ſtieg bis zur Angſt; tauſend Moͤglichkeiten durchkreuzten ſich in ih⸗ rem Sinn, und, immer kehrte der ſchlimme Verdacht zuruͤck, daß der Kaltſinn der Fuͤrſtin die taͤuſchende Huͤlle eines ſtrafbaren Einver⸗ ſraͤndniſſes geweſen ſeyn koͤnnte, das ihren un⸗ gluͤcklichen Gemahl vielleicht eben jetzt in die Retze des Verbrechens geworfen habe. Mit Abſcheu ſtieß ſie dieſen Verdacht von ſich; aber immer draͤngte er ſich von neuem zu, und ver⸗ bot ihr, ihre Leute zu wecken, um nach ihrem vermißten Herrn zu forſchen. 3 Der Morgen war angebrochen und hatte den Oberſten zu dem bevorſtehenden Geſchaͤfte geweckt. Gewohnt, Alles mit militaͤriſcher Puͤnkt⸗ lichkeit zu verrichten, hatte er ſich waͤhrend der Daͤmmerung ankleiden laſſen, ein Paar Piſto⸗ len geladen und den Saͤbel uͤbergehaͤngt; und ſo ging er nach dem benachbarten Zimmer des Prinzen, um mit dieſem die Kampfluſtigen ab⸗ zuholen, deren Verweilen ihn Wunder nahm. 176 Vor der Thuͤre jenes Zimmers lag der Die⸗ ner noch in tiefem Schlaf.„Iſt dein Herr noch nicht auf?“ rief er ihm zu, nachdem er ihn mit Muͤhe aufgeruͤttelt hatte.— Iſt denn mein Herr ſchon in Hauſe? antwortete der Kerl, indem er ein hoͤchſt wunderliches Geſicht zog, und zugleich die Thuͤr des Zimmers oͤf⸗ nete. Der Oberſte trat hinein. Von dem Prinzen war nichts zu ſehn; ſein Bett war un⸗ beruͤhrt.—„Kerl, wo iſt dein Herr?“— Ich weiß es nicht, gnaͤdiger Herr. Er iſt, wie ich ſehe, dieſe Nacht wo anders zu Bett gegangen. Dieſe Entdeckung ſetzte den Oberſten in die groͤßte Verwirrung. Ein Heer von feindligen Gedanken draͤngte ſich ihm zu, von denen Je⸗ der allein hinreichend war, das kaͤlteſte Blut zum Sieden zu bringen. Erſt jetzt fiel es ihm auf, daß ſeine Frau ſeit einigen Tagen ein Zimmer auf der Gartenſeite des Schloſſes be⸗ zogen hatte, um, wie ſie ſagte, ihren guten Lesko nicht zu beunruhigen„ wenn ſie lin der Fruͤhe badete; eine Einrichtung, zu welcher er ſelbſt die Hand geboten hatte, weil es ihm ei⸗ nigemal begegnet war, bey ſpaͤter Ruͤckkehr vom Sgietie ſeine Frau im Schlafe zu ſtoͤ⸗ ren. Und wie vieles andere kam ihm jetzt in die Gedanken, wobey er bis zu dem Augen⸗ blicke nich s gedacht hatte! Wie manche fluͤch⸗ tige Bli fe, beziehungsvolle Worte, uͤberraſchte und abgebrochene Bewegungen! Wahrhaftig, er mußte blind geweſen ſeyn! Und wenn auch das Alles nichts bedeuten ſollte, wie hatte er das muthwillige Spiel des, vorigen Abends auͤberſehn, und die taͤuſchende Wahrheit verkennen koͤnnen, mit der ihn das wohlgeübte Paar zum Beſten gehabt hatte? Wie hatte er ſich mit ſo bloͤdſinniger Gutmuͤthigkeit zu der Rolle des Betrogenen hergeben, und dem Spotte der Welt blos ſtellen koͤnnen?— Denn jetzt, nachdem ihm die Augen aufgegangen waren, zweifelte er nicht einen Augenblick, daß die ganze Welt ſchon laͤngſt klar in dieſen Handel geſehn, und ſich ſchadenfroh damit beluſtigt haͤtte.— Bey die⸗ ſen Gedanken, die in ſeinem Kopfe wie ein Wes⸗ penneſt tobten, lief er im Zimmer auf und ab, ſchlug ſich gegen die Stirn, packte den Diener bey der Bruſt, ſchuͤttelte ihn, ohne ein Wort zu I. M 178 ſagen, hin und her, und ſtuͤrmte endlich zur Thuͤr hinaus, um ſich noch vollſtaͤndiger von dem Ungluͤcke zu uͤberzeugen, das ihn, wie er meinte, betroffen hatte. Sophiens Zimmer lag am Ende eines Cor⸗ ridors, der durch ein einziges Fenſter nur ſchwach erleuchtet war, und durch einen Sei⸗ tengang nach der Terraſſe fuͤhrte, die ſich unter den Fenſtern des Frauengemachs hinzog. Die⸗ ſem Seitengange ſchritt jetzt eben der Major zu, um, wie er zu thun pflegte, den Morgen zu be⸗ gruͤßen, und in der Stille ſeinen Gedanken nachzuhaͤngen. Der Oberſt erblickte ihn, und von dem Zwielicht und ſeinem Zorne getaͤuſcht, glaubt er den Prinzen zu ſehn, ſtuͤrzt ihm mit Scheltworten entgegen und ſchwingt den gezo⸗ genen Saͤbel uͤber ſeinem Haupt. Der Major wendet ſich um, faͤllt dem unbekannten Gegner in den Arm, und treibt ihn mit dem Rufe: „Moͤrder, Moͤrder!“ vor ſich her bis in die hel⸗ lere Mitte des Ganges. Hier erkennen ſie ſich; aber in dem Augenblicke, wo der Oberſte ſeinen Irrthum wahrnimmt, und das Wort ſucht, um 8 ſich zu erklaͤren, faͤllt er uͤber einen im Wege liegenden Kürpes zu Boden. 8 6 Das Gzetümmel der Ningenden bey 5 fruͤ⸗ her Tageszeit hatte einen Theil der Bewohner des Schloſſes aus den naͤchſten Zimmern herbey⸗ gezogen. Die Diener waren in Bewegung. Alle eilten nach der Stelle, wo der Oberſte nieder⸗ gefallen war, und da man ihn bey'm Aufſtehen mit Blute bedeckt ſah, ſo ſchien nichts natuͤrli⸗ cher, als daß er von dem Major angegriffen und verwundet worden ſey. Und ſchon legten die Diener des Oberſten Hand an den Ungewaff⸗ neten, und wuͤrden ihn gemishandelt haben, haͤtte nicht ihr Herr darein geſchrien, ſie Nar⸗ ren und Eſel geſcholten, und indem er die Hand dem Major reichte, ſich ſelbſt den groͤßten und tollſten Narren genannt.„Die Erklaͤrung des Spuks,“ ſetzte er hinzu,„ein andermal. Aber was zum Henker iſt das, woruͤber ich hinge⸗ ſtolpert bin?“ Ein Leichnam lag auf der Erde in ſeinem Vlute, das Geſicht nach dem Boden gewen⸗ M 2 180 det. Und als man ihn umkehrte, erkannte man den Grafen Paver. Alle erſtarrten vor Schrecken. Die Zeu⸗ gen hatten ſich jetzt vermehrt; Alle ſprechen in einander hinein; Niemand begreift den Mord. Aber die Ereigniſſe des vorigen Abends bieten dem Parteygeiſte ſchlimme Vermuthungen dar. Iſt das nicht, hieß es jetzt, das heilloſe Werk unſrer Unterdruͤcker? Mit dem Morde des Vaterlandes haben ſie angefangen; mit Meu⸗ chelmord ſetzen ſie ihr Beginnen fort.— Dieſe Aeußerungen wurden mit jedem Augenblicke lauter, und da die Fuͤrſtin ſich in der Ferne zeigte, aber ſogleich mit Entſetzen zuruͤckfloh, ihre Freunde aber, Stanislas und der Prinz, gar nicht erſchienen, ſo gewann die Vermu⸗ thung augenblicklich den Gehalt einer unbe⸗ zweifelten Wahrheit. Einige riefen nach Ra⸗ che; Andere tauchten ihre Tuͤcher in das Blut, und der Mann, den man vor wenigen Tagen kaum noch mit Sicherheit fuͤr ein Glied der Partey hatte halten koͤnnen, war jetzt ploͤtzlich zu einem ihrer Maͤrtyrer erhoben worden. 2 181 Die Kunde des blutigen Ereigniſſes hatte ſich jetzt a 35 zu dem entgegengeſetzten Fluͤgel des Schloſſes verbreitet, und war zu den Oh⸗ ren der geaͤngſtigten Conſtanze gelangt. Be⸗ ſtuͤrzt, bewußtlos eilt ſie der blutigen Stelle zu, und bey ihrer Annaͤherung trennte ſich der Kreis, der den Gemordeten umſchloß. Erblaßt und lautlos ſtuͤrzt ſie neben ihm auf ihre Knie, kuͤßt ſein bleiches Geſicht, und ruft ihn mit den zaͤrtlicſſen Nahmen in das Leben zuruͤck. „Ach,“ rief ſie, als kein Zeichen des Lebens erſchien,„die Feinde des Vaterlandes haben ihn gemordet! Er 6 als ühr ztſtea Vyfens ve⸗ fallene e i Dieſe Worte fachten die Flammen des Zorns⸗ unter den Verſammelten von neuem an. Sie beſtaͤtigten den Glauben der Mei⸗ ſten, und ſchienen die Rache jedes Mannes herauszufordern, der ein Herz fuͤr Schoͤnheit und Ungluͤck habe. Von neuem und lauter als zuvor erhob ſich das Schelten gegen die Un⸗ terdruͤcker des Landes, und als einer die Rechte aufhob und rief: Ueber dieſem edeln Opfer der Tyranney ſchwoͤre ich nicht zu raſten, bis 182 das Vaterland frey iſt!— Da erhoben ſich alle Haͤnde zugleich, und dieſelben Worte toͤn⸗ ten von allen Lippen wieder. Und da den auf⸗ geregten Gemuͤthern der einfache Schwur noch nicht genuͤgte, wiederholten ſie ihn noch einmal auf dem Schwerte des Oberſten, und die Mei⸗ ſten bezeichneten ſich die Bruſt mit einem Kreuze aus dem Blute des Ermordeten. — Alle dieſe Vorgaͤnge waren das Werk we⸗ niger Augenblicke geweſen, waͤhrend deren der Major, welcher allein an das Erforderliche dachte, den Wundarzt des Hauſes herbeyrief. Der Ermordete war jetzt auf ſein Zimmer ge⸗ tragen und entkleidet worden. Niemand hegte Hofnung. Doch waren Alle dem Arzte nach⸗ gezogen, um ſeinen Ausſpruch zu hoͤren, und, wenn es noͤthig waͤre, huͤlfreiche Hand zu leiſten. 36 Dem Oberſten war unterdeß die Veranlaſ⸗ ſung dieſer Verwirrung nicht entfallen, und waͤhrend man den Grafen weg trug, ergriff er ſeine Gemahlin am Arm, und fuͤhrte ſie nach der Thuͤr ihres Zimmers zuruͤck. Da er 433 ſie etwas unſanft gefaßt hatte ſah ſie ihm mit Verwunderung in das Geſicht, und be⸗ gegnete hier blitzenden Augen, die deutlich ge⸗ nug einen Zorn ausſprachen, fuͤr den, ſeine zit⸗ ternden Lippen vergebens nach Worten ſuch⸗ ten.— Aber was hat Dich uur, ſagte ſie mit Beklommenheit, ſo⸗ fruͤh dieſes Wegs fuͤhren koͤnnen?— Ohne Zweifel das Verlangen, Dir guten Morgen zu wuͤnſchen.—— Aber Dein Handel mit dem Major?— Ich ſah ihn viel⸗ leicht fuͤr einen andern an, von dem ich mir jetzt Nachricht von Dir erbitten will.— Er hatte ſie bey dieſen Worten in ihr Zimmer ge⸗ zogen.+ Von mir? ſagte ſie erroͤthend.— Ja von Dir, meine Vortrefliche, antwortete der Oberſte; ich vermiſſe den Prinzen. Soll⸗ teſt Du mir nicht ſagen koͤnnen, wo er ſich auf⸗ haͤlt?— Sonderbare Frage! antwortete Frau von Lesko„ ſich von ihrem Manne wegwen⸗ dend, wie ſoll ich darauf antworten. Wahr⸗ ſcheinlich iſt er auf ſeinem Zimmer, oder aus⸗ gegangen, oder—— Oder, unterbrach ſie der Oberſte, da, wo er dieſes Tuch gelaſſen hat! Und mit zorngluͤhendem Geſichte griff er 184 nach einem oſtindiſchen Tuche, das halbverſteckt unter einigen Kleidungsſtuͤcken lag, und von ihm ſogleich fuͤr das Eigenthum des Prinzen erkannt wurde.— Dieſes Tuch, ſagte Frau von Lesko mit großer Unbefangenheit, hat der Prinz geſtern unſrer Emma um die Hand ge⸗ bunden, da ſie ſich an einem Roſenbuſche ver⸗ wundet thatte. Hier ſind ihre Blutstropfen. Aber ich begreife Dich nicht. Dein Benehmen iſt nicht wie das Benehmen eines beſonnenen Mannes.— Waͤr' es ein Wunder,„ wenn ein Mann den Verſtand verloͤhre, den ſeine Frau ſo heillos betruͤgt? Ich habe tauſend Beweiſe von Deiner Treuloſigkeit. Es bedarf Deines Eingeſtaͤndniſſes nicht, noch weniger einer ſchlauen Vertheidigung. In Kurzem ſalſ Da das Weitere hoͤren. Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer, ſchloß es ſorgfaͤltig ab, und ſchob den aͤußern Riegel vor; dann eilte er zu den Grafen zu⸗ ruͤck, deſſen Zuſtand ſeine Sorgen theilte. Der Arzt hatte jetzt die Wunde! unterſucht, die mit einer ſcharfen und ſchmalen Klinge gemacht war, und ſie nicht ſchlechterdings toͤdtlich ge⸗ funden; aber der Viuterin war groß gewe⸗ ſen, und Alles zeigte an, daß der Verwundete mehrere Stunden ohne Huͤlfe gelegen hatte. Unterdeſſen wurde ein Verband angelegt, Ein⸗ reibungen verſucht, und jedes Mittel angewen⸗ det, die ſchwaͤchen Fünken des Lebens, wenn ſie noch ütehdäit Thlinnnnerren n wieder be. fachen. aun. 21 16 Conſtanzens Blicke hingen an den Augen des Arztes und flehten um Hofnung, aber ſchon war eine Stunde und mehr vergangen, ohne daß ein Zeichen des Lebens der Hofnung Nahrung gab. Schon hatten ſich die meiſten Zeugen mit der Gewisheit von Favers Tode entfernt; auch der Oberſte war ſeinem eignen Geſchaͤfte nachgegangen, als Koſſakowski und 8 Pein Arm in Arm in das Zimmer tra⸗ Beyde ſchienen von einem Spazierritte zu derinnen, ſo daß die, welche von dem geſtri⸗ gen Zwiſte unterrichtet waren, glauben muß⸗ ten, ſie haͤtten ſich, mit dem naͤchtlichen Vor⸗ falle unbekannt, auf den Kampfplatz begeben, und waren jetzt nach vergeblichem Harren zu⸗ ruͤckgekehrt. e In dem Augenblicke ihres Eintre⸗ 186 tens quoll das Blut des Verwundeten mit Hef⸗ tigkeit durch den Verband.— Er lebt, rief Conſtanze zu gleicher Zeit; ſeine Lippen zucken, und jetzt wieder und ſtaͤrker!— Auch der Puls regt ſich, ſagte der Arzt, leiſe zwar, aber es iſt doch noch Leben in ihm, und wenn wir ihm Ruhe goͤnnen— Die Graͤfin verſtand ihn. Still und ſich ſelbſt bezwingend ſank ſie neben dem Lager des Kranken auf ihre Knie, druͤckte die gefalteten Haͤnde gegen die ungeſtuͤme Bruſt, und lauſchte, waͤhrend ihre Thraͤnen unauf⸗ haltſam ſtroͤmten, auf jedes Zeichen des zu⸗ ruͤckkehrenden Lebens— Die beyden Freunde, mit deren Eintritte dieſe Erſcheinung ſo wunderbar zuſammenge⸗ troffen war, wurden durch die Seitenblicke der Anweſenden und ihr duͤſteres Schweigen ſehr bald inne, daß der Unfall des Grafen ihnen zur Laſt gelegt werde. Dieſer Verdacht, mochte er wahr oder ungegruͤndet ſeyn, ſetzte ſie in eine Verwirrung, die ſie mit aller Keckheit ihres Weſens nicht zu verbergen im Stande waren; und ſo gab der haſtige Eintritt eines Dieners, der dem Prinzen einige Worte in's Ohr fluͤſterte, 187 dieſem einen erwuͤnſchten Vorwand das Zim⸗ mer zu verlaſſen, deſſen Luft ihm nicht zu⸗ ſprach. Stanislas folgte ihm augenblicklich, und als er die Thuͤr hinter ſich zuzog, hoͤrte er noch die Worte: Fort mit den Moͤrdern! Wer kann noch zweifeln, wer die Moͤrder ſind? Auf dieſe Weiſe geaͤchtet, hielt Koſſakowski es nicht fuͤr rathſam, laͤnger an einem Orte zu verweilen, der, wie Agramant's Lager, ein Tummelplatz der Zwietracht geworden war, und nichts als feindſelige Erſcheinungen bot. Er beſchloß alſo unverzuͤglich abzureiſen, und eilte auf das Zimmer der Fuͤrſtin, um ſich ihre Auftraͤge zu erbitten. Hier fand er Alles in großer Bewegung. Die Diener trugen zuſam⸗ men, die Frauen pakten ein; die Fuͤrſtin ſelbſt in Reiſekleidern betrieb das Geſchaͤft mit einer Unruhe, als ob es eine Flucht gegolten haͤtte. „Ich ſehe,“ ſagte Stanislas bey'm Eintreten, „daß ſich meine Gedanken auch jetzt mit den Ihrigen begegnen. Sie machen Anſtalten zur Abreiſe, und ich komme mich bey Ihnen zu beurlauben. Darf ich fragen, wohin Sie Ihre 188 Reiſe richten werden?“— Nach⸗Warſchau, antwortete die Fuͤrſtin, und wenn kein wichti⸗ geres Geſchaͤft Sie abhaͤlt, ſo bitte ich mir Ihre Begleitung aus. Aber, ſetzte ſie leiſe hinzu, indem ſie ihn bey Seite in das Fenſter zog, waffne Dich gut und brauche Vorſicht. Auch meine Diener ſind mit Waffen gut ver⸗ ſehn. Ich habe vorhin Worte und Drohun⸗ gen gehoͤrt, die mir fuͤr unſer Leben bange machen, und ich zweifle nicht, daß die patrio⸗ tiſchen Schwindelkoͤpfe, von denen ſo eben ein halbes Dutzend weggeritten iſt, uͤberall Laͤrm machen und die Nachricht verbreiten werden, daß die Polen ſchon unter den Vlchea der Ruſſen bluten. 4 Ich verachten dieſe Laummacher, 1 zerwicderte Stanislas; ihre Drohungen haben noch Rie⸗ manden Wunden geſchlagen, und eh' ihr Stroh⸗ feuer ſich entzuͤnden kann, haben es die Heere der großen Kaiſerin ausgetreten. Und wenn Gefahr droht—— an Ihrer Seite, goͤttliche Julie, zu Ihrem Beſchuͤtzer erkoren, gibt es keine Gewalt, die ich zu fuͤrchten haͤtte. b b Mit dieſen Worten griff er nach ihrer Hand, um ſie zu kuͤſſenz aber ſcherzend ſtieß ſie die ſeinige zuruͤck. Pfui, es iſt Blut dar⸗ an, ſagte ſie, und druͤckte ihm dann ſelbſt ihre Hand an die Lippen.— Das naͤchtliche Ereig⸗ niß, ſagte er, ſetzt mich in Verzweiflung aus mehr als einem Grunde. Ich gelte jetzt viel⸗ leicht fuͤr einen feigen Moͤrder, der ſich hinter⸗ liſtig eines Gegners entledigt, dem er in ehr⸗ lichem Kampfe zu begegnen fuͤrchtete. Aber bey Gott! nie waͤr' ich dieſem Ungluͤcklichen lebend gewichen; erſt als ſein Misgeſchick ihn zu Bo⸗ den geworfen hatte, hat er mir Furcht einge⸗ jagt. Ich floh wie verzweifelt zuruͤck und ſchaͤtzte mich gluͤcklich, dem Prinzen zu begeg⸗ nen, den ich mit in mein Zimmer riß, und zum Vertrauten meines Geheimniſſes machte. Sonderbar genug theilte ſich mein Entſetzen auch ihm mit. Er hatte nicht den Muth, auf ſeinem Wege zuruͤckzukehren, ſo ſehr er es wuͤnſchte.— Denn wir waren beyde im glei⸗ chen Fall— und ſo durchwachte er die Nacht bey mir, bis die Ermuͤdung unſern zweckloſen Reden ein Ende machte. Und nicht anders, 190 als ob der Schlaf ſeine volle Schuld abtragen wollte, war er ſo feſt auf uns gefallen, daß wir von dem Vorgange nicht eher etwas er⸗ fuhren, bis ihn uns der Diener bey'm Anklei⸗ den meldete. Entſetzlicher Menſch, ſagte die Fuͤrſtin. Ein ſolcher Schlaf bey einem boͤſen Gewiſſen und bey blutigen Haͤnden!— War es meine Schuld? erwiederte er. War es nicht ſein feindliches Geſchick, das ihn gerade um dieſe Zeit in der ungluͤcklichſten Stunde mir in den Weg fuͤhrte! Da ich im Dunkeln ging, hat er mich ſchwer⸗ lich erkannt; aber ich erkannte ihn, und ſo nah an dem erſehnten Ziele blieb mir nichts uͤbrig, als mich ihm mit einem Sprunge zu naͤhern, und ihm das Licht aus der Hand zu ſchlagen. Zu ſeinem Ungluͤcke pakt' er mich an der Kehle, und er haͤtte mich erwuͤrgt, wenn ich mich nicht mit meinem Stilet befreyt haͤtte. Er fiel mit einem Seufzer zu Boden— ich entfloh.— Aber wiſſen Sie, daß er wie⸗ der Zeichen des Lebens gibt? Nun dann, antwortete die Fuͤrſtin, wollen wir nicht warten, bis er wieder genug des Le⸗ bens hat, um die ganze Geſchichte ſelbſt in das rechte Licht zu ſetzen. Gehn ſie, den Ober⸗ ſten von unſrer Abreiſe zu unterrichten. Meine Anſtalten ſind in dieſem Augenblicke geendigt; das Aufpacken iſt in einer Viertelſtunde voll⸗ bracht. Au revoir alſo. Auf der Reiſe mehr, fluͤſterte ſie ihm zu. Stanislas eilte jetzt auf ſein Zimmer, ſeine Habe zülammen zu packen, ließ dann ſein Pferd ſatteln, und ging, von dem Oberſten und ſeiner Gemahlin Abſchied zu nehmen. Frau von Lesko, hieß es, ſey nicht zu ſprechen; ihr Gemahl aber ſey vor wenigen Augenblicken in großer Haſt weggeritten.— So iſt doch wohl der Prinz zu finden?— Auch dieſer nicht, war die Antwort. 2 Waͤhrend naͤmlich ein Theil des Hauſes mit dem Grafen, ein anderer mit der Abreiſe, und der Oberſte mit den Anſtalten zur Beſtra⸗ fung ſeiner Frau beſchaͤftigt war, hatte dieſe ihre Zeit nicht in unnuͤtzer Verzweiflung ver⸗ lohren. Ihr Gewiſſen ſprach ſie leider nicht frey, und die Aeußerungen ihres Mannes lie⸗ hen ſie fuͤrchten, daß er beſſer unterrichtet ſeyn moͤchte, als der Fall wirklich war. Sie kannte die Gewalt ſeines Zorns, wenn ſein Stolz ge⸗ kraͤnkt war; ſie wußte, daß es dann immer einer laͤngern Zeit bedurfte, ehe ſeine natuͤr⸗ liche Gutmuͤthigkeit die Oberhand gewann, und daß er in einer ſolchen Zwiſchenzeit gewaltſa⸗ mer Entſchließungen faͤhig war. Dieſen zu⸗ vorzukommen, nahm ſie Rath von der Furcht. Die Fenſter ihres Schlafzimmers oͤfneten ſich nach der Terraſſe des Gartens, und waren niedrig genug, um einen beherzten Mann zum Sprunge einzuladen. So kuͤhn war Sophie nicht; aber ein Obſtgelaͤnder, das ſich laͤngſt der Mauer unter dem Fenſter hinzog, beguͤn⸗ ſtigte den Gedanken der Flucht. Sobald alſo der Oberſte die Thuͤr ſorgfaͤltig verſchloſſen und zugeriegelt hatte, beſah ſie die Gelegenheit, ſchluͤpfte in den Reitrock, der fuͤr die Mor⸗ genpromenade zurecht gelegt war, ſtieg dann, da ſie keinen Zeugen in der Naͤhe ſah, von einem Stuhle in das Fenſter, und, indem ſie ſich an ſeinem Kreuze feſthielt, erreichten ihre Fußſpitzen das Gelaͤnder. Sie ſah zuruͤck. Der Raum, der ſie noch von dem Boden trennte, 193 war gering; aber furchtſam, wie ſie war, zau⸗ derte ſie mit dem leichten Sprung. Jetzt kni⸗ ſterte das Holz unter ihren Fuͤßen, und im Schrecken daruͤber, ſprang oder ſiel ſie viel⸗ mehr auf das weiche Blumenbeet herab. Gluͤcklich aus ihrer Gefangenſchaft befreyet, raffte ſie ſich ſchnell auf und eilte mit fluͤch⸗ tigen Schritten durch den Park einer Huͤtte zu, die von ihrer Amme, der Mutter ihrer Kammerfrau, bewohnt wurde. Die Alte fing ſchon an ſich des Gluͤckes zu erfreuen, daß ſie bey ſo fruͤher Morgenzeit nicht erwartet hatte, aber Sophie hemmte ihren Redefluß, und nachdem ſie ein Blatt aus einem Taſchenbuche geriſſen und einige Worte darauf geſchrieben hatte, be⸗ fahl ſie ihr, dieſes Blatt durch ihre Enkelin, die im Schloſſe aus⸗ und einzugehn pflegte, ihrer Tochter zuſtecken zu laſſen. Es enthielt den Befehl, ſich ſobald nur moͤglich bey ihrer Mutter einzufinden, und einige Waͤſche und an⸗ dere Kleidungsſtuͤcke mitzubringen. Zugleich war ihr, wie der Bothin, die ſtrengſte Ver⸗ ſchwiegenheit anbefohlen. II. R Sophiens Abſicht war, ſich den Tag uͤber verborgen zu halten, und dann mit Anbruch der Nacht, zu Pferd oder Wagen, zu einem Oheim zu fliehen, der ſich immer ſehr zaͤrtlich gegen ſie bewieſen hatte, und in der Naͤhe ei⸗ ner Tagreiſe einen Landſitz beſaß. Von ihm geſchuͤtzt, wollte ſie mit ihrem Manne unter⸗ handeln, und ſie zweifelte gar nicht, daß, wenn ſie nur erſt aus ſeinem Bereiche waͤre, die vo⸗ rige Liebe bey ihm erwachen, und ihrer Verthei⸗ digung leichter Gehoͤr verſchaffen wuͤrde. Die⸗ ſer Plan war auf den Charakter ihres Man⸗ nes recht gut berechnet; aber ſeine Ausfuͤhrung lag nicht in dem Rathe des Schickſals, das nicht gern der Klugheit gegen die Tugend hilft. Eben als die ſchlaue Zofe die Worte ihrer Herrin empfangen hatte, wurde ſie auf das Zimmer des Oberſten beſchieden, der am Schreibtiſche mit einem Briefe beſchaͤftigt, ihr befahl, ſich augenblicklich zu einer Reiſe anzu⸗ ſchicken, und einige Kleidungsſtuͤcke fuͤr Frau von Lesko zuſammen zu packen, wie man ſie im Kloſter brauchen koͤnne.„Fort jetzt in die Gar⸗ derobe,“ ſetzte er hinzu;„in einer halben 195 Stunde muß alles bereit ſeyn.“— und als ſie das Zimmer verließ, murmelte er fuͤr ſich: „Und mit Dir Kupplerin ſoll dann auch noch geſprochen werden.“ Dieſe letzten Worte waren der feinhoͤren⸗ den Thereſe nicht unbemerkt geblieben, und gaben ihr in dem dunkeln Gewirr das noͤthige Licht. Das, was ſie daraus abnahm, ſetzte ſie in die groͤßte Beſtuͤrzung, und ob ihr gleich die Flucht Sophiens einigen Troſt gab, ſo wußte ſie doch allzu gut, wie unſicher ihr jetzi⸗ ger Aufenthalt war, und daß ſie ſich nicht ſchnell genug aus dem Bereiche ihres erzuͤrn⸗ ten Gatten entfernen koͤnnte. Dieſes zu be⸗ wirken, ſchien ihr der wichtigſte Dienſt, den ſie jetz ihrer Herrin erzeigen koͤnnte, und waͤhrend ſie auf dem Wege nach dem Kleiderzimmer noch mit ſich Rath pflog, ſtieß ihr ein Diener des Prinzen auf. Jetzt ſchien ihr das Mittel gefunden, und da ſie in die Geheimniſſe ihrer Herrin auf das Vollkommenſte eingeweiht, zu einer Berathung aber keine Zeit war, ſo be⸗ ſchloß ſie, den Prinzen augenblicklich zum Schutze ſeiner Geliebten aufzufordern. Sie ließ N 2 11 196 ihn alſo herbeyrufen, theilte ihm ſchnell, was ſie wußte und nicht wußte mit, und machte ihm von der Wuth des Oberſten eine ſolche Beſchrei⸗ bung, daß er ſich nicht bedenken konnte, die bedrohte Frau gegen die Brutalitaͤt ihres Man⸗ nes, wie er es nannte, in Schutz zu nehmen. Ohne Zeit zu verliehren ließ der Prinz ei⸗ nes ſeiner Pferde fuͤr Frau von Lesko ſatteln, und es zugleich mit dem ſeinigen in moͤglich⸗ ſter Stille hinter dem Parke weg nach dem angewieſenen Orte fuͤhren. Zwey Diener ſoll⸗ ten ihn begleiten; Thereſe aber, die unbemerkt mit ihm zu entfliehen gehoft hatte, hatte kaum das aufgetragene Geſchaͤft begonnen, als der Oberſte erſchien, auf ihre Langſamkeit ſchalt, und ihr einen Diener als Gehuͤlfen zugeſellte. Unterdeſſen war der Prinz zu der wohlbekann⸗ ten Huͤtte gelangt, die bisweilen der geheimen Liebe als Zuflucht gedient hatte, und war von der Alten unverzuͤglich eingelaſſen worden. Frau von Lesko, die Thereſen zu erblicken hofte, ge⸗ rieth uͤber den Anblick des Prinzen in die groͤßte Beſtuͤrzung. Um Gotteswillen, rief ſie ihm entgegen, was wollen Sie hier? Sie retten; Sie der Wuth Ihres Mannes urerhen der Ihre Freyheit, Ihr deben be⸗ droht. Iſt Thereſe nicht hier? hh Die ſe erwarte ich; nicht Sie. Entfer⸗ nen Sie ſich, ich beſchwoͤre Gie Gie Lihten uucc zu Grunde. 1 Sie haben keinen dugenüſ zu miGeriehxen Roch wußte Ihr Mann nichts von Ihrer Flucht; aber ſie iſt ihm vielleicht jetzt ſchon be⸗ kannt. Dann wird er jeden Winkel nach Ih⸗ nen durchſuchen. Und wenn er Sie faͤnde! wenn er in dieſer erhoͤhten Wuth Sie faͤnde! Ich kann mein Leben an Ihre BBerthaidſgung ſehend aber wird Sie das retten?n wmen Bey dieſen Worten hatte er die Zitternde b0) der Hand gefaßt, und ſie nach der Khur gezogen.— Aber Thereſe koͤmmt nicht.— Wir koͤnnen nicht auf ſie warten. Wer weiß, was fuͤr ein Hinderniß ſie aufhaͤlt. Einer mei⸗ ner Diener mag uns langſam folgen; ihm wird die Amme ſie nachſenden.— Aber weiß er den Weg nach Pientokow?— Nach Pien⸗ tokow wollen Sie? Warum derißins— Zu meinem Oheim. E hn 198 2 Während dieſer Reden hatte der Prinz Sophien auf das Pferd gehoben, und nachdem er der Alten den Auftrag an ihre Tochter zu⸗ gerufen, dem zuruͤckbleibenden Diener aber ei⸗ nige Worte in das Ohr geſagt hatte, ſprengte er, mit ſeiner Dame zur Seite und einem zweyten Diener hinter ſich, querfeldein, und wagte nicht eher Athem zu ſchoͤpfen, bis er den Wald im Ruͤcken hatte, welcher die Be⸗ ſitzungen des Obmaſeeir von der Landſraß wennte.“ 88 1 In dem Schloſe hatte ſich unterdeſſen ein neuer Sturm erhoben. Die ſchlaue Thereſe war, trotz des Treibens, doch nur langſam fer⸗ tig geworden, indem ſie immer bald dieſes, bald jenes als nothwendig herbeyholte, und mit dem ihr zugeſellten Gehuͤlfen Streit uͤber Streit erhob, waͤhrend dem dann das Geſchaͤft ſtille ſtand. Endlich war es vollbracht; der Wagen war angeſpannt, der Koffer aufgepackt, ein bewaffneter Begleiter ihm zugegeben, und ihm Befehl ertheilt, die Gefangene nach dem Kloſter der fuͤnf Wunden zu bringen, ſie aber 199 nie aus den Augen zu laſſen, bis er ſie der Superiorin nebſt dem Briefe des Oberſten uͤber⸗ geben haͤtte.„Nachdem nun Alles ſo weit in Ordnung gebracht, jeder Auftrag wiederholt, der Wagen an die Treppe vorgeruckt war, und nichts mehr fehlte, als die Perſon, fuͤr welche alle dieſe Anſtalten gemacht waren, bemerkte Thereſe, daß die gnaͤdige Frau noch nicht ange⸗ kleidet ſey, indem ſie zugleich auf die Kleider deutete, die an ihrem Arme hingen.„Dazu wird dieſen Abend noch Zeit ſeyn,“ ſagte der Oberſt, der in ſeiner Verwirrung nicht wußte, was er ſprach;„das Kloſter iſt nur eine halbe Tagereiſe entfernt, und ſie hat unterwegs hof⸗ fentlich keinen Beſuch anzunehmen.“ Waͤhrend dieſer Rede war er mit dem Schluͤſ⸗ ſel in der Hand an die verſchloſſene und verrie⸗ gelte Thuͤr gekommen; und da er nach ſorgfaͤl⸗ tiger Beſichtigung Alles fand, wie er es verlaſ⸗ ſen hatte, ſchob er den Riegel auf und oͤfnete das Schloß.—„Du haſt es Dir zuzuſchreiben, Ungluͤckliche!“ rief er, als er die Schwelle des Zimmers betrat.—„Aber wo iſt ſie? Sophie? Frau von Lesko!“— Er ſtuͤrzt in die Kammer 200 Auch hier nicht. Aber das offene Fenſter, der angeruͤckte Stuhl, die Fußtapfen in dem Blu⸗ menbeete— Alles das belehrte ihn hinlaͤnglich, daß er auch jetzt wieder die Rolle des betroge⸗ nen Ehemanns ſpiele. Gedankenlos ſah er im Zimmer umher, ſchleuderte den Stuhl gegen die Wand, und ſuchte umſonſt einen Gegen⸗ ſtand, an dem er ſeinen Zorn auslaſſen konnte. Denn Therefe bewies ihm, da er ſich gegen ſie wendete, auf das buͤndigſte, daß ſie, bey allem guten Willen, zur Befreyung ihrer Herrin nichts habe beytragen koͤnnen. Jetzt blieb ihm nichts uͤbrig, als die Spu⸗ ren der Entflohenen aufzuſuchen. An der Spitze ſeiner Diener durchlief er den Park; aber ſo ſichtbar die Fußtritte auf dem weichen Boden der Terraſſe waren, ſo ganz unbemerk⸗ bar waren ſie auf den feſten Kieswegen, die ſich nach allen Seiten hin durch Gebuͤſche und Wieſen ſchlangen, und bald in Grotten und Einſiedeleyen, bald in Tempel und gothiſche Kirchen fuͤhrten, die alle mehr oder weniger einen Verſteck darboten. Waͤhrend alle dieſe Winkel durchſucht wurden, verging die Zeit; —— 201 und Thereſe, die das eitle Suchen mit Einem Worte haͤtte endigen koͤnnen, erinnerte ſchlau bald an dieſe, bald an jene verborgene Stelle der weitlaͤuftigen Anlagen, die man noch ver⸗ geſſen hatte, und ließ endlich ſogar die Beſorg⸗ niß fallen, ihre gute gnaͤdige Frau moͤchte ſich vielleicht in einen der Deiche geſtuͤrzt, und ihr Leben freywillig geendigt haben. n5 Dieſe Vermuthung ging bey dem Oberſten nicht verlohren. So erzuͤrnt er auch war, ſo entſetzte er ſich doch bey dem Gedanken, den Tod ſeiner Frau verſchuldet zu haben; und da er ſie wirklich mit großer Zaͤrtlichkeit liebte, ſo wurde in dieſem Augenblicke ſein Glaube an ihre Untreue ſo erſchuͤttert, daß er ſich im Innern ſchon einen Thoren und Wahnwitzigen ſchalt, und zum groͤßten Ergetzen Thereſens, die nicht aufhoͤrte zu weinen und die Haͤnde zu ringen, Befehl gab, das Waſſer der Teiche und Springbrunnen augenblicklich abzulaſſen. Er ſelbſt betrieb das Geſchaͤft mit Haſt und klopfendem Herzen; und waͤhrend der Gaͤrtner Gehuͤlfen zuſammenrief, lief er hin und her, 202 rang die Haͤnde, ſtampfte mit den Bißen und ſprach mit ſich ſelbſt.—. Als nun einer der Herbeygerufenen hoͤrte, daß man eine Frau vermiſſe, ſagte er: Und die ſoll ſich da in dem Waſſer wiederfinden? Eine, die ich vorhin querfeldein reiten ſah, ſah nicht eben aus, als ob ſie aus dem Waſſer kaͤme; wohl aber jagte ſie darauf los, als ob ſie Feuer hinter ſich haͤtte.— Du haſt eine Frau wegreiten ſehn? fragte der Oberſte. Wo? wenn? wie ſah ſie aus?— Sie kam von dem Dorfe her, denk' ich, antwortete der Knecht, und dann ging es uͤber die Wieſe hin, immer in den Wald hinein. Es moͤgen noch keine zwey Stunden her ſeyn.— O das iſt die Fuͤr⸗ ſtin geweſen, ſiel Thereſe ein; die reitet ja oft um dieſe Zeit ſpatzieren.— Spatzieren? er⸗ wiederte der Knecht. Nein, ein Spatzierritt war das nicht; es ging ernſtlich. Und die Fuͤr⸗ ſtin war es auch nicht; die iſt groͤßer. Ich haͤtte ſchwoͤren wollen, es ſey unſere gnaͤdige Frau, die Frau Oberſten, und der Offtzier, der im blauen Mantel vorausritt—— 29 Auch ein Offizier war dabey? rief der Oberſte.