Jacobi's Werke. —— Vierten Bandes erſte Abtheilung. „ Jacobi's Werke. W. J. G. Jacobi s ſaͤmmtliche Werke. Vierter Band. Zuͤrich, bey Orell, Füßli und Compagnie. 182 5. An die Nacht. Biſt du nicht mehr dem Saͤnger hold? Was that ich, traute Nacht? Hab' ich dich je fuͤr ſchnoͤden Sold, Fuͤr eitles Lob durchwacht? Du hoͤrteſt mich: Die Laute klang Oft bis ans Morgenroth; Doch Freunden nur und Maͤdchen ſang Sie, was mein Herz gebot. Vom Nachruhm blieb ich unbethoͤrt; Um ſeinen Flitterſchein Gab ich, am ſorgenloſen Herd, Nicht einen Becher Wein. Was ſollte mir im oͤden Reich, Wo die Verweſung haust, Sein Heroldsruf, dem Winde gleich, Der uͤber Gruͤfte ſaust? Des Marmors Inſchrift, welche kaum Ein fluͤcht'ger Pilger liest, Gewaͤhrt ſie Todten einen Traum, Der ihren Schlaf verſuͤßt? 8 5 Fuͤr Andre glaͤnz' am dunklen Ziel Der ſpaͤte Dichterlohn, Der Lorber! meinem Saitenſpiel Entlockt er keinen Ton. Wenn aber mir ein Freundeskreis. Zum Kranze Roſen beut, 1 Und die zufriedne Muſe leiſ' Ins Ohr mir prophezeyt:* DeinLied—eswirdnichtuntergehn; Der Enkel ſingt es nach: O dann erquickt, wie Fruͤhlingswehn, Mich, was die Muſe ſprach; Nicht, weil des Ruhms Poſaunenſchall 5 Aus weiter Ferne klingt; Mir lohnt es, wenn der Wiederhall Des Liedes Freude bringt. —,— Denn ſtets war ich dem Voͤlkchen gut, Das ich auf Erden fand; Ging meinen Weg mit leichtem Muth, Und knuͤpfte manches Band; Sah unter Menſchen Sonn' und Stern Am blauen Himmelszelt, Sah Laub und Bluͤthen, weilte gern In dieſer Gotteswelt; Und moͤchte noch den Menſchen nah Im kuͤhlen Grabe ſeyn, Noch ihnen ſingen, was ich ſah, Noch ruͤhmen Quell und Hain; Mit ihnen theilen jede Luſt Am goldnen Mayentag, Entfeſſeln des Beklemmten Bruſt Durch hellen Lautenſchlag; Noch lehren, unterm Dach von Moos, Der Einfalt Werth verſtehn; Erzaͤhlen, welch ein kleines Loos Mir fiel, und doch wie ſchoͤn; Wie ſchoͤn durch haͤuslich ſtilles Gluͤck, Durch maͤßigen Genuß, Durch meiner Gattin Wort und Blick, Durch meines Knaͤbleins Kuß. O toͤnt, wenn ew'ge Nacht mich deckt, Wenn nicht der Liebe Wort, Der Unſchuld Kuß mich ferner weckt, Ihr Saiten, toͤnet fort! Und hier, wo ſich mein Geiſt erhob Im preiſenden Geſang, Hier ſagt dem Himmel noch mein Lob, Der Erde meinen Dank! —.— —— Die Tanne und das Vergißmeinnicht. Die Tanne. Du armes Bluͤmchen dauerſt mich: An Farben biſt du ſchoͤn; wer aber ſieht auf dich? Uns Tannen war der Schoͤpfer hold; Mein Wipfel ſtrahlt im Abendgold Dem Pilger auf entfernten Wegen, Und ſaust in Stuͤrmen ihm entgegen. Als Koͤnigin des Waldes ſehn Mich alle, die voruͤbergehn. Das Vergißmeinnicht. Kein Wunder, daß ſie dich in deiner Hoheit ſehn! Allein, die Wahrheit zu geſtehn, Mich wuͤrde nie der Tanne Loos begluͤcken. Wie mancher ſchaut mit kalten Blicken Zu dir hinauf, wenn man von deiner Groͤße ſpricht! 40 Das ſchuͤchterne Vergißmeinnicht Wird ſelten nur bemerkt; doch wer es ſucht und findet, Der haͤlt das Bluͤmchen werth; er bindet Sich einen Strauß, und traͤgt mit frohem Sinn, Als Pfand der Treue, mich zu ſeinem Maͤdchen hin. 11 Der Namenstag*) Freyburg, am 4. November 1798. Dem Freund, und nicht dem lange ſchon Von mir vergeßnen Reichs⸗Baron; Dem guten, treuen Carl von Baden, Am Feſt des heil'gen Carolus Mit dieſem Blaͤttchen meinen Gruß, Um ihn geziemend einzuladen Zu einem naͤchtlich frohen Punſch Und einer wohl genaͤhrten Ente, Mit der ich gern den beſten Wunſch Zuſammenreimte, wenn ich koͤnnte. Allein das Dichten iſt kein Spiel, und bloßes Reimen heißt nicht viel: *) Auch nach Adelung iſt der Name Carl mit dem Worte Kerl einerley, welches letztere bey den älteren Deutſchen keinen unedeln Nebenbegriff hatte, ſondern häufig gebraucht wurde, um einen tapfern Mann zu bezeichnen. 12 Woher, das Jahr hindurch, die Lieder Fuͤr alle Freunde, Schweſtern, Bruder Von Freyburg, bis nach Halberſtadt? Denn, wie Homer bewieſen hat, Wird jedem, der auf Erden weilet, Sein eigner Name zugetheilet*). Der deine, ganz von deutſchem Schrot Und Korn, aus jenen beſſern Zeiten, Als bruͤderlich beym Gaſtgebot Sich Maͤnner noch mit Maͤnnern freuten, Der brave Kerl im Rundgeſang Den Ohren nicht veraͤchtlich klang, Man vom Gelag den Schleicher bannte, Und ſuͤße Falſchheit Luͤge nannte; Dein Name, Freund, iſt Deiner werth! Denn ohne Schild und Helm und Schwert, Die mancher, der damit ſtolzieret, Doch nur gemalt im Wappen fuͤhret, Uebſt du den alten Ritterbrauch, Willſt kriechend nicht den eitlen Hauch Der Hofluft, andern gleich, erſchnappen, Goͤnnſt ihre ſchoͤn verbraͤmten Kappen Der Thorheit; redeſt, wo es gilt; Lobſt nie, was Dein Gewiſſen ſchilt, *) Obyſſee VIII. 550. Und lachſt der bunten Modeſchnirkel Der feinern Welt, im Freundeszirkel. Wohlan, ſo komm! mein Weibchen druͤckt Schon die Citronen; ſchalkhaft blickt Mein Kleiner in die weite Schale Und ſpiegelt ſich, und ruft zum Mahle Den guten Karl.— Die Ente ſoll Uns und dem zuͤrnenden Apoll Fuͤr jegliches Geſchnatter buͤßen, Das wir tagtaͤglich hoͤren muͤſſen; Indeſſen raucht der Becher, ſteigt Hoch unſer Herz; tief unten zeigt Sich Vieles kleiner dann geworden! Wo blieben Kreuz und Stern und Orden Am Manne voller Gravitaͤt, Der nun als Naͤnnchen vor uns ſteht, Sich immer neue Ketten ſchmiedet, Und aͤngſtlich ſchwitzt und keucht?— Jedoch Mein Rauſch beginnet, ehe noch Zum Punſche nur das Waſſer ſiedet! 43 Nach dem Ducchblaͤttern einer poetiſchen Blumenleſe. Der Meiſterſaͤnger, ach, wie viel! Mein Ohr umſchwirren tauſend Reime, Gleich einem, Jahre lang gehoͤrten, Glockenſpiel. Hier ſitzt ein Muſenſohn im Schatten ſeiner Baͤume, Durch die kein Zephyr weht, und ruft dem hol⸗ den May: 1 Dann wuͤnſch' ich gleich den Winter mir herbey; Dort phantaſirt ein zweyter Alltagstraͤume; Des dritten Liebesgluth macht warme Herzen kalt; Des vierten Jugendlob vor Langerweil’ uns alt. Die Ruhe preiſen ſie; wir werden matt und muͤde, Und ſchlafen ein bey ihrem Morgenliede. 15 Ein Tauben⸗Roman). An Henrietlte 98**r. Ohne Zweißel erinnern Sie ſich noch, liebe Hen⸗ riette, des vorjaͤhrigen ſchoͤnen Maytags in ihrem Garten, als wir unter den Baͤumen an der klei⸗ nen Einſiedeley beyſammen ſaßen, und die Voͤ⸗ gel beobachteten, wie einige ſich lockten, zu ein⸗ ander hin und wieder von einander weg flogen, andere voller Eintracht auf einem Zweige ſich wiegten, und noch andere mit lautem Zwitſchern und ausgeſpreiteten Fluͤgeln einen Zweykampf begannen. Die Voͤgel, ſagte ich, haben zuver⸗ laͤßig ihre Romanauftritte, wie wir; haͤtten ſie auch Romanenſchreiber, ſo wuͤrden wir oft uͤber die Verwickelung und Entwickelung ihrer Liebes⸗ geſchichten uns wundern. Sie, meine Freundin, *) Da in dieſer Erzählung alles pünktlich wahr iſt, ſo kann dieſelbe ein Beytrag zur Piycho⸗ logie der Thiere angeſehen werden. 46 ſahen mit einer unglaͤubigen Miene mich an, und lachten, als ich meinen Satz im Ernſt be⸗ hauptete. Jetzt kann ich ihn mit einer Thatſache belegen, fuͤr deren Richtigkeit meine Nichte, das gute Lottchen, ſich verbuͤrgt; welches viel geſagt iſt, indem ihre Wahrheitsliebe ſo weit geht, daß es ſie beleidigt, wenn ich auch nur ein Feenmaͤhrchen ein wenig anders erzaͤhle, als es im Buche ſteht. Dor einigen Wochen alſo, an einem kalten Maͤrzmorgen, da ich mit Lottchen fruͤhſtuͤckte, kam ein Tauber an mein Fenſter geflogen, und ließ ſich mit ſeinem Weibchen, das ihm augen⸗ blicklich folgte, auf der aͤußeren Fenſterbank nie⸗ der. Beyde waren glaͤnzend weiß, an den Fluͤ⸗ geln nur mit ein Paar dunkelbraunen Flecken ge⸗ zeichnet, hatten einen ſchlanken, reitzenden Wuchs, und in den Umriſſen der Koͤpfe ſo etwas feines, etwas ſo unſchuldig zaͤrtliches in den Augen, daß ſie wurdig geweſen waͤren, auf der von Ana⸗ kreon geruͤhrten Leyer zu ſchlummern, oder, als Geſandtinnen des Liebesgottes, eine Botſchaft von ihm ſeiner Pſyche zu bringen, und in ihrem Schooße dann auszuruhen. Nicht lange, ſo entfernten ſie ſich; waren aber, weil meine Nichte ihnen Weizenkoͤrner hinſtreute, in wenigen Mi⸗ nuten wieder da. Es lohnte ſich der Muͤhe, 17 die Liebkoſungen beyder zu beobachten; das maͤnnliche und doch beſcheidne Werben des Tau⸗ bers, und wie die Taube mit der jungfraͤulichen Schuͤchternheit einer Neuvermaͤhlten ihren Hals an den ſeinigen ſchmiegte. Lottchen haͤtte ſie deß⸗ wegen beynahe zu Platonikern gemacht. Den gan⸗ zen Tag konnte ſie das zaͤrtliche Paͤrchen nicht vergeſſen, legte ſich mit dem Gedanken an daſſelbe ſchlafen, und als am folgenden Morgen uünſre Gaͤſte wieder in aller Fruͤhe ans Fenſter pickten, ſprang ſie eilig aus dem Bette, futterte ſie, machte ihnen ſogar hinter einem Fenſterladen ein warmes Neſt von Stroh, und nun ſchlugen die Taͤubchen foͤrmlich ihre Wohnung bey uns auf. Meiner Nichte werden Sie, liebe Henrieite, leicht ihre kindliche Freude verzeihen; aber ſonderbar wird es Sie dunken, daß ich mich ſelbſt davon anſtecken ließ. Schade nur, daß ſie von kurzer Dauer war! Einſt, als wir uns zum Fruͤhſtuͤcke hinſetzen wollten, fanden wir das Weibchen allein, traurig, mit hangendem Koͤpfchen auf die Wai⸗ zenkoͤrner niederblickend, von denen es noch kei⸗ nes angeruͤhrt hatte. Zu wiederholten Malen flog es die Straße auf und ab, kehrte zuruͤck, ſaß unbeweglich auf der Fenſterbank, und ſuchte von neuem den verlornen Gatten. Bey jedem IV. 1* 18 Fluge blieb es laͤnger, und zuletzt gaͤnzlich aus. Lottchens Betruͤbniß koͤnnen Sie ſich vorſtellen. Jedoch trauerte ſie nicht uͤber ihren eignen Ver⸗ luſt, ſondern über das Schickſal des Taͤubchens; wie denn gemeiniglich ein junges Maͤdchen, wenn nicht Eiferſucht dazwiſchen kommt, in dergleichen Faͤllen am mitleidigſten iſt. Anfaͤnglich hoffte ſie noch; aber der Maͤrz lief zu Ende, und jetzt war alle Hoffnung verſchwunden. Die Tage fingen ſchon an, waͤrmer und ſchoͤ⸗ ner zu werden, als an einem heitern April⸗ abend— wir hatten eben einige Frauenzimmer bey uns— etwas vor dem erſten Fenſter vorbey an das andre hin rauſchte. Lottchen erhob ein Jubelgeſchrey, und ſiehe da, unſre weiße Taube in der Geſellſchaft eines großen, wohlgebildeten Taubers, von glaͤnzend brauner Farbe, von der Gattung derer, die man Capuziner nennt! Au⸗ genſcheinlich hatte das Taͤubchen ihm den Weg gezeigt, und es war, als haͤtt' es von ſeiner ehemaligen Pflegerin dem neuen Geliebten erzaͤhlt; denn er ließ gleich die Bewirthung meiner Nichte ſich gefallen, und war eben ſo einheimiſch, wie ſein Vorgaͤnger. Von nun an fanden beyde ſich taͤglich bey uns ein, um ihr Futter zu holen. Auf dieſe Ueberraſchung folgte, den vierten 19 oder fünften Tag, eine zweyte. Unſer Fenſter⸗ beſuch hatte, wie gewoͤhnlich, nach der Mittags⸗ mahlzeit ſich wegbegeben; da erſchien der weiße Tauber, ſturzte auf unſer Fenſter herab, blieb eine Weile, und flog davon, aber nur, damit er ſeine jetzige Gefaͤhrtin herbeyfuͤhrte; und dieſe war, nach ihrer Bildung, Groͤße und Farbe zu urtheilen, das zum Capuziner gehoͤrige Weibchen. Denken Sie ſich, meine Freundin, mit welcher Ungedald wir das Begegnen der beyden Tauber und ihrer Geliebten erwarteten! Die Kataſtrophe war nicht fern. Gleich am naͤchſten Mittage, zu der Zeit, da unſer weißes Taͤubchen und ſein jetziger Ehegenoß ruhig die letzten Koͤrner aufla⸗ ſen, kam der weiße Tauber und ſetzte ſich zwi⸗ ſchen ſie. Sein braunes Weibchen ließ er auf dem Dache des gegenuͤberſtehenden Hauſes zu⸗ ruͤck. In den erſten Augenblicken war auf der Fenſterbank eine voͤllige Stille; die beyden Ne⸗ benbuhler ſchienen einander kaum zu bemerken. Sobald aber der weiße, um ſeine aͤlteren An⸗ ſpruͤche an das Fenſter, und vielleicht an die wie⸗ dergefundene Gattin, geltend zu machen, ſich in Bewegung ſetzte, warf auch der Capuziner ſich in die Bruſt. Muthig und ſtolz ging er hin und her, gab dem Feinde, ſo oft er demſelben naͤher 20 kam, einen Seitenſtoß, und hiermit die Loſung zum Streite, bey welcher das, bis dahin geblie⸗ bene, wehrloſe Taͤubchen zu dem andern aufs Dach fluͤchtete und mit ihm den Kaͤmpfern zuſah. Der Sieg war nicht lange zweifelhaft. Nach einem kurzen hefrigen Angriffe behielt der Braune das Feld; ließ aber den Gegner fliehen, ohne ihm nachzuſetzen, und ſchwang ſich alsdann tri⸗— umphirend in die Luft. Die Weibchen folgten den Maͤnnern. Seit dem iſt uns weder das eine noch das andere Paar mehr zu Geſichte ge⸗ kommen. 4 Sagen Sie, liebe Henriette! faͤnde man in dieſer Erzaͤhlung nicht hinreichenden Stoff zu einem Roman? Sie enthaͤlt Freuden und Qua⸗ len der Liebe, Trennungen, banges Umherirren, Wiederſehn, Eiferſucht und Kampf. Und doch erzaͤhlte ich nur das, was vor meinen Augen vorging. Wie erſt, wenn bey meiner wahren Begebenheit mir eine Muſe, wie dem Dichter bey ſeiner Fabel, auch das Ungeſehene aufgedeckt haͤtte; die verborgnen Veranlaſſungen und Trieb⸗ federn, jede in Schatten gehuͤllte Scene, jedes kleinere Zwiſchenſpiel? Vermuthlich waͤre dann die Verwickelung der Geſchichte von einer doppel⸗ ten Gefangenſchaft herzuleiten; wenigſtens weiß 21 ich mir die Sache nicht anders zu erklaͤren, als daß der weiße Tauber auf einem fremden Tau⸗ benſchlag in die Gewalt eines fremden Herrn ge⸗ rieth, und ſein rechtmaͤßiger Herr, um gleiches mit gleichem zu vergelten, dem andern ebenfalls ſeinen Liebling, den Capuziner wegkaperte. Eine Zeitlang mochten die beyden Gefangnen um ihre Gattinnen, ſo wie die verlaßnen Taͤubchen um ihre Maͤnner, trauern; nach und nach aber fuͤhl⸗ ten alle das Laͤſtige der Einſamkeit. Jene glaub⸗ ten vielleicht, der Kummer haͤtte ihre zaͤrtlichen Weiber getoͤdtet; und dieſe beredeten ſich, ihre Gatten waͤren von einem Luft⸗Corſar uͤberfallen und gewuͤrgt worden. Intelligenz⸗Blaͤtter und Todtenſcheine giebt es unter ihnen nicht. Was ſollten unſre Wittwer thun? Sie fingen an, die Wittwen zu troͤſten, und wie konnte die Capuzi⸗ nerin dem ſchoͤnen Paris widerſtehen? Wie die von ihm geſchiedne huͤlfloſe Blondine dem brau⸗ nen ſtreitbaren Helden, der ſich ihr zum Ritter anbot? Kurz—— Aber, fiel Lottchen, als wir geſtern davon redeten, mir ins Wort: mich aͤr⸗ gert es immer, daß mein Ideal von Tauben⸗ treue nun verdorben iſt. Alle Dichter in allen Sprachen ſangen davon. Oft hat mich das Taͤub⸗ chen von Hagedorn geruͤhrt, das, bereits in den Klauen des Falken, ſeinen ſchlafenden Freund nicht zu ſeiner Vertheidigung geweckt haben will; da dieſer indeſſen von ſelbſt erwacht, und herbey⸗ eilt, worauf ſie, Hals an Hals, mit einander ſtarben*). Und das herrliche Geſpraͤch von Gleim zwiſchen dem Wandrer und der Taube!— Wel⸗ ches? fragte unſer junger Abbé, der gerade zu⸗ gegen war. Meine Nichte mußt' es ihm herſa⸗ gen, und jetzt bittet ſie mich, es fuͤr Sie, liebe Henriette, abzuſchreiben, auf den Fall hin, daß Sie Gleims Fabeln nicht bey der Hand haͤtten. „Der Wandrer. Was machſt du da, du kleine Turteltaube? Die Taube. Ich ſeufze. Mein getreuer Mann Ward einem Jaͤger hier zum Raube, Dem er doch nichts gethan! Der Wandrer. So fliege weg! wie? wenn er wieder kaͤme. Mit dem Geſchuͤtz, das ihm das Leben nahm Und dann auch dir das Leben naͤhme? *) Hagedorns Fabeln und Erzählungen, zweytes Buch. 23 Die Taube. Thut er es nicht, ſo thuts ja doch der Gram*).“ Gieb dich zufrieden! ſagte ich zu Lottchen: Wenn man die Treue der Tauben ruͤhmt, ſo verſteht man darunter keine andern als Turtel⸗ tauben, von welchen du auch nie dergleichen er⸗ leben wirſt. Turteltauben ſind es in deinen bey⸗ den Fabeln; imgleichen in der Romanze von Gold⸗ ſhmith, die du auswendig kannſt. „Und Lieb' iſt gar ein leerer Schall; Gebannt vom Spiel und Feſt, Durchirrt ſie Wuͤſten nur, und waͤrmt Der Turteltaube Neſt*v).” *) Aus dem Franzöſiſchen: Le Passant et la Tourterelle. 3 ZLe Passant. Que fais-iu dans ce bois, plaintive tourterelleb Za Tourterelle. Je gémis; j'ai perdu ma compagne fidèle. Le Passant. Ne crains-tu point que l'oiseleur Ne te fasse mourir comme elle? La Tourterelle. Si ce n'est lui, ce sera ma douleur. **) And love is still an emptier sound, The modern fair one's jest, 24 Indeſſen— unterbrach mich der geiſtliche Herr — ſtimmt ein andrer franzoͤſiſcher Dichter ſeinem Landsmann, von welchem die Gleimſche Fabel entlehnt iſt, ſo wie dem Deutſchen und Englaͤn⸗ der, nicht bey. La plus tendre tourterelle Change d'amour en un an ⁹). Dieſe Verſe ſind gewiß von einem franzoͤſi⸗ ſchen Abbé, verſetzte Lottchen mit einigem Un⸗ willen. Zwar giebt es auch in Deutſchland un⸗ ter den Geiſtlichen und Nichtgeiſtlichen der jun⸗ gen Flatterer genug, die an keine weibliche Treue glauben wollen. So wie, fuhr ich fort, der galanten Damen, denen das Beyſpiel der Tur⸗ teltauben mehr zur Aergerniß als zur Erbauung gereicht, und welche heimlich denken, was jene Pariſerin wirklich einem Moraliſten antwortete, als dieſer, um ſie wegen ihrer Ausſchweifungen zu beſchaͤmen, ſich auf die groͤßere Enthaltſam⸗ On earth unseen„ or only found To warm the turtel's nest. Im Landprieſter von Wafefield. *) Das getreuſte Turteltäubchen Liebt nicht länger als ein Jahr. 25 keit der unvernuͤnftigen Thiere berief. Sie er⸗ wiederte ganz kalt: Aussi sont-ce des bétes*). Der Abbé ſchwieg. Lottchen kam auf ihre Tau⸗ ben zuruͤck, und wuͤnſchte ein beſſeres dénoue- ment de la pièce; daß naͤmlich jeder Tauber ſein erſtes Weibchen, wie Menelaus die ſchoͤne Helena, wieder heimfuͤhren moͤchte.— Sie aber, meine Freundin, wuͤnſchten vielleicht, daß dieſer Brief nur halb ſo lang waͤre, als er iſt. Leben Sie wohl.! *) Eben darum ſind es Thiere. 26 Die Krone und die Nachtmutze. Auf einem Marmortiſche lag, Verkuͤndigend den Gallatag, Fruͤh Morgens eine Koͤnigskrone Und neben ihr des Koͤnigs Mutze.— Wie? Hub jene zuͤrnend an, mit ſtolzem, bittern Hohne: Du wagſt dich her, wo deines gleichen nie Das Sonnenlicht beſchien? Genug ſchon, daß im ſtillen Verborgnen Schlafgemach dir ein Monarch erlaubt, Incognito ſein hohes Haupt, Dieweil er ſchlummert, einzuhuͤllen! Gedenke, was du biſt!— Ich bin, Erwiederte die Nachbarin, Zu des Regenten Ruhm und deiner eignen Ehre Nicht ſo entbehrlich als du meinſt. Um dich herum, wenn du erſcheinſt, Verſammeln ſich gedraͤngte Jubelchoͤre; Die Menge ſtaunt; und ach! zu bald vergißt Ein Koͤnig, daß er Menſch, wie andre Menſchen, iſt. Ich aber ſag' ihm gern auf ſeinem Ruhekiſſen, Mit ihm in ſtummen Finſterniſſen Allein, die große Wahrheit vor; Und hoͤrt mich ſein verwoͤhntes Ohr, Dann huldiget im Fuͤrſtenſohne Das treue Volk dem Manne, den es liebt: Dann freue dich, ein neuer Glanz umgiebt Die heiliger gewordne Krone. Die Ruhe in Egypten. Ein Gemälde von Hannibal Carraecio. Holdes Kind, das in der Mutter Schooß Eingeſchlummert liegt!. des Himmels Melodieen Toͤnen dir im Traum, und Engel knieen Vor dem Fluͤchtling, deſſen Erdenloos Muͤh' und Arbeit iſt.— Wie niedrig, und wie groß! Um dich her in andachtsvoller Stille Berg und Thal! Aus grober Huͤlle Ragt hervor die kleine, ſchwache Hand, Die, zum Wohlthun ausgeſandt, Ueber Meer und uͤber Land Ruhe bringen ſoll und Segen. Liebend wehn die Winde, rieſelt hin der Fluß; Denn mit leiſen Herzensſchlaͤgen Haͤlt die Mutter ihres Saͤuglings Fuß, Ach! der auf bedornten Wegen, Guten Seelen nach, die ſich verirrt, 29 Tief im Staube wandeln wird; Aber kuͤnft'ger Herrlichkeit entgegen Unter Schmach und Elend geht, Und dereinſt verklaͤrt auf Graͤbern ſteht. Was umſaͤuſelt mich in dieſer Stille? Gottes heil'ger Friede ſchwebt Ueber mir; der Weisheit Fuͤlle Kommt herab zur Einfalt, und die Seele hebt Auf der Liebe ſanftem Fluͤgel ſich, Hofft und glaubt— O du, in deiner armen Huͤlle, Kind des Himmels, ſegne mich! An die Natur. Blaͤtter fallen, Nebel ſteigen, Und zum Winterſchlafe neigen Sich die Baͤume ſchon auf welker Flur: Ehe Flocken ſie umhuͤllen, Rede du mit mir im Stillen Einmal noch, befreundete Natur! Oft haſt du mit mir getrauert, Oft mich wonnevoll durchſchauert; Deine Muttertreue laͤchelt, ſpricht, Hier in lispelnden Gebuͤſchen, Dort in Farben, die ſich miſchen, Winkt im Sonnenſtrahl, im Daͤmmerlicht. Wo der Nord auf nackten Huͤgeln Braust, und wo ſich Blumen ſpiegeln, Biſt du Wiederſchein und Wiederklang 31 Der geheimſten unſrer Triebe, Malſt und toͤneſt Hoffnung, Liebe, Freud' und Schmerz, und Klag⸗ und Troſtgeſang. Freude, wenn, umjauchzt von Hirten, Sich mit Glanz die Berge guͤrten, Mit des jungen Maytags erſtem Glanz; Liebe, wenn ſich Reben winden,. Roſen kuͤſſen, Baͤche finden, Und die Aue lacht im Hochzeitkranz. -— Wehmuth, wenn des Tags Getuͤmmel Nun verſtummt; am grauem Himmel Unbewegt die Abendwolke ſteht; Luſtgehoͤlze ſich umduſtern, Und der Wind mit bangem Fluͤſtern Nur im hoͤchſten Laub der Pappel weht. Hoffnung blickt im Sternlein nieder, Das nach ſchwarzen Stuͤrmen wieder Freundlich aus dem Nachtgewoͤlke tritt; Und in goldner Morgenroͤthe Singt zur laͤndlich frommen Floͤte Jeder Hain; die Staude ſaͤuſelt mit. 32 Unbefangne Maͤdchenherzen Laͤßt ihr kindlich frohes Scherzen Oft im Bild' ein Sommerabend ſehn, Wenn in hellen, blauen Luͤften, Wie auf laͤmmervollen Triften Schoͤn gepaarte Silberwoͤlkchen gehn. Aber aus entweihten Gruͤnden Flieht dein ſuͤßes Mitempfinden, O Natur! die oͤde Quelle rauſcht Ohne Liebe; ſprachlos fluſtern Zweige, die ſich nie verſchwiſtern, Wo im Bluͤthenſtrauche Bosheit lauſcht. Sie umringen leere Schatten, Taube Waͤlder; auf den Matten Iſt der Blümchen keines ihr verwandt; Segen kroͤnet nicht die Garben, Und des Regenbogens Farben Sahmuͤcken nicht der Eintracht Feſtgewand. Wie er zagt in ſichrer Hoͤhle, Der Verraͤther, deſſen Seele Jedes dumpfere Getoͤſe ſchreckt! Lauter Stimmen, die dem Raͤcher Rufen! denn zum Mitverbrecher Wird der Fels, der einen Frevler deckt. Selig, wer mit immer reinen Haͤnden dir in dunkeln Hainen, Allernaͤhrerin! ſein Opfer bringt; Wer von lichtumfloßnen Huͤgeln Auf des Morgenwindes Fluͤgeln Sich in deinen hoͤhern Tempel ſchwingt: Dreymal ſelig die Getreuen, Die ſich deiner Einfalt freuen, Deine Schoͤnheit ſehn mit lauterm Sinn! Unter Erdenmelodien, Zwiſchen Roſen, die verbluͤhen, Fuͤhrſt du ſie zum Unſichtbaren hin. Die vom Lenz verjuͤngte Wieſe Zeigt uns kuͤnft'ge Paradieſe; Friede, wie der Thau von oben, mild, Unvergaͤnglich wie die Sterne, Friede ſchimmert aus der Ferne, Wenn die Sonne ſich in Purpur huͤllt; Jakobi's Werke. IV. 2 34 Gleich dem hohen Gottesfrieden, Den ein Traumgeſicht dem muͤden Pilger einſt im heil'gen Lande gab: Ploͤtzlich ward die Nacht ihm heiter, Mondesglanz zur Strahlenleiter, Und der ganze Himmel ſtieg herab. 35 Der junge Biber. Ein reges Bibervoͤlkchen baute Das dritte Stockwerk auf ſein Haus; Der juͤngſten einer nur ſaß unbewegt und ſchaute Mit trüber Stirn ins weite Feld hinaus. Warum ſo muͤßig? ſprach ein alter, weiſer Biber: Was kuͤmmert dich? Friſch angefaßt! Dann gehn die Grillen bald voruͤber. Die gute Laune weicht von dem, der Arbeit haßt. Meinſt du, ich ſcheue ſie? verſetzte Der andre: Muͤßiggang iſt mir die groͤßte Pein Und wahrlich bin ich nicht der letzte, Wo etwas Loͤbliches begonnen wird; allein Das Werkchen duͤnkt mich gar zu klein. Wie köoͤnnt' es einem Freude bringen, Wenn man, ſich hoͤher aufzuſchwingen, Den maͤcht'gen Trieb im Buſen naͤhrt?2 O ſiehe dort, an jenen Felſenwaͤnden„ An jener ſtolzen Burg die Kunſt von Menſchen⸗ haͤnden! 2 36 Ein ſolcher Bau iſt ſeines Kranzes werth. Zur Wolke ſteigen ſie empor, die kühnen Laſten! Muß da nicht mit beſchaͤmtem Blick Ein Biber auf ſein Meiſterſtuck Herunterſehen?— Ja, Fantaſten, Gab ihm der Alte zum Beſcheid, Wie du, die keine Stunde raſten, Und dennoch muͤßig gehn, weil, mit ſich ſelbſt entzweyt, Sie nur, was die Natur verbeut, In ihrem Eigenduͤnkel wollen; Das aber nicht thun, was ſie ſollen. An unſre Huͤtten haſt du noch Dich nicht gewagt, und traͤumeſt doch Von Schloͤſſern, hochgethuͤrmt, die an den Him⸗ mel reichen. Fang' an, mit deiner Kunſt den Bruͤdern dich zu weihn, Denn, waͤr' es dir vergoͤnnt, den Menſchen je zu gleichen, So muͤßteſt du zuvor der beſte Biber ſeyn. Der erſte Schattenriß*). In den aͤlteſten Zeiten der Stadt Corinth, als ſie noch Ephyra hieß, und von ihrem nach⸗ herigen Glanze weit entfernt war, lebte daſelbſt ein Toͤpfer, Namens Dibutades. Er genoß der Achtung aller ſeiner Mitbuͤrger, weil von den damaligen Griechen die Toͤpferſcheibe in be⸗ ſondern Ehren gehalten wurde. Man verdankte ihr, außer den zum haͤuslichen Gebrauche be⸗ ſtimmten Gefäßen, denen Genuͤgſamkeit und Ein⸗ falt der Sitten einen groͤßeren Werth gab, die gottesdienſtlichen Gefaͤße, und die, jenem Zeit⸗ alter ebenfalls heiligen, Aſchenkruͤge. Ueberdem konnte der Kunſtler das Anſehen des Handwer⸗ kers nicht herabſetzen; denn Bildhauerkunſt und Malerey wurden in Griechenland noch nicht ge⸗ *) Man ſ. plinii natural. histor. L. XXXV. c. XII. uͤbt. Die Blloͤniſſe der Goͤtter beſtanden in einer bloßen Saͤule, in einem viereckigten Stein oder einer Pyramide, auf welcher man hoͤchſtens den Namen des darin zu verehrenden Gottes las*). Auch die Erfindung des in der Folge beruͤhmten Corinthiſchen Erzes, blieb einem ſpaͤtern Jahr⸗ hundert aufbewahrt**). Dibutades erwarb ſich unter den uͤbrigen ſei⸗ nes gleichen den erſten Rang dadurch, daß er bey ſeiner Arbeit mit dem Mechaniſchen ein gewiſ⸗ ſes Kunſtgefuͤhl vereinigte. Was aus ſeinen Haͤne den ging, zeichnete ſich aus durch das Gefaͤllige der Form, welcher eine von ihm erfundene roͤth⸗ liche Farbe noch mehr Reitz verlieh. So wie ober ſelten ein Kuͤnſtlertalent ohne Kuͤnſtlereigenſinn iſt, ſo war auch Dibutades von letzterem nicht frey. Jedem andern Stande zog er den ſeinigen vor; und haͤtten alle Buͤrger der Stadt, ſelbſt die vornehmſten, um ſeine einzige Tochter geworben, er haͤtte ſie keinem, als dem geſchickteſten Toͤpfer zuerkannt. *) Winkelmanns Geſchichke der Kunſt. Thl. I. Kap. 1. *) Das Mährchen von der zufälligen Entſtehung deſſelben wird von niemanden mehr geglaubt. Die ſchoͤne Philea, ſo hieß ſeine Tochter, wußte dieſes wohl; allein ſie haͤtte zwey Monate fruͤher es wiſſen ſollen. Als ſie es erfuhr, hatte ſie bereits dem jungen Ariſton, welcher un⸗ gluͤcklicher Weiſe kein Toͤpfer war, zu oft in ſein blaues Auge geſehen, zu oft ſich von ihm ſagen laſſen: Schoͤne Philea! Von ihm laſſen konnte ſie nicht mehr. Bald ſuchte ſie mit der Gutmuthigkeit ihres Vaters ſich zu troͤſten, der ihr keinen Braͤutigam wider ihren Willen auf⸗ dringen wuͤrde; bald erinnerte ſie ſich der letzten Worte ihrer ſterbenden Mutter: Mache dei⸗ nem Vater frohe Tage! Dann weinte ſie, bis ihr die Liebe ins Ohr fluͤſterte: Wie magſt du den Vater ſo verkennen? Haͤngt nicht ſeine ganze Seele an dir? Wird es ihm ſchwer fallen, ſeiner Zaͤrtlichkeit gegen dich eine Grille aufzuopfern? Am mehrſten beruhigte ſie der Gedanke an die Gluͤcksumſtaͤnde ihres Geliebten. Er war der aͤlteſte Sohn des Agathokles, eines im Schiff⸗ bau erfahrnen Mannes, worin er, ſo wie Dibu⸗ tades in der Toͤpferarbeit, es allen andern zuvor⸗ that. Sein Ruhm hatte ſich auf den beyden an— grenzenden Meeren verbreitet, und ſeine Muͤhe ſich reichlich belohnt. Welcher Vater wuͤrde nicht ſolch einen Freyer willkommen heißen? 40 Fuͤr den Dibutades hatte dennoch alles dieſes keinen Reitz. Er war von der Liebe ſeiner Phi⸗ lea, ohne daß ihr etwas davon ahndete, laͤngſt unterrichtet; denn einem verliebten Maͤdchen wird es nicht leicht, ſich vor einem feinen Beobachter lange zu verbergen. So verrieth auch Philea ſich dann und wann durch einen tiefſinnigen Blick, durch einen Seufzer, nach welchem ſie ploͤtzlich erſchrak, durch zerſtreute Antworten, bey denen ſie zuſammenfuhr, und die ihrem Vater hinlaͤnglich waren, in ſeiner Tochter eine Leiden⸗ ſchaft zu argwoͤhnen. Er wandte ſich deßwegen an ihre Waͤrterin, und dieſe, weil ſie das Ver⸗ heimlichen fuͤr eben ſo unnuͤtz als gefaͤhrlich hielt, entdeckte die Sache bis auf den kleinſten Um⸗ ſtand. 3 Dibutades kannte und ſchaͤtzte den Ariſton, hatte ſogar, wenn Philea dabey war, ihn oͤfters gelobt; aber er wollte keinen Schwiegerſohn, der Schiffe zimmerte, anſtatt Gefaͤße aus Thon zu bilden. So ſehr ihn auf der einen Seite das gute Maͤdchen jammerte, ſo ließ doch auf der andern ein unſeliger Eigenſinn, der zuweilen die beſten Menſchen ungerecht und hartherzig macht, ihm nicht zu, daß er in eine Verbindung dieſer Art willigte, Mit Gewalt die Liebenden zu tren⸗ 41 nen, daran gedacht' er nicht; allein das letzte ſollte verſucht, jedes Hinderniß in den Weg ge⸗ legt werden. Fuͤr jetzt war, nach ſeiner Mei⸗ nung, das rathſamſte, zu ſchweigen, die Tochter zu bemerken, und abzuwarten, was etwa Zeit und Gelegenheit ihm an die Hand gaͤbe. An einem Abend, als Dibutades zu einem Gaſtgebot eingeladen war, kam Ariſton zu Phi⸗ lea.„Ich muß“, ſagte er,„auf einige Tage dich verlaſſen. Morgen geht ein, von meinem Vater neu erfundnes Fahrzeug nach einer Inſel im Joniſchen Meer, und es iſt noͤthig, daß ich mitgehe, weil es zum erſten Male abſegelt. Die Goͤttin der Liebe, die auch das Meer be⸗ herrſcht, wird mir guͤnſtig ſeyn, und dann bin ich in der dritten Woche zuruͤck.” Nicht eher, als in der dritten Woche? ver⸗ ſetzte das Maͤdchen, mit Thraͤnen im Auge. So lange dich nicht ſehen? ich, der ein einziger Tag ohne deinen Anblick kein Ende zu haben ſchien? Ach! wie oft, wenn ich vor meinem Spiegel ſaß, wuͤnſchte ich, mein Bild darin befeſtigen zu koͤnnen, um es dir zu geben! Vaͤre es moͤglich, nun das deinige hinein zu zaubern, mit welcher Geduld wollte ich deiner Wiederkunft entgegen harren! 42 So wuͤnſchte Philea, und konnte nicht anders wuͤnſchen; denn von der Abbildung einer Men⸗ ſchengeſtalt hatte man noch keinen Begriff. Kaum war das letzte Wort aus ihrem Munde, als Ariſton von ungefaͤhr ſo neben die brennende Lampe zu ſtehen kam, daß an der Wand gegen⸗ uͤber, mit ſprechender Aehnlichkeit, ſein Geſicht im Schatten ſich zeigte. Wie eine Begeiſterte, ſieht Philea nach der Wand, nach ihrem Gelieb⸗ ten, legt beyde Haͤnde auf ſeine Schultern: Blei⸗ be, ruft ſie, bewege dich nicht! Dann fliegt ſie davon, kommt mit einer dem Herd' entriſſenen Kohle wieder, betet zur Venus, faͤngt an, nach dem Schatten zu zeichnen, und vollendet den Umriß. Nur einem Griechen iſt es erlaubt, die Empfindung eines griechiſchen Maͤdchens in ſolch einem Augenblicke zu ſchildern. Mitten in ihrer Wonne ließ Philea den ſchei⸗ denden Ariſton um ſo ruhiger aus ihrer Umar⸗ mung, da deſſen Vater, gleich nach der Ruͤckkehr ſeines Sohnes, ſie von dem ihrigen begehren wollte. Wie aber? Wird Dibutades die ſchwarzen Li⸗ nien an der Wand nicht eben ſo gut ſehen, als ſie? Hieran dachte ſie erſt beym Schlafengehen, und ihr Herz pochte gewaltig.—„Immerhin“! 43 ſagte ſie bald darauf:„Sind es doch nur ſchwarze Linien! muͤſſen ſie denn nothwendig von mir ſeyn? wenigſtens wird er den Ariſton nicht darin er⸗ kennen”“. Als ſie das geſagt hatte, pochte ihr Herz nicht mehr, und ſie war im Traum bey ihrem Geliebten. Indeſſen hatte Philea ſich in ihrer Vermuthung geirrt. Ehe ſie noch erwachte, ſtand ihr Vater bereits vor dem Schattenriß, erkannte in dem⸗ ſelben den leibhaftigen Ariſton, wußte kaum, ob er ſeinen Augen trauen ſollte, zuͤrnte aber nicht, ſondern ſtaunte, bewunderte, war voller Unge⸗ duld, bis er von der Waͤrterin die Geſchichte des Bildes vernahm. Seine Freude war unaus⸗ ſprechlich, denn die Wichtigkeit einer ſolchen Er⸗ findung mußte nothwendig ihm einleuchten. Und ſeine Tochter die Erfinderin! Und ihr Liebhaber die Veranlaſſung dazu! Dieſer hatte nun ein ge⸗ wiſſes Recht auf die Hand, welche durch ſeinen ihr gelungenen Umriß ſich beruͤhmt machte. Di⸗ butades konnte mit Ehren widerrufen, konnte die Wahl des Ariſton zum Schwiegerſohn vor ſeinem Eigenſinn verantworten, und es that ihm wohl, daß er ſich von außen gezwungen fuͤhlte, ſeinem geheimen beſſeren Triebe zu folgen, und die Wuͤnſche der guten Philea zu befriedigen. 44 Als er noch einmal nach dem Schattenriß hin⸗ blickte, gab ſein Genius ihm einen Gedanken ein, von deſſen Ausfuͤhrung er ſich mit der Zeit die Veredelung und Bereicherung ſeiner Kunſt, oder vielmehr die Entdeckung einer neuen verſprach. Unverzuͤglich ſollte ein erſter Verſuch angeſtellt, wenn er geriethe, ſeine Tochter damit uͤberraſcht, und ihr alsdann ihr bevorſtehendes Gluͤck ver⸗ kuͤndigt werden. Bis dahin, ſoviel es auch ſei⸗ nem Herzen koſtete, nahm er ſich vor zu ſchweigen. Philea, die jetzt aus ihrer Kammer trat, fand auf dem Geſichte ihres Vaters eine ungewoͤhnli⸗ che Heiterkeit.„Siehe“, ſagte er nach einer klei⸗ nen Weile, indem er ſie zaͤrtlich bey der rechten Hand faßte,„wie ſchoͤn der Morgen iſt! hole dir eine von deinen Geſpielinnen und gehe nach der Quelle Pirene, wo du ſo gern im Schatten ſitzeſt“. Philea ſtutzte, wurde roth, und haͤtte ſich nicht zu helfen gewußt, waͤre nicht ihr Vater ſchnell in ſeine Werkſtaͤtte gegangen. Freylich war ihr unter den vielen Quellen, in und außer Corinth, Pirene die liebſte; aber eben darum hatte ſie derſelben nie erwaͤhnt. An dieſer Quelle pflegte Ariſton, wenn er nach dem Lechaͤiſchen Hafen ging, oder von da zuruͤckkam, ſie neben ſeiner Schweſter zu finden. Je mehr das arme 4 45 Maͤdchen nachſann, deſto raͤthſelhafter wurden ihr die Worte des Vaters, inſonderheit die frohe Laune und der zaͤrtliche Ton, womit er ſie aus⸗ ſprach. Lange unſchluͤſſig, was ſie thun ſollte, gehorchte ſie zuletzt ſeinem Befehle. Sobald Dibutades allein, und die Thuͤr ver⸗ riegelt war, nahm er weichen Ton, druͤckte den⸗ ſelben in den von ſeiner Tochter gemachten Um⸗ riß, und formte nach dieſem ein Bild, das dem Schatten vollkommen aͤhnlich war. Sein Entzu⸗ cken moͤgen Kunſtler beſchreiben, und diejenigen ahnden, die jemals uͤber ein Werk ihrer Haͤnde ſich freuten. Er verbarg das Bild unter die zum Trocknen hingeſtellten Gefaͤße, damit es zu ſeiner Zeit im Brennofen vollendet wurde. Zwey Wochen gingen voruͤber, die Dritte be⸗ gann; da hoͤrte Dibutades von der geſchaͤftigen Waͤrterin, daß man am folgenden Tage den Ari⸗ ſton erwartete. Ein andres Fahrzeug, das aus demſelben Hafen fruͤher als das ſeinige ausge⸗ laufen war, hatte die Botſchaft gebracht. Dibutades rief ſeiner Tochter:„Liebe Philea! ich habe einen Freund auf dem Joniſchen Meere, welcher nach unſerer Kuͤſte will. Gehe mit einer deiner Vertrauten in den Hain der Nymphen, gelobe, wenn ſie meinen Freund gluͤcklich ans 46. Land bringen, ihrem Tempel ein Geſchenk“! Sie ſtarrte den Vater an, ohne zu antworten. „»Gehe nur, gutes Maͤdchen“! fuhr er fort, und umarmte ſie. Gleich einer Traͤumenden, wankte Philea zu des Ariſton Schweſter, der ſte alles erzaͤhlte, und ſie um ihre Begleitung bat in den Hain der Nymphen. Der naͤchſte Morgen war dazu beſtimmt, die bisherigen Raͤthfel aufzuloͤfen. Man gedenke ſich das Erwachen des liebenden Maͤdchens, als ſie mit halb geoͤffneten Augen, ihrem Bette gegen⸗ uͤber, das aus Thon geformte, roth bemalte Bild des Geliebten fah. Im frohen Taumel ſpringt ſie auf, wirft die Kleider um, ſtuͤrzt aus der Kammer, haͤngt an dem Halſe ihres Vaters und weint.„Gutes Kind“! ſagte dieſer:„ich weiß alles; er foll der Deinige bleiben. Heute noch, ehe die Sonne untergeht, fuͤhr' ich ihn felbſt in unfre Wohnung. Bereite nur ein Mahl fuͤr deinen Braͤutigam.“ 1 4 Hierauf eilt er zum Agathokles, und mit dem⸗ ſelben nach dem Hafen, wo ſie von weitem ſchon die Flagge des Ariſton erblicken. Ein guͤnſtiger Wind befluͤgelt das Schiff; man vernimmt ſchon das Freudengeſchrey der Matroſen, und Ariſton 47 landet. Mein Sohn! rufen Agathokles und Dibutades zugleich. Der erſtaunte Juͤngling ſteht unbeweglich ſtumm, kann das Wunder nicht glauben, bis er ſich, die Wange mit Thraͤnen be⸗ netzt, in den Armen des Vaters ſeiner Philea ſieht. 3 Ehe die Sonne unterging, war er auch in den Armen der Tochter. b Gleich am folgenden Morgen wurde das Bild, zur Erfüllung des gethanen Geluͤbdes, im Tem⸗ pel der Nymphen aufgehaͤngt, und wie ein Hei⸗ ligthum bewahrt, bis Mummius die Stadt Co⸗ rinth einaͤſcherte. Mit ihm hatte die Kunſt, in Thon zu bilden, ihren Anfang genommen, und ſie war die Mutter der Bildhauerkunſt. Unter den Griechen lebte das Andenken der⸗ Tochter des Dibutades fort. Sollte ſie nicht auch unſrer Aufmerkſamkeit werth feyn, da wir, nach mehr als dreytaufend Jahren„ von den herrlich⸗ ſten Kunſtwerken umgeben, das, was ſie erfand, wieder hervorgeſucht, und jetzt noch ſo mancher Schattenriß ſein Daſeyn der Liebe zu danken hat? 48 Bey Gelegenheit der Bemerkung eines Recenſenten: . 5* Daß ein Almanach kein Quodlibet wäre. Ein Almanach kein Quodlibet! Was ſind denn Monde, Wochen, Tage, Wo bald auf ſtillem Raſenbett Am Quell ein Liebesgott die Klage Von Nachtigallen hoͤrt, und bald Ein maͤchtiger Orkan den Wald Bewegt, der Saͤnger Neſt ergreift, Und durch erſchrockne Thaͤler pfeift; Wo ſich die Roſ' im Morgenglanze Hervor aus ihrer Knoſpe draͤngt, Der heiße Mittag ſie verſengt, Und Abends uͤber Saat und Pflanze Verderben in der Wolke haͤngt, Die Regenguß mit Hagel mengt, Den Halm erſaͤuft, den Baum entblaͤttert Und ſeine Sproͤßlinge zerſchmettert? 49 Ein Almanach kein Quodlibet? Iſt unſer ganzes Menſchenleben Mit allem Thun und allem Streben, Zur Bluͤthenzeit, wenn um die Wett' Empor der Lerchen Lieder ſchweben, Und wenn die raſche Senſe maͤht; Wenn ihren Saft die Trauben geben, Der Herbſtwind ſauſ't, die Stoppeln beben, Und, fur den naͤchſten Lenz beſaͤt, Das Feld den Winter ſchon verraͤth, Iſt unſer ganzes Menſchenleben Mehr, als ein bunt gemaltes Bret, Auf welchem neben Floͤten, Geigen, Sich Nagel, Strick und Hammer zeigen, Zum Heil'gen ſich die Karte fügt, Der Wuͤrfel bey dem Pſalmbuch liegt, Ein halb zerrißnes Zeitungsblatt Die Larve zur Gefaͤhrtin hat, Und wir, vereint mit Flammenherzen und Roſen, ausgeloͤſchte Kerzen Und Todtenkopf und Sanduhr ſehn? Nicht ſchneller kann der Winde Wehn Des Thurms Poſaunenengel drehn, Als wir vom Wonnerauſch zu Schmerzen, Von andachtsvollem Ernſt zu Scherzen, Von Furcht zu Hoffnung übergehn. IV. 2* „ 50 In ſtetem Wechſel gleich dem truͤben Und hellen Himmel, wenn das Licht Durch wandelbare Wolken bricht, Iſt menſchliches Bewundern, Lieben Und Haſſen. Ihrer Wuͤnſche Ziel Verruͤckt ein Ungefaͤhr; ſie treiben Umher ſich unter Wollen, Straͤuben, Genuß und Arbeit, Sorg' und Spiel; Der bangen Seufzer, wie ſo viel, Und ach! wie kurz die Luſtgeſaͤnge! Sogar im feſtlichen Gedraͤnge Wetzt ihren Dolch verborgne Liſt; Von ſtolzen Siegeskraͤnzen iſt Der oͤde Kerker oft nicht weiter, Als von der Abendroͤthe Pracht Die ſchwaͤrzeſte Gewitternacht. Wer ruhig bleiben will und heiter Bey dieſem großen Quodlibet Von Nebel, Sonnenſchein und Regen, Von Schneegeſtoͤber, Donnerſchlaͤgen, Und Haß und Liebe, Fluch und Segen, Von Lob und bitterem Geſpoͤtt Auf rauhen und bebluͤmten Wegen, Der hefte maͤnnlich ſeinen Blick Auf Eines nur, das Zeit und Gluͤck 541 Ihm nicht entfuͤhrt; mit ſich im Bunde, Sey treulich er in jeder Stunde 3 Das, was er iſt; und ſpornt ihn dann Vielleicht ſein Genius, wohlan! Er ſchreibe, was und wie er kann, Quartanten oder Almanache, Worin er uns das Allerhand Des Lebens, mit ſo manchem Tand Durchflochten, minder laͤſtig mache! Nur acht' er nicht das tauſendfache Geſchrey, das ſich von Suͤden, Weſt Und Oſt und Norden hoͤren laͤßt! Wenn ihn das Klatſchen vieler Haͤnde Betaͤubt, er hier und dorthin irrt, Um allen werth zu ſeyn, ſo wird Er ſelbſt ein Quodlibet am Ende. Der moderne Patriot. 1801 6). Ein Barometermacher ging, 7 Als Hollands Maͤrkte ſchon die Freyheitskappe * zierte,— Von Delft nach Leyden, und hauſirte Mit ſeinem Glaͤſerkram. Der Abſatz war gering; Die Zehrung aber doppelt theuer: In vollem Unmuth ſchlug er Feuer, und zuͤndete ſein Pfeifchen an, Worauf er allgemach ein Selbſtgeſpraͤch begann. Die Schmach des armen Vaterlandes, Der Handlung Sturz, das Elend jedes Standes; Was Groß und Klein, was Staͤdt' und Doͤrfer quaͤlt„ Wird nach der Ordnung hergezaͤhlt; *) Bekanntlich wurde die Entdeckung des Spinnen⸗ beobachters Dijonval durch die franzöſiſche Revolution veranlast. Dann folgen Pjuͤnderungen, Mord Und Meineid und Verrath— Indeſſen(faͤhrt er fort), 3 Haͤtt' alles das noch wenig zu bedeuten, Wenn nur die Spinnen nicht das Wetter pro⸗ phezeyhten! Statt einer Strohkranzrede. Am Tage nach der Hochzeit einer Freundin, im Herbſte. Wundern Sie ſich nicht, theuerſte Caroline, daß ich es wage, einen in dieſer Gegend laͤngſt vergeſſenen Gebrauch wieder ins Andenken zu bringen, und Ihnen, fuͤr Ihren geſtrigen, jetzt abgelegten Kranz, einen andern zu uͤberreichen, der weniger in die. Augen faͤllt, aber gewiß kei⸗ nen geringern Werth hat! Ich darf mich nur auf das Anſehen eines Mannes berufen, den Sie kennen und lieben, dem Sie oft Ihren Bey⸗ fall zuwinkten, wenn er, in ſeinen patrioti⸗ ſchen Phantaſien, manches alte loͤbliche Her⸗ kommen in Schutz nahm, und daruͤber klagte, daß wir von oͤffentlichen ſowohl als haͤuslichen Feſten, mit den Gebraͤuchen der Vaͤter, ihren gutmuthigen Frohſinn wegbannten. Eine gerechte Klage!, Denn in der That haben unſere Zuſam⸗ menkünfte, Gaſtmahle, ſelbſt unſere Taͤnze bey 5⁵ feyerlichen Gelegenheiten, wenig charakteriſtiſches, und eben darum wenig anziehendes mehr; damit alles vernuͤnftiger wuͤrde, iſt alles langweiliger geworden. Unter die feſtlichen Gewohnheiten, die wir nicht haͤtten ſollen in Abnahme gerathen laſſen, rechne ich den einſt ſo beliebten, in den gebildetern Provinzen Deutſchlands eingeführten Strohkranz, welchen man der Neuvermaͤhlten darbot, und mit einer Trauer⸗ und Troſtrede begleitete. Zwar bin ich weit entfernt zu be⸗ haupten, daß jene Gewohnheiten der Vorfahren unveraͤndert, ohne Ruͤckſicht auf den Geiſt des Zeitalters, wieder herzuſtellen ſeyen. Mit dem jetzigen Tone der feinern Welt, mit unſerm gan⸗ zen Coſtume wuͤrde ſich der ehemalige Stroh⸗ kranz nicht viel beſſer vertragen, als die Hyme⸗ naͤiſchen Taͤnze der alten Griechen. Was aber hindert uns, auch das zarteſte weibliche Gefuͤhl mit demſelben zu verſoͤhnen, indem wir ihn, durch eine leichte Verwandlung, zum Aehren⸗ kranze machen? Heiliger als das ſchoͤnſte, der Flora geweihte Roſengewinde, ſchmuͤckte dieſer, in den aͤlteſten Zeiten, den Tempeleingang der milden, geſetzgebenden Ceres, der Stifterin fried⸗ licher Geſellſchaften, welche dem Manne zu ſei⸗ nem Bogen die Sichel reichte, ihn zum ruͤhigern 56 Lebensgenuſſe rief, und, ſo wie an Feld und Huͤtte, feſter an Weib und Kinder band. Wo, meine Freundin, faͤnd' ich an dem heu⸗ tigen Tag ein bedeutenderes Sinnbild fuͤr Sie? Blumen gehoͤren dem noch freyen, unbefangenen Maͤdchen; ihm verzeiht man, wenn es nur um ihretwillen an der grasreichen Matte ſeine Luſt hat, nur ſie zwiſchen dichten Kornhalmen bewun⸗ dert. Auch verzeiht man dem Maͤdchen, daß es uͤber einem Veilchenſtrauße, von der Hand des Geliebten gepfluckt, alles uͤbrige vergißt, mit dem Geliebten ſogar unter einem Strohdache ſich niederlaſſen und die nackten Waͤnde mit Kraͤnzen hehaͤngen, an den leeren Tiſch Maß⸗ liebchen und Vergißmeinnicht ſtreuen will. Ganz anders verhaͤlt es ſich mit der jungen Gattin. Dieſe traͤgt, als Braut, zum letzten Mal in ihren Haaren den jungfraͤulichen Schmuck; nicht um von der Roſe Abſchied zu nehmen, welche noch ferner fuͤr ſie duftet, ſondern weil die Blumen ihr nicht mehr alles das ſeyn duͤrfen, was ſie bisher waren. Von nun an, wenn ſie einge⸗ denk iſt ihres hoͤheren Berufes, geht ſie, als Hausmutter, uͤber die ergiebige Wieſe, die mehr als bunte Farben ihr zeigt, laͤßt von der ſchwan⸗ kenden Aehre ſich an ihre Vorrathskammer erin⸗ 57 nern, und ſo gewaͤhrt ihr der Anblick der lachen⸗ den Natur, da wo mit jeder Freude wirthſchaft⸗ liche Sorge ſich paart, einen doppelten Genuß. Meinen Sie nicht, meine Theuerſte, daß wir, in ſolcher Hinſicht, den Aehrenkranz waͤhlen ſoll⸗ ten, um die zur Gattin gewordene Braut zu ihren neuen Pflichten damit einzuweihen? Er koͤnnte ſie lehren, wie noͤthig es ſey, von den Bedurfniſſen des Lebens die bloßen Verzierun⸗ gen desſelben wohl zu unterſcheiden, und ſich mit dieſen nicht eher zu beſchaͤftigen, bis man jenen volle Genuͤge geleiſtet habe. „Woher aber”, fragen Sie,„nehmen wir Aehren, wenn unſere Scheunen leer ſtehen, und die Saat erſt zu keimen beginnt? Welche Ver⸗ lobte wird, aus Verlangen nach einem Kranze, zu ihrer Verbindung den Herbſt erwarten 2“ Freylich wird keine das; allein ſie ſollten es alle; nicht wegen der Ehre, unter den Bekraͤnzten zu ſeyn, ſondern wegen der Jahreszeit, die zur Schließung eines ſo wichtigen Buͤndniſſes die ſchicklichſte iſt. Der Fruͤhling iſt die Jahreszeit der Liebe, nicht der Ehe; der Liebe, welche Violen und Hyacinthen als Unterhaͤndler ge⸗ braucht, die Nachtigall um ihre Fuͤrſprache bit⸗ tet, gern mit dem Zephyr ſich beſpricht, und 58 murmelnder Quellen, ſchattiger Lauben nicht entbehren kann. Dagegen reden die Verlobten mit einander ohne Dolmetſcher, haben dem ver⸗ ſchwiegenen Thal kein Geheimniß anzuvertrauen, noch in irgend einer daͤmmernden Grotte ihre Thraͤnen oder Kuͤſſe zu verbergen. Wenn der Lenz, mit ſeinen Knoſpen, ein liebendes Paar zur Hoffnung ermuntert, ſo macht der mit Fruͤch⸗ ten beladene Herbſt diejenigen, die, als unzer⸗ trennliche Gefaͤhrten, unter ſeinen Baͤumen wan⸗ deln, aufmerkſam auf die Wonne, welche jeder nuͤtzlichen Arbeit folgt. Moͤgen ſpaͤter die welk⸗ gewordenen Blaͤtter abfallen und rauhe Winde mit ihnen ſpielen! Die Bruſt des Mannes ſoll geſtaͤhlt, das Weib vorbereitet werden zu kuͤnfti⸗ gen Drangſalen; beyde ſollen fuͤhlen, was es heiße: Gemeinſchaftlich dulden und einander nicht verlaſſen bis in den Tod. Selbſt die auf⸗ ſteigenden Nebel alsdann gleichen den dunkeln Ahndungen, womit die kuͤrzlich Vermaͤhlten hin⸗ aus blicken in ihr bevorſtehendes Schickſal. Und der kuͤrzere Tag gewoͤhnt die Gattin an Haus und Herd; und an der Seite deſſen, dem ſie zur Gehuͤlfin dient, empfindet ſie das Gluck des Beyſammenſeyns um ſo lebhafter, je lauter in naͤchtlichen Finſterniſſen der Nord um ihre Fen⸗ ſter heult. 59 Sie, meine Freundin, waren ſchon im Bluͤ⸗ thenmonde mit Ihren jetzigen Pflichten zu be⸗ kannt, als daß Sie noͤthig haͤtten, ſich vom Herbſte darin unterrichten oder beſtaͤrken zu laſ⸗ ſen. Ich theile Ihnen meine Vorſchlaͤge nur deßwegen mit, weil ich zu erfahren wuͤnſche, ob Sie dieſelben billigen. Auch dieſen Aehrenkranz bring' ich Ihnen nicht als belehrendes, ſondern als weiſſagendes Sinnbild. Ohne ihn wuͤrden Sie nicht minder jedes Tagewerk treulich vollen⸗ den, und, wenn die Feyerſtunde kommt, fuͤr dasjenige ſorgen, was uͤber das haͤusliche Leben Gefaͤlligkeit und Anmuth verbreitet; einer Schnit⸗ terin aͤhnlich, welche die letzte Garbe mit Korn⸗ blumen umſchlingt. 60 In der Laute Ton, zur hellen Floͤte, Zu der Leyer maͤchtigem Klang, Prieſen einſt, und preiſen mit Geſang Ganze Choͤre noch der Morgenroͤthe Holden, braͤutlichen Gang, Wie, hervor aus goldnen Thoren Schreitend, ſie die Erde gruͤßt; Wie, beym Tanze der freundlichen Horen, Thau von ihrem Purpurſchleyer fließt. Und wer ſaͤnge nicht Auroren? Jedes erwachende Thal im liederreichen May Zeuget, daß ſie werth der Hymne ſey. Aber laut vor Wonne ſchlagen Auch die Saͤnger des Hains, wenn Iris nie⸗ derſchwebt, Und, von Wetterwolken leicht getragen, Ihren glaͤnzenden Guͤrtel webt. A 61 Um getraͤnkte Wieſen wallen Kuͤhlende Luͤfte, leiſes Weh'n Saͤuſelt am Fuße der Hoͤh'n, Deren Gipfel noch vom letzten Donner hallen; Und die Sonne lacht Sanft hinuber in der Wolke Nacht, Wo befreundete Farben ſich miſchen, Sich der friedliche Bogen neigt, Und empor zu ihm aus allen Gebuͤſchen Dankender Jubel ſteigt. Nur die Stimme der Barden ſchweigt; Keine Leyer koͤnt im weiten Gefilde. „Keine Leyer? und wem toͤnte ſie? Einem leeren Strahlenbilde? Einem Schimmer, welcher nie, Gleich der Morgenroͤthe, Segen ſpendet, Labenden Thau der Erde ſendet Und das allernaͤhrende Licht? Seinen bald erloſchnen Farben Danken die gereiften Garben Ihre vollen Aehren nicht. Laß den bunt gemalten Schein Unſern Naͤchten Mondeshelle geben, Oder im Lenz die Flur beleben, Waͤrme der zarten Knoſpe verleihn! 