— Das iſt der Koſſakowski geweſen, ſagte Thereſe; aber ſchon hoͤrte ſie der Oberſte nicht mehr, der wie wahnſinnig nach dem Schloſſe zuruͤckeilte, und hier erfuhr, daß we⸗ der der Prinz, noch ſeine Leute und Pferde mehr zu finden waͤren. Er war wie betaͤubt, und eben die Gutmuͤthigkeit, mit der er ſich ſo eben gegeben hatte, goß jetzt Oel in das Feuer. Er meinte keine Ruhe finden zu koͤnnen, wenn ev nicht Rache naͤhme fuͤr ſo vielfaͤltigen Betrug. Er ließ unverzuͤglich ſat⸗ teln, und nahm, von zwey Dienern begleitet, den Weg nach dem Walde, nachdem er noch einmal nach dem Grafen gefragt, und den Major gebeten hatte, bis zu ſeiner Ruͤckkehr dem Hauſe vorzuſtehn, und fuͤr die Pflege des Kranken zu ſorgen. Kurz darauf reiſte auch die Fuͤrſtin ab, und nahm Thereſen auf ihr dringendes Bitten mit. Stanislas begleitete ſie; den erſten Tag reitend an der Seite des Wagens; dann aber, da keine Gefahr mehr zu drohen ſchien, uͤbergab er ſein 204 Pferd einem Diener, und ſetzte die Reiſe im Wagen an der Seite der Fürſtin Hna r de Das Lehe welches einige hogen hin⸗ durch von einem regen und ſcheinbar vecht froͤh⸗ lichen Leben erfuͤllt geweſen, war jetzt der Ein⸗ ſamkeit anheim gefallen, indem das Vergnuͤgen, das man geſucht hatte, auf die widrigſte Weiſe in das Gegentheil umgeſchlagen war. Der Wagen, welcher Sophien in das Kloſter hatte bringen ſollen, war nun wieder abgepackt; das auf dem Corridor vergoſſene Blut weggewa⸗ ſchen; die zertretene Terraſſe geebnet; und die muͤßige Dienerſchaft hatte Zeit, ſich uͤber die Abentheuer des verhaͤngnißvollen Tages in Be⸗ trachtungen zu verliehren.„Wohl iſt es wahr,“ ſagte die Aja der kleinen Emma,„daß der Krug ſo lange zu Waſſer geht, bis er bricht. Waͤre nicht der Herr Oberſte ein ſo gar guter Ehe⸗ mann, er haͤtte es laͤngſt merken muͤſſen; denn der Handel hat nicht erſt hier angefangen. Aber er haͤtte Schloͤſſer auf die Treue der gnaͤ⸗ digen Frau gebaut, und was haͤtte unſers Ei⸗ nes davon gehabt, ihm den Staar zu ſtechen?“ — Cy, da bewahre uns Gott vor, antwortete Brigitte, das Stubenmaͤdchen. Es iſt nicht gut, mit vornehmen Leuten Kirſchen eſſen. Sie wollen lieber betrogen und belogen, als unter⸗ richtet und verpflichtet ſeyn. Ich koͤnnte Man⸗ ches erzaͤhlen; aber ich bin blind und taub, und ſtockdumm obendrein. Am Ende kommt der Faden doch an die Sonne, wie fein er auch geſponnen iſt.—„Und vollends,“ fiel die Aja ein,„wenn er ſo grob geſponnen iſt, wie bey gewiſſen Leuten! Da iſt nun die Fuͤrſtin mit dem hochmuͤthigen Koſſakowski auf und davon gereiſt. Was ihr Mann dazu ſagen mag und noch andre Leute, die ſich auch nicht uͤbel mit ihr ſtanden.“— Dieſe andern Leute, verſetzte Brigitte, werden wohl nicht viel mehr von weltlichen Dingen hoͤren. Es iſt ein wun⸗ derliches Ding mit dem Morde; aber ſo viel iſt gewiß, man kann einen Mann nicht ſehr bedauern, der eine ſo ſchoͤne Frau hat, und ſich an eine hochmuͤthige und verbuhlte Prin⸗ zeſſin haͤngt, die es nimmermehr ehrlich mit ihm gemeint hat, und nun mit einem armſeli⸗ gen Szlacheic davon laͤuft. Es iſt Jammer 206 und Schade um den ſchoͤnen vornehmen Herrn; aber iſt es nicht ſeine Schuld und die gerechte Strafe des Himmels?—„Sie mag wohl Recht haben, Brigitte,“ antwortete die Aja;„ob wohl, wenn Alle ſeines Gleichen ſo geſtraft werden ſollten—! Doch will ich den Herrn gar nicht entſchuldigen. Seine Frau iſt eine ſo liebe und fromme Dame, die ein beſſeres Loos verdiente. Aber ſollte ſie nicht auch ein kleines Einver⸗ ſtaͤndniß haben? Sie weiß ſchon, was ich meine.“ — Waͤre es denn ein Wunder? verſetzte Bri⸗ gitte. Oder waͤr es ihr ſehr zu verargen, wenn ſie ſich in ihrer Verlaſſenheit einen Freund geſucht haͤtte? Gelegenheit macht Diebe, zu⸗ mal in der Liebe. Ich koͤnnte ſie darum nicht verdammen.—„Ey ich verdamme ſie auch nicht,“ antwortete die Aja,„ſondern wuͤnſche ihr gute Stunden und Tage; denn ſie iſt eine Frau, die auch fuͤr gemeine Leute ein Herz hat, und gar nicht ſo hochmuͤthig wie Manche. Auch iſt der Major leicht ein eben ſo ſchoͤner Mann, als der Graf, und ſicherlich ein weit beſſerer. Es iſt Schade, daß die beyden Leute nicht Mann und Frau ſind; dem Grafen aber 207 5 waͤre die Fuͤrſtin zu goͤnnen. Es heißt zwar, des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich; aber ich habe ſchon manchmal erlebt, daß aus dem Himmelreiche eine Hoͤlle wurde.“ Conſtanze wich unterdeſſen nicht von dem Lager des Kranken. Nach Verlauf einiger Stunden war er in einen unruhigen Schlum⸗ mer gefallen, während dem ſich ſeine Haͤnde krampfhaft ſchloſſen und oͤfneten; aber all⸗ maͤhlig wurde er ruhiger. Die Arme lagen ausgeſtreckt vor ihm hin; die Haͤnde todten⸗ bleich; und die dunkeln Haare, die um Stirn und Schlaͤfe hingen, machten die Farbe ſeines Geſichtes noch leichenaͤhnlicher. Faſt unmerk⸗ bar wehte der Athem gegen die geſchloſſenen Lippen; der Puls ſchwebte nur, und oft, wenn Conſtanze die Hand auf ſein Herz legte, war ſie ungewiß, ob es ſich rege. Oft hielt ſie dann voll Beſtuͤrzung ihr Ohr an ſeine Lip⸗ pen; aber kaum hatte ſie das ſchwache Beben des Athems erlauſcht, ſo kehrte der Zweifel von neuem zuruͤck. Oft traute ſie dann ihrer eignen Wahrnehmung nicht mehr, und nur die 208 „Verſicherungen des Arztes waren im Stande, ihren Glauben an das Leben des Kranken wie⸗ der aufzurichten. So kam der Abend herbey; aber alle Hof⸗ nung hing noch daran allein, daß er nicht ge⸗ ſtorben war. Er hatte einige Stunden faſt ohne Bewegung gelegen; Conſtanze hing lauſchend uͤber ihm; da oͤfneten ſich ſeine Lippen; ſein Hauch wehte in ihrem ſeidnen Haare; die ſchwe⸗ ren Augenlieder zogen ſich langſam zuruͤck; und als ob er aus einem tiefen Schlummer erwachte, nannte er mit kaum vernehmlicher Stimme den Nahmen ſeiner Frau. Und ſie, das heftig erregte Gefuͤhl zuruͤck⸗ draͤngend, antwortete mit leiſer, vor Freude be⸗ bender Stimme: Guter Paver, erkennſt Du mich wieder?— Da hob er beyde Haͤnde ein wenig empor, ließ ſie aber gleich wieder ſin⸗ ken, als ob ſie ihm zu ſchwer waͤren, und ſagte bittend: Liebe Conſtanze, verlaß mich nicht. Ein ſo freundliches Wort hatte ſie lange nicht aus dieſem Munde gehoͤrt. Wie der Nach⸗ laut einer beſſern Zeit ſchlug es an ihr Herz, und zugleich wie der Bote einer gluͤcklichern Zu⸗ 209 kunft.— Nie verlaß ich Dich, ſagte ſie, und deuͤckte ihre Lippen auf ſeine bleiche Hand, und der Thau ihrer Thraͤnen floß erquickend von ihrem gepreßten Herzen. Sie ſaß die Nacht uͤber bey ihm auf. Ihre Hand ruhte auf der ſeinigen; und er ſchien ſie unruhig zu vermiſſen, wenn er ſie nicht fuͤhlte. Am folgenden Morgen erklaͤrte der Arzt, er glaube ſich nun der Hofnung uͤber⸗ laſſen zu koͤnnen. In der That wuchſen die Kraͤfte des Kranken mit jedem Tage, wenn ſchon in ſehr kleinen Graden; das Fieber war wegen des großen Blutverluſtes ſchwach, und die aͤußere Beſchaffenheit der Wunde ließ bal⸗ dige Heilung erwarten. Conſtanze zaͤhlte die Schlaͤge ſeines Herzens, bewachte ſeinen Schlaf, und verließ ihn auch am Tage faſt nie. Oft ſaß dann auch der Major an dem Bette des Kranken, dem er die Theilnahme eines Freun⸗ des und die Sorgfalt eines gewiſſenhaften Wir⸗ thes bewies. Doch brachte er den groͤßern Theil des Tages auf ſeinem Zimmer zu, wo er viel ſchrieb, oft Boten empfing und Boten abſchickte. Nur ſelten war er mit der Graͤfin II.. O 210 allein; auch im Krankenzimmer machte er ſeine Beſuche nicht leicht anders, als in healenn des Arztes. Mehr als eine ne Woche war auf diefe Weiſe vergangen, und Conſtanze ſah ihre Sorgfalt durch die Beſſerung ihres Mannes und ſeine dankbare Zaͤrtlichkeit belohnt.„Meine Gene⸗ ſung,“ ſagte er bisweilen,„haͤngt an Dir. Du biſt mein Schutzgeiſt; Du allein. Wenn Du mich verließeſt!— Aber Du wirſt mich nicht verlaſſen!“ Dann ergriff er ihre Hand und hielt ſie ſo feſt, als ob er fuͤrchtete, daß ſie ihm entfliehen koͤnnte. Von der furchtbaren Nacht, in welcher er verwundet worden war, und den naͤchſten Fol⸗ gen dieſes Ereigniſſes war noch nie die Rede geweſen, und die Umgebungen des Grafen wichen der Erinnerung daran ſchonend aus. Er ſelbſt hatte nach Niemanden gefragt, ſo daß es ſchien, als ob er die Abweſenheit der vorigen Geſellſchaft und die Einſamkeit des Schloſſes gar nicht bemerkte. Aber es ſchien nur ſo. Denn wenn er nicht nach der Urſache dieſer Erſcheinung fragte, ſo war es nur, weil 211 ihn die Ahnung widriger eeiigeranrichic die er zu hoͤren fuͤrchtete. Asſſie Eines Abends aber, als Conſtanze i ent⸗ henn hatte, um zu ruhen, und der Major al⸗ lein am Krankenbette ſaß, und die Geſchichte jenes beruͤhmten Zweykampfs erzaͤhlte, der ſich vor einer Reihe von Jahren zwiſchen dem Kronfeldherrn Branicki und einem italiaͤniſchen Abentheurer zugetragen hatte, hielt der Graf ſein Verlangen nicht laͤnger zuruͤck, und ſagte mit erzwungenem Laͤcheln:„Auch mir hat vor⸗ laͤngſt von einem Zweykampfe getraumt, den ich ausfechten ſollte; aber mein Gegner war fruͤher auf ſeinem Poſten, und ließ mir nicht Zeit, mich in Vortheil zu ſetzen.“— Dann erzaͤhlte er, wie ihm in jener Nacht, eben da er nach ſeinem Zimmer habe gehen wollen, beygefallen ſey, mit dem Oberſten, ſeinem Se⸗ kundanten, noch wegen einiger Punkte Ruͤck⸗ ſprache zu nehmen; wie er ſich mit dem Lichte in der Hand du dieſem begeben, auf dem Wege aber, nicht weit von dem Gemache der Frauen, Koſſakowski ihm begegnet ſey, und das Licht aus der Hand geſchlagen habe, und dann das O 2 212 Uebrige, wie wir es aus Stanislas eignem Munde wiſſen.„Er hat,“ fuhr der Erzaͤh⸗ lende fort,„ſeinen Streich gut gefuͤhrt. Denn was von jenem Augenblicke an mit mir vor⸗ gegangen, iſt mir gaͤnzlich unbekannt.“ Der Major fand jetzt kein Bedenken, der Aufforderung des Kranken Genuͤge zu thun, und ihm von den weitern Begebenheiten jener Nacht und des folgenden Tages ſo viel mitzu⸗ theilen, als er ſelbſt wußte.— Aber wo bleibt der Oberſte? fragte der Graf.— Man weiß es nicht. Sein Verweilen beunruhigt mich.— Und was iſt aus Koſſakowski geworden?— Er hat die Fuͤrſtin begleiter. Bey dieſen Worten laͤchelte der Graf; aber ſein Laͤcheln war das des ſchmerzlichſten Selbſt⸗ hohns. Er ſchwieg eine Weile; dann fragte er raſch und abgebrochen: Warum haben Sie nicht geheirathet, Freund?— Ich hatte Be⸗ denklichkeiten; antwortete der Major.— Die, fuhr der Graf fort, durch das, was Sie hier erlebt haben, ſchwerlich gehoben worden ſind. Eben als dieſe Worte geſprochen wurden, kehrte Conſtanze zuruͤck. Aber Sie hatten doch 21¹3 Unrecht, ſetzte er laͤchelnd und leiſe hinzu, in⸗ dem er auf ſeine Gemahlin deutete, die auf der Schwelle ſtehend, ihn mit den Worten be⸗ gruͤßte: Du ſſprichſt ja munterer, lieber Pa⸗ ver, als ſeit langer Zeit.— Ja, antwortete der Graf, und von Dir. Unſer Freund hier fuͤrchtet den Eheſtand, weil er, wie es ſcheint, nicht die beſte Meinung von Deinem Geſchlechte hat. Ach Conſtanze, eh' ich Dich kannte, dachte ich auch wie er. idich aber kenne 1) erſt ſeit kurzer Zeit.. Indem er ſo ſprach, reichten er der— thenden die Hand, kuͤßte ſie und ſagte mit tie⸗ fer Rührung! Wie elend waͤr' ich jetzt ohne Dich! und wie elend war ich!— Er konnte ſeine Rede nicht vollenden und verbarg ſein Geſicht in ihren beyden Haͤnden. Der Major entfernte ſich ſchnell. Was iſt unſerm Freunde? ſagte der Graf. Er ſchien heftig bewegt, und, wenn ich nicht irre, ſah ich Thraͤnen in ſeinem Auge. Er iſt ein tref⸗ licher Mann, fuhr er fort; eben ſo beſonnen und feſt, als er weich und gutmuͤthig iſt. Aber er iſt nicht gluͤcklich; und wie er ſich auch be⸗ 4 214 herrſchen mag, er kann die Schwermuth nicht bergen, die uͤber ſeiner Seele bruͤtet.„ n *20 Conſtanze, die tiefere Blicke in das Herz ihres Freundes gethan, und in der Tiefe ihres eignen ſein Geheimniß errathen hatte, ſtimmte in das Lob ſeiner Tugenden ein, ohne doch et⸗ was von dem zu verrathen, was zueng mit ih⸗ ren Gefuͤhlen zuſammenhing, um fremden Augen blos geſtellt zu werden. Aber das, was ſie ver⸗ ſchwieg, ſo wie das, was ſie ausſpnach, bewegte ihr Herz, ſo heftig, daß ſie in Thraͤnen ausbrach. Der Graf ſah ſie nicht ohne Verwunderung an; und ſie ſelbſt erſchrack, als ſich die erſten Wogen ihres Gefuͤhls gelegt hatten, uͤber die Gewalt, welche die Theilnahme an dem Schick⸗ ſale ihres zeeundes uͤber ſihr Gemath aüaübte Der Mier hue ſich auf ſein— be⸗ gehen, unzufrieden mit ſich und der Reizbar⸗ keit ſeines Herzens, das doch endlich einmal, ſagte er zu ſich ſelbſt, gelernt haben ſollte, dem Hammer des Schickſals Widerſtand entgegen zusſetzen. Aber er mochte ſich Haͤrte einpre⸗ digen ſo viel er wollte, es war diesmal um⸗ 8 ſonſt. Die Strahlen ſeiner erſten und einzi⸗ gen Liebe fielen mit ſolcher Gewalt auf ſein Herz, daß der Demant zum Waſſertropfen wurde, und ſein herzhaftes Beſtreben ſich, zu ſeiner groͤßten Beſchaͤmung, in einen Strom von Thraͤnen auflöͤſte. aiden gr Als er aber ausgeweint hatte, kehrte er die feuchten Augen zum Himmel und ſagte be⸗ tend: O Gott, laß ſie gluͤcklich werden durch den Mann, dem du ſie beſchieden haſt; und gib, daß mir an dem Looſe genuͤge, Zeuge⸗ ih⸗ res Gluͤcks und ihrer Zufriedenheit zu ſeyn! znEr ſtand am Fenſter, als er ſo ſprache Die Nacht war dunkel; nur einzelne Sterne ſchauten auf die ſtille Erde herab. Da ſah er in der Ferne auf der Heerſtraße ein Schim⸗ mern wankender Lichter, die ſich in gerader Richtung nach dem Schloſſe zu bewegten, und nach einiger Zeit vernahm er den ſchweren Fußtritt ermuͤdeter Pferde, die gedaͤmpften Stimmen antreibender Fuhrleute, und das Knarren von Wagenraͤdern. Langſam ruͤckte: das Fuhrwerk mit ſeinen Umgebungen nach dem Thore des Schloſſes, wo ſchon Alles in 2¹6 tiefer Ruhe lag, und der bejahrte Hausmei⸗ ſter erſt ſpaͤt, durch das erſt leiſe, dann lau⸗ tere Anpochen der Laternen⸗ und Fackeltraͤger aus ſeinem Schlummer geweckt wurde. Lang⸗ ſam wurden die Riegel aufgezogen, und ein ſchwarzbehangener Wagen fuhr herein mit ei⸗ nem Sarge belaſtet. Der Sarg veuſchleſt den Leichnam Sophiens.— Wir haben dieſe ungluͤckliche Frau, von dem Prinzen und ſeinem Diener begleitet, jenſeit dem Walde verlaſſen, wo den ſchnaubenden und dampfenden Roſſen zuerſt eine kurze Erholung gegoͤnnt wurde. Aber indem ſich der Zug lang⸗ ſamer fortbewegte, zu dem ſich nun auch der zweyte Diener mit der Nachricht geſellte, daß er Thereſen vergeblich erwartet habe, ſtuͤrmten feindſelige Gedanken mit groͤßerer Gewalt als vorher auf Sophiens Herz. Bey ihrer Flucht aus dem Schloſſe hatte ſie an nichts gedacht, als ſich dem Zorne ihres Mannes zu entziehn; nicht an eine gewaltſame Trennung von ihm, noch weniger an eine Verknuͤpfung ihres Schickſals mit einem Liebhaber, deſſen Wankelmuth ſie kannte, und den ſie nur in den berauſchten Momenten 217 leichtſinniger Unbeſonnenheit ihrem Gemahl hatte vorziehn koͤnnen. Jetzt ſah ſie mit Schaudern, daß durch die ungluͤckliche Wendung, die ihre Flucht genommen hatte, ihr erſter Plan zerſtoͤrt war, und dachte zitternd an die Ankunft bey ihrem Oheime, welcher der ſtrafbaren Nichte leicht die Liebe entziehen konnte, die er vormals der unſchuldigen geſchenkt hatte. Wie ſie auch immer ihre Rechtfertigung ſtellen mochte, die Geſellſchaft, in der ſie erſchien, war eine An⸗ klage, die ſich nicht entkraͤften ließ. Und was ſollte ihr Schickſal ſeyn, wenn er ſie von ſich ſtieß? Bey wem ſollte ſie Zuflucht ſuchen? Und wie ſollte ſie je wieder vor den Augen der Welt erſcheinen, die, wie nachſichtig ſie auch immer gegen geheime Vergehungen ſeyn mag, die oͤf⸗ fentlichen ohne alle Schonung verdammt. Dieſe troſtloſen Gedanken ſchwollen immer heftiger in ihrer Bruſt, und verſenkten ſie in ein tiefes Schweigen, bey dem ſie keinen Blick auf ihren Begleiter warf. Die Ausſicht, wel⸗ che vor ihr lag; die Reue uͤber das, was ſie gethan, und zum Theil wider ihren Willen ge⸗ than; der Gedanke an ihren Mann, den ſie 218 achtete, an ihr Kind, von dem ſie jetzt viel⸗ leicht auf immer getrennt war, und dem ſie ihren befleckten Ruf zum naͤchſten Erbtheil hinterließ— Alles das zog ſtuͤrmend durch ihre Bruſt, und naͤhrte den bitterſten Unwillen ge⸗ gen den Mann, den ſie jetzt als die einzige Urſache ihres Ungluͤcks betrachtete. Dieſem war ein ſolches Schweigen eine ungewoͤhnliche Erſcheinung; er ſuchte ſie aufzuheitern; aber ſeine Worte verhallten in der Luft, und wenn er ſie bey ſeiner Liebe beſchwor, oder ſie an die Zeichen der Zaͤrtlichkeit erinnerte, die ſie ihm gegeben hatte, wendete ſie ſich mit Ab⸗ ſcheu von ihm weg. Endlich wurde er ſeiner fruchtloſen Bemuͤhungen uͤberdruͤſſig, und ver⸗ urtheilte ſich ebenfalls zum Stillſchweigen, die Bereitwilligkeit bereuend, mit der er ſich der Rettung einer lcunanibftene rau undernagen Auntas 51541— 1 1 Son waren ſie eine lange Strecke fortgezo⸗ gen; der Mittag war laͤngſt voruͤber, und ſeit dem Morgen hatten weder Menſchen noch Pferde geraſtet. Bey einem Wirthshauſe an der Straße machten ſie Halt. Eine Frau in rauer empfing die Gaͤſte an der Thuͤr, mit einem Maͤdchen an der Hand, das ebenfalls in Trauer war. Wie weit haben wir noch bis Pientokow, gute Frau? fragte Frau von Lesko die Wirthin; der Zeit nach kann es nicht weit mehr ſeyn.— Bis Pientokow? fragte die Wirthin mit dem Tone der Verwunderung. Das liegt ja ganz nach einer andern Seite hin. Der naͤchſte Ort von hier iſt Rawanow, und den koͤnnen Sie vor Mitternacht nichk c er⸗ — 10„Snlsdadsaikt Bad ain unnp Frau von duaeo war Heheiedtas Sie 65 8 Prinzen herbey und ſagte in franzoͤſiſcher Sprache zu ihm: Wo fuͤhren Sie mich hin, Prinz? Dieſe Frau ſagt mir, daß wir nicht auf dem Wege nach Pientokow ſind.— Aleer⸗ dings nicht, antwortete der Prinz trocken; was wollen Sie auch dort?— Mich meinem Oheim in die Arme werfen. Hab' ich es Ihnen nicht geſagt? Haben Sie es mir nicht verſprochen? Oder meinen Sie, daß ich Luſt habe, als eine irrende Prinzeſſin mit Ihnen umherzuſchwei⸗ fen? Noch Einmal! Wofuͤhren Sie mich hin? 220 So unwillig der Prinz uͤber das Betragen ſeiner Begleiterin war, das ihm wie ſchwarzer Undank erſchien, ſo nahm er ſich doch zuſam⸗ men und ſagte: Wenn Sie die Guͤte haͤtten haben wollen, gnaͤdige Frau, mir einiges Ge⸗ hoͤr zu goͤnnen, ſo wuͤrde ich jetzt nicht gend⸗ thigt ſeyn, meine Vertheidigung in Gegenwart dieſer fremden Frau zu fuͤhren. Als Sie mir ſagten, daß Sie zu Ihrem Oheim gedäͤchten, war keine Zeit zu Berathſchlagungen. Ich mußte ſcheinen in Ihr Verlangen einzuwilli⸗ gen, mit dem Vorbehalte, Ihnen unterwegs die Gruͤnde zu entdecken, die mich bewogen, Sie ſo weit als moͤglich von Pientokow zu ent⸗ fernen. Sie verſchloſſen mir Ihr Ohr.—= O wollte Gott, rief Frau von Lesko, in⸗ den ſie die Haͤnde rang, wollte Gott, ich haͤtte Ihnen immer verſchloſſen, oder With waͤre in 2 Augenblick—— Fuͤr dieſe Ausbruͤche des Gefuͤhls, unter⸗ Beach ſie der Prinz, wie gerecht oder ungerecht ſie ſeyn mögen, ſcheint dieſer Ort hier nicht am ſchicklichſten gewaͤhlt. Sie wollen zu Ihrem Oheim? Ihrem Oheim, dem Oberſten M. wollen 221 Sie ſich in die Arme werfen! Dieſer Gedanke häͤtte vor einigen Monaten vielleicht Beyfall ver⸗ dient. Aber jetzt iſt dieſer Mann eines der Haͤupter der Unzufriedenen; der bitterſte und unverſoͤhnlichſt Feind aller derer, die er mit Recht oder Unrecht fuͤr Anhaͤnger der ruſſiſchen Sache haͤlt. Seine Partey ſetzt mich in dieſe Klaſſe. Wird er, wenn Sie ſich ihm in meiner Geſellſchaft zeigen, von Ihnen etwas anders glauben? Und wenn er auch, was doch keines⸗ wegs wahrſcheinlich iſt, der Verwandtſchaft zu Liebe, die Farbe der Partey vergaͤße, werden es auch diejenigen thun, die ihn umringen, und, wie kaum zu zweifeln ſteht, uͤber blutigen Ent⸗ wuͤrfen bruͤten? 1 Frau von Lesko ſah vor ſich hin und ſchwieg. Der Prinz ſchwieg auch und ſchien keine Luſt zu haben, das Stillſchweigen zuerſt zu brechen. — und weiter? ſagte ſie endlich.— Fuͤr das Weitere erwarte ich nun Ihre Befehle.— Meine Befehle waren es nicht, die uns auf die⸗ ſen Weg gebracht haben, der, wie ich jetzt wohl ſehe, nach Warſchau fuͤhrt.— Allerdings, ant⸗ wortete der Prinz; dort werden Sie den Rach⸗ e forſchungen Ihres zuͤrnenden Gemahls— wenn er deren anſtellt— am erſten entgehn. Ich kann Ihnen dort ein Haus empfehlen, wo Sie in der groͤßten Verborgenheit leben koͤnnen, bis Sie, wegen des Ueheicſen, einen feſcen Ent⸗ ſehluß gefaßt haben— 1 16336 Mein Entſchluß iſt gefaßt, anteichch— Sophie⸗ und dann ſich an die Wirthin wen⸗ dend: Wie weit iſt das naͤchſte Frauenkloſter von hier?— Zwoͤlf Stunden, war die Ant⸗ wort.— Das waͤre alſo fuͤr Morgen, ſagte: Sophie. Heute thut ich keinen Schritt weiter, am wenigſten auf dem Wege nach Warſchau Geben Sie mir ein Zimmer, Frau Wirthin, und haben Sie die Gefaͤlligkeit, den Abend und die Nacht bey mir zuzubringen.— Mit Vergnuͤgen, antwortete die Wirthin, und ver⸗ neigte ſich. Aber der Herr Gemahl hier?— Feau von Lesko erroͤthete bis uͤber die Stirn; der Prinz laͤchelte ſchadenfroh; auch die Wir⸗ thin konnte ſich eines leiſen Laͤchelns nicht ent⸗ halten.— Dieſer Herr iſt nicht mein Gemahl, ſagte Sophie mit der Haſt der Verlegenheit; der Zufall hat uns zuſammengefuͤhrt.— Aber ſie hatte dieſe Worte kaum ausgeſprochen, als ſie die Unwahrſcheinlichkeit ihres Vorgebens fuͤhlte. Sie erroͤthete noch heftiger als vor⸗ her, und da ſie alle Gegenwart des Geiſtes ver⸗ ließ, preßte ihr der Unmuth Thraͤnen aus. Sie ſtand raſch auf, nahm das kleine Maͤdchen der Wirthin bey der Hand, und begab ſich nach dem Innern des Hauſes, wo ihr ein Vüner nuir Betten geoͤfnet wurde. 1 Hier, von ihrem Begleiter getrennt, ſchoͤpfte ſe wieder Luft und ließ ihren Thraͤnen freyen Lauf. Sie hatte den raſchen Entſchluß gefaßt, in das naͤchſte Kloſter zu fluͤchten, von wo aus ſie die Verzeihung ihres Gemahls ſuchen wollte. Sollte ihr dieſes mislingen, ſo wollte ſie den Schleyer nehmen. So wurde das, was ſie als das Schrecklichſte geflohen, der Gegenſtand ih⸗ rer Wahl; und die Wahl, die ſie mit launenhaf⸗ tem Leichtſinn in ihrem Liebhaber getroffen hatte, war der Gegenſtand ihres Abſcheues geworden. Ein beſtuͤrmtes und gepreßtes Herz, ſobald es zu einem Entſchluſſe gelangt iſt, wie hart die⸗ ſer auch immer ſeyn mag, fuͤhlt in dem Aufhoͤ⸗ ren der Schwankung eine augenblickliche Beru⸗ 224 higung. Sophie ſah jetzt mit unverwandtem Blicke nach dem Hafen hin, der ſie aufnehmen ſollte, und ſie ſchmeichelte ſich insgeheim, durch dieſen Vorſatz einen Theil ihres Vergehens ge⸗ buͤßt zu haben. Dieſer Entſchluß, ſagte ſie zu ſich ſelbſt, wird mir vielleicht das Leben koſten. Ich werde ſterben vor Gram, aber ich werde mit dem Bewußtſeyn ſterben, ungezwungen zu meiner Pflicht zuruͤckgekehrt zu ſeyn. Und viel⸗ leicht— vielleicht werden dieſen furchtbaren Tagen wieder gluͤckliche folgen! Waͤhrend dieſer Zeit ging die Wirthin ab und zu; das ſchwarzaͤugige bluͤhende Kind aber ſaß Sophien auf dem Schoß. Warum biſt Du in Trauer, Kind? fragte ſie jetzt.— Fuͤr mei⸗ nen Vater, antwortete das Kind; er iſt vor vier Wochen begraben worden.— Iſt die Wirthin Deine Mutter?— Nein, meine Grosmutter.— Wo iſt Deine Mutter?— Ich weiß es nicht.— Iſt ſie etwa auch todt?— Nein, todt nicht; aber— ſie ſagte das der Fragenden leiſe in's Ohr— ſie ſagen, ſie waͤre ſchlecht, und mein Vater waͤre nicht geſtorben, wenn er nicht den Gram um ſie gehabt haͤtte. Frau von Lesko frug nicht weiter, aber ihre Bruſt hob ſich heftiger, und neue Stroͤme von Thraͤnen ergoſſen ſich uͤber ihre gluͤhenden Wangen. Das Kind ſchlief bald darauf auf ihrem Schoße ein, und als es die Grosmut⸗ ter wegtragen wollte, geſtattete ſie es nicht.— Laſſen Sie mir das Kind noch ein wenig, ſagte ſie; es kommt mir wie ein lieber Schutzgeiſt vor. Wie ruhig es ſchlaͤft! Ach es weiß noch nichts von der Welt, und nichts beunruhigt ſein kleines Herz, als die geringen Beduͤrfniſſe des Augenblicks.— Es iſt ein gutes und liebes Kind, ſagte die Wirthin, und es hat jetzt keinen Menſchen mehr auf der Welt, der ſich ſeiner annehmen koͤnnte, mich ausgenommen. Ich thu' es auch gern, obgleich die Sorge der Wirthſchaft ſchwer auf meinen Schultern liegt. Es muß, ja wohl Gottes Wille geweſen ſeyn; und da muß der Menſch ſchon ſtill halten. Die Worte des Kindes hatten Sophiens Theilnahme erregt, und ob ſie gleich etwas II. P Schmerzliches zu hoͤren fuͤrchtete, ſo ſiegte doch die Neugierde uͤber die Furcht.— Der Va⸗ ter iſt geſtorben, fragte ſie, wie mir das Kind geſagt hat, und die Mutter?— Die Mutter waͤre beſſer auch todt, antwortete die Wirthin, ob es ſchon hart iſt, wenn eine Mut⸗ ter den Tod ihres einzigen Kindes wuͤnſchen muß. Gott weiß, ſie war lange Zeit meine einzige und groͤßte Freude, und half mir tuͤch⸗ tig in der Wirthſchaft, und lebte gluͤcklich mit ihrem Manne. Da kamen die fremden Kriegs⸗ voͤlker in das Land, und ein Kommando da⸗ von wurde hier bey uns einquartirt. Unter dieſem war Einer, der es ihr anthat. Gott weiß wie. Von der Zeit an wendete ſich ihr ganzes Gemuͤth um. Wie hab' ich ihr zuge⸗ redet! Wie hat ihr Mann— Gott troͤſt' ihn in der Ewigkeit!— ſie gebeten und beſchwo⸗ ren, ihn nicht ſo ungluͤcklich zu machen, und ihr Herz an den auslaͤndiſchen Kerl zu haͤngen. Es war aber Alles umſonſt. Zwar verſprach ſie Alles; aber es war nur Liſt und Betrug; denn als das Kommando aufbrach, verſchwand ſie auch aus dem Hauſe, und verließ Mann und Kind— und das Kind war doch ſonſt ihr Augapfel— und zog mit dem Feldwebel⸗ der ſie vielleicht ſchon jetzt im Elende ſitzen gelaſſen hat. Denn gewiß iſt er ein einge⸗ fleiſchter Satan, da er ein ſo gutes Gemuͤth ſo hat beſtricken koͤnnen. a Frau von Lesko beugte ſich uͤber das Kind, um ihre Thraͤnen zu verbergen; denn jedes Wort, das die Frau ſagte, war ihr ein gifti⸗ ger Pfeil. Die Wirthin ſah, daß ſie weinte, und bewunderte ihr weiches Herz.„Es mag aber, dachte ſie bey ſich ſelbſt, auch bey ihr nicht Alles recht ſeyn. Doch das ſ nicht meine Sorge. 26 dnt 2dad Ich wänſche„ ſagte Fran. von eesko nach einiger Zeit zu der Wirthin, morgen ſo fruͤh als moͤglich nach dem Kloſter abzureiſen. Ich kann ja wohl hier einige ſichere Maͤnner zu Begleitern bekommen; denn meine bisherige Bedeckung ſchlägt nun einen andern Weg ein. Sorgen Sie dafuͤr, ich bitte Sie, daß ich mit Anbruch des Mages in aller Stille auförechen kann. 3 P 2 228 Die Wirthin entfernte ſich und kam kurz darauf mit der Nachricht zuruͤck, daß zwey ſtarke Burſche beſtellt waͤren, welche die Nacht im Hauſe zubringen wuͤrden, um bey'm An⸗ bruche des Tages bereit zu ſeyn. Ich habe ihnen auch befohlen, ſetzte ſie hinzu, Waffen mitzubringen; denn die Gegend wird von ſchlechtem Geſindel beunruhigt, das mit den fremden Voͤlkern in das Land gekommen iſt. Nachdem dieſe Einrichtung getroffen war, ſchrieb Sophie einige Zeilen an den Prinzen, in denen ſie ihn bat, ſich nicht weiter mit ih⸗ rer Begleitung zu bemuͤhen, die ſie nie begehrt habe, und die das Peinliche ihrer Lage nur vermehren wuͤrde. Wollte Gott, ſetzte ſie hin⸗ zu, ich haͤtte Sie nie gekannt; da aber das Geſchehene leider nicht geaͤndert werden kann, ſo bitte ich Gott, daß wir uns nie in dieſer Welt wiederſehn. Dieſe Art der Berabſchiedung kraͤnkte den Stolz des Prinzen viel zu ſehr, um ſich ohne weiteres darein zu ergeben. Er begab ſich nach Sophiens Zimmer, und da er es verſchloſſen fand, bat er dringend um Gehoͤr.— Sie 229 wiſſen meinen Entſchluß, Prinz, antwortete ſie von innen heraus; er iſt unwiderruflich: be⸗ unruhigen Sie mich nicht.— Der Prinz ließ ſich nicht zuruͤckweiſen; er verſuchte die Thuͤr zu oͤfnen; das Schloß that Widerſtand. Aber indem er ſo beſchaͤftigt war, hoͤrte man vom Hofe her ein Stampfen von Pferden und ein lautes Rufen nach dem Wirth.— Hier werde ich noͤthig ſeyn, rief die Wirthin, die ſich in Sophiens Zimmer befand, und ſchluͤpfte durch die Thuͤr hinaus, durch die der Prinz augen⸗ blicklich eindrang. Erbittert, außer ſich, uͤber⸗ haͤufte er ſie mit Vorwuͤrfen, und warf ihr ihr Billet vor die Fuͤße.— Sie bat ihn, ſie zu verlaſſen; ihr Wohl, ihre Seligkeit haͤnge davon ab; und da er ſie doch nicht verließ, ſondern fortfuhr, ſeinem Zorne Luft zu ma⸗ chen, warf ſie ſich auf die Knie, hob ihre Haͤnde zum Himmel, und beſchwor ihren Quaͤ⸗ ler, ſie nicht zur Verzweiflung zu bringen.— In dieſem ungluͤcklichen Augenblicke wurde die Thuͤr aufgeriſſen.„Biſt Du hier, ehrloſer Raͤu⸗ ber,“ rief eine bekannte Stimme herein,„und Dein Opfer Dir zu Fuͤßen? Schmach der Buh⸗ 230 lerin! und Verderben Dir, Nichtswuͤrdiger! Die Stunde der Nache hat geſchlagen.“— Mit dieſen Worten ſtuͤrzte der Oberſte— denn er war es ſelbſt— auf den Prinzen zu, und ſchwang den Saͤbel uͤber ſeinem Haupte, waͤh⸗ rend dieſem nichts uͤbrig blieb, als dem An⸗ greifenden in den Arm zu fallen. Waͤhrend ſie mit einander rangen, und Sophie auf den Knien lag, wie eine von der Laſt des Be⸗ wußtſeyns niedergebeugte Verbrecherin, die das Urtheil des unerbittlichen Richters erwartet, erfuͤllte Getuͤmmel den Platz vor der Thur, indem die Diener ihren Herrn zu Huͤlfe eilten, und auch die Bauern hinzudrangen, die ſich zur Vertheidigung der fremden Dame ver⸗ pflichtet glaubten, die ſie nach dem Kloſter ge⸗ leiten ſollten. Schon war der Prinz im Be⸗ griff unterzuliegen, als ſein Diener ihn den Haͤnden des Oberſten entriß, welcher wuͤthend uͤber dieſe Einmiſchung, eine Piſtole aus dem Guͤrtel zog, und ſie gegen den Diener abſchoß. Der Schuß wurde erwiedert; die Saͤbel fun⸗ kelten auf allen Seiten; der Kampf raſte in dem beſchraͤnkten Raum;— da ſprang Sophie auf, 231 ihren Gemahl mit ihrem Leibe zu decken; aber ehe ſie ihn erreichte, hatte ein ungluͤcklicher Schuß — es iſt ungewiß, von welcher Seite er ſiel— ſie in die Bruſt getroffen. Sie ſank zur Erde; ihre Arme umſchlangen die Knie ihres Gemahls, und ihr Blut bedeckte ihn. Unterdeſſen waren die Diener des Oberſten auf den Prinzen einge⸗ drungen, und hatten ihm mit ihren Saͤbeln Wunden verſetzt, die ihn zu Boden warfen. Da rief er noch ſeinen Dienern zu: Faßt den Moͤr⸗ der, Ihr Hunde! Wenn er entkoͤmmt, ſo buͤßt Ihr mit Euern Koͤpfen! f Der Oberſte ſtand ſprachlos da, den ſtarren Blick auf ſeine Frau geheftet, die ſich umſonſt bemuͤhte, das welke Haupt zu ihm zu erheben, und nur durch Mienen zu ihm ſprach. Erſt als die Diener des Prinzen Hand an ihm legen woll⸗ ten, kehrte ihm das Bewußtſeyn zuruͤck; er riß ſich los, warf die Andringenden von ſich gegen die Wand, und wuͤrde unbeſiegt geblieben ſeyn, waͤre nicht bey dem entſtandenen Laͤrm ein hal⸗ bes Dutzend Ruſſen herbeygeeilt, die in den be⸗ nachbarten Haͤuſern im Quartier lagen.„Brave Ruſſen,“ rief ihnen der Prinz zu, als ſie ſich D 22 an der Thuͤr zeigten,„ergreift dieſen Mann und ſeine Diener, die gegen Eure große Kaiſerin ver⸗ ſchworen ſind. Er hat mich ermordet, weil ich Euch liebe. Euch liegt es ob, meinen Tod zu raͤchen.“ Dieſe Aufforderung verfehlte ihre Abſicht nicht. Die Ruſſen ſtuͤrmten mit Wuth herzu, banden den Oberſten und ſeine Diener feſt, und waren im Begriff, ihn aus dem Zimmer, das einem Schlachtfelde glich, wegzuziehn, als V ſie von einer ſchwachen weiblichen Stimme zu⸗ ruͤckgehalten wurden. Sophie war wieder zum Bewußtſeyn erwacht, und flehte jetzt, indem ſie ſich muͤhſam zu den Fuͤßen ihres Mannes ſchleppte, um einen Augenblick Verzug.„Ich ſterbe,“ ſagte ſie,„nicht ſchuldlos, aber auch nicht ſo tief verſchuldet, als Du waͤhnen magſt. Meine Flucht war die Wirkung der Furcht vor Deinem Zorn; daß der Prinz mein Be⸗ gleiter wurde, war nicht mein Werk. Ich ging, mein Vergehen im Kloſter abzubuͤßen. Vergib mir. Jetzt iſt Alles aus. Sage, daß Du mir vergibſt, damit 5 nicht in Verzweif⸗ lung ſterbe.“ 233 Der Oberſte war nur allzugeneigt, eine Frau zu entſchuldigen, die er immer mit gro⸗ ßer Zaͤrtlichkeit geliebt hatte; und jetzt, da er ihre blaſſe blutige Geſtalt zu ſeinen Fuͤßen ſah, loͤſchte das Mitleiden jeden Gedanken von Zorn in ihm aus. Er neigte ſich zu ihr herab, und na ſie aufheben; aber ſeine Haͤnde waren gebunden. Knirſchend vor Wuth und mit dem Fuße ſtampfend, ſagte er:„Dir vergebe ich, und Gott weiß es, von ganzer Seele. Aber dieſen verraͤtheriſchen Teufel, dieſen ſuͤndenvol⸗ len Verfuͤhrer wird Gott zuͤchtigen. Moͤge ihm Gott ſo wenig verzeihen, als ich.“ Bey dieſen Worten ſtoͤhnte der Prinz aus tiefer Bruſt, und befahl einen Prieſter zu ru⸗ fen. Es war zu ſpaͤt. Sophie war leblos zur Erde geſunken, ſobald ſie das verſoͤhnende Wort aus dem Munde ihres Mannes vernom⸗ men hatte, und der Prinz rang kurz darauf, auf den zoͤgernden Prieſter ſcheltend, ſein Le⸗ ben aus. Am folgenden Morgen verlangte der Oberſte ſeine Frau noch einmal zu ſehn, und da er ſich auf ſein Ehrenwort gefangen gegeben hatte, 234 wurde er nicht gehindert, ſeinen Wunſch zu erfuͤllen. Die Wirthin ſaß betend neben der Leiche; ihre Enkelin kniete an ihrer Seite, und reichte dem Oberſten das Billet ſeiner Frau an den Prinzen hin, das ſich auf der Erde gefunden hatte. Es enthielt die Beſtaͤtigung ihrer letzten Worte. Der Oberſte benetzte es mit ſeinen Thraͤnen, kniete nieder an der Ver⸗ ſchiedenen, und jammerte laut uͤber ſein armes Weib. Dann trug er der Wirthin auf, nach Wundaͤrzten in der naͤchſten Stadt zu ſchicken, den Leichnam einbalſamiren zu laſſen, und ihn nach Leskowo zu ſenden, wohin er ihr einen Befehl an feinen Hausmeiſter ſchrieb. Er ſetzte ſich hierauf zu Pferde, und wurde, in tiefen Kummer verſunken, von ruſſiſchen Wachen be⸗ gleitet, nach Warſchau gebracht, wo er als Moͤrder der Unterthanen der Kaiſerin vor Ge⸗ richt geſtellt und in ein Gefaͤngniß gebracht wurde. Seine Diener hatten das naͤmliche Schick ſal. Die Unruhe, welche die Ankunft der Leiche im Schloſſe verurſacht hatte, blieb dem Gra⸗ 8 8 8 28838. fen nicht unbemerkt, und ſein unvorſichtiger Waͤchter theilte ihm auf der Stelle Alles mit, was er ſelbſt von den Begleitern des Sarges gehoͤrt hatte. Zu ſpaͤt eilte Conſtanze herbey; das Uebel war geſchehn, und ſeine Wirkung ſchrecklicher, als man haͤtte erwarten ſollen. Der Graf ſah ſeine Gemahlin mit ſtarren Blicken an, und ohne ein Wort zu ſprechen, ſchloß er die Augen. Er ſchien zu ſchlummern, aber nach einiger Zeit richtete er ſich auf; ſein ganzes Anſehn war veraͤndert; ſein Blick ſtier und auf Einen Punkt geheftet.„Ich habe ſchwere Traͤume gehabt,“ ſagte er end⸗ lich mit hohler Stimme, und ohne ſeine Stel⸗ lung zu veraͤndern;„der Tod hat ſeinen Wohn⸗ ſitz hier aufgeſchlagen, und ſtreckt ſeine Hand nach mir aus. Aber leichten Kaufs ſoll er mich nicht bekommen. 44— Conſtanze erſchrack. Sie frug, was ihm ſey.„Was mir iſt?“ antwortete er mit der⸗ ſelben tiefen Stimme, indem er ſeine Hand auf die ihrige legte.„ Mich duͤnkt, meine Haͤnde ſind kalt, wie in der Nacht, in der ich ſchon einmal geſtorben war. Ich kann hier * 236 nicht zum zweyten Male ſterben. Ich muß fort, ehe mich Sophie zum Todentanz fuͤhrt.“ Mit dieſen Worten warf er die Decke von ſich und ſtand auf.„Wo iſt Dominique?“ rief er.„Iſt der Wagen angeſpannt? Nicht der, welcher den Tod hieher gebracht hat, ſondern der meinige. Ich habe keine Zeit zu verliehren.“ Die Graͤfin gab leiſe Befehl, den Arzt zu rufen.„Ganz recht,“ ſagte der Graf, der ihr Wort gehoͤrt hatte;„der Arzt ſoll auch mit. Ich brauche ihn bey dem Kampfe, der mir droht. Aber der Major nicht. Hoͤrſt Du, Con⸗ ſtanze? Nicht der Major. Der Major iſt ein tapferer Mann—o ja, ein ſehr tapferer Mann. Der Prinz war auch tapfer, und es gab eine Zeit, wo Sophie ihrem Manne treu und erge⸗ ben war. Iſt dem nicht ſo, Conſtanze? War⸗ um antworteſt Du mir nicht?“ Es war jetzt nur allzu klar, daß die ungluͤck⸗ liche Geſchichte den Kopf des Kranken angegrif⸗ fen hatte. Der Arzt fand ſeine Nerven in ei⸗ ner gefuaͤhrlichen Spannung; den Puls heftig erregt und ungleich. Mit Muͤhe bewog er ihn, ſich wieder niederzulegen; aber da ſich der Ge⸗ 237 danke an den auflauernden Tod immer zu⸗ draͤngte, ſprang er oft wieder auf, und gerieth, da er wahrnahm, daß er mit dem Vorgeben der Abreiſe nur getaͤuſcht werde, endlich in eine Entruͤſtung, welche die uͤbelſten Folgen fuͤrchten ließ. Immer kehrte der Gedanke zuruͤck, daß ihm hier ein Kampf auf Leben und Tod bevor⸗ ſtehe, und da der Major in das Zimmer trat, um nach ihm zu ſehn, ſchrie er mit einem graͤßlichen Tone: Das iſt er! Treuloſe Frau, warum willſt Du den Tod Deines Mannes? Die Nacht, die auf dieſen Tag folgte, war noch furchtbarer. Er waͤhnte jetzt mit dem Tode zu ringen, und immer vermiſchte er das Bild des Todes mit dem Major. Seine Stirn bedeckte ſich mit kaltem Schweiße, und oft ſtoͤhnte er, wie Einer, dem eine unuͤberwind⸗ liche Laſt auf die Bruſt druͤckt: dann, wenn ſein Athem wieder freyer ging, ſtieß er drohende Worte aus. Gegen Morgen war er erſchöͤpft und ſchien zu ruhen. Als aber der Tag an⸗ brach und er Conſtanzen erblickte, die mit aͤngſtlicher Sorge uͤber ihm hing, faßte er krampfhaft ihre Hand, und beſchwor ſie bey 238 ihrer Liebe, bey Gott und bey allen Heiligen, Mitleiden mit ihm zu haben, und ihn jetzt dem Tode noch nicht auszuliefern.„Dieſe Nacht,“ ſetzte er hinzu,„hab' ich ihn noch ab⸗ gewehrt; aber wenn er zuruͤckkehrt— wenn er noch mehr Gehuͤlfen mit ſich bringt— wer⸗ den dann meine ſchwachen Kräͤfte noch hin⸗ reichen?“. 10i0 ann Conſtanze zerfkoß in Khranen— ihre Blicke befragten den Arzt. Dieſer war unge⸗ wiß. Da aber die Bitten des Kranken nicht nachließen, und er immer mit den ruͤhrenſten Worten um ſein Leben bat, beſchloß der Arzt, um den Vorſtellungen des Kranken eine an⸗ dere Richtung zu geben, die Reiſe zu wagen. Sobald dieſer ernſtliche Anſtalten ſah, beruhigte er ſich, und noch an demſelben Abend langte er mit ſeiner Gemahlin und dem Arzte auf ſeinem Schloſſe an. 3 Die guten Wirkungen dieſer Veraͤnderung zeigten ſich bald. So wie ſich der Wagen von Leskowo entfernte, fing der Kranke an ruhiger zu athmen, und ob er gleich noch oft mis⸗ trauiſch umherſah, ſo ſchien doch die Gewalt 239 der graͤßlichen Phantaſien nachzulaſſen. Uebri⸗ gens erfuhr man ſchon am folgenden Tage, daß das, was aus Noth gethan worden, recht zur guten Stunde geſchehn war. Unmittelbar nach der Abreiſe hatte eine Abtheilung von Ruſſen Beſitz von Leskowo genommen, die Prunkzimmer in Wachtſtuben, die Tempel und Einſiedeleyen in Pferdeſtaͤlle, und den Speiſe⸗ ſaal in ein Lazareth verwandelt. Denn da jetzt der gefangene Beſitzer des Hauſes fuͤr ei⸗ nen Feind galt, ſo glaubte man ihn auf dieſe Weiſe beſtrafen zu muͤſſen. Seine zuruͤckge⸗ bliebenen Diener wurden aus dem Hauſe ge⸗ worfen, und die Stallknechte des Grafen, die dem Wagen mit den Reitpferden nachfolgten, gemishandelt. Der Major aber hatte noch zur rechten Zeit Nachricht erhalten, um ſich vor der Ankunft der Feinde zu entfernen. Waͤhrend die neuen Beherrſcher des Lan⸗ des den leichtgewonnenen Sieg benutzten, aus misverſtandener Politik den Nacken ihrer Un⸗ terthanen zu belaſten, blieben ihre Gegner nicht unthaͤtig. Einige von dieſen hatten ſich in das 240 Ausland gerettet, und unterhielten Verbindun⸗ gen im Innern mit ihren Freunden, die ihrer Seits jeden Funken der Unzufriedenheit an⸗ fachten, den ſie irgendwo in einem vaterlaͤndi⸗ ſchen Gemuͤthe bemerkten. Der Major war einer dieſer Verbuͤndeten. Auf das engſte mit Thaddaͤus Kosziusko vereinigt, durch Achtung und Dankbarkeit an Ignaz Potocki und andere Freunde der Freyheit gebunden, theilte er ihre Plane, wie ihre Geſinnungen, und war von jedem Schritte unterrichtet, den ſie zu des Landes Befreyung thaten. Auch ſein Aufent⸗ halt in Leskowo, den der Zufall veranlaßt, und die Umſtaͤnde verlaͤngert hatten, blieb fuͤr ſein Geſchaͤft nicht unbenutzt. Ein geheimer Brief⸗ wechſel war im Gange; und oͤfters trat er in der Nachbarſchaft mit Anhaͤngern ſeiner Par⸗ tey zuſammen, um die empfangenen Nachrich⸗ ten auszutauſchen, ihre Hofnungen gegenſeitig zu beleben, und das Weitere zu verabreden. Was von ſeinem Geheimniſſe den edlen Ignaz betraf, legte er in Conſtanzens verſchwiegenen Buſen nieder, und wir wollen nicht leugnen, daß er ſich der Gelegenheit erfreute, ihr ſchoͤ⸗ 241 nes Gemuͤth durch Nachrichten und Geſpraͤche von dem verehrten Oheim zu begluͤcken. Von dieſem zu hoͤren, ihn zu ruͤhmen, die Tage zu⸗ ruͤckzurufen, die ſie in ſeiner Naͤhe verlebt hatte, das wog viel ihres Kummers auf. Und da ſich ihre Herzen in den edelſten Gefuͤhlen der Ach⸗ tung und Freundſchaft gegen denſelben Mann begegneten, ſo war es kein Wunder, wenn ihre gegenſeitige Neigung durch jedes dieſer Geſpraͤ⸗ che Nahrung bekam. Aber das Band, das ſich auf dieſe Weiſe um ſie ſchlang, war aus dem Stoffe gewebt, der jedem ſtrafbaren Wunſche wehrt; und der Major war eben ſo entfernt, von dem Ungluͤcke Conſtanzens Vortheil zu ziehn, als ſie, irgend einem Gedanken der Vergeltung Raum zu geben. 3 Dieſe Mittheilungen wurden durch die Ent⸗ fernung von Leskowo unterbrochen, und Con⸗ ſtanze ſah ſich der Troͤſtungen der Freundſchaft beraubt, waͤhrend ſie ihrer mehr als jemals bedurfte. Der koͤrperliche Zuſtand des Gra⸗ fen beſſerte ſich; aber die Richtung, die ſein Geiſt genommen hatte, ſetzte ſeine Umgebun⸗ gen taͤglich auf die haͤrteſten Proben. Eine II. 9 Todesfurcht, die ihm vormals ganz fremd ge⸗ weſen, hatte in ſeiner Seele Wurzel geſchla⸗ gen, und aus ihr ging ein quaͤlendes Mis⸗ trauen hervor, das ihn uͤberall Auflauer und Verrath ſehen ließ. Eifrig verwahrte er die Zugaͤnge zu dem Schloſſe, kaufte Waffen aller Art, und traf Vertheidigungsanſtalten, ohne im geringſten einen Gegenſtand der Gefahr bezeichnen zu koͤnnen. Was ihn aͤngſtigte wa⸗ ren Phantome, die er nicht zu nennen wußte, und mit denen er ſelbſt ſeine Gemahlin ver⸗ miſchte. Aber die harten Worte, die er in dieſem Zuſtande ausſtieß, ſchnitten tihr doch weniger in das Herz, als die jammernde Reue, welche immer auf die Ausbruͤche ſeiner Hef⸗ tigkeit folgte, und wobey er ſich auf eine Weiſe demuͤthigte, die ſeinem ganzen Weſen fremd und der maͤnnlichen Wuͤrde wenig an⸗ gemeſſen war. Er beſchwor ſie in ſolchen Au⸗ genblicken, ſeinem Wahnſinne zu verzeihen, der eine Strafe des Himmels ſey, und nur durch ihr Ausharren bey ihm gemildert werden koͤnne; und wenn ſie ihm dann die heiligſten Zuſiche⸗ rungen gab, daß ſeine ungerechten Beſchuldi⸗ 243 gungen ſie nicht von ſeiner Seite vertreiben wuͤrden, ſo brach er meiſt in ungemeſſene An⸗ klagen gegen ſich aus.„Ich weiß es,“ ſagte er dann oft,„daß Dein reines Herz mich ver⸗ abſcheuen muß. Ich habe der zaͤrtlichſten Liebe mit Undank gelohnt; ich habe Deine Tage ver⸗ bittert; ich habe Deine Geduld, Deine Demuth, Deine unſchuld⸗ durch freche untreue und Ue⸗ Dich nglich durch das ungerechteſte wahn in⸗ nigſte Mistrauen. Ich weiß, daß es wahnſin⸗ nig iſt; aber es iſt maͤchtiger als ich, und quaͤlt mich ſicher noch mehr als Andre, ſo daß ich es fuͤr eine der Buͤßungen halten muß, die mir der Himmel ſchon hienieden auferlegt. Du haſt Recht, mich zu verachten, und ich be⸗ ſchwoͤre Dich, Deine Verachtung laut auszuſpre⸗ chen, ſo weh ſie auch meinem Stolz und mei⸗ ner Liebe thut; nur dulde mich, nur ertrage mich, und fliehe mich nicht. Wenn Du Deine Augen von mir wendeſt, ſo iſt die Hoͤlle ge⸗ gen mich los; tobt ſie doch ſelbſt in Deiner Gegenwart noch arg genug.“ 2⁴44 Ungluͤcklicher Weiſe blieben dieſe Reden ſei⸗ ner lichten Augenblicke ohne dauernde Wir⸗ kung. Oft ſog er ſelbſt aus den troͤſtenden Worten, mit denen Conſtanze ihm antwortete, Gift, ſo daß ſich ſein Geiſt augenblicklich wie⸗ der umnebelte, und ſogleich von neuem in al⸗ len dem unſinn berauſchte, den er eben ver⸗ dammt hatte. Allmaͤhlig ging das unbeſtimmte Mistrauen in Eiferſucht uͤber, und die voll⸗ kommene Ueberzeugung, die er von der Un⸗ ſchuld ſeiner Frau hatte, reichte nicht hin, die ſchlimme Meinung zuruͤckzudraͤngen, die er fruͤ⸗ her von ihrem Geſchlechte gefaßt hatte. Seine Einbildungskraft war unermuͤdlich, ihm die Naͤnke gefallſuͤchtiger Weiber vorzuzaubern, und wenn er die Anwendung davon auf Conſtan⸗ zen mit Abſcheu von ſich ſtieß, ſo mußten ſelbſt ihre Tugenden, und die Verdienſte ſeines ver⸗ meintlichen Nebenbuhlers ſeiner Eiferſucht Nah⸗ rung geben.„Ich leugne ja nicht,“ ſagte er dann,„daß er ihrer wuͤrdiger iſt. Er wuͤrde ſie gluͤcklich machen, waͤhrend ich das Gegen⸗ theil thue; er wuͤrde ihre Liebe verdienen, die ich von mir geſtoßen habe; ihre Ehe wuͤrde 245 ein Himmelreich ſeyn. Ich habe dieſen Him⸗ mel verſcherzt; ich weiß es nur allzuwohl; und es gibt Stunden, wo ich mir das friſche Herz ausreißen moͤchte, das mich um dieſe Selig⸗ keit betrogen hat. Aber ſie iſt meine Frau — mein! und die Hoͤlle ſoll ſie mir nicht ent⸗ reißen, am wenigſten aber ein andrer Mann.“ Waͤhrend dieſer Zeit geſchah es, daß den Major ſein Weg bey dem Schloſſe voruͤber⸗ fuͤhrte. Unbekannt mit dem Argwohne des Grafen trat er ein, wie ein alter Freund, in⸗ dem er gar nicht zweifelte, die Geſinnungen wieder zu finden, die Taver ihm in Leskowo auf die unzweydeutigſte Weiſe zu erkennen ge⸗ geben hatte. Conſtanze erroͤthete, als er in das Zimmer trat; auch dem Grafen flog ein fluͤch⸗ tiges Roth uͤber die Stirn, das ſchnell wieder ſchwand, und eine kraͤnkliche Blaͤſſe zuruͤckließ, und ehe der Major die Lippen zum Gruße ge⸗ oͤfnet hatte, trat ihm der Graf mit den Wor⸗ ten entgegen:„Ich ſollte Sie willkommen hei⸗ ßen; aber ich kann es nicht. Wir koͤnnen nicht unter einem Dache wohnen. Sie lieben meine Frau— meine Frau liebt Sie—— ſie 246 muß Sie lieben; aber ich kann einen Reben⸗ buhler nicht dulden, ſo hoch ich ihn auch ehre, ja, eben weil ich ihn ſo hoch ehre, darf ich ihn nicht neben mir dulden. Verzeihen Sie einem ungluͤcklichen, gequaͤlten Mann, der ſei⸗ ner nicht Herr iſt, und den Ihre Gegenwart wahnſinnig macht.“ 1r Bey dieſen Worten warf er dem Major ſeinen Arm um den Nacken, riß ihn unge⸗ ſtuͤm an ſeine Bruſt, kuͤßte ihn weinend, oͤf⸗ nete dann die Thuͤr und ſchob ihn ſanft hin⸗ aus. Dann kehrte er zu ſeiner Frau zuruͤck, fiel ihr um den Hals, und ſagte unter heißen Thraͤnen:„So muß ich alſo Dich, mich und die ganze Welt kraͤnken. Er wird mich haſ⸗ ſen; Du wirſt mich haſſen— Und doch kann ich nicht anders.“ So verging der Winter auf die allertrau⸗ rigſte Weiſe unter peinlicher Quaͤlerey, die jede andere Geduld erſchopft haͤtte. Conſtanze blieb ſich gleich. Auch in den Berirrungen ihres Mannes erkannte ſie eine tiefgewurzelte Liebe, die von einer ganz andern Beſchaffenheit war, 247 als in fruͤherer Zeit; und da der Arzt Hof⸗ nung gab, daß auch dieſer Zuſtand wahrſchein⸗ lich der beſſern Jahreszeit weichen wuͤrde, ſo ermuͤdete ſie nie in ſeiner Pflege, und benutzte jeden lichten Augenblick, um beruhigende Ge⸗ ſpraͤche anzuknuͤpfen. Und von allen heilbrin⸗ genden Mitteln bewaͤhrte ſich dieſes als das wirkſamſte; ſo daß, wenn das Alterthum an die beſaͤnftigende Kraft von Formeln und Lie⸗ dern glaubte, und die Anwendung derſelben hauptſaͤchlich den Frauen zuſchrieb, wohl kaum zu zweifeln iſt, daß es die Gewalt einer melo⸗ diſchen Stimme und die milde Beredſamkeit des weiblichen Mundes iſt, was dieſem Glau⸗ ben ſeine Entſtehung gegeben hat. Der Fruͤhling kam heran; der Maͤrz brachte heitre und erquickende Tage; die Weiſ⸗ ſagung des Arztes ſchien in Erfuͤllung zu gehn. Schon waren die Anfaͤlle der Verzagtheit von kuͤrzerer Dauer; die ruhigen Stunden ver⸗ mehrten ſich; die harten Banden aͤngſtlicher Selbſtſucht loͤſten ſich auf; er fing wieder an, nach dem Schickſale des Landes zu fragen, wogegen er ſeit langer Zeit ganz unempfindlich 248 geworden war. Mit Theilnahme hoͤrte er jetzt von den Bewegungen im Lande, von der Be⸗ geiſterung, mit welcher ſich eine Woiwodſchaft nach der andern erhob, von dem Heere, das ſie gebildet, und von den Fortſchritten, die die⸗ ſes Heer unter der Fuͤhrung ſeines krieg⸗ erfahrnen Feldherrn machte. Doch war dieſer Zuſtand noch nicht dauernd. Schlimme Tage traten ein, in denen die Beſſerung ſchnell zu⸗ ruͤck wich, die alte Selbſtſucht wiederkehrte, und mit ihr eine Hoͤlle quaͤlenden Irrwahns. In einer der peinlichſten Stunden dieſer Art, da die bewaͤhrteſten Mittel ohne Erfolg blie⸗ ben, und Conſtanze in Thraͤnen zerfloß, hoͤrte man in der Naͤhe des Schloſſes Schuͤſſe fal⸗ len, und erſchrockene Bauern meldeten, daß ſich ein Trupp fluͤchtiger Ruſſen, von wenigen Polen verfolgt, dem Dorfe naͤhere. Die Graͤ⸗ fin befahl augenblicklich, das Thor zu verſchlie⸗ ßen; aber ehe dieſer Befehl ausgefuͤhrt wer⸗ den konnte, drang eine Anzahl der Fluͤchtigen ein, und nachdem ſie von den Pferden abge⸗ ſprungen waren, verſchanzten ſie das Thor mit allem, was ſich zu dieſem Zweck in der 249 Naͤhe fand. Sobald der Graf die Urſache dieſes Getuͤmmels erfahren, entflammten ſich ſeine Augen, er ſprang von ſeinem Sitze auf, rief ſeine Diener, warf einen Saͤbel uͤber, und ſtuͤrzte, in jeder Hand eine Piſtole, zum Zim⸗ mer hinaus, dem eingedrungenen Feinde ent⸗ gegen. Er, der ſich eben noch vor den Ge⸗ ſpenſtern ſeiner Einbildungskraft bis zum Tode geaͤngſtigt hatte, warf ſich jetzt furchtlos in die wirkliche Gefahr, und gebot den Feinden, ſich augenblicklich zu ergeben, oder einen ge⸗ wiſſen Tod zu erwarten. Die Ruſſen hatten ihre Patronen verſchoſſen; die Meiſten waren ſogar ohne Saͤbel, und da ſie ein halbes Dutzend Bewafnete gegen ſich ſahen, welche die lünten auf ſie angelegt hatten, und einen entſchloſſenen Mann an ihrer Spitze, glaubten ſie in die Hoͤhle des Loͤwen gerathen zu ſeyn, warfen den Reſt ihrer Waffen weg und erga⸗ ben ſich. Das Thor wurde den Polen geoͤf⸗ net, die unterdeſſen angekommen waren, und die Gefangenen ihnen unter der Bedingung uͤbergeben, ſie unverſehrt an einen Ort der Sicherheit zu bringen. . 250 Scobald dieſes Geſchaͤft geendigt war, be⸗ gruͤßte der Graf die Polen als Freunde, und erfuhr, daß eine große Schlacht bey Pracla⸗ wice gewonnen, vieles Geſchuͤtz erobert und eine Menge Gefangene gemacht worden; und daß ſie jetzt beſchaͤftigt waͤren, die Gegend von den herumirrenden Feinden zu reinigen. So⸗ gleich befahl der Graf, dieſen wackern Leuten Nahrung und Trank zu geben.„Schenkt Je⸗ dem von dem Beſten ein,“ ſagte er zu ſeinen Dienern,„damit ſie ſich erquicken und auf die Geſundheit ihres tapfern Fuͤhrers trinken. Rei⸗ chet aber auch den Gefangenen etwas ab; ſie werden es auch beduͤrfen.“ Dieſer Befehl wurde unverzuͤglich erfuͤllt. Ohne ſich zu ſez⸗ zen, ſtießen die Polen ihre Glaͤſer zuſammen: Hoch lebe Koscziusko! Hoch lebe der Befreyer von Polen!— Dies wurde drey Mal wieder⸗ holt.— Aber vergeſſen wir auch unſern zwey⸗ ten Vater nicht, rief ein alter Wachtmeiſter mit grauem Bart und blitzenden Augen; den Freund des Feldherrn; unſern Fuͤhrer auf der Bahn der Ehre. Hoch lebe der tapfre und edle Felix Zaidlitz! nont— 8 4 251 2 Mit neuem Jubel und noch groͤßerer Theil⸗ nahme wurden dieſe Worte von Allen wieder⸗ holt, und faſt keiner war, der ihnen nicht et⸗ was beyfuͤgte. Er iſt unſer aller Vater, ſagte der Eine; aber mich hat er erziehen laſſen, da ich als Waiſe in der Irre umherlief.— Mich hat er auf ſeine Koſten ausgeruͤſtet, rief ein Anderer.— Mich hat er heilen laſſen, ein Dritter, da ich nach der Schlacht bey Dubienka hart darnieder lag.— Und mich, ſetzte ein Vierter hinzu, hat er zu einem ehr⸗ lichen Kerl gemacht, und dem Verderben ent⸗ riſſen, in das mich liederliche Weibsbilder, Tvuunk und Spiel geſtuͤrzt hatten. „Mir einen Becher,“ rief der Graf, der nicht von der Stelle gewichen war.„Der Mann, den ihr ſo nach Gebuͤhr ruͤhmt, iſt der Freund meines Hauſes; und ſo vereinige ich meine Stimme mit der Eurigen. Hoch lebe der tapfere Felix Zaidlitz! Moͤge ſein Nahme unter den Befreyern des Vaterlandes unſterb⸗ lich ſeyn!“ Bey dieſen Worten, die mit erneuertem Jubel vernommen wurden, ſah ſich der Graf nach 252 ſeiner Gemahlin um, der ſchon laͤngſt die Thraͤnen von den Augen perlten. Raſch ſchlang er den Arm um ihren Leib, reichte ihr den Becher, aus dem er eben getrunken hatte, und forderte ſie auf, ſeinem Beyſpiele nachzufolgen. Und als ſie noch trank, und die jubelnde Schaar ihre Worte wiederholte, oͤfnete ſich die Thuͤr, und ein Offizier trat herein, den wir an der breiten Narbe auf der Stirn augen⸗ blicklich fuͤr unſern Freund erkennen. Ihr laßt es Euch hier wohl ſeyn, Kinder, ſagte er beym Eintreten, aber noch iſt es nicht Zeit, Euch guͤtlich zu thun. Die Feinde bren⸗ nen und pluͤndern in der ganzen Gegend; un⸗ ſere Freunde beduͤrfen der Huͤlfe. Zu Pferde alſo! Bey dem Anblicke des Majors erblaßte Conſtanze, und ihre Blicke hefteten ſich auf ihren Mann. Die Scene der Eiferſucht, die wir oben beſchrieben haben, trat ihr vor die Seele; ſie fuͤrchtete die Wiederholung derſel— ben und einen Ruͤckfall in das alte Uebel; auch kam es ihr vor, als verduͤſtere ſich das Geſicht ihres Mannes, und als zoͤge er ſie heftiger an ſich. Als aber der Major ſeinen Befehl ertheilt hatte, und ſich kalt nach dem Grafen kehrte, ihn durch ein Zeichen der Hand begruͤßte, und ſich dann raſch nach der Thuͤr wendete, wo ſeine Pferde ſtanden, eilte der Graf mit drey raſchen Schritten zu ihm. „Ich ſehe Sie mit Vergnuͤgen in meinem Hauſe,“ ſagte er.„Wie dringend auch Ihr Ge⸗ ſchaͤft ſeyn mag, ſo muß es Ihnen doch Zeit laſſen, die Entſchuldigungen eines Kranken auzu⸗ nehmen, der Sie, zu ſeinem groͤßten Schmerze, auf die unverantwortlichſte Weiſe beleidigt hat. Ich bin zu jeder Genugthuung bereit, wenn Ihnen meine jetzige Erklaͤrung in Gegenwart Ihrer und meiner Leute nicht genuͤgt.“ Ich muͤßte ſehr unverſoͤhnlich ſeyn, ant⸗ wortete der Major, wenn ich noch etwas An⸗ deres zu meiner Befriedigung verlangen koͤnnte. In einer ungluͤcklichen Stunde kann Jeder fehlen, und ein Mann von Chre hat alles ge⸗ than, wenn er ſeinen Fehler eingeſtehet. Ihre Aeußerung beweiſt mir zu meiner großen Freude, daß Sie wieder hergeſtellt ſind. Ich mache Ihnen meinen Gluͤckwunſch dalu. Ich hoffe ihn annehmen zu duͤrfen,“ er⸗ wiederte der Graf;„aber dieſe Herſtellung da⸗ tirt nicht von lange her. Ihre Zeit erlaubt Ihnen jetzt nicht, Krankheitsgeſchichten anzu⸗ hoͤren. Ich hoffe, daß wir uns bald wieder zuſammenfinden; dann will ich bey Ihnen das Handwerk des Krieges lernen. Jetzt Gott be⸗ fohlen, Conſtanze umarme unſern Freund. Hoffentlich ſehen wir ihn einſt auf laͤngere Zeit und in ruhigeren Tagen bey uns.“ Hocherroͤthend bot die Graͤfin dem Major die Wangen, der ein ſo ſchoͤnes Zeichen der Verſoͤhnung nicht erwartet hatte, und nachdem er auch den Grafen in die Arme geſchloſſen hatte, ſchwang er ſich auf das Pferd und jagte dem voruͤbereilenden Trupp der Seinigen nach. Paver war geheilt. Die Nothwendigkeit, in die er geſetzt worden war, ſeine Kraft auf⸗ zurufen, hatte dem unſeligen Zuſtande von Er⸗ ſchlaffung ein Ende gemacht, welche der eigent⸗ liche Quell ſeiner Leiden war. Er hatte ſich uͤberzeugt, daß er noch ein Mann ſey, und 255 dieſes Gefuͤhl hatte ſchnell ſein zerruͤttetes We⸗ ſen geordnet. Conſtanze, der dieſe Umwand⸗ lung wie ein Wunder des Himmels erſchien, ſah ihre Ausdauer jetzt auf das herrlichſte be⸗ lohnt; denn ſo wie die Duͤnſte des Wahnſinns verflogen waren, war Kaver nicht der vorige Mann, ſondern ein weit beſſerer; voll der zaͤrtlichſten Liebe, voll von Dankbarkeit, und von keinem Wunſche beſeelt, als dem, ſeiner Gattin werth zu ſeyn.„Ich habe,“ ſagte er, „einige meiner ſchoͤnſten Jahre an die thoͤ⸗ richte Eitelkeit verlohren. Sie hat mich wie ein Kind gegaͤngelt und wie einen Sklaven ge⸗ mishandelt; nicht einen einzigen Augenblick verdank' ich ihr, deſſen ich mich nicht zu ſchaͤ⸗ men haͤtte. Ich habe Vieles gut zu machen, und der heutige Tag hat mir den Weg be⸗ zeichnet, wo ich ein wuͤrdiges Ziel erreichen kann.“— Am folgenden Morgen erklaͤrte er ſeinen Entſchluß, zum Heere zu gehn; ruͤſtete in Eile eine Schaar ſeiner Bauern aus, und entriß ſich nach wenigen Tagen den Armen ſeiner Gemahlin, die ihre Thraͤnen verbarg, und ihn 256 mit feurigen Gebeten begleitete. In Kosczius⸗ kos Hauptquartier fand er ſich mit dem Ma⸗ jor zuſammen, und erneuerte bey ihm die Bitte, ihn in dem Handwerke des Kriegs zum Zoͤglinge anzunehmen. Sie ſtritten oft neben einander und theilten Gefahr und Ruhm. Auch zeichnete der Feldherr den Grafen aus, wie er ſchon ſeinen Freund ausgezeichnet hatte, und bediente ſich ſeiner bey den gewagteſten Unternehmungen. Dieſem erſtarkte Geiſt und Leib in der angeſtrengten ununterbrochenen Thaͤtigkeit. Sein ganzes Weſen reinigte ſich, und indem er den Tugenden ſeines Freundes nacheiferte, war er in den Stunden der Ge⸗ fahr der muthigſte, im Lager der mildeſte Mann; das Schrecken der Feinde, und der Vater der Seinigen. Leider aber war die Tapferkeit der Heer⸗ fuͤhrer, das Gluͤck, welches ihre Unternehmun⸗ gen begleitete, und die Begeiſterung, mit wel⸗ cher faſt Alle fur die Sache des Vaterlandes ſtritten, nicht hinreichend, um der Uebermacht des Feindes in die Laͤnge hin Widerſtand zu thun, und oft ging ſchnell auf der einen Seite 257 verlohren, was auf der andern durch die groͤß⸗ ten Anſtrengungen errungen worden war. Die Zahl der Streiter minderte ſich; der Eifer, mit welchem der Buͤrger eine Zeitlang die La⸗ ſten des Krieges ertragen hatte, fing an zu erkalten; und jeder Laut des Misvergnuͤgens wurde von den Feinden der Freyheit begierig aufgehaſcht und benutzt. Die Hauptſtadt war durch den Ruͤckzug des preußiſchen Heeres be⸗ freyt; aber kaum konnte ſich das Volk dieſes Ereigniſſes erfreuen, als ſich zahlloſe Schaa⸗ ren, wie ein finſteres Ungewitter, von Oſten her nach dem Mittelpunkte des Reiches waͤlz⸗ ten. Das kleine Heer, welches Suwarows Macht entgegentrat, wurde zuruͤckgeworfen und zerſtreut. Der Weg nach der Hauptſtadt ſtand offen, und alle Hofnung war auf den Schutz des Oberfeldherrn in dem Lager von Mocatow geſetzt. Um dieſe Zeit ſchrieb der Graf an ſeine Gemahlin folgenden Brief, den wir hier mit⸗ theilen, da er die Lage der Dinge und die eignen Geſinnungen ſeines Verfaſſers beſſer darſtellt, als unſre Erzaͤhlung zu thun ver⸗ moͤchte: l. R 258 Meine theure, einziggeliebte Conſtanze! Vor einer Stunde bin ich von meiner Sen⸗ dung an unſern tapfern Dombrowski zuruͤck, und kaum habe ich unſerm vaͤterlichen Fuͤhrer Beʒricht erſtattet, ſo ſetze ich mich nieder, um auch Dir, geliebtes Weib, von mir Nachricht zu geben. Meine Geſundheit iſt ſehr gut; aber mein Gemuͤth iſt, außer dem, daß ich von Dir getrennt bin, von mannichfaltigen Bekuͤmmerniſſen gedruͤckt. Zwar hat mir der Anblick unſrer ſiegreichen Streiter in Weſten den Muth etwas aufgerichtet und mein Herz erquickt; aber der Sinn der Buͤrger iſt dem des Heeres keineswegs gleich, und den Pruͤ⸗ fungen nicht gewachſen, die uns bevorſtehn. Doch wollen wir verzagenden Gedanken. nicht Raum geben, ſo lange noch die Maͤnner an unſrer Spitze ſtehn, die bisher das zerbrech⸗ liche Fahrzeug der Republik durch die Stuͤrme des Aufruhrs und die Untiefen des Verrathes geleitet haben. Der Oberfeldherr hat waͤhrend meiner Abweſenheit die Standquartiere unſers oͤſtlichen Heeres bereiſt, und nach den Anſtal⸗ ten, die er trift, muß ein entſcheidender Schlag erwartet werden. Saͤume nicht Leute zu ſchik⸗ ken, ſo viel Du nur aufbringen kannſt, und ſpare nichts, ſie in ſtreitfertigen Stand zu ſetzen; wenn Du auch wieder Geld dazu auf⸗ nehmen und die Zinſen verdoppeln mußt, ſo darfſt Du nicht zweifeln, daß ich jede Deiner Maaßregeln unbedingt billige. Die Leute, die Du bisher geſchickt haſt, haben ſich, bis auf wenige Ausnahmen, fortwaͤhrend treflich gehal⸗ ten, und ſie zeigen eine Ergebenheit gegen mich, als ob ſie meine Kinder waͤren. Aber ihr Haͤufchen ſchmilzt, und bey dem Sturme, der von Oſten her brauſt, koͤnnen wir nicht Verſtaͤrkungen genug an uns diehn. So viel fuͤr heute von den oͤffentlichen; Din⸗ gen. Noch hab' ich Einiges von mir zu ſagen, und von dem, was unſere Bekannten und Freunde betrift. en 546 4 unſer edler Felix befindet ſch in deſem Augenblicke in Sierakowski's Lager, um den Folgen des ungluͤcklichen Tages bey Krupezice, ſo weit es moͤglich iſt, abzuhelfen. Seine ſtille Thaͤtigkeit iſt ſich immer gleich, und naͤchſt dem Feldherrn iſt ſchwerlich einer bey R 2 260. dem Heere, der mehr fuͤr die gemeinſchaft⸗ liche Sache thaͤte, als er. Außerdem, daß er auch die verworrenſten Dinge leicht entwirrt, gibt ſchon ſein helles Auge Vertrauen, wo es erſcheint, und jedes ſeiner Worte geht unmit⸗ telbar von dem Ohr in das Herz. Erſt in dieſen Tagen hab“ ich zufaͤllig vernommen, was er⸗ ſelbſt mir verſchwiegen hat, daß er, an dem blutigen Tage des Aufſtandes vom 28. Juni, den Stanislas, der als ein Koſſakowski gefan⸗ gen ſaß, dem aufruͤhreriſchen Poͤbel mit Ge⸗ fahr ſeines eignen Lebens entriſſen, und dann ſeine Befrehung bewirkt hat, da ihm nichts Weſentliches zur Laſt gelegt werden konnte, als ſeine Verwandtſchaft mit einer verhaßten Familie, und ſeine Anhaͤnglichkeit an die poli⸗ tiſche Partey derſelben. Aber ſein Tod war in dem Rathe des Himmels beſchloſſen. Auf ſeiner Flucht von Warſchau fiel er den Vor⸗ poſten des Fuͤrſten Czee.. ow in die Hände. Der Fuͤrſt erkannte ihn, und um die perſoͤn⸗ liche Beleidigung an ihm zu raͤchen, behandelt⸗ er ihn als einen beſoldeten Spion der nitee genten und 5 1 aüftnübfen. 