62 Und der Wiederklang der Saiten Soll das Lied der Nachtigallen begleiten.“ Wende dich weg von ihnen, huͤlle dich ein, Iris, Tochter des Himmels! und ihr Unge⸗ weihten, Ruͤhmet nicht der kommenden Sonne Glanz! Wen die Natur zur heiligen Morgenfeyer Ruft, dem iſt ihr kleinſtes Laͤcheln theuer, Eines Liedes wuͤrdig jener Kranz, Der ſich ſpiegelt im Kryſtall der Quelle, Jenes Roſengewoͤlk, das auf des Baches Welle Man voruͤber zittern ſieht. Haͤtte je mit reinerem Feuer Euch der Muſe Geſang durchgluͤht, Euer Ohr geachtet auf der Leyer Siebenfach toͤnende Harmonie, Auf den Wechſel der Saiten, und wie, Schweſterlich, eine die andre verkuͤndet, Jetzt im tieferen Ton der hoͤhere ſchwindet, Alles ſich trennt und wieder findet, Alles ſich ordnet zu ſuͤßem Verein; O, der ſiebenfarbne Schein Wuͤrd' euch hoͤhere Dinge lehren; Staunen wuͤrdet ihr, und ehren Die geheimnißvolle Hand, Welche Strahlen und Sterne band, Und die Wunderkraft des Schoͤnen, Das, in Farben und in Toͤnen, Unſern Geiſt dem Staub entzieht, Neue Sinne weckt, das Herz erweitert, Und zur beſſern Liebe laͤutert, Bis auch dort ein Tempe bluͤht, Wo für uns die lind' umwehten Huͤgel keine Traube roͤthen, Keine Saat den Abendregen trinkt, Und kein Aſt mit ſchwellenden Fruͤchten winkt. Iris, milde Goͤttin! ſchwiegen Selbſt die kleinen Choͤre, die ſich hier Auf dem duftenden Zweige wiegen; Dennoch koͤnnte dir Frommer Einfalt Dank genuͤgen. Siehe den Schnitter, muͤhſam hingebuͤckt, Um ſein langes Tagewerk zu enden, Wie er nun, mit ſtill gefaltnen Haͤnden, In den Glanz der Friedenswolke blickt! 64 Glycere). Lamon. Warum denn, Glycere, wunderſt du dich eben heute uͤber meinen Beſuch, da er dich ſonſt nie befremdet? Glycere. Erraͤthſt du die Urſache nicht, guter Lamon? Lamon. Vielleicht, weil du vermuthet haſt, ich wuͤrde bey der Ausſtellung der Gemälde ſeyn und ab⸗ warten, wem die Richter den Preis zuerkennen? Glycere. Allerdings! Halb Sicyon iſt dort verſam⸗ melt; die Kunſtverſtaͤndigen ſahen lange ſchon dieſem Tage mit Sehnſucht entgegen, und ſogar auswaͤrtige Kuͤnſtler aus entfernten Gegenden ſind gekommen, dem Wettſtreite beyzuwohnen. Inſonderheit aber... du weißt, was ich ſagen will. o) Plin. Natur. Histor. L. XXI. c. 2. XXXV. II. 65 Lamon. Wie ſollt' ich es nicht wiſſen? Nehmen wir beyde doch an einem der Mitwerber um den Preis gleichen Antheil! Denn ſo zaͤrtlich du auch den Sohn des Brietes liebſt, ſo lieb' ich ihn nicht weniger. Seit dem Tode ſeines Vaters hielt ich ihn, wie meinen eignen Sohn, war immer bemuͤht, ſeinen Sinn auf das Schoͤne zu len⸗ ken, und wie oft biſt du Zeuge von meiner Freude geweſen, wenn er, dir gegenuͤber, die Kraͤnze, welche du wandeſt, mit dem Pinſel nachahmte, und mit der Natur und mit dir wett⸗ eiferte. Glyeere. Noch dazu haͤtt' er, ohne deine Aufforderung, kein Preisgemaͤlde verfertigt. Lamon. Eben darum blieb ich aus der Kunſtſchule weg, und begab mich zu dir. Ich fuͤhlte mich nicht weiſe genug, der Verſammlung zuerſt meine Ungeduld, und dann, wenn unſer Pauſias von einem andern uͤbertroffen wuͤrde, meinen Schmerz zu verbergen. Jene haͤtt' einem Mann in meinem Alter nicht geziemt, und durch dieſen haͤtt' ich dem, welcher den Vorzug erhalten, wehe ge⸗ than. Neben dir wird es mir leichter, auf den Ausgang zu harren.. Jacobi's Werke, Iyv, 3 Glycere. Du haſt doch jemanden hingeſandt, der uns unverzuͤglich Bericht erſtattet? Lamon. Niemanden, weil ich auf dich rechnete. Ohne Zweifel ſteht deine kleine Gehuͤlfin ſchon auf der Lauer. Glycere. Sie ſollte wohl; aber ich befahl ihr, noch einige Blumen zu holen, die zur Vollendung die⸗ ſes Kranzes mir fehlen; und nun bleibt das un⸗ beſonnene Maͤdchen mir aus. Lamon. Ein herrlicher Kranz, wuͤrdig, daß ihn die Liebe demjenigen aufſetzet, welchen die Muſe der Kunſt mit dem ihrigen kroͤnte! Glycere. Moͤge nur den, dem ſie beyde zu Theil wer⸗ den, nicht der letztere gegen den erſteren gleich⸗ guͤltig machen! Lamon. Welch ein Zweifel, Glycere! Hat dir Pau⸗ ſias je. Aber da iſt Pyrrha mit den Blumen! Pyrrha. Die nicht immer ſo leicht zu finden als zu flech⸗ ten ſind. Ich habe lange geſucht. Die mehrſten 67 haͤngen ſchon in der Sonne die Koͤpfe, und die boͤſen Kaͤfer, der Mehlthau—. Glycere. Laß es gut feyn, Pyrrha, und eile jetzt, wo⸗ hin ich dir ſagte! Bring' uns bald eine frohe Botſchaft! Pyrrha. Iſt es eine frohe, ſo weißt du, daß nie⸗ mand beſſer laufen kann, als ich. . Lamon. Erklaͤre mir nun, Glycere, deine Beſorgniſſe wegen des Pauſias, als waͤre es moͤglich, daß er, ſtolz auf ein gekroͤntes Gemaͤlde„ deine Kraͤnze weniger achtete. Zaͤhlt ihn nicht Grie⸗ chenland ſeit mehreren Jahren zu ſeinen beruͤhm⸗ teſten Kuͤnſtlern, und wann hat das Gefallen an Ehre das Gefühl der Liebe in ihm geſchwaͤcht? 4 Glycere. 4 Ich muß geſtehen, daß ich uͤber den Pauſias nie zu klagen hatte. Noch gedenk' ich mit Ruͤh⸗ rung der Zeit, da ich, aͤrmer als jetzt, ohne Gehuͤlfin, ſelbſt umher zu gehen, genoͤthigt war, um meine Blumenſtraͤuße oͤffentlich zu ver⸗ kaufen, wie er meinen tadelloſen Sitten einen ſo hohen Werth beylegte, daß er mich nicht weniger ehrte, als liebte, und ich an feiner Seite die 68 Niedrigkeit meines Standes vergaß. Und wie groß war in ſeinen Augen mein kleines Talent, die Blumen zu ordnen! Er glaubte wirklich, die Blumenmalerey von mir gelernt zu haben, und erhob dann und wann meine Kunſt uͤber die ſeinige. Lamon. Letzteres hab' ich oft von ihm gehoͤrt. Meine Tafeln ſagt' er— wie todt gegen ihre Blumen⸗ gewinde, und der Genuß, den ſie darbieten, wie ſelten; indeß Glycere mit ihrer Arbeit taͤglich neue Freude giebt, und man bey allen Auftrit⸗ ten des Lebens ihrer Haͤnde bedarf! Bald iſt es ein Juͤngling, der einen Kranz an der Thuͤr ſei⸗ ner Geliebten befeſtigen will; bald ein Braut⸗ paar, das in demſelben ſich ewige Treue gelobt; hier kuͤhlet er die Stirn des Gaſtes, wenn die⸗ ſer dem Rebengott ein Lied anſtimmt, und dort traͤgt ihn der weinende Sohn auf das Grab ſei⸗ nes Vaters. Unbekraͤnzt hoffet das Schiff keine gluͤckliche Fahrt, und einige Lorberblaͤtter, um das Haupt des Verdienſtes geflochten, haben ſchon manche jugendliche Bruſt zu Heldenthaten beſeelt. Ein ehrwuͤrdiges Amt, das Seinige zum Ausdrucke der reinſten, heiligſten Empfindun⸗ gen beyzutragen, oder auch nur die Scene da zu 69 ſchmuͤcken, wo Menſchen ihres Grams vergeſſen, und den Ort feyerlich zu machen, wo ſie einer frommen Trauer ſich dahin geben! So ſagte Pau⸗ ſias, und es waͤre mir leid, wenn er anders zu reden anfinge. Glycere. Anders geredet hat er noch nicht; aber ſeit⸗ dem er die Hand an das Preisgemaͤlde gelegt, iſt er mir raͤthſelhaft geworden. Er kommt, will mich gruͤßen, wie gewoͤhnlich, thut es auch mit eben der Freundlichkeit; allein ſeine Miene ver⸗ raͤth, daß er etwas zu verheimlichen hat. Dann ſieht er aufmerkſam mich an; nicht mit dem mir bekannten Blicke der Liebe, ſondern wie er eine Bildſaͤule betrachten wuͤrde, um ſie als Kuͤnſtler zu beurtheilen. Ploͤtzlich ſpringt er auf und ent⸗ fernt ſich. Von ſeiner letzten Arbeit erfuhr ich nichts, als daß er den Fruͤhling male, und, weil es um einen Preis zu thun ſey, keinen fremden Rath annehmen, folglich die auf ſeiner Tafel angebrachten Blumen mir nicht zeigen duͤrfe. Jeder weiteren Frage wich er aus, oder beant⸗ wortete ſie mit einem bloßen Laͤcheln. Lamon. Mit dieſem kann auch ich nur auf alles das antworten, was du aus dem Betragen des Pau⸗ ſias herausgekluͤgelt haſt. Glaube mir! Die Au⸗ gen eines liebenden Maͤdchens ſehen ſcharf, aber doch in gewiſſen Faͤllen unrichtig. Vor Abend noch wird dein Geliebter gerechtfertiget ſeyn. Glycere. Deſto beſſer! Nur verarge mir bis dahin meine Zweifel, oder, wenn du willſt, meine Grillen nicht. Ich beſorge, daß dem, in ſeiner Kunſt immer vollkommner gewordnen Pauſias das arme Maͤdchen, das, ohne irgend eine Regel, auf ein Gerathewohl ſeine Blumen zuſammenbindet, nicht mehr ſo erſcheint, wie ſie der erſte Zauber der Liebe ihm entgegen fuüͤhrte. Ach! und wenn erſt die Meinung von der Geliebten zu ſinken anfaͤngt, ſo iſt es bald um die Liebe geſchehen. Lamon. Du haſt Unrecht, Glycere! Pauſias iſt zu tief in die Geheimniſſe des Schoͤnen eingedrungen, um nicht zu wiſſen, daß einem die Regeln deſ⸗ ſelben gegenwaͤrtig ſeyn koͤnnen, obwohl man keine Rechenſchaft davon zu geben im Stande iſt. Mit deinem eben vollendeten Kranze wollt' ich in die Kunſtſchule gehen und durch ihn allein die zur Verfertigung jedes ſchoͤnen Werkes erfor⸗ derlichen Regeln deutlich machen. Glycere. Du ſcherzeſt, Lamon! Lamon. Keineswegs! Siehe! Die Blumen hier ſind weislich gewaͤhlt und ſchicklich geordnet; mit den kleinern wechſeln die groͤßern ab, und dunkle Far⸗ ben ſind den helleren entgegen geſetzt; jedoch ſo, daß der Abſprung nicht ſo ſchnell iſt, ſondern das Auge von jenen zu dieſen allmaͤhlich hinuͤber gleitet. Ungeachtet ihrer Mannigfaltigkeit, befin⸗ den ſie ſich neben einander in der lieblichſten Ein⸗ tracht. Ueberdem gabſt du dem Kranze Reichthum ohne Ueppigkeit; denn nirgend moͤchte man ein Blumchen hinweg, und nirgend eines hinzu wuͤn⸗ ſchen. Auch wird das kleinſte nicht von ſeinem Nachbar verdraͤngt; vielmehr vereinigen ſich alle.. Pyrrha. Froͤhliche Botſchaft! Froͤhlicher, als wir ſie erwarteten! Glycere. Alſo hat Pauſigs... Pyrrha. Hoͤre nur! Kaum war ich dort angelangt, als voon allen Seiten ein Geſchrey ertoͤnte. Glycere! riefen ſie: Glycere, die Kranzwinderin! Lautes Haͤndeklatſchen folgte, und abermals rie⸗ 72 fen ſie: Glycere! daß der angrenzende Platz davon wiederhallte.. Glycere. Goͤtter! Was war es? Lamon. Sey ruhig! Pyrrha. Denke dir mein Erſtaunen, meinen Schrecken! Die Kniee wankten mir, ich erblaßte. Der Blu⸗ menfreund Lygdamon nahm es wahr, redete mir zu, fuͤhrte mich durch das Gedraͤng' und ſtellte mich vor die Tafel des Pauſias hin. Was meinſt du, daß ich erblickte?— Dein Bild! Die Augen ſprachen, die Lippen ſchienen ſich zu oͤffnen; es athmete; es lebte!— Du ſitze ſt da, lachend wie der Fruͤhling, mit einem Kranze in der Hand.— Ehe noch die Richter den Aus⸗ ſpruch thaten, ſchrien alle: Pauſias hat ge⸗ ſiegt! Den Preis dem Pauſias! Selbſt die Mitwerber ſtimmten den übrigen bey, und wehe den Richtern, haͤtten ſie anders geſprochen! Lamon. Faſſe dich, Glycere! Bereite dich vor! Pau⸗ ſias wird nicht lange zoͤgern.— Und dann bringe, fuͤr dein Mißtrauen, der beſſeren Venus und den Grazien ein Verſoͤhnungsopfer! Glycere. Lamon, guter Lamon! Sey du nur mit mir zufrieden! Die Goͤttinnen zuͤrnen nicht, ihnen iſt bewußt, mit welchem Herzen ich zu dieſem Kranze die erſte und die letzte Blume nahm.— O wie demuͤthig ſeh' ich jetzt auf mein vergaͤngliches Werk herab! O der goͤttlichen Kunſt des Pau⸗ ſias, die nicht allein den welkenden Roſen Un⸗ ſterblichkeit verleiht, ſondern ſelbſt das Andenken an unſre Liebe verewigt. Der Storch und die Lerche*). Auf einer alten Eiche ſoß Im ſichern, dornumzaͤunten Neſte Ein Storch; ſein helles Auge maß Die Felder weit umher, als unter ihm die Aeſte Sich ploͤtzlich regten, Laub und Gras Und Aehre lispelnd an zu wogen, Der Tanne Wipfel an zu rauſchen fing, Geſenkte Wolken ſchneller zogen, Und uͤber Bergen ſchon ein naͤchtlich Dunkel hing. Und lauter wirds im Thal; es heulen Die Waͤlder, die der Sturm zerbricht; Geſchwunden iſt das letzte Daͤmmerlicht, Der Himmel ſelbſt; mit Angſtgeſchrey erfuͤllet Das Wild den bangen Forſt; der Stier der Weide 8 bruͤllet; Entflohne Hirten treibt der Schrecken vor ſich her; In keinem Buſche weilt das Volk der Luͤfte mehr. *) Plin. Epist. L. VI. E. 20, Den Aufruhr aller Elemente Sah unſer Storch mit der gewohnten Ruh; Auch eilten ſeiner Burg die kleineren Voͤgel zu, Als ob den Fluͤchtling da kein Unfall treffen koͤnnte. Ihr Hoffen trog ſie nicht; dem hundertjaͤhr'gen Haupt Der Eiche ward kein Blatt geraubt, Und freundlich uͤberſtrahlt, ſo bald die Winde ſchweigen, Das unverſehrte Neſt ein ſtilles Abendroth. Wie huͤpfen nun die Saͤnger auf den Zweigen Des Baums, der ihnen Rettung bot!“ Ein jeder preiſet ſein Geſchick, Und kehrt mit lautem Sang in ſeinen Wald zuruͤck. Nur eine Lerche blieb, und fragte: Was konnte, Vater Storch! indeſſen alles zagte, So maͤchtig deinen Muth erhoͤhn? Den kuͤhnen Reiger ſelbſt, ihn hat man zittern ſehn. Auch ich, erwiedert unſer Held: Ich war nicht immer der Beherzte, Dem ſich umſonſt die Wetterwolke ſchwaͤrzte; Heut aber ſchien die weite Welt Zu ihrem Ende ſich zu neigen; 76 Und iſt es nicht, ſogar dem Feigen, Ein Troſt, wenn er am Ziele ſteht, Daß mit ihm Erd' und Himmel untergeht? Dieß waͤre Troſt? verſetzt die Lerche: Vielleicht fuͤr hocherfahrne Stoͤrche; Für kleine Liederſaͤnger nicht. Mir lindert einſt den Tod die ſuße Zuverſicht, Daß hier, wo Haine mich und Fluren uͤberleben, Nach mir die Lerchen noch ſich liebend Antwort geben, Noch manche ſich dem Wajzenfeld' entſchwingt, Dem ſpaͤten Wandersmann Vergeſſenheit der Sorgen Und Pfluͤgern oft am fruͤhen Morgen Aus heitern Luͤften Freude ſingt. 1 — 1 Der Sperling. Eine Romanze ²). Was fiattert da? Was eilet, Zur Zeit der Ruh, Von Winden laut umheulet, Dem Fenſter zu? Iſt's meine Lerche? Hat vielleicht Das Nachtgewitter ſie geſcheucht? Verletze nicht die Fluͤgel! Komm, gutes Thier! Geoͤffnet ſind die Riegel; *) Als ich die vorhergehende Fabel eben vollendet hatte, und über der Nachtmahlzeit mit den Mei⸗ nigen davon ſprach, zog ein heftiges Donnerwet⸗ ter berauf, während deſſen ein Sperling, der dem Lichte nachgeflogen war, Schutz bey mir ſuchte. Das ſonderbare Zuſammentreffen der Umſtande mußte nothwendig mich überraſchen, und die Er⸗ ſcheinung erhielt durch ihre Aehnlichkeit mit dem Inhalt der Fabel ein gewiſſes Intereſſe. So entſtund dieſes Gedicht. Komm naͤher mir!— Ein Sperling? Nur ein Sperling? Wer, Du Abenteurer, wies dich her? Wenn hier ein Dichter wohnet, Der, ſelbſt umringt Von Freuden, gern verſchonet, Was lebt und ſingt, So zaͤhlteſt du doch ſicherlich Nie zu den Virtuoſen dich. Indeß der Lerche Triller Empor ſich hebt, Der Sang des Haͤnflings ſtiller Dem Buſch entſchwebt, Wodurch erwirbſt du gleiches Recht? Was adelt dich und dein Geſchlecht? Daß euch, nach Dichterſagen, Mit eigner Hand Ein Amor an den Wagen Der Venus ſpannt? Die Venus, die mit Spatzen faͤhrt, Iſt nur gemeiner Lieder werth. Ihr toͤnt aus Myrthenlauben Das beßre Lied, Wenn ein Geſpann von Tauben Die Goͤttin zieht, Von Tauben, die der Unſchuld Hain Durch ihre Kuͤſſe nicht entweihn. Wohl lebt im Grabe laͤnger, Als mancher Held, Der Sperling, deſſen Saͤnger Noch jetzt gefaͤllt; Allein was lobt die Muſe nicht, Wo Liebe ſuͤßen Lohn verſpricht? Eatull ſtimmt ſeine Leyer Zur Klage da; Ihm wird ein Sperling theuer; Denn Lesbia Hat ſich um ihren kleinen Freund Die ſchoͤnen Augen roth geweint. Ruͤhmt auch ein Minneſinger Der ſpaͤtern Zeit, Daß ſpielend euch den Finger Sein Maͤdchen beut 2*) Den wilden, ſchlauen Kirſchendieb Hat unter uns nicht Eine lieb. *) Cui primum digitum dare adpetenti Et acres solet incitare moxrsus. CATULr. 80 Zwar eure Diebereyen, Die ſollten wir Am willigſten verzeihen; Wo faͤndet ihr Ein eignes Feld, da Berg und Thal Uns nicht genuͤgt zum Schwelgermahl? Wir holen aus den Luͤften, Mit Netz und Bley, Aus Meer und Felſenkluͤften Uns Raub herbey; Warum denn wird ein Koͤrnchen Saat, Das ihr uns nehmt, zur Frevelthat? Wer iſt es, dem ihr buͤßen Die Suͤnde ſollt? Er, den die Voͤgel gruͤßen So lieb und hold, Der aber ohne Reue wuͤrgt, Was friedlich ſich im Neſte birgt? Der ihre Brut entwendet Der Nachtigall, Des Finken Auge blendet, Und uͤberall, Wo ſich im Laub' ein Paͤrchen regt? Betriegriſch lockt und Schlingen legt? Bleib', armer Spatz, verweile Bis Morgen hier; Mein ſichres Obdach theile Ich gern mit dir; Des Gaſtrechts unverjaͤhrten Brauch Halt ich dem kleinſten Sperling auch. Und biſt du gleich nicht zuͤnftig Im Saͤngerchor, So zwitſchre mir doch kuͤnftig Dein Liedchen vor, Das mich durch keinen Mißlaut ſtoͤrt, Weil dich's Natur und Freude lehrt. Oft hat, wenn auf den Zweigen Mit Schnee bedeckt, Die Voͤgel alle ſchweigen, Es mich geweckt; O zwitſchre fort! Du ſingſt mir gut Genug; doch ſey auf deiner Huth! Geheime Tuͤcke warten. Die Flinte wacht! Vor meines Nachbars Garten Nimm dich in Acht! Gieb nicht, mit leichtem Sperlingsſinn, Dein Gluͤck fuͤr eine Kirſche hin! 3* 84 An Herrn Dr. J. H. Detmoldt in Hannvver. Unter Ihren mir zugeſchickten Ideen, die mir alle willkommen waren, hat die zweyte: Ueber die mit dem Alter zunehmende Lebens⸗ anhaͤnglichkeit, mich vorzuͤglich aufmerkſam gemacht. Ich fand dieſelbe, je laͤnger ich daruͤ⸗ ber nachſann, deſto intereſſanter und reichhaltiger, und ſie erzeugte in mir gewiſſe andere Ideen, die ich Ihnen oͤffentlich mittheilen will; oͤffent⸗ lich, weil mir daran gelegen iſt, mehrere Ur⸗ theile uͤber dieſen Gegenſtand zu hoͤren. Mei⸗ nem eigenen traue ich dann am wenigſten, wenn ich bey der Erklaͤrung einer Sache nicht ſo viele Schwierigkeiten finde, als diejenigen, mit deren Forſchungsgeiſte ich den meinigen nicht vergleichen darf. Außerdem haͤngt die Aufloͤſung Ihres Problems von pſychologiſchen Erfahrungen ab; weßwegen ich nicht allein Seelſorger und Aerzte, ſondern auch die Alten ſelbſt, welche dergleichen 83 zu liefern im Stande ſind, um die ihrigen bit⸗ ten moͤchte. Vor allen Dingen iſt es noͤthig, daß wir die Thatſache, die, als Charakterzug der Alten an⸗ genommene, ſtaͤrkere Liebe zum Leben, außer Zweifel ſetzen. Sie zu laͤugnen, waͤre paradox; follte ſie aber wohl ſo ausſchließlich, ſo allgemein dem hoͤheren Alter beygelegt wer⸗ den koͤnnen, inſonderheit die Lebensbegierde der Jugend in dem Grad uͤherwiegen, wie man gewoͤhnlich vorgiebt? Sollte wohl nicht der be⸗ jahrte Mann oft mehr am Leben zu hangen ſcheinen, als er wirklich daran haͤngt? Hier ſtoßen mir wichtige Bedenklichkeiten auf. Furs erſte duͤnkt es mich, daß man nicht ſel⸗ ten Todesfurcht mit der Liebe zum Leben ver⸗ wechſelt, da doch zwiſchen beyden ein merklicher Unterſchied iſt. So wie— um mich eines ein⸗ faͤltigen Gleichniſſes zu bedienen— das Maͤdchen, das den groͤßten Theil ſeiner Reitze von den Zaͤh⸗ nen erhaͤlt, keinen derſelben verlieren mag, und eher die heftigſten Schmerzen erduldet, indeß eine andere den Zahn, welcher ihr Leiden ver⸗ urſacht, willig hingaͤbe, wenn ſie nicht den Augenblick des Ausreißens fuͤrchtete, ſo zittern einige vor dem Sterben, weil das Leben, auch 84 das muͤhſeligſte, ihnen uͤber alles theuer iſt, und andere gingen getroſt in die Ruhe, wuͤrden ſie nicht durch den Gedanken an den letzten Kampf, an Grab und Verweſung zuruͤckgeſchreckt. Nun kann ich mich nicht uͤberreden, daß eine ſolche Todesſcheu viel haͤufiger und ſtaͤrker im ſpaͤteren Alter ſollte angetroffen werden, als in der Bluͤthe der Johre. Welche Klagen finden wir nicht bey den Dichtern aller Voͤlker und aller Zeiten, über die Nothwendigkeit zu ſterben! Wie ſehr iſt der Euphemismus von jeher, um den Tod zu be⸗ zeichnen, auf mildernde Ausdruͤcke bedacht ge⸗ weſen, und wie ſorgfaͤltig haben griechiſche und roͤmiſche Künſtler von der Abbildung desſelben alles Schauderhafte zu entfernen geſucht! Mit eben dem Fleiße ſammelten Dichter und Morali⸗ ſten und ſammeln noch, was ihnen Vernunft und Phantaſie von Troſtgründen darbeut, damit ſie ſich und ihren Zeitgenoſſen das zu erwartende letzte Stuͤndlein verſuͤßen. Die mehrſten thaten und thun dieſes in der vollen Kraft ihrer Jugend, oder doch vor dem Abend ihres Lebens, und ihre Bemuhungen ſind weniger dem bereits am Grabe ſtehenden, als dem noch genußreichen Alter gewidmet. Setzen Sie die Bewunderung hinzu, die es erregt, wenn einer, deſſen Fruͤh⸗ 85⁵ ling erſt begonnen hat, dem gewiſſen Tode gleich⸗ muͤthig ins Auge blickt. Bis auf den heutigen Tag iſt mir das Wort eines beguͤterten, von jedermann ge⸗ achteten Junglings unvergeßlich geblieben, welcher, als ich noch ein Knabe war, auf einer Reiſe durch den Umſturz des Wagens toͤdtlich verwundet, in ein ſchlechtes Bauerhaus gebracht wurde.„ Sie kom⸗ men“, ſagte der Beſitzer desſelben„„in eine kleine Huͤtte“— Groß genug zum Sterbenl!l ver⸗ ſetzte jener, und gab bald nachher den Geiſt auf. Dieſes Wort erzaͤhlte man ſich im ganzen Lande, mit dem jedesmaligen Zuſatze: Man habe nie ein aͤhnliches aus einem ſo jugendlichen Munde gehoͤrt. Wenn ich meine eigenen Beobachtungen durchgehe, ſo weiß ich ungefaͤhr eben ſo viele junge Leute, die auf dem Sterbebette, ſo lang ihnen Beſonnenheit blieb, ſich kleinmuͤthig zeig⸗ ten und gegen ihr Ende ſich ſtraͤubten, als be⸗ tagte Maͤnner, welche mit der groͤßten Gelaſſen⸗ heit zu dem Abſchied aus der Welt ſich anſchick⸗ ten, und ihre Familienangelegenheiten ſo ruhig beſorgten, als ob es um eine kurze Trennung von den Ihrigen zu thun waͤre. Was die eigentliche Lebensanhaͤnglich⸗ keit betrifft, ſo ſcheint mir dieſelbe, mit weni⸗ gen Einſchraͤnkungen, eben ſo wie die Todes⸗ 86 furcht, in jeglichem Alter gleich maͤchtig zu ſeyn. Was der Menſch hat, giebt erfuͤr ſein Leben, iſt ein uraltes Sprichwort. Und laͤßt ſich nicht dasjenige, was Sie von dem Unge⸗ mache der letzten Jahre ſagen, auf die Muͤhſelig⸗ keiten des Lebens uͤberhaupt anwenden? Wie oft, auf wie mancherley Weiſe iſt es geſagt und wiederholt worden, daß der Schoͤpfer, um uns an dieſes mit Jammer durchflochtene Leben zu feſſeln, die jeden andern Trieb uͤberwaͤltigende Liebe zum Daſeyn tief in unſer Innerſtes gelegt hat! Und giebt es nicht unzaͤhlige Faͤlle, wo dieſer Trieb, in ſeiner moͤglichſten Staͤrke, dem Juͤnglinge und dem zum Manne Gereiften voll⸗ kommen ſo unentbehrlich iſt, wie dem abgelebten Greiſe. Ich moͤchte ſagen, noch unentbehrlicher. Dem Greiſe, wenn er, mit harten Arbeiten ver⸗ ſchont, ohne Nahrungsſorgen, nur von den Beſchwerden des Alters gedruͤckt wird, ihm muß das Leben ertraͤglicher ſeyn, als dem juͤngeren Negerſclaven, der, bey der elendeſten Koſt, un⸗ ter einem tyranniſchen Herrn, von Morgen bis Abend uͤber ſeinen Ruͤcken die Geißel hoͤrt, und vor dem jede Ausſicht in eine beſſere Zukunft ſich ſchließt; als dem armen Gebrechlichen, der rings um ſich andere, gleiches Alters mit ihm, 87 ihrer Jugend ſich freuen ſieht, und ſelbſt, mit Schmerzen beladen, an ſeinen Kruͤcken ein wenig trockenes Brot erbettelt; als dem Verſchwender, im Schooße der Wolluſt groß gezogen, und ihrer noch nicht entwoͤhnt; aber ohne Haus, ohne Habe, gepeinigt durch das Andenken an das Ver⸗ gangene, von allem Troſte verlaſſen, weil ihm ſein Gewiſſen keinen gewaͤhrt.— Leider wird es Ihnen nicht ſchwer fallen, die Liſte dieſer Ungluücklichen zu verlaͤngern. Meine bisher Ihnen mitgetheilten Bemerkun⸗ gen haben mich auf den Gedanken gebracht, daß man den mehrſten Alten nicht eine groͤßere Todesfurcht oder Lebensbegierde zuſchreiben, ſon⸗ dern ſich begnuͤgen ſollte, zu behaupten, daß ſie jenes Gefuͤhl oͤfter und ſtaͤrker /aͤußern. Der Grund hiervon iſt leicht einzuſehen. Je aͤlter wir werden, deſto mehr zeigt ſich uns der Tod in der Naͤhe. Taͤglich erinnern uns an ihn die abnehmenden Kraͤfte, die ſtumpfer werdenden Sinne, das Hinſcheiden unſerer aͤlte⸗ ſten Freunde und Bekannten; und einſamer, abgezogener von der Welt, ahnden wir die Stille des Grabes, und der ohnehin langſamer wirkende Geiſt weilt bey dem Bilde, das ihm einmal vor⸗ ſchwebt. Hierzu kommen oͤftere Unpaͤßlichkeiten, 88 bey welchen der Greis die Schwaͤche ſeiner Natur fuhlt, die einem heftigeren Anfalle nicht mehr zu widerſtehen vermag. Der junge Mann hingegen ſieht den Tod in der Ferne. Mitten unter Freuden und Zerſtreuungen, unter weit ausſehenden Entwuͤrfen, immer neuen Erwar⸗ tungen und Hoffnungen toͤnt ihm das Memento mori, das etwa eine Trauerpoſt, oder ein Kirch⸗ hof, oder ein elegiſches Lied ihm zuruft, ſo leiſe, daß es nur ſeine froheren Empfindungen mit einer wohlthuenden leicht voruͤbergehenden Schwermuth vermiſcht, und er darum nicht. weniger bey ſei⸗ nem Genuß und bey ſeinen Wuͤnſchen von Un⸗ vergaͤnglichkeit traͤumt. Wie der Geſunde die Geſundheit, ſo gebraucht der kraft⸗ und lebens⸗ volle Mann das Leben, ohne ſich mit dem Ge⸗ danken daran zu beſchaͤftigen, indeſſen der Greis, gleich einem Kraͤnkelnden, ſein animaliſches Le⸗ ben zu beobachten genoͤthigt wird. Sobald aber dem erſteren ein gefaͤhrlicher Huſten, ein merkli⸗ ches Abzehren des Koͤrpers die Vorſtellung von ſeinem Ende naͤher rückt, wird er ein eben ſo aͤngſtlicher Beobachter, wie der letztere. Sorg⸗ ſam unterſucht er ſeine Geſichtsfarbe, ſeinen Puls; forſcht im Auge der Freunde, in der Miene des Arztes, was ihm dieſe weiſſagen; ruft alles 89 herbey, um ſich ſelber zu taͤuſchen. Wenn er ehemals den Grabhuͤgel vor den darauf wachſen⸗ den Blumen nicht ſah, ſo deutet ihm jetzt die unſchuldigſte Roſe im Maͤdchenhaar auf die Staͤtte, wo er fuͤrchtet, daß man ihn einſenke. Hier alſo iſt die Urſache der Furcht nicht das Alter, ſon⸗ dern die Wahrſcheinlichkeit eines baldigen Todes; dieſe ſetzet den Juͤngling in den Standpunkt des Greiſes, darum aͤußert er eben dieſelben Em⸗ pfindungen. Ungeachtet alles deſſen raͤume ich ein, daß die Liebe zum Leben ſehr oft mit dem Alter zunimmt; allein, ohne mich uͤbrigens auf die Schaͤdellehre des Dr. Gall, inſonderheit auf die Unterſuchung einzulaſſen: Ob die von ihm entdeckten Organe als Urſache, oder als Wirkung gewiſſer Nei⸗ gungen und Faͤhigkeiten der Menſchen und Thiere anzuſehen ſind, kann ich mich nicht uͤberreden, daß der Grund jener Erſcheinung im Gehirne zu ſuchen ſey. Waͤre ſie daraus herzuleiten, ſo muͤßten, meines Erachtens, die Grade der Le⸗ bensanhaͤnglichkeit nicht ſo relativ ſeyn, und dieſes Relative ſich nicht aus der koͤrperlichen Beſchaffenheit des Alten, aus deſſen Gluͤcksum⸗ ſtaͤnden, aus mehrern phyſiſchen und moraliſchen Urſachen erklaͤren laſſen. Es kommt naͤmlich dar⸗ 90 auf an, ob der Betagte mehr oder weniger ge⸗ ſund, von Geſchaͤften frey oder thaͤtig, verlaſſen, oder von Kindern und Enkeln umgeben iſt; wie er ſein voriges Leben gefuͤhrt, ob er ein gutes oder boͤſes Bewußtſeyn in die ſpaͤtern Jahre mitgenommen hat, u. ſ. w. Inſonderheit hat man einen großen Unterſchied zwiſchen den gemei⸗ nen Buͤrgern und der gebildetern Klaſſe bemerkt; einen noch groͤßeren zwiſchen Stadt⸗ und Land⸗ leuten. Von letzteren haben die Pfarrer verſchie⸗ dener Gegenden mir verſichert, daß ſie im Alter mehrentheils ihrem Ende mit einer gewiſſen Gleich⸗ muthigkeit entgegen ſehen. Bey einigen geht die⸗ ſelbe ſo weit, daß ein Bauer in meiner Nach⸗ barſchaft den Seelſorger rufen ließ, um ihn zumm Tode zu bereiten. Als dieſer in die Stube trat, und ſich erkundigte, wo der Kranke waͤre, ſagte einer, der unter den Uebrigen da ſaß, und mit ihnen Kartoffeln ſchaͤlte:„Ich bin es; kommen Sie nur! Ich habe gedacht, ich muͤßte noch hel⸗ fen, ſo lang' ich koͤnnte; nun aber iſt es Zeit!“ Er empfing den Zuſpruch des Geiſtlichen, und in weniger als einer Stunde verſchied er*).— 0) Freylich behauptet Gall, daß öfters ein Organ dem andern entgegen arbeite und dasſelbe ſchwäche; 94 Kein Wunder, daß diejenigen, die ſo oft in den Mutterſchooß der Erde blickten, ſo manchen Baum abſterben ſahen, daß ſie nach und nach daran gewoͤhnt werden, ſich den Geſetzen der Natur, mit welcher ſie vertrauter als andere ſind, williger zu unterwerfen!— Wie aber koͤnnte ſolch ein Unterſchied ſtatt finden, wenn ein im Gehirne ſich entwickelndes Organ die Alten zur Anhaͤnglichkeit an das Leben gleichſam phyſiſch noͤthigte? Daß der Selbſtmord im Alter ſeltener iſt, giebt mir fuͤr die Gallſche Hypotheſe keinen Beweis; denn wird nicht, wenn erſt die Haare bleichen, auch das ſeltener, was jenen bewirkt? Da ſind nicht die aufbrauſenden Leidenſchaften der Ju— gend; nicht ihre vermeſſenen Forderungen, ihre zerruͤtteten Plane, ihr gekraͤnkter Stolz, noch die Verzweiflung des Schwaͤchlings, welcher ausge⸗ aber welches Organ ſollte, in dem hier ange⸗ führten Fall, die Lebensanhänglichkeit dermaßen vermindert, ich möchte ſagen, vernichtet haben? Das theoſophiſche war es nicht; denn, bey vorherrſchender Religioſität benimmt ſich ein Bauer, in ſeinen letzten Stunden, auf eine ganz andere Art. noſſen hat in den bluͤhendſten Jahren, in denen Hymen auf ihn, mit dem Hochzeitkranz und allen haͤuslichen Freuden, wartet! Iſt es uüberdem mehr zu verwundern, daß der mit mancherley Gebrechen behaftete Greis, der ſeiner Befreyung ſich naͤhert, daß er, zumal wenn er einen Rich⸗ ter jenſeits des Grabes anerkennt, vollends aus⸗ dauert, als daß ein zur Verbannung Verurtheil⸗ ter, Gebrandmarkter ſich nicht in den Strom ſtuͤrzt, uͤber den er gefuͤhrt wird, um in einem fremden Lande hülflos umher zu irren?— Sogar in dem Stande, welchen man vorzuͤglich den Stand der Ehre nennt, haben wir junge Anfuͤhrer ge⸗ ſehen, denen, bevor ſie vom Regimente gejagt wurden, der Buͤttel oͤffentlich ihren Degen ent⸗ zwey brach und vor die Fuͤße warf— und ſie lebten fort!— Dennoch wuͤrde ihr Gehirn nur eine ſchwache Delineation von dem Organ der Lebensanhaͤnglichkeit gezeigt haben! Eher, als der Gallſchen Meinung beyzu⸗ pflichten, wollte ich mit dem Aufſchluſſe derer mich behelfen, denen die Gewohnheit zu leben alles erklaͤrt. Schulz in ſeinen Apho⸗ rismen fuͤhrt aus einem franzoͤſiſchen Schrift⸗ ſteller folgendes, hierher Gehoͤrige, an:«La vie, pour un jeune homme, est comme une nouvelle 93 connaissance, qui lui platt, qui l'amuse; mais à laquelle il tient faiblement, et dont il se déta- che sans effort. A mesure que nous avançons en äge, elle est pour nous comme un ancien ami. Sa société est triste, son esprit n'a plus rien qui nous amuse, ses défaurs et ses infirmi- tés nous incommodent; mais nous l'aimons, et nous ne Pouvons la perdre sans regrets et sans douleur*).“ Zwar leiſtet auch dieſes mir nicht voͤllig Genuͤge; indeſſen iſt es unlaͤugbar, daß uns, nicht nur unſere Freunde, ſondern die meiſten Dinge durch langen Beſitz theurer werden. So, das Haus, das wir viele Jahre bewohnten; *) Jungen Leuten iſt das Leben wie eine neue Be⸗ kanntſchaft, die ihnen gefällt, die ihnen Freude macht; an der ſie aber nicht hangen, und von der ſie ſich ohne Mühe losmachen. Je höher wir aber im Alter ſteigen, deſto mehr wird das Le⸗ ben für uns ein alter Freund. Seine Geſellſchaft iſt ernſthaft, ſein Geiſt hat nichts unterhaltendes, ſeine Fehler und ſeine Kränkeleyen ſind uns lä⸗ ſtig; aber er bleibt uns lieb, und ſein Verluſt erweckt uns Bedauern und Schmerz.“ Apho⸗ rismen aus der Menſchenkunde und Lebensphiloſopie u. ſ. w. von Fried. Schulz. Erſtes Bandchen.§ 340. 94 ein lange getragenes, faſt abgenutztes Kleid; der Stab, der uns auf vielen Reiſen begleitete; ſelbſt, wenn es uns lange gedient hat, das un⸗ bedeutenoſte Hausgeraͤth. Wir brauchten dieſe Gegenſtaͤnde in ſo verſchiednen Situationen; es iſt, als haͤtten ſie mit uns ſich gefreut und mit uns gelitten; es knuͤpfet ſich daran ſo man⸗ ches angenehme, ſo manches ruͤhrende Andenken! Dieſe Liebe zu dem, woran wir uns, und was, ſo zu ſagen, an uns ſich gewoͤhnt hat, iſt der Jugend, deren Einbildungskraft raſch von einem zum andern uͤbergeht, und die nicht ſelten das beſſere Alte fuͤr Neues hingiebt, weniger eigen; allein je aͤlter und bedaͤchtiger wir werden, deſto ſchwerer wird uns jede Veraͤnderung. Der Greis will den wurmſtichigen zerriſſenen Lehn⸗ ſtuhl nicht miſſen, worauf er alt geworden; und es koſtet viel, ehe der Bienenvater des J. Paul ſeine plumpe Stundenuhr, mit der dicken Zeigerſtange, und dem ſchmutzigen Zifferbatte, gegen eine koſtbare Sekundenuhr vertauſchte. Daß, wie Goͤthe einwendet, viele Gewohn⸗ heiten mit der Zeit den groͤßten Theil ihrer Reitze vorlieren, iſt nur allzuwahr; doch wirft der ehr⸗ liche, an Kriegsoperationen gewoͤhnte Tobi, mit dem Invaliden Trim, kuͤmmerlich in ſeinem 95 Garten Batterien auf; und ein deutſcher Fuͤrſt ließ, kurz vor ſeinem Ende, ſich einen lebendigen Haſen ins Zimmer bringen, welchen er ſchoß, um die mit ihm zu Grabe gehende Jagdluſt zu büßen. Sehr leid iſt es mir, daß ich die Eunomia von Herrn Tiedge nicht bey der Hand habe, und Sie mir den Gedanken deſſelben in Ihrem Briefe nur andeuten konnten. Nach meiner Mei⸗ nung liegt viel Wahres darin:„Daß die Alten mit dem Leben geitzen, weil es ſich bald endi⸗ gen muß, gleich dem Trinker, der mit dem letz⸗ ten Reſte ſeiner Flaſche am ſorgſamſten iſt, da⸗ mit er ſich den Genuß moͤglichſt verlaͤngere.“ Goldfmith, welcher ſo tief und ſo unbefangen⸗ in das menſchliche Herz blickte, ſagt, in ſeinem veroͤdeten Dorf, ungefaͤhr eben daſſelbe:„In allen meinen Wanderungen durch dieſe Welt von Sorgen, in allen meinen Leiden.. hoffte ich immer, in dieſen ehrwuͤrdigen Huͤtten mich nie⸗ derzulegen, um meine letzten Stunden zu kroͤ⸗ nen, an dem Ende noch mit dem Licht des Lebens zu wirthſchaften, und die Flamme durch Ruhe zu erhalten*).“ *) Nach Schloſſers Ueberſeßung. 96 Nicht weniger merkwuͤrdig iſt mir eine Stelle des Montaigne, dieſes genauen Beobachters ſeiner ſelbſt. Nachdem er von der Art geredet hat, wie man des Lebens genießen ſoll, faͤhrt er fort:„Inſonderheit jetzt, da ich gewahr werde, von welcher kurzen Dauer das meinige iſt, will ich es ausdehnen im Gewicht. Ich will die Ge⸗ ſchwindigkeit ſeiner Flucht aufhalten durch die Geſchwindigkeit, womit ich es faſſe, und mir durch kraͤftigeren Gebrauch ſein eiliges Ablaufen verguͤten. Je kuͤrzer der Beſitz des Lebens, deſto inniger und voller muß der Genuß deſſel⸗ ben ſeyn.“**) Wir ſind einmal ſo beſchaffen, daß uns der Ueberfluß gleichguͤltig macht, und wir das von Vielem uͤbrig gebliebene Wenige, durch die Ab⸗ *) Principalement à cette heure, que j'appercoy la mienne si briefve en temps, je la veux estendre en poids: Je veux arrester la promptitude de sa fuite par la promptitude de ma saisie, et par la vigueur de l'usage compenser la hastiveté de son escoulement. A mesure que la possession de vi- vre est plus courte, il me la faut rendre plus profonde et plus pleine. Essais de Michel de Montaigne. L. 3. 97 nahme des Ganzen, hoͤher ſchaͤtzen lernen. Nicht ohne Noth laſſen wir einen der letzten ſchoͤnen Herbſttage unbenutzt; und mit welcher zaͤrtlichen Sorgfalt pflegen wir der einzelnen Obſtbaͤume, die der Froſt oder anhaltende Duͤrre, als die an⸗ deren zu Grunde gingen, allein verſchonte!“ Vornehmlich iſt folgendes in Erwaͤgung zu zie⸗ hen, worin ich einen Hauptgrund der Lebensan⸗ haͤnglichkeit der Alten ſuche: Daß wir einen doppelten Werth auf Gegenſtaͤnde ſetzen, die wir in Kurzem zu verlieren fuͤrchten. Da hebt die Vorſtellung ihres nahen Verluſtes ihre Vollkom⸗ menheit und Annehmlichkeit. Der Freund auf dem Krankenbette wird uns theurer; der Ort von dem wir uns trennen muͤſſen, zeigt uns, was er reitzendes hat, mit aufgefriſchten Farben in einem helleren Lichte. Suͤßer duͤnket der Strahl der Sonne, lieblicher der Mondesglanz demjeni⸗ gen, den alles erinnert, daß die ſichtbare Schoͤ⸗ pfung ihm bald auf ewig ſchwinden ſoll. Wenn ich mir hinzu gedenke, die Sorgen und Arbeiten ſo Vieler, durch eine lange Reihe von ſauern Jahren, um die Fruͤchte ihres muͤhevollen Lebens im Alter einzuernten; im gleichen die Entwuͤrfe, die Hoffnungen, die, von dem grauen Haar unverſcheucht, unſerm wankenden Schritte Jacobi's Werke. WV. 4 98 folgen, und in die Grube noch uns nachrufen, ſo bleibt mir in jener Erſcheinung nichts raͤthſel⸗ haftes mehr. Der Vater moͤchte ſeine Kinder ver⸗ ſorgt, der Großvater die Enkel aufwachſen ſehen. Nicht alle ſind ſo maͤßig, wie Montaigne, deſſen weitlaͤuftigſter Plan zuletzt nicht bis ans Ende des Jahrs reichte*); ſie legen den Grundſtein zu großen Gebaͤuden, laſſen Luſt⸗ gaͤrten abſtechen, und hoffen das, was erſt auf dem Riſſe ſteht, noch in ſeiner vollen Herr⸗ lichkeit zu ſehen. Mancher hat in ſeinem achtzig⸗ ſten Jahre des Reichthums, mancher der Ehre nicht genug. Ein gewiſſer Staatsmann erhielt, als er bereits ohne Hoffnung des Aufkommens darnieder lag, den ſo lange ſehnlich gewuͤnſchten Elephantenorden. Man mußte dieſen an ſeinem Bettvorhange befeſtigen, und er weidete die Au⸗ gen daran bis ſie brachen. Wenn die Liebe zum Leben, die den Greis be⸗ ſeelt, vielen unerklaͤrbar iſt, ſo ruhrt es haupt⸗ ſaͤchlich daher, daß dieſe, noch in ihrer Jugend, den bejahrten Mann nach ihren eignen Beduͤrf⸗ niſſen und Neigungen beurtheilen, und er ihnen *) Le plus long de mes desseins n'a pas un an d'estendue. Essais, L. 2. 99 weit ungluͤcklicher ſcheint, als er ſelber ſich fuͤhlt. Ich rede aus der Erfahrung; denn, obgleich der patriotiſche Moͤſer nicht zugeſtehen wollte, daß man mit ſechzig Jahren alt waͤre, ſo geben we⸗ niſtens meine zwey und ſechzig mir einiges Recht, vorauszuſagen, was die künftigen Jahre— ohne beſondre moͤgliche unfaͤlle, die nichts mit ihnen zu thun haben— mir ſeyn werden.— Aber ich haͤtte kaum die Haͤlfte dieſer Epiſtel vollendet, wenn ich alle die Verguͤtungen, die Troͤſtungen durchgehen wollte, die ein hoͤheres Alter mich ahnden laͤßt. Schon das Geſagte wuͤnſchte ich kuͤrzer; und wie ſollte ich, nach Cicero, mir getrauen, das Alter zu loben? Noch dazu wuͤr⸗ den Sie mir, eben ſo wie ich ihm, vorwerfen, daß es mit meiner Vertheidigung mir kein Ernſt waͤre. 100 Gluͤckwunſch eines alten gichtkranken Kochs, am Namensfeſte ſeines Herrn. Haͤtt⸗ an dem heutigen Tage ſo gern Ein Wort geſagt meinem gnaͤdigen Herrn; Doch wird mir nicht dieß Gluck beſcheert; Muß immer noch, anſtatt den Herd, Wie ſonſt perſoͤnlich zu regieren, Im Bette das Commando fuͤhren. Nun hoͤr' ich zwar, es ſey der Brauch Von manchem großen Feloͤherrn auch, Daß, ohne Gebrechen an Haͤnden und Fuͤßen, Wenn ſeine Krieger ins Feuer muͤſſen, Und Rauch und Kugelregen beginnt, Er nur von weitem die Schlacht gewinnt. Hoff' ebenfalls, nach Amt und Pflichten, Das meine ſo treulich zu verrichten, Durch ſtrenges Commando und lautes Geſchrey, 101 Als waͤr' ich mit eignen Augen dabey. Weiß wohl, daß keine kleinen Sachen Es ſind, als Koch ſich Ehre zu machen, Und ſtattlich zu feyern ein Gallafeſt; Denn moͤgen ſie aufs allerbeſt In Kleidern prangen, Saͤle zieren Und alles rings illuminiren, So bleibt es doch ein leerer Dunſt, Wenn ſich nicht zeiget die edle Kunſt, Den hohen Gaͤſten zum Ergoͤtzen Die Tafel reichlich zu beſetzen. An ihr ſieht man, wie, neu belebt, Sich mit dem Dampfe der Geiſt erhebt; Es ſteigt aus klug verwalteter Kuͤche, So wie der Speiſen Wohlgeruͤche, Für jeden Gaſt ein Theilchen Witz; Ein jedlicher faͤngt auf ſeinem Sitz Zu reden an von Concordaten, Von Laͤndervertauſch, und Torten und Braten; Weßwegen auch die weiſeren Alten Auf lange Bankette viel gehalten. Will alſo Dero Gnad und Huld Erflehn, nebſt fernerer Geduld Mit einem armen Invaliden; und, nun nicht laͤnger zu ermuͤden, Wuͤnſch' ich in tiefſter Ehrfurcht nur, 10²2 Daß jeder Fluch und jeder Schwur, Der, ſeit beynahe dreyßig Jahren, In Hochdero Dienſten mir entfahren, Zum reinſten Segen werde fuͤr Sie! Jedoch an Segen fehlt es nie Dem Hauſe, deſſen friedlich Herd So manchen Hungrigen genaͤhrt. Wie ich denn gelobe, nach dieſem Leben, Davon ein kraͤftig Zeugn iß zu geben, Dort, wo die Koͤche, ſammt allen Frommen, In die Reihe der Himmelsgaͤſte kommen, An Abrahams Tiſche ſitzen mit Ehren, Und die Tafelmuſik der Engel hoͤren. Der Poeten⸗Sitz. An Pfeffel. Freyburg, am 3. Oktober 1803. Da, deſſen Auge längſt geſchloſſen Dem ſüßen Sonnenlichte war, Dem keine Pflanze grünt, und keine Blumen ſproſſen, Der auf dem Grazienaltar Nicht mehr ſein eignes Opfer ſieht, Auf ſchönen Wangen nicht die Thräne, die ſein Lied Entlockte, nicht in Männerblicken, Bey ſeiner Muſe Scherz, das Lächeln, das Entzücken; Den aber doch der erſte Tag. Des Blüthenmondes, ungeſehen, Zur Freude ruft; dem Zephyrs leiſes Wehen, Der Lüfte Balmſamhauch, der frühen Lerche Schlag, Die Quelle, die ſich durch Gebüſche murmelnd windet, Der Käfer, der um junge Halme ſchwirrt, Und was in Wäldern ſingt und girrt, Das Brautfeſt der Natur verkündet; 104 Dir, mein Lieber, will ich ein kleines laͤndli⸗ ches Gemaͤlde widmen, die Schilderung eines Tages, deſſen Andenken ich fuͤr mich, fuͤr meine Freunde, und fuͤr die wenigen Andern aufbewah⸗ ren moͤchte, die, eben ſo wie wir, jeden frohen Anlaß benutzen, um ſich daraus ein Feſt zu be⸗ reiten. Und wer koͤnnte wohl ſolch ein Gemaͤlde freundlicher aufnehmen als Du? Denn ungeach⸗ tet des Schleyers, welcher die ſichtbare Welt vor deinen Augen verbirgt, achteſt du nicht allein auf die hoͤhere Stimme der Natur; ſondern auch die Reitze, welche ſie dem Sehenden enthuͤllt, macht deine Einbildungskraft Dir gegenwaͤrtig. Jeder melodiſche Laut, jedes Rauſchen und Lis⸗ peln, jeder Wohlgeruch, wodurch eine benach⸗ barte Blume ſich verraͤth, erzeugt ein Bild in Dir, welches Dich anlaͤchelt und von Dir ange⸗ laͤchelt wird. In voller Schönheit ſteht, mit allen ihren Farben, Die Schöpfung noch vor Deinem innern Sinn; Da rieſelt Dir, wie uns, das Bächlein ſilbern hin; Da grünt der Wald, da nicket zwiſchen Garben Dir traulich ihren Gruß die braune Schnitterin. Sieht deine Muſe doch auf unſern Luſtgefilden Die kleinſte Staude blühn, und weiß, ſie nachzu⸗ bilden! 10⁵ Durch Deinen Genius, der immer Dich umſchwebt, Iſt alles neben Dir befruchtet, alles lebt. Frohlockend läßt es ſich herab aus blauen Lüften Es theilt den Strom, und hüpfet auf den Triften; Aus Blumenkelchen holt es ſüße Beute ſich: 9 Freund was Athem hat, das athmet auch für Dich. Wie viele, wenn ſie Dich nur erzaͤhlen hoͤr⸗ ten, vergeſſen, daß die Gegenſtaͤnde, welche Du mit Deinem warmen, lebendigen Colorit ihnen darſtellteſt, ſeit Deiner Jugend Deinem Zlick entzogen waren! Und ich bin verſichert, daß meine jetzigen Schilderungen ſich Dir in einem helleren Lichte zeigen, als ich ſelbſt ihnen zu geben im Stande bin. Vor acht Tagen alſo machte ich mit den Mei⸗ nigen die zu dieſer Zeit gewoͤhnliche Luſtreiſe nach Heitersheim zu meinem Freunde Ittner), von dem, und von deſſen fuͤr die Kraͤuterkenner eben ſo intereſſanten, als fuͤr jeden, der uͤber Pflanzen und Blumen ſich freuen kann, hoͤchſt anmuthigen Garten ich mich oft mit dir unter⸗ *) Heitersheim war damals der Wohnſitz des Johanniter⸗Obriſtmeiſters in Deutſchland, wo Hr. von Ittner die Stelle des Ordenskanzlers bekleidete. 106 redete. Wegen ſeines Reichthums an auslaͤndi⸗ ſchen Gewaͤchſen, und wegen der in einem nicht allzugroßen Raum, jedoch ohne Verwirrung, an⸗ gebrachten Mannigfaltigkeit, iſt mir der Garten bey jedem Beſuche neu, und der Anblick der von allen Seiten winkenden Aeſte voll Mandeln, Feigen, Pfirſiche und Pflaumen jeder Gattung, inſonderheit derjenigen Obſtbaͤume, um deren Stamm, bis zu ihrem mit Fruͤchten beladenen Wipfel, ſich Reben mit den herrlichſten Trauben ſchlaͤngeln, muß nothwendig jedes Jahr dieſelbe Wonne gewaͤhren. Dieſes Mal uͤberraſchte mich der, nicht weniger gutherzige als ſinnreiche Ittner, der allem nachſpurt und alles auffindet, was ſeine Gaͤſte vergnuͤgen kann, mit einem erſt vor Kurzem, und zwar fuͤr mich angelegten Plaͤtz⸗ chen, das er den Poëts Corner, oder Poeten⸗ winkel nannte. An dem Abhange eines mit fremden Baͤumen beſetzten Huͤgels, iſt derſelbe von natuͤrlich zuſammengeſetzten Felſenſteinen ge⸗ bildet, und hat einen Sitz, uͤber welchen ein Hirſchholderbaum ein der Sonne undurchdringli⸗ ches Gewoͤlbe macht. Vor dem Sitze ſteht eine kanadiſche Pappel, deren Stamm, gleich einer ungeheuern Saͤule, uͤber vierzig Schuhe hoch, oben eine praͤchtige Krone hat, von großen, herz⸗ 107 foͤrmigen Blaͤttern umwachſen. Rechter Hand er⸗ hebt ſich eine, ebenfalls natuͤrlich zuſammenge⸗ ſtellte Pyramide von Tufſtein, aus deren Gipfel eine Yucca mit Aloeblaͤttern hervorragt. Die Pyramide iſt mit Epheu bewachſen; aus den Ritzen und Hoͤhlen des Tufſteinfelſens keimen verſchiedene Arten von Moos, die indianiſche Feige und mehrere ſeltene Pflanzen. In ihrer Nachbarſchaft ſieht man den wilden Oelbaum, deſſen weißgruͤne Blaͤtter gegen das dunkelgruͤne Laub der andern Baͤume ſeltſam abſtechen, ſo wie ſeine gelbe Bluͤthe in einem ſilberſchuppigen Kelch die ganze Gegend mir Wohlgeruch erfuͤllt; die rothe virginiſche Ceder, den Lebensbaum, eine Caroliniſche breitblaͤtterige Linde, eine praͤch⸗ tige Sophora aus Japan.— Kurz, man erkennt hier das Reich der Phantaſte, die aus allen Welttheilen Pflanzen und Baͤume zuſammenge⸗ tragen hat, kuhn und wunderbar in ihren großen Anlagen, und gefaͤllig in ihren kleinern Spielen. Mir pochte das Herz, wie dem Wettrenner, wenn er von den Schranken her, welche ſein jetziges Alter ihm verſagt, das Zeichen der Trompete hoͤrt, und der vormaligen beſſeren Zeiten ſich er⸗ innert. Ach! mein Gefühl iſt durch die Jahre nicht erkaltet; aber die Phantaſie meiner Jugend 108 iſt dahin! Mitten in der Freude uͤber das, was ich ſah, konnt' ich die leiſe Klage nicht zuruͤck⸗ halten: O du, die lächelnd, an der Hand Der jüngſten Muſe, ſchon bey meiner Wiege ſtand, Die mich als Kind, auf leichten Schwingen, Umtanzt von bunten Schmetterlingen, Den Schooß voll Blumen, weg in Zaubergärten trug, Und, als der Buſen erſt von füßer Ahndung ſchlug, Mir neue Wonne zubereitet; In manchen Irrgang zwar des Jünglings Fuß geleitet, Doch in der Irre ſelbſt gewarnt vor ſchlechter That, Und wenn mich den verlornen Pfad Die ernſtere Vernunft mühſelig ſuchen ließ, Mir einen kürzern Weg durch Roſenbüſche wies; Du treueſte Gefährtin meines Lebens, Wo biſt du mit der Jugend hingeflohn? Hörſt Du mich nicht? Ruft immer Dir vergebens Der matten Saiten Trauerton? O ſieh! das Alter ſchonte meiner Scheitel; Nur wenig Haare ſind gebleicht; Auch nenn' ich nicht die kleinen Freuden eitel, Kein Wort des Unmuths hat die Scherze je ver⸗ . ſcheucht, Und um die Leyer ſchlingt ein Kranz ſich, dargereicht Von holden Mädchenhänden— Kehre wieder! Beflügle den Geſang! Laß meine leßten Lieder 4109 Sich raſch noch drehn im jugendlichen Reihn, Den Glücklichen willkommen ſeyn, Und, wo die Thräne fließt, ein leidend Herz erfreun! Dieſes hielt ich von jeher fuͤr des Dichters heiligſten Beruf; auch deutet hierauf die rothe virginiſche Ceder, unweit des Poetenſitzes, in cypreſſenmaͤßiger Geſtalt und Haltung. Ach! die ſäuſelnde Cypreſſe wehte, Still umleuchtet von der Abendröthe, Manchem Sänger ſchon Begeiſtrung zu; War des einſam Klagenden Vertraute, Und, von ihr beſchattet, ſingt die Laute Noch in müde Seelen Troſt und Ruh. Neben dem elegiſchen Baum ſteht ein Ab⸗ koͤmmling Der Ceder, die auf Libanon Den Thau des nahen Himmels trinket,. Und ehe noch der Tag entſchlafnen Thalern winket, Schon halb verklärt, der Morgenſonn“ Entgegen ihre Düfte trägt; Die, wenn ſich feyerlich ihr Wipfel regt, Weil Gott im Donnerſturm hernieder ſteiget, Des Sehers Geiſt empor zur Wetterwolke hebt, 110 Sein frommes Harfenſpiel belebt, und, rauſchend in das Lied, dem Kommenden ſich neiget. Dennoch duldet die ſtolze Ceder in ihrer Nach⸗ barſchaft das zarte Myrthenbaͤumchen, das aller⸗ dings hierher gehoͤrt, weil es der Liebe gewidmet iſt. Wie viele der koͤſtlichſten Geſaͤnge muͤßten wir entbehren, ohne die begeiſternde Liebe! Welcher Dichter hat ſie nicht empfunden? Hat nicht ihre Schäferſtunden, Ihre Thränen, ihren Druck der Hand, Und die ſüßen Schwärmereyen, und die kleinen Heucheleyen, Und der Winke Feenmacht gekannt, Nicht erzählt von ihrer holden Rede, Von dem holdern Schweigen, von der Fehde, Die ſich oft aus einem Nichts entſpinnt, Aber bald ſich endet mit Traktaten, Wo das Mädchen, wie die kleinern Staaten, Wenig bey dem Jriedensſchluß gewinnt? Was den Geſaͤngen der Liebe noch mehr An⸗ zuͤglichkeit giebt, iſt der verſchiedne Ton derſel⸗ ben, die jedem Dichter eigne Weiſe. Welch ein Reichthum von Anſichten! Orientaliſcher Schwung in Salomons hohem Liedel Laͤcheln der 111 Grazie in den Verſen Anakreons; Catul⸗ liſcher Muthwille; ſchmachtende Sehnſucht des Tibullus; myſtiſches Gefuͤhl des Petrarca, dem die Augen ſeiner Geliebten den Weg zum Himmel zeigen; und die Schalkheit und die feine Galanterie der Franzoſen; und die Naivetaͤt unſ⸗ rer aͤlteſten vaterlaͤndiſchen Dichter! Selbſt der Sänger, deſſen ernſtes Lied Sich von Stern zu Stern hinaufgeſchwungen Bis zum Throne, wo der Seraph kniet; Er, von heil'gem Feuer noch durchglüht, Geht hervor aus Sions Palmenhainen, Stimmt in weichern Ton der Harfe Klang, Und ſein liebender Geſang Läßt uns mit der ſanften Cidli weinen. Um zu dem Poëts Corner zuruͤck zu kehren, ſo ſteht noch am Fuße deſſelben ein Lorbeerbaum demuͤthig da, gleich als ob er, deſſen eingedenk, was er ehemals geweſen, uͤber manche Herabwuͤr⸗ digung in unſerm Zeitalter klagte, und die Worte des Akenſide uns zufluͤſterte:„Wann wird der Dichterkranz und die toͤnende Saite wieder ¹ in ihre Ehre eingeſetzt werden“?