8 6 ſſchtn Das Schickſal dieſes Unglücklichen wurde mir bey einer Veranlaſſung kund iuin welcher ſich mie wiederum die wohlthaͤtige Wirkung dringender Nothwendigkeit bewaͤhrt hat. Waͤh⸗ rend ich mich in Dombrowski's Hauptquar⸗ tiere befand, kam die Nachricht an„daß die Feinde ein Frauenkloſter bey Labyszyn beſetzt. und die Straße geſperrt hieltenz es beduͤrfe einiger friſchen Truppen, um den Weg wieder frey zu machen. Augenblicklich erboten ſich ei⸗ nige Hundert Freywillige, und da ich der Ge⸗ gend beſſer als ein andrer kundig war, erbat ich mir die Erlaubniß, ſie anzufuͤhren. Das Unternehmen gelang. Auf einem vernachläͤſ⸗ ſigten Fußſteige ſchlichen wir heran, drangen nach kurzem Widerſtande ein, und zwangen die Beſatzung, ſich uns gefangen zu geben. Waͤh⸗ rend meine Leute die in den Winkeln des Klo⸗ ſters Verſteckten aufſuchten, begab ich mich in die Kirche, um die verſchuͤchterten Nonnen zu beruhigen, die ſich in das Chor gefluͤchtet hat⸗ ten, und das erſte, was mir dort in die Augen ſiel, war ein offener Sarg, der einen weiblichen Leichnam enthielt. Eine natuͤrliche Neugierde 8 262 trieb mich naͤher hinzuzutreten, und ich er⸗ kannte, mit unbeſchreiblicher Beſtuͤrzung, die Frau, die uns ſo vieles Uebel zugefuͤgt hat. O mein Gott! welche Veraͤnderung! Geſicht und Haͤnde waren mit dunkeln Flecken, ihre Miene mit dem Griffel des Grames bezeichnet, und die Ruhe, welche der Tod bringt, war in ihrer Geſtalt nicht ſichtbar. Voll von Beſtuͤr⸗ zung und Schaam verhuͤllte ich mein Geſicht und entfernte mich, und ich wuͤrde auch das Kloſter augenblicklich verlaſſen haben, wenn nicht bey der Naͤhe des Feindes meine Ge⸗ genwart nothwendig geweſen waͤre. Ich war den Reſt des Tages und die ganze Nacht ſo beſchaͤftigt, daß die Aufmerkſamkeit, die ich auf das Naͤchſte zu wenden hatte, bald das Entſetzen ſchwaͤchte,„mit dem mich der Anblick der Verſtorbenen erfuͤllt hatte; ſo daß ich am folgenden Morgen Muth genug in mir fand, dem Schickſale der Ungluͤcklichen nachzufragen. Ich erfuhr, daß ſie das Opfer ihrer unvorſich⸗ tigen Leidenſchaft geworden war. Ihr Ge⸗ mahl, ſonſt nachſichtig, aber hier allzu tief in ſeiner Ehre verwundet, hatte ſie aufheben und 263 in das Kloſter bringen laſſen, mit dem Vorbe⸗ halte, nach geendigtem Kriege ihr einen Ver⸗ bannungsort in Rußland anzuweiſen. Jeder ihrer Verſuche, ſeinen Zorn zu beſaͤnftigen, war mislungen, und jedes Mislingen hatte ihre Ver⸗ zweiflung erhoͤht. Endlich vernahm ſie die Ra⸗ che, die ihr Gemahl an ihrem Geliebten genom⸗ men hatte; und da mit dieſer Nachricht der letzte Schimmer der Hofnung verſchwand, war ihr nichts als der Tod uͤbrig geblieben. Es iſt nur allzu wahrſcheinlich, daß die Ungluͤckliche ihre Tage durch Gift verkuͤrzt hat. Die Troͤ⸗ ſtungen der Religion gaben ihr keine Beru⸗ higung. Dies iſt alſo das letzte Schick ſal der Frau. die wie ein feindlicher Daͤmon in unſerm Leben geſtanden hat, und der ich mit einem Wahn⸗ ſinne, deſſen ich mich taͤglich anklage, ſelbſt die Hand zu meinem Verderben reichte. Ich waͤre untergegangen, waͤre mir nicht eine andere Hand zu Huͤlfe gekommen, die ich in meiner ſtraͤflichen Verkehrtheit lange von mir ſtieß. Aber Du ermuͤdeteſt nicht, theures Weib; Du ertrugſt meine Verblendung, mein Verbrechen, 264 meinen Wahnſinn. Deine himmliſche Geduld rettete mich. Als ich ſchon an mir verzwei⸗ felte, hat mich Dein reines Gemuͤth mit mir, und ich hoffe, mit dem Himmel verſoͤhnt; Du haſt mir den Weg zu dem rettenden Ziele ge⸗ zeigt, das ich in meiner Verworrenheit ver⸗ lohren hatte; und da ich bis zur Selbſtverach⸗ tung herabgeſunken war, haſt Du mir Vertrauen, Muth, Kraft und Freunde gegeben. Mit Freudigkeit erkenne ich das Verdienſt Deiner Liebe: es iſt mein Stolz, die Grosmuth Deines treuen Herzens zu ruͤhmen.— Lebe wohl, theures und geliebtes Weib. Meine Gedan⸗ ken ſind bey Dir; Dein Bild begleitet mich in die Schlacht, und fuͤhrt mich, wie ein ſchuͤtzen⸗ der Engel, unverzagt auf der blutigen Bahn. Mit Deinem Nahmen auf den Lippen geh' ich freudig in den Tod. Bete fuͤr das Vaterland. Es hat Deiner reinen Gebete nie mehr be⸗ durft. 3 Wenige Tage nach dieſem Briefe wurde das Heer mit großer Uebermacht angegriffen. Schaar auf Schaar ruͤckte an; Stroͤme von 265 Blut ergoſſen ſich; aber Polens Geſtirn er⸗ blaßte, und nach dem tapferſten Widerſtande ſahen ſeine Vertheidiger ihre letzte Hofnung vernichtet. Koschiusko ſiel in die Gewalt der Feinde; der Graf und ſein unzertrennlicher Freund, die beyde im heißeſten Kampfe nicht von der Seite des Feldherrn gewichen waren, theilten ſein Loos. Das war in dem tiefen Schmerze ihr Troſt, daß ein gemeinſchaftliches Gefaͤngniß ſie aufnahm, daß ſie den verwun⸗ deten Fuͤhrer pflegen, und in ſeiner Naͤhe an der unbezwinglichen Kraft ſeines Gaſſesi den ihuhe aufrichten konnten. „Der Niederlage des Feldherrn fugte Un⸗ fal auf Unfall. Der Reſt des Heeres unter⸗ lag; die Hauptſtadt des Reiches wurde Wr⸗ obert; Leichen auf Leichen gehaͤuft, und eine neue Theilung tilgte den Nahmen der polni⸗ ſchen Republik in der Reihe der Staaten aus. Tief gebeugt unterwarf ſich die Nation ihrem harten Looſe; viele wanderten aus; die eifrig⸗ ſten Freunde der Revolution wurden geaͤchtet und ihrer Guͤter beraubt. So fielen auch die 266 Guͤter des Grafen der Regierung anheim, und Conſtanze hatte, um das Loos ihres Man⸗ nes zu erleichtern, und ihr eignes Leben zu friſten, nichts uͤbrig„ als den Verkauf ihres Schmuckes. 12 3 Zwey lange Jahre vergingen ihr in tiefer Trauer, geſchieden von Allem, was ihr theuer war, ohne Hofnung und Troſt. Das Haus eines alten und treuen Dieners in der Nach⸗ barſchaft des Schloſſes hatte ſie aufgenommen, und ſie hatte hier die Achtung und Liebe ge⸗ funden, die ihren Tugenden und ihrem Un⸗ gluͤcke gebuͤhrten. Eines Abends„ als ſie bey der Lampe ſaß, und die Geſchichte des ſparta⸗ niſchen Kleomenes leſend, das Loos ihres Man⸗ nes beweinte, oͤfnete ſich die Thuͤr, und ein ſtattlicher Mann trat herein, deſſen ganzer An⸗ ſtand, trotz dem niedergedruͤckten grauen Haupte, militaͤriſche Haltung zeigte. Vor ihr ſtehend, ſah er ſie ſchweigend an, als ob er von ihr erkannt zu werden erwartete; und als ſie die Lampe zur Seite geſchoben, und ihn in's Auge 26⁷ gefaßt hatte, rief ſie aus: Iſt es moͤglich? Sind Sie es wirklich, oder taͤuſcht mich eine Erſcheinung? Sprechen Sie, liebſter Oberſter, damit ich mir ſelbſt glaube.—„Es waͤre wohl kein Wunder,“ antwortete der Oberſte— denn er war es wirklich—„wenn Sie mich nicht wieder erkennten. Alter und Gram haben an mir gezehrt; oder vielmehr iſt der Gram den Jahren vorgeeilt. Doch das mag jetzt vergeſ⸗ ſen ſeyn. Das wichtigere iſt, daß ich als ein guter Bote von Leuten ankomme, die Sie naͤ⸗ her angehen, als ich.“— Von Paver? rief die Graͤfin.—„Von ihm und ſeinem Freunde, der auch der Meinige geworden iſt. Beyde ſind frey. Der Tod der Kaiſerin hat ihre Banden, ſo wie die meinigen geloͤſt.“— Aber warum ſind ſie nicht ſelbſt hier? Was kann ſie zuruͤckhalten? Sie ſind geſund, hoff: ich. —„Ihr Gemahl iſt geſund,“ antwortete der Oberſte;„aber den armen Felix hat das Ge⸗ faͤngniß und alte vernachlaͤſſigte Wunden ge⸗ laͤhmt. Doch wird ſich das wieder verliehren, hoff' ich. Aber die Ruͤckkehr in ihr Baterland 268 iſt ihnen nicht geſtattet. Ich erhielt ſie, weil ich weder an der Revolution noch an dem Kriege Theil genommen. Doch werd' ich auch nicht lange von dieſer Verguͤnſtigung Gebrauch machen. Wir haben einander das Wort gege⸗ ben, dem Feldherrn zu folgen, und mit ihm ein neues Vaterland aufzuſuchen; und in der That weckt mir dieſer Boden allzu ſchmerzhafte Erin⸗ nerungen, um mich je dieſen Vorſatz gereuen zu laſſen. Was Sie betrift, gnaͤdige Frau, ſo zweifle ich nicht, daß Sie dem Wunſche Ihres Mannes ebenfalls folgen werden; und in die⸗ ſem Falle erbitte ich mir die Ehre, Ihr Beglei⸗ ter und Fuͤhrer zu ſeyn.“ 139 Cu s 1 Conſtanze vergaß in dieſem Augenblicke alle ihre Bedraͤngniſſe, druͤckte den Oberſten in ihre Arme, und rief ihre treuen Hausgenoſſen her⸗ bey, um ihnen die frohe Botſchaft mitzutheilen. Daß ich ſchon ſo alt ſeyn muß, ſagte der Herr des Hauſes. Wie gern zoͤg' ich mit und diente dem gnaͤdigen Herrn und Ihnen mit dem Reſte meiner Kraͤfte; aber ich bin zu nichts mehr 269 gut.— Aber ich, gnaͤdige Frau, rief die funf⸗ zehnjaͤhrige Thereſe, ſeine Enkelin; ich bin jung, und fuͤrchte keine Arbeit. Ich will Ihnen treu dienen, gewiß recht treu. Mein gutes Kind, antwortete— ich bin ein armes Weib und kann keinen Diener erhalten.— O, rief Thereſe, i ich verlange kei⸗ nen Lohn; es iſt mir genug, wenn ich bey Ih⸗ nen ſeyn kann. Mit Ihnen geh' ich durch die Welt. Wenn Sie uns verlaſſen, halte ich 5 in dem einſamen Hauſe nicht aus. onſtanze ſtreichelte dem Kinde die Ban⸗ gen, und wiederholte, daß ſie keine Moͤglichkeit ſahe. Sie koͤnnen ihr immer die Bitte zuge⸗ ſtehn, ſagte der Oberſte. Sie ſind nicht mehr arm; und dies iſt der zweyte Theil meiner Bot⸗ ſchaft. Mit der Freyheit haben wir auch un⸗ ſere Guͤter wieder erhalten 1 und zugleich die Erlaubniß, ihre Einkuͤnfte zu—„wo es uns beliebt. Bey dieſer zweyten Nachricht hob eonſtant Augen und Haͤnde zum Himmel; Thereſe aber 270 lief mit einem Schrey der Freude die Stiegen hinab, raffte ihre kleine Habe zuſammen, kehrte mit dem Buͤndel zuruͤck, und nachdem ſie es in einen Winkel des Zimmers niedergelegt hatte, ſagte ſie: Sie koͤnnen nun reiſen, wenn Sie wollen. Ich bin fertig. In der That war der Eifer, womit die Graͤ⸗ fin und der Oberſte ihre Abreiſe betrieben, nicht viel geringer. Nachdem ſie ihre Guͤter aus den Haͤnden der bisherigen Verwalter, dem Be⸗ fehle des Kaiſers gemaͤß, zuruͤckerhalten, und treuen Aufſehern uͤbergeben hatten, eilten ſie mit einander nach Kronenburg, wo ſie von ih⸗ ren Freunden erwartet wurden. Die rüͤhrende Freude des Wiederſehns wollen wir zu ſchildern nicht unternehmen. Ihren Vorſatz fuͤhrten ſie aus. Durch Ehrfurcht, Dankbarkeit und Liebe an den Feldherrn geknuͤpft, den das Ungluͤck nicht niederbeugte, begleiteten ſie ihn uͤber das Meer und zuruͤck, und fanden endlich eine Frey⸗ ſtatt in einem lachenden Winkel Helvetiens. Wahrend ſich hier die Uebrigen der Landwirth⸗ 271 ſchaft widmeten, lockte den Oberſten das neue Geſtirn hinweg, das ſich immer glaͤnzender im Weſten erhob. Er folgte Bonapartens ſiegrei⸗ chen Fahnen nach Aegypten, und fand in der Schlacht der Pyramiden einen ehrenvollen Tod. Denſelben Weg zu verfolgen hielt den Major ein Reſt der Kraͤnklichkeit ab, den er aus dem Ge⸗ fäͤngniſſe mitgebracht hatte; und ſeine Freunde, denen er von Tag zu Tag lieber und unentbehr⸗ licher wurde, dankten dem Himmel im Stillen fuͤr eine Fuͤgung, die ſie uͤbrigens gern mit dem Opfer ihrer Geſundheit abgewehrt haͤtten. Seit einer Reihe von Jahren leben ſie in der erfreu⸗ lichſten Eintracht, und wenn bisweilen die Erin⸗ nerung an das Vergangene einen Schatten in ihr Gemuͤth wirft, ſo dient auch dieſer, die ſtille Heiterkeit ihres jetzigens Lebens zu erhoͤhen. Dann druͤckt oft Paver ſeine Frau und ſeinen Frrund zugleich mit tiefer Ruͤhrung an ſein Herz, indem er ſagt:„Das Weib hat die Ver⸗ dammniß uͤber die Welt gebracht; aber auch die Seligkeit hat es ihr gegeben und die Erloͤſung von allem Uebel. Aus einem Abgrunde von 272 Elend iſt mir das ſchoͤnſte Gluͤck erſtanden, das Menſchen genießen koͤnnen; denn ich kann mich der groͤßten Guͤter ruͤhmen, die Erde und Him⸗ mel dem Menſchen geben kann, der Liebe eines Engels von Weibe, und der Freundſchaft eines biedern und ndougendhaften Mannes.“ 2 S — — ‿ S E 8 — 0 2 82 Qη — — 8 II. 4 An einem heitern Morgen ſaß Fiammetta von Bolgaro am Fenſter ihres Balcons. Die Laute ruhte auf ihrem Schoos, und die zar⸗ ten Finger der holden Jungfrau entlockten ihr keinen Ton. Stumm und truͤbe ſah die Lieb⸗ liche vor ſich hin, nicht achtend den wolkenlo⸗ ſen ſtrahlenden Fruͤhlingshimmel, der ſie durch das geoͤfnete Fenſter anlaͤchelte; nicht die helle Pracht der Blumen, die in⸗ bunten Scherben an den Geſimſen aufgebaut, den milden Luͤf⸗ ten des Lenzes ihren duftenden Buſen enthuͤll⸗ ten; noch die blauen Lorys, die ſich, lebenden Blumen gleich, in goldenen Ringen ſchaukel⸗ ten, und mit dem ſchillernden Glanze ihres Gefieders das Azur des Himmels und die flammende Pracht der Paͤonien zu beſiegen meinten. Fiammetta's Seele war truͤbe, und ihr ſchwermuͤthiger Blick ſah, uͤber die naͤchſte Ge⸗ S 2 276 genwart hinweg, in die nahe Zukunft, die mit ihrem dunkeln Gewebe den Fruͤhling, die Blu⸗ men und jede Freude verhuͤllte. Leiſe Seuf⸗ zer draͤngten ſich aus ihrer vollen Bruſt, und zwiſchen den Seufzern ſchwebte noch leiſer ein Nahme hervor, der ihre Wangen mit höͤhe⸗ rer Roͤthe faͤrbte. Ueberraſcht durch unwill⸗ kuͤhrliche Erinnerungen„erhob ſie beyde Arme und druͤckte das gluͤhende Geſicht in ihre Haͤnde. Die Laute ſank ſummend zu ihren Füͤßen her⸗ ab, und in dieſem Augenblicke trat Agnola, Fiammetta's Amme, in das Zimmer herein. Ich hab' Euch eine wichtige Nachricht zu bringen, hub die Amme an, nachdem ſie die Laute aufgehoben und bey Seite gelegt hatte; der Braͤutigam koͤmmt heute noch nicht, und ſicher auch morgen nicht. Alle Anſtalten zur Hochzeit ſind fuͤr's erſte ausgeſetzt. Ihr ſeht mich unglaubig an; aber Eure Mienen verra⸗ then mir, daß Ihr mir gern glauben moͤchtet. Und Ihr koͤnnt es getroſt. Ob es ſich gleich gar nicht ziemen will, ſetzte ſie boshaft hinzu, daß ſich eine Braut im Ernſt uͤber den Auf⸗ ſchub der Hocgiei freut. Fiammetta ſeufzte. Du kannſt ſcherzen, Agnola, ſagte ſie, eine Thraͤne zwiſchen den langen Wimpern zerdruͤckend; Du kannſt ſcher⸗ zen, waͤhrend ich in Angſt und Jammer ver⸗ gehe! Was willſt Du mit Deiner Nachricht ſagen? ktt⸗ Daß Euch der Himmel einige Tage Auf⸗ ſchub goͤnnt, antwortete die Amme. Zeit ge⸗ wonnen iſt Alles gewonnen. So lange Ihr nicht vor dem Altar geſtanden und das faͤrch⸗ terliche Ja ausgeſprochen habt, kann ſich noch Manches zutragen, was man jetzt nicht fuͤr moͤglich haͤlt. Wißt denn, daß der junge Herr, als er auf den Fluͤgeln der Liebe hierher eilen wollte, mit der ihm eigenthuͤmlichen Unbehuͤlf⸗ lichkeit, in dem Thore von Bologna vom Pferde gefallen, und mit einem zerbrochenen, oder doch ausgerenkten Arme aufgehoben wor⸗ den iſt. So eben iſt ein Bothe mit dieſer Trauerpoſt an Euern Oheim gekommen, und ich habe ſelbſt gehoͤrt, daß er Befehl gegeben hat, ein Fuhrwerk zurecht zu machen, um den jungen Herrn Marcheſe abzuholen. Ihr ſeht, daß hierzu wenigſtens vier bis fuͤnf Tage er⸗ 278 forderlich ſind; und wer weiß, was in vier Tagen ſich Alles zutragen kann!n,— Die Alte ſprach die letzten Worte mit Be⸗ deutung, und ſah Fiammetten ſpaͤhend ins Auge. Was wird ſich zutragen? antwortete dieſe, indem ſie das braune Lockenhaupt auf die Schulter fallen ließ. Er wird doch kom⸗ men, wenn ſchon nicht heute; und ich werde denn doch— wenn auch einige Tage ſpaͤter — an den Altar geſchleppt werden, um das Todesurtheil uͤber mich ſelbſt auszuſprechen. Was ſind vier oder fuͤnf Tage? oder woher koͤnnte mir Armen Rettung kommen? 3 Woher?] erwiederte Agnola mit ſchlauem Laͤcheln. Zunaͤchſt vom Himmel, der ſeinen Kindern wohl zu helfen vermag. Iſt nicht ſchon der Unfall Eures preiswuͤrdigen Liebha⸗ bers ein gutes Zeichen? und wer weiß, ob nicht der zaͤrtliche Oheim ſelbſt nach Bologna reiſt! Ich meine, ich hoͤrte ſo etwas. Und wenn das waͤre— und Ihr wolltet— ſo un⸗ bewacht, ſo frey, waͤret Ihr wohl zu retten. Ich ſah den Prinzen in der Meſſe—— 3956 Bn Fämmetis ſch die Amme mit benun Blicken an 92 umd die gekreu zten Hande gege die Belſt Hädräckt, ſagte ſie Nein nein, de ber i in def dod oder ins 8 Koſter. 3369 ten. wenn Su er, andres Iaeſer euuns kennſ, aſs die 5gtife: des Prinzen, ſo iſt die⸗ ſer Aufſchub öhne Rußzen für nich. welchem Fammetta dieſe Worte ſpi a0, 95* war doch die ſchlaule Amme keineswegs geneigt, den eben angeknüpften Faden pogleich wieder fallen zu laſſen. Wohl bekannt mit Fiammet⸗ tens Abneigt ing egen den beſtimmten Gemahl, ergoß ſie ſich in Klagen aͤber das Schickſal einer Frau, die an einen misgeſtalteten und geiſtarmen Mann gekettet, von Geiz und Ei⸗ ferſucht gequ⸗ alt, ſich weder ihrer Schoͤnheit, noch ihrer Jugend, noch ihres Reichthums er⸗ 280 freuen darf. Dieſem Gemaͤlde, in welchem die dunkeln Farben nicht geſpart waren„ ſetzte ſie das Bild des liebenswuͤrdigen Prinzen entge⸗ gen, welcher Schutz und Rettung auf die gros⸗ muͤthigſte Weiſe biete, und eben ſo ſehr aus Mitleiden mit ihrem troſtloſen Schickſale, als aus Liebe, ſie den Haͤnden eigennuͤtziger Ver⸗ wandten zu eentreißen bereit ſey. Allerdings war der Prinz ein ſchoͤner und liebenswuͤrdiger Mann im Sinne der We t. Viele Frauen trachteten nach ſeiner Gunſt; aber des Sieges gewohnt, verſchmaͤhte er ein Gluͤck, das ſich darbot, um nach dem zu ſtreben, das ihn floh. Fiammetta floh ihn mit dem geheimen Grauen, das die Naͤhe eines verruchten Geiſtes erregt, und in dem Glanze, der ihn umgah, ſah ſie nur die verfuͤhreriſche Huͤlle ſeiner daͤmoniſchen Natur. Darum ſtieß ſie die Anerbietungen, die er ihr machen ließ, mit Unwillen zuruͤck, und ohne die Tiefe ſeiner Verruchtheit zu ken⸗ nen, genuͤgte ihr eine ſichere Ahnung, um ſie gegen den raſchen Schritt zu ſichern, zu wel⸗ chem ſie die liſtigen Worte der Amme zu ver⸗ locken bemuͤht waren. ſͤͤ 281 mn Wie es aber oft geſchieht, daß der Muth, welcher fuͤr den aͤchſten Augenblick hinpeichend ſchien⸗ wenn 8 Entſcheidung des Ereigniſſes, indas wir uns ergeben hatten, durch irgend einen Zufall hinausgeſchoben wird, ploͤtzlich ſchwindet, und einer unbeſieglichen Furcht Platz macht, ſo geſchah es auch Fiammetten, als die verhaßte Berbindung, die für dem Airbſten litt. 3 Ihre Angſt muchs, als 5b fie den Ge⸗ genſtand derſelben erſt jetzt, da er ihr etwas ferner geruͤckt war, recht in das Auge gefaßt haͤtte; und waͤhrend Agnola die Sache des Prin⸗ zen mit aller Beredſamkeit des Eigennutzes zu fuͤh⸗ ren bemuͤht. war, ſah Fiammetta unverwandten Blicks auf das widrige Bild des ihr beſtimm⸗ ten Gemahls, und auf die endloſe Reihe freu⸗ denleerer Tage, die ſie an ſeiner Seite durch⸗ leben ſollte. Schweigend ſah ſie vor ſich hinz der Widerwille wuchs rieſenhaft in ihrer Bruſt; wie ein Blutgeruͤſt thuͤrmte ſich der Traualtar vor ihrer Seele auf. Ein Grab, das ſich un⸗ ter ihren Fuͤßen gedfnet haͤtte, waͤre ihr in 282 dieſem 1genddd einer euitſhee Fehſtat Lenefenn bil6 2l 1)6hla Dieſes Ghßelgendee Sinnen, welches Agnöla auf eine ganz andere Weiſe und ihren Wuͤn⸗ ſchen gemaͤß ausdeutete, wurde durch das Ein⸗ treten des Oheims unterbröehen, welcher feinet Muͤndel den Unfall ihres Bräutigams und⸗ ſei⸗ nen Entſchluß/ ihn ſelbſt abzuholen, meldete. Flammetta erblaßte, denn ſie gedachte an ſeine Wiederkunft. Aber ihm ſchien ihr Erblaſſen ein Zeichen zaͤrtlicher Theilnahme; ſo daß er ſich verpflichtet glaubte, die Braut zudtroͤſten! Ich werde keinen Augenblick verſäumen, 7 ſetzte er hinzu.. Wahrſcheinlich wird das Ungluͤck nicht ſo viel zu bedeuten haben, daß mein Pietuo die Bewegung des Wagens zu fuͤrchten brauchte. Wenn ſeine Cur auch das Feſt ver⸗ eitelt, das ich zu geben willens war, ſo wird ſie doch die Ceremonie ſelbſt nicht verhindern. Alſo fuͤr jetzt, Gott befohlen! In wenigen Ta⸗ gen wird Alles wieder eingebracht ſeyn. Nachdem der Marcheſe das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, uͤberließ ſich Fiammetta zum Er⸗ ſenaha nach der Entſcheidung ihres Schickſals 283 der Verzweiflung. Alle Schreckniſſe einer ver⸗ haßten Verbindung, die, einmal geſchloſſen, nur durch den Tod geloͤſt werden kann, traten wie Geſpenſter um ſie her, und draͤngten ſich immer gewaltiger und graͤßlicher heran. Jetzt rollte der Wagen des Vormunds die Straße hinab. Erſchuͤttert warf ſich Fiammetta vor dem Sopha nieder, verhuͤllte ihr Geſicht, und rief mit erſtickter Stimme: Rettung! Rettung! Jetzt glaubte die Amme ihre Sache ge⸗ wonnen zu haben. Theilnehmend eilte ſie zu ihr hin, faßte ihr unter die Arme, um ſie aufzuheben, und als Fiammetta mit flehender Miene nach ihr umſah, ſagte ſie: Verzage doch nicht, liebes Kind! die Rettung iſt ja nah. Laß doch nur dem Prinzen Deinen Wil⸗ len wiſſen, der nichts mehr wuͤnſcht, als Dich unter ſeinen grosmuͤthigen Schutz zu nehmen, und Dich, wenn Dein Oheim zuruͤckkoͤmmt, und das Neſt leer findet, ſchon zu vetthahdi⸗ gen wiſſen wied.. Agnola hatte dieſe Worte noch nicht aus⸗ gefoochen als Fiammetta ſie mit Unwillen von ſich ſtieß. Nennſt Du Rettung, rief ſie, 284 was tauſendfaches Verderben. waͤre? Ich ver⸗ abſcheue den Prinzen noch mehr, als ich Pie⸗ tro verachte, und ich wuͤrde mich ſelbſt verab⸗ ſcheuen, wenn ich jemals ſeine zweydeutige Grosmuth in Anſpruch naͤhme. 21sstni Wenn er Euch nur rettet, verſetzte Agnola, uͤber Fiammettens Heftigkeit beſtuͤrzt; wenn er Euch nur rettet, das Uebrige gibt ſich von ſelbſt. Wollt Ihr aber dieſes durchaus nicht, ſo weiß ich kein Mittel fuͤr Euch. 887 u, Aber ich! antwortete Fiammetta mit groͤ⸗ ßerer Ruhe, indem ſie ſich von der Erde er⸗ hob. Was hab' ich noͤthig menſchliche Huͤlfe zu ſuchen, wenn Gott ſelbſt mir Beyſtand und Rettung zeigt? Oder darf ich irgend eine Ge⸗ walt fuͤrchten, wenn die Mauern eines Klo⸗ ſters zwiſchen mich und die Welt getreten ſindd? n HMInt eit Bey dieſen Worten klappte Agnola die mageren Haͤnde zuſammen, und ſah die ernſte Jungfrau ſtarr und ſprachlos an. Sie kannte Fiammettens Geſinnungen; ſie wußte wie ſchrecklich ihr ſonſt der Gedanke an den Ker⸗ ker eines Kloſters geweſen war, und daß nur — 285 die Verzweiflung ihr einen Entſchluß eingege⸗ ben habe, mit dem ihr ganzes Weſen und alle ihre Neigungen im Widerſpruch ſtanden. Als ſie daher die Sprache wiedergefunden hatte, verſuchte ſie Widerſpruch. Ihre Beredſamkeit blieb ohne Erfolg. Das trautigſte Loos ſchien der Ungluͤcklichen erwuͤnſcht gegen das, was ihr bevorſtand. Ihr Entſchluß ſtand feſt. Sie wollte ihre Sachen ordnen, und den naͤchſten Tag in ein Kloſter der heiligen Anna fluͤchten, das etwa eine Stunde Wegs von der Stadt im Gebirge lag, und ſchon einigemal bey beſondern Gelegenheiten von ihr beſucht worden war. 5 Die ſchlaue Agnola,, die, wo die Habſucht ihr leuchtete, nie den rechten Weg verfehlte, ſah auch in dieſem unwiderruflichen Entſchluſſe ein Mittel zur Erreichung ihres Zwecks. Da es ihr ſchlechterdings unbegreiflich war, daß Fiammetta einen Mann, wie den Prinzen, im Ernſte nicht lieben koͤnnte, und der vorgegebnen Abſeigung ganz andere Gruͤnde als die wirkli⸗ chen unterlegte, ſo meinte ſie, wenn es ihr nur gelaͤnge, ſie dem Prinzen in die Haͤnde zu lie⸗ fern, ſeine glaͤnzenden Eigenſchaften das Uebrige 286 thun, und ihre Sproͤdigkeit uͤberwinden wuͤrden. Fiammetta's Entſchluß, nach dem Kloſter zu flie⸗ hen, bot hier die erwuͤnſchteſte Gelegenheit dar. Nachdem ſie ihn alſo ſcheinbar gebilligt, und ſelbſt manchen Anſchlag zur Ausfuͤhrung beyge⸗ fuͤgt hatte, eilte ſie, dem Prinzen die Sache wiſſen zu laſſen, der denn auch ſogleich einen Plan der Entfuͤhrung entwarf, und der Alten, wenn das Unternehmen gelaͤnge, reichliche Be⸗ lohnung verſprechen ließ. m e an. Wenn in einer troſtloſen Lage das Herz hin und her geriſſen wird, und der Sinn, wie ein Nachen ig Sturm, von Klippe zu Klippe ge⸗ ſchleudert, jetzt nach einem Ziele der Hofnung hingeſtoßen, jetzt wieder zuruͤckgeworfen wird, da iſt ein Entſchluß, wenn er auch das Entſetz⸗ lichſte zu thun geboͤte, ein huͤlfreicher Anker, und der augenblickliche Stillſtand des gewaltſamen Fluthens gilt fuͤr Rettung. So taͤuſchte ſich auch Fiammetta, als ſie das Kloſter in die Augen ge⸗ faßt hatte. Es war ihr in dieſem Augenblicke genug, wenn unzugaͤngliche Mauern den Ge⸗ genſtand ihres Haſſes entfernt hielten; aber daß ſich dieſe namlichen Mauern zwiſchen jede Freude 287 des Lebens lagerten; daß in den Freyſtaͤtten frommen Muͤſſiggangs, Haß und Misgunſt um deſto feindlicher tobt, je enger hier die Kreiſe der Bewegung ſind; daß der Hauch der niedrig⸗ ſten Leidenſchaften die Bluͤthen der unſchuldig⸗ ſten Freude vergiftet; daß eine todte, heuchle⸗ riſche Werkheiligkeit die Rechte der Froͤmmig⸗ keit misbraucht; an dieſes Alles, ob ſie es ſchon ſehr wohl wußte, dachte ſie in dieſem Augen⸗ blicke nicht; oder ſie ſah nur das naͤchſte Uebel, und taͤuſchte ſich gern uͤber das entferntere. Doch eben, als ob ſie ihrem eignen Willen nicht traue, glaubte ſie mit der Ausfuͤhrung nicht genug eilen zu koͤnnen, und fing ſogleich an, ihre Sachen zu ordnen, und die Kleidungs⸗ ſtuͤcke zuſammenzulegen, die ſie zu ihrem neuen Aufenthalte begleiten ſollten. 1. „Waͤhrend ſie ſo beſchaͤftigt war, erſcholl Son demd Endt der Straße her eine muntre tuͤrkiſche Muſik. Die Lorys ſtreckten neugierig die Haͤlſe nach der Gegend aus, von der ſie kam, und ſchaukelten ſich lebhafter in den goldnen Ringen; viele Fenſter oͤfneten ſich, und eine jauchzende, immer wachſende Schaar ſchwaͤömte vor und neben einem Zuge von Kunſtreitern her, der auf ſtattlichen, reich ge⸗ ſchmuͤckten Roſſen die lange Straße heranzog. Ein zahlreiches Muſik⸗Chor, nach der Weiſe des Orients gekleidet, zog vorauf, und rief durch die lauten Toͤne der Pauken und Trom⸗ peten, der Eymbeln und halben Monde, die Aufmerkſamkeit des Publikums an. Glaͤnzende Fahnen, von bluͤhenden Knaben getragen, flu⸗ theten hinter ihnen in der blauen Luft; und auf kleinen, zierlichen Roſſen folgten ihnen Kinder nach, lieblich wie Amorn, mit blonden Locken, die lang auf die flatternden Gewaͤnder herabfloſſen, und ſahen mit heitern und neu⸗ gierigen Blicken nach den geoͤfneten Fenſtern, aus denen ihnen Gruͤße und Kuͤſſe von ſcho⸗ nen Lippen und weißen Haͤnden zahllos entge⸗ genflogen. Einige Mohren folgten dieſen Lie⸗ besgoͤttern nach, die weißen Turbans mit Per⸗ len umhangen, funkelnde Speere in den Haͤn⸗ den ſchwingend, auf dem Nuͤcken goldne Ko⸗ cher und Bogen, gleichſam die Leibwache des Hauptlings, der auf einem milchweißen Zelter ſtolz uͤber alle ſeine Begleiter emporragte. Auf — 289 dem einfach aufgekrempten Hute wankte der hohe Federbuſch, von funkelnden Cdelſteinen gehalten; ein Wamms von violetnem Sammt, reich mit Gold und Perlen geſchmuͤckt, um⸗ ſchloß ſeine ſchlanken Huͤften, und zahlreiche goldne Ketten ſenkten ſich von dem entbloͤßten Nacken auf ſeine Bruſt herab. Leicht und ſicher ſaß er auf dem edeln Roß, das— ſo ſchien es— ſeiner Buͤrde froh, den ſtolzen Nacken hoch erhob, und waͤhrend ſeine Augen und Nuͤſtern Feuer ſpruͤhten, jeder leiſen Re⸗ gung der Hand willig gehorchte. Alle Blicke richteten ſich jetzt auf den herrlichen Reiter, der aber ſelbſt nur wenig umherſah, und ob ihm ſchon von mehr als einem Fenſter ein lautes Eviva entgegen kam, doch immer mit gleichem Ernſte ſeinen Weg verfolgte. Auch Fiammetten hatte der feſtliche Aufzug an das Fenſter gerufen. Der Zug naͤherte ſich; die Augen des Reiters erhoben ſich nach ihr, und als ſie den ihrigen begegneten, ſtroͤmte ein holdes Erroͤthen, wie der Schaam und Freude, uͤber ſein edles Angeſicht. Fiammetta trat be⸗ ſtuͤrzt zuruͤck; ihre Knie zitterten unter ihr; ſie II. T ſuchte einen Sitz, aber ehe ſie ihn erreichen konnte, ſank ſie bewußtlos zu Boden. Der Zug war jetzt vorbey und die Straße wieder ſtill, als Agnola in das Zimmer trat, und ihre Herrin einer Todten aͤhnlich auf dem Boden fand. Sie erhob ein durchdringendes Geſchrey, warf ſich neben ihr zur Erde, loͤßte dhr Gewand, und rief ſie nach vielem Bemuͤhn in’s Leben zuruͤck. Auf ihre ſtuͤrmiſchen Fragen autwortete Fiammerta nicht. Oft die Farben wechſelnd, die Blicke nach dem Fenſter gerich⸗ tet, ſchien ſie bey jedem Gevaͤuſch von der Straße her zuſammenzuſchrecken. Agnola ſah ſie bedenklich an. Sie fuͤrchtete den Anfang einer Krankheit, als Folge der heftigen Er⸗ ſchuͤtterungen ihres Gemuͤthes, und hierdurch eine Stoͤrung des Plans, von deſſen Ausfuͤh⸗ rung ſie ſich ſo viel verſprach. Nach einigem Stillſchweigen ſagte ſie, die Augen im Zimmer umherwerfend: Ihr denkt alſo ernſtlich auf den Abzug, wie ich ſehe. Ihr habt zuſam⸗ mengepackt. Habt Ihr aber auch ſchon das Uebrige bey Euch bedacht und feſtgeſetzt; die Art Eurer Flucht und die Zeit?— Fiammetta 291 ſchwieg.— Oder haͤtte Euch der raſche Ent⸗ ſchluß gereut? fuhr jene mit forſchendem Blicke fort.— Fiammetta wiegte verneinend den Kopf.— Ungeduldig uͤber das hartnaͤckige Schweigen, ſagte die Alte: Wahrhaftig Kind, ich glaube, daß Du jetzt das einzige Weſen in ganz Florenz biſt, das ſo ſprachlos und truͤb⸗ ſinnig da ſitzt! Die ganze Stadt iſt ja in eſ⸗ nem Aufruhr von Froͤhlichkeit!— Fiammetta ſah ſie fragend an.— Habt Ihr denn nichts geſehn, und vor lauter Geſchaͤftigkeit auch nichts gehoͤrt? oder haͤttet Ihr ſchon ſo lange hier in Ohnmacht gelegen? Sie muͤſſen auch hier durch die Straße gekommen ſeyn.— Wer? fragte Fiammetta erroͤthend.— Ey, der Gran Maestro, wie ſie ihn nennen, der Aleſſandro Galuppi mit ſeiner wunderſchoͤnen und praͤchtigen Geſellſchaft von Kunſtreitern und Springern und Taͤnzern, die, wie man ſagt, Feſte geben, wie ſie ſeit Erſchaffung der Welt nicht geſehen worden. Dieſer iſt hier, und koͤmmt eben recht zu den Feſten der ho⸗ hen Vermaͤhlung des Grosherzogs, und die ganze Stadt iſt vor Freude auſſer ſich.— X 2 292 Wie nennſt Du den Meiſter? fragte Fiam⸗ metta. Aleſſandro Galuppi?— Ja, ſo nann⸗ tten ſie ihn, antwortete die Amme, und ſie ha⸗ ben mir ihn gezeigt, wie er voruͤber ritt. Ein herrlicher Mann! So ſchoͤn und ſo vornehm! Man koͤnnte ihn fuͤr einen Prinzen halten. Auch glaub' ich nicht, daß der euiſ einen ebsnern Zelter hat.— 5 Indem die Amme ſo prach e und ſich im Lobe des ſchoͤnen Reiters ergoß, den Niemand ohne Bewundrung ſehen konnte, erblaßte Fiam⸗ ametta von neuem; ihre Bruſt hob ſich mit Krampfhafter Heftigkeit; ſie warf ihre Arme um Agnola’s Racken, und unfaͤhig, ſich anders als in erſtickten und gebrochnen Lauten mitzu⸗ theilen, ſchienen ihre ſtummen Blicke um Huͤlfe zu flehn. Endlich, als ein Strom von Thraͤ⸗ nen ihrem gepreßten Herzen Luft gemacht hatte, ſagte ſie fluͤſternd: Haſt Du ihn denn nicht erkannt?— Wen ſollt' ich erkannt haben? fragte Agnola mit Verwundrung.— Dieſen Aleſſandro, den ſie Dir gezeigt haben, und der nicht Aleſſandro heißt. Du haſt ihn nicht er⸗ kannt? O wollte Gott, ich haͤtte ihn auch nicht 293 erkannt! oder meine Augen waͤren erblindet vorher! oder der Tod haͤtte mich nicht wieder aus ſeinen Armen entlaſſen, nachdem ich ihn geſehen hatte! O Guido, o mein Guido! Puwſe mußt' ich dich wiederſehnl! S420E F. In den hoͤhern Jahren des gebens pflegt ſich die Erinnerung mehr an Worte und Nah⸗ men, als an Geſtalten zu knuͤpfen. So wie Agnola Guido's Nahmen hoͤrte, wachten auch alle ihre Erinnerungen wieder auf. Sie ſchlug ſich vor die Stirn und ſagte: War es nur moͤglich, daß ich den lieben Jungen nicht gleich wieder erkannte? Aber wer haͤtt' ihn auch in dieſem Aufzuge und in ſolcher Geſellſchaft ge⸗ ſucht? Und drey oder vier Jahre machen in dieſem Alter ſchon einen Unterſchied!— Ob er wohl noch an Euch denken, und Euch noch ſo zugethan ſeyn mag, als damals, wo er auf! eine ſo ſchmaͤhliche Weiſe aus dieſem Hauſe geſtoßen wurde? Fiammetta weinte immer heftiger, und klammerte ſich krampfhaft an Agnola an, wie Jemand, der zwiſchen empoͤrten Wellen ein ſchwaches Bret an ſich druͤckt, und dem Tode, der ihm aus dem Schlunde des Abgrunds winkt, dieſe Farmſelige Schutzwehr entgegen⸗ haͤlt. Der Anblick des Fremden, den ſie als Bruder geliebt hatte, der der Geſpiele ihrer Kinderjahre, der Wunſch ihres jungfraͤulichen Herzens geweſen war, hatte neue Stuͤrme in ihrem Innern erregt, und die erzwungene, taͤu⸗ ſchende Ruhe bis in die tiefſten Tiefen ver⸗ nichtet.— Ach, ſagte ſie endlich, was bleibt mir uͤbrig als die Flucht? Was ich vorhin be⸗ ſchloſſen hatte, um fremder Gewalt zu ent⸗ fliehn, muß ich um deſtomehr ausfuͤhren, um mir ſelbſt zu entgehn; und wie ich den Braͤu⸗ tigam aus Widerwillen, ſo muß ich den Freund, den Bruder, den Geliebten, aus Liebe fliehn. Wir muͤſſen jetzt in Fiammetta's Kindheit zuruͤckgehn, um ihr Verhaͤltniß zu dem Juͤng⸗ linge zu erklaͤren, deſſen Erſcheinen in der Stadt einen ſo froͤhlichen Aufruhr, in Fiammetta's Herzen aber neue und heftigere Stuͤrme erregt hatte. Fiammetta war die Tochter eines der reichſten Edelleute des welſchen Tirol, Levino Torlotti, und der ſchoͤnen Antonia Verospi, die ihrem Gemahl, auſſer einem Sohne, welcher ————ʒ⅓——·„,————— ,y,y y—y— y— 295 ihr im vierten Jahre durch den Tod entriſſen worden war, nur dieſe Eine Tochter gebohren hatte. Um die Zeit, wo ſie noch den fruͤhen Tod ihres Knaben betrauerte, und die eben erſt geſchenkte Tochter an ihrem Buſen naͤhrte, trug es ſich zu, daß, als Levino jagend im Walde umherſchweifte, ſeine Hunde vor einer Felsſchlucht ſtill ſtanden, und, wie ſie bey der Erſcheinung eines ungewoͤhnlichen Gegenſtandes zu thun pflegen, in einzelnen abgeſetzten Lau⸗ ten anſchlugen. Durch dieſe Zeichen herbey⸗ gerufen, trat Levino, von einem ſeiner Jaͤger begleitet, in die Schlucht, und erblickte, in ih⸗ rem entfernteren Winkel, auf dem mit Mooſe bedeckten Boden, ein todtes Weib, der Farbe und Kleidung nach eine Zigeunerin, die, wie ſich bald zeigte, erſt vor kurzem an einer in dem Nuͤcken erhaltenen Wunde geſtorben war. Neben ihr lag ein halb nackter Knabe auf dem Mooſe, ſeinen von goldgelben Locken ſtrah⸗ lenden Kopf auf die Bruſt der Todten geſtuͤtzt, die kleine Hand an ihrer Wange, als ob er un⸗ ter Liebkoſungen eingeſchlafen ſey; und das weiße Geſicht des Kindes bluͤhte in der duͤſtern 296 Schlucht, wie der Abendſtern aus der braunen Nacht, oder ein Strauß von Lilien in dunkle Malven gebunden. Verwundert ſahen die Jaͤ⸗ ger die unerwartete Erſcheinung, die ſo hold und ſo ſchrecklich war; aber als der Knabe die gro⸗ ßen blauen Augen oͤfnete, und laͤchelnd die Arme nach den fremden Maͤnnern ausſtreckte, reichte ihm Levino die Hand, und ſagte, als er behende aufgeſprungen war, in ſeinem frommen Sinn: Gott, der fuͤr die jungen Raben ſorgt, hat auch dir einen Retter geſchenkt. Du ſollſt nicht zu Grunde gehn. Willſt du mit mir kommen?— Und wie der Knabe munter antwortete: Ja, Vater! laͤchelte Levino, und gedachte des Sohns, den er verlohren hatte, und ſagte mit einer Thraͤne im Auge: Ja, ich will dein Vater ſeyn. Wie heißeſt du?— Widolino, antwortete der Knabe liſpelnd, oder auch Doli, wie Du willſt. — Guido hatte auch Levinos Sohn geheißen. Und ſo ſah er es recht fuͤr eine Schickung Got⸗ tes an, daß er hierher hatte kommen muͤſſen, um dieſes liebliche Kind vom Tode zu retten, und trat, nachdem er Befehl gegeben, das ver⸗ wundete Weib zu begraben, den Ruͤckweg nach Hauſe an. Widolino lief, leicht wie ein Reh, mit nackten Fuͤßen neben ihm her, beantwortete jede ſeiner Fragen, und nannte ihn in jeder ſeiner Antworten Vater, wie er in der Geſell⸗ ſchaft, zu welcher er bisher gehoͤrt hatte, u thun gewohnt geweſen. Es hatte ſich naͤmlich, ſeit einiger Zeit, eine Bande Zigeuner aus dem ſuͤdlichen Italien nach den Alpen hingezogen, und die Thaͤler von Tirol und die umliegenden Gegenden unſicher gemacht. Mancherley Raub war veruͤbt worden, auch mehrere Mordthaten, die auf Rechnung dieſes Geſindels geſchrieben wurden. Endlich traten einige Doͤrfer zuſammen, um auf die gefaͤhrli⸗ chen Gaͤſte Jagd zu machen, und, von einer Ab⸗ theilung Soldaten unterſtuͤtzt, war es ihnen ge⸗ lungen, ſie theils zu umringen und einzufangen, theils zu zerſtreuen und in die Flucht zu trei⸗ ben. Unter den Fliehenden war auch jenes Weib geweſen, das mit dem Knaben auf dem Arme dem wohlbekannten Schlupfwinkel zuge⸗ eilt war; aber eine feindliche Kugel hatte ſie eingeholt, und ſchwer verwundet hatte ſie ihr Leben in jener Hoͤhle ausgeblutet. Daß das 298 Kind, welches man neben ihr gefunden hatte, das ihrige ſey, mußte bezweifelt werden. Seine Farbe und die Beſchaffenheit ſeiner Zuͤge zeigte eine andere Abkunft an. Guido ſelbſt konnte keine Auskunft geben. Das getoͤdtete Weib nannte er ſeine Mutter; aber er habe noch an⸗ dere Muͤtter gehabt, ſagte er, die alle eben ſo ſchwarz als jene geweſen. 3 Als ſich nun Levino ſeinem Schloſſe naͤherte, uͤbergab er das Kind dem Jaͤger, daß es gerei⸗ nigt und gekleidet wuͤrde; und da hierauf ſeine Schoͤnheit noch heller ſtrahlte, als vorher, nahm er es an die Hand und fuͤhrte es ſeiner Gemah⸗ lin zu. In kurzem war Guido wie ein Kind des Hauſes geachtet. Die uͤbeln Gewohnhei⸗ ten ſeiner bisherigen Lebensart legte er ohne Muͤhe ab; und waͤhrend ſein Koͤrper in allen Uebungen eine bewundernswuͤrdige Behendigkeit zeigte, faßte ſein Geiſt mit Leichtigkeit, was ihn gelehrt wurde, auf. Alle im Hauſe liebten ihn. Denn wie es ſeine Luſt war, die wilde⸗ ſten Pferde ohne Sattel zu reiten, dem Eich⸗ horn auf die hoͤchſten Baͤume nachzuſteigen, im See die ſchnellſten Fiſche bis auf den 4 299 Grund zu verfolgen, und den Gemſen gleich von Felſen zu Felſen zu ſpringen, ſo war er doch ſanft wie ein Lamm, und von einer ſo weichen Milde des Herzens, als ob er gewohnt ſey, nur Blumen zu pflegen, oder Laämmer zu weiden, oder am Altar beym Opfer zu dienen. Fiammetta, etwa vier Jahre juͤnger als Guido, wuchs neben ihm wie eine Schweſter auf, und ſie wußte lange nicht anders, als daß der kleine Zigeuner— il Zingarello nannten ſie ihn,— ihr wirklicher Bruder ſey. Von der Zeit 81 wo ſie ſich auf ihren Fuͤßen halten konnte, nahm er ſie unter ſeine beſon⸗ dere Obhut; und die Zaͤrtlichkeit, mit der er ſie bewachte, die Aufmerkſamkeit, mit der er ihre Wuͤnſche errieth und befriedigte; die Klug⸗ heit und Anmuth endlich, mit der er ſie be⸗ lehrte und warnte, machte ihn den Aeltern noch lieber, ſo daß ſie keine groͤßre Freude kannten, als die beyden Kinder unten ähren Augen zu haben. Eines Tages, als Antonie, mit Fiammetten auf dem Schooße, auf einer Raſenbank im Garten unvermerkt eingeſchlum⸗ mert war, ſchluͤpfte das Kind unvermerkt her⸗ 300 ab, und lief einem nahen Teiche zu, von deſ⸗ ſen Rande ſie oft die Fiſche gefuͤttert hatte. Auch jetzt ſpielten Fiſche am Ufer und erwar⸗ teten Futter. Fiammetta buͤckt ſich, um nach einem davon zu greifen, gleitet von dem ſchluͤpfrigen Rande aus, und faͤllt in das Waſ⸗ ſer. Ein einzelner Schrey weckt die Mutter, und zieht ihre Blicke nach der Stelle, wo das Kind, von ſeinen Kleidern getragen, nach der Mitte des Teiches hinfluthet. Noch wenige Momente, und es wurde hinabgezogen. In dieſem Augenblicke tritt Guido in den Garten. Mit Falkenaugen ſieht er, was ſich zugetragen, fliegt ſchneller als ein Reh den Baumgang herab, ſtuͤrzt ſich in das Waſſer, und legt das Kind zu den Fuͤßen der Mutter, die bleich und zitternd am Ufer nach Huͤlfe ruft. Loͤchelnd hatte ſich Fiammetta ihrem Retter uͤberlaſſen; als ſie aber wieder in den Armen der Mutter lag, fing ſie bitterlich an zu weinen, und ver⸗ langte von dem Waſſer weg, das ihr Angſt machte. Guido aber ging triefend neben her, ſtreichelte die Wangen der Weinenden, und fagte einmal uͤber das andre: Gib Dich doch 4 Se zufrieden, Du armes, naſſes Ding. nucsihnt h nun weiter keine Noth. Daß durch dieſen Vorfall der heherzte Anabe den Aeltern noch theurer wurde, braucht nicht geſagt zu werden. Sie verdoppelten jetzt ihre Bemuͤhungen, Nachrichten von ſeiner Abkunft einzuziehn— denn daß der Knabe ein geraub⸗ tes Kind ſey, bezweifelten ſie nicht— und hof⸗ ten, daß ein ausgezeichnetes Mal, welches Gui⸗ do unter dem rechten Oberarm trug, ein Kreuz mit vier Sternen, ihren Forſchungen zu Huͤlfe kommen ſollte. Da aber in dem getheilten, durch innern Verkehr wenig belebten Lande, alle ihre Bemuͤhungen fruchtlos blieben, fingen ſie an zu glauben, daß Guido's Abkunft wohl allzudunkel sſeyn moͤchte, als daß ſich Jemand um ſeinen Verluſt bekuͤmmere; und Levino beſchloß, nach⸗ adem Guido ſein funfzehntes Jahr zuruͤckgelegt thatte, ihn einem Jaͤger zu uͤbergeben, der ihn iin ſeiner Kunſt unterrichten ſollte. Durch dieſe Einrichtung, welche Guido’s „Neigungen und ſeinen Verhaͤltniſſen die ange⸗ meſſenſte ſchien, wurde der Verein der beyden Kinder, die bis jetzt unzertrennlich geweſen wa⸗ 302 ren, zum erſtenmal geſtoͤrt. Sie ſahen ſich nur ſelten, und nie mehr allein. Beyde fuͤhlten, daß die vormahlige Vertraulichkeit nicht mehr Statt fand. Aber indem ſie ſich aͤußerlich fremder wurden, entwickelte ſich unvermerkt in dem Bo⸗ den der Sehnſucht der Keim der Liebe in der geheimnißvollen Tiefe ihrer Bruſt. Als ſie ſich noch taͤglich ſohhen, und nichts vermißten, was ihr heiteres Wohlwollen wuͤnſchte, lebten ſie mit gluͤcklicher Bewußtloſigkeit in der Liebe, wie eine geſunde Bruſt die Luft athmet, ohne es zu be⸗ merken, und wie die Geſundheit ſelbſt in ihrer hoͤchſten Fuͤlle ohne Bewußtſeyn genoſſen wird. Aber wie ſie jetzt der Kindheit entwuchſen, und die entfremdenden Verhaͤltniſſe zwiſchen ſie tra⸗ ten, fuͤhlten ſie ſich ploͤtzlich von einer Leiden⸗ ſchaft uͤberraſcht, die ſich durch das Geheimniß, das ſie umhuͤllte, mit wunderbarer Schnelle entwickelte. Das ruͤſtige Geſchaͤft, welches Guido mit allem Eifer einer entſchiedenen Reigung. trieb, draͤngte Fiammettens Bild doch nur auf Augenblicke zuruͤck. Immer weiter zwar oͤfnete ſich vor ſeinen Augen die Kluft, die den Fuͤnd⸗ ling, den Zigeunerbuben, von der reichen Erbin eines Edelmanns trennte; er ſah oft mit gluͤ⸗ hendem Angeſichte in die Kluft hinab; aber immer ſchaute ihn dann Fiammettens anmu⸗ thiges Bild freundlich laͤchelnd aus der Tiefe an, und erquickte ſein gepreßtes, von Sehn⸗ ſucht gequaltes Herz. Dieſes holde Bild an ſeine Bruſt druͤckend, jede Bluͤthe der Erinne⸗ rung vergangner Zeit ſorglich pflegend, fuͤhlte er ſich oft in dieſem unbeneideten Beſitze ſelig, wie man im Traume oft mit dem Bewußt⸗ ſeyn des Traͤumens ſelig iſt, ohne etwas von der Gegenwart zu fodern, und von der Zu⸗ kunft zu hoffen. Noch mehr gab Fiammettens ſtilles Seyn, die Einſamkeit ihres Landlebens, und die Natur der weibli Beſchaͤftigungen der Liebe ein freyes Spiel. Sie waͤhnte einen Bruder und einen Retter zu lieben; aber doch verhuͤllte ſie dieſe Liebe den Augen der Mut⸗ ter, der ſie ſonſt nichts verbarg, ja oft, wenn die Sehnſucht allzu maͤchtig in ihr ward, vor ſich ſelbſt. So webte die Trennung ein Band, das ſich immer feſter um ihre Herzen ſchlang, und was der Gegenwart mangelte, erſetzte die Erinnerung. Sie ſahen ſich nicht; aber Ein Himmel bedeckte ſie, und dieſelben Sterne ſchauten auf beyde herab. Und war nicht je⸗ der Stern des Himmels, jeder Baum der Ge⸗ gend, jeder Fels des Waldes eine Erinnerungs⸗ tafel der fruͤhern Zeit? und ſtand nicht auf dieſer Tafel die Geſchichte unſchuldiger Kinder⸗ jahre, die das Herz mehr erquickt und labt, als aller Ruhm, der auf Mauſpleen und an Obelisken funkelt? 6 „SoZ war ſchon eine gevaume Zeit hergag⸗ Aunz gal der Krieg ausbrach, und die ſtillen Thaͤler der Alpen mit Getuͤmmel und Gefah⸗ ren erfuͤllte. Levino hielt es fuͤr rathſam, den laͤndlichen Aufenthalt mit der Stadt zu ver⸗ tauſchen. Auch hier fand ihn das Unheil, das dem Kriege nachzufolgen pflegt. Die Anhaͤu⸗ fung der Menſchen in der von Feſtungswerken eingeengten Stadt, und die Anfuͤllung der Krankenhaͤuſer mit Verwundeten erzeugte eine Peſt, die in der Hitze des Sommers mit un⸗ aufhaltſamer Wuth um ſich griff. Levino wurde ein Opfer derſelben; ſeine Gemahlin folgte ihm binnen wenigen Tagen nach; nur die ver⸗ waiſte Fiammetta wurde gerettet, und nach ☛ 305 Florenz in das Haus eines Oheims ihrer Mut⸗ ter, des Marcheſe Verospi, gebracht. Wie dieſer die Gewalt, die er als Oheim und Vor⸗ mund uͤber Fiammetten hatte, misbrauchte, um ſie mit ihren Reichthuͤmern in die Haͤnde ſeines Sohnes zu bringen, ſoll hier nicht erzaͤhlt erden. Es iſt genug, zu ſagen, daß nur die Huͤlfloſigkeit, in welcher ſich Fiammetta befand, ihr die Einwilligung in eine Verbindung abnoͤ⸗ thigen konnte, die ihr, auch ohne die fruͤhere Liebe, haͤtte verhaßt ſeyn muͤſſen. Der junge Marcheſe, Pietro Verospi, war auf keine Weiſe geeignet, die fruͤhern Eindruͤcke auszuloͤſchen, oder die Neigung eines edeln Herzens auf ſich zu lenken. Wie ſeine Geſtalt gemein war, ſo waren auch ſeine Geſinnungen. Er hatte jetzt ſeine Studien geendigt. Aufgeſchwellt mit dem Hochmuthe eiteln Wiſſens, und einer edeln Bil⸗ dung unfaͤhig, ſollte er eben in die Heimath zu⸗ ruͤckkehren, und der Tag ſeiner Ankunft ſollte der Todestag von Fiammettens Freyheit ſeyn. Der Zufall, von dem wir oben gehoͤrt haben, ſchob dieſes Ereigniß um einige Tage hinaus, und verſtattete der Armen die unſelige Wahl II. U 306 zwiſchen zweyen Uebeln, von denen das, welches ſie ergriff, nur den eiteln Schein einer freyen Selbſtbeſtimmung vor dem andern voraus hatte. Was Guido betrift, ſo hatte der Tod ſeines Wohlthaͤters und die Zufaͤlle des Kriegs ſeine fruͤhern Verhaͤltniſſe gaͤnzlich zerſoͤrt. Er ſtand jetzt wieder ſo einſam in der Welt, als damals, wo ihn der mitleidige Levino neben ſeiner getoͤdte⸗ ten Pflegemutter fand. Aber damals hatte er keines Troͤſters bedurft, als des Schlafes, waͤh⸗ rend ihn jetzt das Gefuͤhl ſeiner Verlaſſenheit, der Schmerz uͤber den Tod der geliebten Wohl⸗ thaͤter, und der Gedanke an die verwaiſte Fiam⸗ metta in die allertiefſte Trauer verſenkte. In dieſer Verwaiſung ſchien ihn der Krieg zu rufen. Er machte ſich auf, um Dienſte zu ſuchen; aber mit ihm zugleich kam in dem Hauptquartier die Nachricht von dem abgeſchloſſenen Frieden an, in deſſen Folge ein großer Theil des Heeres ent⸗ laſſen wurde. In dieſer Hofnung getaͤuſcht, beſchloß Guido, nachdem ihm einmal der Ge⸗ danke an Gefahren lieb geworden war, ſein Gluͤck auf dem Meere zu ſuchen; und ob ihm * 307 gleich andere Haͤfen naͤher lagen, zog er doch vor, nach Livorno zu wandern, um vielleicht, eh' er ſich dem unſichern Elemente vertraute, die Geliebte ſeiner Kindheit noch Einmal zu ſehn. Voll von dieſem Gedanken kam er nach Florenz, und als er das Haus des Marcheſe betrat, war Agnola die erſte Perſon, die ihm entgegen kam. Mit ihrer Huͤlfe gelang es ihm Fiammetten zu ſehn, und ſo fern und fremd ſie anfaͤnglich von einander ſtanden, ſo ward doch bald durch die ſchmerzliche Erinnerung an die erlittenen Unfaͤlle jedes Andenken der fruͤ⸗ hern Zeit erweckt, und das nie recht erkannte, nie eingeſtandene Geheimniß der Liebe in dem Innerſten ihres Herzens enthuͤllt. Mit ſchmerz⸗ lichem Laͤcheln ſah Fiammetta dem geliebten Bruder in die feuchten Augen; zitternd ergriff er ihre Hand; ſie zog ſie nicht zuruͤck; ſein Arm umſchlang ihre Huͤften, und ihr Haupt ſank auf ſeine Schultern. In dem Augen⸗ blick, als ſich ihre Wangen beruͤhrten, trat der Oheim herein. Mit Staunen ſah er die Nichte in den Armen eines Unbekannten. Das Schrecken der Liebenden ſchien ein Bekennt⸗ U 2 1 niß ihrer Schuld. Beyde waren verſtummt; und als Fiammetta zuerſt die Sprache wieder fand, und den Fremden ihren Bruder nannte, trieb ihn der entruͤſtete Oheim nichts deſto weniger mit Ungeſtuͤm hinweg, und ſchickte ihm Drohungen nach, die Fiammetten fuͤr das Leben des Geliebten zittern ließen. Als ſich nun Guido auf der Straße be⸗ fand, betaͤubt, wie einer, der von der Hoͤhe eines unverhoften Gluͤcks in tiefe Schmach her⸗ abgeſtuͤrzt worden, irrte er den langen Tag an den Ufern des Arno umher, bald uͤber Ge⸗ danken der Rache bruͤtend, bald in Traͤume der Liebe verſunken, und er beſchloß bey ſich, jeder Gefahr zu trotzen, und die Stadt nicht zu verlaſſen, bis er Fiammetten noch Einmal geſehn habe. Nachdem er dieſen Entſchluß ge⸗ faßt hatte, ſuchte er in der Vorſtadt eine Her⸗ berge auf. Das Haus war mit mancherley Reiſenden angefüͤllt; nurx ein Schoppen blieb ihm zur Schlafſtaͤtte uͤbrig, in dem auch ſchon ein Andrer Platz genommen hatte. So ermuͤ⸗ det er war, floh ihn dennoch der Schlaf; aber da er zu ſchlummern ſchien, draͤngte ſich der 309 Fremde an ihn an und verſuchte ihn zu pluͤn⸗ dern. Guido ergriff den Arm des Raͤubers und kaͤmpfte mit ihm; aber als Jener ſchon unterlag, brachte er dem Siegenden eine Wunde bey, die ihn aus ſeinen Haͤnden rettete. Auf Guidos Geſchrey verſammelte ſich das ganze Haus um ihn. Er wurde zu Bette gebracht und ſeine Wunde unterſucht. Sie ſchien nicht gefaͤhrlich. Der Raͤuber war im Getuͤmmel und im Schutze der Nacht uͤber die Mauer entflohn. In derſelben Herberge war gerade eine kleine, nicht ſehr bedeutende Geſellſchaft von Springern und Seiltaͤnzern eingekehrt, die auch bisweilen Schauſpiele gaben, meiſt aber nur in den Vorſtaͤdten und auf Doͤrfern ſpielten. Der Anfuͤhrer dieſer Geſellſchaft, Aleſſandro Galuppi, ein wohlwollender und vedlicher Mann, faßte gleich in der Nacht, wo er, ſo wie die Andern, dem Verwundeten zu Huͤlfe geeilt war, eine Neigung zu dem ſchoͤnen Juͤnglinge, und raͤumte ihm, da alle Betten beſetzt waren, das ſeinige ein. Auch waͤhrend der Heilung pflegte er ihn mit unermuͤdlicher Aufmerkſamkeit, und ſuchte 310 ihn aufzuheitern, wenn er in Schwermuth ver⸗ ſank. So gewann er bald das Vertraun und die Liebe des Juͤnglings, und erfuhr von die⸗ ſem, was er beſchloſſen hatte. Der Vorſatz, das Meer zu befahren, misſiel ihmn., Wenn Du Gefahren zu Deinem Gluͤcke bedarfſt, ſagte er, ſo bleib bey mir. Mein Geſchäft iſt gefahr⸗ voll genug, und doch ergoͤtzlich dabey. Du biſt mir lieb geworden, wie ein Sohn; auch Du, denk' ich, liebſt mich. Laß uns zuſammenblei⸗ ben. Wer weiß, welches Gluͤck Dir bey die⸗ ſer Lebensart bluͤht! Anfaͤnglich gab Guido dieſem Antrage kein Gehoͤr. Es ſchien ihm etwas Erniedrigendes in einer ſolchen Lebensart zu ſeyn, und ob er ſchon keine Anſpruͤche an das Gluͤck zu machen hatte, regte ſich doch etwas in ihm, das dem Stolze nicht unaͤhnlich war. Als aber der gutmuͤthige Alte ſeinen Antrag dem Geneſen⸗ den in den mannichfaltigſten Formen und im⸗ mer mit gleicher Dringlichkeit erneuerte, und ſich durchaus nicht in die Trennung von ihm fuͤ⸗ gen wollte, ſagte er eines Tages: Wohlan, Va⸗ ter Aleſſandro, laßt mir noch vier und zwanzig — 9 311 Stunden Zeit; dann will ich Euch meinen Ent⸗ ſchluß kund thun.— Nach dieſen Worten klei⸗ dete er ſich an und ging in die Stadt, feſt ent⸗ ſchloſſen, in das Haus des Marcheſe einzudrin⸗ gen, Fiammetten noch Einmal zu ſehn, und dann dem Zufalle die weitere Beſtimmung ſei⸗ nes Looſes zu uͤberlaſſen. Als er aber mit klopfendem Herzen in die Straße von Aller⸗ heiligen trat, fand er den Pallaſt Verospi verſchloſſen und die Fenſter verhaͤngt. Der Marcheſe, hieß es, ſey vor acht Tagen mit al⸗ len den Seinigen verreiſt, man wiſſe nicht wo⸗ hin, und werde, nach den gemachten Anſtalten zu urtheilen, ſobald nicht zuruͤckkehren. Dieſe Nachricht, ſo ſchmerzlich ſie war, brachte Gui⸗ dos Entſchluß augenblicklich zur Reife. Ich ziehe mit Dir, Vater, rief er dem harrenden Aleſſandro entgegen. Der Himmel will es ſo, Du haſt mir mehr Gutes erwieſen, als ich Dir je vergelten kann. An dem Willen dazu fehlt es mir nicht. Laß mich Deinen Sohn ſeyn, wie Du mir ein Vater geweſen biſt. Wie dieſe Worte den wackern Aleſſandro erfreuten, iſt kaum zu ſagen. Er ſchloß den 312 Jüͤngling in ſeine Arme, herzte und kuͤßte ihn, und waͤhrend große Thraͤnen uͤber ſeine Wan⸗ gen liefen, ſagte er: Jetzt iſt mein alter Wunſch erhoͤrt, einen Sohn zu haben, wie ich mir ihn immer traͤumte. Der Cinzige, den ich gehabt, iſt fruͤh geſtorben. Er wuͤrde jest in Deinen Jahren ſeyn. Wenige Tage nach dieſen ereiniſen d brach die Geſellſchaft auf. Guido, von Aleſſandro unterrichtet, entwickelte ſchnell eine Geſchicklich⸗ keit, die ſeinen entzuͤckten Lehrer in die groͤßte Verwundrung ſetzte. Die Uebungen ſeiner fruͤ⸗ hen Kindheit kamen ihm jetzt zu Statten, und mit ihnen der Wunſch, dem redlichen Freunde nuͤtzlich zu werden. Doch bot er oͤffentlich nie ſeine Kunſt zur Schau, bis er ſie zur Vollen⸗ dung gebracht hatte; und man ſah mit Ver⸗ wundrung einen Juͤngling, der mit den groͤß⸗ ten und geuͤbteſten Meiſtern wetteiferte, ohne ſich jemals als Anfaͤnger gezeigt zu haben. In kurzem war der Ruhm von Galuppis Geſell⸗ ſchaft— auch Guido hatte den Nahmen ſei⸗ nes Meiſters angenommen— uͤber ganz Ita⸗ lien verbreitet, und zog die ausgezeichnetſten 313 Talente herbey, die es ſich zur Ehre ſehatzten, einer ſolchen Geſellſchaft anzugehoͤren. Guido war die Seele des Ganzen. Mit kuͤnſtleriſchem Sinne beſtimmte er Jedem, auch dem Gering⸗ ten, den ihm angemeßnen Platz; ordnete die 8 02 Vorſtellungen wie ein muſikaliſches Concert, und erfuͤllte Alle um ſich her mit einer Liebe zur Ordnung, wie ſie in Verbindungen dieſer Art ſelten gefunden wird. Ee ſelbſt ſparte ſein oͤffentliches Auftreten immer nur fuͤr die ge⸗ faͤhrlichſten Wageſtuͤcke auf; und jedesmal er⸗ regte das Erſcheinen der ſchoͤnen Geſtalt, die mit wuͤrdevoller Ruhe, ja mit Herrlichkeit, an dem Rande des Todes ſchwebte, eine Begeiſte⸗ rung bey den Zuſchauern, die oft faſt bis Ahun Waheſſan ſtieg. Bortun. So waren mehrere Jahre verfloſſen, dhm daß die Liebenden Etwas von einander vernom⸗ men hatten. Guido hatte mehrere Laͤnder durch⸗ 3 zogen, und nie hatte ihn die Schwermuth ver⸗ laſſen, die die Gefaͤhrtin einer ungluͤcklichen und hofnungsloſen Liebe iſt. Die heitre Ruhe, die auf ſeiner Stirne thronte, wenn er auf der Buͤhne der Gefahr trotzte, begleitete ihn nicht 314 in ſeine Kammer, und der Beyfall der Menge, der er aus Liebe zu ſeinem Freund und Vater huldigte, ſchien ihn zu erniedrigen, wenn er an Fiammetten dachte. Jetzt riefen ihn die Feyer⸗ lichkeiten der Vermaͤhlung nach Florenz. Es war das erſtemal, daß er dieſe Stadt nach ſei⸗ nem Unfalle beſuchte. Er wußte nicht, was aus Fiammetten geworden war; auch von ſeinen Wuͤnſchen, wenn er ſie ſaͤhe, wußte er ſich nicht Rechenſchaft zu geben. Es war ihm an der Hofnung genug, ſie zu ſehn; und da an dem Tage ſeiner Ankunft der Himmel ſo freundlich uͤber der Stadt lag, ging ihm das Herz in fro⸗ hen Ahnungen auf. Das Haus Verospi hatte er ſich wohl gemerkt. Von fern ſchon ſah er Fiammettens Gemach mit Kraͤnzen junger Blu⸗ men geſchmuͤckt; ſein Herz klopfte ungeſtuͤm. Und als er naͤher kam und die ſchuͤchternen Blicke zu dem Balcon erhob, und die zarte Ge⸗ ſtalt— jetzt noch hoͤher und bluͤhender, als da er ſie zum letztenmal ſah— zwiſchen den Blu⸗ men hervortrat, ihn erkannte, erroͤthete, und ſchnell verſchwand, da war er kaum ſeiner Ge⸗ fuͤhle Herr, daß er nicht ihren Nahmen rief 315 — und ſie mit lauter Stimme begruͤßte. Aber ach, in dieſem Augenblicke des Entzuͤckens ſiel die Schaam, wie eine tuͤckiſche Harpyie, an ſein allzugluͤckliches Herz. Aller Glanz, der ihn umgab, dieſer prunkende Aufzug, dieſe ſchal⸗ lenden Fanfaren und die fluthenden Fahnen, alles das waren ihm Herolde ſeiner Erniedri⸗ gung, und um nichts beſſer, als das Gloͤckchen des ſtummen Bettlers, das die Aufmerkſam⸗ keit der Voruͤbergehenden zum Mitleiden mit ſeinem Elende auffodert. Eine gluͤhende Roͤ⸗ the bedeckte ſein Geſicht. Seine Augen ver⸗ dunkelten ſich. Er ſah nicht mehr die froͤh⸗ liche Menge, die ihn umrauſchte, noch vernahm er den Beyfall, der ihm von allen Seiten ent⸗ gegen kam. Der Glanz des Himmels ſelbſt, der ſeinen Pomp beleuchtete, war ihm verhaßt. Lieber waͤre es ihm geweſen, daß ſich die Erde unter ihm aufgethan und ihn in ihren Tiefen verborgen haͤtte, eh' er von der Herr⸗ lichen in dieſer Umgebung geſehen worden. Sobald er nun in ſeiner Wohnung ange⸗ kommen war, warf er den ſchimmernden Prunk ſeines Aufzugs von ſich und ſchloß ſich in ſein 346 Zimmer ein, um ungeſtoͤrt ſeinen Gedanken nachzuhaͤngen. Aber je mehr er ſann, deſto groͤßer war ſeine Verwirrung, deſto tiefer ver⸗ ſank er in ſich ſelbſt. Er hatte Fiammetten erroͤthen ſehn, und dieſes Erroͤthen war ihm ein untruͤgliches Zeichen der Misbilligung. Mit jedem Augenblicke wurde ihm ſein Stand ver⸗ haßter; immer unmoͤglicher ſchien es ihm, in Fiammettens Naͤhe, unter Fiammettens Au⸗ gen, dieſem Berufe zu folgen. Die Erinnerung an fruͤhere Vorſaͤtze erwachte von neuem an derſelben Stelle, wo er ſie vor einigen Jahren aufgegeben hatte; der Gedanke an das Meer draͤngte ſich von neuem vor; das Getoͤſe der Wellen toͤnte ihm von fern wie eine beruhi⸗ gende Muſik. Ruhe oder Tod, rief es in ihm! Und er waͤre auf der Stelle dem Hafen zuge⸗ eilt, haͤtte ihn nicht der Gedanke an ſeinen al⸗ ternden Freund aufgehalten. Wie ihn aber dieſer vormals hier gegen ſeinen Willen zu ei⸗ ner Verbindung uͤberredet hatte, die nicht in ſeinem Plane lag, ſo konnte er ja jetzt viel⸗ leicht, nachdem er die Schuld der Dankbarkeit abgetragen, die Einwilligung ſeines vaͤterlichen * 3 17 Freundes zu einer Trennung erhalten, die ihm ſelbſt ſchmerzlich, aber nothwendig ſchien. Er beſchloß, noch an demſelben Tage ihm ſein Herz zu eroͤfnen, und indem er ſich auf dieſes ſchwierige Geſchaͤft vorbereitete, nahm er an dieſem Abend, unter irgend einem Vorwand, an den Vorſtellungen der Geſellſchaft keinen Theil. So geſchah denn auch hier, was ſich in dem Leben des kurzſichtigen Menſchen ſo oft ereignet, daß die Erfuͤllung des heißeſten Wun⸗ ſches nahmenloſe Qualen erzeugt. Jenes Wie⸗ derſehn, das die Liebenden ſeit Jahren mit un⸗ beſchreiblicher Sehnſucht gewuͤnſcht hatten, und das ihnen jetzt unerwarteter Weiſe zu Theil geworden, riß ſie mit groͤßerer Gewalt von einander, indem es ſie noͤthigte, unverwandten Blicks in die Kluft zu ſchauen, die weit gaͤh⸗ nend zwiſchen ihnen lag. Das tuͤckiſche Gluͤck ſchien ſie nur darum in den Mauern Einer Stadt vereinigt zu haben, um ſie der Ver⸗ zweiflung Preis zu geben, und ihnen die Roth⸗ wendigkeit aufzulegen, das Urtheil der Ver⸗ bannung gegen ſich ſelbſt auszuſprechen. Fiam⸗ 318 metta, von Haß und Liebe zur Verzweiflung getrieben, beſchleunigte jetzt ihre Flucht, und erwartete nur die hereinbrechende Finſterniß, um unbemerkt dem Hauſe entſchluͤpfen zu koͤn⸗ nen. Und als die Sonne in das Meer geſun⸗ ken war, und die Nacht ihr dunkles Gewand uͤber den Himmel gezogen hatte, trat ſie, von Agnola begleitet, die ein kleines Buͤndel unter den Armen trug, ſcheu und aͤngſtlich umher⸗ blickend, unter den Saͤulen des Hauſes auf die Straße hervor, wo ihr vor wenigen Stunden erſt die Geſtalt des Geliebten, ach, vielleicht zum letztenmale, erſchienen war. Leichten Schrit⸗ tes, von Angſt befluͤgelt, eilte ſie die lange Straße hinab, und erſt als ſie, die Stadt im Nuͤcken, ſich zwiſchen den Bergen auf dem Wege zum Kloſter befand, ruhte ſie, auf Ag⸗ nolas Bitten, die ſo ſchnell nicht folgen zu koͤnnen vorgab, an dem Fuße eines Huͤgels aus, auf dem ſich, von Cypreſſen und Pinien umgeben, eine kleine Capelle des heiligen Lo⸗ renzo erhob. Faſt um die naͤmliche Zeit hatte Guido ſeine Wohnung verlaſſen, um an Aleſſandros 319 Seite friſche Luft zu ſchoͤpfen, eigentlich aber, um dem Freunde ſein Inneres zu enthuͤllen, und von der Nacht beguͤnſtigt, den Entſchluß mitzutheilen, den er ihm bey dem Lichte der Sonne, von Angeſicht zu Angeſicht, zu entdek⸗ ken den Muth nicht gefunden haͤtte. Auch jetzt laſtete ſein Vorhaben ſchwer auf ſeiner Bruſt. Schweigend ging er neben dem Freun⸗ de, indem er umſonſt in dem Gewirre ſeiner Gefuͤhle und Gedanken den Anfang der Rede ſuchte; und ſchon hatten ſie ſich in die Huͤgel verlohren, wo der ſchmale Weg ihnen nicht mehr verſtattete neben einander zu gehn, als der aufgehende Mond ſeine Strahlen durch die Oefnung eines Thales warf, und zugleich aͤngſtliche Toͤne einer um Huͤlfe rufenden weib⸗ lichen Stimme von der Rechten her uͤber den Huͤgel zu ihnen kamen. Ohne Verweilen eilte Guido die Hoͤhe hinauf, und erblickte am Fuße des Lorenzo⸗Huͤgels Pferde und Reiter, und ein zartes Weib im Kampfe mit Maͤnnern, und ein anderes, welches an dem Kampfe kei⸗ nen Antheil nahm. Schon hatten die Raͤuber jene ergriffen, und bemuͤhten ſich, ſie auf ein 320 lediges Pferd zu ſetzen, welches ein andrer am Zaume hielt, als Guido mit drey Springen den Huͤgel herabſtuͤrzte, Fiammetten erkannte, und auf ihre Raͤuber mit Ungeſtüͤm eindrang. Der erſte, auf den er ſtieß, eines Angriffs nicht gewaͤrtig, war ſchnell zu Boden geriſſen; auch