*). —q —ͤͤͤͤ *) When shall the Eaurel and the vocal string Resume their honours? 112 Zum romantiſchen Anſehen des Ganzen traͤgt auch noch die, uͤber eine Eisgrube gebaute, Strohhuͤtte bey, welche der Wohnung eines Wald⸗ bruders aͤhnlich iſt. Freylich darf man ſich an einem ſo dichteriſchen Orte keinen der heutigen Waldbruͤder gedenken; ſondern einen alten Bar⸗ den, der, wie Thomſon ſagt, von der Welt abgeſondert, in der begeiſterten Bruſt hoͤhern Eingebungen Raum giebt. Ein ſolcher wuͤrde gern unter dem, bey ſeiner Huͤtte ſtehenden, ſchoͤnen Nußbaum ſitzen, deſſen weißer Schaft ganz mit Epheu umwachſen iſt, und von hier aus einen Theil des Rheins ſehen, und die vogeſiſchen Gebirge in der Ferne. So reitzend aber dieſer Platz, den ich Dir, mein Theuerſter, nur unvollkommen beſchrieben habe, mit dem angrenzenden, auf einer tiefern Abſtufung liegenden, Garten iſt, ſo bekommt doch alles einen weit hoͤheren Werth, ſobald man unter den abwechſelnden Schoͤnheiten, an der Hand ihres Beſitzers, mit ſeiner liebenswuͤrdigen, talentvollen Familie, in deren Zirkel man ſo wohl aufgehoben iſt, umherwandelt. Wie reichhaltig die Geſpraͤche mit ihm ſind, kannſt Du daraus abnehmen, daß er, im Schatten ſeiner Baͤume, bald den griechiſchen Homer, bald eine hora⸗ 413 ziſche Ode, dann die Jahrszeiten von Thom⸗ ſon, oder des Arioſto Rittergeſchichten, jedes in der Urſprache liest; oft einen tiefen Blick in die Begebenheiten der Vorwelt thut, und wenn ein Laie, gleich mir, ſeine Pflanzen genauer zu kenunen wuͤnſchet, ihm ein jede mit froher Bereit⸗ willigkeit erklaͤrt.— Hierzu kommt die muntre Laune, die beſtaͤn⸗ dig und überall ihm zur Seite geht, und die ich, ſo wie in meiner Jugend, auch jetzt im Alter noch unter die koſtbarſten Geſchenke des Himmels rechne. Wer zur Gefährtin ſie wählet, Den weckt, als freundlicher Gaſt, Sie gern am Morgen; verſinget Ihm manche Grille, und bringet Für jede kümmernde Laſt Den allvermögenden Hebel! Verfüßet ihm Arbeit und Raſt. Mag immer ein herbſtlicher Nebel Umhüllen die Flur und den Hain! Sie weiß ja: Hinter ihm ſtrahlet Die Sonne mit labendem Schein; Er ſink' oder ſteige! ſie mahlet Sich lachende Bilder hinein. Iv. 4* 114 Sie macht, zur Reiſe durchs Leben, Die rauhen Wege ſich eben, Die Berge den Hügeln gleich; Wallt ohne Sorgen, und zählet Was da iſt, nicht was ihr fehlet; So wird ſie bey wenigem reich. Wer aber kennt dieſe gluͤckliche Laune beſſer, als Du, mein Lieber? Unter allen Stuͤrmen der Schreckenszeit hielt ſie Dich aufrecht; bis auf den heutigen Tag zertheilt ſie die Widerwaͤrtig⸗ keiten des Lebens vor Dir her, und durch ſie werden die muͤhevollſten Arbeiten Dir leicht. Moͤge ſie Dir und mir ferner bleiben, und Dich bald wieder in meine Arme fuͤhren. Die Mutter. Matterliebe, Muttertreue Giebt dem kleinen Erdengluͤck Seinen Anfang, ſeine Weihe; Lehrt den ungewiſſen Blick Erſt umher, und dann zum blauen Hochgewoͤlbten Himmel ſchauen. Dieſe Treue, dieſe Liebe Sichert uns an ihrer Bruſt. Sey der Morgen noch ſo truͤbe, Wir erwachen da zur Luſt; Hoͤren, unter Donnerſchlaͤgen, Nur der Mutterſtimme Segen. Und das ſtille, traute Zimmer Wird von Engelglanz erhellt, Wenn des Mondes reiner Schimmer Auf der Mutter Antlitz faͤllt; Banger Naͤchte Finſterniſſe Mindern ſchweigend ihre Kuͤſſe. 116 Fremd auf dieſem Erdenrunde, Nur daheim in ihrem Schooß, Haͤngt das Kind an ihrem Munde, Wird der Knabe ſpielend groß; Klagen darf er, bitten, hoffen: Mutterhand iſt immer offen. Sie, die jedes leiſe Sehnen Stillte, ſie, die alles gab, Beut dem Juͤngling nun mit Thraͤnen Den gewuͤnſchten Wanderſtab; Oeffnet zitternd ihm die Pforte Bey dem letzten Abſchiedsworte. und das letzte Wort verhallet Lang in ſeinem Buſen nicht, Und die Sorgenoolle wallet Einſam oft im Daͤmmerlicht; Starrt hinaus in dunkle Ferne, Fragt nach ihm die goldnen Sterne. Mag er jugendlich indeſſen Neuer Luſt entgegen gehn, und ſein Kinderglüͤck vergeſſen! Nur des Lieblings Wiederſehn Zeigt die troͤſtende, die milde Hoffnung ihr im Roſenbilde. 117 Eitles Bild! es wird verſchwinden, Wie der Roſe Wiederſchein, Wenn am Teich, umbraust von Winden, Ihre Blaͤtter ſich zerſtreun. 3 Todesſchatten ſinken nieder: Eile, Juͤngling, kehre wieder! Daß dich, ſterbend, ihre blaſſe Lippe ſegne; daß der Arm Deiner Mutter dich umfaſſe, Ihre Bruſt, ſo liebewarm, An dem großen Scheidungstage Noch an deinem Herzen ſchlage! Aach zu ſpaͤt! die ſtarren, kalten Haͤnde, die ſo treu, ſo fromm Deiner pflegten, ſind gefalten, Sinds auf immer; Juͤngling, komm, Daß, von dir beſucht, die Erde Der Enrſchlafnen leichter werde. Blicke ſtumm nach ihrem leeren Sitze, deiner Seufzer werth! Halte lebenslang in Ehren Den durch ſie geweihten Herd, Wo die heil'ge Flamme lodert, Die noch Dank und Thraͤnen fodert. und will je dein Glaube wanken, Wenn, im Auge Huͤlf' und Rath, Groll und Meineid in Gedanken, Sich der Menſch dem Menſchen naht, So ermanne dich, ſo freue Dich der muͤtterlichen Treue! Singt ſie doch an jeder Wiege, Lacht dem Saͤugling, den ſie traͤgt! Und es bleiben ihre Zuͤge Beſſern Seelen eingepraͤgt, Die nicht von der Liebe weichen Und die Bruderhand uns reichen. Freue dich! Der alles lenket, Der die zarte Pflanz' im Hain, Wie die Ceder, waͤrmt und traͤnket, Muß durch Liebe ſelig ſeyn! Haͤtt' er ſonſt dieß Wonnebeben In das Mutterherz gegeben? 119 Meiner Freundin Theone). Auf gruͤner Matte, froh und frey, Sah eine junge Linde *) Schon als Dichterin bekannt im Jahr 1800 durch ihre auf Ungarns Fluren geſammelten Feldblumen. Jena, bey Voigt. In den Jahren 1803 und 1804 hielt ſie ſich eine Zeit lang bey ihren Verwandten in Freyburg auf. Obiges Gedicht iſt eine Antwort auf ein freund⸗ ſchaftliches Lied von ihr. Nach einer Ausgabe ihrer neuern Poeſien(Cotta 1805) wurde die Verfaſſerin von einigen Recen⸗ ſenten auf eine unwürdige Art behandelt und muthlos gemacht, da man ſie vielmehr, mit der ihrem entſchiedenen Talente gebührenden Achtung, vor gewiſſen Fehlern gegen Sprache und Wohl⸗ laut hätte warnen und ermahnen ſollen, künftig langſamer zu arbeiten, ſorgfältiger zu verbeſſern, und nur das von Kennern ſtreng Geprüfte und Gebilligte öffentlich mitzutheilen. 120 Um ſich der Bluͤmlein mancherley; Die wurden ihr mit jedem May Zum braͤutlichen Gewinde. Auch ließen ſich der Voͤglein viel Auf ihren Zweigen hoͤren; Beym Wettlauf ward ſie oft als Ziel Bekraͤnzet, oft bey Saitenſpiel Umtanzt von muntern Choͤren. Wie manches traute Paͤrchen ging Zur Linde, wenn aufs Neue Sie um und um voll Bluͤthen hing, Und gab ſie dann, und nahm den Ring, Den goldnen Ring der Treue! So ſchwanden Tag und Mond und Jahr, Bis endlich ihr die Aeſte Kein Hauch des Lenzes neu gebar; Auf ewig nun voruͤber war Die Zeit der Fruhlingsfeſte. Noch einzeln grunte hier und dort Ein Zweig; allein dem Gatten Rief keine Nachtigall hinfort, Geliſpelt ward kein ſuͤßes Wort Der Liebe mehr im Schatten. Zum Doͤrfchen, wo die Linde ſtand, Kam jetzt ein holdes Maͤdchen; Sie kam daher aus fremdem Land, Als Liederſaͤngerin bekannt In manchem fernen Staͤdtchen. Ihr winkten juͤngre Baͤume gleich Mit ſaͤuſelnd ſanftem Beben; Sie aber ſprach: An Bluͤthen reich Hebt ihr das Haupt empor; nicht euch Darf mein Geſang beleben. Sie, der ein nahes Ende droht, Der jeder Vogel ſchweiget, Sie gruͤß' ich hier im Morgenroth, Weil ſie dem Wandrer Kuͤhlung bot, Und noch zu ihm ſich neiget. 121 Das Naͤdchen ſingt; vor Wonne ſchwankt Der Wipfel hin und wieder; Mit lauterem Gefluͤſter dankt Der Epheu, der den Baum umrankt; Er fuͤhlt die Macht der Lieder. Und aus der Linde toͤnt's: O du Mit deinen Troſtgeſaͤngen! Es wehe Segen dir und Ruh 122 Im Zephyr und in Stuͤrmen zu Auf allen deinen Gaͤngen! Ich bin's, die hier als Nymphe wohnt, Verdorrt iſt meine Krone; Doch ſtrahlen mir noch Sonn' und Mond, Noch liebt der Himmel mich, und lohnt Dir, freundliche Theone! G l e i m. 18053. Nie hat ein Dichter den andern zaͤrtlicher geliebt und den von ihm geſchiedenen inniger bedauert, als Gleim ſeinen Kleiſt; dennoch ſang er, nach dem Tode desſelben, ihm weder in ſeiner erſten Betruͤbniß, noch in ſpaͤtern Zeiten ein Lied. Er wird es mir alſo verzeihen, daß ich ſeiner eige⸗ nen Ruheſtaͤtte jetzt ohne Lied mich nahe, zumal, da mich, eben ſo wie ihn, nur das Gefuͤhl mei⸗ nes Unvermoͤgens zum Schweigen nothigt. Wenn der geſangreiche Gleim, der ſo gern das Gedaͤchtniß geſtorbener Helden und Dichter feyerte, wenn er das ehrenvolle Grab des Ge⸗ liebteſten unter ihnen unbeſungen ließ, ſo ge⸗ ſchah es nicht aus Furcht, ſeinen Schmerz zu vergroͤßern, oder den allmaͤhlig beſaͤnftigten aufs Neue zu reitzen. Dieſes war ſo weit von ihm 424 entfernt, daß er vielmehr in den heiterſten Stun⸗ den die mit Kleiſt verlebten Tage zuruͤck rief; manches von ihm in ſeinem gewoͤhnlichen launi— gen Ton erzaͤhlte und ſich mit dem Verewigten in fortdauernder bruͤderlicher Verbindung gedachte. Letzteres blieb immer eine ſeiner Lieblingsphan⸗ taſten. Er beredete ſich, der Geiſt ſeines Ge⸗ liebten ſey oft in ſeiner Naͤhe, und wuͤrd⸗ ihm, waͤr' es Geiſtern vergoͤnnt, ſolches durch ein Zeichen zu erkennen geben; inſonderheit ſehe Kleiſt ihm zuweilen zu, wenn er ein neues Ge⸗ dicht anfange, blicke dann auf das Papier und leſe die hingeſchriebenen Verſe. Noch im Alter benutzte Gleim dieſe Phantaſie bey der Erziehung einer kleinen Nichte, die er nicht ſelten, in der Abenddaͤmmerung, von dem Engel Kleiſt un⸗ terhielt, damit er ihr das Verlangen einfloͤßte, in allem Denken und Thun dem freundlichen Engel wohlgefaͤllig zu ſeyn*). Außerdem er⸗ *) Auf dieſelbe Norſtellung gründet ſich eines der ſchönſten Zeitgedichte von Gleim, welches folglich nicht für einen bloß augenblicklichen poe⸗ tiſchen Einfall zu halten iſt; dasjenige nämlich, worin den Dichter, als er eben einen Reim ſucht, ein unſichtbarer Geiſt anredet und ihn ermahnt, 125 waͤhnt' er nicht nur ſeines unvergeßlichen Freun⸗ des in einzelnen Liederſtellen, ſondern nimmt auch von ihm zu ganzen Dichtungen den An⸗ laß*); weßwegen es um ſo mehr auffallen muß daß er demſelben keinen eigenen Geſang wid⸗ mete**). Gleim ſelbſt fand es wunderbar; ver⸗ ſicherte mir aber, ungeachtet vieler, zu verſchie⸗ etwas beſſeres— Brod oder Honigkuchen für ein armes Kind— zu ſuchen. Ich ließ den Reim auf Menſch, ich ließ ihn ungefunden, Und fragte: Guter, lieber Geiſt! Wer biſt du? Leider war der gute Geiſt verſchwunden; Gewiß war es der Engel Kleiſt. “) Z. B. in dem angeführten SZeitgedicht, in einer Romanze: Homer und Kleiſt, u. a. m. **) Ein in der erſten Rührung hingeworfenes Sinn⸗ gedicht von vier Zeilen, mit der Ueberſchrift:. Als Kleiſt geſtorben war(ſ. Sinngedichte von Gleim, als Handſchrift für Freunde, 1792), kann ſo wenig für ein Trauer⸗ oder Gedächtniß⸗ lied gelten, daß Gleim, bey unſerem Geſpraͤch über dieſen Gegenſtand, ſich jener Verſe nicht einmal zu erinnern ſchien. 126 denen Zeiten gemachten Verſuche, ſey es ihm, den guten Kleiſt zu ſingen, unmoͤglich geweſen. Fuͤr mich iſt das, was ich mir damals nicht zu erklaͤren wußte, nun kein Raͤthſel mehr, feit⸗ dem ich erſt meinen Freund Schloſſer, dann meinen Gleim verloren, und keinem von bey⸗ den an ſeiner Gruft ein Klagelied angeſtimmt habe. Mit beyden war ich zu nahe vereint; das Andenken an ſie wecket der ſuͤßen und ſchmerz⸗ lichen Empfindungen zu viel, deren jede mir heilig iſt, ſo, daß ich ſie rein bewahren moͤchte, nicht fuͤr andere in Worte faſſen und verſtuͤm⸗ meln, was in meinem Innern, mir allein leſer⸗ lich, ohne Buchſtaben geſchrieben ſteht. Wie koͤnnt' ich unter den Bildern, die ſo traulich vor mir voruͤber ſchweben, alle mir theuer, eins und das andere waͤhlen, um es kunſtlich darzuſtellen? Dargeſtellt, waͤr' es dasſelbe nicht mehr. Wie koͤnnte ich, was lauter Wahrheit in mir iſt, mit Dichtung vermiſchen; in gezaͤhlten und gemeſſe⸗ nen Sylben ausdruͤcken, was maͤchtig in mir ſich draͤngt, meine ganze Seele fuͤllt? Zwar weiß ich, daß, wie der Froͤhliche gern im Geſange ſich mittheilt, ſo auch der Trauernde zuweilen Linderung in ihm ſucht; daß oft die Leyer, gleichſam mit dem Herzen im Einklang, von den 127 wehmuͤthigen Melodien desſelben widerhallt, und dieſe Melodien dann alle Herzen ergreifen, und forttoͤnen, und, wie Petrarchs und Oſſians Klage, noch einem zukuͤnftigen Geſchlechte Thraͤ⸗ nen entlocken. Aber das iſt nicht jedem Saͤnger gewaͤhrt; und die Stunden, worin auf ſolche Weiſe wirkliches Gefuͤhl in poetiſche Begeiſte⸗ rung uͤbergeht, ohne von ſeiner Einfalt und Wahrheit zu verlieren, die Stunden fuͤhrt keiner nach Willkuͤhr herbey, ſie kommen ungerufen, oder gar nicht. Indeſſen habe ich auf Schloſſers Grab wenig⸗ ſtens eine Blume gelegt, und eine Blume ge— buͤhrt auch meinem Gleim; denn mit Recht ſagt der wackere Seume: Jeder ſoll bringen, was er hat. Ich bringe meinen Dank, nicht nur fuͤr eine lange Reihe gluͤcklicher Jahre, die mir, in meinem jugendlichen und maͤnnlichen Alter, neben ihm unter tauſend Freuden dahin ſchwanden, ſondern fuͤr das ſchoͤnſte Gluͤck mei⸗ nes ganzen ſpaͤtern Lebens, bis auf den gegen⸗ waͤrtigen Augenblick. Es thut mir wohl, dieſen Dank oͤffentlich zu bringen, obgleich die wenig⸗ ſten ihn verſtehen, viele ſogar mein Bekenntniß fuͤr Thorheit achten werden. Dennoch bekenne ich's vor Allen, daß ich meinem Freunde darum 128 das Gluͤck meines Lebens ſchuldig bin, weil er, als ich die Muſe des Geſangs zu verlaſſen ent⸗ ſchloſſen war, mein Buͤndniß mit derſelben er⸗ neuerte, und mich in ihre Geheimniſſe tiefer ein⸗ weihte. Laut bekenne ich, daß alle die Wunder, welche die alten und neuen Dichter im kühnſten lyriſchen Schwung von der Muſe geruͤhmt, ſich als Wahrheit an mir beſtaͤtigt haben, und noch beſtaͤtigen. Mit Huͤlfe der Muſen ſchuf ich mir eine Welt, ſo reich an Genuß, daß ich desjenigen, was ſonſt am aͤngſtlichſten geſucht, am ſchwerſten gefunden wird, nicht bedarf, es nicht einmal zu gebrau⸗ chen weiß. In dieſer meiner Welt kann es mir nicht einfallen, nach ſogenannten großen Dingen zu ſtreben, weil ſie mir klein erſcheinen; da hin⸗ gegen mancher kleine Gegenſtand, den die mehr⸗ ſten kaum eines fluͤchtigen Blickes wuͤrdigen, ſich in meinen Augen veredelt und mich feſt haͤlt. Und wie oft haben Dichterphantaſie und die zu ihr ſich geſellende ſorgenfreye Laune mir die rauheſten Wege geebnet, über ſchreckende Sce⸗ nen ein milderes Licht verbreitet, und mich, der ich nicht unter die Helden zu rechnen bin, uner⸗ ſchrocken durch Gefahren geleitet, in welchen den Stäͤrkern der Muth ſank. Als ich meine Mit⸗ 129 buͤrger, wegen Annaͤherung des Feindes, in tie⸗ fer Beſturzung ſah, holte ich, um von banger Erwartung mich los zu machen, und an die Stelle boͤſer Vorbedeutungen etwas Beſſeres zu ſetzen, in meine Blumenglaͤſer friſche Roſen, ſchmückte mein Zimmer damit, und vollendete, weil ich ſpaͤter haͤtte geſtoͤrt werden koͤnnen, ein angefangenes Gedicht. Ohne Gleim aber haͤtte ich nicht mehr auf den Wink der Muſe geachtet, in ſo fern ſie mich zu Geſaͤngen haͤtte begeiſtern wollen; denn, ſo ent⸗ ſchieden in mir, von den Kinderjahren an, die Liebe zur Dichtkunſt war, ſo erhielt dieſelbe den⸗ noch, bey dem Antritte meiner akademiſchen Lauf⸗ bahn in Halle, durch das Zuſammenleben mit Klotz, eine andere Richtung. Dieſer Gelehrte, damals in der glaͤnzendſten Periode ſeines Ruhms, ge⸗ ehrt von den erſten Schriftſtellern in und außer Deutſchland, munterte zu kritiſchen Arbeiten mich auf. Ich ſollte mit den Dichterwerken der Alten mich beſchaͤftigen, nicht um ſie nachzuahmen, ſondern um die Geſetze der Schoͤnheit daraus zu entwickeln; ſollte mir den Lorber erringen, wel⸗ cher denen beſtimmt iſt, die das Heiligthum der Muſen an elenden Scribenten raͤchen. Fur einen Juͤngling, wie ich zu jener Zeit war, hat das Jakobi's Werke. IV. 5 130 Amt eines Geſetzgebers und Richters im Gebiete des Schoͤnen etwas ſehr Anzuügliches, obwohl ich dem Lorber der Kritik den poetiſchen vorzog. Letzterer ſchien mir immer das Hoͤchſte, was einem Sterblichen zu Theil werden koͤnnte; aber Klotz, fuͤr mein kuͤnftiges Fortkommen beſorgt, hatte mir ihn, bedaͤchtlich, in zu weiter, unge⸗ wiſſer Ferne gezeigt. Schon fing ich an, in Zeitungen und Bibliotheken uͤber alles, was die Meſſe an Verſen und Reimen Neues brachte, richterlich abzuſprechen, als ein guͤnſtiges Schick⸗ ſal den Dichter Gleim in meine Nachbarſchaft, an den Lauchſtedter Geſundbrunnen, fuͤhrte. Da noch jetzt, nachdem ich der beruͤhmten Naͤnner viele ſah, und mehrere meine Freunde nannte, da noch jetzt ein ſolcher Mann in einer Art von Glorie vor mir daſteht, ſo laͤßt ſich ge⸗ denken, in welchem Nimbus meiner damaligen Jugendͤphantaſte der Anakreon und Tyrtaͤus der Deutſchen entgegen kam. Die enthuſtaſtiſche Freude und die Liebe, womit ich, ungeachtet mei⸗ ner Schuͤchternheit, mich zutraulich ihm naͤherte, gewannen mir bald ſein Herz, und der erſte Druck ſeiner Hand war zugleich eine Aufforderung, meiner Muſe getreu zu bleiben. Er kannte von ihr nichts als ein kleines Lied in Ramlers Blu⸗ 31 menleſe*); auf dieſes allein gruͤndete ſich ſeine Weiſſagung, daß es mich nicht gereuen wuͤrde, wenn ich meinem Genius folgte. O der ſeligen Tage in Lauchſtedt, wo Gleim jeden Morgen mit einem neuen Liede mich weckte, waͤhrend deſſen die Sonne alles um mich her ver⸗ goldete, herrlicher als je! Das Zimmer wurde mir zum Tempel; ich fuͤhlte die Naͤhe des Got⸗ tes, war meiner Weihe gewiß. Wir trennten uns als Bruder, und er wollte das Angefangene vollenden. Mit der ihm eigenen raſtloſen Thaͤtigkeit ließ er einen Brief an mich dem andern nacheilen, damit er mich in fortdauern⸗ der Begeiſterung hielte, bis ich aus der Wirk⸗ lichkeit in ein Feenland weggeruͤckt und darin einheimiſch geworden; überall, von Geſaͤngen umtoͤnt, unter d den lieblichſten Erſcheinungen wan⸗ delte. Gleim, welcher in einem ſehr melodiſchen Liede von ſich ſelber ſagt: *) Es fängt an: Jüngſt, Schweſterchen, ſah meinen Spielen Der junge Daphnis lächend zu, u. ſ. w. Und gehört zu den wenigen, an denen Ramler nichts verbeſſert hat. „Nicht für alle Doppien der Welt Gäb' ich meine Leyer!“ hatte Recht, daß ich gegen kein Erdengluͤck die meinige vertauſchen ſollte. Daß ich es nicht that, gereut mich um ſo weniger, da ich jetzt in mei⸗ nem Alter mehr noch, als in meiner Jugend, von dem hohen Beruf eines Dichters uͤberzeugt bin. Allerdings kann einer vieles unternehmen, das fuͤr diejenigen, unter denen er lebt, und fuͤr die Gegenwart, nuͤtzlicher und lobenswerther iſt, als Verſe zu machen; dafuͤr aber hat ein Dichter einen deſto ausgedehnteren Wirkungskreis, und ſeine Werke bleiben dieſelben, ſo lange Men⸗ ſchen ſind. Wenn die Arbeiten des Staatsmanns, auf einen Staat eingeſchraͤnkt, mit dieſem ſtehen und fallen; vielleicht ſchon, wenn ihr Urheber kaum die Augen geſchloſſen hat, vereitelt wer⸗ den; wenn die Syſteme der Philoſophen, eben ſo veraͤnderlich wie die politiſchen, nur einer klei⸗ nen Zahl von Gelehrten einleuchten, und man uͤber neuen Erfindungen der aͤltern vergißt, ſo redet ein Dichter mit allen Voͤlkern aller Zeiten, bis in die ſpaͤteſten Jahrhunderte. Wie reich an Gewinn iſt eine einzige Stunde, in welcher er einen herzerhebenden Gedanken, oder ein wohl⸗ thaͤtiges Gefuͤhl, waͤr' es auch nur das Gefuͤhl Um mich noch feſter an ſich und an die Muſe zu binden, wuͤnſchte Gleim einen Beſuch von mir in Halberſtadt. Ich machte mich auf den Weg, langte, ziemlich ſpaͤt in der Nacht, in Aſchersleben an, und, indeß ich der Thorwache den verlangten Beſcheid gab, trat ein Unbekann⸗ ter an meinen Wagen. Ich habe den Auf⸗ trag, Sie in Empfang zu nehmen, ſagt' er im Ton eines Polizeydieners, der einen ver⸗ daͤchtigen Fremden in Verhaft nimmt. Das aber war er nicht; er war Gleims Bedienter, welcher mich in einen Gaſthof brachte, wo ich ein Nacht⸗ eſſen und alles uͤbrige zu meiner Aufnahme in Bereitſchaft fand. Auch hatte der Bediente Pferde bey ſich, mit denen ich am folgenden Tage wei⸗ ter reifen ſollte. 3 Fruh Morgens erwachte ich unter einer an⸗ *) Ueber den Werth der Dichtkunſt verdient ein herr⸗ licher Aufſatz von Schloſſer geleſen zu werden, welchem ein Gedanke des Baco über dieſe Mate⸗ rie zum Grunde liegt. S. Schloſſers kleine Schriften Th. V. S. 381. u. ſf. 134 genehmen Symphonie von blaſenden Inſtrumen⸗ ten, die ſich vor meinem Zimmer hoͤren ließ, und die, weil ich an dieſem Ort' ein voͤlliger Fremd⸗ ling war, nicht bloß etwas Ueberraſchendes, ſon⸗ dern etwas Feenmaͤßiges fuͤr mich hatte. Als ich, im erſten Erſtaunen, mich aufrichtete und umher ſah, oͤffnete ſich die Thuͤr— und Gleim ſtuͤrzte in meine Arme. Schon am vorigen Abend war er angekommen, hatte bey ſeinem Bruder uͤber⸗ nachtet, und die Hoboiſten des dortigen Regi⸗ ments in meinen Gaſthof beſtellt. Seit jenem Morgen ſind nun mehr als dreyßig Jahre verfloſſen; dennoch ſchlaͤgt, bey deſſen Er⸗ innerung, mein Herz eben ſo warm, wie damals; und gottlob, daß es noch ſo ſchlagen kann! Nach dem Fruͤhſtuͤcke fuhren wir nach Erms⸗ leben, dem Geburtsorte meines Freundes. Hier gingen wir in ſein vaͤterliches Haus, wo kein Plaͤtzchen unbetrachtet blieb; in den anſtoßenden Garten; an den Selkabach, an welchem er als Kind gegangen war, Der boͤſen Otter aufzupaſſen*) und worin er beynahe ſein Leben verloren haͤtte; *) S. in Gleims Zeitgedichten den rührenden Ab⸗ ſchied von ſeinen väterlichen Fluren. 135 weilten bey jeder ihm theuer geweſenen und ge⸗ bliebenen Stelle, und ſetzten dann unter Er⸗ zaͤhlungen von ihm, die ſein kindiſches Alter und die Geſchichte ſeiner Jugend betrafen, un⸗ ſern Weg nach Halberſtadt fort. Wieder ein herrlicher Tag! Und welch ein Abend am Familientiſche meines Gleims, zwiſchen ihm und ſeiner Nichte Gleminde! Und nun in feinem Hauſe mein erſtes Erwachen!— Aber zu viel ſchon hab' ich von mir ſelbſt geredet. Ich muͤßte den groͤßten Theil meines eigenen Lebens aufzeichnen, wenn ich fuͤr Alles ihm danken wollte. Lieber will ich zu dem bisher Erzaͤhlten einige charakteriſtiſche Zuͤge hinzuthun; nur einzelne Zuͤge, fuͤr denjenigen, der ein ganzes Bild von dem vortrefflichen Manne zu entwerfen und zu vollen⸗ den ſich berechtiget fuͤhlt. Ich waͤhle ſolche, die von andern noch nicht angemerkt wurden; inſon⸗ derheit die kleinern, die man ſelten einer Be⸗ merkung werth achtet; denn ich bin verſichert, meinem Freunde hiermit ein vorzüglich gefaͤlliges Opfer zu bringen. Mehr als einmal ereiferte ſich Gleim— wie er denn uͤber alles Schiefe ſich zu ereifern pfleg⸗ te— in meiner Gegenwart uͤber unſre neuen 136 Biographien, die er, mit den Biographien der Auslaͤnder verglichen, trocken und leer fand*). Er meinte, der Biograph haͤtte mehr in die klei⸗ nen Umſtaͤnde des haͤuslichen und geſellſchaft⸗ lichen Lebens deſſen, von welchem er ſchrieb, hin⸗ eingehen, mit dem Fleiße der Franzoſen und Englaͤnder jede Aneldote von ihm benutzen und nichts fuͤr geringfuͤgig halten ſollen, was das Eigenthuͤmliche des Charakters in ein helleres Licht ſtellt. Gleim zuͤrnte nicht mit Unrecht. Die meiſten Lebensbeſchreibungen der Deutſchen haben zu wenig Individuelles, und ſicherlich wuͤrden oft ein Paar einzelne Reden und Hand⸗ lungen, ein gewiſſes Benehmen bey dieſer oder jener Gelegenheit, gewiſſe Launen und Eigen⸗ heiten im Umgang, den Mann kenntlicher machen, als alles, was, im Allgemeinen, auf mehreren Bogen von ihm geſagt wird**). *) Er lobte, in die ſer Hinſicht, das Leben von Kanitz, wie es König geſchrieben hat; und wirklich könnte daſſelbe, den Styl abgerechnet, den Deutſchen zum Muſter dienen. 28) Schlichtegroll, deſſen Nekrolog allerdings unter die Ausnahmen gehört, arbeitet hierauf ſo viel 137 Ein Hauptzug in Gleims Charakter war ſeine Liebe zum Ganzen in allen Dingen. Darum war er ganz Dichter, ganz Freund, ganz Verehrer ſeines Friedrichs. Darum, wie Klopſtock von ihm ſingt, wurd' er „Vom halben Kalten Lobe beleidigt.“ Darum gebot er Liebe, und eine kaltſinnige Aeußerung ſeiner Freunde hieß ihm Verraͤtherey. Aus eben der Urſache ſang er den Koͤnig, den er bewunderte, bis an ſein Ende; ſprach von ihm bis an ſein Ende; konnt' es nicht erdulden, wenn jemand die Groͤße des Einzigen nicht ſo anzuerkennen ſchien, wie er. Einſt an einer vornehmen Tafel gerieth er mit einer Excellenz in ein Geſpraͤch uͤber die Koͤnige. Die Excel⸗ lenz, welche in mancherley Ruͤckſicht befugt war, von Gleim alle Schonung zu erwarten, ſagte unter andern das Bekannte: Je groͤßerer Koͤnig, je groͤßerer Raͤuber.„Ja,“ ver⸗ ſetzte Gleim:„Es war ein Scythe, der das Alexander dem Großen antwortete!“ als möglich; aber er muß in der Ferne ſammeln. und da hängt die Vollſtändigkeit ſeiner Nachrich⸗ ten von denen ab, die ſie liefern. Sein Haß gegen das Halbe ging ſo weit, daß er weder in Verſen, noch in Proſa, gern die Ausdruͤcke: vielleicht, es ſcheint, und aͤhnliche gebrauchte. Als ich, in einem Aufſatz, einer gewagten Behauptung die Milderung: Es kann ſeyn beygefuͤgt hatte, bat er mich, es auszuſtreichen, und ſagte:„Nicht, es kann ſeyn; ſondern, es iſt. Man muß den Leuten alles auf den Kopf zuſagen.“ Ueberhaupt war ihm das Zweifeln unertraͤglich; er ſuchte uͤberall Gewiß⸗ heit. Auch gelang es ihm, jeden Zweifel, der ſeine Ruhe ſtoͤren wollte, zu entfernen; die, als bloße Speculationen, mit Menſchengluck und praktiſchem Leben nichts zu thun haben, ſah er als Spiele des Geiſtes an, und blieb ihretwe⸗ gen unbekuͤmmert. Daß er uͤbrigens den ſpecu⸗ lativen Philoſophen ehrte und demſelben etwas ſeyn konnte, hiervon iſt ſeine vertraute Freund⸗ ſchaft mit Sulzer und Mendelsſohn ein hinlaͤng— licher Beweis. Mit der Liebe zum Ganzen verband er eine wunderbare Thaͤtigkeit. Dieſe wurde von jener genaͤhrt, und ohne ſie waͤre die erſtere Thorheit geweſen. Rede nicht, ſondern thue! war die Regel, die er den Juͤnglingen bey jedem An⸗ laß einſchaͤrfte, und in ſeinen Gedichten, unter verſchiedenen Einkleidungen, oft wiederholte. Selbſt, in allen Faͤllen, der Erſte, zu helfen, zu rathen, Neues zu ſtiften oder Unvollendetes aus⸗ zufuͤhren, zeigte er gegen den die hoͤchſte Ver⸗ achtung, der Gutes zu thun im Stande war, und es unterließ. Am heftigſten entruͤſtet ſah ich ihn wider die Reichen, die nicht einen Theil ihrer Guͤter auf gemeinnuͤtzige Anſtalten verwendeten. So empoͤrend es fuͤr ihn war, irgend einem Großen zu ſchmeicheln, ſo verſtand er ſich dennoch hierzu, wenn er ihn zur Unterſtuͤtzung eines wohl⸗ thaͤtigen Unternehmens zu bereden hoffte. Las man nicht ſeinen Namen faſt in jeder Subſcriben⸗ tenliſte? Und auf wie manches koſtbare Werk hat er ſich einzig und allein aus Gewiſſenhaftigkeit unterzeichnet, um zu deſſen Herausgabe das Sei⸗ nige beyzutragen! Ich erinnere mich, daß er Buͤcherkenner, die in einem gewiſſen Fache ſam⸗ melten, mit Seltenheiten aus ſeiner Bibliothek, ſo lieb ſie ihm waren, beſchenkte, weil er Befoͤr⸗ derung des Guten, auch im Kleinſten, fuͤr eine heilige Pflicht hielt. Zu ſeiner Thaͤtigkeit geſellte ſich ein Enthu⸗ ſiasmus fuͤr das Schoͤne, der an Schwaͤrmerey grenzte. An einem Abend fand er in einem Briefe Ramlers Naͤnie, auf den Tod einer Wachtel. 140 Die Nichte war ausgegangen, zu mir konnt' er nicht hinlaufen, und doch hatt' er ein ſolches Be⸗ duͤrfniß, ſeinen Jubel mitzutheilen, daß er, um ſich geſchwind aus der Noth zu helfen, dem Be⸗ dienten rief, und ihm die Naͤnie vorlas. So bekam Gleim, als einſt ein Bauer in ſeinem Zimmer auf einen Pachteontract wartete, einige gedruckte Blaͤtter, deren ſatyriſcher Inhalt ihn reitzte. Setz' er ſich! ſagte Gleim zu dem Bauer: Ich will ihm etwas vorleſen. Dieſer, der keine Sylbe davon verſtand, faltete die Haͤnde, hoͤrte andaͤchtig zu, und meinte nachher, das Ding ließe ſich gut anhoͤren: es waͤr', als ob man eine Zeitung laͤſe. Was die enthuſiaſtiſche Liebhaberey meines Freundes ehrwuͤrdig machte, war die Reinheit derſelben. Er freute ſich uͤber das vortreffliche Gedicht eines andernvollkommen ſo, wie über ſein eigenes, und uͤber den gelungenen Verſuch eines neuen, bis dahin unbekannten, Dichters weit mehr. Ueberdieß erſtreckte ſein Wohlgefallen an Werken der Poeſie und der Kunſt ſich auf alle Gattungen des Schoͤnen. In der That beſaß er einen allgemeinen Geſchmack und warnte jeden Lehrling der Muſen vor dem Einſeitigen, als wodurch man ſich ſelbſt um ſo manchen ſeligen 141 Genuß betroͤge. Derjenige war nicht ſein Mann, der nicht eine Madonna von Guido Reni und ein kleines Familienſtuck von Mieris, Klopſtocks Meſ⸗ ſiade und ein artiges franzoͤſiſches Vaudeville, jedes in ſeiner Art, zu ſchaͤtzen und ſich daran zu weiden im Stande war. 4 Bey ſeiner Geradheit und Offenheit, verab⸗ ſcheute Gleim keine Menſchenklaſſe mehr, als die Heuchler, und mit ihnen die kalten, mißtraui⸗ ſchen Seelen, die, voll Unglaubens an gute Menſchheit, anſtatt unter ihrem Unglauben zu leiden, vielmehr mit einer gewiſſen Wolluſt jeder edel ſcheinenden Handlung nachgruͤbeln; die der Entdeckung ſich freuen, wenn ſie ſich einbilden, einer geprieſenen That auf den Grund gekommen zu ſeyn, und eine unlautere Quelle gefunden zu haben. Oft genug hatte ſein Zutrauen ihn getaͤuſcht; aber er bedurfte dieſes Zutrauens, wachte daruͤber; wollte nicht erloͤſchen laſſen die heilige Flamme, woran ſein Herz ſich waͤrmte; wollte lieber von neuem getaͤuſcht werden, als bedenklich die Hand zuruͤckziehen, wenn mit arg⸗ loſer Freundlichkeit ihm ein unbeſcholtener Mann die ſeinige bot. Da er in ſeiner Jugend auf mancherley Weiſe mit dem Schickſal hatte kaͤmpfen muͤſſen, ſo war er reich an Erfahrungen geworden; und dieſe machten ſeinen Umgang eben ſo belehrend als unterhaltend. Hierzu kam der lebendige Geiſt, der unermuͤdet ſich in ihm regte; die Phantaſie, die aus dem Kleinſten etwas zu erſchaffen wußte, und der epigrammatiſche Witz, mit welchem er die Thoren niederſchlug und gegen den ſcherzen⸗ den Angriff ſeiner Freunde zu Felde zog. Ich weiß keine Verlegenheit, aus der er ſich nicht au⸗ genblicklich durch eine witzige Antwort herausge⸗ riſſen haͤtte. Zu einer Zeit, da er mein Por⸗ traͤt und das ſeinige von einem Wachsmaler ver⸗ fertigen ließ, ſpeisten wir mit einander bey dem lieben, wuͤrdigen Domdechant von Spiegel. Waͤh⸗ rend der Tafel ſagte ein Edelmann, unſer beyder Freund, zu Gleim: Sie und Jacobi laſſen ſich malen? Vermuthlich in Lebens⸗ groͤße!„Nein!“ erwiederte Gleim:„das iſt fuͤr die Ritter, damit man den Sporn ſieht. Wir haben es nicht noͤthig, denn bey uns iſt der Kopf die Hauptſache.“ Wenn man dieſe wenigen Zuͤge zuſammenhaͤlt, ſo muß man den Mann bewundern, deſſen Blut ſo feurig wallte, deſſen Herz ſo laut pochte, und der im gefaͤhrlichen Jugendalter dennoch un⸗ ter den tauſend Verſuchungen außer ihm und den 143 Verfuͤhrungen ſeiner eigenen Phantaſie feſt ſtand, und ſich unverdorben erhielt. Bewundern muß man, daß er, genoͤthigt die Gunſt der Maͤchti⸗ gen zu ſuchen, an der Seite der Fuͤrſten kein Fuͤrſtendiener wurde. Und wie viel gehoͤrte dazu, bey ſeiner Reizbarkeit zum Zorn, wenn ihm Un⸗ vernunft oder Schlechtheit in den Weg trat, alle die Liebe in ſich zu bewahren! wie viel, mit ſei⸗ ner ſatyriſchen Laune niemanden, außer wann es die Nothwehr forderte, zu kraͤnken! Aber ſchon in den fruͤheſten Jahren empfing er jeden Eindruck des Guten ſo leicht, daß eine, bey dem erſten Abſchiede von den Seinigen ihm gegebene, Denk⸗ muͤnze mit der Aufſchrift: Thue Rech t, ſcheue niemand! den unwandelbaren Entſchluß in ihm hervorbrachte, ihrer wuͤrdig zu ſeyn. Von Stund an wurden jene Worte ſein Wahlſpruch, den er nicht bloß in Stammbuͤcher ſchrieb, ſondern ſein ganzes Leben hindurch treulich befolgte. Und nun lege ich zu dieſer einfaͤltigen Gabe, die ich dem Grabhuͤgel des Entſchlafnen bringe, noch einen Auszug aus ſeinem letzten Briefe an mich. Ihm und mir bin ich einen oͤffentlichen Beweis ſchuldig, daß er kurz vor ſeinem Ende mich noch eben ſo liebte, wie damals, da man die Namen: Gle im und Jacobi, gleich denen 144 von Damon und Pythias, mit einander aus⸗ ſprach*). *) Nothwendig muß ein ſolcher Beweis mir jeht noch wichtiger ſeyn, als zu der Zeit, da ich den obigen Aufſatz zum erſten Mal in meinem Taſchen⸗ buch erſcheinen ließ. Seit dem fand ich, zu mei⸗ nem größten Erſtaunen, anfänglich in den, von Körte herausgegebenen, Briefen von Heinſe, nach⸗ her, wiederholt, in Gleims Biographie, die ſelt⸗ ſame Beſchuldigung, als ob ich meinem Gleim ſeinen Heinſe gewaltſam und liſtig entführt hätte. Schon hat einer meiner hieſigen Freunde (m. ſ. Morgenblatt 18 0. No. 64. Correſpond. Nachrichten.) den Ungrund dieſer Beſchuldigung gezeigt, und aus meiner künfkigen Lebensbeſchreix“. bung wird es noch klarer werden, daß hier weder von Gewalt, noch Liſt, noch überhaupt von ir⸗ gend einer Entführung die Rede ſeyn konnte; ſondern daß mein ganzes Verbrechen darin beſtand, eine Reiſe nicht aufgeſchoben zu haben, deren Aufſchub unmöglich war. Bis dahin mag es an dem beyliegenden Briefe genug ſeyn, welcher ge-. wiß nicht ſo aus vollem Herzen wäre geſchrieben worden, hätte Gleim mir ein unredliches Betra⸗ gen bloß verziehen, und nicht vielmehr von je⸗ dem Verdachte deſſelben mich freygeſe rochen. 145 Halberſtadt, den 27. Ockt. 1802*. Ein Gruß von meinem ewig geliebten Jacobi war der Gruß von einem Engel. Aber theuer⸗ ſter Freund, die Nachrichten von Ihrem dermali⸗ gen Befinden waren Ihrem Freunde nicht erfreu⸗ lich. Von meinem Befinden geb' ich Ihnen, weil ſie die traurigſten ſeyn wuͤrden, keine. Haͤtten wir in unſerm Halberſtadt noch einen Jacobi, ſo daͤchten wir an die vergangenen goldenen Zeiten nicht mit Betruͤbniß.. Beytraͤge(zur Iris) haͤtt' ich laͤngſt ſchon Ihnen geſandt, denn meine gute Muſe iſt bis auf den heutigen Tag mir treu geblieben; aber ich befand mich immer ſo krank, daß ich auch der kleinſten Geſchaͤfte mich enthalten mußte. Wir leben noch unter Einem Himmel, Gott weiß wie lange, theuerſter Freund! Schreiben wir aber einander nicht, ſo ſind wir wie todt fuͤr einan⸗ der.. Wie ſo herrlich, wenn Sie noch der unſrige waͤren! Es geht kein Tag hin, an welchem der Onkel und die Nichte ihren Jacobi nicht zuruck wunſchten... *) Nachdem ich Gleim durch Klamer Schmidt hatte grüßen laſſen. Iv. 5* 446 Es freut mich, theuerſter Freund! daß Sie Vaterfreuden erleben. Ihrem einzigen lieben Sohn waͤr' ich ſo gern ein Vater. Das Dictiren wird mir allzuſauer. Deßwe⸗ gen, ewig Geliebter! muß ich abbrechen, und mit einem herzlichen Gruße an Ihre liebe verſtaͤndige Hausfrau, dieſes in meinen Augen elende Brief⸗ lein beſchließen.— Hier noch, ſo lange Gott will, und in der Ewigkeit, der alte Freund Gleim. 447 Der Thurmwaͤchter an die Stadt Freyburg. Am 1. Jenner 1804.*) Auf unſerm alten, ehrlichen Thurm, Der manch Jahrhundert ſchon dem Sturm Und Hagel Trotz geboten hat, Durch Glockenklang die froͤhliche Stadt Zu manchem Feſte vorbereitet, Und manch Geſchlecht zu Grabe gelaͤutet; Auf unferm Thurm, zum neuen Jahr, Sing' ich ein neues Lied; und zwar Nicht mit Trompeten und Paukenſchall, Wie man ſeit Kurzem uͤberall Es will, ſich in der Weiſe verirrt, Und keiner verſteht, was geſungen wird. Mein Lied iſt nur vom alten Schlag, Wie unſer einer es dichten mag; Hoff' auch, daß es nicht ſchlechter klingt, *) Der Thurm des Freyburger Münſters gehörk, bekanntlich, unter die größten und ſchönſten Denk⸗ male gothiſcher Baukunſt in ganz Deutſchland. 148 Weils nur ein armer Waͤchter ſingt; Denn, die getreu ihr Amt verwalten, Sind, hoch oder niedrig, in Ehren zu halten. So weilt' ich oft am Fenſter hier, Und ſah die andern unter mir So klein, daß ich mich groͤßer duͤnkte; Bald aber kam die Nacht; es blinkte Das Sternenheer, und jeder Stern War von der Spitze des Thurms ſo fern, Daß meine Hoͤhe mir bald verſchwand, Ich mich der Erde naͤher fand Und hier, in meinem obern Reich, Den Uebrigen dort unten gleich. Drum ſollen, die am hoͤchſten ſtehen, Nicht ſtolz hinab in die Tiefe ſehen: Dem Waͤchter iſt hoch ſeine Warte gebaut Nur, daß er weiter um ſich ſchaut, Und wer nach G'wiſſen thut und wacht, Hat alles dieſes wohl bedacht; Der iſt mir guͤnſtig, und hoͤrt in Ruh Dem Liede des armen Thuͤrmers zu: „Schoͤn iſt mein Thurm, ſobald der Flor Der Morgendaͤmmrung ſchwindet, Und er die Sonne, die empor Sich hebt, zuerſt verkuͤndet. 14⁴9 Schoͤn iſt er, wenn im Mittagsglanz Er zum Gelaͤute ſtrahlet, Und ſchoͤn, wenn ihn der Abend ganz Mit Purpur uͤbermalet. Auch, wenn Gewitternacht uns droht, Steht ohne Furcht und Grauen Er da, und iſt, vom Blitze roth, Noch herrlich anzuſchauen. Sogar, wenn Schneegewoͤlke ziehn, In kalten Wintertagen, Sieht man vom Reif verſilbert ihn Mit innigem Behagen. Zwar ſehn's vielleicht nicht alle ſo; Nicht jedem iſt's beſchieden, Ein Herz zu haben, frey und froh, Und mit ſich ſelbſt im Frieden. Wer das nicht that, wem in der Bruſt Begier und Sorge ſtuͤrmen, Den weckt kein Sonnenblick zur Luſt Auf Bergen und an Thuͤrmen; Der ſchleicht durch Gottes ſchoͤne Welt Mit Marren und mit Klagen; Doch darf er, wenn ihm nichts gefaͤllt, Sich ſelber nur befragen: 150 Wie er im muntern Fruͤ hgelaͤut Den Ruf zur Arbeit hoͤret, Und wie er heim, zur Abendzeit, Zu Weib und Kindern kehret? Ob, wenn die Glocke zum Gebet Uns mahnt mit frommen Schlaͤgen, Er mit getroſtem Muthe geht Auf unbeſcholtnen Wegen? Ob, wenn es Mittag ſchlaͤgt, ſich auch Das Herz zum Armen neiget, Zum Hungrigen, fuͤr den kein Rauch Vom kalten Herde ſteiget? Wie man an's letzte Stuͤndlein denkt, Ob man dem Scheidezeichen Fuͤr Bruͤder eine Thraͤne ſchenkt, Und was noch mehr dergleichen. Genug; wem wohl iſt innerlich, Wer nichts hat zu bereuen, Wird, jeden Tag, der Sonne ſich Und unſers Thurms erfreuen. Der Wuͤnſche braucht er wohl nicht viel; Mit ſeinem guten Glauben Wallt er hindurch; ihm kann das Spiel Des Gluͤcks nur wenig rauben. — Doch will ich heut fuͤr Stadt und Land Den Segen deß erbitten, Der alles haͤlt mit ſtarker Hand, Die Thuͤrme, gleich den Huͤtten; Der immer giebt, und immer wacht; Durch den Palaͤſte fallen, Die Birke gruͤnt, die Traube lacht, und Gras und Aehre wallen.”“ Eudora. An die Frau von ⸗. Eudora ging, daß ſie des Hauſes Goͤtter ſchmuͤckte, Im Schooße friſchen Rosmarin, Zum ſtillen Herd, auf den die Abendſonne ſchien, Und Friede war, wohin ſie blickte. Sie wendete, verſchoͤnt vom Purpurlicht, Ihr betend holdes Angeſicht Oft lauſchend weg, ob ſte den Gatten kommen hoͤrte; Jedoch die fromme Liebe ſtoͤrte Der Andacht ſuͤße Regung nicht. „ Ihr Goͤtter!“ ſagte ſie,„des alten Herdes Huͤter! Die ihr im Donnerſturm, in langer Winternacht, Den vaͤterlichen Hof, die angeerbten Guter, 153 Mehr aber noch, als dieß, ein reines Herz be⸗ wacht! Euch dank' ich es, daß jene Schwelle Mir heilig blieb, daß jeder Tag Mein Denken und mein Thun, mit ſeiner gan⸗ zen Helle, Vor aller Welt beleuchten mag; Euch dank' ich, daß ich meine Haͤnde Getroſt erheben kann im Glanz, der mich um⸗ ſtrahlt, Und mir kein ſchnoͤder Wunſch auf dieſe Waͤnde Verfuͤhreriſche Bilder malt. Wer Ruhe nicht und Gluͤck des Lebens Daheim zu finden weiß, der ſuchet ſie vergebens; Hat keine Lagerſtatt, ihm ward kein Herd gebaut; Gleich dem Verbannten, irrt er ſtets umher, und traut Dem eignen Dache nicht. Wie biſt du mir ſo theuer, Du kleiner Tiſch, der, ohne Pracht, Geweiht durch manche frohe Feyer, Entheiligt nie, mir und dem Gatten lacht!“ Eudora barg ſich jetzt in ihren Schleyer. „» Ihr Goͤtter!“ fuhr ſie fort:„Ihr, deren Macht Nur Wohlthun iſt! Wenn ich nach alter Sitte 154 Geopfert euch, und Oel und Weihrauch darge⸗ 8 bracht, O ſo vergoͤnnt mir Eine Bitte! Des Guten habt ihr mir ſo viel gewaͤhrt! und doch Zu leer iſt jene Stelle noch; Oft mit geheimen Seufzern ſah Ich hin, wenn mich des Tages Anbruch weckte, Ob nicht aus ſeiner Wiege da Nach mir ein liebendes Geſchoͤpf die Arme ſtreckte, Das ich mit Kuͤſſen dann bedeckte. Nur dieſes noch; ihr Guͤtigen, verzeiht! Noch dieſen euern beſten Segen! Wie ſoll mein Dank des ſchoͤnen Herdes pflegen, Wenn erſt die Mutterbruſt ſich eines Saͤuglings freut; Wenn der, in goldner Morgenſtunde, Auf meinem Schooß nach Sonnenſtaͤubchen haſcht, Aus ſeinem kleinen zarten Munde Das erſte Wort mich uͤberraſcht! Euch lieben wird er einſt, an Feſten euch bekraͤnzen, und, ſanfter jede Nacht zu ruhn, Was er beginnt, vor euern Augen thun.“ Sie ſchwieg; und dunkler ward's, und heller gglaͤnzen Sah man die Opferflamme ſchon; Da hoͤrte ſie den laͤngſt erſehnten Tritt und Ton Des Gatten, eilte nach der Thuͤr; Die Laren aber winkten ihr Das Jawort. O ſie winken Dir, O Freundin! auch; denn, was Eudora ſprach, Das beteſt du mit reinem Herzen nach. Tiſchlied. Auf und unter gehn die Sonnen; Tage, feſtlich froh begonnen, Sieht der Abendſtern entflohn. Oede Stille folgt dem Tanze; Mit der Kerzen matterm Glanze Stirbt der Saiten letzter Ton. Ach! wenn ſo die Tage ſchwinden, Wenn ſie jubelnd uns verkuͤnden, Was der naͤchſte Morgen nimmt— Iſt der Feſte kurze Feyer, Iſt ſie werth, daß man die Leyer Zum Geſang der Wonne ſtimmt? Ja, wir ſtimmen ſie! Wir klagen Nicht, daß uns an Roſentagen Flüchtig nur die Freude gruͤßt; 157 Nicht, daß jede ſchoͤne Gabe Wieder ſchnell in ihrem Grabe Duͤſtre, bange Nacht verſchließt.*) Was verſchwand, iſt unverloren; Von der Zukunft neu geboren Wird die Stunde reiner Luſt; Was mit Liebe wir umfaßten, Selbſt den Schatten des Erblaßten Druͤcken wir an unſre Bruſt. O der goldnen Kinderfeſte! Zwitſchern hoͤr' ich noch im Neſte Meiner Voͤgel junge Brut; Sehe, wie der Kaͤfer glaͤnzet, Und mit Gaͤnſebluͤmchen kraͤnzet Mir die Waͤrterin den Hut. Schimmernd in der Morgenhelle, Plaͤtſchert mit der kleinen Welle 3 Mir der vaͤterliche Bach; Und es hallt das laͤngſt verwehte Wort, das uns den Muth erhoͤhte, Spaͤt noch in der Seele nach. *) Aus einem Liede von Schiller. Ruͤhrt denn wonnevoll die Saite! Dem zu bald entwichnen Heute V Giebt das Lied Unſterblichkeit. Uns, die wir ihn ſingend kroͤnen, Uns ſoll dieſer Becher toͤnen, Und dem Saͤnger kuͤnf ger Zeit. Fuͤr die Nachwelt nicht vergebens Freute weislich ſich des Lebens laccus beym Falernerwein; Denn zum trauten Mahl geſungen Hat er, und Begeiſterungen Schweben noch um Tiburs Hain. 159 Hagedorn. In den Jahren meiner Jugend, in dem Alter, wo man alles, was einem als loͤblich vorſchwebt, ausfuͤhren moͤchte, und es fuͤr unmoͤglich haͤlt, daß Andere nicht mit eben dem Enthuſiasmus einem behuͤlflich ſeyn ſollten, in jenen Jahren ermunterte ich die Hamburger, ihrem Hagedorn ein Denkmaal zu ſetzen. Das Werk unterblieb; indeſſen hatte ich die Stimmen aller Freunde und Freundinnen des Schoͤnen fuͤr mich; unter letz⸗ teren boten einige ſogar, als Beyſteuer, einen Theil ihres Schmuckes an. Ein ruͤhmlicheres Zeugniß fuͤr den, welchen man ehren wollte, als fuͤr manchen andern ein wirklich errichtetes Denk⸗ maal! Wie aber, wenn man jetzt einen aͤhnlichen Wunſch aͤußerte? Bey dem groͤßten Theil un⸗ ſerer juͤngern Leſer und Leſerinnen waͤre es bey⸗ nahe noͤthig, daß man ihnen erzaͤhlte: Hagedorn ſey noch zu den Zeiten ihrer Vaͤter unter die Lieblingsdichter der Nation gerechnet worden; Juͤngling und Maͤdchen haben ſeine Lieder ge⸗ ſungen, der denkende Mann ſeine Spruͤche der Weisheit auswendig gelernt, und der angehende Dichter nach ihm ſich gebildet. In noch tiefere Vergeſſenheit gerathen iſt Vater Opitz, obwohl er die deutſche Poeſie, wie er in ſeiner bie⸗ dern Sprache mit Recht von ſich ruͤhmt, zuerſt in Schwang gebracht. Doch was rede ich von unſern laͤngſt geſtorbenen großen Todten, da ſelbſt die ſpaͤteren, ſelbſt unſer Uz, welcher erſt am Ende des letzten Jahrhunderts von uns ſchied, Deutſchlands Horaz, wenn irgend einer dieſen Namen verdient— da ſelbſt er nur ſelten noch genannt und von Wenigen geleſen wird? Und woher dieſe ſtraͤfliche Gleichgultigkeit, dieſer Undank, welchen ich, wenn er nicht geruͤgt werden muͤßte, lieber verſchwiege, um ihn vor den uns beſchaͤmenden Nachbarn nicht kund wer⸗ den zu laſſen? Denn Frankreich, ungeachtet ſei⸗ ner, vielleicht zum Nachtheil des ſtaͤrkern Aus⸗ druckes, geründeten und geglaͤtteten Sprache, liest bis auf den heutigen Tag ſeinen alten Marot; das Ohr der ſo fein fuͤhlenden Italie⸗ ner hat ſich fuͤr den rauheren Dante nicht ver⸗ zaͤrtelt, und vor allen gereicht es den Englaͤn⸗ dern zum Lobe, daß ſie unermüdet fortfahren, 164 neue Ausgaben von ihren aͤlteſten Dichtern zu veranſtalten. Warum bleiben wir, die wir ſonſt alles um uns her nachahmen, hier, wo das Nachahmen Ehre braͤchte, zuruͤck? Achten wir etwa den Genius, der unſere Dichter beſeelt, ſo gering gegen den Genius der Auslaͤnder? Sind deutſche Geſaͤnge nicht mehr werth, als daß ſie den Mitlebenden toͤnen, und dann ver⸗ hallen? Glauben wir das? oder iſt es unſere Vielleſerey, welche uns bey dem Beſſern nicht verweilen laͤßt, ſondern uns antreibt, immer, wo nicht etwas Neues, doch etwas Anderes zu durchblaͤttern? In der That iſt dieſes den Mehrſten zum Beduͤrfniſſe geworden, entweder, weil bey ihnen das Leſen, als bloße Zeitverkuͤr⸗ zung, mit dem Spiel abwechſelt, oder, weil die von ihnen treulich befolgte Mode fordert, daß man mit jeder, bedeutenden oder unbedeutenden, literariſchen Erſcheinung, ſobald nur irgendwo eine Nachricht davon aufzuſpuren iſt, bekannt ſey. Woher naͤhme man die Stunden fuͤr einen aͤltern Dichter, da man alles, was ſingt, anhoͤ⸗ ren muß, und es der Baͤnkelſaͤnger ſo viele giebt? Hierzu kommt eine falſche Idee von Neuheit, Kraft und Erhabenheit, die je laͤnger je herr⸗ ſchender wird, und nach welcher man ſich uͤber⸗ 6 Lacobi's Werke. IVV. 162 redet, das goldene Zeitalter unſerer Dichtkunſt habe ſeit wenigen Jahren erſt ſeinen Anfang genommen; erſt nun ſtrahle der deutſche Lorber in einem Glanze, der den Ruhm eines Opitz, Hagedorn und ſeiner Zeitgenoſſen verdunkele.— Wenn es moͤglich waͤre, allen unſern Jour⸗ naliſten, um ſich vor dem Verrathe zu ſichern, einen Wink zu geben, und ich ruͤckte dann, an⸗ ſtatt die Meiſterſtuͤcke jener Dichter zu empfehlen, einige derſelben, ohne Namen der Verfaſſer, in mein Taſchenbuch ein, ſo bin ich uͤberzeugt, daß ein großer Theil unſerer emſigen Leſer ſie als etwas Neues anſtaunen, und die Originalitaͤt der Gedanken, den Schwung des Geiſtes, ſo wie die Kuͤhnheit des Ausdrucks, bewundern wuͤrde. Nach entdeckter Taͤuſchung wagten ſie es vielleicht und naͤhmen den alten Dichter ſelbſt zur Hand, legten ihn aber, wenige ausgenommen, bey ihrem verwoͤhnten Geſchmacke, bald wieder bey Seite. Die Wenigen hingegen, welche die Geduld haͤt⸗ ten, unſere Alten zu ſtudiren, wuͤrden gewahr werden, daß ihnen bisher vieles neu geſchienen, was deutſche Dichter ſchon vor mehr als hundert Jahren weit beſſer geſagt haben. Sie wuͤrden begreifen, daß ſie oft fuͤr Originalitaͤt gehalten, was nur ſeltſam iſt, leeren Wortſchall fuͤr Ge⸗ 163 danken, fuͤr Reichthum gleißende Armuth, Aben⸗ teuerliches fuͤr Wunderbares, und Uebertreibung fuͤr Groͤße. An manchem ihrer Ideale wuͤrden ſie, betroffen, die Abweichungen von der edeln Einfalt der Natur bemerken; wuͤrden auch nicht mehr unſerer Sprache das zum Gewinnſte an⸗ rechnen, was ſie an claſſiſchem Werthe verloren hat, an der, den Griechen und Roͤmern ſo un⸗ verletzlichen, Richtigkeit und Reinheit, die eben ſo den heutigen gebildeten Nationen insgeſammt, bis auf die unſrige, noch ein heiliges Geſetz iſt. Nicht weniger mußte ſie die Entdeckung befrem⸗ den, wie ſelbſt ihr Ohr durch die Gewohnheit ſich dahin bringen ließ, daß es nicht ſelten Miß⸗ klang und Haͤrte mit Wohllaut verwechſelte*). Ohne durch einen kleinen Betrug dieſer Art ſie anzulocken, hoffe ich, wenigſtens einigen un⸗ ſerer angehenden Dichter, deren Gefuͤhl fuͤr das aͤchte Schoͤne noch unverdorben blieb, ein Ver⸗ *) Der Wohlklang in geſunden Ohren, Die Sprache ſelber geht verloren, Weil alle Scham verloren geht: Ein Deutſcher iſt gelehrt, wenn er ſolch Deutſch verſteht— fagte Uz im J. 1754. Was würd' er jeßt ſagen? 