ein zweyter wurde ohne Muͤhe niedergekaͤmpft, und da waͤhrend dieſer Zeit auch Aleſſandro herbeygekommen war, ſchien ſich der Sieg ſchon fuͤr die Rettenden zu entſcheiden, als Guido im Ruͤcken angefallen, verwundet und niedergeworfen wurde. Auch Aleſſandro, der wie ein Loͤwe kaͤmpfte, wurde zu Boden ge⸗ ſtreckt. Jetzt ergrifſen die Raͤuber Fiammet⸗ ten von neuem, warfen ſie auf ein Pferd, und eiltenmit ihr und der Amme, ſo ſchnell es die ſchroffen Wege erlaubten, einem Schloſſe zu, das, in Waͤldern verſteckt, dem Verbrechen eine ſichre Freyſtatt zu bieten ſchien. Wir brauchen nicht zu ſagen, daß dieſer Raub auf Anſtiften der treuloſen Amme, die hier ihren eignen Vortheil mit dem Gluͤcke ih⸗ rer Herrin zu vereinigen glaubte, von den Dienern des Prinzen und auf ſein Geheiß⸗ · vollbracht worden war. Betvußtlos lag Guido auf dem Kampfplatze in dem Blute, das aus ſeiner Wunde quoll, und der treue Aleſſandro neben ihm, beyde Arme nach dem Juͤnglinge ausgeſtreckt, den er mit der Zaͤrtlichkeit eines Vaters, mit der Liebe eines Freundes und der Dankbarkeit eines Verpflichteten, auch noch im Tode zu ſuchen ſchien. Der Mond verbarg ſein bleiches Angeſicht hinter den Bergen, als ob er den Anblick der blutigen Scene floͤhe; tiefes Schweigen lag in den Thaͤlern, und der Todesengel ſah ernſt durch die ſternloſe Nacht auf die blaſſen Geſtalten der Erſchlagenen. Als aber der Tag ſein Flammenaug' wieder aufſchlug, der Thau erfriſchend auf die Erde ſank, und der kuͤhle Athem des Morgens den Verwundeten kuͤßte, da erhob er die ſchweren Augenlieder, verwundert, das Licht zu ſehn, und den blauen Himmel uͤber ſich, und die gruͤnen rauſchenden Baͤume umher. Was ge⸗ ſchehn war, wußte er nicht. Erſt der Schmerz ſeiner Wunde rief ihm allmaͤhlig die Ereigniſſe der Nacht ins Gedaͤchtniß zuruͤck; und als er nach der verwundeten Stelle faßte, ergriff er II. 63 322 eine kalte Todtenhand. Zuſammenſchreckend, aber das Wahre nicht ahnend, wendete er muͤhſam ſein Geſicht nach jener Seite hin, und ſah des Freundes erblaßte Geſtalt. Mit ſchwa⸗ cher Stimme nannte er ſeinen Nahmen, und ſaßte noch Einmal die kalte Hand. Sie er⸗ wiederte nicht mehr, wie ſonſt, ſeinen Druck. Mit einem Seufzer, der neues Blut aus ſei⸗ ner Wunde preßte, legte er ſich wieder zuruͤck, und erwartete den Tod. Das Leben hatte jetzt keine Freude und keinen Schmerz mehr fuͤr ihn. So hatte er einige Zeit gelegen, ſchwer athmend, wie von der bleiernen Hand des To⸗ des gedruͤckt, mit der Einen großen Sehnſucht des letzten Athemzugs, der ihn aus dem ſchwuͤ⸗ len Dunſtkreiſe des Lebens zu heben verhieß, als von der Stadt her ein Gaͤrtner mit ſei⸗ nem Weibe auf dem Fußſteige neben dem Huͤ⸗ gel hin mit zwey Eſeln getrieben kam, die ihm Gemuͤß und Fruͤchte zu Markte getragen hat⸗ ten. Bey dem Anblicke des Blutes und der Verwundeten, deren keiner ein Zeichen des Le⸗ bens von ſich gab, erſchracken ſie heftig und bekreuzten ſich; aber der Mann, unnuͤtzen Auf⸗ 323 enthalt ſcheuend, trieb ſeine Thiere vorwaͤrts den Weg hinauf. Nicht ſo die Frau. Sie hatte ſich dem verwundeten Juͤnglinge genaͤ⸗ hert, und bey naͤherm Betrachten Spuren des Lebens an ihm zu bemerken geglaubt; und in der Hofnung, daß ihm zu helfen ſeyn moͤchte, fing ſie an ihren Mann zuruͤckzurufen, und ihm ſeine Chriſtenpflicht ſo nachdruͤcklich vorzu⸗ halten, daß er in ſich ging, und ihr, wenn auch nicht ohne Widerwillen, huͤlfreiche Hand leiſtete. Und als Guido, mit Waſſer aus dem benachbarten Bache angeſprengt, leiſe athmete, und die Augen zu oͤfnen ſchien, und die gut⸗ muͤthige Alte uͤber ihr gelungenes Bemuͤhn freudig jubelte, nahm auch der Mann lebhaf⸗ tern Antheil, und richtete zwiſchen ſeinen Saum⸗ thieren eine Art von Saͤnfte ein, auf welche Guido gelegt wurde. Langſam ging nun der Zug die ſchroffen Wege hinauf, und gelangte nach kurzer Friſt zu dem Kloſter der heiligen Anna, in welchem dieſes Paar bey der Wirth⸗ ſchaft diente, und ein kleines Haus im Kuͤchen⸗ garten inne hatte. Hier wurde Guido von ſei⸗ ner Saͤnfte gehoben; und die Gaͤrtnerin, die N 2 324 den ganzen Weg uͤber nicht von ſeiner Seite gewichen war, und wenn ihn das Bewußtſeyn verließ, uͤber ihm gebetet hatte, raͤumte ihm hier ein Bett und eine Kammer ein, waͤhrend ihr Mann nach einem Wundarzte ging, den Vor⸗ fall im Kloſter meldete, und Anſtalten traf, den andern Todten an dem Lorenzo⸗ Huͤgel begra⸗ ben zu laſſen. Fiammetta, die ihr Bewußtſeyn waͤhrend des Kampfs verlohren hatte, war noch waͤhrend der Nacht in das Schloß des Prinzen gebracht worden. Als ſie ſich demſelben naͤherte, er⸗ wachte ſie aus ihrer Ohnmacht, und erfuͤllte den Wald umher mit ihrem Geſchrey, verge⸗ bens bemuͤht, ſich aus den Armen des Reiters loszuwinden, der ſie vor ſich hielt, und ſie mit der wiederholten Betheurung, daß ſie nichts zu befuͤrchten habe, zu beruhigen ſuchte. Auch Agnola ſchrie zum Schein, und ſchalt auf die Raͤuber, die aber ihre Schmaͤhungen mit Scherz und Lachen erwiederten. Im Schloſſe lag Al⸗ les in tiefem Schlummer. Langſam oͤfnete der Thuͤrhuͤter das verſchloſſene Thor; aber der Anblick der Frauen, die jetzt von den Pferden 325 gehoben wurden, ſchien ihn nicht zu verwun⸗ dern. Er zweifelte nicht, daß ſie zu der Claſſe von Weibern gehoͤrten, die er hier zu ſehn ge⸗ wohnt war, und die, oft in ſchnellem Wechſel, den Freuden des Prinzen zu dienen pflegten. Als einer ſolchen oͤfnete er ein Zimmer, das, mit allem Schmuck der Ueppigkeit ausgeruͤſtet, einem Tempel der Liebe glich, und die Ungluͤck⸗ liche wurde hier auf die Polſter eines Divans gelegt, die ſich auf allen Seiten des Zimmers an den Waͤnden erhoben. Aber kaum nieder⸗ gelegt, raffte ſie ſich wieder auf, und rief, ihre braunen Locken zerreißend, um Huͤlfe. Um⸗ ſonſt ſuchte Agnola ſie zu beruhigen; immer heftiger wurde ihr Angſtgeſchrey, und ſie ruhte nur, um die erſchoͤpften Kraͤfte zu ſammeln, waͤhrend Agnola die Haͤnde rang und einen Ausbruch von Wahnſinn zu fuͤrchten anfing. Mit Heftigkeit drang jetzt Fiammetta in ſie, ihr zu ſagen, wo ſie ſey, und was aus Guido geworden, der ja in der Nacht mit den Raͤu⸗ bern gekaͤmpft, und ſie vertheidigt habe. Zit⸗ ternd ſchwieg die Amme in dem Bewußtſeyn ihrer Schuld; aber da Fiammetta ſie eine Ver⸗ ** 326 ratherin ſchalt und immer heftiger in ſie drang, antwortete ſie, ſie habe unter den Entfuͤhrern einen Diener des Prinzen erkannt; wie dieſer aber von ihrer Flucht Kunde bekommen, wiſſe ſie nicht.— Und was iſt aus Guido gewor⸗ den? fragte Fiammetta von neuem. Die Am⸗ me ſah ſchweigend vor ſich hin.— Iſt er todt? — Ich glaube, ich ſah ihn kalen⸗„ eniederte Agnola, Es wuͤrde vergebens ſeyn, die Verzweif⸗ lung ſchildern zu wollen, der ſich Fiammetta uͤberließ, als ſie den getoͤdtet glaubte, der ſie als Knabe vom Tode gerettet, und jetzt ſelbſt in der Vertheidigung ihrer Ehre ein Opfer raͤuberiſcher Gewalt geworden war. Agnola trauerte mit ihr, und nicht bloß zum Schein — denn auch ſie hatte den Juͤngling geliebt — und ſie kannte Fiammettens Herz zu gut, um ſich von leeren Troͤſtungen irgend einen Erfolg zu verſprechen. Aber ſie vertraute der Zeit, der aͤußern Liebenswuͤrdigkeit des Prin⸗ zen, und vor Allem dem Glauben, daß die Huͤlfloſigkeit ſelbſt und die Ueberzeugung von gaͤnzlicher Verlaſſenheit den Entſchluß der Er⸗ 4 ar gebung herbeyfuͤhren werde. Ddieſe Ueberzeu⸗ gung bot ſich von ſelbſt dar. Aber Fiammetta fuͤhlte nur den Schmerz uber des Geliebten Tod, ohne an ihren eignen Zuſtand zu den⸗ ken; und wenn ſie den Blick erhob, ſah ſie Guidos Leichnam, und ſich ſelbſt mit grauen⸗ voller, undurchdringlicher Finſterniß umbaut. So verging der Reſt der Nacht uͤber ei⸗ nem Schmerze, dem es an Worten und Thraͤ⸗ nen gebrach; und ſchwerlich ſah die Sonne, als ſie ſich uͤber das Thal menſchlichen Wehs erhob, irgendwo tiefern Jammer in einem ſchoöͤ⸗ nern Herzen, oder hoͤhere Schoͤnheit und einen ſtolzern Geiſt von herberem Leide gebrochen. Ihre Augen ſahen ſtarr vor ſich hin in die Nacht des Todes, die den Geliebten verſchlun⸗ gen hatte; ſie ſah ihn blaß und mit blutender Bruſt in dem grauen Nebel der Geiſterwelt ſchweben, und die letzten Worte, die ſie von ſeinen Lippen vernommen hatte, loͤßten ſich, unablaͤſſig in ihrem Innern wiederhallend, in das Raͤcheln eines Sterbenden auf. Sie ſah nicht die vergoldeten Waͤnde des Kerkers, der ſie umſchloſſen hielt; nicht die Pracht der Far⸗ 328 ben, die ſich, wie ein ewiger Fruͤhling, auf al⸗ len Seiten entfalteten, und das geruͤndete Ge⸗ mach, von dem Boden bis zur gewoͤlbten Decke hinauf, mit Geweben fantaſtiſcher Blumen um⸗ netzte; nicht das koͤſtliche Geraͤth, die ſchlan⸗ ken Gefuͤße, die zierlichen LCandelaber, die cryſtallenen Kronleuchter, und die hohen Spie⸗ gel, die ſich gegenſeitig allen dieſen Glanz zu⸗ warfen, um ihn in zahlloſen Wiederholungen zu erneuern, ſie ſah nur das Grab, und den geliebten Todten darinne; und das Licht, das durch die verhaͤngten Fenſter daͤmmerte, kam ihr wie der traurige Schimmer der ewigen Lampe vor, die in dumpfen⸗ Gruͤften auf die engen Wohnungen modernder Eahhen 4herdbe ſchaut 111denn 2 24 4 In dieſem gfefen Schmerz lhurde Fiammettg duch das Eintreten eines Dieners geſtoͤrt, der ſie im Nahmen ſeines Herrn begruͤßte und ihre Befehle verlangte. Fiammetta antwortete nicht. Der Diener wiederholte ſeinen Antrag mit dem Zuſatze, ſie habe hier zu gebieten; er habe Befehl, ihre Wuͤnſche zu vernehmen. Fiammetta ſchwieg noch; die Worte der Un⸗ 3²9 terwuͤrfigkeit klangen ihr wie Hohn, und ſie dachte jetzt zum Erſtenmal den Gedanken klar, daß ſie geraubt und gefangen ſey. Wenn ich hier zu gebieten habe, ſagte ſie endlich mit Bitter⸗ keit, ſo gebt mir die Freyheit, und laßt mich zuruͤckkehren, woher ich kam.— Der Diener zuckte die Achſeln. Und als ſie fortfuhr: Run, wo bleibt die angebotene Unterwuͤrfigkeit? er⸗ wiederte er: dieß werde ſein Herr anordnen, der um die Erlaubniß baͤte ſie zu begruͤßen. Fiammetta ſchauderte bey dieſer Anmel⸗ dung zuſammen; ſie konnte nichts antworten, und der Diener, welcher ihr Schweigen fuͤr Einwilligung nahm, entfernte ſich. Jetzt ver⸗ ſuchte es Agnola zum Erſtenmal, ihre Herrin zur Ergebung in ein Loos zu ermahnen, das ſich nun einmal nicht aͤndern laſſe, und auf alle Weiſe der Verbindung mit dem Marcheſe vorzuziehen ſey. Dieſe Worte, welche den Sturm in ihrer Bruſt beſchwoͤren ſollten, fuͤhr⸗ ten ihr das unſelige Verhaͤltniß, in welchem ſie ſich befand, nur noch ſchreckhafter vor die Augen; und der Gedanke, in der Gewalt ei⸗ nes Mannes zu ſeyn, den ſie jetzt mehr als je verabſcheute, ward ſo uͤbermaͤchtig in ihr, daß ſie erſtarrt und einer Leiche gleich in Agnolas Arme ſank. Das Geſchrey der Amme rief die Diener herbey; der Prinz ſelbſt trat herein, und waͤhrend man bemuͤht war, die Erblaßte in das Leben zuruͤckzurufen, ruheten ſeine dun⸗ keln Blicke auf der Fuͤlle ihrer Schoͤnheit, und er wuͤnſchte ſich Gluͤck zu einem Verbrechen, das ihm, ſo hofte er, eine Quelle von Selig⸗ keit werden ſollte. Freundlich laͤchelte er der Amme ſeinen Dank; aber als ein leiſer Athem⸗ zug Fiammettens Buſen hob, und die NRuͤck⸗ kehr des Lebens verkuͤndete, folgte er ungern der ſtummen Bitte der Vertrauten, und zog ſich zuruͤck. Derſelbe Zufall kehrte noch mehr⸗ mals und mit beunruhigenden Symptomen wieder. Ihr Leben war in Gefahr, und der Arzt des Prinzen, welcher ſchleunig herbeyge⸗ holt wurde, erklarte achſelzuckend, daß die heftige Bewegung des Gemuͤths der Kranken das Schlimmſte fuͤrchten laſſe. Indem man nun Alles entfernte, was ſie beunruhigen konnte, kehrte der Prinz nach der Stadt zuruͤck, wo er von den vertrauten Boten, welche unablaͤſſig 331 — hin und her gingen, und von den Berichten des Arztes mit ſchmerzlicher Ungeduld die Nach⸗ richt erwartete, daß die Kranke ſich beßre, und es ihm verſtattet ſey, ihr ſich und die Wuͤn⸗ ſche ſeines Herzens zu Fuͤßen zu legen.⸗ Waͤhrend dieſer Zeit lag auch Guido auf den Dornen ſeiner Schmerzen, und die Schwer⸗ muth, die auf ſeinem Herzen laſtete, hemmte die Heilung ſeiner Wunde noch mehr, als ihre natuͤrliche Beſchaffenheit. Treuer Pflege er⸗ mangelte er nicht. Mit unermuͤdlichem Eifer ſorgte ſeine freundliche Retterin fuͤr ihn, und jedes Opfer, daß ſie ihm brachte, ſchien ihrer Liebe zu ihm etwas zuzuſetzen. Sie pflegte ihn am Tage und bewachte ihn bey Nacht, und wenn der Schlaf den zwiefach Gequaͤlten floh, vertrieb ſie ihm die Zeit durch gutmuͤthige Plauderey. Sie ſelbſt hatte Vieles erlebt, und war durch mancherley Schickſale von dem Ga⸗ rigliano an das Ufer des Arno, und in das Kloſter der heil. Anna gekommen, wo ſie, bey maͤßiger Arbeit, ein bequemes Auskommen ge⸗ funden hatte. Die Bruchſtuͤcke ihrer Geſchich⸗ te, die ſie dem Kranken vor Augen legte, weck⸗ 332 ten mannichfaltige Erinnerungen ſeines eignen unſtaͤten Lebens in ſeiner Seele auf; und wenn ſie ihm Geſchichten von Heiligen und Wun⸗ dern erzaͤhlte, ſo war es ihm oft, als ob ſich ein fernes Land der Kindheit ſeiner Sehnſucht oͤffne, und um die goldnen Blumen dieſes Wunderlandes ſeltſame, aber nicht fremde Toͤne bis in die Tiefe ſeines Herzens hinabſummten. Eines Tages, als Guido ſchon ſo weit her⸗ geſtellt war, daß er ſein Lager bisweilen auf kurze Zeit verlaſſen durfte, ſaß ſie an ſeinem Bette und waͤhlte aus einem tiefen Korbe, mit Bluͤthen und zierlichem Laubwerk angefuͤllt, Blumen aus, die am morgenden Feſte die Kirche des Kloſters ſchmuͤcken ſollten. Da hielt ſie mit einemmale in der Arbeit inne, legte die gefalteten Haͤnde in den Schooß, und ſagte, in die Fuͤlle der Blumen ſchauend: Ihr meint wohl nicht, daß mich dieſe froͤhliche Arbeit un⸗ glaublich traurig macht. Aber Ihr koͤnnt mir glauben, daß jede Blume, die ich hier ein⸗ flechte, tauſend Stacheln hat, die nicht meine Haͤnde, aber mein Herz verwunden.— Was hat es damit fuͤr eine Bewandniß? fragte Guido. 333 Du mußt mir das auch ſagen.— Ihr wer⸗ det es gleich begreifen, wenn ich es Euch ſage, fuhr ſie fort, denn Ihr habt ein gutes und weiches Gemuͤth; und es wird Euch nicht wun⸗ dern, daß der Sommer, der Andern eine frohe Zeit iſt, mich immer traurig macht. Ich wohnte doch, wie ich Euch ſchon geſagt habe, mit meinem erſten Manne in Val di Grazia, auf einer kleinen Pachtung, die dem Grafen von Villaroſa gehoͤrte. Nun geſchah es in dieſer Zeit, daß die Graͤfin ein Kind gebahr, und der Graf, in den erſten Tagen ihrer Wo⸗ chen, an den Folgen eines Sturzes mit dem Pferde auf der Jagd— denn er war ein kuͤhner und unerſchrockner Reiter— ploͤtzlich ſtarb. Der Schrecken uͤber dieſes ungluͤckliche Ereigniß brachte die Geneſende an den Rand des Grabes. Das Kind wurde von ihr ge⸗ nommen, und da ich eben meinen aͤlteſten Kna⸗ ben gewoͤhnt hatte, nahm ich es an die Bruſt und ſtillte es fort. Jede Woche ging ich mit dem Knaben in die Stadt, um ihn der Mut⸗ ter zu zeigen, und in ihrem tiefen Schmerze war ſein Gedeihen eine Erquickung fuͤr ſie. 224 Denn nie hat man wohl ein ſchoͤneres und froͤhlicheres Kind geſehn, und es war ſchwer zu ſagen, ob es mehr dem Vater, welcher der ſchoͤte Mann im ganzen Koͤnigreiche war, oder ſeiner Mutter glich. Nun hatte der Knabe ſein zweytes Jahr zuruͤckgelegt, und es war eben daran, daß er zu ſeiner Mutter zu⸗ ruͤckkehren ſollte, als ich zum Feſte der heil. Anna, eben ſo wie heute, Kraͤnze gebunden hatte, und ſie auch nach einem Kloſter trug, wo ich gute Kundſchaft hatte. Der Knabe wollte durchaus mit mir, aber ich meinte es waͤre zu weit, und ließ ihn unter der Aufſicht eines Dienſtmaͤdchens im Garten zuruͤck. Ach, wie viele Thraͤnen hat mich dieſer Tag geko⸗ ſtet, und wie ſchmerzlich bereu' ich es noch bis auf den heutigen Tag, das mir anvertraute geliebte Kind aus den Augen gelaſſen zu ha⸗ ben. Ach, es iſt vielleicht auf eine ſchmaͤhliche Weiſe umgekommen, oder ein Opfer boͤſer Thaten geworden, und ich werde vielleicht der⸗ einſt vor Gott Rechenſchaft dafuͤr geben muͤſſen. — Heelle Tropfen fielen bey dieſen Worten von den Augen der gutmuͤthigen Alten, und 335 netzten die Blumen, die auf ihrem Schooße la⸗ gen; und der alte Schmerz, der jetzt mit groͤ⸗ ßerer Heftigkeit erwachte, hemmte den Fort⸗ gang ihrer Rede. Nach einigem Verweilen fuhr ſie fort: Waͤhrend ich die Kirche mit Blumen ſchmuͤckte, hatte ſich das Maͤdchen unbedachtſamer Weiſe aus dem Garten entfernt, und da der Knabe ihr nicht in das Haus folgen wollte, ihm ſtreng verboten vor die Thuͤr zu gehn. Der that aber eben, was ihm verboten war, lief auf die Straße nach dem Felde hin, und war verſchwunden, als das Maͤdchen nach einiger Zeit zuruͤckkam, um nach ihm zu ſehn. Dieſes arme leichtſinnige Geſchoͤpf war vor Schrecken auſſer ſich, und erfuͤllte die Luft mit ihrem Angſtgeſchrey, und als ich gegen Abend zuruͤck⸗ kam, fand ich das ganze Dorf in Bewegung, um das Kind aufzuſuchen. Meine Beſtuͤrzung war unbeſchreiblich. Die ganze Nacht ierten wir mit Fackeln umher, durchſuchten jeden Buſch, jedes Waſſer— umſonſt. Nie hat ſich eine Spur von dem Kinde gezeigt; und es iſt 336 nur allzuwahrſcheinlich, daß es von voruͤber⸗ ziehenden Bettlern geraubt worden iſt. Guido hoͤrte mit Aufmerkſamkeit und Theil⸗ nahme zu. Das Schickſal des Kindes war ja auch das ſeinige. Auch von ihm glaubte man ja, daß er ein geraubtes Kind ſey.— Wie dauert mich, ſagte er, die arme ſieche Mutter, die nun ihre einzige Freude auf eine ſolche Weiſe verlohren hatte! Dieſen Schmerz, erwiederte die Gaͤrtnerin, hat ihr Gott erſpart, und ſie vorher, freylich auch auf eine recht traurige Weiſe, zu ſich ge⸗ rufen. Eben in der Nacht, wo wir das ver⸗ lohrne Kind ſuchten, fing das fuͤrchterliche Erd⸗ beben an, von dem Ihr auch werdet gehoͤrt haben, und das ſo vielen Menſchen das Leben gekoſtet hat. Wir waren noch auf dem Felde im Suchen begriffen, als ſich die erſten Stoͤße ſpuͤren ließen, und unſre Sorge auf unſre eigne Erhaltung richteten. Wir draͤngten uns alle zuſammen und beteten. Bald wurden die Stoͤße heftiger. Die Erde that ſich vor uns und neben uns auf; die Baͤume wurden mit ihren Wurzeln aus der Tiefe geriſſen und um⸗ geſtuͤrtt. Alles floh durch einander, ohne zu wiſſen wohin. Und als der Morgen anbrach und die Sonne blutroth aufging und der Him⸗ mel mit dichtem Qualm bedeckt war, da ſa⸗ hen wir unſer Doͤrſchen im Schutte liegen und aͤberall Flammen hervorſchlagen. Es war ein Jammer ohne Gleichen. Niemand dachte mehr an das verlohrne Kind; alles mein Bitten war umſonſt; Niemand wollte mir ſuchen hel⸗ fen. In derſelben Nacht war auch die arme Graͤfin mit vielen andern aus der Stadt auf das Feld geflohn. Bald aber war ſie vor Schwachheit zu Boden geſunken, und hatte mitten auf dem Felde, in den Armen ihrer Frauen, den Geiſt aufgegeben. Ihr les Wort war Guido geweſen.. mn War das der Nahme ihres Kindes: fragte der Kranke. Freylich war er das, erwiederte die Gaͤrt⸗ nerin, die nun ihre Arbeit wieder zur Hand nahm. Ach, mein guter Guido! Wie oft hab⸗ ich Gott mit Thraͤnen gebeten, mich nur ſein Schickſal wiſſen zu laſſen, oder, wenn er noch II. ns. 338 lebte, ihn mir doch wenigſtens im raume zu zeigen! M Schon lange hutrane ſ ch in u demn de Heren des Kranken wunderbare Ahnungen geregt. Dunkle Bilder, wie Nebelgeſtalten vom Sturme getrie⸗ ben, flogen vor ſeiner Seele voruͤber; er konnte keinen feſten Umriß faſſen— aber als die Gaͤrtnerin ſeinen Mohmen ausſͤrach„ war es ſchen von Val di Grazia, und Hitter lar ennen, Sein Herz war maͤchtig bewegt, aber er faßte ſich zuſammen und ſagte: Ich bin auch ſo ein geraubtes Kind und in der Wildniß gefunden worden; und die, ſo mich fanden, meinten im⸗ mer, meine Angehoͤrigen wuͤrden mich an ei⸗ nem Zeichen wieder erkennen, das ich an mir trage. Bey dieſen Worten horchte die Gaͤrtnerin auf, und als er zugleich den Ermel aufſtreifte und den Arm aufhob und das Zeichen des Kreuzes mit den vier Sternen umher enthuͤllte, ſprang ſie von ihrem Sitze auf, warf die Blu⸗ men zur Erde und rief, aus der Thuͤr des Hauſes in den Garten ſtuͤrzend, ihrer ſelbſt 339— nicht maͤchtig: Er iſt gefunden! er iſt wieder gefunden! Mein Guido! ich habe meinen Guido wieder!— Dann lief ſie wieder zu dem Kranken zuruͤck, warf ſich neben ſeinem Lager auf die Knie, und rief einmal uͤber das andere: Iſt es nur moͤglich, daß ich Dich wie⸗ der habe? Und dann ihm den Arm aufhebend und das Mal beſchauend und kuͤſſend, ſagte ſie: So iſt es denn doch wahr? Gott hat mein Gebet erhoͤrt; meine Schuld iſt von mir ge⸗ nommen!— uUnd dann, nachdem ſie ihn ei⸗ nige Augenblicke ſtillſchweigend betrachtet hatte: Ja, das iſt die Stirn ſeines Vaters! Das ſind die Augen und der Mund ſeiner Mutter! So laͤchelte ſie, wenn ſie ihren Guido auf den Arm nahm! Nun weiß ich doch, warum ich ihn vom erſten Augenblick an ſo lieb gehabt habe. Ich habe ihn ja an meiner Bruſſt ernaͤhrt, und tauſendmal in den Schlaf geſungen, und daſtis zwanzig Jahren beweint! nn Waͤhrend die Gaͤrtnerin auf dieſe Weiſe ſprach, und ihrer Freude kein Ende fand, fuͤllte ſich das Gemach mit Neugierigen, die ihr Ru⸗ fen und ihr Jubel herbeygezogen hatte. In Y 2 340 kurzem war in dem ganzen Kloſter die Nach⸗ richt von einer merkwuͤrdigen Entdeckung ver⸗ breitet, die ſich in jedem Munde auf eine an⸗ dere Weiſe geſtaltete. Auch der Vorſteherin des Kloſters kam die Nachricht zu, und da ſie vom Anfang an das Schickſal des verwunde⸗ ten Juͤnglings mit ihrer Theilnahme begleitet, und ihn mit dem, was er bedurfte, unterſtuͤtzt hatte, ließ ſie die Gaͤrtnerin zu ſich rufen, und frug ſie aus. Und als ſie erfuhr, daß der Kranke ein Sohn des Grafen von Villaroſa ſey, deſſen Aeltermutter das Kloſter der heili⸗ gen Anna unter ſeine groͤßten Wohlthaͤterinnen rechnete, erhob ſie Augen und Haͤnde zum Himmel, und dankte Gott fuͤr die Rettung des letzten Zweiges dieſer edeln Familie, und daß er ihr Haus gewuͤrdigt habe, die Wohl⸗ thaten, die es vordem empfangen, auf einige Weiſe wieder zu erſtatten. Dann begab ſie ſich ſelbſt, von einigen Kloſterfrauen begleitet, in das Haus der Gaͤrtnerin, wuͤnſchte ſich und dem Kranken zu der Entdeckung ſeiner Her⸗ kunft Gluͤck, und verſprach ihm, unverzuͤglich Befehl zu geben, daß ihm und ſeiner Pflege⸗ 341 rin ein bequemerer hſenthuſe h eauii werde.. Wir wollen jetzt den neuen Graf von Vil⸗ laroſa verlaſſen, deſſen Herz, wie ein aufgereg⸗ tes Meer, von den mannichfaltigſten Gefuͤhlen bewegt, ſeinem Gluͤcke noch mistraute, um uns nach Fiammetta umzuſehn, die wir auf dem Schloſſe ihres Raͤubers krank und dem Wahn⸗ ſinne nah verlaſſen haben. Mehrere Wochen hatte das Leben in ihr. mit dem Tode gekaͤmpft; alle ihre Wuͤnſche waren dem Grabe zugewendet, und ſie bemerkte mit Schrecken, daß der Tod zoͤgre. Fruͤh war, nach den erſten Zufaͤllen, das klare Bewußtſeyn zu⸗ rüͤckgekehrt; aber dieſes Bewußtſeyn war ihre Qual. Wohin ſie ihre Blicke richtete, nah und fern, ſah ſie die Feſſeln der Gewalt und Tyran⸗ ney; und die Daͤmmerlichter der Hofnung, die fruͤher, wenn auch nur ungewiß und ſelten, in die Nacht ihres Lebens geleuchtet hatten, waren uͤber dem Grabe des Geliebten erloſchen. So wie ſich die Wuth der Krankheit minderte, und die bebenden, zuckenden Nerven ſich beruhigten, wuchs ihre Furcht vor dem Leben und den feind⸗ 4 342 ſeligen Phantomen, die es in ſeinem Dunkel verbarg. Mit heißem Jammer klagte ſie das Schickſal an, das ihr ſogar den armen Troſt des Todes verſage, und ein verhaßtes, feind⸗ liches Leben aufdringe; und dann jammerte ſie wieder uͤber ihr frevelhaftes Empoͤren gegen den Willen des Himmels, und verhuͤllte ihr Geſicht, und benetzte ihr Kiſſen mit Stroͤmen von Thraͤnen. So gingen Tage und Naͤchte hin, und alle Verſuche der ſchlauen Agnola, ſie mit ihrem Looſe zu verſoͤhnen, oder ihr die Einwilligung zu einer Unterredung mit dem Prinzen abzuſchmeicheln, blieben ohne Erfolg. Wie erſtaunte daher die Amme, als ihr Fiammetta eines Morgens beym Erwachen ſagte, ſie ſey bereit, den Prinzen bey ſich zu ſehn und ſeine Grosmuth auf die Probe zu ſtellen. Voll der erfreulichſten Hofnungen kuͤßte ſie ihrer Gebieterin die Haͤnde, prieß im Stil⸗ len ihren klugen Entſchluß, und ergoß ſich dann in ein ſo ausſchweifendes Lob des Prinzen, daß Fiammettens Verdacht von dieſem Augenblicke an zur Gewisheit wurde. Doch hielt ſie kluͤg⸗ lich ihre Gedanken zuruͤck. Es kann ſeyn, 343 ſagte ſie, daß ich ihn verkannt habe; je mehr Tugenden ich an ihm finde, deſto zufriedener werde ich mit dem Entſchluſſe ſeyn, der ſich mir in dieſer Nacht, ich weiß nich thle⸗ auf⸗ gedraͤngt hat. 3 52 Der Prinz hatte kaum duech einen Diener die lang erſehnte Nachricht erhalten, als er ſich auf ſein Pferd ſchwang, und den Mauern zueilte, die ſchon ſo lange, ohne Nutzen fuͤr ihn, den Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche umſchloſ⸗ ſen hielten. Fiammetta vernahm die Tritte der Pferde auf dem Hofe des Schloſſes und erblaßte. Wie ſchwer, ſagte ſie zu der Amme, wie ſchwer wird es doch meinem Herzen, ein altes, gewohntes Gefuͤhl niederzukaͤmpfen! Aber es wird voruͤbergehn. Halte ihn nur ſo lange auf, bis ich mich geſammelt habe.— Und waͤhrend Agnola dem Prinzen entgegenging, um ihm ſelbſt die frohe Nachricht von Fiam⸗ mettens geaͤndertem Sinne zu bringen, hob dieſe Augen und Haͤnde zum Himmel, und flehte um Kraft. Nach wenigen Augenblicken, als ſie ausgebetet hatte, und ſich geſtaͤrkt fuͤhlte, gab ſie der Amme ein Zeichen. Der Prinz trat herein und Agnola folgte ihm. — Fiammetta lag auf dem Sopha, in dieſel⸗ ben Gewaͤnder gekleidet, mit denen ſie aus dem Hauſe ihres Oheims entflohen war. Ihre dunkeln Locken umſchatteten die hohe Stirn; ihr Blick war zur Erde geſenkt: langſam er⸗ hob ſie die Augen, als der Prinz die Schwelle betrat, und ein ploͤtzliches Erroͤthen uͤberflog ihr blaſſes Geſicht. Nie war ſie ihm ſchoͤner erſchienen. Mit einer ihm fremden Schuͤch⸗ ternheit trat er naͤher, und indem er ſich an ihrem Lager niederließ, ſagte er, die Rolle des grosmuͤthigen Beſchuͤtzers vergeſſend, mit ge⸗ ſenktem Haupte: Vergebung fuͤr das, was heiße Liebe gefehlt hat! Moͤchtet Ihr nicht laͤnger an dieſer Liebe zweifeln, und ihr die „Erwiederung nicht verſagen! Weaenn ſich, antwortete Fiammetta, ohne die Augen aufzuſchlagen, wenn ſich die Liebe wie Haß geſtaltet, und Gewalt ſtatt Ueberredung anwendet, ſo thut ſie Verzicht auf Erwiede⸗ rung. Eure Diener haben mich, ohne Zweifel auf Euer Geheiß, von der Straße geraubt, 345 als ich einen heiligen Weg ging, und nun bin ich ſeit langer Zeit der Troͤſtungen beraubt, die ich in jener unſeligen Nacht zu ſuchen ging. We⸗ nig fehlte, ſo waͤre ich in meinen Suͤnden vor den ewigen Richter getreten, und meine unver⸗ ſoͤhnte Schuld waͤre als eine neue Laſt auf Euer Haupt gefallen. Ihr geſteht, daß Ihr gefehlt habt. Ihr ſchiebt die Schuld auf das, was Ihr Eure Liebe nennt. Ich kann Euch nicht widerſprechen, denn ich kenne Euer Herz nicht; aber nur dann erſt werde ich Euch Glauben bey⸗ meſſen, wenn Ihr Euch meinen Wnichen zicht widerſetzt. Der Prinz ſcien dieſen Augenblick nur er⸗ wartet zu haben, um ſich in Betheurungen ſei⸗ ner Zaͤrtlichkeit zu ergießen. Die feurigſten Schilderungen ſeiner Leidenſchaft floſſen von ſei⸗ nen Lippen. Er beſchwor Fiammetten um die Mittheilung ihrer Wuͤnſche, und ſchloß mit der Verſicherung, daß ihm nichts zu koſtbar bhi wuͤrde, um ſie zufrieden zu ſtellen. Fiammetta hoͤrte den erſten Theil dieſer Rede mit Gleichguͤltigkeit, den letzten mit Ver⸗ achtung an; und ſie bedurfte aller ihrer Kraft⸗ 346 um den Ausbruch ihres Gefuͤhls zuruͤckzudraͤn⸗ gen. Die Blicke auf die Erde geheftet, ant⸗ wortete ſie: Meine Wuͤnſche ſind nicht, wie Ihr zu glauben ſcheint, auf kaͤufliche Guͤter gerich⸗ tet, ſondern von einer ſolchen Art, daß Ihr ſie mir, ohne Gefahr Eurer Seele, nicht abſchla⸗ gen koͤnnt. Ich ſehne mich nach den Troͤſtun⸗ gen der Kirche, denen ich ſchon allzulange habe entſagen muͤſſen. Gebt mir Freyheit in die Kirche zu gehn, und meine Andacht zu halten — ſo werdet Ihr meine Wuͤnſche erfuͤllt haben. Nichts iſt billiger, als dieſe Forderung, er⸗ wiederte der Prinz; ſie kann noch heute, ſpaͤte⸗ ſtens morgen, erfuͤllt werden. Die Kirche des Schloſſes iſt zum Gottesdienſte eingerichtet; mein Capellan ſoll zu Euren Dienſten ſeyn, und ich will Befehl geben, daß Ihr Eure Andacht, ſo oft als Ihr es wuͤnſcht, verrichten koͤnnt.