464 langen nach der genauern Bekanntſchaft mit den Werken jener ehrwuͤrdigen Maͤnner einzufloͤßen, die unſerer vaterlaͤndiſchen Poeſie die Bahn bra⸗ chen, damit ſie die Werke derſelben ſtudiren, wie Virgil die Werke des alten, weit rohern Ennius. Wenn ſie noch offenen Sinn haben fuͤr den einfachen Reitz, fuͤr die Klarheit, Leich⸗ tigkeit, und den eben ſo faßlichen als bezaubern⸗ den Rhythmus eines Pindar, Horaz, und aller derer, die Athen und Rom durch ihre Geſaͤnge verherrlichten, ſo werden ſie bald einſehen, daß Opitz und Hagedorn jenen Saͤngern viel naͤher gekommen ſind, als, ungeachtet ihres griechiſchen Sylbenmaßes und ihrer griechiſchen Conſtruction, die mehrſten unſerer neueſten Dichter. Die Aehnlichkeit der erſtern mit den alten Griechen und Roͤmern iſt ſchon in der Art, die Dinge zu ſehen und zu empfinden, unverkenn⸗ bar. In allem, was dieſe und jene ſangen, redet die Natur. Was ſie darſtellen, iſt neu; aber darum nicht, wie durch eine Zauberformel, aus allen Elementen, aus Hoͤhen und Tiefen, zuſammen geholt. Selbſt die geiſtigen Weſen, die ſie aus der Ober⸗ und Unterwelt erſcheinen laſſen, ſteigen freywillig herauf und herunter, und naͤhern ſich uns ſo, daß auch da, wo ſie 465 ſich einmiſchen, alles menſchlich und wahr iſt. Auch finden wir nirgend in ihren Gedichten, wenn ſie gleich uͤber kleinere Thorheiten lachen und uͤber groͤßere die Geißel ſchwingen, den ſtolzen, wegwerfenden Ton mancher neuern; nirgend die uͤble Laune, das kraͤnkelnde Gefuͤhl — das, was uns mit andern Menſchen, mit uns ſelbſt, und mit der ganzen Natur unzufrie⸗ den macht. Und worin liegt die Kraft der alten claſſiſchen Dichter und der aͤltern Deutſchen? In dem Gedanken an und fuͤr ſich, und in dem paſſen⸗ den, die Sache verſinnlichenden Ausdruck; in der Einfalt und Kurze, ſo wie in der Herzlich⸗ keit, womit alles geſagt wird; nicht in Hyper⸗ beln, in ſonderbaren Wendungen muͤhſeliger Wortfuͤgung; nicht im Gewagten und Halsbre⸗ chenden. Da iſt kein Woͤrterprunk; aber an jeder Stelle das Wort, das dahin gehoͤrt— oft ein gemeines durch den Begriff geadelt, oder den Gedanken eben dadurch erhoͤhend, daß es ge⸗ mein iſt. Da haben wir, ſtatt uͤppiger Aus⸗ wuͤchſe, Fruchtbarkeit und Fuͤlle; ſtatt raͤthſelhaf⸗ ter Dunkelheit, gemaͤßigtes Licht, und Leben und Anſchaulichkeit uͤberall. Ob die Muſe Recht habe, die unſerm Uz, 166 in ſeinem beruͤhmten Traume, die Bildſaͤule des Opitz zeigt: „Sieh! Opit ſteht voran; ſein Geiſt kennt keine Schranken: Natur iſt, was er denkt, und, was er ſchreibt, Ge⸗ danken. Er ſang, unſterblicher Geſang! Beſeelt von einem ſanften Feuer, Noch rauh, doch männlich ſchön, in ſeine neue Leyer.“ Hieruͤber moͤgen einige Stellen aus dem alten Dichter zur Entſcheidung dienen, welchen ich keinen Commentar beyfüge, weil ein ſolcher für die Einen uberflüſſig, fur die Andern unnuͤtz waͤre. In dem Lobgedicht auf den Koͤnig von Polen ſagt Opitz: „Du würdeſt König ſeyn, Und wäre nichts um dich, als dein Verdienſt allein.“ „Es hört ſo keiner auf, als du haſt angefangen.“ „Die Sonne muß ſtets gehen, Der Himmel wälzet ſich, die See kann nimmer ſtehen; So, König biſt auch du; dein Sinn iſt Himmel weit, Iſt als die Sonne klar, iſt als die Meere breit, und denkt nicht einmal nach, in was Gefahr er rennet. Alſo ein kühner Löw', in dem ſein Herze brennek Für Gunſt zu ſeiner Zucht, der ſorget ſtets und wacht, Schleicht über allen Froſt und Schnee bey ſtiller Nacht; Sein Haar iſt ihm bereift, es hangen an den Ohren Die Zapfen von Kryſtall, die Klauen ſind befroren; Noch ſchaut er keine Müh und Laſt des Wetters an.“ „Das Stehen der Trabanten, Die Warnung vor Gefahr, die Aufacht der Bekannten, Gewehr und Waffen, Herr! die ſind für ein Gemach, Da ein Tyranne ſiht, nur oftermals zu ſchwach. Der kann nicht ſicher ſeyn, vor dem nichts ſicher 3 bleibet, Der Blut zur Loſung hat, Blut redet und Blut ſchreibet, Und ſäuft es in den Hals: Er förchtet, die er kränkt; Traut auch dem Degen nicht, der ihm zur Seiten 5 hängt.“ „Hier(in deinem Reiche) mag jedermann in Got⸗ tes Dienſte leben, Wie ſein Gewiſſen weiß; mag ſeine Hände heben Zu dem, der Euch nicht mehr vertrauet als die Welt, Und ſeiner Ehre Recht für ſich allein behält.“ 468 In ſeinem Veſuvius haben folgende Verſe mir des Auszeichnens wuͤrdig geſchienen: „Alsdann kann erſt ein Menſch ſich einen Menſchen nennen, Wenn ſeine Luſt ihn trägt, was über uns, zu 4 kennen, Steigt eifersvoll empor, und dringt ſich in die Schooß Und Gründe der Natur; da geht ſein Herze los; Lacht von den Sternen her der Zimmer, die wir bauen, Des Goldes, welches wir tiek aus der Erde hauen, Wie auch der Erde ſelbſt.“ Das Gedicht: Vielgut, beſchließt er ſo: „Ein weiſer Mannesmuth will über Unglück ſiegen, Begehrt den Feind zu ſehn; er ſteht, wenn alles fällt— Er kann mit großem Herzen Vernichten Furcht und Troſt, zertreten Noth und . Schmerzen, Stirbt ab der Sterblichkeit, iſt ſeines Lebens voll, Und hoffet auf den Tag, an dem er wandern ſoll.“ Dieſer Muth kommt daher, daß der Leib nichts uͤber die reine Seele des Weiſen vermag, uͤber die Seele, —, — 169 „welcher Gluth Nach ihrem Himmel ſteigt, wie ſonſt ein Feuer thut, Das freye Luft bekömmt; die nicht ihr Gut aus Sachen Erzwingt, ſo ſterblich ſind, und gleichfalls ſterblich machen; Die alles Gut und Luſt nur in ſich ſelber ſucht.— Dieß Gut iſt's, was ihm hier ein frommer Sinn be⸗ gehret, Und was das höchſte Gut nach Wünſchen ihm ge⸗ währet, Derſelbe, dem er Gut und Leben in die Luft Mit allem Willen ſtreut, und kommt, ſobald er ruft.“ In der Zuſchrift an einen Burggra⸗ fen heißt es: „Ein Geiſt, der Ehre ſucht, muß etwas weiter ziehn, Denn wo der Grenzſtein liegt: Drum biſt du aus⸗ geriſſen, Als wie ein junger Löw'—— Und wie ein Adler thut, der nicht läßt ungeflogen, Wiewohl er kümmerlich erſt jetzt hat ausgekielt, Und noch der Rordwind nicht mit ſeinen Federn ſpielt.“ Einem Edelmanne, mit dem er von ſeinen Ahnen geredet hat, ſagt er: „Die Bilder, die hier ſtehen, Von welcher wegen du pflegſt oben an zu gehen, Die rufen auf dich her, und ſchauen, was du thuſt.“ Wehe thut es mir, daß ich auf die ſe wenigen Stellen mich einſchraͤnken muß, da mir uberall etwas begegnet, das von der Vortrefflichkeit des Saͤngers zeugt. Und ſeine Troſtgedichte, welche den Geiſt ſo maͤchtig heben! ſo voll Weisheit und Salbung! Sie endigen mit einem Gebete: „»Bind' uns mit deiner Hand ſtark an den Him⸗ mel an; Auf daß wir nicht vergehn, gieb uns in dieſen 3 Schmerzen Ein freundliches Gemüth und königliche Herzen!“ Der Spur des altdeutſchen biedern Opitz folgte Hagedorn, der Saͤnger der Liebe, der Freude und der Weisheit; weniger kraͤftig im Ausdruck, als ſein Vorgaͤnger— wie denn jede Sprache durch allmaͤhlige Verfeinerung von ihrer urſpruͤnglichen Staͤrke verliert— aber gebildeter, edler, wohlklingender; gleich gefaͤllig, als leh⸗ render, erzaͤhlender und lyriſcher Dichter. In ſeinen Lehrgedichten athmet durchaus Ho⸗ raziſcher Geiſt; in jedem derſelben vernimmt man den Ton ſeines Lieblings und Vertrauten, den 4741 er in den Buͤſchen am Blanduſiſchen Quell als Juͤngling ſchon belauſchte, und die ſuͤßeſten Ge⸗ heimniſſe der didaktiſchen Muſe ihm ablernte. Eben die, bald epikuriſche, bald ſtoiſche Philo⸗ ſophie, eben der lachende, wohlgezogene Satyr, und die anſpruchloſe Manier, und der leichte Gang des Verſes! Noch entzuͤckt es mich, wie einſt in meiner fruͤheſten Jugend, wenn ich in ſeinen Wuͤn⸗ ſchen die Verſe leſe: „Wer dieß von Weiſen lernt, ſein eigner Freund zu werden, Mit der Verſuchung nicht ſich heimlich zu verſtehn, Der iſt— ihr Großen, glaubt's!— ein großer Mann auf Erden, und darf Monarchen ſelbſt frey unter Augen gehn.“ Noch fuͤhle ich, wie damals, die ganze Wuͤrde des Menſchen, mit eben der hohen Wonne, wenn er in ſeinem Weiſen mir den wahrhaft geohtn Mann darſtellt: „Ein ſolcher kennt die Eitelkeit der Würden, In die das Glück zu ſelten Kluge ſteeckt. Ihn rühret nicht der Auspuß hoher Bürden; Ihm ſtrahlt kein Stern, der kleine Herzen deckt Der Geiſt, durch den ein Cato groß geworden, 4172 Fährt in kein Band, und ruht auf keinem Orden.— Die Einfalt lobt, was Vieler Stimmen loben, Die Menſchenfurcht, was ſie nicht ſtürzen kann.—. Die Schmeicheley legt ihre ſanften Bande, ſ 1 Ihr glattes Joch nur eiteln Seelen an. Unedler Ruhm und unverdiente Schande, O waget euch an keinen Biedermann! Führt im Triumph die Blöden, die nichts wiſſen, Und, was ſie ſind, vom Pöbel lernen müſſen! Ruhm, Ehre, Lob(wie wir den Beyfall nennen, Den alle Welt Verdienſten ſchuldig iſt), Euch kann uns nur die Weisheit zuerkennen, Die unſern Werth nicht nach dem Anſehn mißt; Ihr Ernſt verſcheucht die Künſte kleiner Meiſter; Ihr Geiſt iſt ſtark, und geht durch alle Geiſter.“ 21 Hagedorns Erzaͤhlungen iſt von Einigen Weit⸗ ſchweifigkeit vorgeruͤckt worden; aber Weitſchwei⸗ figkeit iſt nur da, wo mit vielen Worten Weni⸗ ges geſagt wird, nicht da, wo der Erzaͤhler, wie 8 der franzoͤſiſche la Fontaine, dann und wann ſeiner Laune ſich uͤberlaͤßt; anmuthige Neben⸗ ideen mit einflicht; Bilder, die gefallen koͤnnen, ausmalt; kurz, den Zuhoͤrer unterhaͤlt. Welch 3 ein treuherziger Ton, welche Naivetaͤt in dem muntern Saifenſieder, dem Falken u. ſ. f. Und mit welchem eigenen Geiſte benutzt er die Erfindungen der Auslaͤnder, ſo daß er in ſeiner Nachahmung immer noch Original, und immer noch Deutſcher iſt. Von ſeinen froͤhlichen, aus einem Herzen, welchem innig wohl dabey war, geſungenen Lie⸗ dern, ſchaͤme ich mich etwas zu ſagen, da mein Freund Matthiſſon erſt in der lyriſchen An⸗ thologie daran erinnerte. Daß Hagedorn, eben ſo wie Opitz, manche Fehler ſeines Zeitalters an ſich trage; daß un⸗ ſere Poeſie nach ihm an Wuͤrde des Ausdrucks, an Gleichheit des Tons, Rundung, kuͤhnen Wendungen, welche die Richtigkeit der Sprache nicht verletzen, und an derjenigen Kuͤrze, die aus dem Zuſammendraͤngen der Hauptvorſtellun⸗ gen entſpringt, vieles gewonnen habe, wer durfte das laͤugnen, ohne ſich ſelbſt alles kritiſche Ge⸗ fuͤhl abzuſprechen? Ich ermahne deßwegen den angehenden Dichter, den ich an Opitz und Hage⸗ dorn wies, eben ſo ernſtlich, von jenen Dich⸗ tern zu den beſten unter den neuern zuruͤck zu kehren, und von ihnen zu lernen, ſo wie ich in meinem Alter noch taͤglich von ihnen zu lernen ſuche. Nur bleib' er getreu der hohen Einfalt, die er aus der Schule der aͤltern Deutſchen mit⸗ brachte; geſtatte ſich nicht gewiſſe Abweichungen, 474 die man Unrecht haͤtte, auch den beruͤhmteſten Namen zu verzeihen, wenn ſie nicht durch an⸗ dere Trefflichkeiten verguͤtet wuͤrden; und huͤte vor allen Dingen ſich vor dem Volke der heuti⸗ gen Nachahmer, das, wenn nicht unſere kriti⸗ ſchen Waͤchter ihr Amt verwalten, in Kurzem mit der deutſchen Sprache die wahre Dichtkunſt zu Grunde richtet. —— An meine Geſchwiſter. Zwar ſchnitt ich manchen Maͤdchennamen — Dem Juͤngling war es zu verzeihn— Wenn Blatt und Bluͤthe wieder kamen, In Linden oder Buchen ein; Jedoch vergaß ich Buch und Linde Weit eher, als den Namenszug Der Mutter, in des Baͤumchens Rinde, Das ihre Lieblingsaͤpfel trug.*) Im Schatten ſtand es da, beſcheiden, Gleich ihr, und ohne Fruͤchte nie. Ach! aber bald nach ihrem Scheiden Fing es zu trauern an um ſie. *) Es war meine zweyte Mutter; den Namen der Stiefmutter verdiente ſie nicht. 176 Nur Blaͤtter wollt' es ferner tragen; Schon war die Axt der Wurzel nah; Kaum retteten noch meine Klagen, Mein Flehen ihm das Leben da. Und als der letzte Zweig ihm dorrte, Und als es niederſank, da blieb — Ihr hoͤret meine Trauerworte!— Die leere Stelle mir noch lieb. 177 Anakreons Tod. Nach dem Lateiniſchen des Cälius. Weiſer Alter! Dich ſandt' hinab der Kern einer Traube, Ach! auf ewig den Weg ſchließend dem Schwa⸗ nengeſang. Epheuranken, umſchlingt ſein Grab, umſchlingt es, ihr Lorbern! Duftet, ihr Roſen, dort, ohne zu welken, um ihn! Aber die Rebe ſey fern! Der Weingott ſelbſt 3 hat die Rebe Weniger lieb, ſeitdem ſie ſeinen Saͤnger ge⸗ . raubt. IV. 6* Der Alte an die Roſe. Im July 1805. Koͤnnte Zephyrs Hauch, V Wie die Nachtigallen, auch, Holde Roſe, dich beleben; Koͤnnte, zu Luſt und Schmerz, In den Buſen ein pochendes Herz„ Dir die allgewaltige Liebe geben; O du wuͤrdeſt, weggewandt, Vor des Greiſen nahender Hand Schnell zuruͤck in deine Huͤlle beben. Nur ein bluͤhendes Angeſicht, Das der Jugend Locken leicht umwallen, Kann der lachenden Roſe gefgllen. Aber doch entehren dich nicht Seines Lobgeſangs beſcheidne Toͤne, Wenn das Alter auch noch deiner Schoͤne Jugendlich ſich freut; — Wenn ſich dann der erſten Spiele Unter Blumen, dann der ſeligſten Gefuͤhle Suͤßes Angedenken ihm erneut; Wiederkehrt ſo manche laͤngſt vergeßne Stunde, Die, von Nymphen umtanzt, vom Lenze gekroͤnt, Zauberworte ſprechend uͤber jede Wunde, Mit des Lebens Dornen ihn verſoͤhnt. Bluͤhe denn fort in deinen Wonnetagen, Von dem Mutterzweige ſanft getragen; Schmücke das Feld, durchdufte den Hain; Harre dem dich ſuchenden Juͤngling entgegen! O der Gluͤckliche! moͤg' er dein Mit der zarteſten Sorge pflegen; Moͤge ſein Herz, wie du in deiner Einfalt, rein, Und, wie du, im Schutze der Grazien ſeyn: Vor dem letzten Daͤmmerſchein Laß mein Auge noch an dir ſich weiden; Neben dir, du Liebliche, laß mich ſtehn, und, voll hoher kuͤnftiger Freuden, Nicht mein nahes Grab, nur meinen Himmel ſehn! —— Ueber Gelegenheitsgedichte. Die mehrſten unſrer Kunſtrichter fangen an, auf jedes Gelegenheitsgedicht, mit wel⸗ chem Namen ſie faſt alles belegen, woruͤber irgend eine Veranlaſſung ſteht, mit einer ſtolzen Ver⸗ achtung herabzuſehen, und es kaum einer Anzeige zu wuͤrdigen. Der groͤßte Theil der Leſer, ge⸗ wohnt, ihnen nachzuſprechen, wirft daher auf ſolche Verſe nur einen fluͤchtigen Blick; und dem Verfaſſer, deſſen Lied fuͤr denjenigen, den er be⸗ ſingt, einen doppelten Werth haͤtte, wenn Meh⸗ rere ſich daruͤber freuten, iſt die Hoffnung hierzu geraubt. So wird, je laͤnger je mehr, eine Gat⸗ tung von Gedichten vernachlaͤßigt, die eben ſo natuͤrlich als reichhaltig iſt, und deßwegen bey den Alten in Anſehen war. Daß in einer gewiſſen Periode dieſes Anſehen unter uns fiel, geſchah mit Recht; aber nicht die Gattung hatte das verſchuldet, ſondern die Art, ſie zu behandeln. 181 Es war eine Zeit, wo keiner, der als Dich⸗ ter bekannt war, umhin konnte, ſeinen Goͤnnern und Freunden, bey Trauungen, Kindtaufen und Leichenbeſtattungen, mit einigen poetiſchen Zeilen aufzuwarten. Von dieſem Gedichte verlangte man, daß es ſich durhaus mit dem Beſungenen be⸗ ſchaͤftigte, und, zur Ausſchmuckung ſeines Bil⸗ des, alle oͤffentlichen und Privattugenden, die er haͤtte beſitzen ſollen, herbeyriefe. Hierzu kam, bey den Vornehmern, der damalige ſteife Ton, nach welchem ein Gluͤckwuͤnſchender ſich von dem Ceremoniel nicht entfernen durfte, ſo, daß er, ſelbſt in ſeinen Verſen, da ſtand, wie im Vorgemache, mit dem Hut unter dem Arm. Oft waͤr' es auch den hohen Goͤnnern ſchwer gewor⸗ den, den Dichter zu erreichen, wenn er ſich aus der gemeinen Sphaͤre hinausgewagt haͤtte. Ueb⸗ rigens war der geſellſchaftliche Umgang noch nicht der feinſte; jedes Lob mußte laut ausgeſprochen, jeder Scherz, wenn er wirken ſollte, ziemlich derb und auffallend ſeyn. Schon die Menge ſolcher Gedichte, zu denen ihr Verfaſſer, unter jenen Einſchraͤnkungen, ſich genoͤthigt ſah, ließen weder eine beſondere Neu⸗ heit der Gedanken, noch eine muͤhſame Feile zu. Das zweyte Buch der poetiſchen Waͤlder 482 von Opitz iſt ganz den Hochzeiten, und das dritte den Leichenbegaͤngniſſen gewidmet. Wie konnten ſie zuletzt anders, als zu Ge⸗ meinoͤrtern— welches Wort mir Adelung laſſen muß, bis er mir ein beſſeres dafuͤr giebt— ihre Zuflucht nehmen? Hier unterliegt ſelbſt das Genie des gedankenreichen Opitz, und ſelten fin⸗ det man in dieſen ſeinen Werken eine Stelle, die man anzeichnen moͤchte. Was hat man vollends von Dichtern zu erwar⸗ ten, deren Geiſt, auch in ſeinem freyeſten Flug, in den niedern Regionen blieb? Wenn der, in jeder andern Ruͤckſicht ehrwuͤrdige, Triller ein Trauergedicht, worin er das Leben mit einer Schifffahrt, und den Tod mit einem Hafen ver⸗ gleicht, alſo beſchließt: „Die Grabſchrift auf den Leichenſtein Soll unterdeſſen dieſe ſeyn: Wir laſſen hier die Bretter liegen, Und wiſſen, daß der Schiffspatron (Die Seele meynen wir) davon Im Port der Freuden ausgeſtiegen:““ So iſt es wohl zu begreifen, warum der bloße Titel eines Leichen⸗Carmens jeden Leſer von Geſchmack wegſcheuchte. Viele hingegen, welchen bis dahin ihre Schuͤchternheit nicht erlaubt hatte, 183 ſich unter die Poeten zu miſchen, wurden zu ei⸗ nem Verſuch' aufgemuntert, indem es ihnen nicht unmoͤglich ſchien, etwas hervorzubringen, das einem ſolchen Ideale ſich naͤherte. Sie lernten Sylben zaͤhlen, nothduͤrftig reimen, und traten ebenfalls, bey feyerlichen Gelegenheiten, als Gratulanten oder Leichenſaͤnger auf. In Kurzem wurde dieſe Poeterey zu einer neuen Erwerbs⸗ quelle; und wer konnte es einem armen Muſen⸗ ſohn verdenken, wenn er in ſeinen Freyſtunden, um nicht zu verhungern, ein ſo leichtes, mit kei⸗ nen Nebenkoſten verbundnes Handwerk trieb? Baſedow erzaͤhlte einſt, in meiner Gegen⸗ wart, an einer großen Tafel, weil ihn die Erinne⸗ . rung daran noch immer beluſtigte, daß er in ſei⸗ ner erſten Jugend durch eben dieſe Handthierung manchen Gulden gewonnen, und zwar, nach dem hoͤheren oder geringeren Preiſe des bey ihm be⸗ ſtellten und bedungenen Gedichtes, entweder auf die erſte, oder auf die zweyte Seite eines Folio⸗ bogens unten einen Strich gemacht, bis zu dem Striche hin geſchrieben, und dann jedes Mahl ſein Carmen geendigt haͤtte. Sehr viele, die nicht mit dem Genie eines Ba⸗ ſedow begabt waren, lebten faſt einzig und allein von dergleichen Reimereyen, wie des Zachariaͤ 184 Speront, den der Pudergott ſo ſinnreich in eine Sternſchnuppe verwandelt. Kurz, es gab foͤrm⸗ liche Verſefabriken; die Gelegenheitsgedichte wa⸗ ren zu einer Art des Luxus geworden; wer ſelbſt nicht reimen konnte, befand ſich in der Nothwen⸗ digkeit, von einer fremden Hand etwas verfertigen zu laſſen, das er an einem feſtlichen Tage ſeinem Patron uͤberreichte. Da ließen die Speronte denn alle Muſen ſich zu einem Maͤcen herab bemuͤhen, der wenig von ihnen wußte; das Hochzeitlied fin⸗ gen ſie an mit dem Pfeile des Cupido, und ſchloſſen es mit der Wiege; und im Trauergeſang huͤllte ſich die ganze Natur in ſchwarzen Flor und Boy, obgleich dem Saͤnger, welchem bereits das zu hoffende Silberſtuͤck entgegen lachte, wohl dabey zu Muthe war. Kein Wunder, daß die beſſeren Dichter nun den groͤßten Widerwillen empfanden gegen alles, was einem Gelegenheitsgedichte aͤhnlich ſah; daß jeder von ihnen ſich geſchaͤmt haͤtte, mit den be⸗ ſoldeten Reimern das mindeſte gemein zu haben! Unter Hagedorns Gedichten findet man, außer dem witzvollen ſatyriſchen Leichencarmen auf Herrn Joſt, kein einziges jener Art. Von Haller haben wir zwey Hochzeitgedichte— die Oden auf den Tod ſeiner beyden Gattinnen gehoͤren nicht hie⸗ 185 her— aber in der Vorerinnerung zu dem einen verwahrt er ſich gegen diejenigen Leſer, die ſeinen Gluͤckwunſch mit den gewoͤhnlichen vermengen koͤnnten, und das zweyte beginnt er mit einem: Procul este profani, das er den unberufe⸗ nen Dichtern zuruft: „Iſt für euch Lärmer denn kein Richter? Sorgt niemand für ein kennend Ohr? Die Gaſſe ſchnarrt von feilen Leyern, Ganz Deutſchland quillt mit nüchtern Schreyern, Auch Fröſche ſind nicht ſo gemein.“ In der That wurde die Hochzeittafel jedes, nur einigermaßen beguterten, Buͤrgers derge⸗ ſtalt mit Gratulationen uͤberſchwemmt, daß der hochgeprieſene Braͤutigam die mehrſten derſelben, gleich den Viſitenkarten, blos anſah, und bey Seite legte. Darum erging es endlich den Ge⸗ legenheitsgedichten, wie allen Artikeln des Luxus; ſie kamen aus der Mode, hielten alſo keinen gu⸗ ten Dichter mehr ab, denen, die er liebte und ehrte, bey froͤhlichen und traurigen Begegniſſen ſein Mitgefuͤhl zu ſingen. Und was koͤnnte wohl einen des Geſangs wuͤrdigeren Stoff darbieten, als die wichtigſten Scenen des menſchlichen Lebens: Geburt, Ver⸗ 486 ehelichung, Tod? Was einen angenehmeren, für jedes Herz intereſſanteren, als Familienverhaͤlt⸗ niſſe, haͤusliche Feſte, geſellſchaftliche Freuden? Die verſchiednen Arten der Verbindung, wo⸗ rin ein Dichter mit verſchiednen Menſchen ſteht; die beſondere Lage, die Anſichten, Ge⸗ fuͤhle, Launen eines jeden unter dieſen, gewaͤh⸗ ren demjenigen Mannigfaltigkeit genug, der Ge⸗ brauch davon zu machen weiß. Oefters kann er gewiſſe Charakterzuͤge derer, die er beſingt, durch⸗ ſchimmern laſſen, und uns, gleich dem Maler, ein Bild liefern, das, wenn wir auch das Ori⸗ ginal nicht kennen, etwas Anziehendes fuͤr uns hat, weil wir eine Meiſterhand darin entdecken, und ihm anſehen, daß es getroffen ſeyn muß. Sind etwa die erwaͤhnten Vorfaͤlle des Lebens; iſt der Schwur der Verlobten, einander treu zu ſeyn bis an ihr Ende; der Augenblick, da ein Vater das kaum geborne Kind an ſeine Bruſt druͤckt; der letzte Segen des Scheidenden; iſt alles das abgenutzter, als Sonne, Mond, Fruͤh⸗ ling, Seufzer des Verliebten, u. dgl. m.? Es fragt ſich, ob das Gedicht gut iſt, als Gedicht. Sey der Inhalt, welcher er wolle! was der Ge⸗ nius anhaucht, das lebt und gefaͤllt; wo ſein Athem die Schoͤpfung nicht beſeelt, da bleibt 187 ſie oͤde und leer, da bluͤht und befruchtet ſich nichts. In den obigen Verſen von Haller darf man nur die feile Leyer in eine Alltags⸗ leyer umaͤndern, und ſie paſſen auf eine Menge unberufener Dichter; unberufen, obwohl ſie zum Singen keine Gelegenheit abwarten, ſondern ihren Stoff aus der Luft greifen. Immer iſt mir das ſchlechteſte Hochzeitgedicht von Opitz lieber, als die herz⸗ und gedankenloſen Sonnette, die man ſeit einiger Zeit uns vorklimpert, die— um ihren Verfaſſern fuͤr die Spielerey mit Reimen ein Wortſpiel zuruͤckzugeben— den ehemaligen deut⸗ ſchen Namen Klinggedicht im eigentlichſten Verſtande verdienen, und nicht mehr ſind, als ein Schlittengelaͤut, welches anzeigt, daß ein Vorbey⸗ fahrender ſich ein froſtiges Vergnuͤgen macht. Wie gern, und mit welcher Weisheit die Dich⸗ ter des Alterthums jede Veranlaſſung zum ern⸗ ſten Geſang oder zum ſcherzhaften Liede benutzen, iſt allen Kennern derſelben bewußt. Pindars, des Unnachahmlichen, Geſaͤnge, was ſind ſie an⸗ ders, als Gelegenheitsgedichte? Noch dazu iſt die Gelegenheit uͤberall eben dieſelbe: Sieg in den Kampfſpielen. Und doch, welche Fruchtbarkeit! Gerade das Individuelle, das Lo⸗ cale, was dergleichen Gedichten eigen iſt, gab dem Griechen die Neuheit, wodurch er entzuͤckt. Das Vaterland, der Geburtsort des Siegers, das Geſchlecht, von welchem er abſtammte, der kleinſte ihn betreffende Umſtand diente dem Saͤn⸗ ger zur Bereicherung ſeiner Einbildungskraft, und ſetzte dieſe in Bewegung, bis ſie zu andern, im⸗ mer hoͤheren Gegenſtaͤnden ihn mit ſich fortriß. Haͤtte nicht der Roͤmer Manlius mit ſeiner Julia ſich verbunden, welch ein Verluſt! Denn dieſer Hochzeit verdanken wir Catulls unubertreff⸗ lichen hymenaͤiſchen Geſang. So muͤßten wir zwey der ſchoͤnſten Elegien von Tibullus ent⸗ behren, haͤtt' er nicht des Meſſala und des Cerinthus Geburtsfeſte gefeyert*). Vorzuͤglich hat unter den Alten ſich Horaz von der Gelegenheit begeiſtern laſſen. Groß iſt die Anzahl der durch beſondere Vorfaͤlle veranlaßten Oden, in welchen er bald die Siege des Augu⸗ ſtus, bald den Geburtstag ſeines Maͤcens beſingt; an der Urne des Quinctilius trauert; dem Vir⸗ gil eine gluͤckliche Schiffahrt wuͤnſcht; einen zu⸗ ruͤckkehrenden Freund bewillkommt; den Kranken troͤſtet; die Hauskapelle der Glycera weihen hilft; ſeinem Goͤnner ein kleines Mahl bereitet; Maͤd⸗ *) I.. I. El. 7. II. 2, 189 chen, mit und ohne Leyer, auf ſein Landgut einladet u. ſ. w. Eben dieſe Oden mußten noth⸗ wendig dadurch mehr Wahrheit und Leben er⸗ halten, daß wirkliches Gefuͤhl, wirklicher Genuß zum Grunde lag. Selbſt aus gering⸗ ſcheinenden Anlaͤßen, die wohl nicht leicht einem anderen lyriſchen Dichter einen Vers abgewon⸗ nen haͤtten, wußte Horaz Vortheil zu ziehen. In einer Ode verwuͤnſchet er den, bey dem Maͤcen genoſſenen, Knoblauch; und wieder in einer weiſſagt er einem Freunde, der auf dem Lande wohnt, ſtuͤrmiſches Wetter und Regen auf den folgenden Tag, an welchem ihn vermuthlich der Weiſſagende beſuchen wollte, und ermahnt ihn, den Herd mit trocknem Holze zu verſorgen, und ſich mit der Weinflaſche und einem Spanferkel guͤtlich zu thun*). Um den Feinden der Gelegenheitsgedichte die letzte Ausflucht zu benehmen, koͤnnte ich noch der Beyſpiele genug aus unſern eigenen Dichtern und zwar aus den vortrefflichſten, anfuͤhren; aber waͤr' es nicht eine allzukraͤnkende Demuͤthigung, wenn ich glaubte, daß ſie nicht von ſelbſt der herrlichen Ode von Uz: Auf Kleiſts Tod, ) L. v. Od. 3. III. 17. 190 der Jahresfeyer, des Geſangs an Hymen und an die Liebe, von Ramler, ſo wie der vielen, gewiß unſterblichen Geſaͤnge dieſer Art, von Klopſtock, Pfeffel, Voß, den Bruͤdern Stol⸗ berg, und anderen, die werth ſind, nach dieſen genannt zu werden, ſich erinnerten? Bey der oͤffentlichen Mittheilung ſolcher Ge⸗ dichte muß man allerdings behutſam ſeyn, und ſich nicht auf den Beyfall verlaſſen, der ihnen etwa in dem Zirkel, fuͤr welchen man dichtete, zu Theil wurde. Oft ſind Localitaͤten darin, die fuͤr das Publikum verſchwinden, oder das In⸗ tereſſe derſelben haͤngt von den beſondern Ver⸗ haͤltniſſen und individuellen Empfindungen einiger Wenigen ab. Dieſe muͤſſen im engeren Familien⸗ oder Freundeskreiſe bleiben. Genug, wenn ſie hier wohlthaͤtig wirken, hier aufbewahrt werden als heiliges Pfand der Liebe, als ſchoͤnes Denk⸗ maal eines frohen Tages! Denn Schoͤnheit ihm zu geben, muß der Dichter bemuͤht ſeyn, obwohl es nur Wenigen geweiht iſt. Der liebt die Schoͤnheit nicht, wer in ſeinem kleinſten Werk, und ſollt' er es im Verborgnen für ſich allein aufſtellen, ſie wiſſentlich verlaͤug⸗ nen kann. — 191 Der oͤffentliche Ausrufer an die Einwohner von Freyburg. Am 1. Jenner 1806). Wenn unſer wohlbeſtellter Waͤchter Von ſeinem Thurm dieſer guten Stadt Zum neuen Jahr geſungen hat, So duͤnkt ein Andrer ſich nicht ſchlechter, Der auch in Amt und Pflichten ſteht, Und oft, von rauhen Winden umweht, Mit ſeiner Stimm' in allen Gaſſen Sich fruͤh und ſpaͤt muß hoͤren laſſen. Daß einige Klafter hoͤher, als ich, Der Waͤchter hauſ't, was kuͤmmerts mich 2 Er ſchaut aus ſeinem Fenſterlein Herab, und ich hinauf: Da ſehen Wir beyd' einander eben klein; Denn, wer auf Thuͤrmen ſich groß will zeigen, Muß groͤßer, als unſer einer, ſeyn. *) Man ſ. oben, S. 147 den Neujahrswunſch des Thurmwächters. 192 Mag mich deßwegen nicht verſteigen; Verrichte mein Aemtchen, ſo gut ich kann, Und denke, daß fuͤr Jedermann Es ſichrer iſt, auf der Erde zu bleiben, Als in der Luft ſein Weſen zu treiben. Was hilft ſo manchem ſein kuͤhner Flug? Er iſt, mit Menſchen zu verkehren, Zu hoch, und doch nicht hoch genug Die Engel im Himmel ſingen zu hoͤren. Der Thuͤrmer dort, im Nebel verſteckt, Wird nur von Dohlen und Raben geweckt. Indeß thut jeder, was ihm gefaͤllt, Und jedem goͤnn' ich ſeine Launen; Der eine laͤßt vor ſich her poſaunen, Der andere pfeift ſich durch die Welt Und lebt mit ſeinem Looſe zufrieden; Iſts einem dritten, wie mir, beſchieden, Sich durchzutrommeln, ſo kuͤrzt er den Tag Und bannt die Grillen mit wechſelndem Schlag. Vergnuͤgt mit ſich; von Mißgunſt frey, Wuͤnſcht er, daß Alles gluͤcklich ſey. Drum wuͤnſch' ich Allen, Allen hier Von jedem Stand' und Orden, In meiner Einfalt das, was mir Von Gluͤck zu Theil geworden. Nicht zwar mein abgetragnes Kleid, Nicht meine Trommel eben; Allein, in dieſer harten Zeit, Mein kummerloſes Leben. Die Meiſten wollen hoch hinan,“ Und was die Schwindler denken, Das reimen die Poeten dann Uns zu Neujahrsgeſchenken. Doch iſt und bleibt zufriedner Sinn Die koͤſtlichſte der Gaben; Der laͤßt bey duͤrftigem Gewinn Uns keinen Mangel haben; Der lehrt mit klugem Vorbedacht, Die Reicheren genießen, Die leider oft, vor lauter Pracht, Ihr Haus verganten*) muͤſſen; Giebt Troſt dem Buͤrger, der ſich haͤrmt, Wenn die bethraͤnte Steuer Er dargebracht, und ſtumm ſich waͤrmt An ſeinem kleinern Feuer. *) Verſteigern. Jacobi's Werke, IV. 7 194 Daneben wuͤnſch' ich, daß man ſich Ermann' in unſern Tagen, Der Wahrheit treu, ſie oͤffentlich, So laut als ich zu ſagen; Daß uͤberall in jeder Bruſt Der Buͤrgergeiſt erwache, Und man, zu ſeiner eignen Luſt, Dem Andern Freude mache. Mit eignem Jubel ſeh' ich ſo Der Knaben muntern Haufen, Wenn, auf den Schall der Trommel, froh Sie mir entgegen laufen. Und o wie treibt die Freude mich Dann fort, in raſchen Spruͤngen, 3 Kann ein verlornes Huͤndchen ich Den Kindern wieder bringen! Wuͤnſch' aber auch, wie ſichs gebuͤhrt, Daß jeder wieder finde, Was er Getreues ſonſt verliert, Und was ich nicht verkuͤnde! Und— zum Beſchluſſe ſeys gefagt, Daß man im neuen Jahre, Was man nicht auszutrommeln wagt. Sorgfaͤltiglich bewahre. An die Herren, welche ſchwarze Maͤntel tragen. Ehrwuͤrdig iſt der Mantel, der euch ziert; Ihn zu verſpotten waͤre Suͤnde; Doch tragt ihn auch, wie ſichs gebuͤhrt, Und haͤngt ihn niemals nach dem Winde! An meinen Zeiſig. (Am Geburtstage meines Arztes, im Februar 1806.) Singe du, ſtatt meiner! Stimme, lieber Kleiner, Froh dein Waldlied an! Froher, lauter, freyer, Als des Barden Leyer 4 Jetzt ertoͤnen kann! Du, im ſichern Haͤuschen, Huͤpfeſt, gutes Zeischen, Unbeſorgt umher; Schlaͤfſt im Abendſchimmer Ruhig ein; denn nimmer Iſt dein Becher leer. Mag der Adler ruͤſtig, Mag der Sperber liſtig, 197 Aus zum Raube ziehn, Hoch der Geyer ſchweben, Dem die Voͤglein beben, Und in Kluͤfte fliehn; Fern iſt ihre Klage, Bey dem Fluͤgelſchlage Des Verfolgers, dir; Lebſt nur, dich zu freuen; Des Gewalt'gen Draͤuen Hoͤrſt du nicht, wie wir. Ach! der alten Zeiten Gluͤck entſchwand; die Saiten Ruͤhrt ein deutſcher Mann Trauernd nur! Statt meiner, Kuͤnde, lieber Kleiner, Du den Feſttag an; Ihm gebuͤhrts vor allen, Daß ihm Lieder ſchallen, Fruͤhlingskraͤnze bluͤhn; Meine ſchoͤnſten Feſte, Meiner Tage beſte Knüpft ein Gott an ihn! Sing' uns weg die Sorgen! Iſt doch der geborgen, Der, vergnuͤgt wie du, Sich im Stillen naͤhret; Jede Zeit gewaͤhret Freyheit ihm und Ruh. Hier, in unſrer Mitte, Wird die alte Sitte Nur umſonſt bedroht; Was, den Muth zu ſtaͤhlen, Gluͤht in Maͤnnerſeelen, Tilgt kein Machtgebot. 199 Beylage zu einem Haͤubchen, mit welchem ein Gatte ſeiner Gattin ein Geſchenk machte. Das Haͤubchen und der Maͤnnerhut, Von denen wir manch Abenteuer leſen, Sind oft im Streite ſchon geweſen. Wenn dieſen gleich ein angeborner Muth Gebietriſch in die Augen druͤckte, Nicht ſelten auch im leicht gelockten Haar Ein bloßes Spiel der Mode war: So zaͤhlte doch, im ſonderbaren Kriege Der Staͤrke mit dem Reitz, das Haͤubchen viele . Siege, Weil unter ihm ein holdes Augenpaar, Ein Roſenmund, ein ſchlauer Blick, Gefahr Dem allzu ſichern Kaͤmpfer brachte, Und weg den Trotz von ſeinen Lippen lachte. Wo blieb der Heldengeiſt? die Waffen wurden ſtumpf; 200 Es fuͤhrte ſo den Hut das Haͤubchen im Triumph. Und wehe dem, der, wenn auf zarten Wangen Ihm Schoͤnheit winkt, zu ſtolz und maͤnnlich thut! Ob, als noch feuriger das Blut Mir wallte, meinem runden Hut, Und ſelbſt dem eckigen, es eben ſo ergangen, Verrathich nicht— genug, daß oftmals der Gewinn Hier dem Beſiegten faͤllt! Nimm dieſes Haͤubchen hin! Die Liebe giebts, und Liebe wird es tragen. O moͤge dir es hier und dort Ein leiſes, gern gehoͤrtes Wort Von mir, von laͤngſt entſchwundnen Tagen, Und unſern erſten Freuden ſagen! 201 Weibliche Wuͤrde. Gern, meine gnaͤdige Frau, wollte ich meine Gedanken hieruͤber, wie Sie es wuͤnſchen, den Leſerinnen der Iris mittheilen; denn nicht nur in meiner Jugend erſchien mir die Weiblichkeit von einer ſanften Glorie umgeben, ſondern noch ſeh' ich ſie in eben dem reinen, wohlthaͤtigen Lichte. Wie ich damals trauerte, wenn jene Glorie mir im Nebel verſchwand, ſo traure ich noch, wenn ich, nach ſo mancher Taͤuſchung, von neuem getaͤuſcht werde, und ſtatt meines Ideals eine gewoͤhnliche Weibergeſtalt vor mir da ſteht. Aber zu wem ſoll ich reden? Des Gemeinen iſt ſchon zu viel uͤber dieſen Gegenſtand geſagt worden, und wer das Hoͤhere faßt, der bedarf deſſelben nicht. Die Edleren Ihres Geſchlechts fühlen ihre Wuͤrde, vor deren kleinſter Verletzung eine zarte, nie ſchweigende Stimme in ihrem In⸗ nern, beſſer als aller Zuruf der Redner und Dichter, ſie warnt. Fur die minder Edeln, aber doch Gebildeten, die wenigſtens einen Sinn haben 202 fuͤr das, was die Achtung der Achtungswerthen erwirbt, fuͤr ſie giebt es der Sittenlehrer ge⸗ nug, welche ihnen ihre große Beſtimmung vor⸗ halten, und der Saͤnger genug, welche die erha⸗ benen Weiber der Vorzeit ihnen anpreiſen. Auch begegnet ihnen hier und dort eine aus der klei⸗ nen Zahl der Auserleſenen, in deren ſtillem Gang die Wurde des Weibes ſich offenbart, und deren Blick, maͤchtiger als Wort und Lied, die Seele heben kann, die einer Erhebung faͤhig iſt. Viele — Sie wiſſen es, meine Gnaͤdige— ſetzen die Wuͤrde darin, daß ſie, ihres Rangs und Stan⸗ des eingedenk, in jede Geſellſchaft mit einem ſich nimmer vergeſſenden Stolz eintreten, und durch kaltes Herabſehen, nicht das Gemeine, ſon⸗ dern nur das weniger Vornehme von ſich ent⸗ fernen. Eine andere Wurde verlangen ſie nicht. Sie begnuͤgen ſich mit der außeren, ob die ſe gleich, ohne die innere, bloßes Geberdenſpiel iſt, das den Schwachen, Unerfahrnen eine Zeit lang betriegt, dem Klügern nichts von Ehrfurcht abgewinnt, und den ſchlauen Verfuͤhrer auffor⸗ dert, die ſtolze Schoͤnheit durch ſeine feinſten Kuͤnſte zu entwaffnen. Innere Wuͤrde, wer die von einer ſolchen Dame begehrt, ſetzet ihrem, wo nicht lauten, doch leiſen Spotte ſich aus. 203 Da muͤßte ſie ja die Pflichten des Weibes in ihrem ganzen Umfang erfuüͤllen; muͤßte ihren Launen die Vernunft entgegenſetzen; ſich maͤßigen in der Freude, in der Betruͤbniß und im Zorn; muͤßte beſonnen ſeyn in allem Reden und Thun; haͤtte zu fuͤrchten, daß ein Laͤcheln ihren Seelenadel entweihte, ein leichtfertiger Putz ſie entehrte; uͤber ſich ſelbſt zu wachen haͤtte ſie, mitten unter Spiel und Tanz. Woher naͤhme ſie die Zeit? Und wo bliebe der geſellſchaftliche Ton, das Verweilen bey artigen Kleinigkeiten und das Hinweggleiten uͤber das Große? Wo der ne⸗ ckende Muthwille, die rechts und links ver⸗ ſchwendete, nichts bedeutende Schmeicheley, und die bedaͤchtliche Unbedachtſamkeit, mit der ſo reitzenden, künſtlich nachgeahmten Zerſtreuung? Koͤnnte die Weltdame wohl, wenn die Mode von der Scham ein Opfer begehrt, ohne laͤcherlich zu werden, ſich deſſen weigern? Wie manche Ver⸗ laͤugnung! Sie muß aufhoͤren zu ſeyn, was ſie iſt. Und eben dadurch giebt ſie den Spoͤtteleyen der mehrſten Damen ſich Preis, und nur wenigen Maͤnnern wird ſie gefallen; denn wahre weibliche Wuͤrde ſchaͤtzet der allein, der ſelbſt Wuͤrde hat. Sie werden mir geſtehen, daß es Entheiligung waͤre, denen das Koͤſtlichſte anzubieten, die ihre 204 Armſeligkeiten zu theuer achten, um ſie fuͤr dies ſes Koͤſtlichſte hinzugeben. So, meine Verehrteſte, habe ich von jeher uͤber die weibliche Wuͤrde gedacht.— Sie laͤ⸗ cheln? Vielleicht, weil Sie glauben, daß manche meiner Lieder, zumal die fruͤheren, mit einer ſo hohen Meinung von dem Werthe des Weibes nicht voͤllig zuſammenſtimmen? Freylich ſcheint eben dieſes Laͤcheln zu ſagen, daß eine junge Dame ſolche kleine Sunden, die ſo viele Dichter mit einander gemein haben, verzeihen muͤſſe; aber ſollten denn wirklich jene Scherze, worauf Sie deuten, Sunde ſeyn? Wie oft ſchon wurden Maͤdchen und Frauen mit Blumen verglichen! Im Veilchen ſah man die Beſcheidne; in der Tulpe mit offnem Kelch und prahlenden Farben, die Coquette; in der bedorn⸗ ten Roſe, die nicht ohne Muͤhe zu Erobernde; in der Lilie die Unſchuldige, die Edle; und die Stolze in der Kaiſerkrone. Dem Wieſenbluͤmchen iſt das anſpruchloſe Landmaͤdchen aͤhnlich. Aller die⸗ ſer Blumen freut man ſich, einer jeden nach ihrer Art. Sollte man das Veilchen verſchmaͤhen weil es nicht die Majeſtaͤt der Lilie hat? Man pfluͤckt es und ſegnet den kommenden Fruͤhling. Die Tulpe wird keiner leicht in einen Strauß binden; 205 man laͤßt ſie auf dem Beete, deſſen Pracht ſie vermehrt, ſchaut ſie und ihre Schweſtern an, und vergnuͤgt ſich an dem mannigfaltigen Farben⸗ gemiſche. Der Lilie naͤhern wir uns mit einem Gefuͤhle von Ehrfurcht, das zu Andacht werden kann. Als Sinnbild der Freude und Liebe iraͤgt ein Juͤngling die hundertblaͤttrige Roſe, und die Heckenroſe kraͤnzt an Familienfeſten den Becher. Wenn die wild gewachſenen Blumen zu einfach ſind, um in einem zierlichen Gefaͤße, neben Hyacinthen oder Nelken, ihre Wirkung zu thun, ſo ſchmuͤcken ſie doch den Wieſenbach, und an ihnen weidet ſich das Auge, das für jeden Reitz der Natur ſich unverdorben erhielt. Wollen Sie nun einem Dichter es verargen, wenn nicht al⸗ lein die Schoͤnheit in ihrer vollen Wuͤrde, ſon⸗ dern auch der ſorgenloſe Sinn des von Jugend⸗ luſt uͤberſtroͤmenden, leicht forthuͤpfenden Maͤd⸗ chens ihm gefaͤllt; wenn die, ſich im Kleinen qußernde Grazie, mit ſchalkhafter Laune vereint, oder ſelbſt die laͤndliche Naivetaͤt einer, ohne zu wiſſen wie, heranbluͤhenden Naturtochter, in ihm ein angenehmes Bild erzeugt, und wohl gar zu Liedern ihn begeiſtert? Daher, in den Geſaͤngen aller Zeiten und aller Voͤlker, die verſchiedne Anſicht der, fuͤr jeden 206 8— Dichter, den ſatyriſchen ausgenommen, ſo an⸗ ziehenden Weiblichkeit. Laſſen Sie mich einige der beruͤhmteſten, und am mehrſten gegen einan⸗ der abſtechenden Schilderungen des Weibes zu⸗ ſammenſtellen! ZBillig iſt es, daß ich mit der Mutter ſo vie⸗ ler reitzenden Toͤchter beginne. Der ernſte Mil⸗ ton alſo giebt ſeiner Eva im Paradieſe zu ihrem holden Weſen Majeſtaͤt; ſie theilt die Erhaben⸗ heit des Mannes. Wohl mit Unrecht haben einige den Englaͤnder einer kleinen Bosheit deßwegen beſchuldigt, weil ſein erſtes Weib, ehe ſie noch den Gatten geſehen hat, in einem See ſich ſpie⸗ gelt, und von ihrem eignen Bilde ſo bezaubert wird, daß ſe den Ort nicht verlaſſen kann, bis eine warnende Stimme ſie wegruft. Eva felbſt erzaͤhlt dieſes mit einer ſo entzuͤckenden Unbefangenheit, daß alles dadurch gut gemacht wird.*) So vortrefflich aber Miltons Gemaͤlde iſt, ſo bin ich dennoch zweifelhaft, ob ich nicht eben ſo gern die Schoͤpfung des Weibes von Gleim gedichtet haͤtte; dieſes kleine Stuͤck, das naiveſte, was ich kenne; zu ſeiner Zeit in dem Munde je⸗ *) Das verlorne Paradies, 4. Geſang. 207 des Liederfreundes, und nun beynahe vergeſſen. Hier iſt es Jupiter, welcher den einſamen, in Gruͤbeleyen ſich vertiefenden Mann auf andre Ge⸗ danken bringen will. 3 Er ſprach:„Es werd' ein Weib, Ein artig Ding zum Zeitvertreib, Das mit dem Menſchen ſcherz' und ſpreche.“ Schnell war es in des Manns Geſtalt, Doch zärtlicher und nicht ſo alt, Mit ſchlauen Augen, welche bald Aufs denkende Geſchöpf im Winkel fielen; Und ſchnell ſpringt's hin, und küßt den Mann, Und ſpricht:„Du Rärrchen, ſieh mich an! Ich bin gemacht, mit dir zu ſpielen.“ Mir ſcheint dieſe letztere Darſtellung— wenn man einen muntern Einfall ſo nennen darf— nicht weniger Wahrheit zu haben, als die erſtere. Als Gefaͤhrtin des Mannes, ſoll das Weib ſich zu hoͤheren Gefuͤhlen mit ihm empor ſchwingen köͤnnen; aber dann foll ſie wieder ſeinen Ernſt mildern; auch wohl, wenn er ſein Tagewerk voll⸗ bracht hat, um ihn ſcherzen und ſpielen in Stunden der Ruhe. Die edle Nauſikaa in der Odyſſee kennen Sie, die hohe bluͤhende Jungfrau, die unter ihren Begleiterinnen hervorragt, wie unter ihren Nymphen die Goͤttin der Jagd. Auch iſt Ihnen Penelope gegenwaͤrtig, wie ſie da ſteht, an der Schwelle es Saals, ein goͤttliches Weib; den Freyern beben die Kniee bey ihrem Anblicke. Noch erhabner zeigt ſich des Sophokles An⸗ tigone, welche lieber denen dort unten gefallen will, als denen hier oben, weil ſie bey jenen ewig wohnen muß. Dagegen ahnden wir bey der Geliebten des Anakreon, deren Bild ihm der Maler verfertigen ſoll, nichts von Wuͤrde. „Mal' unter ſchwarzen Haaren Die weiße Stirn, ſich wölbend, Wie Elfenbein; dann male Die ſchwarzen Augenbraunen; Laß ihre zarten Bogen Sich weder gäͤnzlich trennen, Noch in einander fließen; Sie dürfen nur verborgen Sich ſcheiden und vereinen. Willſt du das Auge malen, So ſey es Feuerflamme, Blau, wie Minervens Auge, Doch lockend, wie die Blicke Der lächelnden Cythere. Auf ihren Wangen mußt du 209 Milch unter Roſen miſchen; Auf ihren Lippen wohne Die Suada, Kuſſe fordernd; Das weiche Kinn des Mädchens, Und ihren Hals von Marmor Umſchweben Huldgöttinnen!“ Wie aber haͤtte der Saͤnger des Weins und der Liebe nur die Zeit gehabt, ein edleres Maͤd⸗ chen aufzuſuchen; oder wo haͤtt' er ſo viele der edeln gefunden, als er Maͤdchen erobern wollte? Sehen Sie nur das Verzeichniß ſeiner Liebſchaften! „Getrauſt du alle Blätter Der Bäume dir zu zählen; Den Sand an allen Küſten Des Meeres zu berechnen; Dann wähl' ich keinen Andern, Als dich, zum Rechnungsführer Von meinen Liebeshändeln. Athen hot ihrer zwanzig, Noch fünfzehn rechne drüber, Und eine ganze Schar hat 4 Corinth, die Stadt Achajens, Wo ſchöne Mädchen wohnen. Vergiß nicht, anzumerken Jonien und. Lesbos, IWV. J. k Und Carien und Rhodus; Zweytauſend kannſt du kühnlich In Rechnung bringen, u. ſ. w. Hier iſt das Regiſter noch nicht zu Ende; noch fehlen die ſyriſchen Maͤdchen, die canobiſchen, die zu Ereta, und viele andere, bis zum fernen Indus. Die Liebe der roͤmiſchen Dichter beſchraͤnkte ſich auf ſinnlichen Genuß. Sogar bewarben ſie ſich um Maͤdchen, welche auf die empoͤrendſte Art ihre Wurde verlaͤugneten. Der zaͤrtliche Tibull klagt uͤber die Habſucht der, bis zum Unſinn von ihm geliebten Nemeſis. Willſt du, ſagt er, daß ich durch Mord und Verbrechen Geſchenke zu⸗ ſammenbringen, ſelbſt die Tempel berauben ſoll? Indeſſen verraͤth er eine, wenigſtens herzlichere, Zuneigung in ſeiner Elegie an Delia: „Blicken will ich nach dir in der letzten traurigen Stunde, Halten ſterbend dich noch mit der entkräfteten Hand; Und, o Delia! wenn ſie den Scheiterhaufen bereiten— Ach! du weineſt, und giebſt Küſſe, mit Thränen gemiſcht.“ Um die verkannte, geſchmaͤhte weibliche Wuͤrde zu raͤchen, fuͤhrte die beſſere Liebe dem Saͤnger 211 der Laura die platoniſche Muſe zu. Laura ward ein uͤberirdiſches Weſen; himmliſch war ihr Gang, ihre Stimme nicht der Laut einer Sterblichen. In der Bewegung ihrer Augen ſah Petrarch ein ſuͤßes Licht, das ihm den Weg zur Gottheit zeigte. Nach ihrem Tode verlor die Sonne ihren Glanz, die Erde alles, was Gutes in ihr war. „Blinde, undankbare Welt! Dein Ruhm iſt gefallen, und du ſiehſt es nicht. Du warſt nicht wuͤrdig, ſo lange ſie hienieden lebte, ſie zu ken⸗ nen, von ihren heiligen Fuͤßen beruͤhrt zu werden. — Ach! zur Erde geworden iſt ihr ſchoͤnes Ge⸗ ſicht, welches an einen Himmel uns glauben ließ, uns Zeugniß gab von der Seligkeit dort oben.“ Was, meine gnaͤdige Frau, koͤnnte ich nach dieſen Geſaͤngen, voll der hoͤchſten Schwaͤrmerey, die ich durch keinen Scherz entheiligen moͤchte, noch anfuͤhren? Empfehlen Sie mit mir unſern deutſchen Maͤnnern und Weibern das herrliche Lied von Schiller: 3 „Ehret die Frauen! ſie flechten und weben Himmliſche Roſen in's irdiſche Leben, Und in der Grazie züchtigem Schleyer Nähren ſie wachſam das ewige Feuer Schöner Gefühle mit heiliger Hand.“ —— 9 Erlaͤuterungen zu dem nachſtehenden Gedichte. Auf einem Platze, wo im Jahre 1008 noch ein bloßer Wald, ſpaͤter ein von Bergleuten bewohn⸗ tes Dorf mit wenigen Huͤtten ſtand, erbaute im Jahr 1118 Berthold III, Herzog von Zaͤhringen, ein Ahnherr des Badenſchen Fuͤrſtenhauſes, die Stadt Freyburg. Sie liegt an der Dreyſam, einem kleinen, jetzt von luſtigen Ufern eingefaß⸗ ten, Fluſſe. Bertholds Bruder, Conrad, folgte ihm in der Regierung, erweiterte die Stadt, und führte das herrliche Munſter auf, deſſen Thurm, bis auf den heutigen Tag, die Bewunderung aller Reiſenden iſt. Im Jahre 1456 wurde von Albert VI, Erz⸗ herzoge von Oeſterreich, mit Einſtimmung ſeiner Gemahlin Mathildis, die hohe Schule zu Frey⸗ burg geſtiftet, welche ſchon im ſechszehnten Jahr⸗ hundert viele beruͤhmte Maͤnner als Lehrer beſaß, und nicht allein damals, waͤhrend der Reforma⸗ tion, da Luther ſelbſt auf ihr Urtheil ſich berief, 213 ſondern auch ſpaͤter, bey jedem Anlaſſe, durch aufgeklaͤrte und tolerante Geſinnungen vor an— dern katholiſchen Univerſitaͤten ſich auszeichnete. Was beſonders noch der Albertina zur Ehre gereicht, iſt der aus dauernde Muth, der ſie un⸗ ter den haͤrteſten Schlaͤgen des Schickſals aufrecht erhielt. Sie hatte mit einer Menge von Wider⸗ waͤrtigkeiten zu kaͤmpfen, mußte durch alle Graͤuel des dreyßigjaͤhrigen Krieges ſich durcharbeiten, ſogar, von der Peſt bedroht, oder von feindli⸗ chen Heeren verdraͤngt, zu verſchiedenen Malen auswandern; aber jedes Mal ſah man die hohe Schule, an den Ort ihrer Beſtimmung zuruͤckge⸗ bracht, wieder aufbluͤhen. Eben ſo gluͤcklich ent⸗ ging ſie den letzten politiſchen Umwaͤlzungen, bis ihr neuer Beſchuͤtzer, Carl Friedrich von Baden, ſie eine fernere und noch glaͤnzendere Fortdauer hoffen ließ. * An den Churfuͤrſten(nachmaligen Großherzog) Carl Friedrich von Baden, im Namen der hohen Schule zu Freyburg im Breisgau, am Tage der Huldigung, 30. Juny 1806. Wenn in vergangne, thatenreiche Zeiten Der Goͤtterblick der Muſe dringt; Wer iſt der Auserleſne, dem in goldne Saiten Sie dann ihr Loblied ſingt? Dem Helden ſingt ſie, der, bey Muth und Staͤrke, Noch achtend auf der Weisheit Ruf, 3 Voll ſtiller Ehrfurcht ſah der Vorzeit edle Werke, Und neue Werke ſchuf; 3 Dem aus dem Schooße grauenvoller Waͤlder Emporgeſtiegen Dorf und Stadt, Der, ſo wie Berthold, noch die kornbeladnen Felder Zum Ehrendenkmaal hat. Vor ihm begann in oͤder Thaͤler Mitte Die Dreyſam ihren Fruͤhlingslauf; Der nackte Boden nahm nur hier und dort die Huͤtte Des armen Bergmanns auf. Er aber wollt' in Fluren, Gaͤrten, Auen, Die Wildniß wandeln; vaͤterlich Den Kindern ſeines Volkes Dach und Herd er⸗ bauen; Und ſchnell erhoben ſich Die Mauern ſeiner Pflanzſtadt— zu vollenden Das Werk, das ſegnend er verließ, Befahl er es getreuen bruͤderlichen Haͤnden; Und mehr, als ſie verhieß, That Bruderliebe; denn ihr Bollwerk ſchirmet Der Buͤrger groß gewordne Zahl; Ein Tempel, der ſich hoch, wie Berge Gottes, thuͤrmet, Begruͤßt der Sonne Strahl. Jedoch, was hilft es, daß die ſtolze Veſte Mit weit geſehnen Zinnen prangt, Wenn ihren Ruhm ſie nur dem Schimmer der Palaͤſte, Nicht holden Kuͤnſten dankt? 216 Wenn, bey der Tugend, die zu blut'ger Fehde, Zu harter Arbeit ihn geſtaͤhlt, Dem biedern Juͤngling, rauh von Sitte, rauh von Rede, Die beßre Freude fehlt? Wenn Herd und Tempel, Schulen, Richterſtuͤhle Des Aberglaubens Wolke deckt, Und Geiſt der Barbarey die zarteren Gefuͤhle Weg aus Palaͤſten ſchreckt? So lag die volle, reiche Flur, bewundert, Um Freyburgs maͤcht'ge Waͤlle da; Vergebens!