— Bey dieſen Worten ſtand er auf, um einen Die⸗ ner abzuſchicken. Fiammetta hielt ihn zuruͤck. Was denkt Ihr zu thun? ſagte ſie. Ihr habt mir die Freyheit geraubt, wollt Ihr mir auch Ehre und guten Nahmen rauben? In welcher Geſtalt ſoll ich hier, auf Euerm Schloſſe, in Eu⸗ 227 rer Capelle, vor den Augen des Prieſters er⸗ ſcheinen? Soll ich ihn zum Vertrauten Eures Geheimniſſes machen? Soll ich ihn um Huͤlfe gegen Euch anflehen? oder ſoll ich vor Schaam in die Erde ſinken? So kann mein Wunſch nicht erfuͤllt werden. Laßt mich in eine be⸗ nachbarte Kirche gehn, wo mich Niemand kennt, und gebt mir den erſten Beweis Eurer Liebe, von der Ihr ſo viele Worte macht, dadurch, daß Ihr mir in dieſer Sache Freyheit goͤnnt. Dieſes Verlangen und der Wunſch, es er⸗ fullt zu ſehn, war die geheime Urſache von Fiammettens ſcheinbarem Sinneswechſel. Ihre Geſinnungen waren unveraͤndert dieſelben, aber ſie hielt ſie zuruͤck, in der Hofnung, den Prin⸗ zen zu taͤuſchen, und ihm die Einwilligung in ihr Verlangen abzugewinnen. Alle ihre Ge⸗ danken waren auf das Kloſter gerichtet, als auf die einzige Freyſtatt in ihrer Roth, und wenn ihr vergoͤnnt war, eine Kirche außerhalb des Schloſſes zu beſuchen, ſo war ſie entſchloſ⸗ ſen, die Huͤlfe des Prieſters anzuflehn. Der Prinz errieth dieſen Plan nur allzuleicht. Der Vorſchlag, den er gethan, war, da er auf die 348. vollkommene Ergebenheit ſeines Capellans rech⸗ nen konnte, ohne Gefahr fuͤr ihn; und da ſie dieſen verwarf, durfte er um deſto weniger an ihrer geheimen Abſicht zweifeln. Mit einem leiſen und fluͤchtigen Laͤcheln, das den Spott verrieth, den er mit der Ungluͤcklichen trieb, ſagte er, nach wiederholten Betheurungen ſei⸗ ner unbeſieglichen Liebe, daß er eben um die⸗ ſer Liebe willen ihr Verlangen auf eine ſolche Weiſe nicht erfuͤllen koͤnnte. Ihr werdet Eure Freyheit in dem Augenblick erhalten, ſetzte er hinzu, wo Ihr mir die Gewisheit Eures Be⸗ ſitzes gewaͤhrt. Dieſer Beſitz iſt das Ziel al⸗ ler meiner Wuͤnſche. Ihr koͤnnt nicht von mir erwarten, daß ich mich ſeiner von ſelbſt be⸗ gebe, oder mich der Gefahr ausſetze, ihn durch Leichtſinn zu verliehren. Fiammetta ſah ſchweigend vor ſich hin; Thraͤnen zitterten an ihren Wimpern; ſie druͤckte die gefaltenen Haͤnde an ihre Bruſt, und ſchien mit ihren Gefuͤhlen zu kaͤmpfen. Da ſank der Prinz auf ſeine Knie, faßte die ſchlaff herabhaͤngende Hand der Schweigenden, und beſchwor ſie, ſeine Liebe nicht zu verſchmaͤhn. 349 Ihr ſeht einen Raͤuber in mir, fuhr er fort, und darum verwerft Ihr mich; aber Ihr ſollt in mir einen Retter erkennen. Ich weiß, daß Ihr den Mann nicht liebt, den Euch der tyran⸗ niſche Wille Eures Oheims aufdringen will; aber Ihr wuͤrdet Ihn verabſcheuen, wenn Ihr ſaͤht, mit welcher niedrigen Gier er, ſeit Ihr ver⸗ ſchwunden ſeyd, Eure Habe ſchon als die ſei⸗ nige an ſich reißt, und ſich weniger um Euer Wiederfinden, als um ſichre Kunde von Euerm Tode kuͤmmert. Durch dieſe Geſinnungen, die er nicht zu verbergen weiß, iſt der Mann, deſ⸗ ſen rohe Unbehuͤlflichkeit bisher der Gegenſtand des Spottes war, auch der Gegenſtand der Ver⸗ achtung geworden; und ich wuͤrde glauben, Euch der Verzweiflung Preis zu geben, wenn ich Euch Freyheit ließe, wiederum in die Hunde dines ſolchen Geſchoͤpfes zu fallen. Fiammetta ſeufzte; ihre Blicke hefteten ſich auf den Prinzen und ſenkten ſich wieder; die heftige Bewegung ihres Herzens verſtattete den Worten nicht uͤber die Lippen zu gehn. Der Prinz deutete dieſes Schweigen zu ſei⸗ ner Gunſt. Das Mittel, Euch vor der Schmach 350 einer ſolchen Verbindung zu ſichern, liegt in Eu⸗ rer Hand. Beſtraft jenen Elenden, der Euern Werth nur nach Euern Beſitzungen ſchaͤtzt, in⸗ dem Ihr Eure Hand dem Manne gebt, der Euch anbetet, und wenn er Rang und Reich⸗ thum, Herrſchaft und Wuͤrden zu Euern Fuͤßen legt, immer noch viel zu wenig fuͤr Euern Be⸗ ſitz gegeben zu haben glaubt. Wenn Fiammetta Torlotti um den Verluſt ihrer Freyheit trauert, ſo wird die Geliebte des Prinzen** hier und uͤberall gebieten, wo er ſelbſt das Herrſcherrecht ausuͤbt. Laßt meine Bitten nicht unerhoͤrt. Dieſe Wuͤnſche der heißeſten Liebe ſind auch, wie der Augenſchein lehrt, der Wille des Him⸗ mels, der, wenn er meine Liebe nicht billigte, Euch nicht in meine Haͤnde gegeben haͤtte. So ſchmerzlich Fiammetta die Taͤuſchung einer Hofnung fuͤhlte, der ſſie ſich allzuleicht hingegeben hatte, ſo blieb doch ihr Sinn feſt auf dem Vorſatz zur Flucht. Waͤhrend daher⸗ die Worte des Prinzen ihr Herz mit tauſend Dolchen zerriſſen, kaͤmpfte ſie doch ihre Ge⸗ fuͤhle nieder, uͤberzeugt, daß ihr nur dann eine Hofnung zur Ausfuͤhrung ihres Vorſatzes blieb, 351 wenn ſie den Prinzen ſicher machte. Sie ant⸗ wortete ihm alſo mit milderem Tone, ſie ver⸗ kenne ſeine Geſinnungen nicht; auch ſey ſie leider nicht in der Lage Bedingungen vorzu⸗ ſchreiben, oder ſich ſeinen Geſetzen zu entziehn. Zu ihrem Oheim werde ſie nie zuruͤckkehren, noch je in eine Verbindung mit ſeinem Sohne willigen. Was Euch betrift, ſetzte ſie hinzu, den Zufall und Gewalt zu meinem Herrn ge⸗ macht, ſo werdet Ihr meine Entſchließung nicht auf der Stelle erwarten, ſondern mir Zeit goͤnnen, mich an einen Gedanken zu gewoͤhnen, der mir — warum ſoll ich es verhehlen?— bis jetzt ſo fern lag. Verſagt mir dieſe Bitte nicht, wie Ihr mir die erſte verſagt habt, und er⸗ wartet, wenn ſich mein Herz beruhigt hat, Nachricht von mir. Deer Prinz, zufrieden mit einem Erfolge, den er ſo ſchnell nicht erwartet hatte, beſchwor Fiammetten, ſeine Pruͤfung, die ja ſchon ſo lange gedauert, nicht noch mehr in die Laͤnge zu ziehn. Und da er ſah, daß ſie, von der langen Unterredung erſchoͤpft, erblaßte und ihre Lippen zitterten, verließ er ſie, nachdem er der 352 Amme die groͤßte Sorgfalt in der Pflege ihe rer Herrin empfohlen hatte. 4 Als ſich Fiammetta wieder allein ſah, ſank ſie auf ihre Knie, und bat Gott unter Stroͤ⸗ men von Thraͤnen um Rettung aus ſo unge⸗ rechter Gewalt. Der Gedanke, dem Willen des Prinzen nachzugeben, lag fern von ihr. Sie ſah auch jetzt durch all den eiteln Aufputz von Liebe, womit er prunkte, in die Tiefen ſeines zerſtoͤrten Herzens; und ſchauderte bey dem Gedanken, in der Gewalt eines Mannes zu ſeyn, der ſelbſt den Glauben an die Tugend verlohren hatte. Aber wie ſollte ſie ſeinen Haͤnden entrinnen? wie die Wachen taͤuſchen, die ſie umringten, und von denen, wie ſie nicht zweifelte, Agnola die verſchlagenſte war? Nur wenn ſie ihre Geſinnungen verbarg, wenn ſie ſich ſcheinbar in ihr Schickſal ergab, durfte ſie hoffen, ihre Feinde einzuſchlaͤfern. An Muth gebrach es ihr nicht. Ein leiſer Strahl von Hofnung fiel in die Nacht, die ſie umgab; und ſie vertraute dem Himmel, dem Beſchuͤtzer der Unſchuld, und einer innern Stimme, die ähr Nettung zu verheißen ſchien. 35⁵³ Von jetzt an war ihr ganzes Beſtreben, die Taͤuſchung der Amme zu vollenden, und ihr den Wahn einzufloͤßen, daß ſie ihre vormalige Ab⸗ neigung gegen den Prinzen beſiegt habe. Wie viel ihr dieſe Verſtellung koſtete, wie oft ſie ſich mit zerriſſenem Herzen an den Schatten ihres Geliebten wendete, und ihm ihre Heucheley ab⸗ bat, wollen wir nicht erzaͤhlen; aber ihre Ab⸗ ſicht gelang, und Agnola, die kein Mistrauen in die Worte ihrer Gebieterin ſetzte, die ſie nie anders als wahr erfunden hatte, und jetzt ſo ſehr mit ihren Wuͤnſchen zuſammenſtimmten, verſaͤumte nicht, den Prinzen mit dieſer Veraͤnde⸗ rung bekannt zu machen, und, indem ſie ſeinen Hofnungen ſchmeichelte, ihm ihre eigne Taͤu⸗ ſchung mitzutheilen. Fiammetta war jetzt ſo weit hergeſtellt, daß ſie das Zimmer verlaſſen konnte, und der erſte Gebrauch, den ſie von ihrer Geneſung machte, war, daß ſie ſich in dem Innern des Schloſſes er⸗ ging, und in den weitlaͤufigen Gaͤrten, die es umgaben, Luft ſchoͤpfte. Sie machte ſich unbe⸗ naeerkt mit der Oertlichkeit ſeiner Lage bekannt; 3 und obgleich die Mauern, die den Garten um⸗ II. 3 ſchloſſen, den Gedanken zur Flucht zu verbieten ſchienen, ſo bemerkte ſie doch in ihnen, nach der Seite des Kloſters hin, eine Pforte, die eben jetzt nur angelehnt war, und einen Aus⸗ weg verſprach. Und indem ihr dieß wie ein guͤnſtiges Zeichen und eine Einladung zur Flucht erſchien, beſchloß ſie ihr Vorhaben nicht auf⸗ zuſchieben, und bot Alles auf ſich mit dem Muthe zu ruͤſten, den ſein Vollbringen erheiſchte. Der Prinz wurde durch die glaͤnzenden Feſte, welche ſich der neuvermaͤhlten Grosher⸗ zogin zu Ehren Wochenlang aneinander reih⸗ ten, in der Stadt zuruͤck gehalten; nur we⸗ nige ſeiner Diener waren auf dem Schloſſe geblieben. Dieſe Einſamkeit ſchien Fiammetten erwuͤnſcht; und da die Nacht ſchwuͤl und fin⸗ ſter auf die Erde herabſank, ſchickte ſie die Amme fruͤh zu Bette, weil ſie ſelbſt ein gro⸗ ßes Beduͤrfniß des Schlafes fuͤhle. Agnola wuͤnſchte ſich Gluͤck, ihre Herrin ſo ausgeſoͤhnt mit ihrem Schickſal zu finden, und ſchlief mit frohen Hofnungen ein. Kaum hatte dieß Fiam⸗ metta bemerkt, als ſie leiſe ihrem Lager ent⸗ ſchluͤpfte, den Riegel 49 Agnola's Alkoven zu⸗ 355 ſchob, und ihre Flucht zu bewirken begann. Das Zimmer, das ſie bewohnte, ging nach dem Hofe, und da es nur auf einem niedri⸗ gen Untergeſchoſſe ruhte, aus deſſen Gemaͤuer hin und wieder Steine hervorragten, ſo ſchien es moͤglich, den Boden ohne große Gefahr zu erreichen. Nachdem ſie ſich alſo mit klopfen⸗ dem Herzen angekleidet hatte, knuͤpfte ſie das Betttuch an das Fenſter, befahl ſich Gott, und glitt an dem Tuche hinab. Aber ach, das Duch war zu Ende, und noch ſchwebte ſie, und ihre Fuͤße ſuchten umſonſt einen hervorſprin⸗ genden Stein. Da ſchoß ein Blitz durch die Wolken, und zeigte ihr, daß ſie nur wenige Spannen uͤber dem Boden ſchwebte. Sie wagte den Sprung, und fand ſchnell die Pforte, die aus dem Hofe nach dem Garten fuͤhrte, und ſich dem leiſen Drucke ihrer Hand oͤf⸗ nete. Mit bebenden Schritten ſuchte ſie den Weg durch die dichte Finſterniß. Der Sturm tobte in den Baͤumen, und waͤlzte die ſchweren Wcoolken vor ſich her; laute Donner rollten durch die Thaͤler hin, und brachen ſich an den Bergen und bedeckten das Bellen der Hunde, 32 — die vor dem Thore des Schloſſes Wache hiel⸗ ten. Nur die Flammen der Blitze, die ſich ohne Unterbrechung folgten, leiteten die Schritte der Irrenden und fuͤhrten ſie zu den Mauern des Gartens und zu der Pforte, die ſie am Tage bemerkt hatte. Aber ach! dieſe Pforte war jetzt verſchloſſen, und die ſtarken Riegel an ihr ſchienen ihrer Hofnung ſpotten zu wol⸗ len. In unbeſchreiblicher Angſt lief ſie an den ſteilen Mauern auf und ab, und ſchon ſah ſie, mit immer ſteigender Verzweiflung, ihr Vor⸗ haben vereitelt, und ſich mit Hohn bedeckt in die Gewalt des verabſcheuten Raͤubers zuruͤck⸗ gefuͤhrt. Aber die Liebe, die ihre Schritte be⸗ wachte, und ſie, nach ſo mancher Pruͤfung, in die Arme des Treugeliebten zuruͤckfuͤhren wollte, hatte ihr einen ſichern Weg gebahnt, und fuͤhrte die Verzweifelnde, als ſie es am wenig⸗ ſten glaubte, aus dem Ringkreiſe der Gewalt in die Freyheit. 14. An dem auſſerſten Ende der Mauer, wo ſie ſich amz ſteilſten in die Tiefe herabſenkte, lag ein Thurm, der vormals als Warte ge dient hatte, jetzt abengs ein unheimlicher Or vermieden wurde. Eine niedrige Pforte, halb verfallen, fuͤhrte hinein, und wie im Innern eine Treppe nach den Zinnen des Thurmes hinaufſtieg, ſo ſenkte ſich eine andre in die 4 Tiefe hinab, und leitete zu einem unterirdiſchen Gange, welcher vormals die frommen Bewoh⸗ nerinnen des Schloſſes mit dem Kloſter der heil. Anna in Verbindung geſetzt hatte, und in dem Innern des Kloſters zu Tage gegan⸗ gen war. Jetzt, wo die Haͤlfte deſſelben ver⸗ fallen, und ſein Ausgang mit Schutt und wil⸗ dem Geſtrippe verſteckt wurde, war er nur We⸗ nigen bekannt. Ein junger Gaͤrtner des Prin⸗ zen hatte ihn aufgeſpuͤrt. Dieſer ſchlich oft durch ihn bey finſtrer Nacht, wenn ſein ſtrenger Va⸗ ter ſchlief, zu der Huͤrte der Geliebten, die un⸗ fern von dem jetzigen Ausgange wohnte, und kehrte auf dieſem kuͤrzern Wege unbemerkt vor Anbruch des Tages nach Hauſe zuruͤck. Ihm verdankte es Fiammetta, daß ſie die Pforte im Hofe offen fand; ihm ſollte ſie, in dem ſchreck⸗ lichſten Augenblicke ihres Lebens, ihre Rettung ſchuldig ſeyn. Tomaſſino, ſo hieß der Gaͤrtner, wollte die ſtuͤrmiſche Nacht nicht unbenutzt laſſen, und eilte eben der Warte zu, als ſich Fiammetta bey ihrem aͤngſtlichen Umherirren in der Raͤhe derſelben befand. Sein Kommen hatte ihr der brauſende Sturm und das Rollen des Donners verhorgen; aber als er vor dem Ein⸗ treten in die Warte ſeine Laterne oͤfnete, und ihr Licht zufaͤllig auf ſie fiel, und verdoppelte Blitze die Nacht erhellten, da erblickten ſich beyde, in einer Entfernung von wenigen Schrit⸗ ten, zu gleicher Zeit. Beyde ſtanden einander beſtuͤrzt gegenuͤber. Tomaſſino ermannte ſich zuerſt und rief ſie an, und da ſie, von Schrek⸗ ken uͤberwaͤltigt, nicht zu antworten vermochte, trat er ihr drohend naͤher. Jetzt warf ſich Fiammetta vor ihm nieder, umfaßte ſeine Knie, und beſchwor ihn um Mitleid. Ihre flehende Stimme, die Gewalt ihrer Worte, die Schoͤn⸗ heit ihrer Geſtalt, die ihm, wie ein Geſtirn, durch das Dunkel der Nacht entgegenleuchtete, ergriff ſein Herz mit unwiderſtehlicher Gewalt. Wer biſt Du? ſagte er mit gemilderter Stim⸗ me. Was fuͤhrt Dich hierher in dieſer unge⸗ 359 woͤhnlichen Zeit?— Ich bin ein Opfer der ſchaͤndlichſten Gewalt, antwortete Fiammetta. Der Herr des Schloſſes hat mich auf dem Wege nach dem Kloſter geraubt, und haͤlt mich in ſchnoͤder Gefangenſchaft. Ich verab⸗ ſcheue ihn und ſeine Antraͤge, und ſuche jetzt, unter Gottes Schutz, einen Weg nach der Freyſtatt, die mich allein retten kann. Wenn Du ein menſchliches Herz haſt, ſo erbarme Dich meiner, oͤfne mir, wenn Du es vermagſt, die⸗ ſen Kerker, und zeige mir den Weg. Ich will fuͤr Dich beten, ſo lange ich athme, und auch andre Belohnungen ſollen Dir nicht fehlen, wenn ich in Freyheit bin.. Waͤhrend Fiammetta ſo ſprach, rollte der Donner heftiger; ein ziſchender Blitz fuhr in der Raͤhe einer Pinie herab und zerriß ſie; der Regen ſtuͤrzte mit Heftigkeit nieder. Da ergriff der Gaͤrtner ihre Hand, und riß ſſie mit ſich in die Warte hinein.— Ich ſollte Euch in das Schloß zuruͤckfuͤhren; denn erfaͤhrt der Prinz 96 daß ich Euch den Weg hinausge⸗ wieſen, ſo bin ich verlohren und werde mit allen den Meinigen fortgejagt. Aber ich ver⸗ 360 mag es nicht. Folgt mir alſo ohne Furcht. Nur um aller Heiligen willen, verrathet mich nicht. 18“ Wie Fiammetten in dieſem Augenblicke zu Muthe war, iſt nicht zu beſchreiben. Sie ſah in ihrem Fuͤhrer einen Boten des Himmels, ihr zur Rettung geſandt, und indem Angſt und Freude in ſchnellem Wechſel durch ihre Bruſt ſtuͤrmten, wankten ihre Fuͤße unter ihr, und ſie mußte ſich an den Mauern halten, um nicht niederzuſinken. Jetzt war die verſteckte Thuͤr aufgehoben, und auf den Arm des Gaͤrtners geſtuͤtzt, betrat Fiammetta die feuchten Stufen, um in die ſchaudervolle Tiefe hinab zu wanken. Der Weg war lang, und nur ſelten unterbrach ein Wort des beklommenen Fuͤhrers die tiefe Grabesſtille, zu der nicht einmal die lauten Schlaͤge des Donners drangen. Endlich oͤfnete ſich der gewoͤlbte Gang zwiſchen verwachſenem Gebuͤſch in einem grasreichen Thale, an deſſen entfernteſtem Ende Tomaſſinos Geliebte wohnte. Das Gewitter war abgezogen; der Himmel lag heiter und mit Sternen beſaͤt uͤber der er⸗ friſchten Erde; und als Fiammetta, von ih⸗ 361 rem Fuͤhrer emporgehoben, aus der verfallnen Gruft aufſtieg, und den Himmel wieder ſah mit ſeinen funkelnden Lichtern, da ſank ſie un⸗ willkuͤhrlich auf ihre Knie, und dankte wortlos dem, der ſie gerettet, und dem, der ihr den Retter geſendet hatte.. 1 Bis zum Kloſter war jetzt nur noch eine Stunde Wegs. Aber jetzt, ſagte Tomaſſino, koͤnnt Ihr nicht hinein. Ihr muͤßt den Mor⸗ gen erwarten. Fiammetta erſchrack. Sie fuͤrch⸗ tete, der Rettung ſo nah, ihren Feinden in die Haͤnde zu fallen, und beſchwor ihren Fuͤhrer, ſie, wo es auch ſey, zu verbergen. Der Gaͤrt⸗ ner ſchwieg. Dieſes Doͤrfchen gehoͤrt dem Prin⸗ zen, ſagte er endlich, und, wie ich Euch ſage, wenn er erfaͤhrt, daß ich Euch den Weg zur Flucht gezeigt habe, ſo bin ich verlohren, und Jeder, der die Hand zu Eurer Rettung gebo⸗ ten hat. Auch muß ich noch waͤhrend der Nacht zuruͤck, damit meine Abweſenheit nicht bemerkt wird. Doch es ſey. Da mich der Himmel Euch, wie es ſcheint, zur Rettung ge⸗ ſendet hat, ſo will ich die Sache nicht halb thun. Folgt mir nach. Indem nun beyde an den Gartenhecken des Dorfes hinaufgingen, ließ ſich von fern der Schall eines Gloͤckchens hoͤren. Tomaſ⸗ ſino zog die Muͤtze ab, kreuzte ſich und betete; auch Fiammetta betete mit ihm. Da iſt eben Eines im Kloſter geſtorben, ſagte er; und nach einigem Verweilen: Es wird wohl der Kunſt⸗ reiter ſeyn.— Fiammetta dachte nicht an Guido, der, wie ſie meinte, laͤngſt im Schooße der Erde ruhte. Doch frug ſie, nicht ohne Verwundrung, wie ein ſolcher Mann in das Kloſter komme? Und nun erzaͤhlte ihr Beglei⸗ ter, wie vor einigen Wochen zwey Maͤnner an dem Lorenzo⸗Huͤgel ermordet gefunden wor⸗ den; wie der Gaͤrtner des Kloſters an ihnen voruͤbergekommen, und da er in dem juͤngern noch Leben geſpuͤrt, ihn nach ſeinem Hauſe ge⸗ bracht und ſeine Rettung verſucht habe. Der wird nun doch wohl geſtorben ſeyn, ſetzte er hinzu; denn auſſer ihm iſt, meines Wiſſens, Niemand in dem Annenkloſter krank. Tomaſſino ahnete nicht, wie tief jedes ſei⸗ ner Worte Fiammettens Herz durchſchnitt. Seine Erzaͤhlung rief alle Schreckniſſe der Nacht, 363 in welcher ſie geraubt worden war, vor ihre Seele zuruͤck, und ſie konnte nicht zweifeln, daß der dort aufgehobene Juͤngling— der viel⸗ leicht eben jetzt, in dieſer verhaͤngnißvollen Nacht, verſchieden war— ihr Guido geweſen. Zitternd, wie das Laub der Baͤume uͤber ihr, vermochte ſie kaum ihrem Fuͤhrer zu folgen, und fing dann ſo bitterlich an zu weinen, daß ſich der gutmuͤthige Tomaſſino auch die Augen trocknen mußte. Haltet Euch nur noch wenige Augenblicke tapfer, ſagte er, wir ſind gleich an der Stelle, und dann werdet Ihr ja, mit Got⸗ tes Huͤlfe, auch zu Eurem Ziele kommen.— In der That ſtanden ſie, nach einem kleinen Verzug, vor einem Hauſe, das von den uͤbri⸗ gen getrennt, mitten in Gaͤrten lag. Auf ein leiſes Zeichen oͤfnete ſich ein Fenſter, und eine weibliche Stimme fluͤſterte herab: So ſpaͤt, Lieber?— Ja, war die Antwort, aber komme nur ſchnell herab.— Das Fenſter wurde ge⸗ ſchloſſen, und wenige Augenblicke darauf hoͤrte man im Innern des Hauſes, eine rauhe Maͤn⸗ nerſtimme: Wo willſt Du nur einmal wieder hin, Geiſterſeherin?— Das iſt Monicas Va⸗ 364 ter, ſagte Tomaſſino erſchreckt. Wir waͤren verlohren, haͤtt' er etwas gemerkt.— Aber ſogleich antwortete die weibliche Stimme: Schweigt doch nur, Vater. Jetzt nach dem Gewitter iſt es eben die rechte Zeit, die Kraͤu⸗ ter abzuſchneiden. Aber Ihr ſchmaͤlt immer, und wenn ich Euch das Geld beinge⸗ iſt es Euch doch lieb. Jetzt oͤfnete ſich die Thuͤr, und Monica ſchluͤpfte mit einem Koͤrbchen am Arm heraus, der Stelle zu, wo ſich ihr Geliebter mit Fiam⸗ metten unter einer Laube verborgen hielt. To⸗ maſſino trat ihr einige Schritte entgegen; Fiammetta aber war auf eine Bank niederge⸗ ſunken und zitterte immer fort. Die Unterre⸗ dung der Liebenden war lang und lebhaft. Monica kaͤmpfte mit der Furcht, dem Mitlei⸗ den und dem Wunſche, ihrem Freunde gefaͤllig zu ſeyn; jede ihrer Bewegungen verrieth die⸗ ſen Kampf, und jede vermehrte Fiammettens Angſt. Endlich naͤherten ſich beyde dem Sitze der Laube. Fiammetta ſtand auf und ſtreckte bittend ihre Arme nach den Kommenden aus. Leiſeſ agte Monica: Folgt Tomaſſinos Fuͤhrung. 365 Wenn der Morgen daͤmmert, hol' ich Euch ab. Und dann ſchnell ſich abwendend, eilte ſie mit fluͤchtigen Schritten wieder dem Hauſe zu, in⸗ dem ſie auf dem Wege noch zum Schein ei⸗ nige Kraͤuter abriß und in ihren Handkorb warf.— Das hat Muͤhe gekoſtet, ſagte Tomaſſino, als er Fiammetten einen Rebenhuͤgel hinauf⸗ geleitete, der in einiger Entfernung von dem Dorfe lag. So lieb mich das Maͤdchen hat, ſo fuͤrchtet ſie ſich doch noch mehr vor ihrem Vater. Jetzt bleibt hier in der Wachhuͤtte— ſie ſtanden davor— und haltet Euch bis zum Morgen ſtill. Monica will ſich ein Geſchaͤft im Kloſter machen, wo ſie gewoͤhnlich Olitaͤten und Salben verkauft, die ſie gut zu machen verſteht.— Aber Ihr äittert ja, wie ein Eſpen⸗ laub. Laßt Euch nur nicht bang ſeyn. Es wird ſchon Alles gut gehn; und wenn Ihr erſt einmal im Kloſter ſeyd, ſo hat es dann weiter keine Noth. Jetzt lebt wohl. Ich muß eilen. Gott ſey mit Euch.— Und mit dieſen Wor⸗ ten flog er den Huͤgel hinab, ohne den Dank ASA 366 — zu höͤren 7 den ihn Fammetta von bebenden Lippen nachſchickte. Eine kleine Huͤtte, duͤrftig von Rohr und Reiſig zuſammengeflochten, nahm jetzt die holde Geſtalt in ſich auf, die, verlaſſen in der tiefen Nacht, von Gebirg und Wald umgeben, jetzt nur deſto baͤnger vor einem widrigen Ereig⸗ niſſe bebte, je naͤher ſie dem Hafen der Ret⸗ tung war. Dieſer Hafen haͤtte ihr vormals nicht minder furchtbar geſchienen, als das Grab; jetzt war er ihr als eine Freyſtatt lieb gewor⸗ den, in welcher ſie ſich, von ihren Schmerzen verzehrt, ein Grab neben dem des Geliebten waͤhlen konnte. So lenkt oft der Himmel die Wege der armen, blinden und willenloſen Men⸗ ſchen, daß eben das, was ſie am meiſten fuͤrch⸗ teten, der Gegenſtand ihrer heißeſten Sehn⸗ ſucht wird. Einen Kerker, der ihr Sicherheit gegeben, haͤtte Fiammetta jetzt jeder irdiſchen Herrlichkeit vorgezogen. Das Licht der Sterne, das durch die Spalten der Huͤtte ſchimmerte, machte ſie zittern, denn es konnte auch ihren Feinden leuchten; die leiſen Athemzuͤge der Luft erſchreckten ſie, wie Fluͤſtern menſchlicher Stim⸗ * men, und das Rauſchen des Bachs, der uͤber die glatten Kieſel gleitete, klang wie Verrath. Langſam zogen die Stunden uͤber ihrem Haupte weg, und weinend und betend ſah ſie, in eitelm Kampf mit ihrer Furcht, dem Morgen ent⸗ gegen. Endlich zog die Racht ihren dunkeln Schleyer von dem Himmel weg; die Sterne erblaßten; eine friſche Luft ſtrich durch die Zweige, und weckte die Voͤgel auf ihren Reſtern zum Mor⸗ genlied. Immer baͤnger und aͤngſtlicher lauſchte Fiammetta an der angelehnten Thuͤr; die Au⸗ genblicke dehnten ſich zu Stunden aus; die Sonne ſchoß breite Strahlen durch das Thal, und noch erſchien Niemand. Datdͤnte uͤber den Berg heruͤber das wohlbekannte Gloͤckchen vom Kloſter, das ſeine Bewohnerinnen zum Gebet verſammelte, und zu gleicher Zeit ließ ſich am Fuße des Rebenhuͤgels der Geſang einer weib⸗ lichen Stimme hoͤren. Es war Monica. Leich⸗ ten Sprungs eilte ſie den Huͤgel hinauf, und Fiammetta, die ihre Stimme erkannt hatte, trat ihr aus der Huͤtte entgegen. Ueberraſcht durch die edle Geſtalt, die in ihrer Blaͤſſe wie 4. 368 ein hoͤheres Weſen erſchien, trat Monica zuruͤck, begruͤßte ſie mit Ehrerbietung und ſagte: Ver⸗ zeiht, ich habe Euch warten laſſen, und Ihr habt Euch geaͤngſtigt. Ich ſeh' es Euch an. Aber auch ich habe mich um Euch geaͤngſtigt. Wiſſet, daß Eure Flucht im Schloſſe kund ge⸗ worden, und daß, eben als der Morgen daͤmmerte, Nachfrage im Dorfe geſchehn iſt. Gluͤcklicher⸗ weiſe wußte Niemand etwas von Euch, auſſer mir. Aber ich konnte nicht eher fort, bis ich gewiß wußte, daß die Suchenden nicht mehr in der Naͤhe waren. Nun aber laßt uns eilen; doch nicht auf dem geraden Wege, wo uns Leute begegnen koͤnnten; ſondern durch den Wald. Ich kenne hier jeden Schritt, und Ihr koͤnnt Euch meiner Fuͤhrung ohne Sorge vertrauen. Als nun Fiammetta hoͤrte, daß ſie geſucht wurde, ward ihre Angſt noch groͤßer, und ſie folgte ihrer Fuͤhrerin mit wankendem Schritt. Die braune Monica ging voraus auf dem durch die Buͤſche ſich windenden Pfad, mit ihrem Koͤrbchen am Arm; erzaͤhlte von ihrem Ge⸗ liebten und ihrem Vater, und daß Tomaſſino freylich nichts habe, als ſeine Liebe zu ihr, ge⸗ — 8 369 ſunde Arme und ein redliches Gemuͤth. Und kann man damit nicht gluͤcklich ſeyn? fuhr ſie fort. Aber der Vater will, daß mein Mann Geld haben ſoll, oder ein Grundſtuͤck, und hat deshalb andre Abſichten mit mir, die ihm aber nimmer gelingen werden. Denn wir ha⸗ ben uns ewige Treue geſchworen, ich und To⸗ maſſino, und da kann uns keine menſchliche Gewalt von einander trennen. Ach, es geht doch nichts uͤber die Liebe, ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu, und wenn mir die genommen wuͤrde, ſo frohen Muthes ich ſonſt bin, ich muͤßte mir das Leben nehmen. Dieſe einfachen Reden drangen tief in Fiammettens wundes Herz. Sie dachte ihrer eignen Liebe, und daß mit ihr jedes Gluͤck aus ihrem Leben hinweggenommen, und nichts als der Eingang zur Gruft uͤbrig gelaſſen ſey. Ihre Thraͤnen bethauten, indem ſie ging, den ſchmalen Pfad, und ihr Schluchzen unterbrach die Rede ihrer Begleiterin. Mitleidig ſah ſich jene um und ſagte: Ihr moͤgt wohl recht un⸗ gluͤcklich ſeyn. Wollen ſie Euch etwa Euern Geliebten nehmen?— Meinen Geliebten be⸗ II. Aa 370 deckt das Grab, antwortete Flammetta, und nun lieben mich die, die ich haſſe; darum flieh ich die Welt.— Ihr wollt von der Welt ſcheiden, ſagte Monica, und in das Kloſter gehn? Da thut Ihr recht. Eh' ich eeinen aufgedrungenen Mann naͤhme, den ich nicht lieben koͤnnte, thaͤt ich es auch. Ach, eine Ehe ohne Liebe— das muß aͤrger als die Hoͤlle ſeyn. Nein, gute Monica, antwortete Fiammetta, Du ſollſt keinen andern Mann nehmen, als den Du liebſt; und wenn Dein Vater an To⸗ maſſino nichts zu tadeln hat, als ſeine Ar⸗ muth—— O gewiß nichts, ſiel Monica ein, denn immer lobt er ihn als einen wackern und ge⸗ ſchickten Burſchen; aber wenn er ihn ſo recht geprieſen hat, ſchuͤttelt er den Kopf und ſagt: Daß der Burſche aber auch gar nichts hat! Nun wohlan, fuhr Fiammetta fort, ſo betrachte ihn nur von dieſem Augenblicke als Deinen Mann. Tomaſſino iſt mir in dieſer ſchrecklichen Nacht ein Bote des Himmels ge⸗ weſen. Ihr ſetzt Euch beyde um meinetwillen 371 großer Gefahr aus. Guͤter mangeln mir nicht, und alle irdiſche Habe wird mir unnuͤtz, wenn ich den Schleyer nehme. Was kann ich weni⸗ ger fuͤr Euch, meine Wohlthaͤter, thun, als daß ich Euch zu einem Gluͤcke verhelfe, das Ihr verdient und ich entbehren muß Die liebliche Monica hoͤrte dieſe Worte mit froher Ueberraſchung, und als Fiammetta geendigt hatte, ſtand ſie ſtill, und ſagte zu ihr mit hocherroͤtheten Wangen: Sprecht Ihr im Ernſte, Signora? Ich kann es nicht glau⸗ ben.— Fiammetta legte die Hand auf ihr Herz.— O, ſagt es noch Einmal, damit ich gewiß wiſſe, daß es kein Traum iſt. Und als Fiammetta ihr Verſprechen wiederholte und kaum die erſten Worte ausgeſprochen hatte, ergriff Monica ihre beyden Haͤnde, be⸗ deckte ſie mit ihren Kuͤſſen, und rief dazwi⸗ ſchen: O, ſo ſey Euch und Gott und der hei⸗ ligen Monica tauſendmal gedankt, daß ſie mir ein ſo uͤberſchwengliches Gluͤck beſchert hat.— Und dann, als die erſten Ausbruͤche ihrer Dankbarkeit erſchoͤpft waren: O, wenn er es doch nur gleich wuͤßte! wie lang wird mir Aa 2 372 die Zeit dauern, bis ich ihn wiederſehe und ihm Alles ſagen kann! Wie ſoll ich nur ein ſo großes Gluͤck fuͤr mich allein behalten? Den kleinen Reſt des Weges legte nun die Uebergluͤckliche unter frohem Geſchwaͤtz und Ausrufungen zuruͤck— bald lachend, bald vor Freude weinend, und dann wieder das trau⸗ rige Loos ihrer Wohlthaͤterin mit recht herzli⸗ chen Worten beklagend. Sie traten jetzt aus dem Walde auf den weiten Wieſenplan, in deſ⸗ ſen Mitte das Kloſter liegt, deſſen weitgedfne⸗ tes Thor Fiammetten zu erwarten ſchien. Ihr Herz klopfte hoͤrbar. Sie beſchleunigte ihre Schritte, und war nur noch eine kleine Strecke von den Mauern entfernt, die ſie der Welt ber⸗ gen ſollten, als ſie den Fußtritt von Pferden vernahm. Erſchrocken rief Monica Fiammetten zu, daß zwey Diener des Prinzen, deren Livrey ſie kenne, den Weg nach dem Kloſter naͤhmen — und in demſelben Augenblicke erhoben auch die Diener ihre Augen, bemerkten die Frauen und ſpornten ihre Roſſe an. Mit einem Schrey des Entſetzens ſtuͤrzte Fiammetta dem Thore zu; Monica folgte ihr, und beyde hatten ſich in die 373 Kirche gefluͤchtet und athemlos an dem Altare niedergeworfen, als die Diener in den Hof des Kloſters einritten. 1..Snam N S6 h eſed em Die heftigen Schlaͤge des Ungewitters der Nacht hatten die Amme aus ihrem tiefen Schlafe aufgeſchreckt. Sie will zu Fiammet⸗ ten eilen, und findet ihre Thuͤr verriegelt. Sie ruft, und keine Antwort erfolgt. Mit Ungeſtuͤm reißt ſie an der Thuͤr; der Riegel ſpeingt auf, und ein Windſtoß, der ihr durch das geoͤfnete Fenſter entgegendringt, verraͤth den Weg der Flucht. Mit gellendem Angſt⸗ geſchrey ruft ſie Alles im Hauſe zuſammen, und fordert zum Verfolgen auf; aber die ſtuͤr⸗ miſche Nacht und der ſtroͤmende Regen ſchreckt von einem Abentheuer ab, das man fuͤr un⸗ nuͤtz haͤt, da ja die himmelhohen Mauern ringsumher jede Flucht unmoͤglich machten. Erſt nachdem das Gewitter abgezogen war, fing das Nachſuchen an. Der gehofte Erfolg ſchlug fehl. Die Spuren der Fluͤchtigen ver⸗ ſchwanden an der Mauer und im Gebuͤſche, und man fing an zu vermuthen, daß ſie, wie 374 unbegreiflich es auch war, einen Weg uͤber die Mauer gefunden habe. An die Warte dachte Niiemand. Mit Schrecken ſahen jetzt die Die⸗ ner, denen die Bewachung des Schloſſes an⸗ vertraut war, der Ruͤckkehr ihres Herrn ent⸗ gegen. Alles brach zum Verfolgen auf, die Einen zu Fuß, die Andern zu Pferd; nach al⸗ len Seiten hin wurden Nachforſchungen ange⸗ ſtellt; und nur die tiefe Verborgenheit des Pfades, auf welchem Fiammetta an Monicas Hand gegangen war, hatte ſie den ſpaͤhenden Blicken ihrer Verfolger entziehen koͤnnen. 8 3u dieſen Verfolgern gehoͤrten auch die bey⸗ den Reiter, die jetzt auf dem Hofe des Klo⸗ ſters hielten, und mit Ungeſtuͤm die Ausliefe⸗ rung der Dirne verlangten, die— ſo ſagten ſie— ihren Herrn beraubt habe. Da die Umſtehenden keine Miene machten, dieſes troz⸗ zige Gebot zu erfuͤllen, ſtieg einer der Reiter ab, und drang nach der Kirche vor, und haͤtte vielleicht, was er ſein Recht nannte, mit Ge⸗ walt genommen, wenn nicht Einer der Zuſam⸗ mengelaufnen der Vorſteherin dieſes Ereigniß gemeldet haͤtte, waͤhrend ſich die Andern dem 375 gewaltſam Vordringenden entgegenſtellten. Die Superiorin befahl ſogleich den Diener des Prinzen zu ihr zu bringen, die Kloſterfrauen aber eilten in die Kirche hinab, um die Hei⸗ ligkeit ihrer Freyſtatt zu ſichern. Hier fanden ſie Fiammetten, einer Todten gleich, auf den Stufen des Altars liegen, und die weinende Monica aͤngſtlich um ſie bemuͤht; und keine war, die nicht die Unbekannte mit Theilnahme betrachtete, und zu ihrer Rettung behuͤlflich war. Indem nun Monica das, was ſie wußte, erzaͤhlte, die wohlbekannten Sitten des Prin⸗ zen aber das Uebrige errathen ließen, und da auch die verworrenen Reden des Dieners, der trotzig die Auslieferung forderte, den Verdacht einer boͤſen That nur vermehrten, erklaͤrte die Superiorin, daß, wenn der Prinz ein gegruͤn⸗ detes Recht auf die Entflohene habe, er die⸗ ſes bey dem Erzbiſchofe ſuchen muͤſſe; ſie ſelbſt werde nie in eine Verletzung ihrer Freyſtatt willigen. Indem nun die Diener, nach dieſer beſtimmten Erklaͤrung, langſam und murrend zuruͤckritten, und noch im Thore eitle Drohun⸗ gen ausſtießen, ſchlug Fiammetta die Augen 376 auf, und ſah dankend auf den Kreis der ſie umgebenden Kloſterfrauen, von denen ſie die Juͤngern mit frohem Fubel, alle aber mit Theilnahme und Mitleiden begruͤßten. Die meiſten entfernten ſich jetzt, und meldeten der ehrwuͤrdigen Mutter, was geſchehn war, und daß die Gerettete Fiammetta Torlotti ſey; zwey der Zuruͤckgebliebenen aber faßten ſie un⸗ ter den Armen und fuͤhrten ſie hinweg. Vor⸗ her ſchon war durch die Gaͤrtnerin die Kunde des Vorfalls zu Guido gelangt, der, ſeitdem er ſich eines bequemern Aufenthalts erfreute, ſein Lager nicht mehr zu huͤten brauchte. Neu⸗ gier und eine unruhige Ahnung moͤglichen Gluͤcks lockte ihn an eine der Pforten der Kir⸗ che; er ſah Fiammetten voruͤberfuͤhren, und erkannte ſie. Seiner ſelbſt nicht maͤchtig, ſtuͤrzte er in die Kirche, warf ſich zu Fiammettens Fuͤßen, und ſank, indem er ihren Nahmen rief, ohne Bewußtſeyn zu Boden. Beſtuͤrzt trat Fiammetta zuruͤck, und erkannte ihn. Aber ungewiß, ob ſie einen Todten oder einen Lebenden ſaͤhe, wankte ſie zu dem blaſſen Juͤng⸗ linge hin, beugte ſich uͤber ihn, und ſprach ſei⸗ 377 nen Nahmen aus. Da ſchlug er die Augen auf, und ſtreckte, auf den Knien liegend, die Arme nach der Geliebten aus.„Du lebſt!“ ſagten Beyde zu gleicher Zeit, und zum Er⸗ ſtenmal ſanken ſich die Liebenden mit der Ah⸗ mung ungetrennter Vereinigung in die Arme. Die Nachricht von dieſem neuen Ereigniſſe verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle durch das Kloſter, und die Kirche fuͤllte ſich von neuem mit Zeugen der gluͤcklichen Begebenheit. Auch die Vorſteherin des Kloſters wurde herbeyge⸗ zogen, und die ausgezeichnete Achtung, mit welcher dieſe, ſo wie alle andern, ihren Guido behandelten, ließ Fiammetten die gluͤckliche Veraͤnderung ſeiner Lage erkennen. Bald ward ihr Alles naͤher bekannt. Das Schickſal war verſoͤhnt. Dem langen Jammer folgte unbe⸗ ſchreibliches Gluͤck. Fiammetta war frey; und Guido gewann in wenigen Tagen die bluͤhende Geſundheit wieder, die ihm noch mehr durch ſeine Schwermuth, als ſeine Wunde entriſſen worden war. Alles Uebrige geſtaltete ſich von ſelbſt. Fiam⸗ mettens Oheim ſah ſich genoͤthigt, die Guͤter aus⸗ 378 zuliefern, die er ſchon auf die eine oder die an⸗ dere Weiſe mit den ſeinigen vereinigt glaubte, und erntete„ außer dem Schaden, den Spott der Welt. Der Prinz, in allen ſeinen Hofnun⸗ gen getaͤuſcht, entfernte ſich, nachdem er die treuloſe Agnola in wildem Ungeſtuͤm von ſich gejagt hatte, und wurde, da die Geſchichte am Hofe bekannt ward, von dem Grosherzoge auf mehrere Jahre aus dem Reiche verbannt. Nach kurzer Friſt gab Fiammetta in der Kirche der heiligen Anna dem Grafen von Villaroſa ihre Hand, und die zahlreiche Verſammlung, die aus der Umgegend zuſammengeſtroͤmt war, verei⸗ nigte ſich in der Bewundrung des ſchoͤnen Paars, das durch ſo wunderbare Ereigniſſe gepruͤft wor⸗ den war. Auch Tomaſſino und Monica, denen Fiammetta eine eintraͤgliche Beſitzung gekauft hatte, wurden an dem naͤmlichen Tage und in derſelben Kirche verbunden, und ſchoͤne laͤndliche Feſte feyerten mit Geſang und Tanz die Macht der Liebe und die Wunder der Vorſehung. Di e *1 — — 2 — ₰½ O Anecdote. Der Schauſpieler Beauchateau hatte ſeine Frau in dem Laden einer Modehaͤndlerin ken⸗ nen gelernt, und ſie druͤckender Armuth und den Netzen der Verfuͤhrung entriſſen. Sophie gehoͤrte Niemandem an. In einem der Haͤuſer erzogen, die den verlaſſenen Kindern des Leicht⸗ ſinns, der Unbeſonnenheit und der Verfuͤh⸗ rungskunſt zur Freyſtatt dienen, waren ihr nur dunkle Sagen von ihrer Abkunft zu Oh⸗ ren gekommen; von einer Mutter, die ihren Fehltritt im Kloſter buͤße; von einem Vater, der zu angeſehen ſey, um ſich an ſeine Pflicht erinnern zu laſſen, und mehreres aͤhnliche, was zu dunkel und raͤthſelhaft war, um auch nur eine lebhafte Begierde zum Verfolgen ſo ſchwa⸗ 382 cher Spuren erregen zu koͤnnen. Zwiſchen ihr und ihrem Manne war auch nie die Rede da⸗ von. Er liebte ſeine Frau, ſie gehoͤrte ihm an, und es mochte ihren Werth in ſeinen Augen erhoͤhen, daß ſie ſonſt Niemandem an⸗ gehoͤrte. 8 Sophiens Anlagen fuͤr die Buͤhne waren nicht ausgezeichnet. Dafuͤr aber hatte ſie an ihrem Manne einen unermuͤdlichen Lehrer; und die Bluͤthe ihrer Jugend, die Anmuth der Ge⸗ ſtalt und der Wohlklang ihrer Stimme erſetzte in den Augen des Publikums, was ihr an vollendeter Kunſt gebrach. Man ſah ſie gern, und, ohne ſie gerade mit Enthuſiasmus zu be⸗ wundern, liebte man ſie als eine angenehme Erſcheinung, die ſich anſpruchslos in den Scyranten ihres Talentes hielt. Niemand kann gluͤcklicher ſeyn„ als dieſes Paar in den erſten Jahren ſeines Eheſtandes war. Beyde waren jung und liebenswuͤrdig; Er, ein edler und geſitteter Mann; Sie, be⸗ ſcheiden, liebend und lehrbegierig. Auch die Kunſt, welche ſie uͤbten, erhoͤhte ihr haͤusliches Gluͤck, und war ihnen eben ſowohl eine uner⸗ ſchoͤpfliche Quelle von Beſchaͤftigung, als von Genuß. Einem liebenden Manne iſt der Bey⸗ fall, welchen ſeine Frau einerntet, ein ſuͤßerer Genuß, als jegliches Lob, das ihm ſelber ge⸗ zollt wird; und wenn Sophie in ihrer Rolle dem Publikum Genuͤge gethan hatte, konnte er kaum den Augenblick erwarten, wo er ihr mit der Begeiſterung eines Liebhabers um den Hals fallen, und ihr fuͤr ſo viele Anmuth und Liebenswuͤrdigkeit danken konnte. Auch So⸗ phie war ihrer Seits voll von Dankbarkeit gegen ihren Wohlthaͤter, Lehrer und Freund, und jedes Opfer, das ihre Eitelkeit empfing, naͤhrte die Liebe zu dem Manne, deſſen Werk ihre Bildung war. So waren einige Jahre vergangen, als der Graf von Senange an der Figur der jungen Frau Geſchmack fand, und ſie mit ſeinen Be⸗ werbungen beehrte. Der Graf war jung und reich; ſeine Bemuͤhungen ſchmeichelten So⸗ phien, und der leidenſchaftliche Eifer, mit dem 384 er ſie betrieb, erregte in ihrem Herzen ein Gefuͤhl, das zwar nicht Liebe, aber doch ein Vorbote der Liebe war. Solche Verbindun⸗ gen, wie die, welche der Graf anzuknuͤpfen ſuchte, ſind etwas Gewoͤhnliches in dem Stan⸗ de, dem Sophie angehoͤrte; ſie erregen wenige Aufmerkſamkeit, und werden kaum fuͤr ſtraf⸗ bar gehalten. Der Rang des Liebhabers ſcheint die Schuld zu bedecken, und die Dauer der Verbindung gibt ihr einen Anſtrich von Rechtmaͤßigkeit. Sophie ſah ſolche Beyſpiele uͤberall bey ihren Genoſſinnen; ſie blieben nicht ohne Wirkung; aber noch widerſtrebte es ihrem Gefuͤhl, einen Mann zu kraͤnken, dem ſie Alles verdankte, was ſie war, und der ſie doch mit einer Achtung behandelte, als ob ſie es ſey, der er Alles zu danken habe. Es iſt ſchwer, daß eine Frau, die auf ei⸗ nem ſo ſchluͤpfrigen Boden ſteht, das Gleichge⸗ wicht lange zu halten vermag, wenn ſie nicht bey dem erſten Angriff der Verfuͤhrung flieht. Sophie floh nicht; ſie hoͤrte den Grafen an, und ohne ihn zu beguͤnſtigen, ließ ſie doch der 385 Hofnung Raum. Beauchateau bemerkte Alles und vermuthete Schlimmeres 4 und da er den Schein mit Eifer ſucht deutete, oft, gegen ſeine Gewohnheit, muͤrriſch und in ſich gekehrt war, oder auch wohl ein bitteres Wort fallen ließ, da war es Sophien, als ob ſie ein Recht be⸗ kaͤme, den Aatraͤgen des ſchmeichelnden, drin⸗ genden Liebhabers ein gefälligeres Ohr zu leihn. Die Stimme der Verfuͤhrung wurde lauter in ihrem Herzen. Schuld war noch nicht in ihr, aber eine Laune, die ſie der Schuld zu uͤberantworten drohte. 12 An einem dieſer Tage fand Beauchategu, als er von der Buͤhne in das Geſellſchaftszimmer zuruͤckkehrte, den Grafen neben ſeiner Frkau in ſo tiefem und ernſtem Geſpräch, daß ſie ſein Eintreten nicht zu bemerken ſchienen. Schon ſtand er ihnen ganz nah, als Sophie plotzlich aufſah, ihren Mann gewahr wurde, dann die Augen mit ſchuldbewußtem Errothen von ihm abwendete, und, indem ſie hier und dort hin⸗ blickte, die Verwirrung in ihrem Innern zu erkennen gab.„Däld darauf erhob ſich der II. B b 386 Graf, ging an dem Manne mit einer fluͤchti⸗ gen Verbeugung voruͤber, und verließ das Zim⸗ mer. Die ſes hatte ſich unterdeſſen mit Men⸗ ſchen angefuͤllt, und da Beauchateau ſeiner Frau hier nichts ſagen konnte, und doch auch ſeines Unmuths nicht Herr zu werden ver⸗ mochte, eilte er allein hinweg, um Luft zu ſchoͤpfen und mit ſeinem Herzen zu Rathe zu gehn. Einem verwundeten Gemuͤthe thut das Ge⸗ wuͤhl. der Menſchen nicht wohl. Ihm zu ent⸗ gehn, trat er in eine abgelegene Kirche, die durch die halb geoͤfnete Thůͤr ſeiner unruhe eine Freyſtatt anzubieten ſchien. Alles war ſtill darin, Alles uiit dem Schleyer der Dämme⸗ Chors leßen ein düefiges dicht ein. Dieſe Stille, dieſe Duͤſterheit ſagte ſeiner Stimmung zu. Er ſetzte ſich nieder, und den Kopf auf die Hand geſtützt, ſann er uͤber ſein Schickſal nach. Die Umgebung des heiligen Ortes wirkte auf ſein Gemüth. Die Wogen der Leidenſchaft ſenkten ſchs Schmerz und Wehmuth trat an 387 die Stelle des Zorns; und das Bild der Zu⸗ friedenheit, die er bisher genoſſen, draͤngte ſich in ſeiner Seele vor. Indem ſich dieſes Bild immer mehr belebte, und die Erinnerung an alle genoſſenen ſeligen Stunden erweckte, uͤberwaͤltigte ihn der Gedanke„an dem Scheidewege ſeines Gluͤcks zu ſtehn, und hinfort einem endloſen Schmerze Preis gegeben zu ſeyn. Dieſen Ge⸗ danken ertrug er nicht. Er fing an Sophien zu entſchuldigen und ſich anzuklagen.„Iſt ſie denn ſtrafbar, dachte er bey ſich, weil ein Leichtſinniger ſie zu verfuͤhren wuͤnſcht? Und wenn ſie Neigung haͤtte, ſeinen Lockungen zu folgen, iſt meine rohe Eiferſucht das Mittel ſie zuruͤckzuhalten? Warum ſie durch Mistrauen beleidigen, da ich ſie durch Vertrauen ge⸗ winnen kann?“— und nun wollte er nach Hauſe eilen, ſich Sophien in die Arme werfen, und durch eine freye und offne Erklaͤrung das vorige Verhaͤltniß wieder herſtellen; vielleicht auch die Stadt auf einige Zeit verlaſſen, um Sophien den Gefahren der Verfuͤhrung zu ent⸗ ruͤcken, und ſie wieder an ſich und ſeine Liebe zu feſſeln. Bb 2 388 Indem er ſich jetzt erhob, dieſen Vorſatz auszufuͤhren, erregte ein leiſes, aber ſchmerzli⸗ ches Stoͤhnen ſeine Aufmerkſamkeit. Er ſah nach der Stelle hin, aus welcher das Stoͤhnen kam, und erblickte in einer Seiten⸗ Halle der Kirche eine weibliche Geſtalt, an einem Pfeiler ſtehend, den ſie mit ihren Armen umfaßt hielt, wie man wohl einen Helfer und Retter um⸗ faßt. So duͤrftig der Anzug dieſer Perſon war, ſo erkannte er doch durch die ſchlechten Gewaͤnder einen edeln und zarten Wuchs, und ihr Geſicht, an den dunkeln Pfeiler gedruͤckt, ſchien, blaß wie es war, einem Sterne gleich durch die Daͤmmerung zu leuchten. Die weiche Stimmung, in der er ſich befand, ſchaͤrfte ſeine Aufmerkſamkeit auf dieſen Gegenſtand, der, wie ihm ſeine Ahndung ſagte, der Huͤlfe be⸗ duͤrftig war. Ein unwiderſtehlicer Zug des Mitleids trieb ihn in ihre Näaͤhe. Sie hatte 1 allein zu ſeyn geglaubt, und als ſie ein Ge⸗ raͤuſch vernahm, ließ ſie ihre Arme an dem Pfeiler herabſinken, und wendete ſich einem noch verborgnern Winkel zu. Beauchateau 389 folgte ihr nach. Ihr edler Gang verrieth, daß ſie nicht im Elend gebohren war; auch war es ihm, als ſpraͤch' ihn aus ihren Bewegun⸗ gen etwas Bekanntes an.„Wer Sie auch ſeyn moͤgen, ſagte er, Sie ſcheinen ungluͤcklich; kann ich Ihnen mit irgend Etwas zu Dienſten ſeyn?“— Sie ſah ſich nicht um, ſondern er⸗ hob ihre Rechte und bewegte ſie, gleichſam abwehrend, hin und her, wie jemand, der auf Huͤlfe verzichtet hat. Ihr Kopf war auf ihre Bruſt herabgeſunken; ihre Fuͤße verſagten den Dienſt; an den Stufen eines der Seiten⸗Al⸗ taͤre ſank ſie unwillkuͤhrlich zu Boden und ver⸗ huͤllte ihr Geſicht. Beauchateau ſtand vor ihr. Er wiederholte ſein Anerbieten, eben ſo beſchei⸗ den, aber noch dringender als vorher, und als keine Worte, ſondern ein Strom von Thraͤnen ihm Antwort gab, faßte er die Niedergeſunkene bey der Hand, und ſagte mit geruͤhrter Stimme: Warum widerſtreben Sie den Bitten einer Theil⸗ nahme, die vielleicht der Himmel ſelbſt fuͤr Sie erweckt? 1 Dieſe Worte kamen ihm, er wußte nicht wie, in den Mund. Es war in ſeinem Herzen 390 eine Bewegung, die mehr als gewoͤhnliches Mit⸗ leiden ſchien; und eine innere Stimme rief ihm zu: Laß nicht ab! Dieſe Ungluͤckliche wird dein Schutzgeiſt ſeyn;— Die Arme ließ ihm ihre ſchlaffe Hand, waͤh⸗ rend ſich ihre dunkeln Augen langſam zu ihm erhoben. Eine leiſe Roͤthe ſchien uͤber das blaſſe Geſicht zu fliegen, verſchwand aber augenblick⸗ lich wieder, und gab groͤßerer Blaͤſſe Raum. Die entfaͤrbten Lippen wollten ſich oͤfnen; aber ehe Worte den Weg uͤber ſie finden konnten, brachen die Augen der Ungluͤcklichen, und ſie ſank, einer Entſeelten aͤhnlich, an den Altar zuruͤck. Sie lag in Ohnmacht, Beauchateau lehnte ſie ſicher an, eilte zum Weihkeſſel, und kehrte mit einer Hand voll kalten Waſſers zuruͤck. Die ſchwache Lebenskraft wogte noch Einmal auf; dankbar ruhten ihre Blicke auf ih⸗ rem Retter; ſie verſtattete ihm, ſie zu ei⸗ nem bequemeren Sitze zu fuͤhren. Als ſie hier wieder Athem geſchoͤpft hatte, ſagte ſie E9 391 mit leiſer Stimme: Ich ehre Ihre Geſinnun⸗ gen, aber ich weiß nicht, ob ich Ihnen danken darf— die Haͤlfte des Weges war gemacht, Sie haben mich zuruͤckgezogen, und ich muß ihn noch Einmal machen.. Beauchateau verſtand dieſe Worte, zu de⸗ nen ihre Geſtalt die Auslegung machte. Er faßte ihre beyden Haͤnde zwiſchen die ſeinigen und ſagte: Welche dringende Noth Sie auch auf dieſen furchtbaren Weg treibt, vertrauen Sie ſich mir. Niemand ſteht ſo huͤlflos auf Erden, dem Gott nicht Rettung zu ſenden ver⸗ moͤchte. Meine Huͤlfe ſteht Ihnen zu Gebote. Entdecken Sie ſich mir. Stoßen Sie ein An⸗ erbieten nicht von ſich, das aus einem redli⸗ chen Herzen koͤmmt.— Indem er ſo ſprach, waren einige Men⸗ ſchen in die Kirche getreten, und hatten die benachbarten Plaͤtze eingenommen. Dieſer Ort, ſagte er leiſe, iſt nicht zu vertraulichen Mit⸗ theilungen geeignet; erlauben Sie mir, Sie nach Ihrer Wohnung zu bringen, um dort » 392 Ihre Wuͤnſche zu vernehmen. Ein neuer Strom von Thraͤnen war die Antwort auf dieſes An⸗ erbieten. Ich habe keine Wohnung, ſagte ſie endſich. Seit zwey Tagen waxr dieſer Tempel meine Zuflucht; in ihm wollte ich den Tod er⸗ warten. Ihr Mitleiden ruft mich auf den Weg des Lebens zuruͤck. Ach, ich habe lange die Stimme des Mitleids nicht gehoͤrt, und jetzt toͤnt ſie mir wie die einer Verfuhrerin, die mich aus dem Hafen der Rettung wieder zuruͤck in den Sturm wirft.— Heftig beweg⸗ ten dieſe Worte ſein Herz. Auch der Ton ih⸗ rer leiſen, gebrochenen Stimme, in der ihn be⸗ kannte Laute wie aus dunkler Erinnerung an⸗ ſprachen, baten fuͤr die heimathloſe Ungluͤck⸗ liche. Folgen Sie mir in meine Wohnung, ſagte er. Dort werden Sie weibliche Huͤlfe finden. Dann reichte er ihr die Hand, fuͤhrte ſie auf die Straße„ und fuhr mit der Kraftloſen nach ſeinem nicht weit entlegenen Hauſe hin. Sophie war ſchon lange zurickgerehre Die Eile, mit welcher ihr Mann das Theater ver⸗ ——— 393 laſſen hatte, ohne ſie, ſeiner Gewohnheit ge⸗ maͤß⸗ nach Hauſe zu geleiten, und ſein unge⸗ wohntes Ausbleiben, beunruhigte ſie. Die Ur⸗ ſache ſeines Unwillens lag nicht fern; ſie konnte nicht zweifeln, daß eine heftigere Eiferſucht in ſeinem Herzen erwacht war; und wenn er ſie mit Unrecht fuͤr ſchuldig hielt, ſo konnte ſie ſich doch ſelbſt nicht freyſprechen von dem Scheine der Schuld. Mit groͤßerer Unruhe, als ſie ſich ſelbſt geſtehen mochte, ſah ſie ſei⸗ ner Ruͤckkehr entgegen. Was ſollte ſie thun, wenn er ſeinen Unmuth in grollendes Schwei⸗ gen verhuͤlte? oder was ſollte ſie antworten, wenn er ſie uͤber ihr Geſpraͤch mit dem Gra⸗ fen befragte? Sollte ſie geſtehn, wie leiden⸗ ſchaftlich dieſer geſprochen, wie dringend er ſie um eine Erklaͤrung beſchworen habe? Dann mußte ſie ihm auch geſtehn, daß ſie ſeine An⸗ traͤge nicht ſo, wie ſie verdienten, zuruͤckgewie⸗ ſen, daß ſie ihm nur ausweichende Antworten gegeben, uͤber ſeine Leidenſchaft geſcherzt, und ihm Hofnung gelaſſen habe. Und wenn ſie auch die eine Haͤlfte der Wahrheit unterdruͤckte, und die andre nach Moͤglichkeit milderte, legte ihr nicht ſchon der Reſt dieſes Geſtandniſſes die Pflicht auf, den ganzen Handel abzubre⸗ chen? und konnte ſie hieran denken, ohne ih⸗ rer Eitelkeit allzuweh zu thun? Indem ſie, mit dieſen Betrachtungen be⸗ ſchaͤftigt, im Zimmer auf⸗ und abging, zu kei⸗ nem Entſchluſſe kommen konnte, und oft an das Fenſter trat, um nach ihrem Manne auszu⸗ ſchaun, hoͤrte ſie ſeinen Fußtritt im Hauſe, und den Ton ſeiner Stimme. Sie oͤfnete die Thuͤr, und ſah ihn langſam die Stiegen heraufkom⸗ men, mit einer Frau am Arm, deren Anzug eine Tochter des Ungluͤcks, und deren Gang eine Kranke verrieth. Vielleicht, dachte ſie, eine Schauſpielerin der Provinz, von Bekann⸗ ten empfohlen.— Wie es aber auch ſeyn mochte, der unerwartete Beſuch kam ihr auf alle Weiſe erwuͤnſcht, und ſchnitt mit Einem⸗ male ihre Selbſtberathungen ab. So uͤber⸗ fuͤſſig meiſt eine dritte Perſon bey einem aus⸗ gebrochenen haͤuslichen Zwiſte iſt, ſo erfreulich iſt die Erſcheinung eines Fremden, wenn ein —————— 395. Zwiſt droht. Der Schein der Eintracht, den die Parteyen um des guten Anſtandes willen annehmen muͤſſen, fuͤhrt die Eintracht oft ſelbſt herbey. Auf jeden Fall werden die erſten und heftigſten Wellen durch den Aufſchub gebrochen, und ſpuͤlen nur leiſe an, wo ſie zuerſt Alles zu zerſchellen drohten. Dieſe Betrachtungen boten ſich Sophien in dem Augenblick an, wo ſie die Fremde an dem Arme ihres Mannes die Stiegen herauf wan⸗ ken ſah; und als er ihr von unten ſchon zurief: Liebſte Sophie, ich ſtelle Dir hier eine Freun⸗ din vor, die auch die Deinige zu werden wuͤnſcht — da war es ihr, als ſey eine große Buͤrde von ihrem Herzen genommen. Sie trat einen Schritt naͤher, begruͤßte die Fremde und reichte ihrem Manne die Hand. Dieſer ergriff ſie mit Waͤrme und kuͤßte ſie. Haͤtte ſich der Graf in dieſem Augenblicke gezeigt, er haͤtte mit allen ſeinen Anſpruͤchen und aller ſeiner Liebenswuͤr⸗ digkeit einen hoͤflichen Abſchied erhalten. Nachdem Beauchateau die Unbekannte nach dem Sopha gefuͤhrt hatte, zog er ſeine Frau 6 V 6 396 bey Seite, und ſagte ihr leiſe: Es iſt eine Un⸗ gluͤckliche, Verlaſſene, die im Begriff war umzukommen.— Sophie druͤckte ihrem Manne die Hand; er kuͤßte ſie auf die erroͤthenden Wangen; und nie war er ihr liebenswuͤrdiger erſchienen, als jetzt, wo er der Fuͤrſprecher des huͤlfloſen Ungluͤkks war. Ein Blick auf die Fremde rief ihr das Bild ihrer eignen Armuth in die Seele zuruͤck. Auch ſie war huͤlflos ge⸗ weſen. Auch ſie hatte dem edeln Manne ihre Rettung verdankt. Die Unbekannte hatte bis jetzt nur einzelne Worte geſprochen. Ihre Schwaͤche war groß. Seit drey Tagen hatte ſie alle Nahrung ent⸗ behrt. Noch ſchwankend zwiſchen dem Ent⸗ ſchluſſe zu ſterben, und dem Verlangen der Na⸗ tur, zoͤgerte ſie ihre Hand nach dem auszuſtrek⸗ ken, was man ihr vorſichtig bot. Nur langſam ſiegte die Natur, und die freundlichen dringen⸗ den Bitten des theilnehmenden Ehepaars. Nach Verlauf einiger Stunden ſchienen die Kraͤfte der Armen allmaͤhlig zuruͤckzukehren. ——-—— 397 Die neu fluthenden Lebensgeiſter fanden den Weg nach dem erſtorbenen Aug,, und ein lei⸗ ſes Noth zitterte auf den bleichen, eingefalle⸗ nen Wangen. Oft ruhten ihre dankbaren Blicke auf Sophien, die ſich um ſie mit der Zaͤrtlichkeit einer Tochter bemuͤhte, und mehr noch durch dieſes ſorgſame Bemuͤhn, als durch freundliche und theilnehmende Worte) die Liebe zum Leben in der Kranken pflegte. Oefters verſuchte dieſe zu ſprechen; ihr Herz draͤngte ſie, ſo vieles Wohlwollen, von Unbekannten er⸗ wieſen, durch Vertrauen zu erwiedern; aber ſo oft ſie den Mund zum reden oͤfnete, er⸗ ſtickte die Ruͤhrung, die ſich allzumaͤchtig in ihrem Innern erhob, das hervorbrechende Wort. Erſt ſpaͤt am Abend ward ſis des uͤbermaͤchtigen Gefuͤhles Herr, und nachdem ſie mit abgebrochenen Worten und immer neu hervorquellenden Thraͤnen dem Himmel und ihren Wohlthaͤtern gedankt hatte, knuͤpfte ſie an dieſen Dank die Geſchichte der Unfälle an, die ſie auf den SDes des Todes gefuͤhrt hatten. 4 398 „Wir begnuͤgen uns, dieſe Geſchichte nur mit fͤchtigen Strichen zu bezeichnen, ſo wie ſie etwa bey der erſten Mittheilung hingewor⸗ fen worden ſind, wo die Schwaͤche der Erzäh⸗ lenden keine Ausfuͤhrlichkeit erlaubte. In ei⸗ nem Wohlſtande und unter Verhaͤltniſſen ge⸗ bohren, die ein frohes und genußreiches Leben verhießen, war ſie des Vaters durch einen fruͤhzeitigen Tod beraubt worden, und dadurch, nebſt einer juͤngern Schweſter, der Obhut ih⸗ rer Mutter anheim gefallen. Dieſe Obhut war nicht muͤtterlich. Um ſich fuͤr die Ent⸗ behrungen eines ſtrengen Eheſtandes zu ent⸗ ſchaͤdigen,„ gab ſie die aͤteſte Tochter in eine Kloſterſchule, und folgte ſelbſt mit ſo weniger Zuruͤckhaltung dem Strudel der Welt, daß ſie ſich, nach Verlauf weniger Jahre, der oͤffent⸗ lichen Achtung und ihres Vermoͤgens beraubt, und ſchnell von den vornehmen Freunden ver⸗ laſſen ſah, die ihren Leichtſinn auf das ſchaͤnd⸗ lichſte gemisbraucht hatten. In dieſer ungluͤck⸗ lichen Zeit, wo Gram und Reue an ihrem de⸗ ben nagten, entdeckte ſich, daß die uͤngere 399 Tochter, von den ſie umgebenden Beyſpielen verlockt und wenig bewacht, faſt beym Begin⸗ nen jungfraͤulichen Aufbluͤhns das Opfer der ſtraͤflichſten Verfuͤhrung und ihres eignen Leicht⸗ ſinns geworden war. Dieſe ſchreckliche Ent⸗ deckung ſtuͤrzte die Mutter in das Grab; die aͤltere Tochter, Klotilde, mußte ihre Kloſterer⸗ ziehung aus Mangel an Mitteln verlaſſen, und Alles, was ihr von dem vaͤterlichen Vermoͤgen zuruͤckblieb, war ein Prozeß, von dem die Rechtsgelehrten einen guͤnſtigen Ausgang ver⸗ hießen, wenn die zu ſeiner weitern Fuͤhrung erforderlichen Summen aufgebracht wuͤrden. Ich hatte jetzt Niemanden, fuhr die Fremde fort, die wir von nun an Klotilde nennen wol⸗ len. der ſich meiner annehmen mochte„ als ei⸗ nen Gros⸗Onkel, der von einer ſchmalen Pfruͤnde in großer Eingezogenheit lebte, und ſich mit meiner ungluͤcklichen Mutter, da ſie ſeinen Ermahnungen kein Gehoͤr gab, entzweit hatte. Mir hatte er immer wohl gewollt, und da er mich jetzt von der Welt verlaſſen und ohne Huͤlfe ſah, hoͤrte er nur die Stimme der Pfücht, gab mir eine Freyſtatt i in ſeinem Hauſe, und unterſtuͤtzte mich bey der Fuͤhrung meines Rechtshandels, auf dem jetzt alle meine Hof⸗ nungen ruhten. Dieſer ungluͤckliche Handel aber zog ſich von einem Jahre zum andern hin, und war eben ſeiner Entſcheidung nah, als mein grosmuͤthiger Oheim ſtarb. Er hatte kaum die Augen geſchloſſen, ,als ſeine Glaͤubi⸗ ger— denn um meinetwillen hatte er Schul⸗ den gemacht— ſich ſeiner wenigen Habe be⸗ maͤchtigten. Am Tage ſeiner Beerdigung ward das Urtheil beym Parlamente geſprochen. Mein Prozeß ging verlohren; alle meine Hof⸗ nungen wurden vernichtet, und ich ſah mich in dieſem ſchrecklichen Augenblicke jedes crb⸗ ſtes beraubt, und Hüiftus in die Welt Aüssse ſtoßen. 9 Ich war bey der Vncheduns geielwite tig. Als mir mein Anwald mit verlegner Miene den Sinn des Urtheils erklärte, und auf meine Frage, ob nun alles geendigt, und jede Hofnung abgeſchnitten ſey, die Achſeln zuckte, verließ ich den Gerichtsſaal in dumpfer Betaͤubung, und kehrte Gedankenlos und ohne 401 auf irgend etwas zu achten nach meiner Woh⸗ nung zuruͤck. Die Nachricht von meinem Un⸗ gluͤck war vor mir hergeeilt. Die Beſitzerin des Hauſes, eine harte Frau, erwartete mich vor ihrem Zimmer, und nachdem ihr die Wahrheit der Nachricht aus meinem Munde beſtaͤtigt worden, uͤberreichte ſie mir, nach ri⸗ nigen leeren Worten von Theilnahme, die in der vergangenen Woche aufgelaufenen Rech⸗ nungen, und verlangte, mit einigen Entſchul⸗ digungen, die Vorausbezahlung der Miethe fuͤr den kommenden Monat. Die Beerdigung mei⸗ nes Onkels hatte mich erſchopft; ich hatte ſo⸗ gar meine beſſern Kleidungsſtuͤcke verpfaͤnden muͤſſen. Jetzt uͤberließ ich der Wirthin den kleinen Reſt meiner Habe an Zahlungsſtatt, und verließ das Haus, ſo wie ich war, in dum⸗ pfer Verzweiflung. Ohne Geld, ohne Hof⸗ nung, ohne Freunde, ſelbſt fuͤr die naͤchſte Nacht eines Obdachs und Unterkommens be⸗ raubt, ging ich durch die wogende Menge, die, ohne an mich zu denken oder auf mich zu ſehn, ihren mannichfaltigen Zielen zueilte. In II. Cc ———õ——— diefem Gewüͤhle einer mir fremden Menſchen⸗ maſſe ergriff mich mit unwiderſtehlicher Gewalt der Gedanke, daß mir, der Ausgeſtoßenen, nichts als das Grab uͤbrig bleibe. In dieſem Augen⸗ blicke, der mich, waͤr' ich eben an dem Ufer des Fluſſes geweſen, zum Selbſtmorde gefuͤhrt ha⸗ ben wuͤrde, ſtieß ich auf die offene Thuͤr einer Kirche; ſie kam mir wie der Eingang zum Grabe vor. Ich ſchlich mich hinein, und ver⸗ barg mich in einem der duͤſterſten Winkel, feſt entſchloſſen, hier meinen Tod zu erwarten, und ich wuͤrde ihn gefunden haben, haͤtte mich die⸗ ſer edle Mann nicht bemerkt, und mit einer Beharrlichkeit, die ich kaum begreife, meinen Entſchluß bekaͤmpft. Ich habe ihm nachgege⸗ hen, aber indem ich ſeine Grosmuth verehre, muß ich mich’ vielleicht der Schwaͤche ankla⸗ gen. Ich war nur noch wenige Schritte von meinem Ziele entfernt; ich haͤtte mein Leben vor Gottes Thron und in ſeinem Tempel nie⸗ dergelegt; ich waͤre der Welt, die mich aus⸗ geſtoßen hat, nicht mehr zur Laſt geweſen. Sie haben mich von meinem Grabe weggeriſ⸗ —— — 403 ſen, aber wer wird mich von dem Jammer retten, dem ein ſo huͤlfloſes, von der Welt verlaſſenes Geſchbpf Preis gegeben iſt?— Sier hielt die Erzäͤhlende inne und bedeckte ihr Geſicht mit beyden Haͤnden; ihre Thraͤnen rieſelten durch die Finger auf ihre Bruſt her⸗ ab. Beauchateau ſprach ihr Muth zu. Was nur innige Theilnahme an einem unverſchulde⸗ ten ungluͤck, was nur ein grosmüthiges Herz zum Keoſte huͤlfloſer Verlaſſenheit eingeben kann. das ſprach er mit dem Tone aufrichtt gen Gefuͤhles aus. Er beſchwor ſie, ihren Kummer niederzukäͤmpfen, und ihm die Sorge fuͤr ihr weiteres Schickſal anheim zu geben. Die Welt,“ ſetzte er hinzu,„„„iß, Gott ſey Dank, noch nicht ſo arm an Mitgefuͤhl, daß ſie nicht Huͤlfe fur das unverſchulhee Unglͤch haͤte. 6 Sophie hatte die nhiung Suotidens mit immer ſteigender Theilnahme angehoͤrt. Dunkle Geſchichten ihrer fruͤheſten Kindheit ſtiegen aus der Diefe ihrer Seele auf; Nah⸗ Cc 2 — — 4 men und Verhaͤltniſſe, die ſie nur mit Muͤhe zuſammen fand, ſprachen ſie wie Erinnerun⸗ gen laͤngſt entwichner Traͤume an. Ihr gan⸗ . zes Weſen war von Gefuͤhlen bewegt, die ſie nie gekannt zu haben ſchien. Aber ſie ſchwieg und lauſchte, 2 nd erſt als die Zuſprache ihres Mhanne K liden beruhigt hatte, fragte ſie Schweſes geworden, deren unglücklihes Schick ſal ihre Eizählung beruͤhrt haͤtte. Dieſe Un⸗ glückliche, erwiederte die Fremde 3 die ein En⸗ gel an giebenswuͤtdigkeit und Anmuth war, uͤberlebte hren Fehltritt nur wenige Jahre. Da ihr Beifährer, ein Mann von maͤchtigen Verbindungen,. nicht bewogen werden konnte, feine Schuld gut zu machen, warf ſie ſich in ein Sloſter, und buͤßte ihr Bergehn mit ſo harter und herber Reue, daß ſie in wenigen Jahren ſelbſt ein Opfer ihres Grames ward. — Und ihr Kind? fragte Sophie.— Ihr Kind wurde in der Naͤhe von Paris erzogen. In ſeinem vierten Jahre ging es, wahrſchein⸗ lich durch die Nachlaͤſſigkeit ſeiner Amme, ver⸗ 405⁵ lohren, und alle Bemuͤhungen, die ich auf⸗ bieten konnte, etwas von dieſem Kinde zu er⸗ fahlen haben zu keinem Ziele gefüͤhnt.: Bey dieſen Worten!; war Sophie ihrer Em⸗ Ih dung nicht mehr Herr. 4 Mit hocherrd⸗ thenden Wangen fank ſie vor Klotilden auf die Knie, faßte ihre Häͤnde,. und ſagte mit weicher Stimme: Ich bin dieſes verlohrne Kind, ich bin dieſe Nichte; Gott vergoͤnnt mir, meine Tante, den letzten Ueberreſt meiner Fa⸗ milie, zu umarmen.— Klotilde erhob ihr Haupt, das ſie, vom Sprechen ermattet, auf ein Kiſſen des Sophas geſtuͤtzt hatte, ſah So⸗ phien einen Augenblick an und ſagte:„Ja, das iſt die Geſtait meiner armen Schweſter; dieß ſind ihre Augen; dieß i der Blick meinet armen Aline!"“ eee 2 4 Piint Mit dieſen Worten ſchlang ſie ihren Arm um den Nacken der Knieenden; nur einzelne Laute des Erſtaunens, der Freude, der Ver⸗ wunderung, wurden durch ihre Thraͤnen ge⸗ hoͤrt. t 4 8 1sf uns Wie Sophiens Mann dabey zu Muthe war, iſt nicht zu beſchreiben. Entzuͤckt, auſſer ſich, ſank er neben Sophien auf die Knie; umarmte bald ßin Frau⸗ bald Klotilden, bald beyde zu⸗ famwen und konnte nicht muͤde werden. in ie, gen des Himmels u preiten, der ihn grwirdig habe, das Wereieug der Rettung einer ſo na⸗ hen, einer ſo theuern Verwandten zu! werden. . Viele Eroͤrterungen folgten jetzt. Was in Sophiens Geſchichte noch dunkel war, wurde in dieſer Racht und am folgenden Morgen aufge⸗ klaͤrt. Ein frohes Entzuͤcken ging in dem klei⸗ nen Kreiſe von Herzen zu Herzen. Oft hielten ſie ſich älle Drey umſchlungen, und die Thraͤnen ihrer Freude, ihrer Ruͤhtung, ihres Dankes miſchten ſich. Sie Helchloſen, ſch nie anohs u trennen. n een 8. „IKootlde beſaß, was Soyhſen mangelts, ei⸗ nen feſten und ernſten Sinn, der unbeſtechlich an dem Rechten hielt. Sie war berufen, der Schutzgeiſt ihrer Nichte zu ſeyn. Wie ſie durch — — M Zuͤfall den haͤuslichen Frieden unter dem ver⸗ ſtitmten Ehepaare wieder hergeſtellt hatte, ſo wehrte ſie von nun an jeder Stoͤrung des Frie⸗ dens. Ihre begluͤckende Naͤhe gab Söphiens Herzen die Ruhe wieder, welche die Annaͤhe! rung der Schuld daraus verbannt hatte; ihre klugen und freundlichen Lehren ſchwaͤchten die Einwirkangen der Eitelkeir, die ihr Ohr frem⸗ den Bewerbungen geofnet hatte. Der Graf wurde verabſchiedet, ohne je etwas Anderes als leere Hofnungen erhalten zu haben. Kein an⸗ derer Bewerber folgte ihm, Sophiens Ernſt und ihr unbefleckter Ruf ſcheuchten jeden zuruͤck. Der Prozeß, durch den Klotilde ſo ungluͤck⸗ lich geworden war, wurde durch einen des Rechtskundigen Freund Beauchateaus unter⸗ ſucht, und dieſer entdeckte, daß der ungluͤck⸗ liche Ausgang deſſelben das Werk grober Un⸗ wiſſenheit, vielleicht auch der Unredlichkeit und Chikane geweſen war. Er wurde von neuem aufgenommen, und das Urtheil der ge⸗ blendeten oder ungerechten Richter umgeſtoßen. Ein anſehnliches Vermoͤgen wurde gerettet. — Beauchateau verließ jetzt, was lange ſeern Wunſch geweſen war, das Theater, und ſchlug 3 ſeine Wohnung an den Ufern der Loire, in ei⸗ ner der anmuthigſten Gegenden ſeines Vater⸗ landes aufe„Lange lebte hier die kleine Fa⸗ milie in dem Genuſſe der Unabhaͤngigkeit, der Freundſchaft und Liebe, und jaͤhrlich wurde der Tag, an welchem Klotilde ſo wunderbar geret⸗ tet worden, von Allen mit tiefer Rührung und freudigem Dank, als ein Feſttag gefeyert⸗ Slih tls. 1130G 113210 10 4 nEnde des zweyten Baͤndchens. 3 *