— ihrem dritten duͤſteren Jahrhundert War erſt der Morgen nah. Er daͤmmerte: Da ſah mit Wohlgefallen Held Albert auf zum milden Schein; Ihm rieth ſein hoher Sinn, den Kuͤnſten ſollt' er allen Hier eine Staͤtte weihn. Es rieths die weisheitliebende Mathilde, Mit ihr, des Volkes Glück und Ruhm; Und dald umkraͤnzten unſre lauchzende Gefilde Der Muſen Heiligthum. 217 Und freudig ſchwebte Bertholds Geiſt her⸗ nieder, Und wo der neue Tempel ſtand, Gab er mit alter Treue ſeinen Segen wieder Dem Werke ſeiner Hand. Ach! aber viele Menſchenalter gingen Voruͤber, trauernd; denn die Zeit Trug tauſendfaches Elend auf den finſtern Schwingen; Der Jammer toͤnte weit Umher von allen Huͤgeln uͤber Leichen Der Buͤrger; in die Thore drang Verheerung, die mit Raub und Schmach und Mord und Seuchen Zur Flucht die Muſen zwang. Doch, heimgefuͤhrt am Arm des Friedens, fanden Sie unverſtuͤmmelt den Altar; Ehrwuͤrdig ſchien der Hain, in dem ſie Lorbern wanden, Der kommenden Gefahr. Ehrwuͤrdig noch dem Zufall, der mit Kronen Sein Spiel in Sud und Weſten treibt; 218 Es brachen Zepter, wankten Reiche, ſtuͤrzken 3 Thronen; Der Muſen Staͤtte bleibt. Und bleiben wird ſie.— Seht, mit Glanz umfloſſen, Den kapfern Albert, der, vertraut, Aus goldner Wolk' herab mit ſeinem Bundsge⸗ noſſen, Dem frommen Berthold, ſchaut! Die Sorge fuͤr ihr Volk hat ſie verbuͤndet; Ihr liebend Auge weilt mit Luſt Auf einem Fuͤrſten, der den Kuͤnſten Heil verkuͤndet; Dem hoͤher ſchlaͤgt die Bruſt Im Heiligthum der Weisheit, wo das Schoͤne Sich von dem Guten nie verirrt; Der dieſes Heiligthum Urenkeln unſrer Soͤhne Zum Erbe laſſen wird.— O! wenn das Schickſal, maͤchtig zu zerſtoͤren, Was nie vor ſeinem Fall gebebt, Des Tempels Saͤulen, wo der Weisheit Prieſter lehren, Vielleicht in Schutt begraͤbt; 219 Wenn matt auf ſie die Sterne niederſchimmern, Beklagend ihren Untergang: So lebt die Muſe noch, toͤnt noch auf jenen Truͤmmern Carl Friedrich im Geſang. An Henriette Schloſſer, welche, als Herr Zoll in Muͤnchen mein Bildniß fuͤr den erſten Band meiner Werke malte, auf der Guitarre ſpielte und ſang. Freyburg, im Frühjahr 18⁰7. Wie ſo bald Sind der Toͤne lieblichſte verhallt! Sie enteilen, gleich dem Windeswehn am Bach. Aber, holdes Maͤdchen, jene Wonnevollen, tief empfundnen Toͤne Hallen noch in meiner Seele nach, Als, von dir geruͤhrt, die Saiten bebten, Melodieen mich umſchwebten, Und mir gegenuͤber auf dein Spiel, Huldigend, der Strahl des Morgens fiel. Seel'ge Stunde! Seit auf Roſenſchwingen Sie dahin floh, truͤbte ſich 224 Oft der Tag; Gewoͤlke hingen Ueber Thaͤler ſchauerlich, Und im Nebelſchleyer, matt erhellt, Lag das oͤde, ſchneebedeckte Feld. Dennoch ſtets vom blauen Himmel ſcheinen Sah ich jene Sonne, ſah den reinen Glanz, der alles rings um dich Sanft verklaͤrte.— Liebend war auf mich Nun des Küuͤnſtlers Forſcherblick gewandt— Liebend trug, mit ſichrer Hand, Auf die Tafel er mein Bild. Wenn kuͤnft'ge Zeiten Meine Lieder nicht verſchmaͤhn, Soll es freundlich ſie begleiten, Soll, wenn laͤngſt ich ſchlummre, den Geweihten Bruͤderlich ins Auge ſehn. Gutes Maͤdchen! Deine Saiten, Als ihr Silberton begann, Starrte froh der Kuͤnſtler an. Hoch den Pinſel hob er, weilte, Wie gelaͤhmt durch Zauber; eilte Raſcher dann zum Werke, doppelt kuͤhn. Und der Sonne goldner Strahl beſchien, Wie das Mayenlicht die friſch umkraͤnzten Beete, Deiner Wangen jugendliche Roͤthe. Anmuth oͤffnete die Lippen dir Zum Geſang, indeß, gefuͤhrt von ihr, Von den hohen zu den tiefen Toͤnen leicht herab die zarten Finger liefen. und die Toͤne wurden mir Bald, durch dich beſeelt, zum Wiederhalle Suͤßer Stimmen der Vergangenheit; Meines Lebens goldne Morgen alle Hielten um mich her, im Feyerkleid, Ihren Tanz; es winkte mir ein Chor Von erwachten Jugendfreuden; Laut und lauter rief dein Lied hervor, Was im fernen Dunkel ſich verlor; Was von Wonne mir ſo mancher Traum verhieß, Was mein ſehnend Herz mich ahnden ließ; Suchen, Finden, kurzes Scheiden,. Wiederſehn, und was im vollen Buſen ſchlug, Wenn der Dichtung Feuer ihn durchglühte, Wenn der heil'ge Lober naͤher bluͤhte, Und nach Amathunt mich, im gewagtern Flug, Liebe ſelbſt auf ihrem Fittig trug. Langſam nun zu leiſen Klagen Stimmte jedes Herz die Saitenſpielerin: Ach! es welkt der Kranz, gepykluͤckt an Fruͤhlings⸗ tagen; Wehmuth deutet auf Cypreſſen hin; Gruͤnen ſah ich ſie am ſtummen Huͤgel, Wo die Treue nur verlaſſen irrt, Sah den Juͤngling mit geſenktem Fluͤgel, Der die Fackel bald mir loͤſchen wird. Aber, Dank dir, liebes Maͤdchen! heller Ward es uͤber Graͤbern; ſchneller Waͤlzte deines Liedes Melodie Sich durch Freudentoͤne fort— und ſieh! Leben, das hervor aus todter Leinwand ging, Als mein Bild Dich an zu gruͤßen fing! Gruͤßen wird es ſo der Guten viel. Ol'es weckte Dein Geſang, Dein Spiel Neues Hoffen und Vertrauen, Neuen Muth, hineinzuſchauen In die lange ſternenleere Nacht. Furchtlos hoͤrt' ich ſchon, an meiner Schlummer⸗ ſtaͤtte, Manches Lebewohl, mit Thraͤnen mir gebracht, Und Dein: Ruhe ſanft in Frieden!— Henriette! Freue Dich der hoͤhern Macht, Die der Jugend Reitz, von Grazien bewacht, Sich geſellend zu der Kunſt des Schoͤnen, 224 Dir gewaͤhrt in Blicken und in Toͤnen! Wohl dem Maͤdchen, das die kleinern Kuͤnſte flieht, Nicht durch Feerey das Auge blendet, Weg ſich von gemeinen Seelen wendet, Und das Herz der edeln an ſich zieht! Freue Dich! Dem Weiſen bluͤht, Wo kein Grashalm ſich aus nackten Felſen windet, Noch die Wuͤſte neben Dir; er ſieht, Wenn Dein Laͤcheln ihm den letzten Tag ver⸗ kuͤndet, Eine Sonne nur, die ſchwindet, Bey der Haine ſtillem Abendlied. Liebe und Hoffnung. Wechſelnd, aus des Himmels Thoren Gehn die ſchweſterlichen Horen; Ihren Winken umbluͤmt ſich der See, Roͤthet ſich die Kirſche, reift die Aehre, Schwillt die Traube, deckt das leere Feld zum Winterſchlafe der Schnee. Wechſelnd keimt es, gruͤnt und ſcheidet; Wo die Halme wogten, weidet Unter Stoppeln der ſingende Hirt, Bis er heim auf duͤrren Blaͤttern wallet, Jeder Freudenlaut verhallet, Schwermuth nur die Haine durchirrt. Flieht denn mit den fluͤcht'gen Zeiten Alles? will uns nichts geleiten Von dem Huͤgel im roſigen Licht In das Thal, das kalte Nebel deucken? O, mit deinen Wonneblicken, Holde Liebe, weiche du nihe! Jacobi's Werke. IV. 226 Ja, ſie folgt uns, die Getreue; Heilig wird durch ſie das neue Laub, der Raſen, die Quelle geweiht, Wo, gehuͤllt in Demuth, Laura ſitzet, Und das Baͤumchen, das ſie ſtuͤtzet, Ihr den Schooß mit Bluͤthen beſtreut.*) Hat gicht, wenn die Sichel rauſchet, Lieb' im Stillen oft gelauſchet, Hinter hoͤheren Garben verſteckt, Und, das Herz der Schnitter zu gewinnen, Armen Aehrenleſerinnen Traulich ihr Geheimniß entdeckt? Sieh! beym frohen Winzermahle Beut die Schönheit ihr die Schale, Selbſt zu kraͤnzen den perlenden Wein; Jede Wang' entgluͤht von ſanfterm Feuer, Und der Muſen keuſche Leyer Stimmt ins Evan leiſe mit ein. Amors Fackel auszuwehen Wagt kein Sturm; auf Winterhoͤhen Schieicht er naͤchtlich, umbrauſet vom Nord, *) Man ſ. Rime di Mess. Fr. Petrarca, P. I. Canz. XXVII. . 227 Hin zum Herd', und, weil die Flamme kniſtert, Naht er Chloen ſich, und fluͤſtert Ihr ins Ohr ein zaͤrtliches Wort. Mit ihm weilet auch die milde Hoffnung noch im Herbſtgefilde, Dem die ſpaͤteſten Saͤnger entflohn; Zwiſchen Sorg' und Sehnſucht in der Mitte, Geht ſie von der Burg zur Huͤtte, Roſen in den Haͤnden und Mohn.*) Bald entblaͤttert ſich die Roſe, Und der Mohn bringt kummerloſe Traͤume, ſuͤße Vergeſſenheit dann; Um das Feſt der Freude, das verſchwindet, Klagt die Hoffnung nicht, ſie kuͤndet Nur ein wiederkommendes an; Harrt ſchon auf die erſte Schwalbe, Wenn am Morgen noch das falbe Roth den Reif der Gebirge beſtrahlt; Gruͤßt die kaum ins Neſt gezognen Stoͤrche, Und behorcht die erſte Lerche, Wo im Quell das Veilchen ſich malt. *) So findet man die Hoffnung auf antiken Gem⸗ men abgebildet. 228 Immer tauſchend Freud' um Freude, Sucht ſie Blumen auf der Weide, Traͤgt die fruͤheſten Aehren im Haar, Schmuͤckt die Stirn mit jungen Reben, ſchlinget Wintergruͤn zum Kranz, und ſinget Schneller weg das trauernde Jahr. Huldigt denn ihr Wieſen! neiget Euch, ihr Wipfel! Saaten, ſteiget; Lacht, ihr Trauben, dem Gotte der Luſt Ohne Lieb' iſt alles ſtumm und oͤde; Selig nur, wenn ihre Rede Toͤnet in der reineren Bruſt? Selig auch, wer dein ſich freute, Nie vermeſſen dich entweihte,„ Hohe Troͤſterin, Hoffnung! O du Taͤuſcheſt nicht die leicht zufriednen Herzen, Giebſt dem Weiſen Luſt nach Schmerzen, Giebſt nach Arbeit labende Ruh. Dir vertraut' ich nicht vergebens; Denn mir ward, am Ziel des Lebens, Mehr noch, als du gelobteſt, verliehn. Laͤchle du dem letzten meiner Lenze! Sage dann: Des Grabes Kraͤnze Welken auch, um wieder zu bluͤhn! Jacobi's Werke. —— Vierten Bandes zweyte Abtheilung. Der Schwarzwald. Wem iſt der Schwarzwald unbekannt Mit ſeinen hohen Tannen? Kein Wandrer kommt ins Schwabenland, Und keiner geht von dannen, Der nicht bey ſeiner wilden Pracht Still ſteht, und große Augen macht. Wild iſt der Berg und ſchauderhaft, Doch froͤhlich anzuſchauen; Er ſteigt empor in voller Kraft, Und mahnt uns an die rauhen Altdeutſchen Vaͤter, ſtark und kuͤhn: Warum denn ſingt kein Deutſcher ihn? Waͤr' ich ſo ruͤſtig noch als er In ſeinen alten Tagen, Ein Loblied wuͤrde mir nicht ſchwer; Jetzt aber will ich ſagen, Wie dieſer Berg, ſo wild er ſcheint, Mein beſter Nachbar iſt und Freund. Auf manchem Berge zeigten ſich Mir unter gruͤnen Aeſten Der Nymphen viel; doch hatten mich Die Waͤlder ſtets zum Beſten; Denn, wenn ich naͤher kam, und ſah, War keins der Goͤttermaͤdchen da. So ſang ich oft zum Becher hier An Huͤgeln voller Reben; Des Landes Toͤchter mußten mir Fuͤr Lieder Kuͤſſe geben; Allein der Herbſt war nun entflohn, Und Kuß und Lied vergeſſen ſchon. Dem Schwarzwald bin und bieib ich gut: Einſt kam von ihm herunter, Mit einem weißen Waͤlderhut, Ein Maͤdchen, friſch und munter, Rothwangig, kunſtlos, ſonder Arg, Das nichts als Lieb' im Herzen barg. Wohl war es eines Blickes werth; Ich fragte:„Willſt du weilen In unſerm Thal, an meinem Herd? Sollſt alles mit mir theilen.“ Wir wußten nicht, wie uns geſchah; Das Waͤldermaͤdchen ſagte: Ja! In Kurzem war es meine Braut— Mein Weibchen drauf, und brachte, Als wir ſein Neſtchen ihm gebaut, Ein Knaͤblein mir, das lachte Mich freundlich an auf ihrem Schooß, und ſprang umher, und wurde groß. Mein Alles iſt, ſeit jener Zeit, Das Weibchen und der Knabe; Nichts mangelt mir; denn mich erfreut Das Kleinſte, was ich habe; Ein Sonnenblick in mein Gemach— Vielleicht ein Sperling auf dem Dach. Kein Berg, und ſey er noch ſo hold Geſchmuckt mit Obſt und Aehren, Und noch ſo reich an klarem Gold, Kein Berg kann mehr gewaͤhren, Als mir, von armen Hoͤh'n herab, Der wonneleere Schwarzwald gab⸗ Prolog zu dem Schauſpiele: Fuͤrſtengroͤße, geſprochen zu Freyburg im Breisgau am Geburtsfeſte des Großherzogs von Baden, von Madame Willer, als Melpomene.*) Die Muſe, die aus laͤngſt zerſtoͤrter Gruft, und aus der Tempel unterird'ſchen Hallen, Wo Lieb' und Ehrfurcht noch um Marmorſaͤrge wallen, Hervor die großen Todten ruft *) Von der Erbauung der Stadt Freyburg ſ. m. die Erläuterungen zu dem Huldigungsgedichte ꝛc. in dieſem Bande.. Sie liegt am Juße eines Berges, der einſt, mit drey auf ihm erbauten Schlöſſern oder Caſtel⸗ len, die Stadt beherrſchte, und noch der Schloß⸗ berg genannt wird, obwohl er von jenen Ca⸗ ſtellen nichts als die Trümmer zeigt, und ſtatt ihrer mit Weinſtöcken bepflanzt iſt, ſo wie auch 235 Mit ihren Thaten, um den ſpaͤtern Zeiten Ein herzerhebend Schauſpiel zu bereiten, Die weiſſagt auch zukuͤnft'ges Lob Dem Lebenden, wenn hoch das Gluͤck ihn hob, Er aber Menſch noch bleibt, die großen Todten ehrt, Und gern der Vorwelt Stimme hoͤrt. Drum naht ſich euch die Muſe, die kein Schimmer Von Groͤße blenden kann; die nimmer, Wenn ſie Regententugend waͤgt, Der Krone Gold mit in die Schale legt; Die manches ernſte Wort der Warnung, unver⸗ zagt, Den Koͤnigen und ihren Voͤlkern ſagt. die übrigen Feſtungswerke von Freyburg ſich längſt in Gärten und Rebhügel verwandelten. Nach dem Abſterben der Zähringiſchen Familie bekam die Stadt eigene Grafen, deren hartes Joch ſie nicht ertragen konnte, und mit denen ſie in blutige Fehde gerieth; auch wurde ſie erſt von den Schweden, dann von den Franzoſen öfters belagert und zuweilen mit Sturm eingenommen. unter allen Drangſalen bewieſen die Bürger zu jeder Zeit Treue, Biederſinn, Tapferkeit und beharrlichen Muth. Vernehmt mich denn, hier, wo zu Euerm Feſte Sich mit dem Prunke der Palaͤſte, Auf meinen Wink die Buͤhne ſchmuͤckt! Ein zweyter Wink, und ſchon vergebens blickt Ihr nach den feyerlich erhellten Saͤulen; Verſchwunden iſt der Saal; es eilen Voruͤber neue Scenen. Saht ihr nicht, Verklaͤrt durch unſer Zauberlicht, 1 Sich oft ein neues Tempe bilden, Das aber ſchnell, mit Hainen und Gefilden Hinweggeruͤckt, den nackten Felſen wich, Um die ein trauernder Verbannter ſchlich? Die Wuͤſte ſchwand; ein Doͤrfchen ſaht ihr nun, Mit kornbedeckter Flur, am ſichern Huͤgel ruhn; Doch ploͤtzlich, ſtatt des Erndtemahls der Schnitter, In wild erkaͤmpfter Burg den uͤbermuth'gen 3 Ritter, Und, wo vor Kurzem noch der Sitz der Freude war, Verzweiflung, matt ihr Haupt an oͤde Waͤnde lehnen. Mit frohen, wechſeln ſo die jammervollen Scenen— Und ach! der Buͤhne gleich, iſt alles wandelbar. Hoͤrt mich— die Nebel fliehn— der Muſe Goͤtterblick Schaut in die fruͤheſten Jahrhunderte zuruͤck. Hier, wo mein Tempel ſteht, wo man den Kuͤnſtler kroͤnet, Von lautem Jubel ihm das Schauſpielhaus er⸗ toͤnet, Hier deckten, daͤmmernd nur beym vollen Son⸗ nenſtrahl, Einſt weite, menſchenleere Waͤlder Berg und Thal; Hier wandelte nur des Verirrten Fuß, Und Woͤlfe heulten in der Kraͤhe Morgengruß. Ein armes Voͤlkchen, noch an Sitten Rauh, wie der Boden, der es trug, Drang in den Wald, und Raum genug Ward ihm zu kleinen, niedern Huͤtten; Die Huͤtten reihten nach und nach, Wo Muth und Fleiß die erſten Wege brach, Zum Dorfe ſich; Caſtelle ſtiegen, Gebaut von Bertholds Heldenhand, Empor, und ſahn ein neues Land Und eine neue Stadt in ihrem Schutze liegen; Und Freyburgs Name ward genannt. Wer aber hemmt den Gang des eiſernen Ge⸗ ſchickes? Geſetzen fuͤgt ſich nicht der Dinge Unbeſtand; Mißbrauchte Hoheit, Tyranney, 238 Vergoßnes Buͤrgerblut, Verheerung, Klagge⸗ ſchrey, Und Graͤuel— doch die Wonne dieſes Augen⸗ blickes Iſt heilig mir, es berge heut Ein frommes Schweigen, was den Feſtgeſang entweiht. So birgt die Gartenlaube, ſo die Saat, Das Bollwerk, das der Feind zertrat; Um eures Schloſſes Truͤmmer weben Ihr gruͤnes Laub die friſch gepflanzten Reben. Wie mancher Lenz hat Blumen ſchon geſtreut Auf die Verwuͤſtung jener ſchauerlichen Tage! Sie ſind getilgt; hinweg denn Furcht und Klage! Mit Schonen legt ein mindres Leid. Euch das Verhaͤngniß auf. Der Enkel frage Die Helden der vergangnen Zeit, Der Vaͤter Geiſt, wie ſie, zu dulden, auszu⸗ dauern, Sich angelobt, und auf geſtuͤrzten Mauern Dem Schickſal kuͤhn ins Auge ſah'n. Iſt nicht der Herrſcher ſelbſt ihm unterthan? Und leiſe bebt nur, wenn die Eiche wanket, Der Epheu, der getreulich ſie umranket⸗ 239 Die Treue haͤlt den Epheu, haͤlt Das Volk, das ſie an gute Fuͤrſten kettet; Sie ſcheucht Gefahren, ſtaͤrkt, und rettet Vom Untergang; baut wieder, was zerfaͤllt— —O weicht nicht! huldiget auf's neue; Gebt Eure Herzen, bleibet feſt An Ihm, der ungeſegnet Keinen von ſich laͤßt, Daß Er im Silberhaar ſich Eurer Liebe freue! Karl Friedrich giebt zuruͤck Euch ſeine Vater⸗ treue. Ueber die engliſchen Gaͤrten. An den Herrn Kanzler von Ittner. Freyburg, im Sommer 1807. Erſter Brief. Wenn Ihnen, mein theuerſter Freund, die Paar Worte, die ich in Ihrem Schloßgarten zu Heitersheim uͤber die engliſchen Gaͤrten fallen ließ, paradox ſchienen, ſo werden Sie mir we⸗ nigſtens zutrauen, daß meine Abſicht dabey nicht war, etwas Sonderbares zu ſagen. Das Para⸗ doxe, mit Witz und Scharfſinn durchgeführt, kann zuweilen beluſtigen, und unter dem vielen Alltaͤglichen, das man hoͤrt, wegen ſeiner Neu⸗ heit willkommen ſeyn; auch giebt es Gelegenheit, eine Sache von mehrern Seiten anzuſehen; aber, wer es aufſucht, um dadurch intereſſanter zu 241 werden— es muͤßte denn im Scherz oder in einer ſatyriſchen Laune geſchehen— iſt mir kein achtungswerther Mann. Immer laͤuft es auf ein Spiel mit irgend einer Wahrheit hinaus; und ſpielen ſollte man mit keiner, wenn ſie auch an ſich ſelbſt weniger wichtig ſcheint. Ich aͤußerte alſo meine wirkliche Meinung, indem ich Ihnen ſagte: Daß ich aus den Engliſchen Gaͤrten viele Dinge, die man zu den vornehmſten Schoͤnhei⸗ ten derſelben rechnet, hinauswuͤnſchte, und daß ich uͤberhaupt, wenn ich gleich das Vermoͤgen dazu beſaͤße, fuͤr mich keinen ſolchen Garten an⸗ legen wuͤrde. Freylich mußte dieſes, als etwas bloß Hingeworfnes, woruͤber ich mich damals nicht erklaͤren konnte, Sie befremden: Darum freue ich mich, daß Sie unſres abgebrochenen Ge⸗ ſpraͤches ſich wieder erinnerten, und mich wegen meiner, von Ihnen ſogenannten, Paradoxie zur Rechenſchaft fordern. WVie, mein Freund? wenn ich Ihnen bewieſe, daß ich nichts getadelt habe, was nicht von dem neueſten Lobredner des engliſchen Geſchmacks, von dem in allen gebildeten Laͤndern Europa's geleſenen und geruͤhmten Saͤnger der Gaͤrten eben ſo getadelt wird. Ich erwaͤhnte fluͤchtig gegen Sie der von al⸗ Iv. 8* ten und neuen Boölkern, von Griechen und Bar⸗ baren entlehnten Gebaͤude, die man auf einen einzigen Platz in dem ſeltſamſten Gemiſche zu⸗ ſammentraͤgt. Nicht weniger als ich, eifert da⸗ gegen Delille: 3 Bannt jenes Allerley der ſchwelgeriſchen Mode, Rotunde, Säulengang, und Kiosk*) und Pagode; Was Rom, Arabien, Athen und China beut, Was, ohne Zweck und Wahl, bey ſeiner Ueppigkeit Den Garten ärmlich ziert, obwohl von Zauber⸗ . höhen Im Luſttraum unter uns wir jeden Welttheil ſehen*). So ſehr der franzoͤſiſche Dichter die erhabne Schoͤnheit der aufe inander gethuͤrmten naturli⸗ *) Ein großes Zimmer in den türkiſchen Gärten, mit vergoldetem Gitterwerk, um welches ſich Wein⸗ reben, Jasminen und Geisblatt winden. **) Bannissez des jardins tout cet amas confus D'édifices divers, prodigués par la mode, Obélisque, rotonde, et kioske, et pagode; Ces bàtimens romains, grecs, arabes, chinois, Chaos d'architecture et sans but et sans choix, Dont la profusion stérilement féconde Enferme en un jardin les quatre parts du monde. Les Jardins, par J. Delille, ch. IV. — —;— ũ̃ chen Felſen empfindet, und ihre Benutzung in den Gaͤrten empfiehlt, ſo verbietet er dennoch jede Nachahmung derſelben, weil die allzuver⸗ meſſene Kunſt nur ein ungetreues Bild jener großen majeſtaͤtiſchen Maſſen hervorzubringen im Stande waͤre. Blickt auf zu jenem Felſenſitze, Wo, in der Nachbarſchaft der Blitze, Natur, in eigner wilder Pracht, Hochthronend eurer Mißgeſchöpfe lacht, Der Afterfelſen, die der Boden nicht erzeuget, Von welchem kümmerlich ihr Gipfel aufwärts ſtei⸗ get!*) Mit den gemachten Felſen verwirft der franzoͤſiſche Dichter auch die gemachten Rui⸗ nen, und das verdank' ich ihm ſehr; denn nie konnte ich mit dem Einfalle mich ausſoͤhnen, eine *) Si le sol n'offre point ces blocs majestueug, De la nature en vain riva! présomptueux, L'art en voudrait tenter une infidèele image, Du haut des vrais rochers, sa demeure sauvage, La nature se rit de ces roes contrefaits, D'un travail impuissant avortons imparfaits- Les Jardins, Ch, III. 244 Ruine zu entwerfen, zu bauen, und oft ſo viel, und noch mehr, Zeit, Arbeit und Koſten darauf zu wenden, als ein neues bequemes Wohnhaus er⸗ fordert. Jedes Mal kam mir der Gedanke, welchen ich nachher, nur ſchoͤner ausgedruͤckt, bey Delille wieder fand. Soll ich die Thaten ältrer Zeit, Die Worte der Vergangenheit Auf dieſen durch die Kunſt begrasten Mauern leſen, An Pfeilern einer Burg, die nimmer da geweſen? Der Röm'ſche Tempel hier, gebaut von deutſcher Hand, Auf deſſen Opferherd kein Weihrauch je gebrannt; Die wmorſche Brücke dort, ſeit geſtern erſt gezim⸗ mert, und jener goth'ſche Thurm, nicht alt, und doch zertrümmert, Durchſchauern ſie das Herz mit heiligem Gefühl? Ein Knabe würde ſo, bey ſeinem Faſtnachtſpiel, Die Stirn in Falten ziehn, ſich ältlich ausſtaf⸗ fieren, und, ohne Greis zu ſeyn, der Jugend Reiß ver⸗ lieren*). *)— Loin ces monumens, dont la ruine feinte Imite mal du temps l'inimitable empreinte; 245 Delille ſetzt das Intereſſe des wirklichen Ruins hauptſaͤchlich darin, daß derſelbe, als Zeitgenoß der Voreltern, uns ihre Geſchichte lehrt. Er kann uns, wenn wir ihn befragen, Der Völker Loos, den Gang der Zeiten ſagen, Uns theurer dann, wenn er die thatenreichre Zeit, Das größre Volk uns zur Bewundrung beut*). Tous ces templés anciens, récemment contrefaits, Ces restes d'un château, qui n'exista jamais, Ces vieux ponts nés d'hier, et cette lour go- thique Ayant l'air délabré, sans avoir Pair antique, Artifice à la fois impuissant et grossier: — Je crois voir cet enfant tristement grimacier, Qui jouant la vieillesse, et ridant son visage, Perd, sans paraitre vieux, les graces du jeune àge. Ch. IV- *) Mais un débris réel intéresse mes yeux; Jadis contemporain de nos simples aieux J'aime à L'interroger, je me plais à le croire. Des peuples et des temps il me redit l'histoire; Plus ces temps sont fameux, plus ces peuples sont grands, Et plus j'admirerai ces restes imposants. Ch. IV. 6 94 Eine allerdings wuͤrdige, den Geiſt erhebende Anſicht! Fuͤr mich aber liegt in jenen Ueberreſten etwas, das mehr noch mein Herz, als meinen Verſtand beſchaͤftigt. Oft, wenn ich bey ſolchen Truͤmmern verweilte, ſagte ich mir:* Da, wo die ſiolze Burg, verheeret, Auf kahl gewordnen Felſen ſteht, Der Wind durch offene, zerfallne Säle weht, Den Eingang Dorngebüſch verhüllt, Und auf zerbrochner Zinne, wild, Der Geyer ſeinen Raub verzehret: Da kehrten einſt die Freuden häuslich ein, Da weckte früh der Sonne goldner Schein Zur Arbeit und zur Luſt; es hallten die Gemächer 2 Vom angeſtoßnen hochgefüllten Becher; Man hörte Rundgeſang, und Pſalm und Wie⸗ . genlied, Der Knaben Ruf beym Spiel. In Unſchuld auf⸗ geblüht, Sah die geſchmückte Braut den Hochzeitkranz ge⸗ wunden; Und ach! der Menſchheit Thräne floß, Wenn um das Sterbebett ein frommer Kreis ſich 5 ſchloß.— Wo blieben ihre wonn⸗ und trauervollen Stunden? Ihr Werk zerſtäubte langſt die Zeit im raſchen Flug; Weg nahm der Sturm den Boden, der ſſe trug; Selbſt ihre Gräber ſind verſchwunden! Nothwendig geht dieſes wahrhaft menſchliche Intereſſe bey nachgeahmten Ruinen, die niemals eine Familie beherbergten, ſondern immer ſo oͤde waren, wie jetzt, voͤllig verloren, und nur das, was dem Schickſal unterlag, was Krieg und Zeit verwuͤſteten, kann, wenn ein guͤnſtiger Zu⸗ fall dergleichen dem Beſitzer eines Gartens dar⸗ bietet, ein gewiſſes Staunen, Nachdenken, und eine Wehmuth erregen, der man ſich willig uͤber⸗ laͤßt. So faßt ein engliſcher Garten bey Aſchaf⸗ fenburg*) die Ueberbleibſel eines Kloſters in ſich, das von den Schweden zerſtoͤrt wurde. Ein ſol⸗ cher Zufall iſt freylich ſelten; aber weniger ſelten der, daß ein Garten, außer ſeinem Bezirk, in der Nachbarſchaft maleriſche und zu dem Her⸗ zen ſprechende Ruinen hat. Und wie viel mehr iſt da der kleine Reſt eines einzigen ſtehen ge⸗ bliebenen Thurms, als alles Machwerk der noch ſo kuͤnſtlich gezeichneten und mit dem groͤßten Fleiße durch einander geworfnen Truͤmmer! Der geſchmackvolle, fein empfindende Watelet ſorgte *) Im ſchönen Buſch. 248 bey ſeiner beruͤhmten Gartenanlage dafuͤr, daß an einer, ihm beſonders werthen Stelle keine Baͤume den Blick hinderten; er wollte die nicht entfernte kleine Stadt im Auge haben, in wel⸗ cher ein Kloſter hervorragt, ehemals bewohnt von der liebenden ungluͤcklichen Heloiſe*). Noch Eins, das mit den mehrſten engliſchen Anlagen mich unzufrieden macht, mußte in Ih⸗ rem, nicht engliſchen, Schloßgarten mir vorzuͤg⸗ lich auffallen. Hier ging ich unter lauter frucht⸗ tragenden Baͤumen, uͤber welche ich den ganzen Segen des Herbſtes ausgeſchuͤttet ſah. Selbſt der gruͤne Bogengang war von unten bis oben mit Fruͤchten bedeckt, und Birnen, Trauben, Pflaumen, faſt alle Obſtgattungen, wechſelten mit einander ab. Dafuͤr lehrt uns der Britte, Bu⸗ chen, Eſchen, Pappeln und eine Menge wilder Baͤume pflanzen, deren mannigfaltiges Gruͤn mit ſeinen Abſtufungen eine herrliche Wirkung thut, die aber den nuͤtzlicheren Pflanzungen we⸗ nig Raum uͤbrig laſſen. Fahren wir ſo fort, ſo ſind wir in Kurzem da, wo die alten Roͤmer waren, zu den Zeiten des Horaz, der ihnen weiſſagte:„Sie wuͤrden nur wenige Morgen **) Essai sur les Jardins par Mr. Watelet. — 249 zum Acker behalten; dem unvermaͤhlten Ahorn würde die mit dem Weinſtock vereinte Ulme wei⸗ chen, und die Myrthe, von Violen umringt, ihren Wohlgeruch in der Gegend verbreiten, in welcher dem vormaligen Beſitzer die ergiebigen Oelbaͤume lohnten”“*). Iſt es wohl zu billigen, daß man oft einen guten Boden verdirbt, und, um die Contraſte zu vervielfaͤltigen, ihn zur Wildniß macht? Daß Viele ſogar die wohlthaͤtigeren Pflanzungen, welche der neue Geſchmack noch erlaubt, an Orte verweiſen, wo man ſie erſt aufſuchen muß? Sollte denn fuͤr ein unverwoͤhntes Gefuͤhl das Schoͤne nicht mehr Anziehendes haben, wenn es mit dem Nützlichen ſichtbarlich ſich verbindet? Hat die Farbe der Kirſche, der Eroͤbeere, des ſich roͤthenden Apfels nichts Gefaͤlliges, und ver⸗ ringert der Anblick eines vollen, reichen Kohl⸗ feldes die Annehmlichkeit des Ganzen? Auch hier darf ich auf meinen oft angefuͤhr⸗ ten Dichter mich berufen, der vor dem unfrucht⸗ baren Luxus ernſtlich warnt: Ihm opfre nicht des Bodens mildre Gaben! Das Rübliche kann ſeine Schönheit haben, *) Horat. Od. II. 15. 250 Und leerer Schmuck gewährt uns kurze Freuden nur; Die Kunſt verſchwendet ihn auf Koſten der Natur. Vertumnus, den der Stolz aus ſeinem Reich ver⸗ drängte, Und Pales, deren Saat der Beete Pracht verengte, 3 Sie fluchen jenem Hain, den Ueppigkeit durchirrt; Die Zeit der Rache kommt; es wird Der Pflug, den du verſchmäht, vereiteln dein Be⸗ mühen, Und Ceres mit Triumph in ihre Staaten ziehen»), So weit, mein Theuerſter, konnte ich meine Meinung durch die Autoritaͤt eines allgemein geleſenen und geprieſenen Schriftſtellers wenig⸗ ſtens vor der Beſchuldigung der Sonderbar⸗ keit ſichern; ob es mir eben ſo mit demjenigen, *) D'un vain luxe non plus n'allez pas m'éblouir. L'utile a sa beauté; gardez vous de l'exclure. La richesse du luxe appauyrit la nature: Ses plants infructueux un moment flattent l'œil, Mais Vertumne et Palès exilés par l'orgueil, Maudissent ces bosquets et ces fleurs inutiles, De leur fécond domaine usurpateurs stériles; Bientôt le soc vengeur y revient sur leurs pas, Et Cérès en triomphe a repris ses états. Ch. II. 251 was ich in meinem naͤchſten Briefe Ihnen zu ſagen habe, gelingen wird, muß ich erwarten. Die Autoritaͤten verlaſſen mich nun; machen Sie ſich alſo auf ein wenig Paradoxie gefaßt! Zweyter Brief. Vielleicht, mein Freund, iſt es fuͤr Sie eben ſo befremdend, wenn ich die Frage aufwerfe: Ob den heutigen engliſchen Anlagen der Name der Gaͤrten im eigentlichſten Verſtande zukomme, als mich in Hirſchfelds Theorie die Behauptung befremdet hat: Daß der Garten eine Land⸗ ſchaft im Kleinen ſeyn ſollte*). Die erſten Gaͤrten, wie dieſer eben ſo gruͤndliche als geiſt⸗ volle Schriftſteller es ſelbſt geſteht, waren bloß dem Nuͤtzlichen gewidmet**). Sie wurden, gleich den erſten Haͤuſern, vom Beduͤrfniß er⸗ zeugt. Man verlangte bey ſeiner Wohnung einen umzaͤunten Platz, und auf demſelben das⸗ jenige, weſſen man aus den Haͤnden der Natur vorzuͤglich bedurfte: Baͤume, die Obſt truͤgen und Schatten gaͤben; Felder, mit Kraͤutern be⸗ *) Theorie der Gartenkunſt, Bd. I. S. 29. **) Ebendaſ. S. 4. 4153 pflanzt, und friſches Quellwaſſer. Zugleich ſorgte man dafuͤr, das Geſicht durch die mannigfaltigen Farben, ſo wie den Geruch durch die angeneh⸗ men Duͤfte der Blumen und Stauden zu ver⸗ gnuͤgen, und wegen des, auch dem Naturmen⸗ ſchen eigenen, Wohlgefallens an Symmetrie wur⸗ den die Beete geordnet und die Baͤume in Rei⸗ hen geſtellt. So beſchreibt uns Homer den Gar⸗ ten des Alcinous, den aͤlteſten, den wir kennen, an welchen ich Sie nur zu erinnern brauchte, wenn Sie nicht mit andern Gartenliebhabern ſich beſprechen wollten. Dieſen zu Gefallen, ſetze ich die Stelle hieher:*) Außer dem Hofe liegt ein Garten, nahe der Pforte, Eine Huf' ins Gevierte, mit ringsumzogner Mauer. Allda ſtreben die Bäume mit laubigem Wipfel gen Himmel, Voll balſamiſcher Birnen, Granaten und grüner Oliven, Oder voll ſüßer Feigen und röthlich geſprenkelter Aepfel. Dieſe tragen beſtändig, und mangeln des lieblichen 4 Obſtes Weder im Sommer noch Winter; vom linden Weſte gefächelt, Blühen die Knoſpen dort, hier zeitigen ſchwellende Früchte: *) Odyſſee VII. 112 der ältern Ueberſetzung von Voß. 254 Birnen reifen auf Birnen, auf Aepfel röthen ſich Aeofel: Trauben auf Trauben erdunkeln, und Feigen ſchrum⸗ pfen auf Feigen. Allda prangt auch ein Feld von edeln Reben beſchattet. Einige Trauben dorren auf weiter Ebne des Gartens, An der Sonne verbreitet, und andere ſchneidet der Winzer, Andere keltert man ſchon. Hier ſtehen die Herling' in Reihen, Dort entblühen ſie erſt, dort bräunen ſich leiſe die Beeren. An dem Ende des Gartens ſind immer duftende Beete, Voll balſamiſcher Kräuter und tauſendfarbiger Blumen. Auch zwey Quellen ſind dort: Die eine durchſchlän⸗ gelt den Garten; Und die andere gießt ſich unter die Schwelle des Hofes An den hohen Palaſt, allwo die Bürger ſie ſchöpfen. Vergleichen Sie hiermit den Garten, den uns Virgil in ſeinem Gedichte vom Landbau ſchildert!*) Was finden wir da? Einen Dorn⸗ zaun, den Platz zu befriedigen. Innerhalb des⸗ ſelben Gemuͤſe, kunſtmaͤßig gereiht, und um die⸗ ſes herum Beete mit Blumen und Kraͤutern; *) Georgic. IV. 116. Sqq. 255 bey der Endivie und Melone Roſen und Lilien, nebſt anderm, ſich anmuthig ſchlaͤngelnden Ge⸗ waͤchſe, das Auge zu ergoͤtzen, und den Bienen zur Nahrung. Baͤche, von Eppich umgrüͤnt, ſind umhergeleitet, und traͤnken die Pflanzen. Zu der von den Bienen beſuchten Linde, zu der Ulme, welche die Rebe ſtuͤtzet, geſellt ſich die liebliche, wohlriechende, von den Alten wegen der Kraͤnze, die ſie darbot, geachtete Myrthe, und zu fruchttragenden Baͤumen der ſchattenreiche Ahorn*). Ein ſolcher Garten ſcheint mir, ſeinem Zweck und ſeiner Anordnung nach, von allen der na⸗ tuͤrlichſte zu ſeyn, weil er unmittelbar aus den Beduͤrfniſſen und Gefuͤhlen des Menſchen her⸗ vor ging. Er vereinigte mit dem Nuͤtzlichen das Gefaͤllige, und zwar ſo, daß dieſes, jenem un⸗ tergeordnet, einen noch hoͤhern Reitz erhielt. Nach und nach, bey zunehmender Ueppigkeit, inſonderheit unter Himmelsſtrichen, unter wel⸗ chen Geiſt und Koͤrper ſo leicht erſchlaffen, wich dieſe Anlage von ihrer erſten Beſtimmung ab, und was man vorzuͤglich dabey ſuchte, war Be⸗ *) Man ſ. zu dieſer Stelle die trefflichen Anmer⸗ kungen von Voß. luſtigung der aͤußern Sinne. Man ſaß, wie es noch die Gewohnheit der Perſer iſt, in der Mitte des Gartens, weidete ſich an dem bunten Schmucke der Blumenfelder, athmete ihren Wohlgeruch, ließ von kuͤhlen Luͤften ſich anwehen, und hoͤrte dem Geſang der Voͤgel und den murmelnden Ge⸗ waͤſſern zu. Immer blieb es ein kleinerer, von Hecken oder Mauern eingeſchloſſener Bezirk, mit einer gewiſſen Regelmaͤßigkeit in dem Beyſam⸗ menſeyn der einzelnen Theile. Spaͤterhin hatte man, bey dergleichen Luſtplaͤtzen, die Bewunde⸗ rung ihrer Pracht nicht weniger als das Vergnuͤ⸗ gen zur Abſicht. Sie dehnten je laͤnger je weiter ſich aus, wurden mit Zierrathen uͤberladen; arm⸗ ſelige Spielereyen vertraten die Stelle der großen, mit Weisheit angebrachten Schoͤnheiten; die Na⸗ tur ſah ſich von der ihr untreu gewordenen Kunſt verbannt. Die Groͤße des Raums machte nun das Sym⸗ metriſche, das den kleinern Gaͤrten noͤthig gewe⸗ ſen war, langweilig, und fuͤr den Mann von Geſchmack unertraͤglich. Einen beſchraͤnktern Platz, den ich uͤberſehen kann, will ich mit Leichtig⸗ keit uͤberſehen, und hierzu gehoͤrt Symmetrie; ſie, die, in der Natur unſrer Vorſtellungen ge⸗ gruͤndet, inſofern unter den weſentlichen Schoͤn⸗ 257 heiten ihren Rang behauptet, als ſie, nicht nur an Gebaͤuden, ſondern auch in den architektoni⸗ ſchen Verzierungen der Maler und Bildhauer, und in den mehrſten Kunſtwerken unentbehrlich iſt, die ſich bloß als Kunſtwerke, nicht als Abbildungen der Natur, ankuͤndigen.— Fuͤr die weit ausgedehnte Flaͤche hingegen ent⸗ ſteht aus dem Symmetriſchen Einfoͤrmigkeit, welche bald ermuͤdet. Nothwendig mußte dieſer Einfoͤrmigkeit ab⸗ geholfen, der Garten von unaͤchten Zierrathen gereinigt, ſeinem groͤßern Umfang eine groͤßere Mannigfaltigkeit, unbeſchadet der edeln Einfalt, gegeben, und die Natur in ihre alten Rechte wieder eingeſetzt werden. Darum eiferten die Kenner wider das Gemeſſene, Gezirkelte, woll⸗ ten in den Anlagen keinen zu aͤngſtlichen Plan, hoben den Zwang auf, der die Gartenkunſt in zu enge Grenzen verwies, und ließen ihr einen freyern Spielraum. Und der Genius des Schoͤ⸗ nen ſah mit Wohlgefallen auf ihr begonnenes Werk. Auf dieſem Wege, wie es der gewoͤhnliche Gang des menſchlichen Geiſtes iſt, ſchritt man immer weiter fort, erlaubte ſich immer mehr, und ruhte nicht, bis man, ſtatt der bisherigen Jacobi's Werke. IV. 9 Gaͤrten, kuͤnſtliche Landſchaften hatte. tenkunſt wurde Landſchaftmalerey*). Um alſo den Werth unſerer engliſchen Gaͤr⸗ ten richtiger zu beſtimmen, muͤſſen wir ſehen, wie ſich dieſelben zu den Landſchaften in der Natur verhalten. unlaͤugbar iſt es, daß ein Mann von feinem und tiefem Gefuͤhle, von gebildetem Geſchmack, ein Liebhaber und Kenner des Schoͤnen, der die verſchiedenen Einwirkungen desſelben auf Sinn, Herz und Phantaſie beobachtet hat, daß dieſer, wenn er der Natur zu Huͤlfe kommt, eine beſſer angeordnete Landſchaft darſtellen wird, als die Natur, ſich ſelbſt uͤberlaſſen, in einer von rohen Haͤnden bearbeiteten Gegend, hervorzubringen vermag. Er wird mannigfaltige Scenen geſchickt auf einander folgen und gegen einander abſte⸗ chen laſſen, damit er— welches Hirſchfeld und Home**) von der Gartenkunſt vorzuͤglich ruͤh⸗ Die Gar⸗ *) Hirſchfeld, in ſeiner Theorie, giebt ſelbſt die⸗ ſen Geſichtspunkt an, B. I. S. 146 ff. und Kant betrachtet die Gartenkunſt eben ſo, Kritik der Urtheilskraft, S. 206. 2*) Home in ſeinen Grundſätzen der Kritik, B. III. Cap. 24. 259 men— die Seele zu mancherley Empfindungen ſtimme, bald zur Froͤhlichkeit, bald zur ſuͤßen Schwermuth; daß er in ernſte Betrachtung ver⸗ ſenke, oder den Geiſt erhebe, oder uns mit einem Schauder erfuͤlle, welcher in Wonne ſich aufloͤst. Aber ſollte nicht durch eben dieſe geſchickte Ver⸗ bindung ſich hier und dort das Abſichtliche verrathen, und ein Spiel von Empfindungen entſtehen, welches das wirkliche Gefühl, wo nicht zuruͤck haͤlt, doch ſchwaͤcher macht? Iſt nicht uͤberhaupt in ſolchen Darſtellungen die Kunſt, ſo gern ſie auch ſich verbergen moͤchte, zu ſichtbar? Fuͤhlen wir nicht in den Landſchaf⸗ ten, wo ſie allein waltet, daß ein ganz anderer Geiſt uns anweht, daß ſie lauter und kraͤftiger mit uns redet? Wie Vieles erinnert uns daran, daß wir in einem Garten luſtwandeln? In der grauenvollen Wildniß bleiben wir uns, weil wir an dieſem Orte ſie finden, heimlich bewußt, daß der Beſitzer ſie, um des Contraſtes willen, ſelbſt erſchaffen, daß er ſich und uns, wohlbe⸗ daͤchtlich, durch hingepflanzte Dornen und Diſteln und hingewaͤlzte Steine den Weg erſchwert hat. Freylich haben wir ein ſolches heimliches Be⸗ wußtſeyn auch bey dem Anſchauen anderer Kunſt⸗ werke, und müſſen es haben, weil es uns, bey 260 widrigen, ſchrecklichen Gegenſtaͤnden vor dem reinen Schmerze bewahrt; aber die Gaͤrten ſol⸗ len nicht, wie jene, Nachahmungen, ſondern die Natur ſelbſt ausgebildet und verſchoͤnert ſeyn. Home lobt, wegen des Contraſtes, in den von Chambers groͤßtentheils erdichteten chineſiſchen Gaͤrten, die an der rechten Stelle angebrachten verdorrten Baͤume, und glaubt, daß ſie ein gewiſſes Mitleid wirken. Auch mich ſetz⸗ ten von jeher meine Phantaſie und mein Gefuͤhl in eine beſondere Vertraulichkeit mit allem, was ich in der Natur antraf; mit jedem Baum, mit jeder Blume; allein eben darum ſpricht zu mei⸗ nem Herzen der ſcheinbar verdorrte Baum nicht ſo wie der natuͤrliche. Weiß ich doch, daß der Herr des Gartens ihn eingraben ließ, weil er hier keinen andern wollte! Und nun vollends, Baͤume, von Stuͤrmen zerſchlagen, oder vom Blitze zerſplittert, die es nur zu ſeyn ſcheinen, nur kuͤnſtlich nachgemacht ſind!— Iſt alles das mehr, als Operndekoration? mehr, als ein Schau⸗ ſpiel, das der Beſitzer dem herumgefuͤhrten Frem⸗ den giebt, der es bewundert? Und welcher Freund des Schoͤnen ſollt' es nicht bewundern, nicht dem Urheber desſelben den ergoͤtzenden Anblick einer ſo kunſtreichen Dar⸗ 261 ſtellung verdanken? Nur gebe man es fuͤr das, was es eigentlich iſt, fuͤr ein Kunſtwerk, und verlange nicht, daß es ſo wirke, wie die Land⸗ ſchaft der Natur! Am wenigſten kann es auf denjenigen ſo wirken, der das Ganze georͤnet, dem Einzelnen ſeinen Platz angewieſen und zu⸗ vor jeden Eindruck berechnet hat. Die groͤßte Schwierigkeit bey den engliſchen Gaͤrten, welche die eifrigſten Vertheidiger der⸗ ſelben in Verlegenheit ſetzt, iſt, in dieſe kunſtli⸗ chen Landſchaften das noͤthige Leben zu bringen. Hier ſtrengen Delille, Watelet, Hirſch⸗ feld und andere vergebens ihren Scharfſinn und ihre Erfindungskraft an. Der neueſte Saͤnger der Gaͤrten moͤchte ſich durch die Ausſicht auf eine Landſtraße helfen, deren Gewuͤhl aber ſchon beym Leſen die laͤndlich ſtillen Empfindungen ſtoͤrt, denen man ſich dahin geben will*). Hirſch⸗ feld, welcher den Vorſchlag des Watelet: „ bey Tempeln, Altaͤren, Triumphbogen Panto⸗ mimen erſcheinen zu laſſen, die, nach dem Co— ſtume gekleidet, Ceremonien nachahmen, opfern, tanzen“, nicht billigt, raͤth dagegen die An⸗ ſtellung arkadiſcher Beſchaͤftigungen *) Les Jardins, Ch. II. 262 und Feſte, als mehr gartenmaͤßig an*). Bey⸗ des fuͤhrt zu Theaterauftritten, die, als ſolche, vielleicht ſehenswuͤrdig ſind; allein was wird aus der ſo nachdruͤcklich empfohlenen, nie zu verlaſ⸗ ſenden Natur? Mangel an Leben wird immer ſolchen großen Anlagen nachtheilig ſeyn; und da ihn nichts voͤllig erſetzen kann, ſo verliert, in dieſer Hinſicht, jede kuͤnſtliche Landſchaft ungemein gegen die natuͤrliche, auch gegen die einfaͤltigſte. Der Garten gehoͤrt ausſchließlich einem einzigen Beguͤterten; außer den Tagloͤhnern, die darin arbeiten, und den Miethlingen, die einen, mehr zur Augenweide als zum Nutzen beſtimmten Acker beſorgen, iſt die Gegend meiſtens von Menſchen leer. Kein Schnitter bindet ſeine eigenen Garben; keiner fuͤhrt ſeine Aernte ſingend heim; unter den Baͤu⸗ men ruht kein Wanderer. Wie oͤde, wie todt die luſtige Wieſe! Die Waͤlder wie ſtumm! Man vermißt unter freyem Himmel das offene freye Feld⸗ Auch dasjenige, was die Gegenwart der Men⸗ ſchen hoffen laͤßt, iſt betriegeriſch. Faſt nirgend Wahrheit; uͤberall Schein. Weniges nur hat die Beſtimmung, die es vorgiebt. In der Bauern⸗ *) B. I. S. 146. huͤtte findet man ein zierliches Cabinet, ohne Spur eines Bewohners; in der Kapelle wurde nie gebetet; der Einſiedeley fehlt der Einſiedler, und kein ehrlicher Stilling machte je Feuer in der Kohlenhuͤtte an. Wie viel lieber iſt mir in dem bewohnten Dorfe das Strohdach, von wel⸗ chem in der Abendſonne der goldene Rauch auf⸗ ſteigt, und die kleine Thuͤr, wo der Alte unter ſeinen Enkeln ſitzt, die um ihn her ſpielen. Alles dieſes, mein Theuerſter, nicht, als ob ich die ſchoͤne Darſtellung in den engliſchen Gaͤrten weniger ſchaͤtzte; ſondern um ihnen die Gruͤnde mitzutheilen, warum ich, wenn ich noch in meinem jugendlichen Alter und ein reicher Mann waͤre— was ich beydes nicht bin— mir keinen engli⸗ ſchen Garten anlegen wuͤrde. Nehmen Sie es fuͤr eine individuelle Anſicht! ich begehre nicht, daß es mehr ſey. Uebrigens bin ich zum Voraus verſichert, Sie werden mir dieſe Anſicht eher zu gute halten, wenn ſie in meinem folgenden Briefe von einer andern Anlage hoͤren, mit welcher ich mich oft in Gedanken beſchaͤftigte. Gewiß haͤtte ich den Entwurf ausgefuͤhrt, waͤre nur der Unbekannte gekommen, von welchem ich immer eine Erbſchaft erwartete, der aber leider nicht gekommen iſt. Dritter Brief. Sie wiſſen, mein Freund, daß ich gern unter Menſchen lebe, und gern froͤhliche Menſchen ſehe: Darum floͤßte mir oft der Anblick eines engliſchen Parks den Wunſch ein, auch etwas zu ſtiften, das jetzt und in der Zukunft, nach meinem Tode noch, Andern Freude machte; das aber eben deß⸗ wegen der Vernachlaͤßigung oder den Launen meiner Nachfolger weniger unterworfen waͤre, die vielleicht mein Werk zerſtoͤrten, oder aus Saumſeligkeit zu Grunde gehen ließen, oder ver⸗ unſtalteten. um meinen Plan Ihnen vorzulegen, muß ich mich in die beſſern Jahre meines Lebens zuruͤck, und auf ein großes, eintraͤgliches Rittergut hin traͤumen, von welchem ich Herr und Meiſter bin. Zu dieſem waͤhle ich mir eine anmuthige Lage un⸗ ter einem guͤnſtigen Himmelsſtrich, einen ergiebi⸗ 265 gen Boden, mit Gehoͤlz, mit Anhoͤhen und Thaͤlern, mit friſchem Quellwaſſer und einem Bache, groß genug, eine Muͤhle zu treiben. Auch darf keine Stadt mir zu nahe ſeyn, weil man die Sitten der Landleute vor der Gefahr einer ſolchen Naͤhe nicht wohl ſichern kann. Hier nun lege ich— oder wuͤrde ich vielmehr, wenn mein Traum Wirklichkeit waͤre, ſtatt eines großen Parks, ein kleines Dorf anlegen, worin ich einige unbeguͤterte arbeitſame Hausvaͤter, von unbeſcholtnem Rufe, ſich anbauen ließe. Mit ihnen wollte ich einen ſo milden Vertrag einge⸗ hen, daß es durch Fleiß und Ordnung einem jeden gelingen müßte, ſich in kurzer Zeit in einen bluͤ⸗ henden Zuſtand zu verſetzen. Nur behielte ich mir in ſo fern das Recht vor, ſie als bloße Paͤch⸗ ter und Miethleute zu behandeln, als ich den ſchlechten Wirthſchafter, den Traͤgen, den Ver⸗ ſchwender, den leichtfertigen Verfuͤhrer, wenn ſie der Warnung kein Gehoͤr gaͤben, aus meinem Bezirke verbannen wuͤrde. Jedes Haus haͤtte ſeine Obſtbaͤume, ſein Gaͤrtchen mit Krautfeldern, eine Wieſe und Ackerfeld, jene mit Erlen und Weidenbaͤumen, dieſes, theils mit Schlehendornen, wilden Roſen und anderm Buſchwerke, theils mit Eichen ein⸗ 366 gefaßt. Letztere duͤrften, nicht aus Kargheit, zur Schonung des Ackergrundes weggeſchaft werden. Das Gaͤrtchen ſchmuͤckte der Beſitzer, wie es ihm gefiele, mit Lauben, Sonnen⸗ und andern Blumen aus. Dabey empfoͤhl' ich ihnen die Bie⸗ nenzucht, die, nach der ſauern, groben Arbeit des Feldbaus, eine leichtere, feinere Beſchaͤftigung nahe bey der Wohnung gewaͤhrt, und vielleicht auf das Sittliche gewiſſermaßen einwirkt. Meine vorzuͤglichſte Sorge ginge dahin, daß mit dem Sittlichen die Geiſtesfaͤhigkeiten, in dem gehoͤrigen Verhaͤltniſſe zu ihrer Beſtimmung ſich ausbildeten, weil Landleute nur als ſolche gut und gluͤcklich ſeyn koͤnnen. In dieſer Abſicht wuͤrde ich ſo lange ſuchen, bis ich einen gutmuͤthigen apoſtoliſchen Mann faͤnde, der in einer hellen, freundlichen Kirche, oder auch, an ſchoͤnen Fruͤhlings⸗ und Sommer⸗ tagen, im Freyen unter einem gruͤnen Gewoͤlbe von Liaden, meinen Anbauern vorpredigte von den Voͤgeln unter dem Himmel, die unſer Aller Vater ernaͤhrt, von dem Samen, der auf einen guten Acker faͤllt, von dem unnuͤtzen Baume, der keine Fruͤchte traͤgt u. ſ. w.; alles einfaͤltig und herzlich. Nicht weit von der Kirche waͤr' ein luſtiger, mit Baͤumen umſtellter Platz den ge⸗ 367 meinſchaftlichen Vergnuͤgungen und den Spielen, die ich anordnete, gewidmet. In der Mitte des, wie ich hoffen duͤrfte, fleißigen, argloſen, traulichen Voͤlkchens haͤtte ich meine Wohnung laͤndlicher als die mehrſten ſoge⸗ nannten Landhaͤuſer, und eben darum lachender. Bey derſelben waͤr' ein Garten, deſſen maͤßige Groͤße mir eine leichte Ueberſicht vergoͤnnte, der, ungeachtet einer gewiſſen Symmetrie, von ermuͤ⸗ dender Einfoͤrmigkeit frey bliebe, und, obwohl von der Hand der Kunſt geordnet, die Natur nirgend verlaͤugnete. Seine Einfalt darf ich gegen Sie, mein Theuerſter, nicht rechtfertigen, da Ihr eigener, eben durch dieſe Einfalt ſo reizender . Garten fuͤr mich ſpricht. Selbſt Delille, der in Verſen manches ſagt, womit er es in Proſa nicht ſo ernſtlich meint, fuͤgt der Virgiliſchen Beſchreibung eines Gartens*) die Anmerkung bey:„Man ſieht, daß dieſe Anlage ſehr einfach und ſehr natuͤrlich iſt. Man findet das Nuͤtzliche mit dem Angenehmen vermiſcht; es iſt zugleich Baumgarten, Gemuͤſe⸗ und Luſtgarten; aber es iſt der Garten eines gewoͤhnlichen Bewohners, ſo wie ein Weiſer, nach ſeinem ein⸗ *) Man ſehe den vorigen Brief. 268 fachen Geſchmack, ihn zieren und ſelbſt bauen moͤchte; wie der liebenswuͤrdige Dichter, der ihn ſchilderte, zu ſeinem Vergnuͤgen ihn wuͤrde eingerichtet ha⸗ ben”“*). Noch auffallender iſt ſeine Aeußerung, bey dem Homeriſchen Garten des Alcinous: „ Alle diejenigen, die einen Garten wollen, um ihn zu genießen, nicht um ihn zu zei⸗ gen, werden keinen andern verlangen“*). Mein Garten alſo waͤr' ein eigentlicher Garten, von der Landſchaft abgeſondert, auf welche ich dennoch die Ausſicht haͤtte, und die mir zu weitern Spatziergaͤngen offen ſtuͤhnde. So contraſtirte die freye Gegend, als bloße Na⸗ tur, mit der durch die Kunſt bearbeiteten, und jene gaͤbe mir eben die wohlthaͤtigen, herzerhe⸗ benden Empfindungen, und eben die Folge der⸗ ſelben, die uns Hirſchfeld mit einer ſo hin⸗ *)— tel qu'un sage, avec des goüts simples, vou- drait l'orner, le cultiver lui-mèême; tel que l'ai- mable poëte, qui le décrit, eut aimé à l'embellir. Les Jardins, Notes du Chant I. *½) Tons ceux qui voudraieut un jardin pour en jouir, et non pour le montrer, n'en demande- raient pas d'autre. Ibid. 269 reißenden Beredtſamkeit anruͤhmt; nur noch wah⸗ rer und ſtaͤrker. Auch wuͤrde, was die Benutzung betrifft, mein Garten von den gewoͤhnlichen engliſchen ſich unterſcheiden. Sein vornehmſter Schmuck ſollten, außer den Beeten, auf welchen mir jede Jahrs⸗ zeit ihre Blumen braͤchte, die unter der Laſt ihrer Fruͤchte ſich biegenden Aeſte ſeyn, die Reben mit ſchwellenden Trauben, die Eroͤbeeren, die aus den Blaͤttern hervor mich anlachten, und— was ich nur Ihnen mir zu ſagen getraute, wenn ich nicht Addiſon zum Vorgaͤnger haͤtte— meine in der Fuͤlle ſtehenden Felder mit Kohl und Kuͤchekraͤutern*). Dagegen behalten die engliſchen Gaͤrten mehrentheils kaum den Schein des Nutzens, ſo daß es mancher Hausfrau dabey ergehen kann, wie jener in Moͤſers patrioti⸗ ſchen Phantaſien, die vom Lande an ihre Großmutter ſchreibt, um ſie einzuladen, mit der Bitte, ſie moͤchte Kohl aus der Stadt mitbrin⸗ *) Addiſon, in ſeinem von Hirſchfeld angeführten und geprieſenen Garten,(Theorie der Gar⸗ tenkunſt B. I. S. 126.) iſt der Meinung, daß ein Küchengarten angenehmer ausſehe, als die feinſte Orangerie. 270 gen, weil ihr Mann Duͤnen“) angelegt, und fur dergleichen keinen Platz uͤbrig gelaſſen haͤtte. Den, mit einem Garten, wie der meinige, verbundenen Genuß, wenn man des Geſaͤeten und Gepflanzten ſelber wartet und pflegt, der kommenden Frucht hoffend entgegen ſieht, und mit theilnehmender Beſorgniß dem ſchwachen Baͤumchen aufhilft— dieſen Genuß, wer kann ihn beſſer kennen, inniger fuͤhlen, als Sie? Und das iſt und bleibt doch im eigentlichen Verſtande Gartenliebhaberey! Wegen Belebung meines Parks duͤrfte ich, mitten in dem geſchaͤftigen Doͤrfchen, unbekuͤmmert ſeyn, und brauchte nicht, wie ein gewiſſer Schrift⸗ ſteller vorgeſchlagen hat, zu Windmuͤhlen meine Zuflucht nehmen, damit wenigſtens die Bewe⸗ gung des Lebloſen mich an Leben erinnerte.— Kurz, ich haͤtte mehr Freude, als derjenige, der in ſeinem meilenlangen Garten bloß herum geht oder faͤhrt.— Die Freude waͤre um ſo groͤßer, da ich fuͤr das, was chineſiſche Haͤuſer, eine alte zerfallene Burg, der in eine Wuͤſteney verwandelte gute *) Bekanntlich werden ſo die Sandhügel am Meer genannt. Boden, mit den vielen Gartengeſellen und Tag⸗ loͤhnern, mir koſten wuͤrden, jaͤhrlich ein Paar wackere Maͤdchen ausſtatten, dem Greiſe, der ſich ehrlich durchs Leben geplagt, ſeine letzten Tage leichter machen, den Schullehrer anſtaͤndig beſolden, wirthſchaftliche Preiſe austheilen, und aus meinem kleinern fruchtbaren Garten manchen Kranken laben koͤnnte. In jeder Ruͤckſicht waͤre mein Vergnuͤgen rei⸗ ner, ſtiller, dauerhafter. Iſt es doch Genuͤg⸗ ſamkeit allein, welche demjenigen, was wir be⸗ ſitzen, einen bleibenden Werth giebt! Der Gar⸗ ten des Alcinous, wie einfach, wie gegen die unſrigen ſo duͤrftig! und deſſen ungeachtet ſetzet Homer, mit dem Sinne fuͤr Einfalt, der ihn nie verlaͤßt, hinzu:„Siehe, ſo reichlich ſchmuͤck⸗ ten Alkinoos Wohnung die Goͤtter!“ Der co⸗ ryciſche Greis, bey dem Virgil, duͤnkte un⸗ ter ſeinen Baͤumen, Blumen und Kraͤutern, ſich Koͤnigen gleich*). Horaz hatte ſich gewuͤnſcht: „ein maͤßiges Feld mit einem Garten daran, einen ſteten Quell nahe bey dem Hauſe, und ein wenig Waldung dazu.“ Als die Goͤtter ihm mehr ga⸗ ben, ſtiegen darum ſeine Wuͤnſche nicht; er be⸗ *) Regum æquabat opes animis. 272 gehrte nichts weiter*). In den engliſchen Parks iſt alles darauf berechnet, nur die Begierde nach Vergnuͤgen zu ſtillen, nicht wahres Beduͤrfniß zu befriedigen. Und wie vieler Boden wird ver⸗ ſchwendet; wie viele Muͤhe und Arbeit, welch ein Koſtenaufwand, um ſich das zu verſchaffen! — Von den Fuͤrſten rede ich nicht. Sie haben fuͤr das oͤffentliche Vergnuͤgen zu ſorgen; ihre Anlagen müßen ins Große gehen, fuͤrſtlich ſeyn⸗ Auch kann der Fuͤrſt nicht ſo, wie der Privat⸗ mann, ſeinen Garten genießen. Dieſer hingegen, als Beſitzer eines ſolchen Parks, wie vieles ge⸗ woͤhnt er ſich zu ſeinem Vergnuͤgen zu gebrau⸗ chen! Unter ſein Vergnuͤgen miſchet ſich gar zu leicht die Sucht zu glaͤnzen. Man will immer erweitern, verſchoͤnern, macht Anſpruch auf Be⸗ wunderung, laͤßt ſich von Andern ſagen, daß man unter allen den Herrlichkeiten gluͤcklich ſey, und iſt es nicht mehr durch ſein eigenes Gefuͤhl. Aber, mein Freund! was ſchreibe ich Ihnen da fuͤr eine altvaͤteriſche Moral, in unſern Ta⸗ gen, wo man alles neu verlangt, ſo neu, daß unſer einer nicht weiß, wie er es mit dem Alten in einige Verbindung bringen ſoll?— Alſo nur — *) Horat. Od. II. 6. 273 Eins noch! daß ich mein Dorf am liebſten in der hieſigen Gegend erbauen wuͤrde, wo es ohnehin Verſuͤndigung an der Natur, wirklicher Frevel waͤre, eine kuͤnſtliche Landſchaft anzulegen, weil die natuͤrliche ſchon ein Garten iſt, dem es weder an Bergen und Waldungen, noch an Baͤchen, die ſich durch Wieſen ſchlaͤngeln, noch an Kapellen auf ſchattigen Huͤgeln, noch ſelbſt an Ruinen gebricht, und wo man Leben und Froͤhlichkeit überall um ſich her ſieht. IV. 9* Muſter zu Gedichten, welche, vorn und hin⸗ ten gereimt, noch kuͤnſtlicher ſind, als die Sonnette oder Klinggedichte, und daher einigen unſrer juͤngern Poeten empfohlen werden. 11806*). H rt mich, ihr gefaͤlliſten der Muſen! Lehrt mich, ohne Feuer in dem Buſen, Schoͤne Worte durch den Reim vermaͤhlen! Toͤne gebt mir, wo Gedanken fehlen! Neue Dinge weiß ich nicht zu ſagen; Freye Spruͤnge will mit euch ich wagen; Daß ich gleich ſey andern kuͤhnen Geiſtern, Laß ich von der Sprache mich nicht meiſtern; Singt es, ohne Regel, ſich doch beſſer; Klingt es nur— genug dem Sylbenmeſſer! *) Zum Andenken an die damalige Zeit. — An die Freyfrau von&*e während der Anweſenheit des Hrn. Dr. Gall. Dich nennt der Schaͤdellehrer ſchlau! Ein wenig ſind es alle Damen; Verdienſt du aber dieſen Namen, So weißt du auch, und weißt genau, Wie Andre, die das Holde kennen, Dich leiſ' in ihrem Herzen nennen. — An n Alzu zaͤrtliche Gefuͤhle Dienen oft der feinern Welt zum Spiele, Bringen bittern Schmerz; Ach! wo ſind, die liebend ihrer ſchonen? Nur das Zarte kann dem Zarten lohnen: Auf, und ſtaͤhle dein Herz! An meinen Arzt, den Hrn. Profeſſor Ecker. Am 24. Februar 1807. Es will nicht tagen, Freund! noch immer grauet Der Himmel nur, mit Wolken uͤberdeckt; Von ſchneebeladnen Daͤchern thauet Es nieder, und im Nebel halb verſteckt Iſt jener Thurm, den laͤngſt ein Heer von Spatzen, Dohlen und Raben ſich zur Burg erkor; Jetzt wagen kaum aus ihm die kuͤhnern ſich hervor, Ihr Morgenfutter einzuholen. Du aber gehſt, ſo wie durch Mayenduft, Durch Nebel hin, wo dir des Leidens Stimme ruft, Mit heitrer Stirn und leichtem Schritte, Bald in des Reichen Haus, bald in die finſtre — Huͤtte. Dort ſiehſt du, zwiſchen Pracht und Jammer in der Mitte, Den Stolz, der, nach gewohnter Sitte, 277 um Ehre noch und Beyfall wirbt, Auf ſeinem Polſter liegt und ſtandesmaͤßig ſtirbt; Und hier die arme Redlichkeit; Sie muß, erprobt durch unverdientes Leid, Obwohl ſie Weib und Kind genaͤhrt mit treuen Haͤnden, Auf hartem Stroh ihr Tagewerk vollenden. Woher der frohe Sinn, o Freund! Verliehn als Erbgut, wie es ſcheint, Dir und den auserleſ'nen deiner Bruͤder? Der Sinn, der Andre nur zu Tanz und Klang der Lieder, Euch durch des Lebens Trauerſcenen Geleitet von des Kindes erſten Thraͤnen Bis zu den letzten, die der Eroͤgeborne weint? Woher? denn freyen Muth und Laune Und muntern Witz gewaͤhren nicht Die Schaͤtze, die Galen verſpricht— Die machen ſelten froh— auch nicht des Ruhms Poſaune, Die oft dem Prahler toͤnt, und die der Neid, Wenn es Verdienſte gilt, am lautſten uͤberſchreyt. Das aber hebt den Geiſt, das ſichert vor dem Neide Des Arztes Gluͤck, und ſlaͤrket ihn zur Freude, Daß er ſich Wege bahnt durch Dornen, um die Spur Der Wahrheit zu erſpaͤhn. Ihn winket die Natur Hinweg vom leeren Schall der Ehre; Zeigt am entfernten Ziel ihm Menſchenwohl, nicht Ruhm, und oͤffnet dann ihr Heiligthum Den Forſcherblicken. Welche Sphaͤre! Wie liegt, was er, gehuͤllt in Duͤnſte, ſchimmern ſah, In vollem Glanze nun vor ſeinem Auge da! Sie, die Allguͤtige, bleibt dem Geweihten nah. Du zweifelſt nicht, daß ſie nach hoͤheren Geſetzen Erſchafft und muͤtterlich erhaͤlt, was ſie belebt; Mag oft ein leiſer Druck ihr ſchoͤnſtes Werk ver⸗ letzen! Du weißt, warum ſo zart es die Natur gewebt. und, o ein wonnereiches Loos, Den Arm des Wuͤrgers abzuwehren, Zu ſtillen tauſend blut'ge Zaͤhren, Zu ſehn das Kind, das aus der Liebe Schooß Entgegen ſeinem Retter lacht! Wirkt ſolch ein Wunder wohl des Fuͤrſten Macht, Wenn er die Herrſcherhand dem Guͤnſtling reichet, Dem ein verborgnes Gift durch Mark und Adern ſchleichet? Geliebter Freund! ſchon oft erhoͤhte Dein Muth den meinen: Freue dich! Wenn dir ein muͤhevoller Tag entwich, 279 Wenn, ach! zu ſelten nur, die Abendroͤthe Fuͤr dich gewuͤnſchte Ruhe bringt, Und neben ſeinem Spiel dein holdes Knaͤblein ſingt, Dann muß, indeß herab die Sterne friedlich lachen, Des Greiſes Segen und des Juͤnglings Dank, Fuͤr jeden Troſt, fuͤr jeden Heilungstrank, Auf deiner Tafel dir den Wein zum Nektar machen. Lied an die Graͤfin von** Am 9. März 1807. Wenn der Winterſturm gewichen, Und der Lenz die Flugel regt, Wenn, umſchwebt von Wohlgeruͤchen, Zephyr ihm ſein Fuͤllhorn traͤgt, Welche Wonne! wie ſo leicht Wird es dann, empor zu ſchauen, Und der Liebe zu vertrauen, Die den Freudenbecher reicht! Aber ach! durch Bluͤthengaͤnge Wandeln Sorg' und Kummer auch, Miſchen Klagen in Geſaͤnge, 3 Seufzer in den Fruͤhlingshauch; Fragen, wenn ihr ZBlick ſich truͤbt, Ob in jenen lichten Hoͤhen, Er, dem ſich die Sonnen drehen, Uns hienieden kennt und liebt? 284 Ach! vielleicht in dieſen Luͤften Weht uns nicht ſein Athem an, Und wir gehn, umringt von Gruͤften, Gleich Verwaiſ'ten, unſre Bahn; Wie der Lerche Morgenton, Wie der Eſpe Saͤuſeln ſchwindet, So des Menſchen Flehn; es findet Nicht des Unſichtbaren Thron. Schweiget denn, ihr kleinen Saͤnger, Deren Lied den Schoͤpfer pries! O, es taͤuſche mich nicht laͤnger, Was mir einen Gott verhieß! Baͤche, werdet ſtumm!— Doch nein! Von der Welten Vater zeuget Nicht der Fruchtaſt, der ſich beuget, Nicht das Aehrenfeld allein. Nicht allein die Berge toͤnen Laut ſein Lob in unſer Ohr, Beſſer zeugt von ihm der ſchoͤnen Seelen auserwaͤhltes Chor,. Wenn des Edeln Bruſt ſich hebt, Wenn ein Herz, das nichts verſchuldet, Wie das Deine, glaͤubig duldet, Und der Geiſt zum Himmel ſtrebt. 282 Wer getroſt die Haͤnde faltet In der leidenvollen Welt, Fuͤhlt den Gott in ſich; es waltet Ueber ihm, was ſtaͤrkt und haͤlt, Was durch hohen Ruf ihm lohnt; Denn geweiht hat ihn ſein Glaube, Zu verherrlichen im Staube Den, der uͤber Sternen wohnt. 283 An die Graͤfin Caroline von**, als ſie mir eine Hortenſia ſchickte*). Am 7. July 1807. Dir ein Lied, Hortenſia, Die, zu neuer Huldigung, aus ihrer Zone Weggefuͤhrt ſich im Triumphe ſah! Dir ein Lied, Hortenſia! Aus der Schoͤnheit Haͤnden mir zum Lohne Wurdeſt du, weil ich die Blumenpracht Eines Hirtenkranzes lieber, als der Krone Schimmer, und ſtatt eines Herrſcherwinks die Macht Schoͤner Blicke ſang.— Hortkenſia! *) Man weiß, daß dieſe, vor Kurzem erſt nach Europa gebrachte Blume, ſonſt auch die japa⸗ niſche Roſe genannt, gleichen Namen mit der Tochter der franzöſiſchen Kaiſerin trägt. 284 Unter Lilien und Roſen ſtehſt du da, Und die Lilien, die Roſen neiden Um dein Feſtgewand dich nicht; Denn du fliehſt der Sonne volles Licht, Feyerſt nur ihr Kommen und ihr Scheiden, Wäͤhlſt den Schatten dir, wo du dich kroͤnſt Im Verborgnen, und den Neid verſoͤhnſt. Wie Natur dich ſchuf, vergnuͤgt mit deinem . Looſe, Reich geſchmuͤckt, an Wohlgeruͤchen leer, Goͤnneſt du der Lilie, der Roſe Ihren Wonnekelch, daß er Balſamduͤfte ſend' in ferne Gruͤnde, Und die Hochgeprieſenen verkunde. Weile gern bey mir, Hortenſia, Du, im roſenfarbnen Schmuck, ſo nah Jener Blumenkoͤnigin verwandt! Laß dich lieben, pflegen in der Stille, Laß mich ahnden in der Fuͤlle Deiner Armuth ſie, die dich geſandt; Ahnden ſie, wenn ich mich dein erfreue, Wenn zum Morgenlied ich mir den Muth erneue Neben dir, und wenn die Sonne ſinkt, Und ſich Blatt und Bluͤthe ſanft vergolden. 285 Dann im letzten Glanze winkt Mir ein jungfraͤuliches Bild mit holden, Reinen Blicken, Demuth in der Miene; und— verzeihen wirds die Kaiſertochter mir— Leiſe geb' ich einen Namen dir, Suͤßer meinem Ohr— den Namen Caroline. Prolog, geſprochen bey Eroͤffnung der Buͤhne zu Freyburg im Breisgau am 22. October 1807. Des Herbſtes Fuͤllhorn iſt geleert; Der Winzer hat ſein Lied geſungen; Die Rebe, die des Traubenſchmucks entbehrt, Haͤlt ihre Stuͤtze nun nicht lange mehr umſchlungen; Bald legt der Baum, der ſuͤße Fruͤchte gab, Sein Laubgewand, um auszuruhen, ab; Dann, mit der trauernden Capelle, Steht unbeſucht Loretto's Huͤgel da; Vergebens winkt Ottilia Zu ihrer kuͤhlen Wunderquelle*); An oͤdes Ufer ſchlaͤgt der Dreyſam kleine Welle, Und Nebel huͤllt die Fluren ein, Wo nur ein Hirt noch einſam weidet.— O moͤchten wir, wenn alles ſcheidet, 1 Ihr Goͤnner, Euch willkommen ſeyn! *) Ein Luſtort, eine Stunde von Freyburg, mit einer der H. Ottilia gewidmeten Capelle. 287 Zwar lacht Euch hier nur ein gemalter Hain, Wo, ſtatt der Sonne, Lampen leuchten, Und, unſre Felder zu befeuchten, Ahmt einen ſilberfarbnen Bach Die Kunſt durch ihre Taͤuſchung nach; Wenn aber die beſchraͤnkte Buͤhne Nicht ſo, wie die Natur, den frohen Blick ins Gruͤne Gewaͤhrt, ſo ſtellt ſte doch, lebendig, wahr, Was uns am naͤchſten iſt— den Menſchen dar. Wem zeigt der ganze Menſch ſich im Gewuͤhle Volkreicher Staͤdte? wem, in jenem bunten Spiele Der Welt, wo Armuth oft, wo Ueppigkeit und Pracht Noch oͤfter ihn unkenntlich macht? Nicht ſelten wohnt bey roher Sitte Der Edelmuth; in nackter Kinder Mitte Haͤlt Duͤrftigkeit die Tugend wach; Wie manche große That verbirgt ein niedres Dach! Der Thorheit beut indeß das Gluͤck den vollen Becher, und Gold und Seide deckt die Sitze der Verbrecher. Die Schauſpielmuſe zieht die Thaten kuͤhn hervor, Die, lang umdunkelt, ſich des hellen Mittags freuen, 288 und die, weil boͤſer Trug die Finſterniß erkor, Mehr als die laͤngſte Nacht, des Tages Anbruch ſcheuen; Die Muſe forſcht und waͤgt, ſie ſtuͤrzt und hebt empor; Sie fuͤrchtet nicht, wenn alles ſchweigt, zu reden; Gern bringt ans Licht ſie die geheimen Faͤden, Die eigenſuͤcht'ger Stolz, zum Weh der Voͤlker, ſpann, Der Schmeichler Loblied wird durch bittern Spott vernichtet, Und das, was Uebermacht begann, Was keinen Richter hat, gerichtet. Die Schauſpielmuſe laͤßt in Widerwaͤrtigkeit, Den, der verzagen will, ſich fuͤhlen und ſich kennen. Mag ſinken, was Unſterblichkeit Getraͤumt, und, was im ew'gen Bunde war, ſich trennen! Den Menſchen lehrt hier die Vergangenheit, Wie, maͤchtiger als ſeine Zeit, Er ſiegreich das Geſchick zu ſeinen Fuͤßen ſtellt, Wenn an ſich ſelbſt den Glauben er behaͤlt; Wenn feſter ihn der Buͤrgertreue Band An ſeinen Fuͤrſten knupft und an ſein Vaterland. 289 Ihr hohen Goͤnner! Ihr getreuen, Friedfert'gen Buͤrger! muthig weihen Wir Euch Thaliens Kunſt, weil Ihr die Wahr⸗ heit ehrt, Sie furchtlos ſagt, und freudig hoͤrt! Weil Euer Herz, ununterjocht, Für Vaterland und Menſchenrechte pocht; Weil Euerm Ohr, an deutſchen Schall gewoͤhnt, Noch wonnevoll der deutſche Name toͤnt. Auch duͤrfen wir bey unſern Schwaͤchen, Bey unſerm unvollkommnen Spiel, Uns troͤſten: Euer Kunſtgefuͤhl Wird ein gelindes Urtheil ſprechen. Jacobi's Werke. Iv. 10 An Malvina. Die Fruͤhlingsſonne lockt hervor der Wieſe Gruͤn, Laͤßt tauſend junge Wipfel bluͤhn, Und ſtrahlt zum frohen Hirtentanze; Jedoch die matt gewordne Pflanze, Die ſterben will, erquickt ſich auch an ihr: Darum, Malvina, laͤchle mir! An den Freyherrn Carl von Baden, als er Landvogt wurde. Dem neuen Landvogt gilt es heut! Ihm bringen wir ein Staͤndchen; Wer ſtimmt nicht ein? Denn ſeiner freut Sich unſer ganzes Laͤndchen. Zwar hat's an Voͤgten nie gefehlt; Doch waren ſie, wie man erzaͤhlt, Vom kleinſten bis zum groͤßten, Nicht jederzeit die beſten. Schon unter Koͤnig Pharav Lieſ't man von boͤſen Voͤgten, Die ad regalia das Stroh Der Ziegelbrenner legten*). Bald aber war die Qual vorbey; Es lag die ſaͤmmtliche Vogtey— Das wiſſen alle Knaben— Im rothen Meer begraben. *) 2. B. Moſe C. V. v. 10. 11, 292 Wohl koͤnnte jedem Vogt und Herrn Dieß zum Exempel dienen; Allein das rothe Meer iſt fern; Wie mancher ſieht von ihnen Noch unter uns den Ackersmann Fuͤr einen Schachtbretbauer an, Gemacht, um, nach Belieben, Ihn rechts und links zu ſchieben! Dagegen denkt, wer ſelber nicht Den Milllen hat zu froͤhnen, Wer frey erwacht zum Morgenlicht, Daß auch des Landmanns Soͤhnen Die Sonne da zur Freude ſteht, Und liebend auf und nieder geht; Daß, wo der Pfluͤger weinet, Sie nur zur Frohne ſcheinet. Er denkt an manchen ſchwuͤlen Tag Auf ſchattenloſem Acker, An Regen, Duͤrre, Hagelſchlag; Und wie, wer friſch und wacker Das Brod dem Boden abgewinnt, Nicht darben ſoll mit Weib und Kind, Nicht fuͤr den andern Morgen, Nach harter Arbeit, ſorgen. Der neue Landvogt denkt es auch. Mit Stolz von ſeiner Hoͤhe Herab zu ſehn, war nie ſein Brauch; Er will, daß Recht geſchehe; Daß jedem reife ſeine Frucht; Daß alte Treue, Fleiß und Zucht, Und Scham und Maͤdchenehre Zuruͤck in Huͤtten kehre. Ihm danken wird's die volle Flur, Der Bach wird heller fließen, Und nicht ihn mit dem Hute nur Der frohe Bauer gruͤßen; Von weitem lacht den biedern Mann Des Dorfes Kirchthurm freundlich an; Das Gloͤckchen toͤnet Segen Andaͤchtig ihm entgegen. Auch ſegnet ihn der große Vogt, Der hoch im Himmel ſchaltet, Und, wenn's hienieden ſtuͤrmt und wogt, Getreulich ſorgt und waltet; Der ſeine Untervoͤgte kennt, Und ſie von ihrem Regiment, Von ihrem Thun und Streben Laͤßt Red' und Antwort geben. Meine Wohnung. Freyburg im Auguſt 1808. Im vorigen Herbſte ſchon, liebe Schweſtern, kam ich auf den Einfall, Euch und dem engeren Zirkel unſerer Freunde meine damals bezogene neue Wohnung zu beſchreiben; nachher aber ſchien es mir rathſamer zu warten, bis ich alle Jahrs⸗ zeiten darin erlebt hatte. Nun hat ſie vom 2. Oktober bis heute die Probe gehalten; und ich bin verſichert, daß ſie mir immer gefallen wird. Koͤnnten unſre Dichter nur halb ſo lange mit dem Lob auf ihre Maͤdchen zoͤgern, ſo hoͤrte man keine Klage mehr uͤber die Menge der Liebeslie⸗ der. Eigentlich loben will ich zwar meine Woh⸗ nung nicht, ſondern nur Euch ſagen, warum mir in derſelben wohl iſt; denn Allen, das be⸗ greife ich, wuͤrd' es nicht eben ſo ſeyn. Wer nicht meine Anſichten, mein Gefuͤhl und meine Laune mitbringt, und ſich nicht gewoͤhnte, das, was er hat, uber, und, was er nicht hat, unter 295 dem wirklichen Werth anzuſchlagen, der wird ſich ungern mit Weib und Kind und einem Dienſt⸗ boten auf vier maͤßige Zimmer einſchraͤnken. Ich hingegen, da ich allein Herr von einem ganzen Stockwerke bin, finde mich nach meinem Wunſche geruͤndet, und denke oft, daß die Fuͤrſten, denen das Arrondiren ſo viel zu ſchaffen macht, ſich ſelbſt manche Sorge und Muͤhe, und Andern manchen Jammer erſparen koͤnnten, wenn ſie mit einem kleinern Bezirke ſich begnuͤgten, welcher auch gewiß hinlaͤnglich groß fuͤr ſie waͤre, wenn ſie ihn ſo benutzen wollten, wie ich meine vier Zimmer. Zum Diplomatiker haͤtte ich deß⸗ wegen nicht getaugt. Ohne Zweifel kennt auch Ihr verſchiedne, die außer dem Hauſe nichts zu thun haben, und doch ſelten daheim ſind, denen ihre Wohnung nicht viel mehr als ein Abſteigequartier iſt. Eine ganz andere Bewandtniß hat es mit der meini⸗ gen. Die jetzige iſt, ſeitdem ich in dieſer Stadt mich aufhalte, die fuͤnfte, und keine der vorigen verließ ich freywillig; keine ohne wahres Leid⸗ weſen. In jeder waren gewiſſe Stellen mir hei⸗ lig; in jeder las ich an den Waͤnden vergangne Freude und uͤberſtandne Trauer. In der einen ſah ich zum erſtenmale Naiden, und lebte mit 296 ihr ein ſchoͤnes Jdyllenleben; in der andern ward Naide meine Gattin, und ich Vater. Da ſchlug mein neugebornes Knaͤblein die Augen ge⸗ gen mich auf, und mein Herz ſagte mir: Der iſt dein, wie nichts auf der ganzen Erde dein iſt! Eine dritte Wohnung empfing ebenfalls ihre Weihe von Familienbegebenheiten; von gefeyer⸗ ten Feſten, und vergoſſenen Thraͤnen. Kurz, mit dem Hauſe, worin ich mit den Meinigen mich einmiethe, gerathe ich nach und nach in eine beſondere Vertraulichkeit, und wir lernen einander je laͤnger je beſſer verſtehen. Immer entdecke ich mehr Annehmlichkeiten in demſelben; das Widrige ſuche ich aber daraus wegzupoeſiren, wenn ich es nicht wegphiloſophiren kann, welches letztere mir uͤberhaupt ſelten gelingt. Ihr wißt alſo, Ihr Lieben, wie Ihr meine Beſchreibung zu nehmen habt, die vielleicht mehr von meiner Art zu wohnen, als von der Wohnung ſelbſt enthal⸗ ten wird. In Abſicht der Lage meines Hauſes bedarf es keiner Poeſie; denn wirklich befindet es ſich in einer der freundlichſten Gegenden unſrer durch⸗ aus luſtigen Stadt, und der durch alle hieſige Straßen geleitete Bach fließt in der meinigen vor⸗ zuͤglich raſch und hell. Nicht weit von mir habe 297 ich einen, wegen des nahen Stadtthors, immer belebten Platz, Oberlinden genannt, von einer ſchoͤnen hohen Linde, welche ſeit mehr als ſech⸗ zig Jahren daſelbſt gruͤnt, und einen neben ihr rauſchenden Brunnen in Schutz nimmt. Sie wurde einer abgelebten ehrwuͤrdigen Linde zur Nachfolgerin gegeben, die bereits im ſechszehnten Jahrhundert, als Vereinigungspunkt fuͤr die um ſie her wohnenden Buͤrger, Zeuge von ihren fro⸗ hen Unterhaltungen, ihren ernſten Berathſchla⸗ gungen und oͤffentlichen Spielen geweſen war. Eins dieſer Spiele, das vor nicht gar langer Zeit erſt aufgehoͤrt hat, beſtand in einer Art von Fruͤhlingsfeyer. Am erſten May naͤmlich ver⸗ ſammelten ſich diejenigen, die daran Theil neh⸗ men wollten, bey der friſchbelaubten Linde, wo⸗ hin man einen mit rothen Baͤndern geſchmuͤck⸗ ten Hammel brachte. Oben am Baum wurde ein brennendes Licht mit einem Bindfaden befe⸗ ſligt. Dann ſtellten ſie ſich Paarweiſe; das erſte Paar tanzte um den Baum herum; eben ſo das zweyte, und die uͤbrigen, immer eins nach dem andern. Indeß brannte das Licht fort, bis es den Faden erreichte, und herabfiel. Diejenigen, die gerade bey dem Herabfallen im Tanze begrif⸗ fen waren, erhielten den Hammel zum Preiſe. 298 Jetzt noch hat man in Pfalzburg, und viel⸗ leicht in mehrern Staͤdten des dortigen Landes, eine aͤhnliche Beluſtigung; nur daß man um eine bloße Stange tanzt, worauf ein Hahn geſetzt wird, und dieſen, ſtatt des Hammels, gewinnt⸗ Die hieſigen Einwohner haͤtten ihr weit artigeres Lindenfeſt nicht ſollen eingehen laſſen; denn jedes anſtaͤndige Volksvergnuͤgen, zumal wenn es ein altes Herkommen iſt, erhaͤlt den Patriotismus, weil es an Heimath und vaͤterliche Gebraͤuche bindet; zugleich verſoͤhnt es manchen geheimen Groll, endigt manchen kleinen Zwiſt, und be⸗ wahrt den Buͤrger, dem es ſeinen Stand, ſein Gewerbe und ſeine einfachen Sitten lieb macht, vor einer uͤbelverſtandenen Verfeinerung, und vor dem Ungluͤcke, daß er hoͤher hinauf, daß er mehr als Buͤrger ſeyn will. So viel iſt gewiß, daß die erwaͤhnte Linde wohlthaͤtig gewirkt hat, und noch wirkt, indem die Oberlindner bis auf den heutigen Tag durch Eintracht und Ge⸗ meingeiſt ſich auszeichnen. Das Haus, das ich bewohne, gehoͤrt zu die⸗ ſer Buͤrgerſchaft, obwohl meine Gaſſe, wegen des in ihr befindlichen Munſterpfarrhofes, die Pfaffengaſſe heißt; ein Name, welchen ſie zu der Zeit erhielt, als Pfaffe noch ein Ehren⸗ 299 titel, und die Woͤrter pfaͤffiſch und Pfaf⸗ ferey, wo nicht unbekannt, doch wenigſtens ſolche waren, die man ſich nur ins Ohr ſagte. Die Naͤhe des Pfarrhofes moͤchte ich um vieles nicht miſſen, weil mit ihr die Naͤhe unſers Mun⸗ ſters, das Ihr in einem meiner fruͤhern Ta⸗ ſchenbuͤcher kennen lerntet„ verbunden iſt*). Taͤglich habe ich die Freude, den obern Theil des herrlichen Thurms mit ſeiner ſchoͤnen achteckigen Pyramide vor mir zu ſehen. Die Pyramide iſt ganz durchbrochen, welches dem Thurm, ohne ſeinem majeſtaͤtiſchen Anſehen zu ſchaden, das Traurige, Schwerfaͤllige der gothiſchen Bauart benimmt, und ihn leichter und froͤhlicher in die Hoͤhe ſteigen laͤßt. So geſtattet er allen Win⸗ den freyen Durchzug, und beobachtet, zu ſeiner geoͤßern Sicherheit, die ſtrengſte Neutralitaͤt, woran ſelbſt der maͤchtige Boreas ihn nicht hin⸗ dert. Ich wunſchte, liebe Schweſtern, Ihr koͤnntet Euch mit mir an dem ſonderbaren Anblick ergoͤtzen, wenn Abends, in den beſſern Monaten, alle die Voͤgel heimkehren, denen dieſer Thurm ein Nachtlager gewaͤhrt. In ihm hauſen un⸗ zaͤhlige Raben, Kraͤhen, Dohlen, wilde Dau⸗ *) Taſchenbuch für 1799. ben, Spatzen und andere gefiederte Geſchoͤpfe. Kaum beginnt es dunkel zu werden, ſo eilen ſie ſcharenweiſe herbey, fliegen anfaͤnglich in weitern und engern Kreiſen um die Pyramide herum, ſetzen ſich dann zum Theil in die Oeff⸗ nungen, zum Theil auf die von oben bis un⸗ ten hervorſtehenden Zacken derſelben; fliegen von neuem, wie auf Kundſchaft, und einige ſo⸗ gar ſondern ſich ab, um in kleinern Truppen die noch fehlenden einzuholen. Spaͤt erſt, wenn es beynahe finſter iſt, begeben ſie ſich zur Ruhe. Oft in der Nacht erhebt es mich, wenn ich den Thurm anſchaue, wie er, ſtill und ernſt, empor⸗ ſtrebt zu dem geſtirnten Himmel, und der große Wagen, deſſen Raͤder Welten ſind, uͤber der freylich unter ihm verſchwindenden Ehrenſaͤule daſteht, die, wohlmeinend, menſchliche Andacht demjenigen geſetzt hat, der den Wagen in ſeinem Geleiſe haͤlt. Was aber eben jetzt unſer gothiſches Gebaͤude mir beſonders theuer macht, iſt, daß ſolch ein Rieſenwerk Zeugniß giebt, von deutſchem Geiſt und deutſcher Kraft. Sollte je, durch ein un⸗ ſeliges Verhaͤngniß, uns alles geraubt werden, was Deutſch iſt, ſo wird dieſes Denkmaal doch bleiben. Aus der Sturmwolke, der es trotzet, wird es warnen, und ſtrafen die Abtruͤnnigen, die vergeſſen koͤnnen, wer ihre Vaͤter waren, und im Fruͤhglanze, wenn es aus dem Nebel hervortritt, wird es in maͤnnliche Seelen Hoff⸗ nung ſtrahlen und neuen Muth. Naͤher noch als das ſtolze Muͤnſter, iſt mir das Capuzinerkloſter mit ſeinem niedern Thurm und demuͤthigen Gloͤckchen, mit der frommen Einfalt, welche die Groͤße Gottes eben ſo gut, nur auf eine andere Art bekennt, als die Hoͤhe und Pracht jenes ihm erbauten Tempels. Gleich neben den Capuzinern ſteht das ehemals Allen Heiligen geweihte Gotteshaus, jetzt in eine evangeliſche Kirche verwandelt. Da toͤnen oft die katholiſchen und proteſtantiſchen Glocken mit⸗ einander, zum Lobe der wahren chriſtlichen Ei⸗ nigkeit, bey der man es ſollte bewenden laſſen, ohne auf eine Religionsvereinigung zu dringen, die ohne Swang unmoͤglich, durch Zwang erhalten nur ſcheinbar iſt, und verderblicher als alle Spaltungen waͤre. Statt der Vereinigung, erzwaͤnge man den bitterſten Religionshaß. Meine naͤchſten Nachbarinnen ſind Kloſterfrauen, die nach der Zerſtoͤrung von Altbreyſach hieher fluͤchteten. Sie ſelbſt bleiben unſichtbar; dennoch wird die Straße durch ſie belebt und verſchoͤnert, indem die aufbluͤhenden Toͤchter unſrer Stadt ihre Schule beſuchen. Nicht weniger zufrieden bin ich mit meiner uͤbrigen Nachbarſchaft, weil ſie mehrentheils aus Kaufleuten, Kraͤmern und Handwerkern beſteht. Einem gar zu vornehmen Hauſe wohne ich nicht gerne gegenuͤber; denn es mangelt ihm, wenig⸗ ſtens von außen, an Leben und Munterkeit. Eine Kammerjungfer, die oben langweilig am Fenſter ſteht; ein an der Hausthuͤr gaͤhnender Bedienter, bey welchem ein geputzter Herr ſich meldet, dem man die Aufwartung auf der Stirne liest; vielleicht eine haltende Kutſche mit dem Kutſcher, der auf ſeinem Bocke vor ſich hin⸗ ſtarrt— dafuͤr ſeh' ich lieber meine geſchaͤftigen Buͤrger, die Kunden, die bey ihnen ein- und ausgehen, ihre Weiber, die nicht bloß den Na⸗ men der Gehuͤlfinnen fuͤhren, und das Haͤufchen Kinder, deren einige ſchon mit Hand anlegen, andre am Baͤchlein ſpielen oder ſich darin baden. Wenn ich dann Abends die Gaſſe hinauf und hin⸗ unterblicke, ſo ſitzen ſie, nach vollbrachtem Tage⸗ werk, alle vergnuͤgt vor ihren Haͤuſern, und ich habe wirkliches Menſchenleben vor mir: Arbeit und Ruhe. Viele ruͤhmen es als einen beſondern Vorzug 303 großer Staͤdte, daß man ſich um ſeine Nachbarn nicht bekuͤmmert, und nicht einmal ſeine eigenen Hausgenoſſen kennt. Mir leuchtet dieſer Vor⸗ zug nicht ein; vielmehr bin ich kleinſtaͤdtiſch genug, um, wenn ich ein neues Quartier beziehe, mich nach allen, die um mich herwohnen, zu erkun⸗ digen, und wahrlich nicht aus Neugier, deren ich eher zu wenig als zu viel habe, ſondern weil ich nicht anders kann, als an denen Theil neh⸗ men, die mir ſo nahe ſind. Auch wuͤnſche ich gewiſſermaßen mit ihnen zu leben. Ich freue mich, wenn vor einem Kaufmannsgewoͤlbe der Bauer ſeinen Eſel mit Waaren bepackt, oder auf dem leeren Baͤckerladen dort, ſtatt der verkauften Brote, das Kaͤtzchen in der Sonne liegt. Kommt ein Gewitter daher, das mit Hagel droht, ſo ſieht mich der Nachbar bedenklich an, und deutet nach der ſcharzen Wolke, bis es etwa in einen milden Regen ſich ausloͤst, da wir denn lachend einander zuwinken. Solch ein traulicher Verkehr mit den Menſchen thut mir ungemein wohl, und das iſt eine von den hundert Urſachen, warum mir eine große Stadt nicht ſo wie eine kleine be⸗ hagt. Ihr denkt wohl, liebe Schweſtern! daß ich Euch lange bey den Umgebungen meiner Wohnung 304 verweile; aber hauptſaͤchlich um ihretwillen habe ich die Wohnung gewaͤhlt; denn da ich wenig ausgehe, und doch meine Arbeiten oͤfter unter⸗ brechen und mich zerſtreuen muß, ſo iſt mein Fenſter mir ſo noͤthig, wie dem geſchaͤftloſeſten Müßiggaͤnger. Oft auch hole ich mir neue Be⸗ geiſterung an demſelben. Uebrigens ſind jene Umgebungen allerdings intereſſanter, als meine vier einfachen Zimmer, an denen ſich nicht viel beſchreiben laͤßt. Das Haus, im Ganzen genommen, moͤchte zwar wegen der verſchiedenen, mit einander contraſti⸗ renden Beſtimmungen, die es von ſeiner Er⸗ bauung an bis jetzt gehabt hat, einige Aufmerkſam⸗ keit verdienen. Im Jahre 1566, welche Jahrzahl uͤber dem Hofthor und uͤber zwey Thuͤren des gothiſchen Hintergebaͤudes ſteht, war es die Stadl⸗ muͤnze. Kein Mangel alſo an Gold und Silber, und beym Klang der Thaler nichts, was an Armuth und Elend erinnerte! Die letzten darin geſchlagnen Muͤnzen ſind von 1739. Bald nach⸗ her ward es Aufenthalt des Jammers, ein Straf⸗ und Verwahrungsort fuͤr eine tief geſunkene Men⸗ ſchenklaſſe, freylich großen Theils dadurch geſun⸗ ken, daß ſo Wenige der Verſuchung des gepraͤg⸗ ten Silbers widerſtehen koͤnnen. Man aͤnderte 305 die Behauſung erſt in ein bloßes Spinnhaus um, dann in ein Zuchthaus, in welchem einige auch zu oͤffentlichen Arbeiten verurtheilt waren. Da, wo man Thaler hatte klingen hoͤren, raſſelten nun die Ketten. Mein jetziges Wohnzimmer war die Kanzley des Zuchthausverwalters. So gingen Jahre vorbey. Endlich ſollte der Ort des Trauerns wieder umgeſchaffen werden und zur Froͤhlichkeit einladen. Die Ungluͤcklichen, die man hier bewacht hatte, wurden weggefuͤhrt, die Riegel abgeſchlagen, die Thuͤr geoͤffnet, damit ſie, vom Morgen bis Abend, jeden Kommenden empfinge; die eiſernen Stangen vor den Fenſtern verſchwanden; alles nach und nach gewann ein freyes, heiteres Anſehen; und ein ſtattlicher Kranz am Hauſe, mit einem goldenen Becher, verkuͤndete die neue Weinſchenke! Jetzt verlor auch die betruͤbte Kanzley die letzte Spur von dem, was ſie geweſen war, und bequemte ſich zur Aufnahme der freundlichen Muſen. Meine Vorgaͤnger derſelben waren ein Schauſpieler und ſeine Gattin. Vor dem Spiegel wurden Rollen declamirt, und Hamlet und Emilia Gal⸗ lotti nahmen die Stelle ein, wo vormals ein Wuſt von aufgethuͤrmten Acten lag. Welch ein Wechſel menſchlicher Dinge! Im⸗ IV. 10* 306 merwaͤhrende Verwandlungen! Wie merkwuͤrdig koͤnnte, wenn man ſie aufgezeichnet haͤtte, die Geſchichte manches Hauſes ſeyn!— In dieſem ſind die Wehklagen der Gefeſſelten laͤngſt verhallt. Dafuͤr toͤnen laute Trinklieder; keine leider von Gleim und Hagedorn, und meiſtens ſo unhar⸗ moniſch, daß ſie mehr Geſchrey als Geſang ſind. Indeſſen haͤlt die Wirthsſtube die artigſten Da⸗ men nicht ab, mich zu beſuchen; und nicht ſelten iſt, waͤhrend eines laͤrmenden Bachanals unter nir, ein kleiner Kreis um mich verſammelt, der es verſteht, wenn von den Myſterien der Grazien geredet wird. Mein Wohnzimmer, welches zugleich Studier⸗ und Viſitenzimmer ſeyn muß, hat ſeine Richtung gegen Abend, geht auf die Straße, iſt hoch und hell, und wuͤrde Euch nicht mißfallen. Ich habe es mit Gemaͤlden und Kupferſtichen ausgeſchmuͤckt, nur mit ſolchen, die mein Herz und meine Phan⸗ taſie nach ihrem jedesmaligen Beduͤrfniſſe zu be⸗ ſchaͤftigen im Stande ſind. Da iſt Heiliges und Profanes, Ernſthaftes und Launiges, jedoch immer eins vom andern durch die verſchiedenen Waͤnde abgeſondert. So haͤngt an der Haupt⸗ wand uͤber dem Euch bekannten Teſtamente des armen Kriegers, der ſeinem Freunde ſterbend ſein Weib und ſeine Tochter vermacht, das groͤ⸗ ßere Teſtament als Vermaͤchtniß fuͤr die ganze Menſchheit, das Abendmahl des Leonardo da Vinci. Nebem dieſem locken zwey laͤndliche Stuͤcke, links eine Korn⸗ und rechts eine Heu⸗ erndte mich ins Freye. Im Winter weiſſagen ſie mir, die Saat werde wieder aufkeimen, und die Wieſe ſich begraſen. Will ich eine frohe Familienſcene, ſo darf ich nur an einer andern Wand die niederlaͤndiſche Mahlzeit anſehen, bey welcher ein Greis, ein altes Muͤtterchen und eine junge Frau, die ein Kind auf dem Schooße hat, zum Dudelſack eines erwachſenen Sohnes ein Lied ſingen, und das Kind, nebſt einem kleinen Knaben, den Geſang mit einer Pfeife und einem Trompetchen begleiten*). An den Fenſterwaͤnden halten ſich auch noch, aber nur halb geſehen, ein Paar Liebesgoͤtter auf, denen Anakreon bis ins Alter huldigte, und deſſen ungeachtet— vielleicht eben deßwegen, den Na⸗ men des Weiſen erhielt. Bey mir muͤſſen ſie ſich ein gewiſſes Incognito gefallen laſſen; denn wir ſind keine Griechen. *) Ein meiſterhafter Kupferſtich nach J. Jordaens, mit der hollandiſchen Ueberſchrift: S00 d'oude songen, soo pepen de jongen⸗ 308 Meine Frau hat kein eigenes Zimmer, ſon⸗ dern fuͤhrt ein Nomadenleben, wandert mit ihrer Arbeit herum, und weiß, daß ſie uͤberall herzlich willkommen iſt. Da ſie den Homer geleſen hat, ſo macht ſie es zuweilen wie Andromache, Pe⸗ nelope und andere griechiſche Koͤniginnen und Fuͤrſtinnen, denen es nicht unter ihrer Wuͤrde ſchien, mit ihren Maͤgden in ebendemſelben Ge⸗ mache ſich zu beſchaͤftigen. Noch dazu wohnt die unſrige am luſtigſten von uns allen, weil ihre Kammer die Ausſicht auf den mit Reben bepflanzten Schloßberg, und auf andere mit Waͤldern bedeckte Berge gewaͤhrt. Dieſe reitzende Ausſicht hat zum Theil auch das gegen Morgen gelegene Wohn⸗ und Schlaf⸗ zimmer meines Sohns, welches uns des Mittags zum Speiſezimmer dient. Hier iſt beſtaͤndiger Geſang; denn ſieben Voͤgel, faſt alle verſchie⸗ dener Art, laſſen ſichs in ihren Kaͤfigen wohl ſeyn. Unter ihnen iſt ein Haͤnfling, der, wie Galls geprieſener Vogel, den Tonſinn im hoͤchſten Grade beſitzt, und ſeine Cameraden ins⸗ geſammt, inſonderheit aber einen neben ihm han⸗ genden Canarienbaſtard ſo vollkommen nachahmt, daß dieſer oft, weil er ihn nicht uͤberſchreyen kann, mit den Flügeln ſchlaͤgt, und durch ſein 309 Gitter brechen will, um ihn anzugreifen. In einem kleinen niedern Bauer ſitzt ein ſeit langer Zeit gelaͤhmter Stiglitz, der nicht einmal auf ſein unterſtes Staͤbchen huͤpfen kann, aber nicht we⸗ niger munter iſt, als ſein Nachbar, der Buch⸗ fink, und ſogar dann und wann in das Lied der uͤbrigen Voͤgel hineinzwitſchert; ein wahrer Scarron, an den ich mich gern erinnern laſſe, um mich, da mir das Huͤpfen jetzt ebenfalls ſauer wird, in der guten Laune zu beſtaͤrken, die einem fo leicht uͤber alles weg hilft. Wenn unſere ſie⸗ ben Saͤnger bey dem Mittageſſen, wie es ge⸗ ſchieht, ein Tutti anſtimmen, ſo iſt es, als ſpeiſeten wir im Walde. So wenig als ihrer, koͤnnen wir bey Tiſche unſers treuen Libu ent⸗ behren, der uns wegen ſeiner perſoͤnlichen Ver⸗ dienſte und Talente, und als Nachlaß des gut⸗ muͤthigen Commandeur von B*“, noch immer beſonders lieb iſt. Sein unzeitiges Bellen hat er ſich, ſeit dem Beſuche von Euch, noch nicht abgewoͤhnt, obwohl mein Sohn ihm oͤfters eine Predigt daruͤber haͤlt, daß er ſeiner vornehmen Herkunft eingedenk und artig ſeyn ſollte. Libu koͤnnte dagegen einwenden, daß viele, gerade aus dieſer Urſache, ſich die Erlaubniß nehmen, nicht artig zu ſeyn. Als ich meinem lieben Einzigen ſein Zimmer uͤberließ, vergoͤnnte ich ihm, es nach Gefallen einzurichten und auszuzieren, und das hat er zu meiner gaͤnzlichen Befriedigung gethan. Ich kann es wie eine Hauscapelle betrachten, in welcher mich, ſtatt der Hausgoͤtter, die Biloͤniſſe beruͤhmter Maͤnner aus verſchiedenen Zeitaltern, und viele meiner verſtorbenen und noch lebenden Freunde umringen. Jeder der letztern macht ein beſonderes Capitel in meiner Lebensgeſchichte aus, und in meinen Feyerſtunden wird bald dieſes, bald jenes Capitel durchgegangen. Unter den erſtern zeichnen ſich aus die Bildniſſe der drey groͤßten Maler der neuern Zeit; des, die Farben der Natur ſo lebendig und warm auffaſſenden Titian; des Correggio, mit dem feinen, zarten Sinne fuͤr holde Jungfraͤulichkeit, Kin⸗ derunſchuld und Anmuth; und Raphaels, der alle, die vor ihm und nach ihm geweſen ſind, uͤbertrifft. Dieſes Bild iſt ein farbiger Kupfer⸗ ſtich nach einem Portrait, das Raphael ſelbſt mit fuͤnfzehn Jahren, alſo in dem Alter meines Sohns, gemalt hat. Er ſitzt da in einer ruhi⸗ gen Stellung, den Kopf auf die rechte Hand geſtuͤtzt, mit dem reinen, unbefangenen Auge, ſtill nachdenkend, und ſein forſchender Blick dringt 311 in die geheimſten Winkel der menſchlichen Seele. Nach der Wahrheit wird er geſtalten, was er auf Erden der Darſtellung wuͤrdig achtet; dann ſich aufſchwingen, das Uebermenſchliche ſuchen, und auf Thabor ſeinen Chriſtus verklaͤren. In dem jetzigen Augenblicke ſcheint er gerade zu ahnden, was groß und erhaben in der Kunſt iſt; aber noch nicht ſeine eigene kuͤnftige Groͤße; noch nicht, daß Kuͤnſtler, Kenner und Laien, daß die Edelſten und Weiſeſten der Nachwelt ſich vor ſeine Werke hinſtellen werden in ſtummer Anbetung, und jedes Bild von ſeiner Hand den Ort heiligen wird, der es aufbewahrt. Ueber den Kopfkiſſen des Bettes haͤngt der ſterbende Lavater. Moͤge, wenn er auch nicht immer ſeinen Platz behaupten ſollte, wenigſtens keine ſchlafende Venus ihn verdraͤngen! Oft nach der Mittagsmahlzeit, wenn mein Sohn ſeine Mutter auf einem Spatziergange begleitet, uͤberlaſſe ich mich in dieſem einſamen Zimmer ganz meiner Liebe zu ihm. Wie mir alles da, was ihm zugehoͤrt, ſo werth iſt! Sein Bett, das ihm die Morgenſonne vergoldet, wo ſeine Voͤgel ihn wach ſingen; ſeine Arbeiten, die er mit ſo gewiſſenhaftem Fleiße verrichtet, ſeine Zeichnungen— Alles, Alles!— Aber der Ge— 312 danke, daß ich vielleicht bald von ihm ſcheiden, ihn den Muͤhſeligkeiten und Gefahren des Le⸗ bens, vor denen die treueſte Mutterhand allein nicht ſchuͤtzen kann, dahin geben muß; dieſer Gedanke— doch, ich liebte die Menſchen— ſollten ſie nicht dem, der meinen letzten Segen empfing, die Liebe ſeines Vaters vergelten? Laßt mich ſchließen, liebe Schweſtern! Was kann ich nach dem, was ich jetzt Euch geſagt habe, noch ſagen? Die welkende Hortenſia. Im Herbſte 1807. Du, die mein Fenſter ſchmuͤckte, Die, fern und nah, Den Blumenfreund begluͤckte, Hortenſia! Wie haben, dich zu ſchauen In deiner Pracht, Die artigſten der Frauen Mich angelacht! Die Maͤdchen alle blickten Herauf nach dir; Um deinetwillen nickten Sie freundlich mir. Es war, wenn ſie dich prieſen, Im Blumenreich, In Gaͤrten und auf Wieſen, Dir keine gleich. Drey Monden ſind verfloſſen, Und ſtets hatt' ich Als treuen Hausgenoſſen Zur Seite dich. Du haſt an frohen Morgen Mir nie gefehlt; Auch wurden kleine Sorgen Dir oft erzaͤhlt. Doch Laub und Gras wird gelber: Kein milder Hauch Belebt ſie mehr; du ſelber Verbluͤheſt auch. Matt iſt dein Glanz, voruͤber Dein Roſenroth— O welke nicht, ſtirb lieber Den ſchoͤnern Tod! Laß uns fuͤr kuͤnft'ge Stunden Von dir ein Bild, Das noch, wenn du verſchwunden, Mit Wonn' erfuͤllt! Zwar fruͤher ſcheiden muͤſſen Vom Mutterſchooß Wirſt du; allein verſuſſen Will ich dein Loos. Dir, holde Blume, winke Kein finſtres Grab! Von mir betrauert, ſinke Du ſtill hinab! Sieh' nur! dort unten fließet Ein Baͤchlein, hell Und rein, wie ſich ergießet Der Felſenquell. Am kuͤhlenden Gewaͤſſer Erquicket ja Sich Japans Roſ', und beſſer Entbluͤht ſie da. Wohlan denn, ſey vermaͤhlet Dem trauten Bach! Er trage dich— gefehlet, Gefehlet, ach! Vom Baͤchlein unbeſpuͤlet, Liegt ſie am Rand! Oft allzu ſorgſam zielet Der Liebe Hand. Da liegt ſie, einſt mit Freude Gepflegt, geſtuͤtzt, Getraͤnkt, vor jedem Leide Vor mir geſchuͤtzt! Was hilft es der Verſchmaͤhten, Jetzt im Gewuͤhl Des Volks vielleicht zertreten, Des Knaben Spiel, Der ſie zerreißt, zerſtreuet Mit wildem Ruf? Und ſchont ſie der, ſo draͤuet Des Roſſes Huf. O moͤchteſt du, du Kleine, Die Blume ſehn! Gepfluͤckt haſt du wohl keine, So groß, ſo ſchoͤn. Noch biſt du, ſie zu ſchaͤnden, Zu gut, zu fromm: Sie ſterb' in deinen Haͤnden! Komm, Naͤdchen, komm! Es naht mit leichtem Schritte, Haͤlt an die Bruſt Den Strauß, nach Maͤdchenſitte; Dann ſoll mit Luſt Auf dem, was ſie erbeutet, Ihr Auge ruhn; Das Gloͤcklein aber laͤutet Zur Schule nun. Die Kleine ſteht, bedenket Ihr kurzes Gluͤck, Horcht auf die Glocke, ſenket Betruͤbt den Blick. Als ob ſie mich erriethe, Wirft in den Bach Sie ſchnell die Halbverbluͤhté, Und ſieht ihr nach. Schwimm hin! der Tag wird heiter; Das Baͤchlein fuͤhrt Dich, leiſe murmelnd, weiter, Bis ſichs verliert. Nichts kann auf Erden bleiben; Wo Bach und Fluß Verſchlungen wird, zerſtaͤuben Die Roſe muß. Laß der Natur uns geben, Was ſie begehrt!! Oft raubt ein laͤngres Leben Des Lebens Werth! Das Lob, das wir erworben, Wird uns verſagt; Drum lieber fruͤh geſtorben, Als unbeklagt! —— An meine Gatin, nach meiner Geneſung. Des Erdenlenzes Morgenlicht, Mit ſeinem reinſten Strahl, erhellt das Angeſicht Der Liebe, die an wolkenleeren Tagen, Wenn alle Buͤſche noch der Hoffnung Bluͤthe tragen, In unſre Jugendlieder ſingt, Zu jedem Feſt uns ihre Myrthe bringt, Und Ewigkeit verſpricht den kurzen Lebensfreuden. Wenn aber da, wo, bey der Thraͤnenweiden Gefluſter, nur die Stimme banger Leiden Durch nebelvolle Wuͤſten hallt, Nicht minder treu, mit uns die Liebe wallt— O dann verklaͤrt ſie ſich zur himmliſchen Geſtalt! 319 An ein kleines Maͤdchen. Dein muntrer Zeiſig iſt geſtorben, Dein beſter Nelkenſtock verdorben; Gern hoͤr' ich deine Klagen an: Zu gluͤcklich, wer noch Alles lieben, Noch um ein Voͤgelchen von Herzen ſich betruͤben, Um eine Blume trauern kann. An eine Dame, die mir im Herbſte eine weiße Roſe brachte. Den Schmuck der vollen Wieſe maͤhte Zum zweyten Mal des Fleißes raſche Hand; Verarmt iſt ſchon der Baͤche Rand, Wo ſonſt ein buntes Volk von Glockenbluͤmchen ſtand; 4 und freundlich bringſt du nun die Roſe mir, die ſpaͤte, Die nicht des Zephyrs Kuß im Wonnemond empfand, Auch nicht in purpurnes Gewand Sich kleidet; die hervor aus weißer Knospe geht, Und einſam, herbſtlich angeweht, Da, wo kein farbenreiches Beet, Umwallt von Duͤften, uns entzuͤckt, Den leeren Garten gruͤßt, und troͤſtend um ſich blickt. So giebt, wenn jeden Reiz hinweg das Alter ruͤckt, Wenn oͤder wird die Welt, und Lieb' und Hoffnung weichen, Prunkloſe Freundſchaft noch der Freude letztes . Zeichen. —— Das goldene Zeitalter. (An Eudora). Daß kummervolle Zeiten ſind: Die Klage hoͤrt' ich ſchon als Kind, Und hoͤre ſie noch immer! Drum ſaͤngen Dichter gern das Gluͤck Des goldnen Alters uns zuruͤck In ſtetem Roſenſchimmer. Was aber waͤre jene Zeit, Mit aller ihrer Seligkeit, Fuͤr uns, in unſern Tagen? Ein Kindervoͤlkchen waren ſie, Die, frey von Sorg' und Lebensmuͤh', Im gruͤnen Schatten lagen. Jacobi's Werke. WV. 11 321 Ward ihnen keine Stunde lang; Sie blickten zu den Baͤumen Empor, und ſahn, was jeder trug, Sahn, ohne Karſt und ohne Pflug, Das Ungeſaͤte keimen. Dagegen hallte nicht im Thal Der Ruf von Schnittern, die zum Mahl Nach ſaurer Arbeit zogen. Fern blieb die Wetterwolk'; allein Auch uͤberglaͤnzte nie den Hain Der ſiebenfarbne Bogen. Das Lamm, das an der Mutter hing, Bedurfte keiner Hut; es ging Mit Woͤlfen auf der Weide. Erſt dem begluͤcktern Enkel gab Arkadien den Hirtenſtab Und Hirtenrohr und Freude. Wohl duͤnkt es jeden wunderbar, Daß unbedornt die Roſe war, Am Dornbuſch Trauben reiften: Daß Milch aus harten Felſen floß, In Baͤchen Rektar ſich ergoß, Und Eichen Honig traͤuften. Auf weichem Moos, beym Vogelſang, 323 Wie aber lacht die Traub' und gluͤht, Wo fie des Pflanzers Hand erzieht! Wie ſanft an Waſſerquellen Sich's ruht, indeß vom Bluͤthenaſt Ein Bienenheer die ſuͤße Laſt Heim traͤgt in ſeine Zellen! Und iſt es unſers Neides werth, Daß, ohne Haus und ohne Herd, Ein Laubdach ſie bedeckte; Kein Saͤulentempel ſich erhob, Nicht Eines ſchoͤnen Werkes Lob Den Geiſt der Kuͤnſtler weckte? Nur darum golden hieß die Zeit, Weil Unſchuld und Gerechtigkeit Durch ſichre Felder irrten; Weil Sterblichen die Wonne ward, Am Abend oft, nach Pilgerart, Die Goͤtter zu bewirthen. Ein glaͤnzend Loos, ein heil'ges Recht Fuͤr jenes kindliche Geſchlecht! Doch von den erſten Jahren Der Welt erloſch nicht jede Spur: O moͤchten unſer Erbtheil nur Getreulich wir bewahren. Noch lohnt der Unſchuld reiner Kuß Den Edeln; ſelbſt die Bosheit muß Der Tugend Larve nehmen; Und Seelen, die dem Himmel nah Sich fuͤhlen, ſtehn vor Thronen da, Tyrannen zu beſchaͤmen. Dieß Lied, Eudora, dank ich dir; Bewaͤhrt haſt du den Glauben mir; Nicht Alles ſey verſchwunden. Dir dank' ich manchen theuren Reſt Der goldnen Tage, manches Feſt Umtanzt von Goͤtterſtunden⸗ An den Herrn Magiſtratsrath Xaver Schnetz⸗ ler, welcher ſich vor Kurzem vermaͤhlt hatte; am Tage des H. averius. Nicht jeder kann von heil'gem Eifer gluͤhn: Drum keinen Nimbus zwar, doch Freude den Xaveren, Die, ſtatt in alle Welt zu ziehn, Um Heidenvoͤlker zu bekehren, Am eignen Herd die Zahl der kleinen Heiden mehren, Und da, mit liebendem Bemuͤhn, Sie Menſchenpflicht und Chriſtentugend lehren! Das Freyburger Wochenblatt an ſeine Leſer. Am 1. Januar 1809. Wer ſollte wohl nicht der ganzen Welt, Vom Nigerſtrome bis zum Belt, Vom Hekla bis nach Trankebar, Viel Gutes wuͤnſchen ins neue Jahr? Heil allen denn, in allen Reichen, Die Menſchen ſind, und Menſchen gleichen; Sogar den Horden am Caucaſus, Und, fern am Orinocofluß, Auf ihren ungebauten Gefilden, Den rohen, erdefreſſenden Wilden!*) *) Von den Okomaken, einem indianiſchen Volk, erzählt Humboldt in ſeinen Anſichten der Ratur, daß ſie weder ſäen noch pflanzen, ſon⸗ dern mit Fiſchen, Schildkröten, und beſonders, wenn dieſe ihnen mangeln, mit einer in Kugeln geformten Töpfererde ſich nähren. 0‿ —t In hundert Laͤndern weiß man zwar Noch nichts vom erſten Januar, Weils an Kalendermachern fehlt, Und jeder die Tage nach Knoten zaͤhlt*). Allein genug, wenn ſie der neuen Gezognen Knoren ſich erfreuen! Indeß verargt es ſicherlich Der Kluͤgern keiner mir, daß ich Mit denen, die mich kennen und leſen, Vertrauter, als mit Irokeſen und Kaffern, mich beſprechen kann;. Daß naͤher mir der deutſche Mann Am Herzen liegt, als ſelbſt der Britte Und Gallier, trotz ihrer Kunſt und Sitte. Wer anders denket— immerhin Behalt' er ſeinen Weltbuͤrgerſinn, Und gleiche, wenn es ihn geluſtet, Dem Vogel, der aller Orten niſtet, Wo Baum oder Buſch eine Wohnung beut; Der, ohne ſicheres Geleit, *) Mehrere Völker bedienen ſich der Schnüre oder Stricke, um an denſelben durch Knoten die Tage zu bezeichnen, und überhaupt zu zählen und zu rechnen. 328 So lange von Wipfel zu Wipfel irrt, Bis er des Zufalls Beute wird. Dagegen loben wir und preiſen Den Storch, der von den weiteſten Reiſen Zuruͤck zur gewohnten Staͤtte kehrt, Den Jubelruf der Knaben hoͤrt, Und auch willkommen iſt den Alten. Schon oft, das theure Neſt zu erhalten, Hat er von ihm den beginnenden Brand Mit raſch benetzter Schwinge gewandt, Und ſo der Nachbarn Giebel gerettet*). Wen Liebe nicht ans Vaterland kettet, Wem jeder fremde Boden gefaͤllt, Der kann, als Buͤrger einer Welt, In ihr, mit innigem Verlangen, Feſt in der Treue, nichts umfangen. Sie aber, die, ſo arm und klein Es iſt, ſich ihrem Staͤdtchen weihn; Es mit dem Wenigen, was es hat, Nicht tauſchten um eine Koͤnigsſtadt; Die fuͤr Gewinn es achten, ihr Leben *) Man hat mehrere Beyſpiele, daß ein Storch, indem er auf den Flügeln Waſſer zugetragen“ das Feuer auf ſeinem Dache gelöſcht hat. Der ſuͤßen Heimath, als Opfer, zu geben— Nur ſie, wenn des Schickſals Unbeſtand Vom eignen Herde die Liebenden bannt, Sind nirgend fremd, wo Menſchen wohnen— Sind Burger unter allen Zonen. Drum meinen beſten Segensgruß Dem Deutſchen, der mit ſtolzem Fuß Auch jetzt auf deutſchem Boden kuͤhn Daher geht; dem die Wangen gluͤhn Beym heiligen Namen: Vaterland! Noch hofft er: Was ſo maͤchtig ſtand, Das werde ferner ſtehen; erzieht, Beym vaͤterlichen Becher und Lied, Uns keine Zwitterart von Soͤhnen, Die ſich an knechtiſches Joch gewoͤhnen, Daß, wenn Germania je dem Drang Der Zeit erliegt, und deutſcher Geſang Verſtummt, ihr Genius fort und fort Noch rede zum Enkel ein maͤnnliches Wort, Und, wer ſie erblickt in ihrem Falle, Mit Ehrfurcht um die Truͤmmer walle. In das Stammbuch einer Schauſpielerin. Was auch, wo Menſchen ſind auf Erden, Des Redenden Gedanke wirkt und ſchafft, So liegt die hoͤchſte Wunderkraft Der Rede doch in Toͤnen und Geberden. L y d a. Ein heil'ger Kuß! den mit Erroͤthen, Auf jenen friſch bethauten Beeten, Der Blume, die nicht wieder liebt, Nicht wieder kuͤßt, die junge Lyda giebt. Ein heil'ger Kuß, gegeben nur Dem Schoͤnen!— Holder Lenz erneue, Wo Lyda weilt, noch herrlicher die Flur! Seyd ſtolz, ihr Blumen, und in deinen Feldern freue Dich deiner Tochter, du getreue, Dem Schoͤnen laͤchelnde Natur! — Die Eiche in der Wuͤſte⸗ Einen Wandrer fuͤhrte ſein Weg durch eine oͤde Gegend, deren Boden nur mit Heidekraut be⸗ deckt war, und weder den Schatten eines Baums, noch den gruͤnen Raſen einer Quelle zum Aus⸗ ruhen darbot. Ihn ergriff ein quaͤlendes Ver⸗ langen nach ſeiner Heimath, und die Todesſtille umher beklemmte ſeine Bruſt. Endlich kam er zu einer hohen Eiche, die ſchon von weitem ſich ihm gezeigt hatte. Unter ihr war ein Maßlieb⸗ chen hervorgeſproſſen; auf einem ihrer Aeſte ſaß ein Fink neben ſeinem Weibchen und ſang. Der Wandrer lagerte ſich. Nach und nach ward das Herz ihm leichter, und er fuͤhlte ſich geſtaͤrkt zu neuer Hoffnung. Die arme Blume! ſo ſprach er: Wozu bluͤhte ſie in dieſer Wildniß? Ver⸗ loren ſteht ſie da, um unbekannt zu verwelken. Und der einſame Saͤnger! fuͤr wen ſein Geſang? Wird den armen Vogel doch niemand vermiſſen, wenn ſein letztes Lied geſungen iſt! 332 Da bewegte ſich die Eiche, und leiſ' ertoͤnte aus ihr die Stimme der ſie bewohnenden Dryas: „Du, den, gedrückt von Sehnſucht und von Gram, Ich willig auf in meinen Schatten nahm! Du hörteſt ja des Vogels Lied, Das deinen Kummer dir verſüßte; Du lächelteſt der Blume, die dich grüßte: Drum hat ſie nicht umſonſt geblüht, Er nicht umſonſt geſungen in der Wüſte.” An meinen Arzt und Freund, den Herrn Hofrath Ecker, welcher, nachdem er ſein einziges Kind verloren, mir von einer lang⸗ wierigen Krankheit aufgeholfen hatte. (An ſeinem Namenstage den 26. Februar 1809.) O Freund! auch heute ſammelt ſich Ein Chor von Liebenden um dich, Und ruft dir Freude zu; allein Wo blieb des Tages Roſenſchein, Der dein Erwachen einſt umſtrahlte? Wo jene Bilder, die ſo hold Der Hoffnung Zauberhand ins Gold Der fruͤhen Morgenſonne malte? Ihn ſucht dein Auge, der das Licht Des Himmels, der das Leben theuer Dir machte— ſucht, und findet nicht! Was hilfts, daß uͤber dieſe Feyer Die Freundſchaft ihren Segen ſpricht? 334 Dein Ohr, an ſuͤßern Laut gewoͤhnet, Horcht, ob ihm noch die Stimme toͤnet Des Einzigen— ſie toͤnet nicht! Und wuͤrde gleich dein Feſt gekroͤnet Mit allem dem, was Kunſt und Fleiß Dem Hornung zu entlocken weiß; Ein ganzes Fullhorn koͤnnte bluͤhn; Dir ſchwebte vor das Wintergruͤn, Das einſt, im Jubel, des getreuen, Geliebten Knaͤbleins fromme Hand Um ſeines Vaters Namen wand. Die kleine Pyramide ſchwand, Und nie wird ſich ihr Gruͤn erneuen— Der Ort iſt heilig, wo ſie ſtand! Und heilig ſind des Vaters Thraͤnen, Sein ſtummer Blick, ſein banges Sehnen Dem Vater.— Sorge nicht, o Freund! Wer an des Sohnes Huͤgel weint, Dem ſing' ich keine Wonnelieder. Zwar gabſt du mich der Freude wieder; Doch leiſe Klage ſey mein Dank, Und Troſt der Leyer Feſtgeſang! Ja, Freund, dich troͤſten will die Leyer, Die bey ſo mancher Fruͤhlingsfeyer, Wenn ſich mein Geiſt voll Andacht hob, Ich zu des Weltenvaters Lob Mit neuen Saiten kuͤhn beſpannte, Und weg der Kleinmuth Zweifel bannte. Von purpurnem Gewoͤlk herab Sah ich, und tief in fernen Kluͤften Verlor ſich unter mir das Grab; Still angehaucht von reinern Luͤften, Gruͤßt' ich, Unſterblichen verwandt, Der kuͤnft'gen Heimath ſchoͤnes Land. Blick' auf, ermanne dich, und glaube: Nicht untergehen kann im Staube, Was von dem Staube los ſich ringt, Sich auf ins Reich der Geiſter ſchwingt, Mit hoher Weihe wiederkehrt, Und an der nachtumhuͤllten Pforte Des Todes noch Verheißungsworte, Den Zuruf der Verklaͤrten hoͤrt. Wenn nun die Erde ſich verjuͤngt, In neuer ſchoͤner Maytagshelle Den Bergen dort es wieder tagt, Das Saatfeld keimt, ſich an der Quelle, Hervor das zarte Bluͤmchen wagt, Und mit den Muͤttern unverzagt 336 Auf friſchem Gruͤn die Laͤmmer gehen; Was dann, beym großen Auferſtehen, Dir jede Bluͤthenknospe ſagt, Dir Baͤche rauſchen, Winde wehen, Sey: Liebe, Leben, Wiederſehen! An den Herrn Praͤſidenten Anton v. B. (An ſeinem Namensfeſte den 13. Juny 1309.) Oft rief zu ſeligem Genuß Mich dieſer Tag, und gern, zu Ehren Des heiligen Antonius, Half ich den Becher ſingend leeren; Obwohl der Heil'ge ſeinen Pfad Durch Dornen waͤhlte, nie ſich freute; Anſtatt zu küſſen, ſich kaſteyte, Und, ſtatt zu trinken, Wunder that. Genug, daß, laͤngſt empor gehoben Zur jammerloſen Welt dort oben, Er nun die Freude, die er kennt, Uns andern auch hienieden goͤnnt! Drum ſaͤng' ich dir, bey deinem Wein, Auch heut' ein frohes Lied; allein Es winket mir der Lorberhain Nicht mehr; der Jugend Roſen dorrten, Iv. 11* 338 Der Liebe Myrthen ſind verbluͤht; Woher denn ein gefaͤllig Lied? Ein rauhes hoͤrt man aller Orten. Doch, was mit treu gemeinten Worten Ein Greis aus aller Seele ſpricht, Verfehlt die beſſern Herzen nicht, und, kraͤftiger als ein Gedicht, Vermag es, ohne Klang der Saiten, Den Segen himmelab zu leiten. Ueber Pfeffel. (An meinen Bruder F. H. Jacobi.) An wen ſollte ich in meiner Trauer um Pfeffel mich eher wenden, als an dich, mein Lieber, mit dem ich, ſeit den Kinderjahren, ſo manchen gemeinſchaftlichen Verluſt beweinte, und der in meinen eigenen Leiden mir oft ſo troͤſtend die Hand bot? Du ſaheſt ihn nie, den bruͤderlichen Freund unſers verewigten Schloſſer und den meinigen; aber du liebteſt ihn, wie er dich; re⸗ deteſt von ihm mit eben der Empfindung, mit welcher er uͤber jeden kleinen, dich betreffenden, Umſtand mich befragte; und ſelbſt feine ehren⸗ volle Aufnahme in die Akademie der Wiſſen⸗ ſchaften, deren Borſteher du biſt, war ihm als Erfuͤllung eines, zuerſt von dir oͤffentlich ausge⸗ ſprochenen Wunſches, doppelt theuer. Wer alſo weiß beſſer als du, was ich verlor? Ach! und ſeirdem Schloſſer dieſe Gegend verließ, war er 340 von meinen aͤlteren Freunden der einzige, der in meiner Naͤhe lebte! In wenigen Stunden konnten wir am dießſeitigen Rheinufer zuſammen⸗ treffen, wo wir einander wechſelweiſe nach Frey⸗ burg oder nach Colmar abholten. Welch ein Au⸗ genblick dann, wenn vor dem Gaſthofe der Wa⸗ gen des fruͤher angekommenen Freundes ſchon da ſtand, und die Deichſel, zu der meinigen hinge⸗ kehrt, mich die ganze Seligkeit eines ſolchen freundlichen Begegnens auf dem Wege durchs Leben fuͤhlen ließ! Und nun, wenn ich ſeinen Brudergruß hoͤrte, in ſeinen Armen war! Nicht minder begluͤckten mich die folgenden Tage unſers Beyſammenſeyns; die Morgenſtunden, in denen Pfeffel, mit einer Beſcheidenheit, welche zwar gern mit großen Talenten ſich vereinbart, aber doch, in dem Grade, ſelten iſt, mir ſeine neue⸗ ſten Gedichte mittheilte, meine Bemerkungen dar⸗ uͤber, und Vorſchlaͤge zu Verbeſſerungen for⸗ derte; die heiteren Mittagsmahle, ſtets ergiebig an ernſten und launigen Erzaͤhlungen; und die Abende, welchen ein vertrautes Geſpraͤch zwiſchen uns beyden eine Art von Weihe gab, oder die, in einem auserleſenen Zirkel, unter dem gewinn⸗ reichſten Ideentauſche nur zu ſchnell vorüber eilten. Jede Minute wurde benutzt, bis auf die 341 letzte, da wir bey dem Lebewohl zugleich einen kuͤnftigen Beſuch verabredeten. So ſchieden wir voll Hoffnung von einander, und es blieb uns ein herrlicher Nachgenuß.— Alles das iſt nun fuͤr mich dahin! Jedoch nicht auf lange; denn in meinem Alter hat man ja von dem Grabe des entſchlafenen Freundes zum eigenen Grabe nicht weit. Darum waren die Thraͤnen, die ich um meinen Pfeffel vergoß, Thraͤnen der ſtillen Wehmuth, nicht des bittern Schmerzens; und darum ſchreibe ich auch dir, lieber Bruder, keinen Klagebrief, ſondern nur Erinnerungen an den Trefflichen, der, weil ihm, wie dem blinden homeriſchen Saͤnger, Gutes und Boͤſes verliehn ward, das Gute freudig genoß, und gelaſſen das Boͤſe duldete. In dieſen Erinnerungen finde iſt Troſt, weil ſie mir bezeugen, daß der von großen und mannig⸗ faltigen Leiden gedruͤckte Mann eben ſo große und mannigfaltige Verguͤtungen hatte, und daß ſein Leben, ſo bedauernswerth es auch, aus der Ferne betrachtet, erſchien, mit vielen ſeligen Stunden und Tagen durchwebt war. Eh' ich Pfeffel naͤher kam, dachte ich niemals an ihn, ohne die innigſte Betruͤbniß. Ich ver⸗ ſetzte mich in die Lage des Ungluͤcklichen, der, 2 342 im jugendlichen Alter ſchon des Lichtes beraubt, nie wieder, auch nur den ſchwaͤchſten Schimmer eines Sonnenſtrahls hoffen durfte; der im Fin⸗ ſtern einſchlief und im Finſtern erwachte; kein menſchliches Antlitz mehr ſah, kein Laͤcheln, keine Thraͤne mehr; fuͤr den, wenn der Fruͤhling ihm ſeinen Bluͤthenduft zuwehte, uͤber den Bluͤthen ſelbſt ein naͤchtlicher Schleyer lag, und dem jeder frohe Laut der Natur Entbehrungen ankuͤndigte. Auf der muͤtterlichen Erde, welcher er nicht trauen konnte, ging er, auf ſeinen Stab und ſeinen Fuhrer geſtuͤtzt, umher, ihren tauſend und tau⸗ ſend Schoͤnheiten ſo nah, und dennoch aus⸗ geſchloſſen aus den Paradieſen der Schoͤpfung. Wenn es dem Blinden genug iſt, Menſch zu ſeyn, um ein heiliges Recht an das allgemeine Mitleid zu haben, wie viel haͤrter muß ein ſolches Schick⸗ ſal uns duͤnken, wenn es den Mann von feinern Sinnen trifft, weil dieſem die ſichtbare Welt uͤberall Quellen einer hoͤhern Luſt oͤffnet, die dem großen Haufen verborgen ſind! Mit ſchwerem Herzen alſo machte ich dem guten Pfeffel meinen erſten Beſuch, und bey dem erſten Drucke ſeiner Hand haͤtte ich weinen moͤ⸗ gen. Aber die heitere Stirn uͤber den erloſche⸗ nen Augen, wo kein Woͤlkchen von Kummer ſich zeigte, der muntere Ton, mit dem er mich will⸗ kommen hieß, und nicht bloße Zufriedenheit, ſondern Froͤhlichkeit, die uͤber ſein ganzes Weſen verbreitet war, beruhigten mich bald. Nach einem kurzen Geſpraͤche mit ihm beſtaͤtigte ſich, was Andre vorausgeſagt hatten; ich vergaß all⸗ maͤhlig ſeinen Zuſtand, wie er ſelbſt ihn zu ver⸗ geſſen ſchien. Kein Wunder, mein Lieber! Denn er druͤckte ſich uͤber ſichtbare Gegenſtaͤnde aus, wie ein Sehender, nahm ebendenſelben Antheil an ihnen, wußte ſie mit eben der Genauigkeit und Lebhaftigkeit darzuſtellen. Je laͤnger ich mit ihm umging, deſto mehr uͤberzeugte ich mich, daß er nicht allein, als Dichter, die in ſeiner Jugend aufgefaßten Farben und Geſtalten in ſeine Phantaſie zuruͤckzauberte, ſondern daß ihm dieſelben immer gegenwaͤrtig waren. Das einſt Geſehene hatte ſich ſo unvertilgbar in ſein Gedaͤchtniß gepraͤgt, daß dem Greiſe noch man⸗ che von ihm, als Juͤngling, durchreiste Land⸗ ſchaft mit allen ihren Theilen vorſchwebte. Sonderbar üͤberraſchte mich's, als ich mit ihm durch eine ſolche Gegend fuhr, und er unweit einer Bruͤcke— denn er pflegte ſich dann und wann durch Fragen zu orientieren— mich auf ein vorzuͤglich ſchoͤnes Thal aufmerkſam machte. 344 „Was die Bergkette da fuͤr ein Amphitheater bildet!“ ſagte er:„uUnd ſiehſt du dort“— in⸗ dem er mit dem Finger hinwies—„ganz in der Ferne den Berg, der uͤber die andern hervor⸗ ragt, mit dem alten Caſtell? u. ſ. w.“ So trug Pfeffel uberall eine Welt, reich an Wundern, mit ſich, an welchen ſein inneres Auge ſich weidete. Auch gab es in dieſer Welt der neuen Erſcheinungen genug, weil er, um mit den Sehenden fortzuleben, ſich jeden, auf irgend eine Art intereſſanten Gegenſtand, deſſen man gegen ihn erwaͤhnte, beſchreiben ließ. Da wurd' es dann einer Einbildungskraft, wie der ſeinigen, nicht ſchwer, das oft nur Angedeutete ſich auszumalen, und wieder Andern, die es nicht kannten, durch die Beſchreibung desſelben Freude zu machen. Ich hoͤrte ihn, mit der Kunſt, die er beſaß, Alles zu verſinnlichen und zu vergegenwaͤrtigen, von den neuen Anlagen um Colmar, von neuen Muͤnzen, Gemaͤlden, Prachtausgaben, von Uniformen der Regimenter, ſogar von ausgezeichneten Frauenzimmermoden ſprechen, und zwar von den letztern mit einem ganz eigenen Wohlgefallen an Farbenharmonie. Du begreiſſt, lieber Bruder! wie dieſes ſchon unſerm guten Pfeffel zu einiger Entſchaͤdigung 345 gereichte. Hierzu kam ſeine Fertigkeit, Stimmen zu unterſcheiden und im Gedaͤchtniſſe zu behal⸗ ten, ſo daß er nach Jahren noch Perſonen, mit denen er ein Paar Mal geredet hatte, gleich an der Stimme wieder erkannte. Das Organ der Sprechenden war fuͤr ihn, was fuͤr uns Phyſiog⸗ nomie iſt, in ſo fern naͤmlich dieſe oder jene Geſichtsbildung uns auf den erſten Blick anzieht oder zuruͤck ſtoͤßt. Eine wohlklingende Stimme lenkte ſein Herz zu ſich hin; ſo wie die krei— ſchende ihm in einem hohen Grade weh that, und es ihm Ueberwindung koſtete, ſich in ein Geſpraͤch mit ihr einzulaſſen. Er erzaͤhlte mir, daß einſt, bey dem Eintritt in eine große Abend⸗ geſellſchaft, eine Dame im Vorbeygehen ihn an⸗ geredet, und nichts weiter geſagt haͤtte, als: Bon soir, Mr. Pfeffel, comment vous portez- vous? Im Tone der Gruͤßenden aber waͤr' eine ſo liebliche Melodie geweſen, eine ſo zaͤrtliche Theilnahme, daß es ihn bis zu Thraͤnen geruͤhrt, und er, leider umſonſt, alles angewendet haͤtte, um die ſuͤßeſte Stimme, die er jemals gehoͤrt, wieder aufzufinden. Indeſſen bliebe ſie ihm un⸗ vergeßlich.. Da es eine bekannte Streitfrage iſt: Ob Blindheit oder Taubheit ein groͤßeres Uebel ſey, 346 und man faſt durchgaͤngig den Blinden fuͤr den ungluͤcklichern haͤlt, ſo war mir Pfeffels Mei⸗ nung hieruͤber von Wichtigkeit. Dieſe Saite aber mußte auf das Zarteſte beruͤhrt, und die Veranlaſſung eines guͤnſtigen Augendlicks dazu erwartet werden. Lange hielt ich meine Frage zuruͤck, als endlich, an einem traulichen Morgen, eine Unterredung mit meinem Freunde uͤber ſein Schickſal ſie ganz natuͤrlich herbeyfuͤhrte.„Was du mich fragſt“, gab er zur Antwort,„iſt mir ehemals oͤfter eingefallen, und die Entſcheidung war immer ebendieſelbe. Jetzt brauche ich mich keine Minute mehr zu beſinnen; ich weiß es: Viel lieber ohne Geſicht, als ohne Gehoͤr! Der Taube iſt ja wie verbannt aus der menſchlichen Geſellſchaft, da ich hingegen mit allen Men⸗ ſchen in Verbindung bleibe, von den Beſſern ſo manches koͤſtliche Wort vernehme, und jedes geſellige Vergnuͤgen genießen kann. Was hilft dem Tauben die Anſicht der Natur bey der Todesſtille, die ihn umgiebt? Wie viele heitere Stunden verdanke ich der Muſik, wie viele dem Schauſpiele! Ich entbehre weit weniger, als Du glaubſt, und bin wirklich an den Mangel des Geſichts dermaßen gewoͤhnt, daß wenn ich die Wahl haͤtte, ſehend zu werden, oder meinen 347 Rheumatismus zu verlieren, ich das Letztere vor⸗ ziehen wuͤrde.“ Allerdings waren fuͤr den armen Pfeffel ſeine rheumatiſchen Zufaͤlle, die Kraͤmpfe im Kopf und in den benachbarten Theilen, die er, wenn ſie heftig wurden, gleich einem feſt aufgedruͤckten gluͤhenden Eiſen empfand, eine ſchreckliche Qual. Dennoch unterbrach ihm auch dieſes Leiden ſei⸗ nen Frohſinn nur ſelten auf laͤngere Zeit. Wie es mich jammerte, wenn er oft unter ſolchen Schmerzen an ſeine Frohnarbeit gehen, und, als Secrétaire-interprète, franzoͤſiſche Verord⸗ nungen, Conſcriptionsliſten, Verfuͤgungen we⸗ gen feyerlicher Aufzuͤge u. dgl. m. verdeutſchen mußte. Er ſchaͤtzte, nachdem die Revolution ſein Erziehungsinſtitut zu Grunde gerichtet und die Aſſignaten ſein Vermoͤgen verringert hatten, jene Anſtellung fuͤr eine Wohlthat; denn das ſauerſte Geſchaͤft wurde ihm leicht, das gemeinſte veredelte ſich, wenn er es als Opfer anſah, ſei⸗ ner Familie gebracht. Pfeffels Biograph wird Dir, mein Lieber, die vielfachen harten Pruͤfungen erzaͤhlen, denen die Geduld des trefflichen Mannes ausgeſetzt war, die blutigen Thraͤnen, um ſo manchen ſei⸗ ner Lieblinge geweint, die bangen Erwartungen 348 in der Schreckensperiode; nach ihr das ſorgen⸗ volle Ringen und Streben, mit den Ueberbleib⸗ ſeln ſeines kleinen Gluͤckes ſich wieder aufzuhel⸗ fen; alle die muͤhſeligen Tage, die ſchlafloſen Naͤchte; und auf dem letzten Krankenlager die unausſprechlichen Schmerzen, unter denen er ſein Leben endete. Wenn Du es lieſeſt, ſo wirſt Du geſtehen, daß Pfeffel Recht hatte, die Be⸗ raubung des Augenlichts nicht fuͤr ſein groͤßtes Ungluͤck zu achten. Du wirſt voller Verwunde⸗ rung vor dem Bilde desjenigen verweilen, der nicht allein im Gedraͤnge ſo vieler Widerwaͤrtig⸗ keiten ſich aufrecht hielt, ſondern unter Geſang und Scherz auf dem bedornten Wege fortging, und die frohe Laune der Jugend mit in ſein Alter hinuͤber nahm. Der Kummer hatte nicht ſeine Stirn gefurcht, nicht ſeinen Nacken ge⸗ beugt, und der oft wiederkehrende Schmerz nur den Wangen einige leichte Spuren eingedruͤckt. Freylich war jener Frohſinn, wie er ſelber es ruͤhmt, ihm von der unſichtbaren Hand, „die Sonnen, Wie Goldſtaub in den Raum geſät“, zur Erleichterung ſeines trauriges Looſes, in die Wiege gelegt worden. Auch gab ihm eben dieſe Hand, zu Gefaͤhrten auf ſeiner Wall⸗ 349 fahrt durchs Leben, einen zaͤrtlich fuͤr ihn ſor⸗ genden Bruder, eine treue Gattin, Kinder, de⸗ ren liebkoſender Laut ihm erfreulich toͤnte in ſeiner immerwaͤhrenden Nacht, und Freunde, an deren Arm er mit geſchloſſenen Augen ruhig und ſicher wandelte. Wie Vieles, das den muͤden Pilger ſtaͤrken, die rauheſte Bahn ihm ebnen konnte! Noch ward ihm, als maͤchtige Troͤſterin, eine der gefaͤlligſten Muſen zugeſellt, die mit hohem Ernſte ſokratiſchen Witz vereinigte, ihm die Erde lieber machte, und, wenn er hienieden ſich fremd fuͤhlte, ſeinen Geiſt hinſchauen ließ in ein beſſeres Land. Der verzagt nicht, der die Muſe zur Begleiterin hat. Lieder zertheilen die Nebel, die unſere Tage trüben wollen, und vor dem Witze floh ſchon manches drohende Ge⸗ ſpenſt. Aber alle dieſe Geſchenke des Himmels, dieſe verſchwenderiſchen Gaben der Natur haͤtten meinem Freunde nicht die Ruhe, die Heiterkeit, den bleibenden Muth zu erwerben vermocht, ohne das Herz, das in ihm wohnte, geuͤbt im Ausharren und Verlaͤugnen, der Wahrheit ge⸗ treu, die ihm theurer war, als das Leben; ohne das Wohlwollen gegen alles, was neben ihm athmete, und den unverruͤckten Glauben an einen Vater der menſchlichen Schickſale, an eine kuͤnf⸗ — 350 tige Heimath jenſeits des Grabes. Mit einem ſolchen Herzen durfte ihm nicht grauen auf dem Boden, über den Gottes Lufte wehen. Mit ſolch einer Liebe, ſolch einem Frieden im Innern, vertraut man den Menſchen und der ganzen Schoͤpfung. Seines Genius konnt' er ſich freuen, weil er durch keinen Geſang ihn entehrt hatte, weil ſeine Begeiſterung nur hoͤheres, heiliges Gefuͤhl des Guten und Schoͤnen war. So wie er in der Geſellſchaft mit dem Tone des edeln Mannes und des feurigen Patrioten gegen Ty⸗ ranney, Selavenſinn, Lug und Trug eiferte, ohne Gallſucht und Schadenfreude, und wie ſein Scherz immer das Zeichen der Gutmuͤthigkeit an ſich trug; eben ſo in ſeinen Strafgedichten, und in denen, wo er uͤber die Thorheiten ſeiner Zeit⸗ genoſſen ſpottete. Bey jeder Fabel und jedem Epigramm ſcheint er den Spruch des J. Paul in Gedanken gehabt zu haben:„Die Menſchen ſoll keiner belachen, als einer, der ſie recht herz⸗ lich liebt.“ Du, mein Beſter! kennſt die Wuͤrde des Be⸗ rufs, ein Lehrer der Menſchheit zu ſeyn! kennſt die Seligkeit deſſen, der auf ſeine Werke mit dem Bewußtſeyn hinblickt, daß kein Anklaͤger gegen ſie auftreten wird. Du ſtimmſt mir bey, daß Pfeffel ein gluͤcklicher Mann war. 351 Und er war es bis an ſein Ende.„Haͤtten Sie meinen Vater noch den Tag vor ſeinem Abſchiede geſehen!“ ſchrieb ſeine jüngſte Tochter an einen ihrer hieſigen Freunde.„Ich las ihm: Ausſichten in die Zukunft, vor. Wie er die zitternden Haͤnde faltete und in die Hoͤhe hob! Sein ehrwuͤrdiges Haupt umſtrahlte himm⸗ liſche Freude. Ich ſah einen Heiligen in ihm; er gehoͤrte ſchon dem Himmel an.“ Laß mich, lieber Bruder, zu dieſem Brief eins der ſchoͤnſten Lieder des Verſtorbenen legen, voll jener frommen Sehnſucht, die oft in traurig ſüͤßen Stunden ihn ergriff, und ihn weihte zu dem entſcheidenden großen Augenblick. Pſyche.*) Warrum trauerſt du, muͤde Pilgerin, An des Scheideſtroms bedorntem Strande? Pſyche, faſſe dich, blicke jenſeits hin Nach dem heiligen, verheißnen Lande. Bald wirſt du nicht mehr, gleich dem Findelkind, Deine Herkunft und dein Loos nur ahnen, Bald wird dir ein Freund aus dem Labyrinth Deiner Zweifel einen Ausweg bahnen. Sieh, der Glaͤnzende loͤſ't die Faͤhre ſchon, Um dich abzuholen aus der Wuͤſte. Horch! ein Schweſterchor ruft mit Harfenton Dich zuruͤck auf die ſmaragdne Kuͤſte. Pſyche! fuͤhlſt du nicht, wie ſich dein Gewand Maͤhlig trennt, des langen Dienſtes muͤde? Heil dir! Bald zerreißt auch das letzte Band, uUnd vollendet iſt die Seraphide.“ *) Poetiſche Verſuche Th. IX. S. 194. — An meine Wanduhr. Noch hat das Glück mit jedem Jahr Was Neues mir beſchert, Und jede ſeiner Gaben war Mir eines Liedes werth; Denn meine kleine Wirthſchaft lacht Mich gar vertraulich an; Da ſing' ich, was mir Freude macht⸗ So gut ich ſingen kann. Schon haben Tiſch und Becher laͤngſt Ihr Lied, weil ſie mir nah Und theuer ſind; du aber haͤngſt Noch unbeſungen da. Zwar ſchmucklos, ohne Silberklang, Gehſt du voll Einfalt nur, Gleich meinem Leben, deinen Gang, Du treue Waͤlderuhr! Doch koͤſtlich wird, obwohl verſchmaͤht Von Stolz und Ueppigkeit, Mir auch das aͤrmſte Hausgeraͤth, Wenn es die Liebe weiht. Jacobi's Werke. IV. 12 Aus ihrer Heimath brachte dich, Als feſtliches Geſchenk, Mein Weibchen mir; und deß bin ich Und bleib ich eingedenk. Allein, haͤtt' auch des Bildners Hand Verherrlicht ſich in dir; Was huͤlf' an ungeſchmuͤckter Wand Ein ſolcher Zierath mir? Dem Kaͤmmerlein des Dichters fremd Iſt aller eitle Prunk; Er ſtoͤrt die Ruhe nur, und hemmt Des Geiſtes leichten Schwung. Wozu der Schimmer dir? Genug, Daß du ein kommend Leid Mir ſtets verkuͤndet, ohne Trug, So wie die beßre Zeit! Dein Raͤderwerk lief ohne Raſt, Dein Laut verſtummte nicht; Du riefſt mich weg von mancher Laſt, Mich hin zu mancher Pflicht. Wenn alles ſchwieg, der Lagerſtatt Kein Schlummer ward verliehn, Dann ſah' ich, wie die Lampe matt Auf deine Ziffern ſchien. Dann wohl mir, weil dein leiſ'rer Schlag Sich troͤſtend hoͤren ließ, Und Morgendaͤmmerung, und Tag, Und friſchen Muth verhieß! Oft auch, von ſuͤßem Schlaf erquickt, Geweckt vom Sonnenglanz, Hab' ich dich freudig angeblickt In deinem Strahlenkranz. O moͤg' ich noch zu dir hinauf Mit ſtiller Freude ſchaun, Noch ſegnen deinen Stundenlauf, Noch hoffen und vertraun, Wenn mir die Glocke dumpfer ſchallt, Und nun dein Zahlenbild, Vom Todesnebel ſchon umwallt, Sich mehr und mehr verhüllt. Iſt dann die letzte Stund' entflohn, So toͤne fort! Dein Klang Sey meiner Gattin, meinem Sohn Ein liebender Geſang! 35 32 2 Gnome. Ein Geiſt, der auf zur Gottheit ſtrebt, Muß zwar vom Staube ſich erheben; Doch kann, wer nicht der Erde lebt, Auch nicht dem Himmel leben. An den Herrn Staatsrath Peter Frank, bey der Zuruͤckgabe ſeiner Biographie. Freyburg, im May 1810.*) Kraͤnze für die Schoͤnheit winden Soll, wer ihren Kranz verdient; Heldentugenden verkuͤnden, Wem ein ſchoͤner Lorber gruͤnt; Und allein der Weiſe darf den Weiſen Zum Geſang der Muſe preiſen. *) Seit dem November 1809 wohnte der ruſſiſch⸗ kaiſerliche Staatsrath und erſte Leibarzt Johann Peter Frank in Freyburg, wo er den Reſt ſeines thatenvollen Lebens zubringen wollte. Um dem großen Manne, deſſen ganzes Leben dem Dienſte der Menſchheit gewidmet war, der allein mehr als 7000 Aerzte gebildet, mehrere öffentliche Schulen organiſirt, und 35 zum Theil ſehr große Welchem Saͤnger wirds geziemen, Zu verherrlichen den Mann, Der ſich ſeines Lebens ruͤhmen Laut vor allen Edeln kann;z. Deſſen Geiſt im Knaben ſchon ſich ſtaͤhlte,* Daß fuͤr Spiel er Arbeit waͤhlte; Der, als Juͤngling, von der Freuden Suͤßer Lockung weggewandt, Bey der Stimme fremder Leiden Seinen hohen Ruf empfand, Da, wo Tod und Leben qualvoll ringen, Der Geneſung Kelch zu bringen? Wer ihn loben will, der habe Leicht geachtet jede Laſt, Hab', um wohl zu thun, dem Grabe Trotz geboten, ohne Raſt, Spitäler geleitet hat, einen Beweis ſeiner hohen Verehrung zu geben, ernannte ihn der Stadt⸗ magiſtrat bald nach ſeiner Ankunft zum hieſigen Ehrenbürger, und überſandte ihm durch eine eigene Deputation das Bürgerdiplom, welches er mit eben der Empfindung annahm, womit es ihm angeboten wurde. Zeitumſtande nöthigten ihn dennoch, dieſe Stadt wieder zu verlaſſen. So wie er, gerungen und gelitten, Und den ſauren Preis erſtritten! Von der Parce mir gegeben Ward Geſang und Saitenſpiel; Thatenreich war nicht mein Leben; Frohſinn fuͤhrte mich ans Ziel; Aber Recht und Wahrheit blieb mir theuer, Nie entweiht' ich meine Leyer. Darum ſey der Unentweihten Es vergoͤnnt, zu miſchen ſich In die Choͤre der erfreuten Buͤrger, zu begruͤßen Dich, Den, vereint, die laͤchelnden Camoͤnen Hier im Arm der Ruhe kroͤnen! Deiner werth ſind meine Lieder; Denn ich troͤſtete, wie Du, Gern die aͤrmſten meiner Bruͤder, Eilte den Verlaßnen zu; Stand, als Menſch, vor Menſchen auf dem Throne, Heuchelnd keinem Erdenſohne. Doch die Lieder moͤgen ſchweigen! Sollen ſie Unſterblichkeit 360 Dir gewaͤhren? Fehlts an Zeugen Deinem Ruhm? Die ſpaͤtſte Zeit Wird in Dir Hygeens Prieſter ehren, Deinen Genius noch hoͤren; Deinen Genius, der, waltend Ueber Menſchenheil, ſich hob; Schaffend, ordnend, umgeſtaltend, Nie getaͤuſcht durch eitles Lob, Feſt und kuͤhn, den Neid zu Schanden machte, Und ſein Tagewerk vollbrachte. An der Donau luft'gen Hoͤhen, An der fernen Wilia, Wo der Neva Flaggen wehen, Wo der Po Dich wandeln ſah, Rauſchte Dir, in frohen Wellenſchlaͤgen, Tauſendſtimmig Dank und Segen. Hoͤre jetzt die Dreyſam leiſe Murmeln! Sieh! der Jugend Blick, Huldiget dem edeln Greiſe; Denn ſie fuͤhlt des Mannes Gluͤck, Den ſein Haar, ſo rüͤhmlich grau geworden, Hoͤher ſtellt, als Band und Orden. — An Balbinen. Wer, in der Grazien Geleit, Der Schoͤnheit Tempel nicht entweiht, Darf nie den Blick der Goͤttin ſcheuen; Darf einſt auf ihren Feſtaltar, Auch noch mit grau geword'nem Haar, Den frommen Weihrauch ſtreuen. 364 Es iſt nicht gut, der Poet im Dorfe zu ſeyn. So pflegte mein Freund Pfeffel zu ſagen, wenn er mich uͤber einem Gelegenheitsgedichte antraf, oder ſelbſt um ein ſolches erſucht wurde, und oft habe ich in einem mißmuthigen Augenblick es ihm nachgeſagt. Indeß gilt dieſes Sprichwort, wie die meiſten andern, nicht ohne Ausnahme. Freylich geraͤth derjenige, der einmal im Rufe ſteht, daß er Verſe macht, in manche Verlegen⸗ heit. Viele naͤmlich glauben im Ernſt, was Malherbe, hoffentlich nur im Scherze, be⸗ hauptet haben ſoll: Daß ein guter Dichter dem Staate nicht noͤthiger ſey, als ein vortrefflicher Kegelſpieler: Darum fordern ſie von demſelben, daß er wenigſtens, um doch etwas Brauchbares zu liefern, ſeinen Ort und die Gegend umher mit den noͤthigen Hochzeit- und Trauergedichten, Gluͤck⸗ wuͤnſchen an vornehme Goͤnner u. ſ. w. verſorge. Dieſe Forderung finden ſie um ſo billiger, weil, ihrer Meinung nach, ein Poet, als Saͤnger von 363 Profeſſion, immer ein Lied anſtimmen kann, wenn er nur will; und da ihnen von der Moͤg— lichkeit, die Poeſte herabzuwuͤrdigen, nichts ahn⸗ det, ſo machen ſie unter den Veranlaſſungen kei⸗ nen Unterſchied. Dem Dichter ſoll es gleichguͤltig ſeyn, was der zu Beſingende fuͤr ein Mann iſt. Genug, daß er ein Menſchengeſicht und einen chriſtlichen Namen hat! Zuweilen ſcheint ihnen gar ein unbedeutendes Zuſammentreffen der Um⸗ ſtaͤnde, das hoͤchſtens im geſellſchaftlichen Ge⸗ ſpraͤche intereſſirt, den reichſten Stoff zur Be⸗ geiſterung darzubieten. Da tritt einer mit zuver⸗ ſichtlicher Miene in mein Zimmer:„Denken Sie nur! meine Schweſter und meine Schwaͤgerin ſind heute, ungefaͤhr zu gleicher Zeit, niederge⸗ kommen; jede hat einen Sohn, beyde Kinder werden mit einander getauft, und man giebt ihnen einerley Namen. Das iſt doch eine herrliche Ge⸗ legenheit fuͤr einen Dichter! Man darf nur... Warum lachen ſie“? Weil ſich dergleichen wohl in Reime bringen laͤßt, aber kein Gedicht daraus wird.— Der gute Mann erſtaunt, bezweifelt mein poetiſches Talent, und geht mißvergnuͤgt weg. Ein Andrer, der mich in voller Arbeit antrifft, beginnt mit einer Menge von Entſchuldigungen. 364 Er iſt weit entfernt, mir einen Theil meiner koſtbaren Zeit rauben zu wol⸗ len, und bittet deßwegen nur um we⸗ nige Verſe. Auch dieſer begreift es nicht, wenn ich ihm ſage, daß in den wenigen Verſen, wo nicht ein neuer Gedanke, doch eine neue Wendung ſeyn muß, die man, bey alleaͤglichen Gegenſtaͤnden, bey Gratulationen, Condolenzen u. drgl., oft lange vergebens ſucht, und daß ein Paar Zeilen mir ſchon eben ſo viele Muͤhe gekoſtet haben, als ein ganzes Lied. Meine Antwort beleidigt ihn. Eine ſo kleine Gefaͤllig⸗ keit, denkt er, ſollte man niemanden abſchlagen. Einige wollen mir es noch bequemer machen. Sie begehren nicht nur etwas Kurzes; ſondern es braucht auch, wie ſie ſich ausdruͤcken, nichts Beſonderes zu ſeyn. Was bleibt mir da uͤbrig, als ſie an den erſten beſten Reimer zu verweiſen, mit der Verſicherung, daß ich mir niemals erlaubt habe, wiſſentlich etwas Schlechtes zu Papier zu bringen. Manche hingegen ſind ſo beſcheiden nicht; ſon⸗ dern verlangen die Ausfuͤhrung ihrer eigenen ſelt⸗ ſamen Ideen, und muthen einem zu, was ſich nur ein bezahlter Gelegenheitsdichter, oder ein Schildmaler gefallen laͤßt, welcher Letztere aller⸗ 365 dings malen muß, was jeder ihm vorſchreibt; dem Schuſter einen gekroͤnten Loͤwen, der ſtehend mit den Vorderklauen einen Stiefel haͤlt; und dem Peruͤckenmacher eine aus den Wolken her⸗ vorgehende Hand mit einem Friſirkamm, und darunter eine modiſche Damenperuͤcke. Mit der⸗ gleichen Kunden verliere ich nicht viele Worte; auch gehen ſie gemeiniglich fuͤr immer von mir ab. Unter den vielen Bitten um ein kleines Mu⸗ ſengeſchenk ſind einige ſo freundlich, ſo dringend, daß mir wiederum die Weigerung in der Seele wehe thut; ſelbſt dann, wenn Leute von gutherzi⸗ ger Einfalt mich um etwas anſprechen, das ſonſt eben nicht von mir gefordert wird. Das Schlimmſte iſt, daß, wenn man zuwei⸗ len dem Wunſche derer, die eines Gedichtes be⸗ duͤrfen, Gehoͤr giebt, und allen Fleiß anwendet, ſte zu befriedigen, man dennoch ſelten ihren Er⸗ wartungen Genuͤge thut. Mehrentheils duͤnkt ſie das, was man ihnen liefert, zu einfach. So erſuchte mich einſt eine Dame, im Namen ihrer Familie, um eine Grabſchrift auf ihre verſtorbene Mutter, die vorzuͤglich wegen der ungemeinen Anhaͤnglichkeit ihrer vielen Kinder und Enkel an ſie bekannt war. Dieſer Umſtand zeichnete ſie vor allen ihren Mitbuͤrgerinnen aus. Ich ſchlug 8 deßwegen die wenigen Worte vor: Sie ent⸗ ſchlief, wie ſie gelebt hatte, in dden Ar⸗ men ihrer Kinder. Meine Freunde wuͤnſch⸗ ten mir zu dem Gedanken Gluͤck; nicht ſo die An⸗ verwandten der Verſtorbnen. Ihnen war, fuͤr eine ſo reiche, angeſehene Frau, die Inſchrift zu aͤrmlich; daher wandten ſie ſich an einen Andern, welcher die Wohlthaͤtigkeit der Seligen, nebſt ihren uͤbrigen Tugenden, in allgemeinen Aus⸗ druͤcken, ohne irgend etwas Individuelles, lob⸗ preiſen mußte. So groß aber dieſe Unannehmlichkeiten ſind, ſo laͤßt ſich doch, nach Art der alten Akade⸗ miker, auf der andern Seite wieder mit eben ſo triftigen Gruͤnden darthun, daß es ſein Gu⸗ tes hat, wenn man der Poet im Dorfe iſt. Wie Manchen kann man durch ein Paar Verſe gluͤcklich machen; wie Viele, die der Poeſie ab⸗ geneigt waren, gewinnen, indem man, vermit⸗ teſt derſelben, ihnen bey dieſer oder jener Ge⸗ legenheit Vergnuͤgen verſchafft! Nicht ſelten be⸗ wirbt einem die Gabe, Lieder zu dichten, den Ein⸗ tritt in den Zirkel ſchaͤtzbarer Menſchen, um an ihren haͤuslichen Feſten Theil zu nehmen, dieſe vielleicht zu veredeln, und Empfindungen zu we⸗ cken, durch welche das Familienband von neuem 367 geheiligt und enger geknuͤpft wird. Immer noch denke ich mit Ruͤhrung an die Feyer einer ſilbernen Hochzeit, bey der ich zugegen war. Bluͤhende Soͤhne und Toͤchter, zwoͤlf an der Zahl, ſaßen zur rech⸗ ten und linken Hand ihrer Eltern, mit anderen Befreundeten, geſchmuͤckt um die glaͤnzende Tafel herum. Wo man hinblickte, war Reichthum und Pracht. Auf einmal ertoͤnten im Nebenzimmer muſikaliſche Inſtrumente, die ein, nach einer Kirchenmelodie von mir verfertigtes, von den Tiſchgenoſſen zu ſingendes Lied ankuͤndigten. Der Geſang begann mit den Worten: „Du, deſſen Arm uns beugen, Und uns erhöhen kann, Wir rufen dich zum Zeugen Von unſern Freuden an; Wo Menſchen dir lobſingen, Iſt Tempel und Altar: Nimm unſern Dank! wir bringen Ihn dir mit Thränen dar.“. Schon am Schluſſe dieſer erſten Strophe waren Alle tief bewegt; Andacht herrſchte im ganzen Saal. Die zweyte ſangen ſie mit zittern⸗ der Stimme; in der dritten, bey den Verſen: „Daß unſer Gut und Habe Kein Fluch, kein Winſeln drückt,“ war kein Auge mehr trocken; die meiſten Stim⸗ men ſchwiegen, und am Ende ſtuͤrzten die Kinder weinend in die Arme der weinenden Eltern. Muß mir nicht, bis auf den heutigen Tag, die Stunde geſegnet ſeyn, die mich zu jenem Liede begeiſterte? Was ich, ſelbſt mitten im Gedraͤnge der Ge⸗ ſchaͤfte nie verweigere, iſt eine Grabſchrift, wenn ſie anders nicht zum Prunke dienen, ſondern ein bleibendes Denkmaal zaͤrtlicher Verehrung ſeyn ſoll. Die Pflicht, die mich zu einem ſo from⸗ men Werke antreibt, iſt mir noch unverletzlicher geworden, ſeitdem eine, uͤber den Verluſt ihres Kindes trauernde, Mutter mich, aus einer Ent⸗ fernung von hundert Meilen, um wenige Worte bitten ließ, das geliebte Grab damit zu bezeich⸗ nen, und hinzuſetzte, daß dieſes der einzige Troſt waͤre, den ſie noch auf Erden hoffte. Ich verachte die Muſe, die, nachdem ſie ge⸗ ſcherzt, und Freudenlieder geſungen hat, nicht troͤſten will. Noch dazu iſt das, was man auf einen Grabſtein ſchreibt, fuͤr Mehrere geſchrieben, die des Troſtes bedürftig und ſeiner werth ſind. Wie oft kommt eine gute Seele dahin, der es wohl thut, daß an dem ernſten Orte, wo Tod 369 und Verweſung ſie umgiebt, ein freundlicher Genius in der Inſchrift mit ihr redet! Wenn Horaz den Beruf des Dichters in das gehoͤrige Licht ſtellen will, ſo rechnet er unter die Verdienſte desſelben, daß die bey den Roͤmern uͤblichen Choͤre der Knaben und Maͤdchen aus ſei⸗ ner Hand die Gebete und Lieder empfingen, mit denen ſie an oͤffentlichen Feſten die Goͤtter ver⸗ ſoͤhnten*). In der That kenne ich keinen ruͤhm⸗ lichern Gebrauch der Dichtkunſt, als ihre Anwen⸗ dung bey irgend einem Volksfeſte, Wie man⸗ cherley Anlaß giebt nicht eine ſolche Feyerlichkeit, Buͤrgertugend, Gehorſam gegen die Geſetze, Treue gegen den Regenten ohne Sclavengeiſt, Gefuͤhl fuͤr Nationalehre, und Gefallen am Guten und Schoͤnen rege zu machen! An Freudentagen werden die Gemuther am leichteſten geſtimmt. Gern war ich deßwegen an ſolchen Tagen meinen biedern Mitbuͤrgern bey der Ausſchmückung ihrer Ehrenpforten, Pyramiden u. ſ. w. behuͤlflich, und wenn die Stadt ein Feſt beging, ſo feyerten es faſt immer meine Geſaͤnge mit. Die Erinnerung an dieſe bleibt mir theuer, weil ſie mit dem Bewußtſeyn verbunden iſt, daß, *) Horat. Epist. I. v. 132. sqg. lv. 12* 370 obwohl ich dergleichen Werke fuͤr ephemeriſch an⸗ ſah, ich dennoch, um mein den Muſen gethanes Geluͤbde nicht zu brechen, eben ſo vielen Fleiß darauf wendete, als wenn ſie mich uͤberleben ſollten. Inſonderheit beruhigt es mich, daß ich, bey keiner politiſchen Veraͤnderung, in keinem Lobgedicht auf den Fuͤrſten des Landes, im ei⸗ gentlichen Verſtande gedichtet, ſondern ſelbſt auf die Gefahr hin, weniger patriotiſch zu ſchei⸗ nen, die Wahrheit uͤber Alles heilig gehalten habe; weßwegen ich, in dieſer Hinſicht, aus den erwaͤhnten Geſaͤngen keine Zeile wegwuͤnſchen darf. Außer dem hoͤheren Genuße, welcher mir durch meine Bereitwilligkeit, bey Gelegenheiten zu ſin⸗ gen, zu Theil wurde, gab es oft beluſtigende Auftritte fuͤr mich, wenn Leute aus verſchiedenen Claſſen ihre verſchiedenen Anliegen, jeder nach ſeiner Art, vorbrachten. Der Vater eines jungen Menſchen, der einem Praͤlaten als Koch diente, glaubte, ſein Sohn koͤnnte ſich dem gnaͤdigen Herrn durch nichts beſſer empfehlen, als durch einige Verſe auf deſſen Namensfeſt, und dieſe wuͤrde niemand kraͤftiger machen, als ich. Mir fielen gleich die ccnaæ pontificum des Horaz und die bekannte Stelle des Boileau ein: 374 «La déesse, en entrant, qui voit la nappe mise, Admire un si bel ordre, et reconnait l'église“ ⸗ Wirklich waͤr' ich in der Laune geweſen, mich in die Devotion eines Kloſterkochs zu verſetzen; aber ich hatte den Praͤlaten nie geſehen, und wußte nicht, wie er den Spaß aufnehmen wuͤrde. Nicht ſo gemuͤthlich war es mir, einem Pa⸗ ſtetenbecker zu willfahren, der einen Reim brauchte, um eine Namenstagpaſtete damit aus⸗ zuſtaffiren. Hingegen ihat es mir leid, ein Paar huͤbſche Buͤrgerstoͤchter unbefriedigt von mir zu laſſen, die mit etwas ſchwerem Herzen und ver⸗ ſchaͤmtem Blicke ſich mir naͤherten, obgleich eben dieſer Blick mit einer gewiſſen Schlauheit zu ver⸗ ſtehen gab, daß man einem Maͤdchen nicht leicht eine Bitte abſchluͤge. Sie wollten, nach hieſiger Gewohnheit, eine Brautkutſche mit einem roſen⸗ farbnen Bande aufhalten, und dazu hatten ſie einen Spruch in Verſen noͤthig. Aber die Zeit war zu kurz, und die aufzuhaltende Braut mir voͤllig fremd. Ich konnte daher nicht urtheilen, in wie fern ſie mit dem roſenfarbnen Bande ſich in Verbindung bringen ließe. Naiver noch als dieſe, brachte mir ein anderes — *) Im Lutrin. 37 3 Frauenzimmer, das, gleich ihnen, dabey auf ſeine ſchoͤnen Augen rechnete, einen Gruß von ſeinen Aeltern, beſtellte bey mir ein Gedicht, als wenn ſie von einer Putzmacherin ein Kopfzeug verlangte, und beſtimmte den Tag, wenn es fertig ſeyn mußte. Ich verſprach es, und hielt Wort. Viele, die nichts von meiner Arbeit begehr⸗ ten, fragten mich wenigſtens wegen der ihrigen um Rath. Eines Tages, als ein talentvolles Fraͤulein mit einem ſelbſtverfertigten Raͤthſel zu mir gekommen war, und wir beyſammen ſaßen, um eine Kleinigkeit darin zu aͤndern, wurde an⸗ geklopft. Es war ein Maurermeiſter. So wie er die Thuͤr oͤffnete, fielen ſeine Augen auf das ihm unbekannte Fraͤulein. Er lachte gar drollig ſie an, und ſagte:„Ich merke ſchon, warum ſie da ſind! Ich habe auch ſo etwas zuſammengeſtop⸗ pelt, das ich dem Herrn zeigen moͤchte, damit er, was nicht recht iſt, verbeſſerte.“— Das Zu⸗ ſammengeſtoppelte war eine Rede, welche bey der Gelegenheit geſprochen werden ſollte, da die Maurer in eine neue Herberge zogen, und ihre Zunftfahne dahin trugen. Ich las ſie. Es wur⸗ den, wie gewoͤhnlich, die beruͤhmteſten Gebaͤude, vom Thurm zu Babel bis auf Salomons Tempel, und von ihm bis auf unſre Zeiten, angefuͤhrt. Ich fragte, was er fuͤr Zuhoͤrer haͤtte? Lauter Maurer, gab er zur Antwort. Nun, ſo iſt an der Rede nichts auszuſetzen, ſagte ich; ſie iſt jedem verſtaͤndlich, und gereicht der Profeſſion zur Ehre. Mein Redner dankte, und verließ mich, aͤußerſt vergnuͤgt uͤber meinen Beyfall. Auch bey dieſen Auftritten wußte ich das Vertrauen meiner guten Mitbuͤrger zu ſchaͤtzen. Moͤge nur mein zunehmendes Alter mir vergoͤn⸗ nen, meiner Muſe noch dann und wann einen Geſang abzulocken, der ihnen Freude macht! Gnome. So viel man auch von Neuheit ſpricht, Haͤlt man die alte Treue Doch noch, in Proſa und Gedicht, Fuͤr beſſer, als die neue. An meinen Arzt, den Herrn Hofrath Ecker.*) Iſt keine Rettung denn zu finden? Auf Erden und im Himmel nicht? Soll, wo das kleinſte Daͤmmerlicht Dem irrenden, verlaßnen Blinden Auf rauher, fremder Bahn gebricht, Ihm, nah und fern, kein Laut verkuͤnden, Daß hoch auf Bergen, tief in Gruͤnden Mitleidig manches Herz noch ſchlaͤgt? Umſonſt! durch finſtre Wuͤſteneyen Fortwankend unter Dornen, traͤgt Der Greis auf mattem Arm den treuen Gefaͤhrten, in der oͤden Welt Sein Alles! Eine Schlange haͤlt *) Dem ich durch meinen Sohn einen Kupferſtich überſandte, auf welchem Beliſarius ſeinen ſterbenden Führer, einen Knaben, trägt, um deſſen Fuß eine Schlange ſich gewickelt hat. Des Lieblings theuern Fuß umwunden. O wehe, weh! Der Knabe neigt Das fromme Haupt; die Stimme ſchweigt, Die ſuͤßen Troſt in bangen Stunden Und neuen Muth dem Dulder gab. Nun wird mit ſeinem Pilgerſtab Allein er wandern.— Ach! die Huͤlle Des Freundes fordert noch ein Grab Von ihm, in dieſer Todesſtille, In dieſer Nacht.— Laß weilen hier Mich, o du Armer! um mit dir, Wo Kluͤfte ſchauernd dich umringen, Zu klagen, Thraͤnen dir zu bringen. Dann aber laß den Klaggeſang Verſtummen, und mit lautem Dank Den Blick zum Himmel mich erheben! Des Sohnes Wange ſeh' ich bluͤhn; Noch druͤck' ich an den Buſen ihn, Den Einzigen, an deſſen Leben Mein Leben haͤngt.— Es oͤffnet zwar Dieß Auge ſich dem Morgenſchimmer! Auf meinem Wege boten immer Sich luſtige Gefilde dar, Und unter Seelen, treu und wahr, Iſt grau geworden dieſes Haar. Doch, von dem Einzigen geſchieden, Was waͤre Sonnenſtrahl hienieden Fuͤr mich? Da rauſchte mir kein Bach; Es toͤnten, Flur und Hain zu wecken, Nicht mehr der Lerche Lieder.— Ach! Wie ſchien, mit allen ſeinen Schrecken, Mir einſt der Augenblick ſo nah! Hinwelken ſah ich ihn; ich ſah Mit Todesblaͤſſe ſich bedecken Die liebe, freundliche Geſtalt, Mir laͤchelnd noch— voll Jubel wallt Dieß Herz dem Retter nun entgegen. O, bey des Pulſes letzten Schlaͤgen Sey mein Gebet des Freundes Lohn! Es theile weinend dann mein Sohn Mit ihm den vaͤterlichen Segen! An Ebendenſelben, nach einem Geſpraͤch uͤber den Tod. Ja, Freund, der duͤrre Knochenmann, Der, eh' ihn Leſſing exilirte, Das Leichen⸗Carmen ſtattlich zierte, Ward laͤngſt zum Engel mir; ich kann Ihm ſcharf und feſt ins Auge ſehen, Die Hand ihm bieten, mit ihm gehen, Wohin der Edeln mir voran So mancher ging. Wie ſollt' ich zagen 1 Als Greis, den letzten Schritt zu wagen, Den oft mit unerſchrocknem Muth, In ſeiner Jugend ſchoͤnſten Tagen, Ein zartes, holdes Maͤdchen thut? Was der Natur im Schooße ruht, Was ſie am muͤtterlichſten hegt, Das Schwaͤchſte, wenn ſein Stuͤndchen ſchlaͤgt, Muß los ſich von dem Leben ringen. Der Vogel, der mit Hüpfen, Singen, V V V 6 Sein taͤglich Brod ſo leicht erwirbt, Auch er verſtummt; in ſeine Schwingen Huͤllt er ſich ein, und wankt und ſtirbt! Des Sterbens kurzer Augenblick Stoͤrt mir, o Freund! das heut'ge Gluͤck Nicht mehr, als jenem kleinen Saͤnger; Indeſſen iſt und bleibt es wahr: Hat man ſein zehntes Stufenjahr Gezaͤhlt, ſo bleibt man gern noch laͤnger, Um fortzuzaͤhlen. Zwar entweicht Der Muth, wenn erſt die Wange bleicht; „Allein Gewohnheit knuͤpfet enger Das Band, das uns hienieden haͤlt; Dem Alten macht ſie dieſe Welt Zur fuͤßen Heimath; hier gefaͤllt, Und waͤr' es noch ſo ſchlecht gezimmert, Sein Haͤuschen ihm; die Wohnung dort, So freundlich ſie das Grab umſchimmert, Iſt fremdes Land; den Alten kuͤmmert, Was Trennung heißt; kein Abſchiedswort Laͤßt je ſein dunkelnd Auge trocknen; Umſonſt, daß jede Bluͤth' ihm dorrt, Daß alle Freudenquellen ſtocken! Dem Herzen, dem ſo wenig blieb, Wird das Gebliebne doppelt lieb. 380 Auch mir, obſchon am nahen Grabe Die wartenden Cypreſſen wehn, Iſt noch das Plaͤtzchen Erde ſchoͤn, Wo mich, bey meiner armen Habe, Was jeder Tag, was jede Zeit, Und ſelbſt der rauhe Winter beut, Durch kindlichen Genuß erfreut. Denn nie hab' ich beym Lebensmahle Geſchwelgt, des Geiſtes Mark verzehrt; Auch ward der reinern Wolluſt Schale Nicht bis zur Saͤttigung geleert: Drum ſchmerzt es mich, von hier zu ſcheiden! Wohl ſchwing' ich oft mich zu den Freuden Der unſichtbaren Welt empor; Schon winken mir, im ſel'gen Chor, Die Lieben, einſt mit tauſend Zaͤhren Von mir beweint; in lichtern Sphaͤren Umarmt von Schloſſer, neben Gleim Und Pfeffel, fuͤhl' ich mich daheim; Und doch vermag der hohe Traum, Voll Paradieſeswonne, kaum Den ſtillen Seufzer abzuwehren: „Mein erſtes Vaterland, der Stern Dort unten, wie ſo klein, ſo fern! O koͤnnt' ich zur entſchwundnen Flur 381 Zuruͤck, auf Augenblicke nur, In Stunden zarter Sehnſucht kehren, Begruͤßen dann mein niedres Dach, Die Gattin wieder ſehn, und, ach! Des Sohns geliebte Stimme hoͤren!“ Du laͤchelſt, Freund, und nennſt mich ſchwach? Ich fuͤrchte nicht, dir zu geſtehen, Was menſchlich iſt. Nur feiges Flehen Entehrt den Mann; ich harre ſtill Dem Tode jeden Tag entgegen; Da, wo ſie mich zur Ruhe legen, Kommt auch herab im Mayenregen, Im Windeswehn, der Gottheit Segen; Kann aber Dein getreues Pflegen Dem Laͤmpchen, das erloͤſchen will, Die matte Flamme noch erhalten, So nimm den Dank des frohen Alten! Ich weiß, wenn ferner mir der Hain Nicht fluͤſtert zum Geſang der Leyer, Wenn, ſchweigend, ew'ge Nacht den Schleyer Verbreitet uͤber mein Gebein, Dann wird im Angedenken theuer Noch dieſer Haͤndedruck Dir ſeyn. 6 An das Freyburger Wochenblatt. Am 1. Januar 1810. Soll ich den jaͤhrlichen Tribut Dir auch im Alter noch entrichten? Mit weißem Haar und kaͤlterm Blut Laͤßt ſich's— Du weißt es allzu gut— Zwar Verſe machen, doch nicht dichten. Das Schlimmſte iſt, daß Du fuͤr Stadt Und Land, fuͤr Laien und fuͤr Kenner, Ein neues Lied am erſten Jenner Begehrſt, weil ſonſt ein Wochenblatt, Jahr aus Jahr ein, nichts Neues hat. Da wird verſteigert, liquidirt, Verordnet und republizirt, Ein Vagabund ſignaliſirt, und, wer entlaͤuft, des Lands verwieſen; Vielleicht ein Zahnarzt angeprieſen; 0 82 Das Wetter puͤnktlich revidirt, Ob es getruͤbt war oder heiter; Man tauft, begraͤbt und kopulirt, Und hinten nach zu hoher Gunſt Empfehlen ſich, mit ihrer Kunſt, Seiltaͤnzer, Saͤnger, Springer, Reiter, Putzmacherinnen und ſo weiter. So ſtelleſt Du, getreu und wahr, Uns dieſe Welt im Kleinen dar, Wo Jeglicher ſein Weſen treibt, Und alles doch beym Alten bleibt. Wer aber liest, will Neues leſen, Und Neues ſchreiben muß, wer ſchreibt; Da traͤumt man ſich, was nie geweſen, Noch ſeyn kann, was den Geiſt bethoͤrt, Was nie ein ſterblich Ohr gehoͤrt, Und wir, im Nebel nur geſehen, Vor lauter Neuheit nicht verſtehen. Deßwegen lob' ich mir die Zeit, Als, gern in der Vergangenheit Noch lebend, voll Genugſamkeit, Man ſich des Langbeſeßnen freute, Nicht ohne Noth das Haus erneute, Das manche Wonne, manches Leid Und mancher Segensſpruch geweiht; 384 Wo, an des Vaters letzte Lehren Still mahnend, noch in ſteten Ehren Sein Lehnſtuhl an geliebter Wand, Gekroͤnt mit ſeinem Bilde, ſtand.— Die Gluͤcklichen! Sie hatten laͤnger An jeder Freude, knuͤpften enger Der Liebe ſchoͤnes, heil'ges Band, Und horchten, der Natur verwandt, Auf ſuͤße Toͤne. Wohl dem Saͤnger, Wenn er den Weg zum Herzen fand; Denn unveraͤndert blieb die Weiſe; Was einſt im jugendlichen Kreiſe Der Knabe lernte, ſang der Mann; Noch ſtimmten es dem frohen Greiſe, Auf ſein Gebot, die Enkel an. Allein dieß Lob vergangner Zeiten Wozu? Soll, an des Liedes Statt, Du weit umher geleſ'nes Blatt, Es Dich ins neue Jahr begleiten? Altvaͤteriſch heißt ein Gedicht, Das nicht mit fremden Zungen ſpricht, Das ein gemeiner Menſchenſinn Zu deuten ſich erkuͤhnt, worin Der Geiſt mit Fledermaͤuſeſchwingen Nicht auf zur Burg der Eule fliegt, 385 Aus dunkeln Fernen uns zu bringen, Was, ungeſucht, vor Augen liegt. Doch, haſt Du Muth, in unſern Tagen Mit meinen Reimen, wie ſie ſind, Hinaus Dich in die Welt zu wagen: So laͤchle Mann und Weib und Kind Treuherzig an in großen Haͤuſern; Im weiten duftenden Gemach, Und wo das Stübchen unterm Dach Ein Bund von aufgeleſ'nen Reiſern Erwaͤrmt. Vor allen nahe dich Den Trauernden. Es toͤnet heute So vielen, ach! das Feſtgelaͤute, Wie Sterbeglocken, ſchauerlich: O klage leiſ' an ihrer Seite! Dann bitt' in Einfalt das erneute, Vom Winter noch beſtuͤrmte Jahr Um ſeinen Segen, wenn im Haar Der Lenz die erſte Bluͤthe traͤgt; Daß, von des Friedens Hand gepflegt, Sein Haupt der Obſtbaum mild erhebe, Und ihre ſuͤße Frucht die Rebe Dem Reichen und dem Armen gebe. Jacobi's Werke. IV. 13 Und endlich ſage zum Beſchluß Den Beſſern, welche ſich nicht ſchaͤmen, Vom Himmel etwas anzunehmen, Ein altes deutſches: Gott zum Gruß! Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey. Mag immerhin der Freudenloſe, Der gern im einſamen Winkel ſitzt, Und, bitter lachend, die Feder ſpitzt, Mag er, in Verſen oder Proſe, Weil nichts vor ſeiner Laune ſchuͤtzt, Weil er nicht achtet des Zarten und Schoͤnen, Das Weib, und den Bund der Liebe verhoͤhnen! Nicht minder iſt und bleibt es wahr, Daß, ehe man noch zu Epigrammen Die Reime fand im erſten Jahr Der Welt, die Voͤgel ſchon beyfammen Im Laube ſaßen, Paar und Paar. Es paarten ſich, im Thal, auf der Hoͤhe, Die weidenden Schafe, die huͤpfenden Rehe! Die Baͤum' und Blumen hielten ſogar Ihr Hochzeitfeſt, als ſie, zu zweyen — Denn Einzelnes konnte nicht gedeihen— Der Erde Mutterſchooß gebar. Deßwegen ſah der erſte Mann, Allein im Paradieſe noch hauſend, Mit ſchwerem Herzen jene tauſend und tauſend gluͤckliche Paͤrchen an! Die wogende Palme, die ſpiegelnden Quellen Vermochten ihm nicht den Blick zu erhellen; Auch hatt' er an rauſchenden Waſſerfaͤllen, Wie an der Nachtigallen Klage, Sich muͤde gehoͤrt; er ging, und ſann Bis er, an einem der heiterſten Tage, Vor langer Weile zu ſchlafen begann. Von Duͤften der Balſamſtaud' umfloſſen, Vom kuͤhlenden Cederwipfel umwallt, Lag er; kaum waren die Augen geſchloſſen, Als ihm die lieblichſte Geſtalt Der Traͤume ſchoͤnſter entgegen brachte, Die jetzt, indem er ſeufzend erwachte, Lebendig ihm zur Seite ſaß. Boll ſuͤßen Staunens, im Uebermaß Der Wonne, mangelt ihm Wort und Ton! Indeß bedarf es nicht der Frage: Wer biſt du? Beyde kennen ſich ſchon Am gleichen, vollen Herzensſchlage. Zum Ungluͤck waͤhrte, wie leider es noch Geſchieht, die Flitterwoche nicht lange; 1 389 Der Apfelbaum, die geſchwaͤtzige Schlange, Das unerfahrne Weibchen— jedoch, Aus ſeiner luſtigen Heimath getrieben Ins Dornenfeld zu ſaurer Muͤh', Ertrug der Mann es, am Arm ſeiner Lieben, Und waͤre wahrlich ohne ſie Kein Stuͤndchen laͤnger in Eden geblieben. Wie ſollt' er auch? Den Waller im Hain Beſeligen nicht die Bluͤthen allein. Weit eher, als ohne Liebesverein Gebietender Herr der Schoͤpfung ſeyn, Will ich ein trautes Geſchoͤpf umfaſſen, Und mich ein wenig meiſtern laſſen. Zwar kuͤſſen in ſteter Einigkeit Sich nur die Turteltauben im Neſte; Iſt unſre Wirthſchaft gleich die beſte, Sind nie die liebenden Herzen enzweyt, So fordern ſtolze Maͤnnlichkeit Und Weiberſinn, durch Blick und Rede, Sich dann und wann zur haͤuslichen Fehde; Willkommen aber ſey der Streit, Der friſche Reitze dem Leben leiht! Eintoͤnig, zum alltaͤglichen Liede, So ſehr man ihn preist, wird ewiger Friede. Nur der Verſoͤhnung Kuß erneut 390 Die ſterbenden Freuden— Wie leicht verzeiht, Wer gern am Buſen der Einzigen ruht, Dem treuen Geſchlechte, dem holden und ſchwachen! Es weiß, den kleinſten Fehler gut Durch tauſend gefaͤllige Dienſte zu machen. Drum gluͤcklich, wenn der Morgen uns lacht, Und gluͤcklich, in ſternenleerer Nacht, Auf oͤdem Weg, in lockenden Gruͤnden, Wenn Jugend unſern Muth erhoͤht, Von allen Huͤgeln Begeiſterung weht, und wenn dem Greiſe die Kraͤfte ſchwinden, Im Dorfe gluͤcklich und in der Stadt, Wer ein geliebtes Weibchen hat! 3941 Als le Franc de Pompignan die Klagelieder des Jeremias uͤberſetzk hatte. Nach dem Franzöſiſchen des Voltaire. Es druͤckte Manchen ſchon des Lebens harte Buͤrde; Wie Jeremias hat doch Keiner noch geweint; Er prophezeyte, wie es ſcheint, Daß Pompignan ihn uͤberſetzen wuͤrde. Der Namenstag. An den Herrn Geheimenrath von Ittner, bevollmaͤchtigten Miniſter in der Schweiz. Freyburg, den 26. April 1810. Warum, mein Verehrungswuͤrdiger, mußten Sie am 23. d. uns fehlen? Nicht nur meine Fa⸗ milie, ſondern der ganze Zirkel meiner hieſigen Freunde und Freundinnen feyerte, wie gewoͤhn⸗ lich, meinen Namenstag, und gern haͤtten wir Sie, mit Ihrer frohen Laune, in unſrer Mitte gehabt. Auch waͤre dann zu den uͤbrigen Gaben, die ich empfing, noch ein lateiniſches oder grie⸗ chiſches Diſtichon hinzugekommen. Es war fuͤr mich und die Meinigen wieder ein ſchoͤner Tag, und von neuem freute mich's, daß ich ſeit meinem Aufenthalt in Freyburg im Beſitz eines Namens⸗ tages bin, da ich zuvor, wie es in vielen Laͤn⸗ dern uͤblich iſt, nur einen Geburtstag hatte. Freylich iſt dieſer wichtiger, als jener, weil man 393 ſeinen Namen nicht eher erhaͤlt, bis man geboren iſt, und nur die Philoſophen dann und wann einem Ding eine Benennung geben, das ſich we⸗ der im Himmel noch auf Erden findet, auch wohl niemals finden wird. Indeſſen bleibt die Na⸗ mensfeyer eine loͤbliche Sitte, ſelbſt fuͤr die jeni⸗ gen, die, gleich mir, keinem Heiligen als Na⸗ menspatron ſich anbefehlen koͤnnen, oder denen ihr Patron ſo wenig ſeyn kann, als mir mein Namensverwandter, der muthige Ritter St. Georg; denn, ob ich gleich in meiner Jugend den beſten Willen gehabt haͤtte, ſo wie er, ein huͤbſches Maͤdchen zu befreyen, ſo weiß ich doch nicht, wie der Kampf mit dem Lindwurm ausge⸗ fallen waͤre. Unmoͤglich kann uns der Name gleichguͤltig ſeyn, bey welchem wir, in den fruͤhe⸗ ſten Jahren, von Eltern, Geſchwiſtern und Ge⸗ ſpielen genannt wurden; dieſer Laut, den wir, mit den Worten Vater und Mutter, zuerſt von andern unterſcheiden lernten. Noch in ſpaͤ⸗ tern Jahren toͤnet in ihm etwas von der Liebe und Freude, des Mitleids und der Warnung, womit die treuen Gefaͤhrten unſrer Kindheit ihn ausſprachen; und nicht ſelten weckt er dieſes oder jenes ſuͤße Andenken auf, das im Dunkel der Vergangenheit ſchlummert. Wenn Einige deßwe⸗ 394 gen lieber die Geburts⸗ als Namenstage ge⸗ feyert wiſſen wollen, weil erſtere den Wenigſten außer der Familie bekannt ſind, folglich auf den haͤuslichen Kreis ſich einſchraͤnken; an den letztern aber Viele Theil nehmen, mit denen man in keiner genauen Verbindung ſteht; ſo bin ich nicht dieſer Meinung. Ich betrachte die Beſuche bey dergleichen Gelegenheiten, ſobald ſie nicht ſteifes Hofceremoniel ſind, wie die Terminalien der alten Roͤmer, da die Grenznachbarn zuſammen kamen, und man, nebſt den groͤßern Streitigkei⸗ ten, die geringern Zwiſte beylegte, zuweilen auch geheimen Groll beſaͤnftigte. Giebt es doch im menſchlichen Leben der kleinen Mißverſtaͤndniſſe, der unwillkuͤhrlichen Beleidigungen, der Anlaͤße zu falſchem Argwohn ſo viel; und wie Manches ſchon iſt, an Freuden⸗ und Ehrentagen, durch eine wohlwollende Miene, durch eine dargereichte Hand, in ein milderes Licht geſtellt, ausgeſoͤhnt, in Vergeſſenheit gebracht worden. Oft ſogar ſcheint eine bloße Gluͤckwuͤnſchungskarte, mit ro⸗ then Herzen bezeichnet, einem freundlich zuzu⸗ laͤcheln, und zu ſagen: Laß uns wieder Freunde ſeyn!— Aber iſt es nicht, als wollte ich durch ein Programm uͤber Namenstage Ihnen den meinigen, der voruͤber iſt, hinten noch ankuͤndi⸗ 395 gen? Genug alſo, der Tag wurde gefeyert, ſo herrlich gefeyert, daß er mir oft in der Erinne⸗ rung von neuem aufgehen, und, wenn eine truͤbe Stunde naht, ſie durch einen Wiederſchein erhellen wird. Gleich beym Erwachen ahndeten mir die Freu⸗ den, die mir bevorſtuhnden. Als ich in das Wohnzimmer trat, fand ich die erſten Geſchenke, zu denen meine Frau einige Toͤpfe mit Aurikeln geſtellt hatte, weil dieſe, wegen ihrer anſpruch⸗ loſen Schoͤnheit, mir vor andern lieb ſind. Zu⸗ gleich zeigte ſie mir etwas zum Morgenanzuge fuͤr mich, und ruͤhmte ſelbſt die uneigennuͤtzige Sorgfalt, mir der ſie darauf bedacht waͤre, daß, wenn junge Damen in der Fruͤh mich beſuchten, ich auf die gefaͤlligſte Art vor ihnen erſcheinen koͤnnte. Wirklich war eine Dame zugegen, die mir eine koͤſtliche Urne von Kryſtall anbot, voll der ſeltenſten Blumen, ſo maleriſch geordnet, als haͤtte ſie dabey die, wegen ihrer Kraͤnze ſo beruhmte, Athenienſerin, Glycere, zur Rathge⸗ berin gehabt. Mein Sohn zogzmich durch ſein Geſchenk aus einer ſonderbaren Verlegenheit. Mein gruͤnes Kaͤppchen, das mich ſo oft zu Ihnen nach Heiters⸗ heim begleitete, als noch die, jetzt niedergeriſſenen, Acacien vor Ihrer Thuͤr mich bewillkommten, noch die praͤchtige Pappel ſtand, und zum Fruͤh⸗ ſtuͤck uns rauſchte; dieſes Kaͤppchen fing an, vor Alter ſchwarz zu werden; und dennoch mocht' ich es, weil es ſo lange mir gedient, ſo vieles mit mir erlebt, verſchiedene Reiſen mit mir gemacht, nicht verabſchieden. Mein Sohn bat mich, ein neues von ihm anzunehmen, welches von der Liebe ſeine Weihe bekam, und in dem erſten Augenblicke, da es aus ſeiner Hand in die meinige uͤberging, mir theuer war. Nun folgte ein Geſchenk dem andern. Zum bluͤhenden Roſenſtocke geſellte ſich der goldne Lack, und der Blumenſtraͤuße wurden ſo viele ge⸗ bracht, daß es das Anſehen hatte, als waͤren die Gaͤrten um Freyburg leer gepfluͤckt worden, damit ſich mein Zimmer in einen Garten verwan⸗ delte. Selbſt die Armuth ſpendete einige Blumen zur Gabe, welche, wie Sie leicht errathen, nicht weniger in Ehren gehalten wurden, und neben den koſtbarſten ihren Platz erhielten. Verſchiedene dieſer Geſchenke hatten ſchrift⸗ liche Beylagen, die ihren Werth verdoppelten. So der Auerhahn, mit dem mich mein Freund Schnetzler uͤberraſchte, die kryſtallene Theebuchſe 397 meines guten, treuen Arztes, und andere. Die Gedichte der beyden erſtern— denn Eckers Proſa iſt mehr Gedicht, als viele unſrer neueſten Poeſien— uͤberſende ich Ihnen, nebſt einer Ode von Neveu. Moͤgen Sie nur meine Antworten nicht zu lang finden! Es waͤre traurig, wenn das Alter den Dichter, auch als Dichter, geſchwaͤtzig machte. Leben Sie wohl! Beylagen. I. Blumen ſendet dir heut durch Grazienhaͤnde der Fruͤhling; Ich, ein Freund Epicurs, ſende den Auer⸗ hahn dir, Auf dem rauhen Gebirg des maͤchtigen Daͤngele⸗ geiſtes Hat ihn Diana erlegt, und dir zum Opfer geweiht.*) X. Schnetzler. *) Man ſ. das Gedicht von Hebel: Geiſterbeſuch auf dem Feldberg, in der Iris für 1810. Antwort. Mit ſeltenem Erſtaunen ſahn, Gewoͤhnt an Einfalt, unerfahren, Des kleinen Herdes kleine Laren Das Wunderthier, den Auerhahn, In ſeiner Rieſengroͤße nahn. Wohl hoͤrten ſie den Haushahn kraͤhen; Und kommt ein Feyertag, ſo drehen Am Spieße Taub' und Ente ſich; Allein noch nie beſuchte mich, Herab von unſers Feldbergs Hoͤhen Der ſtolze Vogel, dort gehegt, Den man, um Feſte zu begehen, Auf der Magnaten Tafel traͤgt. So pflegt, mit treu beſorgten Haͤnden, Die Freundſchaft oͤfter mir zu ſpenden, Was mir das Gluck nicht zugedacht; Was ich, genuͤgſam, gern den Reichen Gegoͤnnt, was aber doch, als Zeichen Der Liebe, frohe Stunden macht. 399 II. Bontekoe*) hielt vor hundert vierzig Jahren dem chineſiſchen Theeſtrauch eine aͤrztliche Lobrede; ihm war der Blaͤtter lieblich duftender Aufguß, den auch Du liebſt, eine Panacee. Eine Panacee, traͤnke man auch nach Bontekoe zwey hundert Taſſen in einem Tage, iſt der Thee wahrlich nicht; und doch wuͤnſchte ich ſo ſehnlich, eine Panacee fuͤr Dich zu finden. Darum ſey dieſe kryſtallene Buͤchſe, mit Thee gefuͤllt, ein Symbol der zaͤrt⸗ lichſten Sorgfalt, mit der ich jedes Uebel, das einſt Pandorens Buͤchſe entſtuͤrzte, von Dir ſcheu⸗ chen moͤchte; leer ſey ſie ein Symbol jener, in der die Hoffnung zuruͤckblieb, die Hoffnung, Dich heiter und froh an dieſem Tage nach einem Jahr⸗ zehend wieder zu umarmen. 4 Ecker. *, Ein berühmter Arzt, von Geburt ein Holländer. Antwort. Dient gleich der balſamreiche Thee Den Kranken nicht zur Panacee; So lindert er doch manches Weh, Hat manchen Kummer ſchon geſtillt, Und mir den Buſen oft erfuͤllt Mit ſeligen Begeiſterungen. Oft ſang ich nach, was Kienlong*) geſungen; Es ruͤhrte mich des Liedes Lieblichkeit, Das Baggeſen der Staude China's weiht**). Darum, o Freund! iſt mir dein Feyer⸗ Geſchenk auch ohne Sinnbild theuer; Als Sinnbild aber wirds zum heil'gen Pfande mir; Denn eingegeben hat es treue Liebe Dir. Was kuͤmmert mich der ganze Troß —C—C—C—C—C— *) Der lettverſtorbene chineſiſche Kaiſer, welcher ein Lobgedicht auf den Thee verfertigte. **½) Man ſ. das ſchöne Theelied dieſes Dichters. IV. 15* Von tauſendfachen Erdenplagen, Den, in der Unſchuld goldnen Tagen, Pandorens Buͤchſe noch verſchloß? Du wirſt ihn weg von meinem Lager ſcheuchen, und, will die Hoffnung ſelber weichen, Als Labſal, troͤſtend, mir den letzten Becher reichen. 403 III. An den 23. April 1810*). Sey mir in deinem Bluͤthenkleide Wie ein erfehnter Freund gegruͤßt, Den in des Herzens ſtiller Freude Der Freund umſchließt! Du bieteſt mir die ſchoͤnſte Gabe, Die Sterblichen der Himmel beut, Die mich geleiten ſoll zum Grabe, Entzogenheit. Zwar iſt mein Jugendtraum geendet, Und mancher Hoffnung Knoſpe fiel; Doch, froh der Zukunft zugewendet, Steh' ich am Ziel. *.) Der Dichter hatte gerade an dieſem Tage ſeine Stelle als Regierungsrath niedergelegt, um künf⸗ tig ſeine Zeit zwiſchen der Landwirthſchaft und ſeinen Lieblingsſtudien zu theilen. Hat gleich das Ideal gelogen; Mir blieb ein beſſeres Gefuͤhl. Hat mich ein Gaukelſpiel betrogen; Mir ward doch viel. Mir ward aus deiner Schoͤnheit Fuͤlle, Natur, der reichlichſte Gewinn; Fuͤr Recht und Wahrheit reiner Wille, Und feſter Sinn. Mir iſt ein Genius begegnet; Ein vom Geſchick erflehter Freund; Der Stunden beſte ſey geſegnet, Die uns vereint! Es war mein Geiſt in Nacht verſunken, Und meines Daſeyns Haͤlfte ſchlief, Bis er den heil'gen Goͤtterfunken Ins Leben rief. Das erſtgeborne meiner Lieder, Das meiner Wuͤnſche Streit entſchied, War ihm geweiht; einſt toͤn' ihm wieder Mein letztes Lied. v. Neveu. Antwort. Als Rath, mit einem Amtsgeſicht, Collegialiter am langen Tiſche ſitzen, Sich ſelbſt mehr, als dem Staate nuͤtzen, uUnd, wenns an eigner Kraft gebricht, Gemaͤchlich ſich auf Andre ſtuͤtzen: Wer das gelernt hat, weicht von ſeiner Stelle nicht. Wen aber ſtuͤndlich das Gewicht Des Mitregierens druͤckt, weil lauter ſeine Pflicht, Als tauſend fremde Stimmen, ſpricht; Wem, jedes heil'ge Recht zu ſchuͤtzen, Sein Herz gebeut, der trauert oft, und ſchwebt In Zweifeln, ob ſein ernſter Wille Wohl je das hohe giel erſtrebt. Vielleicht auch denkt er in der Stille, Mißmuͤthig, dem Beatus ille Des Flaccus nach, und legt, o Freund! wie Du, Die Acten weg, die Stoͤrer ſeiner Ruh. Ein laͤndlich Dach ſoll ihm der Freuden Fuͤlle Gewaͤhren; ſchon vergißt er im geprieſ'nen Thal Den ſtattlichen Regierungsſaal. Wird ſeinen Tagen hier das Gluͤck die Kraͤnze winden, Die er gehofft? wird in umbuͤſchten Gruͤnden Nicht, bey dem Quellgemurmel, bey dem Spiel Des Morgenwinds, ein hoͤheres Gefuͤhl Erwachen, Rechnung von ihm fodern, Und auf von neuem ſo das Feuer lodern, Das den, fuͤr Menſchenwohl beſorgten, edeln Geiſt Unwiderſtehlich fort zu Muͤh und Arbeit reißt? Kann ihm ſein Feld, ſein Meierhof genuͤgen? Du weißt: Ein Leben, thatenlos, Pflegt, in der Ruhe weichem Schooß, Uns mit uns ſelber zu entzweyen; Von Wunſch zu Wuͤnſchen irren wir— doch nein! Du folgteſt nicht dem Ruf in Flur und Hain, Um ohne Zwang im Schatten da zu liegen, Des Anblicks froh, wenn Deine Stiere pfluͤgen, Die Schafe weiden, und die Bluͤthen niederſchneyn. Du wirſt, o Freund! im innigſten Verein Mit der Natur, geſchaͤftig ſeyn, Was Kunſt und Fleiß vermag, vom Boden zu er⸗ ringen; Nicht aber ſeinen Ueberfluß, Nicht den Gewinn, den Trift und Forſt und Gar⸗ ten bringen, Hingeben eitelm Prunk und uͤppigem Genuß. Der Hungrige wird Deine Garben Zu ſeinem Troſte binden ſehn, Und Hoffnung denen, welche darben, Von Deinen obſtbeladnen Baͤumen wehn. Oft auch, wenn Du dee Nachbarn Saat Umwandelſt, geht ein Sohn des Kummters Dir entgegen; 1 Du hilfſt ihm auch durch treuen Rath, Und in dein Schlafgemach begleitet Dich ſein Segen. Vor allem, Freund! iſt zu erwaͤgen, Daß Dich in Amt und Pflicht die Muſe nahm, Die laͤchelnd ſchon zu Deiner Wiege kam. Will ſie mit ihrem Guͤnſtling ſprechen, So waͤhlt ſie Wieſ' und Wald, die Einſamkeit an Baͤchen; Den Lorber legt ſie nie auf einen Actenſtoß. Sie winkt Dir; ſaͤume nicht! preiswuͤrdig iſt das Loos Des Saͤngers; ſeine Leyer kann Beſeligen den Biedermann, Und Leidende mit dem Geſchick verſoͤhnen. Das letzte Deiner Lieder wird, Wenn Freundſchaft laͤngſt um meinen Huͤgel irrt, Noch meinem Schatten lieblich toͤnen. Das Alter. Es lobt der Saͤnger der Natur Die herbſtlich reich begabte Flur, Gleich den bebluͤmten Wieſen; Warum denn wird der Fruͤhlingszeit Des Lebens nur ein Lied geweiht, Das Alter nie geprieſen? Wer, jugendlich, bey Spiel und Kuß, Sein Herz fuͤr kuͤnftigen Genuß Bewahrte; wer im Frieden, Weil Reue nicht in ihm ſich regt, Sein graues Haar mit Ehren traͤgt, Iſt dem kein Gluͤck beſchieden? Im Stillen wuͤnſchet er und hofft, Da in des Juͤnglings Buſen oft Ein wildes Feuer lodert: Ihm weht der Weſt, ihm bluͤht der Strauch, Ihm laͤcheln holde Maͤdchen auch, Weil er nichts weiter fodert. Zwar ſteht die Liebe weggewandt; Allein es ſchmuͤckt der Freundſchaft Hand Mit Epheu ſeine Scheitel. Was ihm gelieben, macht ihn froh; Und wenn ihm Vieles gleich entfloh, Nennt er nicht Alles eitel. So blinket ihm der Freude Quell Im Rebenſaft nicht minder hell, Als jungen, raſchen Zechern; Vergangner Stunden Wonne ſteigt, Obwohl zum Rundgeſang er ſchweigt, Fuͤr ihn aus vollen Bechern. Bedaͤchtlich ſchreitet er, und weilt, Wo Jugend nur voruͤber eilt Und fluͤcht'ge Luſt erneuet; Wie, wenns umher voll Roſen ſteht, Das Wieſenbluͤmchen man verſchmaͤht, Doch ſpaͤter ſein ſich freuet. Wohl bringt das Alter Sorg' und Leid; Nicht aber ohne Suͤßigkeit Sind leiſer Wehmuth Klagen; Denn wer belauſchet nicht von fern Der Voͤgel Elegien gern, An leicht umwoͤlkten Tagen? 409 Sollt auch, als Greis, der weiſre Mann Im Glockenſchlage dann und wann Sein letztes Stuͤndlein hoͤren; Er hoͤrt es ohne Weh und Ach! Ein Hinblick auf ſein Schlafgemach, Kann der die Freude ſtoͤren? Schon ging er oft zur Ruhe da, Und legte ſanft ſein Haupt, und ſah Die Sonne wieder lachen, Sah wieder Gattin, Sohn und Freund; Einſt wird mit ihnen er vereint Zum ſchoͤnern Licht erwachen. Der kleine Savoyard). Am letzten December 1810. Dinte! Dinte! das Jahr iſt vorbey! Mit dem neuen wird Vieles neu; Aber Dinte, Papier und Feder Braucht, nach alter Gewohnheit, ein jeder. Mehr geſchrieben als gedacht, Hat ſchon Manchen zu Ehren gebracht. Kaufet! der erſte Jenner iſt nah. Dinta, Dinta, Dintalata! Kaufet, kaufet! Im alten Jahr Bot' ich gute, friſche Waar; Schwarz iſt meine Dinte geblieben, Wurde gleich Vieles umſonſt geſchrieben. *) Welcher öfters im Jahr unſre Stadt beſucht, und ſeine Stimme in allen Gaſſen hören läßt. 312 Manches Recipe, manches Projekt, Manche Grille ward ausgeheckt, Und von Allem iſt wenig mehr da. Dinta, Dinta, Dintalata! Dennoch iſt des Schreibens kein End; Eheverloͤbniß und Teſtament, Acten und Liebesbriefchen die Menge, Predigten, Kuͤchenzettel, Geſaͤnge, Kommen und gehn, und keins hat Beſtand; So mit den Schatten an der Wand Spielt die laterna magica. Dinta, Dinta, Dintalata! Schattenſpiel, Alles! Drum, wer kann, Sehe mit leichtem Herzen es an! Immer das Faͤßchen auf dem Ruͤcken, Laß ich keine Sorge mich druͤcken, Und verſinge die boͤſe Zeit. Wenn im Winter es ſtuͤrmt und ſchneyt, Habt ihr Ball und Opera; Ich, mein Dinta, Dintalatal Kaufet, kaufet, mein Faͤßchen iſt voll; Jeglicher ſchreibe damit, wie er ſoll! Ohne Wunder und ohne Finte Wandeln oft in Wein ihre Dinte Vogt und Verwalter, Richter und Rath, Doktor und Autor und Advokat, Wirth und Kraͤmer et cætera. Dinta, Dinta, Dintalata! Freude noch in jedem Federkiel! Moͤg' es der Trauerbriefe nicht viel, Mehr der Gevatterbriefe geben! Moͤgen in Kraft und vollem Leben Eure Knaͤblein wachſen heran, Und mit meiner Dinte dann Froͤhlich malen ihr erſtes A! Dinta, Dinta, Dintalata! Tiſchlied. Am 4. November 1810. Holt Eichenlaub, zu ſchmuͤcken hier Den alten Feſtpokal! Denn deutſche Maͤnner laden wir Zum frohen deutſchen Mahl. Der Wackre nur ſoll Zeuge feyn, 4 Wie uns die Wange gluͤht, Soll koſten unſern deutſchen Wein, Mitſingen unſer Lied. Hinweg, wer ſchuͤchtern um ſich ſchaut, Nicht frey ſein Angeſicht Erheben darf, ſobald man laut Vom Vaterlande ſpricht! Und, wem der Hoͤfe Schmeichelkunſt Mehr iſt, als deutſcher Sinn, Wer den verkauft um Herrengunſt, Um ſchaͤndlichen Gewinn, Weil er, was Menſchen kann erhoͤhn, Nach Ehrenſtellen mißt, Und, ſelber oben an zu ſtehn, Des Volkes Schmach vergißt! Nicht ſo der deutſche Mann! Er tritt Hervor mit Wort und That; Ihm duͤnket jeder bange Schritt Der Kleinmuth ein Verrath. Sein Herz bleibt hohen Muthes voll, Droht ihm der Maͤcht'ge gleich; Er ſchweigt nicht, wenn er reden ſoll, Nicht um ein Koͤnigreich. Hinblickend auf ſein Vaterland, An dem er nie verzagt, Harrt er, bis, himmelab geſandt, 3 Ein beßrer Morgen tagt. Und tagen wiroͤs: Drum ſchmuͤcken wir Den alten Feſtpokal, Und laden deutſche Maͤnner hier Zum frohen deutſchen Mahl. Neujahrswuͤnſche. I. An den Herausgeber eines Wochenblatts, deſſen Gattin ſich in geſegneten Umſtaͤn⸗ den befand. Es wolle fuͤr dein Wochenblatt, und was dich ſonſt zum Autor hat, Schon ſichtbar oder noch verborgen, Der Himmel treulich ſorgen! 417 II. An den Herrn Kommenthur von**s, der ſich, als Dilettant, mit der Malerey be⸗ ſchaͤftigt.*) Mal' unſerm lieben Ittner heut, Als Symbolum der boͤſen Zeit, Sein Lieblingsthier, und ſchreibe dann Darunter: Wohl iſt dem auf Erden, Der das vom Gluͤck erhalten kann, Zu ſtoßen nicht, und nicht geſtoßen zu werden! *) Man ſ. des Herrn von Ittner Vertheidigung der Böcke, in dem Taſchenbuch: Iris für 1807. Jacobi's Werke. IV. 14 III. An den Freyherrn von***, welcher eine große Schaͤferey hat. Wohin man blickt, iſt Schererey, Und Keinem iſt behaglich dabey: Drum lob' ich den, der, ruhig und frey, Statt fremde Wolle zu begehren, Als guter Nachbar wohnt auf ſeiner Meyerey, Und ſich begnuͤgt, die eignen Schafe zu ſcheren. 449 Das Familienfeſt. Im Juny 1811. Noch ruͤſten ſich zu Fuß und Roß Vereinte Kriegesheere; Noch fuͤhrt man toͤdtendes Geſchoß Durch blutgefaͤrbte Meere; Die Kuͤſte bebt, es zagt die Stadt; Doch ruft uns jedes Zeitungsblatt, Aus Oſten und aus Weſten, Zu neuen Freudenfeſten. Da ſteigt, von Lampen ohne Zahl Erhellt, als Werk der Feen, 5 Dor uns empor ein Wunderſaal, Wo Balſamduͤfte wehen; Da winkt der Kuͤnſte Zauberſtab Bekraͤnzte Genien herab; Lautjauchzend ſteht die Menge, Und huldigt dem Gepraͤnge. 420 Wenn aber Ueppigkeit und Pracht Sich einen Tempel ſchaffen, Der nur von Groͤße zeugt und Macht, Um den noch Klang der Waffen Ertoͤnt, dann weicht die Freude bald, Die, fern vom Sitze der Gewalt, Im engern Kreiſe wohnet, Und guten Herzen lohnet. Sie herbergt unter unſerm Dach; Hier darf, mit Wappenſchilden Und Ehrenſaͤulen kein Gemach Sich diplomatiſch bilden; Die Freude heiligt unſer Feſt; Nicht Cadiz und nicht Buchareſt, Nicht Kampf, noch Siegesbeute, Stoͤrt uns den Frieden heute. Fuͤr uns durchfegeln nicht den Belt Hohnſprechende Fregatkten; Hier ladet unſre kleine Welt Uns in der Baͤume Schatten; Die Kirſche reift, der Weinſtock bluͤht; Hell ſchlaͤgt der Fink ſein Morgenlied, Den Kummer abzuwehren, Zum Saͤuſeln junger Aehren. 421 Die Wolke zwar, die ſich der Saat, Um freundlich ſie zu decken, In heißer Mittagsſtunde naht, Kann uns am Abend ſchrecken; Verderben bricht aus ihr hervor; Doch wieder ſingt des Waldes Chor, Wenn Sturm und Donner ſchweigen, Auf friſch getraͤnkten Zweigen. So tobt des Krieges Donner auch; So wird ſein Laut verhallen, Und einſt des Friedens linder Hauch Um jede Flagge wallen. Dann aber ſchmuͤcken unſer Haus Nicht glaͤnzende Trophaͤen aus; Die Freude ſoll im Stillen Uns nur den Becher fuͤllen. 0 d‿ An meinen Vater, bey Ueberreichung einiger Flaſchen alten Rheinweins*). Gaben der Flora, Dir von Grazienhaͤnden ge⸗ ſpendet, Prieſeſt Du oft; aber nie ſangſt Du zur Leyer dem Gott, Der die Prieſter Apolls, durch ſeine ſuͤßen Ge⸗ ſchenke, Mit Begeiſterung fuͤllt, Vater Lyaͤus, ein Lied: Darum ſendet durch mich er alten Rheinwein Dir heute, Daß die Saiten Du auch laſſeſt ertoͤnen von ihm. Fritz Jacobi. — *) Erſter poetiſcher Verſuch. — Antchok k. Wohl iſt, wenn durch die Rebenlaube Sie lachend blinkt, die Purpurtraube Den Muſen werth. Zum oͤftern hat Lyaͤus, an des Phoͤbus Statt, Den Juͤngling angehaucht: Dann ſieht, Was nur Geweihte ſehn, der Zecher, Lernt Melodie vom Klang der Becher, Wird kuͤhn, und ſingt ſein erſtes Lied! Mein erſtes ſang ich nicht zur Ehre Des Gottes, der die lauten Choͤre Der tanzenden Maͤnaden fuͤhrt; Mich hat ſein Thyrſus nicht beruͤhrt. Von ſelbſt, im zartſten Alter, keimte Mir in der Bruſt ein ſuͤßer Hang Zu Liedern; aber, was ich reimte, Gab Einfalt nur und frommer Dank, 424 Den guten Vater zu erfreuen, Mir unter Kinderſpielen ein. Auch ſpaͤter war es nicht der Wein, Wenn in die Rund' er feſtlich ſchaͤumte, Und Frohſinn hoch den Becher hob, Der mich begeiſterte. Sein Lob Gefiel mir zwar von weiſen Dichtern; Allein die weiſern ſchwiegen bald, Verdraͤngt von einem Schwarm, der, nuͤchtern, Des Noſterfinders Allgewalt An Waſſerquellen pries: Da flohn, Anſtatt die Saͤnger anzuſtaunen, Vor ihres Liedes heiſerm Ton Bachant und Satyr, Nymphen, Faunen, uUnd Trinker wendeten voll Hohn Sich weg. Die wonneleeren Saiten Der Alltagsharfen mußten ruhn; Ein beßrer Paͤan toͤnte nun Von neuen. Sollt' ich ihn begleiten? Wer darf es, wenn die Jugend wich? Die Muſe ſelber warnte mich; Denn ſchon geziemten meinem Haar Nicht Epheukraͤnze mehr, ſchon war Die Zeit der Orgien voruͤber; und jetzt?— Was forderſt Du, mein Lieber? Woher zum Dithyrambenſchwung Die gluͤhende Begeiſterung? Wem, nach erloſchnem Feuer, matt Die letzten Dichterfunken glimmen, Der ſchweige beym Pokal! Er hat Kein Recht, ſein Evan! anzuſtimmen. Soll, minder raſch, mein Lied vielleicht Sich auf des Scherzes Fluͤgeln heben? Die Freude muß es dann beleben, Die laͤchelnd uns die Flaſche reicht. Sie ſah der Greis Anakreon Begeiſternd um ſein Barbiton Und um die vollen Kelche ſchweben; Nicht ſo, wem Hippokrat befahl, Den Goͤttertrank, bey jedem Mahl In kleinen Bechern abzumeſſen! Geſangluſt, ſeliges Vergeſſen Kann ihm kein Rebenſaft verleihn. Drum laß mich Deinen alten Wein Im Stillen koſten, froͤhlich ſeyn, Und, doppelt mir den Muth zu ſtaͤrken, Auf Deines Liedes Toͤne merken. Wie war nicht meinem Vaterohr Einſt, aus der Wiege ſelbſt hervor, Dein lallender Geſang ſo theuer! 426 Als Juͤngling ſingſt Du nun zur Leyer, Und es entflammte, ſo wie mir, Den Dichtergeiſt nicht Bachus Dir. Wie mich, in laͤngſt verlebten Tagen, So hieß ein froͤmmeres Gefuͤhl Auf nie verſuchtem Saitenſpiel Auch Dich die erſten Griffe wagen. Im heil'gen Hain, am Feſtaltar, Gab eine Muſe Dir die Weihe, Zu preiſen laut, und immerdar, Was ſchoͤn und loͤblich iſt und wahr, Und ſpaͤt noch auf die Leyer hin Den Blick zu werfen ohne Reue. Des Weiſen Lob ſey Dein Gewinn! Nur das erſinge Dir, und freue Dich, wenn der Sonne milder Schein Die Traube faͤrbt am deutſchen Rhein! Sieh, mit den Biedern im Verein, Die Becher bruͤderlich ſich fuͤllen, Und denke, daß um Deinetwillen MNiir jeder Weinſtock Wonne bringt! Wo bluͤhend ſich die Rebe ſchlingt, Da ſprech' ich uͤber ſie den Segen, Weil auf des Lebens rauhen Wegen Sie Dich erquicken ſoll. Fuͤr Dich Heb' ich das Aug' empor, und flehe, 2 427 Daß, wenn vielleicht in Kurzem ich Hinuͤber zu den Vaͤtern gehe, Der Rebe Laub Dir friedlich wehe, Vor Dir der volle Becher ſtehe, Und dann— mir werde dieſer Lohn, Weil ich den Menſchen Freude ſinge— Ein Lied, doch ohne Klageton, Ein treues Wort von Dir, mein Sohn, In meine Ruheſtaͤtte dringe! Grabſchrift, unter einem Aſchenkrug, uͤber welchem ein Schmetterling fliegt. Auf ſeine Raupenhülle ſieht, Wenn ihn die Morgenſonn' umgluͤht, Der neue Schmetterling herab, Wie ein Verklaͤrter auf ſein Grab. 429 Trauerlied, bey der naͤchtlichen Todtenfeyer des Großherzogs Carl Friedrich von Ba⸗ den, geſungen im beleuchteten Muͤnſter zu Freyburg. Zu euch, ihr heil'gen Hallen, Zu euch flieht banger Schmerz; Hier klagt er, Thraͤnen fallen, Und Troſt erfuͤllt das Herz. Hier, unter Weihrauchduͤften, Hebt Glaube ſich empor, Geht Leben aus den Gruͤften, Aus Naͤchten Glanz hervor.. In reinen lichten Hoͤhen Laͤßt Tempel und Altar Uns ihn verherrlicht ſehen Der unſer Vater war. Zu euch, ihr heil'gen Hallen, Zu euch flieht banger Schmerz: Wir klagen, Thraͤnen fallen, Und Troſt erfuͤllt das Herz. Carl Friedrich hoͤrt die Klagen, Will ſelbſt den Enkel weih'n, Und Geiſterſtimmen ſagen: Auch Er wird Vater ſeyn! 2 Wie vor des Richters Throne, Der Fuͤrſtenthaten waͤgt, Die unbefleckte Krone Carl Friedrich niederlegt: So ſchwoͤrt den frommen Ahnen Ihr Erbe, liebevoll, Daß ihn die Krone mahnen An Menſchenrechte ſoll. Carl Friedrich hoͤrt uns klagen, Will ſelbſt den Enkel weih'n, Und Geiſterſtimmen ſagen: Auch Er wird Vater ſeyn! Beylage zum Titelkupfer der Iris 1815, auf welchem der Gottesacker zu Freyburg ab⸗ gebildet iſt, mit der Unterſchrift: Hier, unter den Schlafenden Gottes, ruht mein Sohn, mein einziger. Freyburg, den 2. September 1812. Ein Schriftſteller, der mehrere Jahre mit eben denſelben Leſern ſich unterhaͤlt, wird immer be⸗ kannter mit ihnen, und es knuͤpfet ſich nach und nach zwiſchen ihm und denen, die ihn am beſten verſtehen, ein engeres Band. Inſonderheit ge⸗ ſchieht dieſes, wenn er es wahrhaftig gut mit ihnen meint, und nicht nur fuͤr ſeine Werke ih⸗ ren Beyfall zu gewinnen, ſondern auch ſich Freunde unter ihnen zu machen wuͤnſcht. Mir iſt ein ſolches Gluͤck geworden. Ich habe mit den Leſern meines Taſchenbuches jederzeit frey aus dem Herzen herausgeſprochen; mich ihnen gezeigt, wie ich war; ſelbſt kein Bedenken ge⸗ tragen, dann und wann meinen Geſpraͤchen mit ihnen kleine Scenen aus meinem haͤuslichen Leben einzumiſchen, weil ich unbefangen glaubte, daß wenigſtens einige an meiner Freude, wie an meiner Trauer, Theil nehmen wuͤrden. Sie ha⸗ ben es gethan, haben manches meiner Familien⸗ feſte willig mitgefeyert, und die dabey ange⸗ ſtimmten Lieder in ihren Zirkeln nachgeſungen. So laͤchelten ſie mein Knaͤblein an, das auf dem Arm ſeiner Mutter, zum Mond aufblickend, ihn haſchen wollte, oder auf dem Schauckelpferde mit kindiſchem Jubel die Geißel ſchwang*). Unge⸗ rechtes Mißtrauen waͤr' es alſo, den gutmuͤthigen Leſern jetzt, da ich meinen Liebling in der vollen Bluͤthe ſeines Lebens verlor, meine Gefuͤhle zu verſchweigen. Und wie koͤnnt' ich es, da meine Iris zum erſten Male, nur von liebreichen Ge⸗ huͤlfen ausgeſtattet, ohne Gabe von mir ſelbſt, erſcheint, und ich dieſerwegen mich rechtfertigen muß? Uebrigens hat er, um den ich traure, wohl einige ihm gewidmete Blaͤtter in einem Werke verdient, zu deſſen Fortſetzung ich ſo oft, wenn Alter und koͤrperliche Leiden mich nieder⸗ *) Man ſ. Taſchenb. von Jacobi ꝛc. für 1775 und 1796. —₰ ——; 433 druͤckten, durch ihn von Neuem begeiſtert und geſtaͤrkt wurde. Man goͤnne mir den Troſt, ihm öͤffentlich dieſes Zeugniß zu geben; ihm, mit der Kinder⸗ ſeele im Juͤnglingsalter, die ſich rein erhielt, bis an ſein Ende, und mit der Wahrhaftigkeit in allem Reden und Thun, welche mich oft an den jungen Hirten des Mungo Park*) erinnerte, vor dem, als man ihn verwundet heim trug, ſeine troſtloſe Mutter herging, und einmal über das andere, die Haͤnde zuſammen ſchlagend, aus⸗ rief: Nie hat er gelogen; nein, nie! Warum ſollte ich laͤugnen, daß wenn in den ungluͤcklichen Tagen, da mein Einziger noch an meiner Seite ſaß, ich, wie einſt Lycon, der Vater des Autolycus, waͤre gefragt worden: Worauf ich am mehrſten ſtolz waͤre? ich, wie jener, geantwortet haͤtte: Auf meinen Sohn. Auch bin ich gewiß, dieſer haͤtte dann, gleich dem Autolycus, ſich erroͤthend zu mir hinge⸗ neigt, und den Anweſenden und mir ſelbſt das Geſtaͤndniß abgelockt: Ich ſey der reichſte unter den Sterblichen.**) *) M. ſ. deſſen Reiſen im Innern von Afrika. **) M. ſ. Fenophons Gaſtmahl. IV. 14* Da nur zu Viele mit mir einen aͤhnlichen Verluſt bejammern, ſo muß ich fuͤr diejenigen, denen die alles beſaͤnftigende Zeit bis jetzt kein troͤſtliches Wort in die Seele fluͤſterte, das Be⸗ kenntniß hinzuthun, daß ich immer noch reicher, als tauſend Andere bin, weil die Gluͤckſeligkeit, einen Sohn, wie der meinige war, gehabt zu haben, mit den bitterſten Thraͤnen nicht zu theuer erkauft wird. Allerdings fuͤhlte ich in dem ſchrecklichen Au⸗ genblick, als ich den letzten Kuß auf ſeine ſter⸗ bende Wange und auf die Hand druͤckte, die, durch keine unedle That jemals entehrt, nur zu meiner Freude geſchaͤftig geweſen war, allerdings fühlte ich in dem Augenblicke mein Daſeyn wie vernichtet. Schwer lag die Gegenwart auf mir, und Vergangenheit und Zukunft boten keinen Troſt. Aber noch hatte man den Entſchlummer⸗ ten nicht an den Ort der Ruhe gebracht, da fingen ſchon, in mancher einzelnen ſtillern Minute, wohlthaͤtige Thraͤnen an zu fließen. Die erſten dieſer Thraͤnen verdankte ich kei⸗ nem troͤſtenden Zuſpruche, der fuͤr tief Leidende faſt immer nur leerer Schall iſt; ſondern der innigen Liebe meiner Freunde, welche mich ſchwei⸗ gend in ihre Arme ſchloſſen, mit zarter Schonung 435 meine Wunde bluten ließen, und ſo lange mir ſorgſam nachgingen, bis ich zu mir ſelbſt ſagen mußte: Iſt gleich die Erde fuͤr dich zur Wuͤſte geworden, ſo giebt es doch noch Herzen auf ihr, die dich ſuchen, und denen du nicht entfliehen darfſt. Zu dieſem maͤchtigen Troſte geſellte ſich die allgemeine Trauer um den, ſeinem Geburtsorte ſo fruͤh entzogenen, jungen Mitbuͤrger. Nicht allein die Akademiker, unter denen er, liebend und geliebt, gewandelt hatte, gaben dem Ent⸗ ſeelten die ruͤhrendſten Beweiſe von ungeheuchel⸗ ter Achtung und treuer Anhaͤnglichkeit; auch die uͤbrigen Einwohner dieſer guten Stadt nannten wehmuͤthig ſeinen Namen, weil ſie mit dem Ver⸗ ewigten ſo viele der ſchoͤnſten Hoffnungen dahin gewelkt ſahen. Unſere Nachbarinnen wetteiferten mit einander, ihm Kraͤnze zu flechten, die man klagend in ſeinen Sarg legte, mit denen man ſein Leichentuch ſchmuͤckte und ſein Grab. Todes⸗ ſtille, als man ihn hinaus trug, in allen Straßen, durch welche der Zug ging, machte das Begraͤb⸗ niß zu einem der feyerlichſten, deren man ſich erinnerte. O! der Seufzer und Thraͤnen genug wurden ihm nachgeſandt, und einſtimmig wieder⸗ holten ſeine Lehrer das Lob, das, in den Hoͤr⸗ ſaͤlen oͤffentlich ausgeſprochen, ſeinen Eifer ſo oft entflammt hatte. Mein Sohn war empfindlich gegen das Lob, wie jeder edle Juͤngling, obwohl er bereits im kindlichen Alter auf das unverdiente mit Verach⸗ tung herab ſah, auch wohl ernſtlich darüber zuͤrnte. Er wollte ſeyn, wofuͤr er gehalten wurde, ſtrebte nach Vortrefflichkeit, und war deſto raſtloſer, je mehr es ihm einleuchtete, wie ſchwer es ſey, zu dieſer Vortrefflichkeit zu gelangen. Nothwendig mußte, nachdem er oft bey ſei⸗ nem muͤhevollen Tagewerke mich gedauert hatte, mein Schmerz Erleichterung finden in dem ſchoͤ⸗ nen Lohn, der ihm, ungeachtet ſeiner unvollen⸗ deten Arbeiten, zu Theil ward. Ihm vergolten ſah ich nun jede, ſeiner Wißbegier aufgeopferte, Feyerſtunde, jede Jugendfreude, willig dahin gegeben fuͤr hoͤheren Genuß; denn der Ruhm, deſſen Kranz ihm noch nicht gebühren konnte, wand um ſein kurzes Leben wenigſtens einen, zur Nacheiferung winkenden, Lorberzweig. So geſtand der roͤmiſche Senat dem, in der Bluͤthe ſeiner Jahre verſtorbenen, Cottius eine Bildſaͤule zu, wenn gleich deſſen fruͤhe Jugend erſt in der Folge Thaten, einer ſo großen Ehre wuͤrdig, von ihm hoffen ließ. Aber man wollte, wie der juͤngere Plinius ſich ausdruͤckt, dem Vater fuͤr ſeine tiefe, ſchmerzende Wunde ein kraͤftiges Linderungsmittel bereiten*). Innigſt bewegt, las ich einſt mit meinem Sohne dieſe Stelle des Plinius, ohne zu ahnden, daß mir ſelbſt kuͤnftig ein ſolcher Troſt vonnoͤthen ſeyn wuͤrde! Allmaͤhlig begann auch das, was im Anfang die Qualen der Sehnſucht mir vermehrt hatte, meinem Herzen wohl zu thun. Die Sehnſucht ver⸗ wandelte ſich in ein zaͤrtliches Verlangen, und nun konnte ich die Augen auf den mir ſo theuern Andenken ruhen laſſen, die mich noch wirklich umringen und meinen Liebling mir vergegenwaͤr⸗ tigen. Jene Zeichnungen von ſeiner Hand, jene, durch aus dauernden Fleiß hervorgebrachten Oel⸗ gemaͤlde, von den erſten Verſuchen an bis zu denen, die ſich den Beyfall der Kenner erwarben, und die Landſchaft dort, noch oͤde, noch ohne Andeutung irgend eines lebenden Geſchoͤpfes in ihr, weil er, bevor ſie geendigt war, den Pinſel auf immer niederlegen mußte; mir aber eben darum ein deſto heiligeres Denkmaal— und jenes von ihm ſelbſt gepflanzte, zur hohen Staude *) Lib. II. Epist. 7. empor gewachſene Geranium, und das Feigen⸗ baͤumchen, deſſen Anblick ihn an ſeinem letzten Tage noch erquickte.— O wie vieles, das von dem Hingeſchiedenen mir uͤbrig blieb! Jedes ſeh ich an der Stelle, wo ich es neben ihm ſah; denn ich folgte meinem Herzen, und verwechſelte die Wohnung, in der ich mein Liebſtes verlor, mit keiner andern. Auch blieb in dieſer Alles unveraͤndert. Noch haͤngt in dem Schlafzimmer meines Sohnes, wo er jetzt ſeinen letzten Haus⸗ lehrer und vertrauteſten Freund zum Nachfolger hat, uber ſeinem Kopfkiſſen der ſterbende Lava⸗ ter; aber kein Vogelgeſang wecket den Schlum⸗ mernden mehr. Nicht mehr kann ich neben ſei⸗ nem Bette ſitzen, und in Tagen der Krankheit ſeiner pflegen. Viele Thraͤnen des Schmerzens wurden da geweint, und viele der Freude bey ſeiner Geneſung. Indeſſen ging keine von ſol⸗ chen Stunden des Jammers und der Wonne fuͤr mich verloren. Oefter noch ſeh' ich ſie, dieſe im roſenfarbenen Schleyer, jene im Trauergewande voruͤber ſchweben, ſaͤmmtlich von der Liebe ge⸗ fuͤhrt, und ſaͤmmtlich mir willkommen. Selbſt dann, wenn in einer finſtern Minute mich ein Schauder ergreifen will, wenn ich weg von dem weichen, ehemals ſo treulich gehuͤteten —— —— Lager des Lieblings nach dem engen, dunkeln Kaͤmmerlein blicke, wo er jetzt verlaſſen, den Vater⸗ und Mutterarmen entriſſen, da liegt, ſelbſt dann gelingt es mir, durch Erhebung des Geiſtes, oder durch Aufſchwung der Phantaſie, welche ſonſt die Schreckniſſe des Grabes leicht vergroͤßert, jenen Schauder zu uͤberwaͤltigen. Bald umtoͤnet mich, wie von Engelſtimmen be⸗ gleitet, des frommen Saͤngers hohes Lied, dem Allgegenwaͤrtigen geweiht*). Bald ſchaue ich mit deutſchem Biederſinn umher, und ſehe das unter dem Zeitendrang ſeufzende Vaterland; naͤhere mich dann wieder dem Huͤgel, der mei⸗ nen Verewigten deckt, und ſage: Wohl dir, daß ſie dich ſo tief hinab ſenkten! Schlummere fort in kuhler Erde, in der unverletzlichen Frey⸗ ſtaͤtte, die vor jeder Knechtſchaft dich ſichert, weil ſie allein dem Machtſpruche der Gewaltigen kein Gehoͤr giebt! Auf dieſem Boden, den die Sonne beſtrahlt, haͤtteſt du ihn nicht gefunden, haͤtteſt oft, ein Fremdling unter deinen Genoſſen, einſam wandeln muͤſſen, ohne dich anzuſchmiegen an eine, fuͤr Recht und Freyheit gluͤhende Bruſt, wie die deinige. *) M. ſ. Klopſtocks Oden. 440 Was mir nicht wenig hierbey zu Huͤlfe kommt, iſt die anmuthige Lage des hieſigen Gottesackers, der, die Kreuze auf den Grabhuͤgeln ausgenom⸗ men, nichts von ſeiner traurigen Beſtimmung verraͤth. Unweit der Stadt und einer mit Pap⸗ peln beſetzten Landſtraße, von Gaͤrten mit frucht⸗ tragenden Baͤumen umringt, ſcheint er weniger, die Todten aufnehmen, als die Lebenden einla⸗ den zu wollen. In einer kleinen Entfernung zeigt ſich der Schloßberg, den unſere unermuͤde⸗ ten Buͤrger immer mehr zum Weinberge umſchaf⸗ fen, und an deſſen Fuß reiche Kornfelder und ergiebige Matten ſich ausdehnen. Auf dem Gottesacker ſelbſt wohnt der Auf⸗ ſeher desſelben in einem mit Reben umflochtenen Hauſe, und das Rauſchen eines einfachen Brun⸗ nens vermehrt die Annehmlichkeit des Ganzen. Hier nun iſt die Ruheſtaͤtte meines Unvergeß⸗ lichen, wenige Schritte von einem ſeiner ehe⸗ maligen Geſpielen, dem Sohne meines Arztes und Freundes, welchem ſein Vater ein Grab⸗ maal von ſchwarzem Marmor geſetzt hat, mit der Inſchrift: „Ihr, die ihr ein geliebtes Kind, Ein einziges, beweint, kommt, unſern Schmerz * zu leſen! Ihr wißt allein, was wir geweſen, Und was wir ſind.“ Dieſe Inſchrift wurde von mir fuͤr meinen Freund gedichtet. Ach, wenn ich zu jener Zeit voraus geſehen haͤtte, neben welcher Gruft ich ſie einſt wieder leſen wuͤrde! 3 Eine der erſten Sorgen meiner Gattin, nach der Beerdigung unſers Entſchlafenen, war, ſein Grab auf das Freundlichſte auszuſchmuͤcken. Das Kreuz auf demſelben iſt mit Roſenbuͤſchen umge⸗ ben. Zum Haupte ſteigt eine Sonnenblume von außerordentlicher Groͤße empor, weil ſie zu den Lieblingsblumen meines Sohns gehoͤrte. Zu den Fuͤßen gruͤnt eine Thraͤnenweide, als Sinnbild unſerer Trauer, ſo wie die benachbarte Cypreſſe, und die Mitte des Huͤgels iſt mit blauen Glo⸗ ckenblumen bepflanzt. Die Sonnenblume ſieht man haͤufig von Bienen beſucht, die zugleich an dem Brunnentroge nicht weit davon ſich erfriſchen. Bey dem Gruͤnen und Bluͤhen auf ſeiner Gruft denke ich gern an ein Tiſchgeſpraͤch mit meinem Sohne zuruͤck, in welchem vom Einbal⸗ ſamiren der Todten, vom Begraben und Ver⸗ weſen die Rede war.„Balſamirt“, ſagte er, „moͤcht' ich nicht ſeyn; da wuͤrd' ich aus aller 442 Verbindung mit der lebenden Na ur geſetzt. Lie⸗ ber will ich mit ihr fortwirken, den Boden be⸗ graſen helfen, den Pflanzen und Blumen Nah⸗ rung geben, daß ſie wachſen und gedeihen, und Wohlgeruch verbreiten, daß die Biene kommt und Honig aus ihnen ſammelt. So darf ich nicht müßig bleiben, indeß alles um mich her in voller Regſamkeit iſt.“ Dieſe heitere Anſicht, und die eben ſo heitere Miene, womit er ſprach, machten einen troͤſtlichen Eindruck auf mich, und ſind mir noch troͤſtlicher jetzt, da ſeine liebe Geſtalt ſchon der Hugel deckt, unter welchem er zu Aſche wer⸗ den ſoll. Das Traurige, was ſonſt ein Begraͤbnißort zu haben pflegt, wird von dem unſrigen inſonderheit dadurch entfernt, daß ein Fußpfad uͤber denſel⸗ ben nach einem in der Naͤhe gelegenen Dorfe, zu Gaͤrten, Feldern und Reben fuͤhrt. Da eilen fruͤh Morgens Gaͤrtner und Ackerleute zu ihrer Arbeit, und kehren Abends, ihre Geraͤthſchaft auf der Schulter, heim. Viele ruhen hier, wo kuͤnftig ein laͤngerer Feyerabend ſie erwartet. Dieſe Schilderung ſey denjenigen Leſern ge⸗ weiht, denen die Beſchreibung meiner Wohnung kein unwillkommenes Geſchenk war*). *) In dem Taſchenbuche Iris für 1809. 443 Zu ihnen habe ich oft mit Vertrauen mein naſſes Auge hingewandt, als mein Koͤſtlichſtes mir genommen war, als ich die gegenwaͤrtigen Gefuͤhle mit den fruͤhern, inſonderheit mit dem Frohſinn verglich, der zu jener Beſchreibung mich aufforderte. Ihnen gedachte ich auch meine Klag⸗ geſaͤnge an der geliebten Gruft zu widmen; aber heut'— an eben dem Tage, an welchem ich vor zwey und ſiebenzig Jahren die Augen züm erſten Mal oͤffnete— ſind es zwoͤlf Monate, daß Er, der bis dahin auf dem ſauern Wege durchs Alter mit kindlicher Treue mich begleitet hatte, ſter⸗ bend die ſeinigen ſchloß; und noch geſtattete mir der Schmerz kein Trauerlied. Wenn auch meine Einbildungskraft in den heftigſten Kraͤmpfen mich aufrecht erhielt, ſo kehrte doch der von mir ge⸗ wichene Dichtergeiſt nicht zuruͤck. Ach! im Gefolge ſo vieler thraͤnenvollen Stun⸗ den, nur Eine noch von jenen, die vormals auf den Fluͤgeln der Morgen⸗ oder Abendroͤthe zu mir herab ſchwebten, da meine Gefuͤhle von ſelbſt zu Melodien wurden, und in die Ferne toͤnten, und manches Herz mir gewannen, deſſen Mitge⸗ fuͤhl mich beſeligt hat zur guten und boͤſen Zeit! Tage des Troſtes ſind mir geworden. Selbſt die Freude beſachte jüngſt wieder das Haus, 44⁴4 das, von der Liebe neu geweiht, mich ploͤtzlich neben jedem Nachtſtuͤcke des Scheidens ein lachen⸗ des Bild des Wiederfindens erblicken ließ. War es nicht, als verklaͤrte ſich die ganze Wohnung in dem Augenblicke, in welchem du, der erſte Geſpiele meiner Kindheit, der mir angeborne, unzertrennliche Gefaͤhrte meines Lebens, dieſe Schwelle betrateſt? Lange von mir erſehnt, kamſt du zu dem gebeugten Greiſe⸗ der keinen Sohn mehr an ſein Herz zu druͤcken hat; und dein Bruderkuß und die treuen Umarmungen der Schweſtern bekraͤftigen mich in dem Glauben an unſterbliche Liebe.— Ach! nur eine Stunde der Begeiſterung noch, daß ich, voll jenes Glaubens, an dem Grabe meines Entſchlafenen und Ver⸗ herrlichten, ein letztes Lied ſinge, da, wo die Thraͤnenweide ſich trauernd zur Erde neigt, und die Sonnenblume zuverſichtlich ihr Haupt erhebt, ſich zu erquicken an dem erwaͤrmenden Strahl, der ſie einſt aus dem Staube ſo⸗ glaͤnzend her⸗ vorgehen ließ! Inhalt des vierten Bandes. Erſte Abtheilung. „ Seite An die Nacht ⸗.. 5 Die Tanne und das Bergißmeinnicht. 3 9 Der Namenstag 11 Nach dem Durchblättern, einer boꝛeiſen Blumenteſe 14 Ein Taubenroman.„ 15 Die Krone und die Nachtmütze... 26 Die Ruhe in Egypten..... 293 An die Natur.... 5. 3⁰ Der junge Biber.. 1.. 35 Der erſte Schattenriß. 37 Bey Gelegenheit der Bemerkung eines Recenſenten: Daß ein Almanach kein Ouodlibe wäre 41 Der moderne Patriot... 5² Statt einer Stdhtrangtode.... 534 Jris...... 60 Glycere.... 64 Der Storch und die gerche... 74 Der Sperling 3.„ 77 An Herrn Dr. J. H. Detmoldt in Hannover 8²2 Gluckwunſch eines alten gichtkranken Kochs, am Namensfeſte ſeines Herrn... 100 Der Poetenſitz. An Pfeffel.. 3. 103 Die Mutter..... 115 Meiner Freundin Theone 3... 119 Gleim.... 4. 123 446 Der Wüuriwächteh an die Stadt Feayburg Eudora..... Tiſchlied. 8.... 3 Hagedorn...... An meine Geſchwiſter..... Anakreons Tod..... 3 Der Alte an die Roſe... Ueber Gelegenheitsgedichte. Der öffentliche Ausrufer an die Einwohner von Freyburg An die Herren, welche cwarse Mäntel tragen An meinen Zeiſig. Beylage zu einem Häubchen, mit welchem ein Gatte ſeiner Gattin ein Geſchenk machte Weibliche Würde.. Erläuterungen zu dem nachſtehenden Gedichte An den Churfürſten Carl Friedrich von Baden, im Namen der hohen Schule zu Freyburg im Breisgau, am Tage der Huldigung. An Henriette Schloſſer, welche, als Herr Zolll in München mein Bildniß malte, auf der Guitarre ſpielte und ſang... Liebe und Hoffnung. 3... Zweyte Abtheilung. Der Schwarzwald.... Prolog zu dem Ziegleriſchen SGauſhiele Fürſten⸗ größe... Ne die engliſchen Gärten.. r. Muſter zu Gedichten.... Seite 147 15²2 156 159 175 177 178 180 191 195 196 199 201 212 214 220 225 231 234 24⁰ 274 447 Seite An die Freyfrau von*us, während der Anwe⸗ ſenheit des Herrn Dr. Gall... An** An meinen Arzt, den Herrn Profeſſor Ecker. Lied. An die Gräfin von** An die Gräfin Caroline von**, als ſie mir eine Hortenſia ſchickte. Prolog, geſprochen bey Eröffnung der Bühne zuͦ Freyburg im Vreisgal, am 22. Okt. 1807 An Malvina. An den Freyherrn Carl⸗ von Baden, als er Land⸗ vogt wurde...... Meine Wohnung..... Die welkende Hortenſia... An meine Gattin, nach meiner eneſung. An ein kleines Mädchen. 3 An eine Dame, die mir im Herbſte eine weige Roſe brachte. Das goldene Zeitalter. An Eudora. An den Herrn Magiſtratsrath Faver Schnetler, welcher ſich vor Kurzem vermählt hatte Das Freyburger Wochenblatt an ſeine Leſer In das Stammbuch einer Schauſpielerin. Lyda...... Die Eiche in der Wüſte 8 An meinen Arzt und Freund, den Herrn Hofrath Ecker, welcher, nachdem er ſoin inziges Kind verloren ꝛc. ꝛc. An den Herrn Präſidenten Anton von B. an feis nem Namensfeſte... ⸗. Ueber Pfeffel 6..... An meine Wanduhr. 5... Gnome.. An den Herrn Staatsrath Peter Frank n... 275 275 276 280 283 286 29⁰ 291 294 3¹³ 3¹8 519 320 321 3²⁵ 3²6 330. 33⁰ 331 448 An Balbinen.. Es iſt nicht gut, der Poet im Dorfe zu feyn Gnome An meinen Arzt, den Herrn Hofrath Ecker, dem ich durch meinen Sohn einen Kupferſtich überſandte ꝛc. An Erendenſelden. nach einem Geſpräch uber den d An das Freyburger Wochenblatt 3 Es iſt nicht gut, daß der Menſch allein ſey. Als le Franc de Pompignan die Klags des Je⸗ remias überſetzt hatte.. Der Namenstag 4. Das Alter 8 6... Der kleine Savoyard... Tiſchlied....... Neujahrswünſche.. 4. Das Familienfeſt An meinen Vater, bey uebeieicung emnige Flaſchen alten Rheinweins. Antwort....... Grabſchrift..... 2.. Trauerlied Beylage zum Titelkupfer der Jris für 1815 . Seite 